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Full text of "Die Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg. T. 1 und 2: Die Geschichte der Juden in Hohenems und im übrigen Vorarlberg"

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Die 



Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg. 
Teil 1 und 2: 

Die Geschichte der Juden 
in Hohenems 

und im übrigen Vorarlberg. 

Von 
Dr. phil. A. TÄNZER 

Rabbiner. 







MERAN 1905. 
F. W. Ellmenreich's Verlag. 



'•*. 




DER 



ISRAELITLSCHEN KULTÜ8GEMEINDE 



IN HOHENEMS 



IN LIEBE GEWIDMET 



VOM VERFASSER. 



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Vorwort. 



Die Geschichte der Juden in Tirol und Vorarl- 
berg, in welch beiden Alpenländern die historisch 
sicheren Nachrichten über Judenansiedlungen bis 
ins 14. Jahrhundert zurückreichen, gelangt im vor- 
liegenden Werke zum ersten Male zur Darstellung, 
u. z. ausschliesslich nach handschriftlichem Quellen- 
materiale bearbeitet. 

Von den vorgesehenen vier Teilen des .Gesamtwerkes 
behandeln die beiden ersten, hiermit der Öffentlichkeit über- 
gebenen die Geschichte der Juden in Vorarlberg, während 
der 3. Teil die der Juden in Südtirol und der 4. Teil jene 
der Juden in Nordtirol zum Gegenstande der Darstellung 
haben wird. 

Diese Anordnung des Stoffes erscheint durch die eigen- 
artige Entwicklung geboten, welche die Rechtsverhältnisse der 
Juden in beiden Alpenländern seit dem 14. Jahrhundert ge- 
nommen haben. 

Dem kleineren Vorarlberg musste der Vortritt gewährt 
werden, weil nur in diesem, nicht aber auch in Tirol, ein 
wohlgeregeltes und staatlich anerkanntes israelitisches Ge- 
meindewesen sich entwickelt und seit 1617 bis heute als dem 
einzigen in beiden Alpenländern sich erhalten hat, u. z. in 
dem Marktflecken Hohenems, dem Stammsitze des einst sehr 
berühmten, im Jahre 1759 im Mannesstamme erloschenen 
Geschlechts des Reichsgrafen gleichen Namens. 

Die Geschichte der Juden in Hohenems bildet denn 
auch vornehmlich den Inhalt der vorliegenden beiden ersten Teile. 

Während zur Geschichte der Juden in Tirol sich 
wohl vereinzelte Daten in verschiedenen historischen Mono- 
graphien vorfinden, die in neuerer Zeit Scherer in seinem 
Werke „Die Rechtsverhältnisse der Juden in den deutsch- 
oesterreichischen Ländern", Leipzig 1901, ^) zusammengestellt 

') S. 572 ff. 



'/i 



Vni Vorwort. 

und in allerdings sehr lückenhafter Weise — ich verweise z. ß. 
nur auf das Felden jeder Notiz über den Anteil der alpen- 
ländischen Juden am Befreiungskämpfe im Jahre 180J) ^) — 
ergänzt hat, ist dagegen zur Geschichte der Juden in 
Vorarlberg bisher fast nichts veröffentlicht worden, weil die 
einschlägigen Urkundenquellen bisher nicht erforsclit, ja nicht 
einmal bekannt waren. 

Nur in dem alten Geschichtswerke von Weizeue.gger- 
Merkle^) finden sich wenige verstreute Angaben, die dann 
auch von Bergmann, Scherer u. a. als einzige Nachrichten über 
Juden in Vorarlberg zitiert wurden, sich aber zumeist als 
irrtümlich erwiesen haben und von mir geeigneten Ortes be- 
richtigt wurden. 

Mangels jeder Art von Vorarbeit musste das Material zu 
vorliegendem Werke in mühsamer und kostspieliger, auf sechs 
Jahre sjch erstreckender Forschung in zahlreichen in- und 
ausländischen Archiven gesammelt werden. 

Das wohlgeordnete und ziemlich reichhaltige Archiv der 
israelitischen Kultusgemeinde in Hohenems kam infolge des 
grossen Brandes vom Jahre 1777 erst für das 19. Jahrhundert 
in Betracht. 

Doch boten das ehemalig reichsgräfliche Archiv im gräf- 
lichen Palaste in Hohenems, das Landes- und Museumsarchiv 
in Bregenz, das städtische Archiv in Feldkirch, das k. k. Statt- 
halterei-Archiv und die handschriftlichen Sammlungen des 
Ferdinandeums — insbesondere die sogenannten Woerz'schen 
Fascikel ^) — in Innsbruck, die Archive in Wien, München, 
Zürich, St. Gallen usw. reiches Material für die früheren Jahr- 
hunderte. Als sehr reichhaltig und teilweise wertvoll erwies 
sich auch die grosse handschriftliche Sammlung der Markt- 
gemeiude Hohenems, die ich bei dieser Gelegenheit auf 
Bitte des damaligen Bürgermeisters August Reiss zu einem 



^) Vgl. dagegen S. 175 ff. des vorliegenden "Wei'kes und meinen 
Aufsatz „Das Jahr 1809 und die Juden" in den „Literar. Beiträgen" des 
von der „Oest. Israel. Union" in Wien hgg. Kalenders, Jligg. 1904/5. 

*) Vorarlberg, aus den Papieren des in Bregenz verst. Priesters 
Fr. Jos. Weizenegger. In drei Abteilungen. Bearbeitet und hgg. von 
Meinrad Merkle. Innsbruck 1839. 

^) Sammlungen des verdienstvollen, am 30. Juli 1868 in Innsbruck 
verstorbenen ehemaligen Direktors der dortigen Gubernialregistratur, 
kais. Rat, Dr. Joh. Georg Woerz. 



Vorwort. ]\ 

eigenen Archive mit 51 Fascikeln und entspreciienden Registern 
ordnete und so der wissenschaftlichen Benützung erschloss. 

Der genaue Hinweis auf die betreffende Urkundensammlung 
erscheint in allen wichtigeren Fällen im "Werke selbst angegeben. 

AVeil für die Verhältnisse der Israeliten in Tirol von be- 
sonderer Wichtigkeit sei hier noch des während der Druck- 
legung der letzten Kapitel dieses Werkes gefassten Beschlusses 
des Hohenemser Kultusausschusses vom 8. Mai 1905 gedacht, 
ein eigenes gesetzmässiges Rabbinat für Südtirol mit dem 
Sitze in Meran zu errichten. 

Es erübrigt mir hier nur noch der Ehrenpflicht zu genügen 
und allen jenen, die mir bei Ausarbeitung und Drucklegung 
dieses Werkes ihre Unterstützung angedeihen Hessen, den 
wohlverdienten Dank auszusprechen. 

An erster Stelle der Vorstehung der israelitischen 
Kult US gemeinde in Hohenems, die in hochherziger Weise 
durofa Übernahme der Druckkosten das Erscheinen des Werkes 
ermöglichte. 

Insbesondere sei hier wärmstens gedankt dem langjährigen 
Mitgliede derselben, Herrn Anton Rosen thal, der in seltener 
Munificenz die beträchtlichen Kosten der erforderlich gewesenen 
zahlreichen Reisen trug und mir überhaupt in jeder Hinsicht 
die liebenswürdigste Förderung angedeihen Hess. 

In wehmutsvoller Verehrung und Dankbarkeit gedenke 
ich hier auch meines väterlichen Gönners und wissenschaft- 
lichen Förderers, des in Wien am 6, Mai 1904: verstorbenen 
Arztes Dr. Simon Steinach, auf dessen Anregung hin ich 
kürz nach meinem Amtsantritte in Hohenems, im Frühjahre 
1897, das Werk in Angriff nahm, der jede Zeile desselben mit 
lebhaftestem Interesse und sorgfältigster Kritik begleitete, 
leider aber dessen Erscheinen nicht mehr erleben sollte. 

Dankbar gedacht sei hier auch Sr. Erlaucht, des am 
13. August 1904 verstorbenen Grafen Clemens von Wald- 
burg-Zeil-Hohenems, der mir das einschlägige Material 
aus dem Hohenemser gräfl. Archive überliess, und des am 
15. Februar 1904 frühzeitig aus dem Leben geschiedenen ver- 
dienstvollen Hohenemser Bürgermeisters August Reiss, der 
mir die Sammlungen des Hohenemser Gemeindearchives zur 
Verfügung stellte. 

Gedankt sei hier ferner den Direktionen: des Landes- 
und Museumsarchives in ßregenz, des k. k. Statt- 



X Vorwort. 

halterei-Archives, der k. k. Universitätsbibliothek und 
des Ferdinandeums in Innsbruck, des kgl. bair. Geh. Staats- 
archives und der Hof- und Staatsbibliothek in München, 
des Obmannsamtes und der Stadtbibliothek in Zürich, 
der Staatskanzlei, der Stiftsbibliothek und des Kauf- 
männischen Direktoriums in St. Gallen und des Stadt- 
archives in Waldkirch (Baden). 

Meinen besten Dank endlich den Herren: Oberlehrer 
Moritz Federmann, der mir bei Ausarbeitung und Druck- 
legung wiederholt in sehr dankenswerter Weise zur Seite stand, 
Michael Menz und Iwan und Rudolph Rosenthal in 
Hohenems; Landesarchivar Victor Kleiner in Bregenz, Bürger- 
meister Dr. J. Peer und Arnold Schwarz in Feldkirch, 
Ludwig V. Hörmaun, Prof. J. Zösmair, Dr. Alfred Klaar 
und Wilhelm Dann haus er in Innsbruck, Staatsschreiber 
Dr. Othmar Müller, Aktuar Dr. H. Wartmann, Stiftsbiblio- 
thekar Hochw. Dr. Adolf Fäh, Ratsschreiber Schwarzen- 
bach, Josua und Hermann Brettauer in St. Gallen, 
Lucian Brunn er in Wien, Fr. Stransky in Meran, Bezirks- 
rabbiner Dr. Löwenstein in Mosbach und Theodor Trier 
in Frankfurt a. M, 

Möge dieses Werk, in dem bisher vollständig unerforschtes 
historisches Material zur Veröffentlichung gelangt, wohlwollende 
Aufnahme finden und möge der israelitischen Kultusgemeinde 
in Hohenems, deren einzigartige und lehrreiche Entwicklung 
es darstellt, eine Zukunft beschieden sein, die dem Ruhme 
ihrer Vergangenheit entspricht. 

Meran, im August 1905. 

Dr. Tänzer. 



Inhalts-Übersicht. 



Erster Teil: 

Die äusseren Rechtsverhältnisse. 

Historische Einleitung: Geschichte des Ortes Hohenems 
his zum Jahre 1617. 

1. Kapitel. Ältere Nachrichten über Juden in Vorarlberg. 

Juden in Feldkirch im 14. Jahrhundert, das „Stadtrecht", angeb- 
liche Verfolgung, Waldkirch und Feldkirch, Heiligenkreuz, Bre- 
genz , Langenargen und Wasserburg, der Judendoktor Jakob 
von Tannhausen. 

2. Kapitel. Von der Einwanderung der Juden in Hohen- 

ems bis zu ihrer Vertreibung (1617—1676). Wolf von 

Langenargen, Reicbsgraf Caspar und sein Bruder Fürsterzbischof 
Marx Sittich IV. von Salzburg, Vertreibung der Juden aus dem 
Burgau'schen, Unterhandlungen, Einwanderung, der erste Schutz- 
brief, Buchdruckerei, Verhältnis zur Christengemeinde, Handel 
in Vadutz und Schellenberg, die späteren Reichsgrafen, weitere 
Einwanderung, Schutzbriefe, Schutzgeld, erschwerte Verhältnisse, 
Folterung, erst partielle, dann vollständige Ausweisung, Aufnahme 
im österr. Vorarlberg. 

3. Kapitel. Von der Rückkehr der Juden nach Hohenems 

bis zum Beginne der österr. Herrschaft (1688—1765). 

Rückkehr nach Hohenems, Seelenbeschreibung 1696, kais. Ad- 
ministr. - Kommission in Hohenems , vereitelter Synagogenbau, 
weitere Einwanderung, Jonathan Uffenheimer, EinAvanderung 
der Sulzer Juden, Steueraffäre, der letzte Reichsgraf, drohende 
Ausweisung, Rückblick auf die Reichsgrafenperiode. 

4. Kapitel. Die Juden in Sulz (1676 — 1745). Einwanderung, 

die Vorarlberger Stände, drei tolerierte Familien, der Raubzug 
von Sulz, Schutzmandate, Erpressungsversuch in Hohenems. 
weitere Gewalttätigkeiten, amtliche Gutachten, Prozess und vor- 
läufiges Urteil, das kais. Urteil, Liste der Beraubten, Sehaden- 
ersatz, kais. Entscheidung wegen der Sulzer Juden, Ausweisung, 
Resume. 

5. Kapitel. Die erste österr. Regierungsperiode (1765— 1805). 

Rechtsstreit wegen des Schutzgeldes, Statistik, Gutachten des 
Bregenzer Oberamtes, der österr. Schutzbrief, Strassenbau und 



XI 1 Inhalts-Übersicht. 

Vertoilung der Gemeindegrüiide in Hohonoms, Juden-Leibzoll in 
Vorarlberg, Hungersnot in Brogenz, Maier Moos, Statistik, der 
Brand vom Jahre 1777, Kaiser Josef IL, Toleranzpatent, die 
Franzosenkriege, Franzosen in Hohenoms, patriot. Leistungen 
der Judenschaft, Zeugnisse, Statistik, Nachspiele, Rechtsverhält- 
nisse, Bild der Hohenemser Judengasse und deren Umgebung 
vor dem Brande vom Jahre 1777 mit numeriertem Register der 
Häuser und deren Besitzer. 

6. Kapitel. Die bairische Regierungsperiode (1806—1814). 

Statistik, Realitäten -Ankauf, Verhältnis der Juden — zur Orts- 
gemeinde, Steuei-verhältnisse, das Jahr 1809, patriot. Leistungen 
der Judenschaft, Statistik, Regelung der Rechtsverhältnisse, das 
Edikt vom Jahre 1813, die Normalzahl, die Namensänderungen 
vom Jahre 1813, Anordnung der Inkorporier ung in die Orts- 
gemeinde, Militärdienst, Rückblick. 

7. Kapitel. Bis zum Beginne der politischen Israeliten- 

gemeinde (1814 — 1848). Wiedervereinigung mit Österreich, 
Kaiser Franz II. in Hohenems, Realitäten -Ankauf, Gutachten, 
patriot. Spenden, Rechtsverhältnisse, Bestätigung des Ediktes 
vom Jahre 1813, Normalzahl, Statistik, Konkurrenzverhältnis 
zur Ortsgemeinde, Widersprüche in den Rechtsverhältnissen, 
Militärdienst, Einsteher, Matrikelnummern, „Bne-Zion"-Prüfung, 
günstigere Umgestaltung, 

8. Kapitel. Die politische Judengemeinde (1849—1878). 

Konstituierung derselben, das Hilfskomitee, Gründung des christ- 
lichen Armenhauses und des israelitischen Schulfonds, reaktionäre 
Rückfälle, Gutachten beider Gemeinden, Rechtsverhältnisse, das 
Kriegsjahr 1859, die Hohenemser Gemeindegründe, das Kriegs- 
jahr 1866, Konkurrenzverhältnis zur Christengemeinde, der In- 
korporierungsprozess, Entscheidung. 

9. Kapitel. Die israelitische Kultusgemeinde. Die Ver 

Schmelzungsprotokolle, diverse Rechtsstreitigkeiten, Entscheidung 
über den israelitischen Schul- und Armenfond, Kaiser Franz 
Josef I. in Hohenems, die gegenwärtigen Rechtsverhältnisse, das 
Gesetz vom Jahre 1890, Rückblick. Statistische Tabellen der 
Konkurrenzbeiträge zur Christengemeinde 1822 — 1878, der Ge- 
burtsfälle 1768—1890, der Todesfälle 1784—1890, der Seelenzahl 
1792—1878. 

Zweiter Teil: 

Die inneren Verhältnisse. 

10. Kapitel. (xemeindeverwaltung. Die Reichsgrafenzeit, Jona- 
than und Maier Uffenheimer, Josle Levi (Sulzer), Maier Moos, 
Ältestes Steuersystem, Tekanoth, Verwaltungsverordnungen vom 
Jahre 1795, die k. k. Hoffaktoren Lazarus (Löwenberg) und Wolf 
(Löwengard) Josef Levi, Lob Moos (Reichenbach), Nathan Elias 



Inhalts-Übersicht. XIII 

(Brentano), das Vorsteheramt, Josef Veit Levi (Rosenthal), Schulden- 
last, Steuersystem vom Jahre 1825, Dr. Wilhelm Steinach, Steuer- 
statut vom Jahre 1839, Josef und David Hirschfeld, Marco ßrunner, 
Bürgermeister Philipp Rosenthal, Emanuel, Leopold und Jonas 
Brettauer, Steuersysteme vom Jahre 1853 und 1864, Bürgermeister 
Samuel Menz, Gründung des Kultusfondes, Dr. Ludwig Ullmann, 
Bürgermeister Dr. Simon Steinach, Bürgermeister Anton Rosen- 
thal, Kultusvorsteher Herm. Hirsch, Statut der Kultusgemeinde, 
Statistik aller Vorsteher, Beiräte und Kassiere, Jahresbudgets 
1821 — 1880, Armenpflege bis 1826, Gründung des Israel. Armen- 
fondes, Armenverwaltung, Josefund Clara Rosenthal, Errichtung 
des israel. Armenhauses, der Pfründnerfond, Geschichte des Israel. 
Friedhofes, Renovierung und Vergrösserung vom Jahre 1901, 
Register der Gräber mit Angabe der Todestage, Bild des 
Friedhofes. 

11. Kapitel. Handel und Gewerbe. Erwerbsverhältnisse im 

17. Jahrhundert, Handelsverbote, K. K. Hoffaktor Jonathan 
Uffenheimer, Vertrag mit Rank weil und Sulz, der „Judeneid", 
Rabb. Schiedssprüche, Anfänge der Textil-Industrie , Nathan 
Elias (Brentano), Lob Moos (Reichenbach), Hoffaktoi'-Patent des 
Lazarus Josef Levi (Löwenberg), K. K. Hoffaktor Wolf Josef 
Levi (Löwengard), Handelsstatistik vom Jahre 1802, günstige 
Folgen der Handelsverbote, die bair. Periode, Zollpatente, Auf- 
hebung der Handelsverbote, behördliche Gutachten, Schweizer- 
handel, Oberes und Unteres Reintal, Toggenburg, Graubünden, 
St. Gallen, Partial-Revision der Bundesverfassung vom Jahre 1866, 
Gründung der St. Galler Israelitengemeinde, Statistik, Handwerk 
unter den Hohenemser Juden, Verbreitung desselben, Textil-Indu- 
strie in Hohenems, Statistik, Errichtung der Fabrik im „Schwefel", 
Isak Löwengard, „Gebrüder Rosenthal", die Familien Brettauer, 
Brunner, Hirschfeld, Reichenbach, Burgauer, Wohlgenannt, 
Schwarz, Biedermann in Meran, Königswarter- Stiftung, Dann- 
hauser in Innsbruck etc., die gegenwärtigen Verhältnisse. 

12. Kapitel. Schule. Ältere Nachrichten, Errichtung der Normal- 

schule, die Lehrer Lazar Wälsch, Jakob Bamberger und Maier 
Reichenbach, Erbauung des Schulhauses, die Religionsschule, 
Rabb. Abraham Kohn, Wolf Josef Levi'sche Schulstiftung, Um- 
gestaltung der Schule durch die politische Israelitengemeinde, 
die israelitische Bürgerschule, Eduard Porges, Wilhelm Frey, 
der israelitische Schulfond, Maximilian Pollaczek, Neuorgani- 
sation der Schule, Schüler-Statistik, Lehrpersonal, gegenwärtige 
Verhältnisse, Schüler christlicher Konfession, das Schulaufsichts- 
gesetz vom Jahre 1899, Oberlehrer M. Federmann, Statistik der 
Schulausgaben und des Lehrpersonals. 

13. Kapitel. Rituelle Anstalten. Synagoge, ältere Nachrichten, 

Synagogenbau vom Jahre 1772, Ältere Gestaltung des Gottes- 
dienstes, Modernisierung desselben, Rabb. Abraham Kohn, Rabb. 
Ehrmann, das Kultuskomitee, Rabb. Popper, innere Umgestaltung 



XI V Inhalts-Übersicht. 

der Synagoge, weitere Modernisierung des Gottesdienstes, Sta- 
tistik, rituelles Tauchbad (Mikwah), Schlachthaus. 

14. Kapitel. Rabbinat. Biographien der Kabbiner: Juda Lob 

Ulimann, Samuel Ullmann, Israel Lissa, Angelus Kafka, Abraham 
Kohn, Daniel Ehrmann, Simon Popper, Daniel Einstein, Dr. Adolf 
Gutmann, Dr. S. Grün, Dr. A. Gordon, Dr. Heinrich Berger, 
Dr. A. Tänzer. 

15. Kapitel. Gemeindebeamte. Biographien der hervorragen- 

deren Hohenemser Kantoren , darunter eine solche Professor 
Salamon Sulzers. 

16. Kapitel. Vereine. „Chewra Kadischa", „Dowor tow", Frauen- 

verein, Mädchen verein, Handwerkerverein, Sängerverein, „Cou- 
cordia" etc. 

17. Kapitel. Stiftungen. Verzeichnis aller in Verwaltung der 

israelitischen Kultusgemeinde befindlichen Stiftungen. 

18. Kapitel. Familienregister, volbtändige, von der Ansiedlung 

in Hohenems bis zur Gegenw.irt geführte Stammbäume aller 
israelitischen Familien, die in Hohenems wohnliaft und heimats- 
berechtigt sind oder waren. 

Nachträge. 

Namens- und Sachregister. 



Historische Einleitung. 



Fernab von den grösseren Judengemeinden Österreichs, 
Deutschlands und der Schweiz lag schon vor drei Jahrhunder- 
ten und liegt heute noch der Schauplatz der in diesem Werke 
zur Darstellung gelangenden Geschichte eines kleinen Bruch- 
teiles des jüdischen Volkes, damals wie heute umschlossen 
von der erhabenen Majestät der Alpenwelt und den Wogen 
des schwäbischen Meeres. 

Diese räumliche Isoliertheit der Hohenemser Judengemeinde 
aber hatte nicht nur deren eigen-, ja einzigartige Entwicklung zur 
Folge, sondern lässt es auch als geboten erscheinen, in knappen, 
allgemeinen Umrissen ein Bild des Schauplatzes vorauszu- 
senden, auf dem diese Entwicklung vor sich gegangen. 

Hier, wie allenthalben, ist die Geschichte der Juden innig 
verquickt mit der Geschichte ihrer jeweiligen Heimat, im vor- 
liegenden Falle, mit der Geschichte sowohl der Ritter und 
späteren Reichsgrafen von Hohenems, wie insbesondere der 
des Ortes Hohenems selbst. 

Während jedoch das Geschlecht derer von Hochenembs 
in Josef Bergmann seinen Historiker bereits vor Jahrzenten 
gefunden hat, ist die Geschichte des Ortes Hohenems 
bisher noch von keiner Seite zum Gegenstande der Forschung 
gemacht worden. 

Im Folgenden sei nun versucht dies nachzuholen bis zu 
jener Zeit, da die ersten Juden in Hohenems Aufnahme 
fanden. *) 



') Verfasser dieses "Werkes hatte parallel mit diesem auch die 
„Geschichte des Ortes Hohenems" u. z. bis zur Beendigung der Franzosen- 
kriege an Hand des von ihm gesammelten handschriftlichen Quellen- 
materiales ausgearbeitet und in mehreren Abschnitten in öffentlichen 
Versammlungen im Gasthofe „zur Post" in Hohenems in den Jahren 
1902 und 1903 vorgetragen. Die folgende „Ältere Geschichte des Ortes 
Hohenems bis zum Jahre 1617" bildet zum Teile den ersten dieser Vor- 
träge und wurde am 6. November 1902 gehalten. 



Ältere Geschichte des Ortes Hohenems bis zum 
Jahre 1617. 



Die erste und für den Historiker wichtigste Frage ist un- 
streitig die nach der Entstehungszeit des Ortes Hohenems. 
Entstand das Dorf Hohenems erst durch die Nieder- 
lassung der Edlen von Embs oder war an dieser von 
der aufgehenden Sonne am spätesten getroffenen Stelle des 
Rheintales bereits vor dieser Zeit eine Ausiedlung, ein Dorf 
oder dergleichen vorhanden? Gab es vielleicht im Rheintale 
an der Stelle des heutigen Hohenems schon ein Dorf Embs, 
ehe die Zinnen des Schlosses Hohenembs seine Berge krönten? 
Aus dem Namen des Schlosses Hohenems würde sich ja die 
Folgerung ziehen lassen, dass früher schon in der Niederung das 
Dorf Ems gelegen haben müsste. Nun ist aber hiezu noch die 
Entstehung des Namens Hohenembs zu untersuchen. Zwei Ems 
sind es, die hier der Untersuchung sich darbieten. Das eine 
oberhalb Chur gelegen und heute verschollen, das andere aber 
unser heutiges Hohenems. Der Sage nach sollen nun um's 
10. oder 11. Jahrhundert die Edlen von Ems aus ihren in 
der Nähe von Chur gelegenen Stammsitzen in's Rheintal und 
nach dem heutigen Hohenems gezogen sein. Das bei Chur 
gelegene ward, nach Bericht Guler von Weinecks (1616) 
lateinisch Amedes, das im Rheintal dagegen lateinisch Amisium 
genannt. Nun taucht zwar der Name Ems in Urkunden vom 
8. Jahrhundert schon auf (Bergmann, die Edlen von Embs, 
Akad. Ber., Wien 1860, Anhang 1), jedoch der Name Hohen- 
embs, Alta-Emps oder abgekürzter Alt-Emps tritt erst zu 
Tage weit später, nachdem die Edlen von Embs nachweisbar 
bereits im Rheintale wohnten. Wie sie ja auch selbst dann 
erst sich schrieben: „Edlen von Embs zu der Hochenembs", 
woraus zu schliessen ist, dass sie den Namen Hochenembs erst 
von ihrem hiesigen so benannten Schlosse annahmen. Nannten 
die Edlen aber das Schloss, das sie auf dem Felsen im Rhein- 
tale erbauten, Hohenembs, nicht aber einfach Ems, wie ihren 
früheren Besitz in Chur, der nach Guler von Weineck eben- 



Ältere Oeschicbte des Ortes Hohenems bis zum Jahre 1617. XVll 

falls auf einem hohen Felsen lag, so liegt die Folgerung nahe, 
dass ein Dorf Embs früher als das Schloss da war. Vielleicht 
gehörte es früher schon einem Zweige der in Wälsch-Ems 
bei Chur residierenden Familie, vielleicht dieser selbst; wahr- 
scheinlich ist jedoch, dass die Gegend um Hohenems schon 
vor Erbauung des ersten Schlosses Alta-Emps bewohnt 
war, wohl auch schon eine Ansiedlung unter dem Namen 
Embs bestand. Denn dass die Edlen von Embs sich erst im 
Tale niedergelassen und später dann das Schloss erbaut haben 
sollten, ist unwahrscheinlich, da jene Zeit endloser Kriege 
den Edlen von Embs, die neben dem Kriegs- auch ein flottes 
Raubritter-Handwerk betrieben, da ihr Heim aufzuschlagen 
befahl, wo es am schwersten zugänglich und am leichtesten 
zu verteidigen war. Bemerkt muss noch werden, dass ausser 
Sage, Vermutung und vielleicht Familien-Tradition keinerlei 
sichere Grundlage für das Faktum der Übersiedlung der Edlen 
von Embs aus Wälsch-Embs ins' heutige Hohenems gegeben 
ist, wie auch kein genauer Zeitpunkt hierfür genannt wird. Als 
weiteren Beleg für meine Annahme von der Existenz eines 
Ortes Ems im Rheintale noch vor der Erbauung des Schlosses 
Hochenembs möchte ich anführen, dass nach Guler von Weineck 
(Fol. 136a) und auch Schlehen (Embs.-Chronik) jenes Embs bei 
Chur Ober-Embs genannt wurde, was auf ein zweites tiefer 
und wohl im Rheintale gelegenes Embs schliessen lässt. 
Guler von Weineck (Fol. 223 a) nennt unser heutiges Hohen- 
ems Unter-Embs und meint, es sei „ein altfränkisch unacht- 
sam Wäsen" vor der Reichsgrafenzeit gewesen. Übrigens findet 
sich bei Schwab, (Der Bodensee, Stuttgart 1827, S. 147) 
sogar die Annahme, dass die Edlen von Embs ihren Namen über- 
haupt erst von der schon vor ihnen gestandenen Burg Hohen- 
embs entlehnt haben (Weiz. Merkle H, S. 78). Keiner der 
bisherigen wenigen Geschichtsforscher traten dieser inter- 
essanten Frage näher. Nur Schlehen in der „Embser Chronik" 
lässt ohne Weiteres und ohne nähere Angabe den Ort Hohen- 
ems durch die Edlen von Embs begründen. Er beginnt: 
„Embs empfängt den Namen von seiner Herrschaft". . . 

Während z. B. Bregenz nachweisbar schon im dritten Jahi*- 
tausend seines geschichtlichen Daseins steht, lässt sich die 
Existenz des Ortes Hohenems, geschichtlich wenigstens, auf 
noch nicht ein Jahrtausend' zurück nachweisen. Nur die 
fromme Sage vom Konradsbrunnen geht bis in's Jahr 907 



XVIIl Historische Einleitung;. 

zurück. Der damalige Einfall der Ungarn in Bayern zwang 
viele Geschlechter in den rhätischen Gebirgen Zuflucht zu 
suchen, so auch Heinrich von Altdorf und Ravensburg aus 
dem Geschlechte der Weifen mit seinem Sohne Conrad, dem 
nachmaligen Bischöfe zu Constanz, die damals in's Felsenschloss 
Hohenems geflüchtet sein sollen. Ein dem nachmals heilig- 
gesprochenen Bischof Conrad geweihter Felsenbrunnen unter 
dem Schlosse soll nun die Eigenschaft besessen haben, straf- 
weise auf 14 Tage zu versiegen, so sein Wasser zu unrein- 
licher Arbeit verwendet ward. (Embser Chronik, Weizenegger- 
Merkle III, S. 61 f. u. A.) 

Wie aber der Ort Hohenems seinen späteren Namen von 
dem es überragenden Schlosse erhalten hat, ja wie überhaupt 
die ganze Entwicklung des Ortes in älterer Zeit das Werk 
der Edlen und späteren Reichsgrafen von Hohenembs war, 
wie Hohenems seinen geschichtlichen Ruhm diesen zu danken 
hat, so geschieht auch sein erstes geschichtliches Auftreten 
mit seinen Herren, den Edlen von Embs und ihrem Schlosse. 
Wilhelm III, Sohn Tancreds, der letzte Normannenkönig, 
eigentlich ein Kind noch, in dessen Namen seine Mutter 
Sybille die Regentschaft im Königreiche Sizilien führte, ward 
1195 auf Befehl Heinrichs IV. nach der Bergfeste Hohenems 
zu lebenslänglicher Gefangenschaft gebracht, nachdem er 
vorher geblendet und verstümmelt worden war. Dies ist 
zugleich die älteste Nachricht über das Schloss Altembs, 
von dem heute nicht mehr festzustellen ist, wann es zum 
ersten Male erbaut wurde. (Guler v. Weineck fol. 136a.) 
Aus der früheren, sonst an geschichtlichen Daten aus unserer 
Gegend schon ziemlich reichen Zeit der Vereinigung Rhätiens 
mit dem fränkischen Reiche, da die Gegend von der Ach bei 
Bregenz bis Götzis zum Rheingau gehörte (W^eiz. Merkle, III, 
S. 56), hat sich keinerlei geschichtliches Denkmal über den 
Ort Hohenems bisher gefunden. 

Ohne nun die Edlen von Embs auf ihren weit ausgedehnten 
Kriegszügen, bis zur Mitte des XIV. Jahrhunderts in Diensten 
der Grafen von Montfort, zu begleiten, Züge, die dem Geschlechte 
grossen Ruhm und bedeutende Reichtümer brachten, verfolgen 
wir das Wenige, was über den Ort Hohenems aus dieser bereits 
geschichtlichen Zeit bekannt ist. Sicher ist, dass die Bewohner 
des Ortes Hohenems nicht nur des mächtigen Schutzes ihrer 
Herrhen sie zu erfreuen hatten und Ruhm und Beute aus 



Ältere Geschichte des Ortes Hoheneras bis zum .Jahre 1617. XIX 

den Kriegsziigen teilten, sondern auch sehr oft unter der 
wechselnden Laune des Kriegsglückes schwer zu leiden hatten. 
Leibeigne der Edlen von Embs, wie sie waren, hatten sie 
auch an den Gefahren ihrer Herren und auch an deren 
Missgeschick ihr gehäuft Teil. Unzählige Hohenemser mochten 
in weiter Fremde, wohin sie unter dem Banner ihrer Herren 
zogen, erschlagen worden sein, wie auch das Dorf Hohenems 
bei den Kriegen seiner Besitzer auf heimatlichem Boden des 
Öfteren schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. 

Die erste eigentlich sichere Nachricht, die wir über den 
Flecken Hohenems haben, datiert aus dem Jahre 1333. 

Im Kronstreite izwischen Friedrich von Österreich und 
Ludwig dem Bayer traten die von Ems mit ihren Herren, 
den Montforts, dann zum Sieger über, wofür Ulrich von 
Embs im genannten Jahre von Ludwig dem Bayer für den 
Flecken Hohenems all jene Freiheiten und Marktrechte er- 
hielt, wie sie die Stadt Lindau besass. Weizeneggers Ver- 
mutung, dass der Flecken Hohenems überhaupt erst damals 
auf dem Pfandwege in den Besitz der Edlen von Embs kam, 
ist durch nichts begründet und um so unwahrscheinlicher, als 
Schlehen sonst dessen gedacht hätte. Derselbe Kaiser Lud- 
wig gestattete zehn Jahre später dem Ulrich von Ems die 
Erbauung der neuen Veste auf dem Glopper, das Schloss 
Neu-Embs. Über die Ursache dieser Erbauung eines neuen 
Schlosses ist Näheres nicht bekannt. Karl IV. bestätigte 1348 
alle bisher erteilten Privilegien. 

Besonders hart aber wurden die Edlen von Ems und das 
Dorf Hohenems in den Appenzellerkriegen 1405 — 1408 mit- 
genommen. Nicht nur, dass in der Schlacht am Stoss am 
17. Juni 1405 die beiden Edlen Goswiu und Wilhelm von 
Ems fielen, wurden auch alle im Rheintale verstreuten Be- 
sitzungen der Edlen von Embs, die auf österreichischer Seite 
als Feinde des Bundes „ob dem See" kämpften, von den 
Appenzellem arg verwüstet. Anfang des Jahres 1407 brannten 
die Appenzeller das Dorf Hohenems vollständig nieder. Aber 
auch die Edlen von Embs, die sich auf ihren Felsenschlössern 
gesichert hielten, mussten daran glauben. Vom 24. Mai bis 
20. Juli dauerte die Belagerung der alten und neuen Veste, die 
dann beide von den Appenzellem gebrochen wurden. Den 
Ausschlag gaben die St. Galler Donnerbüchsen, nach Berg- 
mann das erste in Vorarlberg gebrauchte Pulver. Die Edlen 



XX Historische Einleitung. 

von Hohenembs, verarmt wie ihre Untertanen, da auch all 
ihre aufgestapelte Beute aus Kriegs- und Raubzügen den 
Appenzellem in die Hände gefallen war, seheinen sich bald 
erholt zu haben, da sie schon in wenigen Jahren ihre beiden 
Schlösser neu aufbauten und auch bald wieder zu Reichtum 
und Ansehen kamen. 

Denn schon wenige Jahre später werden die Brüder 
Michel und Marquard von Embs, Söhne des Ritters Marquard 
mit den folgenden, nach dem Tode ihres Vaters und auch 
ihres Vetters Ulrich und seines Sohnes^) Jörg erledigten 
Lehen bedacht: „Die veste Alten-Embs, item den Vorhof zu 
Embs, item den Hof zu den Stalden, item den Oberen Berg, 
item 45 Pfund Häller jährlichs gelts zu Embs auf den gütern 
gelegen in der Rütti mit allen und jeglichen ihren rechten, 
nutzen und zugehörungen ..." Die Urkunde, deren Kopie 
ich besitze, ist in Nürnberg am 13. September 1430 ausgestellt. 

Ohne dass die Ursache heute mehr zu eruieren wäre, 
hat König Sigismund in einer Lehensurkunde, deren Kopie 
ich ebenfalls besitze, ddo. Ulm 9. November (am nächsten 
Dienstag vor St. Martinis Tag) 1430, also schon wenige Wochen 
später die „alte Empz" neuerdings verliehen und zwar an 
Hans Ulrich von Embs. Es heisst da als Lehensgüter und 
Rechte: „. . . mit Namen die alte Embs mit allen ihren 
rechten, freyheiten und gewehr, die dazu gehören: item den 
bann über das blut zu richten zu Embs und zu Dorenbiern ; 
Item die Newburg zu Embs in der Rütti gelegen mit dem 
burgstall genannt der Glober, mit 60 Pfund Häller jährlicher 
Gülte, die auss den gütern der obgenannten Rütti zu einem 
rechten burglehen gegeben und geordnet seynd; Item die 
silbern und bleyen erzt und bergwerkh bei Embs; Item 



^) Bergmann, die Edlen von Embs, Akad. Vortrag Wien 1860, 
S. 19 lässt diesen Ulrich nach Bucelin S. 385 ehelos sein, was aber nicht 
stimmt, da in dieser Lehensurkunde, sich folgender Passus findet: 
„. . . . demütiglich gebeten, dass wir ihn diese nachgeschriebenen Lehen, 
die an sie von Todts wegen des letzt ge nannten ihres Vaters und 
Ulrich von Embs seeligen ihres Vetters und seines suns Jorges 
Todte wegen kommen und gefallen sind . . ." Desgleichen war Clara von 
Embs, Gattin des Eberhard von Ramschwag, die Tochter des vorgenannten 
Ulrich von Embs, was aus einem grossen Schiedssprüche ddo. Lindau 1437, 
dessen Kopie ich besitze und den Bergmann nicht erwähnt, in einem 
Erbschaftsstreite zwischen Michel und Marquard von Embs und der Clara 
von Raraschwag, ersichtlich ist. 



Ältere Geschichte des Ortes Hoheneras bis zum Jahre 1617. XXI 

des schwebelbad zu Embs; Item die hüben in dem Bregenzer- 
wald gelegen, genannt die Schildhuben, mit allen und jeg- 
lichen ihren rechten, gnaden, freyheiten, gerichten, zwängen, 
pännen, pirsten, gejägde, wässern, mühlen, mühlstätten, 
vischenzen, hölzern, nutzen, renten und zugehörungen . . ." 
Bergmann, die Edlen von Embs, S, 19, gedenkt dieser Lehens- 
urkunde ebenfalls, ja führt sie im Anhang XII teilweise 
wörtlich an, hat jedoch entgegen der in meinem Be- 
sitze befindlichen Kopie: „ • - • ^^^ namen, die alte Emptz, 
item den Vorhof in dem Flecken zu Emptz mit allen ihren 
Rechten ..." Von diesem Vorhof im Flecken Embs findet 
sich nichts in meiner Kopie, und dürfte bei Bergmann oder 
vielmehr dem früheren Abschreiber ein Abschreibefehler sein. 
Denn dieser sogen. Vorhof war wie Prugger (a. a. 0. S. 101) 
als Augenzeuge berichtet, an den Palast angebaut und ging 
die Landstrasse durch den Vorhof hindurch, also da, wo 
heute der Bogen bei der Apotheke ist, mit Überbrückung der 
alten Landstrasse. Nun setzt erstens das Wort Vor hof 
schon die Existenz des Palastes voraus, der aber erst 300 
Jahre später gebaut wurde, dann aber wohnten die Edlen 
von Embs damals noch lange im alten Schlosse nicht aber 
im Flecken von Embs. Auch ist dem Lehensbriefe zu ent- 
nehmen, dass die Edlen von Embs all diese Rechte, also auch 
den Blutbann, schon früher inne hatten, nicht aber erst jetzt, 
wie Bergmann meint, erhielten. Vielleicht ist mit dem Ausdrucke 
„die alte Emptz" der Ort Hohenems gemeint, wodurch sich 
dieser Lehensbrief sehr wohl an seinen nur wenige Wochen 
älteren Vorgänger anschliessen würde. Die Silber- und Blei- 
erzwerke waren nach anderen Berichten auf der Alpe Schöne- 
mann gelegen. Des Schwefelbades in Hohenems geschieht 
hier zum ersten Male Erwähnung. 

Endlich liegt aus der gleichen Zeit, ddo. Konstanz 
15, Jänner 1431 (Montag vor St. Antoni-Tag), eine Lehens- 
urkunde vor, deren Kopie ich ebenfalls besitze, nach welcher 
„Märckh von Embs, Marquards von Embs ritters sun, . . . 
mit ein gut, genannt die Au, und einen Weingarten auf dem 
Einfirst, und den oberen Einfürst, alles gelegen zu Embs, item 
die schildhuben gelegen im Bregenzerwald" vom König Sigmund 
belehnt wird. 

Bei Gelegenheit eines Erbschaftsstreites zwischen Clara 
von Embs, Gattin des Eberhard von Raraschwag und ihren 



XXII Hiatorischo Einleitung. 

Vettern Michel und Marquard von Embs geschieht in einem 
Schiedssprüche vom Jahre 1431 zum ersten Male des an die 
Edlen von Embs zu entrichtenden Zehents durch die Leute 
von Hohenembs Erwähnung. Die Urkunde hierüber wie über- 
haupt dieser ganze Erbschaftsstreit war bisher unbekannt 
und wird nirgends erwähnt. Ich fand eine alte Kopie des 
Schiedsspruches im Ortsarchive von Hohenems. 

Im Jahre 1441 aus Anlass eines anderen Erbschafts- 
streites zwischen der vorgenannten Clara von Embs und 
Hans Ulrich von Embs wird auch schon von „Ammann und 
Gerichtsleute zu Emptz" gesprochen. 

Nichts ist bisher darüber bekannt geworden, ob und 
wie sehr der Ort Hohenems durch die Schwabenkriege im 
Jahre 1499 in Mitleidenschaft gezogen worden v^'ar. Sicher- 
lich aber hatte er, als mitten im Kriegsschauplatze und den 
Schweizern so nahe liegend, durch Brandschatzung usw. zu 
leiden. Als Erinnerung aus jener Zeit blieb nur der bald 
als Spottname gebrauchte Ausdruck „Landsknechtlandl" für 
die Gegend zwischen Feldkirch und Bregenz, weil die Be- 
wohner dieser Gegend als „Lanzenknechte" an den Kriegen 
teilnahmen. 

Im Jahre 1521, ddo. Worms 15. Mai, erhielt Marx 
Sittich von Kaiser Karl V. das Privilegium, dass weder er 
noch seine Untertanen vor irgend ein auswärtig Gericht 
geladen werden dürfen. 

Die Bauernkriege im Jahre 1525^) hatten, so viel be- 
kannt ist, für den Ort Hohenems keine weitere Folge, als 
dass sie dem Kirchturme in Hohenems eine neue Glocke 
brachten. Marx Sittich von Embs, der nämlich mit seinen 
Scharen auf Seiten des Bundes kämpfte, überraschte am 
12. Juni 1525 die rebellischen Bauern in Hilzingen, wie sie 
die Glocke vom Turme herabliessen, um sie wegzuführen 
und ein Geschütz aus ihr zu giessen. Marx Sittich zwang 
nun die Bauern, die Glocke mit ihren eigenen Leibern an 
den Untersee zu ziehen, dort setzte er sich mit seinen Ge- 
fangenen und der Glocke zu Schiffe, landete ausserhalb der 
Klause bei Bregenz, wo er 50 dieser Bauern an die Eichen 
längs der Lieblach hängen Hess und woher der Ort noch am 



*) Vgl. meinen Aufsatz „Beiträge zur Geschichte Vorarlbergs" in 
flor „Vorarlb. Landeszeitung" Bregenz, 6. Juni 1900, Nr. 128. 



Ältere Geschichte des Ortes Hohenems bis zum Jahre 1617. XXlll 

Anfange des 17. Jahrhunderts den Namen „Bei den Henk- 
eicheu" hatte. (Abbildung in der „Embser Chronik"). Die 
Glocke aber ward in den Turm der Hohenemser Kirche 
gebracht. 

Erst der 27. April 1560 brachte einen glanzvollen Wende- 
punkt sowohl in der Geschichte derer von Embs selbst, wie 
auch des Ortes Hohenems. An diesem Tage nämlich wurden 
durch Kaiser Ferdinand die bisherigen Edlen von Embs in 
den römischen Reichs- und österreichisch-erbländischen Grafen- 
stand erhoben und ihr Gebiet zur Reichsgrafschaft erklärt. 
Die Standeserhöhung war eine direkte Folge dessen, dass 
ein Mitglied der Familie, der mütterliche Oheim der Edlen 
von Embs, Johann Angelo von Medicis, als Pius IV. den 
päpstlichen Stuhl bestieg und sich alsbald auf habsburgische 
Seite gegen Frankreich stellte. (Die betreffende Urkunde 
wie der Anlass zur Erhebung findet sich bei Bergmann, die 
Edlen von P^mbs, Wien 1860, gegen Ende, angeführt.) Die 
Standeserhöhuug der Herrschaft brachte nicht nur dem Orte 
Hohenems den Ehrentitel einer Reichsgrafschaft, während alle 
anderen Teile Vorarlbergs, selbst zur Zeit ihrer gräfliclien 
Besitzer, nur Herrschaften Messen, sondern der Ort selbst 
nahm schon wenige Jahrzehnte später einen bedeutenden 
Aufschwung. Mit Ausnahme der Reiclisherrschaft Blumenegg 
und der Probstei St. Gerold war damals schon das ganze 
übrige Vorarlberg durch Kauf an das Haus Österreich ge- 
fallen. Die Veste Neuburg ob Götzis 1363, die Herrschaft 
Feldkirch mit dem inneren Bregenzerwalde, Dornbirn und 
Fussach 1375, Bludenz und das Tal Montafon 1394, Sonnen- 
berg 1474, der alte Teil der Grafschaft Bregenz, nämlich die 
halbe Stadt, die Gerichte Hofsteig, Lingenau und Alber- 
schwendl und die Herrschaft Hohenegg 1451, die Gerichte 
Mittelberg und Tannberg durch freiwillige Unterwerfung 1453, 
der neue Teil der Grafschaft Bregenz, nämlich die andere 
Hälfte der Stadt, und die Gerichte Hofrieden und Sulz- 
berg 1523. Die neue Reichsgrafschaft war also fast ringsum 
von österreichischem Gebiete umgeben. Der uralte Reichs- 
hof Lustenau w^ar schon am 4. März 1526 als volles Eigen- 
tum an die Edlen von Embs durch Kauf gefallen. Die 
Reichsgrafschaft Hohenembs gehörte, inmitten österreichischen 
Gebietes gelegen, dem schwäbischen Kreise des deutschen 
Reiches an, an den sie auch steuerte. Der Reichsgraf hatte nun 



XXIV Historische Einleitung. 

Sitz und Stimme auf dem Reichstage im schwäbischen Grafen- 
kollegium und auch im schwäbischen Kreis auf der Grafenbank. 
Diese Erhebung zur Reichsgraf seh aft aber hatte zur Folge, dass 
Hohenems später, auch nachdem es an Österreich fiel, keinen 
Vertreter unter den bis 1808 bestandenen Vorarlberger Ständen 
hatte. 

Gleichzeitig mit der Erhebung zur Reichsgrafschaft fällt 
auch die Erbauung der Pfarrkirche zusammen. Hohenems, 
in alter Zeit nach Lustenau eingepfarrt, erhielt dann gegen 
Ende des 15. Jahrhunderts eine eigene Pfarre. Die Edlen 
von Embs hatten ihre eigenen Burgkapläne. Die letzte 
Burgkaplanei ging 1777 beim grossen Brande zugrunde. 
Nach Weizenegger stammt eine der Glocken aus dem Jahre 1400. 
Als Pfarrkirche diente eine alte kleine Kapelle. In den Jahren 
1578 — 1580 nun Hess Jakob Hannibal I., der nachmalige erste 
Reichsgraf die geräumige Pfarrkirche erbauen, die Balthasar, 
Bischof von Ascalon und Weihbischof zu Constanz einweihte. 
Die bei Weizenegger (a. a. 0. Bd. II, pag. 361) Bergmann u. A. 
angegebenen Zahlen sind unrichtig. ^) Das Standbild des Er- 
bauers im Feldherrukostüme schmückt heute noch die Portal- 
seite der Kirche. 

Reichsgraf Jakob Hannibal I., ein Neffe Papst Pius IV. 
und Schwager des Kardinals Carolus Borromäus, war in päpst- 
lichen und spanischen Diensten viel ausserhalb seiner Herr- 
schaft, erwarb sich durch Tapferkeit und Tüchtigkeit einen 
Weltruhm und auch bedeutende Reichtümer, von denen auch 
ein Teil der Verschönerung des Ortes Hohenems zugute kam. 
Nicht nur die Erbauung der schönen Pfarrkirche, die Be- 
festigung des Schlosses, sondern auch die Anlegung des 
Lusthauses gegenüber vom Palaste und der Beginn des Palast- 
baues selbst, allerdings durch den nachmaligen kunstsinnigen 
Kardinal Marx Sittich von Salzburg, fallen in diese Zeit. An 
den grossen Kriegszügen des Grafen, besonders in die spani- 
schen Niederlande, nahmen, nach einem Berichte, auch 1000 
Mann Hohenembsischen Volkes teil. 

Von eigentlich grossem und wohltätigem Einflüsse auf den 
Ort Hohenems war erst Reichsgraf Caspar, der Sohn des 
vorgenannten Jakob Hannibal I. Nicht in kriegerischen Unter- 



*) Vgl. S. 442 f. dieses Buches und meinen Aufsatz „Die Pfarrkirche 
in Hohenems" in der „Vorarlb. Landeszeitung" Nr. 95 u. 98, Jhg. 1904. 



Ältere Geschichte des Ortes Hohenems bis zum Jahre 1617. XXV 

nehmiiugen wie seine Vorgänger, sondern in Werken des 
Friedens, in ökonomischer Haushaltung, in Hebung der Quellen 
des Wohlstandes suchte er den Besitz und dadurch den Be- 
stand seines Hauses und Ansehens zu sichern. Und eine 
ganze Reihe von einschneidenden Umgestaltungen für den Ort 
Hohenems rief Graf Caspar so in's Leben. 

Eine seiner für den Ort wichtigsten Taten war die teil- 
weise Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1605. 

Das Verhältnis der Leibeigenen in Vorarlberg verdient 
eine eigene Darstellung. 

Wie das Wort „Leibeigen" besagt, waren die in dieser 
entwürdigenden Zwangsfessel Befindlichen mit Leib und Leben 
Eigentum ihrer Herren, die mit ihnen nach Belieben schalten, sie 
wie W^are verkaufen und vertauschen konnten. Eine Leibeigen- 
schaft in dem Sinne gab es im 16. Jahrhundert in Vorarlberg 
überhaupt nicht mehr. Ja in dem weitaus grössten Teile des 
Landes war die Leibeigenschaft auch in ihrer milderen Form 
damals schon aufgehoben. So in Feldkirch im Jahre 1382 
durch den letzten Graf von Montfort, in ßludenz durch den 
letzten Grafen von Werdenberg im Jahre 1391, in Bregenz 
im Jahre 1579 durch Österreich auf Fürsprache des Mark- 
grafen Karl von Burgau, desselben, der die Juden (vgl. Kap. 
2 dieses Buches) aus Burgau auswies und so ihre Einwanderung 
in Hohenems indirekt veranlasste. Der Vollständigkeit halber 
sei hier gleich erwähnt, dass sie in Sulzberg 1712, in Hofrieden, 
Simmerberg und Grünenbach 1713, iu Altenburg und Kellhöf 
1748 aufgehoben wurde. In ganz Österreich aber machte bekannt- 
lich das Patent Kaiser Josef IL vom 1. November 1781, Generale, 
der Leibeigenschaft ein Ende. Nur Lustenau. als Allodialgut des 
gräflichen Hohenembsischen Hauses und so an die weibliche 
Erblinie übergegangen, ward erst 1795 aus derselben entlassen. 

Jedoch zur Zeit des Regierungsantrittes des Grafen Caspar 
bestand die Leibeigenschaft noch ungeschmälert in Hohenems. 
Allerdings nur in Abgaben und Natural-Leistungen für die Herr- 
schaft. Die Freiheit der Person und des Besitzes bestand 
bereits, da schon 1441 von Ammann und Gericht Emptz die 
Rede ist, was unter eigentlichen Leibeigenen ausgeschlossen war. 

Die Lasten der Leibeigenen in Hohenembs bestanden nun 
in Folgendem: 

1. Jeder Hausvater hatte einen Tag zu mähen, jede Haus- 
mutter einen Tag zu heuen für die Herrschaft; wer ein 



XXVI Historische Einleitung. 

Pferd hatte musste drei Fuder Heu der Herrschaft heim- 
führen, alles unentgeltlich. 

2. Mussten die Pferdebesitzer gegen sehr geringe Ent- 
schädigung den gräflichen Wein resp. die Reben in die 
eine Stunde von Embs liegenden Kellereien führen. 

3. Musste sichjederFuhrmann „bei ökonomischen Geschäften" 
im Gebiete Hohenems mit "2 Pferden gegen täglich 24 kr., 
der Fussgänger gegen täglich 12 kr., im Gebirge gegen 
15 kr. und endlich der Handwerker bei gräflichen 
Arbeiten gegen täglich 18 kr gebrauchen lassen. 

4. Beim Tode eines Hausvaters gehörte das beste Pferd 
und Rindvieh aus der Hinterlassenschaft dem Grafen. 

5. Bei AVegzug eines Leibeigenen war ein bestimmtes Geld 
zu entrichten. 

6. Die Ablieferung der Fastnachtshenne resp. deren Ein- 
lösung mit 12 kr. Noch aus den Jahren 1655, 1666, 
1673 liegen Verträge des Inhalts vor, dass, so eine 
Dornbirner Freie einen Hohenemser Leibeigenen heiratet, 
sie gleichfalls Leibeigene wird. So Hohenemser Leib- 
eigene nach Dornbirn übersiedeln, solle jeder dritte 
Mann des Grafen Leibeigener bleiben. So ein Freier 

• von Dornbirn eine Embser oder Lustenauer Leibeigene 
heiratet, soll die Braut am Hochzeitstage aus der Leib- 
eigenschaft entlassen werden. 

Im Jahre 1605 nun hob Graf Caspar die Leibeigenschaft 
in Hohenems mit folgendem Dekrete^) teilweise auf. 

Noch sei vorher bemerkt: Weder Weizenegger noch Berg- 
mann, ja nicht einmal Joh. Georg Schlehen in seiner sogenannten 
„Embser Chronik" vom Jahre 1616 gedenken dieses Ereig- 
nisses, wonach zu schliessen die folgende Urkunde zum ersten 
Male vor die Öffentlichkeit tritt. Sie befindet sich in amtlich 
legalisierter Kopie im Archive der Israel. Kultusgemeinde 
zu Hohenems und lautet wörtlich: 

„Wir Caspar Graf zu Hohenems und Gallara etc. etc. thun 
kund und zu wissen allermäniglichen, was Stands dignitet wessens, 
oder herkomniens die seind, demnach unserer in Gott ruehenden 
eltforderen, und wir, unser uraltes und mit allen obrigkeiten uns 
zugehöriges ort Ems mit nit geringen Unkosten mit herrlichen 
gehauen gezieret, zu welchem wie nit weniger die bewohnung 



') Vgl. meinen Aufsatz in der „Vorarlberger Landeszeitung" No. 19 
vom 24. Januar 1900, 



Ältere Geschichte des Ortes HoheneniB bis zum Jahre 1617. XXVII 

des flecken Ems mit auf- und zutiehmung häuser(er) uns werk alda, 
alsdann von allerhand comercion und gewerb zu treiben und zu 
handtieren wir-gerecht zu werden gern sechen und haben wollten, 
hierauf verkünden, ansagen und offenbahren wir allermäniglichen 
aus oerter, gebieten, handtierungen und stände» die segen jedoch 
katholischen berufs, mann oder weib, auch unsern unterthannen 
leibeigenen leuten selbsten, dass wellicher in ermeldten flecken 
Ems, in schon bestimmte ort und gassen, als da ist unter der 
kirchen, in der von unsern geliebten herrn bruder thoniprobsten 
hocher stift Konstanz ausgesteckten gassen, welche zu ewigen zeiten 
Herrn Thompropsts Gassen solle genannt und geheissen werden, 
wie auch zwischen unserm hof und dem dorfbach ein neu haus 
von mauer oder riegelwerk bauen wolle, ihm dazu einen bequemen 
platz und hofstatt zu schenken und zueignen und davon uns, 
unsern erben und nachkommen anders und mehreres nit schuldig 
als für die andere oerter gebräuchige fassnachthennen, auch zu 
einer erkenntniss des grunds einen capaunen, zu welchem gebünd 
wir auch das holz in unseren wäldern ohne bezahlung meniglich 
zu nehmen vergönnt, folgends dieselbigen sich allher und an be- 
stimmtes ort begebende personen, ihre erben und erbeserben alda 
haushäblichen zu wohnen, zu handtieren, zu werben, arbeiten, 
handwerker, schaffen, thun und lassen, was deren nutz und auf- 
nehmen ihrer selbsten und des gemeinen wesens sich werdet, nicht 
allein zu lassen sondern auch soviel möglichen dazu zu helfen, wie 
auch solche alda wohnende personen, ihre erben und erbeserben 
um keinerley leibeigenschaft anziehen und die unserigen so laug 
sie an bestimmte orten haushäblichen wohnen, dieselbigen gnädig 
entlassen, sie auch weder uns, noch unsern erben weder tagwart, 
frohndienst, höll, gläss leibsteuer, fastnachthennen noch anderes, 
so der leibeigenschaft anhängig, zu geben schuldig, noch ver- 
bunden, sondern wir wollen, dass solche rechte freye inwohner 
und bürger geheissen und genannt, und allerdings stattrecht sich 
gebrauchen, auch zu jederzeit samt ihren leib und gut, ihren 
freyen zug von und zu, wie auch ohne allen abzug und entgelt 
haben sollen, hierauf wir denselben, ihren erben und nachkommen, 
für uns und unsere erben, alle gnad, schütz und schirm, in welchen 
wir sie wirklich angenohmen, gnädig versprochen, und zugesagt, 
thun desselbig auch in bester form, rechten, wissen, macht und 
Vollkommenheit, in kraft dieses unseres offenen edicts, so wir 
mäniglicben zum wissen, mit unseren eigenen bänden unterschrieben, 
und angebohrene secret insiegel bekräftigen lassen, geben Ems 
den ein und zwanzigsten tag monat Märtz anno sechzehn hundert 
und fünf." - — — 

Im Anschliisse hieran findet sich noch folgender elf Jahre 
jpäter hinzugefügter Anhang: 

„Demnach bekennen wir, dass obbesagter unser hausvogt 
Kaspar Amann und seinen erben obeneingeführte freyheit, auch 
für angeregt sein neugebauten haus gegeben und verstanden sein 



XXVIII Historische Einleitung. 

solle, mit urkund dieses briefa so geben ist in unsern pallast zu 
Ems den fünften tag monats Märtz nach Christy heilsamer geburt, 
gezehlt sechzehnhundert und sechzehn jähr." 

Die der Kopie beigefügte amtliche Beglaubigung hat 

folgenden Wortlaut: 

„Dass diese Abschrift mit dem Original übereinstimme bezeugt 

das 

Kais. Königl. prov. Landgericht Dornbirn, 

den 9. Jänner 1815. 

J. Ganahl m. p., Landrichter." 

Alle in dieser Thomprobsten — der heutigen sogen. 
Christengasse sich niederlassenden Untertanen waren aus 
der Leibeigenschaft entlassen, woraus zu schliessen, dass zu 
jener Zeit da noch keine Häuser, sondern wohl eher nach 
dem Schwefel hinaus standen. Es braucht nicht erst gesagt 
zu werden, dass diese Aufhebung der Leibeigenschaft von den 
besteu Folgen für die Hebung des bürgerlichen Gemeinsinnes 
und der Unternehmungslust waren, was der praktische Graf 
Caspar auch beabsichtigt hatte. Würdig reihen sich hieran 
seine Stiftungen, nämlich 

1. fl. 2000 und „ein neues Pfrundhaus im Jahre 1604 für 
eine Frühmesserpfründe, der auch fleissig das ganze 
Jahr Schule halten und neben deutschen und lateinischen 
Übungen auch Chorgesang pflegen soll." 

2. Im gleichen Jahre aus seines Bruders Wolf Dietrichs 
Nachlass die Pfarrhelfer-Pfründe. 

3. Im Jahre 1607 die Anlage zweier Friedhöfe ausserhalb 
des Marktes. Des einen mit der Kapelle des hl. Sebastian 
für die im Tale liegenden Dörfer, des zweiten mit der 
Kapelle des hl. Rochus in der Reutte. Der frühere 
Friedhof scheint im Markte und wohl um die Pfarr- 
kirche herum gewesen zu sein. 

4. 1612 die Schulpfründe mit hundert mailändischen Kronen. 
„Der Schulmeister soll neben Deutsch und Latein eben- 
falls Choralgesang üben". 

Eine gründliche Regelung der Orts- und Gemeinde- Ver- 
hältnisse aber brachte die sogen. Landes-Öffnung des Grafen 
Caspar vom Jahre 1615. (Weiz. Merkle I, pag. 21 4 ff.) Schon 
Marx Sittich von Embs hatte in den Jahren 1525 — 1531 
Statuten, die auf altes Recht und Herkommen sich stützten, 
feststellen lassen. Graf Caspar erneuerte und erweiterte sie 
im Jahre 1615, legte sie Ammann, Gericht und Gemeinde 



Ältere Geschichte des Ortes Hohenems bis zum Jahre 161'?. XXIX 

Embs zur Annahme vor, nahm ihnen das Handgelübde zur 
Einhaltung der Statuten ab und in Zukunft wurden diese 
Statuten jährlich zweimal, anfangs Mai und anfangs November 
dem versammelten Volke öifentlich vorgelesen. Die „Landes- 
Öffnung" wie diese Art von Gemeinde -Ordnung genannt 
wurde, zerfiel in 7 Teile. Der erste handelte von der Ge- 
richtsbarkeit. Das Gericht bestand aus einem Ammann, zwölf 
Richtern und einem Waibel. Der Herrschaft steht das Recht 
zu die Gewählten zu bestätigen. Sämtliche Mitglieder des 
Gerichts waren während der Dauer ihrer Amtsperiode von 
der Leibeigenschaft befreit. Brüder oder Schwäger durften 
dem Gerichte nicht angehören. Dem 2. Abschnitte, Verhand- 
lungsvorschriften, entnehmen wir, dass Ammann und Richter 
mit Mänteln und Seitengewehr zu Gericht sassen, der Waibel 
aber in Mantel und mit kurzer Wehre umgürtet, aufwartete. 
Auf vier Seiten traten Hellebardiere vor, der Waibel gebot 
Stillschweigen, und das Gericht war — verbannt, d. h, nahm 
seinen Anfang. Wer dann vom Publikum noch zu befzgen, 
belfern oder zanken wagte, musste eine Busse von 5 Pfennig 
erlegen. Der Geschäftskreis des Gerichtes (A. 3) umfasste 
die öffentliche Beaufsichtigung und Anzeige von Allem, was 
Gott und der Obrigkeit zuwider sein möchte an den Land- 
ammann, der dann die Bestrafung der Übeltäter beim nächsten 
Bussgerichte, das in Beisein der Herrschaft oder eines Ver- 
treters abgehalten wurde, herbeiführte. Ferner die Aufsicht 
über Waisenangelegenheiten, über die Verwaltung der Kirchen- 
und Almosengelder, die Beaufsichtigung aller Händler mit 
Lebensmittel und Prüfung ihrer Ware nach Qualität und 
Gewicht, die Bestrafung säumiger Gemeindemitglieder bei 
Gemeindearbeiten oder bei Feuer-, Wasser- und anderer Not 
nach einem bestimmten Tarife. Sodann Entscheidungen bei 
kleiner Streitfragen, die mit dem Grundbesitz zusammen- 
hingen, die Überwachung von Kauf und Verkauf. Interessant 
ist hier die menschenfreundliche Verordnung: „Wen Jemand 
eine Ware im Grösseren an einen Gerichtsangehörigen ver- 
kauft und der Letztere würde sie im Kleinen an arme Leute 
um einen höheren Preis wieder hingeben, so unterliegt er 
einer Strafe von 1 Pfund und 5 Schilling." Ebenso: „Im 
Gerichte Ems darf kein Fremder, den öffentlichen Markt aus- 
genommen, etwas verkaufen, es wäre denn das die Herrschaft 
oder Jemand Anderer im Gericht die Sache nötig hätte." 



XXX. Historische Einleitung. 

Sodann das Verfahren bei Pfändungen zu überwachen, endlich 
die Haftverhängung über Fremde. Über Gerichtsangehörige 
konnte Haft nicht verhängt werden. Eine Appellation gegen 
ein richterliches urteil gab es dann nur an den Grafen, der 
in letzter Instanz entschied. Der Ammann (Absch. 4) bezog 
für seine Mühewaltung alle kleinen Frevelgelder bis ein- 
schliesslich 1 Pfund 5 Schilling, sodann noch „die vier 
Mannsmahd Wiesen auf dem Löhrmahd". Für Gemeinde- 
geschäfte im Gerichtsbezirke bezog der Ammann täglich 30 kr., 
die Geschworenen 20 kr. Abschn. 5 handelt vom Zugrecht, 
Abschn. 6 vom Ein- und Abfahrtgeld und bestimmte, dass 
wer sich in Embs haiishäblich niederlassen wollte, der Gemeinde 
Einkaufsgeld zu entrichten hatte, es sei denn er wolle es bei 
einem jährlichen Hintersässgeld bewenden lassen. Bringt ein 
Hohenemser liegende Güter ausserhalb der Herrschaft an sich, 
so hat er den dritten Pfennig vom Wert dem Grafen zu ent- 
richten. Abschn. 7 endlich behandelt die Forst-Ordnung. Es 
waren also eigentlich damals schon bescheidene Oberherrlich- 
keitsrechte, die die Herrschaft sich vorbehielt. 

Ein genaues Bild über das Hohenems zur Zeit des Grafen 
Caspar bietet uns Joh. Georg Schlehen in der berühmten im 
Jahre 1616 in Hohenems gedruckten Geografie Vorarlbergs, 
die unter dem Titel „Embser Chronik" eines bibliografisch 
wohlverdienten Weltrufes sich erfreut. Nicht allein Alter 
und Seltenheit, sondern mehr noch die heute noch bewunderns- 
werte Ausstattung des auf 74 Folioseiten noch 126 Holz- 
schnitte enthaltenden Buches bilden seinen Wert. 

Die erste Buchdruckerei in Vorarlberg*) stand in Hohen- 
ems, wo sie wohl durch Unterstützung des Kardinals Marx 
Sittich von Bartholorae Schnell anfangs des 17. Jahrhunderts 
ins Leben gerufen wurde. 

Gedruckt wurden hier eine Reihe von gut ausgestatteten 
teilweise auch heute noch vorhandenen allerdings sehr seltenen 
Werken, die von Sr. Erlaucht Herrn Clemens Grafen von 
Waldburg-Zeil-Hoheuems teilweise auf der Landesausstellung 
in Bregenz 1887 ausgestellt wurden. (Vgl. den diesbezügl. 
Katalog S. HO ff., wonach Bergmann, die Reichsgrafen von 
Hochenembs, Akad. Vortrag, Wien 1861, S. 43 zu ergänzen 



') Vgl. meinen Aufsatz „Das älteste Druckwerk Vorarlbergs" in 
Nr. 09 und 70 der Feldkircher Zeitung" Tom Jahre 1900. 



Ältere Geschichte des Ortes Hohenems bis zum .lahre 1617. XXXI 

istj Für uns und den Ort Hohenems sind besonders 2 hier 
gedruckte Bücher von hohem Interesse. Vor allem die 
„Embser Chronik", die ein genaues Bild von Hohenems jener 
Zeit bietet; ferner „Balneum Embsianum", eine Beschreibung 
des Schwefelbades, die 1678 erschien. 

Johann Georg Schlehen von Rottweyl ist der Verfasser 
des ältesten Vorarlberger Druckwerkes, einer Beschreibung 
oder wie es im Titel des Werkes heisst: „Hystorische Relation 
oder Eygendtliche Beschreibung der Landtschafft vnderhalb 
St. Lucis Stayg vnd den Schallberg beyderseits Rheins biss 
an den Bodensee, so vnder die Rhetiam gezahlt, vnnd die 
vnder Rhetia mag genennt werden." Die Rückseite des mit 
einem Holzschnitte gezierten Titelblattes zeigt das Wappen 
des Fürsterzbischofs Marx Sittich IV. von Salzburg, dem auch 
dieses erste Buch der Hohenemser Druckerei gewidmet ist. In 
der Dedicatio sagt Schlehen von sich: „Ich aber, der sich keinem 
Historico oder Geschichtschreiber zu vergleichen ..... sondern 
vielmehr (weil ich nunmehr 13 jahrlang in E. hochfl. G. Herren 
Bruders Diensten mich vnderthenig gebrauchen lassen, vn in 
gemelter zeit vn Dienst, dise vnder Rhetianische Lantsart vnd 
gelegenheit selbst gesehen und erfahren, theils auss andern 
Historien, bei genügsamer weil meiner auffwart erforschet, meist- 
theils aber, auss vralten bekrefftigten Brieffliche Documenten, so 
E. Hochfl. G. Herrn Bruder auf dero Stammhauss vnd he- 
rum bten Vestung Hohen Embs liegen haben, ergründet) alles 
in dise meines Verstands begreiffliche Form vnd kurtze 
ordnuug zubringen." 

In welchem Dienstverhältnis Schlehen zum Grafen Caspar 
stand, ist hieraus nicht ersichtlich, doch dürfte es wohl eines 
höheren Grades gewesen sein, was sowohl aus der Schlehen 
zur Verfügung gestandenen freien Zeit wie auch aus seiner 
für jene Zeit jedenfalls bedeutenden Bildung zu schliessen 
ist. Das Archiv des Vorarlberger Landes-Museums enthält 
eine grosse Anzahl Dokumente, Anstellungsdekrete u. dgl. 
über die im Dienste des Grafen Caspar gestandenen Dienst- 
leute, vielleicht dürfte sich da etwas über die Person Schlehen's, 
des ältesten Vorarlberger Historikers, finden. 

Die „Embser Chronic" beschreibt auf 74 Textseiten in 
Kleinfolio alle Vorarlberger Ortschaften, denen jeweilig am 
passenden Orte 95 Wappen von Geschlechtern und Orten 
beigefügt sind. Dornbirn zeigt bereits hier, also schon 1616, 



XXXIl historische Einleitung. 

was sehr beachtenswert ist, den Birnbaum im Wappen, trotz- 
dem ihm dieser nach Bergmann (Landeskunde von Vorarl- 
berg 1868, S. 48) vom Erzherzog Ferdinand Karl von Tirol 
erst am 23. September 1655 verliehen wurde. Ein weiterer 
bemerkenswerter Umstand ist, dass die in dem bekannten 
Allgemeinen deutschen Wappenbuch Siebmacher's, 1705, ent- 
haltenen Wappen der Vorarlberger Geschlechter in vielen 
Punkten von den Zeichnungen Schlehen's abweichen, wovon 
ich mich in München selbst durch Vergleich überzeugt habe. 
Verschiedene andere meist gut gelungene Holzschnitte zieren 
das Buch, so vor allem eine ziemlich gute Karte Vorarlbergs, 
wohl die älteste, die aber in dem in Bergmann's Besitz ge-. 
wesenen Exemplar des Buches nicht vorhanden gewesen zu 
sein scheint, weil er ihrer sonst bei Beschreibung des Buches 
gedacht hätte. 

Aus dem ziemlich umfangreichen Teile der „Embser 
Chronik", die den Ort Hohenems betrifft, seien hier nur 
einige wesentliche Sätze angeführt. 

„Gehört also dise GrafFschafFt Embs mit hoher, niderer vnnd 
forstlichen obrigkeit, sampt der leibeygenschafft, zinsen, zehenden 
vnd kirchensätzen, allerdings den GralFen von Hohen Embs, 
welche vnder so vilen ansehnlichen graffen, freyherren vnd vralten 
adel, in diser vndern Rhetia, alleinig vbrig, so ihr eingenommnen 
platz vnd wohnung erhalten. Ein lustig gelendt, theils eben, theils 
Coline, theils aber ein sehr hoch vnnd wild gebirg, dann das 
hochgebirg dem landt nach zu anfang dieser grafifschaft widerumb 
angeht, darunder die kugel ob Embs gelegen der höchsten berg 
einer, so in das weite schwabenlandt hinauss sieht: Ist reich von 
allerley wildtpraet, als hirschen, wildtschwein, reh, gambsen, hasen, 
daechs, orhanen, spilhanen, haselhuener, endten vnd allerhandt 
voegel, auch viler raubthieren, als beren, luechs, fuechs, marder, 
illtiss, so alles gebannt, vnd kein bawrsmann sich dessen vnderziehen 
mag: ist reich von holtz vnd wilden waelden, vnd vilen tannen- 
baeumen, hat auch silber vnd bleyaertz gehabt, der zeit aber 
erloschen, im thal aber, gibt es vil obs vnnd zimlich weinwahcs, 
erstreckt sich ein tagreyss ins gebirg hinein, so eytel milchreicher 
alpen, dahero es ein feine Viehzucht, dessen sonderlich die herr- 
schafft neben einem schoenen rossgestüet erhaltet: in solchen 
waechsst guter entzion, meisterwurtz, baldrion, matein, vnnd aller- 
handt kostliche wurtzen vnd kraeuter, hat sonderlich vil guter 
wasser vnd brunnenquell. 

Das schloss Hohen Embs, daruon im anfang gesagt, ist 
seidthero sonderlich von obgemeltem Graff Hanibaln zu einer 
gewaltigen veste, so mit gross vnd kleinem geschütz vnd munition 
treffenlich versehen, erbawen, ligt dem landt vnd pass gelegen, 



Ältere Geschichte des Ortes Hohenems bis zum .lahre 1617. XXXIII 

vnd dem gantze obern rheinthal ira gesicht, hat einen kostlichen 
reichen brunnen, so auss dem felsen herauss springt, welcher 
etwas wunderbars mit sich, dann wann sollich wasser zu waschen 
oder sudel arbeit gebraucht, erseicht er vnnd bleibt 14. tag auss, 
so sonsten bey keiner trückne oder anderer zeit beschicht, dahero 
tradieren ettliche, es habe ihne St. Conradt Bischoff zu Costantz 
dahin getragen, so desto ehe geglaubt wirdt, weil der berg dess 
schloss, von dem andern gebirg allerdings abgesuendert, vnd ein 
lauterer felss ist: das ander schloss nit weit daruon, die New 
Enibs genannt, ist gleichsfahls vest vnnd wol gelegen, aber 
kleiner bezirk vnd einfang, hinder disen beyden schloessern, ligt 
ein gantz bewohntes geländt, darinnen vischweyer, brunnen «vnd 
andere baech gelegen, die reütin genanndt, so keinen andern 
eingang, als vnder den schloessern hin, vnnd dahero zu feinds- 
zeiten zu notturfft der Schlösser, kann gebraucht werden. 

Gleich am fuss dess schlossfelsen, ligt im flecken zu Embs, 
der herrliche (nach der italanischen architectur) wolerbawte 
pallast, welchen Herr Cardinal vnnd Bischoff zu Costantz ange- 
fangen, vnnd der jetzt regierende Graff Caspar ihme vnd seinen 
nachkommen zu einer gräfflichen residentz vollendet: hart an 
solchem pallast, ligt der alte vorhoff, so ebenmässig zu diser 
residentz gebraucht wirdt. 

Vom pallast hinüber, liegt das schöene lusthaus, von Graff 
Hanibaln angefangen, vnnd ebenfahls von jetzt regierendem Graff 
Caspar vollendet, vnd mit schoenen eingemaurten lustgäerteii, 
thiergäerten, vischweyern, bäechen vnd wasserbrunnen geziehrt : 
die Pfarrkirchen allda, so zuuor ein capell vnnd vralte begraeb- 
nuss deren von Embs, ist von Graff Hanibaln von grund auffer- 
bawen, vnd hernach von den jetzigen graffen dotiert, also das 
vier stetige priester, ein Schulmeister, sampt zwey clericis allda 
erhalten werden: vber Embs hat es volgende flecken, als Ebnit, 
vnder vnd Oberreutin, zum Elien, Pagolten (Klien), Beltzreutin, 
der berg, schwebel, am rhein, vnd zum bawren. 

£nnet dem gebirg in der graffschafft 3 stund von Embs in 
einer wilde, ligt ein dorff vnd kirch das Ebnit genanndt, so vor 
Zeiten vmb das jähr 13.51 ein kloster gewest, Augustiner Ordens 
vnd St. Paul der Einsidel, darüber die herren von Embs rechte 
vocgt' gewest, so hernach abkommen, vnd ein leypriester allda 
dahin ist ein grosse walfahrt, sonderlich Sommerszeit an St. Maria 
Magdalena tag, an welchem tag kirchweyhung, allda ein grosse 
menge volk von vmbligenden stäetten vnnd ohrten, vber das hohe 
gebirg hinein korapt. 

Am gestad dess rheiufluss, ein viertheil stund von Embs, 
ligt auch die schifflaende der schiffen, so mit körn vnd anderen 
wahren auss dem bodensee mit rossen den rhein herauft" gefüehrt 
werden, dann biss dahin vnd nit weiter, ist der rhein schiffreich. 

Auff der ebne beym fuss dess gebirgs, ein viertheil stund 
von Embs, ligt der weit beruembte schwebelbrunnen, so allda 
auss dem felsen heraus quellet, alldahin Sommerszeit von den 



XXX IV Historische Einleitung. 

benachbaurten frembdes volck hinkompt, sein gesundheit allda 
mit baden zu erholen. 

üiss Wasser ist kalt, also das es zu dem baden mess ge- 
waermbt werden, weisslärchter färb, mit angehencktem schwebel, 
wie dann der schwebel sein fuernembste substantz, ist gut zu 
kalten Aussen, so sich in das haupt setzen, für enge vnd keuchen, 
zu kalten niagen, macht wider essen das einer meint er sey new 
geboren, zu der erkalten mutter nutzt es fast vil treibt den veraht 
dess weissen auss mit butz vnd stil, macht die erkaltete, traege, 
verdrossene weiber wider lustig und gayl, das einer zu jähr zeucht 
am wiegen seyl, die gelbsucht treibt es auss, zeucht auch auss die 
müde auss schenckel vnd armen, hülfft die, so raeudig vberauss, 
huelfft fuer erfrorne schenckel vnd fuess, dargegen aber den 
äugen verdienstlich. Es ist auch von dem letst abgestorbnen 
ettlich vnd 70. jährigen abbt zu Petershausen bey Gostantz, wie 
auch von dem alten Doctor Wendelstein tumbherren allda, hoechlich 
beruehmt worden, welche bezeugt, dass solches ihnen fuer das 
podagram sehr verhuelfflich gewest, also das ihnen solch bad 
mehrmahls widerumb auff die fuess geholffen, vnd sie biss zu 
ihrer letzten todts krankheit erhalten. 

Zuend diser graffschafft, endet sich auch das bistumb Gostantz, 
vnd fangt an das bistumb Chur. 

Nicht ohne Interesse für den Ort selbst ist die Einleitung 
zu der bereits erwähnten Beschreibung des Schwefelbades. 
(Balneum Embsianum etc. Hohenems 1678, neuerdings ab- 
gedruckt im Vorarlberger Volkskalender 1866). „Eine geringe 
viertel stundt von der gräflichen Residenz Embs auf der 
Ebene beim Fusse des gebirgs entspringt die edle Gab Gottes 
als der fürtreffentlich, köstlich, heilsam und weitberühmte 
Schwefelbrunn, so sehr schön und klar aus dem harten Felsen 
herausquellet. Dieses Wasser ist gleichwohl kalt, also dass 
es zu dem Baden muss gewärmt werden, ist weissiecher Färb 
mit angehenktem Schwefel. Dahin kommt Sommerszeit von 
Statt und Landen viel fremdes Volk ihr gesundheit allda zu 
erholen. Dieses Bads Gelegenheit ist also beschaffen, dass 
man bequemblich nicht allein zu Fuss mit Pferden, sondern 
auch mit Kutschen und Senften dahin kommen kann. So 
hat es auch gegen den Rheinwärts lustige Wiesen, gegen dem 
Gebirg aber schöne, grüne Bühel, sich darauf zu erlustigen 
und zu erspazieren, insonderheit aber von den Badhäusern 
ein überaus lustige Spazierweg bis gehn Embs, welcher Weg 
gar breit, und auf beiden Seiten mit schönen hohen Alber- 
bäumen besetzt, also dass man zu heisser Sommerszeit an 
dem kühlen Schatten biss gehn Ems, die köstliche Palläst, 



Ältere Geschichte des Ortes flohenems bis zum Jahre 1617. XXXV 

Lusthäuser und andere Gebäu, wie nit weniger auch die 
schöne und kunstreiche Lust- und Tiergärten, springende 
Brunnen, Wasserwerk, Weiher, Vogel-Häuser und anderes mehr 
zu besichtige, ga»r füglich gehen, und die lange Weil ver- 
treiben kann." Verfasser der Beschreibung ist der gräfliche 
Badearzt Dr. Schaller. Das Schwefelbad war bis znra Aus- 
sterben des reichsgräflichen Geschlechtes im Besitze der Reichs- 
grafen, ging dann in den Besitz des Johann Baptist Streicher 
und seiner Gattin Maria Anna Brinsevin über, von denen es am 
31. Jänner 1800 der k. k. Hoffaktor Wolf Josef Levi um 11. 14000 
nebst einem Douceur von fl. 60 an die Frau Streicherin kaufte. 
1841 kam es durch Kauf in den Besitz der Gebrüder Rosenthal. ^) 

Die Daten über die Buchdruckerei in Hohenems möchte 
ich nur noch dahin vervollständigen, dass diese wahrscheinlich 
Eigentum der Grafen war, und nur einen Pächter oder dgl. 
hatte, ebenso die damals am Ermenbach bestandene Papier- 
mühle. Nach Barthol. Schnell kam die Druckerei 1680 an 
Josef Freyberger, 1703 — 1723 an Jakob Müller aus St. Gallen 
gegen jährlich 12 fl. Pacht, nach dessen Tode an Bartholomä Diät 
aus St. Gallen gegen jährlich fl. 16.40 als Pacht neben zehn 
Sachkalendern als Zins. Bald darauf ging die Druckerei ein. 

Der Ort Hohenems muss damals zur Glanzzeit der Reiohs- 
grafen sehr schön geschmückt gewesen, was auch Guler von 
Weineck in begeisterten Worten schildert. 

Unter Graf Caspar wurde auch der Palast zu Embs, die 
spätere Residenz der Reichsgrafen vollendet. Der seiner Zeit 
weit vorausgeeilte hochherzige Sinn des Grafen Caspar erhellt 
besonders aus seinen im Bregenzer Museums-Archive befind- 
lichen Briefen, in denen er sich mehrfach, besonders in einem 
vom 27. November 1637, sehr abfällig über die Gräuel des 
Krieges und der Soldatenwerbung ausspricht. 

Und des Grafen Caspar ökonomischer Sinn bestimmte 
ihn auch, wie im zweiten Kapitel ausführlicher dargestellt ist, 
im April 1617 Juden im Markte aufzunehmen. 

Unter seinen Nachfolgern, deren Geschichte im W^erke 
selbst behandelt wird, sank des Hauses Reichtum und Ansehen 
immer mehr, bis die Reichsgrafschaft nach dem Tode des 
letzten Reichsgrafen als erledigtes Reichslehen an das Haus 
Österreich fiel. 

>) Vgl. S. 470 ff. 



I. TEIL. 

Die äusseren Rechtsverhältnisse. 



ERSTES KAPITEL. 

Ältere Nachrichten über Juden in Vorarlberg. 



A US der Zeit vor 1617, dem Jahre der Gründung der Hohen- 
-^3- emser Israelitengemeinde, haben sieb nur sehr spärliche 
und lückenhafte Nachrichten über Juden in Vorarlberg er- 
halten. 

Das heutige Vorarlberg, ein Teil des ehemaligen Rhätiens, 
war bekanntlich in den ersten Jahrhunderten unserer Zeit- 
rechnung der Tummelplatz vieler und blutiger Kriege zwischen 
den weltbezwingenden römischen Kriegsscharen und den unter- 
jochten, immer aber wieder sich empörenden Rhätiern und 
Alemannen. 

Nach Guler von Weineck ^) kamen mit den Römern auch 
Juden nach Rhätien. Für die Annahme, ^) dass in jener Zeit 
Juden auch nach Vorarlberg gekommen seien und sich da 



^) Guler von Weineck, Rhaetia usw. f'ol. 28 b, berichtet hierüber 
Folgendes: „Etlich unter ihnen (Juden) sind auch durch diesen anlass 
in das Rätisch land ankommen und haben, wie anderstwo, also auch zu 
Augsburg, da sie sich niedergelassen, lange jähr ihren sitz gehabt; 
wie das durch alte anzeigungen hebräischer buchstaben daselbst er- 
weistlich ist. Dahär unter den stetten Deutschlands, in welchen die Juden 
ihre Synagogen oder Versammlungen etwan gehalten, Augsburg auch 
genamset wird. In der zahl der ersten Juden, die allda hausshäblich 
gewesst, möchte vielleicht Tiberius Cleuphas gewesst seyn, dessen titul 
in selbiger statt gefunden worden, also lautend: Tib. Cleuphas IIIIII. 
Vir. Aug. Negotiator Artis Purpurariae. Das ist: Tiberius Cleuphas, der 
sechs Augustalischen einer, ein handelsmann des purpurwerks. Cleuphas 
oder Cleophas ist ein jüdischer namen und hat derselbigen landsart 
volck den purpurgewerb viel getrieben. Der namen Tibery wird etwan 
von einem Römer, unter dessen schirm dieser sich begeben, auf ihn, wie 
bräuchlich, gelangt haben." 

*) Ausgesprochen von meinem Amtsvorgänger Dr. Guttmann in einem 
Aufsatze „Zur ältesten Geschichte der Juden in Vorarlberg" in Nr. 21 
der „Neuzeit" in Wien, Jahrgang 1884. 

1 



2 Erstes Kapitel. 

niedergelassen hätten, lässt sich keinerlei Beleg erbringen. 
Audi in den Volkssagen ^) findet sich hierüber keine Spur. 

Die älteste liistorische Nachricht über Juden in Vorarlberg 
datiert aus dem 14. Jahrhundert und zwar aus der 
Stadt Feldkirch. 

Die Bestimmungen des noch im Originale erhaltenen 
„Feldkirch er Stadtrechtes" '^) bilden die älteste historische 
Quelle über Juden in Vorarlberg. 

Das „Feldkircher Stadtrecht" bildet seinem Haupt- 
inhalte^) nach, der an Hand des vorangehenden Registers 
genau festgestellt werden kann, eine Sammlung von aus ver- 
schiedenen Jahren des 14. Jahrhunderts stammenden Be- 
stimmungen. Ein Zeitpunkt der Zusammenstellung ist im 
Stadtrechte selbst nicht angegeben, dagegen finden sich bei 
einzelnen Bestimmungen Jahreszahlen oder die Namen der 
regierenden Grafen, unter denen sie erflossen sind. Lässt sich 
nun so wohl der Zeitpunkt einzelner Verordnungen fest- 
stellen, so fehlt dagegen jede Grundlage für eine genaue 
Fixierung des Zeitpunktes der „Anlage" des „Stadtrechtes". 
Mones Annahme für die Zeit von 1318 — 1333, weil Eingangs 
die Brüder Bischof Rudolf und Graf Ulrich von Montfort ge- 

^) YonbuTi, die Sagen Vorarlbergs, 2. Ausgabe von Prof. Sander^ 
Innsbruck 1889. Es sei denn, dass man die drollige Sage (das. S. 97) 
von Ahasver, dem ewigen Juden, der sich von Zeit zu Zeit in Lustenau 
blicken liesse, zuletzt bei Gevatter Jakobus übernachtet hätte und beim An- 
blicke eines Kreuzes davongelaufen sei, für eine solche Spur nehmen wolle. 

^) Abgedruckt und mit einer einleitenden Besprechung versehen 
vom verdienstvollen Direktor des Karlsruher Landesarchives J. Mone in 
der von ihm hgg. „Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins", Karls- 
ruhe 1868, Bd. 21, S. 129—171. Das Original, ein schön ausgestattetes 
Pergament-Manuskript, befindet sich im Stadtarchive in Feldkirch. 

') Diese Scheidung des ursprünglichen Kernes von den späteren 
Zusätzen im „Stadtrechte" an Hand des Registers hat Mone a. a. O. über- 
sehen. Das ßegister schliesst mit Nr. 132 (die 4. der angeführten Ver- 
ordnungen wegen Juden) und gestattet die Schlussfolgerung, dass das „Stadt- 
recht" bei seiner Abfassung nur die dem Register folgenden 15 Blätter 
umfasste, während alles Folgende, das bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts 
reicht, als späterer Zusatz zu betrachten ist. Auch die dem Register 
vorangehenden Seiten erscheinen zu solchen Nachträgen benützt. Die 
bei Mone a. a. 0. erscheinende Einteilung in Titelnummern und Para- 
graphen findet sich im Originale nicht. Mones Annahme, dass die Samm- 
lung des Stadtrechtes erst 1376 — 1390 geschah, erweist sich, soweit das 
ursprüngliche Stadtrecht, das die ersten 132 Punkte umfasst, in Frage 
kommt, als unhaltbar. 



Das „Stadtrecht" von Feldkirch. 3 

nannt werden, ^) ist nicht aufrecht zu erhalten, weil das „Feld- 
kircher Stadtrecht" ursprünglich keiu Buch war, in das nach 
und nach die jeweils erfliessenden Verordnungen eingetragen 
wurden, vielmehr scheint das Inhaltsregister zu bekunden, dass 
zu einem gewissen Zeitpunkte all jene bereits bestehenden 
Verordnungen, welche die ersten 132 Punkte, die allein das 
Register zu kennen scheint, ^) umfassen, niedergeschrieben 
wurden. Kann also schon von einer eigentlichen „Anlage" 
nicht gut gesprochen werden, so zeigt der Inhalt der ersten 
132 Punkte, dass die Sammlung derselben in die Zeit nach 
1333 gesetzt werden muss. 

Die Feststellung des Alters der einzelnen Punkte im 
„Stadtrechte" sowie des Zeitpunktes seines Abschlusses in 
seinem ursprünglichen Umfange (bis einschl. P, 132) ist für die 
Zwecke dieses Buches insofern besonders wichtig, als wir da- 
durch erfahren, wann die Verordnungen wegen der Feldkircher 
Juden erlassen wurden, resp. wann im 14. Jahrhundert Juden 
in Feldkirch gewohnt haben. 

Im „Stadtrechte" aber findet sich über Juden Folgendes: 
Fol. III b. (Mone: Tit. 36): 

„AVer ainenjuden schlecht, ald ob ainjud ainen 
cristen schlug. 

Man hat och gesetzt mit unser herren graf Hugs und 
graf Rudolfs willen, wer ainen Juden schlecht, der 
hie zu Veltkilch burger ald burgers sun ist, an gewaffnet 
band, der sol das richten dem ammann mit ainem 
pfund, der statt mit 10 ß und dem cleger och mit 10 ß. 



^) Das „Stadtrecht" beginnt: „Dis sind gesetzten der statt zu Lindau, 
die haben wir bischoff Rudolff und graf Ulrich von Montfort und och 
wir der ammann, der rat und die burger gemainlich zu Veltkilch durch 
unser statt eren und durch gutz frides willen och uffgesetzet." 

^) Das dem „Stadtrecht" vorangebende Register beginnt: 

„Hiendch sind nämlich gemerkt und verzeichnet die stukk und capittel 
der gesetzten, der Ordnungen und rechtungen, so die statt zu Veltkilch 
hat. Wie man da ein jeglich stukk und capittel nach zal der bletter 
die mit rubrik daby geschrieben stat,uif das kürzest suchen und finden soll." 

Blatt XII, das im Stadtrechte fehlt, fehlt auch im Register, ein 
weiterer Beleg dafür, dass das ursprüngliche Stadtrecht nur die 132 
Punkte des Registers iimfasste. 



4 Erstes Kapitel. 

Schlug och ain jud ainen cristen, ob der Jud och 
burger ald burgerssun ist, der sol es och glich iu solich 
schuld uud buss ricliten. 

Und sol inen das recht behalten sin zu baider syt, 
ob ainer das an den andern bracht mit red ald mit 
werkken, und die burger darumb ertaillent, das si recht 
dunk, das es sämliche red oder werk sygint, das er 
darumb die buss billich für den geben soll, der in denn 
geschlagen hat." 

Diese Verordnung wurde zweifellos zvv'ischen 1346 und 
1359 erlassen, zu welcher Zeit die beiden Brüder Hugo und 
Rudolf zusammen die Herrschaft Feldkirch besassen, ^) die 
ihnen ihr SOjähriger Onkel von väterlicher Seite, Ulrich von 
Montfort, im Jahre 1346 abgetreten hatte. Ulrich, der den 
beiden Söhnen seiner Schwester, Albrecht dem älteren und 
dem jüngeren von Werdenberg, seine Herrschaften hinterlassen 
wollte,^) wurde hierauf von den Grafen Hugo und Rudolf 1343 
in Gefangenschaft gesetzt. Das dies 1343 und nicht 1341, 
wie Vanotti zitiert, geschah, ja dass überhaupt dieser 
erste Versuch Ulrichs seine Neffen von Feldkirch- 
Tosters zu enterben der eigentliche Grund seiner 
strengen Haftsetzuug war, nicht aber die von Zösmair 
ausgesprochenen Vermutungen, bestätigt eine Notiz in 
der Schatzregistratur in Innsbruck^) v.J. 1343, die sich sicher- 
lich auf die Abmachungen zwischen Ulrich von Montfort und 
seinen Schwestersöhnen, *) den beiden Albrecht von Werden- 



') Vanotti, Grafen von Montfort, S. 76 if. Vgl. auch Mone a. a. 0. 
S. 130. 

'^) Dieses Vorganges wird nur bei Vanotti a. a. 0. gedacht, nicht 
aber bei Zösmair, Grafen von Montfort und Werdenberg, XXII. und 
XXIII. Jahresbericht der Feldkircher Mittelschulen, 1877 und 1878. Da- 
selbst S. 24 meint Zösrnair, dass der alte Ulrich von seinen Neffen ge- 
fangen gesetzt worden sei, weil er ihren unbilligen Geldforderungen nicht 
entsprochen habe. Dies klingt weit weniger wahrscheinlich als Vanottis 
so ausführliche Mitteilung über Ulrichs ersten Versuch seine Neffen 
von Feldkirch-Tosters zu enterben. 

*) K. K. Stadthalterei-Archiv in Innsbruck, Schatzregistratur, Bd. IV, 
S. 564. Auch bei Weizenegger-Merkle, Geschichte Vorarlbergs, II, S. 34 
angeführt. 

*) Vielleicht eben der Umstand, dass diese Vereinbarungen nie zur 
Tat wurden, erklärt es, dass bei Vanotti dieses Urtlbriefes von 1343 keine 
Erwähnung geschieht. Für diese Notiz in der Schatzregistratur ist über- 
haupt nur so Unterkunft zu finden. 



Juden in Feldkirch, 5 

berg bezieht, und die zugleich weitere Kunde von Juden in 
Feldkirch zu jener Zeit gibt: 

„Ein urtlbrief von fünf schidlewten zwischen graf 
Albrecht von Werdenberg, berrn zu Bludentz und graf 
Ulrichen von Montfort, herrn zu Feldkirch von wegen 
graf Albrecht eigene leut, auch der Juden und 
Jüdin abzug von Feldkirch gen Bludentz darin 
gemelt wirdet, das die von Feldkirch gegen graf Ul- 
richen von Montfort verschrieben seyen, welcher bürger 
von Feldkirch on des herrn wissen und willen ziehe, 
das denselben seinem herrn sein gut verfallen sei." 
Es war dies aber, wie gesagt, nur einer jene zwischen 
Ulrich und seinen Schwesternsöhnen getroffenen Verein- 
barungen, die seine Brudernsöhne vereitelten. Denn die 
Juden blieben ja, wie das Stadtrecht zeigt, unter Ulrichs 
nächsten Nachfolgern noch in Feldkirch, wie auch von Juden- 
ausiedlungen in Binden z vor dem 17. Jahrhundert nichts 
zu eruiren ist. 

Wenn auch die in der oben angeführten Verordnung ge- 
brauchte Bezeichnung von Juden als „Burgern" keineswegs 
in dem heute üblichen Sinne zu nehmen und darunter nichts 
weiter als die Bewilligung zu verstehen ist, in der Stadt zu 
wohnen, in welchem Sinne sich dieses Wort zu jeuer Zeit viel- 
fach bei Juden findet,^) so spricht doch aus der ganzen Be- 
stimmung ein gesunder Rechtssinn auch gegen die Juden, der, 
besonders aus jener Zeit, wohltuend wirkt. 

Weiter heisst es im „Stadtrecht" Fol. Xlllb. (Mone: 
Tit. 119): 

„Ob ainer stirbt, der ains Juden bürg ist. 
Ist och, das ainer stirbt, der ains Juden bürg ist, kunt 
denn der jud zu sinen erben mit ainem schinpfand umb 
galt, damit sond sie erben och nichts zu schaffent haben, 
won das der jud das schinpfand verköffen mag nach 
der statt recht." 
Fol. XV a (Mone: Tit. 131): 

„Der Juden aid. 
Der jud sol die rechten band legen untz über die risti 
jn die fünf buch Moysi und sol das buch zutun und 



') So 1401 bei den Juden von Konstanz. Vgl. Löwenstein, Ge- 
schichte der Juden am Bodensee, 1879, S. 34 und S. 120, Anhang 29. 



6 Erstes Kapitel. 

sol die hand darinii sind, und sol der jiid schweren und 
also sprechen: bei der e und gesetzt, so got gab Moysi 
uff dem berg Synay, so bin ich des unschuldig", ald 
wes er denn schweren soll. „Also bitt ich mir got ze 
helfent.« 
Fol. XVa (Mone: Tit. 132): 

„Auf welu pfand Juden nit lyhen soad. 
Die Juden hand och die fryghait, das sie uff alle pfand 
lyhen megent, sie sygint dubig oder robig, ussgenommen 
dryger layg pfand, das sind zerbrochen kelch, blutig ge- 
wand und nass hüt." 

Mit dieser letztangeführten Bestimmung (Mone : 132) 
schliesst das Register und wohl auch das Stadtrecht nach 
seiner ersten Zusammenstellung, die nur die ersten 132 Punkte 
umfasste, und die demnach zwischen 1346 und 1359 anzu- 
setzen ist. ^) Nach 1359 ist keiner der Punkte 1 — 132 incl. 
zu setzen,^) so mancher aber früher, wurde jedoch erst zur 
Zeit der beiden Graf Hugo und Rudolph niedergeschrieben. 
Alles im „Stadtrechte" dann Folgende wurde später hinzu- 
gefügt, handelt aber nicht mehr von Juden. Von diesen ver- 
liert sich überhaupt bald jede Spur in Feldkirch, woraus zu 
schliessen ist, dass ihre Zahl überhaupt nur eine sehr ge- 
ringe war und dass die österreichischen Erzherzoge, die 
seit 1390 Feldkirch besassen, den Juden, wie manch andere 
Ereignisse an anderen Orten zeigen, nicht immer wohl- 
gesinnt waren. Vielleicht auch, dass die Juden im Laufe des 
15. Jahrhunderts aus der Stadt Feldkirch ausgewiesen wurden 
und sich vor derselben, in Heiligenkreuz, wohin manche Nach- 
richten weisen, niederliessen. In allen Fällen aber handelte 
es sich nur um eine kleine Anzahl von Juden, deren Spuren 
sich bald verwischten. 

Unter keinen Umständen aber kann die, meines Wissens 
zum ersten Male von Löwenstein ^) aufgestellte, Behauptung, 

^) Das Register geht, wie schon erwähnt, dem „Stadtrecht" voran, 
setzt also das Bestehen der folgenden Bestimmungen voraus, was übrigens 
die einleitenden Worte zum Register betonen. Vgl. die Anmerkung S. 3. 

-) Die Meinung Mone's, a. a. 0. S. 130, dass jene Titel, in denen 
Rudolf IV. allein erwähnt wird, zwischen 1359-1375 zu setzen seien, 
widerlegt Titel LXXXIV., der Rudolf allein erwähnt und das Datum 
1357 trägt. 

^) Löwenstein, Geschichte der Juden am Bodensee, 1879, S. 100 
und 103. 



Waldkirch und Feldkirch. 7 

däss 1348/49 aus Anlass des schwarzen Todes (Pest) eine 
Judenverfolgung in Feldkirch stattgefunden habe, aufrecht 
bleiben. Hier liegt vielmehr eine wahrscheinliche Verwechselung 
von Waldkirch im Badischen mit Feldkirch in Vorarlberg vor. 
"Wohl bringt das „Martyrologium des Nürnberger Memor- 
buches"^) unter nSTl^ nrit: an erster Stelle: |y^n"'pt2'?V'1% 
das aber im deutschen Texte 2) sehr richtig mit „Waldkirch" 
wiedergegeben erscheint. Auch bei Heinrich v. Diessenhofen^): 
„Et XII Cal. Febr. in Messkilch et in Veltkilch" ist neben 
Messkirch das ebenfalls im Badischen gelegene, ehemals zum 
Fürstentume Fürstenberg gehörige Waldkirch gemeint. 

Für das Vorarlberger Feldkirch ist bisher keinerlei Be- 
weis erbracht worden. 

Dagegen aber sprechen folgende triftige Gründe: 

1. Ist Vorarlberg, oder doch Feldkirch in den Jahren 
1348(49 von der Pest verschont geblieben. 

2. Berichtet Prugger, der Chronist Feldkirchs, überhaupt 
nichts über Judenverfolgungen in Feldkirch. 

3. Findet sich keinerlei Spur von solchen in den 
einschlägigen Stadt- und Landesarchiven oder 
gedruckten Werken. 

4. War Feldkirch damals Montfort'scher Besitz und der 
Historiker dieses Geschlechtes, Vanotti, sonst über die 
Beziehungen desselben zu Juden gut unterrichtet, er- 
wähnt nichts von einer Judenverfolgung. 

5. Ward auch das badische Waldkirch im Mittelalter Velt- 
kilch geschrieben, so dass dieses gemeint sein dürfte. 

6. Fand 1349 aus Anlass der Pest wirklich eine be- 
deutende Judenverfolgung in Waldkirch statt.*) 

Keinesfalls aber ist das Vorarlberger Feldkirch 
gemeint. Vorarlberg war für die erbärmlichen Anklagen 
wegen Brunnenvergiftung oder Ritualmord niemals ein ge- 
eigneter Boden. 

Allerdings finden wir den Namen der Vorarlberger Stadt 
Feldkirch in einer glücklicherweise als Schwindel aufgedeckten 



1) Herausgg. von Dr. Sigm. Salfeld, Berlin, 1898, S. 69 hebr. Text. 

^) ib. S. 250. 

') Höfler, Beiträge zur Geschichte Böhmens, Prag 1864. 

*) Ausführliches in der „Hist. pol. u. kirchl. Beschreibg. des Amts- 
bezirkes Waldkirch" von Pfarrer Hummel, Waldkirch 1878, S.66ff. Auch bei 
Schreiber, Urkundenbuch der Stadt Freiburg, Levin, Juden in Freiburg u. a. 



g Erstes Kapitel. 

Ritualmord-Affaire im 15. Jahrhundert genannt. Doch spielt 
auch hier die ganze Tragödie im Badisclien und nicht Vor- 
arlbergischen. 

Nach den von Dr. J. Marmor, städtischem Archivar in 
Konstanz, im V. Hefte der „Schriften des Vereins für Ge- 
schichte des Bodensees und seiner Umgebung", 1874, ver- 
öffentlichten „Urkunden-Auszügen zur Geschichte der Stadt 
Konstanz" stellt sich die Begebenheit in Kürze also dar. ^) 

Im Jahre 1443 vs'crden die Konstanzer Juden wegen an- 
gebliche Marterung eines christlichen Knäbleins in A hausen 2) 
in Konstanz gefangen gesetzt. Am 10. August ordnet König 
Friedrich III. an, die Juden, als kaiserliche Kammerknechte, 
der Haft zu entlassen und die Entscheidung von Hofe abzu- 
warten, wohin etliche von der Stadt und den Juden zu senden 
seien. 1444, 17. Jänner schickt König Friedrich III., ,.eine 
Commission und etlich Kundschaft von der Juden wegen, die 
zu Veldkirch und Costentz gefangen liegen", nach 
Konstanz und verweist die Geschichte vor den Markgrafen von 
Baden. 1444, 19. Jänner erfolgt eine königliche Verordnung wegen 
300 Gulden Rheinisch, die die Leute vonBregenz den in Konstanz 
gefangenen Juden schuldig waren. 1444, 15. Juli eine weitere 
Verordnung in gleicher Angelegenheit. Diese scheint sich 
dann in die Länge gezogen zu haben. 1447, 18. Oktober: 
„König Friedrich zeigt dem Burgermeister und Rat zu Costentz 
an, dass er das Recht zwischen Conrad Schmid von Merspurg 
einesteils und Jakob dem Juden von Veitkirch samt 
andern zu Costentz gefangen liegenden Juden anderer- 
seits, seinem Bruder Herzog Albert von Oesterreich zu völligem 
Ende und Austrag anstatt seiner befohlen habe." Am 2. April 
1448 endete die Geschichte mit vollständigem Freispruch der 
Juden, ihrer Haftentlassung und Rückgabe ihres Vermögens. 
Der Quitbrief der endlich erlösten Juden ^) beginnt: „Wir 
nachbenannte Jakob und Gabriel Levi, Salomon und Joseph, 
gebrüder wilent Salmons sune von Rynfelden, Gabriel Trevies 
ir vogt. Mänli Treviess syn bruder, Abraham jud von Colmer, 
Schmul Eberlins Juden sune von Wintertur und Joseph der 
jud Mathis Juden sune, als wir denne alle by ziten zu 



1) Auch bei Löwenstein, Geschichte der Juden am Bodensee und 
Umgebung 1879, S. 44 ff. 

^) Nach Löwenstein a. a. O. Ahausen bei Meersburg. 
') Abgedruckt bei Löwenstein, a. a. 0., S. 133 ff. 



Juden in Feldkirch. 9 

Costeuz gesessen und dasei bs burger gewesen sind. ." 
Hier also ist klar ausgesprochen, dass alle Angeklagten in 
Constanz wohnten, Konstanzer Bürger waren, wie auch das 
angebliche Verbrechen nicht auf Vorarlbergischem Boden ge- 
schehen war. Jener Jakob Jud wurde wahrscheinlich in Feldkirch, 
wo er sich eben auf seinen Handelszttgen aufhielt, verhaftet.^) 

Auf den gleichen Fall nimmt auch eine Notiz in der 
handschriftlichen Konstanzer Chronik von Zündelin ^) Bezug, 
wo es heisst: „also griff man zu den Juden in Konstantz, 
Schafhusen und Veldkirch . . .". 

Ist es nun an sich noch fraglich, ob das erwähnte Feld- 
kirch^) überhaupt jenes in Vorarlberg ist, so kann überhaupt 
der ganzen Geschichte nicht mehr entnonmmen w-erden, als 
dass der Kon stanz er Jude Jakob in Feldkirch verhaftet 
und nach Konstanz abgeführt wnirde. 

In Feldkirch selbst aber ist die Ritualmord-Schwindelei 
niemals von Judenfeinden fructifiziert worden. Auch nicht 
die leiseste Andeutung hierüber findet sich in den einschlägigen 
Werken oder Archiven, trotzdem Chroniken und fortlaufende 
Berichte noch aus weit älterer Zeit vorliegen. 

Vorarlberg ist das einzige Kronland Österreichs, 
das niemals durch die allenthalben von der Bosheit 
erzeugte, dem Fanatismus verbreitete und der Dumm- 
heit geglaubte infame Lüge des Ritualmordes ge- 
schändet und entweiht worden ist. 

Dies sei jedoch nicht etwa zum Lobe der Vorarlberger 
Juden hier konstatiert. Eine Ritualmord-Anklage gegen Juden 
ist, war und bleibt zu allen Zeiten eine bewusste Infamie; 
sei sie gegen welche Juden immer auf dem weiten Erdenrunde 

') Demnach erweisen sich alle von Gutmann in der „Xeuzeit" a. a. 0. 
an diese Aifaire geknüpften Folgerungen als hinfällig. 

*) In der Thurgauer Xantonsbibliothek in Frauenfeld. Mitteilung 
des Herrn Dr. Löwenstein in Mosbach. 

') Ebenso ist Waldkirch gemeint in einer Steuerliste von 1438: 
(Geiger, Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, III, 127) 
„Item zu Costenncz, Zurch, V^eltkirch und Schaffhausen 9000 Gulden ..." 
Auch hier genügt die Zusammenstellung der einander insgesamt benach- 
barten Orte, um auf Waldkirch zu verweisen. Desgleichen im „Nürnberger 
Martyrologium" bei Salfeld, S. 83 . . . 7VJi''b"iy"^1*< IIDT^" 

Vgl. auch Dr. Pfaffs ^litteilungen aus dem Freiburger Stadtarchive 
in seiner Zeitschrift „Alemania". 



10 Erstes Kapitel. 

erhoben. Wohl aber sei dies zum Ruhme des Laudes uud 
seiner christlichen Bewohner konstatiert, die für solch albernes 
Lttgenzeug zu verständig und zu nüchtern waren. 

Irgend eine Spur von einem solchen Prozesse oder einer 
solchen Anklage gegen Juden in Feldkirch müsste sich doch 
in Stadt oder Land erhalten haben. Auch würden im 17. und 
18. Jahrhundert, da, wie in diesem Buche noch gezeigt werden 
wird, Eingaben von Gegnern der Juden die Landesbehörden 
viele Jahre beschäftigten, Hinweise darauf aufgetaucht sein. 
Wahrscheinlich ist vielmehr, dass im 15. Jahrhundert 
überhaupt Juden in Feldkirch nicht mehr wohnten. Die 
Tradition weiss zu berichten, dass sie in dem hart an Feldkirch 
gränzenden Heiligenkreuz ihren Wohnsitz gehabt haben sollen. 
Doch ist auch hierüber Sicheres nicht mehr festzustellen. 

Prugger weiss hierüber, ohne den älteren Chronisten zu 
nennen, nur ein heiteres und ein ernstes, von ihm selbst 
angezweifeltes Geschichtchen zu erzählen. 

„Im 1380. Jahr am Abend vor St. Martini fieng der 
Korb bey der Mühlin zu Veldkirch 9 Yllanken klein 
und gross, am Morgen frühe, mithin auch einen Priester 
und einen Juden: Dass geschah also: Da man die Fisch 
wolt herauss nemmen, stuende der Priester und Jud auf 
der Thenn, über welches das Wasser abzufallen pflegt, 
waren beyde voll Wunder so vieler Fische, under dessen 
hat ein Bösswicht, welcher der Flach genannt, den Laden 
gezogen, dahero wurffe das Wasser den Priester und 
Juden in den Korb, wurden aber erretet und herauss- 
gezogen, als dann hatte man allerhand Fisch." — ^) 
Ungleich ernster klingt dagegen das zweite Geschichtchen. ^) 
„Ungefähr Anno 1606 hat eine ehrliche Frau allhier 
dero Kind, ein Söhnlein, verloren, welches, nachdem sie 
nach etlichen Tagen nicht erfragen noch erfahren können, 
ist sie voll Trauer und Leid vor besagtes Bild (in der 
Feldkirch er Pfarrkirche) gegangen und kniend aus 
grösstem Trost also geredet: Maria, du Mutter Gottes, 
zeig mir, wo mein Kind sey, oder ich nimm dir dein 
Kind! Worauf das Bild geantwortet: Gehe zum Thor 



1) Prugger'sche Chronik, 3. Aufl.; Feldkirch 1891, S. 23. Vgl. Prof. 
Zösmair „Zur Geschichte der Fischerei in der 111", Feldkircher-Zeitung, 
Jahrgang 1886, Nr. 95. 

^) A. a. 0. S. 65. 



Juden in Bregenz. 1 1 

hinaus über die Brück, in einem Haus wirst es finden. 
Sie eilte nach H. Kreuz (allvvo damals die Juden wohnten), 
ginge in das nächste Haus, und fände, dass ihr Kind 
schon todt in einem Kessel gesotten wurde. Worüber 
die Thäter ihre Strafe empfangen haben. Dieses habe 
ich von Leuten, welche es gehört, von denen, die damals 
gelebt haben. 

Lasse es doch an seinen Ort gestellt sein." 
Hält es nun der kaum 80 Jahre später schreibende 
Chronist für seine Pflicht, mit seinen Zweifeln an dieser 
kannibalischen Mär nicht zurückzuhalten, so verdient dieselbe 
vor der ernsten Forschung gewiss keine Beachtung. 

Über weitere nennenswerte Ansiedlungen von Juden in 
Vorarlberg vor 1617, finden sich keinerlei Berichte.^) 

Es waren eben nur Handelsjuden aus dem benachbarten 
Schwabenlande und der Schweiz, die Vorarlberg vor 1617 
vorübergehend durchzogen, nicht aber sich auch hier uieder- 
liessen. Denn die Verhältnisse jener Zeit brachten es mit 
sich, dass Juden nur da eine Ansiedlung wagten, wo sie sich 
unter dem direkten Schutze eines im Orte selbst residierenden 
mächtigen Herrn wussten. Daher auch das Verschwinden von 
Juden in Feldkirch nach dem Tode des letzten Grafen von 
Montfort-Feldkirch. 

In der 

Stadt Bregenz 

haben um die Mitte des 16. Jahrhunderts wahrscheinlich Juden 
gewohnt. Dies ist dem im Jahre 15^9 der Stadt und den 
Herrschaften Bregenz und Hohenegg vom Kaiser Ferdinand 
erteilten Privileg, dass sich daselbst „weder ein Jude noch 
eine Jüdin unter keinem Vorwand sesshaft machen dürfe",-) 
zu entnehmen. Nach diesem Privileg, ^) das eingehend über 
den Wucher der Juden und Jüdinnen, die Übervorteilung der 
Untertanen in Stadt und Land klagt, werden diese angewiesen 
all ihre geschäftlichen Verbindlichkeiten gegen die Juden zu 
lösen und in Zukunft ohne Vorwissen der Obrigkeit keinerlei 



*) Die sogenannte Judengasse in Hard bei Bregenz führt nach 
Mitteilung des dortigen Gemeindevorstehers Kölbl ihren Namen nach 
einem dort befindlichen sehr alten Gasthofe, in dem Juden auf ihren 
Handelszügen einzukehren pflegten. 

*) Weizenegger-Merkle, a. a. O., III, S. 357. 

*) Abschrift im Landesarchive in Bregenz, Faso. II, Nr, 99. 



]2 Erstes Kapitel. 

Geschäfte, auch nicht durch Vermittlung eines Christen, mit 
diesen mehr zu machen. Leider fehlt ein Blatt oder Bogen 
in der Bregenzer Abschrift, doch gibt das Rubrum Aufschluss 
über den Inhalt der Urkunde : 

„Collationierte abschrift der kö. kay. ajt. . . gegebenen 
freyhait vnd begnadiguug. Welchergestalt ir kay. ajt. 
die burger vnderthanen vnd einsessen bayder herschafften 
Bregentz vnd Hohenegg von statt vnd land wider die 
Juden gnedigist exinirt vnd befreit haben. 

Auf dto. 1559. jar." 
Den vorhandenen drei Seiten der Urkunde ist allerdings 
nichts von einer Ausweisung, sondern nur das Verbot des 
Handelstreibens mit Christen ohne Vorwissen der 
Obrigkeit zu entnehmen. 

Stellt doch auch schon der Umstand das Privileg einer 
dauernden Judenausweisimg in Frage, dass schon 1584 Wolf, 
Montfort'scher Schutzjude in Langenargen am Bodensee, dessen, 
als geistigen Urheber der Hohenemser Judenansiedlung, im 
zweiten Kapitel mehrfach gedacht werden wird, vom Erzherzog 
Ferdinand unter Aufnahme in dessen Schutz die Erlaubnis 
erhält, sich in der Herrschaft Bregenz ansässig zu machen. 
„Wir Ferdinand etc. Bekhennen offenlich mit difsem 
brief, vnd thuen khundt meniglichen, das wir aus etlichen 
vns darzue bewegenden vrsachen, vnd besonndern gnaden 
wegen, Wolff Juden derzeit zue Wafserburg am Bodensee 
wonend, mit sambt seine mweibkhinndern vnd haufsgesünd, 
ire leib, haab vnd^üetter in vusere besondere genad, ver- 
spruch, schuz, vnd schirmb, genediglich aufgenomen vnd 
empfangen, unnd inen darzue vusere lanndtfsfürstliche 
freye sicherhait vund glait gegeben, daneben auch dise 
vveittere genedigiste bewilligung gethan haben, wann 
er Wolff jud über khurz oder lanuge zeit zue Wasser- 
burg nit mehr zuebleiben hette, oder sich sonnsten von 
dannen hinweg begeben wolte , dafs er sich allfsdann 
sambt seinem weib khinndern vnd gesund in vnnserer 
herrschafft Bregenz im gericht Hofstaig oder Hofrieden 
haufsheblichen nid thuen, vnd daselbs auf vnser guedigst 
wolgefallen wonen vnd bleiben, auch in: vnnd durch 
gemellte herrschaft Bregenz zolfrey handien vnd vvaudlea 
möge, doch solle er jud vnd alle die seinigen sich all- 
dieweil sy allso in unsern land vnd gebiet wohnen 



Juden in Bregenz. 13 

werden, gegen meniglich fridlich vnd beschaidenlich 

verhallten Vnnd zue dem allem vns jerlich vnd 

jedes Jahres besonnder von der zeit an, da er sich 
allso in vnser herrschaift Bregenz ziehen würdet, in 
vnnser ambt Bregenz fünf pfimdt pfennig beysüz oder 
schirmbgellt erlegen, vnd bezaalen solle. Vnnd wir 
gebietten hierauf allen vnd jeden vnnsern naehgesezten 
obrigkheiten, vögten, ambtleüth, vnderthauen vnd 
getrewen, was w^ürden, standts, od wesens die seyen, 
hiemit ernstlich vnd wollen, das ir offternannten Wolff 
Juden, sambt den seinigen wie obvermelt, bey disem 
vnserm gegebnen schuz vnd schirmb, auch anderer 
mitgetheilt genad vnd bewilligung vestiglich handthaben, 
vnd schüzen, vnnd niemandts gestatten, sy vnbillicher 
weise darwider zuetringen, solches auch selbs nit thuen 
in khein weifs, bei Vermeidung vnserer schweren vngnad 
vnd straff, einer beuanten peen nemblich zwanzig Marckh 
lötiges goldes vnnachlässlich zu bezalen. 

Das ist vnser entlichen wollen vnd meinung. 
Mit urkundt diefs brifs, verfertiget mit vnserem 
fürstlichen insigel. Geben in unserer statt Insprugg, 
den zehenden tag monats Juny, nach Christo vnseres 
lieben herrn vnd seeligmachers geburtt, in fünfzehn- 
hundert vier vndachtzigsten jar. 

Ferdinand. Hagenhauser." 

Wolf blieb jedoch damals in Wasserburg, wahrscheinlich 
weil die Stimmung der Herrschaft sich bald darauf günstiger 
für Jaden erwies, da sie sogar 1589 weitere Juden mit 
folgendem Schutzbriefe aufnahm: 

„Vff heut dato habendt die wolgeborne herren, 
herr Georg, der römischen kay: mayst: etc. reichfs- 
hofrath vnd cämerer, unnd herr Hanufs der erlauchten 
hoheit erzherzog Carl zue Österreich stath. vnnd lanndtfs- 
haubtmann in Steyr, für sich selbsten, vnnd innamen 
irer freündtlichen lieben gebrüed, herrn Anthonien der 
jungen fürsten in Bayern obristen hofmaister vnd herr 
Wolffgangen, als grauen zue Montforth, herren von 
Bregenz, zue Tetnang, Argen, vnd Wasserburg, etc. meine 
genedige herren, auf Jacob Juden doctors, so von 
Tannhausen, vnnderthenig anliallten vnd bitt, disen 
zwayen Juden, alls Jacob Juden jezt zue Biberach, 



14 Erstes Kapitel. 

unnd dann einem anderen Juden, den gemellter Jakob 
jud zue Tannhausen ^) ernennen soll, in irer genaden 
herrscliafften Argen, oder Wasserburg, haufsheblichen 
(doch nit änderst den, so lannge irer genaden gefellig.) 
zue wohnen genedig bewilligt, vnd vnder irer gnad 
schuz vnd schirmb genomen, dergestallt das gedachte 
zween Juden in geruerte herrschafften Argen, oder 
Wasserburg, von der zeit an zurechnen, wan sie ein- 
sizen werden, aller jerlich vnd so lanng inen darinn 
zuwon bewilligt würdt. jeder insonders zuerlegen vnd 
zuebezahlen schuldig sein solle, für schirmbgellt fünff 
thaller zue achtundsechzig kreüzer gerechnet, unnd 
allwegen auf Martini ain wolgemeste gannfs, vnd zwo 
geschopte leber, sonnst sollen sie die gemachte lanndts- 
ordnung der Juden halber aufgericht, vnd sonderlich 
diser puncte, das kheine Montfortische vndthonen liberal 
nichts, wenig noch viel, pfening noch defsselben werth 
bei inen entlehnen, auffnemen, versetzen, etc. ohne der 
herrschafft vnd derselben ambtleüth erlaubnüs, vor- 
wissen, wissen vnd gegen wertigkheit, vnuerbrichiglich, 
bei hoeher straft", hallten, vnd darwider in khein weifs 
noch weeg handien noch wandleu, das zue urkhundt, 
habendt obgemellte herren grafen von Montforth etc. 
ir gemein montf ortisch secret hierfür truekhen lassen. 
Geben zun Tetnang den sibenzehenden Augusti anno 
Christi im neünvndachzigisten." 

Alle sonst in Vorarlberg erwähnten Ansiedlungen 
von Juden, wie in Altenstadt bei Feldkirch, Sulz 
u. s. w. fallen in die Zeit nach 1617, dem Beginne 
der Geschichte der Judengemeinde in Hohenems, zu 
der wir nunmehr übergehen. 



') Dieses Jakob von Tannhausen, eines Vorfahren der Familie 
Dannhauser in Innsbruck, der sich später in Hohenems niederliess, 
wird im 2. Kapitel mehrfach gedacht werden. 

Über die vielfachen Geldgeschäfte der Grafen von Montfort mit 
Juden siehe bei Vanotti a. a. O. 



ZWEITES KAPITEL. 



Von der Einwanderung der Juden in Hohenems 
bis zu ihrer Vertreibung (1617 — 1676). 



Im JuU des Jahres 1617 Hessen sich die ersten Juden 
dauernd in Hohenems uieder und zwar war es der damals 
regierende Reiehsgraf Caspar^), der sie in seine Reichsgraf- 
schaft aufnahm. 

Die Vorgeschichte und interessanten Details dieser Auf- 
nahme dürfen hier umsoweniger übergangen werden, als bisher 
noch keine Silbe hiervon bekannt geworden ist und Vorarl- 
bergs Historiker, Weizenegger, Bergmann u. A., gez\yimgen 
waren, sich in diesem Punkte mit haltlosen Vermutungen zu 
begnügen/'') 

Im Januar des Jahres 1617 zogen mehrere Juden aus 
Rheineck auf ihren Handelsreisen durch Hohenems. Zu diesen 
äusserte sich nun Reichsgraf Caspar, er würde unter geeig- 
neten Bedingungen Juden in seine Herrschaft aufnehmen. In 
Anbetracht des überaus ökonomischen, sparsamen Sinnes des 
Grafen ist dieses tolerante Anerbieten oder auch nur Zu- 
stimmen des Grafen auf eine gelegentliche Anfrage dieser 
Juden sehr erklärlich. •"*) Die Rheinecker Juden trugen die 



') Weizenegger a. a. 0. II, S. 114 und 362 hat irrtümlich: Jakob 
Hannibal II. 

^) Um nur ein Beispiel anzuführen, bekennt Bergmann in seinem 
Aufsatze „Über Hohenems und die dortige Judengemeinde" in Kalten- 
bäcks „Österr. Zeitschrift für Geschichts- und Staatskunde" Jahrg. 1836 
Nr. 99, 100, nach seinem Gewährsmanne Joseph Pius Moosbrugger, Coo- 
perator in Dornbirn: „Man weiss nicht, woher die Juden zu- 
nächst nach Hohenems gekommen sind . . ." 

') Bergmann in seinem Akad. -Vortrage, II, S. 43 sagt: „Nicht zu- 
frieden mit seinen für jene Zeit sehr bedeutenden Einkünften nahm der 
haushälterische Herr im Jahre 1617 gegen Kopfsteuer Juden in seinen 
Markt auf ..." 



16 Zweites Kapitel. 

seltsame Mär weiter und schon kurz darauf schreibt ein ge- 
wisser Wolf aus Laugenargen am Bodensee, wo er schon seit 
vielen Jahren als gräflich Montfort'scher Schutzjude lebte ^), 
an den Grafen Caspar nach Hohenems, dass er vier Juden- 
familien wisse, die auf des Grafen Zusage hin bereit wären 
sich in Hohenems anzusiedeln. Selbe würden auch ein jähr- 
liches Schutzgeld entrichten ungefähr in der Höhe, in der er 
es in Langenargen zu tun habe, fünf Taler und zwei gemästete 
Gänse. Er erbat sich Bescheid, den er auch und zwar in 
zustimmenden Sinne erhalten zu haben scheint, denn schon 
am 15. März entwirft der Kanzler des Grafen Caspar, 
Dr. Schaleck, einen Schutzbrief für die in Hohenems anzu- 
siedelnden Juden. Dieser Entwurf wurde am 3. April unter 
der Mitwirkung und in Anwesenheit Wolfs von Langenargen 
wieder umgearbeitet. 2) Doch bevor Graf Caspar sich durch 
eine feste Zusage binden wollte, schickte er den Schutzbrief- 
Entwurf vom 3. April mit folgendem Begleitschreiben am 
5. April an seinen Bruder Marx Sittich IV., Fürsterzbischof 
zu Salzburg: 

.... „E. hoch kf. gnaden soll ich hiemit gehor- 
samst zu berichten nit umgehen, dass sich verwichene 
tag bei mir etliche Juden, so bisher und noch in der 
markgrafschaft Burgau gesessen, angemeldet mit 
anzaig, dass sie vernommen, dass allhier in dem markt 
Embs allerhand leut zu bewohnung und oeflfnung des- 
selben angenommen werden und da man sie mit erträg- 
lich conditionen annehmen wollte, wollte sich ihrer 8, 
10 oder 12 allhero begeben und allerhand commercien 
treiben, darauss der allhiesige wochenmark und anders 
zunehmen sollte. — Hab ich der sach etwas nachgedacht 
und einestheils in bedenken gezogen, ob dergleichen 
leut allhier anzunehmen und solches e. hochkf. gnaden 
und mir rentirlich wie auch gewissens halber verant- 
wortlich, e. hochkf. gnaden und mir auch solches nit 
nachher gebühren möchte, anderntheils hab ich daneben 
betrachtet e. hochkf. gnaden iiitres das ort bewohnt 
und bekannt zu machen, zu welchem vielleicht dies 
mit der geringsten mittel eines . . . ." 

1) Vgl. Kap. 1, S. 12f. 

'^) Daher bei Weizenegger und Anderen der Irrtum der Juden- 
ansiedlung vom 3 April. 



Einwanderung der Juden in Hohenems. 17 

Dann betont Graf Caspar in diesem Briefe weiter, dass 
die Juden ja in Rom und Prag, als den Metropolen der 
Christenheit, Aufnahme gefunden und verschiedene Privilegien 
erhalten hätten, deren Kopien er von den Juden erhalten 
habe und die er nun zur besseren Information beilege. Er 
habe sich zu einem Entwürfe der Conditioues herbeigelassen, 
jedoch nur mit dem Zusätze, dass die Juden erst nach Ab- 
lauf eines Monates Bescheid erhalten sollten. Einen solchen 
Entwurf lege er dem Fürsterzbischof vor, dem er die Ent- 
scheidung anheimstelle. Noch bemerkt er, dass die Juden 
vorläufig keine Gelegenheit zum Bauen hätten, er ihnen daher 
4 Häuser für 8 Haushaltungen bauen wolle, deren Kosten er 
mit fl. 2000 berechnet. Auch einen besonderen Platz ^) habe 
er bereits dazu ausersehen, damit die Thomprobstengasse 2) 
rein bleibe. 

Die Autwort des hochsinnigen Fürsterzbischofs scheint 
eine zustimmende gewesen zu sein, denn bald darauf wurde 
zwischen dem Grafen Caspar und Wolf von Langenargen 
vereinbart, dass ersterer jene 12 Juden in seine Reichsgraf- 
schaft aufnehmen wolle, die AVolf „erkiesen" werde. Am 
30. Juni schrieb noch Wolf an den Grafen, dieser möge den 
Schutzbrief unterschreiben, siegeln und gleichzeitig die Schutz- 
verpflichtung auch auf seine Nachfolger ausdehnen, was ihm 
aber in der am 1. Juli erteilten Antwort abgeschlagen wurde. 
Dagegen aber wurde der Schutzbrief nach dem Entwürfe vom 
3. April besiegelt. Noch im Juli kamen die ersten Judeu- 
familien nach Hohenems. Wolf selbst wollte vorerst noch im 
Montfort'schen Schutze in Langenargen verbleiben. 

Interessant ist folgende Notiz aus des Grafen oder eines 
seiner Beamten Hand, die ich unter den Akten jener Zeit 
im gräflich Waldburg-Zeilschen Archive in Hohenems fand, 
und die den Grafen vermutlich über die religiösen Besonder- 
heiten der Juden orientieren sollte: 

. . . „Von was Juden nit essen dürfen, fisch, die 
keine schuppen haben, kein blut von vieh, was nit koscher 
oder (unreine hat), alles was nit gespaltene klauen hat." 

*) Am Bache, in dessen Xähe heute noch die sogen. Israelitengasse 
sich befindet. 

*) So ward im Jahre 1605 die heutige Christengasse in Hohenems 
vom Grafen Caspar benannt zur Erinnerung daran, dass sein Bruder 
Marx Sittich damals die Würde eines Domprobstes zu Konstanz be- 
kleidete. Vgl. Hist. Einleitung. 



lg Zweites Kapitel. 

Ebenda findet sich auch folgendes Verzeichnis der auf- 
zunehmenden Juden: 

„1) Jakob jud von Pf ersehe (Pferrsee bei Augsburg) 
künftig ; 
2) 3) Josef und Moyses, gebrüder, Jakoben söhne,, 

aus Pferrsee; 
4) 5) Isak Dillkomm und sein söhn Aaron aus 

Immenstadt; 
6) 7) Esaias und sein bruder David aus Bins- 
wang(en); 

8) Schevtle, des Lazarus söhn aus Binswangen; 

9) David Natis aus Stockach. 

Item noch 4, die sollen inkünftig genannt werden. 
Über die 12^) Juden sind noch 2 als Wolf und 
Elias jud; die anerbieten sich ihro jeder jährlichen 
1 fl. zu geben, ob sie schon dieser zeit nit aufziehen, 
damit sie inskünftig aber aufziehen möchten, es wäre 
gleich über kurz oder lang und frei scliutz und schirm b 
zu Embs suchen." 

Wie nun aus Vorstehendem ersichtlich ist, kamen 
die ersten und, wie später gezeigt werden soll, auch 
die folgenden Juden zum weitaus grössten Teile aus 
der seit 1301 zum Hause Österreich gehörenden 
Markgrafschaft Burgau nach Hohenems. 

Was aber bewog die Burgau'schen Juden zu dieser Um- 
siedlung? 

Weizenegger^) bringt die Schwedenkriege mit dieser 
Judenwanderung in Verbindung, eine Behauptung, die nun- 
mehr urkuudenmässig widerlegt erscheint. 

Keinesfalls die ja erst mehrere Jahre später beginnenden 
Schwedenkriege wohl aber die dekretierte Ausweisung der 
Juden aus der Markgrafschaft Burgau im Jahre 1617 
war der Anlass zu ihrer Auswanderung. Ich lasse hier das 
Ausweisuugsdekret, das meines Wissens noch nicht zum Ab- 
drucke gelangt ist, in seinem Wortlaute folgen: 

„Wir Karl ^) etc. Demnach wir durch teglich 
einkhommende und vilfeltige klagen unserer im bezürk 



') Die Summe 12 ergibt sich, indem Jakob aus Pferrsee, nicht jetzt 
kommen sollte und deshalb auch nicht mitgezählt ward. 
"^j A. a. 0. I, S. 106. 
') Graf Karl von Burgau, Neffe des Kaisers Ferdinand II. 



Einwanderung der Juden in Hohenenis. 19 

der markgrafschaft Burgau gesessenen underthanen 
in geuuegsame erfahrung gebracht, wie höchlich sie 
vast ins gemain von der hochschädlichen und ver- 
derblichen Judenschaft ein lange zeit hero beschwerdt 
und mit übermessigen unleydenlichem wuecher als 12 
ja gar 20 und 25 per cento, sowohl denen gemainen 
beschriebenen rechten alss dess hayl. röm. reiches 
abschiden und wol sublicierten haylsamen pollicey- 
ordnungen strackhs zuwider, durch unbilliche zuesehung 
mercklich übernommen und vilmahls in eyserste armuet 
und verderben gebracht worden, auch dieselbe derraassen 
eingewurzelt, dass an etlichen orten die Juden mit der 
anzahl den Christen beynahe zue vergleichen. Allss 
haben wir sollichem unhail abzuhelften und gebürrende 
Wendung zuethuen nit umbgehen können und dero- 
vvegen im nechstverwichenen 1616. jar nit allein auf 
alle von gemainer judeuschaft gegen unseren christ- 
lichen underthanen praetendirende schulden ernstlichen 
fleiss inquirieren, auch derselben Ursprung und wie sie 
aufgeschwollen, vermithels ordentlicher liquidation er- 
forschen, sonder auch von angeregten schulden sowohl 
das bezalte als unbezalte Interesse bis zur zeit ange- 
stellter unserer inquisition auf 10 per cento ohne über- 
zins reducieren und abraitten lassen. Inmassen euch 
dessen ein ordentliche verzaichnuss und ausszug mit 
negstem solle zugestellt und ausser dessen nichts bezalt, 
sondern die darin nicht eiukhommeue schulden vermög 
unserer hievor gethanenen erclerung alss ipso facto 
verloren, genzlich aussgesetzt und im wenigsten darauf 
nit gesprochen oder von den underthanen bezalt werden. 
Hierum ben ist unser gnediger bevelh an euch, dass 
ihr demnexten nach überantwortung dieses mandats und 
überraichung erst besagter specification die ordentliche 
uneinstellige verfüegung thuet, dass mehrgedachte unsere 
underthanen ihre bey gemaine judenschafft gemachte 
schulden obangedeuter und abgeraittermassen, so bald 
alss ihnen immer möglich, entrichten und bezahlen, oder 
sovil sie anstehen lassen mit 5 per cento, allein von 
zeit obvermeldter inquisition und höheres nit verzinsen. 
Die Juden aber sambt und sonders, klein und gross, 
weib und mannsspersohnen, sovil sich deren in unseren 



20 Zweites Kapitel. 

gebietten auflialten, alles verneren contrahierens mit 
leihen, tausehen, khauffen oder verkhauffen und in all 
ander weg, wie das immer namen haben mag, bey ver- 
lierung der schulden und anderer, gegen ihnen sowol 
als den Christen unseren undertlianen, vorbehaltener 
straff sich durchauss bemüssigen. Wie nit weniger keine 
jar: oder wochenmärckhte zue solchem ende in unseren 
Stätten und fleckhen nit besuechen, sonder inner jars- 
frist unser markgrafschafft ßurgau bey Ver- 
meidung unser h ochsten ungnad und ansehnlicher 
unnachlehsslicher straff ganz und gar räumen, 
ihre darin habendte häusser und güetter verkauften und 
von sich wiirklichen transferieren. Die Christen auch 
zue beförderung diess werckhs die auf sie verkaufte hauss: 
und andere gütter, so ihnen zu zeiten unbillicherweiss 
verwaigert und abgestrickt worden, iimb die gebür an 
sich zue lösen, berechtiget sein. Jedoch die vermelte 
Juden ausser dessen biss zur verfli essung obbestimbten 
termins in unserem fürstlichen schuz und schirmb, kraft't 
neulichen befehls, verbleiben und erhalten werden sollen. 
Euch nochmahlen ernstlich bevehlend auf ein und 
anders euer hochfleissiges aufsehen zue haben, damit 
diser unser bevelh alles seines inhalts unfehlbarlich voll- 
zogen werde. 

Hierin beschieht unser endtlicher will und mainung 
und hat sich darnach menniglich zuerichten. Geben in 
unserer statt Günzburg den vierten tag monats Marty 
anno 1617. 

Ferd. Seydeck Carl." 

Die Vertreibung aus der Markgrafschaft kam allerdings 
damals nicht zustande. Und zwar war es der edle Fürst- 
erzbischof Dietrichstein von Kremsier, der sich bei seinem 
Gönner dem Kaiser Ferdinand IL, Onkel des regierenden 
Grafen Karl von Burgau, für die vom Schlimmsten bedrohten 
Burgauer Juden in einem Briefe ^) ddo. Kremsier, 22. Mai 1618, 
verwendete und später auch die vollständige erneute Be- 
stätigung ihrer Privilegien durchsetzte. Immerhin aber war 
der strenge Ausweisungsbefehl, verbunden mit dem Verbote 

^) Abgedruckt bei Frankl-Cxrün, Geschichte der Juden in Kremsier, 
I. Teil, Breslau 1896, Seite 21 u. Anm. — Auch in Ben -Chananja 
Jhgg. 2, Seite 180, doch hier mit dem irrtümlichen Datum 1638. 



Einwanderung der Juden in Hohenems. 21 

des Handels und Anordnung der Streichung der Schulden, 
genügend, um Viele zur Auswanderung zu bewegen. 

Am 1. Juli, nachdem der Schutzbrief unterschrieben war und 
die Ansiedlung der Juden in Hohenems bevorstand, teilte dies 
Graf Caspar seinen Unterthanen mit folgendem Decrete mit: 
„Wir Caspar, graff zu Hohen Embs, Gallara 
und Vaduz, herr zu Schellenberg, Thorenbüren 
und Lustenau etc. bekhenen öffentlich mit 
diesem brieffe und thuen khund mennigkhlich, 
das wir auss etliche unss darzne bewegende 
Ursachen, besonders weil wir unseren marckht 
Embs gern geöffnet und befördert sehen, Wolff 
Juden, derzeit zu Laugenarg am Bodensee 
weilend, auch zehn oder zwölff Juden, so er uns 
ernennen würdet, samrat dero weib, hab und 
gutem, in unser gnad, verspruch, schütz und 
schirmb gnediglich aufgenommen undauf mass 
und gestalt wie hernach volgt, empfangen 

haben " 

(Hier folgt der Wortlaut des Schutzbriefes.) 
.... „Und wir gebiethen hierauf allen und 
jeden unserer räthe, ober: und unter-ambt- 
leuth, auch unsern unterthanen, zugehörigen 
und verwandten, hiermit ernstlich und wollen, 
dass ir ofternannten Wolf Juden sammt den- 
jenigen, so er wie obvermeldt, uns ernennen 
würdet, bei diesen unsern gegebeneu schütz 
und schirmb, auch obstehender mitgetheilter 
gnad und bewilligung,vestiglichhandthaben und 
schützen und niemandt gestatten, sie unbillicher 
weise darwider zutring, solches auch selbst nit 
zu thun in khein weiss bey vermeydung unserer 
schweren ungnad und straff. Das ist unser 
endtlicher will und meinung. 

Mit urkhund diss brifs, so mit unser anhängendem 
gräflich insiegel verfertiget und geben ist in unserem 
pallast zu Embs den 1. Juli nach Christi geburt im 
1617 jar. Caspar." 

Der erste den Juden in Hohenems nach dem zweiten 
Entwürfe vom 3. April 1617 erteilte Schutzbrief hatte nach 



22 Zweites Kapitel. 

dem mir vorliegeuden mit des Grafeu Insiegel versehenen 

Originale folgenden Wortlaut: *) 

„Conditiones und bediugtnussen. 
Wie und was gestallt die Juden in dem gräflichen 
markht Embs, da sie sich liaussheblich darinnen nider- 
lassen würden, gehallten werden sollen. 

1. Erstlichen, sollen ihnen alle handtierungen, so den 
Christen erlaubt, vergundt.und zuegelassen sein, ess 
seie gleich mit tuech, sylbergeschirr, klaidern, khorn, 
wein, doch mit seiner beschaideuheit, wie im fünfften 
articul begriffen, und desgleichen, 

2. fürs ander, mögen sie auch gellt aussleichen, aber 
järlich in iro gg: graf: herrschaft'ten und Verwaltungen 
vom hundert guldin mehrers nit dann fünff guldiu zu 
zinss nemmen. 

3. Zum dritten, sollen inen Juden alle wuecher, so den 
Christen verpotten, in irergräfl: gg:graf: herrschafften 
und Verwaltungen auch abgestrickht sein, sie sollen 
auch macht haben, offene laden zuehalten, auch 
zuekhauft'eu, wass inen zuegetrageu würdet, ausserhalb 
schwaissigen khlaydern, nassen heutten und nassen 
tüechern, ungetröschtem khorn, kürcheugüetern, kelch 
und was zue der mess gehört und allen andern was 
wissentlich gestohlen gueth ist. 

4. Viertens, dess aussschlags halber mit ross und vieh, 
sollen sie ebeumessig wie andere underthanen gehalten 
werden, doch dass sie in solchem fahl dagegen die ge- 
maindstagwann wie andere gemaindssleuth, auch tragen 
und leiden, sollen sie zum wintern oder eigenthumbliche 
meder zu haben, nit obligiert sein. So mögen sie auch 
dagegen holz selbst hauen oder hauen lassen zu ihrer 
hausnotturft auch tach und gmach wie andere ge- 
maindsleuth und sonst andere der gemaindt 
nuzbarkeiten nüssen. 

5. Zum fünft'ten, mögen sie wein kauften, darauf leihen, 
und darmit hantieren, inner und ausser landts ires 
gefallens, jedoch mit dieser beschaideuheit, gegen ge- 
bürlichen umbgellt wie es andere underthanen bezahlen. 



^) Man vergleiche die verschiedenen Abweichungen von dem bei 
Weizeneggor a. a. 0. und nach ihm bei Bergmann und Scherer ab- 
gedruckten Schutzbriefe. 



Der erste Schutzbrief v. J. 1617. 23 

Sodann weil allhiesige herrschaft von Georgi biss Martini 
ire underthanen järlich mit wein versiebet, dass sie in 
solcher halben jarsfrist sich anders allss iro grfl. eigenen 
wein Äussschenken inn iro gfl. gn. graff: und herr- 
schafften genzlich bemüessigen. ausser landts aber damit 
schaffen und handien sollen und mögen nach bestem 
ihrem nuz und frumben. 

6. Zum sechsten, sollen sie ihrem selbst erbiethen gemess 
iro gfl. nuz fürdern, schaden wenden, auch sich inn 
alleweg dero gehorsamb, pottbar, gerichtbar und sonnsten 
verhallten wie andern underthanen zusteht. 

7. Sie sollen auch zum sibendten ihrer religion halber, 
(rausser ihrer heusser:) nit reden, thun und lassen, allso 
beschaidentlich hallten, dass daraus einicher underthan 
verführt, oder ärgernus empfachen möge, auch nichzit 
fiirnehmen, so der christlichen catholischen religion 
zuwider, und sovil ihr begräbnuss belangt, soll ihnen 
das orth aussgesteckt werden, dargegen sie wie anderstwo 
von einem allten, so mit todt abgeth, zween; und einem 
jungen kindt ain gülden zu bezahlen schuldig sein sollen. 

c5. Sie die Juden mögen auch zum achten in iren häussern 
Synagogen, schulen, Schulmeister irer religion gemäss 
haben und halten ohnverhindert meniglichs. Wann auch 
steittigkheitten under ihnen so ihr religion betrift't, für- 
fiehlen, mögen sie solches vor iren rabj nach irem 
gesetz und Ordnung wol aussrichten, doch der herr- 
schaftt an dero herrlich: und obrigkheit ohnnachtheillig. 
Sie mögen auch ahn irem sabbath und feuertag Christen 
bestellen, die inen ir haussheben verrichten. 

9. Zum neundten soll ein jed jud, so allhier in dem gräf- 
lichen niarckht Embss sich haussheblichen niderlesst, der 
herrschaft järlich zu schütz- und schirmbgellt bezalen 
zehen gülden samt zwey gemästen gänssen. Da aber 
der herrschafft underthanen inskhttnftig andere extra- 
ordinari ahnlagen dem reich oder in anderweeg bezalen 
sollten, sollen sie damit selbigen gleichgehalten werden, 
lö. Und weil zum zehendten allhiesiger marckht mit leuthen 
zimblicher massen besetzt und dahero dasg under- 
khommen in heussern um järlich zinss oder bestand- 
gellt schwärlich zu erlangen, allss soll auch einem 
jeden Juden seines gefallens zun bauen vergundt und 



24 Zweites Kapitel. 

zugelassen sein. Und sintemahl die materialia alss holz, 
khalch, sand. stein und dergleichen allhier umb zimb- 
lichen pfenning wol zuebekhommen, mögen sie Juden 
ire gebeue auch darnach richten, dass irer 2, 3 oder 4 
bey einanderen, so sie wollen, in einer behausung sitzen 
und wohnen khünden, zue wellichen gebeuen inen 
geraumbter platz eingeraumbt werden solle. 

11. Zum aylfften mögen sie in iren Heusern zu irer liauss- 
notturft metzgen und die hindere stuckh, oder wass 
inen abfeilt oder zue essen verpotten, anderwerths ver- 
khauffen. 

12. Sodann zum zwölfften, sollen sie dass ein- und abzugs 
halber gentzlich frey gehalten und desswegen von inen 
nichts abgefordert werden. 

Actum Embss, den 3. Aprilis 1617. 
(L. S.) Gräfliche Hohen-Embsische cantzley." 

Die Bestimmungen dieses ersten Schutzbriefes, der allen 
späteren zur Grundlage diente, erweisen sich, trotzdem sie 
in mehreren Punkten eine Erschwerung gegen den ursprüng- 
lichen Entwurf, der mir ebenfalls im Original vorgelegen, 
enthalten, dennoch als für jene Zeit und der damaligen 
Stellung und Behandlung der Juden im Deutschen Reiche 
als sehr milde. ^) Man braucht nur die Bestimmungen der 
berüchtigten alten Frankfurter „Judenstättigkeit" zum Ver- 
gleiche heranzuziehen, deren ebenso drückende wie entehrende 
Beschränkungen in Kleidung, Hantierung und Bewegung auch 
noch in der späteren vom Kaiser Mathias bei der Rückkehr 
der Juden nach Frankfurt und Worms erlassenen „Juden- 
ordnung" vom 3. Januar und 22. Februar 1617 enthalten 
sind. 2) Keine Vorschrift eines Judenabzeichens verunstaltet 
das so treffliche Charakterbild des Grafen Caspar von 
Hohenembs und den von ihm erteilten Schatzbrief; keine der 
engherzigen, und oft unmenschlichen Beschränkungen der 
„Judenstättigkeit" findet sich in diesem vor. Mit beson- 
derem Nachdrucke betonen die verschiedenen Verbote: „wie 



^) Grätz, Geschichte der Juden, Bd. 10, S. 29 sagt von jeuer Zeit: 
„In Deutschland besonders galt der Jude noch im 17. Jahrhundert wie 
vorher als ein verworfenes Geschöpf, für den es kein Mitleiden gab, den 
man mit Kot bewarf, dem man den Bart anzündete und den man fast 
noch schlimmer als einen Hund behandelte." 

-) Grätz, a. a. 0. u. ff. 



Der erste Schutzbrief v. J. 1617. 25 

andere Untertanen." Es war eine fast vollständige 
Gleichstellung der christlichen und jüdischen Untertanen, 
die sowohl dem Gerechtigkeitssinne des Grafen, wie auch 
seiner richtigen Erkenntnis von der Bedeutung der Nieder- 
lassung und der Bewegungsfreiheit der Juden für die Hebung 
und „Öftnung" seines Marktes Hohenems alle Ehre macht. 
Ja selbst eine Bestimmung über die Dauer des Schutzbriefes 
und seine periodische Erneuerung ist in demselben nicht ent- 
halten, was wie sjDäter gezeigt werden soll, in den von Nach- 
folgern des Grafen Caspar erteilten Schutzbriefen nicht mehr 
der Fall war. Nur des Grafen tolerantem Sinn, der keine 
Gasse seines Ortes als den Juden unzugänglich hinstellte, 
ist es zu danken, dass es in Hohenems niemals ein Ghetto 
im eigentlichen Sinne gab, wenn auch die Israeliten mit ihren 
Häusern allmälich eine besondere, parallel mit der Christen- 
gasse laufende, Gasse schufen. Die ersten Häuser hat Graf 
Caspar für die Juden selbst bauen lassen, die ihm dann pro 
Familie einen Mietzins zu entrichten hatten. Aufzeichnungen 
hierüber aus den ersten Jahren, in denen einzelne Juden- 
familien mit Mietsbeträgen von 28 bis 40 fl. jährlich verzeichnet 
sind, haben mir selbst vorgelegen. 

Die neuangesiedelten Juden gingen friedlich ihrem Ge- 
werbe nach, das hauptsächlich in Handelszügen mit ver- 
schiedenen Waren und im Viehhandel bestand. 1627, am 
19. März, wurde bei dem Silberwarenhändler Marx in Hohen- 
ems eingebrochen und eine Truhe Silbers, die Meister Adam 
aus Höchst bei dem Juden Marx verpfändet hatte, entwendet. 
Im „Bairischen" wurden später einzelne von dem Diebstahl 
herrührende Stücke gefunden. Mit Wolf von Langenargen 
scheinen die jüdischen Ansiedler in Hohenems immer in Ver- 
bindung geblieben zu sein, um so mehr als, wie bereits früher 
erwähnt, Wolf sich hier das spätere Ansiedlungsrecht erworben 
hatte. Im Jahre 1624 trat Wolf an Bartholome Schnell, 
der damals in Hohenems eine Buchdruckerei — die erste 
in Vorarlberg^) — in Betrieb hatte, mit dem Ansinnen 
heran, in dieser ein hebräisches Gebetbuch herzustellen. 
Auf Schnells Einwenden, dass er hebräische Lettern nicht 
besitze, riet ihm Wolf sich solche giessen zu lassen, er werde 



') Vgl. meinen Aufsatz „Das älteste Druckwerk Vorarlbergs" in 
der „Feldkircher Zeitung" Nr. 69 u. 70 vom Jahre 1900. 



26 Zweites Kapitel. 

ihm die Uukosten vergüten. Scliuell liess sieh hierauf wirk- 
lich einen Sehriftgiesser von Augsburg nach Lindau kommen. 
Doch kam das Unternehmen nicht zustande, weil Wolf von 
Langenargen bald darauf ermordet wurde. Nun klagte Schnell 
die Söhne und Erben des Wolf, David und Lazarus^ Schutz- 
juden in Hohenems, auf Zahlung der ihm aus dem Unter- 
nehmen erwachsenen Unkosten von Ü. 2'2. Jahrelang zog sich 
die Streitsache hin, indem zuerst die Beklagten zur Zahlung 
verurteilt wurden, dann aber in neuerer Verhandlung vor 
dem Reichsgrafen selbst, auf Grund eines Rechtsgutachtens 
des Landrichters in Rankweil, Dr. Johannes Dietrich, vom 
2. März 1643, der Kläger Schnell mit seiner Forderung abge- 
wiesen wurde, weil er für seine Vereinbarung mit Wolf 
weder Zeugen noch schriftliche Belege beizubringen im stände 
war.') 1659 wird noch ein zweiter Hohenemser Buchdrucker, 
Gregor Weibl, genannt, der in diesem Jahre, mit Hinter- 
lassung vieler Schulden und Pfänder bei den Juden, starb. 

Der von den Juden schwunghaft betriebene Ross- und 
Viehhandel gab aber schon wenige Jahre später Anlass zu 
kleinen Zwistigkeiten mit der Gemeinde. Gestützt auf Punkt 4 
ihres Schutzbriefes trieben die Juden ihr Vieh auf die Ge- 
meindeweideu. was aber seitens der Gemeinde mit der 
Motivierung beanstandet wurde, dass diese Weiden nicht von 
zum Verkaufe bestimmtem Vieh I)enut7,t werden dürfen. Mit 
folgender Verordnung vom Jahre 1632 entschied Graf Caspar 
zu Ungunsten der Juden: 

„Die Obrigkeit begert den Juden zuhallteu, was sie 
ihnen schriftlich versprochen, w^eil aber solch versprechen 
dahin geth, dass sie Juden dess aussschlags halber mit 
ross und vieh ge hallten werden sollen wie andere 
underthanen, anderen underthauen aber nit erlaubt ross 
und vieh auf die gemaindt zulassen, so sie wider ver- 
kauflfen wollen, sondern allein zu ihrer nottui-ft hauss- 
hallten , allsso kann ihnen Juden auf d gemaind ein- 
gewendte klag auch nit anders passiert werden, sondern 
da sie damit handeln wollen, werden sie solche auf 
dem ihrig zuhallten wissen, und daneben die wachten 



^) Die Akten hierüber befinden sich im gräflichen Archive in 
Hohenems. 



Reichsgraf Caspar v. Hohenembs. 27 

und anderes in diesem kriegswesen, ^) wie andere, 
errichten lassen oder darüber den kosten und schaden 
erleiden. Actum Embs, den 30. Augusti 1632. 

M. G. Wigelni, secretar. m. p." 
Dieses Verbot, das zum Weiterverkaufe bestimmte Vieh 
auf Gemeinde wiesen weiden zu lassen, traf die Juden hart, 
weshalb sie denn auch einen Vergleich anstrebten, der im 
Jahre 1638 zustande kam und zu einer Abänderung der 
Punkte 4 und 9 des Schutzbriefes führte. Auf dem im 
Hohenemser grfl. Archive befindlichen Originale findet sich 
folgender Anhang zum 1. Schutzbriefe von 1617: 

„Den 20. Marty 1638 sein von ihro gräflichen 
gnaden der 4*^ und 9. articul in obbeschribenen con- 
ditionibus und bedingnussea begriffen dergestalt moderiert 
worden, das die Juden, so sich in iro gräfl. gnaden 
graf : und herrschafften hausshäblichen niderlassen auch 
trib und trath brauchen werden oder selten, die sollen 
für ain ross für früeling, sommers und herbstwaid 
acht: und für ain khue zvvee gülden der gemaind 
zubezahlen schuldig sein, dagegen sollen sie Juden 
der gemaindtstagwan, der extraordinarj an- 
lagen dem reich oder in ander weeg befreyt 
sein. So geben im gräflichen pallast Embss und mit 
dem gräflichen canzleysecret verwart." 
Zu Lebzeiten des Grafen Caspar wurde der Schutzbrief 
nicht erneuert, vielmehr wurden die nach und nach ein- 
wandernden Juden ohne Weiteres auf Grund der im ersten 
Sehutzbriefe enthaltenen BedinguQgen aufgenommen. Graf 
Caspar von Hohenems war ein rechtliebender und hochherziger 
Regent, der allezeit seine den Juden gewährte Schutzver- 
heissung vollinhaltlich aufrecht erhielt, weder das Schutzgeld 
erhöhte, noch sie mit Extra-Abgaben und Spezial-Erpressungen 
belästigte, ja einzelnen seiner Juden besondere Privilegien 
verlieh, wie z. B. das folgende, das er wenige Monate vor 
seinem Tode David, dem Sohne Wolfs von Langenargen, erteilte: 
„Wir Caspar graf zu Hochen-Embs, Gallara und 
Vaduz, herr zu Schellenberg, Dornbüren und Lustenau etc. 



') Damals rückten die Schweden fast an den Bodensee, des Grafen 
Caspar Sohn und Enkel wurden damals im Lager bei Scheidegg von 
den Schweden gefangen genommen. Vgl. Kaiser, Geschichte des Fürsten- 
tums Liechtenstein. S. 387. 



28 Zweites Kapitel. 

Bekemieu hiemit disera brife, demnach war vor etwellichen 
Jahren David Juden under unseren schütz und schirm 
zu einem hindersässen zu Embs gnädig auf- und ange- 
nommen , dessen schürmgelt er auch richtig bezahlt, 
alsso haben wttr auf sein beschehen undethänig bitten 
wie auch seine uns geleiste mehrfällige underthänige 
billige dienst, ^) ihme diese gnad gethan, dass er, sein 
weib und kinder, allher zu Embs in unsern und unseren 
erben schürm und bishero bezahlten schürinbgelt auf 
sein wie bishero beschehen wohlverhalten, so lang und 
villi sitzen und wohnen solle, so lang immer Juden in 
unsern graf- und herrschaften allhier und zu Vadutz 
wie auch in den Oesterreichischen Herrschaften vorm 
Arlberg gelitten und geduldet werden. — Wür haben 
auch ferner ihme diese gnad gethan, dass er solliclie 
zeit über auf unserem lehengut so wür von Andreass 
Waibeln undervogten zue Veldtkirch erkaufft und er 
David jud mit unserem bewilligen ein hauss darauf 
gesetzt, sitzen und wohnen möge, welches haus er, da 
er über kurtz oder lang von diesem lehen stehen oder 
davon abziehen sollte, selbiges seines gefallens wider- 
umb verkauften, dazue ihme gebürliche frist geben 
werden, befuegt sein solle, und von dem lehengut 
über die jenige darauf stehende kirchenzinss, unss, 
unsern erben und nachkommen noch darüber mehreres 
nit alss jährlichen dreyzehn gülden und sechs batzen 
zu bezahlen schuldig sein solle. Dessen zuer urkundt 
haben wür disen brief mit aigenen bänden under- 
schriben, und unserem secret-insigel bekräftigen lassen. 
So geben in unserem pallast zun Embs den sibenundt- 
zweintzigsten monatstag Aprilis nach christi geburth 
gezählt sechzehnhundert und vierzig jähr. 

Caspar. (L. S.)" 

Es erhellt aus vorstehendem Schirmbrief, dass die Juden 
den Erwartungen des Grafen Caspar entsprachen und ihm 
selbst „billige" Dienste geleistet hatten, weshalb er ihnen 



^) Diese dürften hauptsächlich in Aushilfe in der Geldnot bestanden 
haben, in der sich Graf Caspar infolge der Kriegsverhältnisse befand. 
Im Hohenemser gräflichen Archive befinden sich viele derartige Schuld- 
scheine und Quittungen. Vgl. bei Kaiser, a. a. 0., S. 374 des Grafen 
Caspar Brief vom 16. April 1621 über seine Vermögenslage. 



Reichsgraf Jakob Hannibal II. v. Hohenembs. 29 

auch jederzeit wohlgeneigt war und seinen Schutz aogedeiheu 
liess. Als er am 10. September 1640^) aus dem Leben schied, 
wurde er sowohl von seinen christlichen wie jüdischen Unter- 
thanen aufrichtig betrauert. 

Auch unter dem Sohne und Nachfolger des Grafen Caspar, 
Jakob Hannibal II, der noch bei Lebzeiten seines Vaters 
1626 mit dem Innsbrucker Juden Marx May und dessen Erben 
in geschäftlicher Verbindung stand, erfuhr das friedliche Ein- 
vernehmen zwischen der Herrschaft und ihren schutzbefohleu 
Juden keine Veränderung. Von dieses Grafen Gerechtigkeits- 
liebe zeugt folgender Vorgang. Im Jahre 1643 war beim 
gräflichen Hofmeister in Hohenems ein Diebstahl verübt 
worden. Ein Kämmlein, das zu den gestohlenen Effekten 
gehörte, hatte der Hohenemser Schutzjude Salamon gekauft. 
Er wurde deshalb von den gräflichen Beamten einer nicht 
näher beschriebenen aber sehr strengen Procedur unterzogen. 
Der in Imst weilende Graf, hievon in Kenntnis gesetzt, schrieb 
am 27. September an seine Hohenemser Beamten, dass sofort 
ein erneutes gerechtes Verfahren gegen Salamon einzuleiten 
sei, weil „so ohnförmblich , auch sonsten ohnverantwortlich 
(gegen ihn) gehaodelt und prozedieret worden." 

Über die Namen weiterer neuangesiedelter Juden seit 
1617 gibt uns ein vermutlich zu jener Zeit^) aufgestelltes 
Schuldenregister, betitelt: „Schulden der Embssischen Juden 



») Kaiser a. a. O. S. 390 hat irrtümlich 1638 als Todesjahr. 

*) Das sehr interessante Register trägt leider kein Datum, kann 
aber nur aus der letzten Zeit des Grafen Caspar oder aus der des 
Grafen Jakob Hannibal II. herrühren, weil dessen Überschrift lautet : 
„Verzeichnis der Schulden, so die Juden am Eschenerberg in den Graf- 
nnd Herrschaften Embss,Vadutz und Schellenberg haben." Da nun 
nach dem Tode Jakob Hannibal II. die Grafschaft Hohenems von Vaduz 
getrennt wurde, so kann das Register nur aus früherer Zeit herrühren. 
Es sei denn, dass diese Überschrift sich mit der vom Grafen Karl 
Friedrich von Hohenems von 1662 — 1675 geführten Vormundschaft für 
die minderjährigen Erben der Vaduzer Linie erklären Hesse und etwa 
1674 anzusetzen wäre. Bestätigt wird meine Annahme von 1640 — 46 
noch dadurch, dass unter den Vaduz er Schuldnern mehrfach ein 
„Amann Walser" genannt wird und nach der Liste der Landammänner 
in Kaisers Geschichte des Fürstentums Lichtenstein, Chur 1847, S. 435 
wirklich damals ein Thomas Walser Vaduzer Laudammann war. Jfun 
wird im Schuldenregister auch ein Ammann Hopp vom Eschener- 
berg genannt, der sich aber in Kaisers Liste a. a. 0. für jene Zeit nicht 
findet, sondern erst mehrere Jahre später; vielleicht liegt bei Kaiser, 



30 Zweites Kapitel. 

SO sie in der grafschaft Embs ligen haben," Aufschluss. Wir 
finden da als Glänbiger: 

1) Herz Abraham Rabiner 

2) Marx Hildefüng») 

3) NatanieP) 

4) Lazarus ßoleg ^) 

5) Isak Neiburg 

6) Jakob Simon 

7) David Fillischrebest*) 

8) Joseph Henle 

9) Jakob Henle 

10) Moses Bernheim 

11) Samson Bernheim, der Alte 

12) Elies Bernheim 

13) Oswald Kaufmann 

14) Wilhelm Beleg 3) 

15) Samuel Beruheim 

16) Jakob Theinhauser.^) 

Bei all diesen Namen findet sieh der Zusatz „Jud." 
Welche dieser Namen mit den bereits bei der ersten 
Ansiedlung von 1617 genannten identisch ist, lässt sich heute 
nicht mehr feststellen. Auch dass im 18. Jahrhundert fast 
kein einziger dieser deutschen Namen mehr in Hohenems 
auftaucht, '') findet seine einfache Erklärung darin, dass die 



der ja seine Liste selbst als unvollständig bezeichnet, ein Irrtum oder 
eine Lücke vor. Der im Text angeführte Titel befindet sich auf dem 
Umschlage des. umfangreichen Registers, während der in der Anmerkung 
zitierte dem inneren Texte des Registers vorangeht. Das Register ist in 
meinem Besitze. 

^) Aus Hiltafingen im B urgau'schen, wahrscheinlich identisch mit 
dem 1627 genannten. 

'^) Von diesem liegt ein gleichzeitiger, hebräischer, vor dem vorge- 
nannten Rabbiner geführter Ehescheidungprozess vor, der sonst nichts 
Bemerkenswertes enthält. 

') Dieser Name ist in den zwei letzten Buchstaben undeutlich 
geschrieben, dürfte aber mit „Bollag" identisch sein. 

*) Wohl ein Spottname. 

^) Aus Tannhausen im B urgau'schen wurde bereits früher, Cap. 1. 
in der gräfl. Montfortschen Niederlassungsurkunde von Langenargen als 
Jakob, Judendoktor aus Thannhausen, wohnhaft in Biberach, angeführt. 

«) Die im 19. Jahrhundert in Hohenems lebenden Familien namens 
Bernheimer haben diesen Namen erst 1813 infolge des bair. Ediktes 
angenommen. Näheres hierüber im 6. Kapitel. 



Der zweite Schutzbrief v. J. 1648. 31 

meisteu Vorgenauuten bei der Vertreibung der Juden aus 
Hohenems im Jahre 1676 teils in ihre deutsche Heimat zurück- 
gekehrt, teils nach Tirol, insbesondere nach Innsbruck,^) aus- 
gewandert sind. Das Schuldenregister, das nur winzig kleine 
Posten führt. ^) hat Schuldner nur aus fast allen Ortschaften 
des heutigen Fürstentunies Liechtenstein;^) aus Hohenems 
erscheint nur: Oswald Natter, Bildhauer. Die grosse Zahl 
der Schuldner in der Herrschaft Vaduz und Schellenberg erklärt 
sich genügend mit der schweren Notlage der dortigen Be- 
völkerung infolge der Schwedenkriege.*) 

Graf Jakob Hannibal H. starb am 10. April 1646 und 
mit seinem Sohne und Nachfolger Karl Friedrich traten die 
ersten Änderungen in den Verhältnissen der Juden ein. Sie 
konnten, wie nicht anders denkbar, nur erschwerend sein. 
Je mehr der Reichtum der Hohenemser Grafen abnahm, um- 
somehr ging das Schatzgeld der Juden in die Höhe, wurden 
diesen besondere Verpflichtungen auferlegt, von denen sie 
sich wieder nur mit Geldopfern loskaufen konnten. Aber 
immerhin scheinen die Juden in diesen sturmvollen Jahren 
der grausamen Religionskämpfe noch glimpflich davonge- 
kommen zu sein. 

Graf Karl Friedrich, der nur die Grafschaft Hohenems 
besass, während die Herrschaft Vaduz und Schellenberg an 
seinen Bruder Franz Wilhelm I. fiel, nahm bald nach seinem 
Regierungsantritte vier neue Judenfamilien auf. Die Namen 
derselben sind nicht angegeben. Diese Neuansiedlung wie 
insbesondere die drückenden Zeitverhältnisse bestimmten den 
Grafen in einem neu erteilten Schutzbriefe, ddo. 1. März 1648, 
dem von seinem Grossvater 1617 erteilten einige Zusätze 
anzufügen. Diese haben folgenden Wortlaut: 

Zu 1 „Doch wenn die Juden mit rossen, vieh und 

dergleichen handeln wollen, sollen sie ross und vieh 
ab gesunden orthen, auch gesunde hab ins land 
führen und damit handeln.'' 



') So z. B. die Familien Dannhauser, Bernheim u. s. w. 

'-) 16 jüdische Gläubiger und 281 christliche Schuldner mit einer 
Gesamtsumme von fl. 1652,-10. 

^) Dieses, damals aus den Herrschaften Vaduz und Schellenberg 
bestehend, gehörte 1613 — 1712 den Reichsgrafen von Hohenems. Graf 
Caspar hatte selbe 1613 von seinem Schwiegervater, dem Grafen Karl 
Ludwig von Sulz, käuflich erworben. 

*) ^'alleres hierüber bei Kaiser a. a. 0. 368 ff. 



32 Zweites Kapitel. 

Zu 3 „soDderlich verbunden sein am offenen laden 

allerley seiden blinder und andere dergleichen teglich 
notwendige Sachen und waaren zu halten, auch zu 
kauffen vergunt sein." 

Zu 4 „docli mit dem vorbehält, dass da sie Juden 

änderst wirklich mit ihrem ross und vieh auf die 
gemaind zu Embs schlagen würden, sollen sie sich 
deswegen mit der gemaind, doch mit erlaubnuss der 
gn. herrschafft oder derselben oberambtsleuten ge- 
bürlich und leidentlich abfinden und vergleichen. Der 
quartier, zug uud wachten halber auch anderer 
beschwerden — ausser zur erhaltung des brunnens 
in der thompropstengassen u. dgl. — ganz befreyet 
sein, auch ihnen samentlichen Juden und den ihrigen, 
weder weib noch kind, noch derselben ehehalten 
— dienstbothen — das wenigste gegen ihnen weder 
mit Worte noch werken nit verüben, beleidigen und 
gar kein gewalt nit anlegen, sondern von meniglich 
bei straf unbelästigt gelassen werden sollen.^)" 

Zu 5 „jedoch mit der bescheidenheit gegen gebür- 

lichem umbgelt, wie es die andern underthanen 
bezahlen." 

Zu 6 „Besonders da ein gnädige herrschaft't von 

pferden uud anderes fall haben, selbiges gebürlichen 
verhandeln oder selbsten zu kaufen, wo immer au- 
erbothnermassen sich unterstehen und geflissen seyn." 

Zu 9 „Schirmbgelt bezalen als uemlich jeder 

insonderheit zehn reichs thaler samt järlich auf 
Martini oder auf zeit, wie sie gefordert werden, zwee 
gute gemästete gänsse und also hiendurch" in gutem 
schuz und schirmb ohne gewaltthat der underthanen 
gehalten und geschirmbt werden sollen. Und letzt- 
lichen so die Juden obigem allem, wie obsteht, 
fleissig geleben und nachkommen werden, besonders 
aber, da sie das erste schütz- und schirmgelt der 
60 fl. für ein ganzes jähr längst von dato inner 
monatsfrist erlegen werden, sie namentlich oblauts 
in gutem schuz und schirm nit allein gehalten. 



') Findet sich als Zusatz zum 1. SchutzbrieCe auf Grrund des Ver- 
gleiches vom J. 1637. 



Reichsgraf Karl Friedrich v. Hohenembs. 33 

sondern auch, wie sie Juden begehrt, die zehn jähr 
lang doch gegen järlicher bezaUmg von jedem 
10 thaler und zween geraästeten gänssen bei allem 
obigem zu verbleiben und allhie zu wohnen gnädig 
verwilliget sein soll.^)" 
Zu der Erhöhung des Schutzgeldes hat zweifellos auch 
der Umstand beigetragen, dass Graf Karl Friedrich gleich 
vielen Andern im Jänner 1647 einen grossen Verlust an Geld 
und Kostbarkeiten in Bregenz erlitten hatte, wohin er seine 
Schätze in Sicherheit brachte, wo sie aber mit der Einnahme 
der Stadt am 4. Januar 1647 den Schweden in die Hände 
fielen.^) Karl Friedrich verlor hier sein ganzes Mobilar- 
vermögen. ^) Doch hatte auch des Grafen masslose Ver- 
schwendung, die ihn auch später zum Verkaufe der Herrschaft 
Gallarate zwang, das Ihrige beigetragen, dass er aus Geld- 
nöten nicht herauskam, was auch damals in unliebsamen 
Familienprozessen vor dem Kaiser sich bekundete.*) Doch 
durften die Juden immerhin mit diesen nur ihr Vermögen 
belastenden Erschwerungen zufrieden sein zu einer Zeit, da 
die Hexenprozesse und die „Brenner^' als fürchterliche Epidemie 
in Vorarlberg und besonders in Vaduz und Schellenberg 
grassierten. ^) Von diesen blieben die Juden verschont. ®) Im Jahre 
1651 wurde Katharina Büchlin zu Hohenems hingerichtet.') 
Vom Zusätze zum 3, Punkte, der Verpflichtung des Haltens 
eines offenen Ladens, haben sich die Juden am 19. Juni 1651 
durch Erlag von 50 fl. losgekauft. Die Bestätigung des Grafen 
Karl Friedrich hierüber hat mir vorgelegen.^) 



') Weizenegger-Merkle, a. a. 0. II, S. 365 ff. 

-) Kaiser a. a. 0. S. 391. 

*) Bergmann, Akademie — Vortrag „Die Reichsgrafen von und zu 
Hohenembs" Wien 1861 — S. 56. Ein Verzeichnis befindet sich im 
Archive der Ortsgemeinde zu Hohenems, Fase. „Histor. Akten I." 

*) Einzelne Akten dieser Yergleiche zwischen Karl Friedrich und 
seiner darbenden Grossmutter befinden sich im Fascieel A. 186 „Hohenems*' 
im Staats-Archive im Züricher Obmannsamt. Vgl. auch Bergmann 
a. a. O. Seite 58 ff. 

*) Näheres hierüber bei Kaiser a. a. 0. S. 393 ff. Für spätere Oe- 
schichtsforscher will ich Archive nennen, in denen ich Akten über 
Hexenprozesse vorfand u. z. im Stadtarchive in Feldkirch, Museumsarchive 
in Bregenz und Obmannsamte in Zürich. 

*) Wenigstens fand ich nichts dergleichen in den Akten. 

') Züricher Staatsarchiv im Obmannsamte a. a. O. 

*) Im Hohenemser gräfl. Archive. Kopie in meinem Besitze. 

3 



34 Zweites Kapitel. 

Über die Anzahl der damals inHohenems bereits ansässigen 
Judenfamilien lässt sich nichts Bestimmtes mehr eruieren; 
jedenfalls aber dürfte ihre Zahl auf 30 anzusetzen sein.*) Sie 
besassen damals bereits mehrere selbsterbaute Häuser und 
wohnten teils „am Bache", in der heutigen Israelitengasse, 
und teils auch im „Schwefel". Als im „Schwefel" ihre eigenen 
Häuser bewohnend werden 1650 Abraham Haimb und Lazarus ^) 
genannt. Letzterer hielt sich auch für seine Kinder einen 
Schulmeister Jecosiel; der Vorgänger desselben hiess Seligmann. 
1652 wurde des Abrahams Haimbs Haus, während er sich auf 
einer Reise nach Buchau befand, von der Tochter des gräflichen 
Thiergärtners, Barbara Bellini, die sich als Mann verkleidet 
hatte, ausgeraubt. Die Übeltäterin wurde bald ausgeforscht 
und bestraft, der Beschädigte aber erhielt keinen nennens- 
werten Schadenersatz. 

Graf Karl Friedrich nahm seine Juden vorkommenden 
Falles energisch in Schutz. Als im Jahre 1656 Josle Levi 
von der Judengemeinde aus einem nicht näher angegebenen 
Grunde in den Bann getan wurde, musste dieser Bann auf 
Befehl des Grafen wieder gelöst werden. In zahlreichen 
Fällen haben die Grafen von Hohenems auch bei auswärtigen 
Behörden zu Gunsten ihrer Schutzjuden interveniert. So Graf 
Karl Friedrich für den vorgenannten Joslin beim Landvogt 
in Rheinegg. ^) 

Als im Jahre 1656 in Schwaben epidemische Krankheiten 
auftraten, ward den Hohenemser Juden in einem gräflichen 



^) Des Grafen Karl Friedrich Verlangen im letzten Punkte ' das 
ganze Schutzgeld für 1 Jahr 60 fl. zu erlegen, was, zu % Rtlr. ge- 
rechnet, 90 Taler also 9 Familien ergeben würde, dürfte sich wohl nur 
auf die neuen Familien, oder die das Schiitzgeld etwa noch Schuldigen, 
beziehen. 

*) "Wohl ein Sohn Wolfs aus Langenargen. 
*) Diese Intervention hatte folgenden Wortlaut: 
„Karl Friedrich, Graf zu Hohenembs etc. 
Wür haben zwar dem Jösslin Juden beuehlen lassen sich bey 
euch zustellen und der gebühr nach abfündig zu machen. Die- 
weylen aber er Jöszlin sich besorget machte, von euch etwann 
voreylendt scharff gehalten werden dero wegen uuss unib 
recommendation underthänig ahngesucht. 

Alss ist unsser an euch nachbahrlich gesünnen ihr wollet 
gemellten Juden also hallten, dass wür ursach haben mit 
Stellung der deliquenten zu continuiren, dann die bewusste 
uncösten weg Hanss Bauragartners zu Über-Riedt auch verschaffen, 



Weitere Einwanderung von Juden. 35 

Befehle vom 10. November das Beherbergen fremder Juden 
verboten. 

Graf Karl Friedrich hatte zum ersten Male die Be- 
schränkung eingeführt den Schutzbrief nur für zehn Jahre zu 
verleihen. Bereits ein Jahr vor Ablauf dieser Frist wurde 
der Schutzbrief erneuert, wozu insbesondere die Einwanderung 
von 13 weiteren Juden den Anlass gab. Die Namen der- 
selben finden sich Eingangs dieses 3. Schutzbriefes und lauten: 

1) Salamon Spüri 

2) Lazarus Ullmann (auch ülmer geschrieben) 

3) Mayer Moos 

4) Jossle Leviticus 

5) Gerson Moos 

6) Baruch Moises 

7) Abraham Spüri 

8) Josef Heimb 

9) Abraham Heimb 

10) Meyer Moosen Bruder 

11) Moyses Marx 

12) Abraham Moyses, Metzger 

13) Isak Mayers Wittib sammt Tochtermann. ^) 

Der am 1. März 1657 unter dem Titel „Newe Con- 
ditiones und Bedingnussen" erteilte dritte Schutz- 
brief schliesst sich im wesentlichen an seine beiden Vor- 
gänger von 1617 und 1648 an, enthält aber doch einige 
kleine Zusätze, die hier der Vollständigkeit halber nicht 
übergangen werden dürfen: 

Zu Punkt 1. Dass den Juden alle Handtierungen „nit 

allein in der grafschaft Embs, sondern auch in dem 

ganzen rheichshoff Lustenau" erlaubt seien. ^) 

Zu Punkt 5. „Jedoch ist ihnen nicht verboten in fahl 

jemand bey einem oder anderen Juden zu negotiren 



wie wür unss dann eines sollch versehen und euch mit nach- 
bahrlich gutem willen wohl zugethan verbleiben. Datum in 
unsseren pallast zue Hochen-Embs den . . . . 1 . . 1649". 

An den . . . Landhauptmann des Inneren Rhats der äusseren 

Roden im Land Appenzell und Landvogdt des Ober und Untern 

Rheinthals Reinegg. 

') Diese Liste wie auch den Inhalt des Schutzbriefes von 1657 

führt Bergmann auch in seinem Aufsatze über die Juden in Hohenems 

in Kaltenbäcks Zeitschrift a. a. 0. an. 

-) Eine den damaligen Handelsjuden vielleicht wichtigeBegünstigung. 

3* 



3() Zweites Kapitel. 

und ziie rechnen hatte, demselben ein maass wein 
anfzustellen und zu geben." 
Zu Punkt 7.1) (Beim Begräbnisplatz) „Das alte orth, 

so im Schwebel ausgesteckt." 
Zu Punkt 9.2) Dass das jährliche Schutzgeld von 
10 Rthl. per Familie „am 1. Marty jedes jähr" erlegt 
werde, und dass „der schutzbrief zwölf jähre" Giltig- 
keit haben solle. 
Zu Punkt 12. „Und ist dabei ausstruekhenlich vor- 
behalten und beederseits bedingt worden, dass wann 
ein oder anderer jud aus dem gräfl. marckth Embs 
hinweg und in andere herrschafften und territorien 
ziehen wollten, solle ein solcher jud schuldig und 
verbunden sein, sich vor seinem abzuge gegen seine 
in allhiesige graffschaftt habende debitoren und 
Schuldner zuvor seiner anforderung halber abfündig 
zu machen und ihme durchauss nit zuegelassen sein 
einen als anderen hiesigen underthanen auf einige 
frembde gericht, wie die immer nahmen haben mögen, 
zu laden, sondern sich auf solchen fahl alleinig vor 
allhiesigen oberambt zu beklagen, welchem die Juden 
gehorsamblich nachzukhommen zuegesagt und ver- 
sprochen." 
Bald darauf, am 7. März 1657, fand auch ein Vergleich 
zwischen der Ortsgemeinde und den Juden wegen Beschaffung 
des Brennholzes und Benutzung der Weideplätze statt. Über 
diesen Akt wurde folgendes Protokoll aufgenommen: 

„Extract 
Aus dem Gräfl. Hohenembs'eschen Verhörtags-Protocollo, 
de dato 7. März 1657. 
Dato sind auf gnedg. befehl des hochgeborenen 
unseres gnedigen grafen und herrn allhiesiger land- 
ammann neben etwelchen gemeindsleuthen und dann 
hiesige Judenschaft vor allhiesigem oberamt erschienen 
und hat man sich beiderseits sowohl wegen nothwendigem 
brennholz als vieh-aussschlagens auf die weide fol- 
gendergestalten verglichen: 

Erstlichen, belangend das brennholz sollen die- 
jenige gemeindsleute, welche eigene höltzer haben 

^) Hier P. 8, weil P. 4 des 1. Schutzbriefes hier geteilt erscheint. 
4 Hier P. 12. 



Brennholz und Viehweide. 37 

scliiildig sein den gesammten Juden nothwendiges brenn- 
liolz doch um gebührende bezahhmg zukommen zu lassen, 
im fall aber ein oder der andere sein eigen brennholz 
nit anheimischen verkaufen werde, soll selbiger mit will- 
kürlicher strafe vorgenommen werden. 

Fürs andere soviel das ausschlagen auf die weiden 
coneesniren thut, hat sich ein gesammte gemeinde dahin 
erklärt, dass ihnen nit entgegen, dass jeder jud ein 
pferd und eine kuh mit dieser condition auf die weide 
schlagen möge, dass für ein jedes pferd den sommer 
hindurch 2 fl., für ein stück vieh ^/2 reichsthaller der 
gemeinde ohnfehlbar erlegen und bezahlen sollen. 

Und ist dabei ausdrücklich bedingt und vorbehalten 
worden, weil die Juden unterschiedlich mit ross und 
vieh handeln keiner befugt sein solle, das an sie er- 
handelte ross oder vieh gleich auf die weide zu treiben, 
sondern solle selbiges vier tage zuvor in dem stall auf- 
halten und dann nach verfliessung dieses termins durch 
die hierzu bestellende beschauer besichtigen lassen. 
Alles bei unausbleibender hoher strafe. 

Gräfl. Hochenembs' Canzley." 
Der Viehhandel der Juden gab auch in anderer Weise 
Anlass zu kleinen Zwistigkeiten mit den christlichen Unter- 
tanen des Grafen. So beschwerten sich 1658 die christlichen 
Metzger, dass die Juden ihnen mit Fleischverkauf Konkurrenz 
machten. Trotzdem nun Punkt 11 des Schutzbriefes den 
Juden ausdrücklich den Verkauf des ihnen zum Genüsse ver- 
botenen Teiles vom Vieh gestattete, — dass es sich um 
anderes Fleisch handle, wird in der Beschwerde der christ- 
lichen Metzger nicht erwähnt — erliess dennoch Graf Karl 
Friedrich am 13. April 1658 ein Verbot au die Juden, den 
Christen in Hohenems überhaupt Fleisch zu verkaufen. 

Im Jahre 1659 kam es vor dem Grafen zu einem Pro- 
zesse zwischen dem Hohenemser Ammann Hans Brenner und 
den Judenvorstehern Josle Levi und Mayer Moos. Amraann 
Brenner hatte nämlich entgegen dem Vertrage von 1657 den 
Juden verboten, ihre Pferde auf die Gemeindeweide zu treiben, 
weil sie kein Gemeindewerk verrichten, worauf die Juden 
erklärten, es sei genug, dass sie Steuer wie jeder andere 
zahlen, und noch dem Grafen Reisepferde leihen, trotzdem 
dergleichen eigentlich Sache der Leibeigenen sei. Darauf 



38 Zweites Kapitel, 

schrie der Ammanu öffentlich — Zeuge: Gerichtsmann Hans 
Stump — , die Juden raüssten alle aus Hohenems fort, die 
Gemeinde werde dem Grafen das Schutzgeld bezahlen. Und 
daraufhin verklagten ihn die Judenvorsteher beim Grafen 
wegen Aufwiegelung. Am 7. Juli 1659 erklärte Brenner sein 
Geschwätze mit Zorn und Trunkenheit, doch habe die Ge- 
meinde wirklich keine Judenpferde mehr auf die Weide zu 
lassen, weil die Juden nicht an Damm und Wuhr arbeiten 
und schliesslich leiste er den Juden Abbitte. Die Sache 
scheint gütlich beigelegt worden zu sein, war aber vielleicht 
Anlass zur späteren Auswanderung des Josle Levi. 

Graf Karl Friedrich war überhaupt stets geneigt die 
oft genug ungerechtfertigten Beschwerden seiner christlichen 
Untertanen gegen die Juden zu Ungunsten der letzteren zu 
entscheiden, unbekümmert darum, dass mit solch willkürlichen 
Befehlen oder Verboten so oft eine krasse Rechtsverletzung 
verbunden war. Es stimmt dieses Vorgehen ganz und gar 
mit der sonstigen Handlungs- und Regierungsweise des Grafen 
sowohl im Hohenembsischen wie im (heutigen) Liechten- 
steinischen. ^) Nicht nur der Reichtum des Grafen Caspar 
sondern auch sein Rechtssinn war unter seinem Enkel bereits 
stark im Schwinden begriffen, wofür insbesondere Folgendes 
sehr bezeichnend ist. 

An den Wochen- und Jahrmärkten in Hohenems kauften 
natürlich die Juden ebenso ihren Bedarf ein, wie jeder andere. 
Die „Untertanen" aber waren bald mit einer Beschwerde 
bei der Hand, in der sie dem Grafen klagen, dass die Juden 
ihren Bedarf ..„öffentlich und heimblieh vorkauf fen und dar- 
durch die Sachen verteuern." Und daraufhin ordnete ein 
gräflicher Befehl vom 11. September 1666 an, dass von nun 
ab die Juden erst nach zehn Uhr vormittags ihre Einkäufe 
auf den Märkten besorgen durften, an anderen Tagen aber 
sollten den Juden nur mit Vorwissen des Oberamtes Waren 
verkauft werden. Strenge Strafandrohungen sollten die Ver- 
käufer zwingen, dieses ihr Interesse empfindlich berührendes 
Verbot einzuhalten. ^) 



* ) Vgl. hierüber die Darstellungen der Regierungsperiode des Grafen 
Karl Friedrich bei Bergmann in seinem II. Akademievortrage und bei 
Kaiser a. a. O. 

*) Das betreffende Dekret ist in meinem Besitze. 



Erschwerte Verhältnisse. 39 

Des Grafen Karl Friedrich judenfeindliche Gesinnung hielt 
mit der rapiden Abnahme seines Reichtums gleichen Schritt. 
Mehr als einmal mag ihn die fortwährende Geldnot zu 
Härten gegen die Juden, die einer Erpressung nicht unähnlich 
waren, verleitet haben. Der Schutzbrief vom Jahre 1657 hatte, 
wie ja im Punkt 9 resp. 12 ausdrücklich erwähnt ist, für 
12 Jahre Giltigkeit. Und doch wurden bereits am 2. Juni 1667 
Josle Levi und seine Söhne, Lazarus Ullmann samt Sohn und 
Gumperle Mayer nebst Bruder „de novo" in gräflichen Schutz 
und Schirm auf sechs Jahre aufgenommen und noch dazu mit 
folgenden erschwerenden Bedingungen. 

Erstens sollen diese Juden „zu ihrem einstandt" dem 
Grafen einhundert Gulden baar bezahlen. Ferner haben sie 
den gräflichen Beamten, so oft diese amtliche Reisen unter- 
nehmen und falls dieselben sich nicht weiter als bis Konstanz 
oder Stockach erstrecken, die Pferde zum Reiten unentgeltlich 
herzuleihen und beritten zu machen. Und schliesslich sollen 
sie verpflichtet sein, von jedem den Betrag von fl. 10 über- 
steigenden Handelsgeschäfte in der gräflichen Kanzlei Anzeige 
zu machen. Im übrigen jedoch bleiben die Bestimmungen 
des Schutzbriefes vom Jahre 1657 in Kraft. Nur soll ihnen 
für die erlegten 100 fl. die Vergünstigung zugestanden sein, 
noch 2 oder 3 Juden in Hohenems aufzunehmen und das dem 
Grafen gebührende Einstandsgeld von ihnen einzuheben, wäh- 
rend jedoch das Schutzgeld dem Grafen zu entrichten sei. 

Am 5. August 1667 kam dann Alexander Natan nach 
Hohenems, ward in gräflichen Schutz aufgenommen, wobei 
die obengenannten Juden das Einstandsgeld für sich einhoben. 

Dieses Einstandsgeld, eine Art Aufnahmegebühr, war 
eine Neuerung des Grafen Carl Friedrich, zu der ihn seine 
stete Geldnot zwang. An jährlichem Schutzgeld hatten die 
obengenannten Juden zu entrichten: 

Josle Levi , . . . . fl. 15 

Dessen drei verheiratete Söhne Salomon, 

Levi und Isak zusammen ... „45 

Gumperle Mayer „ L^ 

Lazarus Ullmann samt Sohn „15 

Es erhellt aus Vorstehendem, dass der Graf die Bestim- 
mungen des Schutzbriefes für einzelne Familien auch zuweilen 
verschärfte. 



40 Zweites Kapitel. 

Doch rührte die vorstellende Neuaufnahme von bereits 
im Schutzbriefe von 1657 genannten Juden daher, dass diese 
ums Jahr 1661 Hoheneras verlassen hatten und sich in Alten- 
stadt bei Feldkirch ansiedelten. Hier fanden sie Aufnahme, 
weil sie vom Grafen Karl Friedrich mit einem gnädigen „Ab- 
schiede" — einem lobenden Entlassungszeugnisse — waren 
bedacht worden. Doch da sie hier, auf österreichischem Boden, 
nicht für die Dauer geduldet wurden ^), so kehrten sie wieder 
nach Hohenems zurück. 

Doch sollte auch hier ihres wie der sämtlichen Juden 
Bleibens nicht mehr lauge sein, und trieben die Verhältnisse 
immer schneller der Katastrophe entgegen, die auch im Jahre 
1676 eintrat. 

Bereits 1668 kamen Landammann und Gericht der Ge- 
meinde Hohenems mit der Beschwerde vor den Grafen, es 
solle den Juden, entgegen dem 1657 geschlossenen Vertrage, 
verboten werden, Vieh und Pferde auf der Gemeindeweide zu 
halten. Und nur mit Rücksicht auf die Verpflichtung des 
unentgeltlichen Herleihens von Pferden zu gräflichem Dienste 
sollen ein oder zwei Pferde der Juden gegen Bezahlung die 
Gemeindeweide benutzen dürfen. Graf Karl Friedrich ent- 
schied natürlich zu Ungunsten der Juden, mit denen er über- 
haupt immer willkürlicher umsprang. Im Jahre 1669 endlich 
befahl der Graf den Juden kurzer Hand, 6 Pferde von ihm 
zu einem festgesetzten Preise anzukaufen oder aber — aus- 
zuwandern. Da sich die Juden aber nur zum Ankaufe von 
3 Pferden bereit erklärten, so befahl der Graf, der sich da- 
mals zu Innsbruck aufhielt, de dato 9. Januar 1670, dass die 
gesamte Judenschaft innerhalb dreier Monate Hohenems zu 
verlassen habe. In einem flehentlichen Bittgesuche 2) stellten 
die Juden dem Grafen sein Unrecht vor, da ja ihr wohl- 
bezahlter Schutzbrief bis zum Jahre 1673 laufe, und baten 
wenigstens um eine Verlängerung des Abzugstermines erst 
auf ein ganzes, später auf ein halbes Jahr, damit sie Zeit 

') Einiges, aber sehr Lückenhaftes findet sich hierüber auch bei 
Weizenegger-Merkle a. a. O. III, S. 356 ff. Im Jahre 1667 hatte Leut- 
nant Joh. Mich. Bretting von Jakob, Sohn des Götzi Juden in Feld- 
kirch, 210 Reichstaler zu fordern, die dieser von seiner Mutter geliehen 
bekommen. 

^) In einem Briefe vom 30. Jänner 1670 bittet Josle Levi den 
Kammerdiener des Reiehsgrafen, Franz Brozgi, dieses Gesuch beim Grafen 
zu befürworten. 



Erhöhung des Schutzgeldes. 41 

zum Einziige ihrer Aussenstände und zum Aufsuchen eines 
neuen Wohnsitzes gewännen, worauf der Graf die Frist bis 
zum Johannistage erstreckte. "Wie nicht anders zu erwarten 
war, zögerten die Bauern mit dem Bezahlen ihrer Schulden, 
so dass die Juden sich nochmals an den Grafen bittlich 
wandten und ihre traurige Lage klarlegten, worauf endlich 
des Grafen Bescheid, de dato Mailand, den 29. April 1670, dahin 
lautete, dass, falls die Juden 600 fl. Strafgeld, 100 Dukaten 
neue Einstandsgebtthr und jährlich 20 Reichstaler Schutzgeld ^) 
bezahlen wollten, dann wären sie wieder in Gnaden auf- 
genommen.^) 

Kleine Ursachen, grosse Wirkungen! 

Die Juden bezahlten und blieben und dem Grafen Karl 
Friedrich oder vielmehr seinen zahllosen Gläubigern war für 
eine Weile geholfen. 

Doch nur für eine Weile. Denn schon im Jahre 1675, 
kurz vor seinem am 22. Oktober erfolgten Tode, sah sich der 
Graf gezwungen, seine jüdischen Geldquellen auf einer anderen 
Seite anzubohren, und so erschien am 25. Mai und am 13. Juli 
eine Verordnung, laut welcher von jedem in Hohenems über- 
nachtenden fremden Juden 8 Kreuzer zu bezahlen seien. 

1675 bittet mittels Gesuches Josle Levi, dass seinem Sohne 
Hirschlin, der ein an der Strasse nach Bauern und Schwefel 
gelegenes Haus bezogen hatte, seitens des Grafen Carl Friedrich 
gestattet werden möge, daselbst einen Kramladen zu halten 
und eine Wein- und Mostschenke zu führen. Ersteres wird 
ihm gestattet, letzteres abgeschlagen. ') 



*) Bergmann in Kaltenbäcks Zeitschrift a. a. 0. lässt diese Schutz- 
gelderhöhung irrtümlicher "Weise unter dem Grafen Franz Karl ein- 
treten. 

^ ^) Laut Kaufbrief vom 18. Juli 1674, besiegelt vom Landtamann 
der Gchte. Rankweil und Sulz, verkaufen die Brüder Gumperle und Hayum- 
Moos dem Grafen Carl Friedrich ein Gut mit allem Zubehör, Haus, 
Hof etc., gelegen an der Claus in der Herrschaft Feldkirch. Mittels 
Schenkungsurkunde vom 20. Mai 1675 überträgt der Graf dieses Gut 
an Frau Anna Barbara Senschlanin geborene Beesmerin. — Beglaubigte 
Kopie im gräflichen Archiv, hier. 

Über dieses* Weib, einer Konkubine des Grafen Karl Friedrich und 
Ehegattin eines „gemeinen Musketierers" berichtet Ausführliches: Ludwig 
Rapp, Topograph, hist. Beschreibung des General-Vicariates Vorarlberg, 
IV. Band, Brixen 1902, S. 380 ff. 

') Ebenfalls vom Jahre 1675 liegt noch eine Notiz vor, laut welcher 
damals ein Jude, Israel Samuel, im hiesigen Tavernwirtshause des M- 



42 ' Zweites Kapitel. 

Graf Franz Karl, der 1675, nach seines Vaters Tode, die 
Regierung autrat, bestätigte zwar noch am 9. Januar 1676 
den Schutzbrief der Juden, verjagte sie aber alle samt und 
sonders am ersten Pfingsttage aus seiner Herrschaft, wobei 
er den Abziehenden noch bedeutete, dass sie bei Strafe von 
20 Rtlr. die Märkte in Hoheneras nicht besuchen dürften. 
Was des Grafen Zorn eigentlich erregte und ihn zu dieser 
gewaltsamen, plötzlichen Vertreibung veranlasste, ist unbekannt. 
Triftige oder auch nur annähernd zureichende Gründe waren 
es keineswegs, weil sich in den Akten hierüber nicht die 
leiseste Spur von solchen findet. Vielmehr dürfte Weizenegger 
im Rechte sein, der den gewalttätigen Vorgang mit einer 
Lanne des Grafen erklärt.^) 

Die ausHohenems vertriebenen Juden Hessen sich zumeist in 
der österreichischen Herrschaft Feldkirch, insbesondere in Sulz, 
nieder. Die österreichischen Beamten in Feldkirch Messen 
den Juden tatkräftigen Schutz angedeihen, insbesondere ihrem 
früheren Schutzherrn, dem Grafen von Hohenems gegenüber, 
der sich jetzt in allen möglichen Chicanen gegen die Aus- 
gewiesenen überbot. 

Fünf Pferde, die Eigentum der vom Markte in Sonthofen 
heimkehrenden durch Hohenems ziehenden Sulzer Juden waren, 
hatte Graf Franz Karl rechtswidrig zurückbehalten, worauf 
die österreichischen Beamten in Feldkirch, Johann Heinrich 
Maller und Franz Gugger, am 20. September 1676 dem Grafen 



kolaus Hagen vier Wochen eingesperrt war und wofür Hagen in der 
Rechnung vom 12. Februar 1675 wörtlich auch folgende Posten anführt: 
„den 31. Jänner als Jud das erste mal gestreckt worden haben 
beide Ammänner Hans Huchler und der "Weibel verzehrt 1 fl. 12 kr. 
Dito hat der all hiesige Nachrichter samt seinen Consorten verzehrt 
44 kr. Item haben die 3 Nachrichter vom 3. Feber, als sie ankamen, 
bis den 5. dies in 5 Mahlzeiten und Frühstücken verthan 7 fl. 9 kr." 
Der «lüde wurde dann, als er auf der Folter nichts gestand, 
freigelassen. 

^) Weizenegger-Merkle a. a. ü. III., 357. Schon ihre Aufnahme im 
Feldkirchschen zeigt, dass nichts Wesentliches gegen sie vorlag, da sie 
dort ohnedies nicht gerne gesehen wurden. Bestimmte doch ein Befehl der 
Erzherzogin Claudia vom 8. März 1640, gleichzeitig mit der Ausweisung 
des Juden Wolf aus Rankweil, dass kein Jude fortan im Feldkirchschen 
geduldet werde. Eine gedruckte „Zollaufschlagslast" der Erzherzogin vom 
16. März 1641 führt zwischen „ainem Fueder Tung" und „ainem Sack 
Lohr" auch an: „Von einem Juden oder Jüdin zu Ross 40 kr, zu Fuss 
20 kr". Warenaufschlag besonders. 



Reiclisgraf Franz Karl. Ausweisung der Juden. 43 

sehrieben, dass die Judenschaft jetzt unter österreichischem 
Schutze stehe und sie daher unter Androhung von strengen 
Repressalien die Ausfolgung der Pferde forderten, was auch 
geschah. Noch nachdrücklicher trat bald darauf das Feld- 
kircher Oberamt für die Juden ein, als Graf Franz Karl die 
vorerwähnten Juden, weil sie zum Abholen ihrer Pferde am 
Markttage nach Embs kamen, mit 40 Rtlr. Strafe belegte und 
drohte, diese Summe durch Exekution von den noch in Holien- 
ems liegenden Gütern dieser Juden einzuziehen. 

Das sehr interessante Schreiben vom 28. September 1676 
lasse ich hier im Wortlaute folgen. 

„Die in unser ambts pottmessigkheit wonnente 
judenschafft hat unss schon undschidliche von den herren 
ahn sie ergangne decrete und beuelhen, laudt hiebey 
kummender abschrifFten vorgewissen, ab welch wir unss 
nit wenig zu uerwundern haben dass der herr gnediger 
graf undt herr undt dessen beambtete sich solcher 
gestalten mit der röm. kays. may: unser aller gnedigsten 
herren undt landtsfürstens aufgenommenen schütz ver- 
wandten hebreer zu beuelhen undt zu disponiren, ja so 
gahr selbige ohne formirung einigen prozehss in die 
vierzig reissthaller straff ohn ahnhörter zu verf eilen 
underfangen dörften, wider weliche der herren undt 
dero gnedigen graft' undt herrens gegen ermelten dess 
allhiesigen kayserlichen ambts ahngehörige schutzver- 
wandte so unbefugt weiss ahngemasste attentate undt 
eingriff wür hiemit ex officio ziemlich protestieren undt 
unss dawider besterraassen verwahren. In genzlicher 
Zuversicht, dass dero gnediger graft" vndt herr undt 
.dieselbe fürohin von der gleichen unbefugtsambe sich 
allentglich enthalten, auch besagte judensc.hafft wider 
die gebühr vernerss nit beschweren, volgentlich auch 
mit gehörter vierzig thaller straft": (in dem selbige 
hierinfahls landt hiemit folgende information wider in 
gräfliche excellenz dass geringste pecciert zu haben 
nit gestendig noch sich dess im vorangezogenen dekrets 
ahngeteutenen verpotts, den Embssischen jahrmarckh 
nit zu besuechen erinnern können:) allig geliech zu 
uerschonen von selbsten genaigt sein werden, wohl 
erachtete, dass wür dergleichen widerrechtliche unformb- 
liche procedur geg mehr allerhöchst gedachter kaysl. 



44 Zweites Kapitel. 

mayest, landtsfürstliche schuzverwaudte imdt under- 
thanen vorgehen zu lassen keineswegs gestatten, unnss 
zu mahlen aucii zu manutention derselben die behörigen 
gegenmittel wider dergleichen nubefugte atteutat und 
beschvverung der unsseru undertiniuen vor die handt 
zu nenien mit ermenglen werden, in raassen wür dann dero- 
selbeu nit verhalten können, dass wann die herren od. 
deroselben graff und herr dem hier obmehr augeteutem 
vermaintl. nichtigen dekrets welch vom 24. huig zu 
inharireu undt noch laudt desselben dem Gumperle, 
Gerssle undt Levi ire in der herrschaft Erabss habente 
effekti nmb obverstandener nichtiger Ursachen willen 
ahnzufechteu sich undfaugeu sollten, wür alssdann auss 
des herrn grafen und unser ambts-vollmechtigkeit 
habent gefeilen inen Juden solchen schaden zu ersetzen 
nit unterlassen würden, dessen wür doch zue erhaltung 
gueter nachbarschaft lieber enthebt sein wollen, mithin 
nnss allerseits göttlicher obsicht empfehlend nnd ver- 
bleibend unser hoch und viehlgeehrter herr 
dienstbereitwillige 
Veldkirch 28. Ibris. Joh. Heinrich Maller 

Ao. 1676. Frantz Gugger." 

Die Antwort des Grafen auf dieses Schreiben ist mir 
leider unbekannt. 

Anfangs des Jahres 1677 richteten die ehemalig Hohen- 
emsischen Schutzjuden das folgende Bittschreiben an den 
Grafen Franz Karl: 

„Hochgeborner Graff, 
guedig hochgebietender Herr, Herr! 
Wie und welcher gestalten euer hochgräfl. excell. 
unss endtsbenannte under dero schuz und schirmb 
geweste judenschafft von derselben graff- und herr- 
schafft und zwar ohne gndgl. erthailten abschied gnedig 
aussgeschaft't, zumahlen dass unsserige so in ewer hoch- 
gi^äffl. excellenz graff: und herrschaft'ten wür ligendt, 
undt bey dero underthanen und anderen rechtsmessig 
zuefordern (und aber derer so wenig erhalten). Und 
so gar die privilegierte wochen- und jahrmärckth, und 
dero underthanen umb die bezahlung mit der gandt 
zue suechen nit gestattet, sondern, des weibels vorgeben 



Ausweisung der Juden aus Hohenems. 45 

nach, genzlich inhibirt und verboten haben ist ohne 
weiters widerholen euer hochgräfi. excellenz von Selbsten 
bekhandt und erinnerlich. Dieweilen aber solchermassen 
des unserigen länger beraubt zu sein uuss allzu schwer 
ja ohnraöglich fallen will, so khommen hierbey euer 
hochgräfl. excellenz ganz unterthenig anzusuchen und 
zu piten, dass dieselbe die auf uns geschöpfte ungnad 
(so wttr hoffentlich nit verschulde t noch ain ihs 
punkt im schirmbriff übertretten haben) anitzt 
sinkhen lassen, sondern zuemahlen gnd. consentien walten, 
damit wür dass unserige ohngehindert nuz und niessen, so- 
dann auch dass, so bey deroselben underthanen wür zu 
protendieren haben, einfordern, die gandt und pfandtung 
nach landtsrecht, gleich andern frembden, gebrauchen, 
mithin dass unsserige ohne weitleufigkheit und der 
underthan grössere kosten und schaden einbringen, nicht 
weniger die wochen- und jahrmärckht wie vor dissem 
besuchen und auf selbigen sowohl mit den underthanen 
handeln auch pass- und repassieren mögen. Sodann 
gnediger graft" und herr heten wür unseres ehrlichen 
verhalltens willen eines behörigen abschids, um solche 
bey andern obrigkheiten, worunter wür schuz und schirmb 
suchen, vorweisen zu können, vonnöten, dahero gelaugt 
hierdurch, auch neben obigen, unser abermaliges ganz 
undertheniges suppliciren und bitt, euer hochgräfl. 
excellenz geruhen unss einen schriftlichen 
abschid unsers ehrlichen Verhaltens und hand- 
lung halber (gleichwie euer hochgräfl, excellenz herr 
vater hochseel. gedächtnuss, alss dieselbe unss vor 
ofcngeföhr 15 jähren auch und zwar in gnaden licentirt 
uns gnedig erthailt haben) gnedig mitzuthaillen, mithin 
auch obangeregt und unterthenig gebettenermassen dass 
unserige gebürendt zuekomraen und die justitia gedeihen 
zu lassen; damit wir anderweitig und allerseits, ohn 
beliebige mittel vor die band zu nehmen überhoben 
sein, dadurch auch deroselben underthanen wegen der 
uncösten um so viehl verschonet bleiben möchten. Zue 
gnädiger gewährung wür unss jederzeit underthenig und 
dergestalten dankpahrlich und soviel in unser vermög 
dienen erbietig verhalten, dass euer hochgräfl. excellenz 
allvörder ist und auch derselben underthan hofl^entlich 



4() Zweites Kapitel. 

ain sattens contento liabeii werden. Euer hochgräfl. 
excellenz underthänig gehorsambste 

sämbtliche dermahlen in der 
herrschaft Feldkirch wohnhafte judenschafft." 
Graf Franz Karl beschied die Juden , wie nicht anders 
zu erwarten war, mit einigen derben Worten abschlägig. Der 
Bescheid findet sich, datiert vom 13. März 1677, auf der Rück- 
seite des Gesuches. 

Die 1676 aus Hohenems vertriebenen Juden zogen teils 
in ihre deutsche Heimat zurück, mehrere Familien wanderten 
nach Innsbruck aus, ein Teil aber liess sich im Feldkirch'schen 
inbesondere im Dorfe Sulz nieder, woraus sich auch das 
Fehlen vieler bereits genannter Namen in den folgenden Jahren 
der Hohenemser Judengeschichte erklärt. 



DRITTES KAPITEL. 



Von der Eückkehr der Juden nach Hohenems 
bis ziini Beginn der östeiTeicMschen Herrschaft 

(1688—1765). 



Am 9. April des Jahres 1688 erklärte sich Graf Franz 
- Karl von Hohenems auf dringendes Bitten eines Teiles 
der vor zwölf Jahren aus Hohenems vertriebenen Juden 
bereit, zehn jüdische Familien wieder in seine Grafschaft auf- 
zunehmen. Die Bitte um Rückkehr war eine direkte Folge 
der im folgenden Kapitel erwähnten auf fortwährendes Drängen 
und Klagen der Vorarlberger Stände im Jahre 1688 erfolgten 
Ausweisung der Juden, mit Ausnahme der drei reichsten, 
aus dem österreichischen Vorarlberg, resp. aus der ehemaligen 
Herrschaft Feldkirch. 

Bereits am 2. Januar 1686 verlangt die Hofkammer in 
Innsbruck infolge kaiserlichen Auftrages vom 15. Dezember 
1685 von der Bregenzer Vogtei- Verwaltung Auskunft „ob und 
wie, auch was Ursachen die Judenschaft aus denen Vorarl- 
bergischen herrschaften auf selbiger stände besehenes aller- 
untertenigstes beschweren abgeschafft werden möchte." 

Am 17. September 1688 erfolgt dann die Verfügung der 
Hofkammer „wesmassen die röm. kays. mayst. sub dato 
9. February dies laufenden Jahres allergnedigst anbevolen, 
dass die in Arlbergischen herrschaften sich befindende juden- 
schaft bis auf drei haushaben restringiert und die übrige 
ausgeschaffen werden sollen, und nach der eingeholten In- 
formation erssheinen wollen, das nit allein den herrschaft- 
lichen interesse daran gelegen, sondern auch die 
arlbergische stende und unterthanen es lieber sehen 
thäten, wann die drei reichsten familien als des 
Salamons, Abrahams und Wolfens gestattet würden, 
dannenhero uns anbevolhen, euch die anfügung zu thun, denen 



4S Drittes Kapitel. 

alldortigen jiidea iiisgesammt das kayserliclie rescriptum vor- 
zuhalten und eucli kraft dies befehlichen aufzutragen, dass die 
Juden |:ausser den obbenannten drei familien:| mit ihrem anhang 
und völligen hausshaben bis zu end diss Jahrs aus dem vor- 
arlbergischen territorio wegbegeben und deren inhabend quartier 
wirklieh verlassen sollen."') 

Die liier Verjagten suchten dann beim Grafen Franz Karl 
um Aufnahme im Hohenembsischen, auf das sich der kaiser- 
liche Befehl damals nicht erstrecken konnte, an. 

Des Grafen Bereitwilligkeit zur Aufnahme erklärt sich 
zur Genüge aus seinen zerrütteten Vermogensverhältnissen, 
die durch die Vaduzer Wirren nur noch empfindlicher wurden. 
Der 13 Punkte umfassende Schutzbrief, der sich im 
Wesentlichen an seine Vorgänger anschliesst, wurde vom 
Grafen Franz Karl am 20. Juli 1688 zu Herbrugg, wo er 
sich eben aufhielt, erteilt. Er trägt folgende Überschrift: 
„Neue Conditiones und Bedingnussen. 
Wie und was gestalten von hochgeborenen Herrn, Herrn 
Franz Karl Grafen zu Hochen-Embs, Gallara und 
Vadutz etc. die dermalen in der Herrschaft Feldkirch 
wohnende Juden, von welchen zehn Haushaltungen 
nach selbsteigenem belieben einzuziehen in gnaden ver- 
williget und unter dero gnädigen schütz und schirm 
in dem gräflichen Markt Embs an- und aufgenommen 
worden." 

Das jährliche Schutzgeld wurde für jede Familie mit 
24 fl. festgesetzt, der Schutzbrief selbst auf zwanzig Jahre 
erteilt. 

Über die Namen dieser zehn Familien gibt uns ein wenige 
Jahre später aufgestelltes Verzeichnis Auskunft, das ich hier 
nach dem im gräflichen Archive in Hohenems befindlichen 
Originale wortgetreu folgen lasse: 

„Beschreibung der allhiesigen Juden von haus- 

haltung zu haushaltung, wie stark sie seien in einem 

Jeden haus sub dato den 28. September 1696. 

1. Haushaltung Levi Levit 1 

Sein weib 1 

hat kinder, als knaben 5 

meithlen 4 

') Die Akten hierüber befinden sich im Bregenzer Landesarchive 
Fase. XXXV., Nx. 821. 



Rückkehr der Juden nach Hohenems. 49 

2. Haushaltung Wolf Levit, der jüngere 1 

sein weib Marjem 1 

hat ein kind, so ein raädle 1 

3. „ „ Lämle Weyl 1 

sein weib Ester 1 

hat mädlen 4 

4. „ „ Jakob Isak 1 

sein weib Rosine 1 

hat kind er, als knaben — 3 

5. „ „ Moos Hayum Gumper 

der ältere 1 

sein weib Blimle oder Fany 

genannt 1 

hat ledige söhne bei sich 4 
mädlen 2 

6. „ „ Hayum Moos 1 

sein weib Dolze oder Katha- 
rina 1 

hat ledige söhne 2 

mädlen 1 

weiters bei sich habende 
waise 1 

7. „ „ Hirschle Levit 1 

sein weib Rosle oder Rosine 1 

söhne 2 

mädlen 2 

8. „ „ Mayer Isak 1 

sein weib Gütle 1 

V hat söhne 1 

mädlen 3 

9. „ „ Isak Ullmann 1 

sein weib Sprinze genannt 1 

söhne 1 

mädlen : 1 

10. „ „ Mayer Moos 1 

sein weib, Hindi genannt, ist 

gross 1 

schwanger und sonst noch 

kein kind, wohnhaft in des 

Schneiders haus 



50 Drittes Kapitel. 

11. Haushaltung Salamon Isak Lob, 1 

in Eisenstadt in Österreich 
gebürtig 

sein weib Jetele 1 

ist schwanger, sonst kein kind 



Summa in allem der jungen und alten 59 stück." 

Der obgenannte Lämle Weil kaufte im Jahre 1693, laut 
Urkunde vom 19. Juli, von Meister Thomas Witwe ein Haus 
nebst Garten, am Bach. Es ist dies das die Nummer 13 tragende 
Haus auf der dem fünften Kapitel dieses Buches beige- 
gebenen Karte. 

Hier sei auch auf eine bisher unbekannt gebliebene 
Tatsache hingewiesen, deren, meines Wissens, nirgends Er- 
wähnung geschieht, die aber für die Geschichte der Reichs- 
grafschaft Hohenems von hohem Interesse ist. 

Die geradezu beispiellose Misswirtschaft, die unter dem 
Grafen Ferdinand Karl (1675 — 1684) und anter dessen Nach- 
folger Jakob Hannibal HI. in deren Herrschaften Vaduz und 
Schellenberg gegen Ende des 17. Jahrhunderts herrschte und 
die schliesslich infolge der riesigen Schuldenlast der Grafen 
zum Verkaufe dieser Herrschaften führte, hatte bekanntlich 
vorerst zur Folge, dass in den Jahren 1693 — 1712^) an Stelle 
des vom Kaiser der Regierung enthobenen Grafen Jakob 
Hannibal III. eine kaiserliche Administrations-Kommision, 
an deren Spitze der Fürstabt von Kempten, Rupert von 
Bodmann, und der Fürstbischof von Constanz standen, die 
Regierungsgeschäfte in den genannten zwei Herrschaften ver- 
sah. Im Februar 1693 geschah die Inaugurierung dieser 
Kommission, deren Hauptaufgabe es war, in die bodenlos 
zerrütteten finanziellen Verhältnisse des gräflichen Hauses 
Ordnung zu bringen, ohne jedoch die bereits schwer genug 
belasteten Untertanen in weitere Mitleidenschaft zu ziehen. 

Während aber nun diese Tatsache von Professor Kaiser, 
dem Historiker des Fürstentums Liechtenstein, eingehend ge- 
würdigt und dargestellt wurde, ^) findet sich nirgends^) 
auch nur eine Andeutung darüber, ob diese in den Herrschaften 

') Eigentlich waltete die kais. Kommission ihres Amtes bereits seit 
dem 17. Januar 1684. Vgl. Bergmann, a. a. 0. S. 65. 

^) Kaiser a. a 0. S. 414—432. 

*) Bergmann a. a. 0. S. 68 : „Uns sind ihre (der Reichsgrafschaft 
Hohenems) Geschicke während dieser ganzen Zeit allzuwenig bekannt.^' 



Eine kais. Adniinistrations-Kommission in Hohenems. 51 

Vaduz und Schellenberg amtierende kaiserliche Kommission 
ihre Amtstätigkeit, auch auf die Reichsgrafschaft Hohen- 
ems, als dem eigentlichen Stammhause der Reichsgrafen, aus- 
dehnte. Diese Frage war bisher noch nicht Gegenstand 
historischer Untersuchung gewesen, weshalb sich auch in ge- 
druckten Quellen kein Wort hierüber vorfindet. Die mehrfach 
erwähnte am 21. Mai 1696 in Hohenems stattgefundene 
Sitzung der kaiserlichen Kommission hatte nur die Vaduzer 
Wirren zum Gegenstände.^) 

An Hand vorliegenden Materials von Original- 
akten aber bin ich in der Lage festzustellen,^) dass 
zu gleicher Zeit wie in Vaduz und Schellenberg, 
also in den Jahren 1693 — 1712, auch in Hohenems 
eine Subdelegations-Ko mmission, ebenfalls unter 
den Fürstbischöfen von Kempten und Constanz 
stehend, die Administrationsgeschäfte versah, ohne 
dass jedoch Graf Franz Karl abgesetzt worden wäre, 
wie es ja auch so von 1684 — 1693 mit Jakob Hannibal 111. 
in Vaduz der Fall war. 

Ja, es ist sogar wahrscheinlich, dass auf das 
Walten dieser Kommission und ihre Hauptaufgabe, 
die gräflichen Finanzen zu verbessern, die Wieder- 
aufnahme der Juden in Hohenems im Jahre 1688 
zurückzuführen ist, da selbe ja auch in Vaduz schon seit 
1684, wenn auch ohne offizielle Einsetzung, ihres Amtes waltete. 

Diese Kommission versah in der Reichsgrafschaft Hohen- 
ems, deren Regent unter seiner gewaltigen Schuldenlast 
seufzte, die Regierungsgeschäfte, traf selbständig alle er- 
forderlichen Anordnungen, schaltete und waltete im Namen 
des Kaisers, erteilte Befehle und fällte Urteile, in denen 
nirgends des Grafen Franz Karl gedacht wurde. 

Aus den zahlreichen, mir aus jener Zeit vorgelegenen 
im gräflichen Archive in Hohenems befindlichen Akten seien 
hier nur zwei in den Spezialzwek dieses Buches einschlägige 
Beispiele hervorgehoben. 

Das erste vom Jahre 1696 betrifft eine Beschwerde der 
Hohenemser Ortsgemeinde wider die Juden, das zweite vom 
Jahre 1710 hat den damals geplanten Synagogenbau in 
Hohenems zum Gegenstande. 

*) Kaiser a. a. 0. S. 423. Bergmann a. a. O. S. 67. 

^) Vgl. hiezu die „Historische Einleitung" dieses Werkes. 

4* 



52 Drittes Kapitel. 

Anfangs des Jahres 1697 traten Ammann, Geridit 
und Gemeinde Hohenems mit folgender Anklageschrift auf, die 
ich hier im Wortlaute folgen lasse: 

„Von der Rom. Kais. Mayst. höchstverordneten 
Administratious-Commissiou Subdelegirte hocii- 
ausehnliche Herren Abgesandte etc. 
Frey Reichshochwohlgeborene, wohledelgeboren, ge- 
streng und hochgelehrt, gnädig gebietende herrn! 

Eine höchstlöbliche kays. subdelegations-com- 

mission beliebe sich gnädig von uns endbemeldeten 

in unterthänigkeit supplicando referieren zu lassen, 

wasmassen sich allhiesiege Judenschaft unternehmen. 

Als für's 

1. haben solche einige häuser und guter allhier, von 
welchen sie bis dato die gebührende Steuer, wie billig, 
neben den unserigen erlegen und abstatten müssen. 
Ausgenommen die zwei letzverfallene zu geben sich 
geweigert, auch als man solche, wie gebräuchlich von 
selben einziehen wollen, dem amtstragenden ammann, 
der solches einzunehmen hat, die obrigkeit vorge- 
schlagen, um der Ursachen, weil man ihnen das holz 
aus den gemeindewaldungen nicht zukommen lassen 
wolle. Allermassen aber unser an eine höchstlöbliche 
commission in unterthänigkeit eingegebenes memorandum 
zu erkennen gibt, dass unsere annoch wenig habende 
Waldungen nicht zulassen ferner, wie bis dato beschehen, 
darin umzugehen, wohl aber ihnen hebräern niemals ver- 
boten oder davon abgehalten worden, von einem oder 
andern aus eigener beholzung zu versorgen. Wie dann 

2. sind so viel Juden zu Zeiten allhier, dass es scheint 
mehr^) derselben als unser der Christen zu sein, also 
folgsamlich beider theil kinder mit nicht geringem nach- 
denken unter einander herumlaufen. Zudem 

3. an sonn- und feiertagen, da man dem h. gottesdienst, 
predigt und amt nach katholischem brauch abzuwarten 
habe, stehen sie Juden auf den gassen und Strassen, 
so gar bald nächst bei der kirche herum und halten 
einige da, bald andere dorten davon ab, und solche mit 

*) Man vergleiche nur diese drollige Behauptung mit der Eingangs 
dieses Kapitels angeführten Liste, laut welcher im Jahre 1696, also im 
selben Jahre, nur 59 jüd. Seelen in Hohenems ansässig waren. 



Eine kais. Administrations-Kominission in Hohenems. 53 

sich ZU handeln in ihre häuser ziehen, auf welches 
dann endlich, wie zu besorgen eine grosse strafe gottes 
nach sich ziehen dürfte. Es hat auch 

4. vergangenen soramer, als wir durch einen ge- 
wissen pfarrherru, gleich unseren nachbaren, 
die felder allhier benediciren lassen, hat 
solcher geistliche sich öfters vernehmen lassen, 
wenn wir nicht ein solches Otterngezücht in 
land haben, würden wir bessere jähr als bis 
dato b esc beben, von dem lieben gott zu ge- 
warten und zu hoffen haben. Nicht weniger 

5. haben wir einige wochen- und gewöhnliche Jahrmärkte 
allhier, worauf dann vermög öfters ergangene obrigkeit- 
liche decreta, alles und jedes darauf, was man zu ver- 
kaufen, kommen sollte. Nichts destoweniger sie hebräer 
sich unterstehen unter der zeit in den häusern herum- 
zulaufen, um eier, schmalz, kitzi, kälber, und all 
anderes nach ihrem gefallen, mit theils unserem, auch 
geistlicher und weltlicher obrigkeit nicht geringem 
nachteil, aufkaufen, also zwar, dass man alsdann weder 
wenig noch viel um das geld mehr bekommen kann, 
hiedurch die markte in abgang gerathen. Hierzu kommt 

6. dass sie hebräer zu zeiten alle häuser voll, von aller 
orten herkommendes gesindel, sowohl kranke als ge- 
sunde, etliche wochen und tage aufhalten und also zu 
besorgen, es möchte inskünftig was ärgeres daraus ent- 
stehen. AVie nicht weniger 

7. bringen sie hebräer aller orten her gesundes und un- 
gesundes verdächtiges und inficirtes vieh und solches 
dann unter unseres zum brunnen und auf die weide 
zu treiben sich unterstehen, und weil sonsteu wir durch 
die schwere kriegsläufte dergestalten abgemattet worden, 
wir noch ferner hierdurch in schaden gerathen dürften. 
Es thun auch 

8. oft angezogene hebräer aus ihrer sonst gewöhnlichen 
art mit ein oder anderen unterthanen, auch sogar mit 
gnädiger herrschaft mit solch betrug und list umgehen, 
dass nicht sie sondern jene, mit denen sie handeln, ihr 
schutzgeld geben müssen. 

Als gelangt an eine kais. hochlöbl. commission um 
oberzählter der Sachen wahrer beschaflienheit unsere 



54 Drittes Kapitel. 

unterthänig, dehmütigste bitte, sie wolle doch um des 
liebeü gottes und des uächsten willen so gnädig und 
so mild sein, uns von einer solchen schweren bürde zu 
entledigen, welches der allerhöchste gott einer hochlöbl. 
commission hier zeitlich und dort ewig reichlicli be- 
lohnen und einer allhiesig gnädigen berrschaft tausend- 
fältiges schutzgeld erschiessen lassen wolle. Anbei zu 
dero hulden und gnaden uns unterthänig empfehlend 
und verbleiben 

einer kais. hochlöbl. subdeleg. commission 
unterthänig treugehorsame 

ammänner, gericht und gemeinde 
zu Embs." 
Das gräfliche Hohenembser Kommissions-Oberamt be- 
gleitete dieses Gesuch am 26. Januar 1697 mit der Em- 
pfehlung, die reichen Juden in Hohenems zu belassen, die armen 
aber auszuweisen. 

Da es aber schliesslich zu keiner Ausweisung kam, hin- 
gegen aber, wie auf der Rückseite des Gesuches vermerkt ist, 
eine strenge Untersuchung gegen die Juden eingeleitet wurde, 
so haben sich wohl all diese allgemein gehaltenen, in keiner 
"Weise mit Belegen erhärteten Anklagen, als unberechtigt er- 
wiesen. Weder die in Punkt 4 betonte Meinung des geistlichen 
Herrn, noch die nette Denunziation in Punkt 8 scheinen der 
Administrations-Kommission genügt zu haben. Ja, noch aus 
demselben Jahre, kaum 14 Tage nach diesem Vorgange, liegt 
ein Bericht über die Aufnahme eines weiteren Juden in gräf- 
lich Hohenembsischen Schutz vor. 

Salamon Levi war, wie im nächsten Kapitel erwähnt, 
in Sulz geblieben. 1697 verheiratete er eine Tochter, deren 
Ehemann sich in Hohenems niederlassen sollte, für den 
er um Aufnahme b.ei der Administrations-Kommission 
in Hohenems am 1. Februar 1697 ansucht, und die seinem 
Tochtermanne auch am 7. Februar 1697, gegen das festgesetzte 
Schutzgeld von Ü. 24 gewährt wird. Doch sollte dagegen das 
Oberamt einem der armen Juden, die nur das halbe 
Schutzgeld bezahlen, den Schutz aufkündigen.^) 



') An die Hochlöbl. kays. Commission aus Sulz, den 1. Febr. 1697 
adressiert (nach vorlieg. Original). 
„Demnach vnterm dato 9ten Aprilis 1688 von ihre hoch- 
gräfl. excell. herren graff Franz Karl zu Hochen Embs vermög 



Vereitelter Synagogenbau. 55 

Das zweite für die Geschichte der Juden interessante 
Eingreifen der kaiserlichen Administratoren in Hoheneins fällt 
in das Jahr 1710. 

Damals planten die Hohenemser Juden, deren Zahl sich 
auf höchstens 20 Familien belief, den Bau einer Synagoge, 
wozu ihnen das Recht auch laut Schutzbrief zustand. Ammann, 
Gericht und Gemeinde Hohenems, von ihrem Klerus geführt, 
waren aber bemüht diesen Bau zu hintertreiben, zu welchem 
Zwecke sie eine rührende Klageschrift beim Fürstabte in 
Kempten als kaiserlichen Administrator einreichten. Von 
diesem traf dann auch am 15. Februar 1710 der folgende Be- 
scheid ein: 

„Auf das von ammann, gericht und ganzer ge- 
meinde der reichsgrafschaft Hohenembs wegen einer von 
dasiger Judenschaft gebauet werden wollender neuer 
Synagoge überschicktes memoriale wird von obhaben- 
der kaiserl. administrations wegen den rent- 
meister zu Embs Johann Philipp Karrenführer 



dero gnädigen banden, die samentlicbe Judenschaft so dermahlen 
in der berrscbaft Veldkirch gesessen, widerumben in dero schütz 
auf und angenommen, wie dann zuemahlen die maiste sich der 
gnaden bedient, worunder auch ich gleich den anderen die gnedige 
zuesag erhalten, willen aber auss gnaden der hochlöbl. regierung 
mich bis dato annoch zu Sultz auflialte, sondern auch noch meine 
zwei brüder, allermassen nur aber ich meine aigene behaussung 
allhier, solche auch jeder zeit der gemainde versteuert, in selbigen 
sich dann mein tochtermann aufhaltet, willen nun aber erst kürz- 
lich wider ein kind verhairatet, selbig ernanntes halbes hauss 
neben andern zum heirathsgut gegeben — Alls habe bey einer 
höchst löbl. kays. commission suplicando demitigst einkommen 
und bitten wollen umb das sye gnedigst geruheten und die Ver- 
ordnung und erlaubnis zue geben, damit main dermalig neier 
tochtermann zue dem andern gegen dem schuzgeld hiehero in 
die graffschaft zigen durffe. Zu ainer gnedigst willfährigen reso- 
lution mich allerunterthänigst vertröstend vnd verbleibe einer 
hochlöbl. kays. commission unterthänigst gehorsamst 

Salamon Levit, hebreyer." 
Auf der Rückseite findet sich folgender Bescheid; 

„Das oberamt wird hiermit befehlet supplicantens tochter- 
mann gegen 24 fl. schutzgeld in schütz aufzunehmen, hingegen 
einem andern, welcher nur das halbe schutzgeld erlegt, und mit 
keiner von diesem jähr erlangten Signatur versehen, den schütz 
aufzukünden. 

Embs, den 7. Februar 1697." 



5() Drittes Kapitel. 

bedeutet, dass er vorgedachten neuen Synagogen bau 
nit vor sich gehen lassen, hingegen obberiihrten 
supplicanten zu wissen thun solle, dass denen bisherigen 
von denen herrn subdelegierten wegen Verminderung 
der Judenschaft bereits erlassenen decreten bei nächster 
gelegenheit, da eine Subdelegation wieder der orten 
kommen würde, werde nachgesetzt und wie viel von 
denen allda in der zahl allzustark zunehmenden Juden 
auszuschaffen seien, genauer untersucht und verordnet 
werden. 

Decretum Stift Kempten, den 15. Februar 1710. 
V^. V. Blömegen. Fürstl. Kempten sehe Canzley." 

Dieses Dekret blieb aber vorerst ohne Erfolg, w-eshalb 
der gesamte Klerus der Grafschaft Hoheneras sich mit einer 
Klageschrift an den Fürstbischof zu Constanz wandte, wovon 
uns das folgende vom Fürstbischof in Constanz an den Fürst- 
abt zu Kempten gerichtete Schreiben vom 28. April 1710 
Kunde gibt: 

„Copia Schreibens von ihro hochfürstliche gnaden zu 
Konstanz an ihro hochfürstliche gnaden zu Kempten 
de dato 28. April 1710. 
Nachdem uns der gesamte clerus der grafschaft 
Hohenems wehmütigst zu erkennen gegeben, welcher- 
gestalten sich die Juden selbigen orthes dermassen ver- 
mehren, dass sie nunmehr eine neue Synagoge aufzu- 
richten in werk begriffen, zumalen auch denen Christen 
an der anzahl allerdings gleich seien '), wodurch erfolge, 
dass die arme christliche Jugend mit denen jungen Juden 
und Jüdinnen ihre gemeinschaft haben und das gift 
ihrer sitten unempfindlich imbibiren, auch auf gleiche 
weise an sonn- und feiertagen durch ihre Schachereien 
den dienst göttes unterbrechen, mithin mancher kalt- 
sinnige Christ studio sein mit Juden habendes gewerb 
auf dergleichen tage ansiehet, damit er dem wucher 
um so füglicher abwarten und hingegen sich dem dienst 
gottes subduciren könne, zumalen auch an selbigen tagen 
die Juden ihre s. v. wasche waschen, öffentlich spinnen 
und andere knechtliche arbeit verrichten, ja sogar denen 
Prozessionen, bottleute etc. einigen respect nicht be- 



') Bei kaum 20 Familien! 



Vereitelter Synagogenbau. 57 

zeugen, uns dahero gehorsamst bittend, dass wir amore 
religionis all solches euer liebden als kaiserl. Ad- 
ministrations-Comraissaria vorzustellen und die sache 
dahin zu recommendiren geruhen möchte, damit euer 
liebden das vorhabende gebäu der synagoge inhibiren, 
zumal auch die anzahl der Juden insoweit reduciren 
lassen wollte, damit solche die Christen nicht weiters 
übersteigen. Und wir nun als Ordinarius selbiger orten 
diesem ad bonum religionis abzielendem petito des cleri 
nit absein können, mithin demselben auch um so ehender 
deferiren wolle, als wir uns ohnedem versichert wissen, 
dass euer liebden hierin, falls, wann die Sachen an- 
gebrachter massen beschaffen sind, von selbsten 
zu remediren gedenken werden, als wollen wir deroselben 
dieses lobwürdige desiderium der christlichkeit de meliori 
recommendirt haben, euer liebden anbei zu erweisende 
fernere dienste . . . ." 

Darauf richtete der Fürstabt von Kempten an den Rent- 
meister Karrenführer das folgende Schreiben: 

„Unseren frtl. gruss zuvor, ehrenfester und lieber 
besonderer, welcher gestalten ihro hochfürstliche gnaden 
von Constanz unter dem 28. jetzt abgewichenen monats 
Aprilis an unseres gnädigen herrens hochfürstliche gnaden 
geschrieben, ob sei mau annoch in begriff zu Hohenembs 
eine neue Judensynagoge aufzubauen, und die anzahl 
dasiger Juden so weit angewachsen, dass sie die Christen 
übersteige, dannenhero die Inhibition vorgedachten syna- 
gogengebaues und die reduction der anzahl der Juden, 
bis selbige die Christen nit übertreffe, recommendiret 
haben, das hat derselbe aus der anliegenden copia mit 
mehreren zu ersehen. Wie wir nun von fremden ort 
dergleichen erinnerungen sonderbar wegen oftberührter 
Synagoge um so weniger gewärtig gewesen, als bereits 
demselben vor einem Vierteljahr sothanen bau nit vor 
sich gehen zu lassen, gemessen anbefohlen, mithin die 
meinung geheget haben, es würde dieser ordre gebührende 
folge geleistet worden sein, also befremdet uns dieses 
neuerliche nit wenig, wir haben dahero vorgedachten 
befehl. das dick angezogene gebäu oder synagog zu 
sistiren und gleich nach empfang dieses zu inhibiren 
noch einmal hiemit dergestalt widerholen wollen, damit 



58 Drittes Kapitel. 

nit voimöten sei, deshalb eine weitere imd schärfere 
Verordnung ergelien zu lassen, ^y .... 

Der Synagogenbau unterblieb damals tatsächlich, zu einer 
Ausweisung von Juden lag jedocli kein Grund vor, weil eine 
solche erst dann erfolgen solle, wenn ihre Anzahl die der 
Christen übersteige, was vor Anbruch des jüngsten Tages nicht 
gut zu erwarten stand. 

Aus jener Periode sind die Schuldscheine der Grafen von 
Hohenems und Vaduz an Hohenemser oder Sulzer Juden 
besonders zahlreich, alle jedoch nur über kleinere Summen, 
5 — 600 fl., lautend. Beachtenswert ist, dass der Graf Franz 
Rudolph in einem 1706 ausgestellten Schuldscheine 2) die Be- 
zahlung bei Verkauf der Herrschaft verspricht, was sich ver- 
mutlich auf Schellenberg bezieht. 

Die Anzahl der Juden in den ersten Jahrzehnten des 
18. Jahrhunderts erfuhr nur sehr langsam eine Vermehrung. 
Zehn Familien hatten im Jahre 1688 wieder Aufnahme ge- 
funden, acht Jahre später bilden sie erst elf Haushaltungen, 
und in weiteren 20 Jahren im Jahre 1716, findet sich ein 
Verzeichnis, laut welchem zehn Familien sich als den grössten 
Teil der Gemeinde bezeichnen. 

Der damalige Vorsteher Josle Levi hatte dem Schulmeister 
der Gemeinde, Abraham, irgend ein nicht näher beschriebenes 
Unrecht zugefügt, und daraufhin erliessen die folgenden zehn 
Personen eine „öffentliche wahrnung" gegen ihn: 

1) Salamou Elihen, Efraims Sohn, 

2) Abraham, Isaks Sohn. 

3) Maier Moos, Simons Sohn. 

4) Abraham, Salamons Sohn. 

5) Abraham, Chaims Sohn. 



') Die 3 Schriftstücke haben mir im Originale aus dem Hohenemser 
gfl. Archive vorgelegen. 

-) Original im gräfl. Archive zu Hohenems. 
„Ich endes und schribener bekenne mit hand und bitschaft, dass 
ich den Mayer Mosz und Josef Levi von Sultz schultig worden 
bin umb pferdt und ring 325 fl. sage dreyhundert zwanzig fünff 
gulte, wo solche summa versprich ich die hebreer bezallen bey 
verkaufFen der herrschafft oder bey Maien gefeil. 

Geben den 11. May 1706. Franz Rudolph, 

(L. S.) Graff zu Hochenembs und Vadutz." 

Die Bezalilung erfolgte laut Quittung am 24. Juni 1719, nach dem 
Regierungsantritt des Grafen Franz Rudolph. 



Jonathan Uffenheimer's Einwanderung. 59 

6j Josef, Abrahams Sohn. 

7) Baruch, Moschis Sohu. 

8) Moyses, Mordechajs Sohu. 

9) Gerson, Moyses Sohu. 
10) Abraham, Schulmeister. ^) 

Graf Frauz Karl vou Hohenems war bereits im Jahre 
1713 gestorben, ihm folgte in der Regierung Graf Jakob 
Hannibal III. (Vadutzer Linie) und uach dessen Tode im Jahre 
171.^ Franz Rudolf. 

Dieser Regierungswechsel hatte eine Erneuerung des Schutz- 
briefes für die Juden zur Folge. Am 20. Mai 1718 erteilte 
Graf Franz Rudolph den neuen Scliutzbrief, ^) der zwanzig 
Jahre Giltigkeit haben sollte, sich im AVortlaute seinen Vor- 
gängern anschliesst und nur mit P. 12 von diesen abweicht, 
indem das Schutzgeld auf jährliche 12 fl. pro Familie herab- 
gesetzt ward, während jedoch die Brüder Maier und Simon 
Moos ^) und jene, die sich künftig verheiraten werden, 24 fl. 
zu zahlen haben sollten. 

Im Jahre 1725 erfuhr die Gemeinde einen sehr schätzens- 
werten Zuwachs, indem der reiche Kaufmann Jonathan 
Uffenheimer aus Innsbruck nach Hohenems übersiedelte 
und hier bald bedeutenden Einfluss auf die Angelegenheiten 
der Israelitengemeinde gewann. Durch den Vorsteher der 
Israelitengemeinde Hess er im Sommer 1725 betreffs der 
Aufnahmsbedingungen beim gräflichen Rentamt anfragen, die 
ihm dann in einem Briefe, datiert 17. August 1725, mitgeteilt 
wurden. Am 10. September 1725 wurde er mit besonderer 



*) Eine Liste vom Jahre 1718 ergänzt die obenstehende Liste: als 
Josle Levi, Vorsteher, Jakob Isak, Maier Moos Gumpers Sohn, Smul 
Moos Simionssohu, Kauschele 3Ioos, Simion Moos, Jakob Moos, "Wolf Levi 
Levis Sohn, Pesach Levit, Lämle Weil, Pesach Ullmann. 

-) Hier muss ich einen bedauerlichen Irrtum berichtigen. Im 
Woerz sehen Fascicel „Judenakten" im Ferdinandeum in Innsbruck be- 
findet sich als Grundlage für den späteren ersten österr. Schutzbrief von 
1769 eine Kopie eines Schutzbriefes vom 23. Mai 1708, was aber zweifel- 
los falsch ist, weil dieser Schutzbrief Wort für "Wort mit dem von 1718 
übereinstimmt und nur von dieser Zeit herrühren kann, weil er vom 
Grafen Franz Rudolph erteilt ist, der aber erst 1718 zur Re- 
gierung kam. Dann auch wegen der in ihm genannten Judennamen. 
Hier liegt ein Versehen des Abschreibers vor. 

') Diese beiden Moos werden 1725 als die am Ende der Judengasse 
wohnenden, „bis wohin der schulklopper zu gehen hat", genannt. 



60 Drittes Kapitel. 

Irkuiide aufgenommen^). Als Bedingung ward ihm ein jähr- 
iiclies Schutzgeld von 25 fl., das jedoch nicht für seinen 



^) Ihres interessanten, bezeichnenden Inhaltes halber lasse ich hier die 
beiden Schriftstücke im Wortlaute folgen: 

„Monsieur Jonathan Uffenheimcr in Innsbruck! 
Es hat der allhiesige judenanimann in namen desselben angehalten, 
dass man dem die gnädige resolution entdecken möchte bei 
nächster gelegenheit auf diejenige punkte, so derselbe dem herrn 
cantor eröffnet wegen erlangung hiesigen Schutzes. Damit nun 
derselbe wissen möge, auf was die sache beruhe, also ist die 
hochgfl. gnädige resolution dahin ergangen, dass man vermög 
Schutzbrief von keinem neu aufnehmenden hebräer weniger nit 
nehmen werde, als alljährlich sammt der gans üö fl., unter 
welchen schütz aber niemand anders begriffen sein solle, als der- 
selbe, sein hausfrau undkindmit ausschluss des scribenten. 
Wenn dann derselbe 500 fl. auf zins antizipieret (die in fünf 
jähr wiederum samt den belaufenden zins sollen abgefüget 
werden entweder in geld oder naturalien) so sollen die 24 fl. 
wegen der annähme nachgesehen werden. Weilen nun 
bereits zwei hebräer von Dannhausen jährlich schutzgeld 
in den 24 fl. samt der gans versprochen, also kann sich derselbe 
von dato inner vier wochen erklären, ob derselbe auf solche 
weise den schütz annehmen wolle oder nit, widrigenfalls er des 
Schutzes halber nit mehr gehört werde . . . den 17. August 1725." 
Die Aufnahmsurkunde hatte folgenden Wortlaut: 

„Zu wissen, dass hochgräfl. gnädige herrschaft von und zu der 
Hohen embs den hebräer Jonathan Uffenheimer mit seiner hausfrau und 
kinder samt dem benötigten haus- und brotgesinde, worunter ein 
Schreiber ledigen Standes auch begriffen, in der grafschaft laut 
dem anderen hebräern gemeinsam erteilten scliutzbriefs (welchen 
er auch gleich wie andere zu geniessen hat) mit dieser condition 
angenommen, dass, gleichwie die anderen hebräer jährlich 12 fl. 
und eine Martinigans zu bezahlen haben, solle er Jonathan auch 
jährlich in allem 25 fl. und bei antretung des Schutzes 24 fl. einstand- 
geld bezahlen, welchen schütz er auf drei jähre lang zu geniessen 
augedingt und bereits 50 fl. erlegt, die übrige 49 fl. aber im 
halben jähr zu .bezahlen versprochen, und wenn solche 49 fl. er- 
legt seien hat die gnädige herrschaft an ihm Jonathan nichts 
mehr zu prätendiren, sondern drei jähre lang nämlich bis Martini 
1728 franco sitzen lassen, ausser dass er sich mit der gemeinde 
der steuern halber zu verstehen hat. Es ist ihm Jonathan auch 
erlaubt samt den seinigen, über kurz oder lang, ohne einzige 
entgeld freien abzug zu haben, so aber solches unter den drei 
jähren geschehen möchte, sollen jedoch die erlegten schutzgelder 
der gnädigen herrschaft zu bänden verbleiben. Zu urkund dessen 
ist gegenwärtige annahms- Signatur ihm unter dem hochgräfl. 
canzlei-signet erteilt worden, wie denn auch von die dato erlegten 
50 fl. quittieret wird." 



Reichsgraf Franz Rudolf. 61 

Schreiber gelten solle, gestellt, nebst der obligaten Martins- 
gans und 24: fl. Einzugsgeld, von welch letzterer Bedingung er 
sich jedoch dadurch freimachen könne, dass er dem Grafen 
500 fl., rückzahlbar nebst Zinsen in fünf Jahren, vorstrecke. 
Schliesslich wurde ihm die Aufnahme gegen jährliche 25 fl. 
inklusive des Schreibers und 24 fl. Einstandsgeld gewährt. 
Vor dem gräflichen Gerichte kamen alle Rechtshändel, 
auch solche der Juden unter sich, zur Verhandlung. So am 
19. Januar 1725 eine Klage des Hebräers Josef Einstein wegen 
Ehrenbeleidigung contra Israel Levi. 1728, 28. April, stellen 
Wolf Levit, Isak Levit und Wolf Moos fl. 200 Kaution für 
den im Schlosse verhafteten Josle Levi, damit dieser während 
der Verhandlung auf freiem Fuss belassen bleibe. 

Im gleichem Jahre war die gesamte Hohenemser Juden- 
schaft von der Ausweisung bedroht, weil nämlich Maier Moos, 
der vermutlich Vorsteher war und den Schutzbrief der Ge- 
meinde in Verwahrung hatte, diesen heimlicherweise „versetzt 
hatte". Doch eiu Bittgesuch bei der Gräfin Maria Anna Karolina, 
erster Gemahlin des Grafen Franz Rudolph, um ihre Für- 
sprache wendete das Unheil ab. 

Im Jahre 1731 wird Salamon Isaac des gräflichen Schutzes 
für verlustig erklärt und der „Judenvorsteher Urban Levit" 
angewiesen, dies nebst dem Verbote zu publizieren, dass ihn, 
bei hoher Strafe, niemand in seinem Hause „Unterschlupf 
gebe". Dieser Salamon Isaac war hier länger als ein Jahr 
unter dem Verdachte in Haft gewesen, gestohlenes Kirchengut 
gekauft zu haben, musste aber dann freigelassen werden, weil 
sich durchaus nichts Belastendes wider ihn vorfand. Um nun 
den unschuldig Misshandelten aus der Nähe zu haben, ward 
er aus dem Hohenemser Gebiete verbannt, doch musste er 
vor seiner Freilassung schwören: 
1) „dass er wegen des unschuldig erlittenen Arrestes 
keine Rache nehmen wolle, weder an der gräflichen Herr- 
schaft, noch an jene, die seinen Arrest verschuldet 
hatten ; 



Jonathan Uffenheimer kaufte bald nach seiner Ankunft zusammen 
mit Jabob Moos, Schwager des churpfäl zischen Hofjuden Michael May, 
je ein halbes Haus nebst Garten und Zubehör von Georg Feukart. Ja, 
er erhielt mit einem eigenen Dekrete später vom Grafen den Titel eines 
Hof juden zuerkannt, mit dem Zusätze, dass er aller Lasten, ja selbst des 
Schutzgeldes ledig sein solle. 



62 Drittes Kapitel. 

2) dass er sich auf Verlangen wieder stellen wolle; 

3) dass er sich alles, was mit ihm passiert, aus dem 
Sinn schlagen wolle." i) 

Not lehrt, nach einem bekannten Sprichworte, gewöhn- 
liche Menschen beten; den Grafen Franz Rudolph aber lehrte 
sie im Jahre 1737 etwas ganz anders Geartetes. 

Im Jahre 1737 lief nämlich der anno 1718 für 20 Jahre 
erteilte Schutzbrief ab. Bereits am 3. Januar 1737 bat daher 
der jüdische Gemeindevorsteher Urban Levit namens der Ge- 
meinde um Erneuerung des Schutzbriefes. Auf der Rückseite 
dieses Bittgesuches findet sich nun folgender vom Grafen 
Franz Rudolph eigenhändig unterschriebener Bescheid:^) 

Auf das von der Judenschaft zu Embs an mich er- 
gangene memorial wird hierdurch dekretiert, dass ob- 
gemeldte Judenschaft, weilen ihr schutzbrief zu ende 
geht, zweitausend kaisergulden an mein ober- 
amt baar erlegen solle, da ihnen hierauf dann ein 
neuer schutzbrief gewöhnlichermassen wird ausgefertigt 
werden, widrigenfalls aber sich selbe weigern sollte 
diese bemeldte summe von 2000 fl. zu bezahlen, wird 
mein oberamtmann hierdurch befehliget bei endigung 
des Schutzbriefes die samentliche Judenschaft von 
meiner grafschaft sogleich wegzuschaffen. 

Franz Rudolf, graf zu Hochenembs," 
Dieser Erpressungsversuch scheint vollständig erfolglos 
geblieben zu sein, denn ein Dekret vom 1. Februar 1737 
schlägt schon einen weit gemässigteren Ton an : ^) 

„Wir reichshochgräfl. Hochenembsische räthe und 
oberbeamte geben hiemit dem Urban Levit, juden- 
ammann, zu erkennen, gleichwie wegen wichtiger sache 
unsere gnädige herrschaft 424 fl. 40 kr. bis längstens 
Sonntag abends unumgänglich haben muss, dass solchem 
nach gesamte Judenschaft besagte 424 fl. 42 kr. auf 
längstens sechs wochen vorschiessen und darleihen 
sollen", wofür sie einen Wechsel erhalten. Die sich 
Weigernden solle der Judenammann zur Anzeige bringen. 



') Aus einem Protokolle mit Sal. Isak ddo. Harburg 11. Okt. 1741. 
Extract im Hoheiiemser gräfl. Archive. 

^) Original im gräfl. Archive in Hohenems. 
*) Original im gräfl. Archive in Hohenems. 



Hohenemser Schutzjuden v. J. 1744. 63 

Am 29. Juli wurde der Schutzbrief auf weitere 20 Jahre 
verlängert und zwar mit dem gleichen Wortlaute wie der 
seines Vorgängers von 1718. Auf Grund welcher Geldopfer 
dies schliesslich zustande kam, ist mir unbekannt. 

Aus jener Zeit liegt auch ein interessantes Schreiben der 
gräflichen Beamten an „die Frau Reichsgräfin ^)" vor, 
dass sie den Ehekonsens erteilen möge zur Verehelichung 
des Sohnes des alten Hirschlin in Hohenems mit der Tochter 
des Schulmeisters in Sulz, die ebenfalls in Hohenems 
geboren sei. Dieses Schriftstück schliesst mit dem Zusätze, 
dass die Hochzeiter um Spielleute ansuchen werden, die ihnen 
die Gräfin gevvähren möge, weil ja auch in Wien das Spielen 
jetzt zwar verboten, aber bei Hochzeiten gestattet sei, was 
sich vermutlich aufs Jahr 1740, dem Todesjahre des deutschen 
Kaisers Karls VI., bezieht. 

Im Jahre 1744, also noch vor Einwanderung der aus 
Sulz Vertriebenen, waren in Hohenems die folgenden 20 Schutz- 
juden laut amtlicher Aufzeichnung ansässig: 

1) Jonathan Uifenheimer 10) W^olf Moos 

2) Maier Jonathan öifen- 11) Isak Levi in der Säge 

heimer 12) Joszle Levi 

3) Kauschele Moos 13) Veit Levi 

4) Mayer Moos, des Vorigen 14) Leb Ulimann-) 

Sohn 15) Jakob Uffenheimer 

5) Urban Levi 16) Salamon Mayer 

fi) Josef Urban Levi (Am- 17) Abraham Landauer 

manns Sohn) 18) Mayer Moos Jäckelis 

7) Wolf Hirsch Levi 19) Joszle Isak Levi 

8) Josef Wolf Levi 20) Moyses Ulimann. 

9) David Moos, Gumpers Sohn 

Diese Liste ergänzt sich noch aus anderen gleichzeitigen 
amtlichen Notizen mit den Namen: 

21) Josef Levi, Hirschles Sohn 

22) Jakob Uffenheimer, ebenfalls Sohn des Jonathan 
Uffenheimer 

23) Salamon Moos. 

Die nächste Vergrösserung der Hohenemser Judeugemeinde 
durch Neuansiedlunsf fand erst im Jahre 1748 durch die da- 



') Graf Franz Rudolph Hess sich vermutlich in seiner Abwesenheit 
von seiner Gattin vertreten. 

-) Keineswegs mit dem späteren Rabbiner identisch. Vgl. Kap. 14. 



()4 Drittes Kapitel. 

iiials erfolgte Aufnahme der aus Sulz vertriebenen Juden durch 
den Grafen Franz Rudolf statt. 

Bei AVeizenegger, ^) findet sich das Jahr 1744 2) als Auf- 
nahmsjahr der Sulzer Juden angegeben, und noch dazu gar 
durch den erst 12 Jahre später ^) zur Regierung gelangten 
Franz AViihelm und der noch dazu den dritten Beinamen Max 
führen sollte.*) 

Ein dreifacher Irrtum innerhalb einer Zeile! 

Im gräflichen Schutzregister des Jahres 1744 findet sich 
auch zum ersten Male die Bestimmung, die alljährliche Martini- 
Gans mit 1 fl. zu ersetzen; doch dürfte diese Bestimmung schon 
älteren Datums sein. 

Fast zu eben der Zeit, da die Vertreibung der Juden im 
österreichischen Sulz erfolgte und sowohl die Vorarlberger 
Stände wie auch so manche der vorgesetzten österreichischen 
Behörden in ganz ungerechtfertigte Klagen und Verläumdungen 
gegen die Juden sich überboten, erhielt der Judenvorsteher 
Jonathan Uffenheimer ein Patent über die Lieferung von Blei 
und Leder für die Landesverteidiger nach Bregenz. ^) 

Die Lasten jener Kriegsjahre trugen die Juden in Hohen- 
ems getreulich mit den christlichen Untertanen des Grafen; 
mehrfach streckten Einzelne unter ihnen der in Geldnot be- 
findlichen Ortsgemeinde grössere Summen vor, deren Abzahlung 
dann Jahrzehnte dauerte. Die Juden nahmen, wie zum Beispiel 
Jonathan Uffenheimer, das Geld auswärts gegen hohe Zinsen 
auf, um es der bedrängten Ortsgemeiude leihen zu können. 
Dem Jonathan Uffenheimer war für einen solchen Dienst das 
Hohenemser Bürgerrecht versprochen, jedoch nicht verliehen 
worden. ^) 

Im Jahre 1747 belegten Ammann, Gemeinde und Gericht 
Hohenems jedes Haus mit einer besonderen Kriegssteuer von 
10 kr., zu deren Entrichtung sich die Juden am 9. Mai 1747 
durch ihren Vorsteher Jonathan Uffenheimer nur dann bereit 



a. a. 0. II., Seite 366. 

"^) Ygl. weiter Kap. 4. 

') Vgl. alle Geschichtsquellen hierüber. 

*) Den er aber nicht führte. Vgl. Bergmann, Keichsgrafen a.a.O. S.81. 

®) Aus Statth. Archiv Innsbruck, Causa Domini Lib. 108. Fol. 117 
Jahrgang 1745. Vgl. Kap. „Handel und Gewerbe". 

") Vgl. die Eingabe Uifenheimers bei der Steueraffaire im Jahre 1757 
weiter in diesem Kapitel. 



Josle Levi und Jonathan Uffenheimer. 65 

erklärten, wenn ihnen die bei einer früheren Einquartierung 
auferlegte besondere und nur von den Juden entrichtete 
Kontribution in Abzug gebracht werde. 

Im Oktober 1748 reichten die aus Sulz ver- 
triebenen Juden Emanuel Wolf, Baruch Wolf, F^evi Weil, 
Wolf Wolf Emanuels Sohn, Jakob Levi, Wolf Levi Josles Sohn, 
Moyses Levi, Leb Levi und Salamon Levis Erben beim Grafen 
Franz Rudolph von Hohenembs eine Bittschrift um Aufnahme 
in den Hohenemsischen Schutz ein, in der sie ausführlich die 
Leiden ihres bereits fast 5 jährigen Exils schildern und sich 
und ihre Familien des Grafen Milde empfehlen. Die Vogtei- 
verwaltung und das Oberamt in Feldkirch hatten übrigens 
bereits am 7. Dezember 1746 die vertriebenen Sulzer Juden 
dem Hohenemser Grafen zur Aufnahme empfohlen. Auf der 
Rückseite der Bittschrift findet sich von des Grafen eigener 
Hand folgender Bescheid: 

„Wird den supplicanten in gnaden willfahrt und 
ist ihnen auf beigefügter charta blanca der schutzbrief 
nach maassstab der supplic. aufzusetzen und zu erteilen. 
Wien, den 29. Oktober 1748. 

F. R. graff zu Hochenembs." 

Der einzige Sulzer Jude, der vor dieser Zeit in Hohen- 
emser Schutz aufgenommen ward, war der reiche, greise Josle 
Levi, der in besonderer Gunst bei den Hohenemser Grafen 
stand, wohl wegen der vielen und wertvollen Dienste, die er 
dem gräflichen Hause leistete. Es entstand deshalb auch bald 
eine Rivalität zwischen diesem und dem Vorsteher Jonathan 
Uflfenheimer, die zu offener Feindseligkeit ausartete, Zwist 
und Hader unter den Juden in Hohenems, die teils für den 
einen teils für den andern Partei ergriffen, verursachte. Ge- 
steigert wurde noch der Zwist, als Josle Levi vom Grafen 
zum Vorsteher der Juden eingesetzt wurde, dem aber Uffeu- 
heimer seinen Ehrenplatz nicht gutwillig räumen wollte. Die 
Affaire artete in einen regelrechten Prozess vor dem Grafen 
aus, vor dem beide Teile als Kläger erschienen waren. ^) 
Schliesslich musste üffenheimer dem Josle Levi vor dem Grafen 
Abbitte leisten und seinen Partner als Vorsteher der Juden- 
gemeinde am 26. September 1749 öffentlich anerkennen. Josle 



^) Weiteres über diese unerquickliche Geschichte siehe weiter in 
Kapitel 10 und 13. 

5 



^^{:, Drittes Kapitel. 

Levi überlebte seinen Sieg nicht lange, da er bereits 1753^ 
hochbetagt aus dem Leben schied. ^) 

Die trüben Ereignisse in Sulz zeitigten im Jahre 1750 
auch für die Hohenemser Juden sehr ernste Folgen, Das an 
einer andern Stelle dieses Buches '^) im Wortlaute mitgeteilte 
kaiserliche Urteil vom 80. Mai 1750 im Sulzer Prozesse ent- 
hielt auch einen Passus, der den Hohenemser Juden allen 
Handel und Wandel, ja selbst das Hausieren im österreichischen 
Vorarlberg bei schwerer Strafe verbot. ^) Dieses Ergebnis der 
fortwährenden Wühlereien und Klagen der Vorarlberger Stände 
musste die Hohenemser Juden, insbesondere die Ärmeren, die 
mit ihren wenigen Waren nicht grosse ausländische Märkte 
besuchen konnten, sondern auf den Kleinhandel innerhall> 
Vorarlbergs angewiesen waren, aufs Schwerste treffen. Und 
das Verbot wurde ungemein strenge gehandhabt und selbst 
dem Jonath. Uffenheimer und seinen Söhnen Maier und Jakob, 
die im Jahre 1750 mehrfach unter Hinweis auf ihre vielen 
patriotischen Verdienste um Aufhebung des Verbotes für sich 
baten, ward am 2. Januar 1751 der kaiserliche Bescheid,*) 
dass ihnen nicht willfahrt w^erden könne, weil sonst die Vorarl- 
berger Stände die Erlegung der 11. 200 jährlichen Schutzgelder 
an Stelle der Sulzer Juden verweigern würden. ^) Eine Aus- 
nahme gebe es nur bei Lieferungen für den allerhöchsten 
Dienst. 

Doch ward Jonathan Uffenheimer trotzdem schon am 
15. Dezember 1753 die Genugtuung, von der Kaiserin mittels 
Hofdekret ein „Speditions und Hoffaktorspatent" verlieben 
zu erhalten. Auch gegen diese Verleihung hatten die Vorarl- 
berger Stände angekämpft; doch vergebens, sowohl wegen des 
Uffenheimers unläugenbare Verdienste, wie auch wegen der 
die Verleihung unterstützenden Empfehlung der o. oe. Re- 
gierung zu Constanz. '^) 



') Vgl. dessen ausführliche Biographie im 10. Kapitel, 

«) Ygl. Cap. 4. 

') In Bludenz, Sonnenberg und Montafon geschah die Publikation 
des Handels- und Hausierverbotes durch den Bludenzer Vogtei-Verwalter 
Franz Jos. Gilra v. Rosenegg am 22. Juli 1750. 

*) Statth.-Archiv Innsbr, Ausgeg. Schriften 1751 fol. 118 ff. 

^) Vgl. zu besserem Verständnisse die Darstellungen der Sulzer 
Ereignisse und ihrer Folgen in Cap. 4. 

*) Näheres im Kap. „Handel und Gewerbe". 



Jonathan Uffenheinier'sche Steueraffaire. 67 

Die Verhältnisse der Juden zur Ortsgemeinde zu jener 
Zeit beleuchtet in sehr bezeichnender Weise eine Eingabe des 
Jonathan Uffenheimer an das reichsgräfliche Oberamt in Hohen- 
emsvom 19. Juli 1757 als Gegen- und Beschwerdeschrift gegen eine 
Steuerbemessuug seitens der Ortsgemeinde vom 2G. Mai 1757. 
Nachdem er ein noch ausseuständiges Guthaben bei der Orts- 
gemeinde in Gegenrechnuug stellt,^) fährt er wörtlich fort: 
„ . .2tens, fordern von mich die Steuer und machen 
ein grossen belauf, so will in kurtzem die Wahrheit 
sagen, welches die eigene buch er in specie unter- 
schrieben von herrn landammann Fenkhart und herrn 
Linder seel., welche vor titl. herrn oberambtmann von 
Guger sei. in original in meiner gegen wart haben vor- 
legen müssen, weil mich beschwert, dass ich sie kein 
kr. Steuer zu bezahlen schuldig wäre, so auch von 
herrn oberamtmaun Guger seel. erkannt worden, dass 
gar kein Jude vermög die schutzbrief kein Steuer nicht 
schuldig sein, massen die Steuer zu dem hochlöblichen 
schwäbischen kreis bezahlt wird, auf den fälligen be- 
zirk als nämlich auf der weide, streue, alpen, waldung 
und sonsten alles was mitbegriffen und genossen wird, 
und die Juden hingegen von allem um das geringste 
nit gemessen, ja sogar die löbl. gemeind verboten an 
kein Juden kein holz zu kaufen geben, dass um den 
hohen preis derentwegen ich Selbsten einkaufen müssen, 
obzwar in die schutzbrief in der 4. puncto incoriert, dass 
die Juden nicht zu gemessen haben sollen ausser sie sich 
mit der gemeinde in Ems vergleichen und abfindig machen 
und jedoch mit einer hochgnädigen herrschaft einwilligung 
und gutheissen. ausser in die 6. puncto in die schutz- 
brief steht zu erhaltung der nachtwächter und des 
brunnens die Juden schuldig sein, in allem anders 
übrigen aber befreiet sein sollen, so beziehen die löbliche 
gemeinde die Steuer und extra das nachtwächter- und 
brunnengeld, auch von die Juden die gar kein haus 
oder capitalschulden haben, auch die Steuer was sie 
beliebig ist, beziehet und solches alles wider die schutz- 
brief laufet! 



') Darlehen an Baargeld fl. 53 zu 5"'o laut Schuldbrief vom 7. April 
1747 durch den Säckelmeister Linder. 



68 Drittes Kapitel. 

Sodann beschwert er sieh über zu hohe Besteuerung für 
sein altes ^) halbes und sein neugebautes ganzes Haus in zu- 
sammen fi. 475, d. i. von 100 fl. je fl. 1, wie auch darüber, 
dass von ihm immer nach diesem Masse die Steuer eingehoben 
werde, trotzdem von dem schwäbischen Kreis ein Nachlass 
gewährt worden sei auf nur 30 kr. von je 100 fl. — Sein 
neugebautes Haus^) bewohnen seine beiden Söhne Maier und 
Jakob, die ihm keinen Zins bezahlen. Ferner habe er 
ein Dekret vom seligen Grafen, dass er als Hofjud 
alles Schutzgeldes und aller Lasten frei sein solle, 
weshalb die Gemeinde noch schuldig die bereits von ihm ein- 
gezogene Steuer zurückzuzahlen. Sodann heisst es wieder 
wörtlich : 

„. .. 6. wie der gemeinde auf ihr vielfältiges an- 
suchen unterm 26. Dezember 1741 baar vorgeschossen 
und ich selbst aufgenommen und die ganze corre- 
spondenz in dieser darlehung vorgezeigt, dass auch der 
herr landammann Weibel mit der Wahrheit nicht ab 
sein kann und die vorgebene discoration kein kr. mir 
in bänden verblieben ist, und ich habe versj)rochener 
massen in 8^/2 wochen rückzahlen müssen, hingegen 
von der gemeinde das bürgerrecht versprochen 
worden, so habe die rückzahluug aber erst nach und 
nach, letztlichen unter dem 1. April 1755 durch ge- 
wesenen herrn landammann Rüdisier vollständig em- 
pfangen und gegen 14 Jahr lang die rückzahlung ge- 
dauert und jedoch kein bürgerrecht genossen.." 
Schliesslich klagt er noch darüber, dass er, trotzdem er 
sich schon viele Jahre vom Geschäfte zurückgezogen habe, 
dennoch allen Leuten mit Darlehen helfe, ohne zu seinem 
Gelde kommen zu können und jetzt gar die Gemeinde wegen 
der Steuer seine Aussenstände mit Beschlag belegt habe.^) 

Ob dem Hofjuden Jonathan Uffenheimer diese Klageschrift 
irgend etwas genützt hat, ist mehr als fraglich, denn es er- 
ging ihm wie Josef in der Bibel. Es kam ein neuer Pharao, 
der von den, wenn auch noch so verdienstvollen, Schützlingen 



*) Auf dem diesem Buche beigegebenen „Bilde der Hoheneraser 
Judengasse vor ao. 1777" das die Nr. 3 tragende Anwesen, das heutige 
Rabbinatshaiis, das jedoch zum Teile ein jüngerer Bau ist. 

-) Auf demselben Bilde Nr, 35, 36 u. 37. 

^) Das Original dieser Eingabe ist in meinem Besitze. 



Reichsgraf Franz Wilhelm III. (j9 

seines VorgäDgers nichts wissen wollte. Mit dem am 21. April 
1756 in Brttan erfolgten Hinscheiden des Grafen Franz 
Rudolf^) und dem Regierungsantritte des letzen der Hohen- 
emser Reichsgrafen Franz Wilhelm III. war für die Juden eine 
glücklicherweise nur ivurze Ära der Bedrückung und Unsicherheit 
angebrochen, die hart daran war, mit der vollständigen Aus- 
weisung aller Juden aus Hohenemsischem Gebiete ihren Ab- 
schluss zu finden. 

Wie die finanzielle Lage des reichsgräflichen Hauses 
beim Regierungsantritte dieses letzten der Reichsgrafen von 
Hohenembs beschaften war, ist mir aus Mangel jeder Quellen 
unbekannt. ^) Wenn man aber an Hand analoger Vorgänge der 
Vergangenheit aus der den Juden zuteil werdenden Auf- 
nahme seitens der neuen Regenten auf deren Vermögenslage 
schliessen darf, muss sie eine herzlich schlechte gewesen sein. 
Wie in früheren bereits beschriebenen Fällen die misslichen 
finanziellen Verhältnisse den jeweilig neu zur Regierung ge- 
langenden Reichsgrafen zwangen, die von seinen Vorgängern 
den Juden erteilten Privilegien zu missachten und zu Er- 
pressung grösserer Summen unter Androhung der Ausweisung 
seine Zuflucht zunehmen, so war es auch hier der Fall. Graf 
Franz Wilhelm HI. hatte kaum noch das allerdings bereits 
sehr geschmälerte Erbe seines Vorfahren in Hohenembs an- 
getreten, als schon die Ausweisungsdekrete hageldicht auf die 
Häupter der Hohenemser Juden niedersausten. 

Mir liegt ein solcher Ausweisungsbefehl des Grafen vom 
4. Dezember 1757 vor, der sich bereits auf frühere ähnliche 
bezieht und den unwiderruflichen Abzugstermin auf Georgi 
1758 festsetzt. Bis dahin sollten alle Juden ihre Häuser ver- 
kaufen und alle Christen ihre Schulden an Juden bezahlen. 
Dieser Ausweisungsbefehl spricht noch von allen Juden ohne 
Ausnahme. 

Ein weiterer Befehl aber vom 1. Juli 1758, der mir eben- 
falls im Original vorliegt, befiehlt schon nur den mit Namen 
aufgezählten Juden der „änderten" d. h. der minderbegüterten 
oder ganz armen Klasse die Auswanderung. Und zu dieser 
„Milderung" hatten des Grafen Untertanen ihn bewogen. 



') Vgl. Bergmann, die Reichsgrafen etc. S. 78. Vgl. den "Wider- 
spruch bei Bergmann ib. S. 82, wo der 10. Dez. als Todestag ange- 
geben ist. 

2) Vgl. Bergmann a. a. 0. S. 82. 



70 Drittes Kapitel. 

Diese nämlich richteten zu Beginn des Jahres 1758 
fcdgende Bittschrift an den Oberamtmann des Grafen: 
„Wohlgeborener etc. etc. herr oberamtmann ! 
Die not, welche uns zu end gezeichneten sämtlich 
droht, ist so ausserordentlich, dass es mit uns geschehen 
sein würdet, wofern nicht euer wohlgeboren als unsere 
von Gott und unserem gnädigst regierenden herrn und 
grafen vorgesetzte gnädige obrigkeit sich in das mittel 
leget und durch ein mild vätterlich erbarmen uns aus 
dem rächen des vor äugen stehenden Verderbens rettet. 
Es haben se. excell. unser allerseits gnädigster 
graf und herr herr, so wie wir durch verschiedene 
ernsthafte publicationes vernommen, feste bei sich be- 
schlossen, auf künftigen Georgi abermal eine gewisse 

anzahl der hiesigen judeuschaft abschaffen " 

Bereits abgeschafft waren Ende 1757 worden die Witwe 
des Samuel Levi und ein gewisser Feist Levi, ein Bettler, 
der sich durch Botengänge in die angränzenden Ortschaften 
des In- und Auslandes ernährte. 

und ohne hoffnung fernerer gnade sofern 

sie dem hochgräflichem gebot nicht ungesäumt 

das haupt beugen würden 

Welcher Art dieses Gebot war, dessen Erfüllung der Graf 
mit der Androhung der Ausweisung erzwingen wollte, konnte 
ich nicht feststellen. Ich denke aber das Richtige zu treffen, 
wenn ich annehme, dass es sich entweder um eine offenkundige 
oder in irgend einer Form vermäntelte Erpressung handelte. 
Die Ärmsten- und Schutzlosen, mit deren Ausweisung keinem 
Zweiten ein Schade erwuchs, wurden zum Exempel und um 
den Ernst der Drohung zu erweisen, zwangsweise fortgeschaft't. 

mit gew^alt fortbringen zu lassen, welches 

Schicksal dann besonders nebst andern Samuel Levi und 
Wolf Levi gedrohet sein soll. Nun bewahre uns zwar 
der himmel, dass wir uns und unserer schuldigsten pflicht 
als getreue unterthanen soweit verlieren und die Ur- 
sache dieses so ernsthaften befehle« erforschen 

sollten 

Es gab also durchaus nicht irgend ein Vergehen der 
Juden den Anlass zur Ausweisung. 

gleichvvohl aber köuneu und sollen wir euer 

wohlgeboren in voller wehmut recht herzdringend und 



Geplante Ausweisung der Juden, 71 

beweglichst vorstellen, was gestalten wir eben diesen 
dreien Juden rechtmässigerweise ein namhaftes 
nach und nach schuldig geworden und mithin auf gott 
erbarm' als leichtlich vorsehen müssen, dass wenn das 
hochgräfliche mandat seinen wirklichen effekt bekommen 
sollte, wir alle sämmtlich eben darum, willen diese auf 
die ihnen allbereits eingehändigten Unterpfande greifen 
und ohne gnade nach barmherzigkeit bis zum letzten 
heller würden bezahlt werden wollen, mitsamt unseren 
weib und lieben armen und meistentheils unerzogenen 
kindern unsern geliebten vaterort, unser haus, gut und 
übrig weniges alles zusammen recht schmerzlich ver- 
lassen, auf die blosse gassen Verstössen und zu ergreifung 
des leidigen bettelstabs, weil wir unser armes stück 
brod nicht mehr anders verdienen könnten, notgedrungen 

würden " 

Sie bitten darum, dass der Ausweisungsbefehl vorläufig 
aufgehoben werde, bis sie nach und nach ihre Schulden getilgt 
haben würden. Der Oberamtmann möge ihre Bitte beim Grafen 
befürworten. 

Unterzeichnet sind auf dem bezeichnenden Bittgesuche 

Johannes Jägers Wittwe, 
Hans Jakob Linders AVittwe, 
Xaver Amann, Antoni Mathis, 
Peter Linder. 
Auch das Oberamt in Bregenz erzählt in seinem am 
21. April 1768 der österreichischen Regierung abgegebenen 
Gutachten ^) wegen Beibehaltung der Juden, dass der letzte 
Reichsgraf die Juden verjagen wollte, sie aber auf Bitte der 
Unterthanen beibehalten habe. Jedoch habe er ihnen keinen 
Schutzbrief mehr erteilt. 

Dass nun Graf Franz Wilhelm III. sich durch die Bitte 
seiner Untertanen zu einer Aufhebung des Ausweisungs- 
mandates habe bewegen lassen, entspricht, so gerne ich dies 
zur Ehre des Grafen konstatiert hätte, nicht der Wahrheit. Viei- 
raehr erliess er am 11. Juli 1758 einen erneuten, verschärften 
Befehl zur Auswanderung, der aber bereits bestimmte Familien 
angibt und in denen die Namen der reicheren Juden be- 
zeichnender Weise fehlen. Wahrscheinlich waren dies die 



') Bregenzer Museums-Archiv Muscr. Nr. 821, Fase. XXXV. Vgl. 
Kap. 5. 



72 Drittes Kapitel. 

Hauptgläubiger. Dieses Ausweisungsmandat hatte folgenden 

Wortlaut: 

„Actum, Embs, dien 11. July 1758. 

Es ist des gnädigst regierenden herrn grafen hoch- 
gräflichen excellenz der höchste landesherrliche befehl, 
der Wolf Moos, Mayerles, David Moos, Josle Levi Wolfens, 
Salamon Moos, Mayer Moos, Salamon Mayer, Moyses 
Ullmanns wittib, Levi Weyl, Wolf Levi Josles söhn, 
Wolf Levi Samuels söhn, Moyses Levi, Mayer Levi, 
Mayer Weil, Wolf Wolf Jakobs söhn, Veit Levi Wolfens 
söhn, Veit Levi Isaks söhn und Salamon Levi Isaks 
söhn, allbereits vor einem Jahr dahin kundgethan und 
eröffnet worden, dass alle jetzt genannte hebräer ihre 
allhier habende häuser verkaufen und längstens noch 
vor Jakobi dies laufenden des 1758 sten Jahres nach 
völliger entrichtung ihres bis dahin schuldigen schutz- 
geldes sammt allen denen ihrigen von hier unfehlbar 
abziehen sollen. 

Da nun der ihnen gnädigst anberaumte termin zu 
ende geht, auch die ganze Jahresfrist an den anbefohlener- 
massen beschehenen verkauf der häuser nicht zweiflen 
lasset, hingegen wegen des obbenannten hebräern an- 
geordneten abzuges von höchsten orten neuerdings ein 
befehl allhier angelangt ist: Also werden alle hier ge- 
dachte hebräer wie auch der Baruch Levi und Israel 
W^olf, welch beide schon vor Bartholomäi des verflossenen 
Jahres von hier abziehen sollten, hiemit des höchsten 
landesherrlichen befehles von oberamtswegen erinnert 
und zugleich zu den bis Jakobi beschehen müssenden 
abzug um so ernstlicher ermahnt, als man sonsten ge- 
zwungen sein wird, dieselbe hierzu nach ausdrücklich 
höchster Verordnung durch alle Zwangsmittel anzuhalten." 
Am 11. November 1758 erfolgte ein gleicher Befehl zur 
Auswanderung und schliesslich noch einer am 6. April 1759, 
der mit Exekution drohte. Nun schien das Schicksal der 
Hohenemser Judengemeinde besiegelt; sie sollte nach andert- 
halb hundertjährigem Bestehen der Laune eines Despoten 
urplötzlich zum Opfer fallen. Aber es kam nicht dazu. 

In der Nacht vom 5. zum 6. November 1759 starb Franz 
Wilhelm III. zu Grätz als der Letzte seines uralten ruhm- 
reichen Geschlechtes. 



Rückblick auf ■ die Reichsgrafen-Periode. 78 

Das reichsgräfliche Haus war im Mannesstamrae er- 
loschen und das Haus Habsburg trat nach mehrjährigen Ver- 
handlungen die Herrschaft über die erledigte Reichsgraf- 
schaft an. 

Mit dem Beginne der österreichischen Regierung in Hohen- 
ems beginnt eine neue Epoche für die Geschichte der Hohen- 
emser Judengemeinde. Und darum sei hier noch ein kurzer 
dankbarer Rückblick auf die Regierungszeit der Reichsgrafen 
in Hohenems geworfen. 

Von einzelnen Zwischenfällen abgesehen, sind es nur Er- 
innerungen der Dankbarkeit, die die Hohenemser Juden- 
gemeinde den Reichsgrafen widmen kann. Mit anderen Poten- 
taten jener Zeit verglichen, hatten die Hohenemser Reichs- 
grafen eine für die Kulturstufe, den Rechtssinn und den noch 
ungeschwächten Eigendünkel der Rittersgeschlechter jener Zeit 
anerkennenswerte Toleranz walten lassen. Die zeitweilige Un- 
gnade gegen ihre Juden begründeten sie niemals mit 
religiösen Motiven und solche, nur die Kläger nicht 
aber die Verklagten schmähenden Klageschriften, wie die 
Vorarlberger Stände sich sie um die Mitte des 18. Jahr- 
hunderts zu Dutzenden leisteten und deren noch gedacht 
werden wird, haben niemals die reichsgräflich Hohenembsische 
Kanzlei verlassen. Keine Verunglimpfung der Juden auf 
Grund ihres Glaubensbekenntnisses haben die alten Reichs- 
grafen, selbst zur Zeit ihres tieftsten Grolles gegen Juden, sich 
jemals gestattet. Die volle Religionsfreiheit fand im 
ersten Schutzbriefe von 1617 bereits ihren unzweideutigen 
Ausdruck uod ist allezeit ungeschmälert gewährt worden. 
Desgleichen waren auch vor dem Reichsgrafen als Oberherru 
und höchste richterliche Instanz all seine Untertanen ohne 
Unterschied des Glaubens gleichgestellt. Freilich, die 
Juden waren nur gegen Bezahlung unter Schutz genommene 
Untertanen, die laut Vertrag aufgenommen, geduldet und 
wieder entlassen wurden; aber diese Art von Gewährung 
der natürlichen Menschenrechte an Juden war zu jener 
Zeit überall üblich im alten Deutschen Reiche und es muss 
schon als besonderer Hochsinn der kleinen und grossen Herren 
gepriesen werden, wenn sie den für klingenden Lohn ver- 
sprochenen Schutz auch wirklich gewährten. Und das war 
bei den Reichsgrafen von Hohenembs der Fall. Und das 
verdient mit Dank in den Annalen der Geschichte verzeichnet 



74 Drittes Kapitel. 

ZU werden. Obgleich es keinem Zweifel unterliegen kann, 
dass Duldung und Toleranz gegen Juden um des rein ethischen 
Motives halber den Reichsgrafen ebenso fernlag wie allen 
Gesetzgebern des heiligen Deutschen Reiches jener Zeit. Der 
Jude wurde geduldet um des Nutzens willen, den er gewährte, 
und der höchste Edelsinn bestand darin, dass die ausgepresste 
Zitrone nicht weggeworfen ward. Aber von diesem im Geiste 
jener Zeit wurzelnden Standpunkte aus müssen wir die den 
Schutzbriefen zuwiderlaufenden mehrmaligen Erpressungs- 
versuche der Grafen an ihren jüdischen Untertanen beurteilen. 
Sie werden so, wenn auch nicht entschuldbar, doch immer- 
hin erklärlich werden. Wozu sollten die Grafen, insbesondere 
jene, was bei den Letzeren derselben immer der Fall war. 
die im Auslande lebten und die Vermögensverhältnisse ihrer 
Juden nicht kannten, sich mit Geldkalamitäten abquälen, 
wenn sie Juden hatten, auf ihrem Gebiete eine jüdische Ge- 
meinde duldeten? Der Jude war ums Geld geduldet, also 
sollte er solches liefern. Doch waren dies nur vereinzelte 
Erscheinungen in den 142 Jahren, da die Juden Untertanen 
der Reichsgrafen waren, Erscheinungen, bei denen mehr die 
ewige Geldnot der Grafen als ihre etwaige Abneigung gegen 
die Juden das treibende Motiv war. 

Soviel aber sollen sie die Nachwelt belehren, dass 
von Seite der Juden durch deren Lebenswandel usw. 
niemals ein Anlass zur Härte geboten war. Und das 
festzustellen ist eine der wichtigsten Aufgaben dieser 
wie jeder jüdischen Geschichtsforschung, die mit 
jener unparteiischen Wahrheitsliebe, mit der sie die 
Vergangenheit durchleuchtet, zugleich dem Vor- 
urteile gegen Juden ein weiteres Stück Boden ent- 
zieht. Der Historiker ist nicht der Richter der Ver- 
gangenheit, sondern nur ihr wahrheitsgemässer Dar- 
steller; das Urteil bildet sich von selbst an Hand der 
Erkenntnis, an Hand der aufgedeckten Verbindung 
zwischen Ursache und Wirkung, an Hand der fest- 
gestellten Wahrheit. Wahrheit aber, diese Stütze, 
diese Hoffnung des Verkannten, Schwachen, Unter- 
drückten, bietet immer erst die Zukunft der Ver- 
gangenheit, die Geschichtsforschung der Nach- 
kommen den Erlebnissen der Vorfahren. 

Und Wahrheit habe ich auch in diesen Blättern 



Von der Rückkehr der Juden nach Hohenems bis zur österr. Herrschaft. 75 

den Juden der reichsgräflichen Zeit zu Hohenems 
errungen, eine Wahrheit, die ihnen zur Ehre ge- 
reicht. 

Die inneren Verhältnisse im Leben der Juden in Hohen- 
ems während der Reichsgrafen-Periode gelangen im II. Teile 
dieses Buches ausführlich und im Zusammenhange zur Dar- 
stellung. 

Ehe wir aber die Geschicke der Juden, in Hohenems 
unter österreichischer Herrschaft weiter verfolgen, sei vorerst 
eingehend einer andern jüdischen Ansiedlung in Vorarlberg 
unter österreichischem Schutze u. z. im Dorfe Sulz gedacht, 
urasomehr als sie zu Beginn der österreichischen Herrschaft 
in Hohenems bereits erloschen resp. mit der Judengemeinde 
in Hohenems verschmolzen war. 



VIERTES KAPITEL. 

Die Juden in Siüz (1676—1745). 



Sulz, eia kleines Dorf in der Nähe von Hohenems, am rechten 
Ufer der Frutz am Fusse des Gebirges gelegen, ist die 
Stätte, an der die Geschichte der Hohenemser Juden ihre Fort- 
setzung nach der Vertreibung vom Jahre 1676 nimmt, Sulz 
dürfte damals kaum mehr als 2 — 300 Einwohner^) gehabt 
haben, besass keine eigene Pfarre, und dürfte eben in seiner 
Abgeschiedenheit den Juden als geeignete Zufluchtsstätte er- 
schienen sein. Sulz mit dem benachbarten Rankweil bildete 
eines der 21 Vorarlberger Gerichte, deren Vertreter resp. Land- 
ammänner mit den Stadtammännern der drei Städte Bregenz, 
Feldkirch und Bludenz die Vorarlberger Stände bildeten. Sulz 
und Rankweil gehörten zu den Ständen des Unterlandes. Die 
Ansiedlung resp. Vertreibung der Juden ist bisher das einzige 
Moment, das dem kleinen Dorfe einen bedauerlich-hervor- 
ragenden Platz in der Vorarlberger Geschichte sichert. 

Wie bereits im vorigen Kapitel erwähnt ward, ver- 
liessen mehrere von den im Jahre 1657 neu aufgenommenen 
Familien schon wenige Jahre nach Erteilung des eigentlich 
zwölf Jahre giltigen Schutzbriefes Hohenems und siedelten 
sich auf dem angrenzenden österreichischen Gebiete an, und 
zwar in den in der Herrschaft Feldkircb gelegenen Dörfern. 
Nachdem sie sich hier nur durcli fortwährende Bittgesuche 
und nur unter den ungemein beschränkenden Vorschriften, 
die zu jener Zeit alle Juden auf österreichischem Boden be- 
drückten, halten konnten, dennoch aber hierher übersiedelten, 
so müssen sie wohl die Grafschaft Hohenems, in der sich 
die Juden trotz der gehässigen Gesinnung des Grafen Karl 



^) Bei der Volkszählung im Jahre 1900 hatte Sulz 7t>6 Einwohner 
in 150 Häusern. Schlehens Embser Chronik weiss nichts Nennenswertes 
von Sulz. 



Die Juden in Sulz (1676—1745). 77 

Friedrich ungleich freier bewegen konnten, unfreiwillig ver- 
lassen haben. Von diesen Familien nun siedelten sich vor- 
übergehend die des Josle Levi und die des Mayer Moos in 
Sulz an. Erzherzog Sigmund Franz hatte ihnen am 17. März 1663 
die Bewilligung hierzu und zwar für zwei Jahre erteilt. An 
jährlichem Schutzgelde hatten sie 18 fl. pro Familie zu be- 
zahlen. Doch finden wir bereits im Jahre 1664 Josle Levi, 
der damals schon Vater dreier verheirateter Söhne, Salamon, 
Levi und Isak, war, in Altenstadt bei Feldkirch, von wo er 
dann mit den andern im vorigen Kapitel genannten Familien 
im Jahre 1666 zurück nach Hoheuems kam. 

Die eigentliche, dauernde Ansiedlung von Juden in Sulz 
datiert erst vom Jahre 1676, dem Zeitpunkte der Vertreibung 
der Juden aus Hohenems. Auf das Anerbieten der Vertriebenen 
bei der Regierung in Innsbruck, ihnen gegen ein jährliches 
Schutzgeld von 100 Dukaten die Niederlassung in Sulz zu ge- 
statten, erhielten sie vorerst einen zustimmenden Bescheid, 
der aber bald auf Einschreiten der Vorarlberger Stände vom 
12. August 1676 dahin eingeschränkt wurde, dass die Juden nur 
so lange in Sulz sollten wohnen dürfen, bis sie all ihre Aussen- 
stände im nahen Hohenems eingezogen und ihren dortigen 
Boden- und Häuserbesitz zu Geld gemacht haben würden. 

Wie wenig beneidenswert die Lage der Juden in den 
österreichischen Teilen Vorarlbergs zu jener Zeit war, erhellt 
schon daraus, dass laut Verordnung vom 17. Dezember 1653 
den Juden aller Kleinhandel, mit Ausnahme der freien Jahr- 
märkte, untersagt war. Auch der regierende Reichsgraf Franz 
Karl V. Hohenembs bemühte sich, seinen ehemaligen Schutz- 
befohlenen das Handeln zu erschweren, indem er am 20. Juni 
1679 und später nochmals am 21. Februar 1685 die Sulzer 
Juden wissen Hess, dass ihnen bei schwerer Strafe aller Handel, 
ja selbst der Besuch der Märkte, im Hohenembsischen ver- 
boten sei. 

Es wohnten damals, d. h. in den Jahren 1676 — 1688, 
ungefähr zehn Familien mit 60 — 70 Seelen in Sulz, Im 
übrigen österreichischen Vorarlberg wohnten überhaupt keine 
Juden, wenigstens liegt keine Nachricht hierüber vor. 1685 
kam auch Wolf Levi aus der königseggischen Herrschaft 
Aulendorf nach Sulz. Dieser sowohl, wie Josle Levi und 
dessen Sohn Salamon, werden als sehr begütert hervorgehoben ^). 

*) Vgl. Weizenegger-Merkle, a. a. 0. III., S. 356 f. 



78 Yiertes Kapitel. 

Erst der bereits zu Beginn des vorigen Kapitels angeführte 
kaiserliche Erlass vom 9. Februar 1688, nach welchem auf 
A'^erlangeu der Vorarlberger Stände die Juden aus dem öster- 
reichischen Vorarlberg abgeschafft und nur die drei reichsten 
Judenfamilien, die des Salamon *), Abraham^) und Wolf^) in 
Sulz geduldet wurden, brachte eine Änderung der Verhält- 
nisse, indem die Ausgewiesenen, wie bereits dargestellt, in 
Hohenems sich niederliessen, in Sulz hingegen nur drei Familien 
zurück blieben. 

Doch nahm die Zahl dieser von der österreichischen 
Regierung tolerierten drei Familien allmählich zu und im Jalire 
1743, kurz vor der Vertreibung, war ihre Zahl auf zehn an- 
gewachsen, die aber zumeist aus Söhnen und Schwiegersöhnen 
der ursprünglichen drei Tolerierten bestanden. Diese bezahlten 
der Ortsgemeinde Sulz jährlich 100 Thaler, hatten wie jeder 
Andere ihre ordentlichen Steuern zu entrichten und an allen 
Verumlagungen ihren Teil zu tragen. Hierzu kam noch das 
der österreichischen Regierung zu entrichtende jährliche Schutz- 
geld von fl. 200. Des Salamon Levis zwei Schwiegersöhne 
w^ohnten 1697 in seinem Hause in Hohenems, er selbst dagegen 
mit seinen zwei Brüdern und seinem Sohne Josle blieb in Sulz. 

Salamon Levi starb ums Jahr 1700 und sein Sohn Josle 
ward nun Vorsteher und Wortführer der Sulzer Juden. Er 
galt als der reichste unter seinen Glaubensgenossen, in seinem 
Hause war auch eine kleine Synagoge eingerichtet, und 1724 
wird sogar ein bei Josle Levi in Diensten stehender Rabbiner, 
sowie ein Schulmeister, dessen Tochter sich nach Hohenems 
verheiratet, erwähnt. 

Die Handelsbeziehungen zwischen Sulz und Hohenems 
waren sehr rege, worüber zahlreiche Aktenstücke, Schuld- 
scheine, Kaufverträge usw. im Hohenemser gräfl. Archive sich 
befinden und mir vorgelegen haben. 

Auch noch ein zweiter Josle Levi wird mehrfach in Sulz 
genannt, und zwar zum Unterschiede vom ersten, dem Sohne 

*) Vorfahre der Familie Sulzer. 

*) Auch Araham Veit Levi genannt, Vorfahre der Familie 
Rosenthal. Er dürfte gleichzeitig mit Wolf eingewandert sein. Sein 
Sohn Veit Levi übersiedelte am Anfange des 18. Jhd. von Sulz nach 
Hohenems. 

*) Vorfahre der Familien Brunner und Wo hl genannt. Näheres 
über all die Vorgenannten im „Familienregister" am Schlüsse dieses 
Werkes. 



Die Juden in Sulz (1676 — 1745). 79 

Salamons, hiess dieser Wolfs Sohu. Josle Levi, Wolfs Solm 
wird in einem amtlichen Aktenstücke vom Jalire 1733 also 
beschrieben: „Josle Levi ist mittlerer Positur, mager, läng- 
lichen Angesichts, hat einen schwarzen Bart, dieser lang und 
etwas aufgeworfen, schwarze Haare, trägt einen eisgrauen 
oder bleifarbenen Rock mit kleinen, schwarzen, sammettenen 
Aufschläglen und gleichfarbiges Kamisol, rothes Brusttuch, 
schwarze lederne Hosen, weissene w^ollene Strümpfe . . . ." 

Nach vorliegendem Aktenmaterial haben im Jahre 1743, 
kurz vor der Plünderung, folgende Juden in Sulz gewohnt: 

1) Josle Levi, Salamons Sohn, 

2) Jakob Levi, des Vorigen Sohn, 

3) Jakob Wolf, des Josle Levi Schwiegersohn, 

4) Emanuel Wolf, 

5) Baruch Wolf, 

6) Wolf Levi, Josles (Wolfs Sohn) Sohn, 

7) Samuel Levi, 

8) Levi Lazarus Levi, 

9) Levi W^eyl, 

10) Wolf Wolf, Emanuels Sohn, 

11) Moses Levi. 

Die vorerwähnten elf Familien bewohnten vier Häuser 
die ganze Zahl, die überhaupt das Eigentum der Sulzer Juden 
bildeten. 

Ich komme nun zu einem der betrübendsten Ereignisse 
in der Geschichte Vorarlbergs, zum Raubzuge von Sulz. 

Mir haben die vollständigen Originalprozessakten hierüber 
im k. k. Statthalterei-Archive in Innsbruck vorgelegen, wes- 
halb ich auch meine folgende Darstellung dieses unglück- 
seligen Ereignisses und des nachfolgenden Prozesses mit steten 
Hinweisen auf das Innsbrucker Archiv begleiten werde. Doch 
kann ich es mir nicht versagen, vorerst noch der Art und 
Weise zu gedenken, wie Weizenegger-Merkle diese Vorgänge in 
seiner „Geschichte" (III, 361 ff.) behandelt. Mit sichtlichem 
Behagen gibt er all die von Anfang bis Ende aus Klatsch 
und Verleumdung bestehenden Klagen gegen die Juden wieder, 
in empörend einseitiger, witzelnder, ja unwahrer Weise aber 
stellt er das schamlose, an den Juden begangene Verbrechen 
dar. Zu seiner Entschuldigung sei angenommen, dass er in die 
verstreuten und nur schwer zugänglichen Prozessakten keinen 
Einblick gewonnen hat. 



80 Viertes Kapitel. 

Es war zur Zeit des österreichischen Erbfolgekrieges und 
zwar zu Beginn des zweiten schlesischen Krieges, als bekannt- 
lich Friedrich der Grosse im August des Jahres 1744 plötz- 
lich in Böhmen einfiel, die Kaiserin Maria Theresia dadurch 
gezwungen war, den Prinzen Karl von Lothringen vom Rheine 
abzuberufen, wodurch die Vorderlande blossgelegt waren. Die 
mit Preussen verbundenen Franzosen kamen bereits im Sep- 
tember dieses Jahres den Bodensee herauf und suchten Vorarl- 
berg der Kaiserin abtrünnig zu machen, was ihnen aber weder 
durch Drohungen noch durch Versprechungen gelang. 

Bei Zunahme der Gefahr liess am 27. Oktober der Oberst- 
feldhauptmann in Bregenz, v. Mainersperg, die Feuersignale 
geben und die Kraischüsse lösen, ein Zeichen zum Entsenden 
des Ausschusses und Aufgebote des Vorarlberger Landsturmes. 
Die Franzosen wurden zu Wasser und zu Lande geschlagen, 
zogen mit beträchtlichen Verlusten am 7. November wieder 
gänzlich ab, worauf der grösste Teil des Vorarlberger Landsturmes 
wieder in die Heimat entlassen wurde. Die Aufgebotenen aus den 
Gerichten Rankweil und Sulz konnten es sich bei dieser Gelegen- 
heit nicht versagen, ihren Mut an den Sulzer Juden zuerweisen. 

Der 30. Oktober, an welchem Tage der Landsturm aus- 
zog, der 17. November, da er wieder heimkehrte, und end- 
lich noch der 23. und 24. Dezember 1744 sahen in Sulz Vor- 
gänge, die an Rohheit und Grausamkeit denen bei der Ermordung 
des Kreishauptmannes v. Indermauer in nur Wenigem nach- 
stehen. Während bei letzterer aber der einmal entfesselte 
politische Fanatismus als Erklärungsgrund geltend gemächt 
werden kann, war es in Sulz einzig und allein die Raub- 
und Zerstörungswut, geweckt und gefördert durch die grund- 
losen, aber doch unermüdlichen Klagen und Hetzereien der 
Vorarlberger Stände gegen die Juden. Der Rädelsführer des 
Raubgesindels war der Landammann der Gerichte Rankweil 
und Sulz, Leonhard Grisz, ehemaliger Bettelvogt, Metzger in 
Rankweil, Vater von fünf Kindern. Die so naheliegende Frage, 
wie das iVmt des Landammannes mit dem eines Anführers 
von Diebsrotten vereinbar sei, beantwortet sich sofort nach 
ZimermannsÄuserung^) über die Qualifikation zu einem Vorarl- 



^) F. K. Zimermann, „Beitrag zur Geschichte Vorarlbergs", (Separ. 
Abdruck aus dem I. und II Hefte des II. Bandes des Jhg. 1849 des 
von der Kais. Akademie der "Wissensch. hgg. Archivs für Kunde österr. 
Geschichtsquellen) S. 8 und 9. 



Der Raubzug von Sulz. 81 

berger Landammanne jeuör Zeit. „Es wurden aber immer 
schon vorher von den Vorstehern der sämtlichen Gemeinden 
drei Männer aus des Volkes Mitte ausgewählt und dem Volke 
vorgeschlagen und vorgestellt, bei welchen meistens auf geistige 
und auch körperliche Anlagen gepaart mit Wohlhabenheit 
gesehen wurde. Deshalb das Sprichwort: „Um Landammann 
zu werden, muss man einen grossen Bauch und Dünger- 
haufen haben. Wenn ein Manu dick und fett ist, sagt 
man auch, der hat einen Bauch wie ein Landammann." 

Leonhard Grisz, der damals sein Amt bereits nahezu sieben 
Jahre bekleidete ^), wusste in wenigen Tagen an der Spitze eines 
raublustigen Gesindels und in V^erbindung mit zwei gleich- 
gesinnten Kumpanen, einem Gerber namens Sonderegger und 
einem gewissen Fösz, sogenannten Katzenschinder, das durch- 
zusetzen, worüber die Vorarlberger Stände seit einem halben 
Jahrhundert Ströme von Tinte vergebens verschrieben hatten: 
Die Vertreibung der Juden aus Sulz, freilich, nachdem sie 
vorher gründlich ausgeraubt worden waren. 

Für die Ereignisse selbst liegen zwei Quellen vor. Vorerst 
die Eingabe, die Josle Levi (Salamons Sohn) namens der übrigen 
Sulzer Juden am 2. Februar 1745 an die o. oe. Regierung in Inns- 
bruck richtete; sodann das amtliche, nach abgeschlossener 
Untersuchung am 10. Dezember 1747 vom Geheimrate Gottfried 
Joseph Freiherru von Elsasser vor dem Geheimen Rate in Inns- 
bruck erstattete Referat, das dann der Kaiserin übersendet 
wurde. Ersteres, das weit milder gehalten ist, weil jaden 
armen Juden nichts von den erst durch die gerichtliche Unter- 
suchung zu Tage geförderten Vorbereitungen zum Raubzuge 
bekannt war, lasse ich hier wortgetreu folgen; auf Letzteres 
werde ich noch im Verlaufe des Prozesses zurückkommen. 

Die Eingabe 2) des „Josle Levi und der übrigen schutz- 
verwandten hebräer zu Sulz in der herrschaft Feldkirch" 
— um — „invermeldete hochguädige zumalen ernstgemessene 
Verordnungen an die Vorarlbergische gemeinden und souder- 
heitlich an die gerichte Rankweil und Sulz", gerichtet an die 



*) Wonach die bei Zimermann a. a. 0. S. 11 angeführte, von Häusli 
und Rheinberger zusammengestellte, Liste der Landammänner von 1406 
bis 1807 zu berichtigen ist. 

*) K. K. Statthalterei- Archiv in Innsbruck. Hof- Registratur, Jgg. 
1745, August. 

6 



82 Viertes Kapitel. 

„Hochlöbliche o. oe. Regierung und Hofkaramer" hatte folgen- 
den Wortlaut: 

„Ist jemand in der weit zu wehmütigster Vorstellung 
seines erlittenen grossen Unglücks und unwiederbringlichen 
Schadens genotstahet gewesen, so ist mit wahrheitsgrund 
unterthänigst supplicierender Josle Levit und übrige 
schutzverwandte hebräer zu Sulz der oesterr. herrschaft 
Feldkirch hierzu durch die so härtiglich und fast un- 
erhörte, mit keinem scheingrund zu colorieren 
seiende, thathandlung einiger, allen heilsamen gesetzen 
und der gesunden Vernunft entgegen, wider augeregte 
Judenschaft ohne all mindesten von ihnen hierzu 
gegebenen anlass wüthenden und tobenden bauers- 
leuthen der oesterr. gericbte Rankweil und Sulz, höchst 
ohnumgänglich beursachet. 

Es erlauben demnach euer excellenz und gnaden in 
tiefster dehmut unsere abgenötigte so überwiegende be- 
schwerden wehmütigst sich vortragen zu lassen, wie dass 
nämlich vor allbereits zweimonaten, da der änderte land- 
ausschuss der oesterr.-vorarlbergischen gemeinden zu be- 
schützung des pass Bregenz alldahin abgegangen, einige 
aus oben erwähnten geriehtern vermessentlich sich unter- 
standen ^) in unsere der supplicanten häuser mit gewalt 
einzudringen, thür und thor einzusprengen, die 
fenster auszuschlagen und nach unmenschlich 
ausgeübtem mutwillen auch noch geld von uns 
zu erzwingen, so uns dann veranlasst, ja ge- 
nötiget, diese wuth und besorgliclien weiteren 
schweren ungemach mittels unserer entfernung 
und der mit vorwissen unserer obrigkeit und auf 
derselben resp. gegebenen fingerzeig nach Vaduz, 
Embs und teils in die Schweiz genommener retirade auszu- 
weichen, um dadurch wenigstens das, was dem menschen 
das liebste und schätzbarste, nämlich leib und leben 
zu salvieren und in Sicherheit zu setzen. Allein auch 
diese Vorsorge war zur hemmung ihres sich einmal vor- 
gesetzten so boshaften Vorhabens, alles in grund zu ver- 
derben, nicht hinreichend. Denn als die mannschaft 
der gerichter Rankweil und Sulz von Bregenz wieder 



*) Dies geschah am 30. Oktober 1744. 



Der Raubzug von Sulz. 33 

nach hause entlassen worden ^) , sammelten abermals 
einige übelgesinnte friedhässige rädelsführer einen häufen 
ihresgleichen, der von euer excellenz und gnaden an 
die sämmtlicheu oesterr. albergischen gemeinden ab- 
erlassenen und denen selben vor ihrer nachhausentlassung 
zu Bregenz öifentlich publizierten geschärftesten hohen 
Verordnung, niemand im lande, wer der auch sein möge, 
nicht das mindeste leid zuzufügen, schnurstracks ent- 
gegen, zusammen und nachdem sie über anderthalb 
fuder wein, so mir supplizierenden Josle Levi gehörig 
gewesen und bei verschiedenen ehrlichen männern in 
Verwahrung gelegen, eigenen gewalt missbraucht 
und die fässer teils hinweggeführt, teils un- 
brauchbar gemacht, zerschlugen, vernichteten 
und zerschmetterten sie die in etwas wieder- 
um ausgebesserten thüren, fenster, Öfen, getäfel, 
kisten und kästen, ja all andern vorgefundenen 
hausrath und mobilien gänzlich und vollkom- 
men, zerschnitten die betten auf der gasse, 
damit die federn zu keinem weiteren gebrauche 
mehr dienen könnten, zertraten auf der Strasse 
die noch übrigen viktualien mit füssen, also 
zwar, dass auch der erzfeind christlichen 
glaubens und namens ein mehreres und verab- 
scheulicheres auszuüben nicht wohl vermögend 
gewesen wäre. 

Ob wir uns nun zwar hierüber an unsere vorgesetzte 
Obrigkeit und den herrn landobristen und commandanten 
zu Bregenz gewendet und um angedeihung des uns gegen 
den jährlichen erlag von fl. 200 versprochenen kräftigen 
Schutzes und schirmes wider all derlei unzulässige Ver- 
gewaltigung und Überfall flehentlich gebeten, solche auch 
nach ihrem amt und pflichten die gerichte Rankweil 
und Sulz durch drei aberlassene ernstliche befehle von 
allen dergleich weiteren übelhaften Unternehmungen 
väterlich abgemahnet, so auch von dem ersagten herrn 
commandanten vermittels eines ernsthaften befehles ge- 
schehen. So haben aber alle diese so wohlgemeinte 
gerechte und väterliche Vorstellungen und abmahnungen 



^) Am 17. Xovember 1744. 



84 Viertes Kapitel. 

bei diesen in ihrer bosheit verstockten gemüthern nicht 
den mindesten eindruck gemacht, sondern zu unseru 
der supplicanten grössten herzensleid die ganz widrige 
Wirkung gehabt. Inmassen wir vor 14 tagen, da der 
ansschuss bereits über ein monat zuhause in ruhe ge- 
wesen, mit äusserster bestürzung erfahren müssen, wie 
dass abermal ein schwärm von mehr denn 100 derley 
ausgelassenen und heimlosen gesellen in der 
nacht sich zusammengerottet und 4 der suppli- 
canten häuser ganzer 3 nachte hindurch mit 
feuerhaken darnidergerissen, die dachstühle 
völlig abgebrochen, das getränk mit äxten zer- 
hauen und all übriges holzwerk gänzlich ver- 
nichtet, die zäunuugen um die guter nieder- 
gelegt und das holzwerk zur nachtzeit auf 
Schlitten weggeführt, die darinnen gefundene 
zwei Juden sammt ihren armen weibern und 
kindern, der kleider und ihres gelds beraubt, 
ausgejagt und die beherbergung derselben, un- 
geachtet darunter eine 14tägige kindbetterin 
sich befunden, bei fünf pfund pfennig strafe 
den gemeindsleuten zu Sulz auf eine unchrist- 
liche und unbarmherzige weise verboten. 

An diesen so grossen an unschuldige ausgeübten 
schweren misshandlungen nimmt zwar das gericht und 
gemeinde an sich in corpore, wenigstens so viel uns wissend, 
keinen anteil, wird auch ein jedes ehrliche gemüth sothane, 
fast unglaubliche, pressuren und drangsalen verabscheuen, 
zumal mit uns beschädigten ein billiges mitleid haben, indem 
all an- und vorgebrachtes nicht zu rechtfertigen seiende that- 
handluugen derienigen seien, welche sich dieses verwirrten 
Zeitlaufes und gelegenheit zu ihrem vermeintlichen nutzen 
und vortheil zu bedienen und im trüben zu fischen suchen, 
so aus dem klärlich und unläugenbar abzuschliessen, 
weil dergleichen Vergewaltigungen meistens 
nächtlicher zeit und von vermummten per- 
sonen (so aber da es vonnöthen sein wird, nicht un- 
schwer zu demasciren sein wird) ausgeübt worden. 
Denn es hatte die gemeinde Sulz zu solchen 
beleidigungen auch nicht die mindeste Ursache, 
in betracht, dass selbe von der geringen Sulz'schen 



Der Raubzug von Sulz. 85 

Judenschaft jährlieh 100 thaler ohne die ordentlichen 
Steuer und anlagen nebst anderen gemeinsamen mit- 
leidenschaften an eiuquartierungen, durchmarsch der 
truppen und landsdefension zu beziehen hat, welche 
obligenheiten ihrer gemeinde auch besonders 
zur landesvertheidigung erforderliche Unkosten, 
der Verödung und Verwüstung iiirer häuser und 
guter ungeachtet, bisher unklagbar und w'illigst 
verabfolget worden, dahiugegen die Judenschaft 
ihrer gemeinde in geniessung wum und weide oder 
beholzung nicht im mindesten zu last kommet. Euer 
excellenz und gnaden angestammte und angewohnte 
grossmüthigkeit und hocherleuchtete einsieht lasset uns 
arme, bedrängte, uuterthänigste supplicanten nicht 
zweifeln, hochdieselbe werden diese unsere so grosse 
noth, Jammer und elend, armut, Verödung und Verwüstung 
mildigst beherzigen, folgsamb die bisher wahrhaft vor- 
gebrachte, schwerste that und misshandlungen, unfug 
und unrecht höchstens um so mehr missbilligen, als wir 
supplizierende Judenschaft des allerdurchlauchtigsten erz- 
hauses von Österreich mildesten und kräftigsten schütz 
und schirm schon so viele jähre pleno cum eifecti zu 
gemessen die höchste gnade gehabt und dessen ferner- 
weite gnädigste Verleihung um so sehnlicher hoffen und 
wünschen, als wir das jährliche schütz- und schirmgeld 
zur demütigsten erkenntnis sothanen gnadengenusses 
jederzeit willigst abgeführt, das herrschaftliche camerale 
auch vermittelst der abreichenden Zollgebühr möglichst 
vermehret, wie denn supplicierender Josle Levi 
nur allein von sich in zeit von 46 jähren an 
die 1000 thaler schutzgeld ohne einrechnung 
der namhaften zollgelder dem camerali ein- 
geworfen. 

Ergehet demnach an eure excellenz und gnaden 
unser unterthänigst gehorsamst auch fussfällig und flehent- 
lichstes bitten hochdieselbe in gnaden mildigst geruhen 
möchten, den genuss des höchsten und gerechtesten 
Schutzes uns werkthätig wider alle Verunglimpfungen, 
beschädigung und kränkung angedeihen zu lassen und 
in conformität dessen dero vorarlbergischen gemeinden, 
besonders aber die gerichter Rankweil und Sulz durch 



86 Viertes Kapitel. 

zulängliche und hinreichende kräftigste mittel und ver- 
mittelst dero hohen autorität dahin anzuhalten, dass 
wir unterthänigste supplicanten samt unseren angehörigen 
an leib und gut fernershiu und weiter unbekränkt und 
unbekümmert sein und bei dem unserigen bis zu seiner 
zeit unterthänigst suchenden und anhoffenden gerechteste 
indemnisation unseres erlittenen und auf etliche tausend 
gülden angewachsenen- Schadens halber vollkommen ge- 
sichert in ruhe verbleiben möchten. 

Hieran erweisen euer excellenz und gnaden ein 
solch christliches regentenw^erk, so hoch dero renomirten 
Justizeifer bei der späten nachweit verewigen und der 
grundgütige gott als ein rechter vergelter alles guten 
mit zeitlichem und ewigem segen belohnen wird. Mit 
dem inbrünstigen wünsch, dass der allerhöchste des 
allerdurchlauchtigsten erzhauses so gerechtest als glück- 
liche Waffen noch fernershin segnen und dessen macht 
und segen kein ziel lassen wolle, alldafür wir uns zu 
hochgnädiger bittsge Wahrheit unterthäuig gehorsamst und 
fussfallend empfehlen. 

eure excellenz und gnaden unterthäuig gehorsamste 
Josle Levi und übrige schutzverwandte hebräer zu 
Sulz, der herrschaft Feldkirch." 
Das Oberamt iu Feldkirch begleitete dies Gesuch des 
Josle Levi und Konsorten um Wiedereinsetzung iu ihre alten 
Rechte in Sulz am 22. Februar 1745 mit einem Hinweise 
auf die „Gefahren und wichtige Bedenken, die die Wiederein- 
setzung und Restituirung supplizierender Hebräer bei dem 
gemeinen Landmann nach sich ziehen möchten". 

Die Eingabe der Sulzer Juden hatte zunächst den Erfolg, 
dass am 9. Mai 1745 an das Oberamt in Feldkirch ein Erlass 
erging, den Juden in Anbetracht dessen, dass sie das 
Schutzgeld gehörig entrichten, allen möglichen 
Schutz angedeihen zu lassen. Doch weil dieser Erlass 
ohne jeden Erfolg blieb und die Bedrohung uncl Verfolgung 
der Juden im ganzen österreichischen Vorarlberg immer 
grössere Dimensionen annahm, baten diese in einer weiteren 
Eingabe am 27. Mai 1745 „Hochdieselbe geruhen unsere 
erlittenen drangsale und beschwerden durch eine 
hochgnädig anordnende deputation und zwar in 
praesentia domini fisci aus höchst rühmlich an- 



Schutzmandat für die Sulzer Juden. 87 

gestammter justizliebe in hohen gnaden anzuhören" 
und dann entsprechende Schutzmassregeln zu treffen. Die 
nächste Folge war nun eine Verordnung der o. oe. Regierung 
in Innsbruck an das Oberamt in Feldkirch ddo. 5. Juni, laut 
welcher dieses, „wenn es die dermaligen zeitläufte zulasseten 
und es ihnen räthlich zu sein schiene, die supplicierende 
Juden in ihre vorigen häuser widerum einsetzen, 
wider alle gewalt schützen, und selben die voll- 
ständige Sicherheit auf gassen und Strassen mit nach- 
drucksamer einbiethung aller sträflichen angriffe und 
Schlägereien, desgleichen und anbei auch behörige 
satisf actio n verschaffen. Da aber ein so anderes zu 

bewerkstelligen gegenwärtige umstände abratheten 

solchen falles anzeigen sollten, wie ihnen Juden geholfen werden 
könnte". Am 9. Juli 1745 antwortet das Feldkircher Ober- 
amt, dass mit Rücksicht auf die noch herrschende Aufregung 
unter dem Landvolke jetzt eine Restituirung der Juden nicht 
ratsam, dagegen betreffs der Ersatzansprüche der Juden zu 
empfehlen sei „so von allerhöchstem orte aus eine höchst 
beliebig doch ziemlich authorisierte commission mit gewaltigen 
und nachdrucksamen instrucktiouen allergnädigst niedergesetzt 
werde, massen widrigenfalls und aus anderweiten Verordnungen 
in betracht der landmann vor der band wegen seiner bei 
letzterer herbst- und Winterszeit zur defension des lieben 
Vaterlandes bezeigten devotion voll des muths, wenig oder 
gar kein eff'ekt zu hoffen stehet." Am 31. Juli 1745 kam 
dann an die Insbrucker Hofkanzley von der Kaiserin Maria 
Theresia der Auftrag, dass von den „beeden o. oe. Weesen" 
(Regierung und Hofkammer) ein Gutachten dahin abzufordern 
sei, ob sich nicht vorläufig die Erlassung eines „mandatura 
dehortatorii" zum Schutze der Juden empfehlen würde. Am 
5. August 1745 erging diese Aufforderung an die o. oe. Re- 
gierung ^), die bei der am 28. August stattgehabten Beratung 
die Erlassung eines solchen Schutzmandates der Kaiserin 
empfahl und zwar, weil die Beraubungen und Misshand- 
lungen von Juden auf den Landstrassen in Vorarl- 
berg sich erschrecklich mehren und „geben die theil- 
nehmenden tumultuanten ohne scheu und öffentlich 
vor. dass wenn die Juden wieder einziehen und bauen 

') Innsbr. Statth.-Archiv „o. oe. Hofkammer-Resolutionsbuch, 1745 
fol. 392". 



SS Viertes Kapitel. 

würden, sie dasjenige, was bei tag aufgebaut wird, zu 
nachts wieder destouiren und niederreissen wollten". 
Am 2. September 1745 wurde denn auch das Schutz- 
maudat, von dessen Wirkung sieh die Kaiserin so viel ver- 
spracli, und um das die Sulzer Juden inzwischen, am 1. Sep- 
tember, dringend gebeten hatten, erlassen. Selbes hatte fol- 
genden Wortlaut: ^) 

„Mandat für die schutzverwandten hebreer zu Sulz. 

2. September 1745. 
"Wir Maria Theresia etc. pleno titulo geben allen 
unseren obrigkeiteu, kriegsofficiereu, beamten, Zöllnern, 
raautneren, gegenschreibereu und deren verweesern, 
auch allen denen jenigen, so dieses zu lesen vorkommet, 
hiemit allergnädigst zu vernehmen, welchergestalt bey 
uns die N.-N.-schutz-vervvanten hebreer zu Sulz d. herr- 
schafft Feldkirch alleranterthänigst vorgebracht haben, 
dass dieselbe das schuzgeld an uns allzeit willigst ab- 
gestattet hatten, und folglich ihnen an Verschaffung all- 
jeglicher Sicherheit, damit sie in treibung handeis und 
wandeis, auch eincassirung ihrer schulden auf keine 
weiss verhinderet werden, merklich gelegen seye, und 
dahero um ein dehortatorium und poenal-mandat alier- 
gehorsamst gebetten haben, und da nun uns gnädigst 
gemeint ist, dass ihnen hebreern zu treibung ihres 
handeis und wandeis, auch eintreibung ihrer schulden 
bis gänzlichem austrag der Sachen auf gassen und 
Strassen all nur immer mögliche Sicherheit verschaffet 
und hierwieder contravernierende mit exemplarischer 
straf angesehen werden sollen; dass befehlen wir hierauf 
gedachten obrigkeiten und nachgesetzten beamten, dass 
selbe gedacht- schutzverwante hebreer zu Sulz bey diesem 
anmit gnädigst erteiltem dehortatorio und poenal-man- 
dat handhaben, schützen und schirmen, auch keines- 
wegs dawieder beschweren lassen sollen, bei Vermeidung 
unserer straft" und ungnad, das meinen wir ernstlich 
mit unserem insigl. Geben zu Innsprugg, den 2. Sep- 
tember 1745." 



') Resol.-Buch fol. 410 und Hof-Registratur 1745 August, September. 
Das Original, wie überhaupt manch wertvollen Hinweis, verdanke ich 
der Güte des Herrn Dr. Karl Klaar, Archivs-Concipisten in Innsbruck. 



Die Vorarlberger Stände gegen die Sulzer Juden. 39 

Das ganze Vorgehen der raiiblustigen Bauern, ihre an- 
dauernde Renitenz, findet ihre Erklärung einerseits in der 
Ohnmacht und dem wanicelmütigen Vorgehen der Regierung, 
die bisher weder einen Prozess gegen die Raubsehar eingeleitet, 
geschweige denn einen von ihnen verhaftet hätte, — waltete 
doch der biedere Metzger immer noch seines Amtes als Land- 
aramann, — andererseits aber in dem ganz unqualifizierbaren 
Vorgehen der Vorarlberger Landstände. Diese hatten, wie 
bereits früher erwähnt, schon bei der ersten Ansiedlung von 
Juden in Sulz, im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, die öster- 
reichische Regienmg mit Eingaben bestürmt, die Juden samt 
und sonders aus dem Lande zu jagen, weil man — der 
Allerweltsankläger - den Juden so viel Cbles nachrede. 
Und auch kurz nach den Sulzer Raubscenen waren die Vorarl- 
berger Landstände bei der Hand, den Plünderern schützend 
unter die Arme zu greifen uud den ohne dies so schwer ge- 
schädigten Juden mit einem ganzen Rattenkönige von boden- 
losen Verleumdungen das Leben noch mehr zu erschweren. Bereits 
am 22, September 1745 kamen sie ganz ungebeten mit einer 
langen Anklageschrift ^) gegen die Juden, deren Inhalt wesent- 
lich in Folgendem bestand: Anlass der Plünderung sei gewesen, 
dass die Juden bei der jüngsten feindlichen Invasion sich 
„abseits gemacht hätten" und zur Landesdefension nichts bei- 
getragen hätten; wenn nun auch die Stände keinen Anteil 
an den Excessen gehabt hätten, so bäten sie doch, dass die 
Juden nimmer nach Sulz zugelassen werden sollten, weil . . . 
„1) Seien die Juden durchgehends arm uud unbemittelt, 
sohin alle gestohlenen effekten an sich bringen, dann 
in den umliegenden ländern, wo sie nicht verfolgt werden 
könnten, verkaufen, so zum diebstahl förmlich reizen, 
wie sich auch schon ganze diebsrotten in Vorarlberg 
gebildet, durch die aller verkehr gehemmt, alle Sicher- 
heit aufgehoben sei."^) 
2) Führen die Juden rainderwerthige Geldsorten ein und 
gute aus. 



1) Ad. Imper. 1746, 466—69. 

^) Als Illustration dieses Anklagepunktes gegen die „armen" Juden 
sei nur daran erinnert, dass eben auf "Wunsch der Stände im Jahre 1688 
nur die drei reichsten Juden in Sulz sich niederlassen durften und 
die ganze Ansiedlung der 10 oder 11 Familien nur aus deren Verwandten 
bestand. 



90 Viertes Kapitel. 

3) Treiben die Juden Wucher und schädigen so die Bauern. 

4) Geben sie Ärgernis, weil sie an christl. Sonn- und Feier- 
tagen knechtische Arbeiten öffentlich verrichten. 

5) Kommen sie auf unrechtmässige Weise zu Haus und Hof. 

6) Sei von den Juden im Kriegsfalle Verrath zu befürchten, 
wie man beim letzten Kriege auch in Erfahrung gebracht 
habe, dass ein oder der andere Jude sich zur feindlichen 
Armee begeben habe. . 

Die Stände wussten ihren alten Klagen weder neue 
beizufügen, noch diese, irgendwie mit Beweisen zu 
erhärten. 

In einer eigenen Schrift wiesen die Juden die Haltlosig- 
keit all dieser Anklagen zurück ^), betonten ihre Redlichkeit, 

ihren patriotischen Eifer 

„willen verdächtigen umgang mit dem feind 
werde ihr Judenschaft nicht das geringste in- 
culpiert werden können, wie sie denn besag 
eines unterm 10. Feber 1745 dem oberamt Feld- 
kirch eingereichten memorialis zur landsdefen- 
sion nach proportion und kräften all möglichstes 
beizutragen sich anerboten habe." 
Die Juden bäten deshalb, dass jetzt, da wieder Friede 
im Lande sei 

„durch ein tüchtiges subjektum in person des Bregenz- 
schen oberamtsrathes Rudolph! auf die urheber und mit- 
helfer dieses höchst sträflich angezettelten tumults und 
andurch verursachten ungemeinen schaden mit allen rigor 
inquirieren, auch wie die klagen dero Vorarl- 
bergischen stände gegründet, nebenbei unter- 
sucht" 
und die Satisfaktion ihres erlittenen Schadens endlich gewährt 
w^erde. 

Es braucht nicht erst besonders betont zu werden, dass 
die Klagen der Vorarlberger Stände gegen die Juden, für die 
eine Beweisführung gar nicht versucht wurde, unwahr waren. 
Die um jene Zeit grassierende Verrohung der Vorarlberger 
Jugend hatte ihren Grund ganz anderswo, und fand bereits 
in zeitgenössischen Chroniken, wie die des Lustenauer Pfarrers 
Franz Josef Roseulächer und des Kaplans J. K. Herburger, 
ihre Geisselung. Es war entschieden ein verunglückter Ver- 



1) Ad. Imper., 1746, 470—72. 



Erpressungsversuch in Hohenems. 91 

such hiefür die wenigen im Lande ansässigen Juden verant- 
wortlich machen zu wollen, und der rührenden Jeremiade bei 
Weizenegger ^) mag nur das entsetzenerregende Kulturbild 
des Chronisten Herburger vom Bregenzerwalde ^) gegenüber- 
gestellt werden, wohin damals sicherlich noch kein Jude ge- 
drungen war. Sander sagt hierüber:-'') 

„Dass dergleichen Dinge wirklich mit mangelhafter Er- 
ziehung und Schulbildung zusammenhängen, möchte dem 
Zweifler klar werden, wenn er bei Weizenegger liest, in welchem 
Zustande die Schuljugend von Sulz gegen die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts heranwuchs; zwar wird von den Ständen und 
dem bischöflichen Ordinariat die Verwahrlosung der dortigen 
Christenkinder ihrem Umgänge mit den Sprösslingen der 
Israeliten zugeschrieben; wenn sie aber mehr aus dem Talmud 
als aus dem Katechismus wissen, dann fällt die Schuld doch 
wohl auf ihre christlichen Eltern und Priester und die Schule." 
Die Eingabe der Vorarlberger Stände blieb vorläufig 
wirkungslos, da ja, wie bereits früher erwähnt, Verordaungen 
vom 9. Mai und 5. Juni 1745 die Wiedereinsetzung 
der Juden in Sulz befahlen. Doch nicht etwa aus Toleranz 
oder Mitleid, sondern nur um des jährlichen Schutzgeldes von 
fl. 200 nicht verlustig zu gehen, was ja die Folge auch bestätigte. 
Ja, die Sulzer Horden verstiegen sich so weit, dass sie 
am 11. Januar 1745 das folgende Erpressungsschreiben an 
die Hohenemser Judenschaft richteten:*) 
„Euch ermahnt! 
Ihr Judenschaft! Dass uns der gütige allmächtige 
gott eine strafe geschickt mit diesen kriegszeiten, aber 
nit nach unserem verdienst. Der gütige gott erzeiget 
uns noch alles guts. So man euch alle in der gute 
bericht, dass ihr gar wohl wissen unsere schwere, grosse 
kriegskosten und harte zeit, so wir alle für das Vater- 
land vor dem feind stehen müssen, sowohl für euch als 
für uns, nit landsturm geflohen mit sack und pack sowohl 
als die Sulzer Juden. Mithin hätten wir auch gemeint 



') Weizenegger a. a. O. III, 360. 

'-) Herrn. Sander, Beitrag zur Gesch. d. Volksschulen in Vorarl- 
berg, Innsbruck 1879 S. 19 ff. — Sulz hat erst seit 1823 eine eigene Pfarre. 

») a. a. O. S. 16 ff. 

*) Original vorliegend. Ich gebe es nach Möglichkeit mit Um- 
gehung der fürchterlichen Orthographie wieder. 



92 Viertes Kapitel. 

von euch zu hoffen, an uns erlinderung kriegskosten 
auch ein tubackgeld auf das mindeste tausend 
gülden, ein bagatell. Weillen ihr das mehrste auch 
unser oesterreichisch grund und boden eure handelsschaft 
brauchen und treiben, so könnet ihr euch nit beschweren, 
dass mau euch unbillig begehr oder mahn. "Wenn aber 
in fernershin unser grund und boden wollet bemüssigt 
auf alle weise und mauier, so wollen wir alles an uns 
haben, die grosse Unkosten. Und ist zu wissen euch 
noch einmal ersucht, ob ihr wollet von das obstehende 
eins zu thun, so gebet ein schriftlich bericht, wo aber 
es nit geschieht, so man nit begehrt zu rauben oder zu 
stehlen bei euch, sondern zu verfahren mit allen 
euern häusern als wie zu Sulz, kein stein wie 
auch kein holz muss auf dem andern liegen 
bleiben, und das in bälde, auch dem oberamt ohne 
schaden, auch allen Christen ohne schaden, wann es aber, 
wider hoffen, solle auch sein, dass etwa ein Christ in 
die Sache legen, so soll er dazu aufschauen. So erwarten 
wir ingemein cito eine antwort bei diesen boten. 
Datum Rankweil und Sulz 
auch Zwischen wasser und Götzis." 
Adressiert war dieser Drohbrief „An den hebräer juden- 
ammaun in Embs selbst eigenhändig zu stellen." Unten be- 
findet sich folgender Vermerk: „Am 11. Jänner 1745 ist dieser 
Brief durch den Katzenschinder oder Schwebelhöltzlbub von 
Rankweil zu morgen um ^j^l uhr kommen." — Die Juden 
übergaben den Drohbrief dem Grafen in Hohenems, der ihn 
mit folgendem Briefe beantwortete: 

„An Landtamann vnd Gericht Ranckweihl vnd Sulz! 
Was für ein unbesonnen und höchst vermessener zedel 
ahn die hiesige schutzjudeuschafft gekommen vnd vns 
sodann ahngezaigt worden, ein solches ist aus der copürlich 
ahnlage des mehreren zu entnemen, vnd gleichwie wür 
wohl Selbsten begreifen, dass derley frech und mueth- 
willige ohnsinnen .... nur von schlecht leuthen .... 
als will man bey disen vmbständen nichtsdestoweniger 
das gezimmende ahnsuchen gethan haben, dieselbige sich 
gefallen lassen möchten solch ahngetruhete gewaltsamme 
vnd .... vnternemmungen abzuhalten vnd deren an- 
stiffter zur gebühr ziehen zu lassen, anderen fahls vnd 



"Weitere Gewalttätigkeiten. 1)3 

dadurch gewalt sonderheitl. bei nacht zeith ein gross 
weitaussehendes ybel erfolgen solten, wir ausser aller 
culpation vns gesetzet haben wollen. Wür verlassen vnss 
auf die reichsständische immedietät hiesiger freyen reichs- 
grafschaft vnd die couvenierten ueytralität." 
Wie bereits erwähnt, hatte bis gegen die Mitte des Jahres 
1745 die Übeltäter keinerlei Strafe getroffen, ja nicht einmal 
eine Untersuchung war gegen sie eingeleitet worden. Wie nicht 
anders zu erwarten stand, wurden die Exzedenten durch dieses 
nachsichtige Verhalten des Oberamtes in Feldkirch sowohl, 
wie durch die ihnen von den Vorarlberger Ständen gewordene 
Förderung in ihrem Benehmen immer kühner und gewalttätiger. 
Das von der Kaiserin am 2. September 1745 erlassene 
Schutzmandat, das in ganz Vorarlberg publiziert werden sollte, 
behielt der biedere Landammann der Gerichte Rankweil und 
Sulz, entsprechend seinem Nebenamte als Anführer bei Juden- 
plünderungen, mehrere Wochen einfach zurück, ohne es 
publizieren zu lassen. Als er dann zur Publikation gemahnt 
wurde, berief er erst seine Getreuen zur Beratung darüber, 
ob das kaiserliche Mandat überhaupt publiziert werden solle. 
Da ein kaiserlicher Befehl doch nicht so ohne weiteres ganz 
und gar übergangen werden durfte, liess sich der Schweine- 
schlächter endlich zur Publikation herbei, jedoch nicht in 
allen 75 zum Gerichte gehörenden Pfarreien und Weilern, 
sondern nur in Götzis und RankweiP). Das Oberamt in Feld- 
kirch hatte für diese empörende Missachtung kaiserlicher 
Befehle, wie seinerzeit bei der Judenplünderung, kein Wort 
des Tadels. Es fand solche erst, als die Exzedenten dem 
vorgesetzten Oberamte selbst geballte Fäuste zeigten, und das 
liess nicht mehr lange auf sich warten. 

Immer und überall, heute sowohl, wäe zur Zeit der Er- 
eignisse in Sulz, hatte die Regierung, die sich gegenüber 
gesetzwidrigen Augrift'en auf Juden wohlwollend oder wenig- 
stens passiv verhielt, die Erfahrung zu machen, dass die Ex- 
zedenten nicht beim Juden stehen blieben, sondern sich bald 
auch gegen alle Ordnung und das Staatsgesetz selbst kehrten. 
Das Gesetz gleicht hierin einem Netze, dessen Haltbarkeit 
eben in dem unverletzten Bestehen und Ineinandergreifen 
aller seiner Maschen besteht. Duldet man erst nur, dass eine 
Masche sich löst, das Gesetz auf einer Seite, und sei es auch nur 

*) „Ad Imperatricem". 1746 toi. 373 b u. 374. 



94 Viertes Kapitel. 

gegen Juden, verletzt wird, dann folgt alsbald eine Masche 
der andern, eine Gesetzesverachtung der andern. 

Dies hatte zu seinem Leidwesen auch das Oberamt in 
Feldkirch im Jahre 1746 erfahren. 

Im März dieses Jahres sollte das Feldkircher Oberamt 
die Erneuerung der Wahl eines Laudammannes und des 
Ausschusses im Gerichte Rankweil und Sulz vornehmen. 
Leonhard Grisz, der in Erfahrung gebracht hatte, dass 
seine Wiederwahl keine allzu sichere war und dass auch 
„ueugesinnte" Männer in den Ausschuss koramea sollten, 
widersetzte sich an der Spitze von 200 Bewaffneten dem Feld- 
kircher Oberamte und machte die Wahl unmöglich. Das Feld- 
kircher Oberamt, aufs Tiefste gekränkt durch den Undank, 
mit dem seine wohlwollende Nachsicht gegen Grisz und Kon- 
sorten nun gelohnt wurde, entschloss sich endlich zu einer 
langen Eingabe an die o. oe. Regierung, in der des Grisz 
Sündenregister aufgerollt wurde. In der Eingabe vom 4. März 
1746 \), die eine ausführliche Darstellung der vorerwähnten 
Vorgänge enthält, verlangt das Feldkircher Oberamt die Amts- 
enthebung des Grisz und dessen, wie des Martin Heuslin als 
Rädelsführer, Verhaftung und Abführung nach Innsbruck. 
Der Geheime Rat schickte am 23. März diese Eingabe an die 
Kaiserin mit dem Zusätze, dass bei der jetzt in Vorarlberg 
herrschenden Aufregung und dem Übermute der Bauern eine 
gewaltsame Verhaftung des Grisz sich nicht empfehle, dagegen 
habe der Geheime Rat eine eigene Kommission unter Führung 
des Geheimrates und Gesandten Grafen von W^ellsperg nach 
Feldkirch zur Untersuchung der Vorfälle und Berichterstattung 
gesandt ^). Das Feldkircher Oberamt erhielt wegen der ver- 
späteten Anzeige eine Rüge ^), Dadurch aber kam endlich auch 
die Frage der Entschädigung der ausgeraubten Sulzer Juden, 
resp. deren Wiedereinsetzung in Sulz ins Rollen, indem jetzt 
eine Untersuchung sowohl gegen die Plünderer, wie zur 
Prüfung der Ersatzansprüche der Juden eingeleitet wurde. 

Die Eingabe der Sulzer Juden um ihre Wiedereinsetzung 
in Sulz und die Gegenschrift der Vorarlberger Stände, deren 



*) Ad. Imper. 1746 fol. 368— 377 b. 

^) Den weiteren Verlauf dieser uns hier nicht interessierenden 
Angelegenheit siehe im Innsbr. Statth.-Arch. „Ausgegang. Schriften" 1746, 
fol. 513, 517, 568, 801 £f. 

») Ad. Imper. 377. Auch Ausgeg. Schriften 1746 fol. 513 ff. 



Amtliche Gutachten. 95 

beider bereits früher Erwähnung geschah, sandte die o. oe. 
Regierung in Innsbruck zur Meinungsäusserung an die Ober- 
ämter inBregenz und Feldkirch und an die Vogtei -Verwaltung 
nach Bludenz ^), 

Das Oberamt in Bregenz sprach sich sehr miss- 
billigend über den Sulzer Raubzug aus: 

„ . . . . und vorderst befunden, dass diejenige tat- 

handlungen und gewalttätigkeiten, welche an denen 

häusern und anderen habschaften klagender Juden zu 

Sulz mit ungestümer eigenraacht ausgeübet worden, nicht 

wohl anders als vor ohnjustifizirlich und höchst sträflich 

anzusehen, mithin diesfalls quo ad factum in allweeg 

zu viel und ohnrecht beschehen ..." '^). 

Die Abschaffung der Juden jedoch sei nur unter der 

Bedingung zu bewilligen, dass die Vorarlberger Stände, denen 

ja so viel an der Ausweisung der Juden gelegen sei, sich 

verpflichten, das jährliche Schutzgeld von fl. 200 an Stelle 

der Juden zu entrichten. 

Ausführlicher sowohl, wie auch humaner lautet das Gut- 
achten des Feldkircher Oberamtes. 

Die Juden wären durch Beraubung und Miss- 
handlung schon beim ersten Aufgebote des Land- 
sturmes zur Flucht gezwungen gewesen, um 
ihr Leben zu retten, hätten gerne ihren Teil zur 
Landesdefension beigetragen, wobei man sich ja an 
ihren in Sulz liegenden Gütern hätte entschädigen 
können. „Ingleichen sei auch die Zumuthung, dass 
ein so anderer von der Judenschaft zu Sulz zur 
feindlichen Armee sich begeben ganz unbegründet, 
gestalten auf reifliche Nachforschung und Unter- 
suchung sich nichts geäussert, auch ein so anderer 
hierunter angelassene Stände sothanes imputatu 
darzuthun sich ausser Stand befunden."^) Den etwaigen 
knechtischen Arbeiten an christlichen Feiertagen hätte ein 
Regieruugsverbot wohl vorbeugen können. Da endlich die 
Juden ganz und gar keinen Anlass zu der Plünderung gegeben 
hätten, also ganz unschuldig seien^ so sei ihnen unbedingt 



') ib. fol. 473 ff. 

-) Landesarchiv in Bregenz, Facs. XXXV., Nr. 821. 

3) ib. fol. 474 b ff. 



96 Viertes Kapitel. 

für allen erlitteneu Schaden Ersatz zu leisten, desgleichen 
auch sei ihre Abschaffung nur bei Erlag des Schutzgeldes 
durch die Stände zu verordnen, und den schuldlosen 
Juden eine neue Heimat, etwa in Kriegshabern bei Augs- 
burg, anzuweisen. Zur Prüfung der Ersatzansprüche der 
Juden sei eine eigene Kommission einzusetzen. 

Der Vogteiverwalter in Bludenz, der die Ver- 
wüstung in Sulz gesehe.n, schliesst sich im Allgemeinen 
dem Feldldrclier Gutachten an, weiss wenig von der Schädlich- 
keit der Juden, weil solche selten nach Bludenz kämen, gibt 
aber gegen die Abschaffung zu bedenken, dass sich die Juden 
dann in den Vorarlberger Reichsgrafschaften niederlassen, 
und von da aus auf oesterr. Boden Handel treiben könnten, 
womit der Zweck der Judenausweisung vereitelt würde. 

Nach erfolgter Beratung dieser in zwei Punkte zusammeu- 
gefassten Angelegenheit durch die o. oe. Regierung und Hof- 
kammer am 4. April 1746 legte der Geheime Rat am 13. April 
1746 ein ausführliches mit allen einschlägigen Beilagen ver- 
sehenes Memorandum ^) nebst folgenden Vorschlägen der 
Kaiserin vor: Schadenersatz sei den Juden unbedingt zu- 
zuerkennen, doch sei hierzu keine eigene Kommission einzu- 
setzen, weil deren Kosten nur das Aerar zu tragen hätte, da die 
Plünderer besitzlose, junge Burschen wären, vielmehr habe das 
Feldkircher Oberamt die Untersuchung zu führen. „Betreffend 
die allerunterthänigst gebettene ausschaffung viel 
berührter Judenschaft, da will zwar allerdings 
scheinen, dass von denen ständen in einigen der 
Judenschaft mit gar eifrig exaggeration zu last ge- 
legten zumuthungen etwas zu viel und melireres, 
als wohl zu erweisen, beschehen sein möchte,"^) doch 
sei der Judenausweisung gegen Erlag des Schutzgeldes durch 
die Stände beizustimmen. 

Gleichzeitig erliess der Geheime Rat ein weiteres Schutz- 
mandat für die Juden, weil dem früher erlassenen nicht aller 
Orten Folge geleistet wurde. So erzählt das am 13. April 
1746 erlassene Schutzmandat von „an einem armen Juden zu 
Sulz ein abermahlig ohnerlaubt und höchst strafbare gewalt- 
tat daselbstige unterthanen ausgettbet haben sollen."^) Dem 

') Ad. Imper. 1746 fol. 467—487. 

^) ib. fol. 485. 

») Ausgeg. Schriften 174G, 663—666. 



Prozess und vorläufiges Urteil. i)7 

Oberamte in Feldkirch ward die Durchführung der Unter- 
suchung übertragen. *) Am 6. Oktober 1746 erfolgte eine 
Mahnung zur Beschleunigung der Lntersuchung,^) doch zog 
sich diese bis Ende März 1 747 hin, worauf dann am 10. April 
die Akten dem Geheimen Rat, von diesem der o. oe. Regierung 
und von dieser, mit Genehmigung der Kaiserin, zurück an 
das Feldkircher Oberamt geschickt wurden zur Durchführung 
des Prozesses und Aburteilung der Übeltäter. Grisz und Sonder- 
egger, die beiden Übeltäter waren bereits seit Oktober 174() 
in Haft. Als Verteidiger der Angeklagten fungierte der 
Bürgermeister von Lindau, v. Heyder. Das Feldkircher 
Urteil lautete für die Fxzedenten auf Ü. 1500 Strafe, 
für die Rädelsführer Grisz und Sonderegger noch 
auf Schanzenarbeit in Konstanz, Relegation für ewige 
Zeiten aus allen österr. Landen und auf öffentliche 
Auspeitschung für Grisz von einem ganzen Statt 
Schilling und für Sonderegger auf einem halben 
Statt Schilling"'). Grisz, der ein Jahr in Konstanz war, 
wurde 1747 von dort ins Kreiterhaus nach Innsbruck über- 
führt, worauf auf Einschreiten seiner Gattin Elisabetha geb. 
Matzlin und nach langwierigen Verhandlungen beim Ghm. 
Rat und der o. oe. Regierung und nach dem Referate des 
Freiherrn von Elsasser*) von der Kaiserin am 27. Mai 1747 



') Bregenzer Landesarchiv, Facs. XXXV., Nr. 821. 

^) Ausgeg. Schriften, Innsbruck, fol. 9005. 

■*) Statt Schilling bedeutet die Zahl der Schläge. Vgl. J. Andr. 
Schmeller, Bair. Wörterbuch, München 1877, Teil IV., S. 400 ff. 

■») Dem sehr ausführlichen auf Grund der amtlichen 
r n ter.suchiin o- erstatteten in den Hof regi s trat ursakte n vom 
18. Do/.omber 1747 enthaltenen Referate ist noch zu ent- 
neiimeii: Schon beim Ausziige des Landsturmes ward den 
J u d e n V i e 1 e s g e r a u b t , selbst Wiegen u n d B e 1 1 z e u g, und dann 
in Rüeschers "Wirtshaus vertrunken. Am 21. Dezember 1744, am 
St. Thomastage, fand unter dem Vorsitze des Land am mann es 
ürisz im Hause des Franz Martin Sagmihl die Feststellung 
des Planes der Judenplünderung statt. Entsetzliche öräuel- 
szenen entmenschter Zerstörungs- und ßaubwut schildert 
der Referent, das Gesindel, an der Spitze der Landammann, 
kommt mit grossen Wagen zur Heimführung der vorher 
„redlich" geteilten Beute, wobei Freudenschüsse abgefeuert 
werden. — Nur einer, der alte Landammann Christian Ruesc h 
hatte den Mut, mit seinem Knechte der Raubschaar ent- 
gegen tre ten zu wollen, aber nur zu se i n eni eige n on Sc b ad en. 

7 



{)S Vierles Kapitel. 

(las folgende begiiadigeude Urteil, das icli hier im Wort- 
laute wiedergebe, gefällt wurde: 

„Maria Theresia von Gottes (Jnaden Römische Kaiserin 
in (lermania, Ungarn etc. etc. 

Wie uns aus eurem gehorsamsten bericht und gut- 
achten vom 19. Februar ersthin des mehreren zu ent- 
nehmen war. ist über die in anno 1744: in Vorarlberg 
von einigen Rankweil: und Sulzischeu unterthanen an 
der daselbstigen Judenschaft in verschiedenen factis mit 
ausraubung derselben effecten und abbrechuug ihrer vier 
liäuser ausgeübte gewaltthaten nach anweisung der 
o. oe. regierung in so weit einige Untersuchung von 
dem Feldkirchischen oberamt vorgenommen und das von 
selben hierüber abgefasste urtheil gedachter regierung 
ad revidendum eingeschickt worden, wie ein und anders 
ganz ausführlich in der von dem diesfalls bestellten 
referenten verfassten und anher mitangeschlossenen rela- 
tiou enthalten ist. Nun verdient zwar dieses in sich 
so schwere und mit sehr gravierenden umständen 
qualifizierte factum die in denen rechten vor- 
gesehene genaue Untersuchung und bestrafung, 
ja es würde vielleicht auf solchen fall ein oder 
anderer deren rädelsführer weit schärfer und 
nach gestalt deren umständen etwa wohl gar 
mit der todesatrafe angesehen werden können 
und müssen. 

Nachdem aber dieser Vorgang sich ereignet hat, 
als eben zu selber zeit der getreue landmann und unter- 
than zu rühmlicher beschützung des werthen Vaterlandes 
in den waffen war und selber mit seiner erwiesenen 
tapferkeit in defendir: und erhaltung des landes mit 
glücklicher abtreibung des feindes sich bestens verdient 
gemacht hat, zumalen auch von landammann und rath 
der gerichter Rankweil und Sulz um die aggratirung 
das unterthänigst vorschriftliche anlangen beschehen ist, 
dabei auch die erforderliche Inquisition in seiner 
behörigen form nicht abgeführt worden ist und 
weder gleich post factum hat abgeführt werden 
mögen: weilen der b a u e r s m a n n noch hochmütig 
von der landesbeschützung war, noch auch 
jetzt ruh i gl ich ablaufen dürfte, nachdem so 



Das kaiserliche Urteil. <)9 

viele implicieret seieu uud der bauersmann 
armieret ist. 

Als wollen wir sonderheitlich in ansehung erst an- 
gemerkten dieses Vorlandes und deren getreuesten unter- 
tiianen von wegen ihrer geleisteten landesbeschützung 
für sich habenden giltigen Verdiensten, dann auch der 
rusticität dieser leute und anderer vorgekommenen 
mildernden umstände bei diesem vorgefallenen facto 
unsere landesmütterliche milde vordringen und demnach 
erstlich: 

den beiden, Leonhard Grisz und Johann 
Sondereg ger, welche für riidelsführer gehalten werden, 
doch dessen nit überwiesen sind, die straf der fusti- 
gatiou und relegation in Gnaden naciigesehen 
haben, wohingegen zweitens: 

es bei der ausgesetzten geldstrafe deren 1500 fl., 
dann ersetzung der aufgelaufenen atzungs- und andere 
kosten, in welche die eomplices insgesammt condemniret 
worden, auf art und weise, wie es die regierung recht 
findet, zu verbleiben haben solle. 

Belaugend endlich drittens die den ausgeraubten 
Juden gebührende satisfacation um ihren hierdurch er- 
littenen Verlust und schaden an ihren effekten und 
häusern, da lassen wir es gnädigst bei der regierung 
einrätlichen Vorschlag mit dem lediglich bewenden, dem 
oberamt zu Feldkirch weiters aufzutragen, dass selbes 
die Judenschaft über die von selbem in Sachen verfasste 
moderation und absetzung auf 3546 fl. 34 kr. ihrer auf 
0752 fl. 21 kr. formierten Schadens und expensforderung 
noch vor allem vernehmen, auch wegen dieser zu be- 
schehen habenden alljeglichen indemnisation einen ver- 
gleich tentiren und zu stände zu bringen, sich bestens 
befleissen, in dessen unverfaug aber wenigstens die 
demolierten häuser von jenem peritis inarte, welche schon 
vorher solche in erkenntnis gehabt haben, wie nicht 
weniger die etwa noch zu bänden bringen könnende 
mobilien gerichtlich taxieren lassen und ihren weiteren 
bericht dann an die regierung, jedoch so bald möglich, 
erstatten solle. Nach welchem also ihr die regierung 
behörig zu verständigen wissen werdet, womit sie hienach 
also progredieren möge. 

7* 



100 Viertes Kapitel. 

Soviel es aber anbei die frage der leadmittiiuug 
oder abschatt'ung der jiulenschaft allda anbelanget, so 
sind nach unserer bereits schon gethanen gnädigsten an- 
ordnung von euch die arlbergischen stände bereits schon 
indessen vorbescheidet worden, dass wir uns wegen so 
gebetener abschaffung der Juden allda seinerzeit resolviren 
werden, welches dann auch des nächsten beschehen und 
euch unsere gnädigste entschliessung über euren in 
Sachen allegierten gutachtlichen bericht vom 13. April 
174G, wenn wir ehevor die meinung unseres bevoll- 
mächtigten commissari grafen v. Rhoteck vernommen 
haben werden, schon erfolgen wird. Wir verbleiben an- 
bei mit kaiserl. königl. und landesfürstlicher gnade euch 
wohlgewogen. Geben in unserer Stadt Wien den 27. monats- 
tag Marty im 1740, unserer reiche im achten jähre. 

Maria Theresia." ^) 
Der Schadenersatz wurde am 22. Juli 1749 auf 3800 (1. 
festgesetzt. Eine Bitte der Excedenten an die Kaiserin um 
gänzli(dien Erlass wurde von dieser am 24. Dezember 1749 
abschlägig beschieden, die Excedenten zu einem Ausgleiche 
mit den Juden angewiesen, der schliesslich vor dem Oberamte 
in Keldkirch auf 2900 (1. zustande kam und zwar in folgender 

Weise: 

Ersatz- Zuerkann- Vergleichs- 

„ Verursachter schaden anspruch ter Betrag summe 

fl. kr. fl. kr. fl. kr. 

1. Josle Levi, Salomons 

söhn 

für haus in Sulz und wein in 

Röthis 2336 — 1314 — 1002 32 

„ Toleranzgelder und gewinn- 

verlust r.dO 1 5 3 1 ;"> N 240 20 

1242 52 
2. Jakob Levi 
laut schadenregsiter 52 30 29 30 21 52 



21 52 
3. Jakob Wolf 
laut Schadenregister 83 59 47 13 36 21 



36 21 



Zusammen 1 300 25 

') Aus „Hofregistralnr" vom 27. Mai 1747. 



Schadenersatz. lOl 

Ersatz- Zuerkaiiii- Vergleiclis- 

„Verursacllter .schaden anspruch ter Betrag summe 

fi. kr. fl. kr. ft. kr. 

Übertrag 130() •_>.') 

4. Emauuel Wolf 
für ein ganzes und Vi von 

Abrahams haus 700 7 398 48 300 :)0 

an toleranzgelder und gewinn- 

verlust ". 300 52 1 69 39 129 (i 



429 56 
5. Baruch Wolf 
Anteil an seines vaters haus 331 50 186 38 129 31 '3 
Toleranzgelder und gewinn- 

verlust 129 41 72 4 55 27/2 

184 59 
6. Josle Levi. Wolfs söhn 

Mobilien 99 25 :}') 49 42 37 

Toleranzgelder und gewiun- 

verlust 1 29 41 72 4 55 27 



98 4 
7. Samuel Levi, Josles söhn 

für sein haus.. 992 22 558 10 425 52 

Toleranzgelder und gewiun- 

verlust 300 52 169 39 129 6 



554 58 
8. W^olf Levi, Josles söhn 

für ein hausantheil 196 7 110 18 84 7 

Toleranzgelder und gewinn- 

verlust 197 7 110 52 84 32 



168 39 
9. Levi Levi 

Toleranzgelder und gewiun- 

verlust 41 30 23 17 17 48 



17 48 
10. Gesammte Judenschaft 

für die synagoge 300 — 169 10 129 10 

129 10 



Ergibt eine gesammtsumme von 2884 40 

Zu verteilen bleiben noch 15 20 



2900 — 
Extrahirt und berechnet am 27. Mai 1750. 

Hofschreiberei Feldkirch." 



102 Vi(jrtfs Kapitel. 

Die von der Kaiserin iu Aussiciit gestellte Entscheidung 
betreffs Abschaffung der Juden erfolgte am 30. Mai 1750 und 
hatte folgenden Wortlaut'): 

Maria Theresia etc. 
Hoch und Wohlgeborne etc. etc. 
Nachdem unser höchster wille ist, dass die juden- 
schaft aus den unterwaltenden erheblichen Ursachen 
nicht nur auf ewige zelten aus unseren vorarlbergischen 
herrschaften abgeschaff't und ausgerottet bleiben, sondern 
auch die dem aerario von solcher eherer alljährlich zu- 
gefallenen fl. 200 von den dasigen ständen nach ihrem 
eigenen anerbiethen^) jederzeit richtig abgeführt, dann 
der in der herrschaft Hoheuems sich sesshaft gemachten 
eben wie all übrigen dortigen Judenschaft in unseren 
Vorarlbergischen herrschaften aller handel und wandel 
nicht minder das hausieren ernsthaft und zu desto sicherer 
erreich ung des unterwaltenden Zweckes auch unter be- 
stimm ung einer empfindlichen strafe verboten, hiernächst 
aber beiden gemeinden Rankweil und Sulz, da die 
Plünderung der judeuschaft in denen unruhigen kriegs- 
zeiten erfolget, wo der unterthau zur Verteidigung des 
Vaterlandes ausgerüstet, mithin dessen zusammeuziehung 
unvermeidlich war und, wie in derley umständen ge- 
meiniglich zu beschehen pflegt, ordnuug und anständig- 
keit nicht jederzeit beobachtet wird, auch der unterthau 
ihm ein mehreres als sonsten erlaubet zu sein glaubet, 
folglich keine wahre gefährde sondern eine 
blosse raserey unterflossen ist, denn in betracht der 
denen beschädigten in vim rei judicatae noch zu leisten 
kommen sollenden schadloslialtung die fiscalische strafe 
deren 1500 fl. zu einiger erholung jedoch ausdrücklicli 
gegen dem vollkommen nachgesehen werden solle, dass 
von ihnen beiden gemeinden Rankweil und Sulz die von 
zeit der plüuderung bis auf das ende des 1747. Jahres 
ausständigenfl.200jährliche jüdische Schutzgelder, dagegen 
solche pro anno 1748 und 1749 obbesagtermassen von 



') Aus dein von Johann Geory' Woerz angelegten im Ferdinandeuni 
zu Innsbruck befindlichen Fascicel „Materialien zur Geschichte der Juden 
in Tirol und Vorarlberg." 

•*) Ständisches Sitzungsprotokoll vom 29. Oktober 1747, Bregenzer 
Landesarchiv, Fase. XXXV Nr. 821. 



Kaiserliche Entscheidung wegen der Sulzer .luden. 103 

denen ständen nach ihrem eigenen anerbieten abgeführt 
werden, anerwogen wenigstens stillschweigend ihnen 
die höchste gnade der nichtwiedereinsetzmig der juden- 
schaft widerfahren ist. 

Als haben wir euch hievon mittels gegenwärtigem 

zu eurer direction die gnädigste nachricht erteilen und 

dem schliesslich noch bezwecken wollen, dass die 

fiscalische strafe pro 1500 fl. denen unterthanen 

nachzusehen, gleichwohl unserem oberösterreich. fisco 

hievon gebührende quota ^) zur enthebuug unseres aerari 

von ihnen unterthanen bezahlt werden müsse. Hienach 

beschieht unser gnädigster wille und meinung. Und wir 

verbleiben übrigens mit kaiserl. königl. auch landesfürstl. 

guaden euch wolgewogen. Geben in unserer stadt 

Wieu, den 30. monatstag Mai, im 1750, unserer reiche 

im 10. jähre. Maria Theresia." 

(Repräsentation uud Hofkammereröffnuug vom 10. Juni 

1750 an die Regierung in Innsbruck, an die Beamten zu 

Bregenz, Feldkirch und Bludenz uud au die Vorarlbergischeii 

Staude). 

Das Urteil hatte aber noch seine sehr bezeichnenden Nach- 
spiele. Die Orte Rankw^eil und Sulz weigerten sich sofort, die 
von den Jahreu 1745 — 1747 rückständigen 600 fl. zu bezahlen, 
indem sie erklärten, dass entweder das ganze Gericht Rank- 
weil und Sulz oder aber nur die Plünderer diese zu entrichten 
liätten. 2) Am 15. August 1750 entschied die Kaiserin, ^) dass die 
Vorarlberger Stände für die 600 fl, aufkommen sollten, resp. 
diese von den Gerichten Rankweil und Sulz eintreiben sollten. 
Ferner sei den ausgewiesenen Juden eine dreimonatliclie Frist 
zur Eintreibung ihrer Ausseustäude gewährt. Gleiclizeitig 
ward ein Sciiutzmandat für die Juden erlassen. Nun ver- 
langten die Rankweiler und Sulzer. die Juden sollten gar die 
600 fl. erlegen, wurden aber abgewiesen, und als die hierauf 
angeordnete Untersuchung ergab, dass auch andere Ortscliaften. 
wie Muntlix, Buchebrunn, Röthis, Klaus, Laterns, Übersaxen 
usw. am Raubzuge beteiligt waren, wurde am 12. Februar 1751 



*) 8fl. von 100 fl. — Das Original des Urteils siehe in Hofregistratur 
vom 30. 3Iai 17.50. Vgl. auch Ausgeg. Schriften 1750 fol. 1207 ff. 
'^) Ad Imper. 1850 fol. 653—660. 
•') Ausgeg. Schriften, August 1750 fol. ;357ff. 



]()4 Yiertes Ka}»itel. 

die Verumhigung der G(K> fl. auf alle Gemeinden des Gerichtes 
Kaukweil und Sulz durch die o. oe. Hegieruug angeordnet. ^) 

Die Vorarlberger Stände erwiesen sich der Regierung für 
die „höchste Gnade" der Judenausschaft'ung sehr undankbar, 
indem sie die so grossmütig übernommenen jährlichen 200 fl. 
einfach nicht bezahlten. Jede Mahnung zur Zahlung be- 
antworteten sie mit langen Klagen über den fortgesetzten Handel 
der Juden, und bis 26. Mai 1762 waren sie noch mit 1800 II. 
im Rückstande. 2) Endlich trafen sie mit den Gerichten 
Rankweil und Sulz eine Vereinbarung, dass diese die Hälfte 
dieser Summe jährlich zahlen sollten, eine Vereinbarung, die 
als Judensteuer bis zum 1. Dezember 1790 bestand, wo sie 
ein Hofkanzleidekret aufhob. Die Sulzer Bauern waren von 
den ihnen zugeschobenen jährlichen 100 fl. wenig erbaut, um- 
somehr als sie inzwischen die „höchste Gnade" der Juden- 
ausschaft'ung bitter bereuen gelernt hatten, „weil sie jetzt dem 
Monopol der Landkrämer und Mäkler unterworfen waren", 
und so schlössen sie deshalb mit den Hohenemser Juden einen 
Vertrag, dass diese wieder in Sulz handeln mögen, wenn sie 
sofort 500 fl. und dinin jährlich an Stelle der Sulzer Bauern die 
100 fl. erlegten, was auch viele Jahre hindurch geschah, so 
dass diese Tragödie mit der belustigenden Episode ihren Ab- 
schluss fand, dass die vertriebeneu Juden für die 
„höchste Gnade" ihrer eigenen Ausschaffung be- 
zahlten. •^) 

Die aus Sulz Vertriebenen wurden, wie schon erwähnt, 
am 29. Oktober 1748 vom Grafen Franz Rudolph in seine 
Reichsgrafschaft Hohenems aufgenommen. 

Resümieren wir kurz das Ergebnis des nahezu 
vierjährigen Prozessganges, so finden wir, dass 

1. die geschehenen Gräuelszenen in Sulz durch die 
Untersuchung vollinhaltlich bestätigt wurden; 

2. dass auch die volle Schuldlosigkeit der Juden 
an diesen vielfach amtlich hervorgehoben wurde; 

3. sämtliche Übeltäter nahezu straflos ausgingen; 



') Auögeg. Schriften 1751 tbl. 347 ff. 

*) Bregenzer Landesarchiv, Fase. XXXV., Nr. 821. 

^) Aus dem bereits erwähnten Woerz'schen Juden - Faszikel im 
Ferdinandeum (Eingabe an die Kaiserin vom 11. Oktober 1780). — Be- 
reits am 1. März 1751 hatte sich das Feldkircher Oberamt für 
die Wieder Zulassung der Juden in Sulz ausgesprochen. 



Resiimp. J^Oö 

4. die Kaiserin für ihre Milde eine wenig ein- 
gehaltene Zahlnngszusage der Vorarl berger 
Stände erhielt; 

5. dass schliesslich wieder die .hid-en die einzigen 
waren, denen die Geschichte, auch ansser den 
hei der Plünderung erlittenen Verlusten. Geld- 
opt'er auferlegte, indem sie Jahrzehnte lang für 
die „Gnade'' ihrer eigenen Ausschaffung be- 
zahlten. 

Ich kann dieses traurigste Kapitel meines Werkes nicht 
ohne die wohltuende Bemerkung schliessen, dass dieser Vor- 
gang, zur Ehre Vorarlbergs gesagt, der einzige derartige ist. 
den zu verzeichnen ich in der Lage bin. Toleranz und Gut- 
mütigkeit haben deii Vorarlberger allezeit ausgezeichnet, und 
nur die durch die Kriegsverhältnisse hervorgerufene Ver- 
wilderung der Sitten, genährt durch altes Vorurteil, iiatte 
jene Exzesse verschuldet. 

Vorarlbergs Bewohner lernten die Juden besser 
würdigen, und auch die Stände fanden wenige Jahr- 
zehnt e später eine ganz anders lautende Sj) räche 
für dieselben. Der (Jeschichtsschreiber aber hat die 
ernste, wenn auch oft schmerzliche Pflicht eben die 
traurigsten Ausbrüche der Volksrohheit in ver- 
gangenen Zeiten der Vergessenheit zu entreisseu 
und als warnendes Beispiel der Nachwelt zu über- 
liefern. 

Die Gegenwart mit ihrem gleichen Rechte und 
gleichem Gesetze für Alle gedenkt der beschämenden 
Vergangenheit nur mit Nachsicht und Vergebung. 



FÜNFTES KAPITEL. 



Die erste österreichische Regieriiugsperiode 
(17()5— 1805). 



Mit dem in der Naclit vom 5. zum G. November 1 751) in 
Grätz erfolgten Ableben des Grafen Frauz AVilhelm 111. 
erloscli das alte Reiclisgrafeugeschlecht im Mauuesstamme. 
Das Keicbslelien mit allem Zubehör fiel nun dem Kaiser wieder 
anheim, während die weiblichen Nachkommen der Reichsgrafen 
nur das nachweisbare Allodialgut als Eigentum beanspruchen 
konnten. 

Vorerst aber, nach dem Tode des lezten Reichsgrafen, 
trat dessen einzige Tochter Maria Rebecca dosepiia (geboren 
Ki. April 1742, gestorben 18. April 1800 in AVien) unter der 
Vormundschaft ihrer Mutler die Herrschaft ungeschmälert 
au, insbesondere nachdem durch Ausgleich vom 16. August 
1700 die Ansprüche anderer Erbinnen beseitigt worden waren. 
Nach wie vor regierte vorläufig ein gräfl. Oberamt in Hohen- 
embs, das alle Einkünfte, auch das Schutzgeld usw. der Juden, 
für die Gräfin einzog. Erst im dahre 1765, durch Reichshof- 
rats-Conclusum vom 11. März, verlieh Kaiser Franz 1., unge- 
achtet aller Gegenvorstellungen der Gräfin M. Rebecca, die 
Reichsgrafschaft Hohenembs nebst den dem Reiche lehenbaren 
Stücken, als durch Erlöschen des Maunesstammes erledigt, 
dem Hause Österreich. Tatsächlich blieben der Gräfin dem- 
nach von diesem Tage an nur die Allodialgüter als Eigentum. 
Doch hier war die Scheidung zwischen Reichslehen nnd Allod 
nicht so leicht zu bewerkstelligen und gab zu langwierigen 
Prozessen Aulass, über die das Nähere bei Bergmann ^) nach- 
gelesen werden kann. 



') Akadoiniu- Vortrag, lleiclisgral'en von Hoheiieiiilj.s, ö. 82 tf. 



Rechtsstreit wegen des Schutzgeldes. l()7 

Eines der Streitobjekte, von dem aber Bergmunii nichts 
erwähnt, bildeten die Jnden resp. die von diesen zu beziehenden 
Einkünfte der Grafschaft. 

Auf Grund der oberwähnten Entsclieidung des Reichs- 
hofrates vom 11. März 1765 erfolgte noch im Juli des gleichen 
Jahres eine Verordnung des k. k. Oberarates in Bregenz an 
das gräfl. Oberamt in Hohenems des Inhaltes, dass nunmehr 
das Juden-Schutzgeld an das k. k. Rentamt in Bregenz ab- 
zuführen sei, weil „der juden-schutz von denen allhiesigen 
reichslehenbaren auf «las allerdurchlauchtigste k. erzhaus 
übertragene liohe regalien herflüssete." Am 22. Juli bereits 
protestiert das gräfliche Oberamt energisch dagegen, weil 
im Conclusum „nichts anderes zu übertragen allergnädigst 
gesinnet sein könne, als was qua lehen in litteris investitura 
enthalten", worunter aber das Juden-Schutzgeld nicht sei. 
Am 2G. Juli schon begründet das Bregenzer Oberamt seine 
Ansprüche auf die Juden neuerdings und zwar damit, 
„weil das allerh. comissorium deutlich besaget, dass alle 
gräfl. hohenembsische regalia durch Osterreich einzuziehen 
seien, worunter auch das schutzgeld gehöre." Am 2. August 
erklärt das gräfliche Oberamt, dass es wohl billig sei. 
das Juden-Schutzgeld so lange dem gräfl. Hause zu belassen. 
bis die Scheidung vun Reichslehen und Allod durchgeführt 
sein werde, womit sich das k. k. Oberamt in Bregenz am 
10. August zufrieden gab, jedoch mit dem Zusätze, dass es 
bei der ersten Verordnung vom Juli zu verbleiben und das 
Schutzgeld schon von jenem Zeitpunkte ab als dem öster- 
reichischen Rentamte gehörend zu betrachten sei. und wirklich 
bestimmte ein weiterer Erlass vom 13. Februar r7()(5, dass 
das Juden-Schutzgeld ab der zweiten Hälfte des Jahres 1765 
für die demnächst zur Scheidung der Lehens- von den 
AUodialgütern eintreffende k. k. Kommission bereit zu 
halten sei. Zwar protestierte das gräfliche Oberamt noch- 
mals am 21. Februar 1766 dagegen, doch leisteten die Juden 
dem österreichischen Oberamts-Befehle Gehorsam, indem sie 
das Schutzgeld für die Zeit von Georgi 1765 bis Georgi 1766 
im Betrage von 437 fl. R. C. W. im gräfl. Archive versiegelt 
deponierten, von wo es das Oberamt in Bregenz am 21. Sep- 
tember 1766 holen Hess.') 

') Die betreffenden Akten befinden sich teils im gräfl. Archive zu 
Hohenems, teils in meinem Besitze. 



l{)^ Fünftes Ka|)il<'l. 

Das gräfliche Oberaint, das mninielir eiuer guten Eiii- 
iialimsqiielle mit den Juden verlustig ging, suchte noch in 
zwölfter Stunde zu retten, was zu retten war und erliess am 
(). November 17()5 folgenden Befehl an die Jndenschaft: 

„Es ist zu allen zeiten der hergebrachte gebrauch 
gew^esseu. dass diejenige, welche aus der allhiesigen 
Judenschaft sich verheiratet haben, alleniahl eine soge- 
nannte hochzeitsgaab zuui ansschüssen geben müssen. 
Bei dermaligen umständen wird dieser gebrauch zu einer 
um so grösseren notweudigkeit, als man für das all- 
gemeine beste und Sicherheit eine kostbare feuer-spritzen 
anzuschaffen, somit anstatt der iiochzeitgaab eine er- 
giebige anlaag zur bezahlung sothaner feuerspritzen zu 
machen für nötig befunden. Diesem zufolge dann werden 
alle diejenige, welche von anno 175(S an hochzeit gemacht 
bis nächsten martini tag, bei dem hochgräfiichen ober- 
arat allhier sechs gülden um so richtiger zu erlegen 
haben, als nach verfluss des tags man den aussstehend 
mit würklicher execution eintreiben wird.'' ^) 
Ob die Juden diesem sowohl seiner rückwirkend gedachten 
Kraft halber wie auch in ihrer Eigenschaft als nunmehrige 
österreichische Untertanen ungesetzlichen Befehle Folge leisteten, 
ist mir nicht bekannt. Doch werden sie sich vom Beitrage 
zur Anschaffung einer Feuerspritze sicherlich nicht ausge- 
schlossen haben. 

Die zur Zeit der österr. Besitznahme verhältnismässig 
geringe Anzahl der in Hohenems wohnenden Juden dürfte auf 
die erschwerten Handelsbedingungen zurückzuführen sein, da 
das strenge Verbot alles Handels der Juden im österreichischen 
Vorarlberg zu jener Zeit, wie noch viele Jahre später, in Kraft 
bestand und noch am 26. Februar 1762 mittels Erlasses des 
k. k. Oberamtes in ßregenz verschärft erneuert wurde. '^) 

Am 7. Mai 1767 fand in Hohenems die feierliche Hul- 
digung und Eidesleistung statt. ^) Eine Säule mit öster- 
reichischen Wappen, die in der Nähe des Palastes zur Auf- 



') Graft. Archiv in Holieiiems. 

*) Vgl. weiter Kap. 11. 

') Bei Bergmann a. a. 0. irrtümlich 8. Mai. Vertreter der Kaiserin 
beim Huldigungsakte war der Landvogt von Vorarlberg, kais. Kämmerer 
lind V. ö. Regierungsrat Franz Christoph Ulrich Freiherr von Ramschwag. 
Ilühcneniser Gemeinde-Archiv, Fase. 26. 



Statistik. 1()9 

Stellung gelangte.^) bildete das äussere Zeieheii der Besitz- 
ergreifung. 

Nach der im Hoheuemser Gemeinde-Archive befindlichen 
„Seelen-Beschreibung" vom Jahre 17()<s bot die ehemalige 
Reichsgraf Schaft Hohenem?? zur Zeit der Besitznahme 
durch das Haus Österreich folgendes Bild: 
Hohenems: In ^507 Häusern 407 Familien mit 2020 2) Seelen. 

Ebuit: „ 81 „ 32 „ „ lU 

I.ustenau: „ 258 „ 291 „ ,, 1494 

Über die Judenschaft in Hohenems liegt aus demselben 
Jahre nur die am Beginne des österreichischen Schutzbriefes 
erwähnte Notiz vor, dass sie 43 Haushaltungen umfasste. 

Dagegen gedenkt die „Seelen -Beschreibung" von 1773 
bereits ausführlich der Juden. Nach dieser zählte damals die 
Ortsbevölkerung von Hohenems: 
Christen: In 347 Häusern 1975^) u. z. 951 männliche und 

1024 weibliche Untertanen. 
Juden: In 24 '^) Häusern 227 u. z. 113 männliche und 114 
weibliche Untertanen. 

Die .ludenhäuser werden, mit Ausnahme eines „am Bache" 
befindlichen, sämtlich als „in einer eigenen Oasse beisammen- 
stehend" erwähnt. 

Für die Juden in Hohenems war es mit dem üblichen 
„le roi est mort, vive le roi" nicht getan. Für sie war der 
Herrscherwechsel eine Art Lebens- oder doch Existenzfrage. 
Erwog doch die Kaiserin Maria Theresia, ob sie die Juden 
in Hohenems überhaupt und unter welchen Bedingungen bei- 
behalten solle. Die Juden hatten seit dem Tode des letzten 
Reichsgrafen keinen neuen Schutzbrief erhalten, der alte war 
erloschen. Die Kaiserin bestimmte darum auch mit Erlas.s 
vom 3. Oktober 1767, dass vorläufig Alles dem k. k. Ober- 
amte in Bregenz überlassen sei. Dieses, das nunmehr den 
Titel: Oberamt für Bregenz, Hohenems und Hohenegg führte, 
wurde kurz darauf von der k. k. v. oe. Regierung in Freiburg 
aufgefordert, sowohl sein Gutachten über die Hohenemser 



*) Nr. 58 auf der diesem Kapitel beigegebenen Brand- und Situations- 
karte vom Jahre 1777. 

-) Die Volkszählung vom Jahre 1900 ergab 5(5.52 Seelen. 

•') Geistliche, Beamte usw. sind nicht mitgezählt. 

*) Von diesen fielen 16 Häuser dem weiters ey^mhnten grossen 
Brande vom 15. November 1777 zum Opfer. 



]\{) Kiiiiftps Kiii>itfil. 

Juden sell)8t abzugeben, wie auch einen Entwurf für einen 
Schutzbrief iu Vorlage zu bringen. Am 21. April 1708 ent- 
sprach das Bregenzer Oberarut in einem ausführlichen Gut- 
achten diesem Verlangen, wobei es den bereits erwähnten 
reichsgräflichen Schutzbrief vom Jahre 1708 resp. 1737 zur 
(Jruiullage nahm, llber die Juden äussert sich das Bregenzer 
Oberamt wörtlich:') 

„So haben hierauf so vorliegenden gegen- 
ständ reiflich erwogen und nach überlegten allen 
umständen einhellig befunden, dass die Juden 
|: falls selbe anders in den engeren schranken 
gehalten würden : keinem laude überhaupt 
schädlich, insonderheit aber der grafschaft 
Hohenembs wenigstens für dermalen so zu sagen 
notwendig seien, wann man nicht an ihrem bis- 
herigen Schutzgeld einer derer stärksten rub- 
riquen des reichslehenbaren einkommens ver- 
lieren und zugleicli den armen unterthanen, 
welcher ihnen Juden vieles schuldig, durch un- 
erschwingliche schnellste Zahlung mit gew^alt 
überstossen, zumal noch nebenher den mit 
Christen sehr dünn besetzten flecken Embs nahe- 
zu völlig auf einmal veröden will."^) 
Bezüglich der geplanten engeren Schranken verweist das 
Oberamt auf den Entwurf des Schutzbriefes. Ferner empfiehlt 
es, den Juden den Erwerb von liegenden Gründen 
und Gütern der Christen zu gestatten, jedoch mit Bei- 
behaltung des ewigen Zuges. Das jährliche Schutzgeld pro 
Familie solle mit \f*) fl. festgesetzt werden. Denn wenn die 
Hühenemser Grafen zwar 24 fl. jährlichen Schutzgeldes be- 
stimmten, hätten sie dies doch wegen der Armut der meisten 
Juden nicht einheben können. 13 fl. genügten umso mehr, 
als „sie Juden zu lilmbs wider die sonstige gewohn- 
lieit anderer orten nicht nur allein den grösseren 
teil ihres Vermögens gleich denen Christen ordent- 
lich versteuern, sondern auch die übrige allgemeine 
beschwerden a posteriori ebenfalls mittragen helfen." 



') Bregenzer Landes-Archiv Fase. XXXV., Nr. 821. 
'^) Man vgl. hiemit das in eben entgegengesetztem Tone gehaltene 
im 7. Kapitel anst'iihrlicli dargestellte Gutachten vom Jaliro 1815. 



(rntachten des Bregenzer Oberamtes über die Juden. 111 

Sodaun solle ein Zu- und Alizugsgeld eingefühlt werden. 
Endlich sei es Schuldigkeit der »luden „für die (zwar nur ad 
dies vitae geltende) zu erwartende kaiserliche gnade des 
Schutzes mit darreichung eines allerunterthänigsten dank- 
opfers zu recognosciren". und solle dies mit 500 fl. festgesetzt 
werden, die. nebst den H. 3494.47, die die Gräfin von Harrach ^) 
an bezogenen Reichslehen-Einkünften zu restituiren habe, zu 
Strassenbauten in der Grafschaft Hohenems verwendet werden 
sollen. 

Am 29. Juni 1 768 erstattete die v. oe. Regierung in Freiburg 
ihren Bericht an die österreichische Hofkanzlei u. z. dahin, 
dass sie im Ganzen und Grossen mit den Vorschlägen des 
Bregenzer Oberamtes einverstanden sei, nur sollten noch einige 
weitere Verschärfungen Platz greifen u. z. sollte 1. den 
Juden aller P>werb von liegenden Gütern der Christen ver- 
boten sein; 2. sollen neu zu erbauende Judenhäuser versteuert 
werden müssen; 3. soll auch den Christen das unentgeltliche 
Weinausschenken verboten sein; 4, solle das Schntzgeld 15 fl. 
jährlich betragen: 5. solle bei Heiraten eine Abgabe für die 
behördliche Bewilligung erhoben werden; G. gelten alle Be- 
stimmungen nur für die in Hohenems bereis ansässigen Juden; 
7. sollen die 500 fl. fürs Ärar eingehoben werden. 

Entsprechend diesen Verschärfungen genehmigte die 
Kaiserin den Entwurf am 29. Juni 1768 und fügte am 28. Oktober 
1768 demselben noch eine Erläuterung bei, dass er nur im 
JSinne einer Toleranz, nicht aber der Erteilung eines juris 
civitatis zu nehmen, dass auf die Verminderung der Jutlen 
hinzuwirken sei und die Erteilung von Ehebewilligungen nur 
sehr vorsichtig zu geschehen habe. 

Am 27. Dezember 1768 genehmigte die Kaiserin den ihr 
nochmals vorgelegten Entwurf, dem entsprechend dann der 
Schutzbrief durch das k. k. Oberamt in Bregenz am 15. März 
1769, vom Oberamtmann Georg Andreas Buol unterfertigt, 
erteilt wurde. 

Derselbe hatte folgenden Wortlaut: 

„Demnach bei ihre römischen kaiserl. köngl. aposto- 
lischen majestät gleich nach segensreichist angetretener 
regier- und beherrschung der allerhöchst selben und dero 

^) Die Eingangs dieses Kapitels erwähnte Erbgräfin Maria Rebecca 
vermählte sich am 4. Jänner 1761 mit dem Grafen Franz Xaver von 
lianach-itoraii, Herrn zu Kunewald. 



1 1-2 Fünftes Kapitel. 

königlich allertliirchlauclitigsteu erzliaus zugewacliseuer 
grafsdiaft Holieneiiibs und mit einverleibten hofs Lustenau 
die ersteren ortes wirklich befindliche in 4:^ hausiialtungen 
bestehende Judenschaft um erneuerung der vorhier von 
denen ausgestorbenen herrn graten zu erwähnten Hochen- 
embs genossenen Schutzes und darüber zu erteilende 
urkund allenmterthäuigst gebeten, allerhöchst belobt ie. 
röm. kais. kgl. apostol. majestät auch nach vorläutig 
eingezogenen gründlichen berichten und daraus ent- 
nommener thunliciikeit diesen allergehorsamsten anlang 
unter nachstehenden gesetzmässigen Verordnungen und 
respective ohnverbrüchlich zu erfüllenden bedingnussen 
allergnädigst zu entsprechen und so zu willfahren geruht, 
dass nämlichen und 

erstens: sie dermalen zu wiederholten Embs wohnen- 
den und etwa weiter noch mit allerhöchst landesfürst- 
licher bewilligung alldahier sich ansässig machende Juden 
mit dero weib und kindern in die allermächtigste oestei'- 
reichische protektion und beschirmung von nun au 
herüber uud aufgenonunen seien, sich auch deren voll- 
kommenster Wirkung in allen billigen dingen aus- 
giebigst zu erfreuen haben, mithin so wie einerseits von 
männiglich für oesterreicliische getreue schutzverwandten 
. gehalten und angesehen, also auch hingegen andererseits 
gegen männiglich wider alle ohnverdiente zudringliche 
oder gar thätliche gewaltsam keiten kräftig geschützet, 
sonderheitlich aber die Hohenembsische und Lustenausche 
unterthanen durch dero vorgesetzte obrigkeit stetsfort 
so in schranken gehalten werden sollen, dass von ihnen 
belangender Judenschaft und dero mithausgenossen auch 
angestellte dienstboten ohne abgemüssigte noth oder 
andere recht" erhebliche ursach einige leid oder Wider- 
wärtigkeit, es sei mit wort oder werken, niemahl auf- 
stossen oder widerfahren mögen: wogegen jedoch sie 
schutzverwandte Juden 

andertens: der allerunterthänigsten Schuldigkeit 
und eigenen erbieten gemäss landesfürstlich allergnädigster 
herrschaft fortan die ohnverbrüchlichste treu zu halten, 
nutzen zu fördern, schaden und nachtheil aber bestem 
vermög nach zu wenden, allerhöchst deroselben gesetz, 
Verordnungen oder allgemeinen sowohl als Sonderheit- 



r)pr österreichische Schutzbrief. 1 1 8 

liehen gebot- und verboten zu allen zelten untertliäiiig 
gehorsam gewärtig und stets willig zu sein, des weitereu 
auch einer kaiserl. kgl. v. oest. hochlöbl. regierung und 
kammer zu Freiburg, als dieser hoher landesstelle, 
wie nicht minder dem kais. kgl. dahiesigen oberamt und 
der aus dessen mittel dermalen in Hohenembs selbst 
angesetzten amtsadministration, als ihren nächsten Obrig- 
keiten, mit geziemendem respekt und achtnng ohnverrückt 
zu begegnen und deren herausgebenden anordnungen 
und Verfügungen oder rechtlichen spruch und erkannt- 
nussen die ohnausbleiblicli schuldigste folge zu leisten: 
über das zumalen 

drittens: nicht nur allein unter einander selbsten 
immerdar friedlich und einig zu leben, sondern auch und 
vornemlich in all ihren reden, thun und lassen vor und 
gegen denen Christen sich der religion halber und sonsten 
dergestalten bescheideutlich, beträglich und redlich zu 
verhalten haben werden, dass niemand darob einigen 
anstoss und ärgernuss zu nehmen oder in andere wegen 
mit fug und recht klagen zu erheben veranlasst seien: 
vor allen aber werdet ihnen Juden 

viertens: auf das gemessenste eingebunden wider 
die römisch-katholische glaubensverfassung weder in 
reden jemals zu schmähen oder zu spotten, noch minder 
jene in werken selbst zu entunehren oder zu beschimpfen 
eben von dahero auch und zwar bei wirklichem verlust 
des Schutzes für den Übertreter. 

Fünftens: Zu denen zeiten, da das allerheiligste 
altars-sacramentnach christlichen gebrauch in allgemeinen 
Prozessionen um oder insbesondere zu einem kranken 
getragen wird, ohne auf denen gassen und Strassen 
oder auch nur unter denen fenstern oder thüren sich 
auf einigerlei weise sehen zu lassen, in ihren oder 
anderen häusern ruhig und still zurückzubleiben, oder 
wenigstens im ohnvorhergeseheneu begegnungsfall schon 
von weitem abseits und ohnsichtbar zu machen; wann 
aber dieses gar nicht mehr möglich ist, gleichwohlan mit 
al)nehmung des huts und biegung der knien dem grossen 
gott mindestens äusserlich die schuldige reverenz ohn- 
weiter zu erzeigen; bei jenen ohnausweichli'chen kreuz- 
gängen hingegen, bei welchen 

8 



114 Kiinrtos Kapitol. 

.sechs teils: (lux liochwürdigste mit nicht iiiitge- 
••enommeii zu weiden pfleget, iiiemal anders, denn mit 
unbedecktem haupt und gebührender sittsamkeit vor- 
über zu gehen, zu reiten oder zu fahren, auch 

siebentens: an christ-katholiselien sonn- und 
feiertagen kein kram laden oder kaufmannsgewölb zu 
öffnen, geschweigens gar an was immer orten mit Christen 
oder auch zu dero ärgernuss auf öffentlichen gassen mit 
Juden selbst einen handel zu treffen, glei(-hwie sie im 
gegentlieil und 

achtens: bei ihrer bekennenden religion und deren 
ausübung ebeninässig ohngestört belassen und zu dem 
ende berechtigt werden männigliches ohugehindert in 
ihren häusern eigene Synagogen und schulen anzulegen, 
taugliche Schulmeister nach gefallen anzunehmen, an 
sabbath und andern ihren festen zu Verrichtung der 
hausarbeit Christen um den lohn zu bestellen. Ihre 
todten auf den selbst erkauften mit inauer umfangenen 
und bisher hiezii bestimmten platz nächst beim schwebel, 
gegen richtige abführung der schon ausgemessenen in 
das landesfürstl. cameral-rentamt zu bezahlenden jahres- 
recognition a fl. .") noch ferner zu begraben, wie nicht 
minder die unter ihnen in glaubens- oder ehesachen 
vorfallenden zweifei oder Streitigkeiten zwar erster band 
vor den rabbi zu bringen und durch diesen ihrem ge- 
setz nach erörtern und entscheiden zu lassen, wenn aber 

neuntens: der einte oder beide teile ob eines 
<lerlei ausspruch des rabbi sich beschwert zu sein glaubeten. 
so sollen die Sachen ohn weiters an der ohnmittelbar 
vorgesetzten administration zu Holienembs oder gar das 
allhiesigen .oberamt selbsten zur förmlichen aburteilung 
erster instanz weiter verführet, denjenigen auch, welche 
sich solchergestalten an die landesobrigkeit wenden 
wollten und müssen, bei schwerer strafe keine behinderung 
in den weg gelegt, minder gar mit na(;lihiniger anfeindung 
oder Verfolgung zugedrungen oder begegnet, sondern so 
wie in derlei das religionswesen betreffende, also auch 

zehntens: in allen andern von was immer namen 
und gattung sich begebenden Streitigkeiten der wieder- 
holten amts-administrati(»u oder dem allhiesigen ober- 
amt stra<tkeii fusses nachffetnli't und V(»r diesem das 



J)pr österreiolusoho Schutzbrief. 115 

austrägiiclie recht allein gesucht und genommen wird, 
mithin kein jud zu einiger zeit fug, macht und gewalt zu 
haben, einen seiner mit Juden oder gar Hohenembsischen 
und Lustenauschen Christen unter waserlei vorwand und 
io was immer Sachen jemalen bei einem auswärtigen 
gericht. dieses «ei gleich was es für eines wolle, mit 
arrest zu beschlagen oder in sonstigen wegen zu be- 
klagen, es thäte sich denn nur um grundstücke und 
darauf verschriebene Unterpfänder handeln, welche ausser 
der grafschaft Hohenembs und den hof Lustenau liegeten 
und respec. aufgerichtet worden, wohl folglicheu ihrer 
läge und uatur nach vor einem fremden richter noth- 
wendig berechtet werden müssen; wiederum auch 

eilftens: ihnen Juden des weiteren befehl mit- 
gegeben wurdet, keine capitalien oder andern von was 
immer namen und gattung Sprüche und forderungen, so 
sie entweder unter einander selbst oder bei und gegen 
Hohenembsische und Lustenausche unterthanen zu preten- 
tiren und respec. zu machen haben oder zu pretentiren 
und respec. zu machen verneuern, bei verlust der haupt- 
sache. um die es solchergestalten zu thun. unter was 
immer für einer scheinursache an jemanden ausser der 
grafschaft Hohenembs oder den hof Lustenau zu ver- 
kaufen, zu vertauschen oder in anderer weg, wie sie 
genannt oder ersinnet werden möchte, jemals zu über- 
lassen, sondern wann sie derlei Schuldposten oder son- 
stigen Sprüche zu veräusseru ihres besseres nutzen zu 
sein befindeten, solche wieder an lauter inheimische Juden 
oder an Hohenembsische oder Lustenausche unterthanen 
al)zutreten, zu verhandeln und zu übertragen. Zu dem 
ende und damit einesteils dieser heilsamen Verordnung 
desto gewisser nachgelebt, zuraalen nebenher anderen- 
theils denen sonst besorgeten vielen unstreitigkeiten und 
andern ungebührlichkeiten für einmal allezeit vorgebogen 
werde, so ist und bleibet 

zwölftens: jenes hohe sub dato 29. novembris et 
intimato den 16. dezember 1747 herabgekommeue und 
in Oesterreichische aller orten kundgemachte kaiserl. kgl. 
allerhöchste generalgesetz auch in betreff ihrer dero 
Hohenembsischen schutzverwandten festgesetzt, vermög 
dessen wann ein oosterr. unterthan ein kauf oder tausch 



1 \(\ Kiint'h's lvai)itel. 

mit einem jiuleii aiistosisot imd (hihci die Musliefeniug 
der erkauften oder eingetauschten waaren nebst der 
anfälligen aufgäbe in baarem gelde nicht gleich zug um 
zug erfolgte oder ausbezahlte, sondern der Christ dem 
Juden den ivaufschilling oder den versprochenen aufgab 
an baar geld schuldig verbleiben würde, wann das einte 
oder das andere drei gülden übersteiget, der jnd ver- 
luunh'U sein solle soh-hes im nebenstand des Schuldners 
dero Obrigkeit allsogleich anzuzeigen und bei strafe dero 
wirklicheji aufhebung des contra('tes, auch gänzlichen 
Verlustes sein des judens forderung gegen erlag zwei 
|)fennig schreibgebühr, in übrigen schuldsachen hingegen, 
wann der jnd dem Christen geld auf zins anleiht, gar 
den zinsfälligen schuld- oder capitalbrief selbsten mehrerer 
Sicherheit iialber bei straf wie oben um den gewöhn- 
lichen tax ebenmässig vor ambt aufsetzen und aus- 
fertigen zu lassen, wonach sich mithin hohenembsische 
jndenschaft von nun an um desto genauer zu benehmen 
hat. als mehrere ihnen selbst daran gelegen sein muss 
auf solcher art. in letzterem fall die vollkommene Sicher- 
heit des capitals. in ersterem fall aber wenigstens die 
nimmermehr zu widerrufende eingeständnuss und richtig- 
keit der habenden forderung zu erzielen, wohl folglich 
der im widrigen ohnfehlbar zu gewartenden strafe des 
völligen verlusts der schuld in zeiten zu entgehen, und 
gleich wie ihre röm. kais. kgl. apostol. majestät in kraft 
eines andern weiteren allergnädigsteu hofdecrets de dato 
3ten, et intimato 20ten oktobri jüngst abgewichenen 
1767ten Jahres 

drei zehntens: die fernere landesmüttei'liche Vor- 
sehung dahin getroffen, dass in ansehung jener häuser 
oder grundstücke, welche in der grafschaft Hohenembs 
oder den hof f^ustenau gelegen und bei gant oder schuld- 
gericht(U"n an Juden fallen und übergehen werde, den 
ewigen zug denen inländischen, das ist hohenembsich 
oder lustenauschen Christen für und für ausgesetzt zu 
bleiben und beständig zu unterliegen hätten. Also auch 
wird sodann allergerechts gesetz hier ebenfalls ausdrück- 
lich miteingerückt und allein noch dieses beigefügt, dass 
wann bei einen so ausbrechenden zug jüdische hänser 
oder anderem lieiiende i;ründe deren hoheiK'mbsischen 



Der österit'ioliische Scliutzbricf. \ \ 7 

oder lusteaauschen untertlian als auftreteiuler retraheud 
(tde-r züger mit den Juden als bisdahiniger hesitzer sich 
des preises halber nicht selber vereinbaren könnte, den 
anfallenden unterthauen die freie wähl offenstünde das 
betreffende haus oder grundstück entweder in den neni- 
lichen wert, wie es vorhin an die Juden übergegangen, 
glatterdings wieder anrnck zunehmen uiid einzulösen 
oder aber durch obrigkeitliche ohnparteiische monaren 
nach dem jeweiligen allgemeinen kauf dero gütern ge- 
wissenhaft schätzen, mithin sich durch deroselben wo 
nicht einhellige doch wenigstens mehrere stimmen unter 
amtlicher obereinsicht den von keinem teil weiter mehr 
zu bestreitenden anschlag machen zu lassen. 

Vierzehutens: Wo hingegen ihm Juden das er- 
kaufen oder eintauschen einiger häuser oder gruudstücke 
von denen Christen hiemit ein für allemal ausdrücklich 
untersagt und verboten, mithin unter keinem andern titel. 
ausser denn durch gantrichterlichen Spruch und mit vor- 
l>ehalt des ewigen zuges wie oben, las g<M'ingste mehr 
an liegendem im Kmbsischen und Lustenauschen ^) an 
sich zu bringen erlaubet. Minder 

fünf zehntens: jemalen verstattet sein s<dle auf 
eigenen oder fremden gruud. worauf vorhin kein haus, 
stadel oder stalluug gestanden, ein dergleichen neues 
gebäu anzulegen oder aufzuführen, es sei denn der 
hochobrigkeitliche consens hierzu ausdrücklich erteilt 
und zugleich nicht nur allein der jährlich und ewige 
hofstatt-zins ausgemessen und bestimmet, sondern auch 
der künftigen stener ab einem solchen frisch aufkommen- 
den bau nach mass und den innerlichen wert desselben 
das behörige reguliert und festgesetzt. Wann es nun 
aber der frische erbau- oder erweiterung eines alten 
jüdischen hanses, stadels oder Stalles zu thun wäre, so 
ist die bewilligung allvorderst bei der näheren landes- 
obrigkeit anzuhalten, von dieser aber der sorgsam bedacht 



') Der Rei'htfistreit um die Jlerrsuhaft in Jjusteuau zwischoii der 
Urätin Maria Kebecca und dem Hause Österreich war eigentlicli damals 
luifli lange nicht beendet und wurde vielmehr erst am 23. Februar 178'J 
zu gunsten der Gräfin durch Kaiser Josef II. entschieden. Bergmann, 
Akad. Vortrag II. T., S. 83 ff". Diese Ausdehnung des Verbotes auf Lustenau 
war also eigentlich anfechtbar. 



iiiul geuHue zusiclit dahin /u nehmen, class das neue 
gebäii den alten niolit vergrössert oder anch nur. was 
Häuser sind, zur einnehniuug mehrerer familien als vorhin 
daselbst wohnen können, zugerichtet und erweitert, über- 
das zunialen wenigstens das untere Stockwerk allezeit 
ohnnachsichtlich von stein gemauert hergestellt werde, 
wie denn auch im übrigen sie Juden in derlei neuen 
sowohl als alten häuseru mithin durchgehends die feuer- 
stätte recht gewahrsamlich anzulegen und für und für 
solchergestalten zu nuterhalten, auch neben der neu 
eingeführter gerichtlichen ordinäre feuerschau zur weiteren 
extrazusicht und jährlicher zweimaligen Säuberung dero 
kamineu sich das von obrigkeits wegen mit nächsten für 
Hohenembs und selbe gegend eigens zu bestellenden 
rauchfangkehrers gleich den Christen um den ausge- 
worfenen billigmässigen lohn bei straf zu bedienen, wohl 
folglichen alle brandesgefalir fürsichtig und noch in 
Zeiten bevorzukommen schuldig und gehalten sind, nebst 
den und damit 

sech zehntens: einerseits die allgemeine ruhe und 
Sicherheit desto weniger gefahr und andererseits den 
hoheuembsischen wochenniarkt die notwendige Öffnung, 
ausgiebiger fürschaft, vornemlich aber den gemeinschäd- 
lichen verkauf ohnentbehrlichen victualien oder esswaaren, 
sowohl auf markten, gassen und Strassen als in privat- 
häusern eines mit verfang abhilfreich begegnet sein niöge. 
so sollen wiederholte hohenembsische schutzverwandte 
zu beliuf der ersteren kein fremden betteljuden niemals 
anziehen oder gar bei sich im flecken aucli nur ein stund 
laug beherbergen und gedulden, sofort damit diese 
ferners in laud zu kommen weniger ursach und teils 
allerhand krankheit hierliin zu bringen, teils von denen 
einheimischen etwa einige handlite verbotene waren 
heimlich zu vertragen gelegenheit haben dürfen, dass 
für die ausswärtige arme Juden zusammenschiessende 
alle müssen, durch solche nimmermehr selbst abholen 
lassen, sondern zur austeilung an den nächstdort liegen- 
den rabbi von zeit zu zeit verschicken, daher auch bei 
empKndlichster ahndung und allenfalls gar zu befahrender 
wirklicher ausschaft'ung, gehorsamst nachgelebet, in be- 
treff des 2. und 3. gegenstands hingegen 



Der ösleneii-hisclie Hcliutzbiii-f. | 1'.) 

sie l)e uze hüten s: den embsisclien woclienmaikt 
Heissig zu besuchen und allda selbst ihi'd feilschatten 
öffentlich zum verkauf ausstellen, auch überhaupt allen 
jenen bei empfindlicher ahndung genau und gehorsam 
nachleben, was die von oberanits wegen vorgeschriebenen 
hohenembsische marktordming vom 5). März 1767 teils 
in gemein, teils dero Juden in besonderheit verschiedent- 
lich in sich enthaltet und obwohl zwar 

achtzehntens: sie die Juden dero quartier, zug 
und wacht auch alle andern diensten und beschwerden 
noch fernershin überhebet und freigesprochen bleiben. 
so sind doch dieselben nichtsdestoweniger 

neunzehnte ns: zu besoldung dero nachtwächter 
und hervor- oder einleitung des brunuenwassers bis in 
die Probsteigassen, dann zur erhaltung des oberen wulirs 
am Einsbach und derer allgemeinen landstrassen durch 
die eigentliche grafschaft Hoheuembs das ihrige nach 
betreffins allzeit ebenfalls williglich beizutragen und zu 
contrahiren schuldig, hauptsächlich aber 

zwanzigsteus: ferners in alleweg gehalten und 
verbunden die steuern und anlagen von ihrem liegenden 
sowoiil als in seiner hergebrachter gewisser mass auch 
fahrender vermögenschaften ohnweigerlich abzuführen 
und entrichten, desgleichen 

einundzwauzigstens: bei folgende creignisse. 
da nämlich ein fremder Jud mit oder ohne weib und 
kinder sich nacher Embs untergeben und von einer 
k. k. apost. majestät hochlöbl. regieruiig und kammer. 
als ohne dero gnädiges vorwissen und ausdrücklichen 
consens solches niemalen beschehe, noch in diesem Hecken, 
wo sie schutzverwandten alle immerfort beisammen 
wohnen und also ausser gedachten flecken sich anders- 
wo nirgend ansässig machen sollen, neu an- und auf- 
genommen oder von dannen ab- und fortziehen würde, 
in ersterem fall dem landesfürsten fl. 12 von Jedem köpf 
zu geben als zuzugsgeld, in letzterem fall hingegen, 
nach vorläufig geleisteter befriedigung aller seiner schuld- 
gläubigern, zehn gülden von Jeden) in der steuer ge- 
legenen hundert für die ahfahrtsgebülir und nachsteuer 
zu bezahlen, wie nicht weniger 



l'JQ Künftos Kai>itel. 

z wein 11(1 zwanzig steil s: wann ein jncl, sei ein 
einheimisclier oder fremder, in der grafschaft entstürbet, 
das falilreclit von jeden erwaclisenen mann oder Weibs- 
person fl. 2 nnd von einem das 14. altersjalir noch nicbt 
vollstreckten mit l fl. in das anit zu erlegen, anch so bald 

dreiuudzwanzigstens: ein eingeborner jnnger 
jud entweder schon in ledigem stände von denen eitern 
stellet, mithin eigenes gewerb und handel anfanget oder 
mit vorerst auszuwirkender hoher regirainal- und cammer- 
bewilligung gar heiratet, sich seinethalber von stund 
dem nachgehends zubestiminten alljährlichen schutzgeld 
zu unterwerfen, gegen alldeneu wird ihnen hoheu- 
embsischen schutzverwandten 

vier und zwanzigstens: alhvegs vergunnt und 
zugelassen in der grafschaft Hochenembs und den hof 
Lustenau frei und sicher zu handeln mithin kleiuodien 
mit Vorarbeit oder ohne Vorarbeit, gold oder silber, tücher, 
zeug oder leder, oder andere kaufmanuswaaren, item 
fruchte, wein, kleider, hausmobilien und übrige nicht 
verbottene, was immer gattuug feilschaften, ohngehindert 
männiglich einzuführen, auch gelder au die uuterthanen 
auszuleihen, alles jedoch mit der zahl setzlicher be- 
scheidenheit und ernstlicher Verwahrung. 

Fünfuudzwanzigstens: Den allerhöchsten landes- 
fürstlicheii zoll oder weg- und leibsgelt-regalie durch 
nirgendswo w^as entzogen und vorenthalten, noch einige 
betrügereien und ohnerlaubte Übervorteilung des uächBten, 
was immer namens geführet, und dahero zu deren Ver- 
meidung das wider dem landesverderblichen wucher her- 
ausgekommen und zu Hochenembs ebenmässig schon zum 
öftern verkündete k. k. allergiiädigste patent vom 26. april 
1751 sich beständig vor äugen gehalten. Über das zu- 
malen in Hocheuembsischen und Lusteuauschen durchaus 
gleiche und zwar eben jene aichtmass, eilen und gewicht, 
welche daselbst erst kürzlich von hiesigem oberamt 
ratificiert und commentirter herausgegeben und vorge- 
schrieben worden, fortan gebraucht. Einig ungebühr- 
licher au- und einzug von liederlichen Leuten, kindern 
und dienstboten niemals gesucht oder unterhalten, mit- 
liin auf solche weise denen ersteren zu noch mehreren 
abhaufeu, denen letzteren aber gar zur untreu gegen die 



Der öisteireicliisflie Scluitzbiicf. 121 

eitern uud meister aulass verscliaft'et. Kein ungesnndes 
oder aber verdächtigen orten herkommendes hörn- und 
anderes vieh zu einiger zeit ins land geführet oder 
weiter verhandelt. Von laden oder waarenschulden einiges 
iuteresse, von vorgestreckten haaren geld hingegen die 
über 4 oder 5 procento zins nimmermehr bedingt und 
angenommen. Vor allem aber, wann ihnen Juden 
schweissige kleider, nasse häute oder tücher. ohnaus- 
gedroschene garben oder fruchtbusciieln und andere derlei 
ohnrein scheinende, oder gar wissentlich gestohlene 
Sachen, sonderbar kirchengerätschaften von monstranzen. 
kelchen, heil, ölbüchse, altartücher, messgewäiider etc. 
zugetragen worden, von all obstehende nicht nur allein 
das mindeste bei schwerster strafe jemals gekauft oder 
eingetauscht sondern vielmehr unter zurückbehaltung der 
waare und dass übrigens der landsobrigkeit die olin- 
vei'langte anzeige hierüber zur vorkeliruug des weiteren 
gleich bald gemacht werden solle, es mögen auch 

sechsundzwanzigste ns: die Juden neben der 
handlung wohl noch andere professiouen ebenfalls treiben, 
doch allzeit mit vorwissen und erlaubniss der obrigkeit. 
die ihnen hierin willfahren wird, wann ihnen auf keine 
von allerhöchsten ort selbsten ausdrücklich verboten, 
|)rägungs und sonstige derlei bedenkliche liandtierungen 
oder solche gewerbsame angetragen wird, mit welchen 
die grafschaffe Hohenembs und der hof Lustenau schon 
im voraus hinlänglich durch Christen versehen sind, wie 
dann dasselbe 

siebenundz wanzigstens: das schlachten und 
nietzgen verschiedenen viehes zu ihrer notdnrft in eigenen 
häusern schon anjetzo wirklich eingestanden und sogleich 
weiters noch gegeben wird, das hintei-stuck von fleisch 
oder was ihnen Juden sonst abfallet und zu essen ver- 
wehrt ist, anderwärts anzubringen und zu versilbern, auch 

achtundz wanzigstens: eigenen wein in ihren 
häusern jedoch nur für sich allein, mithin : ohne dass 
hiervon einen Christen weder um nocli ohne geld das 
geringste bei strafe jemals vorgesetzet oder abgereicht 
werden solle :, einzulegen = auch 

neunundz wanzigstens: für die ganze judeu- 
schaft oder gemeind einen eigenen aus dieser zu er- 



Kiiiit'tes Ka|»it('l. 

wühlen 1111(1 der landsobrigkeit von zeit zu zeit vorzii- 
stelleii. welclier gegen richtiger abführung des gewöhn- 
lichen umgelds, seine glaubens-mitgenossen, keineswegs 
aber ancli einheimische oder fremde Christen, den so- 
genannten kauscheren wein in haus oder über die gassen 
ums geld aiiszuzapfen haben sollte, es ist und bleibet 
demnach 

dreissigstens: ihnen Juden nicht nur allein das 
wirthen und Weinschenken massweiss für Christen gleich 
den hausierern mit brod für ein und allemal untersaget, 
sondern auch sogar der weinhandel fassweise oder uuter 
der weise in der grafscliaft Hochenembs und den hof 
Lusteoau auf jenen fall hin schon zum voraus nieder- 
geleget, dass die laudsfürstl. allergnädigste herrschaft mit 
dero eigenen rebgewächse die dortige wirth wein schenken 
und übrige unterthanen selbst versehen lassen könnte 
und wollte. Um nun auch 

einund dreissigstens: auf die ausmessuug des 
schuldigen alljährlichen schutzgeldes zu kommen, so 
wird solches auf jährlichen fünfzehn gülden von jeder 
haushaltung bestimmt. Des erlags halber hingegen die 
einteiluug so getroffen, dass ersagte tl. 3 5 jeweils in 
vierteljährlichen fristen, benauntlich auf letzten Januar, 
letzten april, letzten juli und letzten Oktober mit alle- 
mal betreffendeu 3 li. 45 kr. ohne weitere andermahnung 
zu bänden des rabbiuers oder dero jüdischen Vorstehern 
pünktlich erlegt, durch diese hingegen alsdann die ein- 
gebrachte sämtliche quartalsbeträgnisse miteinander läng- 
stens .S tag nach verfluss der verfallzeit nebst einem 
ordentlichen Verzeichnis aller darunter verfangenen 
sciiutzverwaudten des weiteren in das allhiesige kaiser- 
liciie königliche cameral rentamt sonders einigen rück- 
stand ohiifehlbarlich geliefert werden und zu desto ge- 
sicherterer einbekommuug diesfälliger Schuldigkeit ein 
jud für alle und alle für einen zu haften haben sollen. 
Und gleichwie 

s c h 1 i e s s 1 i c h e n s : gegenwärtige allergnädigste 
schütz- und schirmverleiliung in der eigenschaft einer 
blossen toleranz und mithin nicht in gestalt eines wirk- 
lichen land- oder bürgerrechtes anzusehen, zumalen eben 
von (hiliero nur auf weil und lebenslang seiner jetzt 



J 



J)er österreifhisclie 8chutzbrief. 128 

glorwürdigst regiereudeu röm. k. k. apust. majestät unser 
Imidieichster mouarchin und frau frau etc. keineswegs 
aber weiter hinaus vermeint und in kraft gestellt ist. 
Als auch die begnadigte Juden sich indessen mittelst 
ohnklagbarer aufführung und genauester erfttllung ver- 
schiedentlich von angemerkter sowohl als anderer jetzig 
und künftiger allerhöchst hoch- und obrigkeitlicher satz- 
und Ordnungen, geboten und verboten seinerzeitiger 
fernerer allermildester ansieht und weiterer beibehaltung 
würdig zn machen von Selbsten mit lebhafter fester be- 
dacht zu sein wissen werden. 

Hieran beschiehet zugleich ihro rüm. k. k. apost. 
inajestilt in vorstehenden punkten zusamraengefasster 
und von einer auch k, k. o. oe. hochlöbl. regierung und 
cammer zur weiteren kundmachung herwärts gnädig 
intimirter allerhöchster befehl, willen und meinung. 

Decretum Bregenz in consilio 
den 13. marty 1769, 

Für das kais. kgl. oberauit 

(L. S.) derer graf- und herrschaften 

Bregenz, Hochenembs und Hochenegg: 
Georg Andreo Buol." 

Ein auch nur (lüchtiger Vergleich dieses ersten öster- 
reichischen Schutzbriefes mit seinen gräflichen Vorgängern 
lässt insbesondere zwei Momente hervortreten: 

1. die Verschärfung der Lebens- und Existenzbedingungen, 
entsprechend dem ausdrücklich kundgegebeneu Willen 
der Kaiserin auf Verminderung der Juden hinzuwirken; 
sodann 

2. eine ungleich höhere und vielseitige Belastung mit Neu- 
abgaben zu Gunsten des Ärars. 

Das k. k. Oberamt in Bregenz, das die Hohenemser Juden 
aus nächster Nähe und auf Grund eigener Erfahrung kannte, 
hatte ihnen milde Bedingungen zugestanden ; die v. oe. Regierung 
in Freiburg und die Räte der Hofkanzlei in Wien aber sie 
bis zur unerträglichen Härte zu verschärfen für gut befunden. 

Ein kais. kgl. Administration, die dem k. k. Uberamte in 
Bregenz unterstand und sich darum als subdelegiert bezeichnete, 
schlucf nunmehr in Hohenems ihren Sitz auf und zwar als 



[•J4 Fünftes Kai)itL'l. 

direkt vorgesetzte Beliörde sowolil der eliristliclieii wie jüdischen 
Kiiivvoiitier des Ortes. 

Eine der ersten Amtshandlungen der neuen k. k. Ad- 
ministration war der folgende an „denen Vorstehern und 
rabbiner der Enisiselien hebräerschaft zum jetzt baldig- und 
künftig alle jähr zu wiederholendem öHentlichen verlesen in 
der synagog" gerichtete erlass:^) 

„Eine kais. kgl. hocidöbl. v. oe.regierung und kammer 
hat an ein auch kais. kgl. (tberamt derer graf- und herr- 
schaften IJregeuz, llochenembs und Hochenegg sub dato 
2H. aprilis und praes. 2"). july in gnaden rescribieret 
nnd verfüget, dass der Judenschaft, wo sich immer diese 
in den oe. vorlauden beüude, die ein- und Verhandlung 
iler unbeweglichen gütern als äcker, wiesen etc., es seien 
diese einzel, oder in einem hofgut bestehend, allsogleich 
geschärftest einznbiethen und zu untersagen, hinfort diese 
ohnehin derselben niemal zugestandene haudlungsart 
nimmermehr zugestatten komme. Sofern aber ein jud 
forderungshalber in ein unbewegliches gut der reclits- 
ordnnug nach eingesetzt werden sollte, so seven dem- 
selben gleichwohlen der besitz desselben nicht und eben- 
sowenig der selbstverkauff zu gestatten, sondern, und 
wie es zwar oiinehin die gerichtsordnnng erfordere. l>c- 
nieltes gutüber vorhergehende eydliche geheime Schätzung 
an den meistbietenden durch eine öffentliche licitation 
oder Steigerung zu verkaufen. 

Vorstehende hohe regiminal-verfügung wirdet dahero 
auch von kais. kgl. grafschaft Hochenenibsisclier adniini- 
strations wegen mittelst gegenwärtigen des weiteren nnd 
zu dem ende ihnen llochenembsischen judenschafts-vor- 
stehern nnd dem rabbiner befehllich eröffnet, damit sie 
eingangs belobtte gerechteste Satzung der versammelten 
ganzen hebräerschaft in der synagog demnächst verlesen, 
diese sofort hiernach zur ohnfehlbar-sträcklichen gehor- 
samsten beobacht: und nachgelebuug und zwar bei sonst 
im ohnverhoffendenübertrettungsfallohnausbleiblich zu be- 
fahren habender ausgiebigster straff' anweisen. Beinebens 
aber sie Vorsteher und der rabbiner nach erfolgter Publi- 
kation die weiters mitkommende copiam unterschreiben 

') ^)g\. in iiii-'iiieni JBfsitise. 



Strasseubaii und (ipmeindegründe-Yerteiluiifj. 12.') 

uud eiidlieli .solch letztere heliöiig gefertigter wieder zu 
diesseitigen administrations banden einreichen sollen. 

Decretum Bregeuz, den 27ten juli 1769. 
iL. S.) Kais. kgl. adininistration der grafschat't 

Hoclienembs: Franz Xaveri von Harrach zu Melans." 
Dieses Dekret bedeutet eine empfindliche Verschärfung 
des § 14 des Schutzbriefe.s, der den Besitz liegender Güter 
nach gantrichterlichem Spruch immerhin gestattete. 

Ums Jahr 17HS spendete die Kaiserin, wohl von den von der 
Ciräfin von Harrach restituierten (leidern. dem Orte Hohenems 
2000 fl. R. ('. M. „zur Abhaltung des reissenden Rheins und 
zur Nutzbarmachung des öden Embser (iemeinderieds.'' ^) Da- 
mals wurde auch, ebenfalls zum grössten Teile aus kaiserlichen 
Mitteln, die Reichsstrasse von Bregenz bis Feldkirch erstellt. 
Über die Beteiligung der Juden an diesen öftentlicheu Bauten 
und Schutzanlagen geben uns folgende zwei Dekrete der k. k. 
Administration Aufschluss: 

1. „An denen durch faschinier und bekiesung der neu er- 
richteten commercial-strassen bis an den flecken Embs 
erlaufenen beträchtlichen Unkosten ist nach wohlbedachter 
ausrechnung und liierbestimmt billichmä.ssiger proportion 



') Aus meinem iui Gasthofe ..zur Possf in Hohenems am 27. No- 
vember 1902 über diese erste Verteilung von Gemeindegründen 
gehaltenen öffentlichen Vortrage sei hier noch folgendes mitgeteilt. 
Bald nach dem Amtsantritte der k. k. Administration in Hohenems er- 
stattete diese der Kaiserin über die Armut der Gemeinde und ihrer 
Bewohner Bericht. Auf den Wunsch der Kaiserin, Vorschläge zur Ab- 
hilfe vorgelegt zu erhalten, trat am 8. November 1767 eine grössere 
Kommission zur Beratung zusammen, die ein 14 Punkte umfassendes 
Projekt ausarbeitete, nach welchem die Gemeinde Hohenems von ihren 
an der Grenze von iJornbirn nnd Lustenau liegenden derzeit unbenutz- 
baren Gemeinderieden eine Fläche von 114 000 [jK\. unter „samentliche 
Embsische Gemeindsleuthe" zum Zwecke der Nutzbarmachung, Trocken- 
legung und Bebauung verteilen wolle. Das Grundeigentum behielt sich 
die Gemeinde vor, den Gemeindsleuten verblieb die Nutzniessung der 
Güter, die unter keinem Titel veräussert werden durften. Von der 
Kaiserin genehmigt, geschah am 8. September 1769 die Verteilung von 
145 888 QKl. unter 368 in 8 Roden wohnende Familien nach einem 
bestimmten Modus. 7622 QKl. behielt die Gemeinde für sich zurück. 
Der jüdischen Einwohner des Ortes ward dabei mit keinem Worte ge- 
dacht. Die Kaiserin unterstützte das gemeinnützige Unternehmen durch 
Gewährung von SOjähriger Steuer- und Abgabenfreiheit für diese Güter 
und eine liiirspende vnn fl, 2000. 



]')(] Küiiffps Kapitol. 

(1er allliiesigen liebräerschaft die konkuneiiz so aus- 
gemesseu worden, dass eine jede jüdische familie für 
diese 20 W. in viermaligen ratis bezahlen solle . . . ' )" 
Decretum Hohenembs, den 2. .läner 1769. 

'2. „Demnach ihro röm. kays. kgl. apost. majestät etc. mit 
anwendnng selbst eigenen grossen Unkosten und will- 
fahriger Unterstützung des getreuen unterthanen zur allge- 
meinen Wohlfahrt und wahrer liebe des Vaterlandes eine 
ganz neue Strasse von Bregenz bis Feldkirch herstellen zu 
lassen allergnädigst entschlossen sind . . . Diesem grossen 
werk auch noch in gegenwärtigem herbst die erstliche 
band angelegt werdet, wozu sofort die amtsangehörige 
Christen sowohl, als die hier in P^ms befindliche Juden, 
da diese eben soviel oder noch mehr denn jene bey 
ihrem handel und wandel die öffentliche weg und steg 
gebrauchen, in der grafschaft Hohenems alle band- und 
fulu'-frohnen ohnentgeldlich zu übernehmen und zu ent- 
richten haben 

Decretum Hohenembs, den 14. febr. 1769." 

Mit den neuangelegten bequemen Verbiuduiigsstrasseu in) 
österreichischen Vorarlberg war aber den Juden wenig gedient, 
so lange ihnen deren eigentliche Nutzbarkeit, aller Handel 
und Wandel in Vorarlberg ausserhalb Hohenems, verboten 
blieb. Wie früher bereits gezeigt, war dieses Verbot noch im 
Jahre 1762 erneuert worden. Jetzt nach Erteilung des Schutz- 
briefes im Jahre 1769 glaubten die Juden die Zeit gekommen, 
um die Aufhebung dieses Verbotes zu erstreben, da sie, wie 
sie nachdrücklichst betoneji, „jetzt nicht mehr als gräfl. Hohen- 
embsische Schutzjuden sondern als k. k. Unterthanen" zu be- 
trachten seien. Ihre Bitte um Aufhebung des Handelsverbotes 
setzte aber zugleich auch ihre Feinde in Bewegung, die mit 
den schon so oft aufgewärmten Phrasen und Lügen den kaiserl. 
Hofräten in den Ohren lagen, um die (Jewährung der so be- 
rechtigten Bitte der Juden zu hintertreiben. Sobald die Juden 
hievon, selbstverständlich auf privatem Wege, Kenntnis er- 
hielten, suchten sie dem in einem umfangreichen Memorandum 
an das Oberamt in Jkegenz entgegenzutreten. Der Inhalt des 



') Der Rabbiner (Lob Ulimann) und Abraham Landauer waren, wie 
iiusdrücklicli liervorgehoben, von dieser Abjjabe befreit. 



Mf'iimrrtiifium. .liidcii-IiiMhzoll in Voiiirlberij. 1 27 

auch f^tilistisch liervorrajienden Memorandimis ist in seinen 
Hauptzügen folgender: ^) 

In Kenntnis gesetzt von den Umtrieben ihrer Feinde zur 
Vereitlung der Bewährung ihrer Bitte um Aufhebung des 
Handelsverbotes wollen sie dem Oberamte „wenigstens einige 
allgemeine gründe überreichen, welche hocbdero von gnade 
und gerechtigkeit geleitete herzen zum erbarmen gegen einige 
glieder eines unglücklichen Volkes bewegen mögen sich ihrer 
nur insoferne anzunehmen, als blosse menschlichkeit für selbe 
in betracht kommen." Sie klagen sodann wie sehr und schwer 
sie unter Vorurteilen zu leiden haben. „Man schreibet dem 
Charakter zu last, was nur die äusserste not — nicht dem 
ganzen volke. sondern einem einzelnen gliede — etwa einmal 
abgepresst hat.-' Sie führen als Beweis den Umstand an. 
dass doch so verhältnismässig selten Strafen und Exkutionen 
über »luden zu verhängen seien. Sie weisen ferner darauf hin, 
dass ihre Gegner niemals bestimmte Tatsachen und Personen 
anführen, dass sodann ja das Gesetz mehr als genügend jeden 
Untertau vor Betrug und Übervorteilung schütze und dass 
endlich was im Burgau'schen, Nellenburg, Breisgau und den 
übrigen österreichischen Erblanden ohne Nachteil der Unter- 
tanen den Juden gestattet sei, auch im Vorarlberg'sclien ge- 
stattet werden dürfe. Und dann fahren sie wörtlich fort: 
„Wären wir doch so glücklich, dass uns eine hin- 
reichende Verteidigung bewilliget, dass uns die 
klagen unserer gegner zugestellet und dann die 
rechtfertigung der Unschuld darwider von pnnkt zu 
punkt auf das strengste erwogen würde." Da ihre 
Gegner nicht müde wurden die bei ehrlicher Darstellung ja 
nur ihnen selbst zu untilgbarer Schande gereichenden Vor- 
gänge vom Jahre 1744 in Sulz in verlogenster Weise zu Un- 
gunsten der Juden auszuschroten, indem sie die Juden selbst 
als Ursache der Tumulte hinstellten, mussten sich diese zu 
einer nochmaligen Darstellung jener trüben Ereignisse und 
ihrer Ursachen bequemen. Da diese bereits im 4. Kapitel 
dieses Buches an Hand der Prozessakten sich findet, kann sie 
hier übergangen werden. Nur das eine sehr treffende Moment 
sei noch hervorgehoben, das ihnen die Gegner selbst lieferten. 
Hatten doch die Stände selbst, wie bereits erwähnt, 
die Bezahlung des Schutzgeldes an Stelle der rinden 

') (rleic-hzcitige Copii» ist in ineinoni Besitze. 



\9H Fiint'fos Kapital. 

aii's kais. Ärar übernommen, was sie doch aber um 
so gewisser unterlassen haben würden, wenn die 
1^^ X i 1 i e ru n g d e r J u d e n eine recht- und g e s e t z m ä s s i g e , 
durcli deren Schlechtigkeit verschuldete, gewesen 
wäre? Die Juden erzählen auch hier, unter gleichzeitiger 
Vorlage des Vertrages, wie die Gerichte Rankweil und 
Sulz selbst aus freien Stücken, infolge der inzwischen ge- 
machten üblen Erfahrungen,- die Juden zu Wiederaufnahme 
des Handels daselbst gegen Zahlung von 500 H. und Über- 
nahme des auf die (Berichte Rankweil und Sulz entfallenden 
Teiles von 100 fl. am ehemaligen Schutzgelde bewogen hätten. 
Auf welche Weise die (iemeindevorstehung diese 100 fl. auf- 
zubringen suchte, davon soll an anderer Stelle die Rede sein. ^) 

Doch Alles vergel)eiis! Die Eingabe hatte keinen Erfolg. 
Das Handelsverbot blieb in Kraft. 

Und analog diesen Handelsverhältnissen waren auch die des 
berüchtigten Leibzolles in Vorarlberg. Ausser dem Zolle, 
den das k. k. Ärar in Hohenems von den daselbst tolerierten 
-luden einhob, gab es noch besonderen Judenzoll inBregenz, Feld- 
kirch und Bludenz. Die Stadt Bregenz war auf Grund eines 
Brückenmauttarifes vom Jahre lOTT befugt, an der Achbrücke, 
welche aus städischen Mitteln erhalten ward, für den Gebrauch 
dieser Brücke von einem Juden zu Pferd 4 kr., von einem solchen 
zu Fuss 8 kr., von einem Christen aber nur ^,'4 kr. zu beziehen. 

In Feldkirch hatte das landesfürstliche Ärar von der 
Hohenemser Judenschaft ein jährliches Leibzoll-Äquivalent von 
40 fl. zu beziehen, ausserdem noch von einem fremden durch- 
reisenden Juden zu Fuss 10 kr. und zu Pferd 20 kr. Das städtische 
Rentamt zu Feldkirch hob ausserdem noch von jedem die 
Stadt ])assierenden Juden an gewöhnlichen Tagen 24 kr., an 
Jahrmärkten 12 kr. ein. 

„Im Bludenzischen konnte die freiherrl. v. Sternbach'sche 
Lehensinliabung auf dem Grunde der Leheninvestitur bei den 
ihr z\i Lehen mitgegebenen zwei Zollstätten zu Bludenz 
und in der Stuben von einem jeden Juden 15 kr. nach Vor- 
schrift der im herrschaftl. Urbarium enthaltenen Tarife be- 
heben." 2) 



') Vgl. weiter Kaj). 10. 

'-) Insbruoker-Statthalterei-Arcliiv, /oll. Nach Hof-Griibcrnialberirlit 
vom 22. August 1783. Vgl. aucli Woprz'^clier Fascikel „.Tuclon" im 
Ferdinandeiiin. 



Hungersnot in Bregenz. ] 99 

Die Aufhebung des Leibzolles ist bekanntlich dem hoch- 
herzigen Sinne Josef II. zu danken. 

In den 1771 von der k. k, Administration verfassten und 
alljährlich, zuletzt 179(5, verlesenen „Verhaltspunkten für 
das Gericht sowohl als für die ganze Gemeinde Hohen- 
embs"^) finden sich nur 2 Punkte über Juden. Punkt 10 des 
1. Abschnittes gebietet Landammann und Gericht: „Denen 
Juden keine häuser, guter oder Waldungen, kaufs- oder 
tauschweise jemals verschreiben, oder diese sonst, unter was 
immer für einen titel, an jene kommen zu lassen." 

Ähnliches wiederholt Punkt 13 des III. Abschnittes für 
„Sämtliche ünterthanen." 

Da diese „Verhalts-Punkte'' nur für Hohenems Giltigkeit 
hatten, so findet sich kein Passus in demselben über das Verbot des 
Judenhandels im übrigen Vorarlberg. Doch bestand das folgen- 
schwere Verbot, wurde streng gehandhabt und nur dann um- 
gangen oder übertreten, wenn dies die Not gebot. So, wie 
bereits erwähnt, in Sulz und Rankweil und so auch in der 
Stadt Bregenz, in der kein Jude wohnen durfte. 

Am 20. Mai 1771 ward zwischen dem k. k. Oberamte 
Bregenz, Hohenems und Hohenegg einerseits und dem Hohen- 
emser Schutzjuden Maier Moos, der damals auch Vorsteher 
der Israeliten-Gemeinde war, andererseits ein Vertrag ab- 
geschlossen, nach welchem Maier Moos die Verpflichtung über- 
nahm, die Stadt Bregenz in der damals herrschenden Hungers- 
not mit Lebensmitteln zu versehen. Der sehr interessante 
Vertragt) beginnt: 

„Kund und zu wissen sey hiemit männiglich, dass von 
unten gesetzten dato an aus anlass der immer ansteigen- 
den frucht-tiieuere, ja derenselber gänzlicher abraangelung 
sowohl von see- als landseiten, zur ab Wendung der 
bittersten sonst ohnausweichlichen hungersnot mit dem 
oesterreichischen holienemsischen schutzjuden Mayer Moos 
und söhn nach vorgepflogenem einverständniss mit löbl. 



In den herrschaftl. Zollstätten Bludenz und Stuben hob der damalige 
Lehensinhaber k. k. Oberlieut. Ludwig Sternbach am 7. Oktober 1790 
den Leib- und Waren zoll für Juden auf. 

Nach einer vorliegenden amtlichen Bestätigung vom 27. Jänner 1795 
bestand der .Juden-Leibzoll damals noch im Burgau'schen. 

') Hoheueraser Gemeindearchiv. 

*) Landesarchiv in Bregenz, Fase. XXXV, Mnsc. Xr. 821. 

9 



^30 Flinftes Kapitel. 

Stadt Bregenz uachstehender contract als das noch 
übrige einzige aushilfsmittel dahin errichtet und 
in bester reclitsforni abgeschlossen worden, verniög dessen 
nemlicii gedachter Mayer Moos als dermaliger contrahent 
sich anheischig und verbindlich machet: 

1. Kür diesseitige markt-stadt Bregenz auf jedesmalen mit 
derselben zu concertiren kommende weitere oberamt- 
iiche disposition liiii in AVälschland fünfhundert sacke 
wohlconditionirter genussbarer fruchten und so nennen- 
deu frurnents ohne einigen vorscliuss ans eigenen mittein 
erkaufen- und 

2. sothanes quantum mit bestreitung deren benötigten trans- 
portkosten ohne ausnähme nach und nach auf allhiesige 
markt-stadt legen — mithin auf seine eigene wag und 
gefahr ohne weiteres dergestalten verschaffen zu wollen, 
dass derselbe 

:i die einlieferung dieser fruchten möglichst zu beschleunigen 
und unter keinem vorwand aufzuhalten habe, damit der 
allhiesige wochenmarkt in keine Verlegenheit gesetzt 
werde, sondern das diesortige jDublikum die petentierte 
aushttlf werkthätig verführe." ^) 



') Der Vollständigkeit halber sei hier noch der weitere Inhalt des 
Vertrages angegeben : 

Keine Lieferung dürfe weniger denn 50 Säcke betragen. 

4. Müsse Moos jeden .Sack, der ein Vierling weniger als acht Viertel 
Bregenzer Maas enthalten müsse, um fl. 34 K. W. einliefern. Die 
Zahlung geschieht jedoch nicht nach Sack, sondern nach Vierteln. 

5. Das Bregenzer Oberamt wird dem Moos die Unterstützung des 
Innsbrucker Guberniums beim Transport erwirken. 

(>. Fahrgelegenheit von Keuty bis Bregenz will das Oberamt dem 
Moos auf desse.n Kosten im Bedarfsfalle besorgen. 

7. Nachsicht bei entschuldigter verspäteter Lieferung. 

8. Ohne Vorwissen des Oberamtes dai'f Moos mit keinem Zweiten 
einen ähnlichen Kontrakt zur Lieferung schliesseu. 

9. Nach gelieferten 500 Säcken erfolgt neuer Kontrakt. 

10. Für jedes gelieferte Viertel Br. M. erhält Moos 4 11, 24 kr.— pr. 
Sack fl. 34. 

11. Bezahlung durch den Stadtammann in gangbaren Sorten. 

12. Zollfreiheit für diese Lieferung in Tirol und Vorarlberg. 

13. Desgleichen Befreiung von allen Abgaben auf dem "Wege. 

14. Freiheit der Übergabe der Lieferung an Bregenzer Faktoren. 
Allwöchentlich Messung der 50 Säcke durch bestellte Kornmesser. 

15. Unbedingte Aufrechterhaltung des Kontraktes durch das Oberamt. 



Statistik. 



1.11 



In der VermögeDssteuer-Liste der Ortsgemeinde Hoht'iieins 
vom Jahre 1779 werden folgende 49 jüdische Steuerträger 
erwähnt: 



Maier Uffenheimer 

Lob Moos 

Hirsch Levi 

Lazarus Josef Levi 

Nathan Schwabacher ^) 

Herz Lämle-) 

Michael Bikart 

Wolf Levi, Veits Sohn 

Salamon Mayer bei dem Thor 

Josef Mayer 

Henle Mayer 

Jakob Wolf, Borichs Sohn 

F^azarus Levi Wälsch 

Wolf Levi's (Joslis Sohn) Wittib 

Gerstle Moos 

Wolf Levi, Samuels Sohn 

Jakob Levi, Joslis Sohn 

Maier Weil 

Abraham Landauer 

Aron Landauer 

Michael Albrecht Moos 

Salamon Wolf, Borichs Sohn 

Beruhard Moos 

Wolf Wolf, Jakobs Sohn 

Maier Moos" (Jäkelis) Wittib 



Abraham Moos 

Salamon Levi (Itzigs Sohn) 

an der Säge 
Israel Wolf 
Borich Levi's Wittib 
Albrecht Levi 
Maier Moos, Wolfelis Sohn 
Israel Moos. Wolfelis Sohn 
Emauuel Levi 
Wolf W^olf, Borichs Sohn 
Hayum Levi, Joslis Sohn 
Hayum Moos, Wolfelis Sohn 
Maier Mayer, Salamons Sohn 
Marx Schlesinger ^) 
Wolf Levi, Rosshändler 
Levi Levi, Samuels Sohn 
Moyses Weil 
Levi Levi, Veits Sohn 
Moschele Levi 
Benjamin Burgauer*) 
Salamon Levi, Jakobs Sohn 
SamuelUlImann.Rabbinerssohu 
Abraham Levi 
Jakob Wolf, Wolfs Sohn 
Benjamin Wolf, Borichs Bruder. 



') War wahrscheinlich nur Steuerträger in Hohenems, ohne daselbst 
zu wohnen. 

-) Brettauer. Kam 1773 aus dem, damals österreichischen, heute 
badischen Bretten als Schwiegersohn des .Jonathan Uffenheimer nach 
Hohenems. 

^) Judenwaibel. 

*) Wanderte 1778 aus dem oesterr. Burgaii ein. Die genaue Fest- 
stellung der Jahreszahl der Einwanderung ermöglicht ein im gräfl. Archive 
in Hohenems befindliches Fragment eines „Amtsbuches der k. k. Ad- 
ministration" vom Militärjahre 1773/4, dem noch folgendes über Juden 
/AI entnehmen ist: 

Das Schntzgeld der gesamten Judenschaft betrug in diesem Jahre 
fl. 092,30. 

Pro Quartal und Familie wurden fl. 3,45 eingehoben. 

Für jedes neuerbante Haus ward fl. 10,2'/.> als flnindxins fostgosotzt. 

fl* 



i;-J-_> Küiiftes ICnpift;!. 

Am lö. November 1777, au eiuein Samstag Abend gegen 
i) Lhv brach dun^b die Unvorsichtigkeit eines Knechtes in 
einem Stadel des Sebastian Witzigmann in der sogenannten 
Cbristengasse Feuer aus, (bis. durch starken Wind angefacht, 
:)() Stunden wiihrtc und fast die ganze Christen- und Jnden- 
gasse in Asche legte, 'i'-' ("bristen- und ]ß Judeuhänser ^i 
nebst 32 Scheunen fielen den Flammen zum Opfer. Der Ge- 
samtschade betrug mehr als 100000 fl. Der Chef der k. k. 
Administration (1. A. Buol leitete als „Brandsteuer" im ganzen 
Lande eine wcdiltätige Sammlung zur Steuerung des furcht- 
baren Elends ein, mit deren Ergebnis aber nur die christlichen 
Abbrändler bedacht wurden. '^) 

Die diesem Kapitel beigegeben«', von mir nach einer im 
Hohenemser Gemeiudearchive befindlichen Vorlage gezeichnete 
Karte zeigt „die Judengasse in Hohenems und deren Um- 
gebung vor dem Brande im Jahre 1777." Die abgebrannten 
Häuser etc. sind durch dunklere Färbung kenntlich. Die 
i. J. 1772 erbaute^) Synagoge blieb, trotzdem sie an einer 
Dachecke F'euer gefangen hatte, unverseiirt. 

Gross war das Klend unter den nun obdachlosen und des 
grössten Teiles ihrer beweglichen Habe verlustigen Juden. In 

Die Judengenieinde /.ahlto H. "> jälirlicli für ihi-Gii Friodliof und H. 10 
(iiundzins für die Synas^oge. 

Josef Mannes Wolf aus Wangen hatte l)ei seiner Verehelichung 
mit Esther, Tochter des Maier Moos, fl. 25 fiir die Pjhebevvilligung. und 
als er sich in Hohenems ansässig machte, an jährlichem Schutzgelde 
H. 18 zu entrichten, trotzdem dieses im Schutzbriefe mit fl. 15 pro Familie 
festgesetzt worden war. 

') In den spärlichen Nachrichten über diese grosse Feuersbrunst 
iindet man zumeist den 19. November 1777 als Datum des Brandes an- 
gegeben. Dies ist jedoch falsch. Die Judengemeinde beging die Er- 
innerung an diese Schreckenstage alljährlich durch einen allg. Fasttag 
mit Gebeten, als welcher der 17. Marcheschwan (= Montag, den 17. No- 
vember 1777) festgesetzt wurde. Rabbiner Lob Ullmann, der die ge- 
eigneten (lebete (Selichoth) bestimmte, bat hierüber folgende Notiz (in 
meinem Besitz) verzeichnet: 

". . . bi ij'? n'ro n^'-snn ';^*n nnntr:i mn^'pD l!2^h^ n'^y;) 

*) Hobenemser (iemeinde- Archiv, Fase. 11. 
••') Vgl. Kap. ]f^. 



m 



Die Jüdengasse in Hohenems und derei 




.^.•r^^'^^^1 



1. 

-2. 
3. 4. 

5. 6. 7. 

8. 9. 10. 

11. 
12. 

13. 

14. 
15. lü. 17. 

18. 19. 

•20. 21. 



23. 

24. 

25. 26. 

27. 28. 



Synagoge. (Erbaut 1772.) 

Eingang der Synagoge. 

Haus nnd Chit'der Erben des Jonathan 

Uffenheimer ii. d. M. Moos .liick. 
Herz Lftmles «nd Benjam. Bnrgauers 

Hau.s, Hof nnd Stadel. 
Des Sam. Ullniann u. d. Abr. Moos "Wwe. 

Hans, Hof und Gxit. 
Haus des Berle Moos. 
Haus des Lob Moos, Israel Wolf nnd 

Hayum Levi. 
Haus des Marx Schlesinger und Mayer 

Weil. 
Haus des Abraham Mayer Moos. 
Des Mayer Moos Kanschelis Haus, Hof 

und Stall. 
Des Wolf Israel und Hayum auch May. 

Moos Haus und Gut. 
Des Lazarus Wolf, Albrecht Levi und 

Schwester Schönles Haus u. Garten. 
Haus des .Josef Levi, ürbans Sohn. 
Hans des David Moos. 
Gut des Anton Keckeisen. 
Haus u. Stall des Lazarus Levi Wälschen 

und Consorten. 
Von Keckeisen erkauftes Uffenheimer- 

sche Haus und StadeL 



angestrieheDen Vierecke bezeiel 



'29. 30. 31. 

32. 33. 

34. 

3.5. m. 37. 

38. 
39. 
40. 
41. 

42. 

43. 
44. 
4.5. 
46. 47. 48. 
49. 
50. 

51. 62. .53. 54, 



B5. 



56. 
57. 



i 



Des Landammans Streicher Haus, Stad( 

und Gut. 
Haus und Garten des Lob Mayer Moo 
Haus des Hirsch und Lazarus Levi. 
Des Mayer .lonath. Uffenheimer Hani 

Hof, Stall und Waschhütte. 
Anton Mathis u. Josef Vogels StallplatJ 
Haus des Emanuel nnd Wolf Levi. 
Haus des ßai-uch Wolf. 
Thorhiiusel des Nachtwächters Johanne 

Klien. 
Haiis der Wwe. des Johannes .Täger. 
Haus des Moyses Levi. 
Haus des Salamon Mayer. 
Hans des .Jakob Levi. 
Haus, Hof und St.ill des Moyses Wey 
Waschhütte der .ludengeaneinde. 
Vom grafl. Hause znr Waschhütte üb« 

lassener Platz. 
Pljltze des Levi Levi Veits Sohn, Le\ 

Levi Samuels Sohn, Herz Läml« 

M. Moos. 
Ehrensäule des Grafen Jakob Hannib« 

von Hohenembs. 
Gemeinde-Waschhaus. 
Krämerhän sehen. 



;ebung vor dem Brande imJahr^TTTT 




I«iB Brande zum Opfer gefallenen Hänser. 



71. 

74. 

7.78, 

81. 

85. 
88. 
91. 
9i. 

V 

L 

i — 



OesteiT. Wappensäiile. 
Freythofsmauer nm die Kirche. 
Haus, Garten und Stadel des Messners. 
Haas nnd Garten der Frühmesserej-. 
Haus und Garten der Hoflcaplaney. 
Schnlhaus der Ortsgemeinde mit Garten. 
Haus, Hof und Stadel des Hausknechts 

des Anton "Witzemann. 
Haiis, Hof und Stadel des Xaver Büdisser. 
Haus, Hof und 2 Stadel des K. A. Tyssle 

und Karl Brotzgi. 
Haus, Hof und Stadel des J. G. Linder 

und Mich. Halbeisen. 
Haus, Hof und 2 Stadel des Benedikt 

und Matheas Mathis. 
Haus, Hof und Stadel der Lehner'schen 

Erben. 
Hans, Hof und Stadel des A. Mayer und 

Xav. Benzer's Erben. 
Haus, Hof und Stadel des Andreas Trexel 

und Consorten. 
Hans, Hof nnd Stadel des J. Eüdisser 

und Peter Linder. 
Haus und Hof des Sebast. u. Joh. Georg 

Witzemann. 
Deren Sta<iel, in dem das Fea«r ausbrack. 



M. 



101—121. 

122. 

123.124.125. 

126.127.128. 

129.130.131. 

132.133.134. 
ISJ. 

136.137.138. 

139. 

140.141.142. 

143-144. 

14.5.146.147. 

148. 

149. 

150. 

151. 
152. 1^. 164. 

155-159. 



Hätiser und Güter ungenannter christ- 
licher Besitzer. 

Altes Haus durch Schuldgericht an 
Maj. Uffenheinier gekommen. 

Haus, Hof und Stadel des J. G. Weibel 
und .). Witzemann. 

Haus, Hof und Stadel des Gärtners 
Baptist Zimmer. 

Haus, Hof und Stadel des Anton Weibel 
und A. Mathis. 

Haus, Hof und 2 Stadel des J. G. Huchler 
und der A. Halbeisens Erben. 

Haus, Hof, Stall und Waschhütte des 
Landammans Weibel. 

Gräfl. Taverne, Stall und Hof. 

Pfarrhelferey Hans und Garten. 

Pfarrhaus nebst Stallung, Waschhätte 
und Garten. 

Haus. Besitzer ungenannt. 

Gemeinsamer Brunnen. 

Kapelle. 

Haus, Stall und Bemise des Postmeisters 
Josef Weibel. 

Hänser ungenannter christlicher Be- 
sitzer. 



Der srosse Brand i. .1. 1777. 13H 

lierzeigreifendei] AVorteii klageu sie dies der Kaiserin iu einem 
Bittgesuche vom Jalire 177H. dem sie auch amtliche Be- 
scheinigungen und Empfehlungen der k. k. Administratittn bei- 
legten. Mit S(K)00 11. wird da ihr Schade berechnet, wozu 
noch der schwer ins Gewicht fallende [instand kam. dass 
die Juden nicht, wie bisher, in weite Fernen zieheiL und Handel 
treiben konnten, weil sie in der ISähe ihrer obdachlosen Familien 
bleiben und den Bau neuer Häuser leiten und beaufsichtigen 
mussten. Flehentlich baten sie darum die Kaiserin, ihnen 
nunmehr den Handel in Vorarlberg zu gestatten. Doch, alles 
vergebens. Ja, wie die Bibel vom Pharao Ägyptens erzählt, dass 
er das Los seiner jüdischen Sklaven noch erschwerte, als 
Moses um dessen Milderung bat, so hatte dieses an sich 
ja so berechtigte und durch das grosse Brandunglück so ge- 
nügend befürwortete Gesuch nur die Folge, dass das Ober- 
vogtei-Amt in Feldkirch mittels Poenal-Verordnung vom 
15. Sejjtember 1779 den Juden den Handel selbst in den beiden 
Gerichten Rankweil und Sulz, die selbst betonten, dass sie 
ohne die Juden ,,dem Monopol der Landkrämer und Makler 
unterworfen seien'', verboten hatte. Freilich schritten die 
Juden aucii dagegen bittlich bei der Kaiserin um 11. Oktober 
1 780 ein, aber ebenfalls ohne jeden Erfolg. Das Verl)ot blieb 
in Kraft und die Juden, die in Hohenems an <S()!> fl. jährlich 
Schutzgeld bezahlten und den grössten Teil des kaiserlichen 
lunkommens aus der Grafschaft lieferten, mussten die Mittel 
hierzu aus weiter Ferne herbeiholen. Daheim durften sie ihr 
Geld los werden, nicht aber es verdienen. 

Am 29. November 1780 schied die Kaiserin Maria Theresia 
aus dem Tieben und Josef H. folgte ihr auf dem Throne. Das 
sogenannte ,.Josephinische Zeitalter'' brach an. Die nachhaltigste 
und günstigste Veränderung in den Verhältnissen der Juden be- 
wirkte das berühmte vom hochsinuigen Kaiser am 16. Mai ITHl ^) 



') Hingewiesen sei hier auf die verschiedenen Angaben bei den 
Historikern betreffs dos Zeitpunktes, in dem das beriihmte Josephinische 
Toleranzpatent erlassen wurde. VVertheimer (Die Juden in Osterreich. 
Leipzig 1842, 2 Bde., p. 136 ff.) verlegt es ins Jahr 1782, Cassel (Erscli 
und Gruber, Real-Encyclop. T. 27, Art.: Juden, W. 93b), spricht vom 
13. Mail 781, Ürätz (Gesch. d. Juden, Bd. X, S. 751".) vom 19. Oktober 1781. 

Die vollständigste und verlässlichste Ausgabe der Judengesetze 
Josef II. ist die gleichzeitig in der k. k. Hofbuchdruckerei bei Job. 
Thoraas Edlen v. Trattern in AVien erschienene „Sammlung der zur Bildung 



134 Fünftes Kapitel. 

erlassene sogenarmte T o 1 e r a n z p a t e n t. ^) Dieses be- 
ginnt: 

„Um die in allerhöchst dero erblauden so zahlreichen 
giieder der jüdischen nation dem Staate nützlicher zu 
machen, als sie bei den ihnen so sehr beschränkten 
nahrungszweigen und auch nicht hinlänglich verstatteten 
und eben deswegen ihnen überHüssig geschienenen auf- 
klärungsmittelu bisher nicht werden konnten, so werde . ." 
Das Gesetz vom 16. Mai 1781 bestimmt nun: 

1. Beseitigung der hebr. Nationalsprache, die nur beim 
Gottesdienste Verwendung finden sollte. 

2. Führung aller „Instrumente" und Geschäftsbücher binnen 
2 — 3 Jahren in der gerichtsüblichen Sprache, bei Strafe 
der Nullitäts-Erklärung. 

3. Errichtung von „nach der Normallehrart einge- 
richteten Schulen bei den Hauptsynagogen, jedoch 
ohne mindeste Beirrungihres Gottesdienstes und Glaubens." 

4. Erlaubnis und Pflicht der Kinder zum Besuche der schon 
bestehenden öffentlichen Schulen. 

5. Beiträge in den ersten Jahren aus den jüdischen Steuern 
und Ehetaxen zu Schulzwecken. 

6. Die Juden in den Hauptstädten dürfen höhere Schulen 
auch Universitäten besuchen. 

7. Verbot der Einfuhr jüdischer Bücher von auswärts. 
Heimischer Verlag nur unter Zensur und in bestimpaten 
Druckereien gestattet. 

8. Gestattung des Ackerbaues auf pachtweise übernommenen 
Boden. 

9. Eigentümer des Bodens können sie nur nach Übertritt 
zum Christeutume werden. 

10. Zulassung zu Handwerken, Kunsttischlereien und freien 
Künsten. 

11. Auch zu Arbeiten in den Fabriken bei besonderen, kost- 
baren Maschinen. 



der Juden von Sr. Majestät Regierungsantritt bis Schliiss des Jahres 1781-! 
ergangenen allerhöclisten Verordnungen", Wien 1783. Hiezu noch: „Fort- 
setzung der Gesetzsammlung über die Toleranz und innere Einrichtung 
der Judengemeinden, welche der Jahrgang 1784 enthält", Wien 1787. 
*) K. k. Statthalterei-Archiv in Innsbruck, Hofkanzleidekret. 



Kaiser Josef II. 135 

12. Desgleichen in all jenen Miinufaktiiren. die, wie Spinnen, 
Weben etc. vom Gesetze als freie Arbeiten bezeichnet sind, 
lo. Gestattung des Betriebes von Fiihrhandel. 
14. Aufhören aller äusserlichen Abzeichen und unterschiede 
in Tracht und Kleidung der .luden. 
So sehr unsere Zeit in raaucheu Punkten dieses Gesetzes. 
wie z. B. in dem Verbote des Grundbesitzes, schwere, mit 
dem sonst so humanen Sinne des Kaisers in Widerspruch 
stehende. Härten erblicken mag, so begrüssten die Juden jener 
Zeit dasselbe dennoch und mit Recht als Erlösung. Die Juden- 
ordnung von 1764 fiel, eine neue Zeit der Befreiung aus alten 
Ketten brach an. Josef II. liess eben bei den Juden das walten, 
was das Auge des Historikers sonst am grossen Kaiser und 
seine Verordnungen vermisst und mit Recht hierin die Ursache 
ihrerkurzen Lebensfähigkeiterblickt: Vorsicht und all mähliche 
Umgestaltung. Die Judengesetze Josefs II. haben sich darum 
auch bis zur vollen staatlichen Gleichstellung der Juden er- 
halten. Er liess das Verbot des Grundbesitzes, des Eintrittes 
in die Zünfte, die Beschränkung im Handel, im Wohnen auf 
dem Lande, die Toleranzsteuer für Schutzbriefe, Judentaxen 
für gottesdienstliche Rechte, bestehen und erleichterte den 
Juden das Dasein nur in dem in einer Verordnung vom 
7. Sept. 1781^) ausdrücklich niedergelegten Sinne: 

„Meine absieht geht keineswegs dahin, die jüdische 
nation in den erblanden mehr auszubreiten oder da, wo 
sie nicht tolleriert ist. neu einzuführen ^) sondern nur 
da. wo sie ist und in dem masse, wie sie als tolleriert 
bestehet, dem Staate nützlich zu macheu ....'' 
Das Toleranzgeld wird hier als „wahre Steuer'' bezeichnet, 
die in Kraft zu bleiben habe. 

In der gleichen Verordnung ward auch der Leibzoll auf- 
gehoben. 

Dass die Juden in Hohenems diese Gesetze mit hellem 
Jubel begrüssten, braucht nicht erst gesagt zu werden. Zwar 
war ihre Stellung im Laufe des Jahres 1781 eine noch uu- 



') Statthalterei- Archiv in Inusbriick, Resolutio (Jaes. Reg. 

'-) l'An Erlass der v. oc. Regierung in Freiburg vom 28. März 1785 
teilt ein Hofkanzleydekret vom 10. März 1785 mit, wonach den Juden 
der Eintritt in die Stadt Endingen und auch der Handel daselbst zu ge- 
statten sei. 



\l^{y FüiitU's Kapitel. 

sichere, da ja der 1769 von Maria Theresia erteilte Scimtz- 
brief mir für Lebzeiten der Kaiserin galt. Ira Febrnar des 
Jahres 17<S1 waren darum auch die Hohenemser Juden bei 
der V. oe. Regierung in Freyburg um Erneuerung ihres Schutz- 
briefes eingeschritten, hatten aber gar keine ^) Antwort er- 
halten, woraus sie den Schluss zogen, dass sie stillschweigend 
unter den bisherigen Bedingungen auch weiter toleriert seien. 
Der im Juli oder August 1781 eingetroffene Fkfehl zur Er- 
richtung von Normalschulen bestärkte sie noch in dieser An- 
nahme, der sie denn auch 1782 in einer Eingabe mit zehn 
Beilagen an das k. k. Gubernium in Innsbruck Ausdruck gaben. 
lu dieser Bittschrift versprachen sie sich vom Kaiser Joseph 11. 
das, was ihnen unter Maria Theresia versagt war: die Ge- 
stattung des freien Handels in Vorarlberg. Doch ward ihre 
Hoffnung getäuscht. 

Nur ward zu Gunsten einzelner, denen hierüber eigene 
Urkunden ausgestellt wurden, und für bestimmte, genau be- 
zeichnete Waren eine Ausnahme gemacht. ^) Aufgehoben ward 
das Handelsverbot nicht. 

Die Normalschule trat im Jahre 1784 unter der Direktion 
des damaligen Rabbiners Lob Ulimann ins Leben. ^) 

Desgleichen wurden im Mai dieses Jahres die ersten 
regelrechten, deutschgeschriebenen Matrikelbücher, gesondert für 
Geburts-, F^he- und Sterbefälle, angelegt. *) 

Überhaupt stiessen die Neuerungen Kaiser Josephs 11. in 
der Hohenemser Israelitengemeinde, trotzdem diese, wie noch 



*) Woran zum Teile eine grössere 1781 direkt an Joseph li. nacli 
Wien geschickte Eingabe von Animann und Gericht Hohenems gegen die 
Juden die Schuld tragen mag, in der sie die Einführung der Normalzahl, 
das Verbot der Neuansiedlung, des Häusererbauens und Vergrösserns, 
des Handels usw. verlangten. Am 2^. Febr. 1781 kam jedoch die Eingabe 
mit dem Vermerk zurück, selbe sei bei der v. oe. Regierung einzubringen. 
Das aber hatten die Hohenemser, die inzwischen erfahren hatten, woran 
sie mit Josef II. waren, unterlassen. 

-) Vgl. weiter Kap. 11 „Handel und Gewerbe." 

') Vgl. weiter Kap. 12 „Schule". 

^) Ins Geburtsregister wurden mit Rücksicht auf den Schulbesuch 
alle seit 1769 in Hohenems geborenen Kinder, 109 an der Zahl, nach- 
träglich eingetragen. Diese ältesten Matrikelbücher sind noch vorhanden. 
Das Geburtsbuch umfasst 93 Blätter, das Sterbebuch 50 Seiten. Ein Teil 
des Eheregisters ward während der Amtsperiode Rabbiner Ehrmanns 
durch Feuer vernichtet. 



fjokale Verhältnisse. 137 

gezeigt werden soll, damals der streng orthodoxen Richtung 
hnldigte nnd eine grosse Zahl von Talmudgeleiirten mit dem 
Rabbiner Lob Ullmanu an der Spitze täglich fleissigem ge- 
meinsamem Talmudstndinm oblag, auf keinen Widerstand. Die 
weiten Handelsreisen in entfernte Gegenden, zu denen das 
Handelsverbot innerhalb Vorarlbergs die Hohenemser Israeliten 
zwang, hatten sie die Zweckmässigkeit der Erlernung fremder 
Sprachen, der Aneignung zeitgemässer Sitten und Umgangs- 
formen, schätzen gelehrt, das Fehlen eines Ghettos, das fried- 
liche Zusammenleben mit ihren christlichen Mitbürgern ihren 
Geist vor Verknöcherung, vor sklavischem, stumpfem Fest- 
halten am Überkommenen bewahrt. Geistige Frische und 
Empfänglichkeit, ein Leben und Fühlen mit der Zeit und ihren 
berechtigten Ansprüchen war die hervorragende Eigentümlich- 
keit der Hohenemser Israeliten zu jeder Zeit. 

Damals nahmen sie auch auf kaiserliche Verordnung 
deutsche Vornamen an. Deutsche (ieschlechtsnamen hatten 
damals nur die Familien Burgauer, Brettauer. üffenheiraer, 
Ullmann usw.. die sie von ihrer oder ihrer Vorfahren Geburts- 
gemeinde ableiteten. Eine allgemeine Einführung deutscher 
Geschlechtsnamen erfolgte erst 1813 unter der damals bairischen 
Regierung Vorarlbergs. ^) 

Bereits am 18. September 1785 hatte (Mue Hoferkläruug 
den Juden au all denjenigen Orten, an denen sie schon früher 
geduldet waren, den Kauf von den vom Staate feilgebotenen 
Häusern jedoch nur unter der Bedingung erlaubt, dass sie 
sich verpflichten diese Gebäude zu nutzbaren Zwecken 
zu verwenden. Ein Erlass vom Jahre 1789 hob diese Be- 
dingung auf. 

Am 18. November 1790 ward in der Hohenemser Synagoge 
die Thronbesteigung Leopold II. festlich begangen, worüber 
sich eine ausführliche Notiz im Gemeinde -Protokolle be- 
findet. 

Auch den Regierungsantritt Leopold II. benützten Ammann 
und Gericht zu einer ausführlichen P^ingabe an den Kaisei, 
in der sie sehr berechtigt über die Übertretung ihrer ver- 
brieften Rechte durch die k. k Administration • und zu- 
gleich — man darf wohl sagen: wie üblich — über ilin- 



*) Vgl. weiter Kap. 6. 



138 Fünftes Kapitel. 

-luden Klage führen. Docli liatte die Klagesclirift keinerlei 
Krfolg. ') 

Die Kriegsereignisse am Knde des IS. .lalirliunderts und 
die schweren, noch nach Jahrzehnten enipfundeuen AVunden, 
die sie Vorarlherg und all seinen Bewohnern schlugen, sind von 
Bitschnau '■^) und in neuerer Zeit von Prof. Sander-^) u. A. ein- 
gehend geschildert worden. Ich habe also hier nur die Auf- 
gabe und die Pflicht das nachzuholen und an Hand amtlichen 
Akteiimaterials darzulegen, was frühere Historiker bedauer- 
licher Weise auch nur zu erwähnen unterlassen haben, näm- 
lich das wahrhaft patriotische Benehmen und Vorgehen der 
Hohenemser .ludengemeiude in diesen schweren Zeiten, die, 
nicht minder wie all ihre Mitbürger, freudigen Herzens selbst 
die schwersten Opfer auf den Altar des Vaterlandes dar- 
brachte. *) 

Schon vor der 179G erfolgten ersten Fninzoseninvasion in 
Vorarlberg hatte das Land schwer durch Durchmarsch und Ein- 
lagerung grosser Truppenmassen, Kriegssteuer-Darlehen usw. 
zu leiden. 

Schon 1780 wird einer Kriegssteuer gedacht, die. aus 
dem Erlöse verkaufter Symigogenstühle bestehend, vom da- 
maligen Vorsteher Nathan Elias au die k. k. Steueradmini- 
strations-Kanzlei in Bregenz abgeführt wird. Dem gleichen 
Zwecke dienten auch die Strafgelder (DJp). 



') Ei-wähnt sei noch aus jener Zeit, dass die Judengenieinde im 
Jahre 1796 sich einen eigenen Brunnen in der Judengasse einstellte, die 
Rechte hiezu vertragsmässig von der Christengemeinde erwarb, die sich 
bei diesem Anlasse entgegenkommend benahm. Die Rechte am alten 
Brunnen in der Christengasse behielt die Judenschaft gegen Bezahlung 
weiter bei. 

*) Dr. Joseph Bitschnau, Darstellung der merkwürdigen Begeben- 
heiten der letzten französischen Kriege in den Jahren 17i»(i, 1800 — 1805 
in Hinsicht auf das Land Vorarlberg. Bregenz 1807/8. 

^) Hei'mann Sander, die Ermordung des vorarlbergischen Kreis- 
hauptmannes I. A. von Indermauer und ihre Folgen, Innsbruck 1896. 

*) Vgl. hiezu die Veröffentlichungen aus meinem unter dem Titel 
.,aus Sulzers Heimat" in der „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung 
von Kunst-.und histor. Denkmälern des Judentums" in Wien am 2. Februar 
1900 gehaltenen Vortrage in der „Meraner Zeitung" Kr. 46 vom 18. April 
1900, „Jüd. Volksblatt" Wien, Nr. 17, vom 27. April 1900 und „Wahr- 
heit" Nr. 14, vom 26. April 1900, sämtlich unter dem Titel „Zur (Teschichte 
der Juden in Tirol und Vorarlberg". 



Die Franzosenkriege. 139 

Das Jahr 1791 brachte die erste Einquartierung nach 
Hohenems und zwar Tiroler Scharfschützen, ein Freikorps, 
das man die R(»tmäntel nannte, sowie ungarische und kroatische 
Regimenter. Zwar lehnten sich die Hohenemser, als nicht 
zu den Vorarlberger Ständen gehörig, gegen diese Einquartierung 
auf, doch eine scharfe Zuschrift des Kreishauptmanues v. Inder- 
mauer hiess sie sich fügen. Hierauf suchten sie gegen alles 
Verhältnis den grösseren Teil der Einquartierungen den Juden 
zuzuweisen, wogegen v. Indermauer ebenfalls am 18. März 
1791 einschritt und eine gerechte Verumlagung anordnete. 
Auch der 20. Juli 1792 brachte eine ähnliche Verordnung 
des Kreishauptmannes. 

Das Schwerste aber stand bevor, als im Sommer d. J. 
1796 nach Napoleons Siegen in der Lombardei der Ein- 
marsch der Franzosen von Graubründten her drohte. Au 
dem vom Kreishau ptmanue zum f>. Juni 1796 nach Bregenz 
einberufeneu Landtage zur Beratung der Abwehr nahmen unter 
den Hohenemser Deputierten auch Vertreter der Juden- 
schaft teil. 1) 

Der übereilte und folgenschwere Abzug der Verteidiger von 
Bregenz am 9. August brachte dieses bekanntlich in die Hände 
der Franzosen, die sich da bis zum 21. September 1796 aufhielten, 
zahlreiche Streifzüge ins Land unternahmen, Braudschatzungen 
auferlegten usw. Besonders ward Hohenems in der zweiten 
Hälfte des August arg mitgenommen, da es der benachbarte 
Schauplatz mehrerer grosser Gefechte war und sowohl das 
Hauptquartier wie die gesamten Verteidigungstruppen unter 
Gräften und dem tapferen Leiningen längere Zeit in seinen 
Mauern sah. Der Friede von Campo Formio (1797) machte 
endlich dem Waftentanze auch in Vorarlberg vorläufig ein 
Ende. 

Doch hatten auch schon die bisherigen Ereignisse genügt, 
um den patriotischen Sinn der Hohenemser Bevölkerung und 
so auch der Juden einer schweren Belastungsprobe aus- 
zusetzen. 

Gemeinsames Leid schmiegt bekanntlich die Mensclien 
rasch und fest aneinander und lässt noch so eingewurzelte 
Vorurteile vergessen. 



') Bitschnau, a. a. 0. S. 72. 



140 Fünftes Ivapitcl. 

Als e8 galt am 10. August 17iK) eine aus Deputierteu 
vuu allen Teilen des Landes bestellende Abordnung in das 
französische Lager nach Bregenz zum General Paillard mit 
der Bitte um Schonung zu senden, da fanden sich in Hohen- 
ems zu Mitgliedern dieser Deputation Ciiristen und Juden ein- 
mütig zusammen und in der hierüber aufgenommenen Urkunde 
vom 10. August 1796 heisst es wörtlich: „dass in der 
Gemeinde einer für den andern und alle für einen 
haften sollen, Jud für Christ und Christ für Jud." 
Und so ist auch die Kundmachung der Deputation, in der 
sie die Antwort des Siegers den Bürgern mitteilte, mitunter- 
schrieben von der „Deputation von Hoheneins und die Juden- 
schaft allda". M 

Der Christengemeinde in Holienems hatten die Jahre 171J6/7 
bis zum Friedensschlüsse von Campo Formio eine Schadeus- 
sumine an Kriegserlittenheiten in der Höhe von fl. 38375.39 kr. 
gebracht. Die Judeuschaft hatte schon früher angesichts der 
allgemeinen Not beschlossen, trotzdem sie selbst die höchsten 
patriotischen Opfer gebracht hatte, bis zum änssersteu er- 
schöpft war und auch keinerlei Verpflichtung laut Schutz- 
brief hiezu für sie bestand, der Christengemeinde einen Betrag 
zur Deckung der Erlittenheiten bis zum 10. August 179(5 frei- 
willig beizusteuern. 

Als Quote nahmen sie ^5 iiu, trotzdem sie der Seelen- 
zahl nach nur zu ^/j, sich hätten verpflichtet fühlen können. 
Doch wurde für die Zukunft keinerlei Verpflichtung eingegangen, 
weil ja die Judenschaft all ihre Kriegserlittenheiten 
selbst tragen und aus Eigenem, ohne Mitwirkung 
der Christengemeinde, decken musste. Doch sollte 
den Juden aus dieser einmaligen freiwilligen Spende bald 
sehr empfindliche Lasten erwachsen, indem ihnen schon im 
nächsten Jahre eine Verpflichtung von V.-) Beisteuer 
zu allen Kriegserlittenheiten auferlegt ward. Doch 
noch im Jahre 1797 fand eine gütliche Einigung statt, in- 
dem die Juden am -29. Mai 1797 weitere fl. 1500 bei- 
steuerten. 

Mehr als jede Schilderung des Historikers bezeugt das 
jiatriotische opferwillige Vorgehen der Hoheiiemser Judenschaft 
das folgende Attest: 



') Öander, u. a. 0. iS. 75 Anui. 



Die Fraiizosftiikneoo. 141 

„All deii Vorsteher der Piibl. Nr. 491. 

.Iiidenschaft zu Hohenems! 

Da.s mit kreisämtlichem Berichte vom 27. Dezember 
vorigen Jahres an das liöbl. v. oe. Landesguberiiium be- 
förderte patriotisclie Erklären der Judenschaft zu Hohen- 
embs, vermöge dessen seihe sämtliche Schäden, die ihr 
durch den feindlichen Einfall zugiengen, und die Kosten, 
die sie wegen der Durchmärsche und Cantouirungen der 
k. k. Truppen zu bestreiten hatte, auf sich selbst 
tragen und keinen Ersatz fordern wolle, gereichet 
der hohen Landesstelle in Folge eines unter dem 31. v. M. 
anher eingelangten hohen llescripts . vom 20. Januar, 
Publ. 7H7. zum Wohlgefallen und wird auch in die Zeitungs- 
blätter eingeschaltet. 

Derselben wird also zur Belobung ihres patriotischen 
Benehmens hievou die Eröffnung gemacht. 

Vom k. k. Kreis und Oberamt 

Bregenz, den 3. Febr. 1797. Ludwig Benier." 

Und es waren, wie noch gezeigt werden soll, sehr be- 
trächtliche Schäden, deren Ersatzansprüche sich hier die Juden 
in patriotischem Flmpfinden freiwillig begaben. 

Dabei war die Judengemeinde als solche, wie auch der 
weitaus grösste Teil ihrer Mitglieder, arm, brachten nur mit 
Mühe, insbesondere jetzt, wo infolge des Krieges aller Handels- 
verkehr stockte, ihren eigenen Lebensunterhalt auf, so dass die 
Sitzungsprotokolle der Judeugemeinde aus jener Zeit Rührendes 
erzählen, zu welch ungewöhnlichen Besteuerungsmitteln der 
eigenen Mitglieder gegriffen werden musste,^) um den An- 
forderungen des Vaterlandes gerecht zu werden, trotzdem keine 
Scholle an dessen Boden in jüdischen Privatbesitz übergehen 
durfte. Diese Vaterlandstreue der Juden zeigt, dass ihre Ge- 
sinnung eine wahrhaft ideal patriotische war, die das Vater- 
land liebte und für dieses litt, auch wo sie nicht die eigene 
Scholle verteidigte, die ihm eben dieses Vaterland nicht zu- 
gestehen wollte. 

Die Lieferungen für die kaiserliche Armee in Vorarlberg 
hatte der damals schon seit 1785 das Amt eines Judenvor- 
stehers bekleidende Kaufmann Lazarus Josef Levi übernommen 

') Vgl. Kap. 10, die „Tekanoth" von 1797 = ^^pH 



142 Fünftes Kapitel. 

iiiul SO diiichgeführt, dass ihm Kaiser Franz am 29. Mai 1795 
(las Patent als k. k. Hoffaktor erteilte. ^) Die auf die Kriegs- 
lieferungen bezügliche Stelle im Patent lautet: „ und 

endlieh im vergangenen Jahre eine beträchtliche Lieferung 
an Haber, Heu und Stroh unter gerichtlicher Verbür- 
gung von vier und zwanzigtausend Gulden zur Zu- 
friedenheit der Behörden für unsere kaiserlich königliche 

Armeen über sich genommen habe, weshalben " 

Ein gleiches Patent zum k. k. Hoffaktor verlieh Kaiser 
Franz am 29. März 1797 dem Bruder des Vorgenannten, Wolf 
Joseph Levi in Hohenems^). Auch von diesem heisst es 
hier: , sondern auch insbesondere während des gegen- 
wärtigen Reichskrieges gegen Frankreich manche Gelegenheit 
gefunden und in Verbindung mit Jakob Hirsch sich eifrig be- 
strebt habe, durch sehr beträchtliche gegen billige 
Preise übernommene und stets zur rechten Zeit be- 
wirkte Naturalien-Lieferungen für unsere kais. kgl. 
Armeen am Rhein und Italien, auch durch namhafte 
in Notlifällen geleistete Vorschüsse seine patrio- 
tischen Gesinnungen für das Vaterland und seine 
allerunterthänigste Ergebenheit für uusern kaiser- 
lichen und des Reiches Dienst werkthätig am Tag 
zu legen *•' 

Die Israelitengemeinde bestand zu jener Zeit aus 69 Familien, 
von denen 60 Schutzgeld bezahlten u. z. 35 Farn. pr. Quartal 
11. 3.45 und 25 Farn. pr. Quartal i\. 4.30, was einer Jahres- 
einnahme des oest. Aerars von nahezu fi. 1000 gleichkam.^) 

Die blutigen Ereignisse, die zwischen dem Frieden von 
Campo Formio und dem von Luneville liegen, hatten zum 



') Das Nähere über dieses nach Inhalt wie Ausführung und Ans- 
.stattung ein wahres Prachtstück bildende, vom Kaiser eigenhändig ge- 
fertigte und mit dem grossen Reichssiegel versehene Patent siehe in 
Kap. 11. 

-) Im Besitze des Herrn Josua Schweitzer in Strassburg i. E., dessen 
Gattin ich eine Copie des Patentes verdanke. Vgl. Kap. 11. 

^) Eingewandert in den letzten Jahren waren u. a. Jakob Kitzinger, 
i^alomon Lämle aus Burgau (Aufnahmsurkunde vom 20. 6. 1797 in meinem 
Besitze) und Simon Moses Ulimann (später Steinach), der der Eidam des 
Lob Moos war. UUmann wanderte aus Pferrsee bei Augsburg ein. 
Dessen Vater Moyses Ullmann stand in vielen Handelsbeziehungen mit 
den Ilohenemser Juden. 



Die Franzosen in Hohenems. 143 

Teile auch in dem sonst so friedlichen Vorarlberg ihren Schau- 
platz gefunden. 

Da sich Franzosen in der benachbarten ueugegründeten 
„Helvetischen Republik" ansammelten, bekam auch Vorarl- 
berg schon im Mai 1798 eine grössere oesterr. Besatzung unter 
General Auftenberg, der in den nächsten Monaten immer 
weitere Heeresmassen folgten, so dass anfangs 1799 gegen 
20000 Mann oesterr. Militärs in Vorarlberg lagen, deren Ver- 
pflegung, ebenso wie der in Bündten eingelagerten oesterr. 
Truppen zum grössten Teile aus dem kleinen Lande gezogen 
wurde und diesem fast unerschwingliche Opfer auferlegte. 
Die Christengemeinde Hohenems allein hatte bis Ende April 
1799 fl. 51695.19 kr, an Kriegslasten zu verzeichnen und aus 
Eigenem zu decken, weil Hohenems, als ehemalige Reichs- 
grafschaft, nicht zu den Ständen gehörte. Der Oberamtsrath 
V. Vintler ward als Landeskommissär bestellt. Die Lieferungen 
von Fleisch und Brot hatten die Hohenemser Israeliten Wolf 
Levi und Comp, in öffentlicher Versteigerung am 20, August 
1798 übernommen*) und zur Zufriedenheit durchgeführt. Feld- 
marschall V. Hotze befehligte die gesamten oest. Truppen. Die 
dann folgenden Kämpfe, welche der Ruhmesgeschichte der Vor- 
arlberger manches Ehrenblatt einflochten, die blutigen und 
siegreichen Märztage 1799 um Feldkirch gegen Massena und 
endlich dessen Siege am 25. und 2id. September 1799 an der 
Limmat über Russen und Oesterreicher dürfen als bekannt 
vorausgesetzt werden. Letztere Niederlage brachte die flüchten- 
den Russen auch nach Vorarlberg. Am 13. Juli 1800 kam es 
in Hohenems selbst zu einer regelrechten Schlacht zwischen 
den aus Feldkirch vorgeschobenen oest. Truppen unter Jellachich 
und den das Unterland beherrschenden Franzosen unter Molitor, 
deren Hauptmacht auf der Landstrasse vorrückte, während 
2 Kompagnien über Haslach, die Schlucht und Ems-Reute in 
Hohenems eindrangen. Die Oesterreicher unterlagen, wetzten 
aber diese Scharte bald aus, indem sie den Franzosen an der 
Frutz eine bedeutende Niederlage beibrachten. Die nach 
Bregenz zurückkehrenden Franzosen Hessen dann ihre Wut 
an dem schwergeprüften Hohenems aus, wo sie raubten, 
plünderten und besonders im reichsgräfl. Palaste und im 
Schwefelbade vandalisch hausten. All der unheimlichen Brand- 



1) Bitschnau, a. a. O. I, S. 178. 



144 



t'iinftes Kapitel. 



scluitzuugeu, Requisitioneu, Erpressungen, Gewalttaten usw., 
die eine regelrechte Hungersnot in Hohenems zur Folge hatten, 
garnicJit zu gedenken. Nach dem am 9. Februar 1801 ge- 
schlosseneu Frieden zu Luneville sah sich Vorarlberg endlich 
tVanzosenfrei. Hohenems behielt als Erinnerung an diese 
ungebetenen (läste eine Schuldenlast von 11. ä'i, 123.3*2 kr. 
zurück.^) 

Die Armut und Schuldenlast des kleinen Marktes zu 
lindern spendete i. J. 1800 Kaiser Franz 6000 11, und der 
Erzherzog Karl eine grosse Sendung von Früchten, die die 
fiandammanschaft verkaufte. 

Die Judengemeinde, an deren Steuer- und Leistungsfähig- 
keit die höchsten Anforderungen gestellt wurden und die Not, 
Armut und Schuldenlast redlich mit ihren christlichen Mit- 
bürgern teilte, ging bei Verteilung dieser Spenden leer aus. 

Die Vorarlberger Stände hatten in diesen schweren Tagen 
ulle Hände voll zu tun, um in dem so verarmten Lande die 
Mittel zur Deckung der Kriegslasten und zur Unterstützung vieler 



') Aus meinen in den Jahren 1902/3 im Gasthofe .,Zur Post" in 
Hohenems über „Die (ieschiohte des Ortes Holienems" gehaltenen öffent- 
lichen Vorträgen sei hier nnr die folgende übersichtliehe und authentische 
Darstellung der Kriegserlittenheiten der M arktge mein de H oben - 
ems aus den .lahren 1792 — 1801 wiedergegeben: 

K. k. österreichische Truppen. 



Voi'spann 


Verpfle- 
gungen 


Sclian- 
zungiui 


Land- 
miliz 


Hütten, 
Holz usw. 


Requis.- 
Auslagen 


Beschädi- 
gung 
durch oest. 
und rusfs. 
Truppen 


Armatur 

und 
Provian- 

tur 


22417.Bß 


fl. 

75678.1 1 


fl. 
1407.0 


fl. 
1440.r)7 


fl. 

4987.r)6 


fl. 
5280..-)0 


fl. 

2.S507.ß 


fl. 
3670.21 



Französische Truppen. 



Vorspann 


Verpflegung 


Contribution 


Erpressung 


Extra- 
Auslagen 


fl. 
t;704.1 


fl. 

4806.41 


fl. 
9020.22 


fl. 
Öl 21.52 


fl. 
17371.3 



in Summa: fl. 181304.5 kr. 



Cirkiilar der Vorarlberger Stände. 145 

au den Bettelstab gebrachter Gemeiüden aufzubringen. Der 
patriotische Sinn der wenigen bessersituierten Bürger musste 
da helfen. Vorerst ward es mit Anleihen bei einzelnen Privaten 
versucht. So streckten die Hohenemser Judenvorsteher, die 
k. k. Hoffaktoren Wolf Levi und Co., den Vorarlberger Ständen 
gegen Schuldbrief Nr. 104 vom 16. April 1799, unterfertigt 
von den Bürgermeistern von Bregenz und Feldkirch Karl 
lü-as. f..eo und Fr. Bart. Sauser, einen Betrag von fl. 500 vor. 

Doch langte es damit bei weitem nicht. Die in Feld- 
kirch tagenden Stände beschlossen darum am 3. Dezember 1800 
an das ganze Land um ein freiwilliges Darlehen zu appellieren. 
Auch an die Judenschaft wandten sich die Stände zu dem 
ßehufe und das hierauf bezügliche Schreiben mag, seines 
historischen Wertes halber, hier wortgetreu Platz finden: 

„Löbl. Judenschafts- Vorstehuug ! 

Die ausserordentliche Aufliegenheit und die Armuth, 
mit welcher unser liebes Vaterland ringet, haben den 
3. d. M. die Löbl. Herrn Landstände bei der abgehaltenen 
ständischen Sitzung in Feldkirch auch zu einem ausser- 
ordentlichen Mittel verleitet, um dieses zu retten, Ordnung 
und Eintracht als die einzige Veste noch ferners bei- 
zubehalten. 

In dieser edlen Absicht haben sie beschlossen: im 
ganzen Lande Vorarlberg ein ganz freiwilliges Darlehen 
mit dem aufzunehmen, dass dieses nach hergestelltem 
Frieden den grossmütigen Vaterlandsunterstützern samt 
den aufgelaufenen Interessen zu 5 % dankbarst zurück- 
bezahlt, die Namen der rechtschaffenen Darleiher mit 
der Summe ihres Darleihens in ein eigens zu verfassendes 
schönes Ehrenbuch eingetragen, dieses zum ewigen An- 
denken des Biedersinnes im ständischen Archive auf- 
bewahrt und nach hergestellter Ordnung der Dinge Sr. 
Majestät selbst zur allerhöchsten Berücksichtigung vor- 
gelegt werden soll. Da sich die Löbl. Herrn Laud- 
stände stets überzeugt hielten, dass die Löbl. 
Judenschaft in Hohenems an dem Wohlstande 
und Aufrechterhaltung unseres Vaterlandes den 
wärmsten Anteil nahm, dies öfters durch thätige 
Beweise analisirten, so haben sie uns hierher de- 
putiert, um dieses Aulehen auch hier zu »Mioagieren. 

10 



140 I^ünftes Kapitel. 

Seine wesentliche Bestimmung wird sein : 

a) die Herren Lieferanten, 

b) die ausständigen Zinsen zu bezaiilen, 

c) die notlileidendsten Gemeinden im Partikular 
uacii Mögliciikeit zu unterstützen, damit sie vom 
völligen Untergänge gerettet und nicht gezwungen 
werden ihr Vaterland zu verlassen. 

Damit dieses Darlehen um so ergiebiger und nacli 
Kräften eines jeden Privaten ausfalle, so ersuchen wir 
die Löbl. Vorstehung ihren Angehörigen unter andern 
Gründen, die ihre Klugheit selbst wählen wird, auch 
folgende zur Beherzigung vorzulegen: 

1. (Ordnung, Eintracht und Einigkeit war bisher die Rettung 
unseres Vaterlandes, welche in diesem geherrscht haben. 
Solange diese gehandhabt werden, wird 

2. Sicherheit des Eigenthumes und der Personen bestehen, 
fallen jene Vesteu, so fallen auch diese und Anarchie, 
fremde Administration werden an der Stelle folgen und 
damit anch 

3. der Umsturz unseres ohnehin armen Vaterlandes. 

4. Die Kräfte sind erschöpft und es können daher die Aus- 
lagen durch die gewöhnlichen Steuern nicht mehr ge- 
deckt und eingetrieben werden, weil diese fast wieder 
grösstentheils auf jene fiel, welche bisher am meisten 
gelitten haben, noch fortleideu und selbst um Hilfe rufen. 

5. Alles wird seiner Zeit wieder mit Dank samt Zins zu- 
rückersetzt, 

6. in's Ehrenbucii eingetragen, 

.7. zum ewigen Andenken aufbewahrt, 

8. der hochansehnlichen Hofkommission Sr. Majestät unseres 
gnädigen Landesfürsten selbst zur allerhöchsten Berück- 
sichtigung auch vorgelegt v»erden. 

i). Vorarlberg hat bisher seine Pflichten im innigsten Ver- 
stände erfüllt, dadurch sich 
10. die hohe Gnade der hocliansehulicheu Hofkommission 
und Sr. Majestät selbst erworben. Diejenigen also, welche 
dieses biedere, getreue Land in dem äussersten Noth- 
falle unterstützen, werden sich umsomehr derselben theil- 
haftig machen, da 



Patriot. Benehmen der Hohenemser Judenschaft. 147 

11. belobte hochaosehuliche Hofkomraissiou imd Se. Majestät 
.selbst den Löbl. Herrn Ständen Eintracht, Ordnung, die 
bisherige Verfassung aufrecht zu erhalten, wiederholt 
auch noch nach hergestelltem Waffenstillstand nach Kräften 
beizubehalten anempfohlen uud aufgetragen haben. 

12. Bisher waren die Löbl. Herrn Stände so glücklich diesen 
höchsten Absichten, dem ersten Rufe des Vaterlandes 
zu entsprechen und sie werden es hoffentlich weiter ver- 
mögen, weno sie 

13. durch grossmüthige Darleiher in ihren Verrichtungen hilf- 
reiche Hände erhalten. 

Hoheoems, den 5. Dezember 1800. 

Gez.: Ködrono, Syndicus, 

Doktor Josef Ganahl, stand. Deputierter."^) 

Die Vorstehung der Judengemeinde entsprach dem in 
ihren patriotischen Sinn gesetzten Vertrauen, indem sie bereits 
am \). Dezember 1800 den ständischen Deputierten 2387 fl. 
als Darlehen übergab.^) 

Im selben Jahre, am 28. Juli 1800, streckte die Juden- 
gemeinde auch der Ortsgemeinde Hohenems 600 fl. vor. 

Auch die Municipalität Chur suchte damals um ein 
Darlehen bei der Judengemeinde an, musste aber, mangels 
aller Mittel, abschlägig beschieden werden. Im Jahre 1801 



'j Das Original befindet sich im Archive der isr. Kultusgemeinde 
Hohenems. 

*) An dieser Summe waren beteiligt: 



.,Lazarus Josef Levi fl. 500 

Wolf Josef Levi u. Söhne . . „ 500 
Josef Hirsch Levi u. Sim. 

Lazar. Levi „ 150 

Nathan Elias . 50 



Übertrag fl. 1635 

Jakob Salamon Wolf „ 100 

Albrecht Levi u. Sohn . . „ 50 
Hayum Moos u. Söhne . . „ 50 
Seligmann Lämle „ 100 



»md 500 Mass Branntw. zu Benjamin Levi, Judenvor- 

billig. Preis. siuger „ 50 



Heinrieh Levi u. Sohn .... „ 100 

Lob Moos sein Sohn Movses „ 20 

Simon Ulimann „ 100 

Kilian Moos „ 25 

Gebr. Levi Levi „150 



Salamon Lazarus 20 

Josef u. Jakob Samuel Levi „ 20 

Berman Wolf Levi „ 20 

Michel Bickart „ 22 

Abraham Eman. Levi . . . „ 20 



Henle Mayer „ 25 j Josef Veit Levi „ 200 

Michel Moos Schulmeister „ 5 ' L'rban Veit Levi „ 50 

Marx Schlesinger Juden- i Levi Veit Levi ^ 25 



waibel „ 10 

Zu übertragen ü. 1635 



Mathias u. Sam. Levi . . . . „ 25 



Summa fl. 2387" 
10* 



148 Fünftes Kapitel. 

hatte die Judengerueiiide ebenso wie alle auderu eine Cou- 
tribution von mehrereii tausend Gulden zu entrichten, die auf 
die einzelne Familien verumlagt, jedoch im Jahre 1803 nach- 
träglich ausGemeindemitteln bezahltresp. rückvergütet wurden.') 

l^^in übersichtliches Bild über die patriotischen Leistungen 
der Juden gibt die folgende amtliche Einquartierungstabelle: 
,,Es waren bei der Judenschaft in Hohenems seit Jänner 1797 
einquartiert, sowohl au k.. k. oesterr., wie französischem Militär: 



Von Januar 


1797 bis Mai 


1798 .. 


. . 1223 Mann 


„ Mai 


1798 „ Oktober 


1799 .. 


. . 28839^ „ 


„ Oktober 


1799 „ Jänner 


18(Ml .. 


. . 16928 „ 


„ Jänner 


1800 „ 13. Juli 


1800 . . 


. . 19644 „ 


Bis 26. April 


1801 




132 „ 



k. k. Militär Summa 66766 Mann 
Bis 13. Juli 1800 bis April 1801 Franzosen 2089 „ 

Summa 68855 Mann 
worunter die mehrest und höchsten Offiziere. 

All diese wurden unentgeldlich und ohne Ent- 
schädigung von irgend Jemanden bequartiert und 
verpflegt." 

Solche patriotische Opferwilligkeit verdient im Buche der 
(leschiclite verewigt zu werden. Desgleichen die Zeugnisse, 
welche die verschiedenen Truppenführer den Juden ausstellten 
über die Art und Weise, wie sie ihre Opfer auf des Vaterlandes 
Altar niederlegten. Mögen diese Zeugnisse, eben so viele 
Ehrendenkmale patriotischen wie jüdischen Sinnes, hier im 
Wortlaute, chronologisch geordnet, folgen: 



Das Begleitschreiben zur Übergabe lautete: 

„Über das Gesuch der zwei Herrn Abgeordneten der Löbl. 
H. Stand. Commission als Herr Svndicus von Ködnoro und Herr 
Dr. Ganahl ddo. 5. dieses haben sich die Judenschafts Vorsteher 
angelegen sein lassen und die ganze Judensohaft zusammen berufen, 
obzwar wir selbsten gar viele beschwerden zu bestreiten haben 
und die Eincassierung ohne das sehr schwer ist, so haben wir doch 
endlich 11. 2387 zusammen gebracht, welche wir den Löbl. Herrn 
Landesständen überreichen. Wir bitten den AVerth nicht so 
hoch als die vaterländische Gesinnung zu achten und 
uns die Zufriedenheit mit ein paar Zeilen zu schenken." 
') Vgl. Kap. 10. Aus dem gleichen Jahre liegt auch eine Danksagung 
der Ortsgemeinde ßalgach für eine von der Judenschaft erhaltene an- 
sehnliche Unterstützuu}' nach einem Brande vor. 



Patriot. Bt'iiehnieu der llohoneniser .liHluiischaft. 149 

„Attestatiim. 

Dass die Judenschaft in Hoheuenis wiilnend dem 
in dem Jahr 1796 fürgewessenen p]infall der Xen- 
Frauken den unter meinem Commando gestandenen 
zum Vorposten-Dienst bestimmten Landesscbützen nicht 
nur allmöglichen Vorschub geleistet, sondern auch denen- 
selben zu mehrerenmalen freiwillige Beiträge in Essen 
und Trinken dargereicht; besonders aber sich am an- 
hängigsten bezeuget haben gegen das kais. kgl. Militär 
wie auch gegen die Landesschützen in den Tagen 
von denen vorgefallenen Gefechten vom 16.. LS. und 
■JH. August wie auch am 16. September a. c. , wo 
die Judenschaft die zurückgekommenen Blessierten 
von denen Vorposten nicht nur am mensche nfreund- 
.schaftlichsten in ihre Behausungen aufge- 
nommen, dieselben mit Essen und Trinken 
versahen und die damalen fehlende Leinwand 
und Charpie freiwillig ohne Anforderung aus 
ihren Mitteln darreichte. Dieses wird hiermit von 
Seite meiner zur Dankbarkeit der Judenschaft mit 
Beifügung meines Petschafts und eigenhändiger Unter- 
schrift bestättiget. 

Bludenz, den 28. November 1796. 
(L. S.) Christian Ludwig Alexander 

Graf von Leining-AVesterburg, 
der Schützen-Commandant des Landes Vorarlberg 
und Hauptmann von Bender Nr. 41." 

„Attestat. 

Dass vom 20. Juni bis incl. 12ten July 1797 
an 797 Köpfe von der Obristencompagnie des löbl. 
k. k. ersten componierten Banater Bataillons die Haus- 
mannskost von der hiesigen hebräischen Gemeinde 
aus freiem Willen und zwar so, dass jeder Mann 
mit dem Essen zufrieden war, gratis hergegeben 
wurde und überhaupt sich mit der Mannschaft 
sehr gut vertragen habe, beattestiere mit meiner 
Fertigung. 

Sign. Hochenems, den 12. Juli 1797. . 
(L. S.) Jovanori, Hauptmann." 



^50 Füiittos Kapitel. 

„Bi'echenville Infant : Chev. Vamberti Compagn. 

Zeugniss! 

Dass von obgedachtem Regiment und Compagnie 
dreissig acht Mann dnrch ein Monat und fünf Tage bei 
denen Juden einquartiert waren und selbe während der Zeit 
die Kost gratis erhielten, auch sonst das freundlichste 
Einverständniss unter beiden Theilen herrschte, welches 
Zeugniss ich auf der Juden Ansuchen nicht entsprechen 
konnte zu verabfolgen. 

Sig. Hochenems, am 2ten Oktober 798. 
{\j. S.) Chev. Vamberti, Hauptmann." 

„Stand. 
Uiber die vom 12ten September bis 29. Oktober 1798 
von dem loten leichten Infanterie Bataillon bey der Juden- 
schaft zu Hochenems bequartiert gewesene Mannschaft als: 
1 Lieutenant Adjutant 
1 Lieutenant Proviantmeister 
1 Ober \ 
1 Unter / "^^^ 

1 Ober 1 ,. . 

2 Unter r^"™'^ 
1 Profoss 

1 Feldwaibel 
1 Bataillions-Tamböür 
70 vom Feldwaibel abwärts 
80 Köpfe, 
sage! achtzig Köpfe wie oben specificirt. 
Sig. Hohenems am 29. Oktober 1798. 

Carl Ferry, Lieutnant. 

Dass obige Individuen auf benannte Zeit bequartiert 
und bestens verpflegt worden, so dass weder die 
mindeste Klage noch Beschwerde vorgekommen, 
wird von Seiten des Bataillon-Commando anmit bestättigt 
mit dem Bemerken, dass auf die ganze Zeit der 
Kost-Groschen von der gem. Mannschaft nicht 
abgenommen worden. Sig. üb supra." 

„Zeugnis. 
Dass die hier anwesend und ansässige Judenschaft 
sich gegen das Steinische Batalion während der 11 Tage, 



Patriot. Benehmen den Hohenemser thiden!*iliaft. 15] 

als dasselbe liier gelegen hat, iu allem willfährig 
gezeigt und alles zu der bequemen Unterkunft und 
Verpflegung der Mannschaft beigetragen hat, ein solches 
wird auf Ansuchen der hiesigen Judengemeinde anmit 
attestiret. 

Sig. Hochenems, den 8. März 791». 
(L. 8.) Freiherr von Eichler, 

Major von Stein." 

„Dass die Judengeraeinde von Hochenems jenen 
Theil dieses Linien-lnfanterie-Regiraentes, der alldort in 
Gemessheit der bestandenen Dislocation vom 8. März bis 
12. May a. c. einquartirt lag, nicht Jiur das Obdach 
leistete, sondern gut, freundschaftlich und uneigen- 
nützig behandelte, auch sich gegen selbe in mancher 
Rücksicht wohlthätig bewiess, wird von Seite dieses 
Regimentes anmit bestättiget. 

Sig. Zürich am 12. July 1799. 
([.. S.) Major Chlunchett, 

Sr. k. k. Mayestät wirklicher Obrister und der 
Hosten liinien Inf. Regiments. Commandant." 

„ich Kndesunterzogener attestiere der Judenschafts- 
gemeinde in Hohenems, dass sie sich gegen mich und 
meine unterhabende Division, die Zeit, die ich bey selbe 
in quartir war, mit aller Zufriedenheit benommen 
und von dem gemeinen Mann die gebühr nicht 
abgenommen. 

Hochenems. den 20. November 1799. 

Graf zu Pappenheira." 

„Zeugniss. 

Auf Anlangen wird der Judenschaft zu Hochenems 
andurch bezeuget: Wie dass ich nebst meiner Vorarl- 
berger Schützencompagnie, welche ich zu komman- 
dieren die Ehre gehabt, zurZeit als wir anno 1800 zu Hochen- 
ems auf Vorposten gestanden, bei alldortiger Juden- 
schaft auf das liebreichst und bereitwilligste 
gut verpflegt und bestens einquartiert worden 
sind und dies alles ganz unentgeldlicli. 



152 Fünttes Kapitel. 

Für solch erzeigter vaterländischer Liebe 
und Auhäuglichkeit wir deuenselben gebührend 
danken; welches mit dieser Fertigung bekräftiget wird. 

Sig. Goetzis, den 3ten März 1800. 
(L. S.) Johannes Bauer, Schützen-Hauptmann." 

„Zeugniss. 

Es wird andurch der Judenschaft zu Hochenems auf 
Verlangen folgendes Zeugniss erteilet: 

Dass nämlich die Vorarlberger Schützen-Com- 
pagnie, bei welcher ich als Fähndrich angestellt zu sein 
die Ehre gehabt habe, als selbe 1800 zu Hochenems auf Vor- 
postendienst gestanden, bei der Judenschaft daselbst aufs 
Freundlichste aufgenommen, äusserst gut ver- 
pflegt und bequemlichst einquartiert worden 
seyen, alles durchaus ganz unentgeldlich. 

Welche äusserst erprobten vaterländischen 
Eifer nnd Ergebenheit mit vollen Dank er- 
wiederet und andurch bekräftiget wird. 

Sig. Goetzis, den 3ten März 1803. 
(L. S.) Mathis Gissinger, Fähndrich." 

„Zeugniss. 

Da die Judenschaft in Hohenems ein Zeugniss ihres Be- 
tragens gegen die Feldkircher Schützencompagnie, 
die ich damals zu kommandieren die Ehre hatte, verlangt, 
so muss ich bezeugen, dass im Jahre 1800, wo die Fran- 
zosen Bregenz besetzt hatten, und meine Compagnie in 
den Bregenzerwald und nach Ems detachirt wurde, die 
dortige Judenscliaft meine Schützen-Compagnie 
im Hin- und Her-Marschieren unentgeltlich re- 
traschierte und mit gefälligster Bereitwilligkeit 
ins Quartier aufnahm. 

Die Gastfreundschaft der Juden gegen die 
Landesverteidignngsmannschaft ging so weit, 
dass sie mit Vergnügen und ungeheuchelter 
Freude alle Zimmer aufsperrten um die zahl- 
reiche Mannschaft unterzubringen und alle 
Decken, Kotzen, sogar ihre eigenen Betten den 
Officirs und gemeinen anbothen und überliessen. 
Dieses menschenfreundliche Betragen der Juden 
verdient unsern Dank u. Achtung, und ich finde 



Patriot. Benehmen der Hohenemser Judenschaft. 158 

mich verpflichtet durch nachstehende Fertigung 
dieses zu bekräftigen. 

Sig. Feldkircli d. 14ten März 1803. 
(L. 8.) Fr. Jos. Grisz, 

gewesener Hauptmann der Feld- 
kircher Schtttzen-Compagnie.^' 

„Zeugniss 

Ich mache es mir zum Vergnügen der Judenschaft 
in Hohenems nach ihrem Verlangen über ihr Benehmen 
gegen die Dornbirner Schützencompagnie, deren 
Commando ich zu führen die Ehre hatte, nachstehendes 
Zeugniss zu erteilen: 

Als ich inl Monat May 1800 mit meiner Compagnie 
von den Vorposten von Fussach, Geissen und St. Joh. 
Höchst nach Hochenems beordert wurde, so traf ich all- 
dort von der Judenschaft nicht blos eine äusserst 
gute Aufnahme, sondern es wurde meinem 
Corps sowohl in Hinsicht der Verpflegung als 
der Logis und zwar anentgeltlich alles mit jener 
Hereitwilligkeit gereicht, die mau nur von Ein- 
wohnern, denen das Wohl des Vaterlandes am 
Herzen liegt, erwarten kann, ihre Häuser und 
Mobilien stunden uns mit grösster Freude zu 
Diensten. 

Für dies freundschaftliche Betragen bezeuge 
ich der Judenschaft meinen warmen Dank und 
meine Achtung und rechne es mir zur Pflicht 
diese Gesinnung hiemit durch meine eigene 
Unterschrift in Kraft zu setzen. 

Dornbirn d. 20. März 1803. 

Marx Aloys Luoger, 

ehemaliger Hauptmann der Dornbirner- 

Schützen-Compagnie. " 

„Endesgefertigte halten uns verpflichtet der Juden- 
schaft zu Hochenems das gerechte Zeugnis zu 
ertheilen, dass als unsere Vorarlberger Schützen- 
(Jompagnie ao. 1796 zu Hochenems gewesen wir sämt- 
lich von dortiger Judenschaft freundschaftlich aufge- 
nommen gut und ganz unentgeltlich verpflegt und 
quartiert worden sind, ja das Wohlwollen und 



1 54 Fünftes Kapitel. 

der patriotische Kifer der ersagter Judenschaft 
erstreckte sich noch weiter, dass dieselbe frei- 
willigst dieser Compagnie Ergäuziiu g ihrer Mon- 
tureii, einige Stücke wollene Tücher, ebenfalls 
ganz nnentge I dlich angeschafft haben, diess 
nebst unserem vollen Dank mit Unterfertigung diess 
bestättiget. 

Sign. Feldkirch d. 12. May 1803. 

Fr. Ign. von Furtenbach 
als damaliger Scharfschützen-Hauptmann." 

„DassEudesgefertigter zweiStück wolleuTuch, welche 
die Judenschaft in Hochenems zu Uniformirung der 
Schützen unter damaligen Hauptmann von Furtenbach 
unentgeldlich hergegeben, für die ärmere Schützen — 
('lasse auf den Posto Ems vertheillet habe, wird hier- 
mit beurkundet. 

Feldkirch den 24. May 1803. 

' Josef Bredschneider 

als damahliger Oberlieutenant 
Ständischer Schützen-Comraisär. " 

Ich füge den vorangeführteu Zeugnissen vom patrio- 
tischen Sinne, der Selbstlosigkeit und wahrhaft herzerhebeuden 
Menschenfreundlichkeit der Juden kein Wort bei. 

Die Krone all dieser Ehrendokumente aber bildet das 
Zeugnis der Vorarlberger Stände, welche die Juden ihres Landes 
nun näher kennen und darum auch schätzen gelernt hatten. 
Dieses lautet: 

„Da die Vorstehung der Judenschaft in Ho heuern 
über ihr Benehmen bei der letzten Landesvertheidigung 
im Lande Vorarlberg ein landständisches Zeugniss ab- 
verlanget, so finden wir uns verpflichtet, im Namen der 
ganzen Landschaft anmit zu bezeugen, dass dieselbe 
während der ganzen Kriegsepoche sich in mehr- 
fältiger Rücksicht und in verschiedenen An- 
lässen besondere Auszeichnungen und Ver- 
dienste für das l^and erworben liabe, denn 
1. ist die Judenschaft über die ganze Dauer des Krieges 
mit starker Einquartierung sowohl der k.k. Truppen als der 
eigenen Landesschützen, auch andern Prästationen mit Lei- 



Patriot. Benehmen der Hohenemser Judenschaft. 155 

stimg des Vorspanns, Schauzarbeiteu u.dgl. Kriegserforder- 
nisse beträchtlich mitgenommen worden; haben diese auch 
nach den vorgelegten und sehr ruhrawürdig von den Corps- 
und Truppencommandanten ausgestellten Zeugnissen, und 
nach den allgemeinen Aussagen sowohl der Herrn Schützen- 
Offiziers als der gemeinen Mannschaft mit aller Bereit- 
willigkeit ohnentgeldlich gelitten, eben so auch 
■2. haben dieselben während dem Dasein der Franken sich 
in jeder Gelegenheit bei den ausgeschriebenen und ver- 
steigerten Viktualien-Lieferungen und andern fränkischen 
Requisitionen sehr bereitwillig und uneigennützig 
zum Besten des Landes bewiesen und nützlich 
verwendet, wie selbe denn vorzüglich und letztlich 
i). bei der bereits gänzlichen Entkräftigung des Landes und 
eingerissenen Geldmangel durch die unausgesetzte Frucht- 
uud Geldrequisitionen der Franken ein sehr beträchtliches 
freiwilliges Gelddarlehen dem Lande vorgeschossen haben. 
Urkundlich nachstehende Fertigung und Unterschrift. 
Feldkirch und Bregenz den 22. März 1803. 

Im Namen der Stände des Landes Vorarlberg: 
Josef Melch. Kessler, 
(L. S.) Bürgermeister d. k. k. o/ö — n ersten 

Direktorialstadt Feldkircli. 
Fr. Bert. Sauser, 
Bürgermeister d. k. k. o/ö — n zweiten 
Direktorialstadt Bregenz." ^) 
Trotzdem die Judenschaft, wie gezeigt, so überreichlich au 
den r^asten und Leiden des Kriegszuges mitgetragen, hatte 
derselbe für diese noch ein unangenehmes Nachspiel. 

AVie bereits oben erwähnt, hatten die Juden i. J. lT9(i 
dem Orte Hohenems freiwillig ohne jegliche Verpflichtung 



') Auch der Ortsgemeinde Hohenems wurde auf Gesuch des 
Joh. Halbeisen, Josef Mathis und Antony Jäger vom 6. 1. 1804 ein Zeugnis 
der Stände erteilt. Dieses lautet: 

..Auf Ansuchen der Löbl. Christen- Gremeinde und Gericht 
Hohenems und im Namen der Stände des Landes Vorarlberg wird 
anmit bezeuget, dass Selbes während der letzten Kriegs-Epoche 
sowohl mit Verpflegung des k. k. Militärs als Leistung des ge- 
nöthigten Vorspannes und andern Erfordernissen zum Besten des 
höchsten Dienstes all mögliches beigetragen und sogar eine eigene 
Miliz-Kompagnie zum Dienst des Vaterlandes und zwar in dem 



15(5 Fünttcbi Kapitel. 

hiezii uud ohne irgeiidwelclie Zusage für die Zukunft ^/s zu 
den damaligen Kriegserlittenlieiten beigetragen. 1801, als die 
Franzosen eudlieli abgezogen waren, trat die Ortsgemeinde an 
die Judenschaft mit der Forderung heran, diese solle ^/s zu 
den gesammten Schäden nun beitragen. Die Judeuschaft holte 
sich alsbald ein Zeugnis^) vom k. k. Kreis- und Oberamte in 
Bregenz, dass hiezu keinerlei Verpflichtung für sie vorliege, 
die gestellte Rechnung eine übermässig grosse und z. B. aucli 
ein Betrag von fl. 11000 eingestellt sei, den die Gräfin von 
Harrach für ihre Hohenemsischen Besitzungen foidere und die 
ja die Judenschaft gewiss nicht angingen. 

Jedoch aus freundnachbarlicher Friedensliebe erklärten 
sich die Juden bereit zu jenen Erlitten heiten beizutragen, die 
die Franzosen verursachten, jedocli mit Ausschluss jener Re- 
quisitionen, welche in's Reich bezahlet und vom Comite in 
Augsburg ausgeschrieben worden sind. Die Ortsgemeinde be- 
trat nun den Klageweg, die Sache kam vor der k. k. Ad- 
ministration in Hohenems zur ersten Entscheidung, die zu 
Ungunsten der Judenschaft ausfiel. 2) 

ersten Feldziig gegen die Frauken im Jahre 1796 beigestellt liabe. 
Sie A'crdient daher für ihren Patriotismus und Dieustbereitwillig- 
keitbillig und pflichtmässig angerühmt und nachdeutsamst empfohlen 
zu werden. 

Feldkirch, den 20. Jänner 180-1. 

Im Namen der Stände . . ." 
) ..Zeugnis. 

Auf Ansuchen der Judenschaft von Hohenems wird hiermit 
beurkundet, dass die in Hohenems sich befindliche Juden 
unmittelbaruntererzherzogl. oester reichischen Schutze 
stehen, und ausser der Militär -Bequartirung an die Reichs- 
gräflich V. Harrach'sche Her rsehafts - Ob erbeam tun g 
oder an die dortige Gemeinde nichts an Contributcionen 
zu entrichten schuldig seyen, daher auch an jenem, so von 
den zu Hohenems gehörigen Reichs- Unterthanen gefordert wird, 
bishero und solange sich selbe unter österr. Schutze befinden, etwas 
abzuführen oder beyzutragen, nicht Aerhalten worden sind. 

Urkundlich das hervorgedrückte Kreis- und Oberamtliche 
Insiegel. 

Bregenz, den 6. März 1801. 

Das k. k. Kreis- und Oberamt." 
'-) Das Urteil lautote : 

„Erkenntniss. 
Über die von Landamann und Gericht dahier eingereichte 
IJitte und die von der hiessigen Jiulenschaft hierüber erstattete 



Nachspiele. 157 

Das eigene freie Erbieten der Jndeu ^/s zu den fran- 
zösischen Erlittenheiten beizutragen, ward nun zum Beweis- 
mittel gegen .sie. Das Urteil sprach den klaren Bestimmungen 
des Schutzbriefes Hohn, umsomehr als die Juden kaum % der 
Bevölkerung bildeten. Die .hidenschaft wollte den Rekurs 
ergreifen, doch einigten sich die Vorsteher der beiden Ge- 
meinden am 15. April 1808 dahin, dass die Streitsache durch 
unparteiische Schiedsmänner zum Austrage gelangen sollte. 
Als solche wählten sie den Bludenzer Vogtei- Verwalter Johann 
Peter Vögel und Dr. Jos. Ganahl. Sollten diese nicht zum 
Schiedspruche kommen können, stand es ihnen frei, sich durch 
einen 3. Schiedsrichter als Obmann zu verstärken. Letzterer 
Fall trat wirklicli ein, und der Feldkircher Bürgermeister Jos. 
Melchior Kessler trat als Obmann an die Spitze des Schieds- 
gerichtes, das am 13. Mai 1803 folgende, 8 Punkte umfassende 
Entscheidung traf, der sich beide Parteien fügten: 



Vernehmlassung inbetreff der von der ersteren an die letzteren 
vom 29. Mai 1797 bis 13. July 1800 geforderten Koncurrenzleistung 
zum 5. Theil an den erflossenen Millitär-Unkosten und Kriegs- 
erlittenheiten hat die k. k. Administration in Erwägung nach- 
stehender Umstände zu erkennen befunden : 

Nachdem die Judenschaft in der Grafschaft Hohenems häus- 
lich angesessen, wodurch die diesem Orte während dem ganzen 
Krieg zugegangenen Beschwerden und Erlittenheiten eine aufgelegt 
unvermeidliche Folge für beide Theile werden mussten, die in 
dieser Rücksicht die Konkurrenz des einten auf jene des andern 
unbedingt erfordert; 

nachdem ferner die Judenschaft in Hinsicht der französischen 
Militärunkosten sich selbst zur Konkurrenz zum fünften Theil er- 
kläret und hiedurch das Verhältnis zum Beytrage bestimmt hat; 

nachdem endlich es die Billigkeit und die Grundsätze der 
Koncurrenz erheischen, dass die gemeinsamen Kriegsbeschwerden 
und Unkosten verhältnissmässig gleich sollen getragen und be- 
stritten werden; 

so habe die hierortige Judenschaft auch in Ansehung der 
belangenden sämtlich diessfällig zu erweisenden Militärkosten mit 
der Gemeinde Embs zu konkurrieren und hieran den 5. Theil durch- 
aus zu tragen und zu vergüten, dagegen jedoch aber auch sie 
Judenschaft dasjenige davon in Abzug bringen mag, was selbe 
erweislicher Dingen an den hieruntigen Unkosten bereits selbst 
getragen hat. 

Hohenems, den 4. Dezember 1802. 

K. k. Administration der Grafschaft Hohenems." 



158 Fünftes Kapitel. 

Hat die .ludengemeiiule für ihre eigenen Erlitteiiheiteu, 
mögen diese welchen Namen immer führen, keinerlei B'orderung 
an die Christengemeinde zu stellen. Hierher gehört auch eine 
Baarsumme von fl. 4808.16, die die Judenschaft in die Rech- 
nung der gemeinsamen Erlittenheiten stellte. 

Die Judengemeinde bezahlt der Christengemeinde noch 
haar fl. 874 bis nächsten Jakobi. ^) 

Dafür hat dann die Christengemeinde keinerlei Forderung 
mehr an die Judenschaft zu stellen. 

An allen dem Orte Hohenems von wo immer her 
zuteil werdenden Vergütungen hat die Judenschaft 
keinen Anteil. 

Das zukünftige Konkurrenzverhältnis bei Militärerlitten- 
heiten soll das gleiche wie vor dem Jahre 1796 sein. 

Die Prozesskosten werden gemeinsam getragen. 

Das Zustandekommen der dritten Koalition gegen Frank- 
reich im Jahre 1805 drohte die Kriegsfurie auch in den Alpen- 
ländern wieder zu entfesseln und neue Not heraufzubeschwören. 
Am 13, November 1805 traten darum in der k. k. Admini- 
strationskanzlei in Gegenwart des prov. k. k. Administrators 
.1. G. ßerreitter die Vertreter der beiden Gemeinden zusammen 
und beschlossen angesichts der drohenden Gefahr: 1. eine 
Deputation an die Stände nach Bregenz zu schicken, dass der 
so verarmte Ort aus dem k. k. Militärmagazin, das, dem Ver- 
nehmen nach, die Stände übernommen hatten, mit Lebens- 
mitteln im Kriegsfalle unterstützt werden solle. 2. Sollte die 
Deputation bei den Ständen ein Darlehen von fi. 1000 er- 
wirken. H. Machen sich Christen- wie Judengemeinde anheischig 
je fl. 500 schnellstens flüssig zu machen und für den Notfall 
gegen gemeinsame Verwendung und spätere Verrechnung in 
Bereitschaft zu halten. 

Doch die Ereignisse waren noch schneller. 

Bereits am 4. November stand Marschall Ney in Inns- 
bruck, schlug das oesterr. Heer, und schon einige Tage später 
hatte der Ort Hohenems^) an die Franzosen eine Contribution 
in der Höhe von fl. 1200 zu leisten, die durch eine Anleihe 
beim Handlungshause Peter Josef Leone in Feldkirch gedeckt, 

') Am 21. Juli 1803 erlegte der Judenvorsteher Laz. Jos. Levi diesen 
Betrag zu Händen des Landamm. Johann Halboisen. 

■^) Ausführliches in meiner „Geschichte des Ortes Hohenems." 



Rechtsverhältnisse der Juden. ] 59 

am 19. November 1805, durch Nathan Elias, den Kassier 
der jüd. Gemeinde, aber wieder getilgt wurde. 

Es war eben eine Zeit tiefster Armut, die der Krieg herauf- 
beschworen hatte und erst der Pressburger Friede brachte dem 
schwergeprüften Lande, wie den meisten europäischen Staaten, 
einige Jahre Frieden. 

Werfen wir nun noch vor Abschluss dieses Kapitels einen 
Blick auf die Rechtsverhältnisse der Judenschaft jener Zeit. 

Wie bereits erwähnt bestand die Gemeinde aus 6S Schutz- 
geld zahlenden Familien. Von diesen zahlten: 



5 Familien 


jährlich. 


... . fl. 20 = fl. 


100 


23 „ 


r 


. 18 = „ 


414 


1 


» 


„ 1'^ = ,1 


17 


32 „ 


» 


,1 15 = ,1 


480 


4 


n 


,1 12 = „ 


48 


1 . 


11 


„ 7.30= , 


7.30 


•> 


von Schutzgeld befreit. 





Summa fl. 1066.30 

Ferner zahlte die Judengemeinde für Synagoge und Be- 
gräbnisstätte jährlich fl. 15 als Grundsteuer. 

Mehrere Häuser der Juden unterlagen einer jährlichen 
Cameral-Steuer. 

Die Taxen bei Heiratsconsensen variirten zwischen 30 nnd 
50 fl. Für das bewilligte Schankrecht hatte der jüdische In- 
haber ebenfalls eine besondere Taxe zu entrichten. Hierzu kam 
noch die der Ortsgemeinde Hohenems zu entrichtende Steuer^,) 
wozu die Schätzung gemeinsam von beiden Gemeinde- Vor- 
stehern erfolgte. Die Bemessung vom 22. Jänner 1802 zeigt 
ein versteuerbares Capital von fl. 7720 bei 46 jüdischen Steuer- 
trägern, was bei einer Quote fl. 1.15 pro 100 fl. eine jährliche 
Steuer von fl. 96.30 kr. ergibt. 

Hierzu kamen noch die Gehalte von Rabbiner, Kantor, 
Lehrern, Schächter, Waibel, Nachtwächter usw., so dass die 
kleine Gemeinde überaus belastet war. 

Das Erhebende für den jüd. Geschichtsschreiber inmitten 
der zahlreichen Schrecknisse dieser Kriegsjahre ist die Ein- 
tracht zwischen den Angehörigen der beiden Confessionen, 
die sie herbeigeführt haben. Gemeinsames Leid verbindet zu ge- 



') Auf Grund der §§ 19 u. 20 des Schutzbriefes von 1768. 



160 Fünftes Kapitel. 

meinsainer Abwehr. Leider aber ist aueii diese Zeit nicht 
bnr aller Zeichen der Unduldsamkeit. 

Das Maria-Theresianische Verbot des Realitäten-Erwerbes 
und -Besitzes durch Juden war glücklich über die Josefinische 
Zeit hinübergerettet worden und ward von der sich immer 
mehr vergrössernden Hohenemser rFudengemeinde sowohl als 
drückende Fessel wie angesichts ihres patriotischen Vorgehens 
als Kränkung empfunden. Im Jahre 1797 schritten sie 
darum bei der k. k. Administration bittlich ein, dass ihnen 
tler Erwerb von (iüterii und Häusern von Christen auch 
ausserhalb des Gant gestattet werde. Bestärkt wurden sie 
in ihrer Hoffnung auf Gewährung ihrer Bitte durch deji Um- 
stand, dass mehrere kleine Erwerbungen^) in den letzten 
Jahren von der k. k. Administration ratifiziert worden waren. 
Am 14. September 1797 trat die Christengemeinde mit einer 
sehr gehässigen, umfangreichen nnd von historischen Irrtümern 
strotzenden Gegenschrift auf den Plan, die aber trotzdem 
ihren Zweck erreichte, indem die Juden vorläufig überhaupt 
keinen Bescheid erhielten. Die Kriegsereignisse gaben der 
k. k. Administration anderweitig zu schaffen und die Napo- 
leonische Geissei lehrte die Menschenrechte auch des Juden 
achten oder diesen wenigstens benützen und in Frieden lassen. 
Kaum aber hatten die letzten Franzosen dem Arlberg den 
Rücken gekehrt, als die Gehässigkeiten gegen Juden wieder an- 
hüben. Ein Gubernial-Erlass ddo. Innsbruck, 14. April 1802^) 
bestätigte neuerdings das Verbot des Realiten-Erwerbes durch 
Juden. 

1803 hatte Josef Wolf Levi von einem Bauern ein kleines 
Gut erworben ; die Christengemeinde verweigerte unter Be- 



^) So ein für die Normalscliule erbautes Haus, das aju 19. Oktober 
1794 an Simon UUmann (Steinach) abgetreten und dafür das von Moyses 
Weil erbaute Haus (heute Nr. 83) in der Nähe der Synagoge zur Hälfte 
für die Schule eingerichtet wurde. In meiner Urkundensamralung be- 
findet sich ein Kaufbrief nebst Quittungen, nach welchem am 19. August 
1794 Lob Moos für den nachmaligen Rabbiner Samuel Ullmann vom 
rgfl. Harrachschen Rentamte ein kleines Haus am Tore in der Juden- 
gasse kauft. 

^) „Mit k. k. Hofkanzleidekret vom 27. August und diessfälliger 

Bekanntmachung vom 1,^. September 1789 ist zwar in folge aller- 
höchster Entschliessung jedem wohlbemittelten Juden der Ankauf 
der Staatsgüter bei öffentlichen Lizitationen allergnädigst gestattet 
worden. 



Rechtsverhältnisse der Juden. Kil 

rufung auf obigeu Erlass die Ratifizierung. Die k. k. Ad- 
ministration stellte sich auf Seite der Christengemeinde. Die 
.Judenschaft ergriff den Rekurs ans Oberamt, das den Akt nach 
Innsbruck leitete. Der Gubernialrath Maria Edler v. Schenk 
trat warm für die Sache der Juden ein. Desgleichen Dr. 
Josef Ganahl, von dem ich einen sehr interessanten Brief aus 
Wien ddo. 12. Juni 1802 besitze, worin er der Judenschaft 
die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen zu ihren Gunsten mit- 
teilt und sie auf die Wiener Juden verweist, von denen kein 
einziger ein Haus besitze. Josef II. habe den Ankauf von 
vom Staate feilgebotenen Häusern durch Juden nur gestattet, 
um die eingezogenen Klostergüter rascher und besser au den 
Mann zu bringen. Auch die Christengemeinde reichte am 
22. Dezember 1803 eine Gegenvorstellung ein. Am 4. Februar 
1804 erfolgte der abschlägige Bescheid der Landesstelle in 
Innsbruck. Es blieb beim Verbot. Doch die vor 1802 ge- 
schehenen Käufe blieben aufrecht. Eine andere Beschwerde 
der Juden, dass der Landammann ohne Auftrag und Berech- 
tigung Inventars -Aufnahmen bei jüdischen Verlassenschaften 
vornehme, Vormünder bestelle, kurz sich als Oberherr der 
.ludenschaft benehme, wurde zu deren Gunsten entschieden, 
indem der Landamman in seine Schranken gewiesen und die 
k. k. Administration an ihre Pflicht gemahnt ward. 1804 wollte 
der Postmeister Josef Waibel, der sich in misslichen Ver- 
mögensverhältnissen befand und welchem Daniel Lazar Levi 

Nachdem aber aus dieser höchsten Bewilligung irrig gefolgert 
wurde, als wenn den Juden der Ankauf der Realitäten allgemein 
gestattet wäre, so wurde mit k. k. Hof-Resolution vom 31. März d. J. 
folgende Erklärung ertheilt: 

Den .luden sei in der Regel der Ankauf von Realitäten 
untersagt, und obschon das Gesetz vom Jahre 1789 bei Lizitirung 
der Staatsgüter hierunter eine Ausnahme zu einer Zeit gemacht 
hat, da mehrere unter der Verwaltung des Staates genommene 
Güter feilgebothen worden sind, so müsse doch diese Ausnahme 
im strengsten Umstände genommen werden, und sei daher hier- 
aus keineswegs zu schliessen, dass den «luden der Ankauf von 
Realitäten unbestimmt gestattet worden wäre. 

Es habe also bei dem allgemeinen Verbothe für die Zukunft 
zu verbleiben, und seien hiermit die Behörden zu verständigen. 

Solches hiermit zu jedermanns Wissenschaft allgemein be- 
kannt gemacht wird. 

Innsbruck, den 14. April 1802. 

Ferdinand Ernst Ciraf von Bissingen, Gouverneur. 
.Josef Edler von Senger." 

11 



162 Fünftes Kapitel. 

ein hohes Angebot machte, diesem sein Anwesen verkaufen 
und schritt bei der k. k. Administration um Genehmigung ein. 
Er wurde aber am 23. Mai 1804, da der Käufer Jude war, 
abschlägig besehieden. ^) Der Postmeister schritt beim Guber- 
nium ein, docli mit dem gleichen Misserfolge. Dagegen hatten 
diese vielen Eingaben und Rekurse die Folge, dass sich die 
Landesregierung, eingehender als gut war,mit dcnRechtsverhält- 
nissen der Juden beschäftigte und worauf folgender Erlass'^) 
erschien, der sowohl die Juden- wie Christengemeinde zur 
Äusserung veranlassen sollte: 

Judensache Nr. 120 
„Das k. k. Kreis- und Oberamt Bregenz liat nacli 
einem holien Gubernial-Decret vom 9. März unter dem 
80. V. und Empfang 2. d. Ms. Judensache Nr. 807 hierher 
eröffnet: Dass der Verkauf des Hauses des Postmeisters 
zu Hohenems, Josepli Waibel, an den Juden Daniel Lazar 
lievy von dieser Landesstelle nicht gewilliget worden 
seye, sei der Verordnung vom 30. März 1802 und den 
früheren Verordnungen gemäss und sei daher auch der 
Postmeister mit seinem diesfälligen Gesuche im Namen 
der k. k. Hofkanzlei abzuweisen. Da aber aus den ein- 
geschickten Akten und besonders aus dem von der Ge- 
meinde Hohenems eingestellten Plane und Häuserbe- 
schreibung zu ersehen ist, dass die dortigen Juden seit 
1744 von 8 auf etlichen 60 Familien angewachsen sind 
und nicht nur sehr viele Häuser und auch Gründe be- 
sitzen, sondern auch ihre Häuser selbst verschiedentlich 
unter die Christenhäuser vermenget sind, so sei zu be- 
richten, auf was Art und mit welcher Bewilligung und 
welcher Befugniss selbe dahin gekommen und so sehr 
vermehrt haben, ob ihre Anzahl unterdessen nicht be- 
stimmt worden sei und falls solches noch nicht geschehen 
sein sollte, auf wie viel selbe festzusetzen wäre. Diesem 
zufolge hat nun sowohl die Christen- als Judengemeinde 
binnen 14 Tagen den ausführlichen Bericht hieher zu 
erstatten, auf was Art und mit welcher Befugniss die 
Juden zu Hohenems sich so sehr vermehrt haben, ob 
selbe auf eine gewisse Anzahl bestimmt seien und auf 



*) Und doch verkaufte am 27. Jänner 1804 die Ortsgemeinde dem 
Hal)l)incr Samuel üllmann o'm an sein Haus grenzendes Feld um 22fl.!! 
-) In meinem Besitze. 



ßechtsverhältnisse der Juden. 163 

welche Anzahl, falls dies bisher nicht geschehen wäre, 

selbe für die Zukunft zu bestimmen sein dürften. 

Die mit dieser höchsten Entschliessung zugleich 

eingegangene Taxrate wird derselben zur Abführung der 

darin verzeichneten Taxen mit fl. 25.57 kr. binnen 14Tageu 

angeschlossen. 

Von der k. k. Administration der Grafschaft. 

Hohenems, den 24. April lf^05. 

Th. Berreitter 

prov. Administrator." 

Die 0. oe. Regierung plante demnach die Einführung 
der berüchtigten Nonnalzahl schon damals für die Hohen- 
emser Juden. 

Am 24. Juni 1805 antwortet die Israelitengemeinde in 
einer ausführlichen, mit vielen amtlichen Belegen versehenen 
Gegenschrift, deren Inhalt im Wesentlichen folgender war: 

Die durch Juden von Christen (ohne Gant) erworbenen 
Realitäten bestünden 1. in einer Sandbank, die Hoffaktor Wolf 
Josef Levi von der Gräfin v. Harrach kaufte und durch sehr 
teuer bezahlte Hohenemser Arbeiter zu einem guten Grund- 
stück umgestalten Hess; 2. in dem sogen. Böschenmahd, welches 
Hoffaktor Lazarus Josef Levi vom Lau dam mann Halb- 
eisen auf dessen dringendes Bitten kaufte. 

Nebst den wenigen durch gantrichterlichen Spruch er- 
worbenen Realitäten umfassten alle Güter der Juden nicht so 
viel Boden, um 8 Stück Vieh darauf halten zu können. Und 
auch diese Güter stehen gegen Ersatz der Unkosten zum Rück- 
kaufe zur Verfügung. Häuser hätten die Juden seit vielen 
Jahren nur drei von Christen erworben u. z. mit ausdrück- 
licher Zustimmung der Christengemeinde. Die Juden ent- 
richten derChristengemeinde Vermögenssteuer, die z. B. i. J. 1805 
H. 400 betrage, trotzdem diese für die Abgaben des Ortes an 
das Reich bestimmt sei. Hohenems aber schon seit mehreren 
Jahren hievon befreit worden wäre. Über den Nutzen, 
den die Juden dem Orte Hohenems bringen, führen 
.sie folgende erwiesene Tatsachen an. Der Hohen- 
emser Handwerker hat für seine Arbeit, der Bauer 
für seine Naturalien fast nur bei Juden Absatz. Der 
Hoffaktor Wolf Josef Levi und seine Söhne haben 
in den letztens — 8 Jahren beim Baue von Gebäuden 
und der Kultivierung eines in einem Steinhaufen 

11 *" 



I(j4 Fünftes Kapitel. 

bestaii de neu Gruudstückes den Holieiiemseru nahezu 
fl. tSOOoo zu verdienen gegeben. Weder die Post, 
noch Arzt und Apotheke') könnten in Hohenems ohne 
.luden bestehen. Selbst die kleinen Christenkinder 
lösen jährlich über WO fl. für in den Bergen ge- 
sammelte Erdbeere n, die sie in der Judengasse ver- 
kaufen. Nathan Elias und seine Söhne haben die 
Fabrikation von Baum wol 1 waren in Hohenems ein- 
geführt, einen neuen Nahrungszweig für Viele in 
ihrer Spinnerei und Weberei geschaffen. In Frieden 
und bestem Einvernehmen lebe auch das Volk mit 
den Juden, und nur des Landammau ns Ge hässigkeit 
suche die Ruhe zu stören. Eine Beschränkung der 
jüdischen Einwohnerzah 1 durch Einführung der Nor- 
jualzahl müsste auch der Entwicklung des Ortes 
Hohenems zum Nachteile gereichen. 

Und der Landammann Halbeisen, da er diese Tatsachen 
nicht bestreiten konnte, gal» sie ohne Weiteres in seiner hier- 
auf eingereichten kurzen Gegenschrift zu, wollte aber eben 
in den durch Juden neu erschlossenen Fh'werbs- 
(juellen eine Schädigung der christlichen Bevölkerung 
erblicken, weil diese bei vermehrtem Verdienste 
zur V ersch Wendung verleitet werde!!! 

Die ganze Angelegenheit blieb damals unentschieden. F^in 
Mächtigerer als ein judenfeindlicher Landaramann, Napoleon, 
hatte wieder das Wort ergriffen und sein scharfes Schwert 
fuhr auch hier, wie in so vielen anderen zöpfischen Vorurteilen, 
entscheidend dazwischen. 

Und als dies Schwert nach getaner Arbeit in die Scheide 
fuhr, war es zu spät. 

Am 20. Dezember ward Tirol und Vorarlberg an Baiern 
abgetreten. 

') Die erste öffentliche Apotheke io Hohenems wurde erst i. J. 1830 
von Johann Bergmann aus Bregenz auf Grund behördlicher Genehmigung 
errichtet. 



SECHSTES KAPITEL. 

Die bairische ßegieruugsperiode (LSOG — 1814). 



Iu dem am 26. Dezember 1<S05 zu Pressburg abgeschlossenen 
Frieden zwiselien Österreich und Frankreicli ward Tirol 
und Vorarlberg an Baiern abgetreten. Am 11. Febrnar 1806 
fand die feierliche Besitznahme durch Baiern statt. Durch 
kgl. bair. EntSchliessung vom 26. Aj^ril 1<S06 wurde Vorarl- 
berg von Tirol getrennt und mit der schwäbisclien Provinz 
als Teil des Illerkreises vereinigt. 

Ehe wir die Geschicke der Hohenemser Judenschaft unter 
der bairischen Regieruugs-Periode weiter verfolgen, sei hier 
ein authentisches Bild ^) gegeben vom Stande der Israeliten- 
(iemeinde, der Zahl ihrer Mitglieder, deren Realitätenbesitz 
und der [letzteren Lage und amtlicher Wertschätzung^) in 
den Jahren ]806;07. 



64 



Familien-Oberh aup t 



^i 



Gelegen in 



Amtliche 
Schätzung 



Josef Lazarus Levi 

K. k. Hoffaktor fiazar 

Josef Levi 2 

Nathan Elias 3 

Josef Hirsch Levi 4 

Moses Hirsch Levi. . 4 

Josef Wolf Sam. Levi . 5 
Michael Moos (Schul- : 

meister) 6 



1 Jndengasse fl. 3500 



An- 
merkung. 



4000! 

6000i 

40001 

i 

8001 
800 



*) Diese nach verschiedenen Quellen zusaniinengcstellte Statistik 
wird das Verständnis des immer wieder sich erneuernden Streites um «las 
Recht der Juden zum Realitäten-Erwerb erleichtern. 

-) Fand durch die kgl. bair. Regierung zum Zwecke der 1808 in's 
Leben getretenen Brand-Assekuranz statt. 



1()6 



Sechstes Kapitel. 





Familien-Oberhaupt 


1 ^ 
^1 


Gelegen in 


Amtliche 
Schätzung 


An- 
merkung. 


8 


Wolf Baruch Wolf. .. 


7 


Judengasse 


fl. 600 




9 
10 


Leopold (Judas) Wolf 
Jakob Salamon Wolf. . 


7 
8 


>i 


,7 <300 




11 


Salamon Wolf 


9 


Tl 


„ 800 




12 
13 
14 


Josef Abraham Levi.. 
Bozners Wwe. Sara . 
Salamon Lämle 


9 

10 
11 


)1 

Steinach 


„ 400 
„ 1500 


Kaufte 1807 

RaM>. Sam. 

Uli man 11. 


15 


Urban Veit Levi 


12 


r 


„ 600 




16 


Jakob Samuel Levi . . 


13 


Erle 


„ 600 




17 


Elias Mayer 


13 
13 
14 
15 


J7 

Unt. d. alt. Post 


„ 700 
„ 1400 




18 
19 
20 


Araham Levis Wittwe 

Philipp Levi 

Eraanuel Levi 


Erst 1Ö07 
gebaut. 


21 


Josef Emanuel l^evi . . 


15 


)i 11 r V' 






22 


Simon Levi Levi 


16 


r J1 ?1 Tl 


„ 2500 




23 
24 

25 


Mayer Levi Levi 

Josef Levi Levi's Wwe. 

Sara 

Jakob und Israel Moos 


16 

16 
17 


r 11 n 11 
)i r n T) 

" 57 " 11 


„ 2500 


1807 erbaut 


26 


Salamon Wolf 


18 


Halbes Haus 


„ 550 


1807 er>)aut 


27 


Simon AVolf UUmann 
(Steinach) 


19 


im p]rle 
Im Stein ach 


„ 2400 




28 


Lob Moos Wwe. Brendel 


19 


V 77 






29 


Josef Wolf Levi jun.. . 


20 


77 71 


„ 8000 




30 


Wolf Josef Levi k. k. 
Hoffaktor 


21 


71 77 


„ 4500 




32 


Isak Wolf Levi 


21 


11 71 






33 
34 
35 


Henle Mayer, Metzger 

Josef Mayer 

Wolf Wolf Jakobs Solin 


22 
22 
23 


Judengasse 

r 
77 


„ 800 
„ 300 




36 


Jakob Wolf Metzger's 
Wittwe Kehl 


23 


77 






37 


Josef Jakob Levi 


24 


77 


„ 1500 




38 


Heinrich Bikart 


24 


77 






39 


Lazar Levi, Lehrer . 


25 


Untere 
'' Hälfte 


„ 2800 




40 
41 


Marx [^azar Levi 

Abraham Lazar Levi . . 


25 
25 


'^ i Obere 
( Hälft.' 
" ) 




\ Hier 1807 
> die 
1 Schule. 


42 


Sal. lievi's Wwe. Maria 


26 


77 


„ 8U0 




43 


Benjamin Levi, Vorsing. 


26 


77 







Statistik. 



\(u 



S^l Familiea-Obei'haupt 



44 
45 
46 

47 
48 
49 
50 

51 
52 
53 
54 
55 

56 

57 

58 
59 
60 
61 
62 
63 
64 
65 
66 
67 
68 
69 
70 
71 

72 

73 
74 
75 
76 



Bermann Levi Levi . . 

Abraham Levi Levi . . 

Simon Moses üllmanu 
(Baclimaun) 

Bermann Wolf Levi . . 

Josef Moos Wwe. Rachel 

Michel Levi 

Jüd. Gemeinde (Wasch- 
hütte) 

Marx Josef Levi 

ürban Josef Levi 

Levi Veit Levi 

Wolf Veit Levi 

j Levi Sam. Levis Wwe. 

j Gela 

I Jttd. Gemeinde (Rabb.- 

i Wohnung) 

' Jüd. Gemeinde (Syna- 
goge) 

Lämle Brettauer 

Kilian Moos 

i Gedeon Wolf Israels.. 

Mayer Wolf Israels . 

Michael Bikard 

Samuel Heinrich Levi 

Marx Schlesinger 

Salamon Lazarus 

Benj. Burgauers Wwe. 

Abraham Moos 

Israel Moos 

Berle Moos 

Maria Mayer Moos — 

Heinrich Levi's Wwe. 
Esther 

Isak Heinrich Moos . . 

Ephraim Heinrich Moos 

Ephraim Levi 

Josef Ephraim Levi . . 

Herz Kitzinger 






27 
27 

28 
29 
29 
30 

31 
32 
32 
33 
33 

34 

35 

36 
37 
38 
39 
39 
40 
40 
41 
41 
42 
43 
44 
44 
44 

45 
45 
45 
46 
46 
46 



Gelegen in 



Amtliche 
Schätzung 



N. d. Synagoge! fl. 1500 



An- 
merkung. 



Am Bach 



Judengasse 



Am Bache 
Judengasse 
Am Bache 



Judengasse 



„ 450| 

„ 450| 

„ 4U0 

„ 200 
„ 400 

„ 700 

„ 800 

r,. 4000 

„ 3000 
„ lUOüi 

„ 800: 

„ 1500 

i 

„ 600; 

I 

„ 800: 
„ 2400 
„ 1200i 



12001 



2000 



IBS 



Sechstes Kapitel. 



5(<5 



i i 

78 
79 
80 
81 
82 
83 
84 
85 
86 
87 
88 
89 
90 
95 
96 
97 
98 



Familien-Oberhaupt 



Daniel Lazar Levi . . 
Lazarus David Moos 
Wolf David Moos . 
ßaruch Guggenheim 
Wolf Veit Levi ... 

Aroü Laudauer 

Moses Wolf Levi — 

Samuel Levi 

Mathias Levi 

Mayer Mayer 

Josef Veit Levi 

Simon Lazar Levi . . 

Isak Levi 

Cheile Levi 

Josef Veit Levi . . 
Wolf Josef Levi . . 

Levi Weil 

Marx u. Abr. Levi.. 



47 
48 
48 
49 
50 
50 
51 
52 
52 
53 
54 
55 
56 
56 
57 
58 
59 
60 



CTelegen in 



Am Bach 
Judengasse 



Hinter d. Säge 

Die alte Post 
Schwefelbad 
Erle,u.d.a.Post 
Ünt.d. alt. Post 



Amtliche 
Schätzung 


fl.3000 


„ 500 


„ 1500 


„ 800 


„ 2000 


„ 1100 


„ 300 


„ 4000 


„ 2500 


„ 400 


„ 3000 


„ 4000 


„ 300 


„ 800 



An- 
merkung. 



Erst 1807 



Zu diesem Häuserbesitze kamen noch Stallungen im 
Schätzungswerte von fl. 8700. 

Aus dem Vorstehenden erhellt nun, dass zur Zeit der 
bairischen Besitznahme in Hohenems lebten: 

84 jüdische Familien^) in 56 Häusern.^) 

Die stete Zunahme der Gemeinde machte es derselben 
zur unaufschiebbaren Notwendigkeit, dass das Verbot des 
Realitäten-Erwerbes aufhöre. Sie schritten auch deshalb kurz 
nach der Besitzergreifung durch die bairische Regierung, am 
5. Juni 1806, bei der kgl. b. Hofkommission in Bregenz bittlich 
ei 11^ dass das Verbot aufgehoben werde. Sie betonten in diesem 
Gesuclie, dass Juden vor Kurzem die ersten Fabriken in 
Hohenems errichtet^) hätten. Vorläufig blieb das Gesuch 
lange Zeit unerledigt. Als die Gemeinde anlässlich einer Ver- 
steigerung von Staatsgütern in Lustenau durch das General- 
Landeskommissariat am 6. Jänner 1807 anfragen Hess, ob die 

^) "Worunter zahlreiche Wittwen und Unverheiratete. 
*) Einschliesslich Synagoge, Schule und Waschhütte. 
•'') Vgl. die Eingabe vom 24. Juni 1805 am Ende des vorigen Kapitels. 



Realitäten-Ankauf. 1 69 

Juden zur Koukurreuz beim Verkaufe von .Staatsgütern zu- 
gelassen seien, entschied ein Dekret des Königs Max Joseph 
ddo. München. 16. Januar 1807, dass den Juden der Besitz 
von RealitiUen untersagt sei und damit auch der Ankauf. 

Diese, eine Verschlimmerung gegen die früheren österr. 
Gesetze bedeutende Anschauung fand auch ihren unzwei- 
deutigen Ausdruck in einer Resolution der kgl. bair, Landes- 
direktion ddo. Ulm, 8. Mai 1807, welche die Juden von jedem 
Besitze, d. h. Neuerwerbe von Realitäten ausschloss. Selbst 
auf dem Versteigerungswege nicht, und Realitäten, die ihnen 
als Pfandobjekte zufielen, sollten sie verkaufen aber nicht 
besitzen dürfen. 

Ein kgl. Dekret ddo. München, 21. Juni 1807 bestätigte 
dies vollinhaltlich. 

Jedoch erliess das General -Landes -Kommissariat in 
Schwaben ddo. Ulm, 14. Juni 1808, ein Rundschreiben aji alle 
Landgerichte und Stadtkommissariate in Schwaben des Auf- 
trages, innerhalb drei Wochen Bericht zu erstatten über: 

„1. den Zustand der Juden. 2. deren Nahrungs- 
zweige, 8. deren Korporationen, 4. Jurisdiktion. 5. Ab- 
gaben im Ganzen, 6. die Ursache ihres meist betrüger- 
ischen Betragens, 7. Vorschläge zur Verbesserung ihres 
Zustandes. wodurcli und unter welchen Voraussetzungen 
und Bedingungen sie ohne Nachteil des Staates den 
übrigen Unterthanen des Reiches vollkommen gleich- 
gestellt werden können. Ebenso sind diesem Berichte 
ausführliche Gutachten über die Zulässigkeit der Juden 
zu den Ankauf liegender Güter beizufügen und welche 
Beschränkungen etwa bei denselben zu beobachten 
wären." 

Doch geschahen in Einzelfällen ^) auch Ausnahmen, selbst 
bei so viel umstrittenen Objekten wie das Postmeister Waibl- 
sche Haus. Bereits gegen Ende des vorigen Kapitels wurde 
dieses Falles gedacht. Der Postmeister Waibl schied inzwischen 
aus dem Leben und da fand sich das kgl. bair. Aerar an der 
Erbschaftsmasse mit einer sehr hohen Summe interessiert, 
die nur so einbringlich schien, dass man auch jüdische Mit- 
bieter bei der öffentlichen Versteigerung zuliess. Ein Dekret 
der kgl. Landesdirektion von Schwaben vom 16. Juli 1807, 

') So auch betreffs des jüdischen Schulhauses. Vgl. Kap. 12. 



1 70 Sechstes Kapitel. 

(las in der Synagoge pnhliziert wnrde, gestattete dies ans- 
drücklich. Daniel Lazarus Levi erwarb das Haus bei der 
Versteigerung. 

Jedoch eine andere, für die Entwicklung der Hohenemser 
.ludengemeinde höchst wichtige Fi-age war mit dem Autritte 
der bair. Regierung in Hohenenis auf die Tagesordnung ge- 
kommen, nm sich dann Jahrzehnte lang da zu erhalten und 
die höheren Instanzen fast unausgesetzt zu beschäftigen, die 
Frage nach der politischen Stellung der Juden- 
gemeinde überhaupt und nach deren Verhältnis zur 
Ortsgemeinde. 

Und die Auflösungsstuude der k. k. österr. Admini- 
stration in Hohenenis war zur Geburtsstunde dieser grund- 
legenden Frage geworden. 

Denn solange diese Behörde in Hohenems bestand, war 
die prinzipielle Stellung der Judenschaft die gleiche geblieben, 
die sie zur Zeit der Reichsgrafen war. Sie bildete eine 
eigene Gemeinde, die ihre inneren Angelegenheiten, auch 
administrativer Natur, selbständig verwaltete, direkt dem 
Reiche resp. der k. k. öst. Administration unterstand und 
deren wenige, durch das gemeinsame Territorium gegebene 
Beziehungen zur Christengemeinde nach den Bestimmungen 
des Schutzbriefes und in fragliehen Fällen nach den Kut- 
scheiduugen der Administration resp. des Bregenzer Gber- 
amtes geregelt wurden. 

Die Aufhebung der k. k. öst. Administration zu Beginn 
des Jahres 1806 schuf nun eine ganz neue Situation. 

Welche Stellung nahm nun die auf dem Territorium der 
Christengemeinde seit fast 200 Jahren bestehende jüdische 
(iemeinschaft ein? 

Hier gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder 
die Juden bilden wie bisher auch weiter eine eigene Ge- 
meinde unter dem Schutze der allgemeinen Staatsgesetze und 
zwar mit einem Vertragsverhältnisse zur Christen- 
gemeinde, oder aber sie bilden in jeder anderen, ausser 
konfessioneller Hinsicht, keine eigene Gemeinde mehr, unter- 
stehen vielmehr ganz der Christen- oder dann eigentlich 
einzigen Ortsgemeinde, der sie als israelitische Hohenemser 
inkorporiert sind. 

Der Christengemeinde passte aber, entsprechend den 
Anschauungen jener Zeit, beides nicht. Die bisherigen 



Verhältnis der .luden- zur Orttfgenieinde. 171 

Schutzbefohlenen wollte sie weder als selbständige (ieineinde 
neben sieh, noch als Heimatsberechtigte unter sich anerkennen. 
Und da es eine dritte Möglichkeit nicht gab, so wurde über- 
haupt an die prinzipielle Lösung dieser Frage nicht gerührt, 
vielmehr die Praxis so gehandhabt, wie es der jeweilige Vor- 
teil der Christengemeinde verlangte. 

Waren Nutzniessungen an Hohenemsern zu vergeben, 
wie z. B. bei der Aufteilung der Hohenemser Gemeinde- 
waldungen in den Jahren 1805/06, dann gehörten die Juden 
nicht zu diesen, sondern wurden als eine selbständige Ge- 
meinde betrachtet. 

Waren hingegen Lasten zu verumlagen, dann wurden 
die Juden als vollwertige Hohenemser. als mitverpflichtete 
Gemeinde-Mitglieder betrachtet. 

Und da die Juden in solchen Fällen protestierend und 
auf den Widerspruch hinweisend auftraten, so war die Folge 
hievon eine grosse Anzahl von Prozessen, die aber niemals 
eine prinzipiella Entscheidung brachten. 

Und eine solche wäre der Hohenemser Judenscbaft auch 
nur in dem Sinne erwünscht gewesen, so sie eine gesetzliche 
Anerkennung der selbständigen Judengemeinde zur Folge 
gehabt hätte. Denn, ebenfalls den damaligen Zeitverhält- 
nissen gemäss, erblickten die Juden nur hierin eine Basis für 
die gedeihliche Entwicklung. Der aufgezwungenen, wider- 
willigen Inkorporierung zogen sie die wenn auch unklare 
und arg beschränkte Selbständigkeit ihres Gemeinwesens vor. 

Und eben darum kam die von der bair. Regierung, wie 
bald gezeigt werden wird, i. J. 1818 rückhaltslos aus- 
gesprochene und angeordnete Inkorporierung nicht zur Durch- 
führung. Beiden Gemeinden kam dies ungelegen, beide hofften 
von der Zukunft irgend eine günstigere Lösung und halfen 
sich in der Zwischenzeit bald mit Gewaltsakten und Prozessen, 
bald mit Nachgiebigkeit und finanziellen Opfern. 

Die allgemeine Neugestaltung der Vorarlberger Gemeinde- 
verhältnisse i. J. 1849 bot nun diese Gelegenheit. Wie im 
8. Kapitel gezeigt werden wird, einigten sich beide Gemeinden 
zu dem einen Auswege, die Judenschaft als seJbständige 
politische Gemeinde anzuerkennen, die nur in einem geregelten 
Vertragsverhältnisse zur Christengemeinde stand. War aber 
dieser Ausweg nach dem, späterhin auch von der oesterr. 
Regierung bestätigten, bair. Edikt vom Jahre 1813 an sich 



1 72 Sechstes Knpitel. 

schon olme gesetzliche Basis l)etreten worden, so zeigte er 
sich schon nach wenigen Jalirzehnten unhaltbar, weil die mit 
dem Vertragsverhältnisse znr Christengemeinde verbnndenen 
Lasten der sich stetig verkleinernden Judengemeinde allzu 
schwere wurden. Und da endlich brachte das Jahr 1H79 
den anderen, eigentlich schon i. J. 1813 behördlich ange- 
ordneten Ausweg, den der Inkorporierung. 

Die Zwischenzeit aber, vom Jahre 180(5. dem Auftauchen 
dieser Hohenemser „Judenfrage'', bis zum Jahre 1879, dem 
Zeitpunkte ihrer endgiitigen Lösung, bietet im Streben und 
Ringen der Judenschaft nach selbständiger, unbehinderter 
Entwicklung ein an erhebenden Zügen reiches Bild der Ge- 
schichte, deren Faden wir nunmehr nach dieser zum Ver- 
ständnisse der folgenden Begebenheiten unentbehrlichen Ab- 
schweifung wieder aufnehmen wollen. 

Im Jahre 1807, am 5. September, verlangte Landammann 
Halbeisen vom kgl. bair. Landgerichte in Dornbirn, es solle 
die Juden verhalten 

a) Fuhr- und Frohndienste in natura oder durch Geld- 
entschädigung zu leisten; 

b) das Weggeld an den Hohenemser Strassen zu ent- 
richten ; 

c) für die Zeit bisher, in der das Weggeld nicht entrichtet 
ward, eine entsprechende Vergütung zu leisten. 

Die Judengemeinde erklärte hierauf am 16. November 
1807, dass sie dies ablehnen müsse, weil sie i. J. 1769, 
als die Strassen erbaut wurden, mehrere hundert Gulden 
zu deren Erbauung beitrugen mit der Bedingung, von der 
Erhaltung derselben für alle Zeit befreit zu sein. Die Christen- 
gemeinde beziehe jährlich mehr als 500 fl. Weggeld, die zur 
Erhaltung der öffentlichen Strassen mehr als genügen sollten. 
Weggeld haben die Juden wohl früher bezahlt, doch sei dies 
ohne Widerspruch von irgend einer Seite, weil rechtswidrig, 
eingestellt worden. Endlich Fuhr- und Frohndienste 
hätten doch nur jene G emeind e- A ngeh ö rige zu 
leisten, die als solche betrachtet und zur Nutz- 
niessung der Gemeindegründe zugelassen werden. 
Die Juden aber werden hiervon ausgeschlossen und 
seien darum auch von Fuhr- und Frohndienst befreit. 
Erst am 2. April 1810 erfolgte die Entscheidung des Land- 
gerichtes und zwar teilweise zu Ungunsten der Juden. Die 



Verhältnis der .lucien- zur Örtsgemeinde. 173 

Verpflichtung der Koukurrenz an der Erhaltung- der öffent- 
lichen Strassen wurde ihnen auferlegt. Das Einziehen von 
Weggeld hatte inzwischen überhaupt aufgehört Dagegen 
wurden sie von Fuhr- und Frohndieust freigesprochen. Die 
Judengemeinde ergriff hiegegen am 10, Juli 1810 den Rekurs 
an das Generalkomniissariat. indem sie ausführlich ihren 
Standpunkt klarlegte, als Fremde, und als solche 
betrachte und behandle sie die Christengemeinde, 
ebenso wenig zur Erhaltung der Strassen beizutragen ver- 
pflichtet zu sein, wie die zahllosen andern fremden Fuhrleute, 
die unbehelligt diese Strassen befahren. Übrigens sei alles 
auf Gehässigkeit des Landammanns zurückzuführen, der in 
dieser seiner Gesinnung vor Kurzem bei 2 fl. Strafe ein 
Verbot erlassen habe, dass kein Christ mehr gemeinsam mit 
einem Juden Schafe halten dürfe, was naturgemäss den 
grösseren Schaden den Christen verursache. 

Erst 1814, nachdem inzwischen das V^erhältnis der Juden 
zur Christengemeinde durch die im Jahre 1818 angeordnete 
Inkorporierung gesetzlich klargelegt worden war, fand der 
unerquickliche Streit sein Ende mit folgendem Erlass: 
„Kempten, 2. Jänner 1814. 

Im Namen S. Maj. d. Königs v. Baiern! 

Nachdem durch die kgl. Verordnung vom 19. Juni 
1813 die Judengemeinde zu Hohenems aufgehoben 
und mit der Christengemeinde dergestalt vereinigt 
worden ist, dass sie beide künftig nur eine Gemeinde 
ausmachen, u nd die Juden mit den Christen gleiche 
Rechte und gleiche Verbindlichkeiten teilen, so 
hat das Kgl. Landgericht Dornbirn keine fernere Einwendung 
der Judenschaft gegen die Konkurrenz zu den Gemeindelasten 
mehr zu hören, sondern sie anzuhalten, dass sie zur Bekiesung 
der Strassen in dem nämlichen Maasse und Verhältnisse wie 
die Christen die Konkurrenz ordentlich leisten. 

Kgl. Gener. Commissariat des Illerkreises: 
v, Stichammer." 

Die Einverleibung in die Christengemeinde, die den Juden 
nicht nur die gleichen Lasten, sondern auch die gleichen Rechte 
sicherte, hob naturgemäss jede Ursache zur Verweigerung der 
Konkurrenz auf. Leider kam diese Inkorporierung damals 
nicht zur Durchführung. 



1 74 Sechstes Kapitel. 

Neben diesem Rechtsstreite lief ein zweiter eiuber wegen 
der Vermögenssteuer. Der österr. Schiitzbrief vom Jahre 1768 
legte in P. 20 den Juden die Verpflichtung auf, von ihrem 
liegenden und fahrenden Vermögen Steuern zu entrichten. 
Mit diesen Steuern wurden die Beiträge gedeckt, die der 
Ort Hohenems an's Deutsche Reich und insbesondere an den 
schwäbischen Kreis zu leisten liatte. Zur Feststellung der 
Besteuerung jeder einzelnen jüdischen Familie kamen von 
Zeit zu Zeit die Vorsteiier der beiden Gemeinden zusammen. 
Die letzte Zusammenkunft zu dem Behufe hatte am 22. Jänner 
1802 stattgefunden zwischen dem Landamman Josef Waibel 
und den Judenvorstehern Lazarus Levi, Naphtaly Brettauer 
und Josef Veit Levi. Diese Vermögenssteuer der Juden 
bestand aus einer solchen des unbeweglichen und des beweg- 
lichen Besitzes. Während letztere Steuer, wie bereits im 
'). Kapitel erwähnt, jährlicli i\. 9^).^50 betrug, belief sich 
erstere gleichzeitig auf fl. 854.45. Die Steuerbeträge wurden 
au die Ortsgemeinde Hohenems als die eigentlich dem Reiche 
zahlungspflichtige Gemeinde abgeführt. Bei diesem Verhält- 
nisse und den vorerwähnten Ansätzen blieb es bis zum Jahre 
1808. Dann aber mit der 180G infolge Gründung des Rhein- 
bundes erfolgten Auflösung des Deutschen Reiches hörten natur- 
gemässauchdieZahlungenoderdoch die Verpflichtung an dasselbe 
auf,^) weshalb die Judengemeinde i. J. 1807 sich weigerte, die 
Steuern weiter abzuführen. Die Ortsgemeinde Hohenems wies da- 
gegen nach, dass sie nunmehr einen gleich hohen Betrag an das 
bair. Rentamt in Bregenz abzuführen habe und schritt klagend 
gegen die Juden beim Landgerichte in Dornbirn ein. Vorerst 
wies dieses am 24. Dezember 1807 die streitenden Parteien 
zum Vergleiche an, der aber nicht zustande kam. Die Kriegs- 
ereignisse i.J. 1809 drängten alles Andere in den Hintergrund und 
erst am 3. Mai IHK) fällte das kgl. Landgericht in Dornbirn 
unter dem Landrichter .losef Ganahl das Urteil dahin, dass 
die Judengemeinde wie bisher so auch künftig die Vermögens- 
Steuer au die ("hristengemeinde abzuführen habe, weil diese 
zur Deckung der landesfürstlichen Steuern bestimmt sei. Der 
Zahlungsauftrag erfolgte für die Jahre 1807, 1808 und 1809. 



*) Eigeutlich war der Ort Holienems. wie schon am Ende vorigen 
Kapitels erwähnt, infolge seiner Armnt von den Oeldabgaben an's Reich 
l>efreit worden, doch bestand immerhin noch die offizielle Verpflichtung, 
wosiialb auch die Juden die \'erniü"eii.sstciier anstandslos entrichteten. 



Steuerverhältnisse. 175 

Am 30. Mai 1810 ergiiff die Juden-Gemeinde gegen dieses 
Urteil den Rekurs an das General-Comraissariat in Kempten, 
ward aber hier am 8. August 1810 ebenfalls abschlägig be- 
schieden. Da aber dem Bescheide keinerlei Gründe beigefügt 
waren, kam die Streitsache noch im Oktober dieses Jahres bis 
vor das Geheime Ministerium in München, wobei sich die 
Judenschaft persönlich vertreten Hess. Hier zog sich die Sache, 
hauptsächlich durch Verschulden des J^andgerichtes in Dorn- 
birn, mehrere Jahre hin, ja die eigentliche Entscheidung fiel erst 
am 2. November 1815 durch die inzwischen wieder in den 
Besitz Vorarlbergs gelangte österr. Regierung, die das erst- 
instanzliche Urteil bestätigte und die Judenschaft zur Bezahlung 
der gesamten rückständigen Steuersumme seit 1807 ver- 
pflichtete. 

Die österreichische Regierung hatte, wie nach den Kriegs- 
jahren um die Wende des 18. Jahrhunderts so auch damals 
keine gerechtere AVürdigung für die jüdischen Unterthauen 
in den Alpenläudern und insbesondere für die in Hohen- 
ems, trotzdem diese wieder einmal und sogar direkt unter 
den Krallen des bair. Löwen bewiesen hatten, wie eins sie 
sich mit allen Tirolern und Vorarlbergern fühlten, gleich diesen 
im Herzen dem österr. Kaiserhause treu geblieben waren. 

Das Jahr 1809! 

Stolz gedenkt dieses ruhmreichen Abschnittes seiner engeren 
I.andes-Geschichte der Tiroler, nicht minder der Vorarlberger, 
aber, ein Reis aus diesem Lorbeerkranze dürfen auch die 
Juden der Alpenländer beanspruchen. Sie haben wacker mit- 
gehalten. Freilich, das Jahr 1809 hat soviel begeisterte Federn 
in Bewegung gesetzt, Zeitgenossen sowohl wie auch deren 
Enkel, Rapp, Byr und in jüngster Zeit Ebenhoch haben in 
verschiedenen Schriften die Erinnerung an jene Heldenzeit der 
Nachwelt aufbewahrt, jedoch wer da auch nur eine Zeile über 
die Juden und ihr patriotisches Vorgehen suchen wollte Jj 
würde sich enttäuscht finden. 



*) Nur in „Beiträge zur neueren Kriegsgeschichte'' von Friodricli 
Förster, Dr. phil., kgl. preuss. Lieutenant, Bd. II, Berlin 1816, (der 11. Bd. 
behandelt den Yorarlberger Aufstand v. J. 1809) S. 21 heisst es: „In 
Hohenems befindet sich auch die einzige Judengemeinde 
von ganz Vorarlberg; sie zeichnet sich durch Ordnung und 
bessere Erziehung ihrer Jugend vorzüglich aus und hat 
einige sehr wohlhabende Mitglieder." 



I 7() Sechstes Kapitel. 

Es blieb mir vorbehalten. Und ich will auch hier, wie 
l»ei den früheren Kriegsjahren, nichts beschreiben, sondern nur 
schreiben, aufzeichnen, was seit einem Jahrhundert hierüber 
unter Staub und Moder in dunkeln Archiven begraben war. 

Mögen die Tatsachen sprechen! 

In A^orarlberg Hess sich das Jahr 1809 vorerst ganz ruhig 
an. Während es in Tirol allenthalben gährte und die Vor- 
bereitungen zum Aufstande in vollstem Gange waren, erliess 
der kgl. bair. Polizei-Kommissär J. N. Paul in Feldkirch, zur 
gleichen Zeit als Hofer, Hueber und Nessing bereits den Plan 
des Aufstandes mit dem Erzherzoge Johann in Wien besprachen, 
am 21. Jänner 1809 eine historisch interessante Zuschrift an die 
Hoheneraser Judenschaft, deren erste Sätze ich hier folgen lasse: 

„Löbl. Herren Vorstände! Aus Dankbarkeit haben 
die patriotischen Vorarlberger Sr. Excellenz, dem 
kgl. bair. Herrn General- Landescommissär der Provinz 
Scliwaben, Freiherrn v. Grafenreuth für die viele Gnaden 
und Wohlthaten, welche Hochdieselben sowohl dem Lande 
selbst als unzähligen Individuen erwiesen haben, ein 
Monument auf dem Klausberge vor Bregenz aus eigenem 
Antriebe errichtet. Die Kosten wurden aus freiwilligen 
Beiträgen, die sowohl dem Herrn Kreisdirektor von Kutter 
als mir eingeliefert wurden, bestritten. Da aber noch 
zur Tilgung dieser Kosten eine Summe von fl. 100 er- 
forderlich ist, so " 

Am 8; März sandte die Gemeinde Herrn Paul für den 
erwähnten Zweck fl. 88 ein. 

Inzwischen bereitete sich der Ernst der kommenden Dinge 
in Tirol immer mehr vor. 

Dass aber schon an diesen Vorbereitungen, deren Haupt- 
fäden in Wien zusammenliefen, jüdische Hände tatkräftig 
beteiligt waren, beweist folgende Mitteilung des Intendanten 
Hormayr^): „Einen guten Vorrat solcher Schwanke hinterliess 
er (Speckbacher) in einem der ersten Wiener Häuser, jenem 
der unvergesslichen, auch den Tirolern unermüdet wohl- 



') In Hormayr's Taschenbuch für vaterländische Geschichte, Jahi- 
gang XXXIII, Berlin 1844, ad lY „Lebensbilder" (die Biographie Speck- 
bachers), S. 167. Vgl. Rapp, Tirol i. J. 1809. Zeitschrift des Ferdinandeunis, 
Innsbruck 1853, S. 79 Anm. 11. 



Das Jahr 1809. 177 

tätigen Baronin Fany Arnstein,^) wo auch Bartholdy 
recht ordentlich eingeseift wurde . . . ." 

Am 9. April 1809 leiteten die Piisterthaler den Aufstand 
in Tirol ein. 

Eigentümlich, der Tiroler Aufstand ebenso wie seinerzeit 
die Kreuzzüge, leiteten sich mit Judenplünderungen ein und 
endeten mit Misserfolgen. Ferdinand, der Katholische, war 
vorsichtiger und vertrieb die Juden erst dann aus Spanien, 
nachdem er die Mauren besiegt hatte. Am 15. April 1809 
wurden die Tnnsbrucker Juden, fünf Wohnungen und drei Ge- 
schäftsläden, vom versammelten Landvolke ausgeplündert. Was 
wollte man von den Juden? Die Erklärung liegt eigentlich nahe. 
Fanatischer Religionseifer war das treibende Motiv des ganzen 
Aufstandes in Tirol und traf darum Alles, ob Freund oder 
Feind, was nicht der gleichen Religion angehörte. In Vor- 
arlberg hatte der Aufstand von 1809 keine Ausschreitungen 
gegen die Juden zur Folge. Diesen Ruhm haben die Vor- 
arlberger von den Tirolern voraus. 

Wer ein Freund vom Fabulieren ist oder doch einmal die 
beschämende Erscheinung so recht in der Nähe betrachten 
will, wie ein Historiker die Ereignisse, deren er sich für sein 
Volk schämt und über die er dennoch berichten muss, mit 
der nichtssagenden Begründung: „man sagte" zu entschuldigen 
sucht, der lese bei Rapp ^) den Bericht über die Innsbrucker 
Juden-Plünderung. Ich werde an anderer Stelle ^) ausführlich 
darauf zu sprechen kommen. Judenplünderungen waren alle- 
zeit ein AVerk, das der Fanatismus anstiftet und die Raubgier 
ausführt. Dankbarkeit gegen Juden zu empfinden wird dem 
führenden Pöbel schwer und dem verführten unmöglich. 

Das Geld zu dem Aufstande floss zum guten Teile aus 
jüdischen Kassen. Ein Jude Nathan, der Hohenemser reiche 
Fabrikant Nathan Elias (später Brentano), streckte der Kriegs- 
kasse 10.000 rt. vor.*) (ileich seiner bereits als Wohltäterin 



') Tochter des Bankiers Daniel Itzig und Gattin des Barons Nathan 
Adam von Arnstein. Über diese ausgezeichnete Jüdin und ihre berühmten 
Salons vgl. Grätz, Geschichte der Juden, Bd. 11, S. 158 f. und S. :^'2(;f. 

2) Kapp, Tirol im Jahre 1809, S. 115ff., S. 141 Anm. 20, 21 u. 22. 
Desgleichen auch Hormayrs Bericht bei Rapp, a. a. 0. S. 215. 

■■') Im 2. Bde. dieses Werkes, der die „Geschichte dor .Juden in Tirol'" 
zum Inhalte haben wird. 

♦) Vgl. Rapp, a. a. O. S. 19.") oben, Anm. HJ. 

12 



|7S Sechstes Kapitel. 

der Tiroler von Hormayr bezeichneten Gattin war ancli Baron 
V. Ar])stein, Chef des Wiener Bankhauses Arnstein u. Eskeles, 
mit hohen Summen beteiligt*), und endlich hat die Hohenemser 
Judengemeinde der Vorarlberger Insurrektion hervorragende 
Opfer an Geld gebracht. 

Der Vorarlberger Aufstand datiert seinen Beginn vom 
'2b. April 180t) mit dem Einzüge der Salzburger Jäger unter 
Caniihel in Bregenz und der Verlautbarung des bekannten 
„Gruss von Tirol an seine Nachbarn die Vorarlberger! "2) 

Der Durchzug Camihels bereitete, wie allenthalben in Vor- 
arlberg, so auch in Hohenems auf das Kommende vor. Schon 
am 26. April steuert die Judengemeinde der Christengemeinde 
laut Quittung fi. HG. .V/2 als einem Fünftel zu den Militärlasten 
bei. Doch ist es möglich, dass diese Zahlung seitens der 
Christengemeinde ans bair. Aerar geschah, das bereits in 
einem Erlasse vom H. April von ausserordentlichen Steuern 
spricht. 

Am 19. Mai 1809 kamen die von Hormayr nachgesandten 
Tiroler Schützen unter Führung des Kommissärs S, A. Fischer, 
Gerichtsschreibers in Landeck, und des Anton Stöckl, Wirt 
in Petueu, durch Hohenems. Fischer und Stöckl drangen nun 
in die Vorsteher der Judengemeinde unter Androhung 
der gleichen Vorgänge wie in Innsbruck (Plünderung) 
ihnen sofort — es war zu später Nachtstunde — auf 
Wechsel, die von Hormayr unterschrieben waren, ein in 
14 Tagen rückzahlbares Darlehen zu geben. Die. ge- 
ängstigten .Juden gaben ihnen fl. 1000 gegen Wechsel. Am 
15. Juni schrieb dann Fischer, er wünsche, dass der AVechsel 
erst am 20. September zur Zahlung präsentiert werde. Auch 
hierin willigte die Israelitenvorstehung. Als der Wechsel 
späterhin, nachdem er inzwischen durch die Firma Egg und 
Porzelius in Lindau in die Hände des Herrn Jakob Fischnaller 
in Innsbruck gekommen war, Herrn v. Hormayr zur Einlösung 
präsentiert ward, da Hess ihn, wie bei vielen ähnlichen Fällen, 
von denen Rapp erzählt, das Gedächtnis im Stich. Hormayr 
und desgleichen auch Fischer verschwanden aus Tirol und der 
Wechsel blieb uneingelöst. 



') Ygl. u. A. auch Rapp, a. a. 0. 224 und die betr. Anni. 26, S. 243. 
-) Abgedruckt iu Dr. Alfred Ebenhoclis „N^orarlberg im Jahre 1809" 
S. llf. 



Oas Jahr 1809. 170 

Auch die Vorarlberger Stände suchten bei den Juden Hilfe 
gegen das Hauptttbel, an dem die ganze Insurrektion litt, gegen 
den Geldmangel. Am 18. Mai verlangte die damals in Feld- 
kirch tagende Schutzdeputation unter Drohungen ein Dar- 
lehen von 20000 fl. von der Judenschaft. Doch ehe die Sache 
zur Verhandlung kam, geriet bekanntlich der ganze Aufstand 
auf die falsche Nachricht von der Übergabe Tirols hin ins 
Stocken. Doch als er in den ersten Tagen des Juni unter der 
zielbewussten Leitung Dr. Schneiders wieder kräftig ins Leben 
trat, erhielt die Judenschaft folgende Aufforderung: 
„An die Judenschaft zu Ems! 
Die unter dem 7. d. Ms. von Seite der vorarlbergisch 
ständischen Schutzdeputation an die Judenschaft in Ems 
abgeordneten Deputierten erwirkten das Anleihen von 
8—10000 Gulden nicht, welches sie für die gesammten 
Stände in Gemässheit des Landtagsbeschlusses vom 6, ds. 
negocieren sollten. Sie zeigten an, dass die Judenschaft 
sich zuerst '24 St. und zuletzt gar bis zum nächsten 
Sonntag Bedenkzeit vorbehalten habe und für keinen 
Fall mehr als auf 3^4000 Gulden Hoffnung mache. Die 
unterzeichnete Schutzdeputation muss nun nach ge- 
nommener Rücksprache mit den wohllöbl. Landwehr- 
Commando die ernstliche Aufforderung wiederholen, dass 
die Judeuschaft aus Anbetracht des Dranges der Um- 
stände ohne weiters und längstens bis künftigen Sonntag 
Vormittags der gemachten Ansinnung statt thue und bis 
dahin wenigstens fl. 4000 erlege, die übrigen fl. 4000 
aber binnen 8 Tagen nach der ersten Erlegung an das 
Kassieramt abtrage, als widrigens die unangenehmsten 
Vorkehrungen gegen die Judenschaft unvermeidlich 
wären. Bei der Erlegung wird übrigens nicht nur ein 
Schein vom Kassieramt, sondern auch eine förmliche von 
der Schutzdeputation im Namen der gesammten Stände aus- 
gestellte Obligation der Judenschaft eingehändigt werden. 
Brengenz, den 9. Juni 1809. 
Kaiserl. Königl. oesterr. Vorarlberger stand. Schutz- 
Landwehr-Coramando in deputation allda: 

Vorarlberg: Philipp Kanzler, Deput., 

Müller, Major und Dr. Bitschnau, Fr, Xaver Petz, 
Defensions-Commandant. Amann Vögel, 

Josef Rhomberg. Vorsteher.'' 

\2 



ISO Sechstes Kapitel. 

Die damals ohnedies mit Scliuldeu schwer belastete, mittel- 
lose .ludengemeinde wusste sich nicht anders zu helfen, als dass 
sie in der Schweiz gegen sehr hohe Zinsen weitere i\. 4000 aut- 
iijihni und den Ständen vorstreckte. Am 11. Juni wurden 
laut Quittung 15')0 H. und am 4. .luli 1000 fl. dem Kassier 
Ad. (ieniindner ühergeben. Hiezu kamen dann noch fort- 
während Beiträge in Naturalien für die Landesschützen 
und Truppen. 

Am 14. Juni leistet die .1 uden- der Christengemeinde 
einen freiwilligen Beitrag von fl. GO zur Unter- 
haltung der Schützenkompagnie. 

Fortwährend refjuirierten die Stände Pferde. Ja, als die 
Judenschaft, welche die wenigen Pferde, die des Handels halber 
gehalten werden mussten, längst hergegeben hatte, dies den 
ständischen Abgesandten erklärte, ward ihnen kein Glaube 
beigemessen und ihnen am 14. Juni Ordonnanz in die Häuser 
gelegt, die so lange da liegen bleiben solle, bis eine Anzahl 
Pferde geliefert worden wären. Die Ordonnanz blieb einige 
Tage in Einquartierung, durchstöberte alle Winkel, musste aber 
endlich un verrieb teter Sache abziehen. 

Der Jnde half gerne, wo und wie er konnte. Am 8. Juni 
i<S09 übernahmen die Juden freiwillig der Christen- 
gemeinde ein Fünftel zu den Militär er littenheiten bei- 
zusteuern. Der Protokoll- Auszug aus der in der Taverne zu 
Hohenems am 8. Juni 1809 im Beisein des Landammannes, 
der beiderseitigen Vorsteher und Ausschüsse abgehaltenen Ver- 
sammlung erzählt hierüber: 

„Die [.löbl. Herrn Vorsteher der Hebräerschaft werden 
auch von der versammelten Deputation freundschaftlichst 
(M'sucht zur Unterstützung hiesiger Schützen und täglich 
zu bestreiten habender Ausgaben mit etwa fl. 1000, sage 
eintausend Gulden, auf Reclinung verhilflich zu sein, die 
aber nirgends anders zu diesem Zweck verwendet werden 
sollen. Die Herren äussern sich, dass sie alles mögliche 
thun und alle Kräfte aufbieten werden, „wo immer 
möglich diesem Gesuch zu entsprechen, jedoch verbinden 
sie sich im äussersten Fall ihren fünften Teil an all 
diesen Kosten beizuschliessen." 

Am 25. Juni zahlt die Judengemeinde weitere 
fl. 125 und am 7. Juli fl. 150 zurP>haltung der Hohen- 
e m s e r Schützen- K o m p a g n i e. 



Das Jahr 18011. IH\ 

Am 11. .luli 1809 trat die Schutzdeputatioii gtii- mit 
folgendem Ansinnen an die Judenschaft heran: 

,.An die Judengemeinde zu Hohenems. 

Auf den von dem k. k. rieneralcommissariat an beide 
Löbi. Schutzdeputationen gemachten Vortrag, dass zur 
Fortsetzung der bisher mit Ruhm und gutem Erfolge 
i)estandeneu Defensionsanstalteu ein ergiebiger Cassa- 
vorrath beigeschaift werden müsse, dass derselbe nur in 
Aufnahme ausländischer Capitalanleiheu. diese endlich 
auch wieder nur durch Unterstellung inländischer Privat- 
creditscheine gefunden werden kann: 

Erhält die Löbl. Gemeinde den Auftrag binnen drei 
Tagen ein Verzeichnis« jener Individuen, welche bestimmt 
15000 fl. — und mehr Capital- und Real vermögen be- 
sitzen und zur dortigen Gerichtskasse versteuern, anher 
einzureichen, um sohiu die hiezu geeigneten Individuen 
zu dieser patriotischen Ausführung auffordern und diesen 
Plan erfüllen zu können. 

Da diese Anstalt nur auf das Wohl des Vaterlandes 
Bezug hat und auf die Erleichterung der Steuern der 
mittleren und ärmeren Volksklasse hinzielt, so wird auch 
schnellste Befolgung dieses Auftrages gewärtige!. 
Von der stand. Schutz-Deputation zu 

Bregenz, den II. July 1809. 

Deputirter Kanzler, Deputirter Greber. 

Fr. Xaver Petz, Dep., Amann Vögel, 

Fr. Xaver Rhomberg." 

Die aufs Ausserste erschöpfte Judengemeinde antwortete 
am 14. Juli, dass nur sehr wenige ein Vermögen von fl. 15000 
versteuern und selbst diese durch die bereits geschehenen Dar- 
lehen mit Lasten überbürdet seien, weshalb sie um Befreiung 
von diesem Ansuchen bitten. Der inzwischen auch in Vor- 
arlberg bekannt gewordene Waffenstillstand vom 12. Juli in 
Znaim ^) machte alle weitere Verhandlung hierüber gegen- 
standslos und mit dem am 7. und 8. August erfolgten Ein- 



') Auf die Kunde vom angeblichen Sieg von Wagrani, der in 
Vorarlberg gefeiert wurde, war der 22. Juli als Dank- und Bettag von 
der Schutzdeputation angeordnet und auch in der Synagoge /u Hohen- 
ems begangen worden. 



IX'J Sechstes Kapitel. 

zage der Württemberger und Frauzoseu in Bregenz fand der 
ganze Aufstand sein Ende. 

Kurz im Verlaufe und doch iKicIist elirenvoll für die Vor- 
arlberger und ihren treuen patriotischen Sinn für's angestammte 
Kaiserhaus, der selbst dann nicht wankte, als all die Ver- 
sprechungen an Unterstützung, die ihnen zu Beginn des Auf- 
standes gemaclit wurden, späterhin sich als unausführbar er- 
wiesen. 

Der Hohenemser Schützen-Kompagnie leistete 
die Judengemeinde weitere Beiträge am 12. Juli von 11. 85, 
am 18. Juli fl. 212 und am 3. August 100, insgesamt während 
des ganzen Aufstandes fl. 982. 

Dass sich angesichts dessen dennoch eine beleidigende 
Zuschrift des Landamraannes Halbeisen vom 30. Juli vorfindet, 
in der er seinem Ärger darüber Luft macht, dass die Juden 
nicht immer bei der Hand sondern auf Reisen seien, so sie 
angepumpt werden sollen, ist bei Halbeisens oft gekenn- 
zeichneter Gesinnung gegen die Juden nicht zu verwundern. Die 
Judenschaftleuchtete dem erleuchtungsbedürftigenLaudammann 
auch gebührend heim. 

Der amtlichen Darstellung zufolge über die direkt durchs 
Militär verursachten Erlittenheiten der Judenschaft während 
der kurzen Zeit des Aufstandes vom 28./4. bis G./8. 1809 be- 
trugen diese: 

Einquartierung und Verpflegung fl. 824,54 
Vorspann- und persönl. Dienste „ 327.56 

Requisitionen „ 107.03 

fl. 1259.13. 

Die weitaus bedeutendere Hohe der sonstigen Beiträge 
an die Christengemeinde, Schützen und Schutzdeputation, der 
verschiedenen Darlehen usw. wurden hier gar nicht angegeben, 
weil ja die bair. Regierung es war, die diesen Bericht ein- 
forderte. Doch erzählen hierüber mehr als Genügendes nicht 
nur die bereits angeführten Tatsachen, sondern auch zahlreiche 
Privatbriefe aus jener Zeit, die über das Elend des Krieges, 
die Verarmung der Judenschaft und die endlosen Requisitionen 
und Erpressungen klagen. Ein solcher Brief z. B. vom 
15. September 1809 schliesst: „".... gestern und heute sind 
wir auch requiriert worden, um Schuhe, Eisen, Hemden, Säbel 
usw., unsere Lage ist wirklich traurig." 



Das Jalir 1809 und seine Folgen. 



1S3 



Die nächste Folge der Verarmung der Judeugemeinde 
und der auf ihr lastenden Schuldenmasse ^ ) war, dass laut 
Beschluss vom 11. Juli 1809 jener Betrag, den die Judenschaft 
an Stelle von Soldaten ans Ärar zu bezahlen hatte, nicht mehr 
aus Gemeindemitteln gedeckt, sondern auf die in s dienst- 
pflichtige Alter tretenden Jünglinge alljährlicli veruinlagt wurde. 
Am 12. Juli 1809 genehmigte die bair. Regierung diese Ver- 
umlagung. 

Die Arbeiten des Ortes Hoheneras im Hand- und Fuhr- 
dienste beim Festungsbau iu Lindau (1809, August bis Dezember) 
waren mit einem Kostenaufwande von fl. 852.24: verbunden. 
zu denen auch die Judenschaft, wie zu den gesamten Erlitten- 
heiten, laut Abrechnung vom 28. Juni und 2. Juli 1810 ihr 
freiwillig übernommenes Fünftel beisteuerte. 

Die amtliche Statistik von 1810 gibt folgendes Bild der 
Hoheuemser Judenschaft: 

a) Realitäten-Beschreibung: 



Wohnort 


Zahl der 
1 Hänser 


Syna- Wohn- Sclieu- 
goge häuser ^nen,^ 


Summa 
aller 
Ge- 
bäude 


Davon 

mit 
Ziegel 


Davon 

mit 
Schindel 


a. Judengasse 

b. Säge 

c. Schwefelbad 


1 

54 

1 

1 


1 ' 53 

— 1 

- 1 • 


- 

26 
1 


80 
1 
2 


69 
2 


11 

1 



b) Seelen-Beschreibung: 



Zahl der 
Wohnort Fami- 
lien 


Männer 


_ mftnnl. weibl. 
Franen Kinder Kinder 

i 


1 

Knechte, Mägde 


jl 1' 

a. : Jttdengasse ' 88 

b. Säge 2 

c. , Schwefelbad — 


76 

1 


86 
1 


120 126 
2 6 


28 


28 



Hierzu kommen noch 2 Beisassen. Die Dienstboten waren 
jüdischer Konfession. Also insgesamt eine jüdische Bevölkerung 
von 470 Seelen in 90 Familien. 



') Man vgl. hiezu die übersichtliclie amtliche Darstellnng der 
Schuldenlast der Hoheneniser Judengemeindc im Etatsjahre 1811/12 im 
10. Cap. dieses Buches. 



184 



Sechstes Kapitel. 



Um die i. J. 1809 von so vielen Seiten au die Juden- 
sciiaft gestellten Verlangen um Darlehen nach Möglichkeit zu 
befriedigen, hatte diese, wie bereits erwähnt, in der Schweiz 
fl. 5000 gegen hohe Zinsen entlehnt, welche durch die an die 
Vorarlberger Stände gelieheneu 4000 fl. und durch die au 
Hormayr gegebenen 1000 fl. hätten gedeckt werden sollen. 
Dass die Hormayrscheu 1000 fl. verloren gingen, ward bereits 
erzählt. Aber auch mit der Rückzahlung der fl. 4000 von den 
Ständen hatte die Judengemeinde zahlreiche, viele -lahre sich 
hinziehende Schwierigkeiten. 

Die Schweizer Gläubiger drangen auf Tilgung des Kapitals, 
die Judenschaft trat an die Stände heran, diese wieder er- 
klärten, kein Geld zu haben, ja einige von diesen bekannten 
sich überhaupt nicht zu der Schuld, bis endlich am 1. Oktober 
1810 das General-Koraissariat des Iller-Kreises in Bregenz 
entschied, das Landgericht Dornbirn habe unverzüglich die 
4000 fl. auf sämtliche Landgerichte zu verteilen ^) und die 
Zahlungen innert Monatsfrist zu veranlasseu. Doch vergingen 
noch 4 Jahre bis die Zahlungen, teilweise ohne Verzinsung, 
einliefen. 

Die bairische Regierung bereitete nunmehr eine allgemeine 
Regelung der Rechtsverhältnisse der Juden vor. 



\) Die Verumlagung geschah in folgender Weise: 



Nr. 


Name der ehem. Stände Betrag 

1 


Hiess unter 
bair. Verwaltung 


Betrag 


1! 

2 , 
3 
4 
5 


Hoheneck 268.19 

Altenburg 59.57 

Simmerberg 244.48 

Grünebach 224.45 

Kehlhöf . . . ■ 81.51 


Landgericht 
Weiler 


879.40 


6 
7 

8 

9 

10 


Stadt Bregenz 

Hofsteig 

Sulzberg 

Hofrieden 

Alberschwende 


95.32 
147.32 
156.04 
230.16 

36,51 


Landgericht 
Bregenz 


666.15 


11 
12 
13 


Bregenzerwald 

Lingenau 

Mittelberg 


379.39 
94.21 
64.21 


Landgericht 
Bregenzerwald 


541.21 


14 
15 


Dornbirn 

j Höchst und Fussach . . 


180.45 
82.03 


Landgericht 
Dornbirn 


262.48 



Kegelung der Rechtsverhältnisse. 



185 



Vorläufig trat 1811 das provisorische Steuerstatut iu's 
Lebeu, nach welchem die Juden ihre Realitäten nicht mehr 
an die Ortsgemeinde, sondern ans kgl. bair. Rentamt zu ver- 
steuern hatten. Eine Verordnung'! des Gen. Com. des lUer- 
kreises ddo. Kempten 20. Mai 1811 ordnete bereits eine genaue 
Feststellung von Seelenzahl. Beschäftigung usw. der im 111er- 
kreise wohnenden Juden an. Das Ergebnis dieser Zählung 
für Hohenems war 90 Haushaltungen mit 484 Seelen. 

Interessant ist ein Erlass^) des Ministeriums des luneru 
ddo. München 9. Dezember 1811, wonach der Schutz einer 
Judenfamilie nicht nur bei Todesfall, sondern auch bei frei- 
williger Aufgabe des Familienoberhauptes infolge Unfähigkeit 
zum Handel und Erwerbe erlösche. Doch seien solche Fälle 
genau zu prüfen. Letzteres wahrscheinlich deshalb, weil die 
bair. Regierung ja bald darauf die berüchtigte Normalzahl für 
Juden einführte, welche die Heirat erst ermöglichte, wenn eine 
Schutznummer erledigt war und wobei es vorkommen mochte, 
dass jemand freiwillig unter Vorgabe von Erwerbsunfähig- 
keit den Schutz aufgab, um Platz für einen Zweiten zu 
schaffen. 

Am 12. Jänner 1812 trat die berüchtigte Normalzahl 
der Juden ins Leben, berüchtigt, weil sie durch nichts zu 



Xr. Name der ehem. Stände - Betrag 



Hiess unter 
bair. Verwaltung 



Betrag 



16 Feldkirch .... 

17 Rankweil und Sulz 

18 ; Neuburg 

19 ' Jagdberg .... 



121.03 

627.18 

16.09 

81.21 



Landgericht 
Feldkirch 



841.51 



20 ' Sonnenberg 

21 Bludenz . 

22 Tannberg 

23 Damüls . 



314,35 
98.20 
42.21 
28.40 



Landgericht 
Sonnenberg 



483.56 



24 ji Montafon ! 320.09 | Ldg. Montafon | 320.09 

Die Verumlagung geschah auf Grund des Steuerfusses. 

Hohenems als ehemaliger Reichsstand gehörte nicht zu den Vor- 
arlberger Landständen. 

Das General-Komissariat des Illerkreises war zugleich Administration 
der Stiftungen und Kommunen und hatte deshalb auf Schuldentilgimj,' 
zu dringen. 

') Abgedruckt im „Kgl. baier. AUgem. Intelligeiizblatt des Iller- 
kreises" XXIL Stück, Jhgg. 1811, pag. 387f. 

-) ib. Lin. Stück, pag. 832 f. Vgl. .Ihgg. 1812, S. 428 f. u. 452. 



LSG 



Hechste« Kapitel. 



icclitfei'tigeii war, aller Veruimft und allem Rechte Hulm sj>racli 
lind eine gedeihliche Entwicklung der Gemeinde in jeder, 
auch sittlicher, Hinsicht bedeutend erschwerte. 

Hievon wissen jn so viele österr. .ludengemeindeii Trauriges 
zu erzählen. ^) 

Möge darum der betrettende Erlass hier wortgetreu Platz 
linden. 

„An sämmtliche königliche Polizey-Koramissariate, 
dann Land- und Patrimonialgerichte des lllerkreises. 
Im Namen 8r. Majestät des Königs! 
Nachdem durch ein allerhöchstes Rescript vom 
'2. Jänner 1. Js. befohlen wurde, dass die Zahl der Schutz- 
rludenfamilien, so wie sie unterm 2. August verflossenen 
Jahrs Sr. königl. Majestät in einem Verzeichnisse vorgelegt 
wurde, als Normalzahl betrachtet, bei Würdigung 
jüdischer Aufnahmsgesuche als solche beobachtet und 
jeder vorkommende Rekurs-Fall, in so ferne es sich hiebey 
um die Normalzahl handelt, hienach bemessen werden 
soll; so wird dieses hiemit zur allgemeinen Kenntniss 
gebracht und zugleich eine Übersicht der in dem dies- 
seitigen Reichs -Kreise normalmässig ansässigen be- 
schützten Judeufamilien beigefügt. 
Kempten, den 12. Jänner 1812. 

Gen. Komm, des lllerkreises: 
Graf von Reisach. 

Asmus. 



Kgl 



Vortrag 


Normalzahl der be- 
schützten Judenfamilien 


der Laiidgericlitc 


der Patrimonial- 
gerichte 


der 
Gemeinden 


in den jj,, ganzen 
emzclncn tu i 
Gemeinden lUerkreise 


Dornbirn 


_..- 


1 

Hohenems 90 




Illertissen 


Fellheim 


Fellheim 


78 




n 


Illeraichen 


Altenstadt 57 




7-) 


Osterberg 


Osterberg 39 




Lindau 


— 


Lindau 


1 " 




Ursberg 


— 


Hürben 


84 


349. Y 



') Frankl-(Triiii, (Jescli. d. Juden in Krenisier. 

■') K. b. Intell.-Bl. d. lllerkreises, IV. Stück, Ö. ;{7f. Jhgg. 1812. 



Einführung der Nornialzalil. ] 87 

Vuii noch grösserer Tragweite aber als die Einführung 
der Normalzahl war der Erlass des berühmten Ediktes vom 
10. Juni 1813, mit dem die bairische Regierung eine gleich- 
massige Regelung der Rechtsverhältnisse der bairischen Juden, 
zu denen damals auch die Hohenemser Juden gehörten, durch- 
führte. 

Für die Letzteren war das Edikt besonders wichtig, weil 
es auf Grund der späteren Bestätigung durch die österr. Re- 
gierung am 11. April 1818 bis zum Jahre 1849 in Kraft blieb 
und so die Juden in Hohenems in eine besondere und in 
vielen Punkten vorteilhaftere Rechtsstellung brachte, als damals 
jene der Juden im übrigen Österreich war. 

Der Inhalt des kgl. bair. Ediktes stellt sich nacli der 
Veröffentlichung im kgl. bair. Regierungsblatte vom 17. Juli 
IHIH, Stück XXXIX auszugsweise folgendermassen dar: 

„Wir Maximilian Joseph von Gottes Gnaden König 
von Bayern. 

Um den jüdischen Glaubensgenossen in unserem 
Königreich eine gleichförmige und der Wohlfahrt des 
Staates angemessene Verfassung zu erteilen, haben wir 
nach Vernehmung Unseres Geh. Rathes beschlossen . .'' 

ij 1. Nur jene Juden gelangen in den Besitz folg. bürger- 
licher Rechte, die das gesetzmässige Indigenat in Bayern 
erwerben. 

^ "2. Hierzu ist vor Allem die Eintragung in die bei der Polizei- 
Behörde aufliegende Judenmatrikel erforderlich. 

§ 3. Zu dem Behufe haben sich in den nächsten 3 Monaten 
alle Juden bei der Polizei-Behörde ihres Wohnortes zu 
melden, Stand, Alter, Beruf und Familienzahl anzugeben 
und ihre Schutzbriefe, Concessionen und Aufenthalts- 
bewilligungen vorzuweisen. 

sj 4. Nach erfolgter Prüfung der Letzteren hat die Polizei 
den betreffenden Juden zu befragen, a) ob und welchen 
Familiennamen er, falls er nicht schon einen 
hätte, annehmen, b) ob er den Unterthanen-Eid 
ablegen wolle. 

sj .3. Bekannte, allzuhäuiige Namen dürfen nicht angenommen 
werden. Geschäftsfirmen können neben den neuen auch 
den alten Namen führen. 



ISS Sechstes Kapitel. 

v^ (i. L bei- die Aufualime in die Matrikel eutsclieidet das Geiieral- 
Coramissariat. 

ij 7. Bejahenden Falles legt der Jude den Untertanen-Eid ab, 
worauf die Eintragung erfolgt und der .lüde einen Aus- 
zug, der an die Stelle des bisherigen Schutzbriefes tritt, 
erhält. 

^ 'S. Die Matrikel mit den alten und neuen Namen sind beim 
General-Comissariate zu hinterlegen. 

v:j 9. Der neue Name ist im Geschäfte zu führen. 

v:j 10. f}ene Juden, die Vorstehendem innerhalb 3 Monaten nicht 
entsprechen, sind als Fremde zu betrachten. 

;^ 11. Die Einwanderung und Niederlassung fremder 
Juden ist aber im Königreiche durchaus ver- 
boten. 

v<. li*. Die Zahl der gegenwärtig an einem Orte wohnen- 
den Judenfamilieu darf nicht vergrössert, soll 
vielmehr, wo sie zu gross ist. allmälig vermindert 
werden. 

sj 13. Eine Ansässigmachnng über die bisherige Zahl kann nur 
von allerhöchster Stelle bewilligt werden u. z. nur a) bei 
Errichtung von Fabriken und grossen Handelsunter- 
nehmungen, b) wenn so viel Grund und Boden zur eigenen 
Bearbeitung erworben wird, dass eine Familie allein vom 
Feldbau leben kann. 

sj 14. Ehe be willigungen werden nur auf Grund der Ausübung 
eines gesetzmässigen Handwerks erteilt. 

sij 15. (wörtlich): „Um die Juden von ihren bisherigen 
ebenso unzureichenden als gemeinschädlicheji 
Gewerbsarten abzuleiten und ihnen jede erlaubte 
mit ihrem gegenwärtigen Zustande vereinbare 
Erwerbs-Quelle zu eröffnen, sollen dieselben 
zu allen bürgerlichen Nahrungszweigen als Feld- 
bau, Handwerken, Treibung von Fabriken und 
Manufakturen und des ordentlichen Handels 
unter den nachstehenden Bestimmungen zuge- 
gelassen, dagegen der gegenwärtig bestehende 
Schacherhandel allmälig, jedoch so bald als 
immer möglich, ganz abgestellt werden." 



Das kgl. bair. FMikt vom Jalire 1813. 189 

»ijjfi. Die Erwerbung des vollen und Nutzeigenthums 
von Häusern und liegenden Gründen ist den 
Juden gestattet. Die Erwerbung des Ober-Eigen- 
thnrns (dominium directum) von Gründen, deren 
Nntzniessung Andern zusteht, sowie die Er- 
langung gutsherrlicher Rechte ist ihnen unter- 
sagt. Besitzt er jedoch das Nutzeigenthum, kann 
er auch das Obereigenthum an sich bringen. 
Häuser und Güter zum Wiederverkauf können 
sie nur bei Versteigerungen oder Concursen an 
sich bringen. Zum Ankaufe von Häusern, selbst zur 
eigenen Bewohnung, in der Residenz ist die a. h. (Je- 
nehmigung erforderlich. 

v^ 17. Die .luden können ihre Felder von jüdischen oder christ- 
lichen Dienstboten bearbeiten lassen, nur nicht von 
ausländischen Juden. Pachtung von Feldern ist 
gestattet, Verpachtung verboten. 

vj 18. Manufakturen, Fabriken. Handwerke, zünftig oder 
nicht zünftig, (mit Ausnahme von Brauereien, Schenk- 
und Gastwirtschaften) stehen den Juden frei, sofern 
ihrer Ansässigmachung nichts im Wege steht. Zünftige 
Gewerbe verlangen eine Einzünftung, doch darf eine 
jüdische Zunft nicht bestehen, sondern haben die 
Juden sich in die bestehenden Zünfte aufnehmen zu lassen. 
Der Meister hat den jüdischen Gesellen wie andere frei- 
zusprechen und mit einem Lehrbriefe zu versehen. Doch 
können die Juden für jene Meister Prämien aussetzen, 
die jüdische Kinder in die Lehre nehmen. Der jüdische 
Meister kann jüdische und christliche Gesellen auf- 
nehmen. 

vj 19. Zu dem ordentlichen Wechsel-, Gross- und Detail- 
handel sollen Juden mit ordentlicher Buchführung 
(nur in deutscher Sprache) zugelassen werden, wenn 
sie genügendes Vermögen, gute Aufführung, gesetzliche 
Befähigung und Bewilligung nachweisen können. 

§ 20, Hausier- und Schacherhandel ist untersagt, eine 
Ansässigmachung auf Grund dessen nicht zu gestatten 
und auch den bereits Ansässigen nur so lange zu er- 
lauben, bis sie einen andern Erwerbszweig ergreifen, 
wozu die Behörden behilflich sein sollen. 



1 90 Sechstes Kapitel. 

vjJl. Alle Juden -Corporationeii werden aufgelöst, die 
Corporationsdiener entlassen und die Corp. -Schulden 
unter jene Distrikte, die die Corporation bildeten, bei 
vollständiger Sicherstellung der Gläubiger verteilt. Die 
Auflösung bat in den (5 Wochen nach Kundmachung zu 
erfolgen und die (ien. Comm. innerhalb 3 Monaten Be- 
richt zu erstatten und die Projekte der Sciiuldenverteilung 
dem Ministerium des Innern vorzulegen. 

^'2'2. Die im Königreiche wohnenden Juden, sei ihr 
Gewerbe welches immer, bilden keine eigenen 
Jndengemeinden mehr, sondern bilden mit den 
christlichen Bewohnern eine Gemeinde. Sie teilen 
mit diesen die Gemeinderechte und Verbind- 
lichkeiten, wobei jedoch die Nothandel Treiben- 
den an den Gemeindegründen ihrer Wohnorte 
weder Nutzung noch Anteil haben. Ausser sie 
hatten schon bisher Rechte daran, die ihnen 
dann verbleiben. Die Landbau oder ordentlich 
concessionirte Gewerbe Betreibenden geniessen 
jedoch volle Rechte auch in Rücksicht der Ge- 
meindegründe. 

§ 23. Den Juden ist vollkommene Gewissensfreiheit zugesichert 
mit denselben Befugnissen wie andere priv. Kirchen- 
gesellschaften, sofern sie im Edikt nicht abgeändert sind. 

vj 24. Wo 50 Familien wohnen, dürfen sie eine Kirchengemeinde 
bilden und, wo eine Polizei-Behörde besteht, auch eine 
Synagoge, einen Rabbiner und eine eigene Begräbnis- 
stätte haben. 

v^ 25. Wo sie keine kirchliche Gemeinde bilden, sind sie auf 
die Hausandacht beschränkt. Wo eine Synagoge besteht, 
dürfen Funktionen nur vom Rabbiner oder dessen Sub- 
stituten vorgenommen werden. 

v^' 26. Ortsrabbiner und Substitut werden von der Gemeinde 
vorgeschlagen, vom General -Commissariate ernannt, 
ohne dessen Zustimmung sie nicht entlassen werden 



'o 



dürfen. 



sj 27. Der vorgeschlagene Rabbiner oder Substitut muss als 
kgl. Unterthan in die Matrikel eingetragen sein, der 



Das kgl. bair. Kdikt vom Jahro 1813. 191. 

(leutscheu Sprache mächtig und überhaupt wissenscliaft- 
lich gebildet und makellosen Lebenswandels sein. 

^ 28. Der Rabbiner ist zu vereidigen. 

sj '29. Die Bestimmungen gelten auch für die bereits amtierenden 
Rabbiner. 

s:^ 30. Dem Rabbiner obliegen nur kirchliche Funktionen mit 
Ausschluss jeder Gerichtsbarkeit. 

ij81.Das Kirchenvermögen verbleibt den Kirchen- 
gemeinden und wird vom Rabbiner und zwei 
Gemein de- Mitgliedern verwaltet. 

vj 32. Die Judenkinder beiderlei Geschlechtes unterliegen dem 
Schulzwange. Höhere Lehranstalten sind den Juden 
geöffnet. 

vj 83. Den Juden ist die Haltung eigener Scliulen ge- 
stattet, sofern sie den gesetzlichen Vorschriften genügen 
und Lehrer mit einem Minimalgehalte von fl. 300 an- 
stellen. 

sj 34. Das Studium jüd. Theologie ist jüd. Kindern nur nach 
erfolgter genügender wissenschaftlicher Ausbildung zu 
gestatten. 

„In diesen Bestimmungen werden die in unserem Reiche 
l)efindlichen Juden einen Beweis unserer auf das Wohl unserer 
sämmtlichen Unterthanen sich erstreckenden Sorgfalt ebenso 
dankbar erkennen als . . . .'' 

München, 10. Juni IS 13. Max Josepli." 

Die Durchführung der einzelnen Kdikts-Bestinimungen, 
insbesondere betreffs der Immatrikulierung, Annahme deutscher 
Familiennamen und Ablegung des ünterthanen-Eides, nahm 
alsbald ihren Anfang. Eine Verfügung des Landgerichtes Dorn- 
birn vom 25. August 1813 setzte für die Hohenemser Juden 
den Freitag jeder Woche, an welchem Tage die meisten Juden 
daheim zu sein pflegen, als Tag der Imraatrikulierung fest. 
Ein solcher Matrikel-Auszug, der an Stelle des Schutzbriefes 
dem Neueingetragenen verabreicht ward, hatte folgenden 
Wortlaut: 

„Auszug aus der Matrikel der des Schutzes berechtigten 
jüdischen Glaubensgenossen im liierkreise des König- 
reichs Baiern 



192 



Sechstes Kapitel. 



für 
zu 



; Ktlnftigor Namen 
•f Bisheriger i " -=" - _ g 

g Namen 

^ i 



■ Vor- 
Ilnamen 



Ge- 
8chlechtB-ji M 
namen 



Familienüahl 



Er- 



Dienst- , , 
bothcii- wcrbB- 
u. Ver- art 
wandte 



Zeit der 
Immatri- 
kulation 



(lefertigt zu Kempten, den im Jahre 

Königiicli Baierisclies General -Kommissariat des Illerkreises : 
(L. S.) (Unterschrift)" 

Für die Hohenemser Juden ergab sich folgendes 
Register der Namensänderung: 



Xr. 

1 


Neuer Name 


Alter Name 


1 ! 


Johanna Bachmann ^) 


Simon Ullmauns Wwe. a. Bach 


•2 ' 


Salamon Bergmann 


Salamon Lazarus 


3 i 


Bernhard Bermann 


Vorsingers Sohn 


4 1 


Benedikt Bernheimer 




5 


Abraham „ 




6 


Simon „ 


Die Brüder Levi Levi 


7 


Markus „ 




8 


'Salomon „ 




9 


Salamon Biedermann 


Seligman Lämle 


10 
U 


Michael Bickart 

Heinrich „ 


/ wie jetzt 


12 


Johann August Brentano') 




13 
14 


Arnold „ 
Anton j, 


Nathan's Söhne 


15 


Moritz „ 




16 


! Ludwig Brettauer^) 


Lämle Herz 


17 


Rafael Brettauer 


Raphael Herz 


18 


Heinrich Brunner 


Henle AVolf, Metzger 


19 


Abraham „ 


Abraham ,, 



») Wohnte am Bache, daher der Name. 

'^) Wohlnach dem damalH vielgenannten und verdienstvollen Bregenzer 

Buchdrucker J. A. Brentano. 

') Nach ihrer ehemaligen Heimat Bretten im heut. Badischen. Herz 
Lämle unterschrieb sich „von Bretten.'- Vgl. Kap. 5. 



Die Namensänderung v. J. 1813. 



193 



Nr. 


Xeuer Name 


Alter Name 


20 


Benjamin Burgauer ^) 


wie jetzt 


•21 


Maria Egg^) 


Salamon Levis Wittwe 


22 


Michael „ 


Deren Sohn 


23 


Micliael Eggiuaiiu 


Michael Levi 


24 


Markus Erlach =») 


Mayer Israel Wolf 


25 


Gedeou „ 


Gerstle „ „ 


26 


Samuel Frey 


Samuel Levi 


27 


Mathias Frey 


Mathias Levi 


28 


Ephraim Outniaim *) 


Ephraim Levi 


29 


Joseph „ 


Josef Ephraim Levi 


30 


Magdalene Hauser 


Wwe. des Israel Moos 


31 


Wolf „ 


Deren Sohn 


32 


Samuel „ 


n ■)•> 


33 


Samuel Heuniauu 


Samuel Heinrich Levi 


34 


Markus „ 


Marx „ „ 


35 


Josef Hirschfeld'') 


Josef Hirsch Levi 


36 


Karl „ 


Moses ., „ 


37 


Leopold ,, 


Lob 


38 


Martin „ 


Mayer „ 


39 


Albert „ 


Albrecht „ „ 


40 


Jakob Kitzinger 


wie jetzt 


41 i 


Aron Landauer®) 


wie jetzt 



') Aus Burgau eingewandert. Vgl. Kap. 5. 

-) Diese war die Wittwe eines Egg aus Endingen, als sie Salamon 
Levi, den Onkel Prof. Sulzers heiratete. 1813, als Wittwe, nahm sie 
mit ihrem Sohne den Namen ihres ersten Mannes an. 

■'') AVohnte im sogen. Erle. 

*) Der in den Registern der Hohenemser Schutz Juden vom 18. Jhd. 
mehrfach genannte Josef Wolf Leri (Gattin Maria Moos) hatte 5 Söhne und 
3 Töchter. Von den Ersteren nahm Ephraim den Namen Gattmaiiii, 
des Hirsch' Nachkommen (er selbst starb 1792) den Namen Hirschfeld, 
Michael (wohnte nicht in Hohenems) den Namen ^eniiiann, des Lazarus' 
Nachkommen (er selbst starb 180ü) den Namen Löwenberg, Wolf den 
Namen Löwengard an. 

Von den Letzteren war Rosa mit Simon Guggenheim in Endingen, 
Sophie mit Veit Nenburger in Buchau, Susanna mit Heinrich Henle in 
Bozen verehelicht. Des Wolf Sohn Hirsch (wohnte nicht in Hohenems) 
nahm den Namen Hohenemser an. 

Näheres über alle Vorgenannten im 18 Kapitel dieses 
li nches: Familienregister. 

■') Siehe die Anm. bei Gutmann. 

") War ein blinder, alter, kinderloser Lehrer. J3 



194 



Seelistes Kapitel. 



Nr. 


Neuer Name 


Alter Name 


42 


Benjamin Liiiidauer ^) 


Wolf Levi Levi 


43 


Philipp „ 


Philipp Levi 


44 


Joseph „ 


Josef Rafael Levi 


45 


Josef Löweiiberg^) 


Josef Lazar Levi 


4G 


Simon „ 


Simon ,, „ 


47 i 


Daniel „ 


Daniel „ „ 


48 


Moritz ,j 


Mose8 ,, „ 


49 


Benjamin Jo.sef Löweii- 






gard ^) 


Wolf Levi, Hoffaktor 


50 


Isak Löweiigard 


Isak Levi 


51 


Joseph „ 


Josef Wolf Levi junior 


52 


Moses Wolf Levi 


wie jetzt 


53 : 


Heinrich Mayer 


Henle Mayer, Metzger 


54 


Joseph „ 


Josef „ 


55 ; 


Markus „ 


Mayer „ 


56 ! 


Elias „ 


Elias „ 


57 


Josef Mendel söhn *) 


Josef Emanuel Levi 


58 ! 


Abraham „ 


Abraham ,, „ 


59 


Babette Meiiz-^) 


Michael Moos Wwe. 


60 


Albrecht „ 


Deren Sohn 


61 


AVilhelm „ 


« 11 


62 : 


Josef Roseiithal 


Josef Veit Levi 


63 ■ 


Urban „ 


Urban „ „ 


64 i 


Benjamin „ 


Wolf „ „ 


65 , 


Abraham Reicheubacli 


.Abraham Moos 


Ö6 


Markus „ 


Mayer „ 


67 i 


Lazarus „ 


Lazarus „ 


68 ' 


Kilian Reicheubacli 


Kilian Moos 


69 


Bertha Reicheubacli 


Wwe. des Lob Moos 


70 


Moses „ 


Deren Sohn 


71 


Martin „ 


» r> 



') Deshalb durften diese, die vielleicht mit Aron Landauer verwandt 
waren, den Namen Laudauer annehmen. 
*) Vgl. die Note bei Gutmann. 
') Vgl. die Note bei Gutmann. 
*) Sohn des Mendel aus Sulz. 
") Des Michael Moos Vorfahren unterschrieben sich „aus Menz" 



Die Xamensänderung v. J. 1813. 



195 



Nr. I, 



Neuer Name 



Älter Name 



72 


Isaak Säger ^) 


Isaak Säge 


78 


Esther Schlesinger 


Wwe. Esther Moos und Söhne 


74 


Heinrich „ 


n 


75 


Albrecht „ 


n 


76 


Jakob „ 


n 


77 


Israel „ 


n 


78 


Samuel „ 


r> 


79 


Samuel Schlesinger 


Judenwaibel, wie bisher 


.SO 


Maria Schönemann 


Mayer Moos Tochter 


Hl 


Joseph Schwarz 


Josef Abraham Levi 


82 


Klara „ 


Dessen Mutter 


82 


Benedikt Schweizer 2) 


Benedikt Guggenheim 


84 


Josef „ 


Dess. Stiefsohn Josef Neuburg 


85 


Simon Steinach ^) 


Simon Ullmann 


86 


Markus Steinhach 


Marx Josef Levi 


87 


Urban „ 


Urban „ „ 


88 


David Steiner 


Lazarus David Moos 


89 


Benjamin „ 


Wolf 


90 


Joseph Sulzer*) 


Josef Jakob Levi 


91 


Samuel Ullmann 


wie bisher, Rabbiner 


92 


Ephraim „ 


Dessen Sohn 


93 


Lazar Wälsch^) 


Lazar Levi, Lehrer 


94 


Marx „ 


Marx „ 


95 


Abraham „ 


Abraham Levi 


96 


Leopold Weil 


Levi Weil 


97 


Josef Weiler«) 


Josle Wolf Levi 


98 


Jakob „ 


Jakob Samuel Levi 


99 


Salamon Wohlgenannt 


Salamon Wolf 


100 


Jakob „ 


Jakob ,. 


101 


Daniel „ 


Daniel „ 



*) Wohnte in der sogen. „Säge". 

^) Waren aus der Schweiz eingewandert. 

') Wohnhaus stand im sogen. Steinach, 

*) Dessen Grossvater Josle Levi war unter den von Sulz nach Hohen- 
ems Eingewanderten. Die ganze Familie wurde zum Unterschiede von 
den vielen anderen Levi's die ..Sulzer Levi's" genannt. Vgl. Kap. 3, 4, 
10 u. 16. 

*) Wohl aus Wälschland eingewandert. 

") Wohnte im ..Weiler". 

13* 



196 Sechstes Kapitel. 

Mit dem Edikte vom Jahre 1813 biacli eine neue und 
gesegnete Periode für die Holienemser Juden an. Denn jetzt 
waren für sie viele jener drückenden Fesseln gefallen, unter 
denen sie bisher schwer zu leiden gehabt hatten. 

Nicht länger waren sie geduldete Schutzjuden, sondern 
königliche Untertanen mit den gleichen Rechten und Pflichten 
wie ihre christlichen Mitbürger. 

Alle bisherigen Beschränkungen in Handel und Gewerbe 
fielen, das Hausierverbot aber war vom Standpunkte fort- 
schrittlicher Entwicklung sogar zu begrüssen, urasomehr als 
('S in den ersten l'bergangsjahren milde gehaudhabt wurde. 
Erwerb und P)esitz von Realitäten, Häusern und Gütern, 
war den .luden gestattet. 

Und nur die unglückselige Normalzahl wirft einen aller- 
dings tiefen Schatten auf den sonst so erhebenden, dem 
Könige Max Joseph und dem Minister Montgelas zu Ruhm 
und P^hre gereichenden Inhalt des Ediktes, um das die 
Hohenemser Juden von ihren österreichischen Glaubens- 
genossen jener Zeit mit Recht beneidet worden sein mochten. 
Und doch traf ein Punkt desselben gerade die Hohen- 
emser Juden überaus hart, § "22, der ihnen ihre Selbständig- 
keit als eigene Gemeinde nahm, sie ohne AVeiteres mit allen 
Rechten und Pflicliten der Christen- oder nunmehrigen Orts- 
gemeinde einverleibte. Eine Gegenvorstellung der Hohenemser 
Judenschaft vom '12. September 181;5 hatte weiter keinen 
Erfolg, wie folgender Erlass, den ich seiner hohen Wichtigkeit 
halber, wortgetreu zum Abdrucke bringe, bekundet: 
„Nr. 543. Im Namen 

Seiner Majestät des Königs von Baiern! 
Das Gesetz über die Verliältnisse der jüdischen 
Glaubensgenossen gestattet keine Ausnahme der Juden 
zu Hoheneras. Die Vorstellung der Juden zu Hohenems 
vom 22. September enthält auch keine zureichenden 
Motive eine Ausnahme zu begründen. 

Die Juden zu Hohenems werden sich daher 
in Folge obiger Verordnung, § 22, an die Christeji- 
gemeinde in Hohenems anschliessen und künftig 
nur eine bürgerliche (iemeinde mit derselben 
bilden. 

Dadurch werden die privaten Verbindlichkeiten zur 
Bezahlung; der Schulden nicht geändert. 



Angeonlncte Inkorporierung. 197 

Die rliulen haben au den Schulden der bitsherigeu 
("hristeugemeinde und die Christen an den Scliulden der 
.luden-Gemeinde keinen Teil zu nehmen. 

Das kgl. Landgericht liat angemessene Vorschläge zu 
geben, aufweiche Weise die durch keine Aktiven gedeckten 
Schulden, welche nach der Anzeige fl. G456.17 ausmachen, 
durch Umlagen unter den mit Schutz versehenen Jnden in 
eine Zeit von Jahren getilget und verzinset werden können. 

Die Vereinigung der Juden mit der bisherigen 
Christengemeinde in Hohenems hindert ferner nicht, dass 
die Juden wie bisher für ihre Kirche und ihre Schule 
ebenso Sorge tragen können, wie dies die Protestanten in 
katholischen Gemeinden oder die Katholiken in pro- 
testantischen Gemeinden pflegen. 

Das Vorsteher- und Kassieramt wird sich daher künftig 
bloss auf die Bestreitung der Kosten, welche aus dem 
besonderen Religions- Verbände herrühren, beschränken, 
und sich auf keine bürgerliehen Verhältnisse ausdehnen. 

Ebenso ist Samuel Schlesinger nicht mehr als Ge- 
meinde- sondern als Kirchendiener zu betrachten. 

Die Juden in Hohenems erlangen alle Ge- 
meinde-Verbindlichkeiten und Gemeinde-Ge- 
rechtigkeiten in Hohenems, soweit das Gesetz 
keine Ausnahme macht, nur können sie an jenen 
Gemeinde-Teilen keinen Anspruch mehr machen, 
welche bereits vor dieser Vereinigung durch 
eine frühere Teilung in das Privat-Eigenthum 
übergegangen sind. 

Das kgl. Landgericht Dornbirn wird mit dem voll- 
ständigen und unerlässlichen Vollzug dieser Verfügungen 
beauftragt. 

Kempten, den 25). Oktober 1813. 

Kgl. bair. Geueral-Coramissariat: 

von Stichammer. Asmus." ^) 

Der 5^ 22 des kgl. bair. Edikts vom 10. Juni 1813 

und der erläuternde spezielle Erlass vom 29. Oktober 

1813 hatten endlich volle, rechtskräftige Klarheit 

in das bisher so unklare Verhältnis der .luden- zur 

') Eine gleichzeitige amtlich beglaubigte Kopie dieses hochwichtigen 
Erlasses, ausgefertigt vom kgl. Landger. Dornbirn am 10. Xoveraber 1813, 
ist in meinem Besitze. 



198 Höchstes Kapitel. 

Christengemeinde gebracht. Von nun an gab es in 
Hoheuems politisch gesonderte, selbständige Juden- 
und Christengemeinden nicht mehr, sondern nur 
eine einzige gemeinsame bürgerliche Ortsgemeinde, 
der Christen wie Juden in gleicher Weise, mit 
gleichen Rechten und Pflichten angehörten, und in 
welcher die Judenschaft nur eine gesonderte Reli- 
gionsgenossenschaft bildete, die ihre religiösen An- 
gelegenheiten und Vermögenheiten selbständig ver- 
waltete, eine eigene öffentliclie Schule besass (i:j 33) 
usw., ein Verhältnis, wie es gegenwärtig seit der 
Durchführung der Inkorporierung i. J. 1879 M, wieder 
besteht. 

Vom Rechtsstandpunkte aus bildeten also Juden 
und Christen schon seit 1813 eine einzige gemein- 
same bürgerliche Ortsgemeinde, denn die österr. 
Regierung hatte mittels Hofdekret vom 11. April 
1818 das bair. Edikt von 1813, sow'ie alle Verfügungen 
der bair. Regierung betreffs der Juden, vollinhalt- 
lich bestätigt. 

Die Inkorporieruiig war gesetzlich also schon i. J. 
1813 vollzogen. 

Dass aber die Verhältnisse sich trotzdem Jahrzehnte lang 
in eben entgegengesetzter Weise entwickeln und erhalten 
konnten, hatte seinen Grund darin, dass Zeit und Menschen 
noch nicht reif genug waren, um alteingewurzelte Vorurteile 
der gerechteren Einsicht des Gesetzgebers zu unterordnen. 
Die Christengemeinde wollte die Juden, wenn auch unaus- 
gesprochen, nicht als gleichberechtigte Bürger in sich auf- 
nehmen, die zahlreiche, intelligente und durch ihre Opfer- 
wiligkeit, wenn auch nicht wohlhabende, so doch lebenskräftige 
Judengemeinde ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit nicht 
verlieren und so kam es, dass beide Parteien stillschweigend 
Alles beim Alten Hessen und die Inkorporierung damals nicht 
eigentlich zum Vollzug kam. Die bair. Behörden wurden 



*) Tatsächlich war es auch , wie noch ausführlich gezeigt werden 
wird, eben dieser einzig richtige Rechtsstandpunkt, der, dank der. tat- 
kräftigen, auf historischem Boden stehenden Bemühungen des Arztes 
Dr. Simon Steinach, bei den damaligen Verhandlungen über die lukor- 
porierung vor den obersten Behörden als entscheidendes Moment in die 
Wagschale fiel. Näheres hierüber siehe in Kap. 8 u. 9. 



Angeordnete Inkorporierung. 199 

hiervon durch die .sich erueuerndeu Kriegsereigni.sse abgehalten, 
was den stillen Wünischen der beiden Gemeinden sehr gelegen 
kam. So blieb das alte getrennte Verhältnis bestehen, trotz- 
dem es gesetzlich zu existieren bereits aufgehört hatte. Hier- 
aus entwickelte sich späterhin vorerst die politisch-selbstän- 
dige Judengemeinde, bis endlicii 6(5 Jahre später die In- 
korpori erungs- Akte vom Jahre 187!) den alleinig 
rechtlichen Standpunkt von 1813 vollinhaltlich wieder 
herstellten. 

Hierüber muss man sich klar sein, um die folgenden Phasen in 
der Entwicklung der Hohenemser Judengemeinde zu verstehen. 

Nun war aber der Erlass vom 29. Oktober 1818 aller- 
dings in mehreren unklar gebliebeneu Punkten geeignet, die 
.ludenschaft zu weiterem Einschreiten zu veranlassen. 

Am 29. Jänner 1814 wandten sie sich durch ihren Vor- 
steher Benjamin Josef Loewengard in einer grösseren Eingabe 
direkt au den Geh. Staatsrat des Königs selbst. In dieser 
führten sie u. a. aus: 

Solle, gleich wie bei der Judenschaft, auch bei der Christen- 
gemeinde deren Schuldenmasse sowohl, wie gesondert die Cultus- 
und Schullasten, behördlich festgestellt und sodann die Ver- 
umlagung zur Tilgung allein auf die christlichen Bürger ge- 
sichert werden, da ja es den Juden nicht gleichgültig sein 
könne, einer Gemeinde einverleibt zu werden, deren Schulden- 
last sowohl, wie die Art der Tilgung nicht vorher festgestellt 
waren. Denn ebenso wie die Christengemeinde weder an der 
Tilgung der jüdischen Gemeindeschulden noch an der der 
jüdischen Kultus- und Schullasten sich beteiligt, ein gleiches 
Recht stehe doch auch den Juden zu. Gewarnt durch die 
Ereignisse der Vergangenheit, wie z. B. durch bereits vor- 
gekomme widerechtliche Einziehung einer Grundsteuer, ver- 
langen sie, dass die Judenschaft im Ürtsvorstande durch ein 
eigenes Mitglied zur Wahrung ihrer Interessen vertreten sei. 

Der vollständig gleiche Vorgang wie bei der 66 Jahre 
später wirklich erfolgten Inkorporierung. 

Am 5. März 1814 erfolgte der teilweise abschlägige Be- 
scheid mit folgendem Erlass: 

„Im Namen Seiner Königlichen Majestät von Baiern! 

Auf Befehl! 
Der Judengemeinde zu Hohenems, Landgr. Dornbirn, 

ist auf ihre bei allerhöchster Stelle übergegebene Vor- 



200 Sechstes K^apitel. 

Stellung zu bedeuten, dass es bei der durch die Eut- 
schliessuug des Geiieral-Comissariats des lUerkreises vom 
14. Jänner d. ,1. infolge des Gesetzes verfügter In- 
Ivorporierung der Judengemeinde daselbst, lediglich sein 
Verbleiben behalten müsse, und die besondere Wahl 
eines jüdischen Mitvorstandes der vereinigten Gemeinde 
nicht stattfinde. In Ansehung der gemachten Bedenken 
wegen des Kirchen- und Schulfonds, so wie wegen der 
Passiven, sind die Deputierten geeigneter Art zu beruhigen. 
Die mit Bericht vom 19. Februar eingesendeten 
Produkte folgen zurück. 

München, am 5. März 1814." 

Diese Verweigerung, der Judenschaft ständig ein Mit- 
glied im Gemeindeausschusse zur Vertretung ihrer Interessen 
zu sichern, erscheint vollauf gerechtfertigt, da Gesetz und 
Gemeinde nunmehr einen Unterschied zwischen Christen und 
Juden nicht kennen durften. Die Juden unterliessen eben 
deutlich zu sagen, was sie, wahrscheinlich wenigstens, eigent- 
lich wollten, nämlich einen Vertreter aus ihrer Mitte 
während der Inkorporieruugs-D urchführung. Das 
wäre ihnen zweifellos zugestanden worden, hätten nicht alle 
diesbezüglichen Verhandlungen kurz darauf ihr jähes Ende 
gefunden. 

Der grosse Befreiungskrieg gegen Napoleon, der mit dem 
17. März 1813 anhub, drängte vorläufig alles Andere in den 
Hintergrund. 

Bis zu den Tagen der Völkerschlacht bei Leipzig hatte 
Bayern bekanntlich auf Seite Napoleons gestanden, dessen 
verhängnisvollen Zug nach Russland auch manche Vorarl- 
berger mitgemacht haben. Erst der Vertrag zu Ried am 
8. Oktober stellte Bayern in die Reihe der Verbündeten. 
AVenige Tage später, anfangs November, erfolgte ein Aufruf 
auch an alle Vorarlberger zu patriotischen Opfern für den 
Krieg. Der Erfolg scheint ein sehr schwacher gewesen zu 
sein, denn ein zweiter Aufruf vom 6. Dezember 1813 spricht 
sich hierüber unverhohlen und missbilligeud aus. 

Trotzdem nun die Juden eigentlich wenig Ursache hatten, 
Napoleon den Untergang zu wünschen, da ja eigentlich in 
Europa er der erste Machthaber war, der den Juden volle 
Rechte einräumte, so beteiligten sie sich dennoch mit wahrem 



Militärdienst. 201 

Feuereifer am grossen Werke der (leutsch-uatioiialeii Befreiung. 
Alle, auch Frauen und Kinder wetteiferten, um Beiträge zum 
Kiiege zu leisten. 

Die Kinder der jüdischen Normalschule in Hohenems 
opferten ihre Kreuzer, die Mitglieder des Hohenemser jüdischen 
Frauenvereins, 57 an der Zahl, brachten unter sich am S.Februar 
1814 ein grosses Lager vonAVäsche, Kleidungsstücke, Bandagen. 
Charpie usw. und fl. 58.24 auf. ^) 

Die Judengemeinde selbst beteiligte sich ebenfalls mit 
einem grösseren Betrage und diversen Beiträgen in Naturalien. 

Und auch persönlichen . Militärdienst durften die 
Juden nunmehr leisten. Auch hierin bekundete sich der 
gesunde Rechtssinn Bayerns. 

Früher waren bekanntlich die Juden zu dieser ersten Bürger- 
pflicht nicht zugelassen worden und noch am 14. Juli 1807 be- 
stimmte ein Erlass des kgl. bayr. Landgerichtes Dornbirn, dass, 
da „nach Jnhalt der h. Cantonsreglements die Juden ihre Mann- 
schaft nicht in natura stellen dürfen, diese aber mit Geld pro Kopf 
k fl. 185 reluiren müssen", die Judengemeinde der Christen- 
gemeinde Vs in Geld zu den von dieser zu stellenden 3 Mann 
beizusteuern habe. Ein Dekret vom 17. Februar 1808 (Kgl. 
bayr. Regierungsblatt, X. Stück) führte die persönliche Dienst- 
fähigkeit der Juden ein, ohne jedoch das frühere Verfahren 
aufzuheben, wie denn auch ein Erlass vom 19. Juli 1808, 
Milit. Nr. 1U14, verordnete, dass die Juden in der Provinz 
Schwaben ihrer Seelenzahl nach 9 Mann zum Heere zu stellen 
hätten, was einer Einlösnngs-Summe von fl. 1665 gleichkommt, 
die auf die einzelnen Bezirke verumlagt ward, u. z. 
Bezirk Dillingen fl. 827.40 
„ Ulm „ 648.— 

„ Lindau „ 2.20 
„ Hohenems ,, 187. — 

Die Beträge wurden direkt an das kgl. bayr. Aerar abgeführt. 

Ausdrücklich hervorgehoben ward die persönliche Militär- 
dienst-Fähigkeit der Juden in einem kgl. Dekret vom 20. Juli 
1808 (kgl. bayr. Reg.-Bl. 1808, XXXX. St.): 
„Wir Maximilian Joseph, 
von Gottes Gnaden König von Baiern. 
Denjenigen Juden, welche ihre bürgerliche Militär- 
pflichtigkeit persönlich erfüllen wollen, bleibt solches, 

') Näheres hierüber in Kap. 16. 



•202 Sechstes Kapitel. 

nach unserer Entschliessuug vom 17. Februar d. .1. (Kgl. 
bair. Regbl. X. Stück) gestattet, wornach sich auf die 
diestalligen Anfragen zu bescheiden ist. 
Müuclien, den 20. Juli l.sOcS. 
Max. .losepli. 

Freiherr von Montgelas. 
Auf kgl. a. h. Befehl Kobell."^} 

An Stelle der früheren Auslosung durch Geldsummen 
trat der persönliche Dienst, indem die im dienstpflichtigen 
Alter stellenden Jünglinge jüdischer Konfession entweder selbst 
dienen oder einen Ersatzmann als sogenannten Einsteher zu 
stellen hatten. Eine Verordnung vom 14. Juni 1813 regelte 
das Verhältnis zwischen Einsteher und Eiusteller dahin, dass 
die mit dem Ersteren vereinbarte Summe nicht diesem zu 
übergeben, sondern bei der Behörde zu deponieren sei. 

Im Jahre 1814 waren Wolf Moos und Samuel Kilian 
Moos als dienstpflichtig an der Reihe, welche Einsteher zu 
stellen hatten. 

Bereits am 19. Dezember 1.S13 hatte die Vorstehung der 
Judenschaft Folgendes publizieren lassen: 

„Die Judengemeindevorstehung in Hohenems macht 
hiemit öffentlich bekannt: dass wenn sich jemand als 
Freywilliger zu den Land-Hussaren zu stellen melden 
sollte, die Judengemeinde allda aus der treuen und unter- 
thänigsten Anhänglichkeit für König und Vaterland, dem- 
jenigen Freywilligen auf ihre Kosten 

l. das Pferd und die Moutirung frey anschafl^"en, 

^) Nicht ohne Interesse ist der P^influss, den dieser Erlass v. J. ISüiS 
auf anderem (Tebiete hatte. Der Erwerb lieg. Güter war den Holien- 
eniser Juden bekanntlich bis zum Edikt von 1813 untersagt. Noch 1812, 
7. Jänner wurden sie vom Mitbewerb um die Hohenmser Tafern- Wirt- 
schaft deshalb ausgeschlossen. Am 10. August 1810 hatte die Wwe. 
des Arztes Dr. Holionstein, geb. Agatha Moosbruggerin, angesucht, ihr 
in der Freygasse in Hohenems befindliches Haus an Juden verkaufen 
zu dürfen, wozu sie triftige Gründe angab. 1811, 16. Februar, erhielt 
sie zustimmenden Bescheid mit folgender Motivierung: .... „und in Er- 
wägung endlich, dass das verbietende Lokalstatut in der neuen Ordnung 
der Dinge seine strenge Wirksamkeit verloren hat und durch die kgl. 
Gesetze vom 1. Dezember und 20. Juli 1808 über die Bürger-Militär- 
l)flichtigkeit der Juden für das ganze Königreich ausgesprochen wurde, 
dass auch diese Glaubenskonfession bürgerliche Realitäten besitzen 
darf . . . ." 



Miliärdienst. 203 

2. demselben ein Handgeld bis imgetahr 40 fl. und 
o. noch überdies eine Zulage für die Dauer des Krieges, 
mit täglichen 4 — 6 kr. geben wolle. 
Sollte jemand unter diesen Annerbietungen als Frey- 
williger eintretten wollen, so möchte sich derselbe diesert- 
wegen bey dem Joseph HirschfekL als Cassier der Juden- 
gemeinde, melden, um mit demselben die weiter dies- 
fällige Berichtigung zu treffen." 

Es wurden damals auch tatsächlich zwei Landhusareu 
vollständig ausgerüstet, der eine von Wolf Moos noch über- 
dies mit fl. 500, der andere mit 400 fl. entschädigt. Der eine 
Einsteher war Josef Stark. Bäckerssohn, dem auch ein Pferd 
und als dieses fiel, ein zweites gegeben ward. Auf die von 
der Behörde angebotene Gratifikation von fl. 10() leistete die 
Judengemeinde Verzicht. 

Das kgl. bair. Intelligenzblatt von 1814. II. Stück, führt 
u. A. auch die Hoheuemser Judeuschaft an: „Dass sie 
aus Liebe und Treue für König und Vaterland zwei 
Landhusaren gestellet, die Pferde beigeschafft und 
den Aerarial-Beitrag von 100 fl. zur Montieruug be- 
stimmt habe." Ferner: „dass die Juden liiezu bereits 
fl. 337.39 zusammengetragen hätten. 

Die Freiheitskriege und der nachfolgende Wiener Congress 
brachten bekanntlich Tirol und Vorarlberg wieder au Österreich. 

Nicht ohne dankbaren Rückblick sei nunmehr 
die baierische Regierungsperiode in der Geschichte 
der Hohenemser Juden abgeschlossen. Vorerst eine 
mildere Handhabung der zu Beginn noch bestandenen 
drückenden Judengesetze, dann endlich deren fast 
gänzliche Aufhebung mit dem Edikt von 1813 bilden die 
hervorragendstenMerkmale dieserZeit. ß ai er n machte 
für Hohenems dem unwürdigen Schutzjuden-Zustande 
ein Ende und reihte die Juden den kgl. Untertanen 
an. Es erschloss ihnen ohne jede Einschränkung 
Handel und Gewerbe, gestattete ihnen den Erwerb 
vonGrundundBoden, machte sie zu gleich berechtigten 
Ortsbürgeru und bahnte damit in jeder Hinsicht die 
folgende Blütezeit der Israeliteugemeinde au, uiu- 
somehr als Österreich diese hochherzigen Bestimm- 
ungen, als Ausnahmezustand für die Hohenemser 
Juden, fortbestehen Hess. Freilich fällt als tiefer, lange 



204 Öochstos Kapitel. 

iiacliwirkeuder Schatten die Aufstelliiug der unseligen Normal- 
zalil in diese sonst lichtreiche Zeit, aber kein Licht ohne 
Scliatten und des Juden Gemüt ist für jeden l^ichtstrahl dank- 
bar, auch wenn Schatten ihn begleiten. 

Auch Napoleons Auftreten in der Kriegsgeschichte der 
Menschheit ist ein bluttrietei>der Schatten, in der Kntwieklungs- 
geschichte der Menschheit aber ein lichtvolles Moment, das 
erst dem Mittelalter endgültig den Todesstoss versetzte. 

Dankbar gedachten die Juden darum der scheidenden 
bair. Regierung, als treue Vorarlberger aber jubelten sie dem 
wiederkehrenden angestammten österr. Herrscherhause ent- 
gegen. 



SIEBENTES KAPITEL. 

Bis zimi Beginn der politischen Israeliten- 
gemeinde. (1814—1848.) 



Am y>. .Iimi 1814 ward Vorarlberg wieder mit Österreich ver- 
einigt und am 8. Juli fand die feierliehe Huldigung in Bre- 
genz statt. In der Synagoge zu Hohenems ward aus dem 
Anlasse ein solenner Festgottesdienst abgehalten. Die vom 
Rabbiner Samuel Ullmann gehaltene Festpredigt wurde ver- 
öffentlicht^). Im Jahre 1815 kam Kaiser Franz II. persön- 
lich nach Vorarlberg und nahm vorerst am 14. Oktober in 
Bregenz die Huldigung der Vorarlberger Stände und Depu- 
tationen entgegen. Hierzu war auch die Hoheneraser Juden- 
gemeinde geladen, konnte aber, da dieser Tag eben auf den 
Versöhnungstag fiel, nur mit einer Huldigungsadresse, die in 
prachtvoller Ausstattung dem Kaiser in Bregenz überreicht 
wurde, sich vertreten lassen. 

Zwei Tage später, Montag den 16. Oktober, ward dem 
Orte Hohenems die Ehre zuteil, den Kaiser in seiner Mitte 
begrüsseu zu dürfen. Hierüber und über die Beteiligung der 
Judengemeinde an diesem feierlichen Ereignisse berichtet ein 
Augenzeuge folgendes : 

„Auch die Israel. Gemeinde zu Hohenems teilte 
die unausnehmende Freude aller Vorarlberger, die sich 
seit vorgestern der zu Bregenz erfolgten Ankunft Sr. 
Maj, des Kaisers von Österreich zu erfreuen hatten. 

Drei Ehrenpforten, von der Liebe und Treue dieser 
Israeliten den hohen Tugenden des angebeteten Kaisers 
errichtet, umwandelten ihre Judenstrasse in eine Triumpli- 
bahn. Die Bogen, von grünen Reisern aufgeführt, 
prangten mit dem schützenden kaiserlichen Adler. An 
der äussersten Pforte, am Eingange des Ortes, war eine 



') Vgl. .lalireshoriclit des Vorarlb. Museums-Voreines v. .1. 1877, S. G. 



20() Siebentes Kapitel. 

hebräische Inschrift, enthalteud aller Österreicher Wahl- 
spruch: Es lebe Franz unser Kaiser! in verzierten 
Buchstaben zu lesen. 

Vor dieser Ehrenpforte war heute sclion am frühen 
Morgen die ganze Israel. Gemeinde versammelt. Sämt- 
liche Geraeindeglieder mit ihrem Rabbiner, einem ehr- 
würdigen Greise, in. seinem Ornate und mit in Händen 
habender Thora an ihrer Spitze, die Lehrer mit den 
Elementarsch üleru und die erwachsene .lugend stunden, 
festlich geschmückt, des Kaisers harrend da. 

Bei der gegen 10 Uhr Vormittags annähernden 
Ankunft Sr. Majestät ermächtigte sich aller Anwesenden 
reinste Freude. 

Selbst wankende Mütter, gebückte Greise legten 
ihres Alters Schwäche ab und fühlten sich in der Nähe 
des Kaisers von jugendlicher Kraft gestärkt. Aus dem 
Munde Aller schallte der so lieblich hallende Freuden- 
ruf: „Es lebe Franz unser Kaiser!" 

Allein die lärmende Freude ging plötzlich beim 
erhabenen Anblick des besten der Monarchen in feier- 
lichste Stille über. Nur der laute Segen unseres ehr- 
würdigen Ral)biners und ein von der Gemeinde für des 
Kaisers Wohl mit Inbrunst angestimmtes Gebet war 
eine zährenerpressende Unterbrechung jener ehrfurchts- 
vollen Stille. 

Se. Majestät, diese Herzensergiessungen sehend, 

geruhelen in der Mitte dieser Getreuen Halt zu machen. 

Ein Mädchen im Reize der sanften Unschuld trat 

aus der Reihe und redete in bescheidener Demut mit 

darreichendem Lorbeerkranz Se. Majestät folgend an: 

„Gegrüsst als edler Triumphator 

Kehrt unser geliebter Imperator, 

Unser guter Vater Franz 

Zurück in herrlichem Glanz. 

Empfang' grosser, mächtiger Kaiser, 
Den Lorbeerkranz geflochtener Reiser, 
Die für Dich erfreuend band 
Der Jugend eigene Hand." 
Se. Majestät geruhten diese Äusserung kindlicher 
Liebe huldvoll anzunehmen und fuhren unter lautem 



Kaiser Kranz Tt. in Hohenenis. 207 

Jubel weiter, gefolgt vou den frommeu und herzlichen 
Wünschen dieser Israeliten, deren Zuversicht: Gott und 
Kaiser Franz! bleibt/' 

Und diese Zuversicht hatte die Hohenemser Juden nicht 
getäuscht. Waren sie doch die Einzigen im ehemaligen 
Deutschen Reiche, die durch die berüchtigte Escamotage der 
Präposition „in'' in „von" ^) im Artikel 16 der Bundesakte 
nicht betroffen und bei den Rechten und Freiheiten belassen 
wurden, die sie unter der bair. Regierung errungen hatten. 

Doch sollte dies ihnen vorerst nicht leicht werden. 

Den ersten Schritt dagegen tat, \vi^ in so vielen grossen 
Städten, in unglückseliger Verblendung die christliche Leitung 
der Ortsgemeinde, indem sie im Februar 1815 eine auf Ein- 
schränkung der Freiheiten der Juden hinzielende Beschwerde 
höheren Ortes einreichte. Der Vorsteher der Judenschaft, 
hievon indirekt verständigt, bat um Mitteilung derselben und 
erhielt hierauf folgenden Bescheid: 

„Nr. 2383. 

An die Vorstehung der Judengemeinde zu Hohenems! 
Auf die Einlage vom 19. des 1. M., worin die 
Judengemeinde von Hohenems durch ihren Vorsteher 
Josef Löwengart um Mitteilung jener Beschwerden bittet, 
welche nach Meinung von der dortigen Christengemeinde 
gegen die Judengemeinde eingereicht sein soll, wird 
derselben bedeutet, dass sie den vom k. k. Landgerichte 
Dornbirn erhaltenen Auftrag vom 3. des 1. M. Nr. 23 
ohne Verzug zu- erledigen, übrigens aber beruhigt 
von der erhabenen k. k. Regierung zu erwarten 
habe, dass sie bei ihren wohlerworbenen Rechten 
werden geschützet werden, so wie sie auch den 
wegen den jüdischen Glaubensgenossen in den 
österr. Staaten bestehenden Gesetzen unter- 
worfen ist. 

K. K. prov. General-Kreis-Commisariat. 

Innsbruck, den 22. Februar 1815." 
Diese eigenartige Versicherung, jener ähnlich lautend, 
die Fürst Metternich ddo. Wien, 9. Juni 1815 den Frank- 
furter Juden auf deren Bittschrift vom 10 Oktober 1814 er- 
teilt hatte, war auch gleich jener wenig geeignet, die Juden- 

') Oriitz, Geschichte der Juden, Bd. XI, S. 324 ff. und Note 7. 



20s Siebentes Kapitel. 

Schaft wirklifli zu beruhigen. Als drohendes Gespenst stand 
immer im Hintergrunde die der Zukunft vorbehaltene „Regelung", 
gleichbedeutend mit „Verschlechterung", der Judenverhältnisse. 
Eine Verordnung der k.-k. Hofkommission vom 20. April 
1815 bestimmte denn auch „vorläufig" bis zur Regelung der 
.ludenverhältnisse in Vorarlberg, dass 

1. die gegenwärtige Zahl der Juden keinesfalls vermehrt 
werden dürfe; 

2. alle Gesuche um Ehe- und Realitätenkaufs-Be willigungen 
höheren Ortes vorzulegen seien; 

3. jedes Eindringen von Packl- und Betteljuden bei schwerer 
Strafe zu verbieten sei. 

Doch nahm der Streit zwischen den beiden Gemeinde- 
vorstehungen alsbald ernstere Formen an, als 1814 der Jude 
Moritz Löwenberg vom christlichen Baumeister Jakob Scheiterle 
ein in der Christengasse gelegenes Haus kaufte und auf den 
hinter demselben gelegenen freien Platz einen Stadel baute. 
Weder die Inwohner der ('hristengasse noch auch nur die 
Nachbarn, die direkt angrenzten, fanden an diesem nach dem 
Edikt vom Jahre 1818 zu Recht geschehenen Kaufe was auszu- 
stellen, wohl aber Halbeisen, der zu ewigem Hader aufgelegte 
und die Cliristengemeinde in endlose Prozesskosten stürzende 
Landammann. Noch im Jahre 1814 gleich nach geschehenem 
Ankauf hatte Halbeisen namens der Christenvorstehung die 
Ratifizierung des Kaufes beim Landgericht Dornbirn hinter- 
treiben wollen, war aber abgewiesen worden. Der Kauf ward 
behördlicli genehmigt. Halbeisen und sein Anhang ergriffen 
dagegen den Rekurs an die Landesstelle nach Innsbruck, es 
folgten zahllose Vernehmungen und Gegenvernehmnngen, 
Äusserungen und Gegenäusserungen, der Landammann wühlte 
mit Behagen in der judenfeindlichen Gesetzgebung früherer 
Jahrzehnte, aus denen er ballenweise Belege dafür lieferte, 
dass Moritz Löwenberg den Stadel nicht bauen durfte; 
die Juden pochten auf das gute Recht der Gegenwart 
und das Edikt von 1813, das sie zu gleichberechtigten 
Bürgern machte, kurz, die Kosten dieses ganzen kindischen 
Streites mochten nicht allzusehr hinter dem Werte des 
umstrittenen Objektes zurückstehen; doch entschied ein 
Gul)eru. -Dekret vom (!. Juli 1815 zu Gunsten der Christen- 



Realitäten-Ankauf durch Juden. 209 

gemeinde. Hiegegen rekurierten die Juden bis an die Hof- 
konimission nach Wien mit einer sehr umfangreichen Eingabe. 
Ihres sehr bezeichnenden Inhaltes lialber sei diese, datiert 
vom 25. August 1815, hier kurz skizziert: Einleitend wird 
bemerkt, dass Juden- und Christengemeinde eigentlich in 
tiefstem Frieden miteinander lebten und noch leben und nur 
des Landammanns Gehässigkeit und Streitsucht diesen Zank 
vom Zaune gebrochen habe. Zur Baiernzeit habe der Land- 
ammann in seinen Eingaben ()sterreich als so judenfreundlich 
gesinnt hingestellt, dass dessen Beamten das Gesetz umgangen 
und Judenkäufe geneinnigt hätten und heute wolle er genau das- 
selbe den bair. Beamten unterschieben. Habe er doch selbst 
noch im Februar d. Js. eine Realität seiner Schwester an Juden 
verkauft, weil diese es gut bezahlten und sei der K aufbriet 
von ihm selbst unterfertigt. Ob Juden in der Christengasse 
wohnen oder nicht, habe auf die Übung der katholischen 
Religion gar keinen Einfluss, weil nach beigelegtem Zeugnis 
der (Jeistliclikeit sich die Hohenemser Juden niemals 
was Anstosserregendes gegen die kath. Kirche zu 
Schulden hätten kommen lassen. „Es ist nicht wahr, 
dass die Christengemeinde in Ems durch die Juden- 
schaft am Vermögen verkürzt, oder dass jene durch 
diese in ihrem Vermögen beeinträchtigt worden seien. 
Nicht verdrängt, nicht verkürzt und nicht beschädigt 
werden die Christen in Ems von den Israeliten allda, 
sondern den grössten Verdienst und Nutzen haben 
jene durch diese. Die Christengemeinde in Ems be- 
stellet ganz aus Bauern, die meist arm sind; bei den- 
selben ist kein Kaufmann, mindest keine Handels- 
schaft, sondern nichts wie Bauern und Handwerker. 
Viele Angehörige derselben könnten ohne die Juden- 
schaft gar nicht bestehen. Die meisten Christen- 
familien ziehen ihren Hauptverdieust von den Israe- 
liten; nur durch die Judenschaft allda wird Gewerb 
und Verdienst dem Orte Ems zugeführt." Sie führen 
als Belege hiefür mehrere amtliche Atteste an. „Sehr 
viele Arbeit und vielen Verdienst haben viele Emser 
und benachbarte Christen durch die von hiesigen 
Israeliten angefangene Fabrikation in Baumwoll- 
Waren." Sie berufen sich auf das bair. Edikt von 1813, dass 
sie zu gleichberechtigten Bürgern machte und auf Artikel Ki 

u 



•JlO Siol)oiites Kapitel. 

der Wiener Kongress-Akte vom i). Jiiui liSkV), der dieses 
bestätigte. Infolge des Edikts, das den fliuleu gleiche Rechte 
verlieh, hätten mehrere sich der Erlernung eines Handwerkes 
gewidmet, seien jedoch, als sie um die „Gerechtssame" an- 
siK'hten. auf viele durch die Ortsgemeinde bereitete Schwierig- 
keiten gestossen, die sie erst auf dem Prozesswege beseitigen 
konnten. So der Bäcker Josef Landauer. Zum Schlüsse 
weisen sie noch darauf liin, welch grosse Unkosten der ohne- 
dies armen Christengemeinde ^) durch solche ihr Interesse 
durchaus nur störende Prozesse erwachsen. Unterschrieben 
haben die sehr interessante J^^ingabe: AVolf Josef Levi, Ben- 
jamin Josef Löwengart, Vorsteher, 1. A. Brentano, Joseph 
Sulzer, Mathias Frey, Simon Bernheimer, Ludwig Brettauer, 
Heinrich Bickart, Markus Reichenbach, Raphael Brettauer, 
Simon Löwenberg. 

Inzwischen aber ward durch beliördliche Erhebungen der 
Boden für die Regelung der Verhältnisse der Juden in Vorarl- 
berg geschaffen. 

Am 15. Juni l<S15,s.Nr. 2352/505 Polizey, erteilte die Landes- 
stelle in Innsbruck dem Kreisamte in Bregenz den Auftrag, 
in einem ausführlichen Gutachten sich über die Juden zu 
äussern. Am 18. Dezember 1815 Nr. 4-OSl^) kam dieses dem 
Befehle nach durch Beantwortung folgender vorgelegter Fragen: 
„I. wie waren die Verhältnisse der Juden in Hohenems vor 
dem Eintritte der fremden Regierung beschatten mit Hin- 
sicht auf Gev^^erbe und Industrie überhaupt und wie be- 
stehen selbe gegenwärtig? 
11. In welchem Verhältnisse stand das Steuer- und Gewerbe- 
wesen der Judenschaft gegen die übrige Gemeinde Hohen- 
ems unter d^r früheren k. k. öst. Regierung und welches 
ist der gegenwärtige Stand derselben? 



') ^Die Bundesversammlung wird in Beratung ziehen, wie auf eine 
möglichst übereinstimmende Weise die bürgerliche Verbesserung der 
Bekenner des jüd. Glaubens zu bewirken sei und wie insonderheit den- 
selben der Oenuss der bürgerlichen Rechte gegen die Übernahme aller 
Bürgerptiichten in den Bundesstaaten verschafft und gesichert werden 
könne. Jedoch werden die Bekenner dieses Glaubens bis 
dahin die denselben von den einzelnen Bundesstaaten be- 
reits eingeräumten B echte erhalten. 

'■) Die Christengemeinde Hohenems hatte ao. 1815 eine Schulden- 
last von 48000 fl. 

^) Befindet sich im Ferdiiiandeum in Innsbruck. 



t)a8 Oiitachten de» Bregenzer Kreisamtes. 211 

III. Welche ßesehräukungen oder Ausdehnungen erlitten die 
ehemaligen gesetzl. Bestimmungen mit Hinsiclit auf das 
Befugnis des Güterverkaufes der Juden? 

IV. Auf welchen Ansichten gründet sich die Art der ferneren 
Beibehaltung der Juden überhaupt und mit Rücksicht 
auf die Familienzahl derselben insbesondere, und welche 
Vorsichten dürften hiebei anzuwenden sein?" 

Nach Voraussendung einer mit historischen Irrtümern 
überreich gesegneten Einleitung beantwortet das Gutachten 
die einzelnen Fragen in Kürze in folgender Weise. 

ad I. (Findet sich seines sehr bezeichnenden Inhaltes halber 
im 11. Kapitel ,,Handel und Gewerbe" wörtlich ab- 
gedruckt), 
ad 11. Bringt erst eine kurzgefasste Darstellung der Be- 
steuerung, wie sie bereits im vorigen Kapitel gegeben 
ist und noch weiters folgen wird. Betreffs der 
inneren Verwaltung bemerkt der Referent, 
hätte es früher zwei Gemeinden, eine christ- 
liche und eine jüdische, mit eigenen Vorstehern 
gegeben, was aber mit der 1813 durch das 
bairische Edikt erfolgten Inkorporierung der 
Judengemeinde in die Ortsgemeinde sein Ende 
gefunden habe. „Diese Verfügung wurde zum 
Teil auch mittels eines höchsten Präsidial- 
schreiben der k. k. Zentral-Hofkommission 
vom II. Jänner 1815 bestätigt, höchst welches 
ausdrücklich bestimmt, dass Individuen der 
jüdischen Religion zu keinem öffentlichen 
Amte weder im Justiz- noch im politischen 
Fache, noch auch bei Städten und sonstigen 
Gemeinden und Körperschaftenfernerhin mehr 
zugelassen werden sollen." ^) Gegenwärtig waltet 
ein Landammann für Juden und Christen, 
ad 111. Wird bitter über die unter Baiern allerdings nur stets 
im Interesse des Aerarseingetretrene Besserung geklagt, 
ad IV empfiehlt das Kreisamt für die Zukunft folgendes: 

') Dieser allerdings etwas erzwungenen Beweisführung 
für die Bestätigung des Edikts von 1813 von Seiten der k. k. 
Ost. Regierung wurde beim In korporiern ngsak te ao. 1878 
nicht ged acht. 

14* 



21 '2 Siebentes Kapitel. 

„Die unter ßaiern immatrikulierten <S6 Familien 
seien, wie es das Recht bedinge, beizubehalten, 
ebenso die weiteren anwesenden nicht immatrikulierten 
7 Familien, weil sie bedeutendes Vermögen 
besitzen. 

Die Juden seien als eigentlich konsumierende 
Mensclienklasse anzusehen, weil sie durch ihren Handel 
anf Kosten der Übrigen ihren Unterhalt finden.^) 

Vor allem sollten die Juden durch Gesetze zu 
Feldbau und Gewerbe gezwungen werden. Das frühere 
Verbot der öst. Regierung Häuser uiul Güter nur mit 
Iu>chobrigkeitlicher Genehmigung zu erwerben, sollte 
aufrecht erhalten bleiben. Zwar könne der Jude ohne 
feste F^tablierung seinen Schacher nicht aufgeben, 
doch aber sei die Probe gewagt, den Häusererwerb 
auch nur unter der Bedingung der Aufgabe des 
Schachers zu gestatten, weil der Schacher geheim 
fortbetrieben, ja grossere Ausdehnung gewinnen würde 
und weil es sehr wahrscheinlich sei, dass Jude immer 
Jude und daher Mäkler und Wucherer bleibe." 

Ferner solle den Juden das Wohnen in der Christen- 
gasse verboten werden. Heiratsbewilligungen sollten 
nur jenen erteilt werden, die eigenen genügenden Feld- 
bau oder ein stabiles Gewerbe nachweisen können. 
Vorderhand sollten überhaupt keine Ehebewilligungen 
erteilt werden. 
Der 1. Januar 181 (> brachte einen grösseren, in zündenden 
Worten gehaltenen Aufruf des k. k. Landgerichtes Dornbirn 
an alle dazu gehörigen Gemeinden zum Zwecke der Veran- 
staltung einer grösseren Subskription zu patriotischen Zwecken 
zur Feier des am 12. Februar zu begehenden kaiserlichen 
Geburtstages. Die in jeder Gemeinde eingehenden Summen 
sollen einem dreifachen Zwecke dienen: 

1. Die Hälfte der Summe bleibt in Händen der Gemeinde 
zur Gründung und Erhaltung eines Unterstützungsfonds 
zur Vermehrung des Standgeldes für die in jeder Gemeinde 
zu stellenden Kaiserjäger. Die andere Hälfte des Be- 



') Jlan vergleiche liiemit die Ausfiiliruiigeu des gleichen Keferentcn 
weiter Kap. 11. 



J'atriotische Öpeiidcn. 213 

träges ist dem Landgerichte Dornbirn eiuzuseudeu imci 
soll hievou 
"2. den bereits eingereihten Kaiserjägern des Landgerichtes, 
die sich freiwillig gestellt haben, am l'i. Februar ein 
Geschenk verabfolgt werden : ferner 
;>. der Restbetrag dem allgemeinen österr. Invalidenfonde 
gewidmet und übersendet werden. 

Trotzdem es nun eigentlich eine eigene .Juden- 
gemeinde vor dem Gesetze nicht mehr gab, richtet»^ 
das Landgericht Dornbirn dennoch den Aufruf separat 
an die Jude nge mein de und zwar mit folgender Einschaltung: 

, An euch ist es nun, ihr vorarlbergiscli 

jüdischen Glaubensgenossen, bei diesem schönen Anlasse 
das auf euch gesetzte grosse Zutrauen glänzend zu recht- 
fertigen. Bedenket, dass ihr keinen persönlichen Militär- 
dienst leistet, dass euch auch der tapfere Schutz und 
Kuhm eurer christlichen vorarlbergischen Mitbrüder zutheil 
wurde, bedenket, dass ihr in einem biedern, auf- 
geklärten Ländcheu wohnet, das selbst in den 
grossen Tagen der Prüfung sich niemals wie 
andere Länder und selbst in diesen Tagen das auf- 
geklärte P'rankreich zum Religions hasse und Ver- 
folgung verirrt hat, bedenket, dass ihr im Besitze 
des meisten Geldes in Vorarlberg seid, und bedenket 
auch, dass ihr wieder alte Österreicher seid, 
unter dessen milden Scepter ihr euch von jeher 
sehr anhänglich gezeiget habet, so wird eure 
Anhänglichkeit und Dankbarkeit gewiss unbegränzet 
und eure Opfer auf dem Altare des Vaterlandes werden 
überraschend gross seyn!"' 

„Jude bleibt Jude" hatte wenige Tage vorher das Bre- 
genzer Kreisamt geschrieben, und im guten Sinne genommen 
hatte es auch vollkommen recht. Der Jude war und bleibt 
allezeit ein treuer, opferwilliger Patriot. Das zeigte auch das 
besonders glänzende Ergebnis dieses Aufrufs. Für die beiden 
erstgenannten Zwecke zahlte die Judengemeinde am 6. Februar 
1816 beim Landgerichte Dorubirn baar 169.48 fl ein mit der 
Bestimmung, dass am kaiserlichen Geburtstage hiervon je 
] fl. an die 47 in Dornbirn stationierten Jäger zur Verteilung 
gelangen, die restlichen fl. 122.48 aber zur Erhöhung der 
Rekruten-Handgelder verwendet werden sollen. 



'214 Siebentes Kapitel. 

Für deu luvalidenfoiid aber spendete die Juden- 
gemeiiide fl. 2028, u. z. fl. 1150 in Obligationen und W. 878 
in Einlösungsscheinen. Gewiss, eine sehr beachtenswerte 
Spende, was seitens des Landgerichtes Dornbirn mit folgen- 
dem Zeugnis anerkannt wurde: 

„Der Judenschaft zu Hohenems wird hiemit zur 
Steuer der Wahrheit beurkundet, dass sie nicht nur das 
Contingent an den zurepartierten freiwilligen Kaiser- 
Jägern von zwei Mann mit grosser Bereitwilligkeit ge- 
stellt, sondern auch zur Verherrlichung des allerhöchsten 
Geburtsfestes Sr. k. k. Majestät am 12. Februar d. J. 
zu mehreren patriotischen Zwecken, besonders an den 
k. k. Invalidenfond im ganzen einen freiwilligen Beitrag 
von 1150 fl. W. W. in k. k. Hofkammer- Obligationen, 
dann 878 fl. W. W. in k. k. Einlösungsscheinen, endlich von 
fl. 169.48 in Metallgeld im 24 f. Fusse an das unter- 
zeichnete Landgericht gemacht und sich also hier- 
durch vor allen andern Christengemeinden aus- 
gezeichnet habe. 

K. K. prov. Landgericht: 
Dornbirn, den 24. Mai 1816. 

(L. S.) V. Gilm, pr. Landrichter." 

Um bei der bevorstehenden Regelung der Juden-Verhält- 
nisse in Vorarlbei'g ebenfalls zu Worte zu kommen und nicht 
benachteiligt zu werden, trat die Judenschafts -Vorstehung am 
8. Jänner 1816 mit einer Eingabe vor das k. k. Kreisanit in 
Bregenz, dahin lautend, dass der Inkorporierungsakt von 1813 
(bair. Edikt) nicht zur Durchführung gelangen und die Juden- 
gemeinde auch fernerhin bei ihrer Selbständigkeit belassen 
werden solle. Nach eingehender Beleuchtung des bisherigen 
Wirkens der Judenvorstehung geben sie für ihr Gesuch fol- 
gende Gründe an: 

1. War die Judengemeinde bisher immer selbständig. 

2. u. 3. das bisherige durch zahlreiche Belege erwiesene 
gewissenhafte Amtieren der Judenvorstehung. 

4. Sei auch der früher zu Hohenems gehörigen Gemeinde 
Ebnit, trotzdem sie kaum 80 Familien zählt, die Selb- 
ständigkeit gewährt worden. 

5. Zählt die Hohenemser Judengemeinde 80 Familien mit 
458 Seeleu. 



Regelung der Kechtsverliältnisso. 2 15 

(). Müsste (loch selbst im Falle der Iiikorporieruug der 
Judenscliaft eine eigene Vorstehung zuerkannt werden, 
welche dieVerumlagung zur Deckung der Gemeinde passiva, 
der Ausgaben für Kultus, Unterricht usw. zu besorgen 
hätte. 

7. Müsste die Judenschaft stets besorgen, widerrechtlich 
durch die Passiva der Christengemeinde in Mitleiden- 
schaft gezogen zu werden. 

8. Gäbe der bekannt gehässige Sinn der christl. Gemeinde- 
vorstehung der Judenschaft gerechten Anlass zur Be- 
fürchtung, dass deren jeweilige Gutachten über Juden, 
z. B. bei Bewerbung um Ehekonsense, parteiisch sein 
werden. 

9. Könne nur die Judenvorstehung genaue Auskunft über 
Verhältnisse der Juden geben. 

10. Sei au Hand mehrerer angeführter Beispiele der jüngsten 
Zeit erwiesen, dass die Christenvorstehung solche all- 
gemeine Kundmachungen, die den Juden von Nutzen 
wären, diesen gar nicht mitgeteilt habe. 

11. Erwächst der Judengemeinde durch die eigene Vor- 
stehung, da diese unentgeltlich amtiert, keinerlei Last. 

12. Erwachse auch dem Aerar keinerlei Nachteil hieraus. 
Die Judengemeinde scheint die Gewährung ihrer Bitte 

um Selbständigkeit sicher erwartet zu haben. Schritt sie 
doch am 24. Mai 1816 sogar darum beim Kreisamte in Bre- 
genz ein, dass ihr bei der Erneuerung der 1805 aufgelösten 
Vorarlberger Landstände, denen nunmehr auch der Ort Hohen- 
ems, der ehemals zum Reiche gehörte, einverleibt werden 
solle, eine eigene Vertretung zugestanden werde. Beigetragen 
zu dieser Zuversicht mochte auch das Vertrauen haben, das 
die Vorstehung auf die Bemühungen setzte, die der einfluss- 
reiche Wiener Schutzjude David Wertheimer ^), dessen Tochter 
Zemirah mit Moses Löwengard^) in Hohenems verheiratet 
war, zu Gunsten der Hohenemser Juden bei der Organisations- 
Hofkommission entfaltete. Weitere Eingaben der Judenschaft 
folgten im Juni und Juli, ja am 4. Dezember 1816 wandten 
sie sich sogar bittlich direkt an den Kaiser selbst, aber, wie 

') Zwei Briefe Wertheimers, die hierauf Bezug liabeu, sind in 
meinem Besitze. 

^) VgL Cap. 18, Familienregister, . Artikel „Löwengard". 



218 Sielieiitej» Kapitel. 

iiiclit audei'S zu erwarten war, ohne Erfolg, wie folgender 

Erlass bekundet: 

12./27. März 1817. 
„Z e n t r a l r g a n i s i e r u n g. H o f d e k r e t vom 
12. März 1817, Z. 2901 an das Landesgubernium 
in Innsbruck! Dem Guberniuni wird in Erledigung 
der Berichte vom 5. März 1816 Z. 4352/281 u. v. 13. Febr. 
d. J. Z. 361 H/509 unter Rückschluss der Beilagen be- 
deutet, dass sich, bis Se. Majestät über die Verhältnisse 
der jüdischen Glaubensgenossen im allgemeinen eine a. h. 
Eutschliessung zu fassen geruhen werden — , in An- 
sehung der Juden zu H o h e n e m s an das k g 1. b a i r. 
Edikt V. 10. Juni 1813 zu halten sei, vermöge 
welcher es ihnen nach den §§ 24, 31 u. 33 ohnehin 
unbenommen ist, das Oekonomikura ihres Cultus und 
ihrer Schule durch eigene Gemeindeausschüsse zu be- 
sorgen; eine eigene Gemeinde vorstehung mit einer 
polizeilichen Wirksamkeit könne derselben aber 
auf keiner AVeise zugestanden werden. 
Wien, den 12. März 1817." i) 

Es blieb also bei der konsequenten Durchführung 
des bair. Edikts von 1813. Doch die den Juden 
günstigen Folgen desselben, wie z. B. der unein- 
geschränkte Erwerb liegender Realitäten^) ward wie- 
der höheren Ortes nicht anerkannt. So ward Abraham 
Mendelsohn am 6. Juni 1817, als er um Genehmigung eines 
Realitätenkaufes ansuchte, abgewiesen. Freilich auf die Ein- 
gabe der Judenschaft vom 18. Juni 1817, die auf diesen 
Widerspruch hinweist, erfolgte endlich die Aufhebung auch 
des Realitätenkauf-Verbotes mit einer Zuschrift des k. k. 
Kreisamtes Bregenz ddo. 28. Oktober 1817 Z. 5804/441 Milt. 
an das k. k. Landger. Dornbirn, dass hinsichtlich des Re- 
alitätenkaufes für die Juden sich nach dem noch in Wirksam- 
keit Stehendan k. bair. Edikte v. 10. 6. 1813 und insbesondere 
nach den Bestimmungen des P. 16. u. 17. zu richten sei. 



') (xubernial-Eröttnuug vom 27. März 1817 ZI. 6739 an das k. k. 
Kreisamt in Bregenz. Befindet sich im "NVörz'sehen Fascikel im „Fer- 
dinandeum" in Innsbruck. 

^) Des Josef Löwenberg's Wiese auf dem Ranzenberg ward 1825 
von der Ortsgemeinde käuflich ei'worben. 



Bestätigung,' des k. 1). Ediktes v. J. 1813. 217 

Die Hoheüemser Juden befanden sich hienach in bevor- 
zugter Stellung vor ihren Glaubensgenossen im übrigen Teile 
des österr. Kaiserstaates. 

Zu einer strengen Durchfüiirung der Inkorporierung, die 
ohne Weiteres Begriffe und Bezeichnungen wie „jüdische Ge- 
meinde" oder „jüdische Gemeindevorstehung" aus allen be- 
hördlichen Erlässen gestrichen hätte, kam es allerdings auch 
ferner nicht. Nach wie vor ist von der jüdischen „Gemeinde" 
die Rede und die kaiserliche Verordnung vom 1. Mai 
1817, welche die gemischten Gerichte ins Leben rief, führt 
unter den dem Bezirke Dornbirn zugewiesenen Gemeinden 
Hohenems zweimal, mit je einer Christen- und einer Juden- 
gemeinde, an. Die Juden-Vorstehung dankt auch am 25. Mai 
dem Landgerichte für diese indirekte Belassung der Selbständig- 
keit^) und bittet für die Zukunft, wie bisher, Erlässe usw. 
direkt zugestellt zu erhalten. 

Mit den Wohltaten des bair. Ldikts von 1813 blieben 
auch die Schattenseiten desselben für die Juden beibehalten. 
So vor allem die berüchtigte Normalzahl mit ihren Ein- 
schränkungen von gesetzlichen Eheschliessuugen und der Ein- 
führung des Familianten-Unwesens. Noch am (5. Dezember 
1817 verordnete die Zentralorganisierimgs-Hofkoramission s. Z. 
10124, dass Judenehen nur in so ferne gestattet werden können, 
als die Zahl der gegenwärtigen Judenfamilien dadurch nicht 
vermehrt werde. Und ein Hofkanzleidekret vom t\. Juli 1818 
ZI. 101621731 ergänzte resp. erläuterte diese Verordnung noch 
dahin, dass nur jeuer Sohn eines Familienvaters zur Ehe- 
schliessung zuzulassen sei, „der gesetzlich berufen ist 
nach dem Absterben des Letzteren an dessen Stelle 
einzutreten."' 

Normalzahl und Familiantenfluch hinderten die gedeiii- 
liche Entwickelung aller jüdischen Gemeinden, die sie heim- 
suchten und so auch die zu Hohenems. 



*) Das gleiche Vergnügen ward der Judenvorstehung auch zuteil, 
als ein Gubernial-Zirkular vom 26. Oktober 1819 Publ. Nr. 20491 24.^8 
anordnete: „Die Einteilung der Gemeinden ist genau so wiederherzu- 
stellen, wie sie ehemals unter der k. k. oest. Regierung bis zum Jalire 
1805 bestanden habe." Und hiebei ward die Judenge nie in de 
separat angeführt. Tatsächlich führte die Judenvorstehung i. J. 1827 
diese beiden Fälle als amtliche Beglaubigung ihrer Existenz als Gemeinde- 
vorsteher, und noch dazu mit Erfolg, an. 



218 Öiebeuti's Kapitel. 

Kndgiltig be.stiltigt ward das bair. Edikt von 181.'3 mittels 
Hotdekretes vom 11. April 1818, Justiz ZI. 1485, das lautete: 

„Die wenigen in Tirol ansässigen Judenfamilien 
sind in Gemässlieit der erflossenen höchsten Ent- 
schliessungen vom 5. Oktober und 29. November 1817 
bei ihren unter dem Schutze der Gesetze erworbenen 
Rechten zu belassen, es ist ihnen jedoch eine Ausdehnung 
derselben nicht zu gestatten. Übrigens hat es dabei zu 
bleiben, dass die .luden keine Ämter bekleiden und dass 
ausser den vorhandenen keine Juden in Tirol sich auf- 
halten noch viel wehiger aber ein Grundbesitz erwerben 
dürfen. In Vorarlberg sind die Juden mit Aus- 
nahme der Bekleidung öffentlicher Ämter, in 
den Rechten, in deren rechtmässigem Besitze 
sie bei Übernahme der Provinz gefunden worden, 
bis zur Festsetzung der Grundsätze; wie die Juden 
überhaupt behandelt werden sollen, nicht zu beirren, 
die Vermehrung der vorhandenen Judenfamilien 
ist jedoch nicht zu gestatten." 

Der laugjährige Vorsteher der Judenschaft, Joseph Lövven- 
gard, richtete am 2. November 1818, nachdem er bereits aus 
dem Amte geschieden war, eine Eingabe an das Kreisamt, 
dass die Inkorporierung der Juden- in die Christengemeinde 
endlich konsequent durchgeführt werden solle. Ihn leitete bei 
diesem, dem der ganzen Judengemeinde entgegengesetzten, 
Streben der Wunsch, die 1818 gewählten Vorsteher und Aus- 
schussmitglieder unmöglich zu machen. Die Christenvorstehung, 
zur Meinungsäusserung vom Dornbirner Landgerichte auf- 
gefordert, sprach sich am 29. Dezember 1818, ebenso wie die 
Judejivorstehung am 12. Februar 1819, dagegen aus. Beide 
Teile glaubten besser zu gedeihen, wenn die Juden einen 
Schein von selbständiger Gemeindeverwaltung beibehielten, 
indem die selbstgewählten und noch gar behördlich bestätigten 
Vorsteher und Ausschüsse die Angelegenheiten des Ökonomi- 
kums, d. h. der Schuldentilgung, der Schule und des Kultus 
selbst besorgen durften. Ein Hofkanzleidekret vom 81. De- 
zember 1818 ZI. 30344 und ein weiteres vom 12. Jänner 1820 
ZI. 1230 gestattete dies sogar ausdrücklich. Nur in Polizei- 
sachen und allen nicht zu Schule und Kultus gehörigen Dingen 
unterstanden sie der Ortsgemeinde oder dem Landgerichte. 



N'onnalzahl. '219 

Die ganze CJescliichtsperiode von 1815 — 1848 ist 
nicht nur die verwiciveltste. sondern aucii die an 
Widersprüchen reichste im Leben der Hohenemser 
Judengenieinde. Die Behörden sprechen von einer 
Judeugemeinde und das Gesetz hat eine solche als 
nicht mehr bestehend erklärt, da das bair. Edikt von 
1813 mehrfach vollinhaltlich bestätigt wurde; aus 
eben dem Grunde ist den Juden jedes Gewerbe offen, 
die Behörde verweigert dem jüdischen Handwerker 
die erforderliche Konzession; aus eben dem Grunde 
ist der Erwerb von Realitäten zur Selbstbenutzung 
den Juden ohne Weiteres gestattet, die Behörde ver- 
weigert die Bestätigung erfolgter Käufe. 

Das Verhängnisvollste aber war unstreitig, dass das bair. 
Kdikt nichts von Ehebeschränkung auf Erstgeborene und ähn- 
lichen Attentaten auf Recht und Moral weiss, die österreichische, 
das bairische Edikt bestätigende Behörde aber verordnet, dass nur 
jener Sohn eines Familienvaters zur Eheschliessung zuzulassen 
sei, „der gesetzlich berufen ist nachdem Absterben des Letzteren 
an dessen Stelle einzutreten.'' Nun hätte der hierauf bezüg- 
liche bereits zitierte Erlass vom 3. Juli 1818 eine zweifache 
Auslegung erfahren können. Die eine, brutale und unnatür- 
liche, dass überhaupt nur der älteste Sühn eines Hauses 
und auch dieser nur nach Erledigung einer Matriken- 
nummer heiraten dürfe, seine jüngeren Brüder aber entweder 
auswandern oder in illegaler Ehe leben müsseu. Diese Auslegung 
ward von den Behörden in ihrer ganzen Strenge auch 
wirklich gehandhabt. Und doch wäre auch eine zweite mit 
dem Edikt von 1813 übereinstimmende möglich gewesen. 
Indem nämlich dem ältesten Sohne des Hauses die Ehe unter 
allen Umständen zu gestatten sei, auch wenn dadurch die 
Normalzahl überschritten wird, ähnlich wie nach § 13 
des bairischen Ediktes. Und mit überzeugender Kraft weisen 
die Juden auf diese Lösung wie auf dem in der andern Aus- 
legung enthalteneu schweren Unrechte in einem direkt an den 
Kaiser im Dezember 183 9 gerichteten Bittgesuche hin. 

Was soll aus unseren jüngeren Söhnen werden? fragen 
sie. dieselbe Klage, die in so viele jüdische Familien Fluch 
und Schande brachte. 

Das Bittgesuch hatte keinen Erfolg. 



■2'2{) Siebentes Kapitel. 

W e s s i (• li u m J u (1 e u h a II (1 e 1 1 e , h at t e 11 K e c li t , M o r a 1 
und sogar die halbwegs gesunde Logik ihr Ende 
gefunden. Mit un besclireibliclier Hochachtung wird 
d er Historiker, der (Hese an Scliatten so reichen Zeiten 
dur(thleuchtet. vor jenen Menschen erfüllt, die solches 
leiden, sich so ihrer natürlichsten Rechte berauben 
lassen mussten und dabei dennoch opferwillige 
Patrioten, aufrichtige Menschenfreunde waren. Die 
jüdische (ieschichte, man behandle welche Partie 
immer, wird, ganz unbeabsichtigt, eine Apologetik 
des jüdischen Charakters. 

Und auf dass ja kein zweitgeborener Sohn eines jüdischen 
Hauses eine Familie gründe, Hess sich das Landgericht Dorn- 
birii i. .1. 18H) ein eigenes Klie- und Familienverzeichnis, 
„Schutzkataster" genannt, anlegen zwecks bequemerer Kon- 
trolle. 

P:in kaiserliches Hofdekretvom -iU.. Januar 1820 ZI. a786/2H() 
gab zur Organisierung der Verhältnisse der Juden im österr. 
Kaiserstaate folgende Gesichtspunkte an: Die Vermehrung 
und Ausbreitung der Juden sei nicht zu begünstigen, auch 
nicht deren Duldung auf weitere Provinzen auszudehnen. 
Die Juden sollen in ihren Sitten, in ihrer Lebens- und 
Denkweise mit den Andern in Übereinstimmung gebraciit 
werden. Als Mittel hiezu seien die angemessene Einwirkung 
auf die religiöse, sittliche und intellektuelle Bildung der 
Juden, auf die Ergreifung solcher Erwerbszweige, die die 
Interessen der Juden mit denen des Staates in Überein- 
stimmung zu bringen berufen sind, und endlich die allmähliche 
Beseitigung der Isolierung der Juden im Verhältnisse zum 
Staatsverliaude zu betrachten. Es wird daher Sache der 
einzelneu Länderstellen sein die bestehenden Judengesetze 
einer Revisou zu unterziehen und geeignete Vorschläge zu 
deren Abänderung wie zum Abstellen der Missstände bei 
Einziehung der Judensteuer zu machen. Es folgen hierauf 
einige vorläufige die Bildung des Rabbiners sowie die Anlage 
der Schulen betreffende Anordnungen.^) Schliesslich sollen 
noch von allen Judengemeinden ausführliclie und entsprechend 
belegte Berichte über ihren gegenwärtigen Stand nach be- 
stimmten Fragen abgefordert werden. 



^) Vgl. liiezu Cap. „Schule" und „Kabbinat". 



Weitere Schritte zur Regelung der Rechtsverhältnisse. '>'2l 

Am 14. April 1820 legt die Hohenemser Judengemeinde 
diesen Bericht vor. iu welchem sie hinweist auf die bedeutenden 
Opfer, welche die Gemeinde für Verbreitung und Vertiefung 
der allgemeinen Bildung in der deutschen Schule bringt, auf 
das Verhalten der Judenschaft dem Staate, den Ortsbewohnern 
gegenüber insbesondere erst letzhin während des Teuernugs- 
jahres 1817, sodann folgt eine kurze geschichtliche Übersicht ihrer 
ausgedehnten Handelsbeziehungen, der Fabrikation von Textil- 
waren, eine Darstellung ihrer Entwickelung und gewährleisteten 
Rechte, wozu sie dann die „allernntertänigste Bitte stellen, 
sie nicht nur bei den erlangten Rechten zu schätzen, sondern 
sie, die einzige Israeliten-Gemeinde in Tirol und Vorarlberg, 
in die allgemeinen bürgerlichen Rechte einzusetzen und so 
jede Ungleichheit zwischen Israeliten und anderen Unter- 
tanen in bürgerlicher Hinsicht zu heben. Gleiche Be- 
günstigung in allen bürgerlichen Rechtsverhältnissen, Be- 
seitigung jeder nachteiligen Einschränkung, Schutz der erlangten 
Rechte, dies ist es, um was die Israelitengemeinde zu Ems 
hauptsächlich bittet und um was sie höchsten Schutz anfleht." 
Lnd da bitten sie speziell um Aufhebung der Eheein- 
schränknngen, deren Bewilligung nur vom „unbescholtenen Rufe, 
der Erwerbsfähigkeit und dem Ausweis, eine Familie er- 
nähren zu können, abhängen sollte." 

Hieran schloss sich ein Gubernialbericht vom 6. Juli 1820 
ZI. 13041 an die Hofkanzlei, dem folgende Stelle ent- 
nommen sei: 

„Hinsichtlich der Steuern und Abgaben wird die 
Judengemeinde in Hohenems mit den (diristlichen Unter- 
thanen ganz gleich behandelt imd es wird ihr das 
Zeugnis gegeben, dass sie von jeher willig und bereit 
war, den vom Staate gemachten Anforderungen jeder 
Art zu entsprechen." 

Um jene Zeit u. z. in den Jahren 1823/24 gelangte auch 
der erste grosse Konkurrenz-Streit der beiden Gemeinden 
betreffs der Verumlagung der gemeinsamen Lasten zum Aus- 
trage. Um diesen, welcher der erste Ahne zahlreicher Nachfolger 
war, entsprechend würdigen zu können, sei hier vorerst ein 
übersichtliches Bild der einschlägigen Verhältnisse in den 
beiden Gemeinden geboten. 

Im Jahre 1823 zählte die Christengemeinde 2610 Seelen 
„ .. .. „ „ J u d e n g e m e i n d e 5 1 1 „ 



222 Siebentes Kapitel. 

Die Cliri.steiigemeiude verzeichnete ein Grund -Eigentum: 
an Grundstücken im Werte von fl. 186305 
„ Häusern „ „ „ „ •27(;G() fl. 213965. 

Die Judengenieinde dagegen besass 

Grundstü(;ke im Werte von fl. 2K7t)0 

Häuser „ „ „ „ !)32(> „ 88110. 

Hieraus ergibt sich durchschnittlich ein Verhältnis der Steuer- 
quote zu den gemeinsamen Auslagen von kaum \/.r, für die 
Judengemeinde. Zahlte doch ao. 1828 die Christengemeinde 
fl. 1521.4672 an Grund- und Häuser Steuer, die Juden- 
gemeinde jedoch nur fl. 205.48. 

Entgegengesetzt aber zeigt sich das Verhältnis, wenn nicht 
Seelenzahl und Grundsteuer, sondern die Erwerbs- und 
Klassensteuer zur Grundlage der Quoten -Feststellung ge- 
macht wurden. Denn i. J. 1823 zahlte 

die Christengemeinde: 

Erwerbssteuer fl. 168, 

Klassensteuer „ 69.43^|4 fl. 287.481/* ; 

die J uden gemein de: 

Erwerbssteuer fl. 692, 

Klassensteuer „ 181.2P/8 „ 878.2 1 -% . 

Die Vorstehung der Christengemeinde suchte sich nun 
die Lösung dieser schwierigen Frage einfach damit zu be- 
schaffen, dass sie im Jahre 1828 der Judengemeinde ohne 
Weiteres '/a an Konkurrenz zudekretierte. Sie nahm nämlich 
die gesamte Besteuerung als Massstab an. Nach dieser zahlten 
im Jahre 1828 

an Realitäten-, Erwerbs- und Klassensteuer Christen fl. 1759.28^/8, 
„ „ „■ „ „ Juden „ 1181.55«/8, 

was ein Verhältnis von ungefähr ein Drittel ergab. Dass 
das V^erhältnis der Seelenzahl und der Wert der Realitäten 
eine Quote von nicht einmal Vs ergab, kam hiebei nicht in 
Betracht. Da die Juden nicht ohne Weiteres hiemit sich ein- 
verstanden erklärten, kam es vorerst zum Prozess, umsoraehr 
als sie einzelne Posten der vom Ortsvorsteher Andrä Peter 
aufgestellten Spezialrechnung vom 26. September 1828 nicht 
ohne Recht beanstandeten. Hierzu kam noch eine weitere 
am 26. Dezember 1828 von der Christengemeinde gestellte 
Rechnung auf fl. (i452.47 an seit vielen Jahren nicht ge- 



KonkurreiizviM'hältnls zur Christengemeinde. 22B 

leisteten Koukurreiizbeiträgeii . dereu Rechtmässigkeit die 
.ludengemeinde jedoch bestritt. Summen, welche die Judeuschaft 
auf gemeinsame Rechnung setzen konnte, wurden nicht an- 
erkannt, die Judengemeinde erhielt nie Einblick in das 
Hechnungs- und Verwaltungsgebahren. sie war nur zum Zahlen 
da, wenn ihr fertige kurze Rechnungen mit Ausgaben für 
Dinge, die sie nie benutzen konnte, oder woran sie keinen 
Anteil haben durfte, wie z. B. Waldungen, präsentiert wurden. 
Das war eben die Kehrseite der frommen Täuschung 
von der eigenen selbständigen Judengemeinde, lind 
so zogen sich die Klagen, Erklärungen und Widerlegungen 
Monate lang hin. bis endlich am 23. Februar 1824 vor dem 
Landrichter Dr. Moosbrugger zwischen den beiden Gemeinden 
ein Vergleich dahin zustandekam, dass die Israelitengemeinde 
der Christengemeinde für alle Forderungen bis Ende 1822 
den Betrag von fl. 22(10 und für das Jahr 1823 weitere 
x()() fl. R. W. als Konkurrenzbeitrag leistet und womit jede 
weitere Forderung für die Vergangenheit als erloschen zu be- 
trachten sei. Die Judengemeinde musste zur Tilgung ein 
Darlehen von 800 fl. aufnehmen und auf 1 Jahre ihre 
eigenen Umlagen entsprechend erhöhen, was, ebenso wie der 
Vergleich selbst, am 22. März 1824 genehmigt wurde. Am 6. Juni 
182.') kam endlich vor dem Landrichter Dr. Moosbrugger 
durch Vergleich der anwesenden Vorsteher und Vertreter 
beider Gemeinden die endgültige Feststellung des zukünftigen 
Konkurrenzfusses zustande. Punkt 3 des Vertrages lautet 
hierüber wörtlich: 

„Um für Zukunft einen bestimmten Concurrenzfuss 
zur Verrechnung des Defizits, welche aus denen ge- 
meinschaftlichen Communallasten entspringen, zu haben^ 
hiervvegen allen Schwierigkeiten vorzubengen, viele Ar- 
beiten, viele Schreibereien zum Besten der Gemeinde 
zu ersparen, wird festgesetzt, dass die Christengemeinde 
7io Theil und die Iraelitengemeinde den ^/lo Theil an 
denselben insolange zu übernehmen und zu bestreiten 
habe, bis die eint- oder andere Gemeinde wegen ein- 
getretener Veränderungen gegründet ein Jahr zuvor 
die Aufhebung dieses Theiles und Einführung eines 
anderen den Verhältnissen entsprechenden Concurrenz- 
fusses bei der betreffenden Coramunal-Curatel nach- 
suchen und erhalten wird.'' 



2'24 Siebentes Kapitel. 

Der Vertrag ward bald darauf beliördlich genehmigt 
und blieb bis gegen Ende der 70er Jahre in Kraft. Eine 
am Schlüsse des I. Teiles diesem Buche beigegebene Statistik 
zeigt von Jahr zu Jahr den von der Israelitengenieinde ge- 
leisteten Konkurrenzbeitrag. 

Fuhr- und Flandfrohnen zu Strassen und Wasserbauten 
ebenso wie Militär-Ein(iunrtierungen und Vorspannleistungeu 
erledigte die Judengemeiiule separat. Freilich gab es oft 
genug Anlass zur Bemängelung der von der Christengemeinde 
gestellten Rechnung. Bald fehlten mehrere in Abzug zu 
bringende Einnahmsposten, bald waren es etwas zu hoch 
gegriffene Ausgabsdaten, aber immer kam es bald zum Aus- 
gleiche, d. h. die Judengemeinde zahlte; sie brachte diese vor 
dem Auge des Historikers vom 20. Jhd. ganz unqualifizier- 
baren Opfer auf dem Altare — des Eigendünkels eine eigene 
(Gemeinde zu heissen. Man erkannte ihre Selbständigkeit an, 
wo sie die Juden zum Zahlen zwingen konnte; beanspruchten 
diese aber einen Nutzen auf Gruiul dieser Selbständigkeit, dann 
war ein und dieselbe Behörde flugs dabei ihnen haarscharf 
zu beweisen, dass es eigentlich gar keine Judengemeinde gebe. 
Hierzu noch ein weiteres Beispiel. Ein Hofdekret vom 2t). No- 
vember 1825 sprach die Koukurrenzpflicht des Aerars zu 
den Kommunal-Umlagen von seinen Rustikal- und Dominikal- 
Besitzuugen ab 1814 aus. Das Landgericht schickt den be- 
treffenden Erlass der Juden vorstehung, damit sie die nötigen 
Belege für ihre Forderungen beizeiten herbeischaffe. ' Die 
Vorsteher bringen alles Erforderliche mit heissem Bemühen 
herbei, damit die „eigene" Judengemeinde durch eine 
aerarische Einnahme endlich die jeden Zweifel ausschliessende 
Bescheinigung ihrer Existenz erhalte, aber sie erhält folgenden 
Bescheid, der die höheren Ortes herrschende Schätzung der zu 
allen Lasten anerkannt selbständigen Judengemeinde 
viel zu gründlich beleuchtet, als dass er nicht, hier angeführt 
werden sollte. Er stammt von der k. k. Vereinten Gefällen- 
Verwaltung Innsbruck und ist vom 22. Dezember 1827 datiert. 
Da gibts Stellen wie folgende: 

„Was die vom Landgerichte unterstützte Bitte der Juden- 
schaft von Hohenems anbelangt, dass das höchste Aerar auch 
zu ihren Gemeinde-Auslagen in Konkurrenz treten wolle, 
so kann dieselbe nicht genehmigt werden. Sie sucht ihre 
Ansprüciie durch die Behauptung zu begründen, dass sie, da 



Widerspruch in der Rechtsstellung. 225 

ihr das Recht Grundeigeutum zu erwerben zusteht, jeder an- 
deren christlichen Gemeinde gleichzustellen und nicht mehr 
als eine blos tolerierte^) Gemeinde zu betrachten sei. Hierauf 
findet man zu bemerken, dass die eludeu im österreichischen 
Staate den Gesetzen nach nur als eine tolerierte Glaubens- 
genossenschaft anzusehen kommen, die im Genüsse der bürger- 
lichen Rechte beschränkt sind .... und wird daher die Juden- 
gemeinde zu Hohenems noch immer zu den tolerierten im 
Genüsse der bürgerlichen Rechte beschränkten Gemeinden 
gezählt werden müssen. Sie gleicht einer unter dem Schutze 
der Gesetze stehenden Privatgesellschaft, die bei Be- 
förderung ihres Zweckes auf ihre eigenen Mittel angewiesen 
ist und die Mitwirkung auch der übrigen Untertanen einer 
Gemeinde nicht anzusprechen berechtigt sind. So wird es mit 
der Judenschaft von Hohenems gegenwärtig gehalten, weil sie 
zwar zu den Auslagen der Christengemeinde, nicht aber auch 
diese zu den Auslagen der Judenschaft verbunden ist." .... 
Gegen diesen Bescheid ergriff die Judengemeiude den 
Rekurs an die hohe Landesstelle nach Innsbruck, von wo ihr 
am 30. August 1828 ZI. 17548/3222 ebenfalls abschlägiger 
Bescheid wurde. Aus den Motiven seien noch erwähnt: 
Mangeln ihr die für eine selbständige Gemeinde 
unerlässlichen Bedingungen des Besitzes eines 
eigenen Gemeindegebietes, eines Gemeinde- und 
Flurbezirkes, der bis an die Grenzen einer anderen 
Gemeinde reicht . . . . Vielmehr liegen alle Realitäten der 
Juden auf christlichem Flurbezirke. Ferner erweise eben 
der Konkurrenzvertrag von 1825, dass die Judengemeinde 
keine ganz selbständige sei, da sie ja sonst nichts zu den 
Lasten einer anderen Gemeinde beizutragen brauchte. „Die 
im Rekurse vorkommende Hauptbeschwerde über den Ausdruck 
der Gefällen-Verwaltung, dass die Judengemeinde blos tolleriert 
sei, ist im vorliegenden Falle ganz allotrisch. Wenn sie auch 
gegründet ist, so entscheidet sie gar nichts über die Frage 
der Konkurrenz-Pfiichtigkeit des Aerars. Zur Beruhigung der 
Juden wird übrigens erklärt, dass dieser Ausdruck ihnen durch- 
aus an ihren wohlerworbenen und von Sr. k. k. Majestät be- 
stätigten Rechten unpräjudizierlich sein soll." Als ent- 



') So nämlich hatte die k. k. Gefällen-Verwaltung in einem früheren 
Krlasse ans Kroisanit vom 14. Mai 1827 die Judenoonieinde bozoii-hnct. 

15 



•J2(i Siebentes Kapitel. 

scheideiuh'i- und letzter Grund der Abweisung- wird 
angegeben „weil den Juden von Hohenems durch 
das noch immer in (lesetzeskraft bestehende k. bair. 
Kdikt vom 10. .luni 1818 nur das Recht eingeräumt 
ist, auf ihre Kosten eine eigene Schule herzustellen 
und eine kirchliche nicht aber auch eine politische 
Gemeinde zu bilden." 

Ein weiterer Rekurs an die Hofkanzlei nach Wien hatte, 
wie vorauszusehen war, ebenfalls keinen Erfolg. 

Der am 8. Januar 182i) ZI. 86 erfolgte abschlage Bescheid 
betonte nachdrücklichst, „weil Judengemeinden nichts anderes 
;ils Kirchengemeinden sind und sein können, deren Zw^ecke 
und Verbindlichkeiten sich nicht weiter als auf ihre Glaubens- 
genossen erstrecken." Zugleich aber erblickt die Hofkanzlei 
mit gutem Rechte die Quelle des l J b e 1 s von der Vor- 
stellung einer eigenen J udeugemeinde darin, dass 
die Besteuerung resp. Beitragsleistung der Juden- 
schaft zu den Lasten der Ortsgemeinde korporativ 
nicht aber individuell geschehe. Auf Befragen des Land- 
gerichts erklärte sich die Ghristenvorstehung am 27. Februar 
1821) mit einer individuellen Besteuerung der Juden ein- 
verstanden. Leider gelangte dieses sehr vernünftige 
Projekt, das allen Streitigkeiten der Zukunft den 
Boden entzogen hätte, nicht zur Ausführung. 

Bevor wir jedoch den Faden der Geschichte weiter ver- 
folgen, sei hier erst eine kurze übersichtliche Darstellung der, 
wie alles andere, eigenartigen Militärdienst-Verhältnisse der 
Hohenemser Juden dieser Periode geboten. 

Bereits gegen Ende des vorhergehenden Kapitels geschah 
des kgl. bair. Erlasses vom 20. Juli 1808 (Kgl. bair. Rgbl. 
1808 XXXX. Stück) Erwähnung, der die frühere Einlösung 
der Dienstespflicht durch Geldbeträge aufhob und die per- 
sönliche Dienstesleistung der Juden, sei es in eigener Person 
oder durch sogenannte Einsteher, verfügte. Am 1. März 1812 
konstituierte sich unter den Hohenemser Juden nach erfolgter 
behördlicher Genehmigung ein Privatverein zum Zwecke der 
Unterstützung solcher jüdischer Jünglinge, die persönlich Militär- 
dienst leisteten oder die Erlaubnis erhalten hatten, einen Ein- 
steher stellen zu dürfen. Jeder Teilnehmer des Vereins hatte 
nach vollendetem 13. Lebensjahre diesem beizutreten und 
ausser einer Beitrittstaxe von fi. 2 noch einen wöchentlichen 



Militärdienst. Einsteher. 227 

Beitrag von (> kr. zu leisten. Ein Beitrittszwang bestand nicht 
und die bedeutenden materiellen Unterstützungen des Vereines 
kamen nur seinen Mitgliedern zu gute, ^/s der Kosten des 
Einstandsmannes, jedoch nur bis zur Höhe von fl. G50, bezahlte 
dann der Verein. Der persönlich dienende Jude erhielt fl. 200 
aus der Vereinskasse und 200 fl. von der Gemeinde aus den 
Synagogengefällen. Das Stellen des Einstandsmannes war 
nicht nur eine sehr kostspielige Sache für den Einsteller, 
sondern auch in der Regel von vielem Arger durch die Gaunereien 
der Einsteher begleitet. Da war der Agent in Bregenz, der 
gegen hohes Honorar die Einstandsmänner besorgte, u. z. 
aus den benachbarten ausländischen Gemeinden. Von diesen 
musste der Einsteher um ein Beträchtliches erst losgekauft 
werden. Hierauf erhielt dieser die Hälfte der mit ihm für 
das Einstehen vereinbarten 400—500 fl. betragenden Summe, 
die andere Hälfte aber nach beendigtem Dienste. Gewöhnlich 
gaben die Heimatsgeraeinden nur solch moralisch verkommene 
Individuen her, die sie loswerden wollten, wie denn diese 
mehrfach nach erhaltener Hälfte desertierten und die ganze 
Geschichte mit neuen Unkosten von vorne begonnen werden 
musste. Oft ward der Einsteher vor der Einrückung krank 
und der Einsteller hatte die bedeutenden Heikmgskosten zu 
tragen. Selbst die Verordnung, dass nur Inländer zum Ein- 
standsdienste verwendet werden dürfen, änderte nichts an den 
trüben Erfahrungen. Erst am 20. März 1816 regelte eine 
Verordnung des Kreisamtes Bregenz das Einsteher- Verhältnis 
dahin, dass die vereinbarte Eiustandssumme laut gerichtlichem 
Vertrage in neun gleiche Teile zu teilen sei, wovon der Ein- 
steher beim Dienstantritte %, nach je einem Dienstjahre ein 
weiteres Neuntel erhält. Fällt der Soldat während der Dienst- 
zeit, dann verfällt der Rest seiner Familie, desertiert er hin- 
gegen, so erhält diesen Rest der Einsteller zurück. 

Doch schon 1817 leistete der Hohenemser Jude Wolf 
Bikard persönlichen Militärdienst und absolvierte, mehrfach 
belobt, seine Dienstzeit. Die Auslosung geschah durch die 
Vorstehung der Christengemeinde. Angesichts dieser kost- 
spieligen Flinstandssache war das Wirken des Vereines gewiss 
ein segensreiches. Er bestand bis zum 28. Februar 1828, an 
welchem Tage er behördlich aufgelöst wurde. Ein Gnaden- 
gesuch an den Kaiser, mit Vermittlung Salamon Sulzers durch 
einen ungenannten Vorsteher der Wiener Isnielitengemeinde 

1-)* 



228' Siebentes Kapitel. 

dem Kaiser persönlich überreicht, hatte keinen Erfolg. 1830 
übernahm die Hoheneraser findengemeinde das fi. 1814 be- 
tragende Vereinsvermögen gegen die Yerpfiichtiing während 
der nächsten Jahre jedem ans der Familie der Vereinsmit- 
glieder stammenden jüdischen Soldaten H. 100 an ünterstütznng 
znkommen zn lassen. 

Zn den Militärlasten der (.'hristengemeinde hatte die Juden- 
schaft auf Grund der zur Zeit der französichen Kriege freiwillig 
übernommenen Verpflichtung stets Vs beigetragen. Zwar wollte 
die Christenvorstehung es am 30. Jänner 181G höheren Ortes 
durchsetzeu, dass die Judenschaft nunmehr, da Ebnit als eigenes 
Gemeinwesen ausgeschieden sei und nicht mehr mit konkurriere, 
zum Beitrage von ^/s gezwungen werde, ward aber am 20. März 
1816 mit ihrem Begehren umsomehr abgewiesen, als nach Seelen- 
zahl und Realitätensteuer die Juden damals kaum '/o getroffen 
haben würde. Die Militärlasten der späteren Jahre wie z. B. 
der Ein(|uartierung von 1830 — 34, wobei laut Zeugnis des 
Hauptmannes des Inf.-Reg. Nr. 48 vom 31. Dezember 1832 
zahlreiche Offiziere und Mannschaft zur allseitigen vollsten 
Zufriedenheit bei Juden einquartiert waren, wurden auf die 
alljährliche Konkurrenzrechnung gesetzt. Opferwillig wie ja 
.die llohenemser Juden stets waren, leisteten sie 1827 auf 
ihren Anteil an den 1809 von Major Riedmüller gesammelten 
IJnterstützungsgeldern, wie auch an den 1820 vom Kaiser den 
mit Grundsteuer überbürdeten Gemeinden Vorarlbergs ge- 
währten Steuer-Rückvergütung für die Jahre 1814 — 1819, Ver- 
zicht. Au zahlreichen Spenden der Juden fürs Militär in Naturalien 
und Geldbeiträgen, so zur B>richtung der Militärschv*'imm- 
schule in ßregenz, der Erziehnungsaustalt für Soldatenkinder 
des Kaiserjäger-Regimentes in Hall in Tirol, fehlte es keines- 
wegs. Den jüdischen Soldaten ward alljährlich beim Ober- 
Kommando in Bregenz für die Pessachfesttage und die hohen 
Feiertage ein Urlaub erwirkt, während dessen diese Soldaten 
Gäste der Hohenemser Judengemeinde waren. Der 1833 in 
Bregenz verstorbene jüdische Korporal Jakob Hofer ward in 
Hohenems beerdigt. 

Auch taten sich während vieler Jahrzehnte fast alljähr- 
lich vor dem Losungstage mehrere der zur Losung kommen- 
den jüdischen und christlichen jungen l^eute zusammen, legteji 
einen bestimmten Betrag zusammen, aus dem dann der oder 
die zum Dienste Ausgelosten je nach Verhältnis der Ein- 



MatiikeliHiiiinieni. 229 

läge einen Betrag erhielt. S(t z. B. kam am 20. Oktober 
1847 eine derartige Vereinbarung zwischen folgenden Hohen- 
emsern zu stände: Martin Hirschfeld fl. 108, Joseph Menz H. 108, 
Gottfried Mathis fl. 30, Johannes Mathis, Ebnit fl. 30, Karl 
Mathis fl. 25, Franz Josef Häfele fl. 30. Johann Georg Reis, 
Ziegler fl. 30, Simon Steinbach fl. 25. Gottfried Fussenegger fl. 25. 
Als schweres Übel, als Hemmschuh aller Vermehrung 
und P^ntwicklung empfand die Gemeinde die empörenden 
Ehebeschränkungen durch Festsetzung der Normalzahl und 
Einführung der berüchtigten Matrikelnummern. Ein kreis- 
ämtlicher Erlass vom 5.. Juni 1824 Nr. 3128'40 Judensache 
teilte mit, dass ein Hofdekret vom 18. Mai 1824 die Normal- 
zahl der Hohenemser Juden mit 90 Familien festsetzte. AVer 
keine Familien- oder Matrikelnummer hatte, durfte nicht 
heiraten. Fremde konnten keine weiter einwandern. Dieses 
Dekret verordnete gleichzeitig, dass um jede erledigte Matrikel- 
stelle ein öffentlicher Konkurs auszuschreiben sei. Die Ge- 
suche sollten dem Kreisamte zur Entscheidung vorgelegt 
werden. Die Christenvorstehuug und die Judenvorstehung 
hatten dann jeweilig ihr Gutachten über die Bittsteller abzugeben. 
Man kann sich leicht vorstellen, wie heiss umstritten bei einer 
Seelenzahl von 520 Seelen diese 90 Matrikelnummern waren. 
Auch wurden sie nur Verlobten erteilt, die aber, falls ein 
Glücklicherer die Nummer erhielt, sich entloben mussten. Erb- 
rechte auf Matrikelnummer seitens lediger, noch nicht Ver- 
lobter Söhne wurden weder seitens der Behörde noch seitens 
der Judengemeiude anerkannt. Viel umstritten war 1826 nach 
dem Tode des Rabbiners Samuel Ullmaun die Frage, ob dem 
Rabbiner, wie die Juden behaupteten, eine Nummer nicht 
reserviert zu bleiben brauche und er nicht in die Zahl der 
„90" aufzunehmen sei oder, wie die Behörde meinte, die 
Normalzahl auch den Rabbiner einbegreife. ^) Sie ward 1827. 
17. März, bei der Verehelichung Nathan Egg's zu Ungunsten der 
Judengemeinde entschieden. — 8 Bewerber traten oft gleich- 
zeitig um eine erledigte Nummer auf. An den Sarg des einen 
Juden knüpften sich sofort die Heiratshoft'nungen von zehn 
andern. Doch blieben die Folgen nicht aus. Die Gemeinde 



') § 27 des k. b. Edikte.s v. J. l!S13 entscheidet diese Streitfrage 
keinesfalls, da dort nur vom Eintragen in die Matrikel, gleichbedeutend 
etwa mit amtlichem Register, nicht aber von der Innehabung einer der 
auf eine bestimmte Anzahl beschränkten Matrikelnummern die Rede ist. 



230 .Siebentes Kapitel. 

miisste, wenu aucli vorläufig nur vorübergehend, abnehmen. 
Im Jahre 1842 war die Nr. 11 erledigt nnd auf die Aus- 
schreibung meldete sich nicht ein einziger Bewerber. 

Doch war damit das Leid der Heiratslustigen noch nicht 
erschöpft. Hatten sie endlich die Matrikelnummer mit schweren 
Opfern erkämpft, dann kam erst die berüchtigte „Bne-Zion-" 
Prüfung vor dem Kreisamte, der von Herz Homburg') un- 
bewusst heraufbeschworene ünsegen. Folgender Erlass ord- 
nete diese Prüfung an: 

„An die Vorstehung der Israeliten ! Norm. 8'20i(). 

Seine k. k. apostolische Majestät haben einem hohen 
Dekrete der k. k. Studien-Hofkommision vom 14. Dez. 
1810 zufolge zu verordnen geruhet, dass das israe- 
litische Lehrbuch „Bene Zion" in allen jüdischen Schulen 
der deutscheu Erbstaaten als ein gesetzliches Lehrbuch 
eingeführt und gebraucht werden solle, und dass jeder 
Bräutigam und jede Braut von der israelitischen Nation, 
da sie um die Heirats -Bewilligung ansuchen, über den 
Inhalt dieses Lehrbuches von dem k. k. Kreisammt ge- 
prüft werden, und nur dann zum Heirathen die Be- 
willigung erhalten, wenn sie bei der Prüfung wohl be- 
standen sind. Infolge dieser allerhöchsten Anordnung 
wird die Vorstehung erinnert, dass man künftighin 
keinem Brautpaar die Heiraths- Bewilligung ertheilen 
werde, wenu nicht der Bräutigam und die Braut sich 
dieser Prüfung unmittelbar beim k. k. Kreisamt unter- 
zogen, und darin eine hinreichende Kenntniss der Religion 
bewiesen haben werden. Hievon wird die Vorstehung 
mit dem Beisatze in Kenntniss gesetzt, diese Verordnung 
in der Synagoge allgemein zu verlautbaren. 

Dornbirn, den 22. Februar 1824. 

K. K. Landgericht." 

Ein Erlass vom 29. Juli 1827 Hess gar nur jene Braut- 
leute zur Prüfung zu, die sich mit einem Zeugnisse ausweisen 



') Herz Hoiiibiug, (geb. 1749 in Prag, clsst. gest. 1841) ein Günst- 
ling Mendelsohns und nach Erlass des Toleranz-Edikts durch Joseph II. 
Schulrat über die jüdischen Schulen in Galizien und Lodomerien, war 
der Ausarbeiter des Religionsbuches „Bne Zion", mit dem er, wie Grätz 
Bd. XI. S. 136 richtig bemerkt, den österr. Juden drückendere Fesseln 
auferlegt hatte, als sie bisher trugen. 



Die „B»e-Zioii" rrüfung. 281 

kouuten, dass sie (> Wochen Unterricht genonimeii hatten u. z. 
bei einem öft'entlichen Lehrer, wozu auch die 2 L'nterlehrer 
gerechnet wurden. Die Anmeldung- zur Prüfung musste ge- 
suchsartig schriftlich geschehen. Die Prüfungsvorschrifteu 
wurden 1S37 sogar noch verschärft. 

Auch die anderen beschränkenden Judeugesetze, wie z. B. 
des Realitäten -Erwerbes bei nicht persönlicher Benützung, 
waren noch in Kraft und das k. k. Landgericht Dornbiru 
schärfte sie am 20. Juli 1844 neuerdings ein. 

1qi Jahre 1845 wandte sich die Judengemeinde in 
einem ausführlichen Bittgesuche an Kaiser Ferdinand, die 
Besciiränkung der jüdischen Familieuzahl in Hohenems auf- 
zuheben, weil die Gemeinde sonst unrettbar ihrem Ruin ent- 
gegengehe. Infolge der Heiratsbeschränkuugen müssten die 
jüngeren Söhne sowohl .wie die meisten reichen Mädchen ins 
Ausland heiraten. So seien in den letzten 30 Jahren mehr 
als 400000 fl. ins Ausland gewandert, nur 20 Mädchen mit 
kaum 70000 fl. hätten nach Hohenems geheiratet. Jünglinge 
seien überhaupt keine zugezogen. Die Armen blieben, die 
Cieraeindelasten stiegen und die Vorstehung musste fortwährend 
sowohl die Umlagen wie die Preise der Matrikelnummern 
erhöhen. Desgleichen am 27. Februar 1848 eine weitere An- 
leihe von GOO fl. machen. Der Zustand war ein unhaltbarer 
geworden und die Eingabe au den Kaiser Ferdinand fand 
überhaupt keine Erledigung. Die Hohenemser Christeu- 
gemeinde ^) hatte das Gesuch der Judenschaft mit einem sehr 
schönen Zeuguisse unterstützt: 

„Zeugniss. 

Von Seite der gefertigten Ortsvor stehung 

wird der hies. Israeliten-Gemeinde hiermit zur 

Steuer der Wahrheit bezeugt: 

1. dass dieselbe schon seit den frühesten Zeiten 

mit den hies. christl. Einwohnern in Harmonie 



') Am 21. September 1846 kam ein Vertrag zustande, wonach die 
Durchführung der Emsbach-Regulierung und Aufführung 
des Dammes von der griifl. Waldburg-Zeilschen Herrschaft übernommen 
wurde gegen eine Zahlung von fl. 2500, zu denen, ausser Heinrich Brunner 
als Hauptinteressent mit fl. tiüO, die Christengemeinde "'lo mitl die Judeii- 
gemeinde *',o beitrugen. Bereits 1832 hatte die Judengemeinde freiwillig 
die Wuhrung des Baches von seiner Ausbruchstelle in einer Länge von 
49 Klaftern übernommen. 



232 Siebentes Kapitel. 

und Eintracht lebe, so dass in diese r Beziehung 
nie eine Klage über Unverträglichkeit vor- 
gekommen ist. 

2. Dass sie diese Eintracht durch Wohlthätigkeit 
gegen christl. Arme und Kranke stets zu erhalte n 
und befestigen suchte, wie sie auch gegenwärtig 
bei jeder sich darbietenden Gelegenheit die 
christl. Armen ebenso wohlthätig bedenkt wie 

ihre eigenen. 

3, Dass sie durch ihre Erwerbsthätigkeit, durch In- 
dustrie, durch Oekonomie und durch ihren aus- 
gebreiteten Handel vielen christlichen Ein- 
wohnern Verdienste verschaffen, dass sie Fabriks- 
besitzer in ihrer Mitte zählen, die täglich ca. 
300 christl. Einwohner beschäftigen und dass 
sie auch zu vielen Ausgaben der Christenge- 
meinde verhältnismässig beitrage. 

Dass somit eine Erweiterung ihrer Matrikel- 
zahl den hies. christl. Einwohnern nicht nur 
nicht nachteilig, sondern denselben durch den 
hierdurch erweiterten Wirkungskreis von be- 
deutendem Nutzen sein werde." 
Ein ausführliclies, ein stilistisches Meisterwerk dar- 
stellendes, vom Gemeindearzte Dr. Wilhelm Steinach ver- 
fasstes Memorandum über die Notwendigkeit und Berechtigung 
der Gleichstellung der Juden ward am 1. August 1848 dem 
Reichsratsdeputierten des Bezirkes übergeben. Die Judeu in 
Hohenems wie die allenthalben in der Monarchie sahen mit 
höchster Spannung der Entwicklung der Dinge entgegen, die 
endlich mit der Verfassung vom 4. März 1849 ihren Abschluss 
in befriedigender Weise fanden. Die einschränkende Juden- 
gesetzgebung fiel, das Zeitalter der Gerechtigkeit und Gleich- 
stellung brach an. 

Mit wahrer Begeisterung ward die Kunde hiervon auch 
in Hohenems aufgenommen und die Dankestat der Juden be- 
stand sofort in patriotischen Spenden für das die Revolution 
in Ungarn bekämpfende österr, Heer. Hierüber erhielten sie 
die folgenden beiden Zeugnisse: 

„An die Israeliten-Vorstehuug in Ems. Milit. : 279415. 

Das Wohllöbl. k. k. Kreisamt hat mit hohem Dekrete 

V. 1. d. Mts. ad. Milit. 5007/838 folgendes hier eröiTnet: 



Günstigere Umgestaltung. 233 

Die Israeliten-Gemeinde Holienems hat nnter 2 malen 
verschiedene Beiträge, an Leinwand, Leinen-Gegenstände 
n. Chavpie für die k. k. öster. Armee eingesendet. 

Indem man daher diese Gegenstände seiner Be- 
stimmnng znführen wird, ergreift man mit Vergnügen 
diesen Anlass der Israeliten-Gemeinde für diese nam- 
haften Beiträge zum Wohle der leidenden Mannschaft 
den verdienten Dank zu erstatten, welchen das Land- 
gericht derselben auszudrücken hat. 

Diesem angenehmen hohen Auftrage wird hiedurch 
Genüge geleistet. 

Vom K. K. Landgerichte Dornbirn. 



Den 6. August 1849. 



J. Ratz.^' 



„Nr. 648. K. K. Armee-Korps in Vorarlberg. 

An die Herren Vorsteher der Israeliten in Hoheuems. 
Bregenz, den 13. August 1849. 

Das hierländige Kreisamt hat mir ihre menschen- 
freundliche Gabe von 60 Ellen Leinwand und 10 m 
Gharpie, 12 Stück Leintücher, 6 Stück Hemden, Leinwand- 
reste und andere Verbandstücke heute Übermacht. Icii 
war überzeugt, dass die Bewohner dieses schönen Landes 
Vaterlandsliebe in hohem Grade besitzen, noch ange- 
nehmer müssen aber die Beweise mir sein, dass dieses 
Gefühl sich mit der sorgenden Theilnahme für die Ver- 
theidiger desselben und des Thrones paart. Der Ruf 
der ächten Vaterlandsliebe der Gemeinde war 
schon früher zu mir gedrungen und es hat mich 
innig erfreut bei dieser Gelegenheit zu sehen, 
dass sie wieder vor allen andern meiner Auf- 
forderung entsprechend, so nahmhafte Beihülfe 
für die Pflege der Soldaten brachten. Nehmen 
Sie meinen herzlichsten Dankl 

Karl Fürst von Schwarzenberg." 

Am 7. Mai 1849 übersendet die Judenschaft fl. 285.36 
als Ergebnis einer Privat-Kollekte zum Provinzial-Invaliden- 
fond, wofür der Kreishauptmann Dr. Staffier, ddo. Innsbruck 
9. Mai 1849, in ehrender We«se dankt und den Dank auch 
in der Landeszeitung veröffentlicht. 



"234 Siebentes Kapitel. 

Und bald bot «ich der Judenschaft aucli Gelegeulieit, die 
i>e\vährte Gleichberechtigimg zu erproben. 

David Moos sollte sich 1S4!) in Hohenems verehelichen. 
Auf den Hat des Arztes Dr. Wilhelm Steinach, eines idealen 
Mannes, dessen dies Buch vornehmlich im zweiten Teile aus- 
führlich und vielfach zu gedenken haben wird, sollte die Juden- 
schaft den alten, bisherigen Weg betreten, um die Behörden 
so zur Äusserung über die veränderte Sachlage zu veranlassen. 
Das Gesuch wanderte ans Landgericht, von da zum Kreisamte, 
von da zum Landespräsidium nach Innsbruck, das, noch die 
alte Ordnung handhabend, erst anfragte, wie es gegenwärtig 
mit der Zahl der Judenfamilien beschaffen sei. Dr. Wilhelm 
Steinach wandte sich hierauf sofort an Josef Wertheimer in Wien, 
dem hervorragenden Vorkämpfer für die Rechte seiner Glaubens- 
genossen, reichte beim Ministerium eine Beschwerde gegen 
diese nach der neuen Verfassung gesetzwidrige Anfrage des 
Innsbrucker Landespräsidiums ein und die Folge hiervon war 
der hier wortgetreu wiedergegebeue Erlass von grundlegender 
Bedeutung: 

Ehesache No. 3784/15. 
„An David Moos in Hohenems. 
Laut Eröffnung des hohen Guberniuras vom 22. L M. 
Z. "21472 hat das h. Ministerium des Innern über dns 
Ehelich uugsgesuch des Israeliten David Moos und über 
die Vorstellung der Israel. -Gemeinde zu Hohenems vom 
22. Juni d. Js. wegen Handhabung der Verfassung und 
der Grundrechte hinsichtlich der Israeliten-Angelegen- 
heiten mit Erlasse vom 13. d. Ms. ZI. 19775 folgendes 
eröffnet: 

Durch das allerhöchste Patent vom 4. März 
d. Js. übe.r die politischen Rechte der österr. 
Staatsbürger ist der Genuss der bürgerlichen 
und politischen Rechte von dem Religionsbe kenn t- 
nisse unabhängig. 

Es sind demnach die Juden zur Verehelich ung 
vollkommen gleichgestellt und es unterliegt keinem 
Anstände, dass dem Israeliten David Moos von Hohen- 
ems die angesuchte Bewilligung zur Verehelichuug mit 
der Israelitin Henriette Brunner ohne Rücksicht auf die 
früher bestandenen Matrikelrechte erteilt werde. Hier- 
von wird David Moos in Erledigung seines Gesuches 



Günstigere Umgestaltung. 235 

um Bewilliguug zur Verehelichung mit Henriette ßrunner 
von Ems de. prs. 7. Mai d. .Is. und die Israeliten -Vor- 
stehung über ihre beim hohen Ministerium geraachte 
Vorstellung vom 22. Juni ds. Js. infolge hohen kreis- 
ämtlichen Dekretes vom 26, Okt. ds. Js. No. 7337|1258 
Polizei zum angenehmen Wissen verständigte. 

Kais. Kön. Landgericht Dornbirn am 2, November 1849." 
Die Judengemeinde in Hohenems trat durch die Gleich- 
berechtigung in eine neue Phase der Entwicklung. Sie ward 
zur politisch-selbständigen Judeugemeinde. 



ACHTES KAPITEL. 

Die politische Judengemeinde (1849— 1S78). 



Am 0. März 184-9 war der Reichstag in Kremsier, von dem 
J\. insbe.soüdere die .luden Österreiclis so viel des Heiles er- 
wartet hatten, vorzeitig inmitten der Beratungen über das 
Verhältnis von Staat und Konfession geschlossen worden. Aber 
der in einer langen Regierung allezeit betätigte Gerechtigkeits- 
sinn des damals kaum 19jährigen Kaisers Franz Josef I. hatte 
den Juden in der Reichsverfassung vom 4. März 1849 bereits 
die volle Gleichberechtigung ^) gewährt. 

Trotzdem aber die Durchführung der Gleichberechtigung 
erst auf den Krlass des Ministers Graf Thun vom "JB. August 
resp. der Schmerling'schen Instruktion vom 18. November 1849 
in Angriff genommen ward, so hatte doch schon die blosse 
Proklamation derselben genügt, um im Leben der Juden- 
gemeinde in Hohenems, die damals 521 Seelen zählte, eine 
allen Erwartungen entgegengesetzte Wirkung hervorzubringen: 

') Die denkwürdigen §§ lauten: 

„ij 1. Die volle Glaubensfreiheit und das Recht der häuslichen Aus- 
iibung des Religionsbekenntnisses ist jedermann gewährleistet. Der 
Genuss der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem 
Religionsbekenntnisse unabhängig. Doch darf den staatsbürgerlichen 
Pflichten durch das Religionsbekenntnis kein Abbruch geschehen. 
§ 2. Jede gesetzlich anerkannte Kirche und Religionsgesellschaft hat 
das Recht der gemeinsamen öffentlichen Religionsübung, ordnet 
und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig, bleibt im Besitze 
und Genüsse der für ihre Kultus-, Unterrichts- und Wohltätigkeits- 
zwecke bestimmten Anstalten, Stiftungen und Fonde, ist aber wie 
jede Gesellschaft den allgemeinen Staatsgesetzen unterw'orfen. 

i; '-'7. Alle Ucichsbürger sind vor dem Gesetze gleich und unterstehen 
einem gleichen ])ersönlichen Gerichtsstande. 

55 28. Die öffentlichen Ämter und Staatsdienste sind für alle zu den- 
selben Befähigte gleich zugänglich." Vgl. Frankl-Grün a. a. 0, 
T. II, S. 7. 



Konstituirung der politischen Judengemeinde. 237 

Die Judenschaft ward von der Behörde als politisch selbständige 
Gemeinde anerkannt. 

Eben in der bereits erwähnten Instruktion vom IS. No- 
vember 1849 führte der Minister Schmerling aus, dass im Siime 
des § 1 der Grundrechte Judengemeinden als politische Kürper- 
schaft aufzuhören und sich der politischen Ortsgemeinde an- 
zuschliessen hätten. Wie viele andere politische Juden- 
gemeindeu verlor z. B. damals auch die voji Kremsier ^) ihre 
Selbständigkeit. 

Und in Hohenems war die bürgerliche Gleichstellung die 
Geburtsstunde einer anerkannt politisch-selbständigen Juden- 
gemeiude. 

Damit aber hatte es folgende Bewandtnis. Am 17. März 
1849 war das neue Gemeindegesetz erlassen worden. Die 
Durchführung desselben verlangte zahlreiche Vorarbeiten, wie 
die Anlage eines Verzeichnisses der bestehenden und künftig 
zu bestehen habenden Orts-Gemeinden, Anfertigung der Ge- 
meinde-Matriken, Steuerlisten. Berechnung der Wahlkörper 
usw. Diese Vorarbeiten sollten in Vorarlberg durch einen 
kreisamtlichen Delegierten, der die Vorarlberger Ortschaften 
der Reihe nach zu bereisen hätte, geschehen. Da traten die 
Gemeindevorsteher des Landgerichtes Feldkirch mit dem Er- 
suchen auf, diese Vorarbeiten sollten zwecks schnellerer Er- 
ledigung von Vorstehern und Ausschüssen jeder Gemeinde 
selbst besorgt werden, was vom Landespräsidium am 21. Mai 
1849 s. ZI. 2518 auch gestattet wurde. Die Konstituirung der 
Gemeinden erfolgte aber bereits früher u. z. am 10. Mai 1849 
nach ihrem gegenwärtigen Bestände. Die Judeu- und 
Christengemeinde in Hohenems einigten sich au diesem Tage 
dahin, dass die Judengemeinde nunmehr ihre Selbständigkeit 
erhalten und über die gemeinschaftlichen Angelegenheiten 
nachträglich ein Einverständnis herbeigeführt werden solle. 
Diese von den Gemeindevorstehungen erfolgte Feststellung 
der künftigen politischen Gemeinden, worunter auch die Hohen- 
emser .hidengemeinde als solche erschien^ erhielt, laut Mit- 
teilung des Kreisamtes vom 26. Mai 1849 Nr. 238, die Ge- 
nehmigung des Landespräsidiums. Der die Judengemeinde 
betreffende Passus hatte folgenden Wortlaut: 

„So werden auch einstweilen die eigentüm- 
lichen Verhältnisse der in einer Christen- und 



') Frankl-Grän, Geschichte der .Juden in Kremsier, Bd. II, S. 10. 



238 Achtes KapiteU 

Judeugemeinde geteilten Gemeinde Hoiieuems 
aufrecht erhalten werden müssen, doch wird, 
wenn die .1 u d e n g e m e i n d e selbst finden sollte, 
dass es im Einklänge mit dem neuen Gemeinde- 
gesetze für sie ratsam erscheine, die bisherigen 
Verträge mit der Christengemeinde zu modi- 
fizieren, die. gründliche Verhandlung darüber 
abgesondert zu begutachten sein." 
Die Konstituirung der politischen Judengemeinde im 
JaJjre 1849 erfolgte durch Vereinbarung der beiden 
Gemeinden selbst. Dieser Umstand ermöglichte es den 
Hohenemser Christen und Juden den seit 1813 eigentlich wider- 
rechtlich und nur zum Scheine erhaltenen Zustand der Trennung 
aufrecht zu erhalten, ja ihm jetzt sogar ein gesetzliches 
Mäntelchen umzutun. Hätte ein Delegierter der jjaudesbehörde 
die Konstituirung vorgenommen, dann wäre dieser ganze 
auf irrtümliche Basis beruhende Vorgang kaum möglich 
gewesen. So aber waren die Gemeindevorsteher autonom, der 
Christengemeinde passte es unter einem guten Titel die Juden 
auch weiter in einer Sonderstellung halten zu dürfen, den 
Juden hingegen passte es, eine selbständige Gemeinde sich 
nennen zu können, und so kam die Vereinbarung vom 10. Mai 
1849 zustande. 

Die Deckung des Defizits, welches sich aus den durch 
das gemeinsam bewohnte Territorium bedingten gemeinschaft- 
lichen Kommuuallasten ergab, geschah, wie seit 1825, nach 
den Bestimmungen des Vertrages') vom 6. Juni 1825, wonach 
die Israelitengemeinde hiezu ^/lo beizusteuern hatte. 

Nach 232jährigem Bestände durfte sich die Hohenemser 
Judengemeinde eine politisch-selbständige nennen, gewiss ein 
bedeutender Fortschritt nach aussen, dem aber noch wichtigere 
und ungleich wertvollere nach innen zur Seite gingen, wie im 
2. Teile dieses Buches gezeigt werden soll. 

Wenn nun auch die politische Judengemeinde ohne eigent- 
liche gesetzliche Basis in's Leben trat, so verdient jedoch 
anerkannt zu werden, dass eben das gute Einvernehmen 
zwischen Christen und Juden dies ermöglicht hatte. Und 
eben damals rief dieses eine gemeinsame Wohltätigkeits-Aktion 
in's Leben, die sich als überaus segensreich erwies. Die Er- 
eignisse im März d. J. 1848 hatten aucii in Vorarlberg ein 

») Vgl. Kap. 7. 



Das Hilfskomitee (1849 — 1852). 239 

Stocken von Handel und Gewerbe zur Folge, so dass viele 
Fabriken ihre Tätigkeit einstellten. Arbeitslosigkeit und mehrere 
vornehmlich durch die Kartoffelseuche verursachte Jahre der 
Missernte brachten Not und Flend über die ärmere Bevölkerung. 
Zur Steuerung dieses schweren Übelstandes ward nun in einer 
öffentlichen, von allen bessersituierten Christen und Juden 
besuchten Versammlung beschlossen, ein Hilfskomitee ein- 
zusetzen, das öffentliche Sammlungen einleiten, die empfangenen 
Beträge nach eigenem Ermessen zur Unterstützung Bedürftiger 
ohne Unterschied der Konfession verwenden sollte, u. z. durch 
Zuweisung von Arbeit, Beteilung mit Geld und Naturalien usw. 
Der etwaige Cberschuss aus dem Hilfsfonde sollte vom 
Komitee zu wohltätigen Zwecken beider Gemeinden verwendet 
werden. Einstimmig wurden dann zu Mitgliedern des Hilfs- 
komitees gewählt: Pfarrhelfer Amor, Dr. Seewald. Vincenz 
Ammann, Dr. Wilh. Steinach und Philipp Rosenthal. Aus der 
am 22. April 1849 vom Hilfskomitee gelegten Rechnung ist 
zu entnehmen, dass eine Subskription unter den Einwohnern 
des Ortes Wochenbeiträge von fl. 200.20*/7 kr. für 17 Wochen, 
i. S, fl. 3405.44, ergeben hatte. Nach einer Verwendung von 
fl. 2489. 15 in oberwähntem Sinne, verblieb einschliesslich weiterer 
div. Einnahmen und Spenden ein Cberschuss vonfl. 1864.91 kr., 
bezüglich dessen das Komitee beschloss, ihn vorläufig unter 
Aufsicht und Verantwortung des Komitees zinstragend anzu- 
legen, die Zinsen zum Kapital zu schlagen und späterhin über 
dieses zu gunsten beider Gemeinden zu verfügen. Dies ge- 
schah im April 1852, da sich das Komitee in der Wohnung 
des Gemeinderates Hermann Spieler versammelte und beschloss, 
das indessen auf fl. 2046.30 angewachsene Kapital je zur 
Hälfte der Christen- und Judengemeinde behufs Verwendung 
für einen gemeinnützigen Zweck mittels Schenkungsurkutide 
zu übergeben. Beide Gemeinden legten mit den ihnen zu- 
gefallenen Beträgen von je fl. 1023.15 den Grund zu heute 
noch segensreich wirkenden Institutionen. Die Christengemeinde 
kaufte einen Platz zur Errichtung eines Armenhauses, das 
noch im selben Jahre fertiggestellt wurde, die Judengeraeinde 
gab damit ihrem Schulfonde die erste Grundlage. Ein lehr- 
reiches Beispiel von den Segnungen friedlichen und eben darum 
wahrhaft religiösen Zusammenwirkens.^) 

*) Die Akten des Hilfskomitees befinden sich im Archive der .Markt- 
gemoindo Ilohenems. Fascikol 27 „Historische Akten 11", Xr. .'). 



240 Achtes Kapitel. 

Am '21. Juni 1850, s, ZI. 3.-542, ordnete die inzwischen 
ins Leben getretene k. k. Bezirksliauptmannschaft in Feld- 
kirch ^) die ersten Wahlen bei der politischen Jndengenieinde 
in Hohenems an. Diese fanden am 12. August 1850 im Israel. 
Schulhause unter Leitnng des k. k. Bezirkshanptmannes Hon- 
stetter in Gegenwart des Gemeindevorstehers David Hirschfeld, 
des Ausschusses Marco Brunner, des Gem. Kassiers Sam. Menz, 
und des Vertrauensmannes Philipp Rosenthal statt und wurden 
nach den neukonstruirten zwei Wahlkörpern vorgenommen. 2) 

Die neue Gemeindeleitung konstituirte sich kurz darauf mit : 
Philipp Rosenthal als Bürgermeister, 
Samuel Menz als 1. Gemeinderat, 
Emanuel Brettauer als 2. Gemeinderat. 

Am 14. Oktober ward der neuen Gemeindevertretung die 
Ehre dem auf der Reise von Bregenz nach Feldkirch den Ort 
Hohenems passierenden Kaiser ihre Huldigung darbringen 
zu dürfen. 

Mit voller Energie und Tatkraft, unterstützt von Männern 
ausgezeichneter Bildung und tüchtigster Gesinnung wie Dr. 
Wilhelm Steinacli, ging die (Jemeindeleitung an die Lösung 
hochwichtiger, der zeitgemässen Um- und Ausgestaltung der 
Gemeinde selbst und ihrer Institutionen dienender Aufgaben, 
über die im 2. Teile ausführlich berichtet werden wird. 

Einen wichtigen Beschluss noch hatte die frühere Isra- 
eliten-Vorstehung knrz vor ihrer Auflösung am 24. Februar 
1850 gefasst. Die bereits längere Zeit in Hohenems wohnenden 
Kaufleute Elias Kahn ans Fellheim in Baiern und Benjamin 
Guggenheim aus Lengnau in der Schweiz wollten nunmehr 
in den Verband der Hohenemser israelitischen Gemeinde auf- 
genommen werden. Die Vertretung setzte aus dem Anlasse 
für die Zukunft drei nach den Vermögensverhältnissen zu be- 
rechnende Aufnahmstaxen von 200. 400 und 600 fi. fest. 



') Seit dem 1. August 1849 bildete Vorarlberg einen Kreis mit einem 
Kreispräsidenten zu Bregenz und drei Bezirkshauptmannschaften zu 
Bregenz, Feldkirch und Bludenz. 

-) Das Ergebnis derselben war nacli den vorliegenden Wahlakten: 
Ausschussmänner: 1. Wahlkörper: Dr. Wilhelm Steinach, Emanuel 
Brettauer, Ignaz Rosenthal, Joseph Kosenthal; 2. Wahlkörper: David 
Hirschfeld, Samuel Menz, Philipp Rosenthal, Marko Brunner; Ersatz- 
männer: 1. Wahlkörper: Nestor Brentano, Moritz Brentano: 2. Wahl- 
körper: Heinrich hrunnor, Abraham Schwarz. 



Reaktionäre Rückfälle. "241 

Die Israelitengemeinde bestand damals aus 120 Familien, 
die sieh nach ihren Berufen laut amtlicher Darstellung 
folgendermasseu verteilten: 

Verschiedenen Handel 48 

Fabrikation, Handwerk, Wirtschaften .33 

Wissenschaftliche Erwerbszweige 8 

Privatiers 15 

Arme, von der Gemeinde erhalten 16. 

Im Jahre 1852, da die Christengemeinde ihr Armenhaus 
erbaute, leistete die Israelitengemeinde auf ihren Anteil an 
dem zur Zeit der Militär- Einquartierung angeschafften ge- 
meinsamen Vorrate an Bettwäsche, Decken usw. zu guusten 
der Armenanstalt Verzicht.^) 

Der Bürgerausschuss der Israelitengemeinde sah tatkräftig 
zu seinen Pflichten und Aufgaben, konnte jedoch vorerst 
nicht so recht zum V^ollgeuusse der politischen Selbständig- 
keit kommen. Schon die der Verfassung vom 4. März 1849 
hart auf dem Fusse folgenden reaktionären Gesetze und Ver- 
ordnungen vom 2(j. August 1849, 20. August 1850, 13. April 
und 31. Dezember 1851 rechtfertigten die ernstesten Besorg- 
nisse für die Zukunft, die selbst der kaiserliche Nachtrag, 
dass die volle Gleichberechtigung der Konfessionen unan- 
getastet bleiben solle, nicht zu zerstreuen vermochte. 

Und selbst in dem kleinen Kreise der beiden Hohenemser 
Gemeinden machte sich der wieder laut gewordene reaktionäre 
Geist, wenn auch nur in kleinen Dingen, bemerkbar. 

Die Israelitengemeinde hatte mit ihrer Konstituirung als 
politische Gemeinde selbstverständlich Recht und Pflicht er- 
halten, ihren Angehörigen Heimatsscheine auszustellen. Das 
hierüber gewissenhaft geführte Register 2) ward am 30. August 
1850 angelegt, an welchem Tage dem Emanuel Mendelsohn 

*) Im Jahre 1851, am 31. Jänner sammelte die Judengemeinde 
freiwillige Beiträge zur Herstellung und Pflasterung einer Verbindungs- 
gasse zwischen der Juden- und Christengasse vom (ehemals) Menzischeu 
Hause bis zu dem des Bäckers (Fenkart). Im gleichen Jahre wurde 
auch die Pflasterung und Trottoir-Anlage in der Judengasse beschlossen 
und Ausschussmitglied Ignaz Rosenthal mit der Durchführung betraut. 
Die jüdischen Pferdebesitzer hatten unentgeltliche Fahrdienste hiezu 
zu leisten. 

-) Das Register läuft bis Dezember 1876 und zeigt die Verab- 
folgung von 268 Heimatsscheinen. 

16 



24"J Achtes Kapitel. 

der erste Heiiiiatsschein ausgestellt ward. Die bei der Israeliten- 
jj;emeiiide von der Behörde ejjigelaufeuen Vorschriften über 
die Ausstellung- wurden selbstverständlich pünktlichst befolgt. 
Nun aber liess es sich der christliche (Jenieindevorsteher nicht 
verdriessen, manchen jüdischen CJemeindeaugehorigeii, so sie 
es verlangten, ebenfalls Heimatsscheine auszustellen. Aulässlich 
eines solchen Falles beschwerte sich die Israelitenvorstehung 
bei der k. k. Bezirkshauptujannschaft in Feldkirch und erhielt 
hierauf am 'i'J. Juli ISä'J, ZI. r)55(), einen dahin lautenden Be- 
scheid, dass die Ausstellung von Heimatsscheinen an jüdische 
(lemeinde -Allgehörige dem christlichen Bürgermeister zwar 
verboten wäre, da nur die Juden vorstehuug iiiezu berechtigt 
sei, doch sollen in Zukunft alle vom jüdischen Bürgermeister 
ausgestellten Heimatsscheine auch vom christlichen Bürger- 
meister und einem (iemeinderate unterfertigt werden. Doch 
blieb dies nicht lange in Übung, wie spätere nur vom israel. 
Bürgermeister gefertigte Heimatsscheine zeigen. 

Als politische Gemeinde stand der Judenschaft auch das 
Recht zu, selbständig Ehekonsense zu erteilen. Desgleichen fielen 
mit der Gleichberechtigung auch die Bne-Zion-Prüfungen der 
Brautleute weg. Und doch, als wäre das Jahr 1849 mit Ver- 
fassung, Gleichstellung und Inaugurirung der politischen Juden- 
gemeinde in Hohenems garniciit gewesen, fragt die k. k. 
Bezirkshauptmannschaft Feldkirch am 10. August 185H, s. ZI. 
()''54J, bei dem „Herrn Bürgermeister der Israeliten-Gemeinde" 
unter Berufung auf § 124 des Bürgerl. Gesetzbuches an, warum 
denn seit dem Jahre 1849 alles Ansuchen um Ehekonsense 
und die Bne-Zion-Prüfung unterblieben sei. Wahrscheinlich 
ist diese Anfrage durch den Ministerial-Erlass vom 19. März 
1853 verursacht worden, der für Judenehen wieder die F^in- 
holung der kreisämtlichen Bewilligung vorschrieb. In aus- 
führlicher Beantwortung vom '2'2. August und Nachtrag vom 
26. August 1853 legte die Gemeinde ihren wohlbegrüiideten 
Rechtsstandpunkt dar, den auch die k. k. Bezirkshauptmann- 
schaft würdigte. Jedoch mussten von da ab die kreisämtlichen 
Ehebewilligungen wieder eingeholt werden. 

Der "i. Oktober 1853 brachte den für tausende jüdischer 
Familien verhängnisvollsten Sieg der Reaktion : Der P>werb 
liegender Güter wurde den Juden wieder verboten. 

Und ganz wie ehemals begannen sich die höheren Be- 
hörden wieder mit der „Regelung" der Judenverhältnisse zu 



Gutachten der Christen- und Judengemeinde. 248 

befassen, mit welch harmlosem Worte mau den Schlüssel zu 
den ehemaligeu Ghettopforten umschrieb. 

Die k. k. ßezirkshauptmannschaft Feldkirch verlangte 
denn auch am 20. Jänner 1854, s. ZI. 442, sowohl von der 
Christen- wie von der Judengemeinde, natürlich von jeder 
gesondert, ein Gutachten zwecks Vorlage höheren Ortes über 
folgende Fragen: 

1. Mit welchem Erfolge früher und bis zur Auf- 
hebung der Grundrechte das Prinzip der Nicht- 
vermehrung der Israeliten-Familien in Hoheu- 
ems gehandhabt wurde? ^j 

2. AVelchen Einflu.ss die Aufhebung d er Grundreciite 
im Jahre 1849 auf die Vermehrung der Hohen- 
emser Israeliten genommen? 

'il. AVelche Wirkung die Aufhebung der Grundrechte 
auf die Erwerbung von Realitäten, auf Besitz, 
Handel und Gewerbe der Hohenemser Israeliten 
gehabt habe? 
4. Wie es seither mit der Erteilung von Ehekon- 
sensen gehandhabt wurde? 

Juden- wie Christengemeinde antworteten nun, jede ohne 
von der anderen zu wissen, erstere am 6. Februar, letztere 
einige Tage vorher, in ausführlichen Gutachten, die, des klaren 
Bildes halber, das sie bieteu, es verdienen, der Nachwelt 
wenigstens in kurzen Auszügen erhalten zu bleiben. Bilden 
sie doch ein unantastbares Zeugnis dafür, dass 

1. mit der vollen Gleichberechtigung der Juden der Staat 
mehr noch sich selbst als den Juden diente; 

2. dass die Hohenemser Judenschaft dem Orte und seinen 
Bewohnern allezeit zum Vorteile gereichten: 

3. dass „jedes Land die Juden hat, die es verdient." 

Ich lasse, des Raummangels halber auszugsweise, die Be- 
antwortung der gestellten Fragen seitens beider Gemeinden 
parallel folgen. 



') Diese Frage ward nur an die Christen -- nicht aber 
auch an die Juden-Vorstehung gerichtet, wie sich auch in der 
Zuschrift an den christlichen Bürgermeister der Passus findet „dass die 
Antwort schnell und mit Vermeidun g jeden Aufsehens" erfolge, 
woraus ersichtlich ist, dass die Christengemeinde ohne Wissen der 
Judenschaft, also ganz unbeeinflusst, ihr Gutachten abgab, was 
festzustellen, in Anbetracht des Inhaltes höchst wichtig ist. 

IG* 



244 Achtes Kapitel. 

Mögen (Jegenwart und Zukuuft daraus lernen!!! 

Am Eingange des in schwungvollen, selbstbewussten 
Worten gehaltenen und meisterhaft (wahrscheinlicii wie ähn- 
liche früher und später vom Dr. AViliielm Steinach, dem Stolze 
und der Zierde der Israelitengemeinde) verfassten ausführlichen 
Gutachtens der Israelitengemeinde drückt diese ihre 
Freude und Genugtuung darüber aus. dass sie vor der ge- 
planten „Regelung" der Judenverhältnisse zu Worte kommen 
dürfe, was ihrem Herzensbedürfnisse entspreche und woran 
sie die besten Hoffnungen für die Zukunft knüpfe. Nur in- 
folge ihres felsenfesten Vertrauens auf die Unerschütterlich- 
keit der einmal von des Kaisers Gnade gewährleisteten Rechte 
habe sie bisher geschwiegen. 

Die erste Frage ward nur der Christengemeinde gestellt 
und darum von der Judenschaft nicht beantwortet. ^) 

Die zweite Frage ward in zwei Teilen gesondert beant- 
wortet und zwar 1. nach dem Einflüsse der Verfassung von 
1849 überhaupt und 2. auf die Anzahl der Hohenemser 
Juden. 

Über den Einfluss der Gleichberechtigung äussert 
sich die Judengemeinde also: 

„So wie der Eindruck ein über alle Beschreibung 
erfreulicher, so war auch der Einfluss ein höchst 
günstiger. Der Israelit, allzulange gedemütigt und 
als Stiefkind behandelt, sah sich plötzlich als eben- 
bürtigen Sohn der grossen österreichischen Völker- 
familie, als gleichberechtigtes, gleichverpflichtetes 



^) Die Christengemeinde beantwortete die Frage nach der Ver- 
mehrung der Israeliten bis 1849 folgendermassen: Das Prinzip der 
Nichtvermehrung iler Israeliten sei nie strenge gehandliabt worden, so 
dass sich diese von 90 Familien im Jahre 1813 auf 112 im Jahre 1849 
vermehrt hätten und zwar weil dem ältesten Sohne eines Hauses das 
Heiraten stets noch bei Lebzeiten des Vaters gestattet worden sei, und 
Aveil das Gesetz selbst für Fabrikanten, Proi'essionisten usw. Ausnahmen 
gemacht habe. Dann wörtlich; „Diese Vermehrung hat sich aber 
auch auf keinerlei Weise weder als nachteilig noch als be- 
merkbar erwiesen. Sie war nicht sehr zahlreich und trat nur all- 
mählich ein; vielmehr brachte sie bei der lebhaften Geschäfts- 
und Gewerbstätigkeit, die dadurch entwickelt wurde, der 
diesseitigen Bevölkerung mancherlei Vorteile und wichtige 
Nahrungsmittel, was bei den spärlichen Bodenerträgnissen 
der letzten Jahre und den ungünstigen Zeitläuften, wohl 
sehr in Anschlag zu bringen ist." 



Gutachten der Ohristen- und Judengemeinde. 245 

Mitglied des Kaiserstaates aufgenommen. Durch 
diese beglückende Wiedergeburt fühlte sich jeder 
Israelite als Mensch gehoben; das Gefühl seines 
Menschenwertes wurde geweckt und klar ins Be- 
wusstsein gebracht. Er war plötzlich über allen 
Ausdruck glücklich, weil er als treuer Untertan dem 
grossen österreichischen Staatsverbande angehören 
durfte. Diese beseligenden Empfindungen hoben 
seine Tatkraft, steigerten seine Untertanentreue 
und seinen Patriotismus." Hierauf folgte die Darstellung 
mehrerer in diesem Buche am Schlüsse des vorigen Kapitels 
erwähnter Tatsachen, sodann die Mitteilung von der Gründung 
des bereits erwähnten zum weitaus grössten Teile aus jüdischen 
Mitgliedern und jüdischen Spendern bestehenden Hilfs- 
vereins i. J. 1<S49, das in jener Zeit grosser Not, da alle 
Arbeit, jedes Gewerbe, aller Verkehr stockten, sich ungemein 
segensreich in seiner eifervollen Tätigkeit für den Ort Hoiien- 
ems und seine Bedürftigen erwies. „Nach ergangenem 
Rufe an die stets treubefundenen Tiroler die Waffen 
gegen die Feinde und Empörer zu ergreifen, eilten 
allsogleich israel. Jünglinge der hiesigen Gemeinde 
mit den Waffen in der Hand an die bedrohte Grenze 
und machten als Freiwillige, von der Gemeinde auf- 
gemuntert und mit Geldmitteln unterstützt, den 
italienischen Feldzug mit, während israel. Bürger mit 
den ciiristlichen vereint für Aufrechterhaltung der 
Ruhe und Ordnung innerhalb des Gerne indegebietes 
mit allem Eifer und aller Hingebung bemüht 
waren." .... „überhaupt das Mögliche zur Förderung 
des öffentlichen Wohles beizutragen, dieses hielten 
die Israeliten überhaupt, und insbesondere die der 
Hohenemser Gemeinde, für ihre erste und wichtigste 
Pflicht. Deshalb war man auch bedacht dahin zu 
wirken, dass alle Glieder der Gemeinde einer ge- 
regelten Erwerbstätigkeit sich widmen, man er- 
richtete Fabriken und Manufakturen, die in der 
letzten von Elementarschäden und Kalamitäten aller 
Art so hart geprüften Zeit ihre grosse Gemeinnützig- 
keit aufs Glänzendste bewährten. Man erweiterte 
das Institut des Volksunterrichtes, mau errichtete eine 
vom hohen Ministerium genehmigte höhere Bürger- 



•24(') Achtes Kapitel. 

schule mit gros.sem Kostenaufwaude, maa regelte 
lind leitete das Armenweseii aufs Sorgfältigste; mau 
förderte Handwerkstätigkeit und Ackerbau durch 
zweckmässige Mittel und auf gedeihlicher Weise. 
Diese und noch viele andere erfreuliche Erfolge waren 
das Produkt des Einflusses, welchen die bürgerliche Gleich- 
stellung der Israeliten hierorts ausgeübt hat." Herz- 
erhebende Worte, ganz und gar den Tatsachen entsprechend. 

Die Frage ^) nach dem Einflüsse der Verfassung 
von 1849 auf die seither etwa erfolgte Vermehrung der 
Israeliten in Hohenems beantwortet das Gutachten der 
jüdischen Gemeinde folgendermassen: Im Ganzen sind seit 
1849 nur vier Familien, alle wohlhabend und völlig unbe- 
scholten, zugezogen. Überhaupt habe die Population seit 1813, 
trotzdem man damals nur 90 Familienrechte zählte, bis 1842, 
wo deren 112 gezählt wurden, kaum merklich zugenommen. 
Denn 1813 seien nur die Familienhäupter, 1848 dagegen auch 
die Witwe oder Waise und Erbin des Besitzers eines Familien- 
rechtes gezählt worden. Sodann folgt eine Beleuchtung aller 
Milden des bair. Edikts. Im Übrigen habe die amtliche Zählung 
1849 eine Anzahl von 521 und 1853 eine solche von 54(5 
jüdischen Seelen ergeben. 

Die nächste Frage nach dem Einflüsse der neuen 
Verfassung auf den Erwerb von Realitäten und Handel 
und Gewerbe überhaupt wird in Folgendem erledigt. Die 
wenigen seither durch Juden geschehenen Erwerbungen von 
Realitäten oder Neuetablierungen seien bereits durch das 



^) Das Gutachten der Christeng'emeinde äussert sich zu dieser 
Frage: .Seit 1849 hätten zehn jüdische Eheschliessungen stattgefunden. 
Von diesen seien vier Familien ins Ausland gezogen, die wie die übrigen 
überhaupt gut beleumundete Leute seien, Handwerker, Kaufleute usw. 
Vier Familien seien in den Israel, (^emeiudeverband aufgenommen und 
diesen von der Behörde die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen 
worden. „Von diesen Neuangesiedelten leben zwei mit ihren 
Fainilien hierorts eigentlich als Rentiers, da sie hierlands 
kein Geschäft betreiben; ein Dritter leitet eine Stärke-Fabrik, 
wodurch viele Personen hinreichende Beschäftigung und 
Broderwerb erlangen und der Vierte endlich hat bereits iini- 
fängliche Vorbereitungen zur Errichtung einer in grossem 
Massstabe beabsichtigten Weberei und Stickerei getroffen. 
Sämtliche Neu angesiedelten haben sich übrigens mit nain- 
liaftem Vermögen ausgewiesen, sind sehr guten Rufes und in 
politischer Beziehung als vollkommen Uli tadelhaft anerkannt." 



Gutiielitcii der Christen- iiiul JiKleiiiii-iiicindt'. 1^47 

Edikt von 1813 gestattet und nicht dem Einfliis.se der Ver- 
fassung von 1841) zuzuschreiben. „Bemerk l)ar war diese 
allerdings in moralischer Hinsicht. Denn der Israeli te 
füh Ite sich durch das fro he Bewusstsein: nun endlich 
sei neu christlichen Mitbürgern gleichgestellt zu sein, 
gleichsam gehoben. Er begriff, dass Staat und Mit- 
bürger jetzt ein grösseres Recht an seine Kräfte und 
seine Hilfsmittel haben und steigerte seine Tätig- 
keit, um als gemeinnütziges Mitglied des Staates 
erkannt zu werden. Durch den Vorgang der hohen 
Regierung einerseits und das Benehmen der grossen 
Mehrheit der Israeliten andererseits wichen allmählich 
die veralteten Vorurteile und der Verkehr der österr. 
Untertanen wurde ohne Rücksicht auf das Religions- 
bekenntnis sowohl in geselliger als in geschäft- 
licher Beziehung inniger, herzlicher und frucht- 
bringend e r. " 

So spricht nur wahre Gesinnungstüchtigkeit! M 



') und nun höre man über die gleiche Frage die Vorstehung 
der Christengemeinde! 

..In Hinbicht auf Kealitäten-Erwerbung, Handel und Gewerbe, 
war der Einfluss des Jahres 1849 in keiner Beziehung ein ver- 
ändernder. Der Geschäftsbetrieb war ein lebhafter und 
äusserte in mancher Hineicht einen günstigen Einfluss 
a u f die G e s a rn t b e v ö 1 k e r u n g." 
Nun folgt der Hinweis auf das Edikt von 1S13. Dann heisst es 
weiter wörtlich: 

„Anlangend endlicli den P^influss des Jahres lS4it 
auf Handel und Gewerbe, so ist, wofern ein solcher über- 
bau pt schon bemerkbar sein kann, ein günstiger und 
erfreulicher nicht z u verkennen. Man bemerkt überall 
ein lobendes Streben nach nützlicher, bürgerlicher 
(t e w e r b s t h ä t i g k e i t und nach geregeltem Geschäfts- 
betrieb. Es gibt mehrere Israeliten, welche die Be- 
bauung ihrer Grundstücke selbst betreiben oder leiten; 
es gibt im Verhältnis zu den Bedürfnissen und der Be- 
völkerung auch israelitische Handwerker, Handels- 
leute, die geregelte Spezerei-, Schnitt- und gemischte 
Waarenhandlungen betreiben und endlich namhafte 
F a b r i k s b e 8 i t z e r , durch deren f r u c h t b r i n g e n d e 'i' h ä t i g - 
keit der hierortigen christlichen Bevölkerung die nam- 
haftesten und in jetzigen Zeiten unentbehrlichsten 
Erwerbsquellen verschafft werden. Viele junge Leute 
werden durch milde Stiftungen zu Hand werksthätig- 
k e i t brauchbar of e m a c h t ; viele besuchen höhere Lehr- 



248 Achtes KapitcJ. 

Die letzte Frage betreffs der P>teihmg vou Ehekonseuseri ^) 
beantwortet die Judengemeiude wie bereits früher einmal unter 
Hinweis auf das ihr seit 1849 hiezu eingeräumte Recht. 

Und nicht würdiger und bezeichnender könnte ich diesen 
Bericht über diese beiden Gutachten schliessen, als mit den 
Worten, mit denen die Christengemeinde das ihrige ab- 
schliesst; 

„Wenn noch schliesslich das j ederzeit fried- 
liche und hilfreiche Zusammenwirken beiderlei 
Gemeinden in Leid und Freud, in Drangsalen 
aller Art hervorgehoben wird, so kann in Wahr- 
heit die Äusserung dahin abgegeben werden, 
dass das Jahr 1849 auf die beregteu Verhält- 
nisse keinerlei ungünstige, vielmehr nur gün- 
stige Einflüsse ausgeübt habe." 

Und diese Gutachten fanden höhereu Ortes gerechte Wür- 
digung, indem, bis auf eine einzige Ausnahme, die Zeit der 
politischen Reaktion an der Hohenemser Judengemeinde nahezu 
spurlos vorüberging. Wobei allerdings entscheidend war, dass 
die Hohenemser Judenschaft, gegenüber den anderen österr. 
Glaubensgenossen, durch das Edikt von 1813 in bevor- 
zugte Stellung gekommen war und die Patente vom 
81. Dezember 1851 und 2. Oktober 1853, insbesondere hin- 
sichtlich des Realitätenerwerbes und Handel und Gewerbe im 



anstalt«n und einStreben nach allseitigerVerbesserung 
ist unverkennbar. Der Hausierhandel nimmt von Jahr 
zu Jahr derart ab, dass er in kurzer Zeit gänzlich auf- 
hören dürfte. Nebstdem ist die verständige Sorgfalt 
für Kegelung desArmenwesens und des Gemeindehaus- 
haltes mit li b hervorzuheben und darf nicht ver- 
schwiegen werden, dass seit demJahre 1849, statt der 
früher bestandenen Trivialschule von zwei Klassen und 
nur einem Lehrer, eine höhere Bürgerschule von drei 
Klassen mit beträchtlichem Kostenaufwand ist er- 
richtet worden." 

^) Die Christengemeinde schreibt hierüber: 

„Nach sorgfältig angestellter Nachforschung muss 
der Gefertigte sich dahin äussern, dass bei Erteilung 
von Ehe kon Sensen von selten der israelitischen Vor- 
stehung mit aller Umsicht, Unparteilichkeit und ge- 
nauer Beobachtung der bestehenden Vorschriften vor- 
gegangen worden ist." 



Rechtsjerliältniösc. 249 

allgemeinen, hier nur den Status quo ante \), also den durch 
das bair. Edikt geschaft'eneu günstigen Zustand herbeiführen 
konnten. 

Und auch auf religiösem Boden fanden Reaktion und 
Konkordatszeit hier keinen Nachhall, wie in vielen andern 
jüdischen Gemeinden. 2) Denn die Israeliten-Gemeinde Hohen- 
ems zählte damals keine Fanatiker, keinerlei beschränkte 
Orthodoxie mehr zu ihren Mitgliedern. Sie bestand fast nur 
aus gebildeten, intelligenten, den Pulsschlag der Zeit fühlen- 
den und ihm gehorchenden Mitgliedern. 

Rechtlich wie intellectuell nahm sie so eine Vorzugs- 
stellung in Österreich ein, die ihr die Reaktion nicht ver- 
kümmerte und nicht verkümmern konnte. 

Eine einzige Ausnahme bildete hierin die Erteilung der 
Ehebewilligungen, die infolge des Patentes vom 19. März 1853 
wieder durch das Kreisamt erfolgte. ^) Die Bue-Zion-Prüfung 
nahm jedoch der Rabbiner vor. *) Erst die bekannte kaiserl. Ver- 
ordnung vom 29. November 1859 setzte den s^ 124 des All- 
gemeinen Bürgerl. Gesetzbuches betreffs der Judenehen ausser 
Kraft. '') 

Von einem weiteren Einflüsse der Reaktionszeit war hier 
nichts zu spüren. Mit um so aufrichtigerer Verehrung brachte 
daher die Judenschaft, mit ihrem Bürgermeister Philipp Rosen- 
thal an der Spitze, am 11. Oktober 1855 dem neuernannten 
Statthalter, Erzherzog Karl Ludwig, in der festlich dekorierten, 
mit einem Triumphbogen geschmückten Judengasse ihre Hul- 
digung dar. 

Interessant dürfte aus jener Zeit auch die Mitteilung sein, 
dass bereits 1856 seitens des österr. Handelsministeriums Er- 
hebungen wegen einer in Vorarlberg zu erbauenden Eisenbahn 
gepflogen wurden. Das Haus Rothschild in Paris suchte 
damals um die Konzession an, eine Bahnlinie von Lindau über 
Bregenz nach Rheineck mit Anschluss an die Schweizer- 

') Auch in einem Erlasse des Bregenzer k. k. Kreisamtes vom 
4. Dezember 1859, ZI. 6839, bezüglich des Dienens christlicher Dienst- 
boten bei Juden findet sich die Berufung auf das kgl. bair. Edikt von 181.'?. 

^) Frankl-Grün, a. a. 0. IL, S. 27 ff. 

') Eine solche Bewilligung ddo. 19. Juni 1857, ZI. 2374/500 Ehes., 
liegt mir vor für Heinrich Reichenbach mit Karoline Meuz. 

*) Laut vorgenannter Verordnung. 

*) Die letzte Ehebewilligung ward dem Berthold Burgauer und der 
Karoline Schwarz am 30. August 1859 erteilt. 



'2;){) Achtes Kapitel. 

l)aliii führen zu diirfeii, wiinU' jedocli abgewiesen, weil da« 
österr. Handelsmiiiisteriuin wollte, djuss die Verbiiidiingsliuie 
mit den Schweizer Ki.senbahnen die wichtigsten Vorarlberger 
Orte berühre nnd über Bregenz-Keldkirch-Buchs geleitet werde. 
Das Hans Rothschild erklärte sich hiemit einverstanden nnd 
bat nni Erlaubnis, di(^ Vorarbeiten dnrch eigene Ingenieure 
ausführen lassen zu dürfen, was auch gestattet wurde nnd 
wobei die interessierten Gemeinden mit Erlass des Kreisamtes 
Uregeuz vom 24. August 1JS57 zur Unterstützung der Vor- 
arbeiten aufgefordert wurden. Doch kam das Unternehmen 
nicht zustande. 

Am 18. Mai 18.")() übernalini die Israelitengemeinde die 
VerpHichtung der Uandesirreuanstalt in Hall in Tirol wahrend 
fünf Jahre jährlich H. oOO beizusteuern, was au(tli geschah. 
Bei der am 1. .lanuar 1871 erfolgten Eröffnung der Vorarl- 
berger Landesirrenanstalt in Valduna bei Rank weil wurden 
diese, wie alle ähnlichen, Beträge an Vorarlberg zurück- 
bezahlt. 

In Hall in Tirol bestand au(^li das Taubstummen-Institut 
für beide Länder. Ein Ministerial-Erlass vom '27. Oktober 
185(5, ZI. 24 792, erklärte das in Trient neuerrichtete Taub- 
stummen-Institut unabhängig von dem in Hall, das nur noch 
für die Kreisbezirke Innsbruck, Brixen und Bregenz bestimmt 
sei und einen Teil seines Vermögens dem Trienter Institute 
abzutreteu habe. Infolge dieses Kapital- Verlustes verordnete 
die k. k. Statthalterei am ß. März 1858 eine Sammlung milder 
Gaben in obgenannten drei Bezirken für das Haller Institut. 
Die Hohenemser Judengemeinde, vom Landgerichte Dornbirn 
zu Beiträgen aufgefordert, erklärte sich zu solchen gerne 
bereit, wenn auch taubstumme Judenkinder in der Anstalt 
Aufnahme finden; Darauf kam am 7. Dezember 1H58, s. ZI. 
23(i74, der Bescheid der k. k. Statthalterei, dass auf Anraten 
des f. b. Ordinariates in Brixen, das die Oberaufsicht über die 
Anstalt führt, jüdische Taubstumme in Hall keine Aufnahme 
finden können, weil „die Natur der Stiftung eine katholische 
sei." Und nun diene zur Illustration dieser Entscheidung der 
Umstand, dass das Landgericht Dornbirn am 2. März 1829. 
Nr. (j/20, der Judengemeinde in Hoheuems den Dank 
ausspricht, weil diese zu den Sammlungen für das Haller 
Institut im Bezirke Dornbirn ,,das Meiste beige- 
tragen hat.-' 



Das Kriegöjahr 1859. 25J 

Auch die berüchtigte Mortara-Geschichte warf ihre Schatten 
his hieher. die Gemüter aller Rechtsfreimde liier wie aller 
Orten aufwühlend. Die Israeliten-Vorstehung vom Dornbirner 
Bezirksamte am 29. Jänner 1859 augefragt, ob etwa hieher 
eine Aufforderung zur Beteiligung an eine Kumulativ-Petition 
in dieser Angelegenheit gekommen sei. konnte dies verneinen, 
gab aber gleichzeitig sowohl ihrer Entrüstung über diesen 
(iewaltsakt Ausdruck, wie auch der Freude darüber, in einem 
Rechtsstaate wie Österreich zu leben, wo dergleichen Vor- 
kommnisse unmöglich sind. 

In besonders feierlicher Weise, mit Festsitzung des (ie- 
meinderates unter Präsidium des ersten Gemeinderates Sani. 
Menz (Phil. Rosenthal war abwesend). Festgottesdienst mit 
Predigt und diversen anderen Veranstaltungen ward am 
23. August 1858 die zwei Tage vorher erfolgte Geburt des 
unvergesslichen seligen Kronprinzen Rudolf in der Hohen- 
emser Israelitengemeinde gefeiert. 

Die unbemittelten Mitglieder des Sängervereins erhielten 
11. 300, um sich an dem aus Anlass der Eröffnung der Eisen- 
bahn Innsbruck-Kufstein veranstalteten Sängerfeste beteiligen 
zu können. Im „Hotel Post-' fand ein grosses Festmahl mit 
Theater- und Gesangsaufführungen statt. 

Dem damals in der Gründung begriffen gewesenen Vorarl- 
berger Museums-Verein traten auf Anregung des Bürger- 
meisters Philipp Rosenthal 17 Mitglieder unter den Hoheii- 
emser Israeliten bei. 

Das Jahr 1859 brachte den Krieg Frankreichs und Sar- 
diniens gegen Österreich, der neue Anforderungen an den 
patriotischen Sinn aller Untertanen stellte, welcher sich auch 
in diesem an Ruhmestaten so reichen Kriegszuge bekundete. 

Die Israeliten in Hohenems zeigten sich auch hier als 
wackere Vaterlandskiuder. Auch die Frauen und Mädchen 
arbeiteten Tag und Nacht zur Beschaffung der für die Ver- 
wundeten nötigen Binden, Wäsche, Charpie usw. 

Die erste Sendung solcher Hilfsmittel nebst 234 Ellen 
Leinwand erfolgte bereits anfangs Mai und ward vom k. k. 
Kreisamte in Bregenz am 20. Mai, s. ZI. 90, mit dem Zusätze 
verdankt: „Dies bietet neuerdings den Beweis von der 
patriotischen Stimmung, welche die dortige so hübsch 
geregelte Gemeinde belebt.-' 



•Jö'i Achtes Kapih'l. 

Weitere grössere Sendungen ähnlicher Art in Begleitung 
v(in grösseren Geldbeiträgen für die Verwundeten, wozu der 
Frauen-, der Mädchen-, der Haudwerkcrverein und selbst die 
Schuljugend über Aufforderung des Lokal -Schulinspektors 
Dr. AV. Steinach beitrug, folgten am 1.-). und 1(5. Juni, für 
welche Gaben die k. k. Statthalterei ihren Dank aussprach. 

Dem Bezirks-Defensionskomitee gehörte der Gemeinderat 
Samuel Menz als Mitglied an. 

Eine schöne Kundgebung echt patriotischen Sinnes bildet 
folgendes Protokoll der Sitzung des vollzählig unter Vorsitz 
des Bürgermeisters Philipp Rosenthal am 19. Juni 1859 ver- 
sammelten Bürgerausschusses : „ Infolge des von Sr. 

Majestät ergangenen Aufrufs zur allgemeinen Landesbewaffnung 
und Verteidigung versammelten sich die oben angeführten 
Vorsteher und Ausschussmänner zur Beratung über Anschaffung 
der Mittel zur Erstellung einer freiwilligen Kompagnie nebst 
Adjustierung derselben. Nach gepflogener Besprechung und 
gründlicher Beratung wurde einstimmig gefasst folgender 

Beschluss: 

a) Sämtliche Mitglieder der Gemeindevertretung verpflichten 
sich in Anbetracht der Lage und der Bedürfnisse des 
Vaterlandes ihren ganzen Einfluss dahin aufzubieten, um 
soviel als immer möglich Freiwillige aus der 
Mitte der Gemeinde zu erstellen. Bis zur Erstellung 
des gesamten Kontingents aus der Ortschaft Hohenems 
und zur Adjustierung desselben erhält die Vorstehung 
die FJrmächtigung über die Summe von fl. 2000 — 3000 
zu verfügen. 

b) Diese Summe soll gedeckt werden: 

1. durch freiwillige Beiträge der hier anwesenden 
Wehrpflichtigen; 

2. durch die Bemessung eines verhältnismässigen Geld- 
beitrages auf die abwesenden Wehrpflichtigen; 

8. falls diese beiden Beiträge nicht ausreichen sollten, 

sei das Defizit aus der Gemeindekasse zu ergänzen." 

Der Anteil der Israelitengemeinde an der Erstellung 

und Adjustierung der freiwilligen Schützenkoinpagnie betrug 

fl. 725.85. 

Die Subskription unter Gemeindebürgern und Wehr- 
pflichtigen ergab fl. 1825. 



Das Kriegsjahr 1859. 253 

Dem Heere ward im September eine weitere grössere 
Sendung von Effekten und auch Bargeld gespendet. Am 
17. September 1859, Nr. 5450, sprach das Kreisamt der Juden- 
schaft und insbesondere den „beteiligten Mädchen und Frauen 
den aufrichtigsten Dank" aus. 

Noch nachdrucksvoller war die Dankeskundgebung des 
Erzherzog-Statthalters am 8. November, adressiert: „An den 
Verein der israelitischen Frauen und Jungfrauen in Hohenems." 
„ . . . gereicht es mir zum besonderen Vergnügen, den Verein, 
dessen opferwilliges und erspriessliches Wirken zu Meiner 
Kenntniss gekommen ist, noch insbesondere von dieser aller- 
höchsten Anerkennung zu verständigen. . . ." 

Eine ähnlich lautende Anerkennung war dem Vereine 
bereits 1854 zuteil geworden. ^) Den würdigen Schlusspunkt 
dieser Dankeskundgebungen bildete der folgende Erlass: 

Nr. 4633/358. 
„An die Vorstehung der Israelitengemeinde Hohenems. 
Mit höchstem Dekrete vom (5. dies. Mts. haben Seine 
kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog 
Statthalter Folgendes anher erlassen: „Im Laufe dieses 
Jahres hat sich das Volk von Tirol und Vorarlberg so 
erfreuliche Anerkennungen Seiner kais. königl. aposto- 
lischen Majestät bezüglich seiner Leistungen für die 
Landesvertheidigung, für die Truppen im Durchmarsche 
und für die verwundeten und kranken Krieger erworben, 
dass Ich es nicht für genügend erachtete, dieselben bloss 
im Wege der gewöhnlichen Kundmachungen, wie es be- 
reits geschehen ist, zur allgemeinen Kenntniss gebracht 
zu haben. 

Ich hielt es für wünschenswertli, um dieselben in 
steter Erinnerung zu erhalten und dadurch die Liebe 
für Fürst und Vaterland zu kräftigen, die vier Aller- 
höchsten Handschreiben vom 17. Mai, 1. und 29. Juni, 
dann 12. Juli 1. Js. in einem Tableau mit künstlerischer 
Ausstattung als Ehren- und Erinnerungsblätter aus den 
Tagen der Gefahr des Jahres 1859 zusammenstellen zu 
lassen." Mit diesem höchsten Dekrete ist eine ange- 
messene Anzahl Exemplare herabgelangt und es wird 



') Vgl. Kap. 16, Frauen-Verein. 



'254 Aclites Kapitel. 

der Gemeindevorsteliimg eia solches Exemplar im höchsten 
Auftrage hiemit übergeben. 

K. k. Bezirksamt Dorubirn, am 30. Dezember 1859. 
Der k. k. Bezirksvorstand." 

Um das patriotische Benehmen der Hohenemser Israeliten 
hatte sieh insbesondere der damalige Gemeinderat und nacli- 
malige Bürgermeister. Samuel Menz verdient gemacht, weshalb 
ihn S. Maj. der Kaiser Franz Josef 1. am 23. September 18')i) 
durch Verleihung des „Silbernen Verdienstkreuzes mit der 
Krone'' auszeichnete.') 

Der Friede zu Zürich machte, wenn auch mit dem Ver- 
luste der Lombardei, dem auf österreichischer Seite mit so 
hoher Tapferkeit geführtem Kriege ein Ende. Die Lehre dieses 
Feldzuges war eine nachhaltige. Im Geiste der Reaktion 
konnte nicht mehr weiter regiert werden. Durch die Lücke, die 
dieser Krieg ins österreichische Machtgebiet schlug, wehte ein 
erfrischender Zug, der sich alsbald auch dadurch fühlbar machte, 
dass die vielen kleinen und kleinlichen Gesetze, Verordnungen 
und Erlässe betreffs der Juden, langsam zwar aber doch nach 
und nach, fielen. So das Verbot des Haltens christlicher 
Dienstboten am 20. November 1859, die Ehe-Beschränkung 
am 29. November 1855) usw. 

Einen schweren Verlust brachte noch das Jahr 1859 der 
israelitengemeinde, indem am 1. November der Bürgermeister 
Philipp Rosenthal'-^) im Alter von 57 Jahren an den Folgen 
einer Lungenentzündung starb. Der Gemeinderat Samuel Menz^) 
trat nun als Bürgermeister an die Spitze der Gemeinde. Als 
erster Gemeinderat trat Marco Brunner\) an seine Stelle. 

Infolge kaiserlichen Befehles vom 9. April 1860 ward mit 
Ende August d. Js. das Kreisamt zu Bregenz aufgelassen. 
Aus dem Anlasse "erhielt die Israeliten-Gemeinde folgende 
ehrende Zuschrift: 

„Das kais. kgl. oesterreichische Kreisamt für Vorarlberg 
an die Vorstehung der isreal. Gemeinde 

Hohenems. 
Zu Folge höherer Bestimmung endet mit 31. d. Mts. 
die Amtswirksamkeit dieser Kreisbehörde und der Kreis- 
forstorgane. 

') Biografie im 10. Kapitel. 
-) Biografie im 10. Kapitel. 
') Biografie ini 11. Kapitel. 



Das Kriesjahr 1859. 255 

In (lieser Bezieliiiug entliält das Keiclisgesetzblatt 
die nälierii Anordnungen. 

Indem ich nun die Vorstellung darauf hinweise, ist 
es mir heim Scheiden recht a ngenehm derselben 
meine volle Befriedigung und Genugthuuiig für 
die auszeichnende Sorge, die ich bei ihr in 
Hebung der ünterrichtsanstalten und in Voll- 
ziehung von Massnahmen zu vvohlthätigen Ge- 
meinde-Zwecken, für die so wohlgeordnete, 
kräftige Leitung der Gemeindeangelegenheiten 
und für das anerkennenswerthe Beiwirken in 
Verfolgung allgemeiner Interessen ausdrücken 
zu können und hiezu mich verpflichtet zu fühlen. 
Bregenz. 29. August 1860 

Froschauer, Kreishauptmann. " 
Am li>. und "20. Mai 1860 schickte die Israeliten-Gemeinde 
ein ausführliches Memorandum nebst reichem historischen 
Material zur Judenfrage an den k. k. Kämmerer Leop. Grafen 
V. Wolkenstein -Trostburg nach Innsbru(3k und ein gleiches 
an den Präsidenten der Bozener Handelskammer Franz Anton 
Kdler von Kofier. die beide vom Kaiser zu Mitgliedern des 
verstärkten Reichsrates ernannt worden waren. Leider ist eine 
Abschrift dieses Memorandums nicht vorhanden. 

Der '20. Oktober 1860 gestaltete Österreich zur kon- 
stitutionellen Monarchie, die am 26. Febrnar 1861 die Reichs- 
verfassung erhielt. Vorarlberg, bisher zu den österreichischen 
Vorlanden gehörig, ward dadurch eine selbständige Landschaft. 
Dem neuen Landtage unterbreitete die Hohenemser dudenschaft 
am 10. April 1861 folgende Petition: 

„Hoher Landtag! 
Die Vorsteher und Bürger der hiesigen israelitischen 
Gemeinde nahen sicii mit nachbezeichneter Bitte den 
V^ätern ihres geliebten Vorarlbergs, welche, berufen durch 
die allerhöchste Gnade Sr. kais. königl. apostolischen 
Majestät und erwählt durch das gerechtfertigte Vertrauen 
ihrer Mitbürger, jetzt über die Bedürfnisse unseres 
Landes berathen, und dessen Wünsche vor den Stufen 
des Thrones unseres allergnädigsten Kaisers und Herrn 
niederlegen. 

Im sicheren Bewusstsein unserer Uuterthanen- und 
Bürgerpflicht stets im vollen Masse nachgekommen zu 



256 Achtes Kapitel. 

sein, leben wir der Überzeugung, dass unsere vorurteils- 
freien Mitbürger, ohne von ihrer religiösen Überzeugung 
im mindesten beirrt zu werden, ihren Mitbürgern anderer 
Confessionen, welche von jeher die gleichen Pflichten 
übten und die gleichen Lasten trngen, auch die gleichen 
Rechte nicht nur gönnen, sondern in bewährter Frei- 
sinnigkeit dieselben öffentlich und gesetzlieh anzuerkennen 
geneigt sein werden. 

Durch diese Überzeugung und durch die vielen An- 
erkennungen unserer patriotischen Gesinnungen von Seite 
der hohen Behörden und der mit unseren Verhältnissen 
und Anstalten vertrauten Mitbewohner, glauben wir eine 
heilige Pflicht gegenüber allen unseren Glaubensgenossen 
im weiten Kaiserstaate zu üben, wenn wir an Einen 
Hohen Landtag hiermit die unterthänige Bitte richten, 
Hochderselbe wolle die vollständige bürgerliche und 
politische Gleichstellung aller im Reiche anerkannten 
Konfessionen aussprechen und dieser Überzeugung vor 
,. dem Throne seiner kais. königl. apostolischen Majestät 
Ausdruck geben. 

Hohenems, 10. April 1861." 
Tiefer Friede und Eintracht herrschte zwischen beiden 
Gemeinden in Hohenems seit deren gesondertem Bestehen, bis 
plötzlich im Jahre 1862, wie vom Zaune gebrochen und ohne 
jeden ersichtlichen Anlass, ein Streit ausbrach, der, wie alle 
früheren und späteren, glücklicherweise nicht übers Papier 
hinauskam und das friedliche Zusammenleben in keiner Weise 
beeinträchtigte. 

Mit diesem, als Illustration der politischen Selbständig- 
keit der Israelitengemeinde nicht uninteressanten, Streite hatte 
es folgende Bewandtnis. 

Wie bereits erwähnt, hatte im Jahre 1805 eine Verteilung 
der Gemeindewaldungen bei der Christengemeinde stattgefunden. 
In dem hierüber vor der k. k. Administration am 18. Juni 1805 
aufgenommenen Protokolle heisst es unter den Teilungsgrund- 
sätzen wörtlich: „3. Alle übrige (Jemeindswaldung soll ab- 
geschätzet und nach den festzusetzenden Teilungsgrundsätzen 
als ein frei vererbliches sogenanntes Erblehen verteilet werden. 
Nach dem Begriffe dieses Wortes versteht sich von selbst, 
dass der künftige Eigentümer dieser Waldstücke selbe auf 
keine Art veräussern, verpfänden oder versetzen dürfe und 



Die i. J. 1805 verteilten Gemeindegründe. 2') 7 

dass sie in keinem Falle zur Deckung einer Schuld oder Ab- 
tragung derselben oder in einen Konkurs gezogen werden 
können. Dabei ward weiteres verabredet, dass wenn ein solcher 
Holzteil durch die gesetzliche Erbfolge auf einen Aus- 
wärtigen, worunter jeder verstanden wird, der kein 
ansässiger Hohenemser ist, fallen würde, sich dieser 
mit einem billigen Schätzungsbetrage auslösen lassen müsste 
und auf das Waldstück selbst in natura keinen Anspruch 
machen könnte." Bestimmungen ähnlichen Inhaltes, dass die 
(iemeinde sich das Grundeigentum für ewige Zeiten vorbelialte, 
den Gemeindsleuten nur die Nutzniessung zustehe usw. wurden 
auch am 8. November 1767 für die 1769 vorgenommene Auf- 
teilung des (iemeinderieds festgesetzt. In beiden Aufteilungs- 
bestimmungen, weder 1767 noch 1805, wurde auch nur mit 
einem Worte der Juden gedacht. 

Die Frage, ob die Hohenemser Israeliten solche ehemalige 
Gemeindegründe erwerben konnten, war bisher garnicht Gegen- 
stand der Erörterung gewesen, da ein konkreter Fall erstens 
nicht vorgelegen hatte, dann aber die Vorstehung der Christen- 
gemeinde sich Jahrzehnte hindurch nicht weiter um diese 
ehemaligen Gemeindegüter kümmerte, vielmehr es ruhig ge- 
schehen Hess, dass ein grosser Teil derselben nach und nach 
von Auswärtigen erworben wurde. Erst im Jahre 1860 ward 
man sich dieses Umstandes bewusst und um dem ein Ziel zu 
setzen, ward in einer Ausschuss-Sitzung am 30. Juni 1860 
beschlossen, dass der noch in Händen von Aktiv-Bürgern be- 
findliche Teil der ehemaligen Gemeindegüter wieder nur au 
solche, nicht aber an Auswärtige übergehen dürfe. Von den 
Juden war auch hier keine Rede. Woher die Christengemeinde 
das Recht ableitete, nunmehr über diese Gründe zu verfügen, 
nachdem sie sich desselben begeben hatte, als sie vielfach bisher 
den Ankanf durch Auswärtige gestattete, blieb vorerst unaus- 
gesprochen. Und die k. k. Statthalterei bestätigte späterhin 
diesen Beschluss am 28. März 1862 s. Nr. 1429/10. 

Nun aber wurden "durch diesen Beschluss Zahlreiche ge- 
schädigt. Einmal eben jene, die diese Gründe besassen, weil 
diese, da im Verkaufsfalle nur Wenige sie kaufen durften, 
infolgedessen nur Wenige sie belehnen wollten und konnten, 
auch bedeutend an Wert einbüssten. 

Dann aber auch jene, die sie bereits belehnt hatten, denn 
da sie im Exekutionsfalle die Güter nicht zußesprochen er- 

17 



258 Achtes Kapitel- 

halten kounteu, hatten sie auch weiter keine Deckung für ihre 
Hypotheken. Die Folge davon war also, dass gegen den Statt- 
halterei-Erlass aus der Mitte der Christengemeinde heraus 
der Rekurs an's Ministerium ergriffen wurde. In der Zwischen- 
zeit aber und noch vor Eintreffen der Statthalterei-Genehmigung 
hatte Ernst Schwarz*) mehrere solcher ehemaliger Gemeinde- 
gründe gekauft und der Dornbirner Bezirks -Vorstand hatte 
diese Käufe ohne Weiteres verfacht. Dies brachte auch die 
Frage auf die Tagesordnung, ob die Hohenemser Juden zum 
Besitze solciier Gemeindegründe berechtigt, oder aber als Aus- 
wärtige zu betrachten seien. Das Erstere wollte man nicht, 
das Letztere konnte man nicht aussprechen. Der christliche 
Bürger- Ausschuss half sich durch einen in der Sitzung vom 
4. Mai 18G2 gefassten ßeschluss, dass in Zukunft die ehemaligen 
Gemeindegründe nur an Aktiv-Bürger der Christen- 
gemeinde verkauft werden dürfen. Es war damit wohl nur 
einer Interpretierung des Beschlusses vom Jahre 1860 gemeint 
gewesen, aber immerhin kam darin eine Anschauung zum Aus- 
drucke, welche die Hohenemser Juden als Auswärtige hinstellte. 
Dagegen aber musste protestiert werden. Acht Tage später, 
in der am 12. Mai stattgehabten Sitzung des Israel. Bürger- 
Ausschusses, beschloss dieser gegen den Beschluss der Christen- 
gemeinde, der die Juden in Hohenems zu Fremden stempeln 
wollte, den Rekurs zu ergreifeji. 

Indessen aber war die Christengemeinde der Judenschaft 
zuvorgekommen. Bereits am 24. Mai schritt sie bei der Statt- 
halterei gegen das Dornbirner Bezirksamt ein. weil dieses die 
Erwerbungen des Ernst Schwarz verfacht und so die Juden 
gewissermassen als Aktiv-Bürger von Hohenems betrachtet 
hatte. Und iu einer weiteren Eingabe vom 4. Juni bat sie 
den die Juden ausschliessenden Gemeindebeschluss vom 4. Mai 
zu genehmigen. Als Gründe führt die Christengemeinde an: 
Der Verwaltung nach seien Christen- und Judengemeinde 
zwei vollständig getrennte politische Körperschaften. Nur, 
da letztere keinen Territorial-Besitz habe, sondern auf dem 
Territorium der Christengemeinde, der eigentlich einzigen 
Katastralgemeinde, nur geduldet bestehe, müsse sie ^/lo für 
die Mitbenutzung bezahlen. Bei der Verteilung der Gemeinde- 
gründe in d. J. 17(!!) und 1805 blieben die Juden, als damals 



') Biogtafie im 11. Kapitel. 



Die i. .T. 1805 verteilten öemeindegründe. 259 

gesetzlich überhaupt noch nicht zum Besitze liegender Güter 
berechtigt, ohne weiteres von selbst ausgeschlossen. Die Juden 
seien keineswegs Bürger der Territorial-Gemeinde Hohenems, 
weil sie nicht einzeln Wustungs-Beiträge zur Christengemeinde 
leisten, sondern nur als Israelitengemeinde ^/lo für die ge- 
stattete Mitbenutzung des Territoriums bezahlen. 

Die Statthalterei sandte die Eingabe am 11. Juni ans 
Bezirksamt nach Dornbirn zur P^invernehraung der Juden- 
gemeinde. Diese erklärte am 23. Juni, dass erstens der Lehens- 
charakter der Verteilung von 1805 durch die Christenvor- 
stehung längst aufgegeben und überdies verjährt sei, weshalb 
die Rechte jener, welche die ehemaligen Gemeindegründe 
belehnt hätten, zu schönen seien. Betreffs des Beschlusses Juden 
vom Erwerb der ehem. Gemeindegüter auszuschliessen, führen sie 
aus: Von einer Duldung der Judengemeinde auf christlichem 
Territorium könne schon deshalb keine Rede sein, weil 1617 zur 
Zeit der ersten Judenniederlassung und 1744, da weitere aus 
Sulz ein^Yanderten, das ganze Territorium überhaupt den Reichs- 
grafen von Hohenems gehörte, deren Leibeigene die Christen- 
schaft war, die einen Teil des Bodens zur Bebauung gegen Ab- 
lieferung eines Ertragserteiles an die Herrschaft erhielt. Die 
veränderten Verhältnisse machten aus den christlichen Leib- 
eigenen freie Bürger und aus den jüdischen Schutzbefohlenen 
Untertanen und Mitbürger. Nur Lehre und Kultus machen 
die Juden zur eigenen Gemeinde, hingegen alle ans Terri- 
torium gebundenen Auslagen werden nach dem 7io Fusse ge- 
meinsam bestritten, so dass sie nach dieser Richtung hin mit 
als Gemeindebürger zu gelten haben. Die Wustungssteuer 
sei ja im ^/lo -Beitrage, der nach der Seelenzahl nur ^/g be- 
tragen sollte, inbegriffen. 

Der Rekurs der Christengemeinde gegen die Verfachung 
des Ernst Schwarz'schen Ankaufes wurde vom Oberlandes- 
gerichte am 18. Juni 1862, ZI. 1799, verworfen und zwar mit 
der Begründung, dass seitens der k. k. Statthalterei eben nur 
der ßeschluss vom 30. Juni 1860 bestätigt worden war, der 
nur Aktiv-Bürgern das Besitzrecht zuerkannte, nicht aber auch 
jener vom 4. Mai 1862, der unter Aktiv-Bürgern nur Christen 
verstehen wollte. 

Indessen ging die eigentliche Grundfrage, ob der Christen- 
gemeinde überhaupt noch ein Verfügungsrecht über diese 
ehemaligen (lemeindegründe zustehe, auf Grund des eben 

17* 



•2(U) Achtes Kapitel. 

von Besitzern dieser Gründe erhobenen Rekurses den vor- 
geschriebenen Instanzenweg und endete damit, dass das 
Staatsministeriuin am 22. August 18(i2 beide Beschlüsse 
desdemeinde-Ausschusses aufhob und den unein- 
geschränkt freien Verkehr mit den ehemaligen Ge- 
rn e i n d e g r ü n d e n wiederherstellte. 

Die Israelitengemeinde suchte jetzt ihrem Mangel an Terri- 
torium auf anderem Wege abzuhelfen. Im Jahre 1862 waren 
Staatswaldungen in Vorarlberg an jene Gemeinden, in deren 
Gebiet sie lagen, gegen massigen Schätzungspreis überlassen 
wordejj. So z. B. in Feldkirch und Umgebung. Es geschah 
dies auf Einschreiten des Vorarlberger Landtages laut Be- 
schluss vom 15. April 18(51. Und da trat auch die Israeliten- 
gemeinde mit einer vom Advokaten Dr. Pircher in Bregenz 
ausgearbeiteten Eingabe am 26. November 1862 an den Vorarl- 
berger Landesausschuss mit der Bitte heran,') dieser möge 
erwirken, dass ihr 'a der im Hohenemser Gebiete gelegenen 
Staatswaldungen zu massigem Schätzungspreise überlassen 
werde. 

Am 9. Februar l.S()3 Nr. 4662/56 wies das Finanzministerium 
das Ersuchen der Judengemeinde ohne Angabe von Gründen ab. 

In der Ausschuss-Sitzung vom 10. März 1864 wanl mit 
aufrichtigem allseitigem Bedauern der Rücktritt des Dr. Wilhelm 
Steinach^) von seinen Ehrenämtern als Lokal-Schulaufseherund 
Gemeindearzt zur Kenntnis genommen und als dessen Nach- 
folger mit ebenso aufrichtiger Freude sein Sohn Dr. Simon 
Steinach, der bisher Stiftungsverwalter der Gemeinde war, 
begrüsst. Mit Dr. Simon Steinach, der noch im selben Jahre 
als Gemeinderat den tätigsten Anteil an der Gemeindeleitung 
zu nehmen begann, hatte die Vertretung eine Kraft gewonnen, 
deren Bedeutung" sich alsbald iju gesamten Gemeindeleben, 
insbesondere aber bei Abwickelung der Inkorporierungs-An- 
gelegenheit, zeigen sollte. Als Gemeindearzt fungierte gleich- 
zeitig auch der damalige Gemeindekassier Dr. Ludwig Ullmann,"') 



') Auch die Ciiristengemeinde scliritt in gleicher Weise für sich 
beim hohen Landesaiisschusse ein. Die Judenschaft wollte erst gemeinsam 
mit der Christengemeinde vorgehen, musste aber von diesem Plane in- 
folge zu hf)her Forderungen der Christengemeinde abstehen. Und doch 
wäre es der einzig riclitige Weg gewesen. 

'-) Biografie im 10. Kapitel. 

") Biografie im 10. Kapitel. 



Lokale Verhältnisse. ^(i 1 

der sein reiches Köunen und Wollen ebeufalLs vielseitig in 
den Dienst der Gemeinde stellte. 

Seit dem Jahre 1864 und auf Einschreiten des Bürger- 
meisters Samuel Menz wurde die Israelitenvorstehung von all 
jenen Beschlüssen der Christeiivorstehung in Kenntnis gesetzt, 
die solche Ausgaben betrafen, die gemeinsam in Konkurrenz 
gestellt wurden. Überhaupt verkehrten Vorsteher und An- 
gehörige der beiden Gemeinden stets freundschaftlich mit- 
einander. Gemeinsam (nur der Festgottesdienst war natur- 
gemäss gesondert) ward am 11. März 18(35 die Säkularfeier der 
Besitzergreifung der ehemaligen Reichsgrafschaft Holienenis 
durch Österreich gefeiert, gemeinsam nahm man im August 
1865 auf Einladung des Landeshauptmannes v. Froschauer 
an den Beratungen über die Kheinregulierung teil. Dr. Simon 
Steinach und Benjamin Guggenheim waren von der Israeliten- 
gemeiude als Bevollmächtigte liiezu delegiert.^) 

Ihrem politischen Charakter gemäss hatte die Israeliten- 
gemeinde auch ihre eigenen Wahlmänn er bei den ordent- 
lichen und Ergäuzuugswahlen für den Vorarlberger Land- 
tag zu wählen. Es waren als solche innerhalb der politischen 
Periode der Israelitengemeinde gewählt worden: Dr. Wilhelm 
Steinach. Bürgermeister Samuel Menz und Dr. Simon 
Steinach. 

An der Subskription zur Errichtung eines Denkmales der 
500 jährigen Vereinigung Tirols mit Österreich beteiligte sich 
die Israelitengemeinde mit einem grösseren Betrage. 

Ein erhebendes Bild freundschaftlichen Zusammenwirkens 
und patriotischen Eifers bot der österreichisch- preussische 
Krieg im Jahre 1866. 

Das von opferwilliger Vaterlandsliebe durchwehte Protokoll 
der israel. Gemeindeausschuss-Sitzung vom 24. Juni 1866 zeigt 
den Beschhiss, der Christengemeinde zur ßescbnhung, Löhnungs- 
zulage undDurchmarschsbewirthung der Landesverteidiger nicht 
wie verpflichtet ^iio sondern, jedoch ohne Präjudiz für später, 
die Hälfte beizusteuern. Desgleichen die Hälfte zu den vom 
(>rte Hohenems gestellten fünf freiwilligen Schützen unter dem 
Oberschützenmeister Dr. Ludwig Ulimann beizutragen. Die 

') Beide Vorstehungeii liatteii einen dahingehenden Beschluss ffo- 
fasst, dass, falls durch die Kheinregulierung dem Orte Hohenems Boden 
zufallen würde, auch die Israelitengemeinde solchen ihrem Beitrage ent- 
sprechend erhalten sollte. 



•Jß2 Achtes Ka])itel. 

Vorstehiiug ward bevollmächtigt, angesichts der Kriegslage 
auch ohne Einberufung des Ausscliusses bindende Beschlüsse 
zu fassen. Am nachhaltigsten aber war die auf Autrag Dr. 
Simon Steinachs nach Innsbrucker Beispiel erfolgte Gründung 
eines Hilfskomitees für kranke uiul verwundete Soldaten. 
Dieses Komitee entfaltete in kürzester Zeit unter seinem Ob- 
manne Dr. Sim. Steinach eine sehr erfolgreiche Tätigkeit. Es 
sammelte in wenigen Tagen unter den Israeliten au Baargeld 
fl. 1482.5)0, ferner (5 Kisten mit AYäsche aller Art, Charpie. 
Leiueustücke usw., wobei sich wieder die Mitglieder des Israel. 
Mädchen- und des Frauenvereins in rühmenswerter Weise 
hervorgetan hatten. Das Ganze ward an das Zentral-Hilfs- 
komitee in Innsbruck überschickt. Der wackere Bürgermeister 
Samuel Meuz und Rabbiner Popper von der Kanzel herab 
unterstützten den Gemeinderat Dr. Simon Steinach in seinem 
patriotischen Bemühen. 

Am 7. Juli und 28. November 18{)G dankte die k. k. Statt- 
halterei, desgleichen am 19. Juli das Innsbrucker Komitee iu 
ehrenvollen Zuschriften. 

Der Dornbirner Schützenkompagnie gehörte im 8. Zuge 
aucli der Hoheueraser Israelite Wilhelm Eggmanu an. ^) 

Dem Sturmausschuss in Hohenems gehörten Oberschützen- 
meister Dr. L. Ullmann und Bermann Wohlgenannt au. 

Auch der Aufruf des Hilfskomitees für Israel. Verwundete, 
an dessen Spitze der Wiener Prediger Dr. Adolf Jellinek stand, 
hatte hier bedeutenden Erfolg. Die (Gebrüder Dannhauser in 
Innsbruck und Herr Josef Menz in Triest nahmen sich der 
Verwundeten in tatkräftigster Weise au. Nach Innsbruck hatte 
die Hohenemser Israelitengemeiude fl. 100 geschickt. 

Auch diesmal M^ard der Bürgermeister Samuel Menz ob 
seines patriotischen Benehmens ausgezeichnet u. z. am 30. No- 
vember 186G durch den Ausdruck der a. h. Zufriedenheit und 
am 19. November 1867 durch Verleihung der Goldenen Medaille. 

Eine im November 18G7 vom Bürgermeister Sam. Menz 
veranstaltete Kollekte zur Errichtung eines Denkmales für 
weiland Kaiser Maximilian v. Mexiko in AVien (Votivkirche) 
ergab ebenfalls einen grösseren Betrag. Zur Kassa für durch- 
reisende Handwerksburschen leistete die Israeliteugemeinde 



') Herrn. Sander, die Dornbirner Scliützenkonipagnie von 1866, 
Dornbirn 1881, S. 57. 



Das Kriegsjahr 1866. 'JCtii 

ab 1867, dem Jahre ihrer Errichtung, einen ^Jahresbeitrag 
von fl. 150. 

Der Hobeuemser Feuerwehr-Einrichtung spendete Herr 
Anton Rosenthal fl. 500 für eine Saugspritze. 

Am 2.3. April 1869 gab Bürgermeister Sam. Menz, nachdem 
er nahezu 'u Jahr krankheitshalber in seinen Amtsobliegen- 
heiten durch den ersten Gemeinderat Dr. Simon Steinach ver- 
treten worden war, seine Demission als Bürgermeister und. 
vorerst ablehnend, war der Ausschuss am 2. Mai 1869 ge- 
zwungen, dieselbe, wenn auch mit allseitigem Bedauern, anzu- 
nehmen. 

Dem von seinem so pflichtgetreu verwalteten Ehrenamte 
scheidenden Bürgermeister Samuel Menz ward noch am 
27. August 1869 die hohe Ehre zuteil von Sr. Maj. dem Kaiser 
durch Verleihung des Goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone 
ausgezeichnet zu werden. 

Dr. Simon Steiuach trat nunmehr auch nominell als Bürger- 
meister an die Spitze der Gemeinde. 

Diese hatte sich in den vorhergegangenen drei Jahren 
sehr verkleinert. Sowohl die Freizügigkeit, wie mehr noch 
die im Allgemeinen hinter den Bedürfnissen der Zeit zurück- 
gebliebene Entwicklung des Ortes Hohenems trugen hieran 
die Schuld. Der Schwerpunkt des Handels mit ausländischen 
Waren, insbesondere der Textil- und Stickerei-Branche, lag 
in der benachbarten Schweiz, im eigentlich nahegelegenen 
St. Galleu, das aber bei den damals primitiven Verkehrs- 
verhältnissen nur nach einer richtigen „Reise" zu erreichen 
war. Viele Hohenemser hatten schon seit Jahrzehnten ihre 
eigentlichen Geschäftsbureaus in St. Gallen, ohne deshalb ihren 
Wohnsitz in Hohenems aufzulassen, bis sie sich dazu im 
Jahre 1866, dem Gründungsjahre der St. Galler Israeliten- 
gemeinde, ebenfalls entschlossen. Neben den Verkehrsverhält- 
nissen war es wohl auch die Unmöglichkeit der reifereu 
Jugend mangels einer höheren Mittelschule eine höhere Aus- 
bildung in Hohenems geben zu können, die so manche Familie 
in die Ferne zog. Hiezu kam noch eine von jeher bestandene 
und in zahlreichen Fällen auch von Erfolg begleitete Neigung 
so mancher Hohenemser ihr Glück in der Fremde, insbesondere 
in Amerika, zu suchen, so dass die israelitische Bevölkerung 
in Hohenems in der Mitte der 6()er Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts um nahezu die Hälfte abnahm. 



2G4 At'htos Ka])itt'l. 

Es kam aber mit dieser Verminderung der Hoiienemser 
-ludenschaft als drohendes Zwietracbts-Gespenst der Zukunft 
eine sehr wichtige Frage allmählich, schrittweise, aber unver- 
meidlich auf die Tagesordnung: Die Revision des 1825 ge- 
schaffenen Konkurrenz Verhältnisses zur Christengemeinde. Selbst 
in ihrer höclisten Seelenzahl hätte die Judengemeinde kaum ^ja 
zu den gemeinsamen Auslagen beizusteuern gehabt, hat aber 
^/lo beigetragen. Nun war das Seelen-Verhältnis auf nahezu 
^/i6 gesunken, die Ausgaben der sich immer vergrössernden 
Christengemeinde entsprechend grösser, die P^innahmen der 
sich immer verkleinernden Judengemeinde um mehr als die 
Hälfte kleiner geworden, und doch sollte das auf ganze andere 
Zustände gemünzte Konkurrenzverhältnis von ^^lo fortbe- 
stehen?^) 

In's langsame Rollen brachte diese Frage Dr. Ludwig 
Ullmann, der in der israel. Ausschusssitzung am 4. April 1869 
unter Hinweis auf die veränderte Sachlage eine Revision 
des Konkurrenzverhältnisses beantragte, welchen Antrag der 
Ausschuss auch zum Beschlüsse erhob und in den Herren Dr. 
\j. Ullmann. Emanuel Brettauer und Berman Wohlgenannt 
eine eigene Kommission zum Studium dieser Frage einsetzte. 

Vorerst aber kam hiebei nichts zustande. Die Sache blieb 
in Anbetracht ihrer Wichtigkeit nahezu 18 Monate lang Gegen- 
stand vertraulicher Sitzungen, historischer Nachforschungen 
und der Erkundigung bei Rechtsgelehrten. 

Hiezu kam noch, dass Fragen untergeordneter Art, wie 
die Erstellung des Bahnhofes, Wahl des Platzes usw. im 
Schosse des Israeliten-Bürgerausschusses Meinungsverschieden- 
heiten, die bis zu offener Gegnerschaft sich ausgestalteten, 
hervorriefen. Und doch hätte der Ernst der Sachlage, die 
sich immer mehr zuspitzte, ein um so festeres Zusammen- 
wirken Aller erfordert. Trat doch auch die Christengemeinde 
in kleinlichen Fragen plötzlich als prinzipielle Gegnerin der 
Judenschaft auf. So in der Frage, ob angesichts des zum Bahn- 
bau zu erwartenden Arbeiterzuwachses ein anzusuchender 
Gendarmerieposten oder ein zweiter Polizeidiener die Sicher- 
heit des Ortes erhöhen sollC; ferner in Streitigkeiten über Markt- 
stände, Wasserleituugsgebühren u. dgl., alles Dinge, die an 

') Man vergleiche am Ende des 9. Kapitels die Statistik der von 
der Israeliten- an die Christengemeinde geleisteten Konkurrenzbeiträge 
in den Jahren 1822—1878. 



Revision des Konkurrenzvertrages v. J. 1825. 265 

sich so kleinlich und doch geeignet waren, die Gemüter der 
beiderseitigen Gemeinde -Vertreter für den bevorstehenden 
Konkurrenzstreit zu präparieren. Dr. Simon Steiuach, wohl 
in Erkenntnis dessen, dass angesichts des im jüdischen Ge- 
meindeausschusse herrschenden Zwiespaltes ein gedeihliches 
Beherrschen der immer schwieriger werdenden Situation nicht 
gut möglich sei, demissionierte.^) Ein Ansuchen um Neuwahl 
des ganzen Ausschusses hatte der Landesausschuss abgelehnt. 
Mit dem Bürgermeister demissionierten auch mehrere Gemeinde- 
rats- und Ausschussmitglieder. Doch blieb Dr. Steinach noch 
auf dem so schwierig gewordenen Posten bis zu den Anfangs 
d. J. 1870 stattgefundenen statutenge mässen Neuwahlen des 
Gesamtausschusses. 

Herr Anton Rosenthal trat mit diesen au die Spitze der 
Gemeinde als Bürgermeister. 

Der 20. November 1870 sah die Frage der Konkurrenz- 
Revision wieder auf der Tagesordnung der israelitischen Aus- 
schuss-Sitzung. Und da ward beschlossen: die so dringend 
nötige Revision sei auf Grund des Staatsgrundgesetzes vom 
21. Dezember 1867 im vertragsmässigen Wege dahin zu 
erstreben, dass 

a) die Quote von nun ab Vio nicht übersteige: 

b) die Israeliten an den aus gemeinsamen Ausgaben er- 
zielten Vorteilen entsprechend beteiligt werden S(tlleu. 

Ferner sei der christliche Gemeinderat einzuladen, sich 
innerhalb vier Wochen durch Bevollmächtigte mit der israeli- 
tischerseits eingesetzten Kommission zur Ausarbeitung des 
Revisionsoperates ins Einvernehmen zu setzen. Sollte die 
Christengemeinde in dieser Frist in Vorstehendes nicht willigen, 
so sei der Vertrag vom Jahre 1825 ^j zu kündigen. „Es 
werde die Bestimmung, ob im Falle der Ablehnung 



') Nebst diesem äusseren Anlasse mochte den auch als Armen-, Eisen- 
bahn- und Fabriksarzt vielbeschäftigten Dr. Simon Steinach vornehmlich 
die Erkenntnis zur Demission bewogen haben, dass der ganze Bestand 
einer politischen Israelitengemeinde in Hohenems ein gesetzwidriger sei. 
Diese Überzeugung aber stand mit seinen Obliegenheiten als Bürger- 
meister in Widerspruch. Auch konnte er so, nachdem er vom Bürger- 
meisteramte zurückgetreten wai", weit wirksamer für die Herstellung des 
allein gesetzlichen Verhältnisses, d. h. der Inkorporirung der Israeliten 
in die Ortsgemeinde, eintreten. 

-) Vgl. Kapitel 7. 



2(iß Achtes Kapitel. 

cliristlicherseits die Beitragsieist uug der Auge- 
hörigeu der Israeliteiigemeinde im vertragsmässigeii 
Wege zu regulieren oder von einem Vertrage ganz 
abzusehen und die I nk orporierung der Bürger der 
Israelitengemeinde in den G emei ude verband der 
Christeugemeinde anzustreben sei, einer späteren 
Beschlussfassung der Gemeindevertretung vorbe- 
halten." 

Dieses hochwichtige Protokoll zeigte zugleich den einzigen, 
richtigen und rechtlichen Ausweg, den es aus diesem Wirrwarr 
gab und den bald darauf Dr. Simon Steinacli, trotz manch 
kurzsichtiger Gegner, mit Erfolg einschlug. 

Die vierwöchentliche Frist verstrich, die Ciiristen vorstehung 
antwortete überhaupt nicht. Und die Israelitenvorstehung 
musste deshalb den Landesausschuss, dem die Oberaufsicht 
über die Gemeinden zusteht, von der Kündigung des Vertrages 
vom Jahre 1825 ab 20. Dezember 1871 (ein Jahr Kündigungs- 
frist war im Vertrage von 1825 festgesetzt worden) mit der 
Bitte in Kenntnis setzen, hievon die Christenvorstehung zu 
verständigen und das Weitere behufs Fixierung einer den Ver- 
hältnissen gemässen Quote zu veranlassen. 

Aus diesem Sachverhalte ergibt sich, dass seitens der 
Christengemeinde vorerst keinerlei Entgegenkommen und keine 
Neigung in Verhandlungen über das doch so berechtigte 
Revisionsbegehren einzutreten gezeigt wurde. 

In einem in freundschaftlichen Worten abgefassten um- 
fangreichen Schreiben teilte die Israelitenvorstehung noch am 
20. November ISTOderChristenvorstehung den bereits erwähnten 
Sitzungsbeschluss vom gleichen Tage mit. Die Israeliten- 
gemeinde zählte tatsächlich nur 226, die Christeugemeinde über 
4300 Seelen, der G.üterbesitz von Juden betrug kaum 500 Joch, 
der der Christengemeinde 5095 Joch, so dass keinerlei recht- 
liche Basis für eine höiiere Quote als ^/lo vorhanden war. 

Die Israelitengemeinde betonte damals immer nur den 
Standpunkt des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867, 
der die Staatsbürgerrechte vom Glaubensbekenntnis unabhängig 
mache und auf Grund dessen sie ihre Inkorporierung bean- 
spruchen könne. Den weit triftigeren und richtigeren Grund, 
dass sie seit 1813 eigentlich bereits inkorporiert seien, hat 
erst der spätere Leiter der ganzen Aktion, Dr. Simon Steinach, 
im entscheidenden Momente in's Treffen geführt. 



Revision des Konkurrciizvertrages v. ,1. 1825. 267 

Das ubeiiei'wRhnte Schreibeu der Israelitenvorstebung au 
die christliche vom 20. November ls70, worin vier Wochen 
festgesetzt wurden, nach welchem Termin die Kündigung des 
Vertrags in Kraft trete, war von dieser innerhalb dieser Frist 
garnicht beantwortet worden. Erst am (j. Januar 1871 kam 
dieser Punkt im christlichen Ausschusse zur Sprache, und am 
13. d. Ms. ward die Israelitenvorstebung verständigt, dass 
man sich in keinerlei Revisionsverhandlung ein- 
lasse, die Judenschaft vielmehr auf den Kündigungs- 
weg verweise. Am 13. März 1871^) ward die Vertrags- 
kündigung an den h. [jandesausschuss abgeschickt. Erst im Juni 
schickte der Landesausschuss die Kündigung an den Christen- 
ausschuss, der sie am 19. zur Kenntnis nahm und ein Jahr 
von diesem Tage an rechnete. Die Judenschaft hingegen zählte 
mit gutem Rechte vom 20. Dezember 1870 als dem Ablauf- 
tage des der Christengemeinde geset/ten Ultimatums. Der 
Landesausschuss erklärte sich am 14. August nicht kompetent 
über diese Terminfrage zu entscheiden und verwies beide Vor- 
stehungen auf den Weg des friedlichen Ausgleiches. Am 
•J. September 1871 beschloss daher der jüdische Gemeinde 
ausschuss einstimmig, einen neuen Vertrag am 20. Dezember 
1871 nicht mehr mit der Christengemeinde zu schliesseu. 
sondern, solange die politische Israelitengemeinde besteht, die 
Regelung der Steuern nach dem Gemeindegesetz für Vorarlberg 
sowie nach den übrigen österreichischen Steuergesetzen vor- 
zunehmen, ein Beschluss, der dem Gesetze der allgemeinen 
Gleichstellung entsprach. 

Einen ganz anders lautenden ßeschluss fasste dagegen 
der Ausschuss der Christengemeinde am 6. Oktober 187:.'. 

') Als Kuriosiiiii aus jenen Tagen sei hier einer Depesche gedacht, 
die das Wiener „Vaterland" am S.März 1871 veröftentlichte : „Bregenz. 
Gestern Abend '/,6 Uhr stürzte der Schlossberg bei Hohenems ein. Die 
zwei Hauptstrassen des Dorfes, die Kirche, 900 — 1000 Einwohner sind 
mit Schutt und Steinen bedeckt. Man arbeitet fleissig an der Ausgrabung 
der Verunglückten." 

An der ganzen alarmierenden Nachricht war glücklicherweise kein 
"Wort wahr und die zahlreichen auswärtigen Hohenemscr kamen mit dem 
blossen Schrecken davon. Auf Einschreiten der Israelitengemeinde wurde 
dann eruirt, dass die Quelle der Mystifikation ein in Hohenems zur Post 
gegebener und mit „Reallehrer Schubinger in Hohenems" gefertigter Brief 
war, den die Redaktion zur Depesche umformte. Ein Schubinger war 
in Hohenems unbekannt. Von einem gerichtlichen Einschreiten gegen 
den „Autor" resp. gegen die Hedaktion wurde Abstand genommen. 



•J(;,S Arlites Kapitt'l. 

Nach diesem sollten die bisher im Konkurreiizwege gedeckten 
gemeinsamen Auslagen „nach dem Verhältnisse der in 
einer jeden der beiden (lemeinden bestehenden 
direkten AerariaI-St(Mierii an (Jrund-. Krwerb- nnd 
Einkommensteuer zu tragen beziehungsweise die 
Beitragsquott' der Is raeliten gemei iide nach Massgabe 
dieser drei direkten Steuergattungen im Vergleiche" 
zu jenen der Christengemeinde zu erheben...'-' sein. 
Es war nun ganz natürlich, dass die Israelitengemeinde 
mit diesem willkürlichen Vorgange der Christenvorstehuug 
nicht einverstanden sein konnte. Der Landesausschuss hatte 
am I(). Oktober die Israelitenvorstehung zu einer Äusserung 
über den Beschluss der jenseitigen Vorstehung aufgefordert 
und trotz wiederholten Bittens, nicht wie verlangt zwei Monate, 
sondern nur bis zum 15. November hiezu Frist gewährt. In 
der Sitzung vom 19. Oktober ward die Berufung gegen den 
Beschluss der Christeuvorstehung beschlossen, zu den Vor- 
arbeiten unter Zuzug des Feldkircher Rechtskonsulenten Dr. 
Lindner ein fünfgliedriges Komitee, aus den älteren Geuieinde- 
mitgliedern Marko Brunner, Sain. Menz. Dr. Üllmann. Emanuel 
Brettauer und Ernst Schwarz bestehend, gewählt. Am 10. No- 
vember 1872 beschloss der Israelitenausschuss: in Erwägung 
dass 1. der Vertrag von 1825 nunmehr ausser Kraft gesetzt 
ist; 2. in Hohenems überhaupt nur eine Territorialgemeinde 
existiert und der Judengemeinde nur wenige Angelegenheiten 
im selbständigen und übertragenen Wirkungskreise überlassen 
wiiren; 3. eine Orts-Gemeinde ohne eigenes Gebiet nicht denk- 
bar ist; 4. nach Artikel 1, 2 und 14 des Staats-Grundgesetzes 
vom 21. Dezember 18(J7 das jüdische Glaubensbekenntnis der 
Hoheuemser Ortsbewohner kein Grund sein darf, diese als 
politische Gemeinde abzusondern und nach besonderen 
Grundsätzen hinsichtlich der Beitragsleistung zu den 
Kommunal- Auslagen zu behandeln; 5. dass es den Staats- 
grundsätzen zuwiderläuft jüdische Ortsbewohner nicht zu 
gleichmässiger Beitragsleistung wie die christlichen heranzu- 
ziehen — solle die Berufung gegen den christlichen Gemeinde- 
ratsbeschluss vom (i. Oktober in dem Sinne eingebracht werden, 
dass die Israeliten nicht mehr korporativ, sondern jeder 
einzelne Israelite entsprechend den Staatsgrundgesetzen gleich 
den einzelnen Christen zu den Kommunal- Lasten beitragen 
solle. 



Kündigung des Ivonkurreuz Vertrages v. J. 182"). 269 

Am 12. November 1872 ward die Berufung beim Landes- 
ausschusse überreicht. 

Bereits im Laufe dieses Jahres hatte die Israelitenvor- 
stehung folgerichtig es abgelehnt, solche Beschlüsse, die ihr 
die Christenvorstehung mitteilte und die Konkurrenzgegen- 
stände über die Kündigungsfrist hinaus betrafen, in Ver- 
handlung zu ziehen. 

Am 10. Jänner 1873 trat die Christenvorstehung mit einer an 
den Laudesausschuss gerichteten „Gegenäusserung" über die 
Berufung der Israelitengemeinde auf den Plan, was diese 
wieder am 5. März mit einer „Schlussäusserung" beantwortete, 
alles ausführliche Memoranden, das der Judengemeinde bereits 
vom Dr. Simon Steinach verfasst und manches Wertvolle 
enthaltend. Für den Historiker, der erst den Werdegang 
der Israelitengemeiude beobachtet, ihre Schicksale bisher 
verfolgt hat und die nun eintretende Schlusskatastro[)he nur 
als unausbleibliche Folge früherer Unterlassungssünden beider 
Parteien ') zu betrachten gezwungen ist, liegt in den Be- 
hauptungen beider Parteien manches Wahre. Sowohl in der 
der Israeliten, dass sie niemals eigentlich eine wirklich politisch 
selbständige Gemeinde waren und nach dem Jahre 1813 hätten 
sein können, wie auch in jener der Christengemeinde, dass 
die Israeliten doch eine politisch selbständige Gemeinde seit 
18Ö0 bildeten, wozu sie selbst die Unterschrift des Vorsitzenden 
als „Bürgermeister"' und die Stampiglie „Israelitengemeinde' 
als Beweise ins Treffen führten. 

Seit 1813 waren die Israeliten der Ortsgemeinde faktisch 
inkorporiert, konnten also eine politisch selbständige Gemeinde 
nicht bilden. 

Infolge stillschweigender Übereinstimmung kam diese In- 
korporierung nicht zur praktischen Durchführung, wodurch, 
wie eingangs dieses Kapitels gezeigt wurde, es möglich ward, 
dass 1849 durch gemeinsame Vereinbarung doch eine politische 
Israelitengemeinde ins Leben trat. 



^) Eine Unterlassungssünde der Israelitenvorstehung war es, dass 
sie in der ganzen Periode von 1813 — 1848 nicht auf die Durchführung 
der schon 1818 angeordneten Inkorporierung gedrungen hat. Und eine 
solche hatte auch die Christenvorstehung sich vorzuwerfen, da sie am 
10. Mai 1849, um nur die Inkorporierung der Israeliten in absehbarer 
Zeit zu vereiteln, auf Grund einfacher Vereinbarung die politische Israe- 
litongcmoinde ins Lebon treten Hess. 



270 Achtes iCapitel. 

Wurden nun die Dinge geklärt, so ergab sich als ausser 
Zweifel stehend 

1. der Nicht-Fortbestand der politischen Israelitengemeinde: 

2. die endliche Durchführung der eigentlich längst gesetzlicli 
angeordneten Inkorporierung der Israeliten in die Orts- 
gemeinde. 

Und damit schloss auch späterhin die ganze Affaire. 

Am ;"). Juli war die Israelitenvertretung beschlussunfähig, 
da mehrere Ausschussraitglieder fehlten, was dem Landes- 
ausschusse, da ein Auftrag desselben den Verhandlungsgegen- 
stand hätte bilden sollen, als Illustration der Abnahme der 
Population in der Israelitengemeinde mitgeteilt ward. 

Mit Ende August 1873 lief die Wahlperiode des Aus- 
schusses der Israelitengemeinde ab. Am 20. August legte 
daher der gesamte Ausschuss sein Mandat nieder mit dem 
Beschlüsse, dass, da eineRekonstruirung desselben unmöglich ist, 
die eigentlichen Gemeindesteuern durch die Christengemeinde 
von jedem einzelnen Israeliten gleich anderen Ortsbewohnern 
einzuheben seien und deshalb die Tätigkeit der Vorstehung 
nur auf Kultus- Angelegenheiten sich erstrecke, zur Vorbereitung 
einer Neuwahl nicht mehr, weil nicht berechtigt, zu schreiten, 
vielmelir der Landesausschuss und die k. k. Bezirkshaupt- 
mannschaft in Feldkirch zu ersuchen seien, durch die Orts- 
gemeinde die wenigen politischen Agenden, welche die Israeliten- 
gemeinde zu versehen hatte, raschesten« übernehmen zu 
lassen. 

Am 24. August bereits sistierte die k. k. Bezirkshaupt- 
raannschaft diesen Beschluss, weil dem Gemeindegesetze zu- 
widerlaufend, laut welchem der eine Ausschuss bis zur Neu- 
wahl seiner Nachfolger zu amtieren habe, eine Gemeinde- 
auflösung aber nur auf dem Wege des Gesetzes erfolgen kann. 
Wohl nur zufällig hatte sich in diesem Bescheide der Ausdruck 
„Israel. Ortsgemeinde" befunden, was aber die Israel. Vor- 
stehung in einer darauf folgenden Zuschrift richtig stellte, in 
der sie zugleich gemäss des Sitzungsbeschlusses vom 3. Sep- 
tember den Rekurs gegen den Sistierungs-Bescheid der k. k. 
ßezirkshauptmannschaft an die k. k. Statthalterei anmeldete. 
Am 29. September, s. Nr. 16940, ward der Rekurs von der 
k. k. Statthalterei verworfen und der Israel. Bürger-Ausschuss 
mit seinem Bürgermeister Anton Rosenthal an der Spitze 
musste wider Willen weiter amtieren. 



Der Inkorponrungs-Prozess. 271 

Die Erhebungen über diese Frage wurden indessen un- 
ausgesetzt von den Behörden weitergepflogen. Am 7. Oktober 
ward der hohe r.andesausschuss von der k. k. Statthalterei 
um seine Meinungsäusserung über diesen Gegenstand <in- 
gegangeu, die auch am 27. Oktober, ZI. 1461, erfolgte und 
zwar in folgendem, den historischen Tatsachen entsj3rechendem 
Sinne. Nach einem einige unwesentliche Irrtümer enthaltenden 
historischen Grundrisse hebt der L. A. hervor, dass sich vor 
1849 nirgends in amtlichen Schriftstücken die Bezeichnung 
,.jüdische Gemeinde" finde, auch nicht in der mit a. h. FLnt- 
schliessung vom 14. August 1826 eingeführten Gemeinde- 
Ordnung für Tirol und Vorarlberg. Eben aus dieser ist zu 
entnehmen, dass das Gesetz nur Orts- oder Katastralgemeinden 
kennt. Da .luden also bis 1849 vom Realitätenbesitze aus- 
geschlossen waren, konnten sie bis 1849 niemals eine Gemeinde 
bilden, sondern nur Insassen sein. Auch die Geraeindeordnung 
vom 17. März 1849 kennt nur Katastralgemeinden .... ,,Die 
Kompetenz zur Schaffung oder zur rechtsgiltigen Anerkennung 
der jüdischen Bevölkerung in Hohenems als einer selbständigen 
politischen Gemeinde dürfte der k. k. Bezirkshauptmannschaft 
in Feldkirch ^) nicht zugestanden sein, deshalb musste dem- 
nach die rechtliche Existenz der Israelitenschaft in Hohenems 
als einer selbständigen politisclien Gemeinde in Frage bleiben. 
Aber auch die dermalen wirksame Gemeinde-Ordnung für 
Vorarlberg vom 22. April 1864 kennt nur die Orts- beziehungs- 
weise Katastralgemeinde. 

Nachdem aber die Gesetzgebung in den letzten Dezennien 
die Beschränkung der Fähigkeit der Juden zur Erwerbung 
von Realitäten und zur Erlangung von Gewerbsbefugnissen 
aufgehoben und die Juden allen anderen Staatsbürgern in 
Rechten und Pflichten gleichgestellt hat, und da infolgedessen 
die Juden durchgängig im Umfange der Christengemeinde 
Hohenems auch Realitäten besitzen oder ein Gewerbe ausüben 
und Steuer zahlen, dürfte deren Mitgliedschaft in der 
Christengemeinde Hohenems nach § 6 Z. 3 des jetzigen 
Gemeindegesetzes für Vorarlberg ausser Frage stehen 
und sie hätten sonach in Gemässheit des § 9 wie an 
den Rechten auch an den Pflichten und Lasten der 



') Bezieht sich auf den eingangs dieses Kapitels erwähnten Erlass 
vom 21. Juni 1850, ZI, 3342, der die erste Aussohusswahl bei der poli- 
tischen Judengemeinde anordnete. 



27J Achtes Kapitel. 

Christeugemeinde Hohenems teil." Der Zustand seit 
1849 als politische Judengemeinde muss als ein anormaler 
bezeichnet werden. „Wird die gedrückte Lage der Juden- 
hevölkerung auch schon nach dem Staudpunkt der Gesetz- 
gebung bis zu den letzten Dezennien ins Auge gefasst. dürfte 
die Annahmesich rechtfertigen, dass die konfessionelle Israeliten- 
geraeinde Hohenems,. beim natürlichen Drange der Bevölkerung 
nach freierer Bewegung und Gleichstellung, nachhaltig die 
Erweiterung von Machtbefuguissen angestrebt und so aus der 
jüdischen Kultusgemeinde nach und nach die politische Israeliten- 
gemeinde herausgewachsen sein." Dass die politische Juden- 
gemeinde keine eigentlich solche war, beweise der Mangel 
eines polizeilichen Wirkungskreises. Die Einverleibung werde 
zwar Schwierigkeiten bereiten, doch dürfte der vielleicht er- 
kleckliche israelitische Armenfond einen Ausweg zeigen. Zum 
Schlüsse empfiehlt der L. A. geeignete weitere Erhebungen. 
Diese bahnte der Landesausschuss auch an, indem er 
bald darauf der Juden- wie Christenvorstehung folgende Fragen 
vorlegte: 1. Welche Organisation hatte die Judenschaft von 
1781 bis 1815? 2. Wie war die weitere Organisation bis 1849 
und zur Zeit des Vertrages von 1825 beschaffen? 3. Über 
Hechte und Verbindlichkeiten wie über die Wechselbeziehungen 
zur Christengemeinde in den vorausgegangenen beiden Epochen. 

4. Wie werde bei Auflösung der politischen Israelitengemeinde 
die Regelung der Schul- und Armenverhältnisse gedacht? 

5. Wie sei überhaupt die Auflösung und Einverleibung der 
Einzelnen und (5. Wie die Auseinandersetzung betreffs der 
A^ermögenheiten gedacht? 

Die Konkurrenzfrage entschied der Landesausschuss am 
28. Oktober 1873 s. ZI. 520 vorläufig dahin, dass es bis zur 
Regelung der Gesamtverhältnisse entweder bei der bisherigen 
Quote von ^/lo oder beim Vorschlage der Christengemeinde 
der Bemessung nach den direkten Steuern zu verbleiben habe. 
Am 17. November 1873 fand über Auftrag der k. k. Statt- 
lialterei eine Vernehmung der beiden Gemeindevorstehungen 
durch den k. k. Bezirkshauptmann Neuner in Hohenems statt. 
Zu dieser Konferenz wurden mit Genehmigung der k. k. Be- 
zirkshauptmannschaft die Herren Dr. Ludwig Ullmann und Dr. 
Simon Steinach als Vertrauensmänner beigezogeu. Dr. Simon 
Steinach trat von da ab als geistiger Leiter an die Spitze der 
ganzen Inkorporierungs-Aktion. Als Ergebnis der Konferenz 



Der Inkorporirungß-Prozess. "273 

machte die Israeliteiivorstehung am 12. Jänner 1874 in Folgen- 
dem ihre Vorschläge der k. k. Bezirkshauptmannschaft. 
Die Heimatsberechtiguug der Israeliten in Hohenems 

steht ausser Zweifel. 
Die Besteuerung habe gleich jener der christlichen Hohen- 

emser zu geschehen. 
Kirchliche Angelegenheiten bleiben wie bisher getrennt. 
Das Schulwesen bleibe bei Entlastung der Israeliten von 
den Schulsteuern der Ortsgemeinde auch weiter getrennt. 
Das Armenvvesen werde in der AVeise geregelt, dass ent- 
weder a) bei Einbeziehung in die Armensteuer der Orts- 
gemeinde diese der israelitischen Kultusgemeinde einen 
äquivalenten Rückersatz für die spezielle Versorgung der 
eigenen israelitischen Armen leiste, oder b) bei Entlastung 
der Israeliten von der Armensteuer der Ortsgemeinde 
die bisherige vollständige Trennung des Armenwesens 
auch weiter verbleibe. 
Gemeindevermögen: „Die Israeliten haben für den Fall 
des gütlichen Ausgleiches keine Einwendung gegen voll- 
ständige Ausscheidung des nachweisbaren Privatgutes 
(Alpen, seit 1825 gekaufte Waldungen usw.) sowie auch 
gegen separate Behandlung und Verrechnung deren bis- 
herigen Schul- und Armenvermögens, sofern ihnen das 
gleiche Recht für ihre eigenen Vermögenheiten (Ge- 
bäulichkeiten, Schulfond, Armen- und Kultusfond usw.) 
eingeräumt wird. Eventuell sind die Israeliten jedoch zum 
Einkauf resp. Äquivalenteu-Ausgleich der gegenseitigen 
Vermögenheiten bereit. Sie bestehen aber auf der ge- 
meinsamen Verrechnung der übrigen Kommunal-Xutzungen 
und Renten (Untere Rheinauen, .lagdpacht, Wassergefälle, 
Marktgelder usw.j, wie dies bei andern Gemeindemit- 
gliedern der Fall ist.-' 
Bei Gemeinde-Umlagen habe die Verrechnung des reinen 
Defizits auf die israelitischen wie christlichen Ortsbürger 
zu geschehen. 
Bei gemeinsam erstellten Objekten und Neuer- 
werbungen beanspruchen sie den Mitgenuss gleich an- 
deren Hohenemsern. 
Desgleichen auch das Wahlrecht. 

Für das Übergangsstadium entscheide die Behörde ob eine 
sofortige Neuwahl der Ortsvertretung stattfinden, oder 

18 



2t4 Achtes Kapitel. 

aber ein Provisorium bis Ablauf <ler Wahlperiode ein- 
gerichtet werden solle. Im letzteren Falle sei zur Ver- 
tretung der Israeliten einstweilen bei gemeinsamen 
Fragen, wie auch bei Fragen des übertragenen Wirkungs- 
kreises eine Anzahl israelitischer Vertrauensmänner mit 
Sitz und Stimme dem Orts -Gemeindeausschusse bei- 
zuzieheu. 
Das bisherige -^/lo teilige Eigentum der Israeliten- 
g e m e i n d e wird gemeinsames Eigentum der Ortsgemeinde. 
Im Falle eines Fehlschlagens des Ausgleiches legt die 
Israelitengemeinde diese Vorschläge den Behörden für die 
Weiterverhandlungen vor. 

Auf Wunsch der Israelitengemeinde ward der christliche 
Bürgermeister J. G. Witzemann von der Statthalterei mit der 
Übernahme der Agenden des übertragenen Wirkungskreises 
von der Israelitengemeinde betraut. Witzemann verweigerte 
jedoch die Übernahme. 

Bis hieher hatte sich die ganze Streitfrage um den ein- 
zigen Punkt bewegt, ob die Israeliteugemeinde bis dahin eine 
wirklich politische Gemeinde war. auch ohne eigenes Terri- 
torium, oder nicht. Die Christengemeinde bejahte diese Frage 
entschieden, aber ebenso entschieden verneinte sie der hohe 
Landesausschuss unter seinem Präsidenten v. Froschauer in 
dem bereits erwähnten Gutachteji vom "27. Oktober 1873. 

In ein neues Stadium trat die ganze Frage mit den vom 
kurz darauf neuernannten Landeshauptmann Dr. Jussel. in 
streng juristischer Form vorgelegten und bereits angeführten 
Fragen. Deren Beantwortung musste auf das Durchforschen 
der Vergangenheit, musste auf das k. b. Edikt vom Jahre 1813 
hinweisen und deshalb mit dem Siege der gerechten Sache 
der Israeliten enden. Das entscheidende Motiv für die In- 
korporierung der Israeliten, die eigentlich schon rund 60 Jährte 
vorher ausgesprochen war, wurde jetzt zu Tage gefördert. 

Am 31. Dezember 1<S73 beantwortete die Israeliten- 
gemeinde die vom hohen Landesausschusse gestellten Fragen 
mit einem umfangreichen und gründlichen Memorandum, das, 
von Dr. Simon Steinach verfasst, alle einschlägigen Fragen, 
sowohl historischer wie rechtlicher Natur, in erschöpfender 
W^eise behandelte. Das 32 Foliobogen umfassende, mit 
42 Beilagen versehene Memorandum bot eine logisch auf- 
gebaute, klar übersichtliche und in allen wichtigeren Teilen 



Der InkorporiruDgs-Prozess. -275 

mit Belegen versehene Geschichte der Rechtsverhältnisse der 
Hoheuemser Israeliten fast seit dem Zeitpunkte ihrer Nieder- 
lassung, verbreitete sich ausführlich über die durch das kgl. 
bair. Edikt vom Jahre 1813 geschaffene Neugestaltung der 
Verhältnisse uud führte schliesslich auch die Gründe au, warum 
die damals angeordnete und auch von der österr. Regierung 
mehrfach bestätigte Inkorporierung bisher nicht zur Durch- 
führung gekommen war. 

Dieses historische Meisterwerk Dr. Simon Steinachs, das 
entscheidend auf die schwebende Frage der Inkorporierung 
einwirkte und einwirken musste, verdient urasomehr Be- 
wunderung, als ihm ja damals das erst durch mich aus ver- 
schiedenen Quellen gesammelte historische Material nur sehr 
spärlich vorlag und er vielfach durch Scharfsinn ergänzen 
musste, wo historische Nachrichten fehlten. Dr. Steinachs 
scharfsinnige Kombination und kausale Verbindung zeitlich oft 
weit von einander getrennter Ereignisse hat sich in allen Teilen 
als den Tatsachen entsprechend erwiesen. Und das Bewusst- 
sein auf dem Boden untastbar gesetzlichen Reclites und histo- 
rischer Wahrheit zu stehen war es auch, das den aucli in 
seinem ärztlichen Berufe überaus in Anspruch genommenen 
Mann, trotz oft und nicht immer in wohlwollendem Sinne ver- 
suchter Beeinflussung, bei der Fahne der guten Sache bis zu 
ihrem Siege ausharren hiess. 

Auf weit schwächeren Füssen stand dagegen die im Mai 
1874 von der Christenvorstehung eingereichte Gegenschrift. 

Hier wird eben immer wieder nur betont, dassdoch, seit 1849 
zumindest eine politische Israelitengemeinde bestanden habe, 
ob nun rechtlich oder nicht. Und hier bedürfe es bei Auf- 
lösung und Verschmelzung der ^/s Majorität aller Wahl- 
berechtigten. Auch sei eine Abwicklung aller obwaltenden 
Fragen mit unendlichen Schwierigkeiten verbunden. Widerlegt 
ward nichts in dieser Gegenäusserung und wäre dies auch 
nicht gut möglich gewesen. 

Recht und Gesetz waren auf Seite der Israelitengemeinde, 
w(tran auch nichts geändert ward, als eine wenig rühmliche 
Agitation im Orte selbst sich der Sache bemächtigte, die Ver- 
handlungen aus der Gemeindestube in die breite Öffentlichkeit 
getragen, Volksabstimmungen organisiert und Petitionen aus 
privaten Vereinskreisen an den h. Landesausscliass gerichtet 
wurden. Vorgänge, gegen welche die Judensehaft. die während 

18* 



27() Achtes Kapitel. 

der ganzen lukorporierungsperiode aueli nicht einen Angen- 
hlick IcUiij, den Boden strengster Gesetzmässigkeit nnd vor- 
nehmen Anstandes verlassen hatte, höheren Ortes Verwahrung 
«'inlegte, wo diese auch kaum einen günstigen Eindruck erzielt 
haben dürften. 

Am \'2. April 187ö fand über Auftrag der k. k. Statt- 
halterei vor der k. k. Bezirkshaiiptmannschaft in Feldkirch 
die Vernehmung der beiden Bürgermeister J. G. Witzemann 
und Anton Rosenthal, unter Zuzug des Dr. Simon Steinach als 
Vertrauensmann, statt, zwecks Feststellung des bisherigen Wir- 
kungskreises der beiden Vorstehungen, wobei sich so recht 
ergab, wie eigentlich ausser Schule-. Kultus- und Armen- 
angelegenheiten nichts selbständig von der Israeliteuvorstehnng 
verwaltet worden war. Inzwischen wurden die Konkurrenz- 
beiträge alljährlich mit ^/m weitergeleistet. Eine Vorstellung 
der Israelitenvorstehung im Jahre 187.'), dass nun endlich die 
individuelle Besteuerung Platz greifen solle, ward vom Landes- 
ausschuss am 15. März unter Hinweis auf die frühere, bereits 
erwähnte Entscheidung vom 28. Oktober 187.o abgewiesen. 

Am 1, August 187() s. ZI. 1420 machte der h. Landes- 
ausschuss nochmals den Versuch die schwel)enden Angelegen- 
heiten durch einen gütlichen Vergleich zu regeln und forderte 
beide Vorstehungen zur Ergreifung der Initiative auf. Am 
8. August beschloss der Israeliten-Ausschuss folgerichtig, dass 
er den h. Landesausschuss in Kenntnis setzen müsse, dass, da 
die Israeliten sich nicht als politische Gemeinde betrachten, 
eine Ergreifung der Initiative von israelitischer Seite aus- 
geschlossen sei. Auch die Cliristenvorstehung Hess die vom 
I.,andesausschusse bestimmte Frist von vier Wochen unbenutzt 
verstreichen. Am 3. September lud sie zwar die Israeliten- 
vorstehung ein, mit dem ihrerseits gewählten Komitee in Ver- 
handlung zu treten, was diese ablehnen musste, weil die Basis 
zu erspriesslichen Verhandlungen nicht gegeben schien. 

Der 2. Juni 1877 brachte endlich die Entscheidung des 
Ministeriums des Innern zu Gunsten der Israeliten. Diese lautete: 

Nr. .3924. 

„An die israelitische Gemeinde-Vorstehung in Hohenems! 
Der Minister des Innern hat mit hohem Erlasse vom 2. Juni 
1. Js. Z. 2113 betreffend die Frage des gesetzlichen Bestandes der 
sogenannten Israeliten -Gemeinde in Hohenems der k. k. Statt- 
halterei nachstehendes eröffnet: 



Entijclieidiing des k. k. Ministoriums des Innern. 'J77 

„Der ^ 1 der Vorarlberger-Gemeindeordnung vom 22. April 
186-4 bestimmt, das» die bis zur Wirksamkeit dieses Gesetzes be- 
standenen Ortsgemeinden als solche fortzubestehen haben, solange 
nicht im gesetzmässigen Wege eine Änderung eintritt. 

Unter diesen Gemeinden können nur solche Gemeinden ver- 
standen werden, welche gesetzmässig als Ortsgemeinden bestanden 
haben. 

Dieses ist aber bei der Israeliten-Gemeinde in Hohenems 
nicht der Fall. 

Denn das Gemeinde-Gesetz vom 17. März 1849 stellte für 
den Bestand einer Gemeinde als ürtsgemeinde die Bedingung auf, 
dass sie für sich eine Katastral-Gemeinde bilde, was hier nicht 
zutrifft, da die Gemeinde Hohenems mit Inbegriff der Israeliten 
nur eine Katastral-Gemeinde bildet, ja die Israeliten-Gemeinde in 
Hohenems hat nicht einmal ein besonderes Territorium, was eine 
wesentliche Bedingung der Existenz einer eigenen Gemeinde und 
der Handhabung des ihr durch das Gesetz zugewiesenen Wirkungs- 
kreises ist. 

In der im Landesgesetzblatte für Tirol und Vorarlberg vom 
Jahre 1854, I. Teil Nr. 117, auf Grund der allerhöchst genehmigten 
politischen und gerichtlichen Landeseinteilung kundgemachten 
Übersichtstabelle der zu jedem Bezirke gehörigen Gemeinden er- 
scheint nur eine Ortsgemeinde Hohenems, ebenso enthält die im 
erwähnten Landesgesetzblatte des Jahres 1854, II. Teil, Nr. 22, 
kundgemachte Übersicht der Orts- und Katastralgemeinden gleidi- 
falls nur eine Orts- und Katastral-Gemeinde Hohenems. Auf die 
vor dem Jahre 1849 bestandenen Yerhältnisse kann sich zur Dar- 
thuung des Bestandes der Judengenieinde als einer eigenen Orts- 
gemeinde schon deshalb nicht berufen werden, weil durch dieselben 
die Wirksamkeit der späteren Gesetze überhaupt nicht beein- 
trächtiget werden kann. 

Übrigens setzt auch das Gemeinde-Regulierungs-Normale vom 
14. August 1819 (Prov. Ges. Sammlung Nr. 168) für jede Gemeinde 
einen territorialen Umfang voraus und erklärt im § 3, dass die 
bis zum Jahre 1805 bestandene Eintheilung der Gemeinden auch 
deshalb wieder hergestellt werden müsse, weil diese Eintheilung 
durch den Steuer-Kataster wesentlich befestigt wird. 

Ebenso wurden hinsichtlich des Umfanges der 
Rechte der Israeliten in Hohenems die Bestimmungen 
des königl. bairischen Ediktes vom 10. Juni 1813, nach 
welchem die Israeliten in Hohenems mit den Christen 
ausdrücklich nur eine bürgerliche Gemeinde bilden 
konnten, durch das Hofkanzlei-Dekret vom 12. März 1817, 
ZI. 2901, dann durch die kaiserlichen E n tschliess ungeii 
V o m 5. O k t o b e r u n d 29. N o v e m b e r 181 7 und v o m 8. J ä n n e r 
1820 als einstweilen in Kraft bestehend aufrecht er- 
halten, und ist auch späterhin bis zur neuen Gemeinde- 
gesetzgebung eine Aufhebung der bezüglichen Be- 
stimmungen nicht erfolgt. 



'21^ Aclilcs Kapite'l. 

Au der Geltung dieser ßestiuimungen konnten die besonderen 
Vercinharungen rücksichtlich der Goncurrenz zu den Gemeinde- 
lasten nichts ändern, was auch in mehreren zur Zeit der Ver- 
handlungen über diese Vereinbarung erflossenen behördlichen Er- 
lässen, insbesondere in den Guburnialdekreten vom 30. August 
1828, ZI. 17548 und vom 19. Juni 1829, ZI. 12105 seinen Ausdruck 
gefunden hat. 

(regenüber dem nunmehrigen gesetzlichen Stande der Dinge 
können auch einzelne seit dem Erscheinen der oben zitirten Ge- 
meinde-Gesetze erflossene abweichende Verfügungen der Bezirks- 
hauptmannschaft und der Landesbehörde den Bestand der Israeliten- 
Gemeinde in Hohenems als einer eigenen Orts-Gemeinde nicht 
begründen. 

Vielmehr sieht sich das Ministerium des Innern mit Rück- 
sicht auf diese Anordnungen und in Erwägung der vorangeführten 
Motive und auf Grund der, der politischen Behörde in dieser An- 
gelegenheit zustehenden Competenz zu dem Ausspruche veranlasst, 
dass die Israeliten-Gemeinde in Hohenems keine eigene Orts- 
gemeinde im Sinne der das Gemeindewesen regelnden Gesetze ist, 
sondern nur einen integrierenden Teil der Ortsgemeinde Hohenems 
bilden kann. 

Die k. k. Statthalterei wurde demnach beauftragt wegen 
Durchführung dieser Entscheidung das Angemessene einzuleiten. 

Im Auftrage der hohen k. k. Statthalterei vom 11. d. Mts., 
ZI. 8948, setze ich nun beide Gemeinde- Vorstehungen von dieser 
Entscheidung in Kenntuiss, dass die Einleitung zur Durchführung 
der Vereinigung beider Gemeinden im Wege des vorarlbergischen 
Landesausschusses veranlasst wird. 

Feldkircli am 10. Juni 1877. 

Der k. k. Bezirkshauptmann 

Neuner." 
Am 13. August 1877 ergriff die Christenvorstehimg den 
Rekurs an den k. k. Verwaltungsgerichtshof, indem sie 
erstens die Kompetenz des Ministeriums bestritt und hierin 
eine Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes des Landes er- 
blickte, dann aber- indem sie die Existenz der politischen 
Israelitengemeinde nachzuweisen suchte. Auch die Israeliten- 
gemeinde brachte beim k. k. Verwaltungsgerichtshof auf 
dessen Zuschrift vom 17. September 1877 durch ihren bevoll- 
mächtigten Vertreter, Hof- und Gerichts-Advokat Dr. Philipp 
Mauthner, eine Gegenschrift ein . 

Doch war auch der Vorarlberger Landes-Ausschuss am 
20. Oktober 1877 beim Reichsgerichte gegen das Ministerium 
des Innern wegen Inkompetenz zur erlassenen Entscheidung 
eingeschritten. Das k. k. Reichsgericht aber sprach in öffent- 
licher Verhandlung am 24. Jänner 1878, ZI. 14, sein Urteil 



Entscheidung des k. k. YerwaltungsgeriehtshotVs. o?}) 

dahin aus, dass dem l.aiidesausschuss die Entscheiduug 
uiir bei StreitfälleD zwischen zweifellos wirklich 
bestehenden Gemeinden zustehe, weshalb im vorliegenden 
Falle das Ministerium des Innern zur Entscheidung kompetent 
gewesen sei. 

Und auch die Berufung der Christengemeinde ward vom 
k.k. Verwaltungsgerichtshofe verworfen und die Inkorporierung 
der Israeliten in die Christengemeinde in höchster Instanz 
ausgesprochen. 

Die Entscheidung des k. k. Verwaltungsgerichtshofes hatte 
folgenden Wortlaut: 

Xr. 518 
V. G. H. 

„Im Xanieu Seiner Majestät des Kaisers! 

Der k. k. Verwaltuugsgerichtshof hat unter dem Vorsitze des 
k. k. Senatspräsidenten Dr. Ritter von Schmerling in Gegenwart 
der Stimmführenden k. k. Hofi'äthe von Stransky, Winkler, Ritter 
von Strangfeld und Dr. Alter, dann des k. k. Hofsekretärs Ritter 
von Rainiaun als Schriftführers, über die Beschwerde der Cliristen- 
genieinde in Hohenems gegen die Entscheidung des k. k. Ministeri- 
ums des Innern vom 2. Juni 1877 Z. 2113, betreffend die Frage 
des Bestandes der sogenannten Israelitengemeinde in Hohenems. 
und zugleich gegen die Verfügung der k. k. Bezirkshauptmann- 
schaft Feldkirch vom 16. Juni 1877 Z. 3924, betreff'end die Durch- 
führung der gedachten Ministerialentscheidung im Wege des vorarl- 
bergischen Landesausschusses nach der am i. April 1878 durch- 
geführten öffentlichen mündlichen Verhandlung und zwar nach 
Anhörung des Vortrages des Referenten, sowie der Ausführungen 
des Dr. Johann Bergmeister, Advokaten in Feldkirch als Vertreters 
der Beschwerdeführer, dann des k. k. Sektionsrathes Johann Maldoner 
in Vertretung des belangten k. k. Ministeriums des Innern und 
des Dr. Philipp Mauthner, Hof- und Gerichtsadvokaten in Wien 
als A'^ertreters der mitbetheiligten Israelitengemeinde in Hohenems, 
zu Recht erkannt: 

Die Beschwerde wird insoweit sie gegen die Entscheidung 
des k. k. Ministeriums des Innern vom 2. Juni 1877 Z. 2113 ge- 
richtet ist, als unbegründet, insoferne selbe aber den Beisatz im 
Intimate der k. k. Bezirkshauptmannschaft Feldkirch vom 16. Juni 
1877 Z. 3924 betrifft „dass wegen Durchführung der Ministerial- 
„entscheidung die Vereinigung beider Gemeinden in Hohenems, im 
„Wege des vorarlbergischen Landesausschusses einzuleiten sei", 
als unzulässig zurückgewiesen. 

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e : 
In Betreff' des Rechtes zur Entscheidung der Frage, ob die 
Israelitengemeinde zu Hohenems als eine selbstständige Ortsgemeinde 
oder als ein Bestandtheil der Ortsgemeinde Hohenems zu erachten 



2S() Aclitt's Kapitel. 

sei, hat bereits das k. k. Reichsgericht aus Anlass eines bei dem- 
selben von dein vorarlbergischen Landesausschusse anhängig ge- 
machten bejahenden Competonz-Coufliktes zwischen letzterem und 
dem k. k. Ministerium dos Innern — auf Grund des Artikels 2 lit. b 
des Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember 1867 R. G. Bl. Nr. 143 — 
mit dem Erkenntnisse vom 24. Jänner 1878 Z. 14 die Competenz 
der staatlichen Verwaltungsbehörden, beziehungsweise des k. k. 
Ministeriums des Innern anerkannt. Es ist demnach die diesfalls 
von der beschwerdeführenden Christengemeinde erhobene Ein- 
wendung der Incompetenz der k. k. Verwaltungsbehörden nun 
gegenstandslos. 

In meritorischer Beziehung ist zu bemerken, dass von 
keiner Seite auch nur behauptet wird, dass zwischen der Christen- 
und der Israelitengemeinde in Hohenems eine räumliche Trennung 
oder eine physische Abgrenzung bestehe; auch hat schon das be- 
standene k. k. Innsbrucker Gubernium in seinem Erlasse vom 
30. September 1828 Z. 17 548 hervorgehoben, dass der Israeliten- 
gemeinde in Hohenems der Besitz eines eigenen Gemeinde- 
gebietes mangelt, da alle Realitäten, welche die Israeliten in 
Hohenems besitzen, ohne Ausnahme nur in dem Elurenbezirke 
der Christeugemeinde Hohenems unter jenen der Angehörigen der 
letzteren liegen, weshalb auch die Israelitengemeinde weder einen 
eigenen Grundsteuer-Kataster habe, noch ihre Wohnhäuser mit 
eigenen fortlaufenden Nummern bezeichnet, sondern mit den 
Häusern der christlichen Einwohner von Hohenems vermisclit, nach 
der Lage derselben numerirt seien; und in der mit der Ministerial- 
Verorduung vom 6. Mai 1854 R. G. B. Nr. 117 auf Grund Aller- 
höchster Eutschliessungen kundgemachten Übersicht der politischen 
und gerichtlichen Eintheilung der gefürsteten Grafschaft Tirol mit 
A'^orarlberg kommt nur Eine Gemeinde Hohenems vor, ebenso 
erscheint in der mit Erlass der k. k. Organisieruugs-Landes- 
kommission vom 24. November 1854 im Landes-Regierungsblatte, 
II. Abtheilung Nr. 22, publicirten Übersicht der jedem Bezirke 
zugewiesenen Gemeinden nur Ein e Katastral- und zugleich 
Orts gern ein de Hohenems. Stellt demnach die Israeliten- 
Gemeinde in Hohenems niclit ein territorial abgeschlossenes 
Ganze dar, bildet sie nicht eine für sich bestehende Katastral- 
Gemeinde, so kann sie auch nicht eine selbständige Ox'tsgemeinde 
bilden; und das Ileimatsgesetz vom 3. Dezember 1863 R. G. Bl. 
Nr. 105, auf welches sich die neue Genieindeordnuug für das Land 
Vorarlberg vom 22. April 1864 G. u. V. Bl. Nr. 22 im § 7 bezieht, 
spricht im § 3 und anderen Paragrafen, und ebenso die neue 
Gemeindeordnung selbst in den §§ 4 und 10 von dem Umfange 
oder Gebiete der Gemeinde und deren Grenzen. Übrigens ent- 
hält auch schon das, durch den Erlass der ehemaligen 
k. k. C e n t r a 1 - r g a n i s i r u n g s - H o f k m m i s s i n vom 12. M ä r z 
1817 Z. 2901, dann durch den Erlass derselben vom 10. De- 
zember 1817 Z. 16124 auf Grund der a. h. Eutschliessungen 
vom 5. Oktober und 29. November 1817 als einstweilen ge- 



Entsuheidung: des k. k. Verwaltuugsgerichtshofes. 281 

setzlii'h wirksam aufrechterhaltene königlich bairische 
Edikt vom 10. Juni 1813 im ij 22 die Bestimmung, dass die 
Juden keine eigenen Gemeinden bilden, »ondern sich 
an die christlichen Bewohner des Ortes in Gemeinde- 
angel e g e n h e i t e n a n s c h 1 i e s s e n , m i t w e 1 c h e n s i e n u r E i n e 
Gemeinde ausmachen, während ihnen nach § 24 ge- 
stattet ist, bei einer Anzahl von wenigstens 50 Familien 
in einem Bezirke eine eigene kirchliche Gemeinde zu 
bilden. 

Es muss aber auch jede politische Gemeinde ihr eigenes 
physisch abgegrenztes Gebiet haben, weil die Ausübung des der 
Gemeinde zugewiesenen Wirkungskreises, insbesondere die Hand- 
liabung der Localpolizei durch zwei gleichzeitig neben einander 
bestehende Gemeindevertretungen auf dem nämlichen Gebiete in 
zweckentsprechender und gesetzmässiger Weise schlechterdings 
iiiclit möglich ist. Deshalb war denn auch der AVirkungskreis der 
Israelitengemeinde in Hohenems immer nur ein sehr beschränkter: 
Der Vorsteher derselben pflegte sammt den beiden Ausschüssen 
beim Amtsantritte eidlich u. a. zu geloben, jede zu ihrer Kenntniss 
gelangte Gesetzesübertretung dem k. k. Landgerichte oder dem 
Vorstande der Christengemeinde zu Hohenems als 
Local-Polizeibehörde zur Anzeige zu bringen, und die k. k. 
Bezirkshauptmannschaft von Feldkirch hat in ihrem Berichte an 
die k. k. Statthalterei in Innsbruck vom 17. Februar 1875 Z. 593 
auf Grund der protokollarischen Erklärung der Bürgermeister der 
Christen- und Israelitengemeinde in Hohenems und auf Grund der 
eigenen Erhebungen konstatirt, dass faktisch nur die Vertretung 
der Christengemeinde fast den ganzen selbständigen Wirkungskreis 
allein ausgeübt hat. während der Vertretung der Israelitengemeinde 
— abgesehen von den ihr durch die Staatsverwaltung übertragenen 
Verpflichtungen — nur die Verwaltung des Gemeindevermögens, 
die Aufsicht über ihre Schule und die Handhabung der Dienstboten- 
Ordnung bezüglich der jüdischen Dienstboten vorbehalten blieb. 

Ein solcher Ausnahmszustand abei-, in welchem eine Gemeinde 
den ihr als solcher auferlegten Verpflichtungen nur theil weise 
nachzukommen in der Lage ist, ist nach dem Gesetze unzulässig 
und kann als eine Anomalie nicht aufrecht erhalten werden. 
Deshalb, und da nach § 1 der Gemeindeordnung für Vorarlberg 
vom 22. April 1864 die dermaligen Ortsgemeinden als solche, 
so lange nicht im gesetzmässigen Wege eine Änderung eintritt, 
fortzubestehen haben, die Israelitengemeinde aber, wenn sie gleich 
bisher eine nach den Bestimmungen der Gemeinde- Wahlordnung 
konstituirte Vertretung hatte, nach dem bisher Gesagten eine 
eigentliche Ortsgemeinde nicht ist; kann selbe ihre Thätigkeit in 
soweit sich diese nicht bloe auf die Besorgung der Angelegenheiten 
einer Kultusgemeinde, sondern auch auf die Geschäftsführung einer 
[»olitisclien Ortsgemeinde überhaupt erstreckt — nicht weiter fort- 
setzen. Ein derlei aus alter Zeit herrührender Zustand — mag 
derselbe auf Privilegien beruhen, oder in einer Beschränkung der 



•2,s<2 Achtes KiijiitL'l. 

Kechto der Staatsbürger seinen Gruiul liabon, mögen was immer 
für besondere Vereinbarungen zwischen der Christen- und der 
Israelitengemeinde hinsichtlich der C'oncurrenz zu den Gemeinde- 
lasten, oder was immer für Verfügungen von einzelnen Behörden 
zur Aufrechterhaltung dieses Zustandes getroffen worden sein — 
ist als mit den bestehenden Gesetzen im Widerspruche stehend 
nicht mehr haltbar. Besteht die Israeliten-Gemeinde in Hohenems, 
wie gezeigt wurde, als Ortsgenieinde gesetzlich und thatsächlich 
nicht, so könnte auf selbe das VI. Hauptstück der Gemeindeordnung 
für Vorarlberg, welches wirklich bestehende Ortsgemeinden voraus- 
setzt, keine Anordnung finden, und ist daher die Behauptung 
der Beschwerde, dass durch die angefochtene Ministerial-Ent- 
scheidung im Hinblick auf die Bestimmungen des citirten Haupt- 
stückes und insbesondere des § 85 der G. O. das Selbstbestimmungs- 
rccht der Gemeinde beeinträchtigt, beziehungsweise der Landes- 
gesetzgebung vorgegriffen werde, keineswegs gerechtfertigt. Es 
musste daher die Beschwerde, insoweit sie gegen die Entscheidung 
des k. k. Ministeriums des Innern vom 2. Juni 1877 Z. 2113 — 
welche den im Gesetze vollkommen begründeten Ausspruch, dass 
die Israelitengemeinde in Hohenems keine eigene Ortsgemeinde 
ist, und zugleich den Auftrag an die Statthalterei enthält, wegen 
Durchführung dieser Entscheidung das Angemessene einzuleiten — 
gerichtet ist, als unbegründet zurückgewiesen werden. 

Insofern jedoch die k. k. Bezirkshauptniannschaft Feldkirch 
indem sie die Ministerial-Entscheidung den Partheien intiniirte. 
selbst unterm 16. Juni 1877 Z. 3924 „die Einleitung zur Durch- 
führung der Vereinigung der Christen- und der Israelitengemeinde 
in Hohenems im Wege des vorarlbergischen Landesausschusses 
veranlasste", steht die Entscheidung über diese, im administera- 
tiven Wege noch nicht ausgetragene Angelegenheit im Sinne des 
§ 5 des Gesetzes vom 22. Oktober 1875 R. G. B. 1876 Nr. -36 
vorderhand dem Verwaltungsgerichtshofe nicht zu, und wurde 
daher die diesbezüglich hieramts erhobene Beschwerde als unzu- 
lässig erklärt. 

Wien am 4. April 1878. Schmerling." 

Die Israeliten von Hohenems und vornehmlicli Dr. Simon 
Steinacli konnten sich ihres Sieges, des Sieges der Wahrheit 
und Gerechtigkeit, nunmehr erfreuen, wenngleicli die Durcli- 
führung der Inkorporierung noch weitere und wenn moglicli 
höhere Anforderungen an ihre Ausdauer, Arbeitskraft und Selbst- 
verläugnung stellte, wie im nächsten Kapitel gezeigt werden soll. 

Die Daukespflicht gebietet es auch des bereits verstor- 
benen bekannten Wiener Philautropen Moritz v. Königswarter, 
des ebenfalls seither verstorbenen Wiener Advokaten Dr. Carl 
Federmann, eines Bruders des Hohenemser israel. Oberlehrers 
und des Advokaten Dr. A. Stein in Wien zu gedenken, die 
sich sehr tätig im Interesse der Hohenemser Judenschaft zeigten. 



Entscheidung de» k. k. Verwaltungsgerichtshofes. 283 

Dem k. k. Bezirkshaiiptmaiin Neuner sprach die Israeliten- 
Kultusvorstehimg am 4. Juni 1878 ihren Dank aus, worauf 
dieser mit folgenden bezeichnenden Zeilen antwortete: 

„Nr. 20 a. 

An die löbl. israelitische Cultus- Gemeinde -Vorstehung 

in Hohenems. 
Erst jetzt, nachdem die schwierige Arbeit der Neukon- 
stituirung der Gemeinde-Vertretung von Hohenems volHjracht ist, 
kann ich den mir mit Schreiben vom 4. Juni dies Jahres aus- 
gedrückten Dank annehmen. Was icli gethan, hielt ich für meine 
Pflicht, deren Erfüllung mir selbst das lohnende Bewusstseiii 
begründet. 

Entgegenkommend halte ich mich aber auch verpflichtet, 
nicht nur der bestandenen ijolitischen und der Cultus-Gemeinde 
für ihre stets gesetzliche und patriotische, sondern auch sämtlichen 
Mitgliedern der Israeliten-Gemeinde für ihre während des mehr 
als fünfjährigen Prozesses wegen ortsbürgerlicher 
Gleichstellung bewiesene, würdige Haltung meine 
volle Anerkennung auszusprechen. 
Feldkirch, 6. Oktober 1878. 

Der k. k. Bezirkshauptmann: Neuner." 



NEUNTES KAPITEL. 

Die i8raelitisehe Kultiisffeineinde. 



Mit der Eutsclieidung des Verwaltungsgerichtshofes vom 
4. April 1878 hatte die Frage der Stell iiug der Israeliten 
zur Hoheuemser Ortsgemeiude ihre endgiltige Lösuug gefunden. 
Die Inkorporierung der Israeliten war ausgesprochen worden. 

Doch nun galt es diese auch zur Durchführung zu bringen. 

Was das kgl. bair. Edikt im Jahre 1813 angeordnet, die 
österr. Regierung späterhin mehrfach bestätigt hatte, es sollte 
nun zur Tat, was 1813 versäumt worden war, sollte nunmehr 
nachgeholt werden. 

Und doch lagen die Verhältnisse jetzt ganz anders und 
erwies sich darum die Durchführung der Inkorporierung in 
vielen Teilen weit schwieriger, als dies 1813 der Fall ge- 
wesen wäre. 

Denn die damalige erst am Beginne ihrer eigentlichen 
Entwicklung stehende Israelitengemeinde nannte keinerlei 
Vermögen, keine Stiftungen und Fonde, keinerlei fundierte 
Institutionen für Unterricht und Armenwesen ihr eigen, deren 
Rechte und Anerkennung sichergestellt werden mussten, was 
alles hingegen zu den wichtigsten Fragepunkten im Jahre 1879 
geiiörte. 

Ferner war, zum wohltuenden Unterschiede von 1813, 
nunmehr die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden längst 
Gesetz und Tatsache geworden, so dass jetzt jede mehr oder 
minder offenkundige Animosität christlicherseits gegen die 
Inkorporierung der Israeliten diese um so empfindlicher treffen 
musste. 

Während im Jahre 1813 der gute Wille der Christen- 
vorstehuug in vielen Dingen ein massgebender Faktor gewesen 
wäre, konnten die Israeliten sich jetzt auf ihr gutes Recht stützen. 



A. o. AusBchuss-Sitzung Tom 27. Februar 1879. 2^5 

Und dass sie dies auch oft genug notwendig hatten, wird 
die weitere Abwickelung der Inkorporierungs-Angelegenheit 
bekunden. 

Der erste Schritt geschah durch einen Erlass des Mini- 
steriums des Innern vom 24. April 1878, Nr. 4965, der eine 
Neuwahl des nunmehrigen gemeinsamen Gemeinde-Ausschusses 
anordnete. Dieselbe fand im August und September statt 
und braciite die ersten vier Israeliten: Dr. Simon Steinach. 
Anton Rosenthal. Hermann Hirsch und Michael Menz in die 
Gemeindevertretung. Zwar hatte man ursprünglich die Israe- 
liten nicht in die Wählerliste aufgenommen, musste dies aber 
nachträglich infolge Einschreitens von 84 israelitischen Steuer- 
trägern auf Verordnung der k. k. Statthalterei vom 31. August 
1878, Nr. 14-295, tun. 

Zufolge höheren Auftrages wurde dann aus dem neu- 
gewählten Ausschusse ein Komitee eingesetzt, das über die 
Regelung der durch die Inkorporierung der Israeliten ent- 
standenen Fragen beraten und Bericht erstatten sollte. In der 
ausserordentlichen Ausschuss-Sitzung vom 28. Dezember 187s 
legte das Komitee seinen umfangreichen Bericht vor und 
wurde auf Antrag Dr. Sim. Steinachs, unterstützt von 
Dr. Herrn. Mathis, beschlossen, den Bericht des Komi- 
tees als Basis weiterer Verhandlungen anzuerkennen. 
Doch solle dem Ausschusse ein genaues Verzeichnis der Ver- 
mögenheiten beider ehemaliger Gemeinden vorerst vorgelegt 
werden. 

Die Verhandlungen erfolgten dann in drei weiteren Aus- 
schusssitzungen u. z. am 27. Februar, 17. und 30. April 1879. 
denen sämtlich der k. k. Bezirkshauptmann Neuner beiwohnte. 

Nach den vorliegenden Protokollen nahmen diese drei 
grundlegenden Sitzungen im Wesentlichen folgenden 
Verlauf. 

Auf der Tagesordnung der a. o. Ausschusssitzung vom 
27. Februar 1879 stand die Verlesung des Komiteeberichtes. 

Der Bericht begann: 

„In Erwägung und auf Grund des Ministerialbe- 
schlusses vom 2. Juni 1877, ZI. 2113, in fernerer Er- 
wägung der Entscheidunge n des h. k. k. Reichsgerichtes 
vom 2."). Jänner 1878 und des Verwaltungsgerichtshofes 
vom 4. April 1878, ZI. 518, sind die Hohenemser Israeliten 
im Sinne des §6, P. 2, als heimatberechtigte Gemeinde- 
glieder dieser Gemeinde anzusehen und haben dieselben 



OjSG Neuntes Kapitel. 

im Allgemeinen alle Pflichten, die solchen Gemeinde- 
gliedern obliegen, zu erfüllen, wogegen ihnen auch 
die Rechte der h e i m a t b e r e e h t i g t e n G e ni e i n d e g 1 i e d e r 
zustehen." .... 

Diese Erklärung wurde mit dem Zusätze genehmigt, dass 
das Verzeichnis der so in Hoheuems lieimatberechtigt werden- 
den Israeliten in der Gemeindekanzlei zu allgemeiner Einsicht 
und etwaiger Bemängelung aufgelegt werde. 

Punkt 1 des Komiteeberichtes wurde in folgender Fassung 
einstimmig angenommen : 

Kirchliche Angelegenheiten : 

„Die kirchlichen Angelegenheiten, sowie die Xar- 
waltung des beiderseitigen kirchlichen Vermögens 
bleiben, wie bisher, getrennt und hat, wie das schon 
im Staatsgrundgesetz bestimmt ist, ein jedes Gemeinde- 
glied nur zur Erhaltung jener Kirche beizutragen, der 
es angehört." 

Punkt 11 des Komiteeberichtes gelangte mit 2() gegen 
i Stimmen in folgender Form zur Annahme: 

Armenwesen: ^) 

„Die Hühenemser Israeliten haben als heimat- 
berechtigte Gemeindeglieder zur Erhaltung der Ge- 
meindearmen nach dem in dieser Gemeinde für Ge- 
meindeglieder bestehenden Massstabe beizutragen; da- 
gegen wird das Recht der Armenversorgung der israe- 
litischen Armen auf Grund des Heimatsgesetzes von 
Seiten der Ortsgemeinde anerkannt. Der israelitische 
Armenfond und das israelitische Armenhaus müssen 
dahe r fü r im m er der Ar menversorgung gewidmet bleiben 
und sollen die israelitischen Armen auch fortan darin 
verpflegt werden. 

Die Armenfonde der Christen und Israeliten, sowie 
ihre Verwaltung, bleiben getrennt. 

Zu den Fonden werden zufällige Zuflüsse nicht 
gerechnet. 



') Hier ein deutlich sprechendes Bild vom Stande der 
-^ r m e n V e r 8 o r g u n g in beiden Gemeinden zur Zeit d e r V e r - 
Schmelzung i. J. 1879: 

Christliches Armenvermögen fl. 29.000. 
Israelitisches „ i\. 22 000. 

Christliche J]inwohnerzahl 4300 Seelen, demnach pro Kopf fl. 6.7.Ö 
Israelitische „ 280 „ „ „ „ fl. 80. 

Im christlichen Armenhause durchschnittlich 60 Arme, demnach Armen- 
vermögen pro Person fl. 483. 
Im israelitischen Armenhause durchschnittlich 5 Arme, demnach Armen- 
vermögen pro Person fl. 4400, 



A. o. Au89chus&-Sitzung vom 17. April 1879. 287 

Zur Besorgung des Armenweaens fftr Christen und 
Israeliten werden nur ein Armen rat aufgestellt, welcher 
zu bestehen hat aus: 

1. dem jeweiligen Bürgermeister; 

2. dem Seelsorger der Christen; 

3. dem Rabbiner der Israeliten; 

4. den Ärzten beider Armenhäuser; in Ermangelung 
des einen oder anderen Arztes aus dem Cultus- 
vorstande der Israeliten oder für den christlichen 
Arzt ein zweites Mitglied der Seelsorge 

ö. den beiden Verwaltern; 

6. vier vom Ausschusse zu wählenden Mitgliedern. 
Als Richtschnur für den Armenrat ist ein Armen- 
statut zu entwerfen und vom Gemeinde ausschusse zu 
genehmigen, an welches sich der Arraenrat und die 
Verwalter zu halten haben. In diesem Statute ist die 
Bestimmung aufzunehmen, dass der allfällige über- 
schuss des einen Fondes zur Deckung des Abganges des 
andern Fondes verwendet werden soll, ehevor ein Bei- 
trag aus der Gemeindekasse in Anspruch genommen wird. 
Die Bestandteile der Armenfonde sind beiderseitig 
genau zu inventarisiren. 

Für die Verwaltung wird eine gemeinschaftliche 
Verpflegst axe auf Grund der genehmigten Rechnungen 

alljährlich bestimmt. 

Wenn die Gemeinde aus der Gemeiudekasse einen 
Beitrag an einen der Fonde zu leisten hat, so geschieht 
dieser Beitrag nach Massgabe dieser Taxe." 

Punkt III des Komiteeberichtes wurde mit "26 gegen 
2 Stimmen wie folgt angenommen: 

Schule : 

„Bezüglich der Schule haben die Israeliten zur Er- 
haltung der Gemeindeschule nach dem ortsüblichen 
Massstabe beizutragen, wogegen ihnen die Rechte der 
Gemeindemitglieder eingeräumt werden. 

Da die Israeliten im Einklänge mit der Äusserung 
desOrtsschulrates der Ortsgemeinde ihre konfessionelle 
Schule fortan beizubehalten haben, so haben sie zur 
Deckung dieser dadurch gesetzten Auslagen durch 
ihren Schulfond Sorge zu tragen. Bezüglich der 
Regelung der Rechtsverhältnisse des bisherigen Lehrers 
Federmann wird der Ortsschulrat der Ortsgemeinde 
aufgefordert, sich mit den höheren Schulbehördeu in's 
Einvernehmen zu setzen." 

Punkt IV des Komiteeberichtes ward mit 2.') gegen 
8 StimnitMi in folgender Weise angenommen: 



28S Neunte» Kapitel. 

Steuerwesen : 

„Die Israeliten liaben sich den in d(M- Goineindc 
üblichen Steuergesetzen zu unterwerfen. 

Bei der "Wahl des Steuerrates für die nächstfolgende 
Übergangsperiode sind 2 Mitglieder von den Israeliten 
dem Steuerrate beizuwählen, so dass der Steuerrat nur 
für diese Übergangsperiode aus 7 Mitgliedern und 
ebensoviel K r s a t z m ä n ii e r n zu 1j e s t e h e n li a t und es hat 
die Regelung di(?ses neuen Steuerwesens mit dem l.,Iuli 
1877 zu beginnen und in Anwendung zu kommen." 

Punkt V des Komiteeberichtes fand mit 2() gegen 
2 Stimmen in folgender Fassung Annahme: 

Itesitztiiin der Oiiisgeiiieinde : 

„Das Besitztum der Orts gem ein de, sowie die Be- 
wirtschaftung desselben wird aus der Verwaltung der 
Gemeinde ausgeschieden und als Genossenschaftsver- 
mögen der bisherigen besitz- und genussberechtigten 
christlichen Gemeindeolioder separat verwaltet und 
verrechnet. (Wurde in der nächsten Sitzung aufgehoben.) 
Zu diesem Behufe ist ein Komitee von 5 Mitgliedern 
zu wählen, welches die Aufgabe hat, die vorliegenden 
Vermögens Verzeichnisse zu prüfen und hieraus die 
Inventarien für das Gemeinde- und Genossenschafts- 
vermögen, A i- m e n f o n d s - und S c h u 1 f o n d s -A'c r m ö g e n anzu- 
fertigen, hernach diese Inventarien in der Gemeinde- 
kanzlei durch 14 Tage zu jedermanns Einsicht aufzu- 
legen und schliesslich dieselben de rGemeindevertretung 
zur Genehmigung in Vorlage zu bringen." 

In der nächsten a. o. Ausschusssitzung am 17. April 
1879 erklärte vorerst der k. k. Bezirkshauptmann Neuner, 
dass der erste Absatz des P. V betreffs des Gemeinde- oder 
Genossenschaftsvermögens aufgehoben werden müsse, weil er 
dem Gesetze widerspreche. Derselbe erfuhr sodann auf Antrag 
Dr. Simon Steinach's folgende mit 22 gegen 5 Stimmen an- 
genommene Umgestaltung : 

Bürgerveriiiögen : 

„Der invent arisch bestimmte, von der Gemeinde- 
vertretung zu genehmigende Besitz der bisherigen 
Bürger wird als Bürger vermögen nach § 9 der G. O. 
separat verrechnet." 

Auch diese Verrechnung hat, auf Antrag des Dr. H. Mathis, 
ab 1. Juli 1877 zu geschehen. 

Auf der Tagesordnung dieser Sitzung stand: 
1. Die Verlesung des Verzeichnisses der in Hohen- 
ems heimatberechtigten Israeliten. 



A. 0. Ausschusssitzung vom !}(». April 1879. 285* 

Wurde anstandslos genehmigt bis auf zweien, die zwar 
bereits Jahrzeiinte lang in Hoheneras wohnten, denen 
jedoch die ehemalige politische Israelitengemeinde 
das Heimatsrecht verliehen hatte. Docii wurde auch 
deren Heimatsreciit schliesslich mit grosser Majorität 
anerkannt. Nur der Führer der Minoritä,t. Dr.H. Mathis, 
erklärte, er werde nach Rücksprache mit seinen Partei- 
genossen wahrscheinlich Berufung gegen diesen Be- 
schluss einlegen. 

Verlesung des Verzeichnisses über das Bürger- 
vermögen. 

Nach eingehender (die engeren Zweckes dieses Werkes 
nicht berührender) Debatte w^irden die 68 Punkte 
der Scheidung des Ortsgemeinde — vom sogenannten 
BürgervernKigen genehmigt. 

Rheinaue: Entgegen dem Antrage der Minorität wurde 
beschlossen, jenen Teil der Rheinaue, für welchen eine 
besondere Widmung nicht besteht, nicht dem Bürger- 
vermögen, sondern dem christlichen Armenfonde zu- 
zuführen. 

Die Minorität meldete gegen diesen Beschluss die 
Berufung an. Dr. Steinach und Genossen erklären, 
im Falle die Berufung der Minorität Erfolg haben 
sollte, ihre Rechtsansprüche aufrechtzuerhalten. 

Bezüglich der Marktstände ward beschlossen, dass 
die Israeliten- der Ortsgemeinde ^/lo an deren ur- 
sprüngliche Herstellungskosten bezahlen und dagegen 
deren Erträgnis ab 1. Juli 1877 gutgeschrieben er- 
halten solle. 

Bezüglich der früheren Jagdpachtzinse erklären 
Dr. Steinacli und Genossen sich ihre Rechtsansprüche 
vorzubehalten. 

Das alte Bachbett unter der- (ehemaligen) Stärke- 
fabrik wurde auf Antrag Dr. Steinaclis dem christ- 
lichen Armenfonde zugewiesen. 

Verlesung des Inventars über das Vermögen des 
c Ii r i s 1 1 i c h e n A r m e n f o n d e s . 

Wurde mit folgendem von Dr. Mathis eingebrachten 

Vorbehalte genehmigt: 



•>90 Neuntes Kapitel. 

Pfrllndiierveniiögen : 

„Jene Vermögensteile, die von Pfründnern her- 
rühren, die im Arinenliause versorgt wurden, sind aus 
dem Armen vermögen auszuscheiden, wenn von Seite 
der Israeliten solche Pfründnervermögensteile zurück- 
gezogen werden," 

Bezüglich der Beitragspflicht der Israeliten zu den Passiven 
des christlichen Armenfondes behielten sich Dr. Steiuach und 
(ienossen weitere Auseinandersetzungen bis zur nächsten 
Sitzung vor. 

Die dritte a. o. Ausschusssitzung fand am ;K). April 
1H7!» statt mit folgender Tagesordnung: 

1. „Letzeln" Strasse. 

2. Ablesung des Verzeichnisses der Vermögen- 
heiten, Renten, Rechte und Forderungen der 
Israeliten. 

Wurde nach eingehender Debatte als Eigentum der 
Ortsgemeinde anerkannt. 

3. Öffentliches Schlachthaus. 

Ward beschlossen: „Das Schlachthaus sei Eigentum 
der gesamten Ortsgeraeinde, von dem Nutzen und den 
Lasten an demselben hat die israel. Kultusgemeinde 
% Anteil und die christliche Bürgerschaft ^/t Anteil. 

4. Das israelitische Armenfonds-Vermögen. 

Wurde nach Referat des Dr. Steinach und auf Grund 
einer Abstimmung aus diesem ausgeschieden : a) tiie 
Wwe. Regina Steinbach'sche Stiftung; b) die Wolf 
Borich Wolf sehe Stiftung; c) die Louise Landauer'sche 
Stiftung; d) das B. Bermannsche Kapital.^) 
Die weitere Verhandlung über das israelitische Armen- 
fonds-Vermögen wurde bis nach der Entscheidung über eine 
Berufung betreffs der Passiva des christlichen Armenfondes 
vertagt. 

Am 29. April hatte die israelitische Kultusvorstehung auf 
Ersuchen der Ortsvorstehung in der Kanzlei der israelitischen 
Kultusgemeinde alle auf die Inkorporierung Bezug habenden 
Akten, die Stiftungsbriefe usw. zur öffentlichen Einsichtnahme 
aufgelegt. Laut Protokoll war hiezu nur der Bürgermeister 
.1. G. Witzemann erschienen. 



') Vgl. über diese Stiftiingon weiter Kapitel 17. 



Aufgehobene Sitzungsbeschlüsse. 291 

Der bisherige Verlauf der Durchführung der Inkorporierung 
zeigt, dass diese nahe daran war, auf dem Wege eines billigen 
Ausgleiches in friedlichster Weise ihren Abschluss zu finden. 
Die überwiegende Majorität des Gemeinde-Ausschusses zeigte 
sich hiezu wohlgeneigt, in zweifelhaften Fällen griff der k. k. 
Bezirkshauptmann Neuner vermittelnd ein und die Israeliten 
leisteten im Interesse der friedlichen Erledigung auf manches 
ihnen zustehende Recht, z. B. auf das ihnen nach dem Iji- 
korporierungs-Erlasse von 1813 zustehende des Mitgenusses an 
Alpen und Waldungen, freiwillig Verzicht. 

Und selbst aus den Kreisen der Minorität des Ausschusses 
versah man sich vorerst keines Widerstandes. Hatten doch fast 
alle Mitglieder derselben die drei Ausgleichs-Protokolle mit- 
unterschrieben. Ja, als diese in der Ausschuss-Sitzung am 
2. Juli 1879 nochmals zur Verlesung gelangten, machte nur ein 
Mitglied der Minorität unwesentliche Einwendungen. 

Und doch suchte die Minorität am 16. Juli beim h. Landes- 
ausschusse um Aufhebung dieser Sitzungsbeschlüsse an. 

Dieses Vorgehen erscheint um so seltsamer, als der 
h. Landesausschuss schon im Jahre 1878 erklärt hatte, sich 
jeder Ingerenz auf die Inkorporierungs- Angelegenheit zu ent- 
halten, da diese als administrative Sache der k. k. Statt- 
halterei unterstehe. 

Die Minorität begründete ihr Ansuchen mit folgenden drei 
Beschwerdepunkten : 

1. Sei die Anerkenung des Heimatsrechtes jener 
zwei Israeliten, denen es durch die ehemalige 
politische Israelitengemeinde verliehen worden 
sei, rechtswidrig geschehen. 

Eine durchaus irrige Auffassung, weil die ehemalige 
politische Israelitengemeinde als solche von den Be- 
hörden anerkannt imd darum befugt war in ihren 
Wirkungskreis fallende Beschlüsse zu fassen. 

2. Sollten die Rheinaue nicht dem christlichen 
Armen fonde sondern dem Bürg erver mögen zu- 
gewiesen werden. 

Tatsächlich hätten diese Rheinaue dem Ortsgemeinde- 
vermögen, woran auch die Israeliten Anspruch haben, zu- 
gewiesen werden sollen. Hatten ja die Israeliten bis 
zum Jahre 1850 gemäss der Inkorporierung von 1813 
rechtlich im Mitgenusse dieser Au(^ gestanden. Das 

19* 



•>^)'2 Neuntes Kapitel. 

Sogenannte Bürgervermögen hatte auf diese nachweis- 
bar allezeit genieiusames Eigentum gewesenen Aue 
durchaus keinen Anspruch. Und nur der humane 
und friedliebende Sinn der Israeliten hatte diese be- 
wogen, unter Verzichtleistung auf ihre Rechtsansjjrüche, 
der Einverleibung der Rheinaue in das Vermögen des 
christlichen Armenfondes zuzustimmen. 
i\. Ansprüche an den israelitischen Schulfond. 

Dieser Punkt ist der bezeichnendste der ganzen ße- 
sch Werdeführung. Mau bedenke nur! Die Israeliten 
bezahlen (Punkt o des Komiteeberichtes resp. Sitzungs- 
beschlusses vom 27. Februar 187'J) ihre Steuern mit 
zur Erhaltung der Ortsschule, machen jedoch von dem 
ihnen hieraus erwachsenden Rechte der Schulbenützung 
keinen Gebrauch. Sie erhalten vielmehr ihre bisherige 
konfessionelle Schule weiter aufrecht u. z. aus den Zinsen 
des jüdischen Schulfondes, der ausschliesslich durch 
von jüdischen Wohltätern für diesen Zweck gemachte 
Schenkungen zustande kam. Und nun glaubte die 
Minorität auf diesen Fond gar Ansprüche erheben zu 
können! 
In einer an die k. k. Statthalterei gerichteten Eingabe vom 
"23. August 1879 beleuchtete die israelitische Kultusvorstehung 
die Beschvverdepunkte der Minorität in eingehender Weise. 
Am 2H. Oktober 1879, ZI. 17009, genehmigte die k. k. 
Statthalterei die Beschlüsse der drei xlnsgleichs-Sitzungen des 
Ausschusses und am 18. November wies der h. Landesaus- 
schuss die Beschwerden der Minorität als unbegründet teils 
gänzlich ab, teils vor die politische und die k. k. Schulbehörde. 
Die Ausgleichsbeschlüsse waren nunmehr für alle Be- 
teiligten zu bindender Rechtskraft erwachsen. 

Und doch sollten die Israeliten noch gegen manche Rechts- 
vergewaltigung ankämpfen müssen. 

Die nächste Gelegenheit bot die Wahl des Steuerrates, 
der für die Übergangsperiode (Punkt 4 des Komiteeberichtes 
resp. des Sitzungsbeschlusses vom 27. Februar 1879) aus 
sieben Mitgliedern und sieben P^rsatzmännern, worunter je zwei 
Israeliten, zu bestehen haben solle. 

Am 19. bis 21. Januar fand diese Wahl statt und die 
Minorität setzte es nach Schluss der Wahl durch, dass der 



Aufgehobene SitzuugsbeschlÜ!<SP. 'JiKH 

Steuerrat aus deu ersten sieben mit Stimmen meiirlieit gewählten 
Christen bestand. 

Am -31. -lanuar ward dem 1». i.andesausschusse von diesem 
Vorgänge Anzeige gemacht, der denn auch am 20. Mai an- 
ordnete, dass die vollzogene Wahl nur für die ersten fünf mit 
Stimmenmehrheit gewählten christlichen Steuerräte resp. deren 
Ersatzmänner zu Kraft bestehe, dagegen eine Neuwahl für zwei 
israelitische Mitglieder resp. Ersatzmänner des Steuerrates 
durchzuführen sei. 

In den Ausschusssitzuugen von) 10. und 2ö. Juni 1SS2 
ward von der damaligen der Inkorporierung nicht freundlich 
gesinnten Majorität beschlossen, dass die Überschüsse des so- 
genannten Bürgervermügens unter die Aktiv bürger indirekt zur 
Verteilung gelangen solle, indem ihnen von den bereits vor- 
geschriebenen Gemeinde-Umlagen für die Jahre 187H — 18^1 
50 Prozent abgeschrieben werden sollten. Infolge mehrfacher 
Rekurse ob der ja so entstehendeji rechtswidrigen Mehrbelastung 
der übrigen in Hohenems Steuerpflichtigen, Heimatbereciitigten 
und Fremden, ward dieser Beschluss vom h. Landesausschuss 
am 12. Dezember 1883, Nr. 15)4:6, wieder aufgehoben. 

Gleichzeitig hatte der h. Landesausschuss verfügt, dass 
der Geld-Überschuss aus dem sogenannten Bürgervermögen, 
von dem ja allein die Nutzniessung den Gemeiudebürgern zu- 
stehe, der Gemeiudekassa zuzuführen sei. 

Trotzdem aber fasste der Ausschuss im Laufe des Jahres 
1884 mehrere abweichende Beschlüsse^) über die Verwendung 
dieses Überschusses aus dem Bürgervermögen, was eine ganze 
Anzahl von Rekursen, die aus allen Kreisen der Bevölkerung 
beim h. Landesausschusse einliefen, zur Folge hatte. Am 
26. März 1885, ZI. 820, annullierte der h. Landesausschuss 
diese Ausschussbeschlüsse. Hierauf kam infolge weiteren Re- 
kurses die ganze Angelegenheit vor den k. k. Verwaltungs- 
gerichtshof, der am 4. Dezember 1885, ZI. 3162 die Ent- 
scheidung des h. Landesausschusses bestätigte und die be- 
schwerdeführende Gemeindevertretung unter dem im Februar 2) 



*) iSämtlich iu dem seit 1. Januar 1884 erscheinenden „Hohenemser 
(Tcmeindeblatte" veröffentlicht. 

*) Bei dieser Ausschusswahl wurden unter den Israeliten vom ersten 
Wahlliörper ji^ewählt: a) Ausschussniänner: Dr. Simon Öteinach, Arnold 
Kosenthai, Josua Brettauer; b) Ersatzmänner: Anton Rosenthal und 
Heinrich Wohlsrenannt. 



29ii ^s'eiintos Kapitel. 

(1. Js. zum Bürgermeister gewählten Dr. Herm. Mathis kosten- 
pflichtig abwies. 

Ich lasse das Urteil seiner Wichtigkeit halber im Wort- 
laute folgen: 

Nr. 3162/V. G. H. 

„Im Namen Seiner Majestät des Kaisers! 
Der k. k. Verwaltungsgerichtshot" hat unter dem Vorsitze 
des k. k. Präsidenten Grafen Belcredi, in Gegenwart der Käthe 
des k. k. Verwaltungsgerichtshofes: Sektionschef Dr. Freiherr von 
Lcmayer, von Ehrhardt, Dr. Ritter von Alter, Dr. Freiherr von 
Budwinski, dann des Schriftführers k. k. Hofsekretärs Zabiisch, 
über die Beschwerde der Gemeinde Hohenems gegen den Vor- 
arlberger Laudesausschuss, anlässlich der Entscheidung desselben 
vom 26. März 1885 ZI. 820, betretiend die Ausserkraftsetzung von 
Gemeindebeschlüssen hinsichtlich des sogenannten Bürgerver- 
mögens, nach der am 4. Dezember 1885 durchgeführten öffentlichen 
mündlichen Verhandlung und zwar nach Anhörung des Vortrages 
des Referenten, sowie der Ausführungen des Dr. Ferdinand Schuster, 
Hof- und Gerichtsadvocaten in Wien und des Bürgermeisters von 
Hohenems in Vertretung der Gemeinde Hohenems, dann den Gegen- 
ausführuugen des Dr. Josef Porzer, Hof- und Gerichtsadvocaten 
in Wien, in Vertretung des Vorarlberger Landesausschusses, dann 
in Vertretung des mitbetheiligten Clemens Grafen von Waldbiirg 
zu Zeil-Hohenems und des persönlich erschienenen Dr. Simon 
Steinach, zu Recht ei'kannt: 

Die Beschwerde wird als unbegründet abgewiesen. Die be- 
schwerdeführende Gemeinde Hohenems hat dem belangten Landes- 
rtusschusse die von demselben angesprochenen Kosten des Ver- 
fahrens vor dem k. k. Verwaltungsgerichtshofe in dem theilweisen 
Betrage von 100 11. binnen 14 Tagen nach Zustellung dieses Er- 
kenntnisses zu ersetzen. 

Entscheidungsgründe : 

Bereits mit dem Erlasse des Landesausschusses vom 12. Dec. 
1883 ZI. 1946 wurde ein Beschluss des Gemeindeausschusses dahin 
gehend, dass die Bürgerschaft bei gewöhnlichen Verhältnissen zu 
keinem weiteren Beitrage zu verhalten sei und dass den Gemeinde- 
bürgern aus dem Überschusse des Erträgnisses des Bürgervermögens 
ein Theil pro 1878, 1879, 1880 und 1881 in der Form gutgeschrieben 
werden soll, dass denselben an den bereits vorgeschriebenen Ge- 
meindeumlagen 50 "/o in Abschlag gebracht werde, als ungesetzlich 
aufgehoben und dabei bemerkt, dass wohl die Naturalnutzung der 
sogeimnnten Bürgervermögenheiten den Bürgern allein zukomme, 
jedoch jeder Geldüberschuss bisher immer in die Gemeindekasse 
geleitet worden sei. 

In der Beschwerde erklärt die Gemeinde ausdrücklich, dass 
seitens der Gemeinde ein privatrechtliches Eigenthum (am 
Bürgervermögen) der Bürgerschaft nicht vindicirt werden wolle; 



Aufgehobene 8itzungsbesi:hlüsse. -Jjjö 

es wolle der Bürgerschaft nicht ein Eigenthum, tsoiidcrn nur ein 
Xutzgenuss zuerkannt werden. 

Es scheint zwar, dass die (xemeinde darunter nicht den ge- 
wöhnlichen Nutzgenuss von Gremeindemitgliedern am Gemeinde- 
gute, sondern ein weiter reichendes, auch den ausschliesslichen 
Anspruch auf die freien Überschüsse begreifendes Recht verstehen 
möchte, neben welchem Rechte dann der Gemeinde nur eine andere 
proj>rietas verbliebe - allein für den Erwerb einer solchen 
singulären Berechtigung ist kein Beweis erbracht, vielmehr spricht 
der im Absatz 2 des Protokolls vom 18. Juni 1805 vorkommende 
Vorbehalt zu Gunsten der Gemeinde eher gegen, als für eine solche 
Berechtigung. — Es musste daher angenommen werden, dass es 
sich hier nm die regelmässige nach der Gemeinde-Ordnung zu be- 
urteilende Nutzung am Gemeinde-Eigeuthum handelt, für welche 
dann nach § 63 Gemeinde-Ordnung die bisher, das heisst die bis 
zur Einführung der Gemeinde-Ordnung vom Jahre 1864 bestandene 
giltige Übung massgebend ist, mit der Beschränkung auf den Haus- 
und Gutsbedarf, insoferne nicht specielle Rechtstitel Ausnahmen 
begründen. Die Gemeinde beruft sich in erster Linie auf die bei 
Gelegenheit der Incorporii-ung der Israeliten in der Ortsgemeinde 
Hohenems im Jahre 1879 gefassten Beschlüsse. Aus den Ad- 
ministrativakten ist zu ersehen, dass die Gemeinde am 27. Februar 
1879 den Beschluss fasste, das Besitzthum der Ortsgemeinde sowie 
die Bewirthschaftung desselben aus der Verwaltung der Ortsgemeinde 
auszuscheiden und als Genoss euschaftsvermögeu der bisher 
Besitz- und Genussberechtigten christlichen Gemeindemitglieder 
separat zu verwalten und zu verrechnen, es ist aber weiters zu 
ersehen, dass über Erklärung des anwesenden Bezirkshauptmanns, 
dass ein solcher Beschluss als der Natur der Sache und dem Ge- 
setze zuwiderlaufend, von Amtswegen annulliert werden müsste. 
dieser Beschluss zurückgezogen und von der Gemeindevertretung 
am 17. April 1879 statt dessen beschlossen wurde, „der inventarisch 
bestimmte, von der Gemeinde -Vertretung zu genehmigende Besitz 
der bisherigen Bürger werde als Bürgervermögen nach § 9 der 
Gemeinde-Ordnung separat verrechnet." — Ein darüber hinaus- 
gehender, speciell das Mass der Nutzungsrechte betreftender An- 
spruchkann sohin anf diesen Beschluss nicht gegründet werden und 
es erscheint vielmehr durch denselben das zufolge § 63 des Ge- 
meindegesetzes nach der bestandenen giltigen Übung zu be- 
urtheilende Recht und Mass der Theilnahme an denNutzungen 
des Bürgervermögens gar nicht berührt. 

Durch die Zurückziehung des Beschlusses vom 27. Februar 
1879, womit das sogenannte Bürgervermögen der Verwaltung der 
Ortsgeraeinde entzogen werden wollte und durch die ausdrückliche 
Erklärung in der Beschwerde, dass der Bürgerschaft nicht das 
Eigenthum des sogenannten Bürgervermögens vindicirt werden 
wolle und die Bürger nicht als privatrechtliche Eigenthümer be- 
trachtet werden und durch den Beschluss vom 17. April 1879, 
demzufolge die Verwaltung des sogenannten Bürgervermögens in 



29() >'eiiiites Kapitel. 

der Vorwaltiini; der ürtsgeiueiiido verblieb, ist dasselbe als Ge- 
meiiidcvermögen im Sinne der Öemeinde-Ordnung charakterisirt, 
auf welches soliin die Bestinnnungen der Gemeinde-Ordnung An- 
wendung finden, bezüglich dessen die den Bürgern im Grundsatze 
unbestrittenen Nut/.ungsansprüche sich narh den Bestimmungen 
des § 03 der Gemeinde-Ordnung regeln. — 

Speciell ist gar nicht in Streit gezogen, dass den Bürgern die 
Xaturalnutzung der Alpweiden zustand und fortan zustehen soll. — 

^^ich dem Erhebungs-Protocolle vom 13. April 1883 gieng 
die Übung dahin, dass die Naturalnutzungen der Alpweiden den 
Bürgern reservirt waren, dass jedoch jeder Nutzniesser jährlich 
ein "Weidegeld zu entrichten hatte, welches gleich dem beim Holz- 
verkaufe erzielten Erlöse und gleich dem für die Steinbrüche ein- 
gehobeneu Pachtschillinge in die Gemeindekasse floss. Uie Er- 
trägnisse aus dem gegenwärtigen sogenannten Bürgervermögen 
wurden für Gemeindezwecke verwendet. — 

Bei diesem Sachverhalte konnte in der Aufhebung der Ge- 
meindcausschuss-Beschlüsse vom 10. Jänner 1884 und vom (5. März 
1884 durch den Landesausschuss eine die Rechte der beschwerde- 
führenden Cremeinde verletzende Gesetzwidrigkeit nicht gefunden 
werden; vielmehr war der Beschluss der Gemeinde, die 6 Alphütten 
auf der Gemeindealpe Schuttanna „zum Eigenthume" der 
Bürgerschaft einzulösen und die Überschüsse zu dieser Einlösung 
zu verwenden, im Hinblicke auf die obigen Ausführungen, denen 
zufolge den Bürgern die Naturalnutzung hinsichtlich des sogenannten 
Bürgervermögens nach Massgabe der giltigen Übung zukojumt, 
ein gesetzwidriger, da er die Übertragung von Gemeinde-Eigen- 
thum an eine gesonderte Kategorie von Gemeindegliedern in sieh 
schliesst. 

lusoferne es sich aber nach weiterem Inhalte obiger Be- 
schlüsse darum handelt, welche Alp- und Waldkulturen anzulegen, 
welche Stall- und Sennhütten behufs Erhöhung der Nutzungs- 
einnahmfe auszuführen sind und wie sich hienach der Gemeinde- 
Jahresvoranschlag zu stellen habe; so sind diess Angelegenheiten 
der Gemeindewirtschaft, worüber die autonomen Organe im gesetz- 
lichen Instanzenzuge nach freiem Ermessen zu entscheiden haben, 
welche sich daher der hiergerichtlichen Indikatur entziehen. (§ 3 
lit. e des Gesetzes vom 22. Oktober 1875 R. G. Bl. Nr. 36 ex 1876). — 

Auch in der Aufhebung des Gemeindeausschuss-Beschlusses 
vom 28. Februar 1884, wegen Bestellung eines eigenen Comitcs 
oder Verwaltungsrathes für das sogenannte Bürgervermögen konnte 
eine Gesetzwidrigkeit schon deshalb nicht gefunden werden, weil 
dasselbe auch zum Executiv-Organe bestellt werden sollte, während 
nach dem Gesetze (§ 48 der Gemeinde-Ordnung) der Gemeinde- 
Vorstand in den Angelegenheiten der Gemeinde das vollziehende 
Organ ist. 

Die Beschwerde niusste daher abgewiesen werden. — 
"Wien am 4. Dezember 1885. 

Zabuöch lu/ji. Belcredi m/p." 



Entscheidung über den isiael. Schul- und Arnienl'ond. 2H7 

Wie der bisherige Verhuif zeigte, war der nunmehr zur 
Majorität gewordenen ehemaligen Minorität aus der Zeit der Aus- 
gleichsprotokolle eine heftige und erfolgreiche Opposition aus den 
Kreisen der christliehen Bevölkerung heraus erwachsen, wo- 
durch die aus der Inkorporirungsangelegenheit heraus er- 
standenen Streitigkeiten ihres Charakters als ausschliesslich 
israelitische Angelegenheit entkleidet wurden. 

Doch sollten die Israeliten, trotz der Klarheit der Ver- 
schmelzungsprotokolle, noch gezwungen sein, in ausschliesslich 
eigener Angelegenheit den Rechtsweg betreten zu müssen. 

hl der Sitzung des Gemeindeausschusses vom 16. März 
18«,") wurde dem Inveutare der Ortsgemeinde der israelitische 
Schulfond sowohl, wie auch der israelitische Armenfond ohne 
Weiteres einverleibt. Zwar ward sofort auf die Rechtswidrig- 
keit dieses Beschlusses unter Hinweis auf die ja längst rechts- 
kräftigen Ausgleiehsbeschlüsse vom Jabre 1879 hingewiesen, 
jedoch vorläufig erfolglos. 

und was blieb der Kultusvorstehung da weiter übrig, als 
wieder den Beschwerdeweg zu betreten? und am s. Mai 1S8,') 
betrat diesen auch der Kultusvorsteher Anton Rosenthal mit 
einer Eingabe an den h. Laudesausschuss. In dieser ward an 
Hand der Verscbmelzungsprotokolle vom Jahre 1879 in ein- 
facher, klarer Weise nachgewiesen, dass 1. am israelitischen 
Schulfonde der Ortsgemeinde überhaupt keinerlei Recht zustehe 
und 2. auch am Armenfonde nur ein gewisses Aufsichts- und 
Kontrolrecht, aber unter vollständiger Wahrung der Eigen- 
tumsrechte der israelitischen Kultusgemeinde, anzunehmen sei. 
Und wie vorauszusehen war, hob der h. Laudesausschuss auch 
diesen willkürlichen Beschluss des Gemeindeausschusses am 
•J8. März 1886 auf. 

Der israel. Schulfond sei ganz aus dem Inventar der Orts- 
gemeinde auszuscheiden und der israel. Armenfond in diesem 
nur unter getrennter Anführung und ausdrücklicher Wahrung 
des Eigentumsrechtes der israel. Kultusgemeinde aufzunehmen. 
Ihrer Rechtskraft halber für Gegenwart und Zukunft lasse ich die 
Entscheidung des h. Landesausschusses liier wortgetreu folgen. 

Z. 2884. 

„Uer Laudesausschuss von Vorarlberj;'. 
An Herrn Anton Rosenthal, Yorstand der israel. Cultus- 
gemeinde in Hohenerus! 
Über Ihre und Ihrer Herren Genossen Bescliwerde ddo. 
8. Mai 1885 gegen den Uemeiudeausschussbeschluss vom 16. März 



"298 Neuntes Kapitel. 

1885, betreft'eiid die Feststellung des Geiueinde-lnveutars. liat der 
Landes-Ausschuss am 18. d. Mts. entschieden wie folgt: 

A. Der in das Gemeinde-Inventar aufgenommene Israel. Hehul- 
fond sammt Zugehör ist aus demsell)en als nicht dahin gehörig 
gänzlich auszuscheiden. 

B. Der Israel. Arment'ond ist zwar in das (remeiude-lnventar 
im Sinne des § h im Landes-Gesetze vom 27. Dezember 1882 atif- 
zunehnien, jedoch unter streng getrennter Anführung und unter 
ausdrücklicher Wahrung des Eigenthumsrechtes der israelitischen 
Cultusgemeinde. 

C. Der Gemeiiideausschussbeschluss ddo.Hohenems am 16. März 
1885 Punkt 4, in welchem das Gemeinde-Inventar in seiner gegen- 
wärtigen Fassung angenommen worden ist, wird hiemit aufgehoben, 
und der Genieindeausschuss gleichzeitig beauftragt, einen neuen 
Beschluss zur Richtigstellung des Gemeinde-Inventars nach den 
gegebenen Direktiven zu fassen. 

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e : 

In Folge des durch die Incorporirung der bestandenen israel. 
Ortsgemeinde in die allgemeine ürtsgemeinde Hohenems sich 
ergebenden geänderten Verhältnisses, und speciell in Folge der 
bei diesem Anlasse gefassten Beschlüsse des Gemeindeausschusses 
vom 27. Februar 1879, hat die früher als öffentliche Ortsschule 
bestandene israel. Volksschule in Hohenems als solche aufgehört, 
und es wurde dieselbe als Privatschule foi'tgeführt, welcher das 
kk. Ministerium des Unterrichtes zwar das Oifentlichkeitsrecht 
verliehen, aber dessenungeachtet deren Bestand als Privatanstalt 
dadurch keineswegs verändert hat. 

Nach den Incorporirungs-Beschlüss en haben die 
Israeliten von Hohenems auch für die Bedürfnisse 
der katholischen Schule im Wege der Gemeindesteuer - 
leistung beizutragen, als ob sie selbst keine Schule 
hätten,,. — ausserdem aber haben sie sich in einem 
speciellen Akte verpflichte t, die confessionelle Privat- 
schule aus eigenen Mitteln allein zu erhalten. 

Diese mehrgenannten Incorporirungs-Beschlüsse sind jedenfalls 
in Rechtskraft erwachsen, und auch schon von den kk. Staats- 
behörden als Gründlage für Entscheidungen angewendet worden. 

Der Erlass des kk. Ministeriums für Cultus und Unterricht 
vom 26. Novbr. 1879 Z. 13090 spricht ausdrücklich aus, dass die 
Frage der künftigen Verwendung des israel. Schulfonds und des 
zugehörigen Schulgebäudes instanzmässig zu entscheiden sei, für 
welchen Fall die Schnlbehörden auf die Bestimmungen des 
Ministerial-Erlasses vom 5. Septbr. 1872 Z. 4244 verwiesen werden. 

Was die instanzniässige Behandlung der Frage betrifft, so 
war diese durch die Incoi'porirungs-Beschlüssc bereits geregelt 
und in Bezug auf den angedeuteten Ministerial - Erlass vom 
5. Septbr. 1872 geht ganz bestimmt hervor, dass für den Fall, als 
dieser israel. Schulfond einmal seinem jetzigen Zwecke nicht mehr 
dienen kann, also eine Permutirung oder zu deutsch Umwandlung 



Kntbcheidung über den Israel. Schul- und Arnienfond. 299 

mit dieser Schulstiftung; vorzunehmen wäre, die Verfügung hier- 
über nur dem kk. Ministerium für Cultus und Unterrieht, d. h. 
der staatlichen Ünterrichts-Centralbehörde, zustehen würde. 

Von einem Gemeindeeigenthum, wie die (jemeinde- 
vorstehung in ihrem Berichte vom 31. Mai 1885 Nr. 535 
behaupten will, kann sonach keine Rede sein, — der 
israel. Schulfond trägt vielmehr den Charakter einer 
Stiftung an sich, welche die Bestimmung hat, der Er- 
haltung der für die israel. Cul tusgemeinde notwendigen 
Spezialschule zu dienen, und das in so lange, als sich 
überhaupt noch jüdische öl aubeusgenossen in Hohen- 
ems befinden. Kanu einmal der Stiftungszweck nicht mehr 
erfüllt werden, dann hat die Central-, Staats-, Cultus- und Unter- 
richtsbehörde allein zu entscheiden, welcher Verwendung diese 
Vermögenheit zuzuführen ist. 

Dieser Fall steht übrigens in Vorarlberg nicht 
vereinzelt da, denn in der Stadtgemeinde Bregenz 
ist, analog mit Hohenems, der Sitz einer protestan- 
tischen Cultusgemeinde, welche daselbst eine Kirclie 
und eine gleichfalls mit dem Öffentlichkeitsrechte 
ausgestattete Privatschule besitzt. Der Stadtgemeinde 
Bregenz aber wäre es nicht in den Sinn gekommen, 
diese Anstalt, welche doch mindestens durch zwei im 
Gemeindegebiete gelegene Realitäten repräsentirt ist, 
in das Gemei nde -In ventar aufzunehmen. 

Die Beschwerde muss daher, was diesen Punkt bctritl't, als 
begründet angesehen werden. 

Was die zweite in die Beschwerde einbezogeue Frage, näm- 
lich die Aufnahme des israel. Armenfondes in das Gemeinde- 
Inventar, anbelangt, so gibt die Beschwerde selbst zu, dass hierbei 
ein ganz anderes Verhältnis obwaltet, wie es auch thatsächlich 
der Fall ist. 

Die getrennte Behandlung und Verwaltung des 
christlichen und des israel. Armenfondes unterliegt 
keinem Zweifel. Hierfür sprechen deutlich die Incor- 
l)orirungsbeschlüsse und das Landes - Gesetz vom 
7. Januar 1883. 

Das Eigenthumsrecb t kann ebensowenig in Frage 
kommen, der israel. Armenfond ist und bleibt Eigen- 
thumsrecht der mehrgenannten Cultusgemeinde. 

Weil aber die Armenpflege überhaupt eine öffentliche An- 
gelegenheit ist, welche bei verschiedenen Anlässen ein Eingreifen 
der Ortsgemeinde erheischen kann — weil nach den Incor- 
porirungsbeschlüssen in Hohenems nur ein Armenrath zu fuugiren 
hat, welcher die Armenpflege der ganzen Gemeinde besorgt, 
und weil das Landes-Gesetz vom 7. Januar 1883 in seinem § 41 
die ausdrückliche Bestimmung enthält, dass das Armenvermögen 
eines Theiles der Ortsgemeinde nach den Bestimmungen eines 
giltigen Übereinkommens zu verwenden sei, als welch' letzteres 



;-^()() Xouutes Kaj)it('l. 

(loch die Ineorjjoiirungs-Bosehlüssi' angeselieii werden müssen; 
so inuss die Aufnahme des israel. Armenfoudes. selbstverständ- 
lich unter Wahrung des Eigenthumsreclites , und bei Einhaltung 
der gesetzlichen \'orschriften (L. H. vom 7. Januar 1883 tjij 3i) 
und 41) gemäss der Bestimmung des Landesgesetzes vom 27. Dezbr. 
1882 § 5, — in das Oenieinde-lnvontar von Flohenems als richtiuf 
erkannt werden. 

Daraus kann jedoch keineswegs die Folgerung ge- 
zogen werden, dass der israel. Armenfond ein (iemeinde- 
gut der gesain mten Ortsgemeinde ist, denn nicht von 
dem Eigenthumsständpunkte aus kommt er in das Ge- 
meinde-Inventar, sondern vom Standpunkte der Hand- 
habung einer öffentlichen Ma.ssregel, wie die Armen- 
j)flege nach den Bestimmungen des Heimatsgesetzes 
eine ist. 

Nach dem I n c orporir uugs-Beschlusse haben die 
A r ni e n f n d e der Christen u ii d der Israeliten in ihrer 
Verwaltung getrennt zu bleiben, und es sind die B e - 
standtheile der beiden Fonde beiderseits genau zu lu- 
ven taris iren. 

Damit ist der Vorbehalt für das beiderseitige 
gesonderte Eigenthum ausgesprochen, das specielle 
Eigcnthum wird aber noch dadurch erhärtet, dass die 
Israeliten, ungeachtet des eigenen Arnienfon des, als 
heim atbe recht igte (Temeindeglieder zur Erhaltung der 
(remeindear nien in der ganzen (iemeinde beizutragen 
haben, — und es kann demnach der Art und Weise der 
Ausführung dieses Punktes ijn Berichte der Gemeinde- 
vorstehuug von Hohenems vom 31. Mai 1885 jS' r. b'Sb nicht 
b e i g e }» f 1 i c h t e t w e r d e u. 

Bregenz am 23. März 188(). 

Der Landeshauptmann: 
Gf. Belrupt m/p." 

Unter dem gleichen Datum s. Nr. 148S hob der liolic 
Landesausschuss über Beschwerdefüliriing des Dr. S. Steinacli 
und Genossen einen weiteren Beschluss des Gemeiudeaus- 
schusses vom 13. April 1885 aiit der eine andere Zusammen- 
setzung des Armenrates anstrebte, als dies im ersten Ver- 
schmelzungsprotolcolle vom 27. Februar 187!) ausdrücklieii 
bestimmt worden war. 

Ebenfalls am gleichen Tage. s. Nr. 1920 ward vom hohen 
Landesausschusse über Beschwerdeführung Sr. Erlaucht des 
Grafen von Waldburg-Zeil-Hohenems ein weiterer Beschluss 
des Gemeiudeausschusses vom 2. Juni 1885 aufgehoben. 

Die Verschmelzuugsprotokolle v. J. 1879 blieben und 
sind heute noch in voller Rechtskraft, (iegen jenen Passus in 



Entscheidung über den israel. Arnienfond. |}()1 

der Entscheidimg des h. L. A. vom 23. März ISSfi, ZI. 2884, 
der den israel. Aruienfond als „Eigentum der Kultusgemeinde" 
bezeichnete, ergriff nun die Gemeindevertretung den Rekurs 
an den k. k. Yervvaltungsgerichtshof, dessen Entscheidung vom 
16. Dezember 1886 den Beschwerdeführern im AVesentlichen 
ebenfalls keinen Erfolg brachte, da das Eigentumsrecht der 
Israeliten au ihrem Armenfonde hier ebenfalls gewahrt blieb. 
Auch diese letzte Entscheidung des Verwaltungsgerichts- 
hofes in der Inkorporierungsangelegenheit möge hier nach 
ihrem AVortlaute folgen. 

„Xr. 27.58 V. G.H. 

Im Xanien Seiner Majestät des Kaisers I 

Der k. k. Verwaltungsgerichtshof hat unter dem Vorsitze des 
k. k. Präsidenten Grafen Belcredi, in Gegenwart der Käthe des 
k. k. Verwaltungsgerichtshofes: Sektionschef Dr. Freiherr von 
Lemayer, Freiherr von Scharschmid, von Ehrhart, und Dr. Ritter 
von Alter, dann des Schriftführers, k. k. Rathssekretärsadjunkten 
von Xeukirchen über die Beschwerde der Gemeinde Hohenenis 
gegen die Entscheidung des vorarlberger Landesausschusses vom 
22. März 1886, Z. 2884, betreffend die Inventarisirung des israe- 
litischen Armenfondes unter Wahrung des Eigenthumsrechtes der 
israelitischen Cultusgemeinde, nach der am 16. Dezember 1886 
durchgeführten öffentlichen mündlichen Verhandlung, und zwar 
nach Anhörung des Vortrages des Referenten, sowie der Aus- 
führungen des Dr. Ferdinand Schuster, Hof- und Gerichtsadvokaten 
in Wien, in Vertretung der Beschwerdeführerin, der Gegen- 
ausführungen des Dr. Josef Porzer, Hof- und Gerichtsadvokaten 
in Wien in Vertretung des belangten vorarlberger Landesaus- 
schusses zu Recht erkannt : 

Die angefochtene Entscheidung wird insoweit darin der 
israelitische Ai-menfond als Eigenthum der israelitischen Cultus- 
gemeinde bezeichnet wird, gemäss v:j 7 des Gesetzes vom 22. Oktbr. 
1875. R. G. Bl. Nr. 36 ex 1876 aufgehoben. 
Entscheidungsgründe: 

Mit der angefochtenen Entscheidung hat der Landesausschuss aus- 
gesprochen, der israelitische Armenfond von Hohenems sei zwar in 
das Gemeindeinventar aufzunehmen, jedoch unter streng getrennter 
Anführung und unter ausdrücklicher Wahrung des Eigenthums- 
rechtes der israelitischen Cultusgemeinde. 

Gegen diesen letzten Passus : „unter ausdrücklicher Wahrung 
des Eigenthumsrechtes der israelitischen Cultus-Gemeinde" ist die 
vorliegende Beschwerde gerichtet. 

Der Verwaltungsgerichtshof hat letztere begründet gefunden 
in Folge nachstehender Erwägungen: 

Bis zur Entscheidung des k. k. Ministeriums des Innern vom 
2. Juni 1877, Z. 2113 hat in Hohenems, zwar nicht gesetzlicher 
Weise aber thatsächlich eine Judengemeinde mit einer l)esonder)i. 



302 Neuntes Kapitel. 

nach den Bestimmungen der Gemeinde-Ordnung gewählten Ver- 
tretung bestanden, welche die administrativen Angelegenheiten 
der sogenannten Judengemeinde und insbesondere auch ihr Armen- 
wesen und den für dasselbe bestehenden Fond verwaltete. 

Die sogenannte Judengemeinde Hohenems ist in J'olge der 
erwähnten Entscheidung des k. k. Ministeriums des Innern, welche 
mit dem Erkenntnisse des k. k. Verwaltungsgerichtshofes vom 
4. April 1878, Z. 518 aufrecht erhalten wurde, aufgelöst worden 
und in der nach dipm Gesetze allein zu Recht bestehenden Orts- 
gemeinde Hohenems aufgegangen. Die vermögensrechtlichen Ver- 
hältnisse des bis dahin unter dem Namen „Judengemeinde " 
bestandenen Gemeindetheils fanden durch besondere Vereinbarung 
(Incorporationsbeschlüsse) ihre Regelung, welche für die weitere 
Verwaltung und Verwendung der besonderen Vermögensmassen 
massgebend zu sein hat. Da dem Gesagten zufolge der israelitische 
Armenfond keineswegs einFond der israelitischen „Oultus"-Gemeinde, 
sondern ein Armenfond der sogenannten Judengemeinde war, so 
konnte auch der Landesausschuss bei Inventarisirung des Ge- 
meindevermögens nicht verfügen, dass bei dem in Rede stehenden 
Armenfonde die israelitische Cultus-Gemeinde als Eigenthümerin 
ausgezeichnet werde; er konnte vielmehr nur bestimmen, dass 
dieser Fond als gesondertes Vermögen jenes Gemeindetheils, der 
vor der erwähnten Ministerial-Entscheidung vom Jahre 1877 als 
.ludengemeinde bestand, im Inventar abgesondert ersichtlich ge- 
macht werde. 

Es musste daher die angefochtene Entscheidung, insoweit sie 
anordnet, dass im Inventar der Ortsgemeinde Hohenems die 
israelitische Cultusgemeinde als Eigenthümerin des israelitischen 
Armenfondes auszuzeichnen sei, nach § 7 des Gesetzes vom 
22. Oktober 1875, R. G, Bl. Nr. 36 ed 187C aufgehoben werden 

"Wien am 16. Dezember 1886." 

Der Israel. Armenfond galt und gilt nun als Armen- 
Sonderverraögen eines Teiles der Ortsgemeinde, der gemäss 
der Verschmelzujigsprotokolle und nach dem L. G. v, J. 1881^ 
verwaltet wird. 

Am 14. März 1887 teilte Kultusvorsteher Hermann Hirsch 
den versammelten in Hohenems heimatberechtigten Israeliten 
die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes mit, die dann 
fünf Bevollmächtigte erwählten, welche die Interessen der 
heimatberechtigten Israeliten an diesem Armen-Sondervermögen 
vertreten sollten. Gewählt wurden als solche die Herren: 
Herm. Hirsch, Dr. Simon Steinach, Anton Rosenthal, Josua 
Brettauer und Iwan Rosenthal. 

Am 3. Mai 1887 erhielt der israel. Armenfonds- Verwalter 
Herm. Hirsch vom hohen Landesausschusse den Auftrag nun- 
mehr die Rechnungslegung für den israel. Armenfoiul aus den 



Entscheidung über den Israel. Armenfond. 308 

Jahren 1877—1886 zu verfassen und der Gemeindevorstehuug 
vorzulegen, die dieselbe der gesetzmässigen Erledigung zuzu- 
führen hat u. z. im Sinne des v^ 58 d. L. G. vom 7. Januar 
1883, wonach die Rechnungen vorerst an den Armenrat zu 
leiten sind, der sie dann, mit seinen Anträgen versehen, der 
Gemeindevorstehung vorzulegen hat. 

Am 30. Juni 1887 lagen jedoch die israelitischen Armen- 
rechnungeu dem Gemeindeausschusse vor, ohne dass sie vor- 
her den Armenrat passiert hätten. Über Beschwerde des 
israelitischen Armenfond -Verwalters hob der h. Landesaus- 
schuss am 18. September 1887, ZI. 2118, den Ausschuss- 
beschluss vom 30. Juni, weil ungesetzlich, wieder auf. 

Gesetz und Recht hatten in allen Teilen über die "Willkür 
gesiegt. 

War auch Dr. Simon Steinach der geistige Leiter der 
ganzen nahezu 15 Jahre umfassenden Inkorporirungs-Aktion, 
so war der endliche Erfolg doch auch dem einmütigen Bei- 
stande zu danken, den die Mitglieder des israelitischen Ge- 
meinde- und späteren Kultus- Ausschusses seinen Bestrebungen 
angedeihen Hessen. Um den Sieg der gerechten Sache hatten 
sich in den verschiedenen Perioden der Inkorporirungs-An- 
gelegenheit anch die Herren Dr. Ludwig üllmann, Bürgermeister 
Samuel Menz, Emanuel Brettauer, Jonas Brettauer, Ernest 
Schwarz, Bürgermeister Anton Rosenthal, Hermann Hirsch, 
Michael Menz, Iwan Rosenthal, Josua Brettauer, Oberlehrer 
M. Federmann u. A. reiche Verdienste erworben. 



Vorbei war endlich die lange Zeit des aufregenden Kampfes, 
Friede und Eintracht kehrten wieder in die Gemüter aller 
Ortsbewohner ein, in deren Mitte die Israeliten nunmelir ihre 
rechtmässige Stellung als Heimatberechtigte einnahmen. 
Und in diese von den Israeliten als tiefe Kränkung empfun- 
denen Jahre des Ringens um die ortsbürgerliche Gleichstellung 
fallen als wohltuende Lichtstrahlen jene Momente, in denen 
es den Israeliten vergönnt war, ihre staatsbürgerliche Gleich- 
stellung in patriotischem Vorgehen, in Huldigung vor Sr. 
Majestät den Kaiser Franz Josef I. und dem a. h. Erzhause, 
in tiefempfundener Teilnahme bei freudigen und traurigen 
Anlässen in demselben zu bekunden. 



l-^O^ Neuntes Kapitel. 

Arn ('». April 1875) warcl die Feier der silbernen Hochzeit 
unseres, niinnielir nach Gottes unerforschlichem Ratschlüsse 
getrennten, Kaiserpaares durci» Überreichung einer Adresse 
an a. h. Stelle, dnrcii Festgottesdienst und im Sinne des 
Monarchen durch einen Woiiltätigkeitsakt gefeiert, indem 
rt. 150, als Ergebnis einer durch Rabbiner Dr. Guttmann ver- 
anstalteten Sammlung, für die Opfer der Szegediner Über- 
schwemmung gespendet wurden. 

Im August d. tis. 1881 bereiste Se. Majestät der Kaiser 
das Land Vorarlberg und zeichnete auch den Ort Hohenems 
mit seinem Besuche aus. 

Die „Feldkircher Zeitung" bericiitet hierüber in Nr. (Ki 
vom 17. August 1881 Folgendes: 

„Dej" Kaiser in Hohenems. 

Für den Empfang Sr. Majestät des Kaisers wurde die Bahn- 
hofstrasse mit bewimpelten Tannenbäumchen. Guirlanden inid 
einer Triumphpforte aus Tannenreisig geschmückt. Das Bahnhof- 
gehäude wurde von Seiten der Bahnverwaltung schön dekorirl, 
unter Mitwirkung des Herrn Fabriksbesitzers Anton Bosenthal, 
der den Wartsalon reich möblirte, und der Herrn Banquier Marco 
Brunnerund WundarztSchmid, welcheden Perron mitBlumen zierten. 

Se. Majestät der Kaiser wurde bei der Einfahrt in den Bahhof 
von den begeisterten Hochrufen der Bevölkerung unter den 
Klängen der Yolkshymne jubelnd empfangen. Rasch dem Salon- 
wagen entsteigend, schritt der Kaiser auf den hoclnvürdigen 
Herrn Dekan Amor zu, der ihn im Namen der Ortsgeistlichkeit 
würdig begrüsste. Nach einigen an den Grafen Waldburg- 
Zeil gerichteten Worten nahm Se. Majestät die Huldigung des 
Bürgermeisters Witzemann und dessen Dank für die dem 
hiesigen Armenfonde zugewendete Allerhöchste Spende entgegen, 
erwiederte huldvollst dessen Ansprache, indem er seiner Freude 
über den schönen Empfang Ausdruck gab. Bei den Mitgliedern 
der Gemeindevertretung Häfele und Engelbert Amann erkun- 
digte er sich über lokale und speziell landwirthschaftliche Ver- 
hältnisse und sprach huldvoll den k. k. Strassennieister Ertl an. 
Hierauf wandte sich der Kaiser zum Rabbiner A. Guttmann, 
welclier in seiner Eigenschaft als Landesrabbiner von Tirol und 
Vorarlberg Se. Majestät der Treue und Ergebenheit der in diesen 
Ländern wohnenden Israeliten versicherte, worauf der Kaiser 
erwiederte, er sei von der Loyalität seiner israelitischen Landes- 
kinder überzeugt und freue sich, die Kundgebung derselben aus 
dem Munde ihres Seelsorgers zu vernehmen. Der Kaiser er- 
kundigte sich dann nach den Kultuseinrichtungen, den statistischen 
und historischen Verhältnissen der Israel. Kultusgemeinde und 
erwähnte, dass ihm bekannt wäre, es sei gegenwärtig die Israeliteu- 
gemeinde mit der Ortsgomoinde politisch vereinigt. Der Kultus- 



Der Kaiser in Hnhenem». ' 305 

vorstand Herr Anton Rosen thal, der aucli als Industrieller 
vorgestellt wurde, bat namens der Kultusgemeinde um die Er- 
laubniss, eine Blumenspende überreichen lassen zu dürfen, was 
Se. Majestät gnädigst gewährte und dieselbe von Frl. Sofie Rosen- 
thal, die von zwei israel. Schulmädchen begleitet war, entgegen- 
nahm. Ebenso huldvoll liess er sich zwei Blumenbouquets über- 
reichen, die von zwei christlichen Schulkindern, einem Knaben 
und einem Mädchen , gewidmet wurden , und sprach die schüch- 
ternen Kleinen in herzgewinnender Weise an. Herrn Dr. Steinach 
befragte der Kaiser um Beruf und Stellung in der Gemeinde und 
erkundigte sich bei ihm, als dem Beirathe des k. k. Landesschul- 
rathes, über die Schulverhältnisse der Israeliten. 

Über das zahlreiche Erscheinen der Gemeindevertretung und 
des hochwürdigen Klerus von Lustenau und Höchst äusserte 
sich der Kaiser sehr befriedigt, sprach mit dem Landtagsabgeord- 
neten und Vorsteher von Höchst Herrn Schneider und dem 
Lustenauer Vorsteher Herrn Hämmerle über dortige Gemeiude- 
verhältnisse und äusserte, die Herren schon bei der Audienz in 
Angelegenheit der Rheinregulirung gesehen zu haben. Ein ebenso 
ausgezeichnetes Personengedächniss zeigte Se. Majestät, indem 
er den Altbürgermeister Alge von Lustenau wieder erkannte, 
der vor Jahren Audienz in Wien erhalten hatte. 

Ein rührendes Intermezzo bot die Ansprache des Kaisers an 
den erblindeten Pfarrer Zwick le von Ebnit. Se. Majestät äusserte 
sein tiefgefühltes Mitleid über dessen Unglück, fragte, ob keine 
Rettung für ihn möglich sei, und war gerührt davon, dass der 
blinde Mann den weiten Weg aus dem entlegenen Gebirgsdorfe 
zu Fuss zu seiner Begrüssung gemacht. Auch der Vorsteher von 
Ebnit wurde freundlichst angesprochen. 

Hierauf schritt der Kaiser die Front der Veteranen von 
Hohenems und Lustenau ab und sprach mit deren Kommandanten 
über die Vereinsverhältnisse. 

Die nach dem Reiseprogramme auf 13 Minuten festgesetzte 
Aufenthaltszeit gnädigst verlängernd, trat der Kaiser in den 
Wartsalon, drückte Herrn Anton Rosenthal seine Zufriedenheit 
mit der Ausschmückung desselben aus, warf einen Blick durch 
das Fenster auf die Ortschaft und die Burgruine Alterns, sprach 
sein Wohlgefallen an der Landschaft aus und erkundigte sich 
bei Herrn Rosenthal nach den industriellen Verhältnissen und 
der Anzahl der beschäftigten Arbeiter. Hierauf schritt er zu 
den auf Tribünen aufgestellten Schulkindern, sprach die zunächst 
befindlichen Mädchen huldvollst an, fragte die Lehrschwestern 
und den Lehrer Weirather um die Schulverhältnisse, verabschiedete 
sich mit dem Ausdrucke der Allerhöchsten Zufriedenheit über 
den Empfang und verliess unter den enthusiastischen Hochrufen 
der Bevölkerung und den Klängen der Volkshymne den Bahnhof." 

Der Abends in Bludenz stattgefundenen Hoftafel war auch 
der Kultusvorsteher Anton RosenthH zugezogen worden. 

20 



30G Neuntes Kapitel. 

Die Ansprache des Rabbiners Dr. Guttmann hatte nach 
anderen Zeitungsberichten folgenden Worthiut: „Geruhen Eu. 
Majestät in allerhöchster Huld und Gnade zu gestatten, dass 
ich als Rabbiner für Tirol und Vorarlberg im Namen der 
hiesigen und auswärtigen Israeliten die Gesinnungen und Ge- 
fühle unserer unwandelbaren Treue, Anliänglichkeit und 
Loyalität gegen Eu. Majestät in tiefster Elirfurcht auszusprechen 
wage. Wir Israeliten beten tagtäglich zu Gott dem Allgütigen, 
dass er die reichste Fülle seiner Segnungen ausgiesse auf das 
glorreiche Haupt Eu. Majestät und dero allerhöchster Familie. 
Indem wir Eu. Majestät ein herzliches Willkommen zum Grusse 
bringen, bitten wir in tiefster Demut Eu. Majestät, uns die 
allerhöchste Huld und Gnade bewahren zu wollen. Gott segne 
und beschütze Eu. Majestät und das allerhöchste Kaiserhaus!" 

Se. Majestät der Kaiser antwortete hierauf: „Ich danke 
Ihnen für die warmen Worte, die Sie an mich gerichtet haben. 
Ich bin von der Treue und Anhänglichkeit meiner 
israel. Landeskiuder überzeugt und freue mich diese 
Bestätigung aus dem Munde ihres geistlichen Ver- 
treters zu vernehmen."^) 

Auch das 40jährige Regierungsjubiläum des Kaisers ward 
am 26. November 1888 durch Festgottesdienst und einer wohl- 
tätigen Spende von fl. 500 gefeiert, die der W^ohltätigkeits- 
anstalt in Valduna übersendet wurde und wofür die k. k. 
Bezirkshauptmannschaft am I.Dezember 1888, Nr. 10306, und 
das Stiftungskomitee am 4. Dezember 1888 dankten. - 

Desgleichen ward am 2. Dezember 1898 das 50jährige 
Regierungsjubiläum des Kaisers in Synagoge^) und Kultus- 
gemeinde gefeiert, freilich auch hier wie allenthalben noch 
unter dem schmerzlichen Eindrucke des jähen Ablebens der 
hochsei. Kaiserin Elisabeth stehend, aus welchem Anlasse 
bereits am 11. September 1898 ein feierlicher Trauergottes- 
dienst abgehalten worden war. 

Am 20. September 1900 ward dem Orte Hohenems die 
Ehre des Besuches des Korpskommandanten von Tirol und 
Vorarlberg, Sr. k. u. k. Hoheit Erzherzog Eugen zuteil, der 



') Vgl, Nr. 40 der Wiener „Neuzeit" vom 5. Oktober 1883. 

'^) Die aus dem Anlasse vom Rabb. Or. Tilnzer gehaltene Fest- 
predigt ist in J. B. Brandeis' Sammlung von Festpredigteu „Scepter und 
Krone", Frag 1899, S. 108ff. erschienen. 



Die gegenwärtigon liechtsverhilltnisse. 307 

auch die Synagoge besichtigte und worüber die „Neue Freie 
Presse" in Wien in Nr. 12961 vom 28. September 1900 
Folgendes berichtet: 

„Erzherzog Eugen in Hohenems. Aus Hoheneras in Vorarl- 
berg wird uns berichtet: Anlässlich eines mehrstündigen Aufent- 
haltes in Hohenems empfing Erzherzog Eugen am 20. d. eine 
Deputation der hiesigen Israeliten-Gemeinde, bestehend aus dem 
Rabbiner Dr. Tänzer, den beiden Vorstehern Michael Menz und 
Ivan Rosenthal, wobei er den Besuch der imposanten alten 
Synagoge in Aussicht stellte. Nach Besichtigung der Pfarrkirche 
fuhr denn auch der Erzherzog in Begleitung seines Adjutanten, 
des Kreisgerichtspräsidenten v. Larcher, des k. k. Bezirkshaupt- 
manns v. Ziegau, des Bürgermeisters und Gemeinderathes von 
Hohenems vor der Synagoge vor. Unter Führung des Rabbiners 
besichtigte er das schöne und grosse Gebäude aufs Eingehendste. 
Mit Interesse vernahm der Erzherzog auch die historischen Er- 
örterungen des Rabbiners über die Deckengemälde in der Synagoge, 
ein Geschenk des ersten in der ehemaligen Reichsgrafschaft Hohen- 
embs amtierenden österr. Amtmannes. Nach längerem Verweilen 
verliess der Erzherzog sichtlich befriedigt die Synagoge." 

Se, k. u. k. Hoheit besiclitigte auch das Allerheiligste, Hess 
sich eine der TlioraroUen aufrollen, die Schriftzeichen derselben, 
ebenso den herbeigebrachteu Schofar, erklären. Der Mittags- 
tafel war der Kultusvorsteher, Herr Mich. Menz, beigezogen. 



Das Gesetz vom 21. März 1890 (R. G. B. 57) hat die 
äusseren Rechtsverhältnisse der Israeliten im Österr. Kaiser- 
staate allenthalben geregelt. Eine Verordnung des Ministeriums 
für Kultus und Unterricht vom 9. Juli 1892 (L. G. ß. 20) stellte 
den Sprengel der nunmehrigen Kultusgemeinde Hohenems fest: 

„In Ausführung der §§ 3, 4 und 5 des Gesetzes vom 21. März 
1890 (R. G. B. 57), betreffend die Regelung der äusseren Rechts- 
verhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft, wird Nach- 
stehendes verordnet: 

1. Im Lande Voralberg hat eine einzige israelitische Cultus- 
geraeinde in Hohenems im politischen Bezirk Feldkirch zu 
bestehen. Der Sprengel dieser Cultusgemeinde umfasst das 
ganze Land Vorarlberg, nämlich die politischen Bezirke Feld- 
kirch, Bludenz und Bregenz. 

2. Die in der gefürsteten Grafschaft Tirol jeweilig wohnenden 
Israeliten werden der israelitischen Cultusgemeinde in Hohen- 
ems zugewiesen. 

20* 



30,S Neuntes Kapitel. 

3. Diese Feststellung und Abgrenzung dos Sprengeis der israeli- 
tischen Cultusgemeiiide in Hohen enis und die Zuweisung der 
Israeliten der gefürsteten Grafschaft Tirol zu dieser Cultus- 
gemeinde, tritt mit dem Tage der Kundmachung der gegen- 
wärtigen Verordnung im Landesgesetz- und Verordnungsblatte 
für die gefürstete Grafschaft Tirol und das Land Vorarlberg 
in Wirksamkeit und ist, von diesem Tage angefangen, die 
Cultusgemeinde in Hohenems als im Sinne des Gesetzes vom 
21. März 1890- (R. G. B. 57) constituirt anzusehen." 



Nahezu drei Jahrhimderte der Geschichte liegen zwischen 
Beginn und Abschluss dieses Bandes. Eine versehwindende 
Zeitspanne in den unermesslichen Zeitläufen der Entwicklungs- 
geschichte der Menschheit, aber ein gewichtiger Zeitraum in 
der einer einzelnen Glaubensgemeinde. 

Mit „Schutzjuden", die gegen Bezahlung und „auf Kün- 
digung" aufgenommen wurden, hat der Historiker eingesetzt 
und mit Staats- und ortsbürgerlich gleichgestellten Juden darf 
er abschliessen. Ist auch ein bedeutender Teil dieses Ent- 
wicklungsergebnisses den Juden selbst, ihrer Kraft und Aus- 
dauer, ihrer sie zu sittlicher Vervollkommnung anspornenden 
Religionsanschauung, ihrem — und dies sei zur besonderen 
Charakteristik derHohenemser Israeliten betont — entwickelten 
Verständnisse für die Zeit und ihre fortschrittlichen Rechte, 
und nicht zuletzt auch ihrer Frie4ensliebe und Opferwilligkeit 
zuzuschreiben, so spiegelt sich in demselben doch vornehmlich 
die allgemeine kulturelle, geistige und sittliche Entwicklung 
der Menschheit wieder, die endlich auch im Juden den zu 
den gleichen Rechten befähigten und berechtigten Mitmenschen, 
den würdigen und allzeit getreuen Mitarbeiter an den Ent- 
wicklungsaufgaben der Menschheit erkennen gelernt hat. 

Allgewaltig ist der Entwicklungszug der Menschheit, 
keine wie immer Namen habende Macht vermag ihn mehr 
für die Dauer aufzuhalten. Und seine bezwingende Kraft 
wird einst auch die letzten Schatten aus der Geschichte der 
Juden schwinden machen. 



Als statistische Beilagen sind diesem ersten 
Baude beigegeben: 



^ 



V 



Rückblick. Statistik. 



309 



1. Konkurrenzbeiträge der Israeliten- an die Christengemeinde 

1822—1878. 

2. Geburtsfälle 1768—1890, Todesfälle 1784—1890. 

3. Seelenzahl 1792—1878. 



Alljährliche Konkiirrenzbei träge 

von der Israeliten- an die Christengemeinde geleistet in den 
Jahren 1822—1878. 



Jahr 


Betrag 


Jahr 


Betrag 


(Laut Vergleich " 
vom 22. Febr. 1824.) 




1848 


fj. 619 


Bis 1822 fl 


. 2200 


1849 


„ 937.49 


1823 


800 


1850 und 1851 


„ 522.23 


1824 


414.45 


1852 


„ 812.57 


1825 


556.23^2 


1853 


„ 442.56 


1826 


354 


1854 


„ 584.59 1'4 


1827 


338.17 


1855 


„ 989.271/2 


1828 


257.22 


1856 


„ 754.21 3/, 


1829 ; , 


227 


1857 


„ 478.27 


1830 


389.50 V4 


1858 


„ 635.54 '/4 


1831 


340.22 


1859 


„ 657.47 


1832 j , 


215.33 


1860 


„ 948.74 


1833 


371.13 


1861/1862 


„ 767.54 


1834 


231.6 


Bis Ende 1864 


„ 1296.45 


1835 


181.45 


1865 


„ 1205.01 


1836 


214.54^2 


1866 


„ 1369.59 


1837 ; , 


267.391/2 


1867 


„ 841.91 


1838 


520.51 


1868 


„ 1255.73 


1839 


218.22 V2 


1869 


„ 1777.12 


1840 


180.23 1/2 


1870 


„ 1233.69 


1841 ij , 


192.54 1/2 


1871 


„ 1894.84 


1842 


2IO.I2V2 


(incl. Zufahrts- 




1843 


159.40^/8 


strasse) 1872 


„ 4079.62 


1844 1 , 


253.54 


1873 


„ 1760.62 


1845 


301.251/2 


1874 


„ 2203.35 


1846 


522.453/4 


1875 


„ 1500 


1847 


739.57 


1876—1878 


„ 2815.171/2 



310 



Neuntes Kapitel. 

Geburtsfälle (1708—1890). 



Jahre 


Knaben 


Mädchen 


Zusammen 


1768—1780 


39 


33 


72 


1781-1790 


40 


37 


77 


1791- 1800 


39 


28 


67 


1801—1810 


■ 64 


58 


122 


1811—1820 


91 


71 


162 


1821—1830 


93 


74 


167 


1831- 1840 


71 


89 


160 


1841—1850 


83 


70 


153 


1851—1860 


58 


55 


113 


1861 — 1870 


19 


27 


46 


1871—1880 


25 


13 


38 


1881-1890 


18 


11 


29 



Todesfälle (1784—1890). 



Jahre 


Männer 


Frauen 


Zu- 
sammen 


Männer 

über 
80 Jahre 


Frauen 

über 
80 Jahre 


1784—1790 


12 


9 


21 


— 


— 


1791 — 1800 


15 


19 


34 


2 


5 


1801—1810 


25 


10 


41 


2 


3 


1811—1820 


34 


40 


74 


2 


4 


1821—1830 


65 


54 


119 


8 


2 


1831—1840 


75 


45 


120 


2 


6 


1841—1850 


50 


54 


104 


8 


3 


1851 — 1860 


58 


56 


114 


4 


12 


1861—1870 


42 


40 


82 


8 


8 


1871—1880 


19 


29 


48 


2 


6 


1881-1890 


29 


21 


50 


— • 


6 



Seelenzahl (1792—1878). 



Jahr 


Seelenzahl 


Jahr 


Seelenzahl 




1792 


274 


1849 


521 




1811 


418 


1860 


490 




1820 


493 


1866 


455 




1830 


528 


1868 


271 




1840 


541 


1878 


165 





i'-^^" 



IL TEIL. 

Die inneren Verhältnisse. 



ZEHNTES KAPITEL. 

Gemeindeverwaltung. 

a) Allgemeine Verwaltung; b) Armenverwaltung; 

c) Friedliofsverwaltung. 

a) Allgemeine Verwaltung. 

Aus der Zeit der Reichsgrafen v. Ilohenembs liegen uns 
- nur sehr spärliche Nachrichten darüber vor, ob und wie 
die kleine Judengemeiude innerlich organisiert gewesen. Doch 
da bei den Juden allenthalben Gemeindeorganisationen durch 
das Bedürfnis der Erfüllung des religiösen Kultus ins Leben 
gerufen werden, so wird auch zweifellos unter den Hohen- 
emser Juden bald nach ihrer Niederlassung i. J. 1617 eine 
gewisse Organisation Platz gegriffen haben. Dazu zwang sie 
vornehmlich die Errichtung und Erhaltung der wichtigsten 
religiösen Institutionen , worauf ja schon im ersten Schutz- 
briefe ^) Bedacht genommen ward. Dann aber verlangte auch 
das bald erforderlich gewordene Eintreten für die Rechte der 
Juden, sowohl der Christengemeinde'^) wie dem Reichsgrafen ^) 
gegenüber, die Wahl eines bevollmächtigten Vorstehers, „Juden- 
ammann" genannt, dem allmählich, mit der Ausgestaltung 
der Verhältnisse, ein immer sich erweiterndes Tätigkeitsgebiet 
zufiel. Er war der Vermittler zwischen den Reichsgrafen und 
ihren jüdischen Untertanen, hatte für die pünktliche Einzahlung 
des Schutzgeldes, die Ausführung der gräflichen Befehle zu 
sorgen, wie endlich in vorkommenden die Gesamtheit betreffen- 
den Rechtsfällen als Anwalt derselben vor dem Reichsgrafen 
aufzutreten. Vor dieser höchsten Instanz waren Gemeinde- 
und Judenammann im Range gleich*), d. h. dem Grafen Untertan 



*) Vgl. S. 23: Synagoge, Schule, Friedhof usw. 

■•') Vgl. S. 26 f. =") Vgl. S. 38 ff. *) Vgl. S. 37 f. 



31-4 Zehntes Kapitel. 

und machtlos. Zum Judenammann, den der Reichsgraf er- 
nannte^), wurde in der Regel einer der Meistbegüterten gewählt, 
der mit seinem Vermögen für das Schutzgeld haftete und den 
Reichsgrafen in ihrer Geldnot auch gute Dienste leisten konnte. 
Auch genoss dieser unter den Juden das meiste Ansehen. 
Genannt werden als Vorsteher i. J. 1659 Josle Levi und 
Mayer Moos^), 1716 ebenfalls ein Josle Levi^) und 1731 
Urban Levit.*) Der erste Vorsteher dürfte wahrscheinlich 
AVolf von Langeuargen gewesen sein.^) Öfterer Wechsel in der 
Person des Judenammanns dürfte kaum stattgefunden haben. 
Der i. J. 1725 aus Innsbruck eingewanderte^) reiche 
Kaufmann Jonathan Uffenheimer erscheint schon wenige Jahre 
später als Vorsteher der Judengemeinde. 

Jonathan Uffenheimer, bei seiner Einwanderung in 
Hohenems schon verheiratet und Vater') zweier Söhne, Jakob 
und Maier*), hat sowohl bei den Reichsgrafen wie bei der Christen- 
gemeinde bedeutendes Ansehen genossen. Erstere ernannten ihn 
zu ihrem Hofjuden"), ein Titel, mit dem Befreiung vom Schutz- 
gelde und allen sonstigen Abgaben verbunden war, letztere sagte 
ihm das Bürgerrecht zu, ohne es ihm jedoch zu verleihen. ^°) Für 
im Erbfolgekrieg befriedigend durchgeführte Lieferungen für das 
Heer ward ihm und späterhin seinem Sohne Maier der Titel eines 
k. k. Hoffaktors^') verliehen. In des Jonathan Uffenheimers Haus 
war auch die Synagoge. 

Auf Befehl des Reichsgrafen rausste Jonathan Uffenheimer 
seine Vorsteherwürde am 26. September 1749 an den kurz vorher 
aus Sulz eingewanderten Josle Levi, eines Sohnes des 1688 in 
Sulz nebst zwei anderen, weil reichen, Juden ausnahmsweise 
geduldeten Salamon**), abtreten. 

Josle Levi, dessen Nachkommen i. J. 1813 den Namen 
Sülze r'^) annahmen, und dessen Urenkel der berühmte Wiener 
Oberkantor Prof. Salamon Sulzer'*) war, genoss ein hohes An- 
sehen sowohl bei den Reichsgrafeu , denen er, obwohl er bis 
1744 in Sulz wohnte, vielfach in Geschilftsangelegenheiten gute 
Dienste leistete, wie auch bei seinen Glaubensgenossen, als deren 



') Vgl. S. 65. '-) Vgl. S. 37. ') Vgl. S. 58. 

*) Vgl. S. 61. ä) Vielleicht aus S. 25 f. zu schliessen. 

*) Vgl. S. 59 ff. 

') Vgl. die Aiifnahmsurkunde S. 60. 

«) Vgl. S. 68. Auch Kap. 18: „Familienregister ". 

») Vgl. S. 61 u. 68. 1«) Vgl. S. 68. 

*') Über Jonathan Uffenheimers und seiner Söhne ausgedehnte 
Handelsbeziehungen siehe im nächsten Kapitel. 
»2) Vgl. S. 47 und S. 78. 
'^) Vgl. S. 195. 1*) Vgl. Kap. 15. 



Jonathan u. Maier Uffenheimer. Josle Levi (Sulzer). Maip.rMoos. 315 

Vorsteher und tatkräftiger Wortführer, insbesondere nach dem 
Sulzer Raubzuge'), er wirkte. Er war ein sehr frommer Mann, 
talmudkundig, Mohel, und Besitzer eines bedeutenden Vermögens. 
Er starb hochbetagt in Hohenems i. J. 1753 und ist auf dem 
dortigen israelitischen Friedhofe begraben. Sein Grabstein, Nr. 38, 
ist noch erhalten. 

Nach ihm wirkten als Vorsteher Maier Jonathan Uffenheimer 
und Maier Moos Koschelis. 

Maier Uffenheimer, jüngerer Sohn des vorgenannten 
Jonathan, ward in Innsbruck im Jahre 1719 geboren. 1725 kam 
er mit seinen Eltern nach Hohenems. Gleich seinem Vater war 
auch er ein bedeutender Kaufmann, führte den Titel eines k. k. 
Hoffaktors und stand in hohem Ansehen. Er bekleidete sein 
Ehrenamt bis zu seinem am 20. Oktober 1789 erfolgten Tode.-) 



>) Vgl. S. 81. 

*) Das alte Sterbebuch zeigte auf pag. 2 unter Nr. 20 folgende 
Eintragung: „1789, 20. Oktober, Haus Nr. 3, Jonathan Uffenheimer, 
70 Jahre alt." Zweifellos liegt hier ein Irrtum des Abschreibers vor. 
(Die Eintragungen im alten Sterbebuche bis z. J. 1813 stellen eine damals 
vorgenommene Cberschreibung vor.) Mai er Jona than Uffenheimer 
kann nur hier geraeint sein, da Jonathan Uffenheimer, nach vorliegender 
Original- Aufnahmsurkunde i. J. 1725 als Familienvater ein- 
wanderte, also 1789 nicht im Alter von 70 Jahren gestorben sein 
kann. Übrigens findet sich dieses Todesdatum Maier Uifenheimers in den 
Schriften seiner Hinterlassenschaftsabhandlung wie in den Familienpapieren 
seiner Nachkommen genau angegeben. In den hebräischen Sitzungsproto- 
kollen und „Erech"-Aufzeichnungen sowohl wie auf den Grabsteinen seiner 
Töchter wird seiner gedacht als ^l> ^^^IX QV 'H^ p ^^S(t2 'HD ÖlS- 

Die Uffenheimer'schen Familienbeziehungen stellen sich folgen der- 
massen dar: 

Jonathan Uffenheimer. 
(Im Jahre 1725 als Familienvater aus Innsbruck eingewandert. Vgl. S. 59 ff.) 

Kinder: 
1. Jakob. 2. Maier (geb. 1719 in Innsbruck, gest. 

20. Okt. 1789 in Hohenems), dessen Gattin 
(1. od. 2. Ehe): Judith verw. Burgauer 
(gest. 6. Aug. 1786 in Hohenems). 

Kinder: 

1. Abraham, gest. 1814 in Venedig, 
woselbst er gewohnt hatte. 

2. Brendel, Gattin des Herz 
Lämle Brettauer. 

3. Judith (Dölzele), Gattin des 
Nathan Elias (Brentano). 
(Gräbst. Nr. 29 u. 30), 



316 Zehntes Kapitel. 

Maier Moos, Sohn des Koschel (Moses) Moos'), dessen 
Nachkommen 1813 den Namen Reichenbach'^) annahmen, war ein 
sehr reicher und hochangesehener Mann, der weitausgedehnte 
Handelsbeziehungen unterhielt. Seines Vertrages mit dem Bregenzer 
Oberamte im Jahre 1771 ward bereits gedacht.*) Seinen hoch- 
herzigen Sinn bekundet sein im Jahre 1777 (13. Elul 5537 n. j. Ztr.) 
kurz vor seinem Tode eri'ichtetes Testament, dessen an anderer 
Stelle*) gedacht werden wird und mit dem er den Grund zu einer 
heute noch bestehenden, seinen Namen tragenden "Wohltätigkeits- 
stiftung legte. Sein Grabstein (Nr. 37) ist noch erhalten.*) 

Über die Art der Gemeindeverwaltung, der Deckung der 
Gemeindelasten usw. zur Zeit der Reichsgrafen haben sich 
infolge des schon erwähnten grossen Brandes im Jahre 1777*) 
fast gar keine Nachrichten erhalten. 

Die wenigen vorhandenen Notizen lassen auf die gleiche 
Verwaltungsart wie in allen anderen jüdischen Gemeinden 
des 18. Jahrhunderts schliessen. 

Aus dem Jahre 1760 stammt das älteste, in hebräischer 
Sprache verfasste, noch erhaltene Sitzungsprotokoll zur Fest- 
stellung der Gemeindeumlagen. Demnach ward von Zeit zu 
Zeit, zumeist von 2 — 3 Jahren, eine Kommission von Vertrauens- 
männern gewählt, die nach bestem Wissen und Gewissen jedes 
Gemeiudemitglied zur Besteuerimg „einschätzte". Daher die 
hebräische Bezeichnung „Erech". Die Gemeindelasten bestanden 
1760 aus den Abgaben für den Ort und das österreichische Erz- 
haus, aus der Zollentschädigung an die Stadt Feldkirch, den 
Salairs des Rabbiners und der Beamten. Interessant ist, 
dass 1760 drei Vertrauensmänner Hohenemser und drei 



4. Rebecka, Gattin des Lob 
Nathan Wezlar in Frft. a. M. 

5. Klara, Gattin des Lazarus 
V. Wertheimstein in Wien. 

Hierzu noch: 

6. Der Judith Burgauer Sohn erster 
Ehe: Benjamin Burgauer, 
gest. 1796. 

Durch Maier UfFenheimer kamen so die Familien Burgauer, 
Brettauer und Brentano nach Hohenems. 

1) Er unterschrieb sich: Hti^D p "T'J<!2 

2) Vgl. S. 194. 
») Vgl. S. 129 f. 
^) Vgl. Kap. 17. 

*) Desgleichen der seiner Eltern, Doppelgrab Nr. 113. 
«) Vgl. S. 132 f. 



Ältestes Steuersystem. 317 

(ehemalige) Sulzer Juden waren. ^) Demnach scheinen die 
von Sulz Eingewanderten vorerst auch in Hohenems eine 
gesonderte Gemeinschaft gebildet zu haben. Durch eigen- 
händige Unterschrift verpflichtete sich jedes Gemeinderaitglied 
die Einschätzung durch die gewählten Vertrauensmänner anzu- 
erkennen. Später jedoch kam die persönliche Fatierung des 
Vermögens in Gebrauch. Die Steuer war eine Vermögens- 
steuer, d. h. jeder hatte vor den Vertrauensmännern unter 
Eid sein Vermögen anzugeben, von dem dann entsprechend 
der jeweiligen Höhe der Lasten ein gewisser Prozentsatz in 
Monatsraten (Monat-Zettel) eingezogen wurde. Auch wurde 
jeweilig das Maximum, bis zu welchem überhaupt versteuert 
werden musste, zumeist bis fl. 25000 festgesetzt. Solche die 

kein Vermögen besassen, mussten als j-f^ (n^2n l2^S"l) ^^^ 
Familienhäupter eine kleine von den Vertrauensmännern be- 
stimmte Steuer leisten. Die Leitung der ganzen „Ein- 
schätzung" lag in den Händen des Rabbiners, der vor- 
kommenden Falles auch den Eid abnahm. Der „Erech", 
d. h. die Einschätzungssumme, das versteuerte Kapital war 
auch massgebend für die Armenversorgung, für den Unter- 
halt einheimischer und durchreisender Armen. Diese er- 
hielten vom Vorsteher eine Bollette, eine Anweisung an eine 
Familie, sie eine bestimmte Frist, zumeist über den Samstag, 
zu verköstigen. Nach der Höhe des Steuerkapitals ward 
die jährliche Anzahl solcher Bolletten für je eine Familie 
bemessen. 

Auch die Verteilung der Militär-Einquartierungen geschah 
mit Hilfe der „Bolletten". 

Bei den „Erech"-Sitzungen wurden auch die „Tekanoth", 
Satzungen für die Gemeindeordnung, festgesetzt. 

Im Jahre 1761 (s^pH D2li^'?) ^^^^'^ beschlossen, dass 
auch unverheiratete Männer zum Schutzgelde beizutragen 
hätten, wie desgleichen 3 Personen bestimmt wurden, die, 
bei Strafe von „2 Liter Öl für den Tempel", sich nicht eher 
aus der Heimat fortbegeben durften, bis sie die Einkassierung 
besorgt hatten. 



ybis 'n^ro n^bu) dd;? '^üvü n\^b^ bnpn iihd m:ir\:) 



318 Zolintcs Kapitel. 

lu) Jahre 1767 ward das Verhältnis zu den Gerichten 
Rankweii und Sulz geregelt. Wie bereits erwähnt^), war schon 
1763 zwischen den beiden Gerichten und den Hohenemser 
Juden vereinbart worden, dass einzelne Hohenemser Juden 
sich zusammentaten, an Stelle der Gerichte die fl. 100 für 
„die Gnade der Judenausvveisung" bezahlten, wofür diesen 
der Handel in den Gerichten freigegeben ward. 1767 über- 
nahm die Judengemeinde als solclie die Zahlung der lüO H., 
gab dafür all ihren Mitgliedern den Handel in den Gerichten 
frei, w^ofür all jene, die in den Gerichten Handel treiben 
werden, verpflichtet sein sollen, einen entsprechenden, nach 
Verhältnis des Gewinnes zu bemessenden Betrag an die 
Israel. Gemeindekasse abzuführen. Den einzelnen Handel- 
treibenden ward für ihre Angaben Vertrauen geschenkt.^) 

Das „Erech"- Verzeichnis von 1770 zeigt 47 Vermögens- 
steuerzahler mit einem Gesamtsteuerkapital von 86 000 fl. 
und 8 Träger der kleinen Familiensteuer. Als Hochst- 
besteuerte erscheinen die Vorsteher Maier Jonathan Uffeu- 
heimer und Maier Moos. 

Im Winter 1791 fand eine sehr bedeutungsvolle Gemeinde- 
versammlung unter Vorsitz des Rabbiners Lob Ullmann und 
der beiden Vorsteher Lazarus Josef Levi und Nathan Elias 
statt. Nach Erledigung der üblichen „Erech"-Feststellung 
wurden auch eine Anzahl wichtiger Normen (riTUpri mjpn) 
zum ßeschluss erhoben. Den Aufzeichnungen im noch er- 
haltenen alten Klialbuche ist hierüber an Wesentlichem zu 
entnehmen: , 

1. Das Amt des Vorstehers (^X^Jl) sollte von nun ab mit dem 
des Säckelmeisters (n^lJl) vereint sein, doch sollten die Ge- 
wählten separate Rechnung führen über die Gelder -7np und 
über die Geldfer-np"!^.'') 

2. Sollten die armen Gemeindemitglieder ihren Rückstand an 
Gemeindesteuer durch die Annahme von BoUetten abtragen 
können. 

3. Das Aufhören der Minjanim (Bet -Versammlungen) in Privat- 
häusern. In besonderen Ausnahmsfällen ist dies nur gegen 
eine Entschädigung an die Armenkasse zu gestatten. 



') Vgl. S. 104 u. a. a. 0. 

^) 1776 wurden auch diese fl. 100 nach dem „Erech" verumlagt. 

') Man beachte diese erste Trennung von Gemeinde- und Armen- 
geldcrn, da hier die ersten Anläufe zum späteren, 1829 ins Leben ge- 
tretenen Israel. Armenfonde zu erblicken sind. 



„Tekanoth" (Satzungen). 319 

4. Braut oder Bräutigam ledigen Standes aus der Gemeinde haben 
1 «/., der Mitgift ("i:i''j;t^n 'p 1\^*^^) an die Gemeinde zu 
zahlen. Vorher darf der Rabbiner die Trauung nicht vollziehen. 

5. Angestellte jeder Art, welche aus beliebiger Ursache den Dienst 
bei einem Gemeindemitgliede aufgeben, sollen vor Ablauf eines 
Jahres, bei Strafgeld, von keinem anderen Gemeindemitgliede 
angestellt werden; es sei denn, der frühere Dienstgeber erklärt 
schriftlich, nichts dagegen einzuwenden. 

6. Jeder durchwandernde Arme (Urach) erhält 6 kr. von der 
Armenkassa und haben die Gemeindemitglieder entsprechend 
der Anzahl der für sie festgesetzten Bolletten hiezu bei- 
zutragen. 

7. Am Simchas-Thora ist das übliche Zur-Thora-Rufen aller An- 
wesenden wegen Belästigung des Publikums abzustellen. ') Ein 
Lediger darf nicht als „Chassan" aufgerufen werden. 

8. Am Sabbath vor einer Hochzeit (genannt P''Tip3yj2^ n^ki^) 
gehöx-t der p^D ^^^m Hochzeitsvater gegen Bezahlung von '/-i A- 
an die Armenkasse. 

9. Niemand soll mehr eine „Weiz-Nacht" machen, sondern dafür 
einen Betrag spenden. 

10. Die Mahlzeiten bei „Jüdisch -Kerz" haben aufzuhören, des- 
gleichen beim ersten Ausgange der Kiudbetterin. 

11. Durchreisende Arme erhalten ausser der Bollette über Samstag 
auch noch eine kleine Geldunterstützung vom betreffenden 
Hausvater. 

12. Regelung des Schadchonuth -Wesens. 

13. Festsetzung des Gehaltes des Rabbiners Lob Ulimann: 
100 fl. und den '/, Schechitah-Ertrag, für eine Trauung fl. 5, 
Verlobung 45 kr, Testamente verfassen 45 kr, für jedes Certi- 
fikat 24 kr, für eine Kethuba fl. 1; ferner gewisse je nach der 
Höhe des Erechs im betreffenden Hause zu bestimmende Bezüge 
bei Hinterlassenschafts-Regelungen. 

(Dessen Sohn und Nachfolger, Rabbiner Samuel Ullmann, 
erhielt ab 1802 fl. 250 Jahresgehalt.) 

Der Kantor und Schächter erhält 100 fl. jährlich und 
diverse Sportein nebst dem halben Schechitah-Ertrage. 

Der Gemeindediener (Schames und Schulklopfer) bezieht 
49 fl. und diverse Sportein. (1802 ward dessen Gehalt auf 
fl. 80, 1810 auf fl. 96 erhöht.) 

Die für verschiedene Übertretungen der „Tekanoth" fest- 
gesetzten Strafgelder gehörten zur Hälfte der Gemeinde, 
während die andere Hälfte der Behörde abgeliefert werden 

musste. (prn^iy n^Vn) 

Eine teilweise neue und gründliche Regelung erfuhren 
die Verwaltungsverhältnisse der israel. Gemeinde in Ilohen- 



') Es ist dies die erste Reform auf diesem Gebiete und macht dem 
Rabbiner Lob Ullmann alle Ehre. 



l\-20 Zehntes Kapitel. 

eins durch die am G. Oktober 1795 erlasseiieu „Ver- 
ordiiiingeu" des k. k. Ober- und Kreisatntes. Diese „Ver- 
ordnungen", die beim Inkorporierungs-Prozesse von 1876 von 
gegnerischer Seite in sehr irrtümliclier Weise als Geburts- 
belege einer „politischen" Israeliten-Gemeinde ausgelegt- 
wurden und auf die noch rund 100 Jahre später bei der Neuwahl 
einer Kultusvorstehung zurückgegriffen wurde, mögen hier 
ihrem Wortlaute nach Platz finden. 

„Vero r dnung. 
Zu verfänglicher Abscheidung aller unter der Oe. schutz- 
verwandten Judenschaft zu Hohenems bisher ihrer innerlicher 
Einrichtungen und Verfassung halber obgewalteter Misshelligkeiten, 
Irrungen und Unrichtigkeiten, werden hiermit die von k. k. Ober- 
und Kreisamte neuerlich bestätigte folgende unverbrüchlich zu 
beobachtende Massregeln und Anordnungen festgesetzt: 

1. Sollen jeweils drei Judenschafts vorsteher bestehen, denen 
die Besorgung aller innerlichen geraeinen Anliegenheiten und 
die möglichste Beförderung des gemeinen "Wohls aufliegt. 

2. Diese drei Vorsteher haben sofort drei Jahre lang in sothanem 
ihrem Amte zu verbleiben, es wäre denn Sache, dass ein — oder 
mehrere unter der Zeit verstürben, oder der eint — oder an- 
dere, doch gegen Vermuthung, durch Übelverhalten hiervon von 
Obrigkeitswegen entsetzet würde. 

3. Wiederholte drei Vorsteher werden alle drei Jahr auf folgende 
Weise entweder wieder ganz oder zum Theil bestätiget, oder 
neu ausgewählt: Es wird nämlich jeweils nach Verschluss 
dieser dreijährigen Frist von k. k. Administration zu Ems der 
diessfällige AVahl- und resp. Besatzungs-Tag nach Belieben 
eigens bestimmt und in der Synagoge behörig bekannt gemach-t. 

4. Haben alsdann an diesem Tage sämmtliche jüdische schutz- 
verwandte Familien-Häupter persönlich vor k. k. Administration 
zu erscheinen und jeder insbesondere und im Geheimen auf 
vier Subjekte, so sie hiezu gewissenhaft für die tüchtigsten 
halten, ihre Stimme mündlich abzugeben, wo sofort die k. k. 
Administration" aus diesen nach der ausgefallenen Mehrheit der 
Stimmen in Vorschlag gebrachten Subjekten drei davon zu Voi*- 
stehern auswählen und der Judenschaft nahnihaft machen wird. 

5. Zu Abgebung ihrer eben erwähnten Stimmen auf die Vorsteher 
sind nur einzig jene, folglich mit Ausschluss all anderen, berech- 
tiget, welche in das k. k. Cameral-Rentamt zu Bregenz das jähr- 
liche Schutzgeld entrichten, somit ein Familienhaupt ausmachen. 

6. Hierbei werden in Hinkunft keine Stimmen schriftlich an- 
genommen ; wer also an dem festgesetzten Tage nicht persönlich 
erscheinet, ist |:doch nur für diesmal:| seines Stiramenrechtes 
verlustig. 

7. Hat diese Vorstehungs-Erneuerung fürohin jeweils im Monat 
November alle dritte .Jahre sofort, die künftig nächste derlei 



Verwaltiings-Verordnungen v. J. 1795. 321 

Wahl im November 1798, zu beschehen. So wie die nach eben 
dieser Richtschnur angeordnete dagegen schon bereits bewirkte 
Vorsteherwahl erfolget ist und hiermit von k. k. Administrations- 
Wegen im Nachbenannten die Judeiiscliafts- Vorsteliniig 
bestätiget wird als 

a) k. k. Hoffaktor Lazar Joseph Levy 

b) Nathan Elias 

c) Heinrich Levy. 

8. Indeme nun die vorzüglichste Obliegenheit der Vorsteher darin 
sich verhält, auf gute Zucht und Ordnung genaue Aufsicht zu 
haben, hauptsächlich aber auf die strikte und pünktlichste Be- 
folgung aller auf die Judenschaft ebenfalls Bezug habende 
allerhöchste und hohe Gesetze Befehle, und Verordnungen genau 
zu wachen, sofort die Judenschaft in ihrem billig-massigen 
Erwerb und blühenderem Aufkommen gegen innerliche und 
äusserliche Bedrückungen, Hindernisse und nachtheilige Ver- 
vortheilungen möglichst zu schützen, als haben die Vorsteher 
bei Gewissen und Pflicht sothane ihre Schuldigkeit unrück- 
sichtlich zu erfüllen, folglich die Übertreter oder Widerspänstige 
sogleich der k. k. Administration dahier, oder durch diese in 
bedeutenderen Vorkömmnissen zur Bestrafung oder sonst er- 
forderlichen weiteren Fürkehrungen dem k. k. Kreisamte Bregenz 
behörig anzuzeigen, auch in erheblicheren, die gesamte Juden- 
schaft betreffenden Anliegenheiten oder öffentlichen Beschwer- 
nissen, so sie selbst beheben zu können über ihre Kräfte finden, 
die kreisämtliche Verfügung und Unterstützung nachzusuchen. 
9. Wird den zwei zu wählenden Säckelmeistern und Armen- 
pflegern von nun an der Beizug der Steuern und gemein- 
schaftlichen Anlagen ganz allein übertragen und da 

10. die derzeitige derlei Anlagen ungefähr eine Summe von fl. 700 
erfordern dürften, so ist auch hiernach die Anlage einsmal noch 
und bis eine andere vom k.k. Kreisamte bestätigte Besteuerungs- 
Norm erfolgen wird, mit deme fortzusetzen, dass 

11. die Halbscheid hievon nach dem bisherigen gewöhnlichen 
Steuerfuss bezogen, die zweite Halbscheid hingegen ebenfalls 
in bisheriger Art und Mass durch den Accis oder Aufschlag 
auf alle Gattungen Fleisch, Geflügel usw. so dem Schächten 
unterliegen, eingebracht werde; so nicht minder 

12. es auch in Betreff eben gemeldeter Aufschlag auf das geschächtete 
Fleisch einsmals bei der zeitherigen Einriebt — und Verfassung, 
sofort auch zu Erzielung mehrerer Richtigkeit bei der Aus- 
teilung der diesfälligen Billets vollständig zu verbleiben hat, 
welchem nach dem Schächter bei Vermeidung empfindlicher 
Geldstrafe verboten wird, nicht das Geringste zu schachten, 
es sei ihme denn vorerst das diesfällige Billet ausgewiesen 
worden; so wie 

13. diese Billets von dem k. k. Faktor Lazar Joseph Levy als ersten 
Vorsteher mit eigener Unterschrift zu bezeichnen sind, also 
sind solche vorerst, und zwar das erste Jahr von dem zweiten 

21 



32"i Zehntes Kapitel. 

und (las zweite Jahr von dem dritten Vorsteher und so jähr- 
lich wechselweise mit dem Petschaft zu bedrücken, sofort dem 
ersten Vorsteher in Verwahr- zu Unterschreib- und zur Aus- 
theilung zu behändigen. Dagegen der erste Vorsteher die Ab- 
gab — und Abreichung sothaner Billets mittelst besonderen 
Aufscliriebes gewissenhaft fürzumerken und bei eigener Plaf- 
tung allmonatlich hiefür die Säckelmeister und resj). Armen- 
pfleger den Einzug des Geldes zu bewirken haben. 

14. Der diesfälligen Taxe halber bleibt es einsmals bei den bis- 
herigen Verhältnis und Bestimmung. 

15. Haben die drei Vorsteher unter Beizug der zweien jüdischen 
(lemeinde-Deputierten gleich voraus gewisse Ziele und Termine 
festzusetzen und durch öffentlichen Anschlag in der Synagoge 
bekannt zu machen, an welchen die Judenschafts-Individuen, 
so viel es die nach dem Vermögens- oder Steuerfuss abzu- 
reichende jährliche Geld-Abgabe betrifft, solche unverweigerlich 
und zwar bei Vermeidung starker gerichtlicher Exekution ihre 
jährlichen Geldbeiträge abzuführen haben, welch Exekution 
auch falls ein derlei säumiger Zahler etwa auf diese Zeit ausser 
Landes oder ausser dem Ort befindlich wäre, gegen ihre Weiber 
und Kinder auf ihr Vermögen unrücksichtlich statthaben solle; 
diese Zahlungstermine jedoch kommen 

IG. so festzusetzen, dass das Geld von den einzelnen Hebräern 
schon vorerst anticipatu eingebracht werde, ehe ein alljährlich 
gewöhnlichermassen schon vorauslich wissentliches Ziel ver- 
fallet, an welchem die von gemeiner Judenschaftswegen zu be- 
streitende Auslagen auf Amtsgefälle, Zinsen, Besoldungen, 
Wartegeldei und andere derlei allgemeine Schuldigkeiten ab- 
geführt werden müssen; raassen die Säckelnieister nicht befugt 
sind, früher als die bestimmten Zahlungsfristen verfallen sind, 
jemandem zu einem früheren Erlag anzudringen, so wie a«ch 

17. die Säckelmeister, wenn diese mit Entrichtung derlei bestimmten 
Auslagen an die Behörde ihres Ortes säumig wären, sofort hier- 
wegen Exekution oder andere Kosten auflaufeten, dieselbe aus 
eigenem Beutel dafür zu haften hätten ; ereignete sich 

18. dass gar unvorhergesehene, die gesamte Judenschaft betreffen- 
dere wichtigere Auslagen zu bestreiten fielen, in diesem Falle 
haben sämtliche drei Vorsteher unter Beizug zweiener jüdischer 
Gemeinds-Deputirten sich zusammen zu setzen, und wohl- 
bedächtig zu berathschlagen, wie und auf was Art unvermuthete 
Ausgaben im mindest beschwerlichen Wege aufzubringen und 
zu veranlagen seien, welcher Aufsatz und Entwurf jedoch 
vorerst der k. k. Administration oder dem k. k. Ober- und Kreis- 
amte zu Bregenz zu Bestättigung vorzulegen sein wird. 

19. Die bisherigen Restanzien sind fördersamst einzubringen und 
zu dem Ende den Schuldnern die Auszüge des ihnen be- 
treffenden Betrags mit deme schriftlich zuzusenden, dass jene, 
so gegen diese Forderung keinen Einwand zu haben finden, 
solche gleich uneinstellig bezahlen; jene hingegen so hierunter 



Wr\valtmig;<-\'eroi'diuinf^-en v. J. 1795. '^^'-i 

etwas mit runde erimiern zu können glauben, ihre Einwendung 
binnen 8 Tagen der k. k. Administration schriftlich einreichen 
sollen, damit alsdann an denen hierzu eigens bestimmt werden- 
den Tagen solche untersuchet und nach angehörten Partheien 
gänzlich ausgeglichen und entschieden werden können. 

20. Für die Zukunft aber werden keine Ausstände mehr gestattet, 
sondern die Säckelmeister hätten hierfür aus eigenem Ver- 
mögen nnrücksichtlich zu haften; massen es alsdann ihre Schuld 
ist, wenn sie nach Masse vorbemerkter Vorschriften und A'"er- 
ordnungen den Steuer-Geldbezug bewirken und die Gelder ein- 
bringen. 

21. Die Steuer- und Gemeindsrechnung ist in Zukunft alle Jahr 
ununterbleiblich im November in Gegenwart der drei Vorsteher 
und zweier Gemeinds-Deputirten abzulegen und zu berichtigen, 
sofort durch samentliche ihre Unterschriften, sofern dabei keine 
erhebliche Bemängelung eintritt oder solche gehoben ist, zu 
adjiistiren, alsdann aber der k. k. Administration zur Revision 
zu übergeben. Endlich 

die Säckelmeister und Armenpfleger betreffend 
Averden 

22. für dermalen und bis im November 1798 Ephraim Levy und 
Salamon Wolf als Säckelmeister und Arraenpfleger bestimmt 
und bestätiget; die Wiederbestätigung oder neue Besetzung 
der Säckelmeister und Armenpfleger hingegen hat in Zukunft 

23. ebenfalls alle drei Jahr bei Gelegenheit der Vorstehungs- 
wahl für sich zu gehen und zwar 

24. in dem Masse, dass die zweien Säckelmeister und zugleich 
Armenpfleger durch die Mehrheit der Stimmen von den drei 
Vorstehern und deren zwei Judenschafts -Gemeinds-Deputirten 
solche entweder bestätigen oder zum Theil oder ganz neue Sub- 
jekte hiezu auswählen sollen; wäre es aber Sache dass 

25. die Vorsteher und Gemeinds-Deputirten in ihren Stimmen gar 
zu verschieden und uneinig wären, so wäre hievon die schrift- 
liche Anzeige an die k. k. Administration zu erstatten, wo 
alsdann die endliche Bestimmung derselben von da aus erfolgen 
würde; 

26. diese Wahl und neue Besetzung der Säckelmeister und resp. 
Armenpfleger hat ebenfalls jeweils im Monat November des 
Jahres zu jener Zeit zu beschehen, wenn die Wahl der Ge- 
meindsvorstehcr abgehalten wird, bei welcher Gelegenheit die 
von den 3 Vorstehern und zweien Geraeindsdeputierten erfolgte 
neue Erneuerung oder Bestätigung der zweien Säckelmeister 
oder resp. Armenpfleger diesseitiger k. k. Administration zur 
Bestätig- und Genehmigung schriftlich einzureichen ist. 
Schliesslich 

27. sind die Säckelmeister und resp. Armenpfleger verbunden mit 
Ende jeden Jahres ihre Rechnungen über den ganzen Empfang 
und die Ausgaben denen 3 Vorstehern und den 2 Gemeinds- 

21* 



324 ~ Zelintes Kapitel. 

Deputirten abzulegen und solche von diesen letzteren, falls 
dabei kein Bedenken unterwaltet, durch ihre Unterschriften zu 
adjustiren, welche sofort der k. k. Administration zur Revision 
vorzulegen. 

Welches dann gegenwärtig der gesamten Judenschaft zur 
Wissenschaft hiernachig pünktlichster gehorsambsten Benehm- 
und Nachachtung anmit eröffnet und kund gemacht ist. 

Von k. k. Administration der Grafschaft Hohenembs 
d. G^en Oktober 1795. 
(L. S.) Franz Ferd. v. Bürgin." 

Welch grosse Opfer die Franzosenkriege um die Wende 
des 18. Jahrhunderts von der Hohenemser Judengemeinde 
forderten, dessen wurde bereits eingehend im fünften Kapitel 
gedacht. In erster Reihe wurden die Vorsteher der Juden- 
schaft schwer getroffen, denn ihnen lag es ob die jeweilig 
benötigte Summe so rasch als möglich und mit möglichst 
geringen Zinsen zu beschaffen. Die damals völlig mittellose 
Judenschaft erschöpfte sich bis aufs Äusserste. Ja, es kam 
endlich dahin, dass in einer Versammlung am 27. Nissan 5557 
nach jüd. Zeitr. (1797) beschlossen ward, von nun ab ein 
Einkaufsgeld von sich neu ansiedelnden oder nach Holienems 
heiratenden Juden zu erheben. Dergleichen hatte damals, wo 
eine Normalzahl noch nicht festgesetzt und die Einwanderung 
unbeschränkt war, nur die steigende Not zuwege gebracht. 
Und diese Neuerung ward der Gemeinde nicht leicht, wie in 
dem betreffenden Protokoll hervorgehoben wird. ^) In einer 
Eingabe der Ortsvorstehung vom 14. September 1797 an die 
Hohenemser . k. k. Administration: den Juden das Wohnen 
ausserhalb der Israelitengasse zu verwehren, beschwert sich 
diese gelegentlich darüber, warum nicht auch ihr eine Schröpfung 
der sich neu ansiedelnden Juden gestattet sei. 

Und dabei waren die laufenden Lasten für die kleine 
Judeugemeinde schon genügend hohe. Vom Jahre 1802 liegt 
folgende amtliche Zusammenstellung hierüber vor: 



n-i^7: n'? r\:r\ r;ü 'syx Sipn nnr^'? n^m n:pn ]prh 

n:pnn ntrpj 2^; f 



Die Zeit der Franzosenkriege. 325 

Es zahlen 68 Schutzjiiden ^) ins Camerale jährlich fl. 1066.30, 
Grundsteuer für Synagoge und Begräbnisstätte ins 

Camerale jährlich „ 15. — , 

Grundsteuer für mehrere Häuser, Taxen für Heirats- 
konsense per fl. 25 — 30 ins Camerale 

Steuer zur Christengemeinde 

Geiialte: dem Rabbiner fl. 250, dem Vorsinger fl. 100, dem 
Judenweibel oder Schames fl. 100, dem Lehrer der 
Normalschule fl. 150, dem Doktor Hollenstein ^) fl. 75, 
Interessen für fl. 3000 Passiv-Kapitalien fl. 150, Nacht- 
wächter, Brunnengeld, Strassenbeleuchtung, Erhaltung 
der einheimischen und fremden Armen, des Fried- 
hofes, der Waschhütte ^) usw. ; kurz, Lasten, die es 
an sich schon begreiflich erscheinen lassen, dass die Gemeinde 
mit Schulden zu kämpfen hatte. 

Hier nur eine kurze Zusammenstellung der von der Juden- 
schaft ausschliesslich zur Bestreitung der Kriegslasten auf- 
genommenen Darlehen : 

1802 von den eigenen Gemeindemitgliedern auf 
vom Vorsteher k. k. Hoffaktor Lazarus Josef 

Levi unterschriebenen Schuldscheinen fl. 2935 

1804 durch Vermittlung Herz Lämle Brettauers von 

J. Ganahl in Feldkirch fl. 500 

1807 von demselben zu 6 7o fl- ^00 

1809 in Frankfurt a./M fl. 4000 

1810 von den Mitgliedern auf 94 Schuldscheinen fl. 5000, 
die erst 1819 teilweise nach einem eigenen Plane getilgt 
werden konnten. 

') Darunter 5 Familien jährlich fl. 20, 23 pr. fl. 18, 1 pr. fl. 17, 
32 pr. fl. 15, 4 pr. fl. 12, 1 pr. fl. 7'/» und zwei arme Alte, die ganz be- 
freit waren. 

^) 1790, 11. November ward Dr. Joh. Karl Hollenstein von der Juden- 
und Christengemeinde als Ortsmedikus angestellt und erhielt von der 
Christengemeinde fl. 70 jährlich und freie „Sommerung eines Pferdes 
und einer Kuh auf den Gremeindealpen", von der Judengemeinde fl. 50 
jährlich und 25 fl. von mehreren jüdischen Familien für eine wöchentliche 
Extra-Visite. Der ärztliche Besuch kostete 10 kr., das Rezeptschreiben 
6 kr. Diese Taxe wurde 1803, als eine eigene Apotheke errichtet werden 
sollte, auf 15 resp. 8 kr. erhöht. Nach Dr. Hollenstein ward Dr. Mnrtin 
Folie von der jüdischen Gemeinde mit "Wartegeld von fl. 200 angestellt. 
Dessen Nachfolger ward 1832 Dr. Wilhelm Steinach. 

*) 1771 infolge der „Verhaltspunkte" (vgl. S. 129) errichtete die 
Judengemeinde der Feuersgefahr halber eine eigene öfi'entliche Waschhütte. 



32(5 Zehntes Kapitel. 

In den Jahren 1802 — 1804 fand eine, wohl infolge der 
Kriegswirren, die so manche Judenfamilie obdachlos machten, 
ziemlich bedeutende Einwanderung fremder Juden in Hohen- 
ems statt. 

Inmitten all dieser Wirren stand der k. k. Hoffaktor 
Lazarus Josef Levi seit 1785 als Vorsteher an der Spitze der 
Gemeindeleitung. 

Lazarus Josef Levi, k. k. Hoffaktor, dessen Nachkommen 
i. J. 1813 den Namen Löwenberg annahmen, ward in Hohenems 
am 17. November 1743 als Sohn des Josef Wolf Levi und der 
Maria Moos, einer Schwester des schon genannten Vorstehers Maier 
3Ioos, geboren. Obwohl an der Spitze sehr bedeutender Handels- 
unternehmungen stehend, die ihn oft in weite Fernen führten, 
widmete er sich doch mit aller Kraft seinen Glaubensgenossen, 
an deren Spitze er 21 Jahre lang als Vorsteher stand. Sein be- 
deutender Einfluss bei den vorgesetzten k. k. Behörden, die den 
hochbegabten Mann sowohl seiner persönlichen Vorzüge, seines 
vornehmen Charakters, seiner vielseitigen und gründlichen Bildung 
halber, wie auch ob seines nach damaligen Begriffen bedeutenden 
Reichtumes hochschätzten, half der Judengemeinde über die ärgsten 
Wirren der Franzosenkriege hinweg. Zahllos sind die Belege aus 
jener Zeit, die dieses bedeutenden Mannes in rühmlichster Ver- 
ehrung gedenken. Er sowohl wie seine Gattin Judith Daniel waren 
ungemein wohltätig und errichteten mehrere heute noch bestehende 
Stiftungen. Bezeichnend für die Denkesart dieses Mannes, der streng 
religiös und ein tüchtiger Talmudkenner war, ist seine umfang- 
reiche, heute im Besitze seines Urenkels, des Herrn Josef Löwenberg 
in Hohenems, befindliche Bibliothek, in der das ganze Geistesleben 
jener Zeit vertreten erscheint. Lazarus Josef Levi, neben Rabbiner 
Lob Ulimann, der Gründer der meisten Hohenemser Israelit. 
Vereine, entfaltete eine überaus vielseitige Tätigkeit, gross, edel, 
tolerant, wohltätig — also echt jüdisch in allem, was er unter- 
nahm; aber seine Körperkräfte hielten dies auf die Dauer nicht 
aus. Am 4. Oktober 1806 starb er an den Folgen einer plötzlich 
aufgetretenen Gehirnerkrankung. ^) 



') Der damalige Hohenemser Rabbiner Samuel UUmann wandte sich 
wegen dieser Erkrankuug an einen hervorragenden deutschen Rabbiner, 
der Lazarus Josef Levi kannte und in seinem Antwortschreiben von 
diesem schreibt: 

v^^o b":r\ ]^)ipr\^ Ti!2t<n in\nDn b); üü)rwf2 ^::r\) 

snpD^ r\2'ü ü)ü )b p\s ^b) ^n':i2 psti^i toptr hm 
v^y;) inojn j\^ z'f2!2 ^n:i n^n r»^ b^ n\i d:ii D-^jorn 

'in'b:;^ iTnn 



Die k. k. Hoffaktoren Lazarus (Löwenberg) u. Wolf (Löwengard) 327 
Josef Le^^. Lob Moos (Reichenbach). Nathan Elias (Brentano). 

Teils neben, teils nach ihm wirkten um jene Zeit als 

Vorsteher sein jüngerer Bruder Wolf Josef Levi, ferner Lob 

Moos und Nathan Elias. 

Wolf Josef Levi, k. k. Hoffaktor, seit 1813 Benjamin 
Löwengard 0, geboren am 17. Juni 1746 in Hohenems, vereinigte 
auch in seiner Person all die Vorzüge, die von seinem Bruder er- 
wähnt wurden. Gründer und Chef des damals weitverzweigten 
Handelshauses Wolf Josef Levi & Co. brachte er es zu für jene Zeit 
bedeutendemReichtume. Dabeisehrwohltätigund bei aller Frömmig- 
keit sehr bildungsfreundlichen Sinnes stand er bei den k. k. Behörden 
sowohl wie bei seinen Glaubensgenossen in hohem Ansehen. Er 
erwarb das altberühmte Schwefelbad bei Hohenems i. J. 1800 von 
Johann Baptist Streicher, woselbst sein Sohn bald darauf eine 
Spinnerei einrichtete. '-) Besonders rühmenswert ist seine Fürsorge 
für den Unterricht der armen Kinder,^) den er sowohl bei Leb- 
zeiten wie in seinem Testamente durch eine wohltätige Stiftung zu 
fördern bestrebt war*). Er starb in Hohenems am 23. Dezember 1823. 

L ö b M o s (R e i c h e n b a c h) , Sohn des schon genannten Vor- 
stehers Maier Moos, war ein frommer und sehr wohltätiger Mann, 
der, obwohl Grosskaufraann und sehr reich, dennoch, gleich seinem 
Vater, den Interessen der Judenschaft mit allen Kräften diente. 
Die Kriegsereignisse am Ende des 18. Jahrhunderts zogen ihn arg 
in Mitleidenschaft, da sie ihm sehr bedeutende finanzielle Verluste 
brachten*). Er starb, 64 Jahre alt, am 9. Januar 1802'). 

Nathan Elias, dessen Nachkommen 1813 den Namen 
Brentano annahmen, kam wahrscheinlich ums Jahr 1770, als er 
die Tochter des Maier Jonathan Ulfenheimer ehelichte, und wahr- 
scheinlich aus Baiern, nach Hohenems. Er war Nachkomme eines 
weltberühmten Talmndgelehrten ') und selbst ein gründlicher Talmud- 
kenner. Er führte den Handel mit Textilwaren in Hohenems 
bereits 1783 als Erster ein und erwarb dadurch ein bedeutendes 
Vermögen, das ihn, wie bereits erwähnt, in den Stand setzte der 
Insurrektion i. J. 1809 tatkräftig beizustehen. Kurz vor seinem 
Tode aber erlitt er bedeutende finanzielle Verluste. Er starb 
am 31. Juli 1811 im Alter von 54 Jahren. Sein Grabstein ist 
noch erhalten. 



') Vgl. S. 194. 

'■^) Vgl. Kap. 11 „Handel und Gewerbe". 
') Näheres im Kap. 12 „Schule". 
*) Näheres im Kap. 17 „Stiftungen." 
'') Näheres im Kap. „Handel und Gewerbe." 

*) Als sein Schwiegersohn kam Simon Cllmann, Stammvater der 
Familie Stein ach, nach Hohenems. 

') Auf seinem Grabsteine (Nr. 30) heisst es: ^231 T^ i^'^HZ* 

y? Sin:: Dnn2sn"nin.o n'^'^'c^'n DDms,!:n ji.sjn'? R.Abraham 

Broda ist der Verfasser des berühmten Werkes „Dni^S /ITS" 



328 Zehntes Kapitel. 

Die Not der Kriegsjahre fand auch ihren Ausdruck in 
bestimmten „Tekanoth" von 1805, die jeden Aufwand bei 
Verlobungen, Hochzeiten und Beschneidungsfeierlichkeiten 
strenge und bei Strafandrohung untersagten.» Die Teilnahme 
an solchen war überhaupt nur den nächsten Verwandten 
gestattet ^). 

Von besonderem Interesse sind die bereits zu Beginn 
des 10. Jahrhunderts in den „Tekanoth" auftauchenden An- 
sätze zu zeitgemässer, würdiger Regelung des Gottes- 
dienstes. So Verordnungen zur Wahrung des Anstandes, 
Vorschriften über das Verlassen des Gotteshauses, über das 
Ausrufen der Mizwoth, das Aufrufen zur Thora usw. Unter- 
schrieben sind diese im alten Khalbuche eingetragenen Ver- 
ordnungen von den Vorstehern Nathan Elias, Josef Lazarus 
Levi und Josef Wolf Levi. Die beiden Letzteren nahmen als 
bevollmächtigte Delegierte an der Konferenz der Juden 
Schwabens in Kriegshabern im Jahre 1806 teil. 

Josef Lazarus Levi, seit 1813 Josef Löwenberg, 
Sohn des vorgenannten Lazarus Josef Levi, im September 1774 
geboren, erwies sich in jeder Beziehung als seines Vaters würdiger 
Sohn. Jahrzehnte lang stand er in selbstloser, opferwilliger Weise 
an der Spitze der Gemeinde, war .ein überaus wohltätiger Mann, 
der die teils ererbten, teils durch eigene ausgedehnte Handels- 
beziehungen erworbenen bedeutenden Reichtümer des Hauses in 
edelster Weise verwendete.-) Er starb am 12. August 1839. 

Josef Wolf Levi, seit 1813 Josef Löwengard, Sohn 
des schon genannten Benjamin Löwengard wirkte in verschiedenen 
Perioden als Vorsteher der Gemeinde in trefflichster Weise. 1818 
suchte er, wie bereits erwähnt '), die konsequente Durchführung 
des k. k. Ediktes von 1813 bei den Behörden durchzusetzen, was 
seinem Scharfblicke alle Ehre macht. Er starb am 12. August 
1840 im Alter von 67 Jahren. 

Auch dessen jüngerer Bruder Isak Wolf Levi, seit 1813 
Isak Löwengard, stand mehrfach an der Spitze der Gemeinde- 
leitung und hatte sich um die Judengemeinde und, als Besitzer 
der Fabrik im Schwefel, auch um den Ort Hohencms bedeutende 
Verdienste erworben. Er starb am 14. Mai 1839. 



*) 1805 wollte sich eine gewisse Burga Reisler aus Bregenz in 
Hohenems als Putzmacherin niederlassen. Doch schritt die Judengemeinde 
deshalb dagegen ein, weil dadurch die Putzsucht gefördert werden würde. 

-) Auf Anregung des Josef Lazarus Levi ward 1807 für die das 
Schwefelbad bei Hohenems benützenden Israeliten in der Nähe des Bades 
eine Speiseanstalt mit rituell zubereiteten Speisen eingerichtet. 

«) Vgl. S. 218. 



Das Vorsteheramt. Josef Veit Levi (Rosenthal). 329 

1808 suchte Nathan Elias beim k. b. Landgerichte in 
Dornbirn um seine vorzeitige Entlassung vom Vorsteheramt 
an. Die beiden Mitvorsteher Josef Lazarus Levi = Löwenberg 
und Isak Wolf Levi = Löwengard, um ihr Gutachten angegangen, 
bieten ein Bild vom Ehrenamte eines Judenvorstehers, das dieses 
wenig beneidenswert erscheinen lässt. Sie kennen durch ihren 
verstorbenen Vater resp. Onkel Lazarus Josef Levi, der 21 Jahre 
Judenvorsteher war, unzählige Male um seine Entlassung an- 
suchte, aber immer wieder neu gewählt ward, die Leiden 
dieser Ehrenstelle aus Erfahrung. „Immer nach Einsicht und 
Überzeugung pflichtmässig zu handeln, über Polizei- und 
Kirchensachen Aufsicht zu tragen, Einnahmen und Ausgaben zu 
besorgen, Armen, Wittwen und Waisen vorzustehen, zu wachen, 
dass die a. h. kgl. Verordnungen unterthänigst befolgt und die 
Aufträge gehorsam beantwortet werden; über alldeme, dass 
wir keine eigene Gefälle, Realitäten oder Fonde besitzen, 
sondern unter uns die zu bestreiten habenden Ausgaben ver- 
hältnissmässig einteilen müssen; dieser, der all dies auf sich 
trägt, sollte von Niemanden beneidet werden."^) Sie stimmen 
daher dem Nathan Elias bei, dass es eine Art Unglück sei, 
die Mehrheit der Stimmen bei Vorsteherwahlen zu erhalten. 
Sie bitten dennoch den Nathan Elias seines Amtes nicht zu ent- 
heben, „denn er ist eben der Mann, der schon neben dem gedachten 
Verstorbenen 9 Jahre Vorsteher war; er ist es, der hiezu in 
Allem die erforderlichen Kenntnisse hat . . . ." 

Nathan Elias ward schliesslich doch seines Amtes ent- 
hoben. Als sein Nachfolger ward Josef Veit Levi = Rosenthal 
i. J. 1809 ernannt. 

Josef Veit Levi, seit 1813 Josef Rosen thal, Sohn des 
1744 erwähnten*) Hohenemser Schutzjuden Veit Levi und Enkel 
des 1688 in Sulz tolerierten') reichen Abraham, geboren 1753, 
gestorben 1836, war ein wohlhabender und angesehener Mann, 
der insbesondere während der Franzosenkriege mehrfach als Ver- 
mittler zwischen der Judenschaft einerseits und den k. k. Behörden 
und der Christengemeinde andererseits fungierte. Er war sehr 
wohltätig und gut bewandert im hebräischen Schrifttume. Seine 
erste Gattin war die Tochter des Rabbiners in Skutsch"*) i. Böhmen. 
Sein Grabstein ist noch erhalten'*). 



') Dies Ehrenamt war natürlich mit keinerlei Einkünfte verbunden, 
ja selbst die Kosten der zahllosen amtlichen Fahrten nach Dornbirn 
zum Landgerichte bestritt der Vorsteher aus Eigenem. 

') S. 63. 3) Vgl s 47 u_ 78. 

*) Grabstein Nr. 110. ») Nr. 12. 



330 Zehntes Kapitel. 

Nach der Verordnung vom 31. Mai 1810 (Kgl. bair. 
Regierungsbl. pag. 44:1) und der p]rläuteruug vom 20. Oktober 
1810 (Rgbl. p. 1091) wurden die Dorfvorsteher mit einer Art 
mündlichen Vermittlungsamtes bei Streitigkeiten betraut. 
Auch der Judenvorstehung in Hohenems ward mit P^rlass des 
k. b. Landgerichtes Dornbirn vom 31. Oktober 1810, ZI. 2213 
dieses Recht zuerkannt und der k. k. Hoffaktor Wolf Josef Levi 
hiezu ausersehen resp. ernannt. 

Das kgl. bair. Edikt vom 10. Juni 1813, das, wie bereits 
gezeigt wurde ^), eine solch tief einschneidende und günstige 
Umgestaltung in den äusseren Rechtsverhältnissen der Hohen- 
emser Juden zur Folge hatte, blieb auf die inneren Gemeinde- 
verhältnisse derselben vorerst ohne jeden Einfluss. Denn die 
in den P. 21 n. 22 des Edikts und in den hierauf bezüglichen Ent- 
scheidungen^) vom 29. Oktober 1813 und 5. März 1814 verfügte 
Auflösung der Hohenemser Judengemeinde als solche und Ver- 
wandlung derselben in eine Kirchengemeinde mit politisch 
gleichen Rechten und Pflichten wie die Hohenemser Christen, 
mit denen sie politisch eine Gemeinde bilden sollen, kam 
damals aus früher schon erörterten Gründen nicht eigentlich 
zur Durchführung ^). Hatten doch eigentlich »auch die Ver- 
ordnungen des Bregenzer Kreisamtes vom 6. Oktober 1795 
die Tätigkeit der Judenvorstehung auf Kultus- und Armen- 
pflege beschränkt. Und nur in einer Hinsicht erwies sich das 
kgl. bair, Edikt als nachteilig für die inneren Verhältnisse der 
Judenschaft. Die Festsetzung der Normalzahl, das Verbot 
weiterer Einwanderung, die Beschränkung der Eheschliessung 
auf Inhaber von Matrikelnummern, was bis 1848 in Kraft 
blieb, musste auf die Entwicklung der Verhältnisse hemmend 
einwirken. Und dies war auch in jeder Hinsicht der Fall, 
wie bereits gezeigt- ward. *) 

Bis 1819 nahm die österr. Regierung überhaupt keine 
Änderungen der Matrikel vor, weil diese bis dahin noch nicht 
aufgefunden waren. ^) 

1) Vgl. S. 187 ff. ^) Vgl. S. 196 f. u. 199 f. 

^) Kap. 7 a. m. St. 

*) Die kgl. bair. Behörden nahmen die Auflösung der 
„Judengemeinde" insoweit ernst, als sie i. J. 1814 unter Be- 
rufung auf das Edikt die Erlässe betreffs der Hohenemser 
Juden stets an die „Ortsvorstehung" adressierte. 

*) Kreisamtlicher Erlass vom 25. November 1818 betreffs Martin 
Reichenbachs. 



Schuldenlast v. J. 1814. 331 

Das israelitische Gemeindewesen war infolge der Kriegs- 
lasten arg mit Passiven überbürdet. Ein Dekret^) des Gen. 
Commisss. des lUerkreises ddo. Kempten, 14. Jänner 1814, 
das diese Passiva regeln sollte, bietet folgendes Bild: 
Aktiva: 

a) Aussenstände in Vorarlberg vom fl. 4000-Anlehen 
von 1809 ■ fl. 2100.15V2 

b) Ein Grundstück im sogen. Erle — „ 180. — 

c) Eine Landanlehens-Obligation . . — „ 100.— 



fl. 
fl. 2100.— 



Passiva: 

Aufgenommene Darlehen von fl. 2100 

pr. 5 «/o 

Aufgenommene Darlehen von fl. 3655 

pr. 6 % „ 3655.— 

Aufgenommene Darlehen, unverzinslich, 

von den isr. Gemeindemitgliedern 



fl. 8836.32'!2, 
somit einen ungedeckten Passiv-Überschuss von fl. 6456.17, 
der in jährlichen Teilzahlungen von fl. 500 gedeckt werden 
sollte. Der damalige Vorsteher^) Josef Wolf Levi junior = Josef 
Löwengard und der Gemeindekassier Josef Hirschfeld hatten 
ein schweres Stück Arbeit, das Gleichgewicht im Gemeinde- 
haushalte unter diesen Verhältnissen aufrecht zu erhalten, um- 
somehr als keinerlei Fondserträgnisse zur Verfügung standen 
und die laufenden Ausgaben allein durch Verumlagung gedekt 
werden mussten. 

Und daher auch die fast bei jeder „Erech"-Feststellung 
auftauchenden Verordnungen zur Vermeidung jeden Luxus, 
jeder unnötigen Ausgabe. Solche von 1810 schränken die 
Einladungen bei Hochzeiten, Bar-Mizwah- Feiern, Beschnei- 
dungen noch mehr ein und setzen dafür eine kleine Zahlung in 
die Gemeindekasse fest. Polterabende und Tanzunterhaltungen 
bei Hochzeiten werden untersagt. Desgleichen ward das Tragen 
gefärbter Schuhe Kindern unter 15 Jahren, und solchen un- 
bemittelter liCute überhaupt bei Strafe verboten. 

') Seit dem Jahre 1811 hatten die Vorsteher der Judenschaft erst 
allmonatlich und späterhin vierteljährlich eine detaillierte Darstellung 
vom Stande des Geraeindevermögens dem kgl. bair. Landgerichte Dornbirn 
vorzulegen. 

*) Als Ausschussmänner und Deputierte jener Zeit werden genannt 
Isak Löwengard, Josef Löwenberg, Markus Bernheimer und Mathias Frey. 



332 Zehntes Kapitel. 

Im Jahre 1<S19 ward zur teilweisen Tilgung der Passiva 
geschritten in der Weise, dass der „Erech" bis zur Höhe von 
fl. 5000 Steuer verumlagt wurde, u. z. ^/^ auf die Vermögens- 
steuer — und V3 ^^^^ <^i<^ Familiensteuerträger, wobei jeder 
sein Guthaben an die Gemeinde von dieser Steuer abziehen 
konnte.^) Die in früheren Jahren an die Gemeinde- 
mitglieder ausgegebenen Schuldscheine wurden nun 
in Zahlung genommen. Der Tilgungsplan war vom Kreis- 
amte am 20. Jänner 1820 genehmigt worden. Von den noch 
verbleibenden Passiven von 4831 fl. wurden jährlich fl. 200 
zur Tilgung eingestellt. 

Desgleichen ward zu dem Zwecke 1822 die Quote des 
„Erech" erhöht, jedoch von da ab das Bolletten-Verteilen an 
Arm£ eingestellt und beschlossen, die betreffenden Unkosten 
der Gemeindekasse aufzulegen. 

1824 kamen Joh. Aug. Brentano und Moritz Löwenberg, 
1825 Martin Hirschfeld und Salamon Bernheimer in die Vor- 
stehung der Gemeinde. 

Aus dieser Zeit wird es möglich, sich ein klares Bild 
über das in der Israelitengemeinde seit altersher herrschende 
Besteuerunngsverfahren zu machen. 

Während in allen Vorarlberger Gemeinden seit dem Gub. 
Cirkular vom 31. August 1817 die Commuuallasten nach der 



') Der bezügliche Protokollauszug lautet: 
„Tilgungsplan. 

Hohenems, Juni 1819. 
Dör Vorstand und die Deputierten der Israeliten-Gemeinde 
allda haben nach reiflicher Überlegung sich verpflichtet gehalten 
den Beschluss zu fassen, die während den seitherigen Kriegs- 
jahren auf 10 000 fl. angewachsenen Gemeindspassivschuld, wenig- 
stens zur Hälfte fl. 5000 zu tilgen, welches einerseits um so leichter 
thunlich war, als die Israelitengemeinde circa fl. 4000 an eigene 
Gemeindeangehörige schuldig ist, wodurch also der Repartirungs- 
Betreff sich in sich selbst tilgte: andererseits aber die Tilgung 
derselben auch nötig war, da einige dieser unverzinslichen Ge- 
meinde-Obligationen in Circulation kamen, welche die Gemeinde 
gegen bares Geld einzulösen schuldig wäre, von den Betheiligten 
der gemeinen Classe aber der schuldige Betreff nicht mehr ein- 
bringlich gemacht werden könnte, für die Gemeinde also nach- 
theilige Folgen entsprungen wären. Um aber bei dieser Ge- 
meindsumlage die Verpflichteten gemeinerer Klasse so viel als 
möglich zu schonen, wurden diese durch Gemeiudsschluss für 
denjenigen Betreff der Zahlung als Familienhaupt statt wie ge- 



Steuer-System v. J. 1825. 333 

Grund-, Erwerb- und Klasseusteuer verumlagt wurden, hatte 
die Hohenemser Israelitengemeiude eine ganz eigenartige 
Verumlagung, die von der Behörde geduldet und bestätigt 
und erst. 1825 mit dem Hinweise auf die allerorts übliche 
Verumlagung angefochten, jedoch auf Einschreiten der Juden- 
schaft neuerdings belassen wurde. Am 8. Oktober resp. 
12, Dezember 1825 erhielt dieses Steuersystem die behörd- 
liche Genehmigung. Die Regulierung mochte durch das im 
gleichen Jahre vertragsmässig festgesetzte Konkurrenz- Ver- 
hältnis^) zur Christengemeinde bedingt worden sein. Dieses 
System bestand in Folgendem: 

Die ganze durch Verumlagung einzubringende Summe 
ward in zwei gleiche Hälften geteilt. Die eine Hälfte ward 
nur auf jene verumlagt, die ausser ihrem Wohnhaus und 
daran stossenden Boden auch noch ein besonderes, den Wert 
von fl. 100 übersteigendes, liegendes oder . bewegliches Ver- 
mögen besassen. Dieses Vermögen, dass auf Grund der Er- 
mittlung der Eiuschätzungs-(„Erech")Kommission festgestellt, 
eventl. durch Vereidigung ermittelt ward, wurde nun derart 
versteuert, dass von je fl. 100 Vermögenskapital monatlich 
ein jeweilig festzusetzender Betrag, gewöhnlich 2 kr., bezahlt 
werden mussten. Das angefangene Hundert galt für voll. 
Mehr als 25000 fl. Vermögen brauchte nicht versteuert zu 
werden. 

Die zweite Hälfte des zu verumlagenden Betrages ward 
einfach zu gleiclien Teilen auf alle Familien (n"'2n-ii*S'n) 
repartiert, und zwar ebenfalls zu monatlicher Teiltilgung. Die 
Minderbemittelten also, die kein Vermögen besassen, zahlten 
nur den auf sie entfallenden Teil zur Hälfte des zur Verumlagung 
gelangenden Betrages. Ja, im Jahre 1802, da die Kriegs- 
ereignisse eben die Vermögenslosen besonders hart trafen, 
ward beschlossen, künftig die Verumlagung so vorzunehmen, 
dass ^/s auf die Vermögenssteuerträger und nur '/a auf alle 
Familien verumlagt werde. So bietet z. B. die Besteuerung 
vom Jahre 1825, da ein Betrag von fl. 1000 verumlagt werden 
sollte, folgendes bezeichnende Gesamtbild: 



wohnlich zur Hälfte, nur mit ein Drittel repartirt, und von Indi- 
viduen, die dermalen zu bezahlen ausser Stande sind, nur die 
Sicherstellung für ihren schuldigen Betreff, mit jährl. Verzinsung 
k 5 7o, verlangt.« 
*) Vgl. S. 223 f. 



334 Zehntes Kapitel. 

Es zahlten in Monatsraten: 
1 Höchstbesteuerter fl. 9.15 Rw. 

10 „ „ 3.21 „ 

^0 „ „ 2.27 „ 

30 „ „ 1.15 „ 

51 „ . „ 1.01 „ 

57 „ „ 0.40 „ 

73 „ 0.38 „ 

Witwen noch von Vorigem die Hälfte. 
Das durchaus Gerechte dieses auf alle Verhältnisse Be- 
zug und Rücksicht nehmenden Besteuerungssystemes leuchtet 
sofort ein. 

Dass dessen Beibehaltung, trotzdem es dem Gesetze von 
1817 entgegen war, von den Behörden bei der Hohenemser 
Israelitengemeiude geduldet ward, zeigt aufs Neue, dass diese 
nicht den übrigen politisch selbständigen Gemeinden gleich- 
gestellt erachtet ward. 

Das Jahr 1826 brachte einen teilweisen Wechsel in der 
Gemeindeleitung, die sich nunmehr aus folgenden Personen 
zusammensetzte: 

Isaak Löwengard, 1 Vorsteher, 

Martin Hirschfeld und Salomon Bernheimer, Ausschuss- 
männer, 
August Rosenthal, Ludwig Brettauer und Mathias Frey, 

Deputierte, 
Josef Hirschfeld, Cassier. 

An den Namen dieser Vorstehung knüpft sich der Beschluss 
der Gründung des israelitischen Armenfondes'). 

1829 trat der 1. Ausschuss Martin Hirschfeld als Vor- 
steher an die Spitze der Gemeinde. 1832 folgte ihm in dem 
Ehrenamte Markus Bernheimer, 1833 Salamon Bern- 
heime r. 

Damals mit dem Amtsantritte des Rabbiners A. Kafka ^j 
ward beschlossen, den Eid durchgängig bei „Erech" Ein- 
schätzungen einzuführen. 

Mit den Jahren 1833 — 38 tritt eine allmähliche fortschritt- 
liche AVendung im ganzen Gemeindeleben, im Geiste ihrer 



^) Vgl. weiter in diesem Kapitel „Armenverwaltung". 
') Vgl. Kapitel 14. 



Dr. Willielin Steinach. 335 

Leitung, in der teils durchgefüiirten, teils angebaljnten Ura- 
und Ausgestaltung ihrer Institutionen, ein. 

Im Jahre 1832 Hess sich der junge Arzt Dr. Wilhelm 
Steinach in seiner Heimatsgemeinde Hohenems als Arzt nieder 
und fast gleichzeitig trat Abraham Kohn, der nachmalige Rab- 
biner und Märtyrer von Lemberg, das Rabbinat in Hohenems an. 

Abraham Kohn und Dr. Wilhelm Steinach! 

Diese zwei Männer, deren gemeinsamer Grundzug eine 
keine Grenzen kennende Bescheidenheit war, vereint mit 
einer eisernen Tatkraft zum Zwecke der zeitgemässen Hebung 
des Judentumes und seiner Bekenner, sie haben die Israeliten- 
gemeinde Hohenems in Bahnen gelenkt, die ihr für alle Zeiten 
einen Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte sichern, als 
einer gebildeten, wahrhaft religiösen, mit zeitgemässen Kultus-, 
Wohltätigkeits- und Ünterrichts-Anstalten mustergiltig ver- 
sehenen Gemeinde. 

Abraham Kohn und seine Bedeutung sollen an anderer 
Stelle dieses Buches, im Kapitel „Rabbinat", gewürdigt werden. 

Dr. AVilhelm Steinach ward in Hohenems am 14. November 
1796 als drittes Kind seiner mit Tugenden melir als mit Grlücks- 
gütern gesegneten Eltern Simon Wolf Ullmann^) und Esther 
Reichenbach, einer Tochter des bereits genannten Vorstehers 
Lob Moos, geboren. Der durch besondere Geistesanlagen und aus- 
gezeichneten Lerneifer hervorragende Knabe ward der gelehrten 
Laufbahn gewidmet, welche während seiner Studienzeit, die er 
mit Erfolg und Auszeichnung aber unter schweren finanziellen 
Kämpfen in Kempten, München und Wien absolvierte, gewiss 
keine sorgenfreie war. Vornehmlich ermöglichten ihm das 
Studium wiederholte Darlehen seitens der israelitischen Heimats- 
gemeinde, die er später sämtlich wieder abtrug. 1832 ward er 
als Arzt der Israelitengemeinde Hohenems angestellt. 1833 ver- 
mählte er sich auf Grund der von seinem Vater ererbten Matrikel- 
nummer 42 mit Therese Levi, Stieftochter des Benedikt Schweitzer, 
einer hochsinnigen, gebildeten Frau, die ihm eine kleine Mitgift 
in die Ehe brachte, dafür aber sich selbst als ihres Hauses wertvollsten 
Schatz erwies. Über die Bedeutung des Dr. Wilhelm Steinacli 
als Arzt und Menschenfreund kat exochen, dessen Andenken heute 
noch in allen Kreisen der hierortigen Bevölkerung ein gesegnetes 
ist, führe ich hier die Worte an, die ihm Dr. L. Sonderegger, 



') Die Familie nahm 1813 den Namen Steinach nach der so ge- 
nannten Parzelle in Hohenems, wo ihr Wohnhaus stand, an, weil der da- 
malige Rabbiner ebenfalls Ullmann hiess, und zwei gleichlautende Namen 
nicht genehmigt wurden. 



33C) Zehntes Kapitel. 

ein berühmter Arzt der benachbarten Ost-Schweiz, in seiner Auto- 
biographie *) widmet: 

„Das Ideal eines Arztes, dessen Bild mir auch im 
Alter nicht abgeblasst ist, der wissenschaftlich hoch- 
stehende, praktisch gewandte, grossartig wohltätige 
und wahrhaft kollegiale Mann, der beste Christ unter 
uns Ärzten, das war der alte Jude Dr. Steinach in 
Hohenems. Als er 18G7 auf seinem Sterbebette lag, hat 
die katholische Gemeinde in der Kirche für ihn ge- 
betet! Er war die oberste Instanz weit herum, und 
ein Druck seines Fingers hätte genügt, den jungen 
Sperling von Konkurrenten tot zu machen. Er hat 
mich väterlich geführt und gehoben und mir die 
Ehrenschuld auferlegt, später seinem Beispiele zu 
folgen." 

Das „St. Galler Tagblatt« bringt in No. 102, S. 672, vom 
2. Mai 1854 (Beilage), folgenden Aufsatz: 

„Ein edler Meusclienfreuud, als Beispiel 
zur Nachahmung. 

In Hohenems wohnt seit vielen Ja hren ein jüdischer 
Arzt, Herr Dr. Steinach, der nicht nur wegen seiner 
weit und breit anerkannten Geschicklichkeit in seinem 
schönen Berufe, als vorzüglich wegen seiner nach- 
ahmungswürdigen Menschenliebe, die allgemeine 
Achtung und Anerkennung in der ganzen Umgebung 
und auch im benachbarten Rheintal erworben hat. 
Dieser Arzt ist nicht nur der Heiler der Kranken, 
sondern er ist auch ein wahrer Vater der Armen jeder 
Konfession. Nicht genug, dass er den ärmeren Land- 
bewohnern, wenn er auch von der Nichthonorierung 
zum Voraus überzeugt ist, in die entferntesten Höhen 
und Winkel ärztliche Hilfe bringt; er liefert denselben 
auch nicht selten stärkende Speisen aus seiner eigenen 
Küche, und wo die Not am höchsten ist, da sammelt 
er bei den Reicheren seiner Glaubensbrüder und anderen 
Wo hltätern milde Gaben, um den ganz armen Familien 
nach der Krankheit physische Hilfe zu verschaffen. 
Durch die angestrengteste Pflichttreue des Herrn 
Dr. Steinach opferte derselbe nicht nur einen schönen 
Teil seines Vermögens, sondern er fiel auch in eine 
schwere Krankheit und allgemein zweifelte man an 



^) Dr. L. Sonderegger. Ein Lebensbild von ihm selbst geschrieben 
und seinen Freunden gewidmet. Nach dem Tode des Verfassers hsg. von 
G. Wiget-Sonderegger, St. Gallen, Zollikofersche Buchdruckerei 1896. 
Dsst. S. 32. 

Dr. L. Sonderegger wirkte als Arzt in Balgach und Altstätten im 
Rheintale, sodann in St. Gallen und war auch lange Zeit Präsident 
der Eidgeu. Sanitäts-Kommission in Bern. 



Dr. Wilhelm Steinach 337 

seinem Aufkommen. In der Synagoge in Hohenems 
wurden für die Genesung dieses edlen Menschen- 
freundes Gebete angeordnet; aber nicht bloss in der 
Synagoge geschah dies. Der katholische Kaplan in 
Hohenems lud auch die Katholiken daselbst und der 
Umgebung zu solchen Gebeten in die katholische 
Kirche ein, und die Teilnahme an denselben von Nah 
und Fern war so gross, dass man dadurch am besten 
ermessen konnte, welche Achtung und Liebe sich der 
Kranke durch seine edle Menschenliebe erworben hat. 
Noch nie wurde vielleicht ernstlicher für die Erhaltung 
des Lebens eines Mannes gebetet, wie es hier der Fall 
war, und der Himmel erhörte diese Gebete. Herr 
Dr. Steinach erholt sich allmählich, und wenn er auch 
noch lange nicht seinem ärztlichen Beruf nachgehen 
kann, so ist doch zu hoffen, dass er später wieder 
segensvoll wirken wird. Möge dieses schöne Beispiel 
von aufopfernder Menschenliebe allgemeine und be- 
sonders bei den christlichen Ärzten nachhaltige Nach- 
ahmung finden." 

Gereichte nun dieser ausgezeichnete und allverehrte Mann 
der Hohenemser Judenschaft äusserlich zur Ehre und Zierde, dann 
mehr noch innerlich zum Heile. Denn mit ihm kam ein frischer, 
gedeihlicher und künftige Fortentwicklung anbahnender und vor- 
bereitender Zug in die Hohenemser Judenschaft, obwohl dieses 
Mannes nicht genug zu bewundernde Bescheidenheit seinen Namen 
niemals an die offizielle Spitze der Aktion treten liess. 

Als Dr. W. Steinach seine Studien begann, zählte Hohenems 
ca. 95 jüdische Familien, die allesamt noch einen streng ortho- 
doxen Standpunkt in religiöser Hinsicht einnahmen. Tägliches ge- 
meinsames Talmudstudium ward in mehreren Vereinen gepflegt, 
die als Talmudgelehrte berühmten Rabbiner Lob Ullmann, Samuel 
UUmann und Isserl Lissa hatten bisher ihre hebräischen „Dera- 
schoth" gehalten, noch hatte der neue nach Fortschritt und Auf- 
klärung verlangende Ruf der Zeit, bis auf wenige, vereinzelte 
Familien, nur sehr schwachen Widerhall in der Hohenemser Juden- 
schaft gefunden. Die Gemeinde als solche war in allen ihren 
Institutionen streng konservativ. 

Und nun wagt ein mittelloser Vater das Experiment und lässt 
seinen begabten Sohn — - nicht wie damals üblich Hausierer, 
Handelsmann oder Agent werden, sondern — studieren. Und 
noch dazu Arzt sollte er werden. Sicherlich ein Ereignis in der 
isolierten Judengemeinde, über das manch Altkluger sorgenvoll 
das Haupt geschüttelt haben mag. Ein verlorenes Lamm in der 
konservativen Herde ! 

Und der junge heimkehrende Arzt macht all die 
Vorhersagungen beschränkterFinsterlinge zu schänden, 
bestätigt am eigenen Leben und Wirken, was heute, 
70 Jahre später, noch immer nicht von der grossen in 

22 



I 



8:^8 



Zehntes Kapitel. 



Buchstaben und Formeln verknöcherten Masse der 
Juden begriffen werden kann, dass das Judentum sich 
in seiner idealen Hoheit eben da offenbart, wo es sich 
innig mit den Fortscli ritten von "Wissenschaft und 
Kultur berührt, Hand in Hand mit der aUgemeinen 
Menschheitsentwicklung sich selbst weiter entwickelt, 
dass, mit einem Worte, der geistig und sittlich hoch- 
entwickelte Mensch zugleich der beste, weil wahrhaft 
religiöse Jude ist. 

Dr. Wilhelm Stein ach ist ein glänzendes Beispiel 
hiefür. In seinem Judentume gelangte das Menschen- 
tum zur höchsten und edelsten Entfaltung, und die in 
ihm verkörperte Höhe menschlicher Geistesentwicklung 
hat ihn dem Judentume nicht entfremdet, ja fester 
noch mit diesem verbunden. Denn bis an sein Lebens- 
ende galt sein Streben der geistigen Entwicklung 
seiner Glaubens- und Heimatsgenossen, war sein 
Denken und Wirken der zeitgemässen Um- und Aus- 
gestaltung der Gemeinde-Institutionen auf allen Ge- 
bieten gewidmet. Synagoge, Schule, Armenwesen u. s. w., 
alles zeigte in wenigen Jahren schon die Spuren dieses 
echten und rechten Juden, worüber noch in den 
einzelnen Spezialkapiteln berichtet werden soll. 

Vornehm lieh diesem einzigartigen Manne hat die 
Israeliten gern ein de Hohenemsihre rühmenswerte Eigen- 
art unter den österr. Juden gemein den zu danken. Dass 
diese kleine Gemeinde den geschichtlichen Ruhm für 
sich in Anspruch nehmen darf, als erste in Oester reich 
eine niemals rückschrittliche, sondern stets geistig 
sich vorwärts entwickelnde und dabei doch echt 
jüdische im edelsten Sinn zu sein, sie hat dies, nebst 
vielen andern erleuchteten und wahrhaften Männern, 
vornehmlich dem trefflichen Dr. Wilhelm Steinach zu 
danken. 

Einzig in seiner Art geradezu ist das Ansehen, das 
dieser ausgezeichnete Mann auch ausserhalb der Juden- 
gemeinde geuoss. Mit aufrichtiger Liebe und Ver- 
ehrung hingen auch seine christlichen Mitbürger an 
ihm, seine Meinung, stets das Gepräge des reinsten 
Humanismus tragend, fand Anerkennung allenthalben, 
auch bei den k. k. Behörden, die stets den vollent- 
wickelten Menschen in ihm schätzten. Selbst Mensch 
in des Wortes edelster Bedeutung galt seine Liebe, 
seine Hilfsbereitschaft allen Menschen und war seines 
Lebens Streben, seine Glaubensgenossen ebenfalls zu 
gleichwertigen Menschen zu erziehen. In seiner Empor- 
en t w i c k 1 u n g zur e d e 1 s t e n M e n s c h e n h ö h e h a t d a s J u d e n - 
tum in ihm sich s e 1 b s t v e r h e r r 1 i c h t. Ehre und Verehrung 
seinem Andenken! 



Steuer-Statut v. J. 1839. 339 

Er schied am 6. April 1867 aus dem Leben, nachdem es 
ihm noch vergönnt war, im eigenen Sohne, Dr. Simon Steinach, 
einen in jeder Hinsicht würdigen Nachfolger seines Berufes und 
Wirkens zu sehen. Die Israelitengemeinde widmete ihm ein 
Ehrengrab. ') 

In den Jahren 1837—1839 bildeten die Gemeindeleitung: 
Ignaz Roseuthal als Vorsteher, Kmanuel Löwenberg als Aus- 
schuss. Joseph Hirschfeld als Kassier, Samuel Menz und 
Moritz Brentano als Deputierte, Markus Bernheimer, Philipp 
Rosenthal, Heinrich Brunner^ Dr. Wilhelm Steinach, Lehrer 
Maier Reichenbach und Simon Brettauer als Revisoren. 

Diese Vorstehung entwarf gemeinsam mit Rabbiner 
Abraham Kohn ein neues Steuerstatut, das am 12. Mai 
1839 die Genehmigung durch das k. k. Kreisamt in Bregenz 
erhielt. 

Diesem 88 Punkte umfassenden Statute ist an Wesent- 
lichem zu entnehmen: 

Die Regulierung der Besteuerung geschieht von 3 zu 
3 Jahren durch die Gemeindeleitung. 

Der Besteuerung unterliegt das gesamte Vermögen nach 
dem bei der Brandversicherangsanstalt angenommenen Werte. 

Weil die meisten Mitglieder Handelsleute sind, deren 
Vermögen durch Schuldenverluste, etc. Schwankungen unter- 
worfen ist, können 10 \ Jes Brutto-Vermögens von der Be- 
steuerung in Abzug gebracht werden. 

Die Erhebung des steuerpflichtigen Vermögens geschieht 
durch Selbstbekenntnis des Steueranten, wobei der Rabbiner 
das Handgelöbnis an Eidesstatt abnimmt. 

Das wirklich vorhandene Vermögen soll nur mit 25 % 
der Qu(tte im allgemeinen zur Versteuerung kommen. 

Die Vermögenssteuer ist in monatlichen Raten abzutragen. 

Die Umlagen werden gedeckt 1) durch eine Familien - 
Steuer, indem jedes Familienhaupt oder jeder Besitzer einer 
Matrikelnummer, sei er welchen Standes immer, monatlich 
28 Kreuzer zu entrichten hat, sodann 2) durch eine Ver- 
mögenssteuer, die nur die Vermögenden trifft und zur 
Deckung der aus der Familiensteuer noch restierendeu 
Kommunallasten dient. 



') No. 352. Das Grab seiner am 6. März 1S54 verstorbenen 
würdigen Gattin trägt die Nr. 155. 

22* 



;34() Zehntes Kapitel. 

Söhne, die auf die Matrikelmimmer ihrer Väter heiraten, 
zahlen, auch wenn die Väter noch leben und Steuern ent- 
richten, dennoch Familien- und Vermögenssteuer. 

Jeder Besitzer einer Hohenemser Matrikelnnmmer, auch 
wenn er sich anderswo niederlässt, ist steuerpHichtig. 

Auch ledige, eine Matrikelnummer nicht, dagegen ein 
Vermögen besitzende und ein eigenes Geschäft betreibende 
Gemeindeangehörige sind steuerpflichtig. 

Wird für Söhne hiesiger Familien die Matrikelnnmmer 
des verstorbenen Vaters oft'en gehalten, dann haben sie die 
Familiensteuer zu entrichten. 

Sämtliche Beamte der Gemeinde unterliegen nach be- 
stimmten Modalitäten der Besteuerung. 

Brautleute, die in der Gemeinde verbleiben, haben 1 % 
ihres Vermögens als Steuer zu entrichten. 

Der Armenkasse muss bei Beschneidungen, Kon- 
firmationen und Verlobungen ein bestimmter Betrag ent- 
richtet werden. 

An den Synagogengefällen muss jedes Gemeindemitglied 
jährlich sovielmal 6 Kr. durch Ersteigerung von „Mizwoth" 
beisteuern als er mit fl. 100 in der Vermögenssteuer ein- 
geschätzt ist. 

Die, Strafen für falsche Fassionen werden der Steuerkasse 
zugewiesen. 

Für die Beerdigung fremder Israeliten ist eine Taxe 
von ii. 5 — ^^150 vorgesehen. 

Dieses Steuerstatut blieb bis zum Jahre 1853 in Kraft. 

Ignaz Rosenthal, geb. am 12. August 1792, gest. am 
10. März 1864, war ein gewissenhafter, haushälterischer Mann, 
der der Israelitengemeinde in den verschiedensten Ehrenämtern 
wertvolle Dienste leistete. 

Joseph Hirschfeld, geb. im Oktober 1779, gest. am 
2B. Februar 1851, war ein talmudkundiger Mann von streng 
orthodoxer Gesinnung und als solcher, im Gegensatze zu seinem 
Sohne David, ein Gegner Abraham Kohns. Er. fungierte als 
„Mohel" und bekleidete 35 Jahre lang das mit vieler Mühe und 
Aufopferung verbundene Ehrenamt eines Gemeindekassiers in 
ausgezeichneter Weise. Er genoss bedeutendes Ansehen, trat 
aber von der Leitung der Gemeinde zurück als die Modernge- 
sinnten mehr und mehr die Oberhand gewannen. 

Von 1839 — 1841 stand Emanuel Löwenberg als Vorsteher 
an der Spitze der Gemeinde. 



Josef und David Hirschfeld. Marko Bruiinor. 341 

Emanuel Löwenberg, geboren als Sohn des schon ge- 
nannten Vorstehers Joseph Löwenberg am 11. März 1805, genoss 
eine sorgfältige, dem Keichtum und der Bildung seiner Vorfahren 
entsprechende Erziehung. Ein Vertreter von Freisinn und Fort- 
schritt brachte er denselben in den verschiedenen Ehrenämtern 
zur Geltung, die er in der Gemeinde bekleidete. Sein freund- 
licher, liebenswürdiger Charakter sowohl wie seine Wohltätigkeit 
und Hilfsbereitschaft erwarben ihm die allgemeine Zuneigung. Er 
schied am 14. März 1877 aus dem Leben. 

In den Jahren 1842 — 1847 bestand die Vorstehimg aus 
den Herren: Philipp Rosenthal als Vorsteher, Emanuel Bret- 
tauer und Hermann Kilian Reichenbach als Ausschuss und 
Samuel Menz als Kassier. 

Im Jänner 1847 wurden gewählt als Vorsteher David Hirsch- 
feld und in den Ausschuss Marko Brunner und H. L. Brettauer. 

David Hirschfeld, am 30. Dezember 1804 in Hohenems 
als Sohn des verdienstvollen Gemeindekassiers Josef Hirschfeld 
geboren, war ein ebenso gewissenhafter wie überaus tüchtiger 
Mann, der seine besten Kräfte für die Hebung der Hohenemser 
Judengemeinde einsetzte. Ein energisch freisinniger Mann trat 
er offen auf die Seite Abraham Kohns, obwohl sein Vater, der 
orthodox gesinnte Josef Hirschfeld, Kohns Gegner war. Im 
Jahre 1856 übersiedelte er aus geschäftlichen Rücksichten nach 
Leipzig, woselbst er auch das Bürgerrecht erwarb. Am 24. Jänner 
1861 starb er in St. Gallen und ward in Hohenems begraben. 

Neben Dr. "Wilh. Steinach und Abr. Kohn war es vor- 
nehmlich er, der vereint mit Immanuel Brettauer und Marko 
Brunn er die Umwandlung der alten „Khille" zum modern ge- 
regelten Gemeindewesen durchführte, Ordnung im Haushalte der 
Gemeinde schuf und besonders warm für die Schule eintrat.') 

Marko Brunner, geboren in Hohenems am 28. September 
1817, war in jeder Hinsicht ein seif made man. Durch eiserne 
Energie — ein Charakterzug der Familie --, durch Fleiss, Ein- 
fachheit und tiefes Verständnis für die Forderungen der Zeit ward 
er nicht nur Mitbegründer des Reichtumes seines Hauses, sondern 
genoss allenthalben, in Hohenems sowohl, wie in Triest und 
St. Gallen hohes Ansehen. Ein Mann des Fortschrittes, fiel sein 
Wort gar oft entscheidend in die Wagschale bei Beratungen über 
die israel. Gemeinde-Institutionen in Hohenems, und seine Tatkraft 
und Energie brachte manches segensreiche Werk zur Durchführung. 

Er starb tiefbetrauert auch als hochherziger Wohltäter der 
Armen am 18. Juli 1888. Seine hervorragende Bedeutung als 
Kaufmann wird im nächsten Kapitel gewürdigt werden. 



') Der Vorsteher David Hirschfeld war es auch, der im alten 
Khalbuche aus rein histor. Interesse die Geschichte der ehemals be- 
standenen Vereine „Chewa Talmud-Thora" und „Chewa Ketane" nieder- 
schrieb. Vgl. Kap. 16. 



342 Zehntes Kapitel. 

Der letztgenannten Vorstellung war es vorbehalten, die für 
die äusseren Rechtsverhältnisse der Hohenemser Judenschaft so 
bedeutungsvolle Umgestaltung durchzuführen, die Umwandlung 
zur politisch selbständigen Judengemeinde. 

Diese politische Unabhängigkeit erhöhte nicht 
allein das Selbstbewusstsein der Juden, sondern 
auch das Gefühl ihrer Verantwortlichkeit dem 
Staate nnd ihren Mitmenschen gegenüber. Es galt 
von nun ab nicht allein gläubige Juden, sondern 
auch zeitgemäss gebildete Menschen zu erziehen 
und im Kapitel „Schule" werden wir sehen, wie diese 
mit sehr bedeutenden Opfern nunmehr zu einem 
Musterinstitute höheren Ranges umgestaltet wurde. 
Desgleichen nehmen alle anderen Gemeinde-In- 
stitutionen mit der Besserung der politischen Ver- 
hältnisse einen günstigen Umschwung. Ein das 
bisherige noch weit überragendes Interesse am Ge- 
meindeleben tritt von nun ab in Erscheinung. Eine 
ideale Opferwilligkeit der Wohlhabenden für alle 
Institutionen der Gemeinde ermöglichte in wenigen 
Jahren deren finanzielle Sicherstellung für alle 
Zeiten. Bei freudigen wie trauervollen Anlässen 
flössen namhafte Spenden für Kultus, Schule und 
Wohltätigkeit, in jedem Testamente ward mit 
Legaten der idealen Hebung der Gemeinde gedient. 
Der Opfer- und Gemeinsinn der Hohenemser Juden 
machte die kaum 3 Jahrzehnte umfassende Periode 
der politischen Selbständigkeit zu einer höchst 
segensreichen. Die Gründung des Kultus-, Schul- 
undeigentlichenArmenfonds, die Modernisierung des 
Gottesdienstes usw. fallen in diese Periode, für welche 
die Judenschaft sich auch die richtigen Männer in die Leitung 
zu wählen wusste. 

Wie bereits erwähnt^), hatte die Wahl der ersten Ge- 
meindevertretung i. J. 1850 folgendes Ergebnis: 

Bürgermeister: Philipp Rosenthal ; Gemeinderäte: Samuel 
Menz und Emanuel Brettauer; Ausschussmänner: Dr. Wilhelm 
Steinach, David Hirschfeld, Marko Brunner, Josef Rosenthal 
und Ignaz Rosenthal : Ersatzmänner: Nestor Brentano, Abraham 
Schwarz, Heinrich Brunner und Moritz Brentano. 

Vgl. S. 240. 



Bürgermeister Philipp Rosenthal. 343 

Emamiel, Leopold und Jonas Brettauer. 

Bürgermeister Philipp Rosenthal, ward am 19. De- 
zember 1801 als 2. Kind des um die Hohenemser Judengemeinde 
besonders im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts hochverdienten 
Urban Rosenthal') und der Elisabeth (Schäwele) geb. Ost- 
heimer geboren. Gleich seinem Vater dem Kaufmannsstande sich 
widmend, hatte er sowohl wie sein Bruder Josef Rosen thal-) 
eine vielseitige Ausbildung erhalten, die zur vollen Geltung kam, 
als die beiden Brüder im Jahre 1841 von der Witwe des kurz 
vorher verstorbenen Isak Löwengard die Spinnerei im „Schwefel" bei 
Hohenems erwarben und dieselbe unter der Firma „Gebrüder Rosen- 
thal" alsbald zu Fabriketablissements I. Ranges umgestalteten, 
welche dann von würdigen Söhnen und Enkeln, durch weitere Er- 
werbungen im Lichtenstein'schen , in Rankweil usw. , durch 
Anlage neuer Fabriken, "Webereien, Färbereien, Druckereien usw. 
zu einem Weltrufe gebracht wurden.') Und beide Brüder haben 
sich reiche Verdienste um die Hohenemser Judengemeinde erworben. 

Während der jüngere Joseph im Gemeinderate und vor- 
nehmlich in der Armenpflege eine sehr geschätzte Tätigkeit ent- 
faltete, hielten die ausgedehnten Handelsbeziehungen, all die Mühen 
und Pflichten des Fabriksherrn den älteren Philipp nicht ab, mit 
höchster Anspannung seiner Kräfte sich seiner Gemeinde zu wid- 
men, als diese ihn als den Würdigsten an die Spitze der jungen 
politischen Gemeinde berief. Ein Mann von korrekten, erprobten 
Anschauungen, zeitgemässer wenn auch konservativer Gesinnung, 
dabei ein treuer Sohn seiner Gemeinde, deren Gedeihen ihm 
am Herzen lag, entsprach er vollauf all den Erwartungen, 
welche die Israeliten sowohl wie auch die vorgesetzten k. k. Be- 
hörden an ihn knüpften. Zu der hohen Verehrung, die ihm seine 
Glaubensgenossen, arm wie reich, entgegenbrachten, gesellte sich 
eine aufrichtige Hochschätzung sowohl im Orte selbst wie im weiten 
Umkreise im Lande. Er sowohl, wie seine GattinRegina geb.Bern- 
heimer erwiesen sich zeitlebens und auch in ihren letztwilligen 
Verfügungen als Wohltäter der Armen ohne Unterschied der Kon- 
fession. Der von ihnen errichteten wohltätigen Stiftungen soll an 
anderer Stelle*) gedacht werden. 

Am 1. Jfovember 1859 schied der ausgezeichnete, verdienst- 
volle Mann, tiefbetrauert von seiner Gattin und seiner zahlreichen 
Familie sowohl, wie von seiner Gemeinde und dem ganzen Orte 
frühzeitig aus dem Leben. 

Emanuel Brettauer, geboren in Hohenems am 8. Aug. 
1807, gestorben daselbst am 3. Oktober 1890, ein Enkel des im 
1. Bd. mehrfach genannten Herz Lämle Brettauer, hat, trotzdem 
seine ausgedehnten Geschäftsunternehmungen ^) und die Erziehung 
einer zahlreichen Familie bereits hohe Ansprüche an seine Kräfte 
stellten, dennoch bis an sein Lebensende mit Eifer, Pflichttreue 



') Bis 1813 Urban Veit Levi. Vgl. S. 194, Nr. 63. 

-) Vgl. weiter in diesem Kapitel S. 388. 

^) Vgl. Kap. 11. *) Vgl. Kap. 17. *) Vgl. Kap. 11. 



344 Zehntes Kapitel. 

und Erfolg- der Israclitengemeindc und ihren Institutionen sich 
gewidmet, für deren kulturelle Hebung tatkräftig gewirkt und 
sich reiche Verdienste um diese erworben. Er sowohl wie seine 
würdige Gattin Elise, geb. Wolf, haben die traditionellen Tugenden 
dieser hochangesehenen Familie, von der so viele einen Ehren- 
platz in der Geschichte der Hohenemser Judenschaft verdienen'), 
haben Arbeitsamkeit, Einfachheit und Wohltätigkeit in edelster 
und echt jüdischer Weise gepflegt und auf ihre Nachkommen 
übertragen. Zahlreiche Legate und Stiftungen^), u. a. eine solche 
zur Bekleidung armer Schulkinder ohne Unterschied der Konfession, 
knüpfen sich an den Namen dieses trefflichen Mannes, dessen An- 
denken stets ein ehrenvolles bleiben wird. 

Leopold Brettauer, geb. 1809, gest. 1880, ein Bruder des 
Vorgenannten hat sich ebenfalls, insbesondere bei der i. J. 1860 
erfolgten Gründung des Kultusfonds, reiche Verdienste um die 
Gemeinde und ihre Institutionen, deren er auch mit namhaften 
Legaten gedachte, erworben, erwies sich im Vereine mit seiner 
Gattin Bertha, geb. Neumann stets als ein Wohltäter der Armen, 
die in diesem hochangesehenen Hause stets Hilfe fanden. 

Auch Jonas Brettauer, ein weiterer Bruder der Vor- 
genannten, geb. 1814, gest. 1888, hat Jahrzehnte lang sowohl als 
langjähriger Gemeinderat wie als Stiftungsverwalter in erfolg- 
reicher, selbstloser und pflichttreuer Weise der Israelitengemeinde 
sich gewidmet, vereint mit seiner Gattin Henriette, geb. Wolf, 
als Wohltäter aller Bedürftigen sich erwiesen und auch durchLegate 
und Stiftungen') seinen Namen in den Annalen der Hohenemser 
Israelitengemeinde ehrenvoll verewigt. 

In einer der ersten Sitzungen des Bürgerausschusses, 
im Jahre 1851 wurden die damals schon seit Jahrzehnten in 
Hohenenis ansässigen und sehr geachteten Brüder Benjamin 
(1804—1861) und Salamon Guggenheim (1810—1881) aus 
Lengnau i. d. Schweiz als Bürger der Hohenemser Israeliten- 
gemeinde aufgenommen. 

Beide Brüder haben mehrfach in verdienstvoller Weise 
Anteil an der Gemeindeleitung genommen und ihren Namen 
durch hochherzige Stiftungen verewigt. 

Die durch Inaugurierung der politischen Israelitengemeinde 
sowohl wie durch moderne Umgestaltung des Schul- und 
Kultuswesens hervorgerufene Erhöhung der Gemeindelasten 



*) Genannt seien hier nur: Ludwig Herz Brettauer (1768 — 1838), 
Raphael Brettauer (1782-1859), Hermann Ludwig Brettauer (1804—1883.), 
Hermann Raphael Brettauer (1813—1859), die Herren Bankiers Josua, 
Hermann (Emanuel) und Ludwig Leop. Brettauer, Hof- und Gerichts- 
advokat Dr. Eugen Brettauer in Wien u. v. A. Vgl. auch Kap. 11 

2) Vgl. Kap. 17. 

3) Vgl. Kap. 17. 



Steuer-Systeme a. d. J. 1853 und 1864. 545 

verlangte die Aiifstellimg eines neuen Steiierstatuts, was 
1853, im Mai geschah. Die wesentlichsten Neuerungen des 
31 Punkte umfassenden Statutes waren: 

Die bisherige Familiensteuer entfiel. Dagegen sollten die 
Umlagen zur Hälfte durch eine Vermögenssteuer und durch 
7 resp. 8 Klassen umfassende Klassensteuer gedeckt werden. 

Die Entlastung der Mittellosen fällt hier sofort ins Auge. 

Alle ausserordentlichen Gefälle, z. B. die Aufnahms- oder 
Beerdiguugstaxen fremder Israeliten usw. sollen dem Schul- 
fonde zugewiesen werden. Dahin fliessen auch die Strafgelder 
bei falscher Fatierung. 

Der Schulfond, wie bereits erwähnt, ^) hatte seine erste 
Grundlage durch den Überschuss des 1852 aufgelösten „Hilfs- 
komites" erhalten. 

Für fremde Israeliten wurden festgesetzt: Aufnahmstaxen 
von 200 — 1000 fl., Beerdigungstaxen von 5 — 150 fl. 

Doch schon 10 Jahre später erwies sich die Aufstellung 
eines weiteren Steuerstatutes notwendig, das vornehmlich den 
Auswanderungen wohlhabender Steuerträger Rechnung tragen 
sollte. 

Dem am 8. Dezember 1864 s. ZI. 771 vom hohen Landes- 
ausschusse genehmigten Statute ist zu entnehmen: 

Die Gemeinde -Erfordernisse zerfallen in Ausgaben für 
Gottesdienst und Schule und in solche für anderweitige Ge- 
meindezwecke. 

Die Bestimmung der Steuerquote hat in folgender Weise 
zu geschehen: 

§ 12. 

„Art der Bestimmung der Steuer quote. 

Nach Richtigstellung des Vermögens schreitet der Steuerrat 
zur Bemessung der Steuerquote, zu welchem Ende von der als 
reines Vermögen für richtig anerkannten Summe vorerst drei 
Viertel abgezogen werden. 

Auf das restliche Viertel des Vermögens sind dann sämt- 
liche Gemeinde-Erfordernisse so zu verumlagen, so dass dieser 
Vermögens -Viertel- Anteil nach dem Verhältnisse der Hälfte der 
Gesamtsumme der Gemeinde -Erfordernisse, und bezüglich der 
andern Hälfte derselben nach folgenden 10 Klassen in Konkurrenz 
gezogen wird; die in nachstehender Scala ausgesetzten Prozente 
bezeichnen die Quote, welche von dem Steuerpflichtigen in dieser 
Klasse zur Deckung der einen Hälfte der Gesamtsumme der 
Gemeinde-Erfordernisse zu übernehmen ist. 

') Vgl. S. 239. 



846 



Zehntes Kapitel. 



Klassen. 


Keines Vermögen 
nach Abzug von 

10% 


Steuerbares 
Viertel. 


Nach "/„ 

aus- 
gedrückte 
Steuer- 
quotü. 




1. 


160,000 fl. ö. W. 


40,000 und darüber 


2V-i "/« 




II. 


80,000 fl. ö. W. 


20,000 dto. dto. 


27. 7o 




IIL 


60,000 fl. ö. W. 


15,000 dto. dto. 


2 °'o 




IV. 


40,000 fl. ö. W. 


10,000 dto. dto. 


1 3/ Ol 




V. 


20,000 fl. ö. W. 


5000 dto. dto. 


1 11 0/ 

i ;2 /o 




VI. 


10,000 fl. ö. W. 


2500 dto. dto. 


lV4"/o 




VII. 


5000 fl. ö. W. 


1250 dto. dto. 


1% 




VIII. 


3000 fl. ö. W. 


750 dto. dto. 


^4 % 




IX. 


2000 fl. ö. W. 


500 dto. dto. 


% °/o 




X. 


unter 2000 fl. ö. AV. 


500 dto. dto. 


V* "/o" 





Auswärtig gelegene Verraögenheiten Einheimischer unter- 
liegen der Steuerpflicht und gemessen hinsichtlich der Kultus- 
uud Schulerfordernisse der Heimatsgemeinde keinerlei sonst im 
Gesetze vorgesehene Steuerfreiheit. 

Ausserordentliche Gefälle und Strafgelder fallen dem 
Kultus- und Schulfonde zu. (Des Armenfondes, dessen 
Gründung bereits 1826 im Prinzipe beschlossen wurde, wird mit 
keinem Worte gedacht, weil er damals, als die Armenkasse 
noch mit Defizit arbeitete, eigentlich überhaupt nicht existierte.) 
Neu und einschneidend war folgende Bestimmung: „Wenn 
ein Gemeindeglied aus dem Gemeinde verbände frei- 
willig austritt, so hat es von seinem sämtlichen Ver- 
mögen ^2 Prozent an die Gemeinde zu bezahlen." 

Diese lokalpatriotische Massregel bedeutete ein oft em- 
pfindliches Opfer für die Hohenemser Israeliten, die durch ihre 
Geschäftsbeziehungen zuweilen gezwungen waren sich ander- 
wärts niederzulassen. Gerne aber ertrugen sie es in der Regel 
in der lobenswerten Absicht die Fonde der Heimatsgemeinde 
zu stärken und so den Bestand der Gemeinde-Institutionen 
in Schule, Kultus und Armenpflege dauernd zu sichern. 

Doch ward der § späterhin infolge einer Beschwerde 
wieder aufgehoben. 

Desgleichen wurden auch fremde, in Hohenems ansässige 
und der Besteuerung sonst nicht unterliegende Israeliten zu 
Abgaben für Kultus- und Schulfond herangezogen. 



Bürgermeister Samuel Menz. 347 

Brautleute hatten, wie bisher schon, ein Prozent ihres 
Vermögens als Steuer an die Gemeinde zu entrichten. 

Dieses Steuerstatut kam unter dem Bürgermeister 
Samuel Menz zustande, der nach dem Tode Philipp Rosen- 
thals an die Spitze der Gemeinde trat. 

Samuel Menz war in jeder Hinsicht das, was man einen 
seif niade man zu nennen pflegt. Eigene Kraft, eigener Fleiss 
und AVillensstärke machten sein Leben zu einem an Ehren 
und P^rfolgen reichen. 

Samuel Menz ward am 3. Dezember 1800 als sechstes Kind 
seiner frommen, gelehrten aber in ärmlichen Verhältnissen lebenden 
Eltern Michael und Babette Moos ') geboren. Frühzeitig lernte 
der sehr begabte Knabe den Ernst des Lebens kennen, da schon 
1807 sein Vater, der als Lehrer wirkte, im Alter von kaum 
52 Jahren aus dem Leben schied und eine Witwe mit 9 un- 
mündigen Waisen hinterliess. Doch er sowohl wie sein ältester 
Bruder Ephraim standen Mutter und Geschwistern bald tapfer 
zur Seite. Eine kleine Wirtschaft, „zum Schwerte", sollte die zahl- 
reiche Familie ernähren. Samuel Menz sah sich deshalb bald, 
kaum 15 Jahre alt, nach einem Nebenerwerbe um. Da er fleissig 
hebräische und talmudische Studien beim Rabbiner Samuel Ulimann 
getrieben und bedeutendes als Autodidakt erworbenes AVissen be- 
sass, so ward er von der Vorstehung nach dem Abgange Salamon 
Sulzers nach Wien im Jahre 1821 als provisorischer Vorbeter an- 
gestellt. Auf Grund der vom Rabbiner üllmann erhaltenen Autori- 
sation fungierte er auch als Schächter und später als Lehrer an 
der hebräischen Schule. Am 2. Oktober 1827 ward er vom Land- 
gerichte Dornbirn zur Erteilung des Bne-Zion-Unterrichtes an 
Brautleute zugelassen. Am 15. Juli 1833 legte er an der k. k. 
Kreishauptschule in Bregenz das Examen für Schulkandidaten 
„mit erstem Vorzug" ab. Doch da seine finanziellen Verhältnisse 
sich bald günstiger gestalteten, legte er das Lehramt ganz ab 
und widmete sich der Israelitengemeinde alsbald an leitender 
Stelle. Bereits 2 Jahre früher hatte er sich in Babette Beru- 
he im er eine seiner würdigen Lebensgefährtin erkoren, die ihm in 
treuester Weise allezeit zur Seite stand. Samuel Menz war der 
Generalagent der Triester Assekuranzgesellschaft Riunione Adriatica 
di sicurta für Tirol und Vorarlberg. Sein Bruder Martin 31enz, 
der als bedeutender Kaufmann in Triest lebte, war einer der 
Gründer dieser Gesellschaft. 

Welche Würdigung die hervorragende Begabung, der Fleiss 
und die aufrichtige Frömmigkeit des Sam. Menz frühzeitig schon 
in der Israelitengemeiijde fanden , erhellt daraus , dass er im 
Jahre 1833, also kaum 26 Jahre alt, als Vorsteher der Chewra- 
Kadischa gewählt ward und dieses Ehrenamt Jahrzehnte lang 



') 1813 nahm die Familie den Namen „Menz" an. 



348 Zehntes Kapitel. 

in segensreichster "Weise versah. 1844, um ii. April, erteilte 
ihm Rabbiner Abraham Kohn, vor seiner verhängnisvollen 
Abreise nach Lcmborg, ein ehrenvolles Zeugnis, das ihn zur 
Vertretung des Rabbiners befähigt erklärte und das von den 
späteren Rabbinern Ehrmann und Popper bestätigt ward. 
Samuel Menz führte deshalb bei Vacanzen des Rabbinates die 
Matriken und nahm mehrfach Trauungen vor. Jahrzehnte lang 
war er, ebenso wie sein Vater vor ihm, „Mohel", zuerst neben 
dem das gleiche Ehrenamt versehenden Gemeindekassier Josef 
Hirschfeld. 1853 zeichnete ihn Rabbiner Popper in einem sehr 
ehrenvollen Zeugnisse durch Verleihung des „Morenu"-Titels aus. 
1858 widmeten ihm die Mitglieder der Chewra-Kadischa aus 
Anlass seines 25 jährigen Jubiläums als Chewra- Präses einen 
silbernen Pokal mit entsprechender Inschrift, den Samuel Menz 
10 Jahre später der Synagoge spendete, wo er heute noch in Ver- 
wendung steht. Der Geraeindeleitung damals bereits seit 2 Jahr- 
zehnten angehörend, trat er 1859 als Bürgermeister an deren 
Spitze und bekleidete dieses Amt, wie in den betr. Spezial-Kapiteln 
gezeigt werden wird, in sehr erfolgreicher Weise bis 1868, wo 
ihn eine schwere Erkrankung zum Rücktritte zwang. Seine Ge- 
nesung von derselben feierte Rabbiner Popper in einer erhebenden 
in Druck erschienenen Ansprache bei der Generalversammlung 
der Chewra-Kadischa am 14. März 1869. 

Doch zwang ihn seine geschwächte Gesundheit von da ab 
die Leitung der Gemeindeangelegenheiten jüngeren Kräften zu 
überlassen. 

Samuel Menz besass eine bewundernswerte Arbeitskraft, 
die er nahezu ganz in den Dienst der Gemeinde stellte. Ein 
Muster der Pflichttreue, aber auch zugleich der Güte und Hilfs- 
bereitschaft. Überaus wohltätig, bereit zu helfen, wo es immer 
möglich war, hat er ungemein viel Gutes gestiftet und genoss eine 
allgemeine Verehrung, die sich über weite Kreise erstreckte. 

Als weiterer rühmenswerter und echt jüdischer Zug aber sei 
sein Patriotismus hervorgehoben. 

Er bekundete den regsten Eifer, wo es das Gemeinwohl, das 
Wohl des Vaterlandes und seiner Verteidiger im Krieg wie Frieden 
zu fördern galt;- an allen Sammlungen, Stiftungen und sonstigen 
Leistungen für patriotische Zwecke stand sein Name obenan, als 
würdiger Sohn und Leiter der Hohenemser Judenschaft, die sich 
allezeit durch opferwillige Vaterlandsliebe ausgezeichnet hat. 
Se. Majestät der Kaiser Franz Josef I. zeichnete in 
Anerkennung dessen Samuel Menz viermal aus: am 
2:-{.Sep tembe r 1859 ward ihm dasSilberneVerdienstkreuz 
mitderKrone, aml9.Novem ber ISGTdieGol deneMedaille, 
am 27. August 1809 das Goldene Verdi enstkreuz mit der 
Krone verliehen und am 30. November 1866 ward er mit 
dem Ausdrucke der a. h. Zufriedenheit Sr. Majestät des 
Kaisers, gezeichnet vom Peldm arschall Erzherzog 
Albrecht, ausgezeichnet. 



Die Griindunpf des Kiiltusfondes. Dr. Ludwig Ullmann. 349 

Tiefbetrauert schied er am 4. August 1876 aus dem Leben. 
Die 25. AViederkehr seines Todestages ward in der Hohenemser 
Synagoge durch eine (Tudächtnisrede gefeiert. 

Eine der wichtigste a Neiieinftthrimgeu unter der Ver- 
waltung des Bürgermeisters Sam. Menz war die im Jalire 
1860 erfolgte Gründung eines Kultusfonds, der den Zweck 
haben sollte, den Bestand der Kultusgemeinde trotz der 
steten Abnahme der Mitgliederzahl finanziell für alle Zeit 
zu ermöglichen. Am 4. März 1860 bot die Anregung hiezu 
eine an den Israeliten - Ausschuss gerichtete Petition der 
Herren: Ernest Schwarz, L. Löwenberg, Isak Mos. Bernheimer, 
H. K. Reichenbach, A. Löwenberg, Jak. Kitzinger, Dr. L. 
Ulimann, Heinrich Wohlgenannt, Leop. Brettauer, Sal. Guggen- 
heim, Bermann "Wohlgenannt. 

Der Ausschuss ging in der Sitzung vom 3. Juni 1860 
auf die treffliche Anregung ein und betraute Dr. L. Ullmann 
mit den Vorarbeiten, welche alsbald das beste Resultat 
lieferten. Zahlreiche und bedeutende Spenden und Legate 
(vgl. Kap. 17 „Stiftungen") hoben den Kultusfond alsbald 
zu bedeutender Höhe, wozu sich später noch die Einver- 
leibung mehrerer kleinerer Stiftungen und das Vermögen 
aufgelöster kleinerer Vereine gesellte, so dass der Kultusfond 
allmählich wirklich das ward, was seine Stifter ursprünglich 
beabsichtigten, die finanzielle Grundlage und Zukunftsge- 
währ für den Fortbestand der Kultusgemeinde und ihrer 
Institutionen. 

Im Jahre 1864 legte Daniel Hirschfeld das jahre- 
lang pflichteifrig und gewissenhaft versehene Kassieramt nieder, 
das dann Dr Ludwig Ullmann und nach diesem Benjamin 
Guggenheim übernahm. 

Dr. Ludwig Ulimann ward am 29. September 1812 als 
ältester Sohn des Ephraim üllraann und seiner Gattin Lea Landauer 
geboren. Gleich seinem Grossvater Samuel Ulhiiann und Urgross- 
vater Lob Ullmann war auch er dem Rabbinerstande bestimmt. 
Am 14. August 1832, nachdem er bereits im zweiten Jahrgange 
philosophischen Studien in Wien oblag, schrieb er an die Hohen- 
emser Israelitenvorstehung, dass er sich dem Rabbinerstande nur 
dann widmen wolle, so die Vorstehung sich verpflichte, ihn als 
Itabbiner nach dem damals bereits in Aussicht genommenen Ab- 
gang Kafka's anzustellen. Die Antwort scheint nicht befriedigend 
gewesen zu sein, denn der junge Kandidat widmete sich der medi- 
zinischen Wissenschaft und ward alsbald ein recht tüchtiger Arzt, 
der seine Praxis vorerst in Lingenau im Bregenzerwalde ausübte. 



350 Zehntes Kapitel. 

Wenige Jahre später liess er sich dauernd in Hohenems nieder, wo er 
als Gemeinderat und Kassier, sowie neben Dr. Simon Steinacli 
als Genieindearzt eine eifrige und segensreiche Tätigkeit entfaltete. 
Im September 1870 legte er seine Ehrenstellen nieder, trat jedoch 
um so energischer, weil unabhängig, neben Dr. Simon Steinach 
im ersten Akte der Verschmelzungs-Aktion, zu der er überhaupt 
den ersten Anstoss, wie bereits erwähnt') gegeben hat, auf. Den 
erfolgreichen Abschluss derselben, hat er nicht melir erlebt, da 
er am 16. September 1876 in Ulm verstarb, woselbst er auch 
beerdigt wurde. 

Am 9. Mai 1869 ward Dr. Simon Stein ach einstimmig 
zum Bürgermeister gewählt. 

Dr. Simon Steinach ward in Hohenems am 7. April 18,34 
als einziger Sohn des in diesem Kapitel bereits gewürdigten, als 
Arzt und Menschenfreund gleich hervorragenden Dr. Wilhelm 
Steinach geboren. Das wahrhaft grossartige Vorbild des Eltern- 
hauses war von nachhaltigstem Einflüsse auf den ganzen Lebens- 
lauf des Sohnes, in welchem es sich nach jeder Richtung hin 
wiederspiegelte. 

Dr. Simon Steinach erhielt, nach Vollendung seiner Gym- 
nasialstudien in Feldkirch, seine berufliche Ausbildung an der 
medizinischen Fakultät in Wien (18.53—1859), wo er ein bevor- 
zugter Schüler der damaligen Koryphäen Skoda, Oppolzer und 
Rokitansky war. Besonderen Einfluss auf den jungen Mediziner 
gewann der grosse Physiologe Prof. y. Brücke, welcher eine be- 
rühmte wissenschaftliche Schule begründete und in dessen Labo- 
ratorium Dr. Simon Steinach zusammen mit seinem Landsmanne 
und Jugendfreunde dem nachmaligen sehr bedeutenden Triester 
Augenarzte Dr. Josef Brettauer eine grundlegende physiolo- 
gische Arbeit über die „Fettresorption im Dünndarm" aus- 
geführt hat. (Publiziert in den Berichten der kais. Akademie der 
Wissenschaften in Wien 1855). Diese Arbeit eröffnete ganz neue 
Ausblicke in gewisse fundamentale Vorgänge des Stoffwechsels, 
wurde vielfach besprochen und erregte das lebhafteste Interesse 
der Fachkreise. Nahezu 50 Jahre später bezeichnete Univ. -Prof. 
v. Basch,-) gleichfalls ein Schüler Brücke's, diese wissenschaft- 
liche Leistung Steinach's als bedeutungsvoll und heute noch für 
die Entwicklung eines wächtigen Kapitels der Medizin massgebend. 

Trotz seiner glühenden Neigung für Forschertätigkeit fand 
sich Dr. Simon Steinach dennoch bewogen, u. z. durch sein edles, 
von idealer Menschenliebe durchdrungenes Empfinden, , der ärzt- 
lichen Praxis sich zu widmen, ein Gebiet, auf dem er, gleich seinem 
Vater, infolge seiner gediegenen Kenntnisse und peinlichsten Ge- 
wissenhaftigkeit grossartige, vielbewunderte Erfolge erzielte. Nach 



') Vgl. S. 264. 

-) Im Nachrufe, den dieser Gelehrte am Sarge Dr. Simon Steinachs 
bei dem am 8. Mai 1904 stattgefundenen Leichenbegängnisse hielt. 



Dr. Simon Steinach. 351 

vielen Tausenden zählten die Patienten, die aus Nah und Fern 
seine Hilfe in Anspruch nahmen, deren unbedingtes Vertrauen er 
besass und vollauf rechtfertigte, weil er sich durch fortgesetztes 
Studium auf der zeitgemässen Höhe seines Berufes und seiner 
Wissenschaft bis an sein Lebensende erhielt. Benutzte er doch 
selbst seine wenigen Erholungsreisen zu weiterer beruflicher Aus- 
bildung und entfaltete z. B. während des deutsch -französischen 
Krieges 1870/71 in mehreren Feldspitälern in der Nähe des Kriegs- 
schauplatzes und längere Zeit im Militärspitale zu Karlsruhe unter 
den Augen des berühmten Prof. Billroth eine sehr geschätzte 
chirurgische Tätigkeit. 

In Vorarlberg war er einer der ersten Arzte, welcher die 
Triumphe der eben eingeführten antiseptischen Wundbehandlung 
Arm und B,eich zugute kommen Hess. 

Er liebte seinen verantwortungsvollen Beruf, weil er die 
Menschen wahrhaft und selbstlos liebte. 

Wie sein Vater vor ihm, genoss auch er einen bedeutenden 
Ruf in der benachbarten Bodenseegegend, vornehmlich in der 
Ost-Schweiz, von wo unzählige Patienten zu ihm kamen, für die 
er eigene Sprechstunden eingerichtet hatte, u. z. am Mittwoch und 
Sonntag. Besonders am Sonntag sah man ganze Wagenreihen mit 
Schwerkranken zum Hause des hochgeschätzten Arztes pilgern. 
Desgleichen ward er häufig zu Consilien usw. nach der Schweiz 
berufen. 

Wie sehr er Arzt aus edelster Menschenliebe war, trat be- 
sonders da hervor, wo er am Krankenbette des Armen und auch 
in' gesunden Tagen Notleidenden stand. Hier erwies er sich als 
Wohltäter in des AVortes edelster und reichster Bedeutung, der mit 
allen Kräften Hilfe zu bringen bemüht war. Seine Praxis als 
Armen-, Fabriks- und Eisenbahnarzt bot ihm auch hiezu reiche 
Gelegenheit. Eine allseitige, aufrichtige Verehrung war der Lohn 
dieses eminent segensreichen Wirkens, ein Lohn, den Dr. Simon 
Steinach in seiner Bescheidenheit eigentlich niemals anstrebte und 
auch niemals zu vollem Ausdrucke gelangen liess. 

Doch nicht allein als kundiger gewissenhafter Arzt und hilfs- 
bereiter Wohltäter diente er seinen Mitmenschen, sondern auch, 
entsprechend seiner rastlosen, nicht zu erschöpfenden Arbeitskraft, 
als Mann, als unerschrockener Kämpe des Freisinns und Fort- 
schrittes, der überall da zu finden war, wo es ein Werk de.s Fort- 
schrittes, der Kultur zu fördern galt. Im Vorarlberger Arzte- 
verein, zu dessen tätigsten Mitgliedern er gehörte, im Verein 
der Verfassungsfreunde, dessen Vorstandsmitglied er war, 
im Presskomitee der „Feldkircher Zeitung", als Wahlmann für den 
Vorarlberger Landtag, als Mitglied des Vorarlberger Landes- 
s c h u 1 r a t e 8 , bei den Verhandlungen über die für Vorarlberg und ins- 
besondere für seine Heimatsgemeinde Hohenems höchst bedeutungs- 
volle Rheinbau-Korrektion, allenthalben entfaltete dieser tat- 
kräftige Mann eine, selbst von seinen Gegnern sehr geschätzte 
Tätigkeit. 



352 Zehntes Kapitel. 

Immer iiiul überall bewährte er sich als der wissenschaftlich 
wahrhaft hochstellende Mensch, der sein "Wissen, seine Kräfte gerne 
und jederzeit in den Dienst seiner Mitmenschen stellt, der ange- 
sichts der Not nicht erst nach der Konfession ihres Trägers fragt, 
sondern in jedem Menschen eben den Menschen sieht. 

Doch sollten dadurch seine Glaubensgenossen, seine engere 
Heimatsgemeinde, die der Hohenemser Israeliten, nicht in ihren 
Spezialintercssen zu kurz kommen. Im Gegenteil. Wie sein Vater 
vor ihm und in noch weit höherem Masse hat er sich unvergäng- 
liche Verdienste um die Hohenemser Israelitengemeinde erworben. 
Weiss doch jedes die Neuzeit behandelnde Kapitel dieses Geschichts- 
buches viel, überaus viel zu erzählen von dem rastlosen Wirken 
Dr. Simon Steinachs teils zur Hebung und Ausgestaltung der bereits 
bestehenden, teils zur Gründung neuer Institutionen der Israeliten- 
gemeinde auf allen Gebieten, in Schule, Kultus- und Armen- 
pflege. ') Seine universelle Arbeitskraft griff überall, bald schaffend, 
bald ausgestaltend ein und allenthalben, wenn auch oft vorerst 
verkannt, mit bestem, später anerkanntem Erfolge. Welche horren- 
den Ansprüche an seine Arbeitskraft und Selbstverleugnung stellten 
z. B. die bereits in diesem Buche dargestellten^) ein Jahrzehnt 
umfassenden aufregenden Kämpfe um die Inkorporierung der 
Israeliten — in die ürtsgemeinde, Kämpfe, die der einzigen recht- 
lichen Stellung seiner Glaubensgenossen in Hohenems galten und 
die er, in rastloser historischer Forschung, in Ausarbeitung vielei-, 
umfangreicher Memoranden, in zahllosen Beratungen im Israeliten- 
und Ortsausschusse und endlich in persönlicher Vertretung vor 
dem k. k. Verwaltungs-Gerichtshofe in Wien siegreich zum Ab- 
schlüsse brachte. 

Und was Wunder denn, wenn er, der 60jährige, der sein 
ganzes Leben der aufreibenden Arbeit für Andere gewidmet hatte, 
endlich das Bedürfnis nach Ruhe zu fühlen begann. 

Und so übersiedelte er denn im Oktober 1893, trotz der 
dringenden Bitten seiner Mitbürger, der Gemeindebehörden und 
des grossen Kreises seiner Verehrer im Lande, nach Wien, wo er 
sich ganz der stillen Forschung in seinem Fache hingab, rege Be- 
ziehungen zu den hervorragendsten Fachgenossen teils fortsetzte, 
teils neuanknüpfte und bald einen auserlesenen Kreis von Freunden 
um sich sah, die gerne das gastfreundliche Haus des bescheidenen, 
geistig so ungemein regsamen Gelehrten aufsuchten. 

Er, der Sechziger, wandte sich in Wien wieder seiner Jugend- 
liebe, der Physiologie zu, über die er noch ein ganzes Jahr hin- 
durch zusammen mit den jungen Studierenden Vorlesungen hörte. 

Er war ein eifriges und geschätztes Mitglied der Wiener 
„Gesellschaft der Ärzte" und entfaltete eine sehr anerkannte Tätig- 
keit im Komitee, welches die i. J. 1894 in Wien tagende Ver- 
sammlung der Naturforscher und Arzte vorbereitete. 



') Vgl. die betreffenden Spezial-Abhandlungen in diesem Buche. 
•-) Kapitel 8 und 9. 



Dr. Simon Bteinach. 353 

Das allgemeine Bedauern ob seines Wegzuges aus Hohenems 
kam damals auch in der Vorarlberger Presse zum Ausdrucke. 

Die „Vorarlberger Landeszeitung" achrieb in Nr. 248 vom 
28. Oktober 1893: 

„Hohenems, 27. Oktober. (Dr. Stein ach.) 

Gestern ist Herr Dr. Steinach nach Wien übersiedelt. Durch 
seinen Wegzug verlieren die vielen Patienten aus Nah und Fern 
ihren Vertrauensarzt, die Armen einen stillen Wohltäter, die 
wenigen Feinde einen überlegenen aber grossmütigen Gegner, die 
Gemeinde einen gemeinnützigen, alles Gute fördernden Bürger, 
alle einen edlen Menschenfreund. Wenn somit seine Übersiedlung 
eineroeits allgemein tief bedauert wird, so kann man es anderer- 
seits dem Herrn Doktor nicht verargen, wenn er, nachdem er 
Jahrzehnte für seine Mitmenschen gedacht und gewirkt hat, 
endlich auch an sich denkt, wenn er den Abend seines mühevollen 
Lebens in gemütlicher Ruhe zubringen will. Deshalb ein herzliches 
Lebewohl und baldiges Wiedersehen." 
Die „Feldkircher Zeitung" schrieb in Nr. 85 vom 25. Okt. 1893: 

„Hohenems, 21. Oktober. (Dr. Steinach.) Gestern hat 
Herr Dr. Simon Steinach nach mehr als 30 jähriger segensreicher 
Tätigkeit unsere Gemeinde verlassen, um nach Wien zu über- 
siedeln, wo er von den Mühen und Beschwerden seines Berufes 
auszuruhen gedenkt. Das Bedauern über den Weggang dieses 
ausgezeichneten Arztes ist nicht nur in Hohenems, sondern im 
ganzen Land, namentlich auch in der benachbarten Schweiz, ein 
allgemeines, denn Dr. Steinach genoss ein grosses Zutrauen bei 
den Tausenden von Patienten, die seine Hilfe suchten und an ihm 
jederzeit einen bereitwilligen, ebenso gewissenhaften als einsichts- 
vollen Ratgeber fanden. 

Bei seinen Kollegen genoss Dr. Steinach, der auf der Höhe 
der Wissenschaft stand und sich die jeweiligen Fortschritte auf 
dem Gebiete der Heilkunde zu eigen machte, ein grosses Ansehen 
und er wurde sehr häufig zu Konsilien beigezogen. Im Vor- 
arlberger Ärzte-Verein war er eines der tätigsten und würdigsten 
Mitglieder. Möge es dem ausgezeichneten Manne und Arzte in 
seinem neuen selbstgewählten Aufenthaltsorte stets Wohlergehen, 
möge er aber auch sein engeres Heimatland Vorarlberg nicht ver- 
gessen, wie er hier fortan in dankbarer Erinnerung fortleben wird. 

(An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass Herr Dr. Steinach 
stets ein treuer, aufrichtiger Fortschrittsmann war, der sich leb- 
haft um politische und kulturelle Fragen kümmerte und namentlich 
in letzterer Richtung [Rheinbaukorrektion] seit Jahren eine rege 
und erspriessliche Tätigkeit entwickelte.)" 

Doch auch in Wien bewährte er sich als treuer Vorarlberger, 
der mit regem Interesse die Schicksale seiner Heimat begleitete. 
Insbesondere aber stand er auch in der Ferne mit Rat und Tat, 
mit seiner weisen Einsicht und reichen Erfahrung der Hohenemser 
israelitischen Kultusgemeinde bei. So vornehmlich bei der Aus- 

23 



354 Zehntes Kapitel. 

arbeitung der Statuten in den Jahren 1895 — 1898 und in zahllosen 
anderen Fällen. 

Unvergängliche, nicht genug zu würdigende Verdienste aber 
hat sich Dr. Simon Steinach noch an seinem Lebensabende um das 
vorliegende Geschichtswerk erworben, dessen Ausarbeitung der Ver- 
fasser auf seine Anregung hin in Angriff nahm und dessen Fertig- 
stellung und Drucklegung er mit dem eifrigsten Interesse, mit sehr 
wertvollen Ratschlägen begleitete. Leider sollte er dessen Vollendung 
nicht mehr erleben. ') 

Noch war es ihm vergönnt am 7. April 1904 die Feier seines 
70. Geburtstages im, wie er beabsichtigte, engsten Familienkreise 
zu feiern. Aber die zahlreichen Kundgebungen, die ihm damals 
aus Nah und Fern zukamen, zeigten, wie sehr man in seiner alten 
wie neuen Heimat an seinem Ehrentage an ihn gedacht hatte. 

Auch das erhebende Familienleben seines Elternhauses fand 
in seinem eigenen Heime seine Wiederholung. Seit dem Jahre 1860 
mit Flora, der Tochter des in diesem Kapitel mehrfach gewürdigten 
Josef Rosenthal, in glücklicher Ehe vermählt, war ihm die hohe 
Freude beschieden, die medizinische Wissenschaft, und diesmal 
ausschliesslich die wissenschaftliche Forschung, in dritter Generation 
seiner Familie erhalten zu sehen, in seinem Sohne Eugen, der als 
Professor der Physiologie an der deutschen Universität in Prag 
wirkt, wähi-end der jüngere Sohn Josef als Direktor der Spinnerei 
der Firma „Gebr. ßosenthal" in Rankweil tätig ist. 

Dr. Simon Steinach war in den letzten Jahren seines Lebens 
sehr leidend. Doch hätte seine Konstitution, gepaart mit seiner 
sehr massigen, vorsichtigen Lebensweise noch so manches Jahr 
widerstehen können, wenn nicht durch besonders unglückliche Um- 
stände bei der operativen Entfernung eines verschluckten, in der 
Speiseröhre stecken gebliebenen Beinchens eine schwez-e Verletzung 
und hiedurch bedingte innere Verblutung eingetreten wäre, die 
ihn binnen wenigen Stunden hinwegraffte. Er starb sanft am 
6. Mai 1904 in Wien. 

Bei dem am 8. Mai stattgefundenen Leichenbegängnisse 
widmeten ihm ehrenvolle Nachrufe Prof. v. Basch, der seine 
wissenschaftlichen Verdienste und Kollegialität hervorhob, und 
Lucian Brunner, der ihn als Arzt, als Freund und Berater, als 
Mensch in des Wortes edelster Bedeutung in trefflicher Weise feierte. 

Ausser den Fachzeitschriften widmeten ihn ehrenvolle Nach- 
rufe mehrere grosse Wiener Tagesjournale, fast alle Vorarlberger 
Zeitungen und mehrere Schweizer Blätter. 

Die Hohenemser israelitische Kultusgemeinde veranstaltete 
zu Ehren seines Gedächnisses am 21. Mai eine würdige Trauerfeier 
in der Synagoge. 

Ehre dem Andenken dieses hochbegabten, verdienstvollen 
Mannes! 



') Er starb während der Drucklegung des vorliegenden Kapitels. 



Anton Rosenthal. 355 

Über das erfolgreiche Wirken Dr. Simon Steinachs in 
den einzelnen Institutionen der Gemeinde, in Unterricht, 
Armenpflege, Stiftungsverwaltung u. s. w. wird in den be- 
treifenden Spezialabhandlungen berichtet werden. 

Wie bereits im 8. Kapitel erwähnt, folgte dieserfi in dem, 
angesichts der immer mehr zur Katastrophe hindrängenden 
Verhältnisse, um so schwierigeren und aufreibenden Ehren- 
amte eines Bürgermeisters der endlich ihren Scheinbestand 
selbst erkennenden „politischen" Israelitengemeinde am 
2. Mai 1870; Herr Anton Rosenthal, der am 13. Februar 
1840 geborene Sohn des schon erwähnten Bürgermeisters 
Philipp Rosenthal. 

Und es gehörte wahrlich die den Hohenemser Israeliten 
innewohnende nicht genug zu würdigende Tugend der An- 
hänglichkeit an die Israelitengemeinde und des warmen 
Interesses für ihre Schicksale dazu, als Chef eines grossen 
industriellen Etablissements und Brotherrn eines ganzen 
Heeres von Fabriksbeamten und Arbeitern auch noch 
Zeit zu finden oder sich abzuringen, um der Verw^altung 
einer Gemeinde inmitten einer aufregenden Kampfes- 
periode vorzustehen. Unentwegt und mutvoll sahen ihn 
die kritischen Jahre 1870 — 1885 auf seinem Ehrenplatze, 
Hand in Hand mit Dr. Simon Steinach für die Rechte 
seiner Gemeinde einstehend und kämpfend. Und nur treu- 
jüdisches Empfinden, nur die Überzeugung für Wahrheit und 
Recht einzutreten, hat diesen gesinnungstreuen Fortschritts- 
mann, den allseitig verehrten AYohltäter aller Hilfsbedürftigen 
ohne Unterschied der Konfession und hochsinnigen Förderer 
aller gemeinnützigen Vereine und Institutionen der Israeliten- 
gemeinde sowohl wie des Ortes Hohenems, in den kampfes- 
reichen Jahren von 1870—1885 auf seinem Ehrenposten an 
der Spitze der Hohenemser Israeliten ausharren lassen. 

Über die Umgestaltung, welche die Rechtsstellung der 
Gemeinde sowohl wie die der einzelnen Israeliten in Hohen- 
ems durch deren Incorporierung in die Ortsgemeinde erfuhr, 
ward bereits an anderer Stelle ^) ausführlich berichtet. Die 



*) Kap. 8 und 9. Nachgetragen sei hier noch der Vollständigkeit 
halber, dass i. J. 1880 die Isrealiten — der Ortsgemeinde die jener 
bisher gehörigen Strassenlaternen nebst Inventar als Eigentum gegen 
die Bedingung überliess, dass diese Laternen auch künftig an der gleichen 
Stelle Verwendung finden sollen. 

23* 



;J5G Zehntes Kapitel. 

innere Verwaltung der Israeliten-Gemeinde ward durch die 
Incorporierung uieht weiter berührt und der Kultusvorstand 
erledigte nunmehr die Aufgaben, die bisher dem Bürgeraus- 
schusse obgelegen hatte, da ja dessen politische Tätigkeit 
nur, wie liereits dargelegt, eine sehr eingeschränkte war. 

Am 22. Juli 1885 fand eine Neuwahl und auf Grund 
dieser durch die k. k. Bezirkshauptmannschaft Feldkirch 
s. ZI. 5826 am 23. Juli unter Zurückgreifung auf das bereits 
erwähnte Statut von 1795 die Ernennung der Vorstehung 
der nunmehrigen Kultusgemeinde statt, und zwar wurden er- 
nannt die Herren: HermannHirsch alsl., Dr. Simon Steinach als II. 
und Anton Rosenthal als III. Vorsteher, Josua Brettauer und 
Iwan Rosenthal als Beiräte. Als Kassier fungierte Herr 
Ludwig Kahn, ein Sohn des um die Hohenemser Judenschaft 
sehr verdienten Elias Kahn (1806 — 1858) — eines Schwagers 
des Rabbiners Abraham Kohn — bis z. J. 1891. Die in 
gleicher Weise erfolgte Erneuerung der Kultusvorstehung im 
September 1888 ergab als solche die Herren: Hermannn Hirsch 
als I., Anton Rosenthal als II., Michael Menz als III. Vor- 
steher und Dr. Simon Steinach und Iwan Rosenthal als 
Beiräte. Die damals entworfenen provisorischen Statuten 
blieben bis 1898 in Kraft, da das neue Statut in's Leben trat. 

Hermann Hirsch, geboren am 31. Oktober 1829 in Kriegä- 
habern, widmete sich frühzeitig mit Fleiss und Erfolg dem Kauf- 
mannsstande. 1860 vermählte er sich in Hohenems mit der 
Witwe des hochgeachteten, verdienstvollen Gemeindebürgers Elias 
Kahn, Regina, geb. Bernheimer, deren frühverwaisten Söhnen 
er ein treuer Vater ward. Kurz darauf ward er seitens der Israeliten- 
gemeinde, in deren Dienst er seine Kräfte 4 Jahrzehnte lang 
stellte, mit verschiedenen Ehrenämtern bekleidet, als Gremeinderat, 
Kassier und schliesslich als Kultusvorstehcr, welches Ehrenamt 
er 15 Jahre lang in pflichttreuer Weise bekleidete. Treu und 
mutvoll hat er den ganzen Inkorporierungskampf mitgefochten, 
an allen Ausgleichssitzungen des Ortsausschusses teilgenommen. 
Am 20. Juli 1877 starb seine treffliche Gattin. Am 17. Februar 1880 
heiratete er Rosalie Guttmann, die Schwester des Hohenemser 
Rabbiners Dr. A. Guttmann, mit der er bis zu ihrem am 
16. Januar 1900 erfolgten Tode in glücklichster Ehe lebte. Am 
31. Oktober 1899 ehrten ihn Vorstehung und Rabbinat zu seinem 
70. Geburtstage durch Überreichung einer Adresse. Im Jahre 1900 
übersiedelte er unter allseitigem Bedauern nach Stuttgart zu 
seinen Kindern, woselbst ihn am 8. Dezember 1902 der Tod ereilte. 
Seine bedeutenden Verdienste um die Verwaltung der Gemeinde, 
sein stets freundlicher Verkehr mit Rabbiner und Beamten, seine 



Iwan Rosenthal. Deponierung der Fonds- u. Stiftungskapitalien. 357 

herzgewinnende Güte und Wohltätigkeit sichern diesem trefflichen 
Manne für alle Zeiten eine wohlverdiente, ehrenvolle Erinnerung. 

Unter seiner Vorsteberschaft und auf Anregung des Herrn 
Iwan Rosenthal gelangte auch eine sehr zweckmässige Mass- 
nahme zur Durchführung. In der Sitzung vom 14. Dezember 
1891, ZI. 107, beschloss die Kultusvorstehung das Vermögen a) 
des Kultusfouds, b) des Schulfonds, c) des Armen-Sonder- 
vermögens (mit Genehmigung des Ortsbürgermeisters), d) des 
Pfriindnerfonds, e) der Caroline Wollheim sehen Stiftung, 
f) der Wolf Josef Levi sehen Stiftung, g) der Lazarus Josef 
Levischen Stiftung und h) der Judith Daniel sehen Stiftung 
der österr.-ung. Bank in Wien in Verwahrung und Verwaltung 
zu übergeben. Die Übergabe sowohl wie der jeweilige Zinsen- 
bezug habe durch die Bankfiliale in Bregenz, und zwar durch 
die hiezu mit Vollmacht zu versehenden Herren Iwan Rosen- 
thal, als derzeitigen Stiftungsverwalter und Moritz Federmann, 
als derzeitigen Sekretär, zu geschehen. 

Jn der Sitzung des Kultusvorstandes vom 4. Februar 1892, 
ZI. 27, welcher der k. k. Notar Herr Bernhard Rudigier aus 
Dornbirn beigezogen war, gelangte die Vollmacht zur Aus- 
fertigung mit Legalisierung durch den k. k. Notar, s. ZI. 1745 
vom 5. Februar 1892. Eine weitere Vollmacht an oben- 
genannte Herren vom 4. Februar 1893, legalis. vom k. k. Notar, 
s, ZI. 2953, erstreckte sich auf die vorkommenden Falles 
nötige Anschaffung von Ersatzwerten. 

Nach jahrelangen umfassenden Vorarbeiten zur Schaffung 
neuer Statuten für die Israel, Kultusgemeinde in Hoheuems 
auf Grund des Gesetzes vom Jahre 1890 über die Regelung 
der äusseren Rechtsverhältnisse der Israeliten, und unter 
besonderer Rücksichtnahme auf die hier obwaltenden eigen- 
artigen Spezial -Verhältnisse, eine sehr mühevolle Arbeit um 
deren Zustandekommen sich nächst dem hierortigen Kultus- 
vorstande, insbesondere die Herren Dr. Simon Steinach in 
Wien und Sekretär Moritz Federmann sehr verdient ge- 
macht haben, ward endlich zu Beginn des Jahres 1898 
das neue Statut geschaffen und von der k. k. Statthalterei 
in Innsbruck am 22. März 1898, s. Z. 9879, genehmigt. 

Auf Grund desselben fand im November 1898 die Neu- 
wahl der Kultusvorstehung in Anwesenheit des k. k. Bezirks- 
hauptmannes in Feldkirch, Herrn Levin Grafen v. Schaff- 
gottsch, statt, wobei als gewählt hervorgingen die Herren: 



358 Zehntes Kapitel. 

Hermann Hirsch als Vorsteher, Anton Rosenthal und Michael 
Menz als Beiräte, Iwan Rosenthal und Leonhard Landauer 
als Ausschussraänner, Leop. Simon Brettauer und Theodor 
Elkan als Ersatzmänner. Das nunmehrige Statut der Kultus- 
gemeinde hat folgenden Wortlaut: 

„Statut 

der israelitischen Kultusgemeinde zu Hohenems 

in Vorarlberg. 

I. Abschnitt. 

Gebiet der Kultusgemeinde und Sitz des Vorstandes. 

§ 1. Die israelitische Kultusgemeinde in Hohenems in Vorarlberg 
umfasst laut Verordnung des h. k. k. Ministeriums für Kultus und Unter- 
richts vom 9. Juli 1892, Z. 27746 ex 1891, als ihren Sprengel das ganze 
Land Vorarlberg, d. i. die politischen Bezirke Feldkirch, Bludenz und 
Bregenz. 

Die in der gefürsteten Grafschaft Tirol jeweilig wohnenden Israe- 
liten sind der israelitischen Kultusgemeinde in Hohenems zugewiesen. 

Der Vorstand hat seinen Sitz in Hohenems. 

§ 2. Jeder Israelite, welcher im oben bezeichneten Sprengel der 
Kultusgemeinde seinen ordentlichen Wohnsitz hat, ist Angehöriger der 
Kul tusgemeinde. 

IL Abschnitt. 

Aufgabe der Kultusgemeinde. 
§ 3. Aufgabe der Kultusgemeinde ist, innerhalb der durch die 
Staatsgesetze gezogenen Grenzen für die Befriedigung der religiösen 
Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen und die durch diesen Zweck ge- 
botenen Anstalten zu erhalten und zu fördern. 
Insbesondere sorgt die Kultusgemeinde: 

a) für den Bestand und die Erhaltung der nötigen gottesdienstlichen 
Anstalten und Einrichtungen, für die regelmässige Abhaltung des 
Gottesdienstes und zwar mindestens an jedem Sabbath und an den 
israelitischen Festtagen, für die Vornahme der rituellen Schlachtungen; 

b) für die Anstellung und Besoldung des Rabbiners und der übrigen 
Beamten und Diener; 

c) für die Erteilung eines geregelten Religionsunterrichtes (§ 54 und 55) 
insbesondere an der von der Kultusgemeinde bisher erhaltenen und 
fortzuführenden Privatvolksschule mit Offentlichkeitsrecht; 

d) für den Bestand und die Erhaltung eines konfessionellen Friedhofes, 
sowie für die dem Ritus entsprechende Beerdigung der Verstorbenen; 

e) für die Verwaltung des israelitischen Armen-Sondervermögens auf 
Grund der Entscheidung des h. k. k. Verwaltungsgerichtshofes vom 
16. Dezember 1887, Z. 2758, sowie für die Ei-haltung der durch die 
Incorporierungs- Verhandlungen mit derörtsgemeinde vom 27. Februar 
1879 erworbenen Rechte ; ferner für die Verwaltung der in der Kultus- 
gemeinde bestehenden Fonde, Stiftungen und Wohltätigkeits- Anstalten ; 



Statut der israel. Kultusgemeinde. 359 

f) für die Beaufsichtigung und Instandhaltung der der Kultusgemeinde 
gehörigen Gebäude und deren Inventar. 

III. Abschnitt. 

Vertretung«- und Verwaltungsorgane der Kultusgemeinde. 
§ 4. Die Vertretungs- und Verwaltungsorgane der Kultusgemeinde 
sind folgende: 

1. der Kultusausschuss, 

2. der Kultusvorstand. 

§ 5. DerKultusausschussbestehtausfünfMitgliedern, von denen eines 
seinen Wohnsitz ausserhalb Hohenems, jedoch in Vorarlberg, haben kann. 

Zum Ersätze für abgängige oder dauernd verhinderte Ausschuss- 
mitglieder sind zwei Ersatzmänner bestimmt. 

§ 6. Der Kultusvorstand wird aus dem Kultusausschusse gewählt 
und besteht aus dem Kultusvorsteher und zwei Beiräten, die sämtlich 
in Hohenems ihren "Wohnsitz haben müssen. 

§ 7. Die Mitglieder des Kultusausschusses und deren Ersatzmänner, 
ferner die Mitglieder des Kultusvorstandes werden auf die Dauer von 
drei Jahren durch Wahl bestellt. 

Dieselben verbleiben auch nach Ablauf dieser Zeit bis zur Kon- 
stituierung der neuen Kultusvertretung im Amt. 

§ 8. Wird die Stelle eines Mitgliedes des Kultusausschusses er- 
ledigt, so hat an dessen Stelle jener Ersatzmann zu treten, welcher bei 
der Wahl als Ersatzmann die meisten Stimmen erhalten hat. 

Haben beide Ersatzmänner eine gleiche Anzahl von Stimmen er- 
halten, 80 entscheidet das Los, wer von ihnen in die erledigte Stelle 
eines Mitgliedes des Kultusausschusses eintritt. 

Ist der Kultusausschuss nach Einberufung beider Ersatzmänner 
noch nicht komplett (§ .5), so ist auf Grundlage der letzten Wählerliste 
die Wahl der zur statutenmässigen Anzahl fehlenden Mitglieder für den 
Rest der Wahlperiode nach den für Neuwahlen bestehenden statutarischen 
Bestimmungen sogleich vorzunehmen. 

§ 9. Kommt ein Mitglied des Kultusvorstandes im Laufe der 
Wahlperiode in Abgang, so hat der nach § 8 ergänzte Kultusausschuss 
binnen 14 Tagen für dieses Amt eine Neuwahl auf die noch übrige 
Dauer der Wahlperiode vorzunehmen. 

§ 10. Das Amt eines Mitgliedes des Kultusausschusses oder des 
Kultusvorstandes, insbesondere auch das Amt des Kultusvorstehers ist 
ein unbesoldetes Ehrenamt. Dasselbe gilt auch bezüglich jener Mit- 
glieder der Kultusgemeindevertretung, w-elche zur Beaufsichtigung der 
Schule, des Armen-Sondervermögens, der Fonde, Stiftungen und Wohl- 
tätigkeitsanstalten bestellt sind. 

Zusatz zum III. Abschnitt. 

Die in Tirol wohnenden Israeliten sind berechtigt, für ihren 
jeweiligen Wohnsitz oder für mehrere benachbarte Wohnsitze zusammen 
ein 3- bis Sgliedriges Komitee zur Besorgung der lokalen Kultusbedürf- 
nisse zu wählen. Das Komitee wählt aus seiner Mitte den Obmann. 

Über Wahlrecht und Wählbarkeit gelten die Bestimmungen des 
Zusatzes zum IX. Abschnitt der Statuten. 



360 Zehntes Kapitel. 

IV. Abschnitt. 

Wirkungskreis des Kultusausschusses. 

§ 11. Der Kultusausschuss ist beratendes und beschlussfassendes 
Organ der Kultusgenieinde. 

§ 12. Der Wirkungskreis des Kultusausschusses umfasst im all- 
gemeinen die gesamte Verwaltung der Kultus- und Vermögensangelegen- 
heiten der Kultusgemeinde, sowie die Entscheidung in allen religiösen 
und rituellen Fragen im Einvernehmen mit dem Kabbiner nach Mass- 
gabe des demselben zustehenden Wirkungskreises. 

Zum Wirkungskreis des Kultusausschusses gehören insbesondere 
folgende Angelegenheiten: 

a) Die Beratung und Beschlussfassung in allen die Ausübung des Kultus 
selbst betreflfenden Angelegenheiten ; die Sorge für den Bestand 
und die Erhaltung der erforderlichen gottesdienstlichen Anstalten 
und Einrichtungen; die Bestimmung der Art und Weise der Be- 
nutzung derselben, beziehentlich die Erlassung der diesbezüglichen 
Hausordnungen, Instruktionen, Direktiven und dergl. 

b) Die Sorge für die Erteilung eines geregelten Religionsunterrichtes, 
insbesondere an der israelitischen Privatvolksschule in Hohenems 
und die Beaufsichtigung desselben; die Aufsicht über konfessionelle 
Anstalten, Kultusvereine und konfessionelle Stiftungen, unbeschadet 
der diesfalls geltenden Gesetze und Vorschriften; dann die Zustim- 
mung zur Errichtung und die Beaufsichtigung der Privatbethäuser, so- 
wie der Zusammenkünfte zu gottesdienstlichen oder rituellen Übungen; 

c) Die Sorge für die Verwaltung des israelitischen Armen- Sonder- 
vermögens (§ 3e) nach Massgabe der hierüber bestehenden behörd- 
lichen Entscheidungen und mit der politischen Gemeinde Hohenems 
getroffenen Vereinbarungen; die Sorge für die Verwaltung solcher 
Privatstiftungen, in deren Stiftbrief die Beaufsichtigung durch die 
Kultusgemeinde verlangt wurde. 

d) Die Sorge für die Erhaltung und den Fortbestand der bestehenden 
israelitischen Privat -Volksschule mit Offentlichkeitsrecht und die 
Teilnahme an der Schulaufsicht auf Grund der jeweiligen diesbezüg- 
lichen Direktiven der Schulbehörden. 

e) Entscheidungen über Wahlreklamationen; die Wahl der Beisitzer 
der Wahlkommission ; die Vornahme der Wahlen des Kultusvorstandes. 

f) Verfügungen über die Gebarung mit dem Kultus-Gemeindevermögen; 
die Genehmigung des Jahresvoranschlages, sowie die Prüfung und 
Erledigung des jährlichen ßechnungsabschlusses. 

g) Die Feststellung des durch Beiträge der Kultusgemeinde-Angehörigen 
zu bedeckenden Jahreserfordernisses, sowie die Festsetzung des 
Maximums der Beitragsleistung innerhalb der statutenmässig nor- 
mierten Grenzen (§ 67); die Erledigung von Beschwerden gegen die 
Vorschreibung der Kultusbeiträge (§ 68), die Festsetzung von Ge- 
bühren für besondere Fälle (§ 30) und eventuelle Befreiung von 
denselben; die Bestimmung der Taxen für ausserordentliche Be- 
nutzung der Gemeindeanstalten (Synagoge, Schule, Wohltätigkeits- 
anstalten) durch Einheimische oder Fremde, namentlich die Be- 
nützung des Friedhofes seitens fremder Israeliten, und für den An- 



Statut der Israel. KuUusgemeinde. 36 1 

Spruch auf Familiengräber und separat eingefriedeter Grabstätten; 
die Bestimmung der Gebühr für Benützung der Kultusanstalten bei 
Verheiratung mit einer Frau aus einer andern Kultusgemeinde. 

h) Die Bewilligung zu einer jeden nicht präliminierten Auslage oder 
zur Verwendung etwa vorkommender Einnahmsüberschüsse; die Be- 
willigung zur Kontrahierung einer schwebenden Schuld; dann zur 
Führung von Rechtsstreiten, zur Eingehung von Verträgen und Ver- 
gleichen für die Kultusgemeinde; die Verpfändung und Veräusserung 
von Kultusgemeinde-Vermögen; die Erwerbung von unbeweglichem 
Vermögen; die Bewilligung zu Bauten und anderen Unternehmungen. 

i) Die Beschlussfassung über Änderungen in den Statuten der Kultus- 
gemeinde, 
k) Die Überwachung der Geschäftsführung des Kultusvorstandes, ins- 
besondere die Kontrolle über die Cassagebarung; die Überwachung 
der Verwaltung der Anstalten und Fonde der Kultusgemeinde, sowie 
die Erlassung von Instruktionen und Direktiven, sowohl für diese 
Verwaltung als auch die Verwaltung der Stiftungen, insofern die- 
selben überhaupt in der Verwaltung der Kultusgemeinde sich be- 
finden und unbeschadet der diesfalls bestehenden besondem Gesetze 
und Vorschriften. 

1) Die Ernennung eines Verwalters der Fonde und Stiftungen; die 
Nominierung des Verwalters des Armen-Sonderverraögens und der 
israelitischen Mitglieder des Armenrates der Ortsgemeinde. (§ 3e.) 

m) Die Wahl der Schulratsmitglieder auf Grund der vom h.k.k. Landesschul- 

rate für Vorarlberg sub. 1. Juni 1881 Nr. 227 genehmigten Normen. 

n) Die Anstellung, Pensionierung und Entlassung der Beamten und 

Diener, die Festsetzung der Bezüge derselben, 
o) Die Erlassung von Instruktionen an die Beamten und Diener der 
Kultusgemeinde; die Disziplinargewalt über alle Angestellten der 
Kultusgemeinde, in welcher Beziehung die Einführung eines be- 
sonderen Disziplinarstatuts vorbehalten bleibt; die Beschwerde- 
führung bei den vorgesetzten Staatsbehörden und die Führung von 
Rechtsstreiten im administrativen und judiziellen Bereiche. 
§ 13. Sitzungen des Kultusausschusses haben nach Erfordernis, 
mindestens aber einmal in jedem Vierteljahre und überdies immer dann 
stattzufinden, wenn die Mehrheit des Kultusausschusses oder des Kultus- 
vorstandes es verlangt. 

Der Kultusausschuss ist beschlussfähig, wenn vier Mitglieder an- 
wesend sind. 

Sollte bei zweimaliger Einberufung die beschlussfähige Anzahl 
nicht erschienen sein, so genügt beim dritten Male die Anwesenheit von 
drei Mitgliedern, mit Ausnahme einer Sitzung behufs Statutenänderung 
(§ 74), sowie der Wahl des Kultusvorstandes (§ 47, 1 und 2). 

§ 14. Über sämtliche Sitzungen des Kultusausschusses wird ein 
Protokoll geführt, welches von dem Vorsitzenden, den anwesenden Kultus- 
ausschuss-Mitgliedern und vom Schriftführer zu unterfertigen ist. Der 
Schriftführer kann Beamter der Kultusgemeinde sein. 



362 Zehntes Kapitel. 

Die Allsschussbeschlüsse sind im Auszuge durch öffentlichen Anschlag 
bekannt zu geben, sofern nicht die Verhandlungsgegenstände als ver- 
trauliche behandelt wurden. 

§ 15. Bei Verhandlungen des Kultusausschusses, welche die in Tirol 
wohnenden Israeliten betreffen, soll ein Vertrauensmann derselben bei- 
gezogen werden, und zwar, wenn die Verhandlung die Angelegenheit 
eines bestimmten Ortes betrifft, ist der Obmann des dortigen Kultus- 
Komitee beizuziehen (s. Zusatz zum III. Abschnitt); bei Verhandlungen, 
welche die Angelegenheiten sämtlicher in Tirol wohnenden Israeliten 
betreffen, ist ein von sämtlichen israelitischen Kultus- Komitees gewählter 
Vertrauensmann beizuziehen. 

V. AbschDitt. 

Wirkungskreis des Kultusvorstandes. 
§ 16. Der Kultusvorstand ist das unmittelbar verwaltende und 
vollziehende Organ der Kultusgemeinde. 

Der Wirkungskreis des Kultusvorstandes nmfasst insbesondere: 
a) Die Führung der laufenden Geschäfte uud die Überwachung der 
hiezu aufgestellten Beamten und Diener der Kultusgemeindc. 

b) Die Verfassung und Publizierung der Wählerliste, die Entgegennahme 
der Wahlreklamationen und Vorlage derselben an den Kultus- 
ausschuss, die Kundmachung des Termine» der vorzunehmenden 
Wahl der Kultusgemeindevertretung. 

c) Die Evidenthaltung der Angehörigen der Kultusgemeinde. 

d) Die Evidenthaltung des gesamten beweglichen und unbeweglichen 
Vermögens der Kultusgemeinde, sowie der von derselben verwalteten 
Stiftungen und Fonde und die Verfassung der bezüglichen Inventarien 
und Ausweise. 

e) Die unmittelbare Verwaltung des Kultus-Gemeindevermögens, sowie 
der Anstalten und Fonde der Kultusgemeinde, dann der konfessionellen 
Stiftungen, insofern der Stiftbrief nichts anderes verfügt, im Sinne 
der Beschlüsse und Anordnungen des Kultusausschusses und im 
Sinne der behördlichen Entscheidungen und Vereinbarungen mit der 
politischen Gemeinde Hohenems bezüglich des Armensondervermögens 
(§ 3e) und der stiftbrieflichen Bestimmungen privater Stiftungen 
innerhalb derjeweiligstatutenmässig beschlossenen Jahresvoranschläge. 

f) Die A'^orbereitung der von dem Kultusausschusse zu beratenden An- 
gelegenheiten; Stellung von Anträgen in Hinsicht auf die Erledigung 
derselben, insbesondere auch die Ausarbeitung der jährlichen Vor- 
anschläge und Rechnungsabschlüsse. 

g) Die Einberufung einer Versammlung sämtlicher wahlberechtigten Mit- 
glieder der Kultusgenieinde zur Beratung folgender Angelegenheiten: 

1. Die Auswahl unter den zu Probepredigten berufenen Bewerbern 
um das Amt des Rabbiners. 

2. über die definitive Anstellung des Rabbiners. 

3. Auch zur Beratung anderweitiger Angelegenheiten, wenn *j^ der 
Stimmen des Kultusausschusses eine solche allgemeine Versammlung 
verlangen. 



Statut der Israel. Kultusgeraeinde. 363 

An die Beschlüsse einer solchen beratenden Versammlung ist 
der Kultusausschuss nicht gebunden. 

Die Einberufung der allgemeinen Versammlung geschieht 
mittels Publikation in der Synagoge; sie kann nur bei Anwesenheit 
von ^/g aller wahlberechtigten männlichen Gemeindemitglieder ab- 
gehalten werden; der Kultusvorsteher führt den Vorsitz; zur Be- 
schlussfassung ist die relative Mehrheit der Anwesenden erforderlich, 
h) Die Einhebung der statutenmässig vorgeschriebenen Kultusbeiträge 
und die Veranlassung der zwangsweisen Eintreibung der diesfälligen 
Rückstände, 
i) Die Vollziehung der Beschlüsse des Kultusausschusses. 

§ 17. Der Kultusvorsteher vertritt die Kultusgemeinde nach aussen. 
Schriftliche Ausfertigungen des Kultusvorstandes bedürfen zu ihrer 
Gültigkeit der eigenhändigen Unterschrift des Kultusvorstehers oder 
dessen Stellvertreters. 

Urkunden, welche Verbindlichkeiten gegen dritte Personen be- 
gründen sollen, oder welche ein Geschäft betreffen zu dessen Eingehung 
ein Beschluss des Kultusausschusses erforderlich ist, müssen von dem 
Kultusvorsteher und zwei Ausschussmitgliedern unterfertigt werden. 

§ 18. Der Kultusvorsteher setzt den Termin und die Tagesordnung 
der Sitzungen fest, ladet die Mitglieder zu denselben ein, führt den Vorsitz 
in denselben und veranlasst die Vollziehung der gefassten Beschlüsse. 
Ist der Kultusvorsteher der Ansicht, dass derBeschluss des Kultusvor- 
standes dessen Wirkungskreis überschreitet oder gegen die bestehenden Ge- 
setze verstösst, so hat er die Entscheidung des Kultusausschusses einzuholen. 
Er ist verpflichtet, die Ausführung des von ihm als gesetzwidrig 
befundenen Beschlusses des Kultusausschusses unter gleichzeitiger Anzeige 
an die zuständige k. k. Bezirkshauptmannschaft behufs weiterer An- 
ordnung zu sistiereu; erkennt der Vorsitzende den gefassten Beschluss 
als einen den Interessen der Kultusgemeinde in hohem Grade abträglichen 
an, so steht ihm das Recht zu, die Ausführung dieses Beschlusses zu 
sistieren; er ist jedoch verpflichtet, denselben Gegenstand in der nächsten 
binnen längstens acht Tagen anzuberaumenden Sitzung des Kultusvor- 
standes auf die Tagesordnung zu setzen und bei Wiederholung des Be- 
schlusses denselben auszuführen. 

§ 19. Den Wirkungskreis des Kultusvorstehers bei der Durch- 
führung der Wahlen der Vertretungs- und Verwaltungsorgane der Kultus- 
gemeinde bestimmt die Wahlordnung (Abschnitt IX der Statuten). 

§ 20. Die Beiräte haben den Kultusvorsteher bei Erfüllung seiner 
Obliegenheiten zu unterstützen und die ihnen von demselben zugewiesenen 
Geschäfte nach der Anordnung des Kultusvorstehers und unter dessen 
Verantwortlichkeit zu vollziehen. 

Die Beiräte haben den Kultusvorsteher im Falle der Verhinderung 
desselben nach der Reihenfolge des höheren Lebensalters zu vertreten 

VI. Abschnitt. 

Von den Beamten und Dienern der Kultusgemeinde. 
§ 21. Beamte und Diener der Kultusgeraeinde sind sämtliche von 
ihr mit Besoldung angestellte Personen. 



364 Zehntes Kapitel. 

Beamte sind: Der Rabbiner, der Lehrer, der Gemeindesekretär, 
der Gemeindekassier, der Kassier und Buchhalter des Armensonder- 
vermögens, der Fonds- und Stiftungsbuchhalter, der Kantor, der Organist 
und Chorleiter. 

Diener sind: Der Kultusgemeindediener, der Schlächter, der Schul- 
diener und sonstige zu dauernden untergeordneten Dienstleistungen ver- 
wendete Personen. 

§ 22. Zur Besetzung der Rabbiner- und der Lehrerstelle ist ein 
Konkurs auszuschreiben. Die übrigen Stellen können auch durch ein- 
fachen Beschluss des Kultusausschusses besetzt werden. Für die An- 
stellung des Rabbiners gelten die im YIL Abschnitte § 23 usw. fest- 
gesetzten besonderen Bestimmungen. 

Der Lehrer muss österreichischer Staatsbürger sein und hat 
mindestens die für Volksschulen erforderliche Lehrbefähigung nachzuweisen. 

Die Anstellung ist den kompetenten Behörden anzuzeigen, deren 
Kenntnisnahme die Anstellung perfekt macht. Über Rechte, Pflichten, 
Anstellungsdauer, Gehalt, Pensionierung, Entlassung und eventuelle Ab- 
setzung des Lehrers ist mit demselben ein genauer, alle diese Bestim- 
mungen umfassender Vertrag zu schliessen. 

Mit jedem der übrigen Beamten und Dieiter kann über Rechte, 
Pflichten, Gehalt und Entlassung ebenfalls ein Vertrag abgeschlossen 
werden. Doch ist definitive Anstellung und Pensionierung derselben 
ausgeschlossen. 

VII Abschnitt. 

Von dem Rabbiner. 

§ 2.3. Als Rabbiner können nur österreichische Staatsbürger an- 
gestellt werden, deren Verhalten in sittlicher und staatsbürgerlicher 
Hinsicht vorwurfsfrei ist. Nebstdem hat der Rabbiner den vorgeschriebenen 
Grad allgemeiner Bildung, sowie der speziellen theologischen Vorbildung 
nach Massgabe der jeweilig bestehenden besonderen Vorschriften auf- 
zuweisen. 

§ 24. Die von dem Kultusausschusse für das Amt des Rabbiners 
in Aussicht genommene Persönlichkeit ist vom Kultusvorstande der zu- 
ständigen politischen Bezirksbehörde anzuzeigen. Falls von dieser Be- 
hörde innerhalb 30 Tagen nach erhaltener Anzeige keine Einsprache 
erhoben wird, hat der Kultusvorstand den ei-nannten Rabbiner ins Amt 
einzuführen und die Bestellung desselben durch Anschlag und Ver- 
öffentlichung in den Amtsblättern [Bote für Tirol und Vorarlberg, Vor- 
arlberger Landeszeitung und Amtsblatt der k. k. Bezirkshauptmannschaft 
Feldkirch] auf Kosten der Kultusgemeinde zu verlautbaren. 

§ 2.5. Der Rabbiner hat im allgemeinen folgende Rechte und 
Pflichten: 

a) Die Leitung des Gottesdienstes im Einvernehmen mit dem Kultus- 
vorstande, dann das Halten von Predigten und sonstigen religiösen 
Vorträgen [Homilien, Schiur] an Sabbathen, Festtagen, sowie bei 
feierlichen Gelegenheiten. 

b) Die Erteilung des Religionsunterrichtes an der hiesigen Privatvolks- 
schule mit Öffentlichkeitsrecht und die Teilnahme an den Sitzungen 
des lokalen Schulrats. 



Statut der israel. Kultusgemeinde. 365 

c) Die Beaufsichtigung der kultuellen uikI rituellen Anstalten und der 
Dienstesverrichtungen der bei denselben Angestellten ; die Beauf- 
sichtigung der rituellen Dienstesverrichtung der Diener, insbesondere 
auch des Schlächters. 

d) Die Erstattung oder Begutachtung von Vorschlägen in Betreff des 
Gottesdienstes, die Beantwortung aller auf denselben und auf die Ritualien 
überhaupt Bezug habenden Anfragen der Kultusgemeindeangehörigen, 
der Kultusvertretungs- und Verwaltungsorgane oder der Behörden. 

e) Die Vornahme der nach Massgabe der Bestimmungen des allgemeinen 
bürgerlichen Gesetzbuches hinsichtlich der Verkündigung der Ehen, 
der Vornahme von Trauungen, der Scheidung von Tisch und Bett 
sowie der Ehetrennungen dem Rabbiner übertragenen Funktionen. 

§ 26, Die Anstellung des Rabbiners kann nach Ablauf eines 
Provisoriums von längstens einem Jahi-e im Vertragswege eine längere, 
eventuell auch eine dauernde werden. 

Der Staatsbehörde bleibt es vorbehalten, den Rabbiner nach Mase- 
gabe der Bestimmungen des § 31 des Gesetzes vom 21. März 1890 R. G. B. 
No. 57 des Amtes zu entsetzen. 

Die Amtsentsetzung erfolgt jedenfalls, wenn der Rabbiner die 
österreichische Staatsbürgerschaft verliert ; dann wenn er einer ver- 
brecherischen oder einer solchen strafbaren Handlung schuldig erkannt 
wird, die aus Gewinnsucht entsteht, gegen die Sittlichkeit verstösst oder 
zu öffentlichem Ärgernis gereicht. 

Ausser den obenbezeichneten Fällen kann der Rabbiner von dem 
Kultusausschusse entlassen werden, wenn er wesentliche Amtsobliegen- 
heiten nach vorausgegangener wiederholter fruchtloser schriftlicher Er- 
mahnung andauernd vernachlässiget; wenn er überwiesen wird, dass er 
den Frieden mit dem Kultusvorstande, dem Kultusausschusse und den 
Kultusgemeinde-Beamten trotz wiederholter Ermahnung dauernd zu 
stören trachtet; wenn er durch Wort und Schrift den Kultusvorstand, 
den Kultusausschuss oder deren einzelne Mitglieder in ihrem Privat-, 
Familien- oder öffentlichen Leben erwiesenermassen feindselig angreift 
oder beschimpft. 

§ 27. Im Falle der Erledigung des Rabbinates oder der Ver- 
hinderung des Rabbiners ist die Anzeige sofort der zuständigen politischen 
Bezirksbehörde zu erstatten unter gleichzeitiger Namhaftmachung jener 
Persönlichkeit, welche zur Versehung der Rabbinatsfunktionen für die 
Dauer der Erledigung des Rabbinats oder der Verhinderung des Rabbiners 
bestellt wurde. 

Wird die Stellvertretung von der Staatsbehörde nicht untersagt, so 
ist der Stellvertreter des Rabbiners ins Amt einzuführen und dessen 
Bestellung durch Anschlag und Veröffentlichung in den Amtsblättern 
[§ 24] auf Kosten der Kultusgemeinde zu verlautbaren. 

§ 28. Die Wiederbesetzung des erledigten Rabbinates muss binnen 
längstens sechs Monaten vom Zeitpunkte der Erledigung erfolgen. Sollte 
aber die Erledigung des Rabbinates oder die Verhinderung des Rabbiners 
in der Ausübung seines Amtes länger als sechs Monate andauern, so hat 
der bestellte Stellvertreter desselben den für das Rabbinatsamt vor- 
geschriebenen Grad der allgemeinen Bildung nachzuweisen. 



3(3(5 Zehntes Kapitel. 

VIII. Abschnitt. 

Von den Rechten und Pflichten der Angehörigen der 
Kultusgenieinde. 
§ 29. Den zum Sprengel der Hohenemser israelitischen Kultus- 
genieinde gehörigen Israeliten stehen nachfolgende Rechte zu: 

a) Das aktive und passive Wahlrecht bei den "Wahlen in die Kultus- 
gemeinde-Vertretung nach Massgabe der Bestimmungen der vor- 
liegenden Statuten. (IX. Abschnitt.) 

b) Das Recht der Teilnahme an den Anstalten und Einrichtungen der 
Kultusgeraeinde nach Massgabe der für deren Benutzung von der 
Kultusgenieinde -Verwaltung getroffenen Bestimmungen und An- 
ordnungen. 

§ 30. a) Dagegen sind die Angehörigen der Kultusgemeinde ver- 
pflichtet, die ihnen nach Vorschrift der Statuten auferlegten Kultus- 
gemeinde-Beiträge und sonstigen Abgaben zu Kultusgemeindezwecken 
pünktlich und in den festgesetzten Fristen zu entrichten. 

b) Die in Hoheuems nicht heimatberechtigten in Vorarlberg wohnenden 
Israeliten sind verpflichtet, eine von dem Kultusausschuss zu be- 
stimmende Gebühr, welche nach Ermessen 5—100 fl. betragen kann, 
zu entrichten, um den Heimatberechtigten in der Teilnahme an den 
in Hoheuems befindlichen Kultusgemeinde-Anstalten und Fonden 
gleichgestellt zu werden. 

c) Die von den Kultusgemeinden-Umlagen befreiten, in Tirol wohnenden 
Israeliten (§ 64 C) haben bei Benützung der Hohenemser Kultus- 
gemeiude-Anstalten und für Dienstleistungen der Kultusfunktionäre 
die vom Kultusausschusse festgesetzten Gebühren zu entrichten. Auf 
Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse in ihrem jeweiligen Wohn- 
sitze auf Kosten des Hohenemser israelitischen Kultusvermögens 
haben sie keinen Anspruch. Die Kosten ihrer lokalen Kultusein- 
richtungen sind nach den Bestimmungen des § 64 C, Absatz 2 von 
ihnen selbst aufzubringen. 

IX. Abschnitt. 

Vom Wahlrechte und der Wählbarkeit. Die Wahlo rdnung. 

§ 31. Jedem männlichen, 24 Jahre alten, eigenberechtigten, Umlage 
(§ 64) zahlenden Angehörigen der Kultusgemeinde steht das aktive 
Wahlrecht zur Kultusvertretung zu; ferner Umlagen (§ 64) leistenden 
Witwen und selbständigen Haushalt führenden volljährigen ledigen Frauens- 
personen durch einen für sich selbst stimmberechtigen männlichen Ver- 
treter; ebenso Kultusumlagen (§ 64) leistenden Waisen und Kuranden 
durch ihren gesetzlichen Vertreter. 

Das aktive Wahlrecht haben jedenfalls auch die Beamten der 
Kultusgemeinde, insofern sie ihrer Konfession nach zu derselben gehören. 

Ausgeschlossen vom Wahlrechte sind: 

a) Diejenigen, welche nach den Bestimmungen der Gemeindewahl- 
ordnung für Vorarlberg vom Wahlrechte für die Ortsgemeindever- 
tretung ausgeschlossen sind. 

b) Diejenigen, welche am Tage des Ablaufes des kundgemachten Wahl- 
reklamationstermins (§ 34), diesen Tag mitgerechnet, noch mit ihren 



Statut der Israel. Kultusgemeinde. 367 

Kultusbeiträgen des nächstvergangenen Verwaltungsjahres im Rück- 
stande sind. 

§ 32. Wählbar in die A'"ertretung der Kultusgemeinde ist jeder 
männliche Angehörige der Kultusgemeinde, welcher das aktive Wahlrecht 
derselben besitzt, österreichischer Staatsbürger ist und im Vollgenusse 
der bürgerlichen Rechte steht. 

Ausgenommen von der Wählbarkeit sind jedoch die besoldeten 
Beamten und Diener der Kultusgemeinde; ferner die Hof-, Staats-, Landes- 
und öffentlichen Fondsbeamten und Diener in der aktiven Dienstleistung; 
dann die öffentlichen Lehrer einschliesslich der israelitischen Religions- 
lehrer (Rabbiner), auch wenn sie von der Kultusgemeinde nicht be- 
soldet sind. 

A. Die Wahl der Mitglieder des Kultusausschusses und deren 
Ersatzmänner. 

§ 33. Mindestens vier Wochen vor der Wahl hat der Kultusvorstand 
die von ihm verfasste Wählerliste zu jedermanns Einsicht am Sitze des 
Kultusvorstandes aufzulegen und dies durch Anschlag an der Synagoge 
und die Amtsblätter (Vorarlberger Landeszeitung und Amtsblatt der 
k. k. Bezirkshauptmannschaft Feldkirch) auf Kosten der Kultusgemeinde 
unter Festsetzung einer Präclusivfrist von vierzehn Tagen zur Einbringung 
von Reklamationen wegen Auslassung wahlberechtigter oder Aufnahme 
von zur Wahl nicht berechtigter Personen kund zu machen. 

§ 34. Reklamationen sind schriftlich bei dem Kultusvorstande ein- 
zubringen und von demselben sofort dem Kultusausschusse vorzulegen, 
welcher innerhalb acht Tagen darüber zu entscheiden hat. 

Etwaige in dieser Richtung vorgebrachte Beschwerden und Be- 
rufungen an die Staatsbehörde haben in Beziehung auf die eben im 
Zuge befindliche Wahlhandlung keine aufschiebende Wirkung. 

Acht Tage vor der Wahl darf in der Wählerliste keine Veränderung 
mehr vorgenommen werden. 

§ 35. Die Vornahme der Wahl ist wenigstens acht Tage vorher 
von dem Kultusvorstande durch Anschlag an der Synagoge und die Amts- 
blätter (Vorarlberger Landeszeitung und Amtsblatt der k. k. Bezirks- 
hauptmannschaft Feldkirch) auf Kosten der Kultusgemeinde mit genauer 
Angabe des Ortes, des Tages, der Stunde und der Dauer der Wahl kund 
zu machen. Zugleich ist hiervon an die politische Behörde die Anzeige 
zu erstatten. 

§ 36. Die Wahlhandlung wird durch eine Kommission geleitet, 
welche aus dem Kultusvorsteher und zwei Beisitzern besteht. 

Ein Beisitzer wird von dem Kultusausschusse aus seiner eigenen 
Mitte und der andere von dem Kultusausschuss aus den übrigen wähl- 
baren Angehörigen der Kultusgemeinde gewählt. 

Die Wahlkommission leitet die Wahl ein, nimmt die Stimmzettel 
entgegen, entscheidet die bei der Wahl vorkommenden Streitfälle, nimmt 
das Scrutinium vor und publiziert das Wahlergebnis. 

Der Kultusvorsteher, eventuell dessen Stellvertreter, führt den Vor- 
sitz in der Wahlkommission und entscheidet bei gleich geteilten Stimmen. 

§ 37. Die Stimmabgabe erfolgt persönlich und geheim mittels 
Abgabe von Stimmzetteln an die Wahlkommission. 



36g iJelintes Kapitel. 

Wenn Wahlberechtigte im öffentlichen Interresse abwesend oder 
durch Krankheit verhindert sind, so kann die Stimmabgabe durch wahl- 
berechtigte Bevollmächtigte geschehen. Bevollmächtigte dürfen nur 
einen Vollmachtgeber vertreten, 

Leere Stimmzettel sind nicht zu zählen. Enthält der Stimmzettel 
mehr Namen, als Ausschussraitglieder zu wählen sind, so gelten die zu- 
letzt angeführten Namen als nicht geschrieben. 

Auf den Stimmzetteln ist den Namen die Bezeichnung „Ausschuss", 
„Ersatzmann" beizufügen. Ist dies nicht geschehen, so gelten die ersten 
fünf Namen als Ausschussmitglieder, die zwei folgenden als Ersatzmänner. 

§ 38. Die Abstimmung beginnt damit, dass die Mitglieder der 
Wahlkommission ihre Stimmzettel abgeben. Hierauf erfolgt die Abgabe 
der Stimmzettel von Seite der übrigen Wähler, zu welchem Zwecke die- 
selben durch ein Mitglied der Wahlkonimission in der Reihenfolge, in 
der ihre Namen in der Wählerliste eingetragen sind, aufgerufen werden. 
Wahlberechtigte, die nach geschehenem Aufrufe ihres Namens ihre 
Stimme nicht abgeben und später kommen, können erst nach Verlesung 
der ganzen Wählerliste ihre Stimmzettel abgeben und haben sich zu diesem 
Zwecke bei der Wahlkommission zu melden. 

§ 39. Die Abgabe des Stimmzettels ist in der Wählerliste neben 
dem Namen des Wählers in der dafür vorbereiteten Kolonne ersichtlich 
zu machen. Nebstdem wird ein Abstimmungs -Verzeichnis geführt, in 
welchem jene Wähler, welche ihre Stimmzettel abgeben, in fortlaufender 
Reihenfolge zu verzeichnen sind. 

Das Abstimmungs-Verzeichnis bildet die Kontrolle der Eintragung 
der Stimmzettelabgabe in die Wählerliste. 

§ 40. Nach Ablauf der für die Dauer der Wahl festgesetzten Zeit 
wird der Wahlakt geschlossen und das Scrutinium vorgenommen. 

Das Scrutinium wird damit begonnen, dass die Stimmzettel aus der 
Wahlurne herausgenommen und gezählt werden. 

Sodann entfaltet ein Mitglied der Wahlkommission jeden Stimm- 
zettel einzeln und übergibt ihn den Vorsitzenden, welcher denselben 
laut abliest und zur Einsichtnahme an die Komissionsmitglieder reicht. 
Hierbei sind von zwei Mitgliedern der Kommission über die Personen, 
welche Stimmen erhalten haben, je eine Stimmliste zu führen, welch 
beide Stimmlisten übereinstimmen müssen. In den Stimmlisten ist jeder, 
der eine Stimme erhält, namentlich zu verzeichnen und neben seinem 
Namen die Zahl 1, bei der zweiten auf ihn fallenden Stimme die Zahl 2 
usw. beizusetzen. 

§ 41. Gewählt sind diejenigen, welche die meisten Stimmen auf 
sich vereinigt haben. Absolute Stimmenmehrheit ist nicht erforderlich. 

Bei Stimmengleichheit für das fünfte Ausschussmitglied oder den 
zweiten Ersatzmann mit den zunächst in der Abstimmungsliste ver- 
zeichneten entscheidet das Los, welches vom Vorsitzenden der Wahl- 
kommission in Gegenwart dieser Kommission und der anwesenden Wähler 
gezogen wird. 

§ 42. Über die Wahl ist ein Protokoll aufzunehmen, welches mit den 
übrigen Wahlakten zu versiegeln und im Archiv der Kultusgemeinde in 
Verwahrung zu nehmen ist. Sämtliche Wahlakten, einschliesslich des 



Statut der Israel. Kultusgemeinde. 369 

"WahlprotokoUes, sind von allen Mitgliedern der Wahlkonimiasion zu 
unterfertigen. 

§ 43. Das Wahlergebnis ist durch Anschlag an der Synagoge und 
in den Amtsblättern (Vorarlberger Landeszeitung und Amtsblatt der k. k. 
Bezirkshauptmannschaft Feldkirch) auf Kosten der Kultusgemeinde kund- 
zumachen, sowie ohne Verzug der politischen Bezirksbehörde anzuzeigen. 

§ 44. Die politische Bezirksbehörde hat das Recht, Wahlen, welche 
auf Personen gefallen sind, denen die Bedingungen der Wählbarkeit 
abgehen, als statutenwidrig ausser Kraft zu setzen. 

§ 45. Einwendungen gegen das Wahlverfahren sind binnen der 
Präclusivfrist von drei Tagen schriftlich bei dem Kultusvorsteher einzu- 
bringen, welcher dieselben binnen 48 Stunden der politischen Bezirks- 
behörde zur Entscheidung vorzulegen hat. 

B. Wahl des Kultusvorstandes. 

§ 46. Nach erfolgter Neuwahl des Kultusausschusses ist derselbe 
durch das an Jahren älteste Mitglied zur Wahl des Kultusvorstandes 
binnen acht Tagen einzuberufen. 

Das erwähnte älteste Mitglied führt den Vorsitz. Jenen Mitgliedern 
des Kultusausschusses, welche ohne genügende Entschuldigung aus- 
bleiben, oder vor der Beendigung der Wahl sich entfernen, kann der 
Kultusausschuss eine Geldbusse bis höchstens zwanzig Gulden auferlegen. 
Diese Geldbusse fliesst zu Gunsten der Armen in den Pfründnerfond der 
israelitischen Kultusgemeinde. 

§ 47. Der Kultusausschuss wählt aus seiner Mitte den Kultusvorstand. 

Zur Gültigkeit der Wahl ist die Anwesenheit sämtlicher Ausschuss- 
mitglieder und die absolute Stimmenmehrheit der Anwesenden erforderlich. 
Die Wahl ist mittels Stimmzettel vorzunehmen. Kommt bei der Ab- 
stimmung zur Wahl eines Mitgliedes des Kultusvorstandes — sei es des 
Kultusvorstehers oder der Beiräte — eine absolute Stimmenmehrheit 
nicht zu Stande, so ist eine zweite Abstimmung vorzunehmen; und falls 
auch bei dieser nicht die nötige Stimmenmehrheit sich herausstellt, ist 
sofort zur engeren Wahl zu schreiten. 

Bei der engeren Wahl haben sich die Wähler bei der Wahl des 
Kultusvorstehers auf jene zwei Personen zu beschränken, welche bei 
der zweiten Abstimmung die relativ meisten Stimmen erhalten haben. 

Bei der Wahl der Beiräte ist die Zahl der in die engere Wahl zu 
bringenden Personen die doppelte von der Zahl der noch zu wählenden 
Beiräte, und die engere Wahl hat sich auf jene Personen zu beschränken, 
die bei der zweiten Abstimmung nach denjenigen, welche die absolute 
Mehrheit erlangten, die relativ meisten Stimmen für sich hatten. 

Bei Stimmengleichheit entscheidet das vom Vorsitzenden zu ziehende 
Los, wer in die engere Wahl einzubeziehen ist. 

Jede Stimme, die bei der dritten Abstimmung auf eine nicht in die 
engere Wahl gebrachte Person fällt, ist als ungültig zu betrachten. 

Ergibt sich bei der engeren Wahl eine Stimmengleichheit, so 
entscheidet das vom Vorsitzenden zu ziehende Los. 

§ 48. Der Kultusvorsteher, die zwei Beiräte und eines der Kultus- 
ausschussmitglieder müssen ihren ordentlichen Wohnsitz in Hohenems haben. 

24 



370 Zolintes Ka])itol. 

Das fünfte Ausschussniitglied kann eventuell auch ausserliall) 
Hohcnems, niiiss aber jedenfalls in Vorarlberg wohnen. (§ 5.) 

§ 49. Zuerst wird die Wahl des Kultusvorstehers, dann die der 
Beiräte vorgenommen. 

Sollten bei der Wahl der Beiräte mehr als zwei Personen die 
absolute Mehrheit erlangen, so entscheidet das vom Vorsitzenden zu 
ziehende Los, welche zwei Personen als zu Beiräten gewählt zu be- 
trachten sind. 

§ 50. Sofort nach der Wahl des Kultusvorstandes ist das Resultat 
dieser Wahl durch Anschlag an der Synagoge und in den Amtsblättern 
(Vorarlberger Landeszeitung und Amtsblatt der k. k. Bezirkshaupt- 
mannschaft Feldkirch) auf Kosten der Kultusgemeinde kundzumaclu^n. 

§ 51. Die gewählten Mitglieder des Kultusvorstandes sind vom 
ältesten Mitgliede des Kultusausschusses als interimistischen Vorsitzenden 
desselben (§ 46) ohne Verzug der politischen Bezirksbehörde anzuzeigen. 
Diese Behörde hat das Recht, Wahlen, die auf Personen gefallen sind, 
denen die Bedingungen der Wählbarkeit abgehen, als statutenwidrig 
ausser Kraft zu setzen. 

§ 52. Das Recht, die Wahl zu Mitgliedern der Kultusgemeinde- 
Vertretung abzulehnen haben nur: 

a) Personen, die über siebenzig Jahre alt sind, ferner solche, die an 
einem die Ausübung des Mandates hinderlichen Körpergebrechen, 
oder an einer anhaltenden, bedeutenden Störung ihrer Gesundheit 
leiden; 

b) diejenigen, welche eine Stelle im Kultusvorstande durch eine volle 
Wahlperiode (§ 7) bekleidet haben, für die nächste Wahlperiode. 
Demjenigen Kultusgemeinde-Angehörigen, welcher ohne einen dieser 
Entschuldigungsgründe das Mandat auszuüben sich weigert, kann 
der Kultusausschuss eine Öeldbusse bis höchstens fünfzig Gulden 
auferlegen. 

Diese Ueldbusse fliesst zu Gunsten der Armen in den Pfründner- 
fond der israelitischen Kultusgemeinde. 

§ 53. Ein Mitglied der Kultusgemeinde -Vertretung wird seines 
Amtes verlustig, wenn ein Umstand eintritt oder bekannt wird, welcher 
ursprünglich dessen Wählbarkeit gehindert hätte. Verfällt ein Mitglied 
der Kultusgemeinde -Vertretung in eine Untersuchung wegen einer in 
den §§ 3 und 11 der Gemeindewahl-Ordnung für Vorarlberg genannten 
strafbaren Handlung oder wird über sein Vermögen der Konkurs er- 
öffnet, so kann derselbe für die Dauer des Strafverfahrens, beziehungs- 
weise der Konkurs -Verhandlung, sein Amt nicht ausüben. 

Zusatz zum IX. Abschnitt. 
Die Wahl der Komitees zur Besorgung der lokalen Kultus- 
bedürfnisse der in Tirol wohnenden Israeliten (Zusatz zum III. Abschnitt) 
wird nach den Bestimmungen der §§ 31—53 im allgemeinen, die ihres 
Obmannes nach den Bestimmungen der §§ 46 — 49 im besonderen vor- 
genommen. Die vollzogene Wahl ist dem Kultusvorstande in Hohenems 
anzuzeigen, an welchen auch Einwendungen gegen die AVahl in der 
vorgeschriebenen Frist schriftlich zu richten sind. (§ 45.) 



Statut der isracl. Kultusifemeinde. 371 

X. Abschnitt. 

Über die Besorgung, Leitung und Beaufsichtigung 
des Religionsunterrichtes. 

§ M. Für den Religionsunterricht, insbesondere au der Privat- 
volksschule der israelitischen Kultusgemeinde in Hohenems, hat die 
Kultusgemeinde unbeschadet der dem Staate zustehenden obersten 
Leitung und Aufsicht in geeigneter, den Schulgesetzen entsprechender 
Weise vorzusorgen. 

Der Religionsunterricht wird von dem Rabbiner erteilt. 

§ 55. Die unmittelbare Beaufsichtigung des Religionsunterrichtes 
kommt dem Kultusausschusse zu, welcher dieselbe durch den Schulrat 
ausübt. (§ 12m.) 

Religionslehrbücher für den Schulgebrauch bedürfen, vorbehaltlich 
der staatlichen Genehmigung derselben, der Approbation des Kultus- 
ausschusses im Einvernehmen mit dem Rabbiner. 

XI. Abschnitt. 

Über konfessionelle Anstalten, die nicht von der Kultus- 
gemeinde erhalten werden. - Über konfessionelle Stiftungen 
und Kultusvereine. — Über öffentliche und Privatbethäuser, 
sowie über Zusammenkünfte zu gottesdienstlichen oder 
rituellen Zwecken. 

§ 56. Die für die israelitischen Kultuszwecke bestimmten, nicht 
von der Kultusgemeinde selbst erhalteneu Anstalten, dann die solche 
Zwecke verfolgenden Kultusvereine , sowie die nicht schon von der 
Kultusgemeinde selbst unmittelbar verwalteten Stiftungen rein kon- 
fessioneller Natur (Männerwohltätigkeits -Verein oder Chewrah kadischah 
wedowor tow, Frauenwohltätigkeits -Verein etc.) stehen, unbeschadet der 
in den Gesetzen begründeten staatlichen Einflussnahme, unter der Aufsicht 
der Kultusgemeinde. Diese Aufsicht wird vom Kultusausschusse ausgeübt. 

§ 57. Die Kultusgemeinde wird das bestehende öffentliche Bethaus 
(Synagoge) in Hohenems auch fernerhin erhalten. 

Über die Gründung neuer öffentlicher Bethäuser, ferner über die 
im Laufe der Zeit etwa notwendige Verlegung oder Aufhebung der 
bestehenden öffentlichen Bethäuser entscheidet der Kultusausschuss. 

§ 58. Zur Errichtung und zum Bestände von Privatbethäusern, 
zur Veranstaltung von Zusammenkünften zu gottesdienstlichen oder 
rituellen Übungen ist die Zustimmung des Kultusausschusses erforderlich. 
Von denjenigen Personen, welche Privatbethäuser errichten oder gottes- 
dienstliche Zusammenkünfte abhalten wollen, ist daher ein schriftliches 
Ansuchen an denselben zu richten. 

Die Genehmigung wird erteilt, Avenn sich in dem "Wohnsitze der 
Gesuchsteller kein öffentliches Bethaus befindet, oder wenn bei Vor- 
handensein desselben wenigstens zehn in der Kultusgemeinde wahl- 
berechtigte Männer um die Errichtung des Privatbethauses oder um die 
Abhaltung besonderer gottesdienstlicher Zusammenkünfte resp. ritueller 
Übungen ansuchen. 

Im übrigen sind die Kosten der Errichtung und Erhaltung der 
Privatbethäuser von den Interessenten selbst zu tragen. Nur wenn 

24^ 



372 Zehntes Kapitel. 

durch die Errichtung von Privatbethäusern die von der Kultusgemeinde 
erhaltene öffentliche Synagoge im Falle der Überfüllung derselben ent- 
lastet wird, kann eine Subvention beansprucht werden, die aber niemals 
die Hälfte der von den Gesuchstellern beziehungsweise Erhaltern des 
Privatbethauses an die Kultusgemeinde zu entrichtenden jährlichen 
Umlagen übersteigen darf. 

Die Funktionäre der Privatbethäuser gehören nicht zu den Beamten 
und Dienern der Kultusgemeinde. 

Privatbethäuser, sowie Zusammenkünfte zu den angegebenen Zwecken 
unterstehen der Aufsicht des Kultusausschusses, welcher dieselbe durch 
seine hiezu bestimmten Mitglieder ausübt. Für Privatbethäuser ist eine 
Bethausordnung zu verfassen und eine Bethaus -Verwaltung zu bestellen. 
Beide unterliegen der Bestätigung durch den Kultusausschuss. Derselbe 
hat die Einhaltung der Ordnung zu überwachen und die Finanzgebarung 
der Verwaltung zu prüfen. 

§ 59. Häusliche Religionsübungen werden durch die obigen Be- 
stimmungen nicht berührt. 

Überhaupt darf die freie Betätigung der religiösen Überzeugung 
insbesondere auch in ritueller Beziehung nicht behindert werden. 

XII. Abschnitt. 

Von dem Haushalte der Kultusgemeinde und von den 
Leistungen der Angehörigen desselben für Kultuszwecke. 

§ 60. Das gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen der 
Kultusgemeinde sowie der von derselben durch die Fondsverwalter ver- 
walteten Stiftungen und Fonde ist vom Kultusvorstande mittels eines 
genauen Inventars in Evidenz zu halten. 

Es darf nie an Private verborgt werden und eine Verteilung des 
Vermögens unter den Mitgliedern der Kultusgemeinde darf nie stattfinden. 

§ 61. Das Verwaltungsjahr beginnt mit dem 1. Januar und endet 
mit dem 31. Dezember eines jeden Jahres. 

§ 62. Alljährlich ist der Voranschlag der Einnahmen und Aus- 
gaben der Kultusgemeinde für das nächstfolgende Verwaltungsjahr von 
dem Kultusvorstande zu verfassen, dem Kultusausschusse zur Prüfung 
und Genehmigung vorzulegen und vom letzteren spätestens anfangs 
Dezember festzustellen. Längstens bis Ende März eines jeden Jahres 
hat der Kultusvorstand den Rechnungsbeschluss über sämtliche Ein- 
nahmen und Ausgaben des Vorjahres dem Kultusausschusse zur Prüfung 
und Erledigung vorzulegen. Diesem Hechnungsabschlusse haben die 
Jahresberichte der Fondsverwalter beizuliegen. Voranschlag, sowie 
Rechnungsabschluss sind alljährlich mindestens vierzehn Tage vor der 
Prüfung durch den KultusausscJiuss zur Einsichtnahme für die bei- 
tragenden Kultusgemeinde-Angehörigen öffentlich aufzulegen und die 
Auflegung durch Anschlag an der Synagoge und in den Amtsblättern 
(Vorarlberger Landeszeitung und Amtsblatt der k. k. Bezirkshauptmann- 
schaft Feldkirch) zu publizieren. 

Die von den Kultusgemeinde- Angehörigen etwa vorgebrachten 
Erinnerungen oder Beschwerden sind vom Kultusausschusse in ent- 
sprechende Erwägung zu ziehen. 



Statut der Israel. Kultusgemeinde. ;-}73 

§ 63. Die Kultusgemeinde bedeckt ihre Bedürfnisse zunächst aus 
den Erträgnissen ihres Vermögens, sowie aus den verfügbaren Ein- 
künften der hiezu bestehenden Stiftungen und Fonds ; sodann aus 
eigenen Gebühren in besonderen Fällen; soweit aber die bezeichneten 
Bedeckungsmittel nicht ausreichen, nach Massgabe der nachfolgenden 
Bestimmungen der Statuten aus Kultusbeiträgen ihrer Angehörigen. 
(§ 64-70.) 

Der Kultusgemeinde-Ausschuss hat das Recht, die im § 30 b und c 
bezeichneten Gebühren, sowie auch solche für ausserordentliche Benützung 
der Gemeinde-Anstalten (Kultus-, Schul- und Wohltätigkeits-Anstalten) 
durch Kultusgemeindemitglieder, Zugewiesene und Fremde zu erheben, 
und zwar : 

1. Für die Benützung der Synagoge bei Trauungen . fl. 2 — 50 

2. Für die Benützung der Schule „ 5 — 30 p. a. 

3. Für Verpflegung im israelitischen Versorgungshause 

pro Tag 60 kr — 1 fl. 50 kr. 

4. Für die Benützung des Friedhofes fl. 5 — 150 

5. Für Familiengräber und separat eingefriedete Grab- 
stätten „200 300 

§ 64. A. Jeder Angehörige der Kultusgemeinde ohne Rücksicht 
auf Geschlecht, Dispositionsfähigkeit und politische Zuständigkeit, welcher 
Vermögen, Erwerb oder ein der in der betrefi"enden Ortschaft üblichen 
Taglohn übersteigendes Einkommen hat, ist verpflichtet, zur Be- 
deckung des Kultusgemeinde -Erfordernisses einen jährlichen Kultus- 
beitrag zu leisten. 

Ausgenommen hieven sind : 

1. Ehegattinen und minderjährige Kinder der Beitragspflichtigen, inso- 
ferne die Ehegattinen keinen eigenen Besitz oder Erwerb, und die 
Kinder nicht etwa ein selbständiges Vermögen haben. 

2. Jene grossjährigen Kinder der Beitragspflichtigen , welche mit den 
Eltern im gemeinsamen Haushalte wohnen und weder einen 
selbständigen Erwerb betreiben, noch ein eigenes Vermögen besitzen. 

3. Die besoldeten Beamten und Diener der Kultusgemeinde, welche 
ausser ihrer Entlohnung kein anderweitiges Einkommen und kein 
Vermögen besitzen. 

B. Angehörige der Kultusgemeinde, welche drei Kilometer oder 
weiter von dem Sitze des Kultusvorstandes entfernt in Vorarlberg 
wohnen, zahlen nur zwei Dritteile desjenigen Betrages, welcher auf 
sie normalmässig entfallen würden, wenn sie am Sitze des Kultus- 
vorstandes selbst wohnen würden. 

C Die in Tirol wohnenden Israeliten sind von den Kultusumlagen 
für die Kultusgemeinde in Hohenems derzeit befreit. 

Jedoch sind dieselben berechtigt, zur Deckung ihrer Kultus- 
bedürfnisse in ihren jeweiligen Wohnsitzen oder in mehreren benach- 
barten Wohnsitzen zusammen bei allen dortselbst befindlichen Glaubens- 
genossen durch das von letzteren zur Besorgung der Kultusangelegen- 
heiten gewählte Komitee (Zusatz zum III. und IV. Abschnitt) Umlagen 
auf Grund der vorliegenden Statuten (§ 60—70) mit den entsprechenden 
lokalen Modifikationen zu erheben. 



374 Zt'hutes Kapitel. 

§ (>5. Wer vor dem, beziehungsweise an dem 1. Januar eines 
Jahres seinen ordentlichen Wohnsitz im Sprengel der Kultusgemeinde 
nimmt, ist für das neue Jahr zur Eeitragslcistung verpflichtet, auch 
wenn er noch im Laufe des Jahres den Sprengel der Kultusgemeinde 
wieder verlässt oder mit Tod abgeht. 

Wer seinen Wohnsitz aus dem Sprengel der Kultusgcmeinde ver- 
legt und dies nicht bis längstens 30. November dem Kultusvorstande 
anzeigt, bleibt auch für das folgende Verwaltungsjalir für diese Kultus- 
gemeinde beitragspflichtig. 

§ 66. Die Umlage des zu bedeckenden Erfordernisses auf die 
einzelnen Angehörigen der Kultusgemeinde erfolgt alljährlich im Dezember 
durch den Kultusausschuss. Demselben steht es zu, die Steuei'fähigkeit 
jedes Kultusgemeinde-Angehörigen zu bestimmen. 

Bei dieser Bestimmung sind die Vermögens- und Erwerbsverhältnisse 
des Steuerträgers und die Gesamtsumme des Erfordernisses massgebend. 

§ 67. Der niedrigste Steuersatz wird mit 1 fl. pro Jahr, die 
höchste Steuerleistung mit 100 fl. pro Jahr festgesetzt. Der Kultus- 
ausschuss bestimmt die Höhe der Steuerleistung eines jeden Kultus- 
gemeinde-Mitgliedes allj ährlich. 

§ 68. Den Beitragspflichtigen ist der ihnen aufgeteilte Betrag 
mittels Vorschreibung bekannt zu geben und eine vierzehntägige Rekla- 
mationsfrist einzuräumen. 

Reklamationen sind schriftlich an den Kultusausschuss zu richten, 
welcher dieselben zu erledigen hat. 

§ 69. Stellt sich der Reklamant mit dieser Erledigung nicht zu- 
frieden, so steht ihm innerhalb weiteren vierzehn Tagen nach der 
Zustellung das Recht zu, die endgiltige Festsetzung seines Beitrages 
durch das Schiedsgericht (§ 72) zu verlangen. 

§ 70. Die Kultusbeiträge sind in vierteljährigen Raten im Vor- 
hinein zu entrichten. Die zwangsweise Einbringung der statutenmässig 
auferlegten Kultusbeiträge erfolgt nach fruchtloser Einmahnung zur 
Zahlung im Wege der politischen Exekution, welche bei der zuständigen 
politischen Bezirksbehörde anzusprechen ist. 

XIII. Abschnitt. 

Über die Austragung der aus dem Kultusgemeinde verbände 
entstehenden Streitigkeiten. 

§ 71. Streitigkeiten, welche aus dem Kultusgemeindeverbande 
zwischen den einzelnen Mitgliedern oder zwischen diesen und dem 
Kultusvorsteher oder dem Kultusvorstande entstehen, werden vom Kultus- 
ausschusse entschieden. 

tj 72. Über Beschwerden gegen Verfügungen des Kultusgemeinde- 
ausschusses, namentlich wegen Bemessung der Kultusumlagen, ent- 
scheidet ein Schiedsgericht. 

Dasselbe besteht aus einem von dem Kultusgemeindeausschusse 
und einem von der beschwerdeführenden Partei gewählten Kultus- 
gemeinde-Augehörigen, welche mit Stimmeneinheit, oder wenn dies 
nicht zu erzielen ist, mittels Los ein drittes Kultusgemeindemitglied als 
Obmann wählen. Das Schiedsgericht erledigt die Angelegenheit mit 
Ausschluss eines jeden Rekurses. 



.Michael Menz. 375 

XIV. Abschnitt. 

Vun der Ausübung der Amtsgewalt seitens der Beamten und 
andern Organe der Kultusgemeinde. 
§ 73. Von der den Beamten und anderen Organen der Kultus- 
gemeinde zustehenden Amtsgewalt darf nur gegen Angehörige der israe- 
litischen Eeligionsgesellschaft und niemals zu dem Zwecke Gebrauch 
gemacht werden, um die Befolgung der Gesetze und behördlichen An- 
ordnungen oder die freie Ausübung staatsbürgerlicher Rechte zu hindern. 
Ein äusserer Zwang darf bei Ausübung dieser Amtsgewalt überhaupt 
nicht angewendet werden. (§ 18 des Gesetzes vom 21. März 1890, 
K. G. Bl. Nr. 57.) 

XV. Absclinitt. 

Über das Verfahren bei Statuten-Änderungen. 
§ 74. Änderungen der Statuten können nur von dem Kultusaus- 
schusse und zwar bei Anwesenheit sämtlicher Mitglieder desselben mit 
einer Stimmenmehrheit von vier Fünfteln der Anwesenden beschlossen 
werden, wo auch die gesetzlich vorgeschriebene Genehmigung der Staats- 
behörde einzuholen ist. 

XVI Abschnitt. 

Über das Aufsichtsrecht der Staatsverwaltung und deren 
Eiuflussnahme auf die An gelegenheiten der Kultusgemein de. 
§ 75. Die Staatsverwaltung übt das ihr zustehende Aufsichtsrecht 
gegenüber der Kultusgemeinde und überhaupt das Recht der Eiufluss- 
nahme auf die Angelegenheiten der Kultusgemeinde nach Massgabe der 
bestehenden gesetzlichen Vorschriften und insbesondere der Bestimmungen 
des Gesetzes vom 21. März 1890, R. G. Bl. Nr. 57 aus. 
Nr. 9879. 
Gesehen und genehmigt 

Innsbruck, am 22. März 1898. 

Für den k. k. Statthalter. Reden m/p. 

Im Jahre 19U0, nach der wegen seiner Übersiedelung 
erfolgten Demission des Herrn Herrn. Hirsch, trat Herr 
Michael Menz als Kultusvorsteher an dieSpitze derGemeinde- 
leitung, während der bisherige Ersatzmann Leopold Simon 
ßrettauer in den Aiisschuss berufen ward. 

Herr Michael Menz, Generalvertreter und Inspektor 
der Rinnione Adriatica in Triest, geboren in Hohenems am 
2. Jänner 1836 als Sohn des bereits gewürdigten verdienst- 
vollen Bürgermeisters Samuel Menz, steht nunmehr, nachdem er 
früher bereits in verschiedenen Ehrenämtern der Kultusgemeinde 
gewirkt hat, als Vorsteher an der Spitze derselben, umgeben 
von allseitiger wohlverdienter Hochschätzung und Verehrung. 

Im Jahre 1900 ward das Amt eines Kassiers der Kultus- 
gemeinde dem Oberlehrer und Sekretär Herrn Moritz Federmann 
übertragen. 



;^7() Zelintes Kapitel. 



Diesem Abschnitte sind folgende vier statistische Bei- 
lagen beigegeben: 

A. Verzeichnis sämtlicher Vorsteher der Israelitengemeinde. 

B. „ „ Ausschussmänner und Beiräte. 

C. „ „ Gemeindekassiere. 

D. Tabellarische Übersicht der jährlichen Einnahmen und 
Ausgaben der Israelitengemeiude in den Jahren 1821 
bis 1900. 



Gegenwärtige Kultusvorstehung. 



377 



A. Vorsteher der Israelitengemeinde: 



Jahr 



Name des Vorstehers. 



1659 

1718 

1737 
1739—1749 
1749—1753 
1753—1777 
—1789 
— 1799 
1785—1806 

1809 

1809 
1809—1814 

1814 

1815—1818 
1818—1822 
1823—1825 
1826—1827 
1828—1831 

1831 

1832 
1833—1836 
1836—1839 
1839—1841 
1842—1846 
1847—1850 
1850—1859 
1859—1869 
1869—1870 
1870~-1878 
1878—1885 
1885—1900 
Seit 1900 



Maier Moos. 

Josle Levi. 

Urban Levit. 

Jonathan Uffenheimer. 

Josle Levi aus Sulz. 

Maier Moos Kausehelis. 

Maier Jonathan Uffenheimer. 

Lob Moos. 

K, k. Hoffaktor Lazarus Josef Levi. 

Nathan Elias. 

Josef Veit Levi = Rosenthal. 

Josef Lazarus Levi = Löwenberg. 

k. k. Hoffaktor Wolf Josef Levi = Benjamin 

Löwengard, 
Josef Löwengard. 
Isak Löwengard. 
Josef Löwenberg. 
Isak Löwengard. 
Martin Hirschfeld. 
Josef Löwenberg. 
Markus ßernheimer. 
Salomon Bernheimer. 
Igoaz Rosenthal. 
Emanuel Löwenberg. 
Philipp Rosenthal. 
David Hirschfeld. 
Bürgermeister Philipp Rosenthal. 

„ Samuel Menz. 

„ Dr. Simon Steinach. 

„ Anton Rosenthal. 

Kultusvorsteher Anton Rosenthal. 
„ Hermann Hirsch. 

Michael Menz. 



378 Zeliiitos Kapitel. 

B. Ausscliu.ssniuniier mul Beiräte: 

(Al[)liabctisch {geordnet.) 



Beruheimer, Markus. 
Brentano, Joh. Aug. 
Brentano, Moritz. 
Brentano, Nestor. 
B rettau er, Emauuel. 
Brettauer, Herz Lämle. 
Brettauer, Hermann Ludwig. 
Brettauer, Jonas. 
Brettauer, Josua. 
Brettauer, I^eopold. 
Brettauer, Leop. Simon. 
Brettauer, Ludwig Herz, 
ßrunner, Heinrich. 
Brunner, Marko. 
Elkan, Theodor. 
Frey, Matthias. 
Guggenheim, Benjamin. 
Hirschfeld, Albert. 
Hirschfeld, Daniel. 
Hirschfeld, Josef. 
Kahn, Elias. 



Landauer, I^eonhard. 
Löwenberg, Ludwig. 
Löwenberg, Moritz. 
Löwengard, Ephraim. 
Löwengard, Rudolf. 
Reichenbach, Carl. 
Reichenbach, Herm. Kilian. 
Reichenbach, Leopold. 
Rosenthal, August. 
Rosenthal, Ignatz. 
Rosenthal, Friedrich. 
Rosenthal, Iwan. 
Rosenthal, Josef. 
Rosenthal, Ludwig. 
Schwarz, Abraham. 
Schwarz, Ernest. 
Steinach, Dr., Wilhelm. 
Ullmann, Dr., Ludwig. 
Wohlgenannt, Bermann. 
Wohlgenanjit, Heinrich 



C, Kassiere der Israelitengemeinde. (i9. Jhd.) 

(Chronologisch geordnet. ) 

Nathan Elias. 
Josef Hirschfeld. 
David Hirsch feld. 
Samuel Menz. 
Daniel Hirschfeld. 
Dr. Ludwig Ullmann. 
Benjamin Guggenheim. 
Hermann Hirsch. 
Ludwig Kahn. 
Hermann Hirsch. 
Moritz Federmann. 



Gegenwältige KiiUusvorsteliung. 



37!) 



D. Statistische Übersicht der Jahresbudgets in den 
Jahren 1821—1880. 



Jahr 


Einnahmen 

fl. 


Ausgaben 
fl. 1 


1 

Jahr 


Einnahmen 
fl. 


Ausgaben 
fl. 


1821 


2231.361/, 


2160.56»/, 


1851/2 


4 902. 11 Vi 


3 572.17 


1822 


2118.24 


2205.39 Vi 


1852/3 


4 843.12^/2 


4 486.39 Vi 


1823 


2497.59 Vi 


2406.33Vi 


1853/4 


7 105.7 


5 556.27 


1824 


2958.67, 


2875.13 


1854/5 


6 448.9=", 


6 213.49 


1825 


3452.59 


3388.29 V, 


1855/6 


5 753.53V8 


5 410.03 


1826 bis Okt. 


5770.22 Vi 


5606.24 


1856/7 


7293..58V2 


6 300.12 


1826/7 


4226.48 Vi 


4150.33V, 


1857/8 


6 558.28 Vs 


5 973.48'/, 


1827/8 


4344.40'/, 


3786.45 V, 


1858/9 


5 138.82Vi 


5 Ol 1.35 Vi 


1828/9 


5338.16-'/4 


4969.19Vi 


1859/60 


6 134.14 


6 107.81 Vi 


1829/30 


4342.1 Vi 


4695.19V, 


1860/1 


6 258.92 V2 


5 805.58»/, 


1830,1 


4611.47, 


4458.51V, 


1861/2 


7 153.16Vi 


7 109.71 


1831/2 


4954.533/i 


4858.9 Vi 


1862/3 


6 276.91 


6 192.69 V2 


1832/3 


4599.34V4 


4528.40 V2 


1864 


10 421.42 V2 


10 021.10 


1833/4 


4164.463/, 


3923.29V2 


1865 


18 558.42Vi 


18 499.81 


1834/5 


4179.56^4 


4075.16V, 


1866 


11 072.3 


11 710.91 


1835/6 


3814.40 V* 


3734.17 


1867 


11 573.97 


11 556.38 


1836/7 


5620.26 


5473.55Vi 


1868 


11 356.81 


10 564.04 


1837/8 


6352.59 Vi 


6345.43 V-, 


1869 


13 3O8.28V2 


13 I48.O2V2 


1838/9 


5937.52 


6026.40 


1870 


9 343.40 V, 


8 741.56 


1839/40 


3877.293, 


4385.49Vi 


1871 


12 327.72 


10 859.59 


1840/1 


4732.1'/i 


4632.53V2 


1872 


10 954.44 


9 640.87 


1841/2 


4342.23Vi 


3574.3 


1873 


14 990.44 


10 761.26 


1842/3 


4854.27 Vi 


4053.18 Vi 


1874 


12 509.68 


9 382.07 


1843/4 


5025.29 


3572.I2V2 


1875 


7 515.20 


6 825.68 


1844/5 


6297.3=»/, 


4964.19 


1876 


8 013.45 


5 882.86 


1845/6 


6888.34 Vi 


6009.14% 


1877 


6 941.03 


8 688.98 


1846/7 


1647.56 Vi 


4223.54Vi 


1878 


5 870.11 


5 220.61 


1848/9 


3742.23V2 


3494.40 Vi 


1879 


6 804. 56 V2 


5 333.19 V2 


1849/50 


4811.37Vi 


4519.5V8 


1880 


9 537.53 


8 229.60 


1850/1 


51 17.48 V2 


5082.16Vi 

1 

! 
1 









380 /uhiitüts Kapitel. 

b) Armenverwaltung. 

Unter den charakterisierenden Leistungen einer Gemeinde 
darf den ersten Platz die Armenpflege beanspruchen. Denn 
während andere Institutionen, wie z. B. die Schule, wieder den 
Gemeindemitgliedern selbst zugute kommen und diese so für 
die erforderlichen Opfer entschädigt werden, ist die Armenpflege 
ein Gemeindeinstitut reinster Selbstlosigkeit. Und der Historiker, 
der jüdische Gemeinden und ihre Institutionen zum Gegen- 
stande seiner Forschung macht, wird allenthalben Gelegenheit 
haben Worte aufrichtigster Bewunderung der Fürsorge zu 
zollen, die der Jude seinen Armen zuwendet. Ich sage seinen 
Armen, denn der jüdische Arme lebt immer nur von den 
Almosen der eigenen Glaubensgenossen und pocht um solche 
nur an mit „Mesusahs" versehenen Türen. 

An Schule und Armenpflege lässt sich eine Ge- 
meinde gar wohl beurteilen: die Schule bietet den 
Massstab für die geistige, die Armenpflege für die 
sittliche Entwicklung einer Gemeinde. 

Und Schule und Armenpflege bilden wahre 
Edelsteine im liistorischen Schmucke der Hohen- 
e m s e r J u d e n g e m e i n d e. 

Die private Wohltätigkeit, das gutjüdische Herz, warder 
alleinige Armenfond der Hohenemser Juden in den ersten Jahr- 
hunderten nach ihrer Ansiedlung. Erst mit der allgemeinen Ent- 
wicklung der Gemeinde-Institutionen, mit Zunahme der Anzalil 
der Armen und Erwerbsunfähigen,') da die privative Wohltätigkeit 



^) Diese Zunahme war in mehreren Fällen gewaltsamen Zuschiebungen 
von Fremden durch die Behörden zuzuschreiben. So z. B. war gegen 
Ende des 18. Jahrh. ein junger arbeitsscheuer Bursche aus Hohenems 
in die Welt gezogen und galt als verschollen. Eines Tages kehrt er 
wieder als Bettler heim mit einem übelbeleumundeten "Weibe und einer An- 
zahl von Kindern, darunter sogar ein aussereheliches. Trotzdem er sich 
in Widersprüche betreffs des Ortes seiner Eheschliessung verwickelt, 
trotzdem er Einbrüche verübt, als mehrfach vorbestraft gebrandmarkt 
ist und samt Familie der Bettelei anheimgegeben ist, er bleibt der Hohen- 
emser Judeuschaft zur Last. 

Ja ein anderer Fall, der einen in Fellheiin geborenen, in Buchau 
getrauten Bettler samt zahlreicher Familie betrifft, den die Württem- 
bergische Regierung auf seinen Wunsch nach Hohenems schickt, bleibt 
der Judengemeinde in Hohenems zur Last, weil der bair. Regierung das 
Umherschicken dieser Bettlerfamilie zu lästig und zu kostspielig war. 
Und eine Beschwerde der Judenvorstehung bei der österr. Regierung 



Armenpflege bis z. J. 1826. 381 

nicht mehr hinreichte und auch eine genügende Garantie für 
objektive und ausreichende Unterstützung nicht mehr bot, 
nahm die Israelitengemeinde als solche wenigstens teilweise 
die Armenversorgung in die Hand. Hier aber galt es gegen 
zweierlei Armut mit verschiedenartigen Ansprüchen ankämpfen. 

Der weitaus grösste Teil der Hohenemser Juden musste 
sich, wie allenthalben im 18. Jahrhundert, infolge einschränken- 
der Gesetze durch den Hausierhandel ernähren, ein Gewerbe, 
das den allermeisten nur gerade so viel abwarf, dass sie von 
heute auf morgen mit ihrer in der Regel zahlreichen Familie 
leben, nicht aber auch einen Sparpfennig für ihren Lebens- 
abend, der das Hausieren nicht mehr gestattete, erübrigen 
konnten. Und diese alten erwerbsunfähigen Menschen, oder 
oft genug auch nur deren Witwen und Waisen, fielen der 
Armenpflege anheim. Hier galt es durch jahrelang zu ver- 
abfolgende Wochengelder helfend eingreifen. Die private 
Wohltätigkeit mit ihrem kränkenden Beigeschmäcke für Ver- 
schämte und ihrer Abhängigkeit von Laune und Zufall konnte 
hier nur gelegentlich mitwirken. 

Hierzu aber kam dann andererseits die grosse Masse der 
Wanderbettler, die damals schon wie heute noch Hohenems zu 
vielen Hunderten jährlich besuchten und sogar die alten Reichs- 
grafen, wie bereits im I. Bande erwähnt, zu entsprechenden 
Verordnungen veranlassten. Hier hatte die AVohltätigkeit der 
Einzelnen freieren Spielraum, und das Bollettensystem, das 
fast bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in Übung blieb, 
griff hier sehr segensreich ein. Doch wurden solche „Balletten" 
in manchen Fällen auch an einheimische Arme verabfolgt, die 
so eine Art Wanderkost in den verschiedenen Familien er- 
hielten. 

Zweier Säckelmeister als Armenpfleger gedenken bereits 
die in diesem Kapitel erwähnten „Verordnungen" vom 
Jahre 1795. Diese Armenpfleger hatten die Einnahmen für 
die Armenpflege und deren zweckentsprechende Verwendung 
zu besorgen und zu überwachen. 

Diese Einnahmen bestanden bis zum Jahre 1826 nur aus 
1. einem kleinen Teile der Synagogengefälle; 



nach deren Wiedereinsetzung in Vorarlberg hatte ebenfalls keinen Er- 
folg, weil, wie der betreffende Bescheid hervorhebt, Österreich alle von 
Baiern betreffs der Juden getroffenen Verfügungen be- 
stätigt habe. 



3S2 Zehntes Kapitel. 

2. diversen Strafgeldern nach Abzug von Va ^"1" ^^^^ 

Angeber und 
3 dem Erträgnisse für die Erteilung von Tanzlizenzen 

bei Festlichkeiten. 
Die kgl. bair. Regierung überwachte besonders strenge die 
Handhabung der Arinenpliege, da nach einer Verordnung des 
Generalkommissariates vom 7. Februar 1809 sogar allmonatlich 
detaillierter Bericht hierüber erstattet werden musste. In diesem 
Jahre hatte die israelitische Armenpflege für 39, 1810 für 46 
und 1816 sogar für 70 einheimische Arme Sorge zu tragen. 
Fonde oder Stiftungen für Armeuzwecke besass die Juden- 
gemeinde aber damals noch keine. Das ja in jedem Jahre 
sich ergebende und immer wachsende Defizit wurde aus der 
Gemeindekasse gedeckt. 

In der Ausschusssitzung vom 8. Juni 1826 wurde 
endlich die Gründung eines Armenfonds beschlossen. 
Ich lasse das denkwürdige Protokoll wörtlich folgen: 

„lu Ermangelung eines Armenfonds bei der hiesigen Israeliten- 
gemeinde erhielten die Armen dieser Gemeinde zwar ihre be- 
nöthigten Unterstützungen, theils aus Synagogsgefälle, und vorzüglich 
mehrestentheiles von frey willigen wohltätigen Bey trägen der Privaten. 

Allein der Mangel eines wirklichen Armenfondes ist doch 
fühlbar. Denn aus den Synagogsgefällen kann das Wenigste an die, 
die Unterstützungen bedürfen, abgereicht werden. Hieraus werden: 

a) das Gebäude der Synagoge erhalten, die religiösen Erforderungen 
darin angeschafft, so der Grundzins an das Ärar pro 15 Gulden 
R. W. jährlich bezahlet; 

b) Lehrgeld für arme Kinder im Religionsunterrichte entrichtet; 

c) an Dr.- und Medikamente-Kosten für Arme beigesteuert und 

d) mehrere andere Erfordernisse bestritten. 

Sohin dass für Unterhalt der Armen nur ein geringer weit- 
unzulänglicher Überschuss erübriget. 

Die Wohlthätiggesinnten der Gemeinde haben zwar frey- 
willig die Dürftigen unterstützt. 

Da diese aber ihre Bey träge, obschon sehr wohlthätig, jedoch 
nachWillkühr an die Armen mitteilten; so entstehet die Ungewissheit, 
ob jeder Dürftige nach Erfordernis unterstützt werde? 

Um nun jeden Armen der Gemeinde nach Verhältniss eine 
bestimmte und gewisse Unterstützung auszumitteln, erachtete die 
Vorstehung sich verpflichtet, einen auf Billig- und Rechtlichkeit 
beruhenden Arinenfond zu schaffen, so zu begründen. 

Da zu diesem Zwecke in besagter Gemeinde keine Stiftungen 
vorhanden sind , so entstehet die Verpflichtung für jeden An- 
gehörigen der Gemeinde zum Unterhalte der Armen nach Ver- 
hältniss seines Vermögens beyzutragen. Diesem nach wird wegen 



N^ominello Gründung des isr. Armonfnndcg. 38B 

diesen so wichtig und wohlthätigen Zweck folgender Geraeinde- 
beschluss gefasst: 

1. Dass jeder Gemeinde-Angehörige nach seiner zu dem Ge- 
meinde-Bedürfnisse anliegenden Verniögens-Steuer ein halbes 
Procento jährlich zum Armenfoude beytrage. 

Dieser ergiebige Beytrag, nebst Beyzug des Über- 
schusses der Synagogsgefälle gründet den jährlichen Armen- 
unterstützungsfond. 

2. Dieser nahmhafte jährlich anfallende Unterstiitzungsbetrag 
wird gewissenhaft und auf billigem Ermessen der Vor- 
stehung auf die Dürftige der Gemeinde nach ihre Ver- 
hältnisse repartirt, und jedem seinen wöchentlich oder monat- 
lichen Betreff bestimmt und angewiesen. 

3. Damit aber diese Unterstützungsbeiträge in keiner andern 
Berechnung und Verwendung kommen, werden zum Einzüge 
und zur Austheilung dieser Betreffnisse nach obigen Be- 
stimmungen hiezu zwei fähige und vertraute Männer der 
Gemeinde von der Vorstehung als Armeuväter bestellet 
werden. 

Dieser zur Wohlthat erzweckende Geraeinde-Beschluss wird 
hiermit zur Urkund dessen von den Gemeinde-Vorständen unter- 
fertiget. 

Hohenems, den 8. Juni 1826. 
Isaac Löwengart, Gem. -Vorstand. Josef Hirschfeld, Cassier. 

Martin Hirschfeld, Ausschuss. Mathias Frey. 

Salomon Bernheimer, Ausschuss. L. Brettauer. 

Dieser zur Wohlthätigkeit beabsichtigte Beschluss wird hiemit 
den Gemeinde-Angehörigen, welche zu den Communal-Lasten mit 
Vermögenssteuer belegt sind, bekannt gemacht; welche nun ihre 
Genehmigung hiezu mit Unterschrift bezeugen. 

Hohenems, den 25. Juni 1826." 

48 Steuerträger bekundeten durch Untersclirift 
au f d em noch vo rh an denen Originale ihre Zu stimm uug. 
Der israelitische Armenfond ist demnach im Prin- 
zipe im Jahre 1820 gegründet worden.^) 

Das k. k. Landgericht in Dornbirn bestätigte am 
24. Mai 1829 s. ZI. Com. -r^-, zufolge h. kreisämtlichen 
Erlasses vom 5. iMai, diese Gründung und beauf- 
tragte die Vorstehung, den Plan ehestens zu ver- 



*) Der Armenfond der Christeng emeinde bestand im JahrelSlS 
aus fl. 4601, und zwar 1000 fl. vom 17. Jahrh. von einer Reichsgräfin von 
Hohenembs gespendet, fl. ITjOO von der 1803 aufgelösten Hohcnemser 
Rosenkranz-Bruderschaft durch den damaligen Kommissar Gubernialrat 
von Harting der Armenpflege zugewendet; 1660 fi. von der am 26. Oktober 
1813 aufgelösten Hohenemser Hofkaplanei-Pfründe und der Rest durch 
die aufgelaufenen Zinsen. 



384 Zehntes Kapitel. 

wirklichen, was auch alsbald in Angriff genommen 
wurde. 

^Leider kam der Beschluss damals nicht im eigentlichen, 
dem Titel Armenfond entsprechenden Sinne zur Ausführung, 
weil ja kein Stiftuugsfond gegründet, sondern nur eine ge- 
wisse alljährliche Steuerquote eingehoben wurde, mit der 
nebst andern Zuflüssen die Ausgaben der Armenpflege ge- 
deckt wurden. 

Am 2. Juli 1829 ZI. -^ kam der Auftrag, die Armen- 
kommission zu wählen, resp. dem k. k. Landgerichte Vorschläge 
zu machen. Dies geschah und auf Grund dessen ernannte 
das k. k. Landgericht am 5. Februar 1830, Armensache 
Nr. 226/27, die folgende Armenkommissiou: 
Als Vorstand: Josef Löwenberg, 
als KommissioDsmitglied: Markus Bernheimer. 
Bei Wiederbeselzung des damals vakanten Rabbiuates 
sollte der Rabbiner Mitglied und Vorsitzender sein. 

Nunmehr taten die Israeliten alles Mögliche, um ihren 
Armenfond zu vergrössern. Von freiwilligen Versteigerungs- 
erträgnissen bei Israeliten ward 1 '^/o dem Armenfonde zuge- 
wendet. Der langjährige, verdienstvolle Gemeindekassier 
Josef Hirschfeld erbot sich 1832 freiwillig, von jedem Centner 
aerar. Salzes, dessen Verkauf seine Tochter Marie Brentano 
inne hatte, 12 kr. dem israelitischen Armenfonde zu spenden. 
Die Aufnahmegebühren von nach Hohenems heiratenden 
israelitischen Mädchen und Witwen sollten desgleichen dem 
Armenfonde zugewendet werden, wobei fl. 50 als Mindestbetrag 
festgesetzt wurde. Doch erhielt diese Einführung nicht die 
behördliche Genehmigung. 

In den Gemeinderechnungen erscheint alsbald die ge- 
sonderte Rechnungslegung für den Armenfond und auch die 
k. k. Behörden weisen in vielen Fällen von Juden bezahlte 
Strafgelder dem jüdischen Armenfonde zu. Und doch muss 
beachtet werden, dass damals und bis gegen Ende der 60 er 
Jahre von einem Armenfonde in jenem und eigentlichen Sinne, 
der ein vinkuliertes zinstragendes Grundkapital voraussetzt, 
nicht gut die Rede sein kann. Vielmehr ist Armenfond 
hier gewissermassen gleichbedeutend mit Armenkasse zu 
nehmen, die sich alljährlich bis gegen Ende der 60 er Jahre 
vollständig verausgabte und noch mit Defizit abschloss. Einen 



Armenkommission. 385 

Überschuss und damit einen Fond im eigentlichen Sinne 
brachten erst diverse Schenkungen und Stiftungen ums Jahr 
1870. Trotzdem aber ist in dieser Gründung der „Armen- 
fond" genannten Armenkasse von 182() resp. 1829 der Aus- 
gangspunkt zum späteren eigentlichen Armenfond zu erblicken, 
und darum soll auch konform der amtlichen Benennung schon 
ab 1829 vom Armenfonde die Rede sein. 

Von da ab wurden also die Armen aus dem Reste der 
Synagogengefälle, den kleineren bereits genannten Neben- 
eiokünften und hauptsächlich aus der Mehrbesteuerung fin- 
den Armenfond erhalten. Die Vorstehuug hob das ^^2 "/o für 
den Armeufond gemeinsam mit den anderen Steuern ein, 
wies jedoch das Gesamterträgnis für den Armenfond der 
Armenkommission zu. 

Eine Übersicht der Ausgaben für Arme, ohne Arzt 

und Apotheke für Kranke und Schulgelder für 

arme Kinder, aus den Jahren 1823 — 1833 gibt folgendes 

Bild: 

Im Jahre 1823 fl. 314.27 

„ „ 1824 „413.12 

„ „ 1825 „ 420.- 

„ „ 1826 „ 646.18 

„ „ 1827 „669.18 

„ „ 1828. :.. „786.32 

„ ,, 1829 „ 733.35 

„ „ 1830 „ 823.36 

„ „ 1831 „909.12 

„ „ 1832 „ 988,13 

„ „ 1833 „ 888.54 

Also innerhalb zehn Jahren eine Erhöhung der Gemeinde- 
ausgaben für Arme auf das Dreifache. 

Im Februar 1836 gehörten der Armenkommission an: 
Rabbiner Abraham Kohn, Philipp Rosenthal, Albert Hirschfeld 
und Samuel Menz. Auf deren Einschreiten vom 28. Februar 
1836 hin wurde der bisherige Usus aufgehoben, dass die 
israelitsche Gemeindekasse von der israelitischen Armenkasse 
die allerdings ganz minimale Familiensteuer der sogenannten 
r\'^17\ li'SI erhob. Die vom Armenfonde Unterstützten waren 
von da ab steuerfrei. 

Am 1. Juli 1836 trat David Josef Hirschfeld in die 
Armenkommission ein, da Albert Hirschfeld damals in den 

25 



386 Zehntes Kapitel. 

Gemeiude-Ausschuss gewählt worden war. Im selben Jahre 
ward Dr. Wilh. Steiuach als Armenarzt, der erste als solcher, 
angestellt. 

Abi. November 1836 wurden die sogenannten Synagogen- 
gefälle oder Mizwahsgelder ganz der Armenkommission über- 
lassen. Interessant ist, dass sich die Israelitenvorstehung 
bereits in diesem Jahre mit dem Plane der Errichtung 
eines israelitischen Armenhauses beschäftigte, aller- 
dings wegen Mangel an Mittel erfolglos. 

Die am 1. November 1839 aufgestellte separate 
Verrechnung des Armenfondes zeigt: Einnahmen fl. 1287, 
Ausgaben fl. 1561.38, somit ein Defizit von fl. 274.38. Zehn 
Jahre später, im Jahre 1849 laut Rechnung vom 1. November: 
Einnahme fl. 1421.17, Ausgaben fl. 1538.53^2, ebenfalls ein 
Defizit von fl. 117.36 ^la. 

Im Jahre 1854 erhielt das Land Vorarlberg ein Gnaden- 
geschenk des Kaisers in der Höhe von fl. 50 000 zur Er- 
leichterung des Getreideankaufes. Hiervon entfiel auf den 
Bezirk Feldkirch vorerst fl. 4500 und später weitere fl. 600, 
wovon die k. k. ßezirkshauptmannschaft in Feldkirch s. ZI. 124 
einen Betrag für die israelitischen Armen dem Bürgermeister 
Phil. Rosenthal einsandte. Vorsitzende der Armenkommission 
waren um jene Zeit der hochbetagte Heinrich Brunner 
(1784 — 1867) und nach ihm Hermann Raphael Brettauer. 

Hermann Raphael Brettauer, ein Enkel des schon 
mehrfach genannten Herz Lämle Brettauer, geb. am 29. Dez. 18J.3, 
war ein gebildeter, wohltätiger und sehr fleissiger Mann, dem be- 
sonders äie Armenpflege sehr am Herzen lag und um die er und 
seine Gattin Bertha geb. Brettauer, die sich ebenso durch 
Klugheit wie "Wohltätigkeitssinn auszeichnete, sich sehr verdient 
gemacht haben. Am 6. Mai 1859 schied er frühzeitig aus 
dem Leben. 

Der Armenkommission gehörten nächst dem den Vorsitz 
führenden Rabbiner bis 1860 noch die Herren Emanuel Brettauer 
und Josef Rosenthal und ab 1861 die Herren Dr. Simon 
Steinach,Jonas Brettauer und Ernest ScIi warz^)an. Letzterer 
legte 1862 sein Amt nieder und Ludwig Löwenberg trat 
an dessen Stelle. Die von diesem am 1. November 1862 für 
ein Jahr gelegte Rechnung zeigt folgendes Bild: Einnahmen 



^) Die Biografie dieses hervorragenden Mannes siehe im nächsten 
Kapitel. 



Aimenverwaltung. 387 

fl. 1961.89, Ausgaben W. 2006.62^2 wonach noch ein Defizit 
von fl. 44.73'/2. 

7 männliche und 9 weibliche Arme waren 1861/2 in Privat- 
pflege untergebracht und kosteten damals jährlich fl. 1550.59. 

Die Rechnungslegung p. a. 1863 zeigt ebenfalls bei Ein- 
nahmen fl. 2104.5 und Ausgaben fl. 2154.61^2 ein Defizit von 
fl. 50.56^2- Allerdings waren in all den bisherigen Rechnungs- 
legungen mit Rücksicht darauf, dass einzelne kleinere Synagogen- 
erträgnisse unter den Einnahmen Platz fanden , auch die 
kleinen Syuagogenbedürfnisse mit unter die Ausgaben ge- 
zählt worden. 

Ab 1. Jänner 1865, zu welchem Zeitpunkte die Herren 
Ludwig Rosenthal und Jakob Schwarz jun. zu Mit- 
gliedern der Armenkoraraission gewählt wurden, wurde das 
Armenwesen von der Synagoge vollständig, d. h. auch in der 
Rechnungslegung getrennt und die Synagogengefälle dem 
Gemeindekassier überwiesen. 

In der Sitzung des Israeliten- Ausschusses vom 12. Mai 
1867 ward beschlossen, durchwandernde Arme über Sabbath 
oder Feiertage nicht mehr durch Billete, sondern durch 
Verköstigung bei Privaten gegen Entgelt aus der Gemeinde- 
kasse zu versorgen. Damals ward diese Verköstigung der 
Ww. Rosina Wyler übertragen, die fl. 1 für Wohnung und 
Verköstigung eines Armeo für 24 Stunden erhielt. 

Zahlreich und ganz bedeutend waren die Unterstützungen, 
die aus dem Armenfonde alljährlich an heimische und aus- 
wärtige Arme verabfolgt wurden. Und bei den ganz be- 
scheidenen Einnahmen desselben war es kein Wunder, dass 
die Armenkommission fortwährend mit einem Defizit die 
Jahresrechnungen abschloss. 

Kamen doch hierzu noch zahlreiche Unterstützungen an 
auswärtige jüdische, wie nichtjüdische Gemeinden bei Unglücks- 
fällen, Elementar -Ereignissen, Brandschäden usw., ferner 
diverse Unterstützungen für die Kultuszwecke anderer Israeliten- 
gemeinden. 

Vornehm im Wohltun, wie die Hohenemser Israeliten 
allezeit waren, kam es wohl kaum jemals vor, dass ein Bitt- 
gesuch abschlägig beschieden worden wäre. 

Eine günstige Umgestaltung der Verhältnisse des israe- 
litischen Armenfondes brachten erst die Legate eines hoch- 

25* 



38,S Zehntes Kapitol. 

herzigen und wohltätigen Ehepaares, der Eheleute Josef und 
Clara Roseuthal. 

Josef Roseuthal, jüngerer Bruder des bereits genannten 
Bürgermeisters Philii)i) Koscnthul, ward am 11. Oktober 1805 in 
Hohenems geboren. Gleich diesem ward er zu seinem späteren 
Berufe als Grossindustrieller vielseitig und gründlich vorgebildet, 
was er denn auch nach Ankauf der Fabriken im „Schwefel" im 
Jahre 1841 als Fabrikant und Mitchef der Firma „Gebrüder Rosen- 
thal" zu verwerten Gelegenheit hatte. Wie bereits erwähnt, wid- 
mete er sich im Ausschusse Jahrzehnte lang der Verwaltung der 
Israelitengemeinde. Am 28. Mai 1833 heiratete er Clara, die 
Tochter des Gemeindevorstehers Josef Löwenberg, eine hoch- 
hei'zige, feingebildete und wohltätige Dame, mit der er in glück- 
lichster Ehe lebte. 

Und dieses treffliche Eiiepaar, das schon bei 
Lebzeiten die allgemeine und wohlverdiente Ver- 
ehrung der weitesten Kreise umgab, verewigte sich 
dadurch, dass es auf Anregung des Dr. Wilhelm 
und Dr. Simon Steinach die Ausführung des lang- 
gehegten und durch die Verhältnisse dringend ge- 
wordenen Planes der Errichtung eines israelitischen 
Armenhauses ermöglichte. Der am 26. Juni 1862 ver- 
storbene Herr Josef Rosenthal stiftete laut Testament 
vom 25. April 1862 nnter zahlreichen anderen Legaten 
auch fl. 3000 zur Gründung eines israelitischen Armen- 
hauses. Desgleichen testierte seine am 3. Jänner 1864 
verstorbene Witwe laut Testaments-Cocidill vom 
9. März 1863 P. 14 fl. 2000 zum gleichen Zwecke -mit 
der Bestimmung, dass das zu errichtende Armen- 
haus den Namen „Joseph und Clara Rosenthal'sche 
Stiftung" tragen solle. Deren Sohn Robert spendete kurz 
darauf weitere fl. 100, desgleichen folgten noch zahlreiche kleinere 
Beträge von diversen anderen Wohltätern, so dass endlich an 
die Errichtung des Armenhauses geschritten werden konnte. 

Gemäss der Beschlüsse des Israeliten-Ausschusses vom 
20. Mai und 5. Juni 1871 ward durch Vermittlung Marko 
B runners das Maier Burgauer'sche Haus um fl. 2500 zu dem 
Zwecke erworben. Mit der Durchführung der Adaption und 
des erforderlichen Umbaues des Hauses ward ein Fünfer- 
Komitee, bestehend aus den Herren Dr. Simon Steinach, 
Dr. Ludwig Ulimann, Ludwig Löwenberg, Jonas Brettauer und 
Friedrich Rosenthal, betraut, das seiner Aufgabe in kürzester 
Zeit und mustergiltiger W^eise gerecht wurde. Allen voran, 



Josef uiul Clara Kosenthai. Errichtung des Israel. Armenhauses. 389 

mit ausgezeichneter Sachkenntnis und Opferwilligkeit, war es 
Dr. Simon Steinach, der hier unentwegt auf eine korrekte 
allen sanitären Anforderungen genügende Ausgestaltung und 
Hinrichtung sah und überhaupt die ganze Aktion in fast allen 
Teileu leitete. Er entwarf auch im Vereine mit Dr. Ullmann 
und Ludwig Löwenberg das neue weiters angeführte Armen- 
statut und die Hausordnung fürs Armenhaus. Zu den Adap- 
tions- und Einrichtungsmühen und -Kosten wurden auch 
die anderen Wohltätigkeitsvereine herangezogen, wobei sich 
insbesondere der israelitische Frauenverein, und der Mädchen- 
verein in hervorragender AVeise auszeichneten. 

Der israelitische Gemeindeausschuss genehmigte am 4. Sep- 
tember 1871 sämtliche Vorarbeiten, die fl. 80ü gekostet hatten, 
desgleichen auch die entworfenen Statuten, löste die Fünfer-, 
sowie die seit 1826 bestandene Armenkommission auf, an 
deren Stelle ein neugewähltes Siebener -Komitee trat, dem 
folgende Herren angehörten: als Vorsitzender: Armenvater 
Ludwig Löwenberg, als Schriftführer: Michael Menz, ferner 
Rabbiner S. Popper, Dr. Simon Steinach, Dr. L. Ullmann, Leopold 
Reichenbach und Friedrich RosenthaL 

Ludwig Löwenberg, ein Enkel des schon erwähnten 
Vorstehers k. k. Hoffaktors Lazarus Josef Levi, geb. in Hohenems 
am 11. April 1812 und daselbst gestorben am 2. August 1873, war 
ein sehr pflichteifriger, wohltätiger und beliebter Mann, der sich 
um das Annenwesen der Israelitengemeinde und besonders um 
das Armenhaus sehr verdient gemacht hat. Er betrieb das Ge- 
werbe eines Sattlers, genoss bedeutendes Ansehen und hat seinen 
und seiner würdigen Gattin Namen (Rosine, geb. Heimann) durch 
eine milde Stiftung ') verewigt. 

Am 1. Januar 1872 fand die feierliche Eröffnung in 
Gegenwart der Gesamt-Vorstehung und des Rabbiners in Be- 
gleitung mehrerer Reden statt. 

8 Pfleglinge hielten ihren Einzug ins neue Heim der 
Wohltätigkeit. 

Das zweistöckige israelitische Armenhaus enthält in 
8 Zimmern 15 komplett eingerichtete Betten, Speisezimmer, 
Badezimmer und zahlreiche Nebenräurae. Im Jahre 1904 wurde 
es mit einer eigenen Wasserleitung versehen. In teilweise 
freier und gesunder Lage gelegen, sehr gut verwaltet, bietet 
es den Pfründuern ein bequemes, friedliches, sorgenloses Heim. 
Ein grosser Gemüsegarten ward vor dem Hause angelegt, 

') Vgl. Kap. 17. 



390 Zehntes Kapitel. 

Über dem Portale des Annenhauses befindet sich eine 
Widmungstafel mit folgender Inschrift: 

„Israelitische Versorgungs- und Armenanstalt 
gestiftet durch die seligen Eheleute Josef und 
Clara Rosenthal 

Eröffnet am 1. Januar 1872." 

Für die besonderen, statutengemäss aus dem Armenfoude 
nicht zu deckenden Bedürfnisse der Pfleglinge und Pfründner 
sorgte ein alsbald aus freiwilligen Spenden geschaffenes und 
erhaltenes Pfründner-Konto. 

Eine im Speisesaale der Armenanstalt angebrachte Ge- 
dächtnistafel zeigt die Namen der Stifter der Armenanstalt 
sowohl wie des Pfründner-Kontos. ^) 

Die 25. Wiederkehr des Eröffnungstages ward vom Rabbiner 
Dr. Tänzer kurz nach seinem Amtsantritte am 2. Januar 1897 
durch eine Festpredigt 2) in der Synagoge gefeiert. 



') a) Stifter der Armenanstalt: Frau Regina Rosenthal, Frau 
Mathilde Rosenthal, Frau Clara Brunner, Herr Anton Rosenthal, Herr 
Lazar Löwenberg, Frau Henriette Jonas Brettauer, Frau Jeanette Pollak 
aus Rotterdam, Herr Einanuel Brettauer, Herr Dr. Simon Steinach, Frau 
Julie Trebitsch aus Wien, Kinder der sei. Frau Regina Rosenthal, Herr 
Adolf Fanto aus Wien, Frau Josephine Wohlgenannt, Israel. Gemeinde 
zu dem Regierungs-Jubiläum des Kaiser Franz Josef I. im Jahre 1873, 
Frau Marianne Kitzinger, Herr Ludwig ß. Bernheiraer, Herr Martin 
Steinach, Herr Carl Merawitz, Frau ßabette Menz, Herr B. Pollak aus 
Rotterdam, Herr Sigmund Trebitsch in Wien, Frau Caroline Brunner, 
Frau Henriette Biedermann, HeiT Altbürgermeister Samuel Menz, Frau 
Rosine Rosenthal, Frau Regina Hirsch, Herr Marco Brunner, Herren 
Gebrüder Menz, Wwe. Rosina Löwenberg. 

b) Stifter des P fründner- Konto : Herr Bürgermeister Anton 
Rosenthal, Geschwister Rosenthal, Regina Rosenthals Erben, Herr 
B. Dreyfuss aus Basel, Chewrah Dowor Tow, Herr Marco Brunner, 
Frau Elise Bonn, Herr Julius Roseuthal aus Wien, Herr A. Rothschild 
aus Wien, Herr Jacob Bernheimer aus Livorno, Herr D. Moos und 
Marco Brunner, Frau Clara Neuburger, Herr Lazar Löwenberg, Frau 
Julie Trebitsch aus Wien, Frau Jeanette Pollak aus Rotterdam, Herr 
Albert Hirschfeld, Herr Professor Salomon Sulzer aus Wien, Herr Theodor 
Trier aus Darmstadt, Frau Laura Löwengard, Frau Hertha Wolf, Herr 
Emanuel Brettauer, Herr Isak Bernheimer, Frau Emilie Neuburger, Herr 
und Frau David Bless aus Manchester, Herr Jonas Brettauer. 

^) Diese Rede, der auch ein im selben Jahre gehaltener, dem in 
Wien am 1. Juni 1897 verstorbenen und um die Hohenemser 
Judengemeinde hochverdienten sei. Herrn Robert Rosenthal 
gewidmeter Nachruf beigegeben ist, erschien 1898 unter dem Titel 
„Zwei Casualreden" im Verlage von J. Kauffmann in Frankfurt a. M. 



Das Israel. Armenhaus. 391 

Als Wirtschafterin der Armenanstalt ward zur Zeit der 
Eroffnnng Josefa Lanz aus Achberg in Preussen angestellt, 
der im Jahre 1882 Wwe. Agatha Schmied aus Wittenberg 
folgte, die die Stelle bis zum Jahre 1895 versah, wo die erst- 
genannte Wirtschafterin dieselbe wieder übernahm und die- 
selbe seit dieser Zeit wieder in redlicher, zufriedenstellender 
Weise versieht. 

Eine Gesamtstatistik der Benützung der Anstalt in den 
Jahren 1872 bis 1900 inkl. zeigt folgendes Bild: 

38 Pfründner und Pfleglinge mit zusammen 40889 Ver- 
flegstagen. Darunter waren 5 Kinder und 6 zahlende Pfleg- 
linge, letztere mit 4183 Verpflegstagen, so dass insgesamt 
in einem Zeiträume von 29 Jahren in der Armenanstalt 
unentgeltlich versorgt waren: 

32 Pfründner mit zusammen 36 706 Tagen. 

Die am 30. Dezember 1871 festgesetzte Hausordnung für 
die israelitische Armenanstalt umfasst 26 Paragraphen, einen 
Anhang nebst Speiseordnung, insgesamt vom humansten Geiste 
getragen. Ein weiterer Zusatz ist vom 15. November 1896 
datiert. 

Die israelitischen Wohltätigkeitsvereine der Männer, 
Frauen und Mädchen wetteiferten miteinander die neu- 
gegründete Anstalt mit allem Erforderlichen zu versehen, 
wovon übrigens noch an betreffender Stelle die Rede sein wird. 

Desgleichen wird im Kapitel „Vereine" über die Be- 
teiligung der „Chewra-Dowor-Tow" an der Armenpflege 
berichtet werden. 

Nach dem Tode Ludwig Löwenbergs, dieses um das 
Armenwesen hoch verdienten Mannes, trat Herr Ludwig Rosen- 
thal, der am 27. Oktober 1836 geborene um die Hohenemser 
Israelitengemeinde hochverdiente Sohn des Bürgermeisters 
Phil. Rosenthal, in die israelitsche Armenkommission ein. 

Das Vermögen des Armenfondes betrug im Jahre 1870 
fl. 3211.85. Ende 1878 beim Inslebentreten der Kultus- 
gemeinde betrug dasselbe nach Rechnungslegung des Verwalters 
fl. 19604.32, Ende 1879 fl. 22000. 

Schon im 9. Kapitel ward gezeigt, welchen Einfluss die 
lukorporierung der Israeliten in die Ortsgemeinde Hohenems 
i. J. 1878 auf die Armenpflege der Israeliten, resp. auf deren 
Armenfond hatte. Die in der a. o. Ausschusssitzung vom 
27. Februar 1879 gefassten und heute noch in Rechts- 



,35)'J Zehntes Kapitel. 

kraft bestehenden Beschlüsse in bezug anf den Armen- 
fond haben folgenden Wortlaut: 

Armenweson : 

„Die Hohcneinser Israeliten haben als heioiat- 
berechtigte Gemeindeglieder zur Erhaltung der (Jö- 
rn eindearmen nach dem in dieser Gemeinde für Ge- 
meindeglieder bestehenden Massstabe beizutragen; da- 
gegen wird das Recht der Armenversorgung der israe- 
litischen Armen auf Grund des Heimatsgesetzes von 
Seiten der Ortsgemeinde anerkannt. Der israelitische 
Armenfond und das israelitische Armenhaus müssen 
daher für immer d e r A r m e n v e r s o r g u n g g e w i d m e t b 1 e i b e n 
und sollen die israelitischen Armen auch fortan darin 
verpflegt werden. 

Die Armenfondo der Christen un d Israeli ten, so wie 
ihre Verwaltung bleiben getrennt. 

Zu den Fonden werden zufällige Zuflüsse nicht 
gerechnet. 

Zur Besorgung desArmenwesens für Christen und 
Israeliten werden nur ein Armenrat aufgestellt, welcher 
zu bestehen hat aus: 

1. dem jeweiligen Bürgermeister; 

2. dem Seelsorger der Christen; 

3. dem Rabbiner der Israeliten; 

4. den Ärzten beider Armenhäuser; in Ermangelung 
des einen oder anderen Arztes aus dem Kultus- 
vorstande der Israeliten oder für den christlichen 
Arzt ein zweites Mitglied der Seelsorge; 

5. den beiden Verwaltern; 

6. vier vom Ausschusse zu wählenden Mitgliedern. 
Als ßichtschnur für den Armenrat ist ein Armen- 
statut zu entwerfen und vom Gemeindeausschusse zu 
genehmigen, an welches sicli der Armenrat und die 
Verwalter zu halten haben. In diesem Statute ist die 
Bestimmung aufzunehmen, dass der all fällige Über- 
schuss des einen Fondes zur Deckung des Abganges 
des andern Fondes verwendet werden soll, e bevor 
ein Beitrag aus der Gemeindekasse in Anspruch ge- 
nomm en wird. 

Die Bestandteile der Armenfonde sind beider- 
seitig genau zu inventarisieren. 

Für die Verwaltung wird eine gemeinschaftliche 
Verpflegstaxc auf Grund der genehmigten Rechnungen 
alljährlich bestimmt. 

Wenn die Gemeinde aus der Gemeindekasse einen 
Beitrag an einen derFonde zu leisten hat, so geschieht 
dieser Beitrag nach Massgabe dieser Taxe." 



Pfrüiulnerfond. 393 

Gemäss der Entscheidung des k. k. Verwaltungsgerichts- 
liofes vom 16, Dezember 1886 Nr. 2758 hat die Inven- 
tarisierung des bis 1879 bestandenen israel. Armenfonds unter 
dem Titel „Israel. Armen-Sondervermögen" zu geschehen. 

Die hierüber gepflogenen Verhandlungen sind an anderer 
Stelle ^) dargelegt, woselbst auch die betreffenden Ent- 
scheidungen angeführt sind. 

Am 17. Dezember 1879 fasste der Kultusausschuss auf 
Antrag der Herrn Dr. Simon Steinach folgenden Beschluss: 
„Beschliesst der Ausschuss einen Pfründnerfond 
aus freiwilligen Spenden oder Legaten, Synagogen- 
Spenden u. s. w. zu errichten, welcher vorläufig bis zu 
fl. 5000. — Nominale gelangen soll und dessen Zinsen zu 
besonderen Zwecken der Unterstützung israelitischer 
Armen und eventueller Aufbesserung der Verpflegung 
israelitischer Armen in der Versorgungsaustalt zu ver- 
wenden seien. Infolge dessen habe die bisherige 
Speudungsmodalität in der Synagoge für Pfründner- 
Konto aufzuhören und sei in den Titel: Pfründner- 
Fond umzuändern." 

Die näheren hierauf bezüglichen Anordnungen sind in 
folgender in gleicher Sitzung beschlossener Zuschrift an den 
Stiftungsverwalter enthalten : 

„Herrn Jonas Brettauer 

Stiftungsverwalter 

D a h i e r. 

Laut Beschluss der Cultusgemeinde -Vertretung vom 17. d. Mts. 
werden Sie hiemit verständiget, dass dem israel. Armenfonde 
folgende Wohltätigkeits-Stiftungen beigegeben sind : 

I. Wttw. Regina Steinbach'sche Stiftung . . . . fl. 87.50 
II. Wolf Borich Wolf'sche Stiftung, 

III. Louise Landauer'sche Stiftung, 

IV. B. Bermann's Capital, 

alle vier mit einem Nominalbetrage von ..... 1744.22 
Der Herr Stiftungsverwalter wird hiemit angewiesen , nach Aus- 
scheidung dieser Capitalien aus dem Israel. Armenfonde die- 
selben in ein neues Conto unter den Titel: „Stiftungsfond und 
Pfründnerfond der israel. Cultusgemeinde Hohenems" vorzutragen, 
zu verwalten, die jährlich zureifenden Zinsen dem Herrn Cassier 
der Cultusgemeinde zu übergeben, welcher im Sinne der Stiftungen 
mit denselben vorzugehen hat. 

2. Wird dem Herrn Stiftungsverwalter eröffnet, dass dem- 
nächst ihm ein kleines Capital übergeben werden wird, welches 

1) S. 297 ff. 



394 Zehntes Kapitel. 

er gefülligst unter dem Titel „Pfründnerfond" für israelitische 
Arme zu Hohenems vortragen wolle. In diesem Pfründnerfoiid 
sind auch jene Spenden der Synagoge vorzutragen und capi- 
talisch anzulegen, welche unter diesem Titel in der Synagoge 
gemacht werden. Das Zinserträgniss dieses neu errichteten 
Pfründnerfondes wird als freiwillige und nicht obligatorische 
Spende der Cultusgemeinde zur Unterstützung armer Israeliten 
und namentlich zur Verbesserung des Unterhalts der Israel. 
Armen in der Versorgungsanstalt in der Art verwendet, dass die- 
selben imgeachtet der Verschmelzung des Israel. Armenfonds 
mit dem der Ortsgemeinde in gleicher "Weise wie bisher ermög- 
licht werde. 

Der Herr Stiftungsverwalter hat die Zinsen dieses neuen 
Fondes einfach nur mit dem Cassier der Cultusgemeinde zu ver- 
rechnen. Bezüglich der Meyer Moosischen Stiftung besitzt der 
Herr Stiftungsverwalter bereits die nothwendigen Documente 
gemäss welcher dieser Fond mit Genehmigung der competenten 
Behörde dem Cultusfond anzureihen ist, mit Ausnahme fl. 20ü. — 
Papier-Rente und fl. 50. — Silberrente (entsprechend fl. 200. — 
Reichswährung), welche dem Israel. Pfründnerfonde einzuverleiben 
sind, mit deren Erträgniss der Cultusgemeinde-Cassier im Sinne 
des Testamentes Vorzügen hat 

Hohenems, 24./12. 1879. Der Vorstand." 

Die Gründuüg dieses Pfründner-Fondes ^), einzig und allein 
von dem Bestreben geleitet, das Los der eigenen Armen zu 
sichern und zu verbessern, bildet eine hochedle Tat, ehrend 
sowohl den Antragsteller wie die sie ausführende Kultus- 
gemeinde. 

Nach Jonas Brettauer übernahm Herr Michael Menz die 
Armenfondsverwaltung, den dann Herr Hermann Hirsch 
ablöste, worauf nach dessen Wegzug im Jahre 1900 Ge- 
meindekassier Herr Moritz Federmann auch diese Verwaltung 
übernahm. 

Ich schliesse di-ese Darstellung der Armenpflege mit dem 
Bewusstsein, den Hohenemser Israeliten damit ein wohlver- 
dientes Ehrendenkmal errichtet zu haben. In all den nahezu 
3 Jahrhunderten war das Armenwesen die dringendste und 



' ) Unter den verschiedenen dem Pfründnerfonde gemachten Zu- 
wendungen seien hier erwähnt ein Legat der 1895 in Triest verstorbenen 
Karoline geb. Rosenthal, Gattin des Herrn Carl Brunner, im 
Betrage von fl. 150 und eine im Jahre 1898 erfolgte Schenkung der 
Frau Malwine Rosenthal von fl. 500 zum Andenken an ihren im 
gleichen Jahre in "Wien verstorbenen Gatten Ejnil Rosenthal, Mitchef 
der Firma „Gebrüder Rosenthal". 



Pfründnerfond. 395 

ohne Rücksicht auf Mühe und Mittel allezeit bestgelöste Auf- 
gabe der israelitischen Gemeindeleitung gewesen. 

Behufs Ergänzung der Geschichte der Armenverwaltung 
verweise ich noch auf die Verschmelzungs-Aktion im 9. Kapitel, 
die Geschichte der „Chewrah Kadischa," „Chewrah-Dowor- 
Tow" und des „Frauenvereins" im 16. und auf die Dar- 
stellung der „Stiftungen" im 17. Kapitel. 



3{)() /eliiitoö Kapitel. 



c) Frie dh ofs- Verwaltung.') 

Motto: ^^lon Sin L]''nt:n dj; p:rij?D* lon" 
"3id:i ü)hürb nsrj ^y^ü n^^ 

„Der an Verstorbenen bekundete Edelsinn 

bildet die wahrhaft selbstlose Wohltätigkeit, 

die einen Gegendienst nicht zu erwarten hat." 

Rasohi zu Genes. Kap. 47, V. 29. 

Der israelitisclie Friedhof in Hohenenis, auf einem Abhänge 
des Schwefelberges in der Nähe des einstmals vielbesuchten 
schon 1429 erwähnten Schwefelbades im sogenannten „Schwefel" 
gelegen, ist so alt wie die Judengeraeinde selbst und kehrt 
seit 1617 in allen Scliutzbriefen der Reichsgrafen und in dem 
der Kaiserin Maria Theresia als das „ausgesteckte altlie orth 
im Schwebel" wieder. 

Es war ein höchst ungünstiges bergiges Terrain, das, 
weil auch noch von Grundwasser in einer Tiefe von kaum 
V/^ Meter durchzogen, die Grabsteine oft rasch zum Stürzen 
oder zuweilen senkrechtem Versinken brachte. Und es ge- 
hörte die angestammte Pietät der Juden für ihren Toten dazu, 
dass sie, als die Verhältnisse sich günstiger gestalteten, nicht 
einen neuen Friedhof auf ebenem, trockenem Terrain anlegten, 
sondern imm§r wieder an das erste, bergige Stück an- 
knüpften und dieses mit neuen ähnlich beschaffenen ver- 
grösserten. Auch die Toten sollten alle beisammen sein, ein 
Bild des Zusammenhaltes über den Tod hinaus von allerdings 
mehr idealem als praktischem Werte. 

Denn eben die Ungünstigkeit dieses Bergrückens für 
Friedhofzwecke erklärt das Fehlen der meisten Grabsteine 
auf dem ältesten Friedhofsstücke wie auch die verhältnismässig 
zahlreichen und kostspieligen Renovierungen. Ein Bild der 



') A 1 s H a n d b u c h tu r F r i e d h o fs z w e c k e i s t e r s c h i e n e n und 
durch den Verfasser zu beziehen: „Der israelitische Fried- 
hof in Hohenenis" von Rabbiner Dr. A. Tänzer, 1901. Preis 
geb. Krön. 2. Inhalt: Geschichte des Friedhofs, Register 
mit Angabe aller Jahr tage und Grabnummern, grosses mit 
Nummern versehenes Bild des Friedhofes, Gebete. 



Anlage und Vergrösserung rles Friedhofes. 



397 



jeweiligen Friedhofsvergrösserung bietet, ausser dem weiters 
beigegebenen Friedhofsbilde noch die folgende Planskizze: 



Ver- 

grössening 

. 1900 



1617 
Ältestes Stück 



Mutmassl. 

Vergrösserung 

1768 



Vergrösserung 
1803 




Vergrösserung 
1855/57 




Strasse 



Im Jahre 1768, nach dem Amtsantritte der ersten k. k. 
österreichischen Administration in Hoheneras, deren Chef G. A. 
Buol den Juden wohlgeneigt war, scheint eine Renovierung 
und Vergrösserung des Friedhofes durchgeführt worden zu 
sein. Letztere dürfte sich durch den Zuwachs erforderlich 
erwiesen haben, den die Hohenemser Judenschaft zwei Jahr- 
zehnte früher durch die aus Sulz vertriebenen Judenfarailien 
erhielt. Die Stirnplatte des damals angebrachten Portales 
ist noch erhalten und gegenwärtig an der dem Friedhofe 
zugekehrten Aussenseite der Halle angebracht. 

Im Jahre 1773 ward der ganze Friedhof mit einer Mauer 
umgeben, wofür die Judengemeinde fl. 5 jährlich an die k. k. 
Administration zu entrichten hatte. 

Die nächstfolgende Vergrösserung erfolgte am Anfange 
des 19. Jahrhunderts nach vorliegendem hebräischen Sitzungs- 
protokolle mittels Beschlusses der israelitischen Gemeinde- 
vorstehung vom 1. Dezember 1803. Der damalige israelitische 
Gemeindevorsteher k. k. Hoffaktor Lazarus Josef Levi kaufte 



;^98 Zehntes Kapitel. 

am 10. Januar 1804 den ,,40 Schuh Breite durcli die ganze 
Länge" des damaligen Friedhofes umfassenden Raum von 
der Hohenemser Ortsgerneinde gegen massige, von derselben 
bereits am '21. September 1(S()3 festgesetzte Bedingungen. 
Die erforderlichen Arbeiten au den Mauern usw. wurden dem 
Hohenemser Baumeister Anton König übertragen. 

Die Kosten wurden infolge Ausschussbeschlusses durch 
Sammlungen unter den israelitischen Gemeindeangeliörigen 
aufgebracht. 

Der neuangekaufte Platz kostete fl. 250, die erforderlichen 
Maurerarbeiten usw. ca. fi. 600. 

1815 liess die Ortsgemeinde die ihr noch gehörigen 
zwei Eichen im israelitischen Friedhofe fällen. 

In den Jahren 1837 — 1839 wurde eine umfassende 
Renovierung und teilweise Neuherstellung der Friedhofs- 
mauer vorgenommen, die J. A. Huchler, ebenfalls ein Hohen- 
emser, ausführte. 

Die nächste Erweiterung des Friedhofes geschah unter dem 
Bürgermeister der Israelitengemeinde Philipp Rosenthal 
in den Jahren 1855 — 1857. Die nötigen Maurerarbeiten usw. 
führtendie Hohenemser Johannes Wehinger und JohannKlien aus. 

Im Jahre 1899 erwies sich eine weitere Vergrösserung, 
gründliche Renovierung und Umgestaltung des Friedhofes 
als eine unabweisbare Notwendigkeit. Herr Iwan Rosen- 
thal, Mitchef der Firma „Gebrüder Rosenthal" und Sohn 
des vielfach schon erwähnten Bürgermeisters Philipp Roseu- 
thal, ein langjähriges um die Institutionen der Israeliten- 
gemeinde, insbesondere um die Schule und die Stiftungs- 
verwaltung hochverdientes Mitglied der Kultusvorstehung, er- 
griff zur Abhülfe dieses Übelstandes die Initiative und richtete 
im Juni 1899 vornehmlich an die in der Ferne lebenden Hohen- 
emser einen Aufruf, in dem er sie zu Geldbeiträgen für den 
Friedhof aufforderte. 

Der Aufruf war in den meisten Fällen von Erfolg be- 
gleitet und die auswärtigen Hohenemser bekundeten ihren 
pietätvollen Sinn für das ja gewiss fördernswerte Unter- 
nehmen der Muttergemeinde durch hochiierzige Spenden, die 
aber freilich kaum zur Hälfte die bedeutenden Unkosten 
der so notwendig gewordenen Restaurierung und Erweiterung 
deckten, so dass die Kultusvorstehung noch Krön. 11000 aus 



Die RenovitMiing u. Yergrösserung i. d. J. 1899 — 1901. 390 

Gemeiiirtemitteln zur Deckung des aufgelaufenen Defizits bei- 
steuern musste. 

In der am 16. Mai 1900 abgehalteneu Vorstandssitzung 
wurde Herrn Iwan Rosenthal die unbeschränkte Vollmacht 
erteilt die Restaurierungs- und Krweiterungsarbeiten nach 
seinem Gutdünken vornehmen zu lassen und die erforder- 
lichen Summen auszugeben. Heute, nach Abschluss des 
ganzen Werkes, heisst es nur der Wahrheit die Ehre geben, 
so anerkannt wird, dass Herr Iwan Rosenthal das in ihn 
gesetzte Vertrauen vollauf gerechtfertigt und sich dank seines 
rastlosen Eifers und seiner selbstlosen Gesinnung bei Über- 
windung all der zahlreichen Schwierigkeiten ein bleibendes 
Verdienst um die Lebenden und Toten erworben hat. 

Begünstigt von guten Witterungsverhältnissen wurde 
in verhältnismässig kurzer Zeit Ausgezeichnetes und eben- 
so Praktisches wie Dauerndes geschaffen. Wer heute den 
hiesigen jüdischen Friedhof betritt, würde sich kaum so 
schnell zurechtfinden, so sehr hat hier eine kundige Hand 
und praktischer Sinn den Anforderungen der Lebenden und 
Toten, der Ästhetik, Würde und Ruhe des Ortes, Rechnuug 
getragen. 

Die Pläne zu den umfassenden Arbeiten hatte Herr 
Architekt W. Heene in St. Gallen angefertigt, während die 
Ausführung der Arbeiten selbst dem Hohenemser Baumeister 
Bernhard Peter übertragen wurde und nur Vorarlberger Material 
zur Verwendung gelangte. Der Friedhof ward seiner ganzen 
Länge nach durch Ankauf eines Stückes von 6,50 m Breite 
erweitert, und zwar an der linken Seite, wodurch für etwa 
100 neue Grabstätten Raum geschaffen wurde. Die Cmfassungs- 
mauern wurden dementsprechend teils neu erstellt, teils 
restauriert, erhöht, durch Zemeutsättel und hübsche Aufsätze 
befestigt und geschmackvoll verziert. Das alte Portal 
wurde unten an der neuen linksseitigen Mauer als 
Nebeneingang angebracht, während das neue, grosse 
Hauptportal an der Strassenfront mit hoher, breiter, durch 
eine die Trostworte Jes. Kap. 26, Vers 19 tragende Gedenk- 
tafel gekrönter Fassade den eigentlichen Eingang bildet und 
einen imposanten Anblick bietet. Durch das Hauptportal, 
zu dem eine neue, breite Strasse führt, gelangt man in 
die einem lauggefühlten Bedürfnisse abhelfende Halle, von 
der links eine neue, breite und bequeme Treppe den 



400 Zehntes Kapitel. 

ganzen Friedhof entlang sich hinzieiit, die im Vereine mit 
der alten Mitteltrcppe und den vielen anderen neu angelegten 
AVegen jedes Grab bequem erreichbar macht. 

Alle diese trefflichen Einrichtungen sind auf dem diesem 
Buche beigegebenen Friedliofsplane ersichtlich, zu dessen 
besserem Verständnisse noch bemerkt sei, dass die punktierte 
Längslinie die Friedhofsgrenze vor 1900 markiert. 

Noch muss hervorgehoben werden, dass dem bisherigen 
Grundübel des Friedhofes, dem unter den Gräbern sich durch- 
windenden Bergwasser, das auf dem abschüssigen Terrain 
durch Unterwühlung des Bodens die Grabsteine fast senk- 
recht zum Sinken brachte, endlich durch Anlage von 
Leitungsröhren, die das Wasser oberhalb des Friedhofes 
sammeln und nach ausserhalb abführen, dauernd abgeholfen 
wurde. Ebenso ward das Gesamtbild des Friedhofes durch 
Anpflanzung von Bäumen zu beiden Seiten der neuangelegten 
Längswege und auf dem Platze vor dem Hauptportale ver- 
schönert. 

In den Jahren 1900/1 ward durch Rabbiner Dr. Tänzer eine 
genaue Feststellung aller Inschriften der Grabsteine und der 
letzteren Nummerierung durchgeführt. Bereits im Jahre 1876 
war Ähnliches durch den verdienstvollen Gemeinderat Leopold 
Reichenbach gemeinsam mit Hermann Schlesinger über Ver- 
anlassung der „Chewrah Dowor Tow" vorgenommen worden. 

Im Jahre 1886 hatte die Kultusvorstehung einen neuen 
Ijeichenwagen um fl. 928.70 bei dem Hoheneraser Wagen- 
fabrikanten H. Büchele anfertigen lassen. 

Hier sei, als von historischem Interesse, mitgeteilt, dass 
Rabbiner Abraham Kohn bereits im Jahre 1837 die Anschaffung 
eines Leichenwagens anregte, wie aus folgender interessanter 
Eingabe zu ersehen ist: 

„Löbliche Gemeinde- Vorstehung ! 
So oft Gefertigter es versucht und sich Mühe gegeben hat, 
bei der Bestattung der Leichen oder vielmehr bei der Geleitung 
derselben zum Gottesacker mehr Ordnung einzuführen, blieb es 
ohne allen Erfolg. 

— Die Hauptlirsache dieser Unordnung ist, nebst der 

Gewohnheit derselben, die bedeutende Entfernung des Gottesacker 
vom Orte, weshalb die Träger der Leiche gern laufen und oft 
wechseln müssen. Dies macht, dass Viele nicht nachkommen 
können, dass häufig hin und her gerannt wird, und der Zug, 
.... jeden Augenblick unterbrochen wird. Trifft vollends eine 



Leiclien wagen. 401 

Beerdigung an einem Tage, wo wenig männliche Genieindeglieder 
anwesend sind, was häufig der Fall ist, oder an einem Winter- 
tage bei schlechter Witterung, so ist man wegen Träger in grosser 
Verlegenheit. . . . Ein eigener Leichenwagen ist daher in unserer Ge- 
meinde ein dringendes Bedürfnis, welchem abzuhelfen einer Löbl. 
Vorstehung würdig und ein Verdienst um die Gemeinde wäre. 
Dann erst könnte ein ununterbrochener Zug sich bilden, der, unter 
Hersagung von Gebeten, feierlichen Schrittes ginge und die Leiche 
begleitete, wofür so wie für alles Übrige, was zu einer an- 
ständigen Leichenbegleitung und Bestattung gehört, Gefertigter 
mit Hülfe der frommen Brüderschaft sorgen wollte. Gefertigter 
hofft um so zuverlässiger, dass eine Löbl. Gemeinde-Vorstehung 
diese Erinnerung und Aufforderung nicht unbeachtet lassen werde, 
da der Leichenwagen sehr einfach (je einfacher, desto besser) nur 
schwarz angestrichen und mit schwarzen Decken (auch für die 
Pferde) versehen sein und daher nicht viel kosten dürfte, und 
da der Herr Vorsteher seine Bereitwilligkeit einen solchen anzu- 
schaffen, gegen den Herrn Verwalter der Brüderschaft geäussert hat. 

Hohenems, 13. März 1837. 

Abraham Kohn, 
Rabbiner." 

Aus Mangel an Mitteln kam damals das Projekt nicht 
zur Ausführung. 

Ich schliesse auch diesen kleinen Abschnitt mit dem 
Bewusstsein, dass er der Hohenemser Judenschaft und ihrer 
erhebenden Pietät für die Toten zur Ehre gereicht. 



Als Beilagen .sind hier beigegeben: 

a) das Register der Gräber und Grabsteine ; 

b) das Bild des Friedhofes. 



26 



Register 



aller bis zum 1. Mai 1904 auf dem israelitischen 

Friedhofe in Hohenems Beerdigten, 

deren Grabsteine noch erhalten sind, 

alphabetisch geordnet, mit Angabe des Todestages 
und der Nummer des Grabsteines. 



Erläuterung. 

Um auf dem Friedhofe das Grab eines Verstorbenen zu finden, 
suche man vorerst dessen Namen im Register, wo sich auch die Nummer 
des Grabsteines angegeben findet. An Hand dieser Nummer ist die 
<>esuchte Grabstätte dann leicht und schnell auf dem diesem Buche 
beigegebenen Friedhofsbilde und eventuell von diesem ohne weiteres 
auch auf dem Friedhofe selbst zu finden. 



Toten-Register. 



403 



Name des Verstorbeneu. 



Todestag. 



Ni\ des 
Grab- 
steineB. 



Alexander, Jakob (von Lindau) 
Alexander söhn, Friederike 
Bachraann, Johanna (Wwe.) 

„ Karoline geb. Lämle 

„ Marie 
Baruch ben Schmuhl 
Baumann, Julius (aus Berlin) 
Bergmann, Magdalene 
B ermann, Jeanette geb. Brunner 

„ Judith 

„ Sarah geb. Mendelsohn 
Bernheimer, Abraham 

„ Blume (Wwe.) 

„ Babette Simon 

„ Babette geb. BoUag 

„ Benedikt 

., Bertha (Wwe.) 

„ öela (Wwe.) 

„ Henriette 

„ Hermann 

„ Isak Simon 

„ Isak 

„ Jakob 

„ Johanna geb. Riess 

„ Josef (Levi Levi) 

„ Josef Simon 

„ Klara geb. ßrettauer 

„ Levi (Samuel) Levi 

„ Ludwig B. 

„ Markus 

„ Samuel 

„ Salomon 

„ Simon 
Bickart , Esther 

., Heinrich 

„ Jeanette geb. Levi 

„ Michael 

„ Moritz 

„ Wilhelm 
Biedermann, Henriette geb. Brunner 

„ Jeanette geb. Wohlgenannt 

„ Klara (Frau) 

„ Philipp 

„ Salomon 
Blau, Emil (aus Prossnitz) 
Bloch, Nanette geb. Schwarz 



'6. Dezember 1851) 

6. Mai 1836 

7. Oktober 1875 
2. August 1867 

1766 
15. September 1862 

21. Oktober 1815 

22. Oktober 1848 
12. Jänner 1832 

27. Februar 1877 

8. April 1826 

28. Jänner 1864 

15. Mai 1870 
28. März 1872 

1. Oktober 1849 
1. März 1901 

27. Dezember 1815 
7. Mai 1822 

18. Mai 1890 

9. Oktober 1836 

10. Mai 1889 
4. Juni 1837 

26. April 1845 

11. Dezember 1805 

25. Juni 1883 

6. November 1846 
21. September 1792 

1. Oktober 1874 

2. Februar 1858 
10. September 1834 

3. Oktober 1862 

28. Jänner 1853 

26. April 1815 

18. September 1852 
31. Oktober 1836 

1. Februar 1831 
10. Jänner 1868 

1. August 1878 
21. April 1876 

6. Oktober 1843 
26. Jänner 1886 

16. Jänner 1876 
25. Jänner 1849 
21. Jännnr 1895 

12. Februar 1847 



100 
260 
105 
330 
.307 
144 
285 
170 
! 97 
143 
376 
89 
298 
350 

I 318 

II '^^ 
1 472 

130 

168 

424 

216 

]l 425 

li ^' 
44 

l! 129 

390 

; 43 

128 

333 

269 

217 

286 

133 

229 

134 

52 

58 

306 

380 

372 

80 

397 

368 

164 

421 

114 

26* 



404 



Zclintes Kapitel. 



Name des Verstorbenen. 


1 
i 


Todestag. 


Nr. des 

Grab- 

Bteines. 


Brentano, Anialie (Wwe.) 


31. 


August 1890 


413 


„ Dölzele Wwe. 


5. 


Juni 1820 


29 


„ Friederike geb. Ro.senthal 


11. 


November 1861 


282 


,. Johann August 


ü. 


April 1828 


28 


„ Julie Nestor 


24. 


April 1862 


295 


„ iMarie geb. Hir.schfekl 


(!. 


Mai 1850 


188 


., Moritz 


22. 


Juni 1868 


329 


., Nathan 


10. 


Mai 1876 


373 


,, Nestor 


10. 


November 1858 


270 


Br et tau er, ßabette 


29. 


Oktober 1840 


48 


„ Bertha (Wwe.) 


3. 


März 1871 


361 


„ Eleonore geb. Kosenthai 


8. 


Februar 1868 


305 


,. Elise geb. Lipmanu 


25. 


November 1833 


55 


„ Emanuel 


31. 


Oktober 1890 


442 


.. Fanny (Kind) 
„ Fanny geb. Wolf 


21. 
31. 


April 1857 
Oktober 1840 


150 
5 


„ Henriette 


13. 


April 1902 


440 


„ Hermann Rafael 


6. 


Mai 1859 


272 


„ Jeanette geb. Landauer 


22. 


April 1820 


123 


„ Jonas 


24. 


März 1889 


439 


„ Jonathan Herz 


5. 


Dezember 1851 


182 


., Lämle Ludwig 


10. 


März 1837 


10 


„ Leopold 


30. 


Dezember 1880 


433 


,, Raphael 


27. 


November 1859 


277 


., Simon 


18. 


Dezember 1865 


291 


., Simon (Knabe) 


31. 


Mai 1888 


407 


B r u n n e r , Abraham 


19. 


April 1838 


86 


„ Heini-ieh 


13. 


April 1867 


351 


,, Helene, geb. Marx 


10. 


Juli 1855 


153 


., Marco 


18. 


Juli 1888 


437 


., Regina geb. Brettaner 


26. 


April 1855 


154 


., Robert 


4. 


November 1883 


436 


„ Wilhelm 


5. 


Dezember 1840 


185 


Burgaue r, Benjamin 


13. 


Dezember 1796 


121 


„ Henriette geb. Frey 


7. 


Oktober 1853 


194 


,, Maier 


7. 


Juli 1862 


284 


„ Schönle (Wwe.) 


26. 


Jänner 1833 


57 


Dreyfuss, Jette geb. Brunner 


10. 


Februar 1884 


423 


„ Kain 


7. 


März 1895 


461 


Egg, Abraham 


12. 


Oktober 1888 


446 


„ Henriette 


27. 


März 1892 


416 


.. Karoline 


23. 


November 1864 


294 


„ Maria Anna (Frau) 


13. 


Dezember 1839 


82 


„ Marie (Frau) 


16. 


Februar 1853 


180 


„ Nathan 


20. 


Dezember 1872 


339 


,, Nestor 


17. 


Mai 1876 


253 a 



Toten-Register. 



405 



Name des A'^erstorbenen. 




Todestag. 


Nr. des 

Grab- 

1 Steines. 


Egg, Salomon 


25. 


März 1887 


400 


„ Theodora geb. Beriiheimer 


10. 


Dezember 1871 


34y 


Eggraann, Helene (Wwe.) 


23. 


Juni 1869 


323 


„ 31ichael Levi 


24. 


Mai 1825 


; 93 


„ Moses 


25. 


Mai 1859 


273 


„ Samuel 


1. 


Februar 1898 


' 458 


„ Sarah 


12. 


Februar 1903 


482 


„ Wilhelm 


4. 


Mai 1894 


420 


Eisenstätt, Salomou (aus Berlin) 


23. 


Jänner 1878 


370 


Elkan, Betti geb. Menz 


3. 


April 1900 


451 


Erlach, Fanni 


28. 


November 1879 


; 384 


,, Israel 


26. 


März 1829 


176 


„ Judith (Frau) 


13. 


Dezember 1817 


175 


.. Marianne 


20. 


Oktober 1823 


167 


Fradl (Frau des Mendl aus Sulz) 
Fr an kl, Estella (Kind) 


1750 

17. Dezember 1868 


: 191 

1 

322 


., Frieda (Kind) 


23. 


Februar 1894 


418 


„ Jaques (Kind) 


22. 


November 1868 


' 322 


Frei, Fanni geb. Schweizer 


15. 


Juni 1867 


308 


„ Flora 


15. 


Jänner 1892 


415 


„ Karoliue 


28. 


Dezember 1885 


396 


„ Mathias 


3. 


August 1839 


, 84 


„ Philipp 


29. 


November 1849 


68 


Zierle geb. Rosenthal 


16. 


November 1826 


88 


Freimann, Judith 


14. 


März 1851 


240 


„ Moritz 


17. 


Jänner 1885 


395 


Fürst, Johann 


23. 


Dezember 1898 


467 


Gans, Sarah (Wwe.) 


5. 


Februar 1886 


398 - 


Guggenheim, Benjamin 

., Bertha geb. Burgauer 


2. 
1. 


April 1868 
Jänner 1856 


, 362 
152 


„ Clara 


10. 


Januar 1900 


452 


„ Clementiue (Kind) 


9. 


Februar 1854 


245 


., Fanny geb. Egg 


28. 


Mai 1883 


389 


.. Inder (aus Endingen) 
., Jenny (Kind) 


13. 


März 1854 


206 
245 


., Regina (Wwe.) 


15. 


Jänner 1901 


471 


„ Salomon 


28. 


September 1881 


434 


Guttmann, Jeanette geb. Moos 


10. 


Juli 1849 


141 


., Josef 


19. 


Juni 1859 


274 


Hauser, Israel (Moos) 


31. 


Dezember 1807 


91 


., Magdalena (Wwe.) 
Heimann, Babette geb. Bernheimer 


25 
12. 


September 1825 
November 1869 


90 
320 


,, Fradl (Frau) 


5. 


April 1845 


45 


„ Marx 


29. 


August 1854 


202 



4()fi 



Zehntes Kapitel. 



Name des Verstorbenen. 


T 

Todestag. 


Nr. des 
Grab- 
steines. 


Hendl, Tochter Josefs (Frau des 

Samuel aus Sulz) 




190 


Hermann, Hugo 


11. April 1904 i 


239 


Hirsch, Regina geb. Bernheimer 


20. Juli 1877 


367 


„ Rosalie geb. Gutmann 


16. Jänner 1900 


464 


Hirschfeld, Auguste (Wwe.) 


20. September 1871 


360 


„ Babette geb. Schweizer 


22. Oktober 1853 


193 


„ Bertha geb. Löwengart 


13. September 1876 


374 


„ Daniel 


19. März 1868 


363 


„ David 


22. Mai 18bQ 


222 


„ David 


24. Jänner 1861 


353 


„ -David Moritz (Kind) 


19. Juni 1865 


253 


„ Jeanette geb. Roscnthal 


80. Jänner 1855 


213 


„ Josef 


23. Februar 1851 


67 


„ Josefine geb. Levy 


30. Jänner 1856 


151 


„ Leopold 


1. November 1849 


71 


,, Marie geb. llosenthal 


23. Mai 1857 


148 


„ Martin 


22. Februar 1847 


42 


„ Rosa geb. Löwenberg 


13. Februar 1841 


4 


„ Sarah 


23. November 1830 


16 


„ Sophie 


11. März 1869 


327 


„ Theodor 


28. März 1884 


392 


Joseph, Samuel 


11. Oktober 1856 


256 


Kahu, Bertha 


10. März 1868 


304 


„ Elias 


5. Dezember 1858 


271 


„ Mathilde 


27. Jänner 1888 


405 


Kehle, Mayer Jäckelis 


3. April 1800 


146 


Kitzinger, Herz 


i 25. Februur 1835 


54 


„ Jakob 


25. Dezember 1865 


290 


„ Marianne geb. Adler 


30. Oktober 1874 


332 


„ Miriam geb. Gutmann 


19. April 1835 


53 


Klara, Gitel (Tochter des Moses) 


1 


281 


Kurländer, Leopold 


27. Mai 1857 


262 


„ Samuel 


10. März 1825 


197 


Landauer, Abraham 


23. Jänner 1786 


127 


„ Ahron (Lehrer) 


3. November 1825 


94 


„ Babette (Frau) 


22. Jänner 1845 


74 


„ Benjamin Wolf 


13. Dezember 1842 


83 


„ Bertha (Kind) 


18. August 1857 


264 


„ Hanne (W^ve.) 


29. Jänner 1830 


108 


„ Jeanette (Wwe.) 


4. Jänner 1867 


312 


„ Jeanette (Wwe.) 


j| 4. November 1890 


' 414 


„ Joseph Raphael 


4. Oktober 1834 


119 


„ Julie 


j 8. Juni 1884 


393 


„ Klara 


' 1. Jänner 1819 


171 


„ Levi 


3. November 1887 


403 





Toten-Register. 




407 




Name des Verstorbenen. 

! 




Todestag. 

ii 


Nr. des 
Grab- 
steines. 


Land 


au er, Ludwig ! 


30. 


1 
Oktober 1868 i 


324 


" 


Matele geb. Ostheimer 

Philipp 

Salamon 


23. 

7. 

29. 


September 1828 
Februar 1853 
Jänner 1870 


61 
132 
347 




Seligmann i 


23. 


Juni 1873 


336 


T) 


Wilhelm j 
Wilhelm 


19. 
25. 


August 1857 
Oktober 1888 


264 
410 


Lehmann, Herrmann 


3. 


Oktober 1856 


257 


Levi, 


Abraham 


4. 


März 1802 


211 


„ 


Sohn Abrahams 




1750 


238 


„ 


Esther (Wwe. Josle v. Sulz) 




1765 


208 


r> 


Gitel Hirsch 


2. 


Juni 1789 


35 




Gitel (Wwe.) ; 
Josle von Sulz 


17. 


April 1810 
1753 


31 

38 


„ 


Judith Veit 


21. 


Dezember 1803 ' 


109 


„ 


Marco Alberti 


14. 


Februar 1839 


50 


„ Vögel 
Liebmann, Henriette 


5. 

8. 


April 1799 
Mai 1857 


145 
258 


L i s s a 


, Israel (Rabbiner) 


30. 


Mai 1829 


142 


Löwenberg, Adolf 


10. 


März 1890 


412 


" 


Chajah Sarah geb. Dreyfuss 
Daniel (Kind) 


15. 
9. 


Februar 1824 
Juni 1801 


21 
230 


•n 


Daniel 


27. 


März 1870 


345 


„ 


Daniel 


20. 


April 1899 


469 




Eduard 


11. 


Februar 1884 


391 


,. 


Emanuel 


14. 


März 1877 


364 


« 


Esther (Frau) 


19. 


Juni 1848 


40 


t) 


Heinrich 


10. 


November 1894 


430 


„ 


Henriette Simon 


13. 


Jänner 1824 


233 


n 


Joseph (Kind) 

Josef Lazar 

Klara geb. Hirschfeld 


12. 
22. 


August 1839 
Mai 1878 


219 

7 
366 


n 


Klara geb. UUraann 


5. 


November 1854 


201 


ti 


Lazar Daniel 


9. 


Februar 1825 


228 


B 


Lazar Ludwig 
Malwina 


3- 
10. 


August 1873 
April 1869 


359 

' 325 


,, 


Martin 


9. 


Oktober 1885 


445 


„ 


Moritz 


18. 


Juli 1887 


402 


,, 


Sarah geb. Löwengart 


27. 


November 1820 


1 27 


„ 


Sarah geb. Brunner 


30. 


August 1878 


381 


„ 


Simon 


24. 


April 1845 


19 


,, 


Sophie Lazar 


6. 


Juni 1852 


81 


Löwen gart, Babette geb. Auerbach 


25. 


August 1822 


24 


„ 


David 


10. 


Mai 1870 


344 


„ 


Eduard Moses 


16. 


September 1861 


281 


n 


Eduard 


30. 


Oktober 1868 


328 



408 



Zelintes Kapitel. 



Name des Verstorbenen. 



Todestag. 



Nr. des 
I Grab- 
steines 



Löwengart, Isak 

„ Judith (Frau) 

„ Josef Arnold 

„ Klara geb. Ulhuann 

„ Laura geb. Nathan 

„ Miriam 

„ Mörle geb. Neuburger 

„ Moses 

.. Nina geb. Levi 

„ Samuel 

„ Sarah 

„ Zemira geb.Wertheinier ans Wien 
Maier, Sohn Jakobs 
Mayer, Babette geb. Schlesinger 
„ Babette 
„ Bernhard 
„ Heinrich 
„ Henle 
„ Kehle Klara 
„ Leopold 
„ Marie (Frau) 
„ Martin 

„ Regina geb. Wohlgenaniit 
„ Regina 

„ Sarah geb. Guggenheim 
„ Seligmann 
„ Sophie geb. Bickart 
Mendelsohn, Babette (Frau) 

„ Berthold 

„ Elisabeth 

„ Hermann 

„ Johann 

„ Johann geb. Menz 

„ Josef 

„ Josef 

„ Karoline geb. Abraham 

„ Klara geb. Säger 

„ Magdalene 

„ Rosine geb. Wyler 

„ Sophie 
Menz, Albert 

„ Babette (Wwe.) 
„ Babette geb. Bernheimer 
„ Babette geb. Brentano 
„ Efraim 
Gustav 



14. Mai 1839 8 

19. Mai 1823 23 

27. Jänner 1864 |l 297 

17. Februar 1846 ; 1 

17. April 1877 378 

27. August 1830 j 107 
3. Oktober 1802 j 34 

21. Februar 1834 j 14 

22. Juni 1879 j 385 

8. Mai 1897 j 459 

19. August 1822 25 
11. Februar 1822 |j 26 

1763 i| 131 

14. Oktober 1840 j 117 

9. August 1864 ! 303 

28. Jänner 1870 :■ 319 

23. März 1869 ji 326 

11. August 1816 i| 188 
7. Februar 1812 ' 188 

20. Jänner 1864 296 
7. Jänner 1890 411 
6. Jänner 1900 476 
9. August 1858 266 

25. Jänner 1895 443 

24. Oktober 1871 343 
27. Jänner 1888 404 

9. Februar 1867 311 

3. März 1850 139 

15. Oktober 1859 276 

12. Juni 1864 302 
31. Oktober 1853 178 

1. Mai 1856 349 
22, Jänner 1860 278 

3. November 1849 69 
10. August 1900 480 

9. September 1822 158 

20. Oktober 1843 78 

18. Dezember 1849 250 
18. Oktober 1878 382 
18. Dezember 1866 313 
27. Februar 1894 j 419 

16. Oktober 1822 92 

4. September 1875 358 
4. September 1895 460 

21. Dezember 1873 338 

2. März 1833 ! 255 



Toten-Register. 



401) 





Name des Verstorbenen. 




Todestag. i 


Nr. des 
Grab- 
steines. 


Menz 


1 
, Henriette geb. Landauer 


29. 


Oktober 1857 


267 


» 


Samuel 


4. 


August 1876 ; 


365 


n 


Simon 


24. 


September 1885 


422 


r> 


Sophie geb. Neuburger 


16. 


März 1898 


449 


Moos 


, Babette (Wwe.) 


14. 


Mai 1854 


203 


)t 


Benjamin 


8. 


Mai 1832 


226 


» 


Bernhard 


3. 


März 1809 


125 


j> 


David 


23. 


Juli 1784 : 


227 




Heinrich 


31. 


März 1803 ! 


126 


,, 


Hennel Mayer (Frau von Mayer 




1 






Moos) 


26. 


März 1799 


36 


n 


Koschl (Vater des Mayer Moos) 








rt 


Mayer Moos Koscheles 




1749 


113 


n 


Michael 




1777 


37 


,, 


Salomon Heinrich 


29. 


August 1807 


64 


» 


Schauet Abraham 


21. 


Februar 1802 


234 


» 


Schendl Koschl (Mutter von Maier 










Moos) 


15. 


Juni 1800 


212 


Nath 


an, Elias, Vorsteher 


31. 


Juli 1871 


30 


Pflaum, Louise geb. Schlesinger 


10. 


Oktober 1888 ' 


409 


Raph 


ael, Sohn Jakobs 




\ 


236 


Reic 


leubach, Abraham 


5. 


November 1829 ; 


59 


„ 


Babette geb. Kitzinger 


7. 


Dezember 1852 i 


135 


„ 


Brendel (Moos) 


29. 


Juli 1818 


63 


« 


Eleonore geb. Rosenthal 


19. 


April 1861 


280 


n 


Emilie geb. Steiner 


21. 


März 1864 


301 


n 


Hanne geb. Landauer 


14. 


Oktober 1843 


79 


., 


Henriette 


23. 


Juli 1840 


81 


„ 


Hermann Abraham 


14. 


September 1851 


136 




Hermann Kilian 


28. 


Jänner 1864 


299 




Ida geb. Bickart 


19. 


Jänner 1878 


369 




Karoline geb. Bernheimer 


22. 


Februar 1898 


462 


11 


Kilian 


24. 


April 1833 


56 


n 


Klara geb. Landauer 


16. 


Juli 1840 


49 


„ 


Lazarus 


3. 


Mai 1837 


51 


11 


Leopold Abraham 


10. 


Dezember 1848 


165 


„ 


Maier (Lehrer) 


6. 


November 1873 


335 


., 


Markus 


25. 


September 1847 


41 




Martin 


21. 


Jänner 1855 


200 


■n 


Matel geb. Hirsch 


14. 


Oktober 1842 


47 


„ 


Mathilde (Kind) 


10. 


Mai 1857 


149 


<i 


ßösle (Frau) 


1. 


Juni 1819 


62 


,, 


Sarah (Frau) 


17. 


Juni 1816 


112 


„ 


Salamon 


20. 


November 1848 


196 


„ 


Samuel 


13. 


August 1866 


316 


n 


Schönle (Kind) 


6. 


September 1820 


232 



1 



410 



Zehntes Kapitel. 



Name des Verstorbenen. 


Todestag. 


Nr. dos 
Grab- 
steines. 


Roser 


ithal, Albert 


2. 


Februar 1850 


249 


„ 


August 


25. 


Oktober 1865 


292 


V 


Eugen (Kind) 


3. 


Februar 1850 


249 


„ 


Eva Benjamin 


15. 


Oktober 1821 ! 


122 


V 


(Aevi) Fanny Skutscli 


28. 


September 1801 


110 


„ 


Fanny geb. Löwenberg 


6. 


November 1845 


2 


V 


Ignatz 


19. 


März 1867 


300 


„ 


Josef 


20. 


März 1836 


12 


„ 


Josef 


'26. 


Juni 1862 


855 


„ 


Klara geb. Löwenberg 


3. 


Jänner 1864 


354 


., 


Philipp 


1. 


November 1859 


357 


„ 


Regina geb. Bernheimer 


17. 


April 1871 


356 


„ 


Rosine geb. Schwab 


30. 


Jänner 1877 


375 


„ 


Sarka (Wwe.) 


27. 


Jänner 1858 


268 


11 


Sophie geb. Levi 


26. 


April 1841 


3 


„ 


TJrban 


4. 


April 1826 


66 


1) 


Wolf 


23. 


Dezember 1823 


22 


Salamon, Sohn Jakobs 






221 


v 


Sohn Jakobs 






241 


Säger, Sarah (Wwe.) 


19. 


November 1799 


147 


„ 


Helene 


17. 


Juni 1888 


408 


») 


Philipp 


2. 


April 1877 


377 


Schel 


er, Hermine (aus München) 


11. 


Mai 1903 


483 


Schlesinger, Babctte (Frau) 


20. 


November 1815 


160 


» 


Esther 


1. 


März 1819 


173 




Heinrich 


30. 


April 1855 


223 


» 


Helene 


13. 


Oktober 1879 


386 


„ 


Hermann 


5. 


Jänner 1879 


383 


„ 


Jakob . 


6. 


Februar 1853 


214 


V 


Klara geb. Hirsch 


2. 


Dezember 1826 


156 


V 


Markus (Gemeindediener) 


4. 


Juni 1817 


172 


rt 


Oswald 


23. 


Mai 1881 


388 




Samuel (Gemeindediener) 


: 14. 


April 1843 


102 


,, 


Samuel 


17. 


Dezember 1862 


287 


n 


Sarah 


29. 


April 1877 


379 


Schönemann, Leopold 


10. 


August 1846 


166 


Schön le (Kind) 






237 


Schwarz, Abraham 


13. 


Juni 1882 


435 


» 


Bertha (Frau) 


13. 


Februar 1886 


399 


» 


Dolcine (Wwe.) 


23. 


Oktober 1892 


431 


» 


Emilie geb. Weiler 


i 15. 


Juni 1893 


417 


n 


Friederike (Wwe.) 


i 29. 


April 1860 


279 


rf 


Jakob 


1 11. 


Jänner 1881 


387 




Jakob 


23. 


August 1894 


444 


V 


Jeanette 


5. 


Juli 1857 


263 


)i 


Josef 


28. 


Februar 1857 


261 



Toten-Register. 



411 



-^— ' ' • ' — ^ — , 

Name des Verstorbenen. 

! 




Todestag. 


Nr. des 
Grab- 
steines. 


Schwarz, Josef (Kind) 


10. 


März 1865 i 


254 


„ Kehle (Wwe.) 


28. 


Oktober 1828 


39 


„ Kachel geb. Marx 


19. 


Juni 1845 


73 


Schweizer, Adolf 


9. 


Juni 1846 


99 


„ Babette geb. Löwenberg ! 


31. 


Jänner 1829 


20 


„ Benedikt 


15. 


November 1847 


98 


„ Betti j 


25. 


Jänner 1847 


183 


„ Fanni 


11. 


Oktober 1846 


99 


„ Flora 


28. 


August 1887 


401 


„ Henriette geb. Heule , 


20. 


Jänner 1835 


13 


„ Josef 


11. 


Juni 1851 


137 


„ Julie 1 


17. 


Februar 1867 


310 


„ Üttilie 


25. 


März 1862 


283 


„ Sophie geb. Löwcngart 


27. 


Jänner 1855 


199 


Steinach, Babette geb. Bernheimer 


5. 


April 1874 


334 


„ Esther geb. Moos , 


12. 


Februar 1843 


46 


„ Martin 


19. 


Oktober 1865 


293 


„ Simon 


31. 


Jänner 1829 


60 


„ Therese (Fr. d. Dr. W.) 


6. 


März 1854 


155 


„ Dr. Wilhelm 


6. 


April 1867 


352 


Steinbach, Babette 


12. 


März 1888 


406 


„ Ignatz 


11. 


November 1866 


314 


„ Josef (Kantor) ' 


4. 


Mai 1899 ; 


470 


„ Marx 


5. 


April 1835 


161 


„ Regina 


8. 


Dezember 1837 


103 


„ Salamon 


•61. 


Dezember 1849 


162 


„ Urban 


20. 


November 1849 


163 


Steiner, Helene (Wwe.) 


29. 


April 1843 


116 


„ Louise 


15. 


August 1884 


394 


„ Lazar 


17. 


Februar 1835 


118 


., Lazar ' 


3. 


November 1884 


394 


„ Salamon Lazar 






225 


Stern, Salamon (aus Stuhl wcissenburg) 


26. 


Juni 1833 


205 


Sulz er, Fanni geb. Mendelsohn 


7. 


Mai 1854 ' 


204 


„ Fanni geb. Wälsch 


18. 


Februar 1899 


468 


„ Jakob (Lehrer) 


28. 


Februar 1863 


288 


„ Josef 


21. 


Jänner 1848 


72 


U 1 1 m a n n , Josef 






207 


„ Regina geb. Maier 


15. 


September 1849 


140 


„ Samuel (Rabbiner) 


7. 


Oktober 1824 


157 


„ Schönle (des vor. Frau) 


20. 


März 1816 


65 


Wälsch, Abraham 


31. 


Mai 1836 


104 


,. Lazar (Lehrer) 


3. 


März 1836 


106 


.. Ludwig 


28. 


März 1876 


371 


„ Marx 


23. 


Jänner 1846 


101 



412 



Zehntes Kapitel. 



Name des Verstorbenen. 


Todestag. 


Nr. des 
Grab- 
steines. 


Wälsch, Plülippine geb. Mandel 


16. 


Mai 1853 


179 


„ Sarah geb. Levi 


10. 


November 1844 


75 


Weil, Babette geb. Meuz 


21. 


Februar 1872 


341 


„ Jeanette geb. XJUniann 


8. 


Februar 1900 ' 


477 


„ Heinrich 


6. 


September 1901 


481 


„ Klara (Wwe.) 


7. 


August 1857 


259 


„ Leopold 


30. 


Jänner 1855 


224 


„ Minna 


8. 


Februar 1900 


478 


"Weiler, Ella geb. Burgauer 


2.5. 


Juni 1853 


195 


„ Franziska 


13. 


September 1866 


315 


„ Jochabet 


2. 


März 1870 


346 


„ Josef 


15. 


Jänner 1830 


120 


„ Samuel 


19. 


August 1863 


289 


"Wo 11 heim, Karoline (aus Triest) 


3. 


September 1844 


76 


"Wohlgenannt, Berthold 


22. 


September 1874 


331 


„ Heinrich 


22. 


März 1895 


447 


„ Jakob 


14. 


Dezember 1838 


85 


„ Jetti geb. Müller 


16. 


Juni 1897 


, 448 


„ Josefine geb. Adler 


3. 


Mai 1873 


337 


,, Lisette geb. Kohn 


' 23. 


Jänner 1844 


77 


^ Marianne (Wwe.) 


! 4. 


Mai 1901 


: 473 


„ Marie geb. Mendelsohn 


14. 


April 1866 


; 317 


„ Salamon 


11. 


Februar 1822 


18 


,, Salamon 


24. 


Februar 1837 


215 


^ Sarah geb. Bickart 


28. 


März 1848 


, 96 


„ Sarah 


11. 


Juni 1900 


1 479 


„ Sybille geb. Bickart 


1. 


April 1872 


340 


„ Simon 


27. 


August 1869 


321- 



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Umfassung % 



ELFTES KAPITEL. 

Handel und Gewerbe. 



„ sollen ihnen alle handtierungen, so den chi-isten 

erlaubt, vergundt und zuegelassen sein " 

So hatte der hochsinnige Reichsgraf Caspar von Hohen- 
embs im ersten Satze des den Juden in Hohenembs am 3. April 
1617 gewährten ersten Schutzbriefes sich ausgesprochen. ^) 
Stellt diese übrigens im Schutzbriefe mehrfach wiederkehrende 
vollständige Gleichstellung der Juden mit den christlichen 
Untertanen dem Rechtssinne des Reichsgrafen das beste 
Zeugnis aus, so macht die in den Punkten 1 — 6 des Schutz- 
briefes erfolgte Regelung des Handels der Juden, die ihnen 
eigentlich alles, was nicht die gräflichen Interessen be- 
rührte oder gemeinschädlich war, gestattete, seinem kauf- 
männischen Sinne alle Ehre. Er wollte, wie er seinen 
christlichen Untertanen im Dekrete vom 1. Juli 1617^) ver- 
kündete, den „marckht Embs gern geöffnet und befördert 
sehen"; darum nahm er Juden auf. darum legte er ihnen in 
Handel und Gewerbe keinerlei besondere Einschränkungen auf. 
Und um so höher anzuschreiben ist diese Gesinnung des 
Reichsgrafen, als er ja die aus der Markgrafschaft ßurgau 
ausgewieseneu Juden aufgenommen hatte und der dortige dem 
Reichsgrafen bekannte Ausweisungsbefehl ^) ihnen und ihrem 
Handel alles Böse nachsagte. Soviel scheint Reichsgraf Caspar 
von den Juden doch schon gewusst zu haben, dass sie weit 
besser als ihr Ruf waren und menschenwürdig behandelte 
Juden auch würdige Menschen sein würden. Leider war das 
dem Grafen unterstehende reichsunmittelbare Gebiet nur ein 
kleines und auf dem dieses ringsum einschliessenden öster- 
reichischen Boden galten all die drückenden Vorschriften jener 

') Vgl. S. 22. •-) Vgl. S. 21. ■■') Vgl. S. 18 ff. 



414 Elftes Kapitel. 

Zeit, die dem Juden allen ordentliclieii Handel imd jeden 
Gewerbebetrieb untersagten und nur Wucher und Schacher 
offenliessen, zwei geschichtliche Sünden, die auf das ohnedies 
grosse Sündenregister des damaligen Zeitgeistes, nicht aber 
das der Juden, zu setzen sind. 

Der damals sehr schwach bevölkerte Ort Hoheneras konnte 
eine grössere Zahl Handwerker nicht ernähren, weshalb die 
Juden von der ihnen durch den hochsinnigen Grafen gewährten 
Gewerbefreiheit keinen rechten Gebrauch machen konnten. 

Sie mussten sich den gegebenen Verhältnissen anpassen. 

Die neu eingewanderten Juden kamen in ein Land mit 
Alpen und Weiden und begannen darum einen Ross- und Vieh- 
handel. Doch auch der wurde ihnen bald gestört, weil auf 
den Embser Alpen zum Verkaufe bestimmtes Vieh nicht ge- 
halten werden durfte. Am 30. August 1632 verschloss ihnen 
der Graf Caspar deshalb die Alpen. Eine Verletzung des 
P. 4 des Schutzbriefes, der ihnen alle Gemeinde-Nutzniessungen 
gleich den anderen Untertanen zusicherte, war damit nicht 
geschehen, weil, wie in dem betreffenden Dekrete ^) ausdrücklich 
hervorgehoben ward, ein Gleiches auch den christlichen Unter- 
tanen verboten war. Erst auf die von den Juden übernommene 
Verpflichtung der „Gemeind" für ein Ross jährlich 8 fl. und für 
eine Kuh 2 fl. zu bezahlen, wurde ihrem Vieh die Alpen- 
benutzung wieder gestattet. ^) 

Der vom Grafen Karl Friedrich am 1. März 1648 erteilte 
Schutzbrief nahm diese Vergütung an die Gemeinde bereits 
als Verpflichtung auf. 

Am 7. März 1657 kam, wie bereits erwähnt, ein weiterer 
Vergleich zwischen der Gemeinde und der Judenschaft betreffs 
der Weidebenützung zustande. ^) 

Der zweite Schatzbrief vom Jahre 1648 verpflichtete die 
Juden offene Läden mit den täglich notwendigen Dingen zu 
halten. *) Dass diese Bestimmung, nach heutigen Begriffen 
eigentlich eine Vergünstigung, den Juden als Pflicht vor- 
geschrieben ward, zeigt, dass das Halten eines offenen Ladens 
im damaligen Hohenems ein auf seinen Ertrag hin sehr frag- 
liches Unternehmen war, zu dem sich keiner der christlichen 
Untertanen verstanden hatte. Und auch die Juden hatteu's 
nach kaum drei Jahren satt, denn am 19. Juni 1651 ^) kauften 

') Vgl. S. 26. 

••') Vgl.S, 27. ■') Vgl.S. 36f. 1) Vgl. S. 32. ^j y^j g 33 



Erwerbsveriiältnisse im 17. Jahrhundert. 415 

sie sich mit 50 H. von dieser VerpHiclitiiiig los. Sie mussten 
also mehr noch dabei zugesetzt haben. Doch scheinen Juden 
auch die Buchdruckerei in Ilohenems bei J. G. Schleiieu er- 
lernt und betrieben zu haben. ^) 

Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts trägt der ganze 
Handel der Hohenemser Judensehaft folgendes Gepräge. In 
Hohenems wohnten sie, genossen sie und ihre Familien Schutz 
und Schirm, den Lebensbedarf aber mussten sie auf weitaus- 
gedehnten Haudelszügen in all den angrenzenden Ländern er- 
werben, wobei sie oft ganze Wochen von den Ihrigen fern 
bleiben mussten. Einzelne befassten sich, wie bereits mehr- 
fach erwähnt, mit Geldgeschäften, vermittelten oder gewährten 
Darlehen und leisteten durch diese sowohl den Reichsgrafen 
wie der Ciiristengemeinde Hohenems gute Dienste. Auch gab 
es damals schon vereinzelte Handwerker und Gewerbetreibende. 

Die meisten Juden aber fanden unter dem Drucke der 
damaligen Gesetze ihren Lebensunterhalt nur so, dass sie Handel 
trieben mit allem was zu kaufen und gegen, wenn auch noch so 
bescheidenen, Gewinn wieder zu verkaufen war. In Italien, in 
den süddeutschen Kleinstaaten, in vereinzelten Ortschaften der 
benachbarten Schweiz, überall trieben die Hohenmeser Juden 
Handel, nur das die Reichsgrafschaft Hohenems umgränzende 
österreichische Gebiet war ihnen verschlossen. Ward doch 
anfangs 1654 im österreichischen Vorarlberg ein Befehl publi- 
ziert, wonach allen Untertanen verboten ward mit Juden Handel 
zu treiben! Die Hohenemser Juden wandten sich an den 
Grafen von Hohenems, der am 11. Mai 1654 eine Zuschrift 
an die o oe. Kommissarien und den Vizekanzler Schmid 
richtete des Inhalts, dass der ungerechte Befehl zurückgenommen 
werden möge, weil ja nichts Nachteiliges gegen den 
Handel der Juden bekannt sei und bei ihm nie zur 
Anzeige gelangte, trotzdem er gewiss jedermann 
strenge sein Recht verschaffen würde. 

Neu war eine Einführung des Grafen Karl Friedrich vom 
2, Juni 1667, dessen durch die rapide Abnahme des ehe- 
maligen gräflichen Reichtumes bedingtes Vorgehen gegen die 
Juden bereits an anderer Stelle (Kap. 2) beleuchtet wurde. 



') Eine kurze Notiz hierüber findet sich bei Honigmann, das Grab 
von Sabbioneta, Prag, J. B. Brandeis, S. 43, woselbst ein Hohenemser 
jüdischer Buchdrucker ßarucli Adelkind erwähnt wird. 



41(1 Elftes Kapitel. 

laut welcher alle den Betrag von 10 H. übersteigenden Handels- 
geschäfte in der gräfliclieu Kanzlei registriert werden mussten. 

Desgleichen bestimmte ein kaiserlicher Erlass vom 29. No- 
vember 1747, dass alle mehr als 3 fl. übersteigenden Forderungen 
aus Kauf- und Tauschhandel, welche Juden an Christen zu 
stellen hätten, in das „Schaff buch" desjenigen Gerichtes, 
in dem der Schuldner wohnt, gegen eine Schreibgebühr von 
'1 Pfg. vom Gulden einzutragen seien. Schuldverschreibungen 
und von den Juden zinsbar aufzunehmende Kapitalien sind 
dagegen in'sSchaff'buch des Bregenzer Oberamtes einzutragen.^) 

Die strenge Handhabung des Handelsverbotes im öster- 
reichischen Vorarlberg begann jedoch erst um die Mitte des 
18. Jahrhunderts und zwar auf Betreiben der Vorarlberger 
Stände. Nach der bereits dargestellten Ausweisung der Juden 
aus Hohenems im Jahre 167G ^) Hessen sich einige Juden- 
familien in den Dörfern um Feldkirch, also auf österreichischem 
Gebiete, nieder und regten damit unter den Vorarlberger 
Ständen eine eigentümliche Schreiblust an, die über 120 
Jahre währte. Während die Stände, wie schon gezeigt, ^) nichts 
gegen die reichen Juden einzuwenden, ja deren Duldung 
in Sulz ausdrücklich empfohlen hatten, setzten sie um so eifriger 
gegen die armen, vom mühseligen Hausierhandel sich er- 
nährenden Juden ein, um derentwillen sie ganze Bände voll- 
schrieben, unbekümmert darum, wie dick dabei auch auf- 
getragen, wieviel leeres Gerede der Regierung als feststehende, 
erwiesene Tatsache aufgetischt wurde. 

Was haltten diese armen, friedlichen Juden den Land- 
ständen getan? Glaubten diese die Majestät ihrer Alpenwelt 
entehrt, so ein armer Jude seinen Kram in ihrem Schatten 
feilbot? Hielten doch alle diese Anklagen einer amtlichen 
Untersuchung niemals stand und gelang es doch erst der Raub- 
lust einiger berauschter Bauern die Verjagung der Juden aus 
Sulz gewaltsam durchzusetzen? 

Genug, die Stände lagen der oe. Regierung seit 1680 fort- 
während an den Ohren den Juden den Handel im öster- 
reichischen Vorarlberg zu verbieten. Am 30. Mai 1750, in 
dem damals erflossenen Urteile im Sulzer Plünderungsprozess, 
ward ihnen die langerbetene hohe Gnade, dass „der in der 



') Bregenzer Landesarchiv Facs. XXXV, Nr. 821. 
*) Vgl. S. 42. ä) Vgl. S. 47 und 76fr. 



Handelsverbot auf oesterr. Gebiete. K. k. Hoffaktor 417 

Jonathan Uffenheimer. 

heiTSchaft Hoheiiembs sich sesshaft gemachten eben wie all 
übrigen durtigeu judenscluift in unseren vorarlbergischen lierr- 
schaften aller handel und vvandel nicht minder das hausieren 
ernsthaft und zu desto sicherer erreichung des unterwaltenden 
Zweckes auch unter bestimmung einer empfindlichen strafe 
verboten^) " ward. 

Trotzdem wurde gleichzeitig der Hohenemser Juden- 
vorsteher Jonathan Uffenheimer mit Lieferungen für das 
Vorarlberger Militär betraut,^) desgleichen auch später, trotz 
zahlreicher Gegeneingaben der Vorarlberger Stände, auf Em- 
pfehlung der 0. oe. Regierung zu Konstanz am 15. Dezember 
1753 durch Verleihung eines „Speditions- und Hoffaktor- 
patentes" ^) ausgezeichnet. Doch war auch ihm der Handel 
im oesterr. Vorarlberg verboten und ein eigenes Dekret vom 
Jahre 1755 ordnete an, dass bei Uffenheimer gekaufte Waren 
durch den Käufer abgeholt werden müssen. 

Die Vorarlberger Stände hatten bekanntlich*) für die Gnade 
der Sulzer Judenvertreibung die Bezahlung vorerst des ganzen 
jährlichen Schutzgeldes an Stelle der Sulzer Juden über- 
nommen. Diese Grossmut aber hatte ein Ende, als es an's 
Zahlen ging. Statt Geld erhielt die Kaiserin nach Wien lange 
jammervolle Klagen der Herren am Ständetische darüber, dass 
trotz aller Verbote der eine oder andere Hohenemser Jude 
dennoch eine halbe Elle Band oder ein Dutzend Hosenknöpfe 
auf österreichischem Gebiete verkauft habe. Bei dem da- 
maligen schwerfälligen Gange der staatlichen Verwaltungs- 



') \g\. S. 102. 

'-) Laut k. k. Statthalterei-Archiv in Innsbruck, Causa domini, Jahr- 
gang 1745 fol. 117, war dem Jonathan Uffenheimer folgendes Patent er- 
teilt worden: 

„Wir etc. etc. all und jeden unseren nachgesetzten obrigkeiten und 
Zollbeamten unsem resp. freiindl. dienst iindgruess zuvor und geben denen- 
selben zu vernemben, wessmassen Wir dem .Jonathan Uffenheimer avif ein 
von der statt Bregenz der bestcUung halber beigebrachtes attestatum die 
verwilligung gethan, dass er zu behuef der Vorarlbergcr landsdefcnsion 
30 blatt blej' und 20 e. sohlleder liierlandts aufkauffen und dahin gegen 
demo ausfiehren möge, dass er Uffenheimer beglaubte urkund beybringe, 
dass ein so anders nit anderstwohin verfieliret worden seye. 

Obberielirten Obrigkeiten und Zollbeamten demnach befehlend, vor- 
weisem dieses offenen patentes mit sothan verwilligteu bley und sohlleder 
ohnaufhaitlichen jedoch gegen abstattender zollsgebtihr passiren zu lassen. 
Innsbruck, den 27. März 1745.'- 
^) Vgl. S. 66. Siehe über diese äraischeu Lieferungen auch bei 
Scherer, a. a. 0. S. 630 ff. 
*) Vgl. S. 102. 

27 



418 Elftes Kapitel. 

iiiasciline war jedesmal recht viel Zeit gewonnen, wenn die 
kaiserliche Mahnung zur Zahlung mit einem solchen Klage- 
erguss beantwortet wurde. 

Am 19. Februar 1753 ward die an Zahlungsstatt ein- 
geschickte Klageschrift der Stände vom Jahre 1 752 der o. oe. 
Regierung zur Begutachtung eingeschickt. Diese sandte sie 
zu gleicliem Zwecke am 7. März 1753 an das Oberamt in 
Bregenz. Dieses aber, das näher als die Kaiserin den eigent- 
lichen Absichten der Stände sass, gab am 12. April 1753 
sein Gutachten dahin ab, dass ihm absolute nichts Nach- 
te i 1 i g e s ü b e r J u d e n bekannt sei, es nie v o n W u c h e r 
oder dgl. gehört]^habe, brandmarkt sodann die Ab- 
schaffung der Juden aus Sulz unverhohlen als Un- 
gerechtigkeit, empfiehlt dringend die Stände mit 
ihrer Bitte um ein neuerliches Verbot des Juden- 
handels in Vorarlberg abzuweisen und sagt noch wört- 
lich: „wie denn auch die zur Zeit letztfürgewester 
feindlicher französischer Invasion von einigen 
vorarlbergisch en Untertanen gegendie Sulzer Juden 
ausgeübte Gewalt allerdings zu erkennen geben, dass 
die ehe- und dermaligen ständischen Beschwerden 
etwas anderes als die angezogene Misshandlung (der 
Bevölkerung durch Jndenhandel) zum Grunde haben."^) 

So unwillkommen dieses Gutachten den Vorarlberger 
Ständen auch gewesen sein mag, an dem Verbote des Juden- 
handels änderte es nichts. 

Als dann die Mahnungen zur Zahlung dringender wurden, 
zwangen die Stände die Hälfte des übernommenen Schutz- 
geldes, also 100 fl. jährlich, den Gerichten Rankweil und 
Sulz zur Zahlung auf, trotzdem diese ja auch ihren Teil zu 
allen ständischen Zahlungen beizusteuern hatten. Der Nutzen 
des Unterbleibens des Judenhandels muss also doch nicht so 
gross gewesen sein, wie ihn die Stände in ihren Eingaben 
schilderten, da sie den verhältnismässig ja kleinen Betrag 
nicht zahlen wollten und schliesslich gar zu einer so un- 
berechtigten Teilung griffen. Die Gerichte Rankweil und Sulz, 
denen sich dann noch der Hinterbregenzerwald anschloss, 
schlössen dann mit einer Anzahl Hohenemser Juden einen 



') Biegender Landesareliiv, Fase. XXXV., Nr. 821. 



Vertrag mit den Gerichten Rankweil und Sulz. Handelsverbot 41 i) 
im Liechtenstein'schen. 

Vertrag •) (lahinhuitend, dass die Juden wieder daselbst freien 
Handel treiben und dafür an Stelle der Gericlite die 100 il. 
Schutzgeld erlegen sollten. Für diesen Vertrag wurde später 
die kaiserliche Genehmigung nachgesuclit. 

Der Vertrag blieb bis zum 15. September 1771) in Kraft. 
Doch erliess die Regierung von Zeit zu Zeit erneute Handels- 
und Hausierverbote. So am (i. Juli 1756, 14. Oktober 1761 
usw. Im Jahre 1759 hatte aber dennoch Jonathan üffen- 
heimer zusammen mit Nathan Goldschmied bedeutende Pferde- 
lieferungen für's Ärar übernommen. 

Und das Beispiel der österreichischen Behörden wirkte auch 
auf das angrenzende Fürstentum Liechtenstein, das 1760 
ebenfalls seine Tore den Juden schloss, wie folgendes in der 
Hohenemser Synagoge publizierte Dekret bekundet: 

„Nachdem ein hochfürstlich lichtensteinisches oberamt anhero 
die eröffnung gethan, dass, zumahlen des titl. herrn fürsten von 
Lichtenstein hochfürstl. durchlaucht der allhiesigen Judenschaft 
mit deren alldasigen unterthanen allen handel überhaupt und ohne 
ausnähme abgeschafifet haben wollen, auch zu dem ende alle juden- 
schulden aus der hochfürstl. rendt-casse tilgen zu lassen gnädigst 
anbefohlen, wann einer auss der Judenschaft mit einem hochfürstl. 
lichtensteinschen unterthanen handeln, geldt anlehnen, oder in 
anderen weeg demselben creditiren würde,, alsdann das creditiim 
sequestrirt, und die schuldt eine gefahr und schaden aussgesetzt 
werden solle; als hat man ein solches der allhiessigen Judenschaft 
zu deren nachacht und hüthung vor schaden auf begehren erwehnt 
hochfürstl. oberamts hiermit kundtmachen wollen. 

Sign. Hohenembs, den 5. April 1760. 
(L. S. ) reichsgräfl. oberamts-canzley allda"* 

Dass aber zu diesen Handelsverboten nicht etwa ein 
betrügerisches Gebaren der Juden die Ursache gab. bezeugt 
nebst melirfachen behördlichen Äusserungen ein gleichzeitiger 
Vorfall vom Jahre 1760, da der Jude Ullmer sich zahhmgs- 



^) Der Vertrag (Ogl. in meinem Besitze) ist vom 18. April 1763 
datiert und trägt die Unterschriften der folgenden 38 Hohenemser 
Israeliten : 

Josef Levi, Josle Wolf, Josef Urban, Benjamin Josef, Albrecht 
Moos, Lob Moos, Israel Gerson, "Wolf Levi, Abraham Landau, Mendel 
Sulz, Salomon Isak, Hajum Wolf, Israel Wolf, Maier Wolf, Hirsch Josef, 
Abraham Wolf, Salomon Baruch, Elias Salomon, Lazarus Josef, Maier 
Moos, Wolfle Maier, Jakob Josle, Baruch Mendel, Sussmann Levy, 
Albrecht Josef, Salamon Mayer, Baruch Levy, Mayer, Mayer Jakob, 
Hajum Josele, Henle Salomon, Beer Wolf, Marx Samuel, Hirsch Levy, 
Wolf Baruch, Wolf .losef, I\londol Wolf, Jakob (Torson. 

27* 



4l>0 Elftes Ka])itel. 

iiufiiliig erklärte und seine Gläubiger im Bregeuzerwalde er- 
klärten, dem jüdisclien Schuldner weiter Vertrauen schenken 
und warten zu wollen, bis günstigere Geschäftsverhältnisse 
iiira die Zahlungen ermöglichen. 

Die Handelsverbote der Juden um diese Zeit mehrten 
sich in erschreckender Weise. Am 19. Januar 1761 erliess 
ein solches der Rat und Bürgermeister von Lindau, am 
26. Februar 1762 das Oberamt der Herrschaften Bregenz und 
Hohenegg und am 10. November 1762 und 11. Januar 1763 
die Repräsentations- und Hofkammer. 

Dass diese besonders die armen Juden schwer 
schädigenden Handelsverbote nichts weiter als den 
zahlungsunwilligen Ständen gemachte Konzessionen 
waren, erhellt besonders daraus, dass dieselbe 
österreichische Regierung denselben Juden im selben 
Lande volle Handels- und Gewerbefreiheit an jenen 
Orten gewährte, an denen die Stände eben nichts 
dareinzureden hatten. 

Die ehemalige Reichsgrafschaft Hohenems hatte, 
auch nachdem sie im Jahre 1765 gleich dem übrigen 
Vorarlberg dem Hause Österreich einverleibt wurde, 
keine Vertretung unter den Ständen und tatsächlich 
gewährte der im März 1769 den Hohenemser Juden 
erteilte Schutzbrief ^) diesen volle Handels- und Ge- 
werbefreiheit innerhalb der Gemarkung der ehe- 
maligen R^ichsgrafschaft. 

Neu war in diesem Schutzbriefe nur die Einführung der 
obligaten Sonntagsruhe und die Verpflichtung der Beschickung 
des Hohenemser Marktes. 

Alle Versuche der Hohenemser Judenschaft nach Erteilung 
des Schutz briefes, der sie ja zu österreichischen Staats- 
angehörigen machte, eine Rücknahme der Handelsverbote bei 
der 0. oe. Regierung und sogar der Kaiserin selbst zu erwirken, 
erwiesen sich als erfolglos. 

Nicht ohne Interesse ist eine Beschreibung des Verfahrens 
beim sogenannten „Judeneid", wie sie einem um's Jahr 1770 
vor der k. k. Administration in Hohenems geführten grossen 
Handelsprozesse zu entnehmen ist: 



') Ygl. S. 120, P. 24. 



Der „Judeneid". 421 

„Der zu beeidende Jude wird vorerst also angeredet: 

„Jude, ich beschwöre dich bei dem einigen wahren Gotte 
Israels, bei dem lebendigen und allmächtigen, der Himmel und Erde 
und alles, was darin ist, also auch dich erschaffen, und bei dessen 
heilige Thora und Gesetz, das er gab seinem Knecht Mosi auf dem 
Berge Sinai an die Kinder Israel, das du wahrlich ansagest, ob 
dies vor dir liegende Buch sei eben dasselbige Sefer und das Buch, 
darauf ein Jude einen rechten wahren ^id an den, der solchen 
von ihm fordert, er sei Christ oder Jud, zu thun und abzustatten 
schuldig und verbunden." 

Wenn dann der Jude mit „Ja" antwortet, so soll er ferner 
also angeredet werden: 

„Jude, ich bezeuge dir mit "Wahrheit, dass wir Christen 
dienen und anbeten den einigen allmächtigen Gott 
Himmels und der Erde, der alle Dinge und auch dich er- 
schaffen hat, der da ist der Gott deiner Väter Abraham, 
Isak und Jakob, und dass wir ausser dem, welcher zu 
den Kindern Israel durch Mosen gesagt hat: „Höre 
Israel: Gott unser Gott ist ein einiger Gott" keinen 
anderen Gott ehren und anbeten, wir schwören auch 
bei eben demselben Gott, zu welchem vor Zeiten dein Vater 
Abraham, als er schwören wollte, seine Hände aufgehoben, im 
1. Buch Mosis, im 14. Kap. 22. Vers, wir fordern auch von 
keinem Menschen, er sei, wer er wolle, anders einen 
Eid als zu diesem Gott, welcher in seinem Gesetze befohlen: 
„Du sollst Gott deinen Gott fürchten und du sollst ihm dienen und 
bei seinem Namen sollst du schwören", im 5. Buch Mosis, im 6. Kap., 
im 13. Vers. - Darum befrage ich dich, .Jude, ob du glaubst, dass 
der Eid Gott und nicht den Menschen geschworen werde und dass 
Gott die AVahrheit lieb habe und von dir fordere, dass du die 
Wahrheit reden sollst, und dass er dagegen verlieren mache, die 
da Lügen reden und die Schalkhaften verunwürdige nach dem 
5. Psalm, 7. Vers, und dass also dieser Eid, den du jetzt schwören 
sollst, |: weil einige vorgeben, dass ihr Juden in der irrigen Meinung 
stündet, dass alle die von euch geschworenen Eide euch an einem 
gewissen Tage erlassen werden könnten :^ kein Mensch auf der 
Welt, er sei, wer er wolle, der solle und möge mattir sein oder 
auflösen und dich davon befreien. Ich frage dich weiter, ob 
du glaubst, dass es von niemand als von Gott komme, 
dass du christlicher Obrigkeit unterworfen lebest und 
dass du derselben unterthan sein sollest und müssest, 
gleich wie vormals deine Väter den Königen zu Babel 
auf Gottes Befehl unterthan sein mussten, und dass du 
also schuldig seist in allen Sachen, welche nicht wider die heilige 
Thora dir auferlegt werden |: das hast du aber von christlicher 
Obrigkeit nicht zu befürchten, weil dieselbe diese Thora ebenso 
hochhalten als du und deine Glaubensgenossen immer halten magst :] 
vollkommen Gehorsam zu leisten und dasselbe, was sie von dir 
solchergestalt verlangen, zu vollbringen. Noch frage ich dich ferner 



42'2 Elftes Kapitel. 

Jude, üb du demnach Gott, als den Oott der Wahrheit, die Klire 
geben und nach dem von dir jetzt abzuschwörenden Eide nichts 
als die lautere Wahrheit, ohne alle Falsch und Betrüglichkeit mit 
gutem Wohlbedacht und nach deinem besten Wissen und Gewissen 
über alles, woiüber du wirst befraget werden, aussagen wollest." 

Bejahte der Jude aiicli diese Fragen, so folgte hierauf 
der eigentliche Eid, wobei der Schwörende die rechte Hand 
auf den „Jüdisch Talmud" und die linke Hand auf die Brust 
legen und Folgendes sprechen musste: 

„Demnach ich N. N. wegen (dieser oder jener) Ursache über 
all dasjenige, so mir diesfalls wissend ist, ein eidliches Zeugnis 
geben solle, als schwöre ich hierauf Gott dem Allmächtigen, welcher 
Himmel und Erden und alles, was darinnen ist, erschaffen hat: 

Ich schwöre durch alle Seine heilige Namen, welche Sein 
Diener Moses geschrieben hat; ich schwöre durch die fünf Bücher 
Mosis, darinnen die Zehngebote geschrieben sind, welche Gott 
Selbsten mit seiner rechten Hand geschrieben und mir unrecht zu 
schwören verboten hat, dass ich in der eingangs ernannten Sache 
N. N. alles so mir bewusst ist, sonderlich auf die Artikel und Frage- 
stück, worüber ich befragt und examiniert werde, bei meinem guten 
Gewissen und Seelenheil recht zeugen und aussagen will, das Ge- 
ringste nicht verschweige, weder aus Gunst noch Ungunst, Freund- 
und Feindschaft, Furcht, Schrecken, noch etwas Anderes. Solches 
alles nimm ich auf meine Seele, für welche ich am jüngsten Tag 
Rechenschaft geben soll. Dafern aber ich falsch schwören und 
die gründliche Wahrheit nicht reden würde, so sei ich wie 
Korah ewiglich verflucht, auch übergehe und verzehre mich das 
Feuer, welches Sodoma und Gomora übergangen und verbrennet 
hat, nicht weniger sollen über mich kommen alle Flüche, die in 
der Thora geschrieben stehen und solle mir der lebendige wahre 
Gott nimmermehr in allem meinem Thun zu statten noch zu Hilfe 
kommen. So wahr mir helfe Gott Abraham, Gott Isak und Gott 
Jakob." 

Wahrscheinlich war diese ganze Art und Form des Juden- 
eides, die das Entehrende eines solchen immerhin im Vergleiche 
mit den anderen Ortes bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts üblich 
gewesenen Judeneiden erheblich mildert, schon zur Zeit der 
Reichsgrafen in der Hohenemser Gerichtsstube üblich und mochte 
aus deren Regierungszeit stammen. Einzigartig, meines 
Wissens wenigstens, ist die dem eigentlichen Eide voran- 
gehende gründliche Vorlage der einschlägigen Ge- 
wissensfragen an den zu beeidenden Juden, die an 
seine innere Religiosität, an das Gemeinsame in allen 
Menschen appellierten und zweifellos mehr dazu bei- 
trugen ihn zu wahrheitsgemässer Aussage zu veran- 



Rabb. Suhiedasprüche. Der Brand v. J. 1777. 423 

lassen, als all die haarsträubenden Flüche, die in den 
sonst üblichen Jiideneiden die Hauptrolle spielten."' 

Unter der Hohenemser Judenschaft gab es damals schon 
mehrere sehr bedeutende Kaufleute wie z. B. Maier Moos 
und seine Söhne Lob und Abraham; der k. k. Hoffaktor Jonathan 
Liffenheimer und sein Sohn Maier: die Gebrüder Hirsch 
Josef Levi (Stammvater der Familie Hirschfeld, starb 1792 
in Bozen, wo er zum Besuche seiner Schwester Susanna Hendle 
weilte), k. k. Hoffaktor Lazarus Josef [iCvi (Stammvater der 
Familie Lövvenberg) und k. k, Hoffaktor Wolf Josef Levi (Stamm- 
vater der Familie Löwengard), ferner Herz Lämle Brettauer, 
die Gebrüder Josef und Urban Veit Levi (Rosenthal) u. m. A. 

Der Rabbiner Lob Ullmann hatte im Auftrage der k. k. 
Administration vorkommende Handelsstreitigkeiten unter seinen 
Gemeindeangehörigen zu schlichten zuweilen auch durch Ur- 
teilsspruch zu entscheiden. Solche Schiedssprüche, in klassischem 
Hebräisch verfasst und von der profunden Gelehrsamkeit wie 
dem grossartigen Scharfsinne des Rabbiners zeugend, die regel- 
mässig mit einem die Situation genau kennzeichnenden Proto- 
kolle beginnen, in dem beide Parteien nacheinander in „Taanah" 
und „Th'schubah" zu Worte kommen, und worauf die aus 
Talmud und „Choschen Mischpat" eingehend begründeten Ent- 
scheidungen folgen, besitze ich eine grosse Anzahl von den 
beiden Rabbinern Lob und Samuel Ullmann. 

Es mag wohl selten vorgekommen sein, dass eine der 
streitenden Parteien die höhere Instanz der k. k. Administration 
anrief. Ehrfurcht vor dem Rabbiner und Scheu vor Eclat und 
„Chillul Haschern" Hessen dies nicht zu. 

Am empfindlichsten ward den Hohenemser Juden das 
Handelsverbot im übrigen oesterr. Vorarlberg nach dem bereits 
erwähnten ^) grossen Brande vom Jahre 1777, der die meisten 
jüdischen Haushaltungen einäscherte und den jüdischen Ab- 
gebrannten allein einen Schaden von 80000 fl. verursachte. 

Die winterliche Jahreszeit verlangte den schleunigsten 
Wiederaufbau der niedergebrannten Häuser, Weiber und 
Kinder waren obdachlos, die Ernährer und Familienväter 
aber mussten viele Tage weit wandern, ehe ihnen der Handel 
und damit die Erwerbung der Mittel zur Steuerung des Elends 
ihrer Angehörigen gestattet war. Vom Ertrage der damals 

') Ygi a. lyi f. 



424 Elftos Kapitel. 

(lurcli den Chef der k. k. Administration (i. A. Buol einge- 
leiteten nnd erfolgreich nnter dem Titel einer „Brand.steuer" 
durchgeführten Hilfsaktion ') erhielten die am schwersten be- 
troffenen Juden keinen Anteil. Angesichts dieser erbarmungs- 
würdigen Verhältnisse, die der in der Christengasse durch die 
Unvorsichtigkeit eines Knechtes ausgebrochene Brand ver- 
schuldet hatte, hoft'ten sie die so gütige Kaiserin milder ge- 
stimmt zu finden und baten sie um Aufhebung des Handels- 
verbotes. Doch vergebens! Ja sogar den bisher auf Grund des 
Privatvertrages mit den Gerichten Rankweil und Sulz daselbst 
von der österreichischen Regierung stillschweigend gestattet 
geweseneu Handel untersagte das Feldkircher Ober-Vogteiamt 
am 15. September 1779. 

Eine Besserung trat vorerst auch nicht mit dem Regierungs- 
antritte Josef II. und dem Erlasse des Toleranzpatentes vom 
16. Mai 1781 ein. Wenn dieses auch durch bessere Schulung 
der Jugend einer besseren Zukunft wirksam die Wege ebnete, 
so milderte es doch in nur Wenigem die Härten, unter denen 
die Handels- und Ph'werbsverhältnisse der gegenwärtigen 
Generation zu leiden hatte. So blieb auch das Verbot des 
Judenhandels im übrigen Vorarlberg bestehen. Mit zehn Bei- 
lagen versehene Bittschriften an das Laudesgubernium und 
an den Kaiser hatten keinen Erfolg. 

Doch wurden schon wenige Jahre später, ] 786, Lücken 
in das allgemeine Handelsverbot gerissen, indem das Kreis- 
und Oberarat für Vorarlberg, nach vorausgegangener Be- 
willigung durch das Landesgubernium in Innsbruck, einzelnen 
Hohenemser Juden sogen. Handelspatente für das gesamte 
Vorarlberg erteilte, die auf bestimmte Waren lauteten und 
gewöhnlich für zwei Jahre Giltigkeit besassen. In den drei 
Vorarlberger Städten blieb jedoch nach wie vor der Handel 
verboten. Ich vermute, dass bei Erteilung dieser Ausnahms- 
patente, die ja eigentlich dem klaren Wortlaute des Gesetzes 
zuwiderliefen, das besondere Interesse für die Hebung und 
Verbreitung der damals in Vorarlberg die ersten Wurzeln 
schlagenden Textil-Industrie vornehmlich massgebend war. 
Denn bei der Spezifikation der Waren findet sich allenthalben 
neben Satin, Loden, Leder und Kupfer auch „gedruckte ßaura- 



*) Die Akten liieriiber befinden sich im Hohenemser Gremeindearchive 
Fase. 11 Nr. 2. 



Anfänge der Textilindustrie. Nathan Elias. Lob Moos. 42.') 

wollwaren". Und das benachbarte Dornbirn war es ja hauptsäch- 
lich, das in diesen Jahren der Textil-lndustrie nach Schweizer 
Vorbild eine eigene Heimstätte bereitete, die später zu einem 
Weltrufe gelangte. Sicherlich zog die neue Industrie die Be- 
fähigteren und Bemittelteren unter der Hohenemser Judeuschaft 
damals schon an, denen zwar vorerst durch die einschränkende 
Gesetzgebung die Möglichkeit der eigenen Fabrikation genommen 
war, die sich aber alsbald an dem Umsätze lebhaft beteiligten. 
Nathan Elias, der Judenvorsteher, wird übrigens schon um 
1783, also nahezu gleichzeitig mit denDornbirnern Adam Ullmer. 
Dom. Ruf und Josef Winder und Sohn, als Erzeuger von 
Baumwollwaren erwähnt. Doch ist es nicht wahrscheinlich, 
dass die Fabr