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Full text of "Die grosse politik der europäischen kabinette, 1871-1914 : Sammlung der diplomatischen akten des Auswärtigen amtes, im auftrage des Auswärtigen amtes"

Brigham Young University 



t,V: 1967()6 



Digitized by the Internet Archive 
in 2010 with funding from 
Brigham Young University 



http://www.archive.org/details/diegrossepolitik06germ 



* '^ 



Die 

Große Politik der 

Europäischen Kabinette 

1871-1 914 

Sammlung der Diplomatischen 
Akten des Auswärtigen Amtes 

Im Auftrage des Auswärtigen Amtes 
herausgegeben von 

Johannes Lepsius 

Albrecht Mendelssohn Bartholdy 

Friedrich Thimme 



1 



DEUTSCHE VERLAOSOESELLSCHAFT FÜR POLITIK 
UND GESCHICHTE M.B.H. IN BERLIN W8 



6. Band: 



Kriegsgefahr in Ost und West 
Ausklang der Bismarckzeit 



1967(16 

1 9 2 



DEUTSCHE VERLAOSGESELLSCHAFT FÜR POLITIK 
UND GESCHICHTE M.B.H. IN BERLIN W8 



1. Auflage 
1.— 13. Tausend 

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung vor- 
behalten / Für Rußland auf Grund der deutsch- 
russischen Übereinkunft / Amerikanisches Co- 
pyright 1922 by Deutsche Verlagsgesellschaft 
liir Politik und Geschichte m. b. H. in Berlin 
\V 8 / Unter den Linden 17/18 / Gedruckt in 
der Buchdruckerei Oscar ßrandstetter in Leipzig 



Inhaltsübersicht des sechsten Bandes 

KAPITEL XXXVIl 
Russisch-Österreichische Kriegsgefahr 1887 — 1888 1 

KAPITEL XXXVIII 
Österreichisch-Deutsche Besprechungen über den casus foederis 1 887—1 888 53 

KAPITEL XXXIX 
Russisch-Französische Allianzfühler 1886 — 1890 8^ 

KAPITEL XL 
Französisch- Deutsche Kriegsgefahr und ihre Nachwirkungen 1886 — 1890 125 

KAPITEL XLI 
Italiens Mitwirkung für den Fall eines französisch-deutschen Krieges .... 223 

KAPITEL XLU 
Kaiser Friedrich III. Das Battenbergsche Heiratsprojekt 275 

KAPITEL XLIII 
Kaiser Wilhelm IL, Bismarck und die auswärtige Politik 1888—1890 299 

Namenregister zu Band I — VI 377 

Berichtigungen zu Band I — VI 417 

Ein ausführliches Namen- und Sachverzeichnis erscheint zum Schluß des 

gesamten Werkes 



Kapitel XXXVII 

Russisch-Österreichische Kriegsgefahr 

1887—88 



1 Die Große Politik. 6. Bd. 



Nr. 1150 

Der Geschäftsträger in Wien Graf Monts an den Reichskanzler 
Fürsten von ßismarck 

Ausfertigung 
Nr. 442 Wien, den 7. November 1887 

Die Stimmung der hiesigen maßgebenden Kreise gegen und be- 
treffs Rußland verdüsterte sich in den letzten Tagen zusehends. Graf 
Wolkenstein hat in mehreren Privatbriefen dem Grafen Kälnoky wenig 
erfreuliche Schilderungen von den in der dortigen Staatsleitung, nament- 
lich aber im auswärtigen Departement herrschenden, an Anarchie 
grenzenden, disziplinlosen Zuständen gemacht, Mitteilungen, die zwar 
nichts Unbekanntes brachten, aber doch das Gefühl, sich unberechen- 
baren Potenzen gegenüber zu wissen, noch vermehrten. 

Die jetzt endgültig bestätigte Meldung der Verlegung der 13. Ka- 
valleriedivision in den südöstlichen Teil des Königreichs Polen wirkt 
ferner verstimmend auf Graf Kälnoky. Derselbe machte mich heut 
darauf aufmerksam, daß die Division von ihren neuen Garnisonsorten 
aus gemeinsam mit der ohnehin in jenen Gegenden schon überaus 
zahlreichen Reiterei den Teil Galiziens bedrohe, in dem sich mehrere 
Bahnlinien kreuzten, und welcher daher für den Aufmarsch der öster- 
reichischen Armee von größter Wichtigkeit sei. Wenn eine Verstär- 
kung von vier Regimentern Kavallerie an sich zwar geringfügig 
scheine, so käme in Betracht, daß die polnischen Provinzen Rußlands 
schon sehr dicht mit Truppen belegt seien, wie denn in Wien eine 
Unterbringung von noch mehr Soldaten dort für unmöglich gehalten 
wurde. 

Auch der heut abend im telegraphischen Auszuge vorliegende 
Artikel des „Journal de St. Petersbourg" über seine Delegationsreden* 
mißfällt dem Minister. Er glaube nicht schroff gesprochen zu haben 
und habe sich beeilt, auf die nicht zu vermeidenden Äußerungen über 

* Am 5. November hatte sich Graf Kälnoky im Ausschuß der ungarischen Dele- 
gation ausführlich zur bulgarischen Frage geäußert. Sein Standpunkt war der, 
daß Österreich-Ungarn den Prinzen von Koburg, der keineswegs als österreich- 
ungarischer Kandidat anzusehen sei, zwar „heute" noch nicht als einen legal 
auf dem bulgarischen Thron befindlichen Fürsten anzuerkennen vermöge, wohl 
aber die bulgarische Regierung als eine de facto bestehende anerkenne. In Graf 
Kälnokys Bemerkungen über Rußland klang kaum verhüllt der österreichisch-russische 
Gegensatz durch: er gebe die Hoffnung nicht auf, daß „Rußland sich mehr, als 
dies gegenwärtig der Fall ist, den friedlichen und konservativen Bestrebungen der 
Zentralmächte nähere, und daß wir mit diesem großen und mächtigen Nachbar 
auf einem Fuße bleiben, der den beiderseitigen Völkern eine größere Beruhigung 
für die Zukunft bietet". 



Bulgarien noch das „Pflaster von den freundschaftlichen Beziehungen 
zu Rußland" zu setzen. 

Keinen guten Eindruck haben endlich auf Graf Kälnoky die Äuße- 
rungen Nelidows zu Herrn von Radowitz gemacht, mir mitgeteilt sub 
Nr. 576 vom 30. v. Mts.*, welche hier schon durch Bericht des Baron 
Calice zur Kenntnis gekommen waren. Graf Kälnoky wies mir gegen- 
über darauf hin, daß, im Widerspruch zu den Anschuldigungen des 
russischen Botschafters, Herr von Burian**, wie alle anderen Agenten in 
Bulgarien, die strikteste Ordre hätte, sich jeder Parteinahme für den 
Prinzen von Koburg zu enthalten. Die Haltung dieser Agenten, deren 
man in Wien sicher sei, entspräche der österreichischen Politik, die be- 
kanntlich bisher nicht für Prinz Ferdinand eingetreten wäre. 

Fast noch besorgter wie im Ministerium des Äußern ist man im 
hiesigen Generalstab i***, doch möchte ich fast glauben, daß man dort 
auch manchen rein administrativen militärischen Maßnahmen in den 
westlichen russischen Gouvernements ausschheßlich kriegerische 2 Mo- 
tive unteriegt. Monts 

Bemerkung des Fürsten von Bismarck am Kopf des Schriftstücks: 

Pet[elr[s]b[urg] B[otschaftl vertr[au]l[ich] m[it]th[eilen] mit Zusatz, daß hier 
gleiche Besorgniß sich an Truppendislokation knüpft. 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

^ So auch hier 

- welche sonst? 

Nr. 1151 

Militär bericht des Militärattaches in Wien Major von Deines 

Ausfertigung 
Nr. 79 Wien, den 9. November 1887 

Ganz vertraulich 

Bei einem Besuche bei dem Herrn Chef des Generalstabes der 
Armee kam heute die Sprache auf die fortgesetzten russischen Truppen- 
vorschiebungen. 

* In seinem Berichte vom 30. Oktober 1887 hatte Radowitz Klagen und Be- 
schwerden seines russischen Kollegen über die österreichische Politik wieder- 
gegeben: „Das Auftreten des Wiener Kabinetts trage immer mehr den Charakter 
einer Provokation gegen Rußland. Auch hier [d. h. in Konstantinopel] werde jetzt 
von österreichischer Seite in der bulgarischen Sache gegen Rußland Partei ge- 
nommen; er habe den Sultan sowohl wie die Pforte unter dem lebhaften Ein- 
druck gefunden, daß die österreichische Regierung im Verein mit der italienischen 
und gestützt auf den Hintergrund des deutschen Bündnisses entschlossen gegen die 
russischen Interessen auf der Balkanhalbinsel vorgehen wolle und bereits dem 
gegenwärtigen Regime in Bulgarien offene Unterstützung leihe. Darin allein liege 
momentan eine Gefahr für den Frieden. Von Rußland würde dieselbe nicht aus- 
gehen." 

** Österreich-ungarischer diplomatischer Agent und Generalkonsul in Sofia. 
*** Vgl. Kap. XXXVIII: Österreichisch-Deutsche Besprechungen über den casus 
foederis 1887/88. 



Seine Majestät der Kaiser geruhten bereits bei dem vorgestrigen 
Hofdiner mir mitzuteilen, daß die Regimenter der 13. russisciien Ka- 
valleriedivision nunmehr per Bahn in dem ihnen angewiesenen Rayon 
bei LubUn angekommen sind, nachdem die beiden Batterien bereits 
früher in Lublin ausgeschifft worden waren. 

Feldmarschalleutnant von Beck hatte eine nach seiner Ansicht 
glaubwürdige Nachricht, daß in der allerletzten Zeit 105 Militär- 
züge aus dem Innern Rußlands an der Weichsellinie angekommen 
seien. Den Bedarf an Zügen für die Kavalleriedivision nebst Batterien 
berechnet der General auf höchstens 60 Züge, mit Troß und allem. 

Nach anderen Nachrichten soll auch im Siedlecer Gouvernement 
Artillerie angekommen sein, und wenn man annehmen will, daß die 
neuerdings gegen die preußische Grenze disponierten beiden Dragoner- 
regimenter bereits bei Lomza und Mlawa eingetroffen sind, mit Be- 
nutzung der Bahn über Warschau, so gewinnt die zunächst übertrieben 
erscheinende Meldung von 105 Militärzügen an Wahrscheinlichkeit. 
Immerhin will Baron Beck Bestätigung abwarten. — 
Bei Luck (nördlich Brody) wird an 3 großen Feldschanzen und 
an Gebäuden zur Unterbringung von Vorräten oder Truppen eifrig ge- 
arbeitet, auch soll daselbst eine zweite Brücke über den Styr her- 
gestellt werden. 

Entlang der gaUzischen Grenze sollen nunmehr 4 russische Ka- 
valleriedivisionen stehen (= 96 Eskadrons) mit zahlreicher Artillerie 
und zwar nahezu auf Kriegsstärke. Demgegenüber hat Österreich 
2 Kavalleriedivisionen in Galizien (Lemberg und Krakau) auf erhöhtem 
Friedensfuß. 

Der Herr Chef des Generalstabes der Armee sprach sich dahin 
aus, daß seiner Auffassung nach jetzt die Grenze erreicht sei, bis zu 
w^elcher man habe zusehen können ohne Gegenmaßregeln. Er er- 
warte in den allernächsten Tagen noch einige geheime Berichte aus 
Polen und werde, wenn alle Nachrichten sich bestätigen, dem Erz- 
herzog Albrecht und Seiner Majestät dem Kaiser die Notwendigkeit 
von Gegenmaßregeln darlegen. 

Man müsse auf der einen Seite die Ruhe nicht verlieren, anderer- 
seits sich aber auch der großen Verantwortung bewußt bleiben. 

Daß Österreich nicht die Absicht habe, Rußland anzugreifen, wisse 
man in Petersburg so gut wie hier; auch sei es unmöglich, die russi- 
schen Truppenvorschiebungen als Defensivmaßregeln anzusehen gegen- 
über den verhältnismäßig schwachen galizischen Garnisonen. Eine Er- 
klärung finde man daher nur in kriegerischen Absichten der Russen. — 
Aus früheren Gesprächen mit General von Beck glaube ich ent- 
nehmen zu können, daß zunächst eine Verstärkung der Kavallerie 
in Gahzien ins Auge gefaßt werden dürfte; wichtiger wäre eine solche 
der Infanterie. — 

Trotz der Anhäufung russischer Truppen an der Grenze hält man 



hier an der Absicht des eventuellen Aufmarsches der Armee in Galizien 
fest; ich habe noch keinerlei Anzeichen für das Schwankendwerden 
in diesem Vorsatze bemerken können. Feldmarschalleutnant von Beck 
erkennt vollständig, daß ein Aufgeben dieses Vorsatzes gerade das 
ist, was die Russen bezwecken. Dagegen äußerte Seine Exzellenz, 
daß die letzteren unter Umständen den Winter als ihren guten Ver- 
bündeten benutzen könnten. 

Ein sehr ungünstiges Symptom für die Absichten in Petersburg 
würde nach Ansicht des Generals der Rücktritt des Herrn von Giers 
sein, auf dessen Möglichkeit die neuesten Meldungen von der Newa 
hindeuteten. v. Deines 

Nr. 1152 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an das 

Auswärtige Amt 

Telegramm. Entzifferung 
Nr. 173 St. Petersburg, den 17. November 1887 

Als ich im Sinne des Erlasses Nr. 805 vom 12. d. Mts. den Wiener 
Bericht Nr. 442 vom 7. d. Mts.* gegenüber Herrn von Giers verwertete, 
gab der Minister dem Wunsch nach Verbesserung der deutsch-russischen 
Beziehungen in gewohnter Weise Ausdruck, sprach sich jedoch über 
Österreich mit auffälliger Schärfe aus, erklärte die russischen Militär- 
maßnahmen gegenüber Österreich ^ für unerläßHch und ließ durch- 
blicken, daß der Interessengegensatz zwischen Rußland und Öster- 
reich ein unversöhnbarer sei. 

Oberst Klepsch** erzählte mir, daß in hiesigen Militärkreisen die 
Ansicht um sich greife, der jetzige Moment sei für Rußland günstig 
zum Krieg mit Österreich, weil letzteres in der Umformung seines 
Gewehrs begriffen wäre. Bülow 

Randbemerkung des Fürsten von Bismarck: 
1 u[nd] bei Kowno? 

Nr. 1153 

Der Österreich-ungarische Militärattache in Petersburg 
Oberstleutnant Klepsch an? 

Abschrift eines Privatbriefes im Auszug, übergeben vom Österreich-ungarischen 

Geschäftsträger in Berlin 

St. Petersburg, den 16. November 1887 

Unter allen Umständen liegt die Frage nahe: Wollen denn die 
Russen Krieg anfangen? Gegen wen? und auf welchen Grund hin? 

* Siehe Nr. 1158. 

** Österreich-ungarischer Militärattache in Petersburg. 



Es ist der jahrelang aufgehetzte Fanatismus, der, [nachdem] durch 
unglaubHch ungeschickte Behandlung von oben das Steuer der Vernunft 
und jeglicher Selbstzensur abgeworfen, dazu gelangt ist, unter der natio- 
nalen Flagge die Politik des Kommunismus zu treiben. Die Regierung — 
das Organ — maßregelte ein bißchen Katkow und dieselbe Regierung 

— das Staatsoberhaupt — belorbeerte denselben Mann — lebend 
und nach seinem Tode — als „richtigsten Interpreten" etc. Das Chaos 
von heute ist die Folge. Mit wem man auch spricht, stets hört 
man : Rußland werde bedroht von allen Seiten (d. h. von Deutschland 
und uns). Rußland müsse auf seine Verteidigung gefaßt sein, daher sich 
rüsten, — darin nur läge die Kriegsgefahr. Nur wenn einem ein 
Freund wieder erzählt, was diese hohen und minder hohen Herren 
sprechen, wenn sie unter sich sind, dann merkt man ziemlich deut- 
lich den Pferdefuß. Sollte ich in Kürze fassen, was ich Rußlands aller- 
dings nie ausgesprochene und auch kaum auszusprechende politische 
Direktive nenne? Deutschland muß niedergebrochen werden, weil es 
zu stark ist, es Rußlands Wort in Europa übertönt und Rußland 
hindert, seine heilige nationale Mission (diese fängt an der Balkan- 
halbinsel an und endet südlich von Budweis und nördlich von Illyrien, 

— und Professor Lamansky* nennt das: „Rußlands innere Angelegen- 
heit") zu erfüllen. Österreich muß niedergeworfen werden, als Kon- 
kurrent und Besitzer dessen, was man selbst besitzen will. 

Ich bin überzeugt, daß Kaiser Alexander so nicht denkt; aber es 
fehlt mir jegliches Zutrauen zu seiner geistigen Produktivität, so daß 
er eigene Gedanken den unter ganz falschen Titeln an ihn gebrachten 
Vorschlägen entgegenzustellen fähig wäre. 



Nr. 1154 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an den 
Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 369 St. Petersburg, den 18. November 1887 

pp. In auffälligem Gegensätze zu dem ruhigen, versöhnlichen und 
eher kleinlauten Tone, in welchem der Minister** über die russisch-deut- 
schen Beziehungen sprach, stand die Schärfe, mit der er sich sodann über 
das Verhältnis Rußlands zu Österreich ausließ i. Er bezeichnete die Rede 
des Grafen Kälnoky*** als „un defi" für Rußland. Wenn Graf Kälnoky 
so tue, als ob er Rußland nicht habe verletzen wollen, so füge der 



* Russischer Panslawist. 

** V. Giers. 

*** Vgl. Nr. 1150, Fußnote *. 



österreichisch-ungarische Minister zur Beleidigung den Spott. Herr 
NeUdow sei oft zu aufgeregt, habe aber recht gehabt in seinen Äuße- 
rungen gegenüber Herrn von Radowitz über die Haltung Österreichs 
auf der Balkanhalbinsel. Es sei begreifhch, daß Herr Nelidow erbittert 
wäre über die Art und Weise, wie Baron Calice und Herr Burian gegen 
Rußland arbeiteten. Österreich glaube sich jetzt gegenüber Rußland 
alles erlauben zu können; es wolle Rußland vor den übrigen Slawen 
demütigen und aus der slawischen Welt verdrängen. In diesem Vor- 
gehen werde Österreich freilich durch die Charakterlosigkeit der Balkan- 
völker ermutigt: Herr Ristitsch lasse sich von denselben Ungarn be- 
loben, welche vor 11 Jahren Abdul Kerim Pascha* für seine Siege über 
Serbien einen Ehrensäbel überreicht hätten. Rußland werde sich aber 
von Österreich nicht wie Serbien oder Rumänien behandeln lassen. 
Rußland sei stärker als Österreich, welches noch in jedem seiner 
Kriege geschlagen worden wäre. 

Wenn die bisherigen Auslassungen des Ministers eher den Eindruck 
machten, mit Absicht und Überlegung vorgebracht zu werden, so 
schien mir derselbe im Eifer seiner Rede weiter zu gehen, als er eigent- 
lich wollte, wenn er am Schlüsse die Bemerkung fallen ließ : „Et les 
Autrichiens croient nous faire plaisir, en nous declarant, qu'ils ne veulent 
pas nous attaquer! Ils n'ont qu'ä venir^, nous ne demandons pas 
mieux." Herr von Giers nahm diesen Ausfall halb und halb wieder 
zurück, indem er einiges murmelte von seiner unbedingten Friedensliebe 
und der „Geduld" des Kaisers Alexander. „Ich habe", so schloß der Mi- 
nister, „die Rede des Grafen Kälnoky gegenüber dem österreichischen 
Geschäftsträger nicht berührt. Fürst Lobanow soll in Wien auch nicht 
über dieselbe reden. Es hilft doch zu nichts, wir verstehen uns mit 
den Österreichern nun einmal nicht." Der Minister suchte die letztere 
Behauptung zu begründen durch einen retrospektiven Blick auf die Ge- 
schichte der russisch-österreichischen Beziehungen seit 10 Jahren, wobei 
er zu verstehen gab, daß die Interessen Rußlands und Österreichs un- 
vereinbar wären. 

Die Bemerkungen des Herrn von Giers über Österreich waren 
von einem offenbaren parti-pris inspiriert, der übrigens schon aus den 
Auslassungen des „Journal de St. Petersbourg" und des „Nord" über 
die Rede des Grafen Kälnoky sprach. Charakteristisch ist in dieser 
Richtung auch, daß, wie ich aus guter Quelle höre, der im übrigen 
antiösterreichische, hyperorthodoxe und übereifrige Fürst Kantacuzen 
sich anfänglich über die Rede des Grafen Kälnoky befriedigt geäußert 
und auch in diesem Sinne hierher berichtet hat, Herr von Giers soll 
seinem Neffen mit Bezug hierauf geschrieben haben: „Pour une fois 
que Vous ne faites pas du zele, Vous n'etes pas du tout dans la vraie 
note." 



* 1876 türkischer Oberbefehlshaber im Kriege gegen Serbien. 
8 



Wenn ich die Auslassungen des Herrn von Giers über Österreich 
mit dem vergleiche, was der meist wohl informierte Oberst Klepsch 
mir vorgestern über die Stimmung in russischen Militärkreisen er- 
zählte, so scheint mir die Möglichkeit nicht ausgeschlossen zu sein, 
daß das offizielle Rußland, um seinen selbstverschuldeten inneren und 
äußeren Schwierigkeiten zu entgehen, gegenwärtig Händel mit Öster- 
reich sucht oder wenigstens Österreich einschüchtern ^ möchte. 

B. von Bülow 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck; 
i At instar Caesaris 

2 in Wien abzuwiegeln 

3 provociren! wovor in Wien zu warnen 



Nr. 1155 

Der Geschäftsträger in Wien Graf Monts an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 467 Wien, den 19. November 

Als ich der mir erteilten Weisung gemäß den Inhalt des Tele- 
grammes Nr. 173 aus Petersburg vom 17.* und der die russischen 
Rüstungen betreffenden Meldungen von ebendort und aus Warschau 
(Nr. 615, 620, 624) Qraf Kälnoky gegenüber verwertete, äußerte sich 
derselbe in folgender Weise: 

Der harte Ton der Sprache des Herrn von Giers betreffs Öster- 
reich sei ungewöhnlich und um so auffälliger, als noch in allerjüngster 
Zeit der russische leitende Staatsmann dem Grafen Wolkenstein seine 
Zufriedenheit mit der Haltung des Wiener Kabinetts zu erkennen ge- 
geben. 

Was die Rüstungen beträfe, so stimmten die deutschen Meldungen 
mit dem hierher Berichteten überein. Als eine direkte Kriegsvorbereitung 
könne er, Graf Kälnoky, diese Maßregeln indes noch nicht ansehen. 
Es handele sich, abgesehen von dem einen größeren Truppenkörper, 
der 13. Kavalleriedivision, vorläufig nur um Heeressplitter, Befestigun- 
gen und Vorräte. Auch liege zum Teil wohl nur die allmähliche Aus- 
führung schon längst gegebener Befehle vor. Dazu käme, daß augen- 
scheinlich von russischer Seite gar kein Geheimnis aus den mili- 
tärischen Maßnahmen gemacht würde. Im Gegenteile seien darüber 



Siehe Nr. 1152. 



in den letzten Tagen von allen Seiten, auch über London und Rom, 
hierher Nachrichten zusammengeströmt, so daß eine gewisse Absicht- 
Hchkeit unverkennbar. Er, Graf Kälnoky, möchte daher fast der Mei- 
nung zuneigen, daß Rußland eine drohende Haltung geflissentlich an- 
nehme, um dieselbe als Pressionsmittel zu verwerten i. 

Bedenklich bliebe freiUch, so fuhr der Minister fort, daß die bisher 
. immerhin noch nicht bedeutend zu nennenden Truppenverschiebungen 
in einer Jahreszeit stattfänden, wo ein Garnisonswechsel sicher nicht 
vorteilhaft für die Truppe sein könne. Die Unterbringung und Unter- 
haltung der Kavalleriedivision 13 in einem armen Landstriche, der 
schon überfüllt mit Militär, müsse dem Ärar sehr erhebliche Kosten 
machen, wenn man von dem gegenüberliegenden Teile Galiziens einen 
Rückschluß auf das russische Nachbarterritorium mache. Dort halte 
die hiesige Regierung weniger Kavallerie wie eigentUch erforderlich, 
weil die Unterbringung in den elenden Dörfern auch die besten Regi- 
menter in kurzer Zeit ruiniere, und Mann und Pferd nichts zu beißen 
und zu brechen fänden. 

Noch bedenklicher würde eine eventuelle Ausführung des Planes 
der Bildung von drei großen Korps aus der gesamten Kavallerie des 
Innern aufzufassen sein. Die Verwirklichung dieser Idee müßte aller- 
dings die Kriegsgefahr imminent erscheinen lassen. — 

Aus Vorstehendem ergibt sich, daß Graf Kälnoky bemüht ist, 
die Sachlage in möglichst optimistischer Weise aufzufassen, und bei dem 
Entschlüsse noch weiteren ruhigen Abwartens ohne Einleitung von 
Gegenmaßregeln beharrt. Bestimmend wirkt zweifellos der Wunsch 
mit, die morgen auseinandergehenden Delegationen erst zu Haus zu 
wissen. Ferner müsse man, wie mir der Minister schon vorgestern 
sagte, doch füglich noch abwarten, welche Maßregeln der Kaiser von 
Rußland nach seiner Rückkehr, und nachdem er solange allen Ge- 
schäften fern gestanden*, ergreifen werde. Schließlich fühlte ich durch, 
daß vor allem anderen Graf Kälnoky noch Nachrichten über die Hal- 
tung des Kaisers Alexander in Berlin abwarten will, wie auch nament- 
lich Seine Majestät der Kaiser Franz Joseph, der sich vorgestern wieder 
nach Gödöllö begeben, eine gute Einwirkung der persönlichen Be- 
rührung des russischen Herrschers mit unserem allergnädigsten Herrn 
und Euerer Durchlaucht zu erhoffen scheint. 

Mon ts. 

Randbemerkung des Fürsten von Bismarck: 

1 Auch um Oestferjreich zum Angriff auf R[ußland] zu reizen 

* Der Aufenthalt des Zaren auf Schloß Fredensborg in Dänemark hatte sich in- 
folge der Erkrankung seiner jüngsten Kinder vom 26. August bis zum 16. No- 
vember ausgedehnt; er nahm dann seinen Rückweg über Berlin. Vgl. Bd. V, 
Kap. XXXVI. 



10 



Nr. 1156 

Der Militärattache in Wien Major von Deines an den Botschafter 

in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Privatbrief. Auszug in Abschrift 

Wien, den 23. November 1887 

Dann wollte ich aber vor allen Dingen Bericht erstatten über 
die Stimmung hier vis-ä-vis Rußland. 

Man fing an, die unausgesetzten Truppenvorschiebungen der Russen 
und die sichern Nachrichten über anderweite Kriegsrüstungen dort 
ernst zu nehmen; Feldmarschalleutnant von Beck scheint auch dem 
Kaiser positive Vorschläge zur Verstärkung der galizischen Garnisonen 
in Übereinstimmung mit dem Erzherzog Albrecht unterbreitet zu haben. 
Auf Grund der von Seiner Majestät dem Zaren in Berlin mehrfach ab- 
gegebenen Versicherungen, daß er nicht daran denke, Deutschland 
anzugreifen, ist man hier zunächst wieder auf das „Abwarten" gesetzt; 
man hofft, daß die angeblich friedlichen Gesinnungen des Zars bald 
sichtbar werden in der Einstellung der Rüstungen. 

Man übersieht dabei, wie ich fürchte, daß der Zar keinerlei Ver- 
sprechungen gegeben hat, Österreich nicht anzugreifen. Und ganz 
abgesehen von dem Wunsche oder Willen des russischen Kaisers sind 
die tatsächlichen Truppenbewegungen in Polen, die Zuzüge aus dem 
innern Rußland, die Munitions-, Geschütz- und Gewehrtransporte 
Tatsachen, welche einzig und allein auf kriegerische Absichten 
zurückgeführt werden können und müssen. Nun wollen die Russen, 
voran Gurko, die Welt glauben machen, daß die russischen Maßregeln 
nur defensive seien, zur Abwehr der Gefahr, die drohe aus den öster- 
reichischen und preußischen Maßregeln. Wenn das bei uns und hier 
auch niemand glaubt, so bleibt doch die alte Erfahrung, daß fast alle 
Kriege mit solchen gegenseitigen Entschuldigungen begonnen haben. — 

Von höchstem Interesse wäre aber, im Hinblick auf die hiesigen 
Verhältnisse, eine Kenntnis darüber, wann man sich bei uns wohl 
zum Handeln entschließen würde i. 

Die russischen Rüstungen bezwecken den Krieg; will es wirklich 
uns nicht angreifen, so gilt er Österreich. 

Fürst Bismarck hat hierher telegraphiert, daß er dem Zaren er- 
klärt habe, ein Angriff gegen Österreich würde für uns den casus 
foederis bilden. — Im Frühjahr stieß ich 2 im Auswärtigen Amt auf 
die Ansicht 3, man könne Österreich wohl eine oder zwei Schlachten 
verlieren lassen 2. Wenn diese Ansicht wirklich vorhanden wäre, so 
müßte man die Österreicher hierüber nicht im Zweifel lassen. Sie 
würden dann viel mehr wie bisher ihre eigene Kraft stärken und Vor- 
sorge tragen, nicht geschlagen zu werden*. Jetzt veriassen sich alle, 
vom Kaiser ab, bestimmt und blind auf unsere mächtige Unterstützung. — 
Österreich wird gewiß niemals die Russen angreifen; wird es aber 

11 



angegriffen, machen wir dann sofort mobil und erklären Rußland den 
Kriegt, oder warten wir, bis ein russischer Sieg Österreich in unabseh- 
bare Verlegenheiten bringt, uns die Franzosen, Dänen etc. auf den Hals 
hetzt und die Unterstützung der Italiener mindestens lähmt? — 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Das ergibt unser Vertrag; ein ru sslischer] Angriff müßte vorhergehen. Wir 
wünschen den Krieg zu vermeiden, u[ncl] werden deshalb einen öst[er]r[eichischen] 
Angriff auf Rußland oder russlische] Truppen in Bulgtarien] nicht mitmachen. 
Will OestIerlr[eich] dergleichen] unternehmen, so muß es sich des Beistandes von 
Ital[ien] England, der Pforte etc. versichern. 

2 j> 

ä ? bei mir gewiß nicht, für den Fall daß Rußland angreift ist casus foederis 
ja ganz klar 

* Oestler]rIeich] hat den Angriff Rußlands wohl erst zu fürchten, nachdem wir mit 
Frankreich engagirt sein werden. 

5 das ist unsre Vertragspflicht, wenn nicht Oest[er]reich den" russ[ischen] Angriff 
muthwillig provocirt. 

Nr. 1157 

Aufzeichnung des Vortragenden Rats im Auswärtigen Amt Grafen 
zu Rantzau, z. Z. in Priedrichsruh 

Eigenhändig 

Priedrichsruh, den 24. November 1887 
Der Herr Reichskanzler bittet, nach Wien zu schreiben. Seine 
Durchlaucht vermutete, daß die Russen alles mögliche täten, um Öster- 
reich zu einem Angriffe auf Rußland zu provozieren. Nachdem sie 
Kenntnis von dem Wortlaut des deutsch-österreichischen Vertrages 
hätten, würde es ihnen für ihr Verhältnis zu uns nützlich sein, nicht 
ihrerseits anzugreifen, sondern den Angriff Österreichs abzuwarten. 
Bei unserem dringenden Wunsch, den Krieg vermieden zu sehen, würden 
wir Österreich dankbar sein, wenn dasselbe auf die russischen Provo- 
kationen nicht einginge*. C, Rantzau 

Nr. 1158 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Brauer 

Nr. 665 Berlin, den 30. November 1887 

Geheim 

Im Anschluß an meinen geheimen Erlaß Nr. 659 vom 29. d. Mts.** 
und an unsere mündliche Besprechung erlaube ich mir Ew. pp. nochmals 
ergebenst darauf aufmerksam zu machen, daß es in der jetzigen Lage 

* In dem Sinne dieser Direktiven erging am 29. November ein Erlaß (Nr. 659) 
nach Wien. 

** Vgl. Nr. 1157, Fußnote. 

12 



vor allem darauf ankommen wird, daß Österreich in seinem Verhalten 
zu Rußland die politisch-diplomatische und die militärische Seite nach 
Möglichkeit auseinanderzuhalten sucht. Österreichs Wunsch, den Krieg 
zu vermeiden, ist ebenso lebhaft wie der unsrige; in diesem Sinne wird 
Graf Kälnoky es gewiß mit uns für politisch nützlich halten, alles zu 
vermeiden, was wie eine Provokation Rußlands gedeutet werden könnte; 
auf der andern Seite wird Österreich sich aber nicht in einen Zustand 
der Sicherheit einwiegen lassen dürfen, der es einem etwaigen plötz- 
lichen miUtärischen Angriff Rußlands gegenüber militärisch zu schwach 
erscheinen ließe. 

Es wird sich deshalb in Parallele mit den militärisch etwa er- 
forderlich erscheinenden Maßnahmen empfehlen, auf diplomatischem 
Gebiete tunlichstes Entgegenkommen zu zeigen, um den Russen jeden 
Vorwand der Beschwerde zu entziehen: es dürfte dies um so eher ge- 
lingen, wenn vielleicht der Oberst Klepsch autorisiert würde, die 
russischen Rüstungen und die dadurch geschaffene Verlegenheit Öster- 
reichs an maßgebender Stelle in St. Petersburg vertraulich und in 
freundschaftlicher Form zur Sprache zu bringen. 

Ew. pp. stelle ich ergebenst anheim, diesen Gedanken mit dem 
Grafen Kälnoky vertraulich besprechen zu wollen. 

H. Bismarck 

Nr. 1159 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 487 Wien, den 1. Dezember 1887 

Geheim 

Ich habe den Grafen Kälnoky heut bald nach meiner Ankunft auf- 
gesucht und mit ihm die Lage Österreichs gegenüber der bedrohlichen 
Stellung Rußlands nach Maßgabe Euerer Durchlaucht mündlicher In- 
struktionen und des hohen Erlasses Nr. 665 vom 30. v. Mts.* eingehend 
besprochen. 

Die Äußerungen des Ministers, welcher gerade von dem heut 
früh wieder in Wien eingetroffenen Kaiser Franz Joseph kam, erlaube 
ich mir im Nachfolgenden zusammenzufassen. 

Man mache sich hier durchaus keine Illusionen über die Stimmung 
in Rußland. Wenn der Zar in Berlin seinen friedlichen Absichten 
Deutschland gegenüber entschiedenen Ausdruck gegeben hätte, so be- 
stände für ihn, den Minister, doch gar kein Zweifel, daß die Gefühle 
für Österreich-Ungarn bei dem nordischen Monarchen weniger freund- 
schaftlich seien. Der Graf hat mich nicht über diesen Punkt befragt, 
ich habe ihm aber nicht widersprechen zu sollen geglaubt und gesagt, 

* Siehe Nr. 1158. 

13 



ich glaubte auch, daß die kaiserlichen Äußerungen in Berlin Öster- 
reich betreffend nicht so tröstlich gewesen seien, als das, was er über 
sein Verhältnis zu Deutschland gesagt habe. 

Über diesen Punkt besteht daher keinerlei Illusion beim Grafen 
Kälnoky, und fragt er sich, wie das Verhalten des k. und k. Kabinetts 
dieser Tatsache gegenüber einzurichten sein wird. 

Seiner Ansicht nach hänge der Bestand des Friedens hauptsäch- 
lich von russischen Launen ab^. Würde die russische Regierung durch 
innere Verhältnisse gedrängt, so würde sie zum Kriege getrieben werden, 
auch ohne einen vernünftigen Grund dafür zu haben. Dies brauche 
nicht sofort einzutreten, könne aber auch bald geschehen. Für Öster- 
reich Hege die Hauptaufgabe darin, der russischen Regierung keinen 
Prätext zu geben, welcher der russischen öffentlichen Meinung den 
Krieg gegen Österreich plausibel machen könnte 2. Daß das Peters- 
burger Kabinett nach solchen Prätexten suche, schiene klar und ginge 
aus den Äußerungen des sonst so zahmen russischen Ministers der 
auswärtigen Angelegenheiten deutlich genug hervor. Denn es sei un- 
möglich, die Wahrheit so zu verdrehen und die Österreicher der Be- 
drohung Rußlands anzuklagen, wenn nicht feindselige Absichten und 
ein parti pris vorausgesetzt werden könnten 2. 

Herr von Giers könne aber lange warten. Er, Graf Kälnoky, 
werde ihm keinen Prätext geben 3, werde Rußland nicht provozieren, 
geschweige denn angreifen. 

Sollte russischerseits auf dem jetzt betretenen Wege fortgefahren 
werden, sollten die augenblickhch, wie es scheine, sistierten Truppen- 
dislokationen, „die schon seit langer Zeit in Aussicht genommen waren", 
wieder anfangen die Grenze zu bedrohen, dann würde es an der Zeit 
sein, militärische Maßregeln zu ergreifen, um vor einem plötzHchen 
Überfall sicher zu sein. 

Der Minister glaubt noch nicht daran, daß ein russischer Angriff 
noch im Winter erfolgen werde. Einmal kenne man in St. Petersburg 
zu genau den casus foederis zwischen Deutschland und Österreich- 
Ungarn, um einen Angriff zu wagen. Man werde daher einen öster- 
reichischen Angriff mit allen Künsten zu provozieren suchen 2. Da 
man hier entschlossen sei, nicht in diese Falle zu gehen*, so würde 
darüber Zeit vergehen und der Sommer herankommen. 

Auch wenn man die miHtärische Frage genau untersuche, so komme 
man zu dem Resultat, daß, wenn auch die Russen viel Truppen und 
Kriegsmaterial in Polen angehäuft hätten und jetzt schon stärker seien 
als die gegenüberstehenden Österreicher, die dortige Armee noch lange 
nicht in der Lage sei, einen Krieg zu unternehmen, von dem doch von 
russischer Seite auch angenommen werden müsse, daß er möglicher- 
weise gegen Österreich und Deutschland zu führen sein würde. 

Er, Graf Kälnoky, neige daher im Einverständnis mit seinem kaiser- 
lichen Herrn zu der Ansicht hin, daß es jetzt verfrüht sein würde, 

14 



die galizischen Garnisonen zu verstärken, und zwar aus folgenden 
Gründen. 

Bei den uns bekannten Dispositionen in St. Petersburg würde 
man dort aus der geringsten österreichischen Truppendislokation eine 
Bedrohung der russischen Grenzen machen 5. Österreich würde als 
Friedensstörer hingestellt werden, und die russische Regierung das 
erreicht haben, was sie wollte 6. Solche militärische Maßnahmen würden 
daher von den Russen als politische betrachtet und so aufgefaßt werden. 
Deshalb würde es nichts nützen, wenn man von hier aus in nicht- 
offizieller Weise durch Vertrauenspersonen dort loyal sagen ließe, der 
Kaiser von Österreich hätte keinerlei feindliche Absichten, er könne 
aber dem Vorwurf seiner Untertanen sich nicht aussetzen und gegen- 
über den bedrohUchen russischen militärischen Maßregeln nicht auch 
etwas tun, um seine Völker zu beruhigen*. Das wäre recht schön 
ausgedacht, aber den erhofften Erfolg würde ein solcher Schritt nicht 
haben''. Österreich würde als Störenfried gelten, wenn es auch ein 
Unsinn wäre, ihm diese Rolle zuschreiben zu wollen. 

Würden aber die Truppenbewegungen aus dem Innern Rußlands 
an die westliche Grenze fortgesetzt, dann würde es an der Zeit sein, 
zu handeln und sich gegen einen Überfall zu sichern, dann würde es 
den Russen unmöglich werden 8, ihre aggressiven Absichten noch weiter 
zu bemänteln. 

Ein militärisches Bedenken gegen sofortige Garnisonverstärkungen 
in Galizien mache der Kaiser besonders geltend, nämlich daß, wenn 
es nicht sofort zum Kriege käme, was Seine Majestät ebenfalls nicht 
glaubten, eine Anzahl vortrefflicher Regimenter durch die schlechte 
Unterkunft in den Grenzländern vollkommen ruiniert werden und dann 
für den Frühjahrsfeldzug unbrauchbar sein würden. 

„Haltet Euer Pulver trocken, aber verschießt es nicht zu früh!" 
das sei gewiß der beste Rat, und habe er, noch ohne mich gesprochen 
zu haben, dem Kaiser dieselbe Haltung empfohlen. Er verstehe dar- 
unter, daß die Heeresleitung ihre bereits im letzten Frühjahr begonnenen 
inneren Vorbereitungen, Beschaffung von Waffen, Munition, Montierun- 
gen und anderem Kriegsbedarf mit verdoppelter Anstrengung fortsetze, 
damit es im geeigneten Moment an nichts fehle. Mit dem Mannlicher- 
Repetiergewehr würden 2 Armeekorps bis zum Anfang des nächsten 
Jahres bewaffnet sein (90000 Stück). Da dieses Gewehr dieselbe Pa- 
trone führe wie das alte, so halte der Generalstab die hiesige Bewaff- 
nung der russischen für ebenbürtig. Ich könne darüber Euere Durch- 
laucht beruhigen, daß man hier nicht schlafen werde 9, aber er glaube 
sich darin mit Hochdenselben im Einverständnis zu befinden, wenn 
er nicht weiter gehen und nichts tun wolle, was jenseits der Grenze 
als Provokation aufgefaßt lo werden könnte. 

* Vgl. Nr. 1158. 

15 



Ich habe mich im Laufe unseres Gespräches davon überzeugen 
können, daß sich Graf Kälnoky vollkommen klar über den casus foederis 
ist. Es mag hier wohl bei vielen maßgebenden Persönlichkeiten der 
Wahn bestehen, daß wir unter jeder Bedingung für Österreich den 
Degen ziehen würden. Ich habe diesen Punkt sehr gründlich mit dem 
Minister besprochen und gefunden, daß er dieser Ansicht nicht huldigt 
und seine Politik nicht hierauf begründet 3. Vielleicht mag er die An- 
sicht anderer teilen, daß, wenn Rußland wirklich beschlossen hat, den 
Krieg an Österreich zu machen, es auf den casus foederis nicht mehr 
so genau ankommen dürfte, weil wir dann in unserem eigenen Inter- 
esse genötigt sein würden, rasch zuzugreifen, um uns die Erfolge 
eines Krieges mit leichterer Mühe zu sichern, an dem wir früher oder 
später doch würden teilnehmen müssen i. 

Ausgesprochen hat sich der Minister indessen nicht in diesem 
Sinne und mir auf meine Ausführungen ausdrücklich gesagt, daß er die 
Ansichten Euerer Durchlaucht hierüber genau kenne und keine höheren 
Anforderungen an unsere Bundestreue stelle als die, welche er rechtens 
erwarten könne. 

Dasselbe galt auch von dem Umfang der unsererseits zu leistenden 
Hülfe in einem russisch-österreichischen Kriege, an welchem wir ver- 
tragsmäßig teilnehmen würden. Ich habe, als dieser Punkt zur Sprache 
kam, es mir angelegen sein lassen. Euerer Durchlaucht mir mündlich 
mehrfach ausgesprochene Ansicht über die relativ beschränkte Macht- 
entwickelung an unserer Ostgrenze dem Grafen Kälnoky zu wiederholen 
und ihm zu sagen, daß sich Österreich in erster Linie auf seine eigene 
Kraft verlassen müsse. 

Auch die Frage eines wegen Bulgarien etwa entbrennenden 
Kampfes auf der Balkanhalbinsel wurde besprochen, und habe ich dem 
Minister darüber keinen Zweifel gelassen, daß wir es vor dem deutschen 
Volke nicht würden verantworten können, wegen eines Balkanstaates 
und der Orientinteressen Österreichs und namentlich Ungarns uns in 
einen Krieg mit Rußland zu stürzen. Hier müsse sich Österreich der 
Bundesgenossenschaft Englands und des Sultans zu versichern suchen 3. 

Der Minister sieht dies, wie Euerer Durchlaucht dies schon aus 
Hochdero Besprechungen mit ihm bekannt ist, vollkommen ein. Er 
sagte mir, auch auf diesem Gebiet werde er sich aller Provokationen 
enthalten und die Suszeptibilitäten Rußlands soviel als möglich schonen. 
Wollte Rußland dort militärisch eingreifen, so würde Österreich-Ungarn 
bald nicht mehr freie Hand haben, da die englischen Abmachungen* 
fast fertig wären 3. 

Er glaubt aber nicht daran, daß Rußland dort etwas unternehmen 
werde. Rußlands Objektiv bleibe immer dessen Stellung auf der Balkan- 
halbinsel, aber um dieselbe zu erreichen, würde es nicht dort an- 

* Siehe Bd. IV, Kap. XXVIII: Entente ä trois zwischen Italien, England und Öster- 
reich, Nr. 938 nebst Anlagen. 

16 



greifen, sondern man hoffte in St. Petersburg, daß, wenn Österreich 
erst niedergeworfen sein würde, den Russen jene Frucht von selbst 
in den Schoß fallen werde 2. 

Als Beleg zu dieser Ansicht führte der Minister an, daß die Stimmung 
der Balkanslawen, selbst Montenegros, nicht darauf schheßen ließe, als 
glaube man dort an einen Einbruch Rußlands auf der Balkanhalbinsel. 

Aus vorstehenden Äußerungen des Herrn Ministers des Äußern 
läßt sich der bestimmte Schluß ziehen, daß österreichischerseits für 
jetzt keine militärischen Gegenmaßregeln getroffen werden sollen 
und man hier abwarten wird, daß die russischen kriegerischen Ab- 
sichten sich noch deutHch akzentuieren werden. 

Wie ich von sicherer Seite höre, ist der österreichisch-ungarische 
Generalstab der Ansicht, daß dieser Moment bereits gekommen sein 
dürfte, und daß es daher die höchste Zeit sei, die galizischen Garnisonen 
zu verstärken 11, ohne Rücksicht darauf, ob russischerseits dies als 
Provokation ausgelegt werden dürfte. 

Feldmarschalleutnant Baron Beck wartet die demnächst bevor- 
stehende Rückkehr des Erzherzogs Albrecht ab, um seiner Ansicht 
bei Seiner Majestät dem Kaiser mehr Geltung zu verschaffen. 

Der Generalstab scheint sich daher im Gegensatz mit dem Mini- 
ster des Äußern zu befinden, und dürfte wohl, meiner unmaßgeblichen 
Ansicht nach, die Entscheidung des Monarchen nach letzterer Seite 
hinfallen. H. VII. P. Reuß 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarckt 
' Ja 

2 richtig 

3 gut 

4 gut! 

^ dabei „dislocirt" Rußland aber ruhig weiter 

* Finanz-Faulheit! 

■^ es kostet auch Geld! 

8 jetzt aber? 

ä aber Geld nicht haben 

1° die Russen haben keine Bedenken der Art! 
11 richtig; aber Geld! more austriaco 

Nr. 1160 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an den 
Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 392 St. Petersburg, den 1. Dezember 1887 

Als ich Herrn von Giers an seinem gestrigen Empfangstage auf- 
suchte, lenkte derselbe sogleich das Gespräch auf Österreich, über 
welches sich der Minister mit derselben, wie mir vorkam, wohlüber- 
legten Gereiztheit ausließ, wie schon vor vierzehn Tagen, pp. 

„Wir wollen nicht den Krieg mit Österreich, und namentlich nicht 

2 Die Große Politik. 6. Bd. 17 



Österreich angreifen. Wenn Österreich auseinanderfiele, so könnten 
seine slawischen Völker eine Quelle von Verlegenheiten für uns werden, 
wie jetzt die Bulgaren. Es gibt auch in Prag und in Agram Stambulows, 
welche mit unseren einheimischen Stambulows vereinigt die innere 
Organisation Rußlands gefährden würden. Vom dynastischen Stand- 
punkte aus wünschen wir den Fortbestand Österreichs. Mais les 
Autrichiens ont le verbe trop haut, il faut leur rabattre le caquet; un 
Empereur qui se trouve ä la tete de cent milhons de sujets ne saurait 
se laisser narguer par un pays comme TAutriche.'' 

Ähnlich wie früher verbreitete sich der Minister auch diesmal 
darüber, daß zwischen dem russischen und dem österreichischen Stand- 
punkt in der bulgarischen Frage und überhaupt in orientalischen An- 
gelegenheiten ein unüberbrückbarer Gegensatz obwalte, wobei er es 
nicht an allerlei Ausfällen gegen Graf Kälnoky fehlen ließ. Dem ihm 
befreundeten Grafen Woikenstein spendete Herr von Giers persönliches 
Lob, fügte jedoch hinzu: „Si je le voyais, je ne parlerais pas politique 
avec lui, ä quoi bon, cela ne sert ä rien entre nous et les Autrichiens.'* 

Ich möchte Herrn von Giers, welcher dem Wunsche nach besseren 
Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland grade in diesen Tagen 
einen im letzten Ende schwerHch ganz aufrichtigen, aber jedenfalls 
höchst empressierten und beinah demütigen Ausdruck gab, nicht mit 
einem reißenden Tiere vergleichen. Die Art und Weise, wie der Mini- 
ster gegenwärtig über oder vielmehr gegen Österreich spricht, er- 
innert jedoch einigermaßen an die Fabel vom Wolf und vom Schaf. 
Der Minister sucht offenbar nach Gründen zur Klage über Österreich, 
das er meines unvorgreifhchen Erachtens entweder reizen oder ängstigen 
willi. Auch in der hiesigen Gesellschaft begegne ich neuerdings so 
systematischer Feindseligkeit gegen Österreich — die im Gegensatze 
zu dem naturwüchsigen Hasse gegen Deutschland mehr etwas Ge- 
machtes hat — , daß ich fast an eine von oben gegebene Parole glauben 
möchte. Der griechische Gesandte* erzählt mir, daß die ihm bekannten 
russischen Offiziere gegenwärtig fast alle von baldigem Krieg mit 
Österreich sprächen, aber vielfach hofften, Deutschland werde sich in 
irgendeiner Weise neutral halten lassen. Oberst Klepsch meinte heute, 
daß die Russen jetzt langsam mit ihren Rüstungen begännen, um für 
alle Eventualitäten der nächsten Monate militärisch in einer möglichst 
günstigen Lage zu sein; etwa zu Neujahr würden sie die bulgarische 
Frage wieder aufrollen und, wenn das Wiener Kabinett ihnen dann 
in diesem Punkte nicht nachgebe, das als Vorwand benützen, um 
im Frühjahre mit Österreich ernstlichen Streit anzufangen. 

B. von Bülow 

Randbemerkung des Fürsten von Bismarck: 
1 Ja 

* Mavrocordato. 
18 



Nr. 1161 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 492 Wien, den 6. Dezember 1887 

Geheim 

Seine Majestät der Kaiser Franz Josepii, welchem Graf Kälnoky 
über seine Unterhaltung mit mir (conf. Bericht Nr. 487 vom 1. Dezember 
er.*) Meldung gemacht hatte, ließ mir durch den Minister sagen, er 
wünsche mich heut nachmittag zu sehen, und begab ich mich zu dem 
Ende um 1 Uhr in die Hofburg. 

In dem halbstündigen Gespräch, welches ich mit Seiner Majestät 
hatte, trat zunächst die Sorge um die Zukunft sehr deutlich hervor 
und der Wunsch, zu hören, ob diese seine Besorgnis mit Bezug auf 
etwaige russische Kriegsabsichten gegen Österreich bei uns geteilt 
würde. 

Ich habe hierauf bestimmt erwidert, daß Seine Majestät der Kaiser 
und König, mein allergnädigster Herr, ebenso wie Euere Durchlaucht, 
den dringenden Wunsch hätten, daß dieser Krieg nicht ausbrechen 
möge, und daß daher unsererseits alles versucht werden würde, um 
dieser traurigen Lösung vorzubeugen. Wenn auch der Kaiser Alexander 
meinem allergnädigsten Herrn die bündigsten Friedensversicherungen 
gegeben hätte, und Seine Majestät an der Ehrlichkeit derselben keinen 
Augenbück zweifelten, so sei die Lage in Rußland doch nicht dazu 
angetan, um mit Beruhigung der Zukunft entgegenzusehen. 

Ich habe dem Kaiser hierauf dieselbe Sprache geführt, wie vor 
ein paar Tagen dem Grafen Kälnoky. Ich habe davor gewarnt, Ruß- 
land zu provozieren, geschweige denn es anzugreifen, aber darauf hin- 
gewiesen, daß Österreich auf seiner Hut sein müsse. Ich habe bestimmt 
betont, welches die uns durch unseren Vertrag mit Österreich zu- 
fallenden Pflichten wären, und daß wir, wenn der casus foederis ein- 
treten sollte, dieselben ehrlich erfüllen würden, daß ich aber Seine 
Majestät bäte, weder unsere geographische Lage noch die Notwendig- 
keit zu vergessen, eventuell i nach zwei Seiten Front machen zu müssen; 
daß wir daher nicht imstande sein würden, Österreich, „wenn es an- 
gegriffen werden würde", mit unserer ganzen Macht zur Seite zu 
stehen, aber immerhin in der Lage sein würden, unseren Bundes- 
genossen, soweit uns dies möglich sein würde, beizustehen. 

Die zweite hiermit zusammenhängende Frage, welche den Kaiser 
beschäftigte, war die, was die Russen eventuell dazu bewegen könnte, 
Österreich anzugreifen ; daß beide Regierungen in der Behandlung der 
bulgarischen Frage nicht einer und derselben Meinung wären, liefere 

* Siehe Nr. 115Q. 

2' 19 



doch noch keinen Grund zum Kriege. Er suche vergeblich nach diesem 
Grunde; es könnte also nur eine Narrheit ^ sein, die Rußland dazu 
treiben könnte, oder aber die üblen inneren Zustände, welche dem 
Zaren einen Krieg mit dem Ausland als einzige Rettung erscheinen 
lassen würden. Wer von beiden würde aber den anderen angreifen? 

Der Petersburger Hof kenne unseren Vertrag; man würde sich 
dort also wohl hüten, Österreich anzugreifen. Er, der Kaiser, wolle 
seinerseits den Krieg vermeiden, denke daher auch nicht daran, Ruß- 
land anzugreifen; ja, von hier aus würde man nichts tun, um Rußland 
zu provozieren. „Wir werden russischen Provokationen gegenüber ein 
sehr dickes Fell haben, darauf können Sie sich verlassen." 

Es kam nun hierbei deutlich zum Vorschein, daß es den Kaiser 
besorgt macht, wie bei diesen eigentümlichen Zuständen unsererseits 
der casus foederis ausgelegt werden wird. Der Kaiser fürchtet, daß 
ohne sein Verschulden sich die Sachen so drehen könnten, daß 
Österreich im Kriege mit Rußland sich befände, ohne daß der klare casus 
foederis für uns vorläge 3. 

Es könnte auch ein anderer Fall eintreten, meinten Seine Majestät, 
nämlich der, daß durch das neue Abkommen mit England und Italien* 
Österreich verpflichtet sein würde, eine drohende Haltung gegen Ruß- 
land anzunehmen. Hierdurch könnte es in den Krieg mit Rußland 
verwickelt werden. Wie liege dann der casus foederis?* Würde 
nicht Deutschland, welches, wenn auch keinen offenen, aber doch 
einen sehr dankenswerten Anteil an dem Zustandekommen dieses 
Abkommens genommen hätte, sich dabei ganz desinteressieren 
können ? '' 

Wenn Österreich auf diesem Gebiete keine Courage zeigte, so 
würden die anderen auch lässig werden, und dann hätte das ganze 
Arrangement keinen Wert mehr; das könnte uns doch nicht passen? 

Soviel ich den Gedanken des Kaisers verstanden habe, so wollte 
er ungefähr sagen, da Ihr jenen Vertrag patronisiert habt, so könnt 
Ihr, wenn Österreich infolge desselben zum Kriege genötigt wird, 
Österreich doch nicht sitzen lassen 6. 

Ich habe mir erlaubt, Seiner Majestät hierauf zu erwidern, wenn 
die Kaiserüche Regierung so energisch das Zustandekommen zwischen 
Österreich, England und Italien gefördert hätte, so sei dies in erster 
Linie aus dem Grunde geschehen, um die Friedensliga ^ zu verstärken 
und dadurch womöglich den Krieg zu vermeiden. In zweiter Linie 
sei es aber für uns von Wichtigkeit gewesen, unseren Bundesgenossen, 
Österreich, durch jene Bündnisse zu stärken 8. Denn wir müßten immer 
im Auge haben, und ich bäte Seine Majestät, dies nicht zu vergessen, 
daß wir auf den Überfall Frankreichs gefaßt und deshalb nicht in 
der Lage sein würden, Österreich so kräftig zu unterstützen, als wenn 
wir nach Westen freie Hand hätten, Österreich müßte sich daher 
* Siehe Bd. IV, Kap. XXVIII, Nr. 938 nebst Anlagen. 

20 



in erster Linie auf seine eigene Kraft und auf seine anderen Bundes- 
genossen verlassen 3. 

Der Kaiser anerkannte dies, kam aber immer darauf zurück, daß 
es notwendig sein würde, uns über alle diese Fragen zu besprechen 
und auch über die militärischen Fragen rechtzeitig zu verständigen, 
um nicht überrascht zu werden. Es sei von der höchsten Wichtigkeit, 
daß die beiden Höfe weder politisch noch mihtärisch irgendeinen Schritt 
täten, ohne darüber im Einverständnis sich zu befinden. 

Hierin habe ich dem Kaiser durchaus zugestimmt und höchstihn 
darauf hingewiesen, daß bis jetzt unsererseits nichts geschehen sei, 
wovon nicht das befreundete Wiener Kabinett Kenntnis erhalten hätte. 
Daß wir dasselbe von der k. und k. Regierung ebenfalls erwarteten, 
sei selbstverständlich. 

Ich würde fehlgreifen, wollte ich annehmen, daß der Kaiser Franz 
Joseph irgendwelches Mißtrauen in unsere Bundestreue hätte; aber 
bei der eigentümlichen Lage der Dinge, wo weder Rußland noch Öster- 
reich unseres Vertrages wegen den Krieg anfangen will, sieht er vor- 
aus, daß durch irgendeinen unglückHchen Zufall ^ oder aber durch rein 
militärische 3 Gründe, von denen der Erfolg oder Mißerfolg der Kam- 
pagne abhängen würde, seine Armee genötigt 3 sein könnte, den Feind 
anzugreifen. Und für diesen Fall möchte er aufgeklärt sein, wie bei 
uns dann der casus foederis interpretiert werden wird^o. 

Ich habe mich auf die Besprechung dieses Gedankens nicht ein- 
gelassen, muß aber nach dem, was ich von dieser obersten Stelle heute 
gehört habe, voraussetzen, daß es hier vollkommen Ernst ist, hier- 
über einen Gedankenaustausch, vielleicht sogar eine Abmachung herbei- 
zuführen n. 

Dasselbe gilt von der rein miUtärischen Seite der Frage; Euere 
Durchlaucht wollen mir hochgeneigtest gestatten, dasjenige, was mir 
der Kaiser hierüber gesagt hat, an anderer Stelle zu melden. 

Die Notwendigkeit, eventuell in einen Krieg hinein zu müssen, 
bei welchem man nichts gewinnen kann, schien dem Kaiser ein über- 
aus drückender Gedanke, mit dem er sich nur schwer vertraut machen 
kann, aber den er doch sehr ernsthaft ins Auge faßt. Der Kaiser glaubt 
nicht an einen Winterfeldzug, aber die Berichte, die ihm vorlagen, 
lassen Seine Majestät annehmen, daß in Rußland alles auf das Früh- 
jahr eingerichtet wird. 

Seine Sprache war eine durchaus freundschaftliche, sehr teilnehipend 
und warm mitfühlend für die Sorgen, die unseren allergnädigsten 
Herrn jetzt drücken, mit großem Vertrauen in Euerer Durchlaucht 
Beistand in der bedrängten Lage, in welcher sich die österreichisch- 
ungarische Monarchie leicht befinden könnte. Ich darf am Schluß 
nochmals wiederholen, daß ich sehr entschieden das Vertrauen in 
unsere Bundestreue bestärkt, aber darüber hinaus keine Hoffnungen 
erweckt habe. 

21 



Wie sich der Kaiser den Fall denkt, daß er infolge seines anglo- 
italienischen Abkommens, welches ihn zum Schutz der Türkei ver- 
pflichtet, nicht militärisch, sondern nur diplomatisch gegen Rußland 
auftreten will, ist mir nicht recht klar, und werde ich suchen, vom 
Grafen Kälnoky hierüber Aufschluß zu erlangen 12. 

H. VII. P. Reuß 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 „Eventuell" eingeklammert 

2 ja die ist es vom Zaren, seine Diener wollen ihn durch Krieg Sturzes 

3 V 

* nicht anders wie ohnehin, greift Oest[er]r[eich] an, so besteht er nicht. 

^ ja, wir haben uns bemüht, Oestreich auch für Fälle die foedus nicht deckt, 

Bundesgenossen zu verschaffen. 
ß die Frage läßt sich heut nicht beantworten, wenn man nicht Oest[er]reich in 

Versuchung führen will auf unsre Kosten Krieg zu provociren 
' ? der tritt ja England nicht bei, sondern bildet eine neue ä 3, mit Ital[ien] 

u[nd] Oest[er]r[eich] 
^ ja 
■^ richtig 

10 er liegt dann nicht vor. 

11 cf. Steitel 6. Marg[inal] 1 * 

1- nicht nöthig wenn es sich nicht ohne diesseitige Initiative ergiebt 



Nr. 1162 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 499 Wien, den 8. Dezember 1887 

Geheim 

Graf Kälnoky sagte mir heute, er sei sehr befriedigt von den Wir- 
kungen, welche mein Gespräch mit seinem Kaiserlichen Herrn ge- 
habt hätte. 

Seine Majestät hätten sich nunmehr die Notwendigkeit ganz klar 
gemacht, daß Gegenmaßnahmen gegen die russischen Rüstungen ge- 
troffen werden müßten, und wären darüber die ersten Vorbesprechungen 
heut unter dem Vorsitz des Kaisers gehalten worden. 

Auf meine Bitte, mir zu erklären, was Seine Majestät mit der An- 
regung des Gedankens gemeint habe, was unsererseits geschehen würde, 
wenn Österreich-Ungarn infolge seines geheimen Abkommens mit Eng- 
land und Italien in einen Krieg mit Rußland gezogen würde, und daß 
man sich hierüber verständigen müßte, erwiderte mir der Minister 
folgendes: 

* Identisch mit Randbemerkung 6. 
22 



Sein Kaiserlicher Herr sei durch das Nachdenken über dieses Ab- 
kommen dahin gebracht worden, sich Sorgen zu machen. Deutsch- 
land habe hier stets gewarnt: laßt Euch nicht in Kriege auf der Balkan- 
halbinsel ein, dann können wir Euch nicht helfen; nun sage sich der 
Kaiser, daß dieser Fall leicht eintreten könnte i, und daß er dann nicht 
umhin können werde, unserer Warnung entgegen den Degen zu ziehen-. 
Der Kaiser habe nur auf diesen Punkt hinweisen wollen, damit man bei 
uns seine eventuelle Handlungsweise sich erklären könne. 

Der Minister versicherte mir, er denke nicht daran, darüber in Be- 
sprechungen mit uns einzutreten s und etwa, wie ich dies aus den 
kaiserlichen Worten hätte verstehen können, durch ein neues Ab- 
kommen unser Vertragsverhältnis auszudehnen. Der casus foederis 
läge klar zutage^. 

Graf Kälnoky knüpfte hieran die Bemerkung, daß, wenn der Kaiser 
Franz Joseph davon gesprochen hätte, daß er seine Truppen nicht 
verzetteln wollte und in den Fall kommen sollte, seine VerpfHchtungen 
gegen England und Italien mit Bezug auf den Schutz der Türkei er- 
füllen zu müssen, dies allerdings hier in der Absicht liege. Die Dinge 
würden sich wahrscheinlich so gestalten, daß die drei verbündeten 
Mächte im Fall eines Angriffes Rußlands auf die Türkei zuerst eine 
Protestposition, begleitet von einer Flottendemonstration 3, Österreich 
und Italien mit einbegriffen, vor den Dardanellen einnehmen würden 3. 
Hierdurch würde die Türkei wohl zum Mittun bewogen werden, 
und eine Beteiligung österreichischer Landkräfte nicht in Frage 
kommen*. 

Es erscheine immer mehr unwahrscheinlich, daß Rußland in Varna 
landen würde. Ein Einbruch in Armenien sei, nach hiesigen Nach- 
richten über die geringe Stärke der kaukasischen Armee, auch nicht 
wahrscheinlich. Wollte daher Rußland in die Balkanhalbinsel einbrechen, 
so stehe dazu nur der Weg durch Rumänien zu Gebote. Hier würde 
sich Rumänien weigern und der casus foederis würde für Österreich 
Rumänien gegenüber eintreten, und auch Deutschland ^ angehen*. Aus 
allen diesen Gründen sei eine Entsendung österreichischer Truppen auf 
die Balkanhalbinsel nicht absolut nötig. 

Wenn nun von Besprechungen über diesen Fall nicht die Rede 
wäre, so würde es doch, wie der Kaiser es mir auch gesagt hätte, 
sehr erwünscht sein, über die militärischen Maßnahmen für den Fall 
des Eintretens des casus foederis zwischen Deutschland und 
Österreich uns rechtzeitig zu besprechen ß**. 

Der österreichische Generalstab ebenso wie der unsrige dürfe 
nicht durch die Ereignisse überrascht werden. Es kämen dabei, auch 
abgesehen von dem allgemeinen zu kombinierenden Operationsplan, 

* Vgl. Bd. III, Kap. XVII: Vertrag mit Rumänien 1883. 

** Vgl. das folgende Kapitel: Österreichisch-Deutsche Besprechungen über den 

casus foederis. 

23 



eine Menge Dinge in Betracht, wie Benutzung der Eisenbahnen ^ pp., 
die einer genauen Vorarbeit bedürften. Vielleicht wäre es nützlich, 
wenn diese Punkte vorläufig durch Oberstleutnant von Steininger* mit 
dem Chef unseres Generalstabs besprochen werden könnten 7, so daß 
es nur einer endgültigen geheimen persönlichen Besprechung der beider- 
seitigen Chefs an einem zu vereinbarenden Ort bedürfen würde. 

H. VII. P. Reuß 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck (zum Teil auf einer Abschrift) : ' 

1 Durchaus nicht leicht! wenn nicht Rußland Oestlerjreich angreift; dann aber liegt 
casus foederis vor; jedes andre „eintreten" wird nicht „leicht" sondern „leicht- 
sinnig" sein. 

2 dann zieht Er ihn auf alleinige Verantwortung; dafür haben wir Ihm It[alien] 
u[nd] Engl[an]d verschafft 

3 gut 

* ?? doch! falls Rußl[an]d nicht zurückzieht 

5 wir haben mit Rumänien mitunterschrieben, um die Rumänen zu ermuthigen 
daß sie sich an Oest 1er] reich anschließen; aber Truppen werden wir für die 
Frage nicht viel übrig haben, so lange Frankreich besteht! Wenn Oestter]reich 
mit Rum[änien] Bulg[arien] Italien, Pforte, England, Serbien zusammen noch 
froid aux yeux hat, so zeigt das schlechtes Gewissen. 

6 ja gut; ob er eintritt ist aber eine andre polit[ische] Frage. 
Ma 

Randbemerkung des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 

8 Der Kriegsminister sagte mir, die Oest[er]reicher würden bei ihrem eventuellen 
Aufmarsch in Westgalizien notwendig auf unsere oberschlesischen Bahnen rekur- 
rieren müssen. 

Bemerkung des Fürsten von Bismarck zur vorstehenden Bemerkung des Grafen 
Herbert von Bismarck: 

9 In casu foederis, natürlich. 

Nr. 1163 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. ia Friedrichsruh, 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Reinkonzept 

Nr. 6Q8 Friedrichsruh, den 15. Dezember 1887 

Geheim [abgegangen am 16. Dezember] 

Eurer Durchlaucht Telegramm Nr. 126 und Bericht Nr. 508 vom 
ll.d. Mts. habe ich erhalten. 

Eure Durchlaucht gehen danach scheinbar von der Voraussetzung 
aus, daß die militärischen Auffassungen des Generalstabes, welche 
Ihnen durch Erlaß Nr. 686** zur Orientierung und Belebung der öster- 
reichischen Militärs mitgeteilt wurden, für meine politische Auf- 



* österreichischer MiUtärattache in Berlin. 

** Durch Erlaß Nr. 686 vom 9. Dezember 1887 war dem Botschafter Prinzen Reuß 
zur vertraulichen Verwertung bei Graf Kälnoky eine ausführliche Denkschrift des 
Generalfeldmarschalls Grafen Moltke von „Ende November 1887" mitgeteilt 

24 



fassung maßgebend wären. Ich habe dabei nur die Absicht gehabt, 
die österreichische Armeeleitung durch das Feuer der unsrigen zu er- 
wärmen und nur mit wenigen Worten auf den Schluß hingewiesen, 
welchen der Chef des Generalstabes von seinem Standpunkte aus 
militärisch gezogen hat, um durch Eurer Durchlaucht Vermittelung 
die dortigen Militärs darüber zu informieren, wie unser Oeneralstab 
die Situation auffaßt. Wir sind kriegsbereiter als das österreichische 
Heer, und halte ich die im Erlaß Nr. 686 erwähnte Auffassung des 
Grafen Moltke bezüglich unseres militärischen Verhaltens für ver- 
früht; ich erinnere mich, daß unser Generalstab sowohl im Jahre 1867 
als auch im Laufe der 70 e"" Jahre bezügUch Frankreichs wiederholt ähn- 
liche aggressive Vorschläge vertreten hat, wie jetzt bezüglich Rußlands; 
wenn man auch in der Frage von Krieg und Frieden eine Sicherheit 
für die Zukunft nicht haben kann, so halte ich es doch durchaus nicht 
für angezeigt, Seiner Majestät dem Kaiser wegen der bisherigen russi- 
schen Rüstungen und Bedrohungen einen Angriffskrieg gegen f^ußland 
anzuraten. Solange ich Minister bin, werde ich meine Zustimmung 
zu einem prophylaktischen Angriffe auf Rußland nicht geben, und 
ich bin auch weit entfernt, Österreich zu einem solchen zu raten, so- 
lange es nicht der englischen Mitwirkung dabei absolut sicher ist. 
Wenn letztere einträte, so würde sich das ganze Bild der europäischen 
Lage wesentlich ändern. Durch die Überlegenheit der englisch-italie- 
nischen Flotte zur See würde die ganze italienische Armee frei zu 
Offensivzwecken und die Pforte wahrscheinlich mit fortgerissen werden 
zum Bruche mit Rußland. Ohne die bestimmte Aussicht auf Eng- 
lands Mitwirkung in einem Kriege gegen Rußland halte ich es für 
meine PfHcht, Österreich von jedem aggressiven Vorgehen gegen das 

worden. Die Denkschrift war betitelt „Die Entwickelung der Wehrkraft Ruß- 
lands seit 1878 unter besonderer Berücksichtigung seiner Rüstungen im laufenden 
Jahre 1887", und kam zu dem Ergebnis: „Nach vorstehendem unterliegt es 
keinem Zweifel, daß Rußland unmittelbar zum Kriege rüstet, und durch eine 
allmählich fortschreitende resp. ruckweise Mobilmachung den Aufmarsch seiner 
Armee vorbereitet." Daß Bismarck mit dieser Auffassung des Grafen Moltke 
nicht einverstanden war, lehren zwei Fragezeichen, die er zu dem Schlußsatz 
der Denkschrift machte. Noch deutlicher geht das aus Randbemerkungen Bis- 
marcks zu dem Erlaß vom 9. Dezember hervor. Ausdrücklich bezeichnet der Fürst 
darin den Schluß des Grafen Moltke, daß der Aufmarsch der russischen Armee 
begonnen habe, und daß der Angriff bevorstehe, als ,,meo voto verfrüht". Zu 
der daraus abgeleiteten, in der Denkschrift „von Ende November" allerdings nicht 
ausgesprochenen Folgerung Moltkes, daß Deutschland dem bevorstehenden russi- 
schen Angriff zuvorkommen müsse, heißt es am Rande: „Nicht meine Ansicht!" Die 
Tendenz des Erlasses vom 9. Dezember ging nach dessen Schlußpassus nicht 
etwa dahin, Österreich zu veranlassen, seinerseits gegen Rußland aggressiv vor- 
zugehen, sondern dahin, „daß Österreich nicht eine kostbare Zeit verliere, son- 
dern vielmehr diejenigen Maßregeln ergreift, welche sein Generalstab zur 
notdürftigen Sicherung der exponierten österreichischen Landesteile für ge- 
boten erachtet". In dieser Richtung hat die Denkschrift nach einer späteren Äuße- 
rung Bismarcks (vgl. Nr. 1362, S. 365) ihre Wirkung voll ausgeübt. 

25 



letztere abzuraten. — Wir werden, sobald casus foederis, d. h. ein russi- 
scher Angriff auf Österreich, vorliegt, nicht zögern, auch unsererseits 
den Krieg gegen Rußland mit allen Frankreich gegenüber entbehrhchen 
Kräften aufzunehmen; aber den Angriff auf Rußland werden wir 
weder selbst übernehmen, noch den casus foederis als vorhanden an- 
sehen, wenn Österreich ihn unternimmt. In der Voraussicht, daß letzteres 
durch Österreichs Balkanpoütik geboten erscheinen könne, haben wir 
uns mit Erfolg bemüht, Österreich zu ItaHen und England in nähere 
Beziehung zu bringen*. Sind diese für Graf Kälnoky so fest und zu- 
verlässig, daß Österreich sicher ist, beide Mächte, und dann auch die 
Pforte, aktiv und nicht bloß diplomatisch zur Seite zu haben, so würde 
ich als österreichischer Minister vielleicht auch den Waffengang wagen, 
ohne das aber nicht. Auf uns ist dabei, articulo foederis, nicht zu 
rechnen. Für uns Hegt ein Kriegsmotiv niemals in den Balkanfragen, 
sondern immer nur in dem Bedürfnis, die Unabhängigkeit Österreichs 
auch unsererseits zu vertreten, sobald sie durch Rußland bedroht wird. 
Österreich hat keine Pfhcht übernommen, bei französischen oder 
dänischen und andern Verwickelungen für uns einzutreten, und wir 
nicht für die außerhalb seiner Landesgrenze liegenden orientalischen 
Interessen Österreich-Ungarns. Das ist beiderseits festzuhalten. Der 
Unberechenbarkeit der russischen Politik gegenüber müssen wir beide 
gegen russischen Überfall stark gerüstet sein, aber an einem Angriff 
auf Rußland wollen wir uns nicht beteiligen, auch wenn unsere Militärs 
überzeugt sind, daß wir den Krieg heut unter günstigeren Verhält- 
nissen führen könnten wie später. 

Aus dem Schreiben des Majors von Deines, welches Eurer Durch- 
laucht an den Staatssekretär gerichtetem Privatbrief vom 9. er. bei- 
geschlossen war, habe ich den Eindruck gewonnen, daß Herr von Deines 
Neigung hat, den österreichischen Generalstab zu drängen, nicht bloß 
zu besserer Sicherstellung der Verteidigung, sondern darüber hinaus. 
Ich halte dies nicht für zweckmäßig; denn wenn wir von den Öster- 
reichern mehr verlangen, als sie zu leisten imstande sind, so werden sie 
zu nervöser Politik gedrängt werden und uns, wenn sie weiter gehen, 
wie uns erwünscht, sagen können, es sei auf unser Drängen geschehen, 
und wir deshalb verpflichtet, sie zu decken. Es Hegt in keiner Weise 
in unserem Interesse, wie Herr von Deines in seinem Briefe meint, 
daß die Österreicher Rußland jetzt oder später die Alternative stellen 
„Krieg oder Frieden"; der Angriff Rußlands muß abgewartet werden. 
Die Einziehung von Urlaubern ist gewiß richtig und auch weiter keine 
Provokation, aber es ist nicht unsere Aufgabe, die Stimmung, in welcher 
Feldmarschalleutnant von Beck nach dem Januar sein wird, und in 
der die Österreicher den Russen die Frage, ob Krieg oder Frieden, stellen 
wollen, in irgendeiner Weise zu fördern. — Als Belege angeblicher 



* Vgl. Bd. IV, Kap. XXVm. 
26 



Provokationen Österreichs werden die Russen eher offiziöse Zeitungs- 
artikel ansehen, welche, wie kürzHch ein communique des „Wiener 
Fremdenblatts", offen von österreichischen Vorbereitungen sprechen. 
Prophylaktische Maßnahmen, welche als Warnungen dienen sollen, 
pflegen weniger zu reizen, wenn sie stillschweigend angebahnt, als 
wenn sie öffenthch in Zeitungsartikeln angekündigt werden. — Sich 
mit der Kriegsbereitschaft zu rühmen und zu brüsten, ist immer bedenk- 
lich. Ich möchte glauben, daß es richtiger wäre, wenn die Österreicher 
nach russischem Vorgange in den Zeitungen sagen lassen, daß nichts 
geschehe, heimhch aber alles tun, was ihr Oeneralstab für nützUch 
hält. — Ein herausfordernder Zeitungsartikel nützt nichts und 
macht im Sinne der Provokation mehr Lärm als eine vorgeschobene 
Division. 

Um die jetzige klare Abgrenzung des casus foederis nicht zu ver- 
wischen, dürfen wir die Versuchung nicht verstärken, in der die Öster- 
reicher sich ohnehin befinden, die Situation auszunutzen, um die deutsche 
Heereskraft für ungarische oder katholische Ambitionen im Balkangebiet 
zu verbrauchen. Wir dürfen nicht vergessen, daß es in Österreich 
Aspirationen gibt, denen eine Verminderung der gegenwärtigen Stärke 
Deutschlands nicht unerwünscht sein würde. Wir müssen dahin wirken, 
daß Österreich sich stark macht, um von einem russischen Angriff nicht 
übergelaufen zu werden, und um uns in solchem Falle ein starker Bundes- 
genosse zu sein. Um Österreich stark zu machen, haben wir uns be- 
müht, ihm Itahens und womöglich auch Englands Unterstützung im 
Kriegsfall zu verschaffen. Aber auf eine Zusage unserer Unterstützung 
Österreichs im Falle des österreichischen Angriffs auf Rußland werde 
ich mich unter keinen Umständen einlassen. Wenn ich Seiner 
Majestät dazu raten wollte, so würden wir der österreichischen Politik 
eine Prämie auf das Händelsuchen setzen. 

Wenn der russische Krieg durch österreichischen Angriff auf Ruß- 
land entsteht, so ist für uns meines Erachtens nicht die Beteiligung 
an demselben, sondern der sofortige Angriff auf Frankreich indiziert, 
und unser Verhalten zum russischen Kriege von dem Erfolg unseres 
französischen Krieges abhängig zu machen*. Wir dürfen Öster- 
reich durchaus nicht zu aggressivem Vorgehen gegen- 
über Rußland ermutigen, nur zum Starksein in der De- 

* Aus diesem Satz kann natürlich nicht geschlossen werden, daß Fürst Bismarck 
Ende 1887 einen Angriffskrieg gegen Frankreich geplant habe. Wie die folgen- 
den Sätze des Textes ergeben, ist der Sinn ganz offenbar der, Österreich von 
einem Angriffskrieg gegen Rußland durch den Hinweis darauf abzuhalten, daß 
Deutschland in solchem Falle nicht etwa Österreich zu Hilfe eilen, auch nicht 
in drohender Haltung gegen Rußland Gewehr bei Fuß stehen bleiben werde, 
sondern dem unvermeidlichen Angriff Frankreichs zuvorkommen müsse. Tat- 
sächlich hat Bismarck durch diesen eindringlichen Hinweis auf die eventuelle 
Notwendigkeit, die deutschen Kräfte einseitig nach Westen zu werfen, den Aus- 
bruch des österreichisch-russischen Konflikts verhindert und den schwerbedrohten 

27 



fensive. Ob die österreichische Armee irrtümlich glaubt, daß wir ein 
Schutz- und Trutzbündnis für alle Fälle hätten, ist für unsere Politik 
ganz gleichgültig; wir können nur beklagen, daß das Wiener Kabinett 
nicht wenigstens die amtlichen Kreise in Zivil und Mihtär über diesen 
Irrtum aufklärt. 

Es empfiehlt sich, dem bei jeder Gelegenheit zu widersprechen 
und hervorzuheben, daß wir in einem deutsch-französischen Kriege 
kein vertragsmäßiges Recht auf Österreichs Unterstützung haben, son- 
dern nur in einem russischen, und daß die Ausdehnung unseres Bünd- 
nisses auf jeden Angriff, auch auf den französischen, nicht von uns, 
sondern von Österreich abgelehnt worden ist. 

Erwünscht ist uns der Krieg unter keinen Umständen. Zu allen 
übrigen Gründen dagegen kommt die Rücksicht auf die Jahre Seiner 
Majestät des Kaisers und die Gesundheit Seiner Kaiserlichen Hoheit 
des Kronprinzen. 

Euere Durchlaucht wollen die vorstehenden Ausführungen als für 
Ihre persönliche Orientierung bestimmt ansehen. 

v. Bismarck 

Nr. 1164 

Aufzeichnung des Vortragenden Rats im Auswärtigen Amt Grafen 
zu Rantzau, z. Z. in Friedrichsruh 

Eigenhändig 

Friedrichsruh, den 15. Dezember 1887 
Seine Durchlaucht bittet, dem Prinzen Reuß in Anknüpfung an 
das dem Auswärtigen Amte heute mitgeteilte Telegramm Nr. 2* nach 
Wien zu schreiben, er möchte dem Major von Deines sagen, solche 
Besprechungen, wie derselbe sie mit dem Kaiser von Österreich gehabt 
hätte, überschritten nach seiner, des Herrn Reichskanzlers, Ansicht 
die Grenze zwischen den pohtischen und militärischen Erwägungen. 
Die ersteren müßte der Herr Reichskanzler sich ausschließlich vor- 
behalten und namentlich auch die Beurteilung des Einflusses, der 
dem militärischen Urteile auf politische Entschließungen beizulegen 
sei. Die direkten Verhandlungen über die Politik beider Länder wären 
zwischen ihren auswärtigen Ämtern und nicht zwischen ihren beiden 
Generalstäben zu führen. In der Unterredung, welche Major von Deines 

Weltfrieden erhalten. Vgl. auch Nr. 1185. Umgekehrt hat Frankreich keinen 
Zweifel daran gelassen, daß es zum Angriff auf Deutschland schreiten werde, 
sobald dieses anderweitig stark engagiert sei. Das wird bekräftigt durch das Zeug- 
nis des Botschafters Mohrenheim, mitgeteilt bei S. Goriainow, The End of the 
Alliance of the Emperors in The American Historical Review Vol. XXIII Nr. 2, 
p. 331. 

* Siehe Nr. 1165. 
28 



1967( 



mit dem Kaiser Franz Joseph gehabt hätte, läge nach Seiner Durch- 
laucht Eindrücken eine Aufforderung und ein Treiben Österreichs zum 
Angriffskrieg gegen Rußland. Der Herr Reichskanzler teilte die in 
dem Generalstabsgutachten ausgesprochene Ansicht von der ünvermeid- 
lichkeit des Krieges nicht; und wenn dieselbe richtig wäre, so würde 
Seine Durchlaucht auch darin kein Motiv finden, einen Krieg heute zu 
beginnen aus keinem anderen Grunde, als weil mit großer Wahrschein- 
lichkeit anzunehmen wäre, daß er später stattfinden werde, pp. 

Dem Prinzen Reuß bittet der Herr Reichskanzler noch vertrau- 
lich zu schreiben, er würde, wenn dergleichen sich wiederholte, eine 
andere Besetzung der Stelle des Militärattaches verlangen. Der Herr 
Botschafter hätte den Militärbericht mit dem Vermerk der Kenntnis- 
nahme versehen; der Herr Reichskanzler hätte gewünscht, daß Prinz 
Reuß den politischen Druck, welchen Major von Deines auf den Kaiser 
Franz Joseph geübt hätte, sofort selbst rektifiziert hätte. Das Gut- 
achten des Generalstabes wäre nur zu dem Zwecke mitgeteilt worden, 
Österreich zu bestimmen, daß es sich defensiv auf die Möglichkeit eines 
Angriffes vorbereite, aber keineswegs, um den unsererseits nach aller 
Möglichkeit zu vermeidenden Kriegsfall herbeizuführen oder zu be- 
schleunigen. In Österreich selbst würde durch dieses übertriebene 
Drängen und Treiben unsere Stellung geschädigt, wie schon aus der 
Möglichkeit solcher Artikel, wie des der „Neuen Freien Presse'', er- 
sichtlich wäre. Wenn auch diesem Artikel französisches Geld und fran- 
zösische Tendenz, in Österreich gegen uns zu hetzen, zugrunde liegen 
möge, so würde doch die österreichische Regierung mit einer Be- 
richtigung schneller bei der Hand gewesen sein, wenn sie nicht selbst, 
mit Recht oder mit Unrecht, sich durch die Art von Bevormundung 
verstimmt gefühlt hätte. 

C. Rantzau 



Nr. 1165 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. in Fried ichsruh, 

an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Telegramm. Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen zu Rantzau 

Nr. 2 Friedrichsruh, den 15. Dezember 1887 

Militärbericht Nr. 88 vom 13. d. Mts. erhalten. 

Die Befürwortung des Winterfeldzuges, also Herbeiführung des 
Krieges, widerspricht unserer Politik direkt und vollständig, und er- 
suche ich den Herrn Militärattache, sich ähnlicher politischer Ein- 
wirkungen auf den Kaiser von Österreich zu enthalten, solange nicht 
eine von mir ausgehende Instruktion dafür vorliegt. 

V. Bismarck 

29 



Nr. 1166 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Entzifferung (Umstellung) 

Nr. 416 St. Petersburg, den 14. Dezember 1887 

Mein österreichischer Kollege sagt mir, daß Herr von Qiers sich 
heute ihm gegenüber in versöhnhchem Sinne ausgesprochen habe. Der 
Minister betonte, daß die russischen Militärmaßnahmen einen rein 
defensiven Charakter trügen, und fügte die Behauptung hinzu, es ständen 
jetzt weniger Truppen in Russisch-Polen, als zur Zeit Kaiser Nikolaus' 
und Alexanders II. Hinsichtlich der poütischen Beziehungen zwischen 
Rußland und Österreich hat Herr von Giers bemerkt, daß die bezüglich 
Bulgariens zwischen diesen beiden Mächten herrschende Meinungs- 
verschiedenheit noch keinen Grund zu ernstlichen Zerwürfnissen dar- 
stelle. An der Donau bestände überhaupt keine wirkliche Kriegsgefahr; 
der unversöhnbare Gegensatz zwischen Deutschland und Frankreich 
sei nach seiner Ansicht bedenklicher. 

Meines gehorsamsten Erachtens ist die letztere Bemerkung des 
Ministers um so befremdlicher, als die friedüch gestimmte Botschaft 
des Präsidenten der französischen RepubHk heute hier bekannt wurde. 

Die entgegenkommende Haltung des Herrn von Qiers hat Graf 
Beust ebenso überrascht, als erfreut. Auch dem Grafen Wolkenstein 
gegenüber, welcher aus Gesundheitsrücksichten seit 5 Wochen sich 
von den Geschäften fernhält, und den er gestern besuchte, führte der 
russische Minister eine versöhnliche Sprache, indem er bezüglich des 
Verhältnisses Rußlands zu Österreich äußerte: „Nous aurons peut- 
etre une paix desagreable, mais nous aurons la paix." 

Bülow. 



Nr. 1167 
Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an das Aus- 
wärtige Amt 

Telegramm, Entzifferung 
Nr. 186 St. Petersburg, den 15. Dezember 1887 

Der „Russische Invalide", das Organ des Kriegsministeriums, bringt 
heute eine offenbar amtliche Auslassung i, in welcher unter Hinweis 
auf die angeblichen Kriegsvorbereitungen Deutschlands und Österreichs 
die Fortsetzung der begonnenen russischen „Gegenmaßregel" als not- 
wendig bezeichnet wird. Der „Invalide" erklärt eine Vermehrung des 
russischen Eisenbahnnetzes im Grenzgebiet für zu kostspielig und lang- 

30 



wierig, dagegen Verstärkung der Kriegsbereitschaft der Festungen und 
Vermehrung der Truppen an Grenze für geboten. 

Bülow 

Bemerkung des Fürsten von Bismarck am Kopf des Schriftstücks: 

System der Fälschung; die russ[ische] Presse ufndj Deroulede-Demonstration* 
Hefern Commentare zu den Aufstellungen u[nd] ihrer aggressiven Tendenz 
Randbemerkung des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 
1 Von Wolffs Bureau gebracht, wahrscheinlich von Obrutschew redigiert, wie 
ich vermute, auf eine Anfrage des Zaren, um diesen über die Wahrlieit zu 
täuschen. Die ursächhchen und tatsächlichen Fälschungen sind ziemlich grob. 
Ich werde sachliche Zusammenstellung des Generalstabs erbitten und 
vorlegen. 



Nr. 1168 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 431 St. Petersburg, den 17. Dezember 1887 

Die russische Diplomatie scheint die Taktik zu verfolgen, gegen- 
über der hiesigen österreichischen Vertretung immer dann freundliche 
Saiten aufzuziehen, wenn die russische Heeresverwaltung einen Schritt 
vorwärts zu machen wünscht. Unmittelbar bevor die 13. Kavallerie- 
division von Moskau nach Lublin verlegt wurde, erfreute Herr von Giers 
den Grafen Wolkenstein durch die Versicherung, daß die schönen 
Tage von Kremsier** wiederkehren würden, da die dort zum Ausdruck 
gelangte Politik die einzig mögliche sei. Diesmal versicherte der russi- 
sche Minister des Äußern unmittelbar vor der Kundgebung des „In- 
validen" dem österreichisch-ungarischen Botschafter, wie dem Grafen 
Beust, daß zwischen Österreich und Rußland keine ernstlichen Ver- 
wickelungen zu befürchten wären. 

Über den Artikel des ,, Invaliden"*** wird mir von verschiedenen 
Seiten übereinstimmend erzählt, daß derselbe der Auszug aus einem 
größeren Promemoria sei, welches General Kuropatkin im Auftrage 
des Generals Obrutschew redigiert und Kriegsminister Wannowsky dem 
Kaiser vorgetragen habe. General Kuropatkin war bekanntlich Stabs- 
chef und intimer Freund des Generals Skobelew; er gilt der Armee 
und der „Intelligenzia" für dessen Erben ; er ist zweifellos ein durch 
Geist und Charakter gleich hervorragender Offizier. Von allen Seiten 



* Vgl. Bd. V, Nr. 1117, S. 294, Fußnote **. 

** In Kremsier hatte am 25. August 1885 eine Entrevue zwischen Kaiser Franz 

Joseph und dem Zaren stattgefunden. 

*** Vgl. Nr. 1167. 

31 



höre ich, daß der Einfluß des Generals Obrutschevv gegenwärtig im 
Kriegsministerium vollständig dominiere. Da jedoch der General per- 
sönlich dem Kaiser höchst unsympathisch ist, so übernimmt es der 
Kriegsminister, die Ideen des Chefs des Generalstabs Seiner Majestät 
mundgerecht zu machen. „Wannowsky est un vrai patriote," äußerte 
eine mir befreundete russische Dame, „il reconnait la superiorite 
d'Obroutchevv et s'y soumet, sa täche consiste uniquement ä faire 
accepter par l'Empereur les plans d'Obroutchevv, il est tres habile pour 
cela, il possede la note honnete, naive, un peu bebete, qui plait ä 
Sa Majeste." Ich fand Gelegenheit zu beobachten, daß Herr von Oiers 
neuerdings mit dem Kriegsministerium und dem Generalstabe mehr 
Fühlung hat als früher. 

Die Auslassung des „Invaliden" verfolgt meines gehorsamsten Er- 
achtens mehr wie einen Zweck: Zunächst ist dieselbe in usum Caesaris 
verfaßt; demnächst soll das russische Publikum davon überzeugt werden, 
daß die Schuld an der gegenwärtigen Spannung und eventuell am 
Kriege die deutschen Mächte treffe, nicht Rußland; endlich soll der 
Armee gezeigt werden, daß Rußland sich nicht fürchte. Diese Absichten 
des Artikels sind hier erreicht worden: Kaiser Alexander hat sich mit 
der vom „Invaliden" dargelegten Auffassung durchaus einverstanden 
erklärt. In der hiesigen Gesellschaft begegne ich allgemein der An- 
sicht, daß nach der Enunziation des „Invaliden" an dem guten Rechte 
Rußlands nicht mehr zu zweifeln sei. Die militärischen Kreise scheinen 
befriedigt darüber, daß Rußland hinsichtlich der von ihm für notwendig 
erachteten Militärmaßnahmen niemandem Rechenschaft ablegen wolle. 
Die Sophismen, mit welchen der „Invalide" das Kräfteverhältnis 
zwischen Rußland und den deutschen Mächten zu verdrehen, die 
hier geplanten Truppenvorschiebungen zu verschleiern sucht, er- 
regen allerdings bei aufrichtigeren russischen Militärs einige Heiter- 
keit. Sofort nach dem Erscheinen des „Invahden"-Artikels wurde dem- 
selben von hiesigen Offizieren prima vista nachgerechnet, daß bei 
Aufzählung der russischen Grenztruppen 80000 Mann „vergessen" 
worden wären. 

Die schärfste Kritik, welche ich über die Auslassung des „In- 
validen" vernahm, rührte eigentümlicherweise von Herrn von Saburow 
her. Derselbe meinte, es sei ein höchst bedenkliches Symptom, daß 
jetzt die russische Militärverwaltung statt des Ministeriums des Äußern 
das Wort führe, Herr von Giers hätte es nicht so weit kommen lassen 
dürfen. „De cette maniere nous aurons la guerre au printemps." Auch 
die Form, des „Invaliden"-Artikels tadelte Herr von Saburow: Be- 
merkungen wie die von den „billigen Lorbeeren", welche die deutschen 
Mächte in Polen zu holen hofften, und die ironische Anwendung des 
Wortes „Friedensliga", welches im russischen Text noch dazu gesperrt 
gedruckt wurde, gehörten in den „Grashdanin", nicht in ein amt- 
liches Manifest. Herr von Saburow scheint zu glauben, daß der gegen- 

32 



wärtige Moment für Rußland nicht opportun zum Losschlagen sei. Wie 
mancher unserer hiesigen Gegner wünscht auch er, daß Rußland sich 
in der Hinterhand halte, bis Deutschland mit Frankreich engagiert sei. 
Dagegen sind allerdings viele Militärs — namentlich wegen der An- 
nahme, daß gegenwärtig nicht nur Österreich mit drei Gewehrkalibern 
ins Feld rücken würde, sondern auch das neue deutsche Gewehr sich 
nicht bewährt habe — der Ansicht, Rußland sollte die Gelegenheit 
beim Schopf ergreifen und im Frühjahr losgehen. In diesem Sinne 
sprach sich erst kürzlich General Wannowsky gegenüber der Gräfin 
Kreutz aus. 

Der „Russische Invalide" stellte Deutschland und Österreich als 
Gegner Rußlands auf eine Linie. Bis dahin hatte sich die russische 
Presse vorzugsweise mit Österreich beschäftigt. Auf die Proteste der 
österreichischen Blätter gegen die russischen Militärmaßnahmen ant- 
wortete die russische Presse zunächst mit ruhigem Selbstbewußtsein, 
neben welchem sich die Angstschreie mancher österreichischen Blätter, 
insbesondere der „Neuen Freien Presse", seltsam ausnahmen. Es konnte 
hier nicht unbemerkt bleiben, welche Furcht in Österreich, und nicht 
allein bei den Slawen, vor einem Zusammenstoße mit Rußland zu be- 
stehen scheint. Einige russische Blätter hielten infolgedessen Öster- 
reich für genügend intimidiert und begannen demselben Avancen zu 
machen, die zeigten, wie gern man hier Österreich von Deutschland 
trennen möchte. Der „Grashdanin" frug, warum „das arme, ganz 
unschuldige Österreich" durch deutsche Tücke in den Krieg mit Ruß- 
land hineingehetzt werden solle, und drückte seine Verwunderung dar- 
über aus, daß das Haus Habsburg einerseits die Dienste Rußlands 
im Jahre 1848, andererseits Königgrätz vergessen habe. Unter An- 
spielung auf den jüngst den hiesigen Blättern erteilten Wink, sich 
Deutschland gegenüber einer vorsichtigen Sprache zu befleißigen, meinte 
die „Nowoje Wremja": hinsichtlich Österreich-Ungarns sei die russi- 
sche Presse frei und dürfe in dieser Richtung ihre Meinung offen aus- 
sprechen; trotzdem wäre gegenüber diesem Nachbar in Rußland von 
Chauvinismus nichts zu spüren. 

Der österreichische Militärbevollmächtigte Oberst Klepsch sagte 
mir vor einigen Tagen, daß es seiner Ansicht nach noch kein sicherer 
Beleg für die friedlichen Absichten Rußlands sein würde, wenn der in 
den hiesigen miütärischen Maßregeln gegenwärtig eingetretene Still- 
stand auch noch ein bis zwei Monate anhalten i sollte. Selbst wenn die 
russische Armeeleitung entschlossen wäre, den Kampf mit den deut- 
schen Mächten im nächsten Jahre auszufechten, so würde dieselbe mit 
den eigentlichen Rüstungen kaum vor Mitte Februar beginnen, da eben 
erst um jene Zeit Russisch-Polen, Wolhynien und Podolien für sechs 
bis acht Wochen durch das Tauwetter ziemlich unangreifbar würden. 

B. von Bülow 

3 Die Große Politik. 6. Bd. 33 



Nr. 1169 
Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an ?* 

Privatbrief. Unsignierter Auszug in Abschrift 

St. Petersburg, den 18. Dezember 1887 

Der Kaiser soll sich namentlich über Österreich und österreichische 
Zustände seltsame Illusionen machen. Wie er seinerzeit überzeugt 
war, daß Kaulbars in Bulgarien nur in seinem Namen zu sprechen 
brauche, damit alles Volk vor Rußland auf die Knie falle, so glaubt 
er jetzt, die österreichischen Slawen wären ihm ergeben und sehnten 
sich nach russischer Kirche und russischer Knute, als ob sie treu- 
untertänige Moskowiter wären. Unter solchen Umständen ist es begreif- 
lich, wenn der Zar auch die Obrutschevvschen Lügen glaubt, welche 
ihm Wannowsky vorträgt. 



Nr. 1170 
Aufzeichnung des Österreich -ungarischen Ministers des Äußern 

Grafen Kälnoky 

Unsignierte und undatierte Abschrift nach dem vom Österreich-ungarischen Bot- 
schafter in BerUn Grafen Szechenyi am 30. Dezember 1887 vorgelegten Original 

Am 18. d. Mts. kam der russische Botschafter zu mir, und nach 
einem Austausch von Erläuterungen der miUtärischen Situation in Polen, 
deren inoffensiven Charakter er aufrechtzuhalten versuchte, erklärte 
er mir in formeller Weise im Namen der russischen Regierung und 
mit Zustimmung des Kaisers, daß Rußland keinerlei Absicht habe, 
Krieg zu machen, und noch weniger die, Österreich-Ungarn anzugreifen; 
daß die Verschiebung der Truppen nicht im Widerspruche mit den 
vollkommen friedlichen Absichten des Kaisers stehe, und daß niemand 
in Rußland den Krieg wünsche, dessen Opfer enorme sein würden, und 
für welchen kein Grund vorhanden sei. 

Man denke nicht daran, auch nur einen einzigen Tropfen Blutes 
für Bulgarien zu vergießen; diese Frage würde ihre friedliche Lösung 
finden, und Rußland habe nicht die Absicht, aus der Reserve und Ent- 
haltung herauszutreten, die es sich in dieser Beziehung vorgezeichnet 
habe. 

Ich erwiderte dem Fürsten Lobanow, daß ich mit Befriedigung 
von dieser Erklärung Akt nehme und nicht verfehlen würde. Seiner 
Majestät dem Kaiser dieselbe zur Kenntnis zu bringen, daß ich ihm 
übrigens sofort sagen könne, daß von unserem allergnädigsten Herrn 
und allerhöchstseiner Regierung ganz entschieden dieselben Erklärun- 

* Der Adressat des Briefes ist nicht sicher zu ermitteln. 
34 



gen über die ausschließlich friedlichen Intentionen unserer Politik, 
an welchen übrigens hier niemand zweifle, abgegeben werden können. 
Nicht um anzugreifen, sondern weil Rußland uns durch seine 
ungeheuren Rüstungen in Polen dazu zwinge, hätten wir, für die 
Sicherheit unserer Grenzen besorgt, die notwendigen militärischen Vor- 
kehrungen einleiten müssen, bei denen wir übrigens alles vermeiden 
wollen, dem ein aggressiver oder provokatorischer Charakter zu- 
geschrieben werden könnte. Aus letzterer Rücksicht hätten wir trotz 
der kolossalen russischen Truppenvermehrungen bisher nicht die Ab- 
sicht, neue Truppenkörper nach Galizien zu dislozieren, und be- 
schränken uns vorläufig auf solche Maßregeln, welche die Sicherung 
Galiziens gegen ein offensives Vorgehen Rußlands zum Zwecke haben. 
Hierauf entspann sich ein längeres, mehr akademisches Gespräch 
über die politische und militärische Lage, worin ich unter anderem 
auseinandersetzte, wie verletzend die letzten offiziösen Artikel, welche 
uns und Deutschland verdächtigen, heimtückisch den Angriff auf Ruß- 
land vorzubereiten, hier gewirkt hätten, und wie wenig Wert ähnliche 
Versicherungen hätten, wie wir sie soeben ausgewechselt haben, wenn 
denselben keine praktische Folge gegeben werde. 

Am 22. d. Mts. kam Fürst Lobanow abermals zu mir, um mir zu 
sagen, daß er nicht verfehlt habe, seiner Regierung unsere vorerwähnte 
Unterredung einzuberichten, und daß er durch ein Telegramm aus 
St. Petersburg beauftragt worden sei, mir die große Befriedigung aus- 
zudrücken, mit welcher man dort von meinen Erklärungen Kenntnis 
genommen habe, und mir zu sagen, daß der Kaiser ausdrücklich alles 
bestätigt habe, was Fürst Lobanow in unserer letzten Unterredung 
mir zu erklären den Auftrag gehabt hatte. 

Ich antwortete dem Herrn Botschafter, daß, wenn er nicht zu 
mir gekommen wäre, ich noch am selben Tage ihn aufgesucht haben 
würde, um ihm mitzuteilen, daß Seine Majestät der Kaiser mich be- 
auftragt habe, ihn zu bitten, in Erwiderung seiner letzten Erklärungen 
bezüglich der friedlichen und keineswegs aggressiven Absichten Ruß- 
lands zur Kenntnis des Kaisers Alexander die formelle Versicherung 
zu bringen, daß Seine Majestät, den Gefühlen getreu, welche bei der 
Zusammenkunft in Kremsier vorgewaltet haben, niemals daran ge- 
dacht habe, den Krieg gegen Rußland sei es vorzubereiten oder zu 
machen, daß aber die unbestreitbare Tatsache der enormen militäri- 
schen Vorbereitungen in Polen seiner Regierung die Pflicht auferlegt 
habe, ernstliche Maßregeln zu ergreifen, um die bedrohte Sicherheit 
des Reiches zu schützen. 

Ich fügte hinzu, daß es Seine Majestät schmerzlich berührt habe 
zu sehen, daß die letzten offiziösen Auslassungen der russischen Re- 
gierung es wagten, Österreich-Ungarn anzuklagen, daß es de mauvaise 
foi sei und mit seinen Alliierten einen Angriffskrieg gegen Rußland 
vorbereite. 

3» 35 



Nachdem ich von diesem Austausch friedlicher Erklärungen Akt 
genommen hatte, stellte ich dem Fürsten Lobanow folgende Frage: 
Nachdem wir nun von allerhöchstunseren Souveränen persönlich 
wissen, daß weder der eine noch der andere den Krieg wünsche oder 
denselben beginnen wolle (woran übrigens weder ich noch Sie jemals 
gezweifelt haben), frage ich Sie, in was diese wichtigen Erklärungen 
die drohende Lage, in der wir uns befinden, irgendwie ändern? Können 
Sie mir irgendeinen Unterschied in unserer gegenseitigen Stellung vor 
diesen Erklärungen und nach denselben angeben? — 

Ich kam darauf zurück, daß letztere wertlos seien, wenn denselben 
nicht eine greifbare praktische Folge gegeben werde. Fürst Lobanow 
sah dies ein und versuchte mich zu einem Vorschlag meinerseits in 
dieser Richtung zu veranlassen. Ich lehnte dies ab und sagte: Ich 
sehe nicht ein, was wir tun könnten, um der gespannten Situa- 
tion ein Ende zu machen. Die Lösung liege in Petersburg, unser 
Truppenstand in Galizien sei ein normaler, es haben weder außer- 
ordentliche Truppenbewegungen noch außerordentliche Rüstungen an 
der Grenze stattgefunden, ich wüßte daher nicht, auf welche Weise 
unsererseits in dieser Frage Abhilfe geschaffen werden könne. Läge 
eine poHtische Streitfrage vor, so wäre es wahrscheinlich leichter, eine 
Lösung zu finden. Von der bulgarischen Frage behaupte ja die russi- 
sche Regierung ausdrücklich, daß sie eine sekundäre Frage sei, wegen 
der sie keinenfalls den Krieg machen wolle. Es liege also kein Streit- 
objekt vor, welches greifbar wäre, und doch würden täglich in den 
russischen Zeitungen die Leidenschaften gegen uns und Deutschland 
losgelassen und Krieg und Rache gepredigt. 

Meine Konklusion war, wenn man Beruhigung und Beilegung 
der jetzigen Krise wolle, so könne dies nur von Petersburg 
aus geschehen. 



Nr. 1171 

Der Chef des Generalstabes Ceneralfeldmarschall Graf von Moltke 
an den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 166 Berlin, den 31. Dezember 1887 

Geheim 

Euer Durchlaucht beehre ich mich, unter Bezugnahme auf die mit 
dem Herrn Staatssekretär des Auswärtigen Amtes gehabte Unterredung*, 
angeschlossen die gewünschte vergleichende Zusammenstellung der 

* Vgl. die Randbemerkung des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck zu 
Nr. 1167. 

36 



tatsächlichen Friedensstärken in den Grenzgebieten Deutschlands und 
Rußlands ganz ergebenst zu übersenden. 

Betreffs der im Schreiben des Herrn Staatssekretärs vom 20. d. Mts. 
erwähnten Behauptung des Herrn von Giers, daß die Gesamtzahl der 
russischen Truppen in Polen heute geringer sei als zur Zeit der Kaiser 
Nikolaus und Alexander II.*, haben inzwischen eingehende Ermitte- 
lungen in den Akten des Generalstabes stattgefunden. Die Ergebnisse 
dieser Nachforschungen beweisen, daß die Behauptung des Herrn von 
Giers durchaus unzutreffend ist: Während der heutige Friedens- 
stand der in den Militärbezirken Wilna, Warschau und Kiew be- 
findUchen Truppen rund gerechnet mindestens 300000 Köpfe beträgt, 
haben daselbst zu Zeiten des polnischen Aufstandes 1831 und des 
Krimkrieges zu Ende 1855 auf Kriegsfuß nicht mehr wie 200 000 
Mann gestanden, in den Friedensjahren bleiben die Truppenstärken 
dagegen weit unter den genannten Zahlen. 

Gr. Moltke 



Nr. 1172 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Entzifferung 

Nr. 445 St. Petersburg, den 2Q. Dezember 1887 

Fürst Lobanow, welcher vor acht Tagen beruhigende Erklärungen 
in Wien gegeben** und empfangen hatte, meldete gestern, daß be- 
deutende Truppenbewegungen in der Richtung nach Galizien statt- 
finden. „Zum ersten Male," sagte Herr von Giers, „ist der Bot- 
schafter selbst alarmiert, es geht dort etwas vor; der Kriegsminister 
Wannowsky hat dem Kaiser einen ganzen Stoß von Nachrichten über 
österreichische Rüstungen zugeschickt; Seine Majestät hat mir gesagt: 
»Sprechen Sie mit dem General von Schweinitz darüber.*" 

Ich antwortete, daß ich von österreichischen Rüstungen nichts 
wisse; wenn solche stattfänden, so seien sie jedenfalls nur für die 
eigene Sicherung bemessen; eines aber wisse ich gewiß, nämlich daß 
Österreich-Ungarn Rußland nicht angreifen wird, denn wenn es dies 
tut, steht es allein, während es, von Rußland angegriffen, unserer Hilfe 
sicher ist. 

Herr von Giers sagte : „Ici, chez nous le sentiment predomine, que 
nous serons attaquesi au printemps."^ 



Vgl Nr. 1166. 
' Vgl. Nr. 1170. 



37 



Der Minister sprach über die bedenklichen gestern und heute an 
den Tag getretenen Erscheinungen; er hat viele alarmierende an hiesige 
Zeitungen gerichtete Telegramme als Zensor zurückgehalten ; eines 
derselben, aus Varna datiert, laute: „Herr von Radovvitz hat erklärt, 
daß Deutschland im bevorstehenden Kriege auf Seiten Österreichs stehen 
wird." Der Minister fügte hinzu: „Dies alles geht von derselben bul- 
garischen Lügenoffizin aus; seit man weiß, daß der Kaiser die Fäl- 
schungen dem Fürsten von Bismarck mitteilt*, schickt man uns nichts 
mehr, sondern versucht es mit Zeitungskorrespondenzen und Tele- 
grammen." 

Herr von Giers schloß: „Ich habe an Fürst Lobanow telegraphiert, 
er solle sich nach dem militärischen Sachverhalt erkundigen unter 
ausdrücklicher Betonung, daß dies nicht als Interpellation zu betrachten 
sei; Kaiser Alexander vertraue auf das Wort des Kaisers Franz Joseph." 

von Schweinitz 



Randbemerkungen des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 

1 Unaufrichtig! 

* respondeatur zur Mitteilung: wir glaubten nicht, daß Giers das sentiment 
wirklich hat. Seine Durchlaucht glaubt an Möglichkeit nur dann, wenn 
Österreich uns oder England dabei im Bunde hätte. Letzteres sehr unwahr- 
scheinlich, und von uns bekannt, daß wir Angriffskrieg nicht mitmachten. Daß 
Österreicher möglicherweise ihre cadres verstärken, gegenüber den wachsenden 
russischen Truppenverstärkungen nicht zu verwundern. Wir hätten aber ge- 
naue Nachrichten, und darnach hätten sie keinen einzigen cadre gerührt. 
Österreich ist friedlich, und wir werden reden zum Frieden, falls dort etwa 
jemals agressive Tendenzen zu Tage treten sollten. 



Nr. 1173 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 447 St. Petersburg, den 29. Dezember 1887 

Vertraulich 

pp. Diese Stimmung, oder vielmehr die allgemeine, bei hoch und 
niedrig vorherrschende Überzeugung, welcher ich bei meiner Rück- 
kehr nach St. Petersburg** begegnete, war, daß wir Österreich-Ungarn 
zum Kriege mit Rußland trieben i. Diese ebenso falsche wie allgemein 
verbreitete Meinung ist nicht nur durch die systematischen Verleum- 
dungen der europäischen Kriegspartei, nicht nur durch Artikel deut- 

* Vgl. Bd. V, Kap. XXXVI, Anhang B. 

** Botschafter von Schweinitz hatte im Dezember 1887 auf Urlaub in Deutschland 
geweilt; am 15. Dezember stattete er dem Fürsten Bismarck einen Besuch in 
Friedrichsruh ab. 

38 



scher Zeitungen hier bestärkt worden, sondern auch durch vertrauliche 
Mitteilungen aus Wien 2. 

Die Neigung, sich zu verständigen, um uns allein zu lassen, darf 
nach meinem ehrerbietigen Dafürhalten in Rußland bei wenigen, in 
Österreich bei vielen ^ als vorhanden angenommen werden; es drängt 
sich also die Frage auf, ob eine solche Verständigung möglich ist*. 

Die russische Regierung hat uns Beweise geliefert, daß sie, um 
den nationalen Leidenschaften zu schmeicheln, ökonomische Interessen 
zu opfern fähig ist; sie würde wohl wenig Bedenken tragen, politische 
Konzessionen zu machen, um einen unserer Bundesgenossen von uns 
zu trennen; sie würde Österreich gegenüber um so bereitwilliger ^ 
zu temporären Zugeständnissen^ sein, als sie dessen Zerfall mit Zu- 
versicht^ erwartet, sobald wir es nicht mehr stützen können. Wenn 
nun unter dem Eindrucke der Kriegsfurcht, des „cimbrischen Schreckens", 
wie er unlängst in Wien zutage trat, die dortige Staatsleitung in slavvo- 
phile^ und ultramontane Hände geriete'^, so wäre es wohl denkbar, 
daß man trotz Polen und Magyaren schon vor Solferino nach Villa- 
franca ginge. 

Zwischen Österreich-Ungarn und Rußland, zwischen der katho- 
hschen und der orthodoxen Slawenwelt bestehen aber Gegensätze, 
welche in den letzten Jahren so schroff geworden sind, daß sie weder 
durch gemeinsamen Haß gegen das Deutschtum noch durch diplo- 
matische Arrangements, selbst nicht durch wechselseitige Kompen- 
sationen auf Kosten eines dritten ausgeglichen werden können. Die 
territorialen Fragen ließen sich vielleicht auf solche Weise lösen, die 
nationalen Aspirationen sich versöhnen s, aber das Zusammenwirken 
konfessioneller Rivaütäten mit den nationalen und den politischen läßt 
friedlichen Ausgleich fast unmöglich erscheinen 8. 

Die abendländische Kirche ist aggressiv in den ruthenischen und 
in den südslawischen Ländern; die morgenländische ist es im öst- 
Hchen Galizien und in Böhmen 9; auch wohl bei den Slowenen; sie 
ist arm an geistigen Kräften, schwach durch Mangel an Disziplin, 
arm auch an materiellen Mitteln trotz russischer Unterstützung. Un- 
fähig, mit ihrer ungebildeten Geistlichkeit den Kampf gegen den über- 
legenen katholischen Klerus siegreich zu bestehen, sucht sie die Staats- 
gewalt in diesen Kampf hineinzuziehen, und bei der gegenwärtigen 
Zerfahrenheit der russischen Staatsleitung fehlt es hierzu weder an 
Mitteln noch an Aussicht auf Erfolg. 

Wenn ich es wage, die Ansicht auszusprechen, daß kirchliche 
Gegensätze eine Verständigung zwischen Rußland und Österreich für 
nahe Zukunft ausschließen, so tue ich dies auf Grund langer Beob- 
achtung, will aber nicht versuchen, die Wahrheit einer so gewichtigen 
Behauptung durch Anführung einzelner Beispiele von lokalen Kon- 
flikten oder durch anekdotische Mitteilungen aus Petersburger Salon- 
gesprächen zu beweisen 10. Die tiefgehende Strömung, welche ich im 

39 



Auge habe, tritt übrigens hier in der zweiten Hauptstadt weniger 
zutage als der aus Franzosenhebe und Deutschenneid zusammengesetzte 
Chauvinismus, der sich weder um die Kirche noch um Bulgarien, 
noch um die Dardanellen kümmert, wenn er nur uns demütigen 
könnte 11. Ich glaube aber doch, mir gestatten zu dürfen, in aller Kürze 
zwei Unterredungen zu resümieren, aus welchen sich auf die Anschau- 
ungen einflußreicher Kreise schheßen läßt. 

„Le joug de l'Autriche devient insupportable", sagte Herr Pobe- 
donoszew, nachdem er mir die Verfolgungen geschildert hatte, denen 
die Unierten in GaHzien ausgesetzt sind. Es scheint hiernach, daß in 
neuerer Zeit wirklich recht lästige Maßregeln gegen die Ruthenen in 
Anwendung gebracht worden sind, und zwar durch die polizeilichen 
Organe, auf Anregung der römisch-katholischen Geistlichkeit. Letztere 
geht von der, wie man hier zugibt, richtigen Ansicht aus, daß es, um 
jenes ungebildete Volk ganz für Rom zu gewinnen, zunächst darauf 
ankomme, die Äußerlichkeiten des Kultus denen der lateinischen Kirche 
gleich zu machen und die der griechischen zu beseitigen. Nun hat 
man jetzt den Kampf gegen die Form des Kreuzes eröffnet, welches 
die Ruthenen auf ihren Kirchen und Gräbern seit alten Zeiten haben; 
es ist das russische Kreuz mit drei Querbalken, an dessen Stelle das 
lateinische mit einem, am oberen Dritteil angebrachten Querbalken 
treten soll. Hierüber scheint es zu so peinlichem Streite gekommen 
zu sein, daß der Papst Einhalt geboten hat. Hierdurch ist aber der 
Zorn des Herrn Pobedonoszew nicht besänftigt worden, und er führte 
bittere Klage über die von der Wiener Regierung getriebene jesuitische 
Propaganda. 

Wie schon oft bei ähnlichen Gesprächen, so erwiderte ich auch 
diesmal, und zwar auf Grund des hohen Erlasses Nr. 892 vom 18. d.Mts., 
daß nicht die österreichisch-ungarische Regierung, sondern die katho- 
lische Internationale, in neuerer Zeit durch die ultramontanen Mitglieder 
des Hauses Orleans unterstützt, die Propaganda unter den Völker- 
schaften der griechischen Kirche begünstige. „Nein," sagte der Proku- 
rator des Synods, „dies ist nicht richtig; Fürst Bismarck irrt sich 
hierin ; der Fürst bekommt diplomatische Berichte, sozusagen die großen 
Nachrichten, ich bekomme die kleinen, und diese, aus der Mitte des 
Lebens in jenen entlegenen Gebieten heraus, schildern die Dinge, 
wie sie wirklich sind, in der Herzegowina, Bosnien, Serbien, Ungarn 
und Galizieni2. Wenn nur dieses schreckliche Österreich nicht 
wäre!" 

Ich sagte, wie immer, daß Seine Majestät der Kaiser streng ver- 
fassungsmäßig regiert, daß Graf Kälnoky sehr vorsichtig, Herr 
von Källay religiös indifferent, Herr von Tisza reformiert sei; aber alles 
dieses macht Herrn Pobedonoszew nicht irre. pp. 

Ein leitendes Vorstandsmitglied vom Slawischen Wohltätigkeits- 
verein sagte unter anderem: „Ich bin Panslawist, und darum kein 

40 



Gegner, sondern ein Freund Deutschlands ; Sie haben eine Million 
Polen, um welche wir uns nicht kümmern, und 80000 Wenden, die 
kaum in Betracht kommen, aber Österreich" — und nun entwickelte 
mir mein gut unterrichteter Bekannter ähnliche Auffassungen wie Herr 
Pobedonoszew, schilderte lebhaft die Leiden, welche die armen Ruthenen 
am rechten Ufer der Sau wegen der dreiarmigen Kreuze erdulden, und 
suchte nachzuweisen, daß die österreichische Regierung unter der Maske 
der Parität das Schulwesen in Bosnien und der Herzegowina in die 
Hände der Jesuiten gebracht habe. pp. 

„Wir leben'', fuhr er fort, „in der Zeit der großen nationalen Agglo- 
merationen; ein Staat, der kein Nationalitätsstaat ist, kann nicht fort- 
bestehen ; ich sage Ihnen aber ausdrücklich, daß wir Panslawisten 
meiner Richtung die Grenze unserer Bestrebungen nach der Kon- 
fession ziehen, daß also nicht nur die Polen, sondern auch die Tschechen 
außerhalb derselben bleiben, pp." 

Durchdrungen von der Inferiorität seines Klerus und entschieden 
abgeneigt, ihn materiell und intellektuell zu heben, scheint der Proku- 
rator des Synods keine andere Rettung für seine bedrohte Kirche zu 
sehen als ihren Schutz durch die russische Autokratie i3; daß sie unter 
konstitutionellen Staatsformen nicht gedeihen kann, hat er einmal in 
einem geistvollen Essay nachgewiesen; aus diesem Grunde hat er 
sich auch beim Regierungsantritt des jetzigen Kaisers den Reformen, 
denen man in dem denkwürdigen Conseil vom 20/8. März 1881* sehr 
nahe war, so energisch und erfolgreich widersetzt. Mit gleicher Energie 
und Konsequenz treibt er zum Kriege gegen Österreich-Ungarn, und 
die „kleinen Nachrichten", auf die er so stolz ist, und die ihm aus den 
slawischen Provinzen des Nachbarreichs in Menge zugehen, setzen ihn 
instand, seinen kaiserlichen Herrn zu beeinflussen; so auch jetzt, wo 
ihm, wie er mir sagt, berichtet wird, daß alle Straßen, die in Galizien 
nach der russischen Grenze zu führen, mit österreichischen Truppen 
angefüllt sind. v. Schweinitz 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 
1 r 

- dort ist dergleichen auch von militärischer Seite geschehn. 

3 bei welchen? 

* gewiß; sie bestand lange ulnd] oft, u[ndl war 1876 im Wer 

5 p 

6 was ist Ta[a]ffe** denn anders? 
' das ist sie 

8 die Verständigung auf unsre Kosten aber doch als möglich? 



* In dem Konseil vom 20. März 1881 war die Frage der Berufung von Kom- 
missionen oder Delegationen der russischen Semstwos verhandelt worden; der 
Entwurf des Grafen Loris Melikow scheiterte aber an dem leidenschaftlichen 
Widerspruch Pobedonoszews. Bericht des Botschafters von Schweinitz vom 
29. März 1881. 
** Graf Taaffe, österreichischer Ministerpräsident und Minister des Innern. 

41 



9 in Böhmen minimal 

10 ist auch nicht nöthig 

11 Skobelew 

12 in Galizien besorgen es die Polen, denen die öst[er]r[eichi3che] ReglierungJ 
freie Hand läßt, um sie gegen Rußland zur Verfügung zu haben; in Bosnien 
die Jesuiten, in Bulgarien Clementine. 

13 gegenseitig! 



Nr. 1174 
Kaiser Wilhelm I. an Kaiser Alexander III. von Rußland 

Reinkonzept* 

Berlin, le 5 Janvier 1888 
[abgegangen am 6. Januar] 

Mon eher petit neveu, 

Le plaisir que m'a cause Votre visite** m'est un motif de plus pour 
exprimer, ä l'occasion de la nouvelle annee, les voeux que m'inspirent 
les liens de famille qui nous unissent et l'identite de nos interets 
monarchiques. Ma jeunesse s'est passee sous l'influence de la reci- 
procite des sentiments affectueux de nos peres; j'en ai garde la tra- 
dition dans ma longue vie et je tiens ä Vous les exprimer de nouveau 
dans un moment, oü les nations dont Dieu nous a confie le gouver- 
nement, n'ont que leurs monarques pour leur conserver les bienfaits 
de la paix et de l'ordre social menaces partout en Europe. Pour suffire 
ä cette noble täche, il faudra avant tout ecarter entre nous tout 
malentendu propre ä affaiblir la foi que mutuellement nous avons dans 
les intentions paisibles et amicales qui president ä notre politique. J'ai 
lu dans un organe officiel, „l'Invalide Russe" au sujet de la distribu- 
tion de mes troupes des donnees, qui, si elles etaient fondees, pourraient 
faire naitre des doutes au sujet du caractere de ma politique. J'ai im- 
mediatement ordonne que cette question füt soumise ä un examen 
minutieux et je crois de mon devoir de Vous communiquer dans 
l'annexe les donnees officielles qui m'ont ete fournies ä la suite d'une 
etude exacte et approfondie. 

Les chiffres pubiies par l'„Invalide'' sont inexactes au sujet de 
Paugmentation de mes troupes aussi bien qu'en ce qui concerne nos 
constructions de chemins de fer. Je joins ici ä titre de preuve, un 
tableau synoptique prepare par mon Ministre des Travaux Publics, 
oü se trouvent specifiees toutes les lignes construites ou en construc- 
tion depuis 1878 sur la rive droite de l'Oder, et dont une partie, ä 
l'heure qu'il est, n'est pas encore achevee. 



* In der Ausfertigung vom Prinzen Wilhelm geschrieben; s. den Schluß des Briefes. 
** Vgl. Nr. 1155, S. 10, Fußnote *. 

42 



Ce tableau prouve que les chiffres publies par l'„Invalide" etaient 
exageres au double de la verite et que la plupart de ces constructions 
n^est d'aucune importance militaire, ne servant qu'aux interets du 
commerce et de l'agriculture. 

Unc des plus surprenantes parmi les affirmations Inexactes de 
l'„Invalide" c'est celle qui se rapporte ä mes forteresses. Graudenz 
par exemple y est designee comme „nouvelle place forte" tandis qu'en 
realite c'etait autrefois une bonne forteresse qui, commandee par 
Courbiere, tint bon en 1806 et 1807 contre Napoleon, avec un petit 
nombre d'autres places fortes. Mais l'ancienne forteresse de Grau- 
denz a ete condamnee et rasee il y a plus de 20 ans et per- 
sonne n'a songe ä y faire construire de nouveaux ouvrages. Ce fait 
ne peut pas etre inconnu ä Votre Ministre de la guerre et ä sa feuille 
officielle. 

Ce n'est qu'ä la suite des agglomerations considerables de troupes 
russes realisees depuis la fin de la derniere guerre turque dans Vos 
provinces limitrophes, que des renforcements peu considerables du 
cote allemand ont ete diriges vers la frontiere. Ces dislocations n'ont 
commence qu'en 1883 et ont garde de petites proportions, malgre 
les menaces de guerre et d'alliance frangaise que des journaux officieux 
et des personnes haut-placees en Russie ont publiquement proferees 
contre nous et malgre les renforcements recents qui continuent ä 
augmenter le nombre des troupes russes echelonnees ä proximite de 
notre frontiere. La confiance dans la duree de la paix que m'inspire 
l'absence de toute raison de guerre n'a pas ete ebranlee par ces 
incidents, et aucun projet hostile contre la Russie ne saurait entrer 
dans mon esprit. Toutes mes pensees tendent vers la paix, non seule- 
ment ä cause de mon äge, mais aussi en vertu de l'empire qu'exerce 
sur moi la conscience des devoirs que j'ai envers mes sujets, et les 
sentiments que m'inspire l'approche du moment oü j'aurai ä rendre 
compte devant Dieu de la maniere dont j'ai accompli ces devoirs 
que Sa providence m'a imposes. 

J'ai la conviction que Vous pensez comme moi et que nous 
saurons proteger nos peuples contre les fleaux d'une guerre dont les 
resultats, quelle qu'en soit l'issue, ne profiteraient qu'aux ennemis 
de toutes les monarchies en Europe. J'espere que l'avenir justifiera 
cette conviction qui m'est chere, et j'appelle sur Vous et sur les 
Votres, nommement sur l'Imperatrice, la benediction de Dieu pendant 
l'annee qui nous arrive. 

Je suis sur que Vous voudrez bien m'excuser si ä cause des diffi- 
cultes que presente le maniement de la plume ä mon äge, je me suis 
servi de la main de mon petit-fils Guillaume. 

Pour la vie Votre tout devoue et tres affectionne frere et grand- 
oncle 

Guillaume 

43 



Nr. 1175 

Der Botschafter in Wien 
Prinz Heinrich VII. Reuß an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck 

Eigenhändiger Privatbrief 

Wien, den 19. Januar 1888 

Graf Kälnoky fährt fort, die allgemeine Lage pessimistisch zu 
beurteilen, und er steht damit hier nicht allein. 

Er sagt, was helfen alle Friedensversicherungen des Zaren? Die 
Ansammlung der russischen Armee an unseren Ostgrenzen dauert fort, 
ebenso die Hetzereien in der Presse, die Lügen der russischen Diplo- 
matie. 

Der den Russen unerträgliche Gedanke der deutschen Hegemonie 
in Europa treibt in erster Linie gegen Deutschland, und da hier kein 
Vorwand zum Krieg zu finden ist, so wird sich Rußland an Deutsch- 
lands Alliierten halten; hier fehlt es nicht an Reibflächen. Bulgarien 
wird das Prätext sein, die Oberherriichkeit über die Slawen und 
die Meerengen 1 das Ziel. Wenn Rußland durchaus Händel sucht, 
trotz der FriedensHebe des Zaren und trotz der hiesigen Friedensliebe, 
so wird der Krieg da sein, und zwar in einem Moment, der Rußland 
paßt und Österreich nicht. Österreich ist genötigt, ruhig abzuwarten, 
wird es aber mit seinen schlechten Finanzen dies Warten lange ver- 
tragen können? 

Diese Frage legt sich hier fast ein jeder vor. Andrassy hat des- 
halb hier geraten, man solle die günstige diplomatische und die noch 
immer vorteilhaftere militärische Lage benutzen und sich mit Rußland 
auseinandersetzen. Das heiße, die Tripelallianz solle mit England 2 
den Russen sagen: wir wollen keinen Krieg, wir wollen die strikte 
Erhaltung des Berliner Vertrags, den du, Rußland, immer im Munde 
führst, und wollen uns auf dieser Basis verständigen, aber definitiv (?). 
Willst du darüber hinaus, so hast du es mit allen zu tun. 

Diesem Kriegsprogramm stimmt Kälnoky nicht zu, weil er dafür 
hält, Rußland würde eine solche Sprache Europas (ohne Frankreich) 
für Drohung nehmen, und dann wäre der Krieg unvermeidlich. Daß 
auf England so wenig zu rechnen ist, macht den Minister noch vor- 
sichtiger, und Andrassy sagt, er habe keine ^ Courage. 

Die vielfachen offiziösen russischen Andeutungen, Österreich möge 
sich doch mit Rußland direkt verständigen, prallen wie Erbsen an 
Kälnoky ab ; er sieht darin das Bemühen, Österreich von uns zu trennen, 
hält diese Andeutungen für unaufrichtig* und meint, Verständigung 
heiße hier: vollkommne Unterordnung unter die russische Politik. 

44 



Für eine andere Verständigung würde das Petersburger Kabinett niclit 
zu haben sein^ 

Das ist's eben; warum hat man hier die günstige Zeit für die 
Demarkation verpaßt! 

Darin ist Käinoky mit Andrässy einverstanden, daß es de pure 
perte^ wäre, den Russen hier und da kleine Liebesdienste zu erweisen, 
den Koburger wegjagen helfen und dergleichen. — Er will jede Provo- 
kation vermeiden; was würde aber nicht als Provokation angesehen! 

Das ceterum censeo Kälnokys bei derartigen Gesprächen bleibt: 
Rußland will den Kriegt; wir, die wir ihn nicht wollen, haben kein 
Mittel dagegen und müssen ihn uns daher diktieren lassen, weil wir 
ihn nicht anfangen wollen. Diese Betrachtung stimmt ihn nicht rosig. 

Die Militärs sind wegen der verunglückten militärischen Be- 
sprechungen 8* verstimmt. Wir predigen ihnen, daß sie selbst daran 
Schuld haben; sie sehen es wohl ein, ärgern sich aber doch. Ich weiß 
nicht, ob es ginge, diese Besprechungen in anderer Form und Frage- 
stellung wieder aufzunehmen 9, wie Euere Exzellenz mir unter dem 
14. schrieben. Wenn aber wieder nur eine Verstimmung dabei heraus- 
kommen soll, ist es wohl besser nichtig. 

Kronprinz Rudolf ist ganz im Kriegsfahrwasser. Er faßt die Sachen 
sehr leidenschaftlich auf und meint, daß, wenn Österreich den Moment 
versäumte, sich gegen Rußland zu schlagen, solange es noch ent- 
schiedene militärische Vorteile besäße, es besser tun würde, dann 
ganz von der Großmachtstellung zu abdizieren. Diese Ansichten gebe 
ich nur als Symptom wieder, wie die Mihtärs denken. Politische Be- 
deutung haben sie nicht. 

H. VII. P. Reuß 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

^ Die Meerengen, ja; die Slaven nein; das Streben wird soweit gehn wie die 
griech[isciie] Kirche reicht; auf kathol[ischeni] Gebiet ist es ohne Aussicht, u[nd] 
auf griech[ischem] wie figura Bulg[arien] zeigt, auch eine Fehlrechnung. Die 
„Meerengen" aber ist practisch erreichbar, via Sultan. 

2 ja! wenn! 

3 [zwischen „keine" und „Courage" eingeschoben:] falsche 
* natürlich 

5 richiig 

6 doch kaum! außerdem fällt der Cob[urger] von selbst, u[nd] auf Kais[er] 
Alex[ander] würde diese wohlfeile Gefälligkeit immer wiri<en; außerdem würde 
dadurch die „Position auf Basis der Verträge" gestärkt 

7 Der Kaiser A[lexander] persönlich nicht 

8 wegen des verunglückten Versuchs den Bündnißvertrag zu verschieben! 
3 nein! die Leute sind zu happig u[nd] zu steif dazu 

" ja. 



Vgl. Kap. XXXVIII: Österreichisch-Deutsche Besprechungen über den casus foederis. 

45 



Nr. 1176 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

J^*"- ^!^ St. Petersburg, den 27. Januar 1888 

Geheim 

Herr von Giers teilte mir gestern nachmittags mit, Seine Majestät 
der Kaiser Alexander wünsche mich abends während des Balles im 
Winterpalais in seinem Kabinett zu empfangen, um mir einen Brief an 
unseren allergnädigsten Kaiser und Herrn einzuhändigen und um 
mit mir zu sprechen, pp. 

Kaiser Alexander eröffnete die Unterredung mit Worten des wärm- 
sten Dankes für das wohlwollende und wohltuende Schreiben unseres 
erhabenen Monarchen, welches ihn tief bewegt habe. Kaiser Wilhelm 
sei so gütig gewesen, dem Briefe Tabellen beizufügen, durch welche 
einigen in dem Artikel des „Invaliden" aufgestellten Behauptungen, 
Festungen und Bahnen betreffend, widersprochen wurde; man habe 
hier auf Angaben des — der Name war Seiner Majestät entfallen — 
Handbuchs gefußt; doch dies sei ja unwesentlich; auf ein paar hundert 
Kilometer Eisenbahn komme es nicht an; wir könnten ja doch 300000 
Mann in 24 Stunden ^ an die Grenze ^ schaffen, während Rußland auf 
die Truppen beschränkt bleibe, welche es im westlichen Gebiete habe. 
Wegen jedes Bataillons, welches von Rußland bewegt werde, erhebe 
sich in Österreich und Deutschland ein allgemeines Geschrei"'; die 
Verlegung der 13. Kavalleriedivision in Quartiere, welche sie vor dem 
türkischen Kriege innehatte, habe eine große, jetzt glücklicherweise 
beseitigte Aufregung hervorgerufen; die Wiener Regierung sei von 
Berlin aus ermahnt i worden, auf ihrer Hut zu sein* und sich auf den 
Krieg vorzubereiten!. Er, der Kaiser, denke nicht daran, Österreich 
anzugreifen, geschweige denn Deutschland, mit welchem er gar keine 
kollidierenden Interessen habe; ihm sei es nur darum zu tun, sich zu 
sichern, wie dies das Recht jeder Regierung sei; infolge des Lärmens, 
welchen die ausländischen Blätter über die Bewegung der 13. Kavallerie- 
division erhoben, habe er gestattet, daß der „Invalide" die Haltung 
des russischen Kriegsministeriums darlege und die Maßregeln angebe, 
welche dasselbe für die Sicherheit Rußlands noch fernerhin für geboten 
erachte. 

Mit Österreich, so fuhr Seine Majestät fort, habe er in einem 
Vertragsverhältnis gestanden, durch welches er berechtigt war, auf 
dem einzigen Felde, auf dem er ein Interesse habe, nämlich auf der 
Balkanhalbinsel, gute Dienste zu erwarten; statt dessen habe Öster- 
reich nur des cochonneries gemacht und Insulten hinzugefügt; Graf 
Kalnokv habe in seinen Delegationsreden* Rußland beleidigt; auf Öster- 

* Vgl. Nr. 1150, Fußnote * 
46 



reich sei gar kein Verlaß, das Beste sei, gar nicht mit ihm zu sprechen ; 
der Kaiser Franz Joseph wolle keinen Krieg, aber Rußland müsse sich 
doch gegen einen österreichischen Angriff sichern^; von uns, das wisse 
er, sei ein solcher nicht zu erwarten, obwohl er von Euerer Durchlaucht 
selbst gehört hätte*, daß Feldmarschall Graf Moltke und andere Militärs 
einen Angriffskrieg jetzt ^ für geboten^ erachteten. Euere Durchlaucht 
widersetzten sich solchen Ideen, welche von unserem Kaiser und Herrn 
nicht gebilligt würden. 

Als Seine Majestät eine Pause machte, sagte ich, daß allerdings 
bei uns viele und gewichtige Stimmen sich für einen Krieg unter den 
gegenwärtigen für uns günstigen Verhältnissen aussprächen 8; Seine 
Majestät möge sich nur einmal klarmachen, in welcher Gemüts- 
verfassung sich hunderttausende deutscher Familien befänden, seitdem 
die russische Presse den Rachedurst und den Mut der Franzosen 9 neu 
belebt habe; jeden Augenblick müßten unzählige Familienväter gewärtig 
sein, zur Fahne berufen zu werden, um vielleicht schon am nächsten 
Tage gegen die Franzosen zu kämpfen; diese hätten sich schon etwas 
beruhigt gehabt, als sie von Rußland aus zu verdoppelter Kriegslust 
erregt wurden. Das Echo, welches die russischen Stimmen in Frank- 
reich erweckten, habe bei uns eine Gereiztheit gegen Rußland hervor- 
gerufen, welche mit den traditionellen Gesinnungen unseres Volkes im 
Widerspruch stände; er, der Kaiser, werde vielleicht auf den Gesichtern 
des Berliner Publikums gelesen haben, daß man sich trotz allem dem 
freute, ihn dort zu sehen; gegen Rußland selbst habe man nichts, aber 
man sei entrüstet darüber, daß es die Franzosen auf uns hetze. 

Österreich, so sagte ich weiterhin, werde Rußland nicht angreifen, 
weil es wisse, daß es allein bleiben werde, wenn es allein marschiere; 
selbst die Ungarn wollten keinen Krieg, ja sogar die Polen nicht. Graf 
Kälnoky habe einen schweren Stand, er müsse mit den parlamentari- 
schen Faktoren rechnen; kein anderer an seiner Stelle werde es so 
gut machen wie er; dies gab der Kaiser zu; Seine Majestät war 
übrigens vortrefflich über dasjenige unterrichtet, was wir im November 
und Dezember v. Js. in Wien getan haben ^O; gleichzeitig aber ließ er 
sich durch keine Gegenbeweise in der Überzeugung erschüttern, daß 
Euere Durchlaucht in Wien nur zu befehlen, nur die Faust — und 
dabei erhob Seine Majestät die geballte Hand — zu zeigen i^ brauchen. 

Auf die Truppenstärke in den Grenzgebieten zurückkommend, sagte 
der Zar, es sei richtig, daß innerhalb der von unserem Generalstab ge- 
zogenen Linien die russischen Streitkräfte den unsrigen bedeutend über- 
legen seien, aber in wenigen Tagen könnten wir doppelt so stark sein, 
während Rußland auf diejenigen Truppen, welche schon an Ort und 
Stelle wären, beschränkt bliebe. Ich sagte, es sei nicht le nombre des 



* Gelegentlich des Besuchs Kaiser Alexanders in Berlin am 18. November 1887. 
Vgl. Bd. V. Kap. XXXVl, Nr. 1129. 



47 



troupes russes; c'est leur proximite de la frontiere, welche auf die 
Bewohner der limitrophen Bezirke beunruhigend wirkten; in wenigen 
Stunden könne die russische Kavallerie in unserem Lande sein. „Ja," 
sagte der Kaiser, „wir müssen suchen, Ihre Mobilisierung zu hemmen." 

Ich warf ein, es sei doch eigentlich ganz unglaublich, daß man 
so, wie es eben jetzt zwischen Seiner Majestät und mir geschehe, über 
die Eventualität eines Krieges sprechen könne, für welchen kein Mensch 
einen vernünftigen Grund zu erfinden wisse; ein Krieg sei aber doch 
ein großes Unglück, freilich nicht das größte; die Revolution sei viel 
schhmmer; okkulte Kräfte trieben zum Kriege, um der Revolution 
zum Siege zu verhelfen ; ein Niederwerfen Österreichs würde eine 
Menge slawischer und anderer, jedenfalls anarchistischer kleiner Re- 
publiken an Rußlands Grenze erstehen lassen und dergleichen mehr. 
Seine Majestät antwortete. Euere Durchlaucht hätten das auch gesagt 
und die Erhaltung des Kaiserstaats 12 als im monarchischen Interesse 
für notwendig erklärt; das sei wohl möglich, aber dann solle diese 
Monarchie nicht überall Schwierigkeiten in Rußlands Weg legen ^ und 
so fort. 

Recht interessant war mir, daß Seine Majestät der Kaiser, als er 
über seine Beziehungen zu Frankreich sprach, offen aussprach, seine 
Regierung habe sich der französischen zu nähern gesucht*; da habe 
Herr Flourens und besonders Präsident Grevy gesagt, sie könnten 
dazu nicht raten, denn niemand sei imstande vorherzusagen, mit wem 
Rußland sich engagiere; Herr Grevy habe während seiner Präsident- 
schaft über 300 Minister gehabt. 

„Es ist gewiß," fuhr Seine Majestät fort, „daß wir eine weitere 
Schwächung Frankreichs nicht zulassen können 8; Fürst Bismarck hat 
mir auch gesagt, daß er eine solche nicht beabsichtige; solange er 
Minister sei, solle Frankreich nicht angegriffen werden, ich weiß nicht, 
ob dies eine Phrase ist oder wirklicher Ernst ^." 

Ich erwiderte, es sei nichts weniger als eine Phrase, denn für uns 
selbst sei das Bestehen Frankreichs notwendig aus diesen und jenen 
bekannten Gründen, deren Aufzählung, ich wohl unterlassen darf. Ich 
versuchte bei dieser Gelegenheit Seiner Majestät anschauHch zu 
machen, daß Europa ein kompliziertes Gebilde sei, und daß, wenn 
einer seiner Hauptbestandteile, wie vornehmlich Österreich, in Trümmer 
gehe, wir keinen ruhigen AugenbHck mehr während unseres ganzen 
Lebens haben würden. 

In dieser Weise verlängerte sich das Gespräch; „nun," sagte der 
Zar, „jetzt hat man sich glücklicherweise beruhigt, und für dieses Jahr 
werden wir also Frieden behalten." 

Ich sagte, daß ich nicht einsehe, warum wir bloß für dieses Jahr 
und nicht überhaupt Frieden behalten sollten. An diese Möglich- 



* Vgl. Kap. XXXIX: Russisch-Französische Allianzfühler 1886—1890, Nr. 1220. 
48 



keit schien Seine Majestät nicht recht zu glauben, so sehr es auch seinen 
Wünschen entsprechen möchte; ich empfing, und dieses Mal noch 
stärker als in dem Gespräche beim St, Georgsfeste 1886*, den Ein- 
druck, daß der Kaiser Alexander sich in die Unvermeidlichkeit eines 
Krieges mit Österreich hineingefunden hat; er wiederholte oft, daß 
er mit Deutschland nie in Zwiespalt geraten werde; Deutschenhaß be- 
stehe gar nicht 5 im russischen Volke; ich wandte ein, er werde jetzt 
systematisch erregt durch die Zeitungen, durch wohlfeile Blätter wie 
der „Swet" usw. 

Über allem diesem war eine lange Zeit vergangen, und die Stunde 
des Soupers näherte sich; ich fragte: „Eure Majestät sind also in 
Ihrem Briefe nicht auf die Dislokationsfragen eingegangen?" Der 
Kaiser sagte, er habe dies nicht getan, es könne ja auch zu nichts 
führen; er sei aber Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm innig dankbar 
dafür, daß er ihm so offen darüber geschrieben habe. Ich fragte: 
„und über die Zukunft dieser Angelegenheiten haben Euere Majestät 
auch nichts gesagt?" „In welcher Beziehung?" entgegnete der Zar. 
Ich sagte: „ob noch mehr Veränderungen stattfinden sollen?" 

Seine Majestät sprach nun ziemlich ausführlich, wenn auch nicht 
ganz klar über den Plan, welchen sein Kriegsministerium zur Siche- 
rung des Landes verfolge, und zu dessen Ausführung noch zwei Divi- 
sionen aus dem Kaukasus die eine nach Kiew die andere nach 
Warschau gehen sollten, um die Armeekorps in die regelrechte Ord- 
nung und Stärke zu bringen, woran noch vieles fehle; manche hätten 
drei, einige vier, andere zwei Divisionen; aus finanziellen Rücksichten 
habe sich diese notwendige Maßregel bisher immer noch verzögert. 
Ich fragte noch weiter, ob die beabsichtigte Verschiebung der er- 
wähnten zwei Divisionen nach Beendigung der Herbstmanöver zu ge- 
wärtigen sei? Seine Majestät antwortete: „Vielleicht im Herbst, viel- 
leicht auch noch gar nicht in diesem Jahre; solche Ortsveränderungen 
kosten viel Geld, und nun gar, wenn es sich um Truppen handelt, die 
im Kaukasus stehen." 

Zwischenein ließ Seine Majestät wiederholt Bemerkungen fallen, 
daß es jeder Macht freistehen i^ müsse, ihre Truppen dahin zu stellen, 
wo sie es für zweckmäßig halte; im ganzen aber wollte es mir so 
scheinen, als wenn in nächster Zukunft nichts geschehen würde, vor- 
ausgesetzt, daß kein Anstoß von außen kommt. 

Als die Unterredung sich ihrem Ende näherte, wiederholte Seine 
Majestät nochmals seinen wärmsten Dank für das kaiserliche Schrei- 
ben, welches ihn wirklich auf das tiefste gerührt habe, ebenso wie 
die herzliche Aufnahme, welche die Kaiserin und er in Berlin fanden. 
Auch über seine Unterredung mit Euerer Durchlaucht sprach der 
Kaiser mit sichtlich angenehmer Erinnerung an diesen historischen 



* Vgl. Bd. V, Kap. XXXI, Nr. 997. 

4 Die Große Politik. 6. Bd. 4Q 



Moment; „anfangs," so sagte Seine Majestät, „grollte der Fürst etwas, 
aber nachher wurde er freundlicher," pp. 

Der Botschafter* sagte mir auf dem Hof ball: „Wir werden noch 
mit den Herren vom Kriegsministerium verhandeln, um auf die mili- 
tärischen Fragen eine wünschenswerte Auskunft in Berlin geben zu 
können," 

Der allerhöchste Briefwechsel ist hier Geheimnis geblieben; im 
Ministerium des Äußern sind nur die Herren Vlangaly und Qraf 
Lamsdorff in Kenntnis gesetzt worden; Herrn von Giers schien viel 
daran zu liegen, daß die fremde Diplomatie nichts davon erfahre, 

V. Schweinitz 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 ? 

2 wo? 

3 in Folge der drohenden Sprache der russischen Presse. 

* ja 

5 ! 

6 ich habe S[eine]r M[ajestät] das als Antidot gegen russische Ueberschätzung ge- 
sagt u[ndj gegen die Annahme als fürchteten wir Rußland. 

^ („geboten" eingeklammert, dafür:] „nützlich" 

8 gut 

9 gegenseitig 
*" was denn? 

1^ um Oest[er]reich zur Annäherung an Russland zu treiben? 
^2 auch des russischen richtig 
*3 also auch Oest[er]reich 

Nr. 1177 
Kaiser Alexander IH. von Rußland an Kaiser Wilhelm I. 

Eigenhändiges Handschreiben 

St. Petersbourg, ce 13/25 Janvier 1888 
Mon eher Grand Oncle, 

C'est du fond de mon cceur que je Vous remercie de Votre 
bonne et affectueuse lettre du 5 Janvier ct.**, ainsi que des souhaits 
que Vous avez bien voulu m'exprimer pour l'annee qui commence. — 

Parmi ceux que je forme, celui de conserver Votre amitie et de 
voir les liens qui nous unissent servir ä l'affermissement des bienfaits 
de la paix et de l'ordre social en Europe, sont certainement des plus 
ardents. — Je Vous suis tres reconnaissant de la communication des 
donnees officielles sur la distribution de Vos troupes, dont j'ai fait 
prendre connaissance ä mon Ministere de la Guerre, mais je n'ai pas 

* Graf Paul Schuwalow. 
** Siehe Nr. 1174. 

50 



besoin de Vous dire que rien ne saurait ebranler la foi absolue que 
j'ai toujours eue dans Vos intentions loyales et pacifiques. — Vous 
me rendez justice en pensant que je partage Vos convictions quant 
ä Pimmense responsabilite qui nous incomberait si nous ne cherchions, 
par tous nos efforts ä proteger les peuples dont Dieu nous a confie 
les destinees contre les fleaux d'une guerre. — Ai-je besoin d'ajouter 
que l'eventualite d'une guerre sans motif, comme le serait celle entre 
TAllemagne et la Russie, me semble tout-ä-fait impossible ä admettre. — 
Ma femme a ete vivement touchee des sentiments que Vous lui 
temoignez et nous sommes tres heureux de voir que le souvenir si 
profond et si agreable que nous gardons de notre visite ä Berlin 
trouve un echo aupres de Vous. — Veuillez presenter mes hommages 
tres respectueux ä l'Imperatrice Reine et croyez toujours, mon eher 
Grand Oncle, aux sentiments de sincere veneration et de l'attache- 
ment le plus inalterable de Votre bien affectueusement devoue 

frere et petit neveu 

Alexandre. 



51 



Kapitel XXXVIll 

Österreichisch -Deutsche Besprechungen 

über den casus foederis 

1887—1888 



Nr. 1178 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bis- 
marck an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 

Nr. 691 Berlin, den 11. Dezember 1887 

Geheim [abgegangen am 12. Dezember] 

pp. Seine Majestät der Kaiser hat unter der Voraussetzung strik- 
tester Geheimhaltung genehmigt, daß dem österreichischen Vorschlag* 
entsprechend in vorläufige Besprechungen über die militärischen Folgen 
des eventuellen casus foederis eingetreten werde. Ich werde den 
Feldmarschall Grafen Moltke also benachrichtigen, daß Oberstleutnant 
von Steininger sich zu diesem Behufe demnächst bei ihm melden wird. 

Ew. persönlichem Ermessen stelle ich anheim, an geeigneter Stelle 
anzuregen, daß Seine KaiserHche Hoheit der österreichische Armee- 
befehlshaber seine Instruktionen dem Freiherrn von Steininger direkt 
erteilt. Ich wäre dankbar für eine Mitteilung, sobald die durch Steininger 
hier zur Sprache zu bringenden Punkte dort festgestellt sein werden. 

H. Bismarck 



Nr. 1179 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Chef des Generalstabes Generalfeldmarschall Grafen von Moltke 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 

Berlin, den 16. Dezember 1887 

Mit Bezugnahme auf die mündliche Besprechung, welche Ew. 

mir heute zu gewähren die Gewogenheit hatten, beehre ich mich, Hoch- 

denselben s. pet. rem. den beigefügten Bericht des Prinzen Reuß vom 

8. d. Mts.** zu überreichen. Es geht daraus hervor, daß der Kaiser 



* Laut Berichts des Botschafters in Wien Prinzen Heinrich VII, Reuß (siehe 
Nr, 1162) hatte Graf Kälnoky angeregt, daß Deutschland und Österreich sich im 
Hinblick auf die von Rußland drohende Kriegsgefahr „über die militärischen Maß- 
nahmen für den Fall des Eintretens des casus foederis" rechtzeitig besprechen 
möchten. 
** Siehe Nr. 1162. 

55 



Franz Joseph einen fachmännischen Meinungsaustausch über die bei 
eventuellem Eintreten des deutsch-österreichischen casus foederis er- 
forderlichen militärischen Maßnahmen und Vorbereitungen schon jetzt 
herbeizuführen wünscht. 

Auf Grund der zustimmenden Marginalien des Reichskanzlers hatte 
ich Seiner Majestät, unserm allergnädigsten Herrn, über diese Frage 
Vortrag erstattet. AUerhöchstderselbe hatte anfangs gewisse Beden- 
ken gegenüber der' österreichischen Anregung, welche die Kriegs- 
eventualität als nahe bevorstehend voraussetzt. Schließlich haben Seine 
Majestät aber erklärt, Ew. ermächtigen zu wollen, von dem öster- 
reichischen Militärattache Freiherrn von Steininger die von letzterem 
zu übermittelnden Vorschläge und Anfragen der österreichischen Hee- 
resleitung entgegenzunehmen. 

Seine Majestät wollten vorher noch Ew. Vortrag hören. 

Wie ich Ew. Exzellenz heute mündlich darzulegen mir erlaubte, 
erscheint es dem Herrn Reichskanzler nicht tunlich, unsre kombinierte 
Aktion schon jetzt in einer bestimmten Richtung und in bestimmter 
Stärke festzulegen. Er hat aber die österreichische Anregung nicht von 
der Hand weisen wollen, weil das in Wien hätte verstimmen können. 

H. Bismarck 



Nr. 1180 

Der Chef des Militärkabinetts General von Albedyll an den Staats- 
sekretär des Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck 

Privatbrief. Eigenhändig 

Berlin, den 18. Dezember 1887 
Euer Hochgeboren 

ermächtigt* mich Seine Majestät der Kaiser und König zu benachrich- 
tigen, daß allerhöchstdieselben nach Rücksprache mit dem General- 
feldmarschall Grafen Moltke und dem Kriegsminister den ersteren er- 
sucht haben, den K. K. österreichischen Obersten Baron von Stei- 
ninger zu empfangen und dessen Mitteilungen resp. Anfragen ent- 
gegenzunehmen, wovon Seine Majestät Euer Hochgeboren ersuchen, 
den Baron von Steininger in Kenntnis setzen zu wollen. 

Bezüglich des Standpunktes, welchen der Generalfeldmarschall bei 
dieser Unterredung betreffs der diesseitigen Maßnahmen einnehmen 
wird, ist festgestellt worden, daß der Feldmarschall auf die für uns 
gleichzeitig wahrscheinlichen anderweitigen Engagements hinweisen, 
jedoch außerhalb jedes Zweifels stellen wird, daß unter allen Um- 
ständen und in jedem Fall mindestens einige Armeekorps zur Koope- 
ration mit den österreichischen Truppen im Osten bereitstehen werden 

* „beauftragt"? 
56 



Im übrigen wird der Feldmarschall sich noch nicht auf nähere 
Besprechungen einlassen, und wird er es auch vermeiden, über die im 
Osten aufzustellenden Truppen nähere Zahlen anzugeben. 

V, Albedyll 

Nr. 1181 

Aufzeichnung des Vortragenden Rats im Auswärtigen Amt Grafen 
zu Rantzau, z. Z. in Priedrichsruh 

Eigenhändig 

Priedrichsruh, den 19. Dezember 1887 

Der Herr Reichskanzler bittet, das anliegende Schreiben* an General 
von Albedyll expedieren zu lassen und nach Maßgabe des ebenfalls 
beigefügten Konzeptes zu demselben Seiner Majestät mündUch vorzu- 
tragen und mit dem Grafen Moltke und Herrn von Albedyll zu spre- 
chen. Der Herr Reichskanzler bittet, unter Benutzung des Inhaltes der 
bezüglichen Erlasse nach Wien resp. an Herrn von Deines auf die 
Affäre Waldersee-Steininger** hinzuweisen und dabei zu sagen, daß, 
wenn von neuem von militärischer Seite die Österreicher irre gemacht 
würden, dies durch die Bemühungen des Auswärtigen Amtes nicht 
wieder gut gemacht und notwendigerweise bei dem an sich schon arg- 
wöhnischen Kaiser Franz Joseph Mißtrauen erregt werden würde; 
der Kaiser würde glauben, daß wir ihn in den Krieg hineinhetzen woll- 
ten, oder, wenn er sich genügend vorbereitet hielte, denselben beginnen 
und von uns, auf Grund der gemachten militärischen Zusagen, ver- 
langen, daß wir ihm beistehen. Seine Durchlaucht müßte sich dagegen 
verwahren, daß die politische Geschäftsführung gewissermaßen auf den 
Generalstab überginge, und daß die Militärs ä tout prix in Wien auf 
den Krieg drängten. 

C. Rantzau 

Nr. 1182 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. in Priedrichsruh, an 
den Chef des Militärkabinetts General von Albedyll 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen zu Rantzau 

Priedrichsruh, den 19. Dezember 1887 
Geheim [abgegangen am 20. Dezember] 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes hat mir Euer pp. gefäl- 
liges Schreiben vom 18. d. Mts. mitgeteilt. 



* Siehe Nr. 1182. 

** Der Generalquartiermeister Graf von Waldersee, der spätere Generalfeldmarschall, 
hatte in Gesprächen mit dem österreichischen Militärattache Oberst von Steininger 
und dem Botschafter Szechenyi die Frage eines russisch-österreichischen Krieges 

57 



Ich bin auf die Tragweite, welche danach die allerhöchste Ent- 
schließung bezüglich der Unterredung des Herrn Oeneralfeldmarschalls 
mit dem Obersten von Steininger haben kann, nicht vorbereitet ge- 
wesen. Ich war bisher der Ansicht, daß unser Eingehn auf den öster- 
reichischen Wunsch eines mihtärischen Gedankenaustausches für uns 
zunächst nur eine Rekognoszierung der österreichischen Auffassungen 
und Absichten zum Zweck haben werde. Die Tatsache, daß auf Vor- 
trag der höchsten militärischen Autoritäten der Standpunkt, welchen 
der Herr Feldmarschall bei dieser Unterredung bezüglich diesseitiger 
Maßnahmen einnehmen soll, von Seiner Majestät bereits festgestellt 
ist, gibt der Unterredung eine poUtische Bedeutung bezüglich unsrer 
Stellung nicht nur zu Österreich, sondern auch zu Frankreich und Ruß- 
land. Soweit es sich um eine Beruhigung für Österreich darüber 
handeln konnte, daß wir unsern Bündnisvertrag getreulich halten 
werden, glaube ich nicht, daß ein Bedürfnis hierfür vorliegt, weil unsere 
amtUchen Mitteilungen dem Wiener Kabinett die bündigsten Versiche- 
rungen in dieser Beziehung gegeben haben, und ein Zweifel daran in 
Österreich nicht besteht. Wohl aber befürchte ich, daß bei der in Wien 
herrschenden publizistischen Indiskretion die Besprechungen, wenn sie 
mit der in Ew. pp. Schreiben angedeuteten politischen Tragweite statt- 
fänden, neue Beunruhigungen und Verschärfungen der Situation nach 
der Kriegsseite hin verursachen könnten. 

Eine amtliche Benachrichtigung und Ermächtigung des Obersten 
von Steininger durch das Auswärtige Amt halte ich nicht für ratsam. 
Das Auswärtige Amt und ich persönlich würden dadurch die Verant- 
wortlichkeit für die politischen Konsequenzen dieser militärischen Be- 
sprechung mindestens Österreich gegenüber auf sich nehmen. Ich kann 
aber eine politische Verantwortlichkeit nur für solche Verhandlungen 
übernehmen, welche zwischen den direkten Organen des diplomatischen 
Dienstes beider Höfe stattfinden und muß in der Lage bleiben, dem 
österreichischen Kabinett gegenüber aus politischen Gründen eine an- 
dere Meinung haben zu können als diejenige, welche aus militärischem 
Gesichtspunkte für die maßgebende gehalten wird. 

Die gegenwärtige pohtische Situation ist eine außerordentlich 
schwierige und empfindliche, und ich würde die Verantwortlichkeit für 
ihre weitere Entwicklung nicht übernehmen können, wenn militärische 
Verhandlungen stattfänden, mit deren Inhalt und Tragweite ich mich 
vom poHtischen Standpunkte nicht einverstanden erklären könnte. Dies 
würde aber der Fall sein, wenn die Besprechungen zwischen dem Herrn 
Generalfeldmarschall und dem Obersten von Steininger sich in der 
von Euerer pp. bezeichneten Richtung bewegen sollten. Daß wir „unter 
allen Umständen und in jedem Falle", also auch für den Fall, daß 

erörtert. Dies veranlaßte den Fürsten Bismarck, sich in einem Schreiben an den 
Grafen Waldersee vom 7. Dezember 1887 lebhaft gegen „solche Eingriffe von mili- 
tärischer Seite zu verwahren". 

58 



zwischen Österreich und Rußland ein Krieg entstände, welcher außer- 
halb des casus foederis liegt, einige Armeekorps an unserer Ostgrenze 
bereithalten, kann und wird wahrscheinlich auch poHtisch ange- 
zeigt sein; daß wir aber diese Armeekorps dem österreichischen Ka- 
binett von Hause aus und ohne casus foederis als zur Kooperation 
mit den österreichischen Truppen bestimmt bezeichnen, dazu kann ich 
nach Maßgabe unserer geheimen Verträge nicht mitwirken. Ich weiß 
nicht, ob die letzteren dem Herrn Generalfeldmarschall in ihrer voll- 
ständigen Ausdehnung bekannt sind, und halte ich schon deshalb 
die in Aussicht genommene Basis für die Besprechungen der beiden 
Herren nicht für opportun, weil man österreichischerseits aus der- 
selben Konsequenzen und moralische Verpflichtungen ableiten würde, 
welche wir nicht erfüllen können. 

Die Besprechungen sind von Österreich gewünscht worden und 
lassen sich nicht ablehnen; aber ich glaube, daß wir uns zunächst 
ledigHch rezeptiv dabei zu verhalten und vor jeder diesseitigen Er- 
klärung abzuwarten haben, in welcher Richtung Oberst von Steininger 
sich namens des österreichischen Generalstabes aussprechen wird. Die 
Beantwortung seiner Eröffnung wird kaum möglich sein, ohne in das 
poHtische Gebiet hinüberzugreifen, und deshalb glaube ich beanspru- 
chen zu können, daß sie nicht ohne mein Einverständnis erfolgt. Das 
Bestreben Österreichs oder- doch derjenigen österreichischen Staats- 
männer und Militärs, welche die Gelegenheit wahrnehmen wollen, um 
die deutsche Armee für spezifisch österreichische Zwecke einzu- 
setzen, auch für solche, an denen Deutschland kein Interesse hat, 
ist auf Erweiterung und Verschiebung unseres Bündnisses ge- 
richtet. Dazu die Hand zu bieten, ist für uns nicht möglich, schon 
aus Rücksicht auf geheime Verträge, welche wir mit andern europäi- 
schen Regierungen haben. Auch abgesehn hiervon liegt es nicht in 
unserem politischen Interesse, das österreichische Kabinett zum Be- 
ginn oder zur Beschleunigung des Krieges mit Rußland zu ermutigen. 
Unsre Politik hat die Aufgabe, den Krieg, wenn möglich, ganz zu 
verhüten, und geht das nicht, ihn doch zu verschieben. An einer andern 
würde ich nicht mitwirken können. 

V. Bismarck 

Nr. 1183 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 
Herbert von Bismarck für den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Reinschrift 

BerHn, den 20. Dezember 1887 
Bei Rückreichung der anhegenden Instruktion und des Briefes 
des Generals von Albedyll bemerke ich gehorsamst, daß ich sowohl 
mit dem letzteren wie mit dem Grafen Moltke heute eingehend nach 

59 



Maßgabe Eurer Durchlaucht Weisung gesprochen habe. General von 
Albedyll kam zu mir, um mir zu sagen, er bedauere lebhaft seine über- 
eilte Schreibweise, und er würde heut selbst nach Friedrichsruh schrei- 
ben, um seine zu mißverständlichen Auslegungen, wie er zugeben müsse, 
sehr geeignete Ausdrucksweise richtig zu stellen: er erklärte, daß ent- 
weder die Worte „zur Kooperation'' hätten wegfallen oder daß ihnen 
hätte hinzugesetzt werden müssen „in casu foederis"; so wie sein 
Brief jetzt lautete, gebe er in der Tat eine falsche Auffassung von der 
mit Seiner Majestät gepflogenen Besprechung. Die letztere sei haupt- 
sächlich deshalb herbeigeführt worden, weil der Kaiser besorgt habe, 
Graf Moltke könne die Absicht haben, dem Oberst von Steininger zu 
viel zu sagen. Dem militärischen Immediatvortrage vom Sonnabend 
habe mithin ganz dieselbe Idee zugrunde gelegen, welche in Euerer 
Durchlaucht Schreiben von gestern zum Ausdruck gebracht sei. 

General von Albedyll fügte hinzu, daß Graf Moltke bei dem Vor- 
trage ebenso besonnen wie sachgemäß gewesen sei und durchaus nicht 
kriegerisch. Der Kaiser habe in diesen Tagen wiederholt Befürch- 
tungen geäußert, daß die Zweiteilung unserer Armee, welche Graf 
Moltke für den Fall kriegerischer Verwickelung nach beiden Seiten in 
Aussicht genommen habe, dieselbe gegebenen Falles am richtigen Punkte 
schwächen könnte. Seine Majestät sei nun durch die Darlegungen des 
Feldmarschalls bedeutend ruhiger geworden. 

General von Albedyll bat mich. Euerer Durchlaucht zu schreiben, 
daß ihm nichts ferner läge, als kriegshetzende Tendenzen zu begün- 
stigen: er bedauere außerordentlich, durch seine unrichtige Ausdrucks- 
weise Euerer Durchlaucht die Mühe eines Briefes auferlegt zu haben, 
und bäte, sich überzeugt zu halten, daß ihm nur daran läge, Erregungen 
sowie Verwirrungen vorzubeugen, und daß er sich stets zur Verfügung 
hielte, wenn wir in diesem Sinne irgendwie an ihn appellieren sollten. 

Ich bemerkte dem General nur, daß mir die Beunruhigung wegen 
der Stimmung des Grafen Moltke ohne Grund gewesen zu sein schiene. 
Letzterer habe sich mir gegenüber am letzten Freitag des langen und 
breiten in einem Sinne ausgesprochen, der Euerer Durchlaucht Inten- 
tionen durchaus entsprochen hätte. Ich wüßte deshalb nicht, weshalb 
unter dem von Seiten des Hofes lanzierten Worte „Kriegsrat" Prinz 
Wilhelm und drei Generäle an dem Vortrage des Grafen Moltke teil- 
genommen hätten. General von Albedyll erwiderte hierauf nur, er be- 
dauere diese alberne und Aufsehen erregende Bezeichnung, er hätte 
aber nicht gewußt, daß ich am Freitag mit Graf Moltke bereits gespro- 
chen hätte, und die anderen Generäle seien dem Vortrage des letzteren 
eben nur beigetreten, um seinen vermeintlichen kriegerischen Ideen ent- 
gegenwirken zu können. Ich ließ hier nur einfließen, daß ich weder 
den Beruf noch die Zeit hätte, über meine Unterredungen mit dem 
Chef des Generalstabes den Chef des Militärkabinetts immer auf dem 
laufenden zu erhalten, und daß nach meinen Eindrücken Graf Moltke 

60 



der ruhigste und besonnenste aller unserer Generale sei. General von 
Albedyll nahm für sich das gleiche Epitheton in Anspruch und wieder- 
holte, Euere Durchlaucht könnten sich darauf verlassen, daß er immer 
alles täte, um Schwierigkeiten von unserer auswärtigen Politik fernzu- 
halten. 

Graf Moltke empfing mich heut nachmittag, und ich las ihm so- 
wohl den Brief des Generals von Albedyll als Euerer Durchlaucht Ant- 
wort darauf mit angemessenen Erläuterungen vor. Bei der Lektüre des 
ersteren unterbrach mich Graf Moltke sofort mit den Worten: ,,,zur 
Kooperation* ist unrichtig und der Ausdruck ,auf jeden Fall' ebenso. 
Ich habe Seiner Majestät nur gesagt, daß wir auch ,wie beim franzö- 
sischen Kriege immer in der Lage sein würden, vier Armeekorps an un- 
serer Ostgrenze stehen zu lassen*.'' Bei meinen weiteren Mitteilungen 
machte Graf Moltke wiederholt Einschaltungen, aus denen hervorging, 
daß er sich in voller Übereinstimmung mit Euerer Durchlaucht Auffas- 
sung befindet. Er sagte, Steininger sei gestern bei ihm gewesen, habe 
aber nur mitgeteilt, er werde nächster Tage in der Lage sein, Eröff- 
nungen seines Generalstabes zu übermitteln. 

,,Ich bin", fuhr er fort, „mit dem Reichskanzler vollkommen darüber 
einverstanden, daß meine Kritik oder Beantwortung der österreichischen 
Eröffnungen in das politische Gebiet hinübergreift, da sich eben alles 
um den Eintritt des casus foederis dreht. Wann letzterer vorliegt, ist 
lediglich Sache des Reichskanzlers zu entscheiden. Ich werde daher 
Steininger, wenn er mir seine Schriftstücke überbringt, sagen, ich müsse 
mir die Sache überlegen und werde meine Antwort darauf zunächst 
dem Reichskanzler zur Begutachtung mitteilen. Diese Antwort selbst 
werde ich an den Erzherzog Albrecht richten und bei ihr an erster 
Stelle hervorheben, daß unser ganzer Meinungsaustausch sich nur auf 
den casus foederis bezöge, dessen Beurteilung nicht in meiner Kom- 
petenz läge." 

Der Feldmarschall sprach mir noch seine Verwunderung über die 
Berichterstattung von Herrn von Deines* aus; er bemerkte, solche 
Fragen, wie Beck danach gestellt haben sollte, lägen doch gar nicht 
in den Gebräuchen und wären jedenfalls besser unbeantwortet geblie- 
ben. Deines hätte sich entschieden durch militärische Passion zu weit 
fortreißen lassen, pp. 

Zum Schluß bemerkte Graf Moltke, der Kaiser sei nach seinem 
letzten Vortrage viel couragierter und zuversichtlicher, als er bisher 
in den letzten Wochen gewesen, es sei Seiner Majestät dabei nach- 
gewiesen worden, daß die in der Ausführung begriffene Neuorganisation 
nicht nur über 400000 Oarnisontruppen, sondern auch noch reichhch 



* Am 9. Dezember hatte der Militärattache in Wien Major von Deines eingehend 
über eine Besprechung mit dem Chef des österreichischen Generalstabes Feld- 
marschalleutnant von Beck berichtet, wonach dieser sehr wißbegierig wegen der 
eventuellen deutschen militärischen Kooperation gewesen war. 

61 



200000 Feldtruppen liefern würde. Letztere würden in Divisionen zu 
je 16 Bataillonen, 1 Kavallerie- und 1 Artillerieregiment gegen den 
Feind Verwendung finden können; dies sei eine ganz formidable Ver- 
stärkung, und er (Graf Moltke) habe dem Kaiser versichert, daß wir nun 
selbst einem zweiseitigen Angriff gewachsen seien und ihn nicht zu 
fürchten brauchten. 

Euerer Durchlaucht Brief an General Albedyll behalte ich im Kon- 
zept zum morgigen Immediatvortrage hier: sehr eingehend werde ich 
dasselbe nun nicht zu verwerten brauchen, da die genannten Ausdrücke 
in Herrn von Albedylls Schreiben von ihm selbst als irrtümlich aner- 
kannt sind, und da ich den bestimmten Eindruck habe, daß der Feld- 
marschall vollständig auf Euerer Durchlaucht Standpunkt steht. 

H. Bismarck 



Nr. 1184 

Aufzeichnung des Vortragenden Rats im Auswärtigen Amt 
Grafen zu Rantzau, z. Z. in Friedrichsruh 

Eigenhändig 

Friedrichsruh, den 20. Dezember 1887 

Der Herr Reichskanzler bittet, in Gemäßheit des nachstehenden 
Diktates Seiner Majestät vorzutragen und mit dem Grafen Moltke zu 
sprechen: 

„Wenn ich mit den österreichischen Besprechungen einverstanden 
gewesen bin, so galt das doch nur für eine Besprechung desjenigen, 
was beiderseits getan werden kann, wenn der casus foederis vorliegt. 
Von dieser Distinktion ist in dem Schreiben des Generals von Albedyll 
gar nicht die Rede, und Österreich wünscht auch nicht, sie zu machen, 
sondern will den casus foederis verschieben, als jederzeit vorhanden. 
Um den casus foederis herzustellen, ist der Angriff Rußlands auf 
Österreich notwendig. Solange derselbe nicht stattfindet, können wir 
Österreich keinen Beistand zusagen und auch nicht darüber in Ver- 
handlung treten, ob und welche Aufstellungen wir im Kriegsfall machen. 
Seine Majestät muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß wir damit 
unsern neuesten diesjährigen geheimen Vertrag mit Rußland brechen 
würden. 

Das bisherige Ziel der kaiserlichen Politik ist die Erhaltung des 
Friedens, und unser System geheimer Verträge setzt eine Prämie auf 
friedliches Verhalten insofern aus, als wir Österreich beistehen, wenn 
Rußland den Frieden bricht, und nach dem russischen Vertrage neutral 
bleiben, wenn Österreich den Frieden bricht. Wir können und dürfen 
also den Österreichern nichts versprechen, keine Aufstellung, keine Mo- 

02 



bilmachung, wenn sie die Angreifenden sind; deshalb war es nicht 
zulässig, daß Major von Deines dem Kaiser Franz Joseph zu aggressivem 
Vorgehen zuredete. Glücklicherweise ist Kaiser Franz Joseph nicht 
darauf eingegangen. Wir wären in die größte Verlegenheit gekommen, 
wenn es der Fall gewesen wäre, da der Kaiser von Österreich nicht 
leicht daran geglaubt haben würde, daß der diesseitige Militärattache 
ohne Auftrag zum sofortigen Kriege zugeredet habe. 

Wenn nun in dieser Lage Graf Moltke ohne meine Mitwirkung 
die Vollmacht unseres allergnädigsten Herrn erhält, einem österrei- 
chischen Militärvertreter kaiserliche Zusagen zu machen über even- 
tuelle diesseitige Truppenaufstellungen, auch ohne daß Österreich der 
Angegriffene ist, also ohne casus foederis, so wird damit der Herr 
Feldmarschall ermächtigt, im Namen des Kaisers Schritte zugunsten 
Österreichs in Aussicht zu stellen, durch welche die österreichische 
Kriegslust im Widerspruch mit unserer Politik gefördert wird, und durch 
welche wir eine Haltung zusagen, die mit unserer russischen Vertrags- 
pflicht in Widerspruch steht und das Deutsche Reich dem russischen, 
also auch dem gleichzeitigen französischen Kriege entgegenführt. Wenn 
solche Vollmachten ohne mein Zutun und gegen meinen Rat erteilt oder 
auch nur bei Seiner Majestät beantragt werden, so ist meine Verant- 
worthchkeit für die mit der Leitung der auswärtigen Politik verbun- 
dene Stellung als Reichskanzler nicht mehr haltbar." 

Der Herr Reichskanzler bittet, bei Seiner Majestät die Erlaubnis zur 
vertrauHchen Mitteilung des geheimen russischen Vertrages an den 
Grafen Moltke einzuholen, aber nur an den Herrn Feldmarschall per- 
sönlich, nicht an die Herren des Generalstabes. Seine Durchlaucht bittet, 
auch nach Maßgabe der vorstehenden und der gestrigen Direktive 
mit dem Herrn Kriegsminister zu sprechen, überall aber eine Anklage 
gegen Major von Deines zu vermeiden, welchem er aus Kameradschaft 
nicht schaden wolle. 

C. Rantzau 



Nr. 1185 

Der Österreich -ungarische Minister des Äußern Graf Kälnoky an 
den Österreich -ungarischen Botschafter in Berlin Grafen Sz6chenyi 

Abschrift, von dem Botschafter Grafen Szechenyi am 23. Dezember im Auswärtigen 

Amt übergeben 

Geheim Wien, den 22. Dezember 1887 

Infolge einer von hier ausgegangenen Anregung machte mir Prinz 
Reuß in voriger Woche die Mitteilung, Seine Majestät der Deutsche 
Kaiser habe genehmigt, daß unter Voraussetzung strengster Geheim- 
haltung in vorläufige Besprechungen über die militärischen Folgen des 

63 



eventuellen casus foederis eingetreten werde — und daß es sich dem- 
gemäß empfehlen dürfte, die bezüglichen Instruktionen an Oberstleutnant 
Freiherrn von Steininger zu erteilen. 

Wie ich aus Euer Exzellenz Bericht Nr. 114 vom 20. Dezember 
ersehe, hat nun auch Graf Bismarck hiervon die amtliche Mitteilung 
an uns gelangen lassen. Wir sind mit der darin vorgeschlagenen Mo- 
dalität einverstanden und teilen die Ansicht, daß die vorläufige Ver- 
mittlung durch unseren Militärbevollmächtigten in Berlin der jetzigen 
Situation entspreche, und es, wenn die Eventualitäten dies erheischen 
sollten, einer späteren Epoche vorbehalten bleiben dürfte, durch zwei 
höhere mihtärische Vertreter der beiden Reiche diese wichtigen miH- 
tärischen Fragen zum Abschluß zu bringen. Der heutige Kurier über- 
bringt an Oberstleutnant von Steininger die Instruktionen von Seiten 
der obersten Armeeleitung, um die eingangs erwähnten Besprechungen 
mit Feldmarschall Grafen Moltke einzuleiten. Bei dem großen Werte, 
den ich darauf lege, auch in dieser Angelegenheit in enger Fühlung 
mit Seiner Durchlaucht dem deutschen Reichskanzler zu bleiben, schließe 
ich beiliegend Abschrift jener Punktationen* bei, welche von unserem 
Generalstabe als Grundlage zu den bevorstehenden vorläufigen Erörte- 
rungen entworfen wurden und heute dem Baron Steininger zugehen. 

Indem Euer Exzellenz dem Herrn Staatssekretär Grafen Bismarck 
für die durch Ihren Bericht vom 20. Dezember vermittelte Mitteilung 
unseren verbindlichsten Dank aussprechen und ihm von der Beilage 
Kenntnis geben wollen, wünschen wir zugleich einen weiteren Punkt 
in Anregung zu bringen, dessen Erörterung um so wichtiger ist, je näher 
die Frage eines gemeinsamen Kriegsfalls gegen Rußland herantritt. 
Unsere beiden Armeeleitungen sind darin vollkommen einig, daß es 
vorteilhaft! und daher notwendig wäre, den Angriff des russischen 
Heeres nicht abzuwarten, sondern demselben zuvorzukommen und den 
Krieg je eher je besser auf russischen Boden zu verlegen 2. Während 
die durch Baron Steininger einzuleitenden vorläufigen Besprechungen 
diemi litärischen Folgen des casus foederis^ betreffen, schiene 
es mir von großer Wichtigkeit, daß die zwei Kabinette sich über die 
Frage beizeiten einigen, unter welchen Umständen der casus foederis 
tatsächhch einzutreten habe*. Da der zwischen Deutschland und uns 
bestehende Vertrag ein reiner Defensiwertrag ist und daher eine Ver- 
pflichtung für den Fall eines Angriffes durch einen der beiden Kontra- 
henten auf Rußland nicht einschließt, andererseits aber, wie miHtärischer- 
seits^ entschieden erklärt wird^, das offensive Vorgehen für den Fall, 
als der Krieg unvermeidlich ist^, schwerwiegende Vorteile bieten würde, 
so scheint es uns dringend notwendig, schon jetzt volle Klarheit in diese 
Frage zu bringen 8, eventuell hierüber ein solches förmliches Einver- 
ständnis herzustellen, welches auch unseren beiden Armeeleitungen ^ 

* Siehe die Anlage. 
64 



eine sichere Grundlage für iiire zu treffenden Dispositionen zu bieten 
vermöchte. 

Ich ersuche Euer Exzellenz daher auch diesen Gegenstand streng 
vertrauHch beim Herrn Staatssekretär anzuregen und mich von der 
Aufnahme, welche diese Anregung gefunden hat, in Kenntnis setzen zu 
wollen. — (gez.) Kälnoky 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Ja, aber für uns politisch nicht thunlich 

^ wenn Oest[er]reich, gestützt auf Italien, Pforte u[nd] England das nützlich hält; 

wir thun dabei nicht mit. 
3 also nicht des Angriffs! 

^darüber ist keine Einigung nöthig; es steht im Bündnißvertrage ! 
5 die Militärs machen die Diplomaten nicht 
* Sofismen! 
■^ das ist er nicht 

8 sie ist klar, u[nd] nur durch diese Verschiebungen getrübt! 

9 das würde die Politik also nicht berühren! 

Anlage 

Punktationen des österreichischen Generalstabes für den österreichisch- 
ungarischen Militärattache Oberstleutnant Freiherrn von Steininger 

Abschrift 
Geheim 

Es erscheint geboten, für den Fall, als der casus foederis infolge 
eines Angriffes seitens Rußlands, oder infolge gemeinsamen überein- 
stimmenden Vorgehens der verbündeten Mächte eintreten sollte*, zur 
Klarstellung der militärischen Lage die nachfolgenden Punkte einer vor- 
läufigen Besprechung zu unterziehen. 

1. Festsetzung über einen gemeinsamen gleichzeitigen Mobilma- 
chungstag i für die gesamte bewaffnete Macht beider Reiche. 

Welche Folgen würde ein feindHcher Einbruch in eines der beiden 
Staatsgebiete für das andere nach sich ziehen? 2 

Was wäre für den Fall einer konstatierten weiteren bedrohlichen 
Verstärkung durch Heranziehung neuer Truppenkörper des Gegners 
festzusetzen? 3 

2. Österreich-Ungarn würde gegen Rußland seine ganze Macht ein- 
setzen*, mit einziger Ausnahme des zur Behauptung des Okkupations- 
gebietes unbedingt erforderlichen Kraftteiles. 

3. Wie viele seiner Feld- und Reservetruppen würde das Deutsche 
Reich gegen Rußland aufbieten^, und zu welcher Zeit könnten dieselben 
eingreifen? 

4. Die Kriegserklärung würde, falls der Gegner dies nicht früher 
tut, von beiden Mächten am gleichen Tage zu übergeben sein^. 



* Anm.: Die Worte von „oder infolge" bis „Mächte" sind von Bismarck ein- 
geklammert. 

5 Die Große Politik. 6. Bd. 65 



Die Feindseligkelten würden gleichfalls mit einem und demselben 
Termine beginnen ''. 

5, Beide Mächte würden den Krieg offensiv führen und die Ope- 
rationen gegen die feindliche Hauptkraft richten 8. 

Wir setzen voraus, daß im Falle eines beschlossenen Angriffs- 
krieges ^ zwischen den beiden Kabinetten die entsprechenden Abma- 
chungen getroffen sein werden. 

6, Welcher Vorgang lo erscheint am zweckmäßigsten, um sich wäh- 
rend des Kriegsfalles gegenseitig rasch alle erforderlichen Mitteilungen 
zu machen und dauernd in engster Fühlung zu bleiben ?ii 

7, In welchem Maße werden von Seite Deutschlands eventuell 
die militärischen Kräfte Italiens in Anspruch genommen? 12 

In welchem Maße ist es beabsichtigt, auf Rumänien einzuwirken, 
um dasselbe zu aktiver Mitwirkung zu veranlassen ?i3 



Randbemerkungen des Fürsten Bismarck: 
^ ? Jeder quam citissime! jetzt läßt sich kein Tag im Voraus festsetzen, u[nd] 

tritt der Fall ein, so macht jeder so schnell er kann mobil 
- die Mobilmachung u[nd] Kriegserklärung! 
3 nichts, wenn wir sofort das Ganze mobilmachen also nichts übrig haben 

* wir auch, mit Ausnahme der „Deckung gegen Frankreich". 
^ in casu foederis alles u[nd] davon 4 Corps im Osten. 

^ ! Unsinn; wir erklären Rußland den Krieg erst nachdem es Oestler]reich an- 
gegriffen haben oder ihm den Krieg erklärt haben wird. Dann ist also 
Oest[er]reich schon im Kriege 

• doch sofort mit Eintritt des Krieges, ohne Termin 

8 wo steht die? 

9 fällt uns nicht ein! 

11 der Telegraph wird das besorgen 

^2 das hängt von Frankreichs Verhalten ab. Wir nehmen ital[ienische] Truppen 

für uns nicht in Anspruch; aber die Ital[iener] werden sie bei sich brauclien 
1^ sobald Oestlerlreich von Rußland angegriffen wird, tritt für Rumfänien] wie für 

uns casus f[oederis|, also volle Mitwirkung ein; ohne russ[ischen] Angriff, für 

agressives öst[er]rleichisches] Vorgehn, wird auf Rumänien so wenig wie auf 

uns zu rechnen sein. 



Nr. 1186 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. in Friedrichsruh, an 
den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept von der Hand des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck 

Nr. 745 Friedrichsruh, den 27. Dezember 1887 

Geheim [abgegangen am 29. Dezember] 

Der österreichisch-ungarische Botschafter hat den zu Ew. ver- 
traulicher Kenntnisnahme abschriftlich mit meinen Marginalien hier bei- 

66 



gefügten Erlaß des Grafen Kälnoky vom 22<en er.* zu meiner Kenntnis 
gebracht. 

Die im österreichischen Generalstabe redigierte Anlage jenes Er- 
lasses**, welche im Original dem Grafen Moltke vorliegt, bin ich zu 
beurteilen nicht berufen und enthalte mich deshalb einer Besprechung 
derselben: es handelt sich darin um militärische Fragen, deren Prüfung 
dem Generalstabe obliegen wird. 

Soweit die Politik dadurch berührt ist, möchte ich für Ew. per- 
sönlich bemerken, daß Inhalt und Fassung mir einen mehr oberfläch- 
lichen als sachlichen Eindruck macht. Ich gehe auf die einzelnen Fragen 
nicht ein, schon weil die meisten nach Inhalt und Fassung jede Mög- 
lichkeit der Beantwortung ausschließen und beschränke mich darauf, 
zu wiederholen, daß ich alle Verabredungen, welche ein aggressives Vor- 
gehen zur Voraussetzung oder zum Ziele haben, von der Hand weisen 
muß. 

Ich glaube, daß der Chef unseres Generalstabes auf die Mehrzahl 
der von seinem österreichischen Kollegen ausgehenden Fragen durch 
Aufstellung von Gegenfragen wird antworten müssen: 

Graf Moltke wird zuerst zu wissen nötig haben, welche Kräfteent- 
faltung Österreich in Aussicht nimmt und wie seine Heere aufmar- 
schieren sollen, bevor er sich ein Bild von den Leistungen macht, durch 
welche wir beim Eintritt des casus foederis zweckmäßig eingreifen wer- 
den. Die Entschließungen der österreichischen Militärleitung werden 
aber wieder einigermaßen durch die Art und die Örtlichkeit des russi- 
schen Angriffs bedingt sein, welcher ihnen vorhergehen muß, um den 
casus foederis herzustellen. 

Ich kann mich nach Lektüre der Anlage des Eindrucks nicht er- 
wehren, daß in gewissen militärischen Kreisen Wiens die Absicht be- 
steht, unser Defensivbündnis zu verschieben, und betone deshalb 
wiederholt, daß es für keinerlei offensive Zwecke geschlossen wurde. 
Graf Kälnoky ist mit mir darüber vollkommen einverstanden. Wir 
müssen nur beiderseits darauf achten, daß die Berechtigung, unsere 
Monarchen politisch zu beraten, nicht faktisch unsern Händen ent- 
gleite und auf die Generalstäbe übergehe. 

Wir dürfen solche Bestrebungen nicht über die von mir Ew. 
gegenüber mündlich bezeichnete Linie hinaus ermutigen, und durch 
unsere Empfehlungen starker Rüstung auf den Fall russischen An- 
griffs nicht die Vermutung erwecken, daß wir einen österreichischen 
Angriff auf Rußland mitmachen oder unterstützen würden. 

Unser Eintreten in den eventuellen Krieg wird durch den russi- 
schen Angriff auf Österreich prinzipiell bedingt; eine gleich- 
zeitige Kriegserklärung oder Mobilmachung, welche in dem militäri- 
schen Fragebogen Erwähnung finden, kann daher nicht vorkommen, weil 



* Siehe Nr. 1185. 

** Siehe Nr. 1185, Anlage. 



67 



Österreich, wenn casus foederis für uns eintritt, bereits von Rußland 
angegriffen und mit ihm im Kriege sein wird. 

In welcher Weise wir dann ein- und Rußland angreifen, das wird 
wesentlich davon abhängen, einmal, wo der russische Angriff auf Öster- 
reich erfolgt, mit welchen Kräften letzteres ihm entgegentritt, wieviel 
Truppen es sofort und wieviel in jeder demnächstigen Woche wird auf- 
stellen können. 

Daß für uns der Krieg gegen Frankreich dem Ausbruch des rus- 
sisch-deutschen Krieges unverzüglich folgen wird, ist nicht zweifelhaft: 
Sollte er wider Erwarten nicht von selbst eintreten, so würde es für 
uns mehr oder weniger geboten sein, ihn ohne Verzug herbeizuführen. 
Wir können einen Krieg nach Osten so lange nicht mit voller Kraft 
und weit über unsere Grenzen hinaus leisten, als wir noch die volle 
französische Macht ungeschwächt und angriffsbereit im Rücken haben. 
Wir wissen nicht, wie es in dem Fall dann in Frankreich aussehn wird, 
aber wenn unser Friede dort nicht gesicherter ist, wie heute, so wird 
es vielleicht geboten sein, daß wir dem Ausbruche des russisch-öster- 
reichischen Krieges unsere Kriegserklärung gegen Frankreich folgen 
lassen, um dann nach Sicherstellung unserer Westgrenze unsere volle 
Macht gegen Rußland zur Verfügung zu haben. 

Ich bitte Ew., diese letzten Erwägungen durchaus zu sekretieren 
und das im Eingang Gesagte nur als zur Regelung Ihrer vertraulichen 
mündlichen Rückäußerung auf den vom Grafen Szechenyi mitgeteilten 
Erlaß bestimmt anzusehn. Ew. wollen meinen Dank für die in dem 
letzteren enthaltenen Mitteilungen an Graf Kälnoky aussprechen, dabei 
aber ausdrücklich bemerken, daß es nicht meine Sache sei, die mili- 
tärischen Anfragen zu erwägen. 

Sie können dabei einfließen lassen, daß ich einen unerwarteten 
russischen Angriff allerdings für möglich hielte und deshalb wünsche, 
daß Österreich durch einen solchen nicht militärisch überrascht würde; 
je stärker sich Österreich macht, desto schwächer wird die Versuchung 
für Rußland, den Krieg zu beginnen. Einstweilen halte ich den Krieg 
nicht für nahe bevorstehend und werde mein Möglichstes tun, um ihn 
zu vermeiden. Der Kaiser Franz Joseph teilt meine friedlichen Wünsche. 
Damit wir aber denselben entsprechend die Aussichten auf die Bewah- 
rung des Friedens verstärken können, ist es notwendig, daß Österreich 
unserem Beispiel folge und so stark, vielleicht stärker wie jetzt, gerüstet 
bleibe: anderenfalls gewährt es Rußland eine Verlockung zum 
Angriff. Die Größe der Kalamität, welche für die Völker Österreich- 
Ungarns und Deutschlands mit einem französisch-russischen Kriege, 
wie immer er ausfallen mag, verbunden sein wird, legt uns die Pflicht 
auf, den Ausbruch desselben, wenn wir können, zu verhüten, und jeden- 
falls der göttlichen Vorsehung nicht dadurch vorzugreifen, daß wir ihn 



* Vgl. Nr. 1163, S. 24, nebst Fußnote. 
68 



herbeiführen, ehe er sich uns aufdrängt. Die Zeit läuft mehr zu unsem 
als zugunsten der Gegner; in Frankreich wie in Rußland sind die Zu- 
stände gespannter als bei uns und können zu inneren Entwicklungen 
dieser Länder führen, welche uns eines Kampfes von so riesigen Di- 
mensionen überheben würden. Wir dagegen glauben in 2 bis 3 Jahren 
stärker zu sein wie heut, im Innern wie nach außen; die volle Kraft 
des deutschen Volkes werden wir aber nur für einen defensiven Krieg, 
für Abwehr eines Angriffs in Tätigkeit bringen können. Den Beweis, 
daß wir den Krieg, weil er später doch ausgebrochen wäre, jetzt führen 
müßten, und daß die Umstände dazu heut günstiger wären wie später, 
wird man nicht einmal den Parlamenten, viel weniger dem Volke führen 
können, und niemand kann vorhersehn, ob der Erfolg der Behauptung 
entsprechen wird, daß der Zeitpunkt zum Losschlagen jetzt der gün- 
stige sei. 

Wenn Feldmarschall-Leutnant von Beck Ew. Anfang des Monats 
sagte, „er bedürfe 6 Wochen, um eine ersprießliche Mobilmachung 
auch nur einleiten zu können", so hoffe ich, daß Österreich die 
vor uns Hegende Zeit benutzen wird, um diese bedenkliche Lücke 
auszufüllen und stärker zu rüsten. Die Zeit läuft zugunsten Öster- 
reichs. Jetzt ist es mit seinen 3 Gewehrarten und fehlenden Montie- 
rungen etc. schwächer, als es in Jahresfrist sein wird, wenn es die 
Hauptsache nicht aus den Augen läßt, nämUch mehr Geld auf die 
Armee zu verwenden. Auch wir bedürfen noch der Zeit, um in der 
Vollzahl, die unser neues Landwehrgesetz für das deutsche Heer in Aus- 
sicht nimmt, so gerüstet zu sein, wie wir es für nötig ansehn, bevor 
wir in unsern Bemühungen für die Erhaltung des Friedens nachlassen 
können. Ich halte daher an der Hoffnung fest, daß Graf Kälnoky nach 
wie vor mit uns bemüht sein werde, den Krieg zu verhüten oder doch 
aufzuschieben, und daß wir uns die Verantwortlichkeit dafür nicht von 
militärischen Ratgebern aus der Hand nehmen lassen. 

V. Bismarck 



Nr. 1187 

Der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Graf von Berchem 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept 

Nr. 752 Berlin, den 29. Dezember 1887 

Ew. pp. gefälliger Bericht vom 21. d. Mts. Nr. 535 hat dem Fürsten 
Bismarck vorgelegen. 

Der Herr Reichskanzler hat dazu bemerkt, daß Graf Kälnoky und 
er in ihrer Eigenschaft als Minister der Auswärtigen Angelegenheiten 
ihre Befugnisse, auch in Nebendingen, nicht auf die beiderseitigen 
MiUtärpersonen übertragen dürften, ohne die Geschäfte zu gefährden, 

69 



für welche sie verantwortlich seien. Fürst Bismarck bittet den Grafen 
Kalnoky, ihm dabei behilflich zu sein, daß internationale Verabredungen 
und Unterlagen zu solchen nicht ohne ihre beiderseitige Kenntnis und 
Genehmigung von rein militärischer Seite gefaßt werden. 

Beide Minister können weder ganz noch teilweise zugunsten unter- 
handelnder Offiziere abdizieren; müssen vielmehr die Geschäfte in der 
Hand behalten und keinen Zweifel darüber lassen, daß internationale 
Verabredungen, welche ohne ihr aktenmäßiges Einverständnis erfolgen, 
ihren Parlamenten gegenüber als verbindlich nicht angesehen werden 
würden. Es liegt im Interesse des Friedens, an dieser Art der Ge- 
schäftsbehandlung streng festzuhalten, da beide Minister naturgemäß 
friedlicher gesinnt sein werden als ihre militärischen Landsleute. 

Der Herr Reichskanzler bittet Ew. pp. im Sinne des Vorstehenden 
mit dem Grafen Kalnoky mündlich und vertraulich zu sprechen und fügte 
hinzu, die militärischen Korrespondenzen könnten doch nur einen infor- 
matorischen, keinen vertragabschließenden Charakter haben. 

Berchem 



Nr. 1188 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck, z. Z. in Friedrichsruh 

Ausfertigung 

Nr. 554 Wien, den 31. Dezember 1887 

Geheim 

Euerer Durchlaucht hohen geheimen Erlaß Nr. 745* vom 27. d. Mts., 
die Besprechungen zwischen dem deutschen und dem österreichischen 
Generalstab betreffend, habe ich zu erhalten die Ehre gehabt, und 
habe ich mich in der mir vorgeschriebenen Weise und mit Sekre- 
tierung der auf Seite 7 und 8 enthaltenen Erwägungen dem Grafen 
Kalnoky gegenüber ausgesprochen. 

Der Minister drückte mir seinen Dank für diese Rückäußerung auf 
seinen unter dem 22. d. Mts. an Graf Szechenyi gerichteten Erlaß** 
aus und war befriedigt durch die präzise Weise, in welcher die Fragen, 
die er sich zu stellen erlaubt hätte, durch Euere Durchlaucht beantwortet 
wurden. 

Er sagte, es bedürfe nicht erst hervorgehoben zu werden, daß er 
vollkommen mit Euerer Durchlaucht einverstanden sei, daß die Berech- 
tigung, die allerhöchsten Monarchen politisch zu beraten, nicht den 
Händen der leitenden Minister entgleiten dürfe und auf die General- 

* Siehe Nr. 1186. 
** Siehe Nr. 1185. 

70 



Stäbe übergehe. Er seinerseits halte streng hierauf, und könne er ver- 
sichern, daß bei den mihtärischen Beratungen, die hier stattgefunden, 
nichts hinter seinem Rüci<en geschehen sei und geschehen werde. Auch 
der Kaiser, sein Herr, würde dies nie leiden. 

Aus diesem Grunde habe er, wie er mir schon neulich gesagt, die 
vom österreichischen Generalstabe redigierten Instruktionen für Herrn 
von Steininger* durch den K. und K.Botschafter zu Euerer Durchlaucht 
Kenntnis bringen lassen, weil es ihm vor allem wichtig sei, mit Euerer 
Durchlaucht direkt in allen diesen Fragen in Fühlung zu bleiben. 

Er habe nichts zu meinen Auseinandersetzungen über den casus 
foederis zu bemerken, und Euere Durchlaucht hätten vollkommen recht 
anzunehmen, daß Hoclidieselben hierüber ganz mit ihm einverstanden 
wären. Nur gegen die Vermutung, die ich ihm nicht verhehlte, daß in 
gewissen militärischen Kreisen Wiens die Absicht bestünde, den Sinn 
unseres Defensivbündnisses zu verschieben, müsse er Einspruch er- 
heben. Er sei sich über die Bedeutung und die Zwecke dieses Bünd- 
nisses immer ganz klar gewesen. In hiesigen militärischen Kreisen 
habe indessen schon längst theoretisch ein vollkommenes Einverständ- 
nis mit den Ansichten des deutschen Generalstabes darüber geherrscht, 
daß in einem Kriege Österreichs gegen Rußland ein günstiges Resultat 
nur dann zu erhoffen sei, wenn das Kriegstheater sofort bei Beginn des 
Krieges nach Rußland verlegt würde. Daß die Militärs hierbei nur von 
militärischen und nicht von politischen Ideen geleitet würden, könne 
man ihnen nicht verdenken. Dieses habe aber keinen Einfluß auf die 
politischen hier zu treffenden Entscheidungen. 

Politisch liege die Sache anders, und er hoffe, daß ich Euerer 
Durchlaucht gemeldet hätte, daß er mir mehr wie einmal versichert 
hätte, Seine Majestät der Kaiser Franz Joseph wollten den Krieg ver- 
meiden, wollten Rußland nicht angreifen und sich aller Handlungen 
enthalten, welche von Rußland als Provokation aufgefaßt werden 
könnten. 

Er befände sich in derselben Lage wie Euere Durchlaucht: er 
müsse die Richtigkeit der militärischen Beweisführung anerkennen, 
könne sich aber nicht dadurch bewegen lassen, sich für die Notwen- 
digkeit eines Angriffs auszusprechen. Er pflichtete daher den Ausein- 
andersetzungen vollkommen bei, die ich ihm nach Maßgabe des ge- 
nannten hohen Erlasses (Seite 9 bis 14) vortrug. Er bemerkte. Euere 
Durchlaucht würden sich nicht in der Voraussetzung täuschen, daß 
er nach wie vor bemüht sein werde, den Krieg zu verhüten und daß 
er sich, wie er mir schon wiederholt versichert habe, hierin in vollem 
Einverständnis mit seinem kaiserlichen Herrn befände. Für Österreich- 
Ungarns militärische Entwicklung sei das Zeitgewinnen noch ungleich 
viel wichtiger als für Deutschland. 

* Siehe Nr. 1185, Anlage. 

71 



Ob Rußland diese Zeit lassen werde, das sei eine andere Frage. 
Daß mehr Geld auf die Armee verwendet werden müsse, sei unzweifel- 
haft richtig, aber es sei nicht leicht für ihn, die maßgebenden Männer 
für den Gedanken zu gewinnen, daß dies auch bleibend der Fall 
sein müsse, wenn Österreich wirklich stark sein solle. Jedenfalls habe 
der Kriegslärm der letzten Wochen sehr günstig in dieser Richtung 
gewirkt, und sei es ihm daher sehr erwünscht gewesen, daß meine 
Sprache sowohl, wie die Berichte, die er aus Berlin in den letzten 
Wochen erhalten habe, ihn so kräftig unterstützt hätten, um energi- 
schere militärische Vorkehrungen durchzusetzen, die Österreich in den 
Stand setzten, einem russischen Überfall, der ja nicht ausgeschlossen 
sei, die Spitze bieten zu können. 

Auf die Besprechungen zwischen den beiderseitigen Generalstäben 
ist der Minister nicht näher eingegangen; auch hat er mir nicht wieder 
von der wünschenswerten genaueren Definition gesprochen, was eigent- 
lich unter „Angriff" zu verstehen sein würde. 

Ich habe mich darauf beschränkt, die auf der 5. und 6. Seite des 
Erlasses Nr. 745* enthaltene Auseinandersetzung, was der casus foederis 
bedeute, in der entschiedensten Weise zu betonen, und hat der Minister 
auch keinerlei Einwendungen dagegen erhoben. Er fand es ganz rich- 
tig, daß die Entschließungen der österreichischen Armeeleitung durch 
die Art und die Örtlichkeit des russischen Angriffs bedingt sein würden, 
welcher ihnen vorhergehen muß, um den casus foederis herzustellen, 
und daß unser eventuelles Eingreifen auch davon abhängen werde, wo 
dieser Angriff auf Österreich erfolgen werde. Er sagte mir schließlich, 
er befürchte noch immer, daß Euere Durchlaucht den Eindruck hätten, 
daß er oder sein Kaiser den Krieg wollten. Daß dies ein Irrtum sei, 
bat er mich mehrmals Euerer Durchlaucht in seinem Namen zu er- 
klären. 

Ich darf ganz gehorsamst wiederholen, daß Graf Kälnoky an meiner 
Sprache nichts auszusetzen hatte, und daß er Euerer Durchlaucht An- 
sichten daher akzeptiert. H. VII. P. Reuß 



Nr. 11 8Q 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 6 Wien, den 4. Januar 1888 

Geheim 

Graf Kälnoky hat mir gestern gesagt, daß er den Bericht des Frei- 
herrn von Steininger über dessen Unterredung mit dem Herrn Staats- 

* Siehe Nr. 1186. 

72 



Sekretär erhalten habe, und hinzugesetzt, die Äußerungen Seiner Exzel- 
lenz stimmten ganz mit demjenigen überein, was ich ihm vor ein paar 
Tagen über die Ansichten Euerer Durchlaucht mitgeteilt hätte (conf. 
geheimer Erlaß Nr. 745 vom 27. Dezember v. Js.*). 

Der Feldmarschall Graf Moltke, der den Oberstlieutnant sehr 
freundlich empfangen habe, sei nicht näher auf die Mitteilungen i ein- 
gegangen, die letzterer ihm zu machen beauftragt gewesen sei, w^enn 
er auch die verabredeten miUtärischen Besprechungen nicht abgebro- 
chen hätte. 

Unter diesen Umständen glaube er, der Minister, daß wohl kein 
ersprießhches Resultat von diesen Besprechungen zu erwarten sein 
würde. Gegenfragen habe der Feldmarschall bis jetzt nicht gestellt. 
Der preußische Generalstab sei übrigens ganz genau mit den Stärke- 
verhältnissen, den Aufmarschideen und den Zeitabschnitten, in denen 
die Aufstellung der österreichisch-ungarischen Armee erfolgen könnte, 
bekannt 2; hierüber würden daher wohl von hier aus keine weiteren Auf- 
schlüsse verlangt werden. 

Aus den Äußerungen des Grafen Kalnoky schien mir hervorzu- 
gehen, daß er annehmen zu können glaubte, unsererseits würden weitere 
und eingehendere Besprechungen nicht gewünscht, und daß er daher 
wohl seinerseits auch keine weiteren Anfragen stellen wird. 

Er wiederholte mir, daß der deutsche wie der österreichische 
Generalstab für den Fall des Ausbruches eines Krieges zwischen Ruß- 
land und Österreich in der Theorie darüber einig gewesen wären, daß 
derselbe nur mit Aussicht auf Erfolg zu führen sein werde und Galizien 
nur gerettet werden könnte, wenn man den Krieg sofort auf das feind- 
liche Territorium trüge. So richtig diese militärische Auffassung sei, 
so käme sie doch hier nicht in Betracht, weil die K. und K. Regierung 
nach wie vor entschlossen sei, Rußland nicht anzugreifen^. Für den 
Fall eines russischen Angriffs möchte man sich indessen so gut als 
möglich vorzubereiten suchen*. Da die Chancen für diesen Fall aber 
sehr ungünstig für Österreich, namentlich durch die geographische 
Lage der Grenzprovinz, lägen, so müsse man mit verdoppelter Vor- 
sicht handeln, um den russischen Krieg nicht zu provozieren. 

Die einmal befohlenen Vorbereitungen würden demungeachtet wei- 
ter betrieben werden, w^eil man hier von der Annahme ausginge, daß 
Rußland in diesen reinen Defensivmaßregeln keine Provokation sehen 
könnte. H.VII. P. Reuß 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 
^ fragen! 

3 gut 

* richtig 



* Siehe Nr. 1186. 

73 



Randbemerkung des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 
2 Dies hat mir Graf Moltke bestätigt und dabei gesagt, daß er Gegenfragen des- 
halb nicht zu stellen habe. 
Schlußbemerkung des Grafen Herbert von Bismarck: 

Oberstleutnant Graf Keller sagte mir, eine Hauptsache sei, daß die Öster- 
reicher Lemberg befestigen. Dann wäre ausgeschlossen, daß sie beim ersten 
russischen Angriff gleich hinter die Karpathen retirierten, wodurch unser Schlesien 
ganz bloßgestellt werden würde. Erfreulich sei deshalb, daß die Österreicher 
jetzt mit Feldbefestigungen bei Lemberg begonnen hätten. 



Nr. 1190 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 11 ' Wien, den S.Januar 1888 

Geheim 

Ich habe heut die Ehre gehabt, nach dem Hofdiner mit Seiner 
Majestät dem Kaiser von Österreich ein kurzes Gespräch zu haben. 

Seine Majestät sagte mir, er bedauerte, daß die von ihm ange- 
regten Besprechungen! zwischen den beiderseitigen Generalstäben un- 
sererseits so gut wie ablehnend behandelt worden seien. Ich würde mich 
entsinnen, daß er diese Besprechungen vorgeschlagen hätte, als vor 
etwa 4 Wochen die politische Lage eine sehr drohende gewesen wäre. 
Auch unsererseits wären diese russischen militärischen Vorbereitungen 
für bedenklich gehalten worden, und hätten wir daher hier den Rat 
gegeben, man möge sich, ohne Rußland zu provozieren, militärisch 
vorbereiten, um sich nicht überraschen zu lassen 2. Die gleichen An- 
sichten hätte auch der hiesige Generalstab gehabt, und namentlich habe 
der österreichische Militärattache in St. Petersburg, der ein richtiger 
Beobachter sei und auch in Berlin als solcher anerkannt würde, ent- 
schieden die Ansicht vertreten, daß der Krieg von Rußland geplant 
würde ^. 

Aus diesen Gründen habe er, der Kaiser, es für wichtig gehalten, 
sich über die gemeinsamen militärischen* Maßnahmen mit uns zu be- 
sprechen. Denn da allem Anschein nach der Angriff von Rußland aus- 
gehen sollte, so habe er keinen Augenblick daran zweifeln zu können 
geglaubt, daß wir gemeinsam diesem Angrifft zu begegnen haben 
würden. 

Die Aufnahme, die diese seine Anregung anfangs bei uns ge- 
funden, habe ihn befriedigt. Wenn nun diese Besprechungen nicht den 
erwünschten Fortgang gefunden hätten, so könne er sich dies nur da- 
durch erklären, daß Euere Durchlaucht die Besorgnis gehabt hätten, 

74 



daß er, der Kaiser, nur deshalb jene Besprechungen angeregt hätte, weil 
er beabsichtige 6, aggressiv gegen Rußland vorzugehen^. 

Wie diese Auffassung entstanden sein könnte, sei ihm unerklärlich. 
Er sei sich keines Schrittes seiner Regierung bewußt, welcher eine 
solche Absicht vermuten lassen könnte s. Er selbst ebenso wie sein 
Minister des Äußern hätten mir sowohl, wie auch durch seine amt- 
lichen Organe in Berlin, stets das Gegenteil versichert. Es wäre daher 
nur denkbar, daß die dem Baron Steininger erteilten Instruktionen 
diesen Glauben hätten erwecken können. 

In diesen Instruktionen sei der hiesige Generalstab allerdings von 
der auch von unserem Generalstab ^ seit langem geteilten Voraussetzung 
ausgegangen, daß, wenn Rußland die Absicht hätte, den Krieg zu 
machen, die einzig richtige Begegnung eines russischen Angriffs nur 
in einem Offensivstoß lo zu finden wäre, den man nach Rußland hinein 
zu führen haben werde. Daß die Idee eines unter diesen Bedingungen 
geplanten Offensivstoßes als ein beabsichtigter Angriff gegen Rußland 
aufgefaßt werden könnte, habe man hier nicht für möghch gehalten ii. 

Seiner Ansicht nach sei nicht immer derjenige der Angreifer, der 
den ersten Schlag führe. In dem Kriege, den Österreich gegen Sar- 
dinien seinerzeit geführt, habe letzteres den Krieg erklärt und niemand 
hätte Österreich beschuldigen können, daß es durch seine rasch er- 
griffene Offensive, die ihm den Sieg von Novara etc. eingetragen, einen 
Angriffskrieg geführt habe^^. Er könne sich daher unserer Auslegung 
des casus foederis nicht anschließen, wonach derselbe erst dann ein- 
treten könne, wenn die russischen Armeen die österreichischen Grenzen 
bereits überschritten haben würden. Dem Buchstaben nach wäre diese 
Auslegung, wie ich sie Seiner Majestät nochmals auseinandersetzte, 
allerdings richtig, aber er könne nicht umhin, das Wort „Angriff" in 
diesem Falle anders zu verstehen. Wenn Österreich fest entschlossen 
sei, Rußland nicht anzugreifen, Rußland aber Österreich mit einer immer 
größeren Aufstellung von Armeen bedrohe, und dadurch die Absicht 
eines bevorstehenden Angriffs klar erwiesen sei, so bliebe seiner An- 
sicht nach kein Zweifel mehr darüber, wer der Angreifer und wer der 
Angegriffene sei^^. 

Wenn er daher nach »unseren Erklärungen darauf gefaßt sein müsse, 
daß erst, wenn die russische Heeresmacht den Krieg in sein Land ge- 
tragen haben würde, unsere Hülfe eintreten werde, so müsse er sich 
danach richten und seine militärischen Dispositionen daraufhin zuschnei- 
den, daß er allein dem ersten russischen Stoß zu begegnen haben 
werde ;i'^ denn auf andere Bundesgenossen habe er in diesem ersten 
aber bedeutungsvollsten Moment der Kampagne nicht zu rechnen. 

Meine Auseinandersetzung der Gründe, weshalb uns die Ver- 
meidung dieses Krieges ganz besonders am Herzen liege, hat der 
Kaiser nicht bestritten, aber wiederholt versichert, daß er nur gezwun- 
gen in diesen Krieg gehen werde. 

75 



übrigens, schloß der Kaiser, schiene es ja, als wenn vorläufig die 
Kriegsgefahr nicht mehr so nahe bevorstehend wäre. Daß sie aber 
beseitigt sei, könne er leider nicht annehmen. Er setze Vertrauen in die 
friedlichen Absichten des Kaisers Alexander, aber nicht darein, daß 
dieser Monarch auf die Dauer imstande sein werde, dem Drängen seiner 
eigenen und unserer Feinde in Rußland zu widerstehen. Über kurz oder 
lang könne die Frage wieder brennend werden, und dann würden wir 
beiderseitig doch genötigt sein, die fallen gelassenen Besprechungen 
wieder aufzunehmen i^; das würde sich ja alles von selbst finden, denn 
es bestände bei ihm kein Zweifel darüber, daß dann die Dinge so Hegen 
würden, daß auch unsererseits das Vorgehen Rußlands als ein Angriff 
auf Österreich betrachtet werden würde, auch wenn noch kein russischer 
Soldat die österreichische Grenze überschritten hätte. 

Ich habe dem Kaiser hierauf nach Maßgabe Euerer Durchlaucht 
hohen Erlasses Nr. 745 vom 27. v. Mts.* geantwortet und geäußert, 
es sei mir wichtig, daß hierüber keine Zweifel zwischen uns auf- 
kommen könnten. 

Endlich bat mich der Kaiser noch, ich möchte Euerer Durchlaucht 
versichern, daß die Besorgnis, als könne sich der hiesige Generalstab 
der Leitung der Politik seiner Regierung bemächtigen wollen, durch- 
aus unbegründet sei. Die Politik bestimme er allein und zöge dabei 
nur seinen Minister der auswärtigen Angelegenheiten zu Rate. 

Seine Majestät sprachen hierauf von den mihtärischen defensiven 
Maßnahmen, die eifrig weiter betrieben würden i^. Pferde für die 
komplette Bespannung der Artillerie, sowie für die Augmentation der 
Kavallerieregimenter in Galizien seien angekauft und die dazu nötigen 
Reserven einberufen. 2 Bataillone Pioniere, sowie 2 Bataillone Fuß- 
artilleriemannschaften seien nach den dortigen Festungen abgegangen; 
aber mehr Mannschaften würden nicht deplaziert, noch auch eingezogen 
werden. Urlauber der dortigen Infanterieregimenter einzuberufen, wie 
dies anfangs beabsichtigt war, halte er nicht mehr für nötig, obwohl 
hierzu sowohl Graf Kälnoky, als auch der Generalstab dringend geraten 
hätten. Hierzu sei immer noch Zeit, und habe er es vorgezogen, den 
Russen keinen weiteren Anlaß zu, wenn auch noch so unmotivierten, 
Rekriminationen zu geben. Das, was geschehen sei, habe genügt, um in 
Petersburg zu zeigen, daß man hier die Augen offen und die dort er- 
griffenen Maßnahmen richtig verstanden habe. H. VII. P. Reuß 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 
1 Bündnißverschiebungen 

* ja 

3 das bestreiten wir ja nicht; aber wer ist Rußland? u[nd] muß der Krieg 
stattfinden? 

* aggressiven 

* Siehe Nr, 1186. 
76 



5 gewiß 

^ (interlinear; eingeschoben hinter „beabsichtige"): unter Umständen. 
^ richtig. 

9 d. h. Übergang der Politik auf beide Qeneralstäbe. 
10 also! 

UM I 

12 doch! 

13 wer Angreifer ist, das wird eintretenden Falls von unserem Kaiser ehrlich er- 
wogen werden. Unsre zurückhaltende Vorsicht hat mehr die bulgarische 
Situation, als die an der galizischen Grenze zur Grundlage. Wegen Bul- 
g[arien] wollen wir nicht fechten. Evidente Vorbereitungen zum Angriff auf 
Oest [er] reich aber (Galizien) werden uns immer zu Vorbereitung der Abwehr 
(Mobilisirung) Anlaß geben, u[nd] damit zum factisch[en] Eintritt in den 
russ[isch]-öst[er]r[eichischen] Conflict. 

1* doch in andrer Form u[nd] Fragstellung. 
« gut. 

Randbemerkungen des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 
8 Wohl auch nicht der Redaktion seines Generalstabes! 
1* gut, das bezweckten wir. Österreich soll sich stark machen, 
Schlußbemerkung des Fürsten von Bismarck: 

Über das Mißlingen des Versuchs den casus foederis zu erweitern, ist der 

K[aiser] Fr[anz] J[osephl natürlich verstimmt. 



Nr. 1191 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept 

Nr. 43 Berlin, den H.Januar 1888 

Ew. geheimer Bericht vom 8.* hat dem Herrn Reichskanzler vor- 
gelegen. 

Was die Äußerungen des Kaisers Franz Joseph betreffs der von 
ihm angeregten militärischen Besprechungen betrifft, so ist daran zu 
erinnern, daß die durch Herrn von Steininger übermittelten militärischen 
Fragen, welche die Basis dafür bilden sollten, auf Verschiebung un- 
seres Bündnisses ausgingen und mehr politischer als militärischer Natur 
waren. Wenn der Kaiser Franz Joseph Ew. gesagt hat, daß sein 
Generalstab in jenen Instruktionen von der Voraussetzung eines Offen- 
sivstoßes gegen Rußland ausgegangen sei, so wird damit eben der 
Boden unseres Bündnisses verlassen, und der Übergang der Politik vom 
Auswärtigen Minister auf den Generalstab bedingt. Hiergegen hatte 
der Herr Reichskanzler in seinem Erlaß Nr. 745 vom 27. Dezember 
v. Js.** gerade Verwahrung eingelegt. Nach Ew. Bericht Nr. 17 vom 

* Siehe Nr. 1190. 
** Siehe Nr. 1186. 

77 



10. Januar hat der Graf Kälnoky inzwischen selbst anerkannt, daß die 
Fragestellung des österreichischen Generalstabs bei uns den Glauben 
erwecken mußte, Österreich wolle unsere Macht zu einem Angriffs- 
kriege gegen Rußland ausnützen. Wie Ew. bekannt ist, hat Seine 
Majestät der Kaiser sich gegen jeden Angriffskrieg erklärt, und es war 
unseren Offizieren deshalb unmöglich, sich über gemeinsame aggressive 
Maßnahmen auf der vom österreichischen Generalstab aufgestellten 
Basis auszusprechen. 

Daß Österreich sich militärisch stärken solle, ohne Rußland zu 
provozieren, bleibt nach wie vor unsere Ansicht. Wir wünschen jede 
Provokation vermieden zu sehen*, weil die Erhaltung des Friedens un- 
seren Interessen entspricht, und weil niemand mit unbedingter Sicher- 
heit sagen kann, ob der Krieg stattfinden muß; daß der Krieg „von 
Rußland" geplant wird, bestreiten wir nicht; es handelt sich aber hier 
um die Frage, „wer ist Rußland" und jedem Plane braucht die Aus- 
führung nicht notwendig zu folgen. 

Bezüglich der Bemerkungen des Kaisers von Österreich über die 
Ausführung des casus foederis* hat Fürst Bismarck sich im Hinblick 
auf einen russisch-österreichischen Krieg folgendermaßen geäußert: 
„Wer Angreifer ist, das wird eintretendenfalls von unserem Kaiser ehr- 
lich erwogen werden. Unsere zurückhaltende Vorsicht hat mehr die 
bulgarische Situation, als die an der galizischen Grenze zur Grund- 
lage. Wegen Bulgarien wollen wir nicht fechten. Evidente Vorberei- 
tungen zum Angriff auf Österreich aber (GaHzien) werden uns immer 
zur Vorbereitung der Abwehr (Mobilisierung) Anlaß geben und damit 
zum faktischen Eintritt in den russisch-österreichischen Konflikt." 

Für Ew. pp. persönlich bemerke ich, daß wir nur erfreut darüber 
sein können, wenn der Kaiser Franz Joseph jetzt entschlossen ist, 
„seine militärischen Dispositionen darauf zuzuschneiden, daß er allein 
dem ersten russischen Stoß zu begegnen haben werde". Dieser Ent- 
schluß muß dazu führen, daß Österreich sich stärker macht, als es 
bisher zur Abwehr gewesen ist. Und dieses Resultat allein ist von uns 
bei unseren Mitteilungen nach Wien in den letzten Monaten erstrebt 
worden. 

Wenn die militärischen Besprechungen über kurz oder lang wieder 
aufgenommen werden sollten, so müßte dies doch in anderer Form und 
Fragestellung geschehen als das letzte Mal: Die politischen Erwägun- 
gen müssen von den militärischen streng gesondert bleiben! Denn kein 
Minister könnte die Verantwortung für das Auswärtige Ressort über- 
nehmen, wenn beide Gebiete vermengt werden. 

H, Bismarck 
* Siehe Nr. 1190. 



78 



Nr. 1192 

Der Österreich - ungarische Minister des Äußern Graf Kälnoky an 
den Österreich -ungarischen Botschafter in Berlin Grafen Sz6ch6nyi 

Abschrift, vom Grafen Szechenyi mitgeteilt 
Geheim Wien, am 12. Jänner 1888 

Mit meinem Erlasse vom 22. Dezember v. Js.* habe ich gleich- 
zeitig mit Einleitung vorläufiger Besprechungen über die militärischen 
Folgen des casus foederis und namentlich deshalb, weil es von mili- 
tärischer Seite zur Feststellung der zu treffenden Dispositionen für 
den Kriegsfall dringend gewünscht wurde, die Frage angeregt, ob es 
sich nicht empfehlen würde, beizeiten die Umstände genau zu präzi- 
sieren i, unter welchen der casus foederis einzutreten habe. 

Die Ihnen und dem Baron Steininger hierauf durch den Staats- 
sekretär Grafen Bismarck zugegangene Antwort sowie die analogen 
Mitteilungen des Prinzen Reuß lassen keinen Zweifel darüber, daß 
Fürst Bismarck ein Eingehen auf diesen Gegenstand unter Hinweis 
auf den Vertragstext, der eine weitere Interpretation oder Ausdehnung 
weder erfordere noch zulasse, ablehnt. Der Herr Reichskanzler ist der 
Ansicht, daß das Eintreten des casus foederis in unserem Vertrage so 
klar und bündig niedergelegt sei, daß darüber ein Zweifel nicht be- 
stehen könne. Greife uns Rußland an, so werde Deutschland keinen 
Moment anstehen, seiner Vertragspflicht nachzukommen. Seien aber 
wir — unter welchen Konjunkturen immer — die Angreifer, so würde 
Deutschland vertragsmäßig neutral bleiben, selbst dann, wenn der An- 
griff den defensiven Charakter ^ des Zuvorkommens eines feindlichen 
Einfalles trüge, und wir müßten uns auf unsere eigenen Kräfte stützen 
und auf den etwaigen Beistand unserer anderen Alliierten 3, 

Es ist unleugbar, daß diese Interpretation in strengstem Sinne 
dem Wortlaute unseres Vertrages entspricht, und daß wir gegen die- 
selbe keine Einsprache zu erheben vermöchten. Wir haben auch nicht 
die Absicht, in dem gegenwärtigen Augenblicke, wo die Ende v. Js. 
noch so regen Kriegsbesorgnisse einer neuen Friedensströmung ge- 
wichen sind, diese heikle* Frage weiter zu verfolgen; doch halten wir 
es für wichtig, einige Punkte, deren Erwägung uns unausweichlich 
scheint, schon jetzt hervorzuheben. 

In erster Linie scheide ich den Gedanken, daß Österreich-Ungarn 
einen Angriffskrieg gegen Rußland unternehmen oder einen Krieg mit 
diesem Reiche überhaupt provozieren wolle, aus der Diskussion voll- 
kommen aus. Es ist ausgeschlossen, daß Österreich-Ungarn allein 
Rußland angreift, und es fallen sohin auch alle Kombinationen weg, 
welche diesen Fall und die hieraus vertragsmäßig Deutschland zu- 



* Siehe Nr. 1185. 

79 



stehende Neutralität in Betracht ziehen. Wir sind uns dessen voll- 
kommen bewußt, daß es Wahnsinn wäre, sowohl vom militärischen 
wie vom politischen Standpunkte, wollten wir allein einen Angriffs- 
krieg gegen Rußland unternehmen, denn wenn Graf Herbert Bismarck 
für einen solchen Fall auf den militärischen Beistand Italiens, Englands und 
der Türkei hinwies, so muß ich annehmen, daß dies wohl nur deshalb 
geschah, um anzudeuten, daß wir auf diese nicht^ rechnen könnten. 
Nicht nur, daß wir uns mit Italien und England prinzipiell auf den 
Boden des Ausschlusses jeder Angriffspolitik gestellt haben, dürfte 
Italien, welches in Massauah engagiert und gegenüber Deutschland ver- 
pflichtet ist, sich außerdem auf größere militärische Leistungen kaum 
einlassen können. Was England betrifft, steht es außer Zweifel, daß 
die dortige öffentHche Meinung sich gegen^ den Angreifer, wer 
er immer sei, erklären wird. Mit welcher Sicherheit endhch man auf 
eine militärische Unterstützung der Türkei rechnen könne, ist in Berlin 
ebenso bekannt wie hier. Ich kann also nur wiederholen, daß Öster- 
reich-Ungarn unter keiner Bedingung den Wahnsinn begehen werde, 
einen Angriffskrieg gegen Rußland zu unternehmen ß. 

Eine andere Frage ist, und auf diese legen wir das größte Ge- 
wicht, daß von den höchsten militärischen Autoritäten in voller Über- 
einstimmung erklärt wird, daß durch das Abwarten des russischen An- 
griffs, von Österreich-Ungarn, ebenso wie von Deutschland, die wich- 
tigsten militärischen Vorteile preisgegeben, und der ganze Erfolg des 
Krieges schwer kompromittiert werden würde. Bei der ganz ungewöhn- 
lich ungünstigen geographischen Lage und Konformation Galiziens 
und der äußerst schwierigen Aufmarschlinie unserer Armee, liegt die 
Gewähr des Erfolges nur im sofortigen Angriff, kombiniert mit einem 
gleichzeitigen Vorstoß von Seite der deutschen Armee. Hiebei war 
selbstverständlich nie ein Offensivkrieg und ein Friedensbruch gedacht, 
sondern im Falle ^ eines unausweichlichen und unabwendbaren Krieges 
jene Initiative und jenes Zuvorkommen, welches historisch nachweisbar 
schon so oft 2 den siegreichen Erfolg des Feldzuges entschieden hat. 
Zieht man die Rüstungen, militärischen Vorbereitungen und gefährlichen 
Dislokationspläne Rußlands (von denen uns offiziell gesagt wird, 
daß sie jedenfalls durchgeführt werden würden) in Betracht, so muß 
man zu der Überzeugung gelangen, daß in einer näheren oder ferneren 
Zukunft der Krieg mit Rußland immer wahrscheinlicher wird — es 
wäre denn, man wollte demselben um jeden Preis ^ aus dem Wege 
gehen. Für den Fall eines russischen Krieges aber ist die oben an- 
geregte Frage des casus foederis von so entscheidender Wichtigkeit, 
daß dieselbe nach meiner Meinung je eher in einer definitiven Weise 
klargestellt 9 werden sollte, und ich zweifle nicht, daß bei der weiteren 
EntWickelung der Dinge es sich als notwendig lo herausstellen wird, 
auf die eingehende Erwägung derselben zurückzukommen. Wüßten 
wir, daß wir definitiv auf die ungeheuren militärischen Vorteile ver- 

80 



ziehten müßten, welche unter gegebenen Umständen ein scharfes Vor- 
gehen in Feindesland unseren Heeren bringen würde, und wären wir 
darauf angewiesen, den Feind ins Land hereinzulassen und den schwie- 
rigen Feldzug unter diesen entschieden ungünstigen Umständen zu 
beginnen, so würde an uns die Pflicht herantreten, neuerdings und 
beizeiten zu erwägen, in welcher Weise es unter solchen Verhält- 
nissen mögUch und ratsam sei^, den Krieg gegen Rußland zu führen, 
und ob er überhaupt aufzunehmen oder zu vermeiden sei. 

Diese Konsiderationen mögen heute verfrüht sein, wie es ja über- 
haupt vorerst sich nicht um den Krieg, sondern um den Frieden han- 
delt; doch können die Umstände es leicht mit sich bringen, daß die 
aufgeworfene Frage plötzlich aktuell und eine definitive Klarstellung 
derselben dringlich wird. Meiner Meinung nach Heße sich leicht eine 
Form 12 finden, welche die von dem Herrn Reichskanzler befürchtete 
Möglichkeit einer Verschiebung des defensiven Charakters unseres 
Bündnisses ausschlösse und doch die für die militärischen Kombina- 
tionen unerläßliche feste Basis zu bieten vermöchte. Die Dimensionen 
und Folgen eines Krieges mit Rußland können so ungeheure sein, 
daß derselbe auch militärisch nur unter den möglichst günstigen Um- 
ständen begonnen werden darf. Bei der vertrauensvollen Übereinstim- 
mung, in der sich unsere beiden Kabinette in der Beurteilung der poli- 
tischen Lage überhaupt und der möglichsten Vermeidung des Krieges i3 
befinden, bezweifle ich nicht, daß, wenn die Verhältnisse es erheischen, 
auch über diese politisch und militärisch schwer ins Gewicht fallende 
Frage eine übereinstimmende Auffassung sich ergeben werde. Ich er- 
suche Euer Exzellenz, diese Erwägungen i* streng vertraulich zur Kennt- 
nis des Herrn Staatssekretärs zu bringen und mich s. Z. von der Auf- 
nahme, welche dieselben gefunden haben werden, in Kenntnis setzen 
zu wollen. (gez.) Kälnoky 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Das ist ganz unmöglich; der Text des Vertrages präcisirt so genau wie möglich, 
so lange man keine sichre Sehergabe für die zukünftigen Ereignisse besitzt. 
- ? 

3 die haben wir ihnen, für den Fall eigner Angriffsgelüste, mühsam ad hoc besorgt. 
* („heikle" eingeklammert, dafür:] „unlösbare" 
^ ? bei uns auch 

G gut. 

'wann Hegt der vor?? 

8 Phrase! 

9 das ist eine Cirkelquadratur, definitiv nicht klar zu stellen, u[nd] durch keinen 
Vertragstext theoretisch lösbar, sobald man nicht der bona fides des Ver- 
bündeten mehr vertraut als dem Wortlaut der Clausein. 

^'^ durchaus nicht 

" möglich gewiss, rathsam nie, so lange das Vermeiden politisch möglich bleibt. 

12 ?? auf die wäre ich neugierig! 

'■1 z. B. bei Angriff auf russ[ische] Truppen ausserhalb des russfischen] Reiches? 

Bulg[arien], Türkei. 
1* [„Erwägungen" eingeklammert, dafür:] „Redensarten" 



C Die Große Politik. 6. Bd. 



81 



Nr. 1193 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 

Herbert von Bismarck 

Eigenhändig 

Berlin, den 17. Januar 1888 

Graf Szechenyi las mir heute den abschriftlich anliegenden Erlaß* 
Kälnokys vori. Als ich ihm einige sachliche Erläuterungen meiner dort 
nicht zutreffend vviedergegebenen Äußerungen bezüglich Österreichs 
Hoffnungen auf England und Italien gegeben hatte (sc. daß diese 
Mächte eintreten würden, wenn es auf der Balkan halbinsel und 
wegen Bulgarien zum Kriege käme), und mich im übrigen be- 
friedigt über den ersten Teil des Erlasses äußerte, meinte Graf Szechenyi, 
„ja, des Pudels Kern ist aber am Schluß, wo es sich um Auffindung 
einer Form handelt, in welcher später, wenn der Krieg näher rückte, 
militärische Verabredungen getroffen werden könnten, ohne^ dem De- 
fensivcharakter unseres Bündnisses zu derogieren". 

Ich sagte Szechenyi, daß ich diese Formel nicht diskutieren könnte, 
da die Gefahr eines Angriffskriegs gegenwärtig nicht vorläge. Wäre 
der Fall jemals zweifelhaft — was bisher nicht vorauszusehn --, so 
würde Seine Majestät auf der Basis unseres Bündnisses ehrlich ent- 
scheiden. 

Im übrigen sprach ich mich in liebenswürdigster und vertraulicher 
Form dahin aus, daß unsere neuerHchen freundschaftlichen Meinungs- 
austausche volle Klarheit in die beiderseitigen rein defensiven Ab- 
sichten gebracht hätten. Seine Majestät würde einen „wie immer** 
gearteten Angriffskrieg niemals mitmachen. Szechenyi floß an der 
Hand seines Erlasses über in ähnlichen Versicherungen. Ich habe in den 
50 Minuten unserer Unterredung alle wichtigen Punkte rekapituliert 
und hervorgehoben, welche durch unsere letzten Erlasse nach Wien 
festgelegt waren. Ich glaube erschöpfend. Deshalb wiederhole ich 
die ganze Wiederkäuung hier nicht. 

Szechenyi war nach der Unterredung über unseren Standpunkt voll- 
kommen edifiiert, bat mich nur die Sache noch einmal durchzulesen. 

Dies versprach ich, bemerkte aber, daß eine weitere diesseitige 
Äußerung nach unserer langen Konversation nicht mehr zu ergehen 
brauche. " H. Bismarck 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

^ Verhandlungen sind über Phrasen unfruchtbar. Oest[er]reichs Hauptsicher- 
heit für unsre ehrliche Auslegung des casus foed[eris] liegt nicht in Clausein 
u[nd] Wort-Texten, sondern in der unzweifelhaften Thatsache daß die un- 
geschwächte Existenz Oestlerjreichs ein Lebensbedürfniß für uns u[nd] für das 
europläische] Gleichgewicht ist 

' [„ohne** eingeklammert, dafür:] „um" 

* Siehe Nr. 1192. 
82 



Nr. 1194 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 

an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 
Nr. 70 
Oeheim Berlin, den 19. Januar 1888 

Ew. beehre ich mich, in der Anlage zu Ihrer persönlichen In- 
formation einen vom Grafen Szechen)d hier mitgeteilten Erlaß des Grafen 
Kälnoky vom 1 2. d.Mts.* sowie meine Aufzeichnung über die Unterredung 
mit dem österreichischen Botschafter** abschriftlich zu übersenden. 

Zunächst werden Ew. pp. aus der Vergleichung beider Schrift- 
stücke ersehen, daß die Annahme des Grafen Kalnoky, als hätte ich 
Österreich für den Fall eines Angriffskrieges gegen Rußland auf die 
Unterstützung Italiens, Englands und der Türkei verwiesen, in dieser 
Allgemeinheit nicht richtig ist. Vielmehr habe ich in diesem Zusammen- 
hange nur den Fall besprochen, wo der Krieg auf der Balkanhalb - 
in sei und Bulgariens wegen begonnen würde. 

Was die Ansicht des Herrn Reichskanzlers über die Frage des 
casus foederis anlangt, so darf ich auf dessen ausführUchen Erlaß Nr. 745 
d. d. Friedrichsruh, den 27. Dezember*** verweisen. Den in dieser 
Schrift niedergelegten Auffassungen hat Seine Durchlaucht noch die 
Bemerkung hinzugefügt, daß der Text des Vertrages die Umstände, 
unter welchen der casus foederis einzutreten habe, so genau wie möglich 
präzisiere; der von Graf Kälnoky ins Auge gefaßte Moment, wo der 
Krieg unausweichlich und unabwendbar werden, und wo folgüch der 
casus foederis tatsächlich eintreten würde, sei durch keinen Vertrags- 
text theoretisch fixierbar, solange man nicht eine sichere Sehergabe 
für die zukünftigen Ereignisse besitze. Österreichs Hauptsicherheit 
für unsre ehrliche Auslegung des casus foederis liegt nicht in Klauseln 
und Worttexten, sondern in der unzweifelhaften Tatsache, daß 
die ungeschwächte Existenz Österreichs ein Lebensbedürfnis für uns 
und für das europäische Gleichgewicht ist. Über eine Form, welche 
eine militärische Ergänzung des gegenwärtigen Abkommens, ohne Ver- 
schiebung des defensiven Charakters desselben mit sich brächte, ver- 
mag der Herr Reichskanzler sich kein Bild zu machen, denn es wird 
niemals ausführbar sein, die militärischen Kombinationen der Zukunft 
im voraus zu präzisieren. Die offizielle Übermittelung unserer Er- 
widerung ist durch den Grafen Szechenyi bewirkt worden. 

Ew. wollen daher diese Mitteilung als ausschließlich zu Ihrer 
persönhchen Orientierung bestimmt ansehen, und Ihre Sprache nach 
wie vor nach dem vorerwähnten erschöpfenden Erlaß des Herrn Reichs- 
kanzlers regeln. H. Bismarck 

* Siehe Nr. 1191. 
♦* Siehe Nr. 1192. 
♦** Siehe Nr. 1186. 

6» 83 



Nr. 1195 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr 30 Wien, den 17. Januar 1888 

Geheim 

Graf Kälnoicy hat mir vertraulich mitgeteilt, daß nach seinen Mel- 
dungen aus Berlin die Besprechungen, welche Herr von Steininger 
mit den dort weilenden italienischen Offizieren gehabt, einen befrie- 
digenden Fortgang genommen hätten. Er, der Minister, habe die von 
unserer Seite gewünschten Notizen über die Transportverhältnisse auf 
der Brennerbahn hier ausarbeiten lassen und nach Berlin geschickt. 

Der Minister wiederholte mir bei dieser Gelegenheit, wenn auch die 
Besprechungen zwischen dem österreichischen Militärattache und un- 
serem Generalstab so gut wie sistiert wären, so hätten dieselben doch 
sehr nützliche Resultate geliefert. Freilich könne er nicht verhehlen, daß 
sich der österreichisch-ungarische Generalstab mehr von diesen Be- 
sprechungen erwartet hätte i und nun einigermaßen verstimmt sei. 
Doch sei er eifrig bemüht, beschwichtigend einzuwirken. Der Grund 
hierzu sei, wie er mir schon gesagt, hauptsächUch darin zu suchen, daß 
die Instruktionen des Generalstabes nur von einem ^ einseitigen Ge- 
sichtspunkt ausgingen und deshalb nicht unseren Erwartungen entspre- 
chen konnten. 

Ich habe dem Minister bei diesem Anlaß gesagt, daß, wenn der- 
artige Besprechungen früher oder später wieder aufgenommen werden 
sollten, dies in anderer Form und^ Fragestellung geschehen müsse, und 
politische Erwägungen von militärischen streng zu sondern seien*. 

Graf Kälnoky gab mir hierin vollkommen Recht. 

Daß die üble Laune in der Armee*, von der mir der Minister 
sprach, besteht, hat mir Major von Deines bestätigt. Letzterer tritt 
solchen Auslassungen, so oft sie ihm begegnen, stets mit dem Hinweis 
auf unser Bündnis entgegen, welches vom österreichischen General- 
stab eben nicht richtig interpretiert worden sei^. Denn nur hierdurch 
sei die jetzt herrschende Enttäuschung hervorgerufen worden. 

H.VII. P. Reuß 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

* D. h. Verfügung über die deutsche Armee auch ohne casus foederis, lediglich 
^ nach Ermessen des östlerlr[eichischen] G[eneral]-Stabes 

" [vor „einseitigen" ist eingeschoben): sehr 

3 [„und" ist eingeltlammert; vor „Fragestellung" ist eingeschoben]: als in der der 

* bei wem? 

^ weil er es nicht kennt! Hat denn der Te.xt dem G[eneral]-Stabe schon vor- 
gelegen? 



* Vgl. auch Nr. 1175 und 1191. 
S4 



Nr. 1196 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 31 Wien, den 19. Januar 1888 

Bei dem gestrigen Hofball hat mir Seine Majestät der Kaiser von 
Österreich über die allgemeine Lage gesprochen, die ihm keine Be- 
ruhigung einflößt. 

Ich habe bei dieser Gelegenheit wieder herausgefühlt, daß Seine 
Majestät sich dermaßen in den Gedanken hineingelebt hatte, daß ein 
russischer Angriff auf Österreich sofort durch gemeinsamen Offensiv- 
stoß zu parieren sein werde, daß es höchstdemselben schwer wird, 
sich in unsere Auffassung zu finden. 

Wenn er sich auch neulich dahin aussprach, er müsse sich darauf 
präparieren, den russischen Angriff allein auszuhalten i, so scheint er 
sich doch noch nicht schlüssig geworden zu sein, wie für diesen Fall 
der Aufmarsch der österreichischen Armee einzurichten sein werde. 

Dasselbe entnehme ich auch aus den Äußerungen des österreichi- 
schen Chefs des Generalstabes, und Major von Deines versichert, daß 
man hier bis jetzt noch nicht daran gegangen sei, den Aufmarsch für 
diesen Fall vorzubereiten. 

Es ist, als wenn sich eine gewisse Mutlosigkeit der Militärs be- 
mächtigt hätte, und sie nicht recht wüßten, was sie nun vorzubereiten 
haben sollten. 

Ich habe dem General von Beck gesagt, es würde doch im eigenen 
Interesse Österreichs sein, wenn er sich an diese Arbeit machte, um 
dann nicht überrascht zu werden. 

Seiner Majestät dem Kaiser habe ich versichert, er könne sich 
darauf verlassen, daß Seine Majestät der Kaiser und König eintretenden 
Falles ehrlich erwägen werde, wer der Angreifer sei, worauf mir Seine 
Majestät erwiderte, daran wolle er auch keinen AugenbHck zweifeln; 
nur sei eben zu fürchten, daß es dann zu spät sein werde, noch ge- 
meinsame Verabredungen zu treffen. Daß er den Krieg nicht wolle und 
nicht angreifen werde, das wiederhole er auch heute, und hätte er ge- 
hofft, wir würden ihm genug Vertrauen schenken, um nicht aus seinem 
Wunsche, militärische Besprechungen anzuknüpfen, den Schluß zu zie- 
hen, daß er den Angriff wolle 2. 

Ich habe, wie schon neulich dem Minister, auch dem Kaiser gesagt, 
die österreichische Fragestellung wäre keine glückliche gewesen und 
hätte zu der Deutung führen müssen, gegen die er jetzt protestiere "*. 

Wie man hierseits zu dieser Form der Fragestellung gekommen 
ist, hat Graf Kälnoky in einem an Graf Szechenyi gerichteten Erlaß aus- 
einandergesetzt, dessen Inhalt Euerer Durchlaucht bekannt ist. 

Der Minister faßt alle diese Dinge ruhiger auf als sein kaiserlicher 

85 



Herr und die Armeeleitung, und glaubt er auch, daß man sich in diesen 
Sphären beruhigen werde. Er ist sich aber darüber vollkommen klar, 
in welch ungünstige Lage Österreich kommen kann, wenn es die In- 
vasion Rußlands in Galizien abwarten muß, um unsere Hülfe zu er- 
langen. Er weist auch darauf hin, daß es uns nicht gleichgültig sein 
kann, einer Armee zu Hülfe zu kommen, die in ihrem Aufmarsch, even- 
tuell sogar in ihrer Mobilmachung, durch den russischen Einbruch in 
Galizien gestört sein wird. Er nimmt aber die Sachen hin, wie sie von 
uns geboten werden, will damit rechnen, tröstet sich aber damit, daß 
eintretenden Falles, wenn die russischen Vorbereitungen bis zur Evidenz 
die Angriffsabsichten auf Galizien beweisen werden, wir unmöglich ruhig 
bleiben können*. 

Da ich nicht ausdrückhch autorisiert war, die auf Seite 4 des hohen 
Erlasses Nr. 43 vom 14. d. Mts.* geäußerten Ansichten Euerer Durch- 
laucht über diesen Fall auszusprechen, so habe ich dies auch nicht 
getan; aber ich habe geglaubt, dem Minister nicht widersprechen zu 
sollen. 

Bei jeder Gelegenheit bringe ich ihm in Erinnerung, daß wir 
wegen Bulgariens nicht fechten werden. H.VII. P. Reuß 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 ?y 

2 Die Fragsteilung war doch danach; sie hatte Verschiebung des Bündnisses 
zur Voraussetzung; nicht defensiv, sonst konnte nicht Festsetzung des 
Tages gemeinsamer gleichzeitiger Mobilmachung verlangt werden; das wäre 
doch nur zum Angriff möglich. 

3 richtig 

* wir werden in solchen Fällen mobilisiren, um zur Abwehr des russ[ischen] 
Angriffs auf Oest[er]reich bereit zu sein; das wird genügen, um Rußland pro 
rata von Oestlelrfreich] abzuziehen. Oest[e]r[reich] sollte weder vor noch hinter 
den Karpathen Stellung nehmen, sondern bei Krakau in Fühlung mit unsrem 
schlesischen Corps, ulnd] für seine böhmischen Truppen, in Schlesien (Troppau) 



Nr. 1197 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschalter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept 
Nr. 82 Berlin, den 24. Januar 1888 

Geheim 

Ew.pp. gefälliger Bericht Nr. 31 vom 19. er.** hat dem Herrn Reichs- 
kanzler vorgelegen, und derselbe hat sich befriedigt darüber geäußert, 
daß Ew. pp. dem Kaiser Franz Joseph gegenüber die österreichische 
Fragestellun g in so richtiger Weise kritisiert haben; dieselbe hatte die 

* Siehe Nr. 1191. 
♦* Siehe Nr. 1196. 

86 



Verschiebung unseres Bündnisses zur Voraussetzung; sie ging nicht 
von dem defensiven Gesichtspunkt aus, denn sie hätte sonst nicht 
die Festsetzung des Tages gemeinsamer gleichzeitiger Mobilmachung 
und Kriegserklärung verlangen können; dies wäre doch nur zum An- 
griff möglich. 

Wenn die russischen Kriegsvorbereitungen soweit getrieben wer- 
den sollten, daß Angriffsabsichten unzweifelhaft zutage treten, so wer- 
den wir in solchen Fällen mobilisieren, um zur Abwehr des russischen 
Angriffs auf Österreich bereit zu sein; das wird genügen, um Rußland 
pro rata von Österreich abzuziehen, pp. 

H. Bismarck 



87 



Kapitel XXXIX 

Russisch -Französische Allianzfühler 
1886—1890 



Nr. 1198* 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 218 Wien, den 12. Mai 1886 

Der durch die gestrigen Abendzeitungen veröffentlichte deutsch- 
feindliche Artikel des „Journal des Debats"** gab meinem russischen 
Kollegen Veranlassung, sich heut mir gegenüber über die Stimmungen 
in Frankreich auszusprechen, 

Fürst Lobanow bringt alljährlich mehrere Wochen in Frankreich 
zu, teils in Bädern, teils in Paris und bei Bekannten auf dem Lande 
und kennt daher die Stimmung genau. Jedesmal, wenn er hierher 
zurückkommt, sagt er mir, er konstatiere einen neuen Rückgang dieses 
Landes und es gäbe keine Kapazitäten, um dasselbe vor dem gänz- 
lichen Ruin zu retten. Das einzige Gefühl, was die Menschen dort 
noch zu entflammen im Stande sei, wäre der Rachedurst gegen Deutsch- 
land. Aber um dieses Gefühl zu betätigen, dazu fehle die Energie, und 
die Furcht vor Deutschland sei vorherrschend. 

Kriegsminister Boulanger sei ein gefährUcher Mensch, aber auch 
ihm würde es nicht gelingen, das Land in neue Abenteuer zu stürzen. 
In dem Augenblick aber, wo sich ein Zerwürfnis zwischen den 3 Kaiser- 
mächten manifestieren würde, welches zu einer Komplikation zwischen 
denselben führen könnte, wäre ein Angriff Frankreichs auf Deutschland 
mit Bestimmtheit vorauszusehen. 

Aus diesem Grund sei den Franzosen das Drei-Kaiser-Bündnis ganz 
außerordentlich verhaßt. Er wolle mir nicht verbergen, daß es nicht 
an Versuchen gefehlt hätte, Rußland von uns zu trennen. Nicht von 



* über frühere russisch-französische Allianzprojekte s. Bd. III, S. 81, Fußnote. In 
ein ernsthafteres Stadium treten die dahin gerichteten Bestrebungen, wie sich 
schon aus den Kapiteln über die deutsch-russischen Beziehungen seit 1886 ergab, 
im Zusammenhang mit dem drohenden Zerfall des Drei-Kaiser-Bündnisscs. Im 
folgenden sind eine Anzahl Schriftstücke zusammengestellt, die sich auf die ersten 
Annäherungsversuche zwischen Fiußland und Frankreich beziehen. 
** Nach einem Berichte des Botschafters Grafen Münster vom 13. Mai hatte der 
Artikel des „Journal des Debats" vom 11. Mai, der die deutsch-französischen Be- 
ziehungen in unfreundlichem Sinne glossierte, in Paris großes Aufsehen erregt 
und wurde als eine Wiedergabe der im französischen Auswärtigen Ministerium 
herrschenden Ansichten angesehen; Fürst von Bismarck wollte ihm aber, laut einer 
Randbemerkung zu dem Münsterschen Berichte keine sonderliche Bedeutung bei- 
messen. 

91 



Propositionen wolle er sprechen, die französischerseits der russischen 
Regierung gemacht worden seien, aber man heße keine Gelegenheit 
vorübergehen, um der russischen Regierung und dem Hofe zu schmei- 
cheln und der Nation den Hof zu machen. Es sei ordentlich wider- 
wärtig, dieses französische Gebahren zu verfolgen. Glücklicherweise 
machten alle diese Versuche dem Kaiser Alexander keinen Eindruck, 
und würde man in Frankreich sehr irre gehen, wenn man glauben würde, 
die Sympathien, die in Rußland, und namentlich unter den höheren 
Ständen für Frankreich bestehen, könnten irgendwelchen Einfluß auf 
die kaiserlich russische Regierung haben. 

Solange das Dreikaiserbündnis fest bestünde, so lange würde Frank- 
reich keinen Krieg anfangen. H. VII. P. Reuß 

Nr. 119Q 

Aufzeichnung des Vorfragenden Rats in der Reichskanzlei Rottenburg, 

z. Z. in Kissingen 

Eigenhändig 

Kissingen, den 22. Juli 1886 
Der Herr Reichskanzler wünscht, daß der Herr Unterstaatssekretär 
sich bei sich darbietender Gelegenheit dem Grafen Schuwalow gegen- 
über in folgendem Sinne äußere: 

Wenn ein Engländer, Österreicher oder Ungar, der in seiner Heimat 
so gegen Rußland gehetzt hätte wie Deroulede* gegen uns, nach 
BerHn käme, beziehungsweise nach Deutschland, so würde der Reichs- 
kanzler* mit allen Mitteln dessen Ausweisung herbeizuführen suchen, 
und zwar aus Rücksicht für Rußland; Agitationen würde er nicht 
dulden. In Rußland aber scheine niemand auf solche Gedanken zu 
kommen; im Gegenteil. Während man Deroulede in Odessa äußerst 
sympathisch empfängt, hält ein russischer General in Frankreich eine 
fraternisierende Rede an die französische Armee angesichts des Denk- 
mals des General Chanzy, das die Aufschrift trägt, die französischen 
Generäle müßten sich den Marschallsstab jenseits des Rheins holen**. 
Dazu komme endlich die Sprache der russischen Presse. Alle diese 
Erscheinungen müßten in der öffentlichen Meinung Deutschlands nicht 
nur, sondern ganz Europas den Eindruck hervorrufen, als ob wir 
nicht, wie wir glaubten, in einem freundschaftlichen, sondern in einem 
feindlichen Verhältnis zu Rußland ständen. Die gedachten Erschei- 

* Der Führer der Patriotenliga, Deroulede, hatte im Sommer 1886 eine antideutsche 
Agitationsreise vor allem nach Rußland unternommen, wo er von den Panslawisten 
begeistert aufgenommen wurde. 

** Bei der Enthüllung des Standbildes des Generals Chanzy in Nouart hatte der 
russische Militärattache General Fredericks auf die Begrüßung des Generals 
Mathelin mit Ausdrücken des Danks und der Sympathie geantwortet. 

92 



nurigen müßten um so mehr auffallen, als wir in allen Fragen das 
Menschenmögliche täten, um Rußland entgegenzukommen. Wir ent- 
fremden uns durch dieses Entgegenkommen andere bis zu einem ge- 
wissen Grade und würden das System, andre Freundschaften der 
Rußlands zu opfern, mit mehr Zurückhaltung treiben, die von Rußland 
unabhängigen Beziehungen mehr pflegen müssen. Denn das Verhalten 
Rußlands erschwere jede Anlehnung an Deutschland, wie es andrer- 
seits Frankreich zum Krieg ermutigen müsse. Ist man sich in Peters- 
burg der Eindrücke nicht gewahr, die das russische Verhalten in 
Deutschland hervorrufen muß, oder ist man gleichgiltig dagegen? 

Ferner bittet der Reichskanzler Herrn von Bülow in Petersburg 
zum Bericht darüber aufzufordern, ob man sich dort nicht über den 
schlechten Eindruck klar sei, den die Aufnahme Derouledes in Odessa 
bei uns machen müsse, Rottenburg 



Nr. 1200 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler Fürsten 

von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 255 Paris, den 1. Oktober 1886 

Ganz vertrauUch 

Der enghsche Geschäftsträger* teilte mir ganz im Vertrauen i mit, 
daß er aus guter französischer Quelle erfahren habe, daß hier in den 
letzten Tagen des August von russischer Seite der französischen Re- 
gierung Anerbietungen zum Zwecke einer Allianz gemacht worden 
seien. Wer der Unterhändler gewesen, wußte der Geschäftsträger 
nicht, es sei aber nicht durch die hiesige russische Botschaft geschehen, 
auch habe der französische Geschäftsträger in St. Petersburg** nichts 
darüber gewußt. Bei den vielen Verbindungen, welche die Russen hier 
haben, war es auch nicht schwer, einen andern Weg zu finden. 

Die Eröffnungen seien so wichtig gewesen, daß Herr von Frey- 
cinet deshalb den Präsidenten Grevy veranlaßt habe, hierher zu kommen 
und einen Ministerrat abzuhalten. Der Vertrag mit der Telephon- 
Gesellschaft habe nur als Vorwand gedient. 

Die russischen Vorschläge haben sich mit auf Ägypten bezogen, 
d. h., Rußland habe dort die Unterstützung der französischen Wünsche 
zugesagt; es soll aber auch eine weitergehende Allianz für den Kriegs- 
fall angeboten worden sein. 

Der Präsident Grevy, Herr von Freycinet und die Majorität des 

* E. H. Egerton. 

** Ternaux-Compans, 

93 



Conseils haben es für zu gefährlich gehalten, auf diese Anerbietungen 
einzugehen, und es sei eine abschlägige Antwort beschlossen worden. 

Herr Egerton^ bemerkte dabei, er wisse, daß Herrn Blowitz^* 
ähnliche Nachrichten zugegangen seien, er habe sie aber nicht von ihm*. 

Herr Biowitz, den ich nicht gesehen habe und vermeide, hat 
meinen Bekannten erzählt, daß er ganz bestimmt wisse, daß Rußland 
Allianzvorschläge hierher habe gelangen lassen, sagt auch, daß Herr 
Grevy deshalb hierher gekommen sei, und behauptet, genau von den 
Vorgängen im Ministerrate unterrichtet zu sein. 

Danach sollen General Boulanger, Lockroy**, Granet*** und noch 
ein radikaler Minister sich sehr bestimmt für die Allianz ausgesprochen 
haben, und habe General Boulanger seine Rede damit geendet, daß 
er ausgerufen habe: „Vous pouvez compter sur l'armee, il ne lui 
manque pas un bouton!" Herr von Freycinet hätte ihm darauf sehr 
kalt geantwortet, diese Redensarten erinnerten ihn an die bekannten 
Worte des General Leboeuf, und er werde sich auf eine politique 
d'aventures nicht einlassen. 

Solchen Sensationsnachrichten des Herrn Biowitz, der jetzt wieder 
sehr auch gegen uns hetzt, lege ich gewöhnlich kaum Wert bei. Der 
italienische Geschäftsträger, der hier ganz außerordentlich gut unter- 
richtet ist, Herr Reßmann, glaubt aber auch bestimmt ^ zu wissen, daß 
Rußland hier Anerbietungen gemacht habe. Da es von so verschiedenen 
Seiten kommt, bin ich geneigt zu glauben, daß diese Gerüchte einen 
Grund haben müssen. 

Über Herrn von Mohrenheims Herkommen ist neuerdings nichts 
bekannt geworden, er wird aber wahrscheinlich im Laufe dieses Monats 
herkommen. Münster 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

^ Tendentiös 

- er wird sie von Biowitz haben 

3 II 

* ?? doch wohl! 
= von Biowitz? 

Schlußbemerkung des Fürsten von Bismarck: 
Vermuthlich alles Biowitz f. 

* Bekanntlich der Korrespondent der „Times" in Paris. 

** Minister des Handels und der Industrie im Kabinett Freycinet. 
*** Minister der Posten und Telegraphen. 

t Später ist Bismarck der Ansicht gewesen, daß die Allianzfühler auf den 
russischen Generalstabschef und dessen Frau, eine gebürtige Französin, zurück- 
gingen. Siehe den in Bd. V, Kap. XXXI, Nr. 1007, abgedruckten Erlaß an den 
Botschafter von Radowitz vom 17. Februar 1887, wo es heißt: „Die Versuche, 
welche im vorigen Jahre nach dem Zeugnis Freycinets bei diesem, als er 
Minister war, gemacht worden sind, um antideutsche Verabredungen einzuleiten, 
sehe ich nicht als amtliche an, sondern vennute, daß sie in Sondierungen be- 
stehen, die der General Obrutschew und seine französische Frau offiziös, aber 
ohne höheren Auftrag in Paris angestellt haben." Vgl. auch S. 19, 120. 

94 



Nr. 1201 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Staatssekretär des 
Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck 

Privatbrief. Abschrift 

Vertraulich Paris, den 7. Oktober 1886 

pp. Daß Ende August hier von Rußland Annäherungsversuche 
stattfanden und Allianzvorschläge auf unoffizielle Weise hierherge- 
langten, bezweifle ich, nach allem, was ich von verschiedensten Seiten 
höre, nicht mehr. Auf offiziellem Wege geschah es nicht. Wenn auch 
dieses Mal die Anerbietungen sehr kühl und abschläglich erwidert wur- 
den, so werden die Bemühungen von jener Seite doch fortgesetzt, pp. 

(gez.) Münster 

Nr. 1202 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 
Herbert von Bismarck für den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Reinschrift 

BerHn, den 26. Oktober 1886 

pp. Als ich Herrn Herbette auf seine weitere Frage, wann Euere 
Durchlaucht nach BerHn zurückkämen, eine bestimmte Antwort nicht 
geben zu können erklärte, sagte er, dann wolle er mich bitten. Euerer 
Durchlaucht folgende Mitteilung zu unterbreiten. Seine Worte lauteten 
etwa: 

„Daß wir wichtige Interessen in Ägypten haben, verstehen Sie 
also; dann werden Sie auch begreifen, daß wir genötigt sind, dieselben 
wahrzunehmen 1; dies kann nur geschehen mit einer Spitze gegen Eng- 
land, und da führt uns die nächste Erwägung dazu, daß wir, um 
etwas zu erreichen, uns nicht an Englands Freunde, sondern an eine 
solche Macht wenden müssen, welche mit England nicht auf gutem 
Fuße steht. Ich habe Ihnen schon neulich erklärt, daß alle Gerüchte und 
Angaben über Verhandlungen mit Rußland, die wir in Konstantinopel, 
Petersburg oder Paris bereits geführt hätten oder noch führten, voll- 
ständig falsch sind. Ich habe mir zum Gesetz gemacht, mit Ihnen 
cartes sur table zu spielen und wiederhole Ihnen deshalb auf mein 
Wort, daß bisher zwischen uns und Rußland absolut nichts vorgefallen 
ist 2. Das Wort Ägypten ist von unserer Seite Rußland gegenüber noch 
gar nicht ausgesprochen 3, Wir hätten aber allerdings den Wunsch, 
uns aus den oben angegebenen Gründen mit Rußland über Ägypten 
zu verständigen*, wollen dies jedoch nicht tun, ohne den Herrn Reichs- 
kanzler hiervon zu benachrichtigen und ihn um seine Meinung zu 
fragen, denn wir wünschen vor allem zu vermeiden, daß man in Berlin 

95 



des apprehensions ou des preoccupations^ über unsere Besprechungen 
mit Rußland haben könnte, welche sich nur auf Ägypten erstrecken 
würden. Sobald wir sicher sind, daß die deutsche Politik nicht gegen 
uns mißtrauisch wird 6, wenn wir mit Rußland ein Einvernehmen her- 
zustellen suchen, um England aus Ägypten zu verdrängen'^, so werden 
wir unsere pourparlers mit Petersburg beginnen*.*' pp. 

H. Bismarck 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Gewiß 

2 glaube ich auch 



3 ? 

4 gut 



5 wir haben sie nicht 

6 nein 

7 gut 

Nr. 1203 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Staatssekretär des 
Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck 

Privatbrief. Abschrift 
Ganz vertraulich Paris, den 5. November 1886 

pp. Herr von Freycinet begann das Gespräch damit, daß er mich 
fragte, ob ich annehme, daß die vielen Gerüchte, die über den Geistes- 
und Gemütszustand des Kaisers Alexander in der Presse und selbst 
in der russischen Kolonie verbreitet würden, wirkUch begründet seien. 

Ich erwiderte, daß ich solche Gerüchte von vielen Seiten allerdings 
gehört, denselben aber keinen Glauben beimesse. Der Minister er- 
widerte darauf: „Etwas muß doch daran sein, und da der Kaiser jetzt die 
Auswärtigen Angelegenheiten seines Reiches anscheinend ganz allein 
und mit Umgehung seines Auswärtigen Amts führt, wäre die Gefahr 
doch entsetzlich, wenn der Kaiser nicht Herr seiner selbst wäre. Auf mich 
machten'', fuhr der Minister fort, „die Verhandlungen, die mit mir im 
direkten Auftrage des Kaisers geführt wurden, einen ganz eigentüm- 
Hchen Eindruck, das sage ich Ihnen ganz im engsten Vertrauen. Bei 
der Abberufung des früheren Botschafters, des General Appert**, und 

* Vgl. Kap. XL, Nr. 1233. 

** Die Abberufung des französischen Botschafters in Petersburg, General Appert, 
war im Februar 1886, angeblich wegen ungeschickter Behandlung der Weltaus- 
stellungsfrage, tatsächlich wegen seiner Bemühungen, die Freilassung des in Frank- 
reich verhafteten Nihilisten Fürsten Krapotkin zu hintertreiben (Bericht des Bot- 
schafters in Petersburg von Schweinitz vom 21. Februar), erfolgt. Kaiser Alexander 
war durch die Abberufung des ihm sehr sympathischen Botschafters heftig erzürnt 
worden, so daß er seinen eigenen Botschafter in Paris, Baron von Mohrenheim, 
auf Urlaub gehen ließ und auf die Ankündigung der Ernennung des Generals 
Billot an Stelle von Appert erklärte: „Weder diesen noch einen andern". 

96 



nachher bei der Verbannung der Prinzen*, sprach der Kaiser in der 
heftigsten, beleidigendsten Weise über die RepubUk und über mich 
und erklärte, daß er weder den General Billot noch irgendeinen an- 
dern Botschafter empfangen werde und den Verkehr durch Bot- 
schafter mit der Republik überhaupt nicht wolle. Der Kaiser mußte 
annehmen, und schien es auch seine Absicht zu sein, daß diese Äuße- 
rungen zu unserer Kenntnis gelangen würden. 

Groß war daher mein Erstaunen, als anfangs September plötzlich 
von einem Vertrauten des Kaisers eine ganz andere Sprache geführt 
und mir Vorschläge gemacht wurden, die ich Ihnen gegenüber nicht 
näher angeben will, die Sie wohl erraten werden und die sehr weit 
gingen. Präsident Grevy, ich und die Majorität meiner Kollegen wollen 
keine politique d^aventures, und so haben wir in höflicher und verbind- 
licher Weise, aber durchaus ablehnend, geantwortet**." Darauf habe 
er nichts weiter gehört, sei auch überzeugt, daß Herr von Giers nichts 
davon gewußt habe. Vor etwa 12 Tagen sei darauf wieder im Auf- 
trage des Kaisers (ich glaube durch ein Mitglied der kaiserlichen 
Familie) Herrn von Freycinet gesagt worden, der Kaiser habe be- 
schlossen, die Beziehungen mit Frankreich durch Botschafter wieder- 
herzustellen. Herr von Mohrenheim habe Befehl erhalten, spätestens 
bis Ende November wieder auf seinem Posten in Paris zu sein, und 
Seine Majestät wünsche, daß Herr von Freycinet einen Botschafter, 
womöglich aus der diplomatischen Karriere vorschlagen möge! Herr 
von Freycinet sagte mir, er habe sich eigentUch noch gar nicht für 
eine Persönlichkeit ganz entschieden gehabt und zwischen mehreren 
Botschaftern geschwankt, habe aber, als er sehr gedrängt wurde, ge- 
fragt, ob etwa Herr von Laboulaye*** genehm sein würde. Mit merk- 
würdiger Schnelligkeit sei sofort die Antwort gekommen und Herr 
von Laboulaye angenommen worden, ehe er eigentlich wirklich vorge- 
schlagen wurde. Er mußte infolgedessen ernannt werden. Ich habe mich 
eigentlich, trotzdem daß Herr von Freycinet mir sehr viel Vertrauen 
zeigt und stets gern lange und ich glaube ziemlich offen mit mir spricht, 
gewundert, daß er mir diese Mitteilung machte. Es zeigt das, daß er 
entweder ernsthch an eine geistige Störung des Kaisers Alexander 
glaubt oder in diesem allerdings rätselhaften Benehmen eine Falle 
fürchtet. 

Was will aber der Ruski uns gegenüber damit bezwecken? Glaubt 
er etwa dadurch unsere Allianz zu befestigen?? Es ist jedenfalls gut, 
daß wir das alles wissen, und mich freut es, daß meine früheren 



* Auf Grund eines von der französischen Deputiertenkammer im Juni 1886 ge- 
faßten Beschlusses waren die Häupter aller Familien, welche in Frankreich regiert 
hatten, und ihre unmittelbaren Erben aus Frankreich verbannt worden. 
♦* Vgl. Nr. 1200, 1201. 
*** Bis dahin Botschafter in Madrid. 

7 Die Große Politik. 6. Bd. 97 



Nachrichten richtig waren, und mir Freycinet jetzt selbst das russische 
Anerbieten der AHianz im September bestätigte. 

Sie werden aus einem längeren Situationsberichte ersehen, wie 
ich die Sachen hier ansehe, daß man hier wirklich Frieden will und 
bei der jetzigen Lage der Republik und der Parteien auf keine ge- 
fährlichen Unternehmungen sich einlassen wird, ist meine Überzeugung. 

Auf eine russische Allianz geht man gewiß hier nicht leicht ein, 
und insofern ist die Situation günstiger als sie bisher war. 

(gez.) Münster 



Nr. 1204 

Der Vortragende Rat im Auswärtigen Amt Graf zu Rantzau, 
2. Z. in Varzin, an das Auswärtige Amt 

Telegramm. Entzifferung 

Nr. 41 Varzin, den 9. November 1886 

Reichskanzler hat soeben Nachstehendes nach St. Petersburg tele- 
graphiert*: „Aus Paris geht mir glaubwürdige Meldung zu**, daß 
dort im Anfang September unerwartet durch einen Vertrauten des 
Kaisers Alexander Herrn von Freycinet „weitgehende Vorschläge" ge- 
macht worden seien, und vor etwa 14 Tagen wiederum im Auftrage des 
Kaisers Alexander ohne Mitwirkung des Herrn von Oiers unter Be- 
tonung des russischen Wunsches nach sofortiger Wiederbesetzung des 
französischen Botschafterpostens in St. Petersburg und Mitteilung, daß 
Baron von Mohrenheim Ende November wieder auf seinem Posten 
eintreffen würde; die jüngste Eröffnung durch ein Mitglied der kaiser- 
üchen Familie. 

Sind Euerer Exzellenz keine Symptome dieser geheimen und di- 
rekten Verhandlungen erkennbar geworden?" Rantzau 



Nr. 1205 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Telegramm. Entzifferung 

Nr. 1 St. Petersburg, den 9. November 1886 

Antwort auf Telegramm Nr. 1 ***. Mir ist nicht erkennbar geworden, 
daß Kaiser Alexander in geheimer, seiner Natur widersprechender 

* Mittels Telegramm Nr. 1 vom 9. November 
** Vgl. Nr. 1203. 
*** Vgl. Nr. 1204. 

98 



Weise in direkte Beziehungen zu Staatsmännern getreten sei, welche 
er wenige Monate zuvor als „ignoble gouvernement et canailles" öffent- 
lich bezeichnete. Die Wiederherstellung der Vertretung durch Bot- 
schafter war von Anfang an im Wunsche der beiderseitigen Minister 
der Auswärtigen Angelegenheiten und erfolgte, sobald es gelang, die 
Zustimmung Seiner Majestät zu erhalten, wozu die Großfürsten Wladimir 
und Alexis viel beitrugen. Zu den hierzu nötigen Verhandlungen ge- 
nügten die Geschäftsträger Kotzebue* und d'Ormesson**, und es bc; 
durfte keiner außeramtlichen Vertrauensmänner, 

Wenn, woran ich nicht zweifele, Tripotagen stattfanden und noch 
im Gange sind, so glaube ich doch nicht, daß Seine Majestät darum 
wisse. Vielleicht haben Katkowsche Agenten den kaiserlichen Namen 
mißbraucht. Bericht folgt. Schweinitz 



Nr. 1206 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 428 . St. Petersburg, den 9. November 1886 

Geheim 

pp. Während ich, selbst in den schhmmsten Tagen des Sommers 
1879 die Überzeugung aussprechen durfte, es sei psychologisch unmög- 
lich, daß Kaiser Alexander II., der nur mit Tränen im Auge von den 
Erinnerungen seiner Kinderzeit, von seiner Mutter und von Potsdam 
sprach, freiwillig zum Kriege gegen uns schreiten könne, so bin ich 
jetzt keineswegs imstande, in der Naturanlage des jetzigen Kaisers 
ähnliche Garantien zu suchen. Von pietätsvollei Erinnerung an die 
Großeltern und an die gemeinsamen Heldentaten der \X'atfenbrüder 
von 1813/14 ist bei Alexander III. keine Spur zu^finden. Die Andenken 
an Berlin und Potsdam, mit welchen die Gerfiäch'ir .seines Vaters und 
seines Großvaters angefüllt sind, haben für ihn nicht das geringste Inter- 
esse; es hat ihn vielmehr in seiner frühen j:jg;end- oft gelan:g\v^e\l.' und 
geärgert, wenn sein erhabener Vater so gern und so viel von diesen 
Dingen sprach. Für unseren allergnädigsten Kaiser und Herrn hegt 
Seine Majestät hohe Verehrung, für Seine Kaiserliche und Königliche 
Hoheit den Kronprinzen aufrichtige Achtung, für Seine Königliche Ho- 
heit den Prinzen Wilhelm Freundschaft und für Euere Durchlaucht Be- 
wunderung und Furcht. Im übrigen aber bieten uns höchstseine 
Gefühle nicht die geringste Garantie, und von Ihrer Majestät der 
Kaiserin ist in dieser Richtung kein günstiger Einfluß zu erwarten; 

* M. V. Kotzebue, Russischer Botschaftsrat und Geschäftsträger in Paris. 
** Comte d'Ormesson, französischer Geschäftsträger in Petersburg. 

7' gg 



diese hohe Frau hat die Eindrücke, welche sie im Jahre 1864 empfing, 
nicht verwunden. Nur wenn ein neues dynastisches Band die beiden 
Herrscherhäuser verknüpfte, könnte man auf dem Gebiete der Gefühis- 
poiitik von der Zukunft etwas erwarten. 

Wenn ich es trotzdem auf mich nehme, mit einiger Bestimmtheit 
meine Zweifei auszusprechen, daß Kaiser Alexander III. imstande sei, in 
direkte, heimhche Beziehungen zu unseren westlichen Nachbarn zu 
treten!, §0 finde ich meine Gründe auf einem ganz anderen Terrain, 
nämlich auf dem der Interessen, der Wünsche und der instinktiven Dis- 
position. Diese letztere macht den Monarchen abgeneigt, sich mit der 
Republik einzulassen. Seine Majestät der Kaiser hat für Nuancen wenig 
Verständnis und begreift nicht, wie schwer er das Prinzip, auf wel- 
chem seine Macht beruht, durch eine Politik schädigt, welche süd- 
slawische anarchistische Bewegungen fördert; daß aber Frankreich eine 
Republik ist, erscheint Seiner Majestät als unsympathisch und gefähr- 
lich, besonders solange sie den Krapotkins und Genossen freie Be- 
wegung gestattet. 

Das Interesse, welches gute Beziehungen zu uns für ihn haben, 
hegt so klar vor Augen, daß er sich ihm gar nicht verschließen kann, 
wenn er es auch nicht annähernd im ganzen Umfange begreift. Der 
Kaiser fühlt, daß, wenn auch nicht seine Sicherheit, so doch seine Be- 
quemlichkeit durch ein Zerwürfnis mit uns gefährdet sein würde; ein 
starkes, wahrhaft monarchisches Deutschland neben sich zu haben, 
ist Seiner Majestät angenehm, und partikularistische Tendenzen im 
deutschen Reiche werden bei Alexander III. keine Ermutigung finden. 
Nachdem er, hauptsächUch infolge einer denkwürdigen Unterredung, 
welche er noch als Thronfolger mit unserem Kronprinzen im Anitsch- 
kowpalaste 1880 hatte, die vorgefaßte Meinung, daß wir die baltischen 
Provinzen begehrten, fallen ließ, sieht er ohne Besorgnis auf 
unsere Größe und würde diese sogar ruhig wachsen sehen, wenn hier- 
durch eine der stärksten seiner Idiosynkrasien begünstigt würde, näm- 
lich seine Abneigung gegen Österreich. 

Einstimmend ii? das ceterum censeo Pobedonoszews ist nämlich 
Kaiser Alexander HI. überzeugt, daß dieser Staat nicht mehr lange be- 
stehen kann;, Seine Majestät läßt sich auch nicht ausreden, daß wir 
dessen deutsche Provinzen haben wollen und nehmen müssen 2; er 
würde nichts dagegen einzuwenden haben, vorausgesetzt daß Rußland 
Galizien bekäme 3. 

Alexander III,, dem es nicht an der normalen Begabung einer 
kräftigen Natur fehlt, der Schönheitssinn und musikalisches Talent hat 
und mehr Belesenheit und Kenntnisse besitzt, als er zeigt, ist nicht reich 
an Ideen, aber er hält fest an denen, welche er sich zu eigen gemacht 
hat, und gibt sich nicht die Mühe, sie bis in ihre weiteren Konsequenzen 
durchzudenken ; frei beieinander leben in seinem Kopfe die Gedanken, 
und in Gatschina ist niemand, der Seine Majestät darüber belehren 

100 



könnte, wie hart im Räume sich die Dinge stoßen. Dies gilt nun auch 
von der prädominierenden Idee des Kaisers, nämlich von seinem tief- 
gewurzelten Wunsche, die Meerengen zu beherrschen*; er glaubt jetzt, 
infolge bekannter Eröffnungen, daß wir ihn in dieser Bestrebung unter- 
stützen werden, und daß Deutschland die einzige Macht in Europa ist, 
die ihm dabei helfen will und kann 5. In dem Bewußtsein, in diesem 
Wunsche mit dem dunklen Drange seines Volkes, mit der traditionellen 
Politik und mit den Tendenzen, wie auch mit den Interessen der 
nissischen Gesellschaft in Übereinstimmung zu sein, hält Alexander III. 
dieses Ziel fest im Auge. Ohne Verständnis für Nuancen, wie ich mir 
zu wiederholen erlaube, macht Seine Majestät vielleicht nicht die Unter- 
scheidung, welche in der Meerengenfrage so wichtig ist, nämhch ob 
er den Schlüssel oder nur einen Riegel will. Maßvolle russische Poli- 
tiker würden sich nämlich damit begnügen, den Bosporus für fremde 
Kriegsschiffe materiell sperren zu können, ohne freie Ausfahrt*^ durch 
die Dardanellen für die eigene Kriegsflotte zu fordern und zu sichern. 
Für ersteres würde vielleicht Frankreichs Zustimmung zu erreichen 
sein, für letzteres aber nicht, wenigstens solange nicht, als diese Mittel- 
meermacht '^ nicht die ganze Staatsraison der Revanche unterordnet. 

Ich darf also wohl die Meinung aussprechen, daß der Kaiser Ale- 
xander sich nicht eng an das republikanische Frankreich anschließen 
wird, solange er die Aussicht hat, mit unserer Zustimmung an die 
Meerengen vordringen zu können; ich wage aber die ehrerbietige An- 
sicht Euerer Durchlaucht zu unterbreiten, daß es sich empfehlen dürfte, 
dem Kaiser unsere Konnivenz als eine nicht ganz leicht erreichbare, 
sondern als eine nur durch korrekte Politik im Auslande und an die 
Grenze zu verdienende erscheinen zu lassen. II faut lui tenir la dragee 
haute, sonst denkt Seine Majestät, es sei eine Lockspeise; schon jetzt 
wird ihm dies von verschiedenen Seiten, unter anderen auch von der 
„Moskauer Zeitung" angedeutet, pp. v. Schweinitz 

Randbemerkungen Kaiser Wilhelms I.: 

- Ich habe dem Kaiser Nicolas u[nd] Alexander 11 gesagt: Lasset doch den 
deutschen Provinzen ihre Privilegien, Religion u[ndl Sprache, damit sie sich 
nicht nach Deutschland umsehen. Vergeblich! W. 

3 II 

* Das ist eigentlich seit einem Jahrhundert die Idee ganz Rußlands. Seit dem 
Berliner Frieden, wo das uncivilisirte Land der Balkan Halb Insel zu selb- 
ständigen Staaten geworden sind, ist dieser russische Traum sehr schwierig zu 
realisiren geworden, daher auch die sehr ernste Verstimmung selbst beim 
Kaiser Nicolas, da seine Siegreiche Armee vor u[nd] sogar auch in Constanti- 
nopel stand! W. 

5 pp 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Dann müßte Freycinet doch sehr dreist lügen! 

^ ?? der Kaiser schwerlich! 

" desto besser; es war das Napoleons Vorwand zum Krimkriege, mir gegenüber 
ex post 1857. Er behauptete Rußland würde ihm im Mittelmeer zu stark ge- 
worden sein, wenn usw. 

101 



Nr. 1207 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes 
Graf Herbert von Bismarck an den Botschafter in Petersburg 

von Schweinitz 

Konzept 

Nr. 840 Berlin, den 16. November 1886 

Geheim 

pp. In der Meerengenfrage will der Kaiser Alexander natürlich 
nicht nur einen Riegel, sondern den Schlüssel haben; und ich halte es 
nicht für praktisch, ihm zu verhehlen, daß wir vollkommen bereit sind, 
seine Besitzergreifung dieses Schlüssels zuzulassen*: Wenn wir dem 
Kaiser den Korb hoch hängen und ihn über unsere Stellung in der 
Meerengenfrage im Zweifel lassen, so möchte er mißtrauisch werden, 
da er ganz gut weiß, daß die deutschen Interessen hierbei nicht auf 
dem Spiele stehen. Daß wir nicht alles, was uns von Rußland zu- 
gemutet wird, zu akzeptieren bereit sind, wird der Kaiser Alexander 
aus den Kampfzöllen ersehen, zu denen wir bei der geringen Aussicht 
auf eine zollpolitische Verständigung vermutlich doch zu schreiten ge- 
nötigt sein werden. Die russische Ausfuhr nach Deutschland ist sehr 
viel stärker als die unserige dorthin. Letztere nimmt nur etwa 3000 
Waggons jährlich in Anspruch, während die russische Ausfuhr nach 
Deutschland zwischen 30000 und 50000 Waggons alljährlich belastet. 
Je mehr wir voraussehen müssen, daß wir auf handelspolitischem Ge- 
biete zu Kampfzöllen kommen, um so mehr ist es notwendig, daß wir 
kein Geheimnis daraus machen, was wir auf politischem Gebiet an sehr 
viel Wichtigerem konzedieren können: Wir würden nicht gut tun, 
letzteres zu verschweigen, und ich habe sogar dem englischen Bot- 
schafter schon gesagt, nicht nur Bulgarien, sondern auch Konstanti- 
nopel wäre uns vollkommen gleichgültig. 

In Anknüpfung des Vorstehenden beauftragte Fürst Bismarck mich 
noch Ew. zu sagen, er teile ganz Ihre Ansicht, daß Frankreichs Zu- 
stimmung für die Aushändigung der Dardanellen an Rußland nicht 
so leicht zu erlangen sein würde; auch er hielte es bisher noch nicht 
für wahrscheinlich, daß Frankreich, welches seine Mittelmeerinteressen 
neuerdings so scharf betone**, die ganze Staatsraison der Revanche- 
idee unterordnen werde. Die Gefahr, welche vor dem Krimkriege be- 
stand, daß der Kaiser Nikolaus bis an das Ägäische Meer vordringen 
konnte, hätte dem Kaiser Napoleon den Vorwand zur Beteiligung an 
jenem Kriege gegeben: dieser Monarch hätte das Seiner Durchlaucht 



Vgl. dazu Bd. V, Kap. XXX!, Nr. 992, S. 79. 
" Vgl. Kap. XL, Nr. 1233. 



102 



selbst im Jahre 1857 ex post angegeben. Der Kaiser Napoleon be- 
hauptete damals, Rußland würde ihm im Mittelmeer zu stark werden, 
wenn es erst über die griechischen Matrosen für seine Flotte disponieren 
könnte. Er hat damals, als Fürst Bismarck sich auf einer vertraulichen 
Mission wegen der Neuchäteler-Frage in Paris befand*, demselben ge- 
sagt, er würde binnen kurzem einen Krieg gegen Österreich führen 
müssen, um dieses aus Italien hinausdrängen und aus letzterer Macht 
eine französische Dependance zu machen. Er hat dabei geäußert: 
„Je ne dis pas que je veux faire de la Mediterranee un lac frangais, 
mais pourtant ä peu pres la meme chose." Diese vom Kaiser Napoleon 
erstrebte Suprematie im Mittelmeere würde ihm nach seiner Ansicht 
unmöghch oder wenigstens nachdrückUch streitig gemacht worden sein, 
wenn Rußland bis zu demselben Meere vorgedrungen wäre. 

Es ist allerdings zweifelhaft, ob die heutigen französischen Staats- 
männer sich noch von den gleichen Ideen leiten lassen, welche den 
letzten Kaiser der Franzosen beseelten. Immerhin ist aber denkbar, daß 
die französische Politik eine antirussische Tendenz anzunehmen ge- 
zwungen sein wird, wenn sie erst in Rußland einen Mitbewerber um die 
Herrschaft im Mittelmeer erbUckt, und in unserem Interesse liegt es 
deshalb, die hierauf gerichteten russischen Bestrebungen zu fördern. 

H. Bismarck 



Nr. 1208 

Der Botschalter in Paris Graf Münster an den Staatssekretär des 
Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck 

Privatbrief. Abschrift 

Ganz vertraulich Paris, den 20. Dezember 1886 

pp. !Was von englischer und italienischer Seite über Eröffnungen 
der Russen im November gemeldet wurde, ist insofern irrtümlich, als 
das sich auf die Anknüpfung der diplomatischen Beziehungen bezog, 
die ersten Alhanzanerbietungen wurden Ende August oder anfangs 
September gemacht, und als die abgelehnt waren, kam man im Novem- 
ber von russischer Seite auf die Botschafterfrage zurück. Gleichzeitig 
(anfangs oder ausgangs September) ist Italien sondiert** und die Frage 



* Anfang April 1857 hatte sich der damalige preußische Bundestagsgesandte von 
Bismarck zu Besprechungen über die Neuenburger (Neuchäteler) Frage nach Paris 
begeben, wo er mehrfach, u. a. am 12. April, Audienzen bei Kaiser Napoleon III. 
hatte. Vgl. v. Poschinger, Preußen im Bundestag 1851—1859 Bd. III, S. 94 ff., 
IV, 257 ff. 
** Vgl. Bd. IV, Kap. XXIV, Nr. 825. 

103 



Triest und Trient von russischer Seite bei Italien berührt und sind An- 
erbietungen gemacht. Mir ist dies von jemandem, der es weiß, unter dem 
Siegel der Verschwiegenheit bestimmt versichert worden*, pp. 

(gez.) Münster 



Nr. 1209 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an den 
Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 490 St. Petersburg, den 23. Dezember 1886 

Herr von Giers sagte mir heute aus eigener Initiative: 
„Über die Ernennung des Herrn Laboulaye sind von französischer 
Seite, sei es in böser Absicht, sei es aus naiver Unkenntnis der im 
diplomatischen Verkehr üblichen Formen solche Fabeln verbreitet wor- 
den, daß ich die Tatsachen noch einmal richtig stellen möchte. Daß 
Kaiser Alexander III. dans son for interieur für die französischen Repu- 
blikaner nur Verachtung und Ekel (mepris et degout) empfindet, weiß 
alle Welt. Diese Gefühle des Kaisers für die Franzosen traten nach 
außen hervor, als gegen den Wunsch Seiner Majestät der General 
Appert abberufen wurde**, welcher ihm als Feind der radikalen Bande 
sympathisch war. Mohrenheim mußte auf Befehl des Kaisers Paris 
verlassen. Darüber gerieten die Franzosen in Verzweiflung. Sie ver- 
folgten uns mit Bitten und Flehen, wir möchten doch die regulären 
diplomatischen Beziehungen wieder herstellen. Ils etaient litteralement 
ä genoux devant nous. Ich sagte an Ternaux-Compans und Ormesson 
und ich schrieb an Kotzebue, daß die Franzosen sich gedulden sollten. 
Endlich, im Oktober, schien mir der Augenblick gekommen, wieder 
Mohrenheim nach Paris zu schicken und hier einen französischen Bot- 
schafter zu admittieren. Jeder Minister des Äußern würde den Wunsch 
gehabt haben, in formaler Hinsicht zu allen Großmächten normale Be- 
ziehungen zu unterhalten, auch zu Frankreich, wie erbärmlich auch die 
gegenwärtigen französischen Machthaber sind. Der Kaiser teilte meine 
Auffassung, legte aber gar kein besonderes Gewicht darauf, weder Mohren- 
heim in Paris zu sehen, noch hier einen französischen Botschafter. Als die 
Franzosen erfuhren, daß sie Mohrenheim zurückerhalten sollten und wieder 
einen Botschafter hierhersenden dürften, waren sie außer sich vor Freude 
(ils etaient fous de joie). Herr von Freycinet bat, wir möchten keinen 
General verlangen, weil dies General Billot verletzen würde, den der 



♦ Ein weiterer Teil des Briefes wird abgedruckt in Kap. XL, Nr. 1237. 
** Vgl. Nr. 1203, S. 96, Fußnote. 

104 



Kaiser bekanntlich dreimal refüsiert hatte: „Tant mieux", meinte dazu 
der Kaiser, „si le nouvel ambassadeur fran^ais n'est pas un militaire, 
je le verrai d'autant moins". Nun proponierten uns die Franzosen 
Laboulaye oder Lefebvre de Behaine*. Ich wählte den ersteren, weil 
ich ihn kannte, während ich von dem letzteren nie etwas gehört hatte. 
Wenn die französischen Zeitungen behaupten, wir hätten um Laboulaye 
gebeten, so ist das lächerHch. Wir brauchen die Franzosen überhaupt 
um nichts zu bitten; ils sont ä plat ventre devant nousl II y a des 
Russes qui pensent que nous devrions profiter de cette disposition 
des Frangais pour nous faire tirer par eux les marrons du feu; mais 
je crois moi, et TEmpereur croit, que toute intimite reelle avec la 
France ne ferait que nous compromettre, tant au point de vue de 
notre politique interieure que relativement ä notre avenir en Orient." 

B. von Bülow 



Nr. 1210 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an den 
Reichskanzler Fürsten von Bismarck** 

Ausfertigung 

Nr. 497 St. Petersburg, den 24. Dezember 1886 

Geheim 

pp. Den stärksten Eindruck machte Herrn von Giers der Satz des 
Erlasses***, wo daran erinnert wird, wie Herr von Freycinet dem 
Kaiserlichen Botschafter in Paris eröffnete, daß ihm von russischer Seite 
Anerbietungen gemacht worden wären im Sinne einer russisch-französi- 
schen Kooperation gegen Deutschland. Der Minister fühlte sich ver- 
anlaßt in fließenderer und nachdrücklicherer Sprachweise als dieselbe 
ihm sonst eigen ist, mir über diesen Punkt zu erklären: „Ich freue 
mich, darüber mit Ihnen sprechen zu können. Ich fiel aus den Wolken, 
als mir neulich General von Schweinitz die Berichte des Grafen Münster 
über die französischen Insinuationen gegen meinen Kaiserf vorlegte. 
Ich habe über diese Sache gestern mit Seiner Majestät geredet. Der 
Kaiser hat mir geantwortet, er begreife nicht, wie die Franzosen so 
etwas über ihn verbreiten könnten. Ich will mir den Kopf abschneiden 
lassen, wenn der Kaiser jemals den Franzosen Avancen gemacht hat 
(Je me fais couper la tete, si l'Empereur a jamais fait des avances aux 



* Französischer Botschafter beim Päpstlichen Stuhle. 
** Teilweise bereits abgedruckt Bd. V, Nr. 1003. 
*** Vgl. Bd.V, Nr. 1001. 
t Vgl. Nr. 1204, 1208. 



105 



Francais). Ich kann so sprechen, weil ich den Charakter meines Sou- 
veräns kenne, der weder fähig ist mich zu täuschen, noch sich mit den 
Franzosen einzulassen. Beides stände in völHgem Widerspruch zu der 
Natur des Kaisers. Es ist das einfach undenkbar; ich erkläre Ihnen 
dies feierlich. Ich will nicht behaupten, daß nicht in Paris intrigiert 
worden ist. 11 a du y avoir une trame quelconque, je ne le nie pas. 
Aber diese Intrigen sind nicht von Seiner Majestät autorisiert worden, 
noch von einem Großfürsten ausgegangen. Ich habe wohl einen Augen- 
blick an den Großfürsten Alexei gedacht, bin jedoch von diesem Arg- 
wohn wieder abgekommen. Der Großfürst hat erst neulich zu Staal 
geäußert: „Paris, c'est fort drole et amüsant, mais Dieu nous garde 
d'une alliance avec la France. II n'y a pas de fonds ä faire sur les 
Frangais, et puis ce serait l'envahissement de la revolution. 11 faut 
rester avec TAllemagne.** Dem Prinzen Eugen Beauharnais* traue ich 
nicht den Mut zu, im Widerspruch zu den ihm bekannten Prinzipien 
und Ansichten des Kaisers PoHtik zu treiben." Ich sagte dem Minister, 
daß die Weisheit und Charakterfestigkeit Seiner Majestät des Kaisers 
Alexander nirgends mehr anerkannt würden wie bei uns, wo auch das 
Vertrauen in den russischen Minister des Äußeren ein festbegründetes 
sei. Es bleibe aber doch die Tatsache bestehen, daß der französische 
Minister des Äußern unserem Botschafter amtUch erklärt habe, es habe 
sich Rußland um die französische Allianz gegen Deutschland beworben, 
sei hiermit jedoch abgefallen, Meldungen aus verschiedenen europä- 
ischen Hauptstädten deuteten darauf hin, daß die Pariser Regierungs- 
leute auch anderen Vertretern dieselbe Confidence gemacht hätten. 
Sichtlich geärgert rief Herr von Giers: „Diese verfluchten Franzosen 
(ces sacres Francais) sind eine Bande von Schwindlern, sie haben keine 
Ahnung von Geschäften, sie halten jeden durchreisenden Russen für 
einen Vertrauensmann des Kaisers, auf jede Phrase bauen sie einen 
Berg von Hoffnungen und Träumen. Freycinet scheint zu glauben, 
daß ich nur noch dem Namen nach Minister sei, in Wirklichkeit jedoch 
die auswärtige Politik hinter meinem Rücken und ohne mein Wissen 
gemacht werde. Aus vertraulichen Äußerungen des Grafen Greppi** 
und der Berichterstattung des Baron Uexküll entnehme ich, daß man 
dies infolge französischer Schwätzereien auch in Rom annimmt. So 
liegen die Dinge nicht. Ich weiß nicht, wie lange ich noch im Amte 
bleiben werde. Aber solange ich Minister bin, weiß ich, was der Kaiser 
will. Die Franzosen kennen nicht die russischen Verhältnisse. Sie 
haben übrigens schon einmal versucht, Deutschland gegen uns miß- 
trauisch zu machen, damals als Waddington behauptete, Obrutschew 
wäre nach Frankreich geschickt worden, um dieses für eine Allianz mit 



* Prinz Eugen Beauharnais, Herzog von Leuchtenberg, durch seine Mutter, Groß- 
fürstin Maria Nicolajewna, nahe mit dem russischen Kaiserhause verwandt. 
** Italienischer Botschafter in Petersburg. 

106 



Rußland gegen Deutschland zu gewinnen. Jetzt haben wir kaum regu- 
läre diplomatische Beziehungen zu den Franzosen auf deren dringenden 
Wunsch wieder hergestellt, so spielen sie uns einen solchen Streich. Mit 
diesen Leuten kann man keine vernünftige Politik machen („II n'y a 
pas de poHtique raisonnable ä faire avec ces gens-lä")- 

Ich benutzte die Gelegenheit, um Herrn von Giers aus meinen 
Pariser Erlebnissen* zu erzählen, daß Gambetta und GaHffet** sich 
wiederholt und gegenüber vielen fremden Diplomaten gerühmt hätten, 
die ihnen von dem verstorbenen General Skobelew angebotene russische 
Allianz zurückgewiesen zu haben. Als im Jahre 1882 Skobelew in Paris 
gewesen wäre, habe er im Cafe Anglais mit Gambetta und Galiftet ä 
trois diniert. Bald nachher wären die beiden Franzosen zum Fürsten 
Hohenlohe gekommen. Beide hätten ihm anvertraut, daß Skobelew 
sich umsonst bemüht hätte, sie für eine russisch-französische Allianz 
zu gewinnen; nur habe Gambetta behauptet, er sei es gewesen, „qui 
avait empeche ce hussard de Galiffet de donner dans le panneau", wäh- 
rend Galiffet versicherte, „que gräce ä lui cette outre pleine de vent, 
nommee Gambetta, ne s'etait pas laisse berner par les Russes". Dabei 
wäre Skobelew der Überzeugung gewesen, daß er sowohl Galiffet als 
Gambetta in der Tasche habe und ganz Frankreich dazu. Herr von Giers 
hörte mit Interesse zu und meinte: „C'est tres instructif, et je crois 
que cela se sera passe comme cela." Der Minister sprach hierauf die 
Absicht aus, weitere Nachforschungen darüber anzustellen, welcher 
Russe jetzt den Anlaß geboten haben könne zu den „Verleumdungen" 
des Herrn von Freycinet gegen Kaiser Alexander. Wenn der Schuldige 
entdeckt werde, so solle er streng bestraft werden. Es fiel mir auf, 
daß Herr von Giers hierbei mehrfach die Namen Saburow und Obru- 
tschew nannte, ohne grade dieselben als die Schuldigen hinzustellen, 
aber , offenbar mit einigen inneren Zweifeln. Dem hiesigen französi- 
schen Botschafter spendete Herr von Giers Worte der Anerkennung. 
Der Minister bezeichnete Herrn Laboulaye wiederholt als einen 
„homme sage et modere, qui desire la paix". Der Minister beteuerte 
mir, daß Baron Mohrenheim den Franzosen eine friedliche Haltung 
gegenüber Deutschland anempfehle; in demselben Sinne spreche er 
selbst mit dem hier akkreditierten französischen Vertreter. „Je ne 
cesse de leur dire de se tenir tranquille vis-ä-vis de l'AlIemagne, et de 
ne pas faire de betises. Si ils ne m'ecoutent pas, ce n'est vraiment pas 
ma faute. Je voudrais que Vous fussiez present, derriere ce rideau, 
pendant mes entretiens avec Laboulaye, Vous seriez content de moi." 
Herr von Giers deutete hierbei an, daß er gerne Herrn Laboulaye fragen 
möchte, ob dieser wisse, wer in Paris die fraglichen Eröffnungen ge- 



* Zu Anfang der achtziger Jahre hatte Bülow als zweiter Sekretär der Deutschen 

Botschaft in Paris gelebt. 

** Bekannter französischer General. 

107 



macht habe; er würde hierbei die Berichte des Grafen Münster jedoch 
natürlich nicht erwähnen, sondern tun, als ob ihm die Nachricht über 
diese Intrigen aus nicht-deutscher Quelle zugegangen wäre; auch in 
dieser Form würde er übrigens nur dann mit Herrn Laboulaye reden, 
wenn wir nichts i dagegen hätten, pp. B. vonBülow 



Randbemerkung des Fürsten von Bismarck: 

1 Nichts 



Nr. 1211 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an den 
Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 1 St. Petersburg, den I.Januar 1887 

pp. Von Herrn Laboulaye ging der russische Minister des Äußern, 
ebenfalls proprio motu, auf das Verhältnis zwischen Rußland und Frank- 
reich über: ,,Comment peuvent-ils etre assez betes, ces Frangais", 
äußerte der Minister, „pour se figurer que l'Empereur Alexandre mar- 
cherait avec les Clemenceaus contre son oncle! C'est une alliance qui 
ferait horreur ä TEmpereur, qui n'ira pas tirer les marrons du feu 
pour la commune". Herr von Giers setzte mir demnächst auseinander, 
daß er Frankreich lediglich in der ägyptischen Frage eine gewisse Unter- 
stützung versprochen habe; in dieser Frage finde er allerdings den 
französischen Standpunkt und die französischen Ansprüclie gerecht- 
fertigt; es sei empörend, daß England die Hand auf den Suezkanal 
gelegt habe, der mit französischem Geld von französischen Ingenieuren 
gegen den Widerspruch Englands angelegt worden sei; für Rußland 
würde es allerdings das allerbeste sein, wenn man den Kanal zu- 
schüttete; denn das indische und australische Getreide, welches durch 
denselben nach Europa gelange, schädige mehr und mehr den russi- 
schen Landwirt, pp. B. vonBülow 

Nr. 1212 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 89 St. Petersburg, den 9. März 1887 

Ganz vertraulich 

Herr von Giers kam heute wieder auf die Besprechung zurück, 
welche ich mit ihm auf Grundlage des hohen Erlasses Nr. 152 vom 
25. V. Mts. am 2. d. Mts. gehabt hatte; er schilderte mir nochmals 

108 



den Eindruck, welchen die Mitteilung davon beim gestrigen Vortrage 
auf Seine Majestät den Kaiser Alexander gemacht hat, und fügte 
hinzu: „Si nous etions assez betes pour vouloir conclure une alliance 
avec la republique frangaise, je crois que ia France n'en voudrait 
pas*'*. 

Weiterhin sagte der Herr Minister: „Lorsque Vous m'avez parle 
des propositions de rapprochement et meme d'alliance que la Russie 
aurait faites ä Paris au mois de septembre dernier**, je Vous ai prie 
de me fournir quelques indications sur les organes dont nous nous 
serions servis^; mais jusqu'ä present Vous n'avez pas cte ä meme de 
nommer quelqu'un, qui aurait servi d'intermediaire^ entre nous et les 
hommes d'etat frangais. Le Comte Schouwalow que j'avais Charge de 
prendre des informations ä ce sujet, n'en a pas obtenu. S'il y avait, 
apres moi, un ministre assez fou, pour offrir une alliance ä la republique 
et si l'Empereur voulait y consentir, je crois, je Vous le repete, que 
la France la refuserait; eile veut etre bien avec nous et profiter de 
l'apparence d'une entente, mais eile ne voudrait pas s'exposer aux 
dangers d'une guerre contre Vous; et puis, qu'est ce qu'elle pourrait 
nous donner en Orient?" 

Ich erw^iderte, dies sei ganz richtig; Frankreich habe eigene, un- 
veräußerliche Interessen im Mittelmeer, und was die russisch-fran- 
zösische Allianz anbeträfe, so sei sie schon oft versucht, aber noch 
nie zu gutem Ende geführt worden, von den Zusammenkünften auf 
der Niemenbrücke und in Erfurt an, bis zur Begegnung in Stuttgart 
1857; vielleicht wäre es nur Zufall gewesen, daß der Annäherung 
Rußlands an Karl X. 1829 und an Louis Phihpp 1847 der Sturz dieser 
Könige auf dem Fuße folgte; innere, tiefliegende Gründe widersetzten 
sich einer solchen Verbindung, aber schon der Schein, daß sie an- 
gestrebt werde, könne viel Unheil anrichten. 

V. Schweinitz 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Er hätte doch Freycinet fragen sollen! 

2 Obrutschew, Trubetzkoi 



* Vgl. Nr. 1200, 1201, 1208. 

** Vgl. dazu S. Qoriainow, The End of the Alliance ot the Emperors, The 
American Historical Review, Vol. XXIII, Nr. 2, p. 332. Aus Goriainows Mit- 
teilungen geht hervor, daß, vk^enn Frankreich im Herbst 1886 den russischen 
Allianzfühler zurückgewiesen hatte, es jetzt, im Frühjahr 1887, zur Zeit der 
Boulanger-Krise, selbst die Fühler ausstreckte. Das französische Kabinett beab- 
sichtigte damals, den früheren Botschafter in Wien Grafen de Vogue als Unter- 
händler nach Petersburg zu entsenden, und der Zar antwortete auf die An- 
kündigung dieser Mission durch Mohrenheim: „This might be very useful to 
US, in certain contingencies, and we ought not to discourage them." 



109 



Nr. 1213 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 200 St. Petersburg, den 1. Juni 1887 

Vertraulich 

Die hohen Erlasse Nr. 420 und 422 vom 27. Mai, denen Berichte 
des Kaiserlichen Botschafters in Paris vom 24. und 25. v. Mts.* beilagen, 
habe ich zu erhalten die Ehre gehabt; letztere betrafen russische Intri- 
guen in Paris und das auffällige Verhalten des Herrn von Mohrenheim 
während der soeben beendeten Ministerkrisis. Schon vorher war ich 
hochgeneigtest in Kenntnis gesetzt worden**, daß der russische Bot- 
schafter in Paris offen ausgesprochen hat, der Rücktritt des General 
Boulanger würde Seiner Majestät dem Kaiser Alexander unerwünscht 
sein. Ich hatte gleich nach Empfang dieser ersten Nachricht durch 
gesellschaftliche Verbindungen dafür gesorgt, daß an höchsten Stellen 
nicht verborgen bleibe, in welchem Widerspruche das Auftreten Baron 
Mohrenheims zu dem entschiedenen auf Verhütung eines deutsch-franzö- 
sischen Krieges gerichteten Wunsche seines kaiserlichen Herrn stehe. 
Amtlich habe ich erst jetzt, nach Empfang des obenerwähnten hohen 
Erlasses Nr. 420, mit Herrn von Giers über diesen Gegenstand ge- 
sprochen. Der Herr Minister versicherte zwar auf das Bestimmteste, 
daß der russische Botschafter in Paris weder ermächtigt noch etwa gar 
beauftragt gewesen sei, Sympathie für den bisherigen französischen 
Kriegsminister zu zeigen, er bestritt aber nicht, daß der sehr ge- 
sprächige und sich selbst gern reden hörende Baron Mohrenheim 
Äußerungen, wie die ihm zugeschriebenen, getan haben könne. 

Nach meinem ehrerbietigen Dafürhalten hat der Botschafter nicht 
viel riskiert, wenn er sich eigenmächtig zugunsten des General Bou- 



* Mit den Erlassen Nr. 420 und 422 vom 27. Mai 1887 waren dem Botschafter 
von Schweinitz zwei Berichte des Botschafters Grafen Münster übersandt wor- 
den, nach denen sich der russische Botschafter in Paris Baron Mohrenheim mit 
aller Entschiedenheit zugunsten des Generals Boulanger einsetzte. In dem Er- 
laß an Schweinitz Nr. 420 hieß es dazu: „Das von Graf Münster geschilderte 
Auftreten des Baron Mohrenheim muß jeden Unbefangenen darauf schließen lassen, 
daß Rußland der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich erwünscht sei. In 
dem gegenwärtigen kritischen Momente der Dinge in Frankreich sind die Be- 
mühungen des Herrn von Mohrenheim, den General Boulanger am Ruder zu er- 
halten, um so auffallender, als nicht nur der Präsident der Republik, sondern 
auch alle nicht radikalen Politiker von Ansehen und die große Majorität des 
französischen Volkes gerade aus Besorgnis vor kriegerischen Verwidcelungen 
sich des bisherigen Kriegsministers zu entledigen bestrebt sind." 
** Durch Telegramm vom 20. Mai. 

110 



langer ausgesprochen hat; daß hierdurch der Glaube, der russische 
Kaiser wünsche den deutsch-französischen Krieg, erweckt und bestärkt 
werden müsse, macht man sich hier an höchster Stelle wohl nicht 
ganz klari; wenn aber selbst in Paris bis noch vor kurzem konser- 
vative Leute glauben konnten, General Boulanger werde bei erster 
günstiger Gelegenheit mit der demokratischen Republik aufräumen und 
Ordnung machen, so wäre es wohl zu entschuldigen, wenn man in 
der Einsamkeit von Gatschina an die Möglichkeit dächte, jener populäre 
Soldat könne sich in einen großen Gendarmen verwandeln, der alle in 
Frankreich lebenden Nihilisten ausliefern würde. 

Darüber, daß General Boulanger in Moskau und in St. Petersburg 
nicht nur viele begeisterte Bewunderer, sondern auch direkte Bezie- 
hungen hat, hege ich keinen Zweifel, wenn ich auch weit entfernt 
bin zu glauben, was die Gemahlin eines russischen Ministers unlängst 
bei einem diplomatischen Diner laut aussprach, nämlich, daß er mit 
Herrn Polowtzow* in Korrespondenz stehe. Es reisen fortwährend 
so viele Russen zwischen Paris und Petersburg hin und her, daß der 
Austausch schriftlicher und mündlicher Mitteilungen keine Schwierig- 
keiten bietet. Vielleicht aber wird das abschreckende Beispiel, welches 
gestern durch die Dienstentlassung des General Bogdanowitsch** 
statuiert wurde, den Eifer der freiwilligen Diplomaten etwas ab- 
kühlen. 

Da diese Maßregel erst heute bekannt wurde, so läßt sich über den 
Eindruck, welchen sie hervorbringt, noch nicht viel sagen; auch die 
Umstände, unter welchen sie erfolgte, sind mir noch nicht genau be- 
kannt; aber Herr von Giers erzählte mir, daß Seine Majestät der Kaiser 
durch Berichte des Baron Mohrenheim und durch die denselben beiliegen- 
den Beweise die Überzeugung von dem Bestehen geheimer Verbindungen 
zwischen Paris und Petersburg gewonnen habe, bei welchen General 
Bogdanowitsch als Mittelsperson beteiligt wäre; Seine Majestät habe 
neben den Namen dieses Generals die Randbemerkung geschrieben: 
„yBOJicHTb" (entlassen); dies sei am Montag, dem 30. geschehen; er, 
der Minister, habe erst am folgenden Tage es erfahren. 

Herr von Giers fügte hinzu, der Schlag, welcher den rechten 
Arm Katkows getroffen hat, habe die Anhänger des letzteren sehr 
bestürzt gemacht; Tatischtschew, welcher nicht mehr im Dienste sei, 
solle gerichtlich belangt werden; der Kaiser scheine nun doch den 
Vorstellungen, welche er, der Minister, ihm nach dem Erscheinen des 



* Direktor der russischen Reichskanzlei. 

** General Bogdanowitsch, Verfasser der Schrift „L'alliance franco-russe", hatte 
während eines Pariser Aufenthalts mit französischen Politikern Verhandlungen 
zur Herbeiführung eines russisch-französischen Bündnisses angeknüpft. Er wurde 
in Verfolg seiner Entlassung Anfang Juli aus den Heereslisten gestrichen und mit 
Verbannung von allen Orten, wo sich der russische Hof aufhielt, bestraft. 

111 



mehrerwähnten von mir telegraphisch signaUsierten Katkowschen Ar- 
tikels vom 11. Mai, gemacht habe, nämUch, „daß es so wie jetzt nicht 
länger gehen könne", nachzugeben. v. Schweinitz 

Randbemerkung des Fürsten von Bismarck: 

1 ?? Wäre der Krieg zwischen uns und Frankreich für das amtliche Rußland 
wirklich unerwünscht? er würde der russischen Politik analoge Freiheit der Be- 
wegung gewähren, wie etwa ein deutsch-russ[ischerl oder deutsch-französischer 
der englischen Politik. 

Nr. 1214 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Petersburg von Schweinitz 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen zu Rantzau 
Nr. 455 Berlin, den 10. Juni 1887 

[abgegangen am 13. Juni] 
Euerer pp. gefälliger Bericht Nr. 200 vom 1. d. Mts.* ist hier eingegangen 
Der Herr Reichskanzler vermag die Überzeugung nicht zu teilen, 
daß die russische Politik in der Frage Boulanger ganz unzweideutig 
und ehrlich gewesen ist. Der Wunsch, uns in offnen Streit mit Frank- 
reich zu bringen und dadurch freie Hand gegen Österreich zu ge- 
winnen, wird in Rußland ganz allgemein gehegt: man kann dies auch 
nicht so befremdlich finden, denn es ist unbestreitbar, daß ein deutsch- 
französischer Krieg Rußland eine analoge Freiheit der Bewegung geben 
würde, wie sie etwa ein Krieg Deutschlands mit Rußland der eng- 
Hschen Politik gewähren würde. So aufrichtig die platonische Friedens- 
liebe des Zaren an und für sich sein mag, darf doch nicht vergessen 
werden, daß er in erster Linie immer ein russischer Politiker bleibt, 
und daß er sich deshalb der Erwägung nicht wird verschUeßen können, 
daß der Ausbruch eines deutsch-französischen Krieges Rußland die 
willkommene Handhabe bieten würde, um mit wenig Mitteln einen 
zwingenden Druck auf uns auszuüben. Es dürfte keinem Zweifel unter- 
liegen, daß das amtliche Rußland nicht weniger als das panslawistische 
einen deutsch-französischen Krieg für wünschenswert hält und trotz 
aller offiziellen Ausflüchte und Ableugnungen im geheimen für die Her- 
beiführung desselben hetzt und arbeitet. H. Bismarck 

Nr. 1215 

Der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Graf von Berchem an 

den Botschafter in Petersburg von Schweinitz 

Konzept 
Nr. 644 
Gehein^ Berlin, den 29. August 1887 

Ew. pp. gefällige Berichte Nr. 273 und 274 vom 23. d. Mts. haben 
dem Herrn Reichskanzler vorgelegen. 
* Siehe Nr. 1213. 

112 



Fürst Bismarck ist erstaunt gewesen über die in dem letzteren 
Berichts enthaltene Bemerkung Ew. pp., daß die Derouledesche Reise 
spurlos verlaufen sei*. In unserer Presse hat die Aufnahme des fran- 
zösischen Revanche-Helden in Rußland allgemeine Entrüstung hervor- 
gerufen, und in der Tat liegt in dem Verhalten des Generals Baranow 
eine ungeheuere Unverschämtheit. Seine Durchlaucht wünscht, daß 
Ew. pp. in Petersburg auf die Möglichkeit hinweisen, daß ein pol- 
nischer, ungarischer oder bulgarischer Russenfeind bei uns eine ähn- 
liche Aufnahme fände wie Deroulede in Rußland. Wir würden einen 
Russenfeind, der zum Zweck einer Agitation ä la Deroulede bei uns 
erschiene, sofort ausweisen. 

Im übrigen hat Seine Durchlaucht nachstehende Bemerkungen an 
die erwähnten Berichte geknüpft: 

Wenn die russische Regierung das Kokettieren mit Frankreich 
duldet, so wird das nicht ohne Einfluß auf unsere Politik bleiben; 
wir werden beispielsweise in der bulgarischen Frage eine Auffassung 
adoptieren, die sich mehr der Österreichs, Englands und Italiens an- 
schließt. Die russische Hetzerei kann uns nicht gleichgültig lassen. 
Die ganze russisch-französische Frage, wie sie in Petersburg behandelt 
wird, in Verbindung mit der Tatsache, daß Frankreich gegenwärtig 
für einen Krieg mit Deutschland noch nicht vorbereitet ist, daß es 
infolge verschiedener Boulangerscher Maßregeln und der darin liegenden 
Irrtümer erst in einigen Jahren mit seiner Bewaffnung fertig werden 
wird, läßt die Auslegung zu, daß Rußland mit Frankreich geheime 
Verträge hat, die bestimmt sind, in Kraft zu treten, sobald Frankreich 
zu einem Kriege gegen uns bereit ist. pp. Berchem 



Nr. 1216 
Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 282 

Geheim ^** P^^^^sburg, den 2. September 1887 

Den hohen geheimen Erlaß Nr. 644 vom 29. August** habe ich 
durch königlichen Feldjäger zu erhalten die Ehre gehabt; Euere Durch- 



* Irn August und September durchreiste der französische Revanchepolitiker Derou- 
lede von neuem Rußland, wo er vielfach von den panslawistischen Kreisen demon- 
strativ gefeiert wurde. Namenth'ch der General Baranow, Gouverneur von Nischni- 
Nowgorod, hielt schwungvolle Reden auf Deroulede und seine französisch- 
russischen Bündnisbestrebungen, wofür er später, im Dezember, einen offiziellen 
Verweis erhielt. Vgl. Bd. V, Nr. 1117 nebst Fußnote **. 
** Siehe Nr. 1215. 

8 Die Große Politik. 6. Bd. 113 



laucht hatten in demselben auf eine in meinem Berichte Nr. 274 vom 
23. V. Mts. enthaltene, die Reise des Herrn Deroulede betreffende Be- 
merkung hochgeneigtest Bezug genommen, und ich erlaube mir daher 
nochmals auf diesen Gegenstand zurückzukommen. 

Die Fahrt, welche einige Mitglieder der Patriotenliga nach Moskau, 
Nischni-Nowgorod und St, Petersburg unternommen haben, ist im Aus- 
lande mehr bemerkt worden als in Rußland selbst i; den Zweck, welchen 
die Herren Deroulede und Goupil hier^ verfolgten, haben sie nicht 
erreicht 3; es ist vielmehr das Gegenteil von dem, was sie beabsich- 
tigten, eingetreten, denn während sie Demonstrationen der russischen 
Gesellschaft und Presse zugunsten der von Boulanger und der Patrioten- 
liga vertretenen Richtung anstrebten, haben sie dazu beigetragen, daß 
seitens der maßgebenden Organe der öffentlichen Meinung Rußlands 
eine förmliche Absage an die chauvinistische Demokratie erfolgt ist. 

Die Veränderung in der Haltung der franzosenfreundlichen 
russischen Politiker zeigte sich darin, daß die bedeutenderen unter ihnen 
sich von allen Ovationen und Kundgebungen für die französischen 
Reisenden persönlich fern hielten und sich in ihren Preßorganen nicht 
in Leitartikeln, sondern fast nur in Feuilletons mit ihnen beschäftigten, 
während der „Nord", die „Moskowskije Wedomosti" und vor allem der 
„Grashdanin" geradezu erklärten, daß Rußland sich mit den agitato- 
rischen Elementen der französischen Republik auf nichts einlassen 
wolle. 

Weit entfernt hierin ein Abbrechen der seit Jahresfrist stärker 
hervorgetretenen Annäherung Rußlands an Frankreich zu erblicken, 
finde ich vielmehr, daß die Allianzbestrebungen grade hierdurch 
praktischer Ausführbarkeit näher gerückt worden sind, denn es ist 
unter ziemlich allgemeiner Zustimmung ausgesprochen worden, daß 
Rußland, indem es die der französischen Regierung unbequemen Hitz- 
köpfe abweist, ihr selbst gern die Hand reichen wird, sobald sie stark 
und stabil ist. Die republikanische Form der französischen Re- 
gierung erscheint mir heute nicht mehr als ein so großes Hindernis 
offizieller Annäherung Rußlands wie vor anderthalb Jahren, als Kaiser 
Alexander in meiner Gegenwart zum General Appert sagte: „Quel 
ignoble gouvernement! j'espere que vous le chasserez". Daß Seine 
Majestät der Kaiser Alexander die bewußte Absicht hege, sich mit 
Frankreich, sobald es mit seiner Bewaffnung fertig und von einer 
starken Regierung geleitet sein wird, zum Kriege gtgen uns zu ver- 
binden, glaube ich auf Grund meiner Auffassung von seinem Charakter 
bezweifeln zu dürfen. Warum hätte auch sonst Seine Majestät eine 
fünfjährige Dauer unseres neuesten Abkommens gewünscht** und nur 
ungern in die von uns vorgeschlagene Beschränkung auf drei Jahre 
gewilligt? 



* Vgl. Bd. V, Kap. XXXIV: Rückversicherungsvertrag, Nr. 1093. 
114 



Aber weder die Friedensliebe noch überhaupt die persönHchen 
Eigenschaften Seiner Majestät des Zaren können das nur zu berech- 
tigte Mißtrauen beseitigen, mit welchem uns die Unaufrichtigkeit der 
russischen Politik erfüllt, einer Politik, welche nicht von einer ziel- 
bewußten Regierung bestimmt, sondern mehr als in manchen konstitu- 
tionellen Staaten von Neben- oder Gegenströmungen beeinflußt wird; 
daß letztere lange anhalten und gefährlich werden können, ehe der 
Monarch dies erkennt und korrigiert, hat uns die an Katkow gemachte 
Erfahrung gelehrt ; es ist fraglich, ob künftighin, wenn vielleicht andere 
als nur journalistische Kräfte in Wirksamkeit treten, der Wille des 
Zaren ausreicht, um sie zu hemmen. Seinem Vorgänger ist dies im 
Herbste des Jahres 1876 nicht gelungen. 

Eine eigentümliche, vom Parteiwesen in anderen Staaten ab- 
weichende Erscheinung ist, daß es in Rußland Beamte und Diener 
der Regierung sind, welche der von letzterer befolgten Politik entgegen- 
arbeiten &. Da es hier kein einheitliches, kein homogenes unter einem 
Premier solidarisch zusammenwirkendes^ Ministerium, sondern nur 
Minister gibt, welche gelegentlich ohne Wissen ihrer Kollegen die 
allerhöchste Ermächtigung zu wichtigen Maßregeln erlangen können, 
so ist es erklärlich, daß die Beamten des einen Ressorts dem Chef 
eines anderen Opposition machen. 

Diese Gewohnheit tritt uns am stärksten in ihrer Wirksamkeit 
auf das Ministerium des Äußeren entgegen : Herr von Giers hat weder 
gesellschaftlich, noch persönlich, noch amtlich Aszendant über seine 
Kollegen und übt weder im Ministerkomitee, noch im Reichsrat Einfluß 
aus; er kann also weder im Finanzministerium vexatorische Maßregeln 
gegen die Deutschen, noch in dem des Inneren die Anfeindung derselben 
durch die Presse oder ihre Beraubung durch die Fremdengesetze ver- 
hindern; ebenso wenig findet er beim Kriegsministerium Schutz gegen 
die Generale, welche, sei es als Truppenkommandeure, sei es als hohe 
Verwaltungsbeamte seiner vom Monarchen gebilligten Politik direkt 
entgegenarbeiten, pp. 

V. Schweinitz 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 ! In Frankreich natürlich, ufnd] das ist die Hauptsache, die Ermuthigung zur 
; Revanche 

2 p 

3 p 

* das ist mir neu; Schuwalow hat mich nur gefragt, ob wir 3 oder 5 wünschten, 
u[nd} weil ich fand, daß er eine übertriebene Meinung von unsrer Vertrags- 
bedürftigkeit hatte, sagte ich, es sei uns beides annehmbar, wenn uns' die Ent- 
scheidung zugeschoben würde, 3, mit Rücksicht auf die Unaufrichtigkeit der 
russlischenl Politik in der VerhandUtng 

■"' wie bei uns vor 1848 

6 hier auch nicht 



115 



Nr. 1217 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an deo 
Reichskanzler Fürsten von Bismarck* 

Ausfertigung 

Nr "^04 

r^ X r u St. Petersburg, den 28. September 1887 

Ganz vertraulich ^' ^ 

pp. Die Beziehungen Rußlands zu Frankreich [sagte Herr von 
Giers], seien jetzt sehr gute, die Franzosen wären Rußland in allem 
zu Willen, die Herren Rouvier und Flourens wären auch vortreffliche 
und vernünftige Leute. Das verhindere aber nicht, daß das gute Ein- 
vernehmen mit Deutschland der „Pivot" der russischen Pohtik bleiben 
müsse und für Kaiser Alexander auch nach wie vor sei. Der Kaiser 
wolle keine Allianz mit Frankreich i, ein Zusammengehen des Kaisers 
mit Frankreich gegen Deutschland sei undenkbar 2, dazu werde es nie- 
mals kommen-^. Ich ging während meiner ganzen Unterredung mit 
Herrn von Giers von dem Gesichtspunkt aus, daß Rußland, die russi- 
sche Dynastie und ihre treuen Diener schweren und sicheren Schaden 
nehmen würden, wenn die Wühlereien der hiesigen Deutschenfeinde 
und die Passivität der russischen Regierung es zum Bruche mit uns 
kommen ließen. Ich legte jedoch auch gegenüber Herrn von Giers 
keinerlei Besorgnisse an den Tag hinsichtHch der Folgen eines solchen 
Bruchs für uns und zeigte kein besonderes Interesse für den gegen- 
wärtigen Stand der russisch-französischen Beziehungen. Als Herr von 
Giers mir von der Undenkbarkeit eines Zusammengehens des Kaisers 
Alexander III. mit Frankreich sprach, fixierte ich ihn. Der Minister 
wiederholte mit dem Akzent der Überzeugung: „Je vous donne ma 
tete ä couper, que jamais, jamais l'Empereur Alexandre ne levera 
le bras contre TEmpereur Guillaume ni contre le fils ni contre le petit-fils 
de l'Empereur Guillaume." pp. B. von Bülow 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

* Alexander] II wollte aucii den türk[ischenl Krieg nicht u[ndl führte ihn doch 
2 p 

s p 

Nr. 1218 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an den 
Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 330 St. Petersburg, den 20. Oktober 1887 

Herr von Giers kam gestern aus eigener Initiative auf den „soi- 
disant toast de Nicolai Michailowitch"** zurück, wobei er sich in weg- 

* In extenso bereits abgedruckt Bd. V, Kap. XXXVI, Nr. 1118. 

** Vgl. über den vom Großfürsten Nicolaus an Bord des Dampfers gehaltenen 

Toast Bd.V, Kap. XXXVI, Nr. 1119, S. 305, nebst Fußnote *. 

116 



werfender Weise über den Großfürsten ausließ. Der Minister äußerte 
unter anderem, daß, wenn der Großfürst auch niclit so gesprochen 
hätte, wie der „Figaro" behaupte, er sich jedenfalls „comme un sot" 
benommen habe. Es sei aber doch bedauerlich, daß diese Angelegen- 
heit in Deutschland soviel Aufsehen errege. Ich erwiderte, daß der 
„soi-disant toast" wohl deshalb überall Beachtung gefunden habe, weil 
derselbe betrachtet worden sei als ein Glied in der Kette zweifelloser 
antideutscher Demonstrationen, die seit längerer Zeit von hier aus un- 
gestraft gegen uns in Szene gesetzt würden. Herr von Giers meinte, 
es sei neuerdings eine kleine Wendung zum Bessern i eingetreten: Graf 
Tolstoi scheine endlich zu begreifen, wohin das „desastreuse" Prinzip 
der Ablenkung innerer Unzufriedenheit nach außen führen müsse. Zwei 
Journale („Minuta" und „Syn Otetschestwa") wären gemaßregelt worden. 
Ich gab Herrn von Giers in verbindlicher Form zu verstehen, daß 
von russischer Seite noch manches geschehen müsse, wenn wir das 
Mißtrauen aufgeben sollten, welches unserer Politik gegenüber Rußland 
früher ganz fremd gewesen sei, zu dem uns aber jetzt das Verhalten 
Rußlands nötigte. Herr von Giers antwortete, daß er es begreife, 
wenn „une serie d'incidents regrettables" unser Vertrauen zu Ruß- 
land erschüttert habe. Diese Zwischenfälle wären aber nicht hervor- 
gegangen aus „mauvaises arriere-pensees", sondern aus Schwäche und 
Einsichtslosigkeit^. Sichtlich bekümmert fügte der Minister hinzu, er 
fühle bereits überall, aber namentlich in Konstantinopel, daß unsere 
Haltung eine andere geworden wäre 3. Die Österreicher, Italiener und 
Engländer triumphierten, die Türken entzögen sich der russischen Ein- 
wirkung, Ich erinnerte den Minister daran, wie ich ihm schon vor 
Wochen nicht verhehlt hätte, daß unser Eifer, Rußland zu helfen und 
zu nützen, erlahmen müßte, wenn derselbe von hier aus gar nicht oder 
mit Angriffen und Verdächtigungen erwidert würde. Ich ließ durch- 
blicken, daß, je passiver sich die russische Regierung gegenüber den 
friedenstörenden Elementen in ihrem Lande verhalte, um so mehr der 
Gedanke sich aufdränge, es könnten ihr letztere doch einmal über den 
Kopf wachsen. Unsere hiesigen Gegner wollten wohl in ihrer Mehr- 
heit nicht sofort gegen Deutschland vorgehen, vielleicht aber das Terrain 
vorbereiten für den Augenblick, wenn einerseits in einigen Jahren die 
russischen Rüstungen vollendet sein, andererseits Frankreich mög- 
licherweise eine weniger besonnene Regierung haben würde als die 
gegenwärtige. Ich ließ hierbei die Bemerkung fallen, daß mich in dem 
„soi-disant toast" des Großfürsten Nikolaus Michailowitsch namentlich 
die Stelle frappiert habe, wo es heiße: In „kurzer Zeit" würden alle 
Hindernisse verschwunden sein, welche jetzt noch dem russisch-fran- 
zösischen Angriffskrieg gegen Deutschland im Wege stünden. Herr 
von Giers protestierte gegen meinen Argwohn. „Cet ecervele de Nicolai 
Michailowitch," rief er, „n*a aucune idee serieuse dans sa tete; si 
meme nous avions vis-ä-vis de Vous de mauvais projets, ce qui n'est 

117 



certainement pas, ce blanc bec n'en saurait rien. II n'a aucune con- 
naissance de l'etat reel des relations exterieures de la Russie." Der 
Minister beteuerte, daß Kaiser Alexander III. „weder jetzt noch später, 
noch in irgendeiner noch so fernen ^ Zukunft" etwas gegen uns unter- 
nehmen würde, pp. 

Über Frankreich ließ sich der Minister mit Gereiztheit aus: „Les 
Frangais sont le plus infecte des peuples, le gouvernement frangais 
est mauvais, bete; le gächis ä Paris est complet." Vor einem Monat 
pflegte Herr von Giers in etwas affektierter Weise die „Weisheit" der 
Herren Rouvier und Flourens zu loben. Über Baron Mohrenheim 
bemerkte der Minister: „Ce bavard nous predisait un gouvernement 
stable ä Paris, eile est jolie sa stabilite." Der Minister drückte die Hoff- 
nung aus, daß General Boulanger jetzt „un homme fini" sein werde. 
Er insinuierte, daß die Franzosen alles täten, um Rußland mit Deutsch- 
land zu brouillieren*. 

Als ich mich bei Herrn von Giers verabschiedete, sagte mir der- 
selbe, daß die „mauvaise phase", in der wir uns noch befänden, hoffent- 
lich in einiger Zeit überwunden sein würde. Es dürfte nicht mehr 
lange dauern, bis hier in der öffentlichen Meinung „eine Reaktion" 
eintrete. Die russische Gesellschaft werde die Ungerechtigkeit und 
Ziellosigkeit ihrer Verstimmung gegen Deutschland i, „le creux'* ihrer 
Schwärmerei für die Franzosen einsehen und mit ihrer bekannten 
Mobilität vielleicht in einigen Monaten, wenn nicht Wochen, das Zu- 
sammengehen mit Deutschland wünschen 5. Ich erwiderte, daß das 
Eintreten dieses AugenbHcks von der russischen Regierung abhängen 
dürfte, welche die russische öffentliche Meinung in der Hand habe, 
sobald nur der Wille des Zaren klar und unzweideutig zutage liege, 

B. von B ü I o w 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 ? 

2 an maßgebender Stelle; sonst aus Bosheit , 

3 Mißtrauen, natürlich. 

* natürlich und die Russen alles um uns mit Frankreich zu br[ouiIliren] 
Randbemerkung des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 

* Dann wird es vielleicht zu spät sein. 



Nr. 1219 

Der Geschäftsträger in Petersburg Bernhard von Bülow an den 
Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 424 St. Petersburg, den 15. Dezember 1887 

Deutschland und Rußland sind nicht durch große, widerstrebende 
Interessen getrennt, wie solche zwischen Rußland und den übrigen 
Mächten obwalten. Dementsprechend haben sich Deutsche und Russen 

118 



seit über hundert Jahren nicht mit den Waffen in der Hand gegenüber- 
gestanden, während in diesem Zeitraum Rußland mit Frankreich mehr 
als einen schweren Krieg zu führen gezwungen war. Nichtsdesto- 
weniger wendet sich die russische Gesellschaft mehr und mehr von 
Deutschland ab, auf das sie Tradition und wohlverstandener Vorteil 
hinweisen sollten, und neigt zu Frankreich, von wo ihr bisher viel 
Schlimmes und wenig Gutes kam. Diese Erscheinung läßt sich nicht 
durch Vernunftgründe erklären, denn ruhige Überlegung müßte Ruß- 
land an die Seite Deutschlands führen und gegen Frankreich, wenn 
nicht feindlich, so doch mißtrauisch stimmen, sondern nur aus miß- 
leiteter Leidenschaft. Manche Faktoren tragen dazu bei, die in Ruß- 
land aus verschiedenen Ursachen — Unzufriedenheit mit den inneren 
Zuständen, wirtschaftliche Notlage, Enttäuschungen auf dem Gebiete 
der auswärtigen Politik — erregten Gemüter gegen den deutschen 
Nachbarn aufzustacheln und gleichzeitig Frankreich zuzuführen. Ein 
nicht unwesentlicher, bisher vielleicht zu wenig gewürdigter Faktor ist der 
Umstand, daß grade die beiden hervorragendsten und maßgebendsten 
russischen Generäle, der Chef des Generalstabs, General Obrutschew 
und der Generalgouverneur von Warschau, General Gurko, mit Damen 
vermählt sind, die, Französinnen von Geburt und von Gesinnung, den. 
sehr großen Einfluß, welchen sie über ihre Männer und dadurch auf 
die russische Gesellschaft ausüben, dazu benützen, Rußland in den 
Dienst Frankreichs zu stellen. Madame Obrutschew* ist eine geborene 
Milot und gehört einer in der Nähe von Bordeaux angesessenen fran- 
zösischen Familie an. Sie selbst hat sich in der Nähe von Perigueux 
ein Landhaus gebaut, in welchem sie in jedem Herbste mit ihrem 
Gatten einige Wochen zubringt. Wenn indiskrete Bekannte fragen, 
warum General Obrutschew jahraus jahrein in Frankreich einen längeren 
Aufenthalt nehme, so wird ihnen erwidert, daß dies nur aus Gesund- 
heitsrücksichten geschehe, und der Chef des russischen Generalstabs 
in Frankreich sehr zurückgezogen zu leben pflege. Wer die hoch- 
fhegenden Pläne des Ehepaars Obrutschew kennt, wird sich durch 
diese Versicherung freilich nicht irreführen lassen. Madame Obrutschew 
ist eine ehrgeizige Dame, welche auf der Weltbühne eine große Rolle 
spielen will. Sie huldigt politisch radikalen Anschauungen, wie denn 
auch General Obrutschew^ zu den Roten gerechnet wird, und in den 
sechziger Jahren in revolutionäre Komplotte verwickelt war, was ihm 
der Zar nur sehr allmählich und nie völlig verziehen hat. Madame 
Obrutschew hat ihren Gemahl mit französischen Politikern republika- 
nisch-chauvinistischer Richtung in Verbindung gesetzt, sie unterhält 
selbst eifrigen Briefwechsel mit den Pariser Demagogen und sucht mit 
allen Mitteln, welche einer intelligenten Französin zu Gebote stehen, 
Rußland in jenen Krieg mit Deutschland hineinzutreiben, der Elsaß- 



* Vgl. S. 94, Fußnote f- 

119 



Lothringen wieder zu Frankreich bringen soll. Der zweite französische 
Militärattache in St. Petersburg, Kapitän Moulin, derselbe, welcher im 
vergangenen Winter ausersehen war, dem Zaren den Brief des Generals 
Boulanger zu überbringen, steht in sehr freundschaftlichen Beziehungen 
zu Madame Obrutschew. Madame Gurko ist die Tochter eines ver- 
armten französischen Edelmanns, des Grafen Salias, der in Moskau 
als Lehrer der französischen Sprache lebte. Sie ist ebenso Französin 
geblieben wie Madame Obrutschew und poHtisch ebenso rot an- 
gehaucht. Sie hat es verstanden, in Warschau einen Kreis halber und 
ganzer Nihilisten um sich zu gruppieren, welche unter der Maske ultra- 
russischer Gesinnung revolutionär-französische Zwecke verfolgen. Es 
ist auf Madame Gurko zurückzuführen, wenn das amtliche Organ des 
Warschauer Generalgouverneurs, der „Dnewnik Warschawski" im 
Geiste der „Republique frangaise" redigiert wird. Auch Madame Gurko 
korrespondiert mit namhaften Führern der französischen Revanche- 
partei. Sie läßt es sich in jeder Weise angelegen sein, ihren Mann zu 
kriegerischen antideutschen Demonstrationen zu verleiten, deren die 
Presse schon mehr als eine zu verzeichnen hatte. Es sind in der 
letzten Zeit mancherlei Kombinationen angestellt worden über die Ur- 
heber, Mitwisser und Verbreiter jener, von der „Kölnischen Zeitung*' 
signalisierten Fälschungen*, welche den Zweck verfolgten, Kaiser Alex- 
ander in. pour les beaux yeux de la France in den Krieg mit Deutsch- 
land hineinzuhetzen. Im St. Petersburger Generalstabsgebäude und im 
Warschauer Schlosse weiß man vielleicht näheres über die Vor- 
geschichte dieser Fälschungen. B. von Bülow 

Nr. 1220 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler 
Fürsten von Rismarck 

Ausfertigung 
Nr. 15 Paris, den 13. Januar 1888 

Wenn auch, wie ich zu berichten die Ehre hatte**, unter den hiesigen 
Diplomaten viel die Rede von einer russisch-französischen Defensiv- 
Allianz gewesen ist, so glaube ich entschieden noch nicht daran. 

Wenn mich meine Beobachtungen nicht täuschen, so liegt die 
Sache so, daß von russischer Seite in Beziehung auf Frankreichs even- 
tuelle Haltung im Falle kriegerischer Komplikationen hier angefragl 
worden ist mit der Hoffnung, hier bindende Zusicherungen erlangen zu 
können. 

Von "russischer Seite ist dabei geltend gemacht, daß die Allianz der 
Zentralmächte nur zum Schein gegen Rußland, in Wirklichkeit aber 

» Vgl. Bd. V, Kap. XXXVI, Anhang B. 
** Bericht Nr. 10 vom 6. Januar 1888. 

120 



gegen Frankreich gerichtet sei, und daß naturgemäß die außerhalb 
dieser Allianz stehenden Mächte sich zum eigenen Schutz enger ver- 
binden müßten. 

Wenn auch diese Argumentation für die Franzosen etwas Ver- 
führerisches hat, und die Idee der russisch-französischen Allianz bei 
der OberflächUchkeit, mit welcher die französische öffentliche Meinung 
die poUtischen Verhältnisse beurteilt, sehr populär ist, so gibt es doch 
drei Faktoren, welche die jetzigen französischen Politiker vor allem 
daran verhindern, Rußland gegenüber sich zu binden. 

Erstens die Unsicherheit der hiesigen Verhältnisse, die persönliche 
Stellung des Präsidenten und die voraussichtlich kurze Lebensdauer 
des Kabinetts. 

Zweitens die Furcht vor dem Kriege mit Deutschland, die trotz 
der Aussicht auf eine russische AlUanz besteht. Dieses Mißtrauen 
gegen Rußland ist sehr groß, und es wird vielfach hier angenommen, 
Rußland wolle Frankreich nur vorschieben, um es schließlich den Krieg 
doch allein auskämpfen zu lassen. 

Endlich drittens besteht doch noch bei vielen Franzosen die Idee, 
daß der status quo im Mittelmeer erhalten bleiben müsse, und die russi- 
schen den französischen Interessen dort sich diametral entgegenstehen. 

Außerdem wissen die Franzosen sehr wohl, daß, wenn sie wirk- 
lich Rußland gegenüber sich binden würden, die Panslawisten und die 
Kriegspartei sehr gestärkt und die Möglichkeit kriegerischer Kompli- 
kationen rascher herantreten könnte, als das hier bei der entschieden 
friedlichen Stimmung, die jetzt hier herrscht, gewünscht wird. 

Wie weit die russischen Anerbietungen und Forderungen gegangen 
sind, habe ich noch nicht ermitteln können, so viel weiß ich aber, 
daß die Franzosen keine bindenden Verpflichtungen haben übernehmen 
wollen, und daß die Russen durch die Antwort, die sie erhielten, und 
die Aufnahme, welche ihre Vorschläge fanden, unangenehm berührt 
wurden. Es verbergen die hiesigen russischen Diplomaten ihre Un- 
zufriedenheit nicht*. 

Auf der andern Seite liebäugeln die Franzosen doch stets mit den 
Russen und, wie ich das früher und auch neuerdings gemeldet habe, 
steht ein großer Teil der französischen Presse unter russischem Einfluß. 

Die Franzosen fühlen sich isoliert, und die Anlehnung an Ruß- 
land ist ihnen Bedürfnis: sie sind wie eine kokette Frau, die einen Be- 
schützer sucht, es zum Äußersten aber nicht will kommen kssen. 

Von russischer Seite wird, um die Allianzgelüste zu verdecken, 
stets hervorgehoben, es werde und könne der Kaiser Alexander mit 
der demokratischen Republik sich niemals verständigen. 



* Daß wirklich um die Wende 1887/88 von russischer Seite nähere Beziehungen 
zu Frankreich gesucht, von diesem aber abgelehnt wurden, hat Kaiser Alex- 
ander III. dem Botschafter von Schweinitz am 26. Januar 1888 selbst bestätigt. 
Vgl. Nr. 1176. 

121 



Es wäre ganz natürlich, ganz richtig, wenn es so wäre, und des- 
halb finden die russischen Versicherungen immer mehr Glauben, als 
sie verdienen. 

Die hiesigen Verhältnisse sind doch der Art, daß es allerdings 
wunderbar erscheint, daß der autokratische Kaiser und seine Berater 
an engere und feste Beziehungen mit dem jetzigen Frankreich ernst- 
lich denken könnten, und dennoch sind alle Annäherungsversuche 
ganz entschieden von russischer Seite ausgegangen. Die Diplomaten 
von Fach und Amateurdiplomaten, die stets auf Reisen sind, intrigante 
Russinnen, Großfürsten und Journalisten arbeiten aiie in dem Sinne 
und würden das nicht tun, wenn sie ernstlich fürchteten, von oben im 
Stich gelassen zu werden. 

Der letzte Vorfall am russischen Hofe zeigt wieder deutüch, wie 
man gegenseitig bemüht ist, sich Liebenswürdigkeiten zu erweisen. 

Der neuerwählte Präsident hat an alle Mächte seine Wahl anzeigen 
lassen, es ist dabei hier gleich betont worden, daß die Repräsen- 
tanten Frankreichs nicht von neuem akkreditiert werden sollten. Nur 
in St. Petersburg ist der Botschafter Frankreichs von Seiner Majestät 
dem Kaiser mit dem bei Überreichung der Kreditive üblichen Zere- 
moniell empfangen worden. 

Die Erklärung, die Herr Flourens gestern dem russischen Bot- 
schafter gab, der ihn bei dem Empfange im Elysee danach fragte, ,war 
folgende : 

Dem französischen Botschafter in St. Petersburg seien keine neuen 
Kreditive übersandt; er sei beauftragt, wie alle übrigen französischen 
Vertreter, die Wahl des Präsidenten dem Souverän, bei dem sie akkredi- 
tiert seien, mitzuteilen. Das Schreiben sei dasselbe gewesen wie das an 
die übrigen Botschafter. Herr Laboulaye habe dem Auswärtigen Amte 
davon Mitteilung gemacht und habe nur angefragt, ob Seine Majestät 
ihn bei dieser Gelegenheit empfangen wolle. Am russischen Hofe habe 
man irrtümlicherweise angenommen, es handle sich um eine neue Be- 
glaubigung des Botschafters. 

So erklärt Herr Flourens diesen Vorfall, der natürlicherweise Auf- 
sehen erregen mußte. Wenn es wirklich so sein sollte, so zeigt das 
wieder, wohin von Seiten der französischen Diplomatie und des russi- 
schen Hofes die Strömung geht. Münster 

Nr. 1221 
Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 15 St. Petersburg, den 12. Januar 1889. 

Als ich heute Abschied vom Herrn Minister von Giers nahm, er- 
griff er diese Gelegenheit, um einige Äußerungen über Rußlands Ver- 

122 



hältnis zu Deutschland und Frankreich zu tun: „Bei Beginn des jetzt 
endenden Jahres", so ungefähr sagte Seine Exzellenz, „lagen einige 
beunruhigende Anzeichen vor; diese sind geschwunden, besonders seit 
dem Besuche Ihres erlauchten Souveräns*, und ich bin fest überzeugt i, 
daß unser jetzt bestehendes gutes Verhältnis fortdauern wird, nicht 
bloß für die nächsten, sondern für lange lange Jahre 2. Seine Majestät der 
Kaiser bleibt so fest wie nur je bei seiner Anschauung; als Katkow 
noch lebte**, war ich manchmal etwas besorgt; jetzt aber gar nicht. 
Unlängst konnte ich mich auf's neue davon überzeugen, daß Seine 
Majestät sich durch nichts von dem eingeschlagenen Wege abbringen 
läßt: dies war, als eine von Herrn Tatischtschew geführte und vom 
Finanzminister nicht unbedingt zurückgewiesene Gruppe den Versuch 
machte, der Privatbeteiligung an der Pariser Ausstellung größere Pro- 
portionen zu geben; mein erhabener Monarch wurde hierdurch sehr 
aufgebracht und gab dies deutlich zu erkennen. Die Sympathien, welche 
die Franzosen uns beweisen, und die Erwiderung, welche dieselben 
bei höchsten Personen und bei einem Teile der Gesellschaft finden, 
ändern nichts an der Sache und an der hier festgestellten Politik; 
übrigens sind selbst jene höchsten Herrschaften, die sich neuerdings 
wieder so vortreffUch in Paris amüsiert haben, durchdrungen von der 
Überzeugung, daß dort keine Aussicht auf Herstellung eines geordneten 
dauernden Zustandes vorhanden ist, rien que de la pourriture; die 
Anfeindung der christlichen Religion, überhaupt das ganze Treiben der 
Parteien, besonders die erbärmliche Haltung des Grafen von Paris, 
haben auch denen, welche auf eine Restauration der Orleans rech- 
neten, alle Hoffnung benommen 3. über Boulanger sagt Baron Mohren- 
heim, „ce n'est qu'un son, ein leerer Schall, eine Negation"*. 

Zum Schlüsse bat mich Herr von Giers Euerer Durchlaucht für 
die durch den Hauptmann Grafen Yorck*** überbrachten Grüße und 
freundlichen Worte zu danken und dieselben herzlich zu erwidern; 
der Minister fügte hinzu, daß er, sowie von jeher von Bewunderung 
für Euere Durchlaucht und von dem auf tiefe Überzeugung gegründeten 
Wunsche, daß Euere Durchlaucht recht lange Jahre erhalten bleiben 
mögen, durchdrungen sei. 

V. Schweinitz 



Randbemerkungen Kaiser Wilhelms II. 

^ Ich nicht 

♦ ? 
3 ? 

* qui vivera, verra. 



* Er hatte vom 19. bis 24. Juli 1888 stattgefunden. 

** tl- August 1887. 

*** Graf Yorck von Wartenburg war dem MilitärbevoUmächtigten in Petersburg 

Oberstleutnant von Villaume attachiert. 

123 



Nr. 1222 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 170 Paris, den 22. Juni 1889 

pp. Politisch steht Frankreich isoliert. Das Verhältnis zu Rußland 
ist entschieden kühler geworden. Von unserm Standpunkte aus macht 
das aber keinen Unterschied, da beide Mächte auch ohne Allianz für 
den Kriegsfall doch auf einander rechnen, pp. Münster 



124 



Kapitel XL 

Französisch-Deutsche Kriegsgefahr und ihre 
Nachwirkungen 1886—1890 



Nr. 1223 

Bericht des Militärattaches in Paris Oberstleutnant von Villaume 

Abschrift 

Nr. 286 Paris, den 28. Februar 1886 

Die französische Regierung, ebenso wie jeder Franzose einzeln 
genommen, versäumen keine Gelegenheit, um mit Worten ihre Friedens- 
liebe zu betonen; die Militärs weisen darauf hin, wie die Organisation 
der französischen Armee, sowie die Sicherung der Grenzen durch ein 
zusammenhängendes System von Befestigungen erkennen lasse, daß 
Frankreich keine Angriffskriege führen wolle. Infolgedessen erhalten 
diejenigen Personen, welche sich nur zeitweise in Frankreich aufhalten, 
auch wenn sie mit zahlreichen Franzosen der verschiedensten Stände in 
Berührung kommen, fast immer den Eindruck, als ob die französische 
Nation an keinen Krieg denke, sich vielmehr wie ein Mann gegen die 
Revancheschreier erheben würde, wenn dieselben zu einer Aktion 
drängen sollten. 

Zu einem anderen Schluß gelangen jedoch diejenigen, welche die 
hiesigen Verhältnisse und die Franzosen länger kennen und jahrelang 
der systematischen, von der Regierung teils direkt, teils indirekt unter- 
stützten Vorbereitung der Nation auf den sainte guerre de la Revanche 
mit Aufmerksamkeit gefolgt sind. Keine politische Partei, gleichgültig, 
ob sie sich am Ruder oder in der Opposition befand, hat bisher aus 
Furcht, unpatriotisch zu erscheinen, den Mut gehabt, offen gegen die 
Revancheprediger aufzutreten, welche das unter der Asche glimmende 
Feuer immer wieder von neuem anfachen, und von tausend Franzosen, 
welche aus aufrichtiger innerer Überzeugung gegen einen Krieg mit 
Deutschland sind, und von denen jeder einzelne dies offen bekennt, 
würde aus derselben Besorgnis kaum einer seine Stimme für Aufrecht- 
erhaltung des Friedens zu erheben wagen, wenn die Masse den Ruf 
„ä Berlin" ertönen läßt. 

Man muß die Ausbreitung und die Macht des Chauvinismus 
weniger nach den zahlreichen permanenten oder sporadischen Hetz- 
blättern beurteilen, welche wie „La France", „Le Drapeau", „L'Evcne- 
ment", „L'Antiprussien", „La Frontiere", „La France militaire" u. a. m. 
aus Spekulation den Haß gegen Deutschland schüren, auch nicht nach 
den regelmäßig wiederkehrenden Demonstrationen vor der Statue von 
Straßburg auf dem Place de la Concorde und den aufreizenden Reden 

127 



des Präsidenten der Patriotenliga, welcher nur aus persönlicher Eitelkeit 
und Ehrgeiz dieses Geschäft betreibt, sondern nach dem Wert, welchen 
die Regierung, die politischen Parteien und die Armee diesem Produkt 
des französischen Patriotismus beilegen. 

Das stärkere Hervortreten des Chauvinismus in der letzten Zeit 
bietet die Veranlassung, dieser wichtigen Frage, welche auf die Ge- 
schicke Frankreichs einen entscheidenden Einfluß auszuüben berufen 
zu sein scheint, näher zu treten, und zwar hauptsächlich mit Bezug auf 
die Stellung, welche die Regierung oder ihre Vertreter zu derselben 
einnehmen. 

In dem auf den letzten Krieg folgenden Jahrzehnt wurde zwar 
neben der Deutschenhetze und der kindischen Spionenriecherei auch 
die Revancheidee gehegt und gepflegt; doch waren einesteils die Ein- 
drücke des letzten Krieges noch zu frisch, anderenteils die Befestigungs- 
anlagen zum Schutz der Grenze und im Innern des Landes, sowie die 
Vorbereitung der Armee und Nation für den heiligen Krieg noch nicht 
weit genug vorgeschritten, als daß die Franzosen den baldigen Aus- 
bruch desselben hätten herbeiwünschen sollen. Die dann folgende 
tunesische Expedition zog nicht nur die Aufmerksamkeit mehr von der 
Ostgrenze ab und absorbierte starke Kräfte der kontinentalen Armee, 
sondern deckte auch so große Mängel der Armeeverwaltung und Lei- 
tung auf, daß man sich wohl hütete, mit dem Feuer zu spielen. 

Erst als gegen Ende 1881 das grand ministere mit Gambetta ans 
Ruder kam und General Campenon als Kriegsminister, General Miribel 
als Chef des Generalstabes an die Spitze der Armee traten, wurden 
die Revanchehoffnungen neu belebt; sie sind seitdem stetig gewachsen, 
weil mit der allmählichen Vervollkommnung der Armee und des Landes- 
verteidigungssystems, sowie mit der weiteren Ausbreitung der Pa- 
triotenliga, der Schieß-, Turn- und anderer patriotischer Vereine, auch 
das Selbstvertrauen, die Aussicht auf Erfolg und endlich der Übermut 
zunahmen. 

Die Wogen des Chauvinismus sind in diesem die letzten Jahre 
umfassenden Zeitraum verschieden hochgegangen. Teils rief der 
Wechsel der Ministerien, besonders der Kriegsminister, Schwankungen 
hervor, teils die nahe oder ferne MögUchkeit europäischer Verwickelun- 
gen, teils endlich die mehr oder weniger großen Chancen, welche sich 
für ein Bündnis darboten. Noch in frischer Erinnerung ist die auf- 
reizende Sprache der hiesigen Journale, als man, betört durch das Be- 
nehmen des Generals Dragomirow im Herbst 1883, die Allianz mit 
Rußland für gesichert hielt. Das Anfang 1884 neubefestigte Ein- 
vernehmen zwischen den drei Kaisermächten wirkte wie eine kalte 
Dusche auf die erhitzten Gemüter, und diese Abkühlung hielt um so 
länger an, als bald darauf der ungünstige Verlauf der Expeditionen in 
Tonking und Madagaskar die Aufmerksamkeit des Landes fast aus- 
schließlich fesselte, und die unausgesetzte Nachsendung von Verstärkun- 

128 



gen immer mehr Kräfte für das rendez-vous aux Vosges verloren- 
gehen Heß. 

In diese Zeit fielen auch die Versuche der Opportunisten unter 
ihrem staatsklugen und energischen Führer, ein gutes Einvernehmen 
mit Deutschland herzustellen, nachdem sie selbst lange genug aus dem 
Chauvinismus für sich Kapital geschlagen hatten. Aber gerade diesen 
Umstand in Verbindung mit der mehr eingebildeten als wirklichen 
Schwächung der kontinentalen Armee durch die Ferrysche Kolonial- 
politik beuteten die Hauptgegner der damaligen Regierung, Monarchi- 
sten und Radikale, im chauvinistischen Sinne aus: „Mit Deutschland 
verhandeln, heißt Frankreich verraten!" Die Haltung der Menge, 
welche am Tage des Sturzes des Ministeriums Ferry von der Deputierten- 
kammer nach dem Auswärtigen Amte zog mit dem Rufe: „A bas le 
Prussien'', sowie die Tumulte und Wutausbrüche, welche die Ver- 
lesung der bekannten Depesche Ferrys an Herrn von Courcel vom 
29. März v. Js. bei Gelegenheit der letzten Tonkindebatte in der 
Kammer hervorrief*, legten Zeugnis davon ab, daß die regierungs- 
feindhchen Parteien das richtige Mittel gewählt hatten, um die Oppor- 
tunisten in der öffentlichen Meinung zu diskreditieren. 

Noch deuthchere Beweise dafür, wie feste Wurzeln die Revanche- 
idee besonders in der die Geschicke Frankreichs bestimmenden Haupt- 
stadt gefaßt hat, Ueferten die Nachwahlen zur Deputiertenkammer. Der 
für die Republikaner ungünstige Verlauf des ersten Wahltages Heß es 
der Regierung notwendig erscheinen, für die späteren Wahlkämpfe 
schweres Geschütz hervorzuholen. Deshalb appellierte auch sie an den 
Chauvinismus; die opportunistische Liste hatte ihren Deroulede, die 
der gemäßigten Republikaner den Elsässer Dollfus, und bei der Fusion 
beider Listen fanden sich die Repubhkaner aller Schattierungen in 
dem Präsidenten der Patriotenliga, der „vivante incarnation de la Re- 
vanche", zusammen. Am 4. Oktober hatte er als selbständiger Kan- 
didat 60000 Stimmen auf sich vereinigt; bei den Ersatzwahlen stieg 
diese Zahl, trotz bedeutend geringerer Beteiligung der Wähler auf 
über 104 000, sodaß er unmittelbar auf die gewählten radikalen Kan- 
didaten folgte. 

Aber auch höhere Offiziere scheuen sich nicht, öffentlich, außer- 
halb ihrer militärischen Kreise, den Haß gegen Deutschland zu schüren 
und den heiligen Krieg zu predigen. 

General Vosseur betonte als Kommandeur der 4. Kavalleriebrigade 
im August 1884 bei Gelegenheit der Einweihung eines Denkmals, die 
Notwendigkeit, daß die Franzosen „abreuves d'humiliations immeri- 
tces" in der Tiefe ihres Herzens ihre fureurs vengeresses bis zum 
günstigen Moment bewahren müßten; General Verneville gab in dem 
Tagesbefehl, in welchem er als Kommandeur der 2. Kavalleriedivision 



* Vgl. Bd. III, Nr. 699, S. 443, Fußnote ♦*. 

9 Die Große Politik. 6. Bd. 129 



von derselben Abschied nahm, der Hoffnung auf eine vigoureuse re- 
vanche gegen diejenigen Feinde Ausdruck „qui n'ont du leur succes 
en 1870 qu'ä un moment de surprise"; General Davoust d'Auerstaedt, 
früher Kommandeur des afrikanischen Armeekorps, bezeichnete bei 
einer öffentlichen Ansprache an die Offiziere des 2. Zuavenregiments 
den Feind, gegen den er sie siegreich zu führen hoffe, mit den Worten : 
„son attitude menagante, malgre toutes les fictions diplomatiques, le 
fait assez connaitre ä l'armee"; General Lewal schloß als komman- 
dierender General des 17. Armeekorps einen militärischen Vortrag in 
einem wissenschaftlichen Verein in Montauban im November 1884 
mit den Worten: „Gräce ä l'application du Service obligatoire nous 
pouvons envisager, dans un avenir prochain, le glorieux relevement de 
la patrie frangaise". Bei der Eröffnung des Kursus der Societe poly- 
technique militaire wies der Festredner Oberst Niox, Lehrer an der 
Kriegsakademie, in Gegenwart des Kommandanten von Paris auf das 
„verstümmelte Frankreich" und die Notwendigkeit hin, ihm seine natür- 
liche Grenze, den Rhein, wiederzugeben, und entwickelte dann des 
näheren, ebenso wie General Dumont, kommandierender General des 
S.Armeekorps, im August v. Js. den Satz: „La Francs est archi- 
prete." Die Patriotenliga hatte dem General Faidherbe zum Jahrestage 
der Schlacht bei Bapaume die große silberne Medaille verheben; 
bei der kürzlich erfolgten feierlichen Überreichung derselben wurde 
natürlich stark in Chauvinismus gearbeitet, und General Faidherbe be- 
dauerte, daß er die ihm vor einem Jahre angetragene Ehrenpräsident- 
schaft wegen „raisons d'ordre superieur qui avaient seul empeche 
son consentement personnel de devenir une realite" hätte ablehnen 
müssen. 

Daß General Campenon als Kriegsminister Ehrenpräsident der 
von der Patriotenliga arrangierten Preisschießen in Vincennes war, 
sogar die Armee aufgefordert hatte, sich an der Subskription zur Deckung 
der Kosten zu beteiligen, und sich bei den Feierlichkeiten, die haupt- 
sächlich in deutschfeindlichen Kundgebungen und Brandreden Derou- 
ledes bestanden, durch seinen Kabinettschef vertreten ließ, der mit 
M*"^ Adam auf die Erfolge der Liga anstieß, ist bekannt und beweist, 
daß die Regierung diesen sogenannten „offiziellen Patriotismus" tat- 
sächlich unterstützt. 

Der Nachfolger des General Campenon, General Boulanger, hat 
ein noch wirksameres Mittel gewählt, um sich als Revanchekriegsmini- 
ster verherrlichen zu lassen. Er hat die „France militaire", eines der 
schhmmsten Hetzblätter, welches schon früher Beziehungen zu ihm 
unterhielt und Reklame für ihn machte, zu seinem Leiborgan erhoben. 
Dieses Blatt erscheint, anstatt wie früher zweimal wöchentlich, ohne 
Erhöhung des Abonnementspreises jetzt tägUch („plus en rapport avec 
rimportance de nos moyens d'informations") mit Ausnahme des Mon- 
tags, „weil die Bureaux des Kriegsministeriums am Sonntag geschlossen 

130 



sind"; dasselbe ist offiziös vom Kriegsministerium empfohlen worden 
und empfängt von demselben zahlreiche Nachrichten früher als alle 
anderen Fachblätter. Es erscheint überflüssig, den von mir früher 
gegebenen Proben von der verbissenen und unehrerbietigen Sprache, 
mit welcher diese Fachzeitung ihrem Haß gegen Deutschland gewöhn- 
lich Ausdruck gibt, noch weitere hinzuzufügen; es genügt darauf hin- 
zuweisen, daß ein würdiger Konkurrent der schmutzigsten Hetzblätter 
zum offiziösen Organ des jetzigen Kriegsministers erkoren ist, ein 
Blatt, welches wetteifert mit „La France" und dem „Antiprussien" in 
Spionenriecherei, mit dem „Drapeau" und dem „Evenement" in der 
Erfindung von Greueltaten preußischer Soldaten aus dem letzten Kriege 
und der Enthüllung der geheimen Absichten des eroberungssüchtigen, 
unersättlichen Deutschland, und endlich mit anderen chauvinistischen 
politischen Blättern und dem russophilen ,,Progres militaire" in der Ent- 
deckung der role si louche, welche Deutschland in allen europäischen 
Verwickelungen spielt, sowie in der systematischen Aufreizung aller 
anderen Staaten gegen Deutschland. Es ist das einzige mihtärische Blatt, 
welches für den neuen Kriegsminister nur Worte der Anerkennung 
und des Lobes hat, welches ihm in der niedrigsten Weise schmeichelt 
und noch vor einigen Tagen prophezeite: „dans 5 ans, gräce ä lui, 
l'armee frangaise, completement regeneree, fera pälir au loin les princes 
allemands." 

Andere Stimmen in der Presse wollen den Revanchekrieg nicht 
so lange aufschieben und hoffen noch vor der Ausstellung 1889 mit 
den bons voisins abgerechnet zu haben. Eine allmähliche Abnahme 
des Chauvinismus in der nächsten Zeit ist daher um so weniger zu 
erwarten, als die Liquidation der kolonialen Expeditionen im Früh- 
jahr d. Js. den größten Teil der auf Madagaskar und in Tonking be- 
findlichen Truppen nach Frankreich zurückführen und voraussichtlich 
auch eine Steigerung des französischen Übermutes zur Folge haben 
wird. 

(gez.) von Villaume 



Nr. 1224 

Bericht des Militärattaches in Paris Oberstleutnant von Villaume 

Abschrift 

Nr. 304 Paris, den 29. April 1886 

Ich habe bereits darauf hinzuweisen die Ehre gehabt, daß eines- 
teils im allgemeinen nur solche afrikanische und europäische Truppen 
in Tonking belassen worden sind, auf die man bei einem europäischen 
Kriege nicht rechnet, anderenteils auf deren Ersatz durch Neuforma- 
tionen Bedacht genommen ist. Alle anderen europäischen und afrikani- 

9* 131 



sehen Truppen, welche bei dem großen Rendezvous aux Vosges nicht 
fehlen dürfen, werden bis Ende Juni in die Heimat zurückgekehrt 
sein*. 

Denselben Zweck der Versammlung der europäischen Streitkräfte 
im kontinentalen Frankreich verfolgt General Boulanger auch jetzt mit 
der Heranziehung aller in Afrika nur irgend entbehrlichen europäischen 
Truppenteile. 

Es ist bekannt, daß die kontinentale Armee seit dem Jahre 1880, 
dem Beginn der tunesischen Expedition, zahlreiche Abteilungen aller 
Waffengattungen in den afrikanischen Provinzen unterhält und die- 
selben, wenigstens zum Teil, auch solange daselbst wird belassen 
müssen, bis das Parlament die Gesetzentwürfe über die Schaffung einer 
Kolonialarmee und die Vermehrung der afrikanischen Truppen an- 
genommen hat. 

Die in den drei algerischen Provinzen stationierten europäischen 
Batterien sind, um die Lücken in den betreffenden Regimentern wieder 
zu füllen, schon seit langer Zeit als neue, Batterien bis formiertj die ab- 
kommandierten Genie- und Trainkompagnien sind den westHchen und 
südwestlichen Armeekorps entnommen, fallen aber bei der Berechnung 
der kontinentalen Streitkräfte kaum ins Gewicht. 

Das tunesische Expeditionskorps, welches 1881 noch drei Divisionen, 
bis 1884 noch ein Armeekorps, von da ab eine Division stark war, 
wird Mitte Juni d. Js. auf eine Brigade zusammengeschrumpft und von 
42 000 Mann, welche dasselbe vor fünf Jahren zählte, auf zirka 9500 Mann 
reduziert sein. 

Aus den anderen afrikanischen Provinzen werden die drei im vorigen 
Jahre zur Aushilfe und provisorisch nach Afrika detachierten Jäger- 
bataillone, deren Depots in Europa geblieben waren, hierher wieder 
zurückkehren, sobald sie durch die algerischen Tirailleurs aus Tonking 
abgelöst sind; außerdem sollen noch die vier Eskadrons der 7. und 13. 
Chasseurs und einige der seit 1880 dort stationierten vierten Bataillone 
zurückberufen werden. 

Die nächste günstige Folge dieser Maßregeln ist, daß die drei Ka- 
vallerieregimenter (6. Husaren, 7. und 13. Chasseurs) bezüglich ihrer 
Mobilmachung mit den anderen Korps-Kavallerieregimentern wieder 
auf gleichen Fuß gestellt, und daß mit Hinzurechnung der aus 
Tonkin zurückkehrenden drei Bataillone von Mitte Juni d. Js. ab für 
den europäischen Kriegsschauplatz 14 — 16 vierte Bataillone mehr als 
bisher, sei es zu Festungsbesatzungen, sei es zu Reserveformationen, 



* Schon in seinem Berichte vom 26. April (Nr. 303) hatte Oberstleutnant von 
Villaume darauf hingewiesen, daß bis Mitte Mai das französische Expeditionskorps 
in Tonkin und Annam auf eine starke Division, und zwar durchweg solche 
Truppen reduziert sein werde, die für einen europäischen Krieg nicht in Frage 
kämen, wie die Fremdenlegion und die Zephyrs. 

132 



verfügbar sein werden. Endlich aber fällt damit in Zukunft für die 
kontinentale Armee die unbequeme Verpflichtung fort, die in den 
Kolonien detachierten Truppenteile auf einem höheren Friedensstand 
zu halten und durch Ersatzmannschaften immer von neuem zu kom- 
plettieren, eine Maßregel, welche die schwachen Präsenzstärken noch 
mehr herabdrückte, die Ausbildung störte und den Truppenteilen die 
besten Kräfte entzog. 

Frankreich wird also von Mitte Juni d. Js. ab in bezug auf die 
Bereitschaft seiner Landstreitkräfte zu einem kontinentalen Kriege so 
günstig gestellt sein, wie nie zuvor, und dürften die vorerwähnten 
Maßregeln außer aus rein mihtärischen Gründen wohl mit im Hinblick 
auf etwaige größere europäische Verwickelungen angeordnet sein. Sagt 
doch die ,, France militaire", das Leiborgan des Kriegsministers, welches 
nach nur kurzer Ruhepause seit einiger Zeit von neuem ihrem Deutschen- 
haß die Zügel schießen läßt, daß Frankreich Griechenland unterstützen 
müsse, um das Drei-Kaiser-Bündnis zu sprengen, „welches im großen 
und ganzen nur gegen uns und die eventualite de nos revendications 
gerichtet ist". „Travaillera qui voudra ä la consolidation de la triple 
alliance; mais ce ne sera pas nous. Que nous Importe que 1' Antriebe 
et la Russie en viennent aux coups? Mais que l'AUemagne se figure 
bien que si eile veut jeter son epee dans la balance, nous nous souvien- 
drons qu'en Alsace et en Lorraine on nous attend." 

Angesichts der Lügen, welche die französische Presse unausgesetzt 
über die Absichten Deutschlands verbreitet, und der verschiedenen 
Mittel, welche sie gerade in der letzten Zeit anwendet, um der großen 
Masse des Volkes die Furcht vor einem neuen Kriege mit Deutschland 
auszutreiben, endlich bei der grenzenlosen Unkenntnis, welche im all- 
gemeinen hier über das Ausland herrscht, ist es wahrlich nicht zu ver- 
wundern, wenn man hier so vielfach der Auffassung begegnet, daß es 
bald zu einem Kriege mit Deutschland kommen werde. Man muß 
ferner berücksichtigen, daß es aus verschiedenen Gründen für Frank- 
reich nur vorteilhaft sein kann, diese Eventualität möglichst bald 
herbeizuwünschen. Die im Juni d. Js, beendigte Versammlung der 
kontinentalen Streitkräfte, die augenblicklich in allen Kolonien herr- 
schende Ruhe, welche aber über kurz oder lang wieder gestört werden 
und neue Anforderungen an die kontinentale Armee stellen kann, endHch 
die augenblickliche Ruhepause auf dem Gebiet größerer reformatori- 
scher Veränderungen lassen diesen Wunsch seitens der Armeeleitung 
und der militärischen Kreise erklärlich und berechtigt erscheinen. Und 
daß man in den anderen Kreisen nur von diesem Kriege eine Ver- 
besserung der kommerziellen und industriellen Verhältnisse, einen Aus- 
weg aus den sozialistischen Wirren und aus den auf die Dauer unhalt- 
baren inneren politischen Zuständen erwartet, ist bekannt. 

Wenn ich daher zum Schluß den Eindruck über die herrschende 
Stimmung zusammenfasse, welchen ich persönlich und aus den mir 

133 



zugegangenen Mitteilungen gewonnen habe, so ist es der, daß man in 
der Armee, wie schon seit langer Zeit, den Krieg wünscht und an einen 
baldigen Ausbruch desselben glaubt. 

(gez.) von Villaume 

Nr. 1225 

Der Unterstaafssekretär im Auswärtigen Amt Graf von Berchem 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept 

Nr. 249 Berlin, den 8. Mai 1886 

Geheim 

Ew. beehre ich mich, beifolgend 2 Berichte des Militärattaches 
in Paris, Oberstleutnant von Villaume, vom 26.* und 29.** v. Mts. in 
Abschrift resp. Auszug zur Kenntnisnahme mitzuteilen. 

Wie Ew. aus den Anlagen ersehen werden, ziehen die Fran- 
zosen alle ihre Kräfte zusammen, um sich für den Kampf fertig zu 
machen; die Tendenz zum Kriege ist in vielen dortigen Kreisen so stark, 
daß wir keinesfalls darauf rechnen können, Komplikationen im Osten 
ohne Einmischung Frankreichs verlaufen zu sehen. 

Der Herr Reichskanzler bittet Ew., dies dem Grafen Kälnoky 
vertraulich mitteilen und auch dem Kaiser Franz Joseph bei sich bieten- 
der Gelegenheit davon sprechen zu wollen. 

Graf Kälnoky wird daraus entnehmen, wieviel Grund wir haben, 
Wert darauf zu legen, daß Österreich-Ungarn mit Rußland in Frieden 
bleibt und daß das Drei-Kaiser-Bündnis zusammenhält. 

Wenn Frankreich uns allein angriffe, so würden wir ja sehen, wie 
wir uns aus der Affäre ziehen ; aber es wäre für uns eine unerwünschte 
Aussicht, in diese Lage zu kommen, wenn schon im Osten Händel 
beständen. Die Situation macht auf uns den Eindruck, als ob wir noch 
höheren Wert als sonst auf die Erhaltung guten Einvernehmens zwi- 
schen den drei Kaisermächten legen müßten. 

Wir werden dem französischen Angriff nicht zuvorkommen ; der- 
selbe wird aber sicher eintreten, sobald im Osten Komplikationen ent- 
stehen. In solchem Falle würde das antideutsche Gewicht Frankreichs 
zugunsten Rußlands in die Wagschale fallen. 

Ew. werden, wie ich lediglich zu Ihrer persönlichen Informa- 
tion hinzufüge, aus dem Vorstehenden ersehen, wie sehr wir Grund 
haben, im Osten Frieden zu halten; es müßte ein sehr gerechter 
casus foederis sein, der uns veranlassen könnte, unter dieser Drohung 
von Westen den Krieg im Osten zu führen. 

Berchem 



* Vgl. Nr. 1224, S. 132, Fußnote. 
** Siehe Nr. 1224. 

134 



Nr. 1226 

Der kommissarische Geschäftsträger in Wien Militärattache Graf 
von Wedel* an den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 230 Wien, den 25. Mai 1886 

Vertraulich 

Bei der heutigen durch Seine Majestät den Kaiser Franz Joseph 
vorgenommenen Besichtigung eines Infanterieregiments, zu der auch 
ich mich in gewohnter Weise eingefunden hatte, weil ich es für zweck- 
mäßig halten zu dürfen glaube, wenn ich meine militärische Stellung 
zur gelegentlichen Begegnung mit dem Monarchen ausnutze, kam Seine 
Kaiserliche Hoheit der Kronprinz Rudolf, den ich infolge seiner Krank- 
heit und längeren Abwesenheit von Wien während einiger Monate 
nicht gesehen hatte, gleich zu Anfang an mich herangeritten, um mich 
in ein längeres Gespräch zu verwickeln. 

Der Kronprinz ging nach kurzer und gnädiger Begrüßung sofort 
auf das politische Gebiet über, indem er mit einer gewissen Feierlich- 
keit auf die in neuerer Zeit in Frankreich hervorgetretenen beunruhigen- 
den Symptome hinwies. Seine Kaiserliche Hoheit bemerkte hierzu, daß 
der Glaube an einen in diesem Sommer ausbrechenden Krieg zwischen 
Frankreich und Deutschland hier in journalistischen und anderen Kreisen 
neuerdings immer festere Wurzeln fasse, und daß dieser Glaube durch 
die aus Frankreich hierher gelangenden Nachrichten erzeugt und ge- 
nährt werde. Doch nicht in Frankreich allein, sondern auch in Deutsch- 
land befestige sich, wie er höre, ein solcher Glaube, besonders in den 
Kreisen der kleineren Geschäftsleute. 

Auf letztere Äußerung hin habe ich dem Kronprinzen erwidert, 
daß ich die Richtigkeit dieser Nachricht bezweifeln müsse, da mir in 
der deutschen Presse eine derartige Auffassung bisher nirgends be- 
gegnet sei. Das deutsche Volk sei, wie er wisse, ein friedliebendes, 
das keine chauvinistischen Neigungen besitze, und wer die deutsche 
Politik der letzten 15 Jahre mit unbefangenem Blick verfolgt habe, der 
könne nicht einen Moment darüber im ungewissen sein, daß diese 
sich ausschließlich auf die Erhaltung des Friedens richte, und daß 
Seine Majestät, unser allergnädigster Herr, und Euere Durchlaucht 
stets mit der ganzen Autorität und mit Erfolg für dieses Ziel ein- 
getreten wären. 

Aus diesem Grunde auch hätte ich mit Befremden von gewissen 
Stimmen in der hiesigen Presse und besonders von einem in dem „Neuen 
Wiener Tagblatt*' vom 23. d. Mts. enthaltenen Leitartikel — den ich 



* Militärattache Graf von Wedel war Mitte Mai an Stelle des erkrankten Geschäfts- 
trägers Grafen von der Goltz mit der Vertretung des beurlaubten Botschafters 
Prinzen Reuß beauftragt worden. 

135 



in der Anlage mir ganz gehorsamst beizufügen erlaube — Kenntnis 
genommen, in welchem die Anschauung vertreten werde, daß es der 
deutsche Reichskanzler sei, der allein Antwort zu geben vermöge, ob 
es zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland kommen werde*. 
Die Verbreitung einer solchen Auffassung sei meiner Ansicht nach 
ebenso irrig als gefährlich, da in Deutschland wohl kaum jemand an 
etwas anderes als an eine etwa notwendige Abwehr denke, und den 
Zeitpunkt für eine solche pflege doch der Angegriffene nicht zu be- 
stimmen. 

Ich glaube hier nicht unerwähnt lassen zu sollen, daß diese Er- 
örterungen ledighch den Charakter eines Privatgesprächs trugen, und 
daß ich mich zu einer Antwort in der vorstehend geschilderten Weise 
nur um deswillen veranlaßt glaubte, weil sich einesteils der Kronprinz 
über die in Frankreich getroffenen militärischen Maßnahmen — sei es 
nun durch die Meldungen des österreichischen oder die Berichte unseres 
Militärattaches in Paris, welche letzteren dem geheimen Erlasse Nr. 249 
vom 8. d. Mts.** angeschlossen waren — orientiert zeigte, und weil 
anderenteils die in meinem gehorsamsten Berichte Nr. 222 vom 19. 
d. Mts. erwähnten Beziehungen des Kronprinzen zum Redakteur des 
„Tagblatt" mir Anlaß zu bieten schienen, den durch dieses Blatt ge- 
äußerten falschen Prämissen entgegenzutreten. 

Seine Kaiserliche Hoheit antwortete mir übrigens lebhaft, daß er 
die Friedensliebe des deutschen Volkes kenne und ebenso wisse, daß 
die bisherige Erhaltung des europäischen Friedens lediglich Euerer 
Durchlaucht zu danken sei. 

Nichtsdestoweniger aber klang in den Worten des Kronprinzen 
eine gewisse pessimistische Anschauung durch, welche hauptsächUch 
in dem Glauben ihren Grund zu haben scheint, daß zwischen Ruß- 
land und Frankreich für gewisse Eventualitäten Abmachungen bestehen, 
ein Glaube, der, wie ich annehme, sich auf die jüngst von mir erwähnten 
Äußerungen des Herrn Clemenceau stützt. 

Einem solchen Glauben, welcher nicht etwa aus chauvinistischen 
Regungen des Kronprinzen, sondern aus einem gewissen Mißtrauen 
gegen Rußland entspringt, bin ich dadurch begegnet, daß ich es nach 
meiner Ansicht für ausgeschlossen erklärte, daß der Kaiser Alexander 
überhaupt und ganz besonders unter den gegebenen Verhältnissen mit 
der französischen Republik eine Offensivallianz abschließen werde. Nicht 



* Der Artikel „Die zwei Gewitter" des „Neuen Wiener Tagblatts" vom 23. Mai 
1886, dessen Redakteur Szeps in nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem 
französischen Politiker Clemenceau stand, konstatierte, daß das Verhältnis zwischen 
Deutschland und Frankreich sich verändert habe, nur wisse man nicht, wie und 
wieso? Neben dem im fernen Osten stehenden Gewitter der orientalischen Frage 
stiegen im Westen Zeichen auf, die vielleicht einen nahen Wetterausbruch be- 
deuteten. Nur Bismarck könne wissen, ob es zu solchem Wetterausbruch kommen 
werde usw. 
** Siehe Nr. 1225. 

136 



von Rußland sei meiner Überzeugung nach ein Angriff zu fürchten, 
zweifellos aber erscheine es mir, daß eine Verwickelung an anderer 
Stelle für Frankreich ein Signal zum Losschlagen sein werde. 

Qf. V.Wedel 

Nr. 1227 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von 
Bismarck an Kaiser Wilhelm I., z. Z. in Baden-Baden 

Ausfertigung 

Berlin, den 28. September 1886 

Wie Euere Kaiserliche und KönigHche Majestät aus dem alier- 
untertänigst hier beifolgenden Bericht Euerer Majestät Botschafters in 
Paris vom 21.d. Mts. huldvollst zu entnehmen geruhen wollen, sucht 
die französische Regierung neuerdings wieder — wie zur Zeit der Mi- 
nisterpräsidentschaft des Herrn Ferry — Annäherung an Deutschland 
zu gewinnen. Herr von Freyciriet hat sich Graf Münster gegenüber 
dahin ausgesprochen, daß ihm ein dauernd gutes Verhältnis mit Deutsch- 
land aufrichtig am Herzen liege. Als Zeichen dieser Gesinnung 
wünsche er die Entsendung seines Vertrauensmanns Herbette als Bot- 
schafter an Euerer Majestät Allerhöchsten Hofe angesehen zu wissen, 
welcher mit der Instruktion nach Berlin gehe, dort die freundschaft- 
hchsten Versicherungen abzugeben*. 

Als Überbringer der Freundschaftsanerbietungen Frankreichs soll 
Herr Herbette aber zugleich versuchen, die Unterstützung Deutschlands 
gegen England namentlich in der ägyptischen Frage zu erlangen. 

Es war schon seit einiger Zeit teils durch Äußerungen in der fran- 
zösischen Presse, teils durch Andeutungen dortiger amtlicher Persön- 
Hchkeiten nicht unbekannt geblieben, daß die französische Regierung 
darauf ausgehe, sich Deutschlands Mitwirkung zu gemeinschaftlicher 
Aktion gegen die englische Okkupation Ägyptens zu sichern. 

Der Herr Reichskanzler hat mich beauftragt, Euerer Majestät bei 



* Am 24. August 1S86 hatte der Berliner französische Botschafter Baron de Courcel 
sein Abberufungsschreiben übergeben; an dessen Stelle war am Q.September 
der bisherige Direktor im Pariser Auswärtigen Amt Herbette ernannt worden. Der 
neue Botschafter führte sich dem Fürsten von Hohenlohe gegenüber, wie dieser 
am 25. September berichtete, mit der Versicherung ein, er sei stets von der Not- 
wendigkeit überzeugt gewesen, daß Frankreich mit Deutschland die besten Be- 
ziehungen anstreben und erhalten solle; Elsaß-Lothringen träte in der öffentlichen 
Meinung Frankreichs immer mehr in den Hintergrund, in den Vordergrund da- 
gegen die französischen Interessen im Mittelmeer; namentlich wegen der ägyp- 
tischen Frage müsse Frankreich suchen, sich gegen England mit allen anderen 
Mächten zu verständigen. Ähnliche Äußerungen tat Herbette zu dem italienischen 
Geschäftsträger in Paris; vgl. die Aufzeichnungen des Staatssekretärs Grafen 
Herbert von Bismarck vom 17. und 20. Oktober 1886 in Bd. IV, Kap. XXIV: Der 
zweite Dreibundvertrag, Nr. 828, 829. 

137 



Darlegung dieser Sachlage alleruntertänigst vorzutragen, daß er eine 
solche Politik nicht befürworten könne. Die Rückwirkung der inneren 
Zustände Frankreichs auf dessen auswärtige Politik, die letztere noch 
wandelbarer macht, als die englische, und die Tatsache, daß einer 
deutsch-französischen Entente immer dasjenige Vertrauen fehlen würde, 
welches auch bei vorübergehend gemeinsamer Aktion notwendig ist, 
muß uns allen französischen Annäherungsversuchen gegenüber sehr 
vorsichtig machen. Die letzteren werden doch niemals aufrichtig sein, 
sondern nur darauf ausgehn, uns schließlich mit anderen Mächten zu 
verfeinden. Fürst Bismarck erbittet daher Euerer Majestät huldreiche 
Genehmigung dafür, daß derartige Eröffnungen, falls sie französischer- 
seits gemacht werden sollten, zwar nicht mit Schärfe abgelehnt, aber 
doch ausweichend beantwortet werden und ergebnislos bleiben. Die 
Motivierung einer dilatorischen Behandlung würde im Hinblick auf 
die Haltung des Kriegsministers Boulanger nicht schwer sein. 

H. Bismarck 

Nr. 1228 
Bericht des Militärattaches in Paris Oberstleutnant von Villaume 

Abschrift 

Nr. 331 Paris, den 3. Oktober 1886 

Gegenüber den von der Regierung und der Presse immer wieder 
erneuten friedlichen Versicherungen erscheint es erforderlich, auch die- 
jenigen Anzeichen nicht unbeachtet zu lassen, welche darauf hindeuten, 
daß die Armee sich immer mehr auf die Eventualität eines Krieges vor- 
bereitet, und daß ihr Chef, wenn er den Krieg selbst nicht will, sich 
doch den Anschein gibt, ihn zu wollen. 

Denn, mag General Boulanger die kriegerischen Artikel seines 
Leiborgans, der „France militaire", die er, wenn auch nicht inspiriert, 
doch durch sein Verhalten hervorgerufen hat, noch so häufig dementieren, 
mag er in seinen militärischen Ansprachen und chauvinistischen Ge- 
legenheitsreden noch so vorsichtig alle kriegerischen Ausdrücke ver- 
meiden, — der Sinn seiner Reden und seine Taten deuten auf keine 
friedlichen Absichten. 

Schon früher habe ich die Heranziehung aller in den Kolonien 
nur immer entbehrlichen europäischen Kräfte nach dem Kontinent zu 
melden die Ehre gehabt und im Militärbericht Nr. 32Q die wahren 
Zwecke, welche General Boulanger mit seinen bekannten Manöver- 
reden verfolgte, aufgedeckt. Die Verstärkung der Garnisonen an der 
Südostgrenze durch Jägerbataillone, welche den westlichen Armeekorps 
entnommen werden, dauert inzwischen ununterbrochen fort, die seit 
langer Zeit vorbereitete Konzentrierung der 4. Kavalleriedivision an 
unserer Grenze wird im Laufe dieses Monats beendet, und in der Um- 

138 



gegend von Beifort wird übereinstimmenden Nachrichten zufolge eifrig 
an der Herstellung neuer starker Batterien gearbeitet. Im Sommer dieses 
Jahres hat Hotchkiss eine Bestellung von 600000 Patronen für Re- 
volverkanonen erhalten, welche bis zum Frühjahr 1887 geliefert sein 
müssen, im August sind den Armeelieferanten außer ihren kontrakt- 
lichen Lieferungen noch 200000 Paar Schuhe für zirka I1/2 Million 
Franks, und vor einigen Wochen Bekleidungsstücke für je 100000 Franks 
pro Armeekorps, für 1700000 Franks für Paris als Supplement auf- 
erlegt worden, und ist als Ablieferungstermin der Monat März 1887 
festgesetzt. Der Kriegsminister soll ferner beabsichtigen, infolge der 
bei den Manövern zutage getretenen Felddienstunfähigkeit vieler höherer 
Offiziere noch vor Schluß dieses Jahres eine allgemeine epuration der 
Armee von allen non-valeurs vorzunehmen. 

Daß General Boulanger inzwischen keine Gelegenheit verabsäumt, 
um sich der großen Masse immer wieder als der zukünftige Revanche- 
Kriegsminister und unversöhnlicher Feind Deutschlands ins Gedächtnis 
zurückzurufen und die chauvinistischen Wünsche der Armee zu nähren, 
versteht sich von selbst. Weiß er selbst doch am besten, daß auf den 
nach dieser Richtung hin auf ihn gesetzten Hoffnungen seine ganze 
Popularität beruht. Sie ist zwar mehr „bruyante" als „solide", aber 
sie besteht unleugbar, selbst in der Provinz, wie die ihm bei den letzten 
Manövern dargebrachten Huldigungen erkennen Heßen. General Bou- 
langer spekuliert auch weniger auf die Sympathien der höheren Klassen, 
denen er als Emporkömmling überhaupt feindlich gegenübersteht, als 
auf den Beifall der urteilslosen, leicht erregbaren Menge, bei der ihm 
selbst seine Fehler nicht geschadet haben, und auf das Vertrauen der 
Armee. 

Wenn er, der einsichtige Militär, bei dem Festessen zu Ehren des 
hundertjährigen Chevreul* den Patrioten leben läßt, „der so energisch 
gegen das Bombardement von Paris und dessen wissenschaftliche Reich- 
tümer protestiert hat", so tut er es nur, um dem Chauvinismus des 
Volkes zu schmeicheln. Die Übertreibungen in seinen prahlerischen 
Reden, sein theatralisches Wesen, sein Interesse für äußeres Detail in 
allen militärischen Dingen sind darauf berechnet, Eindruck auf den 
großen Haufen zu machen; durch die mise en scene bei allen militäri- 
schen Schaustellungen (Karussells, Paraden, Fackelzügen, feierlichen 
Ordensverleihungen pp.), ja selbst durch Bestimmungen, wie z. B. 
die Begleitung der Rekruten- und Reservistentransporte von und nach 
den Bahnhöfen durch die Regimentsmusiken, will er sich die ver- 
gnügungssüchtige Menge verpflichten und für sich Reklame machen. 
Und wenn er sich durch diesen Mißbrauch der bewaffneten Macht zum 
Zwecke der Volksbelustigungen auch zum Teil die Sympathien der 
Armee verscherzt hat, so verstand er es, auf anderem Wege sich deren 



Professor Mich. Eug. Chevreul, geb. 1786, bekannter Chemiker. 

139 



Vertrauen zu gewinnen. Sowohl meine Kollegen, wie andere fremde 
Offiziere, denen gegenüber sich die französischen Kameraden bei den 
Manövern über General Boulangers Verhältnis zur Armee offener als 
zu mir aussprachen, haben meine Ansicht bestätigt, daß die Armee 
ihren Chef nicht liebt, ja daß die anständigen Elemente ihn nicht ein- 
mal achten, aber daß alle ohne Unterschied großes Vertrauen in ihn 
setzen. 

Ich glaube auch, daß der Ehrgeiz des General Boulanger sich dar- 
auf beschränkt, dieses Resultat erreicht zu haben, da er wegen seines 
Charakters und seiner politischen Gesinnungen auf wärmere Gefühle 
für sich in der Armee doch nicht rechnen kann. 

General Boulanger scheint seine ehrgeizigen politischen Wünsche 
nach der Herrschaft der Republik wenigstens vorläufig aufgegeben zu 
haben. Erfaßt von dem Schwindel seiner unerwarteten Größe und 
Popularität, hatte er unvorsichtigerweise seine Karten zu früh auf- 
gedeckt und auf diese Weise die Reihen seiner Gegner noch durch 
zahlreiche Neider und diejenigen Elemente verstärkt, welche in dem ehr- 
geizigen General eine Gefahr für die Repubhk sahen. Deshalb hat er 
noch rechtzeitig zum Rückzug geblasen, wohl aber nur, um bei gün- 
stigerer Gelegenheit wieder zur Offensive überzugehen. Denn man darf 
nicht vergessen, daß er, wie viele seiner Vorgänger, besonders Farre* 
und Thibaudin**, nicht wegen seiner militärischen Fähigkeiten, sondern 
wegen seiner politischen Gesinnungen zum Kriegsminister ernannt 
worden ist und deshalb teils verführt wird, die politischen Interessen 
fast immer den militärischen voranzustellen, ja selbst seinen militäri- 
schen Reformen eine politische Färbung zu geben, teils darauf an- 
gewiesen ist, eher in der Pohtik als auf militärischem Gebiet die Be- 
friedigung seines Ehrgeizes zu suchen. 

Seit einiger Zeit verhält sich General Boulanger politisch ziemlich 
ruhig und widmet sich fast ausschließlich seinen militärischen Pflichten. 
Selbst bei der Anfang September an der Südostgrenze ausgeführten 
Inspizierungsreise, welche ihn über Lyon, Grenoble, Briangon, Nizza 
und Marseille führte, hat er sich aller öffentlichen, politischen oder 
militärischen Kundgebungen enthalten. Trotzdem aber hat er das Miß- 
trauen der aufrichtigen Anhänger der Republik und des Friedens noch 
nicht ganz beseitigen können und sieht, wie ich aus guter Quelle weiß, 
dem Zusammentritt der Kammern mit um so mehr Besorgnis ent- 
gegen, als er bei Herrn von Freycinet und seinen Kollegen auf Unter- 
stützung nicht rechnen zu können glaubt. Jedoch will er sich diesem 
etwaigen Sturmanlauf seiner Gegner in der Kammer nicht unbewaffnet 
gegenüberstellen, sondern trifft Vorkehrungen, um sie zu überzeugen, 
daß er als Militär, als Kriegsminister, unersetzlich sei, und daß sie un- 
patriotisch handeln würden, das Vaterland in dem jetzigen AugenbHcke 

* General Farre, Kriegsminister 1880/82. 

** General Thibaudin, Kriegsminister Januar bis Oktober 1883. 

140 



einer solchen Kraft zu berauben. Mit bekannter Zähigkeit verfolgt er 
diesen Zweck schon seit längerer Zeit und hat seine militärischen Vor- 
lagen, mit denen er vor der Kammer erscheinen wird, in geschickter 
Weise so gewählt, daß sie gleichzeitig den langjährigen Forderungen 
der öffentUchen Meinung Rechnung tragen. So wird er außerordent- 
liche Kredite für die Neuorganisation und Ausdehnung des militärischen 
Luftschifferwesens, für die Massenanfertigung von Repetiergewehren, 
sowie für die Beschaffung von 220 mm Mörsern und Sprengbomben 
verlangen. Zu den vor kurzem mit diesen neuen Geschossen (über 
welche ich an anderer Stelle zu berichten die Ehre haben werde) gegen 
das Fort Malmaison ausgeführten Versuchen hatie General Boulanger 
die Mitglieder der Budgetkommission eingeladen und denselben bei 
dieser Gelegenheit auch das neue kleinkalibrige Zukunftsrepetiergewehr 
der französischen Armee vorgeführt. Er beabsichtigt ferner, falls die 
Verhältnisse in Madagaskar eine abermalige Expedition dorthin nötig 
machen sollten, im Einverständnis mit der Armeekommission aus seinem 
loi militaire die die Kolonialarmee betreffenden Bestimmungen in der 
Kammer zur sofortigen Beratung zu stellen. Es wird in der Presse 
als eine patriotische Pflicht der Deputierten hingestellt, dem Kriegs- 
minister diese Kredite, besonders aber die für die Beschaffung von 
Repetiergewehren und Sprengbomben im Hinblick auf den von Deutsch- 
land gewonnenen Vorsprung zu bewilligen. 

In noch höherem Maße endlich hat General Boulanger die öffent- 
liche Meinung auf seiner Seite bei der Forderung von 7 Millionen zur 
Ausführung eines Mobilmachungsversuchs im nächsten Frühjahr, Aus 
verschiedenen Gründen ist diese Angelegenheit unter den jetzigen Ver- 
hältnissen für uns von besonderer Bedeutung. 

Schon bald nach seiner Ernennung zum Kriegsminister hatte 
General Boulanger einen solchen Versuch in den offiziellen Manöver- 
bestimmungen für nächstes Jahr in Aussicht gestellt. Im Juli erschienen 
dann im „Gil Blas" zwei augenscheinlich vom Kriegsminister inspirierte 
Artikel, betitelt: „Le but du General Boulanger" und „Ce que veut le 
General Boulanger". Dieselben führten aus, daß man nur aus Be- 
sorgnis vor einem Veto Deutschlands einen solchen Versuch bisher 
nicht gewagt habe, daß General Boulanger ihn aber dennoch unter- 
nehmen wolle, weil er ihn für notwendig, es dagegen mit der Würde 
Frankreichs nicht für vereinbar halte, sich eine solche Einmischung 
Deutschlands gefallen zu lassen, sondern daß nach seiner Ansicht das 
sicherste Mittel, um den Frieden zu bewahren, sei „de nous faire re- 
specter de l'AUemagne". 

Als sonstige Aussprüche resp. Ansichten des General Boulanger 
über diese Frage werden noch angeführt: 

„Ce qu'il faut c'est la France maitresse chez eile et ayant une armec 
capable de la defendre contre n'importe quelle aggression." 

„Verrait-on des lors quelque mal ä ce que l'AUemagne donnät la 

141 



permission d'examiner, si les rouages de notre mobilisation fonc- 

tionnent bien?*' 

General Boulanger beabsichtigt nicht, Deutschland den Krieg zu 
erklären, „mais, par contre, ce que desir (et il le dit ä qui veut l'en- 
tendre) c'est que la France se fasse respecter en ayant la male et 
fiere attitude qu'elle ne doit pas abandonner sous peine d'abdiquer sa 
dignite". 

„Le General Boulanger estime, qu'il est bon, qu'il est digne, et 
qu'il est salutaire de ne pas avoir une attitude humble, qui sied peu 
ä notre caractere et ä notre Organisation." 

Diese Auszüge genügen, um zu erkennen, welche Sprache die vom 
Kriegsminister inspirierten Journale demnächst führen werden, wenn 
Deutschland der französischen Regierung Vorstellungen wegen der 
Mobilmachungsversuche machen sollte. Wird dem General Boulanger 
doch bereits, wie ich aus guter Quelle weiß, von seiner eigenen Um- 
gebung die Absicht untergeschoben, durch diesen Versuch Deutschland 
provozieren zu wollen. Auf eine Einsprache desselben würden dann 
die chauvinistischen Journale vom General Boulanger das mot d'ordre 
empfangen, um die öffentliche Meinung in Aufregung zu versetzen, 
und ich halte einerseits den Chauvinismus in Frankreich und den Wunsch, 
mit Deutschland abzurechnen, noch für genügend stark und mächtig, 
andererseits, dank der systematischen Schulung des letzten Jahres, das 
Vertrauen des Landes in die Armee für genügend befestigt, um in einem 
solchen Moment die patriotisch erregten Gemüter zu Ausbrüchen hin- 
zureißen, welche unter Umständen trotz der allgemeinen Abneigung 
des Landes gegen einen Krieg doch den Frieden gefährden könnten. 
Auf einen solchen kritischen Moment ist die Wirkung aller jener 
neueren Publikationen berechnet, welche den Franzosen Mut machen 
sollen, wie „Nous sommes prets", „Avant la bataille", „L'Allemagne 
teile qu'elle est", „La Reponse au Dr. Rommel" u. a. m., sowie die 
zahlreichen, noch neuerdings gelegentlich der großen Manöver in der 
chauvinistischen Presse erschienenen, „Ayons confiance", „Prets'' pp. 
überschriebenen Artikel, welche die große Überlegenheit der französi- 
schen Armee über die deutsche dartun sollen. Für einen solchen Moment 
endlich, wo General Boulanger als der Verteidiger der Ehre und Würde 
Frankreichs auftritt, braucht er seine Popularität im Volke. 

Ob nun derartige Ideen in Wahrheit im Kopfe des ehrgeizigen 
Chefs der Armee Platz gegriffen haben oder nicht — immerhin ist es 
bezeichnend, daß ihn selbst seine nächste Umgebung solcher Pläne für 
fähig hält. Jedenfalls kann unter Umständen ein mobiles Armeekorps 
im Frühjahr in den Händen eines Boulanger ein gefährliches Spielzeug 
sein. Der „Drapeau", das Organ der Patriotenliga und des Mr. Derou- 
lede, welcher bekannthch im Auslande seiner festen Überzeugung Aus- 
druck gegeben hat, daß Elsaß-Lothringen im Jahre 1889 wieder mit 
Frankreich vereinigt sein würde, dankt in seiner Nummer vom 25. 

142 



V. Mts. den Offizieren der russischen Mission bei den diesjährigen 
Manövern für ihre „poignees de main, qui contenaient plus qu'un 
encouragement" mit den Worten: „Allons, messieurs, merci! a l'annee 
prochaine, avant l'automne — au premier essai de mobilisation," 

(gez.) von Villaume 

Nr. 1229 

Aufzeichnung des Vortragenden Rats im Auswärtigen Amt Grafen 
zu Rantzau, z. Z. in Varzin 

Eigenhändig 

Varzin, den S.Oktober 1886 

Der Herr Reichskanzler bittet, den Militärbericht Nr, 331 * an die 
deutschen Höfe mitzuteilen, damit die verbündeten Regierungen im 
Hinblick auf etwaige Reichstagsverhandlungen über die Situation in- 
formiert sind. 

Bei Mitteilung des Berichtes an den Herrn Kriegsminister möchte 
hinzugefügt werden, Seine Durchlaucht bäte um die Meinung Seiner 
Exzellenz und des Generalstabes, ob uns die Realisierung des Boulanger- 
schen Mobilisierungsprojekts irgendwie der Gefahr einer Überraschung 
aussetze. Wenn das der Fall wäre, würden wir in die Notwendigkeit 
versetzt sein, auch unsererseits denselben Versuch der Mobilisierung 
von einem oder zwei Armeekorps zu machen. Seine Durchlaucht würde 
dann darauf Bedacht nehmen, in der Presse auf diese EventuaUtät vor- 
zubereiten, indem man sagte, daß wir uns einer derartigen Verschiebung 
des Gleichgewichtes nicht aussetzen könnten, sondern gezwungen wären, 
unsererseits die gleiche Probe anzustellen. 

C. Rantzau 

Nr. 1230 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler 
Fürsten von ßismarck 

Ausfertigung 
Nr. 264 Paris, den 14. Oktober 1886 

In den letzten Tagen ist wieder hier viel von Revanche die Rede 
gewesen und haben manche bemerkenswerte Ausbrüche des Chauvinis- 
mus stattgefunden. Je mehr ich von derartigen Kundgebungen sehe, 
je mehr werde ich in der Ansicht bestärkt, daß zwar der von gewissen 
Kreisen künstlich genährte Haß gegen Deutschland nicht im Abnehmen 
begriffen, sondern vielmehr womöglich stärker ist denn je, daß aber 
andererseits der Gedanke an einen Revanchekrieg weit davon ist, im 
Volke populär zu sein. Einen allgemeinen Beifall findet die Deutschen- 



* Siehe Nr. 1228. 

143 



hetze eigentlich nur dann, wenn das Wort Krieg dabei nicht aus- 
gesprochen wird. 

Jeder Vorschlag, feindUche Maßregeln gegen Deutschland, z. B. 
auf wirtschaftlichem Gebiete, zu treffen, wird unbedingt von allen 
Parteien und allen Klassen der Bevölkerung gutgeheißen. Anders steht 
es mit dem Kriege. Der Wunsch, daß es einmal zur „revanche", zu der 
„guerre sainte" kommen möge, wohnt unstreitig jedem Franzosen inne; 
der Gedanke aber, die VerwirkHchung dieses Wunsches als nahe be- 
vorstehend zu betrachten, ist zweifellos noch bei der Mehrzahl ein 
äußerst unsympathischer und begegnet da, wo er ausgesprochen wird, 
ernstem Kopfschütteln und dringenden Warnungen, pp. 

Münster 

Nr. 1231 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 
Herbert von Bismarck 

Reinschrift 

Berlin, den 18. Oktober 1886 

Der neue französische Botschafter, Herr Herbette, hat mir soeben 
seinen ersten Besuch gemacht und bei Gelegenheit desselben unter 
Überreichung der copie figuree gebeten, ihm baldmöglichst eine An- 
trittsaudienz bei Seiner Majestät zu erwirken, pp. 

(Auf Ägypten übergehend bemerkte Herr Herbette) : „Ich bin von 
Herrn von Freycinet beauftragt, dem Fürsten Bismarck unsere Wünsche und 
Ansichten in bezug auf das Mittelmeer auseinanderzusetzen und freue 
mich sehr auf die erste Unterredung, die ich mit dem Reichskanzler haben 
werde. Die guten Dienste, die Deutschland in den letzten Jahren uns in 
bezug auf Tunis und unsere Kolonialpolitik geleistet hat, sind nur den 
Eingeweihten bekannt, im großen Publikum ist durch die schlechte, teils 
dumme, teils böswillige Presse der Glauben verbreitet worden, als 
hätte Fürst Bismarck, indem er uns auf den kolonialen Weg stieß, nur 
,le plan sinistre' verfolgt, uns Verwickelungen und Schädigungen zu- 
zuziehen. Jetzt würde der Moment gekommen sein, um die öffentliche 
Meinung in Frankreich über die wahren Absichten der deutschen Politik, 
die uns ja in unseren Mittelmeerinteressen gewiß nicht kreuzen will, 
aufzuklären. Vous verrez quelle detente s'opererait dans notre opinion 
publique et comme tous les soupgons et apprehensions chez nous 
disparaitraient du moment, que le Prince de Bismarck declare ouverte- 
ment, qu'il veut faire valoir son enorme autorite pour le maintien du 
Status quoi dans la Mediterrannee^, L'idee de la revanche est 
surannee3 et la facon dans laquelle des faiseurs d'embarras, comme 
par exemple ce faineant de Deroulede, parlent de la frontiere de l'est, 
est maladive et on serait content chez nous de pouvoir s'occuper 
d'autres choses. Si le Prince de Bismarck fait une declaration dans le 

144 



sens precite, une enorme detente se ferait chez nous de suite*; tous 
les yeux se detourneront de l'est, et nous pourrons augmenter et 
deployer toutes nos forces et ressources dans la Mediterranee; c'est 
lä qu'il s'agit de nos interets vitaux, Pour nous c'est vraiment une 
question d'existence comme Grande Puissance, que l'Angleterre evacue 
FEgypte». Nous craignons, qu'ä l'heure qu'il est, l'Angleterre veut 
faire garantir la neutralite du canal de Suez pour obtenir en echange 
un mandat de maintenir l'occupation de l'Egypte. Ceci nous arrangerait 
nullement; nous ne voulons retablir en Egypte l'empire turc comme 
avant l'annee 1840, mais nous voulons que l'Egypte recouvre la sorte 
d'independance dont eile a jouie avant le double controle, qui, entre 
nous soit dit, etait une invention infecte. Aussi longtemps qu'il y a 
des officiers chr^tiens ä la tete des troupes et milices egyptiennes, l'ordre 
ne sera jamais solidement retabli. II faut que des officiers musulmans 
soient ä la tete des armees egyptiennes. Une politique frangaise qui 
aurait pour objectif d'atteindre ce but, serait immensement populaire 
chez nous 6. Je Vous assure, que la Mediterranee est le pivot de notre 
politique et puis les Anglais sont abomines chez nous, beaucoup plus 
que les Allemands ne l'ont jamais ete''!" 

Ich schaltete hier ein, daß mich diese letzte Äußerung lebhaft 
überraschte: ich hätte immer geglaubt, daß die Gefühle der in den 
50 er und 60 er Jahren zwischen Frankreich und England etablierten 
entente cordiale noch vorherrschend wären, und daß die westmächtliche 
Idee unter den französischen Politikern doch in der Hauptsache prävaUere. 

Herr Herbette erwiderte mit einer bezeichnenden Handbewegung: 
„Dies ist ein großer Irrtum; die Engländer machen uns seit Jahren 
auf allen Punkten des Erdballs die größten Schwierigkeiten, überall 
haben wir Reibungen mit ihnen und kontrekarieren sie uns; die Er- 
bitterung gegen England ist bei uns auf das höchste gestiegen, und für 
}eden französischen Minister würde es die dankbarste Aufgabe sein, 
eine prononciert antienglische Politik zu verfolgen." 

Ich enthielt mich jeder positiven Äußerung zu dieser Auseinander- 
setzung und machte nur ab und zu, wo es anging, anodyne Bemerkun- 
gen in verbindlicher Form, um die Unterhaltung auf freundschaftlichem 
und zwanglosem Fuße weiterführen zu können*, pp. 

H. Bismarck 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

^ Y compris l'occupation anglaise? 

^ kein Interesse 

» ? 

* ? 

5 pas pour nous 

8 f altes la donc! 

^ ? 



* Weitere Äußerungen Herbettes zu Graf Herbert Bismarck über die Ägyptische 
Frage (vom 26. Oktober 1886) siehe in Kap. XXXIX, Nr. 1202. 

10 Die Große Politik. 6. Bd. 145 



Nr. 1232 

Bericht des Militärattaches in Paris Oberstleutnant von Villaume 

Abschrift 
Nr. 335 Paris, den 22. Oktober 1886 

Das schärfere Hervortreten der Revanchegelüste in Frankreich 
datiert von dem Zeitpunkt, wo General Boulanger zum Kriegsminister 
ernannt wurde, da derselbe schon lange Zeit vorher als Revanche- 
kriegsminister der Zukunft für sich hatte Reklame machen lassen. Seit- 
dem hat die Revancheidee in demselben Maße zugenommen, wie seine 
Popularität, weil er kein Mittel und keine Gelegenheit unbenutzt ließ, 
um den ihm vorausgegangenen Ruf zu rechtfertigen. 

General Boulanger und die Revancheidee gehören jetzt so eng zu- 
sammen, daß der eine nur mit resp. durch den anderen bestehen kann, 
und daß sie sich gegenseitig ihres Einflusses auf die Massen zur Ver- 
mehrung ihrer Popularität bedienen. Diese Verbindung ist sogar eine 
so enge, daß von seinen Anhängern sein Sturz bereits als gleich- 
bedeutend mit dem Verzicht auf Elsaß-Lothringen hingestellt wird. 
In welchem Maße General Boulanger dadurch seine Position verstärkt 
hat, wird die Regierung vielleicht erst dann erkennen, wenn sie, um 
des inneren und äußeren Friedens willen, über kurz oder lang doch 
noch versuchen sollte, sich dieses gefährlichen Störenfriedes zu ent- 
ledigen. Mit jedem Tage wird ihr dies schwerer werden, da auch die 
Kammer aus Besorgnis, unpatriotisch zu erscheinen, sich scheuen wird, 
diesen Günstling des Volkes fallen zu lassen. General Boulanger ist 
außerdem zu klug, um sich, nachdem er die öffenthche Meinung in 
die von ihm vorgezeichneten Bahnen gelenkt hat, neue Blößen zu 
geben. Die Saat, welche er gesäet, sprießt überall hervor, ohne daß 
er den Boden noch weiter zu düngen braucht. Auch ohne die zahl- 
reichen Dementis dieses besten Kunden der offiziösen Agence Havas 
würde niemand daran zweifeln, daß er den neuen chauvinistischen 
Publikationen, welche in der letzten Zeit wie Pilze aus der Erde wach- 
sen, persönlich völlig fern steht. Er braucht sie weder zu subventio- 
nieren noch zu inspirieren ; sie leben von der Popularität seines Namens 
und der in ihm personifizierten Hoffnungen und liefern dadurch den 
deutlichsten Beweis von der Unzertrennlichkeit seines Namens von der 
Revancheidee. Die frischen Blüten, welche der Chauvinismus der letzten 
Wochen getrieben hat, sind nichts als buchhändlerische Spekulationen, 
welche die gegenwärtige „patriotische Erregtheit" der Bevölkerung 
ausbeuten wollen, dadurch aber gleichzeitig die Revanchehoffnungen 
derartig stärken, daß nach übereinstimmendem Urteil aller augen- 
blicklich in Paris eine so gereizte Stimmung gegen Deutschland herrscht, 
wie vielleicht noch nie nach dem Kriege. 

Die kleine Broschüre „Maniere de combattre et battre les Prussiens 
par le General L." hat, weil sie ein zu jämmerhches mihtärisches Mach- 

146 



werk war, nicht länger das Feld behauptet als der Boulangiste, Bar- 
num und andere Pamphlete der Boulevards, welche gegen Boulanger 
gerichtet waren. Das Geschäft, den großen Patrioten lächerlich zu 
machen, hat nur sehr kurze Zeit Geld eingebracht. Die in den letzten 
Wochen aufgetauchten chauvinistischen Publikationen huldigen jedoch 
alle, ohne Ausnahme, dem neuen Stern, weil sie Boulanger als Stütze 
und Träger der von ihnen gepredigten Revanche brauchen. Daß sie 
nebenbei die Deutschenhetze im großen betreiben ä la „Antiprussien" 
(jetzt „La Defense nationale" genannt) und „Drapeau" versteht sich von 
selbst. 

„L'Etoile", welcher seit Anfang dieses Monats erscheint, hat sich 
die Verherrlichung, Anpreisung und eventuell Verteidigung des General 
Boulanger zur Spezialaufgabe gewählt und läßt keinen Abend vergehen, 
ohne wenigstens eine der vorzüglichen Eigenschaften oder bemerkens- 
werten Taten seines Abgottes zu besingen. Doch fristet er nur kümmer- 
lich sein Dasein, ebenso wie „La France armee", ein nur zweimal 
wöchentlich erscheinendes neues politisch-militärisches Blatt. Dasselbe 
bringt Artikel mit Illustrationen über die deutsche Armee und scheint 
sich zur Aufgabe gestellt zu haben, gegenüber den kriegerischen und 
Eroberungsgelüsten Deutschlands, gegenüber seinen Beleidigungen und 
Provokationen die friedlichen Absichten Frankreichs, seine Bescheiden- 
heit und Zurückhaltung seit dem letzten Kriege in das rechte Licht zu 
stellen, damit schon jetzt Deutschland für den Grandjour als Friedens- 
störer gebrandmarkt ist. 

Beide Blätter werden aber in den Schatten gestellt durch die 
seit dem 20. d. Mts. erscheinende „Revanche", welche sich bestrebt, 
den Revanchekrieg jetzt ebenso populär zu machen, wie es bisher nur 
die Revancheidee war, „de preparer l'opinion ä l'idee de la lutte, dont 
rheure peut sonner d'un instant ä I'autre et de tenir en haieine le 
sentiment public". Schon seit Wochen wurde für dieses Blatt in der 
frechsten und unwürdigsten Weise Reklame gemacht. Der Chefredak- 
teur desselben ist der bekannte Orleanist Peyramont, früher Mitarbeiter 
des „Soleil", der als Gelegenheitsdiplomat im Jahre 1879 vom Herzog 
von Decazes mit einer Mission an den in Baden-Baden weilenden 
Fürsten Gortschakow betraut wurde. Das Redaktionsbureau befindet 
sich gegenüber dem Cercle militaire an dem belebtesten Punkte von 
Paris und ist seit langer Zeit durch ein Aushängeschild bezeichnet, wel- 
ches in enormen Buchstaben den kriegerischen Titel des Blattes unter 
dem mit russischen und französischen Fahnen geschmückten Wappen 
von Elsaß-Lothringen mit der Umschrift „Lorraine, Alsace Gaulois 
point ne renonce" trägt. Auf den belebtesten Promenaden wurden zahl- 
reiche Reklameschilder dieses Journals getragen oder auf Reklame- 
wagen umhergefahren, von denen einige den General Boulanger in 
der Uniform des französischen Infanteristen an der Spitze der Truppen 
mit gefälltem Bajonett zum Angriff vorgehend, andere auf der Land- 

10' 147 



karte Europas in der Mitte die mit einem preußischen Helm ge- 
schmückte pieuvre allemande darstellten, über welche von der einen 
Seite ein französischer Infanterist mit umgedrehtem erhobenem Gewehr, 
von der anderen ein russischer Soldat, welcher der Hydra den Schwanz 
abzuschneiden bestrebt ist, herfallen. Da die Träger der letztgenannten 
Bilder außerdem durch ihre freudigen Gesten Ansammlungen hervor- 
riefen, so wurden sie von der Polizei mit Beschlag belegt, erschienen 
jedoch am nächsten Tage vor den Fenstern des Redaktionsbureaus 
wieder, und zwar mit der Überschrift „affiches saisies et interdites par 
le gouvernement, en violation de la loi sur la liberte de la presse". 
Da sich natürlich auch hier zahlreiche Gruppen Neugieriger bildeten, 
so störte die Polizei auch dieses Vergnügen, konnte jedoch, nebenbei 
bemerkt, die ungesetzliche Beschlagnahme nur aufrechterhalten, indem 
sie Herr von Freycinet mit seiner eigenen Verantwortlichkeit als Chef 
der Regierung deckte. 

Ich habe mich zu verschiedenen Tageszeiten mehrfach in diesen 
Gruppen bewegt; dieselben verhielten sich völlig ruhig und ließen 
außer vereinzelten chauvinistischen Ausrufen und Bemerkungen weder 
Worte des Tadels noch der Zustimmung über diese Art der Reklame 
hören. 

Der Leitartikel der ersten Nummer dieses Blattes trägt als Vignette 
das Porträt des General Boulanger und ist in Briefform an „la per- 
sonnification de l'honneur national ä venger notre espoir ä tous" ge- 
richtet. Unter den Versprechungen, welche derselbe enthält, verdienen 
die nachfolgenden hervorgehoben zu werden: „Nous nous appliquerons 
ä relever tous les defis, ä noter toutes les menaces, ä enregistrer toutes 
les injures qui nous sont journellement prodiguees de Pautre cote 
du Rhin. Nous signalerons, avec une persistance infatigable, tous les 
incidents politiques qui pourront etre utilises contre l'ennemi. Nous 
provoquerons, nous entretiendrons et nous envenimerons, au besoin, 
les haines de ses rivaux et de ses victimes." 

Diese Sprache läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Be- 
rücksichtigt man ferner, daß die Feuilletonartikel mit den Überschriften: 
„Les Fran^ais au bagne allemand" und „L'ennemi hereditaire" an Ent- 
stellung und Gehässigkeit den „Drapeau" und die „France" neidisch 
machen könnten, und daß die Neugierde des Publikums schon seit so 
langer Zeit rege gemacht worden war, so kann man sich nicht wun- 
dern, wenn von diesem Hetzblatt am ersten Tage in Paris ungefähr 
130000 Exemplare verkauft wurden. Der Rückschlag wird jedoch um 
so weniger ausbleiben, als fast die gesamte Presse, welche seinerzeit 
dieses Blatt als der Verteidigung der nationalen Interessen gewidmet 
und von einem glühenden Patriotismus eingegeben hingestellt hatte, 
jetzt den neuen Konkurrenten totschweigt. Nur einige republikanische 
Zeitungen, wie „Paris", „La France libre" pp. geben sich die Mühe, 
entweder „La Revanche" lächerlich zu machen oder eine derartige 

148 



Monopolisierung und kommerzielle Ausbeutung des Patriotismus an 
den Pranger zu stellen. 

Daß übrigens dieses Spielen mit dem Feuer selbst hier nicht als 
völlig harmlos und unbedenklich angesehen wird, zeigte die Haltung 
der Presse schon jener Reklame gegenüber. Der chauvinisme pousse 
ä cet exces wurde verurteilt und un peu plus de sang-froid empfohlen, 
weil derartige Provokationen sowohl Frankreich die Achtung und die 
Sympathien des Auslandes grade in einem Moment verscherzen könnten, 
wo ihm diese Gefühle von allen Seiten entgegengetragen würden, als 
auch der Regierung diplomatische Schwierigkeiten bereiten könnten. 

Dieser Besorgnis vor Verwickelungen mit dem Auslande, sei es 
infolge von Ausbrüchen des überreizten Chauvinismus oder der in 
General Boulanger personifizierten Kriegsgefahr, entsprang auch die 
allgemeine Verurteilung, welche der bekannte Sensationsartikel des 
„Figaro", überschrieben: „Encore lui", in der repubhkanischen Presse 
gefunder. hat. Derselbe wurde teils als ein von den Orleanisten aus- 
gehender indirekter Angriff gegen die Repubhk, teils als unpatriotisch 
hingestellt (il fait le jeu de l'Allemagne), weil er das Ausland gegen 
Frankreich aufreize. Wohl nicht ganz ohne Berechtigung werfen bei 
dieser Gelegenheit einzelne Journale den Orleanisten vor, daß sie durch 
Verleumdung des Generals Boulanger und der Republik auf einen Krieg 
hinarbeiten, weil sie, immer mehr von der Aussichtslosigkeit einer Re- 
stauration in friedlichen Zeiten überzeugt, nur noch auf den Krieg, 
eventuell den Ruin des Landes hoffen können. In General Boulanger 
fürchten sie vielleicht einen Konkurrenten, der ebenfalls im Trüben 
fischen will. 

Unter die Beteuerungen der friedlichsten Absichten mischt sich bei 
anderen Journalen der Hinweis, daß die Wolke jeden Tag platzen 
könne. Im Hinblick darauf nehmen auch alle republikanischen Blätter 
ohne Ausnahme den arg verleumdeten, völlig verkannten und un- 
schuldigen Kriegsminister, „le patriote eprouve", in Schutz, als ob er 
kein Wasser trüben könne, an keinen Krieg dächte, sich fern von aller 
Politik hielte und nur darauf bedacht sei, die Armee stark und im 
Auslande gefürchtet zu machen. 

Aber trotz aller dieser Versicherungen hat Philippe de Grandlieu 
im „Figaro" nicht nur Recht, wenn er den General Boulanger als den 
eifrigsten Anhänger der Revancheidee hinstellt, sondern die Republi- 
kaner selbst sind zum größten Teil der gleichen Ansicht. Aber sie 
wollen nicht, daß die stillen Hoffnungen, welche sie auf diesen Kriegs- 
minister setzen, ausposaunt werden, damit die Republik nicht in den 
Verdacht kriegerischer Absichten gerät, und damit sie nicht vielleicht 
früher zum Kriege getrieben werden, als es ihnen paßt. Weil sie selbst 
kein reines Gewissen haben, kam ihnen auch der „La guerre" über- 
schriebene Sensationsleitartikel der republikanischen „France", welcher 
dem General Boulanger dieselben kriegerischen Absichten unterlegt, 

149 



wie der „Figaro", so ungelegen. Während der letztere ihn jedoch des- 
halb tadelt und auf die Gefahren hinweist, denen Frankreich dadurch 
ausgesetzt ist, lobt ihn die „France", weil er die patriotische Fiber der 
Nation hat vibrieren machen, und weil er das materiell für den Krieg 
bereite Frankreich nun auch moralisch für denselben vorbereiten will. 
„II est le lutteur en qui nous mettons nos esperances, le soldat en qui 
se personnifient nos aspirations, pour quand? Pour demain peut-etre. 
Pour le jour oü surgira une occasion favorable! II est pret et nous 
aussi! Le plus tot sera le mieux!" 

Während durch solche kriegerische Artikel die Gemüter beunruhigt 
und aufgeregt werden, wird der Kampf gegen die deutsche Kon- 
kurrenz mit ungeschwächten Kräften fortgesetzt. Der deutsch-französi- 
sche Bierkrieg hat zu so parteiischen und strengen Vorschriften des 
radikalen Handelsministers bezüglich der Einfuhr der deutschen Biere 
geführt, daß dadurch, wie mir hiesige Industrielle versichern, unserer 
Ausfuhr beträchthcher Schaden zugefügt wird. Derselbe Herr Lockroy 
hat nun, allein auf eine Denunziation des „Drapeau" hin, nicht nur vom 
1. November ab die Einfuhr deutscher, mit französischer Marke ver- 
sehener Spielwaren verboten, sondern auch einen besonderen Gesetz- 
entwurf gegen die contrefagons etrangeres für die Kammer vorbereitet, 
welcher ebenso den Stempel des Deutschenhasses wie der Leichtfertig- 
keit und Übereilung an sich trägt. Der Grund für diese Maßregeln 
war eine Karte des „verstümmelten Frankreichs", welche von einem 
Mitgliede der Patriotenliga in einem aus Deutschland importierten, eine 
Dorfschule darstellenden Spielzeug entdeckt worden war. Den alten 
Frauen oder Kindern, welche diese Karten antuschen, ist das Versehen 
passiert, daß sie anstatt mit dem Pinsel den feinen punktierten Grenz- 
linien zu folgen, die dicken Striche der Maas und Rhone bis nach Mar- 
seille hinuntergefahren sind. Auf diese Weise ist das Departement 
der Vogesen und Beifort an Deutschland, Savoyen, die Dauphine und 
Provence an Italien gefallen und so „La France ä la prussienne" ge- 
schaffen. Und deshalb wird so viel Geschrei gemacht und werden die 
Deutschen mit den gröbsten Schimpfwörtern traktiert. „La dignite 
nationale est odieusement outragee! C'est une Infamie! C 'est un plan 
concerte! C'est une carte provocatrice, une carte outrageuse pour la 
patrie, un document de mensonge et de vol!" Das „Petit Journal" ruft 
sogar aus: „La coupe est pleine, eile deborde!" 

So lächerlich uns auch alles dies erscheint, so hat diese Art der 
Deutschenhetze doch einen sehr nachteiligen Einfluß auf unseren Handel. 

In diese Zeit der patriotischen Erregung ist auch noch die Rück- 
kehr des Revancheapostels Deroulede von seiner Reise autour de 
l'Allemagne* gefallen, von der er den Eindruck mitgebracht hat, daß 

* Im Sommer 1886 hatte bekanntlich der Führer der Patriotenliga, Deroulede, eine 
antideutsche Agitationsreise nach Italien, Rußland und Skandinavien unternommen. 
In Rußland, wo er von Mitte Juli bis Ende August weilte, hielt er namentlich in 

150 



die heilige Liga gegen Deutschland bereits geschlossen ist. Italien, 
Rußland und die Staaten der skandinavischen Halbinsel warten seiner 
Meinung nach nur auf das von Frankreich zu gebende Signal, um über 
uns herzufallen. Bei den seit Jahren gehegten und gepflegten Hoff- 
nungen auf eine Allianz mit Rußland mißt man den Versicherungen 
Derouledes von den allgemeinen und großen Sympathien dieses Landes 
für Frankreich am meisten Glauben bei. Das Redaktionsbureau der 
„Revanche" hat diesen Hoffnungen bereits dadurch eine greifbare Ge- 
stalt verliehen, daß seit einigen Tagen über seinen Fenstern Fahnen- 
bündel prangen, in denen eine große russische Fahne von französischen 
umgeben ist. Auch die meisten illustrierten Zeitungen bringen seit den 
letzten Wochen zahlreiche anerkennende Artikel und Bilder über Ruß- 
land und die russische Armee, während die Karrikaturen über uns in 
ihrer Gemeinheit und Gehässigkeit den Produkten der Kriegsjahre 
immer ähnlicher werden. 

Alles dies beweist, daß der Chauvinismus zurzeit hier wieder in 
voller Blüte steht, und daß einerseits General Boulanger diejenige 
Persönlichkeit, andererseits eine Allianz mit Rußland diejenige Even- 
tualität ist, auf welche die Franzosen ihre Revanchehoffnungen in erster 
Linie gründen. 

(gez.) von Villaume 

Nr. 1233 

Der Staatssekretär desAuswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Paris Grafen Münster 

Konzept 
Nr. 424 Berhn, den 13. November 1886 

Ew. pp. beehre ich mich anbei zu Ihrer vertraulichen Kenntnis- 
nahme Abschrift einer Registratur zu übersenden, welche der Herr 
Reichskanzler über seine gestrige Unterredung mit Herrn Herbette zu 
den Akten gegeben hat. H. Bismarck 

Der französische Botschafter regte bei einem Besuch, den er mir 
gestern machte, die ägyptische Frage an. Ich sagte ihm, daß wir gern 
bereit sein würden, eine freundschaftliche Verständigung Frankreichs 
mit England über die Zukunft Ägyptens zu vermitteln; einen Druck 
auf England, die Evakuation zu beschleunigen, könnten wir aber nicht 
ausüben; wenn Frankreich eine Pression in dieser Frage ins Werk 
setzen wollte, so würde es sich an Rußland wenden müssen. 



Odessa Reden zur Anbahnung eines französisch-russischen Bündnisses gegen 
Deutschland und fand in panslawistischen Kreisen viel Entgegenkommen; doch 
wurde er schließlich durch die russische Regierung auf Betreiben des Fürsten 
von Bismarck an weiterer öffentlicher Agitation verhindert. Vgl. auch Kap. XXXIX, 
Nr. n9Q. 

151 



Herr Herbette sagte mir darauf, Frankreich wolle langsam vor- 
gehen und England nicht brüskieren; die französische Regierung hätte 
den Glauben, daß, wenn man die Frage der Evakuation Ägyptens über- 
haupt offiziell zur Sprache brächte, die Tatsachen und die Logik die 
Engländer mit der Zeit dahin bringen würden, dieselbe mit einem be- 
stimmten Termin in ihr Programm aufzunehmen. Eine Pression wolle 
Frankreich nicht, und noch weniger einen Bruch mit England. Der 
Botschafter betonte dies wiederholt, als ich ihm sagte, daß unsere 
Politik den Frieden an sich erstrebe, weil heutzutage ein Krieg zwischen 
zwei großen Mächten eines der größten Übel wäre; in einen solchen 
Krieg würde bei der hochgetriebenen Entwickelung aller europäischen 
Beziehungen immer auch eine dritte Macht hineingezogen werden ; 
jedenfalls würde eine solche nicht tertius gaudens bleiben können, 
allein schon, weil sie bei einem Kriege zwischen zwei großen Nachbarn 
wirtschaftlich zu sehr leiden würde. 

Ich sagte Herrn Herbette ferner, daß die Pourparlers, welche 
Frankreich etwa mit Rußland über Ägypten hätte, uns durchaus nicht 
beunruhigten*. Herr Herbette nahm hiervon mit Befriedigung Akt. 
Als ich ihm weiter bemerkte, daß unsere Politik in einer abstention 
bienveillante bestehe, war Herr Herbette damit nicht ganz zufrieden; 
er wollte mehr und meinte, wir würden durch eine der französischen 
Politik entgegenkommende Haltung einen sehr guten Eindruck in Frank- 
reich erreichen; ich sagte, daß ich hieran nicht zweifelte, fragte aber, 
ob dies pour longtemps vorhalten würde, worauf er mit assurance nicht 
antworten konnte. 

Herr Herbette sprach sich mit lebhafter Bewunderung über Herrn 
von Freycinet und dessen Eigenschaften aus, worin ich natürlich ein- 
stimmte: er äußerte die Überzeugung, daß Herr von Freycinet sehr 
fest stände und durchaus Herr der Situation sei: alle andern Minister 
wären nur subalterne Naturen, ob mit oder ohne Uniform, und fielen 
dem President du Conseil gegenüber nicht ins Gewicht. 

Nr. 1234 

Der stellvertretende Chef des Generalstabes General quartiermeister 
Graf von Waldersee an den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Geh. J. Nr. 140 Berlin, den 16. November 1886 

Die in letzter Zeit von dem Oberstleutnant und Flügeladjutanten 
von Villaume aus Paris erstatteten Berichte** sind nach meinem Dafür- 
halten unter dem Eindruck geschrieben, daß wir auf den baldigen Aus- 
bruch eines Krieges gefaßt sein müßten. 



* Vgl. Kap. XXXIX, Nr. 1202. 

** Vgl. namentlich Nr. 1223, 1228, 1232. 

152 



Ich kann diese Auffassung vom militärischen Standpunkte aus 
nicht teilen. 

Die gemeldeten Rüstungsmaßregeln, wie Beschaffung von Be- 
kleidungs- und Munitionsvorräten, Batteriebauten bei Beifort und der- 
gleichen, halte ich für bedeutungslos und bin der Überzeugung, daß 
Frankreich gerade aus militärischen Rücksichten den Wunsch haben 
muß, jetzt einen Krieg mit uns zu vermeiden, und führe zur Begründung 
meiner Ansicht an: 

In der Bev^^affnung mit Repetiergewehren haben wir Frankreich 
völlig überrascht und einen Vorsprung voraus, der in Jahresfrist kaum 
einzuholen ist. 

Wir haben den General Boulanger, der glaubte, für die Konstruk- 
tion eines neuen Oewehrmodells ausreichende Zeit zu haben, genötigt, 
Repetiergewehre an die Armee auszugeben, die sich in Tonking nicht 
bewährt hatten, und, um nicht ganz hinter uns zurückzubleiben, von 
diesem Modell größere Massen anfertigen zu lassen. Er wird sehr un- 
gern zu einem Kriege schreiten, bei dem sich der Zorn der Nation über 
die schlechte Infanteriebewafl'nung sogleich gegen ihn richten würde. 

In Frankreich sind Versuche im Gebrauche von Explosivgeschossen 
gegen fortifikatorische Anlagen in diesem Sommer zum Abschluß ge- 
kommen. Sie haben zu der Erkenntnis geführt, daß die Festungen an 
Widerstandsfähigkeit erheblich verloren haben, und ist man völlig dar- 
über orientiert, daß wir auch auf diesem Gebiete ihnen weit voraus sind. 

Zunächst steht man in Frankreich unter dem — nach meiner Über- 
zeugung etwas zu weit gehenden — Eindrucke, daß die unter so 
kolossalem Geldaufwand hergestellten Befestigungen, die eine Invasion 
nahezu unmögHch machen und Paris für immer vor Belagerungen 
schützen sollten, unseren Geschossen bald erHegen würden. 

Die in der französischen Presse wohl absichtlich viel besprochenen 
Äußerungen des Generals Boulanger über die Notwendigkeit, zur Offen- 
sive sowohl auf dem Schlachtfeld wie in der Kriegführung überhaupt 
zurückzukehren, stehen mit diesen Eindrücken unbedingt im Zusammen- 
hange, sind Renommagen und haben zunächst den Zweck, die Aufmerk- 
samkeit von der Entwertung der Festungen abzuleiten. 

Welche Bedeutung dieser Frage beigemessen wird, ergibt die 
Kreditforderung von 2 — 300 Millionen Franks für Verstärkung der 
Festungen. 

Endlich liegt der Kammer ein Heeresreorganisationsprojekt vor, 
das naturgemäß zur Durchführung ansehnliche Zeit erfordert, innerhalb 
der zu einer Mobilmachung überzugehen sehr schwierig sein würde. 

Ich bin daher der Ansicht, daß in Frankreich augenblicklich 
Friedensbedürfnis vorherrschend ist, daß wir keine Besorgnis zu haben 
brauchen, von dort angegriffen zu werden, daß sogar Frankreich nötig 
hat, uns seiner FriedensHebe zu versichern. 

Daß Frankreich seit 15 Jahren mit Konsequenz, wenn auch oft mit 

153 



Ungeschick, sich darauf vorbereitet, den Revanchekrieg zu führen, ist 
ja zweifellos, und bin ich auch überzeugt, daß es sofort zum Kriege 
schreiten würde, wenn wir nach anderer Seite in ernste Verwickelungen 
kämen; allein wagt es den Krieg aber nicht, und auf keinen Fall in 
einer nahen Zukunft. 

Vom rein mihtärischen Standpunkte abgesehen, möchte ich auch 
noch der Überzeugung Ausdruck geben, daß die Republik überhaupt 
ungern zum Kriege schreitet; die jetzigen Inhaber der leitenden und 
einflußreichen Stellen fühlen sich viel zu wohl, um Ereignisse herbei- 
zuwünschen, durch die sie leicht beseitigt werden könnten. 

Die Wirkung der französischen Hetz- und Revancheblätter und 
öfter wiederkehrender antideutscher Demonstrationen auf die öffent- 
liche Meinung, vermag ich nicht so hoch anzuschlagen als — wie mir's 
scheint — Oberstleutnant von Villaume. 

Die ersten Nummern solcher oft nur ein kurzes Dasein fristender 
Blätter pflegen reißend abzugehen, Abonnenten erhalten sie überhaupt 
nicht, und bald liest niemand mehr ihre albernen Phrasen. 

Es muß berücksichtigt werden, daß der Deutschenhaß ein Speku- 
lationsfeld zu persönlichen Zwecken geworden, welches von Politikern, 
Militärs, Schriftstellern und Geschäftsleuten — jeder nach seinen Inter- 
essen — umsomehr ausgebeutet wird, als bekanntlich höchst un- 
bedeutende Persönlichkeiten sich auf diesem Wege zu Stellung, An- 
sehen und Vermögen verholfen haben. 

Größere Beachtung würde erst nötig sein, wenn die Überzeugung 
gewonnen wäre, daß die Regierung oder einzelne Minister, wie z. B. 
Boulanger, treibend dahinter ständen*. 

Der Generalquartiermeister 
Gf. Waldersee 

Nr. 1235 

Der Botschafter in London Graf von Hatzfeldt an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Entzifferung 
Nr. 387 London, den 5. Dezember 1886 

Erlaß Nr. 1009 vom 28.v. Mts.** nebst Anlagen erhalten und gestern 
abend Gelegenheit gehabt, in einer vertraulichen Unterhaltung mit Lord 

* Fürst Bismarck ließ dem Grafen von Waldersee darauf durch den Staatssekretä/" 
des Auswärtigen Amtes schreiben, „daß er die in dieser interessanten Mitteilung 
niedergelegten Ansichten teile". 

** Im Erlaß vom 28. November 1886 hatte Bismarck bemängelt, Lord R. Chur- 
chill habe bei den Erörterungen über eine kriegerische Verwicklung mit Rußland 
und einen sich daraus ergebenden Angriff Frankreichs auf Deutschland noch 
niemals angedeutet, was dieses in solchem Falle von England zu erwarten haben 
würde. Vgl. Bd. IV, Kap. XXV: Verhandlungen über eine Entente zwischen Eng- 
land und Österreich 1886. 

154 



Randolph Churchill Euerer Durchlaucht Diktat vom 27, v. Mts.* in 
geeigneter Weise als meine persönliche Meinung zu verwerten, pp. 

Die Unterhaltung wandte sich nun auf Frankreich und seine vor- 
aussichthche Haltung im Falle eines Krieges zwischen Rußland und 
Österreich. Als ich die Überzeugung aussprach, daß wir dann unter 
allen Umständen einen französischen Angriff zu erwarten ^ und mit 
allen Kräften abzuwehren haben würden, erwiderte mir Lord Ran- 
dolph Churchill, daß er eine Verständigung über die Unterstützung, 
die England uns dabei gewähren könnte, ebenfalls für möglich halte. 
Jedenfalls würde England den Schutz unserer Kolonien gegen etwaige 
Angriffe übernehmen**, pp. Hatzfeldt 

Randbemerkung des Fürsten von Bismarck: 

^ ?? M[eines] E[rachtens] hätte dann eher Frankreich zu fürchten; jedenfalls 
würden wir England vor französlischem] Angriff bewahren können. Wahr- 
scheinlich würde unser Schwert das französ[ischel in der Scheide erhalten. 



Nr. 1236 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept 
Nr. 845 Berlin, den 18. Dezember 1886 

pp. Der Herr Reichskanzler hat aus den Äußerungen des Kaisers 
Franz Joseph*** den Eindruck gewonnen, daß höchstderselbe die Ge- 
fahren eines französischen Krieges und die Stärke der französischen 
Macht erheblich unterschätzt; die französische Armee ist gegenwärtig 
stärker als die unsrige. Um uns mit Sicherheit zu verteidigen, werden 
wir so ziemlich unsere volle Stärke am Rhein gebrauchen und können 
froh sein, wenn das ausreicht. Wir sehen den französischen Krie^ als 
ziemlich nahe bevorstehend an und haben deshalb den Wunsch, den 
gleichzeitigen russischen Krieg nach Möglichkeit zu vermeiden. Es 
ist kein Beweis von Wohlwollen, daß Österreich auf die schwierige 
Lage, in der wir uns unter dem beständigen französischen Alpdruck 
befinden, so wenig Rücksicht nimmt, und daß es trotz des mit großer 
Wahrscheinlichkeit bevorstehenden französischen Krieges uns Vorwürfe 

* Siehe Bd. IV, Nr. 873. 

** Diese vagen Versicherungen befriedigten den Fürsten von Bismarck nicht. Am 
11. Dezember schrieb der Staatssekretär Graf Herbert von Bismarck im Auftrage 
des Kanzlers an Hatzfeld: „Daß Lord R. Churchill eine Verständigung über die 
Unterstützung, die England uns etwa gegen Frankreich gewähren könnte, für 
möglich hält, ist gewiß erfreulich, wenn damit auch nicht mehr gesagt ist, als was 
jedem Zeitungsleser einleuchtet: Etwas naiv klingt nur die Versicherung, daß 
England den Schutz unserer Kolonien gegen Angriffe übernehmen würde! Das 
Schicksal unserer Schutzgebiete bei einem französisch-deutschen Kriege wird nie- 
mals zur See, sondern lediglich durch unsere Landarmee entschieden werden". 
*** Vgl. Bd.V, Kap. XXXII, Nr. 1025, Fußnote. 

155 



macht, weil wir den Krieg mit Rußland zu vermeiden suchen. Unsere 
beiderseitigen Interessen weisen uns darauf hin, uns gegenseitig zu 
unterstützen, im Fall einer von uns angegriffen werden sollte, aber 
doch auch alles zu tun, was möglich ist, um einen solchen Fall zu 
verhindern. Nach unserer Schätzung der Wehrkräfte würde der gleich- 
zeitige Kampf der beiden österreichisch-deutschen Kaiserreiche gegen 
Frankreich und Rußland immer ein schwieriger, sogar ein ungleicher 
sein, und in der bulgarischen Frage liegt absolut kein Äquivalent für die 
Opfer, die ein solcher Krieg fordern würde, pp. 

H. Bismarck 

Nr. 1237 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Staatssekretär des 
Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck* 

Privatbrief. Abschrift 
Ganz vertraulich Paris, den 20. Dezember 1886 

pp. Nach allem, was ich höre aus Deutschland und namentlich von 
Berlin, erwartet man den Krieg mit einiger Sicherheit zum Frühjahr^; 
worauf basiert das? Ich vermute, hauptsächlich auf den Verhandlungen 
in Kommission und Reichstag**? 

Hier ist die Stimmung der Republikaner und, wie ich von gut 
unterrichteten Seiten höre, in der Provinz entschieden friedlich. 

Gestern besuchte mich Courcel, behauptete dies auch, sagte dabei, 
man werde aber besorgt, und werde vielfach die Ansicht verbreitet, 
als ob Deutschland entschlossen sei, Frankreich im Frühjahr anzugreifen. 
Er habe dem entschieden widersprochen und habe viel nachgeforscht, 
woher diese Gerüchte kommen 2. Ich brachte ihn schließlich so weit, 
daß er mir zugab, diese Gerüchte kämen nach seiner Überzeugung von 
russischer Seite. Es seien jetzt zahllose weibliche und männliche 
russische Agenten hier. Er sagt, man werde hier die Russen gegen 
England benutzen, man werde sich aber auf eine Offensiv- und Defensiv- 
allianz nicht einlassen. Die Allianz zwischen Republik und Autokraten 
erinnert mich immer an eine Menagerie, die ich in Bonn sah, wo ein 
Tiger eine Löwin gedeckt hatte. Der Menageriebesitzer bemerkte dazu, 
diese Tiere begatten sich nicht aus Liebe, sondern aus reiner Bosheit. 
So würde es mit den beiden Bestien Ruski und Franzuski auch sein. 
Boulanger ist nicht so gefährlich s, als bei uns angenommen wird. Er 
ist eine Persönlichkeit, mit der allerdings zu rechnen ist, und den wir 



* Ein anderer Teil des Briefes ist bereits in Nr. 1208 abgedruckt. 
** Dem Reichstage war bei seinem Zusammentritt (25. November 1886) eine Miii- 
tiirvorlage zugegangen, durch die, unter ausdrücklichem Hinweis auf den wesent- 
lichen Vorsprung Frankreichs in der Friedenspräsenzstärke, der eben jetzt durch 
eine abermalige Erhöhung des Mannschaftsbestandes noch vergrößert zu werden 
drohte, auch die deutsche Friedenspräsenzstärke entsprechend erhöht wurde. 

156 



scharf beobachten müssen, zur Diktatur kommt er aber noch lange 
nicht, dazu ist vor allem die Eifersucht der anderen Generale und 
das Mißtrauen der Republikaner zu groß. pp. 

(gez.) Münster 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

^ Nicht nothwendig; aber er kann jederzeit, auch vor Ostern ausbrechen, weil 
die Franzosen mit ihrem Latein der Republik zu Ende sind; aus Verlegen- 
heit werden sie losbrechen. Die halben Milliarden Anleihen, Franken ufnd} 
Rubel* sind durch laufende Bedürfnisse nicht erfordert. 

2 sie sind über 10 Jahre alt ulndj der permanente Vorwand für gesteigerte Rü- 
stungen. 

3 er ist ein „Zünder" für die Explosion, vielleicht ohne sie zu wollen, aber er 
macht sie leichter. 

Nr. 1238 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 326 Paris, den 21. Dezember 1886 

Das jetzige Kabinett** versichert auf das bestimmteste, daß es vor 
allem den Frieden erhalten wolle, und alle Äußerungen mir gegenüber, 
sowohl die des Ministers des Äußeren Flourens wie auch anderer 
maßgebender PersönUchkeiten betonen diese friedlichen Absichten in 
allen Tonarten. 

Ich würde an und für sich solchen Versicherungen nur sehr ge- 
ringen Wert beilegen, wenn ich nicht überzeugt davon wäre, daß sie 
deshalb aufrichtig gemeint sind, weil diese sehr schwache Regierung 
bei der jetzigen Stimmung in Frankreich nicht imstande wäre, eine 
kriegerische Politik zu führen, Sie würde weder in den Kammern 
noch im Lande die Unterstützung finden, die sie dazu haben müßte i. 

Ich habe schon in früheren Berichten darauf hingewiesen, daß der 
Chauvinismus und das Schreien nach „Revanche" nicht mehr den An- 
klang wie früher findet 2. 

Die Mihtärvorlage im Reichstage und die Debatten im Reichstage 
selbst und in der Militärkommission*** haben einen ganz anderen Ein- 
druck hervorgebracht, als die Chauvinisten erwarteten und wünschten. 
Die Stimmung ist eine andere geworden, und die Befürchtung, daß 
Frankreich von Deutschland aus angegriffen werden könnte, fängt an 
überall durchzudringen. 

* Sowohl in Frankreich wie in Rußland waren im Herbst 1886 von den Kriegs- 
ministern sehr hohe Kredite zu militärischen Zwecken in Anspruch genommen 
worden. 

** Mitte Dezember war an die Stelle des Ministeriums Freycinet das Kabinett 
Goblet mit Flourens als Minister des Äußern getreten. Boulanger verblieb auch 
unter der neuen Regierung als Kriegsminister. 
*** Vgl. darüber Schultheß' Europäischer Geschichtskalender Jahrg. 1886, S. 178 ff. 

157 



Dabei zeigt sich aber deutlich, daß das Vertrauen in die eigene 
Widerstandsfähigkeit und die eigene Armee ein viel geringeres ist, als 
die Franzosen selbst zugestehen mögen. Die Chauvinisten ändern ihre 
Sprache und wollen jetzt den Ruf um Rache durch den Ruf: das Vater- 
land ist in Gefahr, die Deutschen wollen uns überfallen, ersetzen. Die 
russischen geheimen Agenten unterstützen sie dabei und hetzen in 
diesem Sinne in der Presse und in der Gesellschaft. 

Die Popularität des General Boulanger und die Unterstützung, die 
er auch bei allen Parteien in der Kammer findet, kommt nicht daher, 
daß General Boulanger als der Mann angesehen wird, welcher jetzt 
Krieg wollte und die französische Armee zum Siege führen könnte. Er 
wird aber für den Mann gehalten, der die Mängel der Armee verbessern 
kann, und dem man Zeit lassen muß, um seine Organisationspläne in 
den Kammern zu vertreten und selbst durchzuführen. 

Deshalb mußte der Präsident und Herr Goblet Herrn Boulanger 
in das neue Kabinett mit aufnehmen. 

Durch die Vermehrung der deutschen Armee sind die Franzosen 
notwendigerweise an die Mängel ihrer Armee erinnert worden, und es 
wird auch im Parlamente dem General Boulanger leichter als jedem 
andern, Bewilligungen für die Armee durchzusetzen. 

Daß General Boulanger und, wie ich auch nachträglich gehört habe, 
der Marineminister Aube ihren Wiedereintritt an die Bedingung knüpften, 
daß das Kabinett die außerordentlichen Kredite von 360 Millionen für 
das Kriegsministerium und 150 Millionen für die Marine sofort nach Zu- 
sammentritt des Parlaments vorlegen und kräftig unterstützen solle, 
war natürlich. Der jetzige Moment ist besonders günstig, und sie und 
das Kabinett können mit Hinweisung auf die vermehrte Wehrkraft 
Deutschlands die Billigung des Parlaments erwarten. 

Diese großen Summen, die in Frage kommen, werden trotz ihrer 
Höhe lieber beantragt und leichter bewilligt, als stehende Budget- 
positionen. Bei den vielen Lieferungen und Anschaffungen, die eine 
solche Vermehrung des Materials mit sich bringt, fällt mancher nicht 
ganz erlaubte Verdienst für Beamte und selbst Parlamentsmitglieder 
ab. Außerdem lassen sich dadurch viele Wahlen beeinflussen. 

Wie jetzt die Verhältnisse noch liegen, ist General Boulanger ganz 
zufrieden, wenn er sich die Stellung als Kriegsminister erhalten kann. 
Es ist unbedingt die beste und einflußreichste Stellung in Frankreich, 
wenn man nicht Präsident der Republik ist. An einen Staatsstreich, der 
ihm zur Diktatur verhelfen könnte, kann er nicht ernstlich denken 2. 
Dazu kann er die Armee noch nicht bringen. Das Mißtrauen und die 
Eifersucht der älteren Generäle machen das unmöglich. Er weiß recht 
gut, daß, solange General Saussier Gouverneur von Paris ist, die 
Truppen treu zum Präsidenten und zur Republik halten würden. Weil 
er das weiß, versuchte er den General Saussier zu entfernen, was ihm 
bekanntlich mißlang. 

158 



Ein Staatsstreich zur Einsetzung der Monarchie wäre möglich, 
wenn es nur einen tüchtigen Prätendenten in Frankreich gäbe und 
dieser einen Mann wie Boulanger und einen großen Teil der Armee 
für sich gewönne. Ein solcher Prätendent existiert aber nicht, und ein 
Säbelregiment läßt sich nur nach einem siegreichen Kriege oder nach 
einer blutigen Revolution denken. Dann gehört aber noch ein ganz 
anderer Mann dazu, als General Boulanger zu sein scheint. 

Ein Wort des bekannten Spaniers Herrn Castelar* erzählte mir ein 
uns sehr bekannter französischer Diplomat, welches nicht geradezu 
schmeichelhaft, aber bezeichnend für die Stimmung, die viele hier über 
General Boulanger haben. Herr Castelar, der hier überhaupt sehr ge- 
feiert wurde, saß bei einem Diner bei General Boulanger, und als er 
nach Tisch gefragt wurde, wie dieser ihm gefallen habe, erwiderte er: 
„Ich habe geglaubt, einen ausgezeichneten französischen General zu 
finden und habe nur einen spanischen General gefunden, wie wir leider 
deren so viele haben." 

General Boulanger, der alles tut, um die Aufmerksamkeit auf sich 
zu ziehen, mußte sich anfänglich auch auf die Chauvinisten stützen und 
ihnen schmeicheln. Er mußte sich kriegerischer stellen als er ist. Nach 
allem, was ich sehe und höre auch von solchen, die ihn gut kennen, 
will er den Krieg mit Deutschland nicht und fürchtet ihn. Er kennt 
die Mängel der französischen Armee zu gut und er weiß außerdem, 
daß man ihm doch nicht das Kommando der Armee im Felde und 
das Oberkommando lassen würde, und daß er, wenn der Feldzug un- 
glückHch ausfallen würde, die Verantwortung als Kriegsminister doch 
mit tragen würde, pp. Münster 

Bemerkung des Fürsten von Bismarck am Kopf des Schriftstücks: 

Optimist. 
Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Wie lange kann das dauern? 

2 ? 

Nr. 1239 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Staatssekretär des 
Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck 

Privatbrief. Abschrift 

Paris, den 30. Dezember 1886 

Ich danke sehr für Ihre freundlichen Zeilen aus Friedrichsruh. 

Auf die Gefahr hin, für einen Optimisten zu gelten, der ich aber 

den Franzosen und der RepubHk gegenüber gewiß nicht bin, kann ich 

nicht die Meinung teilen, daß die Republik am Ende ist, und daß sie 

daran denkt, Deutschland anzugreifen. Die Angst vor dem Kriege ist 



• Emilio Castelar, früherer spanischer Ministerpräsident, Führer der Opposition 
in den Cortes. 

159 



hier sehr groß, und es findet sich kein Minister, der die Kriegsfackel 
entzünden und das Revanchegeschrei loslassen möchte, am allerwenig- 
sten Boulanger, der jetzt vor allem nur sucht, Kriegsminister zu bleiben, 
und der sich, da Freycinet und die Opportunisten jetzt mehr Aussicht 
haben, wieder an das Ruder zu kommen, nicht mehr ganz sicher fühlt. 
Meine Ansichten über die hiesige Stimmung werden von allen Mit- 
gliedern des diplomatischen Korps ohne Ausnahme und von allen mit 
der Presse in Verbindung stehenden Deutschen, auch von allen deut- 
schen hiesigen Kaufleuten, die bisher alle den Chauvinismus so sehr 
fürchteten, geteilt. 

Pourtales hat nun doch auch Gelegenheit gehabt, sich ein Urteil 
über die hiesigen Verhältnisse zu bilden, er wird es Ihnen noch besser 
sagen können, als es sich schreiben läßt, wie die Franzosen, gerade 
die früher feindlichsten, jetzt denken. 

Nicht allein, daß die Republik, die so noch recht lange fortleben 
kann, trotz der schlechten Finanzen, trotz der vielen traurigen Verhält- 
nisse, bestimmt keinen Angriffskrieg macht, — ich glaube sogar sicher, 
daß selbst bei einem Kriege im Osten sie alles aufbieten würde, um 
erst neutral zu bleiben. Daß das umschlagen kann, daß das Unvorher- 
gesehene plötzlich Überraschungen bringen kann, und daß wir hier 
die Augen offen halten müssen, weiß niemand besser als ich, und daß 
mir Franzosen zuwider sind wie die ganze Republik, und ich mich 
nicht durch sie^ bestechen lasse, können Sie glauben und können 
auch annehmen, daß ich doch die Verhältnisse hier besser beurteilen 
kann, als das von weitem und durch die stets gefärbte Brille der 
Presse möglich ist. Ein Krieg mit Frankreich könnte, wie jetzt die 
Verhältnisse liegen, nur von uns ausgehen, und es würde einer sehr 
starken Provokation bedürfen, um die Franzosen dazu zu bringen, pp. 

(gez.) Münster 

Randbemerkung des Grafen von Bismarck: 
i Durch Redensarten 



Nr. 1240 
Der Botschafter in Paris Gral Münster an Kaiser Wilhelm I. 

Ausfertigung 
Nr. 339 Paris, den 30. Dezember 1886 

Euere Majestät wollen mir huldreichst gestatten, meine allerunter- 
tänigsten, treuesten und aufrichtigsten Glückwünsche beim Jahres- 
wechsel auszusprechen. Gott erhalte uns Euere Majestät! 

Euere Majestät wünschen vor allem die Erhaltung des Friedens, 
und so freue ich mich. Euerer Majestät melden zu können, daß hier 
eine durchaus friedliche Strömung das Land durchweht i. 

Jetzt, wo durch die Rüstungen in allen Ländern 2, durch die 

160 



orientalischen Verwickelungen der Ausbruch eines Krieges möglich 
und näher gerückt erscheint 3, müßte es sich zeigen, ob der Ruf nach 
Rache, ob das Kriegsgeschrei der Chauvinisten, die Hetzereien eines 
Deroulede und Genossen wirklich Widerhall im Volke findet*. 

Es hat sich deutlich gezeigt, daß dem nicht so ist^ und so hat 
sich Herr Deroulede im ünmute und bitter klagend über den mangeln- 
den Patriotismus seiner Landsleute grollend auf das Land zurück- 
gezogen. Bei seiner Abschiedsrede sagte er, er wolle es dem General 
Boulanger überlassen, die Fahne des Vaterlandes hoch zu halten. 
General Boulanger aber hat seine Sprache sehr geändert '^ und benutzt 
jetzt jede Gelegenheit, um sich friedlich zu zeigen. , 

Die jetzige Friedensliebe der Franzosen kommt nicht daher, daß 
etwa die Niederlagen verschmerzt wären, und der seit dem Kriege 
künstlich genährte Haß gegen die Deutschen ist gewiß nicht ver- 
schwunden '. 

Die Erkenntnis, daß der Friede für Frankreich notwendig ist, 
glaube ich auf folgende Gründe zurückführen zu dürfen. 

Die finanziellen Kräfte des Landes sind durch die schlechte Finanz- 
verwaltung der Republik so erschöpft », daß ein Krieg eine finanzielle 
Katastrophe zur Folge haben könnte. 

Die Republikaner 9 wissen, daß der Anfang des Krieges der An- 
fang des Endes der Republik sein würde. Sie wissen, daß eine Nieder- 
lage, und auf diese rechnen sie selbst mehr als auf Siege, zu der 
fürchterlichsten Anarchie" führen könnte, und wissen ferner, daß ein 
siegreicher Krieg lo der Diktatur oder Monarchie die Wege ebnen würde. 
Diese Eventualitäten fürchten die Republikaner naturgemäß. 

Was die Armee betrifft, so ist das Vertrauen zu ihr im Volke 
gering, und in ihr selbst herrscht, nach allem, was ich sehe und höre, 
kein kriegerischer Geist. 

Die allgemeine Dienstpflicht hat hier ganz anders gewirkt als in 
Deutschland. Der jetzige Franzose hat kein Vaterlandsgefühl n im 
höheren Sinne, kein Pflichtgefühl wie der Deutsche. Der Soldat wird 
nicht gut behandelt, hat keine Freude an seiner wenig kleidsamen 12 
Uniform, wird, da alles durch Kontrakte geschieht, schlecht verpflegt, 
schlecht ernährt. Jeder Rekrut geht ungern unter die Fahnen i3, und, 
wie mir selbst französische Offiziere gesagt haben, die meisten 
Soldaten warten mit Ungeduld auf den Augenblick, wo sie die Uniform 
wieder ausziehen können 1*. 

Jeder sucht sich dem Dienste zu entziehen i^, und ich weiß, daß 
hier die Befürchtung besteht, daß bei einer Mobilmachung für den Krieg 
ein großer Teil der eingezogenen Reserven ausbleiben würde. Ein 
französischer aktiver General hat einem meiner Kollegen gegenüber ge- 
äußert, daß bei einem ausbrechenden Kriege mindestens 50000 Mann 
sich nichi stellen würden. „Nous aurons en cas de guerre au moins 
cinquante mille refractairesi^." Ob das richtig ist, vermag ich nicht 

11 Die Große Politik. 6. Bd. 161 



zu beurteilen, daß aber ein französischer General einem Fremden gegen- 
über eine solche Eventualität als möglich hinstellt, ist ein bedeutsames 
Zeichen 1'^. 

Die Idee der Revanche verblaßt i» mit der Zeit, und die Nach- 
richten, namentlich aus dem Elsaß, gehen immer mehr dahin, daß es 
den Elsassern materiell sehr gut geht, und daß die Sympathien der 
Elsasser für Frankreich abgenommen haben. Selbst der bekannte Bischof 
von Angers, Freppel, ein geborener Elsasser, der bisher die Rolle des 
französischen Patrioten gespielt hat, äußert jetzt seinen intimen Be- 
kannten gegenüber, daß er zu seinem Schmerze eingestehen müsse, 
daß die Stimmung im Elsaß immer mehr deutsch werde, und die El- 
sasser selbst den jetzigen Zustand ihres Landes mit den französischen 
Zuständen verglichen. Materiell gehe es ihnen besser, ihre Fabriken 
gingen gut, sie hätten eine autonome Regierung, wie sie dieselbe unter 
Frankreich niemals hatten, der Klerus sei gut behandelt und zufrieden, 
Fürst Hohenlohe sei im ganzen Lande sehr beliebt. Man dürfe, so 
endete Bischof Freppel sein Gespräch, im Falle des Krieges leider 
nicht mehr auf die Hilfe der Elsasser rechnen. 

Der allgemeine Eindruck der jetzigen Stimmung ist der der Be- 
sorgnis, selbst der Furcht vor dem Kriege i^. Der friedliche Ton der 
Presse aller Parteien bestätigt das. 

Vielfach wird angenommen, daß diese friedliche Sprache darauf 
berechnet sei, die Annahme der Militärvorlagen im deutschen Reichs- 
tage zu erschweren. Etwas mag das dazu beitragen, viel aber nicht, 
weil hier im allgemeinen an der Annahme der Vorlage nicht gezweifelt 
wird. 

Wie jetzt die Lage und die Stimmung hier ist, kann ich nicht daran 
glauben, daß wir von dieser Seite Krieg zu erwarten haben. 

Daß bei einem so erregbaren Volke diese Stimmung sich wenden 
kann, und daß wir hier die Augen offen halten müssen, bin ich mir 
wohl bewußt, und Euere Majestät können sich fest darauf verlassen, 
daß das geschieht. -Münster 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 ? 

2 Für oder gegen Fr[an]kr[ei]ch? 

3 ? durchaus nicht 

* das ist garnicht nöthig; die Bewegungen sind in Frankreich stets von energischen 

Minoritäten gemacht worden. 
5 wie kommt es denn daß keine französfische] Zeltung es wagt ihre Leser zu 

belehren? 
8 aber auch seine Gesinnung? 
^ das reicht hin 

8 u[ndj doch wird jede Anleihe leicht realisirt, vielleicht in Hoffnung auf deutsche 
Milliarden. 

9 wer ist das? Boulanger? 

^0 oder die Aussicht auf einen solchen 

11 ! wollte Gott alle Deutschen hätten den französischen Durchschnitt davon! 

162 



18 I 

*' wohl überall im Frieden. 
** andre nicht? 
^5 überall! 

" das war schon unter Nap[oleon] I. der Fall, u[nd] doch — 
'' doch nicht; viel eher die Überschätzung davon. 
^8 noch nicht 

1» wohl nicht bloß in Frankreich; jede Nation zieht den Frieden vor; ilirc 
Leiter aber nicht immer; 



Nr. 1241 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. in Friedrichsruh, 
an den Botschafter in Paris Grafen Münster 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen zu Rantzau 

Nr. 4 Friedrichsruh, den 4. Januar 1887 

Euerer pp. Immediatbericht Nr. 339* vom 30. v. Mts. ist mir hier 
zugegangen, und erlaube ich mir, bevor ich denselben Seiner Majestät 
unterbreite, die nachstehenden Bemerkungen über seinen Inhalt. 

Wenn Seine Majestät und die verbündeten Regierungen die darin 
von Ew. pp. entwickelten Ansichten teilten, so würde die Reichsregie- 
rung kaum in der Lage sein, die von ihr gemachte Militärvorlage mit 
Überzeugung vor dem Reichstage zu vertreten und aufrechtzuerhalten. 
Euere pp. treten, indem Sie Seiner Majestät dem Kaiser direkt eine so 
eingehende und nachdrückliche Darlegung Ihrer Überzeugung von den 
friedlichen Absichten Frankreichs und seiner Regierung unterbreiten, 
der Politik entgegen, zu welcher die Verbündeten Regierungen sich 
durch die neueste Militärvorlage amtlich und öffentlich bekannt haben. 
Euere pp. werden darüber selbst nicht im Zweifel sein können, wenn 
Sie einen Augenblick die Fiktion zulassen wollen, daß Ihr Bericht vom 
30. V. Mts. in die Öffentlichkeit gelangte. Er würde von Seiten der ge- 
samten demokratischen und ultramontanen Opposition nicht ohne Er- 
folg zu dem Zwecke der Bekämpfung der Vorlage der Verbündeten 
RegierungeiJ ausgebeutet werden, und die Vertreter der letztern würden 
in die Notwendigkeit gesetzt sein, dem Reichstage so gut wie möglich 
darzulegen, daß der Kaiserliche Botschafter in Paris sich im Irrtum 
befinde. 

Wenn Ew. pp. unsre Besorgnisse vor französischen Friedens- 
störungen für unbegründet halten, so wäre es mir lieber gewesen, wenn 
Sie Ihre Auffassung zunächst mir in vertraulicher Form mitgeteilt und 
mir überlassen hätten, Ihre von den meinigen abweichenden Ansichten 
Seiner Majestät dem Kaiser zu unterbreiten, oder sie Ihnen gegenüber 
zu diskutieren. Euere pp. haben vorgezogen, für Ihre Mitteilung die 



* Siehe Nr. 1240. 

„. 163 



Form des Immediatberichtes zu wählen, welche bei allen unsern 
diplomatischen Vertretern für ihre persönlichen Glückwünsche aller- 
dings üblich ist, aber nicht für Darlegungen von politischen Meinungs- 
verschiedenheiten, die so tief greifen, wie die Frage, ob wir von Seiten 
Frankreichs in der nächsten Zukunft einer friedlichen Haltung sicher 
sind. Durch die von Euerer pp. gewählte Form der Berichterstattung 
werde ich in die Notwendigkeit versetzt, meine von der Ihrigen ab- 
weichende Ansicht, für welche allein ich die mir obliegende Verant- 
wortlichkeit übernehmen kann, Seiner Majestät dem Kaiser gegenüber 
dadurch zu motivieren, daß ich Euerer pp. Immediatbericht in seinen 
einzelnen Punkten kritisiere und nach besten Kräften widerlege. Ich 
bin überzeugt, daß es nicht Euerer pp. Absicht gewesen ist, diese Si- 
tuation herbeizuführen, aber doch in der Notwendigkeit, Ihre noch- 
malige Erwägung über die Frage zu erbitten, ob ich Ihren Bericht 
Seiner Majestät dem Kaiser in Verbindung mit meiner abweichenden 
Überzeugung vortragen soll. 

Ich zweifele nicht daran, daß die gegenwärtige Regierung in Frank- 
reich friedlich gestimmt ist und absichtlich keine Händel mit uns suchen 
wird. Daraus aber möchte ich doch nicht schließen, daß, wie Euere pp. 
anführen, eine durchaus friedliche Strömung das Land durchweht. Ich 
gebe gern zu, daß dem französischen Volk, wie jedem anderen, der 
Krieg an sich als ein Übel und nicht minder der Kriegsdienst im Frieden 
als eine Unannehmlichkeit erscheint. Es ist dies aber unter dem Kaiser- 
reich nicht weniger der Fall gewesen wie heute, und dennoch hat das- 
selbe trotz seiner Erklärung „L'empire c'est la paix" den Krimkrieg, 
den italienischen, den chinesischen, den mexikanischen und den deut- 
schen Krieg in ununterbrochener Folge geführt und geglaubt, sich damit 
im Inlande zu befestigen. Frankreichs Pohtik hat jederzeit unter dem 
Impulse einer oft auffällig geringen, aber energischen Minorität ge- 
standen. Daß die Unterlage für die Einwirkung einer solchen auch in 
diesem Augenblicke vorhanden ist, gibt Euerer pp. Bericht selbst mit 
den Worten zu, daß „die Niederlagen nicht verschmerzt sind und der 
Haß gegen die Deutschen nicht verschwunden ist". Daß General Bou- 
langer seine Sprache geändert hat, beweist noch nicht, daß seine Ge- 
sinnung und seine Pläne andre sind wie früher. Es ist nicht anzu- 
nehmen, daß dieser ehrgeizige Kriegsminister in den letzten Wochen 
innerlich ein andrer geworden sei. Es ist höchstens zu vermuten, daß 
seit einiger Zeit Gründe eingetreten oder ihm und anderen bekannt 
geworden sind, welche den Moment zum Losschlagen noch nicht als 
einen günstigen erscheinen lassen. Welches Gewicht kann die von 
mir nicht angezweifelte friedUche Gesinnung der Mitglieder der gegen- 
wärtigen Regierung für uns haben, sobald sie aufhören am Ruder zu 
sein.-^ und wie schnell dies der Fall sein kann, beweist am besten die 
jüngste Wendung mit Herrn von Freycinet und die Beibehaltung des 
Generals Boulanger, dessen seitdem geänderte Sprache ich Jür ebenso- 

164 



wenig aufrichtig halte, wie die Verstimmung von Deroulede und Ge- 
nossen. 

Die finanziellen Kräfte des Landes mögen der Erschöpfung ent- 
gegengehen, aber sie sind nicht erschöpft; das beweist die Bereit- 
willigkeit der Franzosen, jede Anleihe zu überzeichnen, und außerdem 
würde die Erschöpfung, wenn sie einträte, schwerlich dazu führen, 
durch friedliebende Sparsamkeit einen Ausweg aus der Verlegenheit 
zu suchen, sondern das Räsonnement viel näher liegen, mit welchem 
Graf Larioche 1866 meine letzten friedlichen Versuche beantwortete: 
daß Österreich in 6 Wochen entweder einige hundert Millionen preußi- 
scher Kontribution oder einen anständigen Vorwand zum Bankerott 
haben müsse. Daß der Anfang des Krieges das Ende der Republik 
sein werde, ist möglich; aber die Leidenschaften sind stärker, als die 
Berechnungen, — und ebenso möglich ist, daß noch vor Ausbruch des 
Krieges eine Militärdiktatur eintreten kann, welche ihre Rechtfertigung 
und ihre Befestigung in den Chancen des Krieges sucht. Ob das Ver- 
trauen des Volkes zur Armee groß oder gering ist, würde eine solche 
Regierung, die den Krieg braucht, um sich zu erhalten, nicht irre 
machen, ich würde es sogar erklärlich finden, wenn einsichtige Fran- 
zosen den Krieg mit uns grade um deshalb wünschten, weil sie darin 
ein Heilmittel für die Zerfahrenheit und Zerrissenheit ihrer inneren Zu- 
stände erblicken. 

Das von Euerer pp. angezweifelte Vaterlandsgefühl der Franzosen 
würde, sobald Frankreich im Kriege ist, sich zu gleicher Höhe ent- 
wickeln, wie bei allen analogen Vorkommnissen der französischen Ge- 
schichte. Ich wünschte, die Überlegenheit der Deutschen im Vaterlands- 
gefühl, welche Euere pp. entsprechend Ihrer eigenen Gesinnung bei 
Ihren Landsleuten voraussetzen, bestände in Wahrheit; dann würden 
aber Reichstagsmajoritäten, wie unsere jetzigen, nicht möglich sein. 

Die Abneigung gegen den Kriegsdienst im Frieden möchte ich als 
Symptom des mangelnden Patriotismus bei den Franzosen doch nicht 
ansehen: Die Erscheinung, daß der Rekrut ungern die Heimat ver- 
läßt, und der Soldat sich freut, wenn er entlassen wird, wiederholt 
sich im Friedensdienst in allen Ländern. Die Masse der refractaires ist 
zu keiner Zeit größer gewesen als gegen das Ende des ersten Kaiser- 
reiches, und doch hat sich nie eine Nation hartnäckiger geschlagen und 
gewehrt, als die Franzosen von 1813 und 14. 

Daß die Idee der Revanche bereits verblasse, halte ich für einen 
Irrtum, der durch friedliebende Leute, denen es wohl geht, durch höf- 
liche Beamte und berechnete Lügner Euerer pp. gegenüber bekräftigt 
werden kann; aber aus der gesamten französischen Presse läßt sich 
nicht entnehmen, daß Zeitungen Aussicht hätten, ihre Abonnenten zu 
behalten, wenn sie ihre Spalten der Empfehlung der Freundschaft mit 
uns und der Bekämpfung des Chauvinismus aufrichtig widmen wollten. 

Nach meiner vorstehend dargelegten Überzeugung bin ich nicht 

165 



imstande, Seiner Majestät dem Kaiser die Auffassung, welche Euerer pp. 
Immediatbericht vom 30. v. Mts. zugrunde liegt, als eine zutreffende zu 
bezeichnen, und befinde mich in der Notwendigkeit, ihr mit der vollen 
Überzeugung, die ich aus meiner Verantwortlichkeit für die aller- 
höchstenorts zu treffenden Entschließungen schöpfe, entgegenzutreten. 
Euere pp. wollen mich daher mit Nachricht versehen, ob Sie die 
Vorlage Ihres Berichtes bei Seiner Majestät dem Kaiser dennoch wün- 
schen*. Ich habe zwar als verantwortlicher Minister keine Verpflich- 
tung, bei Seiner Majestät dem Kaiser Auffassungen, die den meinigen 
entgegenstehn, innerhalb meines Ressorts zum Vortrage zu bringen; 
ich würde mich aber nicht entschheßen, Seiner Majestät ein direktes 
Schreiben Ew. pp. ohne Ihre Zustimmung vorzuenthalten. 

V. Bismarck 

Nr. 1242 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Geschäftsträger 
in Paris Grafen von Leyden 

Konzept 
Nr. 24 Berlin, den 22. Januar 1887 

Geheim [abgegangen am 23. Januar] 

Ew. pp. erhalten beifolgend als Bestärkung der durch die Zei- 
tungen bereits bekannten Nachrichten** ein Schreiben des Ministers May- 
bach*** vom 18. und zwei Berichte von reichsländischen Oberförstern 
vom 5. resp. 9. d. Mts., alle auf französische Holzankäufe bezüglich. 
Es steht hiernach fest, daß seitens französischer Händler außergewöhn- 
liche Massen von Brettern mit kurzer Lieferungsfrist bestellt worden 
sind. Dagegen besteht noch keine Gewißheit hinsichtlich der Angabe, 
daß jene Bestellungen im Auftrage der französischen Regierung erfolgt 
seien, und daß an unsrer Grenze eine Truppenkonzentration von 
solcher Stärke beabsichtigt wird, daß sie in den vorhandenen Räum- 
lichkeiten nicht untergebracht werden kann. 

Ferner geht uns von beachtenswerter Seite die Mitteilung zu, daß 
in Deutschland sehr bedeutende Bestellungen der zur Herstellung ,von 
MeUnit erforderlichen Pikrinsäure gemacht worden sind. Wegen der 
beschränkten Verwendbarkeit des Stoffes würde der Beweis, daß die 
französische Regierung mit den Bestellungen in Zusammenhang ist, 
in diesem Falle vielleicht noch eher als bei den Bretterbestellungen für 
erbracht zu erachten sein. 



* Graf Münster verzichtete, laut Privatbrief an Fürst Bismarck vom 6. Januar, 
auf die Vorlage seines Immediatberichtes. 

** U. a. hatte das „Berliner Tageblatt" am 18. Januar gemeldet, daß Frankreich 
zum Frühjahr bedeutende Truppenmassen an seiner östlichen Grenze zusammen- 
zuziehen gedenke und deshalb in der Gegend von St. Die und Nancy große 
Barackenbauten plane. 
*** Preußischer Minister der öffentlichen Arbeiten. 

166 



Ew. pp. ersuche ich, in Verbindung mit den Herrn Militärattaches 
zu prüfen, ob und welche Anzeichen dafür sprechen, daß die Holz- 
und Pikrinbestellungen von der französischen Regierung ausgehen. 

Die Kaiserliche Regierung ist mit der Erwägung beschäftigt, ob 
es sich empfiehlt, die französische Regierung auf das Bedenkliche von 
Maßnahmen aufmerksam zu machen, welche geeignet sind, die Völker 
über den bei beiden Regierungen unzweifelhaft vorhandenen Wunsch 
nach Erhaltung des Friedens irrezuleiten. 

Zunächst wollen Ew. pp. jedoch bei Ihren Erkundigungen jeden 
amtlichen oder selbst nur auffälligen Schritt vermeiden. 

v. Bismarck 

Nr. 1243 

Der Geschäftsträger in Paris Graf von Leyden an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 34 Paris, den 27. Januar 1887 

In vorläufiger Erledigung des hohen Erlasses vom 22. d. Mts. Nr. 24*, 
die französischen Holzankäufe und Bestellungen von Pikrinsäure be- 
treffend, beehre ich mich. Euerer Durchlaucht einen Artikel des „Figaro" 
vom 6. d. Mts., „La Melinite", beifolgend gehorsamst zu überreichen, 
in welchem zugegeben wird, daß die bezüglichen Ankäufe von Schwefel- 
äther in Deutschland stattgefunden haben. Einen Artikel der ,,France" 
aus derselben Zeit, in welchem, der Gewohnheit dieses Blattes zufolge, 
die Bevorzugung der fremden Industrie in dieser Sache gerügt wird, 
habe ich mir nicht mehr verschaffen können. 

Was die Bretterbestellungen betrifft, so wird, nachdem die Ent- 
hüllungen deutscher Blätter die hiesige Aufmerksamkeit auf die Sache 
gelenkt haben, in dem beifolgenden Ausschnitte aus dem heutigen 
„Temps" in offiziöser Form zugegeben, daß in fast allen Qarnison- 
städteni Baracken für die Unterbringung der Reservisten und der Leute 
der Territorialarmee errichtet werden sollen. Es wird hinzugefügt, 
daß im Zusammenhange damit Truppenkonzentrationen an der Ost- 
grenze nicht beabsichtigt seien. Eine noch unbestätigte Nachricht lautet 
ferner dahin, daß ein Teil der projektierten Barackenbauten zur Er- 
weiterung gewisser Bahnhöfe bestimmt sei, welche sich zu Manöver- 
zeiten 2 für den Truppenverkehr als zu klein erwiesen hätten. Endlich 
erwähne ich gehorsamst einer ebenfalls noch unerwiesenen Angabe, 
daß nämlich ein großer Teil der in Deutschland bestellten Bretter vom 
Ausstellungskomitee für 1889 angekauft werde, dessen Arbeiten dem- 
nächst mit der Umfriedung des Platzes beginnen sollen. Über letzteren 
Punkt hoffe ich in ein paar Tagen Aufklärung erhalten zu haben 3. 



* Siehe Nr. 1242. 

167 



Die beiden Herren Militärattaches, welche der Angelegenheit gegen- 
wärtig ihre ernste Aufmerksamkeit zuwenden, befinden sich heute noch 
nicht in der Lage, Euerer Durchlaucht über das Resultat ihrer Er- 
kundigungen gehorsamst berichten zu können*. 

GrafLeyden 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Das ist nicht wahr; nur an der Gränze 

2 an der Gränze? 

3 Lieferungsprämie von 100 frfanjcs pro Tag vor u[nd] Strafen von 1000 pro 
Tag nach dem 15. März 87. alles Schwindel. 



Nr. 1244 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen zu Rantzau 

Nr. 65 Berlin, den 31. Januar 1887 

Antwort auf Bericht Nr. 48 vom 23. Januar. 

Wie der Herr Reichskanzler es in seiner großen Reichstagsrede** 
deutlich ausgesprochen hat, beabsichtigen wir nicht, den Krieg mit 
Frankreich unsererseits zu beginnen oder zu provozieren. Bis zu An- 
fang vorigen Jahres haben wir auch nicht befürchtet, daß dies von 
Frankreich aus geschehen würde. Seitdem aber General Boulanger 



* Am 2. Februar übersandte Botschafter Graf Münster des weiteren ein Com- 
munique des Kriegsministers Boulanger, wonach die erwähnten Barackenbauten sich 
infolge des gesundheitsschädlichen Zustandes der Kasematten in den neuerrich- 
teten Forts an der Ostgrenze als notwendig erwiesen hätten. Schon vorher hatte 
die französische Regierung Gelegenheit genommen, durch den französischen Bot- 
schafter dem Fürsten Bismarck unter lebhaften Friedensbeteuerungen Aufklärungen 
über die Holzankäufe zu erteilen, welche Kriegsminister Boulanger angeordnet 
hatte, ohne den französischen Ministerrat davon in Kenntnis zu setzen! G. Pages, 
L'Hegemonie allemande im Rapport de la Commission d'Enquete sur les faits de 
la Guerre Vol. I (1919) p. 226. Deutscherseits gab man sich mit diesen Auf- 
klärungen zufrieden. 

** Gemeint ist die große Reichstagsrede des Fürsten von Bismarck zur Militär- 
vorlage vom 11. Januar 1887, in der er sich ausführlich über die deutsch-franzö- 
sischen Beziehungen ausließ. Mit aller Entschiedenheit betonte der Kanzler bei 
diesem Anlaß: „Wir werden Frankreich nicht angreifen, unter keinen Umständen". 
Auch erklärte er, festes Vertrauen zu den friedlichen Gesinnungen der gegen- 
wärtigen französischen Regierung zu haben. Aber Fürst Bismarck bekannte sich 
doch zu der Ansicht, „daß der historische Prozeß, der seit drei Jahrhunderten 
zwischen uns und Frankreich schwebt, nicht beendigt ist, und daß wir darauf 
vorbereitet sein müssen, ihn von französischer Seite fortgesetzt zu sehen." Ja, 
Fürst Bismarck sprach es offen aus: „Nach meiner Überzeugung haben wir einen 
Krieg zu fürchten durch den Angriff Frankreichs, ob in 10 Tagen oder in 10 Jahren, 
das ist eine Frage, die ich nicht entscheiden kann, das hängt ganz ab von der 

168 



mehr in den Vordergrund getreten ist, trauen wir dem Frieden nicht 
mehr, sondern glauben, daß Boulanger, wenn er vielleicht früher, als 
ihm lieb wäre, sei es als Präsident der .Republik, sei es als Conseils- 
präsident, an die Spitze der Geschäfte gelangen sollte, zum Kriege 
gezwungen sein würde, um sein Prestige zu retten und die Gefahr 
der Lächerlichkeit zu vermeiden. 

H. Bismarck 

Nr. 1245 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler Fürsten 

von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 36 Paris, den 2. Februar 1887 

Bei meiner Rückkehr habe ich die Stimmung insofern verändert 
gefunden, als sie eine ängstlichere und gedrücktere geworden ist, und 
man die Möglichkeit eines baldigen Krieges mehr vor Augen hat. 

Die leitenden Kreise wollen nach wie vor den Krieg nicht, und 
im ganzen bewahrten Presse und Pariser Publikum bisher eine ziem- 
liche Ruhe. Die Nachrichten über militärische Maßregeln und die 
Haltung eines Teils der deutschen Presse, das Weichen der Kurse und 
der schlechte Stand der Börse fangen aber jetzt an, sehr zu beunruhigen. 
Ich sah diesen Morgen Herrn von Freycinet, der mir über die 
allgemeine Besorgnis und Beunruhigung sprach, dabei aber entschieden 
betonte, daß er doch noch fest hoffe und glaube, daß der Krieg ver- 
mieden werden könne. Er sagte, er habe gestern ein vertrauliches 
Schreiben des Herrn Herbette erhalten. Der Botschafter habe sich sehr 
anerkennend und befriedigt über sein Gespräch mit Euerer Durch- 
laucht* geäußert und seine Überzeugung, daß der Friede erhalten 
bleiben werde, bestimmt ausgesprochen. 



Dauer der Regierung, die gerade in Frankreich ist. — Es ist an jedem Tage mög- 
lich, daß eine französische Regierung ans Ruder kommt, deren ganze Politik 
darauf berechnet ist, von dem feu sacre zu leben, das jetzt so sorgfältig unter 
der Asche unterhalten wird. Darüber können mich auch keine friedlichen Ver- 
sicherungen, keine Reden und Redensarten vollständig beruhigen". In Paris nahm 
man die Rede Bismarcks, die so deutlich den festen Entschluß bekundete, unter 
keinen Umständen Frankreich anzugreifen, gut auf; vgl. die Äußerungen des 
französischen JWinisters des Auswärtigen Flourens vom 14. Januar 1887 bei George 
Pagfes, L'Hegemonie allemande, im Rapport de la Commission d'Enquete sur les 
faits de la Guerre Vol. I (1Q19), p. 225. 

* Nach dem Berichte Herbettes über diese Unterredung (Rapport de la Commission 
d'Enquete sur les faits de la Guerre Vol. I [191Q1, p. 227), hätte Bismarck in ihr 
von neuem zu wiederholten Malen erklärt, „que l'Allemagne desirait la paix et 
n'attaquerait pas". Aber er hätte hinzugefügt: „Ce que j'apprehends, c'est l'avenc- 
ment comme President du Conseil ou comme President de la Republique du 
General Boulanger. Dans ce cas, ce serait la guerre ä breve echeance". 

169 



Herr von Freycinet brachte darauf selbst das Gespräch auf General 
Boulanger, indem er alles das, was in der letzten Zeit über Äußerungen, 
die er über den General und die Rede Euerer Durchlaucht gemacht 
haben sollte, als tendenziöse Lügen bezeichnete. 

Er erkannte an, daß diese Persönlichkeit eine Gefahr sei, und be- 
dauerte, daß durch die Wichtigkeit, die ihm von der deutschen und 
einem Teil der französischen Presse beigelegt vk^urde, es schwieriger 
geworden sei, ihn loszuwerden. 

General Boulanger wolle entschieden den Krieg nicht, er könne es 
aber nicht lassen, alles, was er tue, als Reklame für sich zu benutzen. 
Er könne nur bei der nächsten Ministerkrisis beseitigt werden, und 
die stehe, nachdem das Budget so gut als angenommen sei, für den 
Augenblick noch nicht in Aussicht, pp. 

Münster 

Nr. 1246 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 66 Wien, den 4. Februar 1887 

Ganz vertraulich 

Gestern abend auf einem Balle, bei welchem der ganze kaiserlich 
österreichische Hof anwesend war, hat mich der Kaiser Franz Joseph 
mit der Frage angeredet: Sagen Sie mir, wollen Sie wirkHch den Krieg 
mit Frankreich? 

Ich habe Seiner Majestät nach Maßgabe meiner Instruktionen* ge- 
antwortet und gesagt, daß wir weder beabsichtigten, diesen Krieg zu 
beginnen, noch ihn zu provozieren. Ich habe aber entwickelt, daß wir 
dem Frieden auf Grund dessen, was in Frankreich vorginge, nicht mehr 
trauen könnten. 

Seine Majestät schienen offenbar anzunehmen, daß wir den Krieg 
nicht würden vermeiden können, und fragten mich, diese Idee weiter 
verfolgend, ob wir Rußlands in diesem Fall ganz sicher wären? Ich 
habe geantwortet, daß ich dies glaubte, aber hinzugesetzt, ich könnte 
nur das wiederholen, was ich seinem Minister im Laufe der letzten 
Monate öfters gesagt hätte, daß nämlich, angesichts der uns drohenden 
Kriegsgefahr, auf welche Euere Durchlaucht stets aufmerksam ge- 
macht hätten, wir dringend wünschen müßten, daß von Seiten unseres 
hohen Verbündeten nichts getan würde, um eine gleiche Kriegsgefahr 
im Osten heraufzubeschwören, weil dadurch die Weltlage sich nur noch 
ungünstiger gestalten würde, pp. 
H. VII. P. Reuß 

* Vgl. Nr. 1236. 
170 



Nr. 1247 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen zu Rantzau 

Nr. 82 Berlin, den 8. Februar 1887 

Vertraulich 

pp. Was die Äußerungen des Kaisers Franz Joseph über die 
deutsch-französischen Beziehungen* anbelangt, so bemerke ich er- 
gebenst, daß die Franzosen nicht nur durch die öffentlichen Reden des 
Herrn Reichskanzlers, sondern auch auf anderem Wege auf das be- 
stimmteste davon unterrichtet sind, daß wir nicht beabsichtigen, den 
Krieg mit Frankreich zu beginnen oder zu provozieren. Eine wirkliche 
Beunruhigung vor einem Angriffe Deutschlands kann also nicht wohl 
vorhanden sein**. Wenn man sich dennoch in Frankreich den An- 
schein einer solchen gibt, so geschieht das nur in der Absicht, daraus 
den Vorwand zu gesteigerten Rüstungen für den französischen Anfall 
auf Deutschland zu nehmen. Sollte es zum Kriege zwischen beiden 
Ländern kommen, so glauben wir nicht, daß Rußland gemeinsame Sache 
mit Frankreich machen werde; die Haltung Rußlands würde aber 
schwerUch eine solche sein, daß wir in der Lage wären, unsere ganze 
Kraft wie im Jahre 1870 gegen Frankreich zu verwenden und dieselbe 
bis zur vollständigen Niederwerfung unseres Gegners auszunutzen. 

H. Bismarck 



Nr. 1248 
Aufzeichnung des Militärattaches in Wien Grafen von Wedel 

Eigenhändig. Vom Grafen von Wedel am 8. Februar mit Privatbrief dem Staats- 
sekretär Grafen von Bismarck übersandt 

Wien, den 1. Februar 1887 

Graf Kälnoky glaubt an einen Krieg zwischen uns und Frankreich, 

er glaubt auch, daß derselbe von militärischer Seite i gewünscht wird, 

weil man ihn auf die Dauer für unvermeidlich halte und daher die 

gerade jetzt für uns günstigen Chancen benutzen möchte. Daß Fürst 



* Vgl. Nr. 1246. 

** Tatsächlicii hat sich eine solche Beunruhigung in Frankreich geltend gemacht. 
Sie fand vor allem in dem Umstand Nahrung, daß durch Kaiserlichen Erlaß vom 
S.Februar 73000 Reservisten auf den T.Februar zu einer zwölf tägigen Übung 
mit dem neuen Magazingewehr einberufen wurden. Der Schriftwechsel zwischen 
dem französischen Außenminister Flourens und dem Botschafter Herbette aus 
diesen Tagen (mitgeteilt von G. Pages im Rapport de la Commission d' Enquete 
sur le faits de la Guerre Vol. I I1Q191, p. 228 f.) zeigt, daß sich die französischen 
Staatsmänner wirklich in einem Zustande nervöser Aufregung befanden. 

171 



Bismarck den Krieg nicht wolle, betont Oraf Kälnoky übrigens auf 
das bestimmteste. Er hält es für unzweckmäßig, daß die deutsche 
Presse Boulangers Bedeutung erhöht 2 und gerade dadurch dessen Sturz 
nur unwahrscheinlicher macht. Der Glaube an den Ausbruch eines 
Krieges sei in fortwährendem Steigen begriffen, und man müsse fürch- 
ten, daß dieser Glaube, in Verbindung mit den zunehmenden Rüstungen 
schHeßHch in den Krieg hineintreiben würde, pp. 

Bei Erwähnung eines Krieges zwischen Deutschland und Frank- 
reich, der zweifellos zu unseren Gunsten ausfallen würde, äußerte Graf 
Kälnoky auch noch, daß Rußland seiner Überzeugung nach ein völliges 
Niederwerfen Frankreichs niemals zugeben, sich vielmehr auf denselben 
Standpunkt stellen werde, welchen Deutschland und Österreich in 
ihren Beziehungen zueinander verträten, den nämlich, daß eine Schä- 
digung Frankreichs als Großmacht nicht Platz greifen dürfe, pp. 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck; 
1 Wer? 
2 ? sie ist vorhanden u[nd] läßt sich nicht todtschweigen 



Nr. 1249 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VIL Reuß 

Konzept 

Nr. 95 Berlin, den 16. Februar 1887 

Der Herr Reichskanzler hat Ew. gefälligen Bericht Nr. 69 vom 
4. er.* mit Interesse gelesen und es als vollkommen korrekt bezeichnet, 
daß Ew. Ihrem russischen Kollegen erklärt haben, wir würden einen 
Krieg niemals aus dem Grunde führen, weil es früher oder später 
wahrscheinlich doch zu einem solchen kommen würde. Niemand kann 
der göttlichen Vorsehung so weit vorgreifen, um dies mit unbedingter 
Sicherheit behaupten zu können, denn es können sich im Laufe der 
Zeiten allerhand unberechenbare Vorfälle ereignen, welche den Aus- 
bruch eines französisch-deutschen Krieges verhindern. Ich erinnere nur 
an die Zeit von 1815—1870, in der wir mit Frankreich in ununter- 



* In seinem Bericht vom 4. Februar 1887 hatte Botschafter Prinz Reuß Äuße- 
rungen seines russischen Kollegen Fürsten Lobanow über das deutsch-französische 
Verhältnis wiedergegeben. Danach sah Fürst Lobanow den Krieg zwischen Deutsch- 
land und Frankreich als unvermeidlich an und hielt es im Interesse Deutschlands 
für angezeigt, diese beklagenswerte Notwendigkeit nicht hinauszuschieben, obwohl 
Deutschland eigentlich bei einem Kriege kaum etwas gewinnen könnte. Die 
Wahrscheinlichkeit eines Krieges, trotz der Friedensbeteuerungen der französischen 
Regierung, leitete Fürst Lobanow daraus ab, daß kein Franzose den Frieden von 
1871 anerkenne, jeder ihn nur als einen Waffenstillstand betrachte, der zu kündigen 
sein würde, sobald man sich stark genug fühlen werde, um Deutschland die ver- 
lorenen Provinzen wieder abzujagen. 

172 



brochenem Frieden gelebt haben, obgleich das Verlangen nach re- 
vanche pour Waterloo im Anfange und während der Mitte dieser Zeit- 
periode gewiß ein sehr lebendiges war. Es ist ferner eine geschicht- 
liche Tatsache, daß die Beziehungen zwischen Frankreich und dem uns 
bei Waterloo verbündeten England unter der ganzen Regierung Louis 
PhiHpps so gespannte waren, daß man während der Dauer derselben 
in jedem Jahre einem Kriege zwischen den beiden genannten Mächten 
entgegensah. Trotzdem ist es nicht zu einem solchen gekommen, son- 
dern die Wechselfälle der Politik haben Frankreich und England sogar 
zu der entente cordiale der 50 er Jahre geführt. 

Es ist allerdings richtig, daß die Zeiten, in denen Frankreich mit 
seinen Nachbarn in Frieden gelebt hat, seit der Konsolidierung des 
französischen Nationalstaats stets von kurzer Dauer gewesen sind. 
Seit der Thronbesteigung des Kaisers Karl V. ist eine längere Friedens- 
pause allein für diejenigen 80 Jahre zu rubrizieren, welche durch 
die französischen Religions- und Bürgerkriege ausgefüllt waren. Nach- 
dem die letzteren durch den Kardinal Richelieu beendet waren, hat 
Frankreich aber seit seiner Einmischung in den 30 jährigen Krieg so oft 
mit Deutschland Händel gesucht, daß die Zeit der Kriegsjahre von 
1633 — 1815 über ein Drittel dieser gesamten Periode ausfüllt. Nach 
der geschichtlichen Erfahrung kann man also wohl in dem Sinne mit 
einer gewissen Berechtigung von der Unvermeidlichkeit der steten 
Wiederkehr französisch-deutscher Konflikte sprechen, daß alle paar 
Dezennien es zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland ge- 
kommen ist. 

Ich will dem Fürsten Lobanow darin gern recht geben, daß die 
jetzige französische Regierung einen Angriff auf Deutschland nicht 
beabsichtigt; die Bewahrung des Friedens liegt zu sehr im Interesse 
der momentan an der Regierung befindlichen zivilistischen Elemente, 
als daß sie denselben preisgeben sollten. Die Herren Grevy, Goblet, 
Flourens etc. wissen genau, daß es mit ihrer Herrschaft zu Ende ist, 
sobald der Kriegszustand proklamiert wird, und daß sie, wie der 
Krieg auch enden möge, keine Aussicht haben, wieder zur Regierung 
zu kommen, sobald ein General das Oberkommando in die Hand ge- 
nommen hat. 

Leider hat der russische Botschafter aber auch vollkommen recht, 
wenn er sagt, daß kein Franzose den Frankfurter Frieden anerkenne, 
und in dieser Tatsache liegt eben die Gefahr für den Fall, daß eine ent- 
schlossene militärische Clique in Paris das Heft in die Hand nimmt. 

Bezüglich der übrigen Bemerkungen des Fürsten Lobanow ver- 
weise ich auf die bezüghche Reichstagsrede des Fürsten Bismarck'', 
in welcher er erklärt hat, daß die Franzosen garnichts besäßen, was 
irgendeinen Reiz für uns haben könnte; ich kann deshalb und aus den 



♦ Vom 11. Januar 1887; vgl. Nr. 1244, Fußnote **. 

173 



oben genannten Gründen seiner Ansicht, daß es eine richtige Politik 
sein würde, wenn wir Frankreich jetzt mit Krieg überzögen, auch nicht 
beipflichten: Der Krieg bleibt immer ein großes Übel, selbst für den 
siegenden Teil. 

Die Äußerung Ihres französischen Kollegen, daß seine Regierung 
von Berlin gerade in letzter Zeit die beruhigendsten Versicherungen er- 
halten hätte, ist vollkommen richtig: es ist darauf aber zu bemerken, 
daß der Kaiserlichen Regierung von der seinigen solche Versicherungen 
nicht gemacht worden sind. 

H. Bismarck 

Nr. 1250 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Militärattache in Wien Grafen von Wedel 

Konzept 

Beriin, den 16. Februar 1887 

Ew. gefälliges Schreiben vom 8. d. Mts. habe ich nebst Anlagen 
mit verbindlichstem Danke erhalten und dem Herrn Reichskanzler vor- 
gelegt. Derselbe hat mich beauftragt, Ihnen auf die vom 1. d. Mts. da- 
tierten Aufzeichnungen über ein Gespräch mit dem Grafen Kälnoky* 
Nachstehendes zu erwidern. 

Der Glaube des Grafen Kälnoky, daß ein Krieg zwischen uns 
und Frankreich von militärischer Seite gewünscht werde, hat inso- 
fern keine für uns greifbare Basis, als nicht ersichtlich ist, welche Per- 
sönlichkeiten der Graf hierbei im Auge hat: das Militärische wird bei 
uns in erster Linie durch Seine Majestät den Kaiser repräsentiert, und 
dieser sowohl wie der Kronprinz sind allen kriegerischen Unterneh- 
mungen abgeneigt. 

Daß Boulangers Bedeutung durch die deutsche Presse erhöht 
werde, kann ich nicht zugeben: diese Bedeutung ist vorhanden und 
läßt sich nicht totschweigen. Der französische Kriegsminister hat es 
auch nach der Meinung seiner urteilsfähigen Landsleute verstanden, sich 
eine Popularität in Frankreich zu erwerben, wie niemand sie dort in 
den letzten 20 Jahren besessen hat. Er ist seinen Kollegen über den 
Kopf gewachsen, und da niemand voraussehen kann, wie schnell er 
an die Spitze der Geschäfte treten wird, so würde es dem Einwiegen in 
eine falsche Sicherheit gleichbedeutend sein, wenn man versuchen wollte, 
den populärsten frahzösischen General zu ignorieren, welcher jederzeit 
in der Lage ist, durch den Appell an den Chauvinismus und die Eitelkeit 
seiner Landsleute dieselben zum Kriege fortzureißen, pp. 

H. Bismarck 

* Siehe Nr. 1248. 
174 



Nr. 1251 

Der stellvertretende Chef des Generalstabes General quartiermeister 
Graf von Waldersee an den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Berlin, den 20. Februar 1887 

Euer Durchlaucht verfehle ich nicht, von nachstehenden, in den 
letzten Tagen zu meiner Kenntnis gekommenen Nachrichten über Kriegs- 
vorbereitungen in Frankreich gehorsamst zu berichten. 

1. Auf der Ost- und Nordbahn w^ird rollendes Material an einzelnen 
Punkten zu größeren Parks vereinigt. 

2. Seit einigen Tagen wird die Überführung von französischen 
Güterwagen nach dem Reichslande auffallend beschränkt; namentlich 
werden Wagen guter Qualität zurückgehalten. 

Diese Nachricht kann mit der ad 1 wohl im Zusammenhange 
stehen. 

3. Auf 2 nach Toul und Nancy führende Bahnen wird je eine Lade- 
rampe für ganze Militärzüge hergestellt, eine Maßregel, die um so 
auffallender ist, als im französischen Aufmarschterrain derartige Rampen 
in großer Zahl bereits vorhanden sind; die volle Bedeutung dieser An- 
lage kann ich erst beurteilen, wenn ich deren genaue Lage erfahren 
haben werde. 

4. Bei Beifort haben Abholzungen der Glacis begonnen, Arbeiten, 
die man bis zum letzten Augenblick zu verschieben pflegt; über den 
Umfang derselben, und ob sie auch auf andere Festungen oder Forts 
ausgedehnt sind, ist mir noch nichts bekannt. 

5. Munitionstransporte in für den Frieden ungewöhnlicher Größe 
sind nach den Festungen der Ostgrenze beobachtet worden. 

Ich halte diese Nachrichten sämtlich für beachtenswert; sie geben 
den Eindruck, daß man in Frankreich den Ausbruch des Krieges für 
nahe hält. 

Daß die Maßregeln der Furcht vor einem überraschenden Los- 
schlagen unsrerseits entsprungen sein können, ist aber sehr wohl 
möglich. 

Besondere Beachtung würde es verdienen, wenn der Baracken- 
bau plötzlich sistiert sein sollte, wie von 2 Holzlieferanten ange- 
geben wird. 

Die Baracken konnten nach Lage und Umfang und Solidität der 
Bauart nur den Zweck haben, eine ansehnliche Truppenzahl aus dem 
Innern des Landes näher an unserer Grenze für längere Zeit unter- 
zubringen, der Kriegführung selbst können sie nicht dienen; wird der 
Bau eingestellt, so ist die Annahme immerhin zulässig, daß man den 
Ausbruch des Krieges für nahe hält. Der General-Quartiermeister 

G f. Waldersee 

175 



Nr. 1252 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler Fürsten 

von Bismarck 

Ausfertigung 
fsjr 58 Paris, den 23. Februar 1887 

Am vorigen Sonnabend sollen ziemlich heftige Verhandlungen zwi- 
schen General Boulanger und seinen Kollegen im Ministerrate, dem 
Präsident Orevy präsidierte, stattgefunden haben. Es wird das strengste 
Geheimnis bewahrt und ist nichts darüber in die Presse gedrungen. 

General Boulanger verlangte nämlich die Vorlage eines Kriegs- 
leistungsgesetzes, indem er näher darlegte, daß bei einer etwaigen 
Mobilmachung jede gesetzüche Grundlage fehle, und er nicht glaube, 
daß die fehlenden Bestimmungen durch einfache Dekrete erlassen 
werden könnten. 

Sollte es zum Kriege kommen, so sei ein solches Gesetz durchaus 
notwendig. Aber auch für den Fall, daß, wie er es beabsichtige, eine 
versuchsweise Mobilmachung angeordnet werden sollte, würde die 
gesetzliche Regelung über die Verpflichtungen zu Leistungen notwendig 
werden. 

Es wurde im Ministerrate anerkannt, daß in Beziehung auf Kriegs- 
leistung die französische Gesetzgebung Lücken enthalte und ergänzt 
werden müsse. Alle Mitglieder des Kabinettes sollen aber dem Präsi- 
denten Grevy, der sich sehr energisch gegen General Boulanger aus- 
sprach, darin beigetreten sein, daß sie erklärten, daß der jetzige Augen- 
blick zur Vorlage eines solchen Gesetzes schlecht gewählt sei, indem 
dieselbe als eine Vorbereitung zum Kriege angesehen und Debatten 
dadurch veranlaßt werden könnten. Im Interesse des Friedens liege es, 
dieses zu vermeiden. 

General Boulanger blieb mit seinem Vorschlage allein und soll 
in sehr schlechter Laune den Ministerrat verlassen haben. 

Es zeigt dieser Vorfall, daß der Präsident und die Mitglieder des 
Kabinetts aufrichtig die Erhaltung des Friedens und alles vermeiden 
wollen, was als eine kriegerische Maßregel gedeutet werden könnte. 

,Wie bei dem Konflikte mit Herrn Flourens wegen des Briefes 
an den Kaiser von Rußland*, so auch jetzt hofften die Kollegen des 
General Boulanger, daß, heftig wie er ist, er in schlechter Laune seinen 
Abschied einreichen würde. Er tut ihnen aber diesen Gefallen nicht 
und wird nicht anders als bei einer völligen Ministerkrisis beseitigt 
werden. 



* Der französische Minister des Auswärtigen Flourens hatte Mitte Februar wegen 
der dem Kriegsminister Boulanger nachgesagten Absicht, sich mit einem Briefe 
an den russischen Kaiser zu wenden, ein Abschiedsgesuch eingereicht, das er 
jedoch auf Andringen des Präsidenten Grevy zurückzog. (Bericht des Grafen 
Münster vom 8. Februar 1887.) 



176 



Wann und ob eine solche bald kommen wird, läßt bei den hiesigen 
Verhältnissen sich nicht im voraus sagen. 

Ich habe in diesen Tagen aber wiederholt behaupten hören, daß 
nächste Woche eine Krisis möglich sei, und die Kornzölle dazu den 
Anlaß bieten könnten. 

Münster 

Nr. 1253 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Botschafter 
in Petersburg von Schweinitz 

Konzept 
Nr. 152 Berlin, den 25. Februar 1887 

Ew. geheimen Bericht Nr. 62 vom 21,d. Mts.* habe ich erhalten. 
Wenn Sie wieder eine Gelegenheit finden, die Frage der Großmachts- 
stellung Frankreichs mit russischen Staatsmännern zu besprechen, so 
können Sie letztere über unsere Stellung zu derselben vollkommen be- 
ruhigen. Wir haben einmal durchaus kein Bedürfnis, Frankreich an- 
zugreifen; wenn wir aber bei einem Angriffe Frankreichs auf uns 
siegreich bleiben sollten, so irrt Herr von Giers, wenn er annimmt, 
daß wir nicht das gleiche Interesse an der Aufrechterhaltung von Frank- 
reichs Großmachtstellung haben, wie Rußland. Frankreichs Fortbe- 
stehen als Großmacht ist für uns ebenso Bedürfnis, wie das jeder 
andern der Großmächte, allein schon aus dem Grunde, weil wir für ge- 
wisse Fälle eines maritimen Gegengewichtes zur See gegen England be- 
dürfen. Bei der naheUegenden Möghchkeit der Wiederkehr einer radikalen 
Regierung in England liegt auch der Lieblingsgedanke des Herrn Glad- 
stone, d.h. ein russisch-englisches Bündnis, nicht außerhalb unserer Er- 
wägungen. Schon mit Rücksicht auf diese Eventualität liegt die Fort- 
existenz Frankreichs als Großmacht innerhalb der Erwägungen jeder deut- 
schen Politik, die mit einem längern Zeitraum als dem der momentanen 
Konstellation zu rechnen hat. Es ist ein Bedürfnis der deutschen 
PoHtik, wenigstens mit einer der großen westlichen Seemächte, wenn 
es mit beiden nicht geht, auf freundschaftHchem Fuße zu stehen; da 
dies für jetzt mit Frankreich nicht möglich ist, welches durch die Haltung 
der russischen Presse in eine besonders feindselige Stimmung gegen 
Deutschland hineingehetzt wird, so sind wir gegenwärtig auf Eng- 
land angewiesen; es kann sich das aber bald ändern, und es ist sehr 
gut denkbar, daß unsere Beziehungen zu Frankreich in kurzer Zeit 
noch intimer werden, als sie selbst zur Zeit des Herrn Ferry waren. 
Die russische Annahme, als ob wir Frankreichs Großmachtsstellung 
dauernd vernichten wollten, ist also eine kurzsichtige; wir brauchen 



* In seinem Berichte vom 21. Februar war Botschafter von Schweinitz darauf zu 
sprechen gekommen, daß die russischen Staatsmänner den Fortbestand Frank- 
reichs als Großmacht als im russischen Interesse liegend erachteten. 

12 Die Große Politik. 6. Bd. 1 77 



Frankreich in den politischen Konstellationen nach Umständen sogar 
mehr, als Rußland desselben zu bedürfen glaubt. Wenn wir von 
Frankreich angegriffen würden und siegten, so würden wir doch nicht 
an die Möglichkeit glauben, eine Nation von 40 Millionen Europäern 
von der Begabung und dem Selbstgefühl wie die Franzosen ver- 
nichten zu können. Es ist das drei großen Reichen im Osten seit 100 
Jahren nicht einmal mit der im Vergleich mit der französischen so 
unbedeutenden polnischen Nationalität gelungen, obschon in der letz- 
tern der in Frankreich fehlende Zwiespalt zwischen Adel und Bauern 
die Aufgabe leichter erscheinen läßt. Wir würden deshalb den aus- 
sichtslosen Versuch, Frankreich als Macht zu vernichten, niemals unter- 
nehmen. Wenn aber Frankreich jedenfalls stark bleibt oder nach kurzer 
Erholung wieder wird, so daß wir mit seiner Nachbarschaft stets zu 
rechnen haben, so wird sich im nächsten Kriege, wenn wir siegen, 
eine schonende Behandlung empfehlen, grade wie Österreich gegen- 
über 1866. Wenn ich im Reichstage anders gesprochen habe, so ge- 
schah es, um vom Kriege abzuschrecken. Gehngt letzteres nicht, so 
würden wir nach der ersten gewonnenen Schlacht Frankreich unter 
günstigen Bedingungen den Frieden bieten. Würden wir geschlagen, 
so läßt sich kaum annehmen, daß der russischen Politik das geogra- 
phische Näherrücken der siegreichen französischen Republik sehr will- 
kommen sein könne. 

Ich glaube, daß ein so besonnener und kaltblütiger Staatsmann 
wie Herr von Giers diese Erwägungen würdigen wird, wenn Ew. 
dieselben akademisch mit ihm besprechen. 

V. Bismarck 

Nr. 1254 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den preußischen Gesandten beim Päpstlichen Stuhl von Schlözer 

Konzept 
Nr. 76 Berlin, den 5. März 1887 

Der Herr Reichskanzler hat Ew. gefälligen Bericht Nr. 33 vom 
26. V. Mts.*, den französischen Gedanken einer päpstlichen Vermittelung 
betreffend, erhalten und bittet Sie, sich, falls die Sache Ihnen gegenüber 
von autoritativer Seite angeregt werden sollte, in dem Sinne zu äußern, 
daß wir sehr dankbar sein würden für jede Mitwirkung zur Erhaltung 
des Friedens auf dem Status quo; wir glaubten aber nicht, bei 
Frankreich dieselben Dispositionen voraussetzen zu können, sondern 
vermuteten vielmehr, daß dieses hoffe und glaube, wir würden uns bereit 

* Nach Schlözers Bericht vom 26. Februar 1887 wären an den Papst verschiedent- 
lich französische Anregungen herangetreten, er möge eine Allianz zwischen Deutsch- 
land und Frankreich herbeizuführen suchen. 

178 



finden lassen, den Frieden mit ihm durch irgendwelche Konzession 
zu erkaufen. Eine solche Möglichkeit auch nur zu erwägen, würde 
schon früher bei der in Deutschland herrschenden Stimmung sehr 
schwierig gewesen sein; nachdem aber jetzt seit dem Hervortreten des 
Ministers Boulanger und seiner offenen Begünstigung der Bestrebungen 
der Patriotenliga die Kriegsgefahr in frivoler Weise uns näher gerückt 
worden ist, liegt die absolute Unmöglichkeit vor, auf irgendeine Trans- 
aktion einzugehen, welche uns auch nur die geringste Konzession zu- 
muten würde. Wenn der Gedanke, von dem Ihr erwähnter Bericht 
handelt, wirklich Gestalt gewinnen sollte, so kann ihm nur der Plan 
zugrunde liegen, dem Papste nach einer gelungenen Mediation eine 
mißlungene mit Deutschland zu obtrudieren, indem man es etwa darauf 
anlegt, den Papst zu bewegen, uns irgendeine kleine Abtretung oder 
vielleicht die Neutralisierung eines bestimmten Teils des deutschen 
Reiches vorzuschlagen. Der Herr Reichskanzler glaubt zwar, daß der 
Papst viel zu klug ist, sich in dieser Richtung eine Falle von Frankreich 
stellen zu lassen; sollten Sie aber trotzdem davon hören, daß etwa 
beabsichtigt würde, einen solchen Versuch zu machen, so ersuche ich 
Ew., denselben als eine Intrige zu bezeichnen, welche nur bestimmt 
wäre, Verstimmungen zw^ischen uns und dem Papste zu schaffen. 

H. Bismarck 

Nr. 1255 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Paris Grafen Münster 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 
Nr. 82 Berlin, den 10. März 1887 

Es Hegen Anzeichen vor, daß die Franzosen in neuester Zeit die 
deutsche PoHtik durch Einschüchterung beeinflussen, d. h. an der Aus- 
führung der uns fälschlich zugeschriebenen Absicht, offensiv gegen 
Frankreich vorzugehen, und zunächst an der Verstärkung der Orenz- 
besatzungen hindern möchten. 

In letzterer Hinsicht läßt man durch angebliche Indiskretionen 
aus dem Kriegsministerium die Nachricht hierhergelangen, daß der 
General Boulanger, dessen Einfluß heute mächtiger, dessen Stellung 
stärker sei als je, mit oder ohne Zustimmung der andern Minister 
jede unsrer Maßnahmen durch Gegenmaßnahmen beantworten, und 
daß man so von Schritt zu Schritt unvermeidlich zum Kriege ge- 
langen werde. Da die für Verstärkung unsrer Verteidigungsstellung 
getroffenen Dispositionen demnächst zur Ausführung gelangen, so 
werden wir in naher Zukunft darüber klar sein, ob seine geheimen 
Drohungen einen realen Hintergrund hatten oder nicht. Vorläufig 
vermuten wir letzteres. Soweit es sich um die Eventualität eines 
deutschen Offensivstoßes gegen Frankreich handelt, wird die Probe 

12* 179 



auf das Exempel nicht gemacht werden, da ein solcher Schritt, wie 
Ew. wissen, nicht beabsichtigt wird. 

Ew. wollen bei den Ihnen zugehenden Nachrichten von sen- 
sationeller Färbung die Möglichkeit ins Auge fassen, daß dieselben auf 
Einschüchterung berechnet sind, wobei ich jedoch ausdrücklich be- 
merke, daß ich den russischen Wunsch, eine nähere Fühlung mit Frank- 
reich herzustellen, als wirklich vorhanden ansehe. Fraglich bleibt nur, 
wieweit das offizielle Rußland, d.h. der Kaiser Alexander, sich 
bei Manifestationen dieser Art beteiligt. 

H. Bismarck 

Nr. 1256 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept 
Nr. 159 Berlin, den 19. März 1887 

[abgegangen am 20, März] 
Ew. pp. gefällige Berichte Nr. 127 und 128* hat der Herr Reichs- 
kanzler erhalten. Aus beiden geht zum Erstaunen Seiner Durchlaucht 
hervor, daß man in Österreich wirklich den ganz unglaublichen Ge- 
danken gehabt zu haben scheint, als ob wir die Absicht hätten, Frank- 
reich anzufallen. Es ist schwer zu erklären, wie ernsthafte österreichische 
Staatsmänner und Politiker auf solche Idee haben kommen können, denn 
es ist nicht der geringste Grund ersichtlich, aus welchem wir gegen 
Frankreich Krieg führen sollten. Die Sache ist vielmehr die, daß die 
Orleans zum Kriege hetzen; bedroht ist Frankreich von niemand, 
und am allerwenigsten von uns. Allein die Tatsache, daß wir das Elsaß 
besitzen und nicht erst zu erobern brauchen, spricht dafür, daß uns 
an einem Friedensbruche nichts Hegen kann. Wir haben von Frank- 
reich absolut nichts zu gewinnen, es besitzt nichts, was uns reizen 
könnte, und daß es bei uns Leute geben sollte, die aus reiner Frivolität 
unsern 90 jährigen Kaiser noch in einen leichtsinnigen Krieg stürzen 
wollten, ist ein für den Herrn Reichskanzler unfaßbarer Gedanke. Der 
Herr Reichskanzler kann in den Ihnen in Wien gegenüber getretenen 

* In den beiden Berichten Nr. 127 und 128 vom 11. März 1887 hatte Botschafter 
Prinz Reuß Äußerungen des Grafen Kälnoky wiedergegeben, wonach in Wien vor 
einigen Wochen die Ansicht sehr verbreitet gewesen wäre, „als wolle Deutsch- 
land, des Revanchegeschreis in Frankreich und der daraus liervorgehenden be- 
ständigen Unsicherheit müde, den ihm jetzt günstigen Augenblick benutzen, um 
den ihm unbequemen Nachbar auf eine längere Reihe von Jahren zur Ruhe 
zu bringen". Nach Kälnoky sollte diese Ansicht „auch in der deutschen militäri- 
schen Welt sehr gewichtige Vertreter gefunden haben". An dem Wiener Gerede 
scheint vor allem auch der russische Botschafter Fürst Lobanow beteiligt gewesen 
zu sein, der seine eigenen Argumentationen (vgl. S. 172, Fußnote) dem Grafen 
Kälnoky unterschob. Erlaß an Schweinitz vom 13. März 1887. 

180 



diesbezüglichen Ansichten nur einen Mangel an Urteil erblicken, wel- 
cher entweder auf der eigenen Beschränktheit der Betreffenden be- 
ruhen muß oder darauf, daß ein hoher Grad von Torheit in der Leitung 
unserer Politik vorausgesetzt wird; es ist dies insofern erschreckend, 
als es unsere poHtischen Berechnungen, welche sich doch auf das Vor- 
handensein einer gewissen Einsicht in Wien gründen müssen, ganz 
unsicher macht. Es ist dem Fürsten Bismarck unbegreiflich, welche 
Idee die hier in Frage kommenden österreichischen Politiker sich von 
unserem Bündnis mit Österreich machen, wenn sie glauben, daß wir 
ohne jeden vorgängigen Gedankenaustausch und ohne jede Rückfrage 
bei unserm Bundesgenossen einen großen und schweren Krieg vom 
Zaune brechen könnten; wir würden ja gar nicht in der Lage 
sein, unser Bündnis ausführen und Österreich, falls es angegriffen 
wird, irgendwie stützen zu können, wenn wir gegen Frankreich zu 
Felde zögen und dadurch unsere gesamte Kriegsmacht engagierten. 
Die Ausrede mit den Absichten der supponierten hiesigen Militär- 
partei erscheint dem Herrn Reichskanzler sehr naiv; es gibt bei uns 
keine Militärpartei, sondern höchstens einzelne Offiziere, welche ge- 
legentlich von ihrer kriegerischen Bereitwilligkeit sprechen mögen. Wenn 
man in dem Sinne, wie es Ihnen gegenüber geschehen ist, vom Ein- 
flüsse einer „Militärpartei" sprechen wollte, so würden sämtliche großen 
europäischen Staaten unaufhörlich dicht vor dem Kriege stehen, denn 
die Mehrzahl des Militärs rasselt überall gern mit dem Säbel, wenn sie es 
auch vielfach nur unter der Gewißheit tut, daß der Friede nicht ge- 
brochen werden wird. 

Der Herr Reichskanzler bittet Ew. pp., allen denjenigen, die Ihnen 
über unsere angebliche Kriegslust und von der imaginären deutschen 
Militärpartei gesprochen haben, den Ausdruck Ihrer Verwunderung dar- 
über nicht vorenthalten zu wollen, daß man auf diese Torheit, welche auf 
uns einen betrübenden Eindruck machen muß, hat kommen können. 

In der ganzen Ihnen gegenüber zum Ausdruck gekommenen Argu- 
mentierung liegt eine vollkommen unrichtige Auffassung der franzö- 
sichen Verhältnisse. Die Franzosen bemänteln ihre ununterbrochenen 
und enormen Rüstungen mit dem von ihnen selbst nicht geglaubten Vor- 
wand, daß wir sie angreifen würden; diese Rüstungen dienen lediglich 
Angriffszwecken ; sie sollen die französische Armee der unsern über- 
legen machen, damit Frankreich alle Chancen des Erfolges auf seiner 
Seite hat, sobald es den Moment für den Angriff auf uns für ge- 
kommen hält. 

Daß unsere Gegner den Sachverhalt im Sinne der altbekannten 
Fabel des Phädrus von dem Wolf und dem Lamm umdrehen und uns 
in bewußter Verlogenheit aggressive Absichten imputieren, ist natür- 
lich. Daß aber unsere Freunde in Wien sich soweit haben verblenden 
lassen können, jenen Unterstellungen auch nur für eine kurze Zeit 
Glauben beizumessen, ist sehr niederschlagend. Es zeigt das eine 

181 



gewisse Neigung, uns immer das Dümmste zuzutrauen, was eine Re- 
gierung nur begehen kann, und es ist das umsoweniger verständlicii, 
als wir niciit glauben, für eine solche Beurteilung greifbare Anhalts- 
punkte gegeben zu haben. 

Ew. wollen die vorstehenden Ausführungen als lediglich für Ihre 
persönliche Information bestimmt ansehen. 

H. Bismarck 

Nr. 1257 

Der Geschäftsträger in Paris Graf von Leyden an das Auswärtige Amt 

Telegramm. Entzifferung 
Nr. 55 Paris, den 22. April 1887 

„Temps** meldete gestern abend, französischer Polizeikommissar 
Schnäbele aus Pagny sei über die Grenze gelockt, überfallen und ge- 
knebelt nach Metz eingebracht worden*, und — auf der Börse fiel die 
Rente um 60 Centimes. 

Bei einer Abendgesellschaft im Ministerium der Auswärtigen An- 
gelegenheiten fand ich die Stimmung in Regierungskreisen wegen 
dieses Vorfalles besorgt, man bezweifelte die Richtigkeit der Nachricht, 
erwartete aber mit Ungeduld Aufklärung des Sachverhalts. Im Mini- 
sterium des Innern war die Sache auch seit gestern Nachmittag von 
der Grenze gemeldet worden. Leyden 

Nr. 1258 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Geschäftsträger 
in Paris Grafen von Leyden 

Telegramm. Konzept von der Hand des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck 
Nr. 40 Berlin, den 22. April 1887 

Telegramm Nr. 55 erhalten. 

Ich bitte Herrn Flourens vertraulich zu sagen, daß ich nicht wüßte, 
unter welchen Modalitäten die Festnahme Schnäbeies stattgefunden, 
und Erkundigungen darüber angeordnet hätte: es sei aber Tatsache, daß 

* Am 11. Februar 1887 vi^ar ein in Straßburg wohnender Agent Tobias Klein 
wegen des Verdachts des Landesverrats verhaftet worden. Bei seiner Vernehmung 
vor dem Untersuchungsrichter in Straßburg belastete er den französischen Polizei- 
kommissar Schnäbele derart, daß der Richter laut eines Berichts des Staats- 
sekretärs des Reichsjustizamts Schelling an den Reichskanzler vom 11. März „es 
für dringlich erachtete, den Polizeikommissar von Tausch mit dem Auftrage 
nach Metz zu schicken, auf Schnäbele zu fahnden und ihn im Betretungsfalle zu 
verhaften". Wie Schelling dem Fürsten Bismarck mitteilte, glaubte er seinerseits 
in die Maßnahmen des Untersuchungsrichters nicht eingreifen zu sollen. Auch 
Bismarck sah, wie er Schelling am 12. März erwiderte, „vom politischen Stand- 
punkte aus kein Hindernis dagegen", Schnäbele zu verhaften, sobald er etwa 
auf deutschem Boden betroffen werde, und die Voruntersuchung gegen ihn einzu- 
leiten. Die Verhaftung erfolgte am 20. April, gelegentlich eines von dem deutschen 
Polizeikommissar Qautsch aus Ars mit Schnäbele wegen Grenzstreitigkeiten ver- 

182 



schriftliche Beweise wegen Beteiligung Schnäbeies an landesverräteri- 
schen Umtrieben im Reichslande vorliegen, und seine auf gerichtliche 
Requisition erfolgte Verhaftung sei deshalb vollständig gerechtfertigt. 
Die Franzosen können es uns nicht verdenken, daß wir uns gegen 
Spionage und Konspirationen an unseren Grenzen nachdrücklich wehren, 

V. Bismarck 

Nr. 1259 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Geschäftsträger 
in Paris Grafen von Leyden 

Telegramm. Konzept 
Nr. 41 Berlin, den 22. April 1887 

Die Verhaftung Schnäbeies ist infolge der Geständnisse eines wegen 
Landesverrats in Untersuchung befindlichen Spions durch den Unter- 
suchungsrichter für den Fall der Betretung Schnäbeies auf deutschem 
Gebiete schon länger angeordnet gewesen und jetzt zur Ausführung 
gelangt. Schnäbele wird sofort in Freiheit gesetzt werden, wenn die 
schwebende Untersuchung seine Unschuld ergibt. Teilen Sie das Herrn 
Flourens vorläufig vertraulich mit. 

V. Bismarck 

Nr. 1260 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Geschäftsträger 
in Paris Grafen von Leyden 

Telegramm. Eigenhändiges Konzept 
Nr. 47 Berlin, den 24. April 1887 

Antwort auf Telegramm Nr. 60*. 

Machen Sie gelegentlich noch geltend, daß die Reichsregirung in 
der ganzen Sache unbetheiligt ist, da der ganze Vorgang auf der Initiative 

abredeten Rendezvous an der Grenze, jedoch auf deutschem Boden, was von 
französischer Seite erst bestritten, später aber von Schnäbele selbst zugegeben 
wurde. Nicht ganz sicher steht fest, ob Schnäbele durch Oautsch mit Absicht 
in einen Hinterhalt gelockt ist. Anfänglich hat Qautsch selbst in diesem Sinne 
berichtet; später hat er aber einen solchen Zusammenhang bestritten; auch Kri- 
minalkommissar von Tausch, der durch seine Beamten die Verhaftung vorgenommen 
hatte, hat wiederholt erklärt (u. a. in einem Berichte vom 6. Mai), daß er nur zu- 
fällig von dem zwischen Qautsch und Schnäbele verabredeten Rendevous er- 
fahren, und daß Qautsch von der beabsichtigten Verhaftung nichts gewußt habe. 
Für Bismarck genügte, wie die folgenden Aktenstücke lehren, die Tatsache, daß 
Schnäbele bei Gelegenheit einer mit einem deutschen Beamten in Grenzsachen 
verabredeten Zusammenkunft verhaftet war, um die Freilassung zu befehlen. 
* In dem Telegramm Nr. 60 vom 24. April hatte der Geschäftsträger Graf von 
Leyden berichtet, daß der Minister Flourens und die allgemeine Stimmung in 
Paris, die erst hochgradig aufgeregt gewesen war, und vor allem an dem dem 
Polizeikommissar Schnäbele angeblich gelegten Hinterhalt Anstoß genommen hatte, 
„bedeutend zuversichtlicher seit gestern Abend auf Nachricht der Erklärungen 
Eurer Durchlaucht" geworden sei. 

183 



der dortigen Gerichte, in Anknüpfung an eine bei ihnen schwebende 
Untersuchung erfolgt ist. Sollten Mißgriffe dabei vorgekommen sein, 
so würde ich sie lebhaft bedauern und mißbilligen. 

V. Bismarck 

Nr. 1261 
Der Geschäftsträger in Paris Graf von Leyden an das Auswärtige Amt 

Telegramm. Entzifferung 
Nr, 61 Paris, den 24. April 1887 

Herr Flourens, dem ich soeben die Aufträge von Telegramm Nr. 44 
und 45* entrichtet habe, zeigte mir zwei im Schreibtisch Schnäbeies 
gefundene Briefe von Gautsch vom 13. und 16. April, welche allerdings 
Beweis zu erbringen scheinen, daß guet-apens vorliegt. Beide Briefe 
sind noch unveröffentlicht und gehen in Photographie Herrn Herbette zu. 

Über Grenzverletzungsfrage erwartet Minister Aufklärung durch 
Vergleichung der Protokolle. Er scheint aber sehr besorgt über Ein- 
druck der beiden Briefe auf öffentliche Meinung und weist daraufhin, 
daß Frankreich eben an Belgien französischen Militärpfhchtigen wieder 
ausgeliefert habe, welcher durch List über die Grenze gelockt worden 
sei. Minister bedauert es lebhaft, wenn Beteiligung Schnäbeies an 
Verschwörung im Reichsland vorliegt. 

Leyden 

Nr. 1262 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 
Herbert von Bismarck 

Eigenhändig 

Berhn, den 25. April 1887 
Der französische Botschafter übergab mir heute die anliegenden 
Piecen** mit dem Bemerken, es ginge daraus zweifellos i hervor, daß 
Schnäbeies Festnahme auf französischem Gebiet erfolgt sei 2. Ich er- 
widerte, daß unsere bisherigen Nachrichten gegenteilig lauteten: Ich 
würde die Anlagen aber sorgfältig prüfen und demnächst mit der Dar- 

* In den Telegrammen Nr. 44 und 45 vom 23. April war Graf Leyden benachrichtigt 
worden, daß nach der gerichtlichen Zeugenvernehmung die Verhaftung Schnäbeies 
wirklich auf deutschem Boden erfolgt sei, und daß Bismarck es bedauern würde, 
wenn Schnäbele in den Hinterhalt gelockt sein sollte, daß dies aber doch nicht so 
übel sein würde, wie die Beteiligung eines französischen Beamten an einer Ver- 
schwörung im Reichslande. 

** Es handelt sich dabei um französische gerichtliche Aufnahmen, sowie um die 
Abschrift eines Briefes von Gautsch an Schnäbele, aus dem hervorgeht, daß 
Schnäbele am 20. April wirklich nur einer Aufforderung von Gautsch zu einem 
Rendezvous in Grenzangelegenheiten gefolgt war. 

184 



Stellung vergleichen, welcher ich seitens des Ersten Staatsanwalts und 
des Untersuchungsrichters entgegensähe. Wir hätten bisher bloß kurze 
Meldungen von Polizeibeamten, und ich müsse mir deshalb eine weitere 
Besprechung und definitive Äußerung reservieren, bis der gerichtliche 
Bericht vorhegen würde. Sollte derselbe ergeben, daß Schnäbele tat- 
sächhch jenseits des französischen Grenzpfahls ergriffen worden sei, 
so würde er wieder in Freiheit gesetzt werden. 

Die Rekriminationen, welche Herbette an den mitanliegenden Brief 
Oautschs knüpfte — welchen er une fraude nannte, die an und für 
sich die Festnahme invahdiere — beantwortete ich in trockener Weise 
dahin, daß ich dies Vorgehn nicht billigen, von einem subalternen 
Polizisten 3 aber auch nicht besonders chevalereske Rücksichtnahmen 
erwarten könnte. 

Viel schlimmer sei es aber, daß ein Beamter der französischen Re- 
gierung für dieselbe Spionagen und Landesverrat organisiere. Als Her- 
bette dies zurückweisen wollte und behauptete, seine Regierung gebe 
sich zu so etwas nicht her*, fragte ich ihn, ob er denn glaube, daß 
Schnäbele nur für sein eigenes Vergnügen kostspielige Spionage ge- 
trieben habe? Außerdem erinnerte ich ihn daran, daß eine im vorigen 
Dezember vom Kriegsministerium veranlaßte Preßnotiz offen erklärt 
habe, das Konzept eines Militärberichts des Hauptmanns von Schwartz- 
hoff sei zu seiner Kenntnis gelangt. Dies bewiese doch, daß Organe 
der französischen Regierung die Resultate von Spionagen öffentlich 
endossieren. — Herbette machte hierauf einige nichtssagende Redensarten; 
er schien kein Bedürfnis zu haben, dieses Thema eingehender zu be- 
handeln; er begnügte sich damit, die Bitte auszusprechen, daß wir 
unsrerseits dazu beitragen möchten, diese kleine und an sich nicht 
wichtige Subalternaffaire aus der Welt zu schaffen: da doch jedenfalls 
des irregularites bei der Verhaftung und ihrer Anbahnung vorgekommen 
seien, so könnten wir auf Grund derselben Schnäbele wohl freilassen ; 
er würde dann in Frankreich bestraft werden. 

Ich bemerkte dazu, daß es schwer tunlich sein würde, in den Gang 
der Gerichtsverhandlungen administrativ einzugreifen: wir könnten keine 
Kabinettsjustiz üben; bestimmtere Äußerungen müsse ich mir aber bis 
nach Eingang unseres Materials reservieren. 

H. Bismarck 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

2 Der Hauptfehler der Situation liegt darin, daß Schnebele bei Gelegenheit einer 
amtlichen Conferenz über internationale Orenzfragen gegriffen wurde. Der- 
gleichen Conferenzen stehn in gleichem Verhältniß wie die Begegnungen mit 
feindlichen Parlamentärs, u[ndl müssen freies Geleit sichern, sonst wird der 
amtliche Grenz-Verkehr unmöglich 

^ I„von einem subalternen Polizisten" eingeklammert, dafür:} einem Spion, der sein 
Amt mißbraucht, gegenüber 

4 ! 

185 



Nr. 1263 

Bericht des Militärattaches in Paris 
Hauptmann Freiherr von Hoiningen, gen. Huene 

Abschrift 

Paris, den 27. April 1887 
In bezug auf die Verhaftung des französischen Polizeikommissars 
in Pagny vernehme ich von verschiedenen zuvedässigen Seiten, daß 
durch dieselbe eine nicht geringe Beklommenheit im französischen 
Kriegsministerium herrschen soll. 

Der Kriegsminister, welcher seinem Charakter entsprechend den 
Dienst seines bureau des renseignements niit besonderer Vorliebe selbst 
zu dirigieren scheint, soll in Voraussicht einer eventuellen großen Kom- 
promittierung seiner Person in besonderer Aufregung sein, zumal er 
über den Umfang des diesseits über französische Spionage pp. im Reichs- 
land Bekannten nicht orientiert ist. Daß der französische Polizeikom- 
missar zu Pagny einer der Dirigenten dieser französischen Machinationen 
ist, wird auch in der Presse mehrfach ausgesprochen. 

Über einen Vorfall im Ministerrat am 23. d. Mts. bei Besprechung 
genannter Angelegenheit höre ich, daß der Kriegsminister sich hier- 
bei jeder Äußerung enthielt; schließlich vom Präsidenten der Republik 
zu einer solchen aufgefordert, soll der Kriegsminister ihm ein Stück 
Papier gereicht und gesagt haben: Signez l'ordre et en 18 heures la 
frontiere Est sera garnie de troupes süffisantes ä repousser toutes 
les attaques; en six jours l'armee sera formee derriere; darauf stand 
der Kriegsminister auf und verließ die Sitzung. 

Wie telegraphisch am 27. d. Mts. gemeldet, hat der Kriegsminister 
die Beurlaubung von Offizieren und Mannschaften bei einer großen Zahl 
von Regimentern — soviel bis jetzt konstatiert nicht allgemein — 
bis auf weiteres untersagt. Die ebenfalls telegraphisch am 26. d. Mts. 
gemeldete Konsignierung der 3 Kavallerieregimenter und reitenden 
Batterie der Garnison Paris, welche zur 1. Kavalleriedivision gehören, 
stimmt hiermit überein. 

Die auf den Außenbahnhöfen von Paris angestellten Ermittlungen, 
ob Eisenbahnmaterial bereitgestellt sei, haben ergeben, daß auf den- 
selben nur 1 Zug von 40 bedeckten Güterwagen an einer für den son- 
stigen Verkehr nicht benutzten Militärrampe bereitsteht, daß sonst 
keine Militärzüge rangiert sind, jedoch auf diesen Bahnhöfen der Ost- 
bahn außer einigen hundert Personenwagen auch 550 bedeckte Güter- 
wagen zur Verfügung stehen. Unauffällige Beobachtung wird fortgesetzt. 

Als Ansicht eines ruhig denkenden hohen Militärs hierselbst bin 
ich in der Lage wiedergeben zu können, wie derselbe dem gegen- 
wärtigen Accident als solchem keine Bedeutung beimißt, jedoch sagt, 
die Absicht, dem französischen Volke das Gefühl des von Deutschland 
Vergewaltigt-Werdens beizubringen, wie dies die Taktik der maß- 

186 



gebenden Leute seit Monaten gewesen, sei nunmehr vollkommen er- 
reicht, die Erbitterung der großen Masse sei gegenwärtig eine tief- 
innerliche; Deutschland möge in der gegenwärtigen Angelegenheit noch 
so sehr im Recht sein, beziehungsweise sich noch so korrekt benehmen, 
so sei die allgemeine Stimmung in Frankreich zur Zeit doch so schlecht, 
daß ein an und für sich ganz gleichgültiger neuer Accident mit Leichtig- 
keit eine Situation schaffen, eine Handlung zur Folge haben könne, 
deren Folge der Krieg sei. 

Diese allgemeine Stimmung im Verein mit dem nicht reinen Ge- 
wissen eines gewalttätigen Kriegsministers berge nach semer Ansicht 
eine nicht geringe Chance für baldigen Beginn eines Krieges in sich. 

(gez.) Freiherrvon Hoiningen, gen. Huene 

Nr. 1264 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den französischen 
Botschafter in Berlin Herbette* 

Konzept 

Berlin, den 28. April 1887 
[abgegangen am 29. April] 

Auf Grund der Mitteilungen, welche Seine Exzellenz der Herr 
Botschafter der französischen Republik in betreff der gerichtlichen 
Festnahme des französischen PoHzeikommissars Schnäbele gemacht hat, 
sowie in Würdigung der durch den Kaiserlichen Geschäftsträger in 
Paris gemeldeten Mitteilungen des französischen Herrn Ministers der 
Auswärtigen Angelegenheiten hat der Unterzeichnete die Angelegenheit 
des Schnäbele einer sorgfältigen Prüfung unterzogen. Zum Zwecke der- 
selben sind von den beteiligten Gerichtsbehörden die Beweisstücke 
eingefordert worden, welche sich auf die Veranlassung der Verhaftung 
des Schnäbele und auf die begleitenden Umstände beziehen. 

Die wichtigsten dieser Schriftstücke, vor allem die Aussage des 
Schnäbele nach seiner Verhaftung und die sämtlichen gerichtlich zu 
Protokoll genommenen Zeugenaussagen sind dem Herrn Botschafter 
der französischen Republik abschriftlich mitgeteilt worden. Dieselben 
ergeben als zweifellos, daß die Verhaftung in ihrem ganzen Verlauf 
ausschließhch auf deutschem Gebiete und ohne Überschreitung der 
französischen Grenze vor sich gegangen ist. 

Das gerichtliche Verfahren gegen Schnäbele hat das Verbrechen 
des Landesverrates, begangen im Gebiete des Deutschen Reiches, zum 
Gegenstande und gründet sich auf vollgültige Beweise seiner Schuld, 
bestehend in Geständnissen des in gleicher Sache angeklagten Reichs- 
angehörigen Klein und in eigenhändigen, in Metz zur Post gegebenen 



* Veröffentlicht in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung** vom 1. Mai 1887, 
daraus abgedruckt in „Das Staatsarchiv" Bd. 48, S. 328 ff. 

187 



und von Schnäbele seitdem anerkannten Briefen des letztern. Auf 
Grund der erwiesenen und später von Schnäbele selbst eingestandenen 
Schuld hat das Reichsgericht befohlen, denselben zu verhaften, sobald 
er sich auf deutschem Gebiete würde betreten lassen. Dies ist der 
Fall gewesen am 20. d. Mts., bei Gelegenheit einer zwischen Schnäbele 
und dem deutschen Polizeikommissar Oautsch verabredet gewesenen 
geschäftlichen Zusammenkunft auf der Grenze. 

Die gerichtliche Verurteilung Schnäbeies wird unter diesen Umständen 
nicht zweifelhaft sein können und voraussichtlich um so strenger ausfallen, 
als Schnäbele bei seiner strafbaren Tätigkeit das Ansehen gemißbraucht hat, 
welches ihm seine Stellung in dem ein besonderes Maß von gegenseitigem 
Vertrauen voraussetzenden amtlichen Grenzverkehr beider Länder verlieh. 
Schnäbele hat das für den internationalen Verkehr unentbehrliche Ver- 
trauen dadurch geschädigt, daß er seine amtliche Stellung im Grenz- 
dienste benutzte, um deutsche Reichsangehörige für Geld zu ver- 
brecherischen Handlungen gegen ihr Vaterland zu verleiten. Durch diesen 
Amtsmißbrauch wird in den Augen des Gerichtes die Strafbarkeit 
Schnäbeies erhöht, unabhängig von der Frage, ob derselbe in höherem 
Auftrage gehandelt hat. Der Unterzeichnete erlaubt sich diesen Ge- 
sichtspunkt für den Fall hervorzuheben, daß Schnäbele nach seiner 
gegenwärtigen Freilassung von neuem auf deutschem Gebiete betroffen 
werden sollte, ohne durch vorgängige amtliche Verabredung gegen 
Verhaftung gedeckt zu sein. 

Der Unterzeichnete gibt sich der Hoffnung hin, daß der Herr Bot- 
schafter aus den mitgeteilten Aktenstücken die Überzeugung schöpfen 
werde, daß der gerichtUche Haftbefehl gegen Schnäbele wohlbegründet 
war, und daß die Ausführung desselben innerhalb der deutschen und 
ohne Verletzung französischer Hoheitsrechte stattgefunden hat. Wenn 
der Unterzeichnete dennoch für seine PfHcht gehalten hat, den Befehl 
zur Freilassung Schnäbeies von dem Kaiser, seinem allergnädigsten 
Herrn zu erbitten, so ist er dabei von der völkerrechtHchen Auffassung 
geleitet worden, daß Grenzüberschreitungen, welche auf Grund dienst- 
licher Verabredungen zwischen Beamten benachbarter Staaten erfolgen, 
jederzeit als unter der stillschweigenden Zusicherung freien Geleites 
stehend anzusehen seien. Es ist nicht glaublich, daß der deutsche 
Beamte Gautsch den Schnäbele zu einer Besprechung in der Absicht 
aufgefordert habe, seine Verhaftung mögHch zu machen ; es liegen aber 
Briefe vor, welche beweisen, daß Schnäbele, als er verhaftet wurde, 
sich an der Stelle, wo dies geschah, infolge einer mit dem diesseitigen 
Beamten getroffenen Verabredung befand, um gemeinsame amtliche 
Geschäfte zu erledigen. Wenn die Grenzbeamten bei derartigen 
Gelegenheiten der Gefahr ausgesetzt wären, auf Grund von An- 
sprüchen, welche die Gerichte des Nachbarstaates an sie machen, ver- 
haftet zu werden, so würde in der dadurch für sie gebotenen Vorsicht 
eine Erschwerung der laufenden Grenzgeschäfte liegen, welche mit dem 

188 



Geiste und den Traditionen der heutigen internationalen Beziehungen 
nicht in Einklang steht. Der Unterzeichnete ist daher der Meinung, 
daß derartige geschäftliche Zusammenkünfte jederzeit als unter dem 
Schutze gegenseitig zugesicherten freien Geleites stehend gedacht wer- 
den sollten. In diesem Sinn hat er, unter voller Anerkennung der Be- 
rechtigung des Verfahrens der diesseitigen Gerichte und Beamten das 
Sachverhältnis bei Seiner Majestät dem Kaiser zum Vortrag gebracht; 
allerhöchstdieselben haben dahin zu entscheiden geruht, daß in Be- 
tracht der völkerrechtHchen Motive, welche für unbedingte Sicherstellung 
internationaler Verhandlungen sprechen, der pp. Schnäbele trotz seiner 
Festnahme auf deutschem Gebiet und trotz der gegen ihn vorliegenden 
Schuldbeweise in Freiheit zu setzen sei. 

Indem der Unterzeichnete dies zur Kenntnis des Herrn Botschafters 
der Französischen Republik bringt, fügt er hinzu, daß die erforderlichen 
Weisungen zur Haftentlassung des Schnäbele ergangen sind, und bittet 
Seine Exzellenz gleichzeitig die Versicherung seiner ausgezeichneten 
Hochachtung entgegenzunehmen. v. Bismarck 

Nr. 1265 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 167 Paris, den 11. Mai 1887 

Ganz vertraulich 

Als ich gestern den Vertrag von Sansibar mit dem Minister be- 
sprochen hatte, sagte er mir, ich würde wohl aus den Zeitungen er- 
sehen haben, daß der General Boulanger den Mobilmachungsplan für 
ein Armeekorps dem Conseil vorgelegt habe, und daß er leider er- 
mächtigt worden sei, denselben den Kammern vorzulegen*. 

Herr Flourens habe auf das allerenergischste dagegen protestiert, 
er findet den Moment für sehr unopportun und die Sache selbst für 
gefährlich. Was ihn aber dabei beruhige, sei, daß er die feste Über- 
zeugung habe, daß die Kammern den Gesetzentwurf nicht akzeptieren 
werden. 

Ich erwiderte darauf, daß die Art und Weise, wie er sich mir 
gegenüber so offen geäußert habe, mir das Recht gebe, ihm meine Mei- 
nung ganz offen und unverhohlen mitzuteilen. 

Auf meine Frage, wie weit die MobiHsierung gehen solle? Ob 
die wirkhche Kriegsbereitschaft mit Ankauf von Pferden und Beschlag- 
nahme des Eisenbahnmaterials in Aussicht genommen sei? Was die 
Pferde betreffe, erwiderte er, schien ihm der Plan des General Bou- 



* Am 10. Mai hatte der Kriegsminister Boulanger in der französischen Deputierten- 
kammer einen Kredit von 5 Millionen Francs für die im Herbst auszuführende 
Probemobilmachung eines Armeekorps verlangt. 

189 



langer durchaus unpraktisch, er wolle Pferde und Wagen requirieren 
und zwar mietweise auf 12 Tage, der Eisenbahnverkehr solle sistiert 
und die Eisenbahn zur Disposition der Truppen gestellt werden. Die 
Kosten der ganzen miUtärischen Operation würden auf 7 Millionen 
angegeben, sich aber auf höher belaufen. 

Ich bemerkte darauf, daß mir dies doch eine sehr ernste Maßregel 
schiene, daß, da das Armeekorps über Eisenbahnmaterial disponiere, 
es ziemlich gleichgültig sei, wo es mobilisiert würde, da es leicht 
an Punkte der Grenze geworfen werden könnte. Käme diese Maßregel 
zur Ausführung, so würde Deutschland notwendig zu Gegenmaßregeln 
gezwungen sein, und wozu das führte, das brauchte ich ihm nicht 
erst zu sagen. 

Der Minister schien meine Argumentation richtig zu finden und 
meinte, er glaube ganz bestimmt, daß die Kammern nicht zustimmen 
würden, einesteils wegen der Kosten, andernteils, weil die Majorität 
den Krieg nicht wolle. General Boulanger vermeide es, die Departe- 
ments zu nennen, wo die Mobilisierung stattfinde, weil er von dort 
einen großen Widerstand erwarte. 

Herr Flourens ließ durchblicken, daß er und mehrere seiner 
Kollegen hofften, Boulanger loszuwerden, wenn der Gesetzentwurf fallen 
sollte. Ich fürchte, daß er sich dabei täuscht, weil Boulanger, selbst 
wenn sein Antrag fiele, doch schwerlich abgehen würde und am Amte 
hängt, so lange er irgend kann. 

Der Gesetzentwurf selbst wird erst in diesen Tagen im Druck 
erscheinen, und werde ich nicht verfehlen, denselben einzusenden, sobald 
er erscheint. Münster 

Nr. 1266 

Aufzeichnung des Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt 
Grafen von Berchem 

Reinschrift 

BerHn, den 16. Mai 1887 

Auf Bestimmung des Herrn Reichskanzlers soll dem Grafen Münster 
geschrieben werden, wir wünschten über den Verlauf der französischen 
Ministerkrisis* informiert zu werden, wir hätten gewisse Gesetze in Aus- 
sicht genommen über das Kundschafterwesen** und warteten, um da- 



* Am 17. Mai erfolgte der Sturz des Kabinetts Goblet; es wurde Ende des Monats 
durch das Kabinett Rouvier ersetzt, in das Flourens von neuem als Minister des 
Auswärtigen eintrat, während General Boulanger als Kriegsminister ausschied. 
** Der Erlaß eines solchen Gesetzes war nur eine natürliche Folge des von dem 
General Boulanger im März 1886 eingebrachten und von der Deputiertenkammer 
und dem Senat im April ohne Debatte angenommenen französischen Gesetzes über 
die Spionage. Zu einem solchen Gesetz lag auf deutscher Seite um so mehr An- 
laß vor, als gerade seit 1886 eine ganze Reihe von Hochverratsprozessen in Deutsch- 
land (Prozeß Kraszewski-Hentsch, Jansen, Sarauw-Hansen) mit Gewißheit ergeben 

190 



mit die französischen Minister nicht zu stören, und um auf die Krisis 
unsererseits nicht einzuwirken, weil bei der Vorlage des Gesetzes viel- 
leicht viel unangenehme Redensarten fallen würden. Allzulange könnten 
wir nicht warten. 

Seine Durchlaucht hat mich ferner beauftragt, wenn der Bot- 
schafter Herbette mich besucht, dessen voraussichtlich friedliche Äuße- 
rungen friedlich und versöhnlich zu erwidern ; wir betätigten unsere 
friedhche Haltung auch dadurch, daß wir dem Fall Schnäbele gegen- 
über unsere Gesetzgebung ändern müßten ; wir warteten damit nur, 
um Frankreich in seiner Ministerkrisis nicht zu genieren. Dies sei 
eine Reform, die dem General Boulanger gegenüber unentbehrlich sei, 
nachdem derselbe mit verstärkten Kräften dieses herausfordernde Kund- 
schafterwesen fortsetze. Wir würden daher dasselbe Gesetz wie Frank- 
reich, ein Gesetz „Boulanger" machen. 

Auf Vorlage des bei den Akten befindlichen Gutachtens des Feld- 
marschalls Grafen Moltke über die beabsichtigte französische Mobili- 
sierung hat Seine Durchlaucht bestimmt, daß von einer Befragung des 
Kriegsministers über deutsche Gegenmaßnahmen vorläufig abgesehen 
werden soll*. Berchem 

Nr. 1267 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 178 Paris, den 18. Mai 1887 

pp. In der „Autorite*' teilt Paul de Cassagnac in der ihm ge- 
läufigen offenen Sprache heute mit, der Kammer sei vor einigen Tagen zu 
ihrem heilsamen Schrecken bekannt geworden, Goblet habe in der 

hatte, daß Frankreich nicht ohne Erfolg Deutschland mit einem Netz von Spionen 
zu überziehen suchte. In einem Erlaß des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bis- 
marck an den Geschäftsträger Grafen von Leyden vom 28. April 1887 heißt es 
darüber: „Wenn die Stimmung in Frankreich durch diesen Vorfall — gemeint ist 
der Fall Schnäbele — ungewöhnlich erregt ist, so ist es die in Deutschland 
bereits seit Jahren in weit höherem Maße, seitdem durch vier große Landes- 
verratsprozesse gerichtlich das gegen das Reich gerichtete französische Spionage- 
system enthüllt worden ist. Die Erregung ist bei uns um so mehr begründet, als 
es festzustehen scheint, daß Schnäbele mit den im Prozeß Jansen verwickelten 
Personen in Beziehung gestanden hat, und das Spionieren und Agitieren im Elsaß 
durch Grenzbeamte, welche auf das Vertrauen der diesseitigen Behörden ange- 
wiesen sind, von der französischen Regierung betrieben wird.'' 
* Graf Münster wurde auf Grund der Bismarckschen Direktiven vom 16. Mai 
durch Erlaß Nr. 167 vom 17. Mai instruiert. An demselben 17. Mai hatte Unter- 
staatssekretär Graf von Berchem eine Unterredung mit dem Botschafter Her- 
bette, in der laut einer Aufzeichnung vom gleichen Tage ebenfalls die Probe- 
mobilmachung zur Sprache kam: „Der Botschafter beklagte sich über das Auf- 
sehen, welches die beabsichtigte Mobilisierung eines Armeekorps in unserer Presse 
hervorrufe, und behauptete, dies sei um so unverständlicher, als wir an der Grenze 
um ein Vielfaches stärker seien, wie die an unserer Grenze echelonierten fran- 

191 



Angelegenheit „Schnäbele" vollständig den Kopf verloren und auf 
Drängen Boulangers den französischen Botschafter in Berlin abberufen 
und 50000 Mann an die Grenze werfen wollen. Er sei davon nur mit 
Mühe von drei besonnenen Kollegen zurückgehalten worden*. 

Diese Enthüllungen stimmen mit dem überein, was Flourens gestern 
einem Journalisten sagte: Er trete ungern, aber mit dem erhebenden Be- 
wußtsein von seinem Posten zurück, während seiner kurzen Amtszeit 
zweimal verhindert zu haben**, daß das Haar zerschnitten wurde, an 
dem die friedlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich 
hingen, pp. Münster 

Nr. 1268 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 

an den Botschafter in Paris Grafen Münster 

Konzept 
Nr. 178 Berlin, den 3. Juni 1887 

[abgegangen am 7. Juni] 
Mit Bezug auf den Erlaß Nr. 167 vom 17. v. Mts.*** und die be- 
endete Ministerkrisis teile ich Ew. pp. ergebenst mit, daß wir über das 

zösischen Truppen. Ich habe auftragsgemäß dem Botschafter bemerkt, daß wir 
der französischen Regierung im derzeitigen Augenblick der Ministerkrisis keine 
Schwierigkeit bereiten wollten und uns vorbehielten, die Sache später zu prüfen, 
wenn nähere Details über diese Mobilisierung vorliegen werden." 

Das im Text angezogene Gutachten des Generalfeldmarschalls Grafen von 
Moltke „Bemerkungen zu dem in Frankreich beabsichtigten Mobilmachungsversuch" 
ist vom 11. November 18S6; es l<onstatiert die Notwendiglteit, erst einmal festzustellen, 
ev. durch direkte Anfrage bei der französischen Regierung, welcher Art die geplante 
Mobilisierung sein solle. Nur wenn die Mobilisierung in der Form kompletter 
Aufstellung schlagfertiger Formationen an der östlichen Grenze beabsichtigt sein 
sollte, würden Gegenmaßregeln, dann aber auch die ernstesten, zu ergreifen sein. 
* Ende Oktober wurde in der französischen Presse bestätigt, daß der französische 
Ministerrat im April wirklich die Frage der Mobilmachung ernstlich erwogen 
und über ein an Deutschland zu richtendes Ultimatum abgestimmt habe, wobei 
sich u. a. der Ministerpräsident Goblet und General Boulanger für, der Präsi- 
dent Grevy und der Minister des Auswärtigen Flourens mit aller Entschiedenheit 
gegen das Ultimatum eingesetzt hätten. Nach den Äußerungen Grevys und Flou- 
rens' zu dem Botschafter Graf Münster (Nr. 1265 und 1275) wird man diese An- 
gaben für authentisch halten dürfen. Auch stimmt damit die Äußerung überein, 
die nach G. Pages (Rapport de la Commission d'Enquete sur les faits de la Guerre 
Vol. I 11919], p. 233f.) Goblet zu dem nach Paris berufenen Botschafter Herbette 
getan hat: „L'incident est clos, soit! Mais il eut ete peut-etre preferable d'en finir 
par la guerre avec toutes ces querelles d'Allemands". Später hat bekanntlich 
Boulanger in seinem Manifest vom 6. August 1889 ausdrücklich zugestanden, 
daß Frankreich niemals dem Kriege näher gewesen sei, als zur Zeit des Schnäbele- 
Falls. Das von Anfang an entgegenkommende Verhalten Deutschlands beweist, 
daß, wenn es wegen dieses Falles zum Kriege gekommen wäre, die Schuld nicht 
an der deutschen Regierung gelegen hätte. 

** Vgl. die analogen Äußerungen des Präsidenten Grevy zu dem deutschen Bot- 
schafter Grafen Münster vom 15. Juni 1887, Nr. 1270. 
*** Vgl. S. 191, Fußnote *. 

192 



Zustandekommen des neuen Ministerium ohne die Mitgliedschaft des 
Generals Boulanger erfreut sind. Wir betrachten es als friedliches An- 
zeichen, daß es Herrn Rouvier und seinen Kollegen gelungen ist, 
diesen den Frieden gefährdenden Hetzer abzuschütteln. Unter diesem 
Eindruck haben wir einstweilen einen unter dem Druck der Boulanger- 
schen Spionagewirtschaft zur Vorlage gereiften und nach dem französi- 
schen Vorbilde ausgearbeiteten Gesetzentwurf über die Spionage und 
die anderen in Aussicht genommenen Vorkehrungen gegen die Ver- 
leitung zum Landesverrat zurückgestellt*. 

Wir rechnen dabei auf eine Änderung des französischen Systems, 
wie es unter General Boulanger betrieben worden ist, und durch welches 
sowohl elsässische Beamte zum Treubruch verführt, als auch Agenten 
des Obersten Vincent als Grenzbeamte angestellt und angewiesen wor- 
den sind, dienstlich über die Ergebnisse ihrer Auskundschaftung zu 
berichten, so daß dadurch Skandalprozesse entstanden. 

Sollten wir uns hierin täuschen, und eine Änderung dieses Systems 
nicht stattfinden, so würden wir allerdings auf die vorbereiteten stren- 
geren Gesetze zurückgreifen müssen. 

Ich ersuche Ew. pp. ergebenst, sich im Sinne der vorstehenden 
Gesichtspunkte Herrn Flourens gegenüber vertraulich und freundlich 
zu äußern und hervorzuheben, daß wir bemüht sein werden, dem neuen 
Ministerium die Führung der Geschäfte in der Hoffnung und An- 
nahme zu erleichtern, daß dem völkerrechtswidrigen Treiben, wie es 
unter General Boulanger bestand, ein Ziel gesetzt werde. 

H. Bismarck 

Nr. 1269 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 
Herbert von Bismarck 

Reinschrift 

Berlin, den 8. Juni 1887 
Der französische Botschafter brachte bei seinem gestrigen Besuche 
wiederholt die englisch-türkische Konvention bezüglich Ägyptens** zur 
Sprache und fragte, ob wir bereits Stellung dazu genommen hätten. 
Ich erwiderte darauf, daß, wie ich ihm bereits vor acht Tagen gesagt 
hätte, für uns keine Veranlassung vorläge, uns mit dem Studium der 
ganzen Materie sehr zu beeilen, solange die englische Regierung den 

* In dem gleichen Sinne hatte sich Unterstaatssekretär Graf von Berchem schon 
am 17. Mai gegenüber dem Botschafter Herbette geäußert. In einer Aufzeich- 
nung des Unterstaatssekretärs vom gleichen Tage heißt es darüber: „Herr Her- 
bette schien wenig angenehm hiervon — d. h. von der Vorbereitung eines deut- 
schen Spionagegesetzes — berührt zu sein, behauptete, daß man von dem Bou- 
langerschen Spionagegesetze in Frankreich keinen genügenden Gebrauch mache, 
er war aber so gütig zuzugestehen, daß unser Recht zur Erlassung eines analogen 
Gesetzes unanfechtbar sei". 
** Vgl. Bd. IV, S. 174, Fußnote. 

13 Die Große Politik. 6. Bd. 193 



Text der Konvention nicht offiziell an die Kabinette mitgeteilt hätte. 
Soviel ich wisse, beabsichtige Lord Salisbury dies erst nach erfolgter 
Ratifikation zu tun. 

Unsere Stellung zu der Frage wäre sehr einfach: wir beabsich- 
tigten nicht, England in Ägypten irgendwelche Schwierigkeiten zu be- 
reiten und würden unsere politische Haltung hiernach einrichten. 

Herr Herbette bemerkte hierzu, daß die französische Regierung 
sich von demselben Gedanken leiten Heße: auch sie wünsche durchaus 
nicht, de creer des embarras ä l'Angleterre; sie wolle trotz der be- 
deutenden in Ägypten engagierten französischen Interessen für sich 
dort durchaus keine besondere Stellung beanspruchen; sie müsse aber 
wünschen, daß auch keine andere Macht sich irgendeine Bevorzugung 
in Ägypten sichere und ihr Bestreben i ginge daher dahin, die ägyptische 
Frage wieder auf den europäischen Boden zu stellen. 

Ich erklärte dem Botschafter hier, daß unsere beiderseitigen Ab- 
sichten und Anschauungen bezüglich der im vorliegenden Falle ein- 
zunehmenden Haltung sich doch wesentlich zu unterscheiden schienen: 
wenn ich vorher gesagt hätte, daß wir England in Ägypten nicht ent- 
gegentreten wollten, so hieße das, daß wir ihm überlassen wollten, sich 
mit dem Sultan zu einigen et de regier la question egyptienne comme 
eile l'entend. 

Als Herr Herbette nach dieser meiner Äußerung Zeichen von Miß- 
vergnügen von sich gab und mir sagte, er hätte gehofft, daß Frank- 
reich jetzt, nachdem es ein besonnenes und friedliches Ministerium 
hätte 2, bei uns einiges Entgegenkommen finden würde, um Berührungs- 
punkte für eine gemeinsame Politik 3 zu finden, und dabei hinzusetzte, 
daß Frankreich ja gar keinen Vorteil* von seinem für uns doch be- 
friedigenden Ministerwechsel hätte 5, wenn wir uns nach wie vor in 
einer für Frankreich so wichtigen Frage ablehnend verhalten wollten, 
erwiderte ich ihm, daß unsere Haltung sich nach den Beziehungen 
richten müsse, in welchen wir mit den verschiedenen Mächten ständen. 
Mit England wären wir auf freundschaftlichem Fuße, und wir müßten 
umsomehr darauf bedacht sein, dieses gute Verhältnis zu pflegen, als 
wir nach den Erfahrungen der letzten 16 Jahre auf Wohlwollen und 
Annäherung an Frankreich leider nicht zu rechnen hätten. Wir wären 
lange Zeit hindurch bemüht gewesen, Anknüpfungspunkte zu schaffen, 
um die deutsch-französischen Beziehungen besser zu gestalten, hätten 
dafür aber keinerlei Dank oder Anerkennung^ von Frankreich geerntet: 
ich brauchte nur die Namen Tunis, Tonking, Madagaskar zu nennen 
und an den Ausgang des chinesischen Krieges zu erinnern: alle diese 
Namen bezeichneten ebenso viel gute Dienste, die wir Frankreich in 
der Hoffnung geleistet hätten, daß die Franzosen schließlich einsehen 
würden, wie sie größere Interessen auf der Welt hätten, als die Wieder- 
eroberung des Elsasses, bei deren Verfolgung unsere Unterstützung 
ihnen von Nutzen sein könnte. Die Erwartung, daß die loyale Haltung, 

194 



welche wir seit dem Abschluß des Krieges Frankreich gegenüber be- 
obachtet hätten, dazu führen würde, den Chauvinismus zu mindern 
und das Revanchegeschrei schließlich verstummen zu lassen, habe sich 
aber nicht erfüllt. Niemals sei die französische öffentliche Meinung und 
gesamte Presse mit so bitterer Feindseligkeit gegen Deutschland auf- 
getreten, als während der letzten 12 Monate. Wir hätten uns deshalb 
der Einsicht nicht länger verschHeßen können, daß unser gesamtes 
Bestreben, aufrichtige und vertrauensvolle Beziehungen mit Frankreich 
anzubahnen, verlorene Liebesmüh gewesen sei, und wenn Herr Herbette 
sich jetzt beklage, daß wir den französischen Anregungen bezüglich 
einer anti-englischen Haltung in Ägypten nicht entsprechen wollten, so 
müsse er deswegen seine eigenen Landsleute zur Verantwortung ziehen. 

Der Botschafter suchte meinen Ausführungen mit allen möglichen 
Protestationen entgegenzutreten. Zunächst behauptete er, man könne 
doch nicht sagen, daß wir schon 16 Jahre lang^ bemüht gewesen seien, 
Frankreich in anderen Weltteilen Dienste zu erweisen, denn vor 16 
Jahren sei ja doch kaum der Krieg zu Ende gewesen. Die jetzige 
Lage habe eine große Analogie mit der von 1875, wo Frankreich 
sich auch bedroht geglaubt habe. Er könne mir seinerseits versichern, 
daß seit seinem Amtsantritt in Berlin kein Wechsel in den friedlichen 
Anschauungen der französischen Regierung eingetreten sei: wäre dies 
der Fall gewesen, so würde er seinen Posten alsbald verlassen haben. 
Die ganze Erregung des letzten Winters sei doch hauptsächlich darauf 
zurückzuführen, daß wir einen ungebärdigen Reichstag gehabt hätten, 
welcher der von der Regierung gewünschten Armeevermehrung wider- 
strebt, und daß dies zu der letzten Wahlkampagne geführt hätte, in 
welcher die Wogen der öffentHchen Meinung und Publizistik besonders 
hoch gegangen wären. 

Ich griff zunächst die letzte Äußerung des Botschafters auf, um 
ihm zu sagen, daß unsere Armeeverstärkung, welche wegen ihrer 
Kostspiehgkeit von der Regierung nur sehr ungern beantragt worden 
wäre, doch nur die notwendige Folge der fortwährenden franzö- 
sischen Rüstungen gewesen sei 9; ich wolle auf militärische Details 
hier nicht eingehen, sondern nur die großen Summen hervorheben, 
welche Frankreich besonders in den letzten Jahren auf seine Armee 
verwendet hätte: das französische Armeebudget sei viel größer als das 
unsrige und die französische Armee zahlreicher als die deutsche. Diese 
Tatsache spräche für sich selbst. 

Was dann die Reminiszenz von 1875 beträfe, so könnte ich die 
einzige Analogie mit der heutigen Lage darin finden, daß wir jetzt 
ebensowenig wie damals die Absicht gehabt hätten, Frankreich an- 
zugreifen. Die Sache habe aber im Jahre 1875 insofern ganz anders 
gelegen, als damals die französischen Militärs und Boulevardiers wirk- 
lich noch von ihrer Inferiorität überzeugt waren, während dieselben 
heut nach zwölfjähriger Verstärkung und Ausbildung der Armee sich 

13' 195 



uns vollkommen gewachsen hielten. Wenn die französische Regierung 
im Jahre 1875 sich mit erheuchelter Besorgnis an den Kaiser von Ruß- 
land gewandt hätte, so mache jetzt nicht nur die französische Regierung, 
sondern die gesamte französische Presse den deutsch-feindUchen Pan- 
slawisten und ihren Organen in Rußland derartige Avancen, daß dies 
allein schon auf kriegerische Gelüste in Frankreich schheßen ließe. 
Herr Herbette wußte auf meine Darlegung nicht viel zu erwidern und 
meinte nur, daß die m'amours, welche zwischen Frankreich und Rußland 
gewechselt würden, mehr von letzterem ausgingen; Rußland sei stets 
bereit, in allen Fragen, die Frankreich interessierten, sich ihm angenehm 
zu machen und sei gerade in letzterer Zeit immer die erste Macht ge- 
wesen, die sich bei verschiedenen europäischen Vorkommnissen sofort 
mit Empressement auf die französische Seite geschlagen habe^^^: dies 
müsse natürlich in Frankreich um so tieferen Eindruck machen, je mehr 
Deutschland sich zurückhielte: Es sei hauptsächlich unserer kühlen Ab- 
lehnung jeder Unterstützung der französischen Pohtik in Ägypten zuzu- 
schreiben, wenn das russische Entgegenkommen um so mehr hervor- 
trete ii. „Trotzdem", fügte Herr Herbette, hinzu, „gebe ich die Hoffnung 
immer noch nicht auf, daß wir in der weitaussehenden ägyptischen 
Frage uns schließUch mit Deutschland verständigen können." pp. 

H. Bismarck 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 
^ Unseres nicht 
^ wie lange? 
3 die haben wir 16 Jahre lang erfolglos gesucht u[ndl gepflegt 

t ! 

^ doch den, daß sie Boulanger los sind! 

6 [„keinerlei Dank oder Anerkennung" eingeklammert, dafür:] nur Feindschaft 

verstärkte 
"> seit 10 Jahren aber 

8 nur auf Boulanger 

9 richtig 

^0 u[nd] vice versa 

1^ wir können in Frankreich das Maaß von Wohlwollen nie gewinnen, welches 
für Verstimmung mit England Ersatz bieten könnte. 



Nr. 1270 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 208 Paris, den 16. Juni 1887 

Ganz vertrauHch 

Der Präsident der Republik hatte mich durch Herrn Flourens bitten 
lassen, ihn zu besuchen, und so war ich gestern längere Zeit im Elysee. 

Der Präsident empfing mich auf das allerfreundlichste und begann 
sein Gespräch damit, daß er sagte, er habe selbst niemals an der Er- 

196 



Haltung des Friedens gezweifelt, weil er Frieden wolle und darin einig 
sei mit der großen Majorität des französischen Volkes. Er hoffe, daß 
aber jetzt auch die Unruhe, welche hier und auch in Deutschland in 
letzter Zeit nicht zu verkennen gewesen sei, aufhören und allgemeines 
Vertrauen bald wieder hergestellt sein werde. Er rechne mit Sicher- 
heit auf einen ruhigen Sommer. 

General Boulanger sei als der Störenfried und Unruhestifter an- 
gesehen worden, und weil er das gewußt, sei er, der Präsident, ent- 
schlossen gewesen, ihn zu beseitigen. Der Einfluß und die Macht des 
vorigen Kriegsministers sei sehr überschätzt worden, wie denn der 
Einfluß der chauvinistischen Partei, die in Wirklichkeit sehr klein 
sei, für weit größer gehalten werde, als er sei. Nachdem aber General 
Boulanger sich mit dieser Partei eingelassen und dadurch ihre Be- 
deutung und Einfluß vermehrt habe, durfte er nicht länger in seinem 
wichtigen Amte bleiben. 

Die Bildung des Kabinetts sei dadurch erschwert und in die 
Länge gezogen. Er hoffe, daß das jetzige Ministerium einige Zeit am 
Ruder bleiben werde, verkenne aber nicht, daß es fast unmöglich sei, 
mit der jetzigen Kammer auf sichere Majoritäten zu rechnen. 

Auf meine Bemerkung, daß unter solchen Umständen eine Auf- 
lösung der Kammer wohl schwer zu vermeiden sein werde, sagte der 
Präsident, er würde nur sehr ungern zu diesem Mittel schreiten, weil 
mit dem Scrutin de liste niemand mit einiger Sicherheit auf das 
Resultat der Wahlen rechnen könne. 

Es sei dieses Scrutin de liste ein unglückliches Vermächtnis von 
Gambetta. Dasselbe habe sich gar nicht bewährt, befriedige keine 
Partei, und er hoffe sehr, daß es deshalb möglich sein werde, auf den 
früheren Wahlmodus zurückzugreifen. 

Zu meiner Überraschung sprach sich darauf Herr Orevy sehr 
energisch gegen das allgemeine Stimmrecht aus. Das sei allerdings 
schwerlich zu beseitigen, er selbst würde aber sehr wünschen, einen Wahl- 
modus wie in Preußen einzuführen, den er ganz genau zu kennen schien. 

Der Präsident kam darauf wieder auf die allgemeine politische 
Lage zurück und betonte, daß, da Frankreich, solange er Präsident sei, 
Deutschland nicht angreifen werde, er auch keinen Angriff von Deutsch- 
land erwarte und Vertrauen in eine friedliche Zukunft habe. „Ich 
weiß wohl", setzte er dann hinzu, „daß man mich für einen alten Mann 
hält, der nicht eingreift und die Sachen gehen läßt: das ist ein Irrtum, 
ich habe das Steuer fest in der Hand und greife ein, wenn ich es für 
Zeit halte.'' 

Ich sagte dem Präsidenten, daß ich an seiner Friedensliebe und 
Energie nicht zweifle, und daß ich hoffe, daß es ihm gelingen werde, 
die chauvinistischen Angriffe auf Deutsche und auch den feindlichen 
Ton der Presse zu mäßigen. 

197 



Er erwiderte, leider sei das bei Lage der Gesetzgebung sehr 
schwierig, was aber die Regierung dazu tun könne, werde geschehen. 

Zu meiner Überraschung bemerkte der Präsident, daß der Einfluß 
der slawischen Partei und ihrer Rubel leider den Weg in die französische 
Presse gefunden haben. 

Der Präsident sprach darauf mit merkwürdiger Offenheit über 
Rußland, bemerkte, daß dort die gefährliche Wolke am politischen Hori- 
zonte zu erblicken sei, sowohl wegen der inneren als auch der orienta- 
lischen Verhältnisse. Für Frankreich mache ihn das aber weniger 
besorgt, weil er fest entschlossen sei, falls es wegen der orientalischen 
Frage zu KompHkationen mit Deutschland und Österreich kommen 
sollte, Frankreich neutral zu halten. 

Ich bemerkte darauf, daß ich an seinem Einfluß und gutem Willen 
nicht zweifle, aber doch eine gewisse Befürchtung hege, daß in einem 
solchen Falle Frankreich sich schwerlich werde zurückhalten lassen, da 
doch die Idee einer russisch-französischen Allianz und die Hoffnung auf 
Rußlands Hilfe ein fast allgemeines Glaubensbekenntnis zu sein scheine. 

Er bemerkte, daß man vielfach auf russische Hilfe bei einem 
Kriege zwischen Deutschland und Frankreich hoffe, sei richtig, selbst 
glaube er daran nicht und würde es für den größten Fehler halten, 
wollte Frankreich auf eine offensive und defensive Allianz mit Ruß- 
land sich einlassen. Nach seiner Überzeugung würde Rußland Frank- 
reich im entscheidenden Momente im Stiche lassen. 

Daß der Präsident seine wirkliche Meinung aussprach, will ich 
wohl glauben, und insofern hat dieses Gespräch eine gewisse Wichtig- 
keit, obgleich ich weit entfernt bin, die Tragweite zu überschätzen. 
Mir wird es aber nötigenfalls immer die Gelegenheit geben, darauf mich 
zu berufen. 

Der Präsident, der, wenn er öffentlich oder in großen Gesellschaften 
auftritt, den Eindruck eines sehr ermüdeten Greises macht, erscheint 
im Privatgespräche ganz anders und spricht dann mit großer Lebhaftig- 
keit und sehr vielem Verstände. Münster 

Nr. 1271 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 
Herbert von Bismarck 

Reinschrift 

Berün, den 5. Juli 1887 
Der französische Botschafter richtete heute die Frage an mich, 
ob ich nicht befriedigt darüber wäre, daß die französische Presse sich 
in letzter Zeit weniger mit Deutschland beschäftige und Zurückhaltung 
zeige. Ich stellte die Rückfrage, ob der Botschafter im Ernst gesprochen 
habe; als er dies mit Nachdruck und einem Anflug von Erstaunen be- 
jahte, sagte ich ihm, daß ich nicht wisse, worauf er seinen Eindruck 

198 



gründe, ich hätte eine Kollektion der giftigsten Hetzartikel und illu- 
strierter Schmähgedichte zur Hand, aus welchen er sehen könnte, 
in welchem Tone man in Frankreich von allem, was deutsch wäre, 
spräche. Es handelte sich dabei nicht etwa nur um die lächerliche 
Patriotenliga, sondern um große französische Zeitungen und um Ge- 
dichte, welche von Schauspielern eines staatlich subventionierten 
Theaters hergesagt worden wären. 

Herr Herbette war wenig erfreut über meine Entgegnung und 
suchte sich dem Gewicht derselben dadurch zu entziehen, daß er 
erklärte, wir legten viel zu viel Gewicht auf die Presse i; selbst die 
größeren französischen Zeitungen, die ich angeführt habe, hätten doch 
höchstens einen Leserkreis (nicht etwa einen Abonnentenkreis) von 
20000; bei der Presse handelte es sich immer darum, Eindruck hervor- 
zurufen, um mehr Exemplare abzusetzen, und nebenher um Angriffe 
auf die bestehende Regierung. 

Die Majorität des französischen Volkes würde aber ganz falsch 
von uns beurteilt, sie sei die friedhebendste der Welt, 

Ich erklärte dem französischen Botschafter, daß ich bei meiner 
Befürchtung, er sei in einem Irrtum über seine Landsleute begriffen, 
stehen bleiben müsse. Ich erinnerte ihn an die Phasen von besseren 
Beziehungen, welche wir innerhalb der letzten 16 Jahre mit Frank- 
reich durchgemacht hätten, und die niemals von längerer Dauer ge- 
wesen wären: solange es in Frankreich möglich sei, daß jede Partei, 
welche fühle, daß sie an Prestige verlöre, und daß ihr der Boden unter 
den Füßen schwände, nur die große Revanchetrommel zu rühren und 
kräftig auf Deutschland zu schimpfen brauche, um wieder in die Höhe 
zu kommen, könnte ich an die angebhche französische Friedensliebe 
nicht glauben. 

Der Botschafter sagte, er bedaure, daß seine Regierung sowenig 
Handhaben gegen die Presse habe; er selbst täte alles dazu, um die 
Wogen der gegenseitigen Verhetzung zu glätten, leider höre man auf 
ihn aber nicht viel, weil wir nicht dazu beitrügen, ihm seiner Regierung 
gegenüber eine Achtung gebietende Stellung zu machen 2. Wenn er 
hier niemals etwas erreiche, so könne er zu Haus auch keinen Ein- 
fluß haben. 

Ich bemerkte dazu, daß wir uns bei dem Fall Schnäbele so ruhig 
und entgegenkommend wie möglich benommen hätten; trotzdem sei 
uns nach seiner Erledigung von der ganzen französischen chauvinisti- 
schen Presse la lächete de la brutalite vorgeworfen. 

Herr Herbette wiegte sich auf seinem Stuhl hin und her und 
erklärte, ich erschwerte ihm die Diskussion, wenn ich immer ganz 
Frankreich für das Tun und Treiben einer verschwindenden Minorität 
verantwortlich machen wollte. Ich erwiderte darauf: „Nach meiner 
Überzeugung und nach allem, was wir hören und lesen, wird das von 
Ihnen als so ruhig gepriesene französische Volk immer bereit sein, sich 

199 



fortreißen zu lassen, sobald es von energischen Leuten auf Deutschland 
gehetzt wird; wenn wir zu vertrauensvollen Beziehungen zu Frank- 
reich so schwer gelangen können, so trägt die Schuld daran unsere 
durch das fortgesetzte Hetzen hervorgerufene Überzeugung, daß Sie 
bloß auf den Moment lauern, uns den Dolch von hinten in den Rücken 
zu stoßen, sobald Sie uns für wehrlos oder in der Front für engagiert 
halten." Bei diesen Worten sprang Herr Herbette mit Vehemenz von 
seinem Stuhl auf und protestierte mit lauter Stimme gegen eine solche 
„UngeheuerHchkeit" : er vergaß, sich wieder zu setzen, ging im Zimmer 
auf und ab und blieb während der nächsten 5 — 6 Minuten stehen, 
die er noch in meinem Zimmer verweilte. Er wurde schließlich ganz 
inständig in seinen Bitten, daß ich endlich von Befürchtungen, die 
„nicht begründet seien*', ablassen möchte. Ich erwiderte, daß es ledig- 
lich an Frankreich läge, endlich einmal eine Haltung zu beobachten, 
welche uns beweisen könnte, daß wir nicht jederzeit auf alle möglichen 
Feindseligkeiten gefaßt sein müßten: jeder Deutschredende sei in Frank- 
reich Gefahren ausgesetzt. Auf die Dummen und Ungebildeten im 
Volk, welche die große Mehrzahl bildeten, wirkten die gratis ver- 
triebenen Druckschriften mit dem Motto „pourchasser — les" und „sus 
aux Allemands". Herbette fragte, „wer soll das denn jetzt bezahlen, 
wo Boulanger nicht mehr über die geheimen Fonds verfügt?" 

Ich erwiderte, daß letztere wohl doch in gewohnte Kanäle gingen 
und von außen befruchtet würden. 

Herbette schwieg hierauf und sagte mir beim Weggehn mit einem 
Anflug von Rührung: „Es leben doch über 25000 Deutsche in Paris, 
die dort ihr Brot verdienen: wäre es so schlecht, wie Sie meinen, so 
würden diese weggehen: der ganze jetzige Lärm ist nur das Nach- 
wehen der Boulangerschen Zeit, es wird bald besser werden: je Vous 
assure que nous remontons le courant." H. Bismarck 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Er rühmt sie. 

- würde schwer sein! 

Nr. 1272 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Paris Grafen Münster 

Konzept 
Nr. 214 Berlin, den 6. JuH 1887 

[abgegangen am 12. Juli] 
Im Anschluß an den Erlaß Nr. 211* vom 4. d. Mts. erwidere ich 
Ew. pp. auf den gefälligen Bericht vom 2. desselben Monats ergebenst, 

* Der Erlaß Nr. 211 vom 4. Juli hatte den Botschafter Graf Münster ermächtigt, 
emzelne Fälle von Deutschenhetze, welche zu seiner Kenntnis kämen, bei der 
französischen Regierung zur Sprache zu bringen; doch sollte von Beschwerden 
genereller Art Abstand genommen werden. 

200 



daß der Herr Reichskanzler Ew. pp. ersuchen läßt, Reklamationen 
w€gen Deutschenhetze ganz zu unterlassen und auf den Minister Flou- 
rens keinen Druck auszuüben. Der Haß der Franzosen gegen Deutsch- 
land ist schon lange vor dem gegenwärtigen Ministerium vorbereitet 
worden. Das letztere würde geschwächt werden, wenn wir es zu sehr 
drängen wollten, in solchen Fällen Repression zu üben, die wir unter 
früheren Ministerien duldeten, weil sie mehr ein pathologisches, als 
ein politisches Interesse geboten haben. Würde von den Faktoren, 
welche in Frankreich die öffentliche Meinung bilden und beeinflussen, 
gemerkt werden, daß die deutsche Regierung durch ihre Anträge auf 
Remedur den chauvinistischen Vorgängen eine gewisse Wichtigkeit 
beimißt, so steht von dem Idiotismus der Franzosen zu befürchten, 
daß sich diese Vorgänge vermehren, und daß sie einen höheren Grad 
von Bedeutung gewinnen, als sie in Wirklichkeit besitzen. Wir werden 
am besten tun, das Pariser Irrenhausgebaren seinen Weg unbehindert 
weitergehn zu lassen. 

H. Bismarck 

Nr. 1273 

Aufzeichnung des Vortragenden Rats im Auswärtigen Amt 
Grafen zu Rantzau, z. Z. in Friedrichsruh 

Eigenhändig 

Friedrichsruh, den 9. Juli 1887 
Der Herr Reichskanzler bittet, dem Grafen Münster zu schreiben, 
er möchte über den französischen Mobilmachungsversuch nichts reden 
und nichts tun*. Wenn der Versuch sich in der Tat auf die Mobil- 
machung eines Korps beschränkte und nicht gerade an der Grenze statt- 
fände, so wäre Seine Durchlaucht der Ansicht, daß wir die Franzosen 
ruhig ihr Geld totschlagen ließen, und er würde diese Ansicht auch 
eventuell bei Seiner Majestät vertreten. Es w^äre aber andrerseits auch 
nicht nützlich, dies den französischen Ministern vorher zu sagen, weil 
sie sonst möglicherweise größere Exzesse glaubten straflos begehen 
zu können. 

Allerdings wäre es richtig, daß die Mobilmachung fern von der 
Grenze momentan eine größere Verstärkung bedeutete, als wenn die 
Mobilmachung an der Grenze stattfände, weil hier die Präsenzstärke 
an sich schon höher wäre. Aber Seine Durchlaucht wäre nicht der 
Meinung, daß wir uns dadurch zu analogen Kosten sollten verleiten 
lassen. 



* Die im Mai beschlossene französische Probemobilmachung eines Armeekorps 

erfolgte erst im September. Da sie fern von der Grenze stattfand — es wurde 

dafür das 17. Armeekorps (Toulouse) gewählt — , konnte sie deutscherseits 
ignoriert werden. 



201 



Wenn wir wirklich Frankreich überfallen wollten, so wäre aller- 
dings der Moment, wo die Franzosen sich den Luxus einer partiellen 
Mobilmachung erlaubten, hierzu ein sehr günstiger, da ihre Haupt- 
mobilmachung dadurch ohne Zweifel erschwert würde. Aber mit Zu- 
stimmung des Herrn Reichskanzlers würde ein Überfall Frankreichs 
nicht geschehen; er wäre dafür, daß wir den Angriff unter allen Um- 
ständen abwarteten und uns durch keine Provokationen in diesem 
Entschlüsse irremachen ließen, wohl aber uns in unserem Verhalten 
diesseits der französischen Grenze nicht daran kehrten, ob wir die 
ohnehin an das Irrenhaus streifende Deutschfeindlichkeit der Franzosen 
noch steigerten oder nicht. C. Rantzau 

Nr. 1274 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Paris Grafen Münster 

Konzept 

Nr. 222 Berlin, den 11. Juli 1887 

[abgegangen am 12. Juli] 

Ew, pp. übersende ich ergebenst beifolgend Ausschnitte aus den 
Nummern 373—378 der hiesigen „Nationalzeitung" über den Landes- 
verratsprozeß wider Klein, sowie Abschrift des bezüglichen gerichtlichen 
Erkenntnisses, mit dem Ersuchen, beide, nebst dem weiter beigefügten 
Artikel der genannten Zeitung „Frankreich und der Leipziger Prozeß" 
dem dortigen Herrn Minister der Auswärtigen Angelegenheiten ver- 
traulich zu übergeben*. 

Bei diesem Anlaß wollen Sie Herrn Flourens gegenüber die Hoff- 
nung aussprechen, daß er aus diesen Berichten die Überzeugung 
schöpfen werde, wie es sich in dem vorgenannten Prozeß nicht, 
wie die „Republique Frangaise" ohne jeden Grund behauptet, um einen 
Roman des Oberreichsanwalts Tessendorff handele. 

Gleichzeitig wollen Ew. pp. in freundlicher Weise Herrn Flourens 
bemerken, daß diese Mitteilung keineswegs in dem Sinne erfolge, um 
eine Beschwerde gegen das derzeitige Kabinett zu formulieren. Es 
liegt in keiner Weise in unserer Absicht, und wir sind weit davon 
entfernt, die Aufgabe desselben erschweren zu wollen. Durch die 
vertrauliche Mitteilung der bezüglichen Veröffenthchung wollten wir 
vielmehr Herrn Flourens nur die Erklärung dafür geben, daß bei der 
Entrüstung, welche in der öffentlichen Meinung Deutschlands durch 

* Vom 4. bis 8. Juli 1887 hatte vor dem Reichsgericht zu Leipzig der Landes- 
verratsprozeß gegen die Elsaß-Lothringer Klein, Qrebert und Erhart stattgefun- 
den, der mit der Verurteilung der beiden ersten Angei<lagten zu schweren Zucht- 
hausstrafen endete. Durch den Prozeß wurde das ganze weitverzweigte, durch 
Vermittelung der französischen Grenzpolizei betriebene Spionagesystem Frankreichs 
aufgedeckt, nicht zuletzt auch der Anteil Schnäbeies an diesem Treiben klargestellt. 

202 



das infolge der Leipziger Untersuchung aufgedeckte französische 
Spionagesystem hervorgerufen worden ist, der Kaiserlichen Regierung 
in dem Maße ihres Entgegenkommens Schranken auferlegt sind. 

Angesichts der aufreizenden Artikel in der französischen Presse 
und de/ maßlos betriebenen Kriegshetzereien ist zu befürchten, daß 
jeder wohlwollende Schritt Deutschlands, von Begnadigungen ganz 
abgesehen, in Frankreich als ein Zeichen der Kriegsfurcht ausgelegt 
werden würde. Nachdem überdies das deutsche Volk seinerseits durch 
die Leipziger Verhandlungen einen tiefen Einblick in das Treiben des 
französischen Kriegsministeriums gewonnen hat, wird es sehr gegen 
den Willen des Herrn Reichskanzlers unmöglich für uns sein, irgend- 
welche für die französische Regierung entgegenkommende Schritte zu 
tun, ohne auch in Deutschland einen falschen Eindruck hervorzurufen, 

H. Bismarck 

Nr. 1275 

Der Botschafter in Paris Graf Münster an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 244 Paris, den 17. JuH 1887 

Ganz vertraulich 

Präsident Qrevy hatte mich durch Herrn Flourens bitten lassen, ihn 
vor meiner Abreise zu besuchen. 

Er empfing mich auf das freundHchste und begann das Gespräch 
damit, daß er mir dafür dankte, daß ich nicht seiner Einladung zur 
Parade gefolgt sei. Es sei alles bis auf einige Ungezogenheiten gegen 
ihn sehr gut verlaufen. Für sich hätte er sich dem aussetzen müssen : 
wenn mir oder den der Botschaft attachierten Offizieren aber gegen- 
über auch nur das geringste vorgekommen, wenn ich irgendeine Un- 
annehmlichkeit gehabt hätte, so würde er das tief beklagt haben. 
Das Fembleiben und Vermeiden dieser Gefahr habe er als eine be- 
sondere Rücksichtnahme für ihn angesehen*. 

Es war das sehr gut gemeint, ist aber doch eigentlich ein testimo- 
nium paupertatis, das der Präsident sich und seiner Regierung ausstellt. 

Im ganzen sei er mit dem Verlaufe der Feier des 14. sehr zufrieden. 
Es habe sich gezeigt, daß die künstHch erzeugte Aufregung nur einen 
sehr kleinen Teil der Pariser Bevölkerung berührt habe, im ganzen 
übrigen Frankreich sei das Fest in größter Ruhe und ohne irgend 
Exzesse auf musterhafte Weise gefeiert worden. 

In Paris seien die Vorkehrungen so getroffen gewesen, daß jeder 



* Bei der großen Parade auf den Longchamps am französischen Nationalfeste 
(14. Juli) war in dem Augenblick, wo der Präsident sich mit den Ministern ein- 
fand, eine Demonstration zugunsten Boulangers inszeniert worden. 

203 



Versuch einer wirklichen Gefährdung der Ruhe und Sicherheit rasch 
und energisch unterdrückt worden wäre. 

Nun habe aber es sich glücklicherweise gezeigt, daß die Bevöl- 
kerung von Paris nicht so leicht sich aufregen lasse, als die Radikalen 
gehofft haben, „Tout ce mouvement n'etait qu'ä la surface." Es sei 
jetzt der Beweis geführt, daß Boulanger viel verschuldete, daß er sich 
immer mehr der Demokratie in die Arme warf, sie aber nicht be- 
herrschte, sondern von ihr beherrscht wurde. 

Der Präsident sprach darauf mit einer Offenheit, die mich über- 
raschte. ^ 

Es sei ihm unbegreiflich gewesen, wie sonst ganz verständige 
Männer die Macht dieses Demagogengenerals überschätzt haben. „Cet 
animal de general demagogue" nannte er ihn. 

Schon längst habe er ihn los sein wollen, die früheren Minister 
seien aber zu schwach gewesen, und als endlich die Krisis eintrat, habe 
der Präsident erst niemanden finden können, der das Kabinett ohne 
Boulanger bilden wolHe. „Meme Freycinet m'a fait faux bond ä cette 
occasion et ne voulait pas comprendre que Boulanger ne valait pas 
plus que sa popularite factice." 

Durch ihn sei die Ruhe nach innen und der Frieden nach außen 
ernstlich gefährdet gewesen. Er habe, als er gesehen, daß die Trauben 
in Beziehung auf die Diktatur sauer waren, den Krieg gewollt, und 
das zeige, was er für ein leichtsinniger, gewissenloser Mann sei. 

Zweimal, sagte zu meinem Erstaunen der Präsident, wollte der 
General uns in den Krieg treiben. Das erstemal als die Reservemann- 
schaften der deutschen Armee zu der Übung mit dem Repetiergewehr 
einberufen wurden, das zweitemal bei der Verhaftung Schnäbeies. 

Die Einberufung der deutschen Reser\en wollte Boulanger durch 
die Einberufung der französischen Reserven und Mobilmachung beant- 
worten. „Er brachte", sagte der Präsident, „das dazu erforderliche 
Dekret mit in den Ministerrat und verlangte meine Unterschrift". 
„C'est insense ce que vous proposez-lä, general; ne savez-vous pas 
que cela serait la guerre?" „Eh bien, je suis pret!" antwortete Bou- 
langer. „Aussi pret que Leboeuf dans son temps, et je ne permettrai 
pas meme la discussion de ce projet." „Dans ce cas je devrai envoyer 
ma demission!" „Bien, faites!" repondis-je. „II ne l'a pas envoyee et 
etait tres soumis et tranquille apres cela, voilä Thomme!" 

Das zweitemal habe der General den Versuch erneuert und habe, 
ehe die Kaiserliche Regierung eine Antwort habe geben können, ein 
Ultimatum und Absendung von Truppen an die Grenze verlangt. Er 
habe Goblet dafür gewonnen, und von dem AugenbHcke an sei der 
Präsident entschlossen gewesen, das Kabinett Goblet, und vor allen 
Boulanger, zu beseitigen, habe es aber durch ein Votum der Kammer 
herbeiführen wollen, und das sei geglückt. 

204 



Die Beseitigung Boulangers machte ihm größere Schwierigkeiten, 
als er erwartete, und die einzigen beiden Männer, die ihm dabei ener- 
gisch zur Seite gestanden hätten, seien Rouvier und Fiourens gewesen. 
Er hoffe sehr, daß er beide länger, als gewöhnhch französische Minister 
sich zu halten pflegten, im Amte werde erhalten können. 

Er glaube, daß durch die Vorgänge auf dem Bahnhofe, die Demon- 
strationen auf der Reise nach Clermont, namentlich aber durch die 
Diskussion in der Kammer Boulanger die Zähne ausgezogen seien. 

Sowie er jetzt zu agitieren fortfahre, werde ihm das Kommando 
sofort entzogen werden. Die Armee fühle sich durch die letzten Vor- 
gänge sehr verletzt, und die Radikalen hätten ihn in der Kammer ja alle 
verlassen, Boulanger habe, darüber entrüstet, offen an den Deputierten 
Laisant telegraphiert: „Vous etes le seul qui ne m'ayez pas donne le 
coup de pied de l'äne." Er habe nicht gewagt, die Parade in Clermont 
abzuhalten aus Furcht vor seinen radikalen Freunden, die dort demon- 
strieren wollten, und habe einen lahmen Fuß vorgeschützt. 

„Sie können jetzt ruhig abreisen", sagte der Präsident, „und hoffe 
ich sehr, Sie im Herbste wiederzusehen. Hier im Lande wird sich alles 
beruhigen: ich sehe keine ernste Wolke am politischen Horizont." 

Es war mir sehr interessant, manches von dem, was ich wußte, aber 
mehr erraten mußte, durch den Präsidenten selbst bestätigt zu hören*. 

Münster 



Nr. 1276 

Der Geschäftsträger in London Freiherr von Plessen an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Nr. 6 London, den 5. Januar 1888 

Der französische Botschafter M, Waddington benutzte einen Mo- 
ment, als ich ihn heute auf dem Foreign Office traf, um mich der 
friedfertigsten Dispositionen des Präsidenten der Republik, der französi- 
schen Regierung und der ganzen französischen Nation auf das be- 
stimmteste zu versichern. Man beschäftige sich in Frankreich jetzt 
nur mit den Vorbereitungen zu der Ausstellung im nächsten Jahre. 
Es sei mit positiver Sicherheit darauf zu rechnen, daß während zweier 
Jahre 1 eine Kriegsgefahr von französischer Seite nicht drohen werde 2. 

Als besonders bemerkenswert hob M. Waddington hervor, daß 
General Boulanger von der poUtischen Bildfläche ganz geschwunden 



* Mit nicht geringerer Schärfe äußerte sich Präsident Qrevy gegen den Botschafter 
Grafen Münster am 18. Oktober über Boulanger: „Der sei allerdings einer der 
wenigen gewesen, der aus Ehrgeiz und Egoismus sein Land dem Verderben 
des Krieges preisgegeben haben würde. Deshalb habe er ihn aber beseitigt". 
(Bericht Münsters vom 19. Oktober 1887.) 

205 



sei*. Derselbe habe in parlamentarischen Kreisen nicht den geringsten 
Anklang mehr, in militärischen Kreisen habe er einen wirklichen An- 
hang nie gehabt. Ebenso schnell wie Boulanger gestiegen, sei er 
wieder in nichts zurückgesunken. 

L. PI essen 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Aber dann? 

2 (Pulverfrage!)** u[nd] russische; Rußland ist erst in 4 Jahren fertig. 



Nr. 1277 

Aufzeichnung des Reichskanzlers Fürsten von Bismarck 

Reinschrift 

Berlin, den 15. März 1888 

pp. Mit dem General Billot*** habe ich über die innere Politik Frank- 
reichs, den Boulangismus etc. nicht gesprochen ; ich habe ihm gesagt, 
daß die auswärtige Politik Deutschlands nicht geändert werden würde, 
und hinzugefügt, daß, wenn wir, wofür ich nicht die mindeste Not- 
wendigkeit sähe, mit Frankreichs etions obliges de croiser la bajonnette, 
ce ne serait pas de notre initiative, et que dans ce cas on ferait la 
guerre en soldat et en gentilhomme comme autrefois, General Billot 
verbeugte sich dazu ernst und schweigend. 

V. Bismarck 

Nr. 1278 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde an den 
Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 71 Rom, den S.März 1888 

Major von Engelbrecht f brachte mir heute die Nachricht, man sei 
im Kriegsministerium und noch mehr im Marineministerium in hohem 



* Seit General Boulanger Ende Juni 1887 zum Kommandierenden General des 
13. Armeekorps in Clermont-Ferrand ernannt worden war, war es in der Tat mit 
seinem Ansehen rasch bergab gegangen. Ende Juli nannte ihn Ferry öffentlich 
„den General des cafe chantant"; Mitte Oktober wurde er vom Kriegsminister 
mit 30 Tagen Stubenarrest bestraft; im März 1888 erfolgte seine Absetzung wegen 
wiederholter Unbotmäßigkeiten. 

** Das Wort „Pulverfrage" von der Hand des Grafen Herbert von Bismarck. 
*** General Billot war von der französischen Regierung anläßlich des Todes Kaiser 
Wilhelms I. zu den Trauerfeierlichkeiten nach Berlin gesandt worden, 
t Der deutsche Militärattache in Rom. 

206 



Grade besorgt, die Franzosen könnten eines guten Tages mit einer 
Flotte vor La Spezia erscheinen und sich dieses Hafens bemächtigen, 
als Vorspiel für eine unmittelbar folgende Kriegserklärung*. Man 
habe für alle Fälle die Forts und Batterien von Spezia vollständig 
armiert, pp. 

Graf Solms 



Nr. 1279 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Unsigniertes Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 

Nr. 188 Berlin, den 31. März 1888 

pp. Immerhin aber bleibt auch nach eigner italienischer Auffassung 
die Unfertigkeit der Verteidigungsanstalten von La Spezia als Tatsache 
bestehen. 

Es wird sich empfehlen, v^^enn Ew. Herrn Crispi, dessen energi- 
sches Temperament ihn für durchgreifende Maßnahmen geneigt macht, 
bei erster Gelegenheit darauf hinweisen, daß der gegenwärtige Augen- 
blick geeignet ist, das an der Armierung Versäumte nachzuholen, noch 
bevor die Beunruhigung, welche sich der Gemüter in Italien be- 
mächtigt hatte, ganz geschwunden ist. 

Italienische Zeitungen haben kürzlich berichtet, daß im Laufe des 
Winters Spezia unter der Gefahr eines französischen Überfalles gewesen 
wäre: Ich nehme an, daß seitdem die italienische Marineverwaltung 
schon Bedacht darauf genommen hat, den wichtigsten Kriegshafen gegen 
überraschende Angriffe und Zerstörung nach Möglichkeit zu schützen. 
Unsere höchsten Marineautoritäten sind der Ansicht, daß die erwähnten 
Zeitungsnotizen durchaus nicht aus der Luft gegriffen waren, sondern 
daß der französische Plan in der Tat darin besteht, eintretendenfalls 
gleichzeitig mit der Kriegserklärung einen Handstreich auf Spezia aus- 
zuführen : ein solcher würde, wenn er gelänge, der schwerste Schlag 
für die itahenische Marine sein, und wir hoffen deshalb, daß italienischer- 
seits alles geschieht, um einer solchen Eventualität begegnen zu 
können**. 



* Zwischen Italien und Frankreich hatte sich seit dem Spätherbst 18S7 teils aus 
handelspolitischen Differenzen, teils aus dem französischen Streben, das Gebiet 
von Tunis auf Kosten von Tripolis zu erweitern, eine starke Spannung entwickelt. 
Als im Februar 1888 ein starkes französisches Geschwader im Mittelmeer kon- 
zentriert wurde, wurden in Italien lebhafte Besorgnisse vor einem Handstreich 
auf Spezia wach. 

♦* Im Bericht Nr. 118 vom 6. April konnte Graf zu Solms melden, daß die Arbeiten 
zur Sicherung des Hafens von Spezia nahezu vollendet seien. 

207 



Nr. 1280 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 

Nr. 198 Berlin, den 12. April 1888 

[abgegangen am 20. April] 

Aus Ew. Bericht Nr. 118 vom 6. d. Mts.* habe ich mit Befriedigung 
ersehen, daß die italienische Regierung unserm Rate und den Ver- 
hältnissen Rechnung tragend, die Armierung des Hafens von La Spezia 
in ernsten Angriff genommen hat. Es ist kaum nötig, bei diesem An- 
laß zu wiederholen, daß wir uns bei dieser Anregung lediglich von 
dem Wunsche leiten ließen, Italien vor plötzlichen Überfällen und deren 
Folgen geschützt zu sehen, und daß politische und militärische Maß- 
nahmen, denen ein provokatorischer Charakter innewohnte, den Zielen 
und Bestrebungen unserer gemeinsamen Friedenspolitik schnurstracks 
zuwiderlaufen würden. 

Ich zweifle nicht, daß Ew. sich bereits in diesem Sinne an ge- 
eigneter Stelle geäußert haben, gebe jedoch anheim, ob Sie, angesichts 
der Erregbarkeit, welche sich bisweilen in der Haltung der Italiener 
Frankreich gegenüber kundgibt, unsern Standpunkt bei Gelegenheit 
in freundschaftlichen Gesprächen noch einmal betonen wollen. Es wird 
in Italien nicht unbemerkt geblieben sein, daß neuerdings regierungs- 
freundliche deutsche Blätter wiederholt hervorgehoben haben, ein 
französischer Angriff auf Italien werde alsbald einen deutschen Angriff 
auf Frankreich zur Folge haben. Diese aus dem deutsch-italienischen 
Vertragsverhältnis gezogene Nutzanwendung entspricht den Anschau- 
ungen der Kaiserlichen Regierung. Andrerseits aber beweist die Ent- 
schiedenheit des Reichskanzlers in der Battenbergfrage, wie sehr wir 
bemüht sind, allem vorzubeugen, was als Akt der Herausforderung an- 
gesehen werden und etwaigen Gegnern einen Vorwand zum Konflikt 
bieten könnte. Ew. Ermessen überlasse ich daher, auf dieses Bei- 
spiel, welches die Friedensliebe der deutschen politischen Leitung be- 
sonders deutlich veranschaulicht, in Ihren Unterredungen mit Herrn 
Crispi hinzuweisen und dabei anzudeuten, daß wir stets bemüht sein 
werden, Anlässe zu Händeln zu beseitigen, welche eines kriegerischen 
Austrages nicht wert sein würden. Es gereicht dem Herrn Reichskanzler 
zur Beruhigung, daß er die Gewißheit hat, sich mit Herrn Crispi in 
seiner Auffassung über die Kalamität großer Kriege zu begegnen, 
da Seine Durchlaucht hierauf die Zuversicht gründet, daß Herr Crispi 
kleinhche französische Taktlosigkeiten oder Provokationen mit staats- 

* Vgl. S. 207, Fußnote **. 

208 



männischer Ruhe und Kaltblütigkeit als irrelevant behandeln wird, so- 
lange nicht wirkliche Interessen Italiens dabei in Frage kommen: würden 
letztere jemals ernstlich bedroht, sodaß sie eine kriegerische Abwehr 
unvermeidlich machen, so wird Italien uns stets an seiner Seite finden. 

H. Bismarck 

Nr. 1281 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in London Grafen von Hatzfeldt 

Konzept 
Nr. 390 Berlin, den 28. April 1888 

Vertraulich [abgegangen am 1. Mai] 

Ew. gefälligen Bericht Nr. 118 vom 24.* hat der Herr Reichs- 
kanzler mit Interesse gelesen. Seine Durchlaucht verkennt nicht, daß 
der Schutz der englischen Küste mit Rücksicht auf die öffentliche Mei- 
nung in England nicht geschwächt werden kann; bei dem von Lord 
Salisbury in Aussicht genommenen Plan bezüghch der Verstärkung des 
Mittelmeergeschwaders braucht diese Eventualität gegenwärtig auch nicht 
in Frage zu kommen. Der Zweck, den wir mit der Anregung der Ver- 
mehrung des englischen Mittelmeergeschwaders verfolgten, ist durch 
die von Lord Saüsbury in Aussicht genommene Zuführung einiger aus 
dem fernen Osten zurückkehrenden Schiffe erreicht, und ich stelle Ew. 
anheim, Lord Sahsbury unsere Befriedigung hierüber auszusprechen. 

Was den Schlußsatz Ihres vorerwähnten Berichtes anlangt, so hält 
der Herr Reichskanzler den Augenblick jetzt schon für gekommen, daß 
seitens Lord SaHsburys den Franzosen kein Zweifel gelassen wird über 
die Haltung, welche England bei einem plötzUchen Angriff Frankreichs 
auf Italien einnehmen würde. Es ist durchaus richtig, daß England es 
in der Hand hat, dem Ausbruch eines französisch-italienischen Krieges, 
den auch wir dringend zu vermeiden wünschen, vorzubeugen. Es ist 
über unser Vertragsverhältnis mit Italien genug in die Öffentlichkeit ge- 
drungen, um den Franzosen keinen Zweifel darüber zu lassen, daß 
wir Italien zu Hilfe kommen würden, wenn sie letzteres überfallen 
sollten. Wenn nun England ebenfalls in Paris zu verstehen gibt, daß 
seine Kriegserklärung einem französischen Angriff auf Italien folgen 



* In seinem Bericht vom 24. April 1888 hatte Botschafter Qraf von Hatzfeldt die 
Aufnahme geschildert, die die Anregung der deutschen Regierung auf Verstärkung 
der englischen Mittelmeerflotte bei Lord Salisbury gefunden hatte. Danach hielt 
der englische Premier eine Verstärkung in dem Grade, daß dadurch der Schutz 
der englischen Küste geschwächt werde, im Hinblick auf die unberechenbaren 
Verhältnisse nicht für möglich, stellte aber eine Heranziehung einiger von Außen- 
stationen zurückkehrender Kriegsschiffe zur Mittelmeerflotte in Aussicht und deu- 
tete an, daß England im Fall eines französischen Angriffs auf Italien seiner- 
seits in der Lage sein würde, mit Repressalien gegen die französischen Häfen im 
Norden vorzugehen. 

14 Die Große Politik. 6. Bd. 209 



würde, so würde ich hierin das sicherste Mittel sehen, um einen solchen 
zu frustrieren. Wartet man englischerseits mit einer bezüglichen War- 
nung, bis die Feindseligkeiten ausgebrochen sind, so wird der Krieg 
nicht mehr zu verhindern sein: es kann dann nur noch repressiv und 
nicht präventiv eingegriffen werden. Soweit wir die Lage der Dinge 
in Frankreich beurteilen können, ist der Moment schon gekommen, 
in welchem eine Andeutung über Englands Stellungnahme von entschei- 
dendem Gewicht für die Beziehungen zwischen Frankreich und Italien 
sein kann. Man sollte nicht warten, bis der Dammbruch vorliegt, sondern 
einen solchen lieber durch einen diplomatischen Hinweis verhüten. 
Ich habe mich in diesem Sinne streng vertraulich zu Sir Edward 
Malet ausgesprochen und bitte Ew. dies Ihrerseits Lord Saiisbury 
gegenüber ebenfalls zu tun und dabei zu betonen, that prevention is 
better than eure. H. Bismarck 

Nr. 1282 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes 
Grafen Herbert von Bismarck 

Reinschrift 

Berlin, den 1. Mai 1888 

Der französische Botschafter, welcher mir vor kurzem das Regle- 
ment für die Kunstabteilung der nächstjährigen Pariser Ausstellung 
mitgeteilt hatte, fragte mich vor seiner Abreise nach Paris im Auf- 
trage seiner Regierung, ob wohl Aussicht wäre, daß wir uns ähnlich wie 
im Jahre 1878 mit Erzeugnissen der deutschen Kunst an der bevor- 
stehenden französischen Ausstellung beteiligen würden i; er bedaure 
sehr, daß wir eine generelle Beschickung seinerzeit abgelehnt hätten, 
glaube aber, daß es einen sehr guten Eindruck machen und für die 
Beziehungen beider Länder ersprießlich sein würde, wenn wir uns 
wenigstens dem 1878" Vorgange analog verhielten. 

Ich bemerkte Herrn Herbette, daß ich auf die generelle Frage 
trotz seines Bedauerns über den hierüber gefaßten Beschluß nicht 
zurückkommen könnte, da ich mich in dieser Hinsicht seinem Amts- 
vorgänger gegenüber schon auf das prägnanteste ausgesprochen hätte: 
abgesehen von allen sachlichen Gründen genüge für unsere Ablehnung 
schon die Tatsache, daß die Ausstellung zur Verherrlichung der Säkular- 
feier von 1789 dienen solle. Wäre die Ausstellung aber auch für ein 
anderes Jahr geplant gewesen, so würde die deutsche Regierung sich 
nach den unerhörten jüngsten Vorfällen in Beifort* doch genötigt sehen, 
sich jeder Art von offizieller Beschickung einer in einer französischen 
Stadt geplanten Schaustellung zu enthalten. 

Der französische Botschafter hatte mich kaum zu Ende sprechen 

* Am 8. April 1888 waren vier deutsche Studenten aus Freiburg bei einem Aus- 
fluge nach Beifort von dem Straßenpöbel schwer mißhandelt worden. 

210 



lassen: er beteuerte mit Empressement, daß die üble Erfahrung, welche 
unsere Landsleute in Beifort gemacht hätten, seiner Regierung pein- 
lich gewesen, und daß seitens der letzteren sofort das Nötige veranlaßt 
worden sei, um die Anstifter zur Rechenschaft zu ziehen : er freue sich, 
mir mitteilen zu können, daß verschiedene der Tumultuanten mit Ge- 
fängnis und Geldstrafen belegt worden seien; er hoffe, daß wir hier- 
nach der Sache keine Bedeutung mehr beilegen würden: in Grenz- 
städten seien die Bevölkerungen leider immer besonders erregbar, und 
hierin fände der bedauerliche Auftritt, dessen Opfer die deutschen Stu- 
denten gewesen seien, seine Erklärung. Da ich ihm bisher von der 
Sache nicht gesprochen hätte, so hätte er gehofft, daß diese Auf- 
fassung auch die unsrige wäre. 

Ich erwiderte dem Botschafter: „Ich habe der Sache Ihnen gegen- 
über nicht erwähnt, weil ich weiß, daß diejenigen Ihrer Landsleute, 
welche die Regierung in den Händen haben, für Ausschreitungen der 
übrigen nicht unbedingt verantwortlich gemacht werden können. Der 
Fehler liegt im französischen Nationalcharakter, und dieser kann durch 
Beschwerden oder Reklamation nicht gebessert werden. Ihre Regierung 
hat getan, wozu sie verpflichtet war, indem sie, soweit sie das ihrer 
öffentlichen Meinung gegenüber wagen konnte, repressiv verfuhr. Bei 
den guten offiziellen Beziehungen, in denen wir stehen, sah ich voraus, 
daß Sie den Vorfall nicht gänzlich ungerügt hingehen lassen würden, und 
konnte mich deshalb enthalten, denselben Ihnen gegenüber zur Sprache 
zu bringen. Sie sind aber nicht in der Lage, uns irgendeine Garantie 
zu geben, daß harmlose Deutsche in Frankreich bei der nächsten Ge- 
legenheit nicht wieder in brutaler Weise behelligt werden. Dazu ist 
Ihre Regierung zu schwach. Frankreich ist gegenwärtig, dank der 
systematisch betriebenen Aufregungen der Volksleidenschaften, das un- 
gastlichste aller zivilisierten Länder, wenigsten sicherlich soweit Deut- 
sche in Betracht kommen. Diese Tatsache ist bekannt genug, und ich 
wundere mich nur, daß sich noch Landsleute von mir finden, welche 
sich trotzdem nach Frankreich begeben. Ich hoffe, daß dieselben sich 
den Vorgang in Beifort zur Lehre dienen lassen und sich künftig 
andere Reiseziele als das fremdenfeindliche Frankreich wählen werden. 
Wer das nicht tun will, der trägt eben seine Haut zu Markte, und 
für Leute, die sich in Gefahr begeben wollen, habe ich kaum ein 
Bedauern. Sie werden aber begreifen, daß ich bei dieser Sachlage ein 
offizielles Erscheinen Deutschlands auf der Pariser Ausstellung als 
ausgeschlossen ansehen muß 2. Wenn Sie vorhin behaupteten, daß Be- 
schimpfungen Deutscher nur an Grenzorten vorkämen, so verweise ich 
demgegenüber auf die lächerliche Spionenriecherei, die an allen Orten 
Frankreichs systematisch betrieben wird, obgleich derselben bisher nur 
unschuldige Landschaftsmaler oder commis voyageurs zum Opfer gefallen 
sind: trotz alles Spionengeschreis und aller Denunziationen ist in den 
letzten 17 Jahren noch niemals ein Deutscher der Spionage überführt 

u* 211 



worden, während die französischen Offiziere und Spione, welche wir 
in diesem Zeitraum beobachtet, sistiert oder ausgewiesen haben, nach 
Dutzenden zählen. Ich erinnere femer an die Mißhandlung des Württem- 
bergers Wuerst vor wenigen Jahren, der an Ihrem Nationalfest beinahe 
umgebracht wurde, weil er angeblich auf dem Place de la Concorde 
deutsch gesprochen hatte. Daß die Ungasthchkeit Frankreichs sich 
nicht auf Deutsche allein beschränkt, beweist schließlich am besten der 
schmähhche Empfang, welchen die Pariser Bevölkerung im Herbst 
1883 dem Könige von Spanien bereitete. 

Ich führe diese Dinge nicht an, um eine Beschwerde zu formu- 
lieren, oder um einen Vorwurf zu erheben: je ne fais que constater un 
phenomene regrettable. Ihre Regierung ist nicht in der Lage, die Ver- 
antwortung dafür zu übernehmen, daß deutsche Aussteller oder deren 
Besitztum in Paris vor Beschädigung bewahrt bleiben werden 3. Bei 
der Erregbarkeit der dortigen Massen braucht nur irgendein gewissen- 
loser Agitator an einem schönen Sonntag nachmittag mit 10000 Bewoh- 
nern von Belleville in die Ausstellung hinabzusteigen, und es wird 
ihm ein leichtes sein, in wenigen Minuten eine Beschimpfung unserer 
Farben und Zerstörungen der etwaigen deutschen Abteilungen ins 
Werk zu setzen; Ihre Regierung würde dann in die schwierige Lage 
kommen, entweder Abbitte leisten und für den Schaden aufkommen 
zu müssen, und sich dadurch in der öffentlichen Meinung Frankreichs 
auf das äußerste zu diskreditieren, oder aber bei ihrer Schwäche der 
vox populi gegenüber nachzugeben und das Geschehene zu endos- 
sieren. Da wir friedliebend sind und unsere gegenwärtigen Beziehungen 
nicht getrübt zu sehen wünschen, so wollen wir Ihre Regierung einer 
solchen Eventualität nicht aussetzen." 

Der Botschafter hatte mich wiederholt mit Zeichen lebhafter Un- 
geduld durch einzelne Ausrufe und Phrasen unterbrochen, welche, 
als ich geendet hatte, darin gipfelten, daß er sagte: „Vous ditesque Vous 
etes pacifiques, — mais nous* sommes archi pacifiques: c'est dans cette 
pensee que je tenais ä ce que TAllemagne prit part ä l'exposition 
des beaux arts: je regrette Votre refus, que je devrai transmettre ä 
mon gouvernement, mais j'espere que Vous me dispenserez de lui expli- 
quer les motifs que Vous venez de me donner^: je crois que Vous y 
avez mis un peu de passion^, car si la France etait vraiment si peu 
hospitaliere que Vous le pensez il n'y aurait pas ä Paris au delä 
de 30000 Allemands qui y gagnent leur vie." 

Ich bemerkte hierzu, dies sei kein Beweis: vor dem Kriege hätten 
über 300000 Deutsche in Frankreich gelebt, jetzt seien es nurnoch etwa 
100000; diese Zahlen sprächen für sich selbst. Daß die Deutschen in 
Paris sich übrigens sehr sicher fühlten, bezweifelte ich; bei unserer 
starken Bevölkerungszunahme sei ein gewisser Prozentsatz derselben 
darauf angewiesen, seinen Unterhalt in der Ferne zu suchen, wenn 
derselbe auch mit Gefahren verbunden sei: Viele gingen zu diesem 

212 



Zwecke zur See'' oder in die ungesunden tropischen Klimata, obgleich 
sie wüßten, daß ihr Leben dort vielen Bedrohungen ausgesetzt sei. 
Aus den erwähnten Zahlen ergebe sich aber mit voller Klarheit, daß 
diejenigen Deutschen, welche auf dem Boden des Vaterlandes nicht ihr 
Brot fänden, sich doch noch lieber den klimatischen und elementaren, 
als den ihnen in Frankreich drohenden Fährlichkeiten aussetzen, da 
sonst seit 1870 eine entsprechende Vermehrung unserer in Frank- 
reich lebenden Untertanen eingetreten sein müßte und nicht eine Ver- 
minderung um mehr als ^/g. Der Deutsche könne sich heutzutage mit 
größerer Sicherheit und Sorglosigkeit in Afrika und auf den Südsee- 
inseln bewegen, als in dem sich mit seiner hohen Zivilisation so gern 
brüstenden Frankreich, während Franzosen, die sich in Deutschland 
aufhielten, niemals irgendeiner Behelligung unterlägen. 

Herr Herbette war durch meine Bemerkungen etwas peinlich be- 
rührt und wußte nur darauf zu erwidern, man müsse doch auch dem 
Rechnung tragen, daß wir die Sieger und die Franzosen die Besiegten 
gewesen seien. 

Ich sagte ihm, daß ich diesen Satz als stichhaltig nicht anzuerkennen 
vermöchte: in den letzten Jahrhunderten hätten leider mehr als 20 große 
Kriege zwischen Deutschen und Franzosen stattgefunden, in denen 
bald der eine, bald der andere Teil Sieger geblieben wäre; niemals 
aber habe sich auf Seiten des unterlegenen Landes eine solche wilde 
Animosität gegen die Angehörigen des im Vorteil gebliebenen geltend 
gemacht, als in Frankreich seit 1870; wir hätten eine Zeitlang gehofft, 
diese Animosität zu überwinden, und Frankreich auf vielen Punkten 
das größte Entgegenkommen gezeigt, nicht nur durch unser Erscheinen 
auf der 1878er Ausstellung, sondern auch während verschiedener, für 
Frankreich wichtiger poUtischer Phasen; es sei uns das aber nur als 
Schwäche ausgelegt worden, und der vorübergehenden, von uns mit 
Befriedigung begrüßten 1884er Episode einer scheinbaren Annäherung 
sei ein Zustand von künstlicher Erbitterung und Verdächtigung ge- 
folgt, welcher innerhalb der letzten 3 Jahre sich stetig aufwärts bewegt 
habe. Nachdem neuerdings selbst der sonst für versöhnlich und ver- 
ständig gehaltene Ferry mit besonderem Nachdruck die chauvinistische 
Tonart angeschlagen habe, könne man von keinem französischen Staats- 
mann mehr erwarten, daß er etwas anderes als den Beifall der chauvi- 
nistischen Presse zur Richtschnur seiner Handlungen nehmen werde. 
Wüßte man in Frankreich nicht, daß jeder Minister, der sich nicht un- 
möglich machen will, gezwungen ist, der Volksleidenschaft gegenüber 
nachgiebig zu verfahren, so wäre es nicht möglich gewesen, daß auch 
der bessere Teil der Belforter Bevölkerung sich an der jüngsten Deut- 
schenhetze beteiligt, und daß ein um Einschreiten gegen die drohende 
Soldateska gebetener französischer Offizier den Studenten mit Schaden- 
freude erklärt hätte, sie hätten sich ja nicht auf französischen Boden 
zu begeben brauchen. 

213 



Herr Herbette wollte die letztere Tatsache auf Orund ihm an- 
geblich zugegangener Informationen bestreiten. Ich lehnte ab, mit ihm 
hierüber zu diskutieren, indem ich erklärte, ich wüßte nicht, inwieweit 
seine Nachrichten authentisch seien: für mich sei lediglich das amt- 
liche Protokoll maßgebend, welches die Badische Regierung über den 
Vorfall aufgenommen und hierhergesandt hätte. Eine Diskussion des 
betreffenden Schriftstücks würde die Annahme zulassen, als ob ich die 
offizielle deutsche Darstellung nicht für unbedingt zuverlässig hielte, 
und diese Möglichkeit sei für mich von vornherein ausgeschlossen. 

Der französische Botschafter schwieg hierzu und fragte mich, ob 
wir denn nicht wenigstens Private, welche Neigung hätten, die Aus- 
stellung zu beschicken, mit Rat und Erleichterungen unterstützen 
wollten? Ich erwiderte, daß ich hierzu die Hand nicht zu bieten ver- 
möchte, denn nach meiner Überzeugung würden, wie ich bereits ent- 
wickelt hätte, deutsche Aussteller in Paris für ihre Person und ihr 
Eigentum Gefahr laufen. „Si reellement il y a des Allemands qui veulent 
envoyer des objets ä Paris, et qui me demandent mon avis, je me verrais 
oblige de leur dire que je leur conseillerais plutot de se rendre dans 
le Sud de TAfrique que de risquer leur peau et leurs marchandises 
ä Paris.*' 

Als der französische Botschafter hierbei fast vom Stuhle aufsprang 
und einen unartikulierten Laut des Protestes von sich gab, sagte ich 
achselzuckend, „es tut mir sehr leid, daß die Tatsachen mich nötigen, 
so zu sprechen, mais ä qui la faute? C'est ma conviction, basee sur 
des faits recents, que nos nationaux courent moins de danger, s'ils 
voyagent en Afrique que s'ils s'exposent ä la soidisante hospitalite 
fran^aise, Comme je desire maintenir les relations actuelles entre nos 
deux gouvernements, je dois m'efforcer ä ecarter tous les points noirs 
qui pourraient surgir. Dans cet ordre d'idees je crois de mon devoir 
de deconseiller ä tout Allemand d'aller sejourner en France; peut-etre 
finirons-nous par nous entendre, si un beau jour une muraille de Chine 
couvrira toute notre frontiere." 

Herr Herbette verwahrte sich hiergegen, indem er erklärte, daß 
es im Interesse von zwei benachbarten Völkern doch sehr wünschens- 
wert ^ sei, wenn man sich gegenseitig gründlich kennenlernte 9, und 
dies sei nur bei einem regen persönlichen Verkehr de part et d'autre 
möglich. Ich schloß mich dieser Ansicht aber nicht an, sondern sagte 
nur, daß wir die Franzosen zur Genüge kennten, um zu wissen, daß sie 
schwierige und wenig wohlwollende Nachbarn seien. 

Die Unterhaltung erreichte hier ihr Ende, und wir trennten uns 
unter der gegenseitigen Versicherung, daß uns nichts so sehr am 
Herzen läge, als w ie die Erhaltung des Friedens. H. Bismarck 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck auf einer Abschrift der Aufzeichnung: 
1 Beifort! 
- richtig 

214 



3 richtig 

* wer? Deroulede-Boulanger? 
6 ? 

6 9 

■^ Amerika 

8 ? 

9 das haben wir! 

Nr. 1283 

Aufzeichnung des Vortragenden Rats im Auswärtigen Amt 
Grafen zu Rantzau, z. Z. in Varzin 

Eigenhändig 

Varzin, den 20. Mai 1888 

Der Herr Reichsi<anzler bittet dem Grafen Münster vertraulich 
und sicher zu antworten, er sei mit seiner Behandlung der Belforter 
Angelegenheit* ganz einverstanden. 

„Die Erscheinung in Beifort aber," so fuhr Seine Durchlaucht be- 
hufs Mitteilung an Graf Münster wörtlich fort, „und auch die Stim- 
mungen, die sich bei Gelegenheit der Sezession in der Patriotenliga 
von Seiten der Genossen Derouledes dokumentiert haben, und die 
Zurückweisung Littauers**, das alles sind Symptome, welche auf die 
Kriegslust Frankreichs schließen lassen. Wir müssen uns deshalb doch 
mit dem Gedanken vertraut machen, daß diese bis in die untersten 
Schichten der Bevölkerung hinab verbreitete Stimmung zu einer Explo- 
sion führen muß, sobald irgendein neuer Wechsel in der französischen 
Regierung den Zünder dazu liefert. Wir haben bisher unsererseits 
bei dergleichen Konflikten alles getan, um eine Verschärfung der- 
selben zu vermeiden, aber ich befürchte nachgerade, daß dies Bemühen 
ein vergebliches sein werde, und kann mich des Eindruckes nicht er- 
wehren, daß friedfertige Höflichkeit zwar für die französische Regierung 
bequem und angenehm sein mag, daß die Bevölkerung Frankreichs 

* Graf Münster hatte wegen der Belforter Angelegenheit am 16. Mai auf An- 
weisung von Berlin scharfe Beschwerde bei dem französischen Minister des Aus- 
wärtigen Goblet geführt. Dieser sprach wohl sein Bedauern aus, erklärte aber, erst 
mit seinen Kollegen Rücksprache nehmen zu müssen. Der Vorfall führte zu Wei- 
terungen, weil die französische Regierung die Zahlung einer Entschädigung ver- 
weigerte und die beteiligten Studenten auf den Weg der Privatklage bei den 
französischen Gerichten verweisen ließ. Da sich aber kein französischer Anwalt 
bereit finden ließ, die Klage der deutschen Studenten zu vertreten, endete die 
Angelegenheit mit der Konstatierung in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" 
vom 14. August 1888, „daß der Deutsche in Frankreich kein Recht findet, und 
daß für Vergehen gegen Deutsche in Frankreich keine Sühne zu erlangen ist". 
Auf deutscher Seite blieb eine Spannung zurück, die ihren Ausdruck u. a. auch 
in der Verhängung des Paßzwanges für Elsaß-Lothringen fand. Siehe die folgen- 
den Aktenstücke. 

** Am 24. April 1888 war der Schriftsetzer Littauer aus Breslau, der zu Ver- 
wandten nach Reims reisen wollte, an der Grenze mit dem Bedeuten, sich erst 
eine Erlaubnis des Präfekten von Nancy zur Einreise zu verschaffen, zurück- 
gewiesen worden. 

215 



aber zu den Charakteren gehört, welche friedliche Höflichkeit und 
anständige Formen sehr leicht als Schwäche und Besorgnis auffassen 
und sich dadurch mehr in der Unverschämtheit verhärten, als zu 
gleichem Verhalten veranlaßt sehen. Wir werden deshalb niemals Hän- 
del suchen, und der Ausbruch des Krieges, den ich befürchte, wird nie- 
mals eine diesseitige Aggression zum Ausgangspunkte haben. Aber ich 
bin zweifelhaft geworden, ob unser bisheriges System, dem Bruche aus- 
zuweichen, einer für anständige Behandlung so wenig empfänglichen 
Nation gegenüber, wie es die Franzosen sind, das Richtige ist. Ich 
werde es wenigstens Seiner Majestät dem Kaiser nicht mehr mit 
derselben Zuversicht wie bisher empfehlen können." 

C. Rantzau 

Nr. 1284 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Paris Grafen Münster 

Konzept 
Nr. 152 Berlin, den 21. Mai 1888 

Um den von Frankreich aus in Elsaß-Lothringen unternommenen 
Wühlereien entgegenzutreten, wird der Kaiserliche Statthalter in Elsaß- 
Lothringen zufolge einer Mitteilung desselben die in Abschrift er- 
gebenst beigefügte Verordnung, als deren Geltungsbeginn derSl.d.Mts. 
in Aussicht genommen ist, durch das Kaiserliche Ministerium in Straß- 
burg erlassen*. 

* Abgedruckt u.a. in Schulthess' Europäischer Geschichtskalender 1888, S.86. Die 
erste Anregung zur Verschärfung der Paßkontrolle an der französischen Grenze 
ging auf einen Bericht des preußischen Gesandten in Dresden Grafen von Dönhoff 
vom 18. Januar 1888 zurück, der die Tatsache hervorhob, daß die zahlreichen Deutsch- 
land und so auch Dresden besuchenden französischen Offiziere nicht entfernt einer 
solchen Behelligung und Überwachung unterlägen, wie deutsche Offiziere in Frank- 
reich. Fürst Bismarck veranlaßte darauf das Auswärtige Amt, laut Aufzeichnung des 
Grafen zu Rantzau vom 20. Januar, mit den Verbündeten Regierungen über die 
Frage in Verbindung zu treten, ob es nicht notwendig sei, an der französischen 
Grenze eine strengere Paßkontrolle einzuführen, und zwar so, daß Franzosen, 
namentlich französische Offiziere nur dann zugelassen würden, wenn sie ein Visa 
der deutschen Botschaft in Paris hätten. „Es würde durch eine solche Maßregel 
ein doppelter Zweck erreicht werden: einmal würden die Rekognoszierungen und 
Spionagen der französischen Offiziere in Deutschland verhindert oder doch er- 
schwert werden, welche jetzt ebenso wie zur Zeit Napoleons vor dem Kriege 
stark im Gange wären, und dann würde auch den Franzosen die Unangemessenheit 
der dortigen Gastfreundschaft durch Talion vor Augen geführt werden". Durch 
Vorkommnisse wie die Mißhandlung der deutschen Studenten in Beifort wurde 
Fürst Bismarck in seiner Absicht noch bestärkt, sodaß er zu ihrer Ausführung 
auch gegen die dringenden Vorstellungen des Statthalters in Elsaß-Lothringen, 
Fürsten von Hohenlohe, schritt. Vgl. dessen ausführliche Darstellung in Denk- 
würdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst 11 (1Q07), S. 432ff. 
Im weiteren Verlauf des Jahres 1888 kam es zu der Ausweisung zahlreicher aktiver 
französischer Offiziere, die sich „Sprachstudien" halber in Deutschland aufhielten. 
Vgl. „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" vom 6. und 18. Dezember 1888. 

216 



Von dem gedachten Zeitpunkt an muß jeder über die französische 
Grenze nach Elsaß-Lothringen reisende Ausländer, sei es, daß er auf 
der Durchreise begriffen ist oder im Reichslande Aufenthalt nehmen 
will, einen Paß besitzen, welcher mit dem Visa der Kaiserlichen Bot- 
schaft in Paris versehen ist. 

Für ein jedes solches Visa wollen Ew. pp. eine Gebühr von zehn 
Mark erheben und die hieraus entstehenden Einnahmen in der üblichen 
Weise verrechnen bezw. abführen. 

Wenn der die Erteilung des Visa bei Ew. pp. Nachsuchende nicht 
die französische Staatsangehörigkeit besitzt und sonstige politische Be- 
denken nicht obwalten, wird das Visa anstandslos zu bewilligen sein. Ist 
der Nachsuchende aber ein Franzose, so ersuche ich Sie, das Visa erst 
dann zu erteilen, wenn derselbe den Zweck und die etwaige Dauer 
seiner Reise in Elsaß-Lothringen angibt und der Kaiserliche Statt- 
halter, mit dem Ew. pp. sich in einem jeden solchen Fall in unmittel- 
bare Verbindung setzen wollen, gegen die Erteilung des Visa keine 
Bedenken erhebt. Ausnahmen von einer vorherigen Anfrage bei dem 
Kaiserlichen Statthalter werden Ew. pp. vorerst nur dann machen 
können, wenn der Nachsuchende eine allgemein als einwandfrei bekannte 
oder angesehene Persönhchkeit ist, von welcher nach Ihrer Über- 
zeugung eine Agitation in Elsaß-Lothringen gegen die deutsche Herr- 
schaft nicht zu befürchten steht. Ob auch noch in andern Fällen 
vor der Erteilung des Visa von einer Anfrage bei dem Herrn Statt- 
halter abgesehen werden kann, wird erst entschieden werden, wenn 
die Verordnung etwa einen Monat lang in Geltung gewesen sein wird. 
Über diesen Punkt sehe ich seinerzeit einem gefälligen Bericht entgegen. 

Die Kaiserlichen Berufskonsuln in Frankreich, welche hinfort Visa 
nicht mehr erteilen dürfen, habe ich von der in Aussicht genommenen 
Verordnung mit besonderem unter fliegendem Siegel beifolgenden Erlaß, 
dessen Weiterbeförderung Ew. pp. gefälligst übernehmen wollen, be- 
nachrichtigt. H. Bismarck 

Nr. 1285 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Reiiikonzept 
Nr. 258 Berlin, den 28. Mai 1888 

Die Paßmaßregeln, welche wir genötigt gewesen sind zu ergreifen, 
um der französischen Agitation in den Reichslanden entgegenzutreten, 
die im Laufe der letzten Jahre mit jedem Tage dreister wurde und 
bedenkliche Zustände zu schaffen drohte, werden in der Presse viel- 
fach besprochen und finden in Organen internationalen oder republi- 
kanischen Anstrichs, die noch mehr oder weniger unter dem Ein- 

217 



fluß der französischen Presse stehen, eine falsche und gehässige Be- 
urteilung. An einigen Stellen wird jene Maßregel sogar bis zu einer 
deutscherseits beabsichtigten Provokation des friedliebenden Frank- 
reichs entstellt, während gerade die in Frankreich systematisch groß- 
gezogene Erbitterung gegen Deutschland, die zu unqualifizierbaren 
Ausschreitungen, in jüngster Zeit zu der Mißhandlung deutscher Stu- 
denten in Beifort geführt hatte, jene Maßnahmen hervorgerufen und 
im Interesse der Aufrechthaltung friedlicher Beziehungen zu unserem 
unberechenbaren Nachbarn notwendig gemacht hat. pp. 

H. Bismarck 

Nr. 1286 

Der Geschäftsträger in Paris von Schoen an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 212 Paris, den 18. Juli 1888 

Die Stimmung in Frankreich uns gegenüber ist seit einigen Wochen 
eine, wenn auch nicht weniger gehässige, so doch entschieden be- 
sonnenere geworden. Die Presse im allgemeinen befleißigt sich bei 
Besprechung deutscher Angelegenheiten eines maßvolleren Tones und 
größerer Zurückhaltung, als es sonst ihre Gewohnheit ist. Auch in den 
mannigfachen offiziellen und privaten patriotischen Kundgebungen in 
Wort und Tat, zu welchen das Nationalfest am 14. Juli Anlaß gegeben, 
ist ein gewisses Streben nach nüchterner Ruhe und ein vorsichtiges 
Vermeiden der sonst bei solchen Gelegenheiten üblichen Revanche- 
rufe nicht zu verkennen gewesen. 

Die Quelle dieser Wandlung dürfte in verschiedenen Ereignissen 
der jüngsten Zeit zu suchen sein. Die Paßmaßregeln für Elsaß- 
Lothringen haben ihre Wirkung augenscheinlich nicht verfehlt. Den 
Franzosen ist es nachgerade klar geworden, daß dieselben eine Art 
Ultimatum an ihre Adresse bedeuten, und daß es angesichts dieser 
Warnung angezeigt sei, nicht mit dem Feuer der Revancheideen zu 
spielen. Mehr aber wie der Paßzwang hat die Thronbesteigung Seiner 
Majestät des Kaisers und Königs die Franzosen zu einem maßvolleren 
und vorsichtigeren Benehmen in ihren öffentlichen Meinungsäußerungen 
bewogen. Ist auch die Annahme einer unmittelbaren Kriegsgefahr, 
welche man in Frankreich allgemein an die erhabene Person Seiner 
Majestät zu knüpfen liebte, durch die friedfertigen Kundgebungen aller- 
höchstdesselben Lügen gestraft worden, so ist doch das Gefühl geblie- 
ben, daß Deutschlands Geschicke in den Händen eines Herrschers 
ruhen, welcher unter Umständen leichter zum Schwerte greifen könnte, 
als der totkranke Vater und der hochbetagte Großvater, daß daher 
ruhiges Verhalten mehr denn je am Platze sei. Hierzu kommt nun noch, 
daß der Schritt, welchen unser allergnädigster Kaiser und Herr in 

218 



St. Petersburg zu unternehmen im Begriff steht*, die Aussichten auf 
russische Unterstützung oder auch nur Duldung der französischen Ge- 
lüste und Ränke zu vernichten droht. Gerade die Zurückhaltung, mit 
welcher sich die französische Presse und politische PersönHchkeiten 
über den Kaiserbesuch aussprechen, die Gleichgültigkeit, welche sie 
mit der Versicherung heucheln, der Besuch sei rein familiärer Natur, 
werde keine politischen Folgen haben und an dem Verhältnis zwischen 
Rußland und Frankreich nichts ändern, daneben die schüchiernen Ver- 
suche der Presse, den Keil der widersprechenden Interessen zwischen 
uns und unsere Verbündeten zu treiben und England unter Ausbeu- 
tung gewisser Vorkommnisse am Hofe des hochseligen Kaisers Fried- 
rich gegen Deutschland aufzustacheln — das alles zeigt, daß die Fran- 
zosen wieder zum Bewußtsein ihrer Isolierung und zu der Erkenntnis 
gelangt sind, daß es für jetzt geraten sei, vorsichtig alles zu vermeiden, 
was als Zeichen kriegerischer Neigungen gedeutet werden und zu 
Konflikten Anlaß geben könnte. 

V. Schoen 

Nr. 1287 

Aufzeichnung des Vortragenden Rats in der Reichskanzlei 
von Rottenburg, z. Z. in Friedrichsruh 

Eigenhändig 

Friedrichsruh, den 19. Oktober 1888 

Der Herr Reichskanzler wünscht, daß bei Mitteilung des anliegen- 
den Pariser Berichts** nochmals in folgendem Sinne an den KaiserUchen 
Botschafter in Rom geschrieben werde: 

Die tunesische Frage sei kein zweckmäßiger Anlaß, um zum Bruch 
mit Frankreich zu treiben, weil er als solcher den Italien verbündeten 
Nationen nicht faßlich und verständlich sein würde; er sei zu „diplo- 
matisch". Es empfehle sich, für die Möglichkeit einer kriegerischen 
Schichtung der Beziehungen zu Italien einen günstigeren Anknüpfungs- 
punkt abzuwarten. Daß sich ein solcher bieten würde, wenn man die 
innere Entwicklung Frankreichs nicht störe, sei Seiner Durchlaucht 
nicht zweifelhaft; die Leidenschaftlichkeit der Franzosen bürge dafür. Für 
unsere friedliebenden Bevölkerungen sei die Frage des „Angegriffen- 
seins" für jede Kriegseinleitung eine sehr wichtige; sie entscheide über 
den Enthusiasmus, mit dem der Krieg aufgenommen werde. Seine 
Durchlaucht befürchte, es werde trotz aller Bemühungen nicht möglich 



• Ära 14. Juli hatte Kaiser Wilhelm II. seine erste Fahrt als Souverän nach Peters- 
burg angetreten; am 20. traf er dort auf der russischen Kaiserjacht ein. 
** Am 14. Oktober hatte Botschafter Graf Münster über Äußerungen des Ministers 
Goblet bezüglich der tunesischen Schulfrage, in der ein Konflikt zwischen Frank- 
reich und Italien entstanden war, berichtet. 

219 



sein, mit Frankreich im Frieden zu leben, glaube aber, daß es unsere 
Aufgabe sei, den französischen Angriff, der seiner Ansicht nach, wie 
gesagt, nicht ausbleiben werde, abzuwarten, damit die öffentliche Mei- 
nung in den beteiligten Nationen nicht den Eindruck erhalte, als ob wir 
unsrerseits Frankreich provozierten*. 

Rottenburg 

Nr. 1288 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Statthalter in Elsaß-Lothringen Fürsten von Hohenlohe 

Konzept 
Nr. 7 Berlin, den T.März 1889 

[abgegangen am 8. März] 
Das gefällige Schreiben Ew. pp. vom 5.d.Mts., betreffend die Be- 
schädigung von Grenzpfählen an der französischen Grenze, hat dem 
Herrn Reichskanzler vorgelegen. Fürst Bismarck ist dankbar, daß der An- 
gelegenheit seitens der dortigen Beamten eine weitere Folge nicht ge- 
geben worden ist. Da die jetzige Regierung in Frankreich** Zeichen einer 
gewissen Kraft an den Tag gelegt und die Neigung gezeigt hat, sich 
von den Kundgebungen der Straße zu emanzipieren, so empfiehlt es 
sich, wenn von unserer Seite einstweilen vermieden wird, dem Pariser 
Kabinett Schwierigkeiten zu machen und die ruhige Entwickelung der 
Dinge zu stören. Ich bitte Ew. pp. ergebenst, soweit es angeht, die fran- 
zösische Regierung bei Grenzvorfällen ähnlicher Art dadurch zu schonen, 
daß dieselben ohne Aufsehen ihre Erledigung erlangen und nicht in 
Publizität gezogen werden. H. Bismarck 

Nr. 1289 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes 
Grafen von Bismarck 

Reinschrift 

Berhn, den 3. März 1890 

Heute besuchte mich Herr Christofle, Direktor des Credit fonder 
in Paris und französischer Deputierter. Derselbe war bei mir durch 



* Botschafter Graf zu Solms in Rom wurde durch Erlasse vom 22. und 23. Ok- 
tober 1888 in dem Sinne obiger Direktiven beschieden. Wie Graf zu Solms 
unter dem 27. Oktober berichtete, hatten Fürst Bismarcks versöhnliche Ratschläge 
vollen Erfolg. Ministerpräsident Crispi ließ dem Fürsten zurücksagen, er sei der 
französischen Regierung soweit wie nur möglich entgegengekommen; er werde 
es durchaus vermeiden, derselben irgendeine Demütigung zuzumuten. 
** Am 23. Februar war, nachdem am 14. Februar das Ministerium Floquet gestürzt 
war, das Kabinett Tirard an das Ruder gelangt, das am 28. Februar die Auf- 
lösung der Patriotenliga verfügte. 

220 



den mexikanischen Gesandten Romero Vargas eingeführt. Letzterer 
hatte schon vor Jahr und Tag mir den Wunsch ausgesprochen, durch 
seine Beziehungen zu^ Frankreich dazu beigetragen, daß eine Entente 
und womöghch AlHanz zwischen der deutschen und der französischen 
Regierung zustande käme. Inzwischen war Herr Vargas ein Jahr auf 
Urlaub gewesen. Nach seiner Rückkehr im Monat Januar sprach er 
mir wieder von seinem „Liebhngsgedanken", indem er von mir nur 
die Zusage erbat, daß ich Herrn Christofle (dessen Namen er mir 
dabei zum ersten Male nannte) empfangen würde, wenn er hierher 
käme. pp. 

Herr Christofle ist ein wohlerzogener, gebildeter Mann und macht 
den Eindruck eines der besten Repräsentanten der französischen haute 
finance. Als er nach einigen Einleitungen das Thema einer möglichen 
deutsch-französischen Allianz abordierte, ergab sich alsbald, daß er 
denselben Gedankengang entwickelte, welcher der bekannten neuer- 
lichen Broschüre des Obersten Stoffel zugrunde liegt. Er konstatierte, 
daß die steigenden militärischen Anforderungen sowohl das französi- 
sche wie das deutsche Volk, welche als die zivilisiertesten der Welt 
berufen wären, sich gegenseitig zu unterstützen, dem Ruin entgegen- 
führen würden, und daß sein lebhafter Wunsch sei, der Krieg von 1870 
möge der letzte i=^ zwischen Deutschland und Frankreich gewesen sein. 
Er behauptete, daß alle Vorbedingungen dazu vorhanden seien, denn 
das französische Volk sei, abgesehen von einigen Pariser Schreiern 
und Journalisten, durchaus friedlich gesinnt ^ und würde uns niemals 
angreifen 3. Letzteres könne nur dann geschehen, wenn wir etwa in 
einen Krieg mit Rußland verwickelt würden. Das Resultat einer solchen 
Konstellation würde aber ein für Europa höchst trauriges sein, und 
das einzige Mittel, dies zu vermeiden, sähe er in der Retrozession von 
Elsaß-Lothringen*. Dieses Land brächte Deutschland keinen Nutzen, 
und Frankreich würde mit uns eine dauernde^ Allianz abzuschließen 
bereit sein, wenn es die verlorenen Provinzen wiedererhielte. 

Ich hörte Herrn Christofle freundlich an und konnte ihm an der 
Hand der Geschichte leicht nachweisen, daß wir durch die exponierte 
Situation Süddeutschlands und die in jedem Jahrhundert immer wieder- 
kehrenden Angriffe Frankreichs genötigt gewesen seien, Deutschland 
eine bessere Grenze gegen Frankreich zu geben, als es bis 1870 gehabt 
hätte 6: seine Darlegungen hätten zur Voraussetzung, daß das sogenannte 
Millennium unmittelbar im Anzüge sei; ich sähe aber hierfür kein 
Wahrzeichen. Jeder deutsche Minister, der die Frage einer freiwilligen 
Retrozession der uns früher geraubten westlichen Landesteile anregen 
wollte, würde sowohl politisch wie persönlich in eine unmögliche 
Stellung geraten: davon könne also nicht die Rede sein. Ich hoffe, 
daß wir auch ohne dem die guten Beziehungen, in denen wir jetzt mit 
Frankreich ständen, weiter auszubilden vermögen würden. Diese Be- 
ziehungen seien sowohl Ende der 70^«" Jahre als zumal im Jahre 1884 

221 



unter dem Ministerium Ferry schon viel besser gewesen. Erst durch 
General Boulanger wären wir wieder um mehrere Jahre zurück- 
geworfen worden. Da Herr Christofle mir versicherte, daß es mit dem 
Boulangismus vollständig und auf immer zu Ende sei, so hätte ich 
die Hoffnung, daß wir auf dem guten Wege, auf welchem wir uns jetzt 
befänden, die verlorene Zeit aber wieder einbringen und ähnliche gün- 
stige Beziehungen zu Frankreich herstellen könnten, wie sie im Laufe 
der letzten 20 Jahre schon zweimal mit gutem Erfolg angebahnt seien. 
Unsere Unterhaltung bewegte sich fast anderthalb Stunden lang in 
der vorstehend skizzierten Bahn, und wenn sie auch zu keinem Resultat 
führen konnte, so schloß sie doch aufs freundlichste, indem Herr 
Christofle mich einlud, ihn bald in Paris zu besuchen, pp. 

H. Bismarck 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

* [„zu" durchstrichen, dafür:] in 

ta p 

2 seit wann? 

3 nur 20 Mal in 300 Jahren 

* dann wird das „Angreifen" wieder etwas leichter, u[nd] Süddeutschland davon 
abhängig 

6 richtig 



222 



Kapitel XLI 

Italiens Mitwirkung für den Fall eines 
französisch-deutschen Krieges 



Nr. 1290 

Bericht des Militärattaches in Rom Major von Engelbrecht* 

Abschrift 
Nr. 21 Rom, den 12. Dezember 1886 

Seit der durch Frankreichs Vorgehen in Tunis verursachten An- 
näherung Italiens an Deutschland-Österreich ist im italienischen Gene- 
ralstab die Möglichkeit eines im Bunde mit Deutschland gegen Frank- 
reich zu führenden Krieges zum Gegenstand eingehender Studien ge- 
worden. 

Während der Jahre 1882 und 1883 wurden die ersten einschläglichen 
Arbeiten von dem Kriegsministerium und dem Generalstab gemein- 
schaftlich mit Eifer betrieben und bis zur Aufstellung eines Operations- 
planes gefördert. 

Geleitet von der richtigen Erkenntnis, daß auch das Schicksal Ita- 
liens auf den Schlachtfeldern zwischen der deutsch-französischen Grenze 
und Paris entschieden werde, lag dem Operationsplan der gesunde Ge- 
danke zugrunde, daß vermittelst einer energischen Offensive durch die 
Alpen ein möglichst großer Teil der französischen Streitkräfte von dem 
eigentüchen Kriegstheater abgezogen und sodann der deutschen Armee 
in der Richtung über Lyon die Hand gereicht werden müsse. 

Man verhehlte sich allerdings nicht die großen Schwierigkeiten, 
welche der Durchführung dieser Operation vornehmlich im Anfange be- 
gegnen würden, — Überschreiten der Alpen, Forcieren der durch 
fortifikatorische Anlagen geschlossenen Deboucheen, — doch ließ man 
sich dadurch nicht von dem Vorsatz abbringen, Herr aller Schwierig- 
keiten werden zu wollen. Richtig wurde damals erkannt, daß die Armee 
in erster Linie einer besonderen, artilleristischen Ausrüstung behufs Be- 
kämpfung der Sperranlagen im Gebirge bedürfe, und das Entsprechende 
daher eingeleitet, um dieses schwierige spezifisch technische Problem 
zu lösen. Inzwischen war man auch über die einzuleitenden Vor- 
wärtsbewegungen, sowie über die Stelle, an welcher der Hauptdurch- 
bruch geschehen solle, schlüssig geworden. 

So lagen die Dinge, als im Jahre 1884 ein partieller Wechsel in 
der Besetzung der höchsten militärischen Stellen vor sich ging. Neue 
Ideen verschafften sich Geltung, zum Teil auch durch den Umstand ver- 
anlaßt, daß die französischen Sperranlagen stetig an Ausdehnung zuge- 
nommen hatten, wodurch allerdings eine merkliche Änderung der Situa- 
tion eingetreten war. 

Man fing an, die Möglichkeit eines Durchbruchs mehr und mehr 



» Vgl. dazu Bd. IV, Kap. XXIV, S. 224. 

15 Die Große Politik. 6. Bd. 225 



zu bezweifeln, und ließ sich aus diesem Grunde, sowie finanzieller 
Rücksichten halber verleiten, die Beschaffung eines durch die eigen- 
artigen Verhältnisse absolut gebotenen Materials einzustellen. 

Hiermit war der Verzicht auf jede ernste Offensive durch die 
Westalpen indirekt ausgesprochen, 

(Näheres enthielt der Bericht Nr. 8 pro 1886 über Belagerungs- 
parks gegen Alpenbefestigungen.) 

Um sich nun aber nicht durch dieses wohlfeile Aufgeben eigener 
verantwortHcher Initiative dem gewiß naheliegenden Einwurf des Man- 
gels an Vertrauen zu der Leistungsfähigkeit der Armee und ihrer Füh- 
rung auszusetzen, verfiel man in Übertreibung der sich darbietenden 
Schwierigkeiten. 

So sagte z. B. noch vor einigen Wochen der Generalsekretär im 
Kriegsministerium* dem Berichterstatter, daßselbst die preußische Armee 
hier nicht würde durchzudringen vermögen, worauf die Erwiderung 
nicht unterbleiben konnte, daß die preußische Armee aber niemals von 
vornherein den Glauben an die MögUchkeit eines solchen Gelingens 
aufgeben und sich wenigstens mit allen Mitteln ausrüsten würde, um 
sich den Erfolg zu sichern. Der General entgegnete: daß letzteres in 
Italien unterlassen worden, sei zu bedauern, doch sei man gegenwärtig 
bestrebt, das Versäumte wieder einzuholen. Hierzu muß indes bemerkt 
werden, daß diese Absicht einstweilen in dem entscheidenden Artillerie- 
ressort noch unbekannt ist. 

Mit dem Aufgeben des Gedankens der Offensive durch die West- 
alpen mußte nach einem anderen Wege für die Kooperation gesucht 
werden, und glaubt man denselben in nördhcher Richtung, sei es unter 
Benutzung der Gotthard- oder der Brennerlinie gefunden zu haben. 

Man argumentiert nämlich in folgender Weise: 

Eine italienische Offensive durch die Alpen kommt an den fran- 
zösischen Sperranlagen sofort zum Stehen; gelingt im günstigsten Fall 
der Durchbruch, so wird bis dahin doch ein bedenklich langer Zeitraum 
verstreichen; während dieser Zeit werden die italienischen Armeen, 
deren große numerische Überlegenheit im Gebirge nicht zur Geltung 
zu bringen ist, von ungleich schwächeren Kräften aufgehalten, mithin 
ein wirksames Degagieren der deutschen Armeen nicht erreicht. 

Aus dieser Lage ergibt sich die Notwendigkeit, die italienische 
Überlegenheit auf dem eigentlichen Kriegsschauplatz einzusetzen, wäh- 
rend in den Alpen die Operationen nur von einer den dortigen Verhält- 
nissen entsprechend starken Armee zu führen sein werden. 

Solcher Art ist die zurzeit im Kriegsministerium herrschende Vor- 
stellung von einer Kooperation Itahens. 

Welche Kräfte glaubt man nun für eine solche Entsendung disponibel 
zu haben? Die Ordre debataille umfaßt vier Armeen mit 15 Armeekorps. 

* Marselli. 
226 



Eine Ite, 2te und 3'^ Armee sind für die eigentlichen Feldopera- 
tionen bestimmt und zählen in 10 Armeekorps höchstwahrscheinlich 
nur Truppen erster Linie. Eine 4*« sogenannte Zentralarmee besteht 
aus 5 Armeekorps, von denen vier zur Hälfte aus Truppen erster 
Linie, zur andern Hälfte aus Truppen zweiter Linie formiert sind, 
während das 5'^ Armeekorps nur aus Truppen zweiter Linie zusammen- 
gesetzt ist. 

Die Armeekorps dieser letztgenannten Armee stehen an wich- 
tigen Punkten des peninsularen Teiles des Landes, wie Rom, Neapel, 
Viareggio-Spezia zum unmittelbaren Schutz gegen Landungsversuche 
verteilt. 

Die Konzentration der drei ersten Armeen findet in Piemont statt, 
und scheint es, daß von den 10 Armeekorps vier für die Operationen 
in den Alpen, sechs zum Auftreten auf dem deutsch-französischen 
Kriegsschauplatze bestimmt sind. 

Ob dieses Erscheinen von zirka 180 000 Italienern den Plänen der 
deutschen Heeresleitung überhaupt entsprechen würde, muß dahinge- 
stellt bleiben. Ernste Bedenken werden gewiß dagegen zu erheben 
sein. Von hier aus aber muß hervorgehoben werden, daß der Gedanke 
einer derartigen Verlegung des Schwerpunktes der Hauptaktion ent- 
schieden nachteilig den Vorbereitungen für das nähergelegene Kriegs- 
theater gewesen ist. 

So mußte es dahin kommen, daß es an besonderm, durchaus not- 
wendigen Belagerungsmaterial fehlt; daß über das Angriffsverfahren 
gegen Sperrforts keine Entscheidungen getroffen sind; daß die Ver- 
pflegung der Truppen in den Alpen nicht genügend vorbereitet ist, und 
daß die in dieser Hinsicht von dem Oeneralstabe allein ausgearbeiteten 
Projekte nach Ansicht des Ökonomiedepartements der praktischen 
Unterlage entbehren. 

Für die Operationen in den Alpen aber sind Energie und Schnellig- 
keit des Handelns durchaus geboten, weil der Zeitraum, währenddessen 
überhaupt hier große mititärische Unternehmungen stattfinden können., 
infolge klimatischer Einflüsse nur ein relativ kurzer ist. Daher muß ein 
höchster Grad von Vorbereitung vorhanden sein, und wenn dies nicht 
der Fall ist, so begibt man sich gleichsam freiwillig eines wesentlichen 
Faktors für das Gelingen der Aktion. 

In Frankreich wird man über den hiesigen Stand der Dinge gewiß 
informiert sein, und glaubt man dort, vor der Hand nicht viel mehr als 

zwei Armeekorps und zwei Reservedivisionen 
an der italienischen Grenze eintretendenfalls stehen lassen zu müssen. 
Diese beiden Armeekorps und zwei Reservedivi- 
sionen repräsentieren also in der ersten, entscheidenden 

Periode des Krieges den eigentlichen militärischen Wert 

einer italienischen Alliance. 



15* 



227 



Erwägt man, daß Italien glaubt, 15 Armeekorps aufstellen zu können, 
von denen 10 für die Feldarmee bestimmt sind, so müßte der Wert einer 
solchen Machtentfaltung unzweifelhaft ein bedeutend höherer sein. 

Die Armee ist jung, hat Proben ihrer Leistungsfähigkeit noch nicht 
abgelegt, der Sieg auf dem Schlachtfelde ist ihr unbekannt. 

Festes Vertrauen zu sich selbst wagt man nicht recht zu fassen, 
daher der unverkennbare Zug von Zaudern und Abwägen, auf welche 
Probe man wohl die Truppe, in der das Gefühl enger Zusammenge- 
hörigkeit mit ihren Führern sowie das Moment der Initiative nicht ge- 
nügend großgezogen sind, stellen darf. Daher auch der Wunsch nach 
unmittelbarer Anlehnung an den Bundesgenossen. Zum Schluß soll aber 
nicht unerwähnt bleiben, daß bei der gegenwärtigen H eeresleitung auf beste 
Intentionen hinsichtlich einer eventuellen Kooperation gerechnet werden 
darf, und bei ihr gewiß jeder Rat dankbare Aufnahme finden würde. 

Im Offizierkorps sind alle Sympathien für die in Rede stehende 
Waffengemeinschaft vorhanden, in welcher man gleichzeitig das si- 
cherste Mittel für eine Rehabilitierung erblickt, die sich erkämpfen zu 
müssen, — im Hinblick auf den Verlauf und Ausgang der Kampagne 
1866, — als eine dringende Notwendigkeit in der Armee empfunden 
wird. (gez.) von Engelbrecht 

Nr. 1291 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 

an Kaiser Wilhelm I., z. Z. in Baden-Baden 

Ausfertigung 

Berlin, den 3. Oktober 1887 

pp. Im engsten Vertrauen regte Herr Crispi* an, wir möchten 
mit dem Wunsche um Geheimhaltung in Rom vorschlagen, daß zwischen 
ausgesuchten preußischen und italienischen Generalstabs- und Marine- 
offizieren Besprechungen über die Möglichkeit und Durchführbarkeit 
gemeinsamer Operationen gegen Frankreich stattfänden, damit ein 
etwaiger Angriff dieser Macht uns nicht unvorbereitet träfe, und damit 
wir uns im voraus klar wären, wie unsere Defensivallianz militärisch am 
wirksamsten zur Hebung gebracht werden könne. 

Der Reichskanzler bittet Euere Majestät um AUerhöchstdero Er- 
mächtigung, mit den Chefs des Generalstabes und der Admiralität auf 
dieser Basis in vertrauliche Besprechung treten zu dürfen, und darf ich 
Euerer Majestät ehrfurchtsvoll anheimgeben, AUerhöchstdero Willens- 
meinung durch huldreiches Marginaldekret zum Ausdruck bringen zu 
wollen. 

* Vom 1. bis 3. Oktober hatte der italienische Ministerpräsident Crispi zum Be- 
suche des Fürsten Bismarck in Friedrichsruh geweilt. Am 3. Oktober erstattete 
Graf Herbert Bismarck, der bei den Unterredungen zwischen beiden Staats- 
männern zugegen gewesen war, dem Kaiser darüber Bericht. Vgl. Bd. IV, Nr. 917 
nebst Fußnote. 

228 



Da wir mit Italien keine Grenze haben, so ist die Frage einer kon- 
zentrischen Kooperation zu Lande immerhin eine schwierige, und die 
Anregung Herrn Crispis, sie von den Generalstäben prüfen zu lassen, 
erscheint der Erwägung wert. Fürst Bismarck hat Herrn Crispi auch 
hierbei darauf hingewiesen, wie erwünscht es für Italien und Deutsch- 
land wäre, Österreich als Dritten im Bunde zu halten, weil sich damit 
die MögUchkeit des Durchmarsches durch Tirol und der Kooperation 
im Norden oder Süden der Alpen von selbst ergeben würde. 

Die Erwähnung dieses militärischen Themas sowohl als der ganze 
Besuch des Herrn Crispi überhaupt beweisen, daß derselbe entschlos- 
sen ist, Italien noch fester als bisher auf der antifranzösischen Seite zu 
engagieren : Er begegnet sich mit uns in dem Wunsche, den Frieden 
solange als möglich aufrecht zu erhalten, hat aber durch seine in Frank- 
reich mißliebige Reise nach Friedrichsruh uns die Sicherheit geben 
wollen, daß wir auf ihn und Italien unbedingt zählen können. 

H. Bismarck 

Nr. 1292 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Abschrift 
Geheim Berlin, den 15. Oktober 1887 

Bei seiner Anwesenheit in Friedrichsruh hat Herr Crispi im eng- 
sten Vertrauen zur Sprache gebracht, daß militärische Kooperationen 
Deutschlands und Italiens im Falle eines französischen Angriffes mit 
Rücksicht auf die geographische Situation ihre Schwierigkeiten haben 
würden. Der Herr Reichskanzler verabredete darauf mit ihm, daß 
Seine Majestät der Kaiser in der Sache Vortrag erhalten und um die 
Ermächtigung gebeten werden sollte, daß die Frage vom militärischen 
Gesichtspunkt aus geprüft werden könnte*. 

Ich habe Seiner Majestät nun Bericht erstattet, und allerhöchst- 
dieselben haben mich angewiesen, durch Euere Exzellenz Herrn Crispi 
vorschlagen zu lassen, daß unser und der italienische Generalstabschef 
die Frage in Erwägung nehmen, in welcher Weise eintretendenfalls mili- 
tärische Kooperation stattfinden könnte: Seine Majestät wünscht die 
bezügUchen Besprechungen auch auf die Marine auszudehnen, und ich 
bitte Euere Exzellenz Herrn Crispi hiervon streng vertraulich Mitteilung 
zu machen. 

Ich werde mich mit den Chefs des Generalstabes und der Ad- 



* Vgl. dazu die Erzählung Crispis (Die Memoiren Francisco Crispis; deutsch von 
W. Wichmann S. 227 f.), welche vollauf bestätigt, daß der Gedanke einer gegen 
Frankreich gerichteten Militärkonvention auf seine Anregung zurückging. Crispi 
sprach sogar von der Notwendigkeit schleuniger Aufstellung eines Verteidigungs- 
und Angriffs plans. 

229 



miralität in Beziehung setzen, um deren Vorschläge über den Modus 
der militärischen Besprechungen zu hören, und ersuche Euere Exzel- 
lenz, Herrn Crispi zu fragen, ob er etwa besondere Wünsche bezüg- 
lich der Einleitung und Behandlung der Sache hat. Es könnten viel- 
leicht zunächst die Militärattaches als Mittelspersonen benutzt werden 
und nach Erledigung der vorbereitenden Arbeit höhere Offiziere an 
einem dritten, unauffälligen Ort zur definitiven Feststellung von Plänen 
zusammenkommen, sodaß unnötiges Aufsehen vermieden wird. 

Der Kaiser ist über die Anregung sehr erfreut gewesen und hat 
sich vorbehalten, noch einige strategisch militärische Bemerkungen zur 
Sache eigenhändig aufzuzeichnen. Ich darf mir vorbehalten, nach Ein- 
gang derselben und nach Anhörung der militärischen Autoritäten Euere 
Exzellenz mit näherer Weisung zu versehen. Wenn ich schon heute 
über die Sache schreibe, so geschieht das hauptsächlich, um Herrn Crispi 
wissen zu lassen, daß wir diesen geheimen Teil der Friedrichsruher 
Besprechungen sorgfältig im Auge behalten. Bei dem Mangel einer 
gemeinsamen Grenze mit Italien würde es sehr nützlich sein, wenn wir 
uns beizeiten über die Möglichkeit zusammenwirkender Operationen 
klar würden, damit uns ein etwaiger französischer Angriff nicht unvor- 
bereitet trifft, (gez.) H. Bismarck 

Nr. 1293 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde an den Staats- 
sekretär des Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck 

Eigenhändige Ausfertigung 
Geheim Rom, den 20. Oktober 1887 

pp. Herr Crispi war sehr erfreut über meine Eröffnungen und er- 
klärte sich mit dem Vorschlage, die Besprechungen auch auf die Marine 
auszudehnen, sehr einverstanden. 

BezügHch des Modus der militärischen Verhandlungen hatte er 
zuerst den Gedanken, die beiderseitigen Generalstabschefs sollten in 
Berlin oder Rom zusammenkommen. Als ich ihn darauf aufmerksam 
machte, daß Reisen so hoher Militärs großes Aufsehen erregen wür- 
den, schlug er vor, entweder einen hohen italienischen Generalstabs- 
offizier der Botschaft in BerUn oder einen hohen deutschen Offizier 
der Botschaft in Rom für die Dauer der Verhandlungen zu atta- 
chieren. Ich machte den Einwand, daß dies zu sehr gegen den Gebrauch 
sei und daher ebenfalls auffallend erscheinen müsse. Eine kurze Atta- 
chierung werde doch immer als eine besondere Mission angesehen wer- 
den, während Rom und Berlin interessant genug wären, um Urlaubs- 
reisen von Generalstabsoffizieren erklärlich zu finden. 

Herr Crispi machte schließlich folgenden Vorschlag: 

Der Feldmarschall Graf Moltke, welcher doch derjenige Stratege 
sei, vor dem sich alles beuge, möge einen Plan entwerfen und den- 

230 



selben hierher mitteilen i; wenn man sich über die Grundzüge geeinigt 
haben würde, würde Italien einige höhere Offiziere nach Berlin schicken, 
welche dann mit den unsrigen die Details ausarbeiten könnten. 

Ich bemerkte dem Ministerpräsidenten, daß uns der Vorschlag 
der Entsendung italienischer Offiziere nach Berlin sehr willkommen 
sein würde. GrafSolms 



Randbemerkung des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 
1 Seine Majestät einverstanden. 

Nr. 1294 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Eigenhändiges Konzept 

Nr. 357 

Geheim Berlin, den 23. November 1887 

Mit Bezugnahme auf meine Ew. im vorigen Monat zugegange- 
nen geheimen Mitteilungen betreffs einer eventuellen italienisch-deut- 
schen Kooperation in einem Kriege gegen Frankreich* übersende ich 
Ihnen mit der Bitte um sekrete Behandlung die beifolgende vom Feld- 
marschall Grafen Moltke ausgearbeitete vorläufige Darlegung**. 

Der Chef des Generalstabes hat keinen Zweifel, daß Seine Majestät 
der Kaiser den Ausführungen der allerhöchstdenselben noch vorlie- 
genden Denkschrift beitreten werden. Da Seine Majestät aber vielleicht 
noch Zusätze machen, worüber ich Ew. eintretendenfalls telegraphisch 
verständigen würde, so habe ich die beiliegende Arbeit einstweilen als 
eine vorläufige bezeichnen müssen. 

Ich ermächtige Ew., Herrn Crispi eine französische Übersetzung 
der Anlage im strengsten Vertrauen und gegen das Versprechen abso- 
luter Diskretion persönlich auszuhändigen. Ich stelle Ew. anheim, 
solche Stellen, die Ihnen nach Ihrer Kenntnis des Herrn Crispi etwa 
nicht zur schriftlichen Ausantwortung an denselben geeignet erschei- 
nen, nur auszüglich zu übersetzen oder mündlich mitzuteilen. 

Ew. wollen Herrn Crispi sagen, daß wir seiner Rückäußerung 
mit lebhaftem Interesse entgegensehen. Sollten Sie bei dem Herrn 
Minister Verwunderung darüber wahrnehmen, daß die präliminare Äuße- 
rung unseres Generalstabes erst heute zu seiner Kenntnis gebracht 
wird, so bitte ich darauf zu verweisen, daß nicht nur Seine Majestät, 
sondern auch Graf Moltke bis vor kurzem krank gewesen sind. 

Wenn Herr Crispi die Sendung hoher italienischer Offiziere nach 
Berlin nunmehr für opportun hält, so wird uns der Besuch derselben 
sehr willkommen sein. H. Bismarck 



* Siehe Nr. 1292. 
** Siehe Nr. 1295. 



231 



Nr. 1295 

,, Vorläufige Darlegung'' des Qeneralfeldmarschalls 

Grafen von Moltke über eine eventuelle militärische Kooperation 

Deutschlands und Italiens gegen Frankreich 

Unsignierte Abschrift 

Berlin, im November 1887 

Bei einem von Frankreich hervorgerufenen Kriege ist es offenbar 
für Deutschland wie für Italien von hohem Wert^, daß beide Mächte 
sich miteinander verbünden-. 

Die Franzosen w^erden dadurch genötigt sein, ihre Streitkräfte zu 
teilen, eine gesonderte Armee im Norden, eine zweite im Süden ihres 
Gebiets aufzustellen 3. 

Allerdings trennt die neutrale Schweiz auch* die Operationssphäreu 
der deutschen und der itaUenischen Armee und verhindert zunächst 
ihr unmittelbares Zusammenwirken. Ein solches wird erst möglich, 
wenn der Verlauf der kriegerischen Begebenheiten beiden Heeren ge- 
stattet, die Richtung etwa auf Lyon einzuschlagen. Andererseits aber 
gewährt diese ursprüngHche Trennung auch wieder den Vorteil, daß 
die Franzosen sich nicht mit ihren beiden Heeren auf den einen 
Gegner werfen können, sofern nur beide die Operationen einiger- 
maßen gleichzeitig beginnen. 

Es ist deshalb von großer Wichtigkeit, daß die verbündeten Re- 
gierungen sich einigen, alle Vorbereitungen zu treffen, um, sobald der 
Krieg in Aussicht steht, ihre Heere in kürzester Frist schlagfertig zu 
versammeln und dann ungesäumt zu einer kräftigen Offensive zu schrei- 
ten. Der Tag, an welchem die französische Grenze überschritten wer- 
den soll, wäre gegenseitig zu vereinbaren. 

Bei der deutschen Armee ist die Mobilmachung derart geordnet, 
daß sie von der französischen nicht überholt werden kann; aber schon 
gleich an der lothringischen Grenze wird sie den Feind, und zwar mit 
seiner Hauptmacht versammelt finden. Denn eben hier im Norden 
sieht Frankreich sich in seiner Existenz bedroht, während es im Süden 
weit^ leichter sich auf abwehrendes Hinhalten beschränken kann. 

Daß bei uns gleich anfangs große und entscheidende Schlachten 
zu gewärtigen sind, macht es unmöglich, einen Operationsplan über 
diese hinaus im voraus festzustellen. Frühe Entscheidungen sind indes 
willkommen, da nach Ansicht der deutschen Heeresleitung Stellung- 
nahmen, Okkupierung von Länderstrecken, selbst von Festungen und 
künstliche Manöver einen wirklichen Wert nicht haben, solange noch 
der Feind im Felde steht, und daß nur die Vernichtung seiner Heere 
den Krieg zu beenden vermag. 

Wenn zwar im Süden die Verhältnisse anders liegen und der Geg- 
ner erst aufgesucht werden muß, so würden doch auch dort seine mo- 
bilen Streitkräfte ohne Zweifel das eigentliche Operationsobjekt bilden. 

232 



Obwohl die deutsche Flotte imstande ist, einen ansehnlichen Teil 
der französischen auf sich zu ziehen, so würde letztere dennoch im 
Mittelmeer der italienischen allein überlegen bleiben. Sie kann die 
Benutzung der Küstenstraßen erschweren, einzelne Hafenplätze be- 
lästigen, übrigens aber auf die entscheidenden Landoperationen einen 
wesentUchen Einfluß nicht üben^. Die italienischen Eisenbahnen er- 
leichtern die schnelle Heranführung von Streitmitteln nach den bedroh- 
ten Punkten, und zu wirklichen Landungen fehlt es der französischen 
Regierung an Mitteln. Sie kann zu überseeischen Expeditionen keinen 
Mann entbehren, solange sie sich im eigenen Lande aufs ernsthafteste 
bedroht sieht. 

Sollten hingegen, wie durchaus nicht unmögHch, Verhältnisse ein- 
treten, welche es der italienischen Flotte ermöglichen, die See zu halten, 
so würde sich ein neues und weites Feld der Tätigkeit öffnen, der An- 
griff auf Nizza würde erleichtert und Algerien wäre bedroht. 

Gegen Invasion des eigenen Gebiets in dem Maße gesichert, wie 
die Franzosen in dem ihrigen ernsthafter angefaßt werden, wird es nicht 
die Absicht der italienischen Regierung sein, ihre starke und treffliche 
Armee zur passiven Verteidigung der Alpen zu verwenden, wodurch der 
Wert des Bündnisses für Deutschland aufgehoben wäre, sondern trotz 
lokaler Schwierigkeiten mit derselben das Gebirge zu überschreiten. 

Das Heer tritt dann allerdings in ein breites Gebirgsgelände, in 
welchem weder der Angreifer noch der Verteidiger große Massen zur 
Schlacht zu entwickeln vermag. Es wird sich zunächst um eine Reihe 
von Postengefechten handeln, bei welchen aber jedenfalls die Über- 
legenheit der Zahl auf italienischer Seite vorhanden sein wird. Nach 
unseren Nachrichten hat die französische Heeresleitung bisher nur zwei 
Armeekorps — das 14. und 15. — , eine Kavallerie- und etwa vier Re- 
servedivisionen für die Verteidigung des Südens bestimmt. Auch wenn 
diese Zahlen später verdoppelt werden sollten, bedarf es kaum der 
Hälfte des italienischen Heeres, um sich eine entschiedene Überlegen- 
heit zu sichern. 

Es stellt sich so ein Überschuß an Kräften auf italienischer Seite 
heraus, welcher anderweit zu verwerten wäre, doch kann zurzeit auf 
diesen Gegenstand nicht näher eingegangen werden, indem darüber 
diplomatische Verhandlungen vorangehen müßten. Jedenfalls aber 
würde, auch jetzt schon, ein erster Gedankenaustausch zwischen italie- 
nischen und deutschen MiHtärs erwünscht sein. 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck*: 

1 Wirklich? 

- verbündet sind wir ja; richtiger wäre: „den Feldzugsplan combiniren." 

3 [Die Worte „Die Franzosen" bis „aufzustellen" sind gestrichen.] 

4 [Das Wort „auch" ist gestrichen] 
3 [Das Wort „weit" ist gestrichen] 

6 9 



* Vgl. zu ihnen Nr. 1296. 

233 



Nr. 1296 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. in Friedrichsruh, 
an das Auswärtige Amt 

Telegramm. Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen zu Rantzau 

Nr. 26 Friedrichsruh, den 24. November 1887 

Geheim 

Unter Bezug auf deutsch-itahenische Kooperation. 

Es scheint mir notwendig, im ersten AHnea Seite 1 der General- 
stabsäußerung* statt „sich miteinander verbünden" zu setzen: „den 
Feldzugsplan zu kombinieren'', da wir verbündet bereits sind, und das 
zweite Alinea von „die Franzosen" bis „aufzustellen" als selbstver- 
ständlich ganz zu streichen. Überhaupt halte ich das ganze Aktenstück 
zur wörthchen Mitteilung nicht geeignet, fürchte vielmehr, daß dasselbe 
wegen des belehrenden Tones, in welchem von Anfang bis zu Ende 
zweifellose Dinge, die in jedem Zeitungsartikel stehen könnten, vorge- 
tragen werden, einem Eingehen auf praktische Details aber ausgewichen 
wird, verletzend wirken kann. Die Andeutungen über unsre offen- 
siven Feldzugspläne sind gewagt und für Italien eine Ermutigung, ihren 
Erfolg abzuwarten. 

Ich bitte deshalb, die Ermächtigung zur Mitteilung zurückzuziehen 
und Graf Solms anzuweisen, daß er das Aktenstück für sich behält 
und in Anknüpfung an unsern hiesigen Ideenaustausch nur als Basis 
vorläufiger mündlicher Besprechung mit Herrn Crispi benutzt. 

Der Schlußsatz des Begleiterlasses an Graf Solms ist nicht kon- 
ditioneil zu fassen, sondern einfach als Erklärung, daß der Besuch der 
italienischen Offiziere uns willkommen sein wird**. 

v. Bismarck 

Nr. 1297 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Telegramm. Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 
Nr. 89 Berlin, den 30. November 1887 

Geheim [abgegangen am 1. Dezember] 

Ew. bitte ich die Erledigung des im Eingange meines Telegramms» 
Nr. 87 vom 24. d. Mts.*** enthaltenen Auftrages, betreffend die Her- 
sendung italienischer Offiziere, tunlichst bald herbeizuführen. 

In einer gestrigen Unterredung sagte mir Graf Moltke, die in 
Aussicht genommene deutsch-italienische Kooperation biete mit Rück- 

* Siehe Nr. 1295. 

** Entsprechend den Direktiven des Fürsten Bismarck wurde der Botschafter 

Graf zu Solms durch Telegramm vom 24. November (Nr. 87) instruiert. 

*** Siehe die voraufgehende Fußnote. 

234 



sieht auf das Fehlen einer gemeinschaftlichen Grenze Anlaß zu so 
vielen Kombinationen und lasse für so zahlreiche Eventualitäten Raum, 
daß die eingehende Behandlung der einzelnen Fälle mündlich erfolgen 
müsse, um großen Zeitverlust zu vermeiden: Manche ganz geheimen 
Pläne vi^ürden de part et d'autre auch nicht gern dem Papier anver- 
traut werden. Unter diesen Umständen glaubt der Feldmarschall nicht, 
daß er die in Ew. Schreiben vom 20. v. Mts.* erwähnte, durch das 
schmeichelhafte Vertrauen des Herrn Crispi ihm zugedachte strategische 
Aufgabe mit der seinen eignen Wünschen und der Wichtigkeit des 
Gegenstandes entsprechenden Gründlichkeit würde lösen können. 

Er glaubt vielmehr, daß die Sache durch mündUche Besprechung 
mit hohen itaUenischen Offizieren wirksam gefördert werden würde. 

Ew. stelle ich die vorstehenden Gesichtspunkte zum Behufe ge- 
eigneter Verwertung zur Verfügung und bemerke noch, daß auch der 
Feldmarschall ebenso wie Herr Crispi auf möglichst schleunigen Ein- 
tritt in die Beratungen Gewicht legt. 

Ew. Meldung über das Eintreffen der italienischen Offiziere hoffe 
ich daher binnen kurzem entgegensehen zu dürfen. 

Eine weitere Betrachtung des Feldmarschalls, welche jedoch nur 
allgemeine Gesichtspunkte behandelt, werde ich Ew. mit nächstem 
Feldjäger zugehen lassen. H. Bismarck 

Nr. 1298 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde 
an das Auswärtige Amt 

Telegramm. Entzifferung 
Nr. 148 
Geheim Rom, den I.Dezember 1887 

Unter Bezugnahme auf Telegramm Nr. 89**. 

Ich habe am 27. v. Mts. Herrn Crispi nach Maßgabe des Tele- 
gramms Nr. 87*** und des Erlasses Nr. 357 f die befohlenen Mit- 
teilungen gemacht. Er wünscht zunächst eine schriftliche Unterlage 
zu haben, damit der Kriegsminister die nach Berlin bestimmten Offi- 
ziere instruieren könne. Es würde mir eine Ermächtigung zu einer 
französischen auszugsweisen Mitteilung der dem Erlaß Nr. 357 bei- 
gefügt gewesenen vorläufigen Ausarbeitung wünschenswert sein. Be- 
richt vom 27. V. Mts. folgt mit morgendem Feldjäger. Solms 

Randbemerkung des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 
Drei Eventualitäten ins Auge fassen 

1. daß wir beide allein sind, ohne Österreich und England, also daß es sich 



* Siehe Nr. 1293. 

** Siehe Nr. 1297. 

*** Vgl. die Fußnote *♦ zu Nr. 1297. 

t Siehe Nr. 1294. 



235 



um eine Defensive von Italien und Deutschland gegen Frankreich handelt. 
Darauf findet diese erste und flüchtige Äußerung des Qeneralstabs Anwendung. 

2. Eventualität ist die, daß Österreich, infolgedessen auch Rußland, von 
Hause aus beteiligt sind. Dann stellt es sich anders, wir können via Brenner 
italienische Hilfstruppen haben und dafür aus dem Nordosten Truppen an Öster- 
reich abgeben. 

3. Eventualität bietet die Beteiligung Englands, die Überlegenheit also zur 
See und infolgedessen die aggressive Landung italienischer Truppen an jedem 
Punkt der französischen Küste und, bei Beteiligung der Türkei, an der russischen 
Küste. Diese drei respektive vier verschiedenen Eventualitäten bieten einen so 
weiten Gesichtskreis, daß schriftliche Verabredungen ohne Vorbereitung durch 
mündliche Besprechungen zwischen höheren Offizieren nicht möglich. 



Nr. 129Q 

Der Unterstaafssekretär im Auswärtigen Amt Graf von Berchem 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 

Nr. 373 Berlin, den 4. Dezember 1887 

Ew. beehre ich mich, in Verfolg des Telegramms des Herrn Staats- 
sekretärs Nr. 89 vom 30. v. Mts.* anbei ein kurzes Promemoria** des 
Generalstabs zu übersenden. Dasselbe enthält lediglich allgemeine 
Gesichtspunkte und will die Erörterung im einzelnen der mündlichen 
Verhandlung zwischen den Vertretern der beiderseitigen Generalstäbe 
vorbehalten. Ew. Ermessen stelle ich anheim, Herrn Crispi eine Über- 
setzung des Promemoria zu übergeben. 

Berchem 

Nr. 1300 

Promemoria des Generalstabes 

Unsignierte Abschrift 

Frankreich wird voraussichtlich für den Kriegsfall im Süden ein 
Heer bereit halten, im Norden aber, wo ihm die größere Gefahr droht, 
seine Hauptmacht versammeln. 

Sollten die Franzosen zur Offensive über die Alpen schreiten, so 
würde ihnen in der Poebene die italienische Armee in der vollen 
Stärke von 15 Korps entgegentreten. Diese Überlegenheit stellt sich 
ihnen ebenfalls in der Lombardei gegenüber, wenn sie unter Ver- 
letzung der Neutralität durch die Schweiz vordrängen. Sie lüden sich 
dabei einen neuen Feind auf, dessen Widerstand keineswegs zu unter- 

* Siehe Nr. 1297. 
** Siehe Nr. 1300. 

236 



schätzen ist, und müßten sich zum Schutz ihrer Verbindungen durch 
Besetzthalten des Landes noch erhebHch schwächen. 

Gerade die neutrale Schweiz gewährt Frankreich Vorteil, indem 
sie die Operationssphären der verbündeten Gegner trennt, ihr unmittel- 
bares Zusammenwirken zunächst ausschließt, und da die Schweiz völlig 
entschlossen und gerüstet ist, diese Neutralität zu verteidigen, so ist 
eine Mißachtung derselben, von welcher Seite es sei, unwahrscheinlich. 

Frankreich kann sich aber auch im Süden um so eher defensiv 
verhalten, als große Entscheidungen dort in den ersten Stadien des 
Krieges nicht zu erwarten sind, während solche im Norden gleich bei 
der ersten Grenzüberschreitung eintreten müssen. 

So gegen eine Invasion des eigenen Landes gesichert, gestalten sich 
auf italienischer Seite die Verhältnisse für einen Einbruch in Südfrank- 
reich günstig. Allerdings sind die gangbarsten Straßen über die west- 
lichen Alpen, die über den kleinen St. Bernhard, über den Mont-Cenis 
und Mont-Genevre, durch starke französische Befestigungen gesperrt 
und führen schließhch auf Brianyon, auch auf das feste Grenoble, Aber 
auf der Straße über Mont-Argentier und einige nahe südliche Pässe, die 
ohne sonderliche Schwierigkeiten gangbar hergestellt werden können, 
liegen zwei Forts, welche dauernden Widerstand kaum zu leisten ver- 
mögen. Der Weitermarsch sowohl westlich gegen die Rhone wie 
südlich gegen Nizza stößt auf keine fortifikatorischen Hindernisse. Auch 
die Befestigungen, welche die vom Col di Tenda nach Süden führenden 
Wege und die Straße längs der Riviera sperren sollen, bedürfen nach 
französischem Eingeständnis erheblicher Vervollständigung, um diesen 
Zweck zu erfüllen. 

Die trefflich organisierten Alpentruppen der italienischen Armee 
werden den Widerstand beseitigen können, auf welchen sie in den ver- 
schiedenen Pässen selbst stoßen. Dann aber betritt das Heer ein breites 
Gebirgsland, in welchem weder Angreifer noch Verteidiger Massen zu 
entwickeln vermögen. Es wird sich um eine Reihe von größeren oder 
kleineren Postengefechten handeln, in welchen die Überlegenheit der 
Zahl auf Seite der Italiener sein wird, wenn sie auch nur mit einem Teil 
der Armee in möglichst vielen Kolonnen vorgehen. 

Nach unsern Berichten hatten die Franzosen bisher zwei Armee- 
korps, eine Kavalleriedivision und etwa vier Reservedivisionen zur 
Sicherung gegen Italien bestimmt. 

Ein unmittelbares Zusammenwirken der deutschen und italienischen 
Streitkräfte könnte nur im späteren Verlauf des Krieges stattfinden, 
wenn beide die Richtung auf Lyon einschlagen; denn ursprünglich sind 
sie auf Entfernungen von 60 — 70 Meilen voneinander getrennt. 

Der Umstand, daß bei uns gleich anfangs große Schlachten zu 
gewärtigen sind, macht es unmöglich, einen Operationsplan über diese 
hinaus im voraus festzustellen. 



237 



Nr. 1301 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde an den Reichs- 
kanzler Fürsten von ßismarck 

Eigenhändige Ausfertigung 

Nr. 291 Rom, den 13. Dezember 1887 

Geheim 

Das dem hohen Erlasse Nr. 373 vom 4. d. Mts.* beigefügt ge- 
wesene Promemoria des Generalstabs habe ich nach Maßgabe der 
hohen telegraphischen Weisung Nr. 91 vom 6. d. Mts. auf der Basis 
der darin aufgestellten Punkte in ein französisches Memoire um- 
gearbeitet und Herrn Crispi mit der nötigen Empfehlung der Geheim- 
haltung übergeben. Abschrift dieses Memoires füge ich anliegend ganz 
gehorsamst bei. 

Herrn Crispi war die Mitteilung sehr angenehm, und er beab- 
sichtigte sofort mit dem Kriegsminister in Beratung zu treten, was er 
auch vorgestern getan hat. 

Die nach BerUn zu sendenden Offiziere waren gestern noch nicht 
bestimmt. 

Herr Crispi und der Kriegsminister speisen morgen bei mir, und 
ich werde die Gelegenheit benutzen, vom General Bertole-Viale Nähe- 
res über seine Absichten zu erfahren. 

Der österreichische Botschafter Baron Brück, welcher mir gegen- 
über, noch bevor die Frage zwischen uns und Italien zur Sprache kam, 
wiederholentlich die Notwendigkeit der Verabredung eines gemein- 
schafthchen Feidzugsplanes mit Itahen erörtert hatte, hat sich, seitdem 
die russischen Truppenbewegungen an der österreichischen Grenze 
bekannt geworden sind, wieder sehr lebhaft mit dem Gedanken be- 
schäftigt und hat, wie er mir sagte, in Wien darauf aufmerksam ge- 
macht, daß es Zeit sei, damit so bald als möglich vorzugehen. 

Daß man sich mit der Idee, Österreich gegen Rußland beistehen 
zu müssen, auch in weiteren Kreisen Italiens vertraut macht, ist bereits 
aus den italienischen Zeitungen zu ersehen. Die eine bemerkte neu- 
lich, die österreichische Presse, indem sie immer nur hervorhebe, Ruß- 
land werde bei einem Angriff auf Österreich die deutschen Bajonette 
gegen sich haben, vergesse ganz, daß auch Itahen den Österreichern 
in dem Falle mit 300000 Mann beistehen würde. 

Ich vermute, daß Itahen sich demnächst auch mit dem österreichi- 
schen Generalstab wegen Verabredung eines Feldzugsplanes in Ver- 
bindung setzen wird. Graf Solms 



* Siehe Nr. 1299. 
238 



Nr. 1302 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Eigenhändige Ausfertigung 

Nr. 292 Rom, den H.Dezember 1887 

Geheim 

Die nach Berlin bestimmten Offiziere sind die Oberstleutnants Da- 
bormida und Albertone. Der erstere war bis vor kurzem Vorstand der 
Zentralabteilung im Kriegsministerium und kommandiert jetzt ein In- 
fanterieregiment in Neapel. Er soll geneigt sein, die Verhältnisse in der 
italienischen Armee zu überschätzen, und kein bedeutender Offizier 
sein. 

Albertone dagegen, der jetzige Vorstand der Zentralabteilung im 
Kriegsministerium, gilt für sehr begabt und gescheut. Als Lehrer an 
der Kriegsakademie hat er ein gutes Lehrbuch über Generalstabs- 
wissenschaften geschrieben. Früher hat man ihn, ob mit Recht oder 
Unrecht, lasse ich dahingestellt sein, mit der Irredenta in Verbindung 
gebracht. 

Daß die Wahl gerade auf diese beiden Offiziere fiel, während man 
vielleicht begabtere an der Hand gehabt hätte, erklärt sich dadurch, 
daß mir Herr Crispi gleich anfangs sagte, es komme vor allem darauf 
an, Offiziere nach Berlin zu entsenden, auf deren Verschwiegenheit man 
sich unter allen Umständen verlassen könne. In dieser Beziehung scheint 
auch die Wahl eine wohlüberlegte gewesen zu sein, denn Oberstleut- 
nant Albertone beherrscht den General Cosenz vollständig und auch 
Dabormida hat sein volles Vertrauen besessen, was besonders hervor- 
gehoben zu werden verdient, als General Cosenz wegen seines miß- 
trauischen Charakters bekannt ist, und er in der Regel Jahre braucht, 
ehe er jemandem sein Vertrauen schenkt. 

Auf die Bemerkung in dem Billet des Herrn Crispi, welches die 
Namen der Offiziere enthielt, er erwarte eine Mitteilung darüber, wann 
die Offiziere abreisen sollten, habe ich erwidert, daß dies gleich ge- 
schehen könnte. Graf Solms 

Nr. 1303 

Der Chef des öeneralstabes Gcneralfeldmarschall Graf von Moltke 
an das Auswärtige Amt 

Ausfertigung 
Geh. J. Nr. 163 
Geheim Berlin, den 28. Dezember 1887 

Dem Auswärtigen Amt beehre ich mich auf das sehr gefällige 
Schreiben vom 23. d. Mts. ganz ergebenst zu erwidern, daß die König- 
lich italienischen Oberstleutnants Dabormida und Albertone mir gestern 
durch den Militärattache Kapitän Graf Robilant vorgestellt worden 

239 



sind, und daß ich dieselben mit einem der Abteilungschefs des Großen 
Generalstabes in Verbindung gesetzt habe. 

Nach der Erklärung der beiden Offiziere beabsichtigt die ita- 
lienische Regierung für den Fall eines Krieges zwischen Frankreich und 
dem verbündeten Italien und Deutschland in Südfrankreich einzubre- 
chen. Durch die Alpen, welche zu überschreiten sind, durch die Unwirt- 
lichkeit der Gegend jenseits derselben und durch die zahlreichen fran- 
zösischen Befestigungen, welche fast alle Zugänge sperren, seien viele 
Schwierigkeiten gegeben, welche man aber zu überwinden hoffe und 
zwar um so leichter, wenn es mit Hilfe Englands i gelänge, der französi- 
schen Flotte Herr zu werden und von der See aus das Vorgehen der 
Armee längs der Riviera zu unterstützen. 

Die Natur des Kriegsschauplatzes brächte es aber mit sich, daß 
höchstens acht Armeekorps auf die beabsichtigte Operation, welche 
immerhin nur Nebenzwecke verfolge, verwendet werden könnten. Es 
sei daher der entschiedene Wunsch der italienischen Regierung, den 
Überschuß an Kräften (5 — 6 Armeekorps, 2 — 3 Kavalleriedivisionen), 
welcher dort nicht zur Entwickelung gebracht werden könnte, dem deut- 
schen Heere am Rhein anzuschließen, wo die Entscheidung des ganzen 
Krieges fallen müßte. 

Dieser Wunsch, welcher unseren Interessen durchaus entspricht, 
läßt sich nur verwirklichen, wenn Österreich die Benutzung seiner Eisen- 
bahnen soweit gestattet, daß die italienischen Truppen über Innsbruck 
und Wiener Neustadt ausholend an den Rhein geführt werden können 2, 

Bevor daher die Verhandlungen fortgesetzt werden, ist es, wie ich 
bereits in meinem Schreiben vom 26. d. Mts. ganz ergebenst bemerkt 
habe, nötig, die Zustimmung Österreichs zu erlangen, damit dann 
unter Beteiligung von Offizieren der drei Armeen die nötigen Fahr- 
tableaus aufgestellt werden können ^. 

Diesseits wurde den italienischen Offizieren nur mitgeteilt, daß 
wir beabsichtigten, unsere Streitkräfte in Elsaß-Lothringen zu vereinigen. 

Der Bericht des Kaiserlichen Gesandten Grafen Solms vom 
14. d Mts.* folgt mit dem verbindlichsten Dank anbei zurück. 

Der Generalfeldmarschall 
Gr. Moltke 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Dann steht der Seeweg offen! 

^ Oest[er]reich fragen 

3 richtig 

Schlußbemerkung Bismarcks: 
Dabei kann man sondiren, wie Oest[er]reich sich zu einem nur deutsch- 
ital[ienisch]-französlischen] Kriege zu verhalten gedenkt. Läßt es die Ital[ienerl 
auch**, so wird Rußland das als Anlaß betrachten aus der Neutralität heraus- 
zutreten. 



* Siehe Nr. 1302. 

** So im Original, wohl verschrieben für „durch* 

240 



Nr. 1304 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes 

Graf Herbert von Bismarck, z. Z. in Friedrichsruh, an den Botschafter 

in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Reinkonzept 

Nr. 3 Friedrichsruh, den 2. Januar 1888 

Geheim 

Es wird dem Grafen Kälnoky durch Meldungen der hiesigen öster- 
reichisch-ungarischen Botschaft bekannt sein, daß gegenwärtig zwei 
italienische Offiziere in Berlin weilen, welche von Herrn Crispi in ge- 
heimer Mission abgesandt worden sind, um mit unserem Generalstabe 
einen militärischen Operationsplan für den Fall eines französischen 
Angriffs zu beraten. 

Die Italiener würden bereit sein, mit einem beträchtlichen Teil 
ihrer Truppenmacht am Rhein aufzutreten, um in unmittelbarer Weise 
an dem Kriege teilzunehmen, wenn ihnen österreichischerseits die 
Benutzung der Brennerbahn gestattet würde. 

Ich habe mit dem Grafen Szechenyi eingehend über diese Even- 
tualität gesprochen und ihn gebeten, an seinen Herrn Chef zu schreiben, 
daß wir außerordentlich dankbar sein würden, wenn die österreichische 
Regierung die Genehmigung zum eventuellen Transport italienischer 
Truppen durch ihr Gebiet in Aussicht nehmen wollte. 

Dabei habe ich zur Geltung gebracht, daß im Falle eines deutsch- 
französischen Krieges Rußland mit ziemlicher Sicherheit zum Angriff 
auf Österreich übergehen würde. 

Sollte Rußland dann etwa wider Erwarten zaudern, dabei aber 
die gewaltigsten Rüstungen betreiben und bedrohlichsten Aufstellungen 
einnehmen, so würde Österreich voraussichtlich aus strategischen 
Gründen seinerseits den Krieg an Rußland erklären müssen, um 
letzterem nicht eine vorteilhafte Hinterhand und die Wahl des Augen- 
blicks zu überlassen. Mit einem Worte, Österreich würde sich nach 
dem Zwange der Umstände analog zu Rußland verhalten müssen, 
wie wir dies nach dem Erlaß des Herrn Reichskanzlers Nr. 745 vom 
27. vorigen Monats Frankreich* gegenüber zu tun beabsichtigen, falls 
ein österreichisch-russischer Krieg entsteht, in dem der casus foederis 
für uns keine Anwendung fände. 

Hiernach würde Österreich selbst ein Interesse daran haben, unsere 
Kraft durch italienische Verstärkungen an der Westgrenze möglichst 
zu heben, schon weil wir dann voraussichtlich gegebenenfalls mit 
größerer eigener Macht an der Ostgrenze auftreten könnten. Bei mei- 
ner vertrauHchen Unterredung mit Graf Szechenyi habe ich ferner gel- 
tend gemacht, daß Österreich westlich der Brennerbahn nur eine ge- 

* Siehe Nr. 1186. 

16 Die Große Politik. 6. Bd. 241 



ringfügige Zahl von Truppen stehen habe und demnach leicht in der 
Lage sein werde, die Benutzung dieser Bahn sofort bei Ausbruch des 
Krieges den italienischen Truppen zu überlassen; für den wahrschein- 
lichen Fall, daß der französische Angriff nicht isoUert, sondern gleich- 
zeitig mit einem Zusammenstoß Österreichs mit Rußland erfolgen werde, 
sei Österreich ohnedies darauf angewiesen, den Aufmarsch seiner ge- 
samten Streitkräfte nach Osten vorzunehmen, und würden die westlichen 
Eisenbahnlinien der österreichischen Monarchie demnach von öster- 
reichischen Militärtransporten nur ganz vorübergehend in Anspruch ge- 
nommen werden. 

Dieses Verhältnis ergebe sich aus dem geheimen Vertrage mit 
Itahen, auf dessen Abschluß wir hauptsächlich deshalb mit so viel Nach- 
druck hingewirkt hätten, um Österreich eine freie Flanke nach Westen 
zu sichern. Ich habe dem Botschafter auseinandergesetzt, daß für uns 
allein ein Bedürfnis zu dem italienischen Bündnis kaum bestand. 
Wir hätten auch ohne dasselbe auf Italiens Unterstützung im Falle eines 
Krieges mit Frankreich zu rechnen vermocht, würden unsererseits Ita- 
lien bei einem Angriff Frankreichs auch ohne bestehendes Vertrags- 
verhältnis im eigenen Interesse haben zu Hilfe kommen müssen, weil 
es allein der französischen Macht nicht gewachsen ist. 

Für uns kann das Vertragsverhältnis mit Italien aber nur dann 
praktisch werden, wenn Österreich die Durchfahrt italienischer Trup- 
pen zuläßt. Die französisch-italienische Grenze ist so stark befestigt, 
daß jede Diversion dort aussichtslos sein würde. 

Graf Szechenyi hat meine Darlegung ad referendum genommen 
und dieselbe mit der Gegenfrage beantwortet, ob Österreich im Falle 
eines Zusammenstoßes mit Rußland auf die Benutzung unserer schle- 
sischen Eisenbahnen zählen könne. Ich habe ihm erwidert, daß wir diese 
Benutzung in casu foederis selbstverständlich konzedieren würden, 
auch dann, wenn der Krieg ein allgemeiner russisch-französisch-deut- 
scher schon geworden ist. 

Graf Szechenyi wird den Inhalt dieser Unterredung nach Wien 
gemeldet haben. Euere Durchlaucht werden sonach Gelegenheit finden, 
die Sache mit Graf Kälnoky zu besprechen und festzustellen, wie das 
Wiener Kabinett über den Durchmarsch italienischer Truppen durch 
österreichisches Gebiet denkt. 

Ich bemerke noch, daß ich dem Grafen Szechenyi ausdrücklich ge- 
sagt habe, daß ich nicht etwa eine amthche Anfrage stellen, sondern nur 
eine vertrauliche Anregung machen wolle. Wenn Graf Kälnoky erwidern 
sollte, daß er, solange Österreich noch neutral wäre, den italienischen 
Durchmarsch nicht bewilligen könnte, so würden wir das erklärUch 
finden. 

Für den Fall aber, daß es sich mit Rußland im Kriege befindet, 
glauben wir auf seine Zustimmung schon allein aus Reziprozität rechnen 
zu können. H. Bismarck 

242 



Nr. 1305 

Aufzeichnung des Untersfaatssekretärs im Auswärtigen Amt 
Grafen von Berchem 

Reinschrift 

Berlin, den S.Januar 1888 

Graf Launay hat am 31. v. Mts. auf Grund seiner Unterredung 
mit dem Herrn Staatssekretär Herrn Crispi die Beteiligung der italieni- 
schen Offiziere an dem Ideenaustausch zwischen unserm Generalstab 
und Herrn von Steininger telegraphisch nahe gelegt. 

Am 3. d. Mts. habe ich dem Botschafter, welcher bis dahin eine 
Antwort aus Rom noch nicht erhalten hat, im Auftrage des Herrn 
Staatssekretärs gesagt, wir hätten keine Veranlassung auf das Abou- 
chieren der italienischen Offiziere mit dem österreichischen Militär- 
attache zu drängen; es würde nach unserer Ansicht ebenso gut sein, 
wenn Wien und Rom sich in direkte militärische Beziehungen setzt; 
wir hätten die Sache nur angeregt aus Deferenz gegen Herrn Crispi, 
damit dieser nicht, wenn er etwa von den Besprechungen mit Herrn 
von Steininger hörte, die Empfindung hätte, es ginge etwas vor, was 
nach der italienischen Auffassung der Triple-Alliance nicht entspräche; 
wolle Herr Crispi unserer Anregung nicht folgen, so legten wir gar 
kein Gewicht darauf. 

Nachdem Graf Launay diese Bemerkungen Herrn Crispi telegra- 
phisch gemeldet hatte, hat er mir heute ein Telegramm des italienischen 
Ministerpräsidenten vorgelesen folgenden Inhalts: 

Die itahenische Regierung anerkennt vollkommen die Zweckmäßig- 
keit der Beteiligung des österreichischen Militärattaches an den der- 
zeitigen hier stattfindenden Besprechungen deutscher und italienischer 
Offiziere. Herr Crispi nimmt an, daß es uns inzwischen gelungen seil, 
die Zustimmung des Wiener Kabinetts zur Beteiligung des Herrn von 
Steininger an dieser Conference ä trois zu erwirken und hofft, daß, 
wenn der Herr Reichskanzler damit einverstanden sei, der deutsche 
Generalstab die Initiative nehme bezüglich der Besprechung der Eisen- 
bahnfrage, um die es sich dabei im wesentlichen handele. 

Die Depesche des Herrn Crispi, welche Graf Launay mir nicht 
eingehändigt hat, enthält ferner detaillierte Weisungen an die beiden 
italienischen Offiziere in betreff der Mitteilungen, welche dieselben 
mit Herrn von Steininger auszutauschen ermächtigt sind. Darin ist, 
mit Bezugnahme auf die unserm Generalstab bekannten Instruktionen 
der beiden italienischen Militärs, des Falles 1 (des isolierten deutsch- 
italienischen Krieges gegen Frankreich) und des Falles 2 (des Krieges 
der Zentralmächte mit Frankreich und Rußland) speziell Erwähnung 
getan. Bezüglich des Falles 2 werden die italienischen Offiziere zur 
Mitteilung ihrer Instruktionen an Herrn von Steininger ermächtigt, be- 

16« 243 



züglich des Falles 1 hingegen nicht, da, wie Graf Launay bemerkte, die 
Mitteilung gewisser die italienische Mobilisierung betreffenden Details 
an Österreich anscheinend in Rom nicht für opportun erachtet wor- 
den sei. 

Noch ehe Graf Launay zu mir kam, hat er die beiden italienischen 
Obersten von dem Inhalt des Telegramms des Herrn Crispi verstän- 
digt, damit dieselben dem deutschen Generalstab hiervon Mitteilung 
machen. 

Ich habe den Botschafter darauf hingewiesen, daß der Herr Staats- 
sekretär morgen hier wieder eintrifft, und hat er den Wunsch ge- 
äußert, mit Seiner Exzellenz über die Sache Rücksprache zu nehmen. 

Nachdem Graf Launay mich verlassen hatte, hat derselbe eine 
Stunde später schriftlich Nachstehendes mitgeteilt: 

„En rentrant chez moi, j'ai regu un telegramme en reponse au 
message que Vous m'aviez fait le 3 Janvier, au nom du Secretaire 
d'Etat. Son Excellence M. Crispi me mande que nous preferons ne pas 
ouvrir des pourparlers directs avec Vienne. II vaut mieux que les Con- 
ferences aient lieu ä Berlin ä trois, ä condition que 1' Antriebe delegue 
un officier superieur de son Etat Major plus au courant que ne peut 
l'etre^ l'attache militaire actuel, depuis longtemps ä Berlin, et des lors 
place en dehors des etudes qui se font^ sans discontinuite dans les 
bureaux de l'Etat Major. — Les demarches en ce sens devraient etre 
faites par le Cabinet de Berlin pour mieux en assurer le succes. — *' 

Graf Waldersee, welcher den Herrn Staatssekretär morgen auf- 
suchen will, hat mir die ihm seitens der italienischen Offiziere zugegan- 
gene Anlage übergeben, welche eine Umschreibung der telegraphischen 
Instruktion des Ministers Crispi an Graf Launay bildet. 

Berchem 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 ? 

2 ?p 

3 p 

Nr. 1306 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 8 

Qgjjgjjj^ Wien, den T.Januar 1888 

Den hohen geheimen Erlaß Nr. 3 vom 2. d. Mts.* aus Friedrichs- 
ruh habe ich am 3. zu erhalten die Ehre gehabt. 

Ich habe den Grafen Kälnoky tags darauf aufgesucht, um mit ihm 

* Siehe Nr. 1304. 
244 



die Frage einer eventuellen Benutzung der österreichischen Eisen- 
bahnen im Westen des Reiches durch italienische Truppen in der mir 
vorgeschriebenen Weise vertraulich zu besprechen. 

Ich fand den Minister bereits durch Graf Szechenyi erschöpfend 
informiert. 

Er sagte mir, er habe über diesen Punkt noch nicht dem Kaiser, 
seinem Herrn, Vortrag halten können, höchstweicher für einige Tage 
abwesend war; auch bedürfe die Frage einer eingehenden technischen 
Erwägung. 

Der Minister sieht ein, daß, wenn wir in einem Kriege mit Frank- 
reich eine nicht unbedeutende Unterstützung von itahenischen Truppen 
am Rhein erhalten könnten, wir imstande sein würden, in einem Dop- 
pelkriege einen größeren Teil unserer Macht im Osten zu verwenden 
und begreift natürlich den Vorteil, den Österreich-Ungarn hieraus ziehen 
werde. 

Auch aus einem anderen Grunde scheint es ihm nützlich, wenn 
Italien mihtärisch an unserer Seite engagiert ist. Er will gewiß keinen 
Zweifel in die italienische Vertragstreue setzen, hält es aber doch für 
gut, wenn die italienische Armee nicht ganz intakt bleibe, während sich 
die Bundesgenossen erschöpfen. Unter gewissen Umständen könnte 
es doch bedenklich werden, eine so große Kriegsmacht ungeschwächt 
im Rücken zu haben. 

Es war kaum nötig darauf aufmerksam zu machen, daß wir haupt- 
sächlich aus Rücksicht auf Österreich den Vertrag mit Italien abge- 
schlossen haben, und daß dieser erst durch das Erscheinen Italiens am 
Rhein praktisch werde. Das alles sah der Minister sehr wohl ein und 
bemerkte, diese Gründe würden ihn gewiß bestimmen, ohne Zaudern 
seine Zustimmung zum Durchmarsch zu geben, wenn nicht die Frage 
der Neutralität einer sehr ernsten Erwägung bedürfte. 

Heute nun hat mir Graf Kälnoky gesagt, er werde dem Grafen 
Szechenyi auf seinen Bericht antworten. Er entwickelte dabei folgende 
Gedanken. 

Die KriegseventuaUtät sei ja zum Glück in weitere Ferne gerückt, 
als man dies gegen Ende des vergangenen Jahres annehmen konnte i. 
Mithin sei es daher wohl auch verfrüht, der Frage der Benutzung 
österreichischer Eisenbahnen durch italienische Truppen schon jetzt 
näher zu treten. Sollte sich im Lauf der Zeit die Lage, was er nicht 
hoffe, verschlimmern, so würde man klarer sehen, wie sich die Dinge 
einfädelten, um danach diese Frage näher ins Auge zu fassen. 

Er bäte mich, daran festzuhalten, daß Österreich Rußland nicht 
angreifen würde. Bei einem Kriege zwischen beiden Reichen würde 
daher Rußland der angreifende Teil sein und sich hieraus der casus 
foederis klar herausstellen. 

Da wir bei Ausbruch eines Krieges zwischen Rußland und Öster- 
reich beabsichtigten, Frankreich sofort anzugreifen, so würde dann 

245 



die Konflagration auch eine allgemeine werden. Wenn auch Öster- 
reich jetzt ebenso, wie wir dies mit Beziehung auf die Benutzung 
unserer Eisenbahnen durch österreichische Truppen täten und dort 
auf der Aufrechterhaltung unserer Neutralität bestünden 2, an der strik- 
ten Bewahrung seiner Neutralität Frankreich gegenüber festhalten 
müßte, so wäre es dann, das sage er mir im Vertrauen, wohl selbst- 
verständlich, daß Österreich uns, seinem Bundesgenossen, nicht den 
erwünschten Zuzug aus ItaUen abschneiden werde 3. 

Wenn er daher in seiner Antwort die Zustimmung zum Durch- 
marsch italienischer Truppen nicht schon jetzt* geben könne ^, so 
möchten Euere Durchlaucht dies nicht als eine prinzipielle Ablehnung 
unserer vertraulichen Anfrage aufnehmen. 

Der Minister sagte mir endlich, Italien habe auch hier seine mate- 
rielle Hülfe angeboten, auf welchem Punkte und in welcher Stärke 
Österreich dies wünschen sollte. Seine Idee wäre, diese Hülfe nicht 
von der Hand zu weisen. Da aber die österreichisch-ungarischen Bahnen 
genug zu tun haben würden, um die eigene Armee nach dem Norden 
und Osten zu befördern, so würde es vielleicht nützhch sein, wenn man 
die italienischen Truppen nach Rumänien dirigierte ß. Die Eisenbahnen, 
welche von der österreichisch-itaUenischen Grenze nach Rumänien führ- 
ten, würden weniger belastet sein, außerdem würde es für die Rumänen 
stärkend wirken, wenn sie sich auf gute itaUenische Truppen stützen 
könnten, und der österreichische rechte Flügel eine sehr wünschens- 
werte Verstärkung erhalten. Auch würden sich itaUenische Truppen 
mit den halb und halb stammverwandten '^ Rumänen ganz gut einrichten 
und den Italienern die Satisfaktion gewährt werden, dort eine bessere 
Rolle zu spielen, als wenn sie als Appendix der österreichischen Armee 
aufzutreten hätten. H. VII. P. R e u ß 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 p 

2 in einem Angriffskriege Oest[er]reichs gegen Rußland! aber nicht bei all- 
gemeiner Conflagration ! 

3 unklar im Zusammenhang mit dem Vordersatze! 
i ! 

7 ? 

Randbemerkungen des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 

5 Nicht einmal für den Fall des Krieges nach beiden Fronten? Das wird auf die 
italienischen Offiziere sowie auf Crispi abkühlend und nachteilig wirken und ich 
werde zu Szechenyi morgen demgemäß sprechen. 

ß ! dort fällt schwerlich die Entscheidung! 

Schlußbemerkung des Fürsten von Bismarck: 

Hat Einiges für sich, wenn überall ehrliches Spiel anzunehmen wäre. Italien 
müßte unserm östlerjrleichischl-rumänischen Vertrage beitreten; es ist immer 
noch besser den Rumänen den vertragsmäßigen Beistand in italienischen 
Truppen zu leisten als in deutschen. 



246 



Nr. 1307 

Der Chef des Generalstabes Generalfeldmarschall Graf von Moltke 
an den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Geh. J.Nr. 172 Berlin, den 23. Januar 1888 

Geheim 

Euerer Durchlaucht beehre ich mich die Abschrift eines Memoires, 
welches von dem italienischen Oberstleutnant Dabormida aufgestellt, 
von dem Oberstleutnant von Steininger und von dem Generalmajor 
Graf von Schlieffen gebilligt worden ist, und welches das Ergebnis der 
zwischen diesen Offizieren stattgehabten Besprechungen darstellt, in der 
Anlage zur sehr gefäUigen Kenntnisnahme zu übersenden. Seitens der 
itaUenischen Offiziere ist der Wunsch ausgesprochen worden, daß die 
Delegierten der drei Mächte das Memoire unterschreiben möchten. Da 
der Oberstleutnant von Steininger von seiner Regierung ermächtigt ist, 
diesem Wunsche nachzukommen, so wird sich der Generalmajor Graf 
von Schlieffen der Vollziehung des Memoires auch nicht entziehen kön- 
nen. Bevor dies jedoch geschieht, bitte Euere Durchlaucht ich ganz 
ergebenst um eine sehr gefällige Rückäußerung. 

Der Generalfeldmarschall 
Gr. Moltke 

Bemerkung des Fürsten von Bismarck am Kopfe des Schriftstücks: 
Resp[ondeatur]: kein Bedenken 

Anlage 

Memoire indiquant les vues echangees ä BerHn entre les delegues 
militaires des trois puissances pendant le mois de janvier 1888*. 

Dans le cas oü la guerre viendrait ä eclater entre les trois puis- 
sances centrales d'une part et la France et la Russie de l'autre, tandis 
que la plus grande partie des forces itahennes attaquerait la France sur 
la frontiere des Alpes, le reste se joindrait aux forces de TAllemagne 
destinees ä operer au delä du Rhin, dans le but de concourir avec elles 
aux Operations actives, qui seraient dirigees contre la France sur ce 
theätre de guerre. Ces forces s'elevant ä 6 corps d'armee et 3 divisions 
de cavalerie seraient groupees en une ou deux armees, dont les com- 
mandants recevraient directement leurs Instructions du commandement 
en chef des forces allemandes. La reunion des susdites forces italiennes 
aux forces allemandes s'opererait ä travers le territoire de TEmpire 
Austro-hongrois. — Le gouvernement de TAutriche donnerait passage 
ä ces forces sur les trois voies ferrees suivantes: 



* Vgl. darüber Pribram, Die politischen Qeheimverträge Österreich-Ungarns 1879 
bis 1914 Bd. I (1920), S. 211, Fußnote 173. 



247 



1« Ala-Innsbruckl Arlberg-Bregenz pp. 
I Kuistein etc. 

20 Pontebba-St. Michael-Selzthal-Salzburg etc. 
30 Cormoans-Vienne-Wels-Passau etc. 

L'indication de ces lignes est simplement approximative. Ces lignes 
seraient mises ä la disposition du gouvernement italien le ll""^ jour 
ä partir du commencement de la mobilisation de l'armee autrichienne, 
bien entendu autant qu'elles ne seraient plus necessaires au gouverne- 
ment autrichien pour son propre mouvement de mobilisation; et cela 
dans la mesure de 10 trains ä 70 essieux par jour sur les lignes 1 et 3 
et 6 ä 8 trains par jour sur la ligne 2. Une augmentation de trains sur 
les lignes 1 et 3 ne serait possible, que si Ton disposait du materiel 
necessaire. En outre sur la ligne du Brenner les troupes italiennes 
pourraient neanmoins disposer de 4 trains par jour ä partir du 5me jour 
de mobilisation. 

Le projet du mouvement des trains destines au transport des troupes 
italiennes sera dresse des ä present par l'Etat-major autrichien pour 
ce qui regarde le. parcours sur le territoire de l'Autriche. Le gouverne- 
ment italien deleguera aupres de l'Etat-major autrichien un officier qui 
sera charge de lui fournir toutes les donnees indispensables pour ce 
travail. Quand le projet susdit sera dresse, l'Etat-major autrichien en 
donnera communication ä l'Etat-major italien, afin que celui-ci puisse 
preparer le projet pour l'arrivee des trains ä la frontiere. Dans la 
suite le projet de l'Etat-major autrichien sera transmis ä l'Etat-major 
allemand qui dressera ä son tour le projet pour la marche successive 
des trains depuis la frontiere autrichienne jusqu'au Rhin. La marche 
des trains depuis la frontiere autrichienne jusqu'au Rhin serait reglee 
sur la base de 10 trains par jour ä partir de Bregenz, Kufstein et Salz- 
burg et de 20 trains ä partir de Passau. 

Les projets du mouvement soit sur le territoire autrichien, seit sur 
le territoire allemand comprendront l'indication des stations oü les 
troupes devraient faire des haltes-repas, ainsi que des stations 
oü l'on installerait les hopitaux pour les hommes, qui tomberaient 
malades pendant le voyage. Les gouvernements de l'AIlemagne et de 
l'Autriche se chargeraient de l'installation soit des stations de halte- 
repas soit des hopitaux susdits sur les territoires respectifs. — 

Le gouvernement allemand se chargerait en outre de faire preparer 
sur son territoire et ä portee de la zone de concentration des forces 
italiennes des magasins de subsistances ayant pour but de subvenir 
concourremment aux transports de vivres qui seraient intercales par le 
gouvernement italien entre les transports de troupes aux besoins des 
forces italiennes pendant la periode de leur arrivee sur le Rhin. Les 
detaiis de cette Installation seraient regles avec le concours d'officiers, 
qui y seront delegues par le gouvernement italien aussitot que le projet 
du mouvement des trains sur le territoire allemand aura ete dresse. 

248 



Ces magasins seraient remis des les premiers jours de la mobili- 
sation aux fonctionnaires delegues ä cet effet par le gouvernement 
Italien. Au ravitaillement successif des forces italiennes il serait pourvu 
directement par le gouvernement italien. — Les gouvernements autri- 
chien et allemand mettraient dans ce but ä la disposition du gouverne- 
ment italien pendant toute la duree de la guerre la voie ferree, qui passe 
par le Brenner, TArlberg, Kempten, Ulm etc., ou celle qui passe par le 
Brenner, Innsbruck, Kufstein, Munich etc. 

Tous les frais de transport, de subsistance, d'hopital etc. seit pen- 
dant le passage des troupes seit par la suite seraient ä la charge du 
gouvernement italien. — 

II est bien entendu que dans le cas oü la mobilisation des armees 
alliees aurait lieu avant la declaration de guerre, le commencement du 
transport des troupes italiennes s'effectuerait des que les voies ferrces 
de l'Autriche et de l'Allemagne seraient libres. 

Tous les transports s'effectueraient en principe avec du materiel 
appartenant aux chemins de fer Italiens. Neanmoins les gouverne- 
ments allemand et autrichien mettraient ä la disposition du gouverne- 
ment italien une certaine quantite de materiel des qu'il leur serait pos- 
sible de le faire, soit pour accelerer le commencement des transports 
5ur la ligne du Brenner, soit pour suppleer au manque de materiel, qui 
pourrait se produire sur les chemins de fer Italiens par suite de la quan- 
tite considerable de voitures et chars Italiens, qui se trouveraient enga- 
gees sur les lignes autrichiennes et allemandes. 

Le gouvernement autrichien se reserve de se maintenir neutre et 
de ne pas accorder le passage dont il a ete question, dans le cas, oü 
la guerre serait localisee entre l'Allemagne et l'Itahe d'une part et la 
France de l'autre. — 

II va de soi, que par cette reserve l'Autriche-Hongrie n'entend 
deroger en rien ä ses engagements envers l'Italie. 

Nr. 1308 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes 

Graf Herbert von Bismarck an den Reichskanzler Fürsten 

von Bismarck, z. Z. in Friedrichsruh 

Telegramm. Eigenhändiges Konzept 

Berlin, den 25. Januar 1888 
Mir scheint die Unterzeichnung eines vollmachtlosen Militärs unbe- 
denklich, zumal die anderen, in diesem Falle mehr interessierten, dazu 
bereit sind. Bitte telegraphische Entscheidung, da die Italiener 
abreisen wollen*. Ich habe Abschrift zurückbehalten. 

H. Bismarck 

* Der erbetene telegraphische Bescheid ging am 26. Januar aus Friedrichsruh 
ein; „Kein Bedenken". 

249 



Nr. 1309 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Chef des Generalstabes Generalfeldmarschall Grafen von Moltke 

Eigenhändiges Konzept 

Geheim Berlin, den 30. Januar 1888 

[abgegangen am 31. Januar] 

Nachdem durch österreichisches Entgegenkommen die in Ew. pp. 
geneigtem Sciireiben vom 23. er.* mitgeteilte Verständigung über die 
eventuelle Benutzung österreichischer Bahnen durch italienische Truppen 
erreicht ist, hält es der Herr Reichskanzler für v^ünschensvi^ert, daß wir 
nunmehr Verabredungen mit dem österreichischen Generalstab treffen, 
kraft welcher wir für den Eintritt des casus foederis unsere oberschle- 
sischen Bahnen für österreichische Truppentransporte in die Umgegend 
von Krakau zur Verfügung gestellt werden würden**. Ich habe hierüber 
bereits heute morgen mit dem Oberstleutnant Grafen Keller gespro- 
chen und darf Ew. pp. ergebenst anheimstellen, den Oberstleutnant von 
Steininger zu einer Besprechung einladen zu lassen. Der Herr Reichs- 
kanzler würde nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Ew. pp. bei 
dieser Besprechung dem österreichischen MiHtärattache vertraulich er- 
öffnen wollten, daß der italienische Zuzug uns in den Stand setzen würde, 
eintretendenfalls etwa 5 Armeekorps und einige Reservedivisionen an 
unserer Ostgrenze bereit zu halten. 

Der Herr Reichskanzler hält es aus politischen Gründen nicht für 
ratsam, eine höhere Zahl zu nennen und möchte vermeiden, daß unsere 
Heeresleitung sich von vornherein zu weit mit Österreich engagiert; 
es müsse doch wohl abgewartet werden, daß die italienischen Hülfskorps 
sich auch wirklich nach Deutschland auf dem Wege befänden, ehe 
Ew. pp. definitive Dispositionen treffen könnten. 

H. Bismarck 

Nr. 1310 

Der Chef des Generalstabes Generalfeldmarschall Graf von Moltke 
an den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Geh. J.Nr. 176 Berlin, den 2. Februar 1888 

Geheim 

Euerer Durchlaucht beehre ich mich infolge des vom Herrn Staats- 
sekretär des Auswärtigen Amts unter dem 30. v. Mts. an mich ge- 
richteten Schreibens*** hierdurch ganz ergebenst mitzuteilen, daß dem 
Oberstleutnant Freiherrn von Steininger das Erforderliche über die 

* Siehe Nr. 1307. 

** So im Original, es muß wohl heißen: „zur Verfügung stellen würden". 

*** Siehe Nr. 1309. 

250 



Bereitstellung unserer Eisenbahnen bei eventuellem Eintritt des casus 
foederis, um österreichische Truppen nach GaUzien zu bringen, eröffnet 
worden ist. 

Bei Abschluß der kürzlich hier stattgehabten Verhandlungen über 
italienische Truppentransporte durch Österreich unter derselben Vor- 
aussetzung ist zur Sprache gekommen, daß die italienische Regierung 
voraussichtlich die näheren Vereinbarungen mit dem Oeneralstabe in 
Wien durch einen Kommissar dortselbst treffen lassen werde. Hieran 
hätten sich dann wiederum unsererseits Verhandlungen anzuschließen, 
um die Übernahme der itaUenischen Truppentransporte von den End- 
punkten der Eisenbahnen Österreichs auf die Bahnen des deutschen 
Reichsgebiets sicher zu stellen. 

Euere Durchlaucht bitte ich den Major von Deines in Wien zu 
ermächtigen, dieserhalb mit dem österreichischen Oeneralstabe in Ver- 
bindung zu treten und ihn auch sehr gefälligst anzuweisen, mir das Er- 
gebnis der österreichisch-italienischen Vereinbarung baldmöglichst ein- 
zureichen, damit ich die weitere Bearbeitung hier verfügen kann. Den 
Major von Deines mit diesem Auftrage zu versehen, erscheint mir auch 
insofern erwünscht, als dieser Offizier im Militär-Eisenbahnwesen er- 
fahren ist und ihm auf solche Weise Oelegenheit gegeben werden würde, 
in die Arbeiten des österreichischen Oeneralstabes auf diesem Gebiete 
nähern Einblick zu gewinnen. Der Oeneralfeldmarschall 

Gr. Moltke 

Nr. 1311 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 79 Wien, den 6. Februar 1888 

Geheim 

Herr Crispi hat hier angefragt, ob er den Chef des Militär-Eisen- 
bahnwesens hierher nach Wien entsenden könne, um sich mit dem hie- 
sigen Generalstab über die Frage der Benutzung der österreichischen 
Eisenbahnen in Tirol durch italienische Truppen zu besprechen. 

Diese Anfrage ist sofort entgegenkommend beantwortet worden. 

Graf Kälnoky findet eine solche Besprechung um so nötiger, als es 
doch eine Menge von Detailsachen zu erörtern gäbe. So hat der hiesige 
Generalstab Zweifel, ob die Italiener imstande sein würden, ihre Trup- 
pen mit ihrem eigenen rollenden Material nach Deutschland zu beför- 
dern. Man hat hier nur eine geringe Meinung von der Leistungsfähigkeit 
der italienischen Bahnen, und wenn auch mit hiesigem Material einiger- 
maßen ausgeholfen werden könnte, so hinge es doch von vielen Zu- 
fälligkeiten ab, in welchem Maße dies geschehen könnte. 

H.VII. P. Reuß 

251 



Nr. 1312 

Der Militärattache in Wien Major von Deines an den Botschafter 
in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Eigenhändige Ausfertigung 
Geheim Wien, den I.März 1888 

Euerer Durciilaucht beehre ich mich in der Anlage ein Exemplar 
der „Vereinbarungen*' ganz gehorsamst vorzulegen, welche heute von 
den Vertretern des k. k. und des k. italienischen Generalstabes in Sfacher 
Ausfertigung unterzeichnet worden sind, und welche den eventuellen 
Durchzug italienischer Truppen durch österreichisches Gebiet betreffen*. 

Nach Punkt 22 sollen je 1 Exemplar derselben erhalten die General- 
stäbe von Österreich-Ungarn und Italien und der deutsche Generalstab. 

Die zwischen den beiderseitigen Vertretern stattgehabten Konfe- 
renzen, von denen ich den 3 letzten zu meiner Information beiwohnte, 
haben die Möglichkeit festgestellt, 6 italienische Armeekorps mit 3 Ka- 
valleriedivisionen und dem erforderlichen Heeresgerät bis zum 29. öster- 
reichischen Mobilmachungstage über die italienische Grenze zu beför- 
dern. 

Von den zu diesen Transporten erforderlichen Waggons soll Ita- 
lien fast 5000, Österreich etwa 2000 stellen; der Rest von etwa 3000 
nebst zugehörigen Bremsern, sowie eine Aushülfe auf den österreichi- 
schen Linien von etwa 150 Lokomotiven, wird von Deutschland erbeten. 

Der italienische Vertreter, Oberstleutnant Gorian, Chef der Trans- 
portabteilung des Generalstabes, bleibt zunächst noch hier; er hat in 
Rom die Erlaubnis erbeten, sich später nach Berlin zu begeben, um mit 
dem königlichen großen Generalstab die Details direkt zu erledigen, 
welche sich beziehen auf den Durchzug und die Ausschiffung der ita- 
lienischen Heereskörper auf deutschem Gebiet. Es ist jedoch wahr- 
scheinlich, daß der genannte Offizier vorher nach Rom zurückkehrt. 

Die ersten eventuellen italienischen Transporte würden am 6. öster- 
reichischen Mobilmachungstage nach Österreich eintreten können; die 
Italiener waren bereit, schon am 5. zu beginnen; doch stellte sich die 
Unmöglichkeit heraus, die Züge bereits an diesem Tage weiterzu- 
führen. 

Italienischerseits trat das Bestreben hervor, die Armee so rasch wie 
irgend möglich auf dem eventuellen Kriegsschauplatz haben zu können. 



* „Vereinbarungen für den Fall des Durchzuges der Truppen des k. Italienischen 
Heeres durch das k. u. k. Österreichisch-Ungarische Gebiet, getroffen auf Grund 
des in Berlin im Jänner 1888 von den militärischen Bevollmächtigten der drei 
verbündeten Großmächte verfaßten Memoirs." Unterzeichnet sind diese Verein- 
barungen, deren Mitteilung hier nicht erforderlich scheint, durch den österreichi- 
schen Chef des Eisenbahnbureaus Oberst Ritter von Guttenberg und den italieni- 
schen Chef der Militär-Transport-Direktion Oberstleutnant Goiran. Die ent- 
sprechende deutsch-italienische Militär-Eisenbahn-Konvention gelangte erst am 
H.April zum Abschluß. Vgl. Nr. 1317. 

252 



Dies Bestreben hat denn auch die Österreicher veranlaßt, alles zu- 
zusagen, was ohne Gefährdung der eigenen Interessen zu leisten sein 
würde. 

Die „Vereinbarungen** haben vor der Unterzeichnung die Zustim- 
mung des Herrn Ministers des Äußern gefunden. 

Über etwaige Wünsche des k. k. Generalstabes in bezug auf den 
eventuellen Transport österreichischer Truppen durch Preußisch-Schle- 
sien darf ich mir vorbehalten, ganz gehorsamst zu berichten; während 
der bisherigen Verhandlungen sind mir gegenüber solche nicht ge- 
äußert worden. V. Deines, Major 

Nr. 1313 
Italienisches militärisches Promemoria 

Unsignierte Ausfertigung, vom italienischen Botschafter Grafen de Launay am 

21. März übergeben 
Tres secret Berlin, 20 mars 1888 

Le ministre de la guerre ä Rome et le Chef d'Etat-major de l'armee 
se montraient disposes ä donner leur approbation aux accords etablis par 
le memoire signe ä Berlin le 28 janvier dernier par les delegues mili- 
taires d'Italie, d'Allemagne et d'Autriche-Hongrie. Mais cette appro- 
bation etait toutefois subordonnee ä certaines reserves, — 

ä savoir: 

1^ que l'engagement de l'ItaHe d'envoyer six corps d'armee et trois 
divisions de cavalerie pour cooperer avec l'armee allemande ne doit 
pas s'interpreter dans un sens absolu, mais dan's le sens que Tltalie 
fournira ä FAllemagne six ou cinq corps d'armee et trois ou deux divi- 
sions de cavalerie, selon les circonstances au moment de la declaration 
de guerre; 

20 Cet engagement est soumis ä la condition que la France ne 
prenne pas l'offensive contre IMtalie avec des forces tellement consi- 
derables de maniere ä obliger l'Italie d'employer toutes les siennes 
pour se defendre; 

30 Le gouvernement du Roi, tout en permettant que les troupes 
italiennes destinees ä operer directement avec les troupes allemandes, 
se trouvent placees sous la haute direction du commandant en chef des 
forces allemandes, se reserve la faculte de grouper ses corps d'armee 
et divisions de cavalerie, soit dans une seule armee, soit en deux. Cette 
reserve est necessaire pour avoir une liberte de choix dans la nomi- 
nation des commandants des troupes destinees ä cooperer avec l'armee 
allemande. 

Le gouvernement du Roi tiendrait en outre, les projets pour les 
transports par les chemins de fer une fois termines, ä deleguer des 
officiers aupres de l'Etat-major allemand dans le but d'etablir les 
bases et les details pour le Service de l'intendance militaire italienne 
sur le Rhin et sur les lignes d'etapes. 

253 



L'Ambassadeur de Sa Majeste etait charge de proposer au gouver- 
nement imperial que le protocole d'echange des ratifications contint les 
reserves susdites. 

D'apres une nouvelle communication de Rome, le gouvernement 
du Roi, si on ne le croit pas necessaire ici, n'insiste plus pour un acte 
supplementaire comme ratification du memoire susdit. II admet que ce 
memoire soit considere comme approuve par les Etats-majors respec- 
tifs et reste dans les cartons militaires, sauf ä y recourir en cas de 
besoin. — II n'a rien ä ajouter au sujet de la reserve No 1, qui a ete 
enoncee dans les pourparlers ä Berlin et dont le delegue allemand a 
pris acte en parfait accord avec son collegue Italien. — II n'y a rien ä 
ajouter non plus ä la reserve No 3, qui se trouve indiquee aux deuxieme 
alinea du memoire precite, et qui a ete faite verbalement aussi et de 
la meme maniere par le delegue Italien. — II n'y a rien ä dire aussi 
sur la clause ci-dessus mentionnee pour l'envoi d'officiers Italiens ä 
Feffet de regier le service de l'intendance militaire et les lignes d'etapes. 
Cela etait prevu dans le memoire. 

Quant ä la reserve No 2, le ministre de la guerre trouve naturel 
que „si la France attaquait l'Italie avec des forces tellement consi- 
derables que toutes les notres fussent indispensables pour lui tenir 
tete, nous ne pourrions pas envoyer sur le Rhin cinq ou six corps 
d'armee." II ne croit pas que l'on doive exclure absolument du calcul 
des probabilites, l'hypothese que la France puisse diriger, des le com- 
mencement des hostilites, ses plus grands efforts contre l'Italie par mer 
et par terre pour tächer de la vaincre et se tourner ensuite, avec ses 
armees victorieuses, contre l'Allemagne; et cela dans I'espoir que celle- 
ci ne pourrait pas, pendant ce temps, surmonter la resistance des 
places fortes et des forces qui lui seraient quand meme opposees sur 
la defensive par la France, dans le cas surtout oü l'Allemagne devrait 
engager une partie notable de ses forces contre la Russie. „Je pourrais 
ajouter, — dit le ministre de la guerre, — que nous avons quelques 
donnees qui nous portent ä croire que ce plan de campagne a ses 
Partisans dans l'Etat-major francais," — La reserve No. 2 ne s'appli- 
querait que dans le cas oii la France commen^ät les hostilites par diriger 
contre l'Italie douze corps d'armee, c'est ä dire plus de forces que 
l'Italie ne lui opposerait, si eile envoyait dans le meme temps cinq ou 
six corps d'armee sur le Rhin. Si I'on ne veut point admettre la possi- 
bilite de cette hypothese, la reserve No 2 tombe evidemment d'elle- 
meme, — En tout cas, „le gouvernement imperial ne pourra pas douter 
des sentiments et des intentions du gouvernement Italien, s'il veut bien 
se rappeler les precedents qui ont donne lieu aux pourparlers des 
delegues militaires aupres de l'etat major allemand, et les ouvertures 
faites ä Berlin par les delegues d'Italie au sujet du concours eventuel 
des troupes italiennes sur le Rhin. 



254 



Nr. 1314 

Der Chef des Generalstabes Generalfeldmarschall Graf von Moltke 
an den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 



Geh. Nr. 192 Berlin, den 27. März li 

Geheim 

Euer Durchlaucht beehre ich mich mit Bezug auf das seitens 
des Herrn Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes unter dem 22. d. Mts. 
hierher mitgeteilte militärische Promemoria des Grafen Launay* ganz 
ergebenst zu bemerken, daß eine französische Offensive mit 12 Armee- 
corps nach Italien hinein für diese Macht und für Deutschland ebenso 
willkommen, wie für Frankreich bedenklich sein würde. 

Die Delegierten des italienischen Generalstabes haben im Januar 
d. Js. in überzeugender Weise die Schwierigkeiten entwickelt, welche 
mit einem Alpenübergang verbunden sind und welche von der französi- 
schen Armee zu bewältigen sein würden, während sie bisher als Italien 
zufallend angesehen wurden. 

Von Frankreich nach Italien sind die Alpen nur auf 5—6 Kunst- 
straßen von Truppenkörpern in der Zusammensetzung eines Armee- 
korps zu überschreiten. Auf den Nebenwegen können nicht mehr als 
Detachements bis zur Stärke etwa einer Brigade mit großen Abständen 
zwischen ihren Teilen hinüber gebracht werden. Es ist daher schon 
an und für sich nicht leicht, ein Heer von 12 Armeekorps über die 
Alpen in Marsch zu setzen. Die langen, durch unübersteigbare Ge- 
birgszüge auf große Entfernungen von einander getrennten Kolonnen 
würden zunächst auf dem Kamm den Widerstand der Alpentruppen zu 
überwinden haben und dann beim Abstieg vor den Sperrforts zum 
Stehen kommen. Mögen sie diese Hindernisse früher oder später be- 
seitigen, so können sie doch nur vereinzelt, ohne auf gegenseitige Unter- 
stützung rechnen zu können, der italienischen Armee gegenüber er- 
scheinen, welche mit Hülfe eines reich entwickelten Eisenbahn- und 
Straßennetzes an jeder Stelle rechtzeitig vereinigt sein kann. Das ein- 
zige Bedenken, welches man hinsichtlich einer solchen Offensive hegen 
könnte, möchte aus dem eigentümlichen Mobilmachungsverfahren der 
italienischen Armee hervorgehen, welches den Franzosen es vielleicht 
mögUch machen könnte, um einige Tage früher die Offensive zu er- 
greifen, als die italienischen Armeekorps operationsfähig dastehen 
können. 

Eine Offensive auf dem Seewege würde die Vernichtung oder 
Blockierung der italienischen Flotte zur Vorbedingung haben. Ob für 
eine solche Tat die französische Flotte, deren vernachlässigter Zustand 



* Siehe Nr. 1313. 

255 



erst durch die neuerlichen Kammerverhandlungen an das Licht gestellt 
worden ist, die Kraft in sich trägt, erscheint sehr zweifelhaft. Aber 
selbst, wenn man die ersten Panzerschiffe der Welt, wie sie Italien 
besitzt, als beseitigt annimmt, so würde doch die große und schwer- 
fällige Transportflotte ein Angriffsobjekt, wie man es sich nicht besser 
denken kann, für die zahlreichen Torpedoboote der Küstenverteidigung 
bieten. Versagt auch dieses Mittel, so würde allerdings die Landung 
einer Heeresmacht, die man auf höchstens 2 Armeekorps annehmen 
kann, nicht zu hindern sein. Die Küste Italiens ist viel zu lang, um durch 
Truppenaufstellungen geschützt werden zu können. Nach der Landung 
würden aber erst die Verlegenheiten des Angreifers beginnen. Auf 
Rom zu marschieren, dazu genügen 2 Armeekorps, welche überdies 
den Landungsplatz besetzt halten, die Verbindungslinie decken sollen, 
nicht. Sie sind zu schwach, um eine Festung dieser Ausdehnung zu be- 
lagern oder zu zernieren. Wohin sie auch sonst sich wenden wollen, 
mit mangelhaften Nachrichten und ohne hinreichende Kavallerie, um sich 
Aufklärung zu verschaffen, würden sie sich bald einer italienischen 
Übermacht gegenüber befinden, welche ihnen nicht nur eine Niederlage 
bereiten, sondern auch die Rückkehr unmöglich machen kann. 

Es ist schwer glaublich, daß die Franzosen, um sich auf eine aus- 
sichtslose Offensive einzulassen, Deutschland gegenüber sich so schwä- 
chen werden, um 12 Armeekorps an den Alpen disponibel zu machen. 
Wenn auch ein solcher Feldzugsplan in dem französischen Generalstabe 
Verfechter finden mag, so wird doch die Regierung, wie man fürchten 
muß, bei Würdigung der Verhältnisse von der Ausführung Abstand 
nehmen und den verbündeten Mächten die Gelegenheit entziehen, in so 
wohlfeiler Weise den Sieg zu erfechten. 

Hält Italien an der MögUchkeit einer französischen Offensive fest, 
so Hegt die Gefahr nahe, daß es in der Lombardei seine Kräfte gegen 
einen Angriff bereitstellt, welcher nicht erfolgt und dann bei der Ent- 
scheidung in Lothringen fehlt. 

Es wird gegebenenfalls schwer sein, unzweifelhaft zu konstatieren, 
ob die Hauptkräfte des französischen Heeres in Lothringen oder an 
den Alpen versammelt werden. Weder in den wenigen Tagen der Mobil- 
machung, noch während der rasch sich vollziehenden Konzentration wird 
an Nachrichten aus Frankreich mehr über die Grenze hinüber dringen, 
als daß auf allen Eisenbahnen lebhafteste Bewegung herrscht und daß 
Truppen nach den verschiedensten Richtungen transportiert werden. 
Man wird die Klärung der Verhältnisse nicht abwarten können, um 
einen Entschluß zu ergreifen. Die Überführung der italienischen Trup- 
pen durch Österreich an den Rhein erfordert zu viel Zeit, als daß man 
ihren Beginn aufschieben könnte. Es wird notwendig sein, der Verab- 
redung gemäß die Eisenbahntransporte in Gang zu setzen, selbst auf die 
Gefahr hin, sie wieder einzustellen, wenn der unwahrscheinliche Fall 
einer französischen Offensive über die Alpen wirkHch eintreten sollte. 

256 



Es dürfte sich empfehlen, den Mihtärattache in Rom, Major von 
Engelbrecht, zu beauftragen i, diese Verhältnisse mündlich mit dem ita- 
lienischen Kriegsminister und dem Chef des Generalstabes, deren Ver- 
trauen er zu besitzen scheint, zu erörtern und denselben in den Stand 
zu setzen, künftig etwa noch in dieser Angelegenheit entstehende Diffe- 
renzen in derselben Weise auszugleichen. 

Beruhigend könnte derselbe vielleicht in Rom einwirken durch die 
Mitteilung, daß nach den hier eingegangenen zuverlässigen Nachrichten 
ein Teil der Truppen in Algier (Infanterie und Kavallerie) vom 3. Mobil- 
machungstage ab nach Frankreich gebracht werden soll, um in die 
Gegend von Lyon weitertransportiert zu werden, wo sie erst mit der 
ihr erforderlichen Artillerie und Trains ausgerüstet werden sollen. Zum 
Ersatz der aus Algier genommenen Linientruppen sollen Territorial- 
Brigaden dorthin übergeführt werden. Es dürfte daraus hervorgehen, 
daß die französische Transportflotte in der Mobilmachungszeit hinläng- 
lich in Anspruch genommen ist, und daß die algerischen Truppen nicht 
unmittelbar zu einer Landung in Italien bestimmt sein können. Ihr 
Transportziel, „Gegend von Lyon'', läßt es wahrscheinlich erscheinen, 
daß sie je nach den Umständen als Reserve für die Armee gegen 
Deutschland oder für diejenige gegen Italien dienen sollen. 

Wichtig für die Sicherheit Italiens dürfte sein, wenn Maßregeln für 
eine größere Beschleunigung der Mobilmachung getroffen würden, und 
wenn die Festungen an der Grenze, wie die Kriegshäfen gegen einen 
gewaltsamen Angriff unter allen Umständen gesichert würden. 

Der Generalfeldmarschall 
Gr. Moltke 

Randbemerkung des Fürsten von Bismarck: 
1 Fiat 

Nr. 1315 

Bericht des Militärattaches in Rom Major von Engeibrecht 

Eigenhändige Ausfertigung 
J.Nr. 35 Rom, den 2. April 1888 

Einer Aufforderung des Unterstaatssekretärs Generalleutnant Cor- 
vetto nachkommend, begab ich mich vorgestern in das Kriegsmini- 
sterium, woselbst ich sofort zu dem Kriegsminister geführt wurde. 
Derselbe leitete die Unterhaltung mit dem Bemerken ein, daß es ihm 
daran gelegen sei, mir über die schwebenden Verhandlungen, betref- 
fend unsere gemeinsamen Operationen im Falle eines Krieges gegen 
Frankreich, Mitteilungen zu machen. 

„Sie sind", so fuhr der Kriegsminister fort, „von den in Berlin ge- 
troffenen militärischen Abmachungen unterrichtet. Unsere Offiziere sind 
dieselben vorbehaltlich der Genehmigung der Regierung eingegangen. 
Diese Genehmigung ist sofort im Prinzip erfolgt; nur bezüglich einiger 
Punkte wurde eine Rückfrage von uns angeregt und zwar: 

17 Die Große Politik. 6. Bd. 257 



1 ob die Abmachungen seitens der Regierungen zu ratifizieren 
seien; 

2. daß die Zahl der zur Entsendung nach der deutsch-französischen 
Grenze angebotenen Truppen schwanken würde zwischen 5 oder 6 Ar- 
meekorps, 2 oder 3 Kavalleriedivisionen, zu gruppieren in 1 oder 2 
Armeen; 

3. was zu geschehen wäre, wenn Frankreich mit solch bedeuten- 
den Kräften Italien angreife, daß man zur eigenen Verteidigung sämt- 
licher Truppen bedürfe. 

Diese letztere EventuaUtät sei von den itaUenischen Offizieren im 
Laufe der Verhandlungen auch zur Sprache gebracht worden, General 
Graf Schlieffen habe diese Anregung natürlich gefunden, doch sei eine 
nähere Erörterung unterblieben, vermutlich wegen der geringen Wahr- 
scheinlichkeit einer solchen Offensive.'' 

Nunmehr begann der Kriegsminister mit dem Vorlesen verschie- 
dener zwischen Regierung und dem Grafen Launay gewechselten De- 
peschen. 

In der ersten meldet der italienische Botschafter seine Unterhaltung 
mit dem Staatssekretär Grafen Bismarck bezüglich der vorgenannten 3 
Punkte und spricht von „une Impression penible", welche die Erwäh- 
nung des letzten Punktes i hervorgerufen habe. Der Staatssekretär habe 
sich eine Erörterung hierüber bis nach stattgehabtem Benehmen mit 
dem Generalstabe vorbehalten und sei der Ansicht, daß eine Ratifi- 
kation der Verhandlungen von selten der Regierungen nicht geboten 
wäre, die Kontrahenten sich vielmehr auch auf Grund der getroffenen 
Vereinbarungen als gebunden zu betrachten hätten. 

Dieser letzteren Auffassung gegenüber hat die Regierung ihre An- 
sicht in der erfolgten Antwort aufgegeben, aber ihr Verwundern ausge- 
sprochen, daß durch die Erwähnung des Punktes 3 ein „peinhcher Ein- 
druck" habe hervorgerufen werden können, und verwahrt man sich 
gegen die Auslegung, daß bei Anregung der sub 3 aufgeführten Even- 
tualität irgend welcher Hintergedanke vorgeschwebt habe. 

Nach weiteren Depeschen telegraphiert Graf Launay, daß der 
deutsche Militärattache beauftragt werden würde, über die Ansichten 
des Generalstabes, den fraghchen Punkt betreffend, Aufklärungen zu 
geben, und daß es daher einer besonderen Eile hinsichtlich der Ab- 
sendung des mit der Vereinbarung der Transportbewegung beauftragten 
Offiziers nicht bedürfe. 

„Als mir diese Depesche", so fuhr der Kriegsminister fort, „zuging, 
beschloß ich, Sie zu mir bitten zu lassen. Ich bedaure, daß eine Anfrage 
unserseits zu einem Mißverständnis hat Anlaß geben können; ich habe 
Ihnen die gewechselten Depeschen vorgelesen, damit Sie klar in dieser 
Angelegenheit zu sehen vermögen. 

Die Botschaft in Berlin muß nicht glücklich in der Wiedergabe 
unsrer Ansicht gewesen sein, und daher wende ich mich direkt an Sie,. 

25S 



um jeder irrtümlichen Deutung vorzubeugen, und damit Sie schon orien- 
tiert sind, wenn Ihr Auftrag eingeht. 

Das von uns freivvilHg ausgegangene Anerbieten der Entsendung 
von Truppen nach der deutsch-französischen Grenze 2 werden wir in dem 
angenommenen Fall unbedingt halten; es ist bei mir eine festgewurzelte 
Überzeugung, daß es im Interesse unserer jungen Armee liegt, an der 
Seite deutscher Truppen sich schlagen zu können, und möchte ich nur 
wünschen, daß unsere Korps alsdann nicht zu schwierigen Belagerungen 
— die uns in dem undankbaren Alpenkriege reichlich bevorstehen — 
sondern möglichst im Bewegungskriege Verwendung finden werden." 

Während der ganzen Unterredung konnte sich der Kriegsminister 
anscheinend nicht von einer gewissen inneren Erregung freimachen. Er 
kam immer wieder darauf zurück, daß kein Zweifel gehegt werden 
dürfe, daß die Regierung ihr Versprechen halten werde. Es komme ihm 
darauf an, die Verhandlungen abzuschließen, und, um seinen guten 
Willen zu zeigen, solle der betreffende Offizier schon in den nächsten 
Tagen abreisen und werde die Instruktion erhalten, die weiteren Verein- 
barungen auf dem gemeinsam gewonnenen Boden der Januar-Abma- 
chungen zu treffen, ohne dieses Zwischenfalls auch nur Erwähnung 
zu tun. 

Inwieweit die entschiedene Verwahrung: zu einer Mißdeutung von 
hier aus keinen Anlaß gegeben zu haben, begründet, dafür habe ich nur 
Versicherungen, aber keine tatsächlichen Unterlagen erhalten. Sehe ich 
hiervon ab und soll den Eindruck bezeichnen, den die Ausführungen des 
Kriegsministers auf mich gemacht haben, so glaube ich, daß derselbe 
für sein Teil bereit ist, die eingegangenen Verpflichtungen in loyaler 
Weise zu halten 3, und daß bei dem General eine gewisse Verstimmung 
wegen dieses Zwischenfalls unschwer zu erkennen ist. 

von Engelbrecht 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 
1 ? 

^ Oestler]reich? Durchmarsch? 

8 dazu ist der Aufmarsch durch Oest[er]reich nöthig, der bei einem nur deutsch- 
itallienischl-f ranzösischen Kriege nicht gesichert ist. 

Nr. 1316 

Der italienische Botschafter in Berlin Graf de Launay an den Staats- 
sekretär des Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck 

Privatbrief. Eigenhändig 

Berlin, 10 avril 1888 
Le Lieutenant-Colonel Chevalier Goiran arrive ce matin de Rome a 
dejä ete mis en rapport avec le Marechal Comte de Moltke, le Comte de 
Waldersee et le Comte de Schlieffen. Demain commenceront les pour- 
parlers relatifs au service des transports de troupes. 

„. 259 



Le Ministre de la guerre M. Berthole-Viale, apres avoir pris con- 
naissance du memoire de Comte de Moltke, laisse tomber certaine 
reserve dont j'avais ete charge de Vous entretenir. — Ainsi le memoire 
signe ä Berlin le 28 janvier echu, reste tel quel pour servir au besoin. 
Au reste, le general Berthole-Viale n'avait jamais entendu donner une 
grande importance ä la reserve dont il s'agissait. 

Voilä donc une question reglee. J'en suis on ne peut plus satisfait. — 

Launay 



Nr. 1317 

Die deutsch-italienische Militär- Eisenbahn- Konvention 

vom 14. April! 888* 

Vereinbarungen 

für den Fall des Durchzugs Königlich italienischer Truppen durch Süd- 
deutschland nach dem Oberrhein — getroffen auf Grund des in Berlin 
im Januar 1888 von den militärischen Bevollmächtigten der drei ver- 
bündeten Großmächte verfaßten Memoires. 

Zum Zweck des Entwurfs näherer Festsetzungen für den even- 
tuellen Eisenbahntransport Königlich italienischer Truppen durch Süd- 
deutschland nach dem Oberrhein im Kriegsfall sind von den Herren 
Chefs des Generalstabs der preußischen respektive der italienischen Ar- 
mee delegiert worden und in Berlin zur kommissarischen Beratung zu- 
sammengetreten: 

Vom preußischen Qeneralstab: 

der Generalmajor Graf von Schlieffen und der Oberst Oberhoffer, 

Abteilungschefs im Großen Generalstab. 

Vom italienischen Generalstab: 

der Oberst Ritter von Goiran, Chef der MiHtär-Transport-Direktion 
und der Kapitän Graf Robilant, Militärattache bei der Königlich ita- 
lienischen Botschaft in Berlin. 

Das Ergebnis der Beratungen ist in nachfolgenden Punktationen zu- 
sammengefaßt: 

1. Von deutscher Seite werden für die an der österreichischen 
Grenze zu übernehmenden Truppentransporte, behufs Weiterführung 
nach dem linken Rheinufer, folgende Eisenbahnlinien für die ganze 
Transportdauer zur Verfügung gestellt: 

I. Passau — Regensburg — Nürnberg — Heilbronn — Bruchsal — Ger- 
mersheim — Straßburg. 

II. Salzburg — München — Augsburg — Nördlingen — Stuttgart — Karls- 
ruhe — Appenweier — Straßburg — Schlettstadt. 



* Zum Abdruck gelangen nur die hauptsächlichsten Bestimmungen der umfäng- 
lichen Konvention. 

260 



III. Kufstein — München —Ulm — Radolfzell — Singen — Offenburg — 
Freiburg — Kolmar. 

Der Linie II können Transporte auch über die Strecke Braunau(Sim- 
bach) — München zugeführt werden; es dient dieser Linie ferner als Aus- 
hülfe die Verbindung München — Ulm — Cannstatt — Stuttgart. 

Eine Transportführung von Innsbruck über den Arlberg nach 
Lindau und demnächst weiter auf deutschem Boden nach Ulm wird vor- 
läufig nicht beabsichtigt und bleibt vorbehalten. 

Für diejenigen Transporte, welche in Kufstein und Salzburg ein- 
treffen und eine Weiterbeförderung auf der Linie III bis an das Ziel 
nicht finden können, wird die Aushülfslinie: München — Memmingen— 
Ulm — Aulendorf — Pfullendorf — Schwackenreuthe zur Verfügung gestellt. 

In Pfullendorf oder Schwackenreuthe laden diese Transporte aus; 
sie erreichen den Versammlungsraum mittelst Fußmarsches. 

2. Die zu übernehmenden Züge werden in der Regel 30 — 36 Wagen, 
außer Maschinen, führen ; sie dürfen keinesfalls 50 Wagen überschreiten. 
Beträgt das Ladegewicht mehr als 180 tons, so ist die Achsenzahl 
auf 33 bis höchstens 40 Wagen beschränkt. Ein Ladegewicht von 
320 tons darf in keinem Zuge überschritten werden. 

Auf Vorstehendes hat die später während der Fahrt vorübergehend 
nötig werdende Teilung der Züge in Halbzüge — zur Überwindung 
der stärkeren Steigungen — keinen Einfluß. 

3. Auf Linie III können Züge bereits vom 7. Mobilmachungstage ab 
übernommen werden; auf den Linien I und II vom 12. Tage ab. 

Die volle Tagesleistung wird betragen: 

auf Linie I: 10 Züge vom 14. Tage ab. 

» » H. ID „ „ 10. „ „ 

„ „ III: 10 „ „ 16. „ „ 
Das Nähere ergeben die vereinbarten Fahrtabieaus für die ein- 
zelnen Tage (folgen technische Details). 

Nr. 1318 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 
Nr. 71 Berlin, den 2. März 1889 

Der italienische Marineattache in London, Graf Candiani, hatte 
kürzlich gegenüber dem Admiral Schröder dem Wunsch Ausdruck ge- 
geben, daß die Oberkommandos der deutschen und der italienischen 
Marine in fortlaufendem Verkehr hinsichtlich der technischen Fortent- 
wickelung sowohl wie auch der sonstigen Einzelfragen des Berufs blei- 
ben möchten, in ähnlicher Weise, wie das zwischen den Oberkom- 
mandos der beiden Landheere bereits der Fall ist. 

261 



Seine Majestät der Kaiser hat genehmigt, daß dem Gedanken des 
Grafen Candiani nähergetreten werde; letzterer ist dementsprechend 
verständigt worden und hat inzwischen an seine Regierung berichtet. 

Ew. pp. teile ich vorstehendes mit, damit Sie, sowie auch der Herr 
Militärattache von Engelbrecht in der Lage sind, etwaige autorisierte 
Eröffnungen entgegenzunehmen. Bisher ist nur der allgemeine 
Grundsatz des fortgesetzten Verkehrs erörtert worden. 

H. Bismarck 



Nr. 1319 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Entzifferung 
Nr. 67 Rom, den 10. März 1889 

Erlaß 71 vom 2. März*, betreffend den fortlaufenden Verkehr der 
Oberkommandos der deutschen und italienischen Marine erhalten. 

Herr Crispi brachte die Sache zur Sprache und sagte, der deutsche 
Militärattache habe dem italienischen gesagt, wir wünschten uns mit 
Italien über die Verwendung unserer Flotte im Falle eines Krieges mit 
Frankreich ebenso zu verständigen i, wie dies bezüglich des Feldzugs- 
planes für die Landheere der Fall gewesen. Er sei sehr bereit darauf 
einzugehen, würde aber für notwendig halten, auch gleichzeitig mit 
Österreich in Unterhandlungen zu treten, weil die Mitwirkung der 
österreichischen Flotte im Mittelländischen Meer unumgänglich not- 
wendig sei. Wir drei würden Frankreich zur See gewachsen sein. 

Ich habe Herrn Crispi gegenüber die Sache richtig gestellt und 
darauf hingewiesen, daß Graf Candiani die Initiative ergriffe und nur 
allgemeine Grundsätze des fortgesetzten Verkehrs entwickelte 2. 

Solms 



Randbemerkungen des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck: 

1 p 

- gut 

Nr. 1320 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 
Nr. 84 Berlin, den 16. März 1889 

Die im Schlußsatz des Berichts Nr. 67** gegebene Richtigstellung 
der irrigen Meldung des Grafen Candiani entspricht der diesseitigen 

* Siehe Nr. 1318. 
** Siehe Nr. 1319. 

262 



Auffassung, Die Verständigung mit Österreich, welche bei Beratung 
eines konkreten Operationsplans unvermeidlich sein würde, ist daher 
für die im gegenwärtigen Falle beabsichtigte Besprechung über allge- 
meine Grundsätze technischer Fortentwickelung nicht notwendig, 

H. Bismarck 



Nr. 1321 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 79 Rom, den 28. März 1889 

Geheim 

Bezüglich der vom italienischen Marineattache in London, Grafen 
Candiani, angeregten Frage, betreffend den fortlaufenden Verkehr zwi- 
schen den Oberkommandos der deutschen und der itahenischen Marine 
hinsichtlich der technischen Fortentwickelung pp., hatte Herrn Crispi 
die Ansicht vorgeschwebt, es handle sich um die Verabredung eines 
Planes für einen mit Frankreich zu führenden Seekrieg, was ich, wie 
ich bereits zu melden die Ehre hatte, richtigstellte. 

Gleich darauf war, wie Euere Durchlaucht aus dem anliegend ganz 
gehorsamst beigefügten Bericht Nr. 12 vom 14. d, Mts. des König- 
lichen Majors von Engelbrecht hochgeneigtest ersehen wollen, die fort- 
laufende Erhaltung der Beziehungen zwischen den beiderseitigen Ma- 
rinen, vermittelst eigens dazu kommandierter Offiziere (Marineattaches) 
zwischen ihm und dem Marineminister zur Sprache gekommen, und 
hatte derselbe sich dem von ihm als ganz persönliche Idee des Herrn 
Cricpi bezeichneten Gedanken gegenüber ablehnend geäußert. 

Es scheint, daß Herr Brin durch Herrn Crispi später umgestimmt 
worden ist, denn als ich bei einer zufälligen Begegnung diese Angelegen- 
heit berührte, sagte er mir, er sei sehr damit einverstanden, daß die 
beiderseitigen Marinen in fortgesetzten Verkehr treten und auch Ma- 
rineattaches ernennen; er schicke in den nächsten Tagen einen Marine- 
offizier mit verschiedenen technischen Aufträgen nach Deutschland; 
dieser Offizier würde gleich die Stellung eines Marineattaches ein- 
nehmen können. 

Dem Marineminister gegenüber ging ich auf die Anstellung von 
Marineattaches nicht weiter ein. 

Als ich Herrn Crispi einige Tage später darauf aufmerksam machte, 
daß eine Verständigung mit Österreich bei dieser Gelegenheit, wo es 
sich um Verabredungen über allgemeine Grundsätze technischer Fort- 
entwickelung handle, nicht nötig erscheine, war er mit den von mir 
entwickelten Ansichten einverstanden und kam nicht wieder auf den 

263 



Operationsplan zur See zurück; dagegen stellte er die gegenseitige Atta- 
chierung von Marineoffizieren als sehr wünschenswert in den Vorder- 
grund und bat mich, Eurer Durchlaucht diesen Wunsch zu unter- 
breiten. 

Von fremden Mächten unterhalten Marineattaches bei der Königlich 
italienischen Regierung: England, Frankreich, Rußland, Spanien, Nord- 
amerika und Argentinien. 

Die nach dem Berichte des Major von Engelbrecht vom Marine- 
minister Brin geäußerte Rücksicht auf Frankreich würde Herrn Crispi 
nicht abhalten, den Gedanken der Ernennung eines Marineattaches in 
Berlin zur Ausführung zu bringen. Herr Crispi hegt übrigens schon 
längst den lebhaften Wunsch, sich auf irgendwelche Weise das so- 
fortige Eingreifen der österreichischen Marine zu sichern, sobald es 
zwischen Italien und Frankreich zum Kriege kommen sollte. Die ita- 
lienische Marine sieht, wenn sie gezwungen sein sollte, den Seekrieg 
gegen Frankreich allein aufnehmen zu müssen, dem Kampfe mit sehr 
geringer Siegeszuversicht entgegen, trotz der Überlegenheit ihrer Pan- 
zerkolosse, welche sich allerdings erst bewähren müssen. Ebenso fürch- 
tet man, daß England zu spät kommen würde, um die offnen Städte 
Italiens gegen ein Bombardement zu schützen; dagegen hofft man der 
französischen Mittelmeerflotte gewachsen zu sein, sobald man auf die 
sofortige Unterstützung durch die österreichische Flotte rechnen kann. 
Daher das Bestreben des Herrn Crispi, sich diese Hülfe im voraus zu 
sichern. 

Die Versuche hierzu sind aber bis jetzt gescheitert, weil Österreich 
die Unterstützung von mehreren Armeekorps zu Lande als Gegen- 
leistung verlangte, was Italien, wie die Verhältnisse sich heute ge- 
staltet haben, zu leisten nicht in der Lage ist. Unter diesen Umständen 
haben die Verhandlungen mit Österreich schon längere Zeit geruht. 

Wenn daher Herr Crispi bei unserer ersten Konversation über die 
Marineangelegenheiten des vom Grafen Candiani angeregten Gedankens 
eines einzurichtenden fortlaufenden Verkehrs zwischen den Marinen von 
Deutschland und Italien gar nicht erwähnte, sondern gleich von der 
Notwendigkeit der Verständigung über einen konkreten Operationsplan 
mit Hinzuziehung von Österreich sprach, so drängt sich mir die Ver- 
mutung auf, daß er den Wunsch hat, bezüglich der Operationen zur 
See mit Österreich zu einem definitiven Abschluß zu gelangen, ohne die 
Verhandlungen direkt wieder aufzunehmen, die Anknüpfung derselben 
vielmehr über Berlin durch Zuziehung Österreichs zu einer Verabredung 
über einen Seekriegsplan zu versuchen. 

Schließlich darf ich nochmals hervorheben, daß Herr Crispi bei un- 
serer letzten Unterredung auf den Kriegsplan nicht wieder zurückge- 
kommen ist. 

Graf Solms 

264 



Nr. 1322 

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Herbert von Bismarck 
an den Botschafter in Rom Grafen zu Solms-Sonnenwalde 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Holstein 

Nr. 105 Berlin, den S.April 1889 

Geheim 

Die in Ew. pp. geheimem Bericht Nr. 79* vom 28. v. Mts. mit- 
geteilte Anregung der Herrn Crispi und Brin wegen Ernennung von 
Marineattaches seitens der beiden Regierungen habe ich zur Kenntnis 
Seiner Majestät des Kaisers gebracht, allerhöchstwelcher im Prinzip 
mit der Neueinrichtung beider Posten einverstanden ist. 

Wir erwarten also jetzt die amtliche italienische Initiative. 

H. Bismarck 

Nr. 1323 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Abschrift 
Nr. 185 Rom, den 22. Juli 1889 

Sehr vertraulich 

Herr Crispi sagte mir, Euere Durchlaucht hätten im Mai die Frage 
angeregt, ob es nicht gut sein würde, ebenso wie für die Operationen 
der Landheere, auch für das Zusammenwirken der Flotten sich unter 
den drei Mächten über einen Plan zum Seekriege zu verabreden; be- 
sonders würde es nötig sein, daß Italien sich mit Österreich ver- 
ständigte. 

Er habe dies mit dem Grafen Nigra ^ besprochen, der habe ihn aber 
darauf aufmerksam gemacht, daß es besser sein würde, die Sache 
würde in Wien von Berlin aus angeregt; nur dann könnte man darauf 
rechnen, daß man in Wien überhaupt einen Entschluß fasse; denn seit 
dem Tode des Kronprinzen Rudolf herrsche in den dortigen Regie- 
rungskreisen eine Apathie, die schon höchst bedenklich zu werden an- 
fange. 

Ich entgegnete Herrn Crispi, eine Verständigung zwischen Italien 
und Österreich über eine gemeinsame Aktion ihrer Flotten im Mittel- 
meer würde schon längst notwendig gewesen sein, und es sei hohe 
Zeit, daß man eine solche in Angriff nehme. Da aber Italien der Unter- 
stützung durch die österreichische Flotte bedürfe, so würde es richtiger 
sein, Italien mache in Wien die nötigen Eröffnungen. Wenn dies ge- 
schehen sei, würden Euere Durchlaucht gewiß die Anträge der italie- 
nischen Regierung in Wien unterstützen. 

Herr Crispi meinte, dies sei allerdings wohl der richtige Weg und 

* Siehe Nr. 1321. 

265 



fügte hinzu, am besten würde es sein, alle drei Flotten, d. h. die von 
Deutschland 2, Österreich und Italien im Mittelmeer zu vereinigen. 

Ich unterließ nicht, den Herrn Ministerpräsidenten darauf auf- 
merksam zu machen, daß die drei Flotten vorläufig etwas weit von 
einander entfernt seien, daß es für uns in einem Kriegsfalle mit eini- 
gen Schwierigkeiten verbunden sein würde, bei Frankreich vorbei mit 
einer Flotte nach dem Mittelmeer zu dampfen, und daß er zu vergessen 
scheine, daß wir voraussichtüch den Kampf mit einer sehr bedeutenden 
russischen Flotte aufzunehmen haben würden. Die Frage des Herrn 
Crispi, wie stark die russische Flotte sei, konnte ich nicht beantworten. 
Auch Major von Engelbrecht besitzt keine Angaben über die russischen 
Seestreitkräfte. Ich würde Euerer Durchlaucht sehr dankbar sein, wenn 
Hochdieselben mich durch eine Mitteilung ^ über diesen Punkt in die 
Lage versetzen wollten, Herrn Crispi nachweisen zu können, daß wir 
für die Kaiserliche Marine in der Verteidigung unserer Küsten und in 
dem Kampfe gegen die russische Flotte und gegen die französischen 
Flotten von Cherbourg und Brest* eine Aufgabe zu erfüllen haben, 
welche unser Erscheinen im Mittelmeer wenigstens bei Beginn eines 
Krieges unmöglich machen würde. Bezüglich unserer Leistungsfähig- 
keit gegenüber den französischen Flotten von Cherbourg und Brest 
war ich schon im vorigen Jahre beauftragt gewesen, Herrn Crispi zu 
informieren; an die russische Flotte hatte er aber augenscheinlich nicht 
gedacht, und er bemerkte schUeßlich, daß, wenn wir die französische 
Kanalflotte verhindern könnten, nach dem Mittelmeer zu gehen, Italiens 
und Österreichs Flotten zur Bekämpfung der französischen Mittelmeer- 
flotte stark genug sein würde. (gez.) Solms 

Bemerkung des Fürsten von Bismarck am Kopfe des Schriftstücks: 
vor Nigra wird man in Wien vertr[au]l[ich] warnen müssen; er ist französisch 
gefärbt. 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Faul? 

3 nondum meridies! 
* schon das genügt! 
Randbemerkung des Grafen Herbert von Bismarck: 

2 Von Seiner Majestät für unmöglich erklärt 

Nr. 1324 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Abschrift 
Nr. 187 Rom, den 23. Juli 1889 

Sehr vertraulich 

Um genau festzustellen, welche Aufträge Herr Crispi dem Grafen 
Nigra in bezug auf einen für den Kriegsfall mit Österreich zu verein- 
barenden gemeinsamen Operationsplan für die beiderseitigen Land- und 

266 



Seestreitkräfte erteilt hat, bat ich ihn heute um eine bezügliche Mit- 
teilung. 

Herr Crispi äußerte sich dahin, daß zwischen Italien und Öster- 
reich nur abgemacht wurde, daß sich beide Staaten, im Falle einer der- 
selben angegriffen würde, gegenseitig unterstützen sollten; darüber, 
wie dies zu geschehen habe, sei nichts abgemacht worden. Da es beim 
Ausbruche eines Krieges selbst zu spät sein würde, hierüber Ver- 
handlungen zu eröffnen, habe er den Grafen Nigra beauftragt, der öster- 
reichischen Regierung vorzuschlagen, mit Italien schon jetzt zu ver- 
einbaren, in welcher Weise im Kriegsfalle die gegenseitige Unter- 
stützung durch die Landheere einzutreten haben wird. 

Was die gemeinsame Aktion der Flotten betrifft, so habe die 
österreichische Regierung bereits früher durch den Kaiserlichen Bot- 
schafter Baron Brück den Wunsch bezüglich der Verabredung über 
einen Operationsplan zur See hier ausdrücken lassen, ohne aber wieder 
auf die Sache zurückzukommen, trotzdem ItaUen sich sofort bereit er- 
klärt hatte, auf den Wunsch einzugehen. 

Er habe bei näherer Erwägung Anstand genommen, die Sache 
durch Graf Nigra nochmals anregen zu lassen und würde es doch für 
praktischer halten, wenn die Aufnahme diesbezüglicher Verhandlungen 
zwischen Österreich und Italien von Euerer Durchlaucht in Wien an- 
geregt würde 1; er habe den Grafen Launay bereits mit entsprechendem 
Auftrage versehen, aber noch keine Antwort erhalten. 

Ich bemerkte hierzu, ich sehe nicht ein, warum Herr Crispi Be- 
denken trage, auch bezüglich der Flotten den Wunsch, sich über einen 
Operationsplan zu einigen, in Wien direkt auszusprechen. Wenn Itaüen 
von der französischen Flotte bedroht sei, so bedürfe es der Hülfe der 
österreichischen sehr dringend, während Österreich sich in weniger 
bedrohter Lage befinde. Herr Crispi war bereits durch die von Eng- 
land erwartete Hülfe und die zugesagte Verstärkung der englischen 
Mittelmeerflotte wieder sehr zuversichtlich geworden und behauptete, 
die österreichische Flotte sei so wenijg zahlreich, daß sie sich ohne 
Hülfe der itaUenischen im Adriatischen Meere allein nicht würde halten 
können, während Italien im Verein mit England, auch ohne Mitwir- 
kung der österreichischen Flotte derjenigen von Frankreich mehr als 
überlegen sei; es liege mithin eine Vereinbarung über einen gemein- 
samen Operationsplan zur See mehr im Interesse Österreichs wie 
Italiens. 

(gez.) Graf Solms 

Bemerkung des Fürsten von Bismarck am Kopf des Schriftstücks: 

Für Italien liegt primo loco die Verständigung mit England im Interesse. 

Die öst[er]r[eichische] Flotte giebt noch keine Ueberlegenheit, auch wenn wir die 

Canalflotte beschäftigen u[nd] Rußland wartet. 
Randbemerkung des Fürsten von Bismarck: 
1 Kein Anlaß. Die ganze öst[er]rleichische] Flotten-Frage ist verfrüht ulndl nicht 

entscheidend. In England sollte Crispi sich sichern. 

267 



Nr. 1325 

Der italienische Botschafter in Berlin Graf de Launay an den Staats- 
sekretär des Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck 

Privatbrief. Eigenhändig 

Secret Berlin, le 27 Juillet 1889 

Mr. Crispi, au quel j'avais telegraphie ce que Vous m'aviez dit en 
reponse ä la question d'un accord naval, me repond qu'il desire que 
la negociation ait lieu ä Rome. — Les delegues allemand[s] et austro- 
hongrois pourront s')' reunir en meme temps, lesquels traiteraient di- 
rectement avec le ministere Royale de la marine et avec M. Crispi. 
Son Excellence me charge de Vous en entretenir promptement et 
se reserve quand il connaitra votre reponse, de se mettre en communi- 
cafion avec Vienne. 

Launay 

Nr. 1326 

Der stellvertretende Staatssekretär 

des Auswärtigen Amtes Graf von Berchem an den Botschafter in Rom 

Grafen zu Solms -Sonnenwalde 

Reinkonzept 

Nr. 250 Berlin, den 30. Juli 1889 

Qeheini 

Zu den gefälligen Berichten vom 22. und 23. d. Mts.*, die Verab- 
redungen Italiens und Österreichs über gemeinsame Operationspläne 
betreffend, hat der Herr Reichskanzler bemerkt, daß es im Interesse 
Italiens primo loco geboten sei, die Verständigung mit England her- 
beizuführen; denn die öterreichische Flotte allein gebe Italien noch 
keine Überlegenheit über Frankreich, auch wenn wir die Kanalflotte 
beschäftigten und Rußland sich abwartend verhielte; wir hätten keinen 
Anlaß, Verhandlungen zwischen Österreich und Italien anzuregen; die 
ganze österreichische Flottenfrage sei verfrüht und nicht entscheidend; 
England sei es, das Herr Crispi sich sichern sollte. 

Zu Ew. pp. Information erwähne ich ferner, daß Seine Majestät 
der Kaiser, bei Vortrag der obigen Berichte, allerhöchstsich den Äuße- 
rungen anschlössen, welche Ew. pp. nach dem Berichte Nr. 185** Herrn 
Crispi gegenüber gemacht hatten. Seine Majestät bemerkten, daß selbst, 
wenn die russische Flotte nicht in Betracht käme, die unserige zum 

* Siehe Nr. 1323, 1324. 
** Siehe Nr. 1323. 

268 



Schutz der deutschen Küste gegen die französische Nordflotte unent- 
behrlich sei; auch wenn Frankreich das Unwahrscheinliche tue, sich im 
Norden und Westen von Schiffen zu entblößen, so würde unserer 
Flotte immer noch die Aufgabe verbleiben, den sehr lebhaften deutschen 
Handel durch den Kanal vor französischen Kreuzern zu schützen und 
angriffsweise gegen die französische Nordküste vorzugehen. 

Zu dieser letzteren Äußerung Seiner Majestät bemerke ich er- 
gebenst, daß dieselbe selbstverständlich, außer Herrn Crispi gegenüber, 
persönlich, auf das strengste sekretiert werden muß. 

Im übrigen hat auch Seine Majestät nachdrücklich betont, daß 
ItaHen sich für den Fall kriegerischer Ereignisse im Mittelmeere vor 
allem mit England verständigen müsse, während wir in Österreich keine 
Anregung nach Maßgabe der Äußerung Herrn Crispis machen könnten, 
ohne dort den Eindruck eines unbequemen Mahners und das Gefühl 
eines lästigen Druckes hervorzurufen; es sei nicht verständlich, weshalb 
Graf Nigra nicht jetzt die Sache in Wien anregen könne, nachdem Baron 
Brück — wie Ew. pp. berichteten (confr. Bericht Nr. 187*) — seiner- 
zeit namens der österreichischen Regierung die ersten Schritte in dieser 
Angelegenheit getan habe. 

Zu Ew. pp. persönlichen Information füge ich noch Abschrift eines 
geheimen Schreibens des Grafen de Launay an den Grafen von Bis- 
marck** ergebenst bei, welches den Wunsch des italienischen Minister- 
präsidenten zu erkennen gibt, daß deutsche und österreichische Dele- 
gierte in Rom zusammentreffen möchten, um sich dort bezüglich der 
geplanten Kooperationen mit dem italienischen Marineminister und 
Herrn Crispi zu verständigen. 

Seine Majestät geruhten zu dem Inhalte jenes Schreibens zu be- 
merken, daß gegenwärtig geeignete Marineoffiziere zu derartigen Ver- 
handlungen bei uns nicht entbehrlich seien. Es solle deshalb dem Grafen 
de Launay geantwortet werden, daß die Besprechungen über maritime 
Operationen der deutschen und italienischen Seestreitkräfte im Kriegs- 
falle am besten durch den bereits ernannten Marineattache in Berlin, 
Marquis Gualterio, aufgenommen werden würden, ähnlich wie dies vor 
Jahr und Tag durch die nach Berlin entsandten italienischen Landoffi- 
ziere für die beiderseitigen Armeen geschehen sei; Seine Majestät beab- 
sichtigten, unmittelbar nach dem Eintreffen des Marquis Gualterio, der 
Kaiserlichen Botschaft in Rom einen deutschen Seeoffizier zuzuteilen. 
Da dabei aber nach dem Personalstande unseres Seeoffizierkorps vor- 
aussichtlich ein jüngerer Offizier, etwa ein Kapitänleutnant in Frage 
kommen würde, so dürften schon aus diesem Grunde die von Herrn 
Crispi gewünschten Besjjrechungen besser in Berlin abgehalten werden. 

Ich habe Ew. pp. über die hier in betreff der italienischen An- 
regungen maßgebenden Auffassungen hiermit eingehend informiert, und 



* Siehe Nr. 1324. 
** Siehe Nr. 1325. 



269 



darf es Ihrem bewährten Takte überlassen, unter Übergehung einiger 
kleineren technischen Details, hiernach Herrn Crispi in schonender 
Weise vertrauHch zu antworten, wie dies auch hier gegenüber dem 
Grafen Launay geschehen wird. 

Ihre Berichte enthalten mehrfache Argumente, welche die Ver- 
wertung vorstehender Direktive erleichtern werden. So werden Ew. pp. 
zur Unterstützung Ihrer Aussprache sich dem italienischen Minister- 
präsidenten gegenüber darauf berufen können, daß er selbst (confr. 
Bericht Nr. 185*) Italiens und Österreichs Flotten zur Bekämpfung der 
französischen Mittelmeerflotte für stark genug erachtet, vorausgesetzt, 
daß wir den Rest der französischen Flotte verhindern könnten, nach 
dem Mittelmeere zu gehen; hieraus ergibt sich gleichzeitig die Berech- 
tigung für das Alibi eines Teiles unserer maritimen Streitkräfte. Ebenso 
werden Sie geltend zu machen vermögen die weitere Äußerung Herrn 
Crispis (confr. Bericht Nr. 187**), daß Itahen im Bunde mit England 
stark genug sei, das Mittelländische Meer gegen Frankreich zu halten. 
Überdies hat auch Herr Crispi, wie aus der Anlage erhellt, seither 
die Absicht kundgegeben, sich direkt mit Wien in Verbindung zu 
setzen, so daß die polemische Seite unseres Einwandes gegen die 
Zumutung zur deutschen Initiative in Wien entfällt. 

Über die Aufnahme Ihrer Aussprache darf ich einem gefälligen 
Bericht seinerzeit ganz ergebenst entgegensehen. 

B er ehern 



Nr. 1327 

Der Botschafter in Rom Graf zu Solms-Sonnenwalde an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 197 Rom, den 5. August 1889 

Geheim 

Ich habe nicht verfehlt, Herrn Crispi gegenüber die von ihm in 
Vorschlag gebrachten Verabredungen über gemeinsame Operations- 
pläne zur See zwischen Deutschland, Österreich und Italien eingehend 
zu erörtern. 

Als ich damit begann, daß es im Interesse Italiens primo loco ge- 
boten sei, die Verständigung mit England herbeizuführen, eine Ansicht, 
welche auch von Seiner Majestät dem Kaiser und Könige ganz beson- 
ders in den Vordergrund gestellt werde, lächelte Herr Crispi sehr selbst- 
gefällig und deutete mir mit triumphierender Miene an, daß dies bereits 
geschehen, und daß er mit England im reinen sei; ob aber ein 

* Siehe Nr. 1323. 
** Siehe Nr. 1324. 

270 



faktisch abgeschlossener itahenisch-enghscher Vertrag vorUegt, oder ob 
es sich nur um enghscherseits gemachte, sehr bestimmte Versprechun- 
gen handelt, konnte ich von ihm nicht erfahren. Da Herr Crispi augen- 
scheinlich Gründe hatte, die Sache mit einem gewissen Schleier des 
Geheimnisses zu umgeben, wollte ich nicht weiter in ihn dringen. An 
einen Vertrag glaube ich nicht, wohl aber an englische bindende Zu- 
sicherungen 1. 

Für das Vorhandensein solcher Versprechungen würde außerdem 
eine mir vor etwa fünf Wochen unter dem Siegel der größten Ver- 
schwiegenheit gemachte Mitteilung sprechen, wonach der das englische 
Mittelmeergeschwader kommandierende Admiral Hoskins den Befehl 
hatte, die französische Flotte, falls sie sich zur Ausführung eines Hand- 
streichs gegen Genua oder eine andere der italienischen Küstenstädte 
anschicken sollte, was damals einen Moment befürchtet wurde, sofort, 
wenn sie schwächer wäre, anzugreifen, wenn sie dagegen stärker wäre, 
sich nach Gibraltar zurückzuziehen und dort Verstärkungen abzuwar- 
ten; daß ferner das englische Mittelmeergeschwader, nach der großen 
Revue in England, bedeutend verstärkt werden würde. 

Trotzdem bestand damals bei Herrn Crispi noch die Besorgnis, 
die Franzosen könnten das Zerstörungswerk an einigen italienischen 
Seeplätzen bereits vollendet haben, ehe die englische Flotte herbei- 
geeilt sei. 

Durch die Sicherheit, mit welcher Herr Crispi jetzt auf die Hülfe 
der englischen Flotte zählt, und durch die teils vollendeten, teils in der 
Vollendung begriffenen Verteidigungsanstalten an der itaUenischen Küste 
wesentlich beruhigt, hatte der Minister auch keine Einwendungen zu 
machen, als ich ihm darlegte, daß unsere Flotte zum Schutze der deut- 
schen Küste gegen die französische Nordseeflotte und zur Sicherung 
des deutschen Handels durch den Kanal vor französischen Kreuzern, 
sowie zum Angriff der französischen Nordküste unentbehrlich sei. 

Nachdem ich mich überzeugt, daß dies Herrn Crispi einleuchtete, 
suchte ich festzustellen, ob der Graf Nigra den Befehl erhalten hat, 
wie nach dem dem hohen Erlaß Nr. 250 vom 30. v. Mts.*, be- 
treffend die Verabredungen Italiens und Österreichs über gemeinsame 
Operationspläne beigefügten Schreiben des Grafen Launay vom 27. 
v. Mts.** hervorzugehen scheint, diese Frage in Wien anzuregen. Als 
Herr Crispi dies verneinte, äußerte ich ihm mein Befremden darüber, 
daß er den Anstoß zu derartigen Verhandlungen von uns erwarte, 
während es doch am natürlichsten sein würde, daß Graf Nigra die 
bezügliche Frage in Wien stelle, da Baron Brück seinerzeit namens 
der österreichischen Regierung die ersten Schritte in dieser Angelegen- 
heit getan hätte. 

Herr Crispi zeigte vorläufig eine entschiedene Abneigung, den Gra- 



* Siehe Nr. 1326. 
** Siehe Nr. 1325. 



271 



fen Nigra mit Verhandlungen über diesen Punkt zu beauftragen 2, und 
dürfte diese Abneigung auf Bedenken beruhen, welche der italienische 
Botschafter, der überhaupt eine gewisse Scheu zu haben scheint, dem 
Grafen Kälnoky gegenüber in wichtigeren Fragen die Initiative zu er- 
greifen, gegen die Übernahme eines solchen Auftrages geltend ge- 
macht hat. 

Auf meinen Vorschlag, den österreichischen Geschäftsträger, Gra- 
fen Beust, zu veranlassen, die Sache in Wien wieder anzuregen, ging 
Herr Crispi nicht ein, trotzdem ich ihn darauf aufmerksam machte, daß 
Graf Beust nach dem einstimmigen Urteil der jüngeren Herren meiner 
Botschaft, welche in Wien oder an anderen Posten mit Graf Beust zu- 
sammen waren, ein sehr wohldenkender und zuverlässiger Mann sei. 
Herr Crispi entgegnete, den Baron Brück würde er sofort um seine 
Vermittelung bitten, den Grafen Beust aber, der ihm im übrigen sehr gut 
gefalle, kenne er zu wenig. 

Ich habe versucht, Herrn Crispi begreiflich zu machen, daß wir 
in dieser Angelegenheit Österreich gegenüber nicht wohl die Initiative 
ergreifen können; meine Bemühungen sind vorläufig fruchtlos geblieben. 
Ich werde später versuchen, noch einmal auf die Sache zurückzukom- 
men. Da Herr Crispi manchmal seine Entschließungen ändert, in ihm 
auch der Wunsch, sich mit Österreich zu verständigen, ziemlich lebhaft 
vorhanden ist, so ist es möglich, daß er sich doch noch entschließt, dem 
Grafen Nigra die nötigen Weisungen zu geben. 

In meiner Konversation fortfahrend, habe ich Herrn Crispi mitge- 
teilt, daß Seine Majestät der Kaiser und König beabsichtigten, nach Ein- 
treffen des Marquis Gualterio der Kaiserlichen Botschaft hierselbst einen 
Seeoffizier zu attachieren, daß jedoch bei dem Personalstande unseres 
Seeoffizierkorps voraussichtlich ein jüngerer Offizier, Kapitänleutnant, 
in Frage kommen würde. Gleichzeitig machte ich Herrn Crispi, den 
diese Nachricht sehr angenehm berührte, darauf aufmerksam, daß, da 
wir weder für den Marineattacheposten, noch für die Besprechungen 
der deutsch-italienischen Marine-Kooperationen mit dem Marineminister 
in Rom höhere Marineoffiziere disponibel hätten, auch die Vertretung 
der Kaiserlichen Regierung in dieser hochwichtigen ^ Angelegenheit nicht 
wohl einem jüngeren Marineattache anvertraut werden könnte, es für 
uns durchaus wünschenswert* wäre, die bezügliche Konferenz fände 
in Berlin statt, ähnlich wie dies seinerzeit durch die nach Berlin ent- 
sandten italienischen Landoffiziere geschehen sei*^; Marquis Gualterio 
würde dann auch seinem Range nach die geeignete Persönlichkeit sein, 
die italienische Marine zu vertreten 5. 

Herr Crispi war damit vorläufig nicht recht einverstanden 6, ver- 
mutlich, weil er es dem Ansehen und der Bedeutung der heutigen ita- 
lienischen Kriegsflotte für entsprechender hält, daß eine sich mit Marine- 
angelegenheiten beschäftigende Konferenz gerade in Rom"^ stattfinde. 
Er sagt, der Marquis Gualterio sei nicht befähigt genug, die italienische 

272 



Marine bei diesen wichtigen Verliandlungen zu vertreten: ich halte dies 
jedoch nur für einen Vorwand, da bei Ernennung dieses Offiziers nach 
Berlin seine Tüchtigkeit und seine umfassenden Kenntnisse auf dem 
Gebiete des Seewesens von Seiten des hiesigen Marineministeriums 
ganz besonders hervorgehoben worden sind. 

Ich besuchte heute den Unterstaatssekretär Herrn Damiani um 
die Angelegenheit auch mit ihm zu besprechen 8. Herr Crispi hatte ihm 
bereits von den Gründen Mitteilung gemacht, aus denen wir wünschen, 
daß die Besprechungen über die Marineangelegenheiten in Berlin und 
nicht in Rom stattfinden 9. Ich habe Herrn Damiani bemerkt, daß, da 
die Konferenz geheim i^ sein müßte, es Herrn Crispi gleichgültig sein 
könnte, ob die Besprechungen in Rom oder in Berlin erfolgten. Wenn 
er, wie er mir sagte, den Marquis Gualterio nicht für befähigt genug 
halte, Italien bei dieser Gelegenheit zu vertreten, so könnte er ja noch 
einen anderen Marineoffizier nach Berlin entsenden ii; denn bei Ge- 
legenheit der Abmachungen über die Operationen der Landheere hätte 
Italien ebenfalls mehrere Offiziere nach BerHn geschickt. 

Graf Solms 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Das genügt 

- traut er ihm? Nigra hat französ[ische] Sympathien 

3 9 

* ? nein! 
wo, scheint gleichgültig; aber ob ist die Frage! Blech. Or[alf S[olms] muß 
derglleichenl nicht ohne Auftrag aussprechen! scrib[endum]. 

4a ? 
5 ! 

•^ ich auch nicht 

' gut, wenn überhaupt eine so zwecklose Sache (pose) stattfinden soll 

8 !! trop de zele 

9 weiß Gr[af] S[olms] nicht, daß wir sie überhaupt nutzlos halten? 

10 ! dann ist sie ganz unnütz; ich nahm an, daß die „pose" für Crispi Weith 
hätte 

11 I 



18 Die Große Politik. 6. Bd. 273 



Kapitel XLII 

Kaiser Friedrich III. 
Das Battenbergsche Heiratsprojekt 



w* 



Nr. 1328 

Der Botschaf ter in Petersburg von Schweinitz an Kaiser Friedrich III. 

Ausfertigung 

Nr. 88 St. Petersburg, den 31. März 1888 

Kaiser Alexander III. empfing mich heute im Anitschkow-Palais 
in Privataudienz und nahm aus meinen Händen das allerhöchste 
Schreiben entgegen, durch welches Euere Kaiserliche und Königliche 
Majestät mich aufs neue beim Kaiserlich russischen Hofe zu be- 
glaubigen geruht haben. 

Nach Erledigung der Förmlichkeiten bot mir der Kaiser einen 
Stuhl an und beehrte mich während etwa zwanzig Minuten mit einer 
Unterredung, in welcher höchstderselbe seinen freundschaftlichen Ge- 
sinnungen für Euere Majestät und seinem, meiner Überzeugung nach 
rückhaltlosen Vertrauen in die Gesinnungen Ausdruck gab, welche 
Euere Majestät an dieser selben Stelle vor acht Jahren in einer denk- 
würdigen Stunde ausgesprochen haben*. 

Kaiser Alexander pflegt wenig Worte zu machen, aber was er sagt, 
das meint er wirklich, und ich habe ihn noch nie mit so zuversicht- 
licher Befriedigung über seine Beziehungen zu Deutschland sprechen 
hören als heute. 

Seine Majestät zeigte lebhaftes Interesse für alles, was Euere 
Majestät seit Allerhöchstihrem Regierungsantritte getan haben, und 
sprach mit einer bei ihm ungewöhnlichen Wärme seine Bewun- 
derung aus. 

Weiterhin lenkte der Zar die Unterhaltung auf Bulgarien und 
sagte, im Augenblick sei weiter nichts zu machen, als ruhig zu warten ; 
wie immer bei solchen Gesprächen, so kam auch diesmal die Rede 
auf Österreich: bei voller Anerkennung des edlen und zuverlässigen 
Charakters des Kaisers Franz Joseph bezeichnete Seine Majestät die 
Politik der österreichisch-ungarischen Regierung als mißtrauisch und 
falsch, getreu den alten Traditionen des Wiener Kabinetts. Ich er- 
laubte mir die Schwierigkeiten darzulegen, mit welchen Graf Kälnoky 
sowohl in Zisleithanien den deutschfeindlichen Elementen gegenüber 
als auch in Budapest mit den Russophoben zu kämpfen habe, und ich 
versuchte, Seine Majestät zu überzeugen, daß nicht nur der öster- 

* Im März 1881 hatte der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm an den Bei- 
setzungsfeierlichkeiten für Kaiser Alexander 11. teilgenommen. 

277 



reichisch-ungarische Minister des Äußeren sondern auch Herr von 
Tisza die besten Männer seien, welche wir dort an der Spitze der Ge- 
schäfte sehen könnten. Der Kaiser sagte, Graf Andrässy würde frei- 
lich viel gefährlicher sein, aber Graf Kälnoky habe eigentlich gar keine 
Stellung, weder in Wien noch in Budapest. Dabei ermutige er den 
Prinzen von Koburg und unterstütze ihn ebenso wie früher den Prinzen 
von Battenberg, wolle auf den Einfluß, welchen Österreich-Ungarn in 
Sofia gewonnen habe, nicht verzichten und nicht zugeben, daß Rußland 
dort die Stellung wiedergewinne, welche es bis zum Jahre 1885 in 
Bulgarien eingenommen habe; er, der Kaiser, wisse nicht, vor was 
sich das Wiener Kabinett eigenthch fürchte; es müsse doch während 
der bezeichneten Periode, also bis 1885, gesehen haben, daß der russi- 
sche Einfluß in Sofia nichts Bedrohliches für Österreich zur Folge 
hatte. 

Im ganzen aber war Kaiser Alexander heute weniger gereizt als 
sonst gegen das Wiener Kabinett; er sah, im Vertrauen auf die Inten- 
tionen Euerer Majestät, die Gesamtlage ruhig an und zeigte deutlich 
die behagliche Befriedigung, mit welcher ihn die Aussicht auf Er- 
haltung des Friedens erfüllt. 

V. Schweinitz 



Nr. 1329 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Staatssekretär 
des Auswärtigen Amtes Grafen Herbert von Bismarck* 

Privatbrief. Ausfertigung 

Geheim St. Petersburg, den 5. April 1888 

Ich muß einmal an die fast unlösbar scheinende Aufgabe heran- 
treten, die Auffassung zu schildern, welche hier an höchster Stelle 
herrscht in bezug auf die durch den Thronwechsel geschaffene Situation. 

Euer Exzellenz wollen mir zuvor einen kurzen Rückblick auf die 
Lage erlauben, die ich am 21. Dezember v. Js. bei meiner Rückkehr hier 
vorfand; sie wird am besten durch die Worte bezeichnet, welche Herr 
von Giers damals an mich richtete, und an deren Aufrichtigkeit Seine 
Durchlaucht der Herr Reichskanzler zweifelte: „Chez nous l'opinion 
prevaut, que nous serons attaques au printemps." 

Die Unterredung, mit welcher mich Kaiser Alexander in der Ball- 
nacht am 26. Januar d. Js. beehrte**, stimmt damit überein; der Satz 
„Vous avez voulu pousser l'Autriche ä la guerre" war die Signatur dieser 
Epoche. 

Die VeröffentHchung der Falsifikate und die daran in Berlin und 

* Des Zusammenhangs wegen vor das folgende Schriftstück gestellt. 
** Vgl. Kap. XXXVII: Russisch-Österreichische Kriegsgefahr, Nr. 1176. 

278 



Petersburg geknüpften Erklärungen* kräftigten das Vertrauen, welches 
durch den durch Inhalt und Form mächtigen Neujahrsbrief** unseres 
verewigten Kaisers neu belebt worden war. Eine wirkliche Klärung er- 
folgte aber erst durch die Rede vom 6. Februar***; die Verstärkung 
unserer Stellung durch eine „neue Großmacht", nämlich durch 600000 
Mann gedienter, mit guten Führern, Waffen und Kleidern aus- 
zustattender Leute, wirkte gründlicher als alle Friedensprogramme und 
als alle Bündnisse mit mehr oder weniger problematischen Regierungen. 

Jene große Rede, Kraft, Mut und Mäßigung zu gewaltiger Ge- 
staltung einend, schuf in Rußland einen für uns befriedigenden, auf 
Furcht, Verständnis und einigem Vertrauen beruhenden Zustand, wel- 
cher durch unsere Unterstützung der russischen Initiative in Kon- 
stantinopel gefestigt wurde. 

So lagen die Dinge, als es Gott gefiel, unseren kaiserlichen Herrn 
abzurufen. 

Ohne auf die für den Zaren und sein Volk charakteristische und 
als Symptom der wahren Gesinnungen der russischen Nation beachtens- 
werte Teilnahme zurückzukommen, will ich nur dasjenige hervorheben, 
was mir als das Wesentlichste erscheint, nämlich die Gedanken, welche 
sich der Kaiser Alexander III. über den Einfluß des Thronwechsels auf 
das Deutsche Reich macht. Seine Majestät kam gleich nach Empfang 
der Trauernachricht zu mir und bUeb wohl eine halbe Stunde; er sprach 
edle, rein menschliche Empfindungen aus, die unmittelbar von Herzen 
kamen, und ebenso unbefangen und absichtslos sagte er: vor dem alten 
Kaiser hätten sich die deutschen Fürsten gebeugt, aber jetzt werde 
dies anders werden. Als ich die sich von selbst ergebenden Ein- 

* Vgl. Bd. V, Kap. XXXVI, Anhang B. 
** Siehe Nr. 1174. 

*** Gemeint ist die berühmte Reichstagsrede des Fürsten Bismarck zur Wehr- 
vorlage vom 6. Februar 1888, die bekanntlich mit den Worten schloß: „Wir 
Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt". In dieser Rede, die ihr 
besonderes Gepräge durch die unmittelbar voraufgehende Veröffentlichung des 
Deutsch— Österreich-Ungarischen Bündnisses von 1879 erhielt (vergleiche Bd. V, 
Kap. XXXV), hat Bismarck, in großen historischen Zügen das Verhältnis Deutsch- 
lands zu seinen Nachbarstaaten, insbesondere zu Rußland und Österreich zur Dar- 
stellung bringend, die friedliche Grundrichtung der deutschen Politik eindrucks- 
voll betont. „Es ist nicht die Furcht, die uns friedfertig stimmt, sondern gerade 
das Bewußtsein unserer Stärke, das Bewußtsein, auch dann, wenn wir in einem 
minder günstigen Augenblicke angegriffen werden, stark genug zu sein zur Ab- 
wehr und doch die Möglichkeit zu haben, der göttlichen Vorsehung es zu über- 
lassen, ob sie nicht in der Zwischenzeit doch noch die Notwendigkeit eines Krieges 
aus dem Wege räumen wird. — Ich bin also nicht für irgendwelchen Angriffs- 
krieg, und wenn der Krieg nur durch unsern Angriff entstehen könnte — Feuer 
muß von irgendjemand angelegt werden, wir werden es nicht anlegen — , nun, 
weder das Bewußtsein unserer Stärke, wie ich es eben schilderte, noch das Ver- 
trauen auf unsere Bündnisse wird uns abhalten, unsere bisherigen Bestrebungen, 
den Frieden überhaupt zu erhalten, mit dem bisherigen Eifer fortzusetzen." Siehe 
den Wortlaut in: Die politischen Reden des Fürsten Bismarck, ed. H. Kohl, 
Bd. XII, S. 440 ff. 

279 



Wendungen gegen diese Ansicht machte, blieb der Zar dabei und sagte, 
er kenne die deutschen Regierungen auch, und Schwierigkeiten von 
dieser Seite würden nicht ausbleiben. 

Ich schalte ein, daß Kaiser Alexander III. nicht die geringste Sym- 
pathie für den Partikularismus hat, und daß dieser der ganzen Natur 
Seinem Majestät unverständlich ist; der Zar sprach also keinen Wunsch, 
sondern nur eine bei ihm feststehende Meinung aus. 

Noch deutlicher tat dies Großfürst Wladimir; in langer und geist- 
voller Darstellung schilderte er mir die ihm wohlbekannte Stimmung 
mancher kleinen Höfe; „mein Schwiegervater"*, so sagte er, „war 
gewiß gut preußisch gesinnt und hat dies durch seine ausgezeichneten 
Dienste in den Kriegen bewiesen, aber über die mecklenburgsche 
Schärpe verstand er keinen Spaß, und ich bin Zeuge harter Kämpfe ge- 
wesen, wenn Ihre Offiziere die mecklenburgsche Uniform anziehen 
mußten." 

Dem Großfürsten gegenüber sprach ich mich etwas eingehender 
aus ; ich deutete an, daß, wenn die Regierungen etwa zu diffizil werden 
sollten, die von mir perhorreszierte Notwendigkeit an uns herantreten 
würde, dem Parlament etwas mehr Spielraum zu geben, was dann 
recht empfindliche Folgen für die betreffenden hohen Herren haben 
könnte ; stärker aber betonte ich unser Vertrauen in die erprobte Weis- 
heit und Treue Seiner Majestät des Königs von Sachsen, des Prinz- 
Regenten von Bayern, des Großherzogs von Baden, Weimar usw. 

Als nun die ersten Erlasse unseres allergnädigsten Kaisers und 
Herrn** erschienen, erregten sie hier allgemeine Bewunderung, ja Be- 
geisterung; ich kann versichern, daß ich bei Russen nicht einer einzigen 
Ausnahme hiervon begegnet bin; an diese in der Tat aufrichtigen und 
selbstlosen Empfindungen schloß sich eng die Freude darüber an, daß 
jetzt kein Krieg, kein Angriff von deutscher Seite zu befürchten sei. 

Die Verwirrung, welche hier in den Köpfen und der Presse herrscht, 
kann ich weder schildern noch definieren, denn wie könnte man es 
vernunftgemäß erklären, daß sich die Leute hier einbilden, jetzt sei 
unser Bündnis mit Österreich-Ungarn gelockert, und die Rußland be- 
drohende Macht des Reichskanzlers gelähmt. 

Alle diese Torheiten feront leur temps, und ich verweile nicht 
dabei; dagegen möchte ich die Auffassung des Herrn von Giers durch 
einige seiner Worte kennzeichnen, die er im Sinne vieler, auch wohl 
in dem seines Souveräns gesprochen hat. In ganz vertraulicher Unter- 
haltung sagte er: „au fond rien n'a change, rien ne changera, et il 
n'est pas meme desirable, que quelque chose change — excepte le 
ton et 9a serait deja beaucoup." 



* Großherzog Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin. 
** Gemeint sind die Proklamation Kaiser Friedrichs III. „An mein Volk!" und der 
Erlaß an den Reichskanzler vom 12. März 1888 (siehe beide in Schultheß* Euro- 
päischer Geschichtskalender Jg. 1888, S. 59 ff.). 

280 



Wenn Euer Exzellenz mir gestatten wollen, diesen Satz zu inter- 
pretieren, so dürfte ich ihn wie folgt auslegen: 

Wir wünschen nicht, daß der Reichskanzler zurücktrete, denn er 
ist uns nützlich, sowohl für die monarchischen Interessen als auch 
für unsere Orientpolitik; wir möchten aber gern, daß Deutschland 
weniger stark und weniger schlagfertig sei, daß es allmählich weicher 
und aus Friedensbedürfnis unserer Hülfe bedürftig werde, daß es, statt 
Ruhe zu befehlen, dieselbe durch Nachgiebigkeit gegen uns und Frank- 
reich erkaufe. 

Als ich gestern abend zu Herrn von Giers kam, um mit ihm 
wegen des Battenbergschen Besuchsprojekts* zu sprechen, fand ich ihn 
durch Graf Schuwalows Mitteilungen schon vorbereitet; er hatte sogar 
schon tags zuvor, am 3., beim Dienstagsvortrag mit Seiner Majestät 
darüber gesprochen; es schien dem Minister nicht ganz unerwünscht 
zu sein, daß dem Herrn Reichskanzler einige Schwierigkeiten an unserem 
Hofe erwachsen*, dem Gedanken an einen Rücktritt Seiner Durch- 
laucht wollte er aber um keinen Preis Raum geben, und hierin ist 
er meines Erachtens aufrichtig und in Übereinstimmung mit dem 
Souverän. Doch der Wunsch, durch Bleigewichte den kühnen Flug des 
preußischen Adlers zu erschweren, ist so lebhaft, daß man wenigstens 
für einen Augenblick den Widerwillen gegen den Prinzen von Batten- 
berg und selbst die sehr ernsten Folgen außer Augen setzt, welche 
sein Hervortreten in Österreich, in England und namentlich in Deutsch- 
land nach sich ziehen würde. . Schweinitz 



Nr. 1330 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Botschafter 
in Petersburg von Schweinitz 

" Telegramm. Eigenhändiges Konzept 
Nr. 43 Berlin, den 4. April 1888 

S[eine] M[ajestät] der Kaiser theilte mir am 31. v.M. mit, daß der 
Prinz Alexander von Battenberg am 2. c. zum Besuch in Charlotten- 
burg erwartet werde**. Der Besuch ist auf meine Bitte telegr[aphisch] 



* Siehe Nr. 1330. 

** Daß der am 31. März an den Prinzen Alexander von Battenberg ergangenen 
telegraphischen Aufforderung, sich am Ostermontage bei Kaiser Friedrich III. zu 
melden, eine besondere Absicht, etwa die einer Verlobungsproklamation zugrunde 
gelegen hätte, ist aus den Akten nicht zu entnehmen, wird allerdings durch die ein- 
gehenden Mitteilungen bei E. C. Corti, Alexander von Battenberg S. 325 ff. außer 
Zweifel gestellt. Nach den Berichten des preußischen Gesandten in Darmstadt Frei- 
herrn von Thielmann, die sich auf Äußerungen des Großherzogs von Hessen 
stützten, hätte es nicht in der Absicht des Prinzen gelegen, bei dem geplanten Be- 
such um die Hand der Prinzessin Viktoria, Tochter Kaiser Friedrichs, anzuhalten. 
Vgl. auch Nr. 1346, S. 329 f. 

281 



inhibirt worden, ob definitiv verhindert, weiß ich nicht. Ich habe für 
den Fall, daß er erfolgt, meinen Abschied erbeten. Bitte um tel[e- 
graphischen] Bericht, ob Sie u[nd] Herr von Giers meine Ansicht theilen, 
daß der Empfang dieses, wie ich vermuthe, von der Königin von Eng- 
land angeregten Besuchs in Rußland den Eindruck einer antirussischen 
Demonstration u[nd] einer Aenderung unsrer bisherigen PoUtik machen 
würde. Hier würde das auch in unsrer öffentlichen Meinung der Fall 

sein. 

V. Bismarck 

Nr. 1331 
Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an Kaiser Friedrich III. 

Ausfertigung 

Berlin, den 3. April 1888 
Nachdem Euere Majestät die Gnade gehabt haben, mir bei dem 
letzten Immediatvortrag zu gestatten, meine Bedenken gegen eine 
Annäherung oder Auszeichnung des Prinzen Alexander von Batten- 
berg schriftlich zu formulieren, habe ich dieselben in einem Immediat- 
bericht zusammengestellt, welchen ich mich beehre hierneben aller- 
untertänigst zu überreichen*. Daß dies nicht schon gestern geschehen 
ist, darf ich ehrfurchtsvoll bitten damit huldreichst entschuldigen zu 
wollen, daß ich gestern durch Unwohlsein am Arbeiten verhindert war. 

V. Bismarck 

Anlage 

Berlin, den 3. April 1888 
Der Prinz Alexander von Battenberg hat durch seine Vergangen- 
heit eine europäische Stellung erlangt, deren Folge ist, daß man nicht 
in politische Beziehungen zu ihm treten kann, ohne das Land, von 
welchem aus es geschieht, den politischen Rückwirkungen auszusetzen, 
welche eine Annäherung an den früheren Fürsten von Bulgarien zur 



* Siehe die Anlage. Über Bismarcks frühere Stellungnahme zu Prinz Alexander 
vgl. Bd. V, S. 58, Fußnote. In dieser ablehnenden Stellungnahme ist seit 1886 
keinerlei Wechsel eingetreten. E. C. Cortis Behauptung (a. a. O. S. 300), daß Bis- 
marck im Frühjahr 1887 Prinz Alexander wieder nach Bulgarien zu lassen ge- 
dacht habe, um durch die daraus für Rußland entstehenden Schwierigkeiten dieses 
zu hindern, Frankreich in einem deutsch-französischen Kriege beizustehen, ist 
mit den Akten völlig unvereinbar. Ein Gleiches gilt von der Behauptung (S. 294), 
daß Graf Hatzfeldt auf Bismarcks Betreiben andauernd Lord Salisbury bestürmt 
habe, den Bulgaren zu raten, mit der Rückberufung Alexanders und der Aus- 
rufung Bulgariens zum Königreich eine abenteuerliche Politik zu treiben. Nach 
den Akten hat sich Graf Hatzfeldt im Gegenteil der äußersten Zurückhaltung 
befleißigt, ganz im Sinne Bismarcks, der ihm dafür am IQ. April 1887 sein völliges 
Einverständnis aussprechen ließ. „Wir müssen es überhaupt nach Möglichkeit 
vermeiden, uns über diese Frage — die bulgarische Krise — auszusprechen." 
Erlaß an Hatzfeldt Nr. 359. 

282 



Folge hat. Das Gewicht dieser Rückwirkungen wird gesteigert durch 
die Tatsache, daß die poHtische Rolle des Prinzen Alexander von Batten- 
berg unter gewissen möglichen Umständen keineswegs schon zu Ende 
gespielt ist. Sobald in Bulgarien Unruhen entstehen von der Art, 
daß die bulgarische Frage durch die Waffen entschieden werden soll, 
wird die bulgarische Armee den Prinzen von Battenberg voraussicht- 
lich wieder an ihre Spitze berufen, und sobald der österreichisch-russi- 
sche Krieg ausbräche, würde er einer der Kandidaten für den neu 
zu errichtenden polnischen Thron werden. Die Lemberger Ovationen 
und Reden zur Zeit seiner Abdikation lassen das voraussehen. Aus 
diesen bulgarischen und polnischen Erwägungen wird der Kaiser 
Alexander aus jeder Annäherung unseres Königshauses an den früheren 
Fürsten von Bulgarien nach wie vor gegen die Aufrichtigkeit und 
Friedensliebe der deutschen Politik Rußland gegenüber Verdacht 
schöpfen; es würde das auch dann der Fall sein, wenn dieser Monarch 
nicht schon aus der Vergangenheit her durch den Abfall seines Vetters 
von seinen russischen Blutsverwandten mit Haß und Mißtrauen gegen 
denselben erfüllt wäre. 

Die auswärtige Politik des Deutschen Reiches ist seit dem Frieden 
mit Frankreich vorwiegend auf die Erhaltung des Friedens und auf 
die Verhütung antideutscher Koalitionen gerichtet gewesen. Der Brenn- 
punkt dieser Politik liegt in Rußland und in der Aufgabe, dem Kaiser 
Alexander persönlich das Vertrauen zur deutschen Politik zu ge- 
währen und zu erhalten, dessen Seine Russische Majestät bedarf, um 
den kriegerischen Velleitäten seiner Untertanen dauernden Widerstand 
zu leisten. Nachdem wir Österreich und Frankreich bekämpft hatten, 
lag in den Händen des Kaisers von Rußland, der willkürhch darüber 
bestimmt, ob eine Macht von hundert Millionen Menschen Deutsch- 
land Freund oder Feind ist, die Möglichkeit, sich mit den beiden von 
uns geschlagenen Gegnern zu verbinden. Diese Möglichkeit ist durch 
den Bündnisvertrag mit Österreich eingeschränkt. Immer aber ist ein 
Krieg, den wir mit Rußland und Frankreich gleichzeitig zu führen 
hätten, auch wenn er siegreich bliebe, eine der größten Kalamitäten, 
welche über das deutsche Volk hereinbrechen können. Der Beistand 
Österreichs, auf welchen wir dabei rechnen, ist nicht so stark, wie er 
sein könnte, und kann unter Umständen, wenn in Italien Wechsel der 
Majoritäten und Regierungen stattfinden, durch einen Umschwung 
der italienischen Politik noch sehr vermindert werden, so daß wir 
gegen einen Anfall beider Nachbarn in der Hauptsache auf unsere 
eigenen Kräfte angewiesen sein würden. Ob wir Gefahr laufen, mit 
beiden gleichzeitig in Krieg zu geraten, darüber liegt wieder die Ent- 
scheidung ausschließlich beim Kaiser Alexander. Wir können mit 
Wahrscheinlichkeit annehmen, daß Frankreich, solange ihm Rußland 
nicht beisteht, uns in Ruhe läßt oder von uns wiederum geschlagen 
wird. Kann aber Frankreich auf russischen Beistand rechnen, so haben 

283 



wir den Krieg mit beiden Mächten gleichzeitig in ganz sicherer Aus- 
sicht. Die Politik des hochseligen Kaisers Wilhelm hat es daher als 
ihre vornehmste Aufgabe betrachtet, den Frieden mit Rußland zu 
sichern und zu dem Zwecke das Vertrauen des Kaisers Alexander zu 
unserer Politik zu befestigen und ihn dadurch widerstandsfähig gegen 
die kriegerischen Velleitäten seiner Untertanen zu machen. Noch vor 
sechs Monaten waren die Kriegsbefürchtungen bei uns und überall 
vorherrschend. Durch richtiges Verfahren auf diplomatischem Gebiete 
ist es uns gelungen, in den Beziehungen zu Rußland, worunter nach den 
russischen Verhältnissen immer ausschließlich die zu der Person des 
regierenden Kaisers zu verstehen sind, ein Maß von Vertrauen wieder- 
herzustellen, welches gegründete Aussicht auf Fortdauer des Friedens 
bietet. Durch jeden Wechsel in unserer Politik kann eine Wendung 
nach der Seite des Kriegs hin in der politischen Lage herbeigeführt 
werden, deren weitere Entwicklung durch diplomatische Mittel nicht 
immer mit Sicherheit gehemmt werden kann. Es wäre ein großes 
Unglück für Deutschland nicht nur, sondern für alle friedliebenden 
Nationen in Europa, wenn lediglich durch einen Mißgriff in der diplo- 
matischen Behandlung unserer Beziehungen zum Kaiser Alexander eine 
so verhängnisvolle Wendung, eine Zerstörung aller bisher erreichten 
diplomatischen Erfolge herbeigeführt werden sollte. Unter den An- 
lässen der friedlichen Entwicklung unserer russischen Beziehungen 
nimmt das ablehnende Verhalten der Politik des hochseligen Kaisers 
zu dem früheren Fürsten von Bulgarien eine hervorragende Stelle ein; 
von jeder Annäherung an den letzteren ist der Eindruck auf den Zaren 
schwer zu berechnen; ich wenigstens möchte die Verantwortlichkeit für 
die praktischen Ergebnisse dem eigenen Lande gegenüber nicht über- 
nehmen. Man könnte sagen, daß Deutschland stark und groß genug 
ist, um das Wohlwollen, welches seine Dynastie für einen Prinzen 
von Battenberg hegen kann, nicht nach den Eindrücken auf den Kaiser 
von Rußland zu bemessen. Eine derartige Gleichgiltigkeit gegen die 
Rückwirkung, welche das Verhalten der Dynastie auf den Frieden und 
das Wohl des Landes und der Untertanen haben kann, liegt indessen 
nicht in den Traditionen der preußischen Monarchie. Das friedliche 
Beieinanderwohnen der großen europäischen Mächte ist überhaupt nur 
dadurch möglich, daß ihre Regierungen und ihre Dynastien auf die 
Bedürfnisse nicht nur, sondern auf die Neigungen und Wünsche der 
Nachbarvölker und der Souveräne derselben sorgfältig Rücksicht nehmen 
und Motiven zu Verstimmungen rechtzeitig vorbeugen, solange es 
noch mit Ehren möglich ist. Das sehr starke Nachbarvolk der Russen 
ist nun ausschließlich durch den Kaiser Alexander repräsentiert, und 
die persönlichen Eindrücke dieses Monarchen werden sich sicher wider- 
spiegeln in der auswärtigen Politik des großen russischen Reiches. 
Es wird also nach preußischen Begriffen nicht unter die politischen 
Möglichkeiten gerechnet werden können, daß persönliche Wünsche 

284 



und Neigungen der Dynastie schwerer ins Gewicht fallen könnten 
als die Rücksicht auf den Frieden und die Wohlfahrt der Untertanen 
derselben und der gesamten deutschen Nation. 

Den Eindruck, welchen es in Rußland und insbesondere auf den 
Kaiser Alexander machen würde, wenn von Euerer Majestät Seite 
dem früheren Fürsten von Bulgarien eine Auszeichnung oder ein 
Kommando verliehen würde, vergegenwärtigt man sich am deutlichsten, 
wenn man annimmt, daß der Kaiser Alexander im gegenwärtigen Augen- 
blicke dem in Paris entlassenen General Boulanger einen hohen russi- 
schen Militärorden oder ein Kommando in der russischen Armee, zum 
Beispiel in Warschau, verleihen wollte. Einem solchen Gunstbeweise 
von maßgebender Stelle gegenüber würde in ganz Deutschland so 
starkes Mißtrauen gegen die russische Politik folgen, durch dessen 
weitere Entwicklung die Friedensaussichten erheblich vermindert werden 
könnten. Daß eine von Euerer Majestät jetzt dem Prinzen von Batten- 
berg verliehene Auszeichnung oder Ernennung die gleiche Wirkung 
in Rußland üben würde, ist nicht zweifelhaft, und sie würde dort infolge 
der daran geknüpften Hetzereien der deutschfeindlichen, von französi- 
schem Gelde unterstützten Presse noch einschneidender auf die russi- 
sche Politik zurückwirken, weil der Kaiser Alexander in der Tat schon 
ohnehin eines erheblichen Maßes von Energie und von Vertrauen 
auf die Zuverlässigkeit der deutschen Politik bedarf, um der starken 
Kriegspression im eigenen Lande Widerstand zu leisten, einen Wider- 
stand, welchen Kaiser Alexander II. bei aller Abneigung gegen den 
damaligen türkischen Krieg dauernd nicht durchführen konnte. Dabei 
ist noch zu veranschlagen, daß die Sorge für die persönliche Sicher- 
heit des russischen Monarchen damals, 1877, nicht in dem Maße auf 
die russische Politik einwirkte wie jetzt, nach den vielen verbrecheri- 
schen, seitdem versuchten und leider zum Teil gelungenen Attentaten. 

Ich glaube danach, Euerer Majestät ehrfurchtsvoll empfehlen zu 
dürfen, aus Rücksicht auf die Schwierigkeiten, welche die Pflege des 
Friedens ohnehin bietet, aus Rücksicht auf die Ausdehnung des Krieges, 
im Falle die Erhaltung des Friedens mißlingt, und auf den gänzlichen 
Mangel an politischem und nationalem Interesse Deutschlands an einem 
Kriege mit Rußland und Frankreich den Anstoß, welchen jede irgendwie 
geartete Annäherung an den früheren Fürsten von Bulgarien zu einer 
kriegerischen Entwicklung geben könnte, mit landesväterlicher Sorg- 
samkeit zu vermeiden. Wenn durch einen solchen Anstoß, wie ich 
es nach meiner auf langjährigen Erfahrungen begründeten Überzeugung 
für möglich halte, das mühsam hergestellte Vertrauensverhältnis zum 
Kaiser Alexander gestört, und infolge dieser Störung eine zwar nicht 
sofort kriegerische, aber doch unaufhaltsam feindlicher werdende Ent- 
wicklung in der Richtung des Krieges stattfände, so würde es un- 
möglich sein, vor der öffentlichen Meinung Deutschlands, den Parlamen- 
ten, vor der Geschichte ein annehmbares oder auch nur glaubwürdiges 

285 



Motiv für eine solche scheinbar willkürliche Störung der Beziehungen 
zu unserem autokratischen Nachbar aufzustellen. Die Mit- und Nach- 
welt würde sich nicht erklären können, welches Interesse die deutsche 
Politik bewogen haben könnte, dem Prinzen von Battenberg Ounst- 
bezeugungen zu gewähren, durch welche das bis dahin mühsam ge- 
pflegte Verhältnis zum Kaiser von Rußland getrübt, und der Frieden 
der Nation dynastischen Konvenienzen geopfert werden konnte. 

Ich habe keinen Anspruch darauf, daß Euere Majestät bei Aus- 
zeichnungen auf militärischem Gebiete oder bei Allerhöchsten Ent- 
schließungen über persönliche Beziehungen des Königlichen Hauses 
mir als politischem Minister eine geschäftliche Einwirkung gestatten. 

Aber es ist an sich schwer, Akte des Deutschen Kaisers und 
Königs von Preußen von politischer Rückwirkung frei zu halten; 
sicher unmöglich ist dies aber in dem vorliegenden Falle wegen der 
vergangenen und möglicherweise der zukünftigen Beziehungen des 
ehemaligen Fürsten von Bulgarien zur europäischen, insbesondere zur 
deutsch-russischen Politik. Euerer Majestät ist bekannt, wie entschieden 
bis zum Hintritt des hochseligen Kaisers die Haltung unserer Politik 
in dieser Frage gewesen ist, und wie ich mich im Sinne derselben 
im Parlament, in öffentlichen Aktenstücken und namentlich in Ver- 
handlungen mit dem russischen Hofe amtlich auszusprechen gehabt 
habe. Wenn nun wenige Wochen nach dem Regierungswechsel aller- 
höchste Kundgebungen stattfänden, welche das Ausland zu der Vor- 
aussetzung berechtigen, daß eine völlige Umwandlung der bisherigen 
Haltung der deutschen Politik in dieser schwerwiegenden Frage statt- 
gefunden hat, und wenn dann meine Stellung im Deutschen Reiche 
unverändert dieselbe bliebe, so würden daraus Schlüsse gezogen werden, 
die, ganz abgesehen von ihrer Rückwirkung auf mein eigenes Ehr- 
gefühl, das Vertrauen entkräften müßten, welches mir die Stetigkeit 
meiner langjährigen Amtsführung bei den europäischen Kabinetten 
und in der öffentlichen Meinung des eigenen Landes erworben hat. 
Man würde annehmen, daß entweder meine politische Haltung über- 
haupt schroffem Wechsel unterworfen und also unzuverlässig sei, oder 
daß ich meine Überzeugungen nach Bedürfnis wechsele, um mich 
in meiner amtlichen Stellung zu erhalten. In beiden Fällen würde 
meine Brauchbarkeit für den allerhöchsten Dienst wesentlich vermindert 
und auf ein Maß zurückgeführt werden, welches andere in meiner 
Stelle auch würden erfüllen können, ohne durch Alter und Krankheit 
in dem Maße gehemmt zu sein, wie ich es bin. Denn wenn irgend- 
etwas meinen Diensten, die ich Euerer Majestät, soweit meine Kräfte 
reichen, mit Freuden leiste, einen ausnahmsweisen Wert verleihen 
kann, so ist es gerade das Vertrauen auf mein Wort und auf meine 
Zuverlässigkeit in der Politik, welches ich mir in einem 25jährigen 
Zeitraum habe erwerben können. Dieser Vorzug wird hinfällig, so- 
bald der Glaube an meine Zuverlässigkeit oder an meinen Einfluß 

286 



auf die deutsche Politik schwindet. Wenn ein so wichtiger politischer 
Akt wie das Heranziehn einer bisher mit Rücksicht auf Rußland und 
nach dessen Wünschen ferngehaltenen hochpolitischen Persönlich- 
keit gegen mein Votum stattgefunden hätte, und ich dennoch im 
Dienst bliebe, so würden meine Auslassungen dem Auslande gegen- 
über auch in andern Fragen das bisherige Gewicht nicht mehr haben, 
und der in letzterem liegende Vorteil für den Dienst Euerer Majestät 
verlorengehen. 

Ich kann aus diesen Gründen Euerer Majestät meine Überzeugung 
nicht verhehlen, daß ein politischer Akt, welcher eine Änderung der 
bisherigen bulgarischen Politik des Deutschen Reichs, einschließlich 
unserer Beziehungen zu der Person des früheren Fürsten von Bul- 
garien, involvierte, mich zu meinem tiefsten Schmerze in die Not- 
wendigkeit versetzen würde, Euere Majestät um huldreiche Enthebung 
von der Leitung der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches in 
Ehrfurcht zu bitten. 

V. Bismarck 

Nr. 1332 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an Kaiser Friedrich III. 

Ausfertigung 

Berlin, den 4. April 1888 

Wenn ich meinem alleruntertänigsten Immediatberichte vom 
gestrigen Tage schon heute einen Nachtrag folgen lasse, so wollen 
Euere Majestät daraus huldreichst entnehmen, wie lebhaft die Besorg- 
nisse sind, welche mich bezüglich der Rückwirkungen der betreffen- 
den Frage auf die Politik beschäftigen. Ich habe in meinem gestrigen 
ehrfurchtsvollen Bericht grade den nächstliegenden Punkt dieser Rück- 
wirkungen, wie ich glaube, nicht hervorgehoben. Wenn Euere Majestät 
den Besuch nicht gehindert hätten, so würde der Prinz vorgestern hier 
schon eingetroffen sein. Die erste Rückwirkung dieses Ereignisses 
würde, wie ich glaube, sich an der Börse durch Rückgang unserer 
und der russischen Effekten fühlbar gemacht haben. In der öffent- 
lichen Meinung aber bei uns und in anderen Ländern würde der all- 
gemeine Eindruck der gewesen sein, daß mit dem Empfang dieses 
Besuches, resp. mit der Einladung dazu eine antirussische Demonstra- 
tion beabsichtigt sei, also eine Änderung in der bisherigen friedlichen 
Politik. Der Prinz von Battenberg ist nach seiner ganzen Stellung 
nicht in der Lage, an Euerer Majestät Hoflager uneingeladen zu er- 
scheinen. Zu einer ausdrücklichen Einladung desselben würde für 
die öffentliche Meinung ein anderer als ein politischer Grund nicht 
erfindlich sein. Vor der Öffentlichkeit würde damit Rußland gegen- 
über ein neuer Weg eingeschlagen sein, auf welchem, wenn er einmal 
betreten ist, mit Ehren umzukehren, seine Schwierigkeiten haben 

287 



wird. Fände aber keine Art von Umkehr statt, so würde die Presse 
der beiden beteiligten Länder und die Frankreiclis einen neuen Anlaß 
haben, die durch die Battenbergsche Einladung hervorgerufene russi- 
sche Verstimmung zu schüren und weiterzuentwickeln. In Deutsch- 
land, wo die öffentliche Meinung in diesem Augenblick noch mehr 
wie gewöhnlich Wert auf den Frieden legt, würde man gar kein Ver- 
ständnis dafür haben, wie lediglich aus Rücksicht auf einen Battenberg- 
schen Prinzen, und um diesem eine Ehre zu erzeigen, unsere Be- 
ziehungen zu Rußland freiwillig geschädigt werden können, da Deutsch- 
land von dem Wohlwollen des Prinzen Alexander nichts zu erwarten, 
von der Verstimmung des Kaisers Alexander aber verstärkte Kriegs- 
gefahr zu besorgen hat. Man würde, um eine sonst nicht erkläriiche 
und den Traditionen des Königshauses widersprechende Hintansetzung 
der Landesinteressen gegenüber persönlichen Wünschen sich zu er- 
klären, auf die Vermutung kommen, daß hier nicht ausschließlich 
deutsche Erwägungen, sondern englische Einflüsse diese unerwartete 
Wendung unserer Politik herbeigeführt hätten. Man würde annehmen, 
daß der Anlaß und die Ermutigung des Prinzen von Battenberg von 
Ihrer Majestät der Königin Viktoria ausgegangen sei. Diese Ver- 
mutungen liegen, abgesehn von den dafür sprechenden persönlichen 
Beziehungen Ihrer Majestät der Königin von England zu der Familie 
Battenberg, poHtisch nahe; denn für die englische Politik ist es 
von wesentlichem Nutzen, Verstimmungen zwischen Deutschland und 
Rußland zu schaffen. Ein russisch-deutscher Krieg würde England die 
Aufgabe, seine Interessen Rußland gegenüber wahrzunehmen, wesent- 
Hch erleichtern; für Deutschland aber ist und bleibt ein russischer 
Krieg — siegreich oder nicht — immer eine große Kalamität, deren 
Verhütung die Nation von der Politik Euerer Majestät vertrauensvoll 
erwartet. Wenn die öffentliche Meinung annehmen könnte, daß diese 
Erwartung aus Gefälligkeit für England und aus persönlichen und 
dynastischen Motiven getäuscht worden wäre, so würde die daraus 
hervorgerufene Verstimmung eine nicht unberechtigte und schwer zu 
beruhigende sein. Wie empfindlich der Kaiser Alexander noch immer 
in der Battenbergischen Richtung ist, geht unter andern aus der Tat- 
sache hervor, daß die Sendung des Thronfolgers zur Beisetzung des 
hochseligen Kaisers eine kurze Zeit hindurch aufgegeben werden sollte, 
weil das Gerücht nach Petersburg gelangt war, der frühere Fürst von 
Bulgarien werde der Feier beiwohnen. Graf Schuwalow war damals 
der Meinung, daß dieses Gerücht von der antideutschen Partei in Ruß- 
land erfunden sei, um die Sendung des Thronfolgers und den deutsch- 
freundlichen und friedüchen Eindruck derselben zu hindern. Daß die- 
selbe unterblieben wäre, wenn der russische Thronerbe hier mit dem 
Prinzen von Battenberg hätte zusammentreffen müssen, bezweifelte 
auch Graf Schuwalow nicht. 

v. Bismarck 

288 



Nr. 1333 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Botschafter in London 

Grafen von Hatzfeldt 

Telegramm. Eigenhändiges Konzept 

Nr. 49 Berlin, den 5. April 1888 

Ich fürchte, daß das Battenbergische Heirathsproject mit unsrer 
Prinzeß von englischer Seite u[nd] persönlich durch I[hre] M[ajestät] 
die Königin Victoria wieder lebhafter betrieben wird. Machen Sie Lord 
Salisbury vertraulich darauf aufmerksam, daß das Gelingen dieses 
Projectes der deutschen Politik nothwendig und auf die Dauer eine 
russenfreundlichere Richtung aufnöthigen würde, als ihr ohne solche 
Familienbeziehung zu Battenberg u[nd] Bulgarien angezeigt erscheinen 
könnte; namentlich wenn eine kriegerische Entwicklung der Situation 
den Prinzen von Battenberg wieder nach Bulgarien führen sollte*. 

V, Bismarck 
Nr. 1334 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an das Auswärtige Amt 

Telegramm. Entzifferung 

Nr. 59 St. Petersburg, den 5. April 1888 

Als ich mit Herrn von Giers über die Eventualität eines Besuchs 
des Prinzen Alexander von Battenberg in Charlottenburg sprach, er- 
widerte derselbe wörtlich: 

„Dans l'opinion publique cette visite rencontrerait une interpreta- 
tion fausse et defavorable. Toutefois, si eile avait lieu, bien que nous 
la regretterions, nous garderions notre conviction que tant l'Empereur 
Frederic que le Prince Chancelier ne changeront pas leur politique 
amicale pour la Russie et qu'ils resteront fideles ä notre arrangement 
concernant la non-admission du Prince Alexandre au pouvoir en Bul- 
garie." Herr von Giers fügte hinzu, er werde meine Mitteilung Seiner 
Majestät unterbreiten und mich unterrichten, ob seine rein persönliche 
Meinung vom Kaiser geteilt werde. 

Meines ehrerbietigen Erachtens überwiegt gegenwärtig beim 
Petersburger Kabinett der Wunsch, die Feindschaft und Kontinuität 
unserer Politik durchbrochen zu sehen, selbst die Abneigung gegen 



* Auf die Demarche Graf Hatzfeldts bei Lord Salisbury wies dieser den eng- 
lischen Botschafter in Berlin an, die Bismarckschen Bedenken gegen das Heirats- 
projekt direkt der Königin Viktoria zu unterbreiten; gegebenenfalls wollte Lord 
Salisbur}- selbst der Königin die größte Reserve anempfehlen. Telegramm Graf 
Hatzfeldts vom 6. April. 

19 Die Große Politik. 6. Bd. 289 



den Prinzen von Battenberg und die Besorgnis vor den Folgen seines 
Wiederliervortretens. Die russische Presse würde meines Erachtens 
den Besuch des Prinzen Alexander als eine russenfeindliche Demonstra- 
tion und als eine Ermutigung für alle Gegner Rußlands darstellen, 
die kaum verstummten Verdächtigungen gegen uns würden wieder 
beginnen, und die in letzter Zeit abgeschwächte Hinneigung zu Frank- 
reich würde in einer den Frieden gefährdenden Weise wieder hervor- 
treten. 

Schweinitz 



Nr. 1335 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Botschafter in 
Petersburg von Schweinitz 

Telegramm. Konzept von der Hand des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck 

Nr. 46 Berlin, den 7. April 1888 

Die in Ew. Telegramm Nr. 59* „wörtlich" wiedergegebene Äuße- 
rung des Herrn von Giers steht nicht im Einklang mit einer heute dem 
Grafen Schuwalow telegraphisch zugegangenen Instruktion, welche 
lautet: „Sa Majeste l'Empereur trouve naturellem ent quant au 
mariage qu'il serait tres peu desirable et meme prejudiciable pour 
nos bons rapports avec l'Allemagne." Die Tonart dieser kurzen und 
klaren Enunziation des Zaren entspricht seiner bisher bekannten Auf- 
fassung mehr als die von Ew. übermittelte evasive und gleichgültig 
klingende Version des Herrn von Giers. 

Die letztere entspricht auch nicht Ihrer im Schlußsatz Ihres Tele- 
gramms formulierten persönlichen Auffassung über die Folgen, welche 
Besuch, Auszeichnung und Heirat des Prinzen von Battenberg für 
unsere Beziehungen zu Rußland haben würden, dagegen stimmt 
wiederum zu den Worten von Giers das, was Ew. kurz vorher über 
den russischen Wunsch sagen, die „Feindschaft und Kontinuität** 
unserer Politik durch Tolerierung des Prinzen von Battenberg durch- 
brochen zu sehen. Wenn dies heißen soll, daß das Petersburger 
Kabinett für jetzt nicht den Mut seiner Meinung hat, und daß Herr 
von Giers, wie es nach seinem Telegramm an Graf Schuwalow den 
Anschein hat, Ihnen seine wahre Ansicht verbirgt, so bitte ich um 
eine erklärende Äußerung Ihrerseits**. 

v. Bismarck 



* Siehe Nr. 1334. 

** Nach einem Telegramm Schweinitz' vom 8. April wäre die schwankende russi- 
sche Haltung daraus zu erklären, daß zunächst nur von einem Besuch und einer 
Anstellung des Prinzen von Battenberg die Rede gewesen war, der man russischer- 
seits keine Bedeutung beilegte, dann aber von der eventuellen Vermählung des 
Prinzen mit der Tochter Friedrichs III. 

290 



Nr. 1336 

Der Reichskanzler Fürst von ßismarck an den Botschafter in 

Petersburg von Schweinitz 

Konzept 
Nr. 208 Berlin, den 8. April 1888 

Geiieim [abgegangen am 9. April] 

Ew. an den Staatssekretär gerichteten Privatbrief vom 5. d. Mts.* 
habe ich mit Interesse gelesen und bemerke bezüglich des Schluß- 
satzes desselben, welcher die Stellungnahme des Petersburger Kabinetts 
zu der Battenbergischen Angelegenheit berührt, daß die Behandlung 
derselben durch die Unklarheit und Zurückhaltung des Herrn von Qiers 
wesentlich erschwert wird. Bei der unberechenbaren Rückwirkung, 
welche die Einnistung des Prinzen an unserem Hofe auf unsere Be- 
ziehungen zu Rußland haben kann, hatte ich erwartet, daß Herr von Giers 
in Übereinstimmung mit seiner früheren Haltung und mit der des 
Grafen Schuwalow mich in den Stand setzen würde, die Gefahren 
englisch-battenbergischer Zettelungen nachdrücklich zur Geltung zu 
bringen. Nach den in Ihren amtlichen telegraphischen Meldungen 
gebotenen Unterlagen habe ich hierzu aber keine Handhabe und be- 
schränke mich also darauf, mein Bedauern darüber auszudrücken, daß 
die mise en scene von russischer Seite ohne guten Willen oder ohne 
taktisches Geschick erfolgt ist. Die Folge wird sein, daß ich, ob- 
schon ich im Sinne Seiner Majestät des Kaisers zu handeln und dessen 
innre Wünsche zu vertreten glaube, doch die Ew. bekannten Pläne 
Ihrer Majestät der Kaiserin nicht mit Erfolg werde bekämpfen können, 
weil ich nicht russischer sein kann als die russische Regierung. Ich 
hatte angenommen, daß ich gegen die Verwirklichung dieser unter 
englischem Einfluß geplanten antirussischen und friedensfeindlichen 
Schwenkung in unserer Politik bei Herrn von Giers denselben Bei- 
stand finden würde, den Graf Schuwalows Tonart hier in Aussicht 
stellte: derselbe erfaßte bei unserer ersten Unterredung sofort die 
Wichtigkeit, welche dieser Angelegenheit beizulegen ist, mit großer 
Lebhaftigkeit, und ich kann nicht daran zweifeln, daß er die schwer- 
wiegenden Folgen, welche die Erhebung des Prinzen von Battenberg 
für die gesamte europäische Gruppierung haben muß, in seiner Bericht- 
erstattung zur vollen Geltung gebracht hat; um so mehr war ich in 
dem Glauben, daß Herr von Giers sich der Auffassung des nissischen 
Botschafters anschließen und darnach handeln würde. Wenn ich mich 
darin geirrt habe, so verliere ich hier die Unterlage meines Stand- 
punktes, welche eben die Voraussetzung der Verstimmung des Kaisers 
Alexander ist, nicht bloß gegen den Prinzen von Battenberg, sondern 
überhaupt gegen die Leitung der deutschen Politik im Sinne der Königin 
von England. Wenn der russische Beistand ausfällt, weil das Peters- 

* Siehe Nr. 1329. 

,9. 291 



burger Kabinett nicht den Mut seiner Meinung hat oder Finesserien 
gegen mich persönlich betreibt, so wird der Sieg der englischen Politik 
an unserem Hofe sich einfach vollziehen und infolgedessen notwendig 
auch mein Rücktritt. Ich würde das um so mehr bedauern, als ich 
die Überzeugung habe, daß Seine Majestät der Kaiser, dem allein ich 
zu dienen beabsichtige, innerlich meiner Meinung ist und selbst in 
meinem Abschiedsgesuch eine Stütze seiner eigenen Ansicht der Kaiserin 
gegenüber findet. Wenn aber das russische Kabinett mir in dieser 
Frage nur lau oder hinterhaltig beisteht, so werden eben die Damen 
und England siegreich aus dem Kampfe hervorgehen, und zunächst 
mutmaßlich die Folgen in der russischen und französischen Presse ein- 
treten, welche Ew. am Schluß Ihres Telegramms Nr. 59 vom 5. d. Mts.* 
voraussehen. Ob und wie lange dann der Kaiser Alexander diesem seit 
sechs Monaten durch geschickte diplomatische Behandlung mühsam 
neutralisierten Ansturm widersteht, muß der Erfolg lehren. Ich will 
mich wenigstens von Mitschuld an dergleichen diplomatischen Gewissen- 
losigkeiten freihalten. 

Inzwischen ist Ew. Telegramm Nr. 62 hier eingegangen. Ich be- 
merke dazu, daß eine eheliche Verbindung zwischen der Prinzeß Viktoria 
und dem Prinzen Alexander von Battenberg allerdings gefährlich sein 
würde, weil letzterer dadurch Einfluß auf die kaiserliche Familie ge- 
winnen und diesen politisch ausnutzen würde, ein Besuch, eine Aus- 
zeichnung oder Anstellung des früheren Fürsten von Bulgarien würden 
aber theoretisch noch bedenklicher sein und nebenher unzweifelhaft 
zu derselben führen. Denn ein so dreister Streber, wie der Prinz ist, 
würde sicherlich jedes Entgegenkommen ausnutzen, um ein fait accompli 
zu schaffen. Jede Anerkennung, welche der Person des Prinzen von 
Battenberg an sich zuteil wird, trägt den Charakter einer Unfreundlich- 
keit für den Kaiser von Rußland und ist der politischen Bedeutung 
niemals zu entkleiden, während eine bloße Vermählung ohne jede 
Berücksichtigung der Stellung des Prinzen allenfalls auf das private 
Moment persönlicher Neigung zurückgeführt werden könnte. 

V. Bismarck 

Nr. 1337 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Botschafter in 

Petersburg von Schweinitz** 

Konzept 
Nr. 215 ' Beriin, den 12. April 1888 

[abgegangen am 14. April] 
Zur Richtigstellung von Nachrichten, welche über mein Abschieds- 
gesuch in die Presse gedrungen sind, bemerke ich nachstehendes ver- 
traulich zu Ew. pp. Information. 

* Siehe Nr. 1334. 

** Ein im wesentlichen gleichlautender Erlaß ging an die Botschafter in Wien und Rom. 

292 



Als ich mich entschloß, nach dem Tode des hochseligen Kaisers 
weiter zu dienen und auf die meinem Alter und meiner Gesundheit 
entsprechende Ruhe zu verzichten, konnte ich das mit Rücksicht auf 
meine durch Erschöpfung verminderte Leistungsfähigkeit nur unter 
der Voraussetzung tun, daß ich die Leitung der auswärtigen Politik 
in derselben Richtung wie unter der vorigen Regierung so zu führen 
haben würde, wie ich sie nach meiner seit Jahren betätigten Über- 
zeugung unter dem hochseligen Herrn hatte verantworten können. 
Schon aus Gesundheitsrücksichten fühle ich mich aber außerstande, 
an der Spitze der Geschäfte zu bleiben, wenn sich die Annahme als 
irrig erweist, daß dieselben sich auf erprobten festen Bahnen ohne 
innere Kämpfe über ihre Richtung weiter bewegen würden. 

Wenn Seine Majestät der Kaiser Ratschläge befolgen wollte, die ich 
seit Jahren auf Befehl des Kaisers Wilhelm bekämpft habe und mir auch 
heut nicht anzueignen vermag, so wäre ich in den Geschäften entbehr- 
lich und hätte keine Veranlassung, meine letzten Kräfte in denselben 
aufzureiben. 

Das Hauptziel meiner Politik ist seit 1871 die Erhaltung des 
Friedens gewesen; um dasselbe erreichen zu können, bedarf ich eines 
gewissen Spielraums in der Behandlung unserer Beziehungen zu Ruß- 
land. Wenn es jetzt zu der bei Hofe geplanten Auszeichnung des 
Prinzen Alexander von Battenberg kommt, so wird unserer Politik 
dadurch ein fremder Stempel aufgedrückt, dessen Bedeutung ich nicht 
vertreten kann. Die Pflege des europäischen Friedens ist eine Aufgabe 
von der Schwierigkeit, daß nicht nur poHtische Sachkunde, sondern für 
den Sachkundigen auch ein gewisses Maß freier Bewegung nötig ist, 
um den Gefahren, die dem Frieden erwachsen können, rechtzeitig vor- 
zubeugen. Wenn auf Grund von persönlichen und Familienintefessen 
politische Schritte geschehen, welche den Zwang zu einer Änderung 
der bisherigen Politik mit sich bringen, von der ich eine Gefährdung 
des Friedens und der Landesinteressen voraussehe, so ist es für mich 
nicht tunlich, durch mein Verbleiben im Dienst den Schein der Zu- 
stimmung zu dem Geschehenen auf mich zu nehmen. 

Ich glaube nicht, daß mein Ausscheiden wegen eventueller Er- 
hebung des Prinzen von Battenberg eine Änderung in unserer Politik 
zur uumiltelbaren Folge haben würde. Immerhin aber würden sicli 
unsere Beziehungen zu Rußland dadurch schwieriger gestalten. Die 
Ernennung des früheren Fürsten von Bulgarien zu einem Kommando 
im deutschen Heere würde, auch abgesehen von der Streichung dieses 
Prinzen aus den russischen Armeelisten, den Eindruck einer anti- 
russischen Demonstration in Voraussicht eines russischen Krieges 
machen. Die in Rußland weitverbreiteten Lügen von der Absicht 
Deutschlands, Rußland anzugreifen, würden durch solche Demonstra- 
tion neue Nahrung erhalten, und das Vertrauen des Kaisers Alexander 
auf unsere Friedensliebe in Mißtrauen verwandelt werden. Käme dazu 

293 



die Vermählung mit einer preußischen Prinzeß und damit die Fest- 
setzung des enghsch-battenbergischen Einflusses im Königlichen Hause, 
so ist nicht anzunehmen, daß der Kaiser von Rußland noch fernerhin 
seine Person und seine Popularität vertrauensvoll einsetzen werde, um 
sich der Kriegslust seiner Untertanen entgegenzustellen. Der Kaiser 
Alexander steht aber dem russischen Chauvinismus mit seiner Friedens- 
liebe ziemlich allein gegenüber, und ich habe meine Politik auf diese 
Erkenntnis gegründet. 

Da ich vor meinem Lande und vor der Geschichte die Verant- 
wortung nicht übernehmen kann, bei einer Situation in den Geschäften 
geblieben zu sein, welche eine nähere Kriegsgefahr in sich birgt als 
die von mir erstrebte, und da ich voraussehe, daß mir die Befähigung zur 
Umgestaltung derselben verloren gegangen sein würde, nachdem eine so 
schwerwiegende Entscheidung wie die schwebende gegen meinen Rat 
getroffen worden wäre, so ist die notwendige Konsequenz meiner 
Vergangenheit mein konditionelles Abschiedsgesuch gewesen. Der 
Kaiser selbst hat bisher keine Neigung, den in der Presse besprochenen 
Heiratsplänen näherzutreten. 

Seine Majestät haben bei meinem gestrigen Vortrage die aller- 
höchste Auffassung dahin auszusprechen geruht, daß der eventuelle 
Anlaß zu meinem Abschiedsgesuche nicht vorliege, und die Sache damit 
erledigt sei. Ich darf danach hoffen, daß mit Bezug auf den Prinzen 
Battenberg zunächst nichts geschehen werde*. 

v. Bismarck 



Nr. 1338 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 

Herbert von Bismarck 

Reinschrift. Teilweise eigenhändig 

Berlin, den 27. April 1888 
Bei dem Souper, welches gestern bei dem Großfürsten Wladimir 
auf der russischen Botschaft stattfand, sprach mich Graf Schuwalow 
unmittelbar beim Eintritt auf den Besuch der Königin von England** 



* Diese Erwartung des Fürsten Bismarck hat sich erfüllt: das Heiratsprojekt ist 
nicht wieder ernstlich zur Sprache gekommen. Nach der Thronbesteigung Wil- 
helms II. erklärte dieser sofort dem Prinzen von Battenberg, daß er ein für 
allemal seine Einwilligung zu einem solchen Projekt versage. Näheres darüber 
bei E. C. Corti, a. a. O., S. 329 ff. 

** Königin Viktoria von England weilte zum Besuche des deutschen Kaiserpaars 
vom 24. — 26. April in Berlin. Über ihre Unterredung mit Fürst Bismarck, bei 
der die Battenberg-Frage keine Rolle mehr gespielt zu haben scheint, siehe Bd. IV, 
Kap. XXIII, Nr. 819. Vgl. auch Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu 
Hohenlohe-Schillingsfürst Bd. II (1907), S. 435. 

294 



an und sagte: „Ich hoffe, Sie werden doch nicht auch noch mit Eng- 
land einen Vertrag abschUeßen; die Anwesenheit der englischen Königin 
ist mir in dieser Beziehung besorgHch, und ich bin seit den letzten 
Tagen mit der steten Sorge umhergegangen, Sie könnten sich irgendwie 
mit England binden. Das dürfen Sie mir nicht antun, denn sonst 
würde meine hiesige Position vollständig zusammenbrechen. Seit ich 
in Berlin beglaubigt bin, habe ich mich in meiner Berichterstattung 
stets dahin erklärt, daß Sie uns England gegenüber freie Hand lassen 
würden: das ist ja auch das einzige, was uns noch bleibt; wenn Sie 
uns in dieser Hinsicht im Stich lassen, so bin ich nicht nur desavouiert, 
sondern für alle Zukunft unmöglich und muß mich sofort in meine 
Wälder zurückziehen/* 

Ich nahm diese in ziemlicher Hast getanen Äußerungen leichthin 
auf und bemerkte nur, der Botschafter wisse ja, daß die englische 
Regierung bindende politische Verträge überhaupt nicht abschlösse, 
noch weniger könnte dies die enghsche Königin, wenn sie ohne ihren 
auswärtigen Minister auftrete. In verbindlichem Tone fügte ich dann 
fiinzu, ich hoffte sehr, daß Graf Schuwalow uns bis an sein Lebensende 
als Botschafter erhalten bleiben würde, es sei denn, daß er an die 
leitende Stelle in Petersburg berufen werden sollte. Die letzte 
Redewendung berührte den Grafen augenscheinhch sehr angenehm; 
er bemerkte dazu „es ist allerdings davon die Rede gewesen, daß ich 
die Nachfolge von Giers übernehmen sollte; für mich würde es aber 
ein schwieriger Posten sein; als ich bei meiner letzten Anwesenheit 
in Petersburg mit meinem Bruder* darüber sprach, sagte mir der, daß 
ich im Falle meiner Berufung dorthin ganz bei ihm wohnen müsse". 
„Einen besseren Berater," schaltete ich hier ein, „würden Sie aller- 
dings nicht haben können. Mit Ihrem Bruder hinter den Kuhssen 
brauchten Sie gewiß keine Sorge zu haben vor den unseren gemein- 
samen Zielen feindseligen Elementen," 

Graf Schuwalow erwiderte mit dem Akzent guter Laune, „jeden- 
falls würde unsere PoHtik dann aus einem Guß sein; jetzt ist ein 
kleinlicher Zug darin ; mein augenblicklicher Chef hat nicht das Zeug 
zum Minister, er ist ohne jeden Einfluß und voller Ängstlichkeit und 
hätte niemals über das Konsulatsniveau hinausgehen sollen". 

Beim Souper saß ich neben dem Großfürsten, der auch diesmal 
wieder außerordentlich liebenswürdig zu mir war. Nach der Tafel kam 
im Rauchzimmer die Unterhaltung zunächst auf Paris, welches der Groß- 
fürst tags vorher verlassen hatte. Er bemerkte, daß die Stadt so unter- 
haltend und genußreich sei wie nur je: das besage aber nicht viel, 
denn auch während der Schreckenszeit der großen Revolution hätte 
die Pariser Gesellschaft sich den gewohnten Lustbarkeiten hingegeben, 
während die Hinrichtungen auf dem Konkordienplatze stattfanden. 



* Graf Peter Schuwalow. 

295 



Gegenwärtig seien Genußsucht in der Gesellschaft und Ziellosigkeit 
der Politiker wohl noch größer als vor fast hundert Jahren. In der 
PoHtik wolle jeder nur hinwegräumen, und keiner mache sich ein Bild, 
wie es nachher werden könne und solle, „c'est pourri, c'est degoütant". 
Als die Rede auf Mohrenheim kam, und ich einfließen Heß, man spräche 
von seiner Nachfolge für Giers, nahm der Großfürst seinen verächt- 
lichsten Gesichtsausdruck an. Er nannte jenen Botschafter den hohlsten 
und langweihgsten Phraseur, der ihm je vorgekommen sei. 

Demnächst ging die Unterhaltung auf unseren Kaiser und auf 
die Battenbergs über. Bezüghch Seiner Majestät sprach sich der Groß- 
fürst mit warmer Teilnahme und herzHcher Bewunderung aus. 

Hinsichthch der Familie Battenberg bemerkte Seine Kaiserliche 
Hoheit, die MitgHeder derselben seien seine nahen Verwandten, und 
er habe früher viel für sie übrig gehabt; sie hätten sich aber durch ihre 
eigene Überhebung und Unaufrichtigkeit in eine so unmögliche Situation 
zu seinem kaiserlichen Bruder gebracht, daß er sich von ihnen hätte 
lossagen müssen. Als ich hierauf die jüngste hiesige Krise näher be- 
rührte und eine Bemerkung über die matte Haltung von Herrn von 
Giers einfheßen ließ, welche uns in Ansehung der dezidierten früheren 
Stellungnahme des Zaren nicht recht erklärlich gewesen sei*, nickte der 
Großfürst verständnisvoll, erhob sich und nahm mich unter den Arm, 
um mich in ein weiter gelegenes einsames Zimmer zu geleiten. Dort 
angekommen, sagte er: „Vous venez de parier du Battenberg: certaine- 
ment TEmpereur le deteste, et ü me parait que Tattitude de Giers n'a 
pas ete tres claire par rapport ä la derniere crise: mais Vous savez 
ce que c'est que Giers. II a une frayeur de mon frere qui Taveugle et il 
sait ce que je vais Vous dire tres-confidentiellement, c'est-ä-dire seulement 
pour Vous et pour Votre pere. Mon frere est malheureusement petri d'un 
soupQon insurmontable envers Votre pere: II reconnait son genie, mais 
il craint toujours d'etre joue par lui. J'ai fait de mon possible pour 
ecarter ce soupgon absurde, mais il reparait toujours et ä l'heure qu'il 
est la crainte d'etre mis dedans par la politique allemande prevaut chez 
mon frere et l'empeche de voir les choses comme il devrait les en- 
visager." 

Ich sagte dem Großfürsten, daß ich ihm für seine Offenheit dankbar 
sei, den Inhalt derselben aber um so mehr bedauere, als ihm jede 
tatsächüche Begründung fehle. Die PoHtik des Reichskanzlers habe 
sich immer durch Offenheit und Loyalität ausgezeichnet; der Groß- 
fürst würde sich des vom Grafen Peter Schuwalow so häufig und gern 
wiederholten Ausspruchs entsinnen, daß der Reichskanzler in einem 
kritischen Moment des Berhner Kongresses die englischen Bevoll- 
mächtigten an ihre Verabredungen erinnert hätte mit dem Worte 
„apres tout la politique honnete est encore la meilleure", und hiernach 

* Vgl. Nr. 1335, 1336. 
296 



handelteil wir nach wie vor. Wolle der Zar hieran nicht glauben, so 
müsse er durch Aufhetzungen und Vorurteile befangen sein. 

Der Großfürst erwiderte mit einem Seufzer „Vous dites vrai, il 
s'agit de preventions; wie soll man solche aber überwinden! . Was 
Ohrenbläsereien betrifft, so muß ich fast daran glauben, ich weiß nur 
nicht recht, von wo^ sie ausgehn sollen. Der Kaiser sieht ja in 
poHtischer Hinsicht nur seine Minister und ist anderweit nicht be- 
einflußbar." 

Ich wollte hier nicht Personalbeschwerden formulieren und äußerte 
nur, es sei ja bekannt, daß der Zar keinerlei direktem Einfluß unter- 
liege: immerhin würde le langage seiner niemals wechselnden, kleinen 
und geistig nicht hervorragenden Umgebung unmerkHch auf ihn ab- 
färben. Es hieße da gutta cavat lapidem. Wenn der Zar, wie es 
tatsächlich der Fall sei, immer nur eine Tonart von den gleichen, in 
vorgefaßten Meinungen lebenden Leuten höre, so müsse ihn das be- 
eindrucken. Bei den wenigen direkten Unterredungen, die er mit 
dem Reichskanzler gehabt habe, sei das Resultat jedesmal Befriedigung 
und volles Vertrauen gewesen. Allerdings könne dies nicht lange vor- 
halten, und es sei sehr zu bedauern, daß der jetzige Zar so sehen eine 
Begegnung ermögliche, während der vorige alljährlich zweimal durch 
Berlin gekommen sei. Die russischen Kaiserreisen hätten seit 1876 
aufgehört, und kurz darauf habe die Ära der sogenannten Mißver- 
ständnisse und Reibungen begonnen, pp. 

Seine Kaiserhche Hoheit kam dann auf die Politik zurück und be- 
merkte: „Le point noir dans nos relations c'est Votre arrangement avec 
I'Autriche. On ne peut pas detruire le fait que Votre pere negociait 
le traite ä Vienne tandis que nos Empereurs s'embrassaient ä Alexan- 
drowo^ et on sait chez nous que TEmpereur Guillaume a absolument 
refuse de ratifier le dit traite jusqu'ä ce que le chancelier le mena^ait 
de sa demission. II est vrai qu'il y avait de notre faute et que Votre 
pere a agi tres-loyalement en nous communiquant le texte du traite, 
mais tout de meme le point noir reste". 

Ich ripostierte „ä qui la faute?" und sagte, man müsse nicht 1879 
zum Ausgangspunkt nehmen, sondern 1878, d. h. das ungerechte und 
unerwartete Verhalten Rußlands ^ nach dem Kongreß, und knüpfte 
hieran eine kleine historische Rekapitulation, welche damit schloß, 
daß man Geschehenes nicht beseitigen könne, daß aber der Kaiser 
von Rußland ein kaiserliches Österreich in der gegenwärtigen Um- 
sturzzeit ebenso nötig brauche wie wir und es bei der Ausführung der 
von Rußland beabsichtigten Orientpolitik nicht auf seinem Wege zu 
finden brauche. Wir hätten Bulgarien stets als Rußlands Domäne an- 
gesehen, und bezüglich der für Rußland unendlich wichtigeren Frage 
der Meerengen sei es nicht nur unserer wohlwollenden Neutralität 
gewiß, sondern ich nähme auch an, daß für Österreich das Schicksal 
des Bosporus gleichgültig sei. Hierbei wurde der Großfürst sehr leb- 

297 



haft und sagte, die ganze bulgarische Frage sei für Rußland ein Un- 
glück, es müsse sich daran vollkommen desinteressieren und nur die 
Meerengenfrage ins Auge fassen, beide hätten miteinander nichts zu tun. 

Als ich dem Großfürsten zum Schluß wiederholt von der Solidarität 
der Dynastien gegen verhetzende internationale Umsturztendenzen, von 
unserer Loyalität und Friedfertigkeit eindringlich sprach, drückte er 
mir die Hand und erklärte nicht ohne Emphase „Mon frere sait que 
je ne suis pas seulement son plus fidele sujet, mais son esclave, s'il 
veut se servir de moi: il m'a confie le commandement de ses meilleures 
troupes, mais j'espere que je n'aurai pas ä comba.tre nos voisins ä 
leur tete. Je parlerai raison ä mon frere et je ferai de mon mieux pour 
me faire ecouter. Moi, j'ai entiere confiance en Votre pere, mais 
malheureusement je ne puis transplanter tous mes sentiments dans 
l'äme de mon frere: mais Vous pouvez compter sur moi que je ferai 
ce que je peux pour agir dans l'ordre d'idees qui a preside ä notre 
entretien". 

Beiläufig hatte mir der Großfürst noch gesagt, daß er vom Zaren 
beauftragt sei, im Herbst die polnischen Festungen zu inspizieren, 
wir möchten uns hierüber nur nicht beunruhigen. 

Ferner erzählte er, Boulanger habe sich in Paris bei ihm aufge- 
schrieben: er habe dies zudringlich gefunden, da er den Agitator gar 
nicht kenne, und seinem Adjutanten untersagt, irgendeine Notiz davon 
zu nehmen. 

Als ich mich am Bahnhof vom Großfürsten verabschiedete, rief 
er mir noch aus dem Wagenfenster zu „mille et mille choses ä Votre 
pere" und reichte mir allein noch einmal die Hand vom fahrenden 
Zuge angesichts der barhäuptig sich verneigenden russischen Bot- 
schaftsglieder. 

H. B i s m a r c k 



Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Tolstoi 

- leider 

3 unser Mißtrauen gegen die russ[ische] Politik ist seitdem jedenfalls begründeter 
als das des Zaren gegen imsre! vorher existirte es nicht, seitdem aber wird 
es sich schwer beseitigen lassen; wir müssen auf die Wiederholung analoger 
Ueberraschungen stets gefaßt bleiben u[nd] können andre Anlehnungen nicht 
auffjeben. 



2QS 



Kapitel XLIII 

Kaiser Wilhelm IL, Bismarck 

und die auswärtige Politik 

1888-1890 



Nr. 1339 

Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck* 

Ausfertigung 

Nr. 217 .Wien, den 28. April 1888 

Die mir durch die liohen Erlasse Nr. 322 vom 19, und Nr. 329 vom 
23. d. Mts. hochgeneigtest mitgeteilten Berichte des Kaiserlichen Bot- 
schafters in St. Petersburg, betreffend den russischen General Bogda- 
nowitsch**, habe ich dem Grafen Kälnoky gegenüber vertraulich ver- 
wertet. 

Der Minister fand die Vorhaltungen, die General von Schweinitz 
dem Herrn von Giers mit Bezug auf diesen höchst eigentümlichen 
Vorfall gemacht, durchaus gerechtfertigt, fürchtet aber, daß alle diese 
guten Worte in den Wind gesprochen sein werden. Herr von Giers 
würde es wie gewöhnlich kaum wagen, seinem kaiserhchen Herrn 
darüber Vortrag zu halten, sondern ihm vielleicht nur schüchtern an- 
deuten, daß die Bevorzugung dieses abgesetzten Beamten einiges 
Erstaunen im Auslande hervorrufen dürfte. 

Seit Jahren beobachteten wir dasselbe Schauspiel. Herr von Giers 
fließt über von korrekten Versicherungen, schwört, daß der Zar ganz seiner 
Ansicht ist und die Hetzereien der russischen Friedensstörer ebenso 
perhorresziere wie die Bestrebungen der Panslawisten, Rußland in ein 
enges Allianzverhältnis zu den französischen Demokraten zu engagieren. 
Die Hauptinkriminierten werden vom kaiserlichen Zorn getroffen, Giers 
behält anscheinend recht, bekommt aber keine Belohnung, und nach- 
dem sich die Wellen etwas geglättet, tauchen die Geächteten vorsichtig 
wieder auf. Kein Mensch findet etwas dabei, wenn sie belohnt werden, 
oder wenn die ihnen angedrohte Strafe wie bei Herrn Saburow nicht 



* Nr. 1339—1341 gehören rein chronologisch in den Rahmen des voraufgehenden 
Kapitels, mögen aber an dieser Stelle eingereiht werden, weil die in ihnen zutage 
tretenden ersten Unstimmigkeiten zwischen dem künftigen Kaiser und dem 
Reichskanzler ihren Schatten auf die Anfänge Wilhelms II. in den Jahren 1888 
bis 1890 vorauswerfen. 

** General Bogdanowitsch, ein Hauptführer der panslawistischen Agitation und 
eifriger Beförderer des Bündnisses mit Frankreich, der bekanntlich im Spät- 
frühjahr 1887 beim Zaren in Ungnade gefallen und aus dem Militärdienst ent- 
lassen war (vgl. Nr. 1213, S. 111, Fußnote **), wurde Mitte April 1888 auf Vor- 
schlag des Ministers des Innern Grafen Tolstoi zum Mitglied des Konseils im 
Ministerium des Innern und zum Geheimen Rat befördert. 

301 



ausgeführt wird, und die schlecht ausgerottete Pflanze treibt aus den 
Wurzeln weitere Keime. 

So war es, und so wird es weiter gehen; Giers wird immer 
schwören, sein Kaiser sei ganz mit ihm einverstanden, den Frieden 
zu erhalten, bis der große Aufmarsch der russischen Armee an unseren 
Grenzen in 1 bis 2 Jahren vollendet sein wird. Dann wird Giers 
weggeblasen werden, der Kaiser immer mehr in den Schlingen der 
von ihm begnadigten Missetäter gefangen sein und gegen seinen ehr- 
lichen Willen im Kriege und in der französischen Allianz sitzen, ohne 
sich mehr rühren zu können. 

Welches Vertrauen kann man unter diesen Umständen in das 
Petersburger Kabinett und in die friedlichen Versicherungen seines 
Leiters setzen! 

Vielleicht hatten die Generalstabsoffiziere in Berlin und Wien 
doch recht 1, wenn sie im vorigen Herbst rieten, die russische Macht 
zu zertrümmern-, noch ehe sie gefährlich wurde*. Man kann die Ge- 
fahr mit mathematischer Gewißheit wachsen sehen, ohne sie aufhalten 
zu können. Denn den Krieg heraufzubeschwören könne kein Staats- 
mann verantworten 3. Es bleibe daher nichts übrig, als sich allmähUch 
darauf vorzubereiten. Vielleicht könnten doch Ereignisse eintreten, 
die unsere zivihsierten Staatswesen vor solchem Unheil beschützen 
könnten. Dieses Vielleicht sieht der Minister als den einzigen Trost 
in dem traurigen Zukunftsbild auftauchen. 

H. VII. P. Reuß 

Randbemerkungen des Kronprinzen Wilhelm: 

1 Ja! 

3 richtig! 

Bemerkung des Fürsten von Bismarck am Kopf des Schriftstücks: 

Zu secretiren, mit Rücksicht auf die xVlarg[inalien] Sleine]r Kfaiserlichenl H[oheitl. 
Randbemerkung des Fürsten von Bismarck, im Originalschriftstück vor der Vor- 
lage an den Kronprinzen getilgt, aber durch besondere Aktennotiz überiiefert: 

2 Das ist so leicht nicht! ein Sieg über Rußland ist keine Zertrümmerung sondern 
nur die Herstellung eines revanchebedürftigen Nachbarn auch im Osten. 

Nr. 1340 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Botschafter in Wien 
Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Reinkonzept 
Nr. 349 Berlin, den 3. Mai 1888 

Vertraulich 

Nach Ew.pp. Bericht Nr. 217 vom 28.v.Mts.** hat Graf Kälnoky An- 
wandlungen von Zweifel darüber, ob die Generalstabsoffiziere, welche 
im Herbst zum Kriege rieten, nicht doch recht gehabt hätten. Es ließe 

* Vgl. dazu Kap. XXXVIII: Russisch-Österreichische Kriegsgefahr 1887—88. 
** Siehe Nr. 1339. 

302 



sich hierüber streiten, wenn ein solcher Krieg möglicherweise die Folge 
haben könnte, daß Rußland i, wie Graf Kälnoky sich ausdrückt, ,, zer- 
trümmert" würde. Ein derartiges Ergebnis liegt aber auch nach den 
glänzendsten Siegen außerhalb aller Wahrscheinlichkeit. Selbst der 
günstigste Ausgang des Krieges würde niemals die Zersetzung der 
Hauptmacht Rußlands zur Folge haben, welche auf den Millionen 
eigenthcher Russen griechischer Konfession beruht. Diese würden, 
auch wenn durch Verträge getrennt, immer sich ebenso schnell wieder 
zusammenfinden wie die Teile eines zerschnittenen Quecksilberkörpers. 
Dieses unzerstörbare Reich russischer Nation, stark durch sein Klima, 
seine Wüsten und seine Bedürfnislosigkeit, wie durch den Vorteil, nur 
eine schutzbedürftige Grenze zu haben, würde nach seiner Nieder- 
lage unser geborener und revanchebedürftiger Gegner bleiben 2, genau 
wie das heutige Frankreich es im Westen ist. Dadurch wäre für 
die Zukunft eine Situation dauernder Spannung ^ geschaffen, welche 
wir gezwungen werden können, auf uns zu nehmen, wenn Rußland uns 
oder Österreich angreift, welche aber freiwillig herbeigeführt zu haben, 
ich nicht auf meine Verantwortung nehmen möchte. Das ,, Zertrüm- 
mern" einer Nationalität* ist drei starken Großmächten schon in 
betreff der viel schwächeren polnischen in 100 Jahren nicht gelungen. 
Die VitaUtät der russischen wird nicht minder zähe sein; wir werden 
meines Erachtens immer am besten tun, sie wie eine elementarisch 
vorhandene Gefahr zu behandeln, gegen die wir Schutzdeiche ^ unter- 
halten, die wir aber nicht aus der Welt schaffen können. Durch einen 
Angriff auf das heutige Rußland würden wir seinen Zusammen- 
hang festigen; durch Abwarten seines Angriffs aber können wir 
seinen inneren Verfall und seine Zersetzung möglicherweise früher ^ 
erleben als seinen Angriff, und zwar um so früher, je weniger wir es 
durch Bedrohungen hindern, tiefer in die orientalische Sackgasse hin- 
einzugehen^, v. Bismarck 

Randbemerkungen des Kronprinzen Wilhelm: 

1 Russische Macht hat er gesagt, damit dürfte die Armee gemeint sein. 

- nicht mehr=* wie es jetzt schon ist; bedürftig vielleicht, aber nicht in der Lage''. 

^ wie jetzt auch'= 

*= wohl aber ihrer Kampfesmittel, Armee etc."* 

^ wenn der Deichbruch kommt, ist dann große Ueberschwemmung ^ 

" hoffentlich! 

' Es hat aber leider die Sackgasse gemerkt, und zeigt bisher verzweifelt wenig Lust 

hineinzugehn '. 
Bemerkungen des Fürsten von Bismarck zu obigen Randbemerkungen des Kron- 
prinzen Wilhelm: 
^ Doch mehr! 

•* aber bald wieder, wie Frankreich seit 12 Jahren längst wieder 
° die Spannung ist auf französfischerl Seite doch stärker wie im Osten, für uns 
^ die sind in 5 Jahren ersetzt, cf. Frankreich. 
'= wenn wir ihn selbst durchstechen, noch früher 
' doch, es geht hinein, sobald Oestlerlreich aufhört es zu hindern. 

303 



Nr. 1341 
Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Kronprinzen Wilhelm 

Konzept* 

Aus Ew. Kaiserlichen Hoheit Randbemerkungen zu dem -Wiener 
Bericht vom 28. April und zu meiner Antwort auf denselben vom 3. Mai 
ersehe ich, daß Höchstdieselben mit der bisher nach den Intentionen 
des hochseligen Kaisers geführten Politik nicht einverstanden sind, 
sondern mehr mit der Äußerung des Grafen Kälnoky, daß die General- 
stabsoffiziere, welche im Herbst rieten, die russische Macht zu „zer- 
trümmern", recht hatten. 

Nach menschlicher Voraussicht wird, bevor eine längere Zeit ver- 
geht, die Entscheidung über Krieg und Frieden ausschließlich in der 
Hand Ew. Kaiserlichen Hoheit liegen. Diese Tatsache verleiht jeder 
Andeutung, welche von Höchstdenselben auf diesem Gebiete aus- 
geht, ein Gewicht, welches mir nicht gestattet, Ew. Kaiserlichen 
Hoheit Randbemerkungen stillschweigend zu den Akten des Aus- 
wärtiger. Amts gehen zu lassen. Ich darf mir nicht mit der Hoffnung 
schmeicheln, daß eine erneute Darlegung der Motive, welche für die 
bisherige friedliche und abwartende Politik sprechen, neue Gesichts- 
punkte zutage fördern könnte, welche Ew. Kaiserlichen Hoheit Er- 
wägung nicht bereits unterlegen hätten. Ich erlaube mir nur, mit 
Rücksicht auf die mögliche Zerstörung der „Kampfesmittel" Rußlands 
untertänigst zu bemerken, daß wir diejenigen Frankreichs 1870 in 
einer Vollständigkeit zerstört haben, wie es Rußland gegenüber wegen 
dessen geographischer Ausdehnung niemals gelingen wird; nichtsdesto- 
weniger war Frankreich schon vier Jahre später wiederum eine Macht, 
mit welcher die Politik zu rechnen hatte, und insbesondere eine vor- 
ausschauende Politik in großem Stile, welche ihre Aspirationen nicht 
den Verhältnissen eines einzelnen Jahres entnehmen kann, sondern 
längere Zeiträume ins Auge fassen muß. Schon zur Zeit der Luxem- 
burger Frage 1867 habe ich der Voraussicht öffentlich Ausdruck ge- 
geben, daß im Kriegsfalle Frankreich gegenüber der Kampf sich nicht 
auf ein Kriegsjahr beschränken, sondern Jahrzehnte und mehr aus- 
füllen werde. Wenn dieselben Konsequenzen, wie voraussichtlich, sich 
an einen von uns freiwillig herbeigeführten russischen Krieg knüpfen 
sollten, so würden wir künftig ein zweites Frankreich haben, bereit, 
jede günstige Gelegenheit zu benutzen, um im Bunde mit anderen 
über uns herzufallen. Wir würden in einer solchen Situation, in welcher 



* Das vom Fürsten Bismarck vielfach korrigierte und eigenhändig paraphierte 
Konzept ist nicht datiert; aus dem jetzt im dritten Bande von Bismarcks „Ge- 
danken und Erinnerungen" (S. 136 ff.) veröffentlichten Antwortschreiben des Kron- 
prinzen geht aber hervor, daß die Ausfertigung, die das Datum des 9. Mai trug, 
wirklich abgegangen ist. 

304 



wir die beiden nächst der deutschen stärksten kontinentalen MiHtär- 
mächte zu gebornen Gegnern in jedem Kriege hätten, dauernd in 
eine gewisse Abhängigkeit von der Unterstützung geraten, welche die 
übrigen Mächte, in erster Linie Österreich, dann auch England und 
Itaüen, uns zu leisten geneigt sein würden. Der italienische Bundes- 
genosse kann durch innere Ereignisse Italiens leicht aus dieser Be- 
rechnung schwinden und sogar für den Gegner in die Wagschale 
fallen. England wird mit seinen inneren Angelegenheiten möglicher- 
weise zuviel zu tun haben, um sich seiner auswärtigen Politik anneh- 
men zu können. Ob uns das Bündnis Österreichs gesichert bleibt, ist 
im Hinblick auf die dort recht starken ultramontanen, slawisch-russen- 
freundhchen und in Ungarn und Kroatien franzosenfreundlichen Ele- 
mente ebenfalls nicht zweifellos. Jedenfalls würde Österreich, wenn es 
nach Verbrennung unserer Schiffe in der russischen Richtung unsere 
alleinige Stütze bliebe, und wir Rußland und Frankreich als ge- 
borene Gegner uns gegenüber hätten, einen analogen Einfluß auf 
das Deutsche Reich wiedergewinnen, wie wir ihn 1866 mit Glück 
beseitigt haben. Die Sicherheit unserer Beziehungen zum österreichisch- 
ungarischen Staate beruht zum großen Teile auf der Möglichkeit, daß 
wir, wenn Österreich uns unbillige Zumutungen macht, uns auch mit 
Rußland verständigen können. Fällt die letztere Möglichkeit fort, so 
wird Österreich ein viel anspruchsvollerer Bundesgenosse werden, als 
es bisher war, und wenn es Anlehnung bei Rußland findet, vielleicht 
ebenso anspruchsvoll als zur Zeit des Deutschen Bundestages. 

Ew. Kaiserliche Hoheit wollen mir diese Vervollständigung der 
Argumente für unsere vorsichtige Politik, welche ich wiederholt in 
Höchstdenselben bekannten Aktenstücken und vor der Öffentlichkeit 
geltend gemacht habe, verzeihen und mir die Annahme gestatten, daß 
auch diese Ew. Kaiserliche Hoheit von der Richtigkeit meiner Auf- 
fassung nicht überzeugen wird, und daß Höchstdieselben fortfahren, 
es im Sinne der Kälnokyschen Bezugnahme auf militärische Wünsche 
in dem Wiener Bericht vom 28. April für besser zu halten, daß der 
Krieg mit Rußland von uns herbeigeführt werde, bevor dessen Streit- 
kräfte sich weiter entwickeln. 

Wenn dies der Fall ist, so hätte unsere Politik seit dem Thron- 
wechsel im März d. Js. schon bisher eine andere sein sollen und würde 
von jetzt ab eine andere werden müssen. Wir hätten dann die Batten- 
bergschen Beziehungen nicht ablehnen dürfen, im Gegenteil den Prinzen 
Alexander als diesseitigen Kandidaten für die bulgarische Zukunft auf- 
stellen und durch dies und manche andere Mittel Rußland zum An- 
griff auf Österreich oder auf uns mit unentwickelten Kräften und 
vor Vollendung seines Aufmarsches reizen müssen. Wir hätten in Bul- 
garien und in Konstantinopel ohne Schwierigkeit eine dementsprechende 
Sprache führen, auch Österreich wahrscheinlich veranlassen können, 
Schritte zu tun, die einen russischen Angriff provoziert haben würden. 

20 Die Große Politik. 6 Bd. 305 



Für die Energie, mit welcher die deutsche Volkskraft in den Krieg 
eintritt, wird es immer entscheidend sein, ob der Krieg durch fremden 
Angriff herbeigeführt oder von uns aus Motiven der höheren Pohtik, 
welche sich dem öffentlichen Verständnis entziehen, freiwillig begonnen 
worden ist. Wenn es in der Absicht des künftigen Kaisers läge, den 
Krieg zu beschleunigen, so müßten dementsprechende Modifikationen 
unsrer bisherigen Politik sobald als möglich eintreten, und die Mög- 
lichkeit dieses Ziel zu erreichen, d. h. Rußland zum Beginn des Krieges 
seinerseits zu reizen, ist bei geschicktem diplomatischen Verfahren 
keineswegs ausgeschlossen, sobald man überhaupt glaubt, daß der 
frühere Krieg der bessere sei. Meine unvorgreifliche Ansicht liegt 
auch heute nicht in dieser Richtung. Wenn aber die Überleitung unsrer 
PoHtik aus der bisherigen friedlichen Tendenz in eine kriegerische nach 
Ew. Kaiserlichen Hoheit Intention bevorstände, so würde ich es noch 
immer für zweckmäßiger halten, den Krieg zuerst imWestenzu suchen 
als im Osten. Einmal ist er dort leichter und unauffälliger zu finden. 
Frankreich hat uns mannigfache Anknüpfungspunkte gegeben, die wir 
nur weiter zu spinnen brauchten, wenn wir Krieg wollen. Wäre letzteres 
der Fall, so müßte unsere ganze Stellung zu den inneren französischen 
Fragen, zu Boulanger und der jetzigen Regierung eine andere sein, 
als sie heut ist; wir müßten Boulanger zu fördern und die Regierung 
zu schwächen suchen, wozu sich Mittel finden lassen. Der Krieg mit 
Frankreich würde sich der öffentlichen Meinung Deutschlands gegen- 
über als ein notwendiges Opfer, um zur Ruhe zu gelangen, sehr 
viel leichter motivieren lassen als der Krieg gegen Rußland. Außerdem 
würde er nach oberflächlichem Urteil leichter zu führen und schneller 
abzuschließen sein. Es ist auch anzunehmen, daß ein deutsch-franzö- 
sischer Krieg geführt werden kann, ohne daß wir gleichzeitig zum 
Kampf gegen Rußland genötigt würden. Es ist dagegen ganz sicher, 
daß wir den Krieg auf beiden Seiten haben, sobald wir ihn auf der 
russischen Front beginnen, wie es nach dem „Ja*' in der Randbemer- 
kung auf dem Wiener Bericht vom 28. April Ew. Kaiserliche Hoheit 
empfehlen. Die geheimen Verträge, welche wir mit Rußland haben, 
sind Ew. Kaiserlichen Hoheit bekannt. Ihr Text gibt die Gewißheit, 
daß Rußland beabsichtigt, in die „Sackgasse" hineinzugehen, und es 
würde schon darin sein, wenn es nicht auf unser Verlangen durch 
österreichische Opposition daran gehindert würde. Kommt diese Oppo- 
sition in Wegfall, so hört damit auch die russische Zurückhaltung auf. 

Ich halte es für meine Pflicht, Ew. Kaiserliche Hoheit auf diese 
Eventualitäten in Ehrerbietung aufmerksam zu machen, und behalte 
mir untertänigst vor, über die formelle Seite des Anlasses zu dieser 
Berichterstattung Ew. Kaiserliche Hoheit um mündlichen Vortrag zu 
bitten, indem ich bemerke, daß die gewichtige Tragweite jeder Rand- 
bemerkung Ew. Kaiserlichen Hoheit mich nötigt, die davon be- 
troffenen Aktenstücke absolut zu sekretieren. Der Eindruck, den die- 

306 



selben in den amtlichen Kreisen machen werden, denen die Akten 
des Ministeriums zugänglich sind, hat nach Ew. Kaiserlichen Hoheit 
Stellung notwendig die Tragweite, daß die Beamten, welche Kenntnis 
von Höchstdero Randbemerkungen haben, mich selbst nicht ausge- 
schlossen, nicht mehr imstande sein werden, das friedliche Verhalten der 
deutschen PoHtik bei einem erfolgenden Regierungswechsel mit der- 
selben Sicherheit wie bisher anderen Regierungen und auch den deut- 
schen Fürsten gegenüber in Aussicht zu stellen. Ich würde, so wie ich 
Ew. Kaiserlichen Hoheit Marginalien verstehe, gegen meine Überzeugung 
sprechen müssen, und es ist für die Politik des deutschen Kaisertums der 
Ruf der Unaufrichtigkeit noch gefährlicher als selbst die entschlossene, 
aus politischer Überzeugung hervorgehende Tendenz, Krieg führen zu 
wollen. Wenn wir friedliche Versicherungen geben, und daneben ein 
Wort in dem Sinne transpiriert, daß die Generalstabsoffiziere recht ge- 
habt hätten, welche im vorigen Herbst rieten, die russische Macht zu 
zertrümmern, so verlieren wir das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit bei 
unseren Bundesgenossen, und das würde schlimmer sein als selbst ein 
Krieg, über dessen Notwendigkeit oder Nützlichkeit verschiedene Mei- 
nungen obwalten können*. v. Bismarck 

* Die Antwort des Kronprinzen Wilhelm vom 10. Mai, die nicht bei den Akten 
vorhanden ist, mag hier nach dem Abdruck in Bismarcks „Gedanken und Er- 
innerungen" Bd. III, S. 136 ff. wiedergegeben werden, jedoch ohne die dort 
hinzugefügten Randbemerkungen, die zum Teil erst späteren Datums zu sein 
scheinen. 

Kronprinz Wilhelm an den Reichskanzler Fürsten von Bismarck 

Berlin, den 10. .Mai 1888 
Ew, Durchlaucht 
Schreiben vom 9. er. habe ich mit hohem Interesse gelesen; aus dem Inhalte 
desselben glaube ich aber entnehmen zu müssen, daß Ew. Durchlaucht meinen 
Randbemerkungen zu dem Wiener Bericht vom 28. April eine übertriebene Be- 
deutung beilegen und dadurch zu der Auffassung gelangt sind, ich sei zu einem 
Gegner der bisherigen friedlichen und abwartenden Politik geworden, welche 
Ew. Durchlaucht mit soviel Weisheit und Vorsicht geleitet haben und hoffent- 
lich zum Segen des Vaterlandes noch recht lange leiten werden. Für diese Politik 
bin ich wiederholt eingetreten — Petersburg, Brest-Litowsk — und habe ich mich 
in allen entscheidenen Fragen stets, wie bekannt, auf die Seite Ew. Durchlaucht 
gestellt Welches Ereigniß sollte eingetreten sein, um mich plötzlich anderen 
Sinnes zu machen? Die von mir gemachten Randbemerkungen, in welchen 
Ew. Durchlaucht eine Aufforderung meinerseits zu einer Modification unsrer bis- 
herigen Politik zu erkennen meinen, bezweckten lediglich den Hinweis, daß über 
die Nothwendigkeit oder Nützlichkeit des Krieges die politischen und militäri- 
schen Ansichten — die ich dadurch zu Ihrer Kenntniß zu bringen beabsichtigte — 
auseinander gegangen seien; und daß die letzteren für sich betrachtet nicht ohne 
Berechtigung wären. Ich glaubte, ein solcher Hinweis würde für Ew. Durchlaucht 
nicht ohne Interesse sein, aber nie zu dem Glauben führen können, ich wollte 
die Politik den militärischen Wünschen unterordnen. 

Um für die Zukunft jeder mißverständlichen Auffassung vorzubeugen und in 
theilweiser Anerkennung der von Ew. geltend gemachten Gründe werde ich 
hinfüro jede Randbemerkung auf den politischen Berichten unterlassen, doch 

20» 307 



werde ich mir vorbehalten, anderweitig Ew. Durchlaucht meine Ansichten mit 
aller Offenheit zur Kenntniß zu bringen. 

Bei der Wichtigkeit der von Ew. Durchlaucht angeregten Fragen sehe ich 
mich genöthigt, auf dieselben näher einzugehn. 

Ich bin durchaus Ew. Durchlaucht Ansicht, daß es uns selbst bei dem glück- 
Hchen Verlauf eines Krieges mit Rußland nicht gelingen wird, die Kampfesmittel 
Rußlands ganz und gar zu zerstören, doch meine ich, daß dieses Land nach 
einem für dasselbe unglücklichen Kriege in Folge der inneren politischen Miß- 
stände in eine ganz andere Ohnmacht gelangen wird als irgend ein anderer 
europäischer Staat incl. Frankreich. Ich erinnere daran, daß Rußland nach dem 
Krimkriege fast 20 Jahre ohnmächtig war, ehe es soweit sich erholte, daß es im 
Stande war, 1877 loszuschlagen. Frankreichs Kampfesmittel wurden im Jahre 1871 
nicht ausgiebig zerstört, denn unter den Augen, ja mit Hülfe des wohlwollenden 
siegreichen Gegners konnte eine neue Armee aufgestellt und formirt werden, 
um die Commune zu besiegen und um das Land vor gänzlichem Untergang zu 
retten; die in den Händen des Siegers befindlichen Befestigungen von Paris 
wurden nicht geschleift, nicht einmal völlig deformirt, die Flotte blieb dem nicht 
vernichteten, sondern nur politisch gedemüthigten Frankreich erhalten. Diese 
eben angeführten Thatsachen beweisen zur Evidenz, daß wir, weit entfernt den 
Feind wirklich zu vernichten, den Stamm erhalten haben zu den jetzt uns be- 
drohenden ungeheuren Kampfesmitteln zu Wasser wie zu Lande seitens der Re- 
publik. Das war militärisch betrachtet falsch, politisch betrachtet jedoch völlig 
nach Lage der Dinge in Europa gegeben und in dem Moment richtig. 

Je mehr die Republik nun erstarkte, desto größere Neigung zeigte Rußland 
— trotz loyalster Haltung und Absichten des Zaren — ohne von Deutschland im 
geringsten geschädigt worden zu sein, nur den günstigsten Augenblick zu er- 
fassen, um im Bunde mit der Republik über uns herzufallen. Diese drohende 
Lage entstand und besteht, nicht nach einem gegen Rußland freiwillig von uns 
geführten Kriege, sondern durch die gemeinschaftlichen Interessen der Pansla- 
visten und des republikanischen Frankreichs, Deutschland als Hort der Monarchie 
niederzuwerfen. 

Zu diesem Zweck verstärkten beide Nationen ihre Kampfesmittel systema- 
tisch an den entscheidenden Grenzen, ohne für dieses unqualificirbare Vorgehn 
unsererseits irgendwie provocirt zu sein, noch irgend eine haltbare Entschuldigung 
dafür vorzubringen. 

Mit aus diesem Grunde brachte die durch Ew. Durchlaucht geleitete weise 
Politik meines hochseligen Herrn Großvaters Bündnisse zu Stande, welche sehr 
dazu beigetragen haben, uns vor Ueberfällen unseres geborenen Erbfeindes im 
Westen zu bewahren. Auch verstand diese Politik, Rußlands Herrscher zu unseren 
Gunsten einzunehmen. Dieser Einfluß wird so lange fortbestehn, als der jetzige 
Zar die Macht, seinen Willen geltend zu machen, wirklich besitzt; geht sie ver- 
loren — und es sind viele Anzeichen dafür vorhanden — so ist es sehr wahr- 
scheinlich, daß Rußland sich von unserem geborenen Feind nicht länger wird 
trennen lassen, um mit ihm den Krieg zu führen, wenn die beiderseitigen 
Kampfesmittel ihnen entwickelt genug erscheinen, um uns ungestraft zu ver- 
nichten. 

Unter solchen Umständen wächst der Werth unserer Bundesgenossen; die- 
selben an uns zu fesseln, ohne ihnen einen eingehenden Einfluß auf das Reich 
einzuräumen, wird die große, ich gebe zu, schwere Aufgabe einer vorsichtigen 
deutschen Politik sein und bleiben müssen. Es ist aber zu beachten, daß ein 
Theil dieser Bundesgenossen romanischen Stammes und mit Regirungsmecha- 
nismen versehn ist, deren absolute Sicherheit nicht so garantirt ist wie bei uns. 
Daher auf eine längere Bundesgenossenschaft wohl kaum zu rechnen sein dürfte, 
und der Krieg, zu dessen Abwehr respective Führung sie mithelfen sollen, besser 
früher als später geführt werden muß. 

308 



Unsere Feinde werden es an Versuchen aller Art sicher nicht fehlen lassen, 
uns zu isoliren, die Bundesgenossen uns abwendig zu machen; jeder von uns 
begangene Fehler, jede Blöße, die sich die deutsche Politik giebt, wird solchen 
Bestrebungen Vorschub leisten. Zu solchen Fehlern müßte ich irgend eine Pro- 
tegirung des Battenbergers rechnen; Oest[er]reich würde in derselben eine Ver- 
letzung seiner speciellen Interessen finden, und Rußland würde die Genug- 
thuung haben, uns von unsrem besten Bundesgenossen getrennt zu sehn; auch 
wissen, daß ein Krieg, der wegen des Battenbergers entstünde, für Deutschland 
kein volksthümlicher sein kann, bei dem der so nothwendige furor Teutonicus 
gänzlich fehlen würde. 

Rußland würde mit Leichtigkeit Verhältnisse dann zu schaffen vermögen, die 
den Krieg zur Folge haben müßten; die öffentliche Meinung wird aber sicher- 
lich Deutschland als Urheber desselben bezeichnen. Ich gebe zu, daß die Be- 
schleunigung der Kriegsgefahr damit erreicht wäre, doch um welchen Preis? 
Sie zu erstreben liegt mir völlig fern. Da der Krieg gegen Westen fortgesetzt 
in Sicht war und dementsprechend militärische Vorbereitungen getroffen wurden, 
derselbe auch, wie Ew. hervorheben, im Westen in jeder Hinsicht mehr Vor- 
theile verspricht wie der im Osten, so würden die militärischen Autoritäten der 
Politik besonders dankbar sein müssen, welche, sobald der Krieg als un- 
vermeidlich erkannt ist, die Führung desselben im Westen wirklich sicherzustellen 
im Stande wäre. 

Aber auch ich bin der Ansicht, daß wir den Krieg nach beiden Seiten haben, 
wenn wir ihn auf der Ostseite beginnen, Frankreich wird nur in dem Fall 
nicht losschlagen, wenn es sich in einer inneren, besonders schweren Krisis be- 
findet, oder wenn wieder militärische Schwierigkeiten eintreten sollten, wie 
sie im vorigen Herbst ziemlich bestimmt bestanden haben (Fehlschlagen der 
Melinitgeschosse und Unbrauchbarkeit des neuen Gewehrs, niederschmetternder 
Eindruck der Resultate des Beschießens der Sperrforts bei Jüterbogk). Dagegen ist 
nicht mit absoluter Sicherheit vorherzusehn, daß, wenn wir mit Frankreich Krieg 
führen müssen, Rußland sich eo ipso passiv uns gegenüber verhalten wird. 

Jederzeit, ganz besonders aber unter Verhältnissen, wie solche im vorigen 
Herbst bestanden, ist es Pflicht des Großen Generalstabes, die eigene militärische 
Lage und die der Nachbaren scharf in's Auge zu fassen, sowie die Vortheile und 
Nachtheile, die sich in militärischer Beziehung bieten können, sorgsam ab- 
zuwägen. Die so gewonnene Ansicht, nicht über die zu führende Politik, sondern 
über die im Dienst derselben und durch deren augenblickliche Lage bedingten 
militärischen Maßregeln muß durch die Spitze des Generalstabes dem Leiter 
der Politik mit aller Offenheit und mit Festhalten des militärischen Standpunktes 
zur Kenntniß gebracht werden. Hierin liegt meines Erachtens eine durchaus er- 
forderliche Hülfe für die Leitung auch der friedliebendsten Politik. 

In diesem Sinne möchte ich meine ominösen Randbemerkungen zu dem Be- 
richt vom 28. April aufgefaßt wissen; sie sollten zugleich darauf hinweisen, daß, 
obgleich die deutsche Politik in der friedfertigsten Weise geleitet werden mußte, 
die militärischen Autoritäten Deutschlands und Oest[er]reichs mit vollstem Recht 
im Herbst vorigen Jalires auf die günstige militärische Gelegenheit auf- 
merksam machen mußten, welche sich für ein kriegerisches Vorgehn beider 
Länder bot. 

Trotz meiner so viel Aufregung verursachenden Marginalia möchte ich doch 
überzeugt sein, daß Ew. Durchlaucht mit dem besten Gewissen bei einem etwa 
erfolgenden Regirungswechsel mit derselben Sicherheit als bisher das friedliche 
Verhalten der deutschen Politik in Aussicht zu stellen im Stande sein werden. 

Wilhelm 
Kronprinz des Deutschen Reichs und von Preußen. 



309 



Nr. 1342 

Kaiser Wilhelm II. an Kaiser Franz Joseph von Österreich 

Konzept von der Hand des Staatssekretärs Grafen Herbert von Bismarck 

Potsdam, den 24. Juni 1888 
Mein teuerer Freund - 

Dein herzlicher Brief*, in dem Du mir in so warmer und wahrhaft 
freundschaftlicher Weise Deine Teilnahme aussprichst, hat mich auf 
das tiefste gerührt, und ich danke Dir innigst für Deine guten Worte, 
insbesondre dafür, daß Du volles und begründetes Vertrauen zu meiner 
festen Anhänglichkeit an die von meinem hochverehrten Großvater er- 
erbten Traditionen hast. Ich trete diese Erbschaft in der Innern wie 
in der auswärtigen PoHtik rückhahlos an und namentlich bezüglich der 
Unwandelbarkeit unsrer Freundschaft und der Festigkeit der Bande, 
welche unsre Reiche verknüpfen. Mit freudigem Danke empfange ich 
Deine Zusicherung darüber und erwidre sie von Herzen. Da ich das 
Glück habe, von Dir seit frühester Jugend gekannt zu sein, so bedarf es 
Dir gegenüber nicht mehr einer Versicherung dieser meiner Gesin- 
nungen, die ich, wie Du aus meiner Eröffnungsrede an den Reichstag 
ersehen wirst, öffentlich kundgebe. Je ernster mein verewigter Groß- 
vater von der Notwendigkeit durchdrungen war, russische Angriffe 
mit Dir gemeinsam abzuwehren, um so eifriger war er bestrebt zu hin- 
dern, daß sie stattfänden. Ich folge ihm in dem Bestreben, in Gemein- 
schaft mit Dir alles zu tun, um unseren Reichen die Segnungen des 
Friedens zu erhalten und zu diesem Zweck unsre Beziehungen zum 
Kaiser Alexander zu pflegen. 

Die Freundschaft, welche mich mit Dir verbindet, steht so fest, daß 
sie keiner äußeren Betätigung bedarf. Ich glaube aber im Interesse 
unsrer Tendenzen zu handeln, wenn ich in ostensibler Weise alle in 
Rußland wie in Frankreich verbreiteten Verleumdungen unsrer Frie- 
densliebe dadurch widerlege, daß ich dem Kaiser Alexander in naher 
Zeit einen Besuch abstatte. 

Ich beabsichtige, Ende Juli eine Inspektion meiner Flotte mit einer 
Erholungsreise zur See zu verbinden. Den Schluß dieser Reise soll 
dann eine Begrüßung des Kaisers von Rußland in Peterhof bilden, und 
ich rechne darauf, daß Du und ich mit dem Ergebnis desselben zu- 
frieden sein werden. 

Ich hoffe, daß Du mir erlauben wirst. Dir im Laufe des Spät- 
sommers oder Herbstes meinen Besuch abzustatten. 



* Dieser Brief Kaiser Franz Josephs an Kaiser Wilhelm 11. findet sich nicht in den 
Akten des Auswärtigen Amts. 

310 



Ich würde mich freuen, wenn Du einverstanden wärst, daß wir die 
Traditionen meines Großvaters auch darin aufrecht halten, daß wir uns 
womöglich alljährlich persönlich begrüßen, wenn auch vielleicht nicht 
grade in Gastein, um in lebendigem Austausch der Gedanken die alte 
Freundschaft zu pflegen. 

Meine Frau war sehr gerührt über Deine freundlichen Grüße, und 
ich bitte Dich, der Kaiserin Elisabeth den Ausdruck meiner herzlich- 
sten Verehrung zu Füßen legen zu wollen. 

In steter Anhänglichkeit verbleibe ich 

Dein treuer Freund und Bruder 

Wilhelm 



Nr. 1343 

„Promemoria für Seine Majestät den Kaiser zur eventuellen Be- 
sprechung mit dem Kaiser von Rußland"* 

Unsigniertes und undatiertes Konzept mit zahlreichen Korrekturen von der Hand 
des Fürsten von Bismarck; am 4. Juli 1888 vom , Chef der Reichskanzlei v. Rotten- 
burg dem Staatssekretär Grafen von Bismarck übersandt; die obige Überschrift 
ist dem Inhaltsverzeichnis des betreffenden Aktenbandes entnommen. 

Eine antideutsche Koalition Frankreichs mit Österreich und Ruß- 
land, wie sie Friedrich dem Großen gegenüberstand, wäre heut bei der 
dauernd gegebenen Feindschaft Frankreichs gegen uns noch leichter 
herzustellen wie damals. Um sie zu verhüten, müssen wir entweder mit 
Österreich oder mit Rußland in Beziehungen leben, welche die BeteiH- 
gung an der Koalition hindern. Mit den beiden östlichen Kaiser- 
mächten gleich fest verbündet zu sein, ist ein Wunsch, dessen Ver- 
wirklichung bei der Verstimmung zwischen beiden nicht immer mögüch 
ist. Haben wir ein engeres Bündnis mit der einen, so ist es deshalb noch 
nicht notwendig, daß die andre von uns befeindet werde; im Gegenteil, 
wir haben das Bedürfnis und auch die Möglichkeit, mit beiden dauernd 
in Frieden zu leben, wenn wir uns gegen den Bruch desselben durch 
die eine den Beistand der andern sichern, soweit wir die Bereitwillig- 
keit dazu bei ihnen vorfinden. Letztres ist bisher nur bei Österreich 
der Fall, und weil dessen Bündnis uns sicher ist, das russische aber nicht, 
werden wir das einseitige Bündnis mit Österreich sorgfältig festhalten 
müssen und nicht für unsichre Annäherungen Rußlands gefährden oder 
gar preisgeben dürfen. Gelingt es uns nicht, beide — Österreich und Ruß- 
land — vertragsmäßig und dauernd zu Freunden zu haben, so müssen 



* Kaiser Wilhelm II. weilte vom 20.— 24. Juli als Gast des russischen Kaisers 
in Petersburg. An der Fahrt nahm auch der Staatssekretär Graf Herbert Bis- 
marck teil. 

311 



wir wenigstens fes-thalten, was wir haben. Die Beziehungen zu Öster- 
reich sind sichrer, als die zu Rußland werden können, und beque- 
mer, weil die österreichische Politik weniger anspruchsvoll und weni- 
ger herrisch ist als die russische, auch nicht zu jeder Stunde in ihr 
Gegenteil umschlagen kann. Wir sind zur Zeit des hochseligen Königs 
bis 1878 in dem Glauben befangen gewesen, daß unsere Freundschaft 
mit Rußland unzerstörbar sei, weil Gegensätze der Interessen von we- 
sentliche! Bedeutung zwischen uns nicht vorliegen. Die Erlebnisse seit 
1875 und 1878 haben uns darüber enttäuscht. Wir haben gesehen, daß 
ein uns aus rein persönlichen Gründen feindlich gesinnter Kanzler wie 
Fürst Gortschakow selbst bei so intimen freundschaftüchen Verhält- 
nissen, wie sie zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander II. be- 
standen, hinreicht, um die ganze öffentliche Meinung und das ganze 
amthche Rußland in eine uns feindhch bedrohende Haltung zu bringen. 
Diese Möglichkeit beruht auf dem Umstand, daß die PoHtik Rußlands 
auf dem einzelnen Willen und den Stimmungen des Monarchen allein be- 
ruht, dieser aber durch unwahre Darstellungen und sonstige Einflüsse 
in seinen Entschlüssen umgestimmt werden kann. In Österreich-Ungarn 
sind die Basen, auf welchen die gegenseitigen Beziehungen beruhen, 
breitere. Die Sympathien der Bevölkerung üben eine wesenthche Mit- 
wirkung auf die Entschließungen des Kabinetts. Es würde kaum mög- 
lich sein, in so kurzer Zeit, wie es in Rußland ab und zu geschieht, 
das ganze Land plötzlich und willkürlich zu einer deutschfeindhchen 
Wendung zu bringen. Österreich bedarf der Anlehnung an uns, Rußland 
aber nicht. Rußland kann nach seiner geographischen Lage ohne Lebens- 
gefahr unser Bündnis entbehren, Österreich müßte, um es zu können, 
starke andere Bundesgenossen finden. Kurz, das österreichische Bündnis 
ist militärisch vielleicht nicht so stark wie das russische, aber es ist 
sicherer. 

Das österreichische Bündnis besitzen wir, das russische aber 
nicht, und wenn wir uns um dasselbe bewerben wollten, wäre es 
fraglich, ob wir es erreichten, und wenn wir es erreichten, zweifelhaft, 
ob das Zusammengehen mit Rußland bei den hochfahrenden Neigungen 
und dem gänzlichen Mangel an Verständnis für Gleichberechti- 
gung eines Bundesgenossen nicht sehr bald unmöglich werden würde. 

Aus diesen Erwägungen schHeße ich, daß unser Verhalten Ruß- 
land gegenüber in erster Linie der Notwendigkeit untergeordnet sein 
muß, unser Bündnis mit Österreich nicht zu schädigen. Wir müssen 
an Österreich festhalten; tun wir das nicht, so verfällt Österreich der 
russischen Leitung, und letztere wird uns gegenüber übermächtig. Wir 
können daher dem Kaiser von Rußland nicht auf Kosten Österreichs 
Dinge im Orient versprechen, die uns die Freundschaft Österreichs 
kosten würden. Wir müssen uns die letztere erhalten. Wohl aber 
können wir die russische Politik gewähren lassen in Richtungen, welche 
für Österreich keine Lebensfrage bilden; also in der asiatischen Rich- 

312 



tung einschließlich des Schwarzen Meeres, der Meerengen und selbst 
Konstantinopels. Es ist möglich, daß Osterreich ein Interesse hat, dies 
zu hindern, aber dann müßte Österreich für diese Zwecke andre 
Bundesgenossen finden wie uns; wir können der deutschen Nation 
nicht zumuten, für die Frage, wer am Bosporus regiert, einen so 
schweren Krieg wie den russisch-französischen zu übernehmen. Ruß- 
land würde durch Erwerbung Konstantinopels nicht stärker, sondern 
in sich und durch die Feindschaft Englands, unter Umständen auch 
Frankreichs, welche der Besitz Konstantinopels mit sich bringen würde, 
eher schwächer, jedenfalls weniger gefährlich für uns werden. Wir 
haben deshalb keinen Grund, Rußlands Streben nach den Meerengen 
zu hindern. Das ist dem Kaiser Alexander amtlich bekannt. Es emp- 
fiehlt sich aber für uns taktisch nicht, in Besprechung dieser Frage 
jetzt Rußland gegenüber eine Initiative zu ergreifen, Rußland irgendein 
Anerbieten zu machen oder ihm auch nur um eines Haares Breite 
entgegenzukommen. Jede Bereitwilhgkeit dazu würde bei der russischen 
Überhebung so ausgelegt werden, als ob wir Rußlands guten Willen 
brauchten, weil wir Furcht hätten, und als ob man deshalb über 
uns verfügen könnte. Die russische Überhebung ist die wesent- 
liche Ursache der Verstimmung gewesen, welche seit einem Jahrzehnt 
zwischen uns stattgefunden hat. Man hat uns in Petersburg die Gleich- 
berechtigung versagt, und jedes freundschaftliche Entgegenkommen un- 
sererseits ist aufgefaßt worden nicht wie ein Ausdruck der Freundschaft, 
sondern der Dienstbarkeit und nicht mit Anerkennung, sondern mit 
mürrischem Tadel wegen Mangels an rechtzeitigem empressement er- 
widert worden. Wir laufen Gefahr, diesen russischen Hochmut wie- 
derum zu pflegen, wenn wir jetzt irgendeinen politischen Dienst leisten 
oder anbieten, ohne darum gebeten zu sein. Es empfiehlt sich, dem 
Kaiser Alexander III. den Eindruck zu machen, daß wir absolut gar 
nichts von Rußland erwarten, nicht einmal Zollkonzessionen oder min- 
der bedrohhche Truppendislokationen, namentUch aber keinen poUti- 
schen oder militärischen Beistand in irgendwelcher Lage, sondern daß 
wir durch unsere eigenen Kräfte stark genug sind, um alle Angriffe, 
denen wir ausgesetzt sein könnten, abwehren zu können, daß aber wir 
trotzdem dringend wünschen, mit Rußland in Frieden und Freund- 
schaft zu leben, weil wir wohl gemeinsame Interessen, monarchische 
und wirtschaftUche, haben, die wir in Frieden pflegen können, aber 
durchaus keine streitigen, die durch Krieg erledigt werden könnten. 
Wir müssen den Russen, wenn wir in Freundschaft mit ihnen leben 
wollen, den Eindruck machen, daß wir ohne sie bestehen können, 
sie nicht brauchen und nicht fürchten, nichts von ihnen begehren und 
uns auch ohne sie jeder EventuaUtät gewachsen fühlen. Wenn sie 
den Eindruck von uns haben (ohne durch die Sprache, vermöge deren 
er gemacht wird, sich verletzt zu fühlen), dann werden wir auf gutem 
Fuße mit ihnen leben können, sonst nicht. Sie müssen merken, daß 

313 



wir ihnen furchtlos und bedürfnislos gegenüberstehen, aber friedfertig 
und liebenswürdig, mit aller Achtung vor Kaiser Alexander und seiner 
Macht. Wenn unser allergnädigster Herr den Kaiser Alexander besucht, 
so geschieht das nicht, um diesseitige Wünsche bei Seiner Zarischen 
Majestät anzubringen, sondern um seitens des jüngeren befreundeten 
Kaisers dem älteren verwandten Nachbarn seine Liebe und seine Ach- 
tung zu beweisen. Politik ist dabei unsererseits nicht beabsichtigt. Will 
Kaiser Alexander solche zur Sprache bringen, so wird er die ihm 
bekannten freundlichen Gesinnungen wohlwollender Neutralität finden 
bezüglich aller russischen Bestrebungen, welche nicht Angriff auf Öster- 
reich sind. 

Das Bedürfnis unseres Kaisers ist nur, durch persönlichen Verkehr 
das gegenseitige Vertrauen und Wohlwollen zu befestigen, damit es in 
schwierigen Momenten vorhanden sei und als Grundlage der Pflege der 
Freundschaft und des Friedens diene. Aus diesem Grunde ist es wünschens- 
wert, daß die Monarchen sich öfter begegnen und besuchen, als es 
bisher der Fall gewesen und nicht ausschüeßlich darauf angewiesen 
sind, den nicht selten trügerischen und interessierten Nachrichten Glau- 
ben zu schenken, welche sie über die Intentionen und Stimmungen 
anderer erhalten. Soll ein solches Verhältnis angebahnt werden, so 
ist durchaus notwendig, daß die erste Begegnung frei bleibe von 
dem Versuch des einen, dem andern politische Konzessionen abzu- 
gewinnen oder ihm solche durch Anerbietungen entgegenzutragen, 
die von dem andern nicht erbeten wurden. Letzteres erweckt leicht 
Mißtrauen. Der Kaiser von Rußland weiß außerdem, daß er bei orien- 
talischen Bestrebungen, welche Österreich nicht schädigen, auf kein 
Hindernis von unserer Seite stoßen würde; er weiß das amtUch, und 
es ist nicht nötig, ihn dessen von neuem zu versichern. Die nützhche 
Wirkung eines Besuchs bei Seiner Russischen Majestät würde wesent- 
lich beeinträchtigt werden, wenn dabei entweder Wünsche diesseits 
zur Sprache gebracht würden, deren Erfüllung von Rußland abhängt, 
oder wenn die deutsche PoUtik durch Zusagen und Versprechungen 
beschwert werden würde, welche bisher nicht auf uns lasten. Der 
erste Besuch Seiner Majestät muß meiner Überzeugung nach ein freund- 
schaftHcher, nachbarlicher, politisch uninteressierter sein; ge- 
rade dann wird er die beste politische Wirkung haben. Jeder Versuch, 
ihm ein politisches Gepräge, einen sofortigen und erkennbaren politi- 
schen Erfolg als Aufgabe zu stellen, würde gerade den politischen 
Erfolg, den er haben kann und soll, schädigen nicht nur nach gemein- 
gültiger psychologischer Berechnung im menschUchen Verkehr, sondern 
ganz besonders nach der eigentümlichen Natur des Kaisers Alexander, 
der für offenes freundschaftliches Entgegenkommen sehr empfänglich, 
für jede Art politischer Berechnung aber empfindlich und gegen u n - 
provoziertes Entgegenkommen sogar mißtrauisch zu sein pflegt. 



314 



Nr. 1344 

Der Geschäftsträger in Petersburg Graf von Pourtales an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 178 St. Petersburg, den 13. Juli 1888 

Baron Jomini besuchte mich gestern ohne besondere Veranlassung, 
anscheinend nur mit dem Wunsche zu plaudern, und sprach in einer 
einstündigen Konversation ausführlich seine Ansichten über die gegen- 
wärtige Lage aus. 

Die Stellung des Baron Jomini im hiesigen Auswärtigen Ministe- 
rium ist zwar nicht mehr dieselbe einflußreiche wie früher, die Äuße- 
rungen dieses gesprächigen Diplomaten dürften jedoch die in den 
hiesigen amtlichen Kreisen vorherrschende Stimmung im allgemeinen 
richtig wiedergeben und von diesem Gesichtspunkte aus nicht ohne 
Interesse sein. 

Baron Jomini sprach sein Bedauern darüber aus, daß der ser- 
bische Zwischenfall* grade jetzt vor der bevorstehenden Monarchen- 
begegnung eingetreten sei. Durch die nicht zu vermeidende Berührung 
der EventuaHtät einer österreichischen Einmischung in die serbischen 
Angelegenheiten werde, wie er fürchte i, ein schwieriges Moment in 
die in Aussicht stehenden Unterredungen hineingetragen werden. „Wir 
würden uns ja auf das beste verständigen können, wenn nur Öster- 
reich nicht wäre." 

Ich fiel dem Baron ins Wort, indem ich sagte, ich könne seine 
Ansicht nicht teilen, daß die Berührung des Themas Österreich bei 
den Unterredungen, welche gelegentlich der eventuell bevorstehenden 
Begegnung unserer Souveräne stattfinden würden, besser vermieden 
würde. Unser Verhältnis zu Österreich sei vor aller Welt klar; wenn 
bei dem möglicherweise in Aussicht stehenden Gedankenaustausch von 
Österreich die Rede sein werde, so könne dabei nur die vermittelnde 
Rolle, welche wir zwischen der russischen und österreichischen Politik 
einnehmen, von neuem hervortreten. Sollte hierbei etwas von dem 
Mißtrauen, welches hier bezüglich unserer österreichischen Pohtik im- 
mer wieder Wurzel fasse, beseitigt werden, so könnte dies unstreitig 
doch nur als sehr erfreulich bezeichnet werden. Baron Jomini gab 
dies zu, wies aber darauf hin, daß nun einmal die Schwierigkeit in 
den deutsch-russischen Beziehungen in unserem Verhältnis zu Öster- 
reich liege, und daß er befürchte, diese Schwierigkeit werde nicht 
leicht zu beseitigen sein. 

* Am 12. Juli war die Königin Natalie von Serbien, die sich seit längerer Zeit 
mit dem Kronprinzen in Wiesbaden aufhielt, von der auf Anrufung ihres Ge- 
mahls beorderten dortigen Polizeibehörde aufgefordert worden, den Kronprinzen 
herauszugeben. Im Verfolg des Eheskandals des serbischen Königspaars drohte 
die Abdankung König Milans. 

315 



„Voyez Vous'*, so fuhr Herr von Jomini fort, „autrefois on disait, 
si TAutriche n'existait pas, il faudrait l'inventer." Zu der Zeit, da 
dieser Satz ausgesprochen wurde, seien die Rollen Europas anders 
verteilt gewesen als jetzt. Preußens Aufmerksamkeit sei durch den 
Rhein, Österreichs durch Italien, Rußlands durch den Orient in An- 
spruch genommen gewesen. Heute, wo Österreich in Italien nichts 
mehr zu suchen habe, seien die Augen der Habsburgischen Monarchie 
nach der Balkanhalbinsel hin gerichtet, und das könne Rußland auf 
die Dauer nicht zugeben 2. Im Gegensatz zu dem oben zitierten 
Satze müsse daher heute die Vernichtung Österreichs als eine poli- 
tische Notwendigkeit bezeichnet werden. Man habe öfters von einer 
Teilung der Interessensphären Rußlands und Österreichs auf der Balkan- 
halbinsel gesprochen; noch vor nicht langer Zeit habe Rußland sich 
bereit erklärt, Bosnien und die Herzegowina den Österreichern preis- 
zugeben', wenn sich dieselben nur von der übrigen Balkanhalbinsel 
fernhalten wollten. Statt dessen erstrebe Österreich-Ungarn nicht nur 
in Serbien^ eine dominierende Stellung, durch die Eröffnung der Bahn 
nach Saloniki gelange der ganze Strich bis zum Ägäischen Meere in 
den Bereich der österreichischen Machtsphäre, und auch damit nicht 
zufrieden, suche Österreich dieselbe^ bis auf Bulgarien auszudehnen. 
Österreich spreche zwar immer von unabhängigen Balkanstaaten, deren 
selbständige Entwickelung es begünstige, in Wirkhchkeit aber bedeute 
diese Selbständigkeit nichts anderes als die österreichische Oberherr- 
schaft^. Einer solchen Politik Österreich-Ungarns, welche übrigens 
für diese Macht eine kurzsichtige sei, da sie schließlich die Balkan- 
halbinsel dem französischen und engUschen Handel eröffne, könne 
Rußland auf die Dauer nicht gleichgiltig zusehen ''. 

Rußland habe in seiner PoHtik der letzten zwölf Jahre unstreitig 
schwere, unverzeihHche Fehler begangen, und die österreichische Politik 
zeige ein unverkennbares Geschick in der Benutzung dieser Fehler. 
Rußland müsse jetzt seine Fehler damit büßen, daß es gezwungen 
sei, sich eine vollständige Zurückhaltung in Orientangelegenheiten auf- 
zuerlegen. An dieser Haltung sei die russische Regierung entschlossen 
solange als möghch festzuhalten, sie werde sich nicht leicht dazu 
verleiten lassen, für Bulgarien wieder das Schwert zu ziehen. „Aber", 
so rief Baron Jomini mit einiger Erregung aus, „das kann ich Sie 
versichern, die Haltung, zu der wir jetzt verurteilt sind, ist, wenn auch 
teilweise selbst verschuldet, darum nicht minder demütigend, und wenn 
Österreich fortfährt, in der bisherigen Weise aus unserer Reserve 
auf der Balkanhalbinsel für sich Vorteil zu ziehen, so wird das Maß 
der hier gegen diese Macht herrschenden Erbitterung ^ bald voll wer- 
den und überlaufen. Das gegen Österreich angesammelte Gift ist 
derartig, daß ich einen russisch-österreichischen Konflikt schon heute 
für unvermeidUch halte. Et ce sera une guerre terrible, une lutte ä 
mort. Was mich dabei bezüglich der Beziehungen zwischen Rußland 

316 



und Deutschland immer mit Sorgen erfüllt, ist die Erwägung, daß Ihr 
V'^erhältnis zu Österreich Sie doch nötigt, Österreichs Orientpolitik zu 
unterstützen. Der Satz der Thronrede Kaiser Wilhelms II., welcher 
bei Besprechung der Beziehungen Deutschlands zu Österreich auf das 
dem herkömmlichen europäischen Völkerrechte entsprechende Verhält- 
nis hinweist, wie es vor 1866 bestand*, a fait dresser les oreilles ici^. 
Man hat sich der Verhandlungen zur Zeit des Krimkrieges erinnert, 
wo die Frage ventiliert wurde, ob nicht das Bundesverhältnis, in wel- 
chem sich Preußen zu Österreich befand, Preußen die Verpflichtung 
auferlege, bei einem Eintritt Österreichs in den Kampf auch an dem- 
selben teilzunehmen. Wenn nun wirklich gewissermaßen eine Rück- 
kehr zu dem früheren Verhältnis zwischen Österreich und Preußen 
stattgefunden hat, und es z. B. wegen Bulgariens schließlich zum Kampfe 
kommen sollte, wie würde dann sich Deutschland verhalten?" 

Ich verwies den Baron auf die Rede Euerer Durchlaucht vom 
6. Februar d.Js.**, in der die Grenzen, innerhalb welcher Österreich auf 
unsere Unterstützung rechnen könnte, klar genug angedeutet seien; an 
unserem Standpunkte habe sich seitdem nichts geändert; ein aktives 
Vorgehen Österreichs auf der Balkanhalbinsel werde von uns sicherlich 
nicht begünstigt, geschweige denn unterstützt werden; dagegen sei ihm 
ebenso wie mir bekannt, daß nach Euerer Durchlaucht Ansicht Öster- 
reich-Ungarn eine gewisse Sphäre 1° zur Ausübung seines Einflusses auf 
der Balkanhalbinsel billigerweise zugestanden werden sollte. Ich ver- 
suchte sodann einzelne Anklagen, welche Baron Jomini gegen die öster- 
reichisch-ungarische Politik erhoben hatte, insbesondere die Behaup- 
tung, daß dieselbe ihren Einfluß auch auf Bulgarien auszudehnen 
trachte, zu widerlegen. An die Fabel der panslawistischen Presse, 
daß Prinz Ferdinand von Koburg ,,ein österreichischer Usurpator" sei, 
könne er doch gewiß selbst nicht ernstlich glauben. Baron Jomini war 
keineswegs geneigt, die über den Prinzen Ferdinand in der hiesigen 
öffentHchen Meinung verbreiteten Ansichten als Fabel zu bezeichnen: 
„Glauben Sie mir, die Sendung des Prinzen von Koburg war ein sehr 
geschicktes ungarisches Manöver. Wenn dem Wiener Kabinett nicht 
daran läge, den Prinzen in Bulgarien weiter schalten und walten zu 
lassen, so würden die Mittel zu seiner Entfernung und zur Wieder- 
herstellung geordneter Verhältnisse im Fürstentum schon längst ge- 
funden worden sein". Rußland würde sich jetzt in Bulgarien mit sehr 

* Der Passus der bei Eröffnung des Reichstags am 25. Juni verlesenen Thronrede 
lautete: „Unser Bündnis mit Österreich-Ungarn ist öffentlich bekannt. Ich halte 
an demselben in deutscher Treue fest; nicht bloß, weil es geschlossen ist, sondern 
weil ich in diesem defensiven Bunde eine Grundlage des europäischen Gleich- 
gewichtes erblicke, sowie ein Vermächtnis der deutschen Geschichte, dessen In- 
halt heute von der öffentlichen Meinung des gesamten deutschen Volkes getragen 
wird und dem herkömmlichen europäischen Völkerrechte entspricht, wie es bis 
1866 in unbestrittener Geltung war." 
** Vgl. Nr. 1329, S. 279, Fußnote ***. 

317 



wenigem begnügen, an eine Wiederherstellung seines dortigen Ein- 
flusses in dem früheren Umfange denke es gar nicht. Es verlange nur 
Beseitigung des jetzigen illegalen Regimes, wodurch Rußland die Mög- 
lichkeit der Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen mit dem 
Fürstentum gewährt würde. Das weitere werde sich dann von selbst 
finden. In der Wahl der PersönHchkeit eines diplomatischen Vertreters 
Rußlands würde man gewiß jetzt die äußerste Vorsicht übenn." 

Auf meine Einwendung, es sei doch in hohem Grade bedauerlich, 
daß, wie er anzunehmen scheine, eine Verständigung zwischen Ruß- 
land und Österreich außer dem Bereiche der Möglichkeit liege, während 
doch große vitale Interessen Rußlands bei all den vorerwähnten Fragen 
nicht auf dem Spiele ständen, fiel mir der Baron Jomini ins Wort und 
sagte: „C'est parfaitement juste, nous n'avons pas besoin de la Bulgarie, 
ce n'est que les detroits ou plutot la fermeture des detroits qu'il nous 
faut; mais le reste est une question d'amour propre i^". Als ich darauf 
erwiderte, ein Konflikt pour une question d'amour propre sollte doch 
zu vermeiden sein können, meinte Baron Jomini, die Schuld daran, 
daß dies nicht möglich sei, treffe lediglich Österreich-Ungarn. Durch 
die intemperances de langage im ungarischen Parlament und in der 
ungarischen Presse werde das russische Selbstgefühl fortwährend in 
einer Weise verletzt, die jetzt kaum mehr wiedergutzumachen sei. 
Der Baron benutzte diese Gelegenheit zu einigen Ausfällen gegen den 
Grafen Kälnoky, welcher nun einmal nicht die Gabe besitze, bei seinen 
Äußerungen vor parlamentarischen Körperschaften seine Zunge im 
Zaum zu halten. Ich erlaubte mir, Baron Jomini auf die sehr gemäßigte 
Sprache, die Graf Kälnoky bei der jüngsten Delegationssitzung* geführt 
habe, hinzuweisen, und sagte: Wenn die im ungarischen Parlament 
bei wiederholten Gelegenheiten gefallenen unvorsichtigen Äußerungen 
ein Hauptgrund der hier gegen Österreich entstandenen Verstimmung 
gewesen seien, so schiene mir diese Verstimmung doch nachlassen zu 
müssen, wenn, wie ja begründete Hoffnung dazu vorhanden sei, in 
Zukunft die Ausfälle gegen Rußland im ungarischen Parlament ver- 
mieden würden. Baron Jomini gab zu, daß Graf Kälnoky in diesem 
Jahre vorsichtiger gesprochen habe als in früheren; er brauchte dabei 
dieselben Worte, deren sich Herr von Giers neulich mir gegenüber be- 
dient hatte: „on a en effet ete plus convenable", immerhin habe der 
österreichisch-ungarische Minister, ohne allerdings Rußland zu nennen, 
von Mächten gesprochen, die den Frieden Europas bedrohen, während 
doch die einzige Macht, die dies wirklich tue, Österreich sei. 

Ich machte den Baron Jomini darauf aufmerksam, daß, wenn auch 



* Am 14. Juni 1888 hatte Graf Kälnoky im Delegationsausschuß ein Expose über 
die auswärtige Politik gegeben, das zwar das Nachlassen der weltpolitischen 
Spannung gegenüber dem voraufgegangenen Winter betonte, aber doch darauf hin- 
wies, daß von den Ursachen, die früher die Besorgnisse um den Weltfrieden 
hervorriefen, keine geschwunden sei. 

318 



die Bestrebungen der hiesigen Regierung i^ ganz oline Zweifel auf 
die Erfialtung des Friedens gerichtet seien, doch unleugbar hier Strö- 
mungen existierten, welche offenkundig auf die Störung des Friedens 
hinarbeiteten. Er habe mir soeben die berechtigten griefs, welche 
Rußland gegen Österreich habe, aufgezählt; diesen müßten doch auch 
die von österreichischer Seite gegen Rußland erhobenen Beschwerden 
gegenüber gehalten werden. Ich brauche bloß auf die unaufhörlichen 
Klagen der Österreicher über die die ganze Balkanhalbinsel umfassende, 
in vielen Fällen von amthchen russischen Vertretein unterstützte pansla- 
wistische Propaganda, sowie andererseits auf die Haltung der pan- 
slawistischen Presse Österreich gegenüber hinzuweisen. Baron Jomini 
wollte natürlich die österreichischen Anschuldigungen gegen russische 
Agenten nicht gelten lassen und bezeichnete dieselben als Erfindungen. 
Nur von Herrn Hitrowo gab er zu, daß derselbe vielleicht manchmal 
etwas unvorsichtig sei, im allgemeinen werde dieser Diplomat sehr 
verleumdet. 

Wie dem auch sei, fuhr ich fort, wenn wirklich keine vitalen Inter- 
essen vorlägen, welche Rußland zu einem Kriege veranlaßten, der nach 
seinen im Anfange unserer Unterredung gebrauchten Worten mit der 
Vernichtung Österreichs endigen müßte, so gäbe es doch einen Ge- 
sichtspunkt, welcher für Rußland ebenso wie Deutschland die Erhal- 
tung der österreichisch-ungarischen Monarchie notwendig mache, näm- 
lich die gemeinsame Abwehr der drei Kaiserreiche gegen die Revolu- 
tion. Ich wies dabei darauf hin, daß die Entstehung südslawischer Re- 
publiken, welche die Zerstückelung Österreich-Ungarns unfehlbar zur 
Folge haben würde, schheßUch für Rußland und den Bestand seiner 
monarchischen Institutionen noch größere Gefahren mit sich führen 
würde als für uns. 

Baron Jomini konnte hiergegen nichts anderes einwenden, als 
daß Österreich-Ungarn bei seiner Unterstützung des gegenwärtigen 
Regimes in Bulgarien schließlich nur die Anarchie unterstütze. Alle 
Balkanstaaten seien schon jetzt des foyers d'anarchie und würden von 
Österreich-Ungarn, weil es seiner jetzigen Politik so passe, als solche 
unterhalten. 

Was im übrigen die friedensfeindlichen Elemente in Rußland und 
deren Einfluß auf die russische Politik anbetreffe, so dürfe man deren 
Bedeutung nicht überschätzen i^. Die Regierung besitze so viel Macht i^, 
daß sie sich an das Geschrei der Hetzer nicht zu kehren brauche i^. 
Allerdings müsse er zugeben, daß hier manche Dinge vorkämen, die 
im Auslande über die hiesigen Verhältnisse falsche ^^ Vorstellungen 
erwecken müßten. Dies sei aber zum großen Teil auf die Unnahbar- 
keit des Zaren und das mangelnde Verständnis des Monarchen für 
gewisse Dinge zurückzuführen. 

„Sehen Sie z. B.", meinte Herr von Jomini, „als in diesem Früh- 
jahr im selben Augenblick, da Boulanger wieder in Frankreich in die 

319 



Höhe zu gelangen schien, die Ernennung des Generals Bogdanowitsch 
als Mitglied des Konseils im Ministerium des Innern, die Dekorierung 
des Generals Baranow und die Wahl des Grafen Ignatiew zum Prä- 
sidenten des Slawischen Wohltätigkeitsvereins erfolgte, waren Herr 
von Giers und wir alle außer uns, weil wir uns wohl bewußt waren, 
welchen Übeln Eindruck dies im Auslande machen würde. Als aber 
Herr von Giers den Versuch wagte, Seiner Majestät in diesem Sinne 
Vorstellungen zu machen, erwiderte der Zar, er begreife nicht, wie es 
jemandem im Auslande einfallen könne, sich darum zu kümmern, wenn 
er nichts anderes tue als „empecher un pauvre^^ diable de crever 
de faim". 

Am Schluß unseres Gesprächs kam Herr von Jomini noch von 
selbst auf die hiesige Presse und deren mit den Intentionen der Re- 
gierung keineswegs übereinstimmende Haltung in auswärtigen Fragen 
zu sprechen. „Leider", rief Baron Jomini aus, „hat man die Presse, 
um sie zu verhindern, sich mit inneren Angelegenheiten zu befassen, 
dazu ermutigt, sich viel mehr, als wünschenswert ist, mit der aus- 
wärtigen Politik zu beschäftigen i^". F. Pourtales 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 
^ [„fürchte" eingeklammert dafür:] „hoffe!" 

2 u[nd] früher? Prinz Eugen? Joseph II.? Rußland ist anspruchvoller geworden 
u[nd] will das Ganze 

3 u[ndi Serbien? 
* natürlich! 

'" zu Unrecht 

6 I? 

■^ warum denn nicht? 

8 das war nach dem Krimkrieg (1859) noch viel stärker wie heut! 

9 gut! 

10 Serbien! 

'2 asiatischer Selbstüberschätzung 

13 ? 

•* („falsche" eingeklammert] 
'5 („pauvre" eingeklammert] 
1^ davon muß man die Consequenzen tragen! 



Nr. 1345 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 
Herbert von Bismarck, z. Z. in Peterhof 

Reinschrift. Teilweise eigenhändig 

Peterhof, den 22. Juli 1888 
Als ich Herrn von Giers vorgestern meinen Besuch machte*, be- 
wegte sich unsere Unterhaltung während der ersten Viertelstunde 



* Vgl. Nr. 1343, Fußnote. 
320 



im Rahmen verbindlicher Gemeinplätze über das Erfreuliche des kaiser- 
lichen Besuches. Ich hob dabei hervor, daß ich mir für die Zukunft 
eine ersprießliche Wirkung von den persönlichen Beziehungen unserer 
Kaiser im Sinne der Stärkung der Dynastien und des Friedens ver- 
spräche, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß wiederholte Begegnungen 
der beiden Monarchen diese Wirkung immer mehr verstärken würden. 

Herr von Giers schien erwartet zu haben, daß ich die Initiative 
zur Berührung poUtischer Fragen ergreifen würde. 

Ich schloß das aus einer gewissen Verlegenheit im Ton, mit der 
er schließlich zögernd sagte: „In Anbetracht unserer beiderseitigen 
amthchen Stellung werden wir es doch nicht vermeiden können, politische 
Themata zu abordieren, und da möchte ich mich zunächst dahin aus- 
sprechen, daß die gegenwärtige allgemeine politische Lage mir mehr An- 
laß zur Zufriedenheit gibt als seit langer Zeit. Die Situation in Bulgarien 
ist für uns noch nicht voll befriedigend; wir werden aber keine Initiative er- 
greifen, um dort Wandel zu schaffen; es fehlen dazu die Vorbedingungen 
und die Handhaben. Den Prinzen Ferdinand von Koburg können wir 
niemals anerkennen; wir werden uns ihm gegenüber aber passiv ver- 
halten und abwarten, bis er sich verbraucht hat. Dieses würde voraus- 
sichtHch bald eintreten, wenn die österreichische Regierung sich um Bul- 
garien ebensowenig kümmern wollte, wie die deutsche es tut. 

Als ich hier einschaltete, daß meines Wissens Österreich sich mit 
Bezug auf Bulgarien in letzter Zeit doch ganz korrekt benommen, und 
daß auch Graf Kälnoky in den Delegationen alles vermieden 
hätte, was wie eine unberechtigte Einmischung in die bulgarischen 
Angelegenheiten hätte ausgelegt werden können, meinte Herr von 
Giers: „Dem äußern Anschein nach haben Sie wohl recht, und ich 
vermag Ihnen im einzelnen nicht positive amthche Handlungen der 
österreichischen Regierung anzuführen, über welche ich mich beschwe- 
ren müßte. Immerhin hat Graf Kälnoky in den Delegationen im Hin- 
blick auf bestimmte Maßnahmen vom „Feinde" gesprochen, und dieser 
Feind kann für Österreich nur Rußland seini. Wenn Deutschland 
sich mihtärisch stärkt, so begreift das jedermann bei der Unsicherheit 
seiner Beziehungen zu Frankreich; Österreich aber kann mit keiner an- 
dern Macht als mit uns in Händel geraten 2, und insofern war die 
Qualifizierung als „Feind" immerhin unverbindlich*. Außerdem wirkt 
in Bulgarien österreichischer Einfluß unter der Oberfläche. Da wir 
dort keine Vertretung haben, so erhalte ich seit Jahr und Tag keine 
amtlichen Berichte über bulgarische Zustände und bin infolgedessen 
wenig informiert 3. Soviel wissen wir aber doch, daß in Bulgarien 
allgemein der Einfluß des österreichischen Vertreters Burian maßgebend 
ist, und daß Herr Burian diesen Einfluß reichlich ausübt. Es ist nicht 
zu verwundern, daß wir hierüber ein malaise empfinden, zumal wir 



* Vgl. Nr. 1344, S. 318, Fußnote. 

21 Die Große Politik. 6. Bd. 321 



uns in Serbien gänzlich zurückhalten. In dieser Beziehung steht die 
Partie nicht egal; österreichischerseits fehlt das fair play*. Alle Ver- 
sicherungen des Grafen Kälnoky nutzen uns nichts, solange die öster- 
reichische Vertretung in Sofia nicht andere Richtschnuren für ihre Hand- 
lungen einnimmt. Wir müssen doch immer den Moment des Ver- 
schwindens des Koburgers im Auge behalten und würden in keiner 
annehmbaren Situation sein, wenn beim Eintritt desselben es sich 
herausstellte, daß alle gewaltigen Opfer an Blut und Geld im letzten 
Türkenkriege umsonst gewesen sind und sogar der Stärkung des öster- 
reichischen Einflusses zugute kommen". 

Im ganzen war die Tonart des Ministers bezüglich Bulgariens die- 
selbe, welche in dem anliegenden Berichte des Botschafters von Schwei- 
nitz vom 20. er, wiedergegeben ist. Herr von Giers schloß seine bul- 
garischen Auseinandersetzungen damit, daß er sagte: „Vous verrez que 
l'Empereur Vous parlera dans le meme sens, car TAutriche est son 
jdada'; Sa Majeste a personnellement confiance en l'Empereur Francois 
Joseph, mais il se mefie de la politique autrichienne en general". 

Ich bemerkte nur, daß wir als Freunde Rußlands das Unbehagen 
beklagten^ welches Bulgarien unserm Nachbar verursache. Sei die 
russische Regierung aber so unzufrieden mit den dortigen Zuständen, 
daß sie dieselben für dauernd unannehmbar hielte, so müßte sie ihrer- 
seits Maßregeln vorbereiten und Vorschläge machen, welche geeignet 
seien, Remedur zu schaffen. Wir könnten uns nicht Rußlands Kopf 
darüber zerbrechen, was es in bezug auf Bulgarien zu tun hätte. Un- 
seres moralischen und diplomatischen Beistandes sei Rußland immer 
gewiß, wenn es die Initiative ergreifen wollte, um in Bulgarien Zu- 
stände herbeizuführen, welche dem Geiste des Berliner Vertrages und 
unseren Verabredungen entsprächen; dieser Spielraum sei ein sehr 
weiter; Rußland müsse verstehen, denselben wahrzunehmen, und es ent- 
spräche seiner Großmachtsstellung nicht, sich lediglich der etwaigen 
Einfälle fremder Staatsmänner bedienen zu wollen. Wir wären schon 
räumlich in der Unmöglichkeit, in Bulgarien etwas initiativ für Rußland 
zu tun. Daß unsere Unterstützung ihm stets gewiß wäre, habe er aber 
noch Ende Februar d. Js. sehen können, wo wir uns Rußlands Dank ver- 
dienten durch unsern Anschluß an die Demarche in Konstantinopel, 
welche den Sultan zur Stellungnahme gegen den Koburger veranlaßte. 
Wenn wir etwa Schwierigkeiten mit der Schweiz hätten, welche für 
Rußland ebenso unerreichbar wäre wie Bulgarien für uns, so würden wir 
sofort nach eigenem Plan verfahren und für Rußlands demnächstige 
diplomatische Unterstützung sehr dankbar sein, niemals aber uns ein- 
fallen lassen, die Hände in den Schoß zu legen in der unberechtigten 
Erwartung, daß eine fremde Großmacht unsere Geschäfte besorgen 
sollet. 

Herr von Giers bemerkte hierauf mit einem Seufzer, daß meine 
Äußerung wohl zutreffend sei, daß aber Rußland doch nicht anders als 

322 



abwartend verfahren könne. „Und doch," setzte er hinzu, ,,wäre es so 
schön, wenn nur der Koburger verschwinden wollte; wir könnten uns 
dann jahrelang einer ungetrübten Ruhe erfreuen. Le Cobourg est tou- 
jours une epine dans notre chair; nous tächons de l'oublier, mais du 
moment que nous jetons les yeux sur la Bulgarie, nous sentons tou- 
jours Tepine et nous sommes pas ä meme de la retirer". Als ich diesem 
schwächlichen Ausbruch von hülfloser Impotenz nur Schweigen ent- 
gegensetzte, ließ Giers das Thema fallen und ging auf Serbien über. 
„Ich habe die größte Besorgnis", — sagte er — ,,daß Österreich sich ge- 
legentlich veranlaßt sehn könnte, in Serbien einzurücken, dies würde 
uns in die denkbar schwierigste Lage bringen, denn wir könnten einen 
solchen Gewaltakt nicht ruhig geschehn lassen". 

Ich erwiderte: ,, Weshalb beschweren Sie sich mit Sorgen, die nicht 
aktuell sind? Österreich denkt nicht daran, Serbien zu besetzen, da dazu 
auch nicht die mindeste Veranlassung vorliegt. Nachdem jetzt der Zwist 
zwischen König und Königin bewiesen hat, daß letztere gar keinen 
Anhang in Serbien hat, da der Austrag der Differenz trotz recht unge- 
schickter Handhabung seitens der serbischen Organe auch nicht die 
geringste Erschütterung in Serbien hervorgerufen hat, so ist daraus 
zu schließen, daß König Milan fester sitzt denn zuvor, und daß Kom- 
plikationen für ihn nicht einzutreten brauchen, solange sein Sohn mi- 
norenn bleibt". Herr von Giers hatte dem nichts entgegenzusetzen, 
sprach aber doch noch eine ganze Weile über Serbien und betonte be- 
sonders, wie nichts mehr Rußlands friedliche Dispositionen beweise 
als sein Verfahren in Serbien: der russische Gesandte in Belgrad* er- 
halte eine Instruktion nach der andern, daß er sich vollkommen effa- 
zieren und jeder Komplikation vorbeugen solle: ,,je ne fais qu'ecrire ä 
Persiani: calmez, calmez avant tout; pourquoi Kälnoky ne pense-t-il faire 
autant par rapport ä l'attitude de Burian ä Sofia?" 

Als Giers sah, daß ich keine Anstalten machte, auf seine retho- 
rische Frage weiter einzugehen, ging er auf die Presse und die wirt- 
schaftlichen Beziehungen unserer Reiche über: er gab die schönsten 
Versicherungen bezüglich seiner Bemühungen in preßlicher Hinsicht 
ab. Ich räumte ein, daß es in letzter Zeit allerdings mit der Deutschen- 
hetze in den russischen Zeitungen etwas besser geworden sei: es hieße 
aber da wie überall „men, not measures", und solange ein so er- 
schöpfter Greis wie Tolstoi Innerer Minister bliebe, sei auf dauernden 
Wandel schwerlich zu hoffen. Dies war Herrn von Giers augenschein- 
lich aus der Seele gesprochen, er begleitete meine Äußerung mit einem 
klagenden Aufblick seiner matten Augen und begann demnächst einen 
Panegyrikus auf den anderen Kollegen, Wyschnegradski**. Letzterer 
beschäftige sich schon seit längerer Zeit mit der Frage der Verbesserung 

* Staatsrat Persiani. 

** Minister der Finanzen. 

21. 323 



unserer zollpolitischen Beziehungen: er studiere jetzt unser Zollsystem, 
welches mit seinen vorzüglichen Beamten und Einrichtungen so unend- 
lich viel besser sei als das mit ungebildeten und betrügerischen Organen 
operierende russische. Er habe ein umfangreiches Promemoria ausge- 
arbeitet, welches Herr von Giers gelesen und im Schubfach zu haben 
behauptete. Herr von Giers meinte, es sei darin nachgewiesen, daß die 
Verschiedenheit der Kohlenzölle eine differentielle Behandlung Deutsch- 
lands tatsächlich nicht in sich schlösse 3; „leider verstehe ich zu wenig 
von diesen Dingen, um mit Ihnen darüber amtlich sprechen zu können. 
Wir wünschen aber noch im Laufe dieses Jahres auf Grund der An- 
schauungen meines Finanzkollegen Verhandlungen mit Ihnen anzu- 
bahnen 6, denn die Zollplackereien sind nicht nur lästig, sondern beein- 
flussen auch bei dem hochgetriebenen wirtschaftlichen Kampfe unsrer 
Zeit die politischen Auffassungen der Völker". 

Ich erwiderte: „Wir werden selbstverständhch Anträge, die von 
Ihnen in wirtschaftlicher Hinsicht kommen, mit aller Rücksicht auf- 
nehmen und prüfen; sollten dieselben aber zu nichts führen, so möchte 
ich doch schon jetzt hervorheben, daß die wirtschaftlichen und die 
poHtischen Beziehungen großer Staaten an sich miteinander nichts zu 
tun haben. Wir haben zur Zeit der intimsten Beziehungen zwischen 
Preußen und Rußland stets über wirtschaftHche Schwierigkeiten zu 
klagen gehabt, die sogar vor mehr als 60 Jahren zwischen den damals 
in engster Freundschaft stehenden Monarchen zu Sperrmaßregeln führ- 
ten, von denen wir jetzt weit entfernt sind: es hat dies auf die Innig- 
keit des poHtischen Zusammenhaltens niemals zurückgewirkt und 
braucht das auch jetzt nicht zu tun. Wir stehen der Frage eines wirt- 
schaftüchen Ausgleiches sehr kühl gegenüber, da wir nach Rußland 
hin kaum noch etwas zu verlieren haben. Der russische Export nach 
Deutschland ist noch heute etwa dreifach so groß als umgekehrt, und 
aller Schaden, den Sie uns in dieser Hinsicht zufügen könnten, ist uns 
bereits angetan; wir haben uns darauf eingerichtet und andere Absatz- 
gebiete gefunden, in denen wir erfolgreich mit England konkurrieren, 
und die eine noch vielversprechende Zukunft verheißen. Demgegenüber 
fallen die wenigen Millionen, deren Wert wir jetzt noch nach Rußland 
einführen, nicht in Betracht". 

Herr von Giers schien auf die von mir angeschlagene Tonart nicht 
gefaßt gewesen zu sein; er rückte verlegen auf seinem Stuhl und brachte 
schließlich heraus: „aber wir leiden unter den jetzigen Verhältnissen, 
unsre Zölle sind teilweise zu hoch gespannt, sodaß sie uns selbst 
schädigen, und wir wünschen auf einen doch sicher für beide Teile 
fruchtbringenden Ausgleich und Austausch zu kommen". Als ob er 
fürchtete, zuviel gesagt zu haben, gab er dann noch einmal mit stot- 
ternder Hast die überflüssige Versicherung ab, daß ihm diese Materie 
fremd sei, und daß er deshalb eigentlich nur en amateur darüber spre- 
chen könnte, — 

324 



Ich ging hierauf noch einmal auf die großen Vorzüge der Kaiser- 
entrevue über und machte Anstalten, mich zu empfehlen. Herr von Giers 
bat mich aber, noch zu verweilen, und kam mit beträchtlichen Um- 
schweifen auf die ihm von Graf Schuwalow eingegebene Idee der 
Publikation gewisser Verabredungen* zu reden: als ich ihn interessiert, 
aber wortlos ansah, fragte er direkt: „Was ist denn Ihre Meinung 
darüber?" Ich antwortete, ich glaube nicht, daß bei uns irgendwelche 
Bedenken gegen Graf Schuwalows Idee obwalten würden; wenn Herr 
von Giers einen diesbezüglichen Antrag stellen wolle, so würde unsere 
Zustimmung ihm gewiß sein. 

Giers meinte darauf: ,,C'est pourtant une grosse affaire, je dois 
Vous dire que l'idee m'effarouche. II faudrait au moins encore quelques 
mois de reflection, car aujourd'hui je ne peux pas me former une 
opinioii sur l'effet qu'une teile publication produirait". Ich replizierte: 
„Faites comme Vous voudrez; nous sommes contents de nos relations 
actuels et nous avons entiere confiance en l'Empereur Alexandre, dont 
il me parait que nous pouvons tres-bien ajourner cette question''. 
Wahrscheinlich war Giers auf diesen gleichgültigen Ton nicht gefaßt: 
er sprach zunächst unzusammenhängend von der Wichtigkeit und der 
Bedeutung eines secret, ging dann mit einem salto mortale auf die 
Ängstlichkeit und Unberechenbarkeit des Sultans über und drückte seine 
Besorgnis aus, England könne gelegentlich unter einem jungen unter- 
nehmenden Minister einen ähnlichen Gewaltstreich angesichts des un- 
vorbereiteten Europas gegen Konstantinopel ausführen wie 1882 gegen 
Alexandrien und Ägypten. Die guten Früchte jenes 1882^'^ Gewalt- 
streichs könnten England einmal zu einer Wiederholung einer so brüsken 
Politik auffordern, und dies würde doch sehr gefährlich werden können. 

Ich hielt es nicht für nützlich, dieser Illusion des Herrn von Giers 
über den englischen Unternehmungsgeist entgegenzutreten, und be- 
schränkte mich auf die Bemerkung, daß solche Möglichkeit allerdings 
nicht ausgeschlossen sei. — 

Der Zar hat trotz Giers' Prophezeiung in meiner Audienz, über 
die ich noch berichten werde, seines „dada" Österreich gar nicht gedacht: 
vermutlich hat also Giers, den ich im Vorzimmer nach seinem Vortrag 
sprach, ihm dies ausgeredet. H. Bismarck 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 
1 Warum? 

" es hat noch keinen russ[ischen] Krieg geführt, wohl aber viele französlische] 
ulndj einige ital[ienische], auch türkische 

8 ? 

* ulnd] Hitrowo? 

^ sehr richtig 

'^' wird zu nichts führen 



* Näheres über die Schuwalowsche Idee einer Veröffentlichung des Rückversiche- 
rungsvertrags ist in den Akten nicht enthalten. 

325 



Nr. 1346 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 
Herbert von Bismarck, z. Z. an Bord S. M. Y. ,,Hohenzollern" 

Eigenhändig 

S.M.J. „Hohenzollern'S den 25. Juli 1888 

Am Sonntag, den 22. er. hatte ich die Ehre, von Seiner Majestät 
dem Kaiser von Rußland in Privataudienz empfangen zu werden. 

Ich hatte Herrn von Giers am Tage unserer Ankunft gesagt, daß 
ich sehr glücklich sein würde, dem Zaren persönlich meine Auf- 
wartung machen zu dürfen, und erhielt am 21. abends ein Schreiben 
des Ministers, welches mich für den nächsten Nachmittag auf 3 Uhr 
in die kaiserliche Villa Alexandrie bestellte. 

Als ich dort kurz vor der festgesetzten Zeit eintraf, wurde mir 
gesagt, daß Herr von Giers noch Vortrag beim Zaren hatte: wenige 
Minuten später erschien der Minister selbst im Vorzimmer, um mir 
zu sagen, daß sein Herr mich erwarte, und der kaiserliche Kammer- 
diener führte mich durch das Schlafzimmer des Zaren in dessen ver- 
hältnismäßig kleines und anspruchsloses Arbeitskabinett. Wenn diese 
petite entree, bei der Hofbeamte und Adjutanten garnicht zu sehen 
waren, in mir von vornherein den angenehmen Eindruck erweckte, 
daß der Zar mir die besondere Auszeichnung eines ganz vertraulichen 
Empfanges zuteil werden lassen wollte, so wurde dieser Eindruck noch 
wesentlich verstärkt, als in der geöffneten Tür der Zar mir mit wohl- 
wollendstem Ton in der Begrüßung gleich die Hand reichte und mir 
an einem kleinen Tisch, auf dessen anderer Seite er Platz nahm, einen 
Stuhl anwies, indem er mit Hindeutung auf sein augenscheinlich sehr 
bequem sitzendes graues Jackett lächelnd sagte: „Entschuldigen Sie 
diesen unzeremoniellen Empfang, ich wollte mit Ihnen aber ganz sans 
gene sprechen*'. Ich brachte demgegenüber in angemessener Form 
meinen untertänigsten Dank zum Ausdruck, mit dem ich diesen hohen 
Beweis von Vertrauen zu würdigen wisse, und Kaiser Alexander ging 
dann sofort auf die Berliner Wandlungen seit Anfang März d. Js. über: 
Er sprach mit Weichheit und Verehrung vom Andenken Kaiser Wil- 
helms I., mit aufrichtiger Teilnahme vom tragischen Schicksal Kaiser 
Friedrichs und faßte sich dahin zusammen, daß die Zeit seit dem 
Tode des Kaisers Wilhelm für Deutschland eine schwere und speziell 
für den Reichskanzler eine mühevolle gewesen sein müsse. Auf meine 
zustimmende Verneigung ging der Zar demnächst mit warmen Worten 
auf unseres jetzt regierenden Kaisers Majestät über, allerhöchstdessen 
Besuch ihn so sehr erfreue: letzterer würde vortrefflich auf die öffent- 
liche Meinung in Rußland wirken und mächtig dazu beitragen, alle 
albernen und böswillig vertriebenen Gerüchte von Beunruhigung des 
europäischen Friedens durch russisch - deutsche Divergenzen zum 

326 



Schweigen zu bringen: Kaiser Wilhelm II. habe es in der icurzen Zeit 
seiner Regierung schon verstanden, überall Achtung und Vertrauen 
einzuflößen und durch sein Auftreten alle Verleumder, die Seiner Maje- 
stät die abenteuerlichsten Pläne angedichtet hätten, Lügen zu strafen. 
Besonders erfreuHch sei für das Deutsche Reich die glatte Art ge- 
wesen, in der sich die Thronbesteigung des dritten Deutschen Kaisers 
vollzogen habe: „Nous avions cru ici que pour l'Allemagne et pour 
la dignite d'Empereur les choses n'avaient pas ete definitivement re- 
glees ä Versailles et que les princes allemands s'etaient simplement 
entendus de conferer la couronne imperiale au roi Guillaume et ä 
son successeur, mais pas au delä*'. Ich erwiderte dem Zaren, daß dies ein 
fundamentaler Irrtum sei, und daß die Leute, die ihm jene falschen An- 
gaben gemacht hätten, nie einen Blick in die Reichsverfassung geworfen 
haben müßten, welche expressis verbis die deutsche Kaiserwürde erb- 
lich an das preußische Königshaus knüpfe. „So," sagte der Zar, „das 
habe ich nicht gewußt: man hatte mir gesagt, daß jetzt wohl die Reihe 
der Kaiserkrone nach der Anziennetät an ein anderes deutsches Königs- 
haus kommen würde, weil Erblichkeit für Preußen nicht vorgesehn sei; 
ich weiß nicht, wie Preußen in der Anziennetät der deutschen Könige 
steht, und war deshalb darauf gefaßt, daß Wilhelm II. Schwierigkeiten 
in Deutschland haben würde''. 

Ich erklärte dem Zaren hierauf, daß von den vier Königen in 
Deutschland nur der preußische Monarch ein König aus eigener Sou- 
veränität sei und die aus eigener Kraft stammende Krone über 100 
Jahre länger trage als die von Napoleons Gnaden aus dem Unglücks- 
jahre 1806 datierenden, ursprünglich französischen Vasallenfürsten 
Bayerns, Sachsens und Württembergs. Der Kurfürst von Sachsen sei 
allerdings ausgangs des 17. Jahrhunderts König von Polen geworden, 
und da sein Sohn ihm in dieser Stellung folgte, würden die dem Zaren 
gemachten irrigen Angaben vielleicht auf eine oberflächliche Bekannt- 
schaft mit diesem historischen Faktum zurückzuführen sein. Da wir 
einmal bei diesem Kapitel waren, so benutzte ich die Gelegenheit, 
um den deutschen Fürsten ein gutes Zeugnis auszustellen und 
dem Zaren auseinanderzusetzen, wie die konservative Stärke Deutsch- 
lands in erster Linie auf der loyalen Bundestreue der Reichsfürsten be- 
ruhe. Letztere hätten seit Aufrichtung des Reiches sämtlich erkannt, 
daß das feste Zusammenhalten der Reichsglieder den einzigen sicheren 
Schutzwall gegen die radikalen Nivellierungsbedürfnisse und Bedrohung 
der monarchischen Kronrechte bilde, und hätten dieser ihrer Über- 
zeugung durch die großartige Demonstration ihres einmütigen Erschei- 
nens bei der Reichstagseröffnung einen so eklatanten Ausdruck ge- 
geben, daß das Reichsgebäude jetzt fester gefügt als je dastehe. 

Der Zar erkannte dies an und gab zu verstehen, daß jenes Ent- 
gegenkommen der Reichsfürsten ihn überrascht habe: Er äußerte aber 
seine Zustimmung, wie ich von der notwendigen Stärkung des monar- 

327 



chischen Prinzips gegen die überall solidarischen Bestrebungen des 
radikalen Republikanismus sprach und mir dabei eine kurze Ab- 
schweifung über die Notwendigkeit des friedlichen Zusammenstehens 
der alten europäischen Monarchien überhaupt erlaubte. 

Ich wiederholte hierbei die alte Wahrheit, daß die 3 Kaiser viel 
mehr an die Revolution zu verlieren hätten, als sie je voneinander 
gewinnen könnten, und streifte flüchtig die subversive Tätigkeit der 
Presse, welche es den monarchischen Regierungen häufig unnötig er- 
schwere, die von ihnen gewünschten guten und friedlichen Beziehungen 
erfolgreich zu kultivieren. Kaiser Alexander nickte dazu lächelnd und 
sagte: „Ja, die Presse war im Winter de part et d'autre recht wider- 
wärtig, jetzt ist sie aber ruhig, und ich hoffe, es wird so bleiben". — 

Seine Majestät fragte mich dann ohne weiteren Übergang: „Wie 
sind denn jetzt die Beziehungen zwischen Ihrem Kaiser und der 
Kaiserin Viktoria? Ich höre, sie sollen sich ganz befriedigend gestaltet 
haben". 

Ich erwiderte: „Nach außen und auf der Oberfläche ja; der Kaiser 
spricht von seiner Mutter stets dans les termes les plus respectueux 
und hat es seinerseits an nichts fehlen lassen, um der verwitweten 
Kaiserin entgegenzukommen. Tatsächlich besteht in diesen allerhöch- 
sten Beziehungen aber eine meiner Meinung nach schwer zu besei- 
tigende Entfremdung et tous les torts sont du cote de l'Imperatrice 
douairiere". Als ich hier einhielt, blickte mich der Zar sichtlich in- 
teressiert und auffordernd an; da ich nun wußte, daß Seiner Majestät 
früher in böswilliger Weise, um unseren allerhöchsten Herrn bei ihm 
in ein ungünstiges Licht zu stellen, alle möglichen Unwahrheiten über 
dieses Verhältnis vorgespiegelt waren, so schien es mir zweckentspre- 
chend, etwaige noch vorhandene Zweifel nachdrücklich auszutilgen, 
und ich sagte: „Wenn Euere Majestät mir gestatten wollen, ganz 
intim und im Vertrauen auf Euerer Majestät Diskretion zu sprechen, so 
darf ich die Erklärung für das vorhin Gesagte damit geben, daß Ihre 
Majestät die Kaiserin Viktoria sich ganz als Engländerin fühlt, daß sie 
als ihren jetzt verfehlten Lebenszweck betrachtete, als solche möglichst 
lange das ihr unsympathische Deutschland zu regieren, und daß sie 
meinem jetzigen Herrn niemals das entgegengebracht hat, was man 
im gewöhnlichen Leben unter mütterlichen Gefühlen versteht". Wie 
ich wieder einen Moment schwieg, tat der Zar einen kleinen Zug aus 
einem vor ihm stehenden silbernen Kruge, entzündete eine Zigarette 
und sagte: „Ce que Vous me dites lä m'interesse beaucoup; je Vous 
prie de continuer, Vous pouvez compter absolument sur ma discretion. 
J'ai dejä depuis quelque temps eu l'impression, que le pauvre Empereur 
Frederic pour lequel j'avais la plus grande amitie, n'a ete qu'un In- 
strument Sans volonte dans les mains de sa femme, mais je tiens 
beaucoup ä en savoir plus long sur les peripeties de son court regne". 

Als ich sah, daß der Zar, welcher bei den letzten Worten seine 

328 



Zigarettentasche vor sich hingelegt hatte, einen längeren compte-rendu 
erwartete, so holte ich etwas weit aus und gab zunächst eine gedrängte 
Schilderung von der Haltung der verschiedenen Mitglieder unserer aller- 
höchsten Familie in der Battenberg-Angelegenheit*, von dem Eingreifen 
der englischen Familie in dieselbe und von den systematischen Be- 
mühungen der Kaiserin Viktoria, den Kaiser Friedrich gegen unseren 
jetzigen Herrn einzunehmen. Dies datiere Jahr und Tag zurück und 
sei leider nicht immer erfolglos gewesen. 

Kaiser Wilhelm II. habe mir vor längerer Zeit einmal selbst ge- 
sagt, als er von seinen fruchtlosen Bemühungen bei seiner hohen Mutter 
sprach: Ich sehe, daß alles, was ich tun kann, vergeblich sein wird: 
wir stehen auf anderen Basen, meine Mutter bleibt immer Engländerin, 
und ich bin Preuße, wie sollen wir da kongruieren? 

Der Zar schaltete hier mit beifälligem Lächeln ein: „Ceci, je le 
crois bien, comment Votre Empereur pourrait-il gouverner l'Allemagne 
d'apres les besoins de l'Angleterre; si c'est comme ca, il est evident, 
que toute entente est impossible; c'est une petition de principe". 

Meine weiteren Angaben unterbrach der Zar wiederholt durch 
zustimmende Interjektionen und kleine Erläuterungen. Als ich der 
seinerzeit für das Osterfest bereits ergangenen, nachher revozierten 
Einladung des Prinzen A. von Battenberg nach Charlottenburg er- 
wähnte* und die Annahme als eine sehr ungewöhnliche bezeichnete, 
daß bei der Prinzessin Viktoria eine unüberwindliche Neigung für jenen 
Prinzen bestehen solle, nachdem Ihre Königliche Hoheit ihn nur einmal 
vor zirka viereinhalb Jahren ganz kurz gesehn habe, pflichtete der Zar 
mir bei, indem er sagte: „Cette obstination pour le mariage dont Vous 
parlez m'etonne d'autant plus, comme je sais de source süre, mais absolu- 
ment süre, que le prince de Bulgarie lui-meme ne desire nullement 
s'allier ä la princesse Victoria, et ce serait donc peu digne de l'obliger 
de paraitre devant l'autel contre son propre desir*'. Ich hatte bei dem 
Wort „Bulgarie'' mit keiner Wimper gezuckt; es mußte dem Zaren 
aber doch selbst ins Ohr gefallen sein, denn nach Beendigung seines 
Satzes sagte er mit einem Anfluge von Heiterkeit: „Pardon, je viens 
de dire Bulgarie; j'aurais du l'appeler le Battenberg". 

Ich verneigte mich und bestätigte, daß le Battenberg in der Tat 
nicht die geringste Neigung zu der nur von der Kaiserin Viktoria be- 
triebenen Vermählung habe: er sei aber schwach, unaufrichtig und 
geldbedürftig, und wenn die Kaiserin Viktoria ihm statt nur drei Mil- 
lionen deren zehn zu bieten vermöchte, so würde er wohl zugreifen. 
Mit 100 — 120 000 Mark Jahresrente würde er eine Hofhaltung mit einer 
preußischen Prinzeß aber nicht führen können. 

Der Zar wußte nicht von dem 1885" Entsagungsbrief des Prin- 



Vgl. Kap. XLII, Nr. 1330 ff. 

329 



zen A. Battenberg* und fand sein Verhalten danach um so doppel- 
züngiger. Es war Seiner Majestät entschieden angenehm zu hören, 
wie unser Herr die Sache rasch und energisch zu Ende geführt**, 
und er erklärte, daß er vollkommen begriffe, wie Kaiser Wilhelm 
auch abgesehn von der politischen Seite der Frage nicht zugeben 
wolle, daß eine preußische Prinzeß bis zu einem Battenberg hinab- 
steige. 

Mit wiederholtem mißbilligenden Kopfschütteln hörte der Zar an, was 
ich über die Rolle der englischen Ärzte, über die Krankenpflege, über 
die Zwecke der Beschönigungen, über die Geschäftsbehandlung, sowie 
über das Gebaren der englisch-freisinnigen Kamarilla erzählte. Seine 
Majestät meinte schließlich: „Je crois bien que Vous devez avoir le sen- 
timent d'etre debarasses d'un cauchemar depuis Pavenement de Guil- 
laume. Je n'ai pas sü que FEmpereur Frederic avait tellement ete 
reduit sous tout rapport quoique Schouwaloff m'avait bien informe 
sur les progres de la maladie." 

Als dieser Gegenstand verlassen wurde, ging der Zar zu unseren 
ökonomischen Beziehungen über, deren Besserung und vernünftige 
Behandlung er wünsche. Er sprach mir in ähnlichem Sinne wie Giers 
von Wyschnegradskis Bemühungen in dieser Richtung und schien es 
für nützlich zu halten, daß wir einen Handelsvertrag miteinander 
schlössen, „sei es auch zum Beginne nur ein ganz oberflächlicher von 
wenigen Artikeln". Er habe zu seiner Verwunderung gehört, daß, 
obgleich die Geschichte der Handelsverträge eine vielhundertjährige 
sei, Rußland niemals einen solchen mit Preußen gehabt habe. Die 
Akten der letzten 30 Jahre hätten ergeben, daß alle Anregungen zu 
kommerziellen Verabredungen stets a limine abgewiesen seien mit 
der einfachen Motivierung „Kaiser Nikolaus habe nie einen Vertrag 
gewollt". Dies fände er absurd, es sei kein sachlicher Grund, und er 
würde der Sache sein persönliches Interesse widmen. Ich bemerkte, 
daß bei etwaigem Eintritt in Verhandlungen jeder Staat selbstverständ- 
lich sein eigenes Interesse voranstellen müsse: Besprechungen über 
kommerzielle Verabredungen würden wir aber gewiß nicht ablehnen, 
nur müsse man sich von vornherein darüber klar sein, daß es kein 
Anlaß zu einer politischen Verstimmung sei, wenn derartige Be- 
sprechungen etwa resultatlos verlaufen sollten, pp. 

Der Zar hatte mich vorher gefragt, mit welchen Eindrücken der 
Prinz von Wales von Berlin geschieden wäre. Ich hatte dabei von den 
Walesschen Demarchen für Cumberland absichtlich nichts gesagt, um 
den Zaren nicht darauf zu bringen, und hatte mich begnügt, zu er- 
wähnen, daß der Prince von Wales unseren Kaiser durch lästige Rat- 
schläge behelligt habe, die abgelehnt wurden, und daß er hierüber wie 



Vgl. Bd.V, Kap. XXXIII, Nr. 1030, S. 162, Fußnote. 
' Vgl. Nr. 1337, S. 294, Fußnote *. 



330 



über die wahrheitsgemäßen Angaben des Reichskanzlers bezüghch der 
Regierungsunfähigkeit Kaiser Friedrichs verstimmt gewesen sei*. 

Ich fügte hinzu, daß ich dies ganz vertrauhch von dem englischen 
Botschafter erfahren hätte, und ließ nun auch einfließen, daß der Prinz 
von Wales alle möghchen Wünsche bezüglich Cumberlands durch seine 
Frau und direkt zur Sprache gebracht habe. Die fin de non recevoir, 
welche ihm hätte aus Staatsraison entgegengesetzt werden müssen, 
habe dem Prinzen augenscheinlich das peinliche Gefühl erweckt, daß 
er zu weit gegangen sei. 

„In der englischen FamiHe und ihren nächsten Abzweigungen*' — 
fuhr ich fort — „besteht eine Art Kultus des reinen Familienprinzips, 
und die Königin Viktoria wird als eine Art absoluter Chef aller Glieder 
des Koburgschen Stammes und seiner Abzweigungen angesehn. Es 
hängt dies mit Testamentskodizillen zusammen, welche dem gehorsamen 
Verwandten aus der Ferne gezeigt werden (hier lachte der Zar aus 
ganzem Herzen). Außerdem ist aber die traditionelle englische Politik, 
auf dem Kontinent Zwist und Streit zu stiften und zum Frommen Eng- 
lands die anderen Großmächte zu verhetzen. In diesem Sinne hat im 
vorigen Herbst der Prinz von Wales direkt und durch ihm zur Ver- 
fügung stehende Kanäle unseren jetzigen Kaiser bei Ew. Majestät 
angeschwärzt, um gegenseitiges Mißtrauen zu wecken, und hat die 
Queen 3 Tage vor unserer Abreise an Kaiser Wilhelm geschrieben, 
um ihm von der Fahrt hierher dringend abzuraten. Seine Majestät ist 
dieser ungebetenen Bevormundungen aber satt und hat der Queen so 



* Die nachprüfende Geschichtsforschung wird sich das absprechende Urteil über 
den Prinzen von Wales, späteren König Eduard VII., der im Mai bei der Hoch- 
zeit des Prinzen Heinrich und im Juni bei den Beisetzungsfeierlichkeiten für 
Kaiser Friedrich III. in Berlin weilte, nicht ohne weiteres aneignen können. Die 
Ratschläge des Prinzen zugunsten seines Schwagers, des Herzogs Ernst August 
von Cumberland zu Braunschweig und Lüneburg, haben ihre innere Rechtfertigung 
durch die spätere Wandlung Kaiser Wilhelms II. in Sachen des Weifenfonds, der 
braunschweigischen Thronfolgefrage usw. erfahren. Auch die Äußerungen, die der 
Prinz von Wales unter Berufung auf Ansichten und Absichten des verstorbenen 
Kaisers Friedrich in der Richtung einer Verständigung Deutschlands mit Frank- 
reich in der Elsaß-Lothringischen Frage (Abtretung der französisch-sprachlichen 
Bezirke Lothringens?) in vielleicht nicht eben geschickter Weise in Berlin tat, 
wird man im Lichte der seitherigen Weltgeschehnisse milder beurteilen 
dürfen, als es 1888 am Kaiserlichen Hofe geschah. Kaiser Wilhelm II. hat da- 
mals der Erregung über die Äußerungen seines Oheims scharfen Ausdruck in der 
Rede verliehen, die er am 16. August in Frankfurt a. O. bei Gelegenheit der Ent- 
hüllung des Denkmals für den Prinzen Friedrich Karl hielt, und die mit den 
Worten schloß, ,,daß wir lieber unsre gesamten achtzehn Armeekorps und 
42 Millionen Einwohner auf der Wahlstatt liegen lassen, als daß wir einen einzigen 
Stein von dem, was mein Vater und der Prinz Friedrich Karl errungen haben, 
abtreten". Ob an den angeblichen Absichten Kaiser Friedrichs III., in denen 
Wilhelm II. eine Beschimpfung des Andenkens seines Vaters sehen wollte, etwas 
Wahres gewesen ist, läßt sich aus den Akten des Auswärtigen .\mts nicht ent- 
nehmen. 

331 



klar geantwortet, daß eine Wiederholung derselben wohl kaum statt- 
finden dürfte*'. 

Der Zar hörte dies mit Befriedigung, widersprach auch mit keinem 
Wort meiner Anklage des Prinzen von Wales. (Nachher bestätigte mir 
Großfürst Wladimir ausdrücklich, er wisse bestimmt, daß der Prince of 
Wales gegen unseren Herrn gewirkt habe), pp. 

Als der Zar sich erhob, fragte er mich nach dem Befinden des 
Reichskanzlers und trug mir viele Grüße für denselben auf: Seine Maje- 
stät wiederholte mir die Genugtuung, die er über den gegenwärtigen 
Besuch empfände, und fügte hinzu: „Je connais Votre Empereur depuis 
longtemps, c'est un caractere franc et ouvert, qui m'est extremement 
sympathique, et je suis sür que nous nous entendrons toujours*'. Als 
ich erwiderte, unser Kaiser sei sehr befriedigt über seine Peterhofer 
Eindrücke, bringe dem Zaren volles Vertrauen entgegen und lege Ge- 
wicht darauf, die persönlichen Beziehungen, welche die Basis der 
Entente zwischen den Kaisern von Rußland und Deutschland sei, 
nach den guten alten Traditionen beider Höfe mehr zu kultivieren, als 
das in letzter Zeit geschehen sei, erwiderte der Zar, indem er mir 
freundlich die Hand reichte: „Ihr Kaiser soll nur kommen, sooft er 
mag, mir wird sein Besuch immer sehr angenehm sein: Sie haben ganz 
recht damit, daß Sie die Notwendigkeit des Vertrauens am meisten 
betonen, und daß Sie sagen qu'une entrevue d'une heure entre les 
Souverains vaut plus que cent depeches echangees entre les Gouver- 
nements"*. 

Ich dankte dem Kaiser Alexander dann noch für die gnädige 
Audienz, und derselbe entließ mich mit wiederholtem Händedruck und 
den liebenswürdigsten Abschiedsworten. — Bei dem Diner, welches 
einige Stunden auf den Empfang folgte, trank mir der Zar, wie er es 
schon tags zuvor im Lager getan, ostensibel zu. 

Am nächsten Tage, nach einem Frühstück bei dem Großfürsten 
Wladimir in Krasnoe dankte ich dem Zaren für die mir verliehenen 
Ordensinsignien, „welche mir in Erinnerung an die interessante gestrige 
Audienz ganz besonders wertvoll seien". Derselbe erwiderte darauf 
mit wohlwollendster Intonation: „Comment donc! Cela m'a fait un 
tres-grand plaisir de Vous conferer les diamants comme un souvenir 
de Votre visite et je tiens encore ä Vous dire particulierement combien 
j'ai ete content que Vous ayez pu accompagner l'Empereur Guillaume. 



* Angesichts dieser Äußerungen des Kaisers Alexander III. zu Graf Herbert Bis- 
marck befremdet es doch, daß Fürst Bismarck im Herbst 1889 eine Wiederholung 
des Besuchs Wilhelms II. am Zarenhofe so entschieden widerriet (vgl. Gedanken 
und Erinnerungen Bd. III, S. 49, 144 f.). Hing es etwa damit zusammen, daß dem 
Fürsten Bismarck nach dessen Darstellung (das. S. 83 f.) durch Graf Hatzfeldt 
geheime Berichte aus Petersburg mit ungünstigen angeblichen Äußerungen des 
Zaren über den Kaiser und dessen Besuch im Juli 1888 zugegangen waren? In 
den Akten des Auswärtigen Amtes ist übrigens von jenen geheimen Berichten 
nichts zu finden gewesen. 

332 



J'espere que Vous nous reviendrez, Vous serez toujours le bienvenu ä 
ma cour. Quant ä Votre Empereur je Vous ai deja dit qu'il m'inspire 
la plus grande confiance, et je suis fermement convaincu que nos rap- 
ports resteront toujours les plus intimes. N'oubliez pas de dire mille 
choses ä Votre pere de ma part". Ich verneigte mich und sagte: „Du 
moment que Votre Majeste parle ainsi de nos rapports, ils me paraissent 
etablis ä tout jamais puisque personne en Russie n'osera agir autre- 
ment que Votre Majeste ne le veut". 

Diese Unterredung, welche 8—10 Minuten dauerte und im Park 
vor der gesamten Suite stattfand, hat einen beträchtlichen Eindruck auf 
die Anwesenden gemacht, wie ich direkt und indirekt gehört habe: der 
Kaiser Alexander war mit dem Verlauf des vorangegangenen Exerzie- 
rens besonders zufrieden, seine gute Laune wurde deshalb hervor- 
ragend ersichtlich, und die ganze Art seines Wesens bewies, daß es 
ihm Vergnügen machte, mir dies ostensibel zu erkennen zu geben, pp. 

H, Bismarck 

Nr. 1347 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den Reichskanzler 

Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 

Nr. 189 St Petersburg, den 25. Juli 1888 

Geheim 

Wenn man schon nach der ersten Stunde, welche Seine Majestät 
unser allergnädigster Kaiser und Herr an Bord der „Alexandria'' am 
19. d. Mts. mit dem Kaiser von Rußland und den Großfürsten in heiterer 
VertrauHchkeit zubrachte, mit einiger Sicherheit erwarten durfte, daß 
der Hauptzweck der Reise erreicht werden dürfte, so fand diese Er- 
wartung mit jedem Tage neue Bestätigung. Auf des Zaren offenem 
Gesichte, auf welchem so viele die Instruktion für ihr eigenes Ver- 
halten zu lesen suchen, war deutlich zu erkennen, daß ihm der persön- 
liche Verkehr mit seinem erlauchten Gaste von Stunde zu Stunde 
wenige Verlegenheit, mehr Behagen, endlich wirkliches Vergnügen be- 
reitete. Wenn vielleicht anfänglich eine wenn auch nur geringe Besorg- 
nis bei Seiner Majestät dem Kaiser Alexander vorhanden war, daß poli- 
tische oder militärische Fragen peinlicher Natur gestreift werden könn- 
ten, so schwand diese Sorge bald, und es kam zu einem dem Gemüt des 
Zaren völlig konformen herzlich-fröhlichen Familienzusammensein. 

Auch bei Ihrer Majestät der Kaiserin*, der es viel schwerer als 
dem Gemahle wird, tief-schmerzliche, in früher Jugend empfangene 



* Kaiserin Maria Feodorowna, geborene Prinzessin Dagmar von Dänemark, die 
bekanntlich dem Fürsten Bismarck zeitlebens die Annexion Schleswig-Holsteins 
nachgetragen hat. 

333 



Eindrücke zu verwinden, konnte ich wahrnehmen, daß sie während der 
letzten Besuchstage den Fremden und namentlich dem Herrn Staats- 
sekretär mit zunehmender Freundlichkeit nähertrat, und daß es ihr ge- 
ringere Überwindung kostete als sonst, die Erinnerungen an ihr Vater- 
haus zu verscheuchen ; ich weiß, wie schwer dies der hohen Frau wird ; 
während der drei ersten Jahre ihrer Ehe, wo sie mich so oft im engsten 
Kreise bei ihren Schwiegereltern sah, hat sie jemals weder einen Gruß, 
noch ein Wort an mich gerichtet; später, ihrer Pflichten als Kaiserin 
bewußt, hat Ihre Majestät alle Formen stets gew^issenhaft beobachtet 
und mich dann sogar durch besondere Gnade erfreut; ich glaube durch 
diese Erfahrungen um so eher zu der Versicherung berechtigt zu sein, 
daß die erlauchte Frau durch den kaiserlichen Besuch erfreut worden 
ist und die Verlängerung desselben gern gesehen hat. Ihre Majestät 
hat mir dies wiederholt ausgesprochen mit Wärme und mit der be- 
zaubernden Natürlichkeit, welche jeden Zweifel an der Aufrichtigkeit 
ausschließt, pp. 

Alle Mitglieder des Kaiserlich russischen Hauses, die weiblichen 
wie die männlichen, die älteren wie die jüngeren, überboten sich nicht 
nur in Aufmerksamkeiten für unseren Kaiser und Herrn und allerhöchst- 
dessen erlauchten Bruder*, sondern sie fanden unverkennbares Ver- 
gnügen an diesem Besuche und freuten sich, als derselbe verlängert 
wurde. Wenn man so vielen fürstlichen Entrevuen aller Art beigewohnt 
hat wie ich, sowohl als Adjutant, wie als Diplomat, wenn man so oft 
Zeuge der schlechten Laune beim Erwarten, der Langweile bei den 
Festen, der Freude nach der Abreise war, dann darf man wohl behaup- 
ten, daß so hohe Gäste und Wirte selten so gern zusammen waren 
und so ungern voneinander schieden; die letzte Stunde des Zusammen- 
seins auf der „Hohenzollern" und der Augenblick, in welchem die 
Schaluppe mit der russischen KaiserHchen Familie abstieß, wird allen, 
welche das Glück hatten, dies mitansehen zu dürfen, unvergeßlich 
bleiben. 

Seine Majestät der Kaiser Wilhelm II. ist angenehm überrascht 
gewesen, als er bei einer Fahrt durch die Hauptstraßen St. Peters- 
burgs nicht nur geschmückte Gebäude, sondern eine freudig bewegte, 
stürmisch zujubelnde Menschenmasse sah. 

Mehr als Fünfzigtausend sind in diesen Tagen nach Peterhof und 
nach Kronstadt hinausgezogen ; zuverlässige Beobachter und Kenner 
des russischen Volkes, welche sich mitten unter ihm bei diesen Pilger- 
schaften zu Lande und zu Wasser bewegt haben, versichern mir, daß 
die Freude über den Besuch des deutschen Kaisers und der deutschen 
Flotte eine ganz allgemeine war, „Wir Russen", so sagte mir ein 
Gewährsmann, „sind recht geschmeichelt, daß so mächtige Gäste als 
Freunde zu uns kommen; es tut uns auch wohl, jetzt wieder in an- 
ständiger Gesellschaft zu sein; man schämte sich doch ein wenig jener 

* Prinz Heinrich von Preußen, der an der Kaiserreise nach Rußland teilnahm. 
334 



Bundesgenossen, welche wie Dcroulede, Boulanger und Floquet sich 
streiten, schimpfen und stechen". 

Obgleich mir wohl bekannt ist, wie wenig Wert offizieller Be- 
geisterung in Petersburg beizumessen ist, und was es bedeutet, wenn 
der Polizeipräfekt den „Dvvorniks" sagen läßt „es ist den Einwohnern 
gestattet, ihre Häuser mit Fahnen zu schmücken", so lege ich doch 
einige Bedeutung auf den spontan freudigen Empfang, welchen Seine 
Majestät der Kaiser, allerhöchstdessen Bruder und die Flotte hier ge- 
funden haben ; ich erblicke hierin eine Bestätigung der Ansicht, daß 
man uns weniger haßt als beneidet; diese gemischten Empfindungen 
werden jetzt weniger bitter sein, weil man sich durch den Besuch ge- 
ehrt und geschmeichelt fühlt. 

Die hierdurch geschaffene Situation, das Verhältnis von Hof zu 
Hof und von Volk zu Volk ist meines ehrerbietigen Erachtens vor- 
trefflich; die Linie des Wünschenswerten ist erreicht worden; jeder 
Schritt darüber hinaus im Sinne größerer Intimität würde ebenso 
schädUch sein, wie eine Bewegung rückwärts verderblich werden 
könnte. 

Was nun die Politik im engeren Sinne und die Diplomatie betrifft, 
so enthob mich die Gegenwart des Herrn Staatssekretärs der Pflicht, 
darüber zu sprechen ; aus den Berichten Seiner Exzellenz werden Euere 
Durchlaucht über den Inhalt seiner Unterredungen mit dem Zaren, den 
Großfürsten und dem Minister des Äußeren unterrichtet sein. Vieles 
von demjenigen, was mir Graf Bismarck darüber mitzuteilen die Güte 
hatte, war mir auch von russischer Seite wahrheitsgetreu erzählt wor- 
den; die freundschaftUchen Gesinnungen für Euere Durchlaucht, welche 
Seine Majestät der Kaiser Alexander dem Staatssekretär aussprach, 
die korrekten Ansichten, welche höchstderselbe bei der Audienz am 
22. und mehr noch am 23. in Krasnoe-Selo kundgab, seine besonders 
gnädigen Aufmerksamkeiten für den Grafen Bismarck persönlich und 
die Antworten des letzteren lauteten in der russischen Version empha- 
tischer als in der deutschen. 

Weniger warm ist natürlicherweise das Gespräch gewesen, wel- 
ches der Herr Staatssekretär am 20. mit dem russischen Herrn Minister 
des Äußeren geführt hat*; letzterer gab mir davon ein Resüme: Darnach 
hat Graf Bismarck von den freundschaftlichen Gesinnungen und den 
„bis jetzt noch nicht sehr nahen*' verwandtschaftlichen Beziehungen 
unseres erhabenen Monarchen zum russischen Kaiserhause gesprochen; 
nach Entgegennahme dieser Versicherungen hat Herr von Giers ge- 
sagt, es werde sich doch nicht ganz vermeiden lassen, von Politik zu 
reden; er hat dann über die allgemeine, als ruhig zu bezeichnende 
Situation gesprochen und weiterhin über die bulgarischen Schwierig- 
keiten, ohne irgendeinen bestimmten Wunsch, Vorschlag oder Plan 
zu formulieren; es blieb bei den alten Klagen über die unbehagliche 

* Siehe Nr. 1345. 

335 



Lage, in welche sich Rußland durch die Gegenwart des Prinzen von 
Koburg in Sofia versetzt sieht; die Versicherung, daß es weder selbst 
dort einrücken, noch Minister dorthin schicken oder einen anderen 
Fürsten in Vorschlag bringen wolle, wurde erneuert. Bald nachher ist 
dann Herr von Giers auf das Thema gekommen, welches ihn am meisten 
beschäftigt, nämlich auf die Fortschritte Österreichs in den Balkan- 
staaten und auf die Möglichkeit einer österreichischen Okkupation 
Serbiens, welche zu Komplikationen führen müßte. 

In seiner Erzählung fortfahrend sagte Herr von Giers, Graf 
Bismarck habe von vornherein bestritten, daß man zu der Annahme, 
Österreich werde einen solchen Schritt tun, berechtigt sei ; eine Ver- 
anlassung dazu liege ja nicht vor; grade jetzt habe sich gezeigt, daß 
selbst der eheliche Konflikt mit der Königin Natalie keine Erschütterung 
der Stellung Milans herbeizuführen vermochte und dergleichen mehr. 

Der russische Minister hat, wie er mir sagt, die Angelegenheit der 
serbischen Königin nicht besprochen; er konstatierte bei dieser Ge- 
legenheit der Wahrheit gemäß, daß mir gegenüber der Name derselben 
nie über seine Lippen gekommen sei. 

Herr von Giers hat dem Grafen Bismarck nicht zugestehen wollen, 
daß die Eventualität eines österreichischen Einmarsches in Serbien 
ausgeschlossen sei, und da der Herr Staatssekretär bei seiner Meinung 
bheb, so wurde die Unterhaltung auf hypothetischer Basis fortgesetzt. 

Bei dieser Gelegenheit hat der Graf an Vorgänge aus den sechziger 
Jahren erinnert: Herr Benedetti hat damals gefragt, was Preußen tun 
würde, wenn Frankreich Belgien nehme; Euere Durchlaucht haben ge- 
antwortet, wir würden unser Belgien anderswo suchen; der fran- 
zösische Diplomat glaubte, Holland sei hiermit gemeint, während es 
sich um deutsche Staaten handelte. Herr von Giers schien durch dieses 
Zitat in die Entrüstung beleidigter Unschuld versetzt worden zu sein; 
Rußland brauche kein Belgien, sagte er, und werde ein solches weder 
in Bulgarien noch anderswo suchen; wir hätten uns 1866 in ganz an- 
derer Lage befunden und unser Belgien im Gebiet der eigenen Natio- 
nalität gefunden; Rußland habe Bulgarien befreit, aber nicht, um es 
zu behalten ; es würde vielen erwünscht sein, wenn es hineinmarschiere, 
seine Flanke bloßgebe und seine Kräfte zersplittere, statt sie zur Wah- 
rung der eigenen, rein russischen Interessen zusammenzuhalten. 

Ich bat den russischen Minister, eine historische Reminiszenz nicht 
mit einer Suggestion zu verwechseln; wir seien längst dahin gekommen, 
von Rußland weder etwas zu fordern, noch ihm etwas anzuraten; wir 
wüßten nur zu gut, daß selbst ein ganz uneigennütziger und zweck- 
mäßiger Ratschlag nichts als Mißtrauen erwecken würde; „nous ne 
demandons rien et nous ne suggerons rien", sagte ich. 

Von den weitgehenden, bis an die Meerengen reichenden Gedanken 
ist diesesmal nicht die Rede gewesen; beide Minister haben gesagt, 
sie hofften die Lösung dieser Frage nicht zu erleben; man hat sich des 

336 



Wortes erinnert, welches Herr von Oiers einst auf den Grafen Schu- 
walovv anwandte, „qu'il nous demandait la lune". 

Die Anregung, gewisse Abmachungen teilweise zu veröffentlichen 
oder in übereinstimmenden Kundgebungen verlauten zu lassen, ist als 
eine Schuwalowsche Idee besprochen und fallen gelassen worden. 
Graf Bismarck soll gesagt haben, ihm sei beides recht, geheimhalten 
oder publizieren; Herr von Giers hat die Sache als von zweifelhaftem 
Nutzen oder gar als gefährlich bezeichnet. Ihm fehlt es an Mut, seinem 
Monarchen einen solchen Vorschlag zu machen, und außerdem dürfte 
er es nicht wagen, die Lieblingsillusion der öffentlichen Meinung, das 
Programm der freien Hand, an welchem sich die russischen Politiker 
seit Monaten erfreuen, zu zerstören. 

„Notre conversation terminait en poisson", so schloß Herr von 
Giers. 

Ich bin aber weit davon entfernt, das „desinit in piscem" auf den 
Kaiserbesuch anzuwenden; im Gegenteil, durch denselben ist genau 
dasjenige erreicht worden, was, soviel mir bekannt, angestrebt wurde, 
nämlich persönliche Annäherung und Befestigung gegenseitigen Ver- 
trauens ohne Erweckung von Hoffnungen, deren Erfüllung unmöglich 
sein würde, pp. 

Daß Seine Majestät der Kaiser Alexander den Wunsch ausgedrückt 
hat, einen wirtschaftlichen Ausgleich anzubahnen, scheint mir will- 
kommen, obgleich es gegenwärtig nicht tunlich ist, auf diesen Wunsch 
einzugehen; der Herr Staatssekretär hat dem russischen Minister, wie 
mir dieser erzählte, gesagt, Rußland habe uns bereits allen denjenigen 
Schaden zugefügt, den es uns überhaupt tun könne, indem die Einfuhr 
deutscher Waren auf eine Summe herabgedrückt worden sei, welche 
gegenüber unserer gesteigerten Ausfuhr in fernergelegene Länder 
gar nicht in Betracht komme. Ich glaube aber, bei meiner Ansicht 
bleiben zu dürfen, daß wir noch immer sehr beträchtlichen Absatz in 
Rußland haben, daß sich dieser, wenn ein vollständiger Bruch ver- 
mieden wird, trotz aller unleugbarer Fortschritte der russischen In- 
dustrie bedeutend erhöhen kann und, wenn der Wohlstand in Rußland 
zunehmen sollte, große Proportionen annehmen wird. 

Wenn ich schon oben versichern durfte, daß die „Temperatur" 
während des Zusammenseins der hohen Personen mit jedem Tage eine 
angenehmere wurde, so darf ich zum Schluß auf die Unterhaltung hin- 
weisen, welche der Zar am 23. nach dem Frühstück in Krasnoe-Selo 
mit dem Herrn Staatssekretär geführt hat; die russische, zwar nicht 
genaue, aber wahrscheinlich zur Legende werdende Version ist, Seine 
Majestät der Kaiser Alexander habe gesagt: „Tant que j'existerai je ne 
me brouillerai pas avec l'Allemagne", worauf Graf Bismarck geant- 
wortet haben soll: „Alors les cent millions, qui obeissent ä Votre 
Majeste, se conformeront ä Sa volonte". 

V. Schweinitz 



22 Die Große Politik. 6. Bd. 



337 



Nr. 1348 
Der Botschafter in Wien Prinz Heinrich VII. Reuß an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 359 Wien, den 30. Juli 1888 

Geheim 

Den hohen geheimen Erlaß Nr. 525 vom 27. d. Mts. nebst den Auf- 
zeichnungen Seiner Exzellenz des Herrn Staatssekretärs über die Reise 
Seiner Majestät nach Rußland* habe ich zu erhalten die Ehre gehabt 
und erhaltenem Auftrage gemäß mündlich und vertraulich zur Kenntnis 
des Grafen Kälnoky gebracht. 

Derselbe bat mich, Euerer Durchlaucht seinen verbindlichsten 
Dank für diese hochinteressante Mitteilung auszusprechen, aus der er 
mit großer Befriedigung ersehen könne, wie sich das persönliche Ver- 
hältnis zwischen den beiden Monarchen zu einem guten und intimen 
zu gestalten beginne. Auch er würde sich freuen, wenn diese Be- 
ziehungen gepflegt werden würden, da dies nur der Erhaltung des 
allgemeinen Friedens zugute kommen werde. 

Besonders erfreulich erscheint dem Minister, daß Seine Majestät 
der Kaiser von Rußland, wie Graf Bismarck berichtet, seine Auf- 
merksamkeit mehr, als dies bisher geschehen, auf die Gefahren zu 
lenken scheine, die dem monarchischen Prinzip und den Dynastien vom 
Radikalismus drohen. In Skiernewice sowohl wie in Kremsier hätte 
der Zar diese doch wichtigste Frage immer mit Verächtlichkeit behandelt 
und nicht recht daran geglaubt. Auch das sei erfreulich, daß sich Seine 
Majestät im konservativen Sinn über die Reichstreue der deutschen 
Fürsten geäußert hätte. 

Die Beschreibung der Unterhaltung des Herrn Staatssekretärs mit 
Herrn von Giers entlockte dem Grafen Kälnoky öfters ein Lächeln. 
Er meinte, er sähe den russischen Staatsmann vor sich, wie er seufzt und 
die Augen gen Himmel richtet und damit seine Ohnmacht bekundet. 

Die Art, wie Graf Bismarck über die bulgarische Frage sich 
geäußert, hat den Grafen Kälnoky sehr befriedigt. Aber er findet es 
unbegreiflich, daß der Leiter des Petersburger Kabinetts nicht imstande 
gewesen ist, auch nur einen praktischen Gedanken zur Welt zu 
bringen. Denn die Behauptung, daß mit dem Verschwinden des Prinzen 
von Koburg alles getan sein und die Dinge sich von selbst arrangieren 
würden, grenze doch an Naivität und beweise, daß man in St. Peters- 
burg seit der letzten Demarche, um diesen Prinzen zu entfernen, 
so gut wie gar nicht nachgedacht hätte. 

Das beste sei der Entschluß Rußlands, sich nicht zu rühren, wenn 
auch dadurch die Gefahren der Situation nicht beseitigt, sondern nur 
vertagt würden, 

* Siehe Nr. 1345 und 1346. 
338 



Sehr dankbar ist der Minister für die entschiedene Zurückweisung 
der russischen Idee, daß Österreich in Serbien einzurücken gedenke, 
was ganz mit den Tatsachen übereinstimmte. 

Das alte Lied der Klage über das Umsichgreifen des öster- 
reichischen Einflusses in Bulgarien macht auf den Minister keinen 
großen Eindruck, aber es erheiterte ihn, daß Herr von Burian als ein 
tätiger Agitator angesehen wird, dem Zurückhaltung anzuempfehlen sei. 

Burian sei ein guter, ruhiger und intelligenter Beamter, der durch 
seinen längeren Aufenthalt in dem Lande, dessen Sprache er spricht, 
sich allerdings das Vertrauen der bulgarischen Staatsmänner erworben 
hätte, die gern mit ihm verkehrten und sich, da er unterrichteter und 
erfahrener wie die meisten unter ihnen, wohl auch manchmal seine 
Auffassungen über wirtschaftliche oder innere Regierungsfragen an- 
eignen dürften. Daß er sich aber vordrängte, seinen Einfluß überall 
geltend machen und hiermit das Land regieren wollte, sei eine kühne 
Behauptung. Seit dieser Agent dorthin geschickt ist, hat er noch nicht einen 
poHtischen Auftrag an die dortige Regierung erhalten, mit der er bloß 
in offiziöser Verbindung steht, und amtlich nur für die laufenden Sachen 
mit ihr verkehrt. Prinz Ferdinand ist von Österreich nicht anerkannt, 
dessen Agent hat daher den Befehl, sein Verhalten hiernach zu regeln, pp. 

Graf Kälnoky möchte auch dem Herrn Staatssekretär Grafen von 
Bismarck seinen besonderen Dank dafür ausgesprochen wissen, daß er 
sich die Mühe genommen habe, den Baron von Aehrenthal in so 
freundschaftlicher Weise in die Lage zu setzen, seine Regierung über 
die Peterhofer Vorgänge auf dem laufenden zu erhalten. Seine Majestät 
der Kaiser Franz Joseph habe diese Courtoisie sehr zu würdigen gewußt. 

Schließlich bemerkte der Minister, es würde interessant sein zu 
erfahren, was die Russen den Franzosen über die Peterhofer Entrevue 
gesagt haben dürften. H. VU. P. Reuß 

Nr. 1349 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. in Friedrichsruh, an 
den Botschafter in Wien Prinzen Heinrich VII. Reuß* 

Reinkonzept 
Nr. 538 Friedrichsruh, den 2. August 1888 

Der Besuch Seiner Majestät des Kaisers und Königs in Peters- 
burg ist zufriedenstellend und der Absicht entsprechend verlaufen, in 
der er unternommen wurde. Seine Majestät beabsichtigte, diesen durch 



* Der gleiche Erlaß, der auf den Mitteilungen des bei seiner Rückreise von Peters- 
burg in Friedrichsruh (31. Juli) einkehrenden Kaisers Wilhelm 11. beruht, erging 
auch an die Botschafter in London, Rom und Konstantinopel, sowie an die Preußi- 
schen Gesandten in München, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe und Weimar. 
Das Reinkonzept trägt am Schluß die Bemerkung Kaiser Wilhelms II. 
Einverstanden Wilhelm I. R. Friedrichsruhe l./VIII. 88. 



22« 



33Q 



die Traditionen angezeigten Besuch des verwandten und benachbarten 
Hofes nach eingetretenem Regierungswechsel zu benutzen, um die 
internationalen und nachbarlichen Beziehungen von solchen Mißver- 
ständnissen zu befreien, welche sich durch persönlichen guten Willen 
der Monarchen entfernen lassen, weil sie nicht notwendige und in- 
härierende Ergebnisse der europäischen Situation sind, sondern solche 
Verschlechterung derselben bilden, welche sich bei gutem Willen be- 
seitigen lassen kann. 

Diese Auffassung bedingte von vornherein, daß dieser persönliche 
und freundschaftliche Besuch unsererseits nicht benutzt wurde, um 
politische Wünsche und Bedürfnisse zur Sprache zu bringen oder um 
die Lösung schwieriger Fragen anzuregen. Deutschland hat überdies 
keine direkten Interessen, zu deren Gunsten Seine Majestät der Kaiser 
dem Kaiser Alexander Vorschläge hätte machen können, deren An- 
nahme oder Erwägung dem Petersburger Kabinett zuzumuten wäre. 
Unsere Politik erstrebt die Erhaltung des Friedens, und wir haben 
keine vom status quo abweichende Bedingungen zu stellen, von denen 
wir denselben abhängig machten. Es ist für uns auch keine der in 
Europa schwebenden Fragen bisher eine so brennende, daß wir ein 
Bedürfnis hätten, sie Rußland gegenüber anzuregen. Namentlich ist 
uns die bulgarische Frage an sich gleichgültig, und können wir gegen 
den vertragsmäßigen Standpunkt, welchen Rußland als Basis seiner 
Politik bezeichnet, nichts einwenden. 

Wir konnten nicht mit Sicherheit vorhersehen, ob unser in Vor- 
stehendem gekennzeichneter Standpunkt der Zurückhaltung von jeder 
Initiative auf politischem sowohl wie auf wirtschaftlichem Gebiete bei 
Gelegenheit des kaiserlichen Besuchs auch der des russischen Ka- 
binetts sein, oder ob dasselbe die Gelegenheit benutzen würde, um 
bisher zurückgehaltene Wünsche auszudrücken. Es ist für Seine Majestät 
den Kaiser erfreulich gewesen, daß die vertraulichen Besprechungen 
beider Monarchen von Vorschlägen bestimmter Maßnahmen oder Ver- 
abredungen auch russischerseits gänzlich frei geblieben sind. Seine 
Majestät hat den Eindruck von Petersburg mitgenommen, daß weder 
der Status quo im Orient, noch der Frieden Deutschlands und seiner 
Verbündeten von einer Störung durch russische Angriffe oder Provoka- 
tionen bedroht sei. Seine Majestät hat die Gesinnungen und Ab- 
sichten des Kaisers Alexander in den intimsten Besprechungen als 
friedliebende konstatieren können und namentlich in betreff Bulgariens 
den Eindruck erhalten, daß der Kaiser Alexander die dortige Ent- 
wickelung der Dinge ohne russische Einmischung abwarten und an 
den Bestimmungen des Berliner Vertrages bezüglich dieses Fürsten- 
tums festhalten werde. Seine Majestät der Kaiser hat die Überzeugung 
gewonnen, daß der Frieden, dessen Erhaltung ihm in erster Linie am 
Herzen Hegt, durch Bemühungen zur Herstellung neuer Vorschläge und 
Auskunftsmittel, durch welche die bulgarische Frage ihrer Lösung 

340 



entgegenzuführen versucht werden würde, leichter getrübt, als be- 
festigt werden könnte, und daß solche Vorschläge, wenn sie über- 
haupt gemacht werden sollen, nicht die Aufgabe der deutschen Politik 
sein würden. Das Bestreben, den am Orient näher interessierten 
Mächten gegenüber die Stellung eines Vermittlers durch Ergreifung 
der Initiative zu übernehmen, würde für Deutschland ein undank- 
bares sein, während jeder Antrag von beteiligter Seite bei uns eine 
bereitwillige Prüfung und, wenn er zur Festigung des Friedens ge- 
eignet scheint, eine wohlwollende Befürwortung finden wird. Um der 
schließlichen Verständigung unter den beteiligten Mächten in diesem 
Sinne förderlich sein zu können, empfiehlt es sich für uns, unseren 
Beziehungen zu Rußland dasjenige Maß von Vertrauen zu wahren, 
welches erforderlich ist, um den Glauben an unsere eigene uneigen- 
nützige Friedensliebe solange zu erhalten, als der Frieden nicht durch 
ein aggressives Vorgehen Rußlands gegen uns oder unsere Bundes- 
genossen tatsächlich bedroht wird. Daß wir denselben pflegen, so- 
lange wir können, glauben wir dem deutschen und den befreundeten 
Völkern schuldig zu sein. Wir können dies aber um so besser, je mehr 
wir Rußland davon überzeugen, daß es von uns nichts zu fürchten 
hat, solange es seinerseits sich der Angriffe enthält, gegen deren Even- 
tualität unsere Bündnisse gerichtet sind. Daß wir an letzteren unwandel- 
bar festhalten, davon hat auch der jüngste Besuch Seiner Majestät die 
Überzeugung in Petersburg nur befestigen können, 

Ew. pp. ersuche ich ergebenst, sich nach Maßgabe des Vorstehen- 
den zu dem Herrn Minister des Äußern vertraulich aussprechen oder, 
wenn es Ihnen angezeigt erscheint, Seiner Exzellenz diesen Erlaß vor- 
lesen zu wollen, ohne im letzteren Falle jedoch Abschrift zu lassen. 

V. Bismarck 

Nr. 1350 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. in Friedrichsruh, an 

Kaiser Wilhelm 11. 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen zu Rantzau 

Friedrichsruh, den 19. August 1888 
Auf Euere pp. allerhöchste Randbemerkung zu dem Berichte des 
Grafen Yorck vom 31. v. Mts., betreffend die Verstärkung des Unter- 
offizierstandes der russischen Armee*, wird das Auswärtige Amt Euerer 
pp. die Meldung der Admiralität vorlegen, daß die russischen Schiffe 
im Schwarzen Meer im nächsten Frühjahr fertig sein sollen. Die 

* Zu dem Berichte des Hauptmanns Grafen Yorck vom 31. Juli hatte Kaiser Wil- 
helm 11. bemerkt: „Es wäre von Interesse, zu vergleichen, ob innerhalb des hier 
gegebenen Zeitabschnitts (bis 18Q0) die großen Schiffe im Schwarzen Meer fertig- 
gestellt und seeklar sein werden. Denn, falls es an dem wäre, so würde ein 
Vorstoß auf Stamboul eventuell durch Bulgarien nicht undenkbar sein." 

341 



maritime Vorbereitung wird also mit der des Landheeres für 1890 
koinzidieren. 

Daß die russische Pohtik sich für 1890 auf die Möglichkeit eines 
Vorstoßes gegen Konstantinopel vorbereitet, darf ich aus wiederholten 
vertraulichen Äußerungen hochstehender Russen entnehmen, welche 
bei Gelegenheit der Verhandlungen über unseren jetzt bestehenden 
geheimen Vertrag mit Rußland und anderweit zum Ausdruck kamen. 
Nach den mir gegebenen Symptomen vermute ich aber, daß der Ab- 
lauf von 1890 nur für die Bereitschaft, nicht für die Ausführung maß- 
gebend sein wird. Rußland, wenigstens der Kaiser und seine Re- 
gierung, wollten ursprünglich auf fünf Jahre mit uns abschließen, und der 
Termin von nur drei Jahren ist lediglich durch schlecht berechnete Fi- 
nasserien des Grafen Schuwalow zur Annahme gekommen. Derselbe 
hatte geglaubt, ich würde auf fünf Jahre einen so hohen Wert legen, daß 
er dafür noch besondere, in seiner Instruktion nicht verlangte Kon- 
zessionen von uns würde herausdrücken können, während ich um- 
gekehrt für dieses, mit unseren österreichisch-italienischen Verpflich- 
tungen konkurrierende, und unter gewissen Konstellationen deshalb 
schwierige Verhältnis eine längere Dauer als drei Jahr von Hause aus 
nicht erstrebte; ich wollte lieber die Möglichkeit der Verlängerung 
vorbehalten, bis man besser als damals die Zukunft übersehen konnte. 
Für uns kam es im Frühjahr 1887 in erster Linie darauf an, für den 
Fall eines französischen Angriffs der russischen Neutralität versichert 
zu sein; die Wahrscheinlichkeit, von Frankreich angegriffen zu werden, 
lag uns damals, wo Boulanger sich noch in aufsteigender Bewegung be- 
fand, näher als heut*. 

Ich zweifele nicht an der russischen Absicht, den Vorstoß auf 
Konstantinopel zu machen und nach Fertigstellung der Schwarzen- 
meerflotte, also im Anfang der 1890^'^ Jahre, den Zeitpunkt zur Aktion 
zu wählen, je nachdem die europäische Lage ihn angezeigt erscheinen 
läßt. Meines alleruntertänigsten Dafürhaltens liegt es nicht in der Auf- 
gabe unserer PoUtik, Rußland an der Ausführung seiner Pläne 
auf Konstantinopel zu hindern, sondern dies den anderen Mächten, wenn 
sie es in ihrem Interesse halten, lediglich zu überlassen; unser Inter- 
esse an der Bosporusfrage ist einen so großen Krieg nach zwei Fronten, 
wie der Bruch mit Rußland nach sich ziehn würde, nicht wert; im 
Gegenteil, wenn Rußland sich dort einläßt, mindert sich seine Gefähr- 
lichkeit für uns durch Abziehung von unsrer Grenze und durch 
die herausfordernde Spannung, in die es zu den Mittelmeermächten, 
namentUch zu England und auf die Länge auch zu Frankreich tritt. 
Daß der russische Vorstoß auf Konstantinopel durch Bulgarien mit 
Benutzung des letzteren geschehen würde, möchte ich kaum annehmen, 
glaube vielmehr, daß der Seeweg und der durch Kleinasien vorge- 
zogen werden, und daß man vorher und gleichzeitig versuchen wird, 

* Vgl. Bd.V, Kap. XXXIV, Nr. 10Q3. 
342 



die Pforte zur Annahme eines russischen Vertrages zu bewegen, wel- 
cher dem Sultan seine Besitzungen, den Russen aber die Verfügung 
über Schluß und Öffnung des Bosporus durch Besetzung einer festen 
Position sichert. Ist letzteres geschehen, so wird Rußland im Schwarzen 
Meer gesichert und seine Expansivkraft gegen Persien und Indien 
verwendbar sein. Damit ist dann für England die Unmöglichkeit ge- 
geben, in seiner bisherigen Fiktion einer kühlen Zuschauerrolle zu 
verharren, und wir können abwarten, wie die Konstellation unter den 
übrigen Mächten sich gestaltet, da ein russischer Angriff auf Kon- 
stantinopel an sich noch keinen casus foederis zwischen Österreich 
und uns herstellt. 

Euerer pp. würde ich zu ehrfurchtsvollem Danke verpflichtet sein, 
wenn Allerhöchstdieselben die Gnade haben wollten, dieses Schreiben 
nach genommener Einsicht zu verbrennen; dasselbe berührt Dinge und 
Fragen, die ich in der Regel nicht für nützlich halte, dem Papiere 
anzuvertrauen und anders als mündlich zu verhandeln, solange ihre 
tatsächliche Entwicklung nicht vorHegt. 

v. Bismarck 

Nr. 1351 
Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. in Friedrichsruh, an 

Kaiser Wilhelm II. 

Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen zu Rantzau 

Friedrichsruh, den 20. September 1888 

Bei meinen Unterhaltungen mit dem Grafen Kälnoky, welcher 
mich nach dreitägiger Anwesenheit gestern abend verlassen hat, hat 
sich unsere Übereinstimmung darüber herausgestellt, daß keiner der Be- 
herrscher der drei Donaustaaten seiner Aufgabe leider gewachsen ist. 

Den Prinzen Ferdinand schildert Graf Kälnoky als einen schwäch- 
lichen und wunderlichen Herrn, der aber durch sein großes Selbst- 
vertraun und sein Geld sich in der Stellung halte, an der er klebe, und 
aus der er nicht freiwillig weichen werde. Er sei dabei geizig, aber 
die Tatsache, daß er reich sei, und die Hoffnung auf Geschenke und 
sein fürstliches Zeremoniell geben ihm ein Ansehn, welches der Prinz 
von Battenberg nicht hatte, weil er arm war und die Bulgaren kamerad- 
schafthch behandelte, was bei ihnen nicht angebracht sei. Das Haupt- 
hindernis für das Festwachsen des Prinzen Ferdinand in Bulgarien 
liege nicht in seiner Persönlichkeit, sondern in seinem Katholizismus. 

Der Prinz von Battenberg habe durch seinen Vater den Wunsch 
zu erkennen gegeben, in die österreichische Armee einzutreten, man 
werde darauf aber nicht eingehen, weil man neuen Anlaß zu Irritationen 
des Kaisers von Rußland vermeiden wolle; außerdem würde der Ein- 
schub des Prinzen bei den österreichischen Generälen auf Verstim- 
mungen stoßen; auch der Erzherzog Albrecht sei kein Freund der 

343 



ganzen Battenbergischen Familie und halte insbesondere die alte Für- 
stin von Battenberg für eine gefährliche Intrigantin. 

Von dem König von Rumänien glaubt Graf Kälnoky, und ich teile 
seine Ansicht, daß Seine Majestät die falsche Rechnung mache, den 
Beistand der Bojaren zu erstreben und auf diese zu zählen, während 
dieselben nichts lieber sehn würden als den Umsturz des neuen 
Königtums und die Herstellung der Hospodarenwahl unter russischem 
oder auch türkischem Protektorat. König Karl überschätze die Festigkeit 
seiner Stellung, wie seine großen Güterkäufe im Lande bewiesen, und 
suche die Freundschaft der Aristokratie, anstatt gegen dieselbe und 
gegen Rußland sich die Anhänglichkeit des Bauernstandes zu ge- 
winnen. Die Ungewißheit der Erbfolge und das Fernbleiben des mut- 
maßlichen Erben aus dem Lande und der Armee, der KathoUzismus 
der regierenden Familie im orthodoxen Lande, das alles mache den 
Blick in die Zukunft Rumäniens unsicher. 

Den König Milan schien Graf Kälnoky als einen verlorenen Mann 
anzusehen. Derselbe sei stets nur darauf bedacht, für seinen Thron 
eine mögüchst hohe Abfindungssumme herauszuschlagen, welche 
ihn in die Lage setzen würde, auf den Boulevards von Paris und Wien 
ein vergnügliches Leben zu führen. Der Graf hält die Verwirklichung 
dieses Wunsches nicht unbedingt für eine Gefahr des Friedens. Öster- 
reich habe sich mit der Möglichkeit einer Katastrophe in Serbien 
vertraut machen müssen. Die Familie Karageorgewitsch sei immer gut 
österreichisch gesinnt gewesen, weshalb auch die Russen den Fürsten 
von Montenegro gegen seinen Schwiegersohn* unterstützten und die 
Eifersucht zwischen diesem und dem Schwiegervater förderten. Wer 
aber auch in Serbien regieren würde, so läge doch das Land zu sehr 
in dem Bereiche der österreichischen Machtsphäre, als daß Österreich 
die Beziehungen zu demselben aufgeben könne; dieselben seien ohne 
Gefahr für die österreichischen Serben, welche für das Königreich 
keine Sympathien hätten; die Kroaten, obschon Serben, seien durch 
die Konfession davon getrennt, und die im Banat lebten bisher ohne 
Verkehr und Beziehung mit denen im Königreich, pp. 

Das Verhalten Seiner Majestät des Kaisers von Österreich in betreff 
der Anwesenheit des Prinzen von Wales in Wien** habe ich mit Graf 

* Die älteste Tochter des Fürsten von Montenegro, Prinzessin Zorka Ljubitza, 
war mit dem Fürsten Peter Karageorgewitsch verheiratet. 

** Kaiser Franz Joseph hatte dem Prinzen von Wales, der im September zum Be- 
suche am österreichischen Hofe weilte und hier die Absicht aussprach, auch 
während des bevorstehenden Besuchs Kaiser Wilhelms in Wien und Mürzsteg 
(3.— 10. Oktober) anwesend zu bleiben, durch den englischen Botschafter zu ver- 
stehen gegeben, daß Kaiser Wilhelm nicht wünschen werde, in Wien mit fremden 
Fürstlichkeiten zusammenzutreffen. Bericht des Prinzen Reuß vom 13. September 
1888. Tatsächlich war ein solcher Wunsch weder von Kaiser Wilhelm noch von 
Bismarck zum Ausdruck gebracht worden, obwohl dieser sich nachträglich auf 
den Standpunkt stellte, daß ein ,, demonstratives Miterscheinen" des Prinzen von 
Wales in Wien, das als Spitze gegen Rußland ausgelegt werden könne, nicht er- 

344 



Kälnoky besprochen, der mir sagte, daß dasselbe nicht durch Schritte 
Euerer pp. Botschafters, sondern durch die Eindrücke veranlaßt worden 
wäre, die der Erzherzog Carl Ludwig von Berlin zurückgebracht hätte, 
und daß der Kaiser Franz Joseph ganz aus eigenem Antriebe und ohne 
Einwirkung des Prinzen Reuß dem Prinzen von Wales habe sagen lassen, 
daß er mit Euerer pp. bei dieser Gelegenheit ohne Beteiligung anderer 
fürsthchen Besuche zu verkehren wünschte, und daß die stärkere Form 
der Eröffnung durch den englischen Botschafter notwendig geworden 
wäre, weil der Prinz mildere Andeutungen nicht habe verstehn wollen. 
Ich vermute, daß Seine Königliche Hoheit der Prinz von Wales mit dem 
Verlangen, der Zusammenkunft beider Majestäten beizuwohnen, un- 
eingestanden politische Zwecke verband; entweder den einer antirussi- 
schen Attitüde ä trois, oder den der Information resp. der Möglichkeit, 
als Augen- und Ohrenzeuge über die Begegnung reden zu können. 
Nach Kälnokys Ansicht steckt in Seiner Königlichen Hoheit noch heut 
die Erinnerung an und die Vorliebe für die westmächtliche Freund- 
schaft mit Frankreich, wenn auch nicht mit der Republik. Ich erlaube 
mir, dies anzuführen, damit Euere pp, bei der Begegnung in Wien 
über die Genesis der Vorgänge zwischen dem Kaiser Franz Joseph 
und dem Prinzen von Wales unterrichtet sind. 

Für die russische Seite der Politik war es bezeichnend, daß Graf 
Kälnoky sie garnicht zur Sprache brachte, ebensowenig wie die Zu- 
kunft unserer deutsch-österreichischen geheimen Verträge. Es läßt sich 
daraus entnehmen, daß die Besorgnis vor einem plötzüchen russischen 
Angriffe, trotz der Wahrscheinlichkeit der Vorschiebung von zwei wei- 
teren russischen Divisionen aus dem Innern, in Wien geringer ge- 
worden ist. Über die inneren Zustände des russischen Reiches 
sieht mein österreichischer Kollege schwärzer noch wie ich. Nament- 
lich rechnet man in Wien auf die zunehmende Abwendung der klein- 
russischen Stämme im Süden von den großrussischen Landsleuten und 
von der Politik, wie sie in Moskau und Petersburg gemacht wird. Die 
Rechnung mit der Möglichkeit, daß innere Gefahren und Umwälzungen 
oder die Furcht davor Rußland vom Kriege abhalten werden, scheint 
in Wien mehr in den Vordergrund getreten. Die friedliebende Ge- 
sinnung des Kaisers Alexander persönlich war dem Grafen Kälnoky 
außer Zweifel, und er fürchtete mehr von dem Ungeschick der Peters- 
burger Diplomatie und der Unberechenbarkeit der inneren russischen 
Entwicklung als von einer Friedensstörung, die im Kabinett präme- 
ditiert wäre. 

Ich fand Graf Kälnoky im ganzen weniger besorgt gegen Ruß- 
land, geringschätziger gegen Frankreich und die balkanischen Fürsten 



wünscht wäre. Das Vorkommnis hinterließ, da der Prinz von Wales hartnäcitig 
an der Ansicht festhielt, daß Kaiser Franz Joseph zu seinem Vorgehen von Berlin 
aus veranlaßt sein müsse, eine tiefgehende Verstimmung zwischen ihm und Kaiser 
Wilhelm, deren notdürftige Ausgleichung erst im Frühjahr 1889 gelang. 

345 



und wohlwollender gegen Italien als bei früheren Gelegenheiten; ganz 
fest im Bedürfnis des Zusammenhaltens mit uns und im Vertrauen 
auf diesseitige gleiche Intentionen. v. Bismarck 

Nr. 1352 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 
Herbert von Bismarck, z. Z. in Wien 

Unsignierte Reinschrift 

Wien, den 5. Oktober 1888 

Kaiser Franz Joseph hatte mich aus eigener Initiative auf gestern 
2 Uhr zur Audienz bestellt, nachdem er mich bei den allgemeinen 
offiziellen Anlässen, die zu einer Aussprache keine Gelegenheit boten, 
in besonders herzlicher Weise begrüßt hatte. Der Empfang hatte den 
von dem Monarchen beliebten ganz privaten Charakter und fand in 
seinem Arbeitskabinett ohne jedes Zeremoniell statt. Der Kaiser sprach 
zunächst seine herzliche Freude über unsere hiesige Anwesenheit aus, 
indem er dabei das alte Vertrauen hervorhob, welches er von jeher 
zu unserm Herrn gehabt habe. Demnächst ging Seine Majestät in 
einem kurzen RückbHck auf die im Laufe dieses Jahres stattgehabten 
gewaltigen Veränderungen über und sprach mit Rührung und Innig- 
keit vom Kaiser Wilhelm I., dessen Tradition unser jetziger Kaiser 
sich zu seiner Freude, wenn auch nicht zu seiner Überraschung so 
vollkommen angeeignet hätte, daß die Kontinuität der Beziehungen 
der beiden Kaiserhöfe ihm gesicherter erschiene als je. Über das 
Interregnum des Frühjahrs sprach Kaiser Franz Joseph mit großer 
Offenheit und war in seinem Urteil über dasselbe sichtHch beeinflußt 
durch die neuerlichen Tagebuchveröffentlichungen*. Wenn ich bezüg- 



* Gemeint ist die Veröffentlichung des Tagebuchs Kaiser Friedrichs HI. aus 
dem Kriege 1870/71 im Oktoberheft der „Deutschen Rundschau". Auf den 
Geffcken-Prozeß in der Aktenpublikation einzugehen, liegt kein Anlaß vor. Für 
die Auswärtige Politik von Interesse ist nur ein Schreiben des Fürsten Bismarck 
an den Grafen Herbert Bismarck vom 5. Oktober, das offen auf die grund- 
verschiedene Tendenz der Politik Kaiser Wilhelms I. und Friedrichs III. hinweist. 
„Daß diese — die Politik — bei den ersten deutschen Kaisern eine grund- 
verschiedene war, ist eine Tatsache, deren Verdeckung weder möglich noch 
nützlich ist. Die großen und realen Ergebnisse der Politik Kaiser Wilhelms I. 
werden in ihrem Bestände und in ihrer Nachwirkung Schaden leiden, wenn sie 
in die Übereinstimmung mit den Absichten Kaiser Friedrichs künstlich hinein- 
gedrückt werden sollen. Beide hohen Herren waren in der äußeren wie in der 
inneren Politik grundverschiedener Ansicht. In der äußeren pflegte der Vater 
die russische, der Sohn die englische, in der innern der Vater das erhaltende 
preußische Prinzip, der Sohn den modernen Parlamentarismus ohne selbstregie- 
renden Monarchen und die Freundschaft mit den fortschrittlichen Koryphäen dieser 
Richtung." 

346 



lieh der letzteren mich auch streng an die von Euerer Durchlaucht 
eingehaltene und von Seiner Majestät gebilligte Linie hielt, so war 
dem Kaiser Franz Joseph doch nicht auszureden, daß der Kern des 
Tagebuches durchaus demjenigen entsprach, was man von Kaiser Fried- 
rich hätte erwarten können. Als Resümee kann ich nur anführen, daß 
der hiesige Kaiser ganz analog dem, was der Zar mir in Peterhof 
sagte, sich dahin aussprach, daß der Tod vom 15. Juni nicht nur 
Deutschland, sondern das gesamte monarchische Europa von einem 
schweren Alpdruck befreit habe, und daß das Deutsche Reich dadurch 
einer großen Gefahr entgangen sei: Die Tagebuchveröffentlichungen 
wären allerdings vom Standpunkt des monarchischen Prinzips höchst 
bedauerlich, da die Herunterziehung eines vor kurzem noch regierenden 
Königs* in die schmutzige Arena kritisierender Zeitungsschreiber ein 
schwerer Schade sei; immerhin würde das Ergebnis sehr wider die 
Absicht der Veröffentlicher die Freude über das Avenement unseres 
jetzigen Herrn in ganz Deutschland wesentlich erhöhen. 

Der österreichische Kaiser kam dann auf die Kaiserin Friedrich 
und die englischen Familienbeziehungen zu sprechen. Indem er den 
Charakter der Kaiserin und ihr Tun so beurteilte, wie man es von 
diesem erfahrenen Monarchen nicht anders erwarten konnte, sprach 
er doch die Besorgnis aus, daß die Tätigkeit der Kaiserin Friedrich 
in ihren engeren Zirkeln und in der englischen Familie zu einer Ent- 
fremdung zwischen der englischen und der deutschen Politik führen 
könnte. Ich bestritt dies und bezog mich, um nicht zu lang zu werden 
für meine Beweisgründe, auf eine lange vertrauliche Unterredung, 
welche ich tags zuvor mit Kalnoky über diesen Fall gehabt hatte. 
Der Inhalt dieser Unterredung war kurz der, daß unser Herr die Be- 
deutung des englischen Prestiges im europäischen Schachspiel wohl 
zu würdigen wisse und weit davon entfernt sei, Überhebungen, welche 
sich die englische Königsfamilie zuschulden kommen ließe, auf unsere 
Beziehungen zur englischen Regierung zu übertragen: man müsse 
nicht vergessen, daß in England die Demokratie regiere, deren Organ 
der jeweilige Premierminister mit seinen Kollegen sei: wenn die Köni- 
gin Victoria jetzt einen gewissen Einfluß ausübe, so geschehe dies 
lediglich, weil Lord Salisbury in loyaler Erinnerung an halbvergessene 
alte Torytraditionen der Königin freiwillig einen gewissen Spielraum 
einräume: zu meiner amtlichen engHschen Zeit unter Gladstone sei 
die Königin lediglich als automatische Unterschriftsmaschine behandelt, 
und so würde es nach den nächsten allgemeinen Wahlen in England, 
die das alte Torytum definitiv beseitigen würden, auch wieder werden. 
Das Flittergold des sogenannten englischen Königstums sei une quantite 
negligeable; wenn man dasselbe nicht geradezu direkt beleidige, würde 

* Damit sind die Äußerungen des Tagebuchs über das starke Widerstreben König 
Ludwigs II. von Bayern gegen die Einigung Deutschlands unter der Ägide der 
Hohenzollern gemeint. 

347 



es für die Beziehungen zur englischen Nation in Zukunft vollständig 
einerlei sein, wie man zu dessen Träger stände, pp. 

Nachdem dies abgetan war, sprach ich dem Kaiser von der Peter- 
hofer Entrevue, von dem Vertrauen, welches unser Herr sich in Ruß- 
land von neuem erworben habe, und von Oiers Äußerungen über die 
Balkanstaaten. Der Kaiser ging zunächst auf Bulgarien ein und äußerte 
seine Verwunderung, daß Prinz Ferdinand sich bis jetzt noch gehalten 
habe: er habe an eine so lange Dauer dieser Koburgschen Episode 
nicht geglaubt, könne damit aber schließlich nicht unzufrieden sein, da 
gegenwärtig wenigstens Ruhe und Ordnung in Bulgarien herrsche und 
dies alles sei, was er wünsche. 

Ich sagte, daß wir bezüglich Serbiens und Bulgariens nach wie vor 
an dem alten Rezept der Teilung der Interessensphäre festhielten, wenn 
auch die beiden, uns befreundeten kaiserlichen Regierungen seinerzeit 
davon nichts hätten wissen wollen. Seine Majestät unterbrach mich 
hier lebhaft mit etwas gezwungenem Lachen: „Ich weiß wohl, daß 
dies die Idee Ihres Vaters ist; ich habe mich damit aber nie befreunden 
können und muß sie auch heute von mir weisen." Meine Erwiderung 
lautete: „Es tut mir leid, dies zu hören, um so mehr, als ich noch ganz 
neuerdings habe konstatieren können, daß Graf Schuwalow diese Schei- 
dung der Interessensphären für die glücklichste Idee erklärte, die in 
der balkanstaatlichen Frage noch vorgebracht worden sei. Man brauche 
ja nicht notwendig von einer Trennung der Interessensphäre zu spre- 
chen, sondern könne damit beginnen, daß Österreich und Rußland sich 
einstweilen für eine sphere de desinteressement aussprächen, d. h. daß 
Österreich sich in Bulgarien ebenso desinteressiere, wie Rußland es 
tatsächlich in Serbien tue. Dies verpflichte ja zu nichts und gewähre 
doch immerhin für einige Zeit einen akzeptabeln trockenen Standpunkt 
in dem bulgarischen Sumpf." Der Kaiser erwiderte darauf, daß seine 
Regierung sich tatsächlich in Bulgarien zurückhalte; hätte er dort 
aktiv eingreifen wollen, so würde er wohl in der Lage gewesen 
sein, den österreichischen Einfluß in Bulgarien weit mehr zur Gel- 
tung zu bringen : er verlange aber nichts als von beiden Seiten 
Geschehenlassen gegenüber der autonomen Entwickelung der jetzigen 
Balkanstaaten. 

Als ich hier schwieg, weil weiteres Insistieren mir unfruchtbar er- 
schien, begann der Kaiser, von Rumänien zu sprechen, und äußerte Be- 
sorgnis für die Zukunft des Königs Karl, den er für einen eiteln und 
kurzsichtigen Schwätzer erklärte: wenn König Karl so ungeschickt 
fortwirtschafte wie jetzt und nicht einmal für sichtbare Kontinuität 
der Dynastie sorge, so könne ihm leicht Cusas Schicksal* bereitet wer- 
den: hieraus würde für Österreich eine schwere Verlegenheit er- 
wachsen, denn er könne nicht mit ansehen, daß Rumänien eine russi- 



* Alexander Cusa, Fürst von Rumänien, war bekanntlich 1866 entthront worden. 
348 



sehe Dependenz werde. Der Kaiser sprach sich lobend über das Ver- 
halten unseres Gesandten Bülow* sowie anerkennend über die Fähig- 
keit seines eigenen Vertreters Goluchowski aus, fürchtet aber doch, 
daß die Tätigkeit dieser beiden Herren durch den besserwissenden 
Eigensinn des Königs Karl frustriert werden würde. Ich stellte Seiner 
Majestät anheim, durch den Herzog von Nassau, den Onkel der Köni- 
gin, auf den König Karl einzuwirken, und dieser Gedanke schien dem 
Kaiser zu gefallen. 

Bezüglich Serbiens sagte der Kaiser mit einem Seufzer, er werde 
binnen kurzem den König Milan hier sehen: er wünsche dessen Ver- 
bleiben auf dem Thron, werde ihm aber nicht zureden; auf diesen Herrn, 
dessen Charakter einem weiblichen mehr ähnlich sei wie einem männ- 
lichen, könne nur durch harte Worte eingewirkt werden. 

Als in der Unterhaltung Bulgarien noch einmal berührt wurde, 
sagte ich dem Kaiser, es würde im Interesse der Kräftigung der Stel- 
lung des Zaren gegenüber panslawistischen Hetzern doch erwünscht 
sein, daß eine für Rußland annehmbare Regierung in Bulgarien ent- 
stände, weil dadurch diel russisch-österreichischen Beziehungen wesent- 
lich erleichtert werden würden. Prinz Ferdinand, der ungarische Uni- 
form getragen, in Österreich seine Verwandten habe und von Wien 
gekommen sei, gelte nun einmal in ganz Rußland für einen öster- 
reichischen Emissär, und seine römische Religion mache ihn für den 
Zaren auf die Dauer unannehmbar. Hieran könne der Zar selbst beim 
besten Willen nichts ändern. Die Einwirkung aber, welche die nach- 
drücklichste auf den Zaren sei, setze bei dessen Empfindungen als ortho- 
doxem Cäsaropapst ein und führe demselben unter Pobedonoszews 
berechneter Direktive stets das Schreckbild der überlegenen römischen 
Propaganda unter den orthodoxen Slawen vor Gesicht. Der Kaiser 
meinte, daß hiergegen doch die Zahlen sprächen; nicht einmal in Ru- 
mänien mache die römische Kirche Fortschritte, und es sei ein ver- 
hängnisvoller Irrtum des Papstes, daß dieser auf Bekehrungen unter 
den orthodoxen Slawen rechne: nur unter den Bulgaren seien in letzter 
Zeit wenige, kaum nennenswerte Übertritte erfolgt, pp. 

Nr. 1353 

Der Geschäftsträger in Petersburg Graf von Pourtal^s an den Reichs- 
kanzler Fürsten von Bismarck 

Ausfertigung 
Nr. 229 St. Petersburg, den 9. Oktober 1888 

Wenn auch in den amtlichen hiesigen Kreisen nach wie vor betont 
wird, daß Rußland nicht die geringste Neigung verspüre, aus seiner 



* Der frühere erste Sekretär der Botschaft in Petersburg Bernhard von Bülow 
war seit Mai 1888 Gesandter in Bukarest. 

349 



in der letzten Zeit den Orientangelegenheiten gegenüber beobachteten 
Reserve herauszutreten und insbesondere die bulgarische Frage einer 
Lösung entgegenzuführen, so ist von der letzteren neuerdings in nicht 
amtlichen Kreisen wieder mehr die Rede. Man begegnet öfters der 
Ansicht, daß die Langmut Rußlands bald erschöpft sein werde, daß 
etwas geschehen müsse, um dem in Bulgarien herrschenden Zustande 
der Anarchie ein Ende zu bereiten und um dem sich immer mehr dort 
ausbreitenden österreichischen Einfluß Halt zu gebieten. 

Ich habe in der letzten Zeit wiederholt Gelegenheit gehabt, Ge- 
spräche mit Persönlichkeiten zu führen, welche, wenn auch selbst nicht 
in amtlicher Stellung, so doch mit den leitenden Kreisen in Fühlung 
stehen, und welche sich in obigem Sinne aussprachen. Wenn ich auf 
diese Äußerungen die Frage einwarf, was denn die Pläne Rußlands 
bezüglich Bulgariens seien, blieb man mir entweder die Antwort hier- 
auf schuldig oder bekannte mit bedauerndem Achselzucken, daß man 
eben leider kein Programm hier habe. Beinahe regelmäßig begegnete 
ich bei diesen Gesprächen auch irgendeiner Phrase, aus welcher deutlich 
zu erkennen war, daß man sich hier noch vielfach zu der Erwartung 
berechtigt glaubt, Deutschland werde etwas tun, um Rußland aus 
der Sackgasse, in welcher es sich in der bulgarischen Frage befindet, 
herauszuhelfen. 

Verständige Politiker geben dabei von vornherein zu, daß Rußland 
an der schwierigen Situation, in der es sich jetzt befinde, durch seine 
nach dem letzten türkischen Kriege begangenen Fehler selbst die 
Schuld trage, sie heben jedoch immer wieder hervor, daß Österreich- 
Ungarn durch sein Vordringen auf der Balkanhalbinsel ^ in einer 
Weise aus den Fehlern Rußlands Vorteil ziehe, welche russischerseits 
nicht mehr länger geduldet werden könne. Österreich werde aber nur 
durch das Bündnis mit Deutschland 2 in den Stand gesetzt, diese Vor- 
teile aus der jetzigen Situation zu ziehen ; es wäre daher dringend 
wünschenswert, daß Deutschland, welchem doch an guten Beziehungen 
zu den beiden benachbarten Reichen sichtlich gelegen sei, ein weiteres 
Umsichgreifen des österreichischen Einflusses da, wo er mit dem rus- 
sischen notwendig in Kollision kommen müsse, verhindere. Insbeson- 
dere wird dabei darauf hingewiesen, daß, so sehr dies auch von öster- 
reichischer Seite bestritten werde, Prinz Ferdinand im Grunde in 
Bulgarien nur für die österreichische und katholische Sache arbeite 
und darum auch von Österreich wirksam unterstützt werde. 

Wie Euerer Durchlaucht bekannt ist, hat die „Moskauer Zeitung" 
die Lüge aufgebracht, daß gelegentlich der Peterhofer entrevue von 
dem Herrn Staatssekretär im Auftrage Euerer Durchlaucht hier mit 
bezug auf die Lösung der bulgarischen Frage Zusagen erteilt worden 
seien, von denen sich die deutsche Regierung später wieder losgesagt 
habe. Wenn ich nun auch zugeben will, daß, wie von amtlicher rus- 
sischer Seite versichert wird, diese tendenziöse Erfindung hier in ernste- 

350 



ren Kreisen keinen Glauben findet 3, so ist doch gewiß, daß man hier 
allgemein an die Wirkungen der Peterhofer Zusammenkunft gewisse 
Erwartungen knüpft und der Ansicht ist, daß nach den von Rußland 
gelegentlich dieser Zusammenkunft gegebenen Beweisen friedlicher Ab- 
sichten Deutschland gegenüber die deutsche Politik wohl etwas tun 
könnte, um der russischen einen Dienst zu erweisen* und die guten 
Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland dadurch zu pflegen 5. 
Solche Erwartungen wurden an den Besuch des Grafen Kälnoky in 
Friedrichsruh und werden jetzt noch in erhöhtem Maße an den Besuch 
Seiner Majestät des Kaisers am Wiener Hof geknüpft. 

Ich habe bei solchen Gesprächen wiederholt darauf hinzuweisen 
Gelegenheit gehabt, daß, wenn Rußland etwas unternehmen sollte, 
um seinem Einfluß in Bulgarien Geltung zu verschaffen, Deutschland 
gewiß weit davon entfernt sein werde, einem solchen Vorhaben Hin- 
dernisse in den Weg zu legen, daß es aber eine^ starke Zumutung 
an uns sei, wenn von uns verlangt werde, daß wir die Rolle eines 
Geschäftsführers Rußlands übernehmen sollen, nachdem wir für die 
Übernahme dieser Rolle beim Berliner Kongreß während der letzten 
10 Jahre wiederholt nur Undank geerntet hätten. Auf diese Einwendung 
erfolgt von russischer Seite in der Regel der Hinweis auf die Dienste, 
welche Rußland^ in den Jahren 1866 und 1870 Preußen und Deutsch- 
land geleistet habe, und welche durch die seitdem der russischen Poli- 
tik von Deutschland zuteil gewordene Unterstützung noch keineswegs 
heimgezahlt seien. 

„Laissez nous en tete-ä-tete avec l'Autriche", so lautet dann der 
Refrain, „voilä tout ce que nous demandons^." 

Wenn nun auch Äußerungen der oben angedeuteten Art, welche 
in ungezwungener Konversation getan Werden, von der Art, w^ie man 
sich in amtlichen Kreisen über die gegenwärtige Situation ausspricht, 
wesentlich abweichen, und wenn dieselben auch für die Kenntnis der 
in weiten Kreisen hier herrschenden Ansichten und Wünsche nicht 
wesentHch neues Material beibringen, so habe ich dieselben um so 
mehr verzeichnen zu sollen geglaubt, als ich daraus, sowie aus ver- 
schiedenen anderen Anzeichen darauf schließen möchte, daß man sich 
gegenwärtig viel mit der Möglichkeit des Eintritts irgendwelcher Er- 
eignisse beschäftigt, durch welche die russische Regierung in die Not- 
wendigkeit versetzt werden könnte, in der bulgarischen Frage plötzlich 
von ihrer reservierten Haltung abzugehen^. Als ein solches Anzeichen 
möchte ich eine gewisse Nervosität hervorheben, mit welcher man der 
Eventualität einer plötzlichen Unabhängigkeitserklärung Bulgariens ent- 
gegensieht, und andererseits auf die bulgarische Agitation in Maze- 
donien hinweist, pp. 

Es scheint mir in der Tat nicht ausgeschlossen, daß, wenn nach 
der Reise Seiner Majestät des Kaisers, unseres allergnädigsten Herrn, 

351 



die von den panslawistischen Hetzblättern künstlich verbreitete Ent- 
täuschung dadurch eintritt, daß die an die Besprechungen in Wien und 
Rom* geknüpften Erwartungen lo nicht in Erfüllung gehen, von der 
aktionslustigen Partei neue Versuche gemacht werden, die Regierung 
zu einer aktiven Politik mit Bezug auf die bulgarische und die Balkan- 
frage zu treiben. 

Wenn nun auch alle Aussicht vorhanden ist, daß derartige Ver- 
suche an dem Mangel an Initiative des Zaren scheitern, so ist es immer- 
hin zu bedauern, daß Kaiser Alexander während seiner jetzigen mehr- 
wöchentlichen Reise weder von dem Minister der Auswärtigen An- 
gelegenheiten noch sonst von einem Staatsmann begleitet ist, welcher 
geeignet wäre, Einflüsse der oben angedeuteten Art zu bekämpfen n. 

F. Pourtales 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 
1 Of (einer Vertrag! 

* cf, 1878—79! Fehler in der Politik sind nicht ungeschehn zu machen, wer 
sich den Luxus eines eiteln Narren als Kanzler gestattet, kann sich nicht 
wundern wenn die Folgen eintreten 

3 sie hätte sofort widerlegt werden müssen! 

* !! warum? 

^ die sollte Rußland pflegen! einseitig geht es nicht! 

* sehr 

' doch nur darin bestehend, daß R[ußland] nicht über uns herfiel als andre 
uns angriffen! dasselbe haben wir 1854 ulnd} 1876 den Russen geleistet. Außer- 
dem hat diese platonischen Dienste uns Allexanderl II. geleistet. Al[exanderJ III. 
hat auf Dank noch wenige[r] Titel 

** et apres? 

9 möchte sie doch! 

10 ! 

1* tant mieux 

Nr. 1354 

Der Österreich-ungarische Botschafter in Petersburg Graf Wolkensfein 
an den Österreich-ungarischen Minister des Äußern Grafen Kalnoky 

Abschrift, im Auszug dem Auswärtigen Amt vom Österreich-ungarischen Geschäfts- 
träger in Berlin am 26. Oktober mitgeteilt 

Nr. 570 St. Petersburg, den ]}' ^^^f ^^'l 1888 

29. September 

Bei einer unter Vorsitz des Kaisers Alexander abgehaltenen Kon- 
ferenz, die allerdings schon vor einiger Zeit abgehalten worden sein 
dürfte, hätte der Qeneralstabschef die Ansicht entwickelt, daß eine 
zielbewußte russische Politik auf eine Teilung der Balkanhalbinsel 
mit Österreich-Ungarn niemals eingehen dürfe. Rußland müsse viel- 



* Nach seinem Besuche in Wien hatte Kaiser Wilhelm II. auch dem italienischen 
Hofe einen Besuch (11.— 19. Oktober) abgestattet. 

352 



mehr seinen Einfluß auf die ganze Balkanhalbinsei ausdelinen. General 
Obrutschew bemerkte ausdrücklich zu der Person, der ich diese Mit- 
teilung verdanke, daß Kaiser Alexander seine Übereinstimmung mit 
diesen Anschauungen ausgesprochen hätte. 



Nr. 1355 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Grafen 

Herbert von Bismarck 

Reinschrift 

BerUn, den I.Dezember 1888 

pp. Gestern sah ich den Großfürsten* nur ganz kurze Zeit allein, 
da er mich erst in Gegenwart der Großfürstin empfing. Seine Kaiser- 
liche Hoheit war dabei außerordentlich innig und freundlich, trug mir 
herzliche Grüße für den Herrn Reichskanzler auf, der immer auf ihn 
zählen könne. Er habe stets unbedingtes Vertrauen in die Offenheit und 
Zuverlässigkeit des Fürsten Bismarck gehabt. Seit der letzten Unter- 
redung Ende Juni habe ihn dieser aber einen Blick in sein Herz tun 
lassen und ihn vollkommen bezaubert. 

Darauf erwähnte der Großfürst noch kurz, daß die Presse sich 
wieder mit den russischen Truppenverschiebungen beschäftige; er 
hoffe, die Presse werde sich bald beruhigen, denn es sei dies ja nichts 
Neues. Der Zar habe im Winter dem Botschafter von Schweinitz alles 
genau angekündigt, was bis jetzt geschehen sei, und mehr werde 
nicht geschehen; die russischen Truppenverschiebungen nach Westen 
seien jetzt abgeschlossen. 

Ich bemerkte, daß wir bei den ausgezeichneten Beziehungen unseres 
Kaisers zum Zaren gegenwärtig keine Ursache hätten, uns über den 
russischen Aufmarsch zu alarmieren, etwas anders liege es mit Österreich, 
da nicht zu leugnen sei, daß zwischen Österreich und Rußland Differenz- 
punkte existierten, und man könne es Österreich schließlich nicht übel- 
nehmen, wenn es angesichts der vielen russischen Truppen an seiner 
Grenze etwas kitzlich und unruhig würde. 

Der Großfürst nahm diese Bemerkung gut auf und meinte wieder- 
holt, die russischen Truppenverschiebungen hätten momentan keiner- 
lei schwerwiegende Bedeutung, die Österreicher müßten doch auch 
bedenken, daß die weiten Räume Rußlands eine Mobilmachung sehr 
erschwerten, und der Verlust an Zeit, welcher Rußland bei ausbrechen- 
dem Kriege träfe, müsse, soweit wie tunlich, vorher ausgeglichen 
werden. H. Bismarck 

* Wladimir. 

23 Die Große Politik. 6. Bd. 353 



Nr. 1356 

Der Militärbevollmächtigte in Petersburg Oberst von Villaume 

an Kaiser Wilhelm 11. 

Immediatbericht. Abschrift im Auszug 
Nr. 93 St. Petersburg, den ^^^. 1889 

pp. Der Toast Seiner Majestät des Kaisers auf den Fürsten von Mon- 
tenegro* hat der russischen Presse wieder einmal Gelegenheit ge- 
geben, über die Westmächte herzufallen. Daß dieser Toast ungeteilten 
Beifall in der gesamten russischen Presse gefunden, darf nicht wunder- 
nehmen, denn eine abfällige Kritik würde einfach verboten sein. Die 
,,Nowoje Wremja'' nennt diesen „historischen" Toast einen Herzens- 
schrei, der sich der Brust eines ehrlichen Russen angesichts eines auf- 
richtigen Freundes entrang, während doch sonst dieses ehrliche Herz 
in seinen besten Friedens- und Eintrachtsgefühlen so oft betrogen 
wurde. Oleich darauf aber preist sie aus Anlaß der bevorstehenden 
Heiraten russischer Großfürsten mit orthodoxen Prinzessinnen die festen 
Bande der „Freundschaft und Blutsverwandtschaft", welche Rußland 
mit Griechenland und Dänemark verbinden. Selbstverständlich wird 
dabei der dem russischen Kaiserhause doch ebenso nahe verwandten 
Dynastien, denen die in Gott ruhenden Mütter des jetzigen Kaisers 
Majestät sowie der hochseligen Kaiser Alexander II. und Nikolaus I. 
entsprossen sind, mit keinem Worte Erwähnung getan. 

Ein anderes Blatt sieht in dem Kaiserwort das künftige Geschick 
Rußlands auf der Balkanhalbinsel angedeutet und prophezeit, daß einst 
die Stunde kommen werde, wo dieser einzige wahre Freund Ruß- 
lands seine Freundschaft würde betätigen müssen. 

Der panslawistische „Swjet" bezeichnet den Toast, der wie ein 
Donnerschlag in Europa wirken werde, als eine majestätische und 
einschüchternde Antwort auf die letzten armseligen Intrigen und Ab- 
machungen der falschen Freunde Rußlands, und ein anderes gesinnungs- 
tüchtiges Blatt erkennt in dem Kaiserwort den festen Entschluß des 
erhabenen Herrschers Rußlands, keinerlei Verträge und Bündnisse mit 
anderen Mächten, außer mit Montenegro, einzugehen. 

Diese allgemeine anerkennende Beurteilung der kaiserlichen Worte 
seitens der Presse gibt aber durchaus nicht den wahren Ausdruck 
der öffentlichen Meinung wieder. Noch nie ist mir dieser große Unter- 
schied in der Auffassung so deutlich geworden wie bei dieser Ge- 
legenheit. Unter den zahlreichen Persönlichkeiten aus militärischen, 
Hof- und panslawistischen Kreisen, mit denen ich über diesen Toast 
gesprochen, war auch nicht eine, welche über denselben erfreut oder 

* Der Trinkspruch, den Kaiser Alexander III. am 30. Mai auf den zum Besuche 
am Zarenhofe weilenden Fürsten von Montenegro ausbrachte, hätte nach den 
Mitteilungen der Presse gelautet: „Ich trinke auf die Gesundheit des Fürsten 
von Montenegro, des einzigen aufrichtigen und treuen Freundes Rußlands." 

354 



auch nur von ihm befriedigt gewesen wäre. Selbst diejenigen, welche 
zugaben, daß er die reine Wahrheit enthalte, bezeichneten ihn min- 
destens als inopportun und*,überflüssig. Die einen sehen darin eine Ant- 
wort auf das Liebeswerben der Franzosen, die anderen eine Ablehnung 
der hier immer noch angenommenen Bestrebungen der benachbarten 
Westmächte, Rußland durch neue Verträge die Hände zu binden, und 
noch andere vermuten in ihm den Ausdruck einer gewissen Miß- 
stimmung des Kaisers über den enthusiastischen Empfang, welchen der 
König von Italien in Berlin* gefunden. WahrscheinHcher jedoch ist, 
daß dem Toast eine politische Absicht überhaupt nicht zugrunde ge- 
legen hat, sondern daß er nur der Ausdruck der herzlichen und auf- 
richtigen Freundschaft war, welche der Kaiser schon seit langer Zeit 
für den Fürsten von Montenegro empfindet. Als sich letzterer bei 
der Parade in Peterhof zum ersten Male öffentlich in der neuen russi- 
schen Uniform gezeigt habe und unter dem Eindruck der Freude 
über die kurz vorher vollzogene Verlobung**, sei einfach der Mund 
übergeflossen von dem, dessen das Herz voll war, und eine politische 
Demonstration habe dem Kaiser in diesem Moment sicherlich völlig 
fern gelegen. Für uns bleibt aber von Bedeutung, daß der Kaiser 
sicherhch fest von dem überzeugt ist, was er ausgesprochen hat, und 
glaubt, daß in der Tat Rußland außer dem Fürsten von Montenegro i 
keinen aufrichtigen Freund ^ habe. 

Allgemein bedauert man, daß der Kaiser mit diesen Worten, wenn 
auch unabsichtUch, die Isolierung Rußlands in der internationalen Politik 
offen eingestanden habe, und man benutzt dies, um dem Leiter der 
auswärtigen Politik Vorwürfe zu machen, daß er sich in der ganzen 
weiten Welt keinen anderen Freund zu erwerben verstanden habe, 
als das kleine, selbst auf der Balkanhalbinsel bedeutungslose Monte- 
negro, dessen Einwohnerzahl in der Tat nur der der Stadt Köln gleich- 
kommt. Man fürchtet ferner, daß dieses Eingeständnis aus kaiserlichem 
Munde die Feinde des Friedens stärken und ermutigen könne, und 
daß die anderen Glaubensbrüder auf der Balkanhalbinsel und in Öster- 
reich, sowie die sympathischen Franzosen es übelnehmen könnten, 
daß man sie so ganz vergessen hätte. Endlich wird mir noch aus 
guter Quelle mitgeteilt, daß auch der Fürst von Montenegro selbst 
über diese öffentliche Auszeichnung keineswegs sehr entzückt sein 
soll, weil er nicht, wie sein mächtiger Gönner, auf die Freundschaft 
aller anderen Staaten verzichten könne. (gez.) von Villaume 

Randbemerkungen des Fürsten von Bismarck: 

1 Streber! 

2 wer hat denn einen? 



* Er weilte hier vom 21. bis 26. Mai 1889. 

** Gemeint ist die Verlobung der Prinzessin Militza mit dem Großfürsten Peter 

Nikolajewitsch. 

23» 355 



Nr. 1357 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck, z. Z. in Varzin, an den Bot- 
schafter in London Grafen von Hatzfeldt 

Konzept 

Varzin, den 30. Juni 1889 
[abgegangen am 3. Juli] 

Ew. pp. Bericht Nr. 304 vom 26. d. Mts.* habe ich erhalten. Es 
wundert mich nicht, daß Lord Sahsbury in bezug auf die Möglichkeit 
einer russisch-österreichischen Verständigung Besorgnisse hegt, weil 
er einerseits mit den Stimmungen der österreichischen und ungarischen 
Bevölicerung nicht so vertraut ist, wie wir, und weil die Vorgänge der 
Reichstädter geheimen Konvention, in welcher Österreich gegen die 
Besetzung Bosniens seine Neutralität versprach, einen Präzedenzfall 
bilden, der Lord Salisbury vorschweben mag. Ich halte aber nicht für 
wahrscheinlich, daß diese Vorgänge sich in Wien wiederholen werden. 
Die Neigung, eine Stellung anzunehmen, durch welche Österreich 
von Rußland vollständig abhängig würde, ist in den meisten österreichi- 
schen Landesteilen gar nicht, in einigen slawischen in sehr geringem 
Maße vorhanden. Eine unabhängige Politik Österreichs wird heut 
nur im Bunde mit Deutschland oder England, niemals im Bunde mit 
Rußland möglich bleiben; bei einem unaufrichtigen Separatabkommen 
Österreichs mit Rußland würde sie notwendig verloren gehen und 
der Besorgnis Platz machen, daß Deutschland imstande sein könnte, 
Rußland viel größere Vorteile anzubieten, als Österreich es vermag. 
Unsere ganzen Verstimmungen mit Rußland beruhen nicht auf direkten 
russisch-deutschen Schwierigkeiten, sondern lediglich auf der Tatsache, 
daß wir bereit sind, Österreich gegen russische Vergewaltigungen 
zu schützen, weil der Fortbestand Österreichs, als einer starken und 
unabhängigen Großmacht, für das europäische Gleichgewicht unentbehr- 
lich ist. Unsere daraus hervorgehende Weigerung, Österreich einem 
russischen Angriffe gegenüber im Stiche zu lassen, bildet die alleinige 
Unterlage deutsch-russischer Verstimmungen; kämen sie durch Öster- 
reichs Anschluß an Rußland in Wegfall, so hätten wir es viel leichter 
als Österreich, uns mit Rußland zu einigen. 

Ew. pp. wird aus Ihrer Berliner Tätigkeit her erinnerlich sein, 
daß mir zuerst im Jahre 1876 durch Telegramm des Generals 



* Am 26. Juni hatte Graf Hatzfeldt über ein ausführliches Gespräch mit dem eng- 
lischen Premierminister Lord Salisbury berichtet. In diesem Gespräch zeigte sich 
Salisbury präokkupiert durch den Gedanken an die Möglichkeit einer öster- 
reichisch-russischen Verständigung ä la Reichstadt über die orientalischen An- 
gelegenheiten, und daher geneigt zu einer Politik der Vorsicht und Zurück- 
haltung; jedenfalls wollte er, bevor er aus solcher Reserve heraustrete, erst den 
Ausfall der bevorstehenden französischen Kammerwahlen und deren Rückwirkung 
auf die Orientpolitik der Republik abwarten. 

356 



von Werder von Livadia* aus die kategorische Frage Kaiser Alexan- 
ders II. hier in Varzin zuging, ob wir versprächen, in einem russisch- 
österreichischen Kriege neutral zu bleiben, und daß diese Frage, bei 
Ausbleiben meiner Antwort, telegraphisch in Varzin und dann, nach- 
dem ich auf den amtlichen Weg verwiesen hatte, amtlich durch die 
russische Botschaft in Berlin wiederholt wurde**. Ew. pp. wissen, daß 
der hochselige Kaiser Wilhelm es ablehnte, eine solche Zusage zu 
geben. Nach dieser Ablehnung wandte sich die russische Diplomatie 
direkt nach Wien resp. nach Ofen, und es wurde dort ohne unser 
Wissen die Reichstädter Konvention*** abgeschlossen, von deren Inhalt 
Österreich uns später ohne Zustimmung Rußlands in Kenntnis setzte. 
Daß dieser Abschluß ein politischer Fehler Österreichs war, 
daß es überhaupt nicht im österreichischen Interesse lag, rumänische 
und serbische Königreiche herzustellen, wird heutzutage in Wien kaum 
mehr zweifelhaft sein, und ich halte jede Wahrscheinlichkeit einer 
Wiederholung ähnlicher Vorgänge für ausgeschlossen, weil es an jeder 
Möglichkeit einer für beide Teile annehmbaren Abgrenzung der Inter- 
essen fehlt. Wir haben uns aus Liebe zum Frieden lange Zeit und 
eifrig bemüht, eine Verständigung über eine solche Abgrenzung zwi- 
schen Wien und Petersburg zu Stande zu bringen, nicht für Erwerbun- 
gen, sondern für den von jeder der beiden Großmächte zu übenden 
Einfluß in den ehemals türkischen, jetzt unabhängigen Gebieten. Das 
einzige Ergebnis unserer langjährigen Bemühungen unter der vorigen 
wie unter der jetzigen russischen Regierung ist die Überzeugung ge- 
wesen, daß auf beiden Seiten die Ziele zu hoch gesteckt sind, um 
den von uns erstrebten Ausgleich zu ermöglichen. Diese Ziele beliebig 
abzumindern, liegt auf österreichischer Seite gar nicht in der Hand 
der Regierung, weil ungarischer Ehrgeiz und ungarische Furcht vor 
slawischer Herrschaft ein für die Wiener Diplomatie unter allen Um- 
ständen unbotmäßiges Hindernis bilden. Wenn Österreich die sichere 
Freundschaft oder vielmehr die sichere Protektion Rußlands gewinnen 
wollte, so müßte es sich darauf gefaßt machen, diesem Streben schließ- 
lich seine Rumänen in Siebenbürgen und der Bukowina, und seine 
Serben im Banat und in Kroatien opfern zu müssen, denn die Kroaten 
sind nichts wie katholische Serben; selbst Millionen von Slowaken im 
Innern Ungarns würden noch ein Objekt serbisch-russischer Begehrlich- 



* Vgl. Bd. II, Kap. X, Nr. 237 und 239. 

** Von einer solchen amtlichen Anfrage seitens des russischen Botschafters 
Oubril wissen die Akten nichts; vgl. Bd. II, Kap. X. Vielleicht hat Bismarck den 
Brief des Fürsten Gortschakow vom 2. November 1876 mit seiner indirekten Auf- 
forderung, sich für die russische Neutralität aus den Jahren 1866 und 1870/71 
durch ein gleichartiges Verhalten in der Krise von 1876 zu revanchieren (vgl. 
Bd. II, Nr. 255), im Auge. 

*** Bismarck verwechselt hier die Reichstadter Konvention vom 8. Juli 1876, von 
deren Inhalt Graf Andrässy Bismarck Mitte September in Kenntnis setzte (vgl. 
Bd. II, Nr. 233), mit den Pester Konventionen vom 15. Januar 1877 (Nr. 265, 266). 

357 



keit und orthodoxer Annektierung oder Konvertierung bieten. Keine 
ungarische Regierung würde imstande sein, die Preise zu zahlen, 
für welche allein Rußlands dauernde Protektion sicher zu stellen wäre, 
und die strikte Abhängigkeit von Rußland liegt überhaupt nicht in 
dem Programm irgend eines zur österreichischen Monarchie gehörigen 
Stammes. Die reaktionären Politiker der Habsburgischen Monarchie 
sind ausnahmslos Katholiken von mehr oder weniger großem Fanatis- 
mus: ihnen ist die Herrschaft der griechischen Kirche gefährlicher 
als der Kampf mit dem Protestantismus, weil die griechische Kirche 
Rußlands Macht hinter sich hat, wie das Beispiel der Uniaten zeigt. 
Wirkliche russische Sympathien existieren nur bei einer sehr geringen 
Anzahl tschechischer von Rußland gekaufter Agitatoren, die ohne Ein- 
fluß auf die Gesamtheit bleiben. 

Ich halte demnach die Besorgnisse Lord Salisburys vor der Even- 
tuahtät einer österreichisch-russischen Verständigung für unbegründet, 
und möchte in ihnen einen Schachzug vermuten, durch den Lord 
Salisbury sich der Notwendigkeit überhebt, einzugestehen, entweder 
daß England noch längere Zeit militärisch zu unfertig ist, um aktiv 
in die europäischen Händel eingreifen zu können, oder daß man noch 
immer die Hoffnung nicht aufgegeben hat, daß die Balkankämpfe ohne 
aktive englische Mitwirkung ausgefochten werden können. 

Ich wünsche, daß Ew. pp. den historischen Teil dieser Darlegungen 
Lord Salisbury vertraulich mitteilen, und überlasse Ihnen, aus meinen 
weiteren Konjekturen zu benutzen, was Ihnen nützlich scheint, um 
die Gespenster zu bannen, die den Minister präokkupieren. 

Ihr Gespräch in dieser Richtung bietet Ihnen vielleicht die Ge- 
legenheit vorsichtig zu sondieren, ob Lord Salisbury an die Möglich- 
keit einer Erneuerung der englischen Allianz mit Frankreich in anti- 
russischem Sinne glaubt. Ich würde diesen Glauben für absehbare 
Zeiten als einen Irrtum ansehen. Auch vor 36 Jahren wurde das 
englisch-französische Bündnis doch nur möglich unter der ungewöhn- 
lichen Konstellation, daß ein von Rußland geärgerter französischer 
Kaiser sich an dem Wohlwollen der Königin Viktoria zu einer Stel- 
lung in der monarchischen Welt hinaufarbeiten wollte. Dergleichen 
Konjunkturen wiederholen sich nicht, und ihre damalige Wirkung war 
eine sehr kurze und für England wenig lohnende. Frankreich wird 
immer stärker wie Österreich nach der russischen Seite ;a^ravitieren : 
bei letzterem würde der Gedanke, die Anlehnung an Rußland zu 
suchen, immer nur Symptom eines krankhaften Zustandes sein, da- 
durch erzeugt, daß Österreich auf Englands Beistand und selbst 
Sympathien, auf die es durch die Natur hingewiesen ist, nicht mehr 
rechnen kann. Die Haltung Englands und Palmerstons zur Zeit von 
Radetzki und Haynau hat damals Österreich in die Arme Rußlands 
getrieben, und nur die Wiederholung der Übeln Behandlung des Glad- 
stoneschen Kabinetts und seiner Brutalisierung der alten englischen 

358 



Freunde in Wien und Konstantinopel („hands off' — „unspeakable 
Turk"*) können österreichische Staatsmänner auf den Gedanken 
bringen, beim russischen Gegner Anlehnung zu suchen. Aber so 
lange nicht in England Gladstone oder dessen Geist regiert, glaube ich 
nicht an österreichische Annäherungen an Rußland. 

V. Bismarck 



Nr. 1358 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Botschafter in Rom 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde** 

Konzept 

Nr. 340 Bedin, den 15. Oktober 1889 

[abgegangen am 17. Oktober] 

Der dreitägige Besuch Seiner Majestät des Kaisers von Rußland am 
allerhöchsten Hofe*** ist in jeder Beziehung befriedigend verlaufen. 
Insoweit dies äußerUch in die Erscheinung treten konnte, werden Ew. pp. 
aus der Tagespresse entnommen haben, daß nicht nur jeder Mißton 
ferngebUeben ist, sondern daß der persönliche Verkehr zwischen Seiner 
Majestät und dem Zaren das Gepräge ausgesprochener Herzlichkeit trug. 

Beim Beginn der über eine Stunde dauernden Audienz, welche der 
Kaiser Alexander mir gewährte, konnte ich die Wahrnehmung machen, 
daß dem hohen Herrn Zweifel an der Aufrichtigkeit unsrer Friedens- 
Hebe beigebracht waren, wie ich vermute durch Einflüsterungen nicht 
nur unserer Gegner in Rußland selbst als auch in Kopenhagen, Bei der 
großen Abgeschlossenheit, in welcher der Zar in seinen russischen 
Residenzen zu leben pflegt, bei der Seltenheit und Unregelmäßigkeit der 
Vorträge seines auswärtigen Ministers und bei seiner Voriiebe für den 
schriftUchen Verkehr ist es für seine amtlichen Organe schwer, ihn 
gegenüber vereinzelten und berechneten Einwirkungen von Unberufenen 
immer richtig informiert zu halten. Da der Zar während der letzten 6 
Wochen, die er in Dänemark zubrachte, ohne jeden Zivilbeamten und 
nur von wenigen untergeordneten Persönlichkeiten begleitet war, so ist 
es nicht zu verwundern, daß die unrichtigen Bilder, welche ihm über die 
Ziele unserer Politik von Besuchern und Mitgliedern des dänischen 
Hofes vorgeführt wurden, einen Eindruck auf ihn gemacht hatten. Mit 
um so größerer Befriedigung hat es mich erfüllt, auch dieses iVlal wieder, 
wie schon im November 1887, konstatieren zu können, daß diese Ein- 



* Vgl. Bd. IV, S. 15, Fußnote; S. 33, Fußnote **. 

** Ein gleicher Erlaß erging auch an den Botschafter in London. 

*** Er fand vom 11.— 13. Oktober 1889 statt. Über die lange Unterredung, die 

Fürst Bismarck mit dem Zaren am 11. Oktober hatte, vgl. auch Bismarck-Erinne- 

rungen des Staatsministers Freiherrn Lucius von Bailhausen (1920). S. 504. 

359 



drücke nicht so tief saßen, daß Seine Majestät nicht meine Autklärungen 
mit vollem Vertrauen und sichtlichen Zeichen der Befriedigung ent- 
gegengenommen hätten. 

Seine Majestät brachte zuerst seine Besorgnis zum Ausdruck, daß 
anläßlich des Kaiserbesuches in Osborne und der unmittelbar darauf- 
folgenden Anwesenheit des Kaisers Franz Joseph in Berlin* neue Ab- 
machungen mit antirussischer Spitze zwischen den beteiligten Regierun- 
gen getroffen worden seien, welche bei dem bevorstehenden Zusammen- 
treffen unseres Herrn mit dem Sultan** durch ein Bündnis mit der Türkei 
gekrönt werden sollten und demnächst zu einem aggressiven Vorgehen 
gegen Rußland führen würden. 

In meiner Erwiderung setzte ich auseinander, daß keine enghsche 
Regierung ein Bündnis mit einer andern Großmacht ohne parlamen- 
tarische Sanktion abzuschließen imstande sei: wir hätten viele gemein- 
schaftliche Interessen mit England, unsere traditionellen Beziehungen 
zu dieser Macht schlössen jeden Streit mit ihr aus, es sei mithin von 
vitalem Interesse für Deutschland, daß Englands Machtstellung erhalten 
bliebe. Diese Sachlage wäre eine von selbst gegebene und mache den 
Abschluß eines Bündnisses zwischen England und Deutschland über- 
flüssig. Unsere Beziehungen zu dem verbündeten österreichischen Kai- 
serstaate seien allein aus historischen Gründen engere als wie die mit 
England und durch den dem Zaren bekannten Bündnisvertrag vom Jahre 
1879 zum öffentlichen Ausdruck gebracht; darüber hinaus existiere kein 
Abkommen. Unser Kaiser verfolgte ausschließlich friedliche Ziele, und 
der erwähnte Bündnisvertrag genüge dem Bedürfnis. Im Interesse des 
Gleichgewichtes sei unsre Aufgabe, für Österreichs Großmachtstellung 
in jedem Notfalle einzutreten: aggressive Tendenzen lägen uns aber 
ebenso fern wie dem Kaiser Franz Joseph, und ich sähe nicht die ge- 
ringste Veranlassung, weshalb wir den russischen Nachbar jemals an- 
greifen sollten. 

Der Kaiser Alexander erklärte sich durch meine Mitteilung höchst 
befriedigt und fügte hinzu, daß er seinerseits niemals angreifen werde. 

Bezüglich der bevorstehenden Kaiserreise nach dem Orient sagte 
ich, daß dem Besuch in Konstantinopel nur der Wunsch unserer Maje- 
stäten zugrunde läge, von Athen nicht heimzukehren, ohne Konstanti- 
nopel gesehen zu haben: Deutschland hätte im Schwarzen und im Mittel- 
meer keine politischen Interessen, und es sei mithin ausgeschlossen, daß 
der Besuch unserer Majestäten in Konstantinopel ein politisches Gepräge 
erhalte. Aufnahme der Pforte in die Tripleallianz sei für uns nicht 



* Der Besuch Kaiser Franz Josephs in Berlin fand vom 12.— 15. August, kurz 
nachdem Kaiser Wilhelm von seiner Englandreise (2.-7. August) zurückgekehrt 
war, statt. 

** Im Anschluß an die Feierlichkeiten zur Vermählung der Prinzessin Sophie von 
Preußen mit dem Kronprinzen von Griechenland in Athen (27. Oktober) stattete 
das Deutsche Kaiserpaar auch dem Sultan einen Besuch (2.-6. November) ab. 

360 



möglich; wir könnten dem deutschen Volke nicht die Pflicht aufer- 
legen, für die Zukunft von Bagdad Krieg mit Rußland zu führen. 

Aus der ganzen Haltung des Zaren während der auf meine Audienz 
folgenden Zeit seiner hiesigen Anwesenheit, sowie aus demjenigen, was 
er unserm allerhöchsten Herrn über diese Audienz gesagt, habe ich 
bestätigt gefunden, daß er Berlin in zufriedener Stimmung verlassen und 
sich gern davon überzeugt hat, daß die ihm zugetragenen Verdächtigun- 
gen unserer Politik unehrlichen Motiven entsprangen und nur darauf 
berechnet waren, uns ohne Grund zu brouillieren. 

Ew. pp. sind ermächtigt, sich nach Maßgabe des Vorstehenden 
mündlich und vertraulich zu Herrn Crispi auszusprechen. 

v. Bismarck 



Nr. 1359 

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an den Botschafter in Wien 
Prinzen Heinrich VII. Reuß 

Konzept 
Nr. 538 Berlin, den 15. Oktober 1880 

Ew. pp. erhalten anbei Abschrift eines an die Kaiserlichen Bot- 
schaften in Rom und London gerichteten vertraulichen Erlasses* mit 
der Ermächtigung, den Inhalt desselben Graf Kälnoky gegenüber zu 
verwerten. 

Nachdem der Staatssekretär Graf Bismarck bereits Gelegenheit ge- 
habt hat, sich zu dem heute nach Wien gereisten Grafen Szechenyi über 
meine Audienz beim Kaiser Alexander auszusprechen, wird in der An- 
lage für den Grafen Kälnoky kaum etwas Neues enthalten sein. Da ich 
außerdem nach einer früheren freundlichen Zusage des Grafen Kälnoky 
die Freude haben werde, denselben in Friedrichsruh begrüßen zu kön- 
nen, darf ich mir bis dahin vorbehalten, den Besuch des Zaren mit ihm 
direkt durchzusprechen. 

Für Euer pp. persönliche Information möchte ich noch hinzu- 
fügen, daß der Zar mit einiger Mißstimmung über die neuerlichen öster- 
reichischen Anregungen in der bulgarischen Sache sprach. Ich be- 
merkte dazu, daß das Verhalten Österreichs in den inneren bulgari- 
schen Fragen außerhalb unserer Verabredungen läge, und ich daher 
nicht legitimiert wäre, eine Meinung darüber in Wien zu äußern. Meine 
Stellung zu den Balkanfragen beruhe auf den Verträgen und sei noch 
heut dieselbe, wie ich sie vor Jahr und Tag nicht nur in Wien und 
Petersburg zur Geltung gebracht, sondern auch dem Reichstage gegen- 
über öffentlich dargelegt hätte. Wenn es uns auch nicht gelungen 

* Siehe Nr. 1358. 

361 



sei, unsre Auffassungen bei den beiden Kaisern zur Annahme zu 
bringen, so hielte ich doch im Prinzip daran fest als an der vertrags- 
mäßigen Richtschnur für die deutsche Politik. Die Besorgnis, welche 
der Zar bezüglich der serbischen Verhältnisse äußerte, nämhch daß 
dieselben zu einem Einrücken österreichischer Truppen in das König- 
reich Serbien führen könnten, konnte ich damit entkräften, daß das 
Wiener Kabinett die serbischen Dinge mit Ruhe und Gleichmut be- 
trachte und nicht annehme, daß sie sich in gefährlicher Weise zu- 
spitzen würden. Dem Kaiser Alexander war dies augenscheinlich sehr 
angenehm zu hören, und am Schlüsse unserer Unterredung sagte er 
mir wiederholt „Je suis parfaitement rassure sur tous les points de 
vue parce que Vous venez de me dire." 

V. Bismarck 

Nr. 1360 

Der Konsul in Kiew Raff auf an den Reichskanzler 
Fürsten von Bismarck* 

Ausfertigung 
Nr. O I Kiew, den 3. März 1890 

Euerer Durchlaucht wird bereits anderweit gemeldet worden sein, 
daß im Sommer d. Js. in der Umgegend von Rowno (Gouvernement 

* Es handelt sich hier um den wichtigsten jener berühmt gewordenen Berichte 
des Konsuls Raffauf in Kiew, die bei der raschen Steigerung des Konflikts zwi- 
schen Kaiser und Kanzler im März 1890 eine Rolle gespielt haben. Vgl. darüber 
vor allem Bismarcks eigene Darstellung im dritten Bande der „Gedanken und Er- 
innerungen" (S, 89 ff.). Die Darstellung, die Wilhelm Schüßler, Bismarcks Sturz 
(1922), S. 201 ff. von den Vorgängen gibt, greift, obwohl sie sich bereits auf 
Bismarcks Darstellung stützt, durchgehends fehl. Nach Schüßler hätte Bismarck 
die Berichte dem Kaiser vorenthalten wollen, sei aber, da der Kaiser (durch 
Holstein?) von deren Eingang erfahren, rechtzeitig durch seine Freunde gewarnt 
worden und habe nun, um dem drohenden Sturm vorzubeugen, schnell sechs Be- 
richte, ausschließlich militärischen Inhalts, an den Generalstab gesandt, dem Kaiser 
selbst aber nur diejenigen Berichte vorlegen lassen, „für deren Eindruck auf 
Seine Majestät er die Verantwortung glaubte tragen zu können". Der tatsächliche 
Verlauf nach den Akten, der diese Legende völlig zerstört, ist der folgende: 

Die Sendung aus Kiew, die 20 Berichte enthielt, war von Konsul Raffauf mit 
Begleitschreiben vom 9. März durch den Kanzlerdragoman Rößler von Kiew nach 
Warschau expediert worden. Von Warschau aus wurden sie vom deutschen General- 
konsul Freiherrn von Rechenberg mit Begleitschreiben vom 12. März in sechs Brief- 
paketen durch einen Konsulatssekretär nach Thorn geschickt und dort mit der 
Post „eingeschrieben" an das Auswärtige Amt aufgegeben. Im Auswärtigen 
Amt ist die Sendung laut Journal und Eingangsvermerk am 15. März eingegangen 
und dem Staatssekretär Grafen Herbert von Bismarck vorgelegt worden. Am 
16. März lag sie dem Fürsten Bismarck vor, der fünf Berichte militärischen Inhalts 
für den Kaiser auswählte und mit dem Vermerk „S. M." versah. Noch am 
gleichen Tage, dem 16. März, ließ der Staatssekretär diese ausgewählten Berichte 
dem Kaiser unterbreiten, der sie am 17. März mit Handbillett (Nr. 1361) an den 

362 



Wolhynien) in Gegenwart des russischen Kaisers große Manöver statt- 
finden werden. An diesen Übungen sollen vieri Armeekorps aus dem 
Warschauer, Wilnaer und Kiewer Militärbezirke teilnehmen, darunter 
die in Kiew stehende 33. Infanteriedivision 2. In hohen militärischen 
Kreisen sagt man, daß diese Exerzitien veranstaltet würden „pour 
passer devant^ le nez des Autrichiens." 

In Rowno, Lutzk usw. ist unter dem Militär das Gerücht verbreitet, 
auch der deutsche Kaiser werde im Sommer ganz bestimmt zu den 
dortigen Manövern kommen. In Lutzk bezeichnet man sogar das Haus, 
welches für Seine Majestät zurecht gemacht werde. 

Schon jetzt verlautet hier in Offizierskreisen, daß zum Frühjahr 
bereits starke Schiebungen von Infanterie und Kavallerie nach dem 
wolhynischen Festungsdreieck und weiter nach Podolien hin in Aussicht 
genommen sind, zunächst von Warschau und Wilna aus^. 

Raffauf 

Randbemerkungen Kaiser Wilhelms IL: 

(am Kopf des Schriftstückes): Gen[eral]Stab z[um] Vort[ragI sehr bedenklich! 
Wien sofort m[i]tth[eilenl 

1 6! 

- außerdem 4 Kavallerie-Divisionen und 2 Kosackendivision[en] im Ganzen ISO 
Bat[ail]l[one] und 4 Geschütze. Eine größere Drohung ist noch keinem 
Staate im Frieden von einem anderen geboten worden! 

3 peut etre sur 

* Es ist dies der Anfang des Aufmarsches zum Kriege! Caveant Consules! Da 
der Punkt der oesterreich[ischen] Grenze, an welchem die Konzentration statt- 
findet, der schwächste und am weitesten entfernt liegende ist! Mit einer solchen 
Truppenmacht kann man, überraschend eingefallen, direkt bis Wien ohne auf- 
gehalten zu werden durchstoßen. 



Fürsten Bismarck zurücksandte. Nach Bismarcks Darstellung (a. a. O. S. 88) ge- 
schah dies am 17. morgens. Am gleichen Tage, dem 17. März, antwortete 
Fürst Bismarck auf das Handbillett des Kaisers (Nr. 1362). Die fünf dem Kaiser 
übersandten Berichte, die am 17. März zurückkamen, sind auf Marginalanordnung 
des Kaisers vom Reichskanzler dann am 25./26. März an den Generalstab übersandt 
worden; auch dem Botschafter in Wien Fürsten Reuß wurden am 25. März 
mehrere dieser Berichte zur Mitteilung an Graf Kälnoky zugefertigt. Die übrigen 
15 Stücke der Kiewer Sendung (ein Begleitschreiben und 14 Berichte) sind nach 
Empfang des kaiserlichen Handbilletts von Bismarck sämtlich dem Kaiser vor- 
gelegt worden, der sie am 24. März zurücksandte. Sie betreffen, wie Bismarck 
in seinem Immediatbericht vom 17. März (Nr. 1362) schreibt, nur „Zustände reli- 
giöser und sozialer Natur". Die Gegenstände der Berichterstattung sind die fol- 
genden: 1. und 2. Handhabung des Ukas betr. deutsche Pächter und ausländische 
Kolonisten; 3. Stimmung in Südwestrußland; 4. die neuernannten Gouverneure; 
5. das slawische Komitee; 6. und 7. die Bekämpfung der Stundisten; 8. Unter- 
schleife in der Universität Kiew; 9. die Kiewer Jubelfeier; 10. die deutsche Koloni- 
sation in Südrußland; 11. Zollerhöhung auf landwirtschaftliche Maschinen; 12. ge- 
schäftliche Lage von Südwestrußland; 13. und 14. Nachrichtenbeschaffung und 
Reiseurlaub des Konsuls. 

363 



Nr. 1361 
Kaiser Wilhelm 11. an den Reichskanzler Fürsten von Bismarck* 

Eigenhändiges Handbillett 

Die Berichte lassen auf das klarste erkennen, daß die Russen im 
vollsten strategischen Aufmarsch sind, um zum Kriege zu schreiten. 
Und muß ich es sehr bedauern, daß ich so wenig von den Kiewer Be- 
richten erhalten habe. Sie hätten mich schon längst auf die furchtbar 
drohende Gefahr aufmerksam machen können! Es ist die höchste Zeit, 
die Oesterreicher zu warnen, und Gegenmaßregeln zu treffen. Unter 
solchen Umständen ist natürlich an eine Reise nach Krasnoe meinerseits 
nicht mehr zu denken! 

W. 

Die Berichte sind vorzüglich 

Nr. 1362 
Der Reichskanzler Fürst von Bismarck an Kaiser Wilhelm II. 

Ausfertigung 

Berlin,den 17. März 1890 

Euere Majestät haben mir heute fünf Berichte des Konsuls in Kiew 
mittelst Allerhöchsten Handbilletts wieder zugefertigt, in welchem Euere 
Majestät an erster Stelle auszusprechen geruhen, wie „diese Berichte 
aufs klarste erkennen ließen, daß die Russen in vollstem strategischem 
Aufmarsch seien, um zum Kriege zu schreiten". 

Mit Bezug auf diese Allerhöchste Äußerung gestatte ich mir ehr- 
furchtsvoll die beiliegende Aufzeichnung des Generalfeldmarschalls 
Grafen Moltke vom 30. November 1887 Euerer Majestät zu unterbreiten, 
welche schon damals die Überzeugung aussprach, daß die Russen den 
Aufmarsch der Armee seit dem Beginn des Jahres 1887 ins Werk gesetzt 
hätten**. Trotzdem ist der Frieden nicht nur drei Jahre erhalten, son- 
dern sind die Beziehungen zu Rußland wesentlich gebessert worden. 

Der hochselige Kaiser Wilhelm war zu jener Zeit derselben Über- 
zeugung, welche Euere Majestät mir in den letzten Monaten wiederholt 
auszusprechen die Gnade hatten, daß jener sogenannte Aufmarsch der 
russischen Armee für Deutschland nichts direkt Beunruhigendes hätte. 

Trotzdem wurde die vorliegende Ausarbeitung des Chefs des Gene- 
ralstabes im Dezember 1887 nach Wien mitgeteilt, und ist die Veranlas- 
sung zu den vielfachen und gewichtigen Vorsichtsmaßregeln geworden, 
welche die österreichisch-ungarische Heeresleitung von dem genannten 
Zeitpunkt in umfassendem Maße getroffen hat. Die damals von dem 



* Bereits veröffentlicht u. a. in Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen" Bd. IH, 

S. 88. 

♦* Vgl. Kap. XXXVII: Russisch-Österreichische Kriegsgefahr, Nr. 1163, Fußnote **. 

364 



Militärattache in Wien auf eigene Initiative geübte Einwirkung rief 
beim Kaiser von Rußland eine erhebliche, vielleicht noch heute nicht 
überwundene Verstimmung hervor*. 

Ich gestatte mir nur an diesen Euerer Majestät von früher her be- 
kannten Vorgang alleruntertänigst zu erinnern, um an der Hand des- 
selben von einer neuen militärischen Warnung, wie Euerer Majestät 
Handbillett sie anbefiehlt, ehrfurchtsvoll abzuraten. 

Unsere Beziehungen zu Rußland sind besonders seit dem Oktober- 
besuch des Zaren** und zufolge der Mitteilungen, welche Graf Schuwa- 
low bei seiner heutigen Rückkehr über die Stimmung und die Absichten 
in betreff der zukünftigen Beziehungen zu Rußland gemacht hat, bisher 
so gute und klare, daß sie ein Mißtrauen in höchstdessen Absichten 
nicht rechtfertigen: In Österreich wird man aber über russische mili- 
tärische Maßnahmen sicherere Nachrichten haben, als sie die Infor- 
mationen des Konsuls in Kiew zu geben vermögen. 

Euere Majestät geruhten bisher, meine Überzeugung zu teilen, daß 
russische Truppenschiebungen nach dem Südwesten für uns eher eine 
Erleichterung bedeuten, weil sie anderen Zielen zu dienen bestimmt 
sind als der Aufnahme eines Kampfes mit der deutschen Macht. 

Wenn Euere Majestät das Allerhöchste Bedauern aussprechen, daß 
Allerhöchstdieselben so wenig von den Kiewer Berichten erhalten haben, 
so bemerke ich ehrfurchtsvoll, daß eine Prüfung der Akten ergeben hat, 
daß sämtliche Berichte militärischen Inhalts aus Kiew seit Euerer 
Majestät Thronbesteigung entweder Euerer Majestät direkt unterbreitet 
oder dem Chef des Generalstabes mitgeteilt worden sind, welcher dann 
seinerseits zu ermessen hat, ob der Inhalt wichtig genug ist, um Euerer 
Majestät vorgetragen zu werden. 

Alle Berichte ohne vorhergehende Prüfung durch mich oder durch 
den Generalstab Euerer Majestät direkt zu übersenden, würde an 
Euerer Majestät Zeit und Arbeit einen noch höheren Anspruch als den 
bisherigen stellen, und schon das bisher an Euere Majestät unmit- 
telbar gelangende Material ist so ausgedehnt, daß Alierhöchstdie- 
selben in der Unmöglichkeit sind, die vorgelegten Aktenstücke so recht- 
zeitig, wie die weitere Arbeit erfordert, zurückgelangen zu lassen. Dieser 
Geschäftsgang ist zur Zeit des hochseligen Kaisers Wilhelm stets ein- 
gehalten worden und empfahl sich aus dem Grunde, daß der Chef 
des Generalstabes, welcher allein die militärische Gesamtübersicht hat, 
besser in der Lage war. Euerer Majestät die Vorlagen unter dem 
richtigen Gesichtspunkt zu unterbreiten als das Auswärtige Amt, 

Berichte militärischen Inhalts aus Kiew, welche Euere Majestät 
oder der Chef des Generalstabes nicht erhalten hätten, sind somit nicht 
vorhanden. 



* Vgl. Nr. 1164, 1165. 
** Vgl. Nr, 1358, 



365 



Der Konsul in Kiew hat selten eine sichere Gelegenheit für eine 
vertrauliche Berichterstattung: sie erfolgt in der Regel nur, wenn er 
selbst oder sein Sekretär auf Urlaub gehen oder eigens an unsere 
Grenze reisen. Das Konvolut von Berichten, welches auf letzterem 
Wege hier eingegangen ist, war so umfangreich, daß ich darunter nur 
die Berichte mihtärischen Inhalts — fünf an der Zahl — Euerer Maje- 
stät unterbreitet, die übrigen aber. Zustände religiöser und sozialer 
Natur betreffend, in den Geschäftsgang gegeben habe, um dasjenige 
auszuziehen und zu berichten, was etwa für Euere Majestät von In- 
teresse sein könnte. 

Nach Euerer Majestät Handbillett gestatte ich mir nunmehr AUer- 
höchstdenselben im beiliegenden Kuwert die ganze letzte Expedition aus 
Kiew vorzulegen, welche nicht militärische Dinge behandelt, die zu 
perlustrieren im Auswärtigen Amt bisher nicht die Zeit war, und von 
denen ich nach ihrem Umfange annehmen mußte, daß Euere Majestät 
nicht die Muße finden würden, sie zu lesen. Dieselben betreffen allge- 
meine Stimmungen, die Lage der Kolonisten, den Stundismus und 
Preßerzeugnisse, haben aber nichts zu tun mit dem von Euerer Maje- 
stät erhobenen Vorwurf, 

V, Bismarck 

Nr, 1363 
Der Geschäftsträger in Paris von Schoen an das Auswärtige Amt 

Ausfertigung 
Nr. 83 Paris, den 25. März 1890 

Die außergewöhnlich ernste und mit wenigen Ausnahmen achtungs- 
volle Sprache, mit welcher die französische Presse sich über den Rück- 
tritt des Fürsten von Bismarck* geäußert hat, zeigt, wie tief der Ein- 
druck dieses Ereignisses hier gewesen ist. So sehr auch diese Presse 
seit Jahren bemüht gewesen ist, die deutsche Politik zu verlästern, ihr 
aggressive Pläne anzudichten, in jedem politischen Ereignis die in- 
trigierende Hand des Fürsten von Bismarck zu entdecken und in 
persönlicher Verunglimpfung desselben sich zu erschöpfen, so wenig 
ist sie nun geneigt, den Weggang des deutschen Staatsmannes zu 
bejubeln. Sie ist im Gegenteil nahezu einstimmig darin, das Ereignis 
als ein für Frankreich keineswegs erfreuliches zu bezeichnen, und 
zollt, teils widerstrebend und verdeckt, teils offen und gern der Friedens- 
politik des gewesenen Reichskanzlers eine verspätete Anerkennung, 
Die Zukunft erscheint ihr nunmehr besorgniserregend, die Befürchtung 
liege nahe, daß die deutsche Politik kriegerischen Verwicklungen zu- 
strebe oder zugetrieben werde, daß europäische Fragen sich zu unlös- 
baren Knoten verschlingen könnten, nachdem die kundige Hand des 
Meisters zur Lösung fehle. Dabei ist jedoch anzuerkennen, daß die 

* 20. März 1890. 
366 



französische Presse im ganzen weit weniger, als sie es zu treiben 
liebte, Seiner Majestät dem Kaiser und Könige kriegerische Gelüste 
andichtet, überhaupt der erhabenen Person Seiner Majestät, wenn 
auch noch mit einer gewissen Scheu, eine Beurteilung entgegenbringt, 
welche nicht fern von Bewunderung hegt. Die Sinnesänderung in 
dieser Beziehung ist unzweifelhaft zum größten Teil durch die Er- 
kenntnis der hochherzigen Bestrebungen Seiner Majestät in den Arbeiter- 
fragen herbeigeführt. Nicht wenige öffentliche Stimmen sprechen es 
unverhohlen aus, daß in der Sorge des deutschen Kaisers um fried- 
liche Lösung der weltbedrohenden wirtschaftlichen Fragen eine Gewähr 
des politischen Friedens liege. Staatsmänner wie Foucher de Careil, 
Courcel, Chaudordy, Barthelemy St. Hilaire haben sich in Interviews 
in diesem Sinne ausgesprochen. Der letztgenannte glaubt übrigens 
an eine Annäherung Deutschlands an Rußland, wofür Fürst Bismarck 
ein Hindernis gewesen sei; eine Ansicht, welche auch Ferrys Blatt 
„L'Estafette" vertritt. 

Nahezu sämtliche Blätter jedoch sehen in dem Rücktritt des Fürsten 
von Bismarck eine Schwächung des Dreibundes, Schwierigkeiten und 
Erkaltung der Beziehungen mit Österreich und Italien. Herrn Crispi 
wird ebenfalls baldiger Sturz geweissagt. Man fühlt durch, wie sich 
in diesen Preßstimmen bereits Hoffnungen auf veränderte politische 
Konstellationen regen. 

Wie in der Presse, so hat das Ereignis auch in den leitenden 
politischen Kreisen lebhafte Erregung hervorgebracht. Im Ministerium 
des Äußern hat mehrere Tage hindurch ängstliche Spannung ge- 
herrscht, weil zuverlässige Mitteilungen darüber fehlten, ob etwa Fragen 
der auswärtigen Politik den Rücktritt des Reichskanzlers veranlaßt 
hätten. Sehr beruhigend hat in dieser Beziehung die Kundgebung 
Seiner Majestät gewirkt, daß allerhöchstderselbe fest entschlossen sei, 
die bisher innegehaltene Friedenspolitik fortzusetzen. Indessen sind 
damit nicht alle Befürchtungen beseitigt. Die vorherrschende Ansicht 
ist auch in den Kreisen der Regierung die, daß nunmehr ein Zustand, 
in welchen man sich leidlich eingelebt hatte, vorüber sei, und daß man 
nunmehr vor dem Ungewissen und Unbekannten stehe. Am Quai 
d'Orsay hat man, wie ich wahrzunehmen in der Lage gewesen, die 
Zuversicht, bei Deutschland auch künftighin dem aufrichtigen Wunsch 
friedlichen Nebeneinanderlebens zu begegnen. Dagegen fürchtet man 
von Italien, wenn auch nicht gerade kriegerische Absichten, so doch 
Neigung zu Schikanen, wenn der Nervosität Herrn Crispis nicht mehr 
die Autorität des Fürsten von Bismarck beruhigend gegenübersteht. 

In der Beurteilung der Wahl des nunmehrigen Herrn Reichskanzlers 
ist die öffentliche Meinung in Frankreich sehr zurückhaltend, da General 
von Caprivi wenig bekannt ist. Die Presse liebt es vorläufig, sich aus 
der Verlegenheit mit der Ausführung zu ziehen, daß die Person des 
Reichskanzlers nunmehr weniger in Betracht komme, da Seine Majestät 

367 



der Kaiser mehr wie zuvor der Leiter der deutschen Politik nach innen 
wie nach außen sein werde. Im ganzen aber ist die Aufnahme, welche 
dem Herrn Reichskanzler in der öffentlichen Meinung hier zuteil wird, 
keine unsympathische. Der Umstand, daß Herr von Caprivi Militär 
ist, macht weniger Sorge als zu erwarten gewesen wäre. Selbst 
chauvinistische Blätter meinen, ein Krieger als Reichskanzler sei noch 
kein kriegerischer Reichskanzler. 

V. Schoen 

Nr. 1364 

Der Militärbevollmächtigte in Petersburg Oberst von Villaume 
an Kaiser Wilhelm II. 

Immediatbericht. Abschrift. 

Nr. 1 22 St. Petersburg, den ~ ^^ 1890 

Bei den zahlreichen Besuchen, die ich während meiner Rekonvales- 
zenz empfing, sowie bei den noch zahlreicheren Dankesvisiten, welche 
ich in der letzten Zeit abstatten mußte, brachten meine russischen 
Freunde und Gönner fast ohne Ausnahme sehr bald das Gespräch 
mit mir auf den Rücktritt des Fürsten Bismarck. Derselbe hat, soweit 
ich es feststellen konnte, und abgesehen von den wie immer höchst 
kindischen Folgerungen und Betrachtungen der Presse, hier überall 
einen deprimierenden Eindruck hervorgerufen, der jedoch in seinen 
Wirkungen eine viel gerechtere Würdigung Deutschlands zur Folge 
gehabt hat, als dies bisher der Fall war. 

Von der Freude, der sich bei dieser Nachricht anfangs ein großer 
Teil der russischen Presse hingab, welche das Ausscheiden „dieses 
offenen Feindes Rußlands und des Slawentums" aus dem Amte als ein 
beruhigendes und sogar erfreuliches Symptom ansehen zu müssen 
glaubte, welche für den Dreibund bezw. die Friedensliga schon eine 
Grabschrift verfaßte, und den Zerfall der großen Schöpfung der Jahre 
1870/71 prophezeite — von solchen Hoffnungen und stillen Wünschen 
habe ich in den Kreisen meiner Bekannten nichts gefunden. Es ist 
dies ein neuer Beweis der poHtischen Unreife und der geringen Füh- 
lung der hiesigen Presse mit den maßgebenden Kreisen; sie trifft 
eben nur dann das Richtige, wenn sie von der Regierung ein mot 
d'ordre empfängt; auch diesmal hat sie sich erst nach und nach 
der allgemeinen Stimmung angepaßt. 

Bei den intelligenteren Russen dämmerte es aber viel früher; die 
Anfeindungen und Verdächtigungen, mit denen sie den Fürsten Bis- 
marck seit dem Berliner Kongreß verfolgt hatten, waren plötzlich 
vergessen; man sah es ein, daß man in ihm nicht einen Feind, sondern 
einen Freund Rußlands verloren hatte und beklagte in ihm den Mann, 

368 



der fast drei Jahrzehnte lang die sicherste Bürgschaft guter Beziehungen 
zwischen den beiden benachbarten Reichen gewesen sei und in ge- 
wisser Weise den Frieden zwischen beiden garantiert habe; man war 
zu der Überzeugung gekommen, daß Rußland es eigentUch ihm zu 
verdanken habe, wenn es seit dem letzten Türkenkriege in Ruhe 
und Frieden hätte leben, seine Finanzen verbessern und seine Rüstungen 
vervollständigen können, und so trat an die Stelle der Freude ein auf- 
richtiges Bedauern über sein Scheiden aus dem öffentlichen Wirken. 

Wie weit dies Bedauern geht, beweist unter anderem die Äuße- 
rung, welche ein hochgestellter Beamter mir gegenüber tat, der seine 
Regierung direkt anklagte, diese goldene Zeit nicht genügend aus- 
genutzt zu haben, „Mit Bismarck als Reichskanzler", meinte er, „würde 
eine Verständigung zwischen Rußland und Deutschland ohne Öster- 
reich^ mögüch gewesen sein, und damit hätten wir freie Hand im 
Orient gehabt." 

Nun fehlt den Russen plötzlich in ihren Zukunftsberechnungen 
dieser sichere Faktor; an seine Stelle ist „das Ungewisse, Geheimnisvolle 
der neuen Ära", wie sie es nennen, getreten, und dieses Dunkel der 
Zukunft erzeugt bei ihnen ein großes Unbehagen; das Selbstvertrauen 
und die bisherige Überzeugung, die Geschicke Europas zu lenken, sind 
geschwunden. Mit einer gewissen Bangigkeit sehen sie den von ihnen 
mit Gewißheit infolge des Rücktritts des Fürsten Bismarck erwarteten 
großen allgemeinen Umwälzungen und durchgreifenden Veränderungen 
entgegen und ergehen sich in hypothetischen Betrachtungen über die 
Richtungen, in denen sich dieselben bewegen könnten, besonders aber 
über die zukünftige auswärtige Politik Deutschlands. Bei dieser Ge- 
legenheit werden die nach dem Hinscheiden des hochseligen Kaisers, 
Wilhelm I., Majestät, hier eifrig kolportierten und ziemlich allgemein 
geglaubten Gerüchte über Ew. Majestät russenfeindliche Gesinnung 
und kriegerische Absichten wieder aufgewärmt und sogar eine Be- 
stätigung derselben in der Ernennung eines Militärs zum Reichskanzler 
erbUckt, der selbstverständlich ebenfalls sofort ohne jeden Grund zu 
einem Feinde Rußlands gestempelt worden ist^. 

Die zahlreichen, von mir immer wieder angeführten Beweise, 
welche seitdem Ew. Majestät festen Willen bekundet haben, an der 
alten Tradition festzuhalten und mit Rußland in Frieden und Freund- 
schaft zu leben, scheinen den Russen nichts mehr zu gelten, seitdem 
derjenige Mann aus dem Amte geschieden, welcher ihnen plötzlich 
als der einzige Träger und Hort der traditionellen guten Beziehungen 
zwischen den beiden Reichen erscheint. Bei den Russen regt sich das 
böse Gewissen 3 und sie haben das unbehagliche Gefühl, daß der 
Kaiser von Deutschland, welcher einen so erprobten und erfahrenen 
Ratgeber von sich lassen konnte, auch unter Umständen nicht davor 
zurückschrecken würde, dem alten Verbündeten den Laufpaß zu geben, 
wenn dieser Deutschlands aufrichtiges und so oft bewiesenes Bestreben, 

24 Die Große Politik. 6. Bd. 369 



mit ihm gute Nachbarschaft zu halten, nicht durch ein gleiches Ent- 
gegenkommen beantworten sollte. Dieser Befürchtung gab z. B. auch 
Seine Kaiserliche Hoheit der Großfürst Michael Nikolajewitsch mir 
gegenüber Ausdruck. „Wer bürgt uns jetzt dafür", sagte mir ferner 
ein alter, uns wohlgesinnter General, „daß Ihr hoher Herr, der ohne 
einen Bismarck zu regieren den Mut hat, nicht auch einmal ohne Ruß- 
land fertig zu werden versuchen will."* Ich erwiderte beiden darauf, 
daß wir zu unserem Bedauern ja schon seit dem Berliner Kongreß in- 
folge der Haltung Rußlands mit dieser Möglichkeit zu rechnen ge- 
zwungen wären. Trotzdem würde aber Deutschland auch ferner, ob 
mit oder ohne Bismarck fest an dem alten Bündnis halten und dem 
heiligen Vermächtnis seines unvergeßlichen Kaisers, Wilhelm I., treu 
bleiben, solange Rußland den gleichen Wert auf die Erhaltung dieser 
Freundschaft legte, und weder den chauvinistischen Revancheideen 
unserer westlichen Nachbarn Vorschub leistete, noch sich den pan- 
slawistischen Fanatikern auslieferte, welche im Innern und im Auslande 
wühlten und zum Deutschenhaß sowie zum Kriege aufreizten. 

Gerade in militärischen Kreisen scheint mir dieses Gefühl des Unbe- 
hagens und der Ungewißheit wegen der Zukunft besonders entwickelt 
und durch die Ernennung des Generals von Caprivi, „eines Militärs 
von großem Ruf", wie man hier sagt, zum Reichskanzler, noch ver- 
mehrt zu sein. Die bisherige sichere Aussicht auf Erhaltung des Frie- 
dens (nämlich solange wie es Rußland genehm war)^ ist von neuem 
der Besorgnis gewichen, die sich schon bei Ew. Majestät Regierungs- 
antritt bemerklich machte, daß Deutschland bei etwaigen Herausfor- 
derungen oder feindseligem Verhalten seines westlichen oder östlichen 
Nachbars jetzt eine größere den Frieden bedrohende Empfindlichkeit 
zeigen könnte als bisher, und Rußland dann vielleicht weder seine 
Rüstungen noch die mindestens noch drei Jahre in Anspruch nehmende 
Umbewaffnung seiner Infanterie zu Ende führen könnte. Es sollte 
mich nicht wundern, wenn der allen Kreisen gemeinsame und jetzt 
besonders rege Wunsch nach Aufrechterhaltung des Friedens selbst 
mit dem Opfer eines engeren Anschlusses an Deutschland, auch in 
dem offiziellen Verkehr zwischen den beiden Reichen, von hier aus 
zum Ausdruck gelangte. Hat doch der Kaiser bereits in der Euerer 
Majestät Botschafter gewährten letzten Audienz mehr wie je zuvor 
die Vorteile eines festen Zusammenhaltens beider Reiche betont; schreibt 
doch der „Grashdanin", das sogenannte Hofjournal, ebenfalls: „Jetzt 
ist es jedenfalls leichter als unter Bismarck, geregelte Beziehungen zu 
Deutschland herzustellen, die den historischen Traditionen und den 
gegenseitigen Interessen der beiden Nachbarreiche entsprechen 
würden" 6^ 

Auch anderen Zeitungen scheint in neuester Zeit die Erhaltung 
der guten Beziehungen mit Deutschland wieder wertvoll geworden 
zu sein; die eine läßt den Rücktritt des Fürsten Bismarck „um Ruß- 

370 



lands willen" erfolgt sein, die andere führt aus, daß, nachdem „das 
Deutschland Bismarcks, welches eine gegen Rußland gerichtete feind- 
selige Macht gewesen", verschwunden sei, Rußland dem neuen Deutsch- 
land gegenüber keinen Grund mehr zu dem bisherigen Mißtrauen habe. 

Jedenfalls macht sich schon jetzt eine merkliche Abnahme des 
Dünkels, der bisherigen Überhebung und des hochmütigen Gefühls 
der Sicherheit, welches man in den letzten Jahren zur Schau trug, 
geltend, und man rechnet wieder mehr mit Deutschland. Die so sehr 
gerühmte „nationale Politik der freien Hand", das Ungebundensein 
Rußlands, erscheint nun plötzlich als eine nicht unbedenkliche Iso- 
lierung^, und man hört und liest nicht mehr, daß der Zar die Geschicke 
Europas in seiner Hand halte. Dieses Gefühl der Vereinsamung ist 
noch verstärkt worden durch die Ausschließung Rußlands von der Ar- 
beiterkonferenz*, durch die hier sehr bemerkte gnädige Aufnahme, welche 
Euere Majestät den französischen Delegierten huldreichst zuteil werden 
ließen, ferner durch die Anerkennung, welche die besseren französi- 
schen Zeitungen Euerer Majestät Initiative in dieser wichtigen Frage 
gezollt haben, und endlich auch durch den Besuch des Prinzen von 
Wales in Berlin**. 

Die Art und Weise, wie man mir gegenüber dieser Ereignisse Er- 
wähnung tut, zeigt ebensoviel Mißtrauen gegen uns, wie gegen Frank- 
reich und England. Am meisten ist man jedoch durch die den Russen 
jetzt näher als sonst gerückt scheinende Möglichkeit beunruhigt, daß 
Deutschland sich mit Frankreich auf einen besseren Fuß stellen ^ und 
auf diese Weise Rußland völlig isolieren könnte. Hält es doch der 
„Swjet", eines der Organe der panslawistischen Partei, bereits für 
nötig, die Franzosen eindringlich zu ermahnen, „den Versuchungen 
von Berlin aus zu widerstehen, sowie die Ehre und nationale Würde 
Frankreichs zu wahren". 

Einen Trost und eine gewisse Beruhigung in dieser pessimisti- 
schen Auffassung findet man nur in der von Euerer Majestät noch 
jüngst in dem allergnädigsten Erlaß an den Fürsten Bismarck von 
neuem betonten Willensmeinung, an der bisherigen „weisen und tat- 
kräftigen Friedenspolitik festzuhalten"*** und hofft außerdem, daß die 



* Daß an Rußland keine Einladung zu der seit dem 15. März in Berlin tagenden 
internationalen Arbeiterschutzlconferenz ergangen war, erklärt sich daraus, daß 
von vornherein nur die Teilnahme der „hauptsächlicheren Industriestaaten" vor- 
gesehen war. 

** Er war zum Zweck der Teilnahme an einem Kapitel des Schwarzen Adlerordens, 
auf dem die Investitur seines Sohnes, des Prinzen Georg, des jetzigen Königs 
Georg V.. stattfinden sollte, am 21. März in Berlin eingetroffen. 
*** In dem Kaiserlichen Erlaß vom 20. März, mit dem dem Fürsten Bismarck der 
Abschied erteilt wurde, hieß es u. a. : „Auch im Auslande wird Ihrer weisen und 
tatkräftigen Friedenspolitik, die ich auch künftig aus voller Oberzeugung zur 
Richtschnur meines Handelns zu machen entschlossen bin, allezeit mit ruhmvoller 
Anerkennung gedacht werden." 

24» 371 



Durchführung der Maßregeln zum Wohle des Arbeiterstandes Euere 
Majestät noch für lange Zeit fast ausschließlich in Anspruch nehmen 
und von der äußeren Politik abziehen würden. 

(gez.) von Villaume 

Randbemerkungen Kaiser Wilhelms II. (in Abschrift): 

1 Aufrichtig aber nicht schmeichelhaft 

2 das böse Gewissen diktirt diesen Unsinn den Russen! 

3 s[iehe] o[ben] 

* es soll mir im Dreibund stets willkommen sein, aber dann auch ehrlich einge- 
stehen, was es will und nicht Unmögliches verlangen! 

5 ja eben ! 

* Ei! Mein Fürst Meschtscherski vor 8 Tagen lauteten Ihre Artikel anders! 
' sehr gesund! 

8 soweit es mit Anstand möglich, allerdings! 



Nr. 1365 

Der Botschafter in Petersburg von Schweinitz an den 
Reichskanzler von Caprivi 

Ausfertigung 

Nr. 131 St. Petersburg, den 28. April 1890 

Ganz vertraulich 

Da jetzt ein voller Monat vergangen ist, seit sich in Berlin der 
Kanzierwechsel vollzog, so erscheint es zulässig, die Wirkungen zu 
beurteilen, welche dieses Ereignis in St. Petersburg bis jetzt hervor- 
gebracht hat; der erste Eindruck desselben war, wenn ich nicht irre, 
im allgemeinen an der Peripherie stärker als im Zentrum; das Er- 
staunen fand in New-York, Paris, Rom, Wien und St. Petersburg lau- 
teren Ausdruck als in BerUn; so wie der Blitz das, was er zerstört, 
noch hell beleuchtet i, so brachte der Abgang des Fürsten Bismarck 
den russischen Politikern plötzlich vor Augen, was sie mit ihm und 
durch ihn hätten erreichen können. Nicht bloß an leitender Stelle, son- 
dern auch in weiteren einflußreichen Kreisen war es bekannt, daß der 
Fürst nichts dagegen einzuwenden gehabt haben würde, wenn Ruß- 
land den Arm nach dem „Schlüssel seines Hauses" ausgestreckt 
hättet; aber sie trauten ihm nicht, und es fehlte ihnen auch an ernstem 
Willen und an Mut zu dem kühnen Griff. Jetzt nun wurde ihnen mit 
einem Male deutlich, nicht bloß, daß sie den Anschluß versäumt haben, 
sondern auch, daß die Macht nicht mehr in den Händen des Mannes 
ruht, welcher niemals zugegeben haben würde, daß Deutschland ohne 
zwingende Notwendigkeit einen Angriffskrieg gegen Rußland unter- 
nehme. 

Die moderne Geschichtsschreibung, von Busch und Poschinger 
bis zu Sybel, ist so umfassend und indiskret gewesen, daß auch den 

372 



Russell die ganze Laufbahn unseres großen Staatsmannes in ihrem 
Zusammenhange mit Rußland verständlich geworden ist und zwar von 
ihrem Beginne an: Herrn von Bismarcks Verkehr mit dem russischen 
Gesandten Baron Budberg vor Olmütz, seine Tätigkeit in Frankfurt 
während des Krimkrieges, sein ebenso geniales \jie gewagtes Ein- 
greifen in den polnischen Aufstand und so fort bis zu dem rücksichts- 
losen, fast grausamen Auftreten gegen den Prinzen Alexander von 
Battenberg. Einsichtige Russen haben hieraus den übrigens von selbst 
sich ergebenden Schluß gezogen, daß Fürst Bismarck, der die großen 
nationalen Taten von 1864, 1866 und 1870 nur in der Voraussetzung, 
daß Rußland ruhig bleiben würde, unternehmen und durchführen 
konnte, bei der Überzeugung verharrte, die Freundschaft der Zaren 
sei für das Bestehen seines Werkes ebenso vorteilhaft, wie sie für das 
Entstehen desselben notwendig gewesen war. 

Das neue deutsche Reich hat viele Gegner, deren einige sich 
unter gewissen, allerdings für sie selbst verhängnisvollen Folgen mit 
Rußland gegen uns verbinden könnten, es hat aber auch gefährliche 
Widersacher, welche gleichzeitig unversöhnliche Feinde Rußlands sind; 
diese gemeinsamen Gegner wohnen im Vatikan und an der tausend 
Kilometer langen russisch-preußischen Grenze. 

Durch die zwar nie ausgeführte, aber erfolgreiche sogenannte 
Alvenslebensche Konvention vom Jahre 1863* hat Herr von Bismarck 
bei Beginn seiner Ministerschaft bewiesen, wie er über die gegen- 
seitigen Beziehungen der beiden akatholischen Teilungsmächte denkt 
und bis zum Schlüsse ist er dieser Auffassung treu geblieben; er hat 
sie, leider mit großer Härte, durch die Massenausweisungen der rus- 
sischen und galizischen Polen aus unseren östlichen Provinzen noch 
in den letztvergangenen Jahren betätigt. 

Durch diese und noch manche andere vom Fürsten Bismarck 
gegebenen Proben seiner entschiedenen Abneigung gegen einen deutsch- 
russischen Krieg war man hier, in neuester Zeit, in ein Sicherheits- 
gefühl eingewiegt worden, aus welchem man jetzt ziemlich unsanft 
aufgeweckt worden ist; man sieht sich plötzlich, isoliert in Europa, 
einer neuen, nicht minder starken, aber weniger berechenbaren, da- 
gegen jeden Augenblick schlagbereiten Kraft gegenüber; hierdurch ist 
eine recht heilsame Furcht erzeugt worden, was nur nützlich wirken 
kann, solange als kein Mißtrauen hinzutritt; Furcht ist wohl vereinbar 
mit Vertrauen, ohne dieses muß sie früher oder später dahin führen, 
daß man Sicherheit bei anderen sucht. Um den Effekt zu verstehen, 
welchen die Kunde vom Sturze des Fürsten Bismarck Mitte März 1890 
im Anitschkow-Palais hei-vorgebracht hat, muß man sich die Frage 

* Gemeint ist die durch den General Gustav von Alvensleben am 8. Februar 1863 
abgeschlossene Militärkonvention, durch die sich Preußen dem Zaren 2ur Unter- 
drückung der polnischen Revolution zur Verfügung stellte. Vgl. Bismarcks Ge- 
danken und Erinnerungen Bd. I, Kap. XV: Die Alvenslebensche Konvention. 

373 



vorlegen, welche Wirkung dieselbe Nachricht im Frühjahr 1888 in 
Rußland gehabt haben würde, wenn der Reichskanzler wegen der Bat- 
tenbergschen Angelegenheit zurückgetreten wäre*. Ich kann auf Grund 
dessen, was ich nach jener traurigen Episode hier in Erfahrung ge- 
bracht habe, versichern, daß am Hofe, in der Gesellschaft und im 
Publikum die Freude über den Abgang des Fürsten Bismarck so über- 
groß gewesen sein würde, daß die Battenbergsche Heirat gar nicht 
beachtet worden wäre. 

Warum bedauert man nun jetzt dasselbe Ereignis, welches man 
vor zwei Jahren mit Jubel begrüßt haben würde? Meine Antwort auf 
diese Frage ist: weil damals Deutschland durch den Rücktritt des 
Kanzlers geschwächt worden wäre, und weil man heute in Petersburg 
das Gegenteil glaubte 

Der Kaiser Alexander ließ mich bald nach Empfang der Nach- 
richt vom Abgange des Fürsten Bismarck zu sich bescheiden ; Seine Maje- 
stät ließ dem großen Staatsmanne Gerechtigkeit widerfahren, indem 
er sagte, Fürst Bismarck habe Rußland manchmal recht weh getan, 
aber jetzt sei man doch zu richtigem Verständnis seiner Tätigkeit 
beim Berliner Kongreß gekommen; auch habe er, der Zar, nament- 
lich bei der letzten Unterredung in Berlin, das volle Vertrauen ge- 
wonnen, daß der Fürst keine feindlichen Absichten hege**. Der Kaiser 
ließ nicht undeutlich die Vermutung durchblicken, die deutsche Nation 
würde ihrem Wunsche, daß der Fürst Bismarck im Amte bleibe, so 
lauten Ausdruck verleihen, daß er bald wieder auf seinen Posten zu- 
rückkehren würde*; ich erlaubte mir zu erwidern, daß so etwas bei uns 
undenkbar sei; die Stimme des Volkes könne der Krone nicht ihre 
Räte aufdrängen; daß der Fürst bei großen Entscheidungen zugezogen 
werden würde, sei dagegen wahrscheinUch. 

Der Kaiser kam dann auf die ihn beunruhigende Meldung^ zu 
sprechen, wonach der Abgang des Fürsten nicht durch innere Fragen, 
sondern durch eine Meinungsverschiedenheit über die Beziehungen 
zu Rußland herbeigeführt worden wäre. Hierüber habe ich schon 
ehrerbietigst berichtet***. Als hierauf Seine Majestät nochmals die Er- 
wartung aussprach, daß in Berlin und überhaupt in Deutschland große 
Erregung entstehen werde, gestattete ich mir zu entgegnen, daß ich 
diese Erwartung nicht teile: ich hätte nämlich bei meiner letzten 
Anwesenheit in Berlin trotz meiner Bewunderung und treuen Ver- 
ehrung für den Fürsten die Überzeugung gewonnen, daß wir im 



* Siehe Kap. XLII, Nr. 1331. 

** Diese authentisch überlieferte Äußerung Kaiser Alexanders III. fällt schwer 

ins Gewicht gegenüber den von Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler von Caprivi 

im Sommer 18Q2, zur Zeit des schärfsten Konflikts mit Bismarck, vorgebrachten 

gegenteiligen Äußerungen des russischen Kaisers. Vgl. Otto Hammann, Der neue 

Kurs (1918), S. 22 f., 60 f. 

*** Vgl. Bd. VII, Kap. XLIV. 

374 



Innern vor einem dead lock ständen 6; ich hätte demnach Ursache 
anzunehmen, daß viele meiner Landsleute gleiche Anschauungen heg- 
ten und, wenn auch mit tiefem Schmerze, sich sagten, daß es so wie 
jetzt nicht mehr lange weitergehen konnte. 

Der Kaiser Alexander entließ mich dann, wie schon früher ge- 
meldet, mit dem Auftrage, ich möge unseren allergnädigsten Kaiser 
und Herrn seines Vertrauens versichern, daß der Abgang des Reichs- 
kanzlers weder an den persönlichen noch an den politischen Beziehungen 
etwas ändern werde 7. 

Auf Wunsch des Kaisers ist dann der Preßleitung die Weisung 
erteilt worden, dafür zu sorgen, daß die Zeitungen nicht zu lebhaft 
Partei für den Fürsten Bismarck ergreifen möchten. 

Die Haltung der russischen Presse ist seitdem, abgesehen von 
einigen Ausfällen des „Grashdanin", maßvoll gewesen und jedenfalls 
anständiger als diejenige der deutschen freisinnigen und auch anderer 
Blätter. Der Fürst hat den Russen manches Leid zugefügt, er hat eine 
Tripelallianz gegen sie zustande gebracht, den Wert ihrer Papiere 
und den Kurs ihres Rubels herabzudrücken gesucht und sie durch 
vexatorische Maßregeln aufs äußerste gereizt, z. B. zur Zeit der Pest 
von Wetljanka, aber es würde ihnen doch lieber gewesen sein, wenn 
er im Amte geblieben wäre; sie wußten, daß er keinen Krieg wollte, 
und daß er aus politischer Überzeugung taub blieb für die Klagen 
der baltischen Deutschen, der Lutheraner und der Kolonisten 8. Viele 
waren ihm auch wohl dankbar dafür, daß er sie durch seine Friedens- 
liga vor ihren eigenen panslawistischen oder chauvinistischen Ver- 
führern schützte. 

Zum Schlüsse bleibt mir noch die Frage zu beantworten, mit 
welcher die Berichterstattung aus anderen Hauptstädten wohl begonnen 
haben dürfte, nämlich: welchen Eindruck hat der Kanzlerwechsel auf 
den Minister der auswärtigen Angelegenheiten gemacht, und inwie- 
fern kann er dessen Stellung stärken oder schwächen? 

Die erste Empfindung des Herrn von Giers, als er die große Neuig- 
keit erfuhr, läßt sich wohl am besten durch das „ouff!" ausdrücken, 
welches der erste Napoleon, wie er einmal zu seinen Marschällen 
sagte, von ihnen erwartete, wenn er auf der Höhe der Macht stürbe; 
vom Fürsten ließ sich der russische Minister freilich vieles gern ge- 
fallen, aber der Graf hat ihn manchmal gekränkt. Als im Frühjahr 
1888 der Rücktritt des Reichskanzlers erwartet wurde, sagte Herr 
von Giers: „J'espere que rien ne changera, excepte le ton"; dies war 
auch jetzt seine Hoffnung; er Tiat sich aber doch bald der Wahr- 
nehmung nicht verschließen können, daß auch außer dem Ton manches 
anders geworden ist. „L'Empereur", so hat mir der Minister nun 
schon mehrere Male gesagt, „regrette pourtant la demission du Princc 
de Bismarck"; aber sowohl bei ihm, wie bei seinem Kaiserlichen Herni 
ist der beste Wille ^ vorhanden, die guten Beziehungen zu pflegen 

375 



und womöglich noch besser zu gestalten; es fehlt auch nicht an Ver- 
ständnis für die Kräftigung monarchischer Autorität, welche in den 
neuesten Ereignissen unverkennbar hervortritt. 

Die Stellung des Herrn von Giers fand allerdings im Fürsten 
Bismarck eine feste Stütze, sowohl im Auslande, besonders in Wien, 
als auch in Rußland; sie wird aber vorläufig durch seinen Abgang 
nicht entkräftet, denn sie hängt doch einzig und allein von seinem 
Kaiser ab, und mit diesem hat auch die fremde Diplomatie zu rechnen, 
deren Alpha und Omega die richtige Behandlung Seiner Majestät ist. 

V. Schweinitz 



Randbemerkungen Kaiser Wilhelms IL: 
1 Hübsch ausgedrückt 

' ich auch nicht, wenn sie es nur offen thun. 
3 sehr bezeichnend aber richtig! 
i !! 

^ Schouvalow! wahrscheinlich auf Befehl! 

^ ja 

' gut. 

* ich auch 

ä er übertrage sich in die That! 



376 



Namenregister zu Band i— VI 



Vorbemerkung. Das nachfolgende Namenverzeichnis zu Band I bis VI 
führt sämtliche im Text der abgedruckten Schriftstücke, sowie in den Anmerkungen 
genannten Persönlichkeiten aus den Jahren 1870—1890 auf. Es ist versucht worden, 
auch die Stellung, die die genannten Persönlichkeiten jeweils eingenommen haben, 
möglichst genau, jedoch unter Fortfall der überflüssigen Titulaturen, anzugeben. 
Allerdings läßt sich die Zeitdauer des Verweilens der Botschaftssekretäre und 
sonstigen jüngeren diplomatischen Beamten auf ihren rasch wechselnden Posten 
oft nur annähernd feststellen, da lediglich die „Foreign Office List" und das „Jahr- 
buch des K. u. K. Auswärtigen Dienstes" genaue Daten geben. In einer Anzahl 
von Fällen begnügt sich das Register deshalb damit, das Jahr, in dem die be- 
treffenden Persönlichkeiten vorkommen, in Klammern anzumerken. 

Ein ausführliches Namen- und Sachverzeichnis wird am Schluß der ganzen Pu- 
blikatio'i erfolgen. Auch ein nach Absendern und Empfängern geordnetes Inhalts- 
verzeichnis, das nach ursprünglicher Absicht schon dem VI. Bande beigegeben 
werden sollte, wird zweckmäßiger dem Schluß register vorbehalten bleiben. 



Abd el Cadir, Emir. 

III, S.406. 406 A. 
Abdul Asis, türk. Sultan 1861/76. 

II, S.S. 23. 332 A. 
Abdul Hamid II., türk. Sultan 1876 
bis 1909. . 
II, S.47. 124. 125. 142. 163. 165. 177. 
191. 192. 193. 195. 199. 294. 326. 
328. 332 A. 344 A. 

III, S.4. 5. 169 A. 264. 278. 295. 298. 
300. 333. 350. 365. 373. 400. 435. 
450. 

IV, S. 25. 27 A. 28. 29. 34. 36. 37. 39. 
43. 44. 107. 108. 111. 112. 117. 118. 
118A. 119. 135. 142. 157. 158. 172. 
187. 188. 194. 197. 267. 276. 281. 
287. 288. 290 A. 291. 292. 293. 301. 
327. 328. 336. 345. 346. 347. 349. 
352. 354. 355. 356. 358. 360. 362. 
364. 366. 369. 378. 382. 383. 385. 
387. 

V, S.4. 9. 13. 14. 15. 17. 18. 20. 87. 
88. 164. 166. 167. 171. 173. 178. 
201. 204. 205. 242. 
VI, S.4A. 16. 45. 322. 325. 343. 360. 
360 A. 
Abdul Kerim Pascha, türk. Ober- 
befehlshaber im Kriege gegen Ser- 
bien 1876. 
VI, S. 8. 



Abdur Rahman Chan, Emir von Af- 
ghanistan 1880/1901. 
IV, S. 111. 112. 121. 
Abeken, Heinrich, Vortragender Rat 
im A.A. 1853/71. 
I, S.63A. 79 A. 91 A. 
Adalbert, Prinz von Preußen, Adrai- 
ral und Oberbefehlshaber der deut- 
schen Marine. 
I, S. 205. 
Adam, Juliette, deutschfeindliche franz. 
Schriftstellerin. 
VI, S. 130. 
Adlerberg. Alexander Graf, russ. Ge- 
neral und Minister des Kaiser- 
lichen Hauses 1872/81. 

III, S.49. 62. 63. 66. 296. 318. 319. 
320. 323. 

Adlerberg, Nikolaus Graf, Sekretär 
bei der russ. Botschaft in London 
(1885). 

IV, S. 112. 

Adolf, Herzog zu Nassau, Großherzog 
von Luxemburg 1890/1905. 
VI, S.349. 
Ägypten 

s. Ismail Pascha, Mehemed Tewfik. 
Aehrenthal, Alois Freiherr von, 
österr.-ung. Botschaftsrat in Pe- 
tersburg 1888/94. 
VI, S.339. 



370 



Afghanistan, s. Abdur Rahman. 
A k s a k o w , Sergei, slawophiler russ. Pu- 
blizist. 
III, S. 376. 
Albedyll, von, preuß. General, Chef 
des preuß. Militärkabinetts 1872 
bis 1888. 
II, S. 330. 
III, S. 48. 

VI, S. 57. 59. 60. 61. 62. 
Albert, König von Sachsen 1873/1902. 
V, S. 147. 
VI, S. 280. 
Albert Eduard, Prinz von Wales, 

s. Eduard. 
Albertone, ital. Oberstleutnant, Vor- 
stand der Zentralabteilung im 
Kriegsministerium. 
VI, S. 239. 
Albrecht, Erzherzog von Österreich, 
Feldmarschall, General-Inspektor 
des k. u. k. Heeres. 
I, S.205. 
II, S.35. 
III, S. 34. 39. 

VI, S. 5. 11. 17. 55. 61. 344. 
Aleko Pascha Vogorides, General- 
gouverneur von Ostrumelien 1879 
bis 1884. 
111, S.353. 353 A. 368. 372 A. 
V, S. 175. 177 A, 
Alexander II., Kaiser von Rußland 
1855/81. 
I, S. 197. 198. 199. 200. 202. 203. 
203 A. 205 A. 206. 206 A. 207. 241. 
254 A. 266. 267. 273. 273 A. 279. 
280. 282. 284. 296. 297. 312. 322. 
II, S.5. 7. 8. 16 A. 32 A. 33. 34. 34 A. 
35. 36. 37. 37 A. 38. 39. 40. 41. 42. 
44. 44 A. 46. 49. 50. 51. 52. 53. 54. 
55. 55 A. 56. 57. 58. 58 A. 59. 60. 
61. 62. 63. 64. 65. 67. 68 A. 71. 72. 
73. 74. 74 A. 75. 76. 77. 77 A. 78. 
80 A. 82. 82 A. 83. 83 A. 84. 87. 89. 
90. 91. 91 A. 92. 94. 95. 98. 99. 100. 
102. 103. 105. 107. 109. 110. IIOA. 
111. 114. 115. 125. 125 A. 126. 127. 
129. 130. 131. 132. 133. 135. 139. 
140. 141. 143. 144. 150 A. 158 A. 
162 A. 164 A. 165. 169 A. 175. 176. 
177. 179. 188. 191. 192. 195. 200. 
209. 222. 227. 231. 232. 241. 242. 
257. 261. 265. 266. 273. 296. 297. 
307 A. 309. 322. 323. 324. 325. 
326. 327. 328. 329. 332. 333, 336. 



III, S.3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 

13. 14. 16. 17. 17 A. 18. 18 A. 19. 
20. 23 A. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 31. 
32. 33. 34. 36. 39. 40. 41. 42. 44. 
47. 48. 49. 50. 52. 53. 54. 55. 62. 
63. 64. 65. 66. 68. 69. 70. 73. 74. 
75. 78. 79. 81. 82. 84. 88. 89. 90. 
96. 97. 98. 99. 104. 107. 109 A. 110. 
111 A. 112. 113. 114. 115. 116. 118. 
119. 120. 125. 128. 140. 142. 147. 
150. 151. 152. 156. 157. 158. 162. 
166. 166 A. 169. 174. 296. 296 A. 
316. 318 A. 319. 320. 331. 342. 346. 
347. 349 A. 

IV, S.4. 5. 120 A. 122. 

V, S.42. 52. 61. 71. 77. 98. 102. 110. 

112. 115. 201. 264. 290. 300. 303. 
307. 

VI, S.30, 37. 99. 101. 115. 116. 196. 
285, 312. 352. 354. 357. 
Alexander III., Kaiser von Rußland 
1881/94 (s. auch Alexander Alex- 
androwitsch). 

III, S. 166. 166 A. 167. 174. 175. 176. 
204. 213. 286. 287. 288. 288 A. 289. 
290. 292. 293. 296. 297. 302. 304. 
305. 306. 307. 309. 311. 312. 313. 
316. 317. 318. 318A. 319. 320. 321. 
322. 323. 324, 326. 327. 328. 330. 
331. 332. 333. 334. 339. 340. 341. 
342. 347. 349. 351. 356. 357, 357 A. 
358. 359. 360, 361, 362, 363. 364. 
369. 369 A. 370. 371. 372, 373. 374. 
375. 

IV, S.41, 111. 112. 120. 120 A. 124. 
135. 265, 287. 326, 339, 341. 375. 

V, S. 8. 10. 13. 14. 15. 25. 37. 38. 41. 
42. 44. 45. 46. 47. 48. 48 A. 50. 51. 
52. 53. 54. 55. 57. 57A. 58. 58 A. 59. 
60. 61. 62, 63. 64, 67, 68. 68 A, 69. 
69 A. 70. 71. 72. 73 A. 74. 75. 76. 
78. 79. 80. 81, 82. 83. 84. 87, 88. 
89. 90. 91. 92. 93, 94, 100, 104, 
105, 106, 107. 108, 109. 110. 111. 

113, 114, 115, 116, 117, 118. 127. 
132. 134. 135. 142. 144. 152, 158, 
160. 161. 162. 163. 167. 168. 169. 
170. 172. 173. 174. 175. 176. 178. 
182. 188, 191, 194, 197. 203. 205. 
206, 212, 213, 214 A, 215. 216. 219. 
221. 222, 223, 224. 225. 226. 227. 
228. 230, 231, 232. 233. 234, 236, 
237. 238. 239, 240, 241, 242, 245. 
249. 251. 252. 253, 255. 256. 257, 
258. 259. 260, 261, 263. 265, 266. 



380 



267. 268. 282. 294. 295. 297. 298. 
299. 300. 301. 302. 306. 308. 309. 
310. 311. 312. 313. 313A. 314. 315. 
317. 318. 318 A. 319. 320. 321. 
322. 323. 323 A. 324. 324 A. 325 A. 
326. 327. 328. 329. 331. 337. 340. 
341. 342. 343. 344. 346. 347. 348. 
349. 349 A. 
VI, S.7. 8. 10. 10 A. 11. 13. 19. 20. 
22.31.32.34. 35. 37. 38. 41.44. 45. 
46. 48. 50. 76. 92. 96. 96 A. 97. 
98. 99. 100. 101. 102. 104. 105. 106. 
107. 108. 109. 109 A. 110. 111. 112. 
114. 115. 116. 118. 120. 121. 121 A. 
122. 123. 136. 176. 176 A. 180. 277. 
278. 279. 280. 281. 283. 284. 285. 
288. 289. 290. 291. 292. 293. 296. 
297. 298. 301. 302. 308 A. 310. 
311 A. 312. 313. 314. 319. 320. 322. 
325. 326. 327. 328. 329. 330. 332. 
332 A. 333. 335. 337. 338. 340. 342. 
344. 345. 347. 349. 352. 353. 354. 
354 A. 355. 359. 359 A. 360. 361. 
362. 363. 365. 370. 371. 374. 374 A. 
375. 
Alexander, Prinz von Battenberg, 
Fürst von Bulgarien 1879/86. 

III, S. 295. 296. 296 A. 306. 341. 343. 
344. 345. 345 A. 346. 347. 352. 356. 
371. 

IV, S. 140. 267. 292. 292 A. 326. 

V, S. 3A. 8. 11. 14. 21. 24. 24 A. 25. 
28. 30. 31. 32. 37. 38 A. 50. 53. 57. 
58. 58 A. 59 A. 69. 87. 88. 157 A. 
160. 161. 162. 162 A. 163. 164. 165. 
194. 201. 212. 240. 247. 250. 254. 295. 
VI, S.278. 281. 281 A. 282. 282 A. 283. 
284. 285. 286. 287. 288. 289. 290. 
290 A. 291. 292. 293. 294. 294 A. 
305. 309 A. 329. 330. 343. 373. 
Alexander, Prinz von Hessen, Vater 
des Prinzen Alexander von Batten- 
berg, nachmal. Fürsten von Bul- 
garien. 
II, S. 176. 178. 
III, S.295. 296. 296 A. 
VI, S.343. 
Alexander Alexandrowitsch, Groß- 
fürst-Thronfolger, nachmal. Kaiser 
Alexander III. 
III, S.U. 53. 150. 152. 158. 162. 165. 
167. 
Alexander Friedrich Konstantin, Her- 
zog von Oldenburg, Oeneraladju- 



tant Kaiser Alexanders III. von 
Rußland. 
V, S. 132. 167. 168. 
Alexander Obrenowitsch, Kron- 
prinz von Serbien, nachmal. König 
Alexander I. 
VI, S.315A. 
Alexandra, Prinzessin von Wales, Ge- 
mahlin des Prinzen Eduard von 
Wales, geb. Prinzessin von Däne- 
mark. 
II, S. 330. 
Alexis Alexandrowitsch, Großfürst, 
Bruder Kaiser Alexanders III. von 
Rußland. 
V, S. 343. 
VI, S. 99. 106. 
Alfons XII., König von Spanien 1874 
bis 1885. 
III, S. 298. 
VI, S.212. 
Alfred, Herzog von Edinburg, zweiter 
Sohn der Königin Viktoria von 
Großbritannien und Irland. 
II, S. 158. 158 A. 159. 
-Mi Nizamy Pascha, türk. General. 

III, S.403. 403 A. 

IV, S. 25. 28. 

Alvensleben, Freiherr von, erster 

Botschaftssekretär in Petersburg 

(1875). 
II, S. 29 A. 58. 
A m p t h i 1 1 , Lord, s. Russell, Odo. 
Anderson, Henry Percy, Kolonialrefe- 
rent im Foreign Office (1886). 
IV. S. 155. 
Andrassy, Julius Graf, österr.-ung. 

Minister des Äußern 1871/79. 
I, S. 197. 205. 239. 239 A. 256. 283. 

284. 321. 
II, S. 29A. 31 A. 32. 34 A. 35. 39. 45. 

46. 47. 71. 94. 127. 129. 161. 169 A. 

171 A. 173. 175. 176. 177. 180. 181. 

182. 185. 185 A. 188. 189. 190. 191. 

197. 198. 200. 201. 202. 203. 207. 

217. 221. 223. 228. 236. 233. 254. 

255. 256. 257. 260. 261. 263. 273. 

274. 275. 294. 295. 296. 298. 300. 

303. 311. 312. 313. 314. 315. 316. 

318. 319. 332. 341. 342. 342 A. 343. 
III, S. 4. 19. 20. 23. 23 A. 27. 30. 

31. 32. 33. 34. 35. 36. 39. 40. 41. 

46. 48. 50. 55. 56. 59. 60. 66. 67. 

68 69. 70. 72. 73. 77. 81 A. 82 A. 

84. 85. 86. 87. 88. 89. 90. 91. 92. 



381 



Q3. 94. 95. 96. 97. 99. 101. 103. 
106. 107. 107 A. 108. 109. 111. 116. 
119. 126. 128. 129. 130. 131. 165. 
19Z 218. 226. 256. 266. 350. 354. 
361. 
IV, S. 3A. 122. 123. 
V, S. 33. 37. 123. 123 A. 124. 130. 138. 

146. 146 A, 147. 289. 
VI, S.44. 45. 278. 357 A. 
Angers, Bischof von, s. Freppel. 
Appert, franz. General, Botschafter in 
Petersburg 1883/86. 

III, S.340. 357. 
V, S. 326. 349. 

VI, S.96. 96 A. 104. 114. 
Apponyi, Albert Graf, ung. Abgeord- 
neter. 
V, S. 128. 129. 
Apponyi, Rudolf Graf, österr.-ung. 
Botschafter in London 1856/71. 
II, S. 22. 
Arabi Pascha, aufständischer ägypt. 
General. 

IV, S. 75. 

Arapow, von, russ. Botschaftsrat in 
Berlin (1879). 

III, S. 7A. 8. 9. 12. 

Arendt, Generalkonsul in Sansibar 1886 
bis 1887. 

IV, S. 166. 169. 169 A. 170. 171. 
Arnim, Harry Graf von, Kommissar 

bei den Friedensverhandlungen in 

Frankfurt a. M. 1871, Gesandter, 

dann Botschafter in Paris 1871 

bis 1874. 
I, S. 7A. 38. 44. 61. 66. 66 A. 67. 

67 A. 74. 75. 75 A. 76 A. SO. 80 A. 

81. 83 A. 86 A. 88. 89 A. 90. 90 A. 

91. 95. 97. 101. 101 A. 105 A. 106. 

106A. 108A. 111 A. 113A. 124A. 

128. 138 A. 144. 153. 154. 154 A. 

155 A. 156. 157. 157 A. 174 A. 179. 

179 A. 180 A. 182. 183. 183 A. 185. 

189 A. 226. 233. 233 A. 238 A. 
III, S. 407. 
Arthur Wilhelm, Herzog von Con- 

naught, dritter Sohn der Königin 

Viktoria von Großbritannien und 

Irland. 
II, S. 330. 
Aube, franz. Admiral, Marineminister 

in den Kabinetten Freycinet und 

Goblet 1886/87. 
VI, S. 158. 



Auburn Herbert, engl. Arbeiter- 
führer. 
II, S. 199. 200. 
Augusta, Deutsche Kaiserin und Kö- 
nigin von Preußen, Gemahlin 
Kaiser Wilhelms I., geb. Prin- 
zessin von Sachsen-Weimar. 
1, S. 163. 281. 
II, S. 64. 104A. 
VI, S. 51. 311. 
Auguste Viktoria, Deutsche Kaise- 
rin und Königin von Preußen, Ge- 
mahlin Kaiser Wilhelms II., geb. 
Prinzessin zu Schleswig-Holstein. 
VI, S. 360 A. 
Aumale, Henry Duc d'Orleans, Sohn 
Louis Philipps. 
I, S. 47. 114. 115. 116. 219. 

III, S. 408. 

d'Aunay, Comte, franz. Generalkonsul 
und diplomatischer Agent in Kairo 
1885/87. 

IV, S. 156A. 157. 

Bach von Hansberg, österr.-ung. 
Oberst, Militärattache in Paris 
(1886). 
VI, S. 136. 
Baden, s. Friedrich I. 
Balan, Hermann von, Gesandter in 
Brüssel 1868/74, stellv. Staats- 
sekretär d. A. A. 1872/73. 
I, S. 7A. 154. 
Baranow, russ. General, Zivilgouver- 
neur von Nischni-Nowgorod. 
V, S. 294. 294 A, 295. 303. 305. 310. 
VI, S. 113. 113 A. 320. 
Bargasch ben Said, Sultan von San- 
sibar 1870/88. 
IV, S. 143A. 144. 146. 148. 151. 15Z 
153. 154. 155. 155 A. 158. 165. 167. 
168. 
Barrere, Camille, franz. diplomatischer 
Agent und Generalkonsul in Kairo 
1883/85. 
III, S. 427. 427 A. 433. 436. 447. 447 A. 
448. 449. 
Bartels, Konsul in Moskau (1884). 

III, S. 376. 
Barth.elemy-St. Hilaire, Jules, 
franz. Minister des Äußern im Ka- 
binett Ferry 1880/81. 
III, S. 399. 400. 400 A. 401. 401 A. 

402 A. 
VI, S. 367. 



382 



Batbie, Anselm, franz. Unterrichts- 
minister im Kabinett Broglie Mai 
bis Nov. 1873. 
I, S. 222. 223. 224. 224 A. 225. 
Battenberg, s. Alexander, Julie. 
Baude, Baron de, franz. Delegierter /ii 
den Brüsseler Friedensverhand- 
lungen 1871. 
I, S. 7A. 8. 18. 
Bayern, s. Ludwig I!., Luitpold. 
Bazaine, franz. Marschall. 

I, S. 115. 118A. 
Beaconsfield, Earl of, (Benjamin Dis- 
raeli), engl. Premierminister 1874 
bis 1880, erster engl. Bevollmäch- 
tigter zum Berliner Kongreß 1878. 
II, S. 12. 31. 33. 83. 119 A. 121. 156. 
200. 208. 211. 217. 244. 244 A. 249. 
250. 251. 252. 257. 258. 277. 323. 
330. 331. 332. 334. 335. 
HI, S. 4. 8. 129. 

IV, S. 3A. 4. 4A. 6. 7. 7A. 8. 9. 10. 
11. 12. 13. 14. ISA. 16. 131. 280. 

V, S. 41. 
Beauharnais, Prinz Eugen, Herzog 
von Leuchtenberg, Enkel des Kai- 
sers Nikolaus I. von Rußland. 
VI, S. 106. 106 A. 
Beck, Freiherr von, österr.-ung. Feld- 
marschalleutnant, Chef des Oc- 
neralstabes (1887). 
V, S. 327. 
VI, S. 4. 5. 6. 11. 17. 26. 61. 61 A. 
67. 69. 85. 
Belgien, s. Leopold II., Maria, Gräfin 

von Flandern, Philipp. 
Belosselski, Fürst, Flügeladjutant 
Kaiser Alexanders III. 
V, S. 64. 
Benedetti, Vincent Graf, franz. Bot- 
schafter in Berlin 1864/70. 
I, S. 325. 
VI, S. 336. 
Berchem, Max Graf von, erster Bot- 
schaftssekretär in Petersburg 1875 
bis 1878, in Wien 1878/83, Direk- 
tor der handelspol. Abt. im A. A. 
1885/86, Unterstaatssekretär 18Sü 
bis 1890. 
II, S. 36. 50. 73. 

III, S. 280. 281. 

IV, S. 406. 407. 

V, S. 57 A. 

VI, S. 92. 191 A. 193 A. 



Berg, Friedrich Wilhelm Graf von, 
russ, Feldmarschall. 
I, S. 199. 20Z 203. 234. 
Bertin. 

I, S. 101. 104. 
Bertole-Viale, Ettore, ital. Kriegs- 
minister 1887/91. 
VI, S. 235. 238. 253. 254. 257. 258. 259. 
260. 
Beust, A. Graf von, Botschaftsrat bei 
der österr.-ung. Botschaft in Pe- 
tersburg 1886/88, in Rom 1889/92. 
VI, S. 30. 31. 272. 
Beust, Friedrich Ferdinand Graf von, 
österr.-ung. Minister des Äußern 
und Reichskanzler 1867/71, Bot- 
schafter in London 1871/78, in 
Paris 1878/82. 
I, S. 198. 256. 283. 284. 289. 319. 
II, S. 88. 199. 210. 211. 216. 217. 223. 
227. 228. 229. 230. 244. 294. 309. 
III, S. 257. 
Biegeleben, Freiherr von, österr.-ung. 
diplomatischer Agent und General- 
konsul in Sofia 1881/87, Botschafts- 
rat in London 1887/89. 

III, S. 343. 367. 

IV, S. 381. 382. 
V, S. 50. 

Billot, franz. GeneraL 

VI, S. 96A. 97. 104. 206. 206 A. 
Bismarck, Herbert Graf von, Lega- 
tionssekretär in wechselnder Stel- 
lung seit 1876, zwischendurch viel- 
fach als Hilfsarbeiter im A. A. und 
zu besonderen Missionen verwandt, 
Gesandter im Haag 1884, Unter- 
staatssekretär im A. A. 1885, Staats- 
sekretär 29. April 1886, verabschie- 
det März 1890. 
I, S. 319A. 
II, S. 81 A. 

III, S. 315 A. 320. 321. 427 A. 430. 431. 
431 A. 435 A. 

IV, S. 26 A. 30. 36 A. 37 A. 41 A. 45 A. 
46 A. 47 A. 55. 63. 83 A. 94. lOOA. 
153 A. 175 A. 176 A. 206 A. 229. 255. 
256. 263 A. 340 A. 351 A. 389 A. 
404 A. 406 A. 410. 411. 414. 417. 

V, S. 10. 13A. 94. 103. 126A. 157. 
157 A. 174. 177. 177 A. 183. 212 A. 
245 A. 253. 256. 262. 262 A. 297. 
VI, S. 26. 36. 37. 57. 64. 65. 73. 79. 
80 81. 137 A. 145 A. 154 A. 155 A. 
191 A. 206 A. 228 A. 236. 243. 244. 



383 



250. 255. 258. 269. 290. 311 A. 332 A. 
334. 335. 336. 337. 338. 339. 346 A. 
350. 361. 362 A. 375. 
Bismarck, Otto Fürst von, Kanzler 
des Norddeutschen Bundes 1867 
bis 1871, Reichskanzler 1871/90, 
verabschiedet 20. März 1890. 
I, S. 3. 7. 7A. 8A. 9. 10. 16A. 28A. 
29 A. 32 A. 35 A. 36 A. 38. 44. 48. 
53 A. 60 A. 62 A. 63 A. 64 A. 67 A. 
75 A. 79 A. 80 A. 83 A. 89 A. 91. 
91 A. 95. 97 A. 102 A. 113 A. 124. 
142 A. 155. 156. 156 A. 179 A. 186. 
189 A. 191 A. 203 A. 208. 231. 
253 A. 254 A. 266. 273. 273 A. 281 A. 
283. 283 A. 284. 284 A. 286. 293 A. 
294 A. 295 A. 305. 308 A. 309. 311. 
31 6 A. 318. 319. 319 A. 324. 324 A. 
325. 325 A. 327. 328. 
II, S. 29. 29 A. 30. 31. 31 A. 32 A. 
34 A. 39. 42. 43. 47 A. 48. 52. 53. 
55 A. 58 A. 61. 61 A. 63. 66 A. 68. 
68 A. 69 A. 73. 79. 80. 80 A. 81 A. 
91 A. 99. 100. 104. 104 A. 105. 106. 
107. 108. 109. 110. 121. 125. 134 A. 
137. 138. 145. 146. 151. 160. 161, 
164. 165. 171. 178. 180. 193. 194. 
196. 196A. 207. 208. 209. 213. 216. 
218. 219. 220. 221. 222. 223. 224. 
225. 226. 231. 236. 238. 240. 245, 
261. 264. 266. 266 A. 273. 280. 292. 
297. 298. 307 A. 314. 315. 316. 320. 
321 A. 323. 332. 334 A. 335. 343 A. 
344. 
III, S. 3. 7. 7A. 8. 13. 13 A. 15. 17 A. 
18A. 22. 23 A. 36. 37. 38. 39 A. 45. 
46. 46 A. 47. 48. 49. 50. 51. 62. 
63. 74. 74 A. 75 A. 77. 81 A. 82 A. 
96 A. 99. 101. 105. 106. 107 A. 
111 A. 113 A. 114 A. 117. 118 A. 
121. 126. 132. 133. 139. 139 A. 
140. 147. 149 A. 155. 157. 158.162. 
176. 183 A. 188. 189. 191. 205. 208. 
209. 211. 212. 213. 217. 219. 220. 
222. 224. 225. 231. 237. 238. 239. 
240. 241. 241 A. 244. 251 A. 252. 
265 A. 268 A. 276. 277. 278. 285. 
285 A. 286. 292. 298 A. 302 A. 314. 
315. 332. 334. 339. 340. 348A. 358A. 
361. 363 A. 369 A. 373. 375. 381 A. 
382. 383. 384. 387 A. 388. 388 A. 
389. 389 A. 391. 393. 393 A. 394. 
394 A. 395. 397 A. 398. 399. 400. 
401. 401 A. 402. 402 A. 403 A. 404. 
404 A, 405. 406. 409. 409 A. 415 A. 



417 A. 422 A. 426 A. 431 A. 434. 
435. 436. 437. 438. 439. 439 A. 440. 
440 A. 441 A. 443. 443 A. 444 A. 
447 A. 449. 449 A. 450. 451. 453 A. 
IV, S. 3A. 4A. 5. 6. 7A. 9. 9A. 10. 
11, 14 A. 17 A. 18 A. 21. 21 A. 22. 
25. 26. 29. 30. 31. 33 A. 34. 35. 36, 
36 A. 37. 37 A. 38. 39. 42. 43. 44. 
45. 45 A. 46. 47. 48. 57 A. 62 A. 63. 
64A. 65A. 70. 72A, 73. 76. 77A. 78. 
79. 80. 86. 90. 91 A. 92 A. 93 A. 
102 A. 106. 116. 131. 132. 137. 138. 
139. 150. 156. 159. 159 A. 165. 166. 

167. 168. 170. 175. 176A. 183.189. 
192, 193. 194. 195. 199. 200. 201. 
209. 223. 224. 225. 226. 227. 228. 
229. 230. 231. 239. 240 A. 241. 247. 
251. 252. 253. 257. 258. 263. 264. 
268. 269. 270 A. 271. 273. 298 A. 
299. 307. 321. 322. 335. 336. 340 A. 
344. 345. 348. 349. 351 A. 353. 356. 
357, 359. 360. 361. 362. 363. 365. 
367. 376 A, 384. 386 A. 399. 400. 
400 A. 404 A. 405. 406 A. 413. 415. 

V, S. 7A. 37 A. 38 A. 42. 44. 55 A. 
56 A. 57. 58 A. 59. 59 A. 60 A. 
62 A. 67. 73. 73 A. 74. 75. 76. 77. 
78. 78 A. 80. 81, 83. 85. 86. 90. 
91, 92. 96. 97, 100. 102. 104. 
105. 106. 107. 108. 109 A. 117A. 
119 A. 123 A. 124. 125. 126 A. 129. 
136. 137. 138. 139. 140. 144. 145. 
146. 147. 148. 149. 149 A. 150 A. 
151. 152. 153. 161. 163. 172. 173. 
174 A. 177. 178. 182. 183. 186. 187. 
192 A, 193 A. 203. 204. 205. 206. 
211. 212. 213. 214. 214 A. 215 A. 
216. 221. 227. 229 A. 230. 231. 239. 
240. 244 A. 245 A. 246 A. 251. 259. 
260. 261. 279 A, 280. 281 A. 282. 
282 A. 284. 286 A. 293. 295. 303. 
303 A. 304. 305. 318 A. 320. 325 A. 
333. 334. 335. 342. 344. 345. 348. 
VI, S.U. 12. 25 A. 27 A. 28. 29. 38. 
38 A. 40. 48. 50. 56. 57. 58 A. 61, 
62, 63. 64. 65 A. 69. 70. 77. 78. 81. 
83. 86. 91 A. 92. 93. 94 A. 95. 98. 
102. 103. 103 A. 112. 113. 134. 136. 
136 A. 137. 138. 143. 144. 151. 
151 A. 154 A. 155. 155 A. 156 A. 

168. 168 A. 171. 172. 173. 174. 178. 
179. 180. 181. 182 A. 183 A. 184 A. 
191. 201. 202. 203. 208. 209. 215. 
216 A. 219. 220. 220 A. 228. 228 A. 
229. 234 A. 241. 243. 250. 268. 278. 



384 



279 A. 280. 280 A. 281. 282 A. 289. 
294 A. 296. 297. 301 A. 304 A. 326. 
331. 332. 332 A. 333. 333 A. 345 A. 
346 A. 348. 353. 357 A. 359 A. 
362 A. 363 A. 366. 367. 368. 369. 
370. 371. 372. 373. 374. 374 A. 375. 
376. 

Bismarck, Wilhelm Graf von, Hilfs- 
arbeiter in der Reichskanzlei 1879 
und wieder 1881/84. 
II, S. 81 A. 

Bitter, preuß. Finanzminister 1879/82, 
111, S. 105. 

Blanc, Alberto Baron de, General- 
sekretär im ital. Ministerium des 
Äußern 1881/83, Botschafter in 
Konstantinopel 1887/91. 

III, S. 191. 192. 194. 195. 196. 199.202. 
210. 211. 217. 

IV, S. 346. 346 A. 347. 353. 357. 
Bleich röder, von, Inhaber des Bank- 
hauses Bleichröder &Co. in Berlin. 

III, S. 433. 

IV, S, 73. 78. 

Bio Witz, Heinrich Opper, gen. von Bio- 
witz, Korrespondent der „Times" 
in Paris. 
I, S. 278 A. 283 A. 
IV, S. 27. 89. 92. 106. 
VI, S. 94. 
Boetticher, Heinrich von, Staatssekre- 
tär des Reichsamts des Innern 
1880/97. 
V, S. 334. 
Bogdano witsch, russ. General. 
VI, S. 111. 111 A. 301. 301 A. 320. 
Bojanowski, von, Generalkonsul in 
Budapest (1886). 
V, S. 123. 123 A. 124. 125. 126. 129. 
Botkin, Professor an der Chirurg. 
Akademie in Petersburg. 
V, S. 72. 
Boulanger, franz. General, Kriegsmini- 
ster in den Kabinetten Freycinet 
und Goblet 1886/87, Kommandeur 
des 13. Armeekorps (Clermont) 
1887/88. 
IV, S. 302. 

V, S. 54. 295. 310. 323. 
VI, S. 91. 94. 109A. 110. IIOA. 111. 
112. 113. 114. 118. 120. 123. 130. 
131. 132. 133. 138. 139. 140. 141. 
142. 143. 146. 147. 148. 149. 151. 
153. 154. 156. 157 A. 158. 159. 



160. 161. 162. 164. 168. 168 A. 169. 

169 A. 170. 172. 174. 176. 176 A. 

179. 186. 187. 189. 189 A. 190. 

190 A. 191. 192. 192 A. 193. 193 A. 

196. 197. 200. 203 A. 204. 205. 

205 A. 206. 206 A. 215. 222. 284. 

298. 306. 319. 335. 342. 
Bratianu, Joan, rum. Ministerpräsi- 
dent 1876/81 und 1881/88. 
lll, S. 265. 265 A. 266. 267. 268. 269. 

270. 271. 274. 275. 276. 279. 368. 
Bray -Steinburg, Hippolyt Graf von, 

Generalkonsul, später Gesandter 

in Belgrad 1879/91. 

V, S. 23. 24. 

Bray-Steinburg, Otto Graf von, 
bayrischer Ministerpräsident 1870 
bis 1871. 
I, S. 3. 

Brazza, Peter Comte de, franz. Afrika- 
forscher. 

III, S. 425. 426. 

Bright, John, engl. Handelsminister im 
Kabinett Gladstone 1868/70, Kanz- 
ler des Herzogtums Lancaster im 
Kabinett Gladstone 1873/74 und 
1880/82. 
II, S. 12. 

IV, S. 9. 

Brin, Benedetto, ital. Marineminister 
in den Kabinetten Deprctis und 
Crispi 1884/91. 
VI, S. 263. 264. 265. 269. 272. 
Brincken, Freiherr von den, erster 
Botschaftssekretär in London 
(1879). 
IV, S. 4. 
Brisson, Eugene Henry, franz. Mini- 
sterpräsident 1885/86. 
III, S. 445A. 

Broglie, Jacques Duc de, Vizepräsi- 
dent des franz. Ministerkonscils 
und Minister des Äußern 1873/74, 
Ministerpräsident Mai bis Nov. 
1877. 
I, S. 192A. 194. 211. 212. 213. 214. 
215. 216. 217. 219. 220. 221. 222. 
223. 224. 323 A. 
111, S. 386. 

Bronsart von Schellendorf, 
Paul, preuß. Kriegsminister 1883 
bis 1889. 

VI, S. 24. 56. 63. 143. 191. 



25 Die Große Politik. 6. Bd. 



385 



Brück, Karl Freiherr von, österr.-ung. 
Botschafter in Rom 1886/95. 
IV, S. 351. 351 A. 352. 358. 359. 388. 
VI, S. 238. 267. 269. 271. 272. 
Brunnow, Baron von, russ. Botschaf- 
ter in London 1868/74. 
II, S. 9. 11. 12. 22. 
Buchanan, Sir Andrew, engl. Bot- 
schafter in Petersburg 1864/71, in 
Wien 1871/78. 
I, S. 283. 291. 
II, S. 14. 
Buch er, Lothar, Vortragender Rat im 
A.A. 1864/86. 
I, S. 89A. 

IV, S. 4A. 

Budberg, Baron von, russ. Botschafts- 
sekretär in Berlin (1887), 
V, S. 256. 
Budde, Korrespondent der „Kölni- 
schen Zeitung" in Paris. 
I, S. 304. 
Bülow, Adolf von, Militärattache in 
Paris 1871/82. 
I, S. 245. 253 A. 256. 267. 268. 315. 
Bülow, Bernhard von, Sekretär bei der 
Botschaft in Paris 1878/84, erster 
Sekretär bei der Botschaft in 
Petersburg 1884/88, Gesandter in 
Bukarest 1888/94. 

V, S. 55. 68 A. 119A. 212. 216. 217. 
218. 225. 226. 305. 306. 346. 347. 
348. 

VI, S. 93. 107A. 349. 349 A. 
Bülow, Bernhard Ernst von, Staats- 
sekretär d. A. A. 1873/79. 
I, S. 232 A. 253 A. 264. 275. 284 A. 

295 A. 308 A. 316 A. 319 A. 
II, S.29A, 34 A. 58 A. 61 A. 66A.68A. 
69 A. 101 A. 104 A. 125. 126 A. 146 A. 
161 A. 164 A. 171. 183. 184A. 185A. 
231. 238. 307 A. 317. 
III, S. 28. 36. 39. 45. 50. 53. 61. 65. 
74A. 77. 105. 111 A. 121. 381 A. 
392. 
Bülow, Otto von. Vortragender Rat im 
A.A. 1874/79, Gesandter in Bern 
1882/92, häufig tätig als Rat im 
Kaiserlichen Gefolge. 
I, S. 150A. 154. 316 A. 327 A. 
II, S. 61A. 62 A. 67. 68. 68 A. 
III, S. 59. 60. 67. 72. 74. 84. 175. 277. 
Büffet, Vizepräsident des Minister- 



konseils und Minister des Innern 

1875/76. 
III, S. 386. 
Bulgarien, s. Alexander, Ferdinand. 
Bunge, russ. Finanzminister 1882/87. 

V, S. 41. 46. 52. 73. 83. 

Burg, von der, preuß. Oberst, Chef des 
Stabes der Okkupationsarmee in 
Frankreich (1872). 
I, S. 110. 

Burian, Stefan von, österr.-ung. diplo- 
matischer Agent und Generalkonsul 
in Sofia 1887/95. 

VI, S. 4. 8. 321. 323. 339. 

Busch, Klemens August, Unterstaats- 
sekretär im A.A. 1881/85. 

III, S. 300. 

IV, S. 39. 

Busch, Moritz, Publizist. 
VI, S. 372. 

Cadorna, Conte, ital. Botschafter in 
London 1869/75. 
II, S. 21. 
Cairns, Lord, engl. Lordkanzler 1874 
bis 1880. 
II, S. 251. 
Cairoli, Benedetto, ital. Ministerpräsi- 
dent 1879/81. 
III, S. 183 A. 184 A. 186. 188. 189. 190 A. 
Calice, Heinrich Freiherr von, Sek- 
tionschef im österr.-ung. Reichs- 
ministerium des Äußern, zweiter 
österr.-ung. Delegierter bei d^r 
Konferenz der Großmächte in 
Konstantinopel 1877, Botschafter 
in Konstantinopel 1880/1906. 
II, S. 128. 

III, S. 333. 

IV, S. 114. 118. 346. 346 A. 347. 353. 
353 A. 357. 

V, S. 4. 13 A. 15. 15 A. 18. 19. 148. 
148 A. 149. 175. 201. 

VI, S. 4. 8. 
Cambridge, Herzog von, s. Georg. 
Campbell, s. Stratheden. 
Campenon, Jean Baptiste, franz. Ge- 
neral, Kriegsminister in den Kabi- 
netten Gambetta, Ferry und Bris- 
son 1881/82, 1883/85, 1885/86. 
III, S. 428. 
VI, S. 128. 130. 
Camphausen, Otto, preuß. Finanz- 
minister 1869/78. 
I, S. 128. 135. 



386 



Canclaiix, Comte de, erster Sekretär 
bei der franz. Botschaft in Berlin 
(1879). 
III, S. 391. 
Candiani, Conte, ital. Marineattache 
in London (1889). 
VI, S. 261. 262. 263. 264. 
Candiano, mm. Hauptmann, Adjutant 
König Karls I. von Rumänien. 

III, S. 267. 

Caprivi, Leo von, Graf (seit 18. Dez. 
1891), preuß. General, Chef der 
Admiralität 1883/88, Reichskanzler 
seit 20. März 1890. 

IV, S. 78. 

VI, S. 367. 370. 374 A. 
Carlos, Don, span. Thronprätendent. 

I, S. 323. 
Carnarvon, Henry Earl of, engl. 
Staatssekretär der Kolonien im 
Kabinett Beaconsfield 1874/78. 
II, S. 199. 
Carnot, Sadi, Präsident der franz. 
Republik 1887/94. 
VI, S. 121, 122. 
Carp, Peter, rum. Gesandter in Wien 
1883/87. 
III, S. 270. 274. 275. 
Cartuyvels, belg. Konsul in Sofia 
(1887). 
V, S. 350. 
Casimir Perier, Auguste, franz. Mi- 
nister des Innern 1871/72. 
I, S. 114. 115. 116. 
Cassagnac, Paul de, franz. Deputier- 
ter und Journalist, Redakteur des 
„Pays" und der „Autorite". 
VI, S. 191. 
Castelar, Emilio, früherer span. Mi- 
nisterpräsident, Führer der Oppo- 
sition in den Cortes (1886). 
VI, S. 159. 159 A. 
Catalani, erster Sekretär bei der ital. 
Botschaft in London (1887). 
III, S. 389. 
Chambe riain, Joseph, engl. Handels- 
minister im Kabinett Gladstone 
1882/85. 

III, S. 235. 238. 240. 

IV, S. 75. 76. 83. 83 A. 84. 88. 102. 
105. 275. 293. 337. 407. 408. 409. 
410. 411. 412. 414. 415. 416. 417. 

Chambord, Comte de, s. Heinrich V. 
%Chanzy, Antoine, franz. General, Bot- 
schafter in Petersburg 1879/81. 



III, S. 11. 
VI, S. 92. 92 A, 
Charmes, Gebrüder, Redakteure des 
„Journal des Debats". 

III, 8. 437. 

Chaudordy, Comte, Vertreter Frank- 
reichs bei der Konferenz derGroß- 
mächte in Konstantinopel 1877, Bot- 
schafter in Petersburg 1881/82. 
I, S. 311. 314. 
II, S. 137. 
VI, S. 367. 
Chevreul, Michel Eugene, franz. Che- 
miker. 
VI, S. 139. 
Chimay, Josef Fürst von Caraman-, 
belg. Minister des Äußern 1884/92. 
V, S. 350. 

Chrestowitsch, s. Gabriel Pascha. 
Christian IX., König von Dänemark 
1863/1906. 

IV, S. 121. 

Christian, Prinz von Schleswig-Hol- 
stein - Sonderburg -Augustenburg, 
Gemahl der Prinzessin Helene von 
Großbritannien u. Irland. 
II, S. 330. 

Christofle, franz. Deputierter, Di- 
rektor des Credit foncier in Paris. 
VI, S. 220. 221. 222. 

Churchill, Lord Randolph, Mitglied 
des Unterhauses seit 1884, Staats- 
sekretär für Indien im Kabinett 
Salisbury 1885/86, Kanzler der 
Schatzkammer im zweiten Kabi- 
nett Salisbury 1886. 

IV, S. 120A. 121. 134. 134 A. 135. 136. 
138. 139. 140. 141. 142. 150. 150A. 
156. 156 A. 157. 158. 161. 163. 164. 
269. 270. 270 A. 271. 272. 273. 274. 
275. 277. 277 A. 278. 279. 279 A. 
280. 281. 282. 283. 284. 285. 286. 
287. 288. 289. 290. 291. 292. 293. 
293 A. 320. 336. 

V, S. 142. 

VI, S. 154A. 155. 155 A. 
Cialdini, ital. General, Botschafter in 

Paris 1870/81. 
III, S. 396. 
Cissey-Courtet, de, franz. General, 
Kriegsminister 1871/73 u. 1874,77. 
I, S. 59. 115. 248. 249. 250. 251. 264. 
265. 



25» 



387 



Clemenceau, franz. Deputierter 1871 
u. 1876/93, Führer der äußersten 
Linken. 

III, S. 317. 443 A. 

VI, S. 108. 136. 136 A. 
CIcmentine, Prinzessin von Koburg, 
Witwe des Prinzen August von 
Koburg, geb. Prinzessin von Bour- 
bon-Orleans. 
VI, S. 42. 
Clercq, de, franz. Delegierter bei den 
Friedensverhandlungen in Brüssel 
1871. 
I, S. 7A. 18. 20. 61. 75. 76 A, 
Cluseret, franz. Kommunistenführer 
1871. 
I, S. 34 A. 
Connaught, s. Arthur. 
Corry, William Montagu, Privatsekre- 
tär Lord Beaconsfields. 
II, S. 335. 
Corti, Conte, ital. Botschafter in Kon- 
stantinopel 1875/85, Botschafter in 
London 1885/88. 

IV, S. 119. 297. 298. 299. 300. 303. 304. 
305. 306. 307. 309. 310. 311. 312. 
313. 314. 319. 321. 329. 361. 390. 

V, S. 13A. 15. 15 A. 17. 18. 20. 
Corvetto, ital. General, Unterstaats- 
sekretär im Kriegsministerium 
(1888). 
VI, S. 257. 
Cosenz, Chef des ital. Generalstabes 
1881/92. 
VI, S. 229. 239. 253. 257. 
Costa, Conte, zweiter Sekretär bei der 
ital Botschaft in Petersburg 1884 
bis 1886. 
III, S. 374. 
Courcel, Alphonse Baron de, franz. 
Botschafter in Berlin 1882/86. 
III, S. 409. 409 A. 414. 415. 416. 417. 418. 
419. 420. 421. 421 A. 422. 422 A. 423. 
424. 425. 426. 427. 428. 429. 430. 
431. 432A. 435. 436. 437. 438. 440. 
440 A. 441. 442. 443 A. 444 A. 445. 
446. 447. 447 A. 448. 449. 450. 453. 
454. 
VI, S. 129. 137 A. 156. 210. 367. 
Cowper, Lord. 

II, S. 330. 
Crispi, Francesco, Mitglied der ital. 
Deputiertenkammer seit 1861, Mi- 
nister des Innern im Kabinett De- 
pretis April bis August 1887, Mi- 



nisterpräsident und Minister des 
Äußern und Innern 1887/91. 
IV, S.342. 342A. 350. 350A. 351. 351 A. 
352. 353. 357. 359. 361. 362. 363 
364. 388. 389. 390. 392. 
V, S. 202. 315. 315 A. 316. 
VI, S. 207. 208. 220 A. 228. 228 A. 229. 
229 A. 230. 231. 234. 235. 236.238. 
239. 241. 243. 244. 246. 251. 262. 
263. 264. 265. 266. 267. 268. 269. 
270. 271. 272. 273. 361. 367. 
Croy, Prinzessin, Gemahlin des franz. 
Militärattache in Berlin Prince 
Polignac. 
I, S. 281. 
Cumberland, s. Ernst August. 
Currie, Philip, Assistent Lord Salis- 
burys auf dem Berliner Kongreß 
1878, permanenter Unterstaats- 
sekretär im Foreign Office 1889 
bis 1894. 
II, S. 335. 
IV, S. 407. 

Daher t, Bischof von Perigueux (1874). 

I, S. 232. 233. 237 A. 
Dabormida, ital. Oberstleutnant im 
Generalstab 1887/88. 
VI, S. 239. 247. 
Dänemark, s. Christian IX., Luise, 

Marie, Waldemar. 
Damiani, Unterstaatssekretär im ital. 
Ministerium des Äußern (1889). 
VI, S. 273. 
Danisch, Sektionschef im serb. Mini- 
sterium des Äußern (1885). 
V, S. 22. 
Daudet, Erneste, franz. Schriftsteller. 
1, S. 295 A. 
III, S. 393. 
Davoust d'Auerstaedt, franz. Ge- 
neral. 
VI, S. 130. 
Deäk, Franz, ung. Staatsmann (gest. 
1876). 
V, S. 276. 
Decazes, Duc de, Mitglied der franz. 
Nationalversammlung 1871, Bot- 
schafter in London 1873, Minister 
des Äußern in den Kabinetten 
Duc de Broglie und Dufaure 1873 
bis 1877. 
I, S. 225. 226. 229. 232. 236. 237. 
238. 238 A. 241. 242. 258. 261. 262. 



388 



264. 265. 267. 268. 269. 270. 271. 
276. 278. 278 A. 287. 287 A. 288. 
295 A. 297. 308. 309. 311. 314. 316. 
317. 318. 318 A. 319. 324 A. 325. 
II, S. 33. 146. 160. 

III, S. 392. 393. 
VI, S. 147. 

Dechend, von, Mitglied des Reichs- 
bankdirektoriums (1887). 
V, S. 335. 
Decrais, franz. Botschafter in Wien 
1886/93. 
VI, S. 174. 
Deines, von, Major, Militärattache in 
Wien 1885/93. 
VI, S. 26. 28. 29. 57. 61. 61 A. 63. 84. 
251. 365. 
Delbrück, Rudolf, preuß. Staatsmini- 
ster 1868/76, Präsident des Kanz- 
leramtes 1867/76. 
I, S. 128. 132. 135. 142 A. 
Deljanow, russ. Minister des öffentl. 
Unterrichts 1884/89. 
V, S. 299. 306. 308. 
Denhardt, Gustav, Afrikareisender 
(1886). 

IV, S. 151. 

Depretis, A., ital. Ministerpräsident 
1876/78, 1878/79, 1881/86, 1887, 
Minister des Innern im Kabinett 
Cairoli (1881). 
II, S. 213. 

III, S. 189. 190 A. 204. 218. 
Derby, Earl of, engl. Staatssekretär des 

Äußern im Kabinett Beaconsfield 
1874/78, Staatssekretär der Kolo- 
nien im Kabinett Gladstone 1882 
bis 1885. 
I, S. 259. 260. 272. 273. 279. 281. 
284. 285. 285 A. 286. 287. 289. 290. 
291. 292. 295. 295 A. 296. 297. 298. 
II, S. 12. 29. 31. 42. 71. 101. 108. 120. 
121. 133. 134. 138. 139. 143 A. 144. 
155. 157. 162. 162 A. 175. 194. 195. 
198. 199. 208. 210. 211. 212. 213. 
215. 217. 218. 219. 226. 227. 227 A. 
228. 229. 231. 233. 234. 235. 236. 
237. 238. 240. 241. 242. 243. 244. 
244 A. 245. 249. 250. 251. 257. 258. 

IV, S. 3A. 4A. 54. 57 A. 60. 61. 66. 68. 
69. 70. 73. 85. 86. 87. 92. 101. 105. 
108. 

Derenthall, von, Generalkonsul in 
Kairo (1885), Vertreter Deutsch- 



lands bei der Suezkanal-Kommis- 
sion in Paris 1885, preuß. Ge- 
sandter in Weimar 1887/95. 

III, S. 447. 447 A. 449. 450. 

VI, S. 339 A. 
Deroulede, Präsident der franz. Pa- 
triotenliga. 

III, S. 404 A. 451. 

IV, S. 187. 193. 

V, S. 294 A. 295. 300. 303. 305. 306. 
310. 315. 322. 

VI, S. 31. 92. 92A. 93. 113. 113A. 114. 
128. 129. 130. 142. 144. 150. 150A. 
151. 151 A. 161. 165. 215. 335. 

Desprez, Direktorder politischen Ab- 
teilung im franz. Ministerium des 
Äußern (1878). 
I, S. 237. 238. 

Deutsches Reich, s. Augusta, Augu- 
ste Viktoria, Friedrich III., Fried- 
rich Wilhelm, Viktoria, Wilhelm I., 
Wilhelm, Prinz von Preußen, Wil- 
helm, Deutscher Kronprinz, Wil- 
helm II. 

Dilke, Sir Charles, Parlaments-Unter- 
staatssekretär im Foreign Office 
1880/83. 

III, S. 234. 235. 238. 239. 435 A. 436. 

IV, S. 37A. 39. 39 A. 40. 41. 55. 88. 
89. 90. 91. 102. 103. 104. 105. 

Disraeli, Benjamin, s. Beaconsfield. 
Dönhoff, Karl Graf von, preuß. Ge- 
sandter in Dresden 1879/1906. 
I, S. 69. 71, 
III, S. 389 A. 

VI, S. 21 6 A. 339 A. 
Dolgoruki, Nikolaus Fürst, russ. 

Oberst, erster MilitärbcvoUmäch- 
tigter in Berlin 1879/84. 
III, S. 133. 297. 317. 318. 
V, S. 64. 300. 
Dolgoruki, Sergei Fürst, Oberzere- 
monienmeister am russ. Hofe. 
III, S. 331. 
Dollfus, elsässischer Protestler. 

VI, S. 129. 
Dondukow-Korssakow, Fürst, 
russ. Generalgouverncur in Bul- 
garien 1878/79, Oberbefehlshaber 
im Kaukasus 1882/90. 
III, S. 9. 11. 
V, S. 14. 41. 
Dragomirow, russ. General (1883). 

VI, S. 128. 
Drentcln, russ. Generalgouverneur 

389 



des Bezirks Kiew, Wolhynien und 

Podolien (1884). 
III, S. 373. 
Drummond, s. Hay, Wolff. 
Duclerc, franz. Ministerpräsident und 

Minister des Äußern 1882/83. 

III, S. 404 A. 403. 

IV, S. 40. 42. 

Dufaure, franz. Ministerpräsident 1877 
bis 187Q. 

III, S. 381 A. 386. 

Dufferin, Frederick Earl of, engl. 
Botscliafter in Petersburg 1879 
bis 1881, Botschafter in Konstan- 
tinopel 1881/84, Vizekönig von In- 
dien 1884/88. 

IV, S. 28. 39. 44. 83. 121. 123. 
Dumont, franz. General. 

VI, S. 130. 
Dupanloup, Bischof von Orleans 
(1874). 
I, S. 237. 
Durnow, s. Durnowo. 
Durnovvo, Peter, russ. General, Prä- 
sident des Slawenkomitees. 

V, S. 133. 308. 
Dyes, Bankier (1884). 

IV, S. 78. 

Edhem Pascha, türk. Großwesir 1877 
bis 1878. 
II, S. 163. 
Edinburg, s. Alfred. 
Eduard, Prinz von Wales, nachmal. 
König Eduard VII. 
I, S. 260. 
II, S. 217. 330. 
IV, S. 8. 9. 31. 84. 85. 91. 120. 121. 

VI, S. 330. 331. 331 A. 332. 344. 344 A. 
345. 371. 371 A. 

Egerton, Edwin Henry, erster engl. 
Botschaftssekretär in Paris (1886). 
VI, S. 93. 94. 
Eisendecher, von, preuß. Gesandter 
in Karlsruhe 1884/1914. 
VI, S. 339 A. 
Eissenstein-Chotta, Ritter von, 
österr.-ung. Botschaftsrat in Ber- 
lin 1887/91. 
IV, S. 353. 356. 357. 358. 359. 375. 
Elisabeth, Kaiserin von Österreich, 
Gemahlin Kaiser Franz Josephs I., 
geb. Prinzessin von Bayern. 
VI, S. 311. 



Elliot, Sir Henry, engl. Botschafter in 
Konstantinopel 1867/78, zweiter 
engl. Delegierter bei der Konfe- 
renz der Großmächte in Konstan- 
tinopel 1877, Botschafter in Wien 
1878/84. 
II, S. 12. 121. 125. 128. 134. 144A. 
177. 185. 294. 
Engelbrecht, von, Major, Militär- 
attache in Rom 1882/95. 
IV, S. 224, 225. 

VI, S. 206. 257. 258. 260. 263. 264. 
266. 
England, s. Alexandra, Eduard, Ge- 
org, Helene, Viktoria. 
Er am Bey, türk. Generalkonsul in Ne- 
apel (1886). 
IV, S. 187. 
E r h a r t , franz. Spion in Elsaß-Lothringen. 

VI, S. 202 A. 
Ernroth, russ. General, bulg. Kriegs- 
minister 1880/81. 
IV, S. 339. 349 A. 355 A. 

V, S. 177A. 178. 179. 181. 182. 183. 
184. 185. 187. 188. 189. 190. 191. 
193. 197. 200. 202. 

Ernst August, Herzog von Cumber- 
land, Herzog zu Braunschweig u. 
Lüneburg. 
VI, S. 330. 331. 331 A. 
Essad Pascha, türk. Botschafter in 
Paris 1880/95. 
IV, S. 118. 
Eulen bürg, Botho Graf zu, preuß. 
Minister des Innern 1878/81. 
III, S. 105. 

Fabinyi, ung. Justizminister 1886/89. 

V, S. 124A. 
Fabrice, Georg von, sächs. General, 
Generalgouverneur der besetzten 
franz. Gebiete und Vertreter des 
Reichskanzlers 1871. 
I, S. 7. 7A. 11. IIA. 13 A. 28 A. 
31 A. 32 A. 34 A. 49 A. 50 A. 53 A. 
Fade je w, Rostislaw, russ. General, 
Panslawist. 
III, S. 53. 
Faidherbe, franz. General. 

VI, S. 130. 

Farre, franz. General, Kriegsminister 
in den Kabinetten Freycinet und 
Ferry 1880/82. 
VI, S. 140. 



390 



Favre, Jules, franz. Minister des Äu- 
ßern 1870/71. 
I, S. 3. 7. 7A. 8. 10. 11. IIA. 12. 
12 A. 13 A. 14. 15. 16. 17. 22. 28 A. 
29. 30. 31. 31 A. 32. 32 A. 33. 34. 
35. 35 A. 36. 36 A. 38. 44. 49. 49 A. 
51. 52. 55. 56. 57. 60 A. 65 A. 

Feoktistow, Direktorder russ. Ober- 
preßverwaltung (1886/87). 
V, S. 95. 294. 297. 298. 310. 315. 

Ferdinand, Prinz von Sachsen-Ko- 
burg-Gotha. seit 14. August 1887 
Fürst von Bulgarien. 

IV, S. 339 A. 349. 349 A. 

V, S. 159A. 187. 187 A. 188. 189. 190. 

190 A. 191. 192. 193. 200. 203. 204. 

338. 338 A. 339. 340. 341. 343. 344. 

346. 
VI, S. 3A. 4. 45. 278. 317. 321. 322. 

323. 336. 338. 339. 343. 348. 349. 

350. 
F e r g u s s o n , Sir James, Parlaments- 

Unterstaatssekretär im Foreign 

Office 1886/91. 
IV, S. 395. 407. 
Ferron, franz. General, Kriegsminister 

im Kabinett Rouvier 1887. 
VI, S. 206 A. 
Ferry, Jules, franz. Ministerpräsident 

1880/81 u. 1883/85. 
III, S. 399 A. 409. 414. 417. 418. 419. 

420. 421. 421 A. 422. 423. 430. 431. 

431 A. 432. 433. 434. 435. 436. 437. 

438. 439. 440. 441. 442. 443. 443 A. 

445. 445 A. 447 A. 448. 

V, S. 310. 

VI, S. 129. 137. 177. 206 A. 213. 222. 
Flandern, s. Maria, Philipp. 
F 1 e m m i n g , Graf von, preuß. Gesandter 
in Karlsruhe 1859/84. 
I, S. 283 A. 
Fleury, Emile Felix, franz. General, 
Botschafter in Petersburg 1869/71. 
I, S. 114. 
F I o q u e t , Charles Thomas, franz. Depu- 
tierter, Präsident der Deputierten- 
kammer 1885 u. 1889/93, Minister- 
präsident 1888/89. 
III, S. 317. 402. 402 A. 
VI, S. 220 A. 335. 
Flourens, Emile, franz. Minister des 
Äußern im Kabinett Rouvier 1887 
bis 1888. 
V, S. 301. 349. 349 A. 



VI, S. 48. 116. 118. 122. 157. )57A. 
169 A. 171 A. 173. 176. 176A. 182. 
183. 183 A. 184. 187. 189. 190. 
190 A. 192. 192 A. 193. 201. 202. 
203. 205. 
Foucault de Mondion, franz. Ge- 
heimagent und Publizist. 
V, S. 348. 349. 350. 
FoucherdeClareil, Comte, franz. 
Botschafter in Wien 1883/86. 
III, S. 357. 
VI, S. 367. 
Foulon, Bischof von Nancy (1873/74). 
I, S. 211. 212. 213. 216. 217. 221. 222. 
223. 224. 224 A. 225. 227. 231. 241. 
242. 
Fournier, Hugues, franz. Botschafter 
in Konstantinopel 1877/80. 
III, S. 128. 
Frankreich, s. Heinrich V., Napo- 
leon III. 
Franz II., Exkönig von Neapel (1872). 

I, S. 201. 201 A. 
Franz Joseph I., Kaiser von Öster- 
reich und König von Ungarn 1848 
bis 1916. 
I, S. 197. 197 A. 198. 202. 203. 205. 
206. 206 A. 207. 253 A. 256. 258. 
283. 284. 
II, S. 16A. 39. 55. 55 A. 63. 74. 74 A. 
77 A. 82. 85. 89. 92. 97. 111. 113. 
114. 115. 169 A. 177. 196. 241.273. 
275. 319. 

III, S. 23. 32. 33. 34. 41. 42. 43. 44. 
56. 67. 69. 88. 89. 90. 92. 94. 95. 
101. 102. 103. 107. 148. 152. 157. 
159. 161. 165. 167. 169. 170. 171. 
172. 173. 176. 195. 202. 216. 218. 
221. 226. 229. 235. 245. 252. 253. 
255. 258. 264. 276. 281. 282. 289. 
291. 293. 298. 301. 309. 310. 311. 
317. 318. 334. 347. 347 A. 348. 349. 
350. 351. 352. 353. 354. 357. 359. 
360. 361. 362. 363. 364. 369 A. 370. 
371. 374. 

IV, S. 122. 123. 183. 184A. 185. 196. 
198. 203. 204. 210. 212. 214. 216. 
217. 232. 237. 242. 244. 245. 246. 
250. 251. 253. 254. 256. 257. 320. 
325. 387. 418. 418 A. 

V, S. 5. 7. 9. 10. 37. 44. 55 A. 59. 60. 
67. 79. 82. 92. 114. 129. 130. 138. 
149 A. 150. 151. 152. 153. 185. 192. 
194. 195. 196. 197. 198. 228. 233. 
234. 238. 241. 261. 262. 265. 266. 



391 



267. 268. 272. 273. 273 A. 276. 279. 
280. 281. 283. 285. 286. 288. 289. 
300. 
VI, S.S. 10. 11. 13. 14. 15. 17. 19. 20. 
21. 22. 23. 28. 29. 31. 34. 35. 38. 
40. 47. 56. 57. 63. 68. 71. 72. 74. 
75. 76. 77. 78. 85. 86. 134. 135. 
155. 170. 171. 245. 277. 310 A. 322. 
339. 344. 344 A. 345. 346. 347. 348. 
349. 360. 360 A. 

Fredericks, Baron, russ. General, 
Militärattache in Paris (1886). 
VI, 92 A. 

Freppel, Bischof von Angers (1886). 
VI, S. 162. 

Freycinet, Charles de, franz. Minister 
der öffentl. Arbeiten im Kabinett 
Waddington 1879, Ministerpräsi- 
dent und Minister des Äußern 
1880, Minister des Äußern im Ka- 
binett Brisson 1885/86, Minister- 
präsident und Minister des Äu- 
ßern 1886, Kriegsminister in den 
Kabinetten Floquet 1888/89 und 
Tirard 1889/90. 

III, S. 128. 397 A. 398. 398 A. 445 A. 
447. 447 A. 449. 450. 451 A. 453. 

IV, S. 116. 157. 159. 190. 191. 194. 
V, S. 44. 113. 119. 310. 

VI, S. 93. 94. 94 A. 96. 97. 98. 101. 104. 
105. 106. 107. 109. 137. 140. 144. 
148. 152. 157 A. 160. 164. 169. 170. 
204. 
Freydorf, von, badischer Minister- 
präsident 1871/76. 
I, S. 283 A. 
Friedrich I., Großherzog von Baden 
1856/1907. 
I, S. 3. 
VI, S. 280. 
Friedrich III., Deutscher Kaiser u. 
König von Preußen (s. auch Fried- 
rich Wilhelm, Kronprinz). 
IV, S. 177A. 
V, S. 162A. 

VI, S. 216. 218. 219. 280. 280 A. 281. 
281 A. 289. 291. 293. 294. 295. 296. 
326. 328. 329. 330. 331. 331 A. 346A. 
347. 
Friedrich Franz IL, Großherzog von 
Mecklenburg-Schvi^erin 1842/1883. 
VI, S. 280. 
Friedrich Karl, Prinz von Preußen, 
Neffe Kaiser Wilhelms I. 
VI, S. 331 A. 



Friedrich Wilhelm, Kronprinz des 
Deutschen Reiches, nachm. Kaiser 
Friedrich III., s. d. 
I, S. 308A. 316 A. 
II, S. 323. 326. 329. 330. 330 A. 

III, S. 36. 59. 60. 61. 70. 83. 88. 109. 
111 A. 318. 358. 381. 382. 

IV, S. 57. 58. 59. 182.316A. 367. 367A. 
369. 377. 

V, S. 51. 56. 56 A. 57. 57 A. 93. 152. 

162 A. 301. 
VI, S. 28. 99. 100. 116. 174. 

Gabriac, Marquis de, franz. Geschäfts- 
träger in Berlin 1871/73. 
I, S. 60. 60 A. 61. 105. 106. 
Gabriel Pascha Chrestowitsch, Gene- 
ralgouverneur von Ostrumelien 
(1884). 
III, S. 368. 372. 
Gallifet, Marquis de, franz. General. 

VI, S. 107. 
Gambetta, Leon, Minister des Innern 
1870/71, Präsident der Deputier- 
tenkammer 1879/81, Ministerpräsi- 
dent 1881/82. 
I, S. 14. 72. 114. 115. 116. 152. 157 A. 
162. 234. 239. 239 A. 240. 262. 311. 

III, S. 160. 191. 192. 192A. 201. 387. 
387 A. 400. 402. 402 A. 403. 437. 

IV, S. 27. 34. 40. 41. 
VI, S. 107. 128. 197. 

Garaschanin, Milutin, serb. Minister- 
präsident und Minister des Äußern 
1884/87. 

V, S. 22. 23. 
Garibaldi, Giuseppe. 

III, S. 190. 191. 

Gau t seh, Polizeikommissar (1887). 
VI, S. 182A. 183A. 184. 184A. 185. 
188. 
Gavard, Chef des Sekretariats des 
franz. Ministers des Äußern Duc 
de Broglie 1873/74. 
I, S. 212. 
Geffcken, Heinrich, Rechtsgelehrter 
und Publizist. 
VI, S. 346A. 
Georg L, König von Griechenland 1863 
bis 1913. 

IV, S. 19. 

Georg, Herzog von Cambridge, engl. 
Feldmarschall (1878). 
IL S. 330. 



392 



Georg, Sohn des Prinzen Eduard von 
Wales, nachmal. König Georg V. 
VI, S. 371 A. 

G i a c o n e , ru ss. Journalist. 
V, S. 166. 317. 

Giers, Nikolaus von, Gehilfe des russ. 
Ministers des Äußern Fürsten 
Gortschakow 1876/82, Minister des 
Äußern 1882/95. 
11, S. 297. 307. 308. 

III, S. 9. 10. 11. 12. 18. 49. 54. 62. 63. 
66. 69. 114. 143. 147. 149. 150. 
155. 156. 162. 165. 169. 252. 285. 
285 A. 286. 287. 288. 288 A. 289. 
292. 295. 296. 297. 300. 302. 302 A. 
303. 304. 305. 306. 307. 308. 311. 
311 A. 312. 313. 314. 315. 316. 
317. 318. 319. 320. 321. 322. 323. 
324. 326. 327. 328. 329. 330. 331. 
332. 334. 339. 340. 341. 350. 357. 
358. 359. 360. 364. 365. 368. 369 A. 
371. 372. 373. 375. 376. 

IV, S.112. 114. 120. 265. 

V, S.7. 7A. 10. 13. 14. 15. 25. 41. 42. 
43. 44. 45. 46. 48. 49. 50. 51. 52. 
53. 57. 60 A. 61. 61 A. 63. 64. 69. 
70. 71. 72. 73. 75. 83. 84. 86. 91. 
96. 97. 98. 99. 100. 101. 102. 103. 

104. 105. 106. 107. 108. 109. 110. 
111. 113. 114. 115. 116. 119A. 131. 
132. 133. 134. 135. 146. 148. 160. 
161. 166. 167. 168. 169. 170. 174. 
175. 177 A. 179. 180. 181. 183. 
188. 189. 203. 204. 211. 212. 215 A. 
216. 217. 218. 219. 220. 221. 222. 
222 A. 223.224. 225.226. 227. 228. 
2331 234. 236. 238. 240. 241. 242. 
243. 244. 244 A. 249. 250. 251. 252. 
255. 256. 257. 258. 261. 262. 263. 
265. 293. 296. 297. 298. 299. 300. 
301. 302. 303. 306. 307. 308. 312. 
313. 314. 315. 316. 317. 320. 322. 
326. 327. 328. 329. 332. 333. 340. 
341. 342. 346. 347. 348. 349. 350. 

VI, S. 6. 7. 8. 9. 14. 17. 18. 30. 31. 

32. 37. 38. 46. 50. 97. 98. 104. 

105. 106. 107. 108. 109. 110. 111. 
115. 116. 117. 118. 122. 123. 177. 
178. 278. 280. 281. 282. 289. 290. 
291. 295. 296. 301. 302. 318. 320. 
321. 322. 323. 324. 325. 326. 330. 
335. 336. 337. 338. 348. 352. 355. 
375. 



Girardin, Emile de, franz. Publizist, 
Chefredakteur der „France". 
III, S. 392. 
Gladstone, William, engl. Premier- 
minister 1868/74, 1880/85, Januar 
bis Juli 1886. 
II, S. 12. 200. 

III, S. 235. 239. 295. 369. 397. 433 A. 
434. 436. 437. 

IV, S. 9. ISA. 18. 19. 20. 31. 33. 33 A. 
48. 54. 76. 85. 91. 102. 104. 104 A. 
106. 120. 121. 122. 125. 131 A. 138. 
139. 142. 143 A. 145. 175. 175 A. 
263. 272. 287. 293. 355. 382. 416. 

V, S. 45. 45 A. 
VI, S. 177. 347. 358. 359. 
Goblet, Rene, franz. Unterrichtsmini- 
ster im Kabinett Brisson 1885/86, 
Ministerpräsident 1886/87, Mini- 
ster des Äußern im Kabinett Flo- 
quet 1888/89. 
VI, S. 157A. 158. 173. 190A. 192. 192A. 
204. 21 5 A. 219 A. 
Goiran, Ritter von, ital. Oberstleut- 
nant, Chef der Militär-Transport- 
Direktion (1888). 
VI, S. 251. 252. 252 A. 259. 260. 
Goltz, Karl August Graf von der, 
erster Sekretär bei der Botschaft 
in Wien (1886). 
VI, S. 135A. 
Goltz, Karl Friedrich Graf von der, 
preuß. General, Generaladjutant 
Kaiser Wilhelms I. (1879). 
III, S. 116. 118. 
Goltz, Kolmar Freiherr von der, preuß. 
Oberst, in türk. Diensten 1883/95. 
V, S. 182. 186. 
Goluchowski, Agenor Graf von, 
österr.-ung. Gesandter in Buka- 
rest 1887/94. 
VI, S. 349. 
Gontard, de, franz. Delegierter zu 
den Brüsseler Friedensverhand- 
lungen 1871. 
I, S. 7 A. 
Gontaud-Biron, Vicomte de, franz. 
Botschafter in Berlin 1873/77. 
I, S. 105. 106A. 127. 179 A. 182.184. 
185. 186. 189. 192 A. 219. 224.225. 
226. 227. 228. 229. 230. 231. 232. 
232 A. 233. 236. 237. 261. 264.267. 
268. 269. 272 A. 275. 276. 277 A. 
281. 287 A. 288. 294 A. 295 A. 316. 
316 A. 317. 318. 318 A. 319. 320. 



393 



321. 322. 323. 324 A. 325. 325 A. 
326. 326 A. 
II, S. 104. 105. 

III, S. 26. 381. 381 A. 

Gorst, John, engl. Parlaments-Unter- 
staatssekretär für Indien 1886/91. 

IV, S. 409. 

Qortschakow, Alexander Fürst, russ. 
Reichskanzler 1870/82 und Minister 
des Äußern 1856/82. 
I, S. 111. 111 A. 199. 201. 202. 207. 
208. 240. 273 A. 279. 280. 283. 
283 A. 286. 291. 296. 297. 299. 300. 
304. 
II, S. 3. 10. 11. 12. 29 A. 30. 31 A. 
32. 32A. 33. 34A. 35. 36. 39. 40. 41. 
42. 43. 44. 46. 47. 48. 49. 50. 54. 
56. 57. 58. 59. 60. 62. 63. 64. 65. 
73. 74. 75. 80. 80 A. 81. 81 A. 84. 
87. 89. 91. 92. 93. 94. 95. 100. 
110. 120. 121. 123. 127. 128. 129. 
130. 134 A. 150. 150 A. 151. 162 A. 
169. 170. 173. 175. 176. 178. 179. 
181. 182. 184. 184A. 185. 187.192. 
194. 195. 196. 199. 207. 208. 209. 
210. 213. 215. 217. 220. 221. 222. 
223. 223 A. 224. 227. 228. 229. 230. 
231. 232. 233. 234. 235. 236. 237. 
238. 239. 240. 253. 259. 263. 264. 
265. 266. 267. 271. 276. 278. 279. 
298. 307. 308. 331. 332. 333. 

III, S. 3. 5. 6. 9. 11. 17. 26. 28. 37. 
38. 39. 48. 52. 62. 88. 139. 140. 
142. 162. 285 A. 316. 319. 320. 411. 

IV, S. 106. 

V, S. 74. 77. 101. 103. 109. 111. 180. 

235. 241. 275. 307. 
VI, S. 147. 312. 357 A. 

Qortschakow, Michael Fürst, Sohn 
des Fürsten Alexander Qortscha- 
kow, Legationsrat bei der russ. 
Botschaft in Berlin (1872). 
I, S. 107. 
Qoschen, William, engl. Botschaf ter in 
Konstantinopel 1880/81, Schatz- 
kanzler im Kabinett Salisbury 1887 
bis 1892. 
IV, S. 24 A. 293. 293 A. 305. 327. 328. 
359. 376. 382. 383. 384. 406. 407. 
V, S. 177. 
Goulard, de, Mitglied der franz. Na- 
tionalversammlung (1871). 
I, S. 38. 44. 



Qoupil, Mitglied der franz. Patrioten- 
liga. 
VI, S.114. 

Qrandlieu, de, franz. Journalist. 
VI, S. 149. 

Qranet, franz. Minister der Posten 
und Telegraphen in den Kabi- 
netten Freycinet und Qobletl886 
bis 1887. 
VI, S. 94. 

Qranville, Qeorge Earl, engl. Staats- 
sekretär des Äußern im Kabinett 
Qladstone 1870/74 und 1880/85, 
Staatssekretär der Kolonien 1886. 
11, S. 9. 11. 12. 14. 17. 20. 20 A. 21. 
22. 23. 

III, S. 423 A. 436. 

IV, S. 14. 14 A. 15. 15 A. 16. 26. 27. 
28. 29. 30. 31. 36. 37 A. 38. 38 A. 
39. 41. 42. 43. 44. 45. 46. 46 A. 47. 
49. 50. 51. 52. 54. 55. 57 A. 59. 
60. 61. 63. 64. 65. 66. 67. 68. 6