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Full text of "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts"

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DIE GRUNDLAGEN 

DES 

NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS 
I. HÄLFTE 




ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



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DRVOt VON ALPHONS BKCXKlfAKtf. MONCHE?f. 



P 



VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE 



I 



Der Weiiheiisliebend« »cht mitten 
Innc xwbchcn dem Gclchncn und 
dem Ignoranten. 



PLATO. 



Den Charakter dieses Buches bedingt der Umstand, dass sein 
Verfasser ein ungclehrter Mann ist. Gerade in seiner Ungelehrtheii 
schöpfte er den Mut zu einem Unternehmen, vor welchem mancher 
bessere Mann erschroclcen hätte zurückwi:ichen niässen. Nur niu&ste 
natürlich der Verfasser selber hierüber Klarheit besitzen: sein Wollen 
inuaste er nach »inem Können richten. Das ihat er, eingedenk des 
Gocthc'schen Wortes; »der geringste Mensch kann komplett sein, 
wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertig- 
keiten bewegi.« Nicht einen Augenblick bildete er sich ein, seinem 
Buche komme wissenschaftlicher Wert tu. Hat er z. B. ziemlich 
viele Citate und LiiicraturnacKwcisc gegeben, so ist das teils zur 
Ergänzung allzu kureer Ausführungen, teils als Anregung für ebenso 
ungelehrte Leser geschehen, manchmal auch als Stütze für Meinungen, 
die nicht Mode sind; noch eine Erwägung ham hinzu: ein Gciclmer, 
der über sein Specialfach schreibt — ein Treitschke, ein F. A. Lange, 
ein Huxley — kann auch ohne sich zu rechtfertigen Behauptungen 
aufstellen; hier durfte das nicht geschehen; erhält also an einigen 
Stellen das Buch durch die vielen Anmerkungen ein gelehrtes Aus- 
sehen, so wolle man darin nicht Anmass^ung, sondern ihr Gegenteil 
erblicken. Ein Prunken mit Wissen und Beicsenheit würde lächerlich 
bei einem Manne gewesen sein, dessen Wissen nicht auf die Quellen 
zurOckgebt und dem siets als Ideal vorschwebte, nicht möglichst viel 
KU lesen, sondern so wenig wie nur irgend thunlich und bloss das 
AUerbeste, 

Wer weiss, ob dem heute so verrufenen Dilettantismus nicht 
<iae wichtige Aufgabe bevorsteht? Die Specialisation macht täglich 

I 




Vorwort zur ersten Auflage. 



Fortschritie; das muss auch so sein. Wer diplomatische Geschichte 
schreibt, darf über winschaftliche Geschichte nicht mitreden, wer 
byzantinische Litieratur studiert , hat sich eine so anspruchs\'olle 
Lebensaufgabe erwählt, dass er Schnitzer macht und von den bc- 
tretfendcn Fachmännern zurechtgewiesen wifd, sobald er auf frühere 
oder spätere Zeiten überzugreifen wagt, der Histolog ist heute nur 
in einem beschränkten, mehr oder weniger dilettanten haften Sinne 
des Wortes Zoolog (und umgekehrt), der Systematiker vermag es 
nicht, wie früher, in der Physiologie etwas von Bedeutung zu leisten: 
mit einem Wort, die strengste Beschranliung ist jetzt das eiserne 
Gesetz aller exakten Wissenschaft. Wer sieht aber nicht ein, dass 
Wissen immer erst an den Grenzscheiden lebendiges Irteiessc gewinnt? 
Jedes Fachwissen ist an und für sich vollkommen gleichgültig; erst 
durch die Beziehung auf Anderes erhält es Bedeutung. Was sollten 
uns die zehntausend Thatsachen der Histologie, wenn sie nicht zu 
einer gedankenvolleren Auffassung der Anatomie und der Physiologie, 
zu einer sicheren Erkenntnis mancher Krankheitserscheinungen, zu 
psychologischen Beobachtungen und, im letzten Grunde, zu einer 
philosophischen Betrachtung allgemeiner Maturphänomene führten? 
Das triflt überall zu. Kie z. B. erwächst die Philologie zu so huher 
Bedeutung für unser ganzes Denken und Thun, al.s wenn sie auf 
Probleme der Anthropologie und Ethnographie Anwendung findet 
und in unmittelbare Beziehung zur Prahistorie des Menschen- 
geschlechts, zur Rassenfrage, zur Psychologie der Sprache u. s. w. 
tritt; nirgends kann reine Natur*'issenschaft gestaltend in das Leben 
der Gesellschaft eingreifen, ausser wo sie zu philosophischer Würde 
heranwachst, und da muss doch offenbar entweder der Philosoph 
nebenbei ein Naturforscher sein oder der Naturforscher philosophieren. 
Und so sehen wir denn die Fachmänner, obwohl sie es nach ihrer 
eigenen Lehre nicht dürften, obwohl sie nicht müde werden, das, 
was sie Dilettantismus heissen, mit dem höchsten Bann zu belegen, 
wir sehen sie überall ihre Grenzen überschreiten ; wer recht auf- 
merksam nach allen Seiten hin beobachtet, wird die Überzeugung 
gewinnen, dass die gefährlichsten Dilettanten die Gelehrten selber 
sind. Zwar an eine mikrokosmischc Zusammenfassung wagt sich 
heute Keiner von ihnen, auch die ihnen zunächst liegenden Fächer 
vermeiden sie ängslich, in entfernte springen sie daliegen beherzt 
hinüber: Juristen sehen wir in der Philologte sich hcrumtummcln, 
Mcuphysikcr den Indologen Sanskrit lehren, Philologen über Botanik 



Vorwort zur ersten Auflage. 



IX 



und Zoologie mit beneidenswerter KonchaUnce reden, Arzte, deren 
Ordinationsstunden in urwüldlichcr Ungestörtheit verlaufen, sich die 
Metaphysik zur Leichenschau vornchmtn, Theologen über das Alter 
von Handschriften urteilen, wo man glauben sollte, nur ein historisch 
geübter Grapholog im Bunde mit einem Mikrochcmiker besässe 
hierzu die Koraperenz, Psychologen, die in ihrem Leben keinen 
Secicrsaal betraten, an die genaue Lokalisation der Gehimfunktioaen 
die interessantesten Hypothesen knüpfen — — — Ja, was sehen 
wir bei den Berühmtesten unserer Zeit? Ein Darwin musstc noUns 
vofens Philosoph werden, sogar ein wenig Theolog, ein Schopen- 
hauer hielt seine »Vergleichende Anatomie« für seine beste Schrift, 
Hegel schrieb eine Wcligeschichtc, Grimm widmete seine besten jähre 
juristischen Aufgaben, jhcring, der grosse Rechtslehrer, fühlte sich 
nirgends so wohl wie betm Aufbau etymologischer und archäologischer 
LuftschlÖsserl Kurz, die Reaktion gegen die enge Kiiecluschaft der 
Wissenschaft bricht sich gerade bei den Gelehrten Bahn; nur die 
Mittelmässigcn unter ihnen halten es dauernd in der Kcrkcrlufi aus; 
die Begabten sehnen sich nach dem Leben und fUhlcn, dass jegliches 
Wissen nur durch die Berührung mit einem anderen Wissen Gestalt 
und Sinn gewinnt. 

Sollte nun ein aufrichtiger, offen eingestandener Dilettantismus 
nicht gewisse Vorzüge vor dem versieckien haben? Wird nicht die 
Lage eine deutlichere sein, wenn der Verfasser gleich erklürt: ich bin 
auf keinem Felde ein Fachgelehrter? Ist es nicht möglich, dass eine 
umfassende Ungelehnheii einem grossen Komplex von Erscheinungen 
eher gerecht werden, dass sie bei der künstlerischen Gestaltung sich 
freier bewegen wird als eine Gelehrsamkeit, welche durch intensiv und 
lebenslänglich betriebenes Fachstudium dem Denken bestimmte Furchen 
eingegraben hat? Wenn nur nicht alle methodischen Grundlagen fehlen, 
wenn die Absicht eine edle, nützliche ist, das Ziel ein klares, die 
Hand am Steuerruder eine feste, welche das Schiff zwischen der steilen 
Scylla der reinen Wissenschaft (einzig den ihr Geweihten erreichbar) 
Und der Charybdis der Verflachung sicher hindurchzusteuern vermag, 
wenn aufopferungsvoller Flclss dem Ganzen den Stempel ehrlicher 
Arbeit aufdrückt, dann darf der ungelchrte Mann ohne Scheu eingestehen, 
was ihn beschränkt, und dennoch auf Anerkennung hoffen. 

Ganz ohne wissenschaftliche Schulung ist der Verfasser dieses 
Buches nicht, und, hat ihn auch eine Fügung des Schicksals aus der er- 
jtihlten Laufbahn entfernt, so hat er sich doch, neben dem unvergäng- 



iTorwort zur ersten 



jichcD Eiodrucl; der Methodik und der unbedingten Achtung vor den 
Thatsachcn, welche die Naturforscliung ihren Jüngern einprägt, für 
alle Wissenschaft Verehrung und Icidcnschafthche Liebe bewahrt. 
Jedoch er durfte und er musste ^ich sagen, dass es etwas giebi, höher 
und heiliger als alles Wissen: das ist das Leben selbst. Was hier 
geschricbeD steht, ist erlebt. Manche ihatsächticbe Angabe mag ein 
ßberkomracner Irrtum, manches Urteil ein Vorutteil, manche Schluss- 
folgcning ein Denkfehler sein, ganz unwahr ist nichts; denn die ver- 
waiste Vernunft lUgt hüu6g, das volle Leben nie: ein bloss Gedachtes 
kann ein luftiges Nichts, die Irrfahrt eines losgerissenen Individuums 
sein, dagegen wurzelt ein (ief Gefühlces in Ausser- und Übcrpcrsön- 
Uchein, luid mag auch Vorurteil und Ignoranz die Deutung manchmal 
fchlgestalten, ein Kern lebendiger Wahrheit muss darin liegen. 
AU Wappeninschrift hat der Verfasser den Spruch geerbt: 
Spts et Fides. 
Er deutet ihn auf das Menschengeschlecht. So lange es noch echte 
Germanen auf der Welt giebt, so lange können und wollen wir hoffen 
und glauben.') Dies die Grundübecaeugung, itus der das vorhegende 
Werk hervorgegangen ist. 



Was hier vorliege, ist als erster Teil eines umfassender gedacht«Q 
Werkes entstanden, wie das die allgemeine Einleitung meldet Dieser 
Teil bildet aber ein durchaus selbständiges Ganzes, welches die »Grund- 
lagcnc der Strömungen, Ideen, Gestaltungen unseres Jahrhunderts be- 
handelt. Der zweite Teil wird erst dann erscheinen, wenn die vielen 
fachmännischen Sammelwerke Über das neunzehnic Jahrhundert voll- 
endet vorliegen, so dass ein zusammenfassender Überblick möglich 
wird, ohne die Gefahr. Weicniliches übersehen zu haben. Inzwischen 
bildet dieser Teil eine Ergänzung zu jenen Specialerörterungcn, sowie 
zu jedem Überblick über die Geschichte des Jahrhunderts, eine Er- 
gänzung, welche hoffentlich Manchem ebenso sehr Bedürfnis sein 
wird, wie CS dem Verfasser Bedürfnis war, sich gerade über diese 
prundlagen Klarheit zu verschaffen. 

Es erübrigt noch festzustellen, dass dieses Buch sein EntstehcQ 
der Initiative des Verlegers, Herrn Hugo Bruckmann, verdankt. Kann 



*) Ober dk fteiiaue Bedeutung, welche in dicf«ni Buche dem Worte 
•GcnoaDV* beigelegt wird, ncUc du Kcliit« Kapild. 



er insofern von einer geu-issen Verantwonlichkeit nicht freigesprochen 
werden, denn er hat dem Verfasser ein Ziel gesteckt, an das er 
sonst kaum lu denken gewagt haue, so ist es Diesem zugleich ein 
Bedürfnis, seinem Freunde Bruclemann ÖfFeniüch für das Interesse und 
die Unterstützung zu danken, die er dem Werke tu allen Stadien 
seiner Enmehung gewidmet hat. Warmen Dank schuldet der Ver- 
fasser ebenfalls seinem innig verehncn Freunde, Herrn Gymnasial- 
oberlehrer, Professor Otto Kuntfc in Stettin, für die gewissenhafte Durch- 
sicht des ganzen Manuskriptes, sowie für manchen wertvollen Wink. 

WicD, im Herbst 1898. 

Houston Stewart Chamberlain. 



VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE 



Diese Auflage stimmt fast Nförtlicb mit der ersten überein ; liiit 
einige thatsächliche Irrtümer und stili:>tische Ungleichheiten wurdCTT 
verbessert. 

Die zweite Auflagt folgt' der ersten zu schnell auf Süm Fasse 
nach, als dass eine Weiterentwicklung des Verfassers hätte statifindctl 
können, wie sie ju wesentlichen Änderungen unentbehrlich gewesen 
wäre. Dies bemerke ich zahlreichen freundlichen Bcurteilcrn gegen- 
über, denen ich filr ihre kritischen Auslassungen mich ebenso ver- 
pflichtet fühle, wie für ihre reichlich gespendete Anerkennung. Sic 
sollen nicht glauben, dass ihre Anregungen auf undankbaren Boden 
gefallen seien. Wer aber, wie ich, aus dem Ganzen arbeitet, kann 
nicht leicht an den Teilen etwas ändern. Kant belehrt uns, dass an 
jedem organisch Gewachsenen »die Fehler sich im Gebrauche unaus- 
bleiblich verraten mOssenc. Diesem Gesetz muss auch mein Wert 
seinen Tribut zahlen. 



Wien, im März 1900! 




H. S. C. 



VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE 



Die driite Auflage unterscheidet sich von den beiden ersten, 
ausser durch manche kleine Verbesserungen, nur durch die Beigabe 
einer Reihe von Nachträgen und durch eine abermalige Durchaibehung 
und Ergänzung des Registers. 

Att dem Buche selbst fühle ich mich nicht Olhig, etwas zu 
ändern. £s giebt Stellen — z. B. das letzte Drittel des Hdknen- 
kapitels, die Mitte des Germanenkapitels, den einleitenden Teil 
des neunten Kapitels — von denen ich sehr wohl weiss, dass sie 
schon rein architektonisch nicht gelungen sind; doch ist das Buch 
aus einem Guss entstanden, inzwischen haben andere Arbeiten meinen 
Geist in Anspruch genommen, und ich wagte es nicht, eine bessernde 
Hand anzulegen. Ein Schelm giebt mehr als er hat; wer schafft, 
muss lernen, sich in die Grenzen seines Könnens zu besclieitlen i er 
darf nicht mehr wollen. 

Aus diesem Grunde habe ich die Nachträge nicht tn den Text 
aufgenommen, sondern hinter dem Text als blosse abgerissene Zu- 
gaben gebracht. Sic sind nicht sysiemniisch entstanden ; dazu fehlte 
mir die Zeit und die Lust; sondern aus dem Vielen, was mir zu- 
gesandt worden ist, oder was ich an neuerer Litteraiur sonst kennen 
lernte, habe ich Einiges ausgewählt, was mir für meine Leser von 
besonderem Interesse schien. Im Text habe ich manchmal, doch 
nicht immer, auf diese Nachträge hingewiesen, denn manche fügte 
ich ein, als der Druck schon fertig war; ich bitte diese letzteren 
nicht zu übersehen. 

Thatsächliche Irrtümer sind in sehr geringer Zahl vermerkt 
worden. Dass Wolfgang Menzel kein Katholik war, wurde schon in 
der zweiten Auflage als » Bericht igungt gebracht. Einem katholischen 
Priester verdankte ich die irrtümliche Auskunft; und in der Thnt, 
Menzel ist seinem Fühlen nach so katholisch, dass der Irnum ver- 
zeihlich ist. Die Sache ist übrigens ohne Belang. — Eine Anzahl 
Fachgelehrte waren so freundlich, mich auf kleine Vergehen auf- 



Vorwort zur driitcn Auflage. 



xni 



merksam zu machen; einige habe ich stillschweigend verbessen, 
andere fand ich «u geringfügig, bei einzelnen konnte ich mich nicht 
überzeugen, dass meine Angaben irrig sind. Diesen Freunden 
meines Buches spreche ich den herzlichsten Dank aus. 

Ein Irrtum, der ebenfalls ohne jede Bedeutung ist, hat tn ge- 
wissen Kreisen eine überflüssige Menge Staub aufgewirbelt; er steht 
auf S. 49S und die Berichtigung in den Nachträgen S. 1016. Meines 
pater peceavi wegen inu<»5ie ich die Sache noch einmal so abdrucken 
wie sie in den früheren Auflagen stand; von der nächsten Auflage 
ab wird der Name des beiretTemien Herrn aus dem Buche verschwinden. 

Bei der Ergänzung des Registers hat mich ausser dem Wunsche, 
es möglichst brauchbar zu machen, auch das Mitleid mit jenen Literaten 
bestimmt, deren Berufes ist, *Widersprüchei aufzudecken. Was mir 
bisher -von dieser Art von Kritik über die Grundlagen zu Gesichte kam, 
war nachweisbar alles auf Grund meines Registers, also offenbar ohne 
lebendige Kenntnis des Buches gemacht, daher manche Widersprüche 
noch fehlten; ich hoffe jetzt die Rubrizierung ziemlich vollständig 
durchgeführt zu haben. 

Bezeichnend für das bisherige Schicksal des Buches ist die sehr 
warme Aufnahme, die es bei Fachgelehrten gefunden hat. Hervor* 
ragende Philologen [Sanskritisten, Assyriologen, Semitisten, Hellenisten, 
Germanisten), Juiisten, Philosophen, Historiker, Naturforscher (namcnt- 
Uch viele Ärzte), Theologen (proiesian tische und katholische), Kunst- 
gelehne u. s. w, haben öffentlich das Buch empfohlen, oder mir brief- 
lich ihre Anerkennung ausgesprochen. Auch Manner des praktischen 
Lebens — Ingenieure, Offiziere, Richter, Pastoren, Beamte, Lehrer — 
haben in grosser Zahl sich lebhaft für Jas Buch interessiert. Dass 
diese Männer alle ohne Ausnahme zugleich scharfe Kritik an meinem 
Werke geObi haben, erhöht den Wert ihrer Meinung. Diese That- 
sache hat mir Freude und Ccnugihuung bereitet. Ist es mir auch 
durch ein Tücke des Schicksals nicht vergönnt gewesen, selber der 
Wissenschaft als Gelehrter zu dienen, kein Leser meiner Grtmdlagm 
wird bezweifeln , dass ich mich immer und überall zu ihr bekenne 
und immer und überall für sie und gegen ihre vielen Feinde und 
Verächter kämpfen werde. Und diese Stimmung entspringt bei mir 
keiner bloss äusseren S>-mpathie, sie dringt ins Innere und bildet 
eine unerschütterliche Gesinnung und eine Grundlage des ganzen 
Denkens. Das haben jene Männer gefühlt. Wo die Gelehrsamkeit 



XIV 



Vorvon zur dritien Auflage. 



fehlte, hat sie der Ernst der Überzeugung gefesselt, und wo si« mir 
widersprachen, hat ihneD doch die Methode des Denkens Sjrmpihie 
eingeflössi. 

Diese Thaisache erwähne ich nun nicht bloss aus dem oben- 
genannten, sondern noch aus einem anderen Grunde; ich thue es im 
InicressL' jener ungelehrien Leser, die sich ein selbMändiges Urteil 
nicht zutrauen, und immer erst wissen müssen, was »man* sagt. 
Diese sollen erfahren, dass bisher nur namenlose Dilettanten mein 
Werk völlig verkannt und mich piTsönlich unflätig geschmäht haben. 
Nur einzelne halb^cbitJete Slcribenten haben sich bemüßigt gefühlt, 
»die Würde der Wissenscbaftc gegen mich in Schutz zu nehmen, 
Leute, die das bischen fadenscheinige Wissen, das sie sich von aussen 
umgelegt haben, wohiweisHch mit dem weilen Mantel der Anonymität 
zudecken, und deren Name — wenn er doch gelüftet wird — die 
Anonymität nur gleichsam unterstreicht und noch undurchdringlicher 
macht. Sie bilden die kontrastierende Ergänzung zu der ersten 
Gruppe. 



Ich würde hier schlicssen, wenn nicht eine Kritik — eine 
einzige — gcbictensch Abwehr crfordcnc, 

&n Mitarbeiter des IMerariichm Cetüralhlattes hat mich des 
mehr oder minder bewusstcn Plagiats an Richard Wagner be/ichtigt. 
Wären Wagner'sSchrifien bekannter als sie sind, ich künnie schweigen; 
der Vorwurf würde sich von selber ricbien. So aber drucken selbst 
wohlwollende Rezensenten die betreffende Behauptung nach; Wagncr's 
Reliftion und Kumt haben sie — leider — nie gelesen, und da die vcr- 
wandischafilichen Beziehungen des betreffenden Gelehrten ^eine Ver- 
trautheit mit den Schriften des Bayreuiher Meisters gew.ihrl eisten, 
nehmen sie ohne weiteres an, meine Grundla^tn seien in der Haupt- 
sache ein Breiitreten von Wagner's hundcn Seiten auf den Umfang 
von tausend Seiten, im besten Falle — um mit dem Rezensenten zu 
reden — ein Sammeln von > Belegen für die Wahrheit dieser (von 
Wagner) gegebenen Fundamcntalsdtze«. In Wirklichkeit ist die Be- 
hauptung ebenso irrig als injuriös, und indem siu mir das Meine 
raubt, raubt sie auch dem grossen Wort- und Tondichter das Seine, 
dasjenige, meine ich, was er mir in der That gegeben hat und wofür 
ich ihm mit jedem Atemzuge meines Lebens danke. 

Wohl darf ich mich in einem gewissen Sinne einen >Jünger< 
Wagners nennen, doch müsstc das Wort genau definiert werden» 



Vorwon zur drinen Auflage. 



XV 



ehe ich es ab berechtigt anerkennen könnte. Descartes sagt : die 
grossen Geister reden Unsinn, sobald ihre Jöngcr in ihrem Namen 
sprechen. Das habe ich an Wagncr's angeblichen Jüngern oft genug 
erfahren, und ich geize nicht danach, ihnen beigezählt cu werden. 
Als ich ein Werk über Wagner zu schreiben haiic, habe ich mir 
strengste Selbstbeherrschung zum Gesetz gemacht: erstens, damit 
Wagner möglichst rein zu Worte komme, zweitens, weil ich empfinden 
musNte, dass uns nicht bloss ein Höhenabstand, sondern fast die ganze 
geistige Anlage und damit zugleich viele tFundamcniaIs3lzc< der Über- 
zeugung von einander schieden. Meine Ehrfurcht vor Richard Wagner 
ist viel zu gross, als dass ich es jemals wagen könnte, iseine Ideen 
Euszuführenc (wie da-^ Centralblot: sich ausdrückt), das hcisst also, 
gleichsam in seinem Namen zu sprechen. Ich möchte den Mann 
sehen, der sich dessen unterlinge; ein zweiter Richard Wagner th3(e 
«s gewiss nicht. 

Zu dieser ersien allgemeinen Betrachtung gesellt sich eine zwehe. 
Die Quellen von ihatsachlichen Behauptungen kann man angeben; 
ich habe es in fast überreichlichem Misse gethan, tetts als Bekrlfiigung, 
teils um dem Leser ein Urteil über meine Quellen zu erleichtern; 
dagegen gehört mehr Gelehrsamkeit dazu, nis ich besitze, um bis zu 
den >Qucllcn< von Gedanken und Ideen mit einiger Sicherheit 
zurückzugehen. Wie Montaigne sagt: L'humaine fantaisie ne pcul rim 
nftuavir qui n'y sott. Mein gelehrter Kezcnsent muss unter dem Ein- 
fluss einer starken Hypnose gestanden haben, als er Richard Wagner 
Ideen als Eigentum vindicierte, die Wagner einfach aus dem gcmein- 
jamen Kulturgut der europäischen Menschheit schöpfte. Welch ein 
andrer Geist weht uns aus Wagncr's Woncn entgegen: »Was einmal 
öfTcntlich gesagt ist, gehört der Allgemeinheit an und nicht mehr ist 
es Eigentum Desjenigen, der es gesagt hat. In diesem Sinne würde 
ich mir jedes Plagiat verzeihen, weil ich es nicht dafür halten könnte.«') 
Und in der That, Wagner hat die Ideen, welche ihm hier rugcschricben 
werden, meistens m i/oc von weltbekannten Autoren übernommen. 
Sein Geist ist in wissenschafilicher Beziehung eigentümlich unkritisch, 
fiist möchte ich sagen kindlich naiv. Wer ihm Vertrauen cinßösst, 
dem glaubt er alles, von dem nimmt er alles ungeprüft an. Jeden* 
falls hängt dies mit dem Wesen des absoluten Künstlers zusammen. 
Wagncr's Weltanschauung — als Bestandteil seiner unvergleichlichen 



BrUfi m Vhlt'e. Fitchtr. Htine. i8fi8, S. 8ft. 



XV! 



Von*'Ort zur drinen Auflage. 



Persöniichlceit — ist und bleibt ein unschäcsbares Gut? doch wer 
wissenschaftliche Belehrung bei ihm holt, m öbel beraten, und wer 
ein Buch von der An des vorliegenden auf eine derartige Grundlage 
aufbauen wollte, wäre — nach meinem Dafürhalien — ein Thor. 

Gehen wir jetzt auf das Einzelne ein, denn diese Märe — aus 
redlicher Überzeugung geboren und durch Unüberlegtheit weiter 
verbreitet — muss ein für allemal wie ein Unkraut ausgerottet werden. 

Die Haupisielle, die für uns in Betracht kommt, lautet un« 
gekflrrt und wortgetreu: »Halt man sich an das Wesentliche, so darf 
man sagen: die Grundlagen des neumehntm Jahrhtmderis sind eine 
Ausführung der besonders in Rrligion uvd Kunst von itichard Wagner 
ausgesprochenen Ideen. Diese sind; erstens »der Verderb der christ- 
lichen Religion ist von der Herbeiziehung des Judentums zur Ausbildung 
ihrer Dogmen herzuleiten«, insonderheit »der durch Herrscherwut ein- 
gegebene Gedanke der Zurückführung des Göttlichen am Kreuze auf 
den jüdischen Schöpfer des Himmels und der Erde, den zornigen und 
strafenden Gott«. Zweitens, und hier fusst Richard Wagner auf Gobi- 
neau's Eisai sur i'iti^galiii des raers: »der Verderb der (edelsten) weissen 
(arischen) Risse leitet sich nur aus dem Grunde her, dass sie, unver- 
gleichlich weniger zahlreich an Individuen als die niedrigen Rassen, 
zur Vermischung mit diesen genötigt war, wobei sie durch den Verlust 
ihrer Reinheit mehr cinbüsste, als jene für die Veredelung ihres Blutes 
gewinnen konnten«, und: >dic Rjsscn Vermischung (das Völkerchaos 
wie es Chamberlain nennt), deren trgcnium die römisch katholische 
Kirche ist, ergab den durch Jahrhunderte sich erstreckenden unge- 
heueren Verderb der semitisch-lateinischen Kirchee. Drittens ; »der 
Begriff der sogenannten deutschen Herrlichkeit (des römischen Kaiser- 
rums) war ein undcuts^hert ; idcr römische Staatsgedanke hat nach- 
teilig auf das Gedeihen der deutschen Völker gewirkt« (in der Schrift: 
Was Ut dfutsch?). DicscThescn bilden das Geriist der Grundlagftt ; zu 
ihnen kommt noch eine weitere, bezüglich welcher insonderheit Gobineau 
der Vorgänger Chamberlain's war; die gesamte neuere Kultur ist eine 
Schöpfung der Germanen. Das grosse Verdienst Chamberlain's ist es 
nun, für die Wahrheit dieser gegebenen Fundamentals^tze eingetreten zu 
sein, für sie Belege von allen Seiten beigebracht ru haben, u. s. w.**) 

') Lilrraritchet C/nirathlatt. Jahrgang 1900. Kolumne (jR. Kein Wunder, <lus 
der Rcicnsi-Rt des Wnicitn bi/liaupld, es könne tcin Leser »ein sicheres und be- 
stimm!« Vcrhiliniitc lu mcineoi Boche gewinnen, wenn et nicht vorher Wagnirs 
Ctsammtilt Sfhrißen ttudtcrt lubc. 



Vorwon zur dricten Auflage. 



XVH 



Ob nun wirklich mit diesem ziemlich mageren Inveniarium der 
Inhalt meines Buches erschöpft ist, das kann ich billig dem Urteil 
des Lesers überlassen; ich glaube, er wird finden, dass ich nicht bloss 
stofflich, sondern auch gedanklich etwas mehr biete, und dass eine 
hochgradige Einseitigkeit dazu gehört, um in einem derartigen Werk 
nur gerade diejenigen Punkie zu bemerken, die eine mögliche Be- 
ziehung zu Richard Wagner gestatten. Was mir obliegt za zeigen, 
ist, erstens, dass die genannten »Thesen« nicht Wagners Eigentum 
sind, zweitens, dass meine eigene Auffassung in zwei von den drei 
»Fundamentalsätzenc wesentlich von der seinen abweicht. Ich werde 
dies nacheinander an jedem einzelnen Punkt nachweisen. 

Dass der »Verderb der christlichen Religion von der Herbeiziehung 
des Judentums* herzuleiten -iei, ist ein Gedanke, den im zweiten Jahr- 
hundert unserer Zeitrechnung Marcion ausgesprochen hat, vielleicht 
schon nicht als Erster, doch mit solcher Kraft der Überzeugung, dass 
seine Stimme nie wieder ganz verhallte. Im «erten Jahrhundert ent- 
stand dann die grosse Sekte der Manichäer, zu welcher selbst ein 
Augustinus eine Zeit lang gehörte, und die, verzweigt zu Patarenern, 
Paultcianern, Katharern, Boguniilen u, s. w. bis in unser Jahrhundert 
hinab zahlreiche Anhänger zählte — ja angeblich heute noch zählt — ; 
sie lehne, dass das Judentum und die heiligen Bücher der Juden die 
direkte Schöpfung des Satans seien; für sie gab es kein Christentum, 
so lange nicht )cdc Spur des Judentums daraus vertilgt war. Nicht bloss 
aber in dieser extremen Gestalt, sondern im Schosse der Kirche selbst 
hat die Überzeugung von dem Verderb der christlichen Religion durch 
die Beimischung jüdischer Religionse lerne nie nie aufgehört sich kund- 
zugeben; ein besserer Kenner als ich würde wahrscheinlich für jedes 
Jahrhundert Namen nennen können; es genüge vielleicht, wenn ich 
auf S. 878 dieser Grundlagen hinweise, wo ich an der Hand mehrfacher 
Belege gcicigl habe, wie unsere christlichen Mystiker alle notgedrungen 
religiöse Antisemiten waren und sind. Zugleich ist bekannt, wie unsere 
Wissenschaft und Philosophie bereits vor andenh.ilb Jahrhunderten sich 
vor die Alternative gestellt fand: entweder wir verzichten auf denjuden- 
gou oder auf die Wissenschaft (siehe S. 924). Dieser Widerspruch 
ist so eklatant, dass selbst Männer, die für das Judentum die grösste 
Sympathie hegen, hiluBg empfunden haben, dass sie in der Religion 
zwischen Judentum und Christentum wählen müssen, und dass ein 
»jüdisches Christentum* ein Widersinn ist. Zwanzig Jahre ehe Wagner 
seine Reiigion und Kunst schrieb, hatte Renan in der Sorbonne gesagt: 



xvm 



Vorworc zur driuen Auflage. 



Dans ioits }u prdrrs, le pragrh pour Irs peuples indo-europfens comisttra 
A s^iloigner de plus en plus de I'espnt sfmitique. Notre religion drvirndra de 

itioins en moms juive ■ nous deviendrons de plus en plus chriticm.^) 

Soviel über die Verbreitung eines Gedankens, der jetzt zu einer Ent- 
deckung Richard Wagners gestempelt werden soll. Das Beste kommt 
aber noch. Wagner hai nämlich nicht — so weit ich aus seinen 
Schriften ersehen kann — diese Lehre von dem »Verderb der christ- 
lichen Religion durch Herbeiziehung des Judentums« selbständig aus 
der soeben flüchtig angedeuteten, überreichen historischen Erfahrung 
geschöpft, sondern er hat sie einfach von seinem auserkorenen Lehrer 
wörtlich übernommen — nämlich von Arthur Schopenhauer. Der 
Gedanke und sein Ausdruck, bis herunter zu dem »zornigen und 
strafenden Gott*, ist eine unveränderte Wiederholung einer von 
Schopenhauer — wie jeder Gebildete weiss — mit zäher Energie 
verfochtenen These. Hier handelt es sich wirklich um die blosse ver- 
trauensvolle Wiederholung des Gedankens eines Andern, nicht um die 
selbständige Neugestaltung (wie bei Schopenhauer) einer uralten Idee. 
Denn Wagner hat Schopenhauers Gedanken kritiklos, ungeprüft über- 
nommen, sonst hine er den Imum entdecken müsstn, dtn Schopen- 
hauers allzu einseitige Betonung buddhistischer Anklänge im Christen- 
tum hineingebracht hat. Hier wird man denn sehen, wie wesentlich 
meine These sich von der Schopenhauer' s und Wagner's unterscheidet; 
■wey solche Dinge nicht empfindet, ist kein Meister im Reiche der 
Gedanken. 

Wagner sagt nSmlich, wie man sich erinnert, die Herbeiziehung 
des Judentums »zur Ausbildung ihrer Dogmen« hätte die christliche 
Religion verdorben. Das hatte Schopenhauer sechzig Jahre früher 
gemeint. Schopenhauer hatte nSmlich in der christlichen Rclij'ion 
einen rein ethischen imd einen dogmatischen Teil unterscheiden wollen 
und h.itte {Jcschrieben: >den rein ethischen Teil möchte ich vorzugs- 
weise, ja ausschliesslich den christlichen nennen, und ihn von dem vor- 
gefundenen jüdischen Dogmatismus unterscheiden«.'] Dogmatismus ist 
schon besser als Dogmen, doch erhellt aus dem Zusammenhang und aus 
anderen Stellen, dass Schopenhauer wirklich das DogmengebHude im 
Christentum für eine jüdische Zugabe hielt; und diese Ansicht ver- 
trägt nicht die geringste Prüfung. Ich bitte das apostolische und das 



') Df la pari des ptu^Us sftnitiqutt dam rhUtairt de la äviiiiatioH. 
*) IHe Wtlt aJi Ifille und VortttUmg, i. Band, 4. Buch. 



^^orwon zur dritten Auflage. 



XDE 



Athanastsche Gl9ub«Q$bekenntnU aufmerksam zu lesen, und dann zu 
Mgeo, was siejüdiscbes enthalten. Nicht einmal der Glaube an Gott 
den Schöpfer ist spe^ijisch jüdisch; die Juden selber haben ihn von 
Ägypten , und ägyptische Religionsgcdanken beherrschten zur Zeit 
Christi die Welt. Alles Cbrige, sowohl der archiickioniscbe Aufbau der 
dreicinigcn Gottheit mit Himmel, Erde und Hölle, wie auch der ganze 
Heitsplan, mit dem aus einer Jungfrau geborenen Sohne, der für die Er- 
lösung der Menschheit stirbt . . . alles ist gänzlich unjädisch, sowohl ge- 
schichtlich wie ideell. Die grössten Dogmaiikcr der Welt waren die 
Indoaricr und Eranicr; welche Anlage zu kühner und tiefer Dogmcn- 
bildung in den Hellenen schlummerte, zeigen die Anfänge der christ- 
lichen Kirche; Mythenbildung und Dogmcnbildung geben Hand in 
Hand, beides hat sich bei ^ns heute in die Wissenschaft geflüchtet, 
Iicides ist den vorwiegend semitischen Völkern vüUig fremd. Ich habe 
nun in diesem Buche (siehe Kapitel 7} zu zeigen gesucht, da.'ib es 
iiicht Dogmen sind, die das Judentum uns gab und wodurch es die 
chrisiliche Religion verdarb, sondern dass die Beimengung des jüdischen 
antireligiösen Materialismus die uns natürliche und notwendige, zugleich 
streng dogmatische und doch stets in lebendigem Flusse belindliche 
Dogmenbildung verdarb, indem sie das Mythische zu einem Geschicht- 
lichen umwandelte und Indem sie die in ewiger Jugend dahinstürmende, 
bildliche Erkenntnis mit dem Gorgoncnblick semitischen Gliubcns- 
^'ahncs für alle «feiten zu toter Regungslosigkeit erstarrte.'] — leb 
kann Recht haben mit dieser Auffassung und ich kann Unrecht haben; 
doch eines ist sicher: von Wagner und Schopenhauer übernahm ich sie 
Dicht, da sie Beiden unbekannt ist. Und ebenso sicher ist, dass so- 
wohl die allgemeine Geschichtsauffassung, aus welcher meine Über- 
jieugung erwachst, eine andere Geistesanlage bezeugt, wie au^h, dass 
die Wege, die diese Cberzcugung der Gegenwart und der Zukunft 
empfehlen möchte, andere sind, als sie Schopenhauer und Wagner 
der Well predigen.') 



*) Duu kommt noch der sehr groue Anicil, des altigyptiK)i« Rcligunu- 
vorswllungcn an dem Aufbau Jim chrbili^hen Glaubenwysteras nahm, den Schopi:a- 
baucr l.ui)d tiiit ihm Waj;iicr; völlig uubciü^ksiclitig; lint, untl den audi icli ua- 
gcnägcoil licTVtiigchubm }ube. 

*) Svbtnbci uiid da Volbiiadigliril wcifcn svt bvincrki. d;isa icti den S«», 
ifie ZuTflckrahfung des GCttlichf-n am Kruuj:*; auf d«n )üduchon Schäpfcr Kci via 
■ von Hcirsclici w-u[ cingcgcbcucr Ccdookct wihtüdi nie Lincrt:icliricbcn hiuc U^s 
ist, vas ich Diitftuntiinius im icl\lc!>:hien Sinne da Wories nennen würd«. Uie 



XX 



Vorwort ziirdntten 



So verhlli e$ sich mit den ersten jener »von Richird Wagner 
ausgesprochene a Idecm, für die ich >von allen Seilen Belege bei- 
gebracht habc<. Hier war einige Ausführlichkeit geboten, denn es 
handelte sich um Thaisachcn, die nicht einem Jeden geläufig »ind und 
um Gedankennüanccn, die zwar Welt von Welt scheiden, doch dem 
hastigen Leser einer Zeitschriften Zensur leicht verborgen bleiben. Bei 
dem zweiten und dritten »Fundamentalsatze«, den ich Wagner ver- 
danken soll, kann ich mich kürzer fassen, denn hier hat die Mono- 
manie zur offenbaren Widersinnigkeit geführt. 

Meine Auffassung des Begriffes und der Thatsache »Rasse« ist 
die zweite meiner »Thesen«, die angeblich in den Schriften Richard 
Wagner's ihren »Quelle hat. Da Wagner's Schriften zwötf Bände 
umfassen und also nicht leicht zu überblicken sind, bitte ich den 
Leser zu einem vortrefflichen Nachschlagewerk zu greifen, das er 
gewiss auf jeder Bibliothek finden wird; es heissi: IVagner- Lexikon, 
Haupibegriffe der Kunst- und tVellamcJißuung Richard IVagne/s m wört- 
lichen Jri/fihruttgfn aus srintn Sehriflen zusärnrnrngtstellt ; die Verfasser 
sind Karl Friedrich Glasenapp, der vorirefTüche Wagnerbiograph, und 
Heinrich von Stein, der begabteste Jünger des Bayreuther Meisters; 
dass diese beiden M.inner, die genauesten Kenner von Wagner's 
Schriften, nichts übersehen haben, was bei Wagner einem »Funda- 
mcnialsatz« gleichkommt, ist sicher. Nun schlage der Leser unter 
diesen Haupibegriffcn den Begriff »Rasse« nach. Es steht ihm eine 
Überraschung bevor: das Wort ist überhaupt gar nicht genannt! In 
der Tliat, Wagner hat sich während seines ganzen Lebens niemals 
mit der Rasscnfrage beschäftigt, und so hat er darüber weder Ge- 
danken, noch Ideen, und noch weniger Fundamentalsätze aurgestellt. 
In seinen allerletzten Lebensjahren hat er aber zufällig auf Reisen den 
Grafen Gobineau persönlich kennen gelernt; diese Bekanntschaft führte 
zur Lektüre von Gobineau 's Versuch über die ünglrichktit der Mmschtn- 
Tauen; und jetzt nahm Wagner ~ wie das bei ihm üblich war — 
mit grüsster Begeisterung und ohne jegliche Kritik die ihm völlig neuen 



Verltnfipfunff mit iteni Alwn Tenament und somit mit Aem Jali*e der Juden be- 
ruht in ustcr Kcihc auf der Rcsdiiclnlichtrn Pcnönliclikt-ii Jciu ChnSii unJ wurtic 
toian von Paulus — ils dem Vfritandcsm.ichtin5ti.-n Apösicl — durch geführt. Der 
weitere Vorgang der Iditniüi'crung des altatischcn Wclicnschöpfcrs mit dem Katiünal- 
goii der Juden und dei mcnschgc wordenen Logos mit beiden üi die gedanhenvolle 
und sclimericnsreiche Leidensgeschichic heiligster Minner wihrend mehrerer Jahr 
b Haderte. 



Vorwort Uli dritten Auflage. 



XXI 



Ideen Gobineau's als nachgewiesene, offenkundige, restlose Wahrheit 
auf. Und wenige Monate vor seinem Tode schrieb er einen kleinen 
Aufsatz von zehn Seiten, beiiieli Heldentum und Ckrislftttiim, stilistisch 
eines der schönsten Gebilde seiner Feder, in welchem er, von GoVincau 
ausgehend und mit Herbeiziehung ticfmysiischer Gedanken über die 
reinigende Wirkung der Religion auf die Rasse, die Bedingungen 
untersucht, unter denen — trotz Gobineau's düsteren Prophezeiungen — 
doch noch «eine wahrhaftige ästhetische Kiinstblüte< zu erwarten sei. 
Dies ist die einzige Schrift, in welcher Wagner das Rassenthema berührt 
hat.') Ihr sind die Wonc entnommen, die mein Rezensent citiert, 
und Wagner selbst giebt sie für nichts anderes aus, aU für eine kürzeste 
Zusammenfassung von Gobineaus Theorie. Und doch glaubt d«r 
betreffende Rezensent, angesichts meiner Kapitel über das Völkerchaos, 
über die Juden und über die Germanen behaupten zu dürfen : »Cham- 
b«rlain verdankt die Erkenntnis dieses Problems Richard Wagner.t 
Das ist kühn! 

Von Wapner kann also, wie man sieht, auch hier nicht die 
Rede sein, sondern höchstens von Cobineau. Und da muss ich ge- 
suheti; ich verehre den gei-^treichen Franzosen und freue mich aber 
die originelle Physiognomie eines Mannes, der juristische, paragraphose 
Büchcrgelebrsamkeit mit den hyperphanustischcn Träumereien eines 
apokal}-ptischen Wehuntergaiigvcrkünders in seinem Kopfe zu ver- 
einen wusste; doch bei dem Goblneau Kultus der letzteren Zeit rcisat 
mir die Geduld. Bs ist ja ganz schön und nützlich und notwendig, 
dass gewisse Menschen sich der Juristcn-i, der Kunstgeschichte, 
der Literatur widmen, und es ist entschuldbar, wenn sie keine Zeit 
flbrig finden, um von den Arbeiten auf dem Gebiete der Naiurwi.^sen- 
Schaft Kenntnis zu nehmen; doch ist es wirklich ein starkes Stück, 
wenn eine Vereinigung solcher Minner das Werk eines der ihrigen, 
der von Anatomie, Zoolitgic. Anthropologie, Prähisioric keine blassesten 
Kenntnisse bcsass, und der vor einem halben Jahrhundrn schrieb, 
d. h. zu einer Zeit, wo die grosse Ära der Entdeckungen auf diesem 
Gebiete kaum angegangen war, — es ist, sage ich, ein starkes Stück, 
wenn ein solches Werk uns heute als der Inbegriff des Wissens und 
der Weisheit über die Rx^senf^age aufgetischt wird, zu>;leich auch 
als ein ueibendes Ferment in der neuesten Entwicklung unserer Vor- 



1) Man verg!. fOr Nalierei mein Buch Rickard Wagntr, illustrierte Autgat>e, 
5. IJ7, TexUusgabc S. 33). 



xxu 



Vorwort zur dritten Auflage. 



Stellungen über die Menschenrassen. An dem Ganzen ist kein wahres 
Won. Gobineau's Buch ist interessant als die Widerspiegelung einer 
leidenschafiiichen , schlecht equilibrierten, nber durchaus edlen und 
fesselnden Persönlichkeit^ solche laufen nicht zu Dutzenden herum, 
ihnen zu begegnen ist und bleibt eine Lebensfreude; ausserdem besitze 
Gobineau eine bedeutende und eigenarti}^c, juristiscEidipluniaiische 
Gelehrsamkeit, wodurch sein Buch geeignet wird, den Naturforscher, 
den Philologen und den Hbtorikcr — diejenigen, in deren Kom- 
petenzbereich die Rassenfrage liegt — auf Thatsachen und Dokumente 
aufmerksam zu machen, die sie leicht übersehen könnien. Es war 
folglich ein verdienstvolles Unternehmen, das Werk Gobineau's, das 
nur in Folge seiner Verschrobenheit und perversen Antiwisscnschafilich- 
kcit seinerzeit unbeachtet und völlig cinflu&slos geblieben wj.r, wieder 
hcrvorzusuchen; denn heute kann es nützen, ohne zu schaden. Doch 
seine Bedeutung in Bezug auf die Kassenfrage wird immer eine nur 
indirekte und eine beschrünkie bleiben. Eine em^t zu nehmende 
und nützliche Theorie der Rasse kann nicht auf die Märe von Sem, 
Harn und Japhct und auf noch so geistreiche Intuitionen, vermischt 
mit haarsträubenden Hypothesen, aufgebaut werden, sondern nur auf 
gründliche und umfassende naturwissenschaftliche Kenntnisse. Ein 
Mann wie Cohincau ahnt nicht einmal die enorme Vcrwickcltheit 
des Problems, das er so einfach und mit kindUchcr Allwissenheit xu 
lösen unternimmt. 

Was nun meine Darstellung der Rasse anbetrifft, wird jeder 
Leser — namentlich jeder, der über naturwissenschaftliche Kenntnisse 
verfügt — einsehen, dass sie ganz und gar in dem naturwissenschaft- 
lichen Gedankenkreise lebt und webt. Es giebt nur wenige Stellen, 
wo ich mich mit Gobioeiu und seiner Welt auch nur berühre. Was 
tcb hier weiss und was ich theoreiisierend denke,, ist alles wissen- 
schaftliches Erbteil aus einem Jahrhundert heisser Arbeit — von 
Blumenbacti bis Ujfalvi — , und mein Meister ist in erster Reihe 
— wie au Ort und Steile hervorgehoben — Charles Darwin. Nicht 
etwa, dass ich diesen grossen Namen für meine Auffassung des Wesens 
und der Bedeutung der Menschenrassen beanspruchen könnte; er aber 
war es, der mich zwischen >Kasse< und »Art* zu unterscheiden lehrte, 
und zwar 2U einer Zeil, wo icb noch nicht wasste, dass Wagner 
überhaupt eine Schrift verfasse hatte. Jene icdcistc weisse arif.che 
Kajscf Gobineau's, die nach und nach zu Grunde geht, ist gar keine 
Rasse, sondern eine Art, eine Specia, — sonst haben Worte keinen 



Vorwon zur dritten Auflage. 



XXID 



Sinn. Und weit entfernt, die Gobincau'sche Auffassung mir »nni- 
eignen, bescrciie ich sie, wo ich nur kann (man sehe z. B. S. 26j). 
Kommt CS nicht häuflgcr vor. so ist das, weil Gobincau von >Ur- 
sprängcn« ausgeht, während ich diese zur Stunde noch fQr uncr- 
forschtich und ausserdem meinem praktischen Zweck gegenQber für 
gleichgültig halte, wogegen jene Auffassung der Rasse, die sich aus 
den Beobachtungen auf zoologischem und botanischem Felde ergicbt 
tmd von deren Existenz Gobincau (und mit ihm Wagner) nichts 
wusste, nämlich der Rasse als eines plastischen, beweglichen, im steten 
Wellenspiel des Stcigcns und Sinkens begriffenen Phjinonicns (siehe 
z. B. S. 382 und 343), mich in diesem Buche einzig beschäftigt hat. 

Dass bei grundverschiedenem Ausgangspunkte und grundver- 
schiedener Methode die Folgerungen, auch dort, wo sie erfreulicher 
Weise zusammentreffen, nicht genetisch m einander gehören können, 
braucht nicht ausführlich dargeihan zu werden. 

So verhsh es sich mit dem zweiten iFundamenialsatzi, dessen 
iQuellc in Richard Wagner's Gesammelten Schriften fliessen soll. Bei 
dem dritten brauche ich mich nicht lange aufzuhalten. Denn auch der 
am wenigsten gelehrte und gebildete Mensch hat von Ulrich von 
Hünen und von Martin Luther gehön, und weiss, dass beide von 
den Nachteilen der Ehe zwischen Deutschland und Rom gar viel 
Beherzigenswenes gesagt haben. Luther's Satz: »Der Papst und die 
Seinen mögen sich nicht rühmen, dass sie deutscher Nation gross 
gut gethao haben mit Verleihung dieses römischen Reiches«, habe 
ich S. 842 angeführt. Das ist seitdem oft wiederholt worden, bis es 
in unserem Jahrhundert in wissenschaftlichen Geschichtswerken ersten 
Ranges ausführlich dargelegt ward. Zum Entdecken bHeb da für 
Wagner nichts. Neu kann bei solchen Dingen höchstens der all- 
gemeine Zusammenhang und die besondere Art der Darstellung sein. 
Mir lag jeder Gedanke an Originalität fern; ist es mir gelungen, eine 
sichere, seit Jahrhunderten bekannte, doch immer von neuem im Inter- 
esse theokratischen Ehrgeizes geleugnete Wahrheit vielen Leuten in über- 
zeugender Form wieder nahe zu bringen, so ist mein Zweck erreicht. 



Ich bin zu Ende. Wer diese Seiten gelesen hat, begreift, warum 
ich mein Buch hier in Schutz nahm, warum ich versuchen rnusMe, 
einer bedaucrUchen, irreführenden Konfusion bei Zeiten den Riegel 
vorzuschieben. Zugleich ging es an meine persönliche Ehre. Denn 
der Rezensent schreibt: iDie Erkenntnis jener Probleme verdankt 

11 



XXiV 



Vorwort zur dritten Auflage. 



Chamberlain Richard Wagner. Man darf sich darüber wundtrn, dies 
wtdtr im l^onvort noch im Bucht sonst aus^etprochen zu finden, um so 
mehr als u. s. w.« ich werde somit der absichtlichen Verscliweigung 
meiner Quellen beschuldigt, und eini}i;e »doch* und ivielleicht«, die 
dann folgen, vermögen nicht die verletzende Insinuation aufzuheben. 
Auch hiergegen musste es mir im Interesse meiner Leser erlaubt 
sein, mich zu wehren. 

Und doch, weder die Rücksicht auf mein Buch, noch die auf 
meinen iitierarischen Ruf hätte mich zu reden vermocht, wenn nicht 
jene unüberlegt geschriebene und sorglos nachgedruckte Beurteilung 
etwas berührt hlite, was ich als ein Heiligstes im Kurzen trage, 
nämlich mein Verhältnis zu Richard Wagner. 

ilst das Genie vorbeigescliriiien, so ist es. als habe sich das Wesen 
der Dinge umgcwandcli, denn sein Charakter ergicsst sich über alles, 
was es berührt«; diese Wonc Didcrot's habe ich auf S. 896 dieser 
Grundlagen angeführt; sie sprechen meine eigene Erfahrung aus, 
eine bestimmende Erfahrung meines Lebens. Ich würde nicht leben 
wollen und gewiss könnte ich nicht schaffen, wenn nicht jener un- 
vergleichliche Mann, alles um sich vcrkLlrcnd, über die Welt ge- 
schrincn wäre. Seine Kunst ist die höchste und vollcndcisie, welche 
die Menschheit besitzt; mehr als jede andere ist sie das, was Goethe 
forderte: »eine lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerfor-sch- 
lichcnt ; wer sie jemals wahrhaft erfahren, gUubt. Tür mein Empfinden 
aber sieht die Persönlichkeit W.igner's so hoch wie seine Kunst. So 
vollendet ist sie natürlich nicht, denn er war ganz Mensch; doch be< 
währt dieser Mensch im ganzen Verlaufe seines Lebens eine so er- 
habene Gesinnung, er ist so restlos hingegeben an ein ideales Ziel, 
er ist so hinreissend selbstvergessen, er ist von dem Edlen in der 
Menschen naiur .10 verwegen überzeugt, es besteht in ihm eine so 
vollkommene Harmonie zwischen Wollen und Können — der Ge- 
danke kein Phantom, sondern fähig, sich augenblicklich in die That 
umzusetzen, — dass ihm gegenüber Ehrfurcht, Liebe und Bewunde- 
rung in gleichem Masse gefordert werden; mir ist aus der Welt- 
geschichte kaum ein Mann bekannt, bei dem das in ahnlicher Weise 
zutreffe. Ein solcher Mann wirkt auf Andere wie eine Naturkraft: er 
weckt Leben, er schenkt Selbstvertrauen, er regt das auf, was in 
Seelentiefen unbewusst schlummerte. Wie Diderot sagte: es ist, als 
habe er das Wesen der Dinge umgewandelt, — darunter auch das 
Wesen des eigenen Selbst. 




Vorwort mr dritten Auflage. 



XXV 



Ich sagte oben, ich könne mich nicht unbedingt zu den »Jüngernc 
Richard Wagner's reebnen, und in der Tbat, meinen geistigen An- 
lagen ist es angemessener, ein jünger Gocthe's und Kant's und Cuvicr's 
zu sein; ich sagte auch, dass ich in manchen Beziehungen Wagner's 
Fübrerscliart wenig traue, dass ich vielmehr ihr kritisch ablehnend 
gegenüber stehen müsse; doch das sind Erkenntnisse, die mein Ver- 
hülinis eines dankbar und liebevoll Empfangenden in keiner Weise 
berühren. Le ghiie iatsu loht de lui l'tsprit qut U critique avee raison, 
iihn Diderot an derselben Stelle fort. Auch wo er von irnümlichcn 
Voraussetzungen ausgeht, schafit Wagner Bewundcmswcncs und Be- 
hcrzigenswcrics, wie z. B. in der obengenannten Schrift Heldentum 
und Ckrislentum, und ich glaube, die leichtfertige Art. in der ein solcher 
KOnstlergeist mit Thatsachcn vcrfähn, wird ihm durch die Gcwisshcit 
eingegeben, dass er doch zu einer höheren Wahrheit durchdringt, 
gleichviel von welchen Voraussetzungen er ausgeht; darum nimmt 
er die ersien besten an, die er leicht assimilieren kann. Wagner 
schwört heute bei Feuerbach und morgen bei Schopenhauer, er Lst 
heute Republikaner und morgen Goticsgnadcn tum Verfechter, heute 
rührt die Entartung der Menschheit von der Nahrung her, morgen 
von der Rassenvermischung — und doch ist er der selbe, und was er 
der Menschheit zu sagen hat: über das Wesen der Kunst, über eine 
künstlerische Kultur, über das Verhältnis zwischen Kunst und Religion 
u. s. w. bleibt unverändert, gleichviel aus welchen Materialien er den 
Unterbau gezimmert hat. Künstlerische Iniuiüonen sind wie die 
ägyptischen Pyramiden ; sie werden von der Spitze nach abwäns zu 
gebaut; was darunter liegt, ist bloss staubiges Gerüst. Eine >That- 
sachet giebt es bei Wagner, in die ich unbedingt vertraue: er selber. 

Jener Rezensent rührt nun nicht nur an meiner litierarischen 
Ehre, sondern er bringt mich in den Verdacht der Undankbarkeit. Mit 
Recht wird Untreue, wenn auch nicht als das schwerste, so doch 
als das schwärzeste Verbrechen betrachtet. Für sie giebt es keine 
Sühne; nur der Wahnsinn kann sie entschuldigen. Seit Jahren streiten 
die Gelehrten darüber, in welchem Augenblick Nietzsche thatsächlich 
in Wahnsinn verfiel; und doch liegt es klar vor aller Augen : in dem 
Augenblick, als er von Wagner ab6el. Und recht war es und ver- 
söhnend, dass der arme Mann sich dann öffentlich gegen den Freund 
wandte, dass er ihn mit Kot bewarf, dass er das Heiligtum seines 
Herzens vor aller Welt niederriss und zugleich alles andere Edle 
verleugnete, aus dem er in heissem Ringen sein gutes Ich nach und 




In der jcuigcn Zeit soll Niemand 
Mhwcigen oder nachgeben. 



Ein &eundlicfacr Kritiker meinte oeuUch, es sei heute schwer, 
meine Grundlagen rein auf sich wirken zu lassen, uiu <Iann in ruhiger 
Objckttvitit darüber zu sprechen; denn das Buch sei schon eine 
Beute der Paneico und Leidenschaften geworden, von denen es hin 
und hcTgczcm und dadurch gänzlich verunstaltet werde, so dass 
schliesslich der wirkliche Verfasser, wie er leibt und lebt, und sein 
wirkliches Werk, wie es rein und wahr dessen Anschauungen wieder- 
spicgclt, den Augen entschwinde. Nebst vielem Unbewus^tsein 'nHrkt 
hierbei auch manche Absidiüichkeit mit; denn Vem'irrung zu schaffen 
und jeden ruhigen Gcnuss sowie jede besonnene Erwägung durch 
boshaftes Aufhetzen von vorn herein zu zerstören, gehört zu den 
beliebtesten Kampfmitteln ctncr gewissen Publizistik. Und ein Ver- 
fasser ist um so schlimmer daran, wenn er, wie ich — durch Schicksal 
und Ge:schmack — ausserhalb aller nationalen, kirchlichen und wissen- 
schaftlichen Parteien steht, denn da f^Ut es leicht, ihn bei allen an- 
zuschwärzen. Trotzdem hat sich das Buch in den verschiedensten 
Lagern viele gute Freunde epA-orben. Es giebt doch noch kultivierte 
Menschen unter uns, die ein Buch zunächst und zuvörderst als ein 
liiterarischcs und künstlerisches Erzeugnis beurteilen und ihm Gerechtig- 
keit widerfahren lassen, auch wenn sie mit keiner einzigen Meinung 
einverstanden wären; ausserdem aber hat das Bedürfnis, welches mich 
dazu trieb (siehe S. X.) gerade diese Gruiidiagen unseres heutigen 
Kulturlebens zu studieren, bei vielen Tausenden das Echo eines bis- 
her vielleicht halbunbewussten ähnlichen Bedürfnisses geweckt. Diese 
Leser beuneilen die verschiedenen Thesen meines fiuches sehr ver- 
schieden; was der Eine begeisiect lobe, verwirft der Andere, und um- 



Vorwort zur viencn Auflage. 



gt k c kr t; dodi AUc bdtcnoco, mir Anregung zu verdanken, — ttnd 
«■ n tre y n, uifnufitieln, zu beleben war man HaupizwedL Stlebien 
ObcEzengungen habe ich rQckhaltlos Ausdruck veriitdieii. tro^ idi 
«erde }ederzeii luf jedem Cebteie (iu ihren Sieg kä m p fe n, doch dm 
Redtthabeii'WoUeti m eine Krankbeü, an der izb niidn kidc 
Gn Amor muss <len Mut haben, sich zu irres; er darf sidi nids 
fainier Reser%-aiionen und Verl lausulierun gen feige TefsdnBBK. MOges 
Andere für die ZuLuofi ihres litteran^chea Rufes äf*f^»**t tet^BX', idk 
meioesteiU bescbeide mich gern mit doer lebcodtgeo Wirfcong auf 
die Gegenwart, und will Ueber G«cblecbuf emeba itdSax, St 
roeiDCD Namen nüc Fug und Recht, heueren m Ehren, vei g m ea 
sollen, als in unanfechtbarer KUtaciiit die Ane^coDimg kirnftiger 
Bibliothekspcdantca geniesseii. 

Diesen wahren Freuoiico meines Bodies ^Mbe iA mm eine 
kurze Erliuicrung gewisurr Thesen m «chuldcn, bd vddm — wie 
ich aus Kritiken ttod Bncfcn cncbe — einige Vq w i mi Dg in Bezog 
auf meiDc Ansichten hcn^cht, teils gewiss tod mir selber vencbnUes, 
UÜs ficUdcht durch jene anzogt gmaontc PartrifeiHfnscfaaWidiheit 
iml durch die absichtlichen Entstell angen der Konfasions iLi reger wa- 
umcbt. Kichi zur Widerlegung der Gegner, sondern zur AnfUirong 
der Freunde sollen die folgenden Ausführungm über den Diktuniis- 
mus, ober die Rassenfrage, über das Semitische in imsercn rd^AsoB 
VorstelluDgcn und über 4te Berecfatigiuig einer Uaterschcidaiig rw ir ch e» 
»rAmiscb« und »katholisch« dienen. 

Zur Verhütung von Missverstäodnissen bemerke ich noch, dast 
ich die masslosen Schroäher meines Buches und meiner Person, Se 
— freilich sehr vereinzelt — aus den tiliraprocesaniischen und uhra- 
jodischen Lagern aufgetreten sind, bei den folgenden Bemerkungen 
nicht im Sinne habe. Derantgem »krinschen Raubgetier«, wie sie 
Goethe nennt, kann man nur guten Appetit u-linscben und ihnen 
höchsiens noch die sprichwörtliche Mahnung zurufen : »MaBuaOmr 
iua aer(«r4 searabtuift 



Trotz Goethe und Schopenhauer schmeckt der Aasdnidc iDilet- 
lantc noch immer mehr nach einem Schimpfwort als nach cioem 
Ehrennamen. Nur in Dingen der Kunst erkennt die Öffeniüche Meinung 
dem Dileaantismus Berechtigung zu und zieht ihn gross, — gerade 
dort also, wo der Alimcistex von Weimar ihn mit Rcchi scbonungs- 



Vorwort zur vicnen Auflage. 



XXIX 



los bekämpfte, deno alle Kunst ist zugleich eine Technik, und über 
Technik kmn nur der Techniker urteilen, und alle grosse Kunst ist 
Kunst des Genies, und Werke des Genies kann man annehmen oder 
abliKncn, nicht aber abschauen. Dagegen stehen die Wissenschaften 
einem jeden offen; die grCssien Gclchnen sind häuüg sehr mittel- 
massige Köpfe; von Zoologie, von Philologie, von Theologie kann 
Jeder Kenntnis nehmen, den es gelüstet. »Die Erfahrung giebt«, schreibt 
<joethe, >diss Dilettanten zum Vorteil derWisscnschafi vieles beitragen«; 
selten gelingt es dem Fachmann, wie es dem Liebhaber gelingt, »einen 
Hochpunkt zu erreichen, von woher ihm eine Übersicht, wo nicht 
<les Ganzen, doch des Meisten gehngen konnte«. ■) Und Schopenhauer 
— der wie wenige Menschen fast das gesamte Gebiet menschlicher 
Leistungen Oberbückte — spricht die Überzeugung aus, dass von 
Dileiianten und nicht von angestellten Fachleuten isiets das Grösste 
atisgegangen istc') 

Diese Uneile erwähne ich jedoch nur nebenbei, und es genOgt 
mir, wenn sie die Berechtigung des ernsten Dilettanten, neben dem 
Manne von Fach mit Ehren genannt zu werden, einstweilen bezeugen. 
Ich selber ziele tiefer. Auf eine Konkurrenz zwischen Fachmann und 
Dilettant kommt es mir nicht an; ich bezweifle auch, ob es hinfQrder 
möglich sein wird, auf irgend einem Gebiete ohne Fachkenntnisse 
wissenschaftlich Bedeutendes zu leisten; der Laie, dem es gelingt, ist 
einfach ein Gelehrter ohne ötTeniliches Amt. Die Zeit ist nicht stehen 
geblieben. Musstc schon vor hundcn Jahren der Fachgelehrte sich 
beschränken, jetzt muss er es noch viel, viel mehr. Wer nicht selber 
Fachstudien betrieben hat, wird sich kaum vorstellen können, wie 
eng und eisern der Umfassungswall ist, der sich um das Gebiet eines 
wissen&chaftlichen Forschers zieht. Das kann nicht anders sein ; doch 
CS gicbt noch einen anderen Weg, den uns Goethe durch sein bekanntes, 
tiefsinniges Won weist: »das Unzulängliche ist produktiv«; ein Wort, 
das seinen ganzen Sinn enthßUt. wenn man es ergänzt: »Zu viel 
Wissen erzeugt Unfruchtbarkeii.«3) [ch glaube, der echte Dilettant ist 
heute ein Kulturbcdürfnis. Sowohl der Gelehrte — zur Belebung seiner 
Wissenschaft — wie auch der Laie — zur Befruchtung seines Lebens 



') Sctauiukf Snidien, WdinaTCr Ausgabe, Abt. j , Band 6, S. 114. 
■) PartrgA und Paralipomena II, § IJS. M.in vcrgi. ;iucli S. yfo der Grimdlapen, 
i) Hii.-rhcr (gehört auch Kants Behauptung, d^ss bei genügend grauer Bi-gabung 
• die Uncrftbrcnhdi dc&to voruficilsficicr und duum desto gmdiicktcr machet (Brief 
.ao Bcmouili vom l6/tl. 1781}. 



XXX 



Vorwort mr vierten Auflage. 



durch lebendig gestaltetes Wissen — , beide können heute des Dilet* 
tanten nicht entraten, des Mannes, der mitieninne zwischen Leben 
und Wissemchafi steht. Wir brauchen Männer, die befähigt und ge- 
willt sind, gleicbssm als »geschulte INJicht-Fachgelehriec zu wirken, 
sonst f^llt die Gesamtheit unseres Wissens immer mehr auseinander 
und bildet im besten Fall ein Mosaikbild, nicht einen lebendigen und 
als lebend empfundenen und verwerteten Organismus. Das Zusammen- 
fassen und das Beleben ist das Werk, das heute dem Düctuntcn. wie 
ich ihn verstehe, obliegt. Wirkliches Leben entsteht immer nur dort, 
wo verschieden Geartetes zusammentriHt — also ausserhalb der Schna- 
ken der l-achwisscnschafi. Dass dieser Dilettant kein Stumpcr sein 
darf, liegt auf der Hand; wäre er einer, so thlte er besser umzusatteln 
und sich Fachstudien zu widmen, denn in den Wissenschaften kann 
jede noch so gelinge Begabung Verwendung 6nden, im Dilettantis- 
mus nicht. Und noch eins : Dilettant ist, wer aus Uebe und Lcidcn- 
scbafi. ohne jede Bgensucht. eine Sache betreibt; echter Dilettant 
aber nur, wer sich selber im Zaume hält und wessen Vernunft seiner 
I^tdcnschaft gebietet; der Gclchnc darf Steckenpferde reiten, denn 
es kann vorkommen, dass er hierdurch Wissenschaft forden, der Dilct* 
tant darf es nicht, denn er .stiftet damit nur Verwirrung. An den 
echten Dilettanten werden hohe .\osprüche gestellt: wir fordern von 
ihm eine vorzügliche Uneilskrafi. das Auge eines Feldherm — ru- 
gleich scharf und viel umfassend, innere Freiheit, unermüdlichen Flcisj 
und volle Hingebung. Gewiss unterliegen solche Männer besonderen 
Beschränkungen, doch ich meine, sie verdienen es, eine geachtete 
Stellung neben Fachgelehrten, KOnstlern und Männern des praktischen 
Lebens einzunehmen, und es ist vollendet Lächerlich, wenn schaale 
Zeitungsfeuilletonisien und beschränkte Dutzendprolessof en mit Achsel- 
zucken von »blos.scn Dilettanten» sprechen. 

Hier muss aber auf noch eine Sache aufmerksam gemacht werden. 
Jeder Beruf, indem er bestimmte Fähigkeiten unausgesetzt übt und 
dadurch kräftigt, lithmt andere; das Katurgcsetg des organischen Gleich- 
gewichts bringt das mit sich; jeder Beruf birgt also besondere Ge- 
fahren. Wer Augen hat zum Sehen, beobachtet dies täglich beim 
Offiziersstand, beim Kaufmannssiand, beim Juristen, beim Geistlichen, 
beim Arzt, beim Künstler Die Erkrankung, die dem Fach- 
gelehrten droht, ist nun eine besonders gefährliche; Immanuel Kant, 
der sein Leben lang an der Quelle sass und also aus täglicher Er- 
fahrung schöpft, hat die Redlichkeit gehabt, es offen auszusprechen l 




Tmvon zur vierten Auflage. 



XXXl 



grosse Gciclirsamkcit schwächt leicht die üneilskraft. Teils kommt 
das von der Übcratistrcngung des Gedieh (nisscs her, teils von der 
engen Beschrinkung der Interessensphäre, teils von der — filr Durch- 
schoittsköpfe — demoralisierenden Wirkung des wiJerspmchxlosen 
Docicrcndürfcns. Daher Kant's merkwürdig schroffe Behauptung: 
>Dic AJcadcmicn schicken mehr abgeschmackte Köpfe in die Weh, 
als irgend ein anderer Stand des gemeinen Wesens.* Und mit Staunen 
beinerkt der weise und stille Menschen beob achter, was er idas Vor- 
nrteil des Unwissenden für die Gelehrsamkeitc') nennt. Eine solche 
Sprache im Munde eines Fachgelehnen und eines Mannes, der be- 
sonders vorsichtig und mild zu urteilen pilt-'gt, sollte uns wohl zu 
denken geben. Und in der Tbat, das Fachgelehrtenwesen, dessen 
anschiizbare Verdienste einem Jeden bekannt sind, birgt grosse Ge- 
fahren, auf die es Zeit wäre, aufmerksam zu werden. Wie die übrigen 
Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft, erfordert auch das Ge- 
lehnentum ein Korrektiv, ein Gegengewicht. Schon im Interesse der 
Wissenschaft wäre ein solches n<>tig. Der Gelehrte wird leicht zu- 
gleich eng und autoritär; weil er in einer Sache Bescheid weiss, 
glatibi er sich manchmal allwissend und wird unduldsam ^e nur 
irgend ein zelotiscber PfatTe. Daher mag es wohl kommen, dass 
nirgends das Autoriiätenunwesen, ja der Terrorismus üppiger blüht, 
aJs in der GeJehrtenrepublik; ein einziger >berühmier< und vielleicht 
wirklich hochverdienter Name gcnUgt manchmal, um dretssig Jahre 
lang alte originellen Köpfe, alle neuen, fruchtreichen Gedanken in der 
betreffenden Wissenschaft brachzulegen und eine Generation heuch- 
lerischer Nachbeter und hochmütiger Mittclmä&sigkcitcn heranzuziehen. 
In ähnlicher Weise herrscht in der Wissenschaft das Dogma; wer 
z. B. heute nicht ohne weiteres anzunehmen bereit ist, sämtliche 
lri>ende Wesen bitten sich aus einer einzigen Urzelle >entwickcli<, wird 
auf Nanirforscherversammlungcn einfach nicht zum Worte zugelassen. 
Man ist erstaunt, wenn man erfahrt, wie viele der bedeutendsten 
deutschen Universiiätsprofessoren von der Regierung ohne Mitwirkung 
und sogar gegen den Willen der Fakultäten ernannt wurden — ich 
brauche nur Johannes Müller, Leopold von Ranke, Helmholtz, Gräfe 
zu nennen. Da sieht man echten Dilettintismus am Werke, zum 



Vc^ Krilili ä*r rtintn Vernunft, a. Auß., S- 174, Ndekrieht von irr Ein- 
WHliMt/ dtt Vortaungem m. i. u:, Vernieh den Begriff der negativen GrOsien u. i. u: Ul, 
4< li^K IX and uhlicid» uiilcr« SicUco. 



Tsam 



Vorwort zur vierten Auflage. 



Heile der Wissenschift und der Kultur! Und dieser DÜettaniisaius 
ist es, der jetzt seine EinHussphäre noch weiter ausdehnen muss, 
— der Dileiiantismus, der zwischen Gelehrten und Gelehrten zu unter- 
scheiden weiss, der die uneilsmächiigcn und die >abgescbnuckient 
nicht in einen Topf wirft und der auch beim wirklich grossen Ge- 
lehrten zwischen dessen Gelehrsamkeit und dessen unbewusstem 
Dilettantismus, zwischen dessen glanzenden Gedanken und dessen 
beschrinkien Vorurteilen eine Grenzlinie zieht. Ein Gegner der Fach- 
gelehnen soll der Dilettant beileibe nicht sein, vielmehr ist er ihr 
Diener; ohne sie wäre er selber nichts; er ist aber ein völlig unab- 
hängiger Diener, der zur Erledigung seiner besonderen Aufgaben auch 
seine besonderen Wege gehen rauss. Und empfängt er sein That- 
sachenmaicrial zum grossen Teil von Gelehrten, so kann auch er 
durch neue Anregungen diesen sich vielfach verpflichten. 

Zwischen dem Wissen und dem Leben zu vermitteln, ist ein 
schönes, aber schwieriges Amt; keiner sollte sich daran wagen ohne 
ein tiefes Bewusstsein der übernommenen VcrantwortlichkeiL 



Gleich die Rassenfrage, die heute so leidenschaftlich crörien 
wird, kann uns beweisen, dass der Dilettantismus zu etwas nQtz ist 
und dass die Fachgclehrsamkeit nicht selten don versagt, wo das 
Leben Ansprüche auf ihre Hilfe erhebt. Denn es ist nicht die Agi- 
tation einzelner Schwärmer, welche die Rassenfrage brennend gemacht 
hat, sondern es sind die ihatsächlichen Vorgänge der letzten hundert 
Jahre: einerseits die nahe Berührung, in die wir Europäer und EuropScr- 
sprösslinge jetzt mit fast allen Menschen der Welt — welchen Schlages 
sie auch seien — geraten sind, und welche schon jetzt — so z. B. in 
den Vereinigten Staaten von Nordamerika — zu den schwierigsten 
und bcdrohltchsicn Problemen gefühn hat und allerorten zu ähnlichen 
führen wird; andrerseits der enorme Einfluss, den in kurzer Zeit das 
kleine internationale Volk der Juden auf unsere europäische Kuliur 
gewonnen hai, ein Volk, dessen Religion auf den einen Satz zurück- 
geführt werden kann: Reinheit der Rasse, Solidarität des Blutes, Iso- 
lierung, und das dank diesem Gesetze seit 2500 Jahren allen Schicksals- 
slQrmcn trotzt. Auch hier, und mehr noch als bei der Wissenschaft, 
müssen wir einsehen: die Zeit ist nicht still gestanden. Gewaltige 
Ereignisse haben das Antlitz der Erde in politischer Hinsicht völlig 
umgewandelt ; folgenschwere stehen bevor ; denn dass ein neuer 




Vorwort zur vierten Auflage. 



xxxm 



dauernder Zustand schon geschaffen sei, glaubt kein denkender Mensch; 

das Jahrhundert, in <ias wir jetzt eintreten, bedeutet einen gcschicht- 
Ikhen Wendepunkt, das fühlt Jeder: es entscheidet über das Schicbai 
des Menschengeschlechts auf wette Zeiten hinaus, denn es giebt die 
Richtung an; und was auf dem Spiele steht, ist nichts weniger als die 
Existenz und die (cmcre Entwickclung unserer nordeuropäischenKuliur, 
in allem, was sie Grosses, Gutes, Schönes und Heiliges hervorgebracht 
bat. Unter diesen Umständen musstc sich die Rasscnfragc auf- 
drängen, denn sie ist eine der Lebensfragen in dem bedrohlichen 
neuen Kampf ums Dasein, in den wir jetzt eintreten, 

Dass die Rasscnfrage eine neue gewesen sei, kann man aller- 
dings nicht behaupten. Von jehtrr müssen unbefangene Beobachter 
den Unterschied zwischen Mensch und Mensch bemerkt haben, und 
das Wrboi der Vermischung — also die Heiligung des Blutes im 
engeren Sinne und mit Ausschluss selbst der physisch Ähnlichen — 
finden wir bei vielen primitiven Völkern (vergl. i, B. S. 134), somc 
bei hoclikuliivicrien, wie den Indoartern. Der Instinkt der Unter- 
scheidung ist eigentlich das Ursprüngliche, das Nichtunierscheiden- 
wollen ist ein Ergebnis angeblicher Bildung. Der Hellene sah eine 
Kluft gähnen zwischen sich und dem iBarbaren«; und dieser natür- 
liche Instinkt besieht noch jetzt selbst in Europa hier und da und 
bethätigt sich als aufgezwungene Sicte, bei Strafe der Ausstossung 
nicht außerhalb des Gaues zu freien, so z. B. in den HocbihSlern 
Tirols ») Bei den Denkern und Naturbeobachtem Indiens, Persieos 
und Griechenlands ward diese instinktive Unterscheidung vertieft und 
präcisiert; und kommen wir zu unserer modernen Zeitepoche, so ist 
es interessant zu sehen, dass Voltaire, der Ifnxlugige, die Verschieden- 
heit der Menschenrassen stark hervorhebt, und dass er die Meinung 
ausspricht, die verschiedenen Menschen seien ebensowenig von einem 
einzigen Menschenpaar abgestammt, »wie Birnbäume, Tannen, Eichen 
und Aprikosen von einem und dem selben Baumei.*) Für Voltaire 
giebt es also, wie man steht, von Hause aus verschiedene Arten 
von Menschen. Kant dagegen, den das selbe Problem öfters beschäf- 
tigt hat, sieht sich aus theoretischen Gründen zu der Annahme ge- 
drängt, die Menschheit bilde eine einzige Art; doch sei diese An 

■] Siehe S<burtsT Allcrsilasiea und MinwrlninJe, 1901. 

^ TruiU dt Mita^hyiiqtu th. l: vcrgl. auch Jen Absciinitt Da digirrntn racti 
d^kvmmet in der Einleitung sutu Euai sur In Maiurj, den Aitlkcl Hemmt im Dietivunairt 
fkümtfhjiu u. s. w. 




XXXIV 



Vorwort zur vierten Auflag«. 



sehr frOhzcitig in verschiedene Parietalen oder »Rassenc auseinander- 
gegangen, die steh derartig differenzien hänen, dass aus der Kreuzung 
jetzt nur minderwenige >Bastardec hervorgingen. Dieser Weise ist 
wohl der erste, der das grosse Gesetz ausspricht: >So viel ist wohl 
mit WalirscheinUchkeit zu uneilen: dass die Vermischung der Stimme, 
welche nach und nach die Charaktere auslöscht, dem Menschengeschlecht» 
alles vorgeblichen Philanthropismus ungeachtet, nicht zuträghch sei.t *) 
Goethe wiederum, der treue Beobachter der Natur, der selber von sich 
meldet, er sei »fleissig und aufmerksam gewesen in Vergleichung der 
Menschenrassen untereinander«, war geneigt, mit Voltaire die Ab- 
stammung von verschiedenen >Urvätem« anzunehmen (siehe S. 339), 
und er betont Eckermacn gegenüber: der Einäuss der Umgebung sei 
nur ein Sekundäres neben »dem Angeborenen der Ras««.*) Doch 
jene Zeit war weder den natürlichen Instinkten noch dem unbe- 
fangenen Studium der Natur günstig; die Epoche der Revolution, 
der Phrasen, der Schwärmerei, der hochherzigen Träume war ange- 
brochen. Rousseau schreibt Buch über Buch über die Menschheit, 
ohne ein einziges Mal mit einem einzigen Wort jene Ungleichheit zu 
berühren, die durch die Thatsacbe der verschieden gearteten physi- 
schen Gestaltung gegeben ist; tdans titat de itature il ja um igalitf 
de fait rltlU tt itidaiructibk*. , so lautet jetzt das Dogma (£fiii7e IV); 
und Herder meint, es sei > nicht erlaubt, das unedle Wort Menschen- 
rassen ausEusprcchent.3) 

Unter dem Einfluss dieser künstlichen, atis den Tiefen des 
Bcwussiscins a priori ausgeklügelte n Doktrinen und imrer dem Ein- 
fluss rein politischer Schlagworie. hat nun unsere Naturforscfaung 
fast bis zum heutigen Tage wie betäubt und gelähmt gelegen. Zwar 
hatte die Anthropologie und Ethnographie seit Voltaire und Kant 
ein enormes Material zusammengetragen und die Beweise der acht- 
baren, physischen Unterschiede und ihrer Vererbung auf die Nach- 
kommen täglich vermehrt; doch jede Anwendung auf das Leben war 
bei Oscracismus verboten; die Wissenschaft war bloss für die Wissen- 
schaftler da, ein ewiges Längs- und Quermessen und ein ewiges Hin- 
und Herspielen mit Hypothesen und Systemen und Nomenklaturen 



') S\<iie AnlKropologit. Teil 2. C, am Schluu und yct%\. l'tm dm vmehifdenrn 
Raatn dtr Minsehen und Btstimmmg da Bf^Hj^s eintr Mmthenraar. 

*) Siehe EnlMur/ eimr vtriUiffituden Anatonit II und Bitltrwanu \'l, ))9 und 
VU, 43: o. S. w. 

t) Uta» IV, j. 




Vorwon rar »icnen Auflage. 



XXXV 



t> majorem proftuomm gbriam; dem Laien gegenüber durfte als Er- 
gebnis dieser gelehrten Bemühungen nur das Eine immer wieder 
gepredigt werden : die Bestätigung des iniemiiionalcn demokratischen 
Grundsatzes der absoluten inicllckiucllen und moralischen Gleichheit 
alJer Menschen auf Erden. Man kennt Virchow's Siclhing in diesen 
Fragen : sie war für alle Anchropotogcn Deutschlands vorbildlich und 
sozusagen obligatorisch; wer nicht »die Verschmelzung aller Menschen 
io eine Einheit als Ziel, Aufgabe, Hoffnung und Wünscht predigte 
(St 263), dessen Hochscbullaufbabn war gebrochen. So spielte die 
Politik — und zwar die schlechteste Bicrbankpoliiik — in die Wissen- 
schaft hinein, lähmte und vergiftete sie durch und durch, und machte 
SIC, statt zu einem zuverlässigen Leiter der bcdQrftigen Menschheit, 
ZD einem verhingnisvollcn Irrefuhrer. Inzwischen hatte sich aber 
zum Glück ein anderer Zweig der Wissenschaft unter günstigeren, 
freieren Auspicien entwickelt: dass die Rassenfrage trotz der Herren 
Anthropologen nach und nach gesichtet und die Hauptelemente des 
Problems wenigstens bis 2ur klaren Fragestellung durchgearbeitet 
worden, verdanken wir der vergleichenden Philologie des vergangenen 
Jahrhunderts. Alte die HaupibegrifTe, die heute Gemeingut sind und 
die selbst die anatomische Anthropologie nicht entbehren kann, wie 
Arier, Indoeuropäer, Semit, Hamit, Turanier u. s. w., auch die Vor- 
stellung der Wanderungen, die Kenntnisse der KulturzustJlnde u. s. w., 
»erdanken wir in erster Reihe der Philologie. Diese untersuchte nicht 
Koochen, sondern im Gegenteil das Allcrinnerste, gleichsam die un- 
achtbare Seele dessen, was dem Auge als Körper entgegentritt : die 
Sprache. Und indem sie zwischen fern abliegen den und häuAg auf 
den ersten Blick physisch unähnlichen Völkern das Band der unzweifel* 
haften prähistorischen Gemeinsamkeit nachwies, richtete sie zugleich 
swischen Mensch und Mensch Mauern auf, die keine Sophismen und 
Phrasen hinfilrdcr hcruntcrrcisscn können. So darf es — um nur ein 
Beispiel, aber ein wichtiges, anzuführen — als endgültig entschieden be- 
trachtet werden, dass die früher ohne weiteres vorausgesetzte und fast 
bb beute aus Gründen der Religion und des philosemitischen Vorur- 
teils festgehaltene Vorstellung einer Verwandtschaft zwischen den indo 
europitschen und den semitischen Sprachen nicht zu Recht besteht; 
womit auch die luftige Vorstellung eines den Semiten und den 
Arier brüderlich vereinigenden Un.'aters, des sogenannten «kaukasischen 
Menschen» definitiv zerstört ist. Professor O. Schradcr, ein Fach* 
mann von allseitig anerkannter Zuverlässigkeit, weist dies nach in 



XXXVI 



Vorwort z\xr inerten Auflsge. 



seinem Seall/xihm der indo^ennaniichtn AUertumihtnde, 1901, S. 891 ff. 
Gewiss hai auch die philologische Rassenkunde manche Irrfahn an- 
getreten, doch es geschah aus ikissenschafilicher, nicht aus politischer 
Voreingenoramenbeii oder Verblendung, und unter solchen Bedingungen 
wirkt der Irnum anregend, nicht wie in dem früher genannten Fall 
versiockend. 

So lagen die Dinge, als vor etwa i^t-anzig Jahren jene zwingende 
Lage, die ich oben erwähnte — die gelbe Gefahr, die schwarze Ge- 
fahr, die jödische Gefahr, die ultramoniane (oder vöikerchaoiische) 
Gefahr — die Rassenfrage aus einer akademischen zu einer Lebens- 
frage umschuf. Doch wenn auch die wissenschaftliche Philologie klar 
um seh rieben e Begriffe gab, sie konnte keine inatomiMhen Antwonen 
und keine physiologischen Ratsch'äge eneilen ; die somatiicbe Ao- 
thropologie aber war ein soUhes Chaos, dass, wer keinen Blick 
hineingeworfen hat, sich schwer eine Vorstellung davon machen 
kann. Und so entstand denn eine ganze, neue Littcratur — von 
Cymnasial[>rofessor K. Pcnka's epochemachenden Origmes ariacat, 1883, 
an bis, sagen wir, zu Ammon, Rvibmayr und Lapougc. deren Haupt- 
schriften vor kurzem erschienen — eine Liticratufj welche von jenem 
frischen Geist getragen ist, der jedem Unternehmen eignet, sobald 
es aus einem lebendigen Bedürfnis hervorgeht — welcher aber doch 
ein gewisses Etwas anhaftet, was man wohl als Dilettantismus be- 
zeichnen muss. Nicht allein waren manche der erfolgreichsten unter 
den Bearbeitern des brachliegenden Feldes nicht Gelehrte von Fach, 
sondern die Problemstellung selbst war es, die die Beantwortung durch 
einen Spccialisten nicht zuliess. Zwar überwog bald — und glück- 
licherweise — die anatomische, und das heisst die naturwissenschaft* 
liehe Richtung; doch ohne Philologie und Prähisiorie und Geschichte 
lasse «ch nichts Sicheres Ober die menschhchc Rassenfrage ausmachen. 
Jeder Bearbeiicr war also mindestens teilweise Dilettant; er war es 
entweder auf dem einen Feld, oder auf dem anderen; und uir dürfen 
behaupten, dass bei der heutigen Specialislerung des Detailwtssens 
kein Mensch im Stande ist, eine streng wissenschaftliche Darlegung 
der gesamten Rassenfrage zm liefern. Inzwischen haben die ge* 
nannten Arbeiten den Vorzug gehabt, erstens, die Fachwissenschaften 
zu bedeutenden Fonschritten anzueifern, zweitens, das Publikum trotz 
alles Widerspruchsvollen zwischen den verschiedenen Auffassungen 
doch aufzuklären. 

Diese ganze Litteratur krankt aber, Dach meiner Überzcuguag. 




Vorwort mr vierten Auflage. 



XXXVII 



an dem grossen Übel unserer Zeit, an dem historischen Wahn, der, 
nebenbei gesagt, für Geschichte blind macht. Man glaubt überall auf 
>Anßnge< zurückgehen zu m(l^sen; das hat Hcrder's Evolutionismus 
und sein Kind, der Darwinismus, uns angeihan und uns dadurch zu 
mosaischer Naivctät lurückgeführi. Beim >Urarier< und >Protarier< 
sind wir schon angelangt, der auf dem untergegangenen lirdieil Arltto- 
gSa sein Urwesen trieb; warum aber nicht auf den protirischen AfTen 
zurückgehen? und von diesem auf den urprotarischen Fisch, aus dem 
dieser hervorgegangen war? Die Sehnsucht nach Ursprüngen ist ver- 
hängnisvoll; philosophisch ist der Gedanke eines Anfangs unhaltbar, 
und für die Welt der Praxis geht bei diesem ewigen Hader über Hirn- 
gespinste das Einzige, was not ihut — das Aufhellen des Heute und 
des Morgen, damit wir wissen, wie wir handeln sollen — verloren. 
Darum habe ich mich in diesem Buche auf den Standpunkt des 
schlichten Mannes der Praxis gestellt, der der Wissenschaft nicht ins 
Handwerk pfuscht, noch auch sich von ihr den Weg lufswingen lisst, 
den er gehen will, des Mannes, der die Wissenschaft verehrt und 
benutzt, doch sich bcwusst bleibt, dass es folgenschwerere Dinge gicbt, 
als akademische Turniere. Die Frage nach Ursprüngen habe ich ein 
für allemal von mir gewiesen ; ich habe ausdrücklich erklärt, ich wisse 
nicht, ob die Worte Arier und Semit überhaupt konkreten Abstam- 
iiiungsthatsachen entsprechen oder bequeme künstliche Begriffe für 
nur dem Wesen nach verwandte Menschen sind (S. 343); ich habe 
mich weder mit Voltaire, Goethe und Lapouge für die Annahme ent- 
schieden, die Menschheit stamme von mehreren, völlig verschiedenen, 
gar nicht blutsverwandten Arten, im Sinne der wissenschaftlichen Speaes 
ab, noch mit Kant, Quairefagcs, Virchow für die Über^teugung, es 
habe nur Varietäten bil düng innerhalb eines einzigen Stammes statt- 
gefunden. Wie soll ich das alles wissen? Worüber die Fachmänner 
sich in den Haaren liegen, darüber soll ich apodiktische Urteile ab- 
geben? Das wire Dilettaniismus im schlechten Sinne des Wortes, 
Deswegen habe ich das Won Rasse, welches von der einen Hallte 
der Anthropologen im Sinne Voltaire's als Bezeichnung für eine unter- 
schiedene Art. von der anderen Hälfte im Sinne Kants als Bezeichnung 
für eine Varietät gebraucht wird, — woraus, nebenbei gesagt, schon 
die erste heillose Konfusion entsteht — weder in dem einen noch 
in dem anderen Sinne genommen. Sondern ich habe alle diese 
sinittgcn Fragen, wie es sich für mich und mein Buch schickte, den 
Facbgelehnen zur Entscheidung überlassen und habe mich, wie an 



xxxvni 



VorwoR ztir vierten Auflage. 



Ort und Stelle deuiUch genug zu lesen ist, im Anschluss an Dam-in 
ru den Männern der Praxis geschlagen, zu den Tier- und Pflanzen- 
züchicrn, und habe unter »Risset jene Steigerung bestimmter, wesent- 
licher Charaktere und der allgemeinen Leisiungsfähigkcir, jenes Hinauf- 
schrauben des ganzen Wesens verstanden, welches unter ganz be- 
stimmten Bedingungen der Auswahl, der Vermischung, der In/ucht 
— aber nur unter diesen ganz bestimmten Bedingungen, dann aber 
ausnahmslos, das heisst also mit der Sicherheit eines Naturgesetzes — 
erzielt wird. Ich fasse, wie man sieht, die Sache am entgegengesetzten 
Ende an, als die Ursprungssucher; ich treibe mich nicht unter Gräber- 
funden und paUolitischcn Äxten und Lautverschiebungen hemm, um 
dort einmal zu entdecken, ob etwas »Rassei Weissen kann, und was, 
sondern ich folge dem grossen englischen Naturforscher in den Pferde- 
stall und luf den Hühuerliof und zum Kunstgärtner und sage: dass 
es hier etwas giebt, was dem Wort iRasse< Inhalt verleiht, ist un- 
streitig und jedem Menschen offenbar. Sodann aber — von der 
Wahrheit des grossen mittleren Gesetzes aller Erfahrung und aller 
Wissenschaft durchdrungen, dass es nur eine einzige, überall glcicb- 
wirkcnde Natur giebt — schaue ich mich unter den gegenwärtigen 
Menschen um und befrage jene historische Vergangenheit, über die 
wir sichere Kunde besitzen; uud richtig [ genau das selbe Phänomen 
gesteigerter Individualcharakterc und grösserer Leistungsfähigkeit wie 
bei Tieren und Pflanzen erblicke ich überall dort, wo ein Volk 
Ausserordentliches leistet; und ebenfalls genau so wie dort, sehe ich, 
dass, wo die Bedingungen zur Veredlung der betreffenden Menschen- 
rasse in ihrer Wirksamkeit geschwächt oder aufgehoben werden od« 
gar entgegengesetzte Bedingungen eintreten, die Rasse (in diesem 
Sinne der Züchter] einbässt und nach uud nach ganz verschwindet. 
Ausserdem beobachte ich, dass es unter den Menschen, genau so wie 
unter den Tieren und Pflanzen, verschiedenes Material giebt, das 
heissi, dass gewisse Abarten sich von Haus aus zur Rassenbildung 
hervorragend eignen, andere nicht. Ob aber solche in Bezug auf 
Plasticität bevon^ugte Stämme — wie z, B. in früheren Zeiten die 
Hellenen und heute die Slavokeltogermanen — selber durch langan- 
haltende RassenzUchtung entstanden sind (was mir |>ersönlich wahr- 
scheinHch scheint) oder aber, ob sie eine besondere, von jeher unter- 
schiedene Schöpfung höherer Gattung darstellen (wie das Gobineau's 
Dogma will), daröbcr stelle ich keine Hypothese auf, sondern es ge- 
nügt mir, aus der thatsächlichen Beobachtung diese beiden Begriffe 



I 




Vorwort zur vierten Auflage. 



xxxrx 



der >Ras5ct — einerseits als eines noch heute beweglichen Üüchtungs- 
produktes, andrerseits als eines mehr oder weniger einheitlichen, zur 
Edelzächtung besonders gccigneicn Menschenmaierials — klar zu 
fassen und vou einander zu unterscheiden. Hierbei lege ich natürlich 
auf die erste Bedeutung dis Hauptgewicht, weil sie auf täglicher, 
reicher, wissenschaftlich gesicherter Beobachtung beruht, wogegen die 
zweite Bedeutung, trotzdem sie sich nicht minder auf Beobachtung 
bezieht, jedoch in Bezug auf das geschichtliche Werden nur durch Ana- 
logieschluss als >Rassc< im Sinne eines Gezüchteten aufgefasst wird. 
Ich dichte, das wäre doch deutlich genug, und handgreiflich 
empirisch und unwiderleglich. Ein jeder Mensch kann sich von dem 
Sachverhalt durch Augenschein überzeugen; ein Jeder muss zugeben, 
dass >Rasse< — was man auch sonst dem Worte für Bedeutungen 
beilegen mag — jedenfalls in diesem Sinne inhaltreich und von hohem 
Werte für das Leben der Nationen ist. Die akademische Wissen- 
schaft kann der kühnsten Hypothesen nicht entbehren, diese sind ein 
Werkzeug zur Erlangung neuer Erkenntnisse; dagegen braucht das 
praktische Leben vor allem Thaisachen, sichere Thatsachen, über- 
sichtlich gegliederte Thatsachen, aus denen es bestimmte Lehren und 
Direktiven entnehmen kann. Um überzeugend zu wirken, muss man 
auch immer mit den nichsihegenden Thatsachen beginnen. Der 
sDeutsche«, der »Engländer« sind aus der täglichen Erfahrung wohl- 
bekannte Vorstellungen ; der »Germane« ist ein Begriff, dessen genauer 
Sinn nur aus einer historischen Darstellung zu gewinnen ist; der 
»Urgermane« und der >Arier< sind schon hypothetische Gebilde. 
Ist es erst gelungen, dem Laien die Thatsache der Rasse in ihrem 
näheren Bedeutungskreise zu zeigen, dann wird von selbst das Interesse 
für die grösseren Zusammenhinge erwachen. Hiermit will ich nun 
durchaus nicht zur Geringschätzung der Prähistorie und der theo- 
retischen Anthropologie Anlass geben; ich selber widme diesen 
Studien leidenschaftliches Interesse, und ich glaube, in diesem Buche 
die grosse — durch Rassenzucht entstandene — Thatsache des 
Germanentums ins gehörige Licht gestellt zu haben. Doch musste 
tncin Blick mehr auf Gegenwart und Zukunft als auf Vergangenheit 
geheftet bleiben. Wenn man auch wirklich nach 200 jähren heraus- 
bekommen sollte, wo und was und wie die ältesten Arier waren, es 
wäre das für das praktische Leben von geringer Bedeutung. Wir 
können doch nicht wieder Urindogcrmancn werden, ebensowenig 
wie wir Indoarier oder Perser oder Hellenen oder Römer werden 

UI 



Vorwort zar vkiten Auflage. 



i(4nDen oder sollen. Wir sind bcnie Deutsche und HotUader und 
Eoglinder ood Skindtnavier, and wir wolleti mu seIhM — na«er 
Werden und Sein und unsere uns invenraute ZoJranlt — T<erA<hen. 
Und dizu bnocben wir eine konkrete Vorstellung von iRasse< : wis 
ist sie? wu bedeutet sie? steht si« irgendwie in dem Machtbereich 
nnseres menschlicheo Willens? 

Das5 die Mehrzahl meiner unbefangenen Leser mich verständen 
bat und der Anregung, die ich gab, gefolgt ist, dessen bin ich über* 
zeugte doch ich geriet in ein Kreu2feuer, und neben mancher 
Anerkennung, auch von Seiten tüchtigster Fachleute, mu&ste ich doch 
den Zorn sowohl der Ras&cnschwirnicr wie der Rasscnschmähcr 
erfahren. Das wire nun gleichgültig, wenn nicht in dieser von den 
Zeitungen so leicht zu schürenden Verwirrung die Gdihr naheläge, 
dass eine völlig falsche Auffassung des von mir vertretenen Stand- 
ptnktcs im Publikum Fuss fasste, was wiederum der Sache selber 
erbebhch schaden könnte. Daher die Noi«'cndigkcit der vorliegenden 
Auscin anderscczung. 

Zu den am häutigsten gegen mich gebrauchten WafTen gehdn die 
Identifizierung meiner Rasse nauffassung mit der Goblneau's und seiner 
IiUgatiii des raea humaimt. Nun beachte man wohl Folgendes Hat 
Gobincau Recht, hat es unter den von Gott erschaffenen ursprüng- 
lichen Rassen (in Wirklichkeit also, nach wissenschaftlichem Sprach- 
gebrauch, lAnent) eine einzige edle gegeben, die allmählich durch 
Mischung mit den ursprünglich und unheilbar unedlen einer immer 
grösseren Enianung verfallen ist, so dass jetzt dem Menschengeschlecht 
nur noch das unabwendbare, jämmerliche Ende einer chaotischen 
Auflösung aller Kultur und Civilisation übrig bleibt, dann ist die 
einzige würdige Lösung, dass wir tuis Alle sofort eine Kugel durch 
den Kopf jagen ; und da wir das nicht thun wollen, so kehren wir 
einfach der ganzen Frage den Rücken und kümmern uns nicht weiter 
darum. Gobincau's Lehre ist das Grab jeder praktischen Befassung 
roii der Rasscnfragc; nur darum wird sie heule auch von Denjenigen 
in den Vordergrund geschoben, die die Kassenfrage nicht auf kommen 
lassen wollen; nur darum werde ich als >Gobincau]ünger«, >Cobineau- 
aposicU, oder von weniger freundlichen Kritikern als >Cobtneau- 
abschreiber, >Gobineauausschlachteri etc. hingestellt. Zwar weiche 
ich in fast jedem einzigen Grundsatz von Gobineau ab und habe mit 
ihm weder Grundlagen noch Ziel gemeinsam, so dass selbst dort, 
wo wir zusammentreffen, nämlich in der Wertschätzung der Germanen, 



I 




Vorwort mr vierten Auflage. 



XU 



die Übereinstimmung mehr sciieinbar als wirklich ist, da er und ich 
uoier iGermanec nicht das selbe verstehen; jedoch das macht nichts: 
mit dem genialen, aber hochp ha niasti sehen französischen Grafen ist es 
leichler fertig zu werden als mit dem niichiernen Empirilter, der nur 
Sachen vorbringt, deren Richtigkeit jeder Mensch kontrolhcren kann, 
und der die kotikrete, unmittelbare Bedeutung von »Rassec nicht 
aus eksutischen Intuitionen ableitet, sondern sie (dank Darwin) so 
handgreiflich hinstellt, dass kein Uobe^ngener je mehr bezweifelet 
kann, in welchem Sinne und in welchem Masse der scbartsionige Jude 
Benjamin Disraeli Recht hat, wenn er sagt; »Rasse ist alles, und jede 
Rasse muss zu Grunde gehen, die ihr Blut sorglos Vermischungen 
biogiebi« {siehe S. 274). Und darum, weil man mich — der ich 
nichts erfinde und genialisch aufbaue, sondern ciofach, wie jeder' 
Andere es könnte, auf die Natur hinweise — weil man mich, oder 
vielmehr die Natur, nicht widerlegen kann, darum identifiziert man 
mich mit Gobineau, damit man zugleich mit der sicherlich an Wahr- 
heiten und Ahnungen reichen, an gelehrtem Material unerschöpflichen, 
doch offenbar in wesentlichen Punkten unhaltbaren Phantasterei, den 
unbequemen »Dilcitamcnt los werde, der bei dem in Bezug auf That- 
sachen unanfechtbaren und unvergleichlichen Darwin in die Schule 
geht, und eine so nahe, klare, sichere Vorstellung von >Rassec auf* 
stelle, dass jeder Kubhirt sie fassen kann.') 

Dieses Vorschieben Gobineau 's ist eine auf die Menge berechnete 
Taktik. Mancher Journalist, der meine Abhängigkeit von Gobineau 
betont, kennt weder Gobineau noch mich. Von rein wissenschaft- 
licher Seite dagegen werden mir hauptsächlich zwei andere Vorwürfe 
gemacht, Vom'Qrrc, die steh diametral widersprechen, doch jeder für 
sich genommen plausibel genug scheinen und manchen Laien gegen 
meine Darlegung der Rassenfrage einnehmen mögen. Ich will als 
Beispiel zwei Münner herausgreifen, gegen die ich mich jedeni'atls 
insofern im Vorteil be6nde, als ich ihre Arbeiten besser zu schätzen 
weiss als sie die meinen. 

Der bekannte und verdiente Anthropolog Wilser wirft mir vor, 
ich hatte keine Ahnung, was Kasse sei; meine Darstellung sei aus 
»Redensarten« zusammengewoben, sie könne >io keiner Hinsicht die 
aufgeworfenen Fragen beantworten«, u. s. w.') Wilser ist eben ein 



■) Zur Betmdlung Gnbtneau's vei^leiehe auch Grundiagm S. 707, 708. 
^ Skbc flolitiuk'Amtkropologutki Rivut, August 1902. 



XLO 



Vorwort zur vieneo Anflage. 



Rasscndogmatiker. Von der Entstehung der Wirbeltiere an bis zur 
Geburt des Menschen, tuid rem da an durch alle planetarischen Um- 
wälzungen bis zur glücklichen Aosbildung der arischen Rasse, sodann 
<lie Reihe der Wanderungen dieser Rasse: er weiss alles im Einzelnen 
zn crzlhlcn, förmlich aU wire er dabei ge«*esen und weilte nur in- 
folge einer glücklichen Mctempsychosc noch einmal unter uns Splt* 
geborenen. Da ist nun er im Voncil, denn ich weiss von dem allen 
gar nichts und kann mir höchstens sehr vorsichtige VersuchshypotheseD 
darüber bilden. Und was Wilser bei mir vermisst, ist eben dieses 
bestimmte Wissen über Dinge, von denen kctn Mensch etwas wirklich 
>wejss<, und ausserdem der Mangel an Definiiionen. Das ist das 
rechte Steckenpferd derSchulwei&heitt Ich gebe nirgends eine scharfe 
Begriffsbestimmung, sondern lasse den Leser aus den vorgefühnen 
Thatsachen nach und nach entnehmen, was Rasse sei; die Merkmale 
»verschwimmen vor meinen Augenc; ja, ich gehe so weil, jenes ganz 
unwissenschaftliche, ungelehrte Ding, >das eigene Bewusstseini, die 
ganz gemeine, tägliche Erfahrung des Einzelnen in die Kasscndar- 
stcUung hereiozuziehen — wo doch der rechte Anthropolog erst bei 
lasgegrabenen Knochen zu denken anfangen darf. Die Empdrung 
des Gelehrten über ein so unerhörtes Vorgehen verstehe ich ganz 
gut. Und doch, hätten ihm seine Fachstudien ein wenig Müsse ge- 
lassen, sich in der Philosophie umzusehen — eine von vielen Natur- 
forschern verpönte, nichtsdestoweniger aber sehr nützliche Beschäftigung 
— so hätte er von Kant, ja schon von Descaries erfahren, dass nur 
Gcdankcndingc, nicht wirkliche Dinge sich überhaupt definieren lassen. 
Alle Weisen der Welt, führt Dcscartcs aus, können die Farbe >Weisst 
nicht definieren; ich brauche aber nur die j^ugen aufzumachen, um 
sie zu sehen. Und so geht es auch mit »Rasse«, sobald dieses Wort 
nicht ein Gedankending bezeichnet, sondern ein von der Natur oder 
vom Menschen unter bestimmten Bedingungen hervorgebrachtes wirk- 
liches Gebilde. Rasse — im Sinne der Züchter — ist ein Mehr oder 
ein Minder, ein VcrhältnisbcgrifF; es ist ein durchaus plastisches 
Wesen, das unter günstigen Bedingungen sehr schnell entstehen und 
unter ungünstigen noch schneller entschwinden kann. Ob ein Pferd 
iRasscc hat, sieht ihm ein Kenner gleich an, auch welchen »Grad« 
von Rasse es besitzt, zeigt sich bald; doch definieren lässt sich das 
nicht, auch nicht mit Zuhilfenahme der Erfahrungen über Vermischung, 
Inzucht, Futter und Trainierung. Einzig wichtig ist es darum, die 
Thatsachc zu kennen, die Thatsachc der Kasse, und ihren Ent- 




Vorwon zur vierten Auflage. 



XUH 



stebungs- und Existeazk«dingungcn so nahe wie möglich auf die Spur 
zu kommco. Nur das habe ich versucht; für uns Ungclehrte und 
für die Praxis des Lebens ist dos u-ichtigcr als alle Theorie. Und 
wcoD auch unbedingt zugegeben werden muss, dass die Zurückvcr- 
folgung der einzelnen Mcnschcnstämme so weit wie möglich, die 
Entwirrung der von Hause aus züchtungsßhigeren und der weniger 
edlen Elemente, u. s, w., alles wichtige und notwendige Untersuch- 
ungen sind, so kann doch die Praxis nur das Nachweisbare und Unbe- 
streitbare, nicht die Hypothesen brauchen. Daher meine Zurückhaltung. 
Nun kommt aber ein anderer Gelehrter, Stcinmciz, und nimmt 
mich ganz im Gcgcnicil deswegen ins Gericht, weil ich zu viel und 
zu Genaues gesagt habe, wo doch echte Wissenschaft die grösst- 
mögliche Zurückhaltung fordere und nur »durch die strengste Hand- 
habung der besterdachten Methoden in langsamer, treuer Arbeit weiter 
kommet.') Siciniretr — dessen ausführlichen Aufsatz ich nur bestens 
empfehlen kann — möchte am liebsten, dass von Rasse bei den 
Menschen gar keine Rede mehr sei, bis man durch minutiöseste 
Untersuchungen festgestellt habe: ob es überhaupt so etwas wie erb- 
lichen Rassencharakter giebt; hierzu müsse man aber zuerst »durch 
streng vergleichende Untersuchungen c alle anderen Faktoren aus- 
scheiden, wie da sind >K]ima, Lage, Tradition, Acculturation u.s-w.t; 
ausserdem müsse die idifierentielle Psychologie« die primären imd 
sekundären CharakierzOgc unterscheiden lernen und so dazu gelangen, 
die ^elementaren Züge* blosszulegen; u.s.w., u.s.w. Das ist ja alles 
recht und gut, und es werden auf zwei Jahrhunderte hinaus etliche 
Dutzend Professoren dafür bestallt werden können; doch das Leben 
selbst — dos uns auf allen Seiten Rasse als eine wichtigste Thatsache 
iäi sämtliche organische Wesen zeigt — das Leben wanet nicht, bis 
die Gelehrten mit ihrer diScrcnticIlen E^chologie zu Rande gekommen 
sind. Und wir Lebenden, wir brauchen nicht zu warten. Als der 
gelehnc Professor mein Buch las, hat er lange nicht scharf genug 
zwischen Wissenschaft und Leben unterschieden. Darum hat er Vieles 
gründlich missverstanden und auch mts5verst3ndlich dargestellt. So 
z. B.. wo ich von Semiicn spreche, bezieht er es ohne weiteres auf 
die Juden, was ganz unzulässig ist. und er brgtciici die Auszüge mit 
ironischen Bemerkungen, so dass Niemand, der mein Buch nicht zur 



■) Siehe PaiJ Barth's TUrUljakrischrip ßr vdssnuehaßlich« Philosophlt unJ SoeUn 
toftd, 1903, Heft 1. 



XLIV 



Vorwon zar vienen Auflage. 



Hand hat, erraten wird, dass ich die Charakicrisiening nicht aus dem 
kleinen Finger itiehc, sondern aus ausführlich mitgeteilten Belegen 
der erfahrcn&icn Reisenden und der anerkannt ersten Oricnia listen. 
Der Haupttreffer seiner Kritik aber (S. loo], der auch am Schtuss als eoi- 
scheidend wiederkehrt, ist, dass — angeblich — meine Charakterisierung 
des indogermanischen Charakters und die des berühmten französischen 
Anthropologen, Professor Lapouge, (in seinem Buch L'Arytn^ 1899) 
sich direkt widersprechen sollen; daraus folgen der Gelehnc, dass 
hier nur bodenloser Dilettantismus am Werke sei, >der schlimmste 
Feind unserer jungen Wissenschaft. Wenn aber Wissenschaft auf- 
hön, sobald zwei Menschen sich widersprechen, dann gicbt's wenig 
oder gar keine Wissenschaft auf der Welt. In der Anthropologie 
vernehmen wir fast nichts als sich heftig widersprechende Fachmänner, 
und in allen anderen Wissenschaften ist das Aneinanderprallcn direkt 
entgegen gesetzter Behauptungen ebenfalls stets an der Tagesordnung. 
Um mir eine Meinung über die Zolltarifvorlage zu bilden, Las ich 
neulich an einem Tage zwei Schriften, die eine von Lujo Brentano, 
die andere von Adolf Wagner; nach der Lektüre der ersten Schrilt 
war ich ein begei&lener Freihändler, nach der der zweiten ein ver> 
stockter Agrarier ; die beiden Gelehrten hatten mir auf Grundlage des 
selben, noch dazu ganz konkreten, zifTcrmässigen Materials, zwei in 
jeder Einzelheit sich widersprechende Lehren vorgetragen. Und ist 
etwa darum die Nationalökonomie keine Wissenschaft ^ und sind 
Brentano und Wagner Dilcxiantcn? Warum also sollten Lapouge und 
ich den Charakter der Indogcrmancn nicht verschieden auffassend 
Wer aber nicht durch eine Brille hinsieht, wird gleich wahrnehmen, 
dass die Sache sieb Überhaupt gar nicht so verhllt, wie Steinmetz sie 
in seiner Voreingenommenheit aufgefasst hat. Denn erstens handelt 
es sich bei mir, dort, wo ich den vorwiegenden Willen als bezeichnend 
für den Semiten und den vorwiegenden Intellekt als bezeichnend för 
den Indoeuropder hervorhebe, um einen Ve r g le i ch , wogegen in 
Lapouge's VArym kein solcher Vergleich vorkommt; es ist wichtig 
das zu bemerken. Sodann aber, wenn der Leser, der die betreffen- 
den Stellen bei mir kennt, die angegebene Ausführung bei Lapouge 
(S. 370 fg.) in ihrem vollen Inhalt vergleicht, wird er erstaunt sein, 
KU sehen, dass wir votlkommea übereinstimmen I Denn dass des 
Indocuropäers Willen enorm ist, dort, wo sein Verstand ihm den 
Weg gewiesen hat, habe ich an mehreren Stellen hervorgehoben; es 
zu leugnen, konnte mir ebensowenig in den Sinn kommen, wie etwa 



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Vorwort zur vierten Auflage. 



XLV 



<jie äusserst scharfsinnige IniciligcDZ der Scmucn und speziell ihrer 
halbschlächiigcn Kinder, der Juden, deswegen in Abrede zu stellen, 
weil bei ihnen der Wille so Überaus mächtig entwickelt ist. Lapouge 
und ich vertreten hier niclu zwei Einsichten, sondern eine und 
die selbe, und daxu gehörte Icein besonderer Scharfsinn, da in diesem 
Falle kein besonnener und unbefangener Mann anders urteilen kann. 
Ich fürchte, man wird Steinmetz, trotz seiner grossen Verdienste, in 
die Kommission für idifferentielle Völkerpsychologie« nicht wählen 
dürfen I 

Diese aus einer grossen Tülle hervorgeholten Beispiele sollen den 
Laien warnen, jenes »Vorurteil für Gelehrsamkeit c, von dem Kant 
uns vorhin erzählte, so weit zu treiben, dsss er mich gleich verurteilt, 
weil ein »Gelehrter« es thui; vielmehr soll er die Sache erst unter- 
suchen, und wenn er dann findet, dass ich es verdiene, mir vertrauen. 

Es giebt noch eine Kategorie von Gegnern; sie ernst zu nehmen, 
fiiJIt aber schwer; ich meine gewisse jüdische Gefehrie und Journalisten, 
an deren hna ßäes nicht zu zweifeln ist (mit den anderen befasse 
ich mich nicht). Wie sollen wir es nun nehmen, wenn Männer, 
deren besondere und gesondene Existenz, deren ganzes moralisches 
und intellektuelles Wesen ein Ergebnis strengster Rassenabsonderung 
ist, und die das Gesetz der Rasse nicht nur aU eigene Religion theore- 
tisch bekennen, sondern in einer alle Berge und Meere ÜbcrBiegenden, 
alle Verschiedenheiten der Sprachen und Sitten überwindenden, be- 
wundernswerten SolidarilÄt tägiicii bcthacigen, — wie sollen w es 
nehmen, wenn gerade dicKe Männer uns geschichtlich beweisen wollen, 
dass Rasse nichts zu bedeuten habe, wenn gerade diese Männer in 
moralische Entrüstung geraten ob einer so igemeingcfährlichen Lehrec ? 
U\k glaube, man geht schweigend :cur Tagesordnung über. 

Und noch ein letztes Bedenken darf nicht unbcantwonet bleiben. 
Hier und dort hört man sagen: >dass Rasse eine der grossen That- 
tachen der Katur ist, lässt sich allerdings nicht leugnen; Naturwissen- 
schaft und Geschichte Ichren es; doch wozu üoll die Belehrung dienen ? 
hier kann nur Schicksal oder Gott helfen; die Gesellschaft ist macht- 
los.! Eigentlich zieh ein derartiger Einwand über den Kahmen dieses 
Buches hinaus: ich hatte die Grundlagen aufzudecken, auf denen sich 
das Jahrhundert erhob, nicht aber die Nutzanwendung für Gegenwart 
und Zukunft in Betracht zu ziehen, Doch glaube ich, dass eine müg- 
liebst weit verbreitete Rassenkunde für die Erhaltung und Ausbildung 
der vorwiegend germanischen Staaten von grosser Tragweite werden 




XLVI 



Vonron zur vienen AafU^. 



köaDte. Wohl babeo gcwbsc Mononuoeo — so z. B. <ler getst- und 
kenntnisreiche Lapouge — undurchführbirc Vorschläge gemacht, and 
dadurch wird gegen die bmc Sache das Odium der Lächerlichkeit 
crregi; doch ein so nQchtem präziser Nanirfoncher v\c Francis Gahon, 
der Schwager Daiwiii's, hat am 29. Oktober 1901 in einer Versamm- 
lung durchaus nCchicmer und praktischer Mlnner. nimUch in dem 
anthropologischen Institut In London, einen Vonrag ■Über die Mög- 
lichkeit, die menschliche Risse zu verbcssemt gehalten, in «xlchcm 
er die gesetzliche Förderung der Rasseniniercssen vorschlug und als 
Beispiele praktischer Rassenzüchtung auf die Indoarier und die Juden 
hinwies. In den Vereinigten Staaten ^nd schon ISngst derartige Bestre* 
bungcn am Werke. Was nun hier als Ausfluss der niedrigsten, un- 
historischen Empirie durchdringt, warum sollten wir es nicht von einem 
höheren Standpunkt anfassen und nicht bloss zwischen physi^ch 
»Besseren« und physisch »Schlechterenc unterscheiden, wie dies Galton 
ihut, sondern zwischen Denjenigen, die physisch und moralisch Ger- 
manen sind, und solchen, die es nicht sind? Warum sollten wir 
nicht — ehe es auf imnner zu spät ist — für die Erhaltung alles 
dessen wirken, was uns das Teuerste und Heiligste ist, durch die 
Erhaltung der physischen Grundlagen, auf denen es erwuchs und ohne 
die es nicht bestehen kann r Hier könnte das Gesetz Grosses wirken ; 
doch weit mächtiger als dieses — dem Gesetz selbst das Gesetz ge- 
bend — wäre das lebendige, öffentliche Bewusstsein von der Bedeu- 
tung von Rasse für die Geschichte der Nationen und von der Bedeutung 
des Germanentums für die Geschichte der heutigen Kultur. 



I 



I 



Wie Rasse bis in die innerste Seele — vielmehr, gerade in der 
innersten Seele — gestaltend wirkt, ersielit man aus der Auflassung 
von Religion bei ver^rhicdcncn Völkern. Mein Buch handelt vielfach 
von dem Einfluss des Judentums und — durch dessen Vermittlung — 
auch des Semitentums im weiteren Sinne des Wortes auf die uns 
Slavolceltogertnanen angeborenen religiösen Instinkte; hier habe ich 
nicht bloss in ein Wespennest, sondern in viele hineingegriffen; denn 
meine AusfQhrungen musstcn bei katholischen, protestantischen, jüdi- 
schen und antireligiösen Vorurteilen gicichmassig Ansross erregen, und 
um so schlimmer war es, wenn z. B. der Prote>tant zugleich ein Jude 
oder der Jude ein Religionsfcind war. Hier alle Missverständnisse in 
den an den Grundlagen geübten Kritiken aufklären zu wollen, würe 




▼icTOn Auflage. 



XLVU 



umsonst; mm grossen Teile heben sich die Vorwürfe gegenseitig auf. 
Auf die Sache selbst dagegen möchte ich gleich hier im Vorwort die 
Aufmerksamkeit des Lesers in eindringlichster Weise richten; denn 
hier halten wir den Kern der so oft genannten und so selten ver- 
standenen »Judenfrage« (vgl. S. 9J5 Anm.). Das Folgende ist also als 
Ergänzung zu den in diesem Buche an vielen Orten zerstreuten Be- 
merkungen über das Verhältnis — und den Widerstreit — zwischen 
indogennanis<her und semitischer Religionsau ff assung zu betrachten. 

Im Jahre 1847 verlangte Forst Bismarck im preussischen Landtage 
«die Emanzipiening der Christen von den Juden« ; einzig die religiöse 
Emanzipierung wäre die endgültige. Mag der Jude nur auf allen Ge- 
bieten mit uns wetteifern; wer will, wer kann es ihm wehren? In 
uns selber muss die Umkehr stattfinden. Dort ist es, in der innersten 
Seele, wo wir das Joch tragen, und es lastet auf unserem ganzen 
Leben, weil es ein Fremdes ist. etwas, was wir uns nie wirklich an- 
eignen können, mögen wir auch noch so inbrünstig das Haupt davor 
zor Erde beugen und den Leib kasteien und das Herz quälen, denn 
es widerspricht dem >Gcnie* aller Völker aus der indogermanischen 
Geroeinschaft und bringt fonwährend unsere Religion mit unserer 
Weltanschauung in unlö>bare Konflikte. Gelinge es. aus unserem 
religiösen Leben den semitischen Einschlag zu emfcrncn, wir wären 
Neugeborene, und im selben Augenblick würde der JuJe für unser 
Auge in die richtige perspekitvischc Entfernung wegrücken, wo es 
uns leicht werden würde, ihn zugleich gerecht und mild zu beurteilen. 
Das ist die These, die ich in diesem Buche verfechte.') 

Wahrend wir Germanen nun — wie gewöhnlich — den Wert 
neuer Erkenntnisse nur langsam fassen, haben bereits etliche unter 
unseren Gegnern recht gut begrifien, welche gewaltige Wirkung mit 
der Zeit davon ausgehen könnte, wenn an Stelle einer öden Juden- 
hetze dieser rein innerliche Vorgang einer Ausscheidung alles Semi- 
tischen aus unserer eigenen Seele suufünde; ihre Gegenminen legen 
sie schon an. Es sind bei Leibe nicht bloss Juden, die diesen Feldzug 
fOhren — wenngleich unter unseren protestantischen und katholischen 
Theologen und Orientalisten weit mehr Juden und Judcnstämmlinge 

tch bin intn-iichen auf einen unerwarteten DuDdc*g«n<uscn gestoiseni denn 
Hoscs Mmdi-bsohn ^wctin ihn Kant richdg auslegt} hat {{elelin: »QirUtcn, schafft 
ihr erst du Judentum aus eurem ctgecicn Gbubcn wc^, so werden wir auch das 
Huriftc «rriasscn* (SirHt itr Fahätittn, allgemeine Anmcikung «Von ReligionueUicni; 
cd Harteiuidn 1868, VII. J70). 




XLvin 



Vorwort zur vierten Auflage. 



skh befinden, als ein naives Publikum sich vorstellt, wodurch freilich 
der Criindlichkcit und Redlichkeit der Arbeit nicht der gcnngsic Ab- 
bruch geschieht, wohl aber ihrer Freiheit und ihrer Bedeutung für indo* 
gcrinanisches Seelenleben — sondern die besten Bundesgeno&sen findet 
die semitische Gcisiesrichiung an manchen «cht germanischen Ortho- 
doxen, die Gott nie gefälliger zu sein glauben, als wenn sie in die 
semitische Posaune stossen, — ein Wahngedanke, der aus anerzogenen 
Vorurteilen hervorgeht und manchmal auch durch kirchliche Rück- 
sichten gcnälm wird. Der neueste Schachzug ist nun dieser: die Fort- 
schrittlicheren und Scharfsinnigeren wissen, dass das jüdische religiöse 
Ansehen nicht ungeschmälert weiterbestehen kann; es ist unmöglich; 
wir wissen jetzt zu viel ober die Geschichte der Entstehung des Juden- 
tums und der alitcsiamenilichen Bücher; und so sorgen sie schon im 
voraus dafür, dass der Glorienschein religiöser Pfadfinder und Gesetz- 
geber für die ganae Menschheit, wenn er dem kleinen syro-semitischen 
Volk der Juden verloren geht, dann den Semiten im umfassenderen 
Rassensinne dieses Wortes bewahrt bleibe. Hierzu wird Geschichte 
gewaltsam gemodelt; ja, den Juden wird sogar das genommen, was 
ihrs ist und ihre Eigcnaitlgkeii und ihren Ruhm ausmacht. Umso- 
mchr sind wir bcrechdgt, bei Zeiten und energisch Einspruch zu er- 
bebeo. Des Judenhasses, der mir von Manchem angedichtet wird, be- 
darf es nicht; die berechtigte Liebe zur Eigenart genügt; diese macht 
auch gegen andere iAnen< gerecht- Darum ist es nötig, den indo- 
germanischen Standpunkt stark und — wo es sein muss — rück- 
sichtslos zu betonen; sähe es klarer in unseren eigenen Köpfen au5, 
die verwickelte und bedrohliche »Judenfragei wäre w ipso gelöst; so 
aber gleicht unsere Seele einem Schiff ohne Kompass; unser Juden- 
schütz und unsere Judenabwehr, beide sind halbe Massregeln, undeutlich 
gedacht, unfrei durchgeführt. Unter solchen Bedingungen muss die 
semitische Geistesrichtung Sieger bleiben, es ist nicht anders möglich; 
nicht der Jude wird assimiliert, sondern wir werden endgültig semiti- 
siert. »O du armer Chrisie, wie schlimm wird dir es ergchen, wenn 
er (der Jude) deine schnurrenden Flüglein nach und nach umsponnen 
haben wirdU — so schreibt Goethe an Jacobi und warnt ihn vor den 
»jüdischen PfifTeiK Moses Mcndclssohn's.') Und doch war Mendels- 
sohn ein Mann ohne Falsch und Arg. Hier liegt nicht Betrug vor, 
sondern notwendige Wirkung von Rasse auf Rasse. Wir Alle sind 



*] Gottht's Briift, Weimirer Ausgabe, VII, i]i. 



Vorwort rar vicncn AufUge. 



XLIX 



larme Christen-«, und haben wir das uns verstrickende Netz an einer 
Stelle durchrissen, gleich wird es neu gesponnen. 

Ein einstiges Bcüpicl am allerletzter Zeit soll uns veranschaulichen. 

dieses »Umspinnen der Hü^Icint noch unter uns vorgeht, wie 
jede Sophisiik und jede Gewaltsamkeit von den achtbarsten Männern 
für erlaubt erachtet wird, sobald sie der Zwingherrschaft semitischer 
Ideale unter uns dienen. Nach verschiedenen Kichtungcn hin wird 
für die Leser meines Buches viel aus diesem 6ei:>piel zu lernen sein; 
selbst vor einiger Ausfährlichkcit dürfen wir darum nicht zurück- 
schrecken. 

Die Rede, die Friedrich Delitzsch am tj. Januar 1902 in Berlin 
hielt und später, unter dem Titel Babel und BiM, vonrcfflich illustriert, 
als Flugschrift herausgab, hat sowohl durch das Fesselnde des Gef^en* 
Sundes, v.-ie auch durch die wirklich glänzende Dantellung in allen 
gebildeten Kreisen Aufsehen erregt. Zwar wiuden die deutschen Aus* 
grabuopen in Babylon nur wenig berührt, was Manchem unter uns 
leid gcthan hat, doch war die Zusammenfassung der Hauptergebnisse 
einer halbhundenjAhrigen Forschungsarbeit verschiedener Nationen 
noch eher geeignet, Eindruck zu machen und durch die Gewinnung 
neuer Mitglieder die junge deutsche Orieni-GescUschaft zu starken. 
Inhalt und Zvi-eclc der Rede sind hierdurch gekennzeichnet; alles so 
onverfän glich, wie nur denkbar. Und wurde auch ein bischen 1 ketze- 
risch« mit der Bibel verfahren, das konnte den Reiz nur erhöhen, 
namentlich da das am Schlüsse hinausgeschmetterte Wort Goethes: 
•auch wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln 
ins Helle strcbtt, den Irrglauben wettmachte durch echteste germa- 
nische Zuversichtlichkeit. Nichtsdestoweniger wird in dieser Rede 
von einem linde zum anderen öcissig »gesponnen«; der wahre, 
hfihere — wenn auch dem Verfasser selbst gewiss unbewusste, blind 
and luweigerhch ihm aufgedrungene — Zweck der Rede ist die 
Lahml^UQg der sich zu rühren beginnenden > Flüglein « ; und zwar 
wird — damit das Netz, das uns über den. Kopf geworfen werden 
soll, recht dicht und undurchdringlich sei — zu solchen bedenklichen 
Mitteln gegriffen, dass Goethe, der bei dem redlichen Mendelssohn 
von »Pfiffen* sprach, hier einen stärkeren Ausdruck hatte wählen 
müssen. Gerade aber die Thatsache, dass bei Delitzsch jede anti- 
Uberalc Absicht völlig ausgeschlossen ist, im Bunde mit der zweiten 
Thaisachc, dass hier ein Fachgelehrter ersten Ranges spricht, so dass 
Unwissenheit keine Scbtdd an der Sache bat, tnacbi den Fall um so 



Vorwort zur vierten Auflage. 



interessanter, denn wir sehen, dass das Urteil eines Gelchnen von dem 
rnirage iimitique geradeso genasführt werden kann, wie das Auge in 
den Wüsten Arabiens von der fata morgana, so dass es Dinge er- 
blicki. die doch weiter nichts als luftige Plianiome sind. Über den 
wissenschjfilichco Wert des Vortrags isi unter den Fachmännern 
aller Richtungen nur eine Stimme gewesen ; mehrere vonr^S liehe Ge- 
lehrte haben denn auch die öffentliche Zurückweisung der kühnsten 
Behauptungen des Assyriologen unternommen; leider verfügte keiner 
von ihnen über eine so gefällige Darstellungsgabe wie Delitzsch, und 
keiner hat das ins Auge gefasst, was uns hier besonders interessieren 
muss, vielmehr beschränkten sich diese Kritiker auf technische Fragen; 
darum ■unternehme ich es, in aller Kürze das Nötige zur weiteren Auf- 
klärung beizutragen, indem ich für manches Technische auf jene 
Schriften verweise.') Zum Glück haben mir meine Grundlagen ncbsc 
einzelnen erbitterten Feindschaften \icle warme Freundschaftsverhält- 
nisse gerade unter den Fachgelehrten aller l-akultüten erworben, und ich 
war in der Lage, mich von hervorragenden Semitisten und Assyriologeo 
eingehend über jene Specialfragen belehren zu lassen, die ausserhalb 
meiner Kompctcnzsphare liegen ; auch andere Philologen und Historiker 
— deren Ansicht als die völlig Unbeteiligter grossen Wen hat — 
konnte ich befragen. In den folgenden Ausführungen muss natürlich 
manche gelehrte Frage bcrühn werden, doch redet hier ein Laie für 
Laien, und das Ziel der Ausführungen ist nicht die Entscheidung 
über gelehrte Dciaillragen, noch weniger die Vertretung von An- 
sichten, die nur aus zweiter .Hand fliesscn; vielmehr liegt der wahre 
Zweck weit darüberhinaus, dort nämhch, wo für uns Alle "- als Men- 
schen kurzweg — die Interessen gemeinsam werden und der Unter- 
schied zwischen iGclehrtemc und >Laicn« seine Bedeutung verliert. 
Wer die ersten Seiten von Babel und Bibel nicht überschlagt, 
muss gleich bemerken, was für ein Geist hier Ge";chichte zu gestallen 
unternimmt. Denn die allererste Behauptung des Verfassers lautet, 
alle Ausgrabungen in dem Euphraigebiet geschahen fast lediglich der 
Bibel wegen ; eine Behauptung, die irreführen muss, da es der erste 
Grundsatz alter echten Forschung ist, dass Wissenschaft um ihrer selbst 



I 



■) Zu empfehlen ist (tir eine allKcmcinc Beurteilung ndtnenilic]] PiofeSiOT Eduard 
KOnig's Bib*l and Habt! (Berlin, bei Wameck), für die ipeiieti a&&ynoIogiichen Ffigen 
der Au^au von Professor Jensen in der Ckristlithtn WfU, 1901, Nr. 11, in weUhttn 
einer der kompeteniesien lebenden Fjdiminncr die tschlechi bcgröndeien und un- 
möglichen Hj^otbcsenc Dclitocb's gehörig, wenn auch Inder gar lu kun bdeuchtcL 



Vorwon zur viencn Auflage. 



LI 



willen und nur um ihrer scibsi willeu getrlebeo werden muss — sonst 
ist sie von vornherein gefälscht. Wohl mag das Interesse för die Auf* 

Icllrung blosser biblischer Einzclheiicn bei einem bigotten Teil des eng- 
lischen und amerikanischen gcldspcndendcn Publikums vorwiegen — 
erst kOrrlich sah ich den Briefeines bedeutendsten englischen Arabistcn, 
der sich bitter über des Vorwalten spezifisch jüdischer und spezifisch 
protestantisch- biblischer Interessen bei manchen dieser Unternehmungen 
beklagt, wodurch der echten Wissenschaft nur Abbruch geschähe — 
doch bei den deutschen und französischen Forschungen ist sicherlich 
das rein wissenschaftliche Interesse vorwaltend. Neun Zehntel der 
Mitglieder der deutschen Orientgesellschafc sind gewiss gebildet und 
freisinnig genug, um die Aufdeckung der Geschichte und CivÜJsation 
dieser gewaltigen Reiche för wichtiger zu erachten als die Kommentare, 
die daraus für obskure Thorasiellen abfallen. Gar Manchem wird 
schon als Ziel und Hoffnung vorschweben, dass wir einmal bis auf 
den Grund kommen, das heisst eine genauere Kennini.<c jener Menschen- 
nsse gewinnen, welche die ganze sogenannte >babylonisch as$yrischc< 
Kultur geschaifct) bat. Denn dass diese bis vor wenigen Jahren, ja heute 
aoch meistens semitisch genannte Kultur keine semitische, sondern 
im Gegenteil eine Beute der Semiten war, ist heute mit absoluter 
Sicherheit festgestellt und wird von Delitzsch selber auf S. 22 seiner 
Schrift ausdrücklich zugegeben.') Jene grossen grundlegenden Leist- 
ungen in der mythischen Deutung der Natur, in der Astronomie, 
der Zahlenlehre, den Einteilungen des Jahres, der Monde, der Tage, 
der Stunden, in der Aufstellung rechtlicher Grundbegriffe u. s, w. — 
Leistungen, die noch heute einen Bestandteil unseres täglichen Lebens 
bilden — sind das Werk eines Volkes, welches von den aus Arabien 
ununterbrochen htnaufströmendcn semitischen Wellen, später aber 
ausserdem von Westen her, von jenem wiederum ganz anderen 
Menschensurom der Syrier (vergl. Grundlagen S. 297 ff., S. 357 ff. und 

') Für Nihcics rcrgl, oamcnclkii llomRK]: GachicUte Bahyhnitus und Aisyrient, 
tSSt, und ih n«ueste Zusammenfassung Ober äitic >Si:})dprer der babylonisch en 
Kultur« die URftcmcin pricisc Auscinandvnetiung auf di-n S. 6— S von Hugo Wincklcr's 
mttsterhaftet SItiite Dit l'Hier Vordjrosiem, 1899. leinen vercwnfclten Vwsodi, die 
Tbcorie Hakv}''s von dem rein 3i.-niiti.i<:hcn Uripruni; der bsbyloiibchcn Kultur aU 
indKkch iTsdicineD <u U»cn, findet m^n in des AmvrikaiKrs Monis Joströw't Du 
Ittiigiim Babyltmimi und Atsyrimt. 1903, S. 18 fT. u. 19IT: docli wird eine derartige KisuisiilE, 
die limiÜchc TlMtsMlien d«r Fhilologic und Ces<hichte auf den ICopf Melle, schwerlich 
*oa deutschen G«lc)uieii ernsi genommen weiden. Ich cn^'ahoc sie nur, damit der 
Loci im Stande ad, sein c^oks Urteil aui d«D Q^cUcii lu Ktidpfcn. 



rorwort zur vierten Auflage. 



Winckler a. a. O., S. iS ß.) überscbwemmt wurde, so dass es völlig 
verschwand, lautlos, ausgelöscht, ausgewischt, als wäre es nie gcwescD. 
Von einem Kampfe erfährt man — wenigstens bisher — nichts; 
sondern diese Sumerer scheinen aus der Wchgcschichte in ähnlicher 
Weise entschwunden zu sein, wie das Volk der Römer spurlos ver- 
schwand, als CS seine Thore den selben oder Shnlichen syrosemitischen 
Elementen geöffnet hatte, und wie wir Germanen schon halb ver- 
schwunden sind und morgen ganz verschwinden werden, wenn wir 
nicht endlich die Bedeutung der R:issc für unsere Kultur erkennen. 
Bei altem also, was wir durch die bisherigen Ausgrabungen über 
diese sogenannte >babylonisch assyrische c oder »semitische« Kultur 
erfahren, namentlich auch über ihre Kunst, ihre Mythen, ihre religiösen 
Anschauungen, dürfen wir nie einen Augenblick vergessen, dass das 
nur die Widerspiegelung einer inzwischen untergegangenen Welt isi, 
wie sie semitische und syrische Hirne aufaufassen fähig waren. Wer 
das fünfte Kapitel meiner Grundlagen liest und die übereinstimmenden 
Aussprüche unserer bedeutendsten Forscher und Reisenden — von 
Renan und Burckhardi bis Wellhausen und Bunon — kennt, wird 
olcht zweifeln, dass hierbei eine starke Verzerrung aller metaphysischen 
und idealen Elemente stattgefunden haben muss. »Die grauenhafte 
Einförmigkeit des semitischen Geistes schnürt das menschliche Gehirn 
zusammen, verschliesst es vor jeder zarteren Gedankenfassung, vor 
jeder feineren Empündting, vor jeder rationellen Fragestellung«, 
schreibt Renan; und an anderer Stelle sagt er: idie religiösen 
Bedürfnisse der Semiten sind sehr gering.« i) Die hochinteressanten 
Dinge, die uns Prof. Delitzsch über babylonische Mythen, Götter- 
glauben u. s. w. zu erzählen weiss, müssen also immer mit diesem 
Vorbehalt aufgenommen werden: dass wir über die Beschaffenheit 
der zu Grunde liegenden Vorstellungen keine auch nur annähernd 
genaue Kenntnis besitzen, und aus allen sicheren historischen Erfah- 
rungen schlicssen müssen, dass sie jedenfalls ungleich edler und tiefer 
geartet waren, als was uns hier Übermacht wird. Man ßbcrsehe 
nicht, dass die ältesten Funde, die auf ctrca 4500 Jabrc vor Christo 
zurückdcuicn. schon für jene Sltesic Zeit eine hohe Kultur annehmen 
lassen, und zwar eine bereits dem semitischen Einfluss verfallene. 
Ganze zweitausend Jahre später (also weiter als die Spanne, die uns 

■) FQr die Q;ieIlriiB»f^ben vcrgl. GruHdtagtn S. 31J tied ^9). Ich Hlhrc RmiB 
an, wcl! dn Jedet ihn kennt und wcrisi, da.u nichi iIct Schauen ctnCT Voreingenommen- 
heit gegca die Juden sein Urteil Aber tcmiiischc Fiagcn tritben lunu. 



I 
I 



I 



Vorwon 2ur vierten AufUge. 



va 



Heutige von der Geburt Chrisii trennt!) kam die Überflutunß der 
Euphraitänder durch die sogenannte ikanaanäische Einwandeniag«, 
d. b. durch eine vorwiegend syrische, doch bereits ihrerseits stark 
semitisierte Bevölkerung, die ihre eigenen Götter und Rehgionssitien 
mitbracbie.i) Ihr gehörte möglicherweise [}) jener Hammurabi an, dem 
in Delitzsch's Schrift eine so zweideutige Rolle zueilt, der Begründer 
des babylonischen Grossiaates, ein Mann, der (siehe die Abbildung 
bei Delitzsch S. 9) weder syrisch noch semitisch aussieht. Und ersl 
wiederum volle zwei Tausend jähre später als Hammurabi — also 
nach der doppelten Zeit, die uns heute von Christi Geburt trennt! — 
überflutexen das ganze Land von Süden her jene wahrscheinlich 
rein semitischen Chaldder. denen die Dynastie Nabopolassar und 
Nebukadnezar angehön und deren Denkmäler und schriftliche Zeugnisse 
jetzt von der deutschen Orienigesclldchaft in aufopferungsvoller Arbeit 
an den Tag gefördert werden. Man begreift, wie schwer es unter 
diesen Bedingungen sein mU5s, bis auf den reinen Kern der grossen 
schöpferischen Civjlisaiion und der Kultur zu ficlangcn, an denen und 
an deren Resten Semiten und Syrier während vier Jahrtausende und 
mehr sich geweidet hatten. Diese ganze äusscriichc Pracht und 
Ms'tsenhaftigkeit und Ungeheuerlichkeit kann nicht der Charakter des 
streng und genau die Natur beobachicndcn Volkes gewesen sein, das 
ordnend und gesiahend die Spur seines namenlosen Daseins allen 
künftigen Zeiten aufprägte. Und da es eine erwiesene Thatsache 
IM. dass weder Semiten noch Syrier jene Geistesanlage besitzen, aus 
der Metaphysik und Mythologie und Wissenschaft entstehen, so können 
wir ganz sicher sein, dass alles, was man uns heute als ibabylonische 
Religion« vorsetzt, nur etwas völlig Entaneics, Missversiandenes ist, 
grosse, heilige Gedanken im Fiebertraum eines durchaus minder- 
wertigen Intellekts erblickt, oder, wie Renan sagt: »ausgewüssen 
wahrend Jahrhunderte in Gedilcbtnissea, die nichts genau wider* 
zugeben verstanden, und eingeschnürt in alles zerquetschende 
Hirne.« Durch dieses Dickicht nun hindurchzudringen, jenen fernen 
Wohlihäiem die Hand au reichen, — dies in erster Reihe; sodann 
aber die endgültige Klarlegung der geschichtlichen Vorgange, der 
Rassen mischungcn u. s. w. : dahin zu gelangen, ist des Schwcisscs 
unserer iQchtigsien Gelchnen wen und bildet das vornehmste Interesse 

') VcigL Hugo Wincktcr: Dir Välktr Fordfraiieta, 1699, S. ta. Dass sclion 
diese alte Zeit «ine da kulturellen Vcrfjllox Wir und die BCäte weit luräck lu suchea 
/Qbrt WincUer «us in d«o Premsischen JahrtMktm, )90i, CIV, 33&. 



Vorwort zur vieiteo Auflage. 



aller dieser Forschungen im Euphrauhale; der Zweck ist ein rein 
wissensebiftlicher und ein rein kultureller; und je weniger fromme 
Voreingenommen heil dreinzureden hat, desto besser. 

Dass nun die assyrisch-babylonischen Forschungen dazu berufen 
sind, eine Umwälzung unserer Auffassung des Alten Testaments za 
bewirken und insofern auch eine grosse und befreiende Kulturthat 
vorzubereiten, das ist eine ganz andere Sache; ich komme bald darauf 
zurück; davon träumen gerade diejenigen nicht, deren Horizont durch 
rechtgläubige Bibel Interessen umztrkt ist, tu^d Professor Delitzsch ver- 
rät in seinem gan):en Vortrag durch kein einziges Wort, dass er es 
selber ahne. Was aber die Bedeutung des Aken Tesiamcnis fOr das 
onhodoxc Judentum und Christentum anbetrifft, so ist zu bemerken, 
dass alles Mythische hier nur historisch und ethisch aufgcfasst wird; 
bczäglich der Historie und Ethik dieser Schrificnsammlung wissen 
wir jedoch alle schon längst mit Immanuel Kant, dass ihr Wert nicht 
tn dem besteht, vwas man durch philologische Kenntnisse, die oft 
nur verunglückte Konjekturen sind, aus ihr herauszieht, sondern (aus 
dem} was man mic moralischer Denkungsan, also nach dem Geiste 
Gottes in sie hineinträgt«.'] 

Soviel über Detitzsch's erste Bemerkung. Die Ausführlichkeit 
unseres Randkommentars wird in der Folge uns nützlich sein. Vorher 
erfordern aber die zwei weiteren einleitenden Gedanken eine kurze 
Erwähnung. 

Gleich oben auf der 2weiten Seite bemerken wir wieder eine 
so unglaubliche Beha.uptung, dass ich sie zwanzigmal hintereinander 
las, in der Meinung, es müsse hier ein Druckfehler oder eine falsche 
Interpunktion vorliegen; aber nein, so steht es wirklich zu lesen. 
Delitzsch behauptet, dass >gcrade in unserer Zeit« jedem Denkenden 
Ydas Ringen nach einer Vernunft wie Herz befriedigenden Welt- 
anschauung sich aufdrltngec Dass ein iKingen« sich »aufdrängt«, 
ist ein eigentümliches Bild, doch wenn schon, dann meine ich, drängt 
es sich dem Menschen zu allcti Zeiten auf; doch gleichviel. Dieses 
unser Ringen nach einer Weltanschauung >fübrcc nun, behauptet 
Delitzsch, limmcr wieder hin zu der Bibel, in erster Linie zum Alten 
Testament«. Das ist ein starkes Stück, fürwahr I Ich habe in meinem 
ganzen Leben noch niemals einen Menschen getroffen, der in dem 
Ringen nach einer Weltanschauung zum Alten Testament hingeführt 



I 



I 



*) Streil der FaMfaun, I, Anbang bibUsdi-liislomchct Fiageo. 




Vorwort zur vienen Auflage. 



LV 



■ 



» 



worden wäre. Selbst der Jude, sobald er die Sehnsucht nach Welt- 
anschauung verspün, wendet sich mit Spinoza und Mendelsaolin vom 
Alien Testament hinweg. Vielieichi kommt ein Tag, wo wir Jn der 
Lage sein werden, zwischen germanischer Weltanschauung und Altem 
Testament eine gewisse Harmonie herzustellen; bisher gelang es Die. 
Wir dürfen die Gedanken unserer führenden Geister ah die ver- 
grösserteo Bilder dessen betrachten, was im Volke nach Ausdruck 
sucht; und da frage ich, wo in aller Welt sieht man einen einzigen 
unserer nach Wchanschauung ringenden grossen germanischen Denker 
nach dem Alien Testament greifen r Gleich, als unser Denken erwacht, 
in den Anfängen des 12. Jahrhunderts, hdre ich Abälard behaupten, 
der Timäos des Plato stehe höher als die Genesis des Moses und 
tnan werde eher durch Leitung der Hellenen als der Israeliten dem 
ewigen Leben 7ugefühn werden; und das spricht ein Priester f) Und 
von Abälard an, wo finden wir in unserer ganzen Geschichte einen 
Denker, der fiir seine Weltanschauung zum Alten Testament seine 
Zuflucht nimmt? Man nenne mir einen einzigen. Und als der grösste 
aller unserer Denker kam, deckte er schonungslos den unausgleich- 
barm Widerstreit der Anschauungen auf und sagte: ihr müssi zwischen 
Jabve und Natur wühlen, für beide nebeneinander ist nicht Plan 
('rergl. S. 924). Und von Kant an bis zum heutigen Tage, wo ist 
ein einziger Denker — möge er welcher Richtung er wolle, ange- 
hdreo — , der die Behauptung Delitzschs bestätigte? Selbst der 
gläubige Schleiermachcr lehrt ausdrücklich: die >neucestamcntischen 
Schriften sind als Norm für die christliche Lehre zureichend« und 
bestreitet die göttliche Eingebung der »alttcstamcnlischcni.') Mit der 
Erscheinung Jesu Christi, jal mit ihr haben sich zwar lange nicht 
alle Denker, doch viele auseinandersetzen müssen; Christus aber steht 
so ausserhalb aller Geschichte, wie dies nur menschenmöglich ist, 
$0 dass selbst diejenigen Philosophen, die ihn, wie Hartmann, als 
eine rein historische Notwendigkeit betrachten, ihn doch nicht aus 
der unmittelbaren Umgebung oder gar aus dem Alten Testament 
crkltren. 

Diese Behauptung ist einfach eine der monströsesten Eingebungen 
der Semitonianie, die je erlebt wurden. Doch es kommt noch besser. 

Auf der selben zweiten Seite, nachdem wir belehrt worden sind, 



Adolf Hjusnnh: Ptter Ahährd, 189;, S. }3. 
*) Dtr ehfiiliieht Glaube, g i}t u. 131. 



IV 



LVl 



Vorwort zur vierten Auflage. 



dass alle Menschen, die nacb einer Weltanschauung ringen, zum Alten 
Testament greifen, ist von der »kium übersehbaren Zahl christlicher 
Gelchnert die Rede, die beschäftigt sind, dieses Alte Testament »nach 
allen Richtungen hin zu durchforschen*. Diesen Forschungen, sagt 
Delitzsch, schenkt die Welt vorderhand wenig Beachtung; doch kommt 
erst der Tag, wo »die Summe der gewonnenen neuen Erkenntnisse in 
das Leben hinaustritt«, dann wird — aber ich bitte jetzt so aufmerksam 
zuzuhören, als ob die Posaunen von Jericho, aus ihrem Grabe hervor- 
geholt, das Hosianna bliesen — dann wird »das Leben der Men- 
schen und Völker tiefer erregt und bedeutsameren Fort' 
schritten zugeführt werden, als durch alle modernen Ent- 
deckungen der Naturwissenschaften zusammen«. Und De- 
litzsch bekräfiigt das Gesagte durch die Versicherung: »so viel steht 
fest«; CS scheint also, dass ein anderes Mal noch mehr nachkommen 
soll. Ich glaube, wenn das nicht ein ordentlicher Universiiätsprofcssor 
gesprochen haue, der Mann wäre sofort in ärztliche Behandlung ge- 
nommen worden, so über alle erlaubten, ja denkbaren Masse un- 
geheuerlich isi die Behauptung. Man schaue sich doch im Geiste um; 
man überlege sich, wie das ganze Gerüst unseres Lebens und Wissens, 
alles, heisst das, was Civilisation genannt werden kann, aus Erningen- 
schaften der Natur wissensc haften der letzten vier Jahrhunderte heraus- 
gewachsen ist: die Möglichkeit, unseren Planeten zu erforschen, zu 
besiedeln und gleichsam zu einer Einheit zu gestalten, der Blick 
in das früher nie geahnte Reich des Organischen, in die FoUe der 
Umgebung, die wir Blinde nicht sahen, in die Welt des Unendlich- 
kleinen, keinem Auge Erreichbaren, die Hervorholung der längst hin- 
geschwundenen Geschlechter aus den Bngeweiden der Erde, so dass 
Vergangenheit und Gegenwart zusatumenfliessen, die allmähliche Auf- 
deckung des Strukiurplanes alles Lebenden und Unbelebten, die Kennt- 
ois des Kosmos und der Nachweis seiner materiellen Gleichartigkeit, 
die Astronomie, von Kopcmikus bis Kirchhoff, die Physik, von Galilei 
bis Heinrich Herz, die Chemie, von Boylc bis van't Hoff, die Mcdizm, 

von Paracelsus bis Lister und Pasteur und nun, ausser der 

reinen Wissenschaft die angewandte: die raumüberwindende Elektrid- 
tät, durch die unsere Sinne gleichsam Fühler ausstrecken um die 
ganze Eide herum (bald vielleicht» da der Äther den Raum erfüllt, 
bis an die Gestirne], der Dampf, der das Leben der Gesellschaft völlig 
umgewandelt hat und der an fast allem, was uns umgiebt, als Arbeits- 
kraft beteiligt ist, die Druckpressen, deren ganzer Betrieb aus den 




Erfolgen der Chemie, der Physik und der Mechanik ihre Möglichkeit 
schöpft, die Chirurgie, mit ihren auf Anatomie, Chemie, Physik be- 
ruhenden Wunderleisiungen, die Medizin mit ihrer Hygienik des tSg- 
tichen Lebens, ihrer aus mikroskopischer Botanik und Zoologie und 

aus physiologischen Studien hergeleiteten Serum iheraphie 

doch ich müsste zwanzig Seiten füllen. Man überlege sich aber auch, 
welchen unermesshchen EinBuss diese Entdeckungen und diese durch 
sie bewirkte völlige ümgesialiung unseres Lebens auf unsere Kultur 
ausgeübt hat: auf die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, 
auf Gesetzgebung und geschichtliche Auffassung, auf die Möglichkeit 
«issen Schaft lieber (auch philologischer und archäologischer] Erforschung 
der Vergangenheit unseres Geschlechtes, auf Denken, Trachten und 
Dasein eines jeden Tages unseres Lebens, vom Aufstehen bis zum 
Niederlegen, vor allem endlich auf die Grundlagen undGrundzüge jeder 
Weltanschauung, denn -- mögen die Kirchen sich noch so anstrengen, 
die Wahrheit zu unterdrücken — Thatsachc ist, dass unsere ganze ger- 
manische Philosophie auf naturwissenschaftlicher Grundlage steht und 
dass der völlig neuen Auffassung des Kosmos nur eine völlig neue 
Weltanschauung und mit ihr zugleich eine völlig neue Gestaltung 
der Religion gerecht werden kann.') Und nun kommt ein flcissiger 
Theolog und Assyriolog und versichert uns mit grüssicr Seelenruhe: 
das alles — diese unsere spezifisch germanische Leistung, die natur> 
wisseoschaftlichc, diejenige, die unsere GviUsation und Kultur von 
allen anderen glcich?-,ciiigen und von aUen früheren ganz und gar und 
auf immer unterscheidet — das alles sei gleich nichts zu achten 1 
>Allc modernen Entdeckungen der Naturwissenschaften zusammen* — 
ich bitte gut zu lesen, >alle zusammen« — hätten für den Fort- 
schritt der Menschheil nicht so viel zu bedeuten, wie die Arbeiten 
einiger Dutzend bcbriütcr Bibcicxcgcicn und Assyriologen, die jahraus 
jahrein im Staube der Bibliotheken die Weisheit von Männern aus 
fernen Jahrtausenden studieren, von Männern, die Vieles nicht wussien 
und nicht wissen konnten, was heute jeder zehnjährige Bauenibub 
weiss — t. B. dass die Erde um die Sonne kreist — , von Männern, die in 
krassem Aberglauben, innerhalb eines räumlich und zeitlich eng be- 
schrinktcn Horizontes, WcJtcrkiärungen aufstellten, die heute im 
besten Falle nur noch historisches Interesse besiuen können I Die 
Leistungen der Naturwissenschaften würden »das Leben der Völker 



>) VetgL GnmJhi4M, K*f. 9. 



IV» 



Vonvon zur vierten Auflage. 



weniger tief erregen«, als die Theorien, die diese hochwxirdlgen Theo- 
togen und Orientalisten über den >JahvistCQ« und den >Jehovisten< 
und den >£lohisten'f und den >Pnesterkodex< und den >ictzten Re- 
daktor« des Alten Testamentes aufstellen, Iczieliungsweisc den anderen 
Tag niederreissen 1 Und durch die Naturwissenschaften — alle zusam> 
men ~- werde weniger der Weg ru »neuen Erkcnntnisscm gebahnt, 
jus durch die Entzifferung elender Ziegelscherben, auf denen hoch- 
mutstollc semitische Monarchen vor etlichen Jahrtausenden Lügen 
einbrennen ticsscn zur Verherrlichung ihrer vorgeblichen Thatcn und 
Siegel Ja, wahrlich, wir Germanen haben auf Prof. Paul Haupt's 
ßegenbogenbibcl und auf das Bildnis des alten Hammurabi und auf 
Sardanapzl's Sinffluterzählung gewartet, um >bcdcuLsamcren Fbit- 
schritien zugeführt zu werden tl 

Wüsstc man nicht, dass unsere Naturforscher etwas Besseres 
zu thun haben, man würde sich wundern, dass sie auf eine so unge- 
heuerliche Geringschätzung nichts erwidern. Doch sie haben Recht: 
lächeln und weiterarbeiten war das Gescheiteste, was sie thun konnten. 
Wir aber hier durften über die einleitenden Behauptungen Delitzsch's 
nicht so leicht hinweggehen, weil uns daran liegen mussie, ehe wir 
das gelehrte und für den Laien dornige Specialgebiet betreten, uns 
eine Meinung über die allgemeine Urteilsfähigkeit dieses Gelchnen 
zu bilden. Hierzu haben sie uns gute Dienste geleistet, und wir ver- 
muten schon, dass er jener Erkrankung nicht entgangen ist, die Kant 
uns als die grösste Gefahr des Gelehrten erkennen lehrte (S. XXXI). 
Das ist für die Beurteilung von Delitzschs Behauptung eines ur- 
sprünglichen semitischen Monotheismus — zu der wir jetzt kommen — 
von grossem Wert; wir wissen, was wir zu erwinen haben. 

Doch dieser Zweck würde auch mich nicht zu so grosser Aus- 
führlichkeit verleitet haben, wenn nicht aus diesem einen Beispiel der 
verheerende Einöuss, den die Verquickung unserer Rdigicn mit jüdi- 
scher Geschichte und semitischen Wahngedanken auch auf wette 
Kreise — eigentlich auf uns Alle — au.sübt, so besonders deutlich 
zu ersehen wäre. Hier\'on müssen wir emanzipiert werden, und 
wenn Delitzsch's Unbesonnenheit dieser wirklichen Aufklärung und 
Befreiung auch nur ein wenig Vorschub leistet, soll sie uns will- 
kommen gewesen sein. Hierüber später mehr; jetzt wollen wir bei 
Babel und Bibel bleiben. 

Nach den knappen, doch, wie man gesehen hat, inhaltreichen 
zwei einleitenden Seiten beginnt Delitzsch seinen Bericht über die 



I 




ronvort Tur vierten Auflage. 



LIX 



W- 



, oebi 
Hbeit 



Ausgrabungen. Manche Bemerkungen scheinen, mch dem Urteil der 
Fachmänner, oichi ganz einwandfrei zu sein, und es kann namendich 
nicht gcbilligi ■%crdco, wenn Hypothesen, und zwar zum Teil recht 
windige Hypothesen — Dinge, über die die gelehrteste Forschung 
noch keine sichere Kunde besitzt — einfach als sicher ermittelte 
Thatsachen eingeführt werden;') es ist das nicht klug, dem üngc- 
lehnen gegenüber auch nicht ganz billig. Wir Ungelchne sind doch 
'tiicht Kinder, die man mit Märchen unterhäh; vielmehr fordern wir 
vom Fachmann die unbedingteste Genauigkeit und Zuverlissigkeit, 
auch auf Kosten der Gefälligkeit, wenn es nicht anders geht. Den- 
noch niuss ich hier Delitzsch gegen mehrere Kritiken in Schutz 
nehmen ; allzu pedantisch darf man nicht sein ; man bedenke, bei 
welcher Gelegenheit die Rede gehalten wurde; im Interesse der Aus- 
grabungen war CS durchaus geboten, dass sie Eindruck mache; bei 
Debeosächlichen Dingen steckt bisweilen ein ganz klein wenig Wahr- 
it in der Maxime: der Zweck heiligt die Mittel. 

Leider hat Professor Delitzsch diese Maxime nicht bloss dort, 
wo sie statthaft sein kann, sondern weit darüber hinaus angewandt. 
Denn nun kommen wir zur Hauptsache, zum inneren Zweck und Ziel 
des ganzen Vortrags, nämlich zu der Behatiptung, die Semiicn seien 
^_ von jeher Monotheisten gewesen, und zu dem versuchten — oder 
^Bvielmebr nicht versuchten, sondern ex cathedra als apodiktisch hin- 
^Hgestellten — Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung. 
^^ Die These Dclitzsch's (vergl. Babtl twd Bibel, S- 45 fg) lässtsich 

^^ in zwei Sätze gliedern: der erste enthai: ein allgemeines, umfassendes 
^■wissenschaftliches Theorem, der zweite will durch ein dokumentarisch 
^Vbelegtcs Beispiel die Richtigkeit der These jVi .ccncreio historisch bc- 
^^ weisen. Zwar kommt noch etliches Beiwerk dazu, auf das wir nicht 
\'Crfch1cn wollen, später zurückzukommen, doch zunächst wollen wir 
bei der mittleren Hauptthese bleiben. Das Theorem lautet: alle 
Semiten sind von Hause aus Monotheisten ; denn das Won, welches 
bei ihnen allen Gott bcseichnei. iSssi unmittelbar auf den Glauben 
an einen einzigen, zweitloscn Gon schliesscn. Das Beispiel lautet: es 
kann aus kcilschriftlichcn Texten aus der Zeit Hammurabi's (al.so 
2500 vor Christo) belegt werden, dass die Semiten, die damals von 
Westen her Babylonien überfluteten, in der Tliai Monoiheisien waren, 



■} Vergl. bicrilbcT nameatUdi Jensen a. i. O. 




LX 



Vorwort zur vierten Auflage. 



und 2rwar dass ihr Gott jahvc hicss. So lauten die zwei SStze der 
These, wenn man sie in strengster logischer Form vorträgt. 

Uni Missdeutungen zu vermeiden, will ich gleich bemerken, dass 
Delitzsch selber das vorangeschickie Theorem zuerst nicht so umfassend 
formuliert; er sagt nicht >alle Semiten«, sondern spricht nur von den 
»semitischen Kanaanäerstnmmcn« ; diese hätten sich das beireflende 
Won »für Gott ausgeprägte. Später aber spricht er ganz allgemein 
von einem saltsemitischen Wort<, und in der That, das betreibende 
Wort (in der einfachsten Wurzelform il, bei den Babylontcrn i!u, bei 
den Hebräern ii, bei den Arabern tl) findet sich in allen Zweigen des 
semitischen Sprachstammes und bedeutet überall »Gott» ; es ist durch- 
aus nicht von den Kanaanäern speziell »ausgeprägt wordene; diese 
Behauptung ist einfach nicht wahr und niuss dem Gclehncn in der 
Hitze der Improvisation entschlüpft und bei der späteren Durchsicht 
2u(^lig unverbessert geblieben sein; folglich gilt das Argument, das 
Delitzsch an das Wort el —= Gott anknüpft, entweder für alle Semiten 
oder für gar keine, Es ist ein ziemlich kleinliches Verfahren, uns 
zuerst nur von Kanaanäern zu sprechen, damit wir nicht erschrecken, 
um dann — nachdem wir ahnungslos dieses kleine falsum geschluckt 
haben — das dicke Ende des Keils nachzutreiben. Eür das Theorem 
selbst aber bleibt es sich gleich, ob wenige Scmitco oder alle das 
Wort benützten; für den Gegenbeweis auch. 

Jetzt wollen wir uns die beiden Sätze etwas nihcr ansehen: erst 
das Theorem, dann das Beispiel. 

Man wird bemerkt haben, dass das Theorem ein zweifaches Argu- 
ment impliziert: zuerst ein philologisches» sodann ein philosophisches. 
Denn zuerst kommt es darauf an zu wissen: was bedeutete ursprüng- 
lich das semitische Won für »Goiit; sodann muss philosophisch dar- 
gethan werden: aus dieser Bedeutung ergicbt sich mit logischer Not- 
wendigkeit eine monotheistische Religion bei den Menschen, die Gott 
mit diesem Worte nannten. So verfährt denn auch Delitzsch und 
wir wollen ihm folgen. 

Das Wort heisst il oder ilu; das ist wenigstens die älteste Form, 
die natürlich in den verschiedenen Sprachzweigen verschiedene Um« 
btldungcn crlin, und im Mcbriischen et gesprochen wird. Dieses (wie 
schon hervorgehoben) allen semitischen Hauptsprachen gemeinsame 
Won wird auch überall als eine Bezeichnung für den Begriff »Gott- 
heit« gebraucht. Es entsteht die Frage: ist es möglich, hinter der 
allgemein üblichen Bedeutung »Gonc eine frühere Bedeutung oder 



Vorwort zur vierten Annage. 



ua 



eine etymologische Ableitung aus einem anderen Begriffskreis ftlr 
dieses Won zu finden? Delitzsch antwonet kurz und bündig: »jenes 
altsemitische Wort bedeutet das Ziel.« Keine Silbe mehr. Der 
Laie muss glauben, das sei eine sicher ausgemachte Thatsache, über 
die kein Zweifel herrsche. Wie muss er staunen, wenn er erf^rt, 
diese Zurückfölirung von ?/ auf die Bedeutung »Ziel« sei nur der 
Einfall eines zwar hervonagend begabten, doch anerkanntermassen 
sehr bizarren und leicht sverranntenc Philologen, und dieser vor be* 
reits zweiundzwanzig Jahren zum crstcnmalc veröffcnilichie Einfall habe 
bei den bedeutendsten Fachmännern sehr wenig Anklang gefunden 
und werde im Allgemeinen als unzulässig betrachtet; wogegen die 
wahrscheinliche Ableitung auf ein Wort mit der Bedeutung >der Starke«, 
»der Mdchtige« führe 1 Und in welchem noch höheren Masse muss 
er staunen, wenn er erßhri, dass Friedrich Delitzsch selber — eine 
anerkannte Autorität auf dem Gebiete der assyrischen Grammatik und 
Lexikologie — in seinem eigenen Anyrüchtn IVörierhuch (1896) von 
dieser angeblichen Bedeutung des Wortes ~el nichts weiss und jenen 
Einfall (der sechzehn Jahre vor dem Erscheinen des betreffenden 
Wörterbuchs veröffentlicht worden war) nicht einmal einer Erwähnung 
wert haltt Nur an jenem Abend des 15. Januar 1902, als es galt, die 
bedrohte religiöse Vorhcrrschafi des Scmitentums /u reiten, da hiess 
CS plötzlich: »jenes Won bedeutet Ziel.«') 

Wir müssen aber noch einen Augenblick hierbei ver«-cilcn; 
denn es darf nicht der Schatten eines Zweifels oder einer möglichen 
Unklarheit bestehen bleiben. 

In seinem Vortrag sagte Delitzsch weiter nichts als »jenes Wort 
bedeutet das Ziel«; in der Broschüre steht aber S, 52 in kleinem 
Druck unter anderen Anmerkungen zu lesen: »Die Erklärung des 
Wortes £/ »Gott« als Ziel wurde zuerst von dem Göttinger Theologen 
und Orienialisien P. de Lagarde gegeben.« Das ontts probandi, die 
Bewcislast, wird also dem Lagarde aufgebürdet, und da Prof. König 
so freundlich war [x. a. O., S. 51), die Quelle anzugeben (was Delitzsch 
oiehi thut), so kann sich Jeder — auch der Ungelehrte — leicht über- 
zeugen, dass der vortrefliiche. an Kombinationen — oft abenteuer- 
lichster Art — unerschöpfliche Lagarde die sensationelle Anwendung 

■) In seinem SVärterbueh giebi Dcliusch lu dem Weit iVu gar krine etymo- 
bpschc Erliutcnin^ von der Hchiif^cn FtkcniiiinH geleitet, die sich jciKt bei Jen be- 
dntien^cmi Fachminnem Bahn bricht, da« dieses Suche» nach WuneJn unJ Ur- 
bcdennitigcn mcbtcns eine zwecklose Spielerei sei mit ewig unbeweisbaren Annahmen. 



LXU 



Vorwon zur vierten Auflage. 



seines probicmaii sehen Einfalls sicher nicht gebilligt hätte. «Also niir 
eine Vermutung gebe ich», sagt Lagarde, »freilich eine Vermutung, 
welche mich glaublich dünkt* ; und so "*eit ist er davon enifernt. die 
übliche Ableitung aus einem anderen Stamme — der dann, wie gesagt, 
>dcrStarlicfl, »der Mächtiget als Urbedeutung des Woncs V crschliesseo 
würde — für falsch zu hatten, dass er nur sagt, es sei »nicht nötig«, 
sie anzunehmen. Jj Man sieht, wie vorsichtig und zurückhaltend selbst 
dieser allzukühne Geist sich über die Deutung il gleich >Ziclt aus- 
spricht- Für uns Laien ist es aber ausserdem von Wert, dass wir 
Lagarde als Menschen gut kennen und uns somit ein Uneil über ihn 
zutrauen dürfen. Denn für uns gehören seil lange seine Deutschen 
Schrißen zu den teuersten Büchern und gilt namentlich seine uner- 
schrockene Aufdeckung der Minderwertigkeit der semitischen religiösen 
Instinkte und ihrer schädUchen Wirkung auf die christliche Religion, als 
eine Thax, die Bewunderung und Dank verdient. Lagarde — dea 
Delitzsch so unversehens in den Dienst der entgegengesetzten Sache 
pressi — wollte das ganze Alte Testament aus der christlichen Rc- 
ligtonslehre ausgeschieden wissen; denn, sagt er: »an dessen EJnfluss 
ist das Evangelium, so weil dies möglich, zu Grunde gegangen.«') 
Das ist eine andere Melodie, als die, welche Delitzsch singt und nach 
welcher Jesus Christus nur als eine Fortsetzung der »gottbegnadeten« 
Sänger des Alten Tcsc;imcntes etwas zu bedeuten hat I Zugleich beweist 
CS, welche Vergewaltigung eines grossen Toten hier vorgenommeo 
wurde. Doch die Liebe für Lagarde macht uns nicht blind. Wenn ein 
etymologischer Einfall auf ihn sich stützt, müssen wir fragen, ob man 
ihm in derlei Dingen so unbedingt folgen darf. Wie oben gesagt, wir 
Laien unterscheiden heute zwischen Gelehrten und Gelehrten; wir 
künocD zwar über die fach man ni.schcn Argumente kein sachkundiges 
Urteil fallen, wollt aber über den Mann, der die Argumente gebraucht. 
Und was für ein Mann ist Lagarde, wie wir ihti aus seinen politischen 
und religiösen Schriften kennen? Ein Mann von ganz aussergewöhn- 
Itclier Begabung, das ist sicher, und von seltener Intuitionskraft; 
eioe der Zierden nicht nur des deutschen Gclehrtentums, sondern 



') Cbtrilehl üter iü im Aramdiicht», Arabhchfa unJ Hihräixhfti üblicht Bildung 
tier tfomiaa, in iin Abhtindlungen der kfinigl. Gtfscllsebaft Jcr \S1»icnscliaftcn zu Gil- 
lingcn. t8B8, Bd. }{, S. 14 u. 164. In dieser Abhandlung vcrwci» Lagiidc Muf Sym- 
mifta, iS8o^ II, i«i — lO) als auf die Stell«, wo Cr den bcUcfTcgden Hafall luo» 
verdffcntlictit lubr. 

•) Dnlxiie Sthrijlt», 2. Aull., S. ij. 



Vorwort zur vierten Auflaf^e. 



Lxm 



p 



auch des echt deutschen Volkes im 19. Jahrhunden. Doch ein Mann 
dem man — gerade dort, wo es ins Detail geht — mit grosser Vor- 
sicht lauschen muss. Er ist eine Art Baidung Grien der Schrift- 
stellerei; überall Vcrschnörkelungcn ohne Ende; deutsch bis in die 
Fingerspitzen — im Guten und im Schlechten; gesialtungsmächtig 
und dennoch formlos; Realismus und Phantasterei ohne GrenKscheide 
iu einander übergehend ; zarte Geheimnisweberei neben unverzeihlicher 
Derbheil. Man hat gemeint, er und Bismarck seien zu Anfang der 
Fünfziger die einzigen weitblickenden Pcliiiker Deutschlands gewesen. 
Lagarde schaute — das muss man gestehen — in mancher Beziehung 
weiter als Bismarck; er war mehr Deutscher und weniger Prcusse, 
und seine grössere Kultur liess ihn Dinge vorauswissen, die für den 
Kanzler einfach niclii in Sehweite fielen. Doch Bismarck, der meister- 
hafte Opportunist, ersah genau die Grenzen des Möglichen und schuf 
dadurch für alle Zeiten; Lagarde dagegen war der Typus des fnop- 
portunisten, sein Traum besass für ihn mehr Realität als die Wirk- 
lichkeit. Lagarde hatte etwas von einer Prophetennatur an sich. 
Das ist aber keine unbedingte Empfehlung — weder für einen Politiker, 
noch für einen Philologen. Und In der That, jene potttischen Schriften 
sind Beweis genug, dass dieser erstaunlich weitblickende Mann zu- 
gleich sehr grillenhaft, unberechenbar, eigensinnig war. Ein Gelehrter, 
der Lagarde gut gekannt hat, sagt mir, dazu sei in .seinen letzten 
Jahren eine masslose Eitelkeit gekommen und eine aggressive Gering- 
schützung seiner Kollegen. Manche philologischen Konjekturen soll 
er in seinen gclehnen Arbeiten hingcvi-orfcu haben, fast lediglich, 
um die Anderen aufzustacheln und wütend zu machen, manches auch, 
um die weniger aufgeklärten Kopfe auf falsche Fährtc zu führen und 
sich an ihren Irrgängen zu ergötzen. Ich verehre Lagarde innig und 
möchte nicht, dass meine Charakteristik als Genngschäi:<:ung aufgefasst 
würde; jeder Mensch von gesundem Urteil braucht aber nur Lagarde's 
schöne Ausgabe der Opere ilidiane von Giordano Bruno zur Hand zu 
nehmen und das Nachwort zu lesen mit dem krausen Durcheinander 
cmzusammen hängender, teils völlig trivialer Bemerkungen, und mit 
der ebenso rohen wie unverdienten Anrempehmg Hcinrich's von 
Stein, um sicher zu sein, in diesem edlen Gei^t müsse zu Zeiten die 
Urteilskraft mit der Erkenntniskraft Versteck gespielt haben. Aus dem 
selben Jahr wie dieses Nachwort stammt jener Aufsatz, auf den 
Delitzsch sich beruft. Daauit Lagarde's Konjektur für uns entschei- 
denden Wert bekäme, mOsste sie von besonneneren Männern ange- 



LXIV 



Vorwort zur vienen Auflage. 



Dommcn worden sein, was bis jetzt aber, wie oben gesagt, nicht der 
Fall ist. >) 

Somit fallt also der Grundpfeiler — nämlich das philologische 
Argument — auf dem Delitzsch's ganzes Theorem über il aufgebaut Ist, 
ins Wasser. Doch enthebt uns das nicht der Verpflichtung, auch das 
philosophische Argument näher anzusehen; denn über philologische 
Ursprünge lässi sich sehr häufig nichts mit absoluter Sichcrheti aus- 
machen und hier ist das anerkanntermassen der Fall; wenn es also 
einem Deütxjch gefallt zu sagen: entgegen dem Urteil der meisten 
kompetenten Semitisten und entgegen Lagarde's eigener Meinung, 
wonach (a.a.O.) »seine Vermutung vielleicht für immer Vermutung 
werde bleiben müssen«, beharre ich dabei und behaupte apodiktisch, 
il bedeutet Ziel, — so kann ihm das nicht verwehrt werden, und es 
wird immer voreingenommene Laien gehen, die 7u ihm halten. Wir 
müssen also fragen : gesetzt, das semitische Wort für Gott stamme 
wirklich aus dem Bcdeutungsitrcise >ZieU, inwiefern könnte daraus 
auf Monotheismus geschlossen werden? 

Delitzsch scheint ein Freund des abgekürzten Verfahrens ru 
sein; denn wie er vorher nur gesagt hatte: »Dieses Wort heisst Et 
und bedeutet das Ziel« ~ keine Silbe mehr, ebenso spricht er jetzt 
den einen Satz: > Dieses Ziel kann naturgemä^ss nur eines sein<, 
weiter nichts ~- der Monotheismus ist schon da. 

An dieser Stelle haben die Kritiker der verschiedensten Rich- 
tungen sich offenbar mit beiden Händen krampfhaft an den Kopf 
gegriffen, — ich ersehe es aus ihren Bemerkungen. Und in der 
That. dass wir Menschen uns Oberhaupt untereinander verständigen 
können, wird bewirkt durch den gemeinsamen Besitz gewisser lo- 
gischer Grundsätze, Grundsatze, die nicht Meinungssache sind, son- 
dern eine Thatsache des Men sehen geistes ausmachen. Wenn Jemand 
behauptet, zwei Mal zwei ist fünf, so muss ich verstummen; es lässt 
sich nichts weiter darauf erwidern, als dass der betreffende Mann 
wahrscheinlich' an irgend einer Grossh im stelle verletzt ist. Warum 
soll >naturgemäss< der Mensch nur Ein Ziel haben? Das müsste 
ein zur Einsperrung reifer Monomane sein. Man denke sich einen 
König oder Staatsmann mit einem einzigen Ziel im Augel das wäre 
jedenfalls der richtige Weg, um kein Ziel zu erreichen. Und man 

') JcnscD j(. B. (a, a. O., S- 49J) nctiot *ic eine »durchaii* lötgeborene HtjTno- 
logic« und tcigt, das« xucli wenn jic xu Recht bcsiQiidc, das Won nicht »Ziel« bc- 
Jeulen würde I 




Vorwon rar vienen Auflage. 



LXV 



denke an den reinsten Semiten, den arabischen Beduinen, wie ihn 
BuTckhardc uns schildert, den Geist meistens völlig schlafi', leer wie 
seine Wüste. — dann aber plötzlich alle Saiten straff gespannt, Sinne, 
Sehnen, Herz, alle auf ein Ziel gerichtet — freilich ein »Ziele, doch 
jeden Tag ein anderes — heute auf Beute, morgen auf Krieg, Ober- 
mot^en auf Liebe, dann wieder auf Rache, worauf wieder der ge- 
wöhnliche Zustand der Lethargie einsetzt. Allerdings, je primitiver 
das Leben, um so weniger Ziele wird der Mensch kennen, doch für 
eine Mehrheit der Ziele ist durch die allen Menschen gemeinsamen 
Naturzöge gesorgt. Es verlohnt sich nicht, hierüber erst zu streiten. — 
Nun würde vielleicht Delitzsch einwenden, der Nachdruck falle bei 
ihm auf das Wort idiesesc; er habe sagen wollen, dieses Ziel — 
nimlich jedes Jenseitige, »nach welchem das menschliche Herz sich 
sehntt — könne naturgcmäss nur eines sein. Das wäre aber dann 
eine petitio principn so schreiender Art, dass man sie einem Quartaner 
eicht verzeihen könnte, vermehrt um ein Hysieronproteron, das künftig 
als klassisches Beispiel in unsere Lehrbücher der Logik aufgenommen 
zu werden verdiente. Denn zuerst sollte das Wort Ziel (für Gott) 
beweisen, dass die Semiten nur an Einen Gon gtaubieo, und nun 
wird gesagt, weil dieses Göttliche naturgcmäss nur eines sein kann, 
darum ist Ziel hier als Einzahl zufassen. Das kann einfach Delitzsch 
Dicht gemeint haben. 

Doch gleichviel, denn wenn wir jetzt zum zweiten Teil der 
These übergehen — zu den historischen Belegen — werden wir 
erfahren, erstens, dass das Wort el — möge es ursprünglich bedeutet 
haben, was es wolle — jedenfalls in seinem üblichen Sinne, »Gottc, 
in allen Dialekten einen Plural bildet !■) z«-eitens, dass alle Semiten 
und Halbsemiten, von denen die Geschichte zu melden weiss, nach- 
weisbar Poljtheisien waren — bis Mohammed kam. Einer Bn- 
scbränkung bedarf diese Behauptung nur, insofern die ganz reinen 
Semiten vielfach auf einer so tiefen Stufe des blossen Damonen- 
glaubens und Fetischwesens zu allen Zeiten verblieben, dass man von 
einem eigentlichen Gottesglauben bei ihnen kaum reden kann — 
dies bestätigt mir ein junger Hochschullehrer, der das Studium der 



*) Dclitisch selber gjcbl in seinem Astyriiehm HandivorUrhueh, 1896, eine gane« 
Bdhc Stellen sn. wo iVu im Plural vorkomml. unj Oi.'xciiius iimnt in Kiiicni hcbrlixdica 
eberuoidte fär i\, bei denen diinn d*s Won «itwcdcr »die Helden* oJer üt •Götier« 
bedeutet: so wird i. B. ini Bache Daniel Xl, )£, die höchste Gonheit als tt Ulm, 
•C«R der Gatter«, bcicichnct. 




UCVI 



Vorwort xv ^iettta Aoflage. 



■eBMtiidim Relt^oiudcAnmnite zu säatx LfbeosairfgiW gcDuchi 
hax. Dte Semiten sind eben >voa jeber an rcfipösem Insrinkt er- 
«aniiKch arm« (S. 221); es ist das eine T fa na d »^ aaät fo man sich 
tnxz eiDgefleisdiier V'oruneile abänden mau. Eae mfkfiebe Aus- 
nahme bildet einzig tmd allein das kleine Volk 4er Joöea; dies ist 
aber — wie beute anthropologisch nachgewiesen in md aosserdem 
ans iedem überlegten Studium des AJten Testaments eamommen 
werden kann — ein vonL-iegend symcfaes Volk, mit allerdings starkem 
semitischen, aber auch mit iodogermaiüschcm Bn schlag (siehe Grund- 
lagen, Kap. 5. nameatlicfa S. 37a); ein solches Volk kimweg »semitischf 
za aeonen und es ohne weiteres mit den übrigen Semiten zu iden- 
tifizieren, ist eine Gedankenlosigkeit; dieses Volk ist ein Volk für 
sich, nad es ist unverantwortlich, das, was an seiner religiösen Ent- 
Wickelung einzig in der Weligcscbicbtc und ohne Frage bewunderns- 
wert ist, den übrigen scmiiiscfaeo Völkern zugat ro schreiben. 

Wir kommen also jctn zu dem zweiten Teil von Delitzsch's 
These, zu dem versuchten Beweis »ir anurrio. Aach dieser Teil 
gliedert sich bei Delitzsch in zwei Behauptungen: zuerst wird uns 
gesagt, diejenigen Semiten, die um 2500 vor Christo, top Westen 
kommend, Babylonicn aberflutetcn, bitten Eigennamen mit il (=s Gott) 
zusammengesetzt besessen, Namen, die — zcrgliedcn - — >Goti mh 
mite, »Gott hatgegebeoi. u. s. w. bedeuteten, was ohne weiteres als 
sicherer Beleg für den Monotheismus dieser Stämme gelten soll; 
sodann wird aus Keilinscbrifien zu erweisen gesucht, dieser eine Gott 
habe jahve geheissen. 

Was das erste Argument betrifft, so &agt man sich wieder, wie 
hoch — oder vielmehr, wie niedrig — dieser Gelehne die Geistes- 
kraft eines Ungclehrten einsc)i3tzt> Uns fallen sofort die allbekannten 
deutschen Namen Oswald und O&kar ein, sowie die selteneren Oswin, 
Osbert u. s. w., die Zusimmenseizungen mit angelsächsisch 6i= Gott 
sind und etwa Gottes-Kraft, Gott es- Freund, GottesGlanz, GoitesSireiter 
u. s. w. bedeuten;*) denn da diese uralte Form für Gon vom Christen- 
tum weggefegt wurde, so erscheint es von vornherein ausgeschlossen, 
dass die Mamcn mit 6s späteren Ursprungs sein sollten. Und als ich 
bei einem Germanisten mich erkundigte, erfuhr ich, dasj: ich mich 
nicht geirrt hatte tmd dass Kamen mit ös (resp. äss in der nordi- 
schen, ani in der deutschen Gestah des selben Wortes), so weit unsere 

'] Dm genaue Be4<uniDg der Silbe — «rald, — kbr, u. s w , Usn sich nicht 
immer sicher crmhietn. 



I 




Vorwort rar vienen Auflage. 



LXVIl 



h 



Kunde zurückreicht, zu den beliebtesten gehörten. So ist z. B. der Name 
Alnjiugisalas (Gottes Bürge] durch die Runenschrift des Lanzenschafis 
TCO Kragehul in Dänemark bezeugt;') und Namen wicy^Mji«//'|gotisch) 
Anshtim (althochdeutsch), Asmundr (allisländisch) sind in vorchristlichen 
Zeiten häufig. Noch schlagender für uns Laien ist aber die Thai- 
Sache, dass unser guter heutiger Name Gottfried auf vorchristliche 
Zeiten rurüclcrcicht, wo er nordisch als Gudhrödhr (älter Gudhfrödhr) 
sich nachweisen lässt.^) Noch dcudicher — da die judäochrisiliche 
Barbarei hier nicht alles auslöschen konnte — liegen die Dinge 
in Griechenland. Lebte nicht der Dichter Tkiokrit ( »von Gott 
gewählt«) einige Jahrhunderte vor Christo!' Und hiess nicht der 
Nachfolger des Aristoteles Tfieophrast? und bedeutet das nicht »von 
Gott genannt« ? Und ist nicht ein berühmter Geschichtsschreiber und 
Zeitgenosse Alexanders des Grossen Tkeopomposf und heisst ias nicht 
»von Co« gesandt«? Und ich sage nur das Erste, Beste, was mir 
durch den Kopf geht; ein Gelehrter könnte mit ganz anderen Belegen 
dienen. Im altarischen Indien finden wir eine der selben Nanien- 
bildungen, die Oeliiüsch für seine Kanaanäcr anführt, «Gott hat ge- 
geben«, Devadaiia, verbreitet, während Dn/äpt (Gott-Freund) und 
Detfoväta (Gott-angenehm) schon im Rigvcda als Eigennamen vor- 
kommen, und eine Menge anderer, ähnlich zusammcngeseutcr Namen 
aus allen Zeiten bekannt sind. Und aus allen diesen germanischen, 
griechischen und indischen Namen ohne Ausnahme Usst sich — fiaia 
itne — eine Mchrzahlbildung des Wortes für »Gott« nicht hcraus- 
Üdügcln ; es ist immer Gott in der Einzahl, nicht Götter, oder aber der 
blosse Stamm des Wortes, genau ebenso wie bei den entsprechenden 
von Delitzsch angeführten kanaanSischen und babylonischen Namcn.3) 
Diese erste Überlegung macht uns schon stutzig, da die Indoarler, die 
Griechen, die alten Germanen nicht Monotheisten waren — wenigstens 
gewiss nicht in dem Sinne, in dem Delitzsch es meint. Jetzt fragen wir 
aber den ersten besten Semitistcn und erfahren, dass solche mit tl 
ausammengeseizie Namen in den verschiedensten semitischen Sprachen 




') V^' Norwci' jflmarüsfki Grammatti, 1891, S. j6o. 

•) Über dnec Heerführer »Gottfried*, der erst spat gftauft wurde, berichtet 
Zniu: Di* Dtattchtn und dit Nachharsldmme, i8j7, S. 5J4 (f,. 

>) Einige d«r SiiiiliTitnsnien — x. B. DfvavdM — werden a1Icrdi»KS häufig won 
nueren Lcxikologcn to |;cdcutct, aU ob •Galten, in der Mchruhl, zu Usen wäre, 
iodi kann dies zm der fatm tdeva* nicht als noi«,-endig gefolgert werden and in 
10 nancbo) aodciea FiUcn iuigeschlottcn. 



Lxvm 



Vorwort zur vierten AafUge. 



häufig sind und durchaus keine EigentQmlichkett jener angeblichen 
Kanaanäer bilden. In ganz Arabien war vor Mohammed's Zeiten — ' 
also in der Epoche, wo Pol^rrheismas und Dämonen glaube in höchster 
Blüte standen — einer der gevöhntichsien 'Kamen Abd-Ü {auch die 
Formen Abä-al und Jbd-allaM sind uralt), was >Knecht Gottes« bedeutet 
und also dem deutschen Namen Gottschallt genau entspricht;') andere 
hiufige Namen lauteten 'Auf-Ü, d. h. iGott-beglückti, und SchakrAl, 
d. b. >Lob-Gottcs(, u.s.w.,1) alles Namen mit genau diesem selben 
Wort "el (babylonisch ilu\ auf das sich Delitzsch beruft. Soll also 
DeUtzsch's Argument gelten, so müssen wir schliessen, erstens, dass 
alle Semiten, zweitens, das« all« Indogermanen ohne Ausnahme von 
jeher Monotheisten gewesen sind. Somit ist Delitzsch hier tn den 
verzwickten logischen Fehler verfallen, den die Philosophen heterozetesif 
nennen: er glaubt, etwas Anderes bewiesen zu haben, als was er in 
Wirklichkeit bewiesen hat; und was er durch seine angebliche In- 
duktion aus den Eigennamen >bewieseni hat oder \'ielmehr bewiesen 
haben würde, wenn seine Prämissen richtig gewesen wSren — ist nach- 
weisbar falsch. Mit anderen Woncn, die erste historische Behauptung 
fillt wie die erste und zweite theoretische ins Wasser und hinterllsst 
nur die Erinnerung an eine Nichtbeachtung der logischen Elementar- 
gesetzc und an eine Geringschätzung allbekannter lliatsachcn, wie sie 
in der Geschichte der Wissenschaften selten zu verzeichnen sdn mag. 

Jetzt aber gelangen wir zu dem SchlussefTckt des Vortrages, zu 
der grossen Entdeckung, die, w^enn sie wahr gewesen wäre, epoche- 
machend hätte genannt werden müssen; sie ist aber nicht wahr, sondern 
eine nachweulich unhaltbare Behauptimg. 

Nicht genug, dass jene Eroberer Babylons nur an einen einzigen 
Gotc glaubten — wie durch obigen falschen Keitenschluss bewiesen 
wurde — nein, ihren Eingott beteten sie imter dem Namen Jahve 
an I Bewiesen wird dies wieder aus Eigennamen, — Eigennamen, 
in denen nicht bloss das Wort iGont, sondern auch das Wort >Jahvec 
vorkommen soll, und zwar in einer Verbindung, die uns zu lesen 
zwingt: ijahve ist Gotc.< Auch hier wieder deutet Delitzsch mit 
keiner Silbe an, dass es sich im besten Fall um eine mögliche — 
oder vielmehr denkbare — Hypothese handelt, sondern er sagt ein- 

■) Genau der selbe Käme, DitiM» > Knecht Gones, findet sich vielfach im 
altsrisdKn lofent 

■) VergL Wdlhausra: Ral* aniiuimi Hndmiumt. 1^7, AbKhaJtt i. >Ofcer 
BCoiiboce Nuncs*. 



I 



Vorwort zur vierten AuflageT 



LXtS 



■ 



I 



fach: diese Namen heissen >Jahve ist Gott«, und fährt gleich fort: 
»Also Jahvc, der Seiende, der Beständige . . . ein uraltes Erbteil u.s. w.< 
Wir Ungclehric werden von diesem Gelehrten, wie das Vieh zur 
Schlachtbank, mit verbundenen Augen geführt. Dis wollen wir uns 
aber doch nicht gefallen lassen; sondern wir wollen uns erkundigen, 
ob die beiden Namen, auf die Delitzsch sich beruft, Ja-ah-vt-ilu und 
Ja-hu-um-ilu, in den Keilschrifitexten wirklich so lauten, und wenn 
dies der Fall ist, was sie dann bedeuten. 

Es handeli sich um zwei Thontäfelchen aus dem British Museum, 
von denen Delitzsch sagt: »Was ist — wird man sagen — an diesen 
Tafeln zu sehen? Zerbrechlicher, zerbrochener Thon mit eingeritzten 
schwer lesbaren Schriftzeichen!* Ich meine, umso vorsichtiger wird 
man mit diesen Tüfelchen und ihren schwer lesbaren Zeichen umgehen 
müssen , damit nicht etwa aus dem zerbrochenen Thon noch eine 
vergewaltigte Deutung herausgelesen wird, die bei der leisesten Prüfung 
zu Staub zerfällt. Und vor welches fast unlösbar schwierige Problem 
man sich gestellt ündet, sobald ein babylonisches Wort nur einmal be- 
legt ist — wie hier der I-all — , davon kann ein Jeder sich überzeugen, 
der in Prof König's Flugschrift die Seiten 38 bis 45 aufmerksam liest 
Ich hatte nun ausserdem den Vorteil, mich von einem löchtigen 
Assjrioiogcn von Kach, einem alten Freund, eingehend belehren zu 
lassen, und auch er bestätigte mir, es sei geradezu >wahnwiizig<, aus 
eioer einzelnen Scherbe einen Namen wie Ja-aJi-ve-iIu herauslesen zu 
wollen. Zwei Umstünde sind es. die die Interpretation eines keil* 
schriftlichen Wortes geradezu unmöglich machen, ft-enn es nicht in 
dacm längeren Text steht oder durch hSufigc Wiederholung in 
verschiedenen Zusammenhängen allmählich sichcrgcsiclh whd; die 
Schwierigkeit, die unter einander sehr ähnlichen Zeichen mit voller 
Sicherheit zu entzißern, und die verschiedenen mügltchen Lauiwerte 
jedes Zeichens, wenn es auch sicher entzifferi worden ist. Bei zu* 
sammcn hängen den Texten kommen allerdings dem erfahrenen Assyrio- 
logen allerhand Regeln und Wahrscheinlichkeiten zu Hilfe, doch bei 
Eigennamen — namentlich bei isoliert vorkommenden — versagen 
diese fast ganz. 

Bei Delitzsch (S. 47) sehen zwar die Keilschrifizeichen wunder- 
bar deutlich aus; in Wirklichkeit sind sie es aber nicht, und dor Ge- 
Ubne muss oft stundenlang mit der Lupe in der Hand über ein 
dnziges Wort gebockt bleiben, um auch dann nur eine haiberratene 
Möglichkeit versuchsweise anzunehmen. Wie schwierig es ist, hier das 



IXX. 



ronror^ür uienen Anflage. 



Richtige zu treffen, ersehen wir daraus, dass gleich die erste Keilschrift- 
gnippc der ersten Zeile in Delitzschs Publikation {das Ja vom angeb- 
lichen Wort /fl-öA-iie} ungenau wiedergegeben Ist, wie König am dem 
Vergleich mit der Originalpublikation festgestellt hat.') Schon diese 
Publikation selbst aber (CunHform ttxtsfrom Bahylonian tablels) ist keine 
genaue Wiedergabe des Originals, denn der Direktor der babj'loni sehen 
Abteilung des British Museum, Budge. hat auf Königs Frage bestätigt, 
dass die zweite Kcilgruppe jener ersten Zeile (die, welche von Delitzsch 
als ak des Wortes Ja-ah-ve gedeutet wird), auf der Thoniafel ganz 
anders als im Buche aussieht (das FacsiinÜe ihrer wirklichen Gestalt 
bei König S. 44 unter Nr. 7) und dass sie möglichen^'eise als verein- 
fachende Variation einer driaen Keilschriftgruppe betrachtet werden 
mßssel Die Entzifferung dieser zweiten Gruppe ist also den Fachleuten 
selbst noch rätselhaft, und man sieht, auf welchem schwebenden 
Boden wir hier gleich von vorneherein siehen. Ist aber die Ent- 
zifferung eines Zt-ichens erst sicher, so stehen wir vor einem xweiien 
und manchmal noch bedrohlicheren Hindernis. Denn jede einzelne 
Keusch riftgruppe bezeichnet nicht eine einzige Silbe oder Lautbildung, 
wie das z. B. bei unseren Konsonanten der Fall ist, sondern sie 
ist — wie der Fachaasdiuck lautet — polyphon; das heisst, sie lässt 
eine ganze Anzahl Lesarten zu, und welche die richtige ist, kann 
meistens nur aus dem Zusammenhang oder aus gewissen sprach- 
lichen Wahrschcinlichkeitsrcgein erschlossen werden, Kriterien, deren 
Geltung gerade bei Eigennamen beschränkt ist. So kann z. B. in 
jener ersten viersilbigen Inschrift, deren erste und zweite Keilgruptie 
soeben auf die Verlässlichkcit ihrer Entzifferung hin kurz beleuchtet 
wurden, die dritte Kcilgruppc — diejenige, welche von Delitzsch als 
die Silbe vr des Wortes Ja-ah-ve gelesen wird — diese dritte Gruppe 
kann pi, kann au, kann ma, kann a, kann tu, kann tai gelesen 
werden. Ein wahres Paradies für einen spckularivcn Philologen und 
Historienschreiber! Doch kein Glück is-t voll, und gerade den Laut 
VC kann jene Gruppe — zunächst wenigstens — nie bedeuten. Son- 
dern nur aus der Thatsache, dass in gewissen Dialekten manchmal 
m wie V ausgesprochen wird, lässt sich folgern, dass möglicher- 
weise me und ma für ve und va stehen könnten. Sollie also in 
der betreffenden Keilgruppe wirklich me — und nicht ma, noch vo, 
□och ^1, noch tu, noch a, noch lal — gelesen werden müssen, dann 



■) Arn ang. Oit S. 41 a&^ verg). <lie Abbildung auf S. 44 unter Nr. 4. 



Vorwort eur viencn Auflage. 



LXXt 



wäre es denkbar, dass dieses mt nicht me, sondern ve auszusprechen 
«i. Und wenn nun ausserdem die zweite (wie mm gesehen hat, so 
Oberaus problematische) Keitgruppe richtig entziflert und als ah richtig 
gelesen ist — das selbe Zeichen kann aber auch ih und uh und eben- 
falls ha und hi und ha gelesen werden'} — wenn ah aber richtig 
isi, wenn ferner von den genau scchsunddrci^sig möglichen Kombi- 
nationen zwischen der zweiten und dritten Silbe, gerade diese Kombi- 
nation ah've als treffend angenommen wird, und wenn endlich die 
erste Silbe, ja, keilschrifilich richtig entziffert und phonetisch mit 
ja richtig gedeutet ist. dann — ja, dann — kann das Wort ja-ak-^e 
heisscn.*) Wahrhaftig, dieser babylonische Jahvc dauert mich, denn 
seine Gottheit ruht in der That auf sehr zeibrechUchen Thon- 
fassen I Doch glaube der Leser nicht, dass wir schon am Ende 
seien. Denn nun komitii zugutcHeiEt noch eine Eigentümlichkeit 
aller semitischen Sprachen hinzu und stclll die Deutung des Namens, 
auch wenn er als Ja-ak-ve-ilu gelesen wird, in Frage. Unsere indo- 
germanische Unterscheidung zwischen dem Subsiantlvurn und dem 
Verbum, überhaupt zwischen den Sprachieilen, besteht nümüch in 
den semitischen Sprachen nicht in der selben Weise. Das Wort 



■) Ein h ist nicht wirklich vothand«), sondern es handelt sich um die Stellung 
des tpiritui Unis, in dem cinni Falle 'a, 'i, 'u, in dem antlenrn a', i', u'. Da aber 
Dcliuach ein h hiiieiii>!cktJii>tc1i hut — 'was da Lesung >Jihvci wunderbare Dienste 
kism — so hab« ich f^egbubi, dein ßetspitl ein» so hervonagenden Ficbnianncs 
Iblgen und div Sache in der angegebenen Weise verdeutlichen lu düricn. 

■) SL'iidem Obifte« geichfleben ward. Ist die twcrie Halde der neuen Auflage 
von Eberhard Schradec's Die KriiiHtchrifien und Jies AlU TaUmtnt erschienen, von 
Prof Heinrich Zimmern bcarbeii«. Dieser Gclehtw, eine anetitannt erste .\utorität 
auf dern Gvbieie dcf Asrt'tiologii.-, licM auf iinicn-f Tliortarciyo'-;^'-iVii (nach Dcliiöch's 
Schreibweise ja-ah-fv-Uu); die Lesung ja'-vt vertnrU er, oder vielmehr findet er gar 
niclrl diskutier bar. Von ihm erfahten wir auch, diss es amscr den oben — von 
KAnig »tu Delituch's Wirlcrbuch entnommenen ~ Lesungen ßr (enc iweiie Silbe, 
also pi. "if. ma, a, tu. tat, wf, u'o, nocli drei WL-ttere gicbi, nämlich ud, v/u und m 
C*. S- 46&, Anm. 6). Das sind also elf Möglichkeiten Hau der seclis TOn mir in Rech- 
nung gib lachten. Es ist nOiig. diese Unsidurhcii der Entnifferung gehdrig tu be- 
tonen, denn ich habe in gewissen Kritiken diese Behiiupiung vcrhälint gefunden, und 
in der Christiithen Wtlt vom 1. Okt. d. J. verMeigt sich ein Gelehrter sogar lU der 
Vcnnchcrunfc diese assyrischen Texte wOrdcn »mit unKcfahr der selben Sicherheit ge- 
lcs«m, wie man griechische und lateinische Inschriften liest«. Obi^ies beweist, dass 
d» nicht der Fall iit Mir wird von durchaus kompetenter fachmänniicher Seite ver- 
sichert, das* die Lesung eines vereinzelt voikommeniicn Wortes sieis iweifelhaft bleibt, 
und wir sclicn an diucm kontircicn Beispiel, dass jeder ein«rUic Fachmann daaWoit 
tndera liest. 

V 





-ixxn 



Vorwort zur vierten Auflage. 



>jalivc(, wenn es wirklich liier zu lesen isi, braucht durchaus 
Dicht als ein Haupiwori aufgcfasst zu werden, es könnte ebenso- 
gut ein Zeitwort sein; die Art der Zusammenstellung ISsst so- 
gar jeden Setniiisten (so wird mir versichert) sofon das Letztere 
als das Wahrscheinlichere voraussetzen; und in diesem Falle würde 
der Name Ja-ak-ve-Uti etwa »Gott lebt* oder »Gott giebi Leben* be- 
deuten, also ungefähr dem altdeutschen Namen Goitsleben oder dem 
französischen Dieulcfii entsprechen, was dann auch bestens mit den 
vorhin genannten, in Babylon üblichen Namen »Gott hat gegeben« 
(DieudonnÄ), >Gon mit mir< (Gottlieb) u. s. w. übereinstimmen würde.') 
Und da nun von den vielen Zeugnissen, die die Wissenschaft heute 
besitzt, kein einziges dafür spricht, dass Hamitiurabi und seine Leute 
einen Coit unter dtm Kamen Jahve verehrten, woRegen es mit abso- 
luter wissenschaftlicher Sicherheit aus zahlreichen Dokumenren fest- 
gestellt ist, dass Hamtiiurabi und seine zeitgenössischen Landsleute 
den Sonnengott, den Mondgoit, Sterngötter, Stadtgötier u. s. w, an- 
beteten — Hammurabi's Vaier hiess Sin-mubaUt, »der Mond [resp. der 
Mondgott) gicbt Leben*, seinem Sohn gab er den Namen Schamschu- 
iluna, »die Sonne ist unser Gott« — so ist diejenige Deutung des 
höchst hypothetischen, durch allerhand Kunsistflckchen gusammcn- 
geschmiedeten Wortes Ja-ah-ve-Hu, die Delitzsch giebt {und zwar so 
giebt, als handle es sich um eine ausgemachte Thatsache) ohne 
Zweifel für fahch anzusehen. 

Wollten wir noch einen Beleg, so gäbe ihn uns Dclitzsch's 
zweiter Keilschriftname, den er als ja-hu-um-iht anführt. Hier liegt 
die Sache nSmlich vcrhüiltnismässig klar; die Inschrift ist längst be- 
kannt, da sie Sayce schon vor fünf Jahren und Hommel schon vor 
vier Jahren besprochen hat. Nur hat sich hier — wenn wir uns aut 
Hommel und neuerdings auf König, der den Originaltext verglichen 
hat (S. 40), verlassen können — Delitzsch eine kleine Korrektur er- 
laubt, indem er Ja-hu liest, wo in Wirklichkeit Jä-u steht, so dass 



■) In dem soeben genannten Werke, S, 46S, spricht Zimmern ilie Meinunft >us, 
du$ in der Tb« das /a'-f» (fcsp /"'-cf, nach 0«liM«h) und auch da* /a-ii-uw der 
xwvitcn Ktrili nie I) rill >übeiliau[ii keinen Gottcsnanicn cnÜHL-licn, sondern ein Adjckiiv, 
beiw. dn Vcrbura dAriidlcca«. — S. 3;4 führt er auMcrdcm aus, d(u> du i7u der 
kanaanlischen und arandisdien Scmiien, welclies als Bcsundiiril von Eigennamea 
lu Hamm Ural» 1*5 Zeilen voTliomnit — sivlie Di^ituch's crsicn liiatoriscLicu Bvwcis- 
vcrsuch — nicht den allgcincinrn appclbtiviichcn Sinn »GuR* trug, sondcm Jer 
Name cin«9 specitUvn Goilcs unter and'Cni GOiiern war] 





Vorwort zur "vienen Auflage. 



LXXIH 



* 
* 

^ 



n 



der Name nicht Ja-hu-um-ilu hcisst, sondern vielmehr Jd-»-m-ila, und 
dies bedeutet nicht ccwi »Jahve ist Gott«, sondern — 
der Mon d ist Gottl 

NatQrlich mu» die Lesung und die Deutung auch dieses zweiten 
Kamens aus den oben angegebenen Gründen sehr problematisch blei- 
ben, doch hier wenigstens sprechen allerhand Gründe zu Gunsten 
der bestimmten Lesart und Deutung, namenilicb die Thatsache. dass 
der Name von Arabien her bekannt ist, so dass wenigstens von 
Wahrscheinlichkeit die Rede sein kann.') 

So stürzt denn das ganze, ebenso zuversichtlich als flüchtig auf- 
gerichtete Gerüst zusammen, ein wahrer babylonischer Turm, aber 
ein papierener. Und sutt des pomphaft verkündigten >ungeahntcn 
Ausblickest in die Werdestatt des Monotheismus bleibt uns nichts 
als ein freilich sehr uncrwaneicr »Einblick* in die Werkstatt laxer 
Philologie und phantasicvoller Geschieht sfabrikaiion. 

Doch ich kann diesen Abschnitt noch nicht schliessen. Halbe 
Arbeit, keine Arbeit, %agx das Sprichwort; ich muss die Taktik unserer 
semiiomanen Gegner bis auf den letzten Rest aufdecken. Und war 
das bisher Besprochene ein Beweis, dass Gelehrsamkeit und Urteils- 
fthigkeit in die Brüche gehen, sobald die eine fixe Idee, den Se- 
miten zu eiheben, den Geist gefangen genommen hat, so hat De- 
litzsch geglaubt, noch ein Übriges thun und nicht bloss den Semiten 
erheben, sondern noch ausdrücklich den Indogcrmanen erniedrigen 
zu müssen, und damit hat er geradezu eine schlechte Thai begangen 
— mag auch der Wahngedanke, an dem er leidet, ihn entschuldigen. 

Die ersten Sätze der soeben abgehandelten Ausführungen über 
den angeblichen Monotheismus undjahvcgiauben der präabrahamitischcn 
Semiten lauten nämlich folgcndcrmassen : »Seltsam I Niemand weiss 
mit Bestimmtheit zu sagen, was unser deutsches Won ,Gott' ur- 
sprünglich bedeutet. Die Sprachforscher schwanken zwischen ,Schett- 
Erregung' und .Besprechung'. Dagegen ist das Wort, welches die 
semitischen Kanaanäerstämme .... für Gott ausgeprägt haben, nicht 
allein klar, sondern es erfassi den Begriff der Gottheit in einer Hoheix 

und Tiefe etc. eic.< (Folgt dann das ganze Märchen über 

ä, das Ziel, Hammurabi der grosse Monotheist u. s. w.) Wer nur ein 

') Nach Zimmcm — jichc Icizic Anmerkung — in Hommcl's oben gegebene 
DvuTung wahnchcinlich imofvm unrichtig, als die drei craen Silbe» Ciberhiupt kein 
Kennwort, Bondnn ein Eigcnschüfu- odi^r Zeitwort darsicÜcn. Jensen uitrilt <a. a. O.) 
wieder uidaB; so wclc Assyriologcn, so viele Dcutungcn. 

V- 



txxiv 



Vorwort zur vierten Auflage. 



klein wenig Bescheid weiss in diesen Dingen, durch blick.! sofort die 
unbewuiste Perfidic dieser Aufstellung; doch wer unter Laien weiss 
Bescheid? sehr wenige; und der naive Ungclehrie, der von den Lippen 
dieses rühmlichst bekannten Getehnen vertrauensvoll gierig Weis- 
heit saugt, tritt in die ganze Betrachtung mit dem niederdrücken- 
den Gefahl, dass wir Germanen wirklich geistig sehr tief stehen 
mQssen und es kaum wagen sollten, zu dem erhabenen Hainmurabi, 
geschweige zu einein jüdischen Propheten die Augen aufzuheben. 
Aber nur getrost, armer Germane, du darfst schon aufblicken, und ich 
möchte dir sogar raten, die Methoden deiner Widersacher ein letztes 
Mal recht scharf ins Auge zu fassen. 

Wie es mit ei steht, wissen wir jetzt, und wir wissen, dass 
betreffs der »ursprünglichen Bedeutung« dieses Wortes »die Sprach- 
forscher schwankent, was sie nur scbwanUea können. Hier wird sich 
wahrscheinlich nie etwas Sicheres ausmachen lassen. Bei »Gott« ist 
das weit eher der Fall. Denn es darf wohl als mit grosser 
Wahrscheinlichkeit ausgemacht gelten, dass Gott »der Angerufenet, 
Derjenige, zu dem Gehet und Opfer »aufsteigen«, bedeutet. Die von 
Osthoff gegebene Ableitung') (auf die sich Delitzsch stützt) zwingt gar 
nicht, den Begriff des >Bcrufens<, des »Zaubcrns« anzunehmen; viel- 
mehr bedeutet die Wurzel, auf die er zurückgeht, einfach »rufen*, 
»anrufen«, und die Nebenbedeutung des Zaubems wird nur einer 
vorgefasstCQ Theorie zuliebe hineingelesen. Und am interessantesten 
bleibt jedenfalls die (S. 22; Anm. erwähnte) Thaisachc, dass »Gott< 
ursprünglich ein Neutrum war und »das Gottliche«, nicht den 
persönlich gedachten »Gott« bedeutete. 

Doch gleichviel. Möge das Wort Gott — da Delitzsch es so 
will — »Scheuerregung« oder »Besprechung! bedeutet haben ; wir 
wollen es annehmen. Was er ebenso gut und besser als Ich weiss, 
ist, dass die Gegenüberstellung von ü und »Gott« ein ähnliches 
Beginnen ist, wie wenn ich, behufs Vergicichung, Russland und 
Lippe-Detmold — nicht Russland und Deutschland — einander ent- 
gegenstellen wollte, el ist eine allen semitischen Sprachen gemein- 
same und zwar ihre einzige Bezeichnung für den Gottes begrifT; 
daneben käme nur noch Elökhn in Betracht, ein Wort, das z. B. im 
ersten Vers der GenesLs steht und dort gewöhnlich mit »Gott« über- 
setzt wird. EUhim ist aber eine Mehrzahlbildung und bedeutet im 

') Brilrägt xur Kunit itr indogtruianiicktn ^raciitn, XXIV, 177 fg. (n«ch 
O. SchradeO' 



Vorwon zur vierten Auflage. 



LXXV 



eigentlichen Sinne »die Schrecknisse« und im abgeleiteten >die Dl* 
monen< ; also bleibt el ijcsp. H, ilu u. s. w.], das cinsige semitische Wort 
für Gott. Dagegen besitzen die indogermanischen Sprachen — ihren weit 
CD tvk-ick eiteren reügiö&en Instinkten entsprechend —eine ganze Reihe 
wurzcihafi verschiedener Namen för die Gottheit. O. Schradcr zählt 
in seinem RtatUxikon der mdogrrmaniscken JlUrtumskunde (1901) sieben 
auf; und mag auch die Unterscheidung in dem einen Fall zweifei* 
haft sein, fünf oder sechs grundverschiedene Worte bleiben als 
Minimum. Von diesen sind es namentlich iwei, welche im Indo- 
germancntum eine ähnliche Rolle gespielt haben, wie (/ auf dem 
semitischen Gebiete: einerseits dtiwos, ahnordisch tjr — heute noch 
als deus, dien, dwj divint u. s. w. ein lebendiger Bestandteil unserer 
Sprachen; andrerseits bhaga, persisch bagba, ebenfalls heute noch in 
atlrn slavischen Sprachen in der Form bogii lebendig. Es kommt 
aber dazu noch das oben erwähnte am, 6s, dss (vergl. »Äsen«), das 
namentlich im Nordischen sehr gebräuchlich war und ebenfalls auf 
eine gemein-germanische Wurzel zurückgeht; dann das dem gräco- 
Iiteinischen Sprachkreis geläufigere numen. und noch andere weniger 
vetbreiieie Bezeichnungen. Und was bedeuten diese Worte, wenn 
man sie etymologisch zurückverfolgt? Hier sind wir besser daran als 
bei den semitischen Sprachen, bei denen die Wurzeln meistens un- 
auffindbar bleiben; hier können wir in den meisten Fällen bestimmt 
antworten. Deiwos heisst >dcr Strahlendct, ider GUnzendet, ader 
Himmelsfürsti. Ein stolzes Won fürwahr, würdig eines Helden- 
geschlechies I Bhaga legt den Nachdruck auf eine andere Seite 
des göttlichen Wesens und bedeutet >der gütig Spendende«, >der 
barmherzig Zuteilende«. Bei germanisch ansuz ist die Ableitung 
allerdings zweifelhaft; meistens wird Zusammenhang mit indisch 
ästt angenommen, wonach die Vorstellung > Geist« zu Grunde l3ge 
und das würde den aus dem toten Körper entflohenen Geist be- 
deuten (Schradcr a. a. O., S. 302); ebenso zulässig wäre aber die 
fjAbleimng aus indogermanisch an (vcrgl. griechisch ancmos, lateinisch 
ammus), was >wehcn<, »atmen« und daher >Seele< heisst; Kluge 
wiederum {Bym. Wörterbuch. 6. Aufl. S. r49) glaubt an die Zusammen- 
gehörigkeit mit ansts = Gnade. Auf alle Fille liegt diesem Wort 
etwas Ahnungsvolles, in ein Jenseits Hinausweisendes zu Grunde. 
Diese unsere verbreitetsien indogermanischen Wonc für die Gottheit 
knüpfen also an die strahlende Schönheit der Natur, an die siegende 
Güte des Herzens, an die Ahnung einer transscendcnten Geistcswclt 



LXXVI 



Vorwort zur vicrteo Auflage 



an, und jedes eiazelne von ihnen kann geirost den Vergleich mit el 
lufnehmen, möge dieses >der Starke« oder idas Ziel« bedeuten, gleich- 
viel. Das alles verschweigt aber Prof. Delitzsch und hott nur das 
jüngere, auf wenige Sprachen beschränkte Won »Gotti heraus. Die 
Verbreitung des Wortes >Gott* im Germanischen als einziger Bezeich- 
nung für die Gonbeit, dazu die fast spurlose Vertilgung von lyr und 
äjs, die früher hier verbreitet gewesen waren, ist aber ein historisch 
nachweisbarer Gewaltakt des Christentums. Der gute WulfiU, der 
ja Mühe genug hatte (vergl. S. 626), die unseren Vorfahren völlig 
fremden Begriffe der semito-syrischen christlichen Kirche verständ- 
lich und plausibel zu machen und der als Ariancr sein Bestes that, 
das rein menschliche Element im Christentum der unbegreiflichen 
Dreieinigkeil&lehre gegenüber zu betonen, musste ausserdem bestrebt 
sein, den Unterschied zwischen dem neuen >Gott« und dem alten. 
in tausend Gcstalicu schimmernden »Götilichen« vom ersten 
Augenblick an im Namen deutlich hcrvorireien zu lassen. Und 
darum holte er das Wort »Gott« heraus, als ein wenig gebrauchtes 
und infolgedessen wenig verfängliches, und prägte es zu der einzig 
gülligen Bezeichnung für den >Vater< um, zu dem Christus zu 
beten gelehrt hatte; wogegen der strahlende tyr und der tiefsinnige 
du von nun an das spezltisch »Heidnische« im Gottesbegriff ver- 
körperten und darum nach und nach gänzlich entschwanden. Wo 
die Kultur schon fesie Formen angenommen hatte (im Westen und 
Süden) und wo das Christentum erst später, bei gefestigteren politischen 
Zustünden durchdrang (im Osten), da blieben die alten indogermani- 
schen Worte für »Gott« — Dieu und Bog — in Gehung; in deo 
Ländern germanischer Zunge dagegen gingen sie ein — der Sprache 
zu ewigem Verluste. 

Man sieht, was es mit der Gegenüberstellung von >Gott< und 
«/ fbr eine Bewandtnis hat. Als advokatische Kniffe, um nämlich 
eine schlechte Sache jn den Augen unwissender Schöffen gm er- 
scheinen zu lassen, könnte man derartige Überzeugungsmittel ent- 
schuldigen, der ernsten Wissenschaft aber sind sie kaum würdig, und 
dem veitrauensvollen Laien gegenüber sind sie unverantwortlich. 



In seünsm Babel und Bibel thut Prof. Delitzsch meinen Grundlagen 
die Ehre an, sie zu cicicreo, und er meint, >das Märchen von den 
ao religiösem Instinkt von jeher erstaunlich armen Semiten« würde 



Vonwort zur vierten Auflage. 



Lxxvn 



sin diesein einjcigcn Wort il zerschellen c. Der Gelehrte scheint durch 
die Lektüre meines Buches In eine babytonische Stimmung geraten 
zu sein: >Wolil dem, der deine jungen Kinder nimmt und xerschmettert 
sie an den Stein l< Doch ganz so wehrlos wie junge Kinder lassen 
sich Wissenschafi und Wahrheit nicht zerschellen; und — mag ich 
auch ein schlechter Anwalt gewesen sein — was meiner Darstellung 
Wirkung verliehen hat, ist die Thatsache, dass Wahrheit liberal) durch- 
schimmen und dass bei ihrem Anblick die Läge von Jahrhunderten 
wie ein Alp %'or dem Morgen verschwindet. Ich selber habe daran 
nicht das geringste Verdienst, ausser, dass ich es verstanden habe, an 
den Quellen reinster, zuverlässigster Wissenschaft zu trinken, mit 
ängstlicher Vermeidung aller Halbgelehrsamkeit und aller Phantasterei. 
Um die religiöse Armut des Semiten [im Vergleich zum Indogermaneo) 
darzuthun, habe ich mich ausschliesslich auf Forscher ersten Ranges 
berufen; selbst ein Robertson Smith, der alle mögliche Voreinge- 
nommenheit eines christlichen Theologen für die Semiten mitbringt, 
muss als ehrlicher Forscher gestehen, die reinen Semiten seien »very 
dtffidcntin reHgton m tht ordmary leme of Ifie wordi, sehr arm an Religion 
im gewöhnlichen Sinne des Wortes;') ausserdem habe ich mit dem 
Blick eines freien, durch keinerlei theologische Voreingenommenheit 
beengten Mannes die Weltgeschichte und die Wcliüncraiur befragt, 
habe die heiligen BQchcr Indiens und die Geschichte unserer christ- 
lichen Kirchen studiert, dazu die Weltanschauung der grossen Denker; 
überall erhielt ich die selbe Antwort. Was ich darthue, war dem un- 
befangenen Gelehrten nicht unbekannt, uns Ungelchnen war es aber 
meistens neu. Heute ist es uns unverlierbar. Und ist die Kunde erst 
bis in das Herz jedes germanisch fühlenden Menschen gedrungen, so 
wird das die endgültige Befreiung aus der flügellähmenden Knecht- 
schaft der pricsterltchcn, syrosemi tischen Religion sein, damit zugleich 
die Erlösung von dem engen, materialistischen Monotheismus ra 
unserem eigenen, von je auf je besessenen, doch gewaltsam unter- 
drückten und im Interesse unserer Leviten verfolgten Gottes- 
begriff. 

Hierüber eine letzte Ausführung. Denn nun gilt es das Alte 
Testament gegen Delitzsch in Schutz zu nehmen und zu zeigen, dass 
die Vorsehung uns in der Bibel selbst die Waffe geliefert hat, am 
jene religiöse Emanzipierung zu erkämpfen, von der ich anfangs sprach. 



■) Ltetura o» liu rtJipon 0/ tk$ StmUit, 1894, S. 47. 




Lxxvin 



Vorwort zur vien«n Auflage. 



Jetzt erst werden wir die wahre Bedeutung der babylonischen For- 
schungen für unser religiöses Leben erkennun. 

Wenn auch Delitzsch hier und da, mit Begeisterung von dem 
Alten Testament spricht, im Grunde genommen wird es durch seine 
Ausführungen hinfiirder überflüssig, denn auf dem Wege, auf den er — 
und mit ihm manche »freisinnige« Theologen und neuere jüdische 
Apologeten — uns hinauslockcn möchte, löst sich das Christentum 
in eine Art Ur-Mohammcdanismus auf. Was brauchen wir uns mit 
der verwickelten und oft schwer vcrstindlichcn israelitischen Geschichts- 
legcnde abzugeben, wenn schon der wiirdige Hammurabi und seine 
Leute, 2500 Jahre vor Christo, an den einen Jahve glaubten, wogegen 
lange nach ihm — wie die Bibel an fünfzig Stellen bezeugt — Abraham 
und seine Nachkommen den tl-shaäJaj, den el-eljan, den tl-olam, den 
il-ro'i und allerhand andere Lokalgötter verehrten? Delitzsch behauptet; 
»was die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel ausmacht, ist der 
Monotheismus.« Nun gicbt er sich aber alle erdcnkhche Mühe, nach- 
zuweisen, dieser Monotheismus sei >ein uraltes Erbteil« der nicht- 
israelitisch cn Semiten; somit entschwindet heute die Bedeutung der 
Bibel, die ja nur eine mittelbare war, fussend auf unserer bisherigen 
Unkenntnis des wirklichen Zusammenhanges. Ich glaube aber, hier 
liegt wieder ein ungeheurer Urtcilsfehler vor. Dass die Bibel den 
Glauben an den einen Jahve lehrte (das heissi in ihrer späteren 
Umarbeitung Ichrtc), hat nur für die Juden Bedeutung gehabt, indem 
diese dadurch erhielten, was später Mohammed — in weit gross- 
anigcrer Auffassung — den Arabern gab. Wir dagegen haben 
sofort — gleich im ersten christlichen Jahrhundert — diesen israeliti- 
schen Gott entfernt und die Trinität an seine Stelle gesetzt.") Nicht 
iLso dieser priesterliche, abstrakt-materiallscische Monotheismus, von 
dem wir jetzt ganz genau wissen, dass er sehr spät und zwar in 
unmittelbarer Fühlung mit der hierarchischen und antistaathchen Panei 



■) lii stillem neuer) Werke Die Mhacn und AuiltrHung da CbritttntumM in Jtn 
trstm ilrri Jahrhunderlea, 1901, tnicht Adolf Himick darjiuf aufm>i-rksjiiK erstens, dm 
• du Chibicnium, wie es verkfiiidip wurdv, MonothcUnius schlcclttliin< iiiclic genannt 
wcrilen kann (S. tS). zwdteni, diu im lAmiichen Rekli schon vor dem Beginne der 
cliriitlichcn Predigt >iin GmniJc die ganic Denkweise nionotlicisrisch war« CS.aj)- 
Wedel habicn wir das Alle Tesumept nötig gelubt, um Monotheisten lu werden, 
noch hat das Alte Tciumcnt es vermocht, uns den Monotheismui im unvcrrabcht 
semitischen Sinne auf^iidrlngeR. Es geht doch nicht an, einer /abi* eonv«»u» lutiefae 
gctchielitliclic Thatsacheii haniUcltig tu leugnen. 



Vorwon zur vierten Auflage. 



LXXK 



lo Babylon entstand.') nkht er machi die Bcdcuiungdcs AlicoTcsiaments 
für uns aus, — im Gegenteil, das ist seine BeschTänkung und sein 
Makel, der fondauemd Böses zeugt; vielmehr liegt der unvergleich- 
liche Zauber dieses Buches in dem begründet, was Goethe ausspricht: 
»Diese Schrirten stehen ao glücklich beisammen, dass aus den frem- 
desten Elementen ein tiuschendes Ganzes entgegentriin") Es ist das 
Werk als Werk — nicht, was es lehrt, sondern was es ist, — , was. 
unvergänglichen Wen besitzt. Dieses Werk ist eines der grösstco 
Kunstwerke, das die Menschheit her\'orgeb rächt hat. Mag man nun 
mit den schlicht-frommen Menschen sich ein solches Wunder einfach 
als »Gottes Werk* deuten, oder mag man den tausend historischen 
F3den nachspüren, die hier zusammenlaufen: das bleibt sich ziemlich 
gleich; >erklän* wird es weder durch die eine noch durch die andere 
Auffassung ; und zwar ebensowenig crklirt wie alle die übrigen Wunder, 
von denen umringt wir leben. Entscheidend ist einzig, dass man- 
sich bewusst sei, hier ein in seiner Art Unvergleichliches zu besitzen, 
und dass man nicht in den priesterlichen Fehler veifalie, über dem 
blassen und einengenden Gedanken, den spätere Generationen ihren 
Theorieen. beziehungsweise ihren Machtgclüsicn zuliebe mühsam 
herausklaubicn, das unausdenkbare Leben zu übersehen, das in dämo- 
nisch genialer Naiveiäl und ungebrochener Kraft dem Werk cntsirÖniL 
Wie Goeihe richiig sagt, die »fremdesten Elcmenic« sind hier bei* 
sammen. Der eigentliche »Jude« ist kaum dem Blute nach verwandt 
mit den Israeliten im Norden, denen wir in der Hauptsache die Gene- 
sis verdanken; manche der am h.Tufigsten als Belege für die Erhabeii- 
hdi jüdischer Religion citierten Propheten — z. B. Arnos, Hosca — 



■) Man vcrgl, jcia namentÜcli das soeben erjcliitnene, S. LXX! gciianiitc Bu<lt 
von E Sdtrsticr, i. Hälfte von H. Winckkr neu birAibcitcl, S. aSt fg. Jedem, der t$ 
em« itietnt mii dn Ei^cünJung der flexidiunf;en Il^-Uchen. Jaii unil Babylon uod 
übkThJupl mit der Auf Uiuun^ in ikzug auf die wirkliche Gcsehidite laraeU und Judoi, 
lei di«iC5 Weilt als das unembehtlicliste und grün dl cr ende warm cinpfolilcn ; « ist 
ein wahres Denkmal deutsdiei Wissenschafiliuiikrlt, UnermCdlicIikcii, ScharTsinniglich 
md Freiheil — sowohl in dem Chisiorischen und geojjraphiscliml von Winckkr, ibie 
in dem von Zinmicrn bcarbeltcicn, die ReüfEion und die Sprache betreflfcndcD TcIL 
Hier Andet nun alle wünschen «werten Anj;aben über weitere XJiienituT. Es hat midi 
iMincntlich gefreut, besutlgt ^u linden, wus idt S. 421 fg- (besonders 436 fg.) aus- 
geflUirt hatte; da» n3mli<:h die Enistehung das eijtentlichvn Jittlentums ohne die Los- 
icissang vom Heiniitbodm nie hätte siatdindcn können : die ValelUnd^lcuiKkdt ist die 
Voiatusefning für eine soldie abnorme Ausgeburt priesterlicher Willliür. 

') Vcrgl. Grundiagm S. 4i4- 




LXXX 



Vorwort zur vienen Auflage. 



haben mitjudüa gamichts zu thun, und was die anderen anbelangt — 
einen Jesaia, einen Jcrcmia — so muss immer wieder daran erinnert wer- 
den, da.ss das eigentliche Judentum nach den Prophcien und gegen 
die Propheten gegründet wurde. Sic zu Ehren des Judentums anführen. 
ist ungefähr das selbe, als wollte ein Kanzelrcdner heute Ober Ernst 
Haeckel's iVcUrätsel predigen. Das aber gerade — dass das Alte Testa- 
ment so reich und überreich an fremdesten Elementen ist — macht, 
dass CS ist, was es ist. Wobei auch die eigenartige Zusammenwerfung 
von Rassen, aus denen Israeliten und Juden hervorgingen^ nicht über- 
sehen werden darf. Vieles in der Geschichte dieser beiden Volker ist 
eine beständige Empöning gegen den Semitismus, und zwar gilt dies 
namentlich für die Glanzzeit;'] und siegte auch dieser zuletzt — dank 
der Zerstörung Israel's und der babylonischen Unterstützung Juda's — 
so blieb doch in den heiligen Schriften dieser untergegangenen 
Völker alles durcheinander aufgespeichert. Die Minner, die nach der 
babylonischen Gefangenschaft das Judentum gründeten, haben alles 
geihan, was menschenmöglich war, um die Bibel zu verderben und 
unverständlich zu machen; doch die Geschichte hatte hier Göttliches 
gewoben, und dieses Göttliche schtmmen noch immer durch. — 
Wie der seniiiische Monotheismus auf das ganze geistige Leben eines 
Volkes verödend, es völlig auslöschend, wirkt, das ersehen wir aus 
der weiteren Geschichte Judüa's, — wie wir es später wieder einmal 
im Mohammedanisnius erlebten; in letzterem Falle noch vollständiger, 
weil hier ein reinerer Senntismus gestaltet, wogegen der Jude zum 
grösseren Teil Syrier ist und auch amoritisches Blut in den Adern 
hat. Vor allem aber: was den Juden davor bewahrte, bis auf das 
Niveau des Mohammedanismus hinabzusinken, war, dass er seine 
Thora hatte, seine Thora voller nicht-jüdischer Erinnerungen und nicht- 
monotheistischer VorsicDungcn. Sie konnte man der neuen Hierarchie 
in Jerusalem zuliebe biegen und brechen und verstümmeln und inter- 
polieren und verfälschen, so viel man wollte, das Wahre lässt sich 
nicht ganz ausrotten, '— es »zerschellt* weder an U noch an Jahve. 



') Ein un vertan i; lieh er 2.c\if!,e, Act rühmlichst bekannte jQdischv ÜrientdJsi James 
Darmcstctcr, bcccugi in seinem Sani in el werke l^t prophites d'lsrail, 1892, S. 27a: 
>I^ judaitmt (und hierunter versteht er du Propheten tu nti, w« eine ebenso beliebte 
wie willkörlichc Dcuturft ist) til ni liaiu ttti milieu iimiti^%it, mais il rit la r/aetion U 
pita ahsclue qu'il tMl fcssibU d'imoginir tontr4 h rtlipcn, Ift moeuri, Us tradiitont qui 
ripiaimt datis ce milifit*; Icuccrc haben bald gegen diese iRciktion« gesiegt und üc 
lÜT Immer unierdiQckt 



Vorwort rar vierten Auflage. 



Für uns liegt der unvergängliche Wert des Alten Tesuments 
darin, dass es sowohl gegen den Keomohammedanismus des Pro- 
fessor Delitzsch zeugi, wie gegen die Dogmen der Synagoge, 
die ins Chriscemum eindrangen und unsere Religion vom ersten 
Tage an vergifteten. Wir kennen nicht neue 'heilige Bücher« er 
6nden; das Buch aber, in dem unsere Altvordern gläubig nach 
Wahihcit suchten, dieses scllw Buch soll uns neue Wahrheit ver- 
künden. In der Religion wie in der Politik muss man Opportunist 
sein. Koch nie wurde ein lebcnsHihigcs Neues durch Zerstörung 
eines Alten erzielt, sondern immer nur durch seine Umgestaltung. 
Und den wahren Werl der vergleichenden babylonisch- biblischen 
Forschungen, abgesehen von dem Wissenschaft lieh- historischen — ich 
rede in diesem Augenblick nur von dem Wert für die Religion — 
haben wir darin zu erblicken, dass sie nach und nach uns lehren, 
das Alle Testament richtiger und besser und freier zu lesen. Dadurch 
wird ein Heues, eine wahre Erlösung der Religion vorbereitet. Unser 
Auge wird geöffnet, der Horizont erweitert sich. Weil entfernt, dass 
dieses grossartige Buch dadurch verlieren könnte, wird es — dessen 
bin ich überzeugt — ganz ungeheuer gewinnen. Dieses einzige 
Kunstwerk hat nichts von Vergleichen zu fürchten; nie werden wir 
seinesgleichen finden; die Natur bringt ein solches nicht zweimal 
hervor. Die Bibel selbst aber lernen wir jetzt erst richtig verstehen. 
Auch hier wieder kann uns Professor Delitzsch zu einer klaren Er- 
kenntnis verhelfen, denn auch hier hat er es verstanden, mit matlie- 
malischer Genauigkeit das Gegenteil von dem zu sagen, was zu sagen 
war. Er meint nämlich (S. 44), indem die Forschung uns zeige, dass 
manches in der Bibel auf fremde Einflüsse zurückzuführen sei, würden 
wir dazu gelangen, die >rein menschlichen Vorstellungen auszuscheiden«, 
und dadurch werde idie wahre Religion .... nur um so wahrere 
werden. Ein schönes Vorhaben: das Reinmenschliche aus der Religion 
ausscheiden ! Das ist ja die ganz genaue Wiederholung des Programms, 
mit dem Hesekiel, £sra und die ganze Schar fanaiisierier PfaÄ^en und 
2eloten ans Werk ging. Was sie begonnen und so traung weit 
geführt haben, das sollen wir jetzt noch vollenden, und die >rein 
menschlichen Vorstellungen«, die in dem Ahen Testament wie durch 
rio Wunder erhalten sind, ausscheiden? Man sieht, wie Recht ich 
mit der Behauptung hatte, dass man uns auf diesem Wege schnur- 
stracks zum Mohammedanismus in neuer Auflage führen will. Wir 
aber wollen es genau umgekehrt machen. Dass die Religion, an der 




LXXXII 



Vorwort zur vierten Auflage. 



die unsere — und sei es noch so iusserlich — anknüpl^, eine historisch 
»gcwordenec ist, bringt sie uns näher; der jüdische Priesterhochmut 
mng unter dieser Aufdeckung der Wahrheit leiden, nicht aber der 
Wert der isriclirischcn Bücher; und die Entdeckung, dass es so viel 
Rcinmenschliches im Aken Testament gicbt, so viel mehr, als wir je 
vermutet hatten, so ganz anders Gestalictes und zu Deutendes, als 
die Blindheit von Jahrhunderten uns harte ahnen laKKen — das macht 
uns das Buch hundertmal teurer, als es je zuvor uns war. Vers für 
Vers und Kapitel für Kapitel haben jene schauderhaften priesterlichen 
Redaktoren, und nach den Redaktoren die jüdischen Schriftausleger, 
und nach diesen die Generationen unserer chriitlichen Theologen 
das Alte Testament unzugänglich gemacht, verunstaltet, in sein Gegen- 
teil vcrkchn. Jetzt kam die babylonische Forschung, an der Professor 
Delitzsch — denn wir wollen ihm, was ihm zukommt, nicht vorenthalten 
— so glänzenden Anteil hat, und durch sie fallen uns die Schuppen 
von den Augen und wir lernen einsehen, däss dieses Buch noch weit 
mehr »fremdeste Blemente< enthält, als selbst Goethe es sich träumen 
Uess, darunter viel >Rcinmenschliche&< und lUnscmiüsches«. 

Ich mochte dem Leser ein einziges Beispiel geben, denn es 
handelt sich um gar wichtige Dinge, und wir dürfen auf einige Seiten 
Papier mehr oder weniger nicht sehen. 

Ich mache meine Bibel auf und lese als ersten Vers des ersten 
Kapitels: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.» Nun weiss 
natürlich jeder sprachlich gebildete Theologe seit jeher, dass kein ein- 
ziges Wort von dem allen im Text steht. Es steht nicht »im Anfangt, 
CS sieht nicht »schuft, es steht nicht »Gottt, es steht nicht (wenig- 
stens nicht in unserem Sinne) >Hinimel und Erdec. Welcher Laie 
ahnt das aber? Man darf sagen, kein Dogma steht fester im Hirne 
jedes Gläubigen als das der Erschaffung der Welt aus Nichts, der 
sog. crtatio ex itihih. In mehreren Flugschriften, die gegen Delitzsch's 
Bahil und Bibtl von streng kirchlicher Seiie erschienen sind, finde ich 
hervorgehoben, wie gross der Unterschied sei zwischen dem babyloni- 
schen Mythos, wo Gott aus dem Urmeer das obere Wasser (die Atmo- 
sphäre) und das Land ausscheidet, und dem Bericht des Alten Testaments, 
wo >der Schöpfergott, streng monotheistisch gedacht, durch sein All- 
machtswort Himmel und Erde ins Dasein ruft* u. s. w. >Dasf , schreibt 
der eine Verfasser, isagt uns das erste Blatt der Bibel.»') Ja, uns 



') Professor Dr. S. Ontli: Dtr Kampf yn Bibet und BaM, S. 9 u. 17. 



Vorwort zur vierten 



läge. 



LXXXin 



sage es dasi doch nur, weil die Excgctik der jüdischen Priester — 
dieser unvergleichlichsten Tcxtvcrdrchcr, die es je gab — es so gewollt 
bat. nur, weil das enge, völlig materialistische, zu keiner Spekulation 
fShigc semitische Hirn es sich so dachte und sich einbildete, mit dem 
augenfälligen Widersinn einer Entstehung der Materie aus Nichts etwas 
gesagt, ja die Existenz der Welt icrklän* zu haben; und nur weil die 
christlichen Doktoren diese Interpretation als eine geheiligte überkamen 
und weiter darauf bauten. Gerade hier aber, in der üblichen Deutung 
dieser ersten Worte der Genesis, wurzelt jene Thaisache, die Renan zu 
gestehen zwingt: >semitischer Monotheismus ist der geborene Gegner 
aller echten Wissenschaft <, und die Kant erklären lässt: »Ihr müsst 
zwischen jahve, dem deus ex machina, und Gott, dem detis ex anima, 
wählen, fßr beide ist nebeneinander nicht Flatzi ; hier wurzelt also 
der nie beizulegende Widerstreit zwischen unserer Religion und unserer 
Weltanschauung. Und doch mit Unrecht; denn der Text dieses 
Buches, das wir gewohnt sind, ein »heiliges« zu nennen, sagt das 
nicht und weiss nichts von der semitischen Erfindung einer creaU'o ex 
nikilo. Und da frage ich einen frommen BuchstabcngUubigen — ich 
selber bin keiner, ich verehre aber, die es sind, und traue ihnen keine 
logcnhafic Sophisiik in ihrer Beantwortung zu — ich frage: soll ich 
vorauäsctzcn, dass der Heilige Geist nicht gcwusst hat, was er sagen 
wollte? und dass jüdische Schriftdeuter aus der nachexilischen Zeit 
es besser verstanden haben? so dass ich diesen mehr glauben soll 
als Jenem? 

Was steht nun in Wirklichkeit geschrieben? Es ist nicht ganz 
leicht, es genau wiederzugeben, weil der verschiedene Geist der 
Sprachen dies fast unmöglich macht; man kann aber leicht bestimmen, 
was nicht gesagt ist. 

Zunächst steht nicht >im Anfang«; man kann sich in jedem 
ausführlichen wLssenschaftlichcn Kommentar davon überzeugen. Was 
wir »im Anfang« nennen, also als Bezeichnung eines Uranfänglichen, 
wird hebräiNch durch ein ganz anderes Wort ausgedrückt. Das Wort 
hen'iUh bedeutet > in der Anfangszeit«, »damals als«, »zuerst«; es wäre 
z. B. in einem Mülrchen anwendbar, wenn von Grossvaier und Gross- 
mutter die Rtde ist. Es setzt geradezu eine vorangehende Zeit voraus. 
— Das zweite Wort, barä, hat niemals den Sinn »schaffen« getragen. 
Es heisst (in den verschiedenen anderen semitischen Sprachen ebenso 
wie im Hebräischen) »auseinanderlegen«, »auswickeln«, »ausscheiden«, 
»loslösen*; so z. B. wenn man einen chemischen Stoff in seine cte- 




\ 



LXXXIV 



Vorwon zur vierten Auflage, 



mentaren Bestandteile >zerlegt<. Nirgendwo dai ich ein einzelnes 
Wort, das den Sinn genau wiedergegeben hltte, und kein Gelehrter 
konnte mir dazu verhelfen ; doch das Gesagte genügt zu einer annähernd 
präzisen Vorstellung vom Begriffskreis des Wortes /»jrii und zeigt, dass ge- 
rade so wie bereifth eine vorhandene Zeit, barä ein vorhandenes Etwas 
voraussclrt. — Das dritte Wort ist nicht Gott, weder als ei noch als 
Jahvc, sondern eine Mehrzahlbüdung von häufiger Anwendung und 
ganz zweifelloser Bedeutung: elöklm die Dämonen. Dass die späteren 
Juden gemeint haben, überall, wo in ihrer Heiligen Schrift »die 
Dämonen« stehe, müsse Gott verstanden werden, ist anerkennens- 
wert; es ist aber unvcrantwonlich, dass wir Ungcichnc nie im 
Leben erfahren, im ersten Vers der Bibel stehe nicht »Gottc — der 
monotheistische Gedanke — sondern »die Dämonen« (im eigent- 
lichen Sinne »die Schrecknisse«). — »Himmel und Erdet ist insofern 
auch durchaus falsch übersetzt, als wir uns unter »Erde< unseren 
Planeten denken, wogegen das licbriische erez das »Lande heisst, das 
feste, trockene Erdreich im Gegensatz zum Wasser und zur Atmo- 
sphäre; und samäyfm bedeutet nicht »HimmeU im Sinne des Sternen- 
himmels (die folgenden Verse würden ja allein genügen, dies darzu- 
ihun), sondern das als eine Art Kuppel auf die Erde aufgesetzt ge- 
dachte »Luftreich*,'} — Und noch einen letzten Fehler weist unsere 
Übersetzung auf, einen zwar kleinen, doch nicht geringfügigen: wir 
setzen nämlich nach den Wonen »Am Anfang schuf Gott Himmel 
und Erde« einen Punkt, als wäre der Satz fertig, als wäre die erste 
und wichtigste Schöpfungsthat vollendet, obwohl das ganze Folgende 
uns bitte zeigen sollen, welche Gewalt dem Sinne hierdurch geschieht 
In Wirklichkeit ist dieser Satz nur gleichsam ein Titel, eine Vor\'cr- 
kündigung dessen, wovon in) Folgenden die Rede sein soll, wie wir 
das auch sonst in naiven Erzählungen häufig 6nden. Also etwa: 
»Als zu Beginn die Dämonen das Erdreich und das Luftreich aus- 
schieden» [nämlich aus dem »Urmccr« ausschieden, wie gleich darauf 
erkiän wird) .... da geschah folgendes; und nun setzt die Erzäh- 
lung ein und meldet, wie zunächst die Finsternis, die auf dem >Ur- 
mecr» oder Chaos lag — also auf dem schon vorhandenen, nur noch 
nicht auseinanderge wickelten Stoff — durch Licht aufgehellt wurde, 



■} Ahnlich heisst es in der Vtliapä. dein ersten Liede der dlieren Edda, es habe 
dnst ein Zciuhcr gegeben, wo: 

Mkht Erde £uid uch noch übcrbimrocL 




Vorwon txu vierten Auftage. 



IXXXV 



und sodann jene angekündigte Ausscheidung der »Fcstec zwischen 
den oberen und unteren Wassern (nämlich des Luüreiches), und so- 
dann der zweiten Feste (nämlich des trockenen Erdreiches) — beides 
aus dem Urwasser, in welchem sie potentiell (d. h. der Möglichkeit 
nach) schon enthalten {gewesen waren — durch Zerlegen und Aus* 
einanderbreiien stattfand. 

Das ist der wirkliche und genaue Sinn dos ersten Verses der 
Genesis. Warum soll ich ihn den Rabbinern und den alten ignoranten 
Kirchenvätern zuliebe Wort für Wort zu etwas Anderem umdeuten ? 
Dass wir aber jetzt im Stande sind und nach und nach immer voll- 
ständiger in den Stand gesetzt werden, das Alte Testament richtig 
zu verstehen, es rein menschlich und nicht mehr bloss als kQnstlich- 
hierarchische Geschichtskonstruktion zu Ehren des jahvevölkchens auf- 
rafissen, das verdanken wir in erster Reihe den Arbeiten derGeschichts- 
und Sprachforscher. Das Alte Testament steckt voller Mjihen; fast 
jedes Wort der ersten Verse der Genesis deutet auf eine mythische 
Vorstellung; das Meiste lernen wir aber jetzt erst verstehen ; denn der 
Jude selber hatte gar kein Interesse für das Mythische und Meta- 
pbystKhe {siehe Grundtagen S. 398 fg.). so dass diese Dinge gleichsam 
gegen seinen Willen und ohne sein Wissen hineingekommen sind. Es 
ist alles fremdes Gut. Und doch ist es wahrscheinlich, dass wir die 
Schöpfungscrzählung, die Sinlflutgeschichte und andere Mjthen hierin 
rdoerer Gestalt vorfinden als in den bisher bekannten babylonischen 
Fragmenten und zwar aus einem sehr einfachen Grunde. Alles .spricht 
nimlich dafür, dass die Überlieferung, die hier zu Grunde liegt, eine 
uralte ist. die Israel (nicht Judal) in Kanaan kennen lernte, ausserdem 
mögen wohl einige Züge aus einer frühesten Berührung der Hebräer 
mit Babylonien herdatieren. 2I.10 aus der Zeit Hammurabi's; ') was wir 
dagegen aus Babylonien besitzen — so z. B. die \'ielgenannte Sint- 
fluterzühlung, auf die auch Delitzsch sieb beruft (und die er S. )i 
abbildet) — datiert erst von Assurbanipal (Sardanapal). circa um lS;o 
vor Christo, ist also nur wenige Jahre älter als die babyionische Ce- 
fiingenschaft, und vielleicht 2000 Jahre oder mehr jünger als die 
Überlieferung, die — wenn auch noch so verunstaltet — im Alten 
Testament aufbewahrt ist. Das darf man beim Vergleich ja nicht 
übersehen, denn nicht zum geringsten Teil wird darin die grössere 



<) VergL mmnillich Giinlielt Gntiäi ähtrttM und trilärt, 1901, S. XLI 
und iit. 





txxxvi 



Vorwort zur vierten Auflage. 



Schlichtheit und Reinheit der bibliscbeo Züge begründet liegen. Wir 
dürfen nämlich bestimmt hofTcn, je weiter wir zurückgehen, um so 
näher jenem nicht-semitischen Ursprung aller uns als >b3l>y- 
lonisch« überlieferten Mythen zu treten, und nichts ist so geeignet 
wie das Alie Testament — jetzt, wo wir es verstehen lernen — , 
uns diesem Ziele cnigcgenzuführcn. Denn die Thatsache, dass die 
jüdischen Pricsier für das Mythische nicht das geringste Verständnis 
besassen, macht, dass sie es zwar vielfach verstümmelten und möglichst 
ausschieden , die uralten Vclkstraditioncn aber nicht um- und aus- 
bauten, wie das die gelehrte babylonische Hierarchie im Laufe ihrer 
vicluuscndjihrigen Herrschaft gewiss tliat, — und Ictziercs ist es, 
was bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet, wogegen wir in Genesis I 
und II fast Woii für Wort auf uralte Vorstellungen nicht-semitischer 
Völker zurückgeführt werden. 

Goethe warnt uns: >einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher 
als ein alter Irriumc, und dazu kommt in diesem Fille der Umstand 
hinzu, dass — abgesehen von dem enormen Prozentsatz an Rassen- 
juden — ein grosser Teil unserer Seiniiisten und Assyriologtn und 
wohl alle unsere wissenschaftlichen Bibelforscher Theologen sind; 
man weiss ja, wie schwer es ist, die Tonsur völlig zuwachsen zu 
lassen, als wäre sie nie gewesen; selbst bei unseren freisinnigsten 
Exegeten trifft man Schritt für Schriti auf priesterliche Anschauungen 
und Voraussetzungen. Doch Tag muss es werden; gerade die Liebe 
und die hohe Wertschätzung der Bibel, die wir geerbt und mit der 
Muttermilch eingesogen haben, wird uns veranlassen, mit Begeisterung 
die OlTenbarung der völlig neuen Bedeutung des Alten Testaments 
aufzufassen, und dadurch wird von heute auf morgen eine grosse 
Umwälzung suttfinden: eine Bcfrciuung vom jüdischen Priestergesetz 
und seinem sterilen , Wissenschaft und Philosophie lahmlegenden 
Goitcsbegriff durch die Bibel. Zwar werden wir nach wie vor uns 
hüten, mit Delitzsch im Alten Testament die Grundlagen unserer 
Weltanschauung zu suchen; doch wird kein vemünftig denkender 
Mensch es unierschJtiten, wenn die Aussicht sich eröffnet, für die Re- 
ligion unserer Väter eine neue, weitherzigere, naturverwandte Grund- 
lage zu gewinnen, eine Grundlage, die es uns endlich gestattet, zu 
einer wirklich harmonischen Weltanschauung zu gelangen, in der 
Wissen und Glauben eine Einheit bilden. 

Ich habe in meinen Grundlagen die Religion der Juden als einen 
abstrakten Materialismus und ihren Jakve als einen ins Gedankliche 



Vorwon zur yierten Auflage. 



übertragenen Götzen nachgewiesen.') Manche gliubige Seele hat 
darui Anstoss genommen. Doch nun Icommi ein römiscb-kiiholi scher 
Priester, der Abbi Hubert, Professor d«r Philosophie und bis vor 
Kurzem Direktor des CoUige Ftnelon in Paris, und schreibt einen 
Aafsatz, betitele ^La demiire Jdok<, der letzte Götze;') uod -"^-cr ist 
dieser Götze? Jahve. Diese Erkenntnis nimmt sich sogar viel härter 
bei dem Geistheben aus als bei mir Wehkind; denn er crin nicht 
Ton aussen, nicht vom weltgeschichtlichen Standpunkt heran, und 
kann also nicht entwirren, dass dieser uns aufgezwungene semitische 
Monotheismus ein unserem Geiste völlig Fremdes ist, sondern er geht 
von innen, von der christlichen Kirchcnlehrc aus und weist mit un- 
erbiiiiichcr Logik nach, dass der Gott, der hier gelehrt wird, >ein 
anthropomorphischcr Göizc« ist. Und wenn der gclchnc Abbit ver- 
langt, dass wir fon.in — stan dieses unerträglich engen Goiics- 
begriffes — »das Göiilichct (U Divin aa lieu de Ditu) lehren, so ist 
hier wiederum sein Horizont leider kirchlich eingeengt, was ihn als 
einen revolutionären Zerstörer erscheinen lässt, wogegen ein allgemein- 
geschichtlicher Überblick, wie ich ihn in diesem Buche versucht habe, 
ihm gezeigt hätte, dass das, was er will, nicht eine spitzfindige Untet^ 
Scheidung zwischen Ditu und U Divin ist, sondern einfach unser arischer 
Monotheismus im Gegensatz zum semitischen und besonders zum jüdi- 
schen Monoiheismus- 

Der Leser dieses Buches weiss, dass wir zwischen einem Mono- 
theismus aus Reichtum des Gemtues und einem Monotheismus aus 
Armut des Gemütes zu unterscheiden haben. Oberfl Seh lieh betrachtet, 
sehen die zwei Dinge ähnlich aus, sie sind aber gänzlich verschieden. 
Die erhabenste Verkörperung des erstercn war bisher die Vorstellung 
des Brahraan, die reinste Verkörperung des letzteren der Allah des 
Mohammed. Niemand wird Mohammed und seinem Gottesbegriff 
Grösse absprechen; Jeder, der ein wenig die Geschichte Arabiens 
Studien, wird gestehen müssen, dass der Prophet durch ein Wunder 
der Willcnsgewalt diesen unvcrbesseriichen Götzen- und Fetischanbetcm 
jenes Minimum an reiner Religiosität geschenkt hat, das sie fähig 
waren aufzunehmen. Der Semit hat eben wenig Untcrschcidungsgabc, 
er fliegt immer aus einem Extrem ins andere; ist Goit nicht eine 
mathematische Eins, eine an einem bestimmten On lokalisienc Person 
(izu Salem m sein Gezelt und seine Wohnung zu Zionc), so sind 

*) Sicht S. ajo Tg., 2i\ un<j Atn Exkurs S. S91 fg.; vcr^. «ich S. 9)1. 
*) Rtvtu dt hHupkjä^iu tt dl Morait, JitUlit 190a. 

VI 




rxxxvni 



Vorwort zur vitrteo Auflage. 



gleich wieder die Dämonen da, die EJöhim. Wogegen man mit 
Bestimmtlieit behaupten kann, dass es zu allen Zeiten die Neigung — 
oder wenn man will, der Instinkt — aller Indogermanen war, die 
reiche Weit des überall und in den verschiedensten Formen empfun- 
denen Göttlichen auf ein Einheitliches zurückxuführcn und als ein Ein- 
ziges aufzufassen. Hier liegt aber ein so viel feineres Gedank enge webe 
zu Grunde als im semitischen Hirn, dass der Eine Gott nur aus den 
vielen Göttern — das hcisst also organisch — aufgebaut werden 
kann, wogegen jene Reduzierung aller Götter auf einen einzigen Gott 
durch Ausscheidung der übrigen, wie sie im Alien Testament und 
bei Mohammed durchgeführt wird, für dieses höhere Denken gar 
keinen Sinn besitzt, da — wie unser Kant uns viel später lehne, 
wonach wir aber von jeher gedacht und empfunden haben — Zahlen 
nur auf sinntivhe, nicht auf übersinnliche Dinge gehen, und auch die 
Einheit nicht >zum Maasset Gottes genommen werden kann.') In 
der bekannten Allegorie des Timäos lisst Plato alle Götter im >Vaterc 
(nariip) als Einheit aufgehen (57 C); das ist der > Allvaierc der Germanen 
und mag als Hilfsvorsicllung für das, was hier gemeint in. dienen. 
Es ist das Eine Göttliche, das sich im Kosmos in tausenderlei Gestalten 
offenbart — nicht der Gott, der politische Voraussagen Propheten ins 
Ohr flüstert; es ist das Göttliche, dessen Gerechtigkeit in der Ewigkeil 
seiner Naturgesetze eingeschlossen Hegt — nicht der historisch ihätige 
Gott, der dem einen Volk schenkt, was das andere erarbeitet hat; 
CS Ist der unerforschbare Gott, von dem man ausschliesslich in Gleich- 
nissen reden kann ~- nicht der Gott, den es verboten ist >in irgend 
einem Gleichnisc zu verehren. Der semitische«/, der Jahve der Juden, 
ist der Gott von phantasiearmen Naturblinden, wir dagegen sind 
naturirunkenc Schöpfer, und um uns von der Alleinheit des Gött- 
lichen zu tiberzeugen, müssen unsere Augen und unser Sinn es auf 
allen Wegen, die sich vor uns aufthun, suchen, es in allen Gestalten 
erfassen und es denkend und bildend verherrlichen. Der semitische 
Monotheismus ist die Lehre von der Einzclhafiigkeit Gottes; der 
indogermanische Monotheismus ist die Lehre von der erst aus der 
Mannigfaltigkeit sich ergebenden Einheit, von dem Eingeschlossen- 
sein des Alts und aller Zeitenfolgen in dem räum- und zeitlosen actus 
purui der Gottheit (wie Duns Scotus sich ausdrückt), die Lehre von 
der uttitiu inneffabiltJ. 



■) Vagi. Brief aa Jolunn Scbulu vom aj. Nov. 178S. 




Vorwon nir vienen Auflage. 



Lxxxrx 



I 



Wie man siebt, der katholische Priester ucd der protestantische 
Laie — wir suchen beide das selbe: Befreiung aus dem religiösen 
Semitismus, Erlösung zu unserer eigenen Religion. Doch hat mich 
mein würdiger Mitstreiter in einem Punkte nicht befriedigt: er spricht 
TOD Gott und nennt Christus nicbL Magis m>bis manifestalur de Dto 
gtdd mm est quam quid at, klarer ist es uns, was Gott nicht ist, 
ab was er ist — diese Worte des Thomas von Aquin ciricrt Hibcn; 
ja, wenn nicht Christus gewesen wäre! Auch hier aber findet jenes 
»Umspinnen der Fluglcin« statt, von dem Goethe uns sprach und 
das wir dann in DcUtzsch's Babel und Bibel so genau kennen lernten. 
OirisTus wird uns ganz sachte geraubt. Nachdem Hamniurabi uns 
den allein scligmachendcn semitischen Monotheismus gelchn hat, 
kommen die »gewaltigen Männer«, die Propheten, und die »gott- 
begnadeten Sängen, die Psalnmien, und sie »leiten über zu Jesu Pre- 
digt« — so versichert uns Delitzsch, den ich nur darum noch ein 
leutes Mal citicre, weil seine Broschüre vor mir liegt. Auch Mo- 
hammed spricht ähnlich von Christus; er ist ihm ein Prophet unter 
Propheten (siehe z. B. die 42. Sure des Koran]. Das ist aber ebenso 
falsch wie semitisch gedacht. Denn erstens war Christus kein Jude; 
das lässt sich ohne jede Möglichkeit einer Gegenrede historisch nach- 
weisen, und wer den historischen Standpunkt nicht anerkennt und 
die GeschlechKtafcIn aus Maiihäus und Lukas für authentisch hält, 
kommt auch nicht weiter, da diese auf Joseph führen, der ja für den 
Gläubigen nicht der Vater Christi ist. Zweitens aber, die ganze Be- 
deutung Christi liegt darin, dass in ihm das Göttliche Mensch wurde; 
and zu Gott können nicht Menschen > hinttberleiten «, am aller- 
wenigsten solche sehr menschliche Menschen wie David und die 
Propheten. Christus steht ausserhalb aller Geschichte, weil Gott 
ausserhalb aller Zeit steht Es ist eine Blasphemie, ihn mit gekrönten 
Ehebrechern und Mördern und mit jenen politischen und prie^ter- 
lichen Agitatoren auf eine Linie zu stellen, über die wir aus den 
babylonischen Forschungen so Eingehendes und AufkUrendes zu er- 
fahren beginnen.') Und was die angebliche lunlösbare Verknüpfung« 
des Neuen mit dem Ahcn Testament anbciangi, so verweise ich auf 
Paul de Lagardc, den Delitzsch so erfolgreich als phantasie vollen 
Philologen sich nutzbar ge'macht bat, der aber in einer ernsteren 




*) VcntL Wincklcr am tulctxt anKcßhnco Ort S. 171 fg. und Dit ^UHsche Efil- 
uiii^mtg BaiiyloKem md Aisyntm, 1^1, S. 17 fg.; luch Gruad!agtii. S. 101^ %. 

VI- 



xc 



Vorwort zur vierten Auflage. 



Sniude, Dämlich in seincin herrUcben Aufsatz Ober das Verhältnis des 
deutschen SlaaUs zu TheohgU, Kirche und Religion, ein Versuch NUht- 
The&logtn zu orientieren, diese geschichtliche Auffassung kurzweg als 
»Fetischismus c bezeichnet. Also neben dem Götzen den Fetisch! 

Findet also dort — beim Alten Testament — die Befreiung aus 
dem Scniiiismus dadurch statt, dass wir immer mehr geschichtlich 
aufgekMri werden und in Folge dessen jenes Buch immer grösser 
und freier und reinmenschltcher aufzufassen lernen; so befreien wir 
uns hier — beim Neuen Testament — indem wir die historische 
Verknüpfung auf das verschwindend geringfügige Maass ihres wahren 
Wertes herabsetzen und die ganze Bedeutung des Evangeliums einzig 
in der Erscheinung des GöitUcben auf Erden erkennen lernen. >A]Le 
das Gewissen belästigenden Religioassitze kommen uns von der Ge* 
schichte«, sagt Kam;') nicht das mythische Dogma drückt wie ein 
totes Gewicht, im Gegenteil, es wiegt federleicht, — sondern das 
historische Dogma ist es, welches wahre Religion zerstört. »Geschicht- 
liche Religion« ist eine coniradictio in aäjtcio. 

Christus ist Gott: schon dieser Glaubenssatz der Kirchen sollte 
zeigen, dass f&r den jüdischen geschichtlichen Jahveglauben bei uns 
kein Platz ist. Doch wirklich verständlich und unmittelbar einleuch- 
tend — rcinmenscliUch und unpricstcrhaft — wird dieses Dogma erst 
werden, wenn wir gelernt haben, es umgekehn zu fassen: Goii 
ist Chri.stus. Denn von Gott giebt selbst ein Thomas von Aquin zu, 
wir wüssten nicht f»ü/ uJ; sage ich also »Christus ist Gott«, so 
habe ich in Wirklichkeit wenig gesagt, denn ich habe das Bekannte 
durch Unbekanntes erUuiem wollen. tU est bien plus di/ficile de parier 
de Ditu que de l'hommei, sagt Friedrich der Grosse. Wir besitzen kein 
Organ, um Transscendcnics zu erfassen; das Menschliche dagegen, 
das können wir uns aneignen. Nun ist aber Gott Mensch geworden; 
wir wissen also jetzt ^t4id est.') Nur der Rationalist weiss es nicht; 
nur der im semitischen Wahngedanken an den Weltschopfer Jahve 
Befangene quält sich unter tausend Widersprüchen und kann nie sein 
Denken und sein Glauben zur Übereinstimmung bringen — es sei 
denn durch Gewalt und innere Lüge. Der Germane aber, der aus 
jenem Alp erwachte, besitzt jetzt den Mythos und besitzt auch die 
Erfahrung — den Mythos von der Katur und dem göttlichen Wclt- 



•) Briefe i, jaj. 

•) VcTgl. Goethe') Auufifucb, angefiUm S. 940, Amo. t. 



Vorwort zur vierten Auflage. 



xa 



bamaeister, die Erfährung von Gott und dem Menschen;*) Gon als 
Mannigfaltigkeit und Gott als Einheit; mit anderen Worten, er besitzt 
das Zeitliche sub ipeae aelentitalis und das Ewige sub spedt oetulorum; 
beide reichen sich die Hnod und bilden zusammen eine echte Religion, 
wie sie sein Herz begehrt und sein Geist erforden. 



Koch Ober einen vierten and letzten Punkt hatte ich versprochen, 
in diesem Vorwort einige erläuternde Betnerkungen zu bringen : nämlich 
über die Berechtigung einer Unterscheidung zwischen >rümisch( und 
»kaihotischc. Hier kann ich mich sehr kurz fassen, denn ich habe 
vor einigen Monaten einen Aufsau über das Thema iKathoIische 
Uaiversitätcn« veröfTentlicht, in welchem ich die Berechtigung der 
betretenden Unterscheidung eingehend darthat; ich kann also meine 
Leser darauf vcrft'cisen.*) Zwar betrifft der Aufsatz die Gegenwart 
und nicht, wie dieses Buch, die Vergangenheit, und er behandelt 
eigentlich nur die Frage des Unterrichtes und der Wissenschaft; doch 
die politische Frage w^re, dicht' ich, im Buche selbst genügend er- 
fincrt, und ausserdem ist die römische Kirche ein so einheitliches, 
unerbittlich togisches Gebilde, dass man nur die Augen aufzumachen 
braucht, um auf allen Gebieten ein und das selbe Wesen und Walten 
deutlich zu erkennen. 

Nun haben mir aber hochachtbare Männer sowohl auf die Dar- 
stetlting in diesem Buchc^ wie auch auf die Ausfcihningen in dem 
genannten Aufsatz enigegengehalien, die Unterscheidung zwischen 
«katholische und »rAmisch« sei völlig unzulässig, ^e entbehre jedes 
thatsächlict>en Bodens. Und da die Kritiker aus fenem Lager mich 
troti meiner so unverhohlenen Gegnerschaft stets loyal und sogar 
mit einer gewissen Sympathie — nicht für meine Meinungen, do^ 
ftlr meine Person — behandelt haben, so sah ich mich umsomehr 
»eraolasst, neuerdings Umschau und Einschau zu halten, ob mein 
Urteil wirklich aus der Luft gegriffen, aus Vorurteil und Missver- 
scändtiis entwachsen sei; wieder einmal habe ich Vergangenheit und 
Gegenwart befragt und habe jede Gelegenheit benützt, um mit Katho- 
Ukeo über diese Dinge zu reden, und ich kann nur wiederholen: die 




*) Über die Bcrichungcn iwischcn Mythos und Erfahnuig, vogj. S 9S0 ^. 
*) All Bagschtift im Verlag iCKe FackcU, Wi«n (ja Kwnnüssion b«i Otto Maier, 
taprig), 190a. 



XO! 



Vorwort zur vierten Auflage. 



Unterscheidung besteht seit jeher zu Recht und sie besteht beute 
mehr denn je. 

Wer sie in klassischer Gestalt kennen lernen will, braucht nur 
den unsterblichen Pascal zu Rate zu eichen, ilicsen nicht bloss innig 
religiösen, sondern durch und durch kaiholtschcn Mann, der alle 
Dogmen der Kirche gläubig annahm und seine ganze hohe Wissen- 
schaft zwang, vor jedem trivialen »Wunder« ru kapitulieren, sobald 
nur die Auiorilli der Kirche sich dafür ausgesprochen hatte, denn: 
Bf'crt le coeur ^ui sent Dieu, ä tum la raison^. Und doch sagt dieser 
Mann: >ilya dttix Jlfaux äe lavMtU, zwei Zerstörer giebt es, welche 
die Wahrheit heimsuchen. — tl'hquisition et ia Soditit, die Inquisition 
und die Jesuiten ; und als Rom seine Ldtres provindales verurtcihc, 
rief er aus: >Bcsser ist's Gott gehorchen, als den Menschen. Ad tuum, 
Domint Jesu, tribtwat apptlloU Derselbe Mann sagt das, der sich zu 
der Cbcrzeugung bekennt; iL'histoirt de l'i^lise äoit ftre proprtmeat 
apptUt l'histoire dt laviriti.*^) Ich meine die Unterscheidung zwischen 
»katholische und >römisch* liegt hier handgreiflich vor Augen. Ich 
habe sie bei fast jedem Katholiken, den ich kenne, gefunden, und 
könnte das an Dutzenden von Beispielen ausführen, wenn hier der Platz 
dazu wäre. Nirgends klafft ein so gewaltiger Riss wie hier zwischen 
Theorie und Praxis, zwischen den Glaubenssätzen, die die Kurie auf- 
zwingen möchte, und dem, was die katholischen Völker in Wirklichkeit 
glauben, sowie auch zwischen der Politik, die Rom verfolgt, und 
der Politik, welche von der Mehrzahl der Katholiken gebilligt wird. 
Wir sahen es ja vorhin bei jenem gelehrten Abb6, der ein Katholik 
und ein Priester ist und dennoch sehr unrömische Religionssätze ver- 
ficht. Noch auffallender tritt es aber im praktischen Leben zu Tage, 
wie z. B. wenn wir hohe katholische Prälaten den deutschen Kaiser 
mit Reden empfangen hören. Überschwenglich an nationaler Gesinnung 
und Königstreue — wie in diesem Jahre in Aachen — und nun in 
dem katholischen Staatslexikon nachschlagen und sehen, dass diese 
selben Prälaten sämtliche Grundlagen eines geordneten Staatswesens 
— theoretisch wenigstens — preisgeben ; dass sie z. B. ausdrücklich 
lehren, der Papst dürfe Fürsten, Könige und Kaiser aus eigener Macht- 
vollkommenheit absetzen, sobald >die Beschiitzung der Kirche diesen 
Scbrin erfordert«,*) und er dQrfc lin gewissen Fällen Unicrthanen 

•) PmUtt IX, 19. XXIV, 62 und 3«. 

*) Mu ver^L Jie l. Aufl. des von der Görres-GefellKbaTt licraüig«gcbeii<n 
SiaatHaxikoiu. Buid IV, Anikd «Papst«, vom Stij'tjptilaicii Dr. A. Bdlcsbcim. Wer 



Vorwon zur vierten Auflage. 



xan 



vom Eid der Treue entbinden« (wie es ja schon öfters feierlich ge- 
schah)') . . . Und wissen wir nit:ht, di^s diese Männer gute Deutsche 
und Patrioten sind? Sollen wir den Worten, die sie in feierlicher 
Stunde an den Kaiser richten, misstraucn? Und müssen wir nicht folg- 
lich schlicsscn, dass die Grenzscheide zwischen »katholische und 
»römische mitten durch ihre eigene Seele geht? Neulich höncn wir 
einen deutschen Bischof vor französischen Zuhörern versichern: die 
Katholiken kennten keine Landesgrenzcn, sondern seien alle in gleicher 
Weise gehorsame Söhne des Heiligen Vaters in Rom; ane um so 
auffallendere Behauptung, als ungefähr vierzehn Tage früher ein 
französischer Bischof fast an der selben Stelle zum Revanchekrieg 
angefeuert haue. Auch hier sehen wir, wie deutlich die >katholiscbec 
Religion von der »römischen« Lehre und Politik sich scheidet. 

Ich behaupte nun, diese Unterscheidung ist nicht bloss theoretisch 
zulässig, da sie in den Gemütern vieler Millionen von Katholiken 
thatsäcblich — und wenn auch vielfach unbewusst — vorhanden 



die gewundenen diaiek tischen Wege röintscher Logik kennt, wird tich nicht wun- 
dem« diu der hochwürdige GckhiR du nicht >o direki iiU!>spH>:hi, londcm die vcr> 
tiihiedtfnen >lh«artcn' der Kirchen Jokiorcn vartrift'i ^^^ 't*^^ ^'^^^ ""^ ■"■ letzten 
Grunde darauf hinausbufcn, dass der Papst Gewalt bbi-r die Fürsten besitze. «Zwai 
bi der Pap« an und filr (ich mr Absi-uung weltlicher Fürsten nicht befugt, wohl 
■bcr kann er indirekt daiu Qbcrgchen, insorem die Ihm snnrrtrautc Beschüuung des 
ehnitllchen Glaubens und der Kirche die»n Schritt crfordcrl* iKolumnc 168). Wxe 
man sich diese »indirckici Abieizunfc cinei Mf>nart:hcii durch den Pticsier, der dies 
für • erforderlich • hält, lu denkcMi hat, wird ntchl au*iJrüt;klii;h oklärt. Doch wii 
brauchen nicht weit /u suchen; denn in der folgenden Kolumne wird in anderem 
2iuaninienhang gelehrt, der Papst körmc jedes Geriete »abweisen • und für >nulJ und 
nkhiig «klaren*, weichet er fbr kirch«nfeindiich hAli, und daselbst finden wir folgen- 
dco bemcrkcnswcncn Passus: ■Dein Pjpit lüst sich ohne Auflösung der Kirche die 
Gewalt niclit aberkennen, in get^-issen 1-illcn Unicnhancn vom Eid der Treue «1 cnt- 
binden. Denn wie kann der Eid ta einem Band der Sünde werden; der Erreichung 
de* leinen Zweckes müssen alle übrigen Verbindlichkeiten weichen.« 
Mit anderen Woncn. der Staat ist — nach der römischen Theorie — bedingungslos 
in den guten Willen des jewiaUj^cn Papsits ausgeliefert, wogeften die Kirche — wie 
uns auf tcdcT Seiic des Staatsitxihni gelehrt wird — keinerlei irgcndunc geartete 
Ingereiu des Staates tu düldt-n hjt, denn {1. Aufl III, 4^1): >dic Kirche ist eine voll- 
kommcne, vom Staate unabltingiKe Gcscllächafti «von Schncr). 

') Die Bulle, durch wrkhc (vergl. S. 674) die Engländer von ihrem Treiieeid 
gegen thren nrditnilssigca Monarchen entbunden und sogar direkt lur Weigerung 
jedes Geliofsams aufgefordert wurden, hat — so beicugen die Historiker — fast gar 
keinen Eintluss Ober die Gemüter der Katholiken Englands ju»geübi; die Tietic gegen 
den Meoarcbca übeswog bei üumd den Cchorsaiu gegen den P^pst — sie waren 



xcrv 



Vorwort zur vierten Auflage. 



ist, sondern sie ist geradezu grundlegend für alles Verständnis der 
Vergangenheit und der Gegenwart und namentlich fär jenes lebendige 
Verständnis, aus welchem allein eine zicibcwusste Beeinflussung der 
Zukunft hervorgehen könnte; sie ist eine »Grundlage«. Man begreift, 
dass Rom tird seine Parteigänger grossen Wert darauf legen, das 
klare Bcwusstsein der Unterscheidung nicht aufkommen zu lassen, 
namcniiich in einem Augenblick nicht, wo das rein poltusche »Römische* 
in angeblicher Wahrung der rein religiösen Interessen des »Katho- 
lischen« die ganze civiüsiercc Welt aufwühlt und durch alle Linder 
und Stände Beunruhigung verbreitet. Wir sollen durchaus glauben, 
dass »römische und »katholische dasselbe sei, es gleichsam als Axiom 
bcirachien; das werden wir aber nicht tliun, denn wir wissen, dass 
CS oicht wahr ist und dass man uns nur Sand in die Augen streut. 
Ein Haupthindernis für die Verwirklichung des römischen Ideals 
— das beachtet man viel zu wenig — ist gerade die Kirche selbst, 
die katholische Kirche. Wie oft sind nicht in früheren Jahrhunderten 
die Bischöfe, das Schwcn in der Hand, gegen Rom gezogen! Nach 
und nach, und mit liilfe kurzsichtiger Staaisgewalien, ist allerdings 
diese Unabhängigkeit der Krummsiäbe — die »katholische*, im Gegen- 
satz zur TjTannei Roms — völlig gebrochen worden. Im Jahre 1870 
sahen wir noch die Mehrzahl der deutschen Bischöfe tkatholischi 
stimmen gegen das römische Programm.'} Doch sie unterwarfen sich. 
Das Heer der Weltpriestcr aber, der Männer, die aus dem Volke 
hervorgehen, mit ihm leben und leiden, die ihr Vaterland über 
alles lieben und es nie an eine andere Macht ausliefern könnten — 
diese Minner gelang es bisher nie ganz im selben Maasse wie die 
Bischöfe zu unterwerfen und durchwegs zu blindgehorsamen Agenten 
der CentralgewaJt umzumodeln; wer in katholischen Ländern gelebt 
und mit Pfarrern bei der Flasche Wein gemütlich verkehn hat, weiss 
genau, was ich meine, er weiss, wie »katholische« Religion im Gegen- 
satz zu irömischer« noch selbst in den Pfarrhäusern lebendig ist, 
und er weiss, was dieser letzte Rest an Nationalismus und an echt 



eben »kaiholisch « , nicht aber >rAmiBch<. Doch ein Mann — Fciton — bat die Frech- 
heit gchjibt, dos ichindli<ü)c SchrifutDclc an den Thorcn des bit,:hAnichcn Paljistes in 
London einschlagen, tind dieser Mann ist ictxl von dem aU >fiiedlkbcndt so hoch 
^pncsenen Leo XUi selig gesprochen worden. Du tflssl an Deotlkhlieit aicbu ni 
wünschen Qbiig. 

*) Anrän^tich stimmten im G«nttn nur vier deutsche Bischörc ßr das Uq> 
feblbarlceltsciogma. Erst die Anwendun([ da nionüiscbeo Folter stimmie die fibrigen um. 



Vorwort zur vierten Auflage. 



xcv 



christlicher Duldsamkeit in der Hierarchie zu bedemen bat Es ist 
förmUch, als stünden zwei ganz verschiedene Religiooen unter einem 
Kamen neben einander. Doch, wie Goethe sagt: »Der p3psilichc 
Stuhl bat Interessen, woran wir nicht denken, and Mittel, sie durch- 
zuführen, wovon wir keinen Begriff haben.«') Das Mincl ist in diesem 
Falle die Überflumog der Weh mit geistlichen Orden, wie wir es jetzt 
erleben. Hierdurch wird die Wcltgcistlichkcit nach und nach ent* 
wenet und — so zu sagen — ausgcschahet ; die Mönche und Ordens- 
priesier werden mehr und mehr die Prediger, sie sind die Beichtväter, 
sie sind die Schullehrer, sie sind die Poliiiker; in den Städten wenden 
ihre Kirchen alle Mittel an, um die Gläubigen von den anderen 
Kirchen weg zu ziehen, und schon strecken sie die Arme weiter 
aus, nach den Pfarreien. Manche Orden sind schon jetzt aus- 
drücklich der bischöflichen Jurisdiktion entzogen; sie unterstehen un- 
minelbar der römischen Kurie; die mit dem Suat zusammenhängende, 
ihm gegenüber verantwortliche Landeskirche beshzt fblghch kein 
Mtitel, um Aufsicht über diese Orden zu üben oder auch nur sichere 
KcDoinis ihres Thuns zu gewinnen.^ Rom hat Zeit und wird es 
mit der Knebelung und allmählichen Ausrottung der nationalen Wclt- 
getstlichkeit noch weit bringen. Und hierdurch werden allerdings — 



*) Gcipnch mit IxkcnnADn vom 3.4. 1819. 

') In dem vorhin gciutnoicn TämischcD StaatslixikoH. Bind TV der 1. Aurbgc, 
Tenkhcn uns der jcauit Lehtnkalil die >Excmiion* der Orden von der biichönichei) 
Gew«h »d >bci grosserer Ccncralitition der Gewalt innerhalb des Ordens uml 
grösserer Thätifilicit dcrielbenDacK aussen ... , eine Notwrcndigltdt« (K0L99). 
In diesen wenigen Worten liegt (ör den aufnirrisam Luendea ein ganws ['rogramm. 
&ginn «iid CS durch das, was der selbe liodiwßtdiKC Paici aui der fol){;GQdcii Spälie 
über du Verhilmis lum Stute sigl: *Wii£ die SteUutig des Staates zu den Orden 
bctrifTi, so bcdjtrf die Klr4:hc lu Ihrem Bestände und ihrer nnifaltung, ^ic Qbcthaupi» 
»0 »nch hier da Stuies nkht; doch pflegt sie, soweit sie es fOr thunlich bllt, den 
WQDsdien der Rc)^cningcn mtf^egcniukommeD.* Das war auinahtnswcüe ein sehr 
unvoniiJuifi^er Jesuit, der uns die ftnsiti äs derriir» la Uu vcrrit, die alle anderen 
Miufbcitcr de^ Suatsltxihmt mit Aufwand unendlicbcr GcschJckliclilcül zu verbergen 
IrKhtca- Die Redaktion bekam auch einen solchen Schteclc, dass sie gleich hinter 
drsen Worten eine ganie Spalte in cckr^cn Klanimcni einschob, um die schrolTe 
Wahrheil mit den Obltcbea halb vcrd eckenden Zjerschn6rlirln lu umgeben. Die iweite, 
umgcaibcitetc Auflage dieses vierten Bandes ist noch nicht erschienen: es wird tntc^ 
ctant sein, cu tcbca, nach welcher Richtung hin eine Bewef^ung hier stangefundok 
bat; nach anderen Artikeln au schliessen, wird sie lU den Jesuiten hin und von der 
•Redaktion« hinweg erfolgt scinj und dai i»t niit Gcnugthuung im bcgrOssea, dena 
es tu viel angenehmer, tnit Bonifaz Vlll. und Lehmkuhl lu veikehreo, ab mit deis 
woRiricbca Bdleshcim und scme$iglciclicn. 




XCVI 



Vorwort zur vierten Auflage. 



das gebe ich ohne weiteres zu — »katholisch* und »römisch« immer 
mehr zu identischen Begriffen. Denn jedes OrdcnsmiigÜed ist ein 
Soldat Roms; sein Viterland ist ausschliesslich die Kirche, ein anderes 
darf es nicht kennen; jede Ordcnsniederlassung ist eine poliiischc 
Agentur, aufgerichtet gegen den Staat, der sie beherbergt — da ja 
zwei oberste Gewalten ebensowenig nebeneinander bestehen können, 
wie es möglich ist, auf einen Fleck, wo ein Haus schon steht, ein 
zweites Haiu hinzubauen, wenn man nicht vorher das erste nieder- 
reisst. Im Evangelium hatten wir gelesen: »Gebet dem Kaiser, was 
des Kaisers ist, und Gott, was Gottes istc; doch wenn Gott zur Erde 
niedersteigt und selber das Regiment übernimmt, hat der Kaiser 
nichts mehr zu fordern; er kann abziehen. Und so ist das, was wir 
heute erleben, nicht bloss ein Kampf Roms gegen den Protestantismus, 
sondern es ist — fast in noch höherem Grade — die geradlinige 
Fortsetzung des Kampfes Roms gegen den Katholizismus, der sofort 
begann, als die Jesuiten die Macht ergriffen hatten (siehe Grundlagen, 

S. 849 fg.). 

Doch — ohne die ungeheure Macht Roms zu unterschätzen, 
namentlicli dort nicht, wo protestantisch fromme Arglosigkeit und 
Duldsamkeit, wie z. B. im heuligen England, am Ruder ist — dürfco 
wir doch sagen: bis zu jener erhofften Ausrottung jeglicher freiheit- 
lichen Regung hat's noch gute Wege, und die Männer, die es mir 
verwehren walSen, irömischi und »kaihohsch« 2u unterscheiden, 
eilen mit ihren Wünschen der Wirklichkeit um etliche Jahrhunderte 
voraus. Und inzwbchea bleibt es nicht nur sianhaft, sondern not- 
wendig, scharf zu trennen und genau zu wissen, wen und was man im 
Katholizismus bckSnipfcn und wen und was man nicht bekämpfen will. 

Waluiwiizig wäre es, jenen ungeachtet aller Dogmen sehr weit- 
herzigen und wechselnden, vielen Gemütern uncnibehrlichen Retigions- 
komplex, der sich »katholische nennt und der, trotz des oberflächlichen 
Scheines, viel weniger eng begrenzt, viel elastischer ist und den ver- 
änderten Zeiten leichter sich anpasst als z.B. das Lutherische Bekenntnis, 
wahnwitzig wäre es, ihn bekämpfen zu wollen, oder — wie Manche 
es sich herausnehmen — ihm nur einen untergeordneten Rang neben 
dem Protestantismus einzuräumen. Der Katholizismus, der gewiss, 
rein cthi.sch betrachtet, ein minder hohes Ideal vertritt, ist andrerseits 
bedeutend weniger judaisiert, steht der Naiur — und dadurch der 
lebendigen Wahrheit — näher und ist in Folge dessen vom Ver- 
ständnis des Mythischen nicht so völlig ausgeschieden wie der ortho- 






doxe Proiesianiismus. Es ist auch nachweisbar unwahr, dass der 
Katholik weniger frei denkt und forscht als der Proicstant; da^ würde 
nur zutTcffen, wenn er rechtgläubig würe und ein blind gehorsamer 
Sohn Roms, was aber nur bei einer verschwindenden Minderzahl 
gebildeter Kaihohken der Fall ist; die meisten sind »kaiholischc, nicht 
^römisch«. D'Alembert — der die Jesuiten vcrttidigtc, als er sie 
verfolgt glaubte, also gewiss ohne Voreingcnomnicnhcit spricht — 
— bemerkt am Schlüsse des 18. Jahrhiinderts, dass es einen Unter- 
schied mache, »als überspränge man vier Jahrliunderte*, wenn man 
in Europa von einer Universität zur anderen übersiedele, nicht aber 
je nachdem die >Konfcssionc protestantisch oder katholisch sei, son- 
dern je nachdem die Sendlinge Roms an der betreffenden Universität 
herrschen oder nicht.') Ich glaube also, wir Protestanten sollten Ach- 
tung und Liebe für das Katholische im Iler2en grossziehen. Im Gegen- 
satz zu den Faktoren, die uns in zwei feindliche I-aycr spalten wollen, 
müssen wir — iwirc, die übergrosse Mehrzahl der unpolitischen Laien 
und die besten unter den Geistlichen — auf ein vollkommenes Ein- 
verständnis mit einander hinarbeiten; es ist absurd, sich im 20. Jahr- 
fauoden wegen Religionsdifferenzen zu bekriegen; angezeigter wäre 
CS, mit vereinten Kräften nach einem reineren und unserer Kultur- 
epoche angemesseneren Ausdruck für unsere religiösen Bedurfnisse 
ru suchen. Dem semitischen Geiste gegenüber empfahl ich ein bloss 
ioocrliches, aber resolutes, bewusstcs Wegwenden; hierdurch wären 
nicht bloss wir, sondern auch die cdcMenkenden unter den Juden 
erlöst; Katholiken und Protestanten hingegen möchte ich ein auf- 
richtiges, rückhaltloses Sichcinanderzuwenden dringend ans Herz legen. 
Schon Lessing hat bemerkt: >Will man der evangelischen Kirche ver- 
wehren, noch weiter in üch selbst zu wirken und alle heterogene 
Materie von sich zu stossen, wird sie auf einmal ebenso weit hinter 
dem Papsttum sein, als sie jemals noch vor ihm gewesen.«') Mir 
macht es aber nicht den Hindruck, als ob der Protestantismus im 
Sunde sein werde, aus sich allein eine religiöse Erneuerung zu voll- 




•) O/ l'ttha de la eritifue en maiih-t It rtUgim. § 39. Der Papst prrsAntich 
nimmt D'Alcmbcn aus, wm injorcm uncwcifclhAfi richiiK >»ti ^^ «ivr Pupal ebenso- 
wenig grgen die anonyme Macht der Hierarchie «was i-crin:ig wie iigcnd ein andwer 
PiicHcr; wir habtn es an dtrni >libirralt.-ni Pius IX, und an dem »fricdlicbcndcnt 
Leo XIII. erlebt. (Über die Ohncnachi des Papstes, vcrgl. Bismarck's Gtianien und 
ErinnenngtH II. 124 — 137.) 

■) FragnvCDt Dbtr üt iuigtn RtUgiota^tvngaHitn. 




xcvm 



Vorwon zur Tierteo Auflage. 



bringen. Der Protestandsmus hat cnh-as cigentümltch einseitig Männ- 
liches an sich; xvir lieben und achten ihn dafür; gebären ihut aj^er 
nur das Weibliche, und weiblich ist der Katholizismus, das wird 
Keiner leugnen. 

Ein ganz anderes Gebilde ist >Rora<. Es ist das Imperium 
romanum in seiner letzcen und verhängnisvollsten Gestalt; der Geist 
des grossen Reiches ohne dessen Leib; eine ausschliesslich politische 
und — wohl betrachtet — durchaus unretigiöse Gewalt, die den 
religiösen Wahn nur grosszieht, um ihn seinen Zwecketi dienstbar 
zu machen. Es ist nicht bloss erlaubt, eine derartige Macht als eine 
politis<he zu kennzeichnen, vielmehr müssen wir einsehen lernen, 
dass hier gleichsam die Quintessenz aller Politik in die Erscheinung 
tritt. Das ja gerade ist es, was sie so gefährlich macht; denn ttbemll 
anderswo ist alle Politik nichts weiter als ein Sj^stem von ewig 
erneuten Kompromissen zwischen den Bedürfnissen gewisser Gruppen 
lebei>dcr, arbeitender Menschen und den Bedürfnissen andt:rerGrupp«n 
ebensolcher Menschen; überal) und immer ist Politik ein Mittel, nicht 
ein Ziel, ein ewiges Ungefähr, nie eine Doktrin; sie ist gleichsam 
ein unvermeidliches Übel und hndet ihre Rechtfertigung nur in ihren 
nichipoliii sehen Erfolgen. Rom dagegen — das heutige Rom — 
ist abstrakte, absolute Politik, Politik als Selbstzweck. Die Civitas 
Dei, mit dem Papn an der Spitze als unumschränktem Gebieter, ist 
ein Ideal; es wächst nicht aus thaisächlichen, praktisch gegebenen 
Verhältnissen heraus, sondern soll von oben her diesen Verhältnissen 
aufgezwungen werden; kurz, es ist nicht Leben, sondern Lehre, und 
das heisst nichts Anderes als absolute Politik. Von Bedürfnissen, 
denen diese Politik dienen soihe, kann keine Rede sein; die Männer, 
die sie betreiben, entsagen — mehr oder weniger — aller völkischen 
Gemeinschaft und treten sogar aus der Familie aus; mit anderen 
Worten, sie scheiden aus der menschlichen Gesellschaft; folglich 
existiert für sie die unerlässliche Politik der praktischen Bedürfnisse 
nicht mehr, sondern sie sind frei, das eine grosse, doch sonst allseits 
bedingte Werkzeug aller Politik — die Gewalt — als deren Zweck 
zu erfassen und sich diesem einen Zweck — der Allgewalt — 
ungeteilt zu widmen. Und je reiner und unetgennOwiger — uneigen- 
nützig, meine ich, im Sinne weltlicher Genüsse — eine derartige 
Politik, umso gefährlicher ist sie für die Staaten, Die Berechtigung 
aller praktischen Politik und die Entschuldigung für die Gewaltsam- 
keiten, zu dcncQ sie häufig greifen muss, ist gerade, dass materieUe 



Vorwort rar vierten Auflage. 



fC 



* 



Vorteile auf dem Spiele stehen und dass die Völker wie die Eia- 
zelticn einer maiericltcn Grundlage nicht entbehren können; das 
ideale BIcmcnt des Lebens muss das Volk aus anderen Quellen 
speisen, die Politik dagegen kann garntclit eu ausschliesslich »real« 
sein. Hingegen greift eine Politik wie diejenige Roms um so tiefer 
in du Leben der Völker ein, je abstrakter und reiner sie ist; hier 
ist Logik, was bei den Staaten Kanonen sind; und je selbstloser und 
sittenreiner die führenden Manner, um so fanatischer und zicibewusster 
werden sie handeln. Ein Papst, der Maiiresscn hält und Künstler 
beschäftigt, ist harmlos gegenüber dem milden Greis, der jetzt auf 
dem Throne sitzt. Es liegt auf der Hand , dass eine derartige 
politische Macht die Schwächung und endliche Vernichtung jedes 
Suaiswcscns unausgesetzt betreiben muss; hier nützen selbst die besten 
Absichten — wo solche vorhanden sind — nichts, denn die Logik 
der Situation ist stärker als der stärkste Einzelwille. Es ist darum 
nur konsequent, wenn das römische Staaislexikon (lU, 1265] die 
Bildung der europäischen Nationalstaaten als einen »Zerfall der 
ChristeDheit< beklagt. Treitschke bemerkt: »die katholische Kirche 
ninimi immer Partei für die Sprache der geringeren Kultur* ; •) wir 
sehen es in diesem Augenblick in Posen, wo Rom das ganze Gewicht 
seines Einflusses in die Wagschale des Poleniums wirft — hier, wo 
es die schönste Gelegenheit hätte, sich alssiaatserhaliend zu erweisen, 
wenn es das wäre; wir sehen es in Böhmen, wo Rom rein deutsche 
Gegenden mit tschechischen Pfarrern überflutet und so die mächtigste 
Förderin der Entdeuuchung wird; wir sehen es in Irland, wo Rom 
allein das für heutige Verhältnisse völlig nutzlose keltische Idiom 
ua Leben erhält und von der Kanzel herab die »Teufelssprache < der 
Engländer verflucht; wir sehen es in der Bretagne, wo die Ordcns- 
schulen so viel irgend möglich die französische Sprache unterdrücken 
und wo selbst in Städten deren Einwohner zum grossen Teil nur 
französisch verstehen, nichtsdestoweniger vielfach ausschliesslich 
bretonisch gepredigt wird. Das kann aber gar nicht anders sein, und 
man darf mit apodiktischer Gewissheit behaupten, dass, was wir bei 
den Sprachen handgreiflich deutlich erblicken, auf jedem einzelnen 
Gebiet des Lebens in genau derselben Weise geschieht und dass Rom 
ausnahmslos dasjenige ihui, dasjenige züchtet, dasjenige forden, was 
den Staat — als solchen — schwächt. Dazu ist ja Rom da; das ist 



>) Foiitii. I, »87. 




Vorwort zar vierten Auflage. 



aeine raison d^ttre; und wenn es heute sein politisches Ideal aufgäbe, 
so wäre es morgen verschwunden; denti Religion an und far sich 
bedarf solcher gewaltigen Zurüstungen nicht, im Gegenteil. 

Eine Hierarchie wie die römische ist ja nichts Neues in der 
Geschichte; wir haben Memphis und wir haben Babylon; letzteres 
nametitlich beginnt historische Erfahrungen vor unseren Augen zu 
entrollen, an denen kein heutiger Staatsmann achtlos vorübergehen 
sollte. iBabvlon und Komt wäre ein ebenso interessantes Thema 
wie »Bnbel und Bibel« und praktisch ergiebiger. Dass auch in Ba- 
bylon die Priester ihre Ansprüche auf göitüclie Einsetzung zurück- 
führten und glaubten, Gott gäbe durch ihre Vermittlung seine un- 
fehlbaren Beschlüsse kund, sollte uns nicht auffallen; denn da eine 
Univcrsalhicrarchie '} nicht in einem Volke und dessen Bedürfnissen 
wurzeln kann, woher soll sie denn ihre Krediiive nehmen, wenn 
nicht vom lieben Gott? Von Bedeutung ist es dagegen zu gewahren, 
wie die Interessen einer solchen Körperschaft notwendigerweise im 
Gegensatz zu dem Interesse der Völker und Staaten stehen. Der 
Einlluss der Priesterschaft ist in Babylon so gross, dass ein Fürst 
weder seines Lebens noch des Gehorsams seiner Untcrthanen sicher 
ist, wenn er nicht gut steht mit der Kirche; hierdurch reisst aber 
diese nach und nach fast alle Reichtümer des Landes an sich, sie 
wird Besitzerin des grössten Teiles von Gut und Boden, genicsst 
zugleich Steuerbefreiung und tnonopolisieri zuletzt sogar Handel und 
Bankwesen. Entweder entsteht nun schliesslich eine Revolution gegen 
diese unhaltbaren Zustände, und ein fähiger Staatsmann — wie 2. B. 
TiglatPileser — kommt auf den Thron, dessen erste That in der 
Aufhebung oder möglichsten Beschränkung der »todten Hand* und 
dessen zweite in der Wiederbelebung eines unternehmungslustigen 
Bürger- und eines kräftigen Bauern- und Kriegerstandes besteht; oder 
aber ein fremdes, noch ungekn echteres Volk taucht auf und unter- 
wirft das geschwächte Reich. Jedoch, ob ersteres oder letzteres ge- 
schieht und ob der fremde Eroberer ~ wie z. B. bei den Perscra 
der Fall — im geheimen Einverständnis mit der Hierarchie (denn 
diese ist stets bereit, wenn es der »Religion« Vorteil bringt, den 
Landesfürsten zu verraten] oder über ohne und gegen sie eindringt, 



'J Die btb^onitch« PriestcrschiFl ist ilurchaus onnational tiii4 international; 
tic trctbi iiire Politik auf dgcnc Faust in allen ihr erreich baren Ländern und ItOmmcrt 
sich um den Wcchtcl der Völker und DyoastieQ aur, lAiofera die Intereueo der 
Hicntcliic hierdurch bcrülm weiden. 




gleichviel, nach kurzer Zeit sehen wir die Hierarchie, deren Agenten 
allerorten am Werke sind, wieder das Heft ergreifen und den Staat von 
neuem dem moralischen und wirtschaftlichen Ruin entgegenführen. 
Moralisch und wirtschaftlich sind von einander nicht zu trennen; 
denn bei den Crossen züchtet die Kirche Babylons Habgier, wüsten 
Aberglauben, wahnsinnige Verschwendung auf Kirchcngötcr und Kultus- 
bauten, religiöse Weltbeherrschungspiänc, und das Volk verdummt sie, 
entmannt es, drückt es zur Servilitat herab unif jagt es dennoch im 
Handumdrehen, wenn es ihren PlÄnen passt, als fanatisierte Horde 
gegen König und Staat. Auf einen antiliterarchi:^chen Tiglat-Pileser 
und die von ihm inauguricnc kurze Spanne glänzender Realpolitik 
kommt ein Sargon. der alle Privilegien der Hierarchie erneuert, da- 
durch den Landbau. den Handel, die Wehrkraft schwächt; ein San- 
berib schönclt wieder die Priester ab, stärkt das Heer und hSnc den 
Suat einer neuen Blüte entgegengeführt; doch er wird im Tempel 
erschlagen, und wenige Jahre darauf schwindet das assyrische Herrscher- 
geschlecht für immer aus der Geschichte. Das selbe Schauspiel wieder- 
holt sich bei jeder Dynastie, denn die Könige und die Völker kommen 
nnd gehen, die Hierarchie aber bleibt; sie überdauert Jahrtausende, 
nod als Babylon von der Erde entschwindet, vererbt sie ihre Tradi- 
tionen an Rom. Es ist auch nicht anders möglich; denn man muss 
es immer wiederholen : wir Menschen werden von den Situationen, 
die wir geschaffen haben, blind beherrscht. Geht ein Staat mit einer 
ausserstaailichen Priesterhierarchie Vertrüge ein — und seien es noch 
so harmtose — so muss der Staat mit der Zeit daran zu Grunde 
gehen; das ist genau ebenso sicher, wie der Satz von der Hypotenuse. 
Neben der opponunislischen Politik des Augenblickes müssten wir 
noch eine Wissenschaft der mathematischen PoÜiik besitzen, welche 
genau darthäie, wohin ein jeder Weg führt. 

Der gewaltigen Erscheinung der römischen Hierarchie gegenüber 
achtlos, skeptisch, gleichgültig, in blasser Sympathie oder blasser Anti- 
pathie — wie Millionen von Protestanten und Katholiken — zu ver 
harren: das kann nur Blindgeschlagensein oder geistige Schwäche er* 
klircn. Wer dagegen erkennt, was hier vorgehl und wie hier die 
Zukunft der ganzen Menschheit, insbesondere aber die Zukunft alles 
Germanentums, auf dem Spiele steht, hat nur die eine Wahl; ent- 
weder Rom zu dienen oder Rom zu bekämpfen; abseits zu blcibco» 
ist ehrlos. 

Gruodlegend ist aber hierbei die Erkenntnis — und dartim ge- 




Ol 



Vorwort zur vienen Auflage. 



hört ihre klare Formulierung in diese »Crundlagen< — dass man 
Rom {diese rein politische Macht, der auch einzig politisch beizu- 
kommen ist) bckümpfen kann, ohne darum die katholische Religion 
zu bekämpfen, im Gegenteil, iodcm man ihr selber angehen, oder 
ihr herzliche Sympathie entgegenbringt und füKli, die Welt wäre ärmer 
— auch ärmer an Hoffnungen für die Zukunft, — wenn jene nicht 
wäre. Auch hier wieder, wie beim Diletunnsmus, wie bei der Rasse, 
wie beim Monotheismus, kommt es uns nicht auf Worte an, sondern 
auf Dinge, auch nicht auf Theoiien Ober das, was sein mU&ste, son< 
dem auf die Thaisachen, wie sie sind. >Römisch« und »kaiholischf 
sollten — nach den Lehren der Hierarchie — das selbe sein; sie 
sind es aber nicht; darum unterscheiden wir sie. 

Ich schliesse mit einem oft gehörten, doch nie ru oft wieder- 
holten Worte Kant's; >Das Reich Gottes auf Erden, das ist die letzte 
Bestimmung, des Menschen Wunsch. Dein Reich komme! Christus 
hat es herbeigerückt; aber man hat ihn nicht verstanden, und das 
Reich der Priester errichtet, nicht das Gones in uns. Im ganzen 
Weltall sind tausend Jahr ein Tag. Wir müssen geduldig aa diesem 
Unternehmen arbeiten und warten.« 



Wien» im Oktober i^s. 

Houston Stewart Chambcriain. 



Die fünfte Auflage ist bis auf einige geringfägige Wortiadeningen 
ein genauer Abdruck der vierten. 



WicD, im Oktober 1903. 



H. S. C. 



INHALTSÜBERSICHT 



Fonvorte. 



Ailgemeiiu Einltilung. 

Plan de» Werkes S. j. — Die Grundlagen S. 6. — Der Angelpunki S. 7. — 
Du Jahi 1100 S. II. — Zweiteilung der Grundlagen S. 16, — Div FartJcUung 
S, la — Anonyme Kräfte S. 33. — Das Gcdic S. i6. — VeraUgcmeincningcn 
S. 37. — Das 19. Jahrhundert S. jo. 



Erster Teil: Die Ursprünge. 
ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT. 

Einltitmdts, 

Hisiorischc Gnindiittc S. 41. — Hellas, Rom, Judli S. 45. — Geschichu- 
plülosophie S. 46. 

Erstti Kautel: Hellenische Kunst und Philosophie. 

Du Menschwerden S, j). — Tier und Mensch S. 56. ~ Homer S.6i, — 
Künstlerische Kultur S. 69. — Das Gcsultca S 7s. — Pbto S. 78. — Arisiotelc« 
S. 81. — Naturwisscfisehafi S. 8}. — Ocffendichcs Leben S. 89. — Gesehichts- 
li^KCD S. 90, — Vcitill der KdiKiOQ S. 98 — Metaphysik S. 106. — Theoloi^ic 
S. na. — Tcteolope S. iij. — Schlusswort S. 117 

Zweites Kapitel: Römisches Ruht. 

I^positioii S. lai. — Römische Geschichte S. uj. — ROmische Ideale 
S, ijo. — Der Kainpf ßcgcn die Scmiicn S. IJ7. — Das bJscrlicIie Rom S. 146. — 
Suitsicchüiches £ibc S- 149. 

Juristische Technik S. it6. — Naturrechl S. 119. — Römisches Recht S. itij. 
— Die Familie S. 17J — Die Ehe S. 176. — Das Weib S. 178. — Poesie und Sprache 
S- llti. — ZusimmenfuSLing S. i8j. 



av 



Inhaluübersicht. 



DritUs Kapitel: DU Ertckemang Christi. 

Einl«itende* S> 189. — Di« Religiös der Erfahrung S. 191. — Buddha und 
Christus S- 19s. — Buddha S, 197. — ChnKu» S. 199. 

Die Galiläer S. 209- — Heligton S. «0. — Christiu kein Jude Sl 337. — Ge- 
schichtliche Utligion S. ajj — Der Wille bei den Scmhcn S- 141. — Prophetismui 
S, 347. — Chcisius äa Jude S- 247' ~ Das i'j. Jahrhuadcrt S. »49- 



ABSCHNITT H: DIE ERBEN. 



Die GeinuncR S. 359. 



Einläimdti. 
Das Völkeichaot S. tf{- 



Die Jtideo S. sj?. 



Viertes Kautel: Das Volho'chaos. 



■Wissenschaftliche Wiimis S. 265. — Bedeutung von Rasse S, 371. — Die 
fönf Grundgeseizc S. 177. — Andere Einflüsse S. 388. — Die Nadan S. 390. — Der 
Hdd S. 294. — Diis fusculose Oiaos S. syfi. — Ludan S. 29s. — Augusunus 
S. 304- — Asketischer Wahn S. joS. — Hdligkelt reiner Rasse S. 510. — Die Germanen 
S.JI}- 

Fünftes Kapitel: Der Eintritt der Juden in die ahendUindische 

Geschichte. 

Die Judcofrage S. jaj. — Das »fremde Volk« S. 539. — HisioKiclie Vogelschau 
S. J)3. — Comensiu ingcriioriim S- 535. — Fürsten und Adel S. Jj8. — Innere 
Berührung S. 541. — Wct i»t der Jude! S. j^J. 

Gliederung der Untctsuchung S. J4S. — Entstehung des rsraelJtco S, 348. — 
Der echte Semit S. JJS- — Der Syrier S, 357. -= Der Aniuriier S. j66. — Ver- 
gleichünde Zahlen S. 570. — Rjisenschuldbewusstsein 5. i?!- — Homo syriacus 
S. 375, — Homo cuTopacus S. 578. — Homo arabicus S. 379. — Homo judacus 
S. 388. — Eidiurs über semiiuchc Religion S. 391. — Israel und Jtida S. 41 j. — Das 
Werden des Juden S. 421. — Der neue Bund S. 435. — Die Propheten S. 436. — 
Die Rabbiner S. 441. — Der Mcssiaoismus S, 44J. — Das Gi;sct2 S. 4^1. — I^e 
Thora S, 4ij, — Das Judentum S. 4Js. 

Sechstes Kapitel: Der Eintritt der Germanen in die JVtltgeschiihte. 

Der Bepiff >Gcmianc» S. 463. — Erwäteniiig des Begriffes S. 466. — Der 
Kcltogemune S. 467. — Der Slavogermaae S. 471. — Die Reformation S. 477. — 
Betclnüikuag des Begriffes S. 48a. — Das blonde Hur S. 486. — Die Gestalt des 
Schidds S. 489. ~ Rationelle AnUitopoIogic 5.495. — Physiognomik S 499. — 
Freiheil und Treue S. joa. — Ideal und Praxis S 509- — Germane und Antigermane 
S- Jii. — ignatius von Lojola S. 511. — Rückblick S. j38. — Ausblick S. J19. 



Inhal tsöbersicht. 



CV 



ABSCHNITT Ifl: DER KAMPF. 

EinUUmdis. 
Leitend« Grundsiue S. JJS. — Die Anarchie S. j j6. — Religion und Staat S- SJ9. 

Stebmlti Kapitel: Religion. 

Ctirisnis und ChristenTuni S. t4{. — Das religiöie Delirium S. {47. — IMe 
»wei Grundpfeiler S. 548. — Aüche Mythologie S. 5SJ. — Äussere Mytholo^c S. jjj. 

— EntsicUunK der Mythen S. 556, — Innere Mythologie S. SS9- ~ Der Kampf 
um die M>iho!oRic S. jöj. — jQdiiche Wdtchronik S. s6&. — Der unlösbare Zwisl 
S- i7S. — Paulus und Augustinus S. 578. — Paulus S. >8o. — Augustinus S. 593. — 
Die drei HaupUichtuitgcn S- 600. — Der >0»tcn> S. 601, — Der »Notd«!' S. 608. — 
Kiitl der Grosse S. 617. — Dante S. 619- — Rcügidsc Raueninsdnkte S. 62}. — 
Kom S. 626. — Der Sieg des VäUtcrchaas S. 6)$. — Heutige Lsgc S. 644. — Oiatio 
pro domo S. 647. 

Achtes Kapitel: Staat. 

Kaiser und Papst S. 6(1. — Die duplex poiestas S. äs4. 
Univenalismus gegen Nationalismus S. 659. — Das Gesetz der Begrcniuog 
S. 66j. — Der Kampf um den Staat S. 668. — Der Wahn des Unbegrcnatca ü. 67a. 

— Die gnimlsiiilichc Bcgrcuzung S. 6S4. 



Zweiter Teil: Die Entstehung einer neuen Welt. 

NefmUs Kapitel: Fem Jährt 1200 bis zum Jahre iSoo. 
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EISER NEUEN KULTUR. 

Das gcTniani5Chc hauen S, 69). — Der gcnuanbdie Baumeister S. 700. — Die 
«löbliche »Mtoichheiii S. 705. — Die angebliche »Kenaissance* S, 71a, — Fori« 
schritt und Enuming S. 714. — Historisches Kriterium 5.710, — Innere Gegen- 
Utic S. 71). — Die germanische Welt S. 725. — Die Noibrüclic S. 728. 

B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK. 

Die Elemente des soualen Lcbciu S. 719. — Vergleichende Analysen S. 759. 
— Der GeniiJEie S. 747. 

I. Enidechmg (vm Marea Pale his Galvaiü). 

Die angeborene Befähigung S. 752. — Die trdbeodco Krlftc S. 755. ~ Die 
Natur als Lchrmeisterin S. 759. — Die hcnmieudc Umgebung S. 762. — Die Einhell 
des Entdecltungswcikei S. 769. — Der Idealismus S. 77s. 

3. Wltunschafl (ton Roger Baeoa hii Lavotatf). 

Unsere wissduchafüiche Methode S. 77S, — Hellene und Gemiane S. 7Ä7, — 
Das Wesen unserer Systcmaiilc S. 7X9, — Idee und Theorit S. 794. — Das Ziel 
DRserer Wisteaschaft S- 806, 




Verginglicbkdt aller CivilUaüon S- 80$. — Autonomie anserer neuca laduatric 
S. Sta. — Das Papier S. 81;. 

^. Wirtsehafi (vom Lombaräischm Slädttbund bit tu RobtrI Omen, 
dtm Begründer der Kaoptration). 




Kooperation und Monopol S. 811. — lonungen und Kapitalisren S. 814. — 
Bauer und GroNigtundbesiucr S. 821). — Syndiluiswcscn und SoEiJÜanius S. S>}. — 
Die Maschini: S. 8)7. 

/. ftÄh* Htid Kirchf (von der Einfökmng des Beichlstvangtl, mSi 
Hs zur ßaniösischm KevoluHon). 

Die Kirche S. 8)S, — Manin Luther S, 840. — Die fr^nzäsischc Rcvolutioa 
S. 84S. — Die Angebaduen S. 8^4. 

6. Wttlanschauung und RtU^on (v<nt Frans von Atsid 
bis lu Immaniiti Kant). 

Die Ewei Wege S. 8j8. — Der Weg der Wahrhafrigkcii S. 861. — Der 
Weg der Unwahrhaftigkcit S. 861. — Die Sdiolastik S. 864. — Rom und Anti-Koni 
S. 867- — Die vier Gruppen S. 870. — Die Theologea S. 870. — Die Mystil<er 
S. 876. — Die HumanisUn S. 891. — Die naturforscJicndca Philosophen S. 897. — 
Die Beobachtung der Natui S. 900. — Das cxalic Nichtwisien S.905. — Idcaliamui 
und MaicriaUsmus S. 91). — Das erste Dilemma S. 914. — D« metaphysische 
Problem S. 917. — Die Natur und das Ich S. 915. — Das »weite Dilemma S. 919, 
— Wissenschaft und Rdi^on S. (i;i. — Die Religion S. 937. — Christus und Kam 
S. 94a- 

7. Kuttt (von Giotto bis Ceeiht), 

Der Begriff >Kun£t« S. 94(5. — Kunst und Religion S. 950. — Der tonver- 
mUiIte Dichter S. 955. — Kunst und Wissenschaft 5,961. — Die Kunst alj cia 
Guues S. 971. — Dis Primat der Poesie S. 974. — Die germanische Tonkunst 
S. 976. — Das Musik jhschc S. 987. — Der Natunüiimus S. 989. — Der Kampf ura 
die Eigcnan S, 994. — Der innere Ksnipf S. 997. — Shakespeare und Beethoven 
5. 948. — ZtuAmraenfassung S. iooi. — Schlu&$wort S. loga. 




Nachlrägc — Regler. 



ALLGEMEINE EINLEITUNG 



Alles beruht auf Inhalt, Gehalt und 

Tfichligkeit eines zuerst aufgestellten 

Grundsatzes und auf der Reinheit des 

Vorsatzes. 

Gomta. 



Da das Werk, dessen erstes Buch hier vorliegt, nicht aus an- 
einandergereihten Bruchstücken bestehen soll, sondern gleich anfangs als 
eine organische Einheit concipiert und in allen seinen Teilen ausführlich 
entworfen wurde, muss es die vorzüglichste Aufgabe dieser allgemeinen 
Einleitung sein, Aufschluss über den Plan des vollständigen Werkes 
zu geben. Zwai bildet dieses erste Buch ein abgeschlossenes Ganzes, 
doch wäre dieses Ganze nicht das, was es ist, wenn es nicht als Teil 
docs besonderen grösseren Gedankens entstanden wirc. Dieser Ge- 
danke nmss also >dem Teil, der atifangs alles istc, vorausgeschickt 
werden, 

Welche Beschränkungen dem Einzelnen auferlegt werden, wenn 
er einer unübersehbaren Welt von Thatsachcn allein entgegentritt, 
das bedarf nicht erst ausführlicher Erörterung. Wissenschaftlich lässt sich 
die Bewältigung einer derartigen Aufgabe gar nicht versuchen ; einzig 
künstlerische Gestaltung vermag hier (im glücklichen Falle), getragen 
von jenen geheimen Parallelismen zwischen dem Geschauten und dem 
Gedachten, von jenem Gewebe, welches — .iihergicich — die Welt 
nach jeder Richtung allverbindend durchzieht, ein Ganzes hervorzu- 
bringen, und zwar, trotzdem nur einiges Wenige, nur Bruchstücke ver- 
wendet werden. Gelingt dies dem Künstler, so war sein Werk nicht 
überilössig; denn ein Unübersehbares ist nunmehr übersichtlich ge- 
worden, ein Ungestaltetes hat Gestalt gewonnen. FUr diesen Zweck 
ist nun der Vereinzelte gegenüber einer Vereinigung selbst tüchtiger 
Minner insofern im Vorteil, als nur der Einzelne einheitlich formen 
kann. Diesen seinen einzigen Vorteil muss er zu benutzen wissen. — 
Kunst kann nur als Ganzes, Abgeschlossenes in die Erscheinung treten ; 
Wissenschaft dagegen ist notwendigerweise Bruchstück. Kunst vereint, 
Wissenschaft trennt. Kunst gestaltet, Wissenschaft zergliedert Ge- 
stalten. Der Mann der Wissenschaft steht gewissermasscu auf einem 
archimedischen Punkte ausserhalb der Welt: das ist seine Grösse, 
seine sogenannte »Objektivität« i das bildet aber auch seine offenbare 



PI in 
it* WtitH. 




AUgemeiae Einleitung. 



Schwäche, denn sobald er das Gebiet des thaisächlich Beobacbtetea 
verlässt, um die Mannigfaltigkeit der Erfahrung zur Einheit der Vor- 
stellung und des BcgriiFcs zu reduzieren, hängt er in Wahrheit an 
Fiden der Abstraktion im leeren Räume. Dagegen steht der Künstler 
im Mittelpunkt der Weh (das heisst also seiner Weh), und so weit 
seine Sinne reichen, so weit reicht auch seine Gestaltungskraft; denn 
diese ist ja die Bethäiigung seines indi^nduetlen Daseins in lebendiger 
Wechselwirkung mit der Umgebung. Deswegen darf man ihm aber 
auch aus seiner > Subjektivität« keinen Vorwurf machen, denn sie ist 
die Grundbedingung seines SchaiEens. — Nun handelt es sich aber 
im vorliegenden Falle um einen historisch genau unischriebenen und 
ewig festgebannten Gegenstand. Unwahrheit wirc lächerlich, Will- 
kür luertrlglich ; der Verfasser darf also nicht mit Michelangelo 
sprechen: in dieses Blatt, in diesen Stein kommt kein Inhalt, den 
ich nicht hineinlege: 

in pittra od m caruJido foglio 
Che nutla ka detitro, et ewi ci ch'io voglio ! 

Im Gegenteil, unbedingte Achtung vor den Thaisadieu rauss sein 
Leitstern sein. Er darf nicht Künstler im Sinne des freischöpferischen 
Genies sein, sondern nur in dem beschränkten Verstände eines an die 
Methoden der Kunst sich Atüehnenden. Gestalten soll er, doch nur 
das, was da ist. nicht das, was seine Phantasie ihm etwa vorspiegelt. 
Gcschichtsphilosophic ist eine Wüste, Geschichisphan taste ein Narrcn- 
bsus. Darum müssen wir von jenem künstlerischen Gestalter eine 
durcluus positive Gei.Mesricbiung und ein streng wissenschaftliches 
Gen'issen fordern. Ehe er meint, muss tr wissen; ehe er gestaltet, 
muss er piüfen. Er darf sich nicht Herr wAhnen, er ist Diener: 
Diener der Wahrheit. 

Obige Bemerkungen reichen wohl hin, um über die allgemeinen 
Grundsätze zu orieniieren, welche bei dem Entwurf des vorliegenden 
Werkes massgebend waren. Jetzt wollen wir aus den luftigen Höhen 
der philosophischen Betrachtungen zur Erde niedersteigen. Ist die Ge- 
staltung des vorhandenen Materials in allen derartigen Fällen die einzige 
Aufgabe, die der Einzelne sich zutrauen darf, wie hat er hier, in diesem 
besonderem Fall«, die Gestaltung zu versuchen } 

Das neunzehnte Jahrhundert! Das Thema dCnkt uner- 
schöpflich; ist es auch. Kur dadurch konnte es >gcbändigt« werden, 
dass es weiter geiasst wurde. Das scheint paradox, ist aber wahr. Sobald 



Allgemeine Einleitung. 



der Blick lange und liebend auf der Vergangenheit geruht hat, aus 
der unter so vielen Schmerzen die Gegcnwan hervorg^angen ist, 
sobald das lebhafte Empfinden der grossen geschichtlichen Grundthat- 
Sachen heftig •widerstreitende Gefühle im Herzen in Bezog auf itri 
heutigen Tag erregt hat: Furcht und Hoffnung, Empörung und Be- 
geisterung, alle in eine Zukunft hinau^weisend, derot Gcstalttmg 
unser Werk sein muss und der wir nunmelir mit sehnsuchtsvoller 
Ungeduld entgegensehen, cntgegcnubeitcn — da schrumpft das grosse 
unübersehbare neunzehnte Jahrhundert auf ein verhillintsm^lssig Ge- 
lingcs zusammen; wir haben gar nicht mehr die Zeit, uns bei Einzel- 
heiten aufzulialien, nur die grossen Züge wollen v^'ir fest und Idsf 
vor Augen haben, damit wir wissen, wer wir sind und wohin unser 
Weg gehl. Nunmehr ist die Perspeknve für das gestccltte Ziel günstig; 
nonmchr kann der Einzelne sich heranwagen. Der Grundms seines 
Werkes ist ihm so deutlich vorgsKichnet, dass er Um nur grtreuGch 
nachzuzeichnen braucht. 

Der Grnndriss meines Werkes ist nun folgender. In dem 
hier vorliegenden Buch behandle ich die vorangegangenen acht- 
zehn jahrhundene unserer Zeiirechnungj wobei mancher Blick auch 
auf femer zurückliegende Zdien f:illt; doch handelt es sich hierbei 
kdneswcgs um eine Geschiclile der Vergangenheit, sondern einfach 
tim jene Vei^angenheit, welche heute noch lebendig ist; und zwar 
ist das so viel und die genaue, kritische Kenntnis davon ist för 
jedes Urteil über die Gegenwart so unentbehrlich, dass ich das 
Studium dieser »Grundlagenc unsere* Säculums fiist für das wichtigste 
Geschäft des ganzen Unteniehmens halten möchte. Ein zweites Bach 
wäre dem t^. Jahrhundert gewidmet; natürlich könnte es sich in einem 
derartigen Werk nur um die grossen leitenden Ideen handeln, und 
zwar wäre diese Aufgabe durch das vorangegangene crslc Buch, in 
welchem das Auge immer wieder auf onscr Jahrhundert gerichtet 
worden war, unendlich vereinfacht und erleichtert. Ein Anhang 
würde dem Versuch gelten . die Bedeutung des 19. Jahrhunderts an* 
nShcmd zu bestimmen; dies kann nur durch den Vergleich geschehen, 
wozu wieder das erste Buch den Boden bereitet hSne; hierdurch crtt- 
steht aber ausserdem eine An Ahnung der Zukunft, kein willkürliches 
Phantasicbild, sondern gleichsam cm Scharten, den die Gegenwan 
im Lkhtc der Vergangenheit wirft. Jetzt cm stünde das Jahrhunden 
ganz plastisch vor unseren Augen — nicht in Gestalt einer Chronik 
oder änes Lexikons, sondern ids ein lebendiges »käipcrhaftesc Gebilde. 





Allgemeine Knieimng. 



Soviel über den allgemeinen Grutidriss. Damit er aber selber 
nicbt so schattenhaft bleibe wie die Zukunft, muss ich jetzt einiges 
Nähere über die Ausführung mitteilen. Was allerdings die be- 
sonderen Ergebnisse meiner Methode anbelangt, so gUube ich sie 
nicbt schon liier vorweg nehmen x\i sollen, da sie nur im Zusammen- 
hang der ungekürzten Darlegung überzeugend wirken können. 



Di« In diesem ersten Buch musstc ich also die Grundlagen auf- 

OnadUpa. j,ufindcn suchcR , auf welchen unser Jahrhundert ruht; dies dünkte 
mich, wie gesagt, die schwerste und wichtigste Pflicht des ganzen 
Vorhabens; darum widmete ich ihm einen Dop]>elband. Denn in der 
Geschichte hdsst Verstehen: die Gegenwan aus der Vergangenheit sich 
entwickeln sehen; selbst wo wir vor einem weiter nicht zu Erklärenden 
stehen, was bei jeder hervorragenden Persönlichkeit, bei jeder neu ein- 
tretenden Volksindividualität der Fall, sehen wir diese an Vorangegangenes 
anknüpfen und Bnden dann selber auch nur don den unentbehrlichen 
Anknüpfujigspunkt für unser Urteil. Ziehen wir eine imaginäre Grenze 
zwisclien unserem Jahrhundert und den vorangegangenen, so schwindet 
mit einem Schlage jede Mögüchkwt eines kritischen Verständnisses, Das 
neunzehnte Jahrhundert ist nämlich nicht das Kind der früheren — 
denn äa Kind fängt das Leben von Neuem an — vielmehr ist es 
ihr unmittelbares Erzeugnis: mathematisch betrachtet eine Summe, 
physiologisch eine Altersstufe. Wir erbten eine Summe von Kennt- 
nissen, Fenigkeitcn, Gedanken u. $. w., wir erbten eine bestimmte 
Veneilung der wirtschaftlichen Kräfte, wir erbten Irrtümer und Wahr- 
heiten, VorsTcIlungcti, Ideale, Aberglauben: manches so sehr in Fleisch 
und Blut übergegangen, dass wir wähnen, es könnte nicht anders 
sdn, manches verkümmert, was früher viel verhiess, manches so ur- 
plötzlich in die Höhe geschossen, dass es den Zusammenhang mit dem 
Gcsamtlcbcn fast eingebüsst hat, und, während die Wuriicln dieser 
neuen Blumen in vergessene Jahrhunderte hinunterreichen, die phan- 
tastischen BlQteniispen für unerhört Neues gehalten werden. Vor 
Allem erbten wir das Blut und den Leib, durch die und in denen 
wir leben. Wer die Mahnung »Erkenne dich selbsic ernst nimmt, 
wird bald zur Erkenntnis gelangen, dass sein Sein mindestens zu 
neun Zehnteln ihm nicht selber angehört. Und das gilt ebenso von 
dctn Geist eines ganzen Jahrhunderts. Ja, der hervorragende Einzelne, 
der vermag es, indem er über seine physische Stellung in der Mensch- 




Allgeraeine Einleitung. 



I 



hcit sich klar wird und sein geistiges Erbe analytisch zergliedert, 
zu einer relativen Freiheit durchzudringen ; so wird er sich seiner Be- 
dingtheit wenigstens bewusst und, kann er sich auch selber nicht um- 
wandcio, er kann wenigstens auf die Richtung der Wcitercntwickclung 
Einfluss gewinnen; ein ganzes Jahrhundert dagegen cüi unbewusst 
wie CS das Schicksal treibt: sein Mcnschcnmatcrial ist die Frucht 
dahingeschwundener Generationen, sein geistiger Schatz — Korn und 
Spreu, Gold, Silber, Erz und Thon — ist ein ererbter, seine Richtungen 
und Schwankungen ergeben sich mit mathematischer Notwendigkeit 
aus den vorhergegangenen Bewegungen. Nicht allein also der Ver- 
gleich, nicht allein die Feststellung der charakteristischen Merkmale, 
der speziellen Eigenschaften und Leistungen unseres Jahrhundcns ist 
ohne Kenntnis der vorangegangenen unmöglich, sondern wir vermögen 
es auch nicht, irgend etu'as über dieses Jahrhundert an und für sich 
auszusagen, wenn wir nicht zunitchst Klarheit erlangt haben über das 
Material, aus welchem wir leiblich und geistig aufgebaut sind. 
Dies ist, ich wiederhole es, das allerwichrigstc Geschäft. 

Da ich nun in diesem ßuche an die Vergangenheit anknüpfe, d„ 
war ich gezwungen, ein historisches Zeitschema zu entwerfen. Doch, *»«^?""*'- 
insofem meine Geschichte einem unmessbaren Augenblick — der 
Gegenwart — gilt, der keinen bestimmten zeitlichen Abschluss ge- 
stattet, bedarf sie ebensowenig eines zeitlich bestimmten Anfangs. 
Uoser Jahrhundert weist hinaus in die Zukunft, es weist auch zurück 
in die Vergangenheit; in beiden Fällen ist eine Begrenzung nur der 
Bequemlichkeit halber zulässig, doch nicht in den Thatsacben gegeben. 
Im Allgemeinen habe ich das Jahr i der christlichen Zeitrechnung 
als den Anfang unserer Geschichte betrachtet und habe diese Auf- 
fassung in den einleitenden Woncn zum ersten Abschnitt näher 
begründet; doch wird man sehen, dass ich mich nicht sklavisch an 
dieses Schema gehalten habe. SoHten wir jemals wirkliche Christen 
werden, dann allerdings wäre dasjenige, was hier nur angedeutet, 
nicht ausgeführt werden konnte, eine historische Wirklichkeil, denn 
das würde die Geburt eines neuen Geschlechtes bedeuten; vielleicht 
wird das vicmndzwanzigstc Jahrhundert, bis zu welchem etwa die 
Schatten des unsrigcn in schmalen Streifen sich erstrecken, klarere 
Umrisse zeichnen können? Musste ich nun Anfang und Ende in eine 
unbegrcn/te penombra sich verlaufen lassen, umso unumgänglicher 
bedurfte ich eines scharfgezogenen Mitielstricbcs, und zwar konnte ein 
beliebiges Datum hier nicht genügen, sondern es kam darauf an, dca 



Allgemeine Einleitung 



Angelpunitc der GcschicKie Huropas zu bestimmen. Das Envachen 
der Gennanen zu ihrer wclthLstorischcn Bestimmung als Begründer 
einer durchaus neuen Civili-sanon und einer durchaus neacn Kultur 
bildet diesen Angelpunkt; das Jahr 1200 kann als der mittlere Augen« 
blick dieses Erwachens bezeichnet werden. 

Dass die nördlichen Europäer die Träger der Weltgeschichte 
geworden sind, wird wohl kaum jemand zu leugnen sich Tcmicssen. 
Zwar standen sie zu keiner Zeit allein, »-eder früher noch heute; 
im Gegenteil, von Anfiang an entwickelte sich ihre Eigenart im 
Kampfe gegen fremde An, zunächst Regen das Völkerchaos des 
verfallenen römischen Iniperiums, nach und nach gegen alle Rassen 
der Well; es haben also auch Andere Einiluss — sogar grossen 
Einfluss — auf die Geschicke der Menschheit gewonnen, doch dann 
imttier nur als Widersacher der Männer aus dem Norden, Was mit 
dem Schwert in der Hand ausgefochten wurde, war dxs Wenigste; 
der wahre Kampf war der Kampf um die Ideen, wie ich dos in 
den Kapiteln 7 und 8 dieses ersten Bandes zo zeigen versucht habe; 
dieser Kampf dauen noch heute fort. Waren aber die Germanen 
bei der Gestaltung der Geschichte nicht die Einzigen, so waren sie 
doch die Unvergleichlichen : alle Männer, die vom 6. Jahrhundert 
ab als wahre Gestalter der Geschicke der Menschheit auftreten, sei 
es all Staatenbildner, sä es als Erfinder neuer Gedanken und Drigineller 
Kunst, gehören ihnen an. Was die Araber gründen, bt von kurzer 
Dauer; die Mongolen zerstören, aJ>cr schaffen nichts; die g-^ossen 
['taliencF des rinascimcnto siammen alle aus dem mit lombardi.scbcn>, 
gotischem und Irilnkischcm Bimc durchsetzten Norden oder aus dem 
gcnn3no-helicni.schen äusscrsten Süden ; in Spanien bilden die West- 
goten das Lebcnsciemcnt; die Juden erleben Uire heutige >Wicder« 
geburt«., mdem sie sich auf jedem Gebiete möglichst genau an gcr^ 

manische Muster anschmicgeo — . Von dem Augenblick ab, 

wo der Germanc erwacht, ist alaO' eine neue Weh im Entstehen, eine 
Welt, die allerdings nicht rein germanisch wird genannt werden 
können, eine Welt, in welcher gerade in unserem Jahrhundert neue 
Eüenienie aufgerreceti sind, oder wenigstens Elemente, die früher bei 
dem Entwickelungsprozess weniger beteiligt waren, so z. B. die früher 
Feingerm an isclicn, nunmehr durch Blutmtschnngen fast durchwegs >ent- 
geFmani5iern?n « Slaven und die Juden, eine Welt, die vielleicht noch) 
grosse RxHsenkomplexe sich assimilieren and mithin entsprechende, 
abweicbeftde EinAüsse in sich aufnehmen wird, jedenfalls aber eine 



neue Welt und eine neue CiviÜsation, grundverschicJen von der 
helleno-rüinisclien, der turani<id]cn, der ägyptischen, der chinesischen 
und allen anderen früheren oder zeitgenössischen. — Als den Anfang 
dieser neuen Civilisation, d. h. als den Augenblick, wo sie begann, 
der Welt ihren besonderen Stempel aufzudrücken, können wir, 
glaube ich, das 13. Jahrhundert bestimmen. Zwar hatten Einzelne 
schon weit früher germanische Eigenart in kultureller Thiiigkeit be- 
wihn — wie König Alfred, Karl der Grosse, Scotus Erigeoa u. s. w. — 
doch nicht EÜQzelne, sondern Gesamtheiten machen Geschichte; diese 
Einzelnen waren nur Voiberciter gewesen ; um eine dvilisatorische 
Gewalt zu werden, musste der Gcrmanc in breiten Schichten zur Bc- 
thatigung seines Eigenwillens im Gegensatz zu dem ihm aufgedrungenen 
fireroden Willen erwachen und erstarken. Das geschah nicht auf ein- 
Bial, CS geschah auch nicht auf allen Lebensgebiirten zugleich; insofern 
ifit tlic Wahl lies Jahres 1200 als Grenze eine willkürliche, doch glaube 
ich sie in folgendem rechtfertigen zu können und habe alles gewonnen, 
wenn es mir hierdurch gelingt, jene beiden Undinge — die Be- 
griffe eines Mittelalters und einer Renaissance — zu beseitigen, 
dufcli welche mehr als durch irgend etwas anderes das Verständnis 
unserer Gegen wan nicht allein vcrdunkcit, sondern geradezu anmög- 
lich gemichi wird. An die Sietle dieser Scheinen, welche Irrtümer 
ohne Ende erzeugen, wird dann die einiaclie und klare Erkennmis treten, 
dass unsere gesamte heutige Ovilisaiion und Kulmr das Werk einer 
bestimmten Menscbenart ist; des Germanen.') Es ist unwahr, dass 
der gennanische Barbar die sogenannte >Xachc des Mittelalterst herauf- 
beschwor; vielmehr folgte diese Nacht atif den intellektuellen und 
moralisclien Bankrott des durch das untergehende römische Imperium 
grossgezogenen rassenlosen Mcnschcnchoos; ohne den Germanen hflne 
sich ewige Nacht über die Welt gesenkt ; ohne den unaufhörlichen 
Widerstand derKichtgcrmancn, ohne den unablässigen Krieg, der heute 
noch aus dem Herzen des nie ausgetilgten Völkerchaos gegen alles 
Germanische geführt wird, hätten wir eine ganz andere Kultnrscufe 
erreicht, als diejenige, deren Zeuge das 19. Jahrhundert war. Ebenso 
unwahr ist es, dass imsere Kultur eine Wiedergeburt der hellenischen 
uod der römischen ist; erst durch die Geburt der Germanen wurde die 



Cnwr diesem Namra fasse ich die verschiedenen Glitd« der einen 
gTOUcn nofd CD 10 Pouchen Rasse nisimmcn, glddiviul ob Gcimancn im engeren, 
tachciidim Sinne des Wortes oder Kelten oder echte Sliven — worüber all« 
>Iihcrc im sccbncn Kafiit«! nacbiuichen ia. 





10 



;emnne Einleixung. 



Wiedergeburt vergangener Grossthaten möglich, nicbi umgekehrt; und 
dieser rinascimenlo, dem wir ohne Frage für die Bereicherung unseres 
Lebens ewigen Duale schuldig sind, wirkte dennoch mindestens ebenso 
hemmend wie fördernd und warf uns auf lange Zeit aus unserer gesunden 
Bahn heraus. Die mächtigsten Schöpfer jener Epoche — ein Shakespeare, 
ein Michelangelo — können kein Wort griechisch oder lateinisch. Die 
winschaftliche Entwickelung — die Grundlage unserer Civilisation — 
findet im Gegensatz zu klassischen Traditionen und im blutigen Kampfe 
gegen imperiale Irrlehren statt. Der grössie aller Irrtümer ist aber 
die Annahme, dass unsere Civilisation und Kultur der Ausdruck eines 
allgemeinen Fortschrittes der Menschheit sei; es zeugt keine 
«nxige Thaisache der Geschichte für diese so beliebte Deutung {wie 
ich das im neunten Kapitel dieses Buches unwiderleglich dargethan 
zu haben glaube); inzwischen schlägt uns diese hohle Phrase mit 
Blindheit und wir sehen nicht ein — was doch klar vor Aller Augen 
liegt, — dass unsere Civilisation und Kultur, wie jede frühere und 
jede andere zeitgenössische, das Werk einer bestimmten, individuellen 
Menschenart ist, einer Meoscbenan, die hohe Gaben, doch auch 
enge, unübersteigbare Schranken, wie alles Individuelle, besitzt. Und 
so schwärmen unsere Gedanken in einem Grenzenlosen , in einer 
hypothetischen »Menschheit« hemm, achten aber dabei des konkret 
Gegebenen und des in der Geschichte einzig Wirksamen , nämlich 
des bestimmten Individuums, gar nicht. Daher die Unklarheit unserer 
geschichtlichen Gliederungen. Denn, zieht man einen Strich durch 
das Jahr 500, einen zweiten durch das Jahr 1500, und nennt diese 
tausend Jahre das Mittelalter, so hat man den organischen Körper der 
Geschichte nicht zerlegt wie ein kundiger Anatom, sondern zcrhacki 
wie ein Fleischer. Die Einnahme Roms dtu'ch Odoaker und durch 
Dietrich von Bern sind nur Episoden in jenem Eintrin der Germanen 
in die Weltgeschichte, der ein Jahnausend gewährt hat; das Ent- 
scheidende, nämlich die Idee des unnationalen Wehimperiums, hönc 
hiermit so wenig auf zu sein, dass sie im Gegenteil aus der DazwHschen- 
kunfc der Germanen auf lange hinaus neues Leben schöpfte. 
WiÜirend also das Jahr i, als (ungeßhres) Geburtsjahr Christi, ein 
für die Geschichte des Menschengeschlechts und auch für die blosse 
Historie ewig denkwürdiges Datum festhiüt, besagt das Jahr 500 
gamichts. Noch schlimmer steht es um das Jahr 1500; denn ziehen 
wir hier einen Strich, so ziehen wir ihn mitten durch alle bewussten 
und tinbewussten Bestrebungen und Entwickclungen — Wirtschaft- 



liehe, politische, künstlerische, wissenschaftliche — die auch heute 
unser Leben ausfüllen und einem noch fernen Ziele zueilen. Will 
man durchaus den Begriff »Mittelalter« festhalten, so lisst sich leicht 
Rat schaffen: dazu genügt die Einsicht, dass wir Germanen selber, 
mitsamt unserem stolzen 19. Jahrhundert, in einer »minleren Zeit« 
(wie die ahen Historiker zu schreiben pBegren), ja, in einem echten 
Mittelalter mittendrin stecken, Denn das Vorwalten des Provisorischen, 
des Ühergangsstadiums, der fast gänzliche Mangel an Deünitivem, 
Vollendetem, Ausgeglichenem ist ein Kennzeichen unserer Zeit; wir 
sind in der iMiiie« einer Entwickelung, fem schon vom Anfangspunkte, 
vennutltch noch fern vom Endpunkte. 

Einstweilen möge das Gesagte zur Abweisung anderer Ein- 
teilungen genügen; die Überzeugung, dass hier nicht wiUkOiHches 
Gutdünken, sondern die Anerkennung der einen, grossen, grund- 
legenden Thatsachc aller neueren Geschichte voHicgl, wird sich aus 
dem Studium des ganzen Werkes ergeben. Doch kann ich nicht imi- 
hin, meine Wahl des Jahres 1200 als eines mittleren bequemen Datums 
noch kurz zu motivieren. 

Fragen wir uns uimlich, wo die ersten sicheren Anzeichen sich Ou )abr imo. 
bemerkbar machen, dass etwas Neues im Entstehen begrifen ist, eine 
neue Gestalt der Weh an Stelle der alten, zcnrtimmerien und an 
Stelle des herrschenden Chaos, so werden wir sagen müssen, diese 
charakteristischen Anzeichen sind schon vielerortenim 13. Jahrhundert 
(in Norditalien bereits im 11.) anzuireffen, sie mehren sich schnell im 
13. — dem »glorreichen Jahrhundertt , wie es Fiske nennt — er- 
reichen im 14. und 15. eine herrliche Frühblütc auf dem sozialen 
und industriellen Gebiete, in der Kunst im 15. und 16., in der 
Wissenschaft im 16. und 17., in der Philosophie im 17. und 18. Jahr- 
hundert. Diese Bewegung geht nicht gradlinig; in Staat und 
Kirche bekämpfen sich die grundlegenden Prinzipien, und auf den 
anderen Gebieten des Lebens herrscht viel zu viel UnbcftTlsstsein, 
als dass nicht die Menschen oft in die Irre laufen sollten; doch der 
grundsätzliche Unterschied besteht darin, ob nur Interessen aufeinander 
siossen, oder ob ideale, durch bestimmte Eigenart eingegebene Ziele 
der Menschheit vorschweben: diese Ziele besitzen wir nun seit dem 
13. Jahrhundert [et^'a); wir haben sie aber immer noch nicht er- 
reiche, sie schweben in weiter Ferne vor uns, und darauf beruht die 
Empfindung, dass wir des moraUschcn Clcichgewiclits und der ästhe- 
tischen Harmonie der Alten noch so sehr crniangelti, zugleich aber 





M 



Igemeine EinleiniDg. 



auch die Hoffnung auf Besseres. Der Blkk zurück berechtigt in der 
That zu grossen Hoffnungen. Und, ich wiederhole es, forscht dieser 
Blick, wo der erste Schimmer jener Hoffnongsstrihlen deutlich be- 
merkbar wird, so findet er die Zeit um das Jahr 1200 herum. In 
Italien hane schon im 11. Jahrhundert die städtische Bewegung be- 
gonnen, jene Bewegung, welche zugleich die Hebung von Handel 
und Industrie und die Gewährung weitgehender I-'rcihcitsrcchtc an 
ganze Klassen der Bevölkerung, die bisher unter der zwiefachen Knecht- 
schaft von Kirche und Staat geschmachtet hatten, erstrebte; im la. Jahr- 
hundert war dieses Erstarken des Kernes der europäischen Be- 
völkerung an Ausdehnung und Kraft dermassen gewachsen, dass 
zu Beginn des 13. die m.1chtige Hansa und der rheinische Städte- 
bund gegründet werden konnien. Über diese Bewegung schreibt 
Ranke (Weltgfuhkhte IV, 238): »Es ist eine prächtige, lebensvolle 
Hntwickelung, die sich damit anbahnt die Städte kon- 
stituieren eine Weltmacht, an welche die bürgerMche Freiheit and die 
grossen Siaatsbildungen anknüpfen, c Noch vor der endgültigen GrOn- 
dung der Hansa war aber in England, im Jahre 1215, die Magna 
Charta erlassen worden, eine feierliche Verkündigung der ünantast- 
barkcit des grossen Grundsatzes der persönlichen Freiheit und der 
persönlichen Sicherheit. >Keiner darf veruneik werden anders als 
den Gesetzen des Landes gemäss. Reclit und Gerechtigkeit dürfen 
raclK verkauft und nicht verweigeit werden,« In einigen Landern 
Europas ist diese erste Bfirgschaft für die Würde des Menschen noch 
heute nicht Gesetz; seit jenem 15, Juni i2i> ist aber nach und nach 
daraus ein allgemeines Gewissen sgeseiz gewor-den, und wer dagegen 
Tcrstösst, ist ein Verbrecher, trüge er auch eine Krone. Und noch 
ein Wichtiges, wodurch die germanische CiviÜsarion sich als von allen 
anderen dem Wesen nach verschieden erwies: im Verlauf des 13. Jahr- 
hunderts schwand die Sklaverei und der Sklavenhandel aus Europa 
(mit Ausnahme von Spanien). Im 13. Jahrhunden beginnt der Über- 
gang von der Naturalienwirtschaft zur Geldwirtschafr; fast genau im 
Jahre 1200 beghint in Europa die Fabrikation des Papiers — olvne 
Frage die folgenschwersie Errungenschaft der Industrie bis zur Br- 
andung der Lokomotive. — Man würde aber l^•eit fehl gehen, 
wollte man allein in dem Aufschwung des Handels and m der Regung 
freiheitlicher Triebe die Dämmerung eines neuen Tages erbhcken. 
Vielleicht ist die gtwse Bewegung des religiösen Gemütes, welche in 
Franz voa Assisi (geb. iiSi) ihren mäclitigsien Ausdruck ge- 



Allgemeiac Einleitung. 



13 



wtant, ein Faktor von noch tiefer eingreifender Wirksamkeit; hierin 
tritt eine unverfälscht demoktratische Regung xu Tage; der Glaube 
und das Leben solcher Menschen verleugnen sowohl die Despotie der 
Kirche wie die Despotie des Staates, und sie vernichten die Despotie 
des Geldes. »Diese Bewegung«, schreibt einer der genauesten Kenner 
des Franz von Assisi.') »schenkt der Menschheit die erste Vorahnung 
allgemeiner Denkfreiheit, t Im selben Augenblick erwuchs zum ersten- 
mal im westlichen Europa eine ausgesprochene antirömische Bewegung, 
die der Albigenser, zu drohender Bedeutung. Auch wurden zu gleicher 
Zeit auf einem anderen Gebiete des religiösen Lebens einige ebenso 
folgenschwere Schritte gcihan : nachdem Peter Abälard (f 1142), 
naraentlich durch seine Betonung der Bildlichkeit alter religiösen 
Vorstellungen, die indoeuropäische Auffassung der Religion gegen 
die semitische unbcwu.sst verfochten hatte, machten im 13. Jahr- 
hundert zwei onhodoxe Scholastiker, Thomas von Aquin und 
Dun 5 Scotus ein für das Kirchendogma ebenso gefährliches Ge- 
ständnis, indem sie, sonst Gegner, beide übereinstimmend einer von 
der Theologie unterschiedenen Philosophie das Recht des Daseins 
einräumten. Und während hier das theoretische Denken sich zu regen 
begaon, legten andere Gelehrte, unter denen vor allem Albertus 
Magnus (geb. 1193) und Roger Bacon (geb. 1214) hervorragen, 
die Fundamente der modernen Naturwissenschaft, indem sie die Auf- 
merksamkeit der Mensclien von den Vernunfcstreitigkeiten hinweg 
auf Maihematils., Physik, Astronomie und Chemie lenkten. Auch 
Dante, ebenfalls ein Kind des i}. Jahrhunderts, ist hier zu nennen, 
und zwar in her^-orragendcr Weise. »Nel mezzo ää camm'm di 
nostra vitat, hcisst der erste Vers seiner grossen Dichtung, und er 
selber, das erste künstlerische Wcligcnie der neuen, germanischen 
Kulturepoche, ist die typische Gesulc für diesen Wendepunkt der Ge- 
schichte, für den Punkt, wo sie >die Hälfte ihres Weges« zurückge- 
legt, und nunmehr, nachdem sie jahrhundertelang in rasender Hie 
bergab geführt hatte, sich anschickte, den steilen, schwierigen Weg 
auf der gegenüberliegenden Bergwand zu betreten. Manche Anschau- 
ungen Dantc's in seiner Divina Commedia und in seinem TracUUus 
ii monarchia muten uns an wie der sehnsuchtsvolle Blick eines viel- 
erfahrenen Mannes aus dem gescIlschafcHchen und politischen Chaos, 
das ihn umgab, hinaus in eine harmonisch gestaltete Welt; dass dieser 



■> TIkkIc : Frtuu «m Aimi, S. 4. 



14 



Allgemeine Einleitung. 



Blick gcihan werden konnte, ist ein deutliches Zeicheti der schon 
begonnenen Bewegung; das Auge des Genies leuchtet den Anderen 
voran.') Doch, lange vor Dante — das übersehe man nicht — hatte 
im Herzen des echtesten Germanentums, im Norden, eine poetische 
Schöpferltraft sich kundgethan, welche allein schon beweist, wie wenig 
wir einer klassischen Renaissance bedurften, um künstlerisch Unver- 
gleichliches zu leisten: in dem Jahre 1200 dichteten Chrcstien de 
Troyes, Hanmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, 
Walther von der Vogelweide, Gottfried von Sirassburgl 
und ich nenne nur einige der bekanntesten Namen, denn, wie 
Gottfried sagt: >der Nachtigallen sind noch viel*. Und noch hatte die 
bedenkliche Scheidung zwischen Dichtkunst und Tonkunst (her\'or- 
gegangen aus dem Kultus der toten Buchstaben) nicht suttgefunden: 
der Dichter war zugleich Sänger; erfand er das »Wort«, so erfand er 
dazu den eigenen >Ton< und die eigene »Weisc<. Und $0 sehen 
wir denn auch die Musik, die ureigenste Kunst der neuen Kultur, 
zugleich mit den ersten Anzeichen des besonderen Wesens dieser 
Kultur in durchaus neuer Gestalt, ab vielstimmige, harmonische Kunst 
entstehen. Der erste Meister von Bedeutung in der Behandlung des 
Kontrapunktes ist der Dichter und Dramatiker Adam de la Halle, 
geboren 1 240. Mit ihm — also mit einem echt germanischen Wort- 
und Tondichter — beginnt die Entwickelung der eigentlichen Tonkunst, 
so dass der Musikgelehne Gcvacrt schreiben kann: »Diiormots fott 
pfut considlrtr ce XIII' stiele, si dicrii jadis. comme U sücU iniimteur 
de tout tart moderne^ Ebenfalls im dreizehnten Jahrhundert ent- 
faticien jene begnadeten Künstler — Niccolo Pisano, Cimabuc, 
Giotto — ihre Talente, denen wir in erster Reihe nicht allein die 
»Wiedergeburt« der bildenden Künste, sondern vor allem die Geburt 
einer durchaus neuen Kunst, der modernen Malerei, verdanken. Gerade 
im 13. Jahrhundert kam auch die gotische Architektur auf (der >ger- 

') Ich bibc Uicr nicht das Einzelne seiner scholasibch gefürbtcn Beweis- 
führungen im Sinne, sondern solche Dinge wie leinc Betrachtungen über du 
Vcrhiiltiiis der Menschen zu ciaanilcr (Monarchia, Buch I, Kap. ; u. 4} oder Qt>er die 
Fördcratiort dvr Staaten, von denen ein icdcr seine eigene Individualität, seine eigene 
Geictcgcbuiig bdbeh:Utni . der Kaiser ab« als )Fricden«iiflcr< und als Kichier 
Über das >iUcn Ccnidasainc, allen Gebührende« das einigende Bind herstellen soll 
(Buch I. Kap. 14). Im Übrigen ist gerade Danie, als echx<i >MiiieIgesUli<, sehr 
befangen in den Vorstellungen leiner Zeil und in dichterischen Utopien, worflber 
im siebenten und oameotlich in dci Einleitung mm achten Kapitel dieses Buch«s 
Qundici NShcre lu finJcn ist. 



manische Stil<, wie ihn Rumohr mit Recht benennen wollte): fast alle 
Meisterwerke der Kirchenbaukunst, deren unvergleichliche Schönheit wir 
heute nuranstaunen, nicht nachahmen können, stammen aus jenem einen 
Süculum, Inzwischen war (kurz vor dem Jahre 1 200) in Bologna die erste 
rein weltliche Universität enutanden, an der nur Jurisprudenz, Philo- 
sophie und Medizin gelehrt wurden.') Man sieht, in wie 

mannigfaltiger Weise sich ein neues Leben um das Jahr 1200 herum 
kundzuthun begann. Ein paar Namen würden nichts beweisen ; dass 
aber eine Bewegung alle Länder und alle Kreise erfasst, dass die 
widersprechendsten Erscheinungen alle auf eine ähnliche Ursache 
zurück-, und auf ein gemeinsames Ziel hinweisen, das gerade zeigt, 
dass es sich hier nicht um Zufillligcs und Individuelles, sondern um 
einen grossen, allgemeinen, mit unbcwusster Notwendigkeit sich voll- 
ziehenden Vorgang im innersten Herzen der Gesellschaft handelt, 
Atieh jener eigentümliche »Vertäll des historischen Sinnes und ge- 
schichtlichen Verständnisses um die Mitte des 15. Jahrhunderts«, auf 
den verschiedene Gelehrte mit Verwunderung aufmerksam machen,') 
scheint mir hieher zu gehören: die Menschheit hat eben unter 
Führung der Germanen ein neues Leben begonnen, sie ist gewisscr- 
masscn auf ihrem Wege um eine Ecke gebogen und verliert plötz- 
lich selbst die letzte Vergangenheit aus den Augen; nunmehr gehört 
sie der Zukunft an. 

Höchst überraschend ist es festzustellen, dass gerade in diesem 
Augenblick, wo die neue europäische Welt aus dem Chaos zu ent- 
stehen begann, auch jene Entdeckung der übrigen Erde ihren Anfang 
nahm, ohne welche unsere aufblühende germanische Kultur die einzig 
ihr eigentümliche Expansionskraft niemals häne entwickeln können: 
in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts fühne Marco Polo seine 
Eotdeckungsreisen aus und legte dadurch den Grund zu der noch 
nicht ganz vollendeten Kenntnis der Oberfläche unseres Planeten. 
Was hiermit gewonnen wird, ist zunächst, und abgesehen von der 
Erweiterung des Gesichtskreises, die Fähigkeit der Ausdehnung; jedoch 
diese bedeutet nur etwas Relatives; das Entscheidende ist, dass euro- 
päische Kraft die gesamte Erde in absehbarer Zeit zu umspannen 
hoSen darf und somit den alles dahinraffenden Einfällen ungeahnter 



*) Dit theologische Fakuliit wurde cnt f;cgcn Ende des 14, Jahihundens 
errichtet (SavignyX (Vgl. auch unter den Uaehlrdeca^ 

■) Siehe t. B. EMtlinger: Dat Kaittrhim Ka^l't d*s Groaen (Aksd. Vor- 
tiige III. is6). 





I« 



Allgcmeiae Einleitung. 



*^_ _ fct . .. I 



ClUldtlifCD. 



und ungcbändigtcr üarbarcDkräftc nicht, wie frühere Ctvilisatiooen, 
unterworfen sein wird. 

SoTicl 7.UT Begründung meiner Wahl des 13. Jahrhunderts als 
Grcnzschcidc. 

Dass einer derartigen Wahl dennoch etwas Künstliches an- 
haftet, habe ich gleich anfangs eingestanden und wiederhole es jetzt; 
namentlich darf man nicht glauben, dass ich dem Jahre 1200 irgend 
eine besondere faüdistischc Bedeutung zuerkenne: die Gehrung der 
ersten zwölf Jahrhundcnc unserer Zeitrechnung hat ja noch heute 
nicht aufgehün, sie trübt noch tausend« und abercauscndc von Ge- 
hirnen, und andrerseits darf man getrost behaupten, dass die neue 
harmonische Welt in einzelnen Köpfen schon lange vor 1200 zu 
dämmern begann. Die Richtigkeit oder Unrichtigkeit eines derartigen 
Schemas zeigt sich erst beim Gebrauche. Wie Goethe sagt: »Alles 
kommt auf das Grundwahre an, dessen Entwickelung sich nicht so 
leicht in der Spekulation als in der Praxis zeigt: denn diese ist der 
Prüfstein des vom Geist Empfangenen.« 

Infolge dieser Bestimmung des Angelpunktes unserer Geschichte 
zerfällt dieses die Zeit bis zum Jahre 1800 behandelnde Buch natur- 
gemäss in zwei Teile: der eine behandelt die Zeil vor dem Jahre 1200, 
der andere die Zeit nach diesem Jahre. 

In dem ersten Teil — Die Ursprünge — habe ich zuerst 
du Erbt der alten Welt, sodann die Erben, zuletzt den Kampf der 
Erben um das Erbe besprochen. Da jedes Neue an ein schon Vor- 
handenes, Älteres anknüpft, ist die erste der grundlegenden Fragen : 
welche Bestandteile unseres geistigen Kapitals sind ererbe? Die zweite, 
nicht minder wichtige Grundfrage lautet ; wer sind »wir* ? 1-ührt 
uns auch die Beantwortung dieser Fragen in ferne Vergangenheit 
zurück, das Interesse bleibt stets ein »aktuelles« [wie man im heutigen 
Jargon sagt), da sowohl bei der Gesamtanlage jedes Kapitels wie auch 
bei jeder Einzelheit der Besprechung die eine einzige Rücksicht auf 
unser 19. Jahrhundert bestimmend bleibt. Das Erbe der alten Welt 
bildet noch immer einen bedeutenden — oft recht unverdauten — 
Bestandteil der alletneuestcn Welt; die verschieden gcanetcn Erben 
stehen einander noch immer gegenüber wie vor tausend Jahren ; 
der Kampf ist heute ebenso erbittert, dabd ebenso konfus wie je: 
diese Untersuchung der Vergangenheit bedeutet also zugleich eine 
Sichtung des überreichen Stoffes der Gtgenwin. Nur darf Niemand 
rneinen Betrachtungen über hellenische Kunst und Philosophie, über 




römische Geschichte und römisches Recht, über die Lehre Christi^ 
oder wiederum über Germanen und Juden u. s. w. selbständige 
aitadcraischt.- Abhandlungen erblicken und den entsprechenden Mass- 
siab an sie anlegen wollen. Nicht als Gclehner bin ich an diese 
G^ensiände herangetreten, sondern als ein Kind der GegenwarT, das 
seine lebendige Gegenwan verstehen lernen will ; und nicht aus dem 
Wölkenkuckucksheim einer übermenschlichen Objektivität habe ich 
meine Uneile gcfasst, sondern von dem Standpunkt eines bewusstcn 
Germanen, den Goethe nicht umsonst gewarnt hat; 

Was euch nicht angehört, 
Müsset ihr meiden; 
Was euch das Inn'rc stört, 
Dürft ihr nicht Iddcn I 

Vor GoiT mögen alle Menschen, ja, alle Wesen gldch sein : doch das 
göttliche Gesetz des Hnzclncn ist, seine Eigenart zu wahren und zu 
wehren. Den BegriS' des Germanentums habe ich so weit, und das 
hcisst in diesem Falle so weitherzig wie nur möglich gefasst und 
keinem irgendwie gearteten Panikularismus das Wort geredet; dagegen 
bin ich überall dem Ungermanischen scharf zu Leibe gerflcict, doch 
— wie ich hoße — nirgends in unriitcrlichcr Weise. 

Eine Erläuterung erfurden vielleicht der Umstand, da» das 
Kapitel über den Eintriil der Juden in die abendi.1ndischc Geschichte 
so stark geworden ist. För den Gegenstand dieses Bandes wäre eine 
so breite Behandlung nicht nötig gewesen; die hervoiragcndc Stellung 
der Juden in unserem Jahrhundert aber, sowie die grosse Bedeutung 
der philo- und der aniLsemitischcn Strömungen und Kontroversen für 
die Geschichte unserer Zeit erforderten unbedingt eine ßeantwonung 
derFrage: wer ist der Jude? Ich fand nirgendseine klare, erschöpfende Bc« 
antwonung dieser Frage und war deshalb gezwungen, sie selber zu suchen 
und 2U geben. Der Kernpunkt ist hier die Frage nach der Religion; 
darum habe ich gerade diesen Punkt nicht allein hier im fünften, sondern 
auch im dritten und im siebenten Kapitel eingehend behandelt. Denn 
ich bin tu der Überzeugung gelangt, das die übliche Behandlung der 
)Juden^gec sich durchwegs an der Obertliche bewegt: der Jude ist 
kein Feind germanischer Civilisjtion und Kultur; Herder mag wohl 
mit seiner Behauptung Recht haben, der Jude sei ans ewig fremd, 
uad folglich «-ir ihm ebenfalls, und Niemand wird leugnen, dass hieraus 
grosse Schädigung unseres Kulturwerkes stattfinden kann; doch glaube 





t8 



Allgemeine Einleitung. 



ich, dass wir geneigt ^nd, unsere eigenen Kräfte in dieser Beziehung 
sehr zu unterschltzcn und den jüdischen Htntluss scbr zu überschätzen. 
Hand in Hand damit geht die geradezu lächerliche und empörende 
Neigung, den Juden zum allgemeinen Sündenbuck für alle Laster 
unserer Zeit ru machen. In Wahrheit liegt die >iüdische Gefahr* 
viel tiefer; der Jude trägt keine Verantwortung för sie; wir haben 
äe selbst erzeugt und müssen sie selbst überwinden. Keine Seelen 
dürsten mehr nach Religion als die der Staven, der Kelten und der 
Teutonen: ihre Geschichte bcwci.it es; an dem Mangel einer wahren 
Religion krankt unsere ganze germanische Kultur (wie ich das im 
neunten Kapitel zeige), daran wird sie noch, wenn nicht beizeiten Hilfe 
kommt, zu Grunde gehen. Den in unserem eigenen Herzen sprudeln- 
den Quell haben wir nun verstopft und uns abhitngig gemacht von 
dem spärlichen, brackigen Wasser, das die Wüstenbeduinen aus ihren 
Brunnen ziehen. Keine Menschen der Welt sind so bettelann an 
echter Religion wie die Semiten und wie speziell ihre Halbbrüder, die 
Juden; und wir, die wir auserkoren waren, die tiefste und erhabenste 
religiöse Weltanschauung als Licht und Leben und atmende Luft unserer 
gesamten Kultur zu entwickeln, wir haben uns mit eigenen Händen 
die Lebensader unterbunden und hinken als verkrüppelte Judenknechte 
hinter Jahve's Bundeslade herl — Daher die Au.sfQhrlichk«it meines 
Kapitels über die Juden; es handelte sich darum, eine brwie und 
sichere Grundlage für diese folgenschwere Erkenntnis zu gewinnen. 
Der zweite Teil — Die allmähliche Entstehung einer 
neuen Welt — hat in diesen »Grundlagen! nur ein einziges Kapitel: 
►Vom Jahre 1200 bis zum J.ihre 1800*. Hier befand ich mich auf 
einem selbst dem ungelehrten Leser ziemlich geläufigen Gebiete, und 
CS wäre durchaus überflüssig gewesen, aus politischen Geschichten und 
Kulturgeschichten, die Jedem :{Ugänglich sind, abzuschreiben. Meine 
Aufgabe beschr.inktc sich also darauf, den so überreichlich vorhandenen 
Scotr, den ich — eben als »Stoff« — als bekannt voraussetzen durfte, 
übe rsichtU eher zu gestalten, als dies gewöhnlich geschieht, und zwar 
oaiQrlich wiederum mit einziger Berücksichtigung des Gegenstandes 
dieses Werkes, nämlich des 19. Jahrhundens. Dieses Kapitel steht 
auf der Grenze zwischen den beiden geplanten Werken: Manches, 
was in den vorangehenden Kapiteln nur angedeutet, nicht systematisch 
ausgeführt werden konnte, so z. B. die prinzipielle Bedeutung des 
Germanentums für unsere neue Welt und der Wert der Vorstel- 
lungen des Fortschritts und der Entartung für das Verständnis der Gc> 




Allgemeine Einleitung. 



19 



schichte findei hier eine abschliessende Besprechung; dagegen eilt die 
korze Skizze der Entwickclung auf den verschiedenen Gebieten des 
Lebens dem 19. Jahrhundert zu, und die Übersichtstafel über Wissen, 
Civilisation und Kultur und ihre verschiedenen Elemente deutet bereits 
auf das Vcrgicichungswerk des geplanten Anhangs hin und giebt 
auch jetzt schon zu mancher belehrenden Parallele Anlass: im selben 
Augenblick, wo wir den Germanen in seiner vollen Kraft aufblühen 
sehen, als sei ihm nichts verwehrt, als eile er einem Grenzenlosen 
entg^en, erblicken wir hierdurch zugleich seine Beschränkungen; und 
das ist sehr wichtig, denn erst durch diese letzten Züge erhält er volle 
individualiti«. 

Gewissen Voreingenommenheiten gegenüber werde ich mich 
wohl dafür rechtfertigen müssen, dnss ich in diesem Kapitel Staat und 
Kirche nur als Nebensache behandelt habe — richtiger gesagt, nur als 
eine Erschänung unter anderen, und nicht als die wichtigste. Staat 
und Kirche bilden nunmehr gewissermasseu nur den Ktiochenbaa: 
die Kirche ist ein inneres Knochengerüst, in welchem, wie üblich, 
mit zunehmendem Alter eine immer stärkere Disposition zu chronischer 
Ankylosis sich zeigt; der Staat entwickelt sich mehr und mehr zu 
jenem in der Zoologie wohl bekannten peripherischen Knochen- 
panzer, dem sogeoannicn Dermoskelett, seine Struktur wird immer 
massiger, er dehnt sich immer mehr über alle >Weichteile< aus, bis 
er zuletzt, in unserem Jahrhundert, zu wahrhaft mcgalothcrischen 
Dimeasioaea angewachsen, einen bisher unerhört grossen Prozentsatz 
der wirksamen Kräfte der Menschheit als Militär- und Qvilbeamte 
aus dem eigentlichen Lebensprozess ausscheidet lutd, wenn ich so 
sagen darf, 1 verknöchert t. Das soll nicht eine Kritik sein; die knocbcn- 
uod wirbellosen Tiere haben es bekanntlich in der Welt nicht weit 
gebracht; es Uegt mir überhaupt fern, in diesem Buche moralisieren 
zu wollen, ich musste nur erklären, warum ich mich in der zweiten 
Abteilung nicht bemÜssigt fand, ein besonderes Gewicht auf die fernere 
EntWickelung von Staat und Kirche zu legen. Der Impuls zu ihrer 
settberigen Hntwickelung war ja schon im 13. Jahrhundert vollständig 
ausgebildet; der Nationalismus hatte über den Imperialismus ge- 
siegt, dieser brütete auf Wicdcrgewinuung des Verlorenen; grundsätzlich 
Neues kam nicht mehr hinzu; auch die Bewegungen gegen die 
Oberhandnehmendc Vergewaltigung der individuellen Freiheit durch 
Kirche und Staat hatten damals berdis begonnen, sich sehr häufig und 
energisch fühlbar zu machen. Kirche und Staat geben, wie gesagt, 




m 



10 



Allgemeine Einleitung. 



von nun ab das — hin und wieder an Bein- und ArmbrÜchcn 
leidende, jedoch feste — Skelett ab, haben aber an der allmählichen 
Entstehung einer neuen Weh vcrhähnismässlg wenig Anteil; fortan 
folgen sie mehr als daits sie führen. Dagegen entsteht in allen 
Ländern Europas auf den verschiedensten Gebieten freier mensch- 
licher Thätigkcit von etwa dem Jahre 1200 an eine wirklich neu- 
schöpferische Bewegung. Das kirchliche Schisma und die Auflehnung 
gegen staatliche Verordnungen sind eigentlich mehr nur die mecha- 
nische Seite dieser Bewegung; sie entspringen aus dem Lebensbedürfnis 
der neu sich regenden Kräfte, sich Raum zu schaffen; das eigentlich 
Schöpferische ist an anderen Orten zu suchen. Wo, habe ich 
schon oben angedeutet, als ich meine Wahl des Jahres 1200 als 
Grenzpfahl zu rechtfertigen suchte: das Aufblühen von Technik und 
Industrie, die Begründung des Grosshandels auf der echt germanischen 
Grundlage makelloser Ehrenhaftigkeit, das Emporkommen emsiger 
Städte, die Entdeckung der Erde (wie vär kühn sagen dürfen), die 
schüchtern beginnende, bald aber ihren Horizont über den gesamten 
Kosmos ausdehnende Naturforschung, der Gang in die tiefsten Tiefen 
des mcnscbUchen Denkens, von Koger Bacon bis Kant, das Hiramel- 
wärtsstreben des Geistes, von Dante bis Beethoven : das alles ist es, 
worin wir eine neue Welt im Entstehen erkennen dürfen. 

Mit dieser Betrachtung des allmihlichcn Entstehens einer neuen 
Welt, etwa vom jabre 1200 bis zum Jahre 1800, schliessen diese 
>Grundlagcnt. Der ausführliche Entwurf zum >t9. Jahrhundert« hegt 
vor mir. In ihm weiche ich jeder künstlichen Schemati sicrung, auch 
jedem Versuch, in tendenziöser Weise an den vorangehenden Teil 
anzuknüpfen, sorgfältig aus. Es genügt nämlich zunächst vollkommen, 
dass die erläuternde Untersuchung der ersten achtzehnhundert Jahre 
vorausgeschickt wurde; ohne dass häufig ausdrücklich darauf zurückzU' 
kommen wäre, wird sie sich als uncrlässlichc Einführung bewähren; 
die vergleichende Wertschüuung und Parallelisierung folgt dann im 
Anhang. Hier begnüge ich mich also damit, die verschiedenen wich- 
tigsten Erscheinungen des Jahrhunderts nacheinander zu betrachten : 
die Hauptzüge der politischen, religiösen und sozialen Gestaltung, 
den Entwickelungsgang der Technik, der Industrie und des Handels, 
die Fonschrinc der Naturwissenschaft und der Humanitäten, zuletzt 
die Geschichte des menschlichen Geistes in seinem Denken und 
Schaffen, indem überall natürlich nur die Hauptströmungen her\'or- 
gehoben und einzig die Gipfelpunkte berührt w'erden. 



Allgemeine Bnicitung. 



11 



Ein Kapitel schicke ich jedoch diesen Betrachningen voraus, 
ein Kapitel über die neuen »Kräfte«, welche sich in diesem Jahr- 
hunden geltend gemacht und ihm seine charakteristische Ph>'$iognomie 
verlieben haben, die aber in dem Rahmen eines der allgemeinen 
Kapitel nicht zur rechten Geltung kommen können. Die Presse 
sum Beispiel ist zugleich eine politische und eine soziile Macht aller- 
ersten Ranges; ihre riesige Entwickelung in unserem Jahrhundert hängt 
jedoch auf das allerengste mit Industrie und Technik zusammen, nicht 
so sehr, meine ich, in Bezug auf die Herstellung der Zeitungen durch 
schnell arbeitende Maschinen u. s. w., als vielmehr durch die elektrische 
Telegraphie, welche den Blättern die Nachrichten bringt, und die 
Eisenbahnen, welche die gedruckte Nachricht üfacraUhin verbreiten ; 
die Presse ist der mächtigste Bundesgenosse des Kapitalismus; auf 
Kunst, Philosophie und Wissenschaft kann ste rwar nicht im letzten 
Grund bestimmenden Enfluss ausüben, sie vermag es aber auch hier, 
beschleunigend oder verzögernd und somit in hohem Masse auf 
die Zeit gestaltend zu wirken. Es ist dies eine Kraft, welche die 
früheren Jahrhunderte nicht gekannt haben. Gleicherweise hat eine 
neue Technik, die Erfindung und Vervollkommnung der Eisenbahn 
und des Dampfschiffes, sowie der elektrischen Telegraphie 
einen schwer abzuschaltenden EinBuss auf fast aJle Gebiete mensch- 
licher Thätigkeit ausgeübt und die Physiognomie und Lebensbe- 
dingungen unserer Erde rief umgestaltet : ganz direkt ist hier die 
Wirkung auf die Straicgik und dadurch auf die gesamte Politik, sov/ie 
auch auf den Handel und auf die Industrie, indirekt werden aber 
sogar Wissenschaft und Kunst davon betroffen: mit leichter Mühe 
begeben sich die Astronomen aller Länder an das Nordkap oder nach 
den Fidschiinscin, um eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten, und 
die deutschen Bühnenfestspicle in Bayreuth sind gegen Schluss des 
Jahrhunderts, Dank der Eisenbahn und dem Dampfschiff*, zu einem 
lebendigen Mittelpunkt der dramatischen Kunst für die ganze Welt 
geworden. Ebenfalls hierzu rechne ich die Emanzipation der 
Juden. Wie jede neu entfesselte Kraft, wie die Presse und der 
Schnellverkehr, hat wohl dieser plötzliche Einbruch der Juden in das 
Leben der die Weltgeschichte tragenden europäischen Völker nicht 
bloss Gutes im Gefolge gehabt; die sogenannte klassische Kcnaissancc 
war doch bloss eine Wiedergeburt von Ideen, die jüdische Renaissance 
ist dagegen die Wiederaufcrstehting eines längst lotgcglaubtcn Lazarus, 
welcher Sitten und Denkarten der orientalischen Weh iu die germanische 




11 



Allgemeine Einleitung. 



hineintragt und dabei einen ähnlichen Aufschwung nimmt wie einst die 
Reblaus, die in Amerika das wenig beachtete Dasein eines unschuldigen 
Käferchens gcfühn hatte, nach Europa Qbergefühn jedoch plötzlich 
zu einem nicht ganz unbedenklichen Weltruhme gelangte. Wir dürfen 
aber wohl hoBcn und glauben, dass die Juden, wie die Amerikaner, 
uns nicht bloss eine neue Laus, sondern auch eine neue Rebe mit- 
gebracht haben. Gewiss ist, dass sie unserem Jahrhundert ein be* 
50nderes Gepräge aufgedrückt haben und dass die im Entstehen be- 
griffene »neue Weite für das Werk der Assimibüon dieses Stückes 
>alter Weh* einen bedeutenden Kraftaufwand benötigen wird. Es 
giebc noch andere >neiie Kräfte«, die an Ort und Stelle zu behandeln 
s«n werden, so z. B. ward die Begründung der modernen Chemie 
der Ausgangspunkt für eine neue Naturwissenschaft, und die Voll- 
endung einer neuen künstlerischen Sprache durch Beethoven ist 
ohne Frage eine der folgenreichsten Thaten auf dem Gebiete der Kunst 
seit den Tagen des Homer: sie schenkte dem Menschen ein neues 
Sprachorgan, d. h. eine neue Kraft. 

Der Anhang soll, wie gesagt, dem Vergleichungswerk 
zwischen dem ersten und dem zweiten Buche dienen. Diese Paralleü- 
sierung führe ich Punkt für Punkt, mit Benützung des Schemas des 
ersten Teils, in mehreren Kapiteln durch; man wird, glaube ich, 
finden, dass diese Betrachtungsweise zu vielen und interessanten An- 
regungen und länsichtcn führt. Ausserdem bereitet sie ganz vor- 
züglich auf den etwas gewagten, aber unentbehrlichen Blick in die 
Zukunft vor, ohne welchen die volle Plastizität der Vorstellung 
nicht zu erwirken wäre; erst dann kann man auch hoffen, unser )ahr- 
hundert mit der nötigen, vollkommenen Objektivität beurteilen und, 
sozusagen, aus der Vogelperspektive erschauen zu können, womit 
zugleich meine Aufgabe zu Ende geführt sein wird. 

Dies also die höchst einfache, ungckriiistelte Anlage der Fort- 
setzung. Es handelt -■sich da um ein Vorhaben, dessen Ausliihnjng ich 
vielleicht nicht erleben werde, doch musste ich es hier erwähnen, da 
es die Gestaltung des vorliegenden Buches wesentlich beeinflusst hat. 



A nonym« 
Krlftt. 



Über einige prinzipiell wichtige Punkte muss ich mich noch hier in 
der allgemeinen Einleitung kurz aussprechen, damit wir nicht später, an 
unpassendem One, durch theoretische Eröncrungen aufgehalten werden. 

Fast alle Menschen sind von Natur »Hcldenvcrehrer«; gegen 
diesen gesunden Instinkt lässt sich nichts Stichhaltiges einwenden. 



Einmil ist die Vereinfachung ein unabweisUchcs Bedürfnis des Mcnschen- 
gcisics, so dass wir iinwillkührlich dazu gedrängt werden, an die Stelle 
der vielen Namen, welche Träger irgend einer Bewegung waren, einen 
einzigen Namen zu setzen; weiterhin ist die Person etwas Gegebenes, 
Individuelles, Abgegrenztes, während alles, was weiter liegt, bereits 
eine Abstraktion und einen Bcgrißskrcis von schwankendem Umfang 
bedeutet. Man könnte darum die Geschichte eines Jahrhunderts aus 
lauter Namen zusammensetzen: ich weiss aber nicht, ob ein anderes 
Verfahren nicht geeigneter ist, das wahrhaft Wesentliche zum Aus- 
druck zu bringen. Hs ist nämlich aufTallend, wie unendlich wenig 
die einzelnem Individualitäicn sich im Allgemeinen voneinander abheben. 
Die Menschen bilden innerhalb ihrer verschiedenen Rasscnindividualitätcn 
eine atomistischc, nichtsdestoweniger aber eine sehr homogene Masse. 
Neigte sich ein grosser Geist von den Sternen aus beschaulich über unsere 
Erde und wäre er im Stande, nicht nur unsere Körper, sondern auch 
unsere Seelen zu erblicken, so würde ihm sicherlich die Menschheit 
irgend eines Weltteiles so einförmig dünken, wie uns ein Ameisenhaufen: 
er würde wohl Krieger, Arbeiter, Faulenzer und Monarchen unterscheiden, 
er würde bemerken, dass die einen hierhin, die anderen dorthin rennen, 
im Grossen und Ganzen aber würde er doch den Eindruck erhalten, 
dass sämtliche Individuen einem gemeinsamen, unpersönlichen Impuls 
gehorchen und gehorchen müs.?en. Nicht nur der Willkür, sondern 
ebenfalls dem Einduss der grossen Persönlichkeit sind äusserst enge 
Schranken gesetzt. Alle grossen und dauernden ümwAlzungen im 
Leben der Gcsellschafi haben iblindi stattgefunden. Eine ausser- 
ordentliche Persönlichkeit, wie z. B. in unserem Jahrhundert die 
Napoleon's, kann hierüber irreführen, und doch erscheint gerade sie, 
bei näherer Betrachtung, als ein blind waltendes Faturo. Ihre Mög- 
licfaköt entsteht aus früheren Vorgängen: ohne Kichelieu, ohne 
Ludwig XIV„ ohne Ludwig XV., ohne Voltaire und Rousseau, ohne 
firanzösische Revolution, kein Napoleon I Wie eng verwaclisen ist 
ausserdem die Lcbcnsthat eines solchen Mannes mit dem National- 
cbarakter des gesamten Volkes, mit seinen Higenscbaftcn und seinen 
Fehlem: ohne ein französisches Volk, kein Napoleon! Die Thätig- 
kcit dieses Feldhcrm ist aber vor allem eine 'rhätigkcit nach aussen, 
und da .müssen wir wieder sagen : ohne die Unschlüssigkeit Friedrich 
Wilhelm's III., ohne die Gesinnungslosigkeit des Hauses Habsburg, 
ohne die Wirren in Spanien, ohne das vorangegangene Verbrechen 
gegen Polen, kein Napoleon I Und suchen wir non, um vollends 



j^ 



Allgemeine Einleimng. 



über diesen Punkt klar zu werden, in den Lebensschilderungen und 
in der Korrespondenz Napoleon's, was er gewollt und erträumt hat, 
so sehen wir, dass er nichts davon erreichte, und dass er in die un- 
unters cliiedlichc homogene Masse zurücksank, wie Wolken nach einem 
Gewitter sich auflösen, sobald die Gesamtheit sich gegen das Vor- 
herrschen individuellen Wollcns erhob. Dagegen hat die gründ- 
liche, durch keine Gewalt der Erde rückgängig zu machende Ver- 
wandlung unserer gesamten wirtschaftlichen Lebensverhältnisse, der 
Übergang eines bedeutenden Teiles des Vermögens der Nationen in 
neue Hunde, und ausserdem die durchgreifendste Umbildung des Ver- 
hältnisses aller Erdteile und somit auch aller Menschen zu einander, 
von der die Weitgeschichte zu erzählen weiss, im Laufe dieses Jahr- 
hunderLS durch eine Reihe von technischen Erfindungen auf dem 
Gebiete des Schnellverkehrs und der Industrie stattgefunden, ohne 
dass irgend jemand die Bedeutung dieser Neuerungen auch nur ge- 
ahnt hÜtte. Mao lese nur in Bezug hierauf die meisterliche Darlegung 
im fünften Band von Trcitschkes Detiischer Geschichte. Die Ent- 
wertung des Grundbesitzes, die progressive Verarmung des Bauern, 
der Aufschwung der Industrie, die Entstehung eines unabsehbaren 
Heeres von gewerblichen Proletariern und somit auch einer neuen 
Gestaltung des Sozialismus, eine tiefgreifende Umwälzung aller poli- 
tischen Verhältnisse: alles das Ist eine Folge der veränderten Verkehrs- 
bedingungen und alles das ist, wenn ich so sagen darf, anonym ge- 
schehen, wie der Bau eines Ameisennestes, bei welchem jede Ameise 
nur die einzelnen Körnchen sieht, die sie mühsam herbeischleppt. — 
Ähnliches gilt aber auch von Ideen : sie ergreifen die Menschheit mit 
gebieterischer Macht, ste umspannen das Denken wie ein Raubvogel 
seine Beute, Keiner kann sich ihrer erwehren; solange eine solche be- 
sondere Vorstellung herrscht, kann nichts Erfolgreiches ausserhalb ihres 
Bannkreises geleistet werden; wer nicht in dieser Weise zu empfinden 
vermag, ist zur Sterilität verdammt und sei er noch so begabt. So 
ging CS in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts mit der Eniwickclungs- 
theoric Darwin's. Schon im vorigen Jahrhundert dämmerte diese Idee 
auf, als natürliche Reaktion gegen die alte, durch Liiinäus zur formellen 
Vollendung gelangte Anschauung von der Unveränderlichkeit der Arten. 
Bei Herder, bei Kant und bei Goethe treffen wir den Evoiutionsgedanken 
in charakteristischer Färbung an; es ist ein Abschüneln des Dogmas 
seitens hervorragender Geister: seitens des einen, weil er, dem Zuge 
germanischer Weltanschauung folgend, die Enrwickelung des Begriffes 



Äligemeine Einleitung. 



»s 



iKanir« zu einem den Menschen umfassenden Ganzen erstrebte, seitens 
des anderen, weil er als Mctaphysikcr und Moralist sich die Vor- 
stellung der Pcrfekiibilität nicht konnte rauben lassen, während der 
Drine mit dem Auge des Poeten auf 2llcn Seiten Züge entdeckte, die 
ihm auf Wesensverwandtschaft aller lebenden Organismen zu weisen 
schienen, und er fürchten musste, seine Bnsicht in ein abstraktes 
Kichts sich verflüchtigen zu sehen, sobald diese Verwandtschaft nicht 
als eine auf unmittelbarer Abstammung biTuhende aufgefa&st würde. 
Das sind die Anfänge solcher Gedanken. In Geistern so phinoine- 
nalcn Umfanges wie Goethe, Herder und Kant ist für sehr verschiedene 
Anschauungen nebeneinander Platz; sie sind dem Gotte Spinoza's zu 
vergleichen, dessen eine Substanz sich zu gleicher Zeit in verschiedenen 
Formen äussert; in ihren Ideen über Metamorphose, Homologien und 
Entwickelung kann ich keinen Widerspruch mit anderen Einsichten 
finden und ich glaube, sie hätten unser heutiges Hvoluttonsdogma 
ebenso verworfen, wie dasjenige der Unabänderlichkeit.') Ich komme 
an anderem One hierauf zurück. Die überwiegende Mehrzahl der 
ameisenartig emsigen Menschen ist nun gänzlich unfihig, sich zu 
solcher genialen Anschauungsweise zu erheben; produktive Kraft kann 
in weiten Schichten nur durch die Einfachheit gesunder Einseitigkeit 
erzeugt werden. Ein handgreiflich unhaltbares System wie dasjenige 
Darwin's übt eine weit kraftigere Wirkung aus als die tiefsten Spcku- 
kdoncn, und zwar gerade seiner «Handgreiflichkeit« wegen. Und so 
haben wir den Entwickclungsgedanken sich selbst >entwickeln« sehen, 
bis er sich von der Biologie und Geologie aus auf alle Gebiete des 

■) Man vcTfitcichc liicrtu dk- klissbch vollendete Ausf&hrung Kuit's, 
wekhe den Scbliis&absaiz du Abschnittet >Von dem regubtiven Gebrauche der 
Ideen der reinen Vernunft* in der KritH der reine« Vernuitß büdci. Der i^osse 
Denker v.-eitt hier darauf hin. wie so die Annahme einer »konrinuierüchcn Stufen- 
Iriter der Gcschäpfc* au» einem Inivresic der Vernunft, dücK nie und nimmer 
■US der Beobachtung hervorgehe. >Dic Sprossen «iner solchen Leiter, so wie 
ste uns Frfahrun); angeben kann, stehen viel lU weit aiuelnandcr, und unsere 
Tcrmeinilieh kleinen Unterschiede sind gemeiniglich In der Natur 
iclbsi so weite KlQftc, das* auf solche BeotMchtungcn (.vornehmlich bei einer 
pOtten .Mannipfaltigkcii von Dingen, da es immer leicht sein musi. gewisse Ahn- 
Kchkehcn und Annäherungen lu finden^ ab Absichten der Naiur gar nichts zu 
Kchnen ist* u. s. vi. In seinen Rccensionen über tlerder wirft er der I^volutions* 
hypothese vor, sie nei eine jener Ideen, >bei denen sich gir nichts denken hütit. 
Kant, den Klbsl ein Haeckel »den bedeutendsten Vorläufer« Darwin's nennt, hatte 
also uigteich (las Antidot gegen den dogmatischen Mitsbrauch dner derartigen 
Hypothese gereicht. 






36 



Igemeine Einleimng. 



Denkens und des Forschcns erstreckt hat und, von seinen Erfolgen 
berauscht, eine derartige Tyrannei ausübte, dass, wer nicht bedingungs- 
los zu ihm schwor, als totgeboren zu erachten war. — Die Philo- 
sophie aller dieser Erscheinungen geht mich hier nichts an ; ich zwciBc 
nicht, dass der Geist der Gcsanithett in zweckmässiger Weise sich 
äussert. Ich darf aber Gocthc's Won mir zu eigen machen: »Was 
ach mir vor Allem aufdringt, ist das Volk, eine grosse Masse, ein 
notwendiges, unwillkürliches Dasein<, und hierdurch meine Über- 
zeugung begründen und erklären, dass grosse Männer wohl die Blüten 
der Geschichte sind, jedoch nicht ihre Wurzeln. Darum halte ich 
es für geboten, ein Jahrhundert weniger durch die Aufzahlung seiner 
bedeutendsten Männer, als durch Hervorhebung der anonymen Strö- 
mungen 2U schildern, welche auf den verschiedensten Gebieten des 
sozialen, des industriellen und des wissenschaftlichen Lebens dem 
Jahrhundert ein besonderes, eigenartiges Gepräge verliehen haben. 
o» c«i., Jedoch es giebt eine Ausnahme. Sobald nicht mehr die bloss 

beobachtende, vergleichende, berechnende, oder die bloss erfindende, 
industrielle, den Kampf ums Leben führende Geisiesthäiigkeit, sondern 
die rein schöpferische in Betracht kommt, da gilt die Persönlichkeit 
aUcin. Die Geschichte der Kunst und der Philosophie ist die Ge- 
schichte einzelner Männer, nämlich der wirklich schöpferischen Genies. 
Alles übrige zählt hier nicht. Was innerhalb des Rahmens der Philo- 
sophie sonst geleistet wird, und es wird da Vieles und Bedeutendes 
geleistet, gehört zur * Wissenschaft^ ; in der Kuosi gehört es zum 
Kunstgewerbe, also zur Industrie. 

Ich lege umsomchr Gewicht hierauf, als eine bedauerliche Kon- 
fusion heute gerade in dieser Beziehung herrscht. Der Begriff und 
damit auch das Wort Genie kaxnen im vorigen Jahrhundert auf; sie 
entsprangen aus dem Bedürfnis, für die spezifisch schöpferischen 
Geister einen besonderen, kennzeichnenden Ausdruck zu besitzen. Nun 
macht aber kein geringerer als Kant darauf aufmerksam, dass »der 
grösstc Erfinder im Wissenschaftlichen sich nur dem Grade nach vom 
gewühnhchen Menschen unterscheidet, das Genie dagegen spezilisch«. 
Diese Bemerkung Kam's ist zweifellos richtig, unter dem einen Vor- 
behalt, dass wir — was auch uncriässUch ist — den Begriff des 
Genialen auf jede Schöpfung ausdehnen, in welcher die Phantasie 
eine gestaltende, vorwiegende Rolle spielt, und in dieser Beziehung 
verdient dxs phUosophischc Genie denselben Platz wie das dichterische 
oder plastische; wobei ich das Wort Philosophie in sclnei alten, 



Allgemeine Einleitung. 



37 



weiten Bedeutung versrandcn %'issen will, welche nicht alldn die 
abstrakte Vernunftphilosophie, sondern die Naturphilosophie, die 
ReligioDSphitosophic und jedes andere zu der Köhc einer Weltanschau- 
ung sich erhebende Denken begriff. Soll das Wort Genie einen Sinn be- 
halten, so dürfen wir e^ nur auf Münner anwenden, die unser geistiges 
Besitztum durch schöpferische Erfindungen ihrer Phantasie dauernd be- 
reichert haben; dafür aber auf alle solche. Nicht allän die Utas und 
der gefesselte Promeihtvs, nicht allein die Andacht zum Kreuze und 
HamUt, auch Piato's Ideenweli und Demokrit's Well der Atome, 
Ch.xndogya's tat-twam-asi und das Syikm des Himmels des Kopcmikus 
sind Werke des unvergänglichen Genies; denn eben so unücrstörbar wie 
Stoff und wie Kraft sind die Blitzsiralilen. welche aus dem Gehirn der 
mit Schöpferkraft begabten Männer hervorleuchten; die Generationen 
und die Völker spiegeln sie sich foriwjhrcnd gegenseitig zu, und. ver- 
blassen sie auch manchmal voröbcrgchcnd, von Neuem Iciicluen sie 
bcU auf, sobald sie wieder auf ein schöpferisches Auge fallen. In 
unserem Jahrhundert hat man entdeckt, dass es in jenen Meerestiefeo, 
zu denen das Sonnenlichi nicht dringr, Fische giebt, welche diese 
nächtige Welt auf elektrischem Weg erleuchten; ebenso wird die 
dunkle Nacht unserer menschlichen Erkenntnis durch die Fackel 
des Genies erhellt. Goethe zündete uns mit sdnem Faust eine 
Fackel an, Kant eine andere durch seine Vorstellung von der trans- 
scendentalen Idealität von Zeit und Raum: beide waren phaniase- 
nicfatige Schöpfer, beide Genies, Der Schulstrett über den Königs- 
berger Denker, die Schlachten zwischen Kantianern und Antikan- 
tianern, dünken mich ebenso belangreich wie der Eifer der Fausikridker: 
was sollen denn hier die logischen Tüfteleien ? was bedeutet hier »Recht 
haben* ? Selig diejenigen, welche Augen zum Sehen und Ohren zum 
Hören haben! Erfüllt uns das Studium des Gesteines, des Mooses, des 
mikroskopischen Infusoriums mit staunender Bewunderung, mit welcher 
Hirfurcht müssen wir da nicht üu jenem höchsten Phänomen hinauf- 
blicken, welches die Natur uns darbietet, zum Genie! 

Noch eine prinzipiell nicht unwichtige Bemerkung muss ich hier vmn- 
-anknüpfen. Sollen uns auch die allgemeinen Tendenzen, nicht die Er- s™«-"™»««*' 
eignisse und die Personen vorzüglich beschäftigen, so darf dabei die 
Gefahr zu weit gehender Verallgemeinerungen nicht aus dem Auge 
verloren werden. Zu einem voreiligen Summieren sind wir nur allzu 
geneigt. Das zeigt sich in der Art und Weise, wie man unserem 
Jahrhundcrc nnc Etikette um den Hals zu hängen pflegt, wogegen es 



it 



smeine Einleitung. 



gewiss unniÖglkh b[ , durch ein einziges Wort uns selber und der 
Vergangenheil gerecht tu werden. Eine derartige fixe Idee genügt, 
um das Vcrsiändni« des geschichtlichen Werdens unmöglich zu machen. 
Ganz allgemein wird r.. B. das 19. Jahrhunden das >Jahr- 
hundert der Niiurwissenschaftt genannt. Wer nun sich ver- 
gegcnwämgt, was das 16., 17. und 18. Jahrhundert gerade auf dtC-sem 
Gebiete geleistet haben, wird sich wohl bedenken, ehe er so ohne 
Weiteres dem unseren den Titel : >das naiurwissenschafiÜche Jahr- 
hunderte verleiht. Wir luben nur weiter au:;gcbaut und durch Fleiss 
gar vieles entdeckt; ob wir aber auf einen Kopemikus und einen Galilei, 
auf einen Kepler und einen Newton , auf einen Lavoisicr und einen 
Bichat") hinweisen können, erscheint mir mindestens zweifelhaft. Cuvier's 
Thitigkeit erreicht freilich die Würde philosophischer Bedeutung, und 
die Beobachtungs- und Erfindungsgabe von MSnnern wie Bunsen 
(der Chemiker) und Pasteur streift an das Geniale; man wird aber 
mindestens zugeben müssen, dass ihre Lristungen die ihrer Vorgänger 
nicht ÜbercrclTen. Vor eüichcn Jahren sagte mir ein sowohl durch 
theoretische wie durch praktische Arbeiten rühmlichst bekannter 
Hochschullehrer der medizinischen Fakultät: >Bei uns Gelehrten 
kommt es nunmehr viel weniger auf die Gehirnwindungen an als 
auf das Sitzfleisch.« Es hiesse nun wirklich zu bescheiden sein 
und den Nachdruck auf das Nebensächliche legen, wenn wir unser 
Jalirhundert als das Jahrhundert des Sitzfleisches hezeiclinen 
wollten! Um so mehr, als die Benennung als Jahrhundert des 
rollenden Rades jedenfalls mindestens ebenso berechtigt wSrc für 
eine Zeit, welche die Eisenbahn und das Zweirad hervorgebracht hat. 
Besser wäre jedenfalls der allgemein gehaltene Käme: Jahrhundert 
der Wissenschaft, worunter man zu verstehen hätte, dass der Geist 
exakter Forschung, von Roger Bacon zuerst kategorisch gefordert, nun- 
mehr alle Disziplinen unterjocht hat. Dieser Geist hat aber, wohl 
betrachtet, zu weniger überraschenden Resuliaien auf dem Gebiete der 
Naturwissenschaft geführt, wo ja seit uralten Zeiten die exakte Beob- 
achtung der Gestirne die Grundlage alles Wissens bildete, als auf anderen 
Gebieten, wo bisher die Willkür ziemlich unumschränkt geherrscht 
halte. Vielleicht hiesse es etwas Wahres, für unser Jahrhundert speziell 
Kennzeichnendes sagen, zugleich etwas den meisten Gebildeten nicht 
recht Bewusstes, wenn man von einem Jahrhundert der Philo- 



■) Er lUib )8oi. 



Allgemeine EinleicuDg. 



39 



logie spräche. G^en Scbluss des vorigen Jahrhuoderu, vod soicben 
Männern wie Jones, AnquetU du Perron, den Gebrüdern Schlegel 
und Grimm, Kiradiic und anderen zuerst ins Leben gerufen, hat die 
vergleichende Philologie im laufe eines einzigen Jattrhundens eine 
unvergleichliche Bahn durchschritten. Den Organismus und die Ge- 
schichte der Sprache ergründen, hcisst nicht allein Licht auf Anthro- 
pologie, Ethnologie und Geschichte werfen, sondern geradezu das 
menschliche Denken zu neuen Thaten stärken. Und während so 
die Philologie unseres Jahrhunderts für die Zukunft arbeitete, hob sie 
verschüttete Schätze der Vergangenheit, die fortan zu den kostbarsten 
Gütern der Menschheit gehören. Man braucht nicht Sympadiie für 
den pseudobuddhistischen Spon halbgebildeter MilssiggAngcr zu em- 
pänden. um klar 2U erkennen, dass die Entdeckung der altindischen 
Erkennt nis-Theobgie eine der größten Thaten dieses Jahrhunderts ist, 
bestimmt, äne nachhaltige Wirkung auf ferne Zeiten auszuüben. Dazu 
kam die Kennmis altgeimanischer Dichtung und Mythologie. Jede 
Kräftigung der echten Eigenart ist ein wahrer Rettungsanker. Die 
glänzende Reihe der Germanisten und ebenso die der Indologen 
hat, halb tmbewusst, eine grosse Thai im rechten Augenblick voll- 
bracht; jetzt besitzen auch wir unsere »heiligen Büchere, und was 
sie lehren, ist schöner utid edter als was das alte Testament berichtet. 
Der Glaube an unsere Kraft, den wir aus der Geschichte von 
19 Jahrhunderten schöpfen, hat eine uncrmcssüch wertvolle Bereiche- 
ning durch diese Entdeckung unserer selbständigen Fähigkeit zu 
inelem Höchsten erfahren, in Beüug auf welches wir bisher in einer 
An Lehnverhältnis standen: namendich ist die Fabel von der beson- 
deren Befähigung der Juden für die Religion endgültig vernichtet; 
bierfür werden spätere Geschlechter unserem Jahrhundert dankbar sein. 
Diese Thatsachc ist nne der grossen, weitest reichenden lirfotge unserer 
Zeit, daher hätte die Benennung Jahrhundert der Philologie eine ge- 
wisse Berechtigung, Hiermit haben wir nun auch eine andere der 
charakKristischen Erscheinungen unseres Jahihuuderts erwähnt. Ranke 
bane vorausgesagt, tinser Jahrbundcn werde ein Jahrhundert der 
Kationaliiät sein; das war ein zutreffendes politisches Prognostikon, 
denn niemals zuvor haben sich die Nationen so sehr als fest abge- 
schlossene, feindliche Einheiten einander gegenüber gestanden. Es ist 
aber auch ein Jahrhundert der Rassen gt-wordcn, und zwar ist 
das zimächsi eine notwendige und unmilielbare Folge der Wissen- 
schaft und des wissenschaftlichen Denkens. Ich habe schon zu Bc- 



AJlgemeine Einleitung. 



ginn dieser Einleitung bchäupici, 6ass die Wissenschaft nicht eine, 
sondern trenne; das lut sich auch hier bewährt. Die wissenschaftliche 
Anatomie hat die Existenz von physischen, untencheidendcn Merk- 
malen zwischen den Rassen erwiesen, sodass sie nicht mehr geleugnet 
werden können, die wissensch-nft liehe Philologie hat zwischen den ver- 
schiedenen Sprachen prinzipielle Abweichungen aufgedeckt, die nicht 
zu überbrücken sind, die wisuenschuftliche Geschichtsfonichung hat in 
ihren venchiedenen Zweigen zu jthnlichen Resultaten gefübn, nament- 
lich durch die genaue Feststellung der Religionsgeschich le einer jeden 
Rasse, wo nur die allerall gemeinsten Ideen den Täuschenden Schein 
der Gleichmässigkeit erwecken, die Weiterentwickelung aber stets nach 
bestimmten, scharf voneinander abweichenden Richtungen stattgefunden 
hat, und noch immer stattündet. Die sogenannte »Einheit der mensch- 
lichen Rasse« bleibt zwar als Hypothese noch in Ehren, jedoch nur 
als eine jeder materiellen Grundlage entbehrende, persönliche, sub- 
jektive Überzeugung. Im Gegensatz zu den gewiss sehr edlen, aus 
reinster Sentimentalität hervorgequollenen Weltverbrüdeningsideen des 
1 8. Jahrhunderts , in welchen die Sozialisten als Hintertreffen noch 
heute nachhinken, bat sich allmählich die starre Wirklichkeit ab not- 
wendiges Ergebnis der Ereignisse und der Forschungen unseres Jahr- 
hunderts erhoben. Manche andere Benennung könnte vieles zu ihrer 
Rechtfertigung anführen: Rousseau hane schon prophetisch von einem 
»Siicle des R^voiutions« gesprochen. Andere reden wohl von rincm 
Jahrhundert der Judenemanzipation, Jahrhunden der Elektrizität. Jahr- 
hunden der Volksaraieen, Jahrhundert der Kolonien, Jahrhunden der 
Musik, Jahrhundert der Reklame, JalirhunJert der Unfehlbarkeits- 
erklärung. — — — Kürzlich fand ich in einem englischen Buche 
unser Jahrhundcrc als ihe religioui Century bezeichnet und konnte dem 
Manne nicht ganz Unrecht geben; für Beer, den Verfasser der Ge- 
schichlt des IVtUhandth, ist das 19. Jahrhunden idas ökonomische«, 
wogegen Prof. Paulsen es in seiner Geschicku des geUhtien Unterrichts 
(2. Aufl. [I, 3o6), das saeathtm historiaim im Gegensatz zu dem voraus- 
gegangenen satculum philosophicnm nennt, und Goethes Ausdruck »ein 
aberweises Jahrhundert« sich auf das unsrige ebenso gut wie auf das 
vorige anwenden Hesse. Einen ernstlichen Wert besitzt aber gar keine 
solche \'erallgemeinerung. 



Du Hiermit gelange ich zum Schlüsse dieser allgemeinen Einleitung, 

ij. jairtn.»dcft. Ej^g i^h ^^^ (jgn Schlusstrich ziehe, möchte ich mich noch, einer 



alten Gewohnheit gemäss, unter dea Scliutz bochverehrter Männer 
stellen. 

Lessiog schreibt in seinen Briefen, du neueste Litleratur be- 
treffend, die Ccschichic solle sich >nicht bei unwichtigen Thatsachcn 
aufhalten, nicht das Gedächtnis beschweren, sondern den Ver- 
stand erleuchten!. In dieser Allgemeinheit besagt wohl der Satz 
zuviel. Für ein Buch aber, welches sich nicht an Historiicer, sondern 
an die gebildete Liienwelt wendet, gilt er uneingeschränkt. Den Ver- 
stand erleuchten, nicht eigentlich belehren, sondern anregend wirken, 
Gedanken und Entschlüsse wecken, das wlrc es, was ich gern leisten 
möchte. 

Goethe fisst die Aufgabe der Geschichtsschreibung etwas ab- 
weichend von Lessing auf, er sagt: >Das Beste, was wir von der Ge- 
schichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt« Auch dieser 
Worte bin ich bei meiner Arbeit eingedenk geblieben, denn ich bin der 
Überzeugung, dass Verstand, und sei er noch so hell erleuchtet, wenig 
atisrichict, ist er nicht mit Enthusiasmu.; gepa.in. Der Verstand ist 
die Maschine; je voilkommener jede Einzelheit an ihr, je zielbewussier 
alle Teile ineinander greifen, um so leistungsfähiger wird ^e sein, — 
aber doch nur virtualitcr, denn, um getrieben zu werden, bedarf sie 
noch der treibenden Kraft, und diese ist die Begeisterung. Es dürfte 
nun zunächst schwer fallen, dem Winke Goethe 's folgend, sich für 
unser 19. Jahrhundert speziell ):a erwärmen, schon deswegen, weil 
die Eigenliebe etwas so Verächtliches ist; wir wollen uns streng prüfen 
und uns lieber unter- als überschätzen; mag die Zukunft milder ur- 
teilen. Ich linde es auch deswegen schwer, mich dafür zu begeistern, 
weil das Stoßlichc in unserem Jahrhundert so sehr vor\s'icgt. Genau 
so wie unsere Schlachten zumeist nicht mehr durch die persönliche 
VortrelTlichkeit Einzelner, sondern durch die Zahl der Soldaten, oder 
noch einfacher gesagt, durch die Menge des Kanonenfutters gewonnen 
worden sind, genau ebenso hat man Schätze an Gold und Wissen und 
Erfindungen zusammengetragen. Alles ist immer zahlreicher, massiger, 
vollständiger, Übersichtlicher geworden, man hat gesammelt, aber 
nicht gesichtet; d. h. es ist dies die allgemeine Tendenz gewesen. 
Unser Jahrhundert ist wesentlich ein Jahrhundert des Anhäufens von 
Material, des Durchgangsstadiums, des Provisorischen; in anderen Be- 
ziehungen ist CS weder Fisch noch Fleisch; es pendelt zwischen 
Empirismus und Spiritismus, zwischen dem Liberalismus vulgaris, wie 
man es witzig genannt hat, und den impotenten Versuchen seniler 







w 



Allgemeine Solcitung. 



Rcaktionsgclüsic, zwischen Autokratie und Anarchismus, zwischen ün- 
fchlbarkcitscrklürungcn und stupidestem Material ismus, zwischen Juden- 
anbetung und Antisemitismus, zwischen raffinierten Mcycrbcerschcn 
Opern und urnaiver Volksmelodicnmanie, zwischen Millionärwinschaft 
und Proletarierpolitik. Nicht die Ideen sind in unserem Jahrhundert 
das Charakteristische, sondern die materiellen Errungenschaften. Die 
grossen Gedanltco, die hier und da sich geregt haben, die gewaltigen 
Kunstschöpfungen, die von Faust's zweitem Teil bis Parsifai dem 
deutschen Volk zu ewigem Ruhme entJitanden sind, strebten hinaus 
in künftige Zeiten. Nach grossen, sozialen Umwälzungen und nach 
bedeutenden geistigen Errungenschaften (am Abend des vorigen und 
am frühen Morgen dieses Jahrhunderts) musste wieder Stoff gesammelt 
■werden zu weiterer Entwtckelung. Hierbei — bei dieser vorwiegenden 
Befangenheit im Stofflichen — schwind das Schöne aus unserem Leben 
fast ganz; es existiert vielleicht in diesem Augenblick kein wildes, 
jedenfalls kein halbcivilisiertes Vo5k, welches nicht mehr Schönes in 
seiner Umgebung und mehr Harmonie in seinem Gesamtdasein be- 
sjisse, als die grosse Masse der sogenannten kulnvienen Europäer. In 
der enthusiastischen Bewunderung des 19. Jahrhunderts ist es darum, 
glaube ich, geboten. Mass zu halten. Leicht ist es dagegen, den von 
Goethe empfohlenen Enthusiasmus zu entpündcn, sobald der Blick 
nicht auf dem einen Jahrhundert allein ruhen bleibt, sondern die ge* 
samte Enlwickclung der seit einigen Jahrhunderten im Entstehen be- 
griffenen 1 neuen Welt* umfasst. Gewiss ist der landläufige Begriff 
des »Fortschrittes« kein philosophisch wohl begründeter; unter dieser 
Flagge segelt fast die ganze Bafelware unseres Jahrhundens; Goethe, 
der nicht müde; wird, auf die Begeisterung als das treibende Element 
in unserer Natur hinzuweisen, spricht es nichtsdestoweniger als seine 
Oberzeugung aus: >Klüger und einsichtiger werden die Menschen, aber 
besser, glücklicher und thatkräfiiger nicht, oder nur auf Epochen. <■} 
Was für ein erhebenderes Gefühl kann es aber geben, als das, mit 
Ikwusstsein einer solchen Epoche entgegenzuarbeiten, in welcher, wenn 
auch nur vorübergehend, die Menschen besser, glücklicher und ihat- 
kräfciger sein werden? Und wenn man unser Jahrhundert nicht isoliert 
betrachtet, sondern als einen Bestandteil eines weit grösseren Zeitlaufs, 
so entdeckt man bald, dass aus der Barbarei, welche auf den Zu- 
sammensturz der allen Weh folgte, und aus der wilden Gährung, die 




■) £ck«rmaaa: a;. OktoVei tili. 



Allgemeioe Einleitung. 



II 



der Zuszmmenstoss einander widerstrebender Kräfte hervorrief, sich 
■vor etlichen Jahrhunderten eine vollkommen neue Gestakung der 
menschlichen Gesellschaft zu entwickeln beginn, und dass unsere 
heutige Welt — weit entfernt, den Gipfel dieser Evolution zu 
bedeuten — einfach ein Durchgangsstadium, eine »mittlere Zeit«, 
«uf den weiten und mühsamen Weg darstellt. Wäre unser Jahr- 
hundert wirltlich ein Gipfelpunkt, dann wSrc die pessimistische An* 
sieht die einzig berechtigte: nach allen grossen Errungenschaften auf 
geistigem und materiellem Gebiete die bestialische Bosheit noch so 
Tcrbreitet und das Elend vertausendfacht zu sehen, das könnte uns 
nur veranlassen, Jean Jacques Rousseau's Gebet nachzusprechen : »All- 
mächtiger Gott, erlöse uns von den Wissenschaften und verderben- 
bringenden Künsten unserer Vater! gieb uns wieder die Unwissenheit, 
die Unschuld und die Armut, ils die einzigen Güter, aus welchen 
Qück uns entstehen kann und welche vor deinem Angesichte Wert 
besitzen [< Erblicken wir dagegen, wie gesagt, in unserem Jahrhundert 
nur eine Etappe, lassen wir uns ausserdem von keinen Wahnbildern 
»goldener Zeitalter«, ebensowenig von Zukuufts- wie von Vergangen- 
heitswahnbildern blenden, noch von utopischen Vorstellungen einer 
prinzipiellen Besserung der gesamten Menschheit und ideal funktio- 
nierender Staatsmaschiren in unserem gesunden Urleile irreführen, 
dann dürfen wir wohl hoHen und zu erkennen glauben, dass wir 
Germanen und die Völker, die unter unserem Einfluss stehen, einer 
neuen harmonischen Kultur entgegen reifen, unvergleichlich schöner 
als irgend eine der früheren, von denen die Geschichte zu erzählen 
weiss, einer Kultur, in der die Menschen wirklich »besser und glück- 
licher« sein werden, als sie es jetzt sind. Vielleicht ist die Tendenz 
der modernen Schulbitdung, den Blick so beständig auf die Vergangen- 
heit zu ricbien, eine bedauerliche: sie hat aber insofern ihr Gutes, 
als man kein Schiller zu sein braucht, um mit diesem zu empfinden, 
dass »kein einzelner Neuerer mit dem einzelnen Athenienser um den 
Preis der Menschheil streiten« könne;') darum richten wir nun 
unseren Blick auf die Zukunft, auf jene Zultunft, deren Gestaltung 
wir aus dem Bewusstsein dessen, was die Gegenwart der letzten 
siebenhundert Jahre zu bedeuten hat, allmählich zu ahnen beginnen. 
Wir wollen es mit dem Athenienser aufnehmen! wir wollen eine 



') Dieser bcrOhmte Satz ist nui sehr bedingt wihr; ich Lubc ihn im Schluu- 
iupitcl einer gi(in<I liehen Kritik untercogen, worauf ich cur Venticidung von Miis- 
Ycntind Rissen hier vcrw'dse. 

CbimlMrUlD. Cniadlifi itt XIX. JihriiDiidtrtf, J 



i 



u 



Allgemeine Einleitung. 



Welt gestalten, in welcher die Schönheit und die Hnrnionie des Da- 
seins nicht wie bei Jenen auf Sklaven-, Eunuchen- und Kemenaten- 
Wirtschaft ruht! wir dürfen es zuversichtlich wollen, denn wir sehen 
diese Welt langsam und mühevoll um unsere kurze Spanne Lebens 
entstehen. Und dass sie unhewusst entsteht, thut nichts zur Sache; 
schon der halb fabelhafte phönizische Geschichtsschreiber Smchuniathon 
meldet im ersten Absatz seines ersten Buches, wo er von der Wclt- 
schöpfung spricht: >Die Dinge selbst aber wussten nichts von ihrem 
eigenen Entstehen«; auch in dieser Beziehung ist Alles beim Alten 
geblieben; die Geschichte bildet ein unerschöpfliches Illustrations- 
material zu Mephisto's: »Du glaubst zu schieben und du wirst ge- 
schoben.« Darum empfinden wir, wenn wir auf unser 19. Jahrhundert 
zurflckblicken, welches sicherlich mehr geschoben wurde, als es selbst 
schob, welches bezuglich der allermeisten Dinge in fast lächerlicher 
Weise auf ganz andere Wege geriet, als es einzuschlagen gedacht hatte, 
doch einen Schauer der aufrichtigen Bewunderung, fast der Begeisterung. 
In diesem Jahrhundert ist enorm gearbeitet worden, und das ist die 
Grundlage alles >ßesser- und GlückJicherwerdens« ; es war das die 
»Moralitätc unserer Zeit, wenn ich mich so ausdrücken darf. Uni 
während die Werkstätte der gros-sen, gestaltenden Ideen ruhte, wurden 
die Niethoden der Arbeit in bislier ungeahnter Weise vervollkommnet, 
unser Jahrhundert ist der Triumph der Methodik. Hierin mehr 
als in irgend einer politischen Gestaltung ist ein Sieg des demokratischen 
Prinzips zu erblicken. Die Gesamtheit rückte hierdurch höher hinauf, 
sie wurde leisiungsfilhiger. In früheren Jahrhunderten konnten nur 
geniale Menschen, später nur zumindest hochbegabte Wenvolles leisten; 
jetzt kann es ein Jeder, dank der Methode I Durch den obligatorischen 
Schulunterricht, gefolgt vom obligatorischen Kampf ums Dasein, be- 
sitzen heute Tausende die >MethoJe<, um ohne jede besondere Be- 
gabung oder Veranlagung als Techniker, Industrielle, Naturforscher, 
Philologen, Hiscorikcr, Matlieniaiiker, Psychologen u. s. w, an der 
gemeinsamen Arbeit des Menschengeschlechts teilzunehmen. Sonn 
wäre die Bewältigung eines so kolossalen Materials in einem so 
kurzen Zeitraum gar nicht denkbar. Man vergegenwärtige sich nur, 
was vor hundert Jahren unter »Philologie« verstanden wurde! man 
frage sich, ob es wahre »Geschichtsforschungt gab! Genau diesem 
selben Geist begegnen wir aber auf von der Wissenschaf: weit ab- 
liegenden Gebieten: die Volksarmeen sind die universellste, einfachste 
Anwendung der Methodik und die Hohenzollern insofern die tonan- 




Allgemeine Einleitung. 



JS 



gebenden Demokraten unseres Jahrhunderts: Methodik der Arm- und 
Bein Bewegungen, zugleich aber Methodik der Willenserziehung, des 
Gehorsams, der PflÜcht, der Verantwortlichkeit. Die Geschicklichkeit 
und die Gewissenhafdgkci: haben infolgedessen — leider nicht überall, 
aber doch auf weiten Gebieten des Lebens — entschieden sehr zu- 
genommen : man fordert mehr von sich und von Anderen als zuvor; 
CS hat gewissermassen eine allgemeine technische Vervollkommnung 
stattgefunden, die bis in die Denkgewohnheiten der Menschen sich er- 
streckt. Diese Vervollkommnung kann aber schwer ohne Rückwirkung 
auf das Reinmoralische bleiben : die Abschaffung des menschlichen 
Sklaventums auch ausserhalb Europa, wenigstens in seiner offiziell 
anerkannten Gültigkeit, und der Beginn einer Bewegung zum Schutze 
der tierischen Sklaven sind vielbedeuiende Anzeichen. 

Und so glaube ich, dass trotz aller Bedenken eine gerechte 
und liebevolle Betrachtung des 19. Jahrhunderts sowohl zur >Erleuch- 
tung des Verstandes*, wie auch zur »Erweckung des Enthusiasmus« 
führen muss. 



ERSTER TEIL 



DIE URSPRÜNGE 



Und ktine Zät und keine Macht zerstückelt 
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. 

Goim. 



EINLEITENDES 



»Die Weite, sagt Dr. Martin Luther, »wird von Gott durch 

etliche wenige Helden und fünreffliche Leute regieret.« Die mäch- 
tigsien dieser regierenden Helden sind die Geistesfürsten, die Männer, 
welche ohne Waffengewalt und diplomatische Sanktionen, ohne Ge- 
setzeszu'ang und Polizei, bestimmend und umbildend auf das Denken 
und Fühlen zahlreicher Geschlechter wirken; diese Männer, von denen 
man sigen kann, dass sie um so gewaltiger sind, je weniger Gewalt 
sie haben, besteigen aber selten, vielleicht nie, ihren Thron während 
ihres Lebens; ihre Herrschaft währt lange, beginnt aber spät, oft sehr 
sp3t, namenthch wenn wir von dem Bnfluss, den sie auf Einzelne aus- 
üben, absehen und jenen Augenblick in Betracht ziehen, wo das, was 
ihr Leben ausmachte, auf das Leben ganzer Völker gestaltend sich 
2U bethätigcn beginnt. Mehr als 2wci Jahrhunderte vergingen, bis 
die neue Anschauung des Kosmos, welche wir Kopennkus verdanken, 
und welche tief umgestaltend auf alles menschliche Denken wirken 
musste, Gemeingut geworden war. So bedeutende Männer unter 
seinen Zeitgenossen wie Luther, urteilten über Knpcrnikus, er sei >cin 
Narr, der die ganze Kunst Astronomiä umkehrec Trotzdem sein 
Weltsystem im Altertum schon gelehrt, trotzdem durch die Arbeiten 
seiner unmittelbaren Vorgänger, Rcgiomontanus und Anderer, altes 
vorbereitet worden war, was die neuerliche Entdeckung bedingte, 
so dass man wohl sagen darf, bis auf den Funken der Inspiration 
im Gehirn des >Fürtreffltchstcn«, lag das Kopernikanischc System 
genau bedingt vor, — troudem es sich hier nicht um schwer 
fassitchc metaphysische und moralische Dinge handelte, sondern um 



HUleriitiw 



i* 



Das Hrbe der alten Welt. 



eiae «nfache und dazu beweisbare Anschauung, — trotzdem gir 
keiD materielles Interesse durch die neue Lehre bedroht wurde, er- 
forderte CS geraume Zeit, bis diese in so mannigfacher und weient- 
iicher Beziehung umbildende Vorstellung aus dem einen Gehü-n in 
das einzelner anderer bevorzugter Männer hinüberzog und, immer 
weiter um sich greifend, zuletzt die gesamte Menschheit beherrschte, 
Wie Voltaire in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts für die 
Anerkennung der grossen Trias — Kopernikus, Kepler, Newton — 
kämpfte, ist allbekannt, aber noch im Jahre 1779 sah sich der vor- 
treffliche Georg Christoph Lichtenberg genötigt, im Göttingischen 
Tascbenbuchc gegen die >Tychoniancrt zu Felde zu ziehen, und erst 
im Jahre des Heiles ein tausend acht hundert und zwei und zwanzig 
gesianetc die Kongregation des Index den Druck von Büchern, welche 
die Bewegung der Erde lehren! (Siehe die Nachträge.) 

Diese Bemerkung schicke ich voraus, um begreiflich zu machen, 
in welchem Sinne das Jahr i zum Ausgangspunkt unserer Zeit tüer 
gewählt wird. Es geschieht nicht zufällig, etwa aus Bequemlichkeits* 
rücksichten, ebensowenig aber, weil der äussere Gang der politischen 
Geschehnisse dieses Jahr zu einem besonders auffalligen gestempelt 
hätte, sondern weil die einfachste Logik uns nötigt, eine neue Kraft 
bis auf ihren Ursprung zurückzuverfolgen. Wie schnell oder wie 
langsam sie zur wirkenden Kraft heranwuchst, gehört schoTi zur 
»Geschicliicc; die lebendige Quelle jeder späteren Wirkung ist und 
bleibt das thatsächÜche Leben des Helden. 

Die Geburt Jesu Christi ist nun das wichtigste Datum der ge- 
samten Geschichte der Menschheit.') Keine Schlacht, kein Regierungs- 
antritt, kein Naiurph-lnomen. keine Entdeckung besitzt eine Bedeutung, 
welche mit dem kunien Erdenleben des Galiläers verglichen werden 
könnte; eine fast zweicauscndjährige Geschichte beweist es, und noch 
immer haben wir kaum die Schwelle des Christentums betreten. Es 
ist tief innerlich berechtigt, wenn wir jenes Jahr das erste nennen, 
und wenn wir von ihm aus unsere Zeit rechnen. Ja, in einem ge- 
wissen Sinne dürfte man wohl sagen, cigentUche »Geschichte« beginne 
erst mit Christi Geburt. Die Völker, die heute noch nicht zum 
Christentume gehören — die Chinesen, die Inder, die Türken u. s. w. 
— haben alle noch immer keine wahre Geschichte, sondern kennen 



Diss diese Geburt nicht im Jaluc 1 Stattfund, sondern aller Wahrschcinlich- 
beil lucb einige Jahre (ruhet, ist für uns hier bebnglos. 




auf der ein«n Seite nur «ine Chronik von Herrsch erhlusem, Metzeleien 
und dergleichen, auf der anderen nur dis stille, ergebene, fast tier- 
mässig glückliche Hinleben ungezählter Millionen, die spurlos in der 
Nacht der Zeiten untergehen. Ob das Kelch der Pharaonen im 
Jahre 5285 vor Christo oder im Jahre 32850 gegründet wurde, ist 
an und für sich belanglos; Ägypten unter einem Kamscs zu kennen, 
ist dasselbe, als kennte man es unter allen 1 5 Ranicssidcn. Ebenso 
vcrhilt es sich mit den anderen vorchristlichen Völkern (mit Aus- 
nahme jener drei, die zu unserer christlichen Epoche in organischer 
Beziehung stehen, und von denen ich gleich reden werde) : ihre 
Kultur, ihre Kunst, ihre Religion, kurz ihr Zustand mögen uns 
interessieren, ja, Errungenschaften ihres Geistes oder ihrer Industrie 
können zu wertvollen Bestandteilen unseres eigenen Lebens geworden 
sein, wie das z. B. für indisches Denken, babylonische Wissenschaft 
and chinesische Methoden der Fall ist; ihrer Geschichte jedoch, 
rein als solcher, fehlt das Moment der moralischen Grösse, jenes 
Moment, heisst das, durch welches der einzelne Mensch veranlasst 
wird, sich seiner Individualität tm Gegensatz zur umgebenden Welt 
bewusst KU werden, um dann wieder — wie Ebbe und Flut — die 
Welt, die er in der eigenen Brust entdeckt hat, zur Gestaltung jener 
äusseren zu verwenden. Der arische Inder z. B., in metaphysischer 
Beziehung unstreitig der begabteste Mensch, den es je gegeben, und 
allen heutigen Völkern in dieser Beziehung weit überlegen, bleibt 
bei der inneren Erleuchtung stehen : er gestaltet nicht, er ist nicht 
Künstler, er ist nicht Rerormator, es genügt ihm, ruhig zu leben und 
erlöst zü sterben — er hat keine Geschichte. Ebensowenig hat sein 
Antipode, der Chinese, dieses unübertroffene Muster des Posiiivistcn 
und des Kollekiivistcn, eine Geschichte; was unsere historischen 
Werke unter diesem Titel geben, ist weiter nichts als eine Auf- 
zählung der verschiedenen Räuberbanden, von denen ans geduldige, 
kluge und seelenlose Volk, ohne ein Jota von seiner Eigenart preis* 
tugcben, sich hat regieren lassen: das alles ist kriminalistische Statistik, 
nicht Gesclüchie, wenigstens für tus nicht: Handlungen, die in an* 
serer Brust kein Echo finden, können wir nicht wirklich beurteilen. 
Ein Beispiel. Während diese Zeilen geschrieben werden, tobe 
die gesamte gesittete Welt gegen dieTüikei; die europäischen Mächte 
werden durch die Stimme der üflTcnllichen Meinung gezwungen, zum 
Schutze der Armenier und Kretenser einzuschreiten; die endgültige 
Ausrottung der türkischen Macht scheint ntir noch eine Frage der 




i 



44 



Das Erbe der alten Welt. 



Zeit. Das hat gewiss seine Berechtigung; es mussre so kommen; 
nichtsdestoweniger ist es eine Thacsache, dass die Türltei das letzte 
Stückchen von Europa ist, wo rinc ganze Bevölkerung in ungestönem 
Glück und Wohlbehagen lebt, eine Bevölkerung, die von sozialen 
Fragen, vom binern Kampf ums Dasein und dergleichen nichts weiss, 
wo CS keine grossen Vermögen giebt und buchstäblich gar keinen 
Pauperismus, wo Alle eine einzige brüderliche Familie bilden und 
Keiner auf Kosten des Anderen nach Reichtum strebt. Ich rede nicht 
das nach, was Zeitungen und Bücher berichten, sondern ich bezeuge, 
was ich aus eigener Anschauung weiss. Hätte der Mohammedaner 
nicht Toleranz zu einer Zeit geübt, wo dieser Begriff im übrigen 
Europa unbekannt war, es würde jetzt in den Balkanländern und in 
Kleinasicn idyllischer Frieden herrschen. Der Christ Jst es, der hier 
die Hefe des Zwistes hineinwirft; und mit der Grausamkeit einer 
gedankenlos rückwirkenden Naturmacht erhebt sich der sonst humane 
Mosicmite und vertilgt den Störenfried. Dem Christen behagt eben 
weder der weise Fatalismus des Mohammedaners, noch der kluge 
Indifferentismus des Chinesen. »Ich bin nicht gekommen, den Frieden, 
sondern das Schwen zu senden«, sagte Christus selber. Die christ- 
liche Idee kann, in einem gewissen Sinne, geradezu als eine anri- 
soziale bezeichnet werden. Zum Bewusstsein einer sonst nie geahnten 
persönlichen Würde erwacht, genügt dem Christen der einfache 
tierische Instinkt des Zusammenlebens nicht mehr; er will nicht mehr 
des Glückes der Bienen und der Ameisen teilhaftig sein. Bezeichnet 
man das Christentum kurzweg als die Religion der Liebe, so hat 
man seine Bedeutung für die Geschichte der Menschheit pur ober- 
flächlich gestreift. Das Wesentliche ist hier vielmehr dieses: durch 
das Christentum erhielt jeder Einzelne einen bisher nie geahnten 
unmessbaren Wen (sogar die iHaare auf seinem Haupte sind von 
Gott alle gezählct*. Matth. X-, 30); diesem inneren Wen entspricht 
das äussere Schicksal nicht, hierdurch ist das Lehen tragisch geworden, 
und erst durch die Tragik erhält Geschichte einen rein menschlichen 
Inhalt. Denn kein Vorgang ist an und flJr sich historisch-tragisch; 
er wird es erst durch den Sinn derer, die ihn erleben; sonst bleibt 
das, was die Menschheit betrifft, ebenso erhaben gleichgültig, wie alle 
anderen Naturpbänoraene. Auf die christliche Idee komme ich bald 
zurück. Hier sollte nur angedeutet werden, erstens, wie tief und 
■wie sichtbar das Christentum umgestaltend auf das menschliche Fühlen 
und Thun wirkt ^ wofür wir noch die lebendigen Beweise dicht 





vor unseren Augen haben,'} — zweitens, in welchem Sinne die nicht- 
cbristlicheD Völker keine wahre Geschichte, sondern lediglich Annxlen 
hiben, 

Geschichte, im höheren Sinne des Wones, Ist einxig jene Ver- h«ii«, ro». 
gangenheii, welche noch gegenwinig im Bewussisein des Menschen ^"^^ 
gestaltend weiterlebt. Aus der vorchristlichen Zeit gewinnt darum 
Geschichte nur den ein nicht allein wissenschaftliches, sondern ein 
allgemein menschliches Interesse, wo sie Völker betrifft, die jener sitt- 
Uchcn Neugeburt, welche wir als Christencum bezeichnen, entgegen- 
eilen. Hellas, Rom undjudii: sie allein von den Völkern des Alter- 
tums sind für das lebendige Bewusstsein der Menschen des 19. Jahr- 
hundens geschichtlich v^-ichtig. 

Vom hellenischen Boden ist uns jeder Zoll heilig, und mit 
Recht. Drüben, im asiatischen Osten, hatten und haben nicht einmal 
die Menschen Persönlichkeit, liier, in Hellas, ist jeder Fluss, jeder 
Stein belebt, individualisiert, die stumme Natur erwacht zum Be- 
wusstsein ihrer selbst. Und die Münner. durch welche dieses Wunder 
geschah, stehen vor uns, von den halb fabelhaficn Zeiten des troja- 
nischen Krieges an bis zu der Herrschaft Roms, ein Jeder mit seiner 
dgCDCO, unvergleichlichen Physiognomie: Helden, Herrscher, Krieger, 
Denker, Dichter, Bildner. Hier wurde der Mensch geboren: 
jener Mensch, fähig ein Christ zu werden. — Rom ist in mancher 
Beziehung der grellste Kontrast zu Griechenland; es ist nicht allein 
geographisch, sondern auch seelisch von Asien, d.h. von semitischen, 
babylonischen und ägyprischen |Ein0üsscn entfernter; es ist nicht 
so heiter und genügsam, nicht so flatterhaft; besitzen will das Volk, 
besitzen will der Einzelne. Vom Erhaben anschaulichen der Kunst 
und der Philosophie wendet sich hier der Geist zur Verstandesarbeit 
der Organisation. Hatte dort ein einzelner Solon, ein einzelner Lykurg, 
gewisscrmasscn als Dilettant, nämlich 'aus rein individueller Über- 
zeugung vom Richtigen, Staatsgrundgesetze geschaffen, hatte später ein 
ganzes Volk von schwatzenden Dtlenantcn die Herrschaft an sich 
gerissen, so entstand in Rom ein langlebiges Gemeinwesen von nöch- 
lemcn, ernsten Gesetzgebern, und während der äussere Horizont — das 



') Es i« durchaus fabch, wenn man solche Wirkungen nicht dem crvachien 
SMlenleben, sondern lediglich der Ruse xuschrtiben zn mAsscn glaubt: der Boaniak 
rein serbischer Absummuiig und der Makcdonicr aui der hctlcnbchim Verwandt- 
schart »nd, ab Mohimtncdaner, ebenso Tatidisiisch und antiindividualisiiscli in ihrtr 
Gesinnung nie nur irgend ein Osmane. 




^ 



Das Erbe der alten Welt. 




römische Reich und seine Interessen — sich beständig erweiterie, ver- 
engerte sich in bedenklichster Weise der Horizont der inneren Inter- 
essen. Siulicb jedoch steht Rom in vielen Beziehungen höher als 
Hellas: der Grieche war von jeher, was er noch heute ist, untreu, 
unpairiotisch, eigensüchtig; Selbstbeherrschung war ihm fremd, darum 
hat er es nie verstanden, andere zu beherrschen, noch sich selber 
mit würdigem Stolze beherrschen zu lassen. Dagegen weist das 
Wachstum und die zähe Lebensdauer des römischen Staates auf den 
klugen, kraftvollen, bcwusstcn politischen Geist der Bürger hin. Die 
Familie und das sie schützende Gesetz sind die Schöpfungen Roms. 
Und zwar gilt das ebensowohl von der Familie im engeren, jede 
höhere Sittlichkeit begründenden Sinne, wie auch in der erweiterten 
Bedeutung einer die Gesamtheit der Bürger zu einem festen, wider- 
standsfähigen Staate verbindenden Gewalt; nur aus der Familie konnte 
ein daucrhat'icr Staat entstehen, nur durch den Staat kannte das, was 
wir heute Gvillsaiion nennen, ein cntwickelungsfähiges Prinzip der 
Gesellschaft werden. Sämtliche Staaten Europas sind Pfropfreiser auf 
dem römischen Stamme. Und mochte noch so häufig, damals wie 
heute, Gewalt Über Recht siegen, die Idee des Rechtes ward uns 
fortan zu eigen. — Indes, ebenso wie der Tag die Nacht erforden 
(die heilige Nacht, die unserem Auge das Geheimnis anderer Welten 
enthüllt, Wehen über uns am Himmelsgewölbe und Welten in uns 
selber, in den Tiefen des schweigenden Innern), ebenso crfordene 
das herrliche positive Werk der Griechen und Römer eine negative 
Ergänzung; durch Israel wurde sie gegeben. Um die Sterne zu 
erblicken, muss das Tageslicht gelöscht werden; um ganz gross zu 
werden, um jene tragische Grösse zu gewinnen, von welcher ich 
vorhin sagte, dass sie allein der Geschichte einen lebensvollen Inhalt 
verleihe, musste der Mensch sieh nicht allein seiner Kraft, sondern 
auch seiner Schwäche bewusst werden. Erst durch die klare Er- 
kenntnis und die schonungslose Betonung der Geringfügigkeit alles 
menschlichen Thuns, der Erbärmlichkeil der binimel anstreben den Ver- 
nunft, der allgemeinen Niederträchtigkeit menschlicher Gesinnungen 
und staatlicher Motive, fasste das Denken Fuss auf einem durchaus 
neuen Hoden, von wo aus es im Menschenherzen Anlagen und 
Fähigkeiten entdecken sollte, die ihn zu der Erkenntnis eines Er- 
habensten führten ; niemals hätten Griechen und Römer auf ihrem 
Wege dieses Erhabenste erreicht, niemals wäre es ihnen beigekommen, 
dem Leben des einzelnen Individuums eine so hohe Bedeutung bei- 



mltgcn, mit anderen Worten, sie ihm zu verleihen. Betrachten wir 
die äussere Geschichte des Volkes Israel, so bietet sie uns beim ersten 
Anblick gewiss wenig Anziehendes; ausser einigen wenigen sym- 
pathischen Zügen scheint alle Nicdcrirächiigkeic, deren Menschen 
fähig sind, in diesem einen Völkchen verdichtet; nicht als wären die 
Juden im Grunde genommen noch schändlicher als die anderen 
Menschen gewesen, die Fraizc des Lasters aber glotzt einen aus ihrer 
Geschichte in unvcrhüllter Nacktheit an : kein grosser politischer Sinn 
entschuldigt Wer das Ungerechte, keine Kunst, keine Philosophie ver- 
söhnt mit den Greueln des Kampfes ums Dasein. Hier nun entsund 
die Verneinung der Dinge dieser Welt und damit die Ahnung einer 
höheren ausserwehlichen Bestimmung des Menschen, Hier wagten 
es Männer mitten aus dem Volke, die Fürsten dieser Erde als »Diebs- 
gesellcnt 2u brandmarken, und wehe zu rufen über die Reichen, »die 
ein Haus an Jas andere ziehen und einen Acker zum anderen bringen, 
bis dass sie altein das Land besitzen!« Das war eine andere Auf- 
fassung des Rechtes als die der Römer^ denen nichts heiliger dünkie 
als der Besitz. Der l-luch galt jedoch nicht bloss den Mächtigen, 
sondern auch »denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich 
selbst für kluge, und ebenfalls den frohen Helden, die >Wein saufen< 
und die Welt zum Tummelplatz sich auserkoren haben. So redet 
bereits im 8. Jahihundert vor Christi Geburt ein Jesaia. ') Diese erste 
Auflehnung gegen das radikal Böse im Menschen und in der mensch- 
lichen Gesellschaft erklingt aber immer mächtiger im Laufe der 
folgenden Jahrhundene aus der Seele dieses merkwördigcn Volkes; 
ae wird immer innerlicher, bis jeremia ausruft: »Wehe mir. o Mutter, 
dass du mich geboren hastl«, und bis zuletzt die Verneinung zu einem 
positiven Prinzip wird und ein erhabenster Prophet sich aus Liebe 
ans Kreuz schlagen lässi. Mag man sich nun auf den Standpunkt 
eines gläubigen Christen stellen oder einfach auf den des objektiven 
Historiket-s gleichviel, sicher ist, dass man, um die Gestalt Christi 
deutlich zu erkennen, das Volk kennen muss, das ihn kreuzigte. 
Freilich muss eines wohl beachtet werden: bei den Griechen und 
Römern waren die Thaien dieser Völker die positive Errungenschaft, 
dasjenige, was weiterlebte; bei den Juden dagegen war die VemeiHung 
der Thatea dieses Volkes die einzige positive Errungeiisch-ili für die 
Menschheit. Diese Verneinung ist aber ebenfalls eine historische, und 



') Sidie Jeuia, Kap. i und {. 



ä 



48 



Das Erbe der alten Welt. 



zwar eine historisch gewachsene Thatsachc. Selbst wenn Jesus Christus, 
wie mit grösstcr Wahrscheinllchlceit anzunehmen ist, dem jüdischen 
Volke nicht cntsTammt sein sollte, nur der oberflächlichste Parteigeist 
kann die Thaisache leugnen, dass diese grosse und göttliche Gestalt 
auf das Unzertrennlichste mit dem historischen Entwickelungsgang 
jenes Volkes \erwoben isi. ') 

Wer könnte es bezweifeln? Die Geschichte von Hellas, die von 
Rom und die von Judäa, sie haben gestaltend auf alle Jahrhunderte 
unserer Zeitrechnung weitcrgewirlct, sie wirkten lebendig weiter in 
unserem 19. Jahrhundert. Ja. sie wirkten nicht allein lebendig, sondern 
auch lebenhemmend, indem sie die freie Aussicht in das rein mensch- 
liche Gebiet nach vielen Richtungen hin mic einem mannshohen Zaun 
umgaben. Das ist des Menschen unentrinnbares Schicksal: was ihn 
forden, fesselt ihn zugleich. Darum muss die Geschichte dieser 
Völker von Demjenigen wohl beachtet werden, der von unserem 
19. Jahrhundert zu reden unternimmt. 

In dem vorliegenden Werk nun sind die rein historischen Kennt- 
nisse, die Chronologie der Weltgeschichte, als bekamt vorausgesetzt. 
Nur eines darf hier versucht werden, nämlich in möglichst gedrängter 
Kürze zu bestimmen, welches die wesentlichsten, unterscheidenden 
Merkmale dieses >Erbes der alten Welt< sind. Das soll in drei 
Kapiteh) geschehen, von denen das erste hellenische Kunst und 
Philosophie, das zweite römisches Recht und das dritte die Erscheinung 
Jesu Christi behandelt. 
c«ui>id.u- Ehe ich diese einleitenden Worte beschliesse, noch eine Ver- 

pbUMDphit. Wahrung. Der Ausdruck: dieses oder jenes »musstes geschehen, ent- 
fuhr oben meiner Feder; vielleicht kehrt er im folgenden "Aieder. 
Damit soll keineswegs einem geschichtsphilosophischen Dogmalisieren 
das Existenzrecht eingeräumt werden. Der Rückblick von der Gegen- 
wan aus auf die Vergangenheit zurück gestattet den logischen Schluss, 
dass gcwsse Vorgänge damals geschehen mussten, damit das Heute 
so würde, wie es geworden ist. Ob der Lauf der Geschichte ein 
andrer hätte sein können, als er war, diese subtile Frage gehört 
nicht hierher. Von dem wüsten Lärm einer angeblichen »Wissen- 
schaftlichkeit« eingeschüchtert, sind manche heutige Historiker in 

') Far den Nachweis, da» Christus kein Jude wat (im Sinne der Rassen- 
angeht ri)(lccit) , sowiv (Ör die Darlc^uni; seines innigen VerhJlmisscs zu dem 
rooratitthen Leben des cchicn [üdischen Vollccj. iiehc Kap. J; Nihctes Ober das 
iüdiachc Volk biiugt dann Kap. }. 



dieser Beziehung sehr ängstli*:h geworden. Und dennoch ist es klar, 
dass die Gegenwan nur dann einen leuchtenden Sinn erhält, wenn 
sie suh ipecii necessiiatis betrachtet wird. Vtre säre est per causas seire, 
sagt Bacon; diese Anschauungsweise allein ist eine ■wissenschaftliche; 
■wie soll sie aber durchgeführt werden, wenn nicht überall die Not- 
wendigkeit anerkannt wird? Das Wort »müsse bringt die notwendige 
Verkettung von Urjaclie und Folge zum Ausdruck, ^s'citer nichts; mit 
derlei Einrichten vergolden wir Menschen die RicgL-lbalkcn unseres 
cngumzirkten geistigen Spielraums, ohne un5 deswegen einzubilden, 
wir wären ins Freie hinausgeflogen. Nun beachte man aber noch 
folgendes: gestaltet die Notwendigkeit, so bilden sich um diesen 
Mittelpunkt immer weitere Kreise, und Keiner darf uns verwehren 
— wo unser Ziel es erheischt — den weiten, umstindÜchen Weg 
auf einem äussersten Kreis zu vermeiden, um unsern Standpunkt so 
nahe wie möglich an der bewegenden, selber kaum bewegten Achse 
einzunehmen, dort wo die scheinbare Willkür mit der nicht abzuleug- 
nenden Notwendigkeit fast verschmilzt. 



CkobnlitD, Cnadla^n in X!X. JilirbDDdcrtl. 




ERSTES KAPITEL 



HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 



Nur durch den Menschen tritt der 
Mensch in das Tageslicht des Lebens ein. 



4* 



Viel Geistvolles ist gesagt worden, um den Unterschied rwiachen o« 
Mensch und Tier drastisch zu kennzeichnen; wichtiger, weil ^j^g *■"•*•"*•■■ 
bedeutungsvollere Erkenntnis anbahnend, dünkt mich die Unter- 
scheidung zwischen Mensch und Mensch. In dem Augenblick wo 
der Mensch zum Bewusstsein freischöpferischer Kraft erwacht, ober- 
schreitet er einen bestimmten Grenzkreis und zerstört den Bann, der 
ihn, trotz aller seiner Begabung und allen seinen Leistungen, in 
engster — auch geistiger — Zugehörigkeit zu den übrigen Lebewesen 
erscheinen Hess. Durch die Kunst tritt ein neues Element, eine 
neue Daseinsform in den Kosmos ein. 

Mit diesem Ausspruch stelle ich mich auf denselben Boden wie 
etliche der grössten unter Deutschlands Söhnen. Diese Anschauung 
von der Bedeutung der Kunst entspricht auch, wenn ich nicht irre, 
einer spezifischen Anlage des deutschen Geistes, wenigstens dürfte 
eine so klare, scharfe Formulierung jenes Gedankens, wie wir sie bei 
Lessing und Winckelmann, bei Schiller und Goethe, bei Hölderlin, 
Jean Paul und Novaiis, bei Beethoven und Richard Wagner finden, 
bei den anderen Mitgliedern der verwandten indogermanischen Völker- 
gruppe kaum anzutreffen sein. Um dem Gedanken gerecht zu werden, 
muss man mnüchst genau wissen, was hier unter ^Kunst« zu ver- 
stehen ist. Wenn Schüler schreibt: »Die Natur hat nur Geschöpfe, 
die Kunst hat Menschen gcmachK, ^ird man doch nicht glauben, 
er habe hier das Flötenspiclen oder das Verseschreiben im Sinne? 
Wer Schillers Schriften (vor allen natürlich seine Briefe über die 
ästhetische Erziehung des Menschen) sorgfältig und wiederholt liest, 
wird immer mehr einsehen, daas der Begriff iKunstc für den 
Dichter-Philosophen ein sehr lebendiger, ihn gewisscrmassen durch- 
glühender, dennoch aber ein recht subtiler ist, der sich schwer in 
eine kurze Definition einzwängen ISssi. Nur wer sie nicht verstanden 
hat, kann eine derartige Einsicht überwunden zu haben wähnen. 
Man höre, was Schiller sagt, denn für den Zweck des voriiegendea 



4 



14 



Das Erbe der alten Weh. 




Kapitels, sowie des ganzen Buches ist ein Versiändnis dieses Grund* 
begrißes nnentbehrlich. Er schreibt: »Die Natur fängt mit dem 
Menschen nicht besser an als mit ihren Obrigen Werken ; sie handelt 
füi ihn, wo er als freie Intelligenz nocht nicht selbst handeln kann. 
Aber eben das macht ihn zum Menschen, dass er bei dem nicht 
stille steht, was die blosse Natur aus ihm machte, sondern die Fähig- 
keit besit«, die Schritte, welche jent mit ihm aniicipierte, durch 
Vernunft wieder rückwärts zu thun, das Werk der Not in ein Werk 
seiner freien Wahl umzuschafien, und die physische Notwendigkeit 
zu einer moralischen zu erheben.« Zunächst bezeichnet also das 
Drängen nach Freiheit den künstlerischen Zustand für Schiller: 
der Not kann der Mensch nicht entrinnen, er >schaflt sie aber umc; 
indem er das thut, bewährt er sich als Künstler. Als solcher benutzt 
er die Elemente, die ihm die Natur bietet, um sich eine neue Welt 
des Scheins zu errichten ; jedoch hieraus ergiebt sich ein Zweites, 
und gerade dieses Zweite darf unter keiner Bedingung übersehen 
werden ; indem der Mensch »in seinem ästhetischen Stande« sich 
ge Wissermassen »ausser der Welt stellt und sie betrachtet«, 6ndet es 
sich, dass er diese Weh, die Weh ausser ihm, zum erstenmal deutlich 
erblicktl Freilich war es ein Wahn gewesen, sich aus dem Schosse 
der Natur losringen zu wollen, gerade dieser Wahn aber leitet ihn 
nunmehr dazu, sich der Natur völlig und richtig bewusst zu werden: 
»denn der Mensch kann den Schein nicht von der WirltlichJceit 
reinigen, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Scheine frei zu 
machen.« Erst wenn er zu dichten begonnen hat, beginnt der 
Mensch auch bewussi zu denken; erst wenn er selber baut, wird 
«r auf die Architektonik des Wehgebäudes aufmerksam. Wirklichkeit 
und Schein sind anfangs in seinem Bcwusstsein vermengt; die be- 
wusste, freischüpferische Beschäftigung mit dem Schein ist der erste 
Schritt, um zu einer möglichst freien, reinen Erkenntnis der Wirklich- 
keit zu gelangen. Wahre Wissenschaft, d. h. eine nicht bloss 
messende, registrierende, sondern eine anschauende, erkennende, ent- 
sieht also, nach Schiller, unter dem unminelbaren EinBuss des künst- 
lerischen Sirebens der Menschen. Und jetzt erst kann im Menschen- 
geist auch Philosophie auftreten; denn sie schwebt zwischen beiden 
Welten. Philosophie fusst zugleich auf Kunst und auf Wissenschaft; 
sie ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, die neuerhche, künstlerische 
Bearbeitung jener gesonderten, gereinigten Wirklichkeit. Damit ist 
aber die Bedeutung der Vorstellung »Kunst« für Schiller noch immer 



Hdlenische Kunst und Philosophie. 



fl 



nicht erschöpft. Denn die »Schönheit» (jene frei umgcschaficnc, 
neue Weh) isi nicht allcia ein Gegeostand; in ihr spiegelt sich viel- 
mehr auch »ein Zustand unseres Subjckist wieder: »Die Schönheit 
ist zwar Form, weil *-ir sie betrachten; zugleich aber ist sie Leben, 
weil wir sie fühlen. Mit einem Won: sie J5i zugleich unser Zustand 
und unsere That.«'} Künstlerisch zu empfinden, künstlerisch xu 
denken bezeichnet also einen bc:ionderen Zustand des Menschen 

Oberhaupt; es ist eine Stimmung, oder vielmehr eine Gesinnung 

Doch besser vielleicht ein latenter Kraftvorrat, der sich im Leben des 
einzelnen Menschen wie auch im Leben eines ganzen Volkes überall, 
auch dort, wo Kunst und Wissenschaft und Philosophie nicht un- 
mittelbar beteiligt sind, »befreiend«, > um schaffend*, »reinigend« bc- 
thldgen mu-ss. Oder auch, um uns dieses Verhältnis von einer an- 
deren Seite aus vorzuführen, können wir — und zwar wiederum mit 
Schiller») — sagen: »Aus einem glücklichen Instrumente wurde der 
Mensch ein unglücklicher Künstler.« Das ist jene Tragik, von der ich 
in den einleitenden Worten sprach. 

Man wird, glaube ich, zugeben müssen, dass diese deutsche 
Auffassung des »Menschwerdens* tiefer geht, dass sie mehr umfasst 
und ein helleres Licht auf die zu erstrebende Zukunft der Mensch- 
heit wrft, als jede engwissen schaftliche oder rein utilitaristische. 
Wie dem auch sei, Eines ist sicher: ob einer solchen Auffassung 
unbedingte Gültigkeit zukomme, oder nur bedingte, für eine Be- 
trachtung der hellenischen Welt und die sichere Aufdeckung ihres 
Lebensprinzips thut sie unvergleichliche Dienste; denn, mag sie auch 
in dieser bewussten Formulierung eine charakteristisch deutsche Auf- 
fassung sein, im letzten Grunde führt sie auf hellenische Kunst und 
auf hellenische Philosophie (welche die Naturwissenschaft umschlosa) 
zurück, sie bezeugt, dass das Hellenentum nicht allein äusscrlich und 
geschichtlich, sondern auch innerlich und Zukunft gestaltend in un- 
serem Jahrhunden noch weiter lebte. 3) 

') VergL AsihJlische EriiehuHg, Bf. J, aj, i6. Näheres Wer, Kap. 9, Abschn. 7. 

1 Vcrgl. Etuas lihcT tue irtti Mtnschtngtitllsihafl, .\bschDiii 1. 

^ Um MiMvtrstiDdnisscn vonubcugeo, will ich erwibocn, dass ich hier am 
Anfang meines Buches mich dct einfacheren Writindniuci hulbci ohne weitere 
Kiitilc ftn Schiller angeschlossen habe; erst in) Schlustkapiir] lunn ich meine An- 
schauung bcKrOnden. dus bei uns Gemimen. im IJntctschicd von den HcUcncn, der 
Angelpunkt des »Menjchwcrdens« niclii in itt Kunst, sondern in der Religion eil 
Indien ist — was aber nicht eine Abv.'eichung von SchUIcr's Auffisjung von »KuDiK 
bcdeui«, toodcm lediglich ciac beiondcrc Schattierung. 



S6 



Das Erbe der alten Wdt. 



Tiei and 



Nicht jede künstliche Bethütigung ist Kunst. Zahlreiche Tiere 
führen äusserst kunstvolle Bauten auf; der Gesang der Nachtigall 
wetteifert erfolgreich mit dem Naturgesang wilder Men&chen; will- 
kürliche Nachahmung treffen wir hochentwickelt im Tierreich an, 
und zwar auf den verschiede nsten Gebieten — Nachahmung der 
Thätigkeit, des Lautes, der Form — wobei noch zu bedenken ist, 
dass wir bis jetzt so gut wie gar nichts von dem Leben der höheren 
Affen wissen ; ') die Sprache, d. h. also die Mitteilung von Empfindungen 
und Urreilen durch ein Individuum an ein anderes, ist durch Jas 
ganze Reich der Animalität weit verbreitet und verfügt ofltnals über 
so unbegreiflich sichere Mittel, dass nicht allein Anthropologen, sondern 
auch Philologen'') die Warnung nicht für überflüssig halten, man 
dürfe nicht einzig das Erzittern menschlicher Stimmbänder, überhaupt 
nicht bloss den Laut für Sprache haken ;J) u, s, w. Durch die instinkt- 
mässige Zusammenfügung zu staatlichen Organisationen, und seien 
sie noch so vielästig verwickelt, erzielt das menschliche Geschlecht 
ebenfalls keinen prinzipiellen Fortschritt über die unendlich kom- 
plizierten Tierstaaten; neuere Soziologen bringen sogar die Entstehung 
der menschlichen Gesellschaft in engorganische Beziehung zu der Ent- 
wickelung der sozialen Instinkte im umgebenden Tierreich.4) Betracht« 




■) Sichv icdocb die Beobachtungen d«5 ]. G. Rommes in einem weibUchea 
Schimpansen , am lusfühtlidisti-n lu der Zdtschrifi Nature, Band X] , 5. l6o If., 
künci in den Büchern du3clt>cii VerTuscr}. In kurzer Zeit lernte dieser AfTe mit 
unfehlbarer Sicherheil bis sieben zählen. Dagegen vermAgen die Baliairi (sQd- 
anienkilniächcn Indianer) nur bis sechs, und iwar acLir nii^hsiim, su cihlen I (Siclie 
Kar] von Sicineci: t/iil/r dtti Nalurt'älkem Rraaiimu) 

*) Siehe I. D. Whitney: Düi Ltbat dtr Spracht (fraiix^^^clie Aiugabct 
S. a)8 f.). 

») VefRL namenclich die lichtvollen Auifilhrungcn von Topinard in seiner 
Amhropclope S. 159— 16>- Interessant Ist es, fesuustcUen, dass ein so bedeutender 
und zugleich so ausserordentlich vorsichtiger, jvdef Pliamaiterci besonders ab- 
holder Naturforscher wie Adolf Bastian den Gliedertieren (mit üifcn sich gegen- 
seitig berührenden Fühlhötncml eine ihTcm Wesen nach dei unsrigen analoge 
Sprache vindixicn; siehe; Das H/släuJigc in äf Menteiunrastt», S- Vlli des Vor- 
wonei- In Darwin: Dnctnl of Man, Kap. IH, findet m.in eine besoniJcri interessante 
Zusammenstelliing der hierher geiiörigen Thatsachen und eine energische Zurücti- 
wdsung der Paradoxen Max Müllers und Anderer. 

*) Siehe I. B des araerilraniscbeo Piofesiors Franklin H. Giddings: rnmipitn 
der Soäoiogii (frJiuäsische Ausgabe 1897. S. 189): >Ies bian de i'empirt dt i'liommt 
furatt paia jur Us asteciatioai too^/nigua dts plus humhUi Jörmts de la vtf 
cantdenU* . 



Cnnst um 



!7 



man das staatliche Leben der Ameisen zum Beispiel und sieht man. 
durch welche kühne Raflinemenis die praktische Bewährung des fie- 
se Uschaflliclien Getriebes und das fehlerlose Ineinandergreifen aller 
Teile bei ihnen bewirkt wird — als Beispiel will ich einzig die Ab- 
schaffung des unheilschwangercn Geschlechtstriebes bei einem grossen 
Prozentsatz der Bevölkerung nennen, und zwar nicht durch Ver. 
stümmelung, wie bei unserem elenden Notbehelf der Kastrierung, 
sondern durch kluge Manipulaiion der befruchteten Keime, — so 
niuss man gestehen, der staatliche Instinkt steht bei uns auf keiner 
hohen Stufe; im Verhältnis zu manchen Tiergattungen sind wir 
politische Pfuscher.') Selbst in der besonderen Bethatigung der Ver- 
nunft kann man wohl ein eigenartiges spezifisches Merkmal des 
Menschen, kaunn aber ein grundsätzlich neues Naiurphiinonien erkennen. 
Der Mensch im Naturzustand benützt seine überlegene Vernunft genau 
50 wie der Hirsch seine Schnellfüssigkeit, der Tiger seine Kraft, der 
Elefant seine Schwere: sie ist ihm die vorzüglichste Waffe im Kampf 
ums Dasein, sie ersetzt ihm Behendigkeit, Körpergrössc und so manches 
andere, was ihm fehlt. Die Zeiten sind vorbei, wo man den Tieren 
Vernunft abzusprechen sich erdreistete ; nicht allein zeigen Affe, Hund 
Und alle höheren Tiere bcwusste Überlegung und treffsicheres Urteil, 
sondern dasselbe ist bei Insekten experimental nachgewiesen worden: 
eine Bienenkolonie 2. B. iu ungewohnte, noch nie dagewesene Ver- 
hältnisse versetzt, trifft neue Vorkehrungen, versucht dieses und jenes, 
bis sie das Richtige gefunden hat.*] Kdn ZweifcC, dass, wenn wir das 



') Si«lie C2rl Vogt* aniü»nlc: VnUntuhungtn über die Titntaätrn (1851). 
— In Urchm: fwi Vordpel tum Äquator (1890) findet man scbr bcmcTkeo»- 
werte Mitieüungen Ober die KTic};sf&hiiing der I^tviane; ibre TalilU: wechselt je 
luch der Boden bMcttatTcnhcil, sie verteilen ucb in bustimiiiic Ciuppcn: Voider 
tfeffen, Hinicnreffcn u. s. w., mehrere srbcitm luidtnmm, um einen grossen Fels- 
Mock auf den Feinti hinabiuioUen, und vidci dcrglcitheu niclir, — Vicllddit das 
Stiuncu^'k'crtcite CMdbchaftsItbcn ül das der Gärincrameivcn aui Südnmtrrikj, 
aber die lucrat Bdt; Naluralist fn hltcarügua bcrichictc, dann der Deutsche Alficd 
MAUer; jct/t kann mart dieie Tiere im loologicchen Gjrien in London beob- 
achten, wobd naoicmlich die Thiiigkcil der gTOsshöpfigcu »Aufsehet« leicht tu 
verfolgen !si, wie lie, sobald ein »Aibeitci* faiilenun will, bennlaufen, und ihn 
■ufrüiidn f 

*) Vergt. Hubci: NcatvelUs ohien'aHoni lur /« AheifUt, II. 198, u. «. w, 
Die bette künesie neuere Zusammenfassung dei cnisc beiden dsten, liierhcr ijehftrigen 
ThatMcbcn 111 wohl die von J. G. Roniuncs: Euayt an liitiiul 1897; auch 
dicicr berv »nagen de Sdiüler Darwin's isi freilidi immer wieder geiiOtigt, auf die 
ilcobädiiungudheD der bddca Hubcr al» «uf die lianrcidislca und mvcrläuigttcn 



Das Erbe der alten Welt. 




bis jec« uns fast günzlich unbekannte psychische Leben der Tiere 

lurückiugieirmi alUuweaig bekannt ist jedoch dos Werk von J. Trahcrac Mogg- 
ridgc: Biohachtungtn übrr dit Spricherawnitn und dit faiUhünfninfn (in eng- 
lischer Sprach«. 187), bei Utcvc in Lotxioa); dbcr)iaupi toUicn die Psychologen 
det Tierreichs ihn* Aufmerluamkeil ilen Spinnen mrlu- widmen, welche ua* 
cvcifclhaft m den begabtesten aller Wesen »UileD. (Siebe jedoch H. C. Mao- 
Coole AmeUcait Spiders, PhikdeJpliia, 1889.) Unter ilteren Schriften iji von un- 
vergänglichem Wcct Kirby: Hittery, Habits onä hilincli 0/ ^inimah. Von den 
mehr philosophischen Schriften will ich hier besonders auf Wundt's: Vorletungm 
über die Munjclte«- und Türutie und auf Fritz Schult/c's: Vfr^irichrndc Sfdet*- 
künde (zweiter Teil, Die Psychologie der Tiere und PBanxcn, 1897) aufmerksam 
machen. — In dieser Anmcricung mächte ich luglcich eine ausdrückliche Ver- 
wahrung einlegen, nämlich, diss ich hier und ii*i Folgenden die liefe Kluft 
iwischcn dem GcUic des denkenden Menschen und dem des Tieres durchaui 
nicht verkenne; es war hohe Zeil, dasx ein Wundt mit seiner gaiiien Gcisies- 
schirfc gegen unsere last unausrottbare Neigung lu anthropomorphisiischcn Deu- 
tungen uufliati mich dünkt aber, Wundt selber, und mit ihm Schuluci Lubbock 
und andere verfallen in den umgekehrten Fehler; gegen die kritiklose Über* 
schitiung des Gcdankcnlcbcns der Tiere kgcu sie gercchlc Vcrwahiuiig ein, da- 
gegen scheinen diese hochgelehrten, in unaufhörlichem Henken und Spekulieren 
aufgewachsenen M^ncr nicht zu ahnen, mit wie unendlich wenig Bcwusstcia 
und ReAeMOR die Menschheit in ihrer Gesamtheir lebt und recht gut aua- 
koramt; sie sind Oberhaupt geneigt, dcni >Bewusstscin< und der »Reflcsiont da 
übemii-ttiges Gewicht beixulegcni das zeigt sich bei ihren Abhandlungen über 
die elementaren Zustände der niciischlichca Psyche und — vielleicht noch deut- 
licher — bei ihrer geringen Fähigkeit, die Nitur des eigentlichen .\ktes schipfc- 
rischcr GeDialiili (Kumt und Philosophie) iv, deuten. Nachdem der eine Wundt 
die Schltfung der tierischen Intelligenz auf ihr richtiges Niveau herabgeführt hst, 
brauchten wir jet« einen zweiten, der unsere Neigung, uns selber ungeheuer lu 
überschäticD, aufdeckte. — Auch scheint mir folgender Punkt niemals gehOtig 
betont worden zu sein; dass wir nämlich bei uitseren Beobachtungen an Tieren 
auch beim besten Willen An tlirop amorphen bleiben! denn wir können uns ja 
nicht einmal einen Sinn (ich meine ein physisches Werkzeug lur Erkenntnis 
der umgebenden Well] vontellcn^ wenn wir ihn nicht selber besitzen, und wir 
müssen notwendigerweise ewig blind utid taub fßr alle Gemüts- und Ver- 
sundesnussctungen bleiben, welche in unserem eigenen geistigen Leben kein un- 
raittelbarM Echo antreffen, Wundt hat gut warnen vor »schiechtcn Analogien«: 
auf diesem ganzen Gebiete sind gar keine SchlQsse ausser AnalogicschlOsscit mfSg- 
lieh- Wie Clitford ausfahdich darf^than hat (vcrgl, Stfiiig and TJanfc'«;), 
können wir hier weder icin objektiv noch rein subjektiv vorgehen; diese gc- 
nüschte Art der Erkenntnis hat er deswegen ein« >c^ekiive< genanut. Wir schltiea 
diejenigen Tiere ab die imcÜigenicsten, deren Imclligenz der unstigen am ähn- 
Ucbsttn üt und die wir deswegen am besten vetstchea; ist das aber einem 
kosmischen Problem wie demjenigen des Geistes gegenüber nicht unendlich naiv 
und UQÜbcilcgt? bt das nicht verkappter Anthropomorphismus ? Sicherlich. Wcna 
also Wundt behauptet: »auf lücicni Gebiete ist da* Experiment in hohem Masse 



J 



Hellenische Kunst und Philosophie. 



t9 



aus entfernten Klassen näher und einsichtsvoller uoccrsucben, wir 

der blossen Bcoliichiung aberlegen«, so kann mnn Ihm nur sehr bedingt b^ 
pflichicni denn das Experiment ist von Haus aus ein Reflex uascrcr icin mcnsch- 
Ücben VonteUungcn, wogegen die liebevolle Beobachtung eiatf glnilich anders 
gearteten U'cscns in seinen eigenen. mAgüchst normalen Vcihiltnissen und zwar 
mit dem Wunchc, nicht seine Leistungen xv kritisieren, sondern sie — soweit 
umer menschlicher, cnf^Linschrlnkier geistiger Horixon[ ci eclaubt — zu b^ 
greifen, wohl zu manchen überraschenden Ansichten füllten raOsstc. Darum 
tun uns auch der alte, blinde Hubcr über die Bienen weit mehr getehn als Lub- 
bock io sciocni — uotzdem bcwundcmiwcitca — Buche Anti, Bees and Wai^ 
(■88)); darum erzielen die rohen »Dresseurs« solche unglaubliche Erfolge, denn 
sie verlangen von jedem Ticc nuc solche LcUtungen, wulchc »c auf GiundUgc täg- 
licher Beobaditiing leiner .Anlagen von ihm erwarten dürfen. — Hier, wie andcr- 
wlrts, steckt unsere heutige Wisseiischart noch tief in hcllcno-jQdlschcm Auihrogio- 
morphismiii, und nicht atn wenigsten gerafle dort, wo sie davor warnt. — Seit- 
dem obige Bcmerliung geschrieben, ist das Aufsehen erregende Buch, Beihc: 
Dürfen wir Amfiun und Bitntn ptyehiaht QuaiitäUn aachrfibtfif etschienen, welches 
io seiner ganzen Argumcniaiion cm geradezu Uassiscbcs Beispiel des verkappten 
Anthropomorpbismus ist. Durch sinnreiche (obwohl meiner Ansicht nach durch- 
aus nicht abschliessende) Versuche, hat Herr Bcthe die Überzeugung gewonnen, 
die Ameisen «rkennten tich ab zum selben Nest gehdrig durch den Geruch- 
Kau, auch ihr Wcgefindcn beruhe auf der .\usschcidung eines chemischen 
Stoffes u. s. w. Dos gitoic sei •Chemorcilc^«, das gesamte Leben dieser Tiere 
*rein mecluuisciH. Man suunt Ober einen solchen Abgrund philosaphisdaer Roheit. 
Ja. Ist denn das gesamte SinDcnUbcn als solches nicht noiwendigcrvcisc me- 
ehanLich! Kann Herr Beihe seinen eigenen Vater ohne Zuhilfenahme eines Mccbanis- 
tous erkennen? Erkennt der Hund seinen Herrn nicht fast lediglich diuch den 
Gemchsinn; Sollen denn Descanes' Autonuten immer von neuem aufleben, 
ab hätten WiMeiijchafi und Philosophie seit joo Jahren stillgcaiaodenf Hier, 
bd solchen Männern wie Bethe und sdncni Vorgänger, dem Jesuiten E. Wasmann, 
steckt der wirkliche und unausroitbücc Anthropoinorphisntus. Bei Vcrtcbratcn liist 
die strenge Analogie mit unserer eigenen Struktur Schlüsse auch auf die psycho- 
logischen VoiRingc zu; im Insekt d.igcgcn steht ein total fremdes Wesen vor 
luu, aufgebaut nach einem Plane, der so tief von dem unseres K&rpers ab- 
weicht, djbss wir nicht einmal im Stande sind, die rein mechanische Funktionierung 
der Siuacswcikccuge uüt Sichctiicit au deuten (siehe ücgcnbaur: ytrgl. AnalomU) 
und folglich gar nicht wissen, welche uns Menschen glnzUch vcrscJilossenc Welt 
von Sin ocscin drücken, von Mitte ilungsniö glicht eilen u. s. w. diese Wesen umgeben 
mag. Das nicht einzusehen, ist lameiscnmiissig« naiv. (Nachtrag: In der Eröffnunw- 
rede des vierten internationalen Zoologcnkonttrcsses, am 23. August 1S98, griif Sir 
John Lubbock die Automatcniheorie heftig an und sagte u. a.: »Viele Tiere besitzen 
Sinnesorgane, deren Bedeutung uiu Mcnsdien unerforschlich ist Sie vernehmen 
Ccrttische. die uns unhörbar, sie sehen Dinge, die uns unsichtbar bleiben, sie em- 
pAogcn Sinncscindrackc, die ausserhalb des Bereiches unserci Vorstellungskraft 
liegen. Die uns so wohlbekunntc umgehende Welt muss fOr sie eine durchaus an- 
dcic Phyuognonue bcsiucn.«) 



Das Erbe der alten Welt 



überall ähnliches finden. Die im Verhältnis enorme Eniwicitelung des 
menschlichen Gehirns') bildet also für uns doch nur eine relative 
Überlegen lieit. Nicht als ein Gott wandelt der Mensch auf Erden, 
sondern als ein Geschöpf unter anderen Geschöpfen, vielleicht wäre 
es kaum Übertreibung, zu sagen, als ein primus itiier pares, denn es 
ist schwer einzusehen, warum höhere Differenzierung, mit ihren zahl- 
losen Nachteilen, ohne weiteres als höhere »Vollkommenheitc be- 
trachtet werden sollte; die relative Vollkommenheit eines Organismus 
wäre, dünkt mich, durch seine Angemessenheit für gegebene Verhält- 
nisse zu bestimmen. Durch alle Fasern seines Wesens hängt der 
Mensch organisch mit seiner Umgebung eng zusammen; das alles 
ist Blut von seinem Blut; denkt man ihn hinweg aus der Natur, so 
ist er ein Bruchsttick, ein Torso, ein entwurzelter Stamm. 

Was zeichnet nun den Menschen vor den anderen Wesen aus? 
Mancher wird antworten: seine Erfindungskraft, das Werkzeug ist 
es, wodurch er sich als Fürst unter den Tieren dokumentiert. Er 
bleibt jedoch damit noch immer ein Tier unter Tieren : nicht bloss 
der Antliropüid, auch der gewöhnliche Affe erfindet einfachere Werk- 
zeuge (worüber Jeder sich in Brehm's Ticrieben informieren kann), 
und der Elefant ist, wenn vielleicht nicht in der Erfindung, so doch 
im Gebrauch der Werkzeuge ein wahrer Meister (siehe Romanes: Die 
geistige Entufkktlung im Tierreich, S. 389 u. s. w.). Die sinnreichste 
Dynamomaschine erhebt den Menschen nicht um einen Zoll über die 
allen Wesen gemeinsame Erdoberfläche; alles derartige bedeutet ledig- 
lich eine neue Ansammlung von Kraft in dem Kampf ums Dasein ; 
der Mensch wird dadurch gewissennassen ein höher potenziertes Tier. 
Er beleuchtet sich mit Talgkerzen oder mit Öt, oder mit Gas, oder 
elektrisch, anstatt schlafen zu gehen; damit gewinnt er Zeit und das 
hcisst Leistungsfähigkeit; es giebt aber ebenfalls zahllose Tiere, die 
sich beleuchten, manche durch Phosphorescenz, andere {namentlich 
die Tief Seefische) elektrisch ;*) wir reiseo auf dem Zweirad, mit der 




*) Belfaniuljch hat Arisiotclcj sich hier, wiesooi^ gnlndlich gdrtt: d« Mensch 
besiut weder Jibfolul uoch rclutiv (d. h. im Vciliitlinis lum KörpergvwichO «^as grösste 
Gehirn; die Überlegenheit dieses Apparitex bei ihm ist in aodereit Dingen begründet 
(»che Ranke. Dtr Mritieh, twcitc AiuK^i'c K. S. s$i und S. ^42 (.). 

>] Emio Pjscha und Suiiley berichten Db«r Schimpansen, welche oachu 
mit Fackeln mf ihre Rüubifigc ausüchcn! Mit Rotnancs wird nun gut ihun, bis 
auf tt'ciicrcs diese Thaisache ta beiweifeln: Stanley hat es nicht selb&t gesehen 
und Emin Pascha war Überaus kurtsichtig. Solhen die Aßen nirklicb die Kunst, 



Eisenbahn, bald vielleicht im Luftschiff, — der Zugvogel und der 
Meeresbewohner hatten das Reisen schon längst in Mode gebracht, 
und, genau wie sie, reist der Mensch, um sich Subsistenzmtttel zu 
verschaffen. Die un er messliche Überlegenheit des Menschen zeigt sich 
freilich darin, dass er das alles vernünftig zu erfinden und In fort- 
schreitender jKumulaüoD« anzuwenden versteht. Der Nachahmungs- 
trieb und die Assimilationsf^higkcii, die man wohl bei allen Säuge- 
tieren antriüt, erreichen bei ihm einen so hohen Grad, dass die selbe 
Sache gewissennassen doch eine andere wird; in analoger Weise sehen 
wir bei chemischen Stoffen, dass hiufig der Hinzutritt eines einzigen 
wesensgleichen Atoms, also ein einfaches numerisches Hinzuthun, die 
Qualitäten des betreffenden Stoffes gründlidi umwandelt; wenn man 
zu Sauerstoff Sauerstoff hinzuthut, entsteht Ozon, ein neuer Körper 
(O»+0i = O3). Man öbersehe jedoch nicht, dass alle menschlichen 
Erliodungen dennoch auf Assimilation und Nachahmung beruhen; der 
Mensch er — findet das, was da vorliegt und einzig seines Kommens 
harne, genau so wie er dasjenige ent — deckt, was ihm bisher ver- 
schleiert war; die Natur spielt »Versteckens* und »blinde Kuh« mit 
ihm. Quod inveniittr, fuit: sagt Tertullian. Dass er das versteht, 
dass er nach dem Verborgenen sucht und nach und nach so vieles 
aufdeckt und findet, das bezeugt freilich den Besitz von Gaben ohne- 
gleichen; besässe er sie aber nicht, so wäre er ja das elendeste aller 
Wesen — denn ohne Waffen, ohne Kraft, ohne Flügel, ohne alles 
steht er da: die bitterste Not ist seine Triebfeder, das Erfindungs- 
vermögen sein Heil. 

Was den Menschen nun zum wahren Menschen macht, xa 
einem von allen, auch den menschlichen Tieren verschiedenen Wesen, 
das ist, wenn er dazu gelangt, ohne Not zu erfinden, seine unver- 
gleichliche Befähigung nicht im Dienste eines Naturzwanges, sondern 
frei zu bethäiigen. oder — um für das selbe einen tieferen, ent- 
sprechenderen Ausdruck zu gebrauchen — wenn die Not, welche ihn 
zum Erfinden treibt, nicht mehr von aussen, sondern von innen in 
sein BewussTsein tritt; wenn das, was sein Heil war, nunmehr sein 
Heiligtum wird. Entscheidend ist der Augenblick, wo die freie 
Erfindung bewusst auftritt, das heisst also der Augenblick, wo der 



das Feuer su erzeugen, erfundcD hubcQ, ans Meuschcn bliebe doch die HHiDdung 
der Ccstilt des ProiTiciheus, und Aiss ditrses, nicht jenM e« ist, wii den Menschen 
tum Mcmchcn tnacbi, bildet gcnde dca Inluic mctacr Ausi^imiogCD. 



Das Erbe der alten Welt. 



Mensch zum Künstler wird. Beobachtungen in Beireff der umgebenden 
Natur [z. B. des gestirnien Himmels) können schon weit gediehen 
und ein maDoigfalrigcr Göner- und Dämon enkulms entstanden sein, 
ohne dass damit ein prinzipiell Neues in die Weh getreten wäre. 
Das alles bezeugt eine schlummernde Fähigkeit, ist aber seinem Wesen 
nach nichts weiter als die halbunbewusste Bethätigung eines Instinktes. 
Erst wenn ein einzelner Mensch, wie Homer, frei nach seinem eigenen 
WUlcn, die Götter erdichtet, wie er sie haben will, wenn ein Natur* 
bcobachter, wie Demokrit, aus freier Schöpferkraft die Vorstellung 
des Atoms erfindet, wenn ein sinnender Seher, wie Plato, mit der 
Mutwilligkeit des wcltüberlcgcnen Genies die ganze sichtbare Natur 
über Bord wirft und das menschenerschaffene Reich der Ideen an 
ihre Stelle setzt, wenn ein erhabenster Lehrer ausruft: »Sehet, das 
Himmelreich ist inwendig in euch!c: dann erst m ein durchaus neues 
Geschöpf geboren, jenes Wesen, von dem Plaio sagt: >Er hat Zeugungs- 
kraft in der Seele viel mehr als im Leibe«, dann erst enthält der 
Makrokosmos einen Mikrokosmos, Was Kultur zu heissen einzig ver- 
dient, ist die Tochter solcher schöpferischen Freiheit, sagen wir kurz 
der Kunst, mit welch letzterer Philosophie — echte, schöpferische 
Philosophie und Wissenschaft ^- so eng verwandt ist, dass beide als 
zwei Seiten des selben Wesens erkannt werden müssen; jeder grosse 
Dichter war Philosoph, jeder geniale Philosoph ist Dichter. Was 
ausserhalb dieses mikrokosmischen Kulturlebens steht, ist lediglich 
»Gvilisationi, das heisst, ein beständig höher potenziertes, zunehmend 
emsigeres, bequemeres und unfreieres Ameiscnsiaatendasein, gewiss 
reich an Segen und insofern wünschenswert, eine Gabe der Zeiten 
jedoch, bei welcher es hüufig Überaus fraglich bleibt, ob das Menschen- 
geschlecht nicht mehr dafür bezahlt als erhält, Civilisation ist an 
und für sich nichts, denn es bezeichnet nur ein Relatives; eine höhere 
Civilisation dürfte nur dann als ein positiver Gewinn (als ein »Fort- 
schritt«) betrachtet werden, wenn sie zu einer zunehmend intensiven 
geistigen und künstlerischen Gestaltung des Lebens und zu einer 
innerlichen moraUschen Klärung führte. Weil ihm das bei uns nicht 
der Fall zu sein schien, darum durfte Goethe als berufenster Zeuge 
das melancholische Geständnis machen: »Diese Zeiten sind schlechter 
als man denkt.« Dagegen beruht die unvergängliche Bedeutung des 
Hellenentums darauf, dass es verstanden hat, sich eine Zeit zu schaffen, 
besser als wir sie uns irgend vorzustellen vermögen, eine unvergleich- 
lich bessere Zeit, als seine eigene, so sehr rückständige GviUsation sie 




Hellenische Kunst und Philosophie. 



verdienic, wenn ich mich so ausdrücken darf. Heutzuuge unier- 
scheiden alle Ethnographen und Anthropologen scharf zwischen Moral 
und Religion, und erkennen an, dass beide in einem gewissen Sinne 
von einander unabhängig sind; es w^re ebenso ntUzlich, wenn man 
zwischen Kultur und G^-ilisation scharf zu unterscheiden lernie. Eine 
hochentwickelte Civilisation ist mit einer rudimentären Kultur verein- 
bar: Rom zum Beispiel |zeigl eine bewundernswerte Civilisation bei 
sehr geringer, durchaus unorigineller Kultur. Athen dagegen weist (bn 
seinen freien Bürgern) eine Kulturstufe auf, gegen welche wir Europier 
des 19. Jahrhundens in mancher JBeziehung noch immer Barbaren 
sind, verbunden mit einer Civilisation, welche wir vollauf berechtigt 
sind, als eine im Verhältnis zu der unsrigen wirklich barbarische 
zn bezeichnen.') Verglichen mit allen anderen" Erscheinungen der 
Geschichte, stellt das Griechentum eine übcrschwänglich reiche Blüte 
des Mcnschcngelsies dar, und die Ursache davon Ist, dass seine 
gesamte Kultur auf einer künstlerischen Grundlage ruht 
Dis frcischApferische Werk menschlicher Phantasie war bei den Hellenen 
der Ausgangspunkt ihres so unendlich reichen Lebens: Sprache, 
Religion , Politik , Philosophie , Wissenschaft (selbst Mathematik I) 
Geschichtsschreibung und Erdkunde, alle Formen der Dichtung in 
Worten und in Tönen, das ganze üfTendiche Leben und das ganze 
innere Leben des Einzelnen — Alles strahh von diesem Werk aus, 
und Alles findet sich in ihm wie in einem zugleich figürlichen 
und organischen Mittelpunkt wieder, einem Mittelpunkt, der das 
Fremdartigste an Charakteren, Interessen, Bestrebungen zu einer 
lebendigen, bewnssten Einheit verknüpft. In diesem Mittelpunkt steht 
Homer. 

Dass man an dem Dasein des Dichters Homer 'hat zweifeln 
können, wird späteren Geschlechtern keine sehr günstige Vorstellung 
von der geistigen Schärfe unserer Epoche geben. Es sind gerade 



*} Bo treffliches Bospid licrcrn die iRdoaiicr in ihm Urhrimat, wo die 
Ausbildung einer >aUe anderen ttbenreffcnden, vollendet eiahdilichcn, wunderbar 
dorchgc bilde! en Sprache«, abgeaehen von anderen geistigen Tbatcn, eine hohe 
Kuhur bedeuicte, diese Menschen aber nictiisdesictv.'eniger ein fast nackend ein- 
hergehendes Hincnvolk waren, das wcJer Südic uoch McuLl kannte? (Siehe 
namenüich Jliennj; ■- Vorfitschichit dtr Indofuropdfr , S. 1.) Für eine genaue 
Unterscheidung a-wischcD Wissen, GviUsation und Kulnir vcru'cise ich auf das 
neunte Kapitel meines vorliegenden Werkes und auf die darin enihallene Übcr- 
»icbtaiarcl. 



Hontt. 




Das Erbe der alten Welt. 



100 Jahre her, dass F. A. Wolf seine Hypothese in die Welt setzte ; 
seitdem haben unsere Neoalexandriner wacker weiter geschnüffelt und 
geschaufelt, bis sie herausbekamen, Homer sei lediglich eine pseudo* 
mythische KollektJvbezcichnung, und Ilias und Odyssee nichts weiter 
als eine geschickte Zusammcnkleisterung und Neuredi gierung von 
allerhand Liedern a\is verschiedenen Zeiten und von allerhand 

Dichtern ■ Von wem zusammcngekleisten ? und so überaus schün 

redigiert? Nun, natürlich von gelehrten Philologen, von den Vor- 
fehren der jetzigen I Man wundert sich nur, dass, da wir wieder 
einmal im Besitze eines so geistvollen Kritikergeschlechts sind, diese 
Herren sich nicht die Mühe genommen hnben, uns Armen eine 
neue Ilias zusammenzukleistern: an Liedern fehlt es doch wahrlich 
nicht, auch nicht an echten, schönen Volksliedern, sollte es vielleicht 
an Pappe, etwa gar an Gehimpappe fehlen? — Die kompeteti testen 
Richter in einer derartigen Frage sind offenbar die Dichter, die grossen 
Dichter; der Philologe klebt an der Schale, welche der Willkür von 
jahrhundenen aa<;gesetzt war, dagegen dringt des Dichters kongenialer 
Bück bis zum Kern vor und ersctiaut den individuellen Schaßens- 
prozcss. Schiller nun, mit der unfehlbaren Sicherheit seines Instinkts» 
erklärte sofon die Ansicht, Ili;is und Odyssee seien nicht in allen 
Hauplzügen ihrer Gestaltung das Werk eines einzigen goiibegnadeten 
Mannes, für »einfach barbarisch «. Ja, in seiner Erregung schiesst er 
so weit über das Ziel hinaus, dass er Wolf einen >dummen Teufel* 
nennt J Fast noch interessanter ist das Urteil Goeihe's. Seine vicl- 
gerühmte Objektivität äusserte sich unter anderem auch darin, dass 
er sich gern widerstandslos einem Eindruck hingab ; Woll's grosse 
philologische Verdienste und die Menge des Richtigen, welche seine 
Ausführungen enthielten, bestrickten den grossen Mann; er fühlte 
sich überzeugt und erklärte es auch öffentlich. Später aber, ab 
Goethe sich wieder eingehend mit den Homerischen Dichtungen zu 
beschäftigen die Gelegenheit hatte — und diese Werke nicht mehr 
vom philologisch- liistorischen, sondern vom rein dichterischen Stand- 
punkt aus betrachtete — da widerrief er seine voreilige Zustimmung 
zu dem »subjektiven Krames (wie er es nunmehr nannte), denn jetzt 
wusste er genau: hinter diesen Werken steht eine »herrliche Einheit, 
ein einziger, höherer Dichtersinn«.'] Aber auch die Philologen sind, 
auf ihren notwendigen Umwegen, zu derselben Einsicht gelangt, und 




■) Sidie I. B. die kleine Schrift: Homer noth ättmal, aus dem Jalirc i8a£. 



Hellenische Kunst und Philosophie. 



«S 



Homer tritt grösser als je tn das 20. Jahrhundert, in das vierte Jahr- 
tausend seines Ruhmes ein.^) 

Denn neben den vielen philologisJercndcn Insekten hat Deutsch- 
land ein unverwüstliches Geschlecht wahrhaft grosser Sprach- und 
Licteraturforscher hervorgebracht; F. A. Wolf gehörte selber dazu; 
niemals hat er sich bis zu der späteren wahnwitzigen Vorstellung 
verstiegen, ein grosses Kunstwerk könnte aus der Zusammenwirkung 
vieler kleiner Männer oder unmittelbar aus dem dunklen Bcwusstscin 
der Masse hervorgehen, und er wäre der erste, der von dem cndlicheo 
lirfolg der langwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen mit Be- 
friedigung Kenntnis nehmen würde. Selbst in dem Falle, ein ebenso 
grosses Genie wie Homer hätte sich mit Reparatur- und Ausschmück- 



■) Es mu» mir daran liegen, auch den genngsten Scbcin einer Celehi- 
timkrit, die ich nicht bcsiiie, von mit abiuwehicn; ein Mann in mäaet Lage 
kaaa ja uui von den Ergcbnisscii gcleluler Forschungen Kcnntiib nehmen; an 
dieie Ergebnisse hJt er aber Axi Recht und die Pilicht al.t freier Mann und im 
Bcäuc einer vollwertigen ürtcilikraTt licianiutrcicn, und iwai musi er vor allcni. 
dOnkt mich, seine Urteilskraft in derselben Art ben&tien, wie ein Monarch, de»cn 
Wdshcil sich namcnilich in der Wahl seiner Rai^cbcc au bcwihrcn hat: über 
den Wen gelehrter Argiimemc l<arn der Ijiic nieht m Gericht litten, dagegen 
vermag er es sehr gui, aus Stil, Sprache und Gcdanlccnnihrung sich ein Uncil 
über den einietncn Gelehrten ru bilden und swischea MaureT und Architelctcn 
m DDterscheidea' Nicht also im Sinne einer materiellen BewcisCuhrung, soodcm 
lediglich d^inil der Leser über meine UitciUrihiglicit im angedeuteten Sinne selber 
frei lu urteilen vermöge, weise ich hin ond wieder in diesen Anmerkungen auf 
meine »AuioriLätcni liln. Wie im Teste ausgeführt, halte ich es itinächst iu 
dieser Frage mit Sokraics: aber Flotenspicl haben Musiker dos beste Urteil, 
über JDicJiTweikc Dichter. Die Meinung Gflcihcj ist mir in Bcjug auf Homer 
mehr wert als die slmtlicber Philologen, die seit Beginn der Welt gelebt 
haben, üb» diese Iciitcrc habe ich midi jedoch, so weit das ein Laie kus, 
orientiert, was oamcatlich bei einer so ungemein verwickelten frage sehr von- 
oOten. Die tusaramcnfaMcnden Dantclhingcn von Kii'se: Die Bnhiichlung der 
Homtrwiun I^sie, iSSa und von Jebb: Honur, iHii, lassen Einen den Gang 
der Diskussion bis in die Neuzeit verfolgen: mehr aber aueh nichL Dagegen 
wandert wun mit Bei^^kr Crieekisfht Utttraiwf'f-iehiehte , \%yi—%^, an der 
Hand eines siciicren PQhrcri. Dass Rcrglc ein Hellenist allerersten Randes war, 
geben alle Fachmänner lu. dem Nichtfochmann f^It aufscrdein die umfassende 
und durchdringende Beschaffenheit seines Wissens auf, gcpjaa mit einer MiLssig- 
keil, die an N&chtcmhcit grenzt: Bergk ist nicht ein Feucrgcistt er bildet bei 
der BcuncUung dieser Frage die Ergänzung xur blitzschnellen Intuition eines 
Schiller. Man lese nicht allein das Kapitel: iHomer eine historische Pcrs^aljchkeic«, 
fondern namentlich auch in dem sedieren Abschnitt > Homer bei den Neuerem 
die Autföhrungcn über die Liedcnhcoric, von der Bcrgk aap: »Die allgemeinen 

ClLunbnliia, CniBJliffa it* XIX. Jihrhandnli. J 






66 



Das Erbe der alten Welt. 



ungsarbeiten an dessen Werken abgegeben — wm eine fast ■wider- 
sinnige Annahme wäre — so lehrt uns die Geschichte aller Kunst, 
dass echte Persönlichkeit jeder Nachahmung trotzt; je weiter aber die 
kiidschcD Untersuchungen dieses Jahrhunderts gediehen, umsomehr 
masstc jeder fähige Forscher einsehen, dass selbst die bedeutendsten 
Nachahmer, Ergänzer, Wiederherstellcr der Epen des Homer sich alle 
von ihm dadurch unterschieden, dass kein einziger an sein überragendes 
Genie auch nur entfernt heranreichte. Vcmnstahet durch zahllose 
Missverständnisse, Schreibfehler, noch mehr durch die vermeintlichen 
Verbesserungen des unausrottbaren Geschlechtes der Besserwisser und 
durch die Interpolationen gutmeinender Epigonen, zeugten diese Ge- 
dichte, gerade je deutlicher die Buntschcclcigkeit ihrer heutigen Gestalt 



VotjniS!*««ngen , von denen die Vertreier der Liedertheorie ausgehen, erweisen 
sieb bei Däliercr Profan^, oaiucnilicb wenn man die Homcrischca Gedichte im 
Zusammenhange mit der gesamten Entwickclung der epischen Poesie betrachicr, 
ab durchaus unhaltbar. Diese Theorie konnte nur von denen aul'gesidli werden, 
welche iLij Homerische Epos ganz gesondert von seiner UmgcbunH und ohne 
aUe Rüdisichl auf die Geschichte der griechischen Litieratui ihrer rersctienden 
Kritik untcTwarfeo« (I, iJj), Man lese auch namentlich seinen Nadiweis, dass 
der Gebrauch der Schrift lu Homers Zeiten ötüch war, und dass sowohl innere 
wie äusicrc Ciündc dafür zeugen, Jus Homer seine Dichtungen auch iliacücUich 
schriftlich hinterlassen hat (I, jay fT.)- Dass es gerade den Kiitikem heutig an 
Kritilt fehlt und xwar bereits seil der aleuindriiiiscbcn Zeit, scigi Bcrgk übcncuKcndi 
Bare Thäiigkeit gipfdt nach ihm in »unheilvoller Verwirrung», Und da machte ich 
noch aus einem anderen streng philologischen Werke, Flach; Gtschkhu aar 
pieeiitchen Lyrik, eine treffliche, hierher gehörige Bcmcfltung anführen: »Hicr- 
mii bängi wieder eine modcrni: Zweifelsucht lusammen, welche die Aufgabe 
der Philologie den alten Übcrlicfcningen gegenüber ia die Worte m kJciden scheint: 
Ich gtaube es nichL Es versteht ^ch von selbst, dass bei einem Verfahren 
dieser Art nielits Positives gewonnen wti , sondern dass es im Gegenteil ni» den 
Beweis einer gewissen geistigen Impotenz liefen, welche sich damit 
bcgaügt. destruktive Tendenien tu verfolgen und der beutigen wissenschaft- 
lichen Kichiuitg ihren deutlichen Stempel aufgeprägt hat« (11. S, v). 
Um so eifriger suchen wir ta der Masse der mehr oder weniger Impotenten nach 
den hervorr3,genden Geistern, gleichviel welcher Schule sie angehören, Und da 
mSditc ich — um diese all zu lange Anmerkung nicht noch lingcr blnausniziehen — 
vor allem auf Erwin Rhodi; verweisen, dessen Bücher Dtr gritckinht Soman (1876) 
und Psyche (1894), zu jener Gattung tein gcichner, philologischer Werke gehören, 
welche jedem, awch dem Ungelehrten, eine reiche Ernte bieten, da sie ähnlich wie 
I. B. die Werke Gt^nim's, Bumouf s und Earlc's, durch ihre Qberall durchschimmernde, 
olt iiieh hindurchbrechende innere Bedeutung das fachliche Interesse lu einem sach- 
lichen umwandeln; dies ist der Präfstein wahrer Bedeutung. (Rbode'i Ptycht ist i&9ft 
in aweiter Auflage erschicocnO 




Hcffcnüche Kunst und Philosophie 



durch die Policrarbcit der Forschung hcrvonrat, immer mehr von 
der unvergleichlichen, gönlichcn Ccsialtungskraft des ursprünglichen 
Bildners. Welche unerhörte Macht der Schönheit musste nicht Werken 
zu eigen sein, welche Jahrhunderte hindurch wildbewegten sozialen 
Verhältnissen, und während noch längerer ZeJt dem entweihenden 
Ansturm von Beschrünktheit, Mtttelmlssigkeit und Pseudogenialiiät so 
erfolgreich trotzen konnten, dass noch heute aus diesen Trümmern 
der ewig-jugendliche Zauber künstlerischer Vollendung als die gute Fee 
unserer eigenen Kultur uns entgegentrinl Zugleich führten luch andere 
Forschungen, die ihren eigenen, unabhängigen Weg gegangen waren 
— die geschichthchen und mjthologischen Studien — zu dem sichern 
Ergebnis, Homer müsse eine historische Persönlichkeit gewesen sein. 
Es hat sich nämlich herausgestellt, dass sowohl Sage wie Mythe sehr 
frei und nach bestimmten Prinzipien bewusster künstlerischer Ge- 
staltungin diesen Dichtungen behandelt worden sind. Um das Wesent- 
Uchste nur zu nennen: Homer war ein Vereinfacher ohne 
gleichen, er entwirrte den Knäuel populärer Mythen , und aus dem 
planlosen Durcheinander volksmassigcr Sagen , die von Gau 2u Gau 
anders lauteten, wob er einige wenige bestimmte Gestalten, in denen 
alle Hellenen sich und ihre Götter erkannten, obwohl gerade diese 
Darstellung ihnen durchaus neu war. — Was wir fetzt so mühevoll 
entdeckt haben, wussten die Alten sehr gut; ich erinnere an die 
merkwürdige Stelle bei Herodot: »Von den Pclasgern haben die 
Hellenen die Götter angenommen. Woher aber ein jeglicher der 
Götter stammt, und ob sie alle immer da waren und von welcher 
Gesultsie sind, das wissen wir Hellenen so zu sagen erst seit gestern. 
Denn Hesiod und Homer sind es zunächst, welche den Griechen ihr 
Göttcrgcschiccht geschaffen, den Göttern ihre Namen gegeben, sowie 
Ehren und Künste unter sie verteilt und ihre Gestallen bezeichnet 
haben. Die Dichter aber, welche angeblich vor diesen beiden MäDoero 
gelebt haben sollen, sind, nach meiner Meinung wenigstens, erst nach 
ihnen aufgetreten.« (Buch II, Abschn. S3) Hesiod hat etwa ein Jahr- 
htmdert nach Homer gelebt und stand unter seinem unmittelbares 
Einfluss; bis auf diesen geringen Irrtum enthält der einfache naive 
Satz Herodot's alles, was die kritische Riesenarbeit eines Jahrhunderts 
ans Licht gefördert hat. Dass die Dichter, welche nach der priester- 
lichen Tradition vor Homer gelebt haben sollten — wie 2. B. Orpheus, 
Musaeos, Eumolpos aus dem thrakischen, oder Ölen und andere aus 
dem delischen Kreise — in Wirklichkeit nach ihm lebten, ist er- 




wiesen ; ') und ebenfalls erwiesen ist es, dass die religiösen Vorsiellungen 
der Griechen aus sehr verschiedenen Quellen gespeist worden sind; 
den Grundstock bildet die indoeuroplische Erbschaft, dazukommen aber 
allerhand bunte, orientalische Einflüsse (wie Herodot das ebenfalls in dem 
Abschnitt, der dem angeführten vorausgeht, schon dargelegt haue): in 
dies Wirrnis greift nun der eine unvergleichliche Mann mit der sou- 
vecäncQ Macht\-ollkommenheit des freischöpferischen, dichterischen 
Genies und gestaltet daraus auf künstlerischem Wege eine neue Welt; 
wie Herodot sagt: er schafft den Griechen ihr Göttergeschlecht. 
Mao gestatte mir, hier die Worte eines der anerkannt gelehnesten 
unter den lebenden Hellenisten, Erwin Rohde's ^) anzuführen ; »Volks- 
dichtung ist dus Homerische Epos nur darum zu nennen, weil es so 
geartet ist, dass das Volk, das gesamte Volk griechischer Zunge es 
willig aufnahm und in sein Eigentum verwandeln konnte, nicht weil 
in irgend einer mystischen Weise das .Volk' bei seiner Hervor- 
bringung beteiligt gewesen wäre. Viele Hände sind an den beiden 
Gedichten thärig gewesen, alle aber in der Richtung und in dem 
Sinne, die ihnen nicht das .Volk' oder die .Sage', wie man wohl 
versichern hört, sondern die Gewalt des grösstenDichiergenius 

der Griechen und wohl der Menschheit angab. In 

Homer's Spiegel scheint Griechenland einig und einheitlich im Götter- 
glauben, wie im Dialekt, in Verfassungszuständen, in Sitte und Sitt- 
lichkeit. In Wirklichkeit kann — das darf man kühn behaupten — 
diese Einheit nicht vorhanden gewesen sein; die Grundzüge des 
panhellenischen Wesens waren zweifellos vorhanden, aber gesammelt 
und verschmolzen zu einem nur vorgestellten Ganzen hat sie einzig 
der Genius des Dichters.« [Sttlenkvll ttvä VmUrblichkätsglaube 
der Grieekm, S. 35, 36.) Bergk, dessen ganzes reiches Gelehrten- 
leben dem Studium der griechischen Poesie gewidmet war, urteilt; 
»Homer schöpft wesentlich aus sich selbst, aus dem eigenen Innern; 
er ist ein wahrhaft origineller Geist, nicht Nachahmer, und er übt 
seine Kunst mit vollem Bewusstscin* [a. a. O., S. 527). Auch Duncker, 
der Historiker, bemerkt, dass, was den Nachfolgern Homer's fehlte — 
was diesen Einzigen aiso auszeichnete — idcr zusammenschauende 
Blick des Genius« war (Gach. des Altertums, V, %(,(>]. Und um 



■J Siehe lumenüieti Flieh : Gtukichti ätr gritchiuhtn Lyrik nach dt» Qtullen 
iarftOtfH, L S. 4{ IT., 90 ff. 

*) lan-isehea hat die deuuehe Wissensdurt den Tod des «usfeKtrdeutQehen 
Mannet lu bcUagco gehabt. 




Hellenische Kunst und Philosophie. 



69 



: 



diese Citaie würdig zu schliessen, berufe ich mich noch auf Aristoteles, 
dem man, was kritische Schärfe anbelangt, doch einige Kompetenz 
zuerkennen wird. Es ist auffallend und wohlthuend m sehen, dass 
auch er in Homer's Blick das unterscheidende Kennzeichen ent- 
deckt; im 8. Kapitel seiner Patik (er redet von den Eigenschaften 
einer dichterischen Handlang) meint er: »Homer aber, wie er sich 
auch in anderen Dingen unterscheidet, scheint auch hierin richtig 
gesehen zu haben, entweder durch Kunst, oder durch Naturt. Ein 
tiefes Wort! welches uns auf den überraschenden Begdsterungsschrei 
im 2;. Kapitel der Podik vorbereitet: Homer ist vor allen anderen 
Dichtem göttlich. 

Dies musstc zunächst, und selbst um den Preis einiger Aus- KiuiifriKW 
fährlichkeii. fcstgcstclli werden ; nicht etwa weil es für den Gegen- ""''"■ 
stand dieses Buches von Belang ist zu wissen, ob gerade ein Mann 
Namens Homer die Ilias geschrieben hat, oder inwiefern die Dichtung, 
welche heute unter diesem Titel bekannt JJt, dem urspr anglichen 
Gedicht entsprechen mag; nein, der spezielle Nachweis war Neben- 
sache: wesentlich dagegen für mein ganzes Buch ist die Hervor- 
hebung der unvergleichlichen Bedeutung der PersAnlichkett überhaupt; 
wesentlich ebenfalls die Erkenntnis, dass jedes Werk der Kunst immer 
und ausnahmslos eine stark individuelle Persönhchkeit voraussetzt, ein 
grosses Kunstwerk eine Persönlichkeit allerersten Ranges, ein Genie; 
wesentlich schliesslich die Einsicht, dass das Geheimnis der hellenischen 
Zaubergewalt in dem Begriff »Persönlichkeit« eingeschlossen liegt. 
Denn in der That, will man begreifen, was hellenische Kunst und 
hellenisches Denken für unser Jahrhundert bedeutet haben, will man 
das Geheimnis einer so zähen Lebenskraft begreifen, so muss man 
vor allem sich klar machen, dass, was noch heute aus jener ver- 
schwundenen Welt mit Jugendfrische wciierwirkt, die Macht grosser 
Persönlichkeiten ist 

Höchstes Glack der Erdenkinder 
Ist nur die Persönlichkeit, 

sagt Goethe; dieses höchste Glück hesassen die Griechen wie nie ein 
Volk, und das gerade macht das Sonnige, Strahlende an ihrer Er- 
scheinung aus. Ihre grossen Dichtungen, ihre grossen Gedanken sind 
nicht das Werk anon3Tncr Aktiengesellschaften, we die sogenannte 
Kunst und die sogenannte Weisheit der Ägypter, Assyrer. Chinesen 





7° 



Das Erbe der alten Welt. 



t tutti quanli; das Heldenntm ist das Lebensprinzip dieses Volkes; der 
einzelne Mann tritt ein«lo hervor, kühn fibcrschreiiet er den Bann- 
kreis des allen Gemeinsamen, der instinktiv, unbewusst, nutzlos sich 
accumutierenden Civilisation, furchtlos haut er sich eine Lichtung in 
den immer dunkler werdenden Urwald der gehäuften Superstitionen: 
— er wagt es, Genie zu haben ! Und aus diesem Wagestück ent- 
steht ein neuer Begriff des Menschlichen; jetzt erst ist der Mensch 
»in das Tageslicht des Lebens eingetretene. 

Der Vereinzelte vermöchte das jedoch nicht. Persönlichkeiten 
können nur in einer Umgebung von Persönlichkeiten sich als solche 
bemerkbar machen; Aktion gewinnt erst durch Reaktion ein bewnisstes 
Dasein; das Genie kann einzig in einer Atmosphäre der >Genialitätc 
atmen. Haben wir ans also unzweifelhaft eine einzige, überragend 
grosse, unvergleichlich schöpferische Persönlichkeit als das bestimmende 
und durchaus uncrIässEiche primum mobile der gesamten griechischen 
Kultur zu denken, so müssen wir als das zweite charakteristische 
Moment dieser Kuhur die Thatsache erkennen, dass die Umgebung 
sich einer so ausserordentlichen Persönlichkeit würdig erwies. Das 
Bleibende am Hellencntum, dasjenige, was es noch heute am Leben 
erhält und dazu befähigte, so vielen der Besten in unserem Jahr- 
hundert ein leuchtendes Ideal zu sein, ein Trost und eine Hoffnung, 
das kann man in einem einzigen Wort zusammenfassen: es ist seine 
Genialität. Was hätte ein Homer in Ägypten oder in Phönizien 
gefrommt? Die einen hätten ihn unbeachtet gelassen, die anderen 

ihn gekreuzigt; ja, selbst in Rom — hier haben wir übrigens 

den Experimentalbeweis vor Augen. Ist es denn der gesamten 
griechischen Dichtkunst gelungen, auch nur einen einzigen Funken 
aus diesen nüchternen, unkünstlerischen Herzen zu schlagen? Giebi 
es anter den Römern ein einziges wahrem Dichtergenie? Ist es nicht 
ein Jammer, dass unsere Schulmeister sich verpflichtet fühlen, unsere 
frischen Kindeq'ahre durch die obligate Bewunderung dieser rhe- 
torischen, gedrechselten, seelenlosen, erlogenen Nachahmungen echter 
Poesie zu vergällen? Und — denn auf ein paar Dichter mehr oder 
weniger kommt es wahrÜch nicht an — - merkt man nicht an diesem 
einen Beispiel, wie die gesamte Kultur mit der Kunst zusammenhängt? 
Was sagt man zu einer Geschichte, die mehr als izoo Jahre umfassi 
und nicht einen einzigen Philosophen aufweisst, ja, nicht einmal das 
kleinste Philosöphchen? zu einem Volk, das seine in dieser Beziehung 
wahrhaftig bescheidenen Ansprüche durch den Import der letzten, 




Hellenische Kunst und Philosophie. 



71 



abgemanerten, blutarmsten Griechen decken inuss, die aber nicht 
einmal Philosophen, sondern lediglich ziemlich platte Moralisten sind} 
Wie weit miiss es mit der Ungcnialität (gekommen sein, wenn ein 
guter Kaider, der in seinen Miusestunden Maidmcn aufgeschrieben 
bat, aU »Denker« der Verehrung kommender Geschlechter anem- 
pfohlen wirdl') Wo ist ein grosser, schöpferischer Naturforscher unter 
den Römern? Doch nicht etwa der fletssige KonversacionsLexikons- 
rcdaktcur Plinius? Wo ein Mathematiker von Bedeutung? Wo ein 
Mcteorolog, ein Geograph, ein Astronom? Alles was unter Roms 
Herrschaft in diesen und anderen Wissenschaften gclcistci wurde, 
alles ohne Ausnahme stammt von Grieclicn. Der poetische Urborn 
war aber versiegt, und so versiegte nach und nach auch bei den 
Griechen des Römertums das schöpferische Denken, die schöpferische 
Beobachmng. Der belebende Hauch des Genies war verweht; weder 
in Rom noch in Alexandrien war von dieser Himmclsnabrung des 
menschlichen Geistes für die noch immer aufwärts strebenden Hellenen 



■) Lucrciiu5 könnte uun aUcnfalb nennen, sowohl als Dcnlicr ^^ie als 
Dicbter gewiss ein bewundemt werter Mann; dl« Gedanben sind aber Abecall du- 
geitandenermassen griechische, und auch der poetische Apparat ist «in vorwiegend 
gnecbUchei' Und dabei liegt doch iiuf seiner gros^cu Dichtung dci tdtüciic Schalten 
jcoes SVepddsmus. der fiber kun oder lang zur UnpioduktiviUi fühn, und der sorg- 
Qllig zu unterscheiden Ist von der tiefen ETkcanuiis waluliafl rcltgi^SH GcniQter, die 
das Bildlich« an ihren Vorstellungen gewahr werden, ohne deswegen an der er- 
habenen Waltrhcit dc:t iiinetlicli Geahnten, Unetfoi schlichen au rweifeln; wie wenn 
X. B. der Vedisclic Weise plötihch ausruft: 

■Von wannen sie enisunden, diese SchApfung, 

Ob tie ges^halFen oder nieht geschiffen — 

Wer über sie im höchsten lÜmmel wachet. 

Det weist es wohl! Oder weiss auch er es nicht?« (Sifwi^X, 139-) 

oder u-ie Herodot in der vor wenigen Seiten angeführten Stelle, wo er meint, der 
Dichter habe die Gdltcr geschaffen- Und Hpikur selber, der »Gottesleugner«, der 
Mann, Jen Lucretius als den gn^sileri aller .Sterblichen bezeichnet, der Mano. von dem 
ci seine ganxc Lehre cntnlmnitl erfahren wir nicht gerade Ober £pikur, dass bei ihm 
»Religiositilt gletchsani ein angeborenes GefQht gewesen sein muss« (siehe die von 
Goethe empfohlene Lebenssliiuc Epikur's von K. L. von Knebel)? >Nie<, rief DioUes 
aus. als er Eplkur cinstmaK im Tempel fand, 'nie habe ich Zeus grösser gesellen. 
als da Eplkur lu seinen Füssen Ugl> Der l.ateincr glaubte das letzte Wort der Weis- 
heit mit seinem Primtu in orbt d*o! ftrcil timor gesprochen zu haben ; der Grieche da- 
gegen kniete als aufgekläner Mann noch inbrOnsiiger ab ehedem vor dem hcrrlichea 
Gottesbildc nieder, welches Heldenmiit sich frei erschaffen halle, und beieugte hicr- 
mii sein Genie. 



7* 



Das Erbe der alten Welt. 



etwas zu finden; in der einen Stadt erstickte der Küczlichkeitsaber- 
glaub«, in der anderen die wissenschaftliche Elephantiasis nach und 
nach jede Lcbensreguog, Zwar wurde die Gelehrsamkeit immer 
grösser, die Anzahl bekannter Thatsachen vermehrte sich unauf- 
hörlich, die treibende Kraft nahm jedoch ab, anstatt zuzunehmen 
{welch letzteres nötig gewesen wiirc), und so erlebte dJe europäische 
Welt, bei enormer Steigerung der Gvilisation, einen progressiven 
Niedergang der Kultur — bis zur nackten Bestialität. Nichts dürfte 
für das Menschengeschlecht gefährlicher sein als Wissenschaft ohne 
Poesie, Civilisation ohne Kultur.') 

Bei den Hellenen war der Verlauf ein ganz anderer. Solange 
die Kunst unter ihnen bICihte, schlug die Leuchte des Geistes auf 
allen Gebieten hoch zum Himmel empor. Die Kraft, welche sich in 
Homer bis zu einer gewalligsten Individualität durchgerungen hatte, 
lernte nun an ihm ihre Bestimmung erkennen, und zwar zunächst 
im engeren Sinne der rein künstlerischen Gestaltung einer Welt des 
schönen Scheines. Um den strahlenden Mittelpunkt herum entstand 
ein unabsehbares Heer von Dichtern und eine reiche Skala von Dicht- 
arten. Originalität bildete — gleich von Homer an — das Kenn- 
»eichen griechischen Schaffens. Natürlich richteten sich untergeordnete 
Kräfte nach den hervorragenderen; es gab aber so viele hervorragende, 
und diese hatten so unendlich mannigfaltige Gattungen erfunden, dass 
hierdurch auch die geringere Begabung in die Lage versetzt wurde, 
das ihr genau Angemessene zu erwählen und ihr Höchstes zu leisten. 
Ich rede nicht allein von der tonvermählten Woridichmng, sondern 
ebenfalls von der unerreichten Blüte der Dichtung für das Auge, 
welche im engsten Anschluss an jene, wie ein vielgeliebtes, jüngeres Ge- 
schx\'ister aufwuchs. Architektur, Plastik, Maierei, sie alle waren, gleich- 
wie Epik, Lyrik, Dramatik, wie Hymnendichtung, Oitbyrambik, Ode, 
Roman und Epigramm, Strahlen von jenem selben Licht der Kunstsonne, 
nur je nach dem einzelnen Auge verschieden gebrochen. Gewiss ist 
es lächerlich, wenn Schulmänner zwischen Bildung und Ballast nicht 
zu unterscheiden wissen und uns mit endlosen Aufzählungen lu- 
bedeutender griechischer Dichter und Bildhauer belästigen; die Em- 
pörung hiergegen, welche am Schluss unseres Jahrhunderts sich mit 
wachsender Ungeduld zu rühren beginnt, soll uns willkommen sein; 
ehe wir aber die vielen überflüssigen Namen der verdienten Ver- 



■} VergL in Kap. 9 die Ausfülmingcn aber Chiiu o. s. w. 



Hellenische Kunst und Philosophie. 



ri 



gessenheit übergeben, wollen wir doch das Fhhnomcn in seiner Ge- 
samtheit bc-ÄTindern; es bezeugt eine ewig begehrenswerte Herrschaft 
des guten Geschmacks, eine Feinheit des Urteils, ■«ne sie bisher nicht 
wiederkehrte, und einen weitverbreiteten, schöpferischen Drang. Die 
griechische Kunst wir ein wahrhaft lebendiges Wesen, darum lebt 
sie noch heute: was lebt, ist unsterblich. Sie besass rinen festen, 
organischen Mittelpunkt und sie gehorchte einem unwillkürlichen und 
darum unfehlbaren Gestahungstrieb, der die üppigste Mannigfaltigkeit, 
sogar die tollsten Auswüchse und die mindest bedeutenden Bruchteile 
zu einem Ganzen verknüpfte. Kurz — und wenn man mir die schein- 
bare Tautologie verzeiht — hellenische Kunst war eine künstlerische 
Kunst, etwas, was kein Einzelner, auch nicht ein Homer bewirken 
kann, sondern welches aus der Mitwirkung einer Gesamtheit entsteht. 
Seither hat sich derartiges nicht wieder ereignet, und deswegen lebt 
griechische Kunst nicht allein noch jetzt bildend und ermahnend in 
unserer Mitte, sondern die grössten unserer Künstler (unserer Dichter 
in Handlungen, Tönen, Worten, Gestalten) haben, wie in den früheren 
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, so auch noch in diesem Jahr- 
hundert sich zu Griechenland hingezogen gefühlt wie zu einer Heimat. 
Der Mann aus dem Volk weiss allerdings bei uns von griechischer 
Kunst nur indirekt; für ihn haben die Götter nicht, wie für Epikur, 
einen noch höheren Olymp bestiegen ; von roher asiatischer Skepsis 
und rohem asiatischen Aberglauben wurden sie herabgestürzt und sie 
zerschellten; er begegnet ihnen aber auf unseren Brunnen und Theater- 
vorhingen, im Park, wo er Sonntags frische Luft schöpft, und in 
den Museen {wo die Plastik auf die Menge immer mehr Anziehung 
ausübt als die Malerei). Der iGebildctcc trägt Brocken von dieser 
Kunst als unverdauten Bitdungsstoff im Kopfe: mehr Namen, als 
lebendige Vorstellungen; jedoch begegnet er ihr zu viel auf Schritt 
und Tritt, als dass er sie je ganz aus den Augen verlieren könnte; 
sie hat an dem Aufbau seines Geistesgerüstes oft mehr Anteil als er 
selber weiss. Der Künstler aber — und hiermit will ich jedes künst- 
lerische Gemüt bezeichnen — kann nicht anders als votler Sehnsucht 
die Augen auf Griechenland richten, tind zwar nicht allein wegen der 
einzelnen dort entstandenen Werke — seit dem Jahre 1200 ist auch 
bei uns manches Herrliche geboren: Dante steht allein, Shakespeare 
ist grösser und reicher als Sophokles, die Kunst eines Bach bat 
kein Grieche auch nur ahnen können — nein, was der Künstler 
dort hndet und was ihm bei uns fehlt, das ist das künstlerische 




7« 



Das Erbe der aitco Welt. 




Element, die künstlerische Kuliur. Die Grundlage des europäischen 
Lebens war seit den Römern eine politische: jetzt geht sie nach und 
nich in eine wirtschaftliche über. Bei den Griechen durfte kein freier 
Mann Handel treiben, bei uns ist jeder Künstler ein geborener Sklave; 
die Kuast ist für uns ein Luxus, ein Reich der Willkür, sie ist 
unserem Staate kein Bedürfnis und unserem öffentlichen Leben nicht 
der Gesetzgeber eines alles durchdringenden SchönheitsgefühU. Schon 
in Rom war es die Laune eines einzelnen Macccnas, welche die Blüte 
der Dichtkunst hervorrief; seither hingen die höchsten Thaten der herr- 
hchscen Geister zumeist von der Baulust eines Papstes, der Eitelkeit 
eines klassisch gebildeten Fürsten, der Prachtliebe einer prunksüchtigen 
Kaufmannschaft ab, oder hin und wieder wehte ein belebender Idauch 
aus höheren Regionen, wie die von dem grossen und hedigen Fran- 
ziskus versuchte religiöse Wiedergeburt, welche zu unserer neuen 
Kunst der Malerei den ersten Anstoss gab, oder wie das allmähliche 
Erwachen des deutschen Gemütes, dem wir die herrliche neue Kunst, 
die deutsche Musik, verdanken. Was ist aber aus den Bildern ge- 
worden? Die Wandgemilde überkalkte man, weil man sie hässUch 
fand; die Tafelbilder entriss man den geheiEigten Stätten der An- 
dacht und hing sie alle nebeneinander an den Wanden der Museen 
auf; und dann — weil man sonst die >Entwickc]ung< bis zu diesen 
gepriesenscen Meisterwerken nicht wissenschaftlich hätte auseinander- 
setzen können — kratzte man dort den Kalk ab, so gut und so 
schlecht es ging, warf die frommen Mönche hinaus und machte aus 
Klöstern und campi sanii eine zweite Klasse von Museen. Mit der 
Musik ging es nicht viel anders ; ich habe selber in einer — noch 
dazu wegen ihres geläuterten Musiksinnes besonders gerühmten — 
Hauptstadt Europas eine KonzertaulTührung %'on J. S. Bach's Matthäus- 
passion erlebt, in welcher nach jeder »Nummer« geklatscht und der 
Choral jO Haupt voll Blut und WundenU sogar da capo verlangt 
wurde I Wir haben vieles, was die Griechen nicht hatten, solche 
Beispiele lassen aber deutlich und schmerzlich empfinden, was uns 
abgeht und was jene besassen. Man begreift, dass Hölderlin dem 
heutigen Künstler zurufen konnte: 

Stirb ! du suchst auf diesem Erdenrunde, 
Edler Geist, umsonst dein Element! 

Es ist nicht Mangel an innerer Kraft, an Originalität, was des heutigen 
Künstlers Herz nach Griechenland rieht, wohl aber das Bewusstsein 



HeHenische Kunst und PhUoso|^ie. 



n 



nnd die Erfahrung, dass der Einzelne, Vereinzelte gar nicht wirklich 
original sein kann. Originalität ist nlmlich etwas ganz anderes als 
Willkßr; Originalität ist im Gegenteil die freie Befolgung des von 
der besonderen Natur der betrefTcnden Persönlichkeit unwillkOrlich 
ihr Torgezeichneten Weges; gerade die Freiheit hientu besieht aber 
for den Künstler nur in dem Element einer durch und durch kOnst- 
lerischen Kultur; eine solche lindec er heute nicht. Zwar w3re es 
durchaus ungerecht, unserer heutigen europaischen Welt künstlerische 
Regungen abzusprechen : in dem Interesse für Musik macht sich eine 
ganz gewaltige Gährung der Geister bemerkbar, und das für moderne 
Malerei greift zwar nur in bestimmte, aber doch in weite Kreise, und 
erregt eine fuit unheimliche I^idcnschafilichkcit; das alles bleibt jedoch 
amserbalb des Lebens der Völker, es bildet eine Zugabe, eine Zugabe 
für Musscstundcn und müssige Menschen; daher herrschen Mode und 
Laune und mannigfaltige Lüge, und die Atmosphire, die den ccbten 
Künstler umgiebt, entbehrt jeglicher Elastizität. Selbst das kräftigste 
Genie ist bei uns gebunden, gehemmt, von vielen Seiten zurück- 
gestosscn. Und so lebt denn heilenische Kunst als ein verlorenes, 
wieder zu erstrebendes Ideal in unserer Mine fort. 

Unter einem fröhUcheren Stern gcniessen liellcnische Philo- Du o«uha 
Sophie und hellenische Naturforächung hei uns Kindern des 19. jähr- 
hundens ein gern und dankbar gewährtes GastrechL Auch hier handelt 
es sich nicht um blosse lares und feiern wir nicht Icdigücli einen 
AhnenkuUus; hellenische Philosophie Ist im Gegenteil Äusserst lebendig 
unter uns und hellenische Wissenschaft, so unbeholfen auf der einen 
Seite and so unbegreiflich intuirionskräftig auf der anderen, nÖiii>t uns 
nicht allein ein historisches, sondern auch ein gegen w:1rcigcs Interesse 
ab. Die reine Freude, die wir bei der Betrachtung hellenischen Denkens 
empfinden, dürfte zum Teil von dem Bewusstsein herkommen, dass 
wir hierüber unsere grossen Vorfahren weiter liitiausgcsch ritten sind. 
Unsere Philosophie ist philosophischer, unsere Wissenschaft wissen- 
schaftlicher geworden ; eine Progression, wie sie auf dem Gebiete der 
Kunst leider nicht stattgefunden hat. In Bezug auf Philosophie und 
"Wissenschaft hat sich unsere neue Kultur ihres hellenischen Ursprunges 
würdig erwiesen; wir haben ein gutes Gewissen. 

Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier Beziehungen nachzu- 
weisen, die jedem Gebildeten bekannt sein müssen: streng genetische, 
was die Philosophie anbelangt, da unser Denken erst bei der Be- 



i 



7« 



Das Erbe der alten 



rühning mit dem Griechischen erwachte und es selbst die zuletzt 
gereifte Kraft des Widerspruches und der Selbständigkeit aus ihm 
sog, — streng genetische ebenfalls, insofcrne die Grundlage aller 
exakten Wsscnschaft in Betracht gezogen wird, die MathematiL, — 
minder genetische und in früheren Jahren eher hemmend als fördernd, 
was die beobachtenden Wissenschaften beiriffi.') Mir liegt nur das 
eine ob, in wenigen Worten zu sagen, welche heimliche Kraft diesen 
alten Gedanken so zähen Lcbensgcisi schenkte. 

Wie vieles Seitherige ist inzwischen zu ewiger Vergessenheit 
untergegangen, während Plato und Aristoteles, Demokrit, Euklid und 
Archimedes in unserer Mitte anregend und belehrend weilerleben 
und die halbfabelhafte Gestalt des Pythagoras mit jedem Jahrhundert 
grösser wirdl*) Bei Dichtungen und sonstigen Kunstwerken sagen 
Manche: die Erzeugnisse der Phantasie sind nicht an Ort und Zeit 
gebunden, in ihnen kommt ein Absolutes zum Ausdruck, sie gehören 
allen Jahrhunderten an. In dieser Fassung ist der Gedanke durchaus 
falsch: nichts alten im Allgemeinen schneller als Kunst; einzig die 
unbedingteste Genialität, oder aber zufällige historische Bedeutung 
(wie bei Juvenal u. a.) verbürgen hier Fortdauer; nur wenige Romane, 
nur sehr vereinzelte Gedichte können nach lOo Jahren zu wirklichem 
vollen Genüsse gelesen werden ; Bühnendichtungen, Malerei, Musik, 

das alles w^ird in unglaublich kurzer Zeit altbacken ; vor Canova's 

und Thorwaldsen's Werken vermögen schon vor Schluss des Jahr- 
hunderts keine Sclbstgalvanisierungsvcrsuche Begeisterung zu erwecken. 
Ausserdem lehn auch die Erfahrung, dass hellenisches Denken min- 
destens ebenso lebenskräftig ist wie hellenisches Dichten, Und ich 
meine: was dem Denken eines Demokrit, eines Plato, eines EukÜd, 
eines Aristarch3) ewige Jugend verleiht, das ist genau der selbe 
Geist, die selbe Geisteskraft, welche Homer und Phidias unsterblich 
jung macht: es ist das Schöpferische und — in einem weitesten 
Sinne des Wortes — recht eigentlich Künstlerische. Es kommt 



>) Zu diesem letzten Punkt muss jedoch bemerkt werden, dass manche Klin> 
icndstc Leistung 4« hellcnbchen Geistes auf düesem Gebiete uai bii vor liuriem 
unbekinm war. 

*) Was die Rückkehr lu eiaer Truheicn Emiichc bedeutet AI« ein Oiakcl den 
ROmera befohlen hatte, dem Weisesten der Hellenen ein Standbild ta eTrL<;hien, Hellten 
iic die Sutue des Pytliagotas auf. (Plutarch: Numa, Kap. XI,) 

») Atiiurch von Samos. der Entdedtcr des sograanaien Koperaikanischen 
Wcluyncnu, 




leffenischc Kunst und Philosophie. 



77 



nämlich darauf an, daas die Vorstellung, durch welche der Mensch 
die innere Welt seines Ich's oder die äussere Welt zu bewältigen, 
sie seinem Wesen zu assimilieren suchi, fest gezeichnet und durch 
und durch klar gestaltet werde. Blicken wir auf eine etwa drei- 
lauscndjährige Geschichte zurück, so sehen wir, dass der menschliche 
Geist sich durch die Kenntnis neuer Thauachen allerdings erweiten 
hat, bereichert dagegen einzig durch neue Ideen, d. h. durch neue 
Vorstellungen. Dies ist jene >schöpferische Kraft«, von der Goethe 
in den IVanderjahrm redet, welche »die Natur verherrÜchti und 
ohne welche, wie er meint, »das Äussere kalt und leblos bliebe«.») 
Dauerhaftes aber schafft sie nur, wenn ihre Gebilde schön und durch- 
sichtig sind, also künstlerisch. 

„As magiiiaHon bodies forlh 

The farms of th'wp unhtown, the poefi pen 

Ttims them tc shapes." (Shaltespeare.) 

Auf deutsch; während die Phantasie die Vorstellung unerforsch- 
lieber Dinge hinausprofizicn, bildet sie des Dichters Griffel zu Ge- 
stalten um. Jene Vorstellungen allein, welche su Gestalten um- 
gebildell werden, machen einen dauernden Besitz des menschlichen 
Bewusstseins aus. Der Vorrat an Thatsachen ist ein sehr wechselnder, 
wodurch auch der Schwerpunkt des Thatsächlichen (wenn ich mich 
so ausdrücken darf,) einer beständigen Verschiebung unterliegt; ausser- 
dem ist etwa die Hälfte unseres Wissens, oder noch mehr, ein Provi- 
sorium: was gestern als wahr galt, ist heute falsch, und an diesem 
Verhältnis wird auch die Zukunft schwerlicli etwas ändern, da die 
Erweiterung des Wisscnsmaicrials mit der Erweiterung des Wissens 
Schritt hält.=) Was dagegen der Mensch als Künstler geformt, die 
Gestalt, der er Lebensatem eingehaucht hat, geht nicht unter. Ich 

■) Hsn sieht, nuch Gocilic beiUrr es eine» »chäpiferitchcn Aktes des Menschen- 
gcüus, damit (Jas Leben lelber »bcicbii wctdel 

") Ein sllgcmcincs Lehrbuch der Botanik oder der Zoologie aus dem Jahre 187; 
ist X. B. *m Schlüsse unseres Jahrhunderts nicht mchi lu gcbnuchca und z\x3i nicht 
allein iind nicht hauptsächlich wegen des neu hlniugekonimcneD Maieri.ils, sondern 
weil thatsichltchc VctkiJtaisse auJcrs aufgofuvt und cxatite Bcobachtungeu daicli 
uodi exaiciere uitigei losten werden. Man vt-rfolgc als Sdspicl das Iniliibitions- 
«iogma mit seinen cndCosen BcohachluiigsrcUicn. von sdnem crsien .\ufucteii im 
Jahre iS}S, bis tu seißci hddistcn Blüte, etwa iä6S; dunu beginnt bald die Contre- 
minc, tmd im Jalirc 1898 crßhn der wissbc^rigc SchOlcr gar nichts mehr divoa. 
(Siehe (üc Xa^klfilge.) 




78 



Das Erbe der alten Weh- 



Plua. 



muss %'iederbolen, was ich oben schon sagte: 'was lebt, stirbt nicliL 
Man weiss, dass heute die meisten Zoologen die Unsi erblich keit — 
die physische Unsterblichkeit — des Keimplasmas lehren; die KJuft 
zwischen organischer und unorganischer, das heisst zwischen belebter 
und unbelebter Natur, die man am Anfang unseres Jahrhunderts über- 
brückt zu haben wähnte, wird täglich tiefer;') hier ist zu einer Dis* 
kussion darflber nicht der Platz; ich führe diese Thatsache nur ana- 
logisch an, um mich zu rechtfertigen, wenn ich auch auf geistigem 
Gebiete zwischen organisienen und unorganisierten Vorstellungen 
streng unterscheide und wenn ich meine Oberzeugung ausspreche, 
dass etwas, was des Dichters Griffel zu einer lebendigen Gestalt ge- 
formt hat, noch niemals gestorben ist. Kataklysmen können derartige 
Gebilde verschütten, sie entsteigen aber nach Jahrhunderten ewig jung 
dem vermeintlichen Grabe; gar häufig kommt es audi vor, dass die 
Kinder des Gedankens, wie ihre Geschwister, die ^marmornen Stand- 
bilder, verstömmclt, zerstückelt oder ganz und gar zertrümmen werden; 
das ist aber eine mechanbiche Vernichtung, nicht Tod. Und so war 
denn die mehr als tausend Jahre alte Ideenlehre Plato's ein lebendiger 
Bestandteil des Geisteslebens unseres Jahrhunderts, ein «Ursprung« 
gar vieler Gedanken; fast jede philosophische Spekulation von Be- 
deutung hat wohl an einer oder der andern Seite bei ihr angeknüpft. 
Inzwischen beherrschte Dcmokrit's Geist die Naturwissenschaft : mag 
seine geniale Erdichmng der Atome, um dem heutigen Wissens* 
maierial angepasst zu werden, noch so defe Umgestaltungen haben 
erfahren müssen, er bleibt doch der Erfinder, der Künstler, er ist 
es, der (um mit Shakespeare ru reden) das Unerforschlichc durch die 
Kraft seiner Phantasie ihinausprojisicrt und diese Vorstellung Mann 
gestaltet hat. 

Beispiele der Weise, in welcher hellenische Gestaltungskraft den 
Gedanken Leben und Wirksamkeit verleihen, sind leicht zu nennen. 
Man nehme Plato's Philosophie. Sein Material ist kein neues; er setzt 
sich nicht hin, wie etwa Spinoza, um aus den Tiefen des eigenen 



') Siehe I. B, das maHEeherde Werk drs amerik-inischen ZooIoRen E. B. Wilson 
(Professor in Columbia): The ctU tu Dnehfment und Inheritatue, 1896, wo wirlacn: 
»Die Etforichung dei Zellemhätigkeil .lat im ganien üe gewaltige Kluft, wekh« 
selbst die allcmieilrigsien Formen des Lebens von den Erscheinungen der unorgani sehen 
Welt trennt, eher weiter Aufgerissen ais verengert.« Die unbedingte Richitgkcit dieser 
Atusagc vom rein ratuni'iMenschafiKdien Standpunkt aus bucDpc mir vor kurzem 
Herr Hofrat Wiesncr v&i«lic die Waehirdgr.) 




Hellenische Kunst und. Philosophie. 



79 



ßcwusstseins ein logisches Weltsysicm hcrauszulcalkulicrcn ; ebenso- 
wenig greift er mit der grossartigen Unbefangenheit {ingenuitas) des 
Dcscartes der Natur in die Eiageweide, in dem Wahn, dort als Wclt- 
erkUrung ein Räderwerk zu entdecken; vielmehr nimmt er hier und 
don, was ihm das beste dönkt — bei den Elearen, bei Heraklit, bei 
den Pyihagoräeni, bei Sokrates — und gestaltet daraus kein eigendich 
logisches, wohl aber ein künstlerisches Ganzes. Die Stellung Plato's 
zu den früheren Philosophen Griechenlands ist derjenigen Homers zu 
den vorangegangenen und zeitgenössischen Sangern durchaus nicht 
unähnlich. Auch Homer lerfandf wahrscheinlich nichts (ebensowenig 
wie später Shakespeare); er griff aber aus verschiedenen Quellen das- 
jenige heraus, was zu seinem Zwecke passte, und fügte es zu einem 
neuen Ganzen zusammen, zu etwas durchaus Individuellem, begab: 
mit den unvergleichlichen Eigenschaften des lebendigen Individuums, 
behaftet mit den von dem Wesen des Individuums nicht zu trennenden 
engen Grenzen, Liicken, Eigenheiten, — denn jegÜches Individuum 
spricht mit dem Gott der ägyptischen Mysterien : »Ich bin, der ich 
bin,f und steht als ein neues Unerforschüches, nicht zu Ergründendes 
da.') Ähnlich Plato's Weltanschauung. Professor Zeller, der berühmte 
Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie, meint: iPIato ist zu 
sehr Dichter, um gani: Philosoph zu sein.* Es dürfte schwer fallen, 
dieser Kritik irgend einen bestimmten Sinn abzugewinnen. Gott weiss, 
was ein »Philosophc in abstracto sein mag; Plato war er selber, 
kein andrer; und an ihm erkennen wir, wie ein Geist gestaltet sein 
musstc, um griechisches Denken zu seiner höchsten Blüte zu führen. 
Er ist der Homer dieses Denkens. Wenn rin Mann, der die 
nötige Kompetenz bcsässe, die Lehre Plato's derartig zerglicderief dass 
man deutlich gewahr würde, welche Bestandteile nicht durch den 
Vorgang des genialen Wiedergebärens allein, sondern als ganz neue 
Eröndimgen ureigenes Eigentum des grossen Denkers sind, so würde 
das Dichterische seines Verfahrens gewiss besonders klar werden. 
Montesquieu nennt Plato denn auch (in seinen Pensies] einen der 
vier grossen Dichter der Menschheit! Namentlich würde dasjenige, 
was man als widerspruchsvoll, als nicht Zusammenzureimendes tadelt, 
sieb als künstlerische Notwendigkeit erweisen. Das Leben 

') »Ein echt« Kunstwerk bleibt wie ein Niturwerlt fiJr unsem VctsuikI 
Immci unendlich; es wird ain);csch4U[, »»pfunden; C3 wlilct, es lunn aber nichi 
eif^ilich ertcannt, %-tcl weniger sein Wesen, sein Verdien» mit Worten ausgesprochen 
wcrdeo.i (Goethe.) 



« 



8o 



Erbe der alten Welt. 



ist an uad für iich ein Wiiicrspnich: „la vU ut i'tfisanbU des fonclmis 
qm risisicnl ä la morl*' sagte der grosse Bichat; jedes Lebendige hat 
darum zugleich etwas Fragmentarisches und etwas gewissennassen 
Willkürliches an sich; einzig durch die freie, poetische — doch 
nur bedingt gültige — Zuihat des Menschen gehngt es, die beiden 
Enden des magischen Gürtels an einander zu knüpfen ; Kunstwerke 
bilden keine Ausnahme: Homer's lüas ist ein grossartiges Beispiel 
hien,-on, Plato's Weltanschauung ein zweites, Demokrit's Weltthcoric 
ein ebenso bedeutendes. Und während die prächtig »logisch« aus- 
gcmcisscltcn Philosophien und Theorien eine nach der anderen in 
dem Abgrund der Zeit verschwinden, reihen sich jene alten Ideen 
noch jugenüfrisch an unsere neuesten an. Man sieht: nicht die 
»objektive Wahrheit« ist das Ausschlaggebende, sondern die An der 
Gestallung, „l'ensemble cUs foncliims" würde Bichat sagen. 

Noch eine Bemerkung in Bezug auf Plato; wiederum nur eine 
Andcmung — denn zu jeder Ausführung fehlt mir der Raum — 
genug aber, hoffe ich, damit nichts unklar bleibt. Dass indisches 
Denken einen geradezu bestimmenden Einfiuss auf die griechische 
Philosophie ausgeübt hat, steht nunmehr fest; unsere Hellenisten und 
Philosophen haben sich zwar lange mit dem wütenden Eigensinn 
Vorurteils voller Gelehrten dagegen gesträubt: alles sollte in Hellas 
autochthon entstanden sein, höchstens die Ägj-pter und die Semiten 
hätten bildend gewirkt — wobei allerdings für die Philosophie wenig 
zu profitieren gewesen wäre; die neueren Indologen haben jedoch 
das bestätigt gefunden, was die ältesten (namentlich der geniale Sir 
William Jones} sofort vermutet hatten. Insbesondere ist für Pytha- 
goras der Nachweis einer eingehenden Bekanntschaft mit indischen 
Lebren ausführlich dargebracht worden,') und da Pyihagoras immer 
deutlicher als der Stammvater des griechischen Denkens herv'ortritt, 
ist das schon viel. Ausserdem ist eine unmittelbare Beeinflussung der 
Elcatcn, des Heraklit, des Anaxagoras, des Demokrit u. s. w., höchst 
wahrscheinlich gemacht worden.') Unter diesen Bedingungen kann 
es nicht wunder nehmen, wenn ein so hoher Geist wie Plato durch 
manche irreführende Zugabe hindurchdrang und — namentlich bc- 
treÖs Etlicher Kernpunkte aller echten Methaphysik — mit den cr- 

•) Vergl. hierüber namentlich SchrocJcr: Pythagorai und die Inder (1884!. 

*] Die bcsie mir bcluinnte Ziuamnienttellung am letzterer Zeit ist die von 
Garbe in setner Sdmkhya-Phi/osophie (1894), S. Sj ^.: dort findet man auch die 
wichtigste Litteratur erwälini. 



Iiabensten Anschauungen der indischen Deciker gcnaa übereinstimmt. '} 
Man vergleiche aber Plaio und die Inder, seine Werke und ihre Werke! 
Da wird man nicht linger im Zweifel sein, warum Piiio lebt und 
wirkt, die indischen Weisen dagegen zwar auch noch leben, ohne 
aber auf die weite Weit, auf die werdende Menschheit unmittelbar 
2U wirken. Das indische Denken ist, was Tiefe und umfassende Viel- 
seitigkeit anbelangt, unerreicht ; meinte aber Professor Zelter, Plaio sei 
*zü. sehr Dichter, um ganz Philosoph zu sein«, so ersehen wir aus 
dem Beispiel der Inder, was aus eioer Weltanschauung wird, wenn 
ein Denker zu ganz Philosoph ist, um noch zugleich ein bischen 
Dichter zu sein I Dieses reine Denken der Inder entbehrt aller Mit- 
teilbarkeit — was einen zugleich naiven und tiefen Ausdruck darin 
findet, doss nach den indischen Büchern, die höchste, letzte Weisheit 
einzig durch Schweigen gelehrt werden kann.^] Ganz anders der 
Grieche! Koste, was es wolle, er muss >die Vorstellung uncrforsch- 
lieber Dinge hinaus]) rojizieren und gestalten«. Man lese in diesem 
Zusammenhang die mühsame Auseinandersetzung in Plato's Theaitäas, 
wo Sokraies zuletzt zugiebt, es könne einer im Besitz der Wahrheit 
sein, ohne dass er sie zu erklären vermöge, das sei aber noch keine 
Erkenntnis; was Erkenntnis sei, bleibt allerdings zum Schluss (em 
Beweis von Plato's Tiefsinnjgkcit) unentschieden; im kulminierenden 
Punkte des Dialogs jedoch wird sie als >richtigc Vorsteüungc be- 
zeichnet, und gesagt, über richtige Vorstellung müsse man »Rede 
stehen und Erklärung geben könnenc ; ebenfalls hierher gehört die 



') Für den Vergleich rwüchcn Plato und den IntÜcrn in Bezan auf die 
EtVeiintnis der cmpiristhcn Rcaütil und traajsceniJeiiialcn Idnlilit dtt Erdluun^ 
siehe oanientlich Max Müller: Thrtä Ittlures ch th4 Vtäänta Pkifosophy {1S94), 
S. 138 fg. Pbio'i Stellung den Elcaicn gegenüber wird hierdurch dgcmUch cm 
gaax klar. Umfassenderes in Dcusscn's ^^'c^kcn, naiiicntlicb in seinem Vortrag: 
Ȇber die Philosophie des Vcdinii in ihrem VcrhlltDis iii den mcuphysbchen 
LclirCQ des Wuiens< 111 cuglisdio' Sprache gdudiun und m Bombay (189}) ci- 
schienen, (Eine druisdie Uberseaung aus meiner Feder brachten die Bayrmther 
Btittsr, Jahrgang 1895. S. laj fg) 

*} (.Als Bdbva vou dem Vüshlcali befragt wurde, da erklirce ihm dieser du 
Brahman dadurch, dass ci schwieg. Und VlshVaÜ sprach: lehre mir, o Hhr- 
wQrdlger, das Brahmanl Jeaer aber schwieg stille. .Ms nun der andere zum 
rweilcnmaJc oder drinenmalc fragte, da sprach er: Ich Icbic dich es ja, du abci 
verstellst es nicht; dieses Brahman ist Schweigen.« (l^Dluni in den Süln't in 
i'ddnla. III, J, 17). Und in der TaHUnya-Upaniskai lesen wir (11. a): »Vor d« 
Wonne der Ciiennmii kehrt alle Spracht um, iuch alles Denken, uaßhig sie lU 
crrdcfacn.! 

Ck>mb«rUiBi Graadl*c*o de, XtX, Jahitionitru, ( 




i 



8s 



Das Erbe der aJicn Welt. 



berühmte Stelle im Timäot, wo der Kosmos mit einem »lebendigen 
Tiere« verglichen wird. Es muss vorgestellt und gestaltet werden: 
das ist das Geheimnis des Griechen, von Homer bis Archimedes. 
Pkio"s Idceniehrc verhalt sich zur Meüphysik genau ebenso wie 
Demokrit's Atomcnlehre zur physLschea Welt: es sind Werke einer 
frcischöpfcrischcn, gestahenden Kraft und in ihnen quillt, wie in allen 
echten Kunstwerken, ein unerschöpflicher Born symbolischer Wahr- 
h«t. Derartige Schöpfungen verhalten sich zu materiellen Thatsachcn 
wie die Sonne zu den Blumen. Nicht Segen allein empfingen wir 
von den Hellenen; im Gegenteil, einiges, was von ihnen sich her- 
leitet, bedrückt noch wie ein banger Alp unsere aufstrebende Kultur; 
was wir aber Gutes von ihnen erbten, war vor allem solcher Blüten 
treibender Sonnenschein. 
AjirtM«i«4. Unter dem unmittelbaren Einfluss Plato's schiesst einer der 

kräftigsten Stämme in die Höhe, welche die Welt jemals erblickte: 
Aristoteles. Dass Aristoteles sich in gewissen Beziehungen als 
Gegensatz zu Plato entwickelte, ist in der Natur seines Intellektes be- 
gründet; ohne Plato wäre er überhaupt kein Philosoph, wenigstens 
kein Mecaphysiker geworden. Eine kritische Würdigung dieses grossen 
Mannes, wenn auch nur in Bezug auf den bestimmten Gegenstand 
dieses Kapitels, ist mir unmöglich; sie würde zu weit führen. Ich 
konnte ihn aber nicht ungenannt lassen, und ich darf wohl voraus- 
setzen, dass die Gestaltungskraft, welche m seinem logischen vOrganonc, 
in seiner »Tiergeschichte«, in seiner >Poetikc u. s. w., sich verkündet 
und durch alle seitherigen Jahrhunderte sich bewährt hat, Keinem 
entgehen kann. Um mir ein Wort des Scotus Erigena anzueignen : 
die naturaUum verum dtscrdionii war das Gebiet, auf dem er Uner- 
reichtes schuf, die fernsten Geschlechter zu Dank verpßichtend. Nicht 
dass er Recht hatte, war Aristoteles' Grösse — kein Mann ersten 
Ranges hat sich öfter und flagranter geirrt als er — , sondern dass er 
keine Ruhe kannte, bis er auf allen Gebieten des menschlichen Lebens 
»gestaltet* und Ordnung im Chaos geschaffen haue. Insofern ist 
er ein echter Hellene. Freilich haben wir diese »Ordnung« teuer 
bezahlt. Aristoteles war weniger Dichter als vielleicht irgend ein 
anderer unter den bedeutenden Philosophen Griechenlands; Herder 
sagt von ihm, er sei »vielleicht der trockenste Geist, der je den 
Griffel geführt« >) ; er muss, glaube ich, selbst Herrn Professor Zeller 



>) Jdttn xur Gmhitku Atr Mtmchluit, Buch XIU, Kap. 5. 




Hellenische Kunst und PKÜosophie. 



RJ 



geoag »ganz Phi]osoph< sein; jedenfalls war er es genug, um — 
dank seiner hellenischen Gestiltungskraft — mebr hannäckigen Irrtum 
in die Welt zu säen, als jemals ein Mann vor ihm oder nach ihm. 
Die Naturwissenschaften waren bis vor kurzem an allen Ecken und 
Enden durch ihn gehemmt; die Philosophie, und namentlich die 
Metaphysik hat ihn noch nicht abgeschüttelt; unsere Theologie ist 
— ja, wie soll ich sagen ? -*- sie ist sein uneheliches Kind. Wahrlich, 
dieses grosse und bedeutende Erbe der alten Welt war ein zwei- 
schneidiges Schwert. Ich komme gleich in einem anderen Zusammen- 
hang auf Aristoteles und die griechische Philosophie zurück; hier 
will ich nur noch hinzufügen, dass die Griechen allerdings eines 
Aristoteles sehr bedurften, der auf empirische Methoden den Nach- 
druck legte und in allen Dingen den goldenen Mittelweg empfahl; 
in ihrem gcoialcu Überraute und Schaffensdrange waren sie geneigt, 
hinaus und hinauf zu stürmen mit einer leichtfcnigeo Missachtung 
des ernsten Bodens der Realität, die mit der Zeit Unheil schaffen 
musstc; charakteristisch ist jedoch, dass Aristoteles, so ganz Hellene 
er auch war, auf die Entwickelung des griechischen Geisteslebens 
zunächst von verhältnismässig geringem EinSu&s blieb; der gesunde 
Instinkt eines schaffensfreudigen Volkes empörte sich gegen eine so 
tötlich heftige Reaktion und empfand vielleicht dunkel, dass dieser 
angebliche Empiriker als Heilmittel das Gift des Dogmas mit sich 
führte. Aristoteles war nämlich von Beruf Arzt, — er gab das grosse 
Beispiel des Arztes, der seinen Patienten umbringt, um ihn zu heilen, 
Doch jener erste Patient war widerspenstig; er rettete sich lieber in 
die Arme des neoplaionischen Quacksalbers. Wir armen Spätgcborencn 
erbten nun Arzt und Quacksalber zugleich, die beide unseren gesunden 
Körper mit ihren Drogucn tränken. Gott stehe uns bei! 

Ein Wort noch über hellenische Wissenschaft. Es ist nur natür- 
lich, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften der Griechen für 
uns kaum mehr als ein historisches Interesse besitzen; sie sind längst 
überholt. Was uns jedoch nicht gleichgültig lassen kann, ist die 
Wahrnehmung des unglaublichen Aufschwunges, den die richtige 
Deutung der Natur unter dem Einöusse der Entfaltung neuentdeckter 
künsiicrischer Fähigkeiten nahm. Unwillkürlich wird man an Schiller's 
Behauptung erinnert: man könne den Schein vonder Wirklichkeit nicht 
sondern, ohne rugleich die Wirklichkeit von dem Scheine zu reinigen. 

Wenn es ein Gebiet giebt, auf welchem man weniger als nichts 
von den Hellenen enh'arten wQidc, so ist es das der Erdkunde. 



Kiior. 

wiMOOKbafi 




Das Erbe der alten Welt 



Was wir in ihren Dichtungen gelesen lu haben uns erinnern — die 
Irrfahnen des Odysseus und der lo u. s. w. — schien gar verwirrt 
und wurde durch die sich widersprechenden Kommentare nur noch 
verwirrter. Bis zu Alexander's Zeiten sind die Griechen ausserdem 
nicht weit in der Welt herumgekommen. Man nehme aber Dr. Hugo 
Bcrger's: Gf schichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Grifchtti zur 
Hand, ein streng wissenschaftliches Werk, und man wird aus dem 
Staunen nicht herauskommen. Auf der Schule erfahren wir zumeist 
nur von Piolcmäus etft'as, und seine geographische Karte mutet uns 
fast ebenso sonderbar an, wie seine ineinander geschachtehen Himmels- 
sphären; das ist jedoch alles das Ergebnis einer Zeit des Verfalles, 
einer zwar unendUch vervollkommneten, dabei aber intuitionsschwach 
gewordenen Wissenschaft, der Wssenschaft eines rosscnlosen Völker- 
chaos; dagegen lasse man sich über die geographischen Vorstellungen 
der echten Griechen unterrichten, von Anaximander an bis zu Eratho- 
sienes, und dann wird man Berger's Behauptung verstehen : »Die 
Leistungen des wunderbar begabten Griechen volkes auf dem Gebiete 
-der wissenschaftEicbcn Erdkunde sind der Arbeit walirlich wert. Noch 
heute begegnen wir ihren Spuren auf Schritt und Tritt und können 
die von ihnen geschafTenen Grundlagen nicht entbehrenc (I, S. VL). 
Besonders auffallend sind die verhältnismässig ausgebretteten Kenntnisse 
und gesunde Vorstellungskraft der alten lonicr. Später erfolgten be- 
denkliche Rückschritte und zwar vornehmlich durch den Einfluss ider 
Verächter der Physik, Meteorologie und Mathematik, durch die vor- 
sichtigen Leute, die nur dem eigenen Auge, oder der von Augen- 
zeugen eigens erworbenen, glaubhaften Kunde trauen wollten« (I, 139). 
Noch später gesellten steh dann so kräftige wissenschaftliche Vorurteile 
dazu, dass die Reisen des »ersten Nordpolfahrcrsc, Pytheas {ein Zeit- 
genosse des Aristoteles) mit ihren genauen Beschreibungen der Kosten 
Galliens und Britanniens, ihren Erzählungen vom Eismeer, ihren so 
entscheidenden Beobnclitungen über die Tag- und Nachtlänge in nörd- 
lichen Breiten, von allen Gelehrten des Altertums für Lügen erklärt 
u-urden (HI, 7, dazu das heutige Urteil TU, 36). Philipp Paulitschke 
macht ebenfalls in seinem Werke : Die geographische Erforschung 
des afrikanischen Koniinenfs (zweite Ausgabe S. 9) darauf aufmerk- 
sam, dass Herodoi eine weit richtigere Vorstellung der Umrisse von 
Afrika besessen habe als Ptolemaus. Dieser galt aber als lAutorität«. 
Es hat ein eigenes Bewenden mit diesen allverehnen »Autoritätent ; 
und mir aufrichtigem Bedauern stelle ich fest, dass wir von den 




Hellenische Kunst und Philosophie. 



«5 



Hellenen nicht allein die Ergebnisse ihrer — nach Beider — swunder- 
bareo Begabung«, sondern auch ihre AutoritäienzQchiung und ihren 
Autoritätenglauben geerbt haben. — Eigentümlich lehrreich ist in 
dieser Beziehung die Geschichte der Petrefaktenkundc. Mit der vollen 
Naivetat der unverdorbenen Anschauungskraft hatten die alten Griechen 
lange vor Plato und Aristoteles, die Muscheln auf den Bergesspiczen 
und sogar die Abdrücke von Fischen für das erkannt, was sie sind; 
Männer wie Xenophanes und Empedokles hatten darauf enfwickelungs- 
geschichtliche und geocykliscbe Lehren gegründet. Die Autoritäten 
erklärten jedoch diese Annahme für unsinnig; als die Thatsachen 
sich häuften, wurden sie durch die herrliche Theorie der vis plastica 
aus der Welt geschafft;') und erst im Jahre 1517 wagte es ein Mann 
die alte Meinung wieder auszusprechen, die Bergesspitzen hätten einst 
auf dem Meeresboden gelegen: >Im Jahre der Reformation war man 
also, nach anderthalb Jahrtausenden, wieder auf dem Punkte des 
klassischen Altertums angekommen.«^) Fracastorius blieb aber mit 
seiner Anschauung ziemlich vereinzelt, und, will man ermessen — 
n-as heute nach den Fortschritten der Wissenschaften wirklich sehr 
schwer lililt — eine wie grosse, verehrungs würdige Kraft der Wahr- 
heit in dem Auge dieser alten Poeten lag {Xenophanes und Empe- 
dokles waren beide in erster Reihe Dichter und S3nger), so empfehle 
ich, in den Schriften des Freigeistes Voltaire nachzulesen und zu 
sehen, mit welchem Spott die Paläontologen noch im Jahre 176& 
von ihm überhäuft wcrden.3) Ebenso belustigend sind die krampf- 
haften Versuche seines Skcpticismus , sich gegen die Evidenz ru 
wehren. Man hane Austern auf dem Mont Cenis gefunden: Vol- 
taire meint, sie seien von den Hüten der Rompilger abgefallen ! 
Hippopotamusknochen waren unweit Paris aufgegraben worden: Vol- 
taire meint, un curieux a eu autrc/ois dam son cahinti h sqtulüte d'un 
kippopotame! Man sieht, die Skepsis genügt nicht, um scharfsichtig 
SU machen.4) Dagegen liefern uns die ältesten Dichtungen Bei* 

») Nach Qpcnslcdt stammt diese Hypothes« von Ai-iccnna; sie iit aber auf 
Aristoteles luiückxurdhtcn und wurde von Thcoptinst jusdrücklich gclclui (iiche 
Lyell; Principlts ef Geohgy, \l. Ausg., I, Jo), 

") Qveimedt: HaedhucH tl/r ntrt/aklen künde, 1. Aufl., S, 1. 

s) Skli£ namentlich: D<i jtrtpilariUs dt la Naturt, Kap. XU bis XVIU, uad 
L'hfiinmr aux i/uaraaU /ein, Kap. VI., beide SchriftcR aus dem Jalve 1)768. .ähn- 
liches in seinen Briefen. 

•) Dieser selbe Voltaire scheute sich nichi, die grossartigen astrcwiomischen 
SpekuUtioDCR der P)'thagocccT als >g.illmatias( lu bcicichoen, woiu der berühmte 



BS Das Erbe der alten Welt. 



spiele eines eigentümlichen Scharfblickes. Schon in der Dias z. B. 
heisst Pasetdon der vErderschätterert; dieser Gott, d. h. also das 
Wasser und namentlich das Meer, wird immer als Ursache der Erd- 
beben genannt: das stimmt mit den Ergebnissen der modernsten 
Wissenschaft genau überein I Jedoch will ich auf solche Züge nur 
als Kontrast zu der Beschränktheit jener Helden einer angeblichen 
»Aufklürungt hingewiesen haben, — Weit auffallenderen Beispielen 
der Reinigung der Wirklichkeit von dem Scheine begegnen wir auf 
dem Gebiete der Astrophysik, namentlich in der Schule des Pytha- 
goras. Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde findet sich schon 
bei den frühesten Adepten, und selbst das viele Phantastische, was 
den Vorstellungen dieser Älteren noch anhaftete, ist äusserst lehrreich, 
weil es das zukünftige Richtige gewiss ermasscn in nuce enthält.') 
Und so gesellte sich denn bei den Pj-thagorccrn mit der Zeit zu der 
Lehre von der Kugelgestalt der Erde und von der Neigung der 
Erdbahn auch die der Achsendrehung sowie der Bewegung um einen 
Mittelpunkt im Räume, — verbürgt von Philolaus an, einem Zeitgenossen 
des Demokrit; eine Generation nachher war auch das hypothetische 
>Centralfcuer< durch die Sonne erseut. Nicht als Philosoph freilich, 
sondern als Astronom hat dann später (etwa 250 v. Chr.) Aristarch 
das heliozentrische System klar begründet, die Entfernung von Sonne 
und Mond zu berechnen unternommen und in der Sonne (1900 Jahre 
vor Giordano Bruno) einen der zahllosen Fixsterne erkannt,*) Welche 



AstroDom Schlaparelli mit Kccht bemcilct: >SQlch<: Männer sind niclit wen tu Ter> 
»tehen, welche gewaltige spekulative Kraft nfttig war, um iti der Idee von der Kugel- 
gcsull der Erile, illica freien Scliwcbcna im Raurne und ihrer BcweglJchktiit lu gv- 
Idngen: Ideen, ohne welche wir weder einen Koperniltus. noch einen Kepler, einen 
Galilei, einen Newton gehabt liätien* (im unten ciücrtcn Werke, S. r6). 

') Zeller: Die Philottphie drr Gri/ehen, ;. Aufl., T. I., S. 414 fff. Mehr tech- 
aisch aber unKcnicin lichivol! auscmandcrg«ci£i in der Schrift von Schiaparelli : Die 
VarHußr dtt Kofentikus im Altertum {nach dem italienischen Original ins Deutsche 
Bbertnigea vom VeiTaaser und M. CurtEe, erschienen in der Altpreuinschen Monats- 
uhtlß, Jahrgang 1R76). »Wir sind in der lJ*c, konitatiertn «1 kAnnen. da^ die 
Encwickelung der physischen Prinzipien dieser Schule durch logische Verkettung der 
Ideen 2UI Theorie der Bewegung der Erde führen musste* CS. 5 fg). Vii:l AitslQhi' 
lichercs Ober »die geradezu revoluiionirc Anschauung, dais niclit die Erde den Mittel- 
punki de* Universums einnehme ■ in dem vor kuncm erschienenen Buch von Wilhelm 
Bauer: Dtr äittre J^thagoreismiis (1897), S. 54 fg. 64 fg. u. S. w, 

*) >Amaich stellt die Sonne unter die Zahl der Flxatemc und lüst die 
Erde sich durch den Sonnenkreis ^J. h. die Ekliptik) bewegen und jagi, sie werde 
{e nadi ihrer Neigung beschüttet', berichtet Plutarch. F&r dtc»3 und die anderen 




Hellenische Kunst und Philosophie. 



8? 



Kraft der Phantasie, des Shakespeare'schen >Hinausprojizierens<, dies 
voraussetzt, hat die Folge gezeigt: Bruno büsste seine Vorstellungs- 
kraft mit dem Leben, Galilei init der Freiheit, — erst in unserem 
hochgclobten 19. Jahrhundert (im Jahre 1822) hat die katholische 
Kirche die Erlaubnis erteilt, an das — 2100 Jahre früher von den 
Griechen gelehrte — heliozentrische System zm glauben 1 Auch 
darf nie übersehen werden, dass diese geniale Reinigung der Wirk* 
lichkeic vom Scheine von den als Mystagogcn verschrieenen Pytha- 
goreern ausging, und an dem Idealisten Plaio, uamcnilich gegen 
Schluss seines Lebens, eine Stütze fand, während der Verkünder der 
alleinseligmachenden Induktion, Aristoteles, mit der ganzen Wucht 
seiner Empirie gegen die Lehre von einer Bewegung der Erde herzog: 
»die Pyihagoreerc, schreibt er mit Bezug auf die von ihm geleugnete 
Achsendrehung der Erde, »leiten Gründe und Ursachen nicht aus 
den beobachteten Erscheinungen ab, sondern sind bestrebt, die Er- 
scheinungen mit etlidien eigenen Ansichten und Voraussetzungen zu 
vereinigen, auf diese Art versuchen sie in die Weltbildung einzu- 
greifen« {Dt coelc, II, 13), Diese Gegenüberstellung sollte wohl 
manchem Sohne unseres Jahrhunderts zu denken geben, denn an 
aristotelisierenden Naturforschern fehlt es uns nicht, und in unseren 
neuesten wissenschaftlichen Lehren steckt nicht weniger halsstarriger 
Dogmatismus als in denen der aristo teUco-senuto- christlichen Kirche.'] — 



2ea^bsc in Bciug auf Aristirch vcrgl. die genannte Schrift des SchiapareUi 
{S. 131 fg- ua*l 319). Übrigens ist liiescr Aslfooom übcrscuKt, dua Arisuccli 
nur lehne, was sdion tu Lcbidten Jcs Aristoteles cuidecki war (S. 117), uml aucli 
hier xci^ er, wie auf dem von diio PNiliagorccin cingctchlaf^coca ^^'cJtc tlu 
KIchtige hetuuskommeii mussie. Ohne Amioicles und ohne den Neopkionitmus 
wSre das hclioccntrischc Sysicm schon bei der Geburt Chriiti aUgemein als wähl 
anerkannt gen-esea; wahrlich, der Stagyrii hat seine Stellung ali oflizieUer Philip 
9oph der onhudoxcn Kitchc redlich vcrJicntl Dagegen hat »ch die Mire, dass 
schon die Ägypter irgentJ «was tu der i-Osung des astrophyjischcn Problems bei- 
jtctniitcn hJtteu, wie so nunchc andere I^ptlsclkc Marc, ab g^iUch unlialtbar er- 
wiesen {Sekiafarelli, S. loj— -6). Übrigen» meldet Koperniicus »elber in »einer Vor- 
rede an Papst Paul III: ilch fand zucni bei Cicero, dass Nicctus geglaubt habe, i^e 
Hrde bewege sieh. Nachher fand ich auch beiPlutardi, du» einige andere cbenüUs 
<]icscT Mdnung gcweicn seien. Hiervon also Veranlassung nchnicnd, fing auch ich 
an, über die BcwcRlicbkcit der Erde na chuu denken . . ■ .• 

•) w« der cngli3t:hc I'hysikcr John TynJill in seiner bekannten Rede in 
Bclfust, 1874, siRte: «Arislotcles seutc Worte an die Stelle der Uinge; et predigte 
Induktion, ohne 5le auszuübent, wird eine spätere Zeit von manchem Emsi Haeckcl 
ainscics Julithundcrla urteilen. — Nebenbei verdient erwähnt lu werden, dass auch 



88 



Das Erbe der alten Welt 



Ein ganz anders geartetes Beispiel des lebenspendenden Einflusses grie- 
chischer Gestaltungslcraft geben uns die Fortschritte der Mathematik, 
speziell der Geometrie. Pythagoras ist der Begründer der wissenschaft- 
lichen Mathematik in Europa; dass er seine Kenntnisse, namentlich den 
sogeaannten >Pythagorcischen Lehrsatzi, den Begriff der irrationalen 
Grössen, und — höchst wahrscheinlich — auch seine Arithmetik den 
Indem verdankt, ist allerdings erwiesen,') und von der abstrakten 
Zahlenrechnung, deren angeblich larabische Ziffemc wir den arischen 
Indern verdanken, sagtCanlor: »Die Algebra entwickelte sich bei den 
Indem zu einer Höhe, die sie in Griechenland niemals zu erreichen 
vermocht hat.«') Man sehe aber, zu welcher durchsichtigen Voll- 
kommenheit die Griechen die Mathematik der Anschauung, die Geo- 
metrie, gebracht haben I In der Schule Plato's war jener Euklid ge- 
bildet, dessen >ElemcDte der Geometrie« ein so vollkommenes Kunst- 
werk sind, dass es wirklich sehr zu bedauern wäre, wenn die Ein- 
führung neuerer erleichterter Lehrmethoden einen solchen Edelstein 
aus dem Gesichtskreis der meisten Gebildeten entfernen sollte. Viel- 
leicht gäbe ich meiner Vorliebe für Mathematik einen zu naiven Aus- 
druck, wenn ich gestünde, Euklid's Elemente dünken mich fast eben 
so schön wie Homers llias? Jedenfalls darf ich es als keinen Zufall 
betrachten, wenn der unvergleichliche Gcoraeter zugleich ein be- 
geistener Tonkunstler war, dessen »Elemente der Musik«, wenn wir 
sie in der ursprünglichen Gestalt besasscn, vielleicht ein würdiges 
Gegenstück zu seinen >Elementen der Geometrict bilden würden. 
Und ich darf hierin den stammverwandten poetischen Geist erkennen, 
jene Kraft des Hinausprojizierens und des künstlerischen Gestaltens 
der Vorstellungen. Auch dieser Sonnenstrahl wird nicht bald er- 
löschen 1 — In Beziehung hierauf kann man noch eine für unseren 
Gegenstand höchst wichtige Bemerkung machen: reine, ja fast rein 
poetische Zahlentheorie und Geometrie waren es, welche die 
Griechen später dahin führten, die Begründer der wissenschaft- 
lichen Mechanik zu werden! Wie bei allem Hellenischen hat 
auch hier das Sinnen von Vielen in dem Lebenswerk eines einzelnen 



iaa System des Tydio de Brthe hellcnischca Unpnings ist, worQbcr das Niber« 
bei Schiapatelli (a. a. O,. S. 107 fg. und namentlich S. iij*): dem Reichtum dicKi 
Pluni^Lc cntgisg eben keine niäglichc Kombination. 

*) Siehe Sclir6der: Pylhagorni und He Inder, S. )9 fg. 

■) Cantor: Vorltjungtn über Gachiekte drr Mathematii, J, jit. (Giiert nach 
SchifidcT S. j6.) 




übermächtigen Genius Gestalt und Lebenskraft gewonoen: das »nie- 
cbanische Jahrhunderte hätte allen Grund, in Archimedes seinen Vater 
zu verehren. 

Da die Leistungen und die Eigenart der Griechen mich hier 
nur ioso fern angehen, als sie wichtige Faktoren unserer neuen Kultur 
und lebendige Bestandteile unseres Jahrhunderts waren, muss manches 
übergingen werden, was es sonst verlockend gewesen wäre, im An- 
schluss an das Gesagte näher aus;:uführen. Wie die schöpferische Kunst 
das einigende Moment für ganz Hellas wurde, sagte uns oben Rohde. 
Dann sahen wir die Kunsi — allmälilich zu Philosophie und Wissen- 
schaft sich erweiternd — die Fundamenie einer Harmonie des Denkens 
and des Empfindens und des Erkennens begründen. Das dehnte sich 
denn auch auf das Gebiet des Öffentlichen Lebens aus. Die unend- 
liche Sorgfalt, welche auf die Ausbildung schöner, kräftiger Körper 
verwendet wurde, gehorchte künstlerischen Normen; der Dichter 
hatte die Ideale geschaffen, nach deren Verwirklichung man nunmehr 
strebte. Welche Bedeutung der Tonkunst für die Erziehung bei- 
gelegt ■Ä'urde, ist bekannt; selbst in dem rauhen Sparta wurde Musik 
hochgeehrt und gepflegt. Die grossen Staatsmänner stehen "alle in 
unmittelbarer Beziehung zur Kunst oder zur Philosophie: Thaies, der 
Politiker, der Mann der Praxis, wird zugleich als der früheste Philo- 
soph, der erste Mathematiker und Astronom gerühmt; Empedokles, 
der kühne Revolutionär, welcher die Herrschaft der Aristokratie in seiner 
Vaterstadt bricht, der Erfinder der öffentlichen Rcdckimst (wie Ari- 
stoteles berichtet) ist Dichter, Mystiker, Philosoph, Naturforscher, Ent- 
wickeiungstheorctiker; Solon ist von Hause aus Dichter und Sänger, 
Lykurg sammelte die homerischen Dichtungen als erster und zwar »im 
Interesse des Staates und der Sittenc,') PJsistratus ihat ein Gleiches, 
der Schöpfer der Ideenlehre ist Staatsmann und Reformator, Cimon 
verschafft dem Polygnot den entsprechenden Wirkungskreis, Perikles 

dem Phidias, , In dem Wone Hesiod's: »Das Recht (Dike) 

ist die jungfräuliche Tochter des Zeus«,') kommt eine bestimmte, alle 
staatlichen Verhältnisse umfassende Weltanschauung zum Ausdruck 
und zwar eine, wenn auch religiöse, so doch vor allem künstlerische 
Anschauung, wovon auch alle Schriften, selbst die abstrusesten des 
Aristoteles zeugen, ebenfalls solche Äusserungen wie die des Xcnophancs 




ÖfTfitillib« 
Ubrn. 



>) Njch Pluiarcb: Uhtn Lykurfs. Kap. 4. 
»5 mrlte und Tagt, 3j6. 



90 



Das Erbe der alten Welt. 



^ 



GMdiUliii- 



(allerdings tadelnd gemeint): die Griechen pflegten ihre ganze Bildung 
aus dem Homer zu schöpfen.') In Agj'pten, in Judla, später in Rom 
sehen wir den Gesetzgeber die Normen der Religion und des Kuhns 
feststellen, bei den Germanen dekretiert der König, was sein Volk 
glauben soll;») in Hellas ist es umgekehrt; der Dichter, welcher »das 
Gönergeschlecht erschaffte, der dichterische Philosoph (Anaxagoras, 
Plaio u. s. w.), ist es, der zu gedanken tiefen Auffassungen des Gött- 
lichen und des Sltüichen hinzuleitcn versteht. Und diejenigen Männer, 
welche dem Lande — zu seiner Blütezeit — Gesetze geben, sind in 
der Schule jener Dichter und Philosophen erzogen worden. Wenn 
Hcrodot jedes einzelne Buch seiner Historie mit dem Namen einer 
Muse belegt, wetin Plato den Sokrates seine schönsten Reden nur an 
dem schönsten, von Nymphen bewohnten Orte halten und dialektische 
Auseinauderseizungen mit einer Anrufung des Pan beschhessen lisst 

— >0 1 verleihet mir, schön zu sein im Innern, und dass, was ich 
Äusseres habe, dem Inneren befreundet seil« — , wenn das Orakc! 
zu Thespiä Denjenigen »ein von Früchten strotzendes Ackerland« 
vcrhcisst, die den landwirtschaftlichen iLchren des Dichters Hesiod 

gchorchcn«3} so deuten solche Züge, denen wir auf Schritt 

und Tritt begegnen, auf eine das ganze Leben durchdringende künst- 
lerische Atmosphäre: die Erinnerung daran erbte sich auf uns herab 
und färbte manches Ideal unserer Zeit. 

Bisher habe ich fast nur von einer positiven, förderlichen Erb- 
schaft geredet. Es wäre jedoch durchaus einseitig und wahrheits widrig, 
wollte ich es dabei bewenden lassen. Unser Leben ist durchdrungen 
von hellenischen Anregungen und Ergebnissen, und ich fürchte, wir 
haben uns das Unheilvolle mehr angeeignet als das Heilbringende. 
Sind wir durch griechische Geistesthatcn in das Tageslicht des mensch- 
lichen Lebens eingetreten, so haben wiederum gerade griechischeThaten 

— Dank vielleicht der künstlerischen Gestaltungskraft dieses merk- 
würdigen Volkes — viel dazu beigetragen, das Tageslicht wieder 



*) Fragment 4 (nach Flach: Getehiehtt dtr griuhisehtn Lyrik, 11, 419)- 

■) Der zur Zeit derRcfomiatioo «ngcfQhTte Grundsaiz >£ujtts tu rt^c. illius rsi 

rtUgict bringi cigcnllkh nur doen von Aliers her bcitehendcn Rcchuxiutiud cum 

AosdracV. 

)) Franiöäbchc Ausgmbutig des Jalifcs 1890 (^ehc PcpptuüUcr: Hesiotlia 

1896, S. IJ3). Man brachte auch solche Stellen wie Arittoplianes: Die Frosch*, 

V«j IOJ7 fg. 




i 

* 



abzudämpfen und unseren Himmel dauernd mit sonnenfeindlichen 
Wolken zu überaiehen. Auf Einiges, was wir von der hellenischen Erb- 
schaft in diesem Jahrhunden noch miischleppen und was wir gut und 
gern hätten entbehren können, wäre erst bei einer Betrachtung der 
Gegen wan einzugehen ; einiges Andere muss gleich hier eröncrt werden. 
Zunächst, was an der Oberfläche des griechischen Lebens Hegt. 

Da5S wir 7, B. heute noch, wo so \'icl Grosses und Wichtiges 
unsere Aufmerksamkeit vollauf beanspruchen müsste, wo sich inzwischen 
endlose Schätze des Denkens, des Dichtens und vor allem des Wissens 
aufgestapelt haben, von welchen die weisesten Hellenen nicht das 
Geringste ahnten und an welchen teilzunehmen das angeborene Recht 
jedes Kindes sein müsste, dass wir da noch immer verpBichtcc werden, 
kostbare Zeit auf die Erlernung aller Einzelheiten der erbirmüchcn 
Geschichte der Griechen zu vcn^-enden, unser armes Gehirn mit 
endlosen Namenregistern ruhmrediger Herren auf adu, atos, cncs, 
eiUm, u. s. w. vollzupfropfen und uns womöglich für die politischen 
Schicksale dieser grausamen, kurzsichtigen, von SelbstUcbe geblendeten, 
auf Sklavcnwinschafi und Mössiggängerci beruhenden Demokratien 
zu begeistern — das ist ein hartes Schicksal, an dem jedoch, wohl 
Obcricgt, nicht die Griechen die Schuld tragen, sondern unsere eigene 
Borniertheit'} Gewiss gaben die Hellenen häufig — häufig allerdings 



■) kh sag» >grai]S8m«, unil in der Thai isi ^iicscr Zug nncr der am nidsicn 
diiralteriitfsehen fOr die Hellenen, ihnen mit den Semiten gemeinsam. Hununität, 
Mode, Vergebung n-ar ihnen ebenso unbelunnt wie Wahrheitsliebe. Als sie bei den 
Persern itum crstcntnal diesen Tugenden begegnen , berichten die griechischen 
Hiitorikcr erstaunt und fast veilegen darüber: Geraiigcne schonen, einen besiegten 
Fftntcn lc6niglich äufncliiuen, Gesandte des Feindes bewirten und beschenken, as- 
SUR sie (wie die Lalccdämonicr und die Athener, siehe Hirodt VK. iij) zu töten, 
N'acbticht gegen Vcrl>rcchci, Groumut sogar gegen Spione, die Zamulung, die 
enie Pflicht eines jeden Menschen sei es , die Wahrheil m reden , die Undjnkbar- 
hch ein vom Staat bcstnifics Verbrechen, i.u all« dünkt eincoi Herodot, einem 
Xeoopbon n. £■ w. hu eben so Ucherlicfa wie die pertische Sine, nicht in Gegen* 
«'in anderer r.u spucken, sowie sonatige auf den Aiutand bciflglichc Voischriftcn 
(siehe «. B. Herodet I, ij^ und 158). Wie ist es nun im Angesicht einer solchen 
Mose Ton unbciwcifelbatcn Thaisachcn möglich, dass unsere Historiker uncni- 
vegl fertMven dürfen, Geschichte grundsltilidi zu fäUchen! Leopold von Ranke zum 
Bdipid erblhh in seiner tV^ligeschichu (Text-Ausgabe I, 139) die bekannte Anek- 
dote von der schmachvollen Behandlung dci Leiche des Lconidas, und wie Pausanias 
den Vorschlag abwies, sich durch eine ähnliche Versündig 11 ng an der Leiche des 
penbdien Fvldhcrrn Mardontus lu riehen, und flhrt dann fori: »Enc Welt von 
GfdaBken IcDÜpfl sich an diue Weigerung. Der Gegensau zwischen Orient und 





92 Das Erbe der alten Welt. 



auch nicht — das Beispiel tles Heldenmutes; Mut ist aber die ver- 
breitetste aller menschlichen Tugenden und die Konstitution eines 
Staates wie des lakedämonischen liesse eher darauf schlicsscn, dass 
die Hellenen zum Mute gezwungen werden mussten, als dass sie 
von Natur die stol« Todesverachtung besessen hätten, die jeden 
gallischen Zirkusfechter, jeden spanischen Toreador, jeden türkischen 
Baschi-Bosuk auszeichnet.') »Die griechische Geschichte«, sagt Goeihe, 

>bietet wenig Erfreuliches zudem ist die unserer eigenen 

Tage durchaus gross und bedeutend; die Schlachten von Leipzig und 
Waterloo ragen so gewaltig hervor, dass jene von Marathon und ähn- 
liche andere nachgerade verdunkelt werden. Auch sind unsere eigenen 
Helden nicht zurückgeblieben: die fraiaüsischen Marschälle und Blücher 
und WelliagtoD sind denen des Altertums völlig an die Seite zu setzen.«') 
Damit hat Goethe aber lange nicht genug gesagt. Die traditionelle 
griechische Geschichte ist, in manchen Stücken, eine ungeheure Mysti- 
fikation: das sieht man täglich deutlicher ein; und zwar haben unsere 



Ocdd»! spricht sich darin auf eine Wci^c aus, wie er fortan geltend bleiben 
ioUie*. Und dabei erfüllt doch die VerstQraraelung nicht aDdn von Leichen, son- 
dern auch von Lebendigen, die Foltetusg, sovic jegliche Gmusamlidt, jede Läge, 
jeder Verrat die gante griediiiche Geschichte I Alio, ura eine tflnende, hohle Phrase 
anzubringen, um der alten abgcsctLinacktca Itcdcniart eines Gegensatz» zwischen 
Orient und Üccident (wie lächerlich auf einer sphärischen Weltl) treu «i bleiben, 
um nur ja die crbgescMcncn Vorurteile fcMKiihaJten und noch fester einiubohrcn. 
werden vcn einem ersten Historiker unseres Jahrhunderts simtÜche Thatsachen der 
Geschichte einfach beiicite geschoben — Thitiaclieti , Über die selbst der Un- 
gelehrteste sich bei Duncker: GuehuhU de* AUertums, Gobincau: Hiiloirt dn PtrstS, 
Maspcro: Lts prtmUrts Wlits des peuplns u. s. w. umeiriclnen kann — und dem 
glaubcnsscligen Wisj begierigen wird, auf Grundlage einer awcifclhoficn Anekdote, 
ein offenbares falsum betrefTt dcfs nioratischen Charakters der verschiedenen Menschen- 
stimme aufgcaöligtl Hne so gcwiucnlosc Pcrfidic kann bei einem solchen Manne 
einzig durch die Aunalimc einer das Urteil lahmlegenden »Suggestion« erklStl werden. 
Aus Indien und aus Pctsicn stammt die eini: Gattung der Mensclilichkcit und der 
Milde und der WahrheiisEiebe, aus Judäa und Arabien die andere C>us Reaktion 
cnutandcnc) , — keine aber aus Griechenland, noch aus Rom, d. h. also, keine 
syj dem »Occident«. Wie erhaben steht Herodot neben solcher tendenriOs cnt- 
stellender Geschicht^mcthodct denn, als er von der Verstümmelung des Leomdu 
ciiJhlt hat, ährt er fort: »eine dcranigc Behandlung ist sonst bei den Persem nicht 
Sitte, bei ihnen, mehr als bei allen anderen Välkcrn, pflegt man tapfere 
Kriegnolnncr tu ehren* (.VII, aj$). 

') Feinsinnig bcmcrki Kclvcüus [Di l'Esprit. ed. 177a, D, Sl): *Lß Ugislatiim 
it Lyeurgut tiUtamorphosüit Its hommn en hiros*. 

*) Gcjptich mit Eckcnnann, 24. November 1J34. 



» 



modernen Lehrer — unter dem Einflüsse einer ihre Ehrlichkeit voll- 
kommen lahmlegenden Suggestion — stc ärger gefälscht als die Griechen 
selber. Von der Schlacht bei Marathon z. B. gicbt Hcrodot ganz red- 
lich zu, dass die Griechen don, wo Perser, nicht Hellenen ihnen gegen- 
überstanden, in die Flucht geschlagen wurden (IV, iij); wie wird diese 
Tfaatsache bei uns immer wegerklärt 1 Und mit welcher kindlich frommen 
Glaubensseligkeit — obwohl wir sonst recht gut wissen, wie durchaus 
unzuverlässig griechische Zahlen sind — schreiben fast alle unsere 
Geschichtsschreiber noch heutigen Tages aus den alten Mären die 
6.400 Perscrlcichen und 192 tapfer gefallenen Hopliten ab, verschweigen 
aber, dass Hcrodot im selben Kapitel (VI, 117) mit seiner unnachahm- 
iichen Naivciäi erzählt, wie ein Athener in jener Schlacht vor Furcht 
bünd »"urdcl In Wahrheit war dieser sglorreichc Sieg« ein be- 
langloses Scharmützel, bei welchem die Griechen eher im Nachteil 
als im Vorteil blieben.') Die Perser, die nicht aus eigenem Antriebe, 
sondern von Griechen gerufen, auf ionischen Schiffen hergekommen 
waren, kehrten, da diese stets wankelmütigen Bundesgenossen den 
Augenblick für ungünstig hielten, mit mehreren tausend Gefangenen 
und reicher Beute (siehe Herodül VI, 118) in aller Seelenruhe nach 
lonien zurück. ») In gleicher Weise ist auch die ganze Darstellung 
des späteren Kampfes zwischen Hellas und dem persischen Reiche 
gefälscht, 3) was man den Griechen eigentlich gar nicht so sehr übel 
nehmen kann, da die selbe Neigung sich stets bei allen Nationen 



>) Seitdem diese Zeilen geschrieben wurtlcn, bekam ich des belunnwn eng- 
lüditn Hellcnbtcn Profcüor Mahaffy's; A Survey ef Crefk Gvih'satitm (1S97) m 
Gesiebt, worin CT die Sdilachi bei Maiaihon ȟ vtry ummporlant ikirmishi aennV 

•) Siehe Gobincju: Hishirt dei Ptnei II, i)8— J41. 

)) Namentlich die berdhmte Schbchr bei Sabniis, von der nun eine C[> 
frischende DiratcUunft in dem gcnannicn Wcflc des Grafen Gobineau findet (II. 10} 
bis 51 ij. tCest ijunHd let demitri balaiiltHit de i'arriire-garde dt X*rxh eurtnt 
disparu dam h dirution de h Bhttt et quf touie la ßolte fut partte, gue la Grtcs 
prirtnt d'eux-m^mts tt de et quill vtaaunt de fairi it dt a fu'rVr pouvairnl m dir* 
Fopiniott gur ta poMie a si ktu-riusnrtint min tn auvrt. Encort faihit'O ijue la ülliis 
appriisenl qut la ßollt mnimlf n* i'^litit pat &rrUft 4 Phalirt pour ju"«7i otaatal tt 

metlre en mouvtmtni. Ni tacbunt oü tiU aJliiit i7i reslatmt commt ^perdut. 

tu tt hiuardirtnl mfin J forlir dt U boU it Salamittt, tt i» riupUffitf jutqu'i U 
bauleur ä'Atidfcs. Ctct tt i/u'ils appelhent plus tatd avoir poursuivi Its Pents! Sls 
M gariirent crptndant d'euaytr dt let foiaJrt, tt ribrounanl chtmin, ilt rtttiirnirtnt 
tkttun düns leiiri palries respterivti* (p. ao8). An einer indem Stelle (II, i<So) b> 
idchnet Gobmcju die griechische Geschichte als: *h plus ilahorh i*t fielioni du plu 
otHsU dts pmpiet.* 




i 



9* 



Das Erbe der alt» Welt. 



bcthätigt hat und noch heute sich bcihütigt. >) Jedoch, soll hellenische 
Geschichte wirklich den Geist und das Urteil bilden, so möchte man 
glauben, dies müssie eine wahre, gerechte, die Begebenheiten aus 
ihren tiefsten Wurzeln erfassende, den organischen Zusammenhang 
aufdeckende Darstellung bewirken , nicht die Verewigung von halb- 
erdichteten Anekdoten und von Uneilen, welche einzig die Bitterkeit 
des Kampfes ums Dasein und die krasse Unwissenheit und Verblendung 
der Hellenen entschuldigen konnte. Herrlich ist die dichterische Kraft, 
mit welcher dort auserlesene Männer einem wankelmütigen, treulosen, 
käuflichen, zu panischem Schrecken geneigten Volke Vaterlandsliebe 
und Heldenhaftigkeit einzuflössen suchten und — wo die Zucht streng 
genug war, wie in Sparta — auch thatsächlich einflösstcn. Auch hier 
wieder sehen wir die Kunst als belebendes, treibendes Element. 
Dass wir aber die patriotischen Lügen der Griechen unseren Kindern 
als Wahrheit einpfropfen, und nicht allein unseren Kindern, sondern 
— in Werken wie Groie's — dem Urteil gesunder Männer als Dogmen 
aufzwingen, und sie sogar zu eiaem massgebenden Faktor in der 
Politik unseres neunzehnten Jahrhunderts werden lassen, das ist doch 
ein arger Mi.ssbrauch der hellenischen Erbschaft, eintausendachthundert 
Jahre nachdem schon Juvenal gespottet hatte: icmlilar quidquid 
Graecia meiidax aiidä in historia.* — Noch schlimmer dünkt mich 
jedoch die uns aufgenötigte Bewunderung für politische Verhält- 
nisse, die eher als abschreckendes Beispiel zu dienen hätten. Ich habe 
hier nicht Partei zu nehmen, weder für Grossgriechcnland noch für 
Kleingriechenland, weder für Sparta noch für Athen, weder (mit Mit- 
ford und Curtius) für den Adel, noch (mit Grote) für den Demos; 

') Die Hauptsache ist offcnliir nicht, was in gelehrten Bachern steht, sondern 
wu in dcrSchulc gcichn n*ird, imd da kann ich aus Erfahrung sprechen, denn icli 
war zucnt in einein firanzösi'ichen )Lyc^>, dun in eio«tn enfjlischen icollege«, später 
erhielt ich Unlcrricht von den Lchrkrillen laner Sdiwcixer Privaischulc, lulcict von 
ciaem gelehrten Preussco. ich bezeuge, das* ia diesen verschiedenen Lindem selbit 
die bcit VL-rbßrgie Gcsdiiditc, die der leuricn drei Jahiltundcrtc (seit der Rcfomiaiion) 
so gäniltcb venchiedea daigcstcUt wird, dass ich ohne Übertreibung behaupten 
darf, das Piiniip des geschichtlichen Unterricbies ist noch heute nbcrall bei uns in 
Europa die systematische Entstellung, lodern die eigenen Leistungen immer hervor- 
gehoben, die Errungenschaften der Anderen verschwie|icn oder vertuscht, gewisse 
Dinge immer ins hellste Licht gcstclli, andere ini lielslcn Schatten gelassen werden, 
«n&tteltt ein Gesainibtlxl, welche« i» manchen l'eilen nur TQr das subtilste Auge von 
dci nacLtai l.6gc sich unicrschcidct. Die GrundUgc aller echten Wahthcit: die 
gliulich noiniercssiene Gefecbtigkcitsliebc fehlt fast aberall ; danus kann nun er- 
kennen, dass ih-ir noch Barbaren und. 




Hellenische Kunst und PliUösophic. 



«s 



wo die politischen Charaktere, sowohl einzeln wie in Klassen be- 
trachtet, so jämmerlich sind, di kann gewiss keine grosse PoHiik ge- 
blüht haben. Dass wir gar den Begriff der Freiheit von den Hellenen 
geerbt haben sollen, das ist ein untergeschobenes Wahnbild; denn 
lur Freiheit gehön vor allem Vaterlandsliebe, Würde, Pflichtgefühl, 
Aufopferungsfähigkeit. — dagegen hören die hellenischen Staaten, 
vom Beginn ihrer Geschichte an bis zu ihrer Unicrdrückung durch 
Rom, niemals auf, die Feinde ihres gemeinsamen Vateriandes gegen 
die eigenen Brüder herbeizurufen, ja, innerhalb der einzelnen Stadt- 
regierungen, sobald ein Staatsmann gestürzt ist, eilt er fort, sei es zu 
anderen Hellenen, sei es zu Persern oder Agypiern, spiter zu den 
Römern, um mit ihrer Hilfe seine eigene Stadt zu Grunde zu richten. 
Man klagt vielfach, das Alte Testament sei unmoralisch; mich dünkt 
die Geschichte Griechenlands reichlich ebenso unmoralisch ; denn bei 
den Israeliten finden wir, selbst im Verbrechen , Charakter und He- 
harrhchkeit, sowie Treae gegen das eigene Volk, hier nicht. Sogar 
ein Solen geht zuletzt zu Pisistraius über, das Werk seines Lebens 
verleugnend, und ein Thcmistoklcs , der iHeld von Salamis*, ver- 
bandelt kurz vor der Schlacht über den Preis, für den er Athen ver- 
raten würde, und lebt später ihaisächlich am Hofe des Artixerxes als 
»erklärter Feind der Griechenc, von den Persem jedoch mit Recht 
aJs »listige griechische Schlangec gering geschätzt; bei AIcibiades 
war Verrat so sehr Lebensprinzip geworden, dass Plutarch lächelnd von 
ihm behaupten kann, er hätte die Farbe >schneller als ein Chamäleon« 
gewechselt! Das war alles bei den Hellenen so selbstverständiicb, 
dass ihre Historiker sich gar nicht darüber empören, wie denn auch 
Herodot mit grösstcr Seelenruhe erzählt, Miltiades habe die Schlacht 
bei Marathon dadurch erzwungen, dass er den Oberbefehlshaber darauf 
aufmerksam machte, die athenischen Truppen seien gewillt, zu den 
Persern überzugehen, man müsse daher schleunigst angreifen, damit 
dieser »schlimme Gedanke c nicht Zeit habe, in die That umgesetzt 
zu werden: eine halbe Stunde später, und dioHelden von Marathon« 
wären mit den Persern zusammen gen Athen marschiert! Mir bt 
Ähnliches aus der jüdischen Geschichte nicht erinnerlich. Auf einem 
derartigen Boden konnte offenbar kein bewunderungswürdiges Staaten- 
system aufblühen. »Die Griechen«, sagt wiederum Goethe, »waren 
Freunde der Freiheit, ja! aber ein jeder nur seiner rigenen; daher 
stak in jedem Griechen ein Tyrannos.« Wer durch den Urwald der 
im Laufe von Jahrhunderten Üppig aufgewuchencn Vorurteile und 



i 



Das Erbfi der alten Welt. 



Phrasen und Lugen sich ins Licht durch.irbeiien will, dem empfehle 
ich dringend das Studium des monuraentalen Werices von Julius 
Schvarcz: Die Demokratie von Athen, wo ein sowohl theoretisch wie 
praktisch gebildeter Staatsmann, der zugleich Philologe ist, ein für 
allcma! dargcthan hat, was von dieser L^endc zu hahen ist. Die 
Schlussworte dieser ausführlichen, streng wissenschaftlichen Darlegung 
lauten : »Die induktive Staatswissenschaft muss schon heute erkennen, 
dass der Demokratie von Athen nicht die Stelle gebohrt, welche der 
Wahn der Jahrhunderte derselben in der Geschichte der Menschheit 
einzuräumen beliebtet (S. 5&9'3. 

Ein einziger Zug genügt übrigens, um die gesamte staatliche 
Wirtschaft der Griechen zu charakterisieren: dass nämlich Sokrates 
sich veranlasst sah, des Weiten und des Breiten nachzuweisen, um 
ein Staatsmann zu sein, müsse man auch etwas von Siaatsgcschäften 
verstehen. Weil er diese einfache Elemen tarwahr hcit predigte, wurde 
er zum Tode verurteilt. »Der Giftbecher ward einzig und allein 
dem politischen Reformer gereicht«,*) nicht dem Götterleugner. 
Diese ewig schwatzenden Athener vereinigten eben in sich den 
schÜmmsten Dünkel eines ahncnstolzen Junkertums mit der leiden- 
schaftlichen Gehässigkeit eines unwissenden frechen Pöbels. Zugleich 
besassen sie die Flatterhaftigkeit eines oriciitalischcu Despoten. Als 
kurz nach dem Tode des Sokrates, so erzähh man, das Trauerspiel 
>Palamedes: aufgeführt wurde, brachen die versammelten Zuschauer in 
Thräncn aus wegen der Hinrichtung des edlen, weisen Helden; das 
^rannische Volk beweinte seinen niedrigen Racheakt. 5) Es horchte 
aber deswegen nicht um ein Jota mehr auf Aristoteles und andere 
weise Männer, sondern verbannte sie. Und diese weisen Männer! 
Aristoteles ist erstaunhch scharfsinnig und als Staatsphilosopli gewiss 
ebenso bewundernswert, wie die grossen Hellenen es überall sind, 
sobald sie zu künstlerisch-philosophischer Anschauung sich erheben; 
als Staatsmann trat er jedoch gar nicht erst auf, sondern erlebte 
gelassen und zufrieden die Philippinischen Thaten, die sein Vaterland 



•) Es ist der (1877 erschienene) cmc Teil eines grAsicrcn Werkes; Dia Demo- 
kraü'i, dessen zweiter Teil unter dem Titel Die Rimiscli-t Masunherrsehafi in twci 
Binden 1891 und 1S93 eischicn, 

') Schvoiccr a. a. O., S. 394 fg. 

J) N)ch Gompcii: Crittkischt Denker, 11, 95, m diese Anekdote ilecrc Fabelei«; 
docb liegt in allen solchen ErfiDdungen, wie in dem ip^ur ti muovs u. 1. w^ ein 
Kern hahcrer Wahrhcii; sie sind das gerade Gegenteil voa >Iccc<. 




Hellenische Kunst und Philosophie. 



97 



2U Grunde richteten, ihm aber die Skelette und Häute seltener Tiere 
verschafften; Plaio erntete als Staatsmann den Erfolg, den man aus 
seinen abenteuerlichen Konstruktionen erwarten musstc. Und auch 
die wirklichen Staatsmänner — ein Drako. ein Selon, ein Lykurg, 
ja. selbst ein PcrikJcs — dünken mich, wie ich schon in den ein- 
leitenden Worten zu diesem Kapitel sagte, eher geistvolle Dilettanten, 
als irgendwie grundlegende Politiker. Schiller bezeichnet irgendwo den 
Drako als einen >AnfäDgcrt und die Verfassung Lykurgs als »schüler- 
hafte Entscheidender ist das Urteil des grossen Lehrers der ver- 
gleichenden Rechtsgeschicbte, B. W. Leist: »Der Grieche glaubte, ohne 
Verständnb für die das Völkerlebcn beherrschenden historischen Mächte, 
völliger Herr der Gegenwart zu sein. Die Gegenwan des Staates 
hielt man im edelsten Streben für ein Objekt, an dem der Weise fra 
seine Theorie verwirklichen könne, in das er von dem historisch 
Gegebenen nur das in diese Theorie Passende aufzunehmen brauche.!') 
Es fehlt bei den Griechen anf diesem Gebiete alle Konsequenz, 
alle Selbstbeherrschung; kein Mensch ist massloser als dieser die 
Massigkeit (Sophrosyne) und den >goldenen Mittelweg« predigende 
Hellene ; wir sehen seine verschiedenen Staaten hin- und her- 
pendeln zwischen hyperphantasiischen Vollkommenheits-Systemen und 
der blüdsichtigen Befangenheit in den Interessen des unmittelbar gegen- 
wartigen Augenblickes. Schon Anacharsis klagte: »Bei den Be- 
ratungen der Griechen sind es die Narren, welche entscheiden.« Und 
so ersehen wir, dass unsere Bewunderung und Nacheifenmg in Wahr- 
heit nicht der griechischen Geschichte, sondern den griechischen Ge- 
schichuschreibern, nicht den griechischen Heldenthaien — die 
überall ihresgleichen finden — sondern der künstlerischen Ver- 
herrlichung dieser Thaten gelten sollte. Es ist durchaus nicht 
nötig, von Orient und Occident zu faseln, als könnte der >Mcnsch< 
nur auf einem bestimmten Längengrade entstehen? die Griechen 
standen mit einem Fusse in Asien, mit dem andern in Europa; 
die meisten ihrer grossen Männer sind lonier oder Sicilianer; es bt 
lächerlich, ilire Fiktionen mit den Waffen ernster Wissenscliaftlichkeit 
verfechten und unsere Kinder mit Phrasen erriehen zu wollen: da- 
gq;en werden wir in Herodot ewig Graiie und Natürlichkeit, eine 
höhere Wahrhaftigkeit und den siegenden Blick des echten Künstlers 
bewundem und anstreben lernen. Die Griechen gingen imter, ihre 



') GrMco-italitcht Ktchlsgaehichu, S. 589. S9S «■ »■ w. 
{^»nberlalD, C(undl4j;eii it\ XIX. {ttirtiattdini. 



s» 



Das Erbe der ilten Welt. 



Vcif*ll 

in KillguOB. 



crbärmUchen Eigenschaften richteten sie zu Grunde, das moralische 
Wesen an ihnen war schon sru alt, m raffiniert und verdorben, um 
mit der Erleuchniog ihres Geistes Schriit zu halten; der hellenische 
Geist jedoch errang einen Sieg, wie nie ein anderer; durch ihn — 
und erst durch ihn — »trat der Mensch in das Tageslicht des Lebens 
ein«; die Freiheit, die der Grieche hierdurch dem Menschengeschlecht 
erfocht, war nicht die politische — er war und blieb ein Tyrann und 
ein Sklavenhändler — sondern die Freiheit der nicht bloss instinktiven, 
sondern schöpferischen Gestaltung, die Freiheit zu dichten. Das ist jene 
Freiheit, von der Schiller sprach, ein kostbares Geschenk, für welches 
den Hellenen ewige Dankbarkeil gcbühn, würdig einer weit höheren 
Civilisation als der ihrigen und einer weit lauteren als der unserigcn. 

Dies Alles nur als nicht zu entbehrende Andeutung, welche 
uns ru einer letzten Betrachtung hinübergeleiten soll. 

Erkennen wir deutlich, da^s der Schulmann die Macht besitzt, 
Leichen wieder zu beleben und einem rfihrigen, arbeitsamen Jahr- 
hundert Mumien als Muster aufzudrängen, so müssen wir bei ge- 
nauerem Untersuchen gewahr werden, dass Andere das in noch 
höherem Masse vermögen, da zu den lebendigsten Stücken der helleni- 
schen Erbschaft ein recht bedeutender Teil unseres kirchlichen Glaubens 
gehört, nicht jedoch die Lichtseite desselben, sondern der tiefe Schatten 
krauser und krasser Aberglauben, sowie der dürre, aller Blätter und 
Blüten der Poesie entkleidete Dornenstrauch scholastischer Vemünftelei. 
Die F.ngcl und die Teufel, die grause Vorstellung der Hölle, die 
Gespenster der Abgeschiedenen (die gerade in unserem angeblich auf- 
geklärten Jahrhundert unsere Tische mit Klopfen und Drehen so viel 
itJ Bewegung setzten I), den ekstatisch-religiösen Wahnsinn, die Hypo- 
stasen des Demiurgos, des Logos, die Definition des Göttlichen, die 
Vorstellung von der Triuität, überhaupt den ganzen Untergrund 
unserer Dogmatik verdanken wir zum grossen Teil den Hellenen oder 
ihrer Vermittlung; zugleich verdanken wir ihnen die spitzfindige Be- 
handlung dieser Dinge: Aristoteles mit seiner Seelen- und Gottlehre 
ist der erste und grösste aller Scholastiker; sein Prophet, Thomas von 
Aquin, ist gegen Schlussunsereres neunzehnten Jahrhunderts (1879) vom 
unfehlbaren Papste zum offiziellen Philosophen der katholischen Kirche 
ernannt worden ; zugleich griff auf Aristoteles ein grosser Teil der 
logisierenden Freigeister zurück, der Feinde aller Metaphysik und Ver- 
künder einer >Vernunfireligion*, wie John Smart Mill und David 
Strauss. Hier handelt es sich, wie man siebt, um eine recht lebendige 




Erbschaft, und sie mahnt uns, von «ieo Fortschritten unserer Zeit nur 
mit Demut zu reden. 

Der Gegenstand ist ein ungemein verwickelter i habe ich mich 
in diesem ganzen Kapitel mit blossen Andeutungen begnügen müssen, 
so werde ich mich hier auf das Andeuten von Andeutungen zu be- 
schränken haben. Gerade hier jedoch wäre auf Verbältnisse hinzu- 
weisen, die meines Wissens noch niemals in ihrem richtigen Zu- 
sammenhange aufgedeckt worden sind. Das möge hier in aller 
Bescheiden heil, gleichwohl mit voller Bestimmtheit geschehen. 

Ganz allgemein wird die religiöse Entwickelung der Hellenen so 
dargestellt, als ob ein votksmässiger Göttciwahn glaube sich nach und 
nach in dem Bewussisein einzelner hervorragender Männer zu einem 
immer reineren, immer mehr vergeistigten Glauben an einen einzigen 
Gott verklärt habe: so sei der Menscliengeist aus der Finsternis in 
immer helleres Licht geschritten. Unsere Vernunft liebt die Verein- 
fachungen: dieses langsame Emporsteigen des griechischen Geistes, 
bis er dann reif war für eine höhere Offenbarung, kommt der 
angeborenen Gedanken trägheit sehr zu statten. In Wahrheit ist diese 
Vorstellung eine durch und durch falsche und gefälschte: der Götier- 
glaube, wie wir ihm bei Homer begegnen, ist die erhaben.<ite und 
geläuiertsle Erscheinung fjriechisclier Religion ; vielseitip bedingt und 
beschränkt (wie alles Menschliche), dem Wissen, Denken und Em- 
pfinden einer bestimmten Gvilisationsstufe angepasst, dürfte diese 
religiöse Weltanschauung doch so schön, so edel, so frei gewesen 
sein, wie nur irgend eine, von welcher wir Kunde besitzen. Das 
Kennzeichnende des homerischen Glaubens ist seine geistige und 
moralische Freiheit — ja, wie Rohde sagt, >fast Frcigebtigkeiu — ; 
diese Religion ist der durch künstlcHschc Intuition und Analogie (also 
auf rein genialem Wege) gewonnene Glaube an eine kosmische Welt- 
ordnung, die überall wahrgenommen wird, ohne jemals ausgedacht, 
ohne jemals umfasst werden zu können, weil wir doch selber Bestand- 
teile dieses Kosmos sind, — eine Ordnung, die sich aber notwendiger- 
weise in Allem wiederspiegelt und die darum im Kunstwerk an- 
schaulich und unmittelbar überzeugend wird. Die im Volke vor- 
handenen Vorstellungen, hervorgegangen aus der poetischen, symbo- 
lisierenden Anlage jedes einfachen, noch nicht bis zur Dialektik 
herangereiften Gemütes, sind hier zur unmittelbarsten Anschaulichkeit 
verdichtet, und zwar von hohen Geistern, die noch gläubig genug 
sind, um die wärmste Innigkeit zu besitzen, und zugleich frei genug. 



i 



p 



um nach eigenem souverän -künstlerischen Urteil zu gestalten. Diese 
Religion ist jeglichem Spuk- und Gespenstcrglauben, jeglichem pfäfFi- 
sehen Formelwesen abhold; alles, was in Ilias und Odyssee vom 
populären Secleiikult und dergleichen vorkommt, ist v^ninderbar ge- 
klärt, des Schreckhaften entkleidet, zur ewigen Wahrheit eines Symbo- 
lischen geadeh; ebenso fcind ist diese Religion aller Vernünftelei, allen 
mössigcn I-VagcD nach Ursache und Zweck, jener rationalistischen 
Richtung also, welche sich in der Folge als die blosse Kehrseite des 
Aberglaubens entpuppt hat. So lange jene Vorstellungen, welche in 
Homer und einigen anderen grossen Dichtern ihren vollendetsten Aus- 
druck gefunden hanen, im Volke noch wirklich lebten, und insofern 
sie noch lebten, hat die griechische Religion ein ideales Element 
besessen; später (namentlich in Alcxandrien und Rom) war sie ein 
Amalgam von phjTrho nischer, spöttischer Universalskepsis, krassem 
Zauber-Aberglauben und spitzfindigem Scholasticismus. Untergraben 
wurde da^ schöne Gebäude von zwei verschiedenen Richtungen aus, 
von Männern, die wenig Gemeinsames zu besitzen schienen, die sich 
später aber doch brüderlich die Hand reichten, als der homerische 
Parthenon (d. h. >Tempel der Jungfrau*) ein Trümmerhaufe geworden 
und darinnen eine phüologiäche Steinschlciferei errichtet worden war: 
diese zwei Parteien waren die, welche bei Homer keine Gnade ge- 
funden hatten: der pfäffische Aberglaube und die vernünftelnde Kausali- 
tatsjägerei.') 

Die Ergebnisse der Anthropologie und Ethnographie erlauben 
es, glaube ich. zwischen Aberglauben und Religion zu unterscheiden. 
Den Aberglauben finden wir überall, auf der ganzen Erde, und zwar 
in bestimmten, an allen Orten und bei den verschiedensten Menschen- 
stämmen sehr ähnlichen, einem nachweisbaren Entwickelungsgesetze 
unterworfenen Formen; im Grunde genommen ist er unausronbar. 
Die Religion dagegen, als ein der Phantasie vorschwebendes Gesamt- 
bild der Weltordnung, wechselt unendlich mit den Zeiten und den 
Völkern ; manche Stämme (z. B. die Chinesen) haben wenig oder gar 
kein religiöses Bedürfnis, andere ein sehr ausgesprochenes; die Religion 
kann metaphysisch, materialistisch, symbolistisch sein, immer — aucli 

') D;i5s CS tu Horner's Zellen keine Pliilosoplicn gegeben tuben nug, tliut 
nichts Eur Saclie; Jie Thatsache, tlass bei ihm nichts >erklirt< »-irJ, dasj nich* 
der gering«« Versuch einer Kosntogonic vorliegt, deutet die lU^hcunt; sein« Guiilcs 
genügend an. Hesiod Ist ichon ein otTenbaref ßCickschritt, noch imiiic-r aber xu 
);TOSM[lig ^inbolisch. um bei iigend docoi Rationalistea Gnade xu fuid>;ii. 



wo ihre Elemente alle erborgt sind — tritt sie, je nach Zeit und 
Land, in einer durchaus neuen, individuellen Erscheinung auf, und 
eine jede ihrer Erscheinungen ist, wie die Geschichte lehn, durchaus 
vergänglich. Die Religion hat etwas Passives an sich, sie spiegelt (so 
lange sie lebendig ist) einen Kuliurmstand wieder; zugleich cnthilc 
sie willkürliche Momente von unabsehbarer Tragweite ; wie viel Frei- 
heit bekundeten die hellenischen Poeten in ihrer Behandlung des 
Glaubensstoffes! wie sehr hingen die Beschlösse des Tridentinischcn 
Konzils über das, was die Christenheit glauben oder nicht glauben 
sollte, von diploniatischen Schachziigcn und von Waffenglück ab! 
Von dem Aberglauben kann das nicht behauptet werden; an seiner 
Gewalt bricht sich die Gewalt des Papstes und der Poeten ; er schleicht 
auf tausend verborgenen Wegen, schlummert unbewusst in jeder Bnist 
und ist alle Augenblicke bereit, aufzuflammen; er besitzt, wie Lippen 
sagt: »eine Leben szilhigkeit, die er vor jeder ReUgion voraus hat«;') 
er ist zugleich ein Kitt für jede neue Religion und ein stets lauernder 
Feind jeder alten. An seiner Religion zweifelt fast jeder Mensch, an 
seinem Aberglauben Keiner; herausgedrängt aiw dem unmittelbaren 
Bewusstseio der sogenannten »gebildeten« Menschen, nistet er sich 
in den innersten Falten ihres Gehirns ein und treibt dort umso 
ausgelassener seinen Schabernack, als er in der Vermummung der 
authentischen Gelehrsamkeit oder des spektakulösesten Freisinne her- 
vortriu. Dies alles zu beobachten, haben wir in unserem Jahrhundert 
der Notre-Darae-de-Lourdes, der »Shakerst, der Phrenologie, des Ods, 
der spiritistischen Photographien, des wissenschaftlichen Materialismus, 
des »medizinischen Pfaffentumst«) u. s. w. reichlich Gelegenheit gc- 
babt-3) Um die hellenische Erbschaft recht zu begreifen, müssen wir 
auch dort zu unterscheiden lernen. Thun wir das, so werden wir 
gewahr werden, dass in Hellas auch zur Blütezeit der herrlichen kunst- 
bcsceUen ReUgion, ein Unterstrom ganz und gar anders gearteter 
Aberglauben und Kühe niemals zu fliessen aufgehört hatte, der dann 



') Ouitimtumt Folhglaube tmd yothhrawrk, S. )79. In dem zwdtcs Teil 
dhses Buches fmttct nun eine leiirreiche ZusamTn«n5ti;llung der in Europa noch be< 
aebcndeii Gcbrluchc und AbcigUubcn aus voichiinliciier Zeit. 

•) F. A. Lange gebraucht den Ausdrucl: irgendwo in seiner GetehiehU dts 
Materiaüsmus. 

s) >5elbst die avilisiciteitcn Nationen schOtldn deti Ghuben in 2dti1>«Ki 
»ich: Icicbt ib«, bezeugt Sir John Lubbock: Die vorgachichtlichi: Zeit, deutsche 
Ausg., IL, 178. 



m 



Dis Erbe der alwn Welt. 



splter, a]s der griechbche Geist zur Keige ging und der Götterglaube 
nur noch Formelwesen war, mächtig angeschwollen hervorbrach und 
sich mit dem inzwischen aus verschiedenen Quellen reichlich gespeisten 
rationalistischen Scbolasticismus vereinte, um schliesslich im pseudo- 
semitischen NeopUconismus das grinsende Zerrbild hoher, freier Geistes- 
thaten zu geben. Jener Strom des Volksglaubens, gebündigr in dem 
durch die Tragödie zur höchsten künstlerischen Vollkommenheit ge- 
langten Dionjrsischcn Kult, floss unterirdisch weiter über Delphi und 
EIcusis; seine erste, reichste Quelle bildete der uralte Scelenkult, das 
furchtsame und ehrfürchtige Gcdcuken an die Toten ; daran knüpfte 
sich, durch eine unvermeidliche Progression, nach und nach (und in 
verschiedenen Formen) der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. 
Zwctfcllas hatten die Hellenen den Grundstock zu ihren verschiedeneu 
Aberglauben aus der früheren Heimat mitgebracht; neue Elemente 
kamen aber immer wieder hinzu, teils als semitische Einfuhr von 
den kJcinasiatischcn Küsten und Inseln,'] noch nachhahiger und auf- 
wühlender jedoch aiK jenem Norden, den die Griechen zu verachten 
wähnten. Kicht Dichter waren die Verkünder dieser heiligen »er- 
lösendem Mysterien, sondern Sibyllen, Bakiden, pyrhische Orakel- 
sprecherinnen; der ekstatische Wahnsinn ergriff oft einen Gau nach 
dem anderen, ganze Bevölkerungen wurden toll, die Söhne der Helden, 
die vor Troja gcklmpfi hatten, schwangen sich im Kreise herum, wie 
die heutigen Derwische, Miiricr erwürgten mit eigenen Hlnden ihre 

Kinder . Diese Leute aber waren es, welche den eigentlichen 

Seelenglauben grosszogen, und auch der Glaube an die Unsterb- 
lichkeit der Seele drang durch sie aus Tlirakien in Griechenland 
eis.') Im bacchantischen Wirbeltanz hatte sich also (für das Volk der 



■) Es scheint oicbt. ins <iic tCBÜtisdicn Vdlli« Ixi iilccr Zeit w die Unslerblich- 
Itdl der individuellen Sede gegl;iubl liiticn ; ilire Kuln; boten aber Iut den Hellenen, 
sobalti er jenen Gciankcn crl«^ic, widitigc Aiircguiigv». Das pböoubclie GäiTci&}'6teiii 
der Kabirim (d. h. du sieben Gewaltigen) fanden x. B. die Griechen luf Lcninos, 
Rbodo» und Ulileren Inseln vor, und Duncker schreibt daiijbcr (Geichichle des 
jUUrttimt, I», 379): »Der Mythos von McUtin und der Asiarw, die in tJeo Ktäs 
dieser Gäncr aufgenommen war. Melkaii, Jlt die verschwundene Mondgätda im Lande 
der Duukelhtii wiederlindct und aus diesem mit ihr tu neuem Licht und Leben 

«irQckkchn ^ gewähnc den Griechen Anlast, die Vorstellungen vom Leben 

nach dem Tode, wdche sich seit dem Anfang des 6. Jibrhundem bei itinen su5bild«ieD, 
auch an den Gcbcimdiciui der Kabircn lu Imdpfcn.« 

*} Dus dieser Glaube (nach Heroiot IV, 93} Jm Indoeuropllscheri Summe 
«ter Gctcu lebendig war und von don aus nach GnechciUand eindrang, ist nicht 



Hdleniscbc Kunst und Philosophie. 



tsj 



Hellenen) zum erstcnmalc die Seele vom Körper losgetrennt, jene selbe 
Seele, über die dann Aristoteles aus der Stille seiner Studicrstube so 
viel Erbauhchcs zu melden «'usstc; in der dionysischen Verzücktheit 
fühlte sich der Mensch eins mit den unsterblichen Göttern und folgerte 
darius, dass auch seine individuelle, menschliche Seele unsterblich sein 
mßsse, was dann wiederum später Aristoicles und andere scharfsinnig 
zu begründen suchten.') Mich dünkt, es wirbelt uns noch immer ein 
wenig im Kopf herum I Trotzdem wollen wir versuchen, über diese 
uns so zäh anhaftende Erbschaft zur Besinnung zu kommen. 

Zu diesem Seelenglaubcn bat die hellenische Dichtkunst als 
solche nichts beigetragen; sie schickte sich ehrfurchtsvoll in das 
Übliche — die feierliche Bestattung des Patroldos z. B., der vor ihr 
lur letzten Ruhe nicht eingehen konnte, die Voüfiihning der nötigen 
Wdheakic durch Aniigone an der Leiche ihres Bruders — weiter 
nichts. Dem Unsterblichkeitsglauben hat sie allerdings unbcwusst 
Vorschub geleistet, indem sie die Götter zwar nicht als unerschaffen, 
doch aber zu ihrer grösseren Verherrlichung als unsterbhch auffassen 
zu müssen glaubte -~ was z. B. bei den arischen Indem nicht der Fall 
•war.») Der Begriff der Sempiternität, d. h. der Unsterblichkeit 



m verwundern; es waz alles Stammgut) scbr auQkllend ut dEgq;», dus ijcr Hdlcnc 
in der Blfltczdt seiner Kraft tiiesen Glaubcri) verloren hatte, oder vielmehr sicli voU- 
Vommcn indiffcicnt dagegen vcrliidL >Eiri endloses Wtiicrlcbcn der Scdc wird auf 
dic«ent (homerischen) Sundpunktc weder behauptet nach );deiif;neti di»cc Gcdiolic 
fiUl hier überhaupt Rar nicht in den Krcä der Bctraehniug« (Rohde, Ptycht, S, 195)- 
Boc tucrkwüidiKc Bcjläügun^ von SchiUcr's BchauplUDg, da» der utbctisdic Messch. 
d. Ii. Derjenige, iD dem da Sinnlictic und Mormlischc einander nicht feindUcli cnt- 
gcgca sUcbcQ, »keine Uasierblii:hlicit brauche) um »ich «1 siQifcn und zu halten« 
(Brief an Goeilic vom 9. 7. 1796). Ob die Geten Goten und folglich Gunnaiicii 
waren, wie Jakob Giimni behauptete, oder mcht, kann uns hier glnchgQlug sän; 
irise cfscbaprcodc DlsicuRsion dieser fibrigeus sehr inierc£UDten Frage ßndct man in 
Wietershcim-DahD : Getchichte J*r ynkerutitjerung, i, 597 (g,; du Ergebnis loUt gegen 
Grimni's Ansicht aus. — Die Mare, dais der Gcicnkönig Zaimosis die Unsterblich- 
kciulehrc vcm T^thagoras gclecnt habe, bezeichnet Rohde ah icinc absurde png- 
mabsicfcndc Kabel» {fty^ht, $. jjo). 

•) Übtr dieien ünsscrst wichtigen Punkt, die Ccnoc des Unsterblichkeits- 
fllUubee* bei den Griechen bctrcffcod, »crgl. namenitieh Rohd«: Ptycht, S. 396. 

*] lo einem alten Vedalicd, dau idi schon oben (S. 71) ciiicnc, lautet ein Vcn: 
• die G^et >iad diesseits der Schöpfung entstanden*; in ihrer EigemcbaAab indivi- 
duea köancn ste aber nacli indischer Überzeugung die iScnipiicniiiatt ebcnJalls 
nicht bciiiicn, und ^oliara sagt in den l^ewiänla Silr»'$. von den einzelnen 
Gottein redend: tSoIche Wonc wie Indra u. s. w, bedeuten, ähnlich wie x. B. das 
Won jGcnera!', nur dos Innchabwi eines bcjtimmten Postens. Wer also gerade 



104 



Das Erbe der alten Welt. 



eines in der Zeit entstandenen Individuums, war in Folge dess^en den 
Griechen als eine Eigenschaft ihrer Götter geläu6g; die Dichtkunst 
hat ihn wahrscheinlich schon vorgefunden, jedenfalls aber durch die 
Macht der poetischen Vorstellungskraft zu einer bestimmten Wirk- 
lichkeit erst erhoben. Weiter reicht die Beteiligung der Kunst nicht. 
Wir sehen sie im Gegenteil bestrebt, jenen >überall als ursprünglich 
vorauszusetzenden Dämoncnglauben*,') die Vorstellung einer »Unter- 
■wcltt, die Erzählung von »Inseln der Seligen< — kurz, alle jene 
Elemente, welche aus dem Untergrund des Aberglaubens aufwach- 
send, sich der menschlichen Phantasie aufzwingen, möglichst zu 
entfernen, zu mildern, auf ein Geringes zuröckzufiihrcn, um für die 
gegebenen Thatsachen der Weh und des Lebens und für ihre 
poetisch-religiöse, schöpferische Bearbeimng freies, offenes Feld zu 
gewinnen. Anders der Volksglaube, der, wie wir soeben sahen, 
an einer so hohen künstlerischen Religion nicht Genüge fand und sich 
lieber von rohen Thrakiern unterweisen Hess, Anders auch die Philo- 
sophie, welche neben einer solchen Poesie ein Untergeordnetes blieb, bis 
der Tag kam, wo sie sich im Stande wähnte, der Fabel Geschichte, 
dem Symbol ausführliche Erkenntnis entgegenzustellen: die Anregung 
jedoch hierzu schöpfte die Philosophie nicht aus sich selbst, auch 
nicht aus den Ergebnissen der empirischen Wissenschaft, die nirgends 
auf Seelen, Entelechieen, Unsterblichkeit u. s. w, gestossen war, sondern 
sie erhielt sie aus dem Volke, teilweise aus Asien (durch Pythagora.s), 
teilweise aus dem nördlichen Huropa {als orphischen, resp. dionysischen 
Kult). Die Lehre von einer vom lebendigen Körper ablösbaren, mehr 
oder weniger unabhängigen Seele, die daraus leicht gefolgerte Lehre 
von körperlosen und doch lebendigen Seelen, z. ß. der Gestorbenen, 
nunmehr als blosse Seelen weiterlebend, sowie auch von einem >scelen- 
haftenc gottlichen Prinzip (ganz analog dem Nus des Anaxagoras, 
d. h. der vom Stoff unterschiedenen Kraft), ferner die Lehre von der 
Unsterblichkeit dieser Seele : das sind also zunächst nicht Ergebnisse 
eines gesteigerten philosophischen Denkens, ebensowenig bilden sie JD 
irgend einem Sinne eine evolutive Fortentwickelung, eine Verklärung 
jener hellenischen Nationalreligion, die in den Dichtern ihren höchstea 
Ausdruck gefunden hatte; vielmehr stellen sich hier Volk und Denker 
in Gegensatz zu Dichter und Religion. Und gehorchen sie auch Ver- 
den bftrcffcnden Posten bekleidet, der führt iJen Titel IndriK (U j, a8; S. 170 der 
Übcncizung Dcusscn'a). 

') DeujMn; Allgtouiitt GnehiehU dtr Phihsophit, I, 59; siehe auch Tytor. 





schiedenen Impulsen, so arbeiten Volle und Denker doch einander in 
die Hand; zusammen richteten sie denn auch Dichtkunst und Religion 
zu Grunde. Und als die hierdurch hervorgerufene Krise vorbei war, 
fand es sich, dass jeizt die Philosophen als Religionsvcrkündcr an di« 
Stelle der Künstler getreten waren 1 Im Grunde hatten ja beide, 
Dichter und Philosophen, ihr Material im Volke geschöpft; wer aber 
von beiden, frage ich, hat es besser ven^'altet und weiser? Wer hat 
die Wege zu Freiheit und Schönheit, wer dagegen die zu Knecht- 
schaft und Unschönhcit gewiesen ? Wer hat gesunde, empirische 
Wissenschaft angebahnt, und wer Wissenschaft fast zwei Jahrtausende 
gehemmt? Wenn nicht inzwischen aus einer ganz anderen Himmels- 
richtung her, aus der Mitte eines Volkes, das weder Kunst noch 
Philosophie besass, eine religiöse Macht in die Welt getreten wäre, 
so stark, dass sie den zum Vernunftsystem erhobenen Wirbelianz- 
Wahnsinn tragen konnte, ohne zusammenzubrechen, so lichtvoll, dass 
selbst die finstere Macht der anschauungsbaren Logik üiren Glanz 
niemals ganz zu löschen vermochte, eine religiöse Macht schon durch 
ihren Ursprung berufen, eher ci^ilisatorisch als kulturell zu wirken, — 
wenn das nicht gewesen wäre, da hätte sich dieses angebliche Empor- 
steigen zu höheren Idealen gar jämmerlich bewährt, oder vielmehr, 
seine thatsächliche Jämmerlichkeit wäre nicht verdeckt geblieben. Wer 
dies bezweifelt, der sehe sich in der Litieratur der ersten Jahrhunderte 
unserer Zeitrechnung um, wo die vom Staate besoldeten, antichrist- 
lichen Philosophen ihre Wissenschaftslehre »Theologie« bedielten 
(Plotin, Proklos u. s. w.), er sehe, wie diese Herren in den Mussestunden, 
die ihnen das Zerpflücken des Homer, das Kommemieren des Aristo- 
teles, das Aufbauen von Trinitäten, die Diskussion darüber, ob Gott 
ausser dem Sein auch das Leben zukomme, und über dergleichen subtile 
Fragen mehr übrig Hessen, er sehe, wie sie in ihren Mussestunden 
von einem Ort zum andern wandern, um sich in Mysterien ein- 
weihen, oder sich von orphischcn Genossenschaften als Hierophanten 
aufnehmen zu lassen, die ersten Denker dem krassesten Zauberglauben 
ergeben. Oder, wenn eine derartige Lektüre erschreckt, so nehme man 
den witzigen Heinrich Heine des zweiten Jahrhunderts, Lucian, zur 
Hand^ und ergänze seine Mitteilungen durch die ernsteren und ebenso 
unterhaltenden Schriften seines Zeitgenossen Apulcjus,') — und dann 

>) Sletie namentUch im ii- Buch det Goldtntn Buh die Eiawdhung in die 
Mysterien dci Isis, des Oitris, des Scrapu und die Aufinbnic in lias KoUcKitiai 
d« PastophorL Man lese auch die Schrift Plutaichs: Obir hü und OHrii. 



4 



Das Erbe der alten Wdt. 



Uiiiphpik. 




sage man, wo mehr Religion und wo mehr Aberglaube, ivo freie, 
gesunde, schöpferische Menschenkraft und wo un&uchtbare, unsaubere, 
im Kreise sich herumdrehende Trctmübtcrei anzuircffcn ist. Und 
doch dünkeD ims die Männer, die in jenem homerischen Kreise 
stehen, kindlich fromm und abergläubisch, diese dagegen aufgeklärte 
Denker M) 

Nun rauss mm allerdings zwischen Philosophie und Philosophie 
unterscheiden, und ich glaube oben meiner Bewunderung für die 
hellenische Philosophie der grossen Epoche warmen Ausdruck ver- 
liehen zu haben, namentlich insofern sie als eine der Dichtkunst 
stammverwandte, schöpferische Bethäiigung des Menschengeistes auf- 
trat — in welchem Bezug Plato's Ideenlehre und Demokrit's ato- 
mistische Hypothese alles überstrahlt, wahrend Aristoteles mir als 
Analytiker und Methodiker unvergleichlich gross, als Philosopli aber, 
im angegebenen Sinne, der eigentliche Urheber der dkadmct des 
hellenischen Geistes erscheint. liier wie anderwärts muss man sich 
jedoch vor zu weit gebender Vereinfachung hüten; man darf nicht 
einem einzigen Manne zuschreiben, was seinem Volke eigentümlich 
war und in ihm nur den bestimmtesten Ausdruck fand. In Wahr- 
heit steckt in der griechischen Philosophie von allem Anfang an der 
Keim zu ihrer späteren verhängnisvollen Entwicklung; die Erbschaft, 
die noch immer schwer auf uns lastet, reicht fast bis auf die Zeit 
Homer's zurück. Denn die alten Hylozoistcn zeigen sich, wohl 
überlegt, den Neoplaionikcrn stammverwandt: wer mit Thaies die 
Welt so ohne Weiteres als aus dem Wasser entstanden >erklärt«, 
der wird später auch Gott zu >crklärcnt wissen; sein nächster Nach- 
folger, Anaximander, scelh als Prinzip i das Unendliche« (das Apeiron], 
das »in allen Veränderungen Unveränderliche« auf: da stecken wir 
eigentlich schon im unverfälschten Scholasticismus mitten drin imd 
können gelassen warten, bis das Rad der Zeit Ramon Lull und 
Thomas von Ätjuin auf der Erdoberfläche abgesetzt bat. Dass diese 
ähesteu unter den bekannten griechischen Denkern an die Gegenwart 
itahlloser DÄmonen glaubten, dabei aber von Anfang an^) über die 



') Bustdl: Tht Sehool of Kalo. 1&96, S. )4J, schreibt vcn diein philo- 
aaphüchcn Pcilodct «Die Dämoacti nionopolbicrcn eine Andaclit, Jic einer blossen 
Idee aiehl gewidmet werden kiuin, und die PhiluKupliie Iiau^lit ihre Seele au5 an den. 
Stufen Tauchender Opferaltiic und unter den RcschwäruBgafonncln und Wjtiingcl>Üddrv 
der Wahrsagung und der Zauberei.! 

■) Verttürgt wenigstem von \cuopliincs imd Henklil an. 



Hellenische Kunst und Philosophie. 



107 



jöttcr der Volksreligion und über 4ie Dichter herzogen — den 
Homer bitte HeraUit gern »mit Ruten gepeitscht«») — , dient nur, 
das Bild zu vervoUständigcD. Noch eins muss aber gesagt werdet) : 
ein ManD wie Anaximander, so untergeordnet als De&ker, war ein 

Uturforscher und Theoretiker aUererscen Ranges, ein Begründer der 
irissenschaftlichen Geographie, ein Forderer der Astronomie; uns 
-werden alte diese Leute als Philosoplten vorgeführt, in Wahrheit war 
aber das Philosophieren für sie eine Nebensache; man würde wohl 
doch nicht den Agnostlcismus des Charles Darwin oder das Glaubens- 
bekenntnis des Claude Bcmard zu den philosophischen Lebtungen 
unseres Jahiliundcris rechnen ? Das ist so eine von den vielen 
raditioncllcn, geheiligten Konfusionen ; den Namen eines (^ankara, 
(vielleicht der grösstc Mctaphysikcr, der je gelebt) finden wir in keiner 
Geschichte der Philosophie, dagegen rauss der brave Olivenbauer 
Thaies als icrstcr Philosoph« unausgesetzt herhalten. Und genau 
besehen, bdinden sich alle, oder fast alle sogenannte Pliitosophen der 
hellenischen Blütczrit in dner ähnlichen Lage : Pythagoras gründet, 
— so weil man aus widersprechenden Nachrichten scliliessen kann — 
ncht eine philosophische Schule, sondern einen politischen, sozialen, 
liitetischen und religiösen Bund; Plato selber, der Meiaphysiker, ist 

laatsmann, Moralist, praktischer Reformator; Aristoteles ist Metho- 
dolog und Encyklopädist, und die Einheit seiner Weltanschauung 
liegt viel mehr in seinem Charakter, als in seiner forcierten, halb- 
äbcrkommcnen , widerspruchsvollen Metaphysik begründet. Ohne 
also die Grosstbatcn der griechischen Denker irgendwie zu verkennen, 
werden wir wohl doch, um der Konfusion ein Ende zu machen, 
behaupten dürfen : diese Männer haben unserer Wissenschaft (ein- 
schUesshch der Logik und der Ethik] vorgearbeitet, sie haben unserer 
Tlicologie vorgearbeitet, ihr poetisch-schöpferisches Genie hat Ströme 
von Licht über die Wege ausgegossen, die spätere Spekulation und 
Geistesforschung wandeln sollte, als Metaphpikcr im eigentlichen 
engeren Sinne des Woncs waren sie von verhältnismässig weit ge- 
ringerer Bedeutung. 

Damit bei einer so wichtigen, in die Tiefen unseres heutigen 
Lebens eingreifenden Erkenntnis nichts unklar bleibe, möchte ich 



■) Id) dticrc tuch Conipcra: Griteinseht Dtnlctt \, JO: raäk ZcUef's Duv 
Hung schiene eine 10 heftige Äusserung unw»ht.iclidn!ich. Wenn ich nüch recht 
c, ist CS >keaophaQes, liei äittt Worte deta Hcrjldit ia dcD Mund legt. 




Das Erbe der alten Welt. 



kurz darauf hindeuten, dass wir in der Person des grossea Leonardo 
da Vinci ein unserem heutigen Denken und Fühlen nahe verwandtes 
Beispiel der titfen Kluft besitzen, welche poetische Erkenntnis von 
abstrakter Erkenntnis trennt, Religion von theologisierender Philo- 
sophie. Leonardo brandmarkt die Geisteswissenschaften als 'lüg- 
nerische* (/( bugiardt scitnHe mmtalt); »alles Wissen«, sagt er, >ist 
eitel und voller Irnümer, das nicht von der Sinnescrfahrung, der 
Mutter aller Gewissheit, zur Welt gebracht wird<; besonders zuwider 
sind ihm die Dispute und Nachwnse über die Wesenheit Gottes und 
der Seele; er meint, gegen diese Vorstellungen »lehnen sich unsere 
Sinne auf«, deswegen sollen wir uns nicht bethören lassen: iwo 
Vcmunftsgründc und klares Recht fehlen , vertritt Geschrei deren 
Stelle; bei sicheren Dingen kommt dies dagegen nicht vor<; und 
somit gelangt er zum Schluss: *dove si griäa non i vera scutüia*, wo 
man Geschrei macht, da ist kein wahrhaftiges Wissen [Librv di 
pitlura, I. Teil, Abschnitt 33, Ausgabe von Heinrich Ludwig). Das 
ist Lconardo's Theologie! Dieser selbe Mann ist es jedoch, der — 
wohl einzig unter allen, die grössten nicht ausgenommen — einen 
Christus malt, der einer Offenbarung gleichkommt, >g3nz Gott und 
zugleich ganz Menscht (wie es im Athanasischen Glaubensbekenntnis 
hcisst). Hier liegt tiefe Wesensverwandtschaft mit Homer vor: alles 
Wissen aus Sinneserfahrung geschöpft, und hieraus dann das Gdttlicbe 
nicht durch Vernunftserwägungen nachgewiesen, sondern imter Zu- 
grundelegung des Volksglaubens freischöpferisch gestaltet: ein ewig 
Wahres. Gerade diese Anlage war nun in Griechenland, dank be- 
sonderen Umst.^nden und besonderen Begabungen, dank vor allem dem 
Auftreten der einzig Leben spendenden grossen Genies zu einer so 
intensiven Ausbildung gelangt, dass die Erfahnmgswissen Schäften (wie 
später bei uns durch Leonardo) eine früher noch nicht dagewesene 
Anregung erhielten, wogegen die Reaktion der philosophierenden 
Abstraktion sich niemals frei und natürlich zu enn\'ickeln vermochte, 
sondern entweder in Scholasticismus oder in Phantasterei verfiel. 
Der hellenische Künstler erwachte zum Leben in einem Element, 
welches ihm zugleich persönliche Freiheit und das erhebende Be- 
wusstscin, von Allen verstanden zu werden, schenkte; der hellenische 
Philosoph (sobald er den Weg der logischen Abstraktion wandelte) 
nicht; dieser war im Gegenteil von allen Seiten gehemmt, äusscrlich 
durch Sitte, Glauben und Staatscinrichtungen, innerlich durch seine 
ganze eigene, vor^-icgend küDStlcrischc Bildung, durch alles was ihn 



4 

4 



sein L-cbcn lang umgab, durch alle Eindrücke, die Auge und Ohr 
ihm übcrmirtcIreD; er war nicht frei; in Folge seiner grossen Be- 
gabung leistete er gewiss Grosses, nichts aber, was — wie seine 
Kunst — höchsten Anforderungen der Harmonie, der Wahrheit, der 
Allgemeingültigkeic enispräche. Bei der griechischen Kunst wirkt das 
Nationale wie Schwingen, welche den Geist zu Höhen emportragen, 
wo »alle Menschen Brüder werdent, wo das Trennende der Zeiten 
und Volker den Reiz eher erhöht als abstumpft ; hellenische Philo- 
sophie ist im Gegenteil im beengenden Sinne des WoRes an ein 
bestimmtes naiionaics Leben gekettet und durch dasselbe allseitig 
beschränkt. ') 

Ungemein schwer ist es, mit einer solchen Eindchi gegen das 
Vorurteil von Jahrhunderten aufzukommen. Selbst ein solcher Mann 
wie Rohde nennt die Griechen »das gedankenreichste der Völker« 
und behauptet, ihre Philosophen liSncn ider ganrcn Menschheit vor- 
gedacht« (Psyche, S. 104); Leopold von Ranke, der für die homerische 
Religion kein anderes Epitheton kennt als »Götzendienste (I), .schreibt: 
»Was Aristoteles über den Unterschied der thätigcn und leidenden Ver- 
nunft ausspricht, von denen jedoch nur die erste die wahre ist, autonom 
und gottverwandt, also auch unsterblich, möchte ich für das Beste 
erklären, was über den menschlichen Geist gesagt werden konnte, 
vorbehaken die Offenbarung. Dasselbe darf man, wenn ich nicht 
irre, von der Seelenlehre Plato's sagen.«») Ranke belehrt uns weiter, 
die Aufgabe der griechischen Philosophie sei es gewesen: >deii alten 
Glauben von dem götzendienerischen Element zu reinigen, rationelle 
und religiöse Wahrheit zu vereinbaren«; die Demokratie aber habe 
dieses edle Bestreben vereitelt, denn sie »lüeli an dem Götzendienste 
feste (I, 230)3). Diese Beispiele mögen genügen : man könnte zahl- 
reiche anführen. Nach meiner Überzeugung ist das Alles Illusion, 



•) VcrgL weil« unicn, aamc&dich S. 760 und 596. 

•) H^tllgeichichtt (Text-.'\tußabe) 1, 2jo. Dieser Wciiliciisspruch erionert be- 
denklich an die bcluanK: Anekdote aus der Kindccsiubi.'; >Wcn liebst du lun mcisicn, 
Papa oder Matiu: BctdeU — denn wenn aucli Aristutele« von Pbto auxgegani^cu 
ist, etwas von Grund aiu Vcrsdiiedtncrci als ilire Seelen lehren (sowie iliie gaste Meta- 
physik] lässt s^ich kaum denken. Wie kannim denn beide zuglctdi »das Beste« gesagt 
haben; Schopenhauer hat richtig und bündig gcunclll: *dcr radikale Gcgcnsaix 
des Aristoteles ist Plaio«. 

3) O vierundzwaiiiigstcs Jahrhunden! was sag« du dmu? Ich für mein 
Teil schwelge — wenigstcoi über Persönlichkeiten — und folge dem Beispiele 
des weisen Sokratcs. indem ich den Güucn meino Jahrhunderts einen Hahn opfen:! 



Y 



no 



Das Erbe der alten Wdt. 



und zwar verderbliche Dlusion, und in wesentlichea lUuptstücken das 
genaue Gegenteil von der WahrheiL Es ist nicht wahr, dass die 
Griechen der pinzen Welt vorgedacht haben : vor ihnen, neben 
ihnen, nach ihnen hat man dcfer, schärfer, richtiger gedacht. Es bt 
nicht wahr, dass die gehetmriitliche Theologie des Aristoteles n^ Hjnm 
der Stützen der Gesellschaft das Beste ist, was gesagt werden konnte: 
diese jesuitische, scholastische Sophisterei ist die schwarze Pest der 
Philosophie geworden. Es ist nicht wahr, dass die griechischen Denker 
die alte KeUgion gereinigt haben ; vielmehr haben sie gerade dasjenige 
an ihr angegriffen, was ewige Bewunderung verdiente, nämlich ihre 
freie, rein künstlerische Schönheit; und indem sie vorgaben, raüonelle 
Wahrheil an die Stelle der symbolischen zu sctien, griffen sie in 
Wirklichkeit nur zum Volksaberglauben und setzten diesen, in logische 
Lumpen gehüllt, auf den Thron, von dem sie — im Verein mit 
dem Pöbel — die (ein ewig Wahres verkündende) Poesie herab- 
gestürzt hatten. 

Was das angebliche »Vordenken« anbelangt, so gentigt es, auf 
zwei Umstände aufmerksam zu machen, um die Irrtümlichkeit dieser 
Behauptung darzuthun: erstens haben die Inder früher als die Griechen 
zu denken begonnen, sie haben tiefer und konsequenter gedacht, und 
sie haben in ihren verschiedenen Systemen mehr Möglichkeiten er- 
schöpft als die Griechen, zweitens hat unser eigenes westeuropäisches 
Denken erst an dem Tage begonnen, als ein grosser Mann gesagt 
hatte: iman muss zugeben, die Philosophie, die wir von den Griechen 
überkommen haben, ist kindisch, oder mindestens eher eine Beförderia 
des Schwatzcns als schöpferisch anregend.*') Behaupten zu wollen, 
dass Locke, Gassendi, Hume, Descartes, Kant u. s. w. Wiederkäuer 
griechischer Philosophie seien, ist eine arge Versündigung hellenistischen 
Grösse nvrahnsinns gegen unsere neue Kultur. Ein schlagendes Beispiel 
in Bezug auf das hellenische Denken bietet uns gleich Pythagoras, 
ihr erster grosser Weiser. Von seinen Orientreisen brachte er aller- 
hand zurück, grosses und kleines, von dem Begriffe der Erlösung 
an bis zu der Vorstellung des Äthers und bis zu dem Verbot des 
Bohnen essens : es war alles indisches Erbgut. Eine Lelire insbesondere 



>) Bacon von Vcrulnm: Instauntio Maf^ni, ^'ore-ort. *Et it vlttHtatt aptrte 
Jictndum fit: sapicnliatn iilam, quam a Graeci) polisümw» liatmiaiit, fitteritiatn quanda.iti 
•Lintia* viiUri, atfiu habtrt ijiuxt fropriwn ttt pturorum : ul ad garrttnitim prompia, 
ad gentrandum invaliia tt immatara ät. Omtroirrjiarvm mim ftrare. i^ferum 
egeeU ttl.t 



Hcllcmscbe Kunst und Philosophie. 



III 



wurde nun der Mittelpunkt des Pythagoreismus, seio religiöser Hebel, 
■wenn ich so sagen darf: es war dies die geheim gehaltene Lehre von 
der Seelen Wanderung. Durch Plato wurde sie dann spiter des 
geheimnisvollen Nimbus entkleidet und in die öffentliche Philosophie 
hineingetragen. Nun bildete bei den Indern (schon lange vor 
Pythagoras) der Glaube an die Seelen Wanderung die Grundlage der 
ganzen Ethik; policisch. reUgiös, philosophisch vielfach geteilt und in 
offener Gegnerschaft lebend, glaubte dort das ganze Volk an die end- 
lose Reihe der Wiedergeburten. lOb eine Wanderung der Seele 
sutcfindct, wird [in Indien) nirgends gefragt; sie wird allgemein und 
unnmstösslich geglaubt.*') Aber es gab dort doch eine Klasse, eine 
Ideinc, welche an die Seclcnwandcrung insofern nicht glaubte, als sie 
diese Vorstellung fQr eine symbolische hicld für eine Vorstellung, 
■welche den im Weltenwahn Befangenen eine höhere, nur durch tiefes 
metaphysisches Denken richtiger zu erfassende Wahrheit allegorisch 
vermittelt: diese kleine Klasse war (und ist noch heute) die der Philo- 
sophen. »Das Wandrersein der Seele beruht auf dem Nichtwissen, 
während die Seele im Sinne der höchsten Reaütäi keine wandernde 
istt, lehrt der indische Denker.*) Eine eigentliche >Gehcimlchre«, 
■wie sie die Griechen nach ägyptischem Mcster so liebienj haben die 
Inder nie gekannt, Manner aus allen Kasten, auch Weiber konnten 
zur höchsten Erkenntnis vordringen ; nur wussten diese tiefsinnigen 
Weisen sehr gut, dass metaphysisches Denken besondere Anlagen 
und besondere Ausbildung dieser Anlagen erfordert; daher Uessen 
sie das Bildliche bestehen. Und dieses Bildliche, diese grossanige, 
für die Moral Welleicht unersetzliche, im Grunde genommen aber 
doch nur voiksmlssige Vorstellung der Seelen Wanderung, welche in 
Indien für das gesamte Volk, von oben bis unten, mit einziger 



') SchrAder: [»Jitm UUeratur und Kultur, S. i;2. 

^ Canl""«: Sdlra's dts Vtddnia !, 2, ii. Zwar tut Cankara selber viel splKr 
lls Pyihagorat gelebt (etwa im *. Jahriiundcn unser« Zeitrechnung) , »eill*^ Lehre 
i« aber ureng orthoijoi, er wagt keine Behauptung, clit sich nichi auf alte, kanonische 
Upantfhadvn flüui- Dass eine tliatsidiliche »Wanderung' schon nach den ältesten 
UpanUhaden fttr den ■wahrhaft Frkennenden «rine nur fioptilireii Zwecken illcncndc 
VoratcUuug war, Ut offenbar. Weitere liieniuf bciüglichc Naciiweise findet raaa bei 
l^nkara in der Bnleilung lu den Sülra'ü und in I, i, 4, vor allem aber in der 
hcrrlidicn SicUc II, i, 33, wo der Sanuira. miuamt der ^aiuca Schöpfung, al* 
eine Tauichung beieichoei wird, «welche ebenso wie der Wahn der Spaltungen 
und Trennungen durch Gcbuit uDd Tod im Sinne der höchsten Realität nJchl 
esistieiK. 




Ausnahme der Denker galt, das wurde in Griechenland die 
erhabenste > Geheim lehre« ihres ersten grossen Philosophen, ver- 
schwand auch niemals wieder ganz aus den höchsten Regionen ihrer 
philosophischen Anschauungen, und gewann durch Plato den be- 
stricltenden Heiz poetischer Gestaltung! Das sind die Leute, die uns 
Allen angeblich vorgedacht haben sollen, jdas gedankenreichste der 
Völker«! Nein, die Griechen waren keine grossen Metaphysikcr. 
HitaJesi*. Sie waren aber ebensowenig grosse Moralisten und Theologen. 

Auch hier nur ein Beispiel statt vieler. Der Dämonengbube findet 
sich alEerorten ; die Vorsicllung eines besonderen Zwischen reiches der 
Dämonen (zwischen den Göttern im Himmel und den Menschen auf 
Erden) haben die Griechen höchst wahrscheinlich ebenfalls aus Indien 
(über Persien) enmomraen,») das bleibt sich jedoch gleich; in der 
Pliilosophie, oder wenn man will, in der >rarioneIlen Religion», fanden 
diese Gebilde des Aberglaubens erst durch Plato Aufnahme. Rohde 
schreibt:*) iPlaio zuerst, als Vorgänger vieler Anderen, redet von 
einem ganzen Zwiscbenreich von Dämonen, denen alles zugetraut wird, 
was an Wirkungen unsichtbarer Mächte der hohen Götter unwürdig 
erscheint. So wird die Gottheit selbst alles Bösen und Niederziehenden 
entlastet.« Abo mit vollem Bc^nisstscin und aus dem >rationellen«, 
flagrant anthropomorphischeo Grunde, Gott dessen, was uns Menschen 
böse dünkt, zu >cntlasten«, wird derjenige Aberglaube, der den Hellenen 
mit Buschmännern und Austraincgern gemeinsam war, mit einer 
pliüosophischen und iheologisclicn Aureole geschmückt, den edelsten 
Geistern von einem edelsten Geist empfohlen, und allen künftigen 
Jahrhunderten als Erbschaft vermacht. Die glücklichen Inder hatten 
ihren Dämonenglaubcn schon längst abgcschüttclit er galt nur für 
das gänzlich unkultivierte Volk; der Philosoph war bei ihnen sogar 
zu keinerlei religiöser Handlung mehr verpflichtet, denn ohne sie zu 
leugnen, wie der flache Xenophanes, hatte er die Götter als Symbole 
einer höheren, von den Sinnen nicht zu fassenden Wahrheit erkennen 
gelernt, — was sollten Dämonen noch solchen Leuten? Homer war 
aber auf demselben Wege gewesen, das merke man wohl) Freilich 
hemmt die Hand der Athene den voreilig erhobenen Arm des Achilleus, 
und flösst Here dem schwankenden Diomcdes Mut ein : so göttlich 
frei deutet der Dichter, alle Zeiten zu poetischen Gedanken anregend; 

'} Col^brookc; Miieellantoui Eiiayt, p. 441. 

•) In einer kleinen lusanimenfass enden Schrift Di'f Rrliition äfr Griechen, er- 
schienet) 1S9J in den Bayicuthcr Blättern (1902 amüi cinxclii vcrodcnilicht). 



der wahre Aberglaube spielt jedoch bei ihm eine sehr unter- 
geordnete Rolle und wird durch »göttliche« Deutung dem Bereiche 
des eigcDilichcn Dämonen tum s enthoben; sein Weg war sonniger, 
schöner als der des Indosriers; anstatt wie dieser in grübelnder Meta- 
physik sich zu ergehen, heiligte er die empirische Welt und führte 
dadurch den Menschen einer herrlichen Bestimmung entgegen. >) Da 
kam der alte ibergUtublsche, von pythischen Orakeln beratene, von 
Priesterinnen belehne, von Danionen besessene Sokraies, und nach ihm 
Plaio und die anderen. O Hellenen 1 wäret ihr doch der Religion des 
Homer und der durch sie begründeten künstlerischen Kultur treu ge- 
blieben! Hättet ihr auf eure Hcraküt und Xenophanes und Soltrates 
und Plato, und wie sie alle noch heissen, nicht gehört, sondern euren 
göttlichen Dichtern vertrauti Wehe uns, die wir durch diesen zur 
geheiligten Orthodoxie erhobenen Dämonenglaubcn Jahrhunderte hin- 
durch unsäglichen Jammer gelitten haben, die wir durch ihn in unserer 
gesamten geistigen Entwickelung gehinden wurden, und die wir noch 
heute wähnen müssen, von th^aki^chen Bauern umringt m tebenl') 
Nicht eine Spur besser steht es um jenes hellenische Denken, 
welches nicht mystische Wege wandelt, noch poetischen Eingebungen 
folgt, sondern eingestände nerraassen an Naturwissenschaft anknöpft 
und es mit Hilfe der Philosophie und der rationellen Psychologie 
unternimmt, den grossen Problemen des Daseins beizukommen. Da 
schllgt der griechische Geist sofon in Scholasticismus um, wie schon 
oben angedeutet. > Worte, Worte, nichts als Worte lc Hier worden 
nihcre Auseinandersetzungen leider über den Rahmen dieses Buches 
hinausführen. Wer aber vor höherer Philosophie sich scheut, der 



Siehe I. B. im XXIV. Gesang der Iliaa (Vers loo fg.) die Erscheinung 
dd Guics vot bedeutenden Adler* »rechts «iohcr«. Ausscnt bcicichncnd sind im 
sdbcn Gelang die Worte dtJ Priamoj über ein ihm xu Teil gcwotdena Gcslchi 
(Vers 330 fi;.): 

»Hän' es ein Anderer mir der Erdenbewolmer gelioien, 
£iwa cia Zcii^hcndcuicr, cia Üpfcrprophci und ein Pricjter. 
Lug wohl nennten wir solidi», und wendeten uns mit VerachlUTig.« 
Prichtif; iit ebenfalls bei [Icsiod, wiewohl er dem VolksabcrgUuben \-iel nAher steht 
als Homer, die AufTissung der iCdsten; (tVerkt unf Tap/, 134 fj;^ 

*Und sie wahren das Rcclii und wehren ftcvdnJai Werken: 
Überall über die Erde hinw.-indclnd, in Nebel geliüllei. 
Spenden jic Segen; diei ist diis K6nif;33rtit, du sie erhielten. i 
*) DdUinger nennt den »systematischen Dimorcnglauben« «in« der »Danaer- 
Geschcnke gricdiisdien Wahnes« (Jtad. Vorlrägt. 1, 182^. 



114 



Das Erbe der zlicn Welt. 



nehme einen Katechismus zur Hand, es steckt viel Aristoteles darin. 
Wenn man mit einem solchen unphilosophischen Manne von der 
Gonheit spricht und ihm sagt, sie sei: »ungeworden, uncrschaffen, 
von je bescehend, unvergänglicht, so wird er glauben, man reciäere 
ein ökumenisches Glaubensbekenntnis, es ist aber ein Gtat aus Aristo- 
teles ! Und wenn man ihm femer sagt, Gott sei: »eine ewige, voll- 
kommene, unbedingte Wesenheit, mit Dasein begabt, jedoch ohne 
Grösse, die in ewiger Aktualitiit sich selbst denkt, denn (dies dient xur 
Erklärung) das Denken wird üch gegensUndÜch durch Denken des 

Gedichten, so dass Denken und Gedachtes identisch werden 1, 

so wird der arme Mann glauben, man lese ihm aus l'liomas von 
Aquia oder allenfalls aus Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor, wicdemm 
ist es aber ein Ciut aus Aristoteles.') Die verounftgem^sse Lehre 
von Gott, die vcrnunftgcmässe Lehre von der Seele, vor allem dann 
noch die Lehre von einer der menschlichen Vernunft geraässen Zweck- 
Ordnung der Welt, oder Tcleologic (durch welche Aristoteles, nebea- 
bei gesagt, so groteske Irrtümer in seine Naturwissenschaft einführte): 
das war auf diesem Gebiete die Erbschaft I Wie viele Jahrhundertc 
hat es gedauen, bis ein mutiger Mann kam, der diesen Ballast 
aber Bord warf und darthat, man könne das Dasein Gones nicht be- 
weisen, wie Aristoteles es zwei Jahnausenden vorgegaukelt hatte? 
Bis ein Mann kam, der es wagte, die Worte zu schreiben: »Wir sind 
weder durch Erfahrung, noch durch Schlösse der Vernuntt hinreichend 
darüber belehrt, ob der Mensch eine Seele (als in ihm wohnende, 
vom K&rper unterschiedene und von diesem unabhängig zu denken 
vermögende d. i. geistige Substanz) enthalte, oder ob nicht vielmehr 
das Leben eine Eigenschaft der Materie sein mögeN^) Und wie tief 
steckte dieser grosse Mann selber noch in dem scholastischen, forma- 
listischen Sumpf I 

Doch genug. Ich glaube mit ausreichender Deutlichkeit dar- 
gechan zu haben, dass hellenische Philosophie niu- dann wahrhaft gross 
ist, wenn man das Wort im weitesten Sinne nimmt, etwa dem eng- 
lischen Sprachgebrauch gemäss, nach welchem ein Newton und ein 
Cuvicr, oder wieder ein Jean Jacques Rousseau und ein Goethe »Philo- 
sophen« hcissen. Sobald der Grieche das Gebiet der Anschaulichkeit 
verUcss — und zwar gleich von Thaies an — wurde er Verhängnis- 



») Mttapkyak, Buch Xu. Kap. 7. 

■J Kam: ElMschi HemmiaTlekrt. g 4. 



Hellenische Kunst und Philosophie. 



III 



voll; er wurde utn so verhängnisvoller, als er dann seine unvergleich- 
liche Gestaltungskraft (welche dem metaphysischen Inder so auffallend 
fehlt) zur verführerisch klaren Gestaltung schattenhafter Trugbilder und 
rur V'er6achung und Verballhornung tiefer Einsichten und Ahnungen, 
welche jeder Analyse unzugSnglich sind, benutzte. Nicht das$ er 
mystische Anlagen und ein ausgesprochenes metaphysisches Bedörfnis 
besass, mache ich ihm zum Vorwurf, wohl aber, dass er Mystik anders 
als künstlerisch-mythisch zu gestalten suchte, und dass er an dem 
Kernpunkt aller Metaphysik stets blind vorbeiging und die Lösung 
transscendenier Fragen auf platt- empirischem Wege versuchte. Hitte 
der Grieche auf der einen Seite reiu poetisch, auf der anderen rein 
empirisch seine Anlagen weiter entwickelt, dann wäre er für die 
Menschheit ein ungeteilter, unsagbarer Segen geworden; so aber 
wurde jener selbe Grieche, der in Poesie und Wissenschaft das Beispiel 
der frei-schöpferischen Gestaltung und somit des eigentlichen Mensch- 
werdens gegeben hatte, später vielfach ein «surrendes, hemmendes 
Element in der EntwickeSung des Mcnschcngcistcs. 

In welchem bedingten Sinne dies verstanden werden muss, T«iMio(H. 
leuchtet nach allem Gesagten von selbst ein; gerade heUcnischcs 
Denken (Plato) hat seit etwa einem Jahrhundert in mancher Beziehung 
unserer Philosophie Anregung gewährt, und umgekehrt kann nicht 
geleugnet werden, dass griechische Kunst nicht allein fördernd, sondern 
zugleich hemmend auf uns gewirkt hat, so dass höchste schöpferische 
Gestaltung fast nur dort stattfand (Malerei, Musik), wo kein helle- 
nisches Ideal unseren Künstlern hindernd im Wege stand. Nichts auf 
der Welt Lst einfach, alles ist unendlich bedingt; dem Schriftsteller 
muss es genügen, wenn er anregt; vor Kühnheit darf er daher nicht 
zurückschrecken. Wer Widersprüche in meiner Darstellung wittert, 
der merke gütigst noch Folgendes: gerade unser falsches Verhältnis zum 
hellenischen Denken, unsere Knechtschaft ihm gegenüber, hat uns, bei 
aller lauten Bewunderung für griechische Kunst, doch in ein durchaus 
schiefes Verhältnis zu ihr gebracht. Wir haben kein rechtes Gefühl 
für ihre Schönheit; wir kleben an der Oberfläche, wir schwatzen von 
»klassischem Ideal« und zugleich von »Götzendienst*, wo es manch- 
mal viel richtiger wäre, von klassischem Frohndienst und zü Götzen 
erhobenen Idealen zu reden; die Narrenkappe des EnU-ickelungs- 
dogmas sitzt uns so fest auf dem Kopfe, dass wir ohne Weiteres 
voraussetzen, was die alten Philosophen lehnen, müsse notwendiger- 
weise viel richtiger und schöner sein, als was die noch älteren un- 

8* 



ii6 



Das Erbe der alicn Welt. 



gelebncn Poeten gesungen hatten; das isi alles Mummeret — auch 
eine »Erbschait«, aber eine traurige. In Wahrheit dachten, ich kann 
es nicht oft genug wiederholen, die Poeten der Hellenen bedeutend 
tiefer als ihre Denker.') Noch ein letztes Beispiel. Wir pflegen nach 
altem Herkommen Aristoteles für nichts wänner zu beloben als für 
seine teleologische Begründung des Weltalls, wogegen wir Homer 
seinen Anthtopomorphismtis vor^'erfcn. Litten wir nicht an künstlich 
anerzogener Gehirnsiarrc, .so müssten wir die Absurdität solcher Urteile 
einsehen. Die Tclcologic. d. 1. die Zweckmässigkcitslchre nach Mass- 
gabe der menschlichen Vernunft, ist Anthropomorphismus in seiner 
gesteigertsten Potenz. Wenn der Mensch den Plan des Kosmos fassen. 
wenn er sagen kann, woher die Welt kommt, wohin sie geht und 
die Zweck missigkeit eines jeden Dinges ist ihm offenbar, so ist er 
eigentlich selber Gott und die gesamte Welt ist »menschlich«; das 
sagen auch ausdrücklich die Orphikcr und — Aristoteles. Gan2 anders 
der Poet. Man einen überall, schon zu den Zeiten Heraklit's, und von 
da an bis auf Ranke, den Vorwurf des Xenophanes gegen Homer: er 
bilde die Götter wie Hellenen, die Neger würden aber einen schwarzen 
Zeus sich erdichten und die Pferde die Götter sich als Pferde denken. 
Verständnisloser und oberflächlicher kann man gar nicht sein. Der 
Vorwurf ist nicht einmal faktisch richtig, da die Götter bei Homer 
in allen möglichen Gestalten vorkommen. Wie K. Lehrs in seinem 
schönen, leider fast vergessenen Buche Ethik und Religion der Griechen 
(S. 136/7) sagt: »Die griechischen Götter sind gar nicht Nachbilder 
der Menschen, sondern Gegenbilder. Sie sind keine kosmischen 
Potenzen (was sie erst für die Philosophen wurden), ebensowenig 
erhöhte Menschen I Häufig kommen sie in Tiergestalt vor, und tragen 
nur die menschUche fiir gewöhnlich als die schönste und edelste und 
geeignetste, aber an und für sich ist ihnen jede andere Gestalt 
eben so natürlich.« Unvergleichlich wichtiger ist jedoch die That- 
sache, dass bei Homer und den anderen grossen Poeten jegliche 
Teleologic fehlt; denn erst mit diesem Begriff tritt unleugbarer Anthro- 
pomorphismus auf. Wanun soll ich die Göitcr nicht in Menschen- 
gestalt darstellen? Soll ich sie etwa als Schafe oder Mistkäfer in 
mein Gedicht einführen? Haben Raffael und Michelangelo es nicht 
genau so gehalten wie Homer? Hat die christUchc Religion nicht 



■) Uad tu dcQ PocUR hüben wir. wie man vfc'm, salihe Minner wie Pluto 
Lind Demoluii im benen Teil ihres Lebenswerkes lU Tcchncnt 



• 



angenommen, Gott sei in Menschengestalt erschienen? Isi der Jahve 
der Israeliten nicht ein Prototyp des edlen und dabei doch zank- und 
rachsüchtigen Juden? Es wäre wohl doch nicht ratsani, die aristote- 
lische »Wesenheit ohne Grösse, die das Gedachte denkii der künst- 
lerischen Anschauung zu empfehlen. Dagegen erkühnt sich die 
poetische Religion der Griechen nicht über »Uncrschaffenes« Auskunft 
zu geben und Zukünftiges »veniunftgemäss zu erklaren«. Sie giebt 
ein Bild der Welt wie in einem Hohlspiegel und glaubt dadurch den 
Menschengeist zu erquicken und zu läutern; weiter nichts. Lehrs 
fühn in dem genannten Buche aus, wie der Begriff der Teleologie 
durch die Philosophen, von Sokrates bis Cicero, eingeführt wurde, 
dagegen in hellenischer Poesie keinen Eingang gefunden habe. >Der 
Begriff der schönen Ordnung«, sagt er (S. 117), »der Harmonie, des 
Kosmos, der tief die griechische Religion durchzieht, ist ein viel 
höherer als jener der Teleologie, der in jeder Beziehung etwas Kümmer- 
liches hat.« ~ Um die Sache uns recht nahe zu bringen, frage ich: 
wer ist der Anthropomorphist, Homer oder Byron? Homer, an dessen 
persönlichem Dasein man hat zweifeln können, oder Byron, der so 
mächtig in die Saiten griff und die Poesie unseres Jahrhundcns auf 
die Tonart stimmte, in welcher Alpen und Occan, Vergangenheit 
und Gegenwart des Menschengeschlechtes nur dienen, das eigene Ich 
wiederzuspiegeln und einzurahmen } Es dürfte vielleicht für jeden 
modernen Menschen unmöglich sein, sich menschlichen Handlungen 
gegenüber, und von der Ahnung einer Wcltordnung durchdrungen, 
so wenig anthropomorph istisch, so sehr »objektiv« zu verhalten wie 
Homer. 

In ähnlicher Weise hätte eine Anzahl unserer Urteile eine gründ- 
liche Revision zu erfahren, soll endlich Licht in die grosse Masse des 
reichen, übeircichen, durcheinander gewürfelten hellenischen Erbteils 
eindringen und uns eine bewusste Aneignung und ein ebenso bewussies 
Verwerfen und gründliches Abschütteln ermöglichen. 



Vielleicht habe ich mit diesen letzten Ausführungen ein wenig ScUau««M. 
in das Bereich eines späteren Teiles dieses Buches eingegriffen- Ich 
wusste mir nicht anders zu helfen ; denn, spielte die hellenische Erb- 
schaft eine grosse Rolle in unserem Jahrhundert, wie in allen voran- 
gegangenen, so herrschte doch in Bezug auf sie eine heillose Kon- 
fiision und ein hochgradiges »Unbewusstseint, und diese Geistes* 
Verfassung der Erben musste im Interesse alles Folgenden ebenso klar 



tl8 



Das Erbe der alten Welt. 



hen-orgehoben werden, wie die vielseiüge, verwickelte Eigenart der 
Erbschaft selber. 

Vor einer Zusammenfassung scheue kh zurück. Was ich über 
unsere reiche, in unser geistiges Leben so tief eingreifende hellenische 
Erbschaft vorgebracht habe, ist ja schon an und für sich ein blosser 
Auszug, eine blosse Andeutung; wird ein derartiges Verfahren noch 
weiter getrieben, so wird zuletzt jeder konkrete Inhalt sublimiert, die 
geschwungenen Linien des Lebens schrumpfen xu Graden zusammen, 
es bleibt eine geometrische Figur zurück, eine Konstmktion des Geistes, 
nicht ein Abbild der mannigfaltigen, alle Widersprüche in sich ver- 
einigenden Wahrheit. Die Geschieh tsphilosophic selbst der be- 
deutendsten Männer — ■ als Beispiel will ich einzig Herder nennen — 
regt immer eher zu Widerspruch als zu richtigen Erkenntnissen an. 
Ausserdem ist diesem Werke ein näheres Ziel gesteckt: nicht das 
Hellenconim hatte hier beurteilt oder geschichtlich erklärt zu werden, 
sondern es genügte, unserem Bcwusstsein nahezubringen, wie un- 
endlich viel von ihm auf uns übergegangen ist und noch heute ge- 
staltend auf unser Dichten, Denken, Glauben, Forschen wirkt. In Er- 
mangelung von Vollständigkeit suchte ich Lebendigkeit und Wahr- 
heit. Ich kann dem Leser jedoch nicht die Mühe ersparen, meine 
Ausfühningen von Anfang bis Ende durchzulesen. 



ZWEITES KAPITEL 



RÖMISCHES RECHT 



Von Jugend auf ist mir Anarchie vei> 
driesslicber gewesen als der Tod. 

COITIE. 




Gewiss ist es unmöglich, begrifflich klar zu besdinmen, was oupotiiion. 
wir von Rom geerbt haben, was aus dieser ungeheuren Werkstatt 
menschlicher Geschicke noch heute lebendig weiter wirkt, wenn wir 
nicht eine klare Vorstellung davon besitzen, was Rom war. Seibsc 
das römische Recht im engem Sinne des Wortes {das Privatrecht), 
von dem ein Jeder weiss, dass es den Grundstoff bildet, an dem 
noch heule alles juristische Denken grossgezogen wird, und dass es 
noch immer die thaisächliehe Grundlage abgiebt, selbst für die frcicstcn, 
am weitesten abweichenden, neueren Rechtssysteme, kann unmöglich 
io der Eigenart seines Wertes recht beuneilt werden, wenn es ein- 
fach als eine Art Laienbibel angesehen wird, als ein Kanon, der nun 
einmal da ist, geheiligt durch die jahnauscnde. Ist das blinde Fest- 
halten an römischen Rechissätzen die Folge einer oberßächUchen 
historischen Aufi'assung, so gilt das nicht minder von der weit über 
das Ziel liiDausschicsscndcn Reaktion gegen das römische Recht 
Wer dieses Recht und sein langsames, mühsames Entstehen, und sei 
es auch nur in den allgemeinen Umrissen, studiert, wird gewiss 
anders urteilen. Denn dann wird er sehen, wie die indoeuropäischen 
Stämme') schon in den ältesten Zeiten einige scharf ausgesprochene 



') Auf die schwiciißi; FrJt({c d« Kassen werde ich an audttcr Stdlc nirück- 
lukomiiien tubi-n [siehe Kap. 4). Hier will ich nur eine &elir niditige Henierkung 
eioschaltca: Wähimd voa vetscIiicUcDco Seiten die Exincns ciQcr uiicbco Rasse 
in Frajje gezogeu wird, indem nundie Philologen die Silchhaltigkeii des sprach- 
lichen Kriteriums in Frage lichcn (siehe Satomon Reinach: L'oripnt its Arytns'i 
and cnuelia- Amhropologen auf die chaotischen Ergebnisse der Sehidelmcssunfieii 
lünwQscn (i B. TupinarJ und Itatifl), gebrauchen die Foraclicr auf dem Gebiete 
der Rcchtsgeschichte dnmOtig den Ausdmclc Arier, reip. IndoeuropÄer, weil sie 
one besiiminie rechtliche Auffasiuag in der Gruppe dieser spiacliücti verwaiidten 
Völker linden, welche »ich vom ersien Beginn an und durch alle Verxwcigungcr 
dncr viclftltigcn Enrwicliclung giundsäixlich von gewissen ebenso ariausroiibaren 
fcchtliehen AnsH:hduungen bei Scmiien, llainiten u. s. w. unterscheiden. ^Mün ich« 
& Werke von Savigny, Mommscn, Jhering und Lcist.] Keine Schidelnicssun^en 




131 



Das Erbe der alten Weit. 



rechtliche Grund Überzeugungen besassen, die in den verschiedenen 
Stämmen sich verschieden emwickelten. ohne es aber jemals zu einer 
■wahren Blüte bringen zu können; er wird einsehen, dass sie es des- 
wegen nicht konnten, weil es keinem Zweig gelingen wollte, einen 
freien und zugleich dauernden Staat zu gründen; dann wird er mit 
Staunen gewahr werden, wie dieses eine kleine Volk von Charakter- 
stärken Männern, die Kömcr, beides zustande biingt: Staat und Recht 
— den Staat dadurch, dass Jeder das Recht (sein persönliches Recht) 
äch dauernd sichern will, das Recht dadurch, dass Jeder die Selbst- 
beherrschung besitzt, dem Gemeinwesen die nötigen Opfer zu bringen 
und bedingungslose Treue zu widmen; und wer das erkannt hat, 
der wird gewiss nie anders, als mit grösstcr Verehrung vom römischen 
Recht als einem der kostbarsten Besitütümer der Menschheit reden. 
Zugleich freilich wird er einsehen, dass die höchste und nachahmungs- 
würdigste Eigenschaft dieses Rechtes seine genaue Anpassung an be- 
stimmte Lebensumstände ist. Einem solchen kann es aber nicht ver- 
schlossen bleiben, dass Staat und Recht — beides Erzeugnisse des 
>geborenen Rechtsvolkes«') — bei den Römern unzertrennlich 
zusammengehören, und dass wir weder diesen Staat, noch dieses Recht 
wirklich versieben können, wenn wir nicht eine klare Vorstellung 
von dem römischen Volke und seiner Geschichte besitzen. Das i^i 



und philologische Tüfteleien können diese «nfachc, grosse Thaisaclic — ein Er- 
gebnis pcinlicli genauer, juriiti^cliet Forschung — 3ut d<t Welt schafTk-n. und durch 
sie wild das Dasein eines moralischen Arienums (im Gegensatiiu einem moralischen 
Nidit-Ancitum} dargctluuii und wdrcu die Vdlk«r dicsvt Gruppe aus noch so buutea 
fieitindieiEen lusammenge^eizt. 

*) JlicriiiK: Hnliiicielungsieschichtt da rl/iniichcn Rtchls, S. 8i. Eine umso 
bemerk enswencrv" Äusst.Timp, als gerade dieser grosse Bechislehrer stets energisch 
tu verneinen pllcgi, dass einem Volke irgend «was angeboren sti^ er versteigt 
sich sogar (/orgtsckUhti der Jndofurapder, S. 270^ *u der unge heuerlichen Be- 
haiipiiingf die angeerbie, physische (und mit dieser zugleich die moralische] Stnikittr 
des Menschen — denn das ist wohl doch, wsj der Bc^fT Rasse bezeichnen soll — 
habe gar kdiicn Binflusi auf seinen Ourakier. sondern cin»j{ die geographische 
Umgebung, so dass der Arier, nach Mesopotamien vcrpilaniri, m ipjo Semit geworden 
wlrc. und umgekehn. Da ist Hneckel's pjcudowlssenichafilidics Phnntiuicbild 
der venehie denen Affen, von denen je eine Menschenrasse abiiammen soll, im 
Vergleich noch vcrnünftin- Freilich darf uifin nicht vergeücn. djss Jhering gegen 
das mystische Dogma ein» 'angeborenen corpus jtiri$< sein Leben l.mg hart hatte 
Icimpfen mlissrD, und dAss es sein grosses Verdienst ist, der echten Wissenschal^ 
hier freie Bahn guschatTen eu liabea; das erklilrt seine Ubertrcibungcu im um- 
gekehrten Sinne. 



»nisches Recht. 



"J 



umso nötiger, als «ir sowohl vom römischen Staatsgedaolcen als vom 
römischen Privatrcchi gar Vieles noch heute Wirksame geerbt haben, 
— ganz abgesehen von den durch den römischen Staatsgedaiiken 
thatsächlich gescbafTenen, politischen Verhältnissen, denen v.-ir Europaer 
die MögUchkeit unseres Daseins als gesittete Nationen Oberhaupt ver- 
danken. Daher mag es zweckmässig sein, uns zuerst zu fragen: was 
für ein Volk war dieses römische? was hat es als Gesamterscheinung 
für die Geschichte zu bedeuten? Es kann sich hier nur um einen 
flüchtigsten Umriss handeln; er wird aber hoffentlich genügen, um 
uns eine klare Vorstellung von dem policischen Wirken dieses grossen 
Volkes in seinen Haupilinien zu geben , zugleich um die etwas ver- 
wickelte Natur der auf unser Jahrhunden überkommenen, politischen 
und staatsrechtlichen Erbschaft deutlich zu kennzeichnen. Dann erst 
wird eine Betrachtung unserer privatrechtlichen Eibschaft durchführ- 
bar und nützlich sein. 



Man sollte meinen, da die lateitüsche Sprache und die Ge- 
schichte Roms «ne so grosse Rolle in unseren Schulen spielen, müsse 
jeder gebildete Mann wenigstens eine deutliche Gesamtvorstellung von 
dem Werden und Schaffen des römischen Volkes besitzen. Das ist 
aber nicht der Fall, ist auch nach den üblichen Unterrichtsmethoden 
gar nicht mögüch. Zwar ist jeder Gebildete in der römischen Ge- 
schichte bis zu einem gewissen Grade zu Hause: der sagenhafte 
Romulus, Numa Pompilius, Brutus, die Horatier und die Curatier, die 
Gracchcn, Marius, Sulla, Caesar, Fompeius, Trajan, Diocletian und 
unzählige Andere, sie alle sind uns mindestens eben.so venraut (d. h. 
dem Namen und den Daten nach), wie unsere eigenen grossen Miinner; 
ein Jünghng, der über den zweiten punischen Krieg nicht Auskunft 
geben könnte, oder der die verschiedenen Scipioac unter einander ver- 
wechselte, stünde ebenso bcschimt da, als wenn er die Vorzüge der 
römischen Legiones und Manipuli vor der makedonischen Phalanx nicht 
auseinanderzusetzen vermöchte. M.in muss auch zugeben, die römische 
Geschichte in der fiblichen Darstellung ist ein ungemein reichhaltiges 
Magazin interessanter Anekdoten ; aus ihrer Kenntnis ergiebt sich jedoch 
an einseitiges und durchaus mangelhaftes Verständnis. Fast gewinnt 
die gesamte Geschichte Roms den Anschein eines grossen uud grau- 
samen Sports, gespielt von PoÜükern und Feldherren, die zum Zett- 
vertreib die Welt erobern, wobei sie in der Kunst der systematischen 
Unterdrückung der fremden Völker und der Aufhetzung des eigenen 



RSaitidM 




Das Erbe der alten Welt. 



Volkes, sowie in der ebenso edlen Kunst der Erfindung neuer Kriegs- 
stratcgcmc und ihrer uktischcn Verwertung durch möglichst massen- 
haftes Menschcnvich viel Anerkennenswertes leisten. Etwas Wahres 
liegt auch unstreitig in dieser Auffassung. Es kam In Rom eine Zeit, 
wo die sich vornehm denkenden Leute mit Kriegswesen und Politik 
sich nicht bloss, wo es not that, abgaben, sondern sie als Lebcns- 
bcschäftigung erwählten. Wie bei uns, bis vor Kurzem, ein >hoch- 
geborener Menscht nur Offizier, Diplomat oder Verwaltungsbeamier 
werden durfte, so gab es auch für die »oberen Zehntausendc im 
späteren Rom nur drei Berufe, durch die sie ihrer Stellung nichts 
vergaben: die res militaris, die juris scientia und die eiaqueraia, ') Und 
da die Welt noch jung und die Wissenschaft übersehbar -waren, 
konnte ein tüchtiger Mann leicht alle drei beherrschen; hanc er dazu 
noch recht xncl Geld, dann war er ein fertiger Politiker. Man lese 
nur immer wieder die Briefe Ciccro's, wenn man durch die naiven 
GesLlndnisse eines in den Ideen seiner Zeit befangenen, nicht viel 
weiter als seine Na.« hinausschauenden Mannes lernen will, wie das 
grosse Rom und seine Geschicke der Spielball eitler Miissiggänger 
wurden, und mit wie grossem Recht man behaupten kann, dass seine 
Politiker Rom nicht gemacht, sondern vielmehr es zu Grunde gerichtet 
haben. lis hat überhaupt mit der Politik ^ auch ausserhalb Roms — 
sein eigenes Bewenden. Von Alexander an bis Napoleon: schwer wäre 
CS, die Macht der frevelhaften Willkür in den rein politischen Helden zu 
hoch zu schätzen I Eine kurze Verständigung hierüber ist umsomehr in 
diesem Kapitel am Platze, als gerade Rom mit Recht für einen spezifisch 
politischen Siaat gilt, und wir folglich von ihm zu erfahren hoffen 
dürfen, wie und von wem grosse, erfolgreiche Politik gemacht wird. 
Was Gibbon von den Königen im Allgemeinen sagt: »ihre 
Macht ist am wirksamsten in der Zerstörungt, das gilt von fast allen 
Politikern — sobald sie hinreichende Macht besitzen. Ich weiss nicht, 
ob CS nicht der weise Solon war. der eine gedeihliche Etitwickelung 
des atheniensischcn Staates für alle Zeiten unmöglich machte, indem 
er den historisch gegebenen Bestand der Bevölkerung aus verschiedenen 
Stämmen aufhob und eine künstliche Einteilung in Klassen nach dem 
Vcrmögcnssiand einführte. Diese sogenannte Timokratie (Ehre dem, 
der Geld hat) stellt sich zwar von selbst überall mehr oder weniger 
ein, und Solon hat wenigstens dafür gesorgt, dass die Pflichten mit 



■) VergL Sivigny: Gtsckiehu 4a rdmiuhm RjichM im MiitclatUr, Kap. I. 



Rötni^ches Recht. 



laj 



dem Reichtum zunahmen; nichtsdestoweniger hat er mit seiner Ver- 
fassung die Axt an die Wurzel gelegt, aus der — und wenn auch 
noch so mühsam — der athenicnsische Staat erwachsen war.') Ein 
minder bedeutender Mann hätte es nicht gewagt, so tief umbildend 
in den natürlichen Gang der Enr^-ickelung einzugreilun, und d.is wäre 
sehr wahrscheinlich ein Segen gewesen. — Und können wir anders 
über Julius Caesar urteilen? Von den berühmten Feldherren der 
Weltgeschichte war er vielleicht als Politiker der bedeutendste; auf 
den verschiedensten Gebieten [man denke nur an die VcrbcsscruDg 
des Kalenders, an die Inangriffnahme eines allgemeinen Gesetzbuches, 
an die Ücgrilndung der afrikanischen Kolonie) bekundete er einen 
durchgreifenden Verstand; als organisatorisches Genie wäre er wohl, 
bei gleich günstigen Umständen, nicht hinter Mapolcon zurükgeblicben 
— dabei mit dem unermesslichen Vorzug, dass er nicht ein aus* 
ländischer Condoitierc, wie dieser oder wie Diocletiao, sondern ein 



') Manchem wirJ die Verfassung Lykurg*s noch willkürlicher dünken, 
jedoch mit Unrecht. Denn Lykurg rilttelt gsr nicht aa den durch die histortsche 
Ell [wicVcl 1)11 g Rcgebenci» Griindligen, im Gcgcniti!, er befestigt sie: die Völker, die 
nuchetnaader nach Likcdämon gcxa^ijcn waren, schichteten tich übereinander, du 
luteut aiiK^ltoiiiniene »i obersi — und so heu es LykufK bestehen. Da^i die 
Pelasgcr (HclotcD) du Land bebauten, die Achicr i^Pcriökcn) Handel und Gewerbe 
trieben, die Dotier (Spaniatcn) Krieg (Ühncn und folglich auch regiencn, das war 
bcinc kiJnstiichc Rollen Verteilung, sondern die Fcsislellang eines thatsächlich vor- 
liindenen Verhllmisscs. Ich bin auch äbeneu^t, dass das Leben in LakcdJmon 
lange Zeit hindurch glflcklichcr war, als in irgend einem anderen Teile Griechen* 
]ands; der Sklavenhandel war verboten, die Heloten waren Erbpachter und. wenn 
auch nicht auf Kosen grbeilet, so genossen sie doch eine wcilgeliende Unabhängig- 
kcitf die Pcriökon bewegten sich frei, sogar ihr beschränkter Militärdienst wurde 
DiDcn im Imcieisc ihrer in den cinEtlnrn Familien crbtkhen Gewerbe h:tufig nach- 
geiehen, für die Spartinicn endlich war das Prinzip iti ganxen Lebens die Ge- 
selligkdt. und in den Sälen, wo sie za ihren einfachen Malen ziiiammeotratea, 
prangte ab Schutigeist ein eniuges Standbild, der Gott des Lacbeas (Plutarcb: 
Lykurg XXXVll), Was man Lykurg tum Vorwurf michen muss, ist erstens, dasj 
er diese jtcgcbcncn und iniofern gebunden Verhältniste (äs die Hwigkcit fcitcu- 
bannen irachuie, liierdtirch aber deni lebendigen Organismus die nötige Elaiiiiciiit 
raubte, zweitens, dass er auf dem widerst iiiidsfähigen UnicTKCund ein in nunchcr 
Beziehung gar phantastisches Gebdude auf^hrte; da tritt eben wieder der theore- 
tisiercndc Politiker hervor, der Mann, der auf rationellem Wege fcitEustclIen untcr- 
nimmi. wie die Dinge sein mösiten, während in Wahrheit der logisierenden Vcr- 
nunfi dnilg eine rcgittricrendc, nidit eine schopftrisehc l'unkiion rukonimt. Das« 
Lykurg aber trott alledem die historischen 'Iliacsaehcn zum Ausgingipunkt nahm, 
das «-ar es, was seiner Ver£usung unter allen griechischen iSe weitaus grdsstc Kraft 
Und Dauer sicherte. 



ia£ 



)as Erbe der alten Welt. 



echter, rechter Römer war, im angestammten VaterUndc fest ein- 
gewurzelt, somit seine individuelle Willkür (wie bei Lykurg] sicherlich 
von der Richtschnur des seiner Kation Angemessenen nie allzuweit 
abgeirrt wäre. Und doch ist es gerade dieser Mann, und kein anderer, 
der den zähen Lebensbaum der römischen Verfassung knickte und 
einem unausbleiblichen Siechtum und Niedergang weihte. Denn das 
Erstaunliche im vorcacsarischcn Rom ist nicht, dass die Stadt so viele 
heftige Stürme im Innern zu durchleben hatte — bei einem so un- 
vergleichlich elastischen Gebilde ist das natürlich, der Zusammenstoss 
der Interessen und der nie und nirgends rastende Ehrgeiz der Politiker 
von Fach sorgte dort wie aller Orten dafür — nein, was uns mit Ver- 
wunderung und mit Bewunderung erfüllt, ist vielmehr die Lebenskraft 
dieser Verfassung. Patrizier und Plebejer konnten periodisch gegen- 
einander wüten; eine unsichtbare Macht hielt sie doch aneinander- 
gekettet; sobald neuen Verhälmissen durch einen neuen Ausgleich 
Rechnung getragen worden war, stand der römische Staat wieder da, 
stärker als ehedem. ') Caesar wurde inmitten einer dieser schweren Krisen 



■) Der Autdrndt »Arinokritic und Plebs«, den Rinke (Ür Fatrüier uad Ple- 
bejer beliebt, ist, Laien j|[egi;nLll>er, so iTrefülirend wie nur möglidi, Schon Nie- 
buhr tut ßcgca die Verwechslung vod Plebs und PSbd Husprudi ctboben. Patrixict 
und Plebejer sind vielmehr wie iwei Milchte ia deni einen Staate, die eine freilich 
vielfach poLitijch bcvariugt, die andere vielfach poüiisch lunldiitcactii ^wenigsten» 
ia frahcrcr Zeit), beide Ldoch aus freien, unabtiingigen , durch«us selbsUndiRcn 
LandiSasscn zuMmmcngescut. Und darum Vann Sallust selbst von den alten Zeiten 
schreiben: >die h&chite Autorität bg wol)l bei den Pairiiicm. die Krati jedoch 
ganx K^wlss bei den Plcbcjem« (Bf. an (lac^ar 1, j)- auch sehen wie von jeher 
die PlebejcT eine grosse Rolle im Staate spielen und ihre Familien sich vielfach mit 
den panizischcn vcrbindca. Der ungclehrtc Mann unter uns wird ako durchaus Irre- 
geführt, wenn er die Vorstellung empßnf^t, es habe sich in Rom um eine .\risia- 
kraiic und einen Pöbel gehandelt. Die Eigen iQnilidiltcii, das merltwürdig Lebensvolle 
des römischen Staates hn seineu Citund dann, dxis er von Anfang an zwei unter- 
schiedliche Teik enthielt (die manche Analogie in der politischen Wirksamkeit 
mit Whigs und Tocics icigcn, nur dass es sich um >geboreiic Butcleu« handelt), 
die aber bdde durch genau die selben Inteiessen des Besiues. des Recliies und 
der Freiheit mit dem Staate gldclimässig verwachsen wareni daher besiindig frisH;hcs 
Leben im Innern, daher bcstlndig cisenic EnniOtigkeit nach aussen. Von den ple- 
bejischen Bc^aodtcilc-n des Heeres berichtet Calo, sie seien: 'viri fortiisimi tt milila 
ffrmuitäfnif', es waren eben freie Männer, die für eigenes Heim und eigenen Herd 
kimpficn; im allen Rom durften überliaupi cur Grundbesitzer den Hecrdienst leisten, 
tmd Plebejer bekleideten Offizicrssiellen ebensogut wie Patrizierl (siehe Mommscn: 
Ahria da rimiicktn Staalsrahtti. (89}, S. ajR und Esrnardi : Ramüthe Rtehtstackühtt, 



j. Aufl. S. 3» ff.). 




Römisches Recht. 



"7 



geboren; vielleicht erscheint sie uns aber nur darum schlimmer als 
alle früheren, weil sie uns — in der Zeit — näher steht, wir daher 
am ausführlichsten Ober sie benachrichtigt sind, auch weil wir den 
von Caesar herbeigeführten Ausgang kennen. Ich meinesieils halte 
aber die gcschichisphilosophische Auslegung dieser Vorftüe für ein 
pures Gedankending. Weder die rauhe Faust des ungestümen, von der 
Leidenschaft hingerissenen Plebejers Marius, noch die ligermüssige Grau- 
samkeit des kühl berechnenden Patriziers Sulla hätten der römischen 
Verfassung töilichc Wunden beigebracht. Selbst das Allcrbedenklichste; 
die Befreiung vieler Tausende von Sklaven und die Verleihung der 
Bürgerwürde an viele Tausende von Freigesprochenen (und zwar aus 
politischen, unmoralischen Gründen) hätte Rom in kurzer Zeit dber- 
wunden. Rom besass die Lebenskraft, das Sklaventum zu adeln, das 
beisst, ihm den bestimmten römischen Charakter mitzuteilen. Einzig 
eine gani; gewaltige Persönlichkeit, einer jener abnormen Willens- 
hclden, wie die Welt sie in einem Jahrtausend kaum einmal hervor- 
bringt, vermochte es, einen solchen Staat zu Grunde itu richten. Mau 
sagt, Cnesar sei ein Retter Rf»m,s gewesen, nur zu früh hinweggerafft, 
che er sein Werk vollenden konnte: das ist falsch. Als der grosse 
Mann mit seinem Heere an den Ufern des Rubicon angelangt war, soll 
er unentschlossen Halt geboten und die Tragweite seines Thuns noch 
einmal sich überlegt haben: setze er nicht hinüber, so gerate er selber 
in Gefahr, Überschreite er die ihm vom heiligen Gesetz gesteckte 
Grenze, so rufe er Gefahr herauf über die ganze Welt (d. h. über 
den römischen Suat); er entschied für seinen Ehrgeiz und gegen 
Rom. Die Anekdote mag erfunden sein , Caesar wenigstens lässt 
uns in seinem Bürgerhrüg keinen derartigen inneren Gewissenskampf 
schauen; die Situation aber wird dadurch genau bezeichnet. Ein 
Mann kann noch so gross sein, frei ist er nie, seine Vergangenheit 
schreibt seiner Gegenwart gebieterisch die Richtung vor; bat er einmal 
das Schlechtere erwählt, so muss er fortan schaden, er mng wollen 
oder nicht, und schwingt er sich auch zum Alleinherrscher auf, im 
Wahne nunmehr lauter Gutes wirken zu können, so wird er an sich 
selber erfahren, dass idie Macht der Könige am wirksamsten in der 
Zerstörung ist*. An Pompejus hatte Caesar noch von Ariminum aus 
geschrieben: das Interesse der Republik liege ihm mehr am Herzen 
jus das eigene Leben;') noch nicht lange jedoch war Caesar Gutes 

■) Dt Mio dvili, l, 9. Nebetibti ge»gt, eehi rAinisch, tn cineni solchen 
Augenblick dnca so plaucD Aoadnick m gebrauchen! 




11$ 



Das Erbe der alten Weh. 



zu wirken allmächtig, als Sallust, sein treuer Freund, ihn sclion 
fragen musste: ob er denn eigentlich die Repubhk gerettcT oder ge- 
nubt habe?') Im besten Falle hatte er sie geren« wie Virginius 
seine Tochter. Ponipejus, erzählen mehrere zeitgenössische Schrift- 
steller, wollte keinen neben sicli, Caesar keinen über sich dulden. — 
Man stelle sich vor, was aus Rom noch hätte werden können, wenn 
zwei solche Männer, anstatt Politiker zu sein, als Diener des Vater- 
landes gehandelt hatten, wie das bisher römische Art gewesen warl 
Es kann nicht meine Aufgabe sein, das hier Hüchtig Angedeutete 
näher auszuführen ; mir lag einzig daran, fühlbar zu machen, wie wenig 
man das Wesentliche an einem Volk erkennt, wenn man sich einzig 
und allein mit der Geschichte seiner Politiker und Feldherren abgicbt. 
Ganz besonders ist das bei Rom der Fall. Wer Rom lediglich 
von diesem Standpunkt aus betrachtet, und hielte er dabei auch 
noch so Bcissig historische und pragmatisierende Umschau, kann gewiss 
zu keinem anderen Ergebnis als Herder gelangen, dessen Dar- 
stellung darum auch klassisch bleiben wird. Fßr diesen genialen 
Mann ist römische Geschichte >Dämonengeschichtec, Rom eine 
>RiuberhöhIe<; was die Römer der Welt schenken, ist »verwüstende 
Nacht*, ihre >grossen, edlen Seelen, Scipionen und Caesar« bringen 
ihr Leben mit Morden zu, je mehr Menschen sie in ihren Kriegs- 
zQgen hingeschlachtet haben, umso feuriger das Lob, das ihnen ge- 
spendet wird ■.') Dx& ist von einem gewissen Standpunkt 

aus vollkommen richtig; doch haben die Forschungen der Niebuhr, 
Duruy und Mommscn (besonders die des zuletzt genannten), zugleich 
mit denen der glän2enden »romanistischen* Rechtshistoriker unseres 
Jahrhunderts Savigny, Jhering und vieler anderer, zugleich ein anderes 
Rom aufgedeckt, auf dessen Dasein zuerst Montesquieu die Aufmerk- 
samkeit gelenkt hatte. Hier galt es, dasjenige aufzutinden und ins 
rechte Licht zu stellen, was die alten römischen Geschichtsschreiber, 
beschäftigt, Schlachten zu feiern, Verschwörungen zu schildern, gut 
zahlenden Politikern zu schmeicheln, Feinde zu verleumden, gar 
nicht bemerkt oder wenigstens niemals nach Verdienst gewür<Ugt 
hatten. Eine Nation wird nicht, was Rom in der Geschichte der 
Menschheit geworden ist, durch Raub und Mord, sondern trotz 
Raub und Mord; kein Volk bringt Staatsmänner und Krieger von so 



') Zwciitr B(icf an Cacsir. 

)1 Idtfn im GtscItiihU dtr Utnukhtit. Buch 14. 



Komisches Recht. 



»9 



bewundemogswürdig starken Charakter hervor wie Rom, wenn es 
nicht selber eine breite, feste und gesunde Grundtage für Charakter- 
stärke abgiebt. Was Herder, und mit ihm so viele, Rom nennen, 
kznn also nur ein Teil von Rom sein, und zwar nicht der wichtigste. 
Viel treffender finde ich die Ausföhrungen des Augtistinus in dem 
fiiafteD Buche seines De civitate Da; er macht hier besonders auf 
die Abwesenheit der Habgier und des Eigennutzes bei den Römern 
aufmerksam; ihr ganzes Wollen, sagt er, habe sich in dem einen Em- 
schtuss kundgegeben; >cntweder frei zu leben oder tapfer zu Grunde 
ru gehen c {aut ßrtiur eimri, aut libtros vivtre); und die Grösse der 
römbchen Macht, sowie ihre Dauer, schreibt er dieser nioraUschen 
Grösse zu. 

lo der allgemeinen Einleitung zu diesem Buche sprach ich von 
anonymen Kräften, welche das Leben der Völker gestalten; davon 
haben wir in Rom ein leuchtendes Beispiel, ich glaube, man konnte 
ohne zu übertreiben sagen, Roms ganze wahre Grösse war eine solche 
anonyme iVolksgrössec Schlug bei den Athenern der Geist in die 
Krone, so schlug er hier in Stamm und Wurzeln ; Rom war das 
wurzelhaftcste aller Völker. Daher trotzte es auch so vielen Stürmen, 
und die Weltgeschichte bedurfte fast eines halben Jahrtausends, tun 
den morschen Stamm auszurotten. Daher aber auch das eigentümliche 
Grau in Grau dieser Geschichte. Bei dem römischen Baum schoss 
alles ins Holz, wie die Gärmer sagen ; er trug wenig BlAtter, noch 
weniger Blüten, der Stamm war aber unvergleichlich stark; an ihm 
schlangen sich spätere Völker in die Höhe. Der Dichter und der 
Philosoph konnten in dieser Atmosphäre nicht gedeihen, dieses Volk 
liebte nur jene Persönlichkeiten, in denen es sich selbst erkannte, 
jedes Ungewöhnliche erregte sein Misstrauen; iwer anders sein 
wollte als die Genossen, hiess in Rom ein schlechter Bürger.«') Das 
Volk hatte Recht; der beste Staatsmann für Rom war derjenige, der 
sich nicht eine Haaresbreite von dem entfernte, was die Allgemeinheit 
wollte, ein Mann, der es verstand, einmal hier, einmal dort das 
Sicherheitsventil ru öffnen, den wachsenden Kräften durch verlängerte 
Kolben, durch die Hinrichtung entsprechender Centrifugalkugeln und 
Drosselklappen zu begegnen, bU die Staatsmaschine sich <iua5i auto- 
matisch erweitert und administrativ ergänzt hane, kurz, etn zuverlässiger 
Maschinist: das war der Idealpolitiker für dieses surkc, be^-usstc. 



Mommscn : RömitcJit GtKMtktt. 8. KvlL, I, »4. 

ClmbnUIa, OnuJI*(ca in XIX. JibrbiuJmu. 



i 



1)0 



Das Erbe der alten Welt. 



Idad*. 



durchaus nur den praktischen Lebensinteressen zugewan<iie Volk. So- 
bald Einer über dieses Mass hinaus wollte, wurde er, notgedrungen, 
Verbrecher am Gemeinwesen. 

Rom, ich wiederhole es, denn dies ist die Grunderkenntnis, aus 
der jede andere erst eatdicsst, Rom ist nicht die Schöpfung einzelner 
Männer, sondern eines ganzen Vollccs; im Gegensatz zu Hellas ist 
hier alles wahrhaft Grosse >3nonym<>; keiner seiner grossen Mlnncr 
ragt an die Grösse das gesamten römischen Volkes heran. Sehr richtig 
und beherzigenswert ist darum, was Cicero sagt {Republik, H, i); 
>Aus folgendem Grunde ist die Verfassung unseres Staates anderen 
Staaten überlegen : anderwärts waren es einzelne Männer, welche 
durch Gesetze und Institute die Staatsordnung begründeten, wie z. B. 
auf Kreta Minos, in Lakedämonien Lykurg, in Athen (wo gar häufiger 
Wechsel stattfand) das eine Mal Theseus, das andere Mal Drako, 
dann wieder Solon, Klcisthcnes und noch viele andere; dagegen 
gründet sich unser römisches Gemeinwesen auf das Genie nicht eines 
einzelnen Mannes, sondern vieler Männer, noch genügte zu seiner 
Errichtung die Spanne eines flüchtigen Menschenlebens, sondern es ist 
das Werk von Jahrhunderten und von aufeinander folgenden Gene- 
rationen,« Selbst der Feldherr brauchte in Rom nur die Tugenden, 
die seine ganze Armee besass, frei gewähren zu lassen — Geduld, 
Ausdauer, Selbstlosigkeit, Todesverachtung, den praktischen Sinn, vor 
allem das hohe Bewusstsein der staatlichen Verantwortlichkeit — und 
er war des Sieges sicher, wenn nicht heute, dann morgen. Ebenso 
wie die Truppen aus Bürgern bestanden, waren ihre Befehlshaber 
Magistrate, die nur vorübergehend das Amt eines Administrators oder 
eines Gesetzberaters und Rechtssprechers mit dem eines Feldherm 
vertauschten ; Im allgemeinen machte es auch wenig Unterschied, 
wenn im regelmässigen Wechsel der Ämter der eine Beamte den 
anderen im Kommando ablöste; der Begriff »SoldaK kam erst in der 
Zeit des V'erfalles auf. Nicht als Abenteurer, als die sesshaftcsien 
aller Bürger und Bauern haben die Römer die Welt erobert. 

Ja, hier dränge sich die Frage auf: ist es überhaupt zulässig, 
bei den Römern von jEroberern* zu reden? Ich glaube kaum. Er- 
oberer waren die Germanen, die Araber, die Türken ; die Römer 
dagegen, von dem Tage an, wo sie in der Geschichte als individuell 
gesondcne Nation eintreten, zeichnen sich durch ihre fanatische, 
warmherzige und, wenn man will, engherzige Liebe für ihr Vaterland 
ausi sie sind an diesen Fleck Erde — kein hervorragend gesunder. 



Römisches Recht. 



111 



kein ungewöhnlich reicher — durch unzerreissbare Herzeosbande ge- 
kettet, and was sie in den Krieg treibt, wis ihnen die unbezwingbare 
Macht verleiht, das ist zunächst und vor allem die Liebe zur Heimat, 
der verzweifelte Entschluss, den unabhängigen Besitz dieser Scholle 
nur mit dem Leben aufzugeben. Dass dieses Prinzip zur allmählichen 
Erweiterung des Staates führen musste, bezeugt nicht Hroberungslust, 
sondern war das Ergebnis einer Zwangslage. Selbst heute ist die 
Macht der wichtigste Faktor im internationalen Völkerrecht, und wir 
sahen, dass in unserem Jahrlmndert die friedfertigsten Nationen, wie 
Deutschland, ihren Waffenstand unaufhörlich vcrgrössem mussten, 
doch einzig im Interesse ihrer Unabhängigkeit. Wie viel schwieriger 
war die Lage Roms, umringt von einem konfusen Durcheinander von 
Völkern und Völkchen, — in nächster Nähe die Menge der verwandten, 
ewig sich bekämpfenden Stimme, im weiteren Kreise das unerforschte, 
gewitterschwangere Chaos der Barbaren, der Asiaten und der Afrikaner! 
Verteidigung genügte nicht; wollte Rom Ruhe genicsscn, so musste 
es das Friedenswerk der Organisation und Verwaltung von einem 
Land zum andern ausdehnen. Wohin unter den Zettgenossen Roms 
jene kleinen Völker es brachten, die keinen politischen Blick be- 
Sassen, das sehen wir an der Geschichte aller helLenischen Staaten; 
Rom dagegen besass diesen Blick wie nie ein Volk vor ihm oder nach 
ihm. Seine Leiter handelten nicht nach theoretischen Einsichten, 
wie wir beim Anblick einer so streng logischen Eniwickelung heute 
fest glauben möchten; vielmehr folgten sie einem fast unfehlbaren 
Instinkte; dies ist aber auch der sicherste aller Kompasse, — wohl 
dem, der ihn besitzt I Nuti hören wir viel von römischer H^ne, 
römischem Eigennutz, römischer Gier; jal war es denn möglich, 
iDinittCQ einer solchen Welt für Unabhängigkeit und Freiheit zu 
Streiten, ohne hart zu sein? kann man im Kampf ums Leben seinen 
Platz behaupten, ohne in erster Linie an sich selbst zu denken ? ist 
nicht Besitz Kraft? Was man aber wenig oder gar nicht beachtet, 
ist, dass der beispiellose Erfolg der Römer nicht als ein Erfolg der 
Hirte, des Eigennutzes, der Gier aufgefasst werden kann — diese 
wflteten ringsherum in einem mindestens eben so hohen Grade wie 
unter den Römern, auch heute ist es nicht viel anders geworden — , 
nein, die Erfolge der Römer beruhen auf einer geistigen und sittlichen 
Überlegenheit. FreiUch eine einseitige Überlegenheit; was ist aber 
auf dieser Welt nicht einseitig? Und es kann nicht geleugnet werden, 
doss in gewissen Beziehungen die Römer tiefer empfunden und 

9" 




i 



IV 



Das Erbe der ahcn Welt 



schärfer gedacht haben, als jemals andere Menschen, wozu die Egen- 
tümlichkeit kam, dass bei ihnen das Fühlen und das Denken er- 
gänzend zusammenwirkten. 

Ich nannte schon ihre Liebe zur Heimat. Das war ein Grund- 
zug des altrömischen Wesens. Es war nicht die rein intellektuelle 
Liebe der Hellenen, sangeslustig und überschäumend, doch leicht den 
Tcrrätcrischen Eingebungen des Eigennutzes erliegend, auch nicht 
die wortreiche der Juden; man weiss, wie die Juden die »babylonische 
Gefangenschaft < so rührend besingen, Ton dem grossherzigen Cyna 
aber mit Schätzen in die Heimat zurQckgeschickt, Heber Geldopfer 
bringen und bloss die Ärmsten zur Rückkehr zwingen, als dass sie 
das fremde Land, wo es ilinen so gut geht, verlassen; nein, bei den 
Römern war es eine treue, wortkarge, durchaus unsentimentale, dabei 
aber zu jedem Opfer bereite Liebe; kein Mann und kein Weib unter 
ihnen zögerte je, das Leben für das Vaterland zu opfern. Wie erldirt 
man nun eine so übermässige Liebe? Rom war ^n alten Zeiten) 
keine reiche Stadt; ohne die Grenzen Italiens zu überschreiten, konnte 
man weit fruchtreichere Gegenden sehen. Was Rom aber gab und 
sicherte, das war ein in sittlicher Beziehung menschenwürdiges Dasein. 
Die Römer haben nicht die Ehe erfunden, sie haben nicht das Recht 
erfunden, sie haben nicht den geordneten, Freiheit gewährenden Staat 
erfunden: das alles erwächst aus der menschlichen Natur und findet 
sich überall in irgend einer Form und in irgend einem Grade; was 
aber die arischen Rassen unter diesen BegritTen als Grundlagen aller 
Sittlichkeit und Kultur sich vorstellten, hatte bis auf die Römer 
nirgends festen Fuss gefasst. ■) Waren die Hellenen zu nahe an Asien 



*) Ftir die arischen Vftlkrr speziell vcrgi. Lmt's voTtrcfflich«: Gräea-italitmseht 
Rtchugfsckühle O8S4) uaJ sein Allariicka Jtu ävUr C1896), auch Jhering's: Vor- 
gtsckiehU dtr Inäofuropier, Die ethnischen Forschürgrt der lenten Jähre haben 
iher mehr und mehr gcxcigi, dass Ehe, Recht und Suat ia irgend einer Fonu 
überall, auch bei dtn geistig im wenigsten entwiflielten Wilden bestehen. Und 
das rausi icharf bcioni weiden, denn die Entwickchrtgsmaoie und der pscudo- 
wuicuschafilichc Dogmatismus unseres jAhthuadcrts haben in die meisten popu- 
UiCQ BQchcr durchaus erfundene Oarstellungra hineingebracht, die, ttou der sicheren 
Rcsulutc genauer Forschungen, gai nicht iiiciu: liiuauszubriugen sind; diese Dut- 
SKliungen dringen ausserdem vcm dort aus in wertvolle ernste Werlie ein. In 
Laniprccht'ä viclKcn;ii)ntcr Deuücker GtichicUu, ISand I, i. B. 6ndcn wir eine an- 
gebliche SchiMeniRg der gcsellscluiltlidicn Zustande der alten Germuneu, ent^'oifcn 
»unter den Auspizien der vergleichenden Völkerkunde • ; hier wird von einer Zeit 
berichtet, tn der bei den Germanen »eine durch keinerlei Unterschiede begrenzt? 








geraten, zu plötzlich civilisiert worden? Hatten die (aat ebenso feurig 
begabten Kelten im wilden Norden sich selber so verwildert, das sie 
darum nichts mehr bilden, nichts mehr organisieren, keinen Staat mehr 



Gcschtccbtsgcmeimchafi herrschte, alle Geschwister untereinander Ganco waieni 
a]]e ihre Kinder untereitiander Brtder and Schwesi«rn u. s. w.«; daraus soll sich 
dann im weiteren Verlauf der Zeiten dos sogciunnte Matriircüut. das Munerrcchl, 
als cnicr Foitschhtt hemusgeWldet haben — — — und so gchi das Machen 
seitenlang weiter; nuti ){Uubi dem enien Slottem einer neuen Mytholoji^c su 
!4U3chcD. \V»s dos Muttcrrechc anbeUngt (d- h- Ftaiiliennamca und Erbrecht nach 
der Mutter, di die Vaicrschaft !-cis eine gcmcinidiafüidie war), %o Jui Iliciing 
übcncugcad dargclhan, dus es schon den ili»tcn Ariern, noch vor der Ab- 
lAsung eines Germanensuronies, iganxUch fremd < war {t'orgachkbit, S. 6i 3.), und 
die uriltcsicn Bcsundteile der arischen Sprache deuten schon auf »die Herroi- 
stellung des Ganen und Hausvaters« (Lrast: Gräco-ilal. Reckisgfschichu, S. 5*); 
jene Annahme cnlbchn folglich jeder wissenschaftlichen Grundlage. Wichtige! 
noch ist es, ft^zastcUen, dass die von Lamprcchc anj^erufene iver^lcichendc Völker- 
kunde« nirgends auf der ){anj:cn Well Gcsdiicchtsgemcinsciurc unter Menschen 
gefunden liiL Im Jahre 1896 int ein kleines Werk etseiiienen, welches in streng 
obtcktivct Wösc alle hierher gehörigen Forschungen ziuaramcnCassi, Ernst Crosse's: 
Dit Fernen der Familie und die Formea der ^iruckafi, und da dehi man, wie 
die angeblichen empirischen Philosophen, Herbcit Spencer an der Spitze, und 
die angeblich sieng entpiri sehen , aU «Autoritäten* verehrten Anihropolgen und 
Ethnologen (mit rßhmticben Ausnahmen, wie Liibbock) einfach von der a priori 
Vorausscuung ausgingen, es mflssc bei cinfädicren Völkern Gcicblecbtsgeaicin- 
schaft gehen, da die Eii t w icke lungx lehre es erfordere, und wie sie dann fiberall 
fiestiugungcu fanden. Jcut aber ergeben genauere und unvoiciiigcnomnicuc Stil- 
iSeo IQr einen Stamm ludi dem andern, da» die Gesell! echu gern diischaft dort 
nicht custicn, und Grosse darf die apodiktisclic Behauptung aufstellen: >Es gicbi 
schlechterdings kein einages primitives Volk, dessen Gesdilechu Verhältnisse sich einem 
Zustande von Promiscuität näherten oder auch nur auf ihn hindcotclcn. Die fest- 
gefügte Einzclfamilic ist keineswegs erst eine spüle Errungenschaft der Cmli' 
saiion, soadnn sie besteht schon auf der untersten Kulturstufe als 
Regel ohne Ausnahme* {S. 42). Die genauen Belege ftudci man bn Grosse; 
im übrigen bezeugen alle anthropologischen und ethnologischen Berichte der Ictitcn 
Jahre, wie sehr wir die sogenannten Wilden untctschäut, wie oberflächlich wir 
beobachtet, wie unbesonnen nir auf Urzustindc geschlossen hatten, von denen 
wir nicht dis Geringste sicher wissen. — Da dieser Gegcasund priniipiell uogemeia 
wichtig ist und auch auf die wissenschaftliche Dcakkrsft und Denkmethode uiucro 
Jahrhunderts ein eigentümliches, selir bcmctkcnswcrtes Streiflicht wirft, so 
mödiie ic!t noch ein lehncichcs Beisjriel besonders anfähicn- Die Urbewoliner 
von Zcntralaustralicn sollen bekanntlich su den geistig am wettcstcn üu^äckgcblie- 
benen aller Menschen gehören; Lubbocic nennt Sie: »elende Wilde, die nicht 
ihre cigcnai Finger, sclb^ nkht einmal die an einer Hand lililcn kOnncn* 
(OjV vorgetehiehüieht Zeil, deiilsdie Cb,, 11, 151}, Man kann sich denken, mit 
welcher Gciingschauung der Reisende Eyrc Ober die >liOchst cigcntOmlichcn Ehe- 






114 



der alten 



gründen konnten?') Oder wrktcn nicht vielmehr in Rom Blut- 
tnbchungen innerhalb des gcmcinsimcn Munerstammcs, zugleich mit 
der durch geographische und historische Verhältnisse bedingten Zucht- 
wahl zur Hcrvorbringung abnormer Begabungen [natürlich mit bc- 



v«rl>oic« dieser elenden Rasse berichtete, wo »dn Mann kein Wdb heiraten darf, 
die dvnselben Nimen irip wie er, und sei sie mit ihm auch gar rieht vciwindl«. 
Meclcwardigi Und wie konnten diese Mensirhcn, deren Pilicht es nach der 
Evolutionstheorie gewesen wäre, in unböchränliieiter G«ichIechtsgemcinschAft zu 
leben, sich so unerkUitiche Grillen KcstaiTcal Nunmehr haben zwei englische Be- 
amte, die JAhrcliDg unter diesen wilden Völkern lebten und ihr Vertrauen sich cT- 
waibm, uns ausl^rlich über sie berichtet {Royal Socirij oj yictoria, April 1897, 
Auiiug in tNahirtt vom lo. Juni 1897} und ei stellt sicli heraus, dass ihr gaiixes 
geistiges Leben, ihr •Vorstellungslebcm (wenn ich so sagen darf), von einer so 
fabelhaften Koniplli:ierthcit bt, dass unsereiner ihm schwcc folgen kann. So haben 
I. B. diese Menschen, die angcbläcli nicht bis 5 wählen können, einen verwiclcel- 
icren Seelen w;irtdcniiigsgbuben als Flato, und dieser Glaube gicbi die Grund- 
lage ihrer Religion abl Nun aber ihre Ehcgeseue. In der besonderen Gegend, 
roa der hier die Rede ist, wohnt dn ethnisch einheitlicher STamm, die Aruniss. 
Jede eheliche Verbindung mit fremden Sciromea ist verboten; dadurch ^rd abo 
die Rasse rein erhalten. Den so äusserst schJidlichcn Folgen einer bnganhaltendcn 
loiuthi aber (Lanipiccht's Gcrniancn wären ja längst, ehe sie in die Geschichte 
eintraten, alle Cretins gewesen I) begegnen die AustraJnegcr durch folgende sinn- 
reiche Kombinaiiani den gixiicn Stamm teiluo ne (in Gedanken) in vier Gruppen 
ein; ich bezeichne sie zw Vereinfachung als a, b. e und d. Ein JCnglIng aus der 
Gruppe a iiir( nur ein Müdchcn aus der Gruppe d lidratcu, der niinnliche b nur 
die weibliche c, der minnlichc c nur die weibliche b, der männliche d nur die 
wdblichc a. Die Kinder von a und d bilden wiederum die Gruppe b, die von b 
und c die Gruppe 1, die von e und b die Gruppe d, die von d und a die Gruppe 
c. Ich vereinfache sclir und gebe nur das Gerippe, denn ich fürchte, mein curo- 
pjüsclier Lef«r käme $ontt bald in die Lage, ebenfalls nicht bis ; lihlen zu können. 
Dasi die Rechte des Ilcnens bcdcuicndc Einschiänkungen nach diesem System 
sich gefallen lassen müssen, das kann man nicht leugnen, aber ii^h frage, wie hätte 
ein wissenschaftlich gebildeter Züchter etwas Sinnreicheres erdenken können, um 
den bddea auf strenger Beobachtung fuisenden Grundgesetzen der Züchtung zu 
entsprechen, die da sind; 1. die Roüse ist rdn lu bewahren; 2. andauernde In- 
auchl ist zu vermeidend (siehe Kap. 4). Eine derartige Erscheinung fordert Ehr- 
furcht und Schwdgen. Bei ihrem Anblick schwdgl man auch gern Ober solche 
Konsmikiloncn wie die vorhin genannten aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Wie 
jedoch, wenn man von den so unendlich möhsamen Versuchen dieser guten 
australischen Aruniis den Bück auf Rom wirft und hier aus dem Herten des 
^'"olkes (erst viel spitcr in eherne Tafeln gesetzlich eingcgrabenj die Hdligkdt der 
Ehe, die RecbtUchkdi der Familie, die Frdhdt des Hausherrn inmitten einet ent- 
setzlichen Weh entstehen sieht! 
') Thicrry, Monmisen ac 




Römisches Recht. 



'H 



gleitenden Rückbildungscrschcinungen)?') Ich weiss es nicht. Sicher 
isc aber, dass es vor der römischen keine heilige, würdige und zu- 
gleich praktische Regelung der Ehe- und Familienverhältnisse gab; 
ebensowenig ein rationelles Recht auf sicherer, ausbilduagsfiüiiger 
Grundlage ruhend, und eine den StQrmen einer chaotischen Zeit 
gewachsene staatliche Organisation. Mochte das einfach gezimmerte 
Räderwerk des alten römischen Staates häutig noch unbeholfen arbeiten 
und gründliche Reparaturen erfordern, es war ein prächtiges, zeit- 
and zwcckgemässes Gebäude. Das Recht war dort von Anfang an 
unendlich fein empfunden und gedacht, und seine Beschränkung ent- 
sprach den Verhilknissen. Und gar erst die Familie I Die gab es einzig 
und allein in Rom. und zwar so schön, wie sie die Welt nie wieder ge- 
sehen hati Jeder römische Bürger, gleichviel ob Patrizier oder Plebejer. 



'} Bis vor Kurzem war ts Jchi beliebt, die Bevölkerung Roim als ciac An 
von Pbid nebeneinander lebeodet Völkencharien danusielleii : vou hellenischen 
ßcsiaudicilcn hätte sie ihre Trailiiioncü . von cinukischcn ihre Vcrwaliung, von 
sabinischen ihr Recht, von sameniiischco ihren Geist u, s. v. Rom wire gewisser- 
massco üso ein blouci Wort gen-csen, ein Name, die ffcmcinsame Bncichnung 
fär ein inTcrnitionnlcj Stelldichein. Auch diese Seifenblase, aufgestiegen aus dem 
Gehimscliaum blasser Gciclirten, ist, wie so manche andere, in Mommsen's Hinden 
ccrplalzt. Timsaclicn und Vernunft, beide beweisen die Widersiuniglicii einer 
derartigen Hypoihcie, »die lich bemüht, das Volle, das wie wenig andere seine 
Spiachc, seinen Staat und seine Religion rein und voUutümlich cnt«,-ickclt hat. in 
ein wQstes GecODe einultischer und üabiniicher, Iiellenisdier und leider sogar 
pelasgischer Trümmer lu verwandeln« (Rom. Gach, I, 4^J. Das* aber dicsei durch- 
aus cinhciiliche, eigenartige Volk aus einer ursprünglichen KreUKung verschiedener 
verwandicr Slimmc hervorging, ist sicher und wird von Momnucn selber klar 
entwickelt: er ninintc awei latinische und einen sabellisdicn Stamm an; später trat 
noch jUcihand daeui aber erst, ib der ri3uii;>clie National dunkler fest ausgebildet 
wir, so dass er sich das Freinde awimiliene. Es wäre jedoch lächerlich, »Rom 
darum den Mischviilkcm bei):utih]en« (a. a. O., S. 44I. — Etw.u gan« anders Ist 
es, festzui« teilen, dass die ausserod entlich -.-len, individuellsten Begabungen und die 
stimmigiic Kraft aus Kncuiungcn liervorgchctt; Athen war ein gldniendca Beispiel. 
Rom ein cw>riies, das Italien und Spanien äts Mittelalters weitere, wie es heute 
Preusscn und England sind. (Näberci bringt Kap, 4.) In dieser Beziehung bl 
wohl die hellenische Mythe, die Latioer entstammten einer Verbindung zwischen 
Hercules und einem hypeiborilischcn Mädchen, sehr bemcrkentwett, alt einer jener 
unbegreÜlidien Züge angeborener Weiiheit; wogegen die vcrtwcifcltcu Versuche 
des Dionysius von tiahkamass (der lui Zell von Christi Geburt lebte), die Ab- 
stammung derRimcr von HcUenen luichiuwciscn, 'da sie doch unmdglicb barbarischen 
Cnpmngi sein könnten«, in recht fahrend naiver An icigcn, wie gcfahrUch eine 
Verbindung von |i;rosscr Cclchrsumkeit mit vorgeraaslen Memungen und Vernunft- 
schlauen werden iunnl 



war Herr, ja König in seinem Hause: sein Wille reichte über den 
Tod hinaus durch die unbedingte Freiheit des Tesuerens und die 
HeiLgkeit des TcstamcDts; sein Heim war gegen behördliche Ein- 
mischung durch festere Rechte geschützt als das unsere; im Gegen- 
satz zum semitischen Patriarchat hatte er das Prinzip der Agnation') 
eingefühn und dadurch die ganze Schwiegermutter- und überhaupt 
Weiberwinschaft von vornherein abgeschafft; dagegen wurde die 
mater familias wie eine Königin geehrt, geschätzt, geliebt! Wo sah 
man Ähnliches in der damaligen Welt? Jenseits der Civilisation viel- 
leicht; innerhalb ihrer nirgends. Und darum liebte der Römer seine 
Heimat mit so zäher Liebe und vergoss er für sie sein Herzblut. 
Rom war für ihn die Familie und das Recht, ein ragender Fels der 
Menschenwörde inminen wider Brandung. 

Man glaube doch nicht, dass irgend etwas Grosses auf dieser 
Welt vollbracht werden könne, ohne dass eine rein ideale Kraft mit- 
v^rke. Die Idee allein wird es freilich nicht thun; ein handgreifliches 
Interesse muss ebenfalls dabei sein, und wäre es auch nur, wie bei 
den Glaubensmärtyrern, ein jenseitiges Interesse; ohne ideale Beigabe 
besitzt jedoch der Kampf, bloss um Gewinn, wenig Widerstandskraft; 
höhere Leistungsfähigkeit giebt einzig ein Glaube, und das eben nenne 
ich, ira Gegensatz zum unmittelbaren Interesse des Augenblickes — 
sü es Gelüste, Besitz oder was noch — einen idealen Trieb. Wie 
Dionj'sius von den alten Römern sagt: »Sie dachten gross von 
sich selbst und durften daher nichts ihrer Voreltern Unwürdiges 
thun« (I, £); mit anderen Worten, sie hielten sich ein Ideal von sich 
selbst vor. Ich meine das Wort >IdcaU nicht in dem verkommenen, 
verschwommenen Sinne der romantischen >blauen Blume«, sondern 
in dem Sinne jener Kraft, welche den hellenischen Bildner dazu an- 
trieb, aus dem Steine heraus den Gott zu bilden, und welche den Römer 
lehrte, seine Freiheit, seine Rechte, seine Verbindung mit einem Weibe 
zur Ehe, seine Verbindung mit anderen Männern zu einem Gemein- 
wesen als etwas Heiliges zu betrachten, als das Kostbarste, was das 
Leben schenken kann. Ein FeEs, sagte ich, nicht ein Wölkenkuckucks- 
heim. Als Traum bestand das ja mehr oder weniger bei allen Indo- 
europiiern: die heilige Scheu, den heiligen Ernst treffen wir in ver- 

') Die Familie auf Vaierveiwaiidtscbafi allein beruhend, so tlau nur die Ab- 
swmmnnK von der Vatcrsciic durch Mannspersonen eine rechüiclie Verwandtscliaft 
bc;;rijuJei, daj^egcn niclii die von der Muttcrsciic. Nur eine !a den lichligcn FormcB 
Kcsdilouenc Ehe cneagt Kinder, die lur agnittiitehcn Familie gehfiren. 



Römisches Recht. 



117 



schiedenen Gestaltungen bei alten Mitgliedern dieser Familie an ; die 
hannäckige Kraft der Verwirldichung auf praktischem Gebiete war 
aber Keinem so gegeben, wie dem Römer. — Mao lasse sich nicht 
einreden, dass >R;iuber< die Thaien vollbringen können, welche der 
römische Staat, der Welt zum Heil, vollbrachte. Und wenn man die 
Absurdität einer solchen AufTassung erst eingesehen hat, dann suche 
man tiefer, und man wird linden, dass diese Römer eine civiÜsatoiische 
Macht ohnegleichen waren, und dass sie das nur sein konnten, weil 
sie, neben grossen Fehlern und auffallenden intellektuellen Lücken, 
hohe geistige und sittliche Eigenschaften besasscn. 

Mommscn erzühlt (I, 321) von dem Bündnis zwischen den 
Babyloniem und den Phöniziern, um Griechenland und Italien zu 
unterwerfen, und meint: >[n!i einem Schlag wäre die Freiheit und die 
Civilisation vom Angesicht der Erde vcnilgt gewesen*. Man über- 
lege sich recht, was diese Worte in dem Munde eines Mannes, der 
wie kein zweiter den gesamten Stoff übersieht, bedeuten ; die Freiheit 
und die Civilisation (ich würde eher die Kultur gesagt haben, denn 
wie kann man den Babyloniem und den Phöniziern oder auch den 
Chinesen GviUsadon absprechen?) wären vertilgt, also auf ewig ver- 
nichtet gewesen 1 Und dann nehme man die Bücher zur Hand, die 
eine ausführliche, wissenschaftliche Beschreibung der phönizischen und 
babylonischen Gvilisarion geben, damit man sich klar werde, worauf 
ein Urteil von dieser Tragweite sich gründet. Man wird bald einsehen, 
was eine hellenische »Kolonie« von einer phönizischen >Faktoreic 
unterscheidet; man wird auch bald an dem Unterschied zwischen 
Rom und Karthago erkennen lernen, was das ist, eine ideale Kraft, 
selbst auf dem Gebiete der trockensten, eigensüchtigsten Interessen- 
politik. Wie viel gicbt uns z. B. Jhering zu denken, wenn er (^or- 
geschieku S. 176) uns lehrt, zwischen den >HandeIsstrassen< der Semiten 
und den »Hceresstrassen» der Römer zu unterscheiden: jene dem 
HiUig nach Ausdehnung und Besitz, diese dem Bedürfnis nach Kon- 
zentration und Verteidigung der Heimat entsprungen, Man wird auch 
unterscheiden lernen zwischen authentischen >Räubem<, die nur in- 
sofern civilisieren, als .sie mit beneidenswerter Intelligenz alle praktisch 
verwertbaren Erfindungen aufzugreifen und zu verarbeiten, und bei 
fremden Völkern im Interesse ihres Handels künstliche Bedürfnisse 
grossruzichen verstehen, sonst aber selbst ihren nächsten Stammcs- 
angehörigen jedes menschliche Recht rauben, — die nirgends etwas 
organisieren, ausser Steuern und unbedingte Knechtschaft, die über- 



die StiEjm. 



I^ 



Das Erbe der alten Welt. 




haupt, gleichviel wo sie auch Fuss fassen, niemals ein ginzes Land 
ordnend zu beherrschen tnchten, sondern stets nur auf Handelsobjekte 
fahnden, sonst aber alles so barbarisch lassen, wie es ist: man wird, 
sage ich, von solchen echten Räubern die Römer zu unterscheiden 
lernen, die um den unverrückbaren heimatlichen Mittelpunkt herum 
langsam und notgedrungen, um sich die Segnungen ihrer eigenen Ord- 
ntiQg daheim zu bewahren, ihren ordnenden, klarenden Hlnfluss auch 
nach aussen ausbreiten müssen, niemals eigentlich erobernd (wenn sie 
es vermeiden können), jede Eigenart mit Verehrung schonend, dabei 
aber so vorzüglich organisierend, dass Völker mit der Bitte zu ihnen 
kommen, an dem Segen dieser Ordnung teilnehmen zu dürfen,') ihr 
eigenes vortreffliches »römisches Recht« in liberalster Weise vielen, 
nach und nach immer zahlreicheren zugänglich machend, zugleich die 
verschiedenen fremden Rechte mit Zugrundelegung des römischen zu 
einem allmählich sich klärenden >allgemeinen Weltrecht<') vereinigend: 
das alles ist doch wahrlich kein Räuberhandwerk I Vielmehr haben 
wir darin die Vorarbeiten zu erblicken für die dauernde Einführung 
indoeuropäischer Freiheils- und Civilis aiionsidcale. Mit Recht sagt 
Livius: »Nicht unsere Waffen allein, auch die römische Gesetzgebung 
eroberte uns weithinreichenden Einlluss.* 

Man sieht, die übliche Auffassung Roms, als der erobernden 
Nation par excellenee, ist eine sehr einseilige. Sogar als es sich 
selber untreu geworden oder vielmehr, als das römische Volk eigent- 
lich voD der Erde ganz und gar verschwunden war und nur die 
Idee desselben noch über seinem Grabe schwebte, sogar dann noch 
konnte es von diesem grossen Prinzip seines Lebens nicht weit ab- 

■] Hdcs der IciztcQ Bcupidc sind die Juden« welche mit der flehenden Bitte 
nach Rom kamen (um das JaJir ij, sie von Uircm semiriicliea Königiuni lu erlösen 
und ab römische Provinz aufiunchmeD. Wekhi: Daalibukeir sie dem mild und 
nichsichti); regierenden Rom später bewiesen, ist bekannt. 

■) Über das Eiiiu% sehr unkkr entwicicelte und deüniertc * jus gentium* schreibt 
Hsmareli in seiner Rdmiscktn Rfckttgt:ehichU , j. Aufl., S. i8j : »Dieses Recht ist 
im rdmischcn Sinne weder als dn aus der Verg1eichu»g der bd allen den Römern, 
bekannten Völkern geltenden Reehte gewonnenes Aggregat zufillig gemeinsamer 
Rcchtssätic, noch als ein oi>ickdv bestehendes, vom römischen Staate anerkanntes und 
rexipiectes Kandebrecht, sondern seiner «-esentlichen Substanz nifh als eine dem 
Kerne des römischea Volksbcwusstseins entsprungene Ordnung fCkr 
die intcmalionalcii privatreclitlidicn Buieliungcuauirtirassea.« — InnerlialbdereimelDca 
Linder blieben die Rechtsverbiltnisic von den Römern mögUchst unangetastet, einer 
der übcrra^clicndjlcD Beweise von dem grossen Respekt, den »e (in der Epoche thrCr 
wahren ßtfUe) jeder Ggensn loltten. 



Römisches Recht. 



H9 



weichen: selbst die rohen Soldaten kaiser vermochten es nicht, diese 
Tradition zu brechen. Darum kommt auch der wahre Schlachtenheld 
— als einzelne Erscheinung — unter den Römern gar nicht vor. Ich 
will nicht erst Alexander. Karl XU. oder Kapolcon zum Vergleich 
heranziehen, ich frage aber, ob nicht der eine Hannibai als errindungs- 
reicher, verwegener, eigenmächtiger KricgsfiJrst mehr eigentliche Ge- 
nialitlt an den Tag gelegt hat, als rille römischen Imperatoren zusammen. 

Dass Rom nicht für ein zukünftiges Europa, dass es nicht im 
Interesse einer fern hinreichenden Kulturaufgabe, sondern für ach 
selbst gekämpft hat, das braucht kaum gesagt zu werden; gerade 
dadurch aber, dass es seine eigenen Interessen mit der rücksichtslosen 
Energie eines moralisch starken Volkes verfocht, hat es jene »geistige 
Entwickelung der Menschheit, die auf dem indogermanischen Stamm 
beruht«, vor sicherem Untergang bewahrt. Das sieht man am besten 
in dem entscheidendsten aller seiner Kämpfe, dem mit Karthago. 
Wäre Roms politische Entwickelung nicht bis dahin so streng logisch 
gewesen, hätte es nicht bei Zeiten das Qbrige Italien sich unterordnet 
and diszipliniert, so wäre jener vorhin genannte tötliche Schlag auf 
Freiheit und Civilisation von den verbündeten Asiaten und Puniern 
noch ausgeführt worden. Und wie wenig ein einzelner Held solchen 
weltgeschichtlichen Lagen gegenüber vermag, trotzdem er allein sie 
vielleicht Überblickt, zeigt uns das Schicksal Alexanders, der Tyrus 
vernichtet hatte und gegen Karthago zu ziehen gedachte, bei seinem 
frohen Tode aber nichts hinterliess, als die Erinnerung an sein Genie. 
Das langlebige römische Volk dagegen war jener grossen Aufgabe 
gewachsen, welche es zuletzt in die lapidaren Worte zusammcnfasste: 
delenda est Charlhaga. 

Wie viel hat man nicht über die Vertilgung Karthagos durch 
die Römer gewehklagt und moralisiert, von Polybius bis zu Momrascn I 
Erfrischend wirkt es, wenn man einmal einem Sclirif (stell er begegnet, 
der, wie Bossuet, einfach meldet: »Karthago wurde eingenommen 
und vertilgt von Scipio, der sich hierin würdig seines grossen Ahnen 
erwies«, ohne jede moralische Enirüsmng, ohne die übliche Phrase: 
aller Jammer, der später ober Rom hereinbrach, sei eine Vergeltung 
für diese Misscthat. Ich schreibe nicht eine Geschichte Roms und 
habe folglich auch nicht über die Römer zu Gericht zu sitzen; Eines 
aber ist so klar wie die Sonne am Mittag: wäre das phönizische Volk 
nicht ausgerottet, wären seine Überreste nicht durch die spurlose Ver- 
tilgung seiner letzten Hauptstadt eines Vereinigungspunktes beraubt 



140 



Das Erbe der alten Welt. 



und zum Aufgehen in andere Nationen gez'niiQgeii ^'orden, so hatte 
die Menschheit dieses 19. J;ihrhundert, auf welches wir jetzt, bei aller 
demütigen Anerkennung unserer Schwächen und Narrheiien, doch 
mit Stolz und zu HofTnungcn berechtigt iiuriickblickcn, niemals erlebt. 
Bei der unvergleichlichen Zähigkeit der Semiten hätte die geringste 
Schonung genügt, damit dJe phönizischc Nation wieder entstehe; 
in einem nur halbverbranncen Karthago hätte ihre Lebcnsfackcl 
unter der Asche weiter geglimmt, um, sobald das römische Kaiser- 
reich seiner Auflösung entgegenging, von Neuem hell aufzulodern. 
Mit den Arabern, die unsere Existenz fange arg bedrohten, sind wir 
bis heute noch nicht fertig geworden,') und ihre Schöpfung, der 
Mohammedanismus, bildet ein Hindernis, wie kein zweites, für jeden 
Fonschrin der GviUsation und hängt in Europa, Asien und Afrika 
als Damoklesschwert über unserer mühsam aufstrebenden Kultur; die 
Juden stehen sittlich so hoch über allen anderen Semiten, dass man 
sie kaum mit jenen (von jeher übrigens ihre Erbfeinde) zugleich nennen 



■) Der Ka-mpf, dci in (Icn IcUtcn Jahrtn in Zentialafrika zwischcü dem 
Kongo-Ficistaat uu<l dcu jVnbcin ^^-ütcle (ohne dms er iu Europa viel Bcachtunf; 
gcfunJm baue), Ut ein neues Knpitel in dem alten Krieg zwischen Seniiien und 
ludocuropicm urn liic Wcltlicm^bäft. Em seit etwa }0 Jatuc» sind die AiabL-r 
von der OsikOstc Arrihas aus weit ins Innere und bis nahe an den Ail.intischL'n 
Oiun vorgedrungen; dci bcifihmic Ilamcd bcn Mohammed bcn Juna, genannt 
Tippu-Tib, war lange Zeit uniimschrlnkier Herrscher über ein gewaltiges Reich, 
u-elchc3 fast quer duich ganz Afrika in einer Breite von ctws 30 Grad rc'ichic. 
Zahllose VAlkmcha/ten, die noch Uvingstonc glä<:Icllch und friedliebend angetroffen 
haue, sind inzwischen teils K'ii^^Iich vcrnidiici — da der SWlavcuhandd nach 
aussen der Haupienverb der Araber ist ujid nierttals im Laufe der Geschichte der 
Mcnsdiheit in cinero lotchca Masse betrieben wurde wie in der zweiten HäKte 
des 19. Jahrhunderts — , teils haben die Eingeborenen duf<ii den Kontakt mit den 
scniiiiscbeD licnschem eine merkwflrdigc moraltsthe Umwandlung durchgemadit : 
sie Süd Menschenfresser g<:<^*orden und d.-imit xuglcich aus grossen dLninicn 
Kindern lu wilden Bestien. Bemerkenswert ist es, dass die Araber nichudesio- 
weniger dort, wo sie es lilr lohnend fanden, als getüdele, kennlnisrci>diet hluge 
E^uie glossartige Kulturen angelegt haben, so dass es Teile voin Congo-Fluss- 
Rcbicte giebt« die fast so schön bebaut sein sollen, wie ein cUSuischc» Gut. In 
Kusongo, der Hauptstadt dieser reichen Gegend, fandun die b<I);ischcn Truppen 
grossartigc arabische H^usci mit seidenen Vorhängen, Bettdecken von .-\ths, prächtig 
geschnitzten Möbeln, SUbei^eichärr u, s. w. ; die Ureinwohner dieser selben Gebiete 
waten aber imwischeD blnabgcsuaken id Sklaven und lu Mcnschenlrcssem. Ein 
recht handgreifliches Beispiel des Uniersehivdcs irwisdien civiliiieren und Kultur 
spendenl (Siehe aameoiUcb Dr. Hindc: The fall of tht Congo Arah, 1897, S. 66 ff., 
184 ff. etc.) 



tOmtsches Rech^ 



141 



mag, und doch mösstc man blind oder unelirlich sein, wollte man 
nicln bekennen, dass das Problem des Judentums in unserer Mitte zu 
den schwierigsten und gefährlichsten der Gcgenwan gehört; nun 
denke man sich dazu noch eine phünizische Nation, von frühester 
Zeit an alle Häfen besetzt haltend, allen Handel nionopoHsicrend, im 
Besitze der reichsten Metropole der Welt und einer uralten nationalen 
Religion (gcwisserraassen Juden, die niemals Propheten gekannt hätten) 

■■ — I Es ist kein phantastisches Geschichtsphilosophieren, sondern 

eine objektiv beweisbare Thatsache, dass unter solchen Bedingungen 
das, was wir heute Europa nennen, niemals hätte entstehen können. 
Von Neuem verweise ich auf die gelehrten Werke über die Phönizier, 
vor Allem aber, weil Jedermann zugängUch, auf die meisterhafte 
Zusammenfassung in Mommsen's Römische Geschichte, drittes Buch, 
Kapitel I >Karthago*. Die geistige Unfruchtbarkeit dieses Volkes war 
geradezu entsetzenerregend. Trotzdem das Schicksal die Phönizier zu 
Maklern der Civilisation gemacht, hat sie dies nie dazu angeregt, auch 
nur das Geringste selber zu erfinden; die Civilisation blieb überhaupt 
für sie etv.-as ganz Äusserlichcs; was wir »Kultur« nennen, haben sie 
bis ztiletzt nie geahnt: in den herrlichsten Stoffen gekleidet, von Kunst- 
werken umgeben, im Besitze alles Wissens ihrer Zeit, trieben sie nach 
wie vor Zauberei» brachten Menschenopfer, und lebten in einem solchen 
Pfuhl unnennbarer Laster, dass die verdorbensten Oriemalen sich 
mit Abscheu von ihnen abwandten. Ober ihr Wirken zur Verbreitung 
der Civilisation urteilt Mommsen : »Das haben sie mehr wie der 
Vogel das Samenkorn,') als wie der Ackermann die Saat aus- 
gestreut. Die Kraft, die bildungsfähigen Völker, mit denen sie ach 
berührten, zu civilisieren, und sich zu assimilieren, wie sie die Hellenen 
und selbst die Ttaliker besitzen, fehlt den Phönikcm gänzlich. Im 
Erobeningsgebiet der Römer sind vor der romanischen Zunge die 
iberischen und die keltischen Sprachen verschollen; die Berber Afrikas 
reden heute noch dieselbe Sprache wie zu den Zeiten der Hannos 
and der Barkiden. Aber vor Allem mangelt den Phönikern, wie allen 
aramäischen Nationen im Gegensau zu den indogermanischen, der 
staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke der sich selber regierenden 
Freiheit.€ Wo die Phönizier sich niederliessen, war ihre Verfassung 
im letzten Grunde einfach »ein Kapitalistenregiment, bestehend 



') Jeder Leser weiss wohl, durch welchen auionutischeci ProMSs der Vogel 
unwissend lur Vetbieitung der Pflanivn beiträgt? 



i 



Das Erbe der allen Weil. 



einerseits aus einer besitzlosen, von der Hand in den Mund lebenden 
städtischen Menge (auf dem Lande die unterworfenen, als rechtloses 
Skiavenvicb behandelten Völker), andrerseits aus Grosshändlcm, Plan- 

tagenbcsitzcm und vornehmen Vögten.« Das sind die Menschen, 

das ist der verhängnisvolle Zweig aus der semitischen Verwandtschaft, 
Tor dem wir durch das brutale dclenda est Carthago gerettet worden 
and. Und sollte es wahr sein, dass die Rümer in diesem Falle, mehr 
als sonst bei ihnen üblich, den aiedrigeren Eingebungen der Rache, 
vielleicht sogar der Eifersucht gefolgt sind, so muss ich umsomchr 
die unfehlbare Sicherheit des Instinktes bewundem, welche sie, selbst 
don, wo sie von bösen Leidenschaften verblendet waren, dasjenige 
treffen Ijess, was nur irgend ein kühl berechnender, mit prophetischem 
Blick begabter Politiker zum Heil der Menschheit von ihnen hätte 
fordern müssen.') 

Ein zweites römisches dtlenda liat für die Weltgeschichte eine 
vielleicht ebenso unermessliche Bedeutung: das delenda est Hierosolyma. 
Ohne diese That (weiche wir allerdings den ewig gegen jede Staats- 



») Mommsen, der das ifiniische Verfahren gegen Kanhago streng venirtcüen 
ni mOsseii glaubt, ^eb: doch an einer späieren Siellc (V, 62^) tu, dass weder 
Herrsch- noch Habsucht c» bestimmt habe, londera, meint er, Furcht uod Neid. 
Für die prinzipielle AufTassung der l^ollc Roms ia der Wcligeschichtc ist gerade 
diese Unterscheidung von Wichtigkeit. Kann man inoHttcn dncr Welt, welche 
als Norm für das internationale Hecht einrig die Macht anerkennt, von einem stirkcn 
Volk feststellen, es sei nicht hab^Achtig und nicht herrsch süchtig, so hat man, 
dflnbt mich, seinem sinlichen Chaiakier tin Zeugnis ausgestellt, wodurch es Ober aUc 
xeitgeodssischen Vi^Lker erhaben emporragt. Was die »KvicliK jedoch anbelangt, so 
war sie durchaus berechtigt, und es ist wohl gestatiei, tu meinen, da» der 
römische Senat die Situation richtiger beundli hat, als Mommsen. — Caesar, der 
dgtnmächtige. von dem selbst sein eifriger Freund Celius sagen muss, er opfere 
die Interessen des Staates seinen persönlichen Plänen, baute ja später Karthago 
wieder auf; und was wurde daraus? Die berüchtigteste Lasierhöhle der Welt, in 
der alle, die ihr Schicksal dahin warf, Ri^mei, Griechen. Vaiit^alcn, bb auf du Mark 
der Knochen verkamen ; solche verheerende Znubericraft besass noch, auf der SlACte, 
wo ein halbes Jahrtausend lang phönliische Greuel gewallet hatten, der auf ihm 
lastende Fluchl Dass aus sdncn Lupanarcn ein mlchtiger Schrei der EmpArung 
gegen Alles, wus Civilisalion hiess, hervorging: TertuUIan und Augustinus, das ist das 
Eioiigc, was wir der kurisiehiigen und kurilebigen Schöpfung Caesar's als Verdienst 
anrechnen können. — Zur Charnliterisicrung des 19. Jahihundcns sei dji Urteil 
seines aagebUch grässtca Historikers angeführt Professor Leopold von Kanhe urteilt: 
»Das phäcirischc Element hat durch Handel. Kolonisation und luleUt auch durch Krieg 
daeo doch in der Hauptsache belebenden Einfluss auf den Occidcnt ausgcQbl.« 
((VtUgtschkhu 1, i+j^ 




'45 



Ordnung sich auflehnenden Juden mehr als den langmütigen Kömcm 
zu verdanken haben), hätte das Chnstentum sich schwerlich jemals 
vom Judentum losgerissen, sondern wäre zunächst eine Sekte unter 
Sekten geblieben. Die Gewalt der religiösen Idee halte aber gesiegt, 
das kann gar nicht in Frage gezogen werden: die enorme und zu- 
nehmende Ausbreitung der jüdischen Diaspora vor Christi Zeiten be- 
zeugt es : wir bitten also ein durch christliche Anregung reformiertes, 
»•clibchcrrschcndcs Judentum erhalten.') Vielleicht wendet man dn: 



') Die DiAspora ncnm man die crwdicrtc JAdlsche Gemeinde. Cnpr&nglicb 
ventand man daruntn diejenigen Juden, die et vorj^zagen hanen, aus der baby- 
loniichcn iGcfängcDscharit nicht heimzukehren, weil es ihnen doit viel bcascr 
png, als in ihrer Heimat. Bald war keine wohlhibendc Sudt der Wdt ohne 
jQdisdie GemdoOe ; nichts ist falscher ab die verbreitete VotstclIuDg, eni die Ze^ 
«tArung Jcnisalems liabe die Juden über die W*lt icislitut. In Alexandrien und 
Umgebung alldn leclincic nian unter den ersten römischen Kaiscni eine Million 
Juden, und iclion Kaiser Tibcrius erkannte diesen th eck ratischen StAAt inmitten des 
Reell ts^taatcü für eine grosse Gefahr. Die Diaspora machte eifrig und mii giosscm 
Erfolge Propaganda, wobei die Libcialiiäi, mit der sie Mdoner als >l]albjuden« mit 
Nachsicht der peinlichen Einwrihungsicremonic aufnahmen, ihr sehr zu itatl«a 
Iura; ausicrdeni sprachen noch m.-itencUc Voncile mir, da die fuden ihre Religion 
benutzt hatten, um vom Militärdienst und von einer Reihe anderer listiger, bürgcr- 
licht-r Ptlichten sich frciaprechen zu lassen ; den grAsstcn Erfolg hatten jedoch die 
hebriiS'Chen Missionare bei den Wcibera. Bcmerkenswen ist nun vor allem die 
Thai5achc. dass diese internationale Gemeinde, welche Hebri« und Nichthcbrler 
enthielt und in der alle Schatz erun gen des Glaubens venrctcn waren, vom bigottesten 
Phaiisäenuni bis zur ofTcn höhnenden Irretigion. wie ein Mann zusainincnhicltt 
sobald es um die Privilegien und die Interessen tlcr gemeinsamen JudunsclMfi ging: 
der jüdische Freidenker bitte um nichts in der Werk es versäumt, seinen jAhrlichco 
Beitrag für die Tcmpclopfcr nach Jerusalem einzusenden; Philo, der berühmte 
NcopblonikcT, der an Jihve ebensowealg glaubte, wie an Jupiter, vertrat dennoch 
die jüdische Gemeinde von Alcxaadrien in Rom, lu Gucuten der durch Callgula 
bedrohten Synagogen; Poppaca Sabina, die GcUcble und splter die Gemahlin 
Kero's, keine Hebriejin, über ein eifriges Mitglied der jüdischen Diaspora, unter- 
stäme die Uictcn von Neros Liebling, dem jüdischen Schauspieler Aliiyrus, die 
Sekte der Christen ausiuioeten, und wurde dadurch hAchtt wahrscheinlich die 
moralische Urheberin jener grlithehen Verfolgung des Jahres 6^, bei welcher an- 
geblich auch die Apostel Pcier und Paul ihr Ende finden. Die Thaisadie. dass 
die Romer, die sonst xu jener Zeit Christen von orthodoxen Juden nicht lU trennen 
wussten, sie bei dieser Gelegenheit ganz genau unterschieden, bctrachici Renan 
als endgiUtigc Bestätigung dieser Anklage, die schon im i. Jahrhundert gegen die 
Diaspora erhoben wurde (in TertuUian's ApologeNeta. Kap. X\I t. B, etwas v«p 
Uümt, aber doch deutlich, siehe audi Renan: LAnUtkritt, eh. Vll). Neuere 
zu'ingende Beweise, dass bis lu Domitian, also bis lange nach Neros Tod, die 
R&mer die Christen als jädisüic Sekte betrachicto], tindci nun in Neuroano'a: 



144 



Erbe der alten Weh. 



das sei ja eingetreten, das sei ja unsere chmtUchc Kirche. Gewiss, 
zum Teil ist der lünwand berechtigt; kein gerecht denkender Mann 
wird den Anteil leugnen wollen, der dem Judentum an ihr zufällt. 
Wenn man aber sieht, wie in der frühesten Zeit die Anhänger Christi 
die strenge Befolgung des jüdischen >Gesetzes( fordenen, wie sie 
sogar, ■weniger liberal als die Juden der Diaspora, keine »Heiden« in 
ihre Gemeinschaft aufnahmen, die nicht das allen Semiten gemeinsame 
Mal der circumdsio sich hatten aufdrücken lassen, wenn man die Kämpfe 
bedenkt» die der Apostel Paulus (der Heiden-Apostel) bis an seinen 
Tod gegen die Juden-Christen zu bestehen hatte, und dass selbst noch 
viel späier, in der Offenbarung Johannis (III, 9) er und die Seinen 
geschmäht werden als: sdie aus Satanas Schule, die da sagen, sie sind 
Juden und sind es nicht, sondern lügen«, wenn man die Autoriiät Jeru- 
salems und seines Tempels auch innerhalb des pauünischen Christen- 
tums als einfach unöbcrwindbar weiter bestehen sieht, solange beide 
überhaupt noch standen,'] so kann man nicht bezweifeln, dass die 
Religion der civilisicrten Welt unter dem rein jüdischen Primat der 
Stadt Jerusalem geschmachtet bitte, wäre Jerusalem nicht von den 
Römern vernichtet worden. Ernest Renan, gewiss kein Feind der 
Juden, hat in seinen Origmts du Chriiiianhme (Band IV, Kap. 20) 
in beredten Worten gezeigt, welche »immense Gefahre darin gelegen 
haue.») Schhmmer noch als das Handelsmonopol der Phönizier wäre 
das Rcligionsmonopol der Jaden gewesen; unter dem bleiernen Druck 
dieser geborenen Dogmatikcr und Fanatiker wäre jede Denk- und 
Glaubensfreiheit aus der Welt entsch'RTinden; die platt-materialistische 
Auffassung Gottes wäre unsere Religion, die Rabulistik unsere Philo- 
sophie gewesen. Auch dies ist kein Phaniasiebild, es reden liier nur zu 
viele ThatsachcD ; denn was ist jenes starre, engherzige, geistig be- 
schränkte Dogmattsieren der christlichen Kirche, desgleichen kein 
arisches Volk sich jemals austrSumte, was ist jener alle Jahrhunderte bis 
auf imser 19. hinab schändende blutgierige Fanatismus, jener der Religion 

Utr rdtniiehi Staat und die atlgtmnnt Kirehe OS^) S. J fT. und 14 ff. Dass Tacitus 
genau iwbchcD Juden und Christen unicrs<;kicd, bewein is diucr Sache oScnbar 
gar nichts, da er jo Jahre nacli Neto's Verfolgung schrieb, und d.is Wissen ein« 
spIiCTcn Zeil in seiner CnlliluDg auf die frühere Qbertiug. Siehe auch CLber die 
»jüdische Kfersuchlt Paul Allard: Le Christianirme tl i'Empirt romein it N^tm 
& ThUdott {i897>, eh. I. 

») VcrgL hierüber t. B. Graeti: Voiitlh. Gachiehtt der Jadfit. I, ^jj. 

■) In »einen Dhccurt et Cotißrtnoi, j* ed., p. j jo nennt er die Zerstörung 
Jenitalenu-- >>"t imnumt bonktan. 



Römisches Recht. 



der Liebe von Anfang »a anhaftende FIncb des Hasses, von denen 
Grieche und Römer, Inder und Chinese, Perser und Gcrmane schauernd 
sich abwenden? was denn, wenn nicht der Schatten jenes Tempels, in 
welchem dem Gott des 2ornes und der Riche geopfert wurde, ein 
dunkler Schalten, hingeworfen ober das jugendliche Heldengeschlecht, 
»das aus dem Dunkeln ins Helle strebt«? 

Ohne Rom, das ist sicher, wäre Europa eine blosse Fortsetzung 
des asiatischen Chaos geblieben. Griechenland hat stets nach Asien 
gravitiert, bis Rom es losriss. Dass der Schwerpunkt der Kultur end- 
gültig nach Westen verlegt, dass der semitisch-asiatisclic Bann gebrochen 
und wenigstens teilweise abgeworfen wurde, dass das vorwiegend indo- 
germanische Europa nunmehr das schlagende Hen: und das sinnende 
Hirn der ganzen Menschheit wurde, das ist das Werk Roms. Indem 
dieser Staat sein eigenes praktisches (aber, wie wir sahen, durchaus 
Dicht unideales) Interesse rücksichtslos eigennützig, oft grausam, immer 
hart, selten unedel verfocht, hat es das Haus bereitet, die starke Burg, 
in welchem sich dieses Geschlecht nach langen, ziellosen Wanderungen 
niederiasscn und zum Heil der Menschheit organisieren sollte. 

Zu diesem Werke Roms waren so viele Jahrbundene vonnöteo 
und ein so hoher Grad jenes unfehlbaren, eigensinnii^en Instinktes, 
der das Richtige trifft auch wo es das Unvernünftige scheinen rauss, 
der Gutes schafft selbst dort, wo er Böses will, dass hier nicht das 
fiUchtige Dasein hervorragender Individuen, sondern die widerstands- 
fähige und fast wie eine Naturmacht wirkende Einheiteines hartgcstählten 
Volkes das Richtige und einzig Wirksame war. Darum ist die sogenannte 
»politische Geschichtsschreibung t, diejenige, heisst das, welche aus den 
Biographien vielgenannter M^inncr, den Kricgsannalen und den diplo- 
matischen .-Irchiven das Leben eines Volkes aufzubauen unternimmt, 
für Rom so besonders wenig am Platze; sie verzerrt hier nicht allein, 
sondern das Wcscaillchc enthüllt sie dem Bücke übcrhaupc nicht. 
Denn was wir heute, zurückblickend und philosophierend, als das Amt 
oder als die Aufgabe Roms in der Weltgeschichte auffassen, ist doch 
nichts weiter, als ein Ausdruck für das aus der Vogelschau gewonnene 
Bild des Gesamtcharakters dieses Volkes. Und da müssen wir wohl 
sagen, die Politik Roms bewegt sich in einer geraden und — wie 
spätere Zeiten gezeigt haben — durchaus richtigen Linie, so lange 
ae nicht von fachmässigen Politikern getrieben wird. Die Periode um 
Caesar herum ist die verworrenste und unheilvollste; jetzt starb beides: 
Volk und Instinkt; das Werk blieb aber einstweilen bestehen und, in 

Cbnhvriaii, GniDlltgta d« XnC. J*bibud*ru. lO 



Das Etbe der allen Wrlt. 






ihm verkörpert, die Idee des Werken, doch Dirgends als Formel heraus- 
schilbar und für künftige Handlungen eine Nomi, und zwar darum 
nicht, weil da« Werk nicht ein vernünftiges, überlegtes, bewusstcs, 
sondern ein unbewusstes, aus Not vollbrachtes gewesen war. 

Nach dem Untergang ics echten römischen Volkes lebte nun 
diese Idee ■ — die Idee des römischen Staates — in den Hirnen ver- 
schiedener einzelner zu Macht berufener Männer sehr verschieden 
wieder auf. AuguHtus z. B. scheint wirklich der Meinung gewesen 
2U sein, dass er die römische Republik wieder hergeitclh habe, sonst 
würde Horaz sich sicher nicht gcsuttet haben, ihn dafür zu loben. 
Tiberius, der die schon früher bestrafte Beleidigung der Majestät des 
römischen Volkes (das crimen majrstatis) zu dem Begriff eines ganz 
neuen Verbrechens, der MajeMätsbelcidigung seiner caesarischen Person 
amwandehe, machte hiermit einen gewaltigen Schritt weiter auf dem 
Wege zur Verflüchtigung des thauächlichen, durch das Volk Roms 
erschaffenen freien Staates zu einer blossen Idee, — (einen Schritt, von 
dem wir im 19. Jahrhundert noch nicht zuräckgekommen sind). So 
fest sass aber dennoch in allen Her2en der römische Gedanke, dass ein 
Nero sich selbst tötete, weil der Senat ihn als »Feind der Republik* ge- 
brandmarkt hane. Bald jedoch fand sich die stol;;c Pacri^iervcrsammlung 
Minncm gegenüber, die vor dem magischen Woric senalus pcpulus- 
que romanus nicht erblasstcn: die Soldaten wählten den Träger des 
römischen Imperiums; es währte nicht lange und die Römer, sowie 
überhaupt die Italcr, waren auf ewig von dieser Würde ausgeschlossen: 
Spanier, Gallier, Afrikaner, Syrier, Goten, Araber, Illjrier folgten 
einander; nicht Hner wahischeintich war auch nur entfernt mit jenen 
Männern verwandt, die mit sicherem Instinkte den römischen Staat 
geschaffen. Und doch, die Idee lebte weiter. In dem Spanier Trajan 
erreichte sie sogar einen Höhepunkt des Glanzes und wirkte unter ihm 
und seinen unmittelbaren Nachfolgern so nachdrücklich im Sinne einer 
ordnenden, civilisicrcndcn Macht, die nur dort erobernd sich ausdehnt, 
wo die Konsolidierung des Friedens es unbedingt erheischt, dass man 
woht sagen kann, während des antoninischen Jahrhunderts sei der 
römische Weligedankc — der im früheren Volke nur als Trieb, nicht 
als Absicht gelebt hatte — zum Be\fc'usstseJn seiner selbst gekommen, 
und zwar in einer Art, wie das nur im Geiste edcldenkender Aus- 
länder möglich war, die sich einem Fremden gegenüber fanden, 
welches sie nunmehr mit voller Objektivität auffassten, um es mit 
Treue und Verstand ins Werk zu setzen. Für alle Zukunft hatte 



Römisches RediL 



»47 



diese Zeit einen grossen Einfiuss; wo immer in edler Absiebt an die 
Idee eines römischen Reiches später amgekoüpft wurde, geschab es 
forur unter dem Eindruck und in Nachahmung von Trajan, Hadrian, 
Antoninus Pius und Marc Aurel. Und doch liegt eine eigcntümHche 
Scelcnlosigkeit in dieser ganzen Periode. Es waltet hier die Herrschaft 
des Verstandes, das Herz schweigt; der leidenschaftslose Mechanismus 
greift bis in die Seele hinein, die nicht aus Liebe, sondern aus 
Vernunft das Rechte thut: Marc Aurel's »Selbstgespräche« sind das 
Spiegelbild dieser Geistes Verfassung, Faustina's, seiner Gemahlin, sinn- 
liche Verirrungen die unausbleibliche Reaktion. Die Wurzel Roms, 
die leidenschaftliche Liebe der Familie, des Heims, war ausgerottet; 
nicht einmal das berühmte Gesetz gegen die Junggesellen, mit Prätnien 
filr Kindererzeugung (Lex Julia et Papia Poppaea), hatte die Ehe 
wieder beliebt machen können. Wo das Herz nicht gebietet, ist 
nichts von Bestand. Und nun crgrificn andere Ausländer die Gewalt, 
diesmal freilich leidenschaftsvolle, aber ohne Verstand, afrikanische 
Mestizen, Soldatenkaiser, die in dem römischen Suate vor allem eine 
riesige W'cltkaserne erbtickten und nicht begriiTen, warum gerade Rom 
das permanente Hauptquartier sein sollte. Gleich der zweite von ihnen, 
Caracalla, verlieh das römische Bürgerrecht an sSmttiche Einwohner 
des Reiches: hierdurch hörte Rom auf, Rom zu sein. Genau tausend 
Jahre lang hatten die Bürger Roms (denen nach und nach auch die 
der übrigen Städte Italiens und anderer besonders verdienter Städte 
gleichgestellt worden waren) gewisse Vorrechte genossen, sie hatten 
sie aber durch die La.st der Verantwortlichkeit, sowie durch rastlose, 
unvergleichlich erfolgreiche, harte Arbeit verdient; von nun an war 
Rom überall, das heisst nirgends. Wo der Kaiser sich gerade befand, 
da war der Mittelpunkt des römischen Reiches. Diocietian verlegte 
denn auch seine Residenz nach Sirmium, Konstantin nach Byzinz, 
und selbst als ein getrenntes ■ weströmisches Reich« später entstand, 
war die Kaisersiadt Ravenna oder Mailand, Paris, Aachen, Wien, nie 
mehr Rom. Die Verleihung des Bürgerrechtes an alle hatte noch 
eine zweite Folge: es gab nun überhaupt gar keine Bürger mehr. 
Man hat Caracalla, die mörderische, pscudopunische Bestie, für seine 
Thai früher gepriesen, es kommt sogar heute noch vor (siehe Leopold 
von Ranke, IVtligrschkhte 11, 195); in Wahrheit hane er, indem er 
den letzten Faden der historischen Tradition, mit anderen Wonen 
der geschichtlichen Wahrheit zerschnin, auch die letzte Spur jener 
Freiheit vertilgt, deren unbändige, aufopferungsvolle, durch und durch 

10» 



ideale Krift die Stadt Rom und mit ihr Europa geschaffco hane. Das 
politische Recht war freilich nunmehr für alle gleich geworden; es 
war die Gleichheit der absoluten Rechtlosigkeit- Das Wort ems 
(Bürger) wich jetzt dem Ausdruck stibjtctus (Unterthan) : umso be- 
merkenswerter, als allen Zweigen der Indocuropäcr der Begriff des 
Unterthanenseins ebenso fremd war, wie der des Grossküniptums, so 
dass wr schon in dieser einen Umwandlung des Rechtsbegriffes den 
unwiderlegbaren Beweis semitischen Einflusses besitzen (nach Leist: 
Gräcoitaliiehe Rechtsguchiehte, S. io6 u. ro8). Der römische Gedanke 
bestand allerdings noch immer, er hatte sich aber in einer einzigen 
Person, dem Kaiser konÄcntricrt — oder, wenn man will, sich in 
sie verflüchtigt \ die Privilegien Roms und ihre Machtvollkommen- 
heiten waren nicht etwa aus der Welt entschwunden, sie waren 
aber alle auf einen einzigen Mann übergegangen ; das ist der Ver- 
lauf von Augustus bis Dioclctian und Konstantin. Der erste Caesar 
hatte sich begnügt, alle wichtigsten Staatsämier in seinen Händen xu 
vereinen'), und das war ihm nur zu einem bestimmten, zeitlich be- 
schränkten Zweck bewilligt woidcn, zur Wiederherstellung der recht- 
lichen Ordnung in der civilisicrtcn Welt (restauraäo orbis); innerhalb 
dreier Jahrhunderte war man nun auf diesem Wege dahin gekommen, 
nicht allein alle Ämter, sondern auch alle Rechte sämiÜchcr Bürger 
einem einzigen zu verleihen. Wie schon in frühen Zeiten [bei dem 
ersten Nachfolger des Augustus) die Majestät vom Volk auf den Einen 
übergegangen war, so ging nach und nach alle und jede Gewalt, alles 
und jedes Recht auf ihn über. Augusms hatte noch, wie jeder andere 
Bürger, in den Komitien seine Stimme abgegeben; jetzt sitzt auf dem 
Thron ein Monarch, dem man nur aufdenKnieen lanbetendc nahen 
darf, und vor ihm sind alle Menschen gleich, denn alle, vom ersten Staats- 
mioister bis zum letzten Bauern, sind seine üntcrthanen. Und während 
so der >Grosskönig< und mit ihm alles, was zu seinem Hofe gehöne, 
an Reichtum und Würden immer höher stieg, sanken alle übrigea 



■) Augustus war mgleieh: i. Prinetfi, du tieisst erster Bürger, dimals 
e^emlich nur ein Ehrcmlicl. i. Imperator, oberster Kncf;shen, j. lebenslänglicher 
Vollestribun, 4. P&ntißx maximus, Ais hodiste rclif^dse, von jeher lebenslängliche 
Anic, $. iwar nicht Icbeasbn glich ei Cortiui, doch im daucmdcn Bcsiir der kon- 
sularischen Gewalt. 6. doglvichCQ der proköiuul^isclicu, wcUhe die RegieniDg 
sijdtlichcr Provinzen umfasste^ ?■ dcs((leichai der ceniorischen. welctie die Sitten- 
kontrglle und die Befugiüs. Senatoren, lUttcr u. s. w. lu cmcnnto. aad su kasiiereo, 
umfiun«. 




Römisches Recht- 



149 



immer defcr: der Bürger daific sich nicht einaul seinen Beruf mehr 
wählen, der Bauer, früher freier Besitzer seines Erbgutes, war Leib- 
eigener eines Herrn und an die Scholle gebunden ; der Tod jedoch 
löst alle Bande, und es kam ein Tag, wo die Steuereinnehmer die 
ehedem blühendsten Gegenden des Reiches in ihren Berichten auf- 
fahren mussten als agri deserti. 

Es ist nicht meine Absicht, die Idee des römischen Staates hier 
historisch weiter zu verfolgen; Einiges wird in einem späteren Kapitel 
noch darüber zu sagen sein; ich begnüge mich, daran zu eriDnero, 
dass ein römisches Reich — dem Begriffe nach eine unmittelbare Fort- 
set:£ung Ais alten — bis :{um f>. August t8o6 zu Recht bestand, und 
dass das allerütcsic, schon von Numa bekleidete römische Ami, das 
des Portti/ex maximtts, noch beute besteht; das I^psttum ist das 
letzte Brucksiücli der uralten heidnischen Welt, welches sich bis in 
die Gegenwart lebendig erhalten hat.') Wenn ich aber Allbekanntes 
zusammenfassend andeutete, so geschah es in der Hoffnung, dass ich 
die eigentümlich verwickelte Form der poliiischen Erbschaft, die 
unser Jahrhundert von Rom übernahm, hierdurch lebhafter und an- 
regender entwickeln könnte, als durch theoretische Auseinander- 
setzungen. Hier, wie in den anderen Teilen dieses Buches, handelt 
CS sich nicht um gelehrte Betrachtungen, diese findet man in Ge- 
schichten des Staatsrechtes, sondern um atlgcmeinc Einsichten, die 
Jedem zugänglich und auch für Jeden förderlich sind. Tn rein po- 
litischer Hinsicht erbten wir nun von Rom nicht eine einfache 
Idee, nicht einmal etwas so Einfaches, wie das, was z. B. in dem 
Wort ihcllcnische Kunst«, wie reichhaltig das Wort auch sein mag, 
zusammen gefasst wird, sondern wir erbten ein merkwürdiges Gemisch 
von allerrealstem Besitz: Civilisation, Recht, Organisation, Verwaltung 
u. s. w., und zugleich von unfassbaren und dennoch übermächtigen 
Ideen, von Begritfen, denen kein Mensch beikommen kann und die 
oichtsdestoweniger, zum Guten und zum Schlimmen, auch heute 
noch unser Öffentliches Leben beeinflussen. Sicherlich können wir 
unser eigenes Jahrhundert nicht gründlich und kritisch begreifen, wenn 
wir nicht über diese doppelte politische Erbschaft klare Vorstellungen 
besitzen. 

Nachdem wir also jeut das im engeren Sinn Politische be- 
sprochen haben, werfen wir nun einen Blick auf das aJlgemcin Suats- 



SoMUnAtr 

IkhM EA». 



■] UierCber Ausftlhrliclici im 7. Kapitel 



i 



ISO 



Das Erbe der alten Welt. 



rechtliche und Ideelle, ebc wir zu der BetrachtuDg des Prlvatrecbtes 
Obergehen. 

So lange Rom positiv schöpferisch wirksam war — über ein 
halbes Jihriau.stnd bis zu Caesar, und dann noch über ein Jahrhundert 
in der Agonie') — könnie es uns als gänzlich ideenlos erscheinen; 
es schafft nur, es denkt nicht. Es schafTt Europa, und es vernichtet, 
so weit möglich, die nichsteD und gcföbrlichsicn Feinde Europas. 
Das ist die positive Erbschaft dieser Zeit. Auch die Lünder, die Rom 
niemals unterjocht hat, wie z. B. der grössic Teil Gcrmaniens, haben 
doch alle Keime st2allichcr Ordnung — als Grundbedingung jeder 
Civilisation — von ihm empfangen. Unsere Sprachen zeigen noch 
heute, wie alle Verwaltung auf römische Belehrung oder Anregung 
zurückgeht. Wir leben heute in so fest geordneten Zuständen, dass 
wir ims kaum vorstellen können, es sei jemals anders gewesen ; nicht 
ein Mensch von zehntausend unter uns hat die blasseste Vorstellung 
von der Organisation der Suatsma.«hine; alles dünkt uns notwendig 
und angeboren : das Recht, die Moral, die Religion, im Grunde auch 
der Staat. Und doch war der geordnete, feste, und zugleich freier 
Menschen würdige Staat — die gesamte Geschichte der Menschheit 
beweist CS — das schwierigste aller Werke zu erfinden und durch- 
zuführen ; die herrlichste Religion hane man in Indien, eine vollendete 
Kunst in Athen, erstaunliche Civilisation in Babylonien, alles, ohne dass 
es gelungen wäre, einen freien und zugleich stabilen, rechtliche Zu« 
stiode verbürgcndeo Staat zu gründen; für diese Hcraklcsarbcit reichte 
Dicht ein einzelner Held, nur ein ganzes Volk von Helden konnte 
sie vollbringen, ein jeder stark genug zum Befehlen, ein jeder stolz 
genug zum Gehorchen, alle einig im Wollen, ein jeder sein eigenes 
persönliches Recht verfechtend. Lese ich römische Geschichte, so 
muss ich schludernd mich abwenden; betrachte ich die zwei unver- 
gleichlichen Schöpfungen dieses Volkes, den geordneten Staat und 
das Privatrecht, so kann ich nur in stummer Verehrung mich vor 
einer solchen geistigen Grösse verneigen. 

Dieses Heldcnvolk jedoch starb aus, und nach seinem gänzlichen 
Erlöschen kam. wie wir sahen, eine zweite Periode römischer Politik. 
Fremde Herrscher regicncn und fremde Recht.«gclehrie bemächtigten 
sich, wie des unvergleichlichen, lebendig gewachsenen Privatrechts 



■) Der ErUts des Eiietnm ptTpftuum durch Hatlriao bt viellekbi die letzte 
grosse schöpferische Wohtthst? 



(das sie in Spiiinu thaten in der weisen Einsteht, dsss es nunroebr 
nicht weiter sich vervollkommnen liess, sondern höchstens hätte ent- 
arten können), so auch des öffentlichen Rechtes und des Staatsrechtes. 
Diese Ratgeber der Krone waren zumeist Kletnasiaten, Griechen und 
Semiten, also die anerkannten Meister in der Handhabung abstrakter 
Gedankendinge und juristischen Tüfteleien. Und nua entstand eine 
Aufiässung des römischen Staates, in der nichts gatiz neu erfunden, 
das Meiste aber umgcdeucet, zu Prinzipien subümiert und dann zu 
stairen Dogmen krystallisiert wurde. Der Vorgang ist dem im Ab- 
schnitt über hellenische Kunst und Philosophie beschriebenen sehr 
analog. Die römische Republik war ein lebendiger Organismus ge- 
wesen, an dem das Volk ununterbrochen arbeitete und änderte; nieinals 
war die formale Frage nach leitenden >Prinzipien< aufgetaucht, nie 
hatte der gegenwärtige Augenblick die Zukunft bannen wollen. Das 
ging sogar so weit, dass die höchsten Gcrichtsbeamten, die Prätoren, 
auf ein Jahr ernannt, beim Antritt ihres Amtes, ein jeder ein so- 
genanntes iprätorisches EdiCK crtiess, in welchem er die Grundsätze 
kundmachte, welchen er in der Rechtspflege zu folgen gedachte; da- 
durch war CS möglich gewesen, wechselnden Zeiten und Umständen 
gerecht zu werden. Und in ähnlicher Weise war in diesem Staate 
alles elastisch, blieb alles in Fühlung mit den Bedürfnissen des Lebens. 
Genau aber wie die poetischen F.ingebungen der griechischen Philo- 
sophen und ihre mystischen Deutungen des Unerkennbaren im hcUeno- 
seniitischen Alexandrien zu Glaubensdognien umgearbeitet wurden, so 
wurden auch hier Staat und Recht zu Dogmen, und ungefähr durch 
die selben Leute. Diese Dogmen erbten wir, und es ist fOr uns nicht 
unwichtig, zu wissen, woher sie kommen und wie äe entstanden. 
Ein Beispiel. Unser Begriff des Monarchen stammt weder von 
den Germanen, noch von den orientalischen Despoten, sondern von den 
gelehrten Juristen, die im Dienste des illyrischen Schafhirten Diocletian, 
des illyrischen Kindtrhirten Galcrius, des illyriscben Schweinehirten 
Maximinus u. s, w. standen, und ist eine direkte Parodie — wenn 
ich die Wahrheit reden darf — der grös&ten römisclien Staatsgedanken. 
»Der Staatsbegriff der Römer«, schreibt Mommsen, »beruht auf 
der idealen Übertragung der Handlungsfähigkeit des Jünzeincn auf 
die Gesamtheit, die Bürgerschaft, den populns, und auf der Unter- 
ordnung des Einzelwillens aller der Gesamtheit angehörigen, 
physischen Personen unter diesen Gesamtwillen. Die Aufhebung der 
iudividuelleu Selbständigkeit gegenüber dem Gesamtwillen ist das 



II» 



)is Erbe der alten 



Kriterium der staatlichen GemcinschafttJ) Um sich vorzustellen, was 
CS mit dieser >Obcrtragung<, mit dieser >Aufhebung der individuellca 
Selbständigkeit* auf sich hat, muss man sich die unbändige individuelle 
Frciheitslicbc des einzelnen Römers ins Gedächtnis zurflcknifen. Von 
dem ältesten rechtlichen Monument der Römer, den berühmten zwölf 
ehenien Tafeln (450 vor Chr.) sagt Esmarch: >Was zum ptilg- 
nancesicn Ausdruck darin kommt, sind die Gewährleistungen dcc 
privatrechtlichen Selbstherrtichkeit der römischen Bürgcrc, >] und als 
350 Jahre spälter das erste ausführliche Rechtssystem in schriftlicher 
Form verfassi wurde, da hatten alle Stürme der Zwischenzeit in diesem 
einen Punkte keinen Unterschied veranlasst.?) Als freier, >selbschen^ 
licher« Mann übertragt also der Römer an den Gcsamtwitlen, dessen 
selbstthätiges Glied er ist, so viel von seiner Freiheit, als zur Ver- 
teidigung dieser Freiheit vonnöten ist. »Der Gesamtwille ist nun an 
sich, wenn es gestattet ist, einen Ausdruck des römischen Privatrechts 
daratif anzuwenden, eine staatsrechtliche Fiktion. Thatsäcblich wird 
dafilr Vertretung erfordert. Als Willenshandlung der Gesamtheit gilc 
suaisrechtlich diejenige eines in dem bestimmten Fall für sie ein- 
cretenden Mannes. Immer ist die staatliche Willenshandlung in Rom 
die Handlung eines einzelnen Mannes, da das Wollen und Handeln 
an sich unteilbar ist; Gemeindehandlung durch Majoritäts- 
beschluss ist nach römischer Auffassung ein Widerspruch 
im Bcisatz.c In jedem Satz dieses römischen Staatsrechtes sieht 
man ein Volk von starken, freien Männern; die Vcnrctung der ge- 
meinsamen Sache, d. h. des Staates, wird einzelnen Männern (Konsuln, 
Prätoren, Censoren u. s. w.) auf bestimmte Zeit anvertaut, sie haben 
dabei grösstc Vollmacht und tragen volle Verantwortlichkeit. Im Not- 
fälle gebt diese Vollmachtsencilung so weit, dass sich die Borger einen 
Diktator ernennen; altes im Interesse des Gemeinwesens und damit 
die Freiheit eines Jeden unverletzt bleibe. — Die späteren Kaiser nun, 
oder vielmehr ihre Ratgeber, haben nicht etwa diesen Stiatsbegriö 
uragestossen; nein, auf ihn haben sie die monarchische Allgewalt 
rechtlich gegründet, was in der Geschichte der Welt noch nie* 
mals geschehen war. Anderwärts hatten einige Despoten als Göner* 



*) Ich dticre nach il>cr gekürzten Ausgabe its Hünüschea Suatsrechics in 
Bbdlng's Systemaliuhti HanJbutk der deultclifn RtchUwiattucfia/l S. Si E. 

*i Romifeke Richhgttckichte, }. Aufl,, S. Ji8. 

J) Allerdings bildeten gewisse Beschränkung«) der Freihdt des Tesdciens. 
ein eriUrs Aasadiun liüiiiti]}« Zvitvn. 



Römisches Rechi. 



>» 



söhne regiert, wie z. B. die ägypiischen und heute noch die japanischen, 
einige, früher und noi:h heute, als Vertreter Goiies, ich nenne nur 
die jüdischen Könige und die Kaufen, wieder andere durch das so- 
genannte jui glaäii, das Recht des Schwertes. Dagegen gründeten 
die Soldaten, die sich des weiland römischen Reiches bemächtigt hatten, 
ihre Ansprüche, als absolute Autokraten zu herrschen, auf das römische 
Staatsrecht! Kicht wie ein griechischer Tyrann hätten sie die Gewalt 
usurpien und die rechtmässige Ordnung gescQrzt; im Gegenteil, der 
allgewaltige Monarch sei die Blüte, die Vollendung der ganzen recht- 
lichen Entwickelung Roms: das hanen die orientalischen Rccbislchrcr 
hcrausgeklügelt. Mit Hilfe der soeben erläutenen Übenragungs- 
thcorie war das Taschenkunststück vollbracht worden und zwar 
(den Hauptlinien nach) folge ndermassen. Eine der Tragsäulen des 
römischen Staatsrechtes ist, dass keine Verordnimg Gesetzeskraft hat, 
wenn sie nicht vom Volke genehmigt wird. Unter den ersten 
Kaisern bleibt auch in dieser Beziehung der Schein bcwahn. Nach 
Caracall.1 war aber »Rom« die ganze ci\'ilisterie Welt geworden. Und 
da wurden alle Rechte des Volkes zur Mitwirkung bei der Erlassung 
neuer Gesetze u. s. w. an den Senat >Qbenragen(. Es heisst im 
Corpus juris: >Da das römische Volk dermassen angewachsen ist, 
dass es schwer wäre, es an einem Ort zusammen unberufen behufs 
BesTitiguDg der Gesetze, wurde es für gerecht erachtet, den Senat 
an Stelle des Volkes zu befragen.« Wie wir heute von einem Vi«- 
könig reden, so hiess der Senat nunmehr mm popuH. War auch die 
Zustimmung des Senats ebenfalls eine reine Formsache geworden, 
einmal im Besitze eines so schönen abstrakten Prinzips, konnte man 
nicht auf halbem Wege stehen bleiben; und darum heisst es dann 
auch weiter: >Aber auch das, was dem Fürsten anzuordnen gefallt, 
hat Gesetzeskraft, denn das Volk hat ihm seine ganze Machtfülle und 
olle seine Rechte übertragen.« ') Wir haben also hier die streng 
rechtliche Ableitung einer absoluten Monarchie, und zwar wie sie 

') § S und 6 J. dt jurt naturaH l, 3. Die Ictitrn Worte dts iweittm 
AiUEUfEcs liabc ich ciaigcrroaMcn frei ühcnctccn mäuvn- Es hcistt im Origiaal: 
omnt luum imptrium tt poUttütem; wie schwer et in, ilicse Worte im genauen 
jurifltlacbcn SLanc des jJtcn Roms wie<i«r<u)ticbcn, katui luaa bd Moumsca schco, 
S. Sj. Dis impeniim heisst uispidnglich >die Kundgebung des Gerne indewllleas < ; 
daher der TrSigcr diencs abioluien Gemeinde«- illctu iinftrator tiicia; buchrinklci 
und mehr das Gebiet des I'rivaucchis bezeichnend ist das Won pcttttoi. DjIict 
abersetne ich «lurch MachtfOUe und Rcchtt und gUubt damit den Sinn gcira^ea 
SD habai. 



1S4 



Das Erbe der alten Welt. 



gewiss einzig aus der römischen Verfassung — mit ihrer Ablehnung 
des MajorLtitsprinzips und mit ihrem System, Vollmachten an einzelne 
Männer zu übertragen — entwickelt werden konnte.') Und dieses 
römische »Principati (wie man es nennt, den Titel König hat kein 
Caesar getragen) bildet bis zum heutigen Tage die Grundlage alles 
europäischen Königtums! Durch die Einführung des Konstitutiorults* 
mus, noch mehr durch die Handhabung des Rechtes, findet allerdings 
in vielen Ländern jetzt eine Bewegung statt, zurück auf den freiheitlichen 
Standpunkt der alten Römer; prinzipiell ist aber der Monarch überall 
noch das, was die RechtsauioritStcn des verfallenen römischen Staates 
atis ihm gemacht hatten, ein Gebilde, heisst das. welches dem wahren 
Geist des echten Kömertums direkt widerspricht. Die Armee ist bei 
uns heute noch immer nicht das Volkshecr, das seine Heimat ver- 
teidigt, sondern sie ist überall (selbst in England) des Königs Armee; 
die Beamten sind nicht Erwählte und Bevollmüchügte des Gesamt- 
willcDS, sondern Diener des Königs u. s. w., u. s. w. Das ist alle* 
römisch, aber, wie gesagt, römisches aus der Rinder-, Schaf- und 
Schweinehirtenzeit. Ich kann das leider hier nicht näher ausführen, 
verweise aber zur Bestätigung auf die klassischen Werke von Savigny: 
Gacftichte äei römischen Rechtes im MitUlaUtr, und Sybcl : Entstehung 
des deutschen Königtums, sowie auch auf Schulte: Deiüiche Reichs- und 
Rechtsgeschichte. Überall bei uns ist die absolute Monarchie erst 
durch die Berührung mit dem römischen Reich entstanden. Überall 
hatten frßhcr die germanisclien Könige beschränkte Rechte; die Maje* 
stäisbelcidigung (dieser Prüfstein) wurde entweder gar ntchi als Ver- 
brechen anerkannt oder durch ein einfaches >Wchrgcld< bestraft 
(Sybcl, 2. Aufl., S. 352); die Ernennimg der Grafen als Beamte des 
Königs kommt erst nach der Eroberung römischer Länder vor, ja, 
es giebl eine lange Zeit, wo die germanischen Könige grossere Rechte 
gegen ihre römischen Unterthanen, als gegen ihre freien Franken 

besitzen (SavJgny !, Kap. IV, Abt. 3}. — Vor Allem ist der 

Begriff eines Unterthanen, des römischen subjectiis, eine uns noch 
fest anhaftende Erbschaft, die uns recht deutlich empfinden lassen 
müssie, was uns noch alles mit dem römischen Reiche in der Zeit 
seines Verfalles verknüpft, und was uns noch alles von dem echten 
Heldeni'olk der Römer scheidet. 



'I AU nicht unwichtig sei nebenbei bcmcrkcti dau eine RcgieniDg durch 
MajoritSubeichlQue ebauo wenig hellenisch und gennanitch, wie rftmisch war (wo* 
idber lunMOtlkb Löst: Griahitaiitcht HttkligtxitidiU S. 139, 133 ff., 717), 



Hiennit will ich aber keineswegs tendenziös moralisieren. Die 
alcrömischcn Regicningsformcn wären für neue Verhilinissc und neue 
Menschen nicht verwendbar gewesen, reichten sie doch schon für 
das erweiterte Rom niclil mehr am. Dazu war das Christentum ge- 
kommen, und mit ihm die Abschaffung der Sklaverei ein offenbares 
Gebot geworden. Das alles machte ein starkes Königtum nötig. Ohne 
die Könige wSrc das Sklaventum niemals in Europa abgeschafft worden, 
nie hätte der Adel seine Sklaven freigegeben, vielmehr machte er die 
freigeborenen Männer zu Leibeigenen. Das Bistarken des Königtums 
ist seit lausend jähren überall eine Vorbcilingung für da.s Erstarken 
geordneter gesellschaftlicher Verhältnisse und bürgerlicher Freilieit ge- 
wescD, und auch heute würde vielleicht in keinem einzigen Lande 
Europas ein ganz freies Plebiscit eine andere Regierungsform denn 
die monarchische als Gesamtwiilen kundgeben. Immer klarer erfasst 
auch das öffentliche Bewussisein durch die trügerischen Umhüllungen 
hindurch, welche Rabulisten und Sophisten ihm umhingen, den echten 
Rechtsgehalt des Königiumes, nämlich die alte römische AuflEissung 
des obersten Staatsbeamten, vermehrt jedoch um ein Element, welches 
die Juristen ein >sacrales< nennen, und welches einen nicht unpassen- 
den mystischen Ausdruck in den Wonen ftndct: von Gottes Gnaden. 
Manches was wr in unserem lieben neunzehnten Jahrhunden um uns 
her beobachteten, berechtigt wohl zur Überzeugung, dass wir ohne 
Königtum und ohne eine besondere Gnade Genes uns noch heute nicht 
zu regieren verstehen würden. Dazu gehörten vielleicht nicht allein 
die Tugenden der Römer, sondern auch ihre Mängel, vor allein ihre 
flbergrosse geistige Nüchternheit. 

Wie dem auch sei, man sieht, das von Rom auf uris über- 
kommenc poUtische und staatsrechtliche Erbe bildet eine ziemlich ver- 
wickelte und verworrene Masse, und zwar hauptsächUch aus zwei 
Gründen : erstens, weil Rom anstatt wie Athen kurü zu blühen und 
dann ganz zu verschwinden, 2500 Jahre lang bestand, zunächst als 
weh beherrsch ender Staat, später als mächtige Suatsidee. wodurch die 
Einheit des Impulses sich in eine ganze Reihe ron Ansiössen auflöste, 
die sich häufig gegenseitig aufhoben; zweitens, weil das Werk eines 
unvergleichlich thatkräftigcn, indoeuropäischen Volkes später von den 
subtilsten Geistern der westasiatischen Mischvölker bearbeitet und ge- 
handhabt wurde, was abermals die Einheit des Charakters verwischte. 

Ich hoffe, meine spärlichen Andeutungen über ungemein ver- 
wickelte weltgeschichtliche Verbälttiisse werden genügt haben, um 



Das Erbe der altm Weh. 



dem Leser als Richtungspfeile zu dienen. Damit man klar denke und 
deutlich vorstelle, ist es vor Allem nötig, richtig zu trennen und richtig 
zu verbinden. Das wir mein Bestreben; darauf mussie ich mich be- 
schrioken. 



JmtnUeW 
Tccbnik. 



Neben dieser mehr oder weniger unbewusst fortgeführten Erb- 
schaft besitzen wir Europäer ein Vermächtnis Roms, das wie kein 
zweites aus dem Altcrnim zu einem wesentlichen Bestandteil unseres 
Lebens und unserer Wissenschaft geworden ist : das römische Recht. 
Darunter ist sowohl das öffentliche Recht (jus publicum), wie auch 
das Privairecht (jus privatum) zu verstehen.') Hierüber zu berichten, 
ist insofern ein Leichtes, als dieses Recht uns in einer sehr späten, 
zusammenfassenden Kodifikation, der des Kaisers Justinian, aus der 
Mitte des 6. Jahrhunderts nach Christus, vorliegt und es ausserdem den 
Bemühungen der Juristen und Historiker gelungen ist, den Spuren des 
allmählichen Werdens dieses Rechtes bis weit hinauf nachzugehen, 
in letzter Zeit sogar, den Zusammen haiig seiner Ursprünge mit dem 
altarischen Recht darzuthun, andrerseits die Schicksale dieses Rechtes 
in den %'erschtedenen Ländern Europas durch die Jahrhunderte der 
dunkeln Gährung hindurch bis auf den hemigen Tag zu verfolgen. 
Hier liegt also ein bestimmtes, klar gesichtetes Material vor und der 
Rcchisgelchrte kann leicht nachweisen, wie \nel römisches Recht in 
den Ccsetzbüchem unserer heutigen Staaten enthalten ist; leicht muss 
ihn) der Nachweis auch fallen, dass die genaue Kenntnis des römischen 
Rechtes auf unabsehbare Zeiten hin die hohe Schule alles streng 
juridischen Denkens bleiben wird. Auch hier wieder ist in dem 
römischen Erbe ein doppeltes zu unterscheiden : thatsachliche Rechts- 
sätze, die Jahrhundertc lang bestanden haben und zum Teil noch 
heute bestehen, ausserdem aber ein Schatz an Ideen und Methoden. 
Das alles kann der Rcchisgelchrte leicht auseinandersetzen; jedoch 
nur, wenn er zu Rechtskundigen redet. Nun bin ich aber kein 
Rechtsgelehrtcr (wenn ich auch mit Fleiss und 'Liebe die Grund- 
prinzipien des Rechtes und den allgemeinen Gang seiner Geschichte 
studiert habe], noch darf ich Rechtskunde bei meinen Lesern voraus- 

■) Dass das öSentliiiLe Recht der Röcnci luf uns Spätcrc sieht den sdbcn 
Snduu ainübi wie dai Priv;)trt:cht, geiHttd doch nicht, es uogcnantic zu lassen, da 
ein nittstcr^ültigcs Privatrccht nicht ohne ein vortrcfHichet flffenUichcs Recht eot- 
stehea konnte. 



Römisches Recht. 



157 



setzen ; memc Aufgabe ist also eine andere, durch den Zweck dieses 
Buches genau besrimmie. Kur von einem umfassenden, allgemein 
menschlichen Standpunkt aus darf ich kurz andeuten, in welchem 
Sinne das römische Recht in der Geschichte der indoeuropäischen 
Volker eine so unvcrgleichUche Erscheinung war, dass sie bis auf 
den heutigen Tag ein Bestandteil unserer Kultur geblieben ist. 

Warum ist es ^atiz unmögHch, über Jurisprudenz zu berichten, 
»bald der Hörer nicht über eine grosse Masse technischen juristischen 
Wissens verfügt? Diese vorläufige Frage wird uns gleich in medias 
res führen und zu einer, wenn nicht ausführlichen, so doch genauen 
Zergliederung dessen, was die Römer auf diesem Felde geleistet haben, 
den Weg weisen. 

Die Jurisprudenz ist eine Technik: hierin liegt die Antwort 
emgcschlosscn. Der Medizin vergleichbar, ist sie weder reine Wissen- 
sdiaft, noch reine Kunst; und wahrend jede Wissenschaft in ihren 
Ergebnissen, jede Kunst durch ihre Wirkung allen begabten Menschen 
mitteilbar, in ihrem wesentlichen Teile mithin Gemeingut ist, bleibt 
eine Technik eincig dem Techniker zugänglich. Freitich vergleicht 
Cicero die Jurisprudenz mit der Astronomie und der Gcomciric, 
und meint: >aile diese Studien gelten der Erforschung der Wahr* 
heitt:') doch ist dies dis Muster eines logisch falschen Vergleichst 
Denn die Astronomie und die Geometrie erforschen thatsächlichc, 
feste, unverrückbare Verhältnisse, die einen ausserhalb, die anderen 
innerhalb unseres Geistes,»} wogf^en Rechtssätzc zunächst aus der 
Beobachtung von wechselnden, widersprechenden, nirgends fest abzu- 
grenzenden Anlagen, Gewohnheiten, Sitten und Meinungen gewonnen 
werden, und die Jurisprudenz als Disziplin sich der Natur der Dinge 
nach darauf beschränken muss, das Vorhandene fester zu formulieren, 
genauer zu fassen, durch Zusammenstellung ilbersichtlich zu gestalten, 
und — vor allem — durch feinste Analyse genau tu gliedern und 
prakrischen Bedürfnissen anzupassen. Das Recht ist, wie der Staat, 
eine menschliche, künstliche Schöpfung, eine neue systematische An- 
ordnung der durch die Katur des Menschen und durch seine gesell- 
jchafüichen Instinkte gegebenen Bedingungen. Die Fonschritte der 



Dt pßiäit. I, 6. 

■3 Dies sage ich ahne mcupbj'sisdien HIst«rffeilanken ; ob die nuthemiiUchen 
Begriffe Uncilc a priori »ind (wie Kam es bi:hiu;>ici) oder nictii, Jeder nird zu- 
gebca, duj Geometrie die rein formelle Beiblti^ag unsere* Geistes i»t, hn G^en- 
taa tat Etforschung dn- Himnicbriums. 



m 



Das Erbe der alten Wdt. 



Jurüprudenz bedeuten also keineswegs eine Zunahme des Wissens 
(was eine Wissenschift docb bewirken muss], sondern lediglich eine 
VervoUkompinung der Technik; das ist aber sehr viel und kann hohe 
Gaben voraussetzen. Ein in grossen Mengen vorhandener Stoff wird 
nunmehr in konsequenter Weise und mit steigender Kunstfertigkeit 
vom menschlichen Willen dem menschlichen Lebenszweck gewidmet. 

Zur grösseren Deutlichkeit ein Vergleich. 

Wie sehr bedingt und darum wenig trelfend wäre es, wenn man 
behaupten wollte: der Gott, der Eisen wachsen liess, habe auch die 
Schmiede wachsen lassen I In einem gewissen Sinne wäre die Aussage 
unleugbar richtig: ohne bestimmte Anlagen, die ihn trieben, ewig 
weiter zu forschen, ohne bestimmte Fähigkeiten zum Eriinden und zum 
Handhaben, wäre der Mensch niemals dazu gelangt, Elsen zu schmieden; 
er hat auch lange auf Erden gelebt, ehe er es so weit brachte. Durch 
Scharfsinn und Geduld gelang es ihm endlich; das harte Meull wusste 
er sich geschmeidig und dienstbar zu machen. Hierbei handelt es 
sich jedoch ofTenbar nicht um die Auflindung irgend einer ewigen 
Wahrheit, wie bei der Astronomie und bei jeder echten Wissenschaft, 
sondern einerseits um Scharfsinn und Geschick, andererseits um An- 
gemessenheit dem praktischen Zwecke gegenüber; kurz, das Schmieden 
ist keine Wissenschaft, sondern im wahren Sinne des griechischen 
Wortes eine Technik, d. h. eine Geschicklichkeit. Und die Bedingungen 
dieser Technik, da sie vom menschlichen Willen abhSngen {hier die 
Verwandtschaft mit Kunst), wechseln mit den Zeiten, mi: den An- 
lagen und Gewohnheiten der Völker, sowie sie auch andrerseits von 
den Fortschritten des Wissens becinflusst werden (hier die Verwandt- 
schaft mit Wissenschaft). In unserem Jahrhundert z. B. hat das Stahl- 
schniicden grosse Umwälzungen erfahren, die ohne die Fortschritte 
der Chemie, der Physik, der Mechanik und der Mathematik nicht 
denkbar gewesen waren; insofern kann es auch vorkommen, dass eine 
Technik vielfache wissenschaftliche Kenntnisse von ihren Beflissenen 
fordert, — sie hört aber darum nicht auf, eine Technik zu sein. 
Und weil sie eine Technik ist„ bleibt sie jedem noch so unbegabten 
Menschen erlernbar, wenn er nur einiges Geschick besitzt, enthalt 
aber nichts, was selbst dem Begabtesten mitteilbar wäre, wenn dieser 
sich nicht eingehend mit ihren Methoden beschäftigt hat. Denn 
während Wissenschaft und Kunst durch ihren Inhalt selber jedem 
inielligcnieu Menschen Interesse bieten, ist eine Technik lediglich eine 
Methode, ein Verfahren, eine Handhabung, ein Künstlidics, nicht ein 



Römisches Recht. 



15» 



Künstlerisches, eine Anwendung des Wissens, nicht eigeaüich selbst 
ein Wissen, ein Können, nicht ein Schaffen, und daher kann erst das 
von ihr Erzeugte illgcmcines Interesse fordern, der fertige Gegenstand, 
heisst das, von dem sich die Technik nunmehr zurückgezogen hat. 

Genau ebenso verhält es sich mit der Jurisprudenz, bis auf den 
Uotcnchicd, dass der zu bearbeitende Stoff ein rein geistiger ist. 
Prinzipiell ist und bleibt die Jurisprudenz eine Technik, und manches 
fast unausrottbare MissverstSndnis wäre vermieden worden, wenn auch 
die Fachgelehrten diese einfache Grundwahrheit nicht aus den Augen 
verloren hätten. Von Cicero an bis zum heutigen Tage') haben 
tüchtige Juristen nur zu oft es für ihre Pflicht gehahen, ihrem Fach, 
koste was es wolle, die Bezeichnung »Wisscnschaftt zu sichern; sie 
scheinen eine Herabsetzung zu fürchten, wenn man die Nichtigkeit 
ihrer Ansprüche behauptet. Natürlich wird man fortfahren, von einer 
> Rechtswissenschaft« zu reden; nur aber im abgeleiteten Sinne; die 
Masse des Materials über Recht, Rechtsgcschichtc u. s. w. ist so riesig 
gross, dass sie gewisscrmassen eine kleine Welt für sich bildet, in 
welcher geforscht wird, und diese Forschung heisst dann Wissenschaft. 
Offenbar ist dies jedoch ein uncigentlicher Gebrauch des Wortes. Die 
Wurzel >vid< bedeutet im Sanskrit finden; soll die Sprache nicht zu 
farbloser Mehrdeutigkeit erblassen, so müssen wir dafür sorgen, dass 
ein Wissen immer ein Finden bezeichne. Ein Finden setzt nun zweierlei 
voraus: erstens einen Gegenstand, der da ist und besteht, ehe wir ihn 
finden, zweitens die Thatsache, dass dieser Gegenstand noch nicht 
gefunden und aufgedeckt wurde; beides trifft für die Jurisprudenz 
nicht m; denn iRecht« giebt es erst, wenn die Menschen es machen, 
es existiert nicht als Gegenstand ausserhalb unseres Bcwussiscins, 
ausserdem deckt die Rechtswissenschaft nichts anderes auf, findet sie 
nichts anderes, als sich selbst. Daher hatten diejenigen unter den 
Alten vollkommen Recht, die anstatt von einer juris iätntia zu reden, 
lieber juris noiiiia, juris peritia. juris prudenlia sagten, aUo etwa: Kennt- 
nisse, Geschick, Erfahrung in der Handhabung des Rechtes. 

Diese Unterscheidung ist von grosser Tragweite Denn erst 
wenn man sich Klarheit darüber verschafft hat, was Recht seiner 
Natur nach ist, kann man mit Verständnis dessen Geschichte verfolgen 
und begreifen, welche Rolle Rom in der Entwickclung dieser Technik 
gespielt hat. jetzt erst kann man jenen gordischen Knoten, die Frage 



NieBmctt. 



•} Siebe z. B. K«lluid: Juntpni4tnct, 6- Aufl.» S. J. 



i 



i6o 



Djs Erbe der alten WdL 



nach einem Naiurrccht (oder natürlichen Recht] nicht zerhauen, 
sondern lösen. Diese grosse Frage, über welche seit Jahrhunderten 
gcstrincn wird, entsteht Qbcrhaupi lediglich aus dem Missverständnis 
über die Natur des Rechtes; ob man sie dann mit ja oder mit nein 
beantwortet, man kommi nie aus der Verwirrung heraus. Cicero 
hat, in der ihm eigentümlichen konfusen Art, allerhand oratorischc 
Floskeln über diesen Gegenstand gemacht; das eine Mal schreibt er: 
um das Recht zu erkl.1ren, müsse man die Natur des Menschen unter- 
suchen, — da schien er auf der rechten Spur zu sein ; gleich darauf 
hei&si es, das Recht sei >eine allerhöchste Vernunfc«, die ausserhalb 
von uns existiere und uns >eingepflanzt< werde; dann hören wir 
wieder, das Recht »gehe aus der Natur der Dinge hervor«; schliess- 
lich, es sei »zugleich mit Gott geboren, älter als die Menschen«.') 
Warum man überall diese rechtsanwählichen Plattheiten citiert, weiss 
ich nicht; ich thue es bloss, um dem Vorwurf vorzubeugen, dass ich 
unaufmerksam an solchem berühmten Weishcitsbom vorübergegangen 
wäre; im übrigen erinnere ich in Mommsen's Urteil: »Cicero war 
eine Journalistcnnfttur im schlechtesten Sinne des Wortes, an Worten, 
wie er selber sagt, überreich, an Gedanken über alle Begriffe arm«.*) 
Schlimmer war es, als ihre asiatitischc Vorliebe für Prinzipicnreitcrei 
und Dogmatik die hochbcdcutcndcn Rcchislehrer der sogenannten 
iklassischcn Jurisprudenz« dazu bestimmte, den durchaus unrömischen 
Begriff eines Naturrechtes klar zu formulieren und grundsätzlich ein- 
zuführen. Ulpian nennt das Naturrecht dasjenige, »welches Tieren 
und Menschen gemeinsam ist«. Ein monströser Gedanke I Nicht 
einzig in der Kunst ist der Mensch ein freier Schöpfer, auch im 
Recht bewährt er sich als herrlicher Erlindcr. als unvergleichlich ge- 
schickter, besonnener Werkmann, ils seines Glückes Schmied. Das 
römische Recht ist eine ebenso charakteristische Schöpfung des einen 
einzigen menschlichen Geistes, wie die hellenische Kunst. Was 
würde das hcisscn, wenn ich von einer »natürlichen Kunstt sprechen, 
und somit irgend eine, wenn auch noch so entfernte Parallele zwischen 
dem naiumotwendigen Zirpen eines Vogels und einer Tragödie des 
Sophokles ziehen wollte? Weil die Juristen eine technische Gilde 
bilden, habe viele von ihnen solchen Unsinn, ohne dass die Welt 
es merkte, Jahrhunderte lang reden dürfen. Gaius, eine andere 



') Dt Ugihm I. 5 u. 6, IJ, 4 u. s. w, 
•} Römisehe Gtu/iichte, lU, 630. 



Tlömisches Recht. 



ifii 



klassische Autorität, den die Juden als LandstuaiiD beaospruchen, und 
von dem die Geschichtswerke bcrichtcD, er sei »nicht tief, aber seht 
beliebt« gewesen, gicbt eine minder extravagante, aber ebenso wenig 
stjchbaldgc Dctinition des Natiirrechtcs: er idcntißzien es mit dem 
sogenannten jus gentium, d. h. mit dem atis den Rechten der ver- 
schiedenen Völker der römisclicn Provinzen entstandenen >geroän- 
samen Recht< ; in zweideutigen Worten setzt er auseinander, dieses 
Recht sei >allen Völkern der Erdet gemeinsam: eine haarstriubende 
Behauptung, da das jus gentium ebenso das Werk Roms ist, wie 
dessen eigenes jus chAU und nur das Ergebnis der ordnenden Thätig- 
kcit römischer Jurisprudenz inmitten des Wirrwarrs widersprechender 
und widerstreitender Rechte darstellt.») Gerade das Dasein des jus 
gentium neben und im Gegensatz zu dem römischen jus civiie, sowie 
die bunte Entstehungsgeschichte dieses >Rechts der Völker«, hätte 
dem blödesten Auge zeigen müssen, dass es nicht ein Recht giebt, 
sondern viele; auch dass das Reche nicht eine Entität ist, die wissen- 
schaftlich erforscht wird, sondern ein Erzeugnis der menschücbeo 
Geschicklichkeit, welches in sehr verschiedener Weise aufgefasst und 
durchgeführt werden kann. Das natürliche Recht spukt aber in den 
meisten Köpfen lustig weiter; so fern auseinandergehende Rechts- 
thcorctikcr wie Hobbes und Rousseau z. 5. finden steh in dieser einen 
Annahme zusammen ; das Höchste leistete der berühmte Hugo Grotius 
mit seiner Einteilung in natürhches, historisches und göttliches Recht, 
bei welcher man sich fragt, ob denn das göttliche Recht ein unnatür- 
liches sei? oder das natürliche ein Werk des Teufels? Man musste 
den leuchtenden Geist und die frcihcitliebcndc Keckheit eines Vol- 
taire besitzen, um schreiben zu dürfen: „rien ne contribue ptut-^rc plus 
ä renäre un esprit /aux, obscur, ccnfus, inctrtatn, que la lecture de Grotius 
et de Pu/endor/t.') In unserem Jahrhundert jedoch ist man dem blassen 
Gedankending scharf auf den Leib gerückt; die Historiker des Rechtes 
und mit ihnen der geniale Theoretiker Jhering haben ihm den 
Garaus gemacht. Hierzu genügt aber ebenfalls die blosse Einsicht, 
dass das Recht eine Technik ist. 

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, begreift man nämlich: 
dass in Walirheit der Begriff iNaturrecht« ^'us ncturae) eine flagrante 
amiradictiü in adjeeio enthält. Sobald es z^Äischen Menschen ein recht- 

■) Sdic S, 138. 

») Diciioitnairt philoiop)iit[ut. .Auch J. J. ftonssau oeont Grotius; >u* tnfant, 
tl, qut pu fit, un enjant dt mauvaüe fot' (l^railc V,). 

CbaobrrUin. Crindlairtn tat XtX. Jatirtmndfrti. |] 



■6a 



Das Erbe der alten Welt. 



liches Abkommen giebt — es braucht durchaus keio schriftliches zu 
sein, eine mündliche oder auch doe stillschweigende Konvention ist 
prinzipiell dasselbe, wie ein dickleibiges bürgerliches Gesetzbuch — 
so hat der Katurzustand aufgehört; herrscht aber der reine Katur- 
trieb, so giebt es eo ipso kein Recht. Denn lebten auch solche Katur- 
niensclien in Gruppen zusammen, und wären sie gegeneinander mild 
und human, das wäre noch immer kein Recht, kein fus; es wäre 
genau ebensowenig ein Recht, wie wenn die brutale Faustgewalt bei 
ihnen allein den Ausschlag gäbe. Recht ist eine künstlich geordnete 
und zwangsweise von der Gesamtheit dem Einzelnen auferlegte Regelung 
seiner Beziehungen zu Anderen. Es ist eine Nutzbarmachung jener 
Instinkte, welche den Menschen zum gesellschaftlichen Zusammenleben 
treiben, zugleich jener Not, welche ihn nolcns volens zwingt, sich 
mit seinesgleichen zu verbinden: Liebe und Furcht, Geselligkeit und 
Feindseligkeit. Lesen wir bei den dogmatischen Mctaphysikcrn : »Das 
Recht ist der abstrakte Ausdruck des allgemeinen, an und für ^ch 
seienden Willens«, ■) so fühlen wir, dass man uns Luft statt Brod zu 
essen giebt; sagt uns der grosse Kant: »Das Recht ist der lobegriff 
der Bedingungen, unter denen die Willkür des Einen mir der Willkür 
des Anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusamtnen 
vereinigt werden kann<,') so müssen wir gleich ciusclien: das ist die 
Definition eines Ideals, die Definition eines möglichen, oder wenigstens 
denkbaren Rechtszustandes, nicht aber eine umfassende Definition des 
Rechtes im allgemeinen, wie es uns vor Augen liegt; ausserdem ent- 
hälr sie einen bedenklichen Irrtum. Es ist nämlich ein eigentümlicher 
Denkfehler, die Willkür in die Seele des Einzelnen zu verlegen und 
das Recht als eine Gegenwirkung hiergegen herauszukonstruieren; 
vielmehr handelt offenbar jedes lDdi\'iduum nach der Notwendigkeit 
sttner Natur und tritt das Element der Willkör erst mit den Ver- 
fügungen ein, wodurch dieses natürliche Handeln eingedämmt wird; 
nicht der Naturmensch ist willkürlich, der Recbtsmensch ist es. 
Wollten wir eine Definition mit Zugrundelegung von Kant's Begriffen 
versuchen, wir müssten sagen: Recht ist der Inbegriff der willkür- 
lichen Bedingungen, welche in eint menschliche Gesellschaft ein- 
geführt werden, damit das notwendige Handeln des Einen mit dem 
DOtwendigCD Handeln des Anderen ausgeglichen und zu einem mög- 



H^I: Profäieulik, Kuntu I, g 36. 

•) Mttapkyiischt Anfangigründt dtr Ruhliithri, Einleiiung, § B. 



liehen Masse der Freiheil vereinigr werde. Die einfachste BegriSis- 
formulicrung wäre: Willkür an Stelle von Instinkt in den 
Beziehungen zwischen den Menschen istR echt. Wozu er- 
läuternd hioEugcfügt werden müsstc , das rum plus ultra der Willkür 
bestehe darin, dass man eine willkürlich festgesetzte Form (für Strafe, 
Kauf, Ehe, Testieren u. s. w.) für nunmehr ewig unvcrindcrlich er- 
klän, so dass alle betreffenden E-hndlungcn ungQltig und ohne recb^ 
liehen Schutz sind, sobald die vorgeschriebene Form nicht inne- 
gehalten wurde. Recht ist also die dauernde Herrschaft bestimmter 
willkürlicher Beziehungen zwischen den Menschen. Wir brauchen 
übrigens nicht über gänzlich unbebannic Vorzeiten Spekulationen an« 
zustellen, um Jus in einfachen Gestaltungen zu erblicken, wo dann 
dieses zentrale Element der Willkür deutlich hervortritt; man sehe 
nur die heutigen Bewohner des Kongogebietes an. Jedes Völkchen 
hat seinen Häuptling; er allein entscheidet unwiderruflich über zUc 
Rechtsfölle; diese sind bei so einfachen Verhilmisseo sehr einfacher 
Natur, sie bctrcfTen zumeist Vergehen am Leben oder am Eigentum ; 
die Strafe ist Tod, sehen Sklaverei; hat der Häuptling durch eine 
Handbewegung das Urteil gegen den Angeklagten gefäUt, so wird 
dieser von der Umstehenden in hundert Stücke zerhackt und auf- 
gegessen. Die Rcchtsbegrifit sind, wie man sieht, am Kongo sehr 
elementar; dennoch sind es Kechtsbegriffe; der natürliche Mensch, 
d. h. der unwillkürlich handelnde, würde den vermein ilichen Mörder 
oder Dieb selber umbringen; hier thut er das nicht, der Verbrecher 
wird zum Hauptort geschleppt und gerichtet. Ebenso entscheidet der 
Häuptling über Erbschaftsstrclügkeiien und Grenzregulierungen. Die 
unbeschränkte Willkür des Häuptlings ist also das «Recht« des Landes, 
ist der Kitt, wodurch die Ccscllscbafi zusammengehalten wird, anstatt 
dass sie in einem regellosen Naturzustand auscinandcrstiebe ■)• Der 
Fortschritt des Rechtes besteht in dem praktischen Ausbau und in 
der siithchen Verklärung dieses willkürlichen Elementes. 

Jetzt haben wir, glaube ich, alles beisammen, was nötig ist, um 
ohne technische Erörterungen und zugleich ohne Phrase nmacherei die 
besonderen Verdienste des römischen Volkes um das Recht zu ver- 



Sdnifchn 

KMhi. 



*) DiM aacb don gewisse S&Uc durch dm Gebrauch gcbdliftt uaJ inMfem 
ftuch für d«n Häuptling bindend siod, bexweifte ich nicht, iurudsch ist er aber voll- 
kommen frei; nur die Furchi, selber gebraten und «ufgcgeucn zu werden, kutn 
ihn voa jeder beUebigeu WilUilr abhilten. 

II« 



i«4 



Da Erbe dtt ilfen Wdt 



stehen, wenigstens die besondere Art dieser Verdienste; zugleich wird 
damit die Natur der Erbschaft genau bezeichneL 

Ist das Recht nicht ein eingeborenes Prinzip, nicht eine erforsch- 
bare, sichere Wissenschaft, sondern eine zweckdienliche Verwendung 
menschlicher Anlagen zum Ausbau einer civiüsationsfahigcn Gesell- 
schaft, so ist es von vornherein klar, dass es sehr verschieden wenige 
Rechte geben wird und muss. Im letzten Grunde wird ein Recht 
hauptsächlich von zwei Dingen becinflusst werden, und somit von ihnen 
seine bezeichnende Farbe erhalten : von dem moralischen Charakter 
des Volkes, in welchem es entsteht, und von dessen analytischem 
Scharfsinn. Aus einem glücklichen Gemisch beider, wie es bis- 
her nur einmal in der Weltgeschichte vorkam , ergab äch für das 
römische Volk die Möglichkeit, ein rechtliches Gebäude von grosser 
Vollkommenheit aufzuführen.') Der blosse Egoismus, die Gier nach 
Besitz, wird niemals hinreichen, um ein dauerhaftes Recht za be- 
gründen; vielmehr haben wir durch die RAmer erfahren, dass die 
unverbriicliliche Achtung vor den Ansprüchen Anderer auf Frei- 
heit und Besitz die moralische Grundlage ist, auf der allein für die 
Ewigkeil gebaut werden kann. Einer der bedeutendsten Kenner des 
römischen Rechtes und Volkes, Karl Esmarch, schreibt: »Das Ge- 
wissen für Recht und Unrecht ist hei den italischen Ariern ein starkes, 
unverfälschtes; in der Selbstbeherrschung und, wenn es sein muss, 
Selbstaufopferung gipfelt sich ihre innerem Drange entquellende 
und durch innerstes Wesen getragene Tugend.« Dadurch, dass er 
äch selbst xu beherrschen wusste, war der Römer berufen, die Welt 
zu beherrschen und die Idee des Staates kraftvoll zu entwickeln; 



^ Die Behauptung, die Gcsdiichte wiederhole sich stets, gebort zu dea 
luuähligcn Uawahrhcitcn, die ah Weisheit um« uns »Nono«iHJJien« im Umlauf 
sind. Nie hax lich in der Geschichte «was wiederholt, rJanaJsl Wo in die 
Wiederholung von Athen und Sp2rt2> von Romi voa Acgyplcn) wo hat der 
zweite .Uciaiider geblUht? wo ein neuer Homerf ^^'ede^ die Vdllcer, noch ihre 
grossen Männer kehren wieder. Darum wiid auch die Mciucbhclt oidit »aus 
Erfahrung« weiser; Itr die Gegenwart besiiK sie in der Vergangenhdi kein Para- 
digma, aa dem sie ihr Drteil bilden kAnme; besati oder schlechter, weiser oder 
dümmer wird sie cinaig durch in, wa» auf ihren Geist und ihren Charakter gewirkt 
hat Guuliow's Ben Akita täuschte sich gründlich mit seinem berühmten; »Alles 
schon dagewesen!« — so ein Esel wie er selber war noch nicht da, und wird 
hotTcotlich nicht wicdciliommcn. Und wenn auch, es wire nur die Wiederholung 
des IndiWduuiDS, das unter neuen Vethiltnisten andere Dummheiten mm BeHcn 
geben würde- 



Römisches Reche. 



l6s 



dadurch, dass er sein eigenes dem allgemeinen Wohl 2U opfern 
wusste, bewies er seine Befähigung, über die Rechte des Privat- 
eigentums und der individuellen Freiheit güliigc Grunds3t2c auf- 
zustellen. Zu den hohen moralischen Eigcnschafien mussien aber 
auch ungewöhnliche geistige hinzutreten. Der Römer, als Philosoph 
ohne jegliche Bedeutung, war der grössic Meister in der Abstraktion 
fester Prinzipien aus den Erfahrungen des Lebens, — eine Meister- 
schaft, die besonders durch den Vergleich mit anderen VöUiem her- 
vortritt, z. B. mit den Athenern, welche, so fabelhaft begabt, so 
grosse Liebhaber der Rechtshändel und der sophistisclien Rechtsrätsel 
sie auch waren, doch gerade in diesem E*unk:e ewig Siümper blieben.') 
Diese eigentümliche Fähigkeit, bestimmte praktische Verhältnisse zu 
fest umschriebenen »Begriffene zu erheben, bedeutet eine grosse 
Geistesthat ; jetzt erst kommt Ordnung und ObersichtUchkeit in die 
gesellschaftlichctj Vcrhalmisse, ahnlich wie erst durch die Bildung 
abstrakter Sammelworte die Sprache ein höheres, geordnetes Denken 
ermöglicht hatte. Jetzt handelt es sich nicht mehr um dunkle Icstinkcc, 
auch nicht um unklare, wechselnde Vorstellungen von Gerechtigkeit 
und Ungerechtigkeit, sondern in klaren » Gattungen < geordnet stehen 
alle die Verhilmisse vor unseren Augen, welche durch die Erfindung 
neuer Rechtsnormen oder den weiteren Ausbau schon vorhandener 
geregelt werden sollen. Und da das Leben die Erfahrung allmählich 
mehrt oder selber verwickeitere Formen annimmt, entdeckt der rö- 
mische Scharfsinn nach und nach innerhalb der einzelnen Gatmngen 
die lAncnt. »In Betreff feiner durchdachter Rechtsbegriffe 
ist das römische Recht der immerwährende Lehrmeister für die civili- 
sierte Welt und wird es bleibcnt, sagt Professor Leisi, also gerade 
der Mann, der mehr als irgend ein anderer gcthan hat, um nach- 
zuweisen, dass die Hochschulen den jetzigen einseitig römischen Stand- 
punkt der Rechtsgeschichte aufgeben und römisches Recht als ein 
Glied in der Kene zu erkennen lehren sollten, als eine der Stufen, 
>die der arische Geist in der Klarung der Rechtsbegriffe erstiegen hatc . 
Je genauer man die zahhreichen Versuche zu einer Rechtsbildung vor 
und neben dem römischen studiert, um so mehr sieht man eben die 
unvergleichlichen Verdienste des römischen ein und lernt erkennen, 
dass es nicht vom Himmel fiel, sondern von prächtigen, wackeren 



S.«83. 



') Veigl. Leitt: Gräe»-iUl. RtthüguthickU, S. 694, und fQr du folgende Gut 



i«6 



D25 Erbe der alten 



Männern als Schöpfang ihres eigenen Geistes gcschaffisn wurde. Denn 
das darf nicht übergangen werden: zu den Fähigkeiten dci Selbst- 
beherrschung, der Abstraktion und der feinsten Analyse kommt bei den 
Römern aJs drittes eine besondere Gabe der plastischen Gestaltung. 
Hierin zeigt sich die Verwandtschaft mit dem Hellenentum, nach der 
man sonst vergeblich Umschau hält. Auch der Römer ist ein ge- 
staltungsmälchtigcr Künstler: er ist es in der klaren, plastischen Ge- 
staltung der vcnvickehcn Staatimaschinc — kein Theoretiker der 
Well hiite sich einen solchen Staatsorganismus erdacht, der viel- 
leicht eher als Kunstwerk, denn als Werk der Vernunft zu deuten 
wäre; er ist noch mehr Künstler in der plastischen Ausbildung 
seiner Rechisbegrilfe. Und höchst charakteristisch ist ebenfalls die 
Art, wie der Römer darnach strebt, seiner Begriffsplastik auch in 
den rechtlichen Handlungen sichtbaren Ausdruck zu geben, überall 
»die innerliche Verschiedenheit iusserlich darzustellen, das Innere ge- 
wissermassen an die Oberfllche zu rücken«.') Das ist ein aus- 
gesprochen künstlerischer Instinkt, der Ausfluss spezifisch indoeuro- 
päischer Anlagen, [n diesem künstlerischen Element liegt auch die 
magische Kraft der römischen Erbschaft; das ist das Unverwüstliche 
und das ewig Unvergleichliche. 

Denn darüber müssen wir uns klar werdet! : römisches Recht 
ist ebenso unvergleichlich und unnachahmlich, wie hellenische Kunst. 
Daran wird die lächerliche Deutschtümelei nichts ändern. Man erzählt 
Wunder von einem »deutschen Recht<, welches uns durch die Ein- 
führung des römischen geraubt worden sei; es bat aber nie ein 
deutsches Recht gegeben, sondern lediglich ein Chaos von wider* 
streitenden, rohen Rechten, ein besonderes für jeden Swmm. Es ist 
auch durchaus ungenau, wenn man von einer »Rccipiening« des 
römischen Rechtes zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhunden 
spricht, denn die Germanen haben von ihrer ersten Berührung 
mit dem römischen Reich an ununterbrochen »recjpiert«. Bur- 
gunder und Ostgoten haben bereits im 5. christlichen Jahrhundert 
(oder ganz zu Anfang des 6.) Bearbeitungen (Verrohungen) des 



*) Behufs Beispiele lese man den prächtigen Abschnin »Plastik des Itccbicsf In 
Jheiiag's Gtist i*s rimüehen RrehUs % 3). Von dem modemea uddcanutiicben Rechts- 
leben meint Jhering: >Man hätte unserer Jutitii statt ies Schwcrtci eine Feder lurn 
Alinbut gcbca mAgcn, denn einem Vogel waren die Fcdcm kaum n&tigcr als ihr, quc 
diss si« bei ihr die entgegengvsetnen Wirkungen hervoibrachcca. <li« SchneUIgleit 
ini umgckcliitcQ Vcrhälinil (uni Fdlcnutufw^iid itauii.« 



Rfiioisches Recht. 



167 



römischen Rechtes eingeführt,") und die ältesten Quellen zu sächsischem, 
fränkischem, bayerischem, alemannischem Recht u. s. w. sind so ge- 
spickt mit lateinischen Wörtern und halb verstandenen BegriBcn, dass 
das Bedürfnis nach vernQnftlgerer Kecbtsgestaltung sich in ihnen deut- 
lich ausspricht. Wohl könnte man ein deutsches Recht als Ideal in 
die Zukunft verlegen, es aber in der Vergangenheit suchen, ist un- 
redliches Geschwätz.^} — Ein anderes Hindernis für die gerechte Wür- 
digung des römischen Rechtes bietet der Taumel des Entwickelungs- 
dogmas, der in unserem Jahrhundert die Begriffe so arg verwirrte. 
Der Sinn für das Individuelle, die Einsicht, dass das Individuelle allein 
ewige Bedeutung besitzt, ist hierdurch sehr beeinträchtigt worden. 
Obwohl die Geschichte uns als wirkende Mächte lauter durch und 
durch individualisierte Völker und grosse, nie wiederkehrende Persön- 
lichkeiten zeigt, führt die Evolutionstheorie ru der Vorstellung, die 
Anlagen und Anfinge seien überall identische, und es müssten sich 
aus diesen selben Keimen wesentlich analoge Gebilde >ent%'ickcln<. 
Dass das nirgends geschieht und dass z. B. römisches Recht nur ein 
einziges Mal entstand, genten unsere Dogmariker nicht im Geringsten. 
Damit hängt die weitere Vorstellung der unaufhörlichen »VcrvoU- 
kommnungc zusammen, in Folge welcher unser Recht ohne weiteres 
das römische überragen muss, well es ein späteres ist, und doch 
bietet die Nanir nirgends ein Beispiel daf^r, dass an irgend et^'as 
Lebendigem eine Entwickelung stattfände, ohne durch entsprechende 
Einbussc erkauft zu werdcn.3) Unsere Civilisation steht hoch über der 
römischen; in Bezug auf lebendiges Rechtsgefühl kann sich dagegen 
ein gebildeter Mann des 19. Jahrhunderts mit einem römischen Bauern 
aus dem Jahre 500 vor Christus gewiss nicht vergleichen. Keiner, 
der Denkkraft und Wissen besitzt, wird das in Abrede stellen. Ich 
sagte in Bezug auf Recht, nicht auf Gerechtigkeit. Wenn Lcist 
schreibt: »Der unbefangen Prüfcode nnrd nicht ündeo, als habe unsere 

■) Savigny: G*ultifhtt d^t römisehm R^kta im MilUlalirr, Kap. 1, 
*) \c\\ weiss keinen schlagenderen Bc-ivcis von der ursprQnglichcii Unßhigkdt 
der Gemiuncn, in Rechtsfragen schärf tu uneilen, als im noch eEn tolcher Mann, 
wie Ono der Grosse, die prinzipielle Frage, ob Enkel erben oder nkhl, nichl anders 
aU durch chieD WafTcnliJtnpf zu entscheidea wussiej dieses Gottesuncil wurde dum 
durch einpoirriim »rn^bTRum ins bicibeade Recht aufgeDommcnl (Siehe Grimm: fitchu- 
alttrlümer, ;. Ausg., S. 471.) 

I) I>en lusfahilichni Beweis, dass den BegrifTen eines Fonichrines und einet 
Verfalles der Menschheil keine konkiete Bedeutung lukoiiinic, bringt djs aeunu 
Ka]ritel. 



itfS 



Das Erbe der alten Welt. 



Gegenwart es gegenüber der Römerzeit in der Übung, oder auch nur 
Erkennaag der wirklichen Gerechtigkeit schon gar herrlich weit ge- 
bracht,«*) so spricht er etwas Beherzigenswenes aus; ich citiere aber 
diese Worte, um recht fühlbar zu machen, dass ich an dieser Stelle 
nicht von GerechügkeLt spreche, soodera voa Recht, und damit der 
Unterschied klar her\'ortrcte. Unsere cdlc Vorstellung der Pflichten 
der Humanität bedeutet wohl doch eine Klärung der Vorstellungen in 
Benig auf Gerechtigkeit; das juristische Rcchtsgefuhl ist dagegen 
ein ganz anderes Ding und wird auch durch den Besitz der vervoll- 
kommnetsten, doch importierten Rechissystcme weder bewährt noch 
gefördert. 

Um die Unvergleichlicbkcit der römischen Leistung zu begreifen, 
darf allerdings ein Umstand nicht übersehen werden: das uns geläufige 
justinianische corpus juris ist nur die einbalsamierte Leiche des römischen 
Rechtes.*) Jahrhundcnclang wurde sie von geschickten Fachmännern 
auf galvanischem Wege im Scheinleben erhallen; jetzt haben sich alle 
gesitteten Völker ein eigenes Recht ausgearbeitet; ohne das römische 
wäre das aber nicht möglich gewesen, uns allen geht die norige Be- 
gabung ab. Eine einzige Beobachtimg genügt, um den Abstand fühl- 
bar zu machen; das römische Recht der echten Hcldcnzcit, fest wie 
ein, Fels, war mchisdestoweniger unglaublich elastisch, — lunglaub- 
Uch«, mäne ich, für unsere modernen, ängstlichen Vorstellungen, denn 
wir haben jenem Rechte alles entnommen, nur nicht seinen lebensvollen 
Charakter. Dos römische Recht war ein unaufhörUch »Werdendest, 
durch besondere geniale Einrichtungen befähigt, den wechselnden 
Bedürfnissen der Zeiten sich anzupassen. Das Recht, welches im 
;. Jahrhunden vor Christus von den dazu ernannten Decemvim seinen 
allgemeinen Umrissen nach in eherne Tafeln eingegraben wurde, war 
Dicht ein neues, improvisiertes, von nun an unbewegliches, sondern im 
WescncUcheD eine Kodifikation des schon vorhandenen, historisch ge- 
wachsenen; die Römer wursten sich Mittel und Wege zu ersinnen, 
damit es auch dann nicht krystallisicrc. An den zwölf Tafeln z. B. 
machte sich zunächst der »interprcticrcndci Scharfsinn der Beamten 
verdient, nicht um das Gesetz zu verdrehen, sondern um es erweiterten 



») GrAco-ilalisiht Ruhtsgtschickti, S. 441. 

•) Wie lehr du corptu jurit des Justmian dem echtea römischen Rccbt nach- 
sttht, bebt schon Francis Bacon hervor und udelt es, dass eine w »dunkle Zeit« 
sich gcsuttei babc, aa du Werk einer so (gliaiendca Zflt« vcrbcsicmd die Hand 
uuulegcD (liehe die Widmung de: Ldw TtuW). 



Verfailmissen halbautomatisch anzupassen ; geniale Erfindungen, wie 
1. B. die der jurisüschen >FiktiOD<, wodurch ein Mittel gefunden war 
(wenn ich mich laienhaft ausdrücken darf), um fehlende Rechtsnormen 
durch vorhandene zu ersetzen; staatliche Einrichtungen, wie diejenige 
der Prätoren, durch welche dem in einem lebendigen Organismus so 
nötigen Gewohnheitsrecht ein Platz gesichert wurde, bis aus der Praxis 
das beste Recht sich ergeben hatte, durch welche auch das jus gentium 
nach und nach in naher Fühlung mit dem engeren römischen jus 

civiU entstand das altes bewirkte ein ftisches, pulsierendes Rechcs- 

lebeo, wie Keiner es sich vorstellen kann, der Jurisprudenz nicht 
studiert hat, denn um uns herum gtebt es nichts derartiges, gar nichts.'} 
Nun bedenke man aber noch, um den Abstand zwischen uns und 
den Römern zu ermessen, dass eigentliche gelernte und gelehrte 
Juristen erst sehr spät, gegen Ende der Republik aufknmcn, und 
dass dieses herrliche, in den meisten Teilen unendlich fein ciscticrte 
Erzeugnis rechtlicher Technik das Werk eines Volkes von Bauern 
tmd rauhen Kriegern ist! Man versuche es doch, einem heutigen 
Durchscbnittsphiüsier den juristischen Unterschied zwischen Eigentum 
und Besitz klar zu machen, ihm betzubringen, ein Dieb sei der juri- 
stische Besitzer der gestohlenen Sache und geniesse als solcher recht- 
lichen Besitzesschutz, der Pfandgläubiger ebenfalls und auch der Erb- 
pichtcr; es wird nicht gelingen, ich weiss es aus Erfahrung. Und 
ich wähle absichtlich ein einfaches Beispiel. Der römische Bauer da- 
gegen, der weder schreiben noch lesen konnte, wusste das alles ganz 
genau schon ein halbes Jahrtausend vor Christo.») Er wusste aller- 
dings nicht viel mehr, sein Recht aber kannte und handhabte er mit 
ebenso genauer Sachkenntnis wie seinen Pllug und seine Ochsen ; 
und indem er es kannte und darüber nachdachte,3) indem er für äch 
und das Seine und die Seinigen immer festeren, bestimmteren Rechts- 
schutz erstrebte, errichtete er thatsüchlich jenes Rechtsgebäude, in 
welchem spätere Völker in schwierigsten Zeiten Schutz fanden, und 
welches wir jetzt mit mehr oder weniger Glück, mit mehr oder weniger 
Verlnderungen nachbauen, ausbauen, zu vervollkommnen trachten. 



*) Namentlich vor den Jihrewdikten der Pritaren sagt Leist, tie seiea »das 
Hauptinomcni in der fducTcn AusbiliiunK des lOmüdicn Rechtes geworden« (t. a. O, 
S. 6aa). 

*) Skhc die scharfe Untcnchcidune rwiachen Eigentum und Beiitx, Tafel VH. 
&ts II. 

I) Noch lu Gcero's Zoteo lernte jedet Knabe die zwölf Taftla «awcofg. 



>T0 



ta Welt. 



Es von selbst cr6ndcn und aufführen, das hiitc kein anderes Volk 
vermocht, denn nirgends war die nötige Verbindung von Charaktcr- 
eigenschaficn und Geistesgaben vorhanden, und dieses Recht musste 
gelebt werden, ehe es gedacht wurde, ehe die Herren kamen, welche 
von einem >D3türlichen Rcchtt so ErbiuUchcs za melden -ÄTisstcn 
und vermeinieD, es sei der Geometrie vergleichbar, die der einsame 
Gclchne in seiner Kammer ausklügelt. 

Später haben sich Hellenen und Semiten als Dogmatiker und 
Advokaten grosse Verdienste erworben, Italiener als Rechtslehrer, 
Franzosen als S)-siemaiiker, Deutsche als Historiker; bei keinem der 
genannten Volksstämme wäre jedoch der Boden zu änden gewesen, 
ßlbig jenen Baum zur Reife zu bringen. Bei den Semiten z. B. fehlte 
der moralische Uniergrund, bei den Deutschen der Scharfsinn. Die 
Semiten haben grosse moralische Eigenschaften, nicht aber diejenigen, 
aus denen ein Recht für civUisierie Völker hätte hervorgehen können. 
Denn die Missachtung der rechtlichen Ansprüche und der Freihnt 
Anderer ist ein tn alleti mit semitischem Blute stark durchsetzten 
Völkern wiederkehrender Zug. Schon im uralten Babylonjen hatten 
sie ein femausgearbeitetes Handels- und Obligationsrechi; aber selbst auf 
diesem beschränkten Gebiet geschah nichts, um dem grässltchen Zins- 
wacher zu steuern und an die Wahrung menschlicher Rechte, etwa 
der Freiheit, hat mau dort nie auch nur gedacht. ■) Aber auch 
unter günstigeren Bedingungen, z. B. bei den Juden, hat sich nie auch 
nur ein Ansatz zu einer echten Rcchtsbildung gezeigt; das scheint 
sonderbar; ein einziger Blick auf die Rechtssülze des grÖsstcn jüdischen 
Denkers, Spinoza, löst das Ritsel. Im politischen Traktat (11, 4 und 8) 
lesen wir; »Ein Jeder hat soviel Recht, als er Macht besitzt.* Hier 
könnte man allenfalls glauben, es handle sich lediglich um eine Fest* 
Stellung ihatslchlicher Verhältnisse, denn dieses zweite Kapitel ist übcr^ 



') Vergleiche die sehr cmgcfacndeu Mlttcilungca ia Jhcnngs VcrgtuUcktt dtr 
iHiöumpäer, S. i]} ff. Uti gewAhnliche Zinssatz betrag in Babylon ao<>/e bis as^/a. 
Jheriag bchauptei, die Ziasca seieo eine babylontscbc, semidschc (nid» someriscbe) Ei- 
findung; er sagt: >.U1« anderen Völker verdanken ihre B<!kann»<:hift diirüt den 
Babylomem*. Etirc wem Ehre gebührt t Auch die rafHnienejicn Foimcn dci Wachei3i 
t- B. der noch hcnte beliebte Atuwe^, Geld ohne Zinsen <u leihen, si« ddtlr aber 
gleich vom Kapital abzugehen, «aien im alten Babylon, noch che Homer Verse M 
(fiditct) bcgooDcn hatte, w»hl bekannt. Wann wird man um denn endlkh mit der 
alieo erlogenen Märe in Kube lassen, die Semiten leiea erst in den tctuen }iht- 
hooikncii infolge Uirisdicfacr Bcdräckungcn <u Zioswucbcrem gcuwdcat 



RStaisches Recht. 



171 



schrieben iVojn Nanirrechte«.*) In der Ethik jedoch (T. IV, Anhang, 8) 
steht schwarz auf weiss: »Nach dem höchsten Recht der Natur ist 
einem jeden Menschen unbeschrünkt das ru thun gestattet, was nach 
seinem Urteil ru seinem Nutzen gereichen wird« ; und in der Ab- 
handlung fort der u/akrtn Freiheit hcisst es: »Um das, was wir m 
unserem Heil und zu unserer Ruhe fordern, zu erlangen, bedürfen 
wir keiner anderen Grundsätze, als allein, dass "nir das beherzigen, 
was zu utiserem eigenen Vorteil gercicbi.c^) Da^s ein so ehrlicher 
Mann nicht verlegen ist, auf derartigen Grundlagen eine reine Moral- 
lehre aufzubauen, stellt seinen angeborenen kasuistischen Gaben das 
schönste Zeugnis aus ; man sieht aber, auf jüdischem Boden hätte 
römisches Recht nicht wachsen können, sondern höchstens ein simpli- 
öziencs Gesetzbuch, wie es erwa König Tippu Tib am Kongo brauchen 
mag,3) Erst auf der Grundlage eines von Indoeuropäero erfundenen und 
bis ins Einzelne ausgeführten Rechtes konnte der Jude seine siaunens- 
wenen juristischen Fähigkeiten entdecken. — Ganz anders verhält es 
sich mit den Deutschen. Die Selbstaufopferung, der Drang. >von 
innen nach aussen zu bauen<, die Betonung des ethischen Momentes, 
der unbändige Freiheitssinn, kurz, die moralischen Egenschaften hatten 
sie schon in reicher Fülle besessen. Nicht dagegen die geistigen. 
Der Scharfsinn war nie ein National besitz der Teutonen; das liegt so 



■) Was f&T Augen blticD Cicero und Scnccj, ScaevoU itnd Papinian zu einer 
dciamgcii AußasiuDg des Natvraecbt» genucbtl 

*} Die Ähnlichkeit xwiscben den Prinzipien (nicht den Folgeningen) Spinoza't 
und Nictudic's ut auCTidlGiid genug, um die Aul'mciksimkeil lu etregen. 

i) Vor wenigen Jaliren itaf ich in GeselUdiilt ctnen gebÜdetni Juden, Be- 
attter von Pttioleumq;] eilen und Mitglied des rcirucliicn Pctralcumringcs; kdn 
Argument vermochie es, den ehrcnh.iftcn Mann, der keine Fliege geiOrei haue, 
von der momlbchcn Vcrwerfliclikeii eines solchen Ringe» lu übencugen; seine 
beständige Antwort wir: »ich bann's, folglich darf ich nt'* Üuchstäblidi Spinou, 
-K-ie maii Meht — Hiermit lilngt jene schwere Frage tuMnitncn, ob es in gcima- 
nischen Lindem gcGnttet sein sollie, Minoer jüdischen Stammes in Richtern «1 
ernennen. Ohne jede I.cidcnschaftiidikcii und Vorcingcnotnmcnhcii, ohne dai bissen 
und die fleckenlose EhrenluJtigkeit der BetrcflTenden anzurweifeln, sollte man sich 
auf Grund historischer und eihischet Ergebnisse fragen, ob es denn rorausiuscticn 
sei, dus jene Minner die Flhlgkeit besitzen, eine Rechtsau fiässung sich voUkommeo 
lu assimilieren, die ihren eingeborenen Anlagen so tief widerspricht! ob sie dieses 
Recht, welches sie mcislcihafi handtiabcn, auch wirklich verstehen und füllten ? 
Wer die icharf auigesprodienc Iiidividuzliii der verschiedenen Menschenrassen erkennen 
gelernt itat, kann im tiefsten Ernst and ohne jede Gehissigkeit eine dcnurigc Frage 
au (werfen. 



t7s 



Das Erbe der alten Welt. 



ofiienbar vor aller Augen, dass jeder Nachweis überflüssig ist. Schopen- 
hauer behauptet: >Der wahre Nationalcbarakter der Deutschen ist 
Schwerftilligkeit.« Dem Deutschen Gebt stehen für die Rechtsbildung 
seine grossen Gaben ebenfalls im Wege: seine unvergleichliche Phantasie 
(im Gegensatz zur platten Empirie der römischen Vorstcllungswch), 
die schöpferische Leidenschaftlichkeit seines Gemütes (im Gegensatz 
zur kühlen Nüchternheit des Römers), seine wissenschaftliche Tiefe 
(im Gegensatz zu den praktisch politischen Tendenzen des geborenen 
Rechisvolkes), sein lebhaftes Gefühl für Billigkeit (immer in gesell* 
schaftlichcr Beziehung ein schwankes Rohr im Vergleich zur streng- 
rechtlichen Auffassung der Römer). Nein, dieses Volk wäre nicht be- 
fthigt gewesen, die Technik des Rechtes zu hoher Vollkommenheit 
auszubilden ; es gleicht zu sehr den alten Indoariern, deren >g3nz- 
lieber Mangel des juristischen Unterscheidungsvermögens e vonjheriog 
in seiner yorgeschichie der Indoeuropäir, § ij, dargeihan wird. 
a* Finit». Noch einen solchen nationateo Vergleich in Bezug auf Rechts- 

bilduög möchte ich anstellen, den zwischen Hellenen und Römern. 
Er deckt den Kernpunkt des römischen Rechtes auf, den einzigen, 
aaf den ich hier, in diesem Buche, die besondere Aufmerksamkeit 
lenken darf, was aber schon genügen wird, um fühlbar zu machen, 
wie tief innerlich unsere Civilisaiion der römischen Erbschaft ver- 
pflichtet ist. Zugleich wird diese kurze Betrachtung, die bei den Ur- 
anfängen anknüpft, uns in die brennenden Fragen unsrcr unmittel- 
baren Gcgcnwan hineinführen. 

Jeder Gebildete weiss, dass die Griechen nicht allein grosse 
Politiker, sondern ebenfalls grosse Rechistheorctiker waren. Der 
>Prozcss um des Esels Schatten*') ist ein uralter attischer Witz, der 
die Vorliebe dieses leichtsinnigen, händelsüchtigen Volkes für gcricht- 
hchc Klagen trefflich verhöhnt; ich erinnere auch an die fVapen 
des Aristophanes mit den herzzerreissenden Bitten des von seinem 
Sohne eingeschlossenen Philokieon : »Lasst mich hinaus, lasst mich 
hinaus — zum Richten U Man sehe sich aber noch weiter um. 
Homer lässt auf dem Schilde des Achilleus eine Gerichtsscene ab- 
gebildet sein {Utas, XVIII, Vers 497 ff.), Plaio's umfangreichste Werke 
sind poUtische und rechtstheoretische (Die Republik und die Ge- 

■) Ein Athener mict« einen Esd, um sdn Gepäck n»ch Megara m tragen j 
b«i rincr Rjut seiet er sich in d« Eieli Scäiatttn nieder; der Eieltreiber wÜl es 
ohne Exirabezahlung nicht zugeben; er habe den Esd, nicht aber de» Esds Schanca 
vcnniclct. 



^ *n 

setze), die Rheiotik des Aristoteles ist sccllcnwcise einfach ein Hiod- 
buch für angehende Rechtsanwälte, man sehe 2. B. , wie er im 
15. Kapitel des ersten Buches eine ausführliche Theorie bctriigcrischcr 
Sophistik für Winkeladvokaten aufstellt, ihnen Andeutungen gicbt, 
wie sie das Gesetz zum Vorteil ihres Klienten verdrehen können, und 
ihnen rSt, vor Gericht, sobald es Vorteil bringt, falsche Eide schwören 

zu lassen.') Man siebt, ausserhalb Spartas (wo es nach 

Plutarch's Versicherung gar keine Prozesse gegeben haben soll) war 
die hellenische Luft von Rechtsfragen geschwSngert. Die Römer, 
stets bereit, fremdes Verdienst anzuerkennen, wandten sich behufs 
Ratschläge für den Ausbau ihres Rechtes seit Alters her an die 
Griechen, namentlich an die Athener. Schon als sie das erste Mai 
ihre rechtlichen Grundprinzipien schriftlich fixieren wollten (in den 
zwölf Tafeln), entsandten sie eine Kommission nach Griechenland, und 
bei der endgültigen Redaktion dieses frühesten Monumentes soll ein 
aus seiner Vaterstadt verbannter Ephesicr, Hermodorus, wesentliche 
Dienste geleistet haben. Hieran änderte die Zeit nichts. Die grossen 
Rechtsautoritäten, cicMucius ScacvoU, einServius Sulpicius 
sind genaue Kenner hellenischer Rechtsein rieh tungen; Cicero und 
was alles an diesem Namen drum und dran hängt, zieht seine un- 
klaren Äusserungen über göttliche Gerechtigkeit, natürliches Recht u.s.w. 
aus griechischen Philosophen : in dem pseudo-platonischen Mimt hatte 
er lesen können, das Recht sei die Entdeckung eines ausserhalb 
Liegenden, nicht eine menschliche Erfindung, und von Aristoteles 
dtieri er die Worte: »das allgemeine Gesetz, weil es das natürliche 
ist, wechselt nie, dagegen geschieht das oft beim geschriebenen c;'] 
in der späteren Zeit kaiserlicher Dekadenz, als das römische Volk von 
der Erdflache verschwunden war, wird die sogenannte »klassische 
Jurispnidenxc fast atisschiicssUch von Griechen (mehr oder weniger 

^ Dies gehört, fi«ch dem grasseo PbÜosopheo, lu den »susserhJLlb der Kumt 
ß^eoden Übencugungiininclai. 

*) Noch bis xum heutigen Tage finde» nun diese SteUe in jurinisehen 
Werken eitlen, jedoch mit wenig Recht, di Aristoteles hier bloss einen rhctomclieo 
Kniff «im Gcbrau-jh vor Gcricljt anj^cbt und auf der nächsten Seite die Anwen- 
dung der gcgcatdligcii Behauptung lehn- Noch weniger ini Sache \n die Stelle 
ftui der Nikoifiackiiehen Ethik V, 7, die in dem Sxux gipfelt: >Di« Ke^t M die 
Mi«c zwischen einen) gewissen VoneU und einem gewisien Nachteil«. Wie gross 
ctschvim nicht hier wie immer Dcmoltrii mit seiner tUrcn Hinsiclit: die Gesetce 
seien FrUchte mcnscitlichen Sioneos im Gcgensitic zu den Dingen der Ninir (Diogenes 
L«r.IX.4i)l 



i 



•74 



Das Erbe der alten Welt. 



semitischer Absummung) begründet und durchgeführt Es herrscht 
merkwürdiges Dunlcel über Herkunft und Gescbichce der berühmtesten 
Rccbtslehrcr der späteren römischen Zeit; sie sind auf einmal da in 
Amt und Würden, niemand weiss, wober sie kirnen. Wahrhaft er- 
greifend ist aber am Beginn des kaiserlichen Reginiences und seines 
unausbleiblichen Einflusses auf dos Rechtsleben der leidenschaftliche 
Kampf zwischen Labeo, dem unbändig freien Altplebcjer, und Capiio, 
dem nach Geld und Ehren strebenden Neuling, der Kampf für organische 
freie Weiterentwickelung gegen Autoritäcenglauben und Dogma. Das 
Dogma siegte, wie auf religiösem, so auch auf rechtlichem Gebiete. — 
Inzwischen hatten aber, wie gesagt, die praktischen Römer gor viel 
in Griechenland gelernt, namentlich von Soloa, der als Staatenbildner 
wenig Dauerhaftes geleistet hatte, umsomehr aber auf dem Gebiete 
des Rechtes. Ob Solon die schriftliche Rcchtsgcsctzgcbung und da* 
folgenreiche Prin2ip der actiones (der Einteilung der Klagen nach be- 
stimmten Grundsäuen) erfunden oder ob er sie nur S}'stematisiert 
und fixien hat. weiss ich nicht, jedenfalls stammt beides aus Athen.') 
Dies nur als Beispiel der grossen Bedeutung Griechenlands für 
den Auäbau des römischen Rechtes. Später, als alle hellenischen 
Länder unter römischer Verwaltung standen, trugen die griechischen 
Stidtc zur Ausbildung des jm gentium (und somit auch tur Vervoll- 
kommnung des römischen Rechtes) das Meiste bei. Und da fragt 
man sich: «ic kommt es denn, dass die Hellenen, den Römern 
geistig so sehr überlegen, nichts Dauerhaftes und auch nichts Vollendetes 
auf diesem Gebiete schufen, sondern lediglich durch Verminclung 
der Römer an dem grossen Civilisationswerk der Ausgestaltung des 
Rechtes teilnahmen? 

Hier lag ein einziger, jedoch ein folgenschwerer Fehler zu 
Grunde; der Römer ging von der Familie aus, auf Grundlage der 
Familie errichtete er Staat und Recht; der Grieche dagegen nahm 
als Ausgangspunkt den Staat, immer ist die Organisation der >Polis< 
sein Ideal, ihm bleiben Familie und Recht untergeordnet. Die ge- 
samte griechische Geschichte und Litieratur beweist die Richtigkät 
dieser Behauptung, und die Thatsache, dass der grösste aller Hellenen 
nachhomerischer Zeiten, Flato, die gänzliche Abschaffung der Familie 
(in den lotenden Kreisen) für ein erstrebenswertes Ziel erachtete, 
zeigt, zu welchen heillosen Verirruogcn ein solcher Fundamcntalfehler 



■) Lein: Cräto-ilalUekt RechsgexkUhte, S. 585. 



Römisches Recht. 



»71 



mii der Zeit führen musste. Mit vollem Recht sagt einmal Giordano 
Bruno (wo, ist mir entfallen): >Der allergeringste Irrtum in der Art 
und Weise, eine Sache anzufassen, verursacht schliesslich die erheb- 
lichsten imumlichen Abweichungen ; da kann das kleinste Versehen 
in der Verzweigung des Gedankenganges heranwachseo, wie eine 
Eichel zur Eiche.« Und das war hier kein »allergeringster Irrtum«, 
soodem ein gewaltiger; hier liegt alles Elend der hellenischen Völker 
eingeschlossen ; hier ist der Grund zu suchen, warum sie weder Stiat 
Docb Recht in dauerhafter, mustergültiger Weise auszubauen ver- 
mochten. Nimmt man eine sorgfältige EinzcldarstclluDg zur Hand, 
z. B. die vor wenigen Jahren aufgefundene Schrift des Aristoteles: 
Vom Slaatsu/esm der Athener, man wird von dieser Aufeinanderfolge 
verschiedener Verfassungen, liic jede einen wesentlich verschiedenen 
Geist atmen, schwindlig: die vordrakonischc Verfassung, die Ver- 
fassungen Drako's, Solon's, des Kleisthencs, des Aristetdes, des Pcriklcs, 
der Vierhundert u. s. w., u. s. w., alles innerhalb zweieinhalb Jahr- 
hunderte I Bei festgefügtem Familienleben wäre das undenkbar ge- 
wesen. Ohne dieses gelangten die Hellenen leicht zu ihrer so 
charakteristisch unhistcrischcn Auffassung: das Recht sei ein Gegen- 
stand der freien Spekulation; und so verloren sie das Gefühl diför, 
dass es, um leben zu können, aus thatsächlichen Verhältnissen her- 
vorwachsen muss. ') Und wie auffallend ist es, dass gerade die wich- 
tigsten Fragen des Familien rechtes als ein Nebens-Hchliches behandelt 
werden, Solon z. B., der bedeutendste Athcnienser auf rechtlichem 
Gebiet, das Erbrecht so dunkel lässt, dass die Auslegung der Willkür 
der Gerichte überiasscn bleibt (Aristoteles, a. a. O., Abschnitt 9). — 
Ganz anders Rom. Der starke Drang nach Disciplin findet einen 
Ausdruck hier zunächst in der festen Organisation der Familie. Die 
Sdhne bleiben nicht bloss bis zum 14. Lebensjahre, wie bei den 
Griechen, unter väterlicher Gewalt, sondern bis zum Tod des Vaters; 
durch Ausschliessung der Verwandtschaft auf mütterlicher Seite, durch 
rechtliche Anerkennung der unbegrenzten Gewalt des Pattrjamilias, 
selbst Über Leben und Tod der Seinigeo (und wäre sein Sohn in- 
iwischen auch zu den höchsten Staatsämiem hinaufgestiegen), durch 
gcCsstc Freiheit und genaueste Einzclbcstimmungeu in Berug auf das 
Tcsüer- und das Erbrecht, durch striktesten Schutz aller Eigcncuros- 

■) Trefflich ist in dieser Beiiehtmg eine Btmerkung Jean Jac«)»« Rous*eau's : *St 
quel^uffait tti leit iiiftuent sur Us moiurs, ('est ^mnd tlltt em tüänt Uur ffrtt* (Lttlrf 
i d'AlimbtTl). 



i 



176 



Das Erbe der alten Welt 



und Fordcningsrcchtc des Hausvaters (welcher allein ein Vermögens- 
recht bcsass und eine persona ml juris, d. h. eine freie, juristische 

Person war) durch alle diese Dinge und noch manche andere, 

wurde in Rom die Familie zu einer unerschßttcrlich festen, unzer- 
setzlichen Einheit, und diese Einheiten sind es, denen man im letzten 
Grunde die besondere Gesialmng des römischen Staates und des 
römischen Rechtes zu verdanken hat. Man begreift unschwer, wie 
eine so strenge Auffassung der Familie auf das gesamte Leben zurück- 
wirken musste: auf die Moral der Männer, auf die Beschaffenheit der 
Kinder, auf die Sorge, das Erworbene zu erhalten und zu vererben, 
auf die Vaterlandsliebe, die nicht, wie in Griechenland künstlich ge- 
schürt zu werdeil brauchte, kämpfte docli der Bürger für das dauernd 
gesichene Eigene, für sein heiliges Heim, für die Zukunft seiner Kinder, 
für Frieden und Ordnung. 
Di. Bh.. Hiermit hängt natürlich die innerliche Auffassung der Ehe und 

die Stellung des Weibes in der Gesellschaft zusammen : dies ist oiFen- 
bar das positive Element in der Gestaltung der römischen Familie, 
dasjenige, welches nicht durch Gesetze bestimmt werden konnte, 
welches dagegen die Gesetze bestimmt bat. Schon bei den alten 
Ariern wurde die Ehe als >cinc göttliche Einrichtung« betrachtet, und 
wenn die junge Frau die Schwelle des neuen Heims betrat, wurde 
ihr zugerufen: »Ziehe hin ins Haus des Gatten, dass du Hausherrin 
hcissest; als Gebieterin schalte daselbstl«') Gerade in diesem Punkte 
rweigten Hellenen und Römer, sonst so vielfach verwandt, von 
einander ab. Zu Homer's Zeiten sehen wir allerdings das Weib von 
den Griechen noch hochgeachtet, die Genossin des Mannes; die nach 
Kleinasien ausgewanderten lonier nahmen jedoch fremde Frauen, »die 
den hellenischen Mann nicht bei seinem Namen, sondern nur .Herr* 
nennen durften, — — diese Entartung der kleinasiatischen lonier 
hat auf Athen zurückgewirkt* .=) Der Römer dagegen »betrachtete 
die Frau als seine ebenbürtige Genossin, seine Leben sgcfiihnin, 
die alles mit ihm zu teilen hat: Göttliches wie Menschliches — — 
Die Ehefrau hat aber diese Stellung in Rom, nicht weil sie Ehefrau, 
sondern weil sie Weib ist, d. h. wegen der Achtung, welche der 
Römer dem weiblichen Geschlecht als solchem zollt. In allen Be- 
ziehungen, wo nicht der natürliche Unterschied des Geschlechts eine 



") Zimmer: Indischn Ltbtti, S. J13 ff. 

■) Etfried Müller: Darier, 2. Aiug. I, 78, H, 38a (nach Lcüt citicrt). 



Römisches Recht. 



»77 



Verschiedenheit bedingt, stellt der Römer das Weib mit äch auf eine 
Linie. Es giebt keinen schlagenderen Beleg dafür, als das altrömische 
Erbrecht, welches zwischen beiden Geschlechtern gar keinen Unter- 
schied macht: die Tochter erhält genau dasselbe wie der Sohn, die 
Agnattu wie der Agnat; sind keine Kinder da, so erhih die Witwe 
den ganzen Nachlass und schlichst den Manncsstamm aus, ebenso, 
wenn auch sie nicht vorhanden ist. die Schwester. Man muss die 
Zurücksetzung, welche das weibliche Geschlecht in den Rechten so 
^elcr anderer Völker erfahren hat, kennen, um die Bedeutsamkeit 
dieses Punktes einzusehen; in Griechenland z. B. schloss der nähere 
männliche Verwandte das Wcib gänzlich aus, und das Los einer Erb- 
lochter war ein geradezu beklagenswcncs, der nächste männliche Ver- 
wandte konnte sie ihrem Ehemann entziehen. <■) Als Fürstin princeps 
familiae, wurde die römische Ehefrau ira Hause verehrt, und das 
römische Gesetz sprichc von der matronaium sanclitas, der Heiligkeit 
der mit ICindcrn gesegneten Frauen. Kinder, die sich irgendwie gegen 
ihre Eltern vergingen, traf die >S3cenät«, d. h. die Ächtung vor 
Göttern und Menschen; auf dem Vatermord lag keine Strafe, weil 
(so erzählt Pluiarch] man dieses Verbrechen für undenkbar hielt, — 
in der That währte es über ein halbes Jahrtausend, bis das erste 
Parricidiuni begangen wurde.') Um sich diese altrömische Familie 
richtig vorzustellen, muss man sich noch eines gegenwärtig machen: 
dass nämlich im römischen Leben das sakrale Element, d. i. die 
Achtung vor gönlichen Geboten eine grosse Rolle spielte. War der 
Paterfamiiias dem menschlichen Rechte nach ein unbeschränkter Despot 

'} Jhertng: Enr^ükelungtgtKhiekU des rdmüekfii KtehUs, S. jj. Bei den 
Gcrminen sah u nicht besser aus. »Du Erbrccbi ist allen Weibern njch den 
ilWEten deutschen Gesetzen entweder versagt oder t>e)£hiin)t« . meldet Grimm: 
Dtaluht Rtchlsalurtümfr, j. Ausg.. S. 407, Die Milderungen, die nach und nach 
eintruten. sind auf rdmischca Einl^uss »irückiulührcn; wo dieser fikht oder wenig 
hinreichte, cntlialtco noch Im Mitidalicr die dcuadicn Reclmbü^hcr »völlige 
HinVnsct/ung«; ffl.nr im Norden, in Slundinavien und im iltetlen FriesUnd, 
Iconnte ein wetblichet Wesen Oberhaupt nichts erben , weder fahrendes, noch 
liegendes Gut: 'der Mann geht zum Erbe, das Weib divva<; erst im s). Jahr- 
huDden wurde leiztereni dort ein beschnnkics Erbrecht mgestandcn (Grimm. 
S. 47})- ^^ >>n'^ >^>^ Rechtivabilinisac. nu;li deucu die DL-utschtiüinlcr sich cu- 
nlcksehnen I 

*) (Ramtiias, X.X1X.) Zun) Kontrut diene, dass es bei den Deutschen bis 
tur Gpftlhrung de* Christentums (bei den Wenden sogir bis lum 17. Jahrhuaden) 
Sitte war, alte, schwache EUcra lu crachUgcn! (siehe Grimm: RfcAiiailtrtümtr, 

S. 486-490)- 

CbanbcrlMa, GrundUgm 4u \1X. JchilmiiMiu. tZ 



»7» 



Das Erbe der alten Wcic. 



Du Wdb. 



in seinem Hause, so verwehrte ihm das göttliche Gebot, dieses Recht 
zu missbnuchen.i) Das Familienhaus war ja ein Hcili^m, sein 
Herd einem Altar gleichwertig ; und wenn es auch für unser heutiges 
Gefahl etwas Grauenhaftes hat, davon zu hdreo, dass bei sehr grosser 
Armut Eltern bisweilen ihre Kinder in die SkUverei verkauften, so 
wird man doch aus allen Rechtsgeschichten die Überzeugung ge- 
winnen, diss irgend eine Grausamkeit (nach damaligen Begriffen} gegen 
Frau oder Kinder fast oder ganz unbekannt war. Zwar ist die Gattin 
ihrem Manne gegenüber juristisch filiae loco {einer Tochter gleich], 
ihren eigenen Kindern gegenüber sororis /oco (einer Schwester gleich): 
das geschii;ht aber im Interesse der Einheit der Familie und damit, 
sowohl in staai.1 rechtlicher wie in privatrechtlicher Beziehung, die 
Familie als scharf abgegrenztes, von einer einzigen Person juristisch 
vertretenes, autonomes, organisches Gebilde auftrete, nicht als ein 
mehr oder minder festes Konglomerat von lauter einzelnen Frag- 
menten. Schon im politischen Teile dieses Kapitels sahen wir, diss 
der Römer es liebte, die Gewalt einzelnen MSnnern zu übergeben, 
vertrauend, dass aus Freiheit, gepaart mit Verantwortlichkeit, beides 
im Brennpunkt einer ihrer Individualität bewussten Persönlichkeit 
vereint, mxssvolle und zugleich energische, weise Handlung hervor- 
gehen würde. So auch hier. Später entartete dieses Familienleben; 
es wurden schlaue Mittel ersonnen, um Surrogate ftir die wahre Ehe 
aufzubringen, damit die Frau nicht mehr in die juristische Gewalt 
des Mannes k:ime; »die Ehe wurde zu einem Geldgeschäft wie jedes 
andere; nicht um Familien zu gründen, sondern um die zerrütteten 
Vcrmögcnsverhäimisse durch Heiraisgüier aufzubessern, wurden Ehen 
geschlossen, und geschlossene getrennt, um neue zu schliessen;«^) 
aber trotzdem konnte noch zu Caesar's Zeiten Publius Syrus aU 
römische Auffassung der Ehe die Zeile schreiben: 

Percnne animus conjugiitm, tion corpus facit. 
Die Seele, nicht der Körper, macht die Ehe zu einer immerwährenden. 
Das ist der Mittelpunkt des römischen Rechtes; der Kontrast 
mit GricchcnJaDd (und mit Deutschland) lässt die Bedeutung eines 
solchen organischen Minclpunktes ahnen. Auch hier wieder bewährt 
ach der Römer, wenn auch afs durchaus unsentimentaler, fast peinlich 



') Ausserdem uniccbg er der icensoriacheo Rüge«, so^-oM für tu j^sse 
Strenge in der Ausübung seiner vlterlichtn Rechte, wie aucli fflr NachlissiKkcil ; 
siehe Jhcring: Grist Jn römiukea Rechles, § ;i. 

•) Esmarch: Rämiuht RtckUgtithichU, S. 317. 




Römisches Recht. 



«79 



phantasieloser, so doch nichts weniger als unidealer Mensch. Er 
besitzt sogar eine so grosse Macht der Idee, dass dasjenige, was er 
recht von Herzen wollte, nie wieder ganz verschwand. Wir sahen 
es schon im vorigen Abschnitt; Ideen sind unsterblich. Der römische 
Staat wurde zu Grunde gerichtet, seine Idee lebte aber, mächtig 
gestaltend, durch die Säcula weiter; am Schlüsse des 19. Jahrhunderts 
schmücken sich vier mSchtige Monarchen Europas mit dem Patrony- 
mikon Julius Caesar's, und der Begriff der Res publica gestaltet den 
grössien Staai der neuen Welt Das römische Recht aber lebt 
nicht allein als justinianische Mumie, nicht allein als technisches Ge- 
heimnis, nur den Technikern zugänglich, weiter; nein, ich glaube, 
dass auch der lebcnbildcnde Kern, aus dem jenes Recht im letzten 
Grunde erwachsen war, doch, trotz der Finsternis schmachvollst un- 
heiliger Jahrhunderte und trotz der auflösenden Gährung, die ihnen 
folgte, niemals zu Grunde ging, und dass er in uns als ein kost- 
barstes Gut weiterlebt. Wir reden noch heute von der Heiligkeit 
der Familie; wer sie, wie gewisse Sozialisten, leugnet, der wird 
aus der Liste urteilsfähiger Politiker gestrichen, und selbst wer kein 
gläubiger Katholik ist, wird sich hundertmal lieber mit der Vor- 
stellung befreunden, die Ehe sei ein religiöses Sakrament (v^c es ja 
im alten Rom war; hier wie an so vielen Onen fusst das Papsttum 
unmirtelbar auf altrömischem Pontifikalrecht und bewährt sich als 
letzter ofEztellcr Vertreter des Heideotums), als dass er zugeben wird, 
die Ehe sei, wie der gelehrte AnarchistenführcrElisÄe Reclus geschmack- 
voll sagt: ilediglich legale Prostitution<. Dass wir so fühlen, ist 
römische Erbschaft. Auch die hochgeachtete Stellung des Weibes, 
wodurch unsere Civilisation sich von der hellenischen und von den 
verschiedenen Abarten der semitischen und asiatischen so vorteihaft 
QDterscheidei, ist nicht, wie Schopenhauer und manche Andere ge- 
lehrt haben, eine »christlich-germanische Schöpfung«, sondern eine 
römische Schöpfung. So weit man urteilen kann, mßssen die alten 
Germanen ihre Weiber nicht besonders gut behandelt haben; hier 
scheint aber römischer Einfiuss zu allererst gewirkt zu haben ; die 
iltesten deutschen Rechtsbücher sind in Bezug auf die rechtliche 
Stellung der Frau voller wörtlicher Entlehnungen aus römischem Recht 
(siehe Grimm: Deutscht Rechlsallertämer ü, Kap. i. B 7 u. ff.}. Dass 
das Weib in Europa eine feste, sichere, rechtliche Stellung erlangte, das 
war römisches Werk. Besungen wurde das «schöne Geschlecht« aller- 
dings erst von Deutschen, Italienern, Franzosen, Engländern, Spaniern; 



u' 



i8o 



Das Erbe der ilten Welt. 



daran hatten freilich die Römer nie gedacht.') Ich frage mich aber, 
ob wir ohne den Scharfblick und Gerechtigkeitssinn, vor allem 
ohne den unvergleichlichen staatcnbildcnden Instinkt der Römer jemals 
dahin gelangt wiireti, das Weib als %-oUgüliige Genossin unseres Le- 
bens, als Eckstein der Familie in unser politisches System auf- 
zunehmen: Ich glaube es bestimmt verneinen zu dürfen. Das 
Chriscenium bedeutet durchaus keine Stärkung der Idee der Familie. 
Im Gegenteil, sein eigentliches Wesen ist, dass es alle poliiischcn 
und rechtlichen Bande zerrcisst und jedes einzelne Individuum auf 
sich selbst stellt. Von dem christlichen Kaiser Konstantin, der die 
Souverinilit des paterfamilias aufhob, erhielt denn auch die römische 
Familie den Gnadcn.stoss. Als AusBuss des Judentums ist ausser* 
dem das Christentum von Hause aus eine anarchische Macht, eine 
antipolitische. Dass die katholische Kirche ganz andere Wege ging 
und eine politische Macht erster Grösse wurde, ist einfach dem 
Umstand zuzuschreiben, dass sie die khire Lehre Christi verleugnete, 
und dafür die römische Staatsidee wieder aufgriff — wenn auch 
nur die Idee des verkommenen römischen Staates. Für die Er- 
haltung des rämischen Rechtes that die Kirche mehr als irgend 
Jemand ;») Papst Gregor IX. zum Beispiel geizte einzig nach dem Titel 
eines ijustjnian der Kirche«, mehr als Seligsprechung lag diese Aner- 
kennung seiner juristischen Verdienste ihm am Hcrzen.3) Waren nuti 
auch die Gründe, welche die Kirche und die Könige trieben, das rö- 
mische Recht in seiner byzantinL-schen Aftergesult zu erhalten und 
zwangsweise einzuführen, durchaus nicht immer besonders edle, das 
konnte doch nicht verhindern, dass manches Edelste an römischen 
Gedanken zugleich mit gereuet wurde. Und ebenso wie die Tradition 
des römischen Rechtes niemals aufhönc, schwand auch die römische 
Auflassung der Würde des Weibes und der politischen Bedeutung 
der Familie nie wieder ganz aus dem Bewusstsein der Menschen. Seit 
etlichen Jahrhunderten (hier wie an so manchen Orten bildet das i j. Jahr- 
hundert mit Petrus Lonibardus die fast mathematische Scheidelinie) sind 
■wir der altrömischen Auffassung immer näher gekommen, namentlich 



>) \c\\ rede von d«n trauen, Iceuscben Weibe; denn lüe Ebebrecherin und die 
Hetite wurden -von den ».tinhiftcsccn Dichicrn des vcr&Ucncn Roms, «Den voran 
Catull tuid Virgil, hocli gcfeitTt. 

*) Siebe namentlich Savij^y: Gathichu dts rimiuhtti Rtektts im Miiulatttr. 
Kap- }, tj, 33 (L s. w. 

t) Biyce; Düi htiUgt rimüchf Rtich, {not. Ausg., S. l^i. 



Römiscbes Recht 



i8t 



seitdcin das Tridcntiner Konzil und Martin Luther zu gleicher Zeit 
die Heiligkeit der Ehe betonten. Dass diese Annäherung in mancher 
Beziehung eine rein ideelle iüt, thut nichts zur Sache; eine durch 
und durch neue CiviÜsaiion kann sich gar nicht zu gründlich von 
alten Formen frei machen; ohnehin gicsscn wir gar zu viel neuen 
Wein in alte Schläuche; ich glaube aber nicht, dass irgend ein vor- 
uncilsloscr Mann leugnen wird, die römische Familie sei eine der 
herrlichsten Errungenschaften des Mcn sehen gcistes, einer jener Gipfel, 
der nicht zweimal erklommen werden kann, und zu dem noch die 
fernsten Jahrhunderte hinaufblicken werden voll Bewunderung, zu- 
gleich auch, um sieber zu sein, dass sie selber nicht zu weit von der 
Wahrheit abirren. Bei jedem Studium unseres Jahrhunderts, z. B. bei 
der Besprechung der brennenden Frauenemanzipations frage, wird dieser 
ragende Gipfel unschätzbare Dienste leisten; ebenso bei der Beurteilung 
jener sozialistischen Theorien, welche, im Gegensatz zu Rom, auf die 
Formel hinauslaufen: keine Familie, alles Staat, 



Ich habe hier etwas Schwieriges versucht: über einen technischen 
Gegenstand nicht- technisch zu reden. Ich musste mich darauf be- 
schranken, die besondere Befähigung der Römer für die Ausbitdung 
gerade dieser Technik nachzuweisen; was ich sodann als den weitest 
reichenden Erfolg für die menschliche Gesellschaft hervorzuheben be- 
müht war, die felsenfeste, rechtliche Begründung der Familie, das ist, 
wie man bemerkt haben wird, wesensgleich mit der ursprünglichen, 
treibenden Krafi, aus welcher die technische Meisterschaft allmählich 
heraufgewachsen war. Alles was dazwischen liegt, d. h. die gesamte 
eigentliche Technik, musste beiseite gelassen werden, ebenso wie ctnc 
Erörterung über die Vorteile und die Nachteile des vorwiegenden 
Einflusses des römischen Rechtes in unserem Jahrhunden in rein 
technischer Beziehung. Auch ohne solch' gefährlichen Sandboden zu 
betreten, gab es für uns Laien genug anregende Betrachtungen. 

Mit Absicht habe ich mich auf Politik und Recht beschränkt. 
Was nicht auf uns vererbt wurde, fallt nicht in den Gesichtskreis 
dieses Buches, und Manches, was sich erhalten hat, wie z. B. die Werke 
lateinischer Dichter, bildet eine Beschäftigung fiir Liebhaber und Ge- 
lehrte, nicht aber einen lebendigen Teil unseres Lebens. Griechische 
Poesie und lateinische Poesie zusammen zuthun zu dem einen Begriff 
>klassische Utteratur«, ist ein Beweis von unglaublicher Geschmacks- 
barbarei und von einer bedauerlichen Unkenntnis des Wesens und 



und Sprache. 



iS> 



Das Erbe der alten Welt. 



Wertes genialer Kunst. Wo römische Dichtung das Erhabene anstrebt, 
wie bei VirgU und Ovid, schliesst sie sich möglichst sklavisch an 
griechische Muster an im richtigen Gefühl ihrer rettungslosen Un- 
originaüiät. Wie TrcUschkc sagt: >Dic römische Lincratur Ist eine 
griechische, die mit lateinischen Worten geschrieben wird.*') Was 
sollen unsere unseligen Knaben denken, wenn ihnen früh die llias 
des gTössten dichterischen .Schöpfers aller Zeiten erklärt wird, nach* 
mittags die auf kaiserlichen Befehl ausgearbeitete Tendenzepopöe, die 
Aeneis: beides als klassische Muster? Das Echte und das Unechte, das 
glorreiche, freie Schaffen aus höchster schöpferischer Kot und die 
feingebildete Technik im Dienste des Goldes und des Dilettantismus, 
das Genie und das Talent: vorgeführt als zwei auf demselben Stock 
gewachsene Blumen, nur wenig unterschieden! So lange jenes blasse 
Gedankenunding, der Begriff der »klassischen Lincraturc, unter uns 
als Dogma weiterlebt, solange umfängt uns noch die Nacht des Völker- 
chaos, so lange sind uusere Schulen Sterilislerungs 2 d stalten zur Ver- 
tilgung jeder schöpferischen Regung. Hellenische Dichtung war ein 
Anfang, eine Morgendämmerung, sie erschuf ein Volk, sie schenkte 
ihm aus verschwenderischem Herzen alles, was höchste Schönheit geben 
kann, um das Leben zu heiligen, alles was Poesie vermag, um arme, 
geplagte Mcnschcnscclcn zu verklären und mit der Ahnung unsicht- 
barer» freundlicher Machte zu erfüllen, — und unversiegbar quillt 
nunmehr dieser Lebcnsbom. ein Jahrhundert nach dem andern labt 
sich an ihm, ein Volk nach dem andern schöpft aus .■icincn Fluten 
die Begeisterungskraft, selber Schönes zu schaffen ; denn das Genie 
ist wie Gott: zwar offenbart es sich in einer bestimmten Zeit und 
unter bestimmten Umständen, seinem Wesen nach ist es aber unbe- 
dingt, was Anderen zu Ketten wird, daraus schmiedet es sich Flügel, 
es entsteigt der Zelt und ihrem Todesschatten und geht lebendig ein 
in die Ewigkeit. In Rom dagegen, man darf es kühn behaupten, war 
das Genie überhaupt verboten! Rom hat keinerlei Dichtung, bis es 
in Verwesung kommt. Erst bei hereinbrechender Nacht, als kein Volk 
mehr da ist, um sie zu hören, erheben seine Sänger ihre Scimmeo; 
Nachtfalter sind es; sie schreiben für die Boudoirs lasciver Frauen, 
für die Zerstreuung fein gebildeter Lebemänner und für den Hof. Ob- 
wohl Hellenen In nächster Nähe iebcen und von den frühesten Zeiten 
an die Samen hellenischer Kunst und Philosophie und Wissenschaft 



■) Cbcf tlcn grossen Lucrei ils Ausnahme, vcrgl. Aas S. 71, Kam, Goagic. 



Komisches Recht. 



i8j 



aussireuien (denn ille Bildung war in Rom von jeher griechisch), kein 
einziges Samenkorn ging aiif. 500 Jahre vor Christus sandten schon 
die Römer nach Athen, um genaue Nachricht über griechisches Recht 
zu erhalten; ihre Gesandiea uaf'cn den Aeschylus in der Fülle seiner 
Kraft, Sophokles schon schöpferisch thätig an; welche künstlerische 
Blüte hätte bei solcher Lebensenergie in Rom nach dieser Berührung 
aufgehen müssen, wenn nur die geringste Beanlagung vorhanden ge- 
wesen wäre. Das war aber nicht der Fall. Wie Mommsen sagt: «die 
Entwtckclung der musischen Künste in Latium war mehr ein Ein- 
trocknen als ein Aufblühen.« Die Lateiner hatten vor dem Verfall 
überhaupt kein Wort für Dichter, der Begriff war ihnen fremd! — 
Wenn ihre Dichternun ohne Ausnahme ungcniil waren, worin bestand 
die Bedeutung derjenigen unter ihnen, die, wie Horaz und Juveoal, 
stets die Bewunderung der Sprachkün stier erregt haben? Offenbar, 
wie alles, was aus Korn stammt, in der Technik. Die Römer waren 
grossarugc Baumeister — von Kloaken und Aquädukten, ') gross* 
artige Maler — von Zimmerdekorationen, grossartige Fabrikanten — 
kunstgewerblicher Gegenstände; in ihren Circusscn kämpften bezahlte 
Techniker des Fechtens und fuhren berufsmässige Wagcnlenkcr. Der 
Römer konnic Virtuos werden, nicht Künstler; jede Virtuosität inter- 
cssienc ihn, keine Kunst. Die Gedichte des Horaz sind technische 
Meisterstücke. Abgesehen vom historisch-pittoresken Interesse als 
Schilderungen eines entschwundenen Lebens, fesselt uns bei diesen 
Dichtungen lediglich die VirraositÄt. Die iLebensweishein, wirft man 
mir ein? Ja, wenn eine so alltägliche, nüchterne Weisheit niu" nicht 
überall besser am Platze wäre, als im Zauberreich der Kunst, derea 
weit offene Kindesaugen aus jedem hellenischen Dichtwerk eine so 
ganz andere Weisheit künden als die, welche dem Horaz und seinen 
Freunden zwischen Käse und Obst einfällt. Eine der echtesten Dichter- 
naturen, die je gelebt, Byron, sagt von Horaz: 

It is a cuTse 

To utKifTstanä, not fal thy fyric flow, 

Tq comprehend, but ttwtr Icvt tky verst.^) 



■) Doch .mch hier nicln Erfinder; siehe Hucppc'i UnicnuchungcD über tue 
Wassenechnik der ahen Griechen: Russenkv^en» der Griechen, S- 37. 

^ Ein Fluch iit o. deinen lyriicben Gigius mit dem Vcnond allein, irfdit 
mit 6tn\ Gcffihl aufzurusrn, deine Vene zwar betrafen, doch nlenuli liebca xu 
bOimcD. 



184 



Das Erbe der alten Welt. 



Was ist das für eine Kunst, die nur zum Verstand, nie zum Herzen 
redet? Es kann nur eine künstliche Kunst sein, eine Technik; käme 
sie von Herzen, sie würde auch zu Herzen gehen. In Wahrheit stehen 
wir hier noch unter französischer Vormundschaft, und die Franzosen 
unter syrisch-jüdischer (Boilcau-Pscudolonginus); und ist auch wenig 
von dieser Erbschaft ins moderne Leben eingedrungen, wir sollten sie 
endlich einmal ganz abwerfen zu Gunsien unserer eigenen Dichter in 
Worten und in Tönen, gottbegnadeter Männer, deren Werke himmelhoch 
alles Überragen, was auf dem Schutte des verfallenen Rom wie ctiolicrte 
Pflanzen, in ungesunder Hast, wurzcl- und saftlos in die Höhe schoss. 
In den Händen des Fachmannes, d. h. des Philologen, wird die 
lateinische Poesie ebenso sicher und zweckentsprechend aufgehoben 
sein, wie das corpus juris bei Jen Rcchtsfonichem. Will man aber 
die lateinische Sprache als allgemeines Bildungsmittel durchaus bei* 
behalten [anstatt dass man die griechische allein, dafür aber gründlicher, 
lehne), so zeige man sie dort am Werke, wo sie Unvergleichliches 
leistet, wo sie, in Übereinstimmung mit der besonderen Anlage des 
römischen Volkes und mit seiner historischen Entwickelung das \-oll- 
bringi, was nie eine andere Sprache gekonnt hat, noch können wird: 
beim plastischen Ausbau rechtlicher Begriffe. Man sagt, die lateinische 
Sprache bilde den logischen Sinn; ich will es glauben, wenn ich auch 
nicht umhin kann zu bemerken, dass man gerade in dieser Sprache 
wihrend der scholastischen Jahrhunderte, trotz aller Logik, mehr Unsinn 
geschrieben hat, als je in einer anderen ; wodurch hat aber die lateinische 
Sprache einen Charakter von so grosser, wortkarger Bestimmtheit er- 
langt? Dadurch, dass sie ausschliesslich als Geschäfts- und Verwal- 
rangs- und Rechlssprache ausgebildet wurde. Diese unpoetischeste aller 
Sprachen ist ein grossartigts Monument des folgenschweren Kampfes 
freier Menschen um ein gesichertes Recht. Don zeige man sie unseren 
Jünglingen am Werke. Die grossen Rcchtslehrer Roms haben ecipso das 
schönste Lateinisch geschrieben ; dazu (und nicht zum Verseschreiben) 
war ja diese Sprache da ; die makellos durchsichtige, jede Mis.sdemung 
ausschliessende Satzbildung war ein wichtiges Instrument juristischer 
Technik; aus dem Rechisstudium allein hat Cicero seine stilistischen 
Vorzüge geschöpft. Schon von den ältesten Dokumenten der Ge- 
schäfts- und Gerichtssprache sagt Mommsen , sie zeichneten sich aus 
»durch Schärfe und Bestimmtheit«,'} und von der Sprache Papinian 's. 



<) JRöaiuht Gtsckichtt \, 4jt. 



Römbches Reclic. 



I8S 



eines der letzten der grossen Rechtslehrer (unter Marc Aurel), berichten 
philologisch geschulte Männer, sie sei: »die höchste Steigerung der 
Fähigkeit, stets den der Tiefe und Klarheit des Gedankens vollkommen 
entsprechenden Ausdruck zu finden ;< wie aus Mirmor gemeisselt 
stünden seine Sitze: >kein Wort zu \'iel, kcJns zu wenig, jedes Won 
am unbedingt rechten Platz, so weit es der Sprache möglich ist, jeden 
Doppclsinn aussclilicssend.«') Ein Verkehr mit derartigen Menschen 
wäre wirklich ein kostbarer Beitrag zu unserer Bildung. Und mich 
dQnkt, wenn jeder römische Knabe die zwölf Tafeln auswendig wusste, 
unseren Jünglingen könnte es auch nur dienlich und geistig forderlich 
sein, wenn sie die Schule nicht lediglich als dumme gelehrte suhjecti, 
sondern mit einigen genauen Begriffen rechtlicher und staatsrechtlicher 
Dinge, nicht allein formell logisch, sondern auch vernünftig und 
praktisch denkend, gestählt gegen hohle Schwärmerei für ideutschcs 
Recht« und dergleichen vcrliesscn. Inzwischen liegt in unserem Ver- 
halten zur lateinischen Sprache eine schlecht verwaltete und darum 
ziemlich sterile Erbschaft vor. 



Wir Männer des 19. Jalirhunderts, wir wiren nicht was wir sind, 
wenn wir nicht aus diesen beiden Kulturen, der hellenischen und der 
römischen, ein reiches Vennächtnis angetreten hinen. Darum können 
wir auch unmöglich beurteilen, was wir in Wahrheit sind, und mit 
Bescheidenheit eingestehen, wie wenig das ist, wenn wir uns nicht 
eine durchaus deutliche Vorstellung von der Beschaffenheit dieser Erb- 
stücke machen. Ich hoffe, mein Bestreben wird nach dieser Richtung 
hin nicht ganz ohne Erfolg gewesen sein, auch hoffe ich, d^ss der 
Leser namentlich bemerkt haben wird, wie das römische Erbe sich 
von Grund und Boden aus vom hellenischen unterscheidet. 

In Hellas war die geniale Persönlichkeit das ausschlaggebende 
Moment gewesen: gleichviel ob diesseits oder jenseits des adriatischen 
und des ägäischcn Meeres, die Griechen waren gross, so lange sie 
grosse Männer bcsasscn. In Born hat es dagegen nur insofern und 
nur solange bedeutende Individualitäten gegeben, als das Volk gross 
war, und gross war es, so lange es physisch und moralisch unver- 
fälscht römisch blieb. Rom ist das extremste Beispiel einer grossen 
anonymen Volksmacht, die unbewusst, dafür aber um so sicherer 
schafft. Darum aber ist es weniger anziehend als Hellas, und darum 



fAfttung. 



>} Esnurdi: Römiicht R^ktsgrschichU, S. 400. 



Das Erbe der alten Wdi. 



wird auch die Leistung Roms für unsere Civilisation selten gerecht 
beuneilt. Ucd doch forden Rom Bewunderung und Dankbarkeit; 
seine Gaben waren moralische, nicht intellektuelle; gerade dadurch 
jedoch war es beßhigt, Grosses zu leisten. Nicht dL-r Tod des Leoni- 
du konnte die asiatische Gefahr von Europa abwenden und mit der 
Menschenfreiheit die Menschenwürde erretten, sie künftigen Zeiten 
zu friedvollerer Pflege und festerem Bestand übermachend ; das ver- 
moclite einzig ein langlebigerStaat von eiserner, unerbittlicher politischer 
Konsequenz. Nicht Theorie aber, und eben so wenig Schwärmerei 
und Spekulation konnten diesen langlebigen Staat erschaffen; er musste 
in dem Charakter der Bürger wurzeln. Dieser Charakter war hart 
Und eigensüchtig, gross jedoch durch sein hohes PAichtgcfühl, durch 
seine Aufopferung^rihigkeit und durch seinen Familiensinn. Indem 
der Römer inmitten des Chaos der damaligen Staatsversuche seinen 
Staat errichteie, errichtete er den Staat für alle Zeiten. Indem er sein 
Recht zu einer uncrhönen technischen Vollkommenheit ausarbeitete, 
begründete er das Recht för alle Menschen. Indem er die Familie, 
seinem Herzensdrang folgend, zum Mittelpunkt von Recht und Suat 
machte und diesem Begriffe fast exorbiuntcn Ausdruck verlieh, hob 
er das Weib zu sich hinauf und schuf die Verbindung der Geschlechter 
um zur Heiligkeit der Ehe. Geht unsere künstlerische und wissen- 
schaftliche Kultur in vielen wesentlichen Momenten auf Griechenland 
zurClck, so führt unsere gesellschaftliche Kultur auf Rom. Ich rede 
hier nicht von der nuieriellen Gvilisation, die aus allerhand Ländern 
und Epochen, und vornehmlich aus dem Er6udungsf1eiss der letzten 
Jahrhundene summt, sondern von den sicheren moralischen Grund- 
lagen eines würdigen gesellschaftlichen Lebens; sie zu legen war eine 
grosse Kulturarbeit. 



DRITTES KAPITEL 



DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 



Durch Eines Tugend smd Alle zum 
wahren Hdle gekommen. 



Vor unseren Augen steht eine bestimmte unvergleichliche Et- 
scheinung; dieses erschaute Bild ist das lirbc, das wir von unseren 
Vätern überkommen haben, Die historische Bedeutung des Christen- 
tums kann man ohne die genaue Kenntnis die.scr Erscheinung nicht 
ermessen und richtig beurteilen; dagegen gilt das Umgekehrte nicht, 
und die GestaJt Jesu Christi ist heute durch die geschichtliche Em- 
Wickelung der Kirchen eher verdunkelt und ferogcrückt als unserem 
klarschauenden Auge enihüUi. Eini^ig durch eine örthch und zeitlich 
beschränkte Kirchenlchrc diese Gestalt erblicken, hcisst sich freiwillig 
Scheuklappen aufbinden und sich die Aussicht auf das gottlich Ewige 
auf ein kleines Mass beschränken. Durch die Kirchendügmcn wird 
ohnehin gerade die Erscheinung Christi kaum berührt; sie alle sind 
so abstrakt, dass sie weder dem Verstand noch dem Gefühl einen 
Anhaltspunkt bieten; es gilt von ihnen im Allgemeinen, was ein un- 
verfänglicher Zeuge, der heilige Augustinus, von dem Dogma der 
Dreieinigkeit sagt: »Wir reden also von drei Personen, nicht weil wir 
wähoen, hiermit etwas ausgesagt zu haben, sondern lediglich, weil 
wir nicht schweigen könneti-«*) Gewiss ist es keine Verletzung der 
schuldigen Ehrfurcht, wenn wir sagen: nicht die Kirchen bilden die 
Macht des Christentums, sondern diese bildet einzig und allein jener 
Quell, aus dem die Kirchen selber alle Kraft schöpfen; der AnbUck 
des gekreuzigten Menschensohnes. 

Trennen wir also die Erscheinung Christi auf Erden von altem 
historischen Christentum. 

Was sind denn auch unsere 19 Jahrhundertc für die bewusste 
Aufnahme eines derartigen Erlebnisses, für die alle Schichten der 
Menschheit durchdringende Umwandlung durch eine von Grund aus 
neue Weltanschauung? Man bedenke doch, dass es über zwei Jahr- 



BUUlmUm. 



') *Difhin fit tamtn ins ptrtonat, um ul aUjuid ÜttTttur, ui nt uetniur.t 
Dt Trinitate, lib. V, c. 9. 



190 



iis Erbe der alten Welt 



uusende gewährt bat, ehe die mathematisch beweisbare, sinnfUllig vor- 
stclibarc Struktur des Kosmos ein fester, allgemeiner Bcsit«: des mensch- 
lichen Wissens w-urdc!') Ist nicht der Verstand mit seinen Augen 
und mit seinem unfehlbaren Brevier von 2 mal 3 ist 4 leichter zu 
modeln, als da.s blinde, ewig durch Eigensucht bcthöne Herz? Kun 
wird ein Mann geboren und lebt cid Leben, durch welches die Auf- 
fassung von der sittlichen Bedeutung des Menschen, die gesamte 
»moralische Weltanschauung« eine völlige Umwandlung erleiden — 
wodurch zugleich das Verhältnis des Individuums zu sich selbst, sein 
Verhältnis zu Anderen und sein Verhältnis zur umgebenden Nanir 
eine früher ungeahnte Beleuchtung erfahren muss, so dass alle Hand- 
lungsmotive und Ideale, alle Herzensbegehr und Hoßnung nunmehr 
umzugestalten und vom Fundament aus neu aufzubauen sind! Und 
man glaubt, das könne das Werk einiger Jahrhunderte sein? Man 
glaubt, das könne durch Missversiändnisse und Lügen, durch politische 
Intriguen und ökumenische Konzilien, durch den Befehl ehrgeiztoller 
Könige und habgieriger Pfaden, durch dreitausend Bände scholastischer 
Beweisführung, durch den Glaubensfanatismus beschränkter Bauern- 
Seelen und den edlen Eifer vereinzelter t Fürtrefflichsien i, durch Krieg, 
Mord und Scheiterhaufen, durch bürgerliche Gesetzbücher und gesell- 
schaftliche Intoleranz bewirkt werden? Ich für mein Teil glaube es 
nicht. Ich glaube vielmehr, dass wir noch fem, sehr fern von dem 
Moment sind, wo die umbildende Macht der Erscheinung Christi sich 
in ihrem vollen Umfang auf die gesittete Menschheit geltend machea 
wird. Sollten unsere Kirchen in ihrer bisherigen Gestalt auch zu 
Grunde gehen, die christliche Idee wird nur umso machtvoller hervor- 
treten. Im 9, Kapitel werde ich zeigen, wie unsere neue germanische 
Wclunschauung dahin drängt. Das Christentum geht noch auf 
Kinderfüssen, kaum dämmert seine Mannesreife unserem blöden Blicke. 
Wer weiss, ob nicht ein Tag kommt, wo man die blutige Kirchen- 
gcschichte der ersten 18 christlichen Jahrhunderte als die Geschichte 
der bösen Kinderkrankheiten des Christentums betrachtet? 

Lassen wir uns also bei der Betrachtung der Erscheinung Christi 
durch keinerlei hisiorischc Vorspiegelungen und ebensowenig durch 
die vorübergehenden Ansichten unseres Jahrhunderts das Unei! trüben. 
Seien wir überzeugt, dass wir gerade von dieser einen Erbschaft bis 
heute nur den kleinsten Teil angetreten haben, und, wollen wir wissen, 

•} Siehe S. »6. 



J 



Die Erscheinung Christi. 



191 



vas sie fiir uns Alle zu bedeuten h« ^ gleichviel, ob wir Christen 
oder Juden, Gläubige oder Ungläubige, gleichviel, ob wir uns dessen 
bewusst sind oder nicht — so verstopfen ■wir uns vorläufig; die Ohren 
gegen das Chaos der Glaubensbekenntnisse und der die Menschheit 
schändenden Blasphcmiecn, und richten wir zunächst den Blick hinauf 
tu der unvergleichlichsten Erscheinung aller Zeiten. 

In diesem Abschnitt werde ich nicht umhin können» Manches, 
was die >Verstandcsgrundlage4 verschiedener Religionen bildet, kritisch 
prüfend zu betrachten- Da ich aber das. was ich selber als Heiligtum 
im Herren berge, unangetastet lasse, so hoffe ich auch keinem andren 
vemünfiigcn Menschen verletzend nahe zu treten. Die historische 
Erscheinung Jesu Christi kann man ebenso gut von jeder ihr 
inncu'ohnendcn, übern atiirlichcn Bedeutung trennen, wie man Physik 
auf rein materialistischer Grundlage treiben kann und muss, ohne 
darum zu wähnen, man habe die Metaphysik von ihrem Throne ge- 
stfirzt. Von Christus freilich kann man schwerlich reden, ohne hin 
und wieder das jenseitige Gebiet zu sireJfen; jedoch der Glaube, als 
solcher, braucht nicht berührt zu werden, und wenn ich als Historiker 
logisch und überzeugend verfahre, so lasse ich mir gern die einzelnen 
Widerlegungen gefallen, die der Leser nicht aus seinem Verstand, 
sondern aus seinem Gemüt schöpft. In diesem Bewusstscin werde 
ich im folgenden Abschnitt ebenso freimütig reden, wie in den 
vorangegangenen. 



Der religiöse Glaube von mehr als rwei Dritteln der gesaroten ni* Rtiirion i« 
Bewohner der Erde knüpft heute an das irdische Dasein zweier Männer ^'*^~"«- 
an : Christus und Buddha; Männer, die vor nur wenigen Jahrhunderten 
lebten und von denen es historisch nachgewiesen ist, dass sie that- 
sächlich gelebt haben, und dass die Traditionen, die von ihnen be- 
richten — wie viel sie auch an Erdichtetem, Schwankendem, Un- 
klarem, Widersprechendem enthalten mögen — dennoch die Haupt- 
zflge ihres wirklichen Lebens getreu vkdcdcrgeben. Auch ohne dieses 
sichere Ergebnis der wissenschaftlichen Forschungen unseres Jahr- 
hundens') werden gesund und scharfsinnig uneilende Männer niemals 



■) Die Existenz Chrisii war nimlich bereits iin a. Jahrhundtrl unserer Acn 
gcJeugnci worden, und Buddha wurde bis vor 2s Jähren von vielen Fach}(clclincn 
fllr eine n:i\ihtsche Gc^ialt gehalten. Siehe x. B. die Bücher von S^nin und Kern. 



Das Erbe der alten Welt. 



an dem wirklichen Dasein dieser grossen moralischen Hcldco ge- 
zweifch baben: denn isi das historisch-chronologische Material über 
sie auch äusserst dfirftig und lückenhaft, so steht doch ihre sittliche 
und geistige Individualität so leuchtend klar vor Augen, und diese 
Individualitit ist eine so unvergleichliche, dass sie nicht erfunden 
werden konnte. Die Erfindungsgabe des Menschen ist eng beschränkt; 
das schöpferische Gemüt kann nur mit Gegebenem arbeiten: Homer 
muss McDSchcD auf dem Olympos inthronisieren, denn was er sah 
und erlebte, zieht seiner Gestaltungskraft die unübcrstcigbarc Grenze i 
dass er sctnc Götter so ganz menschlich darstellt, dass er seiner 
Phantasie nicht gcsuttet, sich ins Ungeheuerliche, Unvorstellbare [well 
nie Gesehene) zu verirren, dass er sie \-ielrnehr bändigt, um ihre 
ungeteilte Kraft zu einer sichtbaren Dichtung zu verwerteo, das ist 
ein Beweis unter tausenden, und nicht der geringste, von seiner geistigen 
Überlegenheit. Wir vermögen es nicht einmal, eine Pflanzen- oder 
eine Ticrgestalt zu erfinden; höchstens stellen wir bei derartigen 
Versuchen eine aus Bruchteilen allerhand bekannter Wesen zusammen- 
gestöppelte Monstrosität zusammen. Die Natur dagegen, die uner- 
schöpflich erfindungsreiche , zeigt uns Neues, v^'ann es ihr behebt; 
und dieses Neue ist nunmehr für unser Bcwusstscin ebenso uovcr- 
tilgbar wie es ehedem uacrtindbar war. Einen Buddha, geschweige 
einen Jesus Christus, konnte keine dichterische Menschen kraft, weder 
die eines Einzelnen, noch die eines Volkes, erfinden; nirgends ent- 
decken wir auch nur den geringsten Ansatz dazu. Weder Dichter, 
noch Philosophen, noch Propheten haben sich ein derartiges Phänomen 
erträumen können. Oft redet man freilich, anknüpfend an Jesus 
Christus, von Ptato; ganze ßücbcr giebt es über das angebliche Ver- 
hältnis zwischen diesen beiden ; es sei nämlich der griechische Philo- 
soph ein Vorverkündiger der neuen Heilslcbrc gewesen. Ja, halten 
uns die gelehrten Herren denn für Narren? Wird nicht der hellenische 
Rationalismus ödcr, je höher er sich versteigt? War man jemals ent- 
fernter von aller Religion, von aller Möglichkeit, veredelnd auf das 
Leben zu wirken als in dem Augenblick, wo die Besten des begabtesten 
Volkes über die notwendigen Eigenschaften der Seele stritten (autonom, 
gotiverwandt u. s. w., siehe S. 114}, als sie den Menschen als Ideal 
die »Idee des Gutenc, welche identisch sei mit der »Idee des Schönen« 
vorhielten und endlosen ebensolchen Firlefanz einer tollgewordenen, 
weil Unmögliches erstrebenden Vernunft? Sieht denn nicht Jeder ein, 
dass Plato dort am grösstcn ist, wo er das Leben berührt, in seinem 



Die Erscheioong Cbmtt. 



J« 



Phaidros, seincin Gastmahl, seinem Phacdon? Und nun gar Sokrates! 
Der kluge Urheber der Grammatik und der Logik, der biedere Ver* 
kQnder einer Pliüistermoral, der edle Schuäizer der athenicnsischen 
Gymnasien, ist er nicht in allem der Gegenpart zu dem göttlichen 
Verkünder eines Himmelreichs der »Armen an GeisK? Ebensowenig 
hat man in Indien die Gestalt eines Buddha im Voraus geahnt oder 
durch die Sehnsucht herbe igezauberi. Alle solche Behauptungen ge- 
boren dem weiten Gebiete des nachträglich konstruierenden, ge- 
schichtsphilosophischcn Irrwahnes an. Wären Christus und das 
Christentum eine historische Notwendigkeit gewesen, wie der Neo- 
scholastiker Hegel behauptet, so hätten wir nicht einen Christus, 
sondern tausend entstehen sehen müssen ; ich möchte wirklich wissen, 
in welchem Jahrhunden ein Jesus nicht ebenso »notwendig« gewesen 
wäre wie da^ liebe Brot?') Verwerfen wjr also solche von Gedanken- 
blässe angekränkelte Betrachtungen, die alle den einzigen Erfolg haben, 
das allein Ausschlaggebende und Produktive, nämlich die Bedeutung 
der lebendigen, individuellen, unvergleichlichen Persönlichkeit zu 
verwischen. Immer wieder muss man Gocihc's grosses Won anführen; 

Höchstes Glück der Erdenkinder 
Ist nur die Persönlichkeit I 

Wohl wird die Umgebung der PcrsönlicWkeit, die Kenntnis ihrer 
allgemeinen Bedingtheit in Zeit und Raum wertvolle Beiträge liefern 
zu ihrer klaren Erkenntnis; durch ein solches Wissen werden wir 
"Wrchliges von Unwichtigem, charakteristisch Individuelles von örtlich 
Konventionellem zu unterscheiden lernen; das heisst also, wir werden 
die Persönlichkeit immer klarer erblicken. Sie jedoch erklären, sie als 
eine logische Notwendigkeit danhun wollen, ist ein mOssiges, albernes 



■) Über Christus schreibt Hegel {PWtoc^W« ätr Geseh'chUr. Th. III. A. j, Kap. a). 
>£t wurde a\s an dieser Mensch geboren, ia aiuaaktcr Subjckiiviiai, aber so, itss 
umgeliehn die Endlichkeit nur die Form seiner Erscheinung ist, deren Weien und 

Inhalt vielmehr die Unendlichkeit, das at>ioIutc Fürsicbstia ausniachi. DjcN'aiut 

Gottes, reiner Geist ra sein, wird dem M<;nschen tn der christlichen Religion offenbar. 
Was bt aber der Gebt? Er ist das Eint, sich selb« gleiche Unendüclic. die reine 
Identiiit. welche zweitens sich von sich trennt, ah das Andere ihrer selbst, als das 
FQrsich' und In^ich-icin gegen das Allgemeine. Diese Trcnnuiift ist aber dadurch 
aufgehoben, dass die itomistiichc Subjektjintil, ait di< eiDfachc Beziehung auf sich, 
selbst das .'Ulgemcine, mit sich Idcnäschc ist.* — Was wohl tukanftl^c Jahrhimdcrre 
zu diesem Wortscliwall saften werden? Währead zwei Dtittela de* unsrigeo worde er 
ßr höchste Weisheit geh.ilten. 

CluDitiaiUiB, Cnsilliivs ^t XtX. Jihrliaailtni. tj 



»94 



Das Erbe der alten Welt. 



Beginocni jede Gesult — auch die eines Käfers — ist für den 
McDschcovcrstand ein >Wundcri, die menschliche Persönlichkeit aber 
ist das myskrium mapium des Daüciiis, und je mehr die Kritik eine 
grosse Persönlichkeit von den Zmhaten der Legen den bildung reinigt, 
je mehr es ilir gelingt, fast einen jeden ihrer Schritte als ein Bedingtes, 
als ein gewissermasscn durch die Natur der Dinge Gebotenes hinzu- 
stellen, umso unbegreiflicher wird das Wunder, Das ist auch das 
Endresultat der Kritik, welche in unserem Jahrhundert am Leben Jesu 
geübt wurde. Man nennt unser Jahrhundert ein unreligiöses ; noch 
niemals jedoch (seit den ersten christlichen Jahrhunderten) bat sich das 
Interesse der Menschen in so leidenschaftlicher Weise auf die Person 
Jesu Christi konzentriert, wie in den letzten 70 Jahren ; die Werke 
Darwin's, wie weit verbreitet sie auch waren, wurden nicht ein Zehntel 
soviel gekauft, wie die von Strauss und Renan. Und das Endergebnis 
ist» dass das thatsächÜche Erdcnlcben Jesu Christi eine immer konkretere 
Gestalt gewonnen und man immer deutlicher hat einsehen müssen, 
die Entstehung der christlichen Religion sei tm letzten Grunde auf den 
schier beispiellosen Eindruck zurückzuführen, den diese eine Persön- 
lichkeil auf ihre Umgebung gemacht und hinterlassen hatte. Bestimmter 
als je, und darum auch unergründlicher als je sieht heute diese Er- 
scheinung vor unseren Augen. 

Das musste zunächst festgestellt werden. Die ganze Richtung 
unserer Zeit bringt es mit sich, dass wir uns nur für das Konkrete, 
Lebendige erwärmen können. Am Beginn des Jahrhunderts war es 
anders; die Romantik warf ihre Schalten nach allen Seiten, und so 
wir es auch Mode geworden. Alles und Jedes »mythisch* zu erklären. 
Im Jahre 1835 folgte David Strauss dem ihm von allen Seiten ge- 
gebenen Beispiel und bot als »Schlüssel* (I) der EvangeHen »den Be- 
griff des Mythus* P) Heute sieht ein Jeder ein, dass dieser angebliche 

') Siehe erste Ausg. I, 7a fg. und Volksausgabe, 9. Aufl,, S. 191 Tg. — 
Da&» Strauis niemals gcalrnt bat, was ein Mytlius iit, v/u M>lbologie bedeutet, 
wie MO. seinem Durchdna oilerwcrfen von Volksmyihen . von Diditungen und von 
LegcDdcQ hcn'OTgctit, das ist wieder eine Sache für sieb. Eine spätere Zeil wird 
ftbetbaupc den Erfolg solcher öden, iwar gelehrten, doch jeder tieferen Einsichis- 
kraft, jedes schfipferischcn Hauches baren Produkte vie Stiaussens nicht be(;ieiicn 
kAnnen. Es scheint als ob, Ihnlich wie die Bienen und Ameisen ganter Kohorten 
geschlccbnloscT Arbeiter in ihren Staaten bedürfen, auch wir Menschen ohne den 
FleiM und die auf kune Zeit weit hlnreicbende Wirtung solch« mit dem Stempel 
der Stcrilitit gezeichneten Geister (wie sie um die Mitte UDKici Jahrhunderts so 
tippig blühleu) nicht au^ämmcn Lönutcn. Der Foitgang der hisloriKh-kritvicben 




Die Erscheinung Chnsti. 



>9S 



Schlüssel nichts weiter war, als eine neue, nebelhafte Umschreibung 
des ungelöst blciben<3cn Problems, und dass nicht ein >Begriff*, sondern 
einzig ein thatsachlich gelcbtcs Wesen, einzig der mit nichts zu ver- 
gleichende Eindruck einer Persönlichkeit, wie sie die Welt noch nie- 
mals erlebt hane, den >Schlüsseli giebt zur Entstehung des Christen- 
tQms. Je mehr Ballast aufgedeckt wurde, einerseits in Gestalt pseudo- 
mythischer (richtiger gesprochen pseudo-hisiorischcr) Lcgcndcnbildung, 
andererseits in der Form philosophisch -dogmatisch er Spekulation, um- 
somehr Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit musste dem ursprüng- 
lichen, treibenden und gestaltenden Moment üuerkannt werden. Die 
allerneucstc, streng-philologische Kritik hat das ungeahnt hohe Ahcr 
der Evangelien und die weitreichende Authenticiiät der uns vorliegen- 
den Handschriften nachgewiesen; es ist nutimehr gelungen, gerade die 
allerfrüheste Geschichte des Christentums streng historisch, fast Schritt 
für Schritt ru verfolgen'); doch ist das Alles vom allgemein mensch- 
lichen Standpunkt aus betrachtet weit weniger belangreich als die eine 
Thatsache, dass in Folge dieser Ergebnisse die Erscheinung des einen 
göttlichen Mannes in den Vordergrund gerückt worden ist, so dass 
Ungläubige sowohl wie Gläubige nicht mehr umhin können, sie als 
Mittelpunkt und Quelle des Christentums (dies Wort in dem denkbar 
umfassendsten Sinne genommen) anzuerkennen. 

Buddha und Christus wurden von mir vorhin zusammengestellt. 
Der Kern religiöser Vorstellungen bei allen begabteren Menschenrassen 
(mit einziger Ausnahme der kleinen Familie der Juden auf der einen 
Seite und ihrer Antipoden, der Brahmanischen Inder auf der andern) 
beruht seit den letzten Jahrtausenden nicht auf dem Bedürfnis einer 
Wcltcrklärung, auch nicht auf mythologischer Natursymbolik, noch 
auf grübelndem Transsccndcntismus, sondern auf der Erfahrung 
grosser Charaktere. Wohl spukt noch unter uns das Wahngebilde einer 

Untenuchuni^ii auf der einen Seite, »uf der anderen die xunehmend« Neigung, 
iti Au^cnnicTli nicht auf da» Theologische und Nebensächliche, aondem mt dat 
Lebendige und HeiiimmcDdc tu richten, Usit ticute den Strauu 'sehen mytlioJo^chen 
Sundpunlct aJ& einen lo totgeborenen empfinden, dm man in den Schriften dieses 
ehrlieben Mann« nicht blittcm luan, ohne Uut lu gihnen. Und do<h muss nun 
lugebeo, dass solche Minner, vit er und wie Renan (xv-d Hohlspiegel, der eine 
alte Linien in die Lüigc. dci uidcrc in die Fliehe vcricricnd) du wichtiges Weri 
vollbracht haben, indem sie die Aufmerlcuinikeii von Tausenden auf das ^osse 
Wunder der Enchcinung Christi ncbccicn und somit füt gründlichere Denker und 
eitisicbtsvoller« Mitinei dne ZuhSrenchaü bereiteten. 

') Späier tritt eine noch unaufgchllRc dunkle Periode da. 

'5' 



Vnddlw 

aai Qinttu. 



i^ 



>as Erbe der alten Welt. 



»vcrnüDfcigco Rcligiom, auch war mancbinal io den letzten Jahren 
von einem (Ersatz der Religion durch Höheres< die Rede und auf 
den Bergesspitzen gewisser deutscher Gaue opfenen zur Zeit der Sonnen- 
wende ncuersiaiidene > Wotansanbeter* ; keiner dieser Bewegungen 
eignete jedoch bisher die geringste weltgesi.altende Kraft. Ideen sind 
eben unsterblich; ich sagte es schon öfters und werde es immer 
wiederholen müssen ; und in solchen Gestalten wie Buddha und Chrisms 
erreicht eine Idee — nimlich eine bestimmte Vorstellung des Menschen- 
daseiüs — eine so lebendige Verkörperung, diese Idee wird so voll- 
kommen durchgelebt, so klar vor Aller Augen liingesteUt, dass sie 
nie mehr aus dem menschlichen Bewusstsein entschwinden kann. 
Mancher mag den Gekreuzigten niemals erblickt haben, mancher katin 
an dieser Erscheinung stets gänzlich achtlos vorübergegangen sein, 
Tausenden von Menschen, auch unter uns, fehlt das, was man den 
inneren Sinn nennen könnte, um ihrer überhaupt gewahr zu werden; 
dagegen kann man nicht Jesum einmal erblickt haben, auch nur mit 
halbverschleiertcn Augen, und ihn dann wieder vergessen; es liegt 
nicht in unserer Macht, Erfahrenes aus unserer Vorstellung auszurotten. 
Man ist nicht Christ, weil man in dieser oder jener Kirche auferzogea 
wurde, weil man Christ sein will, sondern ist man Christ, so ist 
raan es, weil man es sein muss, weil kein Chaos des WcUgetriebes, 
kein Delirium der Eigensucht, keine Dressur des Denkens die einmal 
gesehene Gestalt des Schmerzensreichen auszulöschen vermag. Christus, 
am Vorabend seines Todes von seinen Jüngern über die Bedeutung 
einer seiner Handlungen befragt, anrwortcte; »Ein Beispiel habe 
ich Euch gegeben.* Das ist die Bedeutung nicht bloss der einen 
Handlung, sondern seines ganzen Lebens und Sterbens. Selbst ein so 
streng kirchlicher Mann wie Martin Luther schreibt: >Des Herrn Christi 
Beispiel ist zugleich ein Sakrament, es ist tu uns kräftig und lehret 
nicht allein, wie die Exempel der Viier thun, sondern wirket auch 
das, so es lehret, giebi das Leben, die Auferstehung und Erlösung 
vom Tode.* In Älinlichem liegt die Weltmacht Buddhas begründet. 
Der -wahre Quell aller Religion ist, ich wiederhole es, bei der über- 
wiegenden Mehrzahl aller jetzt lebenden Menschen nicht eine Lehre, 
sondern ein Leben. In wiefern wir im Stande sind, dem Beispiel 
mit schwachen Kräften zu folgen, in wiefern nicht, das ist eine ganz 
andere Frage; das Ideal ist da, deutlich, unverkennbar, und es wirkt 
seit Jahrhunderten mit einer Gewalt ohnegleichen auf die Gedanken 
und Handlungen der Menschen, auch der ungläubigen. 




Die Erscheinung Christi. 



*9J 



Hierauf komme ich in einem anderen Zusammenhange später 
zurück. Wenn ich nun an dieser Stelle, wo einzig die Erscheinung 
Christi mich beschäftigt, Buddha herangezogen habe, so geschah das 
besonders deswegen, weil nichts eine Gestali so deutlich her\-ortrctcn 
lässt, wie der Vergleich. Nur darf der Vergleich kein ungereimter 
sein, und ich wüsste nicht, wen die Wehgeschichte ausser Buddha 
als geeignet zu einem Vergleich mit Christus bietet. Beiden gemein- 
sam ist der göttliche Ernst ; beiden gemeinsam ist die Sehnsucht, der 
ganzen Menschheit den Weg der Erlösung zu weisen ; beiden ist eine 
unerhörte Macht der Persönlichkeit eigen. Und dennoch, stellt man 
diese beiden Gestalten nebeneinander, so kann es nicht sein, um eine 
Parallele z^^-ischen ihnen zu ziehen, sondern nur um den Kontrast 
zu betonen. Christus und Buddha sind Gegensätze. Was sie einigt, 
ist die Erhabenheit der Gesinnung; aus dieser ging ein Leben ohne 
Gleichen hervor, und aus dem Leben eine weitreichende Wirkung, 
wie sie die Welt noch nicht erfahren hatte. Sonst aber trennt sie 
fast alles, und der Neobuddhismus, der sich in den letzten Jahren 
in gewissen Gesellschaftsschichten Europas — angeblich im engsten 
Anschluss an das Christenitim und über dieses hinausschreitend — breit- 
macht, ist nur ein neuer Beweis von der weitverbreiteten Oberfiich- 
lichkcii im Denken. Buddha's Denken und Leben bildet nämlich das 
genaue Gegenteil von Christi Denken und Leben, das, was der Logiker 
die Antithese, der Phj'sikcr den Gegenpol nennt. 

Buddha bedeutet den greisenhaften Ausgang einer an der Grenze 
ihres Könnens angelangten Kultur. Ein hochgebildeter, mit reicher 
Machtfülle begabter Fürst erkennt die Nichtigkeil seiner Bildung und 
seiner Macht; was Allen das Höchste dünkt, besitzt er, doch vor dem 
Blick des Wahrhaftigen schmilzt dieser Besitz zu einem Nichts zu- 
sammen. Die indische Kultur, aus der nachdenklichen Beschaulichkeit 
eines Hinenlebcns hervorgegangen, hatte sich mit aller Wucht einer 
hohen Begabung auf die Ausbildung der einen menschlichen Anlage, 
der kombinierenden Vernunft, geworfen ; dabei verkümmerte die Ver- 
bindung mit der umgebenden Welt — die kindliche Beobachtung, 
die praktisch-geschäftige Nutzbarmachung — wenigstens bei den Ge- 
bildeteren fast völlig; Alles war systematisch auf die Entwickelang des 
Denkvermögens angelegt; jeder gebildete Jüngling ■ft'usste auswendig, 
Wort für Wort, eine ganze Litteratur von so subtilem Gcdankcn- 
gchalt, dass wenige Europäer heutzutage überhaupt fähig sind, ihm zu 
folgen ; selbst die abstrakteste VorsteUungsan der konkreten Welt, die 



BadJIwi 



ig8 



Du Erbe der alten Wdc. 



Gcomcirie, war den Indern zu handgreiflich, und sie schwelgten dafür 
in einer Arithmetik, welche über alle Vorstcllbarkeit liinausgeht; wer 
hier im Eniste sich über seinen Lebenszweck befragte, wem es von 
Natur gegeben war, einem höchsten Ziele nachzustreben, der fand 
auf der einen Seite ein religiöses System, in welchem die Symbolik 
zu so wahnsinnigen Dimensionen angewachsen war, dass man etwa 
30 Jahre brauchte, um sich darin rurecht zu finden, auf der andern, 
«Inc Philosophie, die zu so schwindligen Höhen emporfühne, dass 
wer die letzten Sprossen dieser Himmelsleiter erklettern wollte, sich 
Auf ewig aus der Welt in die Tiefen des lautlosen Urwaldes zurück- 
ziehen musste. Hier hatten oSenbar das Auge und das Herz keine 
Rechte mehr. Wie ein sengender Wüstenwind hatte der Geist der 
Abstraktion über alle andern Anlagen der reichen Menschennaiur, 
alles verdorrend, hinweggeweUt Sinne gab es freilich noch, tropisch 
heisse Gelüste; auf der andern Seite aber die Verleugnung der ganzen 
Sinnenwelt; dazwischen nichts, kein Ausgleich, nur Krieg, — Krieg 
zwischen menschlicher Erkenntnis und menschlicher Natur, zwischen 
Denken und Sein. Und so musste Buddha hassen, was er liebte: 
Kinder, Eltern, Weib, alles Schöne und Freudenvolle, denn das waren 
lauter Schleier vor der Erkenntnis, Schlingen, die ihn an ein cr- 
nräumtes, lügenhaftes Mayaleben ketteten. Und was sollte ihm die 
ganze Brahmanischc Weisheit? Opfcrzeremonieen, die kein Mensch 
verstand und welche die Priester selber als lediglich symbolisch, für den 
Wissenden nichtig erkl^nen ; dazu eine >£rlösUDg durch Erkennt- 
oist, die kaum Einem in Hundentausend zugänglich war? So warf 
denn Buddha nicht allein sein Reich und sein Wissen von sich, 
alles riss er sich aus dem Herzen, was ihn noch als Menschen unter 
Menschen fesselte, alle Liebe, alles Hoffen, zugleich zertrümmerte er 
den Glauben seiner Väter, entgötterte das Weltgebäude und verwarf 
als müssiges Wahngebiidc selbst jenen höchsten Gedanken indischer 
Metaphysik, den an einen all-einigen Gott, unbeschreibbar, unvor- 
stellbar, raunilos, zeitlos, dem Denken folglich unzugänglich, doch 
von ihm geahnt. Nichts giebt es — dies war Buddhas Erlebnis und 
folglich auch seine Lehre — nichts giebt es im Leben ausser »dem 
Lcideni; das einzig Erstrebenswerte ist idie Erlösung vom 
Leiden«; diese Erlösung ist der Tod, das Eingehen in das Nichts. 
Nun glaubte aber jeder Inder wie an eine offenkundige, nicht erst 
in Frage zu ziehende Sache, an die Seelenwandcrung, d. h. an die 
unaufhörliche Neugeburt der selben Individuen. Die >Erlüsung< also 



J 



spendet nicht der gcwühnliclie Tod, sondern nur derjenige Tod, a.uf 
den Iceine Keugeburt folgt; und dieser erlösende Tod kann einzig 
dadurch gewonnen werden, dass der Mensch schon im Leben, also 
aus freien Stücken, stirbt; d. h., dass er alles, was ihn an das Lcbca 
fesselt, alle Liebe, alles HofiTen, alles Wünschen, alles Daten ab- 
schneidet und vernichtet, kurz, wie wir heute mit Schopenhauer 
sagen würden, dass er den Willen zum Leben verneint. Lebt der 
Mensch auf diese Weise, macht er sich selbst zur wandelnden Leiche 
ehe er stirbt, dann erntet der Schnitter Tod keinen Samen zur Neu- 
geburt. Lebend sterben : das ist die Essenz des Buddhismus. Man 
kann Buddha's Leben als den gelebien Selbstmord bezeichnen. 
Es ist der Selbstmord in seiner denkbar höchsten Potenz: denn Buddha 
lebt einzig und allein, um zu sterben, um endgültig und ohne 
Widerruf tot zu sein, um einzugehen in das Kirwana, das Nichts. 

Welchen grösseren Gegensatz kann es zu dieser Erscheinung 
geben, als diejenige Chrisd, dessen Tod den Eingang ins ewige Leben 
bedeutet? In der ganzen Welt erblickt Christus göttliche Vorsehung; 
kein Sperling fällt zur Erde, kein Haar auf eines Menschen Haupt 
kann gekrümmt werden, ohne dass der himmlische Vater es erlaubt 
Und weit entfernt, dass dieses irdische Dasein, gelebt durch den 
Willen und unter dem Auge Gottes, ihm verhasst sei, preist es Christus 
als den Eingang in die Ewigkeit, als die enge Pforte, durch die wir 
in's Himmelreich eintreten. Und dieses Himmelreich, was ist es? ein 
Nirwana? ein erträumtes Paradies? eine zu erkaufende zukünftige Be- 
lohnung für hienieden vollbrachte Werke? Die Antwort gicbt Christus 
in einem Won, welches uns unzweifelhaft authentisch aufbewahrt 
worden ist, denn es war noch niemals gesprochen worden, und es 
wurde offenbar von keinem seiner Jünger verstanden, viel weniger er- 
funden, ja, CS eilte der langsamen Entfaltung der menschlichen Er- 
kenntnis mit so mächtigem Flügelschlag voraus, dass es bis heute nur 
Wenigen seinen Sinn enthüllt — — — ich sagte es schon, unser 
Christentum geht noch auf Kinderfüssen — Chri.stus antwortet: »Das 
Reich Coites kommt nicht mit äusserÜchen Geberden. Man 
wird auch nicht sagen: Siehe, hier oder da ist es. Denn sehet, das 
Reich Gottes ist inwendig in euch.t Dies ist, was Christus 
selber >daj Geheimnisc nennt; es lässt sich nicht in Wone fassen, 
es lässt sich nicht begrifflich darthun; und immer wieder sucht der 
Heiland diese seine grosse Heilsbotschaft durch Gleichnisse seinen 
Zuhörern nahezulegen: das Himmelreich ist wie ein Senfkorn auf 



Cbraliu. 



300 



)a5 Erbe der alten 



dem Acker, »das kleinste unter allen Samcm, wird es aber vom Land- 
mann gepflegt, so wächst es aus zu einem Baume, >da5s die Vögel 
unter dem irimmcl kommen, und wohnen unter seinen Zweigent; das 
Himmelreich ist wie der Sauerteig unter dem Mehl, nimmt das Weib 
auch nur ein wenig, es durchsetzt dns Ganze; am deutUchsten jedoch 
redet folgendes Bild: adas Himmelreich ist gleich einem verborgenen 
Schatz im Acker.« Dass der Acker die Welt bedeutet, sagt Christus 
ausdrücklich (siehe Matthäus XIII, 38); in dieser Welt, d. h. also in 
diesem Leben, liegt der Schatx verborgen; vergraben ist das Himmel- 
reich inwendig in uns I Dos ist idas Geheimnis des Himmel reich esc, 
wie Christus sagt; zugleich ist es das Geheimnis seines eigenen Lebens, 
das Geheimnis seiner Persönlichkeit. Eine Abwendung vom Leben 
{wie bei Buddha) findet bei Christus durchaus nicht statt, dagegen eine 
Umkehrung der Lebensrichtung, wenn ich so sagen darf; wie 
denn Christus zu seinen Jüngern spricht; >Wahrlich, ich sage euch, 
es sei denn, dass ihr euch umkehret, so werdet ihr nicht in das 
Himmelreich kommen.*') Später erhielt dann — \'icllcicht von fremder 
Hand ^ diese so handgreiflich fasslichc >Umkehrung< den mehr 
mystischen Ausdruck : >Es sei denn, dass Jemand von Neuem geboren 
werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen, t Auf den Wortlaut 
kommt CS nicht an, sondern einzig auf die zu Grunde liegende Vor- 
stellung, und diese Vorstellung steht leuchtend klar vor uns, denn sie 
gestaltet das gajize Leben Christi. Hier finden wir nicht (wie bei 
Buddha) eine Lehre mit eins. zwei, drei, logisch auseinander ent- 
wickelt; noch 6ndci, wie die Oberflächlichkeit so häufig behauptet 
hat, irgend eine organische Berührung mit jüdischer Weisheit statt: 
man lese nur Jesus Sirach, den am häufigsten zum Vergleich heran- 
gezogenen, und frage sich, ob das Geist vom selben Geiste ist? Bei 
Sirach redet ein jüdischer Marc Aurel, und selb-st seine schönsten 
Sprüche, wie: »Strebe nach der Wahrheit bis zum Tode, und Gott 
wird für dich kämpfcni, oder: >Das Herz des Narren liegt ihm auf 
der Zunge, doch des Weisen Zunge wohnet ihm im Herzen» — 
klingen wie aus einer anderen Welt, wenn man sie neben die Sprüche 
Christ) hält: »Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erd- 
reich besitzen; selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden 

■) Der Nachdruck Uegt offenbar nicht auf dem Nachsatz und »werdet wie die 
Kinder«: vicLucIu ist dies cluc £iliutcruDg tai Umkehr. Was idchnct denn die 
Kinder aus) Die unbedingte I.ebcmslust und die ungeschmäJcrtc Kraft, das Leben 
durch eigen« Gesinnung lu vctkUicn. 



Die Erscheinung Christi. 



20I 



Gott schauen; nehmet auf euch mein Joch und lern« von mir, denn 
ich bin sanftmüiig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe 
finden filt eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist 
leicht.« — ^ — So hatte noch Keiner gesprochen; so sprach seitdem 
Keiner mehr. Diese Reden Christi haben aber, wie man sieht, nie 
den Charakter einer Lehre, sondern, so wie der Ton einer Stimme 
das, was wir aus den Gesichtszügen und den Handlungen eines 
Menschen über ihn wissen, durch ein gcheimnisvoli Unsagbares, durch 
das Persönlichste seiner Persönlichkeit ergänzt, so meinen wir in 
diesen Reden Christi seine Stimme zu hören; was er genau sagte, 
wissen wir nicht, doch ein unniissverständlicher, unvcrgesslichcr Ton 
schligt an unser Ohr und dringt von dort aus in das Herz. Und 
da schlagen wir die Augen auf und erblicken diese Gestalt, dieses 
Leben I Über die Jahrtausende hinweg vernehmen wir die Worte: 
»Lernet von mir!« und verstehen jetzt, was das heisscn soll: sein 
■wie Christus war, leben wie Christus lebte, streben wie Christus starb, 
das ist das Himmelreich, das ist das ewige Leben. 

In unserem Jahrhunden, wo die Begriffe Pessimismus und Ver- 
neinung des Willens sehr geläufig geworden sind, hat man sie viel- 
fach auf Christus angewandt; sie passen aber nur für Buddha und 
für gewisse Erscheinungen der christlichen Kirchen und ihrer Dogmen, 
Christi Leben ist ihre Verleugnung. Wenn das Reich Gottes in uns 
wohnt, wenn der Himmel wie ein verborgener Schatz in diesem Leben 
einbegriflen hegt, was soll der Pessimismus?') Wie kann der Mensch 
ein elendes, nur zu Jammer geborenes Wesen sein, wenn seine Brust 
das Göttliche bhgt? wie diese Welt die schlechteste, die noch gerade 
möglich war (siehe Schopenhauer, Die Weh als Wilh und Vorstellung, 
Bd. 2, Kap. .|6), wenn sie den Himmel einschliesst? Für Christus waren 
das alles Trugschlüsse; wehe rief er Über die Gelehrten: »die ihr das 
Himmelreich zuschliesst vor den Menschen; ihr kommt nicht hinein, und 
die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen*, und er pries Gott, dass er 
>den Unmündigen geoffenbart, was er den Weisen und Klugen verborgen 
bobec Christus, wie einer der grössten Männer unseres Jahrhunderts 
gesagt hat, war »nicht weise, sondern göttlich« ;3) das ist ein gc- 

'^ Ich brauche wobl kaum ni »fiicn, daw ich hiei den so vieler AufTwsungen 
Dhigen BegrifT du Pessimiimus in dem populären, «t>crilächlicfacn Sinn uchm«, wdcba 
nicht eine philosopliischc Erlicnnmis, sondern eine motalischL- Stimmung bezeichnet. 

*) Auch Diderot, dem man Rechtgl^ubigkeit nicht inipuilcrcn Itano. ugt in 
der Encyclopiäit : »Chrisi tu ful feint un fkihsopht, a fiil un Ditu.* 



303 



Das Hrbc der alten Welt. 



waltiger Untenchied ; und weil er göttlich war, wandte sieb Christus 
Dicht hlQweg vom LebeD, sondern zimi Leben liin. Dies Andct ein 
beredtes Zeugnis in dem Eindnick, den Christus auf seine Umgebung 
zurückliess ; sie nennt ihn : den Baum des Lebens, das Brot des Lebens, 
das Wasser des I^bens, das Licht des Lebens, das Liebt der Welt. 
ein Licht von oben, denen als Leuchte gesandt, die da sitzen in 
Finsternis und Schatten des Todes, Christus ist für sie der Fels, der 
Gnind, auf welchem wir unser Leben aufbauen sollen u. s. w., u. s. w. 
Alles positiv, alles konstruktiv, alles bejahend. Ob Christus die Toten 
wirklich aufcrwccktc. mag Jeder bezweifeln, der will ; umso höher 
muss er jedoch dann den lebenspendenden Eindnick anschlagen, der 
von dieser Erscheinung ausstrahlte, denn wo Christus ging, glaubte 
man die Toten aufentchen, die Kranken geheih von Ihren Lagern 
sich erheben zu sehen. Überall suchte er die Leidenden, die Armen, 
die Schmerz beladenen auf, rief ihnen zu: >Weinet nlchtli, und 
schenkte ihnen Worte des Lebens. — Aus Innerasien kommend, wo 
es der Buddhismus zwar nicht erfunden, ihm aber den gewaltigsten 
Vorschub geleistet hatte, war das Ideal des weltflüchtigen Kloster- 
lebens (wie es spüter das Christentum mit genauer Befolgung ägj-ptischer 
Muster nachahmte) bereits bis in die unmittelbare Nähe des Galiläers 
vorgedrungen ; wo sieht man aber, dass Christus monastische, welt- 
feiodliche Lehren gepredigt hätte? Viele Religionsstifter haben tn der 
Nahrung sich und ihren Jüngern Kasteiungen auferlegt; Christus 
nicht; er betont sogar ausdrückhch, dxss er nicht wie Johannes ge- 
fastet, sondern so gelebt habe, dass ihn die Menschen »einen Fresser 
und einen Säufer« nannten. Alle folgende uns aus der Bibel so ge- 
läufigen Ausdrücke : die Gedanken der Menschen sind eitel, des 
Menschen Leben ist Etelkeit, es Mrt dahin wie ein Schatten, des 

Menschen Wirken ist eitel, es ist alles ganz eitel sie stammen 

aus dem alten, nicht aus dem neuen Testament. Ja, solche Worte 
wie z. B. die des Predigers Salomo: »Ein Geschlecht vergeht, das 
andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich», entstammen einer 
Weltanschauung, die derjenigen Christi direkt widerspricht; denn für 
diese sind Himmel und Erde durchaus vergänglich, wahrend die 
Menschenbrust in ihrer Tiefe das einzige Ewige birgt. Zwar giebt 
uns Jesus Christus das Beispiel einer absoluten Abwendung von Vielem, 
was das Leben der Meisten ausfüllt; es geschieht aber um des Lebens 
willen; diese .Abwendung ist jene »Umkehr«, von der gesagt wurde, 
MC führe ins Himmelreich, und sie ist durchaus keine äus-scre, sondern 



Die Erscheinung Chmri. 



M? 



eine rein innere. Was Buddha lehn, ist gewisscrmassen ein physischer 
Vorgang, es ist die thatsächliche Abtötung des leiblichen and geistigen 
Menschen; wer erlöst werden will, muss die drei Gelübde der Keusch- 
heil, der Armut und des Gehorsams ablegen. Bei Christus finden wir 
nichts Ähnliches: er wohnt Hochzeitsfesten bei, die Ehe erklärt er 
für eine heilige Stiftung Gottes und auch die Vcrirrungen des I-1cisches 
beuneilt er so nachsichtig, dass er selbst für die Hhebrcchcrin kein 
Wort der Verdammung hat; zwar bc^tcichnct er Reichtum als einen 
erschwerenden Umstand für jene Umkehr der WÜlensrichtung, der 
Reiche, sagt er, wird schwerer in jenes Reich Gottes, welches 
inwendig in uns liegt, bineingclangcn, als ein Kamel durch ein 
Nadelöhr gehen, fügt aber sofon hinzu — und dies ist das Charakte- 
ristische und Entscheidende — >was bei den Menschen unmöglich 
ist, das ist bei Gott möglich«. Dies ist wieder eine jener Stellen, 
die nicht erfunden sein können, denn nirgends in der ganzen Welt 
finden wir Ahnliches. Diatriben gegen den Reichtum hatte es schon 
früher in Hülle und Fülle gegeben (man lese nur die jüdischen 
Propheten}, sie wurden später wiederholt (man lese z. B. die Epistel 
Jahobi, Kap. II); für Christus dagegen ist Reichtum etwas ganz Äusscr- 
liches, sein Besitz kann hinderlich sein, oder auch nicht, denn ihm 
kommt es einzig und allein auf eine innere Umwandlung an; was 
gerade für diesen Fall der weitaus bedeutendste Apostel später so 
schön ausführt; denn hatte Christus dem reichen Jüngling geraten, 
»verkaufe was du hast, und gieb es den Armen«, so ergänzt Paulus 
diesen Ausspruch durch die Bemerkung: »und wenn ich alle meine 
Habe den Armen gäbe und hätte der Liebe nicht, so wäre mir es 
nichts nütze.* Wer auf den Tod lossteuert, mag sich mit Armut, 
Keuschheil und Gehorsam begnügen, wer das Leben erwählt, hat 
andere Dinge im Sinne. 

Und da ist es nötig, auf noch einen Punkt aufmerksam zu 
machen, in welchem das Lebensvolle an Christi Erscheinung und 
Beispiel frisch und überzeugend sich kund thut; ich meine die Kampfcs- 
lust. Die Sprüche Christi Ober die Demut, die Geduld, seine Er- 
mahnung, unsere Feinde zu lieben und diejenigen zu segnen, die uns 
fluchen, tinden fast gleichwertige Gegenstücke bei Buddha; sie ent- 
springen jedoch einem durchaus anderen Motiv. Für Buddha ist jedes 
erduldete Unrecht eine Abtötung, für Christus ein Mittel, um die 
neue Anschauung des Lebens zu befördern: »Selig sind, die um Ge- 
rechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihre 



304 



Das Erbe der alten Welt. 



(jenes Himmelreich, welches wie ein. Schatz im Lebensacker vergraben 
liegt). Treten wir aber auf das innere Gebiet über, wird jene einzige 
Fundamentalfrage der Wiüensrichtung aufgeworfen, da vernehmen wir 
ganz andere Worte: >Meinet ihr, dass ich hergekommen bin, Frieden 
zu bringea auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht! Denn 
von nun an werden fünf in einem Hause uncins sein, drei wider 
zwei, und zwei wider drei. — — Dcnu ich bin gekommen den 
Menschen zu erregen ^idcr seinen Vater, und die Tochter wider ihre 
Mutter, und die Schnur wider ihre Schwieger; und des Menschen 
Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.« Nicht Frieden, 
sondern das Schwert: das ist ein Ton, den man nicht überhören darf, 
will man die Erscheinung Christi begreifen. Das Leben Jesu Christi 
ist eine offene Kriegserklärung, nicht gegen die Formen der Civilisauon, 
der Kultur und der Religion, die er um sich her fand — er beob- 
achtet das jüdische Religionsgesetz und lehrt: gebet Caesar w^as 
Caesar's — wohl aber gegen den inneren Geist der Menschen, gegen 
die Beweggründe, aus welchen ihre Handlungen hervorgehen, gegen 
das Ziel (auch das jenseitige), welches sie sich stecken. Die Erscheinung 
Jesu Christi bedeutet, vom welthistorischen Standpunkt aus, die Er- 
scheinung einer neuen Meoschenart. Linnaeus unter-schied 
so viele Menschenanen als es Hautfärbuogen giebt; eine neue Färbung 
des Willens greift wahrlich tiefer in den Organismus ein, als ein 
Unterschied im Pigment der Epidermis I Und der Herr dieser Menschen- 
art, der »neue Adam*, wie ihn die Schrift so treffend nennt, wül 
nichts von Paktieren wissen; er stellt die Wahl: Gott oder Mammon. 
Wer die Umkehr erwählt, wer Christi Mahnung vernimmt: >folgct 
mir nachU, der muss auch, wenn es notthut, Vater und Mutter, 
Weib und Kind verlassen; nicht aber wie Buddha's Jünger verlässi er 
sie, um den Tod, sondern um das Leben zu finden. An diesem 
Punkte hört das Mitleid gänzlich auf; wer verloren ist, ist verloren; 
und mit der antiken Härte heldenhafter Gesinnung wird den Verlorenen 
keine Thränc nachgeweint: »lasset die Toten ihre Toten begraben.« 
Nicht Jeder ist fähig, das Wort Christi zu verstehen, er sagt es ja: 
iviclc sind berufen, aber wenige sind auscrwählet,« und auch hier 
wieder hat Paulus dieser Erkenninis drastischen Ausdruck verliehen: 
»Das Won vom Kreuz ist eine Thorheit denen, die verloren werden; 
uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gottes-Kraft.« Äusserlich 
nimmt Christus mit jeder vorhandenen Form filrlieb, was aber die 
WillcnsricbtuDg anbelangt, ob sie luf das Ewige oder auf das Zeit- 



Die Erscheinung Christi. 



»s 



liehe gerichtet ist, ob sie die Entfaltung der unermesslichen Lebens- 
macht in des Mensclien Innern fördert oder hemmt, ob sc auf Ver- 
lebendigung jenes >Reich Gottes inwendig In uns« hinzielt, odci im 
Gegenteil diesen einzigen Schatz »derjenigen, die erwählet sind«, auf 
ewig zuschüttet — da ist bei ihm von Duldsamkeit keine Rede, und 
kann auch keine sein. Gerade in dieser Beziehung ist seit dem vorigen 
Jahrhundert viel geschehen, um das hohe Antlitz des Menschensohnes 
aller kraftvollen Züge zu berauben. Man hat, ich weiss nicht welches 
Trugbild einer unbeschränkten Duldsamkeit, einer allgemein wohl- 
wollenden Passivität uns als Christentum hingemalt, so eine Milch- 
und Wasscrrcligion ; in den allerletzten Jahren erlebten wir sogar 
> interkonfessionelle Keligionskongrcssc<, wo alle PfaÜ'en der Welt sich 
brüderlich die Hand reichten und -N-icIe Christen bcgrüssten das als 
besonders »christliche. Kirchlich mag es sein, es mag auch recht 
und gut sein, Christus aber hätte zu einem derartigen Kongress keinen 
Apostel entsandt. Entweder ist das Wort vom Kxcuz eine Thorheit 
oder es ist eine Gottes-Krafi; zwischen beiden hat Christus selber die 
gähnende Kluft der >ZwiciTacht< aufgerissen , und um jede Ober- 
brückung zu vereiteln, das flammende >Scliwcnt gezogen. Wer die 
Erscheinung Christi begreift, kann sich darüber nicht wundern. Die 
Duldsamkeit Christi ist die eines Geistes, der himmelhoch über allen 
Formen schwebt, welche die Well trennen ; eine Verschmelzung dieser 
Formen könnte für ihn nicht die geringste Bedeutung haben — sie 
wäre einfach die Entstehung einer neuen Form; ihm dagegen kommt 
es einzig auf den > Geist und die Wahrheit« in. Und wenn Christus 
lehrt: >so dir Jemand einen Streich giebi auf deinen rechten Backen, 
dem biete den andern auch dar; und so Jemand deinen Rock nimmt, 
dem lass auch deinen Mantel« — eine Lehre, der sein Beispiel am 
Kreuze ewig Bedeutung gab — , wer sieht nicht ein, dass dies eng 
mit dem Folgenden zusammenhängt: »Liebet eure Feinde, thui wohl, 
denen, die euch hassen«, und dass hier jene innerliche «Umkehrt 
zum Ausdruck kommt, nicht aber passiv, sondern in der denkbar 
höchsten Form des lebendigen Handelns? Biete ich dem frechen 
Schlager meinen Unken Backen, so geschieht es nicht seinetwegen ; Hebe 
ich meinen Feind und erweise ich ihm Wobltbateo, so geschieht es 
nicht seinetwegen ; nach der Umkehr des Willens ist es mir nicht 
anders möglich, darum thue ich es. Das alte Geseu: Aug' um Auge, 
Hass um Hass ist eine ebenso natürliche Reflexbewegung, wie die, welche 
die Beine selbst eines schon toten Frosches beim Anreizen der >ierven 



^ 



io6 



Das Erbe der alten Weit. 



zum Aus5chlagca bringt. Wahrlich, es rnnss ein »neuer Adam< sein, 
der so Herr seines >a)tcn Adam« geworden ist, dass er diesem Zwange 
nicht gehorcht. Blosse Selbstbeherrschung ist es jedoch nicht — denn 
bildet Buddha den einen Gegenpol zu Christus, so bildet der Stoiker 
den anderen — , jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das 
verborgene Reich Gottes, jenes von Neuem geboren werden, welches 
die Summe von Christi Beispiel ausmacht, bedingt ohne Weiteres eine 
völlige Umkehr der Empfindungen. Das ist eben das Neue. Bis 
auf Christus war die Blutrache das heilige Gesetz aller Menschen der 
verschiedensten Rassen; der Gekreuzigte aber rief; »Vater, vergicb 
ihnen, denn sie ^^issen nicht, was sie thuni« Wer nun hier die 
göttliche Stimme des Mitleids für schwächlichen Humanitarismus nimmt, 
der hat kdnen einzigen Zug an der Erscheinung Christi verstanden. 
Die Stimme, die hier redet, ertönt aus jenem Reich Gottes inwendig 
in uns; Schmerz und Tod haben die Gewalt über sie verloren; sie 
reichen ebensowenig an einen Wiedergeborenen heran, wie jener Backen- 
streich und jene diebische Entblössung; an diesem Willen bricht sich 
wie eiller Meeresschaum an einem granitncn Felsen alles, was den 
menschlichen Halbaffen treibt und drängt und nötigt: die Selbstsucht, 
der Aberglaube, das VoruneiJ, der Neid, der Hass; im Angesicht des 
Todes (d. h. für diesen Göttlichen der Ewigkeit] achtet er kaum des 
eigenen Schmerzes und der Angst, er sieht nur, dass die Menschen 
das Göttliche in ihnen ans Kreuz schlagen, dass sie den Samen des 
Himmelreichs zertreten, den Schatz im Acker verschütten, und voll 
Mitleid ruft er: sie wissen nicht was sie thuni Man durchsuche die 
Weltgeschichte und sehe, ob man ein Won finde, das diesem gleich- 
käme an hochsinnigem Stolz ! Hier redet eine Erkenntnis, die weiter 
geschaut hat, als die indische, zugleich redet hier der stärkste Wille, 
das sicherste Selbstbewusstsein. 

Ähnlich wie wir Letztgeborene eine Kraft, welche nur von Zeit 
zu Zeit in fiüchrigen Wolken als BUtz aufzuckte, nunmehr in der 
ganzen Weh entdeckt haben, verborgen, unsichtbar, von keinem Sinne 
wahrgenommen, durch keine Hypothese zu erklären, doch allgegen- 
wärtig und allgewaltig, und wie wir nunmehr im Begriff sind, von dieser 
Kraft die völlige Umgestaltung unserer äusseren Lebensbedingungen 
herzuleiten, — so wies Christus auf eine verborgene Kraft hin, 
drinnen in der unerforschten und unerforschüchen Welt des Menschen- 
ionern, eine Kraft, fähig den Menschen selber völlig umzugestalten, 
fähig, aus einem elenden, leidbed rockten Wesen ein mächtiges, seliges 



sa michen. Der Blitz war sonst lediglich ein Zerstörer gewesen, die 
Kraft, die er uns entdecken Ichrtc, dient nunmehr der friedlichen 
Arbeit und dorn Wohlbehagen; ebenso war der menschliche Wille 
von jeher die Saat alles Unheils und Elends, das über das Menschen- 
geschlecht niederging, — jetzt sollte er zur Wiedergeburt dieses 
Geschlechtes dienen, zur Entstehung einer neuen Menschenart. Daher, 
wie ich bereits in der Einleitung zu diesem Buche ausführte, die un- 
vergleichliche weltgeschichtliche Bedeutung des Lebens Christi. Keine 
politische Revolution kann dieser gleichkommen. 

Weltgeschichtlich aufgcfasst haben wir allen Grund, die Thal 
Christi mit den Thatcn der Hellenen in Parallele zu stellen. Ich 
habe im ersten Kapitel ausgeführt, inwiefern Homer, Demokrit, 
Platt} u. s. w. als wirkliche >Schöpfcr< zu betrachten sind, und ich 
filgte hinzu: »dann erst ist ein durchaus neues Geschöpf geboren, 
dann erst citthlh der Makrokosmos einen Mikrokosmos. Was Kultur 
zu hcissen einzig verdient, ist die Tochter solcher schöpferischen 
Freiheitc.') Was das Griechentum för den Intellcki, das that Christus 
filr das sittliche Leben: eine sittliche Kultur hat die Menschheit 
erst durch ihn gewonnen. Vielmehr müsstc ich sagen: die Mög- 
lichkeit einer sittlichen Kultur; denn das kulturelle Moment ist 
jener innere, schöpferische Vorgang, die freiwillige, herrische Umkehr 
des Willens, und gerade dieses Moment blieb mit wenigen Ausnahmen 
glnzlich unbeachtet; das Christentum wurde eine durchaus historische 
Religion und an den Altären seiner Kirchen fanden alle Aberglauben 
des Altertums und des Judentums eine geweihte Zufluchtsstätte. 
Dennoch bleibt die Erscheinung Christi die alleinzige Grundlage aller 
sittlichen Kultur, und in dem Masse, in welchem diese Erscheinung 
mehr oder weniger deutlich hindurchzudringen vermag, ist auch die 
sittliche Kultur unserer Nationen eine grössere oder geringere. 

Gerade in diesem Zusammenhange können wir min mit Recht 
behaupten, die Erscheinung Christi auf Erden habe die Menschheit in 
zwei Klassen gespalten. Sic erst schuf wahren Adel, und zwar echten 
Geburtsadcl, denn nur, wer erwählt ist, kann Christ sein. Sie senkte 
aber zugleich in die Herzen ihrer Auscrwähltcn den Keim zu neuem, 
bittcrem Leid: sie schied sie von Vater und Mutter, sie liess sie einsam 
wandeln unter Menschen, die sie nicht verstanden, sie stempelte sie 
zu Märtyrern. Und wer ist denn ganz Herr? wer hat sdne Sklaven- 



>) Siehe S. 62. 



insünkte ganz überft-unden? Die Zwietracht zerriss forun die eigene 
Seele. Und während dem Einzelneo, der bisher im Taumel des 
Lebenskampfes kaum zum Bewusstsein seines »Ich« gekommen war, 
eine ungeahnt hohe Vorstellung seiner Würde, seiner inneren Bedeutung 
und MachtfüUe vorgehalten wurde, wie oft musste er nicht innerlich 
zusammenstürzen in dem Gefühl seiner Schwäche und seiner ün- 
würdc? Jetzt erst wurde das Leben wahrhaft tragisch. Die freie That 
des Menschen, der sich gegen seine eigene animalische Natur erhob, 
hatte das vollbracht. »Aus einem vdllkommenen Zögling der Natur 
wurde der Mensch ein unvollkommenes moralisches Wesen, aus einem 
glflcklichen Instrumente ein unglücklicher Kiliistlert, sagt Schiller. 
Der Mensch will aber nicht mehr ein Instrument sein; und hatte 
Homer sich Cöner geschaffen, wie er sie wollte, so empöne sich jetzt 
der Mensch gegen die moralische Tyrannei der Natur und schuf sich 
eine erhabene Moral, wie er sie wollte; nicht mehr den blinden Trieben, 
und wiren sie noch so schön durch Gcselzesparagraphen eingedämmt 
und eingezwängt, will er gehorchen, sondern einzig seinem eigenen 
Sittengesetz. In Christus erwacht der Mensch zum Bewusstseinseines mo- 
ralischen Berufs, dadurch aber zugleich zur NorwendigVeii eines nach Jahr- 
tausenden zühlenden inneren Krieges. Im Abschnitt >Weltanschauungc 
des neunten Kapitels werde ich zeigen, dass wir endlich, mit Kant, genau 
die selbe Bahn betreten haben nach vielhundenjähriger antichristÜcher 
Unterbrechung. >Rückkehr zurNatur«, meinten diechristoabgewandten, 
humanitären Deisten des vergangenen Jahrhundens: o nein! Eraanzi- 
pierung von der Natur, ohne die wir zwar nichts können, die »ir 
aber entschlossen sind, uns zu unterwerfen. In Kunst und Philosophie 
wird sich der Mensch als intcllckmclles Wesen, in der Ehe und im 
Recht als gesellschaftliches Wesen, in Christus als sittliches Wesen 
seiner selbst im Gcgensati] zur Natur bewusst. Er nimmt einen Kampf 
auf. Und da genügt nicht die Demut; wer Christo folgen will, 
braucht vor allem Mut, Mut in seiner geläutertsten Form, jenen täglich 
von Neuem geglühten und gehärteten inneren Mut, 'der nicht allein 
imsionenberauschcnden Schlachtgetöse sich bewährt, sondern im Dulden 
und Tragen, und in dem wortlosen, lautlosen Kampf jeder Stunde 
gegen die Sklaveninstinkte in der eigenen Brust. Das Beispiet Ist 
gegeben. Denn in der Erscheinung Christi finden wir ,'das hehrste 
Beispiel des IlL-Idenrautes. Die moralische Heldenhaftigkeit ist hier so 
erhaben, dass wir fast achtlos an dem sonst bei Helden so viel ge- 
priesenen physischen Mute vorübergehen; gewisslich können nur Helden- 



Die Erscheinung Chrisä. 



»9 



geniut«r Christen im wahren Slone des Wortes sein, nur »Herrenc. 
Und $»gt Christus, »ich bin sanftmütig«, so verstehen wir wohl, das 
ist die Sanftmut des siegessicheren Helden; und sagt er, »icli bin von 
Herren demütig«, so wissen wir, dass das nicht die Demut des Sklaven 
ist, sondern die Demm des Herrn, der aas der Fülle seiner Kraft sich 
hinabbeugt zu den Schwachen. 

Als Jesus einmal nicht einfach als Herr oder Meister, sondern 
als »guter Meisten angerufen wurde, wies er die Bezeichnung z\irück: 
»Was hcissest du mich gut; Niemand ist gut.« Das sollte wohl zu 
denken geben, und sollte uns überzeugen, dass jede Darstellung Christi 
eine verfehlte ist. wo die himmlische Güte und die Demut und die 
Langmut in den Vordergrund des Charakters gedringt werden; sie 
bilden nicht dessen Grundlage, sondern sind wie duftende Blumen 
an einem starken Baume. Was begründete die Weltmacht Buddhas? 
Nicht seine Lehre, sondern sein Beispiel, seine hcldenmiltige That; 
diese war es, diese Kundgebung einer schier übermenschlichen Willens- 
kraft, welche Millionen bannte und noch bis heute bannt. In Christus 
jedoch offenbarte sich ein noch höherer Wille; er brauchte nicht vor 
der Welt zu flüchten, das Schöne mied er nicht, den Gebrauch des 
Kostbaren — das seine Jünger »Unrat« hiessen — lobte er; nicht in 
die Wüste zog er sich zurück, sondern aus der Wüste heraus trat er 
in das L«ben ein, ein Sieger, der eine frohe Botschaft zu vericQndeo 
hatte — nicht Tod, sondern Erlösung I Ich sagte, Buddha bedeute 
den greisenhaften Ausgang einer ausgelebten, auf Irrwege geratenen 
Kultur: Cliristus dagegen bedeutet den Morgen eines neuen Tages; 
er gewann der alten Menschheit eine neue Jugend ab und so wurde 
er auch der Gott der jungen, lebensfrischen IndoeuropSer und unter 
dem Zeichen seines Kreuzes richtete sich auf den Trümmern der 
alten Welt eine neue Kultur langsam auf. an der wir noch tinge zu 
arbeiten haben, soll sie einmal in einer fernen Zukunft den Namen 
»christlich« verdienen. 



Dürfte ich dem eigenen Herzensdrange folgen, ich zöge hier den di. o<iai«. 
Schtusstrich zu diesem Kapitel. Doch ist es im Interesse vieler spAcerer 
Ausführungen geboten, die Erscheinung Christi nicht allein in ihrer 
aus aller Umgebung losgelösten Reine zu betrachten, sondern auch in 
ihrem Verhältnis zu dieser Umgebung. Viele wichtige Ers'cheinungen 
aus Vergangenheit und Gegenwart bleiben sonst unverständlich. Es 

Chunbciliia, CniaiUtgea Jn XIX. Jilutiiwdvil«. JA 



«fo 



Das Erbe der alten Weh. 



ist durchaus nicht gleichgültig, ob wir durch eine scharfe Analyse 
genaue BegrifTe davon bekommen haben, was in dieser Gestalt jüdisch 
ist, was nicht. Hierüber herrscht von den Anfängen der christlichea 
Ära bis zum heutigen Tage und von den Niederungen der intellelt- 
tuellen Welt bis zu ihren höchsten Höhen eine heillose Konfusion. 
Nicht allein war eine so hohe Gestalt für keinen Menschen leicht zu 
erfassen und in ihren organischen Beziehungen zur Mitwelt zu über- 
blicken, sondern es traf alles zusammen, um ihre wahren Züge zu 
verwischen und zu Titschen : jüdische religiöse Eigenart, syrischer 
Mysticismus, ägyptische Askese, hellenische Metaphysik, bald auch 
römische Staats- und Pontitikaltraditioncn, dazu die Aberglauben der 
Barbaren; jeder Miss verstand und jeder Unverstand beteiligten sich an 
dem Werke. In unserem Jahrhundert hat man sich nun viel mit der 
Entwirrung dieser Frage abgegeben, doch, so viel mir bekannt, ohne 
dass CS irgend Einem gelungen wäre, die wenigen Hauprpunktc aus 
der Thatsachcnmassc herauszuscheiden und vor Aller Augen klar hin- 
zustellen. Gegen Voruncil und Voreingenommenheit schützt eben 
selbst ehrliche Gelehrsamkeit nicht. Wir wollen hier versuchen, zwar 
leider ohne Gelehrsamkeit, doch auch ohne Vorurteil, zu erforschen, 
inwiefern Christus zu seiner Umgebung gehörte und ihrer Anschau- 
ungsfürmen sich bediente, in wiefern er sich von ihr unterschied und 
sich himmelhoch über sie erhob; nur auf diese Art kann es gelingen, 
die Persönlichkeit in ihrer vollen autonomen Würde aus allen Zufällig- 
keiten herauszulösen. 

Fragen wir uns also zunächst: war Cbiistus ein Jude der 
Summesangehörigkeit nach } 

Diese Frage hat im ersten Augenblick etwas Kleinliches. Vor 
einer derartigen Erscheinung schrumpfen die EigeniümÜchkciten der 
Kassen zu einem Nichts zusammen. Ein Jesaia, ja) wie sehr er seine 
Zeitgenossen auch überragen mag, Jude bleibt er durch und durch ; 
kein Wort, das nicht aus der Geschichte und aus dem Geiste seines 
Volkes her\-orquölle; auch dort, wo er das charakteristisch Jüdische 
erbarmungslos blosslegt und verdammt, bewährt er sich — gerade 
darin — als Jude: bei Christus ist hiervon keine Spur. Oder wieder 
ein Homcrl Dieser erweckt als erster das hellenische Volk zum ,Be- 
wusstscin seiner selbst; um das zu können, musste er die Quintessenz 
alles Griechentums im eigenen Busen bergen. Wo aber ist das Volk, 
welches von Christus zum Leben erweckt, sich dadurch das kostbare 
Recht erworben hätte — und wohnte es auch an den Antipoden — 



Die Erscheinung Chrisü. 



11t 



Christum als den Seinigen zu bezeichnen? Jedenfalls nicht in Judäal — 
für den Gläubigen m Jesus der Sohn Gottes, nicht eines Menschen; 
für den Ungläubigen wird es schwer werden, eine Formel zu finden, 
welche die unleugbar vorliegende Thatsachc dieser unvcrgicichhchen 
Persönlichkeit in ihrer UncrkUrlichkeit so knapp und vielsagend be- 
zeichnet Es gicbt eben Erscheinungen, die in den Vorstcllungs- 
komplex des Verstandes gar nicht ohne Symbol eingereiht werden 
können. Soviel über die prinzipielle Frage, und um jeden Verdacht 
von mir abzuwehren, als segelte ich im Schlepptau jener flachen 
>historischen€ Schule, welche das Unerklärliche zu erklären unicr- 
nimmt- Ein anderes ist es, uns über die historisch gewordene Um- 
gebung der Persönlichkeit zu belehren, lediglich damit wir diese noch 
deutlicher erschauen. Thun wir das, so ist die Antwort auf die Frage: 
war Chrisnis ein Jude? keinesfalls eine einfache. Der Religion und 
der Erziehung nach war er es unzwcifelliaft; der Kasse nach — im 
engeren und eigentlichen Sinne des Wortes »Jude« — höchst wahr- 
scheinlich nicht. 

Der Name Galilla (von Gelii haggcyim) bedeutet >Heidengau<. 
Es scheint, als ob dieser Landesieit, so sehr entfernt vom geistigen 
Mittelpunkt, sich nie ganz rein erhalten hiitte, selbst in den alten Zeiten 
nicht, als Israel noch stark und einig dasund, und es den Stämmen 
Naphtali und Sebulon als Heimat diente. Vom Stamme Kaphtali 
wird gemeldet, er sei von Hause aus >sehr gemiscbicr Herkunft«, 
und blieb auch die nicht-jsraclitischc Urbevölkerung im ganzen Bereich 
Palästinas bestehen, so geschah das »nirgendswo in so starken Massen 
wie in den nördlichen Marken.« ■) Dazu kam noch ein fernerer Um- 
stand. Während das übrige Palistina durch seine geographische Lage 
von der Welt gleichsam abgesondert ist, füline schon, als die Israeliten 
das Land besetzten, eine Strasse vom See Gcnerareth nach Damaskus, 
und Tyrus und Sidon waren schneller als Jerusalem von donhcr xa 
erreichen. So sehen wir denn auch Salomo ein beträchtliches Siück 
dieses Heidengaues (wie es schon damals hicss, I Könige IX, ii) mit 
zwanzig Städten dem König von Tynis als Bezahlung für seine 
Lieferungen an Ccdcrn und Tannenbäumen und für die 120 Zentner 
Gold abtreten, die jener für den Tcmpelbau geliefert hatte; so wenig 
lag dieses halb von Fremden bewohnte Land dem König Judäa's am 



■) Wdlhjusm: IsratHHukt und fadtxht Gescklchie. }. Ausg. 1897,$. lä o. 74. 
Vergl. «usseidcin Rithur l, jo und }} usd hier weiter unicD^ Kap. ). 

14" 



« 



»1 Das Erbe der alten Welt. 



Herzen. Der tyrische König Hiram muss es überhaupt wenig be- 
völkert gefunden haben, da er die Gelegenheit benutzte, um ver- 
schiedene fremde Völkerschaften in Galiläa anzusiedeln.') Dann kam, 
^■ie Jeder weiss, die Scheidung in zwei Reiche, und seit jener Zeit, 
d. h. seit tausend Jahren vor Christus (!) hat nur vorübergehend, 
hin und wieder, eine innigere, politische Verbindung zwischen GalilSa 
und Judäa überhaupt suttgcfunden, und diese allein, nicht eine Gc- 
mciosamkcii des religiösen Glaubens, fördert eine Verschmelzung der 
Völker. Auch zu Christi Zeiten war GaUlSa von Judäa politisch gänzlich 
getrennt, so dass es zu diesem >im Verhältnis des Auslands« stand,') 
Inzwischen war aber etwas geschehen, was den israelitischen Charakter 
dieses nördlichen Landstriebs wohl auf alle Zeiten fast ganz vertilgt 
haben muss : 720 Jahre vor Christo (also etwa anderthalb Jahrhunderte 
vor der babylonischen Gefangenschaft der Juden] wurde das nördliche 
Reich Israel von den Assjrricrn verwüstet und seine Bevölkerung — 
angeblich in ihrer Gesamtheit, jedenfalls zum grossen Teile — depor- 
tiert, und zwar in verschiedene und entfernte Teile des Reiches, wo 
sie in kurzer Zeit mit den übrigen Anwohnern verschmolz und in 
Folge dessen gänzlich verscbwand.3) Zugleich wurden aus entlegenen 



>) GneU : i^olhttiftlich* Geteki^U dtr Judtn, I, 8&. 

') Graeii: a. i. O., l, \(f). GiUlia uad PtrnU hanen lusanuneD einen eigenen, 
iclttständi); regicrcndcu Tctntdieu, wihrcnd Judia, Sammi und Idumäa ciacni tb- 
mischen Prokumor untersunden. Graeu fägt an dieser Stelle hinzu; »Durch die 
FcindscÜKlccit der Samaritaiicr, deren Laod aU Keil zwischen Judäa und GiJilSa minca 
am (tic) Ug, war der Verlcebf zwischen beiden losfietreonien Landesteiteii nocti mehr 
gehemmt.« — I>us inza aiuscrdcni kein Recht ha:, die echten > Isradiico < des Nordcna 
mit d«ß eigentlichen »Judenc dei SOdens zu identtlizienm, habe ich der Hinfadihiüt 
halber hier uncrwJJint gelassen; vcrgL jedoch Kap. j. 

1] So gSaillch verschwiBd, dass manche Theologen, die Qber Müsse verftlgten, 
dch auch in unserem Jahrhundert den Kopf daröbcr zcrbradien, was aus den Israeliten 
gewoidcn >ci, da sie nicht aonchniCD konnten, Tüat Kechttel des Vdllies, dem Jabve 
die ganze Hrde veisprathen h»tte, sollten einfach vcischwuiiden sein. Ein findiger 
Kopf brachte sogu heraus, die verloren negUubten zehn Stimme seien di« 
heutigen Engländer! Br war auch um die Motal dieser Entdeckung Dictit verlegen: 
daher gehören den Briten von Rechts wegen fünf Sechstel der gesamten Erdobcr^ 
fliehe; das übrige Sechstel den Juden. Vergl, H. L.r Imt hre/l, where art thty 
te ^ faund? (Mnhitrfk, 6. Aufl. 1877^. In dieser Broschüre wird ein anderes 
Werl genannt, Wilson: 0*ir braititinh Origin. Es giebt sogar, nach diesen Autori- 
täten, brave AogcIsüchscD, die ihre Genealogie bis auf Moses zurQckgcßhn habenl 
Weichen Unsinn bitte unser liebes Neunzehnte nicht gezeitigt) Wer es geschidtt 
anfinge, konnte bei Sp;ltcrco den Eindruck hervorbringen, das gaiue Sioilum sei 
Sat 'roUbaui reif gewesen! 



Die Erscheinung Christi. 



»n 



Gegenden fremde Stäinme zur Ansiedlung nach Palästina übcrgcftihn. 
Die Gclchncn vcrmuien freilich (ohne Gewähr dafßr geben zu können), 
dass ein bedeutender Bruchteil der froher gemischt-israelitischen Be- 
völkerung im Lande verblieben war; jedenfalls hielt sich aber dieser Rest 
nicht von den Fremden getrennt, sondern ging in ihre gemischte Volksart 
auf. ') Das Schicksal dieser Länder war also cinganzandercsalsdasjudäas. 
Denn als später auch die Juden weggeführt wurden, blieb ihr Land 
sozusagen leer, nämlich nur von wenigen, dazu heimischen Bauern be- 
wohnt, so dass bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangen- 
schaft, in welcher sie ausserdem ihre Stammesreinheit bewahrt hatten, 
die Juden diese Reinheit unschwer auch weiter aufrecht erhalten 
konnten. Giltläa dagegen und die angrenzenden Länder waren, wie 
gesagt, von den Assyriern systematisch kolonisiert worden und, 
wie es nach dem biblischen Berichte scheint, aus sehr verschiedenen 
Teilen des riesigen Reiches, unter andcrm aus dem nördlichen ge- 
birgigen Syrien. In den Jahrhunderten vor Christi Geburt sollen nun 
ausserdem viele Phönicier und auch viele Griechen eingewandert sein.*) 
Es ist nach dieser letzten Xhatsache wahrscheinlich, dass auch rein- 
arisches Blut dorthin verpflanzt wurde; sicher ist aber, dass ein 
kunterbuntes Durcheinander der verschiedensten Rassen stattfand, und 
dass die Ausländer sich am zahlreichsten in dem zugänglicheren und 
dazu fruchtbareren Galiläa niedergelassen haben werden. Das Alte 
Testament selbst erzählt mit bestrickender Naivctät, wie diese Fremden 
ursprünglich dazu kamen , den Kultus des Jahvc kennen zu lernen 
(11. Kön, XVII, 24 fg.): in dem cntvölkcncn Lande vermehrten sich 
die Raubtiere; man hielt diese Plage für eine Rache des vernach- 
lässigten »Landcsgüttcsa (Vers 26); e.s war aber Niemand mehr da, der 
gewusst hätte, wie dieser verehrt werden wolle; und so sandten die 
Kolonisten zum König von Assyrien und baten sich einen israelitischen 
Priester aus der Gefangenschaft aus, und dieser kam, und >lehrtc sie 
die Weise des Landesgonesc Auf diese Art wurden die Bewohner 
des nördlichen Palästina, von Samaria ab, Juden dem Glauben nach, 
auch diejenigen unter ihnen, die keinen Tropfen israelitischen Blutes 
in den Adern hatten. — In spitieren Zeiten mögen sich allerdings 



') Wie »ehr 'd« unttrKhddendc Cliaralier der isnclitijcben Nation verlor«! 
war* berichtet Rabenson Smith: The frtiphtti 0/ Itriul (189s), p. ij!- 

'} Alben RävUle: //nw d4 fs^umrtth I, 416, Mvi vergebe auch nieht, dasi 
Alexander Aet Gros^ nach der Hmpönmg des Jahres }li du nahe SamarieD mit 
Maccdonicin bo-ölkcit lutte> 



314 



Das Erbe der >[tcD Welt. 



manche cchie Juden dort niedergelassen haben ; aber wohl doch nur 
als Fremde in den grösseren Städten , denn eine der bewunderns- 
wertesten Eigcnschiftcn der Juden — namentlich seil ihrer Rückkehr 
aus der Gi-fangen schaff, wo auch zuerst der scharf umschriebene Begriff 
ijude« als Bezeichnung für eine Religion auftritt (siehe Zacharias VIXI, 33) 
— war ihre Sorge, die Rasse rcjn zu erhalten; eine Ehe zwischen Jude 
und Galiläer war undenkbar. Jedoch, auch diese jüdischen Bestand- 
teile inmitten der fremden Bevölkerung wurden aus Galilia nicht sehr 
lange vor Christi Gebun gänzlich ausgeschieden! Simon Thar&i, einer 
der Makkabäcr, war es, der, nach einem erfolgreichen Feldzug in 
GalilJla gegen die Syrier: »die dort wohnenden Juden sammchc und 
sie bestimmte, auszuwandern ond sich samt und sonders ia 
Judäa niederzulassen. {■) Das Vorurteil gegen GaHläa blieb 
denn auch so gross bei den Juden, dass, als Herodes Antipas wilirend 
der Jugend Chnsii die Sudt Tibcrias gebaut hatte und auch Juden 
veranlassen wollie, sich don niederzulassen, ihm dies weder durch 
Versprechungen noch durch Gewalt gelang.') — Es liegt also, wie 
man sieht, nicht die geringste Veranlassung zu der Annahme vor, die 
Elicm Jesu Christi seien, der Rasse nach, Juden gewesen. 

im fcmtrcn Lauf der historischen Entwickelung find nun etwas 
statt, wofür man manche Analogie in der Geschichte aufweisen könnte: 
bei den Bewohnern des sQdlicher gelegenen, unmittelbar an JudiLa an- 
stossenden Samaria, die ohne Frage durch Blut und Verkehr den 
eigentlichen Juden iHel näher standen als die Galiläer, erhielt sich die 
Tradition des nordisraetitischen Widerwillens und der Eifersucht gegen 
die Juden; die Samaritaner erkannten die kirchliche Supremade 
Jerusalems nicht an und waren daher den Juden als >IrTgläubiget so 
verhasst, dass keinerlei Verkehr mit ihnen gestanet war: nicht ein 
Stück Brot durfte der Rechtgläubige aus ihren Hilnden nehtnen, dies 
galt, als hätte er Schweinefleisch gegesten.3) Die Galilüer dagegen, 
die den Juden ohne weiteres als »Ausländer« galten, und als solche 
allerdings verachtet und von manchen reUgiösen Handlungen aus- 
geschlossen blieben, waren dennoch streng rechtgläubige und bäuäg 
sogar fanatische >Juden<. Darin aber einen Beweis ihrer Abstammung 
erblicken zu wollen, ist einfach ÜcherUch. Es ist ganz genau dasselbe, 
als wollte man die unver^lscht slaviscbe Bevölkerung Bosniens oder 

■) Gnen ». a. O. I. 400. ^efae xuch I Mattabd^r V, 3}. 

•) Gr»ti ä. t. O. I, s6S. Vcr^ joupktu. Buch XVUl. Kap. {■ 

«> Au* der Mücbm döcn roa Renan : Vi* Jt pmt. 3]. Aofl., S. 341. 



Die Erscheinung Christi. 



3tS 



die reinsten Indoirier Afghanistans ethnologisch mit den >TürlieD< 
tdenuÜKiercn, weil sie strenggläubige Mohammedaner sind, viel frommer 
und v\c[ fanatischer als die echten Osmancn. Der Ausdruck Jude 
bezeichnet eine bestimmte, erstaunlich rein erhaltene Menschenrasse, 
nur in zweiter Reihe und uneigentlich die Bekenner einer Religion. 
Es geht auch durchaus nicht an, den Begriff ijudct, wie das in 
letzterer Zeit viel geschieht, mit dem Begriff »Scmii< glcichzusiclleo ; 
der Nation alcharakter der Araber z. B. ist ein durchaus anilcrcr als 
der der Juden. Darauf komme ich im fünften Kapitel zurück; einst- 
weilen mache ich darauf aufmerksam, dass auch der Kaiionalcharaktcr 
der Galiläer wesentlich von dem der Juden abstach. Man schlage 
welche Geschichte der Juden man will auf, Ewald's oder Graetzens 
oder Renan 's, überall wird min finden, dass die GaliUer durch ihren 
Charakter sich von den anderen Bewohnern Palästinas unterschieden; 
sie werden als Hitzköpfe bezeichnet, als energische Idealisten, als 
Männer der Thai. In den langen Wirren mit Rom, vor und nach 
Christi Zeit, sind Galilner meistens das treibende Element und das- 
jenige, welches der Tod allein besiegte. Während die gros.icn Kolonien 
unverfälschter Juden in Rom und Alexandrien auf vorzüglichem Fuss 
mit dem heidnischen Kaiserreich lebten, wo sie als Traumdeuter,<) 
Trödler. Hausierer. Gcidlcihcr, Schauspieler, Rechtsberater, Handels- 
herren, Gelehrte u. s. w. es sich gut gehen liesscn, wagte es im fernen 
Galiläa, noch zu Lebzeiten Caesars, Ezekia der Galitaer, die Fahne 
der rcligtäsen Empörung zu erheben I Auf ihn folgte der berühmte 
Judas der Galiläer, mit dem Spruch: >Gott allein ist Herr, der Tod 
gleichgültig, die Freiheit eines und alles Ic') Dann bildete sich in 
Galiläa die Panel der Sicarier (d. h. Messermänner), den heutigen 
indischen Thugs nicht unähnlich; ihr bedeutendster Führer, der GaliUcr 
Mcnahem, vernichtete zu Nero 's Zeiten die römische Garnison Jerusalems 
und wurde zum Dank, unter dem Vorwurfe^ er habe sich för den 
Messias ausgeben wollen, von den Juden selbst hingerichiet ; auch die 
Söhne des Judas wurden als staaisgel^hrliche Aufwiegler ans Kreuz 
geschlagen (und zwar von einem jüdischen Prokuraior); Johannes von 
GischaU, einer Stadi an der äusscrsicn Kordgrenze Galillas, leitete 
die verzweifelte Verteidigung Jerusalems gegen Titus uod 

*) Juvenil erxihlt: 

Qualiaetin^t vola Juiati somni» ve»JitHl. 
*) MenniKii: Römitth* Gticinthti V, jij. 



i 



21( 



üu Erbe der alten Welt 



die Reihe der galÜäischea Helden wurde durch Eleasar geschlossen, 
der noch Jahre lang nach der Zerstörung Jerusalems mit einer kleinen 
Truppe im Gebirge sich verschanzt hielt, wo er und seine Anhänger, 
als die letzte Hoffnung verloren war, erst ihre Frauen und Kinder, 
dann sich selbst töteten.') In diesen Dingen tritt, das wird wohl Jeder 
zugeben, ein besonderer, unterschiedlicher National Charakter zu Tage. 
Vielfach wird auch über die Frauen GalUdas berichtet, sie hänen eine 
nur ihnen eigentümliche Schönheit besessen; die Christen der ersten 
Jahrhundene erzählen ausserdem von ihrer grossen Güte und ihrem 
Entgegenkommen Andersgläubigen gegenüber, im Gegensatz zu der 
hochmütig verachtungsvollen Behandlung, die ihnen von den echten 
Jüdinnen zu Teil wurde. Dieser besondere Nationalcharakter fand aber 
noch einen anderen, unfehlbaren Ausdruck: die Sprache. In Judäa 
und den angrenzenden Lindem redete man zu den /leiten Christi 
aramäisch ; das Hebräische war bereits eine tote Sprache, die einzig 
in den heiligen Schriften weiterlebte. Es wird nun berichtet, die 
Galiläer hätten einen so eigentümlichen, fremdartigen Dialekt des 
AramSischen gesprochen, dass man sie gleich am ersten Worte er- 
kannte; »deine Sprache verrät dich«, rufen die Diener des Hohen- 
priesters dem Petrus ru. Das Hebräische sollen sie überhaupt nichi 
im Stande gewesen sein zu erlernen, namentlich die Kchllauic bildeten 
für sie ein unübcrstcigbarcs Hindernis, so dass man Galiläer z. B. zum 
Vorbeten nicht zulassen konnte, da >ihrc ver^'ahrloste Aussprache 
Lachen erregtet.') Diese Thatsache beweist eine physische Abweichung 
im Bau des Kehlkopfes und licsse sogar vermuten, dass wirklich eine 
siarkc Beimischung nicht-semitischen Blutes siattgcfunden habe; denn 
der Reichtum an Kehllauten und die Vinuositat in ihrer Behandlung 
ist ein .illen Semiten gemeinsamer Zug.3j 



') .\uch spim noch bildeten die Rcwohncr GaliUai dnc besondere, durch Kraft 
aai Mtil 3iisf;cxcicltnetc Risse, wie iai ihre Teilnahme xa dem Felilzuf; unter dem 
Pener Scharbina und an der Gnnihmc Jerusalem» lieweiii. im Jalire 614. 

■) Vcrg], £. B. Gracu a. a- O., I, J7). Über die EigeatGmIiclil<cii der Sprache 
der Galtlder und deren Unfähigkeit, die semitischen Kehllaute richtig ausxusprcchen 
Tcrgl. namentlich Renan; Lanpui Umiti^uei. j* id., p. 2;o. 

J) Man sehe i. B. die vergleichende Tafel bei Mas MaUer; Sdttict o/Langtiagt, 
9. Aufl., S. 169 und in jedem dntelnen Rande der Saertd Boeh v/ tht Etui. Die 
Sinskri [Sprache Itcnni nur sechs echte >Guittira]es«, die hebrliscbe zehn; am auf- 
EaOcndstcn ist jedoch der Uiitcrscliicd bei dem f;unuralcii Hauchlaut, dem h, f&r 
welches die indof;emuniichen Sprachen seit ieher nur einen einzigen Laut gekannt 
haben, die scniitischca dagegen fünf verschiedene. Dagegen tindcl man im 



Die Erscheinung Christi. 



317 



Auf diese Frage — war Christus ein Jude der Rasse nach ? — 
habe ich geglaubt, mit einiger Ausführlichkeit eingehen tu müssen, 
weil ich ia keinem einzigen Werke die hierhergehörigen Thitsacbeo 
klar zusammengetragen gefunden habe. Selbst in einem objeUtiv- 
wissenschafilichen, von keinen theologischen Absichten beeinflussten 
Werke, wie das Alben R^ille's,') des bekannten Professors der ver- 
gleichenden Rcligionsforschung am Colltge de France, wird das Wort 
Jude bisweilen für die jüdische Rasse, bisweilen für die jüdische 
Religion gebraucht. Wir lesen z. £. [I. 4t6): »Galiläa war zum 
grössten Teil von Juden bewohnt, doch gab es auch syrische, 
pböninschc und griechische Heiden.< Hier also bedeutet Jude 
Etneo, der den Landesgott Judäas verehrt, gleichviel, welcher Ab- 
stammung er sich rühmt. Auf der nächstfolgenden Seite ist jedoch 
von einer «arischen Rasset die Rede, als Gegensatz zu einer »jüdischen 
Kation«; hier bezeichnet folglich Jude einen bestimmten, engbegrenzten, 
seit Jahrhunderten rein erhaltenen Menschenstamm. Und nun folgt 
die tiefsinnige Bemerkung: >Die Frage, ob Christus arischer Herkunft 
sei, ist müssig. Ein Mann gehört der Nation au, in deren Miite er 
aufgewachsen ist.« Das nannte man »Wissenschaft« im Jahre des Heils 
1896 1 Am Schlüsse des 19. Jahrhunderts durfte ein Gelehrter noch 
nicht wissen, dass die Form des Kopfes und die Struktur des Gehirns 
auf die Form und Struktur der Gedanken von ganz entscheidendem 
EinBuss sind, so dass der Bnfluss der Umgebung, wenn er noch so 
gross angeschlagen wird, doch durch diese Initialthatsachc der phpischen 
Aulagen an bestlmmie Fibigkeiten und Möglichkeiten gebunden, mit 
anderen Woncn, bestimmte Wege gewiesen wird; er durfte nicht 
wissen, dass gerade die Gestalt des Schüdets zu jenen Charakteren 
gehört, welche mit unausrottbarer Hartnäckigkeit vererbt werden, so 
dass durch kraniologische Messungen Rassen unterschieden und aus 
gemischten noch nach Jahrhunderten die atavistisch auftretenden ur- 
sprünghchen Bestandteile dem Forscher offenbar werden ; er durfte 
glauben, dass die sogenannte Seele ausserhalb des Körpers ihren SitJ; habe, 



Sanskrit ucbcn verschicken« Zungenlaute, hn HebrUKhen nur iwü. Wie an^e- 
beiicr tchwcr es m, solche vererbte sprachliche Rassenmerkmale fptm la ver- 
wischen, iM uns Allen Jurcti das Beispiel der unter uns lebenden Juden gut be- 
kantit; die vollkommen fehlerlose BeherrKhung unserer Zunf^olaute ist Ihnen 
ebenso unmAKl'i^'ii ^'^ ^"^ ■^■'^ MdstersctuiJ't dn Kehllaute. 

■) Jitus dt Xaiarttk, iluitt criH^wt mr Ut anUcidtats it J'kitUirt Mwii^li^« 
H la vie J4 }/sMS, 1. vc^ 1897. 



■rB 



Das Erbe der atteu Welt. 



and Uio wie eine Puppe an der Nase herumführe! O MineUlier! wann 
wird deine Nicht von uns weichen? Wann werden die Menschen 
es begreifen, dass Gestalt nicht ein gleichgültiger Zufall ist, sondern 
ein Ausdruck des innersten Wesens? da&s gerade hier, an diesem 
Punkte, die 2wci Welten des Inneren und des Äusseren, des Sicht- 
baren und des Unsichtbaren sich berühren? Ich nannte die mensch- 
liche Persönlich keil das mystmum magnum des Daseins; in ihrer 
sichtbaren Gestalt stellt sich nun dieses unergründliche Wunder dem 
Auge und dem forschenden Verstände dar. Und genau so wie die 
möglichen Gestalten eines Gebäudes durch die Natur des Baumateriales 
in wesentlichen Punkten bestimmt und beschränkt sind, ebenso ist 
die mögliche Gestalt eines Menschen, seine innere und seine äussere, 
durch die vererbten Bausteine, aus denen diese neue Persönlichkeit 
zusammengestellt wird, in Punkten von durcligreifendcr Wesentlich- 
keit bestimmt. Gewiss kann es vorkommen, dass man auf den Bcgrifi 
der Rasse zu viel Gewicht legt: damit thut mau der Autonomie der 
Persönlichkeit Abbruch und läuft Gefahr, die grosse Macht der Ideen 
zu untcrsc häuten ; ausserdem ist diese ganze Frage der Rassen unendlich 
viel verwickelter als der Laie glaubt, sie gehön ganz und gar in das 
Gebiet der anatomischen Anthropologie und kann durch keine DIkca 
der Sprach- und Geschieh isforschcr gelöst werden. Es geht aber 
dennoch nicht au, die Rasse als quantiU nlgligcaUc einfach bei Seite 
zu lassen ; noch weniger geht es an, etwas direkt Falsches über die 
Rasse auszusagen und eine derartige Geschieh tslügc zu einem unbestreit- 
baren Dogma sich auskrysiallisicrcn zu lassen. Wer die Behauptung 
aufstellt, Christus sei ein Jude gewesen, Ltt entweder unwissend oder 
unwahr: unwissend, wenn er Religion und Rasse durcheinander« 
wirft, unwahr, wenn er die Geschichte Galiläas kennt und den 
höchst verwickelten Thatbestand zu Gunsten seiner religiösen Vor- 
urteile oder gar, um sich dem mächtigen Judentum gefällig 2U er- 
zeigen, halb verschweigt, halb entstellt.') Die Wahrscheinlichkeit, 



■) Wie soll min es z. B. erklären, lia» Ren^in, der io »inem i8£) er* 
»chiencuun Vit 4* Jiiut s^gt, es sei uiimÖKlich, i)uch nur Vermutungen aufzu- 
itellen über dii: Raste, der Chmtui durcl; «ein Blut angehörte (siehe Kap. II), in 
dem 189t voUcndcicn (l^nftcii Baad sctavt Hitloirt Ju Ptuple d'lirtet die kategorische 
Behauptung autsielli: 'ßsus itait un Jui/t. und mit ungewohnt« Hd'tlgkeii über 
die Leute lieifälk, die Jos zu bci^v'ctfcln wagen i Sollte nicht die AiHance hrtiliu 
mit der Reoan ia sctaca laaea Lebensjahren in so eifrigem Verkehr mnd, hier 
ein Won niiigercJct haben) In unaerem Jahrhundert haben nir so viel Schöne) 



Die Erscheinung Christi. 



319 



dass Christus kein Jude war. dass er keinen Tropfen echt jQdischcn 
Blutes in den Adern hatte, ist so gross, dass sie einer Gewissheit 
fast gleichkommt. Welcher Rasse gehönc er an? Darauf l3sst sich 
gar keine Antwon geben. Da das Land zwischen Phönizicn und dem 
in seinem südwcsilichen Teile mit scminscbcm Blute durchtränkten 
Syrien lag, dazu vielleicht von seiner früheren gemiscbi-israetidschen 
(doch zu keiner Zeit jüdischen) Bevölkerung nicht ganz gesüubert 
war, ist die Wahrscheinlichkeit eines vorwiegend semitischen Siamni- 
baumes gross. Wer aber nur den geringsten Einblick in das Rassen- 
habe! des assyrischen Reiches gethan hat,'} und wer dann erfahrt, 
dass aus den verschiedensten Teilen dieses Reiches Kolonisten in jene 
frühere Heimstatt Israels übersiedelten, wird nicht schnell bei der Hand 
mit einer Antwort sein. Es ist ja möglich, dass in einigen dieser 
KoloDisicngruppcn eine Tradition herrschte, untereinander zu heiraten, 
wodurch dann ein Stamm sich rein erhalten hänc; dass aber das über 
ein halbes Jahnausend durchgeführt worden sei, ist fast undenkbar; 
gerade durch den Übertritt zum jüdischen Kultus verwischten sich 
nach und nach die Stamnicsuntcrschicdc, die zuerst (H Könige XVH, 29) 
durch heimatliche Religionsgebräuche aufrecht erhalten worden waren. 
In spiteren Zelten wanderten nun ausserdem, wie wir hören, Griechen 
ein; jedenfalls gehörten sie zu den ärmsten Klassen, und nahmen nalür- 
licb sofort den »Landesgoitc an! — Nur eine Behauptung können wir 
also auf gesunder historischer Grundlage aufstellen: in jenem ganzen 
Weltteile gab es eine einzige reine Rasse, eine Rasse, die durch 
peinliche Vorschriften sich vor jeder Vermengung mit anderen Völker- 
schaften schüute — die jüdische; dass Jesus Christus ihr nicht an* 
gehörte, kann als sicher betrachtet werden. Jede weitere Behauptung 
ist hypothetisch. 

Dieses Ergebnis, wenngleich rein negativ, ist von grossem Werte; 
«s bedeutet einen wichtigen Beitrag zur richtigen Erkenntnis der Er- 
scheinung Christi, somit auch zum Verständnis ihrer Wirksamkeit bis 
auf den heutigen Tag und zur Entwirrung des wild verhedderten 



Aber (fie Freiheit der Red«, die Frcibdt der Wiucnscliaf^ 11. 3. w. KchArl; in Wahr- 
heU dad wU aber irgcr gehnechtei gewesen, all im 18. Juhrhuiidni ; denn lu dvn 
fröfacrcii Gewalthabern, die nie in Wirklichkeit entwaffneten, kamen aeuc. schlimmere 
bauu. Der frühere Zwang konnte, bei illeni bhtcm Unrecht, den Chualitef tiirken, 
der neue, der nur Ton Geld ausgeht und nur auf Geld himidi, entwürdigt lur 
niedrigsten Sklaverei. 

■} Vcitil. Hugo Winckler: Di* FiliMr Varderaiiem, 190a 



no 



Das Erbe der alten WcIl 



Knäuels widersprechender Begriffe und fakcher VorstelluogCQ, das 
sich um die einfache, durchsichtige Wahrheit geschlungen hat. Nun' 
mehr jedoch müssen ^iz tiefer greifen. Die äussere Zusammenge- 
hörigkeit ist weniger wichtig als die innere; jetzt erst langen wir bei 
der entscheidenden Frage an: inn-icfeni gehört Christus als mo- 
ralische Erscheinung zum Judentum, inwiefern nichts Um das 
ein für alle Mal festzustellen, werden wir eine Keihc wichtiger Unter- 
scheidungen durchführen müssen, für die ich mir die vollste Aufmcrk- 
samlceit des Lesers erbitte. 



Raiicioa. Gsnz allgemein, ja, vielleicht ohne Ausnahme, wird das Ver- 

hältnis so dargestellt, als sei Christus der Vollender des Judentums, 
das heisst also, der religiösen Ideen der Juden.') Selbst die orthodoxen 
Juden, wenn sie in ihm auch nicht gerade den Vollender verehren 
können, sehen doch tn ihm einen Seitenast an ihrem Baume und 
betrachten mit Stolz das ganze Christentum als einen Anhang des 
Judentums. Das ist ein Irrtum, dessen bin ich tief überzeugt; es ist 
eine angccrbic Wahnvorstellung, eine von den Meinungen, die wir 
mit der Muttermilch einsaugen und über dte in Folge dessen der 
Freidenkende eben so wenig zur Besinnung kommt, wie der orthodox 
kirchlich Gesinnte. Gewiss stand Christus in einem unmittelbaren 
Verhältnis zum Judentum, und der EinSuss des Judentums, zunächst 
auf die Gestaltung seiner Persönlichkeit, in noch weit höherem Masse 
auf die Entstehung und die Geschichte des Christentums ist ein so 
grosser, bestimmter und wesentlicher, dass jeder Versuch, ihn abzu- 
leugnen, zu Widersinnigkeiten führen raQsste; dieser Einfluss ist 
jedoch nur zum kleinsten Teile ein religiöser. Da liegt des 
Irrturas Kern. 

Wir sind gewohnt, das jüdische Volk als das religiöse Volk par 
exeelUnce zu betrachten; in Wahrheit ist es ein (im Verhältnis zu 
den indoeuropäischen Rassen} religiös durchaus vericCimmertes, In 
dieser Beziehung hat bei den Juden das stattgefunden, was Darwin 
yorrta of dettJopmenlt nennt, eine Verkümmerung der Anlagen, ein 
Absterben in der Knospe, übrigens waren alle Zweige des semitischen 



') Ene rühmliche Aumahme macht der groMc Rechtlich rcr Jhering, der in 
sdner fßrg^uUeliu in InAotanp&f, S, joo, schreibt: 'Dtcn Bodco swiics Volke* 
wir Christi Lehre nklit cnuprosscn. das ChrL-itentum beidchnct im Gegenieil eine Übcf> 
Windung des Judeatum*, et steckt bereits bei sciaaii ertKn Unpnum ctwu 
vom Aiicr ia ifain.« 



Stammes, sonst in mancber Beziehung reich begabt, von jeher erstaun- 
lich um an religiösem Instinkt; es ist das jene ■HanhcrEigkcii«, über 
welche die bedeutenderen Männer unter ihnen stets klagten. ') Wie 
anders der Arier! Schon nach dem Zeugnis der ältesten Urkunden 
(die weil über alle jüdischen zurückreichen) sehen wir ihn beschäftigt, 
einem dunkeln Drange zu folgen, der ihn antreibe, im eigenen Herzen 
zu forschen. Dieser Mensch ist lustig, Icbcosiolt, ehrgeizig, leicht- 
sinnig, er trinkt und er spielt, er jagt und er raube; plötzUch aber 
besinnt er sich: das grosse Rätsel des Daseins nimmt ihn ganz ge- 
fangen, nicht jedoch als ein rein rationalistisches Problem — woher 
ist diese Welt? woher stamme ich? — worauf eine rein logische 
(und darum unzureichende] Antwort zu geben wäre, sondern als ein 
unmittelbares, zwingendes Lebensbedürfnis. Nicht verstehen, sondern 
sein: das ist, wohin es ihn drängt. Nicht die Vergangenheil mit 
ihrer Litanei von Ursache und Wirkung, sondern die Gegenwart, die 
ewigwährende Gegenwart fesselt sein staunendes Sinnen. Und nur, 
das fühlt er, wenn er zu allem, was ihn umgiebt, Brücken hinüber 
geschlagen hat, wenn er sich, das einzig«, was er unmittelbar weiss, 
in iedem Pbänomea wieder erkennt, jedes Phänomen in sich wieder 
findet, nur wenn er, so zu sagen, sich und die Welt in Einklang ge- 
setzt hat, dann darf er hoffen, das Weben des ewigen Werkes mit 
eigenem Ohre zu belauschen, die geheimnisvolle Musik des Daseins 
im eigenen Herzen zu vernehmen. Und damit er diesen Einklang 
finde, singt er selber hinaus, versucht es in allen Tönen, übt sich in 
allen Weisen; datin lauscht er andächtig. Nicht unbeantwortet bleibt 
sein Ruf: geheimnisvolle Stimmen vernimmt er; die ganze Natur be- 
lebt sich, überall regt sich in ihr das Menscbcnverwandte. Anbetend 
sinkt er auf die Kniee, wähnt nicht, dass er weise sei, glaubt nicht 
den Ursprung und den Endzweck der Weh zu kennen, ahnt aber 
eine höhere Bestimmung, entdeckt in sich den Keim zu uncrmcssltchen 
Geschicken, »den Samen der Unsterblichkeit!. Dies ist jedoch keine 
blosse Träumerei, sondern eine lebendige Überzeugung, ein Glaube, 
und, wie alles Lebende, erzeugt es wieder Leben. Die Helden seines 
Stammes und seine heiligen Männer erblickt er als »Cbcrmenschen« 
(wie Goethe sagt) hoch über der Erde schweben; ihnen will er gleichen, 
denn auch ihn zieht es hinan, und jetzt weiss er, aus welch' tief 



*) >Dic Scniilcn luibcn viel Aberglauben, Joch wenig Rdigioa«, bcicugl eine 
der grauten Autoriuien, Robenson Smiin: flu Prelis 9j Ursti, p. j). 



US 



Das Erb« der iheii Welt. 



innerem Brunnen sie die Kraft schöpften, gross zu sein Dieser 

Blick in die uoerforsclilichen Tiefen des eigenen Innern, diese Sehn- 
sucht nach obei3: das ist Religion. Religion hat zunächst weder mit 
Aberglauben noch mit Moral etwas zu thun ; sie ist ein Zustand des 
Gemütes. Und weil der religiöse Mensch in unmittelbarem Kontakt 
mit einer Weh jenseits der Vernunft steht, so ist er Dichter und 
Denker: er tritt bcwussi schöpferisch auf; ohne Ende arbeitet er an 
dem edlen Sisj'phus- Werke, das Unsichtbare sichtbar, das Undenkbare 
denkbar zu gestalten;*) nie finden '«''ir bei ihm eine abgeschlossene, 
chronologische Xosmogonie und Theogonie, dazu erbte er eine zu 
lebendige Empfindung des Unendlichen; seine Vorstellungen bleiben 
im Flusse, erstarren niemals; alte werden durch neue ersetzt; Götter, 
in einem Jahrhunden hochgeehrt, sind im andern kaum dem Namen 
nach gekannt. Und doch bleiben die grossen Erkenntnisse fest er- 
worben und geben nie mehr verloren, obenan unter allen die grund- 
legende, welche Jahrtausende vor Christo der Rigvcda folgen dcrmasscn 
auszusprechen suchte: >Dic Wurrclung des Seienden fanden die Weisen 
im Herzen,« — eine Oberzeugung, welche in unserem Jahrhundert 
durch Goethe's Mund fast identischen Ausdruck fand: 

Ist nicht der Kern der Natur 
Menschen im Herzen? 

Das ist Religion I — Gerade diese Anlage nun, dieser Gemütszustand, 
dieser Instinkt, den Kern der Natur im Herzen zu suchen, mangelt 
den Juden in auffallendem Masse. Sie sind geborene Rationalisten. 
Die Vernunft ist bei ihnen stark, der Wille enorm entwickelt, dagegen 
ist ihre Kraft der Phantasie und der Gestattung eine eigentümlich be- 
schränkte. Ihre spärlichen mythisch religiösen Vorstellungen, ja, sogar 
ihre Gebote und Gebräuche und ihre Kuhusvorschrifien entlehnieo 
sie ausnahmslos fremden Völkern, reduzierten alles auf ein Minimum') 
und bewahrten es starr unverändert; das schöpferische Element, das 
eigentlich innere Leben fehlt hier fast gänzlich; im besten Fdle ver- 
haut CS ach zu dem so unendlich reichen religiösen Leben der Axier 



<) Sehan safp Herder: *D«t Mensch allein ist ini 'Aldcrsfmjcfa mit sieh und 
mit der Erde, denn das aiugcbildcisie GctidKtpf unter iWnn ihren Organiiationcn ist 

lUgleich das unaiugcbildetste in seiner ciRcren ncucuAnla^e Er stellt also 

iwo Weiten luf einmal dar. und das macht die anscheinende Dupticitli seines Wesensi 
/W*w tur Gfschuhu iir Heiathhtit. Teil I, Buch V, Abschnitt 6). 

*) Alles nähere Kap. 5. 



Die Erscheinung Christi. 



"5 



[weiches alies höchste Denken und Dichten dieser Völker einschliesst) 
wie die vorhin genannten Zungenlaute, nämlich wie 2 zu 7. Mao 
sehe doch, welche üppige Blüte herrlichster religiöser Vorstellungen 
und BcgrifTe, und dazu, welche Kunst und welche Philosophie, dank 
den Griechen und Germanen, auf dem Boden des Christentums empor- 
schoss, und fraye sich dann, um welche Bilder und Gedanken das 
angeblich religiöse V^olk der Juden die Menschheit inzwischen bereichert 
hati Spinoza "s »geometrische Ethik« (eine falsche, totgeborene An- 
wendung eines genialen und schöpferisch produküven Gedankens von 
Descanes) dünkt mich in Wirklichkeit die blutigste Ironbierung der 
Talmudoioral und hat jedenfalls noch weniger als die wahrscheinlich den 
Ägyptern entlehnten'] zehn Gebote des Moses mit Religion gemein. 
Nein, die Achtung gebietende Kraft des Judentums liegt auf einem 
ganz anderen Felde; ich komme gleich darauf zu sprechen. 

Wie war es denn aber möglich , unsere Urteilsfähigkeit so zu 
umnebeln, dass wir die Juden für ein religiöses Volk halten konnten? 

Zunächst waren es die Juden selber, die seit jeher mit äusscrstcr 
Vehemenz und Volubilität vcrsichcncn, sie seien >da5 Volk Gottes«; 
selbst ein freisinniger Jude wie der Philosoph Philo, stellt die kühne 
Behauptung auf, einzig die Israeliten seien iMenschcn im wahren 
Sinne«;*] die guten dummen Indogcrmanen glaubten es ihnen 1 Wie 
schwer es ihnen aber wurde, beweist der Gang der Geschichte und 
die Aussprüche alter ihrer bedeutendsten Männer. Ermöglicht wurde 
diese Glaubensseltgkeit einzig durch die christlichen Schriftausleger, 
welche die gesamte Geschichte Judas zu einer Theodicec umbauten, in 
welcher die Kreuzigung Christi den Endpunkt bedeutet. Sogar Schitier 
(DU Sendung Moses) deutet an : die Vorsehung habe die jüdische 
Nation zerbrochen, sobald sie geleistet hane, was sie solltel Dabei 
abersahen diese Gelehrten die fatale Thatsache, dass das Judentum 
dem Dasein Chiistt nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt 
hat, dass seine älteren Historiker den Namen nicht einmal nennen; 
wozu heute die Wahrnehmung kommt, dass die Geschichte dieses 
eigenartigen Volkes nach zwei Jahrtausenden weiterlebt und von hoher 
Blüte zeugt; niemals, selbst in Alexandrien nicht, ist das Schicksat der 
Juden ein so glänzendes gewesen wie heute. SchHesslich wirkte noch 
ein drittes Voruneil mit, welches im letzten Grunde aus den philo- 



*) Siehe das Kapirel 135 des Toltnbuchts. 

■) Von Cracu a. a. O. 1, 654 ohne lühtrc Angabe des One» dden. 



«4 



Das Erbe der alten WelL 



sopbischen Werkstätten Griechenlands stammte, und wonach der 
Monotheismus, d. h. die Vorstellung eines einzigen unteilbaren Gottes, 
das Symptom einer höheren Religion sein sollte; das ist eine durchaus 
rationalistische Schlussfolgerung ; die Arithmetik bat mit Religion gar 
nichts gemeinsam; der Monotheismus kann ebcno gut eine Ver- 
armung wie eine Veredelung des religiösen Lebens bedeuten. Ausser- 
dem ist auf dieses verhängnisvolle Vorurteil, welches vielleicht mehr 
als irgend etwas anderes zu der Wahnvorstellung einer religiösen Über- 
legeobeit der Juden beigetragen bat, zweierlei zu entgegnen : erstens, 
dass die Juden . solange sie eine Kation bildeten und ihre Religion 
noch einen Funken frischen Lebens besass , nicht Mono-, sondern 
Polycheisten waren, für die jedes Ländeben und jedes Stämmchen 
seinen eigenen Gott hanc; zweitens, dass die Indocuropäcr auf ihrem 
rein religiösen Wege zu viel grossar tigeren Vorstellungen eines alleinigen 
Göttlichen gelangt waren , als die kümmerlich verschrumpfte des 
jQdischen Weltschüpfers. ') 

*) Belege R»r <lai Poljtheismus der Jaden bnuche ich nicht lu geben ; man 
fjadct sie in jedem wisscnichafttichen WerVe, autserdein uuf jeder drictim Seite des 
Alten TciCiuncots; siehe aucb hier, Kap. 5. Scf^r in den Pulmen Nwcrden lAlle 
Götter« aufgefoidert , Jahve »niuhelen; Jaliv« ist nur imofern (üt die »piieren 
Juden <Jcr >ciiiEif;c Gou«, aU audi die Juden (wie uns Philo soeben miueilie) >dic 
einiigen Mensche» ira wahren Sinne« sind. Robemo» Sniiih, dessen Migion 0/ Üu 
Semiitt bU ein wüscoscluftlich grundlegendes Werk ,gUi, bezeugt, 4jm icx Mono- 
theismus nicht atts einer ursprangUchen religiOsca <Vnlagc des semitischen Geistes 
hervorgehe, sondern im Wesentlichen ein politisches Ergebnis scill (Siehe 
das ^nannte Werk, S. 74). — In BeiU); auf den Monotheismus der IniloeuTopier 
bemerke ich kurz Folgendes. Das Brahinan der indischen Weise» bt ohne Frage 
der ^enraltigste religiöse Gedanke, der je gedacht u-urde; aber den reinen Mono- 
dietsinut der Pcticr kann man sich bei Danucsicicr (Tht Zetid-Avtsla I, L^XXII fg.) 
unlcrrichieni der Gneche war aber auf demselben Wege gewesen, Ernst Cuniiu be- 
zeugt es: »Ich habe viel Neues gclrmi, lumcnilich welche Burg monotheistischer 
Gottesanschauung Olympia und wclnJie sittliche Weltmacht der Zeus des 
Phidias gewesen isi> i,Bf. an Geizer vom 1. Jan. 1896, verötfcntliclH in liti Ottüsthm 
Rtvue, i897< S. 34i)< — Übiigcos, man kann sich hier avi* die unvcrdäehbgstcn 
aller Zeugen beruren. Der ApoMcl Paulus sagt {Rämfr 1, 21): »die Rämer wussten. 
dass Ein Cor isi<; und der KiiJienvatcr Augustinus (ihn aus, im elften Kapitel 
des vierten Buches teäne.t Dt riviiatt IM, dass, nach den Ansichten der gebildeten 
RAmcT seiner >£cit. der >ma£Hi doctora pagaiiorum< , Jupiter der einige, ciniigc 
Gor sd. alle übrigen Goltheicen nur einzelne seiner ivinuics« vennsc hau lichten. 
Augustinus benutzte die schon vorhandene Anschauung, um den HeitJai klar zu 
inichen, et würde ihnen keine Mühe kosten, zum Glauben an den einigen GoR 
Qbcrzugehen und die i'ibrigai Geiiallcn aufzugeben. Haec u iia ant, quid perJtrenl 
Sl luuim OtuiH c6Ur4ta frttJdntürt Mmptuiio?* (Uie Empfehlung des Glaubens 



Die Erscheinung Christi. 



at 



Auf diese Fragen werde ich noch öfters Gelegenheit haben, 
xurückzukommcn, namentlich in den Abschnitten über ilcn Eintrin 
der Juden in die abendländische Geschichte und über die Entstehung 
der christlichen Kirche. Vorderhand möchte ich hoffen, dass es mir 
gelungen ist, die vorgefasste Ansicht von der besonderen Religiosität 
des Judentums wenigstens au erschüttern. Ich hoffe, der Leser des 
orthodox chrtsclicheo Neander wird fortan skeptisch den Kopf schüneln, 
wenn er die Behauptung findet: die Erscheinung Christi bilde »den 
Mittelpunkt« des religiösen Lebens der Juden, sie sei >iii dem ganzen 
Organismus dieser Religion und Volksgeschichte mit innerer Not- 
wendigkeit angelegt worden«, u. s. w. ;i) über die oratorischen Floskeln 
des Freidenkers Renan: *Le Chrisiimmme est le chef-i^otuvre du 



u <leii ein«n Gott »als abgekflntes Veriahren« ixt übrigens ein rühiender Zug aus 
den goldcncxi Kiadcnagcn der christlichen Kirchel) Und was Augustinus f&r die 
g«lehnea Hddca ausföhn, dis bcieugi Tcrmllifln für du ucgelchn« Volk im 
Allgemeinen; alle Well gUube, sagt er, in Wahrheit nur an einen dtugcn Goic, und 
man höre nie die Gdncr in Mehrzahl anrufcD, soodcra immer nur: «Crotier 
Gotil Gulcr Gottl Wie Goit wiUt Goll befohlen! Gon vcrgclt'sl< Dies bcirachtct 
TcrtuUian all dai Zeugnis einer von Hanse aus monotheistüehen Seele: *0 ttilifn<mium 
animae nalnicJiur Chriiliimatit (ApaloguHms. XVII/ — Dimii in dicier SO wichtigen 
Frage nichts undcuiUdi bUit>c, niuss idi biDiuiugcD. dass Cunius, TatUus, Augustinus 
and Termllian sich alle vier gründlich linschen, wenn sie In diesen Pingen den 
Beweis eines Monothcismui im Sinne des semidschcn Maiemlismus ciblickcD; 
ihr Urteil ist hier durch den Einfluss christlicher Begriffe umnebelt- Die Vor- 
KcUung »das C^tilichei, welches wir in dem Sanskrit Neutrum Brahnuui und 
in dem griechischrn Neutrum »nCov, sowie auch in dem deutschen Neutrum Gott, 
welches erst in a[>dtcren Zeiten, in Folge christlichen Einflusses, ab MascuUnuni auf- 
gcfasst wurde (siehe Kluges Eiymoi IVöfttrbiu^), darf durchaus nicht mit dem 
persönlichen WcItschOpfcr der Juden SdentUüicn werden, lücr gilt fOr alle von 
semitischem Geist noch nicht berührten Arier, was Prof. Erwin Rohde fl)r die 
Hellenen ausführt: >Es beruht auf irnümlichcr Auflassung, wenn luan meint, der 
Grieche habe ciaen Zug lum .Monotheismus (itn jüdischen Sinne) gcliabt- — — — 
Nicht einer Einheit der gäiüichen PerioD, wohl aber einer Iitnhcitlicbkcit 
göttlichen Wesens, einer in vielen Gittern gleicbmlsiig lebendigen Gottheit, 
einem allgemeinen Gatt liehen sieht sich der Grieche gegenübergestellt, 
wo er in religiöse Beziehung au den Göncm tiin« (Di* Ktüeim der Criuhiu in 
den Bayrtvther Blättern, Jahrgang t89J, S. 31]). Höchst charakteristisch sind in 
dieser Beiiehung die Worte Luilicr's: >In der Schöpfung und in Jen Werken 
Cvon aussen gegen der Kreatur au rechnen) sind wir Christen mit den Tfkrken 
äasi da sagen wir deoii auch, dass nicht mehr denn ein einiger Gott sd. Aber 
wir sagen, solches sei nicht genug, dass wir sllein ^nben, dtss ein einiger 
Gott sei .« 

') AUj^fni'tr GtuhckU itr chnttUeMt» Region, 4. Auä., I, 46. 

Chimbnlala, CrutidlifeD dM XIX. JabitaatmL | j 



A 



Das Erbe der alten Welt. 



judaisnu, sa ghirt, le risuitU de son ivoluiion ]hus est toui entier dam 

Iimtt u. s. w., wird er mit einigem Unwillen llcfaelo;') und ich 
fürchte, er bricht in homerisches Gelichter aus, wenn der onhodoxe 
Jude Graetz ihm versichert, die Erscheinung Christi sei »die alte 
jüdische Lehre im neuen Gewände«, es sei damals >die Zeit gekommen, 

in welcher die Grundwahrheiten des Judentums die Fülle 

hehrer Gedanken von Gott und einem heiligen Leben für den Ein- 
zelnen, wie für den Staat in die Leerheit anderer Völker über- 
strömen und ihnen einen reichen Inhalt bringen solttec^) 



*) Htüoiu du fn^i d'Israi! V, 41 {, U, S19 u. t. w. Die Enormiat der Be> 
bauptuDf! Jesaia betrelTend erbtUt naroentüdi danui, dui Renan selber diesctt 
Propheten ah einen >liii^iateui< und ijuuniali^ie« hcicichnci unJ lobt, und dus 
er Btuführlicti lutcbwdit, welche icinpoUtbäic KoUc dieser bcdeuicnde Haan go- 
spiele hat. »Nicht eine Zeile aus seiner Feder, die nicht einer Ta^jurrige, die nicht 
dem latercMC des Augenhlickcs gedient habe« (II, a&i)- Und gerade in diesen 
Manne soll die ganze Pcnönlichkeit Jesu Christi entlultcQ seinf Unvcnmwortlidi 
ia cbcnlalb (leider nicht allein bei Renan) die Verwendung dnndncr Verse aus 
Jesaia, um den Schein xa erregen, als hätte das Judentum auf eine Universal- 
rcUfpon hingciiclt. So wiid i. B. XLIX, 6 anxclähn, wo Jahvc au Israel spricht; 
■Idi habe dich auch zum üchi der Hdden gemacht,, da» du seilt mein Keil bis 
an der Welt Endci« d:ibci verschweigt nun, dau im weiteten Verlauf des KapitcU 
erklärt n-ird, die Meiden sollen die Sklaven der Juden werden und ihre KAnige 
und rOTSiinncn sollen vor iliucn auf das Angesicht fallen und lihrer FQssc 
Staub lecken'. Und das soll eine erhabene Unif-crMircligiOD scb I Ebenso 
verhält es sich mit dem stets angefahrten Kap. LX; wo zucnt steht: >dic Heiden 
weiden Ln deinem Lichte wandeln,* sp^iter aber mit dankenswerter Aulrichtigkcit; 
»Welche Heiden oder Königreiche dir nicht dienen wollen, die sollen umkommen 
und vcrwQstct wetdenli Des weiteren weiden die Heiden hier angcAHesen, alle* 
Gold und alle Schutze mich Jerusalem tu bringen, denn die Juden sollen »dos 
Erdtdck ewiglich bcstucn«. Und solche politische Hetapamphlelc wagt man mit der 
Erschönung Christi in Parallele lU brlngenl 

") A. a. O., I. J70. Man hat öfters behauptet, die Juden hitten wenig Sinn 
fftr Humor, das scheint wahr >u sein, wenigstens in Bezug auf lüntclnc; man 
denke sich die 'Pflllei dieser krau- Ignoranten, pluntasiirWcn Schrift gelehrten, und 
die >Lcetheit< der Hellenen I Von der Fersen lichkcit Christi hält Graeti wenig; 
die höchste Anerkennung, lu welcher er sich versteigt, ist folgende: »Jesus mag 
auch ein s)-mpathisches, hertgcwlnncades Wcieo gehabt haben, wodurch sein 
Won einen Etndmck machen konnte* (I, ij6). Die Kicudgung bilt der gclehne 
Brctlauer Professor för die Folge eines •Missvcrsiändnisxs*! Von den Juden, die 
».pdtcr lum Christentum ßbenraien, meint Graeix, das sei der materiellen Voneile 
wegen gctchehen, und weil sie dem Glauben aa den Gekicuxigt«o *ali etwas Unweseni- 
liches in den Kauf nahmen (II, jo). Ob das noch heute gilt? Dass der >Bund« 
mit Jah>-c ein Kontrakt mit bddcTSciugcr Verpflichtung war, wusstcn wii mim 



Die Erschcinang Christi. 



»»7 



Wer Chrisü Erscheinung erblicken will, der reissc sich also 
diesen dunkelsten Schleier energisch von den Augen hinweg. Diese 
Erscheinung ist nicht die Vollendung der jüdischen Religion, sondern 
ihre Verneinung. Dort gerade, wo das Gemüt den geringsten Platz 
in den religiösen Vorstellungen einnahm, dort trat ein neues Religions- 
ideal auf, welches — im Unterschied von anderen grossen Versuchen 
das innere Lehen, sei es in Gedanken, sei es in Bildern zu erfassen — 
das ganze Gewicht dieses >Lebens im Geist und in der Wahrheit« 
in das Gemüt legte. Das Verhältnis zur jüdischen Religion könnte 
höchstens als eine Reaktion aufgefasst werden ; das Gemüt ist, wie 
wir sahen, der Urquell aller echten Religion ; gerade dieser Quell war 
den Juden durch ihren Formalismus und durch ihren hartherzigen 
Rationalismus fast zugeschüttet; auf ihn greift nun Christus zurück. — 
Wenige Dinge lassen so tief in das göttUche Herz Christi blicken wie 
sein Verhalten den jüdischen Religionsgesetzen gegenüber. Er beob- 
achtete sie, doch ohne Eifer und ohne irgend einen Nachdruck darauf 
zu legen, sind sie doch im besten Falle nur ein Gefiss, das, ohne 
Inhalt, leer bUebe; und sobald ein Gesetz den Weg versperrt, den er 
zu gehen hat. da knickt er es ohne die geringste Rücksicht, jedoch 
ebenfalls ruhig und ohne Zorn : was hat denn das alles mit Religion 
zu tliun! »Der Mensch'} ist ein Herr, auch über den Sabbath«; für 
den Juden freilich war einzig Jahve ein Herr gewesen, der Mensch 
sein Knecht. Über die jüdischen Speisegesetze (ein so wichtiger Punkt 
ihrer Religion, dass der Streit über ihre Verbindlichkeit sich noch in 
das frühe Christentum fortpäanzte) urteilt Christus: >Was zum Munde 
eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum 
Munde ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Denn was zum 
Munde herausgehet, das kommt aus dem Herzen und verunreiniget 
den Menschen.**) Dahin gehört auch die Verwendung der Schrift 



CbrUnu 
kein ]iidt. 



(km Aken Testament; vu ts ab«r bei Christus xu hanffiD ^ebt, ist mir unUar, 
da sein Beispiel druig und allein cbc innere Umlichr lehn. 

■) Folgende Bclehning über den Ausdrudc «Mcasohcajchn« at wichtig: >Dic 
mcssianiicbc Deutung des Ausdrucks Mcnschcosohn sunimi erst von den gricclüsclicn 
ObcTJCtEetn dus EvangcHutus. Ds Jesus anmiaih gesprochen hat. so hu vi Dicht 
i vtäc r<i{> dvaptbnov; gesagt. sondctn|2barnascha. Das bedeuui aber der Mensch 
und nichts weiter, die Antnicr haben keinen anderen Ausdruck (üz den Begriff* 
CWellhauscn; UratUHtckt tini jüdiuhe GtxkuhU, j. Ausg.. S. jÄi), 

*) >Isi der Mensch unicia, so Ist er es, weil er die Unwahrheit redet*, safEtra 
die Opfervon;<hriften der arischen Inder, Khoa loao Jahie ver Christo fSalt^lka- 
d r ii m a n a, eist« Vers der etsICQ Abteilung des ersten Buclics). 



328 



Das Erbe der alten Welt. 



bei Christus. Mit Verehrung, doch ohne Fanattsmus spricht er voa 
ihr. Wie er die Schrift seinem Zwecke dienstbar macht, ist sogar 
sehr merkwürdig; auch über sie fühlt er sich >Herrc und ver»-andelt 
sie, wo es Not ihuc, in ihr Gegenteil. Das iganze Gesetz und die 
Propheten« könne man, meint er, in dem einen Gebot aussprechen: 
liebe Gott und deinen Nächsten, Das hört sich fast wie erhabene 
Ironie an, namentlich, wenn wir bedenken, dass Christus hier die 
Furcht vor Gott, weiche doch (und nicht die Liebe zu ihm) die 
Grundlage der ganzen jüdischen Religion abgiebt, mit keiner Silbe 
erwiihnt, iDie Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang*, singt der 
Psalmist. >Verbirg dicli in der Erde vor der Furcht des Herrn und 
vor seiner Majcstltt, ruft Jesaia den Israeliten zu, und selbst Jeremia 
schien vergessen zu haben, dass es ein Gesetz giebr, wonach man 
Gott >von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Krifien und 
von ganzem Gemüt liehen solt<>) und hane Jahve zu seinem 

■) Im fünften Buche Mose (Dwultronomiura VI, ;] ütita sieb allerdings Um- 
liebe Worte wie dioe von Chtiitiu angelulutco (au» MallMm XXII, }7}> aber — 
nun fibcrschc doch nicht den ZusammmhiDg t Vor dem Gebot tu lieben (fär tinscr 
Geßlhl sclion eine eigentümliche VonlcliunK: luT Befehl lieben) Steht als erstes aod 
wichtigues Gebot (Vers 2): ■I>a solUi den Herrn, deinen Gott, fürchten and lUe 
sdoe Rechte und Gebote lialtai<i du Gebot der Liebe ist nur ein Gebot unter 
andern, die dn Jude halten soll und gleich darauf kommt die Belt^nucg für diese 
Liebe (Vcr? 10 ff-.): 'Ich werde dir grosse und feine Sifidtc geben, die du nkhi ge- 
b;iucc hast, und Hiuser alles Gutes voll, die du nicht gcfOllet hast, und ausgebauene 
Brunnen, die du rtichi ausgehauen hast, und Weinberge und ölbcrge, die du ludil 
gepßanit hast u, s. w.« Das ist ctae Art von Liebe wie die, welche heute »o 
manche Ehe stiftett Jedonfalls erschiene die >Licbe zun Nichsicn« in einem cigen- 
tümlichcfl Licht, wenn man nicht wOsstc, das« nach dem )&dischen Gcseti nur der 
Jude dem Juden ein >NichstCT< ist; wie es denn am selben Ort. Kap. VU, tä 
heisst: »Du wir« alk Völltcr fressen, die der Herr, dein Gott, dir geben wirdl* 
Dieser Kommentar lum Gebot der 'Nichctenliebe macht jede weitere Bemeriuiog 
fibcnli^ig. Uaniii ibet Niemand im Unklaren bleibe, was die Juicn auch später 
unter diöem Befehl. Gott von Herren ta üeben, wfstanden. uül ich »och den 
Kommentar des Talmud (Jomah. Ahschn. 8) cu jener Stelle dci Gesetics, Dtultr. 
VI, j inßhreii: > Hierin wird gelehrt: dein Betragen soll so besdiaffcn sein, dus 
der Koine Gottes durch dich geliebt werde; der Mensch soll nlmüch mit der Er- 
fonchung der heiliget) Schrift und der Mitchnah sich beschäfn'gen und Umgang 
jittcgcn mit gelehrten und weisen Minnera: seine Sprache sei sanft, sein sonstiges 
Verhalten angemessen und im Handel und Verkehre mit seinen Mitmensebcn b» 
flciisige er licli der Blirlichkeit und Rcdlichlceit. Was werden da die Leute sagen? 
Heil diesem Meoscheo, der sich mit der Erforschung der heiligen Lehre beschäftigt 
hat!( (Sich der Verdeutschung des Juden Selignunn Gr&nwold in der jAJisckm 
UmtMTinl-BiyUoihtk, Heft }4, 551 S. 86)l Im Buchet« des jcrusalcmischen Talnuidi 



i 



i 



Volke sprechen lassen: >Ich will Ihnen meine Furcht ins Herz 
geben, dass sie nicbc von mir weichen; sie sollen mich fürchten 
ihr Lebenlang«; nur wenn die Juden ihn fürchten, will er micht 
ablassen, ihnen Gutes zu thuni, u. s. w. Ähnliche Umwandlungen 
der Schriftwonc finden wir bei Christus an vielen Stellen. Und sehen 
wir nun auf der einen Seite einen Gott der Barmherzigkeit, 
auf der anderen einen Gott der Hartherzigkeit,') auf der einen 
Seite die Lehre, man solle den shimmUscbcn Vater« von ganzem 
Herzen 1 i e b e n, auf der anderen >Kncchccf, denen die Furcht vor 
dem »Herme als erste Pflicht eingeschärft wird;») da dürfen wir wohl 
fragen, was das heissen soll, wenn man die eine Weltanschauung 
als das Werk, als die Vollendung der anderen bezeichnet ^ Sophismus 
ist das, nicht Wahrheit. Christus selber hat es mit schlichten Worten 
gesagt: »Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich«; keine Er- 
scheinung der Welt ist so genau >wider ihn«, wie die jüdische Religion, 
wie überhaupt die ganse Auffassung der Religion seitens der Juden — 
von den Anfängen an bis auf den heutigen Tag, 

Und doch bat in dieser Beziehimg gerade die jüdische Religion 
einen so treffUchen Boden für ein neues Retigionsideal abgegeben 
wie sonst keine : nämlich, für eine neue Vorstellung von Gott 

Was für Andere Armut bedeutete, wurde eben für Christus 
eine Quelle der reichsten Gaben. Die entset^tliche, für uns fast un- 
vorstellbare Ode des jüdischen Lebens z. B. — ohne Kunst, ohne 
Philosophie, ohne Wissenschaft — , aus der die begabteren Juden in 
hellen Scharen nach dem Ausland flüchictcn, sie war ein durchaus 
unentbehrliches Element für sein einfaches, heiliges Dasein. Dem 
Ccmütc bot jenes Leben fast rein garnichts, — nichts ausser dem 



<V, }) findet man einec ttwis vem&nfli({ercn, doch ebenso nflchteracn Kommratar. 
— Dai ist die onhodox jüdische Erläuterung dvi Gebotes: Du sollsi Goit ücbcn ^X)!! 
fjaiuem Hcrzeal bt es tiicht das un'würdi^i: Spiel mit dea Worten, wenn mao 
hier bcbaupici. Qiristiu habe du selbe wie die Thora ^ehhn} 

') Der glJubifjc Ju<ie Montcfioret Religion 0/ ikt aticitnl Hthrtwt (1895X 
p. 443, gicbt lu. (lau der GedanVe tOon bi die tJcbct in keiann rcinhcbfSischcn 
WöU irgend einer Zeit vorlcomnic. 

•) Montetiorc und andere Autoren besirdten. dass das Verhilmb biaels 
tu Jabve d<>i voa Knechten xu itircm Herrn gewesen sei, doch spricht die Schrift 
es an vielen Onen umweidcuüg aus, so i. B- Lk. XXV, 55; tKiiechte «nd die 
Kindci Israeli mir, meine Knechte» die ich aus Agyptcnland gcTiihrt habe« ; und iät 
■wönüciic Überscttunp dcj hcbrüschen Textes wä« Sklave! (vergl. die wörtüthe 
Übcncuung von Louis Segond)> 




»50 



Das Erbe der alten Welt 



Familienleben. Und so konnte das reichste Gemüt, das je gelebt, 
sich ganz in sich selbst versenken, in den Tiefen des eigeoeo laDcra 
allein Nahrung finden. >Selig sind, die da geistig ann sind, denn 
das Himmelreich ist ihr.< Vielleicht war es nur in dieser öden Um- 
gebung möglich, jene >Umkebr< des Wittens als Vorstufe zu einem 
neuen Mcnschheitsidcal zu entdecken; nur dort, -wo der «Gott der 
Heerscharen« erbarmungslos herrschte, möglich, die tümmlischc Ahnung 
EUt Gewissheit zu erheben: iGott ist die Liebe. c 

Id diesem Zusammenhang ist jedoch Folgendes das wichtigste. 

Die besondere Geistesanlage der Juden, ihre durch die tyrannische 
Vorherrschaft des Willens herbeigeführte Phaniasiclosigkcit, hatte sie 
2U nocm sehr eigentümlichen, abstrakten Materialismus geführt. 
Den Juden, als Materialisten, lag, wie allen Semiten, der krasse Götzen- 
dienst am nächsten; immer wieder sehen wir sie sich Bildnisse schaffen 
■und anbetend vor ihnen niederfallen; der iahrhundcrtciang währende 
moralische Kampf, den ihre grossen Männer hiergegen führten, ist ein 
Heldenblaci in der Geschichte der menschlichen Willensmacht. Der 
phantasielose Wille schoss jedoch, wie bei ihm Oblich, weit über das 
Ziel liinaus; jedes Bildnis, ja häufig alles, was überhaupt »der Binde 
Werk« ist, birgt für die alttestamentlichen Juden die Gefahr, ein an- 
gebetetes Götzenbild zu werden. Nicht einmal die Münzen dürfen 
einen menschlichen Kopf oder eine allegorische Figur, nicht einmal 
die Fahnen ein Emblem tragen. Alle NichtJuden sind denn auch für 
die Juden iGöizenanbeterc. Und darauN wieder hat sich, nebenbei 
gesagt, eine christliche Konfusion hergeleitet, die sich bis in die letzten 
Jahre unseres Säculums behauptete und auch jetzt nur für die Wissen- 
-schaft, nicht für die Masse der Gebildeten aufgeklän ist. In Wahrheit 
nämlich sind die Semiten wahrscheinlich die einzigen Menschen auf 
der ganzen Erde, die überhaupt jemals echte Götzenanbcter waren 
und sein konnten. In keinem Zweig der indocuropüischcn Familie 
liat es zu irgend einer Zeit Götzendienst gegeben. Die unverfälschten 
arischen Inder, wie auch die Eranier, hatten niemals weder Bild noch 
Tempel, sie wären, unfähig gewesen, den krass-materialisiischen Nieder- 
schlag aus dem semitischen Götzenglauben in der jüdischen Bundeslade 
mit ihren ägyptischen Sphinxen überhaupt zu begreifen ; weder die 
Germanen, noch die Kelten, noch die Slavcn beteten Bilder an. Und 
wo lebte der hellenische Zeus? wo die Athene? In den Gcthchten, 
in der Phantasie, oben auf dem wölke numflosscnen Olymp, doch nie 
und tümmer In diesem und jenem Tempel. Dem Gotte zu Ehren 



bttdetc Phidias sein unsterbliches Werk, den Göttern zu Ehren wurden 
die unzähligen kleinen Bildnisse hergestellt, die jedes Haus schmückten 
und mit der lebendigen Vorstellung höherer Wesen erfüllten. Den Juden 
aber dünkten das Götzen I Bei der Vorherrschaft des Willens sahen 
sie sich jedes Ding nur auf den Nutzen an; dass man sich etwas 
Schönes vor Augen stellt, um sich daran zu erheben und zu laben, um 
dem Gemüt Nahrung zuzuführen, um den religiösen Sinn zu wecken: 
das war ihnen uncrfasslich. Ebenso haben dann später die Christen 
Buddhabildnisse für Götzen angesehen : die Buddhisten erkennen aber 
gar keinen Gott an, viel weniger einen Götzen ; diese Statuen sollen 
zur Kontemplation und zur Abwendung von der Welt anregen. Ja, 
in letzter Zeit beginnen die Ethnographen stark zu bezweifeln, ob es 
irgend ein noch so primitives Volk gäbe, welches seine sogenannien 
Fetische wirklich als Götzen anbetet. Früher wurde das ohne Weiteres 
vorausgesetzt; jetzt entdecke man in immer mehr Fällen, dass diese 
Naturkinder höchst komplizierte sj'mbolischc Vorstellungen mit ihren 
Fetischen verknüpfen. Es scheint, als ob unter allen Menschen einzig 
die Semiten es fertig gebracht hätten, goldene Kälber, eherne Schlangen 
u. s. w. zu fabrizieren und sie dann anzubeten.'] Und da die Israeliten 
schon damals geistig \'iel entwickelter waren als heutzutage die Austral- 
neger es sind, so entnehmen wir daraus, dass hier nicht die noch 
mangelnde Unterscheidungsfähigkeit der Grand zu solchen Verimingen 
sein konnte, sondern irgend eine Einseitigkeit des Geistes: diese Ein- 
seitigkeit war das abnorme Vorwiegen des Willens. Dem Willen als 
solchem fehlt nicht allein jede Phantasie, sondern jede Überlegung; 
ihm ist nur ein Einziges natürlich: sich auf das Gegenwärtige zu 
stürzen und es zu erfassen. Darum wurde es nie einem Volke so schwer 
wie dem israelitischen, sich zu einem hohen BegriiF des Göttlichen zu 
erheben, und nie wurde es einem Volke so schwer, sich diesen Begriff 
rein zu wahren. Doch im Kampfe stählen sich die Kräfte: das un- 
religiöseste Volk der Erde schuf in seiner Not die Grundlage zu einem 
neuen und erhabensten Gottesbegriff, zu einem Begriff, der Gemeinguc 
der ganzen gcsineten Measchheit wurde. Denn auf dieser Grundlage 
baute Christus; er konnte es, dank jenem >abstraktcn Materiatismust, den 
er um sich fand. Anderswo erstickten die Religionen in dem Reich- 
tum ihrer Mythologiccn ; hier gab es gar keine Mythologie. Anderswo 

*) Ich brauche kaum danul* aufmerksam zu machen, wie rein lymbolisch die 
Koltasfoniitn der Ägypter und der Syrier waren, denen die Juden die Aarcgtmg xu 
di«CD besonderen (JujCaltcn des Stiert und der Schlange entoominen luiten. 



9)9 



Das Erbe der alten WeU. 



besass jeder Gott eine so ausgeprlgie Physiognomie, er war durch 
Dichtung und Bitdnerei ct-was so ganz Individuelks geworden, diss 
Keiner es vermochi hätte, ihn über Nacht zu verwandeln; oder aber 
(wie Brahman in Indien) die Vorstellung von ihm war nach und nach 
so subUmtcrt worden, dass zu einer lebensvollen NeugestaltUDg nichts 
übrig blieb. Bei den Juden war beides nicht der Fall: zwar war Jahvc 
eine ungemein konkrete, ja, eine durchaus historische Vorstellung, 
insofern eine weit greifbarere Gestalt, als sie je der phantasievolle Arier 
besessen ; zugleich durfte er aber gar nicht vorgesicllt werden, weder 
im Bilde noch durch das Won.') Das religiöse Genie der Menschheit 
fand also hier tabula rasa. Den historischen Jahve brauchte Christus 
ebensowenig zu vernichten wie das jüdische iGesetzc; weder der 
Eine noch der Andere haben einen unmittelbaren Bezug auf echte 
Religion; ebenso aber wie er durch jene innere >Umkehr< das 
sogenannte Gesetz in der Tbat von Grund und Boden aus zu einem 
neuen Gesetz umbaute, ebenso benutzte er die konkrete Abstraktion 
• des jüdischen Gones, um der Welt eine durchaus neue Vorstellung 
von Gott zu geben. Man redet von AnthropomorphismusI Kann 
denn der Mensch anders handeln und denken als wie ein Anthropos? 
Diese neue Vorstellung der Gottheit unterschied sich jedoch von 
anderen erhabenen Intuitionen dadurch, dass das Bild weder mit den 
schillernden Farben des Symbolismus, noch mit dem atzenden Griflcl 
des Gedankens hingemak, sondern gcwissermasscn auf einem Spiegel 
im innersten Gcraütc aufgefangen wurde, Jedem, der Augen hat zu 
sehen, fortan ein unmittelbar eigenes Erlebnis. — Sicherlich hSne dieses 
neue Ideal an keinem anderen Orte aufgestellt werden können, als 
an jenem einzigen, wo der Goitesgedanke fanatisch festgehalten und 
augleich gänzlich unausgeblldet geblieben war. 

Bisher haben wir das Augenmerk auf dasjenige gerichtet, was 
Chrisras vom Judentum trennt oder wenigstens unterscheidet; es wäre 
einseilig, wollten wir es dabei bewenden lassen, Sowohl sein Schicksal, 
wie auch die Hiuptrichtung seines Denkens ist eng mit echt judischem 
Leben und Charakter verwachsen. Er überragt seine Umgebung, 
gehört ihr aber doch an. Hier kommen namentlich zwei Grundzüge 



■) Als in sehr spJllcr Zeit die Juden dem Drange nach Vorstellung doch nicht 
gunt widerliehen konnten, suchten sie den Mangel an Gutaltunfjsknfc durch orien- 
latischcn Woiucbwall iv verdecken, wovon man in HfuHel. Kap. 1, tön Beispiel 
sehen lumn. 



Die Erscheinung Christi. 



s» 



des jüdischen National charakicrs in Betracht: die geschichtliche 
Au/t'assung der Rehgion und das Vorwiegen des Willens. Diese 
«wei üüge stehen zu einander in genetischem Zusammenhang, wie 
wir gleich sehen werden. Der erste hat namcnthch das Lebens* 
Schicksal Christi und das Schicksal seines Angedenkens tief beeinfiosst; 
im letzteren wurzelt seine Sittenlehre. Wer an diesen Dingen nicht 
achtlos vorübergeht, wird Aufschluss über manche der tiefsten und 
schwierigsten Fragen in der Geschichte des Christentums und über 
manche der unlösbaren inneren Widersprüche unserer religiösen 
Tendenzen bis auf den heutigen Tag erhalten. 

Von den vielen semitischen Völkerschaften hat eine einzige »ch CMci.idi<iic)» 
als nationale Einheit erhalten, und zwar eine der kleinsten und "'"p""' 
politisch ohnmächtigsten ; dieses kleine Volk hat allen Stürmen ge- 
trotzt und steht heute als Unikum unter den Menschen da: ohne 
Vaterland, ohne Oberhaupt, durch die ganze Weit zerstreut, den ver- 
schiedensten Nationalitäten eingereiht, und dennoch einig und einheits- 
bewusst. Dieses Wunder ist das Werk eines Buches, der Thora 
(mit allem was sich im Laufe der Zeit bis hinunter zu unseren Tagen 
ergänzend hinzufügte). Dieses Buch aber muss als das Zeugnb 
einer ganz eigenartigen Volksseele betrachtet werden, welche in einem 
kritischen Augenblicke von einzelnen zielbewussten, bedeutenden 
Männern diesen bestimmten Weg gewiesen wurde. In dem zweit- 
nächsten Kapitel werde ich auf die Entstehung und Bedeutung 
dieser kanonischen Schriften näher einzugehen haben. Vorderhand 
will ich einzig darauf die Aufmerksamkeit lenken, dass das Alte 
Testament ehi rein geschichtliches Werk ist. Wenn man von 
einzelnen sp-lten und im Grunde genommen durchaus unwesentlichen 
Beigaben, wie den sogenannten Sprüchen Satomo's, absieht, ist jede 
Satz dieser Böcher geschichtlich; auch die ganze Gesct^sgebung, die 
sie enthalten, wird geschichtlich begründet oder knüpft mindestens 
in chronistischer Weise an geschilderte Vorgänge an: »der Herr redete 
mit Mosct, Aaron's Brandopfer wird vom Herrn venrehn, Aaron's 
Söhne werden während der Gesetzesverkündigung getötet u. s. w., u. s.w.; 
und gilt CS etwas zu erfinden, so knüpft der Schreiber entweder an 
eine romanhafte lirzähtung an, wie im Buche Hio^, oder an eine 
köhnc Gcschichtsfälschung, wie im Buche Esther. Durch dieses Vor- 
walten des chronistischen Elements unterscheidet sich die Bibel von 
allen anderen bekannten heiligen Büchern. Was es an Religion ent- 
hält, tritt als Bestandteil einer historischen Erzählung auf, nicht um- 



8)4 ^^ Hrbe der alten Welt. 



gekehrt; seine sittlicben Gebote wachsen nicht mit innerer Not- 
wendigkeit aus den Tiefen des Menschenherzens empor, sondern sind 
»Gesetzet, die unter bestimmten Bedingungen, an bestimmten Tagen 
erlassen wurden und jeden Augenblick widerrufen werden können. — 
Man werfe einen vergleichenden Blick auf die arischen Inder: of^ 
stiessen ihnen Fragen über den Ursprung der Welt auf, aber das 
Woher und Wohin, nicht jedoch als ein wesentlicher Bestandteil ihrer 
SeelenerhebuQg ni Gott; diese Frage nach den Ursachen hat mit 
ihrer Religion gar nichts zu thun, und ansutt darauf viel Gewicht 
zu legen, rufen die Hymnensäoger fast ironisch aus: 

>Wer hat, woher die Schöpfung stammt, vernommen? 

Der auf sie schaut im höchsten HimmelsÜcht, 

Der sie gemacht hat oder nicht gemacht, 

Der weiss esl — oder weiss auch er es nicht?«') 

Genau die selbe Auffassung bekundete Goethe — den man den »grossen 
Hcideni manchmal nennt, mit grösserem Recht jedoch den grossen 
Arier hcisscn würde — als er die Worte sprach: <Lebhaftc Frage 
nach der Ursache ist von grosser Schädlichkeit.« Ähnlich der deutsche 
Naturforscher des heutigen Tages: »Im Unendlichen kann kein neues 
Ende gesucht werden, kein Anfang. So weil wir auch die Ent- 
stehung zur Ocksc hieben mögen, stets bleibt die Frage nach dem Ersten 
des Ersten, nach dem Anfang des Anfangs offen. c^] Ganz anders 
empfand der Jude. Er wusste über die Schöpfung der Welt so genau 
Bescheid wie heutzutage die wilden Indianer von Südamerika, oder 
die Australneger. Nicht aber wie bei diesen war es eine Folge der 
mangelnden AufkUrung, sondern das einsichtstiefe, melancholische 
Fragezeichen der arischen Hirten durfte niemals einen Platz in seiner 
Liiteratur besiuen; der herrische Wille war es, der es verbot, und 
der den Skeptidsmus, der bei einem so hochbegabten Volke nicht 
ausbleiben konnte (siehe den KoheUth oder Buch des Predigers], 
sofort durch faniiischen Dogmatismus zurückdrängte. Wer das Heute 
ganz besitzen will, muss auch das Gestern, aus dem es herauswuchs, 
umspannen. Der Materialismus scheitert, sobald er nicht konsequent 
ist; dem Juden lehrte dies ein unfehlbarer Instinkt; und ebeoso genau 



•) Rigvtda X, 139, 7- 

•) Adolf Butijui, der hervorrageod« Ethnolog, in KinemWcTk; Dai BtttänMg» 
in itn idtmchturasttn (i865), S- aft. 



Die Erscheinung Christi. 



335 



wie unsere beudgeu Materialisten wissen, wie aus Bewegungen der 
Atome das Deiilcen entsteht, wusste jener, wie Gott die Welt, und 
dass er aus einem Erdcnkloss den Menschen gemacht hane. Die 
Schöpfung ist aber das Wenigste; der Jude nahm die Mythologiccn, 
die er auf seinen Reisen kennen lernte, entkleidete sie nach Thunlich- 
keit des Mythologischen und stutzte sie zu möglichst Iconkret historischen 
Geschehnissen zu.') Dann erst kommt aber sein Meisterstück: aus 
dem dürftigen Material, das allen Semiten gemeinsam war,^) konstniiene 
der Jude eine ganze Weltgeschichte und brachte »ch selbst gleich in 
den Minelpunkt; und von diesem Augenblick an, d. h. von dem 
Augenblick an, wojahvc mit Abraham den Bund schliesst, bildet das 
Schicksal Israels die Weltgeschichte, ja, die Geschichte des ganzen 
Kosmos, das einzige, worum sich der Weltschöpfer kümmert. Es 
ist, als ob die Kreise immer enger würden; zuletzt bleibt nur der 
Mittelpunkt, das >ich<; der Wille hat gesiegt. Das war auch in der 
That nicht das Werk eines Tages; es geschah allmlbUch; das eigent- 
liche Judentum, d. h. das Alte Testament in seiner jetzigen Gestalt, 
hat sich erst bei der Rückkehr aus der babytonischen Gefangenschaft 
endgültig geformt und bcfcsiigtS) Und nun wurde, was früher mit 
unbewussier Genialität geschehen war, bewusst angewandt und aus- 
gebildet; die Verknüpfung der Vergangenheit und der Zukunft mit 
der Gegenwart, dergestalt, dass jeder einzelne Augenblick ein Zentrum 
bildete auf dem ^schnurgeraden Wege, den das jüdische Volk zu 
wandeln hatte und von dem es fortan weder nach rechts noch nach 
links abweichen konnte. In der Vergangenheit göttliche Wunder- 
thaten zu Gunsten der Juden und in der Zukunft Messiaserwartung 
und Weltherrschaft: das waren die beiden einander ergänzenden 
Elemente dieser Geschichtsauffassung. Der vergängliche Augenblick 
erhielt eine eigentümlich lebendige Bedeutung dadurch, dass man 
ihn aus der Vergangenheit herauswachsen sah, als Lohn oder als 
Bestraiung, und ihn in Prophezeiungen genau vorhergesagt glaubte. 
Hierdurch gewann nun auch die Zukunft eine unerhöne Realitit: 
nan schien sie mit Hlnden zu halten. Waren auch unzählige Ver- 



') >Lia mytMogIa Hrtmgira st Iramfbrmmt tntrt les tMim da S/miUt «n rüits 

^attmtnt historigutst (Bcnan: bnHJ, 1, 49). 

■) V'crgl. die SchApfitn^f^cKhiehte dn Fh&niiiere SanebtiDiBtboiL 

3) Siehe Kap. j. Als Aiihalupunkt und um die Vcndiicdcnheiten der Aa- 

Itf^ recbt drastisch hervortreten n Uisca: ciwi )0O Jihre luch Hdm«r, Itaum ein 

Jahrhurulen vor Hcrodoi. 



33« 



Das Erbe der alten Welt. 



sprechungen uad Vorbersaguogen aicht eiageti-o9ca,>] das konnte 
immer leicht erklirt werden; der Wille ist nicht einsichtsvoll, er lässt 
nicht locker was seine Hand hält, und wäre es auch nur ein Phantom ; 
je weniger bisher eingetrofien war, um so reicher erschien die Zukunft; 
und so Vieles hatte man schwarz auf weiss (namentlich in der Legende 
des Exodus), dass der Zweifel nicht aufkommen konnte. Was man 
den Buchstabcnglaubcn der Judco nennt, ist doch ein ganz anderes 
Ding als der dogmatiKhc Glaube der Christen : es ist nicht ein 
Glaube an abstrakte, anvorstellbare Mysterien und an allerhand 
mythologische Vorstellungen, sondern etwas durchaus Konkretes, Gc- 
schichtiiches. Das VerhälinU der Juden xxt ihrem Gott ist von Beginn 
aa ein politisches.') Jahve verspricht ihnen die Herrschaft der 
Weh — unter gewissen Bedingungen ; und ihr Geschichtswerk ist 
ein solches Wunder kunstreicher Struktur, dass die Juden, trotz des 
elendesten, jämmeHichsteii Schicksals (als Volk), von dem die Welt- 
annaten zu berichten wissen ~ kaxun dass sie ein einziges Mal, tuiter 
David und Salomo, ein halbes Jahrhundert relativen Wohlstandes 
und geordneter Verhältnisse genossen — dennoch ihre Vergangenheit 
in den glühendsten Farben erblicken, überall die schützende Hand 
Gottes wahrnehmen, ausgebreitet über sein auscrwähltcs Volk, über 
die »einiigen Menschen im wahren Sinne*, überall also historische 
Beweise für die Wahrheit ihres Glaubens, woraus sie dann die Zu- 
versicht schöpfen, dass das vor vielen Jahrtausenden dem Abraham 
Verheissene im vollen Umfang noch eintreffen wird. Die göttliche 
Verhcissung aber war, wie gesagt, an Bedingungen geknüpft. Man 
konnte nicht im Hause herumgehen, nicht essen und triakcn, nicht 
im Felde spazieren, ohne hundert Gebote zu gedenken, von deren 
Erfüllung das Schicksal der Nation abhing. Wie der Psalmisi vom 
Juden singt {Psalm I, 2): 

Jahve's Gebote sind seine Lust, 

Bei Tag und Nacht sein GedenkeD.3) 



■) Zum Brispicl gleich als entc* 6a Versprechet) an Abnham: ><bs Lind 
Caiuan will ich ^r lu ewiger Bnttiung geben« 

•) Vcrjl, IncTsu Robertson Smith: Tht Pfttf/kets of hra*I. p. 70 und ijj. 

») In Jer Siiifurim betitelten Sammlung jQdischer Volkuagen und Enählungea 
wird Afters CTwibnt, dass der gcwAhDlicIic (ungclchnc) Jude sechshundert und 
dreix«hn Gesetze auswen^g lu lernen hat. Der Taimud aber lehrt dretxehn* 
tausend sechshundert Gcsetie, deren Befolgung gottliches Gebot istl (uebe 
Dr. Eniuiud Schreiber; Der Taimud vom Startd^unkU det motUnuti Juäfntumi). 



Unsereiner uirft ille paxrjabre einmal einen Wahlzettel in die Ume; 
dass sein Leben auch sonst eine nationale Bedeutung besitzt, weiss 
er kaum oder gar nicht; der Jude konnte es nie vergessen. Sein 
Goti hatte ihm versprochen: »kein Volk wird dir widerstehen, bis 
du es vertilgest,« gleich aber hinzugefügt: »Alle Gebote, die ich dir 
gebiete, sollst du halten It So war denn Gott dem Bewusstseio ewig 
gegenwärijg. Ausser matencllem Besitz war dem Juden eigentlich 
alles verboten; auf Besitz allein war daher sein Sinn gerichtet; und 
Gort war es, von dem er den Besitz zu erboffen hatte. — Wer nun 
die hier nur flöchtig skizzierten Verhältnisse sich noch niemals ver- 
gegenwärtigt hat, wird sich schwer einen Begriff davon machen, welche 
ungeahnte Lebhaftigkeit der Gedanke an Gott unter diesen Bedingungen 
gewann. Zwar durfte der Jude sich GoK nicht vorstellen ; sein Wirken 
aber, sein thatsächÜchcs, tägliches Eingreifen in die Geschicke der 
Welt war gewissermasscn eine Sache der Erfahrung; die ganxe Nation 
lebte ja davon; darüber nachzudenken war (wenn nicht in der Diaspora, 
so doch in Palästina) ihre einzige geistige Beschäftigung. 

In dieser Umgebung wuchs Christus auf; aus dieser Umgebung 
trat er niemals heraus. Dank diesem eigentümlichen historischen Sinn 
der Juden erwachte er zum Bcwusstsein so fern wie möglich dem all- 
umfassenden arischen Naturkultus und seinem Bekenntnis tat'tvcun-an 
(das bist auch du), am Herde des eigentlichen Anthropomorphismus, 
wo die ganze Schöpfung nur fQr den Menschen da war, und alle 
Menschen nur für dieses eine auserwähhe Volk, also in der unmlncl- 
barsten Gegenwart Gottes und göttlicher Vorsehung. Er fand hier, 
was es sonst nirgends auf der Welt gefunden hätte; ein vollständiges, 
fertiges Gerüst, innerhalb dessen sein durchaus neuer Gottes- und 
Religionsgcdanke aufgebaut werden konnte. Von dem eigentlichen 
jüdischen Gedanken blieb, nachdem Jesus gelebt hatte : nichts mehr 
Obrig; wie nach vollendetem Tempelbau, konnte das Gerüst abge- 
tragen werden. Es hatte aber gedient, und der Bau wäre ohne das 
Gerüst undenkbar. Der Gott, den man um das tigUchc Brot bittet, 
konnte nur dort gedacht werden, wo ein Gott Einem die Dinge dieser 
Welt verheissen hatte; um Schuldvcrgcbung konnte man nur Den an- 
flehen, der bestimmte Gebote erlassen hatte Fast befürchte 

ich aber missverstandcn zu werden, wenn ich an dieser Stelle mich 
auf Einzelheiten einlasse; es genügt, wenn ich die allgemeine Vor- 
stellung der so ganz eigenartigen Atmosphäre Judaa's geweckt habe, 
woraus dann die Einsicht sich ergeben wird, dass die idealste Religion 



*J< 



Das Erbe der alten Welt. 



nicht die selbe Lebenskraft beslsse, hätte sie nicht an die realste, mate- 
riellste, ja, wir dürfen rabtg sagen, am meisten materialistische der Weil 
angelcnttpft. Hierdurch, imd nicht in Folge seiner angeblich höheren 
Religiosität, ist das Judentum eine religiöse Weltmacht geworden. 

Noch deutlicher wird die Sache, sobald man den Einüoss dieses 
geschichtlichen Glaubens auf das Schicksal Christi betrachtet. 

Die gewaltigste Persönlichkeit kann nur dann wirken, wenn sie 
verstanden wird. Mag dieses Verständnis noch so lückenhaft, mag 
es sogar häufig direktes Missvers tändnis sein, irgend eine Gemein* 
samkeit des Fühlens und Denkens muss als Verbindungsmittel dienen 
zwischen dem vcrcinzclicn Grossen und der Menge. Die Tausende, 
die der Bergpredigt lauschten, verstanden Christum ganr gewiss 
nicht, wie wäre das denn möglich gewesen ? es war ein armes, von 
ewigem Krieg und Aufruhr schwer bedrücktes, von seinen Priestern 
systematisch verdummtes Volk; die Macht seines Wortes erweckte aber 
in den Herzen der Begabteren unter ihnen einen Ton, der sonst an 
keinem One der Erde erklungen wäre: sollte Dieser der Messias sein, 
der verheisscnc Erlöser aus unserem Jammer und Elend? Welche uner* 
messliche Kraft lag nicht in der Möglichkeit einer solchen Vorstclliing l 
Sofort war die flüchtige, unscheinbare Gegenwart mit der fernsten 
Vergangenheit und mit der unzwcifelbarsten Zukunft verknüpft, wo- 
durch der jeuige Augenblick unvergängliche Bedeutung erhielt. Dass 
der Messias, den die Juden erwarteten, durchaus nicht den Charakter 
hatte, den wir Indoeuropüer diesem BegritT beilegen, ist neben- 
sächlich;') der Gedanke war da, der geschichtlich motivierte Glaube, 

>) Sdb« ein so orthodox kirchtktier Foncher wie Siaoion giebt tu, dui 
det jüdische McssiugcdsDkc ein durchaus politischer wu [stehe TTit Jewiih üni 
tht CkriiUan Meuiah, 1KS6. S. I33 fg., iiS fg., u. s-w.)- Man weiu, dass die Theolo^o 
sich in letitcr Zeit viel mit der Geschichte der Me^iasvaTstcUungca bcachiftigt hat 
Das Pacit für uns Laien tsi liaiipis^chlich der N.-idiweis. Am die Christen, durch 
spccifisch );alilüschc und Mmoriunische Irrlehren d^fu vcilcilct, dci Erwanung dncs 
Messias eine Aunauting uniergescl toben haben, die sie in Wahrheit fQr die Juden 
nie besass. Über die gewaltsamen Deutungen der alten Propheten waren i^t 
jüdischen Schiiftgekhnen von jeher empört; jet« wird aber aüch von chiisdicher SeiM 
zugegeben, diss mindestens die vorculbchen rrophcien (und das sind die f^räancn) 
\-on der Erwartung eines Messias nichts wusstrn (siehe 1, B. Paul Vola; Di» vor- 
txiliickt Jühv/prophtlii und der Metsiiis 1897. als letnc Zusammenrassung) ; du 
Alte Testament kennt nicht etntnal das Won, und einer der bedeutenden Theo- 
logen unserer Zeit, Paul de Lagarde fDeulxkt Sehrifitn, S. 5)), nuchl darauf auf 
merkum, dus der Atudnick mit^ihek Aberhiupt kein unprüngLch faebriUscher, 
sondern ein cik spät am Assyrien oder BabjrloDten citorgiet ist. fiesondcn auf- 



Die Erscheinung Chmü. 



a$9 



dass jeden Augenblick ein Retter vom Himmel erscheinen könnte und 
müsstc. An keinem anderen Ort der Erde hätte ein einziger Mensch 
diese, wenn auch noch so mjasverständnisvollc Ahnung von der Welt- 
bedeutung Giiisti haben können. Der Heiland würe ein Mensch unter 
Menschen gcbHeben. Und insofern finde ich, dass die Tausende, die 
bald nachher iKreuzige ihn, kreuzige ihn< schrieen, ebensoviel Vep 
ständnis bewiesen, wie diejenigen, die der Bergpredigt andichtig ge- 
lauscht hatten. Pilatus, sonst ein harter, grausamer Richter, konnte 
keine Schuld an Christus finden;') in Hellas und in Rom wäre er 
als ein heiliger Mann verehrt worden. Der Jude dagegen, der einzig 
in der Geschichte lebte, dem der »heidnische« Bcgrilf der Sittlich- 
keit und Heiligkeit fremd war, da er nur ein iGesetz« kannte, and 



ftllend IST denn lucb, wie diese Messiasccu-artung, wo sie flberhaupt vorhanden 
war. bescäntlig die Gestalt wedudtci ein Mal soUtc ein aweitcr König David 
konimeu, ein ander» Mal Hclte die Vomdlung nur auf jQdiicbe Weltherrschaft im 
A13gc III einen, dann wieder ht es Gott selber iiiii scbcm hitnmliichcn Gericht, idcr 
den bisherigen Gewalthabern auf einen Schlag ein Ende macht und deni Vollt 
Israel unvcrRinglichc Herrschaft, dn allumfassendes Reich gicbi. an dem auch die 
'wiedtterweclctefi Gerechten früherer Zdien teünehmeo, wlhrend die Abtrilanigen 
lu ewiger Schmach vcruncUt werden« (vcrgl. Karl MOUer: Kirchen g4SchUhr/, l, ij). 
— andete Juden wicdui siicritcn, ob der Meisios ein Ben-David oder ein Bun-JoMph 
■CID werde; Manche glauben, et würden ihrer Zwei sein, noch Andre und der 
Ansicht, er werde in der römischen Diaspora f;eborcn werden i nie und nir^cDda 
findet sich aber der Gedanke an eJnen leidenden, durch sdncn Tod erlösenden 
MesuAS (siehe Sunton, S. 122—124). Oie besten, die KcbilJcuten und die fiömnutcn 
Juden haben uch Qberhaupt niemals auf derartige upokalyptische Walinvar5tellunf{cn 
cingdaucn. Im Talmud lesen wir (Saitath, Absdiit. 6)- >Es ist z^ik'ischGn der 
gegenwärtigen und der mesitaDischen Zeit kein Untenchied, als dais der Druck, 
'unter dem tsnel bis dahin schmachtet, lufb&rt.« (Dagegen sehe nun im Tralitai 
\.SaMJudriii des babylonischen Talmuds fol. 966 S. das wüste Durcbetaander und 
i'die durchgängige Puerilitii der meuianbchen Vorstellungen.) Ich meine nun ia 
meinen obigen AiufQhrungcn den Kern der ^'^agc getrolTca zu haben: bei einet 
durchaus historischen Religion, wie die jüdische, ist der sichere Besitz der Zu- 
Ininit eine ebenso unabwöibare Notwendigkeit wie der sichere Besiu der Ver- 
gangenheit: von den fifihestcn Zeiten an sdien wir lUesen Gedanken an die Zu- 
kunft die Juden beseelen, er beseelt sie no<fa beute; je nach den EintiOsscn der 
Umgebung verlieh das phantaacarme Volk seinen Erwartungen vcrschiedeac Fonucn, 
wesentlich ist cioEig die rdscnfcstc Überzeugung, die sie niemals >-crlic3Sj die Juden 
würden einmal die Welt behemchen. Dies ist eben ein Bestandteil ihres Cbarakten, 
die sichtbare Hinauspro|iderung itircs innersten Wesens. Es ist ihr Ersatz für 
Mythologie, 

■] Tcriullian macht daiu die reizend naive BctncrVung: >matus war bereiu 
im Herzcit Chtinli {Apalogtlieus, XXI). 



Ois Erbe der altea Weit. 



dieses Gesetz wiederum aus ganz praktischen Gründen, Dämlich, um 
Gottes Zorn nicht auf sich zu laden und um seine historische Zu- 
kunft zu sichern, befolgte, der Jude beurtciUe eine Erscheinung väe 
die Christi rein geschichtlich, und nius&ie mit Recht rasend werden, 
wenn das ihm verheissene Königreich, um dessen Gewinnung er Jahr- 
hunderte lang gelitten und geduldet, um dessen Besit2 er sich von 
allen Menschen der Erde geschieden hatte und allen verhasst und ver- 
ächtlich geworden war, wenn dieses Königreich, wo er alle Nationen 
in Ketten und alle Fürsten auf den Knicen >staub!cclccnd< vor sich 
zu erblicken hoffte, nun auf einmal aus einem irdischen umgewandelt 
werden sollte in ein Reich »nicht von dieser Weit«. Jahve hatte 
seinem Volke oft versprochen, er werde es »nicht betrügen«; dem 
Juden musste das aber Betrug dünken. Nicht Einen bloss. Viele 
haben sie hingerichtet, weil sie für den versprodiencn Messias ge- 
halten wurden, oder sich dafür ausgaben. Und mit Recht, denn der 
Zukunftsglaubc war eben so sehr eine Säule ihrer Volksidcc, wie der 
Vcrgangcnhciisgiaubc. Und nun gar diese galiläischc Irrlehre 1 Auf 
der altgeweihten Stätte des hartnäckigen Materialismus die Fahne 
des Idealismus aufzupflanzen I den Gott der Rache und des Krieges in 
einen Gott der Liebe und des Friedens umzuzauberni dem stürmischen 
Willen, der beide lliinde nach allem Gold der Erde ausstreckte, zu 
lehren, er solle das, was er besitze, wegwerfen und im eigenen Innern 

den vergrabenen Schatz suchen ! Das jüdische Syncdrium 

hat tiefer geblickt als IHlatus (und als viele Tausende von christlichen 
Theologen.) Mit vollem Bcwusstsein nicht, gewiss nicht, aber mit 
jenem unfehlbaren Instinkt, den reine Rasse verleiht, ergriff es den, 
der die historische Grundlage des jüdischen Lebens untergrub. Indem 
er lehrte: »Sorget nicht für den morgigen Tag,« den, der in einem 
jeden seiner Worte und Thaten das Judentum in sein Gegenteil ver- 
klärte, und licss ihn nicht wieder aus den Händen, bis er seine Seele 
ausgehaucht hatte. Und so nur, durch den Tod, war das Schicksal er- 
füllt, das Beispiel gegeben. Durch Lehren konnte kein neuer Glaube 
gestiftet werden ; an edlen weisen Sincnlchrern fehlte es damals nicht, 
keiner hat über die Menschen etwas vermocht; es musste ein Leben 
gelebt, und dieses Leben sofort als weltgeschichtliche That in die grosse 
bestehende Weltgeschichte eingereiht werden. Einzig eine jüdische 
Umgebung entsprach diesen Bedingungen. Und gerade so wie das 
Leben Chiisü nur mit Zuhilfenahme des Judentums gelebt werden 
konnte, trotzdem es seine Verleugnung war, ebenso entwickelte die 



Die EnKheiauQg Christi. 



34t 



junge christlicht; Kirche eine Reihe von uralten arischen VorsicUungcn — 
von der Sünde, der Erlösung, der Wiederg-?burt, der Gnade u. s. w. 
(lauter Dinge, die den Juden gänzlich unbekannt waren und blieben) — 
nunmehr zu klarer und sichtbarer Gestalt, indem sie sie in das 
jüdische historische Schema einfügte.') Ks wird nie gelingen, die 
Erscheinung Christi von diesem jüdischen Grundgewebe ganz abni- 
lösen; versucht wurde es gleich in den ersten christlichen Jahrhunderten, 
doch ohne Hrfoig, da dadurch die tausend Züge, in denen die Persön- 
lichkeit ihre Eigcnirt geoffenbart hatte, verwischt wurden und nur 
eine Abstraktion rurückbUeb.=) 

Noch tiefer greift der Einßuss des zweiten Charakterzuges. 

Wir haben gesehen, dass das, was ich den historischen Instinkt 
der Juden nannte, im letEten Grund auf dem Besitz eines abnorm ent- 
wickelten Willens beruht. Der Wille erreicht beim Juden eine solche 
Überlegenheit, dass er die übrigen Anlagen bezwingt und beherrscht. 
Dadurch entsteht nun auf der einen Seite Ausserordentliches, Leist- 
ungen, wie sie anderen Menschen kaum möglich wären, andrerseits 
aber eigentümliche BcschrSokungcn. Gleichviel; sicher ist, dass wir 
diese selbe Vorherrschaft des Willens bei Christus überall antreffen: 
häufig unjüdisch in den einzelnen Äusserungen, ganz jüdisch, insoferu 
der Wille fast ausschliesslich betont wird. Dieser Zug greift ungemein 
tief und verzweigt sich tausendfach, wie ein Aderngeäst, bis in jedes 
einzelne Wort, bis in jede einzelne Vorstellung. Durch einen Ver- 
gleich hoffe ich das Gemeinte klar fasslich hinstellen zu können. 

Man betrachte die hellenische Vorstellung des Göttlichen ond 
Menschlichen und ihresVerhältnisses zu einander. Einige Göticrkämpfen 

■> Der Mythus d« Sfindcnfallcs SKhi jewu gtcicli am Bcftiim des cncoi Buch» 
Mose, jedoch oiTcnbar als Lelingui, da die Juden ihn nie versianJen und er in thrnn 
System keine Vctvendiing hnd. Wer das Gcirtt nicht Qbcmiii. ist nach ihrer Auf- 
fauung sändenlos. {:bcnsowei)if; hat ihre Erwarlung dnesMeuiu irgend ctwu mit unserer 
VoratcUunf; der >Erlöiung* cu thuD. Käheru in den Kap. ] u 7. 

■) Dm itt die Tcndcnx der Gnoiis überhaupt; den vollkommen durchdactiieit. 
edcUtcn Ausdruck findet dicic Riititung, soweit ich mir ein Urteil xuirauen darf, 
in Maicion (Mitte de* a. J«hrhundcrts), der wn dem durchaus Neuen des 
christlichen Idc^jds so durdidcuoffcn w:ir, u-ic vielleicht liein Kriigionsichrer »dt ihm; 
gendc an dn«ra jolchen Beisf>!cl lernt nun tfrcr am deutlichsten einsehen, wie vtr- 
hftnitaisvol] es ist, das geschichtlich Gc|iebene ignorieren (u wollen. (Vergl. jede 
twlicbtKc Kiidicn^c^ciiichtc- Dagegen miua ich den Witsfacginigcn ausdrQcklidi 
wxRicn, dau die drei Zeilen, die Prafessor Ranke diesem wahrhaft grotten Mmne 
vfidmci, W^lgtuhidat, II, 171, nicht ein eioitigcs Wort von dem cnihidtcn. -vna hier 
lu sagea war.) 

Ct«Bb«fbla, CnaJ)(f(u Ut XIX. JabiliBadtm. ■£ 



Otr W.1U 

Nl Jen 

Stcnitn. 



943 



Das Erbe der alten Welt. 



für Troja, andere iür die AchaicT; indem ich einen Teil der Gottheit 
mir befreunde, befremde ich mir den andern; das Leben ist ein Kampf, 
ein Spiel, der Edelste kann zu Grunde gehen, der Jämmerlichste siegen; 
die Sinliclikcit ist gcwisscmiasscn eine persönliche Angelegenheit, seines 
eigensten Innern ist der Mensch Herr, nicht seines Schicksab; eine 
sorgende, strafende und belohnende Vorsehung giebt es nicht. Sind 
doch auch die Götter nicht frei; Zeus selber muss dem Geschicke sich 
beugen. >Dem bestimmten Verhängnis zu entgehen, ist selbst einem 
Goit nicht mögliche, schreibt Herodot. Ein Volk, welches die Uias 
erzeugt, wird später grosse Naturforscher und grosse Denker hervor- 
bringen. Denn wer die Natur mit offenen, durch keine Selbstsucht 
verblendeten Augen ansieht, wird überall in ihr das Wallen des Ge- 
setzes entdecken; die Gesetzlichkeit auf moralischem Gebiete heisst 
Schicksal für den Künstler und Prädestination für den Philosophen. Für 
den treuen Beobachter der Natur ist der Gedanke an Willkür zunächst 
einfach unfissbar; selbst einem Gocte kann er sich nicht entsch Hessen, 
anzudichten, er ihue, was er wolle, vielmehr thue er, was er müsse. 
Schönen Ausdruck verleiht dieser WeltauflässuTig Here in Goeihe's 
Achiltfiis-Fragment : 

Willkür bleibet ewig vcrhasst den Göttern und Menschen, 
Wenn sie in Thaten sich sctgt, auch nur in Worten sich kundgiebt. 
Denn so hoch wir auch stehen, .so ist der ewigen Götter 
Ewigste Themis>) allein und diese muss dauern und walten. 

Dagegen kann der jadische Jahve als die Inkarnation der Willkür 
bezeichnet werden. Gewiss tritt uns dieser Gottesbegriff in den Psalmen 
und in Jesaia überaus grossartig entgegen; er ist auch — für sein 
auserw.ihltes Volk — eine Quelle hoher und ernster Moral. Was 
Jahve ist, ist er aber, weil er so sein will; er steht über aller Natur, 
über jedem Gesetz, der absolute, unbeschrankte Autokrat. Gefällt es 
ihm, ein kleines Völkchen aus der Menschheit herausruwählen und 
ihm allein seine Gnade zu erweisen, so ihut er es; will er es quilcn, 
so schickt er es in Sklaverei; will er dagegen ihm Häuser schenken. 



•) Die Thcmis ist bd uni Modernen lU einer Allegorie der nnpaiUibcbcD 
Gcrichuptlcg? herabgesunken, d. b. also eines durclutu willkQrlicben Übcrein- 
koairaeD), und wird, bczcichacadcr Weise, mit veibundeoen Auf^cn dargestellt ; 
alt die M>HhoIogic noch lebte, beieidinete sie A»s Walten d« Geseti« in der 
geunitcu Natur, und die antiken Büdner geben ilir besonders grosse, weit oIFcac 
Augen ! 



)ie Erscheinung Christi. 



H\ 



die es nicht gebaut, Weinberge, die es nicht gepflinzt hat, so thut er 
es und vernichtet die unschuldigen Besitzer; eine Thcmis gicbt es 
nicht. Ebenso die göttliche Gesetzgebung. Neben moralischen Ge- 
boten, die zum Teil hohe Sittlichkeit und Menschlichkeit atmen, 
stehen direkt unsittliche und unmenschliche ;>) andere wiederum be- 
stimmen die trivialsten Dinge : was man essen und was man nicht 
essen darf, wie man sich waschen soll u. s. w., kurz, überall die 
unbeschränkte Willkür. Wer tiefer blickt, wird nicht umhin können, 
hier die Verwandtschaft zwischen dem ursemitischen Götzenkuhus und 
dem Jahveglauben zu erblicken. Von dem indoeuropäischen Standpunkt 
aus betrachtet, wäre Jahve eigentlich eherein idealisierter Götze, 
oder wenn man will, ein Anti-Götze zu nennen als ein Gon. Dafür 
cnihäh jedoch diese Cottesauffassung etwas, was ebensowenig wie die 
Willkür aus der Beobachtung der Natur zu entnehmen war: den Ge- 
danken an eine Vorsehung! Nach Renan ist >der übertriebene 
Glaube an eine besondere Vorsehung die Basis der ganzen jüdischen 
Religion c.') Ausserdem hängt mit jener Freiheit des Gottes eine 
andere eng zusammen : die Freiheit des menschlichen Willens. Das 
Hberum arbitrium ist entschieden eine semitische, und in seiner 
Tollcn Ausbildung speziell eine jüdische Vorstellung; sie hängt mit der 
besonderen Goitcsidce unzertrennlich zusammen.^) Die Freiheit des 
Willens bedeutet nicht weniger als ewig wiederholte Schöpfungsakte; 
bedenkt man das, so begreift man, d^ss diese Annahme (sobald sie 

^) NcbcD den unzlhligm gdRiich befohlenen Raubiügm mit Massenmord, wo 

tucli •die Kfipfe der Kinder gegen die Sicini: icrschcUt* wcrdcti sdHicd, b<:nicrkc 

man die Fiilc. wo gcboicn wid, «den Bttidcr, Freund und Nüchfien» meucliel- 

[nardctisch zu Qbeifällcn (a. Mw^XXXU^ 17), und auch die Ekel cncxmdcD BcfcUe, 

wie Haehel IV, la— ij- 

•) Hüloirt Ja ptuplt i'Itratl 11, S. m. 

>) Mit welchem sehr loj^uchrn ranatismm die Rabbinef bU heute die un- 
bedingte und nicht ciw» mcuipliyu^ch lu deutende Freiheit des Willens verfcchieii, 
kann man in jeder Geschichte des ludentunu verfolgen. Diderot sagt: 'Lis JutfisMl n 
faloux it utie HherU d'incUffiitnct. qu'iii ^imaginmt qu'ii nt impoaibU dt pmur 
sur etlU matiirt aulrtnitnl ifu'tux.t Und wie genau dieser Begriff mit der Freiheit 
Goncs und mit der Vorsehung lusammerhingi, erhelli aus dem Siurm, den es 
hervorrief, als Maimonidcs die K^^tlichc Vorsehung auf die Mcuschlitit bw<hränkcD 
wollte und bchjufiictc, nicht jedi^t Hla:i n-erdc durch sie bewi^gt, nichi jeder Wurm 
4arch ihren Willen cncugi. — Von den sog. »CnindiCBicntcn« des bcrOhmicn 
Talmudisten Rabbi Akiba lauten die beiden erslra: t. Alles und Jedes ist von Ganta 
VonchuiiK bcaur^kichiigi; 3. die Wilk-nsbciheit Ist gescm (Hirsch Gncu: GnmticisMHS 
muj Judentum, 1S46, S. 91). 

i6* 



«4 



Das Erbe der alten Welt. 



die Welt der Erscheinung betrifft) oichi allein aller physischen Wissea- 
fchait, sondern auch aller Metaphysik widerspricht und eine Ver- 
leugnung jeder transsccndentcn Religion bedeutet. Hier stehen Ei^ 
kcDDtnis und Wille sich schroff gegenüber. ÜbcraÜ nun, wo wir 
Einschriokungen dieses Freiheitsbegritfcs begegnen: bei Augustiniis, 

bei Luther, bei Voltaire, bei Kant, bei Goethe , können wir 

sieher sein, d^ss hier eine indoeuropäische Reaktion gegen semitischen 
Geist stattfindet. So z. B. wenn Calderon in der Grass/n Zmobia 
den wilden, eigenmächtigen Aureüan spotten lässt über Denjenigen 

Der den Willen frei genannt. 

Denn — muss man sich gewiss auch sehr hüten mit derartigen 
formelliaften Vereinfachungen Missbrauch zu treiben — man kano 
doch die Behauptung aufstellen: der Begriff der Notwendigkeit ist 
ein in allen indoeuropäischen Rassen besonders stark ausgeprügier, 
dem man bei ihnen atif den verschiedensten Gebieten immer wieder 
begegnet; er deutet auf hohe leidenschaftslose Erkenntniskraft; dagegen 
ist der Begriff der Willkür, d. h. einer unbeschränkten Herrschaft 
des Willens, für den Juden spezifisch charakteristisch ; er verrät eine 
im Verhältnis zum Willen sehr beschränkte Intelligenz. Es handelt sich 
hier nicht um abstrakte Verallgemeinerungen, sondern um ihaisäch- 
liche liigenscbaften, die wir noch heute täglich beobachten können; 
in dem einen Falle wiegt der Gedanke vor, in dem andern der Wille. 

Man gestatte mir ein handgreifliches Beispiel aus der Gegenwart. 
Ich kannte einen jüdischen Gelehrten, der, da in seiner Branche die 
Konkurrenz wenig Geld verdienen Hess, Seifen fabrikant wiu'de, und 
zwar mit gro.sscm Erfolg; als aber später auch hier wieder ausländische 
Konkurren): ihm den Boden unter den Füssen wegschnitt, da wurde 
er auf einmal, als Mann tn reiferen Jahren, Theaterdichter und Belletrist 
und cru'arb sich dabei ein Vermögen. Von universal gcnic konnte in 
diesem Falle gar nicht die Rede sein; die intellektuelle Begabung war 
massig und jeglicher Onginalität bar; mit diesem Intellekt machte 
aber der Wille, was er wollte. 

Der abnorm entwickelte Wille der Semiten kann zu xwei 
Extremen führen : in dem einen Fall zur Erstarrung, wie beim 
Mohammedaner, wo der Gedanke an die unbeschrankte göttliche 
Willkür vorwiegt; im anderen, wie beim Juden, zur phänoraenalea 
Elasticitäi, was durch die Vorstellung der eigenen menschlichen 
Willkür hervorgebracht wird. Dem Indoeuropäer sind beide Wege 



i 



Die Erscheinung Christi. 



«4» 



versperrt. In der Natur beobachtet er überill Gesetzmässigkeit und 
von sich selbst weiss er, dass er nur dann sein Höchstes leisten kann, 
wenn er der inneren Not gehorcht. Freilich kann auch bei ihm der 
Wille HcldcnihatCQ vollbringen, nur aber wenn seine Erkenntnis irgend 
eine Idee crfasst hat — eine künstlerische, religiöse, philosophische, 
oder auch auf Eroberung, Beherrschung, Bereicherung, vielleicht auf 
Verbrechen hinzielende, gleichviel, bei ihm gehorclii der Wille, er 
beüehlt nicht. Darum ist auch der Indocaropüer bei massiger Be- 
gabung so eigcntttmlich charakterlos im Vergleich zum unbegabtesten 
Juden. Aus eigenen Kräften wSrcn wir gewiss nie zu der Vorstellung 
eines freien allmächtigen Gottes und einer sozusagen »willkürlichen 
Vorsehung« gekommen, einer Vorsehung nämlich, die eine Sache so 
bestimmen kann, und dann, durch Gebete oder andere Beweggründe 
veranlasst, wieder anders.') Wir sehen nicht, dass man ausserhalb 
des Judcntoms auf den Gedanken einer ganz intimen und beständigen 
persönlichen Beziehung zwischen Gott und Mensch gekommen sei, 
auf den Gedanken eines Gottes, der, wenn ich so sagen darf, lediglich 
der Menschen wegen da zu sein scheint. Zwar sind die alten indo- 
arischen Götter wohlwollende, freundliche, fast gutmörig zu nennende 
Mächte; der Mensch ist ihr Kind, nicht ibr Knecht; ohne Furcht 
naht er sich ihnen; beim Opfern >ergreifter des Gottes rechti! Hand*;») 
der Mangel an Demut der Gottheit gegenüber bat sogar Manchen 
entsetzt: doch findet man, wie gesagt, nirgendwo die Vorstellung der 
willkürhchen Allmacht; und damit hängt eine auffallende Untreue 
zusammen: man ^etet bald Diesen, bald Jenen an, oder, wird das 
Göttliche als ein einheitliches E*rinzip lufgefasst, so denkt es sich die 
eine Schule so, die andere Anders (ich erinnere an die sechs grossen 
philosophisch- religiösen Systeme Indiens, die alle sechs als orthodox 
galten); das Gehirn arbeitet eben unaufhaltsam weiter, neue Bilder, 
neue Gestalten erzeugend, das Unbegrenzte ist seine Heimat, die Frei- 
heit sein Element, die Schöpferkraft seine Freude. Man betrachte doch 
folgenden Anfang eines religiösen Hymnus aus dem Rigvtda (6, 9): 



■> Nie sind Ixi Imloeiiropien äit Götter • Weltuhöpfer* ; wo daf G6tdicl»e 
ab Scbäpicr aufKcfiut wird, wir beim Brahntan der ladet, 90 bciieht skh du auf 
eine icia mctaphyaocbc Ei ken otn», tikfat auf cioea liutorisch-niccluabchcD Vorgang, 
wk in Gemm 1; sonn entstehen dw Götter »dirsscia der ScfaOpfuiig«, man redet 
VOM i)B«r Gcbun Bod von ihrem Tode 

•) Oldenberg: Die Rrtigioii lUt Vtäür S. ]I0. 



iSi Du Erbe der alten Welt. 



Das Ohr geht auf, es öffnet sich mein Auge, 
Das Licht in meinem Herzen wird lebendig ! 
Der Geisi in weite Fernen suchend ziehet: 
Was soll ich sagend und was soll ich dichten? 

und vergleiche ihn mit den ersten Versen irgend eines Psalmes, z. B. 
des sechsundsiebzigsten: 

Gott ist in Juda bi^kannt, 
In Israel ist sein Name herrlich; 
Zu Salem t] ist sein Gezelt 
Und seine Wohnung zu Zion. 

Man sieht, welch' wichtiges Element des Glaubens der Wille ist. 
Während der erkenntnisreiche Arier »in weite Fernen suchend ziehet«, 
lasse der Willensstärke Jude Gott sein Gezelt ein für alle Mal in seiner 
Nähe aufschlagen. Die Wucht seines Willens zum Leben hat dem 
Juden nicht allein einen Glaubensanker geschmiedet, der ihn feätkcttet 
an den Boden der historischen Überlieferung, sondern sie hat ihm 
auch das unerschütterliche Vertrauen cingeflösst zu einem persönlichen, 
unmittelbar gegenwärtigen Gott, der allmächtig ist zu geben und zu 
verderben ; und sie hat ihn, den Menschen, in ein moralisches Verhältnis 
zu diesem Gott gebracht, indem der Gott in seiner Allniachi Gebote 
erliess, die der Mensch frei ist zu befolgen oder nicht zu befolgen.^) 



■) AbkOriung ffit Jenntalem. 

*) Witre hier der Ort duu, ich würde gcro noch nlhcr a&chwcücD, wie 
diese jQdUche Vorstellung des ailmichligcn, kI> freie Vorsehung waltenden Gd[1«s 
die historische AuCEissuDg dlocs Coitcs unaljwcblkb bcditiRt, und wie so gerade 
hiergegen immer wieder und immer u-ieder jede echt arische Erleenmnis sich strdubi. 
So ist c. B. du ganze Tragische Gcd;inken]ct)L*D Pciei Abälard's daduicli bedingt, 
du9 er, tro» der h«i5scstcn Sehnsucht nach Rc^htgUubigkeit, seinen Geist dem 
jQdisclieii Iteltgionsmaterialliiniis niclil anbequemen kann. Immer wieder x. B. Vomrat 
er 2um Schluss, Gott thue, was er thuc, mit Notwcndiglieit (wobei er siJi auf 
die früheren Sdiriftcu des Augustinus berufen konnte, njiiicntlich auf sein Dt U^rro 
arhilrio): dos ijt geistiger Aotuvniiosnius in seiner hdcluun Potcnit Ei leugnet auch 
}ede Handlung, jede Bewegung bd Gotl; das Wirken Gottes ist ßr ihn das Eio- 
treffeo einei ewigen Willcnsbcstimmung : >bci Gott gtebt e* keine Zeitfolge«! 
(siehe A. Hausraih: Pttir AHiard, S. 301 fg.). Damit verschwindet die Voncliung. ^ 
Übrigens, woj:u gelehrte Belege erst suchen: der edle Don U.uixote sctxt mii rühren- 
der Naiveiit seinem treuen Sancho auteioander; »für Goti giebt es keine Vergangen- 
fach und keine Zukunft, sondern alles ist Gegenwart* (Buch 1\, Kap. 8}: damit 
bexeicimet der ewig grosse Cervantes kur> und bändig den un historischen Suiidpuakt 
■Her Nichucmitcn. 



Die ErscheinuDg Christi. 



»4T 



Und Doch Eins darf in diesem Zusammenhang nicht übergangen 
werden : die einseitige Vorherrschaft des Willens macht die Chroniken 
des jüdischen Volkes im Allgemeinen öde und hässlich; in dieser 
Atmosphäre erwuchs jedoch eine Reihe bedeutender Männer, deren 
eigenartige Grösse sie jedera Vergleich mit anderen Geistesheroen ent- 
zieht. Ich habe dieser iVerneineri des jüdischen Wesens, die dabei 
selber so jüdisch von der Sohle bis zum Haupte blieben, dass sie mehr 
als alles andere zur Ausbildung des starrsten Hebraismus beitrugen, 
schon in der Einleitung zu diesem Abschnitt gedacht') und komm« 
im EwcitnlchstL-n Kapitel auf sie zurück; nur so viel muss hier ge- 
sagt werden: indem diese Winner den religiösen Materialismus von 
seiner abstraktesten Seite erfassten, erhoben sie ihn in moralischer Be- 
ziehung auf eine sehr hohe Stufe; ihr Wirken hat der Auffassung 
Christi in Bezug auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch in 
wesentlichen Punkten historisch vorgearbeiteL Ausserdem spricht sich 
bei ihnen ein wichtiger Zug am deutlichsten aus, der ganz und gar 
im Wesen des Judentums begründet liegt: die historische Religion 
dieses Volkes legt den Nachdruck nicht auf den Einzelnen, sondern 
auf die ganze Nation ; der Einzelne kann der Gesamtheit nützen oder 
schaden, sonst aber ist er unwichtig; daraus folgte mit Notwendigkeit 
ein ausgesprochen sozialistischer Zug, der in den Propheten oft 
gewahigen Aufdruck ßndcL Der Hinzeine, der zu Glück und Reich- 
tum gelangt, während seine Brüder darben, Ist von Gott verflucht. 
Wenn nun Christus in einer Beziehung das genau entgegcngcseutc 
Prinzip %-ertritt, dasjenige nämlich des extremen Individualismus, der 
Erlösung des Einzelnen durch Wiedergebun, so deutet andrcrschs sein 
Leben und sein Lehren unverkennbar auf einen Zustand, der nur 
durch die Gemeinsamkeit verwirklicht werden kann. Der Kommu- 
nismus des lEine Herde und Ein Hirtc ist gewiss ein anderer als 
der ganz und gar politisch gefärbte, theokratische Kommunismus der 
Propheten ; wiederum ist jedoch der Uatergruad ein ausschliesslich. 
und charakteristisch jüdischer. 

Mag man nun über diese verschiedenen jüdischen Vorstellungen 
denken wie man will, Grösse wird ihnen Niemand absprechen, noch 
die Fähigkeit auf die Gestaltung des menschlichen Lebens eine fast 
unermessUche Wirkung auszuüben. Es wird auch Niemand leugnen, 
dass der Glaube an die göttliche AUoiacbt, ao die göttliche Vorsehung, 

') S. 47. 



HwfhwUw. 







14» 



Di5 Erbe der ilten Welt. 



und auch an die Freiheit des menschlichen Willens, ') sowie die fast 
ausschliessliche Betonung der moralischen Natur der Menschen 
und ihrer Gleichheit vor Gott (»die Letzten werden die Ersten sein«), 
Grundpfeiler der Person lieh kcii Christi bilden. Weit mehr als das 
Anknöpfen an die Propheten, weit mehr auch als seine Achtung 
vor den jüdischen Gesetzes Vorschriften, lassen uns diese Grundan- 
schauungen Christum als morilisch zu den Juden gehörig criccnnen. 
Ja, wenn wir sehr tief hinabsteigen, bis zu jenem Mittelpunkt der 
Erscheinung Christi, der Umkehr des Willens, so müssen wir 
erkennen — und ich habe es am Anfang dieses Kapitels in dem 
Vei^Ieich mit Buddha schon angedeutet — - dass hier ein Jüdisches 
vorliegt, im Gegensatx zur arischen Verneinung des Willens. Letztere 
ist eine Frucht der Erkenntnis, der übergros-sen Erkenntnis; Christus 
dagegen wendet sich an MenschL-n, bei denen der Wille übermächtig 
ist, nicht der Gedanke; was er um sich erblickt, ist der unersättliche, 
ewig gierige, ewig beide Hände nach aussen ausstreckende jüdische 
Wille; er erkennt die Macht dieses Willens und gebietet ihm — 
nicht Schweigen, sondern eine andere, neue Richtung. Hier muss 
man sagen: Christus ist ein Jude, und seine Erscheinung kann nur 
verstanden werden, wenn wir diese speziell jüdischen Anschauungen, 
die er vorfand und sich zu eigen machte, kritisch begreifen gelernt 
haben. 

Ich sagte soeben, Christus gehöre imoralische zu den Juden. 
Dieses ziemlich zweideutige Wort «MoraU muss hier in einer engeren 
Bedeutung gcfasst werden. Denn gerade in der moralischen An- 
wendung dieser Vorstellungen von Gottes Allmacht und Vorsehung, 
von den daraus folgenden untninelbaren Beziehungen zwischen dem 
Menschen und der Gottheit und von dem Gebrauch des freien mensch- 
lichen Willens wich der Heiland in Mo von den Lehren des Judentums 
ab: das liegt Jedem offen dar und ich habe es ausserdem im Vorher- 
gehenden deutlich fühlbar zu machen gesucht; die Vorstellungen selbst 
aber, der Rahmen, in welchen die moralische Persönlichkeit sich eio» 
fügte und aus welchen sie nicht herausgelöst werden kann, die fraglose 
Annahme dieser Voraussetzungen. Gott und den Menschen betreffend, 
welche dem menschlichen Geist durchaus nicht ohne Weiteres zu eigen 
sind, sondern im Gegenteil die ganz individuelle Errungenschaft eines 



') LctncTcr allcrdinfci, wie es scbctut, mit bcilcuico Jen Einschrjmkungcv, da der 
iuiichc Gedanlie der Gnide bei Ctimtui mehr als einmal deutlich auftritt. 




bestimmten Volkes im Laufe einer Jahrbundcnc w^hreaden geschieht- 
liehet» Entwickelang darsicllen: das ist das Jüdische in Christos. 
Schon in den Kapiteln über hellenische Kunst und römisches Recht 
machte ich auf die Macht der Ideen aufmerksam; hier haben wir 
wieder ein leuchtendes Bcuspicl davon. Wer in der jüdischen Ge- 
dankenwelt lebte, konnte sich der Macht iüdisclier Ideen nicht ent- 
ziehen. Und brachte er auch der Welt eine ganz neue fiotscliaft, 
wirkte auch sein Leben wie das Anbrechen eines neuen Morgens, 
war seine Persönlichkeit auch eine so göttlich grosse, dass sie uns 
eine Kraft im menschlichen Innern entdeckte, fähig — wenn das je 
begriffen würde — die Menschheil ■völlig umzuwandeln: so waren doch 
nichtsdestoweniger die Persönlichkeit, das Leben und die Botschaft 
an die grundlegenden Ideen des Judentums gebunden; nur in diesen 
konnten sie sich offenbaren, bcthäiigcn und kuodthun. 



Ich hoife, mein Zweck wird erreicht sein. Von der Betrachtung lui i» ]»tw- 
der Pensönlichleii in ihrer individuellen, autonomen Bedeutung aus- '"""'"'- 
gehend, habe ich nach und nach den Kreis erweittnt, am die Lcbcns- 
ßden aufzuzeigen, die «e mit der Umgebung verbinden. Hierbei war 
eine gewisse Ausführlichkeit unentbehrlich; den einzigen Gegenstand 
dieses Buches, die Grundlagen des 1 9. Jahrhunderts, habe ich jedoch 
nicht einen Moment aus den Augen verloren. Denn wie sollte ich, 
Einzelner, mich chronistisch oder encyklopädii^ch an unser Säculum 
heranwagen? Die Musen mögen mich vor einem derartigen Wahn- 
«-iiz bewahren! Dagegen soll ich versuchen, den leitenden Ideen, dca 
bildenden Gedanken unserer Zeit soweit möglich auf die Spur tu 
kommen ; diese Ideen falten aber nicht vom Himmel herab, sondern 
knüpfen an Vergangenes an ; neuer Wein wird gar oft in alte Schläuche 
gegossen, und uralter, sauerer Wein, den kein Mensch kosten würde, 
wenn er dessen Ursprung kennte, in ^nkelnagclneue; überhaupt lastet 
auf einer so spätgeborenen Kultur wie der unseren, noch dazu in einer 
Zeit der atemlosen Hast, wo die Menschen zu viel lernen müssen, um 
viel denken zu können, der Fluch der Konfusion. Wollen wir 
Klarheit über uns selbst gewinnen, so müssen wir vor allem ta den 
Grundgedanken und -Vorstellungen klar sehen, die wir von den Alt- 
vordern geerbt haben. Wie äusserst verwickelt das hellenische Erbe, 
wie eigentümlich widerspruchsvoll das römische, zugleich wie tief 
eingreifend in unser heutiges Leben und Denken, hoffe ich recht fühlbar 



»so 



Das Erbe der alten Welt. 



gemacht zu haben. Jetzt sahen wir, dass auch die Erscheinung Christi, 
welche auf der Schwelle zwischen AU- und Neuzeit steht, durchaus 
nicht in so einfacher Gestalt unserem fcmgcrücktca Auge sich bietet, 
dass wir sie leicht aus dem Labyrinth der Vorurteile und Lügen und 
Irnümcr herausschilcn könnten. Und doch ist nichts nötiger, als 
gerade diese Erscheinung deutlich und wahrheitstreu zu erblicken. 
Denn — wie unwürdig wir uns dessen auch erweisen mögen — unsere 
gesamte Kultur steht, gottlob! noch unter dem Zeichen des Kreuzes 
auf Golgatha. Wir sehen wohl dieses Kreuz; wer aber sieht den 
Gckrcuzigicn? Er aber, und Er allein, ist der lebendige Born altes 
Christentums, sowohl des intolerant Dogmatischen wie auch des 
durchaus ungläubig sich Gebenden. Dass man das hat bezweifeln 
können, da.ss unser Jahrhundert sich von Büchern genährt hat, in 
denen dargethan wurde, das Christentum sei so von ungefähr ent- 
standen, aus Zufall, als mythologische Anwandlung, als »dialektische 
Antithesec, was weiss ich alles, oder wiederum als notwendiges 
Erzeugnis des Judentums u.s.w., das wird in späteren Zeiten ein beredtes 
Zeugnis für die Kindlichkeit unseres Urteils abgeben. Die Bedeutung 
des Genies kann gar nicht hoch genug geschätzt werden: wer erkühnt 
sich, den Einfluss Homers auf den Menschengeist 211 berechnen I 
Christus aber war grösser. Und wie das ewige >Hausfcucr< der Arier, 
kann auch die Wahrhcitslcucbte, die Er uns anzündete, nie mehr ver- 
löschen; mag auch zu Zeiten ein Schatten der Nacht die Menschheit 
weithin umfmstern, es genügt ein einziges glühendes Herz, damit von 

Neuem Tausende und Millionen taghell aufflammen. Hier jedoch 

kann und muss man mit Christus fragen; iWcnn aber das Licht, das in 
dir ist, Finsteniis ist, wc gross wird dann die Hnstcrnis selber sein?« 
Schon die Hnistchung der christlichen Kirche führt uns in tiefste 
Finsternis hinein, und ihre weitere Geschichte macht uns mehr den 
Eindruck eines Herumtappcns im Dunkeln als eines sonnigen Sehens. 
Wie sollen wir also unterscheiden können, was in dem sogenannten 
Christentum Geist von Qiristi Geist ist und was dagegen als hellenische, 
jüdische, römische, ägyptische Zuthat hinzukam, wenn wir nie gelernt 
haben, diese Erscheinung selbst in ihrer erhabenen Einfachheit zu 
erblicken? Wie sollen wir über das Christliche in unseren hcuiigco 
Konfessionen, in unseren Litteraturen und Künsten, in unserer Philo- 
sophie und Politik, in unseren sozialen Einrichtungen und Idealen 
reden, wie sollen wir Christliches von Anilchri.'illichem trennen, und 
mit Sicherheit beurteilen können, was in den Bewegungen unseres 



te Erscheinung Christi. 



iji 



Jahrhunderts auf Christus zurückzuführen ist, wss nicht, oder 2ucb 
inwiefern es christlich ist, ob in der blossen Form oder auch dem 
Inhah nach, oder vielleicht dem Inhalt, d. h. der altgemeinen Tendenz 
□ach, nicht aber in Bezug auf die charahterisdsche jüdische Form, — 
wie sollen wir vor allem dieses für unseren Geist so drohend gefähr- 
liche, spezi6sch Jüdische von dem >Brot des Lebens« zu sondern und 
zu sichten verstehen, wenn nicht die Erscheinung Christi in ihren 
allgemeinen Umrissen uns klar vor Augen steht, und wenn wir nicht 
imstande sind, an diesem Bilde das rein Persönliche voiTaem Historisch- 
bedingten deutlich zu unterscheidend Gewiss ist das eine wichtigste, 
unentbehrlichste Grundlage für %'iele Urteile und Einsichten. 

Das in bescheidenem Masse anzubahnen, war der Zweck dieses 
Kapitels. 



i 



ABSCHNITT 11 



DIE ERBEN 



Der hohe Siaa, du Rflhmlicbe 

VoD dem GenUimten rdn zu unterscheiden. 



EINLEITENDES 



AVer trat das Erbe des Alicmims an ? Diese Frage ist mindestens itcdi<ftiü(ai>|. 
ebenso gewichtig wie die nach der Erbschaft selbst und womöglich 
noch verwickelter. Denn sie führt uns in das Studium der Rassen- 
problcmc hinein, Probleme, welche die Wissen^chaft des letzten Viertel- 
Jahrhunderts nicht gelöst, sondern im Gegenteil in ihrer vollen Ud- 
entwirrbarkcit aufgedeckt hat. Und doch hängt jedes wahre Verständ- 
nis unseres Jahrhunderts von der klaren Beantwortung dieser Trage 
ab. Hier heisst es also zugleich kühn und vorsichtig sein, wollen 
wir der Mahnung meines Vorwortes eingedenk bleiben und zwischen 
jener Scylla einer fast unerreichbaren und in ihren bisherigen Ergeb- 
nissen höchst problematischen Wissenschaft und der Charybdls un- 
statthafter, grundloser Verallgemeinerungen sicher hindurchsieuem. 
Die Not zwingt uns, das Wagnis zu unternehmen. 

Rom hatte den Schwerpunkt der CiviJisation nach Westen ver- 
legt. Dies erwies sich als eine jener unbewusst vollzogenen weh- 
historischen Thaten, die durch keine Gewalt rückgängig gemacht 
werden können. Der von Asien abgewandte Westen Europas sollte 
der Herd aller ferneren Civilisation und Kultur sein. Das geschah 
aber nur nach und nach. Zunächst war es lediglich die Politik, die 
sich immer mehr nach Westen und nach Norden wandte; geistig 
blieb Rom selbst lange in starker Abhängigkeit vom früheren östlichen 
KulturcCDtrum. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeilrechnung 
kommt ausser Korn nur was südlich und östlich von ihm gelegen ist, 
in geistiger Beziehung in Betracht: Alexandria, Ephcsus, Aniiochia, 
überhaupt Syrien, dann Griechenland mitByzanz, sowie Karthago und 
die übrigen Städte aus der Ajrica veltts, das sind die Gegenden, wo 
die Erbschaft angetreten und lange verwaltet wurde, deren Einwohner 
sie spütcrcn Zeiten und anderen Völkern übermittelten. Und gerade 



T61liera«M. 



3{6 



Die Erben. 



diese Länder wirea damaU wie Rom selbst nicht mehr von irgend 
dnem bestimmten Volke bewohnt, sondern von einem unentwirrbaren 
Durcheinander der verschiedensten Ra-ssen und Völker. Es ist ein 
Chaos. Und dieses Chaos ist nicht etwa später rcrnichiet worden. 
An vielen Orten durch vordringende reine Kassen zurückgedrSngt, 
an anderen durch seine eigene Charaktcrlosigkeii und UntQchtigkeit 
aus den Reihen der Miizurcchucndcn hcrausgcfaUen, hat sich zweifels- 
ohne dieses chaotische Element doch im Süden und Osten erhahcn ; 
durch neue Mischungen fhiirdc es ausserdem hüuüg wieder gestärkt. 
Das ist ein erster Punkt von weittragender Wichtigkeit. Man bedenke 
zum Beispiel, dass alle Grundlagen zur historischen Gestaltung des 
Christcniums von dieser Mestizen bevülkening gelegt und ausgebaut 
wurden! Mit Ausnahme einiger Griechen (die aber auch alle, Origcncs 
an der Spitze, höchst unorthodoxe, diiekt anii- jüdische Lehren ver> 
breiteten, mit denen sie nicht durchdrangen),') könnte man von 
kaum einem Kirchenvater auch nur vermuten, welchem Volksstamme 
er der Hauptsache nach angehörte. Dasselbe gilt für dis corpus /ttris ; 
auch hier war es das Chaos (nach hellenischer Vorstellung die Mutter 
des Ercbos und der Nyi, der Rnsternis und der Nacht), welchem 
die Aufgabe zufiel, das lebendige Werk eines lebendigen Volkes zu 
einem internationalem Dogma aus- und umzuarbeiten. Unter dem 
Dämlichen Einfluss wurde die Kunst immer mehr des persönlichen, 
üreischöpferischen Momentes beraubt und zu einer hieratisch- formel- 
haften Übung umgewandelt, und an die Stelle der hohen, philo- 
sophischen Spekulation der Hellenen schob man deren Nachäffung, 

<] Origenejt sunt Beispiel wm ausgesprochener Pcssicnüt (im metaphysiKlicn 
Sinne des WonoX wodurch allein schon et seine indoeuropiüschc Rauc doVuTiicniicrt: 
er sah tn da Welt überjD Leiden, tmd log dAMut den SchEuss, ihr Haupiiwcek 
•ci nicht det Genuu cinvs goitgtscheiikten GlOckes, sondern die AbwcDdunt; eines 
Übels (man denke an die lUupilchrc Christi von Jcr »Umwenduag 6a Willens*, 
TCTgL. S. aoo). AuK^sdous, der aüttuiiisi^c Wcsiiic, halte leichtes Spii-1, ilin lu wider- 
Icften; er berief iicb auf dos erste Kipitcl des crUcn Bucltcs der jüdischen Thora, 
am unwiderlegbar dariuthun, alles sd ^t und tdie Welt besiehe aus keinem anderen 
Grunde, ab weil es etnciii }iut<-'" ('OU kcEiIIcii habe, du absolut Gute ca scbaSca*. 
(Man sehe die höchst k-htreiche AuseinunderscUung im De eivitaU Dti, Buch XI, 
Kdp. 3].) Aui^usiinus fijlin lücr muniphicrend noch ein xwclica Argument an; wenn 
Oiigcnes Recht hittc, sa müx^ien die sdndhaiiesten Wesen die schwerste» KOrper 
besitzen und die Tcutel müssicn lichib^ir sein, aun haben abci die Teufd lufunigc, 
unstchibare Körper, folglifh u. s. w. So siegten Gedanlceo de* Chaos über meia- 
p1i)-iische Religion i (Gani btichstiblidi die selben Argumente findet man in dem 
FMirtr Jtr IrrtnJtH des Juden Mainiuni.) 



J 



Einleitendes. 



aS7 



den kabbalistischen Spuk der Demiurgen und Engel und Dämonen, 
lauter Vorstellungen, die man im besten Falle als »luftigen Materialismusi 
bezeichen könnte,') Jenem Völkerchaos mflsscn wir also zunächst 
unsere Aufmerksamkeit schenken. 

In seiner Miitc ragt, wie ein scharfgeschninener Fels aus gcstalt- di» jodtn. 
losem Meere, ein einziges Volk empor, ein ganz kleines Völkchen, 
die Juden. Dieser eine einzige Sia.mm hat als Grundgesetz die Reinheit 
der Rasse aufgestellt; er allein besitzt daher Physiognomie und 
Charakter. Blickt man auf jene südlichen und östlichen Kulmr- 
stäncQ des in Auflösung begriffenen Weltreiches. lässt man das 
prüfende Auge durch keine Sympathien und Antipathien irre- 
geleitet werden, so muss man sagen, als Nation verdient damals die 
jüdische allein Achtung. Wohl mögen wir auf dieses Volk das Wort 
Goeihe's anwenden: >GUube weit, eng der Gedanke.« Im Ver- 
hältnis zu Rom und gar erst zu Hellas erscheint uns sein geistiger 
Horizont so eng, seine geistigen Fähigkeiten so beschränkt, dass wir 
eine durchaus andere Wesensgattung vor uns zu haben wähnen; was 
jedoch dem Gedanken an Weite und an schöpferischer Befähigung 
abgehen mag, wird durch die Gewalt des Glaubens reichlich auf- 
gewogen, eines Glaubens, den man zunächst sehr einfach bestimmen 
könnte: es ist der Glaube an sich. Und da dieser Glaube an sich 
den Glauben an ein höheres Wesen cinschloss, so entbehrte er nicht 
einer ethischen Bedeutung. Wie armselig das jüdische »Gesetz« sich 
auch ausnehmen mag, wenn man es mit den religiösen Schöpfungen 
der verschiedenen indoeuropäischen Völker vergleicht, einen Vorzug 
besass es im damaligen verfallenen römischen Reich ganz allein: es 
war eben ein Gesetz; ein Gesetz, dem Menschen demütig gehorchten, 
und gerade dieser Gehorsam musste in einer Welt der Zügellosigkeit 
ethisch von grosser Wirkung sein. Hier wie überall werden wir 
finden, dass der Einfluss des Juden — zum Guten und zum Bösen — 
in seinem Charakter, nicht in seinen geistigen Leistungen begrQndct 
liegt.*) Gewisse Historiker unseres Jahrhunderts, sogar ein geistig so 
bedeutender wie Graf Gobincau, haben die Ansicht vertreten, das 
Judentum wirke stets lediglich auflösend auf alle Völker. Ich kann 
diese Überzeugung nicht teilen. Zwar, wo die Juden in einem fremden 
Lande sich stark vermehren, da mögen sie es sich angelegen sein 



■> >Luftig«» Genndel«, sagt BArgcr in seiner >Leoaorc<. 
^ Siehe S. 141 %■ 

Cbimbeflun. Gn»4Ug«a It* XtX. JchrhunJcftl. IJ 



i 



as8 



Die Erben. 



lusen, die Verlieissungen ihrer Propheten zu erFallen, und nach 
bcsieni Wissen und Gewissen »die fremden Völker zu fresseni; 
sagten sie doch Khon zu Lebzelten des Moses von sich selbst, sie 
seien >3ls wie die Heuschrecken«; man muss aber das Judentum von 
den Juden trennen und zugeben, dass das Judentum, als Idee, zu den 
konservativsten Gedanken der Welt gehört. Der Begiiff der physischen 
Rassencinheii und -reinheii, welcher den Kern des Judentums aus- 
macht, bedeutet die Anerkennung einer grundlegenden physiologischen 
Thatsache des Lebens; wo immer wir auch Leben beobachten, vom 
Schimmelpilz bis zum edlen Rosse, bemerken wir die Bedeutung der 
«Rasse« : das Judentum heiligte dieses Katurgesetz. Darum drang es 
auch in jenem kritischen Augenblick der Weltgeschichte, wo eine 
reiche Erbschaft ohne würdige Erben dastand, siegreich durch. Es 
befördene nicht die allgemeine Auflösung, im Gegenteil, es gebot 
ihr Einhalt. Das jüdische Dogma war wie eine scharfe Siure, die 
man in eine in Zersetzung geratene Flüssigkeit giesst, um sie zu 
klären und vor dem weiteren Verfaulen zu bewahren. Mag auch 
diese Säure nicht JeJem munden, sie hat in der Geschichte der 
Kuhurepochc, zu der wir gehören, eine so entscheidende Rolle ge- 
spielt, dass wir dem Spender Dankbarkeit schulden und anstatt un- 
willig zu sein, besser thun werden, uns Klarheit zu %-crschafTcn über 
die Bedeutung dieses Eintrittes der Juden in die abendländische 
Geschichte — für unsere ganze noch im Werden begriffene Kultur 
jedenfalls ein Ereignis von unmessbarer Tragweite. 

Ein Wort noch zur Erläuterung. Ich rede van Juden, nicht 
von Semiten im Allgemeinen; nicht weil ich die Rolle der Letzteren 
in der Weltgeschichte verkenne, sondern weil meine Aufgabe zeitlich 
und räumlich beschränkt ist. Zwar hatten schon seit vielen Jahr- 
hunderten andere Zweige der semitischen Rasse mächtige Reiche an 
den Süd- und OstkQstcn des Mittelländischen Meeres und Handels- 
niederlassungen bis an die Küsten des Atlantischen Ozeans gegründet; 
zweifelsohne hatten sie auch manche Anregungen vermittelt und 
manche Kenntnisse und Fertigkeiten verbreitet; zu einer näheren 
geistigen Berührung zwischen ihnen und den übrigen Einwohnern 
des zukünftigen Europa war es jedoch nirgends gekommen. Das 
geschah erst durch die Juden; nicht aber durch die Millionen von 
Juden, die in der Diaspora lebten, sondern erst durch die christliehe 
Idee. Erst als die Juden Christum an da.s Kreuz schlugen, brachen 
sie, UDwdssend, den Bann, der sie bisher in ignorantem Hochmut 




isoliert hatte. — Später freilich stürzte noch einmil eine semitische 
Flut Über die europäische, asiatische und afrikanische Welt, eine 
Flui, wie sie, ohne die Vernichtung Karthagos durch Rom, schon 
tausend Jahre früher und dann auf immer entscheidend Europa über- 
schwemmt haben 'würde.'] Auch hier wieder bewährte sich die 
semitische >ldee< — Glaube weit, eng der Gedanke — als viel 
machtiger denn ihre Trager; die Araber wurden nach und nach 
zurückgeworfen, im Gegensatz zu den Juden verblieb kein einziger 
auf europaischem Boden; doch wo ihr abstrakter Götzendienst') Fuss 
gefasst hatte, schwand jede Möglichkeit einer Kultur; edle Menschen- 
rassen wurden durch das semitische Dogma des Materialismus, das 
sich in diesem Falle, und im Gegensatz zum Christentum, frei von 
allen arischen Beimischungen erhalten hane. für immer entseelt und 
aus dem >ins Helle strebenden Gcschlechtc ausgeschlossen. — Von 
den Semiten haben, wie man sieht^ einzig die Juden an unserer 
Kultur positiv mitgearbeitet und auch, so weit ihr sehr assimilaüons- 
fUhiger Geist es ihnen erlaubte, sich als Erben an dem Vermächtnis 
des Altenums beteiligt. 

Den Widerpan zu der Verbreitung dieses winzigen und doch Dt« cnnjiMA. 
so einflussreichen Völkchens bildet der Eintritt der Germanen in 
die Weltgeschichte. Auch hier sehen wir, was reine Rasse zu 
bedeuten hat, zugleich aber auch, was Verschieden heil der Rassen 
ist — jenes grosse Naturprinzip der Vielseitigkeit, sowie der Un- 
gleichheit in den Anlagen, welches heute fade, feile und ignorante 
Schwätzer wegleugnen möchten, dem Völkerchaos entsprossene 
Sklavenseelen, denen einzig im Urbrei der Charakter- und Indivi- 
dualititsiosigkeit wohl zu Mute ist. Noch immer stehen sich diese 
beiden Mächte — Juden und Germanen — dort, wo das neuerliche 
Umsichgreifen des Chaos ihre Züge nicht verwischt hat, bald freund- 
lich, bald feindlich, stets fremd gegenüber. 

Ich verstehe in diesem Buche unter dem Wort iGermaneni 
die verschiedenen nordeuropäischen Völkerschaften, die als Kelten, 
Germanen und Slavcn in der Geschichte auftreten und aus denen — 
meist in unentwirrbarer Vermengung — die Völker des modernen 
Europa entsundeii sind. Dass sie ursprünglich einer einzigen Familie 
enisiammien, ist sicher, ich werde im sechsten Kapitel den Nachweis 



■) Siehe S. I ij. 
■) Sieh« 5.14}. 



!?• 




Die Erben. 



führen; doch hat sich der Germane im engeren, taciteischen Sinne 
des Wortes so sehr als geistig, sittlich und physisch unter seinen 
Ven^-andten herv-orragend bewährt, dass wir berechtigt sind, seinen 
Namen als Inbegrift der ganzen Familie hinzustellen. Der Germane 
ist die Seele unserer Kultur. Das heutige Europa, weithin über den 
Erdball verzweigt, stellt das bunte Ergebnis einer unendlich mannig- 
faltigen Verzweigung dar: was uns alle aneinander bindet und zu 
einer organischen Bohcit verknüpft, das ist germanisches Blut Blicken 
wir heute umher, wir sehen, dass die Bedeutung einer jeden Kation 
als lebendige Kraft von dem Verhältnis des echt germanischen Blutes 
in seiner Bevölkerung abhängt. Nur Germanen sitzen auf den Thronen 
Europas. — Was in der Weltgeschichte voranging, sind für uns 
Prolcgomena; wahre Geschichte, die Geschichte, welche heute noch 
den Rhythmus unseres Herzens beherrscht und in unseren eigenen 
Adern zu fernerem HoiTcn und Schaffen kreist, beginnt in dem 
Augenblick, wo der Gcrraanc das Erbe des Ahcrtums mit kraft- 
strotzender Hand ergreift. 




VIERTES KAPITEL 



DAS VÖLKERCHAOS 



Soviel ist wohl mit Wdhncbeinlichk'eit 
lu urteilen: diu die Vemtischung der 
Stimme, weicht Mch und nach die 
Oiaraltiere aiulöscht , dem Menschen- 
g«schledtt, alle« vorgeblichen Philanihro- 
ptsmiu uogeichKt, nicht luvagUch sd. 
InturnxL Km, 



i 




Zur allgemeinen Einführung io dieses Kapitel ober das Völker- wiu.».«i»fc. 
chaos des untergelienden römischen Imperiums werden die Worte '"''" '^^""^■ 
genügen, die ich dem Gegenstand derselben in der Einleitung zutn 
zweiten Abschnitt gewidmet habe; sie erklären, was ich räumlich und 
zeitlich als Völlcerchaos bezeichne. Die historischen Kenntnisse setze 
ich, mindestens in den allgemeinen Umrissen, hier wie überall, 
voraus, und da ich nun ausserdem in diesem ganzen Buche kein 
Wort schreiben möchte, das nicht aus dem Bedürfnis entspränge, 
unser 19. Jahrhundert besser zu begreifen und zu beurteilen, so gUube 
ich den vorliegenden Gegenstand vor Allem zu der Prüfung und 
Beantwortung der wichügcu Frage benützen zu sollen: ist Nation, 
ist Rasse ein blosses Won? Soll, wie der Ethnograph Raucl es be- 
teuert, die Verschmelzung aller Menschen in eine Einheit als 
»Ziel und Aufgabe, Hoffnung und Wunsche uns vorschweben? Oder 
entnehmen wir nicht vielmehr aus dem Beispiel, einerseits von Hellas 
und Rom, anderseits vom pseudoromiachcn Imperium, sowie aus 
manchen anderen Beispielen der Geschichte, dass nur innerhalb jener 
Abgrenzungen, in denen scharf ausgeprilgte, individuelle Volks- 
charaktere entstehen, der Mensch sein höchstes Mass erreicht? Ist 
wirklich unser jetziger Zustand in Europa, mit unseren vielen, durch- 
gebildeten Idiomen, ein jedes mit seiner eigenen, eigenartigen Poesie und 
Littcratur, ein jedes der Ausdruck einer bestimmten, charakteristischen 
Volksseele, ist dieser Zustand ein Rückschritt gej^enüber der Zeit, wo 
Lateinisch und Griechisch als eine Art Zwillingsvolapük die vater- 
landslosen, römischen Untenhanen alle miteinander verbanden? Ist 
Blutgemeinschaft nichts? kann Gemeinsamkeit der Erinnerung und 
des Glaubens durch abstrakte Ideale ersetzt werden? Vor allem, ist 
dies Alles eine Sache des persönlichen Cutdünkens, und liegt kun 
deutlich erkennbares Naturgesetz vor, nach welchem unser Urteil sich 
richten muss? Lehren uns nicht die biologischen Wissenschaften, dass 
im gesamten 'Her- und Pflanzenreich, ausnehmend edle Geschlechter 




Die Erben. 

— das heisst also, Geschlechter mit ungewöhnlichen Leibes- und 
Geisteslträften begabt — nur unier bestimmten, die Zeugung neuer 
Individuen beschränkenden Bedingungen entstehen? Ist es nicht unter 
Berücksichtigung dieser sämtlichen, menschlichen und aussermensch- 
licben Phänomene möglich, eine klare Antwort auf die Frage zu er- 
halten : Was ist Rasse? Und wird sich nicht aus dem Bewussisein 
dessen, was Rasse ist, dann ohne Weiteres ergeben, was das Fehlen 
bestimmter Rassen für die Geschichte bedeuten muss? Zu allen diesen 
Fragen regt der Anblick jener unmittelbaren Erben des grossen Ver- 
mächtnisses lebhaft an. Fragen wir zunächst nach Rassen gnnz im 
Allgemeinen ; daran erst wird sich eine nutzbringende Betrachtung der 
hier speziell vorliegenden Verhähnisse und ihrer Bedeutung im Gange 
der Geschichte, somit auch für unser Jahrhundert knüpfen. 

Vielleicht giebt es keine Frage, über die selbst bei hochgebildeten, 
ja gelehrten Männern eine so mitternächtliche Unwissenheit herrscht, 
we über das Wesen und die Bedeutung des Begriffes «Rasse«. Was 
sind reine Rassen? woher kommen sie? haben sie geschichtlich etwas 
zu bedeuten ? Ist der Begriff weit oder eng zu nehmen? Weiss man 
ctwa.s darüber, oder nichts? Wie verhalten sich die Begrifle Rasse und 
Nation zu einander ? Ich gestehe, mein Leben lang über alle diese 
Dinge lauter Unzusammenhängendes, Widerspruchsvolles gehört und 
gelesen zu haben, ausser von einigen Specialislen unter den Natur- 
forschern, die aber nur in den seltensten Fällen ihr klares, ausführliches 
Wissen auf das Menschengeschlecht anwenden. Kein Jahr vergeht, ohne 
dass uns auf internationalen Kongressen von tonangebenden National- 
ökonomen, Ministern, Bischöfen, Naturforschem, versichert werde, es 
gäbe zwischen den Völkern keinen Unterschied^ keine Ungleichheit. 
Germanen, die auf das Moment der Rassen Verwandtschaft Nachdruck 
legen, Juden, die unter uns sich fremd fühlen und in ihre asiatische 
Heimat sich zurücksehnen, pflegen gerade von Männern der Wissen- 
schaft mit Tadel und Hohn überschüttet zu werden. Professor Virchow 
zum Beispial sagt') von den Regungen des Stammesbewusstseins unter 
uns, sie seien nur durch den iVerlust des gesunden Menschenverstandesi 
zu erklären; im Übrigen stünde man »ratlos vor einem Rätsel, von 

') Der ühfrgang aus änn philviQfkisehtn in das naturwiatnichafilUht ZtHalUr^ 
Rcktoratsrciie 1891. S jo fg — Ich wihic dies« eine Btispicl aus hu:idcnen, weil 
Vüdiow ula ciaer der ncijsi^&uii Anthropologen und EUtuogiaphen unserem Jahr- 
hundcru, auch tomt ein vi c] erfahren er und gelcliner Miuin, hier ei|;mtlich haue Be> 
tchcid wiMcn miUscD. 





dem Niemand weiss, was es eigentlich soll in dieser Zeit der Rechts- 
gleichheit!! N ich isdesio weniger schliesst der gelehrte Mann seinen 
Vortrag mit dem Wunsche nach »in sich selbst ruhenden, schönen 
Persönlichkeiten [« Als ob die gesamte Geschichte nicht da wäre, um 
uns zu zeigen, wie Persönlichkeit und Rasse auf das Engste zusammen- 
hängen, wie die An der Persönlichlceii durch die An ihrer Rasse be* 
stimmt wird, und die Macht der Persönlichkeit an gewisse Bedingungen 
ihres Blutes geknüpft ist! Und als ob die wissenschaftliche Tier- und 
Pdanzenzüchtung uns nicht ein ungeheuer reiches und zuverläs^ges 
Materia! böte, an dem wir sowohl die Bedingungen, wie auch die 
Bedeutung von »Rasse* kennen lernen! Entstehen die sogenannten 
(und mit Recht so genannten) »edleii* Tierrassen, die Zugpferde vom 
Limousin, die amerikanischen Traber, die irischen Renner, die absolut 
zuverlässigen Jagdhunde durch Zufall und Promiscuicät? Entstehen 
äc, indem luan den Tieren Rechtsgleichheit gewahrt, ihnen dasselbe 
Funer vorwirft und über sie die namÜche Rute schwingt? Nein, sie 
entstehen durch gcscblecbttiche Zuchtwahl und durch strenge Rein- 
haltung der Rasse. Und zwar bieten uns die Pferde, namentlich aber 
die Hunde, jede Gelegenheit zu der Beobachtung, dass die geistigen 
Gaben Hand in Hand mit den physischen gehen; speziell gilt dies 
von den moralischen Anlagen: ein Bastardhund ist nicht selten sehr 
klug, jedoch niemals zuverlässig, sittlich ist er stets ein Lump. An- 
dauernde Proraiscuität unter zwei hervorragenden Tierrassen führt aus- 
nahmslos zur Vernichtung der hervorragenden Merkmale von 
beidenl'] Warum sollte die Menschheit eine Ausnahme bilden? Ein 
Kirchenvater mochte das wohl wähnen; steht es aber einem hochan- 
gesehenen Naturforscher gut an, das Gewicht seines grossen Einflusses 
in die Wagschale mittelalterlichen Aberglaubens und Unwissens zu 
werfen? Wahrlicli, man möchte unseren philosophisch so verwahr- 
losten naturwissenschaftlichen Autoritäten einen logischen Kursus bei 
Thomas von Aquiii wünschen; er könnte ihnen nur heilsam sein 1 In 
Wahrheit sind die Menschenrassen, trotz des breiten, gemeinsamen Unter- 
grundes, von einander in Bezug auf Charakter, auf Anlagen, und vor 
Allem in Bezug auf den Grad der einzelnen Befähigungen so verschieden 
wie Windhund, Bulldogge, Pudel und Neufundländer. Die Ungleich- 

') Siehe nimentlich Darwin: Ammuts and PlamU undrr Dom/tHiation. Kap. XV 
aad XIX. »Fra crossine ohlitnatei characttn.* üb« tdlc abcrgllubiache SoikU^ 
mit welcb^er die j^rabcr ihre Pferderaise rein erhilten', ündet man interesiante An- 
gaben in Gibboa's Roman Empire, Kap. 50. Siehe audi fiurtOD's Mectah, Kap. 29. 




266 



Die Erben. 



hdt ist ein Zustand, auf den die Natur überall hinarbeitet; nichts 
Ausserordentliches eni.'iieht ohne »Specialisation«; beim Menschen, 
genau so wie beim Tier, ist es die Speciatisadon, welche edle Rassen 
hervorbringt; die Geschichte und die Ethnologie sind da, um dem 
blödesten Auge dieses Geheimnis zu entbOUen. Hat nicht jede echte 
Rasse ihre eigene Physiognomie, herrlich, unvergleichlich? Wie wäre 
hellenische Kunst ohne Hellenen entstanden? Wie bald hat nicht die 
eifersüchtige Feindschaft zwischen den einzelnen Städten des kleinen 
Griechenland jedem Teilchen seine eigene scharf ausgeprägte Indivi- 
dualität innerhalb des eigenen Familientypus gespendet! Wie schnell 
war das wieder verwischt, als Makedonier und Römer mit ihrer 
nivellierenden Hand über das Land hlnwegfuhren I Und wie entfloh 
nach und nach alles, was dem Wort »hellenisch^ ewigen Sinn verliehen 
hatte, als von Norden, von Osten und von Westen immer neue Scharen 
unverwandter Völker ins Land zogen und mit echten Hellenen sich ver- 
mengten! Die Gleichheit, vor der Professor Virchow seinen Bonxen- 
dienst verrichtet, war jetzt da, al!e Wälle waren geschleift, alle Grenzen 
bedeutungslos; auch war die Philosophie, gegen die sich Virchow 
im selben Vortrag so sehr ereifen, ausgetilgt und durch den aller- 
gesündestcn »Menschenverstand< ersetzt; die schöne hellenische Per- 
sönlichkeit jedoch, ohne die wir alle noch heute nur mehr oder weniger 
civilisiene Barbaren wären, — sie war verschwunden, auf e^-ig ver- 
schwunden. tCrviiitig ohliteralcs characters.i. 

Wenn nun die Männer, die über Wesen und Bedeutung der 
Rassen am gcniucsten Bescheid wissen sollten, einen so unglaublichen 
Mangel an Urteil an den Tag legen, wenn sie dort, wo reichste An- 
schauung sicherste Erkenntnis giebt. ihr hohle politische Phrasen ent- 
gegenstellen, wer soll sich denn wundern, dass ungelehrle Menschen 
viel Unsinn reden, selbst dann, wenn ihr Instinkt sie den richtigen 
Weg weist? Denn das Interesse für diesen Gegenstand ist in weiten 
Schichten geweckt, und da der Gelehrte kläglich versagt, sucht der 
Ungelcbne sich allein zu helfen. Als Graf Gobincau In den fünfziger 
Jahren sein geniales Werk über die Ungleichheit der menschlichen 
Rassen veröffentlichte, blieb es unbeachtet; kein Mensch wusste, was 
eine solche Betrachtung sollte; man stand, wie der arme Virchow, 
»ratlos vor einem Rätsele. Jetzt, am Ausgang unseres Jahrhunderts, 
ist es anders geworden : der leidenschaftlichere, treibende Teil der 
Nationen schenkt gerade dieser Frage viel Aufmerksamkeit. Aber in 
welchem Wirrwarr von Wideisprüchcn, von Irrtümern, von Wahn- 




gebUden bewegt sich die öffentliche Meinung! Man sehe doch wie 
Gobineau seine Darlegung — so cmaunlich reich an spiter besiärigten 
intuitiven Ahnungen und an historischem Wissen — auf die dog- 
matische Annahme gründet, die Welt sei von Sem, Harn und Japhei 
bevölkert worden; ein solch' klaffender Riss in dem Urteilsvermögen 
genügt, um ein derartiges Werk, trotz aller dokumentarischen Be- 
gründung, in die hybride Gattung der »wissenschaftlichen Phantasma- 
gorieent zu ver^'cben. Damit hängt dann Gobircau's weitere Wahn- 
vorstellung Eusammcn: die von Hause aus >rcinen<, edlen Rassen 
vermischten sich im Verlauf der Geschichte und würden mit jeder 
Vermischung unwiederbringlich unreiner und unedler, woraus sich 
dann notwendigerweise eine trostlos pessimistische Ansicht über die 
Zukunft des Menschengeschlechtes ergeben muss. Die erwähnte An* 
nähme beruht jedoch auf einer gänzlichen Unkenntnis der physio- 
logischen Bedeutung dessen, was man unter >Kassct zu verstehen 
hat. Eine edle Rasse Ollk nicht vom Himmel herab, sondern sie 
wird nach und nach edel, genau so wie die Obstbäume, und dieser 
Werdeprozess kann jeden Augenblick von Neuem beginnen, sobald 
ein geographisch historischer Zufall oder (wie bei den Juden) ein fester 
Plan die Bedingungen schafft. Ähnlichen Widersinnigkeiten begegnen 
wir überall auf Schritt und Tritt. Wir haben z. B. eine miclitige 
»antisemitische« Bewegung: ja, sind denn die Juden und die übrigen 
Semiten identisch ? Haben sich nicht die Juden gerade durch ihre 
Entwicklung zu einer besonderen, reinen Rasse tief differenzien? 
Ist CS sicher, dass der Entstehung dieses Volkes nicht eine wichtige 
Kreuzung voranging? Und was ist ein Arier? Wir hören so Vieles 
und Bestimmtes darüber aussagen. Dem Semiten, unter dem wir im 
gewöhnlichen Leben lediglich den Juden verstehen (was doch wenigstens 
eine durchaus konkrete, auf Erfahrung beruhende Vorstellung bedeutet)» 
stellen wir den »Aiierc entgegen. Was ist das aber für ein Mensch? 
Welcher konkreten Vorstellung entspricht er? Nur wer nichts von 
Ethnographie weiss, kann eine bestimmte Antwort auf diese Frage 
wagen. Sobald man diesen Aiudruck nicht auf die leweifclsohne mit- 
einander verwandten Indo-Eranier beschrinki, gerät man in das Ge- 
biet der ungewissen Hypothesen.') Physisch weichen die Völker, die 

*} Selbst mit dieser, so sehr cinßeschrSnkicn Bchaupiun);, die ich aus den 
besten mir beliAnnten BQchem schöpfte, scheine ii:h intiii vorau.igeseut r.a liabcn, 
als ilic Wijscnschift inii Sicherheit bchacpicn kann; denn ich lese in cmcr Spcdal- 
arbdt: Lts Arytm au nord et au tud It V Hindou-Kotueh von Chatles de Ujfalvi 



d 



368 



Die Erben. 



■wir unter den Namen »Ariert zusammentufassen gelernt haben, weit 
von einander ab; sie weisen den verschiedensten Schädelbau auf, auch 
verschiedene Farbe der Haut, der Augen und des Haares; und gesetzt, 
es habe eine gemeinsame indoeuropäische Urrasse gegeben, was kann 
man gegen das sich täglich anhäufende Material anführen, welches 
wahrscheinlich macht, dass auch andere, ganz unverwandte Typen 
von jeher in unseren heutigen sog. arischen Nationen reichlich ver- 
ireien sind, wonach man höchstens von einzelnen Individuen, mmmet 
von einem ganzen Volke sagen dürfte, es sei >arischt? Sprachliche 
Verwandtschaft liefert keinen zwingenden Beweis für Gemeinschaft 
des Blutes; die auf sehr geringe Indizien hin vorausgesetzte Ein- 
wanderung der sogenannten Indoeuropäer aus Asien stösst auf die 
grosse Schwierigkeit, dass die Forschung immer mehr Gründe zu der 
Annahme findet, die Bevölkerung, welche wir als europäische Arier 
zu bezeichnen päegen, sei seit undenkUchen Zeiten in Europa an- 
sässig;') für die umgekehrte Hypothese einer Kolonisation Indiens von 
Europa aus finden sich nicht dk geringsten Anhaltspunkte . . . kurz, 
es ist diese Frage das, was die Bergleute ein »schwimmendes Land< 
nennen ; wer die Gefahr kennt, wagt sich möglichst wenig darauf. 
Je mehr man sich hei den Fachmännern erkundigt, um so weniger 
kennt man sich aus, Ursprünglich waren es die Sprachforscher, die den 
Kollcktivbegriff »Arier< aufstellten. Dann kamen die anatomischen 
Anthropologen; die Unzulässigkeit der Schlüsse aus blosser Sprachen- 
kunde wurde dargethan, und nun ging es ans Schädelmessen; die 
Craniometrie wurde ein Beruf, sie lieferte auch eine Menge enorm 
interessanten Materials; neuerdings aber ereilt diese sog. 9Somatische 
Anthropologie! dasselbe Schicksal wie seiner Zeit die Linguistik : die 



{Paris 1896, S Ij): 'Lt Urm* d'ttryr» tsl df pure eenvtnlioH; Jet peapltt iranitK du 
nord el Ui tribus hindoau nii sud du Cautam inJUn, di^rtnt abiohimeitt cotamt tyfM 
it dtseinienl, saiu aumn dctiU, dt Atu% racn digirtnlts.i 

•) G. Schradtt (SprackvcTgltithung und VrgeicMchte), der di« Frage mehr vom 
rcio linguistischen Siandpwnkt aus midiert hat, gelangt iu dem Schlusst »die uralte 
.\nsä»siglcdi der Indogciniäncn in Europa ist erwiesen«; Johanne* Ranke (Der Mrwchj 
meint, CS sei nunmehr erhirtet, dus wenigsieni ein ((taiscj 'l*ci] der Bcvölkorung 
Europas Khon lur Sicinicii •Arier gewesen sind«; und Virchow, dessen Autoriut 
aul anthropologischem Gebiete um so grösser iX, aU er unb«dingTca Respekt für 
Thaisadien beweist, und nicht wie Huxley und manclic Andere dar winis tische Luft- 
schlösser audiaut, Virchow meint, maji könne nach dem anatomisclien Befund die 
Behauptung aufsielten: >Die ältesten Troglodyien Europas seien vom arischen Stamme 
gcwcacDl* (oadi Ranke: Dtr hUnuh, U, J7& citictt). 





Ethnographen haben zu reisen und wisscnschaftlich-planmässige Be- 
obachrungen im lebenden Menschen m unternehmen begonnen 
und dabei dargethan, dass der Knochen m essung durchaus nicht die 
■Wichtigkeit zukommt, die man ihr beirutegen pflegte ; einer der be- 
deutendsten Schüler Virchow's ist zu der Überzeugung gelingt: der 
Gedanke, durch Schadelmessungen Probleme der Völkerkunde zu lösen, 
sei unfruchtbar.') Diese ganze Entwickelung hat in der zweiten Hälfte 
unseres Jahrhunderts suttgefunden ; wer weiss, was man im Jahre 1950 
über den »Arieri lehrt? Heute jedenfalls, ich wiederhole es, kann der 
Laie nur schweigen.^] Schlägt er aber bei einem der bekannten 
Fachmänner nach, so wird er belehn, die Arier »seien eine Erfindung 
der Studierstube und kein Urvolk«,3) erkundigt er sich bei einem 
anderen, so wird ihm geantwortet, die gemeinsamen Merkmale der 
Indoeuropler, vom Atlantischen Ozean bisnich Indien, seien genügend, 
um die thaisächlichc Blutsverwandtschaft ausser allen Zweifel 
zu stcllen.4). 

Ich hoffe in diesen zwei Absätzen die grosse Konfusion ver* 
anschaultchi zu haben, welche unter uns heute in Bezug auf den 
Begriff iRasse« besteht. Diese Konfusion ist nicht nötig, d. h., bei 



■} Ehreiuei<h; Antkrop^hgitch* Sittditn ähtr di4 Urbftvohntr Bratilitns (1897). 

•) Wenn ich in diesem Buche das Won Arier gebrauche, to tliuc ich es in 
dem SioDC des ursprünglicKen Sitiiskiitv.'artcs ärya := »eu den Freuaden gehArigi, 
ohne nüch zu frftcnd einer Hypothese 2U verpflichten. Die Verwandachafi im Denken 
und im FühlcD bedeuiet auf olle Fälle eine Zusammcngehärigkcit (Vgl iat S. lai, 
Annierk. 1 üesagie). 

1) R. HutnuDD: Dit NterHitr (1876) S. lii. Ahalich Luschan und viele 
Forsdicr. Stlomon Rdnach i. B. {L'originf dei Arytns, ]892. S. 90) schreibt: »Parier 
d'tttit race aryenne i'il y a trais millt ans, <^iit imeltre une hypvlklse sraluitt: rn parier 
eotnmt si tllt exirtait tnnrt atijouri'hii, c'tst dirt !6tiS titnfrtetnmi tint absurdiU.i 

Friedrich RaUcl, Jobaniitrs Ranke, Paul Ehrenreich u. s. w. Überhaupt die 
Dcueren, vielgereisten Ethnographen. Jedoch geschieht d*s mit vielen Schwaniiungen, 
da die Verwandtschaft nicht noi wen d!g<rr weise auf gcniciniatncn Ursprung, sondern 
auch auf Krcuiung beruhen liftnntc. Rauel t. B., der an einer Stelle die Ein- 
heitlichkeit der gesamten indocuropiüschcn arischen Rauc positiv behauptet (siebe 
LilStraritcius Cfntralblatl. 1S97, S. 1395) sa^ an einer anliefen (If'ölkerhmii, 1895, 
II., 7ti): >dic .\niiahn^c, dass alle diese Völker einerlei Ursprungs seien, ist nicht 
QOtwcodig oder wahrscheinlich.« — Sehr bemerkenswert Ist es, dass auch die Leugner 
der arischen Rasse oichtsdesiowcniger immcrfon von ihr sprechen; ab tworUng 
i^pothtsit' können lie sie nicht enibcbiea. Selbst Keinacb redet, nachdem er nach- 
gewiesen hat, eine arische Rasse habe es niennals gegeben, spAicr doch in einem 
unvorsichtigen Augenblick von dem >gem«inMmcn Ursprung dei Seinitea und der 
Ann* (a. a. 0-, S. 98). 




3?« 



Die Erben. 



uns prakrischcn, handelnden, dem Leben angehörigen Minnern nichL 
Und zwar darum nicht, weil wir, um die Lehren der Geschichte zu 
deuten und um, im Zusammenhang hiermit, unsere Gegenwart zu 
begreifen, gar nicht nach verborgenen Ursprüngen und Ursachen zu 
forschen brauchen. Schon hn vorigen Abschnitt habe ich Goethe's 
Worte angeführt: i-Lebhafte Frage nach der Ursache ist von grosser 
Schädhchkcit.t Was klar vor Aller Augen liegt, genügt schon, wenn 
nicht für die Wissenschaft, so doch für dis Leben. Die Wissenschaft 
freilich muss ihren dornigen, doch ewig reizvollen Weg weilerwandeln; 
sie gleicht einem Bergsteiger, der jeden Augenblick die höchste Kuppe 
zu erreichen wähnt, sobald er sie aber betritt, eine noch höhere ent- 
deckt Doch ist das Leben an diesen wechselnden Hypothesen nur 
ganz indirekt beteiligt. Eine der verhängnisvollsten Verirrungen unserer 
Zeit ist die, welche uns dazu treibt, den sogenannten «Ergebnissen* 
der Wissenschaft ein Übergewicht in unseren Urleilen einzuräumen. 
Gewiss kann Wissen aufklärend wirken, das ist aber nicht immer 
der Fall, namentlich deswegen nicht, weil dieses Wissen ewig auf 
schwanken Füssen steht. Wie können denn einsichtsvolle Menschen 
bezweifeln, dass vieles, was wir heute zu wissen wähnen, in too, 
200, 500 Jahren als krasse Ignoranz belächelt werden wird? Manche 
Thatsachen mögen freilich schon heute als endgültig sichergestellt 
betrachtet werden ; neues Wissen rückt aber dieselben Thatsachen in 
ein ganz neues Licht, verbindet sie zu früher nicht geahnten Figuren, 
verrückt sie in der Perspektive; das Urteil nach dem jeweiligen Stand 
der Wi.sscnschaft richten, ist dasselbe, als wenn ein Maler die Welt 
durch ein durchsichtiges, ewig wechselndes Kaleidoskop, statt mit 
dem blossen Auge betrachten wollte. Reine Wissenschaft (im Gegen- 
sMz zur industriellen) ist ein edles Spielzeug; ihr grosser, geistiger 
und sittlicher Wen beruht zum nicht geringen Teil gerade darauf, 
dass sie nichts »nützt<; in dieser Beziehung ist sie der Kunst durch- 
aus analog, sie bedeutet das nach aussen gewandte Sinnen; und da 
die Natur unerschöpflich reich ist, führt sie dadurch dem Inneren 
immer neues Material zu, bereichert dessen Inventar an Vorstellungen 
und bereitet der Phantasie eine neue Traumwelt als Ersatz für die 
allmählich verblassende alte.') Das Leben dagegen, rein als solches, 

•) In ähnlicher Webe duuen sich der Physiker Lichtenberg; »Die Naiurlelire 
in, für mich wcniipicni, eine An von sinkiHg /und (Tilgunf;:ifond} für die Religion, 
wenn die voxwiwij;c Veniunfl Schulden nueht.« (FrtgmnttariuJit Bitmrtunim über 
phyiiialischt Geiemtänät, i%.) 



i 



Das Völkerchaos. 



371 



ist ein anderes Wesen als das systematische Wissen, ein weit stabileres, 
fester gegründetes, umfassenderes; es ist eben der InbegrifT aller 
Wirklichkeit, während selbst die präziseste Wissenschaft schon das 
verdünnte, verallgemeinerte, nicht mehr unminelbare Wirkliche dar- 
stellt. Ich verstehe hier unter Leben, was man sonst wohl auch 
»Naturt nennt, wie wenn zum Beispiel die tnodcmc Medizin lehn: 
durch das Fieber befördert die Natur den Stoffwechsel und verteidigt 
den Menschen gegen die Krankheit, die ihn beschlichen hatte. Die 
Natur ist eben, was man iselbstwirkend« nennt; ihre Wurzeln reichen 
unendlich tiefer hinunter, als bis wohin das Wissen wird jemals 
gelangen können. Und so meine ich nun, dass wir — die wir als 
denkende, vielwissende, kühn träumende und forschende Wesen, doch 
gewiss eben solche integrierende Bestandteile der Natur sind wie alle 
anderen Wesen und Dinge und wie unser eigener Leib — mit grosser 
Zuversicht uns dieser Natur, diesem Leben anvertrauen dürfen. Wenn 
auch die Wissenschaft uns an gar vielen Stellen im Stiche lässt, wenn 
sie, wetterwendisch wie ein moderner Parlamentspohtikcr, heute vcr* 
Jacht, was sie gestern als ewige Wahrheit lehne, das darf uns nicht 
beirren ; so viel wir zum Leben brauchen , werden wir schon 
erfahren. Überhaupt ist die Wissenschaft eine zwar herrliche, doch 
nicht ungefährliche Freundin; sie ist eine grosse Gauklerin und ver- 
führt den Geist leicht zu toller Schwärmerei; Wissenschaft und Kunst 
sind wie die Rosse an Plato's Seclcnwaf^en, der »gesunde Menschen- 
verstand* {um dessen Verlust Professor Virchow klagte) bewährt sich 
nicht zum wenigsten darin, dass er die Zügel strafi' spannt und diesen 
edlen Tieren nicht gestattet, mit seinem natürlichen, gesunden Urteil 
durchzugehen. Einfach vermöge unserer Eigenschaft als lebendige 
Wesen steckt in uns eine unendlich reiche und sichere Fähigkeit, 
dort, wo es Kot ihuc, auch ohne Gelehrsamkeit das Richtige zu 
treffen. Wer unbefangen und mit lauterem Sinn die Natur befragt — 
idie Mütterf, wie sie die alten Mythen nannten — kann sicher sein, 
eine Antwort zu erhalten, wie sie eine Mutter ihrem Sohne giebt, 
nicht immer logisch untadelhaft, doch wesentlich richtig, verständlich 
und auf das Beste des Sohnes mit sicherem Instinkte gerichtet. So 
auch in der Frage, was Rasse /.u bedeuten habe: eine der wichtigsten, 
vielleicht die allcrwichügste Lebensfrage, die an den Menschen heran- 
treten kann. 

Unmittelbar überzeugend wie nichts anderes ist der Besitz von 
>Ras5et im eigenen Bcwusstsetn. Wer einer ausgesprochenen, 



DcdnilBDg 
•OD Rum, 



«7» 



Die Erben. 



reinen Rasse angehört, empfindet es täglich. Die Tyche seines 
Stammes weicht nicht von seiner Seite: sie trägt ihn, wo sein Fiiss 
wankt, sie warnt ihn, wie der Sokraiische Daimon, wo er im Begrifle 
steht, auf Irrwege zu geraten, sie fordert Gehorsam und zwingt ihn 
oft zu Handlungen, die er, weil er ihre Möglichlteit nicht begriff, 
niemals zu unternehmen gewagt hätte. Schwach und fchlervoll wie 
alles Mettschliche, erkennt ein solcher Mann sich selbst (und wird 
von guten Beobachtern erkannt) an der Sicherheit seines Charakters, 
soviie daran, dass seinem Thun eine eigenartige, einfache Grösse zu 
eigen ist, die in dem bestimmt Typischen, Überpersönlichen ihre Er- 
klärung findet. Rasse hebt eben einen Menschen über sich selbst 
hinaus, sie %'erleiht ihm ausserordentliche, fast möchte ich .ugen über- 
natürliche Fähigkeiten, so sehr zeichnet sie ihn vor dem aus einem 
chaotischen Mischmasch von allerhand Völkern hervorgegangenen 
Individuum aus; und ist nun dieser edel gezüchtete Mann zufällig 
ungewöhnlich begabt, so stärkt und hebt ihn die Rassen an gehörigkeit 
von allen Seiten, und er wird ein die gesamte Menschheit überragendes 
Genie, nicht weil er wie ein flammendes Meteor durch eine Laune 
der Natur auf die Erde herabgeworfen wurde, sondern weil er wie 
ein aus tausend und abertausend Wurzeln genährter Baum, stark, 
schlank und gerade zum Himmel emporwächst — kein vereinzeltes 
Individuum, sondern die lebendige Summe ungezählter, gleichgerichteter 
Seelen. Wer ein offenes Auge besitzt, erkennt ja bei Tieren >Rassec 
sofort. Sie zeigt sich an dem ganzen Habitus und bekundet sich in 
huodcn Einzelheiten, die sich der Analyse entziehen; ausserdem be- 
wähn sie sich in den Leistungen, denn ihr Besitz führt immer zu 
etwas Excessivem, Ungewöhnlichem, ja, wenn man will, zu Übcr- 
mebcncm und Einseitigem. Man kennt Goeihe's Behauptung: Einzig 
das Überschwängliche mache die Grösse;') das ist es, was eine aus 
vorzüglichem Material gezüchtete Rasse den Indinduen verleiht : ein 
Überschwengliches. Und wahrlich, was jedes Rennpferd, jeder rein 
gezüchtete Fuclisterrier, jedes Cochinchinahuhn uns lehrt, das lehn 
uns die Geschichte unseres eigenen Geschlechtes mit beredter Zunge! 
Ist nicht die Blüte des hellenischen Volkes ein Überschwengliches 
sondergleichen? Und sehen wir dieses Überschw angliche nicht erst 
entstehen, als die Zuzüge aus dem Norden aufgehört haben und die 



>) MatgriüiUn xvr G*ickithU dir Farbnlehre. Abschnitt <ibei Ncwion's !'«■• 
sönUclikdt. 




Das Völkerchaos. 



ayj 



verschiedenen kräftigen Stämme auf der Halbinsel nuomchr abge- 
schlossen zu einer neuen Kasse verschmelzen, reicher und scbillcmdcr 
dort, wo das verwandte Blut aus verschiedenen Quellen zusammen- 
floss, wie in Athen, einfacher und widerstandsfähiger, wo selbst dieser 
Vermischung ein Riegel vorgeschoben worden war, wie in Lake- 
dänion? Wird die Rasse nicht wie ausgelöscht, sobald das Schicksal 
das Land aus seiner stolzen Exklusivität losreisst und es einem 
grösseren Ganzen einverleibt?') Lehrt nicht Rom dasselbe? Sehen 
wir nicht auch hier aus einer besonderen BlutmischuDg') eine durch- 
aus neue Rasse her\'orgehen, keiner späteren in Anlagen und Fähig- 
keiten ähnlich, mit übcrschwängÜchcr Kraft begabt? Und vollbringt 
Dicht hier der Sieg, was dort die Niederlage vollbrachte, nur noch 
viel schneller? Wie ein Katarakt stur::! das fremde Blut in das fast 
entvölkerte Rom und alsbald haben die Römer aufgehört zu sein. 
Wäre von allen Semiten ein einziges winziges Völkchen zu einer die 
Weh umspannenden Macht geworden, wenn nicht die Reinheit der 
Rasse sein unerschütterliches Grundgesetz gebildet häne? In Tagen, 
wo so viel Unsinn über diese Frage geredet wird, lasse man sich von 
Disraeli belehren, dass die gan7e Bedeutung des Judcnmms in der 
Reinheit seiner Rasse liege, diese allein verleihe ihm Kraft und 
Bestand, und wie es die Völker des Altertums überlebt habe, so 



■) Dui dies«« Autlöi<üien nur allmählich gtüchih, und twär trort «incr 
politischen Siiuation, dJc eigentlich, wenn hier nicht Euscoaalagcn bcstininicnd 
gewesen wiren, du HellcDUfhc jofon hüte aus der Welt atmügco mOuen, iit 
bekannt. Bis weit in die chmtlicbc Zeit hinein Mi«b Aihm der Mittclpunki des 
geistigen Lcbcni der Measdihcit; AlexandHeii machte zwar mehr von sich reden, 
dafür sorgte das stailie semititche Kontingent: wer at>er ernstlich studieren wollte, 
reiste nach Athen, bb chiütHchc Bcschrinlilhcit im jAhte Si$ die dortigen Sdiulcn 
auf immer schlotj, und wir erfahren, liass noch damals selbu der Mann aus dem 
Vulkc sich in Athen »lurch die Lebhaftigkeit seines Geistes, die Korrelithcii der 
Sprache, und die Sicherheit des Gesdimadtes auszeichnete«. (Gibbon, Kap. 40.) 
Bint ausfalirliche und in ihrer lilaibdl höchst fesselnde Darlegung der allmählichen 
Vernichtung der hellenischen Rasse durch fremde Einwanderung find« msn in 
George Finlay: Meiieval Gruct, ch I. Kachctnunder waren rämische Soldaten- 
kolonien ituü allen Teilen des Imperiums, dann Kelten, Germanen, Stavonier, 
Bulgaren, U'alLiclicn, Albancsen u. s. w. in das t^nd gezogen unJ hatten sich mir 
der uriprOnglichen Bevölkerung vermischt Die Zakonen, die noch im ij. Jahr- 
hundert uhlrddi waren, )Ct£i aber Jasi gana ausgestorben sind, sollen die einzigen 
Kinca Hellenen sein. 

■) Vcrgl- S. IJ5. Anm. 

ChuBUtJsiB, CnraJUf« Jet XIX. J.hrimndwB. (g 



»74 



Die Erben. 



werde CS, dank seiner Kenntnis dieses Nanirgesewes, die sich ewig 
vermischenden Stämme der Gegenwart überleben.') 

Was sollen uns die weiiläufigcn wissenschaftlichen Unter- 
suchungen, ob es unterschiedliche Rassen gebe? ob Rasse einen Wert 
habe? wie das möglich sei und so weiter? Wir kehren den Sptcss 
um und sagen; dass es welche gicbt, ist evident; dass die Qualität 
der Rasse entscheidende Wichtigkeit besitzt, ist eine Thatsache der 
unmittelbaren Erfahrung; Euch kommt nur zu, das Wie und das 
Warum zu erforschen, nicht Eurer Unwissenheit zuliebe die That- 
sachen selbst abzuleugnen. Einer der bcdeuicndstcn Ethnologen des 
beutigen Tages. Adolf Bastian, bezeugt: >Was wir in der Geschichte 
bemerken, ist keine Umwandlung, kein Obergehen der Rassen inein- 
ander, sondern es sind neue und vollkommene Schöpfungen, 
die die ewig junge Produktionskraft der Natur aus dem Unsichtbaren 
des Hades hervortreten lässt.c*) Wer die Ideine Strecke von Calais 
nach Dover zurückgelegt hat, glaubt sich auf einem anderen Gestirn 
angekommen, so tief ist der Unterschied z*'ischen den doch so 
vielfach verwandten Engländern und Franzosen. Zugleich kann der 
Beobachter an diesem Beispiel den Wen der reineren »Inzüchtungc 
kennen lernen. England ist durch seine Insellage so gut wie ab- 
geschnitten; die letzte (nicht sehr zahlreiche) Invasion fand vor 
800 Jahren statt, seitdem sind nur einige Tausend Niederländer, 
später einige Tausend Hugenotten hinübergesiedelt (alles Stammes- 
verwandte), und so ist die augenblicklich unzweifelhaft stärkste 
Rasse Europas gezüchtet worden.3) 

Die unmittelbare Erfahrung bietet uns aber eine Reihe ganz 
andersgearteter Beobachtungen über Rasse, durch dJc wir nach und 
nach unser Wissen erweitern und bestimmter gestalten können. Im 



') Siebe dit Romane Tancrri und Conin^hy. In Ictnercin sagt 5td«nta: >Ra»se 
ist alles; et giebt keine andere Wahrheit. Und jede Rasse tnuss lu Grunde gehen, 
die ihr Blut sort;lo$ Vcmiiichungcn l>ii]gicbt.< 

■) Das BiJldndigt in dm Mmuhtnraiun iini dit Spidumti ihrer yerdnderUch' 
ktit, 1868, S. 2^. 

J) Hier wlre luch Japan ta nennen, wo ebenfalls eine glückliche Ver* 
inischung und nachher inscUiafte Abgeschiedenheit lui Bildung einer sehr merk- 
wflTiJigeT] Rasse gvfQhtc hat, viel stürker und (innerhalb der monf^loiden Möglich- 
keicuphiie) viel tiefcT bcanlagt als die meiste» EuropScr es ahnen. McUelcfat die 
diuDgen BQcher, in denen man die {«[Minische Seele keimen lemt, »ind die des 
Lafcadio Hcarn: Kohro, hinis and ethoes ef Japanese inntr Ufe; GUaniitj^ in 
Buddha ßelds; u. A. 



i 




f 



Gegensatz zu der neuen, werdenden, angelsächsischen Rasse, s«he 
man sich zum Beispiel die Sephardim an, die sogenannten > spanischen 
Juden* ; hier erfährt man, wie eine echte Rasse sich durch Reinheit 
Jahrhunderte, ja Jahrtausende hindurch edel erhalten kann, zugleich 
aber, wie sehr es not thut, zwischen den wirklich edel gezüchtctCD 
Teilen eines Volkes und den übrigen zu unterscheiden. In England, 
Holtand und Italien gicbt es noch echte Sephardim, wenige aber, da sie 
der Vermengung mit den Aschkenazim (den sogenanten i deutschen 
Judenc) kaum mehr ausweichen können. So haben zum Beispiel die 
Montefiorcs der jetzigen Generation alle ohne Ausnahme deutsche 
Jüdinnen geheiratet. Jeder aber, der im Osten von Europa gereist 
ist, wo die unverfilschien Sephardim noch heute jeglichem Verkehr 
mit deutschen Juden, vor denen sie einen fast komischen Abscheu 
an den Tag legen, möglichst aus dem Wege gehen, wird mir bei- 
stimmen, wenn ich sage, dass man erst durch den Anblick und den 
Verkehr mit diesen Männern die Bedeutung dies Judentums in der 
Weltgeschichte begreifen lernt. Das ist Adel im vollsten Sinne des 
Wortes, echter Rassenadel I Schöne Gestalten, edle Köpfe, Würde 
im Reden und Gebahren. Der Typus ist »semitisch« in demselben 
Sinne wie der gewisser, vornehmer syrischer oder arabischer Männer. 
Dass aus solcher Leute Mitte Propheten und Psalmisten hervorgehen 
konnten, das verstand ich beim ersten Anblick, was mir, aufrichtig 
gestanden, selbst bei der genauesten Betrachtung der vielen hundert 
Bocbcrs in der Friedrichstrasse zu Berlin nie hatte gelingen wollen. 
Wenn wir in den heiligen Büchern der Juden Umschau halten, so 
sthen wir auch, dass die Umbildung des Monopolytheismus dieses 
Volkes zu der immerhin grossartigen (wenn auch für unser Gefähl 
zu mechanisch-materialistischen) Vorstellung eines wirkUchen kos- 
mbchen Monotheismus das Werk nicht der Gesamtlieit, sondern eines 
ganz kleinen Bruchteiles der Bevölkerung ist; ja, diese Minorität hat 
einen unaufhörlichen Kampf gegen jene Majorität zu führen, und sie 
muss ihr die edlere Lebensauffassung mit Macht aufzwingen, d. h. 
mit der höchsten menschlichen Gewalt, der Macht der Persönlichkeit. 
Die öbrige Bevölkerung macht den Eindruck einer ungewöhnlich 
gemeinen, jeder höheren Regung baren Masse, die Reichen hart und 
ungläubig, die Armen wankelhaft und stets voll der Sehnsucht, sich 
dem erbärmlichsten, schmutzigsten Götzendienst in die Arme zu 
werfen — oder es müssicn die Propheten stark übertrieben haben. 
Der Gang der jüdiscbeu Geschichte hat nun für eine eigentümliche 



47» 



Die Erben. 



Zuchtwahl der moralisch höher Sicheodcn gesorgt: durch die Exilc, 
durch die forcwihrcodc Ausscheidung in die Diaspora, welche eine 
Folge der Armut des Landes und der bedrängten Lage war. blieben 
(voQ den besseren Klassen) nur die gesinnungstreuesten zurück, und 
diese perhorrescierten jegliche eheliche Verbindung — auch mit 
Juden I — in welcher nicht beide Teile die ungetrübt reine Ab- 
stammung aus einem der Stämme Israels danhun konnten und deren 
strenge Orthodoxie nicht über jeden Zweifel erhaben war.') Da 
blieb denn keine sehr grosse Auswahl; denn die nächsten Nachbarn, 
die Samaritancr, waren heteredox, und in den ferneren Landestcilen 
war, ausser bei den getrennt sich haltenden Leviten, die Bevölkerung 
vielfach stark gemischt. Auf diese Art wurde dort Rasse gezüchtet. 
Und als nun die endliche Zerstreuung kam, wurden diese einzigen 
echten Juden alle, oder fast alle, nach Spanien übergeführt. Da die 
klugen Römer nämUch sehr wohl zu unterscheiden wussteo, versetzten 
sie diese gcfihrlichen Fanatiker, diese stolzen Männer, deren blosser 
Blick Gehorsam von der Menge erzwang, aus ihrer östlichen Heimat in 
den fernsten Westen,') wogegen sie das jüdische Volk ausserhalb des 
engeren Judäa nicht mehr belästigten als die Juden der Diaspora.3) — 
Da haben wir nun wieder einen höchst interessanten Anschauungs- 
unterricht über Entstehung und Wert einer »Rasset! Denn von allen 
den Menschen, die wir gewohnt sind als J u d c n zu bezeichnen, 
stammen verhältnismässig wenige von jenen echten, grossen Hebräern, 
vielmehr sind e.s die Nachkommen der Juden aus der Diaspora, Juden, 
die nicht die letzten grossen Kämpfe; ja, zum grossen Teil nicht 
änmal die Makkabüerzeii mitgemacht hatten; diese und dann das 
arme, in Palastina zurückgebliebene Landvolk, das später in christlichen 
Zeiten vertrieben wurde oder flüchtete, das sind die Leute, von denen 
tunsere Juden« abstammen. Wer nun durch den Augenschein kennen 
lernen will, was edle Rasse ist und was nicht, der lasse sich aus 

^ Uneheliche Kinder wcrdco bei gläubigen Juden gar nicht in die Gctneindc 
«nrgciiaminen Bei deu heutigen Sepliardim im Outa Eufopu, wird ein Mädirhen, 
von welcliem m ruchbar wird, dass sie gcfelilt hat, (ofort von BevoUniächügica 
der Gemeinde in ic^cnd da fremdes Land Rcföhrt und dort unlcrgebrachi; weder 
sie noch ihr Kind darf je wieder cm-as von Mch hären la.ucn, sie flehen als gesioibeit. 
Auf diese An wird daiQr gesorgt, dass auch die blinde Liebe nicht fremdes Blut in 
den Summ hineinbringe. 

*} Siehe t. 0. GraeU: a. a. O., Kjp- 9, >Dcr diaspcrische Zeitraum*. 

3) In Tiberifls t. B. bestand Jihrhundenc lang eine ton.ingebende R.-ibbiner- 
scluile. (Über die Veredlung der Sephudim durch Gothcnblut, siehe die Kachtri^e-) 



i 




Salonichi oder Sarajevo den ärmsten der Sephardim holen (grosse 
Reichtümer sind unter diesen Leuten sehr sehen, denn sie sind 
makellos ehrenhaft) und stelle ihn neben einen beliebigen Baron 
Rothschild oder Hirsch hin : dann wird er den Unterschied gewahr 
werden zwischen dem von einem Monarchen oktroyierten Adel und 
dem durch Rasse verliehenen. 

Weitere Beispiele Hessen sich in Hülle und Fülle beibringen, di* la^r 
Ich glaube aber, wir haben schon jetzt alles beisammen, was nötig ^«ttjgonie. 
ist, um unser Wissen über Rasse systematisch zu analysieren und so 
die Grundprinzipien zu einem bewusscen, sachgemitssen Urteil zu 
gewinnen. Wir schliesscn hier nicht von hypothetischen Urzuständen 
auf mögliche Folgen, sondern wir schreiten von sicheren Thatsachen 
auf ihre unmittelbaren Ursachen zurück. Die Ungleichheit der An- 
lagen selbst zwischen offenbar nahe verwandten Stämmen ist evident; 
ausserdem ist aber für Jeden, der genauer beobachtet, ebenso evident, 
dass hier und dort, während längerer oder kürzerer Zeit, ein Stamm 
sich nicht allein von den anderen unterscheidet, sondern sie mächtig 
überragt, weil in ihm ein Überschwänglichcs an Begabung und 
Leistungsfähigkeit sich kundgicbt. Dass dies auf Rassenzüchtung be- 
ruht, habe ich durch die vorangehenden Beispiele anschaulich zu 
machen versucht. Was sich aus diesen Beispielen (die jeder beliebig 
vermehren mag) ergiebt, gestattet nun die Entstehung solcher edler 
Rassen als von fünf Naturgesetzen abhängig zu erkennen. 

I. Die erste, grundlegende Bedingung ist unstreitig das Vor- 
handensein vortrefflichen Materials. Wo es nichts giebt, verliert 
der König seine Rechte. Wenn Jemand aber fragt, woher kommt 
dieses Material? so antworteich, ich wei.*^5 es nicht, ich bin in dieser 
Beziehung ebenso Ignorant als wäre ich der grösste aller Gelehrten, 
und ich verweise den Frager auf die Worte des erhabenen Weltweiseo 
unseres Jahrhundens, Goethe: >Was nicht mehr entsteht, können 
wir uns als entstehend nicht denken. Das Entstandene begreifen 
wir nicht<. Soweit unser BUck zurückreicht, sehen wir Menschen, 
sehen, dass sie grundverschieden In ihrer Anlage sind und sehen, dass 
Einige kraftigere Wachsturaskeime zeigen, als andere. Nur Eines 
kann man, ohne den Boden historischer Beobachtung zu verlassen, 
behaupten; hohe Vortrefflichkeit tritt nur durch die Veranlassung 
besonderer Umstände nach und nach in die Erscheinung, sie wichst 
durch erzwungene Bcthätlgung; andere Umstände können sie g-änzlicb 
verkümmern lassen. Der Kampf an dem ein von Hause aus schwaches 



578 



Die ErbcD. 



Menschenmiterial zu Grunde geht, stählt das starke; ausserdem stärke 
der Kampf ums Leben dieses Starke durch Ausscheidung der 
schwächeren Elemente. Die Kindheit grosser Rassen sehen ^^ir stets 
von Krieg umtobt, selbst die der metaphysischen Inder. 

a. Das Vorhandensein wackerer Menseben giebt jedoch noch 
lange kein Überschwängltclies; solche Rassen wie die Griechen, die 
Römer, die Franken, die Schwaben, die Italiener und Spanier der 
Glanzzeit, die Mauren, die Engländer, solche abnorme Erscheinungen 
wie die arischen Inder und die Juden entstehen nur durch fortgesetzte 
Iniucht. Sie entstehen und sie vergehen vor unseren Augen. 
Inzucht nennt man die Erzeugung von Nachkommenschaft aus- 
schliesslich im Kreise der engeren Stammesgenossen mit Venneidung 
jeder fremden Bluimischung. Schlagende Beispiele habe ich schon 
oben genannt- 

3. Jedoch die Inzucht pure a simple reicht zu dem Werke 
nicht hin; mit der Inzucht muss Auswahl oder wie die Fachmänner 
sagen »Zuchtwahlc Hand in Kand gehen . Am besten begreift 
man dieses Gesetz, wenn man die Prinzipien der könsthchen Züchtung 
im Pflanzen- und Tierreich studiert; das möchte ich auch Jedem an- 
empfehlen, denn es giebt wenige Dinge, welche unsere Vorstellungen 
von den plastischen Möglichkeiten des Lebens so bereichern.') Hat 
man nun einsehen gelernt, welche Wunder die Wahl vollbringt, wie 
ein Rennpferd oder ein Dachshund oder ein lüberschwängliches* 
Chrysanthemum nach und nach durch sorgfältige Ausscheidung alles 
Minderwertigen erzeugt wird, dann wird man das selbe Phänomen 
auch im Menschengeschlecht als wirksam erkennen, wenngleich es 
hier natürlich nie mit der Klarheit und Bestimmtheit wie dort auf- 
treten kann. Als Beispiel führte ich vorhin die Juden an; das Aus- 
setzen schwächlicher Kinder isx ein weiteres und war jedenfalls eines 
der segenvollstcn Gesetze der Griechen, Römer und Germanen; harte 
Zeiten, welche nur der stämmige Mann, das ausdauernde Weib über- 
lebt, wirken in ähnlichem Sinne.») 



') Die Littcraiur ist enorm; wegen der Hnlächheit, Verstindlichlcrit uad um- 
fiiSKodcn Vicbdtigkeit tct )edem Laien vor Allem D«rwin'ti Antmals and Ptontt 
under Dontiücatioit empfohlen. Im Origin of ^citi bt Qbei das selbe Thenu etwas 
111 kim und tcndcnxiäi beachtet. 

■) Dau lum Bnspid die viele Jahr hundcnc umfassende Epoche der Wanderung 
im Sinne einer xunchiiicod >-credclndcn Zuditwahl aui die Ccirnanen hat mrkcn 
müssen, veraoiduulicbt Jheriiig tiüt besonderer Khrhdl (VoTgtainchu, S. 463 fg-)- 



P 



Das Völkerchaos. 



«79 



^ 



r 



4. Wenig beachtet wurde bisher ein weiteres Grundgesetz, 
welches mir mit voller Sicherheit aus der Geschichte hervorzugehen 
scheint, ebenso wie es eine Erfahrungsthatsache der Tierzüchtung 
ist: dem Entstehen ausserordentlicher Rassen geht ausnahmslos eine 
Blutmischung voraus. Wie der scharfsinnige Denker, Emersoo, 
sagt: ypf^t are püjufd unth pure drjcent, bul nniurt loves inocuhtüm.* 
Von den arischen Indern können wir freilich in dieser Beziehung 
nichts aussagen, ihre Vorgeschichte verliert sich in zu nebelhaften 
Femen; dagegen liegen betreffs der Juden, Hellenen und Römer 
die Thatsachen vollkommen klar vor Augen, nicht minder klar 
in Betreff aller Nationen Europas, die sich durch Gesamtleistungen 
und durch die Hervorbringung einer grossen Zahl iQberschwänglich« 
begabter Individuen ausgezeichnet haben. Bezüglich der Juden ver- 
weise ich auf das folgende Kapitel, bezüglich der Griechen, d^r Römer 
und der Engländer habe ich schon öfters auf diese Thatsachc hin- 
gedeutet,') jedoch, ich möchte den Leser ersuchen, es sieb die Mühe 
Dicht vcrdricssen zu lassen, in Curtius und in Mommsen jene Kapitel 
am Anfang, die man wegen der vielen Namen und des wirren 
Durcheinanders gewöhnlich mehr durchblättert als studiert, doch ein- 
mal aufmerksam zu lesen. Nie hat eine so gründliche und günstige 
Vermischung stattgefunden, wie in Griechenland: aus einem gemein- 
samen Urscock hervorgegangen, bilden sich in durch Berge oder Meere 
gi^ennten Ebenen charakteristisch unterschiedene Stämme, jagende, 
friedlich Ackerbau treibende, seefahrende u. 5. w.; und nun findet 
unter diesen differenzierten Bestandteilen ein Durchcinandcrschiebcn, 
eine Vcrmcngung stan, wie sie ein künstlich züchtender Verstand 
sich nicht vollkommener ausgerechnet haben könnte. Wir haben 
zunächst Wanderungen von Osten nach Westen, später umgekehrt 
von Westen nach Osten über das Ägäische Meer hinüber; inzniscben 
sind aber die Stämme des äussersten Nordens (in erster Reihe die 
Dorier) bis nach dem äussersten Süden vorgedrungen, wobei sie viele 
der Edelsten, die sich nicht unterjochen lassen wollten, aus diesem 
Süden nach jenem Norden, aus dem sie selbst eben gekommen waren, 
oder auch über das Meer auf die Inseln und nach der hellenischen 
Küste Asiens hinüberdrängten. Eine jede dieser Verschiebungen be- 
dingte aber Blutmischung. So zogen zum Beispiel die Dorier nicht 
alle nach dem Peloponnes, sondern Teile von ihnen blieben an jeder 



■) Siebe aamcatlich S. t)S, iji uad weher unten S. 2S6 a. 3$3. 



L 



Die Erben. 



Station ihrer langsamen Wanderungen haften und verschmolzen dort 
mit den früheren Einwohnern. Ja, diese ursprünglichen Dorier selber, 
die uns als ein besonderes einheitliches Ganzes vorschweben, wussten 
in alter Zeit, dass sie aus drei verschiedenen Stämmen zusammen- 
gesetzt waren, von denen der eine ausserdem der Stamm der Pam- 
phylen hiess, d. h., »der Stamm der Leute von allerlei Herkunft«. 
Wo die glücklichste Mischung vor sich ging, da entstand die über- 
schwSngtichste Begabung: in Ncu-Ionicn und in Anika. In Neu- 
lonien »kamen Griechen zu Griechen, es kamen lonicr in ihre alte 
Heimat, aber sie kamen so umgewandelt, dass aus der neuen Ver- 
einigung des ursprünglich Verwandten eine durchaus nationale, aber 
zugleich ungemein gesteigerte, reiche und in ihrem Ergebnisse voll- 
ständig neue Eniwickelung in dem alten lonierlandc anhebe Am 
lehrreichsten ist aber die Entstehungsgeschichte des anischcn, speziell 
des athenicnsischen Volkes. Gerade in Attika (wie sonst einzig in 
Arkadien) blieb die ursprüngliche pelasgischc Bevölkerung festhaften, 
»sie wurde niemals von fremder Gewalt ausgeiricbenc. Das zum 
Inseimccr gehörige Küstenland lud aber zur Einwanderung; diese 
kam auch von allen Seiten; und während die fremden Phönicier nur 
auf den benachbarten Inseln Handelsstationen gründeten, drangen die 
stammverwandten Griechen von diesseits und jenseits des Meeres ins 
Innere ein und vermischten sich nach und nach mit den früheren 
Einwohnern. Nun kam die Zelt der vorhin erwähnten dorischen 
Völkerwanderung und der grossen, langanhaltenden Umwälzungen; 
Attika allein blieb verschont; und da flüchteten neuerdings aus allen 
Himmelsrichtungen viele dorthin, aus Böotien, Achaja und Messenien, 
aiu Argos und Ägina u. s. w. ; diese neuen Einwanderer stellten aber 
nicht ganze Bevölkerungen dar, sondern waren in der überwiegenden 
Mehrzahl ausgewählte Männer, Männer aus eriauchtcm, oft königlichem 
Geschlecht. Durch sie fand eine ungewöhnliche Bereicherung des 
einen kleinen Landes an echtem, gezüchtetem Kassenadel statt. Dann 
erst, also erst aus einer butiten Vermischung, entstand jenes Athen, 
welchem die Menschheit mehr verdankt als je auszurechnen wäre.') — 



■) Siehe Curtiiu: Gritehitcht GtithiehU, Buch I, Kap. 4 und Buch II, Kap. i 
and 3. — Dass Graf Gobinnu Icbn, die ausscrordcntUchc Rcistif^c und namcndich 
kOnnleröebe Begabung dcT Gnccheu sei auf eine Intiltration semitischen Blutes 
turücknifährcn, icigt, ni welchen unsinnigen Annahmen man durch fabche. künst- 
liche^ der Geschichte und der Namrbffobachninj; widersprechende Gnindhypothesen 
gedrängt wird. 




Die geringste Überlegung wird nun zeigen, wie dasselbe Gesetz sich bei 
Deutschen, Franzosen, Italienern und Spaniern bewährt. Die einzelnen 
germanischen Stämme zum Beispiel sind wie eine rein brutale Nawr- 
kraft, bis sie miteinander sich zu vermengen beginnen; mansche, wie 
da^ an bedeutenden Männern reiche Burgund durch ein inniges Ge- 
misch des germanischen mit dem romanischen Element seine ihm 
eigentümliche Bevölkerung erhalt, und in l-'olgc der lang anhaltenden 
politischen Isolierung zur charakteristischen Individualität ausbildet;*) 
die Franken erwachsen zur vollen Kraft und schenken der Welt einen 
neuen Typus des Menschlichen dort, wo sie mit den vorangegangenen 
germanischen Stämmen und mit Gailoromancn verschmelzen, oder 
aber dort, wo sie, wie in Franken, gerade den Verein jgungspunkt der 
verschiedensten deutschen und slavischen Elemente bilden; Schwaben, 
das Vaterland Mozan's und Schiller's, ist von einem halbkcHschcn 
Stamme bewohnt; Sachsen, welches dem deutschen Volke so viele 
seiner grossten Männer geschenkt hat, enthält eine fast durchwegs 
mit slavischem Blute verquickte Bevölkerung; und hat Europa es 
nicht innerhalb der letzten drei Jahrhunderte erlebt, dass eine erst 
neu entstandene Nation, bei welcher die Blutmischung eine noch 
viel gründlichere war, die preussische, sich durch ihre hervorragende 
Kraft zum Führer des gesamten deutschen Reiches aufgeschwungen 
hat? — Es kann natürlich an diesem One nicht meine Aufgabe sein, 
das hier Angedeutete ausführlich zu begründen; da ich jedoch gerade 
die hohe Bedeutung von rein gezüchteten Rassen verfechte, so muss 
es mir besonders am Herzen liegen, die Notwendigkeit, oder zum 
Mindesten Nützlichkeit der Blutmischung zu betonen, und zwar nicht 
allein um den Vorwurf der Einseitigkeit und der apriorischen Vor- 
eingenommenheit zu begegnen, sondern weil ich glaube, die Ver- 
treter dieser Sache haben gerade durch die Verkennung des wichtigen 



■) Diese innigv Vcnnischung fand lUduKh sutt, dass diu Burgunder im 
ganzen Lande cioEcIn Aiigoicdcli und jeder voa ihnen der »Hosput cino früheren 
Einwohnns wurde, von dessen bebautem Land er rwrf Drittel, vcn dessen Hof 
und Garten er die Hilfic «i eigen erhielt, wlhmd Wild« und Wcidcpliiic ge- 
meinschaftlich blieben. Modiie nun zunächst gewiss keine f^sse S>'nipaihie /wischen 
dcni Eingedrungenen und seinem Win bestehen, sie lebten doch Thür an ThOr 
und waren miteinander solidarisch bei Grenucreiti Reiten und ibnticbcn auf dea 
Bcsiu sich beiicbcodcR Recbtsira|[en ; da konnte d^c Vcrschmeliunji nicht lange 
ausbleiben. (Vergl naneoüich Savigoy: Oitchithtt dts römisthtH lUchlt im Uitldaller, 
Kap. s, Abscho. I.) 



Die Erfaön. 

Gesetzes der Vermischung ihr sehr geschadet. Sie geraten dann auf 
den mystischen Begriff einer an und für sich >reinen Rasse<, welcher 
ein luftiges Gedinkending ist und, anstatt zu fördern, nur hemmt. 
Weder die Geschichte , ncwh die Experimentalbiologie spricht zu 
Gunsten einer derartigen Auffassung. Die Rasse der englischen Voll- 
blutpferde ist durch die Kreuzung arabischer Hengste mit gewöhnlichen 
(natürlich ausgesuchten) englischen Stuten erzeugt worden, gefolgt von 
Inzucht, jedoch so, dass neuerliche Kreuzung zwischen Varietäten von 
geringer Abweichung, oder auch mit Arabern, von Zeit zu Zeit rat- 
sam ist; eines der edelsten Wesen, welches die Natur überhaupt auf- 
weisen kann, der sogenannte »ecbto Kcufundländer. ist ursprünglich 
aus der Kreuzung zwischen dem Eskimohund und einem französischen 
Hetzhund cutsiandcn, sodann, in I'olge der abgeschiedenen Lage der 
Insel, durch andauernde Inzucht fest und >rcin< geworden, zuletzt, 
ab Exemplare dieser Rasse von Liebhabern nach Europa gebracht 
wurden, durch Zuchtwahl zur höchsten Veredelung ausgebildet worden. 
— Vielleicht lächelt mancher Leser, wenn ich immer wieder von 
TterzQchtuQg spreche? Sicherlich sind aber die Gcseue des Lebens 
grosse, einfache Gesetze, welche alles Lebende umfassen und gestalten; 
wir haben nicht die geringste Veranlassung, das Menschengeschlecht 
als eine Ausnahme zu betrachten; und da wir gerade in Bezug auf 
Rassen Züchtung leider nicht in der Lage sind, Experimente mit 
Menschen anzustellen, so müssen wir die an Tieren und Pflanzen ge- 
machten Versuche zu Rate ziehen. — Ich darf jedoch die Besprechung 
des vierten Gesetzes nicht abschllessen, ohne eine andere Seite dieses 
Vermischungsgesetzes hervorgehoben zu haben; fortgesetzte Inzucht 
innerhalb eines sehr kleinen Kreises, das, was man >Engzucht( nennen 
könnte, führt mit der Zeil zur Entanung und namentlich zur Sterilität. 
Zahllose Erfahrungen der Tierzucht beweisen das. Es genügt dann 
bisweilen eine einzige Kreuzung, nur an einzelnen Mitgliedern einer 
Meute zum Beispiel vorgenommen, damit die geschwächte Rasse 
wieder aufblühe und die geschlechtliche Fruchtbarkeit sich wieder 
einstelle. Bei Menschen sorgt schon der Schalk Eros so ausgiebig 
für diese Auffrischung, dass wir nur in hochadeligen Kreisen und bei 
einigen königlichen Fanülieni) zunehmenden Verfall der geistigen und 



•) Siebe die AngabcD bei Haeckd: Naläriickt Sck6pfiingi£txkuht4 (Vorl. S). 
Weil ausfbbrljcherc Angaben in einem Buche von P. ]itoby : Elud^t sur ia ülettion 
dum lei rapporis avec l'kiTiiiiU chtz l'hommi, daa icli IcLJcr nicht vor Augen habe. 





physischen Anlagen in Folge von »Engzucht« beobachten können.') 
Die geringste Entfernung im Verwandiscbafbgradc der sich ehelich 
Verbindenden (auch innerhalb genau desselben Typus) genügt, um die 
hohen Vorzüge der Inrucht mit Ausschluss dieser Nachteile zu sichern. 
Doch sieht Jeder, dass hier irgend ein geheimnisvolles Lebcnsgcse« 
sich kund thur, ein so dringendes Lebensgesetz, dass im Pöanxenreich — 
wo die Befruchtung innerhalb einer und derselben Blüte auf den 
ersten Blick das Natürliche und Unvermeidliche dünkl — - meistens die 
kompliziertesten Einrichtungen vorhanden sind, um dies zu verhindern 
und um zugleich dafür zu sorgen, dass, wenn der männliche Pollen- 
staub nicht im Winde fliegt, er durch Insekten von einem Individuum 
zum anderen getragen werde.*) Die Einsicht in ein offenbar so 
grundlegendes Naturgesetz lässt vermuten, dass die Entstehung aus- 
gezeichneter Rassen aus einer ursprünglichen Durchdringung ver- 
schiedener Stämme, wie wir sie in der Geschichte beobachteten, nicht 
ein Zufall war; vielmehr bilden die historischen Thatsachen weitere 
Belege dafür, dass Blutvermischung für die Entstehung edler Rossen 
besonders günstige physiologische Bedingungen schaBt. 

$. Noch ein fünftes Gesetz muss namhaft gemacht werden, 
wenngleich es eigentlich mehr einschränkend und erläuternd ist, als 

') Hicrlicr g^liArcn olli-rillngs auch die allbeltannten schlimmen Folgen der 
Ehen nvischcn Nlchnvcrwandtcn; die Sinnesorgane (sowie überhaupt das Nerven. 
System) und dk GeschlecbUorganc haben am häufigstco danmt«T lu letdoi. (Siebe 
George }l. Dira/in's Vorträge: Du Ehen imtclun Geuhviiilerltindtrn und ihn folgmj 
Leipdg i8;6.) 

•) Die leider noch »Wrcichen Menjdien, die der Nanirforichmig fcmiteheo, 
tiuchc ich auf CbiJstian Koarad Spreogel'a: Das tntdecktc Orkcimnit dtr Katur 
im Bau »nd i'ti dtr Btjruchliing dir Blumr», 179}, aufnaerksam. Dieses Werk sollte 
ein Stolz der ganicn deutschen Natioa seini es liegt seit 189; in einem Facsimilc- 
drucfc (Berlin bei Wayer & Maller) vor und kann vom UnKelehncsien gclc»n 
werden. Von neueren Publilcationcn ist namcndidi Hvnnann MüUcr'si Alfeitl/hmtn, 
ihre Befmehhing durch ItutkUn und ihn Ampasniigfn an ditstShtH (Rngclmann tSSi) 
anregend, durch die vielen lUustratiancn aoschauUch, auch voUsiÜiidig. ZusammcD- 
faxend und die äussere uropiisehen Pflanten bcrücltsi^h tilgend ist i«iietben Verfassen: 
Blumen und Insfite't in der Trewcndt" sehen Encyklopidic der NaiurwiMcnschaftcn, 
El giebt wohl wenige Betrachtungen, die uns auf ta kurzem Wege unmittelbar in 
die gcheimnisvolhtiL-n Wunder der Natur hineinfähren, wie diese Aufdeckung der 
gefienjciligen Lebensbczichungcn twischen Pthnacn- und Tierwelt. W« hcisst unser 
Wissen, was bedeuten unsere Hypoilicscn solchen pjsctieinungen gegenüber) Ütae 
lehren uns treu beobaditen und uns im Kr«ise des Kirciclibaren bescheiden. (Während 
der Drucklegting dieses Buches hat Kirath's: Handtuck dtr BläUnbiohgie bei Engel- 
maon lu enchcioco begoonen.) 



3(4 I^c Erben. 

dass es ein neues Element zur Rassenfrage beibrächte. Kur ganz 
bestimmte, beschränkte Blutmischungen sind für die Ver- 
edelung einer Rasse, resp. für die Entstehung einer neuen, förderlich. 
Auch hier wieder liefert uns die Tierzüchtung die klarsten, unzwei- 
deutigsten Beispiele. Die Blutraischung muss zeitlich streng beschränkt, 
ausserdem rauss sie eine zweckmässige sein; nicht alle beliebigen Ver- 
mischungen, sondern nur bestimmte können die Grundlage zur Ver- 
edelung abgeben. Mit zeitlicher Beschränkung will ich sagen, dass 
die Zufuhr neuen Blutes möglichst schnell vor sich gehen und dann 
aufhören muss; fortdauernde Blutmischung richtet die stärkste Rasse 
zu Grunde. Um ein extremes Beispiel ku nehmen, die berühmteste 
Windhundmeuic Englands wurde ein einziges Mal mit Bulldoggen 
gekreuzt, wodurch sie an Mut und Ausdauer gewann; dagegen lehren 
weitere Experimente, dass bei Portsctzung einer derartigen Kreuzung 
die Charaktere beider Rassen verschwinden und gänzlich charakterlose 
Bastarde übrig bleiben.') Crossing obliUrala charaden. Die bestimmt 
zweckmässige Beschränkung bezieht sich darauf, dass nur gewisse 
Kreuzungen, nicht alle, veredeln. Es gicbt Mischungen, die, weit 
enifernt veredelnd zu wirken, beide Rassen verderben, und es kommt 
ausserdem recht häufig vor, dass die bestimmten, wem'oUen Cliaraktere 
zweier verschiedener Typen sich gar nicht miteinander zu verschmelzen 
vermögen; im letzteren Falle richtet sich ein Teil der Nachkommen- 
schaft nach dem einen Elternteil, der andere nach dem anderen, aber 
naiörlich mit vermischten Zügen, oder aber es kommen die eigent- 
lichen echten Bastarde zum Vorschein, Wesen, deren Körper den 
Hndruck macht, als sei er aus unsusaram enge hörenden Teilen zu- 
sammengeschraubt, und deren geistige Beschaffenheit der körperlichen 
cntspricUt.') Wobei noch ausserdem zu bemerken ist, dass die Ver- 
bindung von Bastard mit Bastard den vollkommenen Niedergang alier 
und jeder hervorragenden Rasseneigenschaft mit rasender Schnelligkeit 
vollbringt. Man darf also durchaus nicht glauben, dass Blutvermischung 
zwischen verschiedenen Stämmen die Rasse unter allen Umständen 
veredelt, und als Bereicherung ihrer Anlagen durch fremde Anlagen 
wirkt. Das ist nur unter seltenen, bestimmten Bedingungen und 
strengen Einschränkungen der Fall; als Regel führt Blutvermischung 
zur Entartung. Es zeigt sich namentUch das Eine recht deutlich ; dass 

■) Darwin: AnimaU and Ftanb, Kap. tj. 

*) Auch htcrfAr lindci man bei Darwin lablreiche Bcüpiele. Was speiiell ^e 
Hunde betriSt, so ilnd Beis^ndc Jvdcm gegenwärtig. 




Das Völkerchaos. 



i8i 



Vermischung 2weier sehr fremdartiger Wesen nur dann zur Bildung 
einer edlen Rasse fühn, wenn sie hdchsi selten stattfindet und von 
strenger Inzucht gefolgt wird (wie beim englischen Vollblutpferd und 
beim NeufundUnder), dagegen sonst Vermischung nur, wo sie zwischen 
nahen Verwandten, zwischen Angehörtgen desselben Grundtypus vor- 
kommt, von Erfolg ist. — Auch hier wiederum kann Keiner, der die 
ausführlichen Ergebnisse der Tierzucht kennt, im Zweifel sein, das5 
die Mcnschcngeschichtc vor uns und um uns herum demselben Gesetze 
gehorcht. Natürlich tritt es hier zunächst nicht mit der gleichen 
Deutlichkeit auf väc dort; wir sind nicht in der Lage, eine Anzahl 
Menschen einzuhegen und durch etliche Generationen hindurch Ver* 
suche mit ihnen anzustellen; ausserdem, was dem Pferde die Schnellig- 
keit, was dem Hunde die merkwürdig plastisch bewegliche Gestalt 
ist, das ist dem Menschen der Geist: hier dringt bei ihm alle Lebens- 
kraft hin, hier konzentriert sich darum seine Variabitiiit, und gerade 
diese Unterschiede in Charakter und Intelligenz sind dem Auge nicht 
sichtbar. ') Doch hat die Geschichte Experimente im grossen Stil 
durchgeführt, und Jeder, dessen Auge nicht an Einzelheiten kleben 
bleibt, sondern grosse Komplexe zu übersehen gelernt hat, Jeder, der 
das Seelenleben der Völker verfolgt, wird Bestätigungen für das hier ge- 
nannte Gesetz in Hülle und Fülle entdecken. Entstehen z. B. die über- 
schwinghch begabte attische und die unerhört kluge und starke römische 
Rasse durch die Vermengung mehrerer Stämme, so sind dies mit- 
einander nahe verwandte und edle, reine Stämme, und diese Elemente 
werden durch die Siaatenbildung dann Jahrhunderte lang von aussen 
abgeschlossen, so dass sie Zeit haben, sich zu einem neuen festen Ge- 
bilde zu anialgamiercn; als dagegen diese Staaten jedem Fremden auf- 
gerissen werden, geht die Rasse zu Grunde, und zwar in Aihcn langsam, 
weil dort in Folge der politischen Lage nichts Besonderes zu holen 
war, die Vermengung folglich nur nach und nach und dann noch 

■) Nur <hrf nicht äbcncbcQ wertlcn, dsas wenn nun ia <ler Lage wire, ktastr 
tiche MeiucbeniOchtimgeci anzusteticii, man sichcTÜdi auch köipnlldi die Ungeheuers Itrn 
Unterschiede enickn w&tdc in Beiug Auf Gröwc, ßeliauung, Propoitioiicu u. s. w. 
Man stelle nur eben Zwcrj; aus den Un«'llJerD am mittleren Congo, wenig Ober 
einen Meter hoch, den ganini KSrper mJt HaarHaum bedeckt, neben einen preuui- 
tchen Gardegienadicr : man wird sehen, welche plasiische Mßglidilieiten in der 
inensclilichca K^TpcrbüduiiK schlummern. — Was den Hund anbcLmgt, lo ist noch 
dann tu erinnern, diu seine verschied enen Rassen >sicbetlidi von mehr ab einer 
will]»] 5itai]im;trt hcriutcitcn stndi (Claus: Zoologit, 4- Aufl., Q, 4S8)i daher seine tut 
beingUigcnde i>oI>inorphie. 



Die Erben. 

zum grössien Teil mit indoeuropäischen Völkern stattfand, ') in Rom 
mit furchtbarer Schnelligkeit, nachdem Marius und Sulla die Blüte der 
echten Römer ermordet, den Urquell edlen Blutes also eingedämmt 
and im selben Augenblick durch die Freisprechung der Sklaven wahre 
Fluten afrikanischen und asiatischen Blutes ins Volk gebracht hatten 
und bald darauf Rom das Stilldichein aller Mestizen der Welt, die 
clotua gentium geworden war. Ähnliches bemerken wir auf allen 
Seiten. Wir sehen die Engländer aus einer gegenseitigen Durch- 
dringung getrennter, doch nahe verwandter, germanischer Stämme 
hervorgehen; die normannische Invasion giebt hier gcwissermassen die 
leutc Würze, den letzten Glanz; dagegen haben es die historisch- 
geographischen Bedingungen mit sich gebracht, dass die verwandt- 
schaftlich etwas ferner stehenden Kelten bei Seite blieben und selbst 
heute noch nur nach und nach mit der herrschenden Rasse ver- 
schmelzen. Wie offenbar anregend und auffrischend wirkt auf die Be- 
völkerung Berlins (noch Ms heute) die Einwanderung der franzö^schca 
Hugenotten, fremd genug, um das Leben durch Neues zu bereichem, 
freund genug, um mit ilircn prcussiscfaco Wirten nicht zusammen- 
geschraubce Bastarde, sondern Charakterstärke Männer von seltener Be- 
gabung zu zeugen. Um das Entgegengesetzte zu erblicken, brauchen 
wir nur nach Südamerika hinü herzuschauen. Giebt es dnen jammer- 
volleren Anblick als Jen der sfldamcrikanischen Mestizenstaaten? Die 
sogenannten Wilden von Zentralaustralien führen ein weit harmoni- 
scheres, menschenwürdigeres, sagen wir ein iheiligeres« Dasein, als 
diese unseligen Peruaner, Paraguayancru. s. w., Blendlinge aus zwei (und 
oft aus mehr) unvereinbaren Rassen, aus zwei Kulturen, denen nichts 
gemeinsam war, aus zwei Entwickelungsstufen, zu verschieden an Alter 
und Gestalt, um eine Ehe eingehen zu können, Kinder einer namr- 
widrigen Unstucht. Wer sich ernstlich über die Bedeutung von Rasse 
belehren will, kann recht ^nel an diesen Staaten lernen; er nehme nur 
die Statistiken zur Hand; er wird die verschiedensten Verhältnisse finden 
zwischen der rein europäischen resp. rein indianischen Bevölkerung und 
der haibschlächtigen, und er wird sehen, dass die relative Entartung mit 
der Blutvemiischung genau Schritt hält. Ich nehme die zwei extremen 
Fälle, Chile und Peru. In Chile, dem einzigen dieser Staaten,») der 
einigen, bescheidenen Anspruch auf wahre Kultur ei^ebea kann und 

*} Wogegen die Beobachtung höchst lehrreich ist, da» in lanicn der HcQcnc, 
den liunteiten fiutardicniDgen ausgesctit, viel schneller vctschwai»]- 

•) Im poRugicsi.tchen Brasilien herrschen wcsenilich andere VeihilmisK. 



t 



der auch verhätinismasslg geordnete politische Zustlade aufweisi, sind 
gegen 30 Prozent der Bewohner noch reinspanischer Herkunft, unddieses 
Drittel genügt schon, um die moralische Auflösung hintanzuhalten; 
dagegen gicbt es in Peru , das bekanntlich den anderen Republiken 
mit dem Beispiel des totalen moralischen und materiellen Bankerotts 
vorangegangen ist, fast gar keine indoeuropäcr reiner Rasse mehr; 
mit Ausnahme der noch uncivilisicrtcn Indianer des Innern besteht 
dort die gesamte Bevölkerung aus Cholos, Mustics, Inistics, Tcrceronen, 
Quarteronen u. s. w., Kreuzungen z-v^ischen Indianern und Spaniern, 
zwischen Indianern and Negern, Spaniern und Negern, weiter zwischen 
den verschiedenen Rassen und jenen Mestizen oder Kreuzungen der 
Mestizenarten untereinander; in letzlerer Zeit sind viele Tausende von 
Chinesen hinzugekommen .... Da sehen wir die von Virchow und 
Ratzel ersehnte Promiscuität am Werke und wir sehen, was dabei 
herauskommtl Freilich ist es ein sehr extremes Beispiel, aber um so 
lehrreicher. Wenn nicht die enorme Macht der umgebenden Civiiisaiion 
einen solchen Staat von allen Seiten künstlich ünterstötztc, wenn er 
z. B. durch einen Zufall abgeschnitten und sich selbst überlassen bliebe, 
er würde in kurzer Zeit in völlige Barbarei verfallen, nicht In eine mensch* 
liehe, nein, in eine bestialische Barbarei. Einem ähnlichen Schicksal 
gehen alle diese Staaten entgegen. ') — - Auch hier überlasse ich dem 
Leser das weitere Kachdenken und Belegsammeln bezüglich dieses 
fünften Naturgesetzes, welches uns zeigt, dass jede Blutmischung eine 
gefährliche Sache ist und nur unter Beobachtung bestimmter Kautelen 
zur Veredelung der Rasse beitragen kann, sowie dass viele mögliche 
Kreuzungen unbedingt schädlich und zerstörend wirken; sind dem 
Leser die Augen erst geÖflncT, so wird er für dieses Gesetz wie für die 
anderen vier in Gegenwan und Vergangenheit überall Belege finden. 
Das sind also die fünf Prinzipien, die mir grundlegend erschdaeo: 
die Qualität des Materials, die Inzucht, die Zuchtwahl, die Notwendig- 
keit von Blutmischungen, die Notwendigkeit, dass diese Blutmischungen 
in der Wahl und in der Zeit streng beschränkt seien. Aus diesen 
Prinzipien ergiebt sich dann des Weiteren als Folgesatz, dass die 
Entstehung einer hochedlen Menschenrasse unter Anderem auch von 

■) Bekanntlich herrschen sehr Unliche Verhiiltnissc in den spaniichcn KoloDien. 
Bne einaü« Ausaaliiuc bildet die Inid Poito-Rico; lüer wurdca oimlich die «in- 
gcborcoen Kariben gintlidi ausgeronei, und die Folge iit eine rein indoeuropäische 
Bevölkerung, welche sich durch Fleiss, Klugthcit und Otdnungisino ausicicboet: ein 
ekiaiiQies Beiipiet von der Bedeutung von Ruie! (Siehe Nachtilge.) 



3M 



Die Erben. 



Anlm 
EbaHlUi«. 



bestimtnten historisch-geographischen Bedioguogen abhängt; 
diese sind es, welche die Veredelung des Gnindoiaterials, sowie die 
Inzucht und die Zuchtwahl unbcwussi vollbringen, ste auch — wenn 
ein guter Stern Ober der Gcbunsstäne emes neuen Volkes waltet — 
führen die glücklichen Siammesehen herbei und wenden die Prosticution 
des Edlen in den Armen des Unedlen ab. Dass es in unserem Jahr- 
hundert eine Zeit gab, wo gelehrte Forscher (Buckle ao der Spitze) 
lehren konnten, die geographischen Verhältnisse erzeugten die Rassen, 
des dürfen wir heute füglich mit der kargen Ehre einer Faralipse ge- 
denken; jene Lehre bedeutet einen Schlag ins Gesicht aller Geschichte 
und aller Beobachtung. Dagegen lässt jedes einzelne der aufgezählten 
Gesetze, dazu namenthch die Beispiele aus Rom, Griechenland, England, 
Judäa und Södamcrika so deutlich begreifen, inwiefern die historisch* 
geographischen Bedingungen zu dem üntstchcn und zu dem Vergehen 
eines Stammes nicht nur beitragen, sondern geradezu ein entscheidendes 
Moment dabei bilden, dass ich hier von weiteren Ausführungen ab- 
sehen kann.') 

Ist hiermit die Rassenfrage erschöpft? Weit entfernt davon! 
Diese biologischen Probleme sind ganz ausserordentlich verwickelt. Sie 
umfassen z. D. die noch so geheimnisvolle Thatsache der Vererbung, 
Qbcr deren Grundprinzipien die bedeutendsten Fachleute alle Tage 
uneiniger werden.') Ausserdem wären noch allerhand andere Um- 
stände in Bcirachi zu ziehen, die ein eingehendes Studium zu Tage 
fördert. Die Natur ist eben ein Unerschöpfliches; wir mögen das 
Lotblei noch so tief senken, den Buden erreichen wir niemals. Wer 
über diese Dinge nachdenken will, wird z. B. nicht übersehen dürfen, 
dass geringe Zahlen fremder Elemente von einer starken Rasse in 
kurzer Zeit ganz und gar absorbiert zu werden pflegen, dass es aber 



■) Ware I. B., wie nuin liiulig behauptet, du Ktima von Attica das aus- 
jchlüKgebendc gewesen, to wire nicht einiciisehcn, warum die Geai4itJt seiner Ein- 
wohner nur umcr gewissen Rassen be dingungen entstand und nach Üircr Auflicbung 
auf ewig verschwand; ganx klar wird dagegen die Bedeutung der hittorisch-gcogra- 
phiscben VcrhUiniisc, sotuld wir gewahr werden, dass sie Attica während Jahr« 
hniKlenc von den endlosen UniwiUungen der VdlkerwanJenuig abschieden, augleicb 
aber daxu dienten, ihr eine ausgewählte edtc Bevölkerung aus verschiedenen, doch 
stamm verwandten Volk»wciKcn zuiufCiltrcii, die nun luitcinandcr lu einer neuest 
Rane verschmolxen. 

*) Htnc liiicressamc Zusammenfassung der vcrsdüedcncn Mcinunf^n aus neucsm 
Zeit Asdet der I-eser in Friedlich Rohde's; EiHitrhuHg und Vtrerhing iniitiiiuiUr 
Siienichaßtn, 1895, 




Du 



289 



hierfür, wie die Chemiker sagen, eine bestimmte Kapazität, das heisst, 
ein bestimmtes Aufnahmevermögen giebt, Über welches hinaus das 
Blut getrübt wird, was durch die Abnahme des Charaltteristtschen 
sich kundthut. Italien, in welchem die Stölzl cidenschaftlicben, überaus 
genialen Geschlechter kraftvoller Germanen, welche bis ins 14. Jahr- 
hundert ihr Blut rein erhalten hatten, sich später, nach und nach, 
mit gründlich bastardierten Italikern und Itilioten vermengten, und so 
aus der Welt verschwanden, Uefen ein Beispiel (siehe Kap. 6 und 9): 
Crossing ohliierates characters. Der sorgfältig Beobachtende wird ferner 
entdecken, dass bei Kreuzungen zwischen Menschenstilmmen, die mit- 
einander nicht nÄchsr\' erwandt sind, die relative Zeugungskraft ein 
Faktor ist, der noch nach Jahrhunderten durchdringen und den Nieder- 
gang des edleren Bestandteiles eines gemischten Volkes nach und nach 
herbeiführen kann, weil nämlich die relative Zeugungskraft häufig im 
umgekehrten Vcrhiltnis zum Rassenadel steht.') Hierfür erleben wir 
ein Beispiel im heutigen Europa, wo die kurzen runden Schädel 
immerwährend an iZahl zunehmen und somit langsam die langen 
»Dolichocephaleni verdrängen, aus denen, nach übereinstimmenden 
Gräberbefunden, fast die Gesamtzahl der echten alten Germanen, Slaven 
und Kelten bestand; man erblickt darin das Überhandnehmen einer 
von den Indogermanen besiegten fremdartigen Rasse (heute meistens als 
>turanische< bezeichnet), welche durch animalische Kraft den geistig 
Überlegeneren allmählich überwindet») Hierher gehört vielleicht auch 
die eigentümliche Thatsachc des zunehmenden Übergewichtes der 
dunklen Augen vor den grauen und blauen, indem bei Hhen zwischen 
Menschen mit verschieden gefärbten Augen, die dunlden fast aus- 
nahmslos weit zahlreicher in der Nachkommenschaft vertreten snd.^ 

') Das S. 382 Gesagte deutet «Ucscn Sachverhalt schon an, 

') Eise klare, Icicbtvcntäadliclie Zusammenikuung bei Johannes RantEC: Dtr 
Mtmch n, 296 fg. Gründlicher, aber darum auch viel schwierige c, i»C liic Besiticchuiijt; 
aller dieser Fragen im «weiten Teil von Topinard's: UAitthrtpchgü- MeikwQidig 
ist bei IctzicTcm nur die Anwendung da Wortei >Raue< (Üi eine hypothetische 
Wesenheit, deren thaUlchlicbcs Dasein su keiner Zeit Dacbgcwicicn weiden kann, 
»ff it'y a fiiii dt racn [mreli: wer teweisi, dass es in diesem apriorischen Sinne 
anthropologischer Voraussetzungen jemals v-clchc gab> Reine Tierrassen werden nur 
durch Züchtung und mit Zugrundelegung von Blumuschungco errieh; warum sollte 
beim. Mcnsdicn das UiUKckehnc gelicDt — Übrigens ist diese gansc >turaDt*cbet 
Hypothese, wie alle diese Dinge, ein noch sebr luftiges Gedankcnbild. Näheres über 
diese Fragen weiter unten, itu üap. 6. 

i) Alphonse De CandoUe: Hislairt itt uieitus tl dtt tatfUiUs dtptäs ittix tiMts, 
t* id.; pag. S76. 

OumWUIn, CraaAUgtQ rht XIX. JUiibaaJtm, 19 



Die Erben. 



Wollte ich hier fonfahrcn, wir kämen in eines der dornigsten 
Gebiete tler heutigen Wissenschaft hinein. Es ist aber für meinen 
Zweck durchaus unnötig. Ohne mich um eine Definition zu kümmern, 
habe ich Rasse im eigenen Busen, in den Hochtbaten der Genies, 
auf den glänzendsten Blättern der Metischengeschichie nachgewiesen; 
dann habe ich auf die -nichtigsten Bedingungen aufmerksam gemacht, 
welche die wissenschaftliche Beobachtung uns als grundlegend für die 
Entstehung edler Rassen zeigten. Dass aus dem Eintritt entgegen- 
gesetzter Bedingungen Entartung oder zum Mindesten die Hintan- 
baltung in der Ausbildung edler Anlagen folgen muss, scheint höchst 
wahrscheinlich und dürfte durch Vergangenheit und Gegenwart vielfach 
belegt werden. Ich war absichtlich vorsichtig und zurückhaltend; 
durch solche labyrinihisch venAnckelte Fragen führt der engste Pfad 
am sichersten : mir lag einzig daran, eine recht lebhafte Vorstellung 
dessen zu wecken, was rein gezüchtete Kasse ist, was sie für das 
Menschengeschlecht bedeutet hat und noch heute bedeutet. 
Hie KitioD. Eine sehr wichtige Einsicht habe ich noch nicht ausdrücklich 

formuliert, sie ergiebt sich aus allem Gesagten von selbst; der Begriff 
Rasse hat nur dann einen Inhalt, wenn wir ihn nicht mögUchst weit, 
sondern möglichst eng nehmen; folgen wir dem herrschenden Ge- 
brauch und bezeichnen wir mit diesem Worte möglichst weit zurück- 
liegende, hypothetische Geschlechter, so wird es zuletzt kaum mehr 
als ein blasses Synonym für »Menschheit« überhaupt, womöglich mit 
Einschluss der lang- und der kurzschwänzigen Affen; Rasse heissi nur 
dann etwas, wenn es sich auf Erfahrungen der Vergangenheit und 
auf Erlebnisse der Gegenwart bezieht. 

Hier lernen wir nun einsehen^ was Kition für Rasse zu be- 
deuten hat. Fast immer ist es die Nation, als politisches Gebilde, 
welche die Bedingungen zur Rassenbildung schaßt oder wenigstens 
zu den höchsten, individuellsten Betharigungen der Rasse führt. Wo, 
wie in Indien, die Bildung von Nationen ausbleibt, da verkümmert 
der durch Rasse angesammelte Kraft\'orraL Die Konfusion aber, welche 
unter uns in Bezug auf den Begriff Rasse herrscht, verhindert selbst 
die Gelehrtesten diese hohe Bedeutung der Nationen einzusehen, wo- 
durch zugleich das Verständnis für die grundlegenden Thatsachen der 
Geschichte verschlossen bleibt. Denn in derThat, was lehren uns unsere 
heutigen Historiker über das Verhältnis zwischen Rasse und Nation? 
Ich nehme ein beliebiges Buch zur Hand — Renao's Rede >{Vas 
ist eine NaJi<m?< — in Hunderten von anderen begegnet man den 





gleichen Lehren. Die These ist bei Renan deutlich formuliert: >Dic 
Thatsache der Ra$se<, schreibt er, »ursprünglich von entscheidender 
Wichtigkeit, verliert täglich ao Bcdeutung.<') Wie wird diese Behaup- 
tung begründet? Durch den Hinweis auf die Thatsache, dass die tüchtig- 
sten Nationen Europas aus gemischtem Blute entstanden sindl Welch' 
eine Menge Trugschlüsse birgt nicht dieser eine Satz, welche Unfähig- 
keit, sich durch Anschauung belehren zu lassen ! Die Natur und die Ge- 
schichte zeigen uns kein einziges Beispiel hervorragend edler, physio- 
gnomisch individueller Rassen, welche nicht aus einer Vermischung her- 
vorgegangen wären; und jetzt soll eine Nation von so ausgesprochener 
Individualität wie die englische keine Rasse darsieüen, weil sie »aus 
der Vermengung von Angelsachsen, Dänen und Normannen c (noch 
dazu eng verwandte Stämme) hervorgegangen ist I Die klarste Evidenz, 
die mir den Engländer als ein mindestens ebenso ausgeprägtes Sonder- 
wesen wie den Griechen und den Römer der Glanzepochen zeigt, 
muss ich leugnen; leugnen zu Gunsten eines willkürlichen, in alle 
Ewigkeit unbeweisbaren Gedankendinges, zu Gunsten der voraus- 
gesetzten, ursprünglichen »reinen Rasse«. Zwei Seiten früher halte 
Renan selber auf Grund der anthropologischen Befunde festgestellt, 
dass bei den ältesten Ariern, Semiten, Turaoiern (>!is groupes arycn 
Primitif, simitique primitif, t(Htramen primitift) man Menschen von 
sehr verschiedenem Körperbau antrißt, langschädeUge und kurz- 
schädelige, also, auch sie hätten keine sgemeinsame physiologische 
Einhejtc besessen. Gott, welche Wahngebilde entstehen nicht, sobald 
der Mensch nach angeblichen >Ursprüngent forscht 1 Immer wieder 
muss ich Goethes grosses Wort anführen: »Lebhafte Frage nach der 
Ursache ist von grösstcr Schädlichkein Anstatt das Gegebene, das 
Erforschbare so zu nehmen wie es ist, und uns mit der Erkenntnis 
der nächsten, nachweisbaren Bedingungen zu begnügen, glauben wir 
immer wieder von möglichst weit zurOcklicgcndcn. gänzlich hypo- 
thetischen Ursachen und Annahmen ausgehen zu müssen, denen wir das 
Gegenwärtige, Zweifellose ohne Scheu opfern. So sind unsere »Em- 
piriker« beschaffen. Dass sie nicht welter als ihre eigene Nase sehen, das 
glauben wir ihnen gern aufs blosse Wort, leider sehen sie aber nicht 
einmal so weit, sondern rennen mit besagter Nase gegen faustdicke 
Thatsachen an und klagen dann über die betreffenden Thaisachen, 



■) Renan: JXscouTt tt Conprtncn, 3' €A., p. 297: »Lt /ait dt la rüu. eafital 
i rfirifitte, vd Jone loHJoun fträa»! it ton mptrlanet-* 



»9» 



Die Erben. 



nicht ober ihre eigene Kurzsichtigkeit. Was filr ein Ding ist das 
denn, diese ursprünglich »physiologisch einheitliche Rasse«, von der 
Renan redet? Vermutlich ein naher Verwandter von Haeckel'sMenschen- 
atFcn. Und dieser hypothetischen Bestie zuliebe soll ich leugnen, dass 
das englische Volk, das preussische Volk, das spanische Volk einen 
bestimmten, ganz und gar individuellen Charakter besitzt I Herr 
Renan vermissi die physiologische Einheit: ja, sieht er denn nicht ein, 
dass die physiologische Einheit durch die Ehe herbeigeführt wird? 
Wer sagt ihm denn, dass die hj-potheti sehen Urarier nicht auch 
geworden waren! Wir wissen allesamt nichts davon: was wir 
aber wissen, lässt es ana.logisch vermuten. Es gab unter ihnen schmale 
Köpfe und breite Köpfe; wer weiss, ob diese Mischung nicht nötig 
war, um eine edelste Rasse hervorzubringen? Das gemeine englische 
Pferd und das (zweifellos ursprünglich selber aus einer Mischung 
hervorgegangene) arabische Pferd waren »physiologisch« ebenfalls sehr 
verschieden, und aus ihrer Verbindung erzeugte sich doch im Laufe 
der Zeit die physiologisch einheitlichste und edelste Tierrasse der Welt, 
das englische Vollblut. Nun sieht der grosse Gelehrte Renan das 
englische Menschcnvollblut gewiss ermassen vor seinen Augen, nämlich 
in historischen Zeiten entstehen. Was folgert er daraus? Er sagt: 
da der beutige Engländer weder der Kelte aus Caesars Zeiten, noch 
der Angelsachse des Hengist, noch der Däne des Knut, noch der 
Normanne des Eroberers, sondern das Ergebnis einer Durchdringung 
aller vier sei, so könne man von einer englischen Rasse überhaupt 
nicht sprechen. Also, weil die englische Rasse eine geschichtlich 
gewordene ist (wie alle, von denen wir sichere Kunde besitzen), weil 
sie etwas durchaus neues, eigenartiges ist: darum existiert sie gar 
nicht! Wahrhaftig, es geht nichts über Gelehrtenlogik I 

»Was ihr nicht rechnet, 
Glaubt ihr, sei aicht wahr.t 

Wir werden über die Bedeutung der NadoDeo für Rassenbildung 
ganz anders urteilen. Das römische Reich in seiner Imperiumzeit war 
die Verkörperung des antinationalen Prinzips; dieses Prinzip führte 
zur Rassen losigkeit und zugleich zum geistigen und moralischen Chaos; 
die Errettung aus dem Chaos geschah durch die zunehmend scharfe Aus- 
bildung des entgegengesetzten Prinzips der Nationen.') Nicht immer 



■) Dies bildet den Gegensund des acbtea Kapiicls. 






hat lue politische Nationalhit bei der Erzeugung individueller Rassen 
die selbe Rolle gespielt wie in unserer neueren Kultur; ich brauche 
nur auf Indien, Griechenland und auf die Israeliten zu verweisen; 
jedoch schöner, folgenreicher, und, wie es scheint, dauerhafter wurde 
das Problem nie gelöst als bei uns Germanen. Als hätte man sie aus 
dem Boden gestampft, ist in diesem kleinen europäischen Weltteil 
einer Reihe durchaus neuer, unterschiedener Gebilde hervorgegangen. 
Renan meint, nur in der alten Polis hätte es Rasse gegeben, weil 
allein dort die numerische Beschränktheit Bluigenieinschaft gesianec 
habe; das ist ganz falsch; man braucht nur wenige Jahrhunderte 
zurückzurechnen und jeder Mensch zählt Hundernausende von Vor- 
eltern; was also in dem engen Gebiet Athens in verhältnismässig 
kurzer Zeit geschah, die physiologische Aneinanderknüpfung, das 
geschah bei uns im Laufe etlicher Jahrhunderte und setzt sich heute 
noch fort. Weit entfernt, dass die Bildung der Rasse in unseren 
Nationen abnähme, nimmt sie notwendigerweise täglich zu. Je länger 
ein bestimmter Ländcrkomplei: politisch vereinigt bleibt, um so inniger 
wird jene geforderte > physiologische Einheit«, um so schneller und 
gründlicher saugt sie fremde Elemente auf. Unsere Anthropologen 
und Historiker setzen ohne weiteres voraus, in ihren hypothetischen 
Urrassen seien die spezifischen, unterscheidenden Charakteristika hoch 
entwickelt gewesen, jetzt jedoch befänden sie sich in progressiver 
Abnahme; es fände also ein Fortgang aus ursprünglicher Mannig- 
faltigkeit zu zunehmender Einfältigkeit statt. Diese Annahme wider- 
spricht aller Erfahrung, welche uns vielmehr lehrt, dass Individuali- 
sierung eine Frucht wachsender Differcntücrung und Absonderung ist. 
Gegen die Voraussetzung, ein organisches Wesen trete zuerst mit 
scharf ausgesprochenen Kennzeichen auf, die sich dann allmählich 
verwischen, spricht die gesamte biologische Wissenschaft; diese zwingt 
uns geradezu die umgekehrte Hypothese auf: dass das frühe Menschen- 
geschlecht ein bewegliches, verhältnismässig farbloses Aggregat war, 
aus welchem heraus die einzelnen Typen in zunehmender Divergenz 
und zunehmend scharfer Individualität hervorgewachsen sind; eine 
Hypothese, welche durch alle Geschichte bestätigt wird. Nicht also 
aus Rassenium zur Rassenlosigkeit ist der normale, gesunde Ent« 
wickelungsgang der Menschheit, sondern im Gegenteil, aus der 
Rassen!osigk«t zur immer schärferen Ausprägung der Rasse. Die 
Bereicherung des Lebens durch neue Individualitäten scheint überall 
ein höchstes Gesetz der unerforschlichcn Natur zu sein. Hier spielt 



a94 



Die Erben. 



non bei uns Menschen die Nation, welche fast immer Vermischung, 
gefolgt von Inzucht bewirkt, eine ausschlaggebende Rolle. Ganz 
Europa beweist es. Renan zeigt, wie viele Slaven mit den Ger- 
manen verschmolzen sind, und stellt ziemlich hämisch die Frage, ob 
man überhaupt berechtigt ist, die heurigen Deutschen »Germanen« 
zu nennen: nun, mich dünkt, über Namen braucht man in solchen 
Fsllen nicht zu streiten, — was die heutigen Deutschen sind, hat 
Herr Renan im Jahre 1870 erfahren können; er erfuhr es ausserdem 
durch die Gelehrten, deren Fleiss er neun Zehntel seines Wissens 
verdankt. Das ist der Erfolg von Rassenerzeugung durch Nationen- 
bildung. Und da Rasse nicht bloss ein Wort ist, sondern ein organisches, 
lebendiges Wesen, so folgt ohne weiteres, dass sie nie stehen bleibt: 
äc veredelt sich, oder sie entartet, sie entwickelt sich nach dieser 
oder jener Richtung und lösst andere Anlagen verkümmern. Das ist 
ein Gesetz altes individuellen Lebens, Der feste nationale Verband 
ist aber das sicherste Schutzmittel gegen Vcrirrung: er bedeutet ge- 
meinsame Erinnerung, gemeinsame Hoffnung, gemeinsame geistige 
Nahrung; er festet das bestehende Btutband und treibt an, es immer 
enger zu schliessen. 
Dct H«w, Ebenso wichtig wie die klare Erkenntnis des organischen Ver* 

hiltnisses zwischen Rasse und Nation, ist die des organischen Ver- 
hältnisses zwischen der Rasse und ihrer Quintessenz, dem Helden, 
oder Genie. Gemeiniglich glauben wir wählen am müssen zwischen 
Heldcnanbetung und Heldengeringschätrung. Beides ist gleich falsch. 
Was ich schon in der allgemeinen Einleitung ausgefühn habe, braucht 
nicht wiederholt zu werden ; hier aber, wo die Rassenfrage im Vorder- 
gründe steht, tritt uns dieses Problem in einer besonders klaren 
Fassung entgegen und bei einiger Kraft der Anschauung müssen wir 
doch einsehen: der Einfluss der geistig hervorragenden Individuen 
in einem Geschlecht, wie das menschliche, dessen Eigenheit auf der 
Ausbildung seiner geistigen Fähigkeiten beruht, ist unermesslich, zum 
Guten und auch zum Bösen; diese Individuen sind die tragenden 
Fasse, ^e bildenden Hände jedes Volkes, sie sind das AntUtz, 
welches wir Andere erblicken, sie sind das Auge, welches selber 
die übrige Welt in einer bestimmten Weise erschaut und dem übrigen 
Organismus mitteilt. Hervorgebracht werden sie jedoch vom gesamten 
Körper; nur durch dessen Lebensthäügkeit kOnnen sie entstehen, 
nur an ihm und in ihm gewinnen sie Bedeutung. Was soll mir 
die Hand, wenn sie nicht aus einem kräftigen Arm als ein Stück, 




j 



Das Volkcrchaos. 



2« 



ein Teil davon herauswächst? was soll nair das Auge, wenn die 
strahlenden Gestalten, die es erschaute, sich nicht weiterspiegeln in 
einer dahinter liegenden dunklen, fast amorphen Gebimmasse? Er- 
scheinungen erhalten erst dadurch Bedeutung, dass sie nait anderen 
Erscheinungen in Verbindung stehen. Je reicher das Blut unsichtbar 
in den Adern kreist, umso üppiger werden die Blüten des Lebens 
hervorsprossen. Die Behauptung, Homer habe Griechenland geschaiFen, 
spricht zwar buchstäblich« Wahrheit aus, bleibt aber einseitig und irre- 
leitend, solange nicht hinzugefugt wird : nur ein unvergleichliches Volk, 
nur eine ganz bestimmte, geadelte Rasse konnte diesen Mann her- 
vorbringen, nur eine Kasse, bei der das sehende und gestaltende 
Auge io überschwänglichster Weise zur Ausbildung gelangt war.') 
Ohne Homer wäre Griechenland nicht Griechenland geworden, ohne 
Hellenen wäre Homer nie geboren. Die Rasse, die den grossen Seher 
der Gestalten gebar, gebar auch den erfindungsreichen Scher der 
Figuren, Euklid, den luchsäugigen Ordner der Begriffe, Aristoteles, 
den Mann, der das System des Kosmos zuerst durchschaute, Aristarchos 
u. s. w. ad inßnitum. Die Natur ist nicht so einfach, wie die Schul- 
weisheit es sich träumt: ist grosse Persönlichlceit unser »höchstes 
Glückt, so ist doch gemeinschaftliche Grösse der einzige Boden, auf 
dem sie erwachsen kann. Die ganze Rasse z. B. ist es, welche die 
Sprache schafft, damit zugleich bestimmte künstlerische, philosophische, 
religiöse, ja sogar praktische Möglichkeiten, aber auch unübersteigliche 
Schranken. Auf hebrlischem Boden konnte niemals ein Philosoph 
entstehen, weil der Geist der hebräischen Sprache die Verdotmetschung 
meuphysischer Gedanken absolut unmöglich macht; aus demselben 
Grunde konnte kein semitisches Volk eine Mj^hologie im gleichen 
Sinne wie die Inder und die Germaren besitzen. Man sieht, welche 
bestimmte Wege auch die grössten Männer durch die gemeinsamea 
Leistungen der ganzen Rasse gewiesen werden.') Die Sprache ist es 
aber nicht allein. Homer musste die Mythen vorfinden, um sie ge- 



■) Wo* von der ungeheueren Krart dieser Geschlschccr, fiLhig dncm Homer 
■1i OrundlaKC zu dienen, skh eine lebendige Vorsidlung machen will, der lese die 
Beschreibung der Burgen von lii^-ns nnd Mykeni, aus atridiscfaer Zeit, iine ne heule 
nocli. nach Jihnauscndcn, dutchcn. 

»} Nich Renan {Isratl, I, io3) vemug die hebrii«he Sprache weder eioes 
philosophischen GcdatJicn, noch eine layihologisdic Voistellung, noch das Gefühl 
dej VocadUchefi, noch die Resungen des mcnschlidieD liuieni, >io«li ^ reine Matur 
txtrachlUQg (kbcthaupt zum Ausdruck zu bringen. 




Die Erben. 



ChtM- 



sialtcn zu können; Shakespeare brachte auf die Bühne die Geschichte, 
die das englische Volk gelebt hatte ; Bach und Beethoven entspriessco 
Stimmen, die schon den Alten durch ihr Singen aufgefallen waren. 
Und Mohammed? Hätte er die Araber zu einer Weltmacht erheben 
können, wenn sie nicht als eine der reinst gezüchteten Rassen der 
Erde bestimmte >überschwängtiche* Eigenschaften besessen hätten? 
Hiiie ohne den neuen Stamm der Preussen der Grosse Kurfürst das 
Gebäude begründen, der grosse Friedrich ausbauen, der grosse Wilhelm 
vollenden können, welches jetzt Deutschland umfassi? 
Du iHMDiotc Hiermit ist unsere erste Aufgabe in diesem Kapitel erledigt: wir 

haben eine deutliche, konkrete Vorstellung davon bekommen, was 
Rasse ist und was sie fUr das Menschengeschlecht zu bedeuten hat; 
wir haben auch an einigen Beispielen der Gegenwaji gesehen, wie 
verhängni^svoll die Abwesenheit von Rasse, d. h. also das Chaos un- 
individualisierter, ancnloscr Mcnschenagglomcrate wirkt Wer das nun 
alles einsieht und darüber nachsinnt, wird allmählich erkennen lernen, 
was CS für unsere germanische Kultur bedeuten mag, dass die auf sie 
herabgeerbte Kultur des Altertums, welche an wichtigen Punkten noch 
immer nicht allein ihre Grundlage, sondern auch ihr Gemäuer bildet, 
ihr nicht durch ein bestimmtes Volk vermittelt wurde, sondern durch 
ein nationloscs, physiognomiebares Geraenge, in welchem die Bastarde 
das grosse Wort führten, nämlich, durch das Völkerchaos des unter- 
gehenden römischen Imperiums. Unsere gesamte geistige Entwickelung 
steht noch heute unter dem Fluche dieser unseligen Zwischenstufe ; 
sie ist es, welche noch im 19. Jahrhundert den aniinationalen, rassen- 
fcindlichcn Mächten die Wafl'en in die Hand giebt. 

Schon vor Julius Cäsar beginnt das Chaos zu entstehen; durch 
Caracalla wird es zum offiziellen Prinzip des römischen Reiches er- 
hoben. ■) So weit das Imperium reichte, so weit hat gründliche Blut- 
vermischung stattgefunden, doch so, dass die eigentliche Bastardierung, 
das heisst, wie wir jetzt wissen, die Kreuzung zwischen unverwandten 
oder zwischen edlen und unedlen Rassen fast ausschliesslich im süd- 
lichsten oder im östlichsten Teil vorkam, dort, wo die Semiten mit 
den Indoeuropäem zusammentrafen — also in den Hauptstädten Rom 
und Konstantinopel, dann an der Nordküsie Afrikas ganz entlang 
(sowie auch an den Küsten Spaniens und Galliens), vor Allem in 
Ägypten, Syrien und Kleinasicn. 



Siehe S. 147. 





Es ist ebenso leicht als wichtig, sich den Umfang dieses Länder- 
komplexes vorzustellen. Die Donau und der Rhein treffen an ihrem 
Ursprung fast zusammen; die beiden Flussgebiete greifen so genau in- 
einander über, dass es in der Nihe des Albulipasses einen kleinen See 
giebt, der bei hohem Wasserstande, so wird versichert, auf der einen 
Seite in die Albula und den Rhein, auf der anderen in den Inn und 
die Donau abfliesst. Verfolgt man nun den Lauf dieser Flüsse von 
der Mündung des Rheins in die Nordsee, bei Roncrdam, den Khcio 
hinauf und die Donau hinunter bis zu ihrer Mündung in das Schwarze 
Meer, so erhält man eine ununterbrochene Linie, welche den europä- 
ischen Kontinent in der Richtung von Nordwesten nach Sudosten 
durchkreuzt; sie bildet die durchschnittliche Nordgrenzc des römischen 
Reiches während langer Zeit; ausser in Teilen von DacJen (im heutigen 
Rumänien) haben sich die Römer niemals nördlich und östlich von 
dieser Grenze dauernd behauptet. <} Diese Linie teilt Europa (wenn man 
den asiatischen und afrika,nischen Besitz Roms dazurechnei] in zwei fast 
gleiche Teile. In dem südlichen Teile hat nun die grosse Bluttransfusion 
(wie die Arzte die Einspritzung fremden Blutes in einen Organismus 
nennen) stattgefunden. Betitelt Maspero in seiner Geschiehst der Vblhr 
des klassischtn Orients den einen Band ^das erste Durcheinander der 
Völker«, so könnte man hier von einem zweiten Durcheinander reden. 
In Britannien, sowie in Rhätien, im allern ördüchsten Gallien u. s. w. 
scheint es freilich troia der römischen Herrschaft zu keiner eigentlichen 
Durchdringung gekommen zu sein; auch im übrigen Gallien, sowie 
in Hispanicn hatten wenigstens die aus Rom importierten neuen Ele- 
mente etliche Jahihundcrcc verhältnismässiger Abgeschiedenheit zur 
Verschmelzung mit den früheren Einwohnern, che andere nachkamen, 
ein Umstand, wckhcrdie Ausbildung einer neuen, schrcharakteristischea 
Rasse, der gallorömischen ermöglichte. Im Südosten dagegen, und 
namentlich an allen Kulturzentren (die, wie bereits hervorgehoben, 
einzig im Süden und Osten lagen) ergab sich ein um so gründlicheres, 
verderblicheres Durcheinander, als die aus dem Orient Hinzuströmenden 
selbst lauter halbschlächtigc Menschen waren. Unter damaligen Syriern 



■} Dos römische GreRzwallsjstcm schRitt aUcrdi&gf eiii mmliches Stück när4' 
licli voa der Donau und östlich vom Rhein ab, indem der Litites oberhalb Regcas- 
burg nach Westen abiwcigtc, bis ia die Kihc von Stu;igart, von doti wicdci oacb 
Norden, bü er westlich von Wüwburg den Main traf. Doch wurde dieses sog. •Zehnt- 
hnd* nicht von Itdcm, londcm, wie Tacitus erülilt, von >di:a Leichtfertigsten der 
Callici* bcEogcn. (Vgl- Wietcrslicim : Völktm.'atti*nmg I, i6i ff.) 



39B 



Die Erben. 



LatU«. 



z. B. darf man sich nicht eine bestimmte Nation, irgend äa Volk, 
eine Rasse vorstellen» sondern vielmehr eine bunte Agglomeration 
pseudohethitischer, pseudosemitischer, pseudoliellenischer, pseudoper- 
sischer, pseudoskyihischer Bankerte, Leichte Begabung, oft auch eigen- 
tümliche Schönheit, das, was die Franzosen un charme tmtblant nennen, 
ist Bastarden häufig zu eigen; man kann dies heutzutage in Städten, 
wo, wie in Wien, die verschiedenen Völker sich begegnen, täglich 
beobachten; zugleich aber kann man auch die eigentumliche Halt- 
losigkeit, die geringe Widerstandskraft, den Mangel an Charakter, kurz, 
die moralische Entartung solcher Menschen wahrnehmen. Den Syrier 
mache ich darum namhaft, weil ich nicht durch wortreiche Auf- 
zahlungen, sondern durch Beispiele reden möchte; er aber war das 
Muster des aus allem völkischen Zusammenhang losgerissenen Bastards; 
gerade deswegen hat er bis zum Einbruch der Germanen (und noch 
darüber hinaus) eine grosse Rolle gespielt. Wir finden Syrier auf dem 
kaiserlichen Throne, Caracalla gehört zu ihnen, und das in Seide und 
Gold gekleidete, wie eine Tänzerin geschmückte Monstrum, Helio- 
gabalus, wurde direkt aus Syrien importiert; wir finden sie in allen Ver- 
waltungen und Präfcknircn; sie, sowie ihr Scitcnstück, die afrikanischen 
Bastarde, reden ein grosses Wort mit bei der Kodifikation des Rechtes 
und ein geradezu ausschlaggebendes bei der Ausbildung der römischen 
Univcrsalkirche. Schauen wir uns einen dieser Männer näher an; wir 
bekommen dadurch sofort ein lebhaftes Bild des damaligen civilisierten 
Bruchteils Europas und seiner geschäftigen Kulturträger und erhalten 
somit einen Einblick in die Seele des Völkerchaos. 

Der Schriftsteller Lucian ist wohl Jedem, wenigstens dem Namen 
nach bekannt; seine ungewöhnJiche Begabung zieht unwillkürlich die 
Aufmerksamkeit auf ihn. Geboren an den Ufern des Euphrat, unfern 
der ersten Ausläufer des laurischcn Gebirges (in denen noch energische 
Stämme indoeuropäischer Herkunft wohnten), lernt der Knabe neben 
der syrischen Landessprache auch griechisch radebrechen. Er zeigt 
Talent für Zeichnen und Bildhauerei und wird zu einem Bildhauer in die 
Lehre gegeben, doch erst, nachdem ein Familie nconciltum suttgcfundcn 
hat, um zu beraten, wie der Junge am schnellsten zu recht viel Geld 
kommen könne. Diese Sorge ums Geld bleibt fortan das ganze Leben 

hindurch, trotz der später angehäuften Reichtümer, der Leitstern 

nein, das wäre zu schön gesagt, der treibende Impuls dieses begabten 
Syriers; in seiner Schrift Ntgrinus gesteht er mit beneidenswerter 
Ungenicnhcit, das Liebste auf der Welt sei ihm Geld und Ruhm, 





und noch als alter Mann schreibt er ausdrücklich, er nehme die ihm 
von Commodus (dem Gladiatorenkaiser) angebotene hohe Beamten- 
stelle des Geldes wegen an. Doch mit der Kunst wird's nichts. In 
einer hoch berühmten, doch meines Wissens bisher von keinem 
Historiker nach ihrem waliren Inhalt gewürdigten Schrift, 'der Traume,') 
sagt uns Ludan, weswegen er die Kunst aufgab und es vorzog, 
Jurist und Lincrat zu wt-rden. Im Traume waren ihm z^-ei Weiber 
erschienen : die «ine »sah nach Arbeit aus« (I), hatte schwielige Hände, 
das Gewand über und über von Gips bedeckt, die andere war elegant 
angezogen und stand gelassen da; die eine war die Kunst, die 
andere . . . wer es nicht schon weiss, wird es uic erraten, die andere 
war die Bilduogl^) Die arme Kunst bemüht sich, durch das 
Beispiel von Phidias und PolykJet, MjTon und Praxiteles ihren neuen 
Jünger anzucifcm, doch vergeblich ; denn die Bildung thut überzeugend 
dar, die Kunst .sei eine »unedle Beschäftigung f (I); den ganzen Tag bleibe 
der Künstler in einem schmutzigen Kittel über seine Arbeit gebückt, wie 
ein Sklave; selbst Phidias sei nur »ein gemeiner Handwerker« gewesen, 
der >von seiner Hunde Arbeit lebte« ; — wer dagegen statt Kunst 
die »Bildungtt erwähle, dem stünden Reichtum und hohe Ämter in 
Aussicht, und wenn er auf der Strasse spazieren gehe, dann würden 
sieb die Leute anstossen und sagen; >Schau', da geht der berühmte 
Mann!« 3) Schnell entschlossen springt Lucian auf: >das unschöne, 
arbeitsvolle Leben verliess ich und trat zur Bildung über.f Heute 
Bildhauer, morgen Advokat; wer ohne Bestimmung geboren ist, kann 
alles er*'äh!en;4) wer nach Geld und Ruhm geht, braucht nicht La 
die Höhe zu schauen und riskiert also nicht, wie der Held des 
deutschen Kindcrmarchens, in den Brunnen zu fallen. Man glaube 
oichi, jener tTraumt sei etwa eine Satire; als Rede gab ihn Lucian in 



■) "Üiciü mit dem tTraum da Schmters Mi^Hiut zu ver«,'eclucln, uu einigen 
toAcb freundticli belehrenden Kritikern der i. Au(l guchchcii ist. 

*) So wird, und wohl mit Recht, du gricchiiche Wort xaitiEla von den 
besten ÜberscUcm hier vcidcuuclit; um Kiiidcrcriichunii; b^uidelt « sich nicht und 
iWlsicnschaft« würde lu viel besigen. Dem etwaigen Einvrarf, diss die ersie Frau 
sich iimidm nicht ^ die >Kunn< kunwcg, soadcm als »die Kunst, Kennen m 
schniucn« vorsicUi, i» ju entgegnen, dass sie doch später eioTach ah Tixtri bezeichnet 
wild, uad dA» die BcruTunj; auf ?ludiu und andere Künillcr keinem Zwdicl übet 
die Absicht Kjam lüsst. 

3) Das Idic £cho vcmahmen wir ia uiiscicin Jahritundert: 

»Nennt man die besten Mamen, so wird auch der meine genannt!* 

■•) Vcrgl. S, 244. 




30e 



Die Erben. 



seincT Vaterstadt zum Besten, als er sie später einmal, mit Gold und 
Lorbeeren bedeckt, besuchte; der Jugend von Samosata hielt er 
— er selber sagt es — seinen Lebenslauf als Beispiel vor. Welche 
bittere Satirc ihr ganzes Schicksal auf das Leben der wahrhaft 
Grossen bedeutet, verstehen solche Menschen, sonst so geistvoll, 
niemals; wie hätte sonst ein Heine sich in eine Linie mit einem 
Goethe stellen können? Nun, Lucian hatte die Bildung erwählt; 
um sie zu erwerben, begab er sich nach Antiochien. Athen war 
freilich noch immer die wahre hohe Schule des Wissens und des Ge- 
schmackes, galt aber für altmodisch ; das syrische Antiochien und das 
angeblich hellenische, doch bereits im z. Jahrhundert mit fremden 
Elementen durch und durch getrSnkte Ephesus übten eine weit 
stärkere Anziehung auf die internationale Jugend des römischen 
Reiches aus. Dort studierte Lucian das Recht und die Beredsamkeit. 
Doch als intelligenter Mensch empfand er peinlich die Misshandlung 
der griechischen Sprache seitens seiner Lehrer; er erriet den Wert 
eines reinen Stiles und setzte nach Athen hinüber. Bezeichnend ist 
es, dass er nach kurzen Studien daselbst als Anwalt und Redner 
aufzutreten sich erkühnte; alles hatte er inzwischen gelernt, nur 
nicht, was sich schickt; die Athener brachten es ihm bei, sie 
lachten über den >ßarbaren< mit seinen angelernten Fetzen fremder 
Bildung und gaben ihm damit einen Wink vom Himmel ; er entwich 
nach einem Ort. wo man es mit dem Geschmack nicht so genau 
nahm, nach Massilia. Diese phönizisch-diasporische Hafenstadt hatte 
soeben durch die Ankunft Tausender von palästinischen Juden ein so 
ausgesprochenes Gepräge erholten, dass sie einfach >die Judenstadt« 
hiess; doch kamen hier Gallier, Römer, Spanier, Ligurier, alles Er- 
denkliche zusammen. Hier, in Neuathen, wie ihre Einwohner mit 
zarter Anerkennung ihres eigenen Geisteswertes Massilia zu nennea 
beliebten, lebte Lucian viele Jahre und vrarde ein reicher Mann; die 
Advokatur gab er auf, dazu hätte er lateinisch gründlich smdiercn 
müssen; ausserdem war die Konkurrenz gross, und schon in Antiochien 
hatte er als Jurist keinen besonderen Erfolg gehabt; was diese reich 
gewordenen Kaufleute am nötigsten brauchten, war Bildung, imoderne« 
Bildung und Anscaiidslehre. W^ar nicht gerade »Bildung« Lucian's 
Ideal, sein Traum gewesen? Halte er nicht in Antiochien studiert 
und sogar in Athen ^öffentlich geredete? Er hielt also Vorträge; 
die Zuhörer verhöhnten ihn aber nicht wie in Athen, sondern zahlten 
jedes Honorar, das er zu. fordern beliebte. Ausserdem reiste er in 





ganz Gallien als bestellter Prunkredner herum, damals ein sehr ein- 
trägliches Geschäft: heute die Tugenden eines Verblichenen fcicrad, 
den man niemals im Leben sah, morgen zur Verherrlichung eines 
religiösen Festes beitragend, das zu Ehren irgend einer lokalen gallo- 
römischen Divinitäi gegeben in-urde, deren Namen ein Syrier nicht ein- 
mal aussprechen konnte. Wer sich von dieser Rcdncrci eine Vorstellung 
machen will, sehe sich die Horida des gleichzeitigen, aber afri- 
kanischen Mestizen Apulcjus an;') es ist dies eine Sammlung kürzerer 
und längerer oratorischer Eflrktstückc, geeignet in jede beliebige 
Rede eingeschoben zu werden, um dann, als scheinbar picjtzliche Ein- 
gebung, die ganze Versammlung durch den Reichtum des Wissens, 
äCB Witz, die Empfindungsiiefe des Redners ru verblüffen und hinzu- 
reissen; es liegt da alles nebeneinander auf »Lager«; das Gedanken- 
tiefe, das fein Pointierte, die geistreiche Anekdote, das devot Unter- 
thänigc, das von Freiheitsgelüsten Strotzende, ja, die Entschuldigung 
nichts vorbereitet zu haben und der Dank für die Standbilder, mit 
welchen man den Redner überraschen könnte! Gerade solche Dinge 
malen einen Menschen, und ihn nicht allein, sondern ehie ganze 
Kultur, oder um mit Ludan xu sprechen, eine ganze >Bi1dungt. 
Wer den Forsten Bismarck in einer seiner grossen Reden hat mühsam 
nach dem Worte ringen gehört, wird mich schon verstehen. — Mit 
40 Jahren kehrt Lucian Gallien den Rücken; sich in einem be- 
stimmten Orte niederlassen, sein Geschick mit dem irgend eines 
Landes dauernd verbinden, das kommt ihm nicht bei; Nationen gab 
es ausserdem keine; kehrt Lucian jetzt vorübergehend in seine Heimat 
zurück, so geschieht das ebenfalls nicht aus einem Herzensbedürfnis, 
sondern, wie er selber aufrichtig gesteht, »um sich denen, die ihn 
arm gekannt hanen, reich und schön gekleidet ruzcigcn.«') Dann richtet 
er sich auf längere Zeit in Athen ein; schweigt aber diesesmal still, 
studiert fleissig Philosophie und Wissenschaft in dem redUchen Be- 
mühen, cndHch herauszuBnden, was sich wohl hinter dieser ganzen 



') Apulcjus TÖhmt sich ausdrücklich sdner genuschien Herkunft. Übri|;ciu hat 
auch er in Syrien und Ägypten studiert und ist in Griechenland gereist, liat tlso 
ungcßhf ilense1l?cn Bililuii^sttan^ mc Lucian gcliabi. 

■) Die Flifgtndtn Blätur 1896 hiben ein ßild, welches einen Kommeriieiirat 
and scioc Frau soeben in ihren Wagen eingestiegen idgi: 

Siu: Wo rühren wir denn heute hin} 

Et: Na, natürlich durch die Stadt: luscn ims ron den Leuten beneiden! 
Das i«t genau die ninilich« KuItunlufc. 



Die Erben. 

vielgcrühnuen hellenischen Kultur verberge. Dass dieser Mann, der 
20 Jahre lang »hellenische Bildung< gelehrt und dabei Reichtum und 
Ehren eingeheimst hat, plötzlich merkt, er habe niemals auch nur 
das erste Wort von dieser Bildung verstanden, das ist ein fast rührender 
Zug und ein Beweis ungewöhnlicher Begabung. Daher habe ich 
gerade ihn herausgewälili. In seinen Schriften findet man auch 
neben den Wortwitzeleien und den vielen guten Spässen, und ausser 
dem Talent, flott zu erzählen, manche scharfe, bisweilen schmerz- 
durchzuckte Bemerkung. Was konnte aber bei diesem Studium 
herauskommen? Wenig oder nichts. Wir Menschen sind eben nicht 
Brensteine; man wurde in Athen ebensowenig ein Anderer durch 
gelehrten Unterricht, als man heute in Berlin, wie es Professor Virchow 
von dem Einfluss der dortigen Universität erhofft, eine »schöne Per- 
sönlichkeitf wird, wenn man nicht bei der Immatrikulation schon 
eine war. Das Wissen des Menschen ist an nichts so eng geknüpft 
wie an sein Sein, mit anderen Worten, an seine bestimmte An zu 
sein, seine bestimmte Organisation. Plato meinte: Wissen sei Er- 
innerung; die heutige Biologie deutet dieses Wort ein wenig um, 
gicbt dem Philosophen jedoch Recht. In einem durchaus inhaltreichet) 
Sinne darf man behaupten, jeder Mensch kann nur wissen, was er 
ist. Lucian empfand selber, alles was er bisher gelernt und gelehrt 
habe, sei blosses Flitterwerk; That-sachcn, nicht die Seele, aus welcher 
diese Thaten erwuchsen; die Hülle, doch ohne den Leib; die Schale, 
doch ohne den Kern. Und als er nun endlich das einsah und die 
Schale aufbrach, was fand er? Nichts. Naiarlich nichts. Erst bringt 
die Natur den Kern hervor, die Schale ist eine spätere Accrescenz; 
erst wird der Leib geboren, dann hüllt man ihn ein; erst schlägt ein 
Heldenherz, dann werden die Hcldenthaien vollbracht. Lucian konnte 
als Kern nur sich selbst finden ; sobald er sich die Fetzen römischen 
Rechtes und hellenischer Poesie vom Leibe riss,