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Full text of "Die kartenwissenschaft; forschungen und grundlagen zu einer kartographie als wissenschaft"

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; Max Eckert 

Die 
Kartenwissenschaft 

I.Band 






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DIE 

KARTENWISSENSCHAFT 

FORSCHUNGEN UND GRUNDLAGEN 

ZU EINER KARTOGRAPHIE 

ALS WISSENSCHAFT 

VON 

MAX ECKERT 



ERSTER BAND 

[IT 10 ABBILDUNGEN IM TEXT UND EINER KARTE 



BERLIN UND LEIPZIG 1921 
VEREINIGUNG WISSENSCHAFTLICHER VERLEGER 

WALTER DE GRUYTER Sc CO. 
VORMALS G. J. GOSCHEN'SCHE VERLAGSHANDLUNG • .1. OUTTENTAQ VERLACS- 
BUCRHANDLUNG ■ GEORG REIMER . KARL J. TRfTBNKR • VEIT * COMP. 



Alle Rechte, iusbesondeie tlas der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbihalton. 



Copyright by Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co. 
Berlin und Leipzig 1921, 



Druck von Melzger & Witüg in Leipzig. 



Vorwort. 

Was ich 1907 in dem Vortrag: „Die wissenschaftliche Kartographie im Uni- 
versitätsunterricht" auf dem XVI. Deutsehen Geographentag zu Nürnberg wie in 
dem Aufsatz „Die Kartographie als Wissenschaft" in der Zeitschrift für Erdkunde 
zu Berlin mehr progi-ammatisch entwarf imd zu bearbeiten in Aussicht stellte, liegt 
jetzt beendet in der „Kartenwissenschaft" vor, nachdem ich Gelegenheit gehabt hatte, 
auf größern Studienreisen meine Kartenkenntnis zu vertiefen und zu erweitem. 
Längere Zeit arbeitete ich in GöttLngen, Hamburg, Iviel, Berlin, Dresden, München, 
Nürnberg, Gotha, Leipzig, Bonn, Duisburg, ferner in den verschiedensten BibUotheken 
in Wien, Paris, wo mir sogar die Einsichtnahme in das wertvolle Kartenmaterial 
des Marineamtes (Service Hydrographique) gestattet war, in London, Edinburg. 
Amsterdam, Brüssel, Kopenhagen, Stockholm, Petersburg und Moskau. 

Vorhegendes Werk, das nm- Forschungen und Grundlagen zu einer Karto- 
graphie als Wissenschaft geben will, ist weder eine Geschichte der Kartographie 
noch ein Handbuch der Kartographie. Mir ist die geschichthche Untersuchung 
lediglich Mittel zum Zweck gewesen, um besser zur Klarheit über die einzelnen 
Probleme vorzudringen. Soviel Freude es auch einem Forscher bereitet, das ge- 
schichthche Dunkel aufzuhellen, mich konnte es allein nicht befriedigen, mein Ziel 
ging weit über das Historische hinaus. Immer wieder die Stellen zu finden, wo 
die Verbesserung emzusetzen hat, immer \vieder die Bahnen des Fortsclu-itts zu 
zeigen und zu offnen, immer wieder neuen Ideen Eaum zu schaffen, — das war 
und ist mein eigenthches Ziel. Überall war ich bestrebt, auf Grund der Exaktheit 
im kleinen und einzelnen zu großen Wahrheiten emporzusteigen. 

In meiner Absicht lag es, der ,, Kartenwissenschaft" zugleich einen Atlas bei- 
zugeben, der die wichtigsten Karten in der geschichtlichen Entwicklung der Karte 
veranschauHcht hätte. Leider ist die Herausgabe eines derartigen , .genetischen 
Facsimileatlas" vorderhand ein Ding der Unmöglichkeit, weil dazu eine größere 
Anzahl von Kartenreproduktionen aus Pariser und Londoner l^ibUotheken notwendig 
sind. Diese, zu einem Atlas vereint mit verschiedenen Abzügen von seltenen Karten, 
die sich bereits in meinem Besitze befinden, dürften später einmal eine angenehme 
Zugabe zu meiner Kartenwissenschaft bilden. 

Mit dem Werke über die Kartenwissenschaft verfolge ich ebensowohl den idealen 
Zweck, die theoretische Kartographie als Wissenschaft zu begründen, wie einen viel- 
seitig praktischen. Da galt es zunächst, für hinreichenden und interessanten Stoff 
zu kartographischen Vorlesungen zu sorgen. Die Probleme der theoretischen Karto- 
graphie sind so vielseitig, aber auch so schwierig, daß sie nur ein Vollwissenschaftler 
beherrschen und lehren kann. Es muß dahin gestrebt werden, daß die Vorlesungen 
über Kartographie zu einem dauernden Bestand des Vorlesungsprogrumins jeder 
Universität und jeder Technischen Hochschule werden, so älinlich wie dies bereits 
an (Ici- Technischon Hocliscliul(^ zu .Vadicn geworden ist. 



IV Vorwort. 

Habe ich insonderheit für den Wissenschaftler geschrieben, dürfte doch auch 
der praktische Kartograph auf seine Eechnuug kommen, l'erner dürfte der Schul- 
mann nicht ohne Gewiim meine Studien aus der Hand legen, wenn ich auch die 
Schulkartographie nur dann und wann gestreift habe. Gerade der Lehrer, sei er 
Yolksschullehrer oder Lehrer an einer höhern Schule, beschäftigt sich gern ein- 
gehender mit der Karte und deren Problemen; verdanken wir ihm doch eine Eeihe 
von Anregungen und praktischen Vorschlägen zur Entwicklung und Verbesserung 
von Schulatlanten und sonstigen Schulkarten. 

Nicht zum geringsten hoffe ich, daß das praktische Leben Nutzen aus meinen 
Darlegungen ziehen wird, hauptsächlich aus denen des zweiten Bandes, wo ich die 
angewandte Karte eingehender behandle. Bergbau und Industrie drängen immer 
mehr zu kartographischen Übersichten. Handel und Industrie müssen wissen, was 
sie an einer Karte haben, was sie von einer Karte verlangen und wie sie von einer 
Karte am vorteilhaftesten unterstützt werden köimen. 

Manches wissenschaftliche Werk, das auf einen nicht umfangreichen Leserkreis 
rechnen kann, würde heute wegen der holien Herstellungskosten unveröffenthcht 
bleiben, wenn nicht die deutsche Industrie der deutschen Wissenschaft tatkräftig 
helfen würde. Gewiß ein schönes Zeichen, wie in Deutschland Wissenschaft und 
Industrie Hand in Hand gehen. Der Aachener Industrie und einigen Großunter- 
nehmungen außerhalb Aachens bringe ich deshalb meinen ganz besondern Dank zum 
Ausdruck, daß sie durch eine bedeutende Unterstützung die Herausgabe des W'erkes 
ermöghchten. Aber auch wissenschaftliche Gesellschaften beteiligten sich gern an 
dieser Unterstützung. Auf einem besondern Blatt, das dem Vorwort IwiHegt, sind 
die Geber einzehi genannt. 

Aachen, am 3. Oktober 1921. 

Miix Eckert. 



Die Herausgabe 

des Werkes über „Die Kartenwissenscliaft" haben unterstützt: 

Die Gcst'Ilscliaft von Freunden der Aachener Hochschule und die Hlieinisehe 
Gesellschaft für wissenschaftliche Forschung (Bonn). 

Größere industrielle l'nternehmungen: Verein für die Interessen der Rheinischen 
Braunkohlen-Industrie, Köln; Eschwciler Bergwerksverein, Kohlscheid (Rheinl.); Aktien- Gesell- 
schaft für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation zu Stolberg und in Westfalen, Aachen; Stahlwerk 
Becker A.-G., Willich (Rheinl.); Deutsche Elektrizitäts-Werke zu Aachen, Garbe, Lalimeyer d- Co.. 
A.-G.; Rhenania, Vereinigte chemische Fabriken, A.-G. Aachen. 

Tuchfabriken, Spinnereien und Tuchgroßhandlungen: Ad. Croon; Erich Cüppcr; 
Carl Delius; Gebr. Erasmus; Job. Erckens, Söhne; Aug. Ferber; Grüneberg & Co.; Haarenci- 
Tuchfabrik (O. Lippmann); Gebr. Hirtz; Katz & Langstadt; Aloys Knojjs; Jos. Königsberger; 
Marx & Auerbach; F. & M. Meyer; J. & J. Meyer; Meyerfeld & Herz; C. Neilessen, J. M. Sohn: 
Struch & Guttentag; Tuchfabrik Aachen. — Aachener Streichgarn- Spinnerei, Alb. Bruls; Aktien- 
Spinnerei Aachen; Hubert Alt (W. Renner); Vereinigte Streichgarnspinnereien. ~ L. Rosonberg jr. : 
Wertheim & Schiff. 

Eisenbahnwagen-, Automobil-, Leder-, Kratzen-, Nadel- undMaschinenfabriken: 
G. Talbot & Co.; J. P. Goossens, Lochner & Co. — Mannesmann-Mulag; Fafnir- Werke. — Aachener 
Lederfabrik, A.-G.; Aachener Kratzenfabriken (Cassalette & Co.-A. G. Hermann); \'ereinigte 
Kratzenfabriken (G. Kellner). — Leo Lammertz; Georg Printz; Hugo Heusch & Co.; Rheinische 
Nadelfabriken A.-G.; Konr. Seyler. — Sev. Heusch; L. Ph. Hemmer; .Jacques Piedboeuf; F. Schuh- 
macher & Co. 

Spiegelglas-, Porzellan-, Chemische, Tabak-, Scliokoladenfabrikeii; Brennerei 
und Brauerei; Material- und Öl-, Eisengroßhandlungen: Hellenthal, E. & Co. (H. Loh- 
mann); N. Kinon. — Risler & Co. — Cl. Lagemann; Gebr. Vossen; Aachener Chemische Werke 
für Textil-Industrie. — Gramer & von Baerle; Gebr. Querinjean. — Leonh. ifonheira; Rheinische 
Schokoladenfabrik H. Damblon & Co. — Adler-Brennerei u. Brauerei von Herrn. Consten. — Bleei! 
& Mackenrodt. — B. Holländer; Jos. Holländer. 

Banken: Aachener Bank für Handel und Gewerbe; die Fihalen des Barmer Bankvereins 
Hinaberg, Fischer & Co., der Darmstädter Bank für Handel und Industrie, der Deutschen Bank, 
der Dresdner Banli und dos A. Schanffliausenschen Bankvereins; Koch. (Ittcii Ä- Co.; Probst i^- Co. 



Inlialt. 

Teil I. 
Die Kartographie als Wissenscliaft. 

A. Die Stelliins: der Kartographie im Gebäude der Wisseiisehalten. 

I. Allgemein Methodisches uiul Kritisches. 

Seite 

1. Die Berechtigung einer besondern Kartenwissenschaft 1 

2. Wisscnschafthche (theoretische) und praktische Kartographie 3 

.'5. Die Kartenwissenschaft eine dualistische Wissenschaft 6 

4. Beobachtung und Messung 9 

ö. Kartographische Induktion, Deduktion und Fiktion 11 

6. Psychische Hemmnisse und ökonomische Tendenz im Kartenbild K> 

7. Die Kartenkritik '5 

8. Das kartographische Plagiat I*J 

9. Richtlinien für die Beurteilung von Originalkarten 2- 

II. Die historische Methode in der Kartogra])hic. 

10. Zweck und Aufgaben der historischen Methode 24 

11. Jüttel und Wege der historischen Methode 28 

12. Das historische vergleichende Kartenstudium 32 

13. Die kartographischen Schulen und Pflegcstiittrn 3.^ 

14. Die großen kartograplüschen Anstalten Deutöcliland^ 39 

15. Wandkarte und Atlas •*- 

li. Zur Krltirschuu!; des ^Ve^('ll^ (h-r Kailc. 
1. Die Karte an sich. 



K). Probiem.'telluiig über das Wesen der Karte 

17. Kartenwesen und Kartenart 

18. Kartendetinition und Kartenname 

19. Die Karteneigenschaften im allgemeinen 

20. Die Karte als Ruhepvnikt in der Erscheinungen Flucht 

21. Autor- und Datumangabe der Karten. Namenindex 

22. Der Kartenkommentar 

11. Die Bedeutung der Karte. 



66 



23. Karte und Buch 

24. Zur pädagogischen Bedeutung der Karte. Karte imd Bild 69 

2.'). Entstehung und Zweck der Karte '- 

26. Die Bedeutung der Karte für die geogiuiihische Wissenselialt im "ueondoni 74 



V, Inhalt. 

27. J)io Bedeutung der Kaite füis praktische Leben 76 

28. Überschätzung und Ausartung der Karte. Karteiikurio.sa 78 

29. Karte und Kunst 81 

30. Die kartographische Befähigung einzelner Völker 85 

('. Gniiulziii;«' der ijciit'invärtijÄt'ii und künlfiiieu Eiilwickluug der Kartoaiapliie. 

I. Nmio Bahuen und neuo Anfgahen. 

31. Die Evidcnthaltung der Karten 91 

32. Die Weiterentwicklung der C4eländedarstelluiig '. 91 

33. Verschmelzung von Landkarte und Meerestiefenkartc 93 

34. Buntfarbige und einfarbige Karte 94 

35. Entwickhmg der morphologischen Karte im allgemeinen 94 

36. Die Entwicklung der morphologischen Karte durch Passarge 97 

37. Die Entwicklung der morphologischen Karte durch Gehne 99 

38. Verquickung von hypsometrischem und kulturgeographischem Element 100 

II. Internationale Aufgaben und Weltkartenproblenu'. 

39. WirkUche Weltkartenproblemc 102 

40. Europäische Kartenprobleme 104 

41. Die Entwicklung des Planes einer Weltkarte in 1 : 1000000 106 

42. RichtUnien und Vorschläge für den Aufbau der Weltkarte in 1 : 1 000000 108 

43. Die Kartographie als Kulturmesser. Das Internationale Kartographische Archiv .... 112 



Teil IL 

Das Karteiinet/;. 

A. Zur Kritik der Karteuprojektiou chorographischcr Karten. 

I. Zur Geschichte der Kritik der Kartenprojektion. 

44. Die Projektionstheorie im allgemeinen Umriß 115 

45. Die Projektionen für den Geographen nicht Zweck, sondern Mittel zum Zweck .... 117 

46. Erstes Aufleuchten der Projektionen 117 

47. Hindämmern und Lichtstrahlen im mittelalterlichen Kartenwesen 118 

48. Die erste Sturm- und Drangperiode der neuen Kartographie und deren Projektions- 
erzeugnisse 119 

49. Die von Mercator angewandten Entwürfe 124 

50. Die Projektionen in der klassischen Zeit der neuern Erdkrmde 126 

51. Die moderne Kartennetzreform. Verzerrungsgesetz. Indikatrix 129 

52. Einfluß der neuen Lehren auf das Kartenbild 131 

IL Namen und Systeme der Projektionen. 

53. Die kritische Geschichte der Theorie imd Anwendung der Projektionen im allgemeinen . 133 

54. Benennung älterer Projektion nach ihrem Urheber 134 

.55. Lösung des Kegelnetzproblems bei Mercator 137 

56. Richtlinien für die Benennung neuerer Projektionen 142 

57. Die neuen deutschen projektionstechnischen Bezeichnungen 144 

58. System der Projektionen von mathematischem Standpimkt aus 146 

59. Kintcilung der Projektionen auf Gnindlage der Linionsystcme 148 

60. System der Projektionen von geographischem Standpmikt aus 151 



Inhalt. VII 

15. hit' Biaiicliliiiikcit der Pidit-klidiicii für (■iKirofirapliiscIic Karten. 
I. Allgemfineru geograpliiticlu' Auforderuiigen an die Kartt-nnetze. 

61. Der Kampf zwischen fläcbentreuer und winkeltreuer Projektion 1.5.3 

62. Die Flächentreue und ihre L'<n_'iaiiiii~i lie Bedeutung 1.54 

63. Die flächen- und ^nidieltn u. u Kart, iim t/e in ihrer Wertschätzung bei dem KartcniJiaktil<t r I.m 

64. Kartennetze auf Grund iiuithtiniitis. h. r und geographischer Überlegung I.57 

6ö. Die geograpliische Analyse der Erdkugelnotze l."»".) 

66. Der Wert geradhniger Parallelen 161 

II. Die geographische Brauchbarkeit einiger rrojektioneii. 

67. lU'chtcckige JSrdkarten und Verhältnis von Mittelmeridian zimi Äquator 164 

68. Kreisförmige Erdkarten (Kreisnetze) 167 

69. Das Oval und andere Umrißfonnen der Erdkaiteu 168 

70. Die geographische Kritik an der Mercatorprojektion 170 

71. Die Forderungen der Wirtschafts- mid politischen Geographie an die Kartennetze ... 174 

72. Zur Verteidigung der Mercator-Sanson sehen Projektion 175 

73. Zur Verteidigung des Bonneschen Entwurfs 178 

('. Zur Kritik der Projektion topograi»hisebcr Karten. 

I. Die (iriuuUagcn der tupographisc-hcn Ahhilduugen. 

74. Die geographischen Koordinaten I7!t 

75. Die rechtwinkhgen Koordinaten auf der (mathematischen) Erdoberfläche. Die Soldner- 
schen Koordinaten 182 

76. Die Gaußschen Koordinaten (Die Gaußsche Projektion) 183 

77. Die Soldnersche Projektion 186 

78. Das Gitternetz 189 



II. Die Gradnetze der topographischen Kartenwerke 



79. Gradabtcilmigskarte imd Polyederprojektion 19- 

80. Topograplüsche Karten ohne Gradabteilung, insbesondere die Bonnesche Projektion . 19.5 

81. Der französische Einfluß in tojwgraphischen Kartenwerken 1'.I7 

82. Der deutsche Einfluß in topographischen Kartemverken 199 

83. Die zulässigen Fehler großmaßstabiger Karten 2(M 



Teil III. 
Die Karteuaiifnalimc. 

A. Das Bedürfnis naeli !;ToßmaBstabis:en Karten. 

I. (ieograjih und Oeodiit. 

84. Das gemeinsame Arbeitsgebiet zwischen Geographen iu\d (Icoiläten . -H 

85. Die Scheu des Geographen vor groBmaßstabigen Karten 21 

86. Die tojximetrische Gnmdkailc- oder die Einlu-ilskiutc 21 

II. (leulogie und t opogva pii iselic Kartr. 

H7. ZiUMimmenarbeit von Geologie und Toiwgraphie -' 

SS. Eine bessere geogiuphi.-iche und geologische Au.sliilduuL' <lct 'l'c>i«>i:nipluii 21 

S9. Die iMaIJstabfrage bei geologischen Aufnahmen -' 



111. Wirtschaft und topomotrische Karte. 

Seite 

90. Geologisch -agronomische Karten. Forstkai-ten 219 

91. Eisenbahn-, Straßen- und Wasserbaukarten. Wirtschaftsgeograpbische Karten 220 

92. Der ökonomische Wert großmaßstabiger Karten und das Wachsen der Ansprüclie an den 
Maßstab 221 

IV. Die großmaßstabigen Karten einzelner Länder. 

93. Die großmaßstabigen Karten außerdeutscher Länder 22.3 

94. Die großmaßstabigen Karten der deutschen Länder 224 

95. Die praktische Durchführung einer einheitlichen topometrischen Gmndkarte 225 

96. Militär- imd Ziviltopogi-aphie. Neuorganisation im Vermessimgswesen 226 

V. Die Genauigkeit der topographischen Karten. 

97. Vorbedingung zur Beurteilung der Genauigkeit 229 

98. Der erschütterte Glaube an die Unfehlbarkeit offizieller Karten 229 

99. Die absolute Genauigkeit 230 

100. Das Maß für die Genauigkeit großmaßstabiger Karten (die geodätische Genauifikeit) . 231 

101. Die niveUitisch imd trigonometrisch bestimmten Punkte 233 

102. Die Genamgkeit der Höhenkurvenzeichnung an sich 234 

103. Meßtisch oder TachjTneter? Das topographische Sehen 237 

104. Kein Allerweltsaufnalimcvcrfaliicn. Das Vcrläßliclikeitsdiagramni 238 



B. Die Auhiahmeiui'lhodt'ii und ihn' geographische Kompeteii/. 

I. Geschichte und Bewertung der Ka rtenaufnalmie. 

105. Die Zielsetzung topographischer Aufnahmen 239 

106. UrsprüngUche primitive Airfnahmemethoden 240 

II. Die lineare Topograiiliie. 

107. Die flüchtige topographische Aufnalimc 241 

108. Die Orientierung im Gelände 242 

109. Das Itinerar oder die Routenaufnahme 244 

110. Die Phantasie als große Gefahr der Routenantnahnic 245 

111. Die deutsche Kolonialtopographie und -kartograph c 247 

112. Die außerdeutsche Kolonialkartogiapliic 248 

111. Die flächenhafte Topographie. 

113. Plächendeckung, das Hauptziel der topographischen Aufnahme 249 

114. Die topographischen Vorkenntnisse der Forschungsreisenden 250 

115. Flächendeckung mit wenigen Aufnahmeinstrumenten. Krokiertisch, nicht Peiltisch . . 251 

116. Das geographisch-topographische Programm einer Neuaufnahme 253 

117. Die geographische Vermessung bei den Nordamerikanem 255 

IV. Das trigonometrische Skelett. 

118. Wesen der Trianguherung 255 

119. Zur Geschichte der Trianguliei-ung. Die altem Triangulierangen 258 

120. Die moderne TrianguUeirmg Deutschlands mustergültige Vermessungsarbeiten .... 260 



Iiiliall. IX 
V. Das Nivellieren. 

Seite 

121. Wesen und Aufgaben der Kivellicnnij.' 263 

122. Der Höhenausgangspunkt 264 

123. Der Nivellcnientsanschluß 266 

('. Das Lichtbild in diT Kartenaufuahiiie. 

I. Das Lichtbild bei der terrestrischen Aufnahme. 

124. Wesen und Bedeutung des Lichtbildes für die Aufnahnio 266 

125. Das Bildmeßverfahren 267 

126. Das Raimibildmeßverfahrcn 269 

IL Das Liclitbild in der Luftaufnahme (Luftbildaufnahme, 
Aerophotogrammetrie) . 

127. Ent\vicklimg der Luftbildaufnahme 272 

128. Das Entzerren der Fhegerbilder und die Verfahren der Kartcnverbessenmg aus Flieger- 
bildern 273 

129. Besondere Übelstände der Luftbildaufnahmen 275 

in. Neuaufnahmen mit Fliegerbildern. 

130. Neuaufnahmen nach Fliegerbildern mit Voraussetzung von iixlischen Festpunlcten . . . 276 

131. Neuaufnahmen nach Flicgerbildem mit Verzicht auf irdische Festpunkte 278 

IV. (iruudriß- und Geländedarstell iing. 

132. Toixjgraphisclie Aufnahme schwer zugängücher Gebiete 280 

133. Verbesserung des toiXDgraphischen Grundmaterials, insbesondere des Grundrisses . . . 281 

134. Iri-ungen beim Fhcgerbildlesen 282 

135. Das Versagen des Fhegerbildes bei der Tarraindarstellung 282 

136. Das Meßbarmaclien des Geländes auf dem Fhegerbild 283 

137. Da.s Fliegerbild als Unterlage beim Tojxjgraphieren. Abschließendes Urteil über seinen 
Wert 284 

V. Die Luftbild Um rte. 

138. Das Wesen der Luftbiklkarte oder der besondern Flugbildkiulc 285 

139. Der Wert der Luftbildkarte. Kein Kartenersatz 28« 

140. Die Luftbildaufnahme ein Teil der Landcsaufnahnu' 287 

VI. Die Luft fahrer- oder Luf t schifferkart <■ und die praktischen 
Flugkarten. 

141. Wesen und Entwicklung der Luflschiffcrkartc 288 

142. Flugstraßen und Höhenschichton als flugkartograpliisclie Prohlciiic 289 

143. Luftschifferkarte und Seekarte 291 

144. Maßstabfrage tmd aeionautische Weltkaitc 293 

145. Die allgemeine Flugkarte 293 

146. Die spezielle Flugkarte 294 



Teil IV. 

Die Landkarte und ihr Lageplan. 

(Morphographie I. Teil.) 
A. Miiltstiilt, (»lifiitidiiiig. Goneialisicrung, KarteiiNtliriK iiiul Kailciiiiaincii. 

I. Der Maßstab. 

Seite 

147. \\\-sfn des Maßstabs SM 

14S. Die genaue MaÜstabbezeichnunt; 2!)() 

149. Maßstab und Kartenart, ältere Einteilungen 297 

150. Entwertung der Maßstäbe, neue Einteilung 299 

151. Maßstab und Kartennetz :500 

152. Altere Maßstabbezeichnungen. Der Meilenmaßstal) .'502 

153. Ältere Maßstabbezeichnung auf Hemisphären .304 

154. Maßstab und Kartenforraatbestimmung ,306 

155. Neuere Maßstabbezeichnungen. Der Äquator als Maßstabträger 306 

156. Der Meridian als Maßstabträger .307 

157. Der Parallel als Maßstab träger. Der mittlere Maßstab 308 

158. Mittlerer Maßstab = enaittelter Maßstab 308 

159. Jlittelpunktmaßstab. Doppelter Maßstab und Kugehnaßstab 310 

160. Die Maßstabbezeichnung in Bruchfoi-m 310 

161. Neue Bezeichnung für topographische Maßstäbe und ihre Einfüluung auf Karten kleinein 
Maßstabs 312 

162. Nichtberechtigte und berechtigte Maßstabbezeichnungen 314 

163. Der Flächenmaßstab 31(> 

164. Wünsche und Ziele der Maßstabangabe. Die Bruchfomi intemational 318 

165. Sicherheiten und Kommensurabilität des Maßstabes 319 

II. Orientieren der Karte. 

166. Wesen der Orientienuig 321 

167. Arten der Orientiening 322 

168. Die verschiedene Orientierung nach praktischen Bedürfnissen 324 

169. Das praktische Bedürfnis der Südorientierung im speziellen 325 

170. Die Nordorientierung 327 

III. Das Generalisieren. 

171. Die naturähnliche Wiedergabe der Objekte 328 

172. Wesen und Schwierigkeit des Generalisierens 330 

173. Keine Gesetze des Generalisierens 332 

174. Veralli^emeineruni.' ttrminologischer Gattungsbegriffe, d. i. Vereinfachen und Zusammen- 
ziehen des Stoffes 332 

175. Die mathematische Erfassung des Generalisierens von Flächen- und Linienelementen . 333 

176. Die quantitative Generalisienmg, d. i. Beschränken und Auswählen des Stoffes .... 334 

177. Die Stoff besehränkung auf Schul Wandkarten 335 

178. Die qualitative Generalisienmg, d. i. Herausarbeiten imd Hervoiheben bestimmter geo- 
graphischer Objekte und Begriffe 336 

179. Wert des Generalisierens 337 

IV. Kartensclirift und Kartenuamen. 

180. Die Kaitenschrift imd ihre Entwicklung 339 

181. Der Kart«nstil 340 

182. Antiqua vmd Fraktur .341 

183. Die Handhabung der Kartenschrift im allgemeinen 342 



184. Wertsfiieifhing den- rfpograijliisclicn Ohji'Utc diinli (JinBc. Stär-lic Ai-1. Stclliiiiir iiiul Fiirlic 

der Schriftzeichen •i'iS 

185. Wesen und Aufgaben der Kui Icniiaini'U .■i45 

186. Die stumme Karte 347 

187. Die halbstuinme Karte 348 

188. Das geographische Moment der Karteiischrift. Ihre Bedeutung als Ersatz für Signaturen 348 

189. Auswahl und Stellung der Namen :H9 

190. Die aus der Pra.xis entwickelten Regeln der Nanienstellung 350 

191. Die Zahl 351 

192. Transkription der Kartennamen, ein ungelöstes Problem 353 

19.'?. Kompromisse in der Transkription und Auswüchse der Namengebung 354 

194. Orthograpliisches und phonetisches Prinzip in der Transkription 356 

K. Die zwt'idinu'usioiialo Darstclliiii!; auf dor Karle. 

I. Darstellung der von der Natur gegebenen geograpliischeu Olijekte. 

105. Die Entwicklung des Kiistenumrisses 357 

196. Die Verteilung von Wa.iser und Land 359 

197. Land- und Wasserhalbkugel 360 

198. Die Zeichnung der Küstenhnie und der Mceresfläclien 361 

199. Darstellung der Binnenseen 364 

200. Das kartographische Bild der Gletscher 364 

201. Die zeichnerische Entwicklung der Flüsse 364 

202. Die Uferlinien 366 

203. Quelle und Mündung 369 

204. Flußschiff barkeit. Besondere Flußkarten und Stromsysteme 369 

205. Wüste und Steppe im Kartenbild 370 

206. Darstellung der Sumpflandschafteu 370 

207. Der Wald (einschUeßhch Savannen). Die Notwendigkeit seiner Darstellung 371 

208. Unterscheidung der Baumarten 374 

IL Zeichnung der von Menschenhand ins Antlitz der Erde 
eingeschriebenen Spuren. 

209. Die Kulturfläche im allgemeinen 375 

210. Felder und Wiesen im Kartenbilde 376 

211. Darstellung von Sonderkulturen 377 

212. Die Entwicklung des Städtebildes auf der Karte 377 

213. Der Kampf zwischen Auf- und Grundriß beim Städtebild 379 

214. Die Kreis- oder llingsignatur 381 

215. Systematisierung der Ortssignaturen 383 

216. Die Verkehrswege und ihr SjTiibol 386 

217. Die Wegeklassifikation im Kartenbilde 387 

218. Mangelnde Angaben von Entfernungen, Gefälle und Steigung 388 

219. Entwicklung der Brückensignatur 389 

220. Dar.stellung der Kanäle und Tunnels 391 

221. Hervorhebung charakteristischer Einzelgebilde, von KuUui-stiidten und -statten .... :i92 

222. Die Triangulationspunkte 394 

223. Entwicklung des poHtischen und adniini.strativen tSrenzbildes 395 

224. Die farbige Grenze und Grenzgenauigkeit 396 

225. Die spezielle Grenzsignatur 39/ 

226. Der Wert der Symbole imd die Signaturentafel 398 

227. Versuch einer generellen Einteilung. Büek- un.l Vor1)li(l< iibei di.' KMlwicklunt; der sym- 
iH.Iis.'hen Zei<.|,eii 39S 



Teil V. 

Die Landkarte und ihr Gelände. 

Geschichte und Tatsachen der Geländedarstellung. 

(Merphosraphie II. Teil.) 

A. Dir Geläudedarstelhin^ im Altertum und Ulittelaltcr. 

I. Das Gelände, ein konstitutives Element der Landkarte. 

228. Bedeutung des Geländes für Karte und Kartenwissensehaft ."iOO 

229. Schwierigkeit der Geländedarstellung. (Allgemeines.) 400 

IL Die Uranfänge der Geländedarstellung bei Kultur- und 
Naturvölkern. 

230. Die ältesten Kartendokumente 401 

231. Die Karten alter Kulturvölker und Karlen von Xaturvolkern 403 

232. Die ai-abisclie Kartographie 404 

IlL Das Tasten und Suchen nach einer Geländedarstellung 
im Mittelalter. 

233. Der Wert der mönchischen Kartenbiider 406 

234. Die Scliollcnfonn und ihre Abwandlung auf tlcn Jlönchskarten 407 

233. Die Grundfoi-men der Geländedarstellung auf den Mönehskarten 408 

I«. Die (icliiiidi'darslcllimg vou der Ri'uaissancc bis zur Slunu- und Ihans;;- 
periodc in der Pisten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 

1. Grund- und Aufriß der Geländedarstellung von der 
Renaissance bis Ende des 18. Jahrhunderts. 

236. Der Ptolemäus als Prototyp der modernen Kartographie 410 

237. Die ptolemäische Grundform der Geländedarstellung. Die ptolemäisehe AufrilJfonu . . 412 

238. Die ptolemäische Grundrißform 415 

IL Begriffliche Scheidung des Geländes. 

239. Karten mit planloser Anhäufung der Gebirge 417 

240. Karten mit richtiger Lage der Gebirge. Beginn der wis.'ionscliaftlichon EjkjcIic der G<'()- 
graphie 419 

241. Qualitative Merkmale der Gebirgsdarstellung 420 

242. Quantitative Differenzierung der Bergformen 423 

III. Das Morgendämmern neuer Geländedarstellungen. 

243. Geländeaufnalune. KavaUer- und Vogelperspektive 425 

244. Pläne und Kai-ten in KavalierjÄrspektive 426 

245. Offizielle Karten in Halbperspektive und deren Verklingen 429 

246. Die Schattenschraffe. Von der Talschraffe zum Wasserscheidegebirge 430 

247. Die Geländeschraffe. Die erste Schraffenkarte 432 

248. Bekannte und unbekannte Schraffenkarten des 18. Jahrhimderts 433 

249. Abirrungen der Schraffenzeichnung 434 

250. Die ersten Anklänge wissenschaftlicher Behandhmg der Geliindedarstellung in Schraffen 

und in Tu.schmanier 435 

251. Die Erfindung der Schichtlinie 437 

252. Die ersten Tcrrainkart<^nvc7-8uche in Schichtliuicu und die .Schwierigkeit ihrer Hersk-llung 439 



('. Die (M'läiidi'daistelliiug von Uosiuii der klassisihi'ii Zi-it bis zur (icgt-iiwait. 

I. Die kartographische Kevolution am Ende des 18. Jahrhunderts. 

Seite 

253. Die säkulare Wiederkehr kartographischer Umwälzungen 441 

254. Die politischen vmd wissenschaftlichen Ui-sachen der kartographischen Revolution . . . 442 

255. Geheimhalten staatlicher Kartenwerke. Die staatliche Übernahme des Vermessungswesens 44:j 

256. Fi-ankreichs Anstoß zur Staatstüpographie. Deutsche Privattopograpbie 445 

257. Die wis.sen.schaftliche Begründung der Hypsometrie und der Seh raff endarsteUung. Das 
Entstehen \rissenschaftUcher und wirtschaftlicher Sonderkarten sowie der Touristenkiutc 447 

IL Die Lehrjahre in den neuen GeLindedarstelhingen 
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 

258. Die kartographische Metropole Paris. Die Hypsometrie 44,s 

259. Das Höhenbild 440 

260. Das Profil und seine Bedeutung. (Das Blockdiagramm.) 4.">() 

261. Die Landesaufnahmen und ihr Besitznehmen der Schichtliuiendarstellung 4.5."! 

262. Von der Schichtüiiienkarte zur Hübenschichtkarte 400 

263. Die Ersthnge der Höhenschichtkarten 457 

264. Die Geburt der geogiaphisch und anthropogeographisch bedingten Itegionalfarben . . . 459 

265. Die Suprematie der Schraffe 4(!0 

266. Schräge imd senkrechte Beleuchtung der Schraffenkarte oder französische und deut.schc 
Methode 462 

267. Die langsame Vervollkommnung der Schraffen auf topogi-aplüschen und chorogiuphiscben 
Karten 463 

268. Erste Versuche der Verbindung von SchichtUnienkarte mit Schi-affenkarte 466 

IIL Die Meisterjahre in der Geländedarstellung von der Mitte des 
19. Jahrhunderts bis zur Gegenv\-art. 

269. Neue Einflüsse der Geographie und Topographie auf die Kartographie 467 

270. Erfindung neuer kartograplüscher Reproduktionsmethoden 467 

271. Die Gebirgszeichnung wird zimi Weseirsteil der Karte. Neue toiMgraphiscbe Kartenwerke 468 

272. Die tojwgraphischen Übersichtskalten oder die Generalstabskarten 470 

273. Die Alpenkarten, das große Studienleid der Geländedarstellungen 471 

274. Die Schweiz, das klassische Land der Gebirgsdai-stellung. Die Dufourkarte 47 l' 

275. Der Siegfriedatlas (Siegfriedkarte) und sein Einfluß 47t 

276. Die Felszeichnung. Einfluß neuer Aufnahmemethoden auf die Gebirgszeichniuig . . . 475 

277. Die Schraffe in ihrer höchsten Entwicklung als Böschimgsschraffe, Schattenschraffe tind 
allgemeine Gebirgsschraffe 478 

278. Die gesonderte Terrainplatte 4St» 

279. Die Entwicklimg der Schtmimerung 4.S1 

280. Die Entwicklimg des Farbenkolorits .483 

281. Die Höhenschichtkarten der privaten und staatlichen Kartograph!. . 4S4 

282. Das Herauscntwickeln der Farbenplastik. Die Leipziger Schule . ... 486 

283. Die Wiener Schule 4«8 

284. Die Edinburger Schule 489 

285. Die Hochbildkarten. Die Schweizer Reliefkarten oder die Karten in S<liwii/.ci Miul.r 490 

286. Die wahren Hochbildkarten und die Pseudo-Hochbildkarten . . 493 

287. Das Hochbild oder das Relief 495 

288. Das Rundbild oder das Panorama 496 



Teil VI. 

Die wissenschaftlichen (jJruudlagen der Gfeländedarstellung. 

(Morphojiraphie III. Teil.) 
A. Eiuniliiiiii!; iu die Theorie der Geländedarstelliini;. 

I. Die morphographische Deduktion. 

289. Die moiphogiaphigche Deduktion im allgemeinen 498 

290. Die theoretische Kartographie auf neuen Grundlagen nach Peucker 499 

291. Die Geländedarstellungsart und ihre mathematische FormuUenmi; 501 

292. Geländedarstellimg und Plastik 503 

IL Die morphographische Induktion. 

293. Die technisch-morphologische Geländelehre. Einzelfomien 504 

294. Die GerippUnien 506 

295. Die reine Geländelehre. Schratfe, Schichtlinie, Farbfläche 507 

B. Die Böschuugssehral'ie. 

I. J. Cr. Lehmann und sein System. 

296. Die ^'orläufer Lehmanns 509 

297. Das Lehmaiuische System und seine wissenschaftliche Voraussetzung 512 

298. Abänderung der wissenschaftlichen Grundlage 513 

299. Lehmanns Lehrsätze. Die Schichtlinie bei Lehmann 515 

300. Lehmami im Urteil seiner Zeitgenossen und Nachfahren 516 

301. Die Überhaltung der Schraffe 518 

302. Die Stärke und Schwäche der Schraffe 519 

303. Die Schraffen als Großkreisschnitte 521 

IL Die Nachfolger Lehmanns. 

304. Die deutschen Nachfolger Lehmanns, Müffhngs Manier 524 

305. Lehmanns System für Katasterkarten 526 

306. Rückschluß vom Schwarz-Weißverhältnis auf Neigungsgrad. Bestimmung von Strich- 
länge imd Strichstärke. Strichanzahl 526 

307. Verlauf der Striche -528 

in. Die Böschungsschraffe bei den Franzosen. 

308. Lehmamis Einfluß auf die Franzosen 529 

309. Die selbständigen Ansätze zu einer Bösohungsschrafte. Das Abstand- oder Viertelgesetz 530 

310. Schraffenskalen von Bonne und Hossards Resümee .532 

IV. Die Zukunft der wissenschaftlichen Schraffe. 

311. Die Zukunft der wissenschaftlichen Schraffe. Lehmann, der Klassiker der Geländedar- 
st.-llnng 533 

C, Die Seliattenschrafl'c. 

I. Böschungsschraffe und Schattenschraffe. 

312. Das Wesen der Böschungsschraffe und Schattenschraffe im allgemeinen 535 

313. Das .\nschauungsbedürfni3 des menschlichen Geistes. Die Arten der Beleuchtung . . . 536 

314. Kein konsequentes Schräglicht 537 

315. Die Anwendungsbereiche von Böschungs- und Schattenschiaffe 538 

316. Das Verhältnis der Böschimf.'- und Schattenschraffc zur SchichthMic -539 



II. Senkrechtf und schräee ßeleuchtunt,'. 

Seite 

317. Der Kampf um die seukrechtc und schräge Beleuchtung, besondere auf französischer Seite 540 

318. Die französischen Hauptvertreter der senkrechten Beleuchtung 542 

319. Französische Gegner. Französische Art der Beleuchtung 543 

320. Die Alpen das günstigste Anwendungsbereich der Schattenschraffe. Die Dufourkarte . 544 

321. Die Mängel der Dufourkarte 545 

322. Deutsche Hauptvertreter der schrägen Beleuchtung 546 

323. Deutsche Gegner der schrägen Beleuchtung 548 

324. Sorgsames Abwägen der Vor- und Nachteile von Ober- und Schräghcht 549 

325. Die Anschaulichkeit der Touristenkarte 551 

326. Die schräge und senkrechte Beleuchtung in Pemkschen .Studien 552 

327. Die zentripedale Beleuchtung _ 554 

328. Die senkrechte Beleuchtung als Axiom des Gelehrten 557 

III. Vom Lichteinfall im besondern. 

329. Der dekhnable Ldchteinfall 559 

330. Südliche Beleuchtung und Orientierung 560 

331. Der inklinable Lichteinfall 562 

332. Die naturgemäße Behchtung und ihre Zukunft .563 

I). Allst'iiii'iiio (icläiKk'Scbralle und Schialfeiu'isaf/. 

I. Die allgemeine Geländeschraffe. 

333. Unterschied zwischen Bö.sclumgs- und allgemeiner Geländeschmffe 564 

334. Die Geländeschraffe und ihr AvissenschaftUcher Hintergiomd 564 

335. Die Inhomogenität der Karten einheithcher Kartenwerke 566 

336. Die unobjektive und unexaktc Schraffe 567 

II. Die bunte Schraffe. 

337. Die Schraffe im Bunt- und Schwarzdruck 568 

338. Die wissenschaftlich biuite Schraffe 568 

339. Die buntfarbige allgemeine Schraffenkarte 569 

III. Der Schraffenersatz. 

;i40. Der Schraffenei-satz im allgemeinen 571 

.341. Wiechels System der schrägen Beleuchtimg (in Schimimenmg) 572 

342. Schräge Beleuchtung und Wellenform der Böschiuig in Beziehung zu VN'ieihels System 574 

343. Richtlinien zur einfachem Auffassung und zurFortentwiokhmg des Wiechcischen Systems 575 

344. Schattcnplastik und Formen jilastik 5(6 

:M5. Schummerung und Schichtlinie 577 



]']. Elciiif'iilc ciiior iK'iicn (iflüiidiMlarsIclluni; (Kckcrls l'uiiklsy.s(t'in) 

I. Zur Ccncsis des l'unkt sy.'^lciu.s. 

346. Vorbegriffe luid Vorbemerkungen 

347. Das mathematische und technische (Jcriist der J'uiikldai^lcllunf; 

11. Das l'miktsyst.-ni und seine Anwenduni;. 

348. V..rt.'ilc und Xa.liteilc des l'.n.Utsysle.ns und seine praklis.lie Auwenduii- 
:M9. Die bislurigc Anwendung des Punktes in d.r Kai l..-iiililiif 



Inhalt. 

F. Die Stirulillini«' mul <lii' Uölu'iisihichlliarlf. 

I. Dil' Si'lnchtliiiip an sich. j-eite 

.'592 
:?50. Namen und Wesen der .Scliichtlinieii j_^^ 

W'A. Foinilinien 

IL Zur Kritik der Schichtlinien. 

3ö2. Die Schichtlinien kleinmaßstabiger Karten. (Geographische Kritik.) ^^ 

■}-):! SchichtUnienkarten oi-stcr und zweiter Ordnung -^ 

:W4 Das Genauigkeitsniaß bei chorographischen Scliiehthnienkarton ■ ■ • ■ ; f' 

35.5. Das topographische Unvermögen der Schichtlinie; ihre naturgenuiße Darstellung . . . o9S 

356 Schichtlinienabstand und Böschungswinkel •' • 

357 Die Äquidistanz der ScbichtUnien auf Hochgübirgskartcn 

358' Die Vei-nachlässigungswerte bei der Gleichabständigkeit (Gleichentfcrnung) 001 

359. Hilfen der geographischen Kritik an SchichtUnienkarten 

360 Gleichentfernung und Steigung und Neigung-swinkel 

301. Bezifferung und graphische Differenzierung der Schichtlinien 

III. Die farbige Schichtlinie und die rseuddköri.erlichkcil der 

Schichtlinie. 

362. Die Realität der Schichtlinie. Die farbige SchichtUnie '^j'^^^ 

363 Plastik der Schichtliniendarstellung 

364 Die beleuchtete SchichtUnie (nach photographischer Aufnahme) - 

36ö'. Die beleuchtete SchichtUnie (nach Konstruktion). PauUnys Manier -^ • y ; ; ; ' ""' 
:„m. Die einfachere Entwickhmg der Paulinyschen Methode. Die Fehler der Methode 1 a.ü.nj. ^^_ 

und der danach ausgeführten Karten 

IV Der wissenschaftliche Aufbau der Hölienschicht kart <•». 

.... 618 
367. Die Isohypsen und ihr Zwischem-aum ^^^ 

368 Die Regionalfarben , \, «91 

369. Die reine Höhenschichtkarte und ihre ersten «nssenschaftlichen lest.setzungen • • ■ ' «^^ 

370. Die Wiener Schule g23 

371. Die Leipziger Schule g2^ 

G. K. Pcuckers Farbeuplastik. 

1. Farbenplastisches und malerisches Höhenbild. 

374 K Peucker, der Begründer einer neuen Ära in der Kartographie . «25 

375' Begriff der Farbenplastik. Die adaptiv-perapektivische Farbenplast.k . ■ ■ • ■ ■ -^ - 
376'. Das malerische Höhenbild der Schweizer im Gegensatz zu dem ^nssenschafthch em.leut.gen ^^^ 

Höhenbild Peuckers 

II. Zur Raumwirkung der Farben. 

377. Farben ohne raumerhebende Wirkmig. (Kalte und warme Farben.) ^ . • • , • ^'^ 

378. Die spektral-adaptische Farbenreihe. Die raumbildenden Eigenschaften der bpektiul- ^^^ 
färben 

m. Die farbenplastischen Karten und ihre Zukunft. 

379. Peuckers farbenplastische Karten g^^^ 

380. Vorschläge zur Verbesserung farbenplastischer Systeme •■■■•,.■, K = ....>n ß'^7 

381 Die weitere Anwendung der Farbenplastik auf topographische und ehorograplusche Kaitoi 63. 

382 Peuckers System und die künftige Umgestaltung der Handatlanten 

(140 

Nachtrag 



Teil L 
Die Kartographie als Wisseuschaft. 

A. Die Stellung der Kai-tographie im (Teltäiide dei- Wissenschaften. 
I. Allgemein Methodisches und Kritisches. 

1. Di»' Berechfisuiis einer hesouderii KarteuHissenschalt. Sdnvierig ist es, einen 
neuen Wissenschaftszweig zu begründen und einzufühlen, eine Disziplin, über deren 
Umfang man sich bisher nicht klar ist, deren Methoden kaum oder nur teilweise aus- 
gebildet und über deren Daseinsberechtigung neben gewichtigen Urteilen schiefe Be- 
hauptungen aufgestellt worden sind. Locken auf der einen Seite die Schwierigkeiten, 
einer so gewaltigen Aufgabe Herr zu werden, läßt sich zugleich auf der andern Seite 
der Entwicklmigsgang der Geschichte der Wissenschaften nicht aufhalten und drängt 
nach einer übersichtUchen Darstellung des sich planlos angehäuften Stoffes und damit 
zur Anerkennung der neuen Disziplin, die sie als ein Schlußstein geographischer Bildmig 
in reichem Maße verdient. 

Die Hauptaufgal)e. durch die die Aimahme einer besondern Kartenwissenschaft 
gerechtfertigt wird, besteht darin, die Vorgänge zu beobachten und zu untersuchen, 
nach denen die Entstehimg der Karte erfolgt, d.h. die Erfalu-ungsweisen, nach denen, die 
Umstände, unter denen, die Grenzen, innerhalb derer die in der Natur, im Räume ge- 
gei)enen Gegenstände aufgenommen und zum Kartenbilde umgebildet werden, und end- 
lich die einzelnen Schritte, wie wir, auf Naturerscheinungen und -beoinichtungen gestützt . 
durch die kombinierende und abstrahierende Tätigkeit des Verstandes, also durch 
Messen, Zählen, Vergleichen, Unterscheiden, Auswählen, Verallgemeinern, Zusammen- 
fassen usw. zu zweckljestimmten Karten gelangen. Bei der Erfüllung dieser .\ufgabe 
werden wir erkemien, wie verhältnismäßig selten man sich mit einer fruchtl)arin Theorif 
der kartographischen Darstellung im allgemeinen und wie wenig man sich im besondeni 
mit der Theorie der angewandten Karten, die ithysisch-geographische und anthropo- 
geogiaphische Probleme veranschaulichen, befaßt hat. Daher kann es nicht wvmder- 
nehmen, daß A. Hettner die Meinung vertritt: die Beantwortung der „Frage nach 
einer zweckmäßigen Gestaltung der darzustelleiulen geographischen liegriffe. die einen 
«■infachen Ausdruck mit einem reichen wisseuscliaftlichen Gehalt verbinden müs-sen. 
um kartographisch darstellbar zu sein", ist nicht die Aufgabe der tlieon-tisehen Karto- 
graphie, sondern der verschiedenen geographischen Teildisziplinen.' Icii lioffe. daß es 



' .\. Hettnpr: I)it> KijrrnschafK'n iiml McllioHrn ili'i kiiil»i;niphis.h.'n IMi^ti-llunK. <i. Z. 
I«10, ,S. 82. 

Erkürt, Kurtriiwisvii-clmfi. 1. ' 



2 Die Kartographie als Wissenschaft. 

mir gelingt, nachzuweisen, daß die Lösung des Problems dennoch eine Aufgabe der 
Kartenxsassenschaft ist. Des weitem werden wir zu dem Ergebnis geführt, daß die 
Klarlegimg all dieser Erscheinungen auch nicht dem kartographischen Techniker über- 
lassen bleiben kann, sondern wissenschaftUch begründet werden muß. 

Die Forschungen und Untersuchungen der Kartenwissenschaft rufen, wie bei 
jeder andern Einzelwissenschaft, verschiedene Methoden hervor. Gesetze werden formu- 
liert, und faßbarer und prägnanter tritt das Wesen der Karte an den Beschauer und 
Denker heran. AllmähHch beginnen in wissenschaftlicher Hinsicht die Nebel über das 
Wesen und den Wert der Karte sich zu lichten; und ein heiterer Sonnenstrahl der Er- 
kenntnis durchdringt befruchtend das geographische Forschungsfeld. Schon spürt 
man erfreuhch den belebenden Hauch in Arbeiten, die die Kartographie zur Wissen- 
schaft erheben. Abgesehen von den historischen Kartenforschimgen treten uns heute 
die feinsinnigen projektionskritischen Darlegungen von Tissot und Hammer, die 
philosophisch durchdachten Kartendeduktionen von H. Fischer, A. Hettner und 
E. Friedrich, die sich mehr und mehr durchsetzende Kartenkritik von H. Haack, 
das Eingen um die Veranschaulichung der dritten Raumdimension auf der Kartenebene 
von K. Peucker entgegen. 

Wie ülierall in den Einzelwissenschaften ein Vorwärtsdrängen der früher mehr 
oder weniger vernachlässigten Nebenzweige zur Verselbständigung und Anerkennung, 
so auch in der theoretischen Kartographie. Das Interesse der verschiedensten 
Wissenschaftskreise an der Karte ist in den letzten Jahren merklich gewachsen, und 
man lernt die \\assenschaftliche Leistung des Kartographen mehr und mehr schätzen. 

Freilich steht mancher Vertreter sowohl A'erwandter wie nicht geographischer 
Wissenschaften noch verständnislos zur Seite; ihm war bisher die Karte weiter nichts 
als ein manuelles Produkt, handwerksmäßig geschaffen; noch vermag er nicht einzu- 
sehen, daß in einer wissenschaftlich fimdierten Karte sehr oft mehr Wissenschaft und 
mehr Fleiß und Nachdenken steckt als in einer philologischen Exegese oder in einer 
auf gewissenhaftester Akribie herbeigeführten Textkonjektur oder in einer chemischen 
Analyse. Nicht verkannt sei, daß solchen Urteilen zuweilen ein Mangel an Interesse 
ztigrunde hegt, das imter Umständen auch nur latent ist. Würde ein Archäolog aus 
antiken Fundstätten ein der modernen Karte nur entfernt ähnliches Produkt ans Tages- 
licht fördern, er würde es als eine Geistestat ersten Ranges feiern. Welche Begeisterung 
und Bewunderung haben schon die kartographischen Versuche Altbabylons und Alt- 
ägyptens hervorgeruf(Mi, und doch sind es nur höchst primitive Ansätze zu einer Karte, 
die zudem zeigen, wie die Denkrichtungen der Alten, ganz gleich, oli es sich um asiatische 
oder europäische Kulturzentren handelt, in der Hauptsache in einfachen Linien vor- 
wärts gingen. Deshalb auch das Einfach- Großartige, sowohl in der Kunst wie in Dich- 
tung und Philosophie. Die großen Komplexvorstelhragen und das abstrakte Denken 
der modernen Zeit fanden in der Antike noch wenig Nährboden. Den Alten lag die 
reale oder konkrete Anschauhchkeit mehr als die modern abstrakte, was sich auffällig 
in der Kartographie nachweisen läßt, selbst für Zeiten, die dem Altertum schon mehr 
entrückt sind. Wie liezüglicli dieser Anschauungsweisen in der Literatur der alt- 
sächsische Heliand und der Klopstoclcsche Messias Gegenpole liilden, so in der Karto- 
graphie das Vertikalbild der Berge auf den alten Karten und das (lebirgsschraffenbild 
der neuen Karten. 

Unter den Forschern und Denkern hat K. Peucker am meisten danach gerungen, 
der theoretischen Kartographie ein besonderes wissenschafthches Gebäude zu geben. 



Allgemein Methodisches und Kritisches. 3 

In Schrift und Karten hat er seit Jahrzehnten gewirkt, die Karte in den Mittelpunkt 
geograpliisch-kartographischer Erörterungen zu stellen. Ihm verdanken wir sehr viel ; 
und wenn wir irgendwo tiefer im kartographischen Arheitsfeld schürfen, begegnen wir 
neben E. Hammer' und H. Wagner^ immer wieder seinem Namen und werden uns 
(ifters mit ihm zu beschäftigen haben. Das Schwergewicht seiner Untersuchungen 
liegt weniger auf dem Gebiete der Methode als dem des Untersuchungsgegenstandes 
an sich, indem er dessen Berechtigimg als seilest ändiger Teil einer kartographischen 
Wissenschaft nachzuweisen versucht.^ Er wollte eine „Geotechnologie" begründen, 
die als technische Wissenschaft hauptsächUch Globuskunde, Geoplastik und Karto- 
graphie umfassen sollte. Indessen haben wir uns seit langem daran gewöhnt, bei den 
kartographischen Betrachtungen die erdplastischen Darstellungen, Eehefs, Globen usw. 
mit einzuschUeßen, daß mithin die Bildung eines neuen Namens überflüssig erscheint. 
Wie mir Peucker 1914 selbst mitteilte, hat er die Bezeichnung „Geotechnologie" 
wieder fallen lassen, wodurch eine weitere Erörterung darüber gegenstandslos wird. 

2. Wissensehallllche (theoretische) und praktische Kartographie. Es erweckt 
leicht den Anschein, wenn ich von wissenschaftlicher und theoretischer Kartographie 
spreche, als ob ich damit einen Gegensatz konstruieren will. Schon Hammer hat mich 
seinerzeit darauf aufmerksam gemacht*, daß es vielleicht besser wäre, theoretisch statt 
wissenschafthch zu sagen, weil ja die praktische Kartographie ebenfalls wissenschaft- 
hch sein muß. Daß ich einen Gegensatz in dem Simie aufrichten will, daß die praktische 
Kartographie nichts mit der Wissenschaft zu tun habe, liegt fern von mir. In dem 
Eahmen einer ,, Kartenwissenschaft" halte ich den Ausdruck „wissenschafthch" um 
so mehr angebracht, als er umfassender als „theoretisch" ist, wie sich im Laufe meiner 
Untersuchungen herausstellen wird. Ohne Schaden für die Forschungsergebnisse ge- 
brauche ich vielfach beide als identische Begriffe, und in diesem Sinne wird sich gewiß 
auch der praktische Kartograph zufrieden erklären. Verschiedene praktische Karto- 
graphen wollen von dem Unterschied nichts wissen, aber ich glaube, ohne üirem Wissen 
und Können nahe zu treten, dürften meine Darlegungen sie davon überzeugen, daß 
man auf die Aufrechterhaltimg beider Eichtimgen für ein ferneres fruchtbares Ver- 
tiefen der Kartographie nicht verzichten kann. Selbstredend wird keine haarscharfe 
Trennung möglich sein, und ohne Wechselbeziehungen dürfte die eine wie die andere 
nicht bestehen. 

Von der wissenschaftlichen oder theoretischen Kartographie, die das 

' E. Hammer ist besonders bekannt geworden durch die Übersetzung und Bearbeitung von 
A. Tissots „Memoire sur ia reprdsentation de.s surfaces et les projections dos cartes gtographiques", 
femer durch seine „Geographisch wichtigsten Kartenprojektionen" ui\d — nicht zu vergessen — 
durch seine zuweilen kla.ssischen kartographischen llefcrate iu Petemianns Oeogr. Mitteilungen iii\<l 
im Geogr. Jahrbuch. 

'Bei H.Wagner denkt man vorzugsweise an die ausgezeichneten kartograplüscheu Ab- 
sclmitte in seinem berühmten „Ixhrbuch der Geograplüe" und an seine kritischen Arbeiten zur O»-- 
schichte der Kartographie in den Nachrichten v. d. K. Gt>.s. der Wiss. der Universität zu Gottingen. 

' Von den hauptsächlichsten hierher gehörigen Arbeiten K. Peuckers seien her\-orgehol>eu: 
."^t'liattenplastik \m<i Farbenplastik. Wien 1898. — Zur kartogr. Hai-stelhuig der dritt. Dimension. 
(J. Z. 1901. — Di-ei Thesen zum Ausbau der theoretischen Kartogmphie. O. Z. 1902. — Offener Brief 
an Herrn Dr. Haack. G. .-V. 190.1. — Neue Beiträge zur iSystematik der Geotechnologie. Mitt. d. 
geogr. G<!s. Wien 1904. - Höhenschichtenkarten. Stuttgart 1910. 

* E. Hammer i. d. Besprechung mein.-'s .Vufsntzes iil>or die Kartli«gmphio als WiM»en»rhn(t. 
P. M. 190S. LB. 248, S. 92. 



4 Die Kartographie als Wissenschaft. 

(ianzo des kartographischen Schaffens überblickt, die die Karte naeii Wesen, Auf- 
gaben und Zweck zergliedert und für das kartographische Schaffen und Betrachten 
bestimmte Normen aufsucht und festsetzt, unterscheidet sich die praktische Karto- 
graphie, die mit verschieden abgestuftem Takt nach konventionellen und wie mit Ge- 
setzesgewalt auftretenden Regeln manuell das Erzeugnis hervorln'ingt, das wir Karte 
nennen. Damit ist nicht gesagt, daß sie nicht auch wissenschaftlich sei; im Gegenteil, 
ohne Berücksichtigung und Handhabung wissenschaftlicher Erkenntnisse würde die 
))raktische Kartographie nur stümperhafte "Werke hervorbringen. Davon ist jeder 
Sachkenner überzeugt, daß eine gute Karte herzustellen schwieriger ist als ein Buch 
zu schreiben, wo man mit Worten manche Klippe leicht vermeiden kaim. Dagegen 
darf sich der Kartograph bei seiner Arbeit keine derartigen Freiheiten gestatten; er 
muß sinnen und trachten, in eine festgesetzte Norm und Form neuen Inhalt zu gießen, 
er kaim nicht den Flußlauf, die Ortslage usw. ändern wie es ihm am besten im Karten- 
bilde passen würde, sondern streng muß er sich an die mathematische, die geometrische 
Gnmdlage seiner Karte halten. Allgemein sagt man, daß die topographische Karte, 
die Meßtischblätter geschickte technische Leistungen sind, denn bei den großmaß- 
stabigen Karten komme es nur darauf an, nach den gemessenen Winkeln, Linien und 
Punkten alles in liestimmter Verkleinerung wiederzugeben, was eine rein technische 
Fertigkeit sei. Doch ist es nicht allein dies — man würde die Karte in ihrem Wesen 
verkennen — , sondern auch die künstlerische Befähigung und die- wissenschaftliche 
Schulung, die sich selbst im großmaßstabigen Kartenbilde dokumentiert, wobei man 
nur an die Konstruktion der Schichtlinien zu denken braucht. Mehr noch bekundet 
sich die wissenschaftliche Erziehung des Kartographen in der chorographischen Karte. 
Eine Karte von Deutschland in 1: 500000, wie die von C. Vogel, ist nicht bloß eine 
hohe technische Leistung, sie ist eine künstlerische und wissenschaftliche Tat. In 
der Seele Vogels mußte das Bild Deutschlands sich erst gestalten, bevor mit dem 
Zeichenstift ihm der gewünschte Ausdruck verliehen wurde. Eine riesige Summe von 
Vorstellungen und Apperzeptionen auf Grund Ungeheuern Tatsachenmaterials mußte 
erst aufgenommen und verarbeitet werden. Br. Hassenstein, der auf Grund un- 
zähliger Routen- und anderer Aufnahmen uns manche exotische Landschaft im Karten- 
l)ilde nahe gebracht hat, spricht davon, wie es nötig ist, sich in die Seele des Reisenden 
hineinzuversetzen, um gleichsam in dem Fußstapfen seines Denkens zu dem von ihm 
gewollten Ziel zu gelangen. Nicht das Nebeneinanderstellen von Daten, nicht die Reich- 
haltigkeit au Materie, sondern die kritische und sinngemäße Durcharbeitung erfordert 
einen wissenschaftlich begabten und geschulten Kopf. Das hat man in der Wissen- 
schaft auch anzuerkennen gewußt, wie ich oben bereits angedeutet habe. Die Ver- 
leihung eines ,,Doctor honoris causa" an bedeutende Kartographen gibt ein beredtes 
Zeugnis von der Wertschätzung auf wissenschaftlicher Seite. ^ Hinwiederum für die 
Achtung der Wissenschaft auf anderer Seite spricht das Heranziehen von akademisch 
Gebildeten in die großen kartographischen Institute. ^ 



' Die Würde eines Dr. h. o. wurde verliehen an August Petermann (Göttingen 185.5), 
Hermann Berghaus (Königsberg 1868), Bruno Hassenstein (Göttingen 1887), Carl Vogel 
Olarburg 1891), Ludwig Friederichsen (Marburg 1898), ErnstDebes (Gießen 1909), J. Bartho- 
lomew in Edinburg (Edinburgh 1909). 

^ Bei J. Perthes in Grotha: Dr. Lüddecke f, Prof. Langhans, Prof. Dr. Haack; bei Wagner 
& Debes in Leipzig: Dr. P. Eifert f, Dr. H.Fischer, Dr. E. Wagner f; bei Velhagen & Klasing 
in Leipzig: Dr. E. Friedrich (frülier), Dr. E. Ambrosius; bei Artaria & Co. in Wien: Dr. K.Peucker 



All^t'ineiii MitliDiliscIiis iiiiil Kritisches. 5 

Die ]iraktischf Kartd^'iaiilni' arlit-itct in zwcckljestiiiinitcii und verschieden- 
giadig mechaniscL bestimmten Eiclituiigtn. Der einzelne praktisch schaffende Karto- 
graph vermag kaum das große wissenschaftliche Ganze zu überblicken. Damit soll 
ihm kein Vorwurf gemacht werden. Er kann es aus natürlichen Gründen nicht. Seine 
mühsehge und langwierige Arbeit, bei der sich im engen Kreis wissenschaftlicher Scharf- 
blick und künstlerisches Gefühl mit manueller 1^'ertigkeit paaren müssen, absorbiert 
seme Kräfte in dem Maße, daß ihm die Zeit zu umfassenden geographischen Studien 
ermangelt. Daß das einseitige Urteil mancher Kartographen hierin einen entschuld- 
baren Grund findet, ist leicht erklärlich. Die wissenschaftliche Kartographie wird 
mancherlei Dinge berühren, die der praktische Kartograph aus ,, Instinkt" oder ,,natür- 
hchem Takt" befolgt.^ Ihm muß es doch wohl im hohen Grade willkommen sein, wenn 
er aus dem Instinkt heraus zum vollen Bewußtsein geführt wird. Beachtenswerte 
Anläufe dazu finden wir in einigen kartographischen Untersuchungen, die von akade- 
misch gebildeten Kartographen, von H. Fischer, E. Friedrich und besonders von 
K. Peucker herrühren. 

Bei einem tüchtigen Kartographen nimmt man jetzt als selbstverständlich an, daß 
er eine wissenschaftlich geographische Bildung besitze, nicht aber \on einem Geographen, 
daß er kartographisch gebildet sei, mid doch muß man gleichfalls verlangen, daß ein 
tüchtiger Geograph, wemi auch nicht kartenpraktisch, so doch kartentheoretisch durch- 
gebildet sei. Die Annalune E. Hammers, daß der Geograph, der nicht einmal die 
mathematischen Grundlagen der Karte versteht und anwenden karm, kein ,, eigentlicher" 
Geograph ist., können wir nur bestärken. Nun ist es aber nicht bloß die mathematische 
Grundlage, sondern noch viel mehr und anderes, was der Geograph von der Karte 
wissen muß. In der theoretisch kartographischen Ausbildung ist noch sehr \ iel zu tun 
und nachzuholen. Mancher Geograph soll nur nicht in allerhand Ausflüchten seine 
Interesselosigkeit oder Unkemitnis bekunden oder gar befürchten, zum praktischen 
Kartographen ausgebildet zu werden, wozu bekanntlich eine ganz besondere Ver- 
anlagung gehört. Ein tüchtiger Theaterrezensent braucht noch kein Dramaturg zu 
sein, wenn der Dramaturg selbst des kritischen Talentes nicht bar sem darf. Die wissen- 
schaftliche Kartographie verhält sich zur praktischen ähnlich wie die Kunstgeschichte 
zur Kunst, wie der Literaturhistoriker zum Dichter. Wenn auch die Künstler mehr oder 
minder instinktiv die Gesetze der Perspektive, des anatomischen Aufbaues des Körpers, 
des Ehythmus und des Versbaues in ihren Werken befolgen, so macht das Bild, die 
Skulptur, die Dichtung, die Sonate noch keine Wissenschaft, wohl aber das feinsinnige 
Aufspüren und Festlegen der ästhetischen, psychologischen mid physiologischen Ge- 
setze, die die Künste miteinander verbinden, und deren Erkennen geeignet ist, nicht 
bloß den Schaffenden, sondern auch den Genießenden .'in Stück in der ]\Ienschheits- 
geschichte vorwärts zu bringen. 

Wie der Kartograph s(>ine i)raktische Domäne auf kartographischem tiebiete hat, 
so der Wissenschaftler seine theoretische. Aber beide gehen nicht nebeneinander, 
sondern miteinander, da sie aufeinander angewiesen sind. Außer einem Korrektiv und 
gesetzgebenden Faktor soll die wissenschaftliche Kartographie der geistvolle Inter- 
pret der praktischen Kartographie sein. So bedingen und ergänzen beide einander. 
Nur aus lieider Zusamnienwirktii kami das entstehen, was wir in di'r Karte als Nieder- 



1 Vgl. das, was H. Habenicht ül>cr K. Peuckor sagt. P. M. 1901. LB. Ü07, S. 149. 
Forschungstätigkeit der Gelehrten hat H. Habenicht bei seinen AusfUhnujgcn übersehen. 



6 nie Kartognipliic als Wissensthaft. 

schlag des geograiiLischcn Wissens ansehen. Es gilt einem hohen Ziele zuzusteuern. 
Wir stehen noch njitten auf dem Wege. Selbst bei der ausgezeichneten, für ihre Zeit 
besten Leistungen, wie in den Karten des neuen Stielerschen Atlas, der am Anfang 
des neuen Jahrhunderts herauskam, würden Inhalt und Anlage mancher Karten ge- 
wonnen haben, wenn ein engerer Zusammenschluß von wissenschafthcher und karto- 
graphischer Seite stattgefunden hätte. Auf das obwaltende Mißverhältnis weist einer 
unserer kompetentesten Beurteiler kartographischer Dinge, H. Wagner, in Peter- 
manns geogr. Mitteilungen hin, wobei er besonders betont, daß es zu einem \ iel eugerii 
Zusammenschluß zwischen wissenschaftlichen Geographen und wissenschaftlichen Karto- 
graphen führen sollte als es bisher der Fall ist.^ Vom psychologischen Standpunkte 
aus läßt es sich ja verstehen, daß ein Kartograph, der mit seinem Geist, seinem Ge- 
schmack und seinem zeichnerischen Talent eine gute und schöne Karte geschaffen hat, 
ganz besonders an seinem Werke hängt. Diese Liebe zu seinem Kinde kaim ihn aber 
unter Umständen blind machen, ihn unbescheiden gegen die Arbeit anderer werden 
lassen. Der wissenschaftliche Geograph oder der kartographische Theoretiker steht 
all den kartographischen Produkten viel unbefangener gegenüber. Die Voraussetzung 
ist bei ihm vorhanden, daß er besser als ein Kartograph zu emem gerechten Urteil über 
die Karte kommen kann.^ Ich weiß, daß viele unserer deutschen Geographen, die 
als Hochschullehrer tätig sind, es als einen mangelhaften Zustand empfinden, daß 
Kartographie und Geographie meist nebeneinander anstatt miteinander gehen. Ein 
Satz aus der bekannten Schrift von A. Penck , .Beobachtung als Grmidlage der Geo- 
graphie" mag meine Aussage bekräftigen: ,,Die Gewinnung einer engern Pühlung- 
nahme zwischen Geographie und Kartographie erscheint unerläßlich für die gedeihliche 
Fortentwicklung nicht bloß der erstem, sondern beider, denn auch die Kartographie 
bedarf der Fühlung mit fremden Gebieten." ^ Und Veranlassung zum Nachdenken 
gibt ein anderer, einem Vorwurf sehr ähnlicher Ausspruch Pencks: „Es ist bezeichnend 
für die neuere Entwicklung der Geographie, daß sie für eigene Bedürfnisse noch nicht 
Ähnliches zu schaffen versucht hat, was andere Wissenschaften in ihren systematischen 
Tafelwerken besitzen, wie demi überhaupt die Bedürfnisse der Geographie als solcher 
bei der gesamten Pflege der Kartographie nicht in erster Linie stehen."* Wir werden 
noch oft Gelegenheit haben, auf die Pmikte hinzuweisen, wo sich ein besseres Verhältnis 
zwischen Kartographie und Geographie anzubahnen hat. Noch vielmehr als es heute 
schon statthat, muß mit dem Traditionellen gebrochen werden, wenn auf der ganzen 
Linie, d. h. in dem Kampf um die größere Berücksichtigung geographischer Bedürfnisse 
ein energischer Fortschritt erzielt werden soll. 

3. Die Kartenwissenschaft eine dualistische Wissenschaft. Wer die Geschichte 
einer Einzelwissenschaft schreibt oder einen Einzelzweig zur Wissenschaft erheben 
will, wird an der KUppe des Einreihens der zu untersuchenden Disziplin in das System 
der Wissenschaft nicht vorbeisteuem können oder, wie C. Stumpf sagt, jeder Spezial- 



1 H. Wagner: Stielers Handatlas in neuer Gestalt. P. M. 1904, S. 6. 

^ Selbst das unbefangene Laienauge kann zuweilen der Kai-tographie gute Dienste erweisen. 
Adolf Stieler bezeichnet seinen Diener Bär, einen thüringischen Bauernsohn, als den getreuen 
Gehilfen, „ohne dessen prüfenden BUck fast keine Zeichnung dem Grabstichel, keine Platte der 
Presse übergeben wurde". — ÄhnUchen Vorkommnissen werden wir noch später bei den Schweizer- 
karten Erwähnung tun. 

^ A. Penck: Beobachtung als Grundlage der Geographie. Berlin 1906, S. 58. 

* A. Penck: Deutsche Handatlanten. G. Z. 1911, S. 644. 



AllgPinein Methodisehes nnd Kritisi-hes. 7 

forscher, der über seine eigene Disziplin nachdenkt, sieht sich dazu geführt, sie auch in 
ihrem Verhältnis zu den übrigen von allgemeinenu .Standpunkt aus zu betrachten.' 
W. Wundt hat in seinem bekannten System der Philosophie die Eiuzelwisseuschafteu 
scharfsinnig geghedert und systematisch geordnet. Den i^'ornicn Wissenschaften, ins- 
besondere der allgemeinen imd speziellen Mathematik, stehen die realen Wissenschaften 
gegenüber, die sich schon seit älterer Zeit in bezug auf die Hilfsmittel, Methoden und 
Prinzipien der Untersuchimg in Natur- und Geisteswissenschaften scheiden. Im großen 
Ganzen kommt es auf eine Zweiteilung hinaus. Schon A. Comto unterschied abstrakte 
und konkrete Wissenschaften. 

Die Geographie ist den Naturwissenschaften zugeteilt, und zwar der Jjehre von 
den Naturgegenstäuden. Wie schon an anderer Stelle von mir^ und auch von andern, 
wie Kirchhoff, Eichthofen, Eatzel, Hettner, Schlüter, nachgewiesen wurde, 
paßt für- viele der neuen Zweige der Geogi-aphie, so fiü- Anthi'opogeugraphie oder die Kultur- 
geographie, und somit für che Geographie im ganzen nicht mehr die philosophisch syste- 
matische Zwangsjacke, selbst wenn wir an Eubriziermigen von Wiudelband, Eickert, 
Müusterberg, Lampreclit imd die mehr- weitsichtigen von Stumpf denken. Audi 
das Comte-Ostwaldsche Eegriffssystem, nach dem alle Wissenschaften in die drei 
Gebiete der Orchiungs-, der Arbeits- imd der Lebenswissenschaften zerfallen, kami uns 
keine befriedigende Lösung geben. Die ersten enthalten Logik, Mathematik imd Geo- 
metrie, die zweiten Physik und Chemie, die dritten Physiologie, Psychologie imd Sozio- 
logie oder Kultm-wissenschaft. Es gibt jetzt schon zu viele Einzehvissenschaften, die 
gleichweit nach der geisteswissenschafthchen wie nach der natunvissenschaftlichen 
Seite hin mkhnieren, und gar bei der Kartographie werden, wie kaum bei einem andern 
geographischen Zweige viele Wm-zeha von der Mathematik genährt. Mit Hettner wird 
man sich einverstanden erklären, der die Geographie kurzweg eine konkrete Wissen- 
schaft, die es auf unmittelbare Erkenntnis der Wirkhchkeit abgesehen hat, nennt. Bis 
zu einem gewissen Grade, den wir später noch modifizieren werden, stimmt dies auch 
für die Kartographie, die vornehme Schwester und unentbelu'Uche Gehilfin der Geo- 
graphie. Außerdem teilt die Kartographie mit der Geographie das Schicksal, ein schier 
unübersehbares Feld von Aufgaben zu bieten und damit eine Wissenschaft von weitesten 
Grenzen zu sein, die wohl durch einen, an die dingliche Ausfüllung des Erdraums ge- 
bundenen Gedanken, nicht aber dm-ch eine einheitliche Forschungsmethode gebunden 
wird. W'as alles übersetzen wir in die kartographischen Linien mid Zeichen! Neben 
den Formen der Oberfläche, den Siedlmigen imd Verkehrswegen die Wärme, die Tempe- 
ratur, den Sonnenschein, den Niederschlag, die Ernte, die industrielle Betätigung, die 
Volks- und Tierdichte, den Schädelindex, die Körpergröße, die Geburt, die Krankheit, 
den Tod und unendlich vieles andre mehr. Es gi-enzt schier ans Wunderbare, wie sich 
alles Sichtbare auf dem Erdball, selbst die verschiedensten geistigen Phänomene der 
kartogi-aphischen Darstellung und Beherrschung beugen. Die Grenzen dieser Herr- 
schaft untersucht die kartenwissenschaftüche Analyse. Das ist eine ebenso dankbare 
wie interessante Aufgabe, die aber zugleich einen Vorgeschmack von den Schwierigkeiten 
gibt, die die Kartographie zu bewältigen hat, aber auch von dem Unvermögen, der 
Kartographie im Gebäude der Wissen.schaften eine ganz bestimmte Stelle zuzuweisen. 

'■ C. Stumpf: Zur Einteilung der Wissenschaften. Abh. d. K. prcuß. .\kad. d. Wiss. Berlin 1906. 

- M. Eckert: Das Verhältnis der Handelsgeographio zur .\iithroix)goograpluo. Ein Beitrag 
zur Handelsgeographie als Wi.s8en.schaft. Ix>ipzig 1902. S. (1. — Zur Methodik der .\nthrnpogeographio. 
P. M. 1909, S. 71, 72. 



8 Die Kartographie ;ils Wissenschaft. 

Wir halten es nicht für angebracht, den Spekulationen nach dieser liichtung 
zu weit nachzugehen. Kachfolgende Tatsachen -werden mehr sprechen und mehr be- 
weisen als subtile philosophische Erörterimgen über Methode und Aufgaben, die man 
gewöhnlich gern der Domäne des altern Wissenschaftlers überläßt, was natürlich ist, 
da er auf eine lange Eeihc von Forschungen und Erfahrmigen zurückblicken kann. 
Zuletzt ist jeder wirklich großer Forscher immer aucli Philosoj)h.i Ganz können wir 
auf die Erörterungen der Methoden nicht ■\^erzichten, wemi wir auch einsehen, daß es 
nicht ratsam erscheint, von ihnen auszugehen, da ja die tiefgreifenden Unterschiede 
der Methoden zuletzt in den Unterschieden der Gegenstände wurzelt; indessen halten 
war sie zur Einführmig in die gesamte Materie für geeignet, sofern ihnen nur die Gegen- 
stände bzw. die Forschungsgebiete folgen, an denen und durch die die einzelnen Me- 
thoden erprobt werden. 

A. Hettner tadelt die Auffassmig vieler mid auch tüchtiger Forscher, nach der 
die methodischen Betrachtungen über die Aufgaben und die Grenzen der Einzel- 
wissenschaften als urmütz bezeiclmet wird, als „einseitig und kurzsichtig, für ein Über- 
bleibsel aus jener Zeit, in der der philosophische Geist ganz abgestorben war und die 
-wissenschaftHche Eoharbeit allein, womöglich nur für praktische Zwecke, wertgeschätzt 
wurde". Etwas anders küngen die W'orte des für die Geographie leider zu früh vei- 
storbenen H. iSchurz: ,,Im allgemeinen ist es ein charakteristisches Zeichen des Alterns 
einer Wissenschaft, wenn mehr über sie als in ihr gearbeitet wird, wenn man mehr den 
Autoritäten als den eigenen frischen Untersuchungen vertraut, oder wenn man mit 
ängstHcher Sorgfalt die Grenzen des Forschungsgebietes gegen andere Wissenschaften 
aljzirkelt. In Wahrheit gibt es ja nur eine Wissenschaft, die Grenze solchen Forschens 
aber suche jeder, wo es ihm nützhch erscheint, ohne sie andern aufzudrängen." Auf den 
ersten Bück wirken beide Aussprüche gegensätzlich, indessen ist der Gegensatz nur 
ein scheinbarer, entstanden aus einer Schlußfolgerung, die den gleichen Gegenstand 
unter verschiedenem Einfallswinkel belichtet. Hettner will durch seine philosophischen 
und methodischen Untersuchungen den Bück für das Eigen tümhche der Geographie ^ 
und Kartographie* schärfen und erweitern, denkt aber durchaus nicht an einen Purismus 
imd läßt den teils zeitweihgen, teils dauernden Verflechtungen der Geographie und 
Kartographie mit andern Wissenschaftsgebieten ihr Eecht. Schurz legt auf die 
letztere Erscheinung mehr das Schwergewicht, da man, um den charakteristischen 
Unterschied einer Disziplin klarzulegen, mit einem Einteilimgsprinzip nicht auszu- 
kommen vermag, imd nur zu oft mehrere sich kreuzende Untersuchungsreihen benutzt 
werden müssen. Es ist eme auffallende Tatsache, daß sich trotz zunehmender Arbeits- 
teilung die wissenschaftlichen Forschungen und Untersuchmigen auf den verschiedensten 
Gebieten immer mehr verflechten. Auch die Kartographie zeigt so recht, wie sie in die 
wissenschaftUchen Forschimgen der einzelnen geographischen und verwandten Zweige 
ein- und übergreift, ganz gleich, ob sie naturwissenschaftlich oder geisteswissenschaftlich 
geartet sind. W'as versclilTi^,'! is, wenn sie sogar mit Wissenschaftszweigen, die in ihrem 
Gegenstand wenig niiti iiniiidir zu tun haben, „auf lange Strecken einen unteilbaren 
Körper" bildet. An der Selbständigkeit der Kartographie als Wissenschaft vermag auch 
dies nicht zu rütteln. 



M. Schlick: Allgemeine Erkenntnislehre. Berlin 1918, S. VIII. 

A. Hettner: Das Wesen und die Methoden der Geographie. G. Z. 1905, S. 545ff. 

A. Hettner: Die Eigenschaften und Methoden der kartographischen Darstellung. G. Z. 
. 12 ff. 



Allg.M.Riu iMotliodisclu-s und Kritist-li.s. 9 

4. Iteobachtiiug iiiul Messung. Jedes Kartenbilcl, ganz gleich, oIj es nielir reale 
Gegenstände oder durch geistige Ahslraktionen gewomiene Ergebnisse darstellt, regi- 
striert einen Tatsachenbestand oder — mit andern Worten — verfährt chorographiscii. 
Aber der theoretischen Kartographie an sich ist wie der Geogra^ihie eine chorologischc 
Seite eigen, die dynamisch ist, indem sie Ursache und Wirkung im Kartenbild miter- 
sucht. In bezug darauf können wir die theoretische Kartographie definieren als die 
chorologische Wissenschaft der Abbildung imd physisch-geographischer und anthropo- 
geographischer Erscheinungen der Erdoberfläche. Schon E. v. Kichthof en bezeichnete 
imsere Zeit als diejenige der chorologischen Eorschung.i 

Die Tatsachen, die wir in das Kartenbild einordnen und deren Ursachen und 
Wirkungen hinwiederum aus ihm zu ims sprechen, müssen irgendwo vmd irgendwie 
beobachtet und gegebenenfalls nach Maß festgelegt sein. So sind auch in der Karto- 
graphie Messung und Beobachtung, wie in der Geographie und den Naturwissenschaften 
überhaupt, die Mittel, mit deren Hilfe unsere Wissenschaft das von ihr zu verarbeitende 
Material gewinnt. 

Ohne Beobachtung keine geographische, keine kartographische Wissenschaft. \ni 
die Wichtigkeit der Beobachtung haben unsere bedeutendsten Geographen ausdriick- 
lich hingewiesen, wie E. v. Eichthofen, A. Penck, E. v. Drygalski, S. Passarge, 
W.M.Davis, E. de Martonne, A. Hettner, A. Philippson, K. Sapper u.a.m. 
Penck macht, wie bereits hervorgehoben wurde, die „Beobachtung als Gnmdlage der 
Geographie" zum Gegenstand einer eingehendem Erörterung, wobei auch die Karto- 
graphie nicht leer ausgeht. Passarges morphologische Untersuchungen mid Atlanten* 
werden auf viele Jahre hinaus für die wissenschaftliche Kartographie eine unerschöpf- 
liche Fundgrube reichster Anregungen sein ; ist doch imter allen lebenden Geographen 
Passarge einer derjenigen, der am meisten dafür sorgt, daß unser geographisches 
Sehen nicht verkümmert. 

Das topographische Kartenbild ist die Summe der Beobachtungen über all die 
Gegenstände, die den irdischen Eaum ausfüllen. Je nach dem Maßstab der Darstellung 
wird das Auge des Beobachters geschärft, Nebensächhches von Hauptsächlichem zu 
unterscheiden. Nichts ist geeigneter, die Oberflächenformen und die dingliche Aus- 
füllung des Raumes besser zu beobachten als die kartograjjliische, d. h. die t()p(>gra]ihiscbe 
Aufnahme dieser Formen. Nur zu leicht gleitet das Auge bei bloßer Beobachtung über 
die Formen dahin, die dem aufnehmenden Beobachter nicht entgehen. So wird die 
Geländeaufnahme zu einer der besten Schule der Beobachtimg. eine Tatsache, auf die 
meiner Meinung nach von geographischer Seite aus noch viel zu wenig (Gewicht ge- 
legt wird. 

Ist das Experiment von Natur aus in der Geographie im allgemeinen ausgeschlossen, 
gewinnt es in der Kartographie imter Umständen Einfluß. Im Lalioratorium ist es mög- 
lich, die Intensität schräg beleuchteter Flächen experimentell zu bestimmen. Das 
optische Prinzi]) kaim in der Generalisierang von Einfluß werden, insofern das Be- 
obachten eines Kartenbildes aus der Ferne eine Handhabe gehen kann, welche Einzel- 
heiten auf Kosten kleinerer Maßstäbe zu verschwinden haben. Durch das optische 
Prinzip wird schließlich ein wesentlicher Unterschied zwischen Hand- und Wandkarte 
bestimmt, femer für einige Kartenarten Gebrauch und Duktus der Schrift, aber auch 

' F. V. Riclithofeu: Aufgaben imd Methoden der heutigen Geographie. Ix-ipzig 1883, S. 38, 
- rntor doti zaWroichon Schriften S. Passargea seien hervorgehoben: Physiologische Mor- 
phologie. Haiiilnirg li»12. Moi-phologiscber Atlas. I. Hamburg 1914. 



10 Dip Kartographie als Wissenschaft. 

das plastische Element des Geliindebildes, wie wir später noch ausführlicher nachweisen 
werden. 

Wii" kennen die Schwierigkeiten der Auffassung und des Behalten« von Tatsachen. 
Beide Schwierigkeiten mildert die Umwandlung der Beobachtungen imd Tatsachen in 
das Kartenbild, weil hierbei, wie bei dem Experiment, das Auge, eines der empfind- 
lichsten imd dabei leisttmgsfähigsten Sinnesorgane, zur gesteigerten Mitarbeit heran- 
gezogen w'ird. Die Kartenwissenschaft bUebe einseitig, wemi sie sich nur auf persöiüiche 
Erfahrimgen des Autors und nicht auf die Summe der mannigfaltigsten Beobachtungen 
stützen wollte. Ist die Karte auf Beobachtungen aufgebaut, wird sich eine darauf be- 
gründete Spekulation um so sicherer bewegen, obwohl es, was hier gleich bemerkt sei, 
nicht ratsam ist, die Karte allein als die Grundlage jener Spekulation zu gebrauchen. 

Soweit das Messen in der Geographie eine Eolle spielt, ist es hauptsächlich an die 
Karte gebunden. Die Karte selbst ist das Produkt unzähliger Messungen im Gelände, 
die sich auf Lage, Eichtung, Größe, Höhe, Neigung, Anzahl, Umfang, Gestalt der auf- 
zunehmenden Gegenstände beziehen. Selbstredend spiegeln sich derartige Meßergeb- 
nisse nur in großmaßstabigen Karten wieder. Solchen Karten, wir wollen sie vorderhand 
Flurkarten nermen, begegnen wir bereits im alten China, Ägypten, Mexiko. Neben ihnen 
waren die andern kleinmaßstabigen Karten rein kümmerliche Versuche. Hettner 
macht darauf aufmerksam, daß gegenwärtig die Karten kleinem Maßstabs durch Reduk- 
tionen von Karten größern Maßstabs entstanden sind. Das ist richtig; indessen erfährt 
seine weitere Darlegung nach dem, was ich soeben mitgeteilt habe, eine kleine Ein- 
schränkung, wemi er sagt, daß der geschichtUche Gang der Entwicklung ein umgekehrter 
gewesen ist: von den Karten kleinern Maßstabs ist man allmähhch zu den Karten 
großem Maßstabs gekommen. Im allgemeinen entspricht Hettners Auffassimg den Tat- 
sachen, wobei besonders zu betonen nicht vergessen bleibe, daß der Gang der Entwick- 
lung von der kleinmaßstabigen Karte zur großmaßstabigen eng an die Vervollkomm- 
nung der Aufnahmeinstrmnente geknüpft ist, wie auch an den des Staatsorganismus, 
dessen wachsende Bedürfnisse (Grimdsteuererhebtmgen usw.) allmählich zu einer ge- 
nauen Aufnahme des Bodens tmd damit zur kartographischen Veranschaulichimg dieser 
Messimgen hindrängten. 

Dadurch, daß die Karte das Ergebnis einer vielseitigen Messung ist, erhält sie 
einen Wert, der weit über dem aller sonstigen in der Geographie gewonnenen Ergeb- 
nisse hinausgeht. Ein Gefühl der Sicherheit wächst in dem, der seine Studien auf gut 
aufgenommene topographische Karten stützt, ganz gleich, ob er Geograph ist oder 
Soziologe oder Verkehrstechniker. Auch Hettner kommt zu dem Schluß, daß eine 
Gegend der Geographie erst durch die topographische Karte erobert wird. Bis jetzt 
kaim man noch nicht bemerken, daß die großmaßstabige Karte in weitgehendstem 
Maße zu geographischen Studien herangezogen worden wäre. Das wird erst die neuere 
geographische Entwicklung bringen. Man lernt schon besser sehen und sich eingehender 
orientieren, wovon zweifellos neuere morphologische Karten ein gutes Zeugnis ablegen. 

Mit der Aufnahme der Karte ist die Messtmg bei der Karte noch nicht erschöpft. 
Es ist das Eigenartige an ihr, daß sie als fertiges Kartenbüd wiederum den Ausgang 
zu neuen Messungen bildet. Die topographische Karte in ihren verschiedenen Maß- 
stäben wird zu Eintragungen von geologischen, morphologischen, wirtschaftHchen tmd 
andern Tatsachen gebraucht. Sie körmen, je nach Bedarf, auf dem Kartenblatt 
ausgemessen werden. Dasselbe geschieht auch mit physisch-geographischen und 
anthropogeographischen Erkemitnissen, die meistens auf Karten kleinern Maßstabs 



Allgemein Methodisches und Kritisches. H 

dargestellt -werden. Viele der hierhergehörigen Messungen fußen auf der Konstruktion 
von Linien gleicher Intensität, wie sie in den Isobaren, Isothermen, Isohyeten, Iso- 
hypsen usw. vorliegen, welche Linien man mit dem sprachhch nicht gerade glückhch 
gewählten Ausdruck ,,Isarithmen" zusammenfaßt. 

Doch schon die einfache Geländekarte gibt Gelegenheit zu vielseitigen Messimgen 
über die Länge von Flüssen, Grenzen usw. Der Linear- und Arealmessung sind auf 
der Karte sozusagen keine Grenzen gezogen. Die Flächenmessungen führen zu Voluui- 
berechnimgen, was auch mit Hilfe der hypsographischen Km'venkonstruktion geschehen 
kann. Für die Längen-, Flächen- und Eaummessungen haben sich im Laufe der Zeit 
bestimmte Methoden ausgebildet, mit und ohne Apparate. Über deren Leistungs- 
fähigkeit belehrt uns die Kartometrie (s. S. 58). 

ö. Kartugraphisehe Induktion, Deduktion und Fiktion. Die Induktion sucht 
aus den einzelnen Wahrnehmungen zu Allgem einbegriffen und Urteilen vorzudringen, 
was mittels gültiger Schlüsse, haltbarer Beweise, entwickelter Gesetze erreicht wird. 
Das gesamte Kartenbild ist ein Ergebnis der Induktion. Die in der Natur vorhandenen 
Einzelgegenstände werden nach bestimmten Gesetzen und Eegeki beobachtet imd auf- 
genommen und sodann wieder nach anders bestimmten Gesetzen und Eegeln zu einem 
Kartenbild vereint. Die Landkarte hat somit vieles mit der Gewinmmg von Ergeb- 
nissen hl den Naturwissenschaften gemeinsam; sie ist das unmittelbare Ergebnis der 
Forschung wie der Verarbeitung. ^ Daran muß man festhalten, wenn man die Stellung 
der Kartographie in den Wissenschaften und ihre Methode verstehen will. 

Eine zweite Art kartographischer Induktion baut sich unmittelbar auf dem 
fertigen Kartenbild auf. Sie führt zu allgemein-geographischen Begriffen imd Schlüssen, 
die sich teils auf den orographischen Aufbau, teils auf natur- und kulturhistorische 
Erscheinungen beziehen. Die auf diese Weise gewonnenen Ergebnisse sind nicht von 
einer derartigen sichern Gültigkeit, mit der uns die der ersten Induktionsart entgegen- 
treten; jedoch besteht ihr Vorzug in dem grüßern Betätigimgsfeld. Ihr Nachteil 
liegt außer in dem kurz zuvor erwähnten vor allem in dem Übermaß, mit dem über 
das Ziel hinausgeschossen und geographische Begriffe überwertet Averden, wie uns 
klassische Beispiele in 0. Peschels „Neuen Problemen" zeigen und noch krasser hi 
Arbeiten einzehier Nachfolger Peschels, die die vergleichende Methode der Induktion 
auf Karten geradezu mißbrauchten. 

Bei der ersten Induktion ist die Gesamtarbeit mehr synthetischer Natur als bei 
der andern, wo die Analyse viel Einfluß gewinnt. Hätte S. Mehedinti beide Arten 
der kartographischen Induktion scharf unterschieden, wäre vielleicht seine Unter- 
suchung über che kartographische Induktion nicht so blutleer ausgefallen.- Auch 
wäre schärfer zwischen topographischer und chorographischer Karte zu unterscheiden 
gewesen, wie zwischen chorographischer mid angewandter Karte. ^lit dem an den Haaren 
herbeigezogenen biologischen Gesetz der Wechselbeziehung, die zwischen den Organen 
und den Funktionen, die diese erfüllen, besteht, wird keine kartographische Induktion 
begründet.^ Desgleichen wird die wissenschaftliche Grundlage nicht mit dem Satz 

1 A. Penck: Der Krieg und' das Studium der Geograplde. Z. d. ties. f. Kuikdr. /.ii IVrliii 
1916, S. 116. 

* S. Mehedinti: Über die kartographische Induktion. Disa. Leipzig 1899. Die ganze Arbeit 
erscheint als ein Jongüeren mit Worten unter lialbphilosophiBcliem Gewand und weniger als eine 
Vertiefung in das eigentliche Problem. 

^ S. Mehedinti: a.a.O., S. 21ff . 



12 l>i'- Kailoniai.liir als Wi.ssc.iscliiirt. 

«osdiaffi-ii: ..AVir niüssni st.lchc Karten nvlniuichcii, ^mf (Icticii ,1,t (inul der (u'ucralisa- 
tion uns erlaubt, die Xatur \ iTeiulachl zu ln'trachten, uhne dal.) die \'ereiutudunif,r auf 
Kosten der Wahrheit der charakteristischen Teile geschieht".^ Mithin soll nach Mehe- 
dinti die Natur weder in allzu großer Nähe, noch aus allzu großer Ferne betrachtet 
werden. Das wäre kartographisch nein nls In deiildich. Dann wären unsere groß- 
maßstabigen topographischen Karten zur Indulilioii gai- nicht geeignet, obwohl sie 
■/.. V). zu geomorphologischen Detailstudien viel zweckdienlicher als kleh)maßstal)igi' 
sind. In einseitiger und logisch nicht einwandfreier Weise zieht Mehedinti noch die 
Projektion heran, um die Genauigkeit der kartogra])hischen Induktion einigermaßen 
zu stützen.* 

Wer das Wesen einer Karte recht erfaßt und in die Seele ihrer Entwicklung hinein- 
bhckt, dem wird die Karte eine dauernde Quelle der Induktion sein, die den Forschungs- 
trieb mächtig anregt, zu neuen Versuchen ermuntert, das Kraftgefühl weckt und bei 
jedem Gehngen steigert und zuletzt den Wert objektiver Wahrheitserkenntnis un- 
mittelbar schätzen lehrt. Wie die Chemie ist die Geographie und mit ihr die Karto- 
graphie emc induktive Erfahrungswissenschaft im eigentlichsten Sinne des Wortes. 
Immer wieder muß auf die Beobachtung und Erfahrung zurückgegangen werden, 
immer wieder muß das Kausalitätsgesetz, das die ganze Natur beherrscht und auch 
in uns entwickelt ist, erweckt und belebt werden; dann wird man auch die Karte im 
(4ang der geographischen Forschung richtig einschätzen und nicht überschätzen lernen, 
(1. h. bei Untersuchungen sich nicht nur auf das rein äußere Eild der Karte stützen, 
wie wir oben bei Peschel hervorgehoben haben. 

In der Induktion vollziehen sich viele Vorgänge, die wir eingehender Ijei der 
Jjogik der Karte besprechen werden. Auch kann man die verschiedenen Weisen der 
kartograjibischen Darstellung, wie sie A. Hettner darlegt', unter dem Gesichtswinkel 
der Induktion beleuchten. Aus der Dreiheit der räumlichen Auffassung der Objekte 
als Punkt, Linie und Fläche und der quahtativen und quantitativen Art der Betrachtung 
residtieren nach Hettner sechs Darstcllungsweisen. Betrachtet man die allgemeinen 
Werturteile, die auf diese Weise entstehen, unter dem Gesichtspunkte der mehr absoluten 
oder mehr relativen Gültigkeit, kann man schließlich zwölf Darstellungsweisen ge- 
%virmen. Nicht immer sind sie streng auseinanderzuhalten, und verscliiedcngradige 
Übergänge und Wechselbeziehungen finden statt. 

Mit der zweiten Art kartographischer Induktion mischt sich gern die ü e d u k t i o n. 
Die Karte erweist sich als ein geeignetes (iebiet, das Einzelne durch das Allgemeine 
zu liegi'eifen. Selbst zu neuen Gattungsbegriffen kann auf diese Weise vorgeschritten 
werden, wenngleich der induktive Weg der gegebenere ist. Das läßt sich da nachweisen, 
wo die Begriffsbildung nicht auf (Gegenstände der unmittelbaren Sinneswahrnehmung 
beschränkt ist. Sie erstreckt sich sodann ebensogut auf physikalische Vorgänge wie 
auf rein geistige Dinge. „Gerade dadurch ist es der Kartographie möglich gewordin, 
sich auf Erscheinungen auszudehnen, die ihr sonst verschlossen gel)Heben wären."* 

Die mathematische Deduktion ist ein vorzüglicher Forschungsweg, die Karte 
jiraktisch auszunutzen, der Morphologie sowohl wie der Kulturgeographie, der Statistik 
und Nationalökonomie wertvolles Zahlenmaterial zu verschaffen. Die Vergleichung 

' S. Mehendinti, a. a. ()., S. 2.'). 

2 S. Mehedinti, a. a. O., S. 26. 

■= A. Hettner: Die Eigen.scliaften und Methoden, a. a. O., S. 73ff. 

•• A. Hettner, a. a. O., S. 19. 



Allgemein Methodisches und Kritisches. 13 

hat in den aus der Karte gewonnenen Zahlen ein vorzügliches Mittel, das die weitere 
Arbeit fördert, das aber auch leicht Gefahr läuft mißbraucht zu werden. 

Im System der logischen Wissenschaft schHeßt sich der Induktion und Deduktion 
als ein gleich berechtigtes drittes Glied die fiktive Tätigkeit an.^ Wir operieren in 
Geographie und Kartographie mehr mit Fiktionen als allgemein eingestanden wird, 
ja wir gebrauchen Begriffe, die wir von theoretischem Standpunkt aus als falsch er- 
kennen; trotzdem behalten wir sie bei, da sie praktisch „wahr" sind, d. h. nützlich und 
unentbehrHch. Das ist ja in jeder exakten W'issenschaft so. Beispielsweise sprechen 
wir von einer senkrechten oder schrägen Beleuchtung des Terrains, oliwohl eine Be- 
leuchtung absolut nicht vorhanden ist. Wir bestimmen das Verhältnis von Schwarz zu 
Weiß bei dieser oder jener Geländeneigiing und wissen, daß es technisch nicht mogUch 
ist, das Verhältnis restlos zu veranschauHchen. Die Philosophie des „Als Ob" belehrt 
uns über die Erscheinmigen und deren Berechtigimg. Beispiele hierfür lassen sich in 
der Kartogi-aphie zu Dutzenden aufzählen. 

Die Mittelzahl, mit deren Hilfe physisch-geographische Karten (Isothermen-, 
Isobarenkarten usw.) entworfen werden, ist, logisch betrachtet, eiae fingierte Zahl, 
mit der lediglich gerechnet wird. Wir gelangen damit in das Gebiet der Durchschnitts- 
fiktionen, d. h. solchen Fiktionen, ,,wo aus einer Menge graduell verschiedener Er- 
scheinungen das ^Mittel dieser abweichenden Grade genommen wird und als Rechnungs- 
ansatz dient".- An diese Stelle reiht H. Vaihinger alle diejenigen willkürlichen Be- 
stimmimgen in den Wissenschaften ein, wo. \vie z. B. im Meridian von Ferro, gewisse 
Anhaltspunkte willkürhch fixiert werden. 

Die kartographische Fiktion ist eng mit der kartographischen Hypothese 
verschwistert ; manchmal gelingt es kaima, beide auseinander zu halten, da sie sich äußer- 
lich sehr ähnlich sind. Während die Fiktion unter mehreren gleich moghchen Fiktionen 
die zweckmäßigste auswählt, geht die Hypothese auf das Wahrscheinhchste aus, d. h. 
sie unterwirft sich der Probe auf ihre Wirkhchkeit. Jeder Fachmann weiß, daß che 
Karte nur zu oft, besonders wenn sie sich auf das Gebiet angewandter geographischer 
Darstellungen begibt, zur hypothetischen Ergänzvmg und Konstruktion die Zuflucht 
nehmen muß. In der Kartographie gebraucht die Hypothese Analogie, Korrelation und 
Kausahtät. Während die Analogie leicht zu Irrtümern führen kaim, ist dies bei der 
Korrelation und Kausalität weniger der Fall, zumal Schlüsse, die aus andern verwandten 
Erscheinungen gezogen werden, die Ursache oder Wirkung mit der darzustellenden 
Erscheinung klarzulegen imstande sind. 

(». Psychische Hemmnisse und ökonomische Tciiiiciiz im KarltMihild. Wäluvnd 
das geographische oder kartographische ijeiirl)ucii die wissenschaftlichen Ergebnisse 
sukzessorisch unserm Geiste üijermittelt, springt uns die Karte mit einem Schlage mit 
einem Maximum von Tatsachen ins Gesicht, die wohl mit einem Male überblickt, aber 
nicht geistig rubriziert werden, da sie nicht gleichzeitig über die Schwelle des Bewußt- 
seins treten. Der psychische Mechanismus versagt zunächst. Nur durch viele Lbung 
kann den natürlichen psychischen Hemmnissen etwas begegnet werden, d. h. die Vor- 
stellungen werden schneller reproduziert. Wer viele Karten nicht bloß mit dem physi- 
schen, sondern auch mit dem geistigen Auge betrachtet hat, wird den (iesamteindruck 
schneller erfassen als derjenige, der nur dann und wann eine Karte zur Hand nimmt. 



» H. Vaihinger: Die Plülosophi.« dos .Ms Ol.. .".. u. ti. .\iifl. t-ip/in 1020. S, UM. 
- H. Vaihinger, a.a.O.. S. 34. 



14 l^ie Kartographie als Wisaensehaft. 

Jener ■wird sich auch schneller in einem Kartenbild zurechtfinden als dieser. 
Inhalt und Ausführung zu wünschen übrig, wird der Kenner gleichsam von Karten- 
fehler zu Kartenfehler stolpern mid daran hängen bleiben, während der Kemitnislose 
über die Versehen hinweggleitet und sie unbeanstandet bestehen läßt. Die Entschuldi- 
gung, daß auf einmal auf das beobachtende Auge zuviel Eindrücke einstürmen, kann 
nicht immer als Ausrede frommen, werm man auch manchmal Gnade für Eecht wird 
ergehen lassen. Übrigens beruht auf all diesen Hemmnissen auch die Schwierigkeit 
der Kartenkorrektur, die sich mit der gewöhnlichen Textkorrektur kaum ver- 
gleichen läßt. 

Sind Gelände, Wege, Flüsse, Ortschaften, Wälder, Kultvu'erscheinungen usw. in 
einem Farbenton wiedergegeben, findet sich das Auge des Uneingeweihten zunächst 
schwer zurecht. Ist er gewissenhaft, wird er jeder Einzelerscheinmig besonders nach- 
gehen imd sie auf ihre Eichtigkeit prüfen. Erst dann werden sich alle die scheinbar dis- 
paraten Vorstellmigen, die ein Kartenbild vereint, zu einem Gesamtbild in seinem Geiste 
gestalten. Um diesen psychischen Prozeß zu erleichtem, vei-wendet die neuere Karten- 
technik Farben. Dadurch lösen sich aus dem Kartenbilde sofort die Gattmigsbegriffe, die 
sich umgekehrt auch wieder zu einem harmonischen Ganzen mühelos zusammenfinden. 

Unstreitig erleichtert die farbige Differenzierimg im Kartenbilde den Denk- u^d 
Aufnahmeprozeß. Darum wird auch jederzeit der Laie von vornherein mehr unbewußt 
ziu: bunten Karte greifen. Aber selbst in sachkundigen Kreisen wird man gegebenen- 
falls der gutausgefülirten bimtfarbigen Karte den Vorzug geben. Als Operationskarte 
(für taktische Zwecke) war die kurz vor dem Weltkriege von dem enghschen Kriegs- 
niinisterium als geheim herausgegebene Karte Belgiens in 1: 100000 mit ihren braunen 
10 m-Schichtlinien, grünen Wäldern, schwarzen Eisenbahnen und roten Wegen der 
deutschen Generalstabskarte in 1 : 100000, die einfarbig gedruckt ist, überlegen. 

Jedoch muß das Bunte im Kartenbild Maß halten. Eine Überfülle an bunten 
Zeichen, wie bei manchen Wirtschaftskarten, wirkt direkt schädlich, ist also jeghchen 
Nutzens bar. Schade um die Arlieit an solchen Karten. Hier kann nicht genugsam 
\or dem embarras de richesse gewarnt werden. 

Eine gute Karte wird man stets an der mehr oder mmder klaren ein- oder mehr- 
farbigen Hervorhebimg der Einzelheiten erkennen oder, was dasselbe ist, an der Art 
und Weise, wie sie dem psychischen Mechanismus Eeclmung zu tragen versteht. Darum 
wird die photogi-aphische Karte, die durch irgendein Luftfahrzeug aufgenommen ist 
und das sklavische Abbild der Gesamtgegend ist, nie mit der manuell konstruierten 
Karte konkiuieren köimen. Weil sie eben alles bringt, bringt sie nichts. Die photo- 
graphische Platte erfaßt alle Einzelheiten des Geländes, ob wichtig oder unwichtig, 
mit gleicher Schärfe imd einem Schlage, nicht aber der menschliche Geist. Der sondert, 
wählt und verfolgt das Einzelne und das für ihn Wichtige. Und diesem Vorgange des 
psychischen Mechanismus kommt die Karte in ihrer Konstruktion nach, sie hebt zum 
bessern Verständnis und leichterm Gebrauch das Typische hervor, liildet und ver- 
anschaulicht Begriffe und Urteile, was dem photographischen Kartenbild versagt bleilit. 

Wie jede Wissenschaft auf den höhern Stufen hat auch die geographisch(> 
Wissenschaft die ökonomische Tendenz, Arbeit imd Kraft zu ersparen. Die Karte ist 
durch ihre Zusammenfassung das sichtbare Mittel dieser ökonomischen Tendenz. Zu- 
nächst ist die Karte eine Nachbildung geographischer Beobachtungen und Erfahrungen 
aus erster Hand. Des weitem ist sie geeignet, körperliche Strapazen, fruchtlose Ver- 
suche und falsche Schlüsse, die jede ursprüngliche Forschung mit in Kauf nehmen muß. 



Allgemein Methodischea und Kritische.-i 15 

ZU ersparen. Ihre Hauptaufgabe bleibt indessen die sich anhäufenden Tatsachen unter 
einen einheitUchen sichtltaren Ausdruck zu bringen, so ähnlich wie die Tatsachen von 
der 'vrissenschaftUchen Zusammenfassung unter einer mögUchst einheitlichen Norm 
gebracht werden. Durch die ■wissenschafthche und kartographische Zusammenfassung 
werden die geographischen Gedankenmassen besser behalten und leichter rückläufig 
wieder gefunden oder, wie der Psychologe sagt, die apperzipierenden Vorstellungen 
flüssiger erhalten. Damit ist aber eng der andere Vorteil verbunden, direkt höhere 
Operationen zu ermöglichen, olme alle Reihen von Anfang an wieder durchlaufen zu 
müssen. 

7. Die Kartenkritik. In der Kartographie wissen viele nicht Theorie, Hypothese 
imd Tatsachen auseinanderzuhalten. Wir geben zu, daß dies unter Umständen nicht 
leicht ist, und A. Hettner kommt zu dem Schluß, daß es ein großer Mangel der karto- 
graphischen Darstellung ist, daß sie den hypothetischen Charakter der Eintragung 
nicht deutüch vom sichern Wissen unterscheiden kann.^ Daß es jedoch möghch ist, 
wenigstens auf den topographischen und verwandten Karten das Hypothetische vom 
Wirkhchen zu unterscheiden, werden wir bei der Erörtermig des „VerläßHchkeits- 
diagramms" sehen. Wo derartige Handhaben oder texthche Aufklänmgen fehlen, ist 
es in der Tat schwer, das TragUche vom Wirklichen zu trennen. Um aber auch dies zu 
können, genügt kein Wissen, das ledighch aus Büchern geschöpft ist, sondern ein lang- 
jähriges sorgfähiges Studium der verschiedenen kartogi-aphischen Aufnahmen, Methoden 
und Äfaterien und ein fortwährendes Vergleichen vieler Karten. Zugleich wird man aucli 
zu der Einsicht geführt, daß die Methoden der kartographisch wissenschaftüchen 
Forschung sein- mamiigfaltig sind, daß überhaupt keine Methode endgültigen Wert 
besitzt, wie schon Streffleur in Wien imd C. Vogel in Gotha betonten. 

Vor länger als einem halben Jahrhundert klagte E. v. Sydow damber, daß ein 
großer Teil des PubHkums vollständig ohne Kritik über kartographische Arbeiten ist 
und sich diu-ch äußerliche Eeizmittel bestechen läßt.- Mir wiU es dünken, als wemi es 
lieute noch nicht wesenthch besser geworden wäre, denn man muß bedenken, daß heute 
die Forderungen an Karte luid Iviitik höher gestellt werden als vor einigen Jahrzehnten. 
Diu-ch das schöne glänzende Äußere lassen sich leider auch heute viel zu viele über den 
innern Wert der Karte täuschen. Hier muß die Kritik scharf und gerecht einsetzen. 
Man kann die helle Enträstung der Sachkenner verstehen, mit der sie manclies Karten- 
zi'Ugnis in Gnnid imd Boden verdammen. 

Die Kartenkritik soll wohl erwogen und gerecht sein luid sich erst nach wieder- 
boltem Beschauen der Karte formen. Wie schnell sind leider viele mit dem Urteil über 
eine Karte fertig. Es ist beschämend, von welchen Einseitigkeiten, .scliiefen Ansichten 
oder Voreingenommenheiten manche Kartenkritiken winunehi. Selbst Wissenschaft Kr 
entblöden sich niciit, kartograpliische Erzeugnisse iluer Schützlinge als ansehnliche 
Leistungen hinzustellen, eben weil sie das Wesen, den Geist der Karte nicht recht ver- 
stehen. So spricht manche Kartenkritik von einer Leichtfertigkeit des Beurteilenden, 
über die der Fachmarm den Kopf schüttelt. Wir verkennen durchaus nicht die Schwierig- 
keiten, die dem Kartenkritiker in dem Kartenbilde vorliegen. Schier ausgeschlossen 
erscheint es manchmal, ein gereclites Urteil zu fällen, wimhi man niclit die Entstelnmt; 
der Karte ab ovo kennt. 

• A. Hettner, a. a. O.. S. il. 

- E.v.Sydow: Der kartop- Standpunkt Kimii«,-! um S.hliissr des.lalin« Is.V.l. P.M.18«(\ 8.47.'». 



16 Die Kartocraphic als Wissiüiselmft. 

Die mathematischp Seite der Kartenkritik ist diircli E. Hammer l)esonders 
gefördert worden, nicht wenig unterstützt durch A. 'l'issot und weiterhin durcii A. Breu- 
sing, H. Wagner, M. Fiorini und einige andere. Gott sei Dank, daß die Mathematik 
die Kartographie so befruchtet hat und befruchten kann; ist sie ja für die gesamte 
geographische Wissenschaft der ..niiverietzüche Schutzpanzer gegen jegHche Popu- 
larisierung".^ Die Mathematik ^'ibt der kritischen Arbeit vorzügHche Hilfen. Längen- 
und Arealschätzungen, methodisch-kartographische Erwägmigen werden durch den 
mathematischen Kalkül ins richtige Gleis gelenkt, Winkel-, Längen und Flächen- 
verzerrungen der Kartennetze bewertet, die Grenzen der Genauigkeit verschiedener 
kartographischer Darstellungsformen festgelegt u. v. a. m. Damit begegnen wir einem 
schwierigen Moment jeglicher Kartenkritik, das selbst von manchen Geographen ge- 
mieden wird, obwohl es verdient, mehr als bisher Berücksichtigung und Verständnis 
zu finden. Kann man nach dieser Richtung hin erfreuliche Fortschritte zur Besserung 
feststellen, so läßt doch noch vieles zu wünschen übrig. Manches schiefe Urteil würde 
vermieden worden sein, wenn Geograph und Mathematiker (bzw. Geodät) ihre gegen- 
seitigen Berührungsgebiete etwas besser kennengelernt hätten; ihre gegenseitige Kritik 
hätte mehr Form und Inhalt gewormen.^ 

.Jede neue Wissenschaft wird es mit der Bildung neuer Namen zu tun haben. 
Es ist das Zeichen von Kraft einer Wissenschaft, neue technische Ausdrücke zu erfinden 
„mit deren Hilfe sie die Erscheinimgen kurz und doch deutlich bezeichnen kann".* 
Dabei wäre auch zu untersuchen, ob alten guten Bezeichnungen, die längst vergessen 
sind, nicht wieder zur Einführung zu verhelfen sei.* Bei der Schöpfung neuer Wörter 
ist zur größten Vorsicht zu mahnen. Insonderheit sind es die Schlagwörter, die das 
ganze System einer Wissenschaft verwirren können. Sie entstehen manchmal plötzhch, 
beinahe imbewußt und unbeabsichtigt imd können wie ein Bhtzschlag wirken, zündend 
und verheerend; denn auf sie reagiert besonders das Massenempfinden und nicht auf 
ihren Gedankeninhalt. Das war für S. Passarge der Beweggrund, mit aller Ent- 
schiedenheit den Kampf gegen die Schlagwörter aufzunehmen, die durch die Morpho- 
logie von W. M. Davis in die deutsche geographische Wissenschaft hineingetragen 
wurden. Was Passarge gegen die morphologischen Schlagwörter vorbringt, gilt in 
gleichem Maße gegen die kartographischen, wie ,, Naturtreue", ,, Raumtreue", „Dufour- 
beleuchtimg" usw., die wir später noch unter die kritische Sonde nehmen werden. Mit 



' S. Passarge: Physiologische Morphologie. Hamburg 1912, S. IStli. 

^ Ein klassisches Beispiel für das gegenseitige Mißverstehen finden wir in .1. l''risehaiifs 
„Beiträgen zur Landesaufnahme und Kartographie der Erde"', Leipzig 1919, S.80, wo Kri sc häuf davon 
spricht, daß sich H.Wagner, wemi er die Definition über den Maßstab richtig gegeben hätte, sich 
die 70 Seiten starke Abhandlung über dem Maßstab in der Z. d. Ges. f. E. zu Berlin 1914 hätte ci- 
sparen können. Diese Bemerkung bezeugt evident, daß der Geograph noch ganz andere Seiten der 
Betrachtung dem Maßstab abgevriimt als der Mathematiker. Ich im besondcm möchte gerade diese 
Abhandlung Wagners für die theoretische Kartographie nicht missen. Hinwiederum hat Frischauf 
dort sehr recht (Beiträge S. 7.5, 76), wo er sich darüber aufhält, daß E. Oberhummer im Hinblick 
auf eine minimale pekuniäre Unterstützung für die topographische Aufnalime von Mittelalbanien 
Fr. Seiner empfiehlt, oder mit andern Worten, daß viele Geographen gar nicht wissen, was zui' tojw- 
graphischen Aufnahme eines Landes gehört. 

'A. Hettner: Die Oberflächenformen des Festlandes. Leipzig und Berlin 1921, S. 224. 

* So hat die Bezeichnung „Nordsee" wenig für sich. Ich bedauere, daß die alte deutsche Be- 
zeichnung „Deutsches Meer" ganz verschwunden ist. Auf C. Vopells Karte von Europa [Nat. Bibl. 
Paris] lesen wir „Oceanus German".; „das große Teusch Meer". Selbst auf engl. Karten lesen wii- 
von „German Oeean", wie auf der Tiefenkarte von Robert Stevenson aus d. Anfang des 19. Jli. 



Allgemein Methodisches und Kritisches. 17 

solchen Wortbildungen wird nur scheinbar eine Erklärung gegeben, in Wirklichkeit 
aber die oft sehr verwickelten und schwierigen Probleme umgangen und verschleiert. 
„Obendrein — namenthch iii deduktiver Betrachtungsweise — verleiten sie geradezu 
zum oberflächlichen, schnellen Aburteilen". ^ 

Ebenso wird die Kartenwissenschaft und damit die Kartenkritik streng darüber 
wachen, daß die kartographische Nomenklatur durch die Übernahme von Bezeichnungen 
aus fremden Sprachen nur in geziemenden Grenzen vermehrt wird.- Solche Namen 
bekommen dadurch noch lange nicht den internationalen Stempel. Neben dem oft 
krampfhaften Suchen nach neuen wissenschaftlichen Bezeichnungen aus dem griechi- 
schen und lateinischen Wörterbuch — eine Manier, die schon hier und da abflaut — , 
wird jedes wissenschaftUch denkende Volk darauf hinarbeiten, aus seinem eigenen 
Sprachschatz Wörter zu finden, die die Sache selbst so gut wie mögUch kennzeichnen. 
Die kartenkritische Untersuchung hat hier auf deutschem Boden schon recht gute Er- 
folge zu verzeichnen. Es sei nur an A. Breusing erinnert, der der Projektionslehre 
vorzügUche deutsche Bezeichnungen gegeben hat, die selbst in fremde Sprachen wört- 
lich übersetzt die betreffende Eigenschaft der Projektion besser bezeichnen als die meist 
üblichen Ausdrücke. 

Die Kartenkritik geht auch den bis jetzt gebrauchten Bezeichnungen zuleibe und 
untersucht sie auf ihren Wesensinhalt und ihre historische Treue und Haltbarkeit. 
Das Richtige und Gute kann nicht oft genug wiederholt werden. Wie oft ist schon, von 
mir z. B. auch zu wiederholten Malen, gesagt imd geschrieben worden, daß es nicht 
richtig ist, von einer „Flamsteed sehen Projektion" zu sprechen, und immer Uest man 
davon. Ebenso verkehrt ist es, von einer ,,homalographischen Projektion" zu sprechen. 
Man hält es tatsächlich kaum für möglich, mit welcher Gedankenlosigkeit, die an Träg- 
heit imd Dummheit grenzt, selbst in wissenschaftlichen Büchern sich solche schon seit 
Jahren klar gelegte mid richtige imibenannte Bezeichnimgen in ihrer falschen alten 
Form frisch erhalten. 

Irrtümer über Irrtümer hat die Kartenkritik festzustellen und zu berichten. So 
nimmt sie unter anderm den gern zitierten Anspruch, daß der Soldat zuerst gute Karten 
machen lernte^, unter scharfer Lupe. Gewiß ist es richtig, daß z. B. in Preußen das 
Kartenwesen seit altersher ein wichtiger Teil der Kriegswissenschaft war, daß selbst 
ein Macchiavelli den Feldherren riet, sich mit genügendem Kartenmaterial zu ver- 
sehen, deimoch ist es ein historischer Irrtum, wenn W. Stavenhagen und andere 
schreiben, daß ,,das drängende Bedürfnis der Kriegsführung nach brauchbaren Orien- 
tierungsmitteln der allein maßgebende Grund zur Ausführmig von Landesaufnahmen" 
war. Schon seit 1711 verlangte C. Gottschling in dem „Vorsuch von einer Historie 
der Land-Charten" im Hinblick auf die bereits vorhandenen, durchaus nicht mili- 
tärischen Proben topographischer Karten von einer Spezialkarte, „daß man darinnen 
alle Dörfer in ihrer wahren Situation, alle kleine fließende Wasser, Mühlen, Brücken, 
alle Täler und Pässe der Gebirge nach ihrem eigentlichen Zweck, alle Moraste, hiundierte 
Länder, unfruchtbare Heiden usw. einbringt." Und sind die deutschen Landtafehi 
nicht viel älter als die stehenden Heere! Denn um die Mitte des 16. Jahrhunderts be- 



' S. Passargo: Physiologische Morphologie. P. M. 1912. II. S. 8. - Plmiologisclie Mor- 
phologie. Hamburg 1912, S. 28. 

= Vgl. hierüber auch S. Passarge: Physiologische Moi-phologie. Hamburg 1912. S. 21. 

^ W. Stavenhagen: Die gesch. Entwoklung des PrcMili. Militärknrtonwosens. C. / MHX). 
S.-A., S. ,5. 



18 Die Kartographie als Wisscnseliaft. 

gegnen uns Spezialkarten. die in der Tat auf den Namen topographische Karten An- 
spruch erheben küimeu, wie G. Mercators große „Karte von Flandern" aus dem Jahre 
1540 und die „Bayrische Landtafel" von Philipp Apian aus dem Jahre 156G. Ferner 
darf Comenius Moraviae vom Jahre 1645i bei einer Geschichte der topographischen 
Karte nicht übergangen werden. Die modernen vom Militär aufgenommenen und heraus- 
gegebenen topographischen Karten hatten ihren bedeutenden Vorläufer und ihr Muster- 
bild in der nicht mihtärischen Carte de la France 1 : 86400, die auf der 1750—1793 von 
Jaques mid Cesar Cassini vorgenommenen Triangulation von Frankreich berulite. 
Da all diese Klarstellungen eine intensivere Erörterung erheischen, als sie in euiem 
Einleitungsabschnitt gegeben werden kann, muß sie einer spätem ausführlichen Unter- 
suchung überwiesen werden. Ausdrücklich sei jedoch hier hervorgehoben, daß dadurch 
die Verdienste der offiziellen Kartographie keineswegs herabgemindert werden sollen. - 
Xm- darf nicht Glanz und Verdienst des einen die Wahrheit des andern verdunkeln. 
Jeder Sachkenner weiß, daß erst dadurch, daß das Mihtär die topographischen Auf- 
nahmen in die Hand nahm, die für ihre Zeit gewünschte Großzügigkeit und Schnellig- 
keit in das Unternehmen kam; imd dies war gewiß nicht die schlechteste Episode in 
dem Gang der Geschichte der Karte. Bis jetzt war es deren glanzvollste Zeit. Das wird 
auch die Ziviltopographie neidlos anerkennen (s. § 96). 

Die feinere Kartenkritik hält sich nicht bloß an die Formen und Zeichen, sondern 
sucht in den Geist des ganzen Kartenwerks hineinzudringen. Sie wird selbst absonder- 
lichen Auffassimgen, die nicht in den ausgetretenen Bahnen des Alltags wandeln, gerecht. 
Das Ganze muß als solches erfaßt werden. Bei einem Atlas, sei er Hand- oder Schul- 
atlas, darf die Kritik nicht an den einzelnen Kartenblättern hängen bleiben, sondern 
muß in die Seele des Ganzen hineindringen, aber auch einen Standpunkt über dem 
Ganzen gewinnen, um frei und voriu-teilsfrei alles überschauen zu können und dem- 
entsprechend das Urteil zu fällen. Bei einem neuen Atlas insonderheit wird der metho- 
dische Fort- imd Eückschritt ein besonderes Kriterium bilden, das unter Umständen 
wichtiger sein kaim als das bloße Kartenblatt. 

Nichts ist leichter als eine Karte zu tadeln. Das ist kein Kunststück. Viel schwie- 
riger ist das Bessern und Weiterbauen. Da versagen leider selbst gute Kartenkritiker. 
Ein gutes Stück „positiver Kritik" hat E. Hammer mit seinen Kartenkritiken in 
Petermanns Geographischen Mitteilungen und im Geographischen .Jahrbuch ge- 
leistet. Diese Seite der Kritik hat er bewußt gepflegt, wie er selbst versichert.^ Sein 
großer Vorgänger hierin war E.v.Sydow, dessen Berichte über ,,den kartographischen 
Standpunkt Europas mit besonderer Eücksicht der topographischen Spezialarbeiten" 
in den Jahrgängen 1857—1872 von Petermanns Geographischen Mitteilungen noch 
auf Dezennien hinaus Quellen reicher kartographischer Anregung und Belehrung 
sein werden. 

In jeder Karte gibt es Fehler, die außerhalb jeder Kritik liegen, weil sie kritisch 
kaum oder überhaupt nicht erfaßt werden können. Es kommt vor, daß offizielle Karten, 

'Moraviae nova et post omnes priore.s aeeuratissima (iolincatio; auctoi<' J. A. (,'oiiieni'o. 
Xoviter edita, a Xicolao Johannide Piscatorc. Anno Domini 164.5. — Vgl. Comenius als 
Kartograph seines Vaterlandes. Nach der böhmischen Abhandhing von Josef Smaha, mit einem 
Xeiidniek der Karte de Comenius, deutsch herausgegeben von Karl Bornemann, Comenius- 
studien, H. .'>. Znaim 1802 

- C'arusso: Importance (h- \:i (•art(igra|))iie (ilfici.'llc. (Jcnl I SS(i. 

■' E. Hammer in I'. M. I'JUI. L15. üüö, S. 14i). 



Allgemein Methodisches und Kritisches. 19 

denen man von vornherein mit einem gewissen Vertrauen begegnet, bei Neuauflagen 
Irrtümer enthüllen, denen gegenüber die Kritik zunächst sprachlos ist, die aber dann 
um so schonungsloser höher gehangen werden müssen, da sie meist auf eine kaum zu 
entschuldigende Sorglosigkeit und Unachtsamkeit zurückführen. Wenn z. B. moderne 
Seekarten dort Insehi verzeichnen, wo gar keine sind, ist dies nicht bloß ein bedauer- 
licher Irrtum, sondern sogar eine grobe Fahrlässigkeit. ^ Aber auch auf gewöhnüchen 
Landkarten kommen verwandte Fehler vor, wie noch an zahlreichen Beispielen nach- 
gewiesen werden wird. In der geschichtlichen Entwicklung von der Erkenntnis der 
Erdgestalt hat man ein gutes Mittel zur Verfügung, die Karte wertzuschätzen. Doch 
ist bei diesen Untersuchungen Kritik und historische Methode als eins zu achten und 
wird uns daher letztere als die bisher umfangreichste und bestgepüegte Methode gleich 
ausführlicher beschäftigen. 

8. Das kartographische Plagiat. Eng mit der Kartenkritik ist der Nachweis ver- 
knüpft, ob eine Karte ein Original oder eine Nachbildimg ist. Damit berühren wir ein 
heikles Kapitel, um das man gern herum geht und über das man sich, soweit ich die 
Literatur kenne, nie ordentlich ausgesprochen hat. Und doch ist es gut, auch in dieser 
Beziehung einige Eichthnien zu gewinnen; denn im Grunde genommen lassen uns die 
Gesetze über Nachdruck bei der Bem-teilung des kartographischen Materials fast voll- 
ständig im Stich. Wir fangen gleich mit der bedauernswerten Feststellung an, daß wohl 
auf keinem Gebiet, mit Ausnahme in der Musik, soviel gestohlen wird wie in der Karto- 
graphie, und auf keinem Gebiet kann der Diebstahl so leicht verschleiert werden wie 
auf dem der Kartenherstellung. Das hängt einmal mit der Leichtigkeit der Hand- 
habung der Motive, d. h. der Kartendarstellmigselemente und sodann mit der Schwierig- 
keit zusammen, die OriginaHtät immer sicher nachzuweisen. 

Die Klage über die Nachbildung von Originalkarten ist uralt, d. h. so alt, als 
zum ersten Male Karten durch den Druck verbreitet imd die Kartenmacher sich ihrer 
Mühen und der Bedeutung ihrer Arbeit bewußt wurden. Mithin klopfen auch hier wir 
wieder nicht vergebens bei der Eenaissance an. Zu Apians Zeiten stand der Nach- 
druck in Belgien in hoher Blüte.^ An seinem Cosmographicus über hatte er es erfahren, 
und darum suchte er seine dritte Weltkarte vor Ausbeutmig zu schützen, denn \vir 
lesen darauf zum erstenmal von einem , »Privilegium imperiale". Mercator hatte für 
seine Weltkarte in Deutschland ein auf 14 Jahre imd in Belgien ein auf 10 Jahre gültiges 
Privileg erhalten. Trotzdem hatte er über den Nachdruck seiner Karten zu klagen. 
Mit dem Unwesen des Nachdrucks von Karten beschäftigte sich ausführHcher J. G. Gre- 

'■ Folgende merkwürdige Mitteilung hatte, wie aus London kurz vor dem Weltkriege berichtet 
wurde, die britische Admiralität an die Marine ergehen lassen: „Kiel Island, das an der Westküste 
von Palao oder den Paleoinseln liegend angenommen wurde, existiert nicht. Kiel Island ist deshalb 
von allen Seekarten zu entfernen." Diese ,Jnscl" im nördlichen Teil des Stillen Ozeans, die niemals 
existiert hat, nahjn seit 50—60 Jahren auf den Karten der britischen Marine ihren Platz ein. Vor 
mehr als einem halben Jahrhundert wurde sie „entdeckt" und beschrieben und auch auf der Karto 
eingezeichnet, aber als die Seeleute sie niemals zu Gesicht bekamen, wurden sie zweifelhaft imd wußten 
nicht, wem sie mehr trauen sollten, ihren Augen oder der Karte. Bevor diese skeptischen .\nsclmuungen 
aber in die Admiralität drangen, sind mehr als 50 Jahif vergangen, und erst ein dc\itsclies Kriegs- 
schift, das von der deutschen Admiralität zur Untersuchung dieser nie gesehenen li\sol aiisgesandt 
war, hat Kiel Island als ein bloßes Phantom festgestellt. 

2 Vgl. H. Wapner: Die dritte Weltkarte Peter Apians v. J. I5S0 und die Pseudn-Apianisohc 
Weltkni-te von l.l.'")!. Nachr. v. <i. K. tVs. d. Wiss. zu (Wttingeii IStVJ. S. r>4«. 



20 Die Kartographie als Wissenschaft. 

gorii in seinen „Cimeusen Gedancken"^ und besonders E. D. Hauber in seinem „Ver- 
such einer iimständlichen Historie der Land-Charten", Ulm 1724. Seine Darlegung 
über die Fehler imd mannigfaltigen Gebrechen der Ijandkartcii sind werf, wiirtlicb 
hier festgehalten zu werden (Aniu. S. 50—56): 

„Ich mag nichtwohl anfangen, diese zu erzehlon, weilen ich niclit leicht wiederum 
ein Ende daran finden würde. Ich will aber meine Meynung mit denen Worten deß 
Jüngern Herrn Sturms in seinem teutschen Compendio Matheseos P. III. § XI. n. 12. 
p. 220. anßdrucken; welcher darvon also sagt: ,Es wäre kein Wunder, wann bey denen 
Particular-Charten die Geographie eben so in Verachtung gekommen wäre, wie das 
Calendermachen durch die Astrologie, indeme jetzo selten die Mathematici mit Charten- 
Zeichnen zu thun halien. sondern einige eigennutzige Kupffer- Händler sich in dieses 
Handwerck so eingemenget, daß sie selbst durch allerhand liederliche Handgriffe die 
Charten zusammen stümpern, und auß denen von anderen gemachten Charten zusammen 
rauben.' Ausser denen außgelassenen, falschgenennten, unrecht gesetzten Orten, Flüssen, 
Bergen, etr. Ausser diesem, daß in denen mehrsten Charten die Gradus Longitudinis 
gesetzet werden, ohne zu melden, von welchem Meridiane Primo sie gezehlet seyen: 
daß die Gradus der Polus-Höhe ohne darvon gemachte Observationen determiniret 
werden: daß Meilen-Stäbe, besonders von gemeinen Teutschen Meilen, hingesetzet 
werden, ohne zu wissen, wie groß solche Meilen, in bekanntenMassen, Schritten, Schuhen 
oder Euthen seyen ? u. v. a. m. Ausser diesem allem, sage ich, ist es ein Haupt-Fehler 
der Land-Charten, daß sie zu unseren Zeiten wenigsteutheils von Gelehrten und der 
Sache Erfahrenen, sondern mehrstentheils von Kupfferstechern verfertiget werden, 
deren nur immerdar emer den andern abcopiret, und je länger je mehrere Fehler hinein 
machet, und doch darauf setzen darff: Tabula nova, novissima, exactissima, recens 
cm-ata, etr. Ferner gehöret unter die Fehler der Land-Charten, daß ;uit «hiK nsi llien 
nicht gemeldet wird, aus was vor Gründen und Nachrichten, nach welcher .Metlidde. » Ir. 
eine Charte seye gezeichnet worden, etr. Es handelt sich auch von denen Fehlern und 
Mängel der Land-Charten umständlich die Essai sur l'Etat present de la Geographie 
in Journal des S^avans A. 1721. Octobre, Art. 3. Bilhch aber muß ich auch hier unter 
die Mängel so wohl derer Land-Charten, als der Geographischen Compendien zehlen, 
daß dieselbe keine Nachricht von der Orthographie geben, oder Avie die Namen derer 
Orte müssen gelesen und außgesprochen werden. Dann solle man die Leute nicht 
billich die Narren der Orte nicht nur ansehen, sondern auch außsprechen lernen, xmd 
zwar also, wie sie eigentlich lauten, und in dem Lande außgesprochen werden, darinnen 
sie gelegen seynd, und man jemand, der in solches Land kommen möchte, auch ver- 
stehen könnte? 

Ülierhaupt kan keine Charte accurat seyn, wami sie nicht auß genügsamen Nach- 
richten, und geometrisch- oder trigonometrischen Gründen, in dem Lande selbst ver- 
fertiget werden. Diejenige aber, welcJie vom Land-Charten-Machen Profession machen, 
und ein Handwerck damit treiben, werden von dieser Geographischen Charletanerie 
und Macchiavellisterey niemalen abstehen, es wäre dann, daß sie durch deßwegen ge- 

'■ Curieuse Gredancken von dci] \.>i]i( liinst<ii und accura testen Alt- und Neuen Land-Charten 
nach ihrem ersten Urspi-unge, EHniHuu-. Au. i.nibus und Sculptcribus-, Gebrauch und Nutzen ent- 
worffen, auch Denen Liebhabern dci /.iituiiLcn zum Vergnügen, aus der Greographic, Historie. Chrono- 
logie, Politica und Jure Publico erläutert. Und nebst kurtzen Lebens-Bes< lnciljiiiiL'in der berühm- 
testen Geographorum ausgefertigt durch Johann Gottfried Gregorii \i>n Tnlia :iiis 'riiiiringen. 
Franckfurt und Leipzig, Zu finden bey Hieronymo Philipix) llitscheln, Bik lihiunllrrn. Aiinu 1713. 



Allpeinrin Methodisohes und Kritisches. 21 

luaclitf Gesetze verlumclen würdeu, bey einer jeden Charte beyzusetzen, wo sie soiclie 
lier haben, auß was vor Nachrichten solche verzeichnet worden, auf was vor Observa- 
tiones sich solche gründe, deßgleichen das Jahr, warm sie solche ediren, etr., welches 
aber nicht zu hoffen ist. Übrigens handelt auch von denen Verbesserungen der Land- 
Charten in das besondere, das mehnnahlen angezogene Essai sur l'Etat present de la 
(Geographie Art. 3. welches aber auch einige Cautelen giebet, welche man ])ey solchen Ver- 
besserungen in acht nehmen muss. Zum Ex. daß man denen allerneust en und spezialsten 
Charten nicht allemahl trauen solle, weilen auch diese öffters ungemeine Fehler haben, 

auch in denen Stücken, worinnen sie von denen allgemeinen Charten abgehen. 

Wie aber die Erfahrung in dem Augenschein zeiget, daß die mehrste Land- 
Charten-Macher die Charten nur voneinander abstechen, also kaim es seyn, daß ich in 
derThat den größten Theil derer Land-Charten habe, wann ich auch kaum den viertenTheil 
hätte, derer die von denen unterschiedenen Geographis gestochen worden. Also seynd 
die Karten Mercatoris, Ortelii, Guilielmi Blaeuvv, Johannis Jansfonii, Blaeu der Waes- 
bergiorum und die mehrste deß älteren Visfchers fast alle einerley, daß wer die Charten 
deß einen hat, in der That auch die Charten des anderen besitzet, dahero ich unter den 
obigen Ca tologis auch einen CatalogumParallelum von denenselben zu inserirengedencke." 
Die Quintessenz der Hauberschen Ausfühi-ungen muß jeder Kartenkritiker altern 
Karten gegenüber beherzigen, nämhch derartigen prätentiösen Prädikaten, wie tabula 
noxdssima, accuratissima, receus nova et post omnes priores accuratissima delmeatio 
oder tire des meilleurs autheurs, sur les memoires les plus nouveaux, suivant les observa- 
tions des Messieurs de l'Acad. u. a. m. mit größter Vorsicht zu begegnen, da allerhand 
Verschleierimgsmittel, wie die Änderung des Autornamens, des Titels*, der Jahreszahl, 
des Formates, der Orientierung, der Parerga mid lUuminiermig zm* Verdunkelung des 
Originals in ausgiebigster Weise gebraucht werden. 

Energisch machen die ..Homaimischeu Vorschläge" gegen Nachstich und Nach- 
druck Front^, obwohl J. B. Honiann im Anfang seines Geschäftes seit 1710 in Nürnberg 
selbst viele andere Karten nachgestochen hatte. In den Vorschlägen wird einigemal 
von den „Sudelkarten" gesprochen. ,,Dannenhero ist leicht zu gedenken, was von denen 
in Hast und Eyl verfertigten Land- mid Atlassen der Sudler zu urtheilen. Ein solcher 
Atlas ist nichts anderes als ein blindlings durch den Nachstich mid mittels der elendsten 
Behelfe der Verjüngung und Vergrößerung aus andern zusannnengerafftes und gleich 
einem Bettlers JMantel zusammengesliektes Werk, das nur allein dicnrn -nll. ilic («>- 
winnst-Begierdi' des Verlegers zu stillen." 

Ähnlich wie Ortelius, Mercator, Sanson. Delisle nachgedruckt und aus- 
genutzt worden sind, wm'den um 1800 J. Reniul und A. Arrowsmitii in England 
ausgebeutet. Daß es jedochArrowsmith selbst mit deniNachdruck nicht so genau nahm, 
wissen wir von A. v. Humboldt, der von der Benutzung seiner Karte von Neuspanien, 
die er 1804 bearbeitet und in zwei Blättern seinem großen geographischen und physischen 
Atlas vom Königreich Neuspanien, Paris 1809, beigegeben hatte, durch Arrowsmith 
nicht gerade sonderlich erbaut war.' 

' Selbst vor einer spiejjelbildlirlun \\'ii<lei«iil)e des 'l'itels «iiide iiieht /iiniekgeseluvekt. 

- Homannischo Vorsehläge von den nötij;en V'erbcssenmpen der WeitbcMelireibimgs- 
Wisscnscluift und einer disfals bey der Homiuuü sehen Handhinp zu errichtenden neucu Academie. 
Nürnberg 1747, S. 8, 9. 

' A. V. Humboldt: Über eine Karte von .\'eus|>nnien Iiei-avi8(f0gebeii von .\i rowsniith, 
i. J. 1810. V. Zaehs „Monatl. Com-spondcnz.' XXV. ttotha 1912, S. 2645-272. 



22 Die Kjiitoi;iaphie als Wissenschaft. 

Im Anfang des 19. Jahrhunderts war es nur wenig besser geworden. Die Wider- 
wärtigkeiten, die J. Perthes zu bekämpfen hatte, traten bereits ein, als die ersten 
Hefte von Stielers Handatlas erschienen waren. ^ Sie steigerten sich bei der Heraus- 
gabe von Heinrich Berghaus' Physikalischem Atlas, so daß voll Unmut Heinrich 
Berghaus die „nachäffende Fabrikation und mittelalterliche Freibeuterei" geißelte. 

Seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat die Art mid Weise der Benutzung 
anderer Kartenerzeugnisse im allgemeinen einer anständigem Form Platz gemacht 
imd die ältere schamlose Ausbcutxmg des Kartenmaterials der tonangebenden Institute 
durch kleinere Anstalten und Firmen, die sich allerdings auch heute noch oft zu Un- 
recht „geographische" oder „kartographische Anstalten" und ähnlich nennen, gehört 
Gott sei Dank zu den größten Seltenheiten. Während die Karten der großen karto- 
graphischen Institute von Deutschland, England, Frankreich, der Schweiz, Italien, 
Österreich usw. in der Hauptsache mit Zugrimdelegmig der ursprünglichen Karten- 
aufnahmen mühevoll herausgearbeitet sind, so daß sie vollwertige Originale sind, können 
die kleinen Firmen selten derartige Originale aufweisen, da sie meist über keine geo- 
graphisch und methodisch ausgebildete Kartographen verfügen, die nicht auf die Ur- 
quelle zurückzugehen vermögen, und deren Leistungen mehr oder minder auf den 
fertigen Oi iginalleistungen der großen Institute basieren. Bekannt ist, daß diePerthes- 
schen Karten von kleinen Firmen ausgiebig benutzt und verwertet worden sind, daß 
weiterhin verschiedene deutsche Schulatlanten, selbst diejenigen renommierter Anstalten, 
bei E. Debes zu Tische gegangen sind. Der Typus, den Debes mit seinen Atlanten 
geschaffen hat, tritt selbst bei Atlanten, die sich im speziellen nicht an Debes anlehnen, 
im allgemeinen doch wie ein Familienzug hervor. Das mag auch damit zusammen- 
hängen, daß Kartographen von einem Institut zum andern gewechselt sind, wie z. B. 
von Debes hinüber zu Velhagen & Klasing; übrigens eine Erscheinung, die sich 
auch für ältere Zeit feststellen läßt. So wissen wir, daß schon Janssonius undHondius 
Mitarbeiter Blaeus, des Schülers von Tycho de Brahe, für sich zu gewinnen suchten. 

9. Richtlinien für die Beurteilung von Originalkarten. Es ist richtig, daß Art und 
Weise, Zweck imd Ziel der weitern Verarbeitung imd Durchdringimg des Kartenstoffs 
von Fall zu Fall eine Eichtschnur der Beurteilung bilden werden, inwieweit die neue 
Leistung, die sich nicht auf Quellen erster Ordnmig stützt, zu einem Original aus- 
gewachsen ist. Damit reden wir nur schöne Worte nach, die man öfters hört und mit 
denen im Grunde genommen kein Ausmaß für die Nutzanwendung gewonnen wird. 
Bei diesem Problem muß schon tiefer geschürft werden. 

Das jahrhundertwährende Plagiatunwesen in der Kartographie hat semen tiefern 
Grund — die geschäfthchen Aspirationen laß ich ganz aus dem Spiele — in dem Un- 
vermögen der meisten Kartenbenutzer, selbst vieler Kartenverfertiger, das Karten- 
original richtig einzuschätzen. Dieses offenbare Manko hätte schon längst dazu führen 
müssen, gewisse Eichthnien in der Beurteikmg von Originalkarten aufzustellen. Dem- 
gegenüber steht hemmend am Anfang gleich die Beantwortung der Frage: Was ist 
eine Originalkarte? Beispielsweise ist das preußische Meßtischblatt eine Originalkarte, 
da sie direkt auf den Aufnahmeskizzen basiert, die württembergische Karte 1: 25000 
in diesem Sinne nicht, und dabei ist sie besser und vielfach auch korrekter als jene aus- 
geführt; sie ist aus den Flurkarten 1 : 2500 herausgewachsen. Dieses scheinbare Dilemma 

1 Justus Perthes in Gotha 1785—1885, Jubiläumsschrift der geogr. Anstalt von J. Pcrtho.s. 
S. 47. 



Allgemein Mutliodim-hes und Kritisches. 23 

ist leicht zu beseitigen, wenn wir das Hauptgewiclit bei der üeantwurtung auf die Auf- 
nahme und die von dieser unmittelbar und mittelbar beeinflußten Karten legen. 

Großmaßstabige Karten, die direkt aus den Aufnahmeskizzen oder aus solchen 
den Aufnahmeskizzen fast gleich zu achtenden Karten (Flur-, Kataster karten), ohne 
zu wesenthchen Vereinfachungen veranlaßt zu werden, hervorgehen, sind Original- 
karten katexochen. Wir wollen sie Urquellen nennen. Mithin sind, von diesem Ge- 
sichtspunkte aus betrachtet, die Meßtischblätter und die süddeutschen Karten 1 : 25000 
als gleichwertig zu betrachten. Ferner unterscheiden wir Urquellen erster imd 
zweiter Ordnung. Zu erstem gehören diejenigen Karten, die auf topographischen 
Aufnahmen beruhen, wie sie bei den Landesaufnahmen gepflegt werden, oder die denen 
der Landesaufnahmen im großen imd ganzen als gleichwertig zu achten sind Die 
Hauptsache dabei ist. daß ein trigonometrisches Netz festgelegt worden ist. Zu den 
Urquellen zweiter Ordnung gehören die Karten, die auf Grundlagen der allerverschie- 
densten Aufnahmen bearbeitet worden sind; wozu also die meisten Kolonialkarten, 
die Karten von Forschungsreisen usw. zu rechnen wiiren. 

Von den Urquellen, den Originalkarten katexochen. wollen wir der Einfachheit 
halber die Originale erster, zweiter, dritter imd vierter Ordnung imterscheiden. 
Als Originale erster Ordnung betrachten wir die topographischen Karten, die sich 
auf den Meßtischblättern und verwandten Karten aufbauen, die wohl eine Verringerung 
des Stoffes der Urquellen zeigen, aber liei der Darstelhmg der wiederzugebenden geo- 
graphi.schen Objekte noch nicht zu Signaturen ihre Zuflucht nehmen. Hier melden 
sich die topographischen Karten l)is zum Maßstal) 1 : -iOOGUÜ. Wenn diese Originale in 
gleichem Maßstab nachgezeichnet, vereinfacht und veröffenthcht werden, entstehen 
kerne neuen Originale ; sie smd glattweg als Plagiate zu ahnden. Unter die Originale erster 
Ordnung muß man auch die Karten der Handatlanten zählen, die aus den verschiedensten 
Kartenmateriahen, vielfach Urquellen, zusammengearbeitet sind, damit sie ein dem 
Maßstab entsprechendes gleichförmiges Gepräge erhalten. Bei diesen Atlas- mid ver- 
wandten Karten (Handkarten) spricht bereits die GeneraUsierung ein entscheidendes 
Wort: der Signatur ^vird schon ein reiches Betätigmigsfeld eingeräumt. Trotzdem ist 
die Herstellmig der Originale erster Ordnung der zweiten Kategorie (Handatlaskarteu) 
weit schwieriger als die der ersten Kategorie, weil jene viel mehr geographische Kennt- 
nisse als diese voraussetzen. 

Die Klippe der Beurteilimg einer Karte kleüiern Maßstabs als Origuial oder 
Nachdruck liegt in der Generahsierung. Wiewohl diese von \vis3enschafthchem Geiste 
getragen ist, wird es nie gelingen, bindende Gesetze für sie aufzustellen. Wie wir später 
noch sehen werden, ist die Arbeit des (Jeneralisierens außerordentlich schwer und er- 
fordert ein gut Teil geographischer Kenntnisse. Ihnen läßt sich schon einigermaßen 
nachsiiüreii. Den Entscheid hierüber können imr Kartographen von Fach und Geo- 
grajihen. vorausgesetzt, daß sie kartographische Probleme zu beurteilen verstehen, 
geben. Die Karten unserer großen Schuhitlanten (Ol)erstufenatlanten) sind als Ori- 
ginale zweiter Ordnung aufzufassen, in der Hauptsache aus den Quellen erster 
Ordnung geschaffen; und in diesem Knt wicklungsgang weitergehend sind - in all- 
gemeinen Zügen betrachtet - die Mittelslufetiatlanten Quellen dril I er Ordnung 
und die l^nterstufen- »md Volksscbuhithinten solche vierter Ordnung. 

Bei vorsteheiuler Klassifiziermig ist lediglich die Hauiitsaciu» einer Ijandkarte. 
Situationsplan und Terrain, ins Aug(> gefaßt. Wenn man nun annehmen würde, daß 
mit .im ()rigin;il(ii d.T vierti'ii Onlnung ein gewisser Grad von .Minderwertigkeit 



24 Dip Kartoffraphie «Is Wissenschaft. 

gegenüber denen erster und zweiter Ordnung ausgedrückt wird, wäre dies ein großer 
Irrtum, denn unter Umständen kann das Original vierter Ordnung ebensowohl geistige 
Arbeit wie das erster Ordnung oder zweiter Ordnung erfordern, wenngleich nicht ge- 
leugnet werden kann, das jenes sich technisch leichter meistern läßt. Ferner sei darauf 
aufmerksam gemacht, daß es verkehrt wäre, alle Karten in das hier aufgestellte System 
einzwängen zu wollen. Mancherlei Übergänge werden stattfinden. So steht offenbar 
die berühmte Deutschlandkarte in 1: 500000 von C. Vogel als Originalkarte zwischen 
den Origmalen erster imd zweiter Ordnmig. 

Freihch reicht der innere Wert einer Originalkarte vierter Ordnung, wie es selbst- 
verständlich ist, nicht an den derjenigen erster imd zweiter Ordnung heran. Der Wert 
erwächst eigentlich erst in der Gesamtheit, in der Vielheit solcher Karten, die ein ge- 
schlossenes Ganze, sagen wir: einen Atlas bilden. Viele Beurteiler werden die Original- 
karten vierter Ordmmg kaum noch als selbständige Originale anerkennen, aber in dem 
Zusammenschluß der von einem methodischen oder sonst ähnlichen Fortschritt zeugen 
muß, werden sie erst zu einem wahren Original verkörpert. Darum wird gerade der 
letzte Punkt einen guten Fingerzeig geben, die Originalität des Werkes zu untersuchen 
imd festzustellen. Bei der kritischen Arbeit an einem Schulkartenwerk wird sich 
ziun Kartographen und Geographen noch der ychulmann gesellen. Das pädagogische 
imd psychologische Moment der Kritik hat hier wirksam zu sein (§ 6). 

Nim gibt es eine Anzahl von Karten, die sicTi einfach aus Stücken anderer Karten- 
blätter zusammensetzen. Auch diesem Verfahren muß Maß und Eiegel vorgeschoben 
werden. Man sollte sich auf die Regel festlegen: Ist mehr als ein Zehntel des Karteu- 
blattes bloßer Nachdruck einer Karte, verfällt es ohne weiteres wegen Nachdrucks 
den Strafmaßnahmen. Gesetzt der Fall, eine neue Karte setze sich aus fünf bis zehn 
Zehnteln der verschiedensten Karten zusammen, darf sie nimmermehr als Original 
angesprochen werden, selbst wenn sie auf eine gewisse Verarbeitung Anspruch erheben 
■«all und kann. Je schärfer man in dieser Richtung vorgeht, um so mehr nützt man der 
Kartographie wie der Geographie. 

Jede angewandte Karte erscheüit von vornherein als eine Originalkarte. Zur 
Vollkommenheit dieses Originals gehört nicht bloß das Neue, das aus der physischen 
Erdkunde oder der Kultur- und Anthropogeographie in die Karte hineingearbeitet ist, 
sondern auch die Situation, was viele zu übersehen scheinen. Auch diese erfordert eine 
Neubearbeitung, es sei denn, daß die angewandte Karte in einem Verlag erscheint, 
der infolge seiner Druckplattenvorräte Situationsabzüge in reicher Anzahl gestattet. 
Die angewandte Karte, die die Situation von einem andern Kartenblatt olme weiteres 
übernimmt, ohne dazu autorisiert zu sein, ist als Nachdruck strafrechtlich zu verfolgen. 



II. Die historische Methode in der Kartographie. 

10. Zweck und Aufgabe der historischen Methode. Für- das Verständnis jeghcheu 
wissenschaftlichen Problems, das innerhalb eines Wissenschaftsgebietes auftaucht, trägt 
die historische Methode ein gut Teil bei, in manchen Wissenschaften das meiste. Sie 
ist geeignet, Klarheit zu schaffen und die Bedeutung des Problems in das rechte Licht 
zu rücken, Talmi von Edelmetall zu trennen. Diesen Wert der historischen Methode 
verkennt vielfach unsere nervös hastende Zeit. Zuweilen verstehen junge Gelehrte 
die feinem liistorischen Zusammenhänge der Probleme ihrer Wissenschaft nicht mehr. 



Die historische Methode in der Kartographie. 25 

sie drapieren sich. I)z\n-. ihre Werlie mit einer Anzahl abgegriffener Zitate herühniter 
Manner ihres Faches. A. \. Humboldt, K. Ritter usw. werden fleißig zitiert, aber 
umso unfleißiger gelesen. Bedauerlich ist es, daß viele versäumen, sich in den Werde- 
gang ihrer Wissenschaft zu vertiefen, und sie glauben Xeuentdeckungen zu machen 
und wissen nicht, daß ältere Gedankenkomplexe bereits bessern Spuren nachgingen. 

Sein wichtiges Kapitel über die deutschen Landmessungen leitete W. Jordan 
folgenderweise ein: ,,Zum richtigen Verständnis unserer Landmessungen, zur unpartei- 
ischen Würdigung ihrer Vorzüge und auch ihrer Mängel ist die geschichtliche Forschung 
von großer Wichtigkeit. Der rein technisch-mathematische Maßstab versagt oft bei 
geodätischen Fragen: man muß studieren, auf welchem Wege ist die Sache so geworden, 
•wie sie heute ist."^ Viele geographische imd kartographische Untersuchungen und 
Lehrbücher, auch solche der Topographie, hätten sicherlich gewonnen, wenn sie die 
historische Seite etwas mehr gepflegt hätten. ^ 

Die kartogi-aphisch historische Forschung bekundet aufs unzweideutigste das 
Selbständige einer Kartenwissenschaft gegenüber der praktischen Betätigung der Karto- 
graphie (im übhchen Sinne). Sie hat die gleichen Schwierigkeiten zu überwinden wie 
die allgemeine historische Forschung, die in der Hauptsache der Entwicklmig der 
Staatswesen, ihrer Menschen und Eimichtungen gilt; indes reicht jene über diese 
hinaus, da sie nicht bloß die maßgebenden Kulturzustände berücksichtigt, sondern 
vorzugsweise die Art und Weise der Darstellung und die jeweilige nutzbar gemachten 
Darstellungsmittel festzuhalten sucht. 

Li die historische Kritik gehören zuletzt auch die Streiflichter, die aus den Unter- 
suchimgen der Wechselbeziehimgen einzelner auf verschiedenen Gebieten angewandter 
Forschungsmethoden auf die Kartographie entfallen.^ Ferner darf man nicht m den 
Irrtum verfallen, historische Kartographie und Geschichtskarte bzw. Geschichtsatlas 
als eins zu achten.* Letztere sind das in der Gegenwart oder zu einer andern Zeit rekon- 
struierte Kartenbild der Staatswesen oder sonstiger kultureller Erscheinungen einer 
altem Zeit. Dagegen hat es die historische Kartographie mit den Kartenoriginalen und 
diesbezüglichen Beschreibungen imd Erörterimgen der verschiedenen Epochen des Ent- 
wicklungsganges des Kartenbildes zu tun, also mit dem Urmaterial, wie es ims über- 
liefert ist. Dieses wird untersucht und im Zusammenhange der Einzel- wie Gesamt- 
wissenschaft (Kartographie und Geographie) erklärt. 

Im großenganzen lassen sich die Kriterien historisclur Analyse imd Synthese 
auf die Karte anwenden. Wie die Geschichte Bewegmig ist, aber keine gleichmäßige, 
ist auch die kartographische Genesis keine gleichmäßig fortschreitende, sondern ge- 
bimden an die sprungweise Entdeckung neuer Länder, an die sprimgAveise Erfindung 
und Einführung technischer Hilfsmittel. Stagnationen, ja rückläufige Bewegungen 
sind in der Geschichte der Karte keine Seltenheiten. Nicht selten hinkt das Weltbild 

' VV. Jordan: Handbiuli der Vennessungskunde. I]. Aehto erweiterte .-Vufiage von Ü. Eggert. 
«tutigart 1914, S. !t21. 

* So hätte Br. Schulze in »einem sonst ganz guten Buche „Uat milit&rischo Aufnehmen", 
Leijwig und Berlin 1903, gerade der liistorischen Entwicklung etwas geivehter wcrdeil können und 
nicht die Emmgen-seliaften von O. Schreiber, die doch aus dein ganzen Werke verstohlen Iieraus- 
strahlen, tot schweigen »ollen. 

" Augustin Krämer: WeclLseitx'ziehungi-n etluiogiupliischer und geograph. Forschung, nebst 
einigen Bemerkungen zur Kartographie der Südsee. Globus LXXXIV. 1903, S. 362— :JM. 

' Dieser mcrkwiitdigon Auffassung hegegenen wir unter andomi bei H. Besehornor in 
<». Keude« Handbucli der geograpluschen VVissenscIiaft. i. Berlin 1914, S. :W7 — :169. 



26 IJ'r Kartogr:iphif als Winsnisdiafl. 

der durch die Entdec-kunj,'i'n sefonlcrtcn WClttTkcuntiiis iH'liaehllicli liiiiU>rlicr und 
der zuweilen vertretene Parallelisuius mju W'cllerkemituis und Weltbild gerat iu be- 
denkliches Schwanken. Vertrautsein mit dem Gang der Weltgeschichtt^ ist ein wichtiges 
Fordernis für den Kartenforscher ; dabei darf er sich nicht an einzehie wenige Tatsachen 
anklammern, die nur selten zu einer einwandfreien Auffassung historischer Dokumente 
führen, sondern das Ganze einer historischen Periode muß er vor Augen haben und sicli 
in das geistige Niveau, in dem ein einzelner Autor aufgewachsen ist oder eine Gelehrten- 
]izv,-. Kartograplienschule gewirkt hat, einfühlen. Man darf, um mit H. Wagner zu 
sprechen, über die Freude der Entdeckung kartographischer Quellen, Originale und 
Zusammenhänge das wichtige Erfordernis eines Geschichtsschreibers der Wissenschaft 
nicht außer acht lassen, „nämlich die Versenkung in den Zeitgeist, in das ganze wissen- 
schaftliche Können, sowie den literarischen Gesichtskreis einer Gruppe von Forschern 
der jeweilig in Betracht kommenden Perioden".^ So spielt der gesamte Kulturzustand 
und das wirtschaftliche Leben in die Geschichte der Karte hinein, vor allem auch Schiff- 
falirt, Handel und Heerwesen und last not least das Kimstleben eines Volkes. Von 
fundamentaler liedeutung sind liei allen historischen kartographischen Forschungen 
die geographischen und teilweise die mathematischen Erkenntnisse der einzelnen Zeit- 
perioden. 

A\ä ein großer Mangel ist in der geograpliischen Wissenschaft das Fehlen einer 
(beschichte der Karte mid damit einer (ieschichte der Kartographie empfimden worden. 
Sie dürfte bis auf weiteres noch kaum geschrieben werden. Die Zeit scheint noch nicht 
reif dazu zu sein. Es fehlen noch zu viele Vorarlteiten. Wohl gibt es einige ältere Ver- 
suche, so von Caspar Gottschling: Versuch von einer Historie der Land-Charten, 
Halle 1711, und von E. D. Hauber: Versuch einer umständlichen Historie der Land- 
Charten, Ulm 1724.2 Indessen versprechen die Titel mehr als die Bücher in Wirklichkeit 
bieten. Einige kleine zusammenhängende Arbeiten, wie von W. Wolkenhauer', 
A. Laussedat* u. a. vei-weisen in die jüngste Zeit. Auch sie sind noch lange keine 
Geschichte der Karte oder der Kartographie. Die Arbeiten von d'Avezac, J. Lelewel, 
H.Wagner, M. Fiorini, E. v. Nordenskiöld, S. und W. Rüge, K. Kretschmer, 
S. Günther, V. Hantzsch. H. Beschorner, Ch. Sandler, Fr. v. Wieser, G. Mar- 
cel, H. Lutz, ,1. E. Xiemeyer, K. Ahlenius, A. Heyer, E. C. Abendanon, W. und 
Aug. Wolkenhauer u. a. m. bedeuten erfreuliche Anfänge und Bausteine zu einer 
Geschichte der Karte. Das Hemmende zur Fertigstellung des großen Baues einer Ge- 
schichte der Kartographie liegt teils an der Person, teils an der Sache. Ein Geschichts- 

1 H.Wagner: Über das von S. Güntlier 1888 herausgegebene sp<ätmittelalterliche Ver- 
zeichnis geographischer Koordinatenwerte. Methodiselie Bedenken. Nachrichten v. d. K. Ges. der 
Wiss. Göttingen 1891, 8. 257. — In den Göttinger Kachrichten hat Wagner noch andere klassische 
Beispiele gegeben, wie historisch-kartogiaphische Ersclieinungen kritisch zu untersuchen sind; z. B.: 
Die dritte Weltkarte Peter Apians v. J. 1.530 und die Pseudo-Apianischc Weltkarte von 1551. 
Göttingen 1892. — Die llekonstruktion der Toscanclli-Karte v. J. 1474 und die Pseudo-Facsimilia 
des Behaim-Atlas v. J. 1492. Göttingen 1894. — Diese Arbeiten heben sich in ihrer ganzen Unter- 
suchungsmethode von den historisch-kartograplüschen Arbeiten von S. Günther vortrefflich ab, 
der mehr auf das Sammeln von Tatsachen ausgeht und in der Benutzung seiner Quellen nicht 
gerade wählerisch ist; infolgedessen ist man gezwungen, Günthers Zitate öfters nachzukontrolUcren. 

- Hierzu gehört auch E. D. Haubers „Nützlicher Discours etc." Ulm 1727. 

^ W. Wolkenhauer: Leitfaden zur Geschichte der Kartographie in tabellarischer Daretellung. 
Breslau 189.5. Verschiedene Ergänzungen sind zu diesem brauchbaren Werkchen in den „Deutschen 
Geographischen Blättern" in Bremen erschienen. 

■* A. Laussedat; Histoirc de la cartograpliic. llevue scientifique 1892, 8. 71)7 — 714, 742 — 751. 



Dil- hisforischf Methode in der Kartographif. 27 

Schreiber ilcr Karte und ilirer 'llieurie muß ebenso uiil der Ge.schicbte der ( ifugrajjhie 
und beider Forschungsmetlioden vertraut sein wie mit der Philologie. Damit muß sich 
eine bedeutende mathematische Kenntnis vereinen. In der weitgehendsten Beherrschung 
dieser Wissenschaftszweige wird die Formel zu finden sein, die zu dem gewünschten 
Ergebnis führt. Nur einer kömitesie jetzt erfüllen, das wäre H. Wagner in Göttingen. ^ 
Warum konnte H. Jierger eine so ausgezeichnete Geschichte der ^vissenschaft liehen 
Erdkunde der Ciriechen schreiben"? Weil er mit einer gründlichen philologischen Sciiu- 
lung eine auf gediegener geographischer Basis getragene weitsichtige Kritik verband. 

Ist es kaum möghch, jetzt schon eine allgemeine Geschichte der Kurten zu schreiben, 
imi so wünschenswerter sind die Einzelstudien, die die geschichthche Entwicklung be- 
stimmter Einzelkarten ziim Vorwurf haben. Dem Mangel an einer allseitig abgerundeten 
auf wesentliche Entwicklungspunkte gestützte Geschichte der topographischen Spezial- 
karte wäre zunächst abzulielfen. Die Entwicklmigsbilder der topographischen Karte 
einzelner Länder, wie von Frankreich, England, Italien, Bußland, den Niederlanden, 
Norwegen, Schweden, Österreich-Ungarn, Preußen, Bayern, Sachsen, können nur teil- 
weise diese Lücke ausfüllen. Vielfach sind diese Einzelstudien lediglich imter mili- 
tärischer Brille gesehen und kranken von vornherein an Einseitigkeit. Ein gutes Muster 
in der Behandlung, allerdings nur für ein einziges Land, hat Berthaut in seinem z\s'ei- 
bändigen Werke La carte de France 1750—1898 gegeben. 

Kann man allenthalben bei der Landkarte, selbst bei der Seekarte, BHcke hi 
den geschichtlichen Werdegang werfen, ermangelt dies fast vollständig bei der an- 
gewandten Karte. Bis jetzt sind uns schleierhaft die einzelnen Entwicklungsphasen 
der Verkehrs-, Wirtschafts-, statistischen, geologischen und anderer Karten. Allüberall 
drängen sich Probleme heran, die zu lösen der Mühe wert sind, da sie zuletzt auch die 
Menschheitsgeschichte ein Stück vorwärts bringen. Ein anderes wichtiges Kapitel 
aus der Kartengeschiehte. uljwohl sich das Material einer kritischen Sichtimg mid Er- 
örterung schon mehrmals verlockend darbot, scheint noch lange ein Desideratum zu 
bleiben: Die gründliche und ausführhche Geschichte des Atlas, d. h. der systematischen 
Sammlungen von Karten in gleichem Format imd nach bestimmtem Plan. Selbst die 
Geschichte des Stielerschen Atlas ist uns bis heute noch nicht beschert, obgleich sich 
vor dem fünfzigjährigen Jubiläum von diesem Atlas im Frühjahr 1864 der große Ge- 
schichtsschreiber der Geographie, Oskar Peschel. mit dem Gedanken beschäftigte, 
eine (iesehichte über den Atlas und seine Wandlungen zu schreiben. Neben den großen 
Handatlanten dürfte ein geschichtlicher Abriß der kleinen Atlanten nicht fehlen, die 
hauptsächlich mit den kleinen Mercator.schen Atlanten einsetzten* und zur Ent- 
wicklung des Taschenatlas führten. Ferner fehlt ims eine Geschichte des Schulatlas, 
wobei nicht eiimial nötig wäre, auf alle mögliclien Veröffenthchmigen einzugehen, 
sondern lediglich auf die. die das rein Pädagogisch-Methodische verfolgten und dem- 
ents))rechend gefordert haben, angefangen etwa mit dem bei Homann veröffentlichten 
methodischen Atlas von J. Hühner: Atlas methodicus exjilorendis juvenmu pro- 
fectibus in studio geopraphico ad methoduni Hubnerianvmi acconiodatus. Nürnberg 1719. 
— Ich kann mir nicht versagen, dennoch in einem Sonderabsciniitl auf die Haupt- 
niomente der Atlasgeschichte einzugehen. 

' Neben H. Wagner scliien mir sein Schüler Aug. Wolkenhauer, gefallen d. i">. Febr. 1915 
in den Argonnen, der Gelehrte zu »ein, bzw. zu werden, der obiger Konnel voll entsprochen hatte. 

- In .Amsterdam wunlen vpixrUiedene Au»gnl>en von Meroatoris .Xtlas minor gfidnirkt. in 
l'iiri» \-on S. Sansons Atlas portativ. Gregnrii spricht schon I7i:t von übtir 30 solcher Atlanten. 



28 Oi'' Kai-topraphie als WissenHohaft. 

SchlieJilich sei iiocli auf dri-i Gosichtspuiikle in dvv (luscliichle der Karte hin- 
gewiesen, die einer einziehenden geschiclitlichen Forschung harren. Zunächst ist es die 
geschichtliche Entwicklung der verschiedenen Aufnahmemethoden, ^ sodaim die Dar- 
stellung der Keproduktionsweisen und ihrer charakteristischen Merkmale,^ von der 
mittelalterlichen Manuskiiptkarte an bis zur Kupferstich-, Steindruckkarte und den 
auf verschiedenem phototechnischem Wege reproduzierten Karten der Gegenwart,^ 
imd drittens die geschichthche Beleuchtung des Materials, auf das die Karten ge- 
zeichnet sind. Teilweise führen uns derartige Kartendokumente in die älteste Geschichte 
der Menschheit zurück. 

II. WüM \iii(l »t'sc der historiseheu .Methode. Die historisch-kartographische 
For.schung bedient sich derselben Wege imd Mittel, wie sie ganz allgemein in der Ge- 
schichte imd der Philologie übhch sind. Wie wir schon durchbhcken ließen, reichen zu 
dieser Arbeit Mathematik imd Naturwissenschaft starke Stützen. Die Forschung be- 
schäftigt sich in der Hauptsache mit den Einzelkarten ; erst neuerdings wird es Brauch, 
neben besondern Einzelerscheinungen und Data auch die Personen schärfer ins Auge 
zu nehmen. 

Kluge Köpfe ragen aus der zahlreichen Schar der Kartenmacher und Karten- 
stecher hervor und geben ihren Schöpfimgen ein bestimmtes Gepräge, das mehr oder 
minder auf gleichzeitige und künftige Arbeiten anderer Autoren einwirkt. Die Aufgabe ist 
unter Umständen nicht leicht, die richtige Würdigung für die Tätigkeit und den Einfluß 
älterer Kartographen zu finden.* Doch ist nach dieser Richtung in den letzten Dezennien 
mancherlei ErfreuHches zutage gefördert worden, dessen Gelingen allerdings vielfach 
vom Zufall der Entdeckvmg altern Kartenmaterials abhing.* Einen der bedeutsamsten 
und ^\■ohl auch interessantesten Funde auf dem Gebiet der Karteninkunabehi haben 
wir in den zwei so lange vermißten Karten des Martin Waldseemüller* (Waltze- 

' Viel Literatur dazu findet man in W. Jordans Handbuch der Vermessungskunde zusammen- 
getragen. 

" Es ist tatsächlich nicht immer klar ersichtlich, vermittelst welcher Reproduktionstechnik 
eine Karte entstanden ist; das bestätigt auch C. Vogel in einer Besprechung von Volkmars Werk 
(s. folgende Anm.) in P. M. 1885, LB. S. 405. 

' O. Volkmar: Die Technik der Reproduktion von Mihtärkarten u. Plänen des k. k. niil. 
geogr. Inst, zu Wien. Wien 1880. Dasselbe erweitert und verbessert Wien 1885. — In den Mitt. des 
k. k. mil.-geogi-. Inst, begegnet man noch einer Anzahl neuerer Abhandlgn. über die verschiedenen 
Reproduktioiismethoden. — Vgl. auch R. Lehmanns Vortrag auf dem Londoner GeogiaphenkongreU. 
Report of the sixth International Geographical Congreß, held in London 1895. London 1895, 8. 77 ff. 
— C. Koppe: Wesen imd Bedeutmig der graph. Künste f. d. lUustrations- u. Kartcndnick. Hamburg 
1898. - Ed. Wagner: Kartograph. Reproduktionsmethoden. G. Z. 1909, S. 204ff. 

* Die Arbeit eines Kartenkritikers und -historikers ist sodann nicht anders als die, wie sie 
Lessing für seine Tätigkeit in den „Rettungen des Horaz" kennzeichnet: „Ich selbst kann mir 
keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht 
auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleistenmgen 
ihrer Schwächen aufzulösen". 

= So sind z. B. Joh. Meyers Originalkalten von Dänemark u. Schleswig-Holstein als Wand- 
schmuck in einer Gesindestube des Kopenhagener Schlo.sses entdeckt worden; die drei bekannten 
Mercatorkarten auf dem Boden der Breslauer Stadtbibliothek von Heyer, die berühmten Waldsec- 
müllerschen Karten in der Bibliothek des Fürsten Waldburg auf Schloß Wolfegg in Württemberg 
durch J. Fischer. In der ehemaligen Universitätsbibhothek zu Helmstadt hat W. Rüge Chiisto- 
phorus Pyxamius „Gennania" (1547) wiedergefunden, an der S. Günther achtlos vorübergegangen war. 

• Die älteste Karte mit dem Xamen Amerika aus d. .1. l.TO? und die Carta maiinaausd. J. 15I(i 
des M. Waldscemüller (llacomilus). Hg. von J. Fischer und Fr. R. v. Wieser. Innsbruck 19Ü3. 



Die liistorisihe Methode in der Kartographie. 29 

müller, Hylacomylus oder Ilacomilus), deren eine, die Weltkarte vom Jahre 1507 
zum ersten Male den Xamen „Amerika" zeigt und deren zweite die Carta marina navi- 
{Tatoria vom Jahre 1516 als Seekarte große Bedeutung hat. 

Für die Geschichte der Kartographie sind beide Karten Waldseemüllers von 
weitreichender Bedeutung geworden. Einmal, daß die Weltkarte für die Benennung 
der Keuen Welt wichtig ist, hat sie sodann eine ganze Beihe Ivlarstellungen von Karten 
veranlaßt, die man hisher als Originalwerke auffaßte.' Mit der Weltkarte verglichen, 
scheint z. B. die alto berühmte Apianische Weltkarte von l.')20 weiter nichts als eine 
verschleierte Kopie der Waldseemüllerschen von 1507 zu sein.^ Auf die Apianische 
Weltkarte stützte sich ein Teil des Euhms, der P. Ajjian zu den bedeutendsten Ver- 
tretern unter den Kartographen der Renaissance erhob. Die historische Kritik schaltet 
hier ein l)isher geglaubtes Verdienst A])ians aus, ohne jedoch seine Bedeutung für die 
Kartographie in Abrede stellen zu wollen. Die Carta marina vom Jahre 151G ist inso- 
fern liemerkenswert, als sie die erste gedruckte Seekarte großen Stils ist. 

Gerade die Zeit Waldseemüllers und die Folgezeit bieten eine Menge Pro- 
bleme^, deren Lösung nur möglich ist, wenn zugleich der Werde- mid Schaffensgang 
des in Frage kommenden Kartographen klar gelegt wird. Da zeigen selbst die sorg- 
fältigsten Arbeiten noch Lücken; z. B. bringt die ausführhche Abhandlung über Mer- 
cator und dessen Werke von Averdmik und Müller-Eeinhard* nichts Sicheres über 
die Quellen, die das mathematische Können Mercators speisten, das ihn zur Her- 
stellung seiner berühnmten Weltkarte vom Jahre 1569 befäliigte. Nur wenige Karto- 
graphen und kartographisch arbeitende Wissenschaftler haben eine so eingehende 
Würdigung wie Mercator, Humann oder in neuerer Zeit Aug. Petermann^ ge- 
funden, obwohl es viele andere verdienen, gleichfalls genauer bekannt zu werden. Hier 
bleibt also noch viel zu tim übrig. Gute Ansätze findet man bereits reichlieh und kurze 
treffende Charakteristiken über einzelne, aber für das Gesamtverstehen bieten sie noch 
zu wenig. Wie man von der Sache zur Person vordringt und in gegenseitigem Vergleich 
zu beachtenswerten Ergebnissen kommt, hat Aug. Wol kenhau er an b'rhard Etz- 
laub und dessen Eeisekarten durch Deutschland gezeigt. 

Im aUgemeüien ist der Weg, die Untersuchmig an das einzelne aufgefimdene 
Karteilbild anzuschließen, am einfachsten imd sichersten. Mit glänzendem Seharf.sinn 
und anerkennenswerter philologischer und bibliographischer Akribie hat Fr. v. Wieser 
die Kommentare zu den oben genannten Waldseemüllerschen und andern Karten 
gegeben, die er zugleich in mustergültiger Weise zu pubhzieren verstand. Ihm reihen 
sich unter verschiedenen andern E.L.Stevenson und J.Fischer mit der Welt- 
karte des J. Hondius von 1()11 an*, desgleichen Konnid Miller mit .seinen >hvppae 



' Vgl. S. .38 und 39 de.s bogleitenden Textes zu beiden Karten (s. Anm. 6. S. 28). 

'•' Vgl. die ■ttcit«m Ausführungen von H. Wagner über diese Karte und die Carta .Marina in 
den Göttingen sehen Gelehrten Anzeigen 1904. 

" Vgl. L. Gallois: I.*s geographes allcinands de la renaissanee. Paris 1890. 

' H. Averdunk u. .I.Müller-Reinhard: Gerhard Mereator und die Geographen unter 
seinen Nachkommen. P. M. Ergh. Nr. 182. Gotha 1914. 

•■' K. Weller: Aug. Petermann. Ein Beitrag zur («'schicht«' der googr. Kntdeckgn. ii. der 
Kartographie im 19. Jahrh. Leipzig 1911. 

° Mit dem Erscheinen dieser Karte (New York 1007) nahm ein groß angelegtes Unternehmen 
seinen Anfang, das unter den .Auspizien der ...American G<<ographical .'^«•iety" und der ..Hispnnic 
Society of America" unter der Oireklitm von E. I,. Sti-vensou die HcrauHgal>c einer Keihe \-on 
KnitcM des IT).. Ki. iiml 17. .lalirh. pliiiilr. Diese .Si>Mimhing soll gewis.sernial3on eine Krgiinzung und 



30 t)ie Kartographie als Wissenschaft. 

mundi oder den ältesten Weltkarten (Stuttgart 1898—1898), wo uns Karten aus dem 
1. bis 18. Jahrhundert vorgeführt werden. Wie man bei der historischen Kleinarbeit 
verfährt, dafür ein Beispiel. Auf der Weltkarte in der Ulmer Ausgabe des Ptolemäus 
von 14S2, die bis jetzt als älteste signierte Karte gilt, heißt es in der Legende: ,,In- 
sculptum est per Johannem Schnitzer de Armßheim". Schnitzer ist hier auf alle 
Fälle als Eigennamen und nicht als Handwerkbezeichnung aufzufassen, wie es durch 
E. V. Nordenskiöld geschieht, der im Facsimileatlas übersetzt: ,,Skuren af Jo- 
hannes, träsnidare fram Armsheim". Der deutsche Fachausdruck für dieses Hand- 
werk war „Formschneider", wie Fr. v. Wieser in der Beurteilimg des Facsimile- 
atlas nachweist.^ 

Uns fehlen verschiedene Untersuchungen über den Einfluß der Einzelkarten 
auf ihre Zeit. Manche prächtige Karte galt schon für ihre Zeit verschollen, wie die 
Karten des J. A. Eauch aus Wangen. Dagegen haben andere nachhaltigen Einfluß 
auf Jahrzehnte, ja auf Jahrhunderte hinaus gehabt. Außer an das bekannte Beispiel 
der Apianischen Landtafehi von Bayern erinnern wir an G. M. Vischers Karte 
von Ungarn „Theatrum belli inter magnos duos imperatores romanorum et turcarum", 
che 1685 in Wien erschien und für die Kartographie Ungarns auf Jahrzehnte hinaus 
maßgebend war, aber auch an Vischers Karte von „Oberösterreich", die 1669 zum ersten 
Male veröffentUcht wurde, aber noch 1808 in Linz nach den Straßenzügen verljessert 
erschien. Sogar aus dem Jahre 1826 besitzen wir noch Abdrucke von dieser Karte. 

Es gibt eine Anzahl von Karten, die bereits eine mehrfache Untersuchung und 
PubHkation erfahren haben, wie die Madabakarte, die Peutingersche Tafel, die 
Goldminenkarte von Nubien, die man als die ,, älteste Karte der Welt" zu bezeichnen 
gewohnt ist, die Cusa- Germaniakarte von 1491, die zu den ersten Landkarten gehört, 
die das Zeitalter moderner kartographischer Darstellungskunst einleiten.^ Daneben 
spielen Karten eine KoUe, die zum ersten Male irgendein geographisches Objekt in 
richtige Lage bringen oder eine kartographische Versinnbildlichung, die auf die Folge- 
zeit von eminenter Wirkung wurde. Lateressant ist es, den Karten nachzuspüren, 
die zimi ersten Male die Gebirge an richtiger Stelle setzen, die zum ersten Male bewußt 
die Schraffe in senkrechter Beleuchtimg oder die SchichtUnien anwendeten. Damit 
gelangen wir aber schon zu den einzelnen Elementen einer Karte, die gleichfalls ein 
dankenswerter Vorwurf historisch-kartographischer Untersuchung sind. H. Wagners 
historisch-kritische Erörterungen über den Maßstab, besonders den Meilenmaßstab 
sind ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Kartographie.^ Es fehlen aber noch sehr 

Fortsetzung der Sammlung bilden, die kurz zuvor von Stevenson unter dem Titel „Maps illustrating 
early discoverj- and exploration in America 1502—1.530 reproduced by photography" herausgegeben 
worden ist. — Bei diesen Amerikakarten ist auch nicht vorbeizugehen an J. G. Kohl: Die beiden 
ältesten Generalkarten von Amerika, ausgeführt i. d. Jahren 1527 u. 1529 auf Befehl Kaiser Karls V. 
Weimar 1860. 

' Fr. V. Wieser: Nordenskiölds Facsimile-Atlas. P.M. 1890, S 272. ' 

^ Fr. V. Wieser in G. Z. 1905, S. 646, 711. 

^ Auf H. Wagners Einfluß ist es zuiTickzufüliren, daß für sämtliche alte maßstablose Karten 
der Göttinger Universitätsbibliothek der Maßstab berechnet und auf die Karten geschrieben wurde, 
eine Einrichtung, die zur Nachahmung allen andein Bibliotheken empfohlen werden muß. Auf den 
Karten der K. Dresdener Bibliothek ist die nachträgliche Berechnung des Maßstabes gleichfalls 
durchgeführt. — Auch beim Zitieren von Karten soll man tunliclist den Maßstab mit angeben, denn 
für den Fachmann ist es außerordentlich wertvoll, zu wissen, ob z. B. die Karte im Maßstab ] : 250000 
oder 1:2500000 gezeichnet ist; er kann sich tiiinii im Geiste schon ein ungefähres Bild von der 
Karte üi.ujifii. 



Die historische Methode in fl("r Kaitopiaphie. 31 

viele derartige Beiträge, wie über die Entwicklung der Kartenschrift, einzelner Signa- 
turen und Symbole, wie die der ületscher-, der Binnenseen-, der Eluß-, der Wälder- 
darstellmig usw. Weiterhin fehlt uns eine Erörterung und Zusammenstellung von 
besonders eigentümlichen Karten, hauptsächlich von solchen, die irgendeine nicht 
übliche Kombination verschiedener Kartenelemente bringen, die mehr oder minder 
als nachahmenswert empfohlen werden können, \de z. B. die Verbindung von Kultur- 
zonen mit Terrainkarte. 1 

Den Gang der Untersuchung an ein eiigbegrenztes geographisches Objekt an- 
zuschließen, ist eine beliebte Art. So hatte z. B. die Entwicklung der richtigen Auf- 
fassung von der Ausdehnung des Mittelmeers seither die Forschung gereizt. Durch 
Ptolomäus war bekamitlich dem Mittelmeer eine zu große westostliche Ausdehnung 
gegeben, die sich auf den Karten bis ins 17. Jahrhundert erhalten hatte, da man an 
der Auffassung des Ptolomäus bei dessen Autorität zu rüttehi sich scheute, wie 
Lelewel sagt: ,,Le maitre l'avait dit, il fallait le croire".^ Wrights Weltkarte in 
Mercatorprojektion vom Jahre 1599 steuerte auf eine richtige Auffassung hin, der aber 
erst durch die Kepp 1er- Eckebrecht sehe Weltkarte vom Jahre 1G30 — nach 
Chr. Sandler der erste kritische Versuch zu einer fimdamentalen Verbesserung des 
ganzen Weltbildes — und vor allem durch die Planiglobenkarte des G. Delisle end- 
gültig zum Siege verholfen ward. 

Ein ebenso interessantes Problem wie das ^ orluTgehende ist das der Auffassung 
und Entwicklung der terra incognita der Südhemisphäre. Viele Sonderkarten (in 
polständiger Projektion) liringen das unljekaimte Südland mehr oder weniger aus- 
gedehnt, andere hinwiederum gar nicht, gemäß einem alten von der Kritik diktierten 
Arbeitsspruch der Kartographie: Was man nicht genau weiß, gehört mcht ins 
Kartenbild. Eine Zusammenstellung der wichtigsten dieser Karten ist in der Tat 
eine lohnende Aufgabe, wie auch die von Karten, die uns die Land- und Wasserhalb- 
kugelbilder zeigen. Es bereitet einem einen ganz besondern Genuß, an der Hand dieser 
Karten, die bis gegen 1600 zurückreichen, zu verfolgen, wie die Idee einer besondern 
Wasser- und einer besondern Jjandhalbkugel entstand und sich aus den Darstellungen 
verschiedenster Erdansichten losschälte. Die Verteilung von Wasser und Land hat 
immer, seitdem es eine wissenschaftlich denkende Menschheit gibt, die Gemüter be- 
schäftigt; es ist ein Problem, das immer jung bleibt, das immer wieder neue Seiten 
der Erörterimg darbietet, wie dies neuerdings die Theorie der großen tangentialen 
Konfinentalverschiebungen von A. Wegener wieder eindringhch lehrt. Lassen wir 

' Es melden sich hier C. Kofistka: Terrain- und Hölienkarto der Hohen Tatra in den Ceutral- 
Kariwten. 1:160000. P.M. Eh. 12, 186.S; oder L. Brackebust h: Physiogiuphische Karte des 
noixiwpstl. Teils d. Arg. H. 1 : :}0000(X). P.M. 1893, T. 11. 

* J. Leleweli: Geographie du nioyen äge. Bru.xelles 1857. I. S. L.XXWII. — Ganz kiitik- 
los wurde übrigens da.s Ptolomäisehe Kartenmaterial nicht iibemonimen. \Vald.seemüller 
scheute sich 'nicht, daran zu bessern. In der von Jacobus Pentiiis de Le\ice besorgten Ptolomiius- 
ausgabe, Venedig l.")ll, wagt, wie amh E. v. Xordenskiöld und \V. Wolkenhauer .sagen, Bern- 
hardus ^Sylvanus Ebolensis als ein Ei-ster einzelne Ptoloniäuskarten nach neuen Forschungen zu 
verlH'ssern. I^ngc Zeit galten die französischen Gelehrten Peirese und liasseudi als die ersten, 
die auf den Fehler <ler Überdehnung des Mittelmeeres hinwiesen. Die Priorität dieser ldt>e weist 
Chr. Sandler in seiner „Reformation der Kartographie um 1700", München und Berlin 190.">, S 2, 
dem nie<lerländiRelien Kartographen Willem Jansz. Blaou zu, der in einem Brief IKW an den 
Professor der Astronomie an der Tübinger Universität W. Schiekharf zum Ausdnick lu-nehte. dali 
die Kntfi iiumg zwischen Alexandriii und Pom und in wiit.ni K.il.je davon ganz Eumiwi viel /.u 
laut; (d. h. zu l.ieil) iliirgestellt sei. 



32 Die Kai-togra]ihie als Wissenschaft. 

die Geschichte der Kartographie in ihren hauptsächhchsten Episoden luid Leistungen 
vor unserm geistigen Auge vorüberziehen, müssen wir erkennen, daß doch innerhalb 
einer winzig kleinen Zeitspanne in der dokumentierten Geschichte der Menschheit eine 
Abbildimg der Erde gehmgen ist. mit der sich irgendwelche Erzeugnisse des Altertums 
nicht vergleichen lassen. 

12. Das historisch vergk'it'hi'iitU' Kartmistiuliuiu. Unter den Mittehi und Wegen 
der liistorischen Methode hat der Vergleich eine so hohe Bedeutung, daß es sich lohnt, 
etwas länger bei ihm zu verweilen. Mit dem historischen Vergleich ist nicht das ver- 
gleichende Kartenstudiima zu verwechseln, das die geographische Beobachtung er- 
gänzen will, wobei es sich in der Hauptsache um eine Methode handelt, die wir die 
„morphologische" bezeichnen (s. § 35) Die historische Methode will kurz gesagt das 
Alte mit dem Neuen vergleichen oder umgekehrt. Sie ist älter als jene morphologische, 
die kavun über 0. Peschel hinausgeht. Schon bei Philipp Clüver (1580—1623) 
finden wir die Bemerkung: „Auch alle antiken Autoren zusammengenommen können 
nichts nützen vmd bieten nur reine Eätsel, wenn man nicht zuvor dem alten Tat- 
bestand den gegenwärtigen gegenüberstellt und den einen durch den andern erläutert."^ 
Etwa ein Jahrhundert später lesen wir bei G. Delisle (1675 — 1726): „II est du devoir 
d'un Geographe de faire le parallele de l'ancienne Geographie avec la nouvelle", oder 
„il ne faut pas esperer que sans ime comiaissance raisonnable de l'etat present du Monde, 
ou puisse faire le rapport de l'ancienne Geographie avec la nouvelle."^ Diese historische 
Methode der Kartogi-aphie hat sich jedoch ganz besonders erst im 19. Jahrhundert 
ausgebildet imd wurde zimächst durch M. V. de Santarem, E. F. Jomard und 
J. Lelewel praktisch erhärtet. 

Das Betrachten des vielseitigen im Laufe der Jahrhmiderte aufgespeicherten 
Kartenmaterials führt ganz spontan zu der ebenso anschaulichen wie l:)elehrenden 
Methode der Vergleichung. Entweder faßt sie die Karten einer gewissen Zeitperiode 
ins Auge oder die Entwicklung einer bestimmten Kartengruppe, bzw. Kartenart oder 
eines bestimmten Kartenobjektes im Laufe der Zeit. Nur vor einem Fehler dieser 
Methode mag bei kartographischen Kritiken und Untersuchungen gewarnt werden, 
nämhch den gegenwärtigen Zustand immer als den zu bezeichnen, der nicht über- 
troffen werden koimte. Die Superlative Bezeichnung vmd Schmückung für gegen- 
wärtige Erzeugnisse ist geradezu krankhaft geworden, wobei nur selten bedacht wird, 
daß unsere Nachfolger den gegenwärtigen Leistimgen gegenüber das gleiche Eecht 
der Kritik für sich in Anspruch nehmen dürfen und werden, zu dem gegenwärtig wir 
ims berechtigt glauben. 

Verfolgt man die Entdeckungsgeschichte irgendeines Landes an der Hand von 
zeitgenössischen Karten, hat man zugleich einen hübschen Einblick in die Geschichte 
der Kartographie und in das kartographische Können einer Zeitperiode. Es fehlt 
nicht an Arbeiten nach dieser Eicht ung. 

Amerika war bisher bei derartigen Untersuchungen am bevorzugtesten, was 
ims nicht Wunder nimmt bei der Bedeutung, die die neue Welt in der Entdeckungs- 
geschichte einnimmt. Ihr reihen sich Afrika, Australien, einzelne Inseba und Küsten- 
gebiete an. „Kartographische Denkmäler zur Entdeckungsgeschichte von Amerika, 



J. Partsch: PhilippClüver, der Begründer der liistorisclien Länderkunde. Wien 1891, 8.24. 
Chr. Sand ler: Die Reformation der Kartopraphie um 1700. München und Berlin 190.'), S. 17, 



Die historische Methode in d<'r Kartogiaiihic. 33 

Asien. Anstiiilicii und Afrika" hahen Y. Huntzscli und L. Schmidt. Leipzig 1903, 
zusammengestellt. Mit vielen Karten zur Entdeckung Amerikas macht uns 
K. Kret Schmer bekannt.^ Muster in der Behandlung historischer Kartenprohleme 
und in der Wiedergabe alter Karten haben Paul Graf Teleki, insbesondere A. E. 
V. Nordenskiöld gegeben. Teleki beschäftigt sich ledighch mit der kartograi)hischen 
Klarstellung eines Landes, und zwar mit Japan, während Nordenskiöld- uns in 
die große Entwicklungsepoche der Karteuinkunabeln* und Seekarten (Portulankarten) 
hineinstellt und die mannigfachsten kartographischen und geographischen Probleme 
teils löst teils anregt. Seine beiden mit ausführlichem Text ausgerüsteten und von einer 
souveränen Beherrschung des ausgedehnten bibliographischen Materials zeugenden 
Atlanten „Facsimileatlas on the early History of Cartography", Stockholm 1889, 
worin hauptsächlich Karten zur- Geschichte des Wiegenalters der Kartographie wieder- 
gegeben werden, und ,,Periplus. An Essay of the early History of Charts and Sailing 
Directions", Stockhohn 1897, der vorzugsweise handschrifthch überheferte Seekarten 
enthält, sind Werke von monumentaler Bedeutimg für die Geschichte der Karto- 
graphie und der geographischen Entdeckungen, sie sind die große Eüst- imd Schatz- 
kammer der historischen Kartographie. Diesen Werken gegenüber kommt der Atlas 
zur Geographie des Mittelalters von J. Lelewel* nicht auf, was schon deshalb aus- 
geschlossen ist, daß die Lelewel sehen Karten keine Faksimile, sondern nur verkleinert 
gezeichnete Nachbildungen der Originalkarten sind, obwohl fast zu gleicher Zeit 
M. F. de Santarem^ und E. F. Jomard* mit der Eeproduktion von Original- 
karten (von alten Karten in Originalgrößen) begonnen hatten. Noch vor Nordenskiöids 
Atlanten erschien Th. Fischers ,,Sammlmig mittelalterUcher Welt- und Seekarton'" 
in photographischen Abzügen, Venedig 1886. 

Sich auffällig schnell ändernde Küsten- imd Flußmündmigsgebiete laden zu 
vergleichenden Untersuchimgen auf Grundlage von Kartenbildern aus verscliiedenen 
Zeiten ein. Die holländische und friesische Küste, das Po-Delta, das Mississippi-Delta, 
der Hwangho-Unterlauf ' sind die gegebenen Übimgsbeispiele, obwohl mau sich hüten 
muß, altern Karten und Berichten allzuviel zu trauen. Erst unser heutiges Karten- 
material, das durch genaue Messungen festgelegt ist, wird künftigen Jahrhunderten 
einwandfreie Quellen zur Ycrgleichung bieten. Sind die alten Karten als Quollen 



' K. Kretschmor: Die Entdeckung Amerikas in ihrer Bedeutung f. d. Entwiokhnig des 
Weitbii des. Mit Atlas. Berlin 1892. - Vgl. auch Anm. 6, 8. 29. :{(). - Die Anierikafeiem von 1892 
hatten manche bis dahin imbekanntc oder wenig bekannte Anierikakarte ans Tageslicht gefördert. 

* P. Graf Teleki: Atlas zur Grcschichtfl der Kartographie der Japaniseiien Inseln. Budaiiest 
1909. — S. auch E.W. Dahlgren: l.rf's debuts de la cartographie du .Tapon. Archives d'Elndes 
Orientales, publikes par J. A. LundcU. Upsala 1911. 

^ Hierbei sei auch hingewiesen auf C. Uhr. Bernoulli: Kin Kartoninkunal)elnband der öffentl. 
Bibliothek der Universität Basel. S.-A. aus d. Verh. der Naturfoi-ach. Gt\s. in Basel. XVllI. Heft 1. 
Basel 190.'}. — G. Brcusing: Leitfaden durch das Wiogenaltcr der Kartographie bis zum Jahiv 
1600. .'}. Deutscher Geographen tag zu Frankfurt a. M. 188.1. — Vei'schipdone Berichte von \V. Kuge 
über „Älteres kartographisches Material in deutschen Hihljotlukcn" in d. Xachrichton d. K. <«••<. iler 
Wiss. zu Göttingen. Pliilol. histor. Kl. 

♦ J. Lelewel: Geographie du moyon ägc. Atlas conipwc de iini[uanle planclu's. Hiuxelliv- l.><.">0. 
' M. F. de Santarom: Atlas compos6 de mapj)emonde~s, de [urtulans etc. depnis je \'l'' 

jusqu'au XVUo siide. Paris 1842-1853. 

" E. F. .lomard: Monuments de la gcogi-aphie. Paris 1842-1862. 

' .1, Meninici-: Die Liuitiiiul.-niiigen des .gelben Flusses in historischer Z<-il. Diss. M\inchcn. 
Nürnberg 1912. 

EcLoi-t, Kurlciiv»lMou«:li.ifi. 1. '-i 



B4 Wii^ KartoRrapliic als W 

zur Iiislorisclien Forschung auch mit größter Vorsicht zu genießen, helfen sie immerhin 
manche Anschauungen klären mid vertiefen, wie Karten über die oben genannten 
leicht veränderlichen Gebiete. Selbst Binnenseen bieten nach dieser Eichtuug hin 
einen dankbaren Stoff der Untersuclamg. Die Untersuchungen über ihre allmähliche 
Yerlandung sind noch nicht erschöpft. Eng verwandt mit diesen Untersuchungen 
sind solche über die Darstellung des richtigen Laufes von Flüssen. Beispielsweise 
sieht man auf den Etzlaubschen Karten, und auf Karten, die nach deren Muster 
gehalten, wie S. Münsters Karte von Deutschland, die Spree direkt in die Ostsee 
münden; auf der ältesten Etzlaubschen Karte vom Jahre 1492 ergießt sich sogar 
noch die Havel m die Ostsee. Wohl aber gibt S. Münsters Eheinskizze zum ersten 
Male die Eheingestalt einigermaßen richtig wieder. ^ 

Eigentümlicherweise hegt über den ursprünglichen Küstenimiriß von Jütland 
noch keine größere Untersuchung vor. Da ist es mit Island schon besser bestellt. Die 
ersten annähernd richtigen Umrisse von Island imd die ersten Versuche, die Küsten 
Skandinaviens zu zeichnen gehen auf die Catalanen zurück. Schon im 14. Jahrhundert 
verkehrten Schiffer aus Majorka und Barcelona in der Nordsee. Hamy versucht 
nachzuweisen^, daß die Catalanen das nördUche Europa durch arabische, moghre- 
lünische Quellen kennen gelernt haben. Das scheint nicht zu stimmen, denn die mogh- 
rebinische Kartenskizze der Bibliotheca Ambrosiana in Mailand, die Hamy mitteilt, 
ist nichts anders wie eine Kopie italienischer Arbeit. 

J.V.Zahns schönes Beispiel von der Kartogra|iliic eines hcstimmicii Land- 
gebietes* steht nicht vereinzelt da. Solche Vergleiche, wie sie kartographisch noch 
diffiziler von H. Walser für den ..Umkreis des Kantons Zürich seit der Mitte des 
17. Jahrhunderts" ausgeführt wurden, tragen zur Erhellung der Entwicklung des 
historischen Landschaftsbildes wesentlich bei. Sie geben Aufschluß, ob die Verände- 
nmgen der Erdoberfläche auf physische, bzw. natürhche oder menschhche, bzw. 
künsthche Einflüsse zm-ückzuführen sind. Leichter als der Nachweis der Veränderung 
einer gi-ößem Landschaft ist der eines einzelnen bedeutendem Ortes, der auf eine 
längere historische Entwicklung zurückschaut. Von den Städten, wie Paris, London, 
Leipzig, München, Wien, Eom, Athen u. v. a. m. besitzen wir ausgezeichnete historische 
Atlanten, die das Bild der Entwicklung des Stadtplanes bringen. Mehr noch als 
Atlanten liegen Abhandlimgen über die Entwicklung des Stadtplanes vor, vielfach 
veranlaßt durch geogi'aphische und kartographische Ausstellimgen bei irgendwelchen 
festhchen Gelegenlieiten.* Daß der Stadtplan eine beachtenswertere Seite der Be- 
trachtung für den (Geographen bietet als gewöhnlich angenommen wird, hat E. Ober- 
hummer schon vor längerer Zeit nachgewiesen.'' 

1 Aug. Wolkenhaucr: iSebastian Münsters handschriftliches Kollegienbuch aus den 
Jahren 1.515-1.518 und seine Karten. Abh. d. K. Ges. d. Wiss. zu Göttingen. Phil.-hist. Kl. Niuo 
Folge XI. Nr. .3. Berlin 1909, S. 65. 

' E. T. Hamy: Les origines de la Cartographie de l'Europe scptentrionale. Exti-. du Bull, 
de g6ogr. hist. et scient. 1888, Nr. 6. Paris 1889. (Mit 7 Kartenskizzen.) 

3 Jos. V. Zahn: Steiermark im Kartenbilde der Zeiten vom 2. Jahrh. bis 1600. Graz 1895. 

* So auch gelegentlich der ausgezeichneten kartographischen Ausstellimg in der Deutschen 
Bücherei während der Tagung des 20. Deutsch. Geogra])hentages in Leipzig 1921. — Vgl. H. Kudolphi : 
Die Entwicklung des Stadtplanes von Leipzig. In den „Beiträgen zur deutschen Kartographie", hg. 
von H. Praesent, Leipzig 1921, S. 13—31. 

' Eug. Oberhummer: Der Stadtplan, seine Entwicklung und seine geographische Bedeutung. 
Verh. des 16. Deutsch. Geographenteges in Nürnberg 1907. Berlin 1907, S. 66-101. 



Die historische Methotlp in dn- Kartograpliie. 35 

Von dem großartigen Fortschritt selbst bei einer einzelnen kartographischen 
Anstalt gibt die Gegenüberstellung von afrikanischen Karten auf Tafel 11 in Peter- 
nianns Geographischen Mitteilungen vom Jahre 1905 ein beredtes Zeugnis; dort die 
alte Afrikakarte aus der ersten Ausgabe von Stielet s Handatlas, entworfen tmd 
gezeichnet von C. G. Eeichard 1820, hier die neue Afrikakarte aus der damals 
neuesten Stielerausgabe, bearbeitet von C. Barich 1905, dort die große, phantastische 
Schraffenzeichnung, hier die fein temperierte Geländedarstellung, dort die großen 
leeren Flecken imbekannten Landes, hier eine Fülle von erkundetem und vermessenem 
Kartendetail, die die winzigen Flecke kleiner unbekannter Eegionen bei dem Maß- 
stab der Karte nicht mehr darstellbar macht. 

Zuletzt bleibt die historische Aufstellung besonderer Kartengruppen übrig, 
wie der Wirtschafts-, Verkehrs-, statistischen, geologischen Karte usw. Über die 
Entwicklung der Alpenkarten im 19. Jahrhundert hat E. Oberhummer in der Zeit- 
schrift des Deutschen imd Österreichischen Alpenvereins eine Reihe von Aufsätzen, 
die dm-ch instruktive Kartenproben illustriert sind, veröffentUcht. Derartige Ab- 
handlungen werden immer willkommen geheißen, nur hätten wir m vorüegendem 
Falle auch gern etwas über die Aufnahmemethoden und die Genauigkeit der Karten 
gehört. Das Eätsel der Portulankarten scheint jetzt vöUig gelöst zu sein. Doch eine 
lange Zeit emsigen Forschens und Erwägens mußte verstreichen, ehe mau den Portulan- 
karten die richtige Stellung in der kartographischen Entwicklung einzuräumen ver- 
stand. A. Breusing, K. Kretschmer, E. v. Nordenskiöld und vorzugsweise 
H. Wagner haben an der Lösung des Problems gearbeitet. 

13. Die kartographischen Schulen und Pflegcstätfen. Überblickt man eine 
längere Zeit und versucht leitende Gesichtspunkte irgendeiner Kulturerscheinung 
herauszuschälen, nimmt man wahr, daß sich die Kartographie bald in diesem, bald 
in jenem Lande stärker entwickelte. Es bildeten sich Schulen, wie man zu sagen 
pflegt. Sie bedeuten gewissermaßen Höhepunkte in der jeweiligen Kartenentwicklung 
imd hängen mit dem geistigen mid künstlerischen mul zuletzt auch politischen 
Leben eng zusammen. Für den Kartenhistoriker ist ein großer Reiz, die Fäden zu 
verfolgen, die von einem Volk auf das andere, von einer Kaitenseliulc auf dir andere 
anderer Nationahtät überleiten. 

Über die deutschen Kartograplien der Renaissance ist bis jetzt das meiste Liclil 
verbreitet worden. Aus der elsässisch lothringischen Schule, zu der Ludw. Ringmanii . 
Phrysius (Frisius) und Villanovanus (Serveth) gehören, ragen Waldsee- 
raüller und Sebastian Münster hervor. Diese Schule wetteiferte aufs beste, wie 
Gallois nachgewiesen hat», mit der Nürnberger Schule, deren Hauptvertreter 
Schoener, Pirckheymer und Werner waren. Doch haben Waldseemüller 
»md S.Münster wohl den größten Einfluß gewonnen, dieser lun 1550 durch seine 
Kosraographie*, jener durch seine bedeutenden kartographischen Arbeiten. \\ ald- 

' L. Ualloia. a. a. Ü., S. 38. 

» Über die V. Hantzsoh (Soh. Münster. Ixiipzig IS9S) iut«-ilt: „Sic ist die or-str atisftihrlicho, 
ziiuleieh Wissenschaft!, u. voliotUm!. Weltl)eschit>il)un>; in ilcnt-schor Sprache, eine Knicht achtzehn- 
jüluigen eignen Fleißes und freiwiiUger >Lt«rlx'it von mehr als 120 Stondesix>rsonen. (Vlehrten und 
Künstlern, ein Buch, das wegen seiner Vielseitigkeit und iM-ispiellosen Verbreitung mit H.vht als ein 
Hauptwerk der gesamten geographischen Literatur des Heformationswitalters Ix-trnditt-t wenlen 

dai-f." nie Kosmocmphie wurde in clic veiN<liiedensten Spnu-hen ill)erset7.t und erlebt \l........ 

.\uflag.-n (s AniM. ■.*. S IL') 



36 Oif Kartopaphie iils Wissenschaft. 

seemüller (etwa 1480—1521) war der erste, der große Wandkarten herstellte iind 
sie vervielfältigen ließ, er war der erste, der eine bessere Projektion für das gesamte 
Weltbild anwandte, er war der erste, der die Ptolomäuskarten berichtigte mid durch 
Portulankarten ergänzte, er war der erste, der die neuen transozeanischen Ent- 
deckungen der I'ortugiesen und Spanier in gedruckte Karten eintrug und sie einem 
großem Pubhkuni zugänglich machte. ^ Beinahe ebenso l)e(leutend war ('. Vopellius. 
den man erst in neuerer Zeit wieder voll gewürdigt hat. Nicht einmal bei A. v. Hum- 
boldt, 0. Peschel, S. Enge ist er genannt, obwohl schon auf der Schweizer Karte 
des Aegydius Tschudi der ..herrUch tafel der gantzen weit Vopely" rühmend ge- 
dacht wird. 2 

Auf die kleinen führenden Geister der Waldseemüllerschen Zeit kann liier 
nicht eingegangen werden, obwohl sie in einer Geschichte der Kartographie nicht 
vergessen werden dürfen, wie z. B. Jakob Ziegler (1470—1549) in Passau, dem neben 
andern Eichtigstelhmgen die erste richtige kartographische Darstellung der skan- 
dinavischen Halbinsel zu verdanken ist.* 

Bei weitem der Größte am Anfang der neuzeitlichen Entwicklung ist Gerhaid 
Kremer, genannt Mercator (1512—1594), über den schon ein Zeitgenosse urteilte 
„in cosmographia longe primus". Mit sichtbarem Euck hat er die Kartenprojektion 
in ein neues Gleis und die Darstellung des Karteninhaltes in ein neues Fahrwasser 
gelenkt. Eührt der Grundgedanke von Mercators Projektion auch nicht von ihm 
selbst her, so erscheint doch seine Weltkarte von 1569 tatsächhch wie eine „proles 
sine matre creata" und als eine eigne Schöpfung des genialen Mannes. Mit dieser 
Karte und der Karte von Europa aus dem Jahre 1554 kann man mit gutem Eecht 
die erste Reform der Kartographie beginnen lassen. 

Der immittelbare Einfluß der deutschen Kartographen zur Renaissance- und 
Folgezeit auf die Niederländer wurde als eine feststehende Tatsache hingenommen, 
bis es Nordenskiöld gelang, noch eine eigene Zwischenstufe italienischer Karto- 
graphie nachzuweisen, die sich von den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts ab 
entwickelte imd einige Jahrzehnte ihr Übergewicht über die deutsche Kartographie 
behauptete, nicht zum geringsten verursacht durch die Schönheit und Feinheit der 
Ausführung der italienischen Karten in Kupferstich gegenüber den deutschen in ihrem 
derben Holzschnitt. Der sogenannte ,,Lafreri-Atlas", eine Sammlung von Karten 
der verschiedensten Autoren und Drucker, giljt eine Vorstellimg von dem Eeichtum 
an treffhchen Karten Italiens zu jener Zeit. 

Im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts übernahmen die Niederländer die 
kartographische Führerschaft und behaupteten sich, trotzdem sie kaum etwas Selbst- 
ständiges leisteten, bis tief ins 17. Jahrhundert hinein. Leider wurden die nieder- 
Kartenwerke (Atlanten) recht kritiklos zusammengestellt. In der nieder- 



• Ft. V. Wieser: Die älteste Karte mit dem Xamen „Amerika" a. d. J. 1507 und die Carta- 
Marina a. d. J. 1516 des Martin Waldseemüller. P.M. 1901,8.271-275. Hier finden sich auch 
Literaturangaben über Waldseemüllers Leben und Arbeiten, und wir lesen Anm. 1, S. 271, daß 
sich Xordenskiöld zu der Überzeugung von der großen Bedeutung Waldseemüllers trotz Wiesers 
.Schriften noch nicht durchgerungen hat. 

^ Vgl. Michows Faksimile der Karte und ausführlichen Kommentar i. d. Mitt. der Geogr. 
Ges. in Hamburg. XIX. 1903. — W. Rüge: Die Weltkarte des Kölner Kartographen Caspar 
Vopell. In Ratzeis Gedächtnisschrift. Leipzig 1904, S. 305ff. 

' S. Günther: Jakob Ziegler, ein bayrischer Geograph und Mathematiker. For.schgn. 
zur Kultur- und Litcraturgesch. Bayerns. Buch 4. Ansbach 1896. 



Dil- historisilir MptluiHf in iloi- KartOfrr:ipliir. 37 

ländisclieii ^^fliiilc sclilc|ii.l.ii sicli iillf I hrl j;ilirz.'lintclMiij,' fi.it. l)ic riclitige Auf- 
fassung des Weltbildes litt uud aiuleie eieuuiilaii' J-eliier -wurdeii durcli den nieder- 
ländischen Einfluß ge-wec-kt und weiter gepflegt. ^ Erranfe uno errant onines. Wegen 
dieser Eebler und der geringen l'Virderung der Kartographie durch die Niederländer 
Ivommt Breusing /u dtni Urteil, daß man doch endlich einmal anfhciren sollte, „von 
einer holländischen Schule der Kartogra|iliie zu sprechen, die zwar Bilderbücher über 
Bilderbücher geliefert, aber nie einen eigenen Gedanken geha})t hat." 

In seinem Lehrbuch der Geographie spricht H. Wagner davon, daß der Atlas 
von Nie. Sanson (1600—1(567) wesentlich den Holländern nachgebildet sei.* Das 
kann ich nicht ganz unterschreiben, denn die Holländer haben auch Sansou in 
schamloser Weise ausgenutzt, übrigens eine Sache, über die eine tiefere Untersuchung 
noch aussteht. Die französische Schule, die durch Sanson begründet wurde, 
war nicht mehr und nicht weniger wert als die niederländische, und vdi wollen nicht 
vergessen, daß Sanson manche vortreffUche Arbeit geleistet hat. 

Von einer belgischen Schule wird man kaum sprechen, wenngleich zu den 
berühmten belgischen Geographen Abraham Ortelius (1526—1598) zählt, dessen 
berühmter Atlas .,Theatrum orbis terrarum" zum ersten Male 1570 in Antwerpen 
erschien. Er war weniger Kartograph als vielmehr Sammler und Herausgeber der 
besten zeitgenössischen Karten. ^ Im Theatrum bringt er ein erstes Verzeichnis von 
Kartographen. Jeder Karte seiner verschiedenen Werke gibt er eine kurze Be- 
schreibung der Länder und seiner Bewohner, sowie eine Angabe der wichtigsten 
Quellen bei. Darum sagt nicht mit LTmecht F. v. Eichthofen von ihm: ,, Hatte 
Mereator die Legende aus der Kartenzeichnmig verbannt, so gebührt Ortelius der 
Euhm, den -sv-issenschafthcheu Charakter der letztern durch die möglichste Be- 
schränkiuig der Darstelkmg auf das wirklich Erkundete imd die Ausscheidmig des 
der Hypothese unterworfenen Gebietes der alten Geographie erhöht zu haben."-* 

Über Amsterdam kamen nicht bloß niederländische Erzeugnisse, sondern auch 
die Arbeiten von Sanson und Delisle nach Deutschland, wo sie in verschiedenen 
Städten, die sich mit Kartendruck beschäftigten, nachgeahmt, bzw. nachgedruckt 
wurden. Wir können uns in bezug auf Selbständigkeit imd Ideenreichtum kaum ein 
unerfreulicheres und ärmlicheres Bild denken als das der deutscheu Kartographie 
um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert, wobei allerhand altes Kartenmaterial 
aufgewärmt wird imd neues sich nur spärlich durchringt. 

Im 17. Jahrhundert rücken in Deutschland die kartographischen Höhepunkte 
nach den süddeutschen Kunststädten Nürnberg und Augsburg*, wo sie sich, be- 
sonders in der erstem Stadt, bis Ende des 18. Jahrhunderts erhalten. Unter den 
Augsburgern wTirde namentlich M. Seutter bekannt, der in dem Format der Ho- 
mann sehen Karten meist Kopien von niederländischen, französischen und italienischen 



1 K. Jolig: Niederländische EinflUs.se in der deutsch. Kartographie bes. des 18. Jahrh. Diss«. 
Uipzig im-i, S. 82. 

2 H.Wagner: Lelirbuch der Geographie. 9. Aufl. Hannover und Leipzig 1912. S. 9. 

» W. Wolkenhaucr: Abialuuii Ortelius. IVut.s.lic Kundschau f. fioigr. u. Statistik. 
XX. 10. Heft. S.A. S. 2. 

* Fr. V. Richthofcn: ( hin.i 1. Heilin 1877, «. Ii44. 

15 In Augsburg: Bodenehr (IKil 1704), Stridbeck (1K40-171B), Engelbrecht (1672 
bis 1735), Pfeffel (1C86 oder 1074- 1700). Wolff (lOftl 1724), Probst (167:1 1748). Seutter 
(1678-1756), Lottor (1717-1777). In Nürnberg: Jacob von Sandrart (l«:tO I7W), David 
Punck (um 1700), Christoph Wcigel (1654-1725). Joh. Baptist« Homuiu. (lfi(U ^ 1724). 



:{j^ Di,. Kaitii-niplii.- als WiKs.ns.-lmft. 

Kartell, gelegentlich auch von Honiümischen Arbeiten brachlc. (Lr. Sandler 
urteilt über ihn als einen Manu \on nicht großen Verdiensten. ^ Weit höher ist der 
Nürnberger J. B. Homann, der erste berufsmäßige Kartenstecher jener Zeit, zu 
bewerten. Blieb die Technik der Niederländer auch von nachhaltigem Einfluß auf die 
deutsche Kartographie, emanzipierte er sich als ein erster von dem niederländischen 
Einfluß; demi er strebte danach, seine Erzeugnisse kritisch, gestützt auf verschiedenes 
Quellenmaterial, zu bearbeiten. Ferner wurde er dadurch, daß er sich mit einem Stab 
wissenschaftHcher Mitarbeiter umgab, indem er Beziehungen mit wissenschafthchen 
Autoritäten seiner Zeit anknüpfte, wie mit J. G. Doppelmayr, J. M. Hase, 
J. Hübner, C. Gottschling, J. G. Gregorii, E. D. Hauber, Tob. Mayer, 
G. M. Lowitz^ u. a., der erste Kartograph im modernen Sinne. Hases Karte von 
Afrika aus dem Jahre 1737 war die erste wissenschafthch fundierte Karte der neuern 
Zeit in Deutschland, weil sie Eesultate älterer Schriftsteller und neuester Reise- 
beschreibvmgen verarbeitet hatte. Mit ihr kann man billigerweise ein neues Zeitalter 
der kritischen Kartographie begiimen lassen, die im folgenden Jahrhundert zu so un- 
geahnter Blüte gelangte. 

Die ,,Homannsche Offizin" ging 1730 an J. G. Ebersperger und J. Midi. 
Franz über, die sie als ,,Ho männische Erben" weiter führten. Franz war ihr intellek- 
tueller Leiter, worauf Chr. Sandler^ und S. Buge* großes Gewicht in ihren Er- 
örterungen legen. Die Homännischen Erben standen in hohem Ansehen, auch im 
Ausland, besonders in Frankreich.^ 

Wenn auch nach Sandler ^/g der etwa 600 Karten, die von 1702—1760 in der 
Homannschen Offizin erschienen, Kopien sind, kaim doch dieses Nacharbeiten 
anderer Produkte, im Lichte der damaligen Auffassimg von Original und Kopie ge- 
sehen, den Homannschen Ruhm nicht schmälern.* Homann und seine Nachfolger 
im Geschäft waren nach Mercator in Deutschland die ersten, die ihre Kartenwerke 
systematisch ausbauten, technisch imd wissenschafthch zu vervollkommnen strebten 
imd die vaterländische Karteuerzeugimg wesenthch förderten. Was das Justus Perthes- 
sche kartographische Institut für das 19., das war die Homannsche Offizin für das 
18. Jahrhundert. 

Parallel mit der deutschen Entwicklung blühte in England imd Frankreich 
während des 18. Jahrhunderts die Kartogi-aphie mächtig empor. In England sind 



' Chr. Sandler: Matthäus Seutter und seine Landkarten. Mit. d. Ver. f, Erdkde. zu 
Leipzig 1895, S. r>. 

2 Chr. Sandler: Die Homännischen Erben. Kettl. Z. f. wiss. Geogr. VII. Weimar 1890, 

S. 438Ö. — Vgl. auch von demselben Verf.: Job. Bapt. Homann, Z. d. Gfes. f. Erdkde. zu BerUn 

XXI. 1886. — J. G. Krünitz: Ökonomisch-technologische Encyklopädie oder allgemeines System der 

Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirtschaft und der Kunstgeschichte. 60. Teil. Berlin 1793, S. 108ff. 

' Chr. Sandler: Die Homännischen Erben, a. a. O., S. 345. 

* S. Rüge: Aus der Stumi- und Drangperiode der Geographie. (Die älteste geogr. Ges. u. 
ihre Mitglieder.) Kettl. Z. f. fl-iss. Geogr. V. Wien 1885, S. 251. 

=- In dem Atlas Universel par M. Robert et i>ar M. Robert de Vaugondy son fils, Paris 1757 
[Xat. Bibl. Paris], sind die einleitenden Kapitel sehr wichtig, bes. Kap. V: Des progres de la g6o- 
graphie, depuis son rdtablissement en Europe, jusqu' ä präsent. Hier wird auf Seite 14 des langem 
der Verdienste Homanns und der „h6ritiers de Homann" gedacht, auch vieler deutscher Ge- 
lehrter, die für die Geographie damals von Bedeutung waren, von denen wir viele heute kaum noch 
dem Namen nach keimen. Besonders hervorgehoben sind noch Seutter in Augsburg und Micovini 
in Wien (t 1750), letzterer bekannt durch seine Landesaufnahmen in Österreich-Ungarn. 

• K. Jolig, a. a. O., S. .52. 



Dil- historisclie Methoilr in der Kartojjcnipliie. 39 

Moll, Templeman imd Kitschin die wichtigsten Vertreter. Frankreich hat mehr 
zu verzeichnen. Namen wie G. Delisle, d'Anville, Vaugondy, Cassini, Buache, 
Beilin, Ducarla. Dupain-Triel sind unvergänglich mit der Geschichte der Karto- 
graphie und der Wissenschaften verknüpft. Mehr noch als G. Delisle (1675 — 1726) 
ist J. B. Bourguignon d'Anville (1697—17^2) als der erste moderne wissenschaft- 
liche Kartograph Frankreichs anzusehen.^ 

Im 19. Jahrhundert kristallisieren sieh Kartographie und zugehörige Wisseu- 
.schaft mehr imd mehr in besondere Institute, imter denen in Deutschland .J. Perthes 
in Gotha alles Ahnhche des In- und Auslandes überragt. In Großbritannien hat 
namenthch J. G. Bart hol omew m Edinburg die alten guten Traditionen der 
enghschen Kartographie, besonders die zarte Situationszeichnung imd den feinen 
Namenstich, weiter gepflegt. Die neuere nicht offizielle Kartographie Frankreichs doku- 
mentiert sich am vorzüglichsten in dem bei Hachetteet Cie. in Paris erschienenen 
großen Atlas von Vivien de iSt. Martin, den Fr. Schrader fortsetzte imd vollendete. 
Die Karten des Atlas sind sorgfältig bearbeitet und erfreuen durch ihren schönen 
und feinen Kupferstich, der manchem bald zu zart erscheinen mag. In Österreich 
hat schon seit vielen Dezennien der kartogi-aphische Verlag Artaria & Co. in Wien 
einen guten Klang, nachdem in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts der Feld- 
zeugmeister von Hauslab^ den kartographischen Arbeiten neue Perspektiven er- 
öffnete und heute KarlPeucker an der Spitze dieses Unternehmens im Hauslab- 
schen Geiste weiterarbeitet. In neuester Zeit kommen Peuckerts kartographische 
Kenntnisse und Fertigkeiten auch der kartographischen Anstalt von G. Freytag 
& Berndt in Wien zugute. In der Schweiz hatte J. M. Ziegler in Winterthur eine 
eigene Schule begründet. Ihren Höhepiuikt erreichte sie in den Karten von St. Gallen 
und Appenzell. Ziegler gehört zu den hochverdienten Altmeistern der topographischen 
Wissenschaft ; er begnügte sich nicht bloß mit der Keproduktion der eidgenössischen 
Aufnahme, sondern suchte aUe Gesichtspunkte der in Betracht kommenden Wissen- 
schaft bei der Herstellung der Karten zu berücksichtigen. Darum pflegte er nicht bloß 
mit den besten Kenuem, den Geologen seines Landes Rücksprache, sondern auch mit 
bedeutenden Vertretern der Erdkunde (§ 16, S7). Auf Zieglers Werke wie über- 
haupt auf die Neugestaltung zahlreicher Karten der Schweiz hat die Dufomkarto 
einen unverkennbaren Einfluß ausgeübt. Doch darüber später mehr. 

14. Die groBen kartographischen .Viisfaiton Deutschlands. Denken wir an 
J. Perthes, dann steigen, abgesehen von den gegenwärtigen tüchtigen kartographischen 
und wissenschaftUchen Kräften der Gothaer Anstalt, die Männer, wie Stieler (f 1836), 
E. V. Sydow (11873), Petermann (t 1878), Heinr. Berghaus (t 1884), Herm. 
Berghaus (f 1890), K. v. Spruner (f 1892), C. Vogel (t 1897), Lüddecke (t 1898), 
Hassenstein (f 1902), Habenicht (f 1917) vor unserm Geiste auf. Sie haben 

1 W. Wolkcnhauer sagt über d'Anville in d. Deutsch. Rundschau f. Gcogr. u. iStatistik. 
XIX. Jahrgg. 10. Heft: „Der 200. CJeburtstag des großen Meisters der Kartographie aber mag dem 
Jünger dieser Wissenschaft eine ^L^bnung sein, sich auch heute noch dessen Arbeiten zu erinnern 
imd daraus zu crst-hen, welch langer Weg es ist, der von den frtUiem rt)hen Eni- und L&nderbildern 
bis zu unserer heutigen Kartograiiliie führt." 

- K. V. ^^J■do^v■ sagte über von Hauslub, dnli er in .scii\er IVi-son den luicrniiidlichen und g»-- 
wiindten Zeiclmer mit dem denkenden Geograjihen und niminir nustenden Forscher vereine. Der 
kaiU.gi. Standpunkt EurojÄS in den .laliien 18(« und 186ti. P. M. 1867, S. 145. - Üln-r Hauslab 
vgl. auch K. l'cuckci: Scli.it tenpl<u-<lilv und FarlKMipla.-lik. Wien 18HS, S. 1 - lM». 



40 l>i'' Karlo-nipliic mIs Wissenschaft. 

Urumllagen und Methoden gebcliaffeu, die heute Norm und Maß bei kartograi)hischen 
Werken sind. Vielfach haben sie sich als Seher bewährt und der Kartographie Wege 
gewiesen, die sie zu einer Wissenschaft mit emporhoben. Unnütz wäre das Beginnen, 
einen dieser Männer auf Kosten des andern in den Vordergrund zu rücken. Jeder 
in seiner Art hat Hervorragendes geleistet ; bei ihnen ging gewissenhafte selbstbewußte 
Durcharbeitung des Kartenstoffs mit der meisterhaften Beherrschung der Technik 
Hand in Hand. Ein herrliches Kartenwerk nach dem andern wurde durch sie ge- 
schaffen. All diesen Schöpfungen wurde aber die Krone mit Carl Vogels Karte des 
Deutschen Eeiches in 1:500000 aufgesetzt; sie bedeutet einen Höhepunkt unserer 
gegenwärtigen Kartenentwicklungi (s. S. 4). 

Aug. Petermann unterscheidet sich insofern von seinen Perthesfchen Mit- 
arbeitern, als er schulbildend wirkte.^ Nicht nur der eignen Anstalt kamen seine ge- 
schulten Kräfte zugute, sondern der gesamten leistungsfähigem deutschen Karto- 
graphie in ihrer jetzigen Entwicklung.^ Wenn das Kritisch-Wissenschaftliche ein 
Maßstab der Beurteilung ist, dann gebührt dem Obersten Emil von Sydow (1812 
bis 1873) ein erster Platz. Auf seine berühmten zwölf kartenkritischen Aufsätze über 
den ,, kartographischen Standpunkt Europas" in Petermanns Geographischen Mit- 
teilungen habe ich beieits hingewiesen (S. 18). Von unvergänglichem Wert mid 
klassischer Diktion ist seine Abhandlung über die „drei Kartenkhppen".* Neben 
\-ielen Karten hat er eine Übersicht der wichtigsten Karten Europas veröff enthebt, 
eine für allgemeine Zwecke brauchbare Generalrekapitulation, bei der außer der 
eminenten Beherrschung des Stoffes mad der ebenso gediegenen aln unparteiischen 
Kritik ganz besonders die praktische Einrichtung des Ganzen hervorgehoben zu 

' Obwohl Vogel selber keins der Kartenblätter mehr gezeichnet hat, so hebt doch die Kritik 
überall die ungemein große EinheitUchkeit als das ausschließliche Werk ihres befähigten Leiters 
hervor. Vogel wußte eben, wie H. Wagner in dem Nekrolog über C. Vogel (P. M. 1897, S. V) 
sagt, seinen Mitarbeitern einen Geist gleichgerichteter Auffassung einzuflößen, der sie nach gemein- 
samem Ziele streben ließ. J. Partsch begründet in der Schlesischen Zeitung (1893) die praktische 
Bedeutimg der Karte folgendennaßen: „Sie stellt sieh die Aufgabe, das Tenainbild, die Beschaffen- 
heit und Waldbedeckung des Bodens, die menschlichen Ansiedlungen, das Netz aller Wegeverbindungen 
mit so weitgehender Unterscheidvmg ihres Charakters und ihrer Leistungsfähigkeit zu bieten, daß 
Heeresbewegungen im großen und einzelnen danach geregelt werden können;" und nachdem er 
weiter darauf hingewiesen, daß für die praktischen Aufgaben der Terrainbenutzung selbstverständlich 
Karten großem Maßstabes nicht entbehrlich sein werden, fügt er hinzu, „daß eine diesen Forderungen 
entsprechende Karte auch jedem andern Zwecke des ernstem Studiums und der Bereisung, wenn sie 
etwas größere Flächen umsjjannen sollen, völlig Genüge tut." — Über die zweifache Ausgabe der 
Vogelschen Karte 1:500000, 27 Bl. (Gotha 1891-1893) vgl. L. Neumann in G. J. Bd. XVIL 
1894, S. 183. — Ein ähnliches Lob wie der Vogelschen wird auch der Karte von Lep sius: Geologische 
Karte des Deutschen Reiches (1 : 500000, 27 Bl., Gotha 1894-1897) gespendet. - Der Verlag 
J. Perthes hat sich den Dank der verscliiedensten Interessenkreise erworben, daß er 1907 noch eine 
wohlfeile Umdrackausgabe der durch die Art der Herstellung bedingten nicht ganz billigen Vogel- 
schen Kai-te herausgab. — P. Langhans hat Vogels Karte neu bearbeitet (1917) und um 6 Blätter 
erweitert, nach S üb. d. Alpen zwischen Genf und Agram, im üb. die deiitschen Kroiiländcr 
(isteiTeichs. 

2 Vgl. E. Behm im Nekrolog über Aug. Petermann. P. M. 1878, Blatt 4. 

" Unter den Schülern Petermanns seien genannt: E. G. Ravenstein, Br. Has»(aistcin, 
E. Debes, L. Eriederichsen, H. Habenicht, A. Wekker, Fr. Hanemann, Chr. Pei]), 
Br. Doman und Otto Koffmahn. 

^ E. v. Sydow: Drei KartenkUpiJen. G. J. I. 1866, S. 348-361. - Wieder abgedruckt 
bei (). Krümmel: Ausgewählte Stücke aus den Klassikern der Geographie. Kiel u. Leipzig. I. 1904, 
S. Hil 174. 



Dil- historische Methode in der Kartographie, 41 



werden verdient. ^ In ;ill diesen Arliciten dokunienfiert sieb eine erstaunliche Siclier- 
heit und Beherrschung des Stoffes, sie sind die Grundlage einer modernen Karten- 
kritik geworden, die durch ihre zentralisierende Beleuchtung sehr verschiedener .Me- 
thoden auf mannigfaltige Kartenarbeiten, ebenso auf Verbesserung und Erweiterungen 
offizieller Mappierungsarbeiten anregend und belebend gewirkt hat.^ Diese kritisch- 
kartographischen Arbeiten werden erfreulichenveise weiter gepflegt. 

Neben d&r Gothaer Anstalt haben sich verschiedene andere Institute in Deutsch- 
land entwickelt, die gleichfalls Einfluß auf das kartographische Schaffen und Leben 
gewannen. Unter ihnen seien vorderhand allein genannt die kartographische Anstalt 
von Velhagen & Klasing in Leipzig, jetzt unter der Leitung von E. Ambrosius 
und vorzugsweise bekannt durch die Herausgabe des vielseitigen imd praktischen 
Handatlas von Andree, und ganz besonders die Anstalt von H. Wagner & E. Debes 
in Leipzig. Die Seele der letztem ist E. Debes. Unter ihm wirkten und wirken 
P.Elfert (tl898), E.Wagner (j 1916), O.Heymer (t 1917), C.Erdmann (f 1920), 
H.Fischer, O.Winkel, H. Baumann u. a.* Die Wagner-Debessche Anstalt \er- 
öffenthchte neben der großen Anzahl von Karten und Stadtplänen für die Reise- 
handbücher von K. Baedeker zahlreiche kartographische Arbeiten für andere Ver- 
leger und wissenschaftliche Institute, ferner den bekannten Neuen Handatlas von 
E. Debes und zum ersten Male in Deutschland nach neuen pädagogisch-methodischen 
Prinzipien eine Reihe stufenförmig sich erweiternder Schulatlanten imd Wand- 
karten. Die Debesschen Schulatlauten fanden durch ihre übersichtliche, deutliche, 
alles Nebensächliche miterdrückende, kräftige imd doch dabei formrichtige, genaue 
Zeichnung, verbunden mit einer geschmackvollen, harmonischen Farbengebiuig und 
einer sorgfältig erwogenen Namenauswahl, sowie einer äußerst eleganten mid scharfen 
Ausführung m Stich vmd Druck großen Beifall mid entsprechende Verbreitung, 
aber auch eifrige Nachahmung. 

Die großen kartographischen Institute haben sieh mit einem wisseuschafthchen 
Arbeiterstab umgeben, der zuletzt ein integrierender Bestandteil dieser Institute 
geworden ist. Dieser Typus in der kartographischen Entwicklung ist insbesondere 
bei J. Perthes ausgebildet worden. Zu Petermanns Zeiten war die Perthessche 
Anstalt eine kleine „geographische Gelehrtenrepubhk", gewiß eine interessante Phase 
im Entwicklungsgang der Kartographie. In Befolgung dieses Typus sind J. Perthes 
und andere Anstalten groß geworden. Ob das für die Zukunft die ausschließlich 
gegebene Form ist, bleibt noch abzuwarten. Es will mir dünken, daß die zukünftigen 
Aufgaben der Kartographie auf weitere Formen abgestimmt werden müssen, oder 
mit andern Worten, daß der Geograph, der nicht direkt in Diensten der Anstalt steht, 
wieder mehr zu den kartographischen Arbeiten herangezogen werden muß. Denn 
('S entwickeln sich Aufgaben, die die einzehien Anstalten mit ihren geographisch- 
wssenschafthch durchgebildeten Kartograjihen mcht allein bewältigen kömien 
(s. S.6, 60). Einen Anfang dieser Neutrscheinung erbUcke ich bereits in der Bearbeitung 
des „Grande Atlante Internationale" des Touring Club Itahanu mit dem Zentralsitz 
in Mailand. Eine große Schar italienisciier Geographen sind an der Herausgabe des 



' E. V. Sydow: Übersieht der wiehtipsten Karten Euu jas. Perhii lbf4. 

2 Vgl. den Nekrolog über E. v. Sydow von Fieih. v. Trosehke I. d. ..Mil.\Voehenl>latt" 
v..ni 18. Okt. 1873. ^ Wieder abgednukt in P.M. 1873. S. 441-444. 

» Darunter Kromayer. Ketzer Ct), Carsten. Guoid Jiin^ik. M. Groll, Sternkopf. Hölke. P. Bosse 
(Weimar). 



42 l>i<' lvartiigra])liic' :il^ Wissciisrliiil't. 

Werkes beteiligt, für die, damit das gaiizr iiiclil ein Midiwerk wiid. riu grolteügig 
angelegter und doch fein durchdachter Ailicilsjilan vorgeschrieben ist.' 

i:.. -WaiMlKarlc iiiul Afhis. Die (iocliiclilr des Atlas begiiinl niil. der VVeu.le 
des j\littela!ters zur .Neii/.eit. l'ast um die gleiche /eil sel/,t auch die der Wandkarte 
ein. Wiiiu-end die Kartographie bis dahin in d<'i liiuiilsaehe maritim war, fängt sie 
mit der Wiedererwcckimg des Ptolcmäus an kontinental zu werden. 

Die Auferstehung des Ptolemäus im Zusammentreffen mit der Auffindung 
der hjeewege nach Indien und Amerika und mit der Erfindung des Buch- und Platten- 
druckes waren die mächtigen Impulse, die die Geographie und Kartographie aus ihrem 
mittelalterlichen totähnlichen Schlafe aufiaittelten und ein Interesse an geographischen 
Entdeckimgen, Beschreibungen mid Kartenerzeugnissen weckten, das uns heute noch 
iji Erstaunen A^'rsetzt. In hohi-n Auflagen wurden Karten mid Atlanten gedruckt 
und verbreitet-; es war, als oli sich die Wi'lt nicht satt seilen, lesen und unterrichtien 
gekoimt hätte. 

Die Form der kartographischen Veröffenllicluing in Sammlungen, in Atlanten 
überwog in der Zeit der großen Entdeckimgen die Herausgabe von Einzelkarten, so 
daß S. Münster 1528 direkt zur Herstellung von Einzelkarten aufforderte. Aber 
erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts werden sie häufiger, vorwiegend der 
Etzlaubsche Verkehrskartentypus und die Wandkarte, wie wir sie heute noch kennen 
und gebrauchen. 

Die Geschichte der Wandkarte ist bis jetzt ganz stiefmütterlich behandelt 
worden. Größtenteils hängt das damit zusammen, daß Wandkarten aus den frühern 
Jahrhunderten zu den größten Seltenheiten gehören. Sie sind noch leichter der 
Vernichtung anheimgefallen als die einzelnen Handkarten, die sich gut in einzelnen 
Folianten aufbewahren ließen. Zum ersten Male treten die Wandkarten im 16. Jahr- 
hundert auf, gelangen gegen Mitte des folgenden Jahrhunderts zu einer gewissen Blüte, 
treten darauf dann wieder weniger in Erscheinung, um erst wieder gegen Mitte des 
19. Jahrhunderts zu neuem kraftvollem Leben zu erstehen. 

Die großen Weltkarten von Waldseemüller, Mercator sind nicht direkt 
als ,, Wandkarten" in dem heutigen Sinne anzusprechen. Aber die Art imd Weise 
der Darstellung, die ganze Auffassung des Inhaltes und die Größe des Maßstabes 
lassen sie ohne weiteres als Wandkarten bezeichnen. Im 17. Jahrhundert knüpft sich 
die Herausgabe von Wandkarten an zwei Namen, an Willem Janszoon Blaeu 
imd Frederick de Wit. Die Wandkartenzentrale war Amsterdam; die Wandkarten 
selbst entstammen dem Zeitraum von 1620—1670. Von Fr. de Wit, der sowohl als 
Kartograph wie als Drucker und Herausgeber auftritt, besitzen wir Wandkarten von 
Europa, Asien, Afrika^ und eine vorzüghche von der gesamten Erde. Letztere Karte 



1 II „Grande Atlante Internationale del Touring Club Italiano". Nota per V VIII Congresso 
Gcographico Italiano. Firenze 1921, S. 18-32. (Mit Kartenbeilage). 

^Wissen wir doch, daß die 235x120cm große Weltkarte Waldseemüllers von 1.507 
in 1000 Exemplaren gedruckt worden ist. — Innerhalb eines Vierteljahrhunderts erschienen niclit 
weniger als 25 Ptolomäusausgaben. — S. Münsters Kosmographie, deren erste nicht voll- 
ständige Ausgabe 1544 erschien, erlebte bis 1650 46 Auflagen. 

^ Fr. de Wit: Nova et accurata totius Europae tabula. Amsterdam 1662. — Nova et accurata 
totius Asiae tabula. Amsterdam ca. 1660. — Nova et accurata totius Africae tabula. Amsteidam 
ca. 1660. — SämtUche drei Wandkarten Iiaben je eine Größe von 120 x152 cm. - Über die drei 
Karten verfügte 1919 noch der tjckaiintc BiiclJuindlcr und Antiquai K. W. H ioi sciriann in I>i-ipzig. 



Die histurisulic Mctliuili- in d.-r Kartognipliie. 43 

sah ich in der Bibliothek des Prinzen Ulrich von Schönhurf^'-Waldcnhurt,' auf 
Schloß Guteborn bei Euhland unter vier Wandkarten, die sich ebenso durch ihre 
Seltenheit wie ihr Alter und wissenschaftliche Bedeutung auszeichnen.^ Die ilrei 
andern Karten haben Blaeu zum Verfasser und scheinen aus den Jahren lü20— KJBO 
zu stammen. Sämtliche Karten sind in Kupfer gestochen, sie enthalten außer dem 
vollständigen Gradnetz auch noch Kompaßrosen und Kompaßlinien. In bezug auf 
die Darstellung der Küstengliederung und der einzelnen Erdräume sind die Karten 
reich an Einzelheiten und geben den Stand der damaligen neuesten Forschungen an. 
Um den Absatz der Karten in den verschiedenen Ländern zu erhöhen, hatte man die 
Ränder auf den Witschen Karten mit einer dreifachen ausführlichen Beschreibung 
des Erdteils in lateinischer, französischer und niederländischer Sprache ausgestattet. 
Auf der Weltkarte von de Wit erscheint die geographische Beschreibung der ganzen 
Erde in niederländischer, französischer und enghscher Sprache. Auch diese Karten 
sind wie die Handkarten jener Zeit mit merkwürdigen und größtenteils natui-getreuen 
Yölkertypen und Trachtenbildern, Plänen und Stadtansichten geschmückt, die leeren 
Stellen innerhalb der Kontinente mit charakteristischen Völkertypen und wilden Tieren 
und innerhalb der Ozeane mit Handelsschiffen, kämpfenden Kriegsflotten uml 
Seeungeheuern. Die Blaeuschen und Witschen Karten haben nichts Gemeinsames 
mit den viel verbreiteten Blaeuschen Atlanten, sie shid offenbar direkt als Wand- 
karten entworfen. Am interessantesten ist die Weltkarte; ihr ungenannter Zeichner 
verfügt über ein umfassendes erdkundliches Wissen und eine ausgezeichnete kritische 
Befähigung, was man an der Darstellimg Amerikas, Australiens und Japans verfolgen 
kann. Im 18. Jahrhimdert hat man Wandkarten hergestellt, von denen man bestimmt 
weiß, daß sie ,,zum Gebrauch des Aufhängens an den Stubenwänden gestochen sind". 
Man bezeichnete sie damals irrtümlicherweise auch mit dem Namen ,,Cabinets- Karten", 
worunter jedoch die großmaßstabigen Karten und Pläne einzelner Besitzungen zu 
verstehen sind; sie waren dmxhgängig handschriftlich hergestellt und entsprechend 
mit einer ungedruckten Beschreibmig versehen. - 

Die neuere Entwicklung der Wandkarte setzt gegen Mitte des 1'.'. Jahrhunderts 
ein, wesenthch veranlaßt durch das Erscheinen von Herrn. Berghaus' Chart of the 
workP, die auch im neuen Jahrhimdert noch Auflage auf Auflage erlebt. Diente 
sie von Haus aus mehr wirtschaftlichen Zwecken, wurde sie gern auch im Unterricht 
benutzt. Das Bedürfnis eines sich methodisch und praktisch vertiefenden Geographie- 
unterrichts nach gutem kartographischem Anschauungsmaterial ließ die Schul- 
wandkarte in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstehen. E. v. Sydow 

' Nova totiuH tenai-imi orbis tabula. 150x200cm. Gedruckt Amsterdam bv Frederii-k 
de Wit, ca. 1660. — Nova et e.xacta Asiae pixijjraplüca descriptio, auct. G. J. Blaou. Stocher und 
Drucker der ältere Claes Janszoon Vissclier. — Nova Africae geograplüca et Ivydrographica de- 
scriptio, auct. G. J. Blaeu. Stecher: T. van den Ende sculpsit; Dnuker: Cl. J. Visschcr. 
Nova totiu.s Americae sive Novi Orbis tabula, auct. G. J. Blaeu. — Die drei Erdteilkarten haben je 
eine Größe von 125 x 175 cm. Die Amerikakarte ist gewiß sehr .selten, sie fehlt, wie aus Philipps 
„List of Maps of America" 1901 hervorgeht, in der Library of t'ongreß, \Va.shington. — In der kiirto 
gra])lÜHchen Literatur sind sämtliche 4 Karten bisher niolit beschrieben, auch in dem maßg»"lHMidiMi 
Kai-t«-nverzeiclmis der reichsten Karfen.samndnng der Weil, dem Ciitaiogiie of the print«>d maj»* 
in thi' British Museum, sind sie nicht crwiiluil. 

- J. G. Krünitz; Encykloiiädie, a.a.O.. S. «7, .\nin. ,1. Gh. Pfennig: EixiU-schn-ibung. 
licilin u. Stettin 1779, S. 153. 

" 186.3 zum ei-sten Male vei-öffcnllidil. Die Situalii'is/.ci. liiuiiig wiii <-iii<- der let/.leii Arln-ileii 
des greisen v. Stülpnagcl. 



44 I»ir K:ir((.pr;i|.liic :\1? Wissonsetiaft. 

in l'ivuücii. (). DeHlscli in Siichscn. A. Sl ein lia nser in ()slcnvifli. -1. M. ZiegliT 
in der Sc'li\\ciz giil cn den iiriicn Ideen die wiinsfliiiiswerte Stoßknifl. Hervorragende 
Schuliuäiuier, hauptsächlich solche der Volksschule, gewarinen großen Einfluß auf 
die neuzeitliche Schulwandkarte. Kleine und große private Karteninstitute des In- 
und Auslandes wurden Hersteller mid Verleger der neuen Kartenart. Nur selten hat 
der Staat, wie z. B. die Schweiz, in die Entwicklung der Schulwandkarte eingegriffen. 
Unter den neuern Schulwandkarfenautoren finden Avir wohlklingende Namen, wie 
Diereke, Haack. Friederic-lisen . Gabler. Harms. Kulinerl. Edw. Stanford 
u. V. a. ni. 

Am Anfang der Geschichte des Atlas stellen die einzelnen Ptolemäus- 
ausgaheni; sie bilden den Frofotyp unserer modeiuen Atlanten. Die Straßburger 
Ptolemäutausgabe vom Jahre 1518, die außer dem Text und den Ptolemäuskarten 
noch in einem zweiten Teile ..Claudii Ptokmei Supplementum" zwanzig moderne 
Karten (darunter die Karte von Deutschland nach Etzlaubs Eeisekarten von 1501) 
von Martin Waldseemüller bringt, ist wohl mit Nordenskiöld als der erste 
moderne Atlas anzusehen. Durch Ph. Clüvers Einfluß verschwinden am Anfang 
des 17. Jahrhunderts die Ptolemäusausgaben mehr und mehr. Sie hatten sich in der 
Tat überlebt. In seiner Abhandlimg über Clüver kommt J. Partsch zu demselben 
Ergebnis wie Lelewel, daß der Einfluß, den der ägyptische Geograph im 16. Jahr- 
himdert auf die Gestaltung der Länderräume, insbesondere auf Europa gehabt habe, 
einen Eückschritt bedeute. So schroff möchte ich diese Bedeutung des Ptolemäus 
nicht abweisen und in ihr nur mehr eine wissenschafthch notwendige Staffel in der 
Entwicklungsgeschichte erbhcken. Denn man muß sich doch ins Gedächtnis zurück- 
rufen, daß durch die Ptolemäische Doktrin auch enger begrenzte Länderräume auf 
Gnmd von Distanz- und Positionsbestimmrmgen in größerm Maßstabe fixiert wurden, 
wie Ijothringen, die Schweiz, die Oberrheinische Ebene in der Straßburger Ptolemäus- 
ausgabe von 1513 bezeugen, welche Karten als die frühesten, wenn auch rohen imd 
unbeholfenen Belege für die erwachenden Landesaufnahmen gelten. ^ 

Die erste Sammlung neuerer Länder- und Erdbilder schuf Abraham Ortelius 
1570 mit dem „Theatrum orbis terrarum". Der Sohn Mercators, Eumold, gab 
ein Jahr nach dem Tode seines großen Vaters den Folioband heraus: Atlas sive 
cosmographicae meditationes de fabrica mimdi et fabricati figura Gerardo Mer- 
catore Eupelmundano etc. Duisburgi Clivorum 1595; gedruckt von Albertus 
Busius in Düsseldorf 1595. Mit dem Erscheinen dieses Werkes wird der schon von 
Mercator bei Lebzeiten — wie aus dem dem Atlas gewidmeten Vorwort hervorgeht — 
gewählte Ausdruck „Atlas" für Kartensammlungen gebräuchUch. Beiläufig bemerkt 
ist der Atlas von Anton Lafreri aus den Jahren 1556—1572 die älteste Karten- 
sammlung, die den globustragenden ,, Atlas" zeigt. Daneben werden noch allerhand 
andere Bezeichnungen für größere Kartensammlungen angewandt. So erscheinen 



' Justin Winsor: A bibliography of Ptolemy's Gk-ography (1462 — 1867). Libraiy of Har- 
vard University. Bibliographical Contributions. Nr. 18. Republished from the bulletin of Harvard 
University, Cambridge Mass. 1884, 42 S. - Nordenskiöld: Facs.-Atlas, S. 9-29. - W. Wolken- 
hauer: Aus der Geschichte der Kartographie. Deutsch. Geogr. Blätter XXVTI. Bremen 1904. — 
Th. Schöne: Die Gradnetze des Ptolemäus im 1. Buche seiner Geographie. Gymnasialprogramm. 
Chemnitz 1909. — Wolterdorfs Repertoriiun der Land- und Seekarten, Wien 1813 (zuerst 1810 
erschienen), bringt übrigens eine ausführliche Aufzählung der Kartenausgaben des Ptolemäus. 

2 Vgl. auch Anm. 2 S. 31. 



Die historische Methode in der Kartographie. 45 

lieben dem Atlas novus ein Atlas nuevo, Thi atre du monde. Theatro del todo ei 
mondo, Grooten atlas oft weroltbeschryving, Tooneel des Aerdiycx, Großes Weltbiich. 
(ienerale Weltbeschreibimg. General Atlas. The world described, Kieuwe eii beknoptt- 
Hand-Atlas etc.i Eine schier endlose Reihe von Atlanten läßt sich aufzählen, dii- 
iiatürhch immer als „erneuert" und „verbessert" auf den Markt kamen, (he wohl 
cjuantitativ viel brachten, aber quahtativ bis auf wenige Ausnahmen keinen Fort- 
schritt gegenüber den Veröffentlichungen von Ortelius imd Mercator aufwiesen. 
Die Blüte der mehrbändigen Atlanten in GroßfoUo reichte bis weit in das 18. .Tahr- 
hiiiidert hinein. ^ 

An der Herstellung von Atlanten beteiligten sich außer den Deutschen und 
Niederländern in der Hauptsache Franzosen, Engländer und Itahener. Die franzö- 
sischen Atlanten dominierten im 18. Jahrhundert. In neuester Zeit sind es vorwiegend 
Deutsche imd Engländer, die große Atlanten verlegen ; Frankreich folgt erst in zweiter 
Linie. In der Herstellung von Spezialatlanten, ganz gleich ob sie mehr das länder- 
kundliche tmd politische oder das physikahsche oder das wirtschaftliche Moment in 
den Vordergrund stellen, hat Großbritannien allen andern Staaten den Eang ab- 
gelaufen. ^ 

An Handatlanten, die die ganze Welt umfassen, besitzt gegenwärtig Deutsch- 
land die meisten und besten*; und der große Stieler, Andree und Debes sind zu 
Hunderttausenden in deutscher Sprache oder in Übersetzung über die ganze Erde 
hin verbreitet. Gewiß auch ein Grund, daß man Deutschland außerhalb der schwarz- 
weißroten Grenzpfähle das Land der Geographen nennt. Der Handatlas von Adolf 
Stieler, der Neue Handatlas von Ernst Debes und der Allgemeine Handatlas von 
Richard Andree bedeuten entschieden Höhepunkte unserer modernen Atlas- uiul 
Kartengeschichte. Gerade dieses Dreigestirn am kartographischen Himmel hat 
A. Penck vorzugsweise einer eingehenden Analyse imterzogen^, indem er sich an die 
äußere Ökonomie der Kartenblätter hält, soweit sie vom Maßstab diktiert ist, imd 
Vergleiche zwischen den einzelnen Karten nach Umfang und Inlialt anstellt. Auf die 
Entstehimgsgeschichte der .\tlanten selbst wie den Lrmern Bau* geht Penck nicht 



l 



' Anlior den in .Vnm. 1 S. 44 genannt Kartenübersichten vgl. weiter: Libi-ary of Congi-ess. A 
Ustof geographica! atlasesby Philipps. Vol. I. Atlases. \'ol. 11. Author list. Index. Washington 1909. 

- Wertvolle und soviel wie möglich vollständige Atlantensammlungeu befinden sieh in dei- 
Bibliothenue nationale in Paris und im Britischen Museum in London. .\uch die .\msteixJamer Uni- 
versitätsbibliothek besitzt eine reiche .Sammlung. Ebenso liaben amerikanische Bibliotheken sehr 
viele Atlanten aus europäischen Bibliothekbeständen zusammengehäuft. 

' Unter den engli.schen Spezialatlanten seien nur hervorgehoben : The sm-vey atlas of England 
and Wales. Edinburgh 190:5-1904. J. Bartholoraew & Co. - John Elliot: Chmatological Atla-s 
of India. Issued by the I tidian Meteorological DeiKirtement 1906. - Philips' Mercantile marine atla.s. 
London 1905. - Atlas of tlie world's commerce. Hg. von J. G. Bartholomew. London 1907. 

* Außer den drei bekannten Atlanten Stieler, Debes und .-Vndree seien genannt: Sohr- 
Berghaus, Neuauflage (nicht vollendet) von Alois Bludau; H. Kieperts Handatlas; Spamers 
Handatlas; die Volksatlanten von Velhagen & Klasing, von Hartleben; Meyers geographi- 
scher Handatlas, letzterer in iler Hauptsache ein Samiuelband der Ivartcn luis .Meyers Konversations- 
lexikon. 

" A. Penck: Deutsche Handatlanten. G. /. 1911, S. C:« -64li. 

'^ Wie man z. B. bei der Beurteilung des imiern Baus von .\tlantfn vorgehen kann, hat Eng. 
v. Romer in seinen „Kritischen Bemerkungen zur Frage der Ternvindai-stellung" (Mitt. d. (Jeogr. 
(ies. in Wien 1909, S. 507-538) gezeigt. Übi>rhaupt steigt l'euek nirgends in giiillere Tiefen hiniil. 
und gibt sieh mit allgemcinou Wertschätzimgen schon zufrieden. 



46 1*''' Kai'ttigraiiliic als Wissonsclmf't. 

oiii. fcincv wird die Projektionsfrage nur flüchtig gestreift. Dagegen bleibt er ausführ- 
licher l)ei Verbesserungsmöglichkeiten der Handatlanten stehen und gibt da etliche Winke. 
Für mich handelt es sich hier bloß darum, auf das Unterschiedliche im Aufbau 
zwischen den beiden Handatlanten von ausgeprägtestem Typus, zwischen Stieler 
und Debes, hinzuweisen. Was Stieler unter den Kupferstichkarten, das ist Debes 
unter den Lithographiekarten. Debes achtete bei der Anlage seines Werkes besonders 
auf die Aligrenzung der Blätter, von denen jedes ein geographisch gut abgerundetes 
Landschaftsliild liringt, dabei jedoch in möglichst praktischer imd ökonomischer Art 
so gestaltet ist, daß die benachbarten Blätter meist weit ineinander greifen. Darin 
unterscheidet er sich wesentHch von Btieler, der die Kontinente und größern Länder 
in einzehie, nicht abgerundete Kartenteile zerlegt, die erst aneinander gefügt ein 
geographisches Gesamtbild ergeben^; nur bei Asien ist dieses Prinzip, das wir anstatt 
Hand- besser Wandkartenprinzip nennen wollen, durchbrochen. Über den Wert 
der verschiedenen Abgrenzungsprinzipe läßt sich streiten; offenbar hat Debes in den 
geschlossenen größern Landschaftsbildern das mehr geographische Moment voraus, 
dagegen gewinnt Stieler durch seine Methode und die dadurch bedingte Vermeidimg 
von Wiederholungen einen größern Maßstab für die Karten und gibt die Möglichkeit, 
große liänder, wie die spanische Halbinsel, Frankreich, die Vereinigten Staaten von 
Amerika^, Südamerika, Afrika durch Zusammensetzen auch in einem Blatt bringen 
imd benutzen zu können. Der Stieler ist umfangreicher als der Debes; dieser hat ein 
größeres und ebenso wohlerwogenes Format.^ E. Debes, durch die projektions- 
kritischen Arbeiten von Tissot und Hammer angeregt, bringt als ein erster in dem 
Handatlas rationellere Entwurfsarten in weitgehenderm Maße als es bis dahin in 
Handatlanten der Fall war. Im übrigen aber behält Stieler als allgemeiner Hand- 
atlas mit seinen 100 Blättern der Neuauflage immer wieder die führende Bolle unter 
allen ähnlichen Kartenwerken des In- und Auslandes; noch immer umfaßt er unter 
den jeweiligen Erzeugnissen die schönsten rmd wirksamsten Bilder von dem Antlitz 
der Erde. Diese Palme zu erringen ist jetzt schwieriger als früher, da das Niveau der 
Kartographie des In- und Auslandes ein erfreulich höheres und gleichmäßigeres ge- 
worden ist. Daneben ist aber für den Stieler noch ganz besonders anerkeimenswert, 
daß er bei einer hundertjährigen Entwickliuig Charakter mid Ziel im wesentlichen 
treu bewahren konnte, also die Grundsätze der Bearbeitung, die Adolf Stieler in 
den ersten Sätzen des Entwurfs zum großen Atlas folgenderweise bezeichnete: ,, Meine 
Idee ist, etwas dem Plan nach Beschränktes, aber in der Ausführung Ausgezeichnetes 
zu liefern. Bequemes Format, Begleittext zu jedem Blatt, möglichste Genauigkeit, 



' M. Eckert: Der Einfluß von Ernst Debes auf die Deutsclie Kartographie. Olobus X(!III. 
Nr. 15. 1907. - Vgl. auch C. Vogel in P. M. 1879, S. 338. 

- Gerade diese Karte, zuerst von Aug. Petermann sorgfältig bcaibeitet, fand seither größte 
Anerkennung, auch von amerikanischer Seite; E. H. Ruffner (Headquarters Department of the 
Missouri, Porth Leavenworth, Office of the Chef Engineer) schreibt am 5. Nov. 1874 an Petermann: 
„I am led to admire jour great care and accuracy and also the beautiful execution of the whole werk. 
This Map, I am ashamed to be compelled to acknowledge, is much the most accurate generale one in 
existence of the westem half of ovir territory." 

" Als Debes das Format der Blätter seines Atlasses innerhalb der Randünie nach eingehen- 
den Erwägungen in dem Au.smaß von 36 x 48 cm festgesetzt hatte, wodurch ein Ponnat erreicht 
wurde, das ungefähr die Mitte hält zwischen den Atlanten von Kiejjert und Stiele r und eine Menge 
Vorteile bietet, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, wurde dies bald von Herausgebern 
anderer Atlanten erkamit, die sich ihrerseits lioeilten, ilire Weike auf dasselbe Format zuzusc'hneideii. 



Die histüiisi-hf Mptliodr in (liT Kartogviiphir. 47 

Dputlichkeit und Vollständigkeit, dabei doch zweckmäßige Auswahl, Gleichförmigkeit 
der Projektion und des Maßstabes-" Der Begleittext hat in den spätem Ausgaben 
dem Inhaltsverzeichnis weichen müssen. Eine solche Höhe vermochte der Stiele) 
schon seit der Jubelausgabe in 84 Blättern von lüQQ imd 1867 zu behaupten, in der 
sich die Terraindarstellung eines größern Kartenwerkes zum ersten Male in ausgiebiger 
Weise auf Höhenzahlen stützte. Zu dem wohlverdienten Lobe des Stielerschen 
Handatlas, das bereits in allerlei Tonarten des In- und Auslandes besungen worden 
ist', wollen wir hier weiter keine Lorbeerreiser hinzupflücken, da sich uns noch öfter 
die Gelegenheit bieten wird, auf diese mid jene Seite des Atlas einzugehen. 

Nim soll man nicht glauben, daß mit den heutigen Handatlanten das Xon plus 
ultra der Kartographie erreicht sei. Neue Zeiten zeitigen neue Bedürfnisse. Auch die 
Handatlanten werden sich umwandeln oder wesentHch ergänzen müssen. Sie genügen 
wohl heute vollkommen dem PoUtiker vmd Zeitmigsleser, nicht aber dem Geographen, 
es sei denn, daß er recht anspruchslos ist. Doch darüber wollen wir uns später noch 
ausführlicher unterhalten und hier bloß hervorheben, daß es ims heute vor allem 
an guten deutschen Spezialatlanten, che wissenschafthchen und praktischen Be- 
dürfnissen dienen sollen, fehlt. Für die Probleme der Anthropogeographie mid Staaten- 
kunde fehlt ims ein großer methocUscher Atlas''^, imd die Herstellung eines kultur- 
geographischen Atlas ist schon seit Jahrzehnten, seit der Zeit, als J. Spörer seinen 
geistreichen Aufsatz „zur historischen Erdkunde" schrieb', ein schöner Traum. 

Wir sind niso noch an keinem Endpunkt kartographischer Entwicklung an- 
gelNouinicn. und all die gegenwärtigen scheinbar Superlativen Entwicklungserscheinungen 
sind weiter nichts als Durchgangsstufen. Immer wieder muß betont werden, Ziel 
und Zweck eines Kartenwerkes sollen dessen Inhalt. Umfang und Güte bestimmen. 



1 P.M. 18(i7, S. 211-217; 1871, S. 321-320; 1874. S. 89-93; 187ö, S. :t3-3r); 1876, S. 1 
l)is 7; 1879, S. .S38 — 344. — Sodaim die neuern Aufsätze über Stielers Handatlas von H. Habenichl 
in P. M. 1902, S. 12, 13; von H. Wagner in P. M. 1904, S. 1-10; von H. Haack: Die Hundcrtjahr- 
ausgabo von Sticlers Handatlas in P. M. 1921, .S. 19ff. — Die Güte der Stielerschen und anderer 
Karten der Pertbesschen Anstalt ist aucb in älterer Zeit anerkannt worden. So heißt es im rE.x- 
plorateur 187.5, Nr. 30 gelegcntlicli der geographischen Ausstellung der Pariser Weltausstellung 187.5: 
„Tout le monde sait que les cartes ex^cut^s k l'Institut ä Gotha ne brillent pas seulenient par 1» 
perfection de leur ext-oution. niais aussi par leur eonsciencieuse exactitude et le sein avec lequel los 
eonqiietes nouvellcs de la g6ographie y sont registrtes". Und in dem ei-sten Bande der duivh M. Cli. 
V61ain wieder aufei-weckten Re\nie de Geographie (Paris 1906/07) beginnt S. .594 .\lphonse Berget 
seine Kritik über Stielers Handatlas also: „l'ne nouvelle Mition du celebre Atlas de Stieler est 
toujours ohose impatiemment attendue de tous oeux qui, professionnels ou simples amateurs. ^tudient 
la g^ograplüe. Iji reputation de eet atlas est, en effet, universelle, et on pent dire qu'il est un des 
pliLs pr6eieux instrumenta ([ui soient ä la disposition des gtegraphes.'" 

- Dies hat auch F. Hahn zun» Ausdnick gebracht, als er über H. Wagners l^hrbuch in P. M. 
19(H), S. 143 referierte. 

' Die itn (i. .1. 1872, S. 270 niedergelegten Wünsche verdienen es, lüer wörtlich wi«lergcgebt-n 
zu werden: „Noch l)«>sitzen wir keinen kulturgeographischen Atlas, welcher uns Blatt für Blatt 
den Kulturstand der weltgesclüchtlichen Eijoclien von den Zeiten der l'hönizier bis auf <lie Ogen- 
wart im Zusammenhange mit den Verkehrswegen imd der auf denselben sich vollziehenden Kultur- 
bewogung in Kolonisation und Mission, in Handel und Wandel, in den von Epoche zu Epoche die 
Knotenpunkte des Land-, Fluß- und Seeverkehrs markierenden Land-, Fluß- luid Seeliandelsstädton 
usf. zur Anschaiumg bräclite. Ein derartiges Kartenwerk, das (lie Kullurcutfaltimg der weltgeschicht- 
lichen Mcnsclilieit auf matt angelegtem ethnographischen Farbenpnuide an dem (Jen<ler der Wrkehrs- 
linien - Land-, Fluß-, Meeresstraßen, ozeanische Wultatraßen - veranscliaulichte, wäre ein vor- 
zügliches Föi-derungsmittel für historisch-geographische Studien luul eine schöne IWigabe zu den 
bereits vorliandenen historisch-geographischen Atlanten." 



48 Die Kartographie als Wissenschaft. 

Oftmals steht der zu erwartende pekuniäre Gewinn in keinem Verhältnis zu dem 
wissenschafthchen Wert des Unternehmens, noch öfters ist es umgekehrt. Merkanti- 
lische Eücksichten schnellerer und bilHgerer Kartenherstellung machen zuweilen die 
Anwendmig wenig guter Eeproduktionsverfahren unabweisbar.^ Und diesen Um- 
stand muß die Kritik, auch die historische, mit berücksichtigen. 



B. Zur Erforschung des Wesens der Karte. 
I. Die Karte an sich. 

16. Problemstellung über das Wesen der Karte. Die Karte ist der Niederschlag 
des geographischen Wissens einer Zeit. Die Karte ist das vornehmste Hilfsmittel 
der Geographie. Die Karte ist das unentbehrHchste Werk- und Rüstzeug der geo- 
graphischen Wissenschaft. Die Karte ist die Basis der Geographie. Die Karte ist in 
der Geographie der Stein der Weisen. Die Karte ist das Auge der Geographie. Diese 
und ähnliche Aussprüche bedeutender Geographen und Denker haben sich in der 
Geographie einen festen Platz gesichert und der Karte einen Wert verliehen, der weit 
über den Wert des Ansehens von Hilfsmitteln in andern Wissenschaften hinausragt. 
Und selbst innerhalb der Geographie verschiebt sich allmähhch die Stellung der Karte, 
insofern sie nicht mehr als reines Hilfsmittel betrachtet wird, das nur mit Hilfe des 
ergänzenden Wortes das geographische Objekt zu veranschauhchen vermag, sondern das 
vor allem schon durch seine Zeichen wirkt und durch diese die Grundlagen zu neuen 
geographischen Abstraktionen liefert, ^ insbesondere recht oft dem beschreibenden 
Wort reiche Nahrung gewährt und so einen kräftigen Impuls in den wissenschaftUchen 
Gedankengang hineinträgt.^ 

Die Karte ist an sich schon ein Forschungsobjekt. Dadurch liegt in ihr a priori 
ein eminent wissenschaftliches Moment. Insonderheit rücken gegenwärtig ihr Inhalt, 
ihre Darstellungsmittel und ihr Zweck in den Vordergrund wissenschaftlicher Er- 
örterungen. Die Klarlegung des Wesens der Karte wirkt gleichmäßig befruchtend 
auf Wissenschaft und Praxis. 

Zum Wesen der Karte dringen wir vor, weim wir zunächst ganz allgemein das 
Betätigungsfeld der kartographischen Darstellung und Aufgaben untersuchen, um 



^ Daiiiber klagt bereits H. Kiepert in seinen „Bemerkungen zur Karte" 1867 in Ad. Ba.stian; 
Reisen in Slam im Jahre 1863. III. Band. Die Völker des östlichen Asiens. Jena 1867. — K. Lorenz 
sagt bei Gelegenheit des Besuches der Pariser Weltausstellung 1867 (P. M. 1867, S. 371): ,,Aber die 
Technik des Farbendruckes ist noch so kostspielig, daß nur in seltenen Fällen die Interessen des 
Verlagsgeschäftes mit den Wünschen des kolorierenden Autors sich vereinigen; fast immer muß der 
letztere, rein nur des Kostenpreises wegen, auf den ihm vorschwebenden hohem Wert seiner geo- 
graphischen Darstellung in methodischer wie künstlerischer Rücksicht verzichten." — Heute, nach 
dem Weltkriege, wird die gleiche Klage noch lange am Platze sein, obwohl in dieser Beziehung 
sich im Laufe eines halben Sakuliuns viel geändert und gebessert hat. 

- Man denke nur an das Ausmessen von Linien und Flächen auf den Karten, an die Bestim- 
mung der mittlem Höhe der Kontinente und der Meere usw. 

■' Kein geringerer als E. v. Sydow spiach die.s bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert 
au.s. Der kartographische Standpunkt Europas am Schlüsse des Jahres 1856 m. bes. Rücksicht auf 
den Fortschritt der topograph. Spezialkarten. P.M. 1857, S. 1. 



Die Karte an sieli. 49 

sodann zu dem von rspeziellcii Zwecken geleiteten Kartenindividuen, bzw. Karten- 
gruppen überzugehen. 

Unstreitig ist die vornehmste Aufgabe der Karte die, das Erdganze oder ein 
größeres oder kleineres vStück davon in die Ebene zu projizieren und so ein verkleinertes 
Abbild der Erdoberfläche zu liefern, oder wie J. L. de Lagrange 1779 bereits sagte: 
,,Eine geographische Karte ist nichts anderes, als eine ebene Figur, die die Erdober- 
fläche oder einen Teil derselben darstellt."^ Noch kürzer heißt es in dem Artikel 
, .Landkarte" in der ökonomisch-technischen Enzyklopädie von J. 6. Krünitz: 
,,Die Ijandkarte ist die Abbildimg des festen Landes, oder eines Theiles derselben, auf 
ebener Fläche." Nach diesen Definitionen wird also die Karte die auf die Horizontal- 
ebene projizierte Lageverhältnisse der im Eaume sichtbaren geogi-aphischen Objekte 
wiedergeben. Dadurch tritt sie als ein Gnindriß des auf ihr dargestellten größern 
oder kleinern Teils der Erdoberfläche uns entgegen. ^ 

Abgesehen davon, daß es nicht möglich ist, die Kugeloberfläche restlos auf die 
Ebene zu übertragen, ist es doch dem Grmidriß oder besser: der Abbildimg auf die 
Ebene, dem Planbild bei genügender Maßstabgröße eigen, die Nebeneinanderlagerung 
der geographischen Objekte so zu geben, daß ihre Ausmessungen und gegenseitige 
Vergleichung nach Lage und Fläche der Kugeloberfläche äquivalente Werte er- 
geben. Äquivalente Werte kann die Karte einzig und allein nur in der zwei- 
dimensionalen Wiedergabe von zweidimensionalen terrestrischen Erscheinungen 
schaffen, also im Grunde genommen nur von den in der Natur horizontal gelagerten 
Flächen. 

Die Karte schlechthin oder die Landkarte will neben Länge, Breite imd Umriß 
die orographischen Verhältnisse der Erde zur Darstellung bringen, sie will die drei- 
dimensionale Ausdehnimg des Eaumes in der zweidimensionalen der Fläche wieder- 
geben, d. h. das Raumbild in ein Planbild umsetzen.^ Der Körper ist der Libegriff 
der drei Dimensionen. Er wird äquivalent nur dm-ch ein ähnhches körperhaftes Ge- 
bilde, was natürhch sehr verkleinert erschemen muß, wiedergegeben, eigenthch nur 
durch das nicht überhöhte Relief. Infolgedessen sind die Anschauungswerte, die die 
Karte bezügHch der Darstellung der Erhebungsformen in sich birgt, nicht mehr äqui- 
valente Werte, sondern bedingte Werte, ganz gleich, ob die Geländedarstellung 
auf hypsographischem oder schatten- oder farbenplastischem Wege gewonnen ist. 
Bei der Beurteilung von Karten handelt es sich zumeist um die Beiuteilung der be- 
dingten Werte, da man die äquivalenten, die in den großmaßstabigen Karten von 
1 : 25000 an und grüßer bis zu den Kataster- und Flurkarten ruhen, gewölmlich still- 
schweigend voraussetzt. Dem Charakter des bedingten Urteils entsprechend, müssen 
nolens volens auch derartige gern gebrauchte Epitheta, wie ,,naturwahr"*(Peternianii) 



' J. L. de Lagrange: Über die Consti-uction geograph. Karton. (S»r la construetiou dos 
cartes gtographiques. Nouveaux M6inoires de TAcadönüe i-oyalc de Berlin. Ann^ 1779, S. Itil 
bis 210.) Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften. Nr. 55. Leipzig 1894, S. X 

2 Vgl. A. Bludau: Üb. d. Wahl der Projektionen f. d. Liindcrkarten d. Hand- n. .Sliiil- 
atlanten. G. Z. I. 1895, S. 499. 

' Vgl. K. Peucker: Zur kartograph. Darstellung d. dritten Dimension. G. Z. 1901. S. 22ff. 
— AI. Geistbeck: Eine Gasse f. d. Ansclmuung im GeograpIiieunt«rricht. S.-A. aus d. Bayorisili. 
Z. f. KcalscLulwesen. XV. München 1894, S. 3. 

* A. Petermann: Die Schweiz. P.M. 1864,8.438. 
Eckart, KarteuwiueQsclialt. i. 4 



50 Die KartOf^raphie als Wissenschaft. 

„natui-treu"! (Pescbel), das Antlitz der Erde treu wiedergebend (Syduw) usw. 
in ,, naturähnlich" umgeprägt werden. Die Äußerungen von Petermann, Peschel 
und Arielen andern, auch neuem Autoren in Ehren, aber naturgetreue Karten gibt 
es einmal nicht, ebensowenig wie es raumtreue Karten gibt. Der Abweis dieser Aus- 
drücke erfährt noch im Laufe imserer Untersuchmigen eine eingehendere Begründung. 
Gleichsam berichtigend möchte ich hier anfügen, daß sich August Petermann, 
dem vielfach eine übertriebene Wertschätzung der Karte zugesagt wird, des be- 
dingten Wertes der Karte recht wohl bewußt war. Im ersten Bande des geographischen 
Jahrbuches sagt er selber: ,, Der Begriff aller unserer Karten ist ein durchaus relativer."^ 
Ge\siß mag zu dieser Auffassung nicht unwesentlich eine Erörterung mit dem großen 
Schweizer Geographen und Kartographen J. M. Ziegler geführt haben, der in einem 
vom 12. Januar 1865 datierten Brief an Petermann schrieb: „Je mehr man die 
Geologie berücksichtigt, desto mehr wird die Anschaulichkeit und Eichtigkeit einer 
topographischen Karte erreicht. Es ist mir immer, man' wird an den geographischen 
Karten der Gebirgsländer nach ein paar Generationen von vom anfangen und alles, 
was naturwissenschaftlicher beobachtet und bestimmt worden ist, in das Kartenbild 
eintragen." 

17. Kartenwesen iiud Kartenart. Bei der Herstellung einer Karte handelt es 
sich zunächst um die Lösung einer geometrischen Aufgabe, um die konstruktive Nach- 
bildung der Eaumlage geographischer Objekte. Wie wir später noch sehen werden, 
bestimmen Stand der Erkenntnis, Maßstab und Zweck den Umfang und die Zahl 
der darzustellenden Objekte. 

Neben den rein geographischen Objekten, wie sie die Natur wiedergibt, gibt es 
vielerlei geographische Erscheinungen und Tatsachen, die gleichfalls eine karto- 
grax^hische Darstellung erheischen; sie sind nicht direkt in der Natur beobachtet 
worden, sondern erst auf dem Wege der Induktion oder Deduktion aus Beobachtvmgen 
in der Natur oder über die die Erde besiedelnden Menschheit gewonnen. Solche Karten 
bringen mithin teils physisch-geographische, teils anthropogeographische (im weitesten 
Sinne) Erscheinungen zur Darstellung. Werden insbesondere wirtschafts- und ver- 
kehrsgeographische Tatsachen in das Kartenbild hineingearbeitet, dami sind diese 
Karten so recht der graphische Ausdruck imsers momentanen Gesamtwissens über 
eine Gegend.^ Wenn es sonst noch zweifelhaft wäre, den Menschen von der geo- 
graphischen Betrachtung auszuschheßen, müßten gerade die besten unserer Karten 
diese Zweifel beheben. 

Die topographischen Karten großen Maßstabes sind im Grunde genommen 
Spezialkarten (die topographische Karte ist letzten Endes immer Spezialkarte), denn 
infolge ihres Maßstabes ist es ihnen noch möglich, das Nebeneinander der geographischen 
Objekte speziell, d. h. deutheh luid klar ohne sinnfällige Übertreibungen sichtbar zu 
machen, besonders auch die allgemeinen Erscheinungen der Pflanzenwelt, wie Nadel-, 
Laubwald, Gebüsch, Wiese, Sumpf, und des die Erdoberfläche verändernden Wirkens 



' O. Peschel: Neue Probleme d. vergleichenden Erdkunde. 4. Aufl. Leipzig I88.'i, S.S. — 
C. Vogel üb. S. Simons Karte vom Ötzthal und Stubai. P. M. 1894. LB. 588, S. 151. - H. Habe- 
nicht: Bemerkungen zur neuen Lieferungsausg. d. „Großen Stieler''. P. M. 1902, S. 13. 

- A. Petermann: Notiz üb. d. kartograph. Standpunkt d. Erde. G. J. L Gotha 1866, S. 581. 

» Fr. Ratzel: Die Erde und das Leben. I. Leipzig und Wien. 1901, S. 55. — H. Fischer: 
Die Anforderung d. Vollständigkeit an d. Kaite. Ratzel- Gedenkschrift. Leipzig 1904, S. 70. 



Die Karti- an sieli. 51 

des Menschen zur Veranschaulichiing zu bringen. Staaten, die ihre topographischen 
Karten weniger mit einer reichen Darstellung von mannigfaltigen Bodenerhebungen 
auszufällen haben, können von Natur aus mehr Gewicht auf die Differenzierung der 
kulturellen Elemente legen, wie z. B. die Niederlande. ^ 

Der physikalischen Übersichtskarte, wobei es sich um kleinmaßstabige Karten 
handelt, ist die Berücksichtigmig des kulturellen Elementes schwer noch möglich. 
Anders ist der Fall, wenn der größere Nachdruck auf das kulturelle Moment gelegt 
wird. Das führt indessen zu einer besondern Art von Karten. 

Die topographischen Spezialkarten, die sich von größtem Maßstab an bis etwa 
zu dem von 1 : "25000 bewegen, und die Generalkarten oder Übersichtskarten von 
1:50000 bis 1:2000002 giu^j j^g richtigen geographischen Karten. Wir wollen 
sie geographisch konkrete Karten nermen, weil sie sich bemühen, das in der 
Wirklichkeit Gegebene so naturähnüch wie nur möghch in der Bildebene wiederzugeben. 
Ihnen stehen die geographisch abstrakten Karten gegenüber, die das Wesent- 
liche einer Erschemmig vom Zufäüigen absondern und ganz verallgemeinert zum 
Ausdruck bringen. Sie zerfallen in die chorographischen und in die angewandten 
Karten. 

Zu den chorographischen Karten zählen alP die physischen Karten kleinen 
und kleinsten Maßstabes.* Wir bezeichnen sie im gewöhnlichen Leben als ,,Landkartexi". 
Die Karten in den Maßstäben 1 : 300000 bis 1 : 500000 sind auch chorographische 
Karten, da sie in erhöhtem Maße schon zur Signatur die Zuflucht nehmen müssen, 
sie sind deshalb aus dem Gebiet der reinen topographischen Karte auszuscheiden 
imd bilden den Übergang von den geographisch konkreten zu den geographisch al>- 
strakten Karten. 

Die zweite Gruppe der geographisch abstrakten Karten wird durch die an- 
gewandten Karten vorgestellt. Da melden sich die allgemeinen Wirtschafts- und 
Verkehrskarten, die poHtischen, ethnographischen, statistischen (diese nur teilweise) 
und Bevölkerungskarten, die geophysischen Karten, imter ilmen die erdmagnetischen, 
die isothermischen, isobarischen, isohyetischen mid andere Karten. Der Ausdruck 
„angewandt", obwohl schon von H. Siegfried 1879 in demselben Sinne wie hier 
gebraucht,* will mir eigenthch nicht recht zusagen, da es spezielle angewandte Karten 
nicht gibt, denn jede Karte ist schließhch eine angewandte Karte, ganz gleich, ob 
man das Angewandt auf die Herstellungsweise oder den Gebrauch bezieht. Auch habe 
ich mich früher dagegen ausgesprochen*, indessen habe ich, offen gestanden, noch 
keinen bessern Ausdruck gefunden. Bestimmend für mich, ihn demioch wieder an- 
zuwenden, war, daß jetzt in der gesamten kartographisciien und geographischen 
Literatur keine Zweifel darüber bestellen, was unter ,, angewandter Karte" zu ver- 
stehen ist.* 



> Vgl. hierüber auch E. v. Sydow in P. M. 1870. S. 64. 

- Hierher gehört z. B. d. Topograph. Übersichtskarte <I. Deutschen Reiches in 1 : 20(MXXl 
deren Bearb. bei d. preuQ. Landesaufnahme 1899 begann. 

' In dem Artikel über „Kartographie" in Meyers Konversationslexikon, der der Meisterhand 
E. Dobes' entstammt, heißt es S. 1010: ..Landkarten kleinsten Mulistubes sind nur noch ein ab- 
straktes Bild der allgemeinsten Verluiltnisse, der Umrisse. FItichcnrämne u. Erhebungen." 

' H, Siegfried: Geograph, u. kosmograph. Karten u. .Apiwrate i. d. International. Welt- 
ausstcllung 1878 zu Paris. Zürich 1879. S. 7. 

'' M. Eckert: Die Kartographie als VVi-ssenschaft. Z. d. Oes. f. Erdkde. t. Berlin 1907. S. 545. 

• H. Fischer, a. a. O.. S. 78. 



52 l^ie Kartographie als Wissenschaft. 

Für die Einteilung der Karten können außer rein wissenschaftlichen Gründen 
noch andere maßgebend sein. Das üblichste ist, der Zweckbestimmung zu folgen. ^ 
In der Hauptsache werden dabei die angewandten Karten rubriziert. Als erste 
Gruppe würden hier wieder obenan stehen die geographischen Karten, imter die großen- 
teils die topographischen Übersichts- und die chorographischen Karten fallen. Es 
folgt die umfangreiche Gruppe der physikaüschen Karten, aus denen wir die all- 
gemeinen imd besondern hervorheben; zu jenen gehören die geognostischen, geolo- 
gischen, geologisch-agronomischen, die hydrographischen oder Gewässer- und die 
orographischen oder Gebirgskarten, zu diesen die erdmagnetischen, meteorologi- 
schen, kHmatologischen und ozeanologischen Karten mit Einschluß der Seekarten. 
Die nächst wichtige Gruppe ist die der biologischen Karten, die je nach ihrem 
Forschungs- und Darstellungsgebiet in ethnographische, tier- und pflanzengeo- 
graphische zerfallen. Es folgen die großen Gruppen der politischen und liistorischen 
Karten, der Wirtschafts- und Verkehrskarten, der Siedehmgs- und statistischen Karten. 
Die statistische Karte wird, sobald sich das statistische Material nicht den geographi- 
schen Methoden der Bearbeitung fügt und die Signaturen und Abbreviationen, wie 
sie die statistische Darstellung auch ohne kartographischen Hintergrimd gebraucht, 
einfach in das Kartenbild hineingesetzt werden, zum Kartogramm. Außerdem 
gibt es Karten, die man verschiedenen Gruppen zuweisen kann; die Touristenkarte 
z. B. kann geographische, orographische oder Verkehrskarte sein. ^ Schheßüch sei 
noch auf die bekannten Unterschiede von Hand- und Schulkarten, Hand- und Schul- 
atlas, Hand- und Wandkarte hingewiesen. 

Ein großer Unterschied zwischen den konkreten imd abstrakten Karten besteht 
darin, daß dort die Quellenwerke der ganzen Kartographie geschaffen, hier die Grund- 
lagen nicht selbst geschaffen, sondern jenen Originalwerken erst entlehnt werden. Dort 
befinden wir uns auf dem Boden der staatlichen Kartographie, hier auf dem der 
Privatkartographie. Diese beschäftigt bis jetzt in höherm Maße die Geographen als 
jene, zmnal die angewandten Karten auf wissenschafthchen Methoden beruhen, 
deren Ursprung in den meisten Fällen direkt in die Arbeitstube des Gelehrten führt. 
Ein Fehler der meisten angewandten Karten ist, daß sie ohne Geländedarstellung 
sind. Und doch wird bei jeder dieser Karten das Oberflächengebilde bewußt oder un- 
bewußt hinzugedacht; denn beispielsweise ist eine politische Karte ohne Terrain 
nicht vollständig verständhch, ebenso nicht die kulturgeographische oder natur- 
historische. Die Bevölkerungskarte sollte ohne Terrain kaum denkbar sein, und den- 
noch präsentiert sie sich durchgängig ohne Gebirgszeichnimg, obwohl schon vor 
Jahrzehnten K. v. Baer darauf hinwies, daß „in der physischen Beschaffenheit der 
Wohngebiete das Schicksal der Völker vmd der gesamten Menschheit gleichsam vor- 
gezeichnet ist", — ein Satz, der später in Eatzels Anthropogeographie mannigfach 
variiert auftritt. Wohl erheben sich jetzt noch technische und pekuniäre Bedenken, 
das Gelände bei den abstrakten Karten zur Darstellung zu bringen, indessen wird 
man bei künftigen Karten immer mehr danach streben, das Terrain als zarte Unter- 
lage des Hauptinhaltes der Karte erscheinen zu lassen. Wie hier und da bereits, er- 
freuhche dahinzielende Ansätze, wenn auch noch recht zaghaft, zu erkennen sind, 
werden die hier behandelten Probleme gebührend hervorzuheben wissen. 

1 M. Groll: Kartenkunde. II. Berlin und Leipzig 1912, S. 7-10. 

^ Als neuere Erscheinung gehört z.B. zu den Touristenkarten d. Schiroutenkarte. Mitt.d.I). 
u. Ö. A.-V. 1909, Nr. 2. 



Die Kartp an sich. 53 

18. Kartendefinition und Kartenname. Konkrete und abstrakte Karten können 
kaum die an sie herandrängende Fülle des Stoffes beherrschen; im Stoffe per se liegt 
ihre Zusammengehöiigkeit von vornherein fundiert, ganz gleich, ob diese mehr kon- 
kret oder abstrakt behandelt, ganz gleich, ob die Karte mit Terrain oder ohne Terrain 
gezeichnet ist. Auf jeden Fall sind die abstrakten Karten von dem Allgemeinbegriff 
„Karte" nicht auszuschalten, mithin auch nicht bei einer Definition über das Wesen 
der Karte. So gelangen wir zu dem Ergebnis: 

Die geographische Karte ist das Planbild eines größern oder 
kleinern Teils der Erdoberfläche, das neben den Lageverhältnissen auch 
Flächen- und Eaumverhältnisse und sodann geophysische, kultur- und 
naturhistorische Tatsachen graphisch übersichtlich so zur Veranschau- 
lichung bringt, daß das Ablesen und Ausmessen der dargestellten Ob- 
jekte ermöglicht wird. 

Mit dieser Definition dürfte wohl das Wesen der Karte erschöpft sein. Auch 
das Lesen und Messen auf der Karte, womit ein wesentlicher Teil der Arbeit des wissen- 
schafthchen Geographen beginnt 1, findet darin die entsprechende Berücksichtigung. 
Aber die Länge der Begriffsbestimmung ist ihre Schwäche. Darum wird man sich 
für gewöhnlich mit folgender kurzem Fassung begnügen köimen: Die Karte ist 
das Planbild der Erde oder eines größern oder kleinern Teils der Erd- 
oberfläche. Schon 1713 nannte J. G. Gregorii die Karte ,,ein Gemälde, wodurch 
die Erde oder deren Teile in einer Fläche künsthch vorgebildet werden." Wer sich 
mit diesen Definitionen nicht zufrieden geben will, kann ja eine von den ^delen wählen, 
die am Eingang unserer Untersuchung mitgeteilt wurden (S. 48) oder die jetzt noch 
folgen, die weniger das Wesen der Karte als ^-ielmeh^ ihren Zweck treffen. Wenn wir 
mathematisch scharf vorgehen wollen, genügen alle gebräuchlichen Definitionen nicht, 
die von der Karte als dem Planbild, der Abbildung der Erdoberfläche auf die Ebene 
sprechen. Das ist nur bei Karten der Fall, bei denen man voraussetzt, daß die Karte 
maßstäbhch so groß ist, daß sie praktisch dem abzubildenden Erdoberflächenstück in 
jeder Weise gleich ist. Wenn es heißt, die Karte ist die Projektion der Erde oder eines 
Teiles der Erdoberfläche, handelt es sich van weiter nichts anderes als um eine Kon- 
struktion, eine Abbildung der Projektion nach mathematisch geregelten Gesetzen. 

Ohne die Karte ist keine geographische Anschauimg möglich, ohne sie keine 
rechten geographischen Begriffe, ohne sie kein geographisches Studium. Das offen- 
bart gleichfalls das schon vor langer Zeit von A. Petermann geprägte Wort: ,,Die 
Karte ist die Basis der Geographie"^, ein Wort, das in allen Variationen in Zeit- 
schriften und Lehrbüchern wiederkehrt, im Liland wie im Ausland. W. Wolken- 
hauer wiederholt es in dieser Weise: ,,Die Karte ist die Basis der Geographie imd 
der wichtigste Träger aller erdkundlichen Erkenntnisse"*, womit er das weitere Wort 
Petemianns zusammenfaßt: „Die Karte zeigt uns am besten, am deutlichsten und 
am genauesten, was wir von unserer Erde wissen ". A. Hettner sagt: „Die Karte 



' H.Wagner: Lehrbuch der Geographie. 9. -Aufl. Hannover u. Leipzig 1912, S. 252. — 
A. Wedemeyer: Das Messen auf neograpliischcn Karten. Z. d. Ges. f. Erdk. zu Berlin 1917, 
S.96— 114. — S. femer die Berichte üIht Kartometrie im G. .1.. die K. Hammer lK>gonnen mid jetzt 
von H. Haack fortgesetzt werden. 

2 Aug. Petermann in G. J. I. 1«66, S. 581. 

' W. Wolkenhauer: Die kartographische Darstelluni! der s«Miki-e< hien Gliedenuig der Erd- 
oberfläche. Deutsche Kundsch. f. Geogr. u. Stat. 18»0, fei. 1. 



t 



54 nii> l\:irt..f;i-M|)liio als Wissenschaft. 

ist das Gerippe des geographischen Studiums, die Natur und deren Bewohner sind 
das Fleisch und Bhit": Wharton: „Good niaps are the foundation of geographica! 
knowledge".! 

Mehr oder weniger eng mit dem Wesen der Karte hängt ihr Name zusammen. 
Spärhch treten uns Spuren über die Erforschung der Kartennamen entgegen, obgleich 
auch sie einer längern Untersuchung wert wären. A. Breusing ist, soweit ich die mir 
zugänghche Literatur überschaue, der einzige, der sich etwas ausführHcher mit dem 
Gegenstand befaßt hat, veranlaßt durch seine Forschungen über „La toleta de 
Marteloio und die loxodromischen Karten". ^ 

Breusing glaubt, daß wir das Wort ,, Karte" den Portugiesen verdanken, von 
denen es zu den Spaniern gekommen ist. Auch im Itahenischen begegnet luis die 
„carta". Indessen ist es wohl auf das lateinische „charta" (griech. xügrrjg) = Papier 
zurückzuführen, wie auch der portugiesische, spanische und italienische Ausdruck 
„carta" ursprünghch nichts anderes als Reisebrief, Urkunde, Zeugnis, Schriftstück 
bedeutet.* Daß A. v. Humboldt nach Breusing den Ausdruck carta nicht voll- 
kommen richtig erfaßt hat, ist kaum zu bezweifeln ; wenigstens ist die Carta rarissima, 
von der im Kosmos geschrieben wird*, keine Karte, wie Humboldt meint, sondern 
ledighch ein Bericht. Dagegen ist die ,, Carta de marear" (womit ursprünghch Segel- 
anweisungen bezeichnet wurden) des Toscanelli tatsächlich eine Karte, als welche 
sie auch Humboldt erkannt hatte.^ Es handelt sich um die Toscanelli-Karte vom 
Jahre 1474, deren Eekonstruktion uns H. Wagner in mustergültiger Weise gegeben 
hat.« Breusing selbst teilt eine Stelle aus dem Briefe Toscanellis an den Canonicus 
Martinez in Lissabon mit, worin carta für Karte in unserm heutigen Sinne ge- 
braucht wird. 

Wenn Breusing annimmt, daß das französische „carte" (carte geographique) 
keine organische Bildung aus dem lateinischen ,, charta" und auf das Spanische, bzw. 
Portugiesische zurückzuführen sei, irrt er, denn charte und carte sind in gleicher Be- 
deutung im Französischen belegt. In der deutschen Sprache tritt „Charte" zum 
ersten Male in der „Uslegung der Meer-Charten", Straßburg 1530 von Laurenz Fries 
auf. In Anlehnung an diese Wortbildung erscheint viel später erst (im 17. Jahrb.) 
die Bezeichnimg „Land-Charte", die sich bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts erhält. 
W.V.Goethe schrieb zunächst noch „Charte" für Landkarte, im Unterschied zu 
den andern Karten (Spielkarten usw.), trotzdem wir zu jener Zeit auch schon von 
Landkarte, Kupferkarte lesen. 

Was wir als Karte bezeichnen, nannten die Griechen „nivu'C." und die Römer 
„tabula". Vor der Renaissance entstand bereits die Ausdrucksweise ,,mappa mxmdi", 
wie wir z. B. auf einer Karte von Marino Sanuto aus d. J. 1320 sehen. Daneben 
gibt es in den romanischen Sprachen noch andere Synonyme, wie figura, i)intura, 

1 Geography. By Reai-Adiniial W. J. L. Wharton. The National Geographica) Jlagazine. 
1905, S.485. 

2 A. Breusing in Kettl. Z. f. wiss. Geogr. II. Lahr 1881, S. 191, 192. 

3 In dieser Bedeutung tritt uns z. B. „charta" in der bei-ühniten erst^-n Grundlage der eng- 
lischen Verfassung, der „Magna charta libertatum" v. J. 1215 entgegen. 

*A. V.Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. II. Stuttgart 
und Tübingen 1847, S. 305. 

= A. V.Humboldt, a. a. O., S. 300, 474. 

» H. Wagner: Die Rekonsti-uktion der Toscanelli-Karte v. .1. 1474 und die Pseudo-Facsimilia 
des Behaim-Globus v. J. 1492. Nachr. d. K. Ges. d. Wiss. zu Göttingen 1894, S. 208-312. 



Dio Karto an sich. 66 

imago u.a. Der tabula geographica entspricht die deutsche „Land-Tafel", ein Ausdruck, 
in der Eenaissancezeit entstanden, der uns weit hinein ins 17. Jahrhundert begleitet, 
wo er dann von der „Land-Charte" ganz vmd gar verdrängt wurde. Das enghsche 
„Chart" (charter) und ,,card" in der Bedeutung als Seekarte scheint aus dem Hol- 
ländischen nach England gekommen zu sein, offenbar durch L. J. Waghenaars 
berühmte Seeatlanten au.s dem Ende des 16. Jahrhunderts, die eine ungemein weite 
Verbreitimg und Behebtheit fanden, worin auch die Rede von den „Paß-Charten" 
(= Seekarten) ist, weil man darauf mit dem Zirkel (niederländisch Passer von compassus) 
arbeiten, messen kann. Heute noclj wird im Enghschen „chards" fast ausschließüch 
für Seekarten gebraucht, zum Unterschied von den „maps", den Landkarten, worin 
die alte Bedeutung von mappa mundi weiterlebt, wie auch in dem französischen 
„mappemonde", in Frankreich aber schon seit Jahrhunderten nur für die Erdhalb- 
kugelkarten gebraucht. 

19. Die Karteneigenschaften im allgemeinen. Heben wir die guten Eigenschaften 
einer Karte hervor, ergeben sich die schlechten von selbst, so daß auf diese besonders 
einzugehen sich erübrigt. AusführUcher beschäftigt sich 1761 Buy de Mornas mit 
den Karteneigenschaften; das betreffende Kapitel seines methodischen Atlas heißt: 
„Des bonnes et mouvaises quaHtes des cartes.''^ Indessen geht er bei seiner Unter- 
suchung weniger auf das Wesen der Karte und ihres Inhaltes ein als mehr auf die 
äußerUche Anordnung. So hebt er bei den guten Eigenschaften hervor, daß die Länder 
nicht verschiedene Gestalt auf den verschiedenen Karten haben dürfen, daß die Grenzen 
benachbarter Staaten auf allen Karten übereinstimmen müssen usf. Mornas hatte 
seinerzeit noch auf Dinge zu achten, die uns heute als selbstverständUch erscheinen, 
wie die Wiedergabe der genauen Ortslagen nach Länge und Breite im Kartenbild, die 
exakte Konstruktion der Projektion. Die schlechten Eigenschaften führt er auf vier 
Quellen zurück: Auf die lücht genügende Berücksichtigimg des vorhandenen Quellen- 
materials, die Verschleierung der Originale beim Nachstich dm-ch skrupellose und 
gewinnsüchtige Kaufleute imd Verleger, die Gedächtnisfehler der Autoren und die 
Ungeschicküehkeit der Kartenstecher. 

Wir wollen uns hier nicht mit den Ursachen der Güte und der Mängel der Karten 
beschäftigen, da sie, wie noch dargetan wird, besonders große Untersuchungen erfordern, 
sondern lediglich mit den allgemeinen guten Eigenschaften einer Karte. Von der Karte 
wird gefordert, daß sie richtig, vollständig, zweckentsprechend, klar imd 
verständlich, lesbar und schön sei.^ 

Die wichtigste Anforderung ist die Richtigkeit oder Genauigkeit. Sie be- 
zieht sich nicht allein auf die Korrektheit der Umrißzeichnimg, der Namengebmig» 
und Zeichensetzung, sondern auch auf die der Wirklichkeit entsprechende Wiedergabe 
der Längen- und Breitenausdelinungen und der Flächeninhalte. Es knüpfen sich hieran 
hochinteressante Untersuchungen, die sowohl topographisciier wie allgemein karto- 



» Atlas iiK'thodique et el^nientaire de gtogi-aplüo et d'üistoiro piir Buy de Mornas. Pmfos.seur 
dl. g^ographie et d'luKtoire. Pari» 1761. 1. Blatt 26. [Nat. Bibl. raiis, 1 Ex. a\uL i. d. Hof- u. 
Staat«bib!. in München.] 

2 Ober Vollständigkeit, Genauigkeil und U-.sb.irkeit sjuirbt f. Vogel in P.M. 1887. S. 16: 
vgl. in Aus allen Weltteilen XII, S. 162. 

' \gl. u. .1. J. Part;,, h: Kine .\ufg.il.e der Karloniui.liie im KieM-ngebirgo. Hirschborg 18{t7. 



56 Dii^ Kiirtographii' als Wissenschaft. 

graphischer Natur sind, jene von E. Hanim(>r zuerst in sichere Form gebracht^ diese 
von H. Fischer.2 

Zu der Eichtigkeit gesellt sich die Vollständigkeit, die namentlich durch 
den der Karte abgesteckten Eahmen und den Maßstab geregelt wird. Eine topo- 
graphische Karte entspricht aus natürUchen Gründen mehr der Forderung an Voll- 
ständigkeit als die chorographische Karte. Die Vollständigkeit bezieht sich hier, wie 
die Genauigkeit, auf den Karteninhalt. Jede Karte muß, ganz gleich ob sie topo- 
gi-aphischer oder mehr angewandter Art ist, durch ihren Inhalt, der immer eine gewisse 
Vollständigkeit zeigen muß, einen Schluß auf den Stand der geographischen Wissen- 
schaft erlauben. Bei der Vollständigkeit des Karteninhaltes hat zweifellos der Maßstab 
das erste und letzte Wort zu sprechen. Von der absoluten Vollständigkeit der groß- 
maßstabigen topographischen Karte steigen wir durch die einzelnen Maßstäbe graduell 
zur relativen Vollständigkeit der chorographischen Karte hinab. 

Eng ■\ei schwistert mit den vorgenannten Eigenschaften ist die Zweckmäßig- 
keit. Ein imd dasselbe Erdoberflächenstück wird anders als rein topographische Karte, 
anders als Touristenkarte, anders als Mihtärkarte, anders als Wirtschaftskarte, anders 
als Schul,- Hand- oder Wandkarte dargestellt. Zweckmäßig muß vor allem die ganze 
Anlage eines Kartenwerkes sein, mit bedingt von der richtigen Wahl der Projektion. 
Zweckmäßig ist das Orientierungs-, das Vergleichskärtchen innerhalb des Rahmens 
einer großem Karte.* Zweckmäßig ist das Verläßlichkeitsdiagramm, das uns über 
die verschiedenen Aufnahmen eines großmaßstabigen Kartenwerkes unterrichtet. 
Zweckmäßig ist das alphabetische Namenverzeichnis der Karte. Und zweckmäßig 
muß das Format der Kartenblätter sein. In einem Atlas, namentlich in einem Schul- 
atlas, müssen timUchst die Querkartenblätter vermieden werden, um bei der Benutzung 
das fortwährende Drehen des Atlas zu vermeiden.* Verschieden ist die Anforderung 
an die Karte vonseiten des Wissenschaftlers, des Reisenden, des Seemanns, des Soldaten, 
des Rad- und Kraftwagenfahrers, des Landmanns, des Kaufmanns, des Wasserbau- 
technikers, des Regierungs- und Verwaltimgsbeamten. Der Interessen- vmd Interessenten- 
kreis der Karte wächst von Jahr zu Jahr.^ Anlage und Inhalt für einen bestimmten 
Zweck abzustimmen ist sicherUch keine leichte Aufgabe; was Wunder, daß wir gerade 
nach der Seite der Zweckbestimmung so vielen Fehlschlägen begegnen. Nur zu oft 
entspricht der Inhalt der Karte nicht dem, was sie will oder ihr anpreisender Titel ver- 
spricht. Sie sinkt dann zur bloßen Ware herab.* Zufriedenstellende Resultate mit der 
Herstellung zweckmäßiger Karten hat man besonders auf schulkartographischem 
Gebiete erzielt. 



^ Auf die Hammerschen Arbeiten komme ich später, besonders in Teil 3, ganz besonders 
zu sprethen. 

2 H. Fischer: Zur Genauigkeit der Karte. G. Z. 1908, S. 185-197. 

^ Kleine Kärtchen von bekannten Gebieten auf dem Kartenblatt großer weniger bekaimte 
Gebiete dienen vorzüghch dem Vergleich. Dieser pädagogisch wichtigen Forderung genügen jetzt 
mehr und mehr unsere Wand- und Schulatlaskarten. Im Handatlas ist dies Verfahren gleichfalls sehr 
nutzbringend, wie wir es zum ersten Male angewendet finden in der Ausgabe des großen Stieler bei 
der Jahrhundertwende; 3. H.Wagner: Stielers Handatlas in neuer Gestalt. P.M. 1904, S. 7. 

^ In den Schulatlanten hat man darin erhebliche Fortschritte zu verzeichnen, weniger bei den Hand- 
atlanten, die in dieser Richtung mit großen, nicht zu \ erkennenden Schwierigkeiten >u kämpfen haben. 

'" Wer dachte z. B. vor einigen Jahrzehnten an Schikarten oder an Wahlkarten und jetzt sind 
schon bestimmte Methoden für letztere au.sgebildet worden, so von H. Wiechel, von H.Haack. 

" Gegen die .Jcartograplüsche Ware" zog schon vor langer Zeit E. v. Sydow in.s Fekl in .,deni 
kartograph. Standpunkt am Schluß des Jahres 1859". P. M. 1860, S. 461. 



Dip Karte an sich. 57 

Die Karte muß klar und verständlich sein. Sie muß das, was sie veranschau- 
lichen will, luizweideutig ausdrücken. Sie muß es ermöglichen, von dem dargestellten 
geographischen Objekt dem Kartenverständigen einen klaren Begriff fnotio clara 
geographica) zu geben, d. h. einen solchen Begriff, der scharf von andern Begriffen 
unterschieden werden kann, so daß jede Verwechslung ausgeschlossen ist. Das ge- 
schieht, indem das Begriffliche zusammengefaßt und das UnwesentUche ausgeschieden 
wird. Das begrifflich Zusammengehörige wird imter gleiche Signatur und Farbe ge- 
bracht. Dadui-ch wird die Karte üliersichtlich, was wesenthch die Klarheit der Karte 
fördert. Es ist dies ein halb imbewußtes Entgegenkommen dem menschlichen Geist 
gegenüber, der von früh auf sich Um- und Innenwelt begrifflich zm-echte legt.^ Inner- 
halb der gleichen Kartengruppe wird je nach Zweck und Bedürfnis eine weitere begriff- 
hche Scheidimg vorgenommen. Beispielsweise müssen auf einer Verkehrskarte die 
verschiedenen Verkehrswege und -Systeme unterschiedlich (qualitativ yne quantitativ) 
zum Ausdruck kommen. So soll die gute Terrainkarte die Hochebenen von den Tief- 
ebenen klar unter.scheiden, die Kettengebirge von den Massengebirgen, die Steilküsten 
von den Flachküsten u. a. m. 

Ermöghcht es die Karte, daß selbst einzelne Merkmale des geographischen Ob- 
jekts bis zu den einfachsten geographischen Elementen klar vorgestellt werden können, 
dann wird das geographische Objekt deutlich (notio perspicua geographica) erkannt: 
es ist damit vollständig bestimmt (distincta). Eine solche Karte könnte alsdann auch 
als deutlich bezeichnet werden. Dieser Forderung zu genügen, geUngt der Karte im 
allgemeinen nicht. Ganz abgesehen davon, daß hier der Maßstab gleichfalls ein Wort 
mitzureden hat, -«-ird nur derjenige deutliche Begriffe aus dem Kartenbild herauslesen 
können, der sich jahrelang mit dem Kartenstudiuni beschäftigt hat und der dem 
wissenschaftUchen Gedankengang des Kartenzeichners zu folgen vermag. In bezug 
auf die begriffhche Deutlichkeit ist der Karte eine Schranke gezogen, die auch in Zu- 
kunft nicht fallen wird. Dafür muß eben die geographische Beschreibung nachhelfen 
(s. Karte und Buch, §23). Unter Klarheit der Karte sollte fürderhin nur die begriffhche 
verstanden werden.^ Was jetzt allgemein als Klarheit der Karte bezeichnet wird, ist 
nichts anderes als die Lesbarkeit der Karte. Daß diese die Klarheit ganz hervorragend 
unterstützt, bedarf weiter keiner besondern Betonung. 

Die Karte soll lesbar und schön sein. Das Lesbare und das Schöne des karto- 
graphischen Erzeugnisses liegen weniger auf der inhalthchen, wissenschaftlichen als 
mehr auf der äußerlichen, technischen Seite. Die Lesbarkeit besteht in dem Arrange- 
ment der Kartenzeichen und -namen, in der Sauberkeit und Schärfe des Stiches imd 
Druckes. Die Schönheit beruht in der Eleganz des Stiches und Druckes, in der takt- 
vollen Abstimmimg der Situation (Flußstärke!), der Kartenzeichen und -namen zum 
gesamten Kartenbild, insonderheit bei den farbigen Karten noch in der geschmack- 
vollen und sach- und sinngemäßen Anwendung der Farbe. 

Die dem verfeinerten Geschmack des großen Pubhkums entgegenkommende 
Leistungsfähigkeit der Technik erfordert auch eine äußerUch vervollkommnete .\us- 
stattung.' Im Farbendruck haben wir ein glänzendes Mittel, der Karte inhaltlioh meiir 



• E. Friedrich: Die Anwendung der kartogr. DftrstoMnMp'mittol auf \virt.sohaft«gcogr. Kurten. 
Habiht.-Schrift. Leii.zig 1901. S.S. 

ä So ist sich H. Zondorvan in seiner .Allgeineiiien Knikund.-. U'ip/.ig lUOl. S. I7f.. 177. iiher 
den Begriff der DeiitUcIikeit nicht klar. 

' Dies wuixle schon vor vielen De/.ciuüon von K. v. Sydow betont. l>er kartogniiili. iStand- 



58 Die Kartographif als WiseenspViaft. 

als bisher zuzumuten und fernerhin auf ihr systematische und begriffliche Unterschei- 
dungen zum Ausdruck zu bringen. Schon das Altertum wußte die Farbe auf der Karte 
zu schätzen.^ In ihren Zeichen und ihrem Parbenkolorit muß die Karte wohltuend 
auf das Auge und anschaulich auf den Creist wirken, also durch und durch ein harmo- 
nisches Bild sein. Harmonie bedeutet Ordnung und Zweckmäßigkeit. Die Harmonie 
stellt die größten Anforderungen an den Kartographen, sie ist eine Klipjje, wie 
H. Fischer sehr richtig hervorhebt^, an der viele scheitern.* 

Mit Vorstehendem dürften sich die guten Eigenschaften einer Karte im allgemeinen 
erschöpfen. Es verbleibt bloß noch eine Anzahl von Eigenschaften, die mehr den Wissen- 
schaftler als den Laien interessieren, wenn man beispielsweise verlangt, daß die Karte 
meßbar, gleichwertig, ihre Projektion und damit sie selbst flächentreu, winkeltreu, 
längentreu, mittabstandtreu usw. sei. Letztere Eigenschaften bilden die Materie zu 
einem wichtigen Sonderuntersuchungsgebiet. Die Meßbarkeit und Gleichwertigkeit 
könnte man allenfalls unter die Eigenschaften mit einrechnen, die die Harmonie der 
Karte bedingen. Weim man verlangt, daß die Karte meßbar sei, hat man damit eine 
Eigenschaft im Auge, die meist einem ganz bestimmten Zwecke dient. Das Messen 
auf der Karte, die Kartometrie (S. 11, 53), ist ein neuerer wichtiger Zweig der 
Kartenerkenntnis und der Kartendeduktion geworden.* Nach H. Wagner ist 
geradezu die Grundaufgabe der Geographie eine messende. 

Für ein harmonisches Bild, wie es die Karte sein will, ist es wichtig, daß alle Karten- 
elemente, die die Karte aufbauen, gleichwertig sind. Die mathematisch begründete 
Aufnahme- und Konstruktionsmethode liefert das Gerippe und die Zeichenkunst das 



punkt Europas am Schlüsse des Jahres 1856. P. M. 1857, S. 1. — Herrliche Illustrationsbeispiele 
lüerzu liefert Stielers Handatlas (H. Wagner in P. M. 1904, S. 8) und besonders auch J. Bartho- 
lomews' Survey Atlas of England and Wales. 

' Wir wissen dies von der sog. „nubischen Goldminenkarte". — 1909 hörten wir, daß Prof. 
Spiegelberg aus Straßburg eine griechisch-ägyptische Landkarte aufgefunden habe. Sie stammt 
aus d. 3. Jahrh. v. Chr., stellt einen Bezirk aus dem Gau von Aphioditopolis dar imd ist außer anderm 
auch durch die Anwendung von Farben interessant. 

2 H.Fischer: Die Beurteilung der Landkarte. In: Geograph. Ausstellimg des Deutsch. 
Buchgewerbevereins. Leipzig 1921, S. 14. 

3 Merkwürdigeiweise hat, wie auch Fischer hervorhebt, auf diese Klippe E. v. Sydow nicht 
aufmerksam gemacht, als er in seinen Drei Kartenklippen {G. J. I. 1866, S. 348—361) von den 
Schwierigkeiten der Verebnung der Sphäroidgestalt der Erde, der Darstellung von Hoch und Tief 
des Erdbodens und der Verkleinerung (Generalisation) der geographischen Objekte in der Karte sprach. 

* Die Kartometrie zerfällt ihren Arbeitsrichtungen nach in drei Arten. Zunächst in die 
Linearmetrie. Diese hat es mit der Ausmessung von Linien zu tun. In beschränktem Maße, in- 
sofern es sich um die Ausmessung von Entfernungen und Wegen handelt, kann sie bereits auf elemen- 
taren Unterrichtsstufen gelehrt und angewendet werden. Weiterhin beschäftigt sich die Kartometrie 
mit der Ausmessung von Flächen; sie ist auf dieser Stufe Arealmetrie. Je nachdem die Flächen, 
die ausgemessen werden sollen, horizontal oder geneigt sind, unterscheiden wir die Horizontal- 
oder gewöhnliche Arealmetrie und die klinotatische Arealmetrie oder kurz Orometrie. 
Letztere ist immer nur Flächenausmessung oder Flächenraummessung, nie aber Raummessung. So 
setzt fälschlicherweise H. Zondervan (AUg. Kartenkunde, Leipzig 1901, S. 162) Orometrie = 
Raummessung. Die Schwierigkeit kartometrischer Aufgaben steigert sich mit der Berücksichtigung 
weiterer geometrischer Größen. So sind denn auch die Aufgaben der Raummessung oder Inhalts- 
messung oder Volumetrie am langwierigsten. — In der Kartometrie ist der Planimeter ein wichtiger 
Kontrolleur statistischer Arealangaben geworden. Besonders haben sich auf diese Weise die Areal- 
angaben südamerikanischer Staaten eine bedeutende Reduziemng gefallen lassen müssen. Vgl. 
A. Supan: Die Bevölkenmg der Erde. XII. P. M. Ergh. 146. 1904, Sj.61, 70; femer die Angaben 
über schwankende Arealangaben südamerikan. Staaten im Gothaischen Hofkalender 1921. 



Die Karte an sich. 59 

anschauliche Bild. Mit der AnschauUchkeit muß die den natürlichen Erscheinungen 
eigene Wahrheit gepaart sein. Sie ist für die Karte das Resultat einer verständnis- 
vollen Durchdringung der toten Form zur Erkenntnis der gesetzmäßigen Bildung und 
folgenreichen Bedeutung.^ In dem Kausalnexus dieser drei Glieder des Aufbaues einer 
Karte scheint in neuerer Zeit vielfach das zweite und dritte Ghed auf Grund der hohem 
Ausbildung des mathematischen zu leiden. Im Interesse eines guten Kartenbildes 
und der Bedeutung der Mitarbeit am Aufbau eines solchen Werkes soUte niemals über- 
sehen werden, daß die drei Gheder, die mathematische Grundlage, die zeichnerische 
Ausstattung und die verständnisvolle Anschauung und Herausarbeitung der terre- 
strischen Gebilde oder von physisch-geographischen und anthropogeographischen Tat- 
sachen gleichwertige Elemente bei einer Karte sind. Damit wollen -nir die hohen An- 
forderungen, die an eine gute Karte zu stellen sind, schließen. Je nachdem die Karte 
diesen Anforderungen nachkommt, wird es sich zeigen, ob sie ein harmonisches und 
organisches Ganzes ist oder nicht. 

20. Die Karte als Ruhepunkt in der Erscheinungen Flucht. Die Karte strebt 
emem hohen Ziele zu, aber auch einem außerordentlich schweren. Vollkommen, d. h. 
restlos wird die großmaßstabig konkrete Karte allenfalls das Ziel erreichen, nie jedoch 
die abstrakte. Bei einer kritischen Analyse der Karte darf, um dies schon vorweg zu 
nehmen, nicht übersehen werden, durch wieviele Hände das Werk gegangen ist, bevor 
es vollendet vorhegt. Ein weiter Weg mit unzähhgen Zw-ischenstufen ist es von der 
Neuaufnahme bis zum Meßtischblatte und wiederum vom Meßtischblatte bis zur W^and- 
karte. Hierin hegt offenbar eine Schwäche der kartographischen Arbeit.^ Bei dem 
deutschen Meßtischblatt allein vergehen etwa drei Jahre zwischen topographischer Auf- 
nahme und Herausgabe. 1719 bereits wurde von Ad. Fr. Zürner in seinem ,,Kurtzen 
Entwurf f vom Gebrauche, Nutzen und Preisse der Newen Chursächsischen Postcharte" 
geschrieben: , .Allein wie richtig solche — die Landkarten — gemachet, kann ein jeder 
beurteilen, der weiß, was für unsägliche Kosten, Arbeit, Zeit und Wissenschaft er- 
fordert wird, etwas accurates hierinnen zu praestiren." Es sind vielerlei Kenntnisse 
nötig, um eine Karte richtig einschätzen zu können; denn die Mathematik bestimmt 
das Gerüst (Kartennetz), Geodäsie und Geographie den Stoff, Maßstab und Zweck 
den Inhalt ( Stoff auswahl) und die jeweihge Kartentechnik den Grad der Wieder- 
gabe des Kartenbildes. Die best entworfene und gezeichnete Karte wird nicht zur 
Geltung kommen, wenn das technische Verfahren versagt. Ebenso ist gewiß, daß die 
voUendcste Technik nicht über die Mängel des Kartenentwurfs hinwegtäuschen kann.-' 

Die Karte ist der mehr oder minder gelungene oder abgeklärte Niederschlag 
des geographischen Wissens einer Zeitperiode. Die alte Karte mit ihrem phantastischen 
Beiwerk wird gern als ein Kind ihrer Zeit hingestellt, doch auch die heutige Karte ist 
nicht minder ein Kind ihrer Zeit. Unser exaktes geographisches Wissen bückt erst auf 
eine kurze Spanne Zeit der Entwicklung zurück. Verschiedene Zweige der Geographie 
sind kaum ihrem embryonalen Zustand entwachsen. Nicht einmal der europäische 
Erdteil ist gleichwertig exakt vermessen und da noch nicht alle Gebiete der heute 
kulturell höchststehenden Staaten, geschweige denn die auswärtigen Kontinente; imd 



' K. V. Sydow : Der kartogr. Standpunkt Europas vom Jährt- 1870 u. 1871. P. M. 1872, S. 3i:i. 
- A. Petermaiin klagt über die obwaltenden Mißstände bei einer Betmchtvmg Ulior die Voll- 
endung der neuen Ausgabe von A. Stielers Hanilatliis. P. M. 1870, S. 2. 
■> C. Vogel: Übersichtskarte von Miltileuroiw. P. M. 1S87. S. 16. 



60 D'P KMi-tographio rIb Wissenschaft. 

dennoch zeichnen wir bereits verhältnismäßig detailierte Karten von Asien und Afrika. 
Das Detail ist aber nm- scheinbar, bedingt dui-ch den Maßstab gegenüber den großen 
Landkomplexen. Unsicher sind selbst die Höhenbestimmungen hervorragender Ge- 
birge. ^ Der Kartograph muß mit großem Geschick und Sachverständnis die richtige 
Höhenzahl auswählen. Dabei kann ihn der Geograph am besten imterstützen (s.S. 6, 41). 

Vielfach ist es der Karte nicht möghch, die wünschenswerte Genauigkeit zu er- 
reichen. Ein Vorwurf ihr gegenüber ist alsdann auch unberechtigt. Noch unter der 
Hand des Zeichners veraltet die Karte. Das ist zwar für den Kartenzeichner oft schmerz- 
hch; doch seine Schaffensfreude besiegt dieses Unlustgefühl und der Drang, der Er- 
scfieinimgen Flucht Meister zu werden. Keine Karte veraltet so schnell wie die Land- 
karte großen Maßstabes der Industriegebiete und viele Spezialkarteii. Vor allem sind 
es die Werke durch Menschenhand, die das Antlitz der Erde rapid verändern. Aber 
auch die Naturkräfte tragen das ihrige bei. Die Wirkungen von Regen, Eis, Wind und 
fheßendem Wasser zerstören die Erhebungen über dem Meeresspiegel, an den Meeres- 
küsten nagen die brandenden Wogen, die Vulkane zertrümmern alte Erdschollen oder 
schaffen neue. Allüberall ein unausgesetztes Eegen und Bewegen, Zerstören und Auf- 
bauen. In dieser Erscheinungen Flucht bezeichnet die Karte einen Euhepunkt. 

Neben der Registrierung der fortwährenden Veränderungen der Erdoberfläche 
häufen sich von Tag zu Tag die geodätischen und andern Aufnahmen, die Reisebeschrei- 
bungen und allerlei geographische Beobachtungen. Das kartographische Material 
schwillt schier unübersichtlich an. Und trotz des seit Jahren riesenhaft angewachsenen 
Nahrungstoffes ist die kartographische Kenntnis unserer Erde eine bedeutend geringere 
als allgemein geglaubt wird.^ Die Hauptsache jedoch bleibt für die Karte, daß kein 
Punkt, keine Linie darin ist, die nicht ihre Berechtigung hat, so daß die Karte jederzeit 
das treue Spiegelbild vom Stande des geographischen Wissens ist. 

21. Autor- und Datumangabe der Karten. Namenindex. Die wissenschaftliche 
Kartographie kann der Karte nach ihrem Habitus und Wesen nur einen approxima- 
tiven Wert beilegen, es handle sich denn um Karten in solchen Maßstäben, wie in 
1 : 5000 und noch größer, die keine Übertreibimg bei der Darstellung der Dinge im 
Räume nötig haben. Trotz der Erkenntnis des approximativen Wertes wird daran nichts 
zu ändern sein, daß die chorographische und angewandte Karte jederzeit auf Grund 
ihrer bestimmten Zeichen mit einem bestimmten Selbstbewußtsein auftritt. Es läßt 
sich nicht in Abrede stellen, daß die Karte etwas SelbstherrUches und Diktatorisches, 
ein unbedingt Gewisses zur Schau trägt; sie tritt mit einer Bestimmtheit auf, die so 
leicht keinen Zweifel aufkommen läßt.* Der wissenschaftHohe Charakter muß das 



^ Beispielsweise hat das Demavendgebirge in der persischen Provinz Masanderan nachweislich 
schon 31 verschiedene Höhenbostimmungen erfahren, deren niedrigste zu 4267 m auf Kotschy und 
deren höchste zu 6636 m auf Brugsch, Minutou und Nicolas zurückführen. Vgl. O. Lorentzen: 
Die mittlere Höhe von Asien. Diss. Kiel 1906, S. 167-169. 

* Was C. Vogel schon vor Jahren schrieb, gilt gleichfalls heute noch Wort für Wort: „Unsere 
kaitographische Kenntnis der Erde ist trotz der mit jedem Jahre sich mehrenden Vermessungen und 
Entdeckungsreisen zu Lande und zu Wasser eine weit geringere als man gewöhnlich annimmt. Dadurch, 
daß wir gewohnt sind, auf unsem Karten so ziemlich alle Länder der Erde in gleichmäßiger Ausführung 
zu sehen, werden wir unwillkürlich veranlaßt, auch alle gleichmäßig in bezug auf Genauigkeit und 
Vollständigkeit zu beurteilen. Und doch wäre nichts falscher als das." 

" Daruni sind die Irrtümer der Karte so gefährlich, wie sich leicht bei einem Gang durch die 
Geschichte der Entdeckungen verfolgen läßt. Beim vorwärtsschauenden Blick wird die Kluft zwischen 
Darstellung imd absoluter Wahrheit immer kleiner, beim retrospektiven immer größer. 



Dio Karte an sicli. 61 

gebührend würdigen und sich den Shin für 'Qualität, Wirklichkeit und Ursächlichkeit 
nicht trüben und täuschen lassen. Gewiß hat es die Kritik in diesen Fällen nicht leicht; 
leider sehen wir sie nicht selten sich mit Gemeinplätzen begnügen, mit denen indes 
weder der Wissenschaft noch einer ernst vorwärtsstrebenden Kartographie ge- 
dient ist.^ 

Der Kartograph selbst muß mit der gi-ößten PeinUchkeit imd Sorgfältigkeit an 
sein Werk herangehen und selbst die größte Kritik an ihm üben. Sodann ist die Evident- 
oder Au-courant-Haltung (die augenbückhche Gewißheit) der Karten ebenso wichtig 
wie die Schöpfung der Karte. ^ Auf alle Fälle ist der Kartograph der Kritik gegenüber 
sichergestellt, sobald das Datum der Herausgabe oder Korrektm, bzw. Revision dem 
augenbhckhchen Stand der Dinge soviel wie möglich entspricht. 

Man sollte meinen, daß die Datierung auch auf chorographischen Karten etwas 
Selbstverständliches sei, da schon Mercator in dieser Hinsicht mustergültig vor- 
gegangen war, denn auf seiner berühmten Weltkarte lesen wir: Duysburgi mense 
Augusto 1569. Seinem Beispiel folgten einige gewissenhafte Kartographen. Doch 
war in der Folgezeit besonders bei der Art und W'eise der gegenseitigen mehr wie 
weitherzigen Kartenbenutzung der gute Brauch der Datumangabe überflüssig geworden, 
bis erst Guillaume Delisle (1675—1726) auf seinen Karten wieder mit einer 
ausführlichen Zeitangabe an die Öffentlichkeit trat.^ In den Homannschen Vor- 
schlägen (Nürnberg 1747, S. 10) wird auf die Wiedergabe des Jahres der Herausgabe 
der Homarm sehen Karten mit Stolz hingewiesen. 

Die engUschen und französischen Karten des 18. Jahrhimderts zeigen im großen 
und ganzen eine leidHche Datierung. Namenthch verfahren die Engländer zuweilen 
höchst peinUch, indem sie Tag und Monat der Veröffentlichung verzeichnen.* Im 
Deutschland des 18. Jahrhunderts war mid bheb das Datum der Kartenherausgabe 
etwas Seltenes; erst das kommende Jahrhundert brachte eine auffälhge Besserimg, als 
das J. Perthessche Institut mit der genauen Datierung begann. Insonderheit ist der 
Stielersche Handatlas mustergültig geworden.^ In seineu anregenden Kartenaufsätzen 
und -besprechungen legte C. Vogel den Kartenzeichnern mehrmals ans Herz, „auf jeder 
Einzelkarte die Jahreszahl ihres Erscheinens oder die Neuauflage zu verzeichnen. Es 
ist eine Forderung, welcher sie sich im eigensten Interesse unterziehen müssen, sollen 
nicht unliebsame Schlüsse daraus gezogen werden".* In ähnlicher Weise spricht sich 
H.Wagner aus; er betont außerdem noch das Gefühl der Verantwortlichkeit.' 

^ Ein lehrreiches Beispiel für die Veranschaulichung der schnellen Veränderung auf karto- 
)»raphischem Gebiete ist das ,, Probeblatt zur Überaicht der Korrekturen", das sich auf die Vereinigten 
Staaten bezieht und als Taf. 20 dem Jahrgänge 1890 von P. M. beigefügt ist. 

- Wie die kartogiuph. Publikationen auf dem Laufenden zu erhalten sind und worin die Kor- 
rektur einer Karte besteht, darüber vgl. C. Vogel in P. M. 1893, S. 218-220. 

^ So fand ich [in d. Nat.-Bibl. in Paris] von G. Delisle eine „Hemisphero septentrional" und 
„Hemisphere meridional" vom Juli 1714, femer eine „Mappemuonde" vom 15. April 1720. 

* Unter vielen Beispielen sei genannt: A plan of the Town of thc Cape of Good Hope and its 
environs, taken by Monsr. Bourset, in December 1770. London, publistred by Wni. Faden. Nov. 20. 
1795. [Bibl. der K. Geogr. Ges. in London.] 

' Der Andreesche Atlas zeigt erst von der vierten Ausg. an dio genaue Datiei-ung, E. Dobes" 
Handatlas von Anlang an. 

* C.Vogel im Geograph. Monatsbericht über „Reliefkarte der Sihweiz" 1:530000 von 
K. Leuzinger. P. M. 1884, S. 429. - Ders. inP. M. 189:!, S. 220. 

' H.Wagner: Stielers Handatlas in neuer Gestalt. P. JI. 1904, S. 3. — Lehrbuch, a. a. O. 
S. 13, Aiuu. 17. 



g2 Di« Karto^rajjliii'. als Wissenschaft. 

Auf den deutschen offiziellen Karten hat die Datierung verhältnismäßig spät an- 
gefängen.i 

Die Autorenangabe hält man gleichfalls für etwas Selbstverständliches. Aber 
anch sie hat Jahrhunderte gebraucht, bevor sie als etwas allgemein Gepflegtes durch- 
gedrimgen ist. Unter den 103 Karten des ersten Atlas von Blaeu „Appendix Theatri 
Ortelii et Atlantis Mercatoris" aus dem Jahre 1631 tragen nm- 27 den Autornamen 
imd gar nur 7 die Jahreszahl. Etwas besser ist die Autoren- und Quellenangabe auf 
den Karten im ,, Atlas contractus" aus der Mitte des 17. Jahrhunderts von 
J. Janssonius. Auf einigen neuen Karten, die die Homannschen Erben heraus- 
gegeben hatten^, werden die Namen der Zeichner erwähnt und teilweise die benutzten 
Quellen angegeben. J. Chr. Adelung rühmt als etwas Besonderes bei der Be- 
sprechung einer Karte ,,das aufrichtige und bei Kartenhändlern so seltene Bekenntnis 
der Quelle."^ Daß eine besondere Quellenangabe auf Öpezial- und verwandten Karten 
erfolgen müsse, war sogar ein Antrag von J. de Schokalsky auf dem VII. Inter- 
nationalen Geographen-Kongreß üi Berlin 1899.* 

Erwähnenswert im Gange unserer Untersuchmig ist auch die Einriclitung der 
Namen-Indizes bei den Atlanten. Mercator gab den einzehien Blättern seines Atlas 
mid andern wichtigen Karten ein Namenverzeichnis bei. Diese Sitte wurde haupt- 
sächlich in Frankreich und England weiter gepflegt. Die Methode, die Karte in bestimmte 
Gebiete einzuteilen, um die Namen schnell zu finden, scheint zum ersten Male in Bayern 
im 17. Jahrhundert auf den Karten von G. Ph. Fink h angewendet worden zu sein.* Der 
erste moderne Atlas, der mit einem vollständigen alphabetischen Namenregister ver- 
sehen war, ist Johns tons' Eoyal atlas of modern geography, London 1855. Die bei- 
gegebene gedruckte Liste mit etwa 150000 alphabetisch geordneten Namen weist auf 
die Quadrate hin, in denen die Orte aufgefunden werden. Dieser sehr zweckmäßige 
Modus der engUschen Atlanten fand erst nach einem Menschenalter in den deutschen 
Atlanten Nachahmung. In Schulatlanten ist der erste nennenswerte Versuch durch 
H. Haack in seinem Oberstufenatlas (1913) gemacht worden, nachdem auch hierin 
die Engländer schon längst dazu das Muster gegeben hatten.« Bei Einzelkarten ist 

1 Auf den Blättern der Topographischen Karte des Preußischen Staates 1 : 80000, die ich auf 
der Göttinger Universitätsbibliothek einsah, finden sich von Nr. 8 an Jahreszahlen, 1843—1854, auf 
einzelnen Kartenblättem. 

2 Zu den neuen Karten gehören auch Spezialkarten, so z. B. die Charte von den zu dem 
Pegnitzkreise gehörigen Landgerichten Nürnberg, Altdorf, Hersbruck, SchBaittach, Gräfenberg und 
dem größten Teil des Landgerichts Schwabach. 1809. [Nürnberger Stadtbibliothek]. 

3 Joh. Chr. Adelung: Kritisches Verzeichnis der Landkarten und vomelunsten topographi- 
schen Blätter der Chur- und Fürstlich- Sachs. Lande. Meißen 1796, S. 29. 

* Was man da forderte (Verh. I. Berhn 1901, S. 96 und 97), wurde schon längst von der 
deutschen Kolonialkartographie befolgt, die z. B. der Karte von Deutsch-Ostafrika 1 : 300000 bei 
jedem einzelnen Blatt« eine austührhche Legende beifügte, worin das grundlegende Routenmaterial 
mitgeteilt wurde. Die Kolonialkarten anderer Länder köimen sich in dieser Sorgfalt nicht mit den 
deutschen messen. 

5 I^nd zwar fü- die verkleinerten Landtafeln Apians in 1 : 265 000 (ca.) mit Hinzufügung der 
Oberpfalz, Augsburg 1684. - Vgl. auch H. Lutz: Zur Geschichte der Kartographie in Bayern. 
Jahresb. der Geogr. Gesellsch. in München 1886. München 1887, S. 97. 

« Desgleichen sind bei J. Perthes auch die Taschenatlanten, „Atlas antiquus" und „Taschen- 
atlas vom Deutschen Reich" mit Namenverzeichnissen ausgestattet, leider nicht der gewöhnUche 
Taschenatlas. Dessen italienische Nachahmung, der „Atlant« geografico tascabile" von G. deAgostini, 
Rom 1902, ist gleich mit einem solchen Verzeichnis erschienen, desgl. Philips' Handy-volume atlas 
of the world, by E. G. Ravenstein, London s. a. , 



Die Karte au sich. 63 

C. Vogels Karte des Deutschen Keichs mit ilireui Niimenindex mustergültig vor- 
gegaugeu.i Als eine ausgezeichnete Einrichtimg empfinde ich, daß neben der allgemeinen 
Inhaltsübersicht der Karten eines Handatlas noch eine zweite Übersicht gegeben wird, 
die die im Atlas enthaltenen Karten in systematischer Anordnimg bringt, also die 
Karten zm- physischen Erdkunde, zur Völker-, Sprache-, Eeligions- und Volksdichte- 
verteilung sowie zur Wirtschaftsgeographie und Bürgerkunde zusammenfaßt.* 

22. Der Eartenkommeutar. Das Kartenblatt mit Erläutenmgen zu versehen 
wurde Brauch, als man sich über die Quellen und den Zweck der Karte Rechenschaft 
zu geben anfing. Mercator ^snude auch hier wieder maßgebend, sei es in den Kommen- 
taren, die er seinen Atlanten imd Kartenwerken besonders beigab, oder sei es in den 
Erläuterungen, die er seinen großen Einzelkartenwerken mit aufdrucken ließ, so bei 
der Europakarte von 1554 und der Weltkarte von 1569. In der Legende „Benevolo lec- 
tori" auf der Europakarte spricht er sogar über die Art seines Arbeitens.^ 

Seit den Tagen Mercators sind die Kommentare immer ein notwendiger Be- 
standteil der Karten geblieben, wenn ihre Bedeutimg in neuerer Zeit auch weniger 
in Erscheinung tritt als früher mid vielfach sogar erloschen ist. Die umfangreichen Er- 
läutenmgen, die insonderheit in älterer Zeit den Karten beigegeben wurden, sind Zeugen 
dafür, wie nm- auf wissenschafthchem Boden ein derartig inniges Zusammengehen von 
Karte und Text entstehen konnte. Im Grunde genommen ist es zu bedauern, daß in 
unserer rastlos und nervös vorwärts stürmenden Zeit, wenn schon das Bedürfnis, aber 
keine Zeit vorhanden zu sein scheint, die Karten mit ausführlichen Erläutenmgen und 
Bemerkimgen besonders in bezug auf das Quellenmaterial in die Welt hinauszusenden. 
Die Blütezeiten der Kommentare waren in der Mitte des 18. und 19. Jahrhunderts. 
Im 18. Jahrhundert waren es verschiedene Kartenwerke Homanns, die mit er- 
läuterndem Text versehen wurden. Diese Arbeiten reichten jedoch nicht an die von 
d'Anville heran, auf die wir gleich noch zu sprechen kommen. Im 19. Jahrhundert 
schritt auch in dieser Beziehung für Deutschland und Ausland die J. Perthessche 
Anstalt in Gotha als Musterinstitut voran.* In allen Kulturländern, in der Schweiz, 

1 The College Atlas, for schools and faiiülies; with an alphabetical index of the latitudes and 
longitudes of 30000 places. Published by H. G. Collins, London s. a. [Ein älterer Atlas. In der Bibl. 
von J. Perthes in Gotha.] 

- Für einen Handatlas zum ersten Male angewandt (in Sthiilatlanten schon länger in Mode) 
in Andrees Allgemeinem Handatlas i. d. Ausg. von E. Ambrosius. Bielefeld u. Leipzig 1914. 

ä „Primum quam plurimoruni loconun distantias, quod ex optiniis quibusque autoribus. 
tum ex itinerariis, partim ab aliis partim a nobis ex multonmi relatu conquisitis, effecimus. Alteruni 
(lirectiones nauticas, quibus a loco in locum recto cursu secundum certam coeli regioneni navigatur. 
hoc nobis praestitenmt tabulae hydrographicae caatigatissimae, et variae navigationis scriptae 
Tertium latitudines oppidorum fideliter obseniatas, quas paucas nobis veteres scriptores contu- 
lonint, plures modemi." 

* So z. B. bei allen wichtigem alten Stielerkarten; bei den Petermannsclien Karton „Xeue 
Karte der Dänischen Monarchie" (P.M. 1862, S. 223-228); „Neue Karte der Südix>larregionen" 
(P.M. 1863, S. 407 248); „Neue Karte von Kapland, den Südafrikanischen Kreistaaleii imd dem 
Gebiet der Hottt-ntotten imd Kaffem" (P. M. 1867, S. 1011 -108). Beachtenswert sind femer die 
Bemerkungen zu der „Karte von ContralEuropa" zur übersieht dos Standpuiiktos der griiß»>m Lnnd- 
aufnahmen bis 1857 von A. Petormanii (P. M. 1857, S. I08ff.). Die Stmß«Mikarte der Aljion und 
des nördlichen Alpennin von Herrn. Berghaus erschien mit einoni 24 Seiton langen Text, der der 
Karte, wie E. v. Sydow treffend bemerkt, einen hohem Wert verleiht, wenn er sieh auch nur auf die 
Alpenstraßen bezieht (P.M. 1860, S. 461). Berühmt ist das Memoire zur Karte \-on Innor-Mrikn, 
von A. Potcrmann und Br. Hassensteiu (P. M. Ergh. 2. 1862/63), in der Hauptsache von letzterni. 



64 l>i<' Kartographie als Wissenschaft. 

deu Niederlanden, in Frankrpich, Italien, England, Eußland und den Vereinigleii 
Staaten von Amerika finden wir umfangreiche wissenschaftliche Erläuterungen zu 
Einzelkarten xmd Gesamtkartenwerken aus alter und neuer Zeit, ganz besonders jedoch 
in Frankreich. 

Wenn oben das Weglassen von Erläutermigen bedauert wurde, muß man jedoch 
auch den Ursachen gerecht werden, die zu der mehr und mehr verlilassenden Zugabe 
von Erläutermigen geführt haben. Zmiächst sind sie in dem umfangreichen geo- 
graphischen Wissen der jetzigen Zeit zu erbhcken und sodann in dem reichern Besitz 
von geographisch wissenschaftlichen Werken, die einen Eückschluß auf das Quellen- 
material der Karte unter Umständen erlauben.^ Außerdem muß ruhig eingestanden 
werden, daß viele ältere die Atlasblätter erläuternde Eepertorien wegen ihres katalog- 
artigen Charakters den eigentlichen Zweck kaum erfüllt haben dürften. Auf anderer, 
an sich berechtigter Stufe stehen die Begleithefte zu den topographischen Karten, die 
die Positionen und Höhen aller trigonometrisch vermessenen Punkte oder die Lage 
der Ortschaften nachweisen.^ Für viele wichtige Kartenwerke der neuesten Zeit, be- 
sonders für angewandte Karten, dürfte das Weglassen der Erläutermigen manchmal 
doch als ein Mangel empfunden werden. ^ 

und femer dessen Bemerkungen zur Karte der Region des Kilimandscharo und Kenia (P. M. 1864, 
S. 449—456). Als weitere ausgezeichnete Beispiele gelten die Bemerkungen zu Berghaus' Chart of 
the World (Gotha, J. Perthes, 8. Aufl.), sowie die Erläuterungen von C. Vogel zur „Neuen Karte 
der Spanischen Halbinsel" (P.M. 1871, S. 321 ff.) und späterhin zur „Neuen Karte der Balkanhalb- 
insel" (P. M. 1890, S. 42—46). — E. v. Sydow hatte 1856 seiner Wandkarte von Australien einen 
begleitenden Text beigegeben, der mit seinen 72 Seiten eine vollständige Geographie Australiens gab. — 
Nicht vergessen sei die Denkschrift, die F. Geerz seiner „GeneraLkarte von den Herzogtümern 
Schleswig, Holstein und Lauenburg, den Fürstentümern Lübeck und Ratzeburg und den Freien 
imd Hanse-Städten Hamburg und Lübeck (1 : 450000. BerUn 1859) beigab, die zu iirer Zeit bereits 
als ein Muster kritischer QueUenbearbeitung hingestellt wirrde. E. v. Sydow sagt darüber in der Ab- 
handlung über den ,, Kartographischen Standpunkt Europas am Schlüsse des Jahres 1859 (P. M. 
1860, S. 415): „Für die Kartenkunde ist diese Denkschrift ein überaus schätzbarer Beitrag und imserm 
alitäglich wachsenden Heere von Kartenzeichnern mag sie ein Fingerzeig sein für die eigentUch 
hohe Aufgabe, hinter welcher es zu einem großen Teile sehr weit zurückbleibt." — An diese Kom- 
mentare schlössen sich die von H. Kiepert an, unter den modernen Vertretern die von H. Fischer, 
z. B. dessen kritischer Text zur Karte von Ostasien in der Rio hthofen- Festschrift. Unter den 
neuem Kartenerläuterungen seien hier auch die zu den Karten der Deutschen Kolonien (in den 
großem Maßstäben 1 : 300000, bei Dietr. Reimer in Berlin) wegen ihrer Sachlichkeit und lako- 
nischen Kürze hervorgehoben. 

^ So vermissen wir nicht mehr die Erläutenmgen zu den physikahschen Atlanten, wie sie 
noch dem Physikalischen Atlas von Heinr. Berghaus 1837 oder dem Atlas zur- Physik der Welt 
(zu A.V.Humboldts Kosmos) von Traugott Bromme 1851 beigegeben wurden, seitdem wir 
solche ausgezeichnete Lehrbücher der physikahschen Geographie, wie die von A. Geihie, A. de 
Lapparent, A. Supan, E. deMartonne, E. Brückner, W. Ule, A. Philippson u.a. besitzen. 

" In den meisten Staaten, die irgendeine eingehende Landesaufnahme betreiben, begegnen 
wir solchen topographischen Beiheften. Ein Vorläufer dazu ist z. B. D. F. Sotzmann: Repertorium 
zur Karte von Deutschland in XVI Blättern. Berlin 1793. — Bei den rein topograplüschen Werken 
.scheint das Depot de la guerre den Anfang gemacht zu haben, und zwar mit den Beiheften für jede 
aus mehrem Karten bestehende Lieferung der Carte topographique de la France — dite de l'Etat- 
major, 1 : 80000. 258 fUs. Publite aux frais de l'Etat au D6pöt de la guerre ä Paris; commenc6e en 1853. 

" Als V. Haardt v. Hartenthurn 1887 seine Übersichtskarte der ethnograph. Verhältnisse 
von Asien und von den angrenzenden Teilen Europas herausgab, komite A. Kirchhoff mit Recht 
sein Bedauern über das Fehlen von Texterläuterungen aussprechen. P. M. 1887. LB. S. 53. — 
Schade auch, daß 1). Schäfer zu seiner Karte der Länder und Völker Europas, Volkstum und 
Staatenbildung (Berlin 1916), den begleitenden Text so kurz bemessen hat. 



Die Karte an sich. 65 

Die Erläuterungen dokumentieren die Summe von Fleiß, die in der Vorarbeit zu 
bedeutenden Kartenwerken steckt; sie dokumentieren aber auch die kritische Urteils- 
fähigkeit des Verfassers imd die damit verbimdene, von wissenschaftUchem Stand- 
pimkte aus verlangte Eechenschaft über jeden Punkt der Karte. 

Am berühmtesten sind die kritischen Kartenkommentare von d'Anville ge- 
worden. Mit den durchdringenden Augen eines Eichters hatte er die Geographie seiner 
Zeit imtersucht und alle Karten, soweit sie ihm zugänglich waren, mit kritischem Scharf- 
sinn nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen geprüft. Dies reinhche Fegen auf 
vielen Karten, besonders mit der Absicht der Ausmerzung von unnötigem und un- 
kontrolherbarem Namenballast, kam vor allem der Afrikakarte zugute. Seine Karten 
und Inhaltserläuterungen' galten lange nach seinem Tode noch als unerreichbare Muster; 
sein Euhm ging weit über die engern Grenzen seines Vaterlandes. In England war es 
James Eennell (1742—1840), der mit seinem Memoir of a map of Hindoostan 1783 
in die Fußstapfen seines großen Vorbildes trat. Nach dem Erscheinen dieses Kommentars 
schrieb Edward Gibbon (1737—1794) in seiner umfangreichen History of the decline 
and fall of the Eoman Empire: „If he (Eennell) extends the sphere of his inquiries 
with the same critical knowledge and sagacity, he will succeed and many surpass, the 
first of modern geographers — d'Anville". Eennell hat die Hoffnung Gibbons 
nicht zuschanden werden lassen mid hat in allen folgenden Werken seine umfassende 
Gelehrsamkeit und scharfsinnige Kritik dokumentiert. * 

Wie in England wirkten auch in Deutschland d'Anvilles kartenkritische Ar- 
beiten nach. Als Heinrich Kiepert (1818—1899) im Jahre 1853 in die BerHner 
Akademie der Wissenschaften aufgenommen wurde, begrüßte ihn damals August 
Boeckh als „unsern neuen d'Anville", und er selber bezeichnete den französischen 
Akademiker als sein Vorbild: ,,Das Werk emes solchen Meisters mit Hilfe der erweiterten 
und gediegenem Hilfsquellen unsrer Zeit zu vervollkommnen und fortzusetzen, soll 
meine Lebensaufgabe sein." Und Kiepert hat sein Versprechen redlich gehalten, ja 
er hat in bezug auf philologische Kenntnisse und kartographisch philologische mid topo- 
graphische Kritik semen Meister weit übertroffen. Die größte Leistung seiner kon- 
struktiven Arbeit war der Aufbau der Karte Kleinasiens.^ Die peinhchst genaue 
Namenschreil.img wird stets neben vielem andern eine Zierde seiner Atlanten und 
Einzelkarten sein. „Ihn lockte nicht leicht ein etymologisches Irrlicht in den Sumpf; 
ihm leuchtete die Fackel selbsterworbenen Wissens. "•• d'Anville, Eennell und Kie- 
pert sind die glänzenden Vertreter einer topographischen Kritik. In Ivieperts Fuli- 
stapfen ist kaum ein neuerer Kartograph getreten, mehr nach der kritischen als karto- 
graphischen Seite W. Sieglin und dessen Schüler M. Kießling. 

Einen letzten Best der großen französischen Kartenkommentare bilden die Karten- 
erklärungen, bzw. die Texte, mit denen die Eückseiten der Kartenblätter in vielen 

* Über 200 Karten tragen seinen Namen. Besonders geschätzt waren seine Karten für 
l'Histoire ancienne et l'Histoire romaine de C'h. Kollin; von seinen Werken: Trait^ des raesiires 
ancienncs, et modernes, 1769; Trait6 des Etats formes en Europc apri's la chute de l'empire dOcii- 
dent, 1771; Geographie amienne, 1782; ferner: .Vnalyse de l'Italie, 1744 (:tl!8 S.). 

' CA. Frenzel: Major James Rennoll, der Schöpfer der neuem englischen Geographie. 
Diss. Leipzig 1904, !S. 184ff. 

' H. Kiepert: Memoir über die Constriüition der Karte von Kleiuiisien und Türkisch 
Armenien. Berlin 1854. 

* J. Partsch: Heinrich Kiepert. Kin Bild sein«»* U<beiiN und seiner .\rlieit. O. Z. 1901. 
S.-A., S. 27. 

F.i'kart, Karlcnffli>«<Mi9rhiill I. ^ 



66 D'>^ Kartographio als WissenschHf't. 

französischen Atlanten, seien es Hand-, Volks- oder Scliulatlanteu, gern bedruckt 
werden; in historischen Atlanten müssen sogar noch die Kartenseiten zur Textwieder- 
gabe herhalten.' Auf deutscher Seite finden wir die französische Art in Spamers 
Großem Handatlas, Leipzig 1896, nachgeahmt, was nicht zu verwundern ist, da die 
größte Anzahl der 75 Karten von den Platten des Atlas de geographie moderne von 
Sclirader, Prudent et Anthoine gedruckt worden ist; der rückseitige Text stammt 
aus der Feder A. Hettners imd ist vielfach wertvoller als die Karten. Bei Lichte be- 
sehen wäre das die imiigste Yerquickimg von Karte und Buch, wenn nur nicht bei 
den Unternehmungen dieser Art meist die kartographische Technik leiden wiirde.^ 



II. Die Bedeutung der Karte. 

23. KiU'ie und Biieh. C. Wigel liallc einst den schwerwiegenden Hatz geschrieben: 
„Sie — die Karte — soll nicht des erklärenden Wortes bedürfen, sondern umgekehrt 
dem Betrachtenden, dem Lehrer mid geographischen Schriftsteller die Basis sein, von 
welcher aus er sehae Ansichten bildet und sie andern mitteilt".' Das dürfte heute nicht 
widerspruchslos hingenommen werden. Denn die Bedeutm:g, auf die Vogel hinzielt, 
erlangt die Karte nur bei dem, der auf der Höhe der kartographischen Erkenntnis 
steht; denn „toute carte est une schematisation ! — Meme avec les Instruments et les 
mithods modernes on doit Interpreter. "* Nur die sogenaimte ,, natürliche Landkarte" 
körmte unter gewisser Voraussetzung ^on dem Vorwurf der Schematisierung befreit 
werden.* 

Wenn Vogel recht behalten sollte, müßte es eine kartographische Schablone 
geben, nach der man Karten zu zeichnen imstande wäre, die gleichzeitig aUen An- 
fordenmgen in höchster Potenz zu genügen vermöchten. Das ist jedoch ausgeschlossen, 
in der Karte steckt soviel Konventionelles und soviel ist nach Konvention gearbeitet, 
daß sie imbedingt eine Erklärung erheischt. Wir wissen, daß die Karte mit einem 
Minimum von Linien ein Maximum von Gedanken sagt. Diese Sprache aber muß 

' Vgl. F. Schrader, F. Prudent et E. Anthoine: Atlas de geographie moderne. Paris. 
Hachette & Co. Ausg. 1904. — F. Schrader: Atlas de gtographie historique. Paris 1896. — Vidal- 
Lablachc: Atlas gto6ral. Paris 1894. — Ch. Petit et E. Boy: Livie-Atlas de geograplüe. La France 
et ses colonies. Paris s. a. (6. Ausg. 1910). — V. Levasseur: Atlas national. Paris 1854. Außer 
Legende und Text sehen wir auf jeder Departementskarte Abbildungen (in Kupferstich) von den 
hauptsächlichsten Produkten des betreffenden Departements. 

- Das hebt A. Supan besonders her\'-or in einer Besprechung von P. Foncin: Geographie 
gent'-rale (3. Aufl. Paris 1889) in P. M. 1890, LB. S. 9.3. Er spricht sich direkt gegen die Vereinigung 
von geographischem Handbuch und Atlas aus. 

^ C. Vogel: Das Ideal einer modernen I^andkarte. Aus allen Weltteilen. Jahrg. XII, S. 162. 

* E. de Martonne: Les enseignements de la topographie. Annales de Geographie. XIII. 
1904, S. .386. 

^ Die „natürlichen Landkaiton" sollen Unterrichts- und allgemeinen Unterhaltimgszwecken 
dienen. Auf einer Bodenfläche von verhältnismäßig großem Umfang sollen die Ländenuassen nach 
Art der Reliefkarten dargestellt werden. Friedmann schlägt in P. M. 1865, S. 271 vor, die Alte 
Welt oder Europa allein auf einer Fläche von etwa '/e Meile Durchmesser darzustellen. Die Ver- 
tiefungen wären mit Wasser auszufüllen. Übrigens ist das ein Gedanke, der schon 1856 zu Wien auf 
der 32. Versannnlung Deutsclier Xatuifoi-scher und Ärzte laut wurde. — Unter diese natürUchen 
Ijandkai-ten könnte man vielleicht das Relief von Tirol zu Innsbruck rechnen, in dem man henun- 
wandeln kann und das aus ureignen Gesteinen der dargestellten Gcbirgsstöcke und -teile aufgebaut ist; 
.1. Schuler hat dies Relief, das bei einem Maßstab 1 : 7500 (vertikal 1 : 2600) 90 qm umfaßt, zu- 
sjimmengesetzt. .■\ber auch bei diesen Cicbjldcn ist ohne Schematisienmg niclil .■lus/.iikoiiimen. 



Die Bodeutuug der Karte. 67 

gelernt werden. Nicht allein, daß man die Karte zu lesen versteht und die topographischen 
Zeichen richtig zu deuten weiß, man muß auch topographisch denken können. Dazu 
gehört viel Zeit und viel Übung. 

Wer das kartographische Alphabet versteht, wird sich schneller über ein Land 
orientieren und in das Wesen geographischer Dinge hineinschauen als mit Hilfe eines 
dickleibigen Textbandes. Im HinbHck auf diese Bedeutimg wurden H. Zondervan, 
W. Stavenhagen^ u. a. zu der nicht ganz einwandfreien Ansicht geführt, daß gute 
Karten noch wichtiger als gute geographische Bücher seien. Beide sind gleichwertig. 
Man würde die Grimdlage der geographischen Wissenschaft verschieben, werm man ein 
„Praestare" der Karte dem Lehrbuch gegenüber zur Geltung bringen wollte. Übrigens 
hält der Wissenschaftler die Karte auch gar nicht für so prätentiös. 

Zimächst wollen wir ganz allgemein ausdrücken: Karte und Buch ergänzen 
einander. Die Ergänzung kann ganz locker sein, wie sie etwa zwischen Lehrbuch und 
Atlas besteht oder sie nimmt strengere Formen an und beschäftigt sich ledigüch mit 
der Erklärung des Karteninhalts. Man kann diese Erklärungen als einen gewissen 
Ersatz der alten Kartenkommentare auffassen. Indessen dürfen jene nicht mit diesen 
verwechselt werden. Jene wollten in der Hauptsache das Quellenmaterial des Karteu- 
aufbaues klarlegen, diese werten die Karte für bestimmte geographische imd andere 
Zwecke aus. Sie sind mehr Xeuerscheimmgen in der kartentheoretischen Literatur, 
die gegenwärtig insonderheit die Erklärung des Karteninhalts der offiziellen Karten 
für Unterricht und sonstige Belehrung als ihre Hauptaufgabe betrachten.- In das Stu- 
dium und den Gebrauch der topographischen Karte 1: 25000 (Meßtischblätter) führen 
die kleinen imd hübschen Arbeiten von M. Walter ein.' Mit besonderer Liebe und 
Sorgfalt nimmt sich W. B ehr mann die Karte des Deutschen Reichs vor und wählt 
für Unterrichtszwecke eine Anzahl Blätter aus und erklärt sie*, wobei auf neuere 
morphologische Betrachtungsweisen der Landschaft Gewicht gelegt, aber auch siedelungs- 
imd verkehrsgeographische Fragen gestreift werden. In diese Eeihe von Kartenerklä- 
rungen gehören eigentlich auch die ausgezeichneten morphologischen Deduktionen, 
die S. Passarge an die Betrachtung von Baedekerkarten anschheßt.* Schließhch sei 
auf A. Egerers Kartenkunde hingewiesen*, die im Grunde genommen nichts anderes 
ist wie eine großangelegte Erklärung der offiziellen Kartenwerke. Von außerdeutschen 
Publikationen dieser Art ist besonders The interpretation of topographic maps von 
Rollin D. Salisbury and Wallace W. Atwood hervorzulieben.' 

» So sagt z. B. VV. Stavenhagen aiif S. XV in P. M. Ergh. 148. 1904: „(Die Karte) steht 
dem geographischen lii-hrbiich an Wichtigkeit voran." 

' Eine Vorgängerin ist J. E. Bodes Beschreibung einer aiif den Horizont von Berlin ent- 
worfenen neuen Weltkarte. Berlin u. Stettin 1783. 

' M. Wal tor: Die Meßtischblätter und die topographische Karte 1:25000. 1. Inhalt und 
Herstellung der Meßtischblätter und der toixjgraphischcn Karte 1 : 25000. — II. Winke zur all- 
gemeinen Benutzung der topographischen Karte 1 : 2r)000 (Meßtischblätter). — III. Die topographische 
Karte 1:25000 (Meßtischblätter) als Grundlage heimatkundlicher Studien. — Sämtliche drei Hefte 
sind bei J. Perthes in Gotha ereclüenen. 

* W. Behrmann: 40 Blätter der Karte des Deutschen Reichs 1 : 100000. Berlin 1912. 

' S. Passarge: Die Grundlagen der Londscluiftskunde. T. Hamburg 1919. Anliang. An- 
leitimg zum Kartenlesen. S. 171 204. 

' A. Egerer: Kartenkunde. I. Einf. i. d. Kartenverständnis. Leipzig u. Berlin 1920. -Abbild.. 
Blattbogrenz., Gradnetz u. Höhennullpunkte der amtl. top. Kartenwerke Deutschlands. P. M. 1921. 

' Das Buch ist 1908 in Wa.shington erschienen, ev will .Shiilrr und Laien in da.« Lesen der 
topographischen Karten Nordamerikas einfllhim. 



68 D'*" Kartographie als Wissenschaft. 

Nicht vergessen sei das Handbuch, das sich an einen Handatlas anzulehnen 
sucht. Schulgeographische Werke haben es im allgemeinen nicht schwer, ihren Inhalt 
mit dem Karteninhalt irgendeines passenden Atlas in Einklang zu bringen. Aber 
auch hier kann es Schwierigkeiten geben. H. Wagners Lehrbuch der Geographie 
wollte ursprünglich wohl kaum über den Inhalt des Methodischen Schulatlas wesentlich 
hinausgehen. Dem Inhalt der Neuauflagen des Lehrbuchs kann jedoch der Wagnersche 
Atlas nicht mehr genügen. Weit schwieriger wird die Sache für größere Handbücher, 
die ledighch auf einen Atlas Rücksicht nehmen sollen. A. Scobels Geographisches 
Handbuch^, das ursprünghch in engster Anlehnung an Andrees Handatlas gedacht 
war, wuchs schon bei der Bearbeitung über den Eahmen dessen hinaus, wozu es ur- 
sprünglich bestimmt war. Die vielen Mitarbeiter hielten es gar nicht für nötig, sich 
streng an den Andree sehen Handatlas zu halten, was man im Interesse des Ganzen 
bedauern muß. So hat Scobels Handbuch eine Selbständigkeit erlangt, die seine Be- 
nutzimg vollständig ohne Andrees Handatlas, d. h. mit jedem andern Handatlas erlaubt. 
Wir verkennen durchaus nicht, daß ein derartig sich eng an einen bestimmten Hand- 
atlas anschließendes Handbuch der Bearbeitung außerordenthche Schwierigkeiten bietet. 
Vor allem müßte es bloß einen Autor halben. Die Idee eines besondern Handbuchs 
zum Handatlas ist schon sehr alt. In den Vorbemerkungen und Erläuterungen zu 
Stielers Handatlas vom Jahre 1828 lesen wir, daß die Herausgabe eines auf den Atlas 
sich beziehenden geographischen Handbuchs beabsichtigt sei. Und bei dieser Absicht 
ist es gebheben, nie ist ein Handbuch zu dem großen Stieler geschrieben worden. 

Einen schwachen Abglanz der Idee der Vereinigung von Karte und Buch kami 
man schließlich in den großen geographischen Handbüchern erbhcken, die ihren Text 
mit einer auffällig reichen Anzahl kleiner Indexkärtchen, die sich auf Stadtpläne, 
Häfen, Küsten, Flußläufe, Deltas, Gebirgsstöcke usw. beziehen, ausgerüstet haben, 
also ein ganzes Arsenal von Typenkarten vereinigen, wie wir es in Elisee Reclus' Nou- 
velle Geographie finden oder in verkleinertem Maße in A. Hettners Grundzügen der 
Länderkunde. 

Für die geographische Disziplin sind Karte und Buch (= beschreibende Geo- 
graphie) ebensowohl koordiniert wie korrelativ. Karte und Buch gehören zueinander 
wie Auge und Ohr. A. v. Humboldt hatte dasselbe im Sinn, als er zwischen bestim- 
mender Behandlung geographischen Wissens, deren Ergebnisse in Globus und Karte 
niedergelegt sind, und beschreibender, die Länder und Völker schildert, unterschied. 
„Es liegt in der Natur der Geographie, daß sie sich gleichmäßig auf l'ext und Karte 
stützt." 2 

Die Karte hat dem Buch gegenüber den Vorzug voraus, durch ihre Zeichen besser 
als das bloße Wort Eaumvorstellungen wecken und bilden zu können. Es wird sogar 
behauptet, daß die Karte direkt den Raum ausdrücke, Raum vorstelle.* Dabei wird 
logisch nicht scharf Raum von Fläche geschieden. Aber innerhalb der Dimensionen 
der Fläche ist es der Karte möglich, Erscheinungen und Beziehungen im geographischen 
Raum zu veranschaulichen oder wenigstens anzudeuten. 

Bringt das Buch Höhenzahlen, kann ich mir darunter gar nichts vorstellen, wenn 
ich nicht zum Vergleich an mir bekannte Hiihen denke. Aber auch die Karte gibt mit 



' A. Scobci: Geographisches Hamlhuch. Allg. Erdkunde, l..ändorkunde und Wirtschafts- 
geographie. 5. Aufl. Bielefeld und Leipzig. I. 1909. II. 1910. 

= Fr. Ratzel: Die Lage im Mittelpunkt des geogiaphischen Unterrichts. 0. Z. 1900, S. 26. 
■' 8. Mehcdinti: Über di<- kartographisclw Induktion. Diss. Leipzig 1X99, S. 14, 15. 



Die Bcdfiutung der Karte. 89 

ihren Höhenzahlen noch keine Werte, die Kaunianschauung haben: zu solcher wird 
ihnen erst durch eine geschickte Terraindarstellung, mit der man vertraut sein muß. 
einigei-maßen verhelfen. Enthält das Buch Flächenzahlen und Angaben über Uneare 
Größen, ■wie über die Längen von Flüssen, Küsten usw., kann selbst die eleganteste 
und geistreichste Interi>rctation nicht das sagen, was ein Blick auf die Karte alles 
vermittelt.! 

Karte und Buch tuffcu imttr den bunten und mamiigfaltigen Erscheinungs- 
formen der Welt eine nach bestimmten Grundsätzen geregelte Auswahl. Während das 
Buch die geographischen Tatsachen und Begriffe nacheinander vorführt, werden sie 
vom Kartenbild in einem Xu präsentiert, weil die Karte, wir wollen einmal sagen in- 
folge der Zeichnung, etwas Gleichartiges, eine Synthese ist. Sie verknüpft die Tat- 
sachen sichtbar untereinander und macht diese Verbindungen für den Geist flüssiger 
als wenn sie erst durch mühselige Yergleichimg der nach und nach vorgeführten Tat- 
sachen im Buche gewonnen werden. 

Ein Totalbild von der Landschaft, wie die Photographie, besonders das Flieger- 
bild, zu geben ist der Karte sowohl wie dem Buche unmögUch. Was so auf der einen 
Seite als Nachteil erscheint, ist auf der andern durchaus ein Vorteil. Die Gesetze des 
psychischen Mechanismus lehren, vne bereits hervorgehoben, das Unvermögen, eine 
Totalität von Vorstellungen mit einem Male aufzmiehmen. Nacheinander treten die 
Vorstellungen in unsere Gedankenwelt ein; geschieht es in Reihenform, wird ihnen ein 
sicherer Halt im Gedächtnis gegeben. Die Karte vermittelt solche Reihenformen. Was 
im Buche erst unter Anwendung größerer geistiger Arbeit herausgeholt werden muß. 
bietet sich im Kartenbild systematisch abgestuft und geordnet dar. So steht es außer 
allem Zweifel, daß durch die Karte der Denkprozeß wesentüch erleichtert und in einem 
weit günstigem Maße als durch das Buch gefördert wird. 

'24. Zur pädagojsischeu Bedeutuug der Karte. Karte und Bild. Das vorhergehende 
Kapitel über Karte und Bucli zwingt geradezu auch der pädagogischen Bedeutung 
der Karte mit einigen Worten zu gedenken, obwohl das pädagogische Element außer- 
halb des Rahmens meiner Untersuchungen liegt. In pädagogischer Beziehung hat die 
Karte einen Wert, der sie für einen fruchtbringenden Geographieunterricht völlig 
unentbehrhch macht, der sie weit über den des Buches hinausreiehen läßt. Norbert 
Krebs sagt, daß es ein Verkennen der Tatsachen ist, .wenn man das Buch höher ein- 
gesehätzt hat als die Karte. Demgegenüber muß immer wieder betont werden, daß 
der Atlas das handlichste und inhaltsreichste geographische Handbuch ist und dabei 
viel klarer und lesbarer als das beste Schriftwerk."^ Es soll hier nicht die Aufgabe sem, 
alle Phasen zu untersuchen, die einer unterrichthchen Behandhuig der Karte zugute 
kommen. Wie die Karte mehr oder minder Ausgangspunkt des geographischen Unter- 
richts ist, zeigen unzählige Aufsätze in schulgeographischen Methodiken.* In der Kart»' 

' Aus obiger Erkenntnis geht letzten Endes auch hervor, daß man da» Zeicluuii als Kauni- 
sprachc der Lautspiuchc gcgenübei-sctzt. Bloß durch Zeicluien lernt n\an sehen, wie schon A. Diester- 
weg sagte. Vgl. K. Hassert: Das Kartenzeichncn im geogiuph. l'nteiricht. Neuew Konvsiiondcnz- 
blatt f. d. Gelehrten- u. llealschuU'u Würltonilx-rgs. Stuttgart 1901. .S.-A.. S. 7. 

- X. Krebs: Die Bedeutung der geographischen Karte. Oeogr. Abende im JCentiuliustitut 
für Erzieliujig und L'nterricht. Berlin 1919, S. 8. \'gl. ii:eine .XiLsführangen S. 67. 

3 Wenn H. Zondervan (All>;. Kartenkunde, Leipzig 19UI, S. 180) «chivibt: „So fand auf 
dem im April 1897 in Wien abgehaltenen \'l. IX-utsch-osU-rrciclüsclion .MittelschulUge ilie Beliaiiptuug 
des Dr. Juritsch allgemein lieifall, daß der .\tla.s und nirlit das U-hrbuch zur Basis des L'nterrieht.s 



70 Die Kartographie als Wiasensohaft. 

steckt als einer gewissen Art Abbildung der Erdoberfläche eine gewaltige Anschau imgs- 
kraft. Ist sie doch dem menschlichen Bedürfnis entsprungen, die Erdoberfläche zu 
überschauen, ja zu beherrschen, ohne jedesmal in natura beobachten zu müssen. ^ Ist 
es doch ein Haupterfordemis insonderheit der Landkarte, die Bodenformen der Natur 
so wiederzugeben, daß der Beschauer sofort bekannte Gegenden wiedererkennt oder 
sich mit Hilfe der Karte zu orientieren vermag.* Im Hinbhck auf die in Aussicht 
gestellte Herstellung eines physikahschen Atlas bei Perthes in Gotha sagte 1887 
Hermann Berghaus: „Kein Eindruck haftet dauernder als derjenige, welcher un- 
mittelbar auf imsere Simie wirkt; so auch graphische Darstellungen, die ims die 
Phänomene der physikalischen Geographie übersichtlich vor Augen legen. Sie bringen 
das erst gleichsam ins Leben, zur lebendigen Anschauung, was in der schriftlichen 
Darstellung oft als toter Buchstabe verborgen liegt".' Neuern pädagogischen Forde- 
rungen gemäß soll das Buch weiter nichts als ein erklärender Text der Karte sein.* 
Am anschaulichsten wirkt die Karte, werm sie das, was sie vorstellen will, mit 
wenigen, aber um so wirkungsvollem Mitteln erreicht. Namentlich soll die Schul- 
wandkarte soviel wie möglich von Ballast befreit sein, damit ihre Zeichen, ihr Bild 
sich ebenso leicht imd ruhig wie klar und dauernd in dem Geist der Betrachtenden 
einprägen. Indessen darf man unter Berücksichtigung des pädagogischen, wissen- 
schaftlichen vmd technischen Moments von der Karte nicht alles, zum mindesten nicht 
zu viel verlangen. Ihre pädagogische Hauptaufgabe besteht ebenfalls wie ihre wissen- 
schaftliche zunächst darin, die ihrem Wesen gemäße Gruppierung der geographischen 
Objekte zu veranschauHchen, also die Lagenangabe dem Beschauer zu übermittehi. 
„Natürhch will imd muß ja die Karte noch viel mehr geben als die Lage. Aber das ist 
eben bezeichnend für die große Bedeutimg der geographischen Lage, daß die Karte allen 
andern Zwecken am besten gerecht wird, wenn sie die Lage gut wiedergibt."'' 

Alle möghchen Mittel werden versucht, die Karte in ihrer unterrichtlichen Wir- 
kung zu unterstützen. Selbst vor dem Oktroyieren des imionistischen Prinzips auf 
Wand- imd Handkarte, bzw. Atlaskarte hat man nicht zurückgeschreckt.« 

Ist indes die Karte auch noch so ausgezeichnet ausgeführt, sie wird nimmermehr 
ein vollkommenes Büd einer Landschaft geben.' Daher wird es erklärlich, die Karte 

dienen soll", ist das kein einziger markanter Pall, sunckm eine in alierhand Melodien vaiüerte i'orderung 
fast aller Methodiken des geographischen iSchuhint( irithts, insbesondere in Deutschland, aber auch 
in Österreich-Ungarn, der Schweiz, Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Schweden, Noi-wegen, 
Italien, England, den Vereinigten Staaten, in C'liile und selbst schon in Japan. 

1 E.Friedrich, a.a.O., S. 4. 

- Br. Schulze: Das militär. Aufnehmen. Leipzig und Berlin 1903, S. 180. 

•' H. Berghaus: Allgemeine Länder- imd Völkerkunde. Nebst einem Abriß der physikahschen 
Erdbeschreibung. I. Stuttgart 1837, S. \^L — Älmliches sagt Coordes in der Vorrede zu dem Katalog 
über das Gesamtgebiet der geographischen Anschauimgsmittel (Kassel 1888): „Das Wort genügt 
nicht; das Auge ist ein viel besserer Lehrmeister als das Ohr." 

* Selbst diese Forderungen sind nicht neu. Wir finden sie verwirklicht schon 1778 (8. Aufl.) 
in der „Kurzen Erläuterung einer in Kupfer gestochenen Vorstellung des Erdbodens — zimi Ge- 
brauch der Realschule in Berlin." 

^ Fr. Ratzel: Die Lage im Mittelpunkt des geographischen Unterrichts. G. Z. 1900, S. 21. 

' In der Schule müssen die Schüler allerhand Karten in die Hände bekommen, damit sie im 
spätem Leben nicht immer von einer Karte zur andern umlernen müssen. Nur an einerlei Karten 
die Jugend gewöhnen, heißt nichts anderes als die Denkfaulheit der Menschen groß züchten. Das 
schulkartographische unionistische Prinzip hat nur scheinbar Einiges für sich (auf den untersten 
Unterrichtsstufen!), im übrigen ist es als falscher pädagogischer Standpunkt zu verwerfen. 

' Diesen Gedanken hat AI. Geistbeck aufgegriffen, um ilm in verschiedenen VeröffentUchungen 



Dio BncIeutuiiK fier Karte. 71 

durch das Bild üu ergänzen. Das Verständnis der Karte läßt sich durch treffliche, die 
Natur getreu wiedergebende Bilder ungemein fördern. Dabei sind soviel wie möglich 
nur Typenbilder zu verwenden; denn um all die verschiedenen Landschaften (Land- 
schaftsbegriff im begrenzten Sinne), die oft ein einziges Meßtischblatt voreint, durch 
Bilder zu veranschaulichen, bedarf es unzähliger Abbildungen. Das Bild hat immer etwas 
Begrenztes, selbst wenn wir an das Panorama denken. Es ist im Gegensatz zu dem 
Grundriß der Karte ein Aufriß. Das beste Aufrißbild ist und bleibt das naturgetreue 
Eelief; derm es gibt die ganze imd allseitig wahrnehmbare Form und beliebig viele 
Ansichten zugleich imd „ersetzt die Karte samt zahllosen Ansichten.'- 1 

Das Bild wird gern gebraucht, um in das Verständnis der Karte und ilirer Zeichen 
einzuführen. In neuern Schulatlanten kommt diese Methode vielfach zum Ausdruck. 
Es müssen aber dann auch wirklich der Natur entnommene Bilder herangezogen werden 
und nicht solche idealisierte Bilder, die auf einem scheinbar natürlichen Terrainkomplex 
allen möglichen geographischen Begriffen nachjagen.^ Die Natur ist wahr und wir 
sollen sie durch derartige Machwerke nicht verschandeln. 

Das Verfahren, die Karte diu'ch das Bild zu ergänzen, ist einige -Jalirliunderte 
alt mid geht zurück auf die alten Kosmographien imd verschiedene Einzelkarten des 
16. Jahrhunderts^; denn in den Randbildern und einigen Parerga der alten Landkarten 
und in den Vertoonungen der Seekarten des 16. mid der folgenden Jahrhunderte können 
wir die Vorläufer unserer heutigen charakteristischen Landschaftsbilder erblicken, die 
in das Verständnis der Karte einführen wollen. Mit dem Verschwinden der Randbilder 
wm-de das Verhältnis zwischen Karte und Bild immer lockerer, um erst in der Mittt' 
des 19. Jahrhimderts einen neuen Anstoß zu erhalten*, aber erst gegen Ende des Jahr- 
hunderts zu neuem triebkräftigem Leben zu erstehen. Nur- darf es nicht zu populär- 
wissenschaftlichen Bilderbüchern ausarten, wie sie noch vor dem Weltkriege mit viel 
Reklame an die Öffentlichkeit gebracht wurden. Als Neues wurde da in Deutschland 
die Beigabe von Bildertafeln mit landschafthchen Darstellungen in Volksscliulatlanten 
angepriesen. Aber auch dies ist nur eine Auffrischimg älterer französischer imd 
englischer Versuche.^ 



wciterzaspiiinen, iintfi- denen die -ttiehtigstc Eine GSassc für die .AniSiIuiuunL; im Ceoi;ni]iIiiiiinterrieht 
(Bayr. Z. f. Realschulwesen. XV. München 1894) ist. 

'A.Heim: Sjx;zialbericht über „Relief" in dem Rericht über die .Schweizer l..aiKle,-üiiis- 
stclhing Zürich 188;<. Zürich 1884, S. 19. 

- Derartige Idealbilder erinnern mich an einen alten Kupfei-stich, der wähitMid der Mes.-H.'n 
zu meiner Studentenzeit in Leipzig noch zu kaufen war, luul der an einem einzigen Pfeitlee.xompiftr 
100 imd mehr äußerliche Krankheiten zeigte. — Xur ausnahmsweise kann einem Idealbild Geiwhtig- 
keil widerfahren, wie z. B. dem bekarmten Gletscherbild von Fr. Simony. 

■' l'nter den unzähUgen Karten dieser Art sei nur auf eine hingewiesen: Xova de.scrittione 
d'ltalia di Gio. Anton. Magino. Amsterdam 1617. Das Meer ist mit Schiffen und Ncptungestalten 
ausgefüllt. Auf der Karte ringsheiiun Bilder: links und i-echts Volkstrachtenbilder. unten Städte- 
bilder, um das Ganze herundaufend eine Beschreibung von Italien. 

* In den ältesten Jahrgängen von Petermanns Mitt«ihmgen, 185« und 1869, sind Beispiele 
an einer Insel und einem Vulkan von Th. Kotsehy gegeben. V. M. 1858. T. 1 die Insel St. Paul 
und P. M. 1859, T. 4 der Vulkan Demavend. 

' In Frankreich ist o« eine landesübliche Sitte, Schulatlant«'ii mit Landschaft.-*- und Volks- 
typenbildern zu bespicken. In England ist ein bekannter Atlas dieser Art Longmans Xew atlas, hg. 
von J. G. Chisholm, London 1889. A. Supan bemerkt ganz richtig lüoreu „ob sie — die Bildor- 
tafeln — sich in dem Maße, als sie das Werk verteuern, auch nützlich erweisen worden, ist freilich 
eine andere Frage". P. M. 1889. LB. S. 105. 



72 Tlic Kartographie als Wissenschaft. 

Nencrdings ist der Einführung in das Verständnis der Karte eine ungeahnte 
Hilfe in dem Fliegerbild entstanden. Die Fliegerbilder des Weltkriegs haben von 
den verschiedensten Gegenden Europas und des nahen Orients eine reiche Anzahl 
charakteristischer Landschaftstypen eingeheimst, sowohl in Schräg- wie Senkrecht- 
aufnahmen. Sie bilden gleichsam das BindegUed zwischen den sonst üblichen Aufriß- 
bildem und der Karte. Der Geographie- und Kartenunterricht hat durch das Flieger- 
bild ein großartiges Hilfsmittel erhalten, das in seiner Bedeutung allerdings auch nicht 
überschätzt werden darf.^ Der Bedeutung des Fliegerbildes für die Karte werde ich 
noch eine Sonderuntersuchung widmen (s. !? 127 ff.). 

25. Entstehung und Zweck der Karte. Wie jede Disziplin danach strebt, ihre 
Hauptresultate allgemein und übersichtlich zusammenzufassen, finden wir dies Be- 
streben nicht minder in der Geographie; denn die Einzelheiten der Geschichte der 
W issenschaften gewähren nur insofern einen Nutzen, als man sie durch ein gemeinsames 
Band verknüpft (A. v. Humboldt). Dieser Forderung kommt die Geographie teils 
durch das Wort, teils durch die Karte nach. Gerade die wohlbegründete Massen- 
anschauung^, wie sie eine gute Karte bietet, ist für die geographische Wissenschaft von 
einem Wert wie er einer andern Wissenschaft in ähnlicher Weise kaum zur Verfügung 
steht^; und die Geographie hat zweifelsohne in der zweifachen Möglichkeit der Zusammen- 
fassung andern Wissenschaften gegenüber einen großen Vorsprung. 

Die Karte ist dem Bedürfnis, sich über die Erde zu orientieren, entsprungen. 
Davon zeugen sowohl unsere bestausgeführten Generalstabskarten wie die primitivsten 
Kartenleistungen der Naturvölker. Letztere Kartenprodukte fordern oft unsere Be- 
wunderung. Sie gehen auf Naturvölker zurück, deren Orientierungssinn besonders 
scharf ausgebildet ist. Bekanntlich ist der Orientierungssinn bei den nomadisierenden 
Völkern größer als bei den ackerbautreibenden. Dieser Unterschied besteht z. B. 
zwischen den Sahara- bzw. Sudanvölkern imd den Bewohnern Südafrikas. Der Va- 
queano ist der Pilot in den argentinischen Pampas, der auch dort sicher den Weg findet, 
wo kein Weg ist.* Die Indianer Nordamerikas, die Eskimos in Grönland, die Ostjaken, 
die Mongolen der Gobi, die Polynesier — alles Völker, die große Räume in ihrem Lebens- 
und Bewegungsgebiet überwinden müssen — haben uns Beweise ihres kartographischen 
Könnens gegeben. ^ 

' Auf die große Bedeutung des Fliegerbildes als geographisches Anschauungsmittel 
hinzuweisen, erübrigt sich bei meinen Erörterungen. Trotzdem kann ich nicht umhin, auch hier zur 
Vorsicht zu gemahnen. Wenn irgendwo, gilt bei der Auswahl von Fliegcrbildern : Non multa, sed 
multum ! Denn man geht bereits an mehreren Stellen daran, aus der Unzahl von Pliegerbildem 
typische Bilder zusammenzustellen. Sicher ist, daß sie über viele morphologische Siedelungs- imd 
andere Erscheinimgen Klarheit und Licht bringen. Aber ihre Auswahl sollte man den Autoritäten 
auf diesen geographischen Gebieten überlassen und danach streben, eine größere Anzahl nach Art 
der Luftbildkartenblätter zu einem landschaftlichen Ganzen zusammenzufügen, damit die Einzel- 
erscheinung in ihrer Umgebung imd Gesamtwirkung erfaßt wird. 

- E. V. Sydow: Der kartographische Standpunkt Europas in den Jahren 1864 und 1865. 
P. M. 1865, S. 449. 

" J. Spörer: „Nichts ist geeigneter, die Gesamtverhältnisse der Erdphysik zu einheitlich 
zusammenfassender Anschauung zu bringen als das von kundiger Hand geschaffene Kartenbild." 
G. J. Bd. in. 1870, S. 332. 

* K. Andree: Geographie des Welthandels. I. Stuttgart 1867, S. 184, 264. 

^ R. Andree: Ethnographische Parallelen und Vergleiche. Stuttgart 1870, S. 202-215. - 
A. Schuck: Die Sta.bkarten der Marshall-Insulaner. Hamburg 1902. W. Droeber; Kartographie 
bei den Naturvölkern. Diss. Eriangen 1903. 



Die Rpdeutunp der Karte. 73 

Die Orientierung auf der Erdoberfläche hat zu dem sichtbaren Ausdruck der 
Karte geführt. Je mehr die Beobachtungen durch Orientierung sich häuften, um so 
detailierter und besser wurde die Karte. Die höchste Form der Orientierung konmit 
gleichsam in der Geodäsie zum Ausdruck. Auf jeden Fortschritt dieser Wissenschaft 
reagiert die Kartographie mit entsprechender Darstellung. 

Vorzugsweise waren es die Eeisen und Entdeckungen, die auf eine Zusammen- 
fassung des Gesehenen in ein Bild drängten.^ Darum fängt A. Petermann seinen 
bemerkenswerten Aufsatz über den kartographischen Standpunkt der Erde mit den 
Worten an: „Das Endresultat und der Endzweck aller geographischen Forschungen, 
Entdeckungen und Aufnahmen ist, in erster Linie, die Abbildung der Erdoberfläche, 
die Karte" 2, und E. v. Sydow seine berühmte geo-kartographische Betrachtung Drei 
Kartenkhppen mit den Worten: „Schon die ältesten Reisenden waren bemüht, die 
Anordnung der verschiedenen Terraingegenstände in den durchwanderten Landschaften 
bildlich zu versinnlichen, und bereits die ältesten Geographen fühlten das Bedürfnis, 
ihre Beschreibungen durch orientierende bildHche Darstellungen zu ergänzen".' Bereits 
die erste Erdkarte, die nach Eratosthenes von Anaximander von Milet entworfen 
wurde, führte zurück auf den Anreiz, die insbesondere durch die Handelsverbindungen 
kennen gelernten Länder darzustellen.* Daß die Eömer bei ihrem ausgedehnten Eeiche 
die Notwendigkeit von Karten empfunden mid Karten auch besessen haben, bezeugen 
die alten Schriftsteller, wie Plinius, Varro, Agrippa, Strabo u. a. Besonders die 
große Weltkarte des Augustus, die sich offenbar auf genaue Straßen- und Stationen- 
vermessung aufbaute, hatte bedeutenden Einfluß auf die Geographie und karto- 
graphische Nachahmungen jener Zeiten gehabt.'' Wie hauptsächhch Kaufleute das 
Kartenbedürfnis zu nähren und zu erweitern verstanden haben, beweisen alte mexi 
kanische Kaufmannskarten, auf denen außer den Gebirgen, Wäldern, Städten die Ent 
fernungen der Orte und Straßen und Grenzen angegeben und die Kartenränder mit 
statistischen Notizen bedeckt wurden. 

Die auri sacra fames hat nicht unliedeutend den geographischen Horizont er 
weitert und damit das Kartenbild kondensiert. Die leeren Flecke der alten Karten 
haben den Gang der Entdeckungen beschleunigt, sie reizten inuner wieder zu neuen 



' J. .Spörer sagt iu seiner ilun eigentümlichcu glänzciulin Diktion: „Die ozeaiüsohiu ^<'e- 
fahrt<-n liabcn das Riind der Erde entliüUt. Mit dem Überblick über die Eixioberfläche uiiscrs Planeten 
ward erst die einheitliche Auffassiuig des Erdlebcns, die physikalische und historische Eixlkimde. 
eine Erd-, Tier-, Pflanzen- und Menscliengeschichte, ein wahres Welt- und Selbstbewußtsein der 
Menschheit ennöglicht." Zur Iiistorischen Erdkunde in G. .1. Md. !\'. I.S72. S. 2(Ht. 

- A. Petermann in G. .1. I. \nm. S. .'iSI. 

' E. V. Sydow in G. J. I. 1«66, S. M». Mass, au.li in (». Kiüinnul: Klassiker der IVo- 
grnphie. 1. Kiel 1904, S. 161. 

* H. Berger: Die Lehn^ von der Kugelgestalt der Krdc im Altcrluui. iig. von M. KieUling. 
G. '/.. mm, S. 2:J: „Aus ihr - der jonischen Xaturpliilosophie - ist mit andern SiH-zialwissensihaften 
auch die Oographie hervorgegangen. Durch die Handelsverbindimgen, die von alten Kar» wanenwegen 
her Kunde über das Innere Asiens brachten, die lx>gierig aufgenommene, ausführliche Nachrichten 
verbreitct<!n über das Wunderland Äg>pt<'n, steinen merkwürdigen Strom und .seine Nachbarlünder, 
über die SU-pix-n Rußlands, über den jenseitlosen Ozean im \Vest<-n und im Nonlen und s»-ine Zinn- 
und Bernsteininseln, hatt« sich ein btKleutendos länderkundliches Material angesanunelt. das Ordnung 
verlangte und schnell zur Dai-stelliuig, zur Kartographie reizte und führte." 

'■ K. Müllenhof f: Übt'r die Weltkarte und die ("horogrophie des Kaisers Augustus. Kiel 
IKöG. E. Sehweder: Wellkarte imd ( 'hon)gnvi)hie des Kaisers Aupistus. Xcue Jahrb. für Piniol. 
und Pädagogik. 14r.. und 14(J. H<\. Isili', S. Ii:t_l32. 



74 Dit! Kartographie als Wissenschaft. 

Unternehmungen an, besonders, nachdem mau neben dem schrankenlosen Weltmeer 
doch ein jenseitiges Ufer des Atlantischen Ozeans gefunden hatte. „Von nun an war 
das Werk der Entdeckung nicht mehr dem Zufall miterworfen, sondern es ward zu 
einer Kmist und Wissenschaft." ^ Die Karten und die geographische Darstellungs- 
weise wm'den weseutUch verbessert (A. v. Humboldt).^ 

Jedes wissenschaftliche Problem Ijürgt in sich außer dem Beiz zur Forschung 
das Lustgefühl beim glücklichen GeUngen der Lösung.^ So auch die Karte. Das Lust- 
gefühl insofern, als es diu-ch die — teilweise — Erfüllung des Eeizes nach Erforschung 
von Unbekanntem unserer Muttererde erzeugt wird, und der Eeiz insofern, als er immer 
wieder zu neuer Arbeit hindrängt. Solange noch ein menschhches Lebewesen den 
Erdball bevölkert, solange wird der kartographischen Arbeit kein Ende sein. Aber 
nicht bloß die Kartenherstelluug imd -Vervollständigung hat etwas Reizvolles, sondern 
auch das Beschauen der Karte. Goethe erzälüt uns von einem Gutsherrn, der die 
neu aufgenommene Karte seines Besitztums betrachtet, daß dieser „seine Besitzungen 
auf das deuthchste aus dem Papier wie eine neue Schöpfung hervorwachsen sah. Er 
glaubte sie jetzt erst kennen zu lernen; sie schienen ihm jetzt erst recht zu gehören".* 

26. Die Bedeutung der Karte für die geographische Wissenschalt im besouderu. 

Wenn die Karte der Niederschlag des geographischen Wissens einer Zeitperiode sein 
soll, ist sie direkt als ein Kulturmaßstab für die betreffende Zeit anzusprechen.^ 
Dabei ist, wie die Erörterung der historischen Methode in der wissenschaftUchen Karto- 
graphie gezeigt hat, der ganze Kultmrzustand einer Periode ins Auge zu fassen, damit 
ein richtiges Urteil gewoimen werden kann. Sehen wir uns nach der kulturellen Höhe 
der europäischen Karten um, demi um diese handelt es sich in der Hauptsache, so 
dürfen wir mit Ausschluß der Portiüankarten vor den Zeiten des 15. Jahrhunderts 
kaum anfangen, die Wissenschafthchkeit der Karten einzuschätzen; denn die Produkte 
zur Blütezeit der mönchischen Wissenschaft sind kultm-historisch wohl interessant, 
wissenschafthch jedoch minderwertig, daß sie nicht einmal einen Vergleich mit den 
durch ein gewisses Zeichentalent, Orientierungsvermögen und Schätzungsgabe aus- 
gezeichneten kartographischen Erzeugnissen von Naturvölkern, wie Eskimos, Poly- 
nesiern u. a. aushalten. Mit dem Wiedererwachen des Ptolemäus wurde es besser, 
wenn er auch die Emanzipation vom Althergebrachten nicht so befördert hat, wie man 
allgemein armimmt. Die erste gedruckte, allerdings von Ptolemäus noch stark 
beeinflußte Originalkarte von Deutschland bzw. Mitteleuropa, tritt uns 1491 
in der Karte Germania von Nicolaus Cusanus entgegen.« Von Hartmaun Schedels 
Weltkarte, 1493, und dessen Holzschnittkarte von Deutschland, m der „Nürnberger 
Chronik" von 1493, sagt W. Wolkenhauer, sie zeige, „was zur Zeit der ersten Ent- 
deckungen in der Neuen Welt der Durchschnitt der Gelehrten und Gebildeten im Gebiete 



• K. Ritter: Gesciiichte der Erdkunde und der Entdeckungen. Vorlesungen. Hg. v. H. A. 
Daniel. 2. Aufl. BerUu 1880, S. 238. 

2 A. V. Humboldt: Kritische Untersuchungen. (Übers, v. J. L. Ideler). I. Berlin 1852. S.27. 
" Von dieser Kunstfreude bei der Herausgestaltung der Karte eines problematischen Gebietes 
spricht Fr. Ratzel in seinem Nekrolog über Bruno Hassenstein. P. M. 1902, S. 5. 

* W. V. Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Berlin, G. Hempel. 15. Teil, S. 40. 
5 E. Friedrich, a. a. O., S. 6. 

« A. E. V. Nordenskiöld: Periplus. Stockholm 1897. S. 85. — Vgl. weitere Lit^-ratur bei 
W. Wolkenhauer im Leitfaden z. Gesch. der Kartographie. Breslau 1895. 



Die Bedputunir der Karte. 75 

der Geographie und Ethnographie zu -w-issen und zu verstehen brauchte."^ bin Muster 
der Zusanunenfassung des geographischen Wissens einer Zeit in Wort, Bild und Karte ist 
die Kosmogi-aphie von Sebastian Münster, des „teutschen Strabo", die V. Hantzsch 
wegen ihrer Vielseitigkeit und beispiellosen Verbreitung das Hauptwerk der gesamten 
geographischen Literatur des Eeformationszeitalters nennt (s. auch Anm. 2 S. 35j. 
Die Eeform der kartographischen -nissenschafthchen Zusammenfassung lassen 
^yir, wie die der kritischen Kartographie, mit der im Jahre 1554 erschienenen Europa- 
karte von Mercator beginnen. Der geometrische UmriB gewann, indem geographische 
und astronomische Probleme gelöst wm-den. Aber noch waren die astronomischen 
Ortsbestimmimgeu bis ins 18. Jahrhundert hinein eme seltene Ware. Nicht mehr als 
139 astronomisch festgelegte (zudem nicht durchgängig genau) Orte, von denen 20 auf 
Deutschland entfallen, finden sich in J. G. Doppelmayrs „Basis geographiae recen- 
tioris astronomica" 1741. ^ Am 30. November 1773 wiu-den dem König Friedrich dem 
Großen der erste Band der Astronomischen Ephemeriden von der preußischen Akademie 
der Wissenschaften ülierreicht: in jene Zeiten gehören die Arbeiten von d'Alembert. 
Euler, Cassini, Lagrange, Lambert u. a. Mit dem Umriß gewann der Inhalt. 
Letzterer stieg zuletzt an Wert, eigentHch erst dann, als die trigonometrischen Auf- 
nahmen einsetzten und genauer aufgenommene Karten aus den Geheimkabinetten der 
Fürsten hinaus über alle Lande flatterten. Die die Topographie und Kartographie 
fördernden Arbeiten von Soldner, Bessel, Gauß stehen in der Geschichte der Wissen- 
schaften imvergänglich eingesehrieben. Li der Vereinigung von wissenscliaftüchet 
Grundlage mit praktischem Werte leistet die Karte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr. 
Auf diese Eut^^^cklung ist Himaboldts und Eitters Einfluß unverkennbar. C. Eitter 
trug das KausaUtätsprinzip m den Gang geographischer Betrachtungen hinein, was 
weiterhin bestimmend für die wissenschafthche Kartographie wurde. Das sich über 
die Erde ausbreitende Beobachtungsnetz für meteorologische imd erdmagnetische Er- 
scheinungen führte auf die Liitiative Humboldts ziu-ück und ün Anschluß daran zur 
kartographischen Fixierimg dieser Erscheinungen. Karten zm- Übersicht der Meeres- 
räume imd des Weltverkehrs, historische und physikahsche Atlanti^n entstanden in 
Frankreich und England sowohl wie in Deutschland. Zu einem Staudard Work ersten 
Eanges für- die geographische Wissenschaft entwickelte sich Herrn. Berghaus' Physi- 
kalischer Atlas. An Fülle des Stoffes wird dieser Atlas von Bartholomews Physical 
Atlas übertroffen.ä 

Dil' systematische Zusammenfassimg durch das Kartenbild ist seiir wohl geeignet, 
die Lücken vieler geographischer Arbeiten zu zeigen, beispielsweise bei der Festlegung 
des Verbreitungsgebietes irgendeines geographischen Objektes oder irgendeiner Er- 
scheinung. Nicht allein dadurch, daß die Karte erhellt, was noch unklar bis dahin war, 
sondern auch darin, daß sie direkt zu neuen Ergebnissen führt . hat sie einen eminenten 
Wert für die geographische Forschung. Von diesem kartographischen Einfluß, man 



1 Vgl. W. Wolkenhauer im Globus LXV, Nr. 1 und 2. ÄLt 2 Karlen; ferner Nordouskiöld: 
Facsiniile- Atlas. Stockholm 1889, S. 9. Abb. ö. 

- Dom. von Limbrunn klagt in dem „Versuch einer Verbesserung der Landkarte \on 
ßaiern- (.\bh. der Chu fürstl.-baier. Ak. der Wiss. 11. München 1764. S. :143— MO) darüber. daU in 
Bayern die Ortschaften nicht einmal ihrer Breite nach stimmen. 

=> Vgl. A. SupanH Besprechung (!'. M. 1900, LJ{. S. 1) über Bartholomews Phy»'»^'»! AÜas. 
Bd. TV. Atlas of Metcoi-ologj-, proparod l.y ■^. O. Bnrtholomew nnH A. .T. Herherton. and cdited 
bv Alex. Buchan. U.ndun 1899. 



76 "i« Kartographie als Wissrnsohnft. 

könnte fast von einem Zwang reden, weiß Theo bald Fischer in den Bemerkungen 
zur Karte der Verbreitmig des Ölbaums zu berichten.^ 

Ein gutes fCartenbild regt außerordentlich zum Nachdenken an. Welche Schlüssi' 
kann man für die Verbreitmig der Deltas und der Niveauveränderung ozeanischer 
Küstenstriche aus E. Credners Karten^ direkt folgern, welche Beziehungen zwischen 
Klima und Industrie werden sofort durch die Karten über die Verbreitung der Wind- 
und Wassermotoren von 0. Krümm el klar^, welche kulturellen Wertschätzungen 
für die einzelnen Erdgebiete fließen aus einer Karte, wie der von H. Wagner* über 
die Länder, in denen wirkliche Volkszählungen stattgefunden haben: welch richtige 
Verkehrsbedeutung erwächst den einzelnen Ozeanen, wenn die Seeverkehrswege die 
wirkliche Größe der Güter-(Tonnen-)bewegiuig zu veranschauUchen vermögen.^ 

Wo wir auch die Untersuchung über den Zweck der Karte und ihre Bedeutung 
für die geographische Wissenschaft anschneiden, überall zeigt sich, daß sie die konzen- 
trierteste Zusammenfassung des geographischen Wissens ist.* Nicht allein die Massen- 
haftigkeit und der vielseitige hohe Wert des topographischen Wissens für die Geo- 
graphie, auch für andere Wissenschaften und viele praktische Bedürfnisse und die 
vielen jdiysisch-geographischen und kultur-geographischen Erkenntnisse drängen ge- 
radezu zur Aufspeicherung in der Karte, der besten, weil anschaulichsten und für die 
verschiedenste Verwendung bequemsten Form.' Und K. Lehmann fragt: ,, Wo gibt 
es irgendein anderes Hilfsmittel zur Darstellung menschlichen Wissens, das auch nur 
entfernt in ähnhchem Maße auf so kleinem Baume und dabei doch in völliger Klarheit 
eine solche Fülle von Tatsachen mitzuteilen und soviel von sehr verschiedenartiger 
Auskunft zu geben vermöchte?"'* 

27. Die Bedeutmi« der Karli' fürs praktiscliv Leben. Neben der wissenschaftHchen 
hat die Karte eine eminent praktische Rfdeutimg. Aus den Eeihen der Praktiker er- 
scholl in neuerer Zeit der Euf, grolini;illst;iliiL,'('re Karten als die Meßtischblätter 1: 25000 
herzustellen. Die Eisenbahn- und Stialli iiliauingenieure können ihre Arbeiten eigentlich 
nur mit Karten in 1 : 1000 bis 1 : 5000 beginnen, desgleichen der Wasserbauingenieur-, 
der alte imd neue Flußbetten reguUert, Kanäle aushebt und Talsperren baut. Der 
Forstmann imd der Agrikulturtechniker können ohne Karte nicht mehr existieren. 

Die neueste Zeit stellt Forderungen an die Karte, an. die vor kurzer Frist noch kaum 
gedacht wurde. Die Landesaufnahmen haben den neuen erhöhten Pulsschlag gefühlt 



' Th. Fischei-: Der Ülbauiu. .Seine geogr. Verbreitimg, seine wirtseliaftUehe und kultui-- 
lüstoriscbe Bedeutung. Ergh. 147 zu P.M. Gotha 1904, S. 87: „Trotz meiner langen Vertrautheit mit 
der Mittelmeer\velt war ich selbst doch beim Einzeichnen überrascht, daß das Verbreitungsgebiet 
der Mediterranflora ein so beschränktes und dieselbe tatsächlich in solchem Maße Küstenflora ist. 
Damit tritt uns auch eine neue Seite des thennischen Einflusses klar vor Augen, den das Mitt«lmeer 
in dieser Richtung ausübt." 

- R. Credner: Die Deltas, Ergh. 56 zu P. M. Gotha 1878. Taf. 2 und :!. 

" O. Krümmel: Die geographische Verbreitung der Wind- und Wassermotoren im Deutschen 
Reiche. Mit 2 Karten. P. M. 1903. 

■" H. Wagners Karte in P. M. Ergh. 62. 1880. 

^ M. Eckert: Die Großmächte und dei' Großverkehr. Mit 1 Karte. Globus, 88. Bd. 1905. 

« H. Eichfeld in Aus allen Weltteilen. X. 1879, S. 161. 

' Obiger Satz stammt in seiner Grundgestalt von H. Fischer her (Die Beurteilung d. Landk.. 
a. a. O.. S. 2) >md ist von mir nur nach der Seite der angewandten Karte enveitert worden. 

' R. Lehmann: Die Einführung i. d. crdkundl. Wissenschaft. Leipzig 1921, S. 31. 



Dip Bedeutung der Karte. 77 

imd suchen den Nenanf orderungen tunlichst zu entsprechen.* Doch sei hier ernstlich 
gewarnt, die bisher reich dotierten (von militärischem Geiste getragenen) in spärlich 
dotierte (zivilistische) Landesaufnahmen umzuwandeln. Dadurch werden, so paradox 
es klingen mag, dem Volksvermögen direkt Wunden geschlagen. Unverantwortlich 
ist es von einem Staat, zu verlangen, daß sich seine Landesaufnahme soviel wie möglich 
selbst erhalten soll. Gerade die offizielle Kartographie kann dem Praktiker, womit 
nicht bloß der Praktiker in Wirtschaft und Verkehr, in Wald und Flur, in Stahl und 
Eisen gemeint ist, sondern auch der Kartograph der großen inivaten Karteninstitute, 
für- den die offizielle Kartographie die Urquellen und die Originale erster Ordnung (S. 28) 
zu schaffen hat, nur darm recht dienen, wenn sie stets in der weitherzigsten, schnellsten 
und tat(geld-)kräftigsten Weise vom Staate unterstützt, überhaupt erhalten wird. Das 
Geld, das der Staat in eine große Landesaufnahme und deren Erzeugnisse hineinsteckt, 
ist nie verloren : denn hundert- und tausendfältig sind die Früchte, die daraus erwachsen, 
in der Gegenwart sowohl wie in aller Zukunft. Vielleicht sind die meisten Beurteiler 
dieser Verhältnisse noch nicht fähig, für den Staat imd das staatüche Leben die große 
Bedeutung der topographischen Karte zu erkennen, weil es elien eine Bedeutung ist, 
mit der sich schlechterdings nichts vergleichen läßt. 

Außer den konkreten topographischen Karten haben auch die abstrakten ange- 
wandten eine außerordentliche Bedeutung für das praktische Leben. Der denkende Kauf- 
mann oder Fabrikant wird aus einer guten, nach den neuesten praktischen Methoden 
entworfenen ^^'irtschafts- imd Verkehrskarte auf die besten Bezugsquellen der Eohstoffe 
imd den kürzesten Weg zu Produktions- und Konsumtionsgebieten schließen und dem- 
entsprechend seine Vorkehrimgen treffen. Aus der Fluß- und Verkehrskarte ^\•ird ein 
tüchtiger Lidustrieller schUeßen, wohin am besten er seine industriellen Neuanlagen 
zu legen hat. Die Boden- und Klimakarte werden dem Landmann, dem Plantagen- 
besitzer, dem Viehzüchter den Weg zur Kultivation neuer Gebiete zeigen. Die Karten, 
die die Beschaffenheit des Meeresgrundes an der Küste sowohl wie in küsteuferaen 
Gebieten zeigen, sind für die Seefischerei von vitalster Bedeutimg. Die ausführhchsten 
Karten dieser Art wurden zuerst von den Franzosen gezeichnet. Sie finden jetzt überall 
Nachahmimg. Wir besitzen ganz vorzügUche Meeresgrundkarten von der Nordsee und 
der Ostsee.* Ferner sei darauf hingewiesen, daß die Karten ein wichtiges Hilfsmittel 
für die Auswandererberat img sind.^ 

An die Verwendung einer Kartenart für die Praxis denkt man im allgemeinen nicht, 
wenn man von der praktischen Bedeutung der Karte spricht, und doch ist diese Karte, 



' Bei keiner Landesaiifnalinic bald auffälliger zu verspüren als bei der pii-ußisclien; man vpl. 
nur den Jaliresbericht der Landesaufnahme 1919/1920. Berlin 1921. 

- Beispielsweise die Fischeroikarte des mittlem Teils dei- Ost-se«-. 1 : tillOOüO. Hg. vom 
Reichsmarineamt. 1906. In den Mitteilungen des IX-utschen Seefischei-eiveixiius von 190ß heißt es: 
„Die Umsicht und die au-sgezeiehnete Technik, die bei der Bearbeitung luid Hei-a\i.igabe deutscher 
Admiralitatskarten vorwaltet, kann kaum in einer andern Karte .so deutlich in die Krscheinung treten 
wie hier. Durch die in ausführlichster und klarstei- Weise angegebene Beschaffenheit des Meeix>s- 
gnuules ist ein lang gehegter Wunsch der deutschen Fischer erfüllt, indi-ni ihnen möglich wird, die 
Fangstelle richtig zu wühlen." Ich kann dieser Bcurteihmg nin- voll imd ganz ziLstinunen. 

^ Das Deutsche Ausland-Institut Stuttgart Imt unter K. Wunderlich solche Karleu zu- 
sammengestellt und geoi-dnet in allgemeine Karten, tlic der Aiuswandei-erberatung dienen, in länder- 
kundliche Karten, die Gebiete der gegenwäi-tigen Haupteinwanderung darstellen, imd in solche 
geschichtücher Art, die einen überblick über die Kntwicklung der Au-swandercrbewegung bieten. 
Tbrigens könnte jetzt auch im die lli ist. Mung ganz, besonderer .\ uswn ndererkn rt«-n g.-da<-ht werden. 



78 Die Kartographie als Wissenschaft. 

nämlich die Seekarte, die praktische Karte katexochen. Es ist darum auch nicht 
wunderbar, wenn das praktische, meerumflutete England zuerst auf die genauere 
moderne Seekarte hinarbeitete. Für die Herstellung der Portulankarten des Mittel- 
alters wie der spätem eigentlichen Seekarten, so auch der feinen und gewissenhaften 
deutschen Seekarten, die erfreulicherweise im Gegensatz zur englischen Fadentiefe und 
in Erkenntnis der internationalen Benutzbarkeit eines solchen Werkes die Tiefen in 
Metern geben, war ledighch die Brauchlnir- und Verwendbarkeit der Karten für die 
Seeschiffahrt der leitende Gesichtspunkt. 

Erklärhch wird das Verfahren, die Tiefenlotungen der verschiedensten Völker, 
soweit ihnen Vertrauen geschenkt werden kann, bei der Herausgabe eigejier Seekarten 
mit zu verarbeiten, wie es auch die deutschen Seekarten für küstenferne Gebiete getan 
haben, nachdem mit diesem Verfahren die englischen Seekarten im Anfang des ver- 
flossenen Jahrhunderts begonnen hatten. Ebenso trug auch die von der englischen 
Eegierimg herausgegebene H.Kap ersehe Sammlung nautischer Positionen alle für jene 
Zeiten zugängHchen Schiffahrtdaten zusammen. ^ Im HinbUck auf die praktische Ver- 
wertung strebten in noch höherm Grade eine Konzentrierung und systematische Ver- 
einigimg geographischer Beobachtungen Maurys Wind-, current-, pilot-charts^ und 
Sailing directions an, die auf Grund von Tausenden und Abertausenden von Beobach- 
tungen auf Schiffen aller Nationen von M. F.Maury im Observatorium zu Washington 
auf Kosten der Vereinigten Staaten gesammelt, bearbeitet und herausgegeben wurden. 
Neuern ähnlichen Arbeiten begegnen wir in den ausgezeichneten Segel- und Dampfer 
handbüchern mit entsprechenden Atlanten der Deutschen Seewarte zu Hamburg. 

28. Überschätzung und Ausartung der Karte. Kartenkuriosa. Die Karte kann 
und vermag viel, aber nicht alles. Darum soll man nicht zuviel von ihr verlangen 
und sich hüten, sie zu überschätzen. Auf die wissenschaftHche Überschätzimg will ich 
nicht weiter eingehen, da sie schon einigemal berührt worden ist. In der Karte hegt 
sicher eine bedeutende Macht, aber nur für den, der sie richtig auszimützen versteht, 
wenn er sich nicht Lächerlichkeiten aussetzen will.' 

Die schHmmste Überschätzimg hegt in den Tendenzkarten vor. Im großen 
ganzen ist das Kapitel der Tendenzkarten kein erfreuliches. Sie bieten wissenschaftlich 
zu wenig dar. Trotzdem läßt es sich kaum vermeiden, sie nicht als gewisse kultur- 
historische Denkmäler, allerdings als solche kultureller Dekadenz zu erwähnen. Wie 
man mit der statistischen Zahl zu Agitationszwecken Mißbrauch treiben kann, so auch 
mit der Karte, indem man bestimmte Erscheinungen besonders auffallend, grell in 
die Augen treten läßt, um auf diese Weise andere, im Grunde die wahren und wichtigern, 



^ Table of maritime positions. Erste Ausgabe 1840. 

- Ihre Ausgabe begann 1845. 

^ Wer seinerzeit bei dem deutsch-französischen Marokkoabkommen (1911) Gelegenheit hatte, 
die neuen Grenzen Kamenms auf der von der Diplomatie handschrifthch bearbeiteten Karten- 
skizze (auf Gnmdlage des vorhandenen, nicht einmal des neuesten Kartenmaterials!) zu sehen, 
konnte sich beim Anbhck der mit dem Lineal gezogenen neuen Grenzen nicht des Kopfsohüttehis 
enthalten. Entweder hatte man da die Macht der Karte überschätzt oder unterschätzt, was schließ- 
lich zu dem gleichen Effekt führte; derm sehr viele Wirmisse mußten bei der folgenden Grenz- 
reguherimg entwirrt werden, was von vornherein zu vermeiden gewesen wäre, wenn man vernünftiger- 
weise auf die geographische Beschaffenheit des Landes mehr Rücksicht genommen hätte. Oder 
sollten sich in der ursprünghchen diplomatischen Anlage die tiefem geographischen Kenntnisse 
französiscber wie (leutsehci- Diplomaten offenbart haben V 



Die Bedeutung der Karte. 79 

zu verdunkeln. Es wird gewissen Tatsachen — hierbei handelt es sich nur um an- 
gewandte Karten — ein Wert beigelegt, den sie gar nicht besitzen. Darin besteht eben 
die große Gefahr der Tendenzkarten, daß zumeist Tatsachen in das Kartenbild hinein- 
gelogeu werden. Diese Art Karten hat man bereits mit den verschiedensten Zweck- 
bestimmungen auf den Markt gebracht ; neuerdings in schamlosester Weise von selten 
Polens. Bei den pohlischen Karten blickt man in einen Abgrund von wissenschaftlicher 
und kartographischer Gewissen- und Kritiklosigkeit. ^ Ihre Absicht ist, den wahren 
Tatbestand zu verschleiern imd auf diese Weise sich Vorteile zu verschaffen, die kulturell, 
wissenschaftlich und völkisch unbegründet smd; mid so werden sie zu einem beredten 
imd betrübenden Zeugnis dafür, wie verderblich die Karte ist, wenn sie als ein falsch 
aufgebautes, Sand in die Augen streuendes und ski-upelloses Propagandamittel ge- 
braucht wird. Diese Ausartung der Karte kann nicht genug gebrandmarkt werden. 
Einer erfreuhchern Seite der Ausartung von Karten begegnen wir in altern Karten, 
die wir- als Kartenkuriosa ansprechen. Es sind die Karten, die man im 18. Jahr- 
hundert als „hieroglyphische" oder „Phantasiekarten'" (mappae imaginariae) be- 
zeichnete imd die moralische, poUtische und sonstige historische Vorstelkmgen in der 
Form einer Landkarte brachten. Mithin sind es gar keine Landkarten im eigenthcheu 
Simie, aber als kultm-historische mid kartographische Denkmäler haben sie einigen 
Wert. Unter den altern Schriftstellern sind es z. B. Hauber^, sodann der Verfasser 
des mehrfach zitierten Artikels ,, Landkarte" in der Ökonomisch-technologischen 
Enzyklopädie von J. G. Krünitz, die die Kartenkuriosa erwälmen. Am berühmtesten 
war die Karte von „Utopien- oder Schlaraffenland" aus dem Ende des 17. Jahrhimderts. 
Die Karte ist mehrmals nachgeahmt worden und wird einigemal bei altern Schrift- 



' Daliin gehört die polnische Karte „Polen und seine Nachbarn" 1921. Die statistischen An- 
gaben sind ganz falsch bearbeitet. Eine andere gleichzeitige polnische Karte stellt j.Rehgionsverhält- 
nisse von Preußen (!), Oberechlesien und Polen" dar. Ein „Deutsches Reich" will die Karte offenbar 
nicht kennen; es wird gefUssentlich an der historischen Entwicklung des letzten Jahrhundert« vorbei- 
gegangen. Warum dies geschieht, ist aus der Karte leicht zu entnelunen. Die Verteiliuig der Prote- 
stanten und Katholiken ist nach Piozenten dargestellt, und es soll selbstverständlich der Eindruck 
in Obei-schlesien erweckt werden, daß „Preußen" als vorwiegend protestantisches Gebiet den Ober- 
schlesiem seelisch weniger nahe steht als das katholische Polen. „Woliin muß", heißt es wörtlich 
in den Erläuterungen, „demnach das katholische Volk Oberschlesions hinstreben?" Daß innerhalb 
des Deutschen Reiches .sehr große Teile katholischer Bevölkerung vorhanden sind, wird durch die 
gewählte Beschränkung auf Preußen vollständig vei'schwiegen. Auch auf die ostpreußische Frage 
fällt dabei durch die polnische Karte ein entsprechendes Licht: da-s katholisclie Ermeland soll Sehn- 
sucht nach dem katholischen Großpolen bekonnuen! Die Karte besitzt aber noch weiteres Intercs-se. 
Juden und Orthodoxe sind innerhalb des neuen Polen mit den Protestanten durch gleiche Farbe be- 
zeichnet. Dadurch, und vor allem duroh die imrichtigen Zahlenberochnimgen erscheint die ostpolnisclie 
Grenzfrage in einem den Polen sehr viel günstigem Lichte als es in Wirklichkeit zutrifft. Die ethno- 
graphische imd damit auch die reUgiöse Grenze verläuft viel näher der ehemaligen Grenze \-on 
Kongreß-Polen als der auf der Karte angegebenen neuen Ostgrenze des {wlnischen Staates. Durch 
die gewählte Signatur werden diese Verhältnisse aber vollkommen verschleiert; die Karte sollte in 
dieser Beziehung bei der Entente günstige Eindrücke schaffen, ^fan sieht jedenfalls, mit welchem Gt"- 
scliick sich die Polen der Karten als politisches Proiiagandamittel zu bedienen wissen. - Man vgl. 
dazu die vomelime Art einer ähnhehen Karte der Preußischen Landesaufnahme „Karte über da.- 
Ergebnis der oberschlesischen Abstimmung" 1 : 200000. Berlin 1921. Ferner die \-om Pi-cssediensl 
für Oberschicsien heraiusgegebene „Karte des Abstinunungsgebietes", I : 250000, auf der die Akt<- 
ix)lnischer Wahlbeeinflussmig dargestellt sind. — Das gan^.e krtrtographischc Scliwindeliranöver 
der Polen beleuchtet sehr gut W. Stahlberp: Da.s Kartenspiel in Oberschlesien. Die Oron7hoten 
1921. Heft 17/18. 

- K. D. Haub.T: Versuch ein.i imisliindli.h.-n His|,„». .I,.,- Lmd Ch.irlen. flni 1724. S. 4ti. +7. 



80 Die Kartogi-aphie als Wiasenachaft. 

stellern erwähnt. Ihren Verfasser kennt man nicht. Länder und Städte dieser Karte 
waren nirgends vorhanden. Wollust, Hochmut, Faulheit und alle übrigen Laster wurden 
als Königreiche, Städte, Flüsse und Meerbusen dargestellt und bespöttelt, ,, damit ein 
jeder Lasterhafter sich von dergleichen Schimpf möge hüten lernen". ^ 

In die Eeiho der Kuriosa gehören die „Cartes de Tendre", die Liebeskarten 
des 17. und IH. .Jahrhunderts, die ihr Vorbild in der „Carte de Tendre" aus dem Eoman 
ClöHa (Clelie, 1654—1660) der Madeleine de Scudery hatten. ^ M. Seutter in Augsburg 
hatte eine ähnliche Karte auf den Markt gebracht.^ Gegen Ende des 18. Jahrhunderts 
wurden nochmals Liebeskarten von J. G. I. Breitkopf* imd Wilh-. Haas'' heraus- 
gegeben, sie waren zugleich die ersten interessanten Versuche, den Landkarten- Satz 
(Letterndruck) bei der Kartenherstellung zu verwenden. Im 18. Jahrhundert blühte 
auch die Herstellung von geographisch-kartographischen Spielen und von Spielkarten, 
die man aus den Landkarten herausgeschnitten hatte.* 

Man wird es jenen Zeiten gern verzeihen, wenn die Lust an kartographischen 
Darstellmigen über das rein Geographische hinausgegangen ist und mancherlei karto- 
graphische Auswüchse erzeugt hat, die den modernen Geist eigenartig anmuten. Bei 
ihnen kommt auch der Drang nach übersichtlicher Zusammenfassung zur Geltung, 
wie er sich im Wesen der Karte ausspricht. All diese Produkte können als geistreiche 
Spielereien angesehen werden, wie auch die phantastischen Einzeichnungen von Stern- 
bildern in biblische Personen, Ereignisse usw. in Homanns Globus coelestis oder im 
Atlas coelestis seu Harmonia macrocosmica (Ende des 17. Jahrhunderts), von dem 
Hübner urteilte, daß er „ein Jeu d'esprit ist, das mehr Curiosität als Nutzen bei sich 
führet". Immerhin sind diese Erzeugnisse ein Hinweis auf das große Interesse, das 
damals den Karten entgegengebracht wurde. 

Die Betrachtung der Karte in der Karikatur verflechtet sich eng mit der 
Untersuchung über die Kartenkuriosa. Wir lietreten damit in der Hauptsache das 
Gebiet der Politik. Der Spott über die Machtäußerungen und -ansprüche verschiedener 
Staaten nimmt auf der Karte verschiedene witzige Ausdrucksformen an; so wenn 
innerhalb des Kartemrahmens und der poHtischen Grenzen Europa z. B. mit einer 
Jungfrau, die Niederlande oder England mit einem Löwen, Prankreich mit einem 



' Jn dem oben erwähnten Artikel bei Krünitz ist die Karte des Sehlaiaffenlandes näher 
beschrieben, Bd. 60, S. 294 -302. 

^ Die Karte enthält die allegorische Greographie der Liebe. Sie ist mit großem Geschick ge- 
zeichnet. Das Original befindet sich in der Nationalbibl. zu Paris, eine gute Reproduktion davon 
in der Geschichte der französ. Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart von H. Suchier 
und Ad. Birch-Hirschfeld. Leipzig und Wien 1900, S. 410. 

■' M. Seutter: Representation symbolique et ingenieuse projettee en Siege et en Bombarde- 
ment, comme il faut, empecher prudemment les attaques de l'amour; mit der heitern Zwecksetzung : 
Methode jxjur defendre et conserver son coeur contre les attaques de l'araour. 

* J. G. I. Breitkopf: Das Reich der Liebe. Leipzig 1777. Gute Reproduktion der Karte 
in dem oben ei-wähnten Artikel bei Krünitz als Fig. 3779. — Quelle der Wünsche, nebst Landkarte. 
Leipzig 1779. 

■' Wilh. Haas: Reise in das Reich der Liebe, nebst der Charte dieses Landes. Basel 1790. 

" Dazu gehört z. B. Koenigii: Methodus per aleani lusoriam locorum cognitionem alicui in- 
figendi. 17. 18. Jahrh. — Unter den geograph.-kartograph. Spielen war seinerzeit am bekanntesten 
J. Fr. Andreae: Das europäisch-geographische Gänsespiel. Nürnberg s. a., 18. Jahrh. — Im Franzö- 
sischen haben wir: Jeu de G^ogiaphie, ou sont les quatre parties du monde. Amsterdam chez Pierre 
Monier, s. a. 18. Jahrh. — Ferner gehört hierher: Die Einnahme der Festung Rudella. Ein Gesell- 
schaftsspiel (a\is d. 18. Jahrh.) von F. W. A. Isert in Berlin. 



Die Hrdeutung der Kart». 81 

krallenden Hahn. Hiil.Uand mit t'ineni iJäreii usw. vergliclien oder wenn Itekaiinte und 
lierüchtigte politische Persönlichkeiten in die politische Umrahmung der Staaten ein- 
gezwängt werden. Derartige Karten kennt bereits das 17. Jahrhundert. Sie sind dann 
zu allen Zeiten gezeichnet worden, treten aber wieder häufiger in der Glitte und am 
Ende des 10. Jahrhunderts auf. Auch der Weltkrieg hat derartige Karten in England, 
Frankreich mid ganz liesonders interessante in Deutschland erzeugt.' 

2!l. Karte und Kunst. I''.in ungeklärtes Kapitel in der ixartograpliit' ist das über 
Karte und Kunst. Seihst nn Kreise der (ieographen herrscht keine Klarheit über das 
MaiJ, wieweit die Karte als ein Kimsterzeugnis gelten kaim. Wenn bedeutende Geo- 
graphen die geographische Wissenschaft auf die Darstellung der Erdoberfläche durch 
Schrift und Rede beschränken wollen und ihr die Kartographie als eine Kimst gegenüber- 
stellen, kommt bei diesem unglücklichen Spiel mit Worten, wie J. Partsch sagt, nicht 
viel heraus.2 Diametral entgegengesetzt ist die Richtung, die aus dem Kartenbild 
die letzte Kunstfaser herausziehen mid sie lediglich als ein geotechnisches Gebilde 
angesehen wissen will. Zu ihren Vertretern gehörte lange Zeit K. Peucker. Die Wahr- 
heit beider Anschauimgen liegt in der Mitte. Zu ihrer Klarlegung dringen wir vor. 
w(^nn wir in unsrer Erörterung historisch vorgehen. 

Auf mittelalterlichen Darstellungen ist es manchmal schwer, Karte von J3ild 
zu imterscheiden. Indessen hat das Streben, von dem Lande eine Maßvorstellung und 
eine Anschauung über seine Form und Ausdehnung zu bekommen, wohl letzten Endes 
l)ei jeder Darstellung in Kartenform mitgespielt. ,.Vor allem wollte man eine Vor- 
stellung von der Erscheinmig für sich selber herausgestalten und sie dann auch andern 
vermitteln, und das war ein künstlerisches Schaffen, ein Gestalten in sich inid aus sich 
heraus, mit subjektivem Einschlag, wo in der Seele der Gedanke erwacht imd dann 
aus ihr zur Tat wird, wobei ihm der Kopf die Form gibt."^ Im Mittelalter selbst wurde 
die Karte als ein Gemälde angesehen, worauf auch die Bezeichnung „pictura" deutet, 
die auf sie angewandt wurde. Weit noch in die neue Zeit hinein begegnen wir dieser 
Auffassung, wenn auch die eigentliche Bedeutung von pictura mehr und mehr ver- 
blaßt. In Ph. Clüvers Introductio in universam geographiam tam veterem quam 
novam lesen wir in den Ausgaben aus dem Ende des 17. Jahrhunderts: Mai>pa seu 
Charta Geographica est pictura, qua situs Terrae vel ejus partes in piano artificiose 
describuntur." Trotzdem, daß durch Mercator u. a. der mathematischen Grundlage 
der Karte ein bedeutendes t'bergewicht gegeben wird, betrachtete man die Karte 
weiterhin als ein G(>mälde. als Kunstprodukt per se. Darum kann es nicht wunder- 
nehmen, daß auf vielen Karten des 16. bis 18. Jahrhunderts, ja auf französischen his 
tief ins 10. Jahrhundert hinein, der eigentliche Karteninhalt mehr oder minder als 
Nebensache erscheint und das Drum-und-Dran die Hauptsache ist, d. h. die reich ver- 
schnörkelte Randleiste, die l'itelsetzungen und -Verzierungen, die Parerga und sonstige 
Ausschmückimgen, wie Städteansiehtcii, Volkstyiieu. Traciiteiil.iider. Seihst zur l'nter- 



/.. ß. „(U^'driingtcrriilijahi-sülHisicIU von Kiii-im i. .1. 1!)1.">". Vorlag von L. Uriifo, Haml>mg. 
.J. Partsch: Die geographisihc Arbeit iles l'.t. .lahrh. Hfktoi-atorede. BroMlau ISO!), S. 7. 
F. Becker: Die Kunst in der Kartograpliie. G. 7.. 1910. S. 47:t. 
Obige Stolle ist aus der Ausgabe v. .1. 1097, S. ")9. Anistei-dani bei J. Wolters, zitiert. In 

.\mstoixlnni l«7ß iH-i ,J. Waesbergios. 

II : Deninaih scheint sie von Cliiver 



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Eckert 


, K»rliüWl»»eu»cLuft. i. 















82 Di.- KaituKVHphif als Wisisenscli.ilt. 

bringung ganzer Pürstengalerien^ und dazugehöriger Wappen^ dient die Karte. Für 
jene Zeiten war in der Tat eine so reich ausgestattete Karte ein begehrter und gern 
gesehener Wandsehmuck; und es ist nicht weiter erstaunhch, wenn der kurfürsthch 
sächsische Land- und ( Irenzkommissar A. F. Zürner ("j" 174'2) den „großen Herren" 
empfahl, die Karten in Tapetenform herstellen imd „damit ihre Zimmer auf ehie propre 
und magnifique Art meubliren zu lassen." Wenn gute Karten heute noch als Wand- 
schmuck emiifnhlen werden, kann man das nur begrüßen.* 

Kein Zufall ist es, daß die Blütezeiten kartographischen Schaffens vielfach mit 
denjenigen der Kunst zusammenfallen. Die Kunst folgt gern dem Glanz des Herrscher- 
hauses, der Monarchie. Eine ähnliche Erscheinung müssen wir auch bei der Karto- 
graphie feststellen, eingedenk der alten HerrHchkeit an den Höfen Frankreichs*, 
Bayerns, Sachsens, Österreichs usw. Die alten Fürstenhöfe und die geistig bedeutenden 
Eeichsstädte mit ihren tüchtigen, kunstliebenden Patrizierfamilien waren Horte und 
Pflegestätten der Kmist und der Kartographie.^ Gewiß ist auch, daß bis in die neueste 
Zeit die Älonarchie die Kartographie immer gepflegt und gehegt hat. Dagegen zerstört 
die Eevolution nur Werte imd die Republik soll, wie man sagt, Kunst und Wissen- 
schaft schützen. Damit ist für die Kartographie blutwenig getan, sie muß nicht bloß 
beschützt, sondern vor allem tatkräftig unterstützt werden, wie ich schon an anderer 
Stelle betont habe (s. S. 77). 

Im 19. Jahrhundert klären sich die Ansichten, daß man in der Karte nicht bloß 
ein Kimstprodukt, sondern ein bedeutendes wissenschaftliches Erzeugnis, als welches 
sie sich allmähhch herauswächst, vor sich hat. Trotzdem lesen wir noch von ,, Gemälde", 
„Naturgemälde" (0. Peschel), aber nicht im Sinne des altern Kimstproduktes, sondern 
hauptsächlich auf die Art der Wiedergabe der Oberflächengestalt gemünzt. Auch hervor- 
ragende Kartographen und Kartenkenner bedienen sich gern dieser und ähnlicher 
Redewendungen und Vergleiche. E. v. Sydow spricht des öftern von Porträt und 
Porträtieren^, auch Chr. v. Steeb'; H. Habenicht und andere von dem Anthtz der 
Erde. In diesem Vergleich kommen sich Karte imd Kunst schon näher. Böcklin hat 
einmal gesagt, daß das Porträt die elendeste Kunstgattung sei, weil es dem Künstler 
in der Behandlimg des Stoffes Fesseln auferlegt. „So können wir auch die Topographie 
vmd Kartographie als die schwierigste und sprödeste Kunstbetätigvmg ansehen" 
(F. Becker). Dagegen müssen wir die Versuche als abenteuerlich bezeichnen, die die 
Horizontalschichten und Schraffiermethoden auf ein menschliches Gesicht anwenden.* 



1 So z. B. auf: Geographische Karten / von gantz Teutschlandt / worinen Zur Nachricht an- 
gedeutet vnd Beschrieben wirdt / was Ihr Königl. Mayt. In Schweden vnd dero Allyrten / beyden 
Anno 1648 Jahrs zu Münster vnd Oßnabrugt getroffenen Frieden Schhiß etc. [Univ. Bibl. Göttingen]. 

^ In der Heraldik ist das Studium dieser Karten, die in der richtigen Wiedergabe von Wappen 
nicht selten Hervorragendes leisten, noch nicht genügend ausgenutzt worden. 

^ So empfiehlt z. B. H. Habenicht S. G. Bartholomews TojDograpbical and physical map 
of Palestine (Edinburgh 1901) als einen prachtvoUen Wandschmuck. P.M. 1902, LB. 146, S. 45. 

* Man denke hier nur an die vielen Auszeichnimgen für Kartographen als eines „Geographe 
du Roi" oder „Geographe ordinaire du Roi". 

^ Daß insbesondere ein Zeitalter Ludwig XIII. und Ludwig XIV, das den Künsten imd 
Wissenschaften so förderhch war, auch auf die Kartographie großen Einfluß gewinnen nuißte, ist 
einleuchtend. 

« E. V. Sydow z. B. in P. M. 1859, S. 209. 

' Chr. V. Steeb: Die Kriegskarten. Mitt. des k. k. mil.-geogr. Inst. XX. Wien 1901, S. 144. 

« Charties (Beamter des französischen Kriegsdepartements): Models de Topographie. Paris 
s. a. Etwa Mitte des 19. .Vh. — ÄhnMchen Versuchen begegnet man auch in Deutschland. 



Die Bedeutung der Karte. 83 

Es läßt sich niclit in Widerrede stellen, daß all diese Bezeichnungen und Versuche 
ein gut Teil Schuld daran haben, wenn heute noch in nichtfachmännischen Kreisen die 
Karte mehr als Kunst- und weniger als wissenschaftliches Produkt bewertet ward. 

E. V. Sydow dürfte einer der ersten sein, der klar zum Ausdruck gebracht hat. 
daß die Kartographie ein inniges Verschmelzen des wissenschaftlichen Geistes mit der 
ausübenden Kunst ist.^ Die beste, auf guter Grundlage beruhende Bearbeitung einer 
Karte erfüllt nicht ihren Zweck, wenn nicht der Kartograph dem Kartenentwurf eine 
schöne, ästhetisch wirkende Fonii zu geben und das technische Verfahren die Vorzüge 
der Karte ziu- Geltimg zu liringen vermag.^ Auch damit hat die Kartograpliie etwas 
Übereinstimmendes mit der Kunst, sie bedient sich deren Eeproduktionsmethodeu, also 
des Holzschnittes, Kupferstiches, der Lithogi'aphie, Hehogravüre, Photographie, des 
Vielfarbendruckes usw. In dem Maße, wie die Eeproduktionsmethoden sorgfältig oder 
nicht sorgfältig behandelt werden, wird sich dies in dem Erzeugnis, also in der Karte 
bekimden. Das Produkt der Eeproduktionsverfahrens hält oft nicht das, was die 
Manuskriptkarte versprochen. Darum muß die wissenscbaftHche Kartographie auch 
der Kartenreproduktion eine Stelle in ihrer Untersuchung einräumen.' 

Wird von der Karte als Kunstprodukt gesprochen, denkt man unwillkürlich au 
die chorographische Karte, die gewöhnhche Landkarte, obwohl auch die angewandte 
Karte und die topographische Karte viele Seiten der Kimstbetätigmig imd Kunst- 
Ijetrachtimg darbieten. Es wäre ein großer Irrtum, insbesondere bei der topographischen 
Karte kein künstlerisches Können des Kartographen vorauszusetzen, übrigens eine 
merkwürdige Anschauung, der im Anfang des verflossenen Jahrhunderts schon der 
französische Oberst Bonne entgegentrat: ,,Man solle nicht aus den Augen verlieren, 
daß eine topographische Karte eine Art Gemälde ist. Der Gegenstand selbst ist an 
sich schon trocken genug; nehmen wir ihm daher nicht auch noch das Wenige, was 
ansprechen könnte." Welche Anforderung an das künstlerische Vermögen des Karto- 
graphen stellt z. B. die Felszeichnung auf topographischen Karten! 

Die Kirnst imd der Geschmack des Kartographen spricht sich vorzugsweise in 
der Geländedarstelhmg aus, imd da stellen sich wiederum der chorographischen Karte 
ganz andere künstlerische Forderungen entgegen als der topographischen. Dort ist 
die Generalisation, die Verkleinerung, wie E. v. Sydow sagt, die Klip])e, an der sehr 
viele Karton scheitern; denn gerade sie setzt ein Geistig.^ichversenken in den abzubil- 
denden Gegenstand voraus, wie kaum wo anders im kartographischen Schaffen. In 
dieser Art Intuition erblickt insonderheit A. Hettner die Kirnst der kartographischen 
Darstellimg'*, in ähnlicher Weise, wie man von einer Kunst der historischen Darstellimg 
spricht. Ob wir bei der Darstelhmg des Geländes einmal .soweit kounuen. wie manche 
glauben, die kimstlerischo Konstruktion nach der alt üherhcferten Methode^ di's Messens, 
die docli der eigeiitliolie Kern der Geometrie im Bereiche der Kunst ist. durch das 
rhythmische Baumgefühl zu ersetzen, wird die Zukunft lehren. 

Die Kunst, das technische Kunstschaffen sowohl wie das intuitive, ist mein- in 
der Karte verankert als man glaubt. Es hilft nichts, sie wegzudis)mtieren. Warum auch ? 

' E. V. Sydow: Der kartograph. StaiicliHinkt Kiimpa.'« i. d. .Iiihn-n Istio iiixl ls»il. l'. M. 
1861. S. 467. 

* C.Vogel: Übersichtsk. v. Mitteleumi» 1 : 750000. 1'. M. 1887, S. lü. 

' H. Haack: Die Fortschritte der Kartenprojekt ioiiNlehro. Kartenzeiohnunj; und ver\-i<'l- 
fültimmc. s.nvie der KarlenmesHunfi. O. .1. XWI. lOaTlilOl. S. Ml. — V^l. anriv ob..n S. '.'S 

' .\. H.ltncr: Die Kigenscliaflen und Methoden <ler knrto(;r. DarsIeJlnnK. 0. Z. 1910. .S. U'l. 



84 Dif Kartographip als Wissenschaft. 

Ist es nicht ein lächerliches Beginnpn, Kunst nnd Wissenschaft oder Kvuist und Teclmik 
in Widerspruch zu Ijriugen. Die Phantasie ist die Mutter beider. Ist niciit der große 
J)enker zugleich ein großer Künstler. Sind nicht große Naturforscher zugleich große 
Künstler. Man denke mir an A. v. Humboldt . Ch. Darwin, E. Haeckel u.a.m. 
und daliei nicht an die nianiudlen Produkte, sondern an die Darstelhnig des Wissens- 
stoffes. Das Große und Weite wird erfaßt, geistvoll durchdrungen und in eine faßbare 
l<\)rm gebracht. Das ist reines Kunstschaffen. Das war im Altertum so wie heute. 
Und doch fängt der moderne Menscli an, sich langsam imizuwandeln mid die Begriffe 
iler Schönheit und ästhetischen Befriedigung umzuprägen. Das Mittelalter konnte 
sich an den schaurigen Märtyrerszenen dei' alten deutschen Meister nicht satt sehen, 
heute haben sie mehr kunstgeschichtliches Interesse. Wir sprechen bei der Erklärung 
eines Bildes von der i)rächtigen Farbenzusammenstellung, dem guten Faltenwurf, dem 
gelungenen Gesichtsausdruck, wir sprechen heute aber auch von der schönen Linie 
einer in Eisen konstruierten Brücke, von einem schönen Maschinensaal, von einer 
schönen Stadt- und Parklage, von einer schönen Karte usw. Wollte man die Karte 
selbst nicht als ein Produkt des Kimstkönnens gelten lassen, müßte man doch ein- 
räumen, daß sie ästhetischen Anforderungen in hohem Maße nachzukommen hat. Auf 
letztere Seite ist l)ei T'ntersuchungen, selbst bei Kartenbesprechnngen noch viel zu 
wenig Gewicht gelegt worden, und doch ist das Kajjitel Kartographie und Kunst, 
überhaupt Geographie und Kunst, so wichtig, daß es schon längst einmal ein Verhand- 
lungsgegenstand bei emem internationalen oder heimischen geographischen Kongresse 
hätte gewesen sein müssen.^ 

Wie bereits näher ausgeführt wurde (§ 20), hält die Karte ein bestimmtes Erd- 
bild zur bestimmten Zeit fest. Das Fixieren eines bestimmten Momentes in der Er- 
scheinungen Flucht hat die praktische Kartographie mit den Künsten des Raumes ge- 
meinsam. Den Künsten der Zeit würde, falls ein Vergleich hier erlaubt ist, die be- 
schreibende Geographie entsprechen; denn sie verfährt sukzessive bei der Darlegung 
ihres Stoffes und ihrer Begriffe.^ Während jedoch die einzelnen Künste des Baumes 
mid der Zeit in ihrer spezifischen Art für sich bestehen, können es Kartographie und 
beschreibende Erdkunde weit weniger. 

Die Karte bedarf von Grund aus des erläuternden imd belehrenden Wortes, 
nicht allein für den Hersteller, sondern auch für den Benutzer. Wohl hat C. Vogel 
beim Anbhck von Schweizerkarten einmal geäußert, daß sie das Ideal seien, da sie 
ohne erklärende Worte zu uns sprächen (S. 66). Das ist jedoch nur ein Ausnahmefall. 
Solange es Karten gibt, wird es auch Erklärungen dazu geben, und immer wieder wird 
man in das Lesen der Karte eingeführt werden müssen Ein ganz Schlauer kann mir 
hier entgegenhalten, daß die neuern Kunstprodukte, wiedie des Impressionismus und 
Expressionismus auch einer Erklärung, eines Impresarios bedürfen, infolgedessen sei 
der Unterschied zwischen Karte und Kunst gar nicht so groß. Ist die Kartographie 

' Die Themata über diesen Gegenstand hängen in der Luft. Warum wird die Kartographie 
auf den Deutschen Geographentagen immer so stiefmütterlich behandelt? Warum behandelt man 
nicht einmal Kartographie und Kunst ? Warum nicht Geographie imd Kunst ? Hier würden J. Ponten 
und E. Banse („Expressionismus und Geographie") das richtige Wort gefunden haben. Denn 
G.L.Kriegks Studie Über ästhetische Geographie, I^eipzig 1840, ist längst vergessen. Der Geo- 
graphentag müßte allen geographischen Richtungen gerecht werden und Gelegenheit zur Aussprache 
die ja kurz bemessen sein kann - über neue Ergebnisse geben. 

' Vgl. das anregende Einleitungskapitel b(^i K. .Tolig: Niederländische Einflüsse i. d. deutsch. 
Kaitographie bes. des 18. Jahrh. Diss. Leipzig 190^. 



Die Bedeutung der Karte. 85 

auch eine imitative Kunst, wird sie doch weder zum Impressionismus werden, der die 
Welt malt, wie sie gerade der betreffende Künstler sieht, noch zum Expressionismus, 
der aus Farbe und Form Bilder sozusagen abstrakt, nach Art optischer Kontrajjunktik 
aufbaut. Meiner Meinung nach sind jene expressionistischen Erzeugnisse gar keine 
Bilder in dem üblichen Sinne, sondern mehr künstlerische Experimente, die der Er- 
klärung bedürfen, da sie nicht selten den Nexus der Lage der Teile des Raumes ver- 
schieben oder (scheinbar) auf den Kopf stellen. „Auf dem Nexus der Lage der Teile des 
Raumes beruht die ganze Geometrie" vmd in weiterer Folge die gesamte Kartographie, 
wie ich ein Wort von A. Schopenhauer ergänzen möchte. Wir kommen von dieser 
geometrischen, der eigenthch wissenschaftlichen Grundlage der Karte nicht los. Das 
ist aber auch der große Vorzug der Karte als eines wissenschaftlichen Hilfsmittels der 
Geographie in künstlerischem Gewand. Sie bleibt immer an die darstellende Wirklich- 
keit, au eine wissenschaftUche Basis und einen wissenschaftlichen Aufbau gebunden. 
So wird die Karte unbeschadet aller künstlerischen Aufmachung wahr und treu sein, 
wie es das Ziel jeglicher wissenschaftüchen Arbeit sein soU.i 

SO. Die kartographische Befähigung eiuzehier Völker. Wie jedes Volk seine Eigenart 
besitzt und sie in vielseitigster Art imd Weise zu betätigen sucht, läßt sich dies auch 
in der Kartographie nachweisen, weniger auf de'm Gebiet der topographischen üriginal- 
karte als vielmehr auf dem der chorographischen Karte. Ich kann hier nur auf Grund- 
sätzliches eingehen, die ausführlichere Behandlung dieses Gegenstandes würde einer 
Geschichte der Kartographie angehören. Bei den topographischen Karten handelt 
es sich um die Fixierung der mathematisch gewonnenen Vermessungsergebnisse. Du 
ist wenig nach eigenem Ermessen zu gestalten, das Gerippe ist vorschriftsmäßig aus- 
zufüllen. Es werden sich demnach bei den kartographischen Ergebnissen der Landes- 
aufnahmen im allgemeinen nicht so schwerwiegende Differenzen ergeben, daß man von 
einem besondeni Kartentypus der einzehien Völker sprechen könnte, wenn auch zuletzt 
jeder Kenner das deutsche Aufnahmeblatt von dem österreichischen, italienischen 
oder französischen sofort unterscheiden wird. Sie ähneln alle mehr oder weniger einander ; 
ihre Unterschiede treten meistens da hervor, wo die Ijandesnatur zu besoudem Dar- 
stcllungsweisen (Felszeichnung usw.) zwingt. Erst dort, wo die Originalkarteu weiter 
\crarbeitet werden, treten die Gharaktereigentümlichkeiten der einzehien Völker in 
der kartograjihischen Produktion entschieden hervor. An drr Generalisierung sollt ihr 
sie erkeimen! Und das GeneraHsieren ist eine sehr seliwire Arbeit, die nach C. Vogels 
Urteil erst nach langjähriger Routine erlernt werden kann. 

.\uf dem Gebiet der chorographischen Karten halien si'it nahezu 100 Jahren die 
Deutschen (einschließlich Deutsch-Österreicher und Deutsch-Schweizer) die l-'ührung 
an sich gebracht. Dem Deutschen ist von Haus aus eine große Gewissenhaftigkeit, 
ein andauernder Fleiß und Pflichttreue auch im kleinsten eigen, welche Tugenden 
sich in den deutschen Kartenwerken glänzend widerspiegeln. Dazu konnnt das ihm 
eigentümhche kosmopolitische Auffa.ssen und Denken, also die Charaktereigenschaft, 
sich schnell in die Wesensart anderer Völker und anderer Gegenden zu versetzen.* 
Darum war er bisher allein fähig, von der ganzen Erde Karten und Atlanten von großer 



' Eug. OlxMhummer: Übor HiR-hncliiinskartfii. VoitniK auf <1. VIl. liit<Mniit. GtH.graplien- 
konproll Berlin 18U9. II. Berlin 1001, S. «H. 

••' Kein Volk hat soviel übersetzt iiiul vei-steht Silin und .\iH<lnu k der „Stiiiinuii der Völker" 
(J. Or. Herder) wie das doutache. 



86 Die Kartogrrtpliii! jila WiMNcnsclrnft. 

Vollkommenheit herauszugeben, Kartenwerke, die den andern Völkern erst zeigen 
mußten, wie ihr Land gestaltet ist.^ Der Ausspruch E. v. Sydows, daß in Deutschland 
die Anwendung der Kartographie ,,auf die Herstellung der Atlanten aller Gattungen 
zur Unterstützung des wissenschaftlichen Studiums, des praktischen Gebrauchs imd 
des Schulbedürfnisses viel zahlreicher und der neuern geographischen Schule ent- 
sprechender ist wie in allen andern Ländern"^ bleibt heute noch zu recht bestehen. 
Stand Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits quantitativ mit 
seinen Kartenerzeugnissen über den andern Staaten, so seit der Mitte des Jahrhunderts 
auch qualitativ. An unsern Stieler, Debes, Andree kann kein fremdes Werk bis jetzt 
heran. Aber selbst für das eigene Land eine so prächtige, bei einem Maßstab in 1 : 500000 
so ungemein topographisch fein detailierte Karte wie die von C.Vogel zu schaffen, ist 
bisher noch keinem andern Volk in ähnlichem Maße gelungen. Eeich sind die An- 
regungen, die andere Völker von der deutschen Kartographie empfangen haben. Daß 
deutsche Karten den fremdländischen als Muster dienen, ist nichts Ungewöhnliches, und 
in der feinen Schraffentechnik imd im wissenschaftlichen Aufbau werden sie selten er- 
reicht, geschweige übertroffen. Ob Deutschland fürderhin die Führung in der Karto- 
graphie behalten wird, werden die folgenden Jahrzehnte lehren. Bis jetzt können die 
Deutschen stolz darauf sein, daß es Deutschland dank seiner eminent wissenschaft- 
lichen und praktischen Befähigung noch immer verstanden hat, sowohl an der Spitze 
der Fortschritte auf kartographischem Gel)iete wie der Vertiefimg geographischer Kennt- 
nisse und der Vermehrung und Verbesserung von Hilfsmitteln der geographischen 
Wissenschaft zu stehen. 

Die österreichische Kartographie kann man sich ohne die mannigfaltigen 
Schraffenkarten des K. K. MiUtär-geographischen Listitutes nicht denken. Heute 
noch möchte ich unterstreichen, was A. Petermann 1878 geurteilt hat: „Die öster- 
reichischen Generalstabskarten sind von altersher in großem und noblem Stil zu- 
geschnitten und in außerordentlich kräftiger Weise ausgeführt, es ist das einmal adop- 
tierte System und die zum feststehenden Gebrauch gewordene Geschmacksrichtung."* 
Die inoffizielle Kartenindustrie* fing mit den Arbeiten von Hauslab, Steinhauser, 
Streffleur an, also mit den kolorierten Höhenschichtendarstellungen eine typische 
Eichtung zu verfolgen, die jedoch über den engern österreichischen Kreis hinaus keine 
Bedeutung gewann. Vielleicht erblüht der farbigen Karte durch den Schlesier 
K. Peucker in Wien eine neue Ära. 

Die Schweizer Kartographie kommt der deutschen sehr nahe, weniger in den 
allgemeinen Kartenproduktionen als vielmehr in den topographischen Spezialkarten ; 
vielleicht steht hierin die Schweiz an erster Stelle. Wenn Amrein sagt^, daß die eigen- 
artigen Terrainverhältnisse der Schweiz der technischen Anlage und künstlerischen 
Ausführung ungleich schwierigere Aufgaben stellten als diejenigen der meisten anderer 
Länder, so kann man wohl dieser Aussage im ersten Punkt bezügUch der technischen 



' Ich denke hier z. B. an die Vierblattkarte von Spanien, an die Karten \on Süd- und Nord- 
anieiika in Stielers Handatlas. 

2 E. V. Sydow in P. M. 1857, S. 84. 

' A. Petermann: Die Sonne im Dienste der Geographie und Kartographie. Der Sonnen- 
Kupferetich (Heliogi'avüre) und die neue Generalstabskarte der Österreichisch-ungarischen Monarchie 
in 715 Bl. P. M. 1878, S. 207. 

* Darunter die bedeutenden Wiener Firmen Artaria & Co., G. Freytag & Berndt. 

' K.C. Amrein: Bericht über die Kartographie der Schweizer Landesausstellung, Zürich 
1883. Zürich 1884, S. 5. 



Dil- Ueilfufuiif; d.T Kurte. y7 

Anlage ^ nicht aber im zweiten, betreffs der künstlerischen Ausführung beii)flichten ; 
denn gerade die Schweiz hat kaum wie ein anderes Land ein für kartographische Zeich- 
nung höchst dankbares Gelände. Die Natur des Landes hat der Kartographie den 
spezifischen Stempel aufgedrückt. Die eigenen Berge verstehen die Schweizer sehr gut 
darzustellen, sobald aber die Karte in anders orogi'aphisch aufgebautes Gebiet hinein- 
reicht, fällt die Zeichnung beträchtlich ab. Der Schweizer hat noch immer am besten 
nur sein eigenes Land zeichnen können. Merkwürdigerweise überschreitet die Karto- 
graphie der Schweiz auch nur selten die Landesgrenze. Das wurde schon vor Jahr- 
zehnten erkaimt.^ Neuerdings scheint die schweizerische Schulkartographie den Bann 
brechen zu wollen. 

Schon seit Jahrhunderten arbeitet man in der Schweiz an der Yervollkonuunung 
der technischen Ausführung und ersinnt neue Mittel mid Wege, um mathematische 
Genauigkeit mit dem künstlerischen Bild, der Widerspieghmg der großartigen Natur 
des Alpenlandes zu vereinigen. Die Schweizer Schule spricht sich mehr noch als in der 
Dufour- imd Siegfriedkarte in den farbenplastischen Bildern aus, wie sie in der Schweizer 
Wandkarte ihren Höhepunkt fand. Oder sollte man das farbenplastische Ten-ainbild 
der Schweizerkarte nicht als das in Farbe übersetzte Bild der Dufourkarte mit den 
Grimdelementen der Siegfriedkarte ansprechen dürfen? Mit der Hochgebirgsnatur, 
dem politisch eng umschlossenen Gebiet und der Liebe zur eigenen Scholle hängt es 
zusammen, daß die Schweizer Kartographie wesentlich „Heimatkmist" ist. 

Nicht zu verkennen ist, daß die historische Entwicklung der Schweizer Karto- 
graphie eins der anziehendsten imd ergiebigsten Kapitel in der Geschichte der Karte 
und der Kartenwissenschaft ist ; denn nur wenige Zweige schweizerischer Wissenschaft, 
Kunst und Industrie lassen sich gerade in der Schweiz in ihrer historischen Entwicklung 
so genau verfolgen wie die Kartographie, wenige auch bieten ein so klares Bild des 
menschlichen Bingens nach technischer und künstlerischer Vervollkommnung wie sie. 

Die amtUche französische Kartographie hat sich fast ein volles Jahrhundert 
in denselben Geleisen bewegt. Kein rechter Fortschritt ist wahrzunehmen. Das darf 
uns nicht in der Meinung bestärken, als ob die Franzosen nicht selbst die Mängel ihrer 
Karten wüßten. Diesen will man diux-h die neue Karte 1 : 50000 iibhelfen, deren Heraus- 
gabe 1897 beschlossen wurde und von der schon eine Anzahl Blätter vorhegt. Merk- 
würdigerweise hatte die französische Generalstabskarte bis in die zweite Hälfte des 
vergangenen Jahrhiuiderts hinein wenig Einfluß auf das Studium der Geographie mid 
auf die Kartenherstelluug privater Anstalten. Die inoffiziellen Karten befolgten damals 
entweder die schräge Beleuchtung ohne jedwede Schichtlinien und erzeugten falsche 
Terrainbilder oder es schimmerte bei den phantastischen Geländegebilden noch die 
alte Wasserscheidentheorie hindurch, wie bei dem Bazin-Cadetschen Atlas', der für 
die Militärschule von St. Cyr vorbereiten sollte und in der freilich sehr detaiHerten 
methodischen Zerlegung des Stoffes sein relatives Verdienst gehabt haben mag. Eine 

' Die techiüsihc Anlage, womit man vor allem die Aufnahme meint, ist in den .•\lixn oft mit 
außerordentlichen .Shwierigkeiten verbunden. Manche» Festlegen von Punkten hat nicht bloU 
viele pekmiiare Opfer gefordert, sondern auch Menschenleben. Hierin begegnen sich die Aufnahmen 
in den Alpen mit .solchen in schwer zugänglichen Küstengebieten; davon erzählt z. B. die englisclio 
Adniiralitätsaufnahmc der We-stkUste von Schottland. 1838 -I8Ö2. 

* Die geogmpliische Aimstellung in Paris. 15. Juli bis 16. Sept. 1875. Von dem Delegierten 
der Pertheeschen Anstalt in CJotlia. P. M. 1876, S. 51. 

'■' F. Uazin ot F. fadet: Atlas s|xicial de la g6ographio physinue, poUtique et historique de 
la France. Paris 1854/55. 



88 ni-' Kaitograpliie als Wissonsoliaft. 

elegante Ausfühningsweise suchte die Fehler dieser Kartenwerke zu verschleiern. Das 
verschwindet gegen Ende des Jahrhunderts und macht einer soliden wissenschaft- 
lichen Basis der Karten Platz. Die Karten wurden dann vielfach zu nichts Anderm als 
Exzerpten der offiziellen Kartenwerke. In den achtziger und neunziger Jahren war 
die private französische Kartographie fast vollständig verbummelt. Mit Wehmut 
vergleicht man die chorographischen Karten mit denen der fünfziger Jahre, die elegant, 
klar und sauber sind. Zweifellos hat dies, wie auch der Schweizer F. Becker bemerkt^, 
seinen Grund darin, daß sich unter der Eegierung Napoleons III. alle Künste einer 
größern Blüte als in der Nachfolgezeit erfreuten, darunter auch die Kartographie, 
die imter der neuen Staatsform mit ihrem ewigen Wechsel in den Ministerien keine 
Förderung erfuhr. Die neueste chorographische Karte Frankreichs hat die alte Eleganz 
etwas vdeder aufleben lassen und an tiefem Gehalt, jedoch nicht an spezifisch Eigen- 
tümlichem gewonnen, so daß man nicht von einer besonders eigenartigen französischen 
Kartenleistung oder -manier sprechen körmte. 

Der italienischen Kartographie, die recht gute Erzeugnisse aufzuweisen hat, 
ist ebenfalls bis jetzt nichts Ursprüngliches und Tonangebendes nachzurühmen. Zu- 
nächst auf französischen und österreichischen Schultern gestützt, hat sie bald allein 
gehen gelernt und erfreut durch saubere und teilweise auch elegante Karten bei guter 
wissenschafthcher Grimdlage. Auch die deutsche Kartographie ist nicht ohne Einfluß 
auf die italienische gebUeben, wie man in der Privatkartographie wahrnimmt. Wenn 
der von dem Touring Club Italiano geplante und im Erscheinen begriffene Grande 
Atlante Internationale das wird, was die Anlage und die ersten Karten versprechen, 
werden die Italiener in der Eeihe der kartographisch tätigen Völker wieder einen be- 
deutenden Platz vorrücken. 

Nirgendwo anders sind wir so gezwungen, zwischen amtlicher und nichtamtlicher 
Kartograi^hie zu unterscheiden wie bei den Spaniern und Portugiesen. Derm von 
der einen Seite, der amtlichen, besitzen wir gute Werke, nicht aber von der andern. ^ 
Wenige Länder sind von Natur aus so günstig ausgestattet wie die iberische Halbinsel, 
daß sie, im Kartenbild fixiert, stets ein gutes Bild geben müssen. Die liesten choro- 
graphischen Karten .sind im Lande nicht selbst, sondern von Nichteinheiuiischen ge- 
zeichnet worden, wie die herrhche Vierblattkarte der Pyrenäenhalbinsel in Stielers 
Handatlas. In neuester Zeit bereitet sich ein Umschwung vor, langsam fängt man in 
der privaten Kartographie an, nach französischen und deutschen Mustern zu arbeiten. 

Die russische Kartographie weist in Eigenart und Anlage nichts Originelles 
auf, sie arbeitet ganz und gar in deutschen Bahäen. Auch die Kartographie der nor- 
dischen Länder, einschließhch Dänemarks, ist bei den Deutschen zu Gaste ge- 
gangen, erst in zweiter Linie bei den Franzosen imd Engländern. Die originellen 
offiziellen Karten hängen mit der Natur und Wirtschaft in den l^etreffenden Ländern 
zusammen. 

Selbständig hat sich die englische Privatkartographie entwickelt, die dort, 
wo sie direkt Material des Sm'vey verarbeiten konnte, Schönes und Mustergültiges (die 



* F. Becker: Die .Scliweizerisclie KarU)jira])liu- an dvv Wcltaiisstell. in Paii.s ISSi) iiiid ihre 
neuen Ziele. Fraucnfcld 1890, S. 48. 

- Etwas so Gesclunaekloses und Manirieitcs in der (iel)iij,'s(lai«tellun^' findet man seilen «jeder 
wie in dem Atlas de Espana y sus posesiones de ultraniai" von Fr. Coello 1 : 2(I0()(MJ und I : I (MM)Oü(i. 
Um 1860 erschienen. [U.-Bi. Gott.].- Diesem Produkt reiht sicli würdifi an di<- „Karte dei Hnelva- 
Pro\nnz" vom Dez. 1887 in 1:300000. 



Die Bedi'Utuug der Karte. 89 

Höheuschichtkarten von J. Bartholomew) geschaffen hat. Daß J. B. Bartholo- 
mew in dem Vorwort zu dem „The Survey Atlas of England and Wales" (Edinburgh 
1 903/04) von dem Atlas seilst sagt .,as a national work the English Ordnance Survey 
is unsurpassed in any country", -wollen wir dem bekannten Verfasser und Verleger, 
im Gegensatz zu Koffmahn, als eine kleine nationale Übertreibung zugute rechnen.' 
Tatsäcbhch kann sieh kein Atlaswerk eines andern Landes damit messen, schon 
deshalb nicht, weil ein so eigenartig angelegtes Werk in keinem Lande bis jetzt ein 
Pendant gefunden hat. So hat der Engländer für sein Mutterland durchaus Muster- 
gültiges geschaffen. Sobald er aber über sein engeres Vaterland hinauskam, war es 
vorbei mit der kartographischen Darstellung des Geländes. Leider ist es nur allzu- 
wahr, daß der ewige Blick auf das Meer den Engländern den Sinn für die Bergformeu 
eingeebnet hat. Diesen Mangel an morphologischem Sehen und Denken beklagte 
schon 1885 J. Geikie. Daß es in der modernen Geographie außer Flüssen, Städten, 
Eisenbahnen und pohtischen Grenzen auch physische Elemente gibt, scheint erst 
neuerdings dem kartographisch sich betätigenden Engländer einzuleuchten. Trotzdem 
ist noch auf den Karten neuester Atlanten die Gebirgsdarstelkmg imbeholfeu und roh, 
in der alten Eaupenmanier. Schon seit den Zeiten von Arrowsmith leidet die eng- 
lische Terraiudarstellung geradezu an hahnebüchenen Fehlem. Atavistische Leistungen 
sind nicht selten. Selbst auf modernen Karten wird dort, wo die Namengebung be- 
einträchtigt werden könnte, das Gelände einfach unterdrückt. Das kami man selbst 
beim besten Willen nicht einmal mit dem kaufmännisch-praktischen Sinn des Eng- 
länders entschuldigen, mid schwer nur vermögen einen wegen der mangelhaften Terrain- 
darstellung der feine Stich, die Lesbarkeit und das diskrete politische Kolorit zu ver- 
söhnen. Nur ein paar Beispiele mag unser hartes, aber sicher gerechtes Urteil illustrieren. 
In Keith Johnstons Eoyal Atlas of modern geography^ dem Gegenstück zu 
unserm Stieler, Debes oder Andree, tritt auf der Karte von Deutschland der Harz gar 
nicht her^-or, das Erzgebirge repräsentiert sich als höheres imd mächtigeres Gebirge 
als das Eiesengebirge, auf Blatt 19 ist es im Maßstab 1 : •203'2000 besser und ausfülir- 
licher als auf Blatt 18 in 1 : 1050000 behandelt. In ähnhcher Weise wird das Gelände 
auf andern Kartenwerken großer englischer Firmen verhimzt.' 

Mängel und Eückständigkeit zeigen sich selbst bei der Einzelkarte des Ürdnance 
Survey*. und dennoch ist James Geikie so erfreut darüber, besonders beim Anbhck 
der schottischen Gebirge, daß er 1885 an seine Landsleute die Frage stellt, „wie lange 
einsichtige Lehrer nun noch fortfahren würden, jene veralteten Mißbildungen (antiquated 
monstrosities) zu dulden, die so oft als Wandkarten in Schulräumen gebraucht würden." 
Seitdem ist es ein klein wenig besser geworden. Alles in allem genommen: Den Eng- 
ländern fehlt bis jetzt die kartographische Elastizität und Kapazität. 



' (). Koffmahn in I'. -M. 1902, S. 232. - .-Vuch Kut:. 01)erhiimiiUT sprüht von a<r U-riiif;- 
sclüitzung uud Vemathlas.sigut»); der seiikrtvhtoii Güodcruii>; aiif oiiglisihen Karten in dorn Noitmi; 
„Über Hochgebirftskarten", V[I. Internat. CJeogr.-Kongr. Berlin 1899. U. Borhn liH)l, S. 91. 
Über unge.seliickte und geiudezu antii(uaris('h auniutei\de engl, luid noixianierikani!«.'he lieliinde. 
l.ilder vgl. E. Hammer in O. J. .\.X1V. (k)tha 1902. S. 46. 

- Ich hatte die Auflagen von 1879 (hxlinburgh und Luiidon) und von 1907 (London) zur Hand. 

' .Vuf A. K. .Johnstons Wandkarte „t'oinniercial and library (hart of the world on .Merca- 
tor.s pmjection u.sw.', London und Edinburgh 1902, sind die Alpen nicht anders wie da« Uiesen- 
gebirge dargestellt. - Ähnliehen groben Verstöüen begegiu-n wir in Philips „New |»pular atla«". 
London 8. a. 

* O. Koffmahn: Kiiie neue Karte von OmUbritanniiii und Irland. 1*. M. 1902. S. S.U. 2.12. 



Wie uicht anders zu envarteu, krankt die private Kartographie der Vereinigten 
Staaten an den gleichen Fehlern wie die Großbritanniens. Ein in Amerika seinerzeit 
viel beachtetes "Werk war Monks Neue Karte von Amerika^, die lange Zeit den 
Landkartenmarkt des Alltags beherrschte. Es bleibt unverständlich, wie selbst bei 
Karten des eigenen Landes die Bodenunebenheiten so mangelhaft, in manchen Teilen 
überhaupt nicht dargestellt worden sind wie auf der Monk sehen Karte; bespielsweise 
ist darauf das ganze Plateau von Mexiko auf eine kaum durch zwei Längengrade und 
einen halben Breitengrad sich ausdehnende Erhebung nordwestlich von Acapulco 
zusammengedorrt. Gegen die Schrift ist nichts einzuwenden, das politische Kolorit 
jedoch scheint sich des Guten nicht genug zu tun, denn jede der Bahamainseln trägt eine 
andere Farbe. Bei der Besprechung von Crams Atlas of the world, ancient and mo- 
dern, Chicago 1902, spricht A. Supan von einer „haarsträubenden Gebirgsdarstellimg.'"'* 
Der Atlas leidet an den gleichen Fehlern wie die Karte von Monk, bezüglich des Terrains 
sind die außerunionistischen Länder gar nicht und das eigene Land kaum zu erkennen. 
Für .solche Machwerke ist die Bezeichnung „atavistisch" noch zu gelinde. Der Geschmack 
der Bewohner der Vereinigten Staaten scheint noch weniger als der der Engländer ver- 
wöhnt zu sein. Im übrigen sind die Karten, die den wertvollem amerikanischen Publi- 
kationen beigegeben werden, klar und schön im Druck, nur nicht in der Gelände- 
darstellung, mit der die Amerikaner nicht zu Fache kommen. Die Bearbeitxmg mid 
Herstellung der offiziellen Karten stehen wegen ihrer Sorgfalt und Schönheit in 
Stich und Farbengebung in krassem Gegensatz zu den privaten Erzeugnissen. 

Von der außereuropäischen Kartographie ist Eigenartiges und Hervorragendes 
kaum zu berichten. Die Europäisierung der Erde dokumentiert sich auch auf karto- 
gi-aphischem Gebiet. Wo wir anscheinend selbständigen Arbeiten begegnen (Argen- 
tinien, Chile, Bolivien usw.), sind sie europäischen Ursprungs oder von Europäern, 
vielfach Deutschen^, in dem betreffenden Lande gearbeitet. Wo Einheimische die 
Hand im Spiel halien, geht die Geländedarstellung nicht selten ins Groteske über.* 
Auch die japanische Kartographie ist, wie ich nach den wenigen amtlichen und 
privaten Karten, die mir zu Gesicht gekommen sind, m'teilen kann, von der europäischen 
abhängig und scheint zu keinen besonders eigentümhchen mid kartographisch-wissen- 
schaftlich nemienswerten Leistimgen vorgedrungen zu sein.^ 



^ Moiikb ,,New Americaa Map exldbiting tue larger portioii of North America, enibracing 
the United States and Territories, Mexico and Central America, including the West India Islands, 
the Canadas, New Brunswick and Nova Scotia." Compiled from reccnt Government surveys and 
other authentic sources. Baltimore, J. Monk 18.57. 1 : 36.50000. 

2 A. Supan in P. M. 1903. LB. S. 1. 

" Ich denke hier an die argentinischen Karlen von L. Brackebusth. 

* Vgl. ,, Piano topografico y geologico de la Kepublica de Chile", Levantado per orden del 
gobiemo bajo la direccion de A. Pissis. 1 : 250000. [U.-Bi. Gott.] 

^ Ihr Nathahmungstalent haben die Japaner auch in der Kartographie schon längst bezeugt. 
Ph. ¥. V. Siebold (Nippon, Archiv f. Beschreibung Japans. 1832-1851. Bd. I mit Taf.) besaß eine 
von einem Hofastronomen in Kupfer gestochene Karte, die sich außer auf japanische, chinesische 
und koreanische Karten auch auf russische und altportugiesisohe stützte. 



Neui- Balincii iiiiil neue AufgHbea. 



C. Gi'undziige der .gegenwärtigen und künftigen Entwicklunü- 
der Kartographie. 

I. Neue Bahnen und neue Aufgaben. 

31. Die Kvidcnthaltuu!,' der Kurten. Das beste Zeichen einer selbständigen Wissen- 
schaft ist, daß sie nicht bloß ihr Gebäude zu begründen und aufzurichten versteht, 
sondern vor allem eine Anzahl Probleme schafft, die den sichern Keim der Fortentwick- 
lung und des Bestandes einer Wissenschaft in sich bürgen. Auf einige wichtige dieser 
Probleme einzugehen erblicke ich als die vornehmste Aufgabe noch im ersten Teil 
meiner Grimdlagen und Forschungen. 

Einige der kartographischen Werke, die in den letzten Dezeimien geschaffen worden 
sind, bedeuten emen solchen Höhepunkt in der kartographischen Entwicklung, daß 
die Frage berechtigt erscheint: Ist in der Kartographie noch eine weitere Entwicklung 
mögHch oder ist sie bereits auf der Höhe ihrer Ijeistungen angekommen '? Als Antwort — 
so paradox sie auch klingen mag — muß der Sachkiuidige geben: Die Kartographie 
steht erst am Anfang ihrer Leistungsfähigkeit. Die Aufgaben werden von Jahizelmt 
zu Jahrzehnt größer und komplizierter. Schon ahnt man gewaltige künftige Betätigimgs- 
gebiete der Kartographie. Einzeltatsachen und wissenschaftliche Forschungsergebnisse 
drängen zu internationalen Kartenwerken hin, aber noch viel mehr im eignen 
Lande zur Vermehrung von Kartenarten und Vertiefung vorhandener Karten. Es gilt 
aber nicht bloß Neues zu schaffen, sondern vor allem auch das Alte und Gute zu er- 
halten und weiter zu pflegen. Zu einer der allerwichtigsten Aufgaben der privaten wie 
staathchen Kartographie gehört dieKurrent- oder Evidenthaltung der Karten (S.C.l). 
Sie zu beschleunigen tragen die schnellern Aufnahme- und Reproduktionsverfahren 
wesentlich bei. In der FHegerphotographie liegt das Mittel der schnellen und befrie- 
digenden Evident-(Evidenz-)haltiuig offizieller Karten. Wie unangenehm ist es vielfach 
empfunden worden, daß gewisse Meßtischblätter erst nach rund dreißig Jahren wieder 
verbessert herausgegeben werden. Es ist kaum zu verantworten, wie manche Staaten 
die Evidenthaltung selbst wichtiger Kartenwerke auf sieh beruhen lassen. Es soll 
durchaus nicht verkannt werden, daß die Evidenthaltung der großmaßstabigen topo- 
graphischen Karten Unsummen verschhngt, was nützt jedoch eme großmaßstubige 
Karte, wenn sie nach zwei liis drei Dezennien so veraltet ist, daß sie für die meisten 
Zwecke, besonders in wirtschaftlicher Beziehung, nicht mehr oder schwer benutzbar 
ist; dann lohnen sich kaum die Herstellungskarten. Jeder Staat muß es als eine seiner 
vornehmsten Aufgaben erachten, seine grundlegenden Karten ständig und kurzfristig 
evident zu halten. Gewiß lassen sich verschiedene Staaten die Evidenthaltung sehr 
angelegen sein. In den Niederlanden z. B. ist sie durch die steten Veränderungen der 
Meeresküsten und Ufergelände sehr erschwert, trotzdem stellt in dem kleinen l.nnde 
jährlich eine bedeutende Sinnme für Kurtenkorrekturen zur Verfügung.» 

;{2. Die WeilorentwiokiuiiR der Geiüiidedarstellung. l^cr .Fluß der Dinge" zieht 
auch die Gelandedarstellung in den Wiriiel seiner Bewegung, obwohl augenscheinlich 

1 Vor «lom VVi-ltkrii'gü iittoh d- in Ktut jillirl.cli übri TlHWI M. 



92 . Die Kartographie als Wissonschaft. 

auf diesem Gebiet ein Fortschritt am schwierigsten erscheint. Da die SchichtHnie ein 
absolut notwfndiger Bestandteil im Aufbau einer Terrainkarte, die auf wissenschaft- 
liche Brauchbarkeit Anspruch erhebt, ist, wird sie für immer ein integrierender Bestand- 
teil jeglicher kartographischen Geländedarstellung, die nicht zum Maßstab der Schul- 
handkarte herabgeht, sein. Hingegen haben Schraffen, Schummerung und Farbton 
mehr sekundäre Bedeutung, die wohl zur Anschauung der Terrainelemente außer- 
ordenthch brauchbar und wertvoll und ihr förderlich, aber nicht absolut notwendig 
sind. Die Zeit, wo man weitausgedehnte Gebiete, wie die alte östereichisch-ungarische 
Monarchie in Schraffen darstellte, dürfte vorüber sein. Andere Darstellungsmittel, 
die bequemer, schneller imd fast ebensogut zum Ziele führen, treten auf den Plan. 
Die Isohypsendarstellung mit Schummerung hat ein weites Feld der Betätigung. Auf 
Karten dieser Art ist die Touristik von großem Einfluß gewesen, denn sie will für den 
Laien leicht lesbare imd schnell erfaßbare, verständhche Karten. Die Schweiz ging 
mit dem Siegfried- Atlas bahnbrechend vor. Auf wissenschaftlicher Seite wird man die 
Schichtlinienkarten mit senkrechter Beleuchtmig bevorzugen. Das setzt eo ipso voraus, 
daß die Schummerung auch wissenschaftlich behandelt wird und nicht aus der großen 
Hand, um lediglich einen plastischen Effekt zu erhaschen. Dann werden die Karten 
miter anderm für geologische Eintragungen, für Mineralien- und Pflanzenfundstätten 
vorzügUch zu verwenden sein. 

Für die Karte der Zukunft wird die Schraffe nicht ganz auszuschalten sein; 
abgesehen davon, daß sie für kleinere Kartenwerke stets bestehen bleibt, wird sie un- 
entbehrUch bei scharfen Niveauunterschieden von sehr kleinem Abstand; denn plötz- 
üche Steilabstürze, Dämme, Wälle, Geländeeinschnitte imd -hohlen, Terrassen usw. 
kann die Schummerung nicht darstellen, da muß die Schraffe einspringen. Die Kombina- 
tion beider Geländedarstellungselemente wird künftighin das Augenmerk des Gelände- 
zeichners besonders fesseln. Dies ist nicht so zu verstehen, als ob die Schummerung 
für sich allein auf eine bestimmte Höhenstufe oder für besondere Gebiete imd daneben 
die Schraffe mit ähnlicher Einschränkung zu gebrauchen wäre.^ Die restlos befriedigende 
Verquickung beider ist keine leichte Aufgabe, mit viel Geschick, Takt imd Sachkenntnis 
muß dabei zuwege gegangen werden; auch die bei den Kombinationsverfahren noch 
selten vorhandene Erfahrung wird ein gut Teil mitsprechen müssen. 

Auf die Kombination verschiedener Terraindarstellungselemente wird man noch 
öfters zurückgreifen müssen. Bei der I-uftschifferkarte der Zeppelingesellschaft ist 
von M. Gasser die Verkettung von Höhenschichtkarte mit Schummerung nicht 
kolorierter Schichten angestrebt worden, ein Versuch, der jedoch nicht als geglückt 
zu bezeichnen ist. Desgleichen der Versuch E. Friedrichs, die farbigen Höhen- 
schichten durch verschiedenfarbige Schraffen zu ersetzen. Übrigens haben diese Art 
Karten glücklichere Vorgängerinnen in offiziellen schwedischen und norwegischen 
Karten, wo, wie wir wissen, Schichtlmien mit Schraffen das Kulturland bezeichnen, 
Schichthnien mit oder ohne Schummerung kulturlose Gebiete. 

Eine Schraffenzeichnung im Verein mit besonders detaiUerter Felsdarstellung 
befriedigt nicht vollkommen : denn bei der Felszeichnung find die gleichen Strichelemente 
nur in den verschiedensten Lagen und Stellimgen angewendet, während bei den Schraffen 
regelmäßig und in Eeihenform. Die Felszeichnung kombiniert mit der von mir ge- 

'■ Wie es beispielsweise P. Birgham handiiabt, der die Kraterböden und innem Kraterwändc 
schummert, dagegen die äußern Wände (Lava und Sand) in Schraffen darstellt; vgl. die Krater 
Mokuaweoweo und Kilauea in P. M. 1876, T. 19. 



Neue Bahnen uiul mm- Aiifjrjib.m. 93 

gebenen Pnnktmanier (s. spätpi) scheint ein wcscntlicli vorteilhafteres Bild zu geben. 
Bis jetzt steht die Felszeichnung als etwas Besonderes im Kartenbild, sie .scheint niil 
den übrigen (ieländedarstellungselementen nicht recht verwachsen zu sein. Diesem 
Sonderdasein bereiten die neuesten Karten der sächsischen Landesaufnahme in 1 : 10000, 
die Gel)iete der Sächsischen Schweiz zum Vorwurf haben (Karte des Schraranistein- 
gebietes), ein Ende.* Bei ihrem Anljlick merkt man, daß die Felszeichnung organiscli 
ins ganze Kartenbild hineiniiaßt. Mag sein, daß sich das ([uademauf bauende Elb- 
sandsteingebirge für diese Art Yer((uickmig von Kartenelementen hervorragend eignet. 

33. Verschmelzung vou Laudkarte und Meeresfieleukarte. Über das Ungereimte 
einer Kombination von Terraindarstelhmgen hat man bis jetzt noch kein Wort ver- 
loren, nämlich über die inkonsequente Verschmelzung von Landkarte mit 
Meer es tiefenkarte. In verschiedener Intensität wird gemeinhin die blaue Farbe, 
die dem Meere als liquidem Element zukommt, stufenweise im Sinne der Höhenschicht- 
karte gebraucht. Dieses Bild wird meistenteils mit einem Landkartenbild in Schraffen- 
darstelhmg verbunden, auf S})ezialkarten sowohl me auf Atlaskarten ; in konsequenter 
Weise müßte das Land gleichfalls in farbigen Schichten (Nuancen einer Farbe) dar- 
gestellt w^erden. Nur wenige Autoren haben dies bis jetzt (mehr intuitiv) befolgt. — 
Nun ist es kein Ding der Unmöglichkeit, den Meeresboden gleichfalls in Schraffen 
darzustellen. Die altem, hierher zielenden Versuche, abgesehen Aon den Meeresgebirgen 
des Buache, sind ganz vergessen worden, und doch war es kein geringerer als .J. M. 
Ziegler, der auf der Europakarte seines Hj^psometrischen Atlasses vom Jahre 185() 
den Boden des Mittehneeres und des Schwarzen Meeres mit Gebirgsschraffen bedeckte, 
um darzulegen, daß die Hypsometrie auch vor dem Meeresl)eeken nicht halt machen 
darf. Der Anblick der Karte ist interessant und doch befriedigt er nicht, das Auge 
wird durch die Gebirgsdarst eilung des Meeresbodens irre geführt, was Ziegler leicht 
hätte vermeiden können, wenn er die Meeresfläche mit einem leichten blauen Ton be- 
deckt haben würde, wodurch sich die unter dem Meeresspiegel befindliche orographische 
Gestaltung der Erdrinde klar und eindeutig von der über dem Meeresspiegel hinaus- 
ragenden abgehoben hätte. In dieser Weise eine Karte nach den neuesten Tiefsee- 
lotungen herzustellen, dürfte eine lohnende Aufgabe sein: unter Umständen könnten 
die Schraffen des Meeresbodens etwas leichter im Druck gehalten werden. Auch hier 
gibt es noch vielerlei Probleme zu lösen. Warum soll nicht einmal eine Isohypsenkarte 
gezeichnet werden, deren Ausgangspimkt für die Schichtzeichnung und -kolorierung 
der tiefst gelotete Punkt des Weltmeeres ist'? Sie würde mit zu der Erkenntnis bei- 
tragen, daß der Unterschied der orographischen Gestaltung zwischen Meeresboden 
und trockner Erdoberfläche gar nicht so groß ist, wie allgemein noch angenommen 
wird. Auf diese Unebenheiten des Meeresbodens haben u. a. A. Penck in seiner Morpho- 



' C. Treitschkc sohiribt .selbst hieiiibci. „Bei dem bo.somlciii t'liamkter di-r Sandstoin- 
formationen, bei dem tellerförmigen Geschiebe der Fel.smasseii, den freigelap-rten K»iiffonnen und 
abgeschwemmten Tallagerungen wui-de in Anschauung <ler Natur eine bildliche Darstellung der 
Felsen versucht. Die abgeschliffenen, nmden und weichen Fonuen erfolgen, günstig für Zusamnien- 
wirkung von Schichtlinien mit Felsen, dui-ch horizontal gerichtete Linien, die wiedenuu dun-h kunte 
senkrechte Verbindungen dargestellt weiiien. In den Kehlen und Schlucliten weixlen die Felsbänder 
durch xackige seiiki-echt«- Linien verbimden >uid damit die typischen Abbnichstellen angt>deutet. 
Senkrecht abstufende Torrassen und Buivhbruchstellen werden im Aufriß gezeichnet und können 
in Ijesonders schwierigen Stollen schräg beleuchtet werden" (Dir UiidesAufnalitnr Sncbsen von 17S0 
bis 1921. Beiträge zur deutschen Kartograpliie. Leip/.ig n»2l. S. ">S. ">()). 



94 \ l>ii' Kartographu' nU Wissenschaft. 

logie der Erdoberfläclipi und 0. Krümmel in seinem Handbuch der Ozeanographie^ 
ausführHchor hingewiesen und einige kartographische Proben gegeben. 

;{4. Hiiii(farbi;;(' und »"iiil'arl»is»> Kar<c Ein großes Feld der Betätigimg erblüht 
unstreitig der Inuitfarhigen Karte. Werden lediglich Kulturelemente dargestellt, gibt 
schon die Logik jedem denkenden Kartographen die Eichtschnur in der l-arlicngebung 
an die Hand; kommt es auf die Wiedergabe des Terrains an, wird in der Hauptsache 
die Abtönung einer einzigen Farbe oder das Peuckersche oder ein verwandtes System 
maßgebend sein. Dabei wird man sich innerhalb der Grenzen gewisser Maßstäbe ])e- 
wegen. 

Trotz guten Drucks und klarer Farbenwahl befriedigen farbige Geländedarstel- 
lungen vielfach nicht in der gewünschten Weise. Daß sie in Zukunft mehr als heute 
herrsehen werden, ist nach dem heutigen Stande der Entwicklung und Erfahrung sicher 
anzunehmen. Schon hat man der Schraffenkarte, wenigstens der einfarbigen, den 
Tod gewahrsagt. Daß man sie, die nach Lehmann scher Manier streng ausgeführte, 
dereinst zu den veralteten Karten rechnen oder ganz ad acta legen wird, ist nicht aus- 
geschlossen, wenn sie auch der Wissenschaftler und das Militär immer wieder gern zu 
Studienzwecken zur Hand nehmen werden. Sie ist der ruhige, vornehme, abgeklärte 
Aristokrat, während die farbenplastische Karte zunächst noch als Parvenü erscheint, 
iils der Emporkömmling, der sich mit allen modernen augenfälhgen Hilfsmitteln in den 
Vordergrund schiebt und sich so vorteilhaft wie möglich, ich will nicht gerade sagen 
protzig, zu präsentieren sucht; er muß sich noch abklären, um als Partner der alt- 
ehrwürdigen Schraffenkarte oder andern guten einfarbigen Karten das Gleichgewicht 
halten zu können. Zweifellos wird ihm das gehngen, bis er jenem alten Gegner gegenüber 
nicht bloß gleichwertig geworden ist, sondern auch überlegen, dann dürfte sich jenei- 
ganz auf sein Altenteil zurückziehen. 

35. Entwickluns; der morphologischen Karte im allsemeinon. Schlaffen, Punkt, 
Schummerung und Farbe sind mit Hilfe der Niveaukm-ven ganz allgemein das Mittel, 
den orographischen Aufbau des Geländes zu veranschaulichen, also die rein äußerliche 
Gestaltung der Erdoberfläche. Sie bieten jedoch weiterhin Handhaben, tiefer zu 
schürfen, um das ,,Wie?" und „Warum?" der Geländeformen weniger theoretisch als 
vielmehr genetisch und sichtbar zu ergreifen und zuletzt deren kulturgeographisches 
Moment zu verdeutlichen. Wir begeben uns bei diesen Untersuchungen auf ein Gebiet, 
auf dem beinahe hundert Jahre gearbeitet worden ist, ohne daß man zu greifbaren und 
allgemein beherzigten Ergebnissen vorgedrungen ist; noch ist es in vieler Beziehung 
ein Tasten und Suchen nach allgemeingültigen LeitUnien. Kaum oder nur halb erreicht, 
wird vieles schon wieder verworfen. Die gegenwärtig vorliegenden Versuche geben noch 
keinen Anlaß, ein einheitliches Streben zu erkennen. Über den Charakter einer Studie 
nicht hinausgekommen, wird der Einzelfall nicht selten als der typische angesehen, 
während die großen Zusammenhänge verschleiert bleiben. Das soll jedoch auf dem 

1 Bd. II. Stuttgart 1894, S. 606ff. Fig. 38, S. 615 „Die Gouf von Kap Breton". 

2 Bd. I. Stuttgart 1907. S. 108, 124. Auf S. 100 findet sich ein Kärtchen in Scüraffcniuanier: 
„Alpine Bodenformen am Nordrand des Biskayagolfcs". — Die Maßstäbe 1 : 40000000, wie auf den 
Tiefenkai-tcn der Ozeane von M. Groll(Vcrüffentlichgn. des Institutes f. Meereskimde. Hg. v. A. Penck. 
.\'eue Folge. A. 2. Heft), und 1 : ;50000000, wie auf der Karte dos Atlantisch. Oz. von G. Schott 
(Beilage zur Geogr. des Atlant. Oz., Hamburg 1912) würden gerade noch genügen für eine Schraffen- 
dar.stelhuig, bei der indes größere Maßstäbe voizuziehen wären. 



Neue KahiHMi und iieiiH Autg;iberi. «)f, 

einmal betretenen Wef; niclit ontmiitiKen. Noch viel Kleinarbeit wird geleistet werden 
müssen, bevor sich leitende Gesichts^uinkte herausschälen lassen. 

Bisher gilt der Gmndsntz, daß zu einer vnllständifjen Aiibildung der Erdober- 
fläche drei Arten von Karten gehören: die topographische, liypsometrische und gen- 
logische Karte. Die Verbindung der ersten beiden ist gelungen, die tiefere Verankerung 
mit der dritten Art steht noch aus. Damit ist nicht die geologische Karte auf oro- 
graphischer Unterlage gemeint, die schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts gezeichiiel 
wurde, sondern das Sichtbarmachen von spezifisch geologisch und orographisch lie- 
dingten Formen im Geländebild mit Hilfe topographischer Darstellungsmittel. 

Daß an der Lösimg dieses Problems J. M. Ziegler zum erstenmal eingehender 
gearbeitet hat, wissen -wir.^ Dorl. wo man taghiglich die großen Veränderungen in 
der Natur -wahrnimml, in der Alpenwelt, fing man zuerst an, darüber nachzudenken, 
we die topographische Karle ein Spiegelbild des inneren Baues der Gebirge sein 
könnte. Das andere große Gebiet auffälliger Veränderungen, die Küstenregion, hat 
nicht in dem Maße zum Ausbau der topographischen Karte angeregt. Mit ähn- 
lichen Problemen wie der Schweizer J. M. Ziegler beschäftigte sich der Österreicher 
K. V. Sonklar, dessen Karten der ötztaler Gebirgsgruppe als ein Muster einer 
wissenschaftlichen Behandkmg der Urographie gerühmt wurden.^ Alles was Ziegler 
für die morphologische Ausgestaltung des Terrainbildes mehr geahnt als erreicht 
hat, ist jetzt auf dem besten Wege, verwirkhcht zu werden. R. Lucerna geht 
kaum über Ziegler hinaus, wohl aber die Arbeiten von Passarge und Gehne. Lu- 
cerna glaubt etwas Neues zu bieten, wenn er sagt, daß der Bauplan der Gebirgs- 
oberfläche aus der Karte erhellt werden soll, sow^eit dies der Maßstab zuläßt. ^ Er 
macht der modernen Kartographie den Vorwurf, daß sie insbesondere bei den Alpen- 
karten zu rein topographisch sei, nur Hoch mid Tief und das Gefälle in den Vordergrimd 
stelle und die Formen des Gebirges nicht genetisch, d. h. entwicklungsgeschichtlich 
darstelle. All die Formen, die verschieden genetischen Ursprungs sind, dürfen nicht 
nach einem Schlüssel gezeichnet werden; hinwiederum wird nach Lucerna keine bis 
in Details gehende Alterskarte des Gebirges gewünscht, da dies nur die geologische 
Karte mit ihrer reichen Farbenwahl geben kann, sondern es sollen vor allem die alters- 
verschiedenen Fomien, wo die Grenzen in der Natur nicht gut ausgeprägt sind, auf 
der Karte markiert werden. Es fehlen eben nach Lucerna ,,die für das Formen- 
verhältnis der Gebirgsoberfläche oft eminent wichtigen Kanten, auch wenn sie im Maß- 
stab der betreffenden Karte darstellbar wären." Wie er sich die entwicklungsgeschicht- 
liche Darstellung der Geländeformen denkt, soll eine Karte der Hohen Tatra in 1 : '25000 
veranschauliclien, die nach der Methode der altersgleichen Flächen aufgenommen ist. 
Ihr sollen Al{)enkarten folgen. Bis jetzt ist mir nur die Morjihologische Karte der 
Montblancgruppe in 1 : 100000 entgegengetreten.* 

Die Grundlage der Karte bildet das morphologische Flächenelement. Einschließ- 
lich weiß werden sieben Farben zum Ausdruck gebracht.^ Durch das Aussparen von 

' Die hierher gehörige Stolle seines berühmten Uriefes nn A. l'cterninnn kennen wir bereits 
(S. 50). — Eingehenderes über Zieglers Einfluß auf die Ocliiiidiaufnahnir und diirstolhiug vgl. in 
dem Teil über die Geliindcaufnahme (S 87). 

» Vgl P M. 1861. S. .121. 

» R. Lucerna: D«^r Bauplan der OebirgHoberfliiohe. >Ltt. des I). u. «). .-V.-V. 1913. S. 2(12. 

* R. Lucerna: Morphologie der Montblanignippe. P. M. Ergh. ISl. Gotha 1014. 

■ .\u(h in der Karhennebunc der niorphologischeii Elnnrnte ist kein System; vgl. Karte ii. 
S. 182, 18:t, a. a. O. 



96 l^'P Kartograpliie als Wissenschaft. 

i'irn und Eis in Weiß, wodurcli die Umrisse der Gletscher wiederholt werden, kann 
man sich in den Hauptsachen der Montblancgruppe zurecht finden. Aber durch den 
Verzicht auf die Terraindarstellungshilfsniittel, wie Isohypsen, Schraffen und Farb- 
stufen, wird die Karte von vornherein ihres Wertes als morphologische Karte entkleidet 
und geht nicht über das Maß einer farbigen Skizze hinaus. Was nützt es, wenn Lucerna 
selbst sagt^, daß es wünschenswert sei, daß die neuen topographischen Karten auf die 
genetischen Leitlinien der Landschaft llücksicht nehmen sollen, damit das durch die 
iieutige Geländedarstellmig vollständig verschleierte Bild dem Kundigen sichtbar werde, 
und gibt sellist nicht ein Beispiel, wie es gemacht werde. Bei ihm bleibt demnach grau 
alle Theorie, oder sollte die beabsichtigte Karte an dem kartographischen Können ge- 
scheitert sein? Damals waren bereits die Karten von Gehne erschienen, sie hätten 
ihn auf einen annehmbaren Weg bringen können, und Passarge hatte schon seine 
wichtigen Darlegungen über die Schwierigkeit des Aufbaues geomorphologischer Karten 
und den Weg zu einer zufriedenstellenden Darstellung ]<undgegeben. An diesen Ver- 
liffent Hebungen durfte Lucerna nicht vorüliergehen. 

In der deutschen Geographenwelt ist man nach 1910 insbesondere an die Kon- 
struktion morphologischer Karten herangetreten, und zwar von namhaften Autoren. 
\vie Passarge, Behrmann, Gehne. Nicht unerwähnt sei, daß eine Art morpho- 
logischer Karte zuerst in Frankreich von N. Delesse gezeichnet worden ist, die ,, Carte 
lithologique des mers de France etc." 1 : 2000000, Paris 1869. Auf einer Schichtlinien- 
karte wird versucht, die vom Festland in das Meer geführten irdischen Niederschläge 
nach Art mid Abstammung zu bezeichnen und systematisch zu grupjiieren und die 
verschiedenen Fluß- und Meerbassins voneinander zu scheiden. Bis zu jener Zeit waren 
noch auf keiner Karte die hydro-orographischen Grundelemente so korrekt uud ge- 
schmackvoll niedergelegt worden, daß selbst E. v. Sydow nicht ansteht zu erklären, 
daß ,,seit langer Zeit die geographische Wissenschaft keinen so Ijedeutungsvollen Beitrag 
zu ihrer Aufklärung erhalten hat."^ 

Bei den morphologischen Karten muß man zwischen l'ljersichts- und Spezial- 
karten unterscheiden, diese in den Maßstäben 1: 25000 bis 1: 100000 und jene in den 
kleinen Maßstäben 1: 200000 bis 1: 500000, wie die Morphologische Skizze des Harzes 
von W. Behrmann in 1 : 400000^ oder die Morphologische tibersichtskarte von Nord- 
Schleswig von P. Woldstedt in 1:300000.* Zu kleinern Maßstäben darf man bei 
morphologischen Karten nicht vorschreiten, da die morphologischen Elemente bei 
kleinen Maßstäben nicht mehr ordentlich klar auseinander gehalten werden können. 
Die Übersichtskarten bedienen sich zumeist des Flächenkolorits, sie bieten karto- 
graphisch nichts Bemerkenswertes, dagegen sind die eigentUchen morphologischen 
Spezialkarten auch kartographisch von hohem Interesse, da sie nach neuen karto- 
graphischen Ausdrucksmitteln streben. Wir besitzen solche Karten in den Maßstäben 
1:50000 von Passarge, Gehne, 1:75000 von M. Kirchberger, 1:100000 von 
E. Wandhoff. Margarete Kirchbergers Karte ist überschrieben Morphologische 
Übersichtskarte des Vennabfalls^ ; im Grunde genommen ist es eine S])ezialkarte, auf 



1 R. Lucerna, a. a. O., S. 18.3. 
- E. V. Sydow in P. M. 1870, S. 67. 

^ W. Behrmann: Die Oberflächennestaltung des Harzes. Eine Morphologie des Gebirges. 
Forsch, z. deutsch. Landes- und Volkskunde, hg. v. H. Hahn. XX. Stuttgart 191.3, T. 2. 

* P. Woldstedt: Beiträge zur Morphologie von Nordschleswig. Diss. Göttingen 191.3. 
^ Margarete Kirchberger: Der Nordwestabfall des Kheinischen Schiefergebirges zwischen 



Neu.! »Hliiien und ii.ue Anf<;al>i-ii. 97 

deren Isohypseimnterlage .sich farbig die morphologischen Stufen und Einebnungs- 
erscheinungen gut ahhohon. Die Karte Wandhoffs Die Moselterrassen von Zeltingen 
bis Cochem ist insofern bemerkenswert, als bei ihr nnf jegliches Kolorit verzichtet wird.* 
Auf einer mit Verständnis angelegten Isohypsenskizze sind außer der vorpUozänen 
Stufe und dem unterplioziinen Kieseloolithschotter die Niederterrasse in einer, die 
Mittelterrasse in fünf mid die Hauptterrasse in drei schwarzen Signaturen angelegt. 
Man merkt dem Verfasser die Mühe an, die Signaturen deutlich auseinander zu halten, 
aber die Übersichtlichkeit der Karten leidet trotzdem. Hier muß schon die Farbe zu 
Hilfe genommen werden, wobei ich nicht verkennen will, daß dadurch die Herstellungs- 
kosten der Karte erhöht werden. 

Die Herstellung morphologischer Karten soll man dem Wissenschaftler über- 
lassen imd nicht dem Topographen oder Kartographen. A.Hettner warnt, aus topo- 
graphischen Karten, wie sie in Nordamerika unter den Bann der Davisschen Natur- 
auffassung geraten sind, „morphologische Eegeln herauszulesen, die der Zeichner erst 
hineingelegt hat."* Diese Wahmehmimg bringt einen auf den Gedanken: Ob es denn 
überhaupt ratsam ist, die Topographen mit den Problemen der Morphologie bekannt 
zu machen, um sodaim bei der Aufnahme im Felde auf sie zu achten. Ich habe kein 
Bedenken, dies zu befürworten, muß aber ausdrücklich hervorheben, daß der morpho- 
logische Unterricht für die Topographen einzig und allein den Zweck haben soll, die 
Topographen im Gelände besser sehen zu lehren, und nicht den, bestimmte morpho- 
logische Erscheinungen besonders zu beachten und aufzunehmen. Da dürfte kaum 
etwas Gescheites herauskommen. 

;$(!. Die Entwicklung der morphologischen Karte durch Passarge. Das Problem 
der kartographischen Darstelhmg morphologischer Erscheinungsformen spielt eine 
Hauptrolle in den physiologisch-morphologischen Untersuchungen von Siegfried 
Passarge. Bedeutungsvoll sind die Darlegimgen in Kapitel IX: Physiologisch - 
morphologische Karten und im Kapitel X: Das Studiimi physiologisch-morpho- 
logischer Karten in seinem Werke Physiologische Morphologie, Hamburg 191 2*; 
an ihnen darf kein Konstrukteur morphologischer Karten vorübergehen.* Passarge 
baut sein System auf dem wichtigen und richtigen Grundsatz auf, daß einzig und allein 
tatsächliche morphologische Erscheinungen, niemals abstrakte Begriffe kartiert werden 
dürfen. Zugleich ist er sich bewußt, daß .sich aus topographisch-morphologischen 
Karten nur Schlüsse in sehr beschränktem Maße ziehen lassen, ,, sichere überhaupt 
nicht. Wohl aber ist es sehr lehrreich, Differentialdiagnosen aufzustellen imd die ver- 
schiedenen Möglichkeiten ins Auge zu fassen". Zuletzt erblickt er in der Methode der 
gewissenhaften Aufnahme physiologisch-morphologischer Karten, gestützt auf ein- 
gehende petrographische und geologische Kenntnisse, auf geologische Karten und neu 
zu erlernende, nicht bloß mit dem gesunden Menschenverstand zu erfassende Unter- 



(lor R<>icIi.MKiTri/.o und ilnii Kurlalj;ial>cn. S. A. aus il. Wrh. des Natuiliistor. \or. der pn-uUiix-h. 
Ilhcinlando und Wcstfalons. L.X.XIV. 1917. (Bonn 1919.) 

' E. Wandhoff: Die Moselterrasson von ZeltinRon bis ('.hIu-ui. Diss. OipOen 1914. 

= A. Hcttnor: Dio Ol)orfläch<mformi'n dos Festlandes. I>-ipiig u. Berlin. 1921. S. 2.»S. 

' Als Sondorabdruik erailiienen aus Mitt. d. OeoKi. Oes. In Hambur«. XXVI.. ."<. \X\ IWT. 
mit 1 Originalkarto und 17 Originalabbildunnen. 

' Kurz zusammenfassend piht Passarpe i>ini(zi- KirliiliiiifM wieder in "P. M. 1912. 11. .'^. ."> S, 
insliesondere S. S. 

Krki'rf, Kartf^nwistt'nftcliiiri I. ' 



98 l*if Kartof^raphie als Wissenschaft. 

suchungsmethoden, eine Schutzwehr gegen Verflachung und Popularisierung der 
nioriiliologischen Wissenschaft . 

Der Niederschlag der morphologischen Studien tritt uns in seinem Morphologischen 
Atlas, erste Lieferung, Hamburg 1914, entgegen. ^ Nicht zu vei-wechseln ist dieser Atlas 
mit dem Morphologischen Atlas, dessen Herstellung auf dem Internationalen Geo- 
graphenkongreß zu Genf 1908 beschlossen wurde,, und der unter der Redaktion von 
E. Chaix herausgegeben wird. Die Hauptstärke dieses Atlasses Hegt mehr in der Bild- 
sammlung morphologisch interessanter Gegenden als m deren kartographischer Fixie- 
rung. An dem Atlas von Passarge arbeiten verschiedene Autoren, denen in der Dar- 
stellung der Probleme völlig freie Hand gelassen ist. Dadurch wird die Einheithchkeit 
des ganzen Werkes leiden, und das Spezifische des Begriffes ,, Atlas", ein nach bestimmten 
Grundsätzen und Darstellungsmitteln geregeltes und gleichmäßig durchgeführtes Werk 
zu sein, geht verloren. Auf der andern Seite hinwiederum hat die Kartensammlung 
den Wert, daß sie dermaleinst Leithnien ergeben wird, wie morphologische Karten 
aufzubauen und darzustellen sind; denn jetzt handelt es sich mehr oder minder doch 
nur um kartographische Erstlinge. Aus allen diesen Versuchen dürften sich mit der 
Zeit eine oder wenige Methoden der Darstellung herauskristallisieren. 

Unter den acht Karten Passarges, die von dem Meßtischblatt Stadtrcnuhi (in 
Thüringen) die Topographie, Böschungen, Talformen, Geologie, physikalische Gesteins- 
beschaffenheit, chemische Widerstandsfähigkeit der Gesteine, Böden und hypothetische 
Ausgestaltung der Oberfläche zum Vorwurf haben, sind für uns hier nur ein paar Karten 
von Interesse. Die topographische Karte mit dem grünen Fiächenkolorit für den Vege- 
tationsschutz zeigt sorgfältig ausgeführte Schichtlinien mit 20 m Abstand. Die Karte 
der Böschimgen wäre leicht mit der topographischen zu vereinen gewesen; die Schicht- 
linien wegzulassen ist m. E. nicht gut, auch die lose Schraffenzeichnung, die die Farbe 
imterstützen soll, ist nicht geschickt behandelt und stört den Gesamteindruck. An 
Passarges Stelle wäre ich bei der Darstellung gebheben, wie sie auf Kartenbild 2 der 
..physiologisch-morphologischen Karten der Umgebung von Thälendorf" in seiner 
Physiologischen Morphologie befolgt ist. Wichtig ist der Versuch, bestimmte Bö- 
schimgen mit einer Farbe zusammenzufassen, was übrigens eine wenig bekannte, auf 
Manuskriptkarten angewandte Manier österreichischer Topographen ist. Passarge 
betrachtet che Böschungsverhältnisse imter ganz neuem Gesichtswinkel, nämlich in 
Beziehung zm- Erosionstätigkeit und landwirtschaftlichen Benutzbarkeit (Pflugbarkeit). 
Bei Qo bis 5" herrscht eine geringe Erosion des fließenden Wassers mit geringen Flächen- 
abspülungen und Bodenversetzungen, bei 5" bis 10" hauptsächlich die Horizontal- 
erosion mit kräftiger Abspülung, bei 20 bis 35" nur Vertikalerosion mit kräftigen Ab- 
spül ungen, Bodenversetzmigen und Erdrutschen. Stellt die erste Stufe leicht zu be- 
pflügendes Land dar, so die zweite bepflügbares Land und die dritte gestattet nur 
Pflügen mit modernen Eadpflügen. Bei den Böschungen über 35", wo die Abtragungs- 
möglichkeiten gesteigert und eine Zunahme der Möghchkeit für Erdrutsche und Berg- 
stürze besteht, ist das Pflügen unterbunden. Die Karte der physikalischen Wider- 
stände der Gesteine zeigt unter anderm die Abhängigkeit der Böschungen von der Festig- 



' Der vollständige Titel lautet: Morpholofjiseher Atlas hg. v. S. Passarge. Lieferung I. 
Passarge: Morphologie des Meßtischblattes Stadtremda, 8 Karten nebst Anleitung in Mappe und 
Erläuterungen. Sonderabdruck aus d. Mitt. d. Oeogr. Ges. in Hamburg XXVITI. Hamburg 1914. 
— Lieferung IT. C. Rathjens: Morphologie des Meßtischblattes Saalfeld. Hamburg 1920. — Karto- 
graphisch bieten die Karten von Rathjens nichts Besonderes. 



NeiU' Baliiii'ii und nfue Aufgabon. 99 

keit der einzelnen Formationen. Während die Karte der Talformen iind die hypothetische 
Karte der Ausgestaltung der Oberfläche klare kartographische Bilder sind, kann man 
es von der Bodenkarte nicht behaupten, die offenbar an t'lberfülle des Gegebenen 
leidet. 

37. Die Entwicklung der ni()r|thologischen Karte durch (iehne. Das Originellste, 
was bisher auf dem Gebiete morphologischer Karten vorliegt, ist die ,,geomorpho- 
logische Karte der Umgebung vonThale" in 1 : 500001 vq^ HansGehne, einem Schüler 
von A. Philippson. Dreierlei Anforderungen richtet Gehne an eine morphologische 
Karte, sie muß morphographisch, geologisch und morphologisch sein.^ Die erstere ver- 
langt eine gute Wiedergabe der Formen, insonderheit auch deren Höhenverhältnisse, 
die zweite den geologischen Aufbau nach morphologischen Gesichtspunkten schemati- 
siert, wobei die Petrographie und das Alter in Faltengebieten wegen der tektonischen 
Schlüsse zu beachten ist, luid die dritte die Altersbestimmung und Alterszusammen- 
gehörigkeit der Formen. Daraus erkermen wir, daß Gehne ganz ähnliche Gedanken 
vorschweben, wie sie Passarge ausführhcher entwickelt hat. Beide sind unabhängig 
voneinander fast auf gleiche Ideen gekommen, die sie jedoch in verschiedener Weise 
kartographisch niedergelegt haben. Was Passarge auf mehrere Karten verteilt, ver- 
sucht Gehne in ein emziges Kartenbild zu bannen. 

Das Charakteristische und Eigenartige der neuen Methode geomorphologischer 
Kartendarstellung von Gehne ist: Wiedergabe geomorphologischer Erscheinungen 
auf Grundlage einer Höhenkurvenkarte in farbigen Schraffen, wobei jede Farbe 
einen morphologisch gleichwertigen Schichtenkomplex, bzw. einen bestimmten geo- 
logischen Horizont vertritt. Mit der gleichen Farbe wird außerdem die Alter- 
zusammengehörigkeit der Teile veranschauhcht. So kommen bei dieser farbigen 
Schraffenmanier die Schichten nur an Böschungen zur Geltung, was morphologisch 
ganz richtig ist, denn die Gesteine, die keine Geländeunterschiede bewirken, sind morpho- 
logisch belanglos. Mithin wollen die Schraffen bei Gehne lediglich den Innern Bau des 
Geländes versinnbildlichen, sie sind keine Böschungsschraffen mehr im Sinne von 
Lehmann, sondern sie werden bezüglich ihrer Dicke imd Dichte nach dem Gefühl 
gezeichnet, um zu verhindern, daß durch die verschiedenen P'arl)en. die für ein topo- 
graphisch gleiches Gebilde bestimmt sind, ein falsches plastisches Bild erweckt wird. 
Um ungewollte Differenzen in den Böschungswinkehi zu vermeiden, hat Gehne ferner 
den Helligkeitswert der Farben untereinander abgestimmt. Überall, wo wir in divs 
/•Cartenbild hineinleuchten, sehen wir das tiefe Durchdenken der ganzen kartograpliiscii 
darzustellenden Materie. Gleichfalls ist es ein guter Gedanke von (lehne, die Farbe 
der Schraffen nach der gel)räuchlichen Skala der geologischen Karten zu geben. Dadurch 
erweckt die Karte von vornherein Vertrauen, eine lange Legende wird überflüssig und 
jeder Kiuidige ist schnell im Bilde. Und dennoch läßt sich die Methode (iehnes niolil 
überall gleichgut anwenden. Dort, wo die Gesteine nicht so wie im Harze fonubildond 
sind, wie z. B. Schiefer und Grauwacke im Bheinischen Schiefergebirge, geht die 



' St^iMiratfilulnuk aus d, Aivlüv f. l^rulon uinl \olkskiiiulr der I'iDvin/. Sji.li»«>ii 1 
j^ierizdidcn I^ndcsHtrichen. .Mitt. d. SiicbH.-Tliüiing. Vpn'ins f. Krdkdo. 7,11 Hnllo s. iS. 1!H: 
.StUflifn Gohne.'t ppUpn z.iiriick auf doHHon DiHHcrtAtion : Bcitrii««- 7.ur Morpliologip d.» (»tliiliri 
Halle 1911. 

- H. Ocliiir: Knie uiMie Met linde n.-emorplioldtrisrh.M Kdrleiidiirxlollunj;. IV M I 

s. 72, ::!. 



100 ^ic Kartographie als Wissenschaft. 

Gehnesche Schraffe ihres Wertes verlustig nnd muß durch andere Linien- oder 
Flächenelemente ersetzt werden. 

Das Fläehenkolorit hat Gehne morphologischen Einebnungserscheinungen (Fast- 
ebene, Terrasse. Flußaue) vorbehalten. Durch die Gegenüberstellung der farbigen 
Fläche zur farbigen Schraffe erhöht sich weiter die Anschauhchkeit und Übersichtlich- 
keit der Gehne sehen Karte. Für die Farbenwahl der morphologischen Flächenelemente 
liegt noch kein bestimmtes Schema, vor. Gehne lehnt sich an das Spektrum an, indem 
er den Talaiieu die für Talungen und Niederungen geljräuchlichen grüne Farbe gibt 
und über gelbgrün, gelb zu orangefarbenen und roten Tönen übergeht und ganz im 
Peucker sehen Sinn den höchst gelegenen Flächen die leuchtendste Nuance gibt. Da 
die Orange- und Indigofarben in der üblichen geologischen Farbenreihe wenig ver- 
treten sind, schlägt Gehne vor. sie hauptsächlich für die Hervorhebung morpho- 
logischer Tatsachen heranzuziehen. 

Mit den voranstehenden morphologisch-kartographischen Erörterungen glaube 
ich genugsam auf die Hemmnisse imd Klippen hingewiesen zu haben, die bei der Dar- 
stellung einer brauchbaren morphologischen Karte vorhanden sind. Vom morpho- 
logischen wie kartographischen Gesichtspunkte aus haben bis jetzt nur Passarge und 
Gehne gangbare Wege gewiesen. Der Weg von Gehne ist vielleicht der kartographisch 
entwicklungsfähigste, imd die geographischen Wissenschaftler sollten sich nicht scheuen, 
das wohldurchdachte System Gehnes zu adoptieren, es kartographisch zu vervoll- 
kommnen und mit Ideen Passarges zu verschmelzen suchen. Vielleicht dürfte man sich 
in der Farbenwabl für Einebnimgserscheinungen auch ohne einen von einem Kongreß 
sanktionierten Beschluß einig werden. Die Karten nach Passarge- Gehne werden zur 
Kenntnis der morphologischen Probleme und deren schärfern Differenzierung wesent- 
Hch beitragen; sie sind geeignet, das zu erfüllen, was S. Passarge am Schluß seiner An- 
leitung zum Studium der Karten des morphologischen Atlasses sagt: „So sind denn 
auch vom didaktischen Standpunkt aus die morphologischen Karten recht wohl 
brauchbar und werden manchem Anregung geben." 

38. Verquickung von hypsometrischem und kulturgeographischem Element. Der 

Gedanke, das hypsometrische Element mit dem kulturgeographischen zu verbüiden, 
hat schon verschiedene Köpfe beschäftigt, aber zu allgemein gültigen Ergebnissen ist 
man auch auf diesem Gebiete nicht gelangt. An der Lösung des Problems sind öffent- 
liche -wie private Kartenwerke beteiligt. Stimmt die Darstellung für ein Gebiet, führt 
sie bei andern zu erheblichen Differenzen. Mit gewissen Einschränkungen könnte man 
die agronomischen Karten hierher rechnen, selbst die Böschungskarte nach Passarge 
mit der Darstellung des Geeignetseins der verschieden geneigten Geländeflächen für 
die Feldbestelhmg. 

Aus den Regionalfarben Sydows l)lickt ein schwacher Schimmer des kultm-- 
geographischen Momentes hervor. Besser spiegelt es sich in den Höhengürteln auf der 
Hypsometrischen Übersichtskarte des größten Teils der östereichisch-imgarischen 
Monarchie in 1 : 750000 wieder. Die Talebenen und Niederungen sind mit dem Wiesen- 
grün koloriert, von 150 m an folgen braune Töne mit den Stufen bis 300, 500 imd 700 m, 
von da ab sind die braunen Intervalle je 300 m groß und werden je höher desto dunkler, 
sie bezeichnen in großen Zügen den Waldgürtel. Die niedern Alpenregionen, Höhen- 
lagen von 2300 bis 2900 m, bhcken ims in zwei Eosatönen an. und die über 2900 m 
berichten von den höhern Alpenregionen, die in Eis und Schnee erstarren und deshall) 



Nfue Bahnen uucl neue Aufgaben. 101 

weiß gelassen sind. Unter gleichen Voraussetzungen für eine außergewöhnliche Ab- 
stufung der Höhenschichten ist die Carta corografica ipsometrica del Eegno ditalia 
e delle regioni adiacenti in 1:500000 konstruiert. Die mit Wiesen geschmückten 
Täler und Niedervmgeu erscheinen bis 300 m gi-ün. von da ab die Obstbaumregionen 
bis 1000 m in allmählich intensiver werdenden hchtbrauneu Stufen; von 1000 bis 2800 m 
finden wir dimkelbraime Stufen, die nach der Höhe zu immer gesättigter und dunkler 
werden, aber auffällig immerhin noch geschieden bei der Xiveaukurv-e 1600, da bis 
dahin die verschiedenen Getreide reichen, und 2000, da hier in der Hauptsache der 
BaumwTichs zu Ende ist. Von 2800 m an ist die Region des e^^•igen Schnees, die 
bis 3600 blau und die wenigen darüber hinausragenden Gebiete weiß veranschau- 
licht sind. 

Vollkommener imd tiefer als die staathchen Karten hat die Terrain- und Höhen- 
karte der Hohen Tatra in 1:100000 von C. Kolistka die Verschmelzung von Ge- 
lände- mit kulturgeogi-aphischer Karte erfaßt. ^ Form, Höhe und ^'egetationsverhält- 
nisse werden mit einem Schlage dargestellt. Mit Hilfe von Isohj-psen, senkrecht be- 
leuchteten Schraffen, ausführlicher Felszeichnimg und Schichtfarben unternimmt 
Kofistka ein lebenswarmes, lebenswahi-es und plastisch wirkendes Bild der Tatra zu 
zeichnen. Die Schichthnien entbehren der übHchen starren, ledighdi nach Zahlengrößen 
bestimmten Aquidistanz und sind den Vegetationsgrenzen angepaßt. Von 1500 bis 
2000 Fuß erscheint ha Weiß die Waldi-egion, bis 2500 Fuß in Gelb die Hafer-, bis 3800 
in Heügrün die untere Wald-, bis 4300 in Dunkelgi-ün die obere Wald-, bis 5300 Fuß 
in Braun die Ivrummholzregion ; von 5300 bis 6000 Fuß erbhcken wir in Hellrot den 
Gürtel der Moose imd Gräser und darüber hinaus die Schneefelder imd kahlen Felsen, 
letztere durch ein saftiges Dunkelbraun noch besonders markiert. Die Farbentöne 
passen gut zueinander, entbehren nicht einer ge\\-issen Charakteristik der Vegetations- 
formen und sind zugleich so angeordnet, den plastischen Effekt des Geländes zu er- 
höhen. Also auch hier bei Kofistka ein wohldm'chdachtes System. Allerdings die 
Schichtlinien als mittlem Ausdruck sämthcher großen und kleinen Abweichungen 
der Pflanzenhöhengi-enzen zu gebrauchen, hat seine Bedenken, worauf schon E. v. Sy dow 
hinweist.- Der gleiche Zug der Vegetationsgrenzen der Süd- und Nordabhänge liegt 
bei der Tatra an der Grenze der wissenschaftlich gerade noch zu rechtfertigenden Ver- 
emheithchung, bei den Alpen mirde er auf erhubhche Schwierigkeiten stoßen, wo z. B 
in den Tauem die Getreidegrenze auf der Nordseite bis 1200 m, auf der Südseite bis 
1500 und 1700 m reicht, im Gebiete des Brennere ün Norden bis 1160 m, im Süden bis 
1350 m, m dem des Ortlers im Nordwesten bis 1250, im Südosten bis 1640 m.* 

In der Karte von Koiistka hegt eine ebenso bedeutende wissenschafthche \\ie 
kartographische Leistung vor. bei der nm- zu bedauern isti daß sie keine Nachfolger ge- 
funden hat. Aus ihr kami man wiederum die Lehre ziehen, daß für derartige wissen- 
schafthch diffizile Darstellimgen eine gute Terrainunterlage das --/ und ß des GeHngens 
imd Verstehens ist. Die zukünftige Kartographie wird sicher Probleme von der Art. 
wie sie KoHstka zu lösen suchte, wieder in ihr Arbeitsprogramm aufnehmen. Sie 
wie .schon die verhältnismäßig kümmerlich orientierenden staatlichen Karten (s. oben) 
sind für physikahsch-geographische und wirtschafts- mid kulturgeographische Studien 



Carl Koiistku: Dil- Holii' ThIiu in clt-n OntiulKariwtin. V. M. Ergli. 12. Oolha 1804. 

E. V. Sydüw in V. M. ISM. S. 48U. 

Vgl. M. Etktit: Oiundrili ilii HandeUgeograpbie. 1. Lt-ipzig l!K)i>, S. 28. 



102 "ii- Kaitogvapliio als Wissciisrluiri. 

imeutbt'hrlich. Nach iihulicLen Prinzipien müloteii diu \ crschicdeuHten Staaten ein- 
lieitlich durchgeführte Kartenwerke herausgeben. Italien hat einen guten Anfang ge- 
macht. Dabei sollte man es nicht bewenden lassen, andere Staaten müssen biild folgen, 
sie liaben in dieser Eichtung noch viel zu tun, so auch Deutschland. 



II. Internationale Aufgaben und Weltkartenprobleme. 

.'{)l. AVirkliclic Weltkarlenprobleme. Neue Bahnen verfolgt die vorwärts strebende 
Kartographie nicht bloß innerhalb des Kartenbildes selbst, sondern in weit höherm 
;\laße bei der Verwirklichung internationaler Aufgaben. Da winkt ein Feld unbegrenzter 
Betätigung. Zunächst melden sich noch Probleme, die mehr nationaler als internationaler 
Natur sind. Sicher ist die vornehmste Aufgabe die, das Gute, was in einzelnen, nicht 
selten recht kostspieligen Werken niedergelegt ist, zum Gemeingut des Volkes zu 
machen. An der Erreichung dieses hohen Zieles müßten sich staatHche wie private 
Institute gleich stark beteiHgen. Ich spreche nicht bloß von Deutschland, was in aus- 
gezeichneten preiswerten Schulatlanten, in dem Zugänglichmachen guten Karten- 
materials für breitere Volksschichten andern Staaten vorbildlich sein kaim, sondern 
allgemein von den sich kartographisch betätigenden Völkern. "Wieweit hier inter- 
nationale Vereinbarungen getroffen werden können, dürfte erst die Zukunft lehren. 

Die Einsicht von der Notwendigkeit des Zusammenschlusses benachbarter Staaten, 
gegebenenfalls sämtHcher Kulturstaaten der Erde, prägt dem 20. Jahrhundert den 
Stempel auf, wenn auch die Wurzeln dazu in das vorhergehende Jahrhundert hinein- 
reichen. Nicht gegenseitige Liebe führt zu diesem Zusammenschluß. Es ist mehr Natur- 
zwang, der sich insbesondere im Verkehr äußert, der im Sinne einer unbezwinglichen 
Macht selbst die politischen Schranken durchbricht. Die moderne Geographie lehrt uns, 
daß der mehr und mehr wachsende Zusammenhang der einzelnen Eassen, Völker und 
Bevölkerungen eine Wirkung des Verkehrs ist.^ Schließlich hat er auf die Förderung 
der internationalen wissenschaftlichen Bestrebungen bedeutenden Einfluß. Unter den 
internationalen Vereinbarungen nehmen die auf kartographischem Gebiet liegenden 
nicht die unbedeutendste Stelle ein. Die internationalen kartographischen Werke ge- 
hören nicht mehr in das Arbeitsgebiet eines einzelnen Staates, viele Staaten sind daran 
beteiligt oder müssen zum wenigsten daran interessiert sein. 

Je nachdem sich in den internationalen Kartenwerken die ganze Erde um- 
spannenden oder europäische Verhältnisse wiederspiegehi, wird man von Welt- oder 
europäischen Kartenproblemen sprechen. Zurzeit sind es hauptsächlich zwei 
Weltkartenprobleme, an deren Lösung schon längere Zeit gearbeitet wird; es sind 
dies die Weltkarte in 1:1000000 fs. S. 106 ff.) und die Geologische Karte der 
Welt in 1:5000000, deren Herstellung auf Anregung von Beyschlag auf dem 
XL Internationalen Geologenkongreß zu Stockholm im Jahre 1910 beschlossen wurde. 
'In der Untersuchung über natur- und kulturhistorische Karten im zweiten Band der 
Kartenwissenschaft ist der Eaum gegeben, wo dieses Projekt näher erörtert wird. Mit 
derselben Berechtigung, jetzt eine geologische Karte der Welt in 1 : 5000000 herzu- 
stellen, konnte man an eine Weltkarte 1 : 1000000 herantreten. Wenn man solange mit 



* Vgl. Fr. Ratzel: Politische Geographie oder die Geographie der Staaten, des Verkehrs und 
des Krieges. 2. Aufl. München und Berlin 1903, S. 5i2ff. — M. Eckert: Grundriß der Handcls- 
geographie. Leipzig lOO."), S. 134ff. 



Internationale Aufgaben und Weltkartenprobleme. 103 

der geologischen Weltkarte warten wollte, bis die Erde vollständig geologisch er- 
schlossen ist — denn an den meisten Stellen ist sie nur punktartig angeklopft — , dann 
dürfte die Bearbeitung der geologischen Weltkarte noch viele Jahrzehnte, wtnn nicht 
Jahrhunderte hinausgeschoben sein. Man fand den Vorschlag Beyschlags gut und 
die Ausführung wurde beschlossen. Dagegen sprachen bei dem Weltkartenprojekt 
zu viele andre hinein, und trotzdem sind dabei, was das Tragikomische der ganzen 
Angelegenheit ist, die richtigen irfachverständigen doch nicht befragt worden. Eine 
andere Weltkarte ist die Welttiefenkarte in 1 :10Ü0U0t)(i, deren zweite Auflage 
1910 in Monaco beschlossen wuide und deren Eedaklion in den Händen von 
G. Schott liegt.i 

Ein andres gewaltiges Karteuunternehmen ist von sich allein aus zu einem 
Weltkartenwerke ausgewachsen, ohne sich selbst als solches zu deklarieren, nämlich 
die Seekarte, die sich dank der rastlosen Aufnahmetätigkeit der enghschen Marine, 
der sich die deutsche und andere würdig zur Seite stellten, auf fast alle verkehrs- 
tätigen und wichtigen Küstengebiete der Erde erstreckt. Würden sich die Engländer 
zum Metermaß bequemen, läge in deo Seekarten der seefahrenden Staaten ein nahezu 
einheitliches Weltkartenwerk vor. 

Die Weltkartenprobleme sind meist deutschen Ursprungs, so auch 
ein andres Problem, das für die Kartographie von eminentem Einfluß geworden ist. 
Das unsterbhche Verdienst des preußischen Generals J. J. Baeyer ist es, 1867 die 
europäische Gradmessung ins Leben gerufen zu haben, die sich 1886 zur , .inter- 
nationalen Gradmessung" erweiterte und mit Ausnahme der Türkei- die europäischen 
Länder und ganz Nordamerika umfaßt. Wenn erst diese internationale Gradmessuni^ 
sich über sämtliche Kontinente erstrecken und so zu einer wirkhchen internationalen 
oder Weltgradmessmig werden wird, wenn erst eine einheitUche trigonometrische 
Vermessung I. Ordnung über ganze Kontinente hinweggeführt sein wird und die durch 
die astronomischen und trigonometrischen Aufnahmen mid Arbeiten eines solchen 
internationalen Zusammengehens gewonnenen Eesultale vollkommen berechnet mul 
al)geschlosseu vorliegen, so daß die Projizierung der wahren Lage der Parallelkreise 
imd Meridiane für Spezialkarten keine Schwierigkeiten mehr macht, wenn erst die 
Höhenbestimmung aller wichtigen orographisehen Punkte der wirkhchen Erdober- 
fläche eine befriedigende Genauigkeit erreicht haben, und wenn man erst in den meisten 
wichtigern Ländern sich darüber einig ist. wie die Karten nach gleichen Prinzipien* 
herzustellen sind, daim werden wir die wissenschaftliche Karte xuz i^o/iiv zeichnen, 



' Vgl. Annal. der Hydrogr. 1910. S. 220ff. oder P. M. 1910. II. S. 144. - Die zweite Auflage 
ist die Bearbeitimg der schon vorhandemn Carte bathymetriquc des oc^ans; sie iiutersoheidet sich 
von der cr^ti'n hauptsächlich durch Hinzufiigung der Lan<li.<oliypsen zu den Meeresifobathen. Bis 
jetzt (Sommer 1921) .lind die fertiggestellten Blatter noch nicht im Buchhandel erschienen. 

2 Die Balkanstaaten sind heute wie vor .Tahrcn noch i-iiokstÄndig. Besonders liiOt die physi- 
kalisch-geograplüschc Erforeehung und der damit zusammcnliängcnde Xieilersclilag in Karten immer 
noch zu wünschen übrig. Es hat «ich nicht viel gebessert seit der Zeit, als E. v. Sydow in P. M. 
1857, S. 22 schrieb, daß die Kartograpliie der südöstlichsten Halbinsel Euroiwa noch außerordenfüch 
lückenliaft sei und den fernem scientiveu Erobenmgen ein sehr groUes Feld darbiete. - In den 
Bemerkungen zu der Karte über Heine Reisen in Bulgarien 1870-74 (P.M. 1874, Taf. 22) sagt 
K.Kanitz S. 429 : „Das Bedürfnis einer umfassenden physikalisch-geographischen Erforschung des 
Botlens wird nur in Ländern empfunden, in welelien Ri-gierimg unil Regierte gleichmäßig von fort- 
sohrittliclieii Bestrebungen für die Hebung des Nationalwohls erfüllt shid." 

3 Vgl. M. Heiniich: Der Standpmikt der offiziellen Kartographie in Euroj». O. J. XII. 
1888, S. 309. 



104 "i"' Kiiitoürniiliic al- WissiMis.:liiil't. 

dann kann die wissenschaftlichf und praktische Kartographie daran gehen, die Welt- 
karte herzustellen, und zwar eine solche im Maßstah 1 : 100000. Eine Weltkarte in 
kleinerm Maßstal)is wie die gegenwcärtig geplante in 1 : 1 000000, kann bereits aus dem 
jetzt vorUegenden. wenngleich vielfach unzulänglichem Kaitenmaterial aufgebaut 
werden; aber eine Weltkarte in 1 : lÜOüOO muß aus dem Vollen geschöpft werden 
und das feinst destillierte Extrakt aus einer Kartenfülle sein, wie die Vogelsche 
Deutschlandkarte in 1 : 500000 aus den topographischen Karten des Deutschen Eeichs. 
Das Allgemeine muß aus dem Besondern herauswachsen. i Das sollte mit wenigen 
Ausnahmen das Leitmotiv sämtUcher internationaler Kartenunternehmungen sein. 

In der jetzigen Zeit von andern Weltkartenwerken zu sprechen hat keinen 
Sinn, obwohl die Zukunft noch mancherlei Projekte der internationalen Kartographie 
zum Vorschein bringen wird, insonderheit Projekte, die auf verkehrsgeogra{)hischem 
Gebiete liegen. Mit dem Fortschritt der Wissenschaft, die ihrem Wesen nach zu einem 
gut Teil international ist, wird manches Problem geboren werden, an das wir noch 
gar nicht denken. Warum sollten nicht einmal auf Grundlage der Weltkarte 1 : 1000000 
beispielsweise die magnetischen Störungsgebiete kartographisch fixiert, warum nicht 
einheitliche, wirtschafthcli wchtige kUniatologische Beobachtungen über ganze Kon- 
tinente festgelegt, ein einheitlicher Normalnullpunkt für die gesamten Kartenwerke, 
ein Anfangsmeridian, der sich nicht auf nationaler, sondern auf allgemeiner terre- 
strischer (kultureller) Basis stützt, angenommen werden 9^ Ist das geplante „Ver- 
messungsluftschiff" für die Aufnahme einer aeronautischen Weltkarte außer Kurs 
gesetzt, wird es doch noch internationalen Aufnahmezwecken dienstbar gemacht 
werden, freilich in einer Art, an die man früher gar nicht gedacht hat. Die künftigen 
Aufgaben der elektrodynamischen Erforschmig des Erdinnern werden ohne das in 
bestimmter niederer Höhe ruhig fahrende Luftschiff nicht vollkommen gelöst werden. 
Der Niederschlag dieser Forschungsergebnisse wird eine Weltkarte der Erz- und 
Wasservorräte der Erde sein.^ 

40. Europäische Kartenprobleme. Man spricht in der Tages- wie Fachliteratur 
noch von andern Weltkartenprojekten, die indes diesen Namen nicht verdienen und 
ledighch im europäischen Interessenkreis begründet sind. In Petermaims Mit- 
teilungen 1914 zählt K. Peucker unter drei Weltkartenprojekten außer der Welt- 
karte 1 : 1000000 noch eine photogrammetrische und eine aeronautische auf. Immer 
wieder muß ich darauf hinweisen, sich in der Geographie wie Kartographie der 
modernen politischen Methode, mit Schlagwörtern zu operieren, zu enthalten. Dazu 
gehört auch die Bezeichnung „Weltkarte". Die Tragweite der Photogrammetrie 
konnte man vor zehn Jahren nicht so überblicken wie heutigestags nach den Er- 



1 Vgl. Fr. V. Thudichum: Historische Grundkarten. Tübingen 1892, S. 7. 

2 Der Meridian von Greenwich hat trotz aller Vorzüge doch nicht die Zugkraft, allen 
Kartenwerken der einzelnen Nationen als Nullmeridian zu dienen; iukI wenn die deutsche Wissen- 
scliaft noch so sehr niit ihni liebäugelt, stehen doch seiner allgemeinen Einführung mancherlei Be- 
denken gegenüber, wie wir später noch erörtern werden. Es bleibt unveiständlich, warum man einen 
so ausgezeichneten internationalen Meridian, wie den von Ferro, durchaus aufgeben will. Daß 
Greenwich besser sei, davon haben mich als Geograph nicht einmal die Beschlüsse der VII. all- 
gemeinen Konferenz der europäischen Gradmessung, Beriin 1884, überzeugt. Vgl. liierzu auch 
H. Haag: Die Geschichte des Nullmeridians. Diss. Gießen 1912. Leipzig 1913. 

' H. Löwy: Elektrodj-namische Erforschung des Erdinnern und Luftschiffahrt. Mit einem 
^•<)r^vort von R. "v. Mises. Wien 1920, S. 36. 



Iiit.iiiati.piiiilc Aufpihiii iiiiil Wi'llkiii-|cui)iobleiii.-. 1(I5 

fahruugeii des Krieges, wo Pliotograiumetrie und Stereophotogrammetrie in einer 
Weise erprobt und gefördert worden sind, wozu in friedlichen Zeiten gewiß Dezennien 
gehört hätten. Mit Berücksichtigung dieser Erfahrung wirde Peuckeis Annahme 
auch entschuldbar. Der Fiiegeraufnahme gehört die Zukunft. Sie wird die Anfnahnie 
und Herausgabe einer Weltkarte beschleunigen helfen, aber auf sie allein läßt sich 
keine Weltkarte aufbauen, und die Bezeichnung einer ,,j)hotogramnietrischen Welt- 
karte" erül)rigt sich somit. 

Die Aeronautische Weltkarte ist lediglich im europäischen Interessenkreis 
begründet, darum muß es Aeronautische Europakarte heißen, oder noch besser 
europäische Flugkarte. Fliegerkarte würde ein etwas engerer Begriff seui, wenn 
auch an ihre Herstellung jetzt zvmächst zu denken ist, denn die Flieger haben in un- 
geahnter Weise die Luftfahrer überholt, nicht bloß in den aviatischen Leistungen, 
sondern auch in der Förderimg wissenschaftUcher Probleme. Hat sich das Flugzeug 
iillmählich so eingebürgert, daß es als Verkehrsmittel imentbehrlich ist und vielseitig 
und regelmäßig gebraucht wird, dann ist auch an die Herstellung einer selbständigen 
internationalen Flugkarte heranzutreten, deren Einzelblätter in doppeltem bis drei- 
fachem Format der heutigen deutschen Generalstabskartenblätter 1 : 100000 heraus- 
zugeben wären. 

Sind internationale Karten erst in Europa erprobt worden, dann wird es nicht 
schwer halten, sie über die ganze Erde zu breiten und sich zur „Weltkarte" ausdehnen 
zu lassen, ähnhch der geologischen Weltkarte, deren maßgebende Vorgängerin die 
Internationale Geologische Karte von Em-opa war, die von Beyrich und Hauche- 
corne auf Beschluß des Internationalen Geologenkongresses zu Bologne vom Jahre 
1881 bearbeitet worden ist. Neben der rein geologischen Karte meldet sich eine andere, 
die gern internationale Geltung erlangen möchte, die agronomische. Großmaß- 
stabige Karten dieser Art besitzt außer Schweden in der Ökonomischen Karte des 
Reiches in 1 : 50000 und 1 : 100000 (Küstenstriche Norbottens, Aelfdal in Wärm- 
land) kein größeres Land. Die Geologisch-agronomische Spezialkarte des Nord- 
deutschen Flachlandes in 1 : -25000, auf Grimd der Meßtischblätter von K. Keilhack 
herausgegeben, ist längsam im Erscheinen begriffen. Eine internationale agronomisclu" 
Karte müßte auf einer Isohypsenkarte in 1 : 100000 aufgebaut werden. Eine der- 
artige Karte würde die Grundlage weiterer wichtiger wirtschaftlicher Karten werden, 
beispielsweise einer internationalen Bodenfruchtbarkeitkarte. Desgleichen 
müßten Lagerstättenkarten der nutzbaren Mineralien international werden: sie 
können sich leicht zu wirklichen Weltkarten entwickeln. 

Zu internationalen Kartenwerken drängt die Entwicklung der Telegraphen, 
der Telephone, der Funkenstationen, der Kabel hin. Die Eadfahr- und Automobil- 
karten mit ihrem grellroten Straßennetz mit der Bezeichnung der Entfernungen in 
km und der gefahrvollen Wegestrecken wachsen sich mählich international aus. 
Auch verschiedene kartographische Darstellungen des Binnenverkehrs, wie die 
des Wasserstraßenverkehrs, vertragen eine Behandlung weit über die politischen 
Grenzen eines Staates hinaus. Internationale Vereinbarungen, aber nicht bloL< 
Kongreß-, sondern wirklich staatlich unterstützte B.schlüsse könnten auf dem wioil.r 
frisch erwachten Gebiet der Wirtschaftskartendarstellung viel Sfgi'nsri'ich«>s stiften: 
z. B. müßte festgelegt werden, daß die Signaturen, die sich auf Erzeugnisse und B.- 
triebe aus dem Pflanzenreich beziehen, die grüne Farbe erhalten, die aus dem Tier- 
reich die rote, die aus dein Minenilnicli die blaue Firbe. gemischte Betriebe konnten 



106 ''ie Kartograpliif als Wissenschaft. 

brauu und sonstige sich in die genannten vier Farben nicht einreihende schwarz 
erscheinen. An die internationale Lösung kartographisch-statistischer Probleme 
ist noch gar nicht gedacht worden. Die gesamte Kulturgeographie gibt eine reiche 
Anzahl Probleme an die Hand, die kartographisch eine internationale Klärung er- 
heischen, wie die Herausgabe einheitlicher Volksdichtekarten, ferner von Karten 
über die Verbreitung bestimmter Siedelungsformen , der Naturdenkmäler- und der 
Schutzgebiete für Naturdenkmalpflege u. v. a. ra. 

41. Dil' Eutwicklung des Planes einer Weltkarte 1:1000000. Die Staaten, zu- 
nächst die benachbarten, werden künftig vorzugsweise darauf hinarbeiten, so viel 
wie möglich ihre Karten gegenseitig in den Maßstäben besser als bisher anzupassen. 
Schon bei der Herausgabe von Karten in sogenannter Meßtischblattgröße, also in 
1 : 20000 und 1 : 25000, hätte man mehr aufeinander Rücksicht nehmen körmen. 
Verbohrt wäre es, bei Karten in noch größern Maßstäben in dem einen Lande Karten 
in 1 : 10000 und in dem benachbarten 1 : 12500 herzustellen. 1 : 10000 müßte für 
solche Kartenwerke maßgebend sein. Noch mehr wäre es bei den topographischen 
Übersichtskarten von größtem Segen, wenn man sich bei ihrer Herausgabe gegenseitig 
besser verständigt hätte. 

Soviel Karten wie möglich in gleichem Maßstabe zu haben, ist der Wunsch 
jedes Geographen, der sich letzten Endes auch mit dem deckt, bald eine Weltkarte 
in 1 : 1 000000 zu besitzen. Wenn ich in meinen fernem Darlegungen von Weltkarte 
spreche, ist darunter stets die im Maßstab 1 : 1000000 zu verstehen, für die im 
Dezember 1913 in Paris als endgültiger Titel Carte internationale du monde 
1 : 1000000 lestgelegt worden ist. 

Auf dem V. Internationalen Geographenkongreß zu Bern 1891 nahm A. Penck 
den von Sir James gefaßten Plan einer allgemeinen großen Weltkarte wieder auf. 
ohne an die beachtenswerte Papensche Höhenschichtenkarte von Zentraleuropa, 
die in dem Maßstab 1 : 1000000 1858 in Frankfurt a. M. erschien, zu denken. Wie 
bei der Weltkarte sind die einzelnen Blätter der hypsometrischen Karte, die A. Papen 
entworfen und Ravenstein in Frankfurt a. M. fortgesetzt hatte, Gradabteilungs- 
blätter. Eine andere hervorragende Leistung im Maßstab 1:1000000 war die von 
Fräulein Kleiuhans bearbeitete und von Levasseur herausgegebene ReHef karte 
von Frankreich, die als Pracht- imd Meisterwerk den größten Eindruck auf jeden 
Beschauer der geographischen Ausstellung des IL Internationalen Geographen- 
kongresses in Paris 1875 gemacht hat. Auch sei an Br. Hassensteins Atlas von 
Japan in 1 : 1000000, Gotha 1887, erinnert. 

Vor seinem Vortrag in Bern hatte Penck 1891 den Plan zur Weltkarte in 
1:1000000 kurz in der Allgemeinen Zeitung entwickelt. ^ Wenn er auf dem 
VII. Internationalen Geographenkongreß zu Berlin (1899) bittet, , .nicht von dem 
l'enckschen Projekt der Weltkarte zu sprechen, sondern es als eine allgemeine Sache 
zu betrachten, die nicht mit einzelneu Personen zusammenhängt", gibt er einer 
richtigen Empfindung Ausdruck, imd doch muß jeder, sei er Freund oder Gegner 
des Projektes, anerkennen, daß Penck für das Zustandekommen und die Förderung 
des Projektes, das jetzt mähhch sichtbare Resultate aufweist, unstreitig das meiste 
Verdienst hat. 

1 A. Penck: Die Erdkarte im Maßstabe von 1 : 1 000000. Beilage zur „Allgemeinen Zeitung". 
Mttnchen 1891. Nr. 169, 20. Juni. 



liiteiimtiuiialc Aufgaben und Wrltkartenprobleme. 107 

Das Projekt hat viel Anfeindungen erfahren, besonders von namhaften Karto- 
fTrai)hen und Geographen der Perthesschen Anstalt in Gotha, von E. Lüddecke 
und H. Habenichti angefangen bis auf Supan. Selbst H.Wagner gehört in ge- 
wissem Sinne hierher, noch auf dem VII. Internationalen Geographenkongreß be- 
kennt er sich offen als Gegner der Penckschen Weltkarte. In dem Bericht über 
den Kongreß sagt A. Supan in Petermanns Mitteilungen*, daß es Ptncks Plan 
nur zu einem Achtungserfolg gebracht habe, insofern nur die Anfertigung eines Netz- 
entwurfes von dem Kongreß beantragt wurde; er fährt sodann fort: „Wir sind über- 
zeugt, daß es bei diesem Entwürfe verbleiben wird." 

Der entschiedenste Gegner, auch heute noch, ist J. Frisch auf^, der außer 
einer Eeihe sachlicher Gründe, denen man beistimmen muß, und die zum Teil 
jetzt behoben sind, dem Projekt gegenüber ins Feld führt, daß es zwecklos sei. Als 
Geograph erscheint mir die Karte sehr zweckdienhch, nicht bloß, daß man einmal 
eine klare Einsicht in die Gebiete erhalten wird, die topographisch und geographisch 
intensiver zu erschließen sind, sondern auch, daß man brauchbare Messungen bei dem 
gewählten Maßstab gerade noch vornehmen kann, und daß vor allem die Grundlage 
zu vielerlei Karten, selbst für angewandte geschaffen wird. Daß die Weltkarte sich als 
Kriegsoperationskarte bewährt hat, werden wir gleich noch besonders hervorzuheben 
haben. Der größte Fehler bei der Eeahsierung des Projektes war, und hierin muß 
man Frischauf unbedingt beipflichten, daß das Projekt von Gelehrten vertreten 
wurde, die mit kartographischen Dingen recht wenig bisher zu tun hatten.^ 

Von selten des Auslandes wurde zunächst in Eußland und später in Frankreich 
dem Weltkartenprojekt weitgehenderes Interesse entgegengebracht. Namentlich 
wirkte in Eußland A. Tillo für das Verständnis und die Venvirklichung des Projektes 
durch Wort und Schrift.^ In Frankreich beschäftigte sich Berthaut mehr platonisch 
mit dem Projekt und analysiert nur die von Penck vorgeschlagene kegelstumpfige 
oder polykonische Polyederprojektion, die bereits von den Vereinigten Staaten an- 
gewendet wird.** Daran schließt er weitere Betrachtungen über die Anwendung eines 
ähnlichen Projektionssystems für französische Karten in verschiedenen Maßstäben. 

Die beschleunigte Herausgabe der Weltkarte niöchfe ich als i'in Postulat der 



' Über die Auseinandei^setzung von l'cnik mit J^iidiicrlii- iii\(l Hal>enitlit vgl. ...^UflaiHi" 
1891 und 1892. 

* A. Supan: Der 7. internationale Geogiaphenkonf»rolJ zu Horlin. 28. ,Sept. bis 4. Okt. 1'. M. 
1899, S. 288. 

" J. Frischauf: Die mathematischen Grimdlagen der Landesaufnahme und Kartoj^mpbio 
des ErdspLäroids. Stuttgart 1913, 8. 189 — 192. - Beiträge zur Landesaufnahme und Kart<)gnv|)hie 
des Erdsphäroids. I^ipzig und Berlin 1919, S. 170-17:i. 

* Ist es nicht merkwiii-dig, daß auf der internationalen Weltkarlenkonfei-enz von den Geo- 
graphen niu' die intimsten wissenschaftlichen Vreunde Pencks geladen waren, nicht aber ein wirklicher 
Faclunaun, der von den Kartenprojektioiien otwa.s Richtiges veixtann, kein Fachmann, der im 
kartograplüschen Beruf groß geworden war. überhaupt kein Geograph. \on dem n\an hätte l>ehaupten 
können, daß er kartographisch etwas Hervorragendes geleistet luibe. Dann wird \uis auch dos herbe 
Urteil von Frischauf verständlich: „Statt dessen erscheint die .Vnivgiuig zur Weltkarte nur als 
Ausfluß von Unkenntnis vei-eint mit der Eitelkeit, Urheber eines gmßen l'mjektes zu s«'in." 

'•" Besondeis in den V'eröffentliehimgen der Bussischen CJeogr. Ot-s. in Petersburg, wo er im 
Band XXVIII die russische Übersetzung der ersten VeWiffcntlichmigen Pencks tllH>r di»>s Weltkarten^ 
Projekt gibt, wie auch die Gegenmeinungen von K. Lüddecke und H. Habeuieht aus dem „Aus- 
land" 1891. 1892. 

« lUilhaut: J^i Carte de Fniiuc. Ktu.lc lustoncHie 11. Pari» 1899. S. :t;l7ff. 



108 !'''• Kiutciiraphic als WisHciisclmft. 

geographischen Wissenschaft bezeichnen, als eine Forderung, die unbedingt erfüllt 
werden muß, ohne die Gründe hierfür bis zur letzten Schattierung einwandfrei dar- 
gelegt zu haben. Deshalb wrd es auch stets Bekämpfer des Projekts geben. Das 
inliomogene Kartenmaterial unterstützt die Gegnerschaft. Auch der landläufige 
Satz: Je bekannter ein Land, desto größer ist der Maßstab und umgekehrt — wird 
durch die Weltkarte entwertet. Für etwa die Hälfte der Landoberfläche ist der Maß- 
stab 1 : lOOOOüU jetzt gerade genügend, für ein Achtel würde er zu groß und für das 
übrige zu klein sein. 

Femer behaupten die Gegner, die gut vermessenen Länder büßen bei dem 
Maßstab 1:1000000 viel zu viel an ihrem wertvollen dinglichen Inhalt em. Dem 
ist entgegenzuhalten, daß die Weltkarte, was sie mit dem kleinen Maßstab verliert, 
an Übersichtlichkeit der komplizierten Naturverhältnisse gewinnt. Was Karten in 
diesem Maßstab zu leisten vermögen, hat z. B. E. Debes auf den Einzelblättern zu 
Deutschland und den beiden Alpenländerkarten in seinem Atlas gezeigt. 

Mit seiner gewohnten Zähigkeit hat Penck das Projekt auf jedem internationalen 
Geographenkongreß (London 1S95, Berlin 1899, Washington 1904, Genf 1908, Eom 
1913) vorgebracht 1, bis endhch eine besondere Kommission sich mit der Weltkarte 
befaßte, die zum ersten Male in London 1909 nachhaltig für die Entwicklung des 
Projekts tätig war.- Die Fortsetzung fand die Kommission in der Pariser Konferenz 
vom 10. bis 18. Dez. 1913, der eine neue für den Schluß des Jahres 1914 in Berlin 
folgen sollte, die jedoch infolge des Weltkrieges unterblieb. 

42. Richtliiücu und Vorschläge für den Aufbau der Weltkarte 1:1000000. Bei 

der Weltkarte ist zunächst der Maßstab von Interesse. Penck hat reiflich erwogen, 
bevor er sich zum Maßstab 1:1000000 (1mm Strecke = 1 km, 1 inch = ungefähr 
16 miles) entschloß. Wir besitzen von fremden Erdteilen bereits viele Karten in teils 
größerm, teils kleinerm Maßstabe. Vor einem Menschenalter hat deLannoydeBissy 
seine berühmte Karte von ganz Afrika in 1 : 2000000 veröffentlicht. Wenn wir die 
bisher vorliegenden Karten der einzelnen Erdteile miteinander vergleichen, machen 
sich, ganz abgesehen von der ungleichartigen Bearbeitung, verschiedene Übelstände 
bemerkbar, nämlich verschiedener Maßstab, verschiedene Projektion, verschiedener 
Inhalt und verschiedenes Ziel. Dadurch erwachsen der weitern Forschung ganz er- 
hebhche Schwierigkeiten, die sehr wohl zu vermeiden wären. Das sind die Erwägungen, 
von denen Penck ausging. Er mußte einen Maßstab wählen, ,,der für die bereits 
vermessenen Länder nicht zu klein, für die noch dürftig bekannten nic|it zu groß ist"; 
so entschied er sich für 1:1000000. E. Lüddecke spricht sich dagegen aus und 
betont, daß Maßstäbe 1 : 3000000 oder 1 : 4000000 nach dem Stande der geographischen 
Erforschung der Erde für die einzehien Erdteile völlig genügen würden, zudem sei 
das geogi-aphische Wissen der Erde nocli viel y.n ungleichmäßig, um überhau]it eine 
Darstelkmg in 1 : lOOOüOO zuzulassen. 

All diese Gründe körmen bei einer fortschrittlichen Entwicklung der Wissen- 
schaft nicht stichhaltig sein. Wenn man warten wollte, bis der letzte ,,i"-Punkt in 
sämtlichen Untersuchungen und Forschungen der Geisteswissenschaften sowohl wie 



1 Ausführlich hat A. Penck „über die Herstellung einer Erdkarte im Maßstabe von 1 : 1 000000'' 
in den „Deutschen Geographischen Blättern" Bremen, 1892. XV. S. 165—194 berichtet. 

- Internationales Weltkartenkomitee, London 1910. Resolutions and Proceedings of the 
International Map Committee as-sembled in London, Nov. 1909. 



Iiitornationale Aufgalien uiul Wi-ltkarteiiprobleini». 109 

der Naturwissenschaften gemacht wäre, dann würde es mit dem Fortschritt der Wissen- 
schafton nicht herrlich bestellt sein. Manche kühne vorausschauende Kons^eption 
hat die Arbeitsmethode dazu erst später finden lassen. Wenn Dujiain-Triel seiner 
Frankreichkarte in Schichtlinien ledighch die bis dahin gemessenen Höhenwerte 
zugrunde gelegt hätte, wäre ihre Konstruktion nimmermehr erfolgt und wer weiß, 
wie lange uns die Darstellung der dritten Dimension in einer Schichtlinienkarte vor- 
enthalten geblieben wäre; wenn J.W. Jäger und J. G. A. Jäger in der zweiten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts hätten warten wollen, bis die deutschen Länder nur einiger- 
maßen gleichmäßig topographisch aufgenommen gewesen wären, hätte ihre neue 
Spezialkarte von Deutschland in 81 bzw. 87 Blättern nicht erscheinen können \ und 
wenn ein A. v. Humboldt alle meteorologischen Elemente für den genauen Aufbau 
einer Isothermenkarte hätte abwarten müssen, würde er nimmermehr zu ihrem Ent- 
wurf gekommen sein. Es ist deshalb Penck Dank zu wissen, daß er sich trotz der 
Bedenken, die im Kartenmaterial beruhen, und der Einwände von fachmännischer 
Seite an der Verwirklicluuig seines Planes nicht hat beirren lassen. Zu bedauern 
ist ledighch, daß von der Weltkarte eine größere Reihe einheitlich gestalteter Blätter 
nicht schon vorhegt, wenn wir nicht die en^disciic Kriegskarte in 1 : 1000000 als Teile 
der Weltkarte ansehen wollen. 

Jedes einzelne Blatt der Weltkarte soll ein Verzeichnis der wichtigsten Quellen 
enthalten, die bei seiner Herstellung benutzt wurden. Doch weit anschauhcher und 
schneller orientierend wäre die Beigabe einer kleinen Skizze, des Verläßlichkeits- 
diagramms, wie ich es bezeichne, in etwa zehnfacher Verkleinerung des Originals 
(mit Netz). In jedes Eingradfcld wäre sodann mit größter Peinlichkeit imd Genauig- 
keit nach Maßgabe irgendeines Schraffurschemas einzutragen und zu drucken, ob 
das Gebiet trigonometrisch und topograi)hisch oder lediglich topographisch oder durch 
Routen aufgenommen oder nur erkimdet ist : unerforschte Gebiete bleiben nach altem 
Brauch weiß. 

Der Maßstab 1 : 1000000 war das erste, worüber man sich bei der Herausgabe 
der Weltkarte einig war. In spätem Verhandlungen erfolgte sodann die Festsetzung 
des Kartenentwurfs, und das war das Schwierigste. Was da geleistet wurde, findet 
Frischauf geradi'zu unglaublich. Doch muß man eben daran erinnern, daß keine 
Fachmärmer zu den Beratungen liinzugezogen worden waren. Schon wemi man die 
Bezeichnung ..modifizierte polykonische Pnlyederprojektion" liest, überläuft einen 

' L'Allomagno en LXXXT Feuille.^ coinjm.si'o.>( suivant le.s plus nouvolles Obsen-ations i-t 
dessinees d'aprta le» meilleures C'artes g^ographiqucs des Cabiiiots. qui sont oii paitie grav6es, et en 
partie enoore dessin^es; revues .lelon la Gt-ograplii des Mr. le D. Büsching, Conseiller du Coii.si.stoitT 
Sup^rioirr de Sa MajesW« Ic Roi de Prus.se, avee privilege de Sa Maj. Imperiale, pnr T. G. A. .liigei . 
Ing6nieur-('apitaine-Lieutenant d'Artillerie et Tiisix-cteur de.s Arsenaux de la Ville Ulm' Imji^riale 
de Francfort Hur le Main etc. Diese große Karte wurde 1768 von T. W. .Täger angefangen imd von 
dessen Sohn T. O. A. Jäger 178S vollendet. I>>mi ganzen ist ein Übei-siehtablatt in zehnfaeher Ver- 
kleinerung beigegeben. Es fülirt den Titel: Plan des la Nouvello Carte giMigi-aphique sp«>iale dWlle- 
inagne, consistantes on 81 grandes feuilles, rcpresentantes l'Alleniagne divns<^e on »es Cei-cles et S<ng- 
neuriea, oü sont marqu^s tous les lieux remarquables. los Contr^-es des demit^ifs Guerrcs, le» Grands- 
C'hemins et los sentiers, los giundes riviörcs et les ruisseaux. les )X)nts et [letits ponts. tous les \'illages, 
Bourgs, Abbaics, Cloitres et Chiteaux; tii-^es des meilleures et des i)lus exaetes Cartes spik-iale»; 
qu'on püt avoir, corrig6es selon laGeogmphie de Mr. BUsching, faites et ivvues, aviv toute diligcme. 
exactitude et 6l6gante par Mr. T. et K. etc. Mit Ergän/.ungsbliitteni unifaOt das \V« ik «7 Blätter. 
Wenn der 'l'itel auch mehr vei-sprieht als was die Karten bieli-n. -^n war das Kartenwerk für -mmmc 7a-\\ 
sicher eine ganz imgewöhnlicho Leistung. 



110 Dif Kartographio als Wissonscliaft. 

ein leichtes Frösteln. Ist es nicht ein Treppenwitz in der Geschichte der Wissenschaften: 
Während bei der Tagung der Internationalen Weltkartenkonferenz in London im 
November 1909 die Clarkeschen Sphäroidelemente vom Jahre 1880 für die Welt- 
karte vorgeschrieben werden, hatte kurz zuvor, Ende September 1909 in London 
imd Cambridge die XVI. allgemeine Konferenz der Internationalen Erdmessung 
getagt, wobei man die neuesten Werte für die Erdabmessung erhalten konnte. Bei 
der Kartenkonferenz gestand man selbst zu, daß die Wahl der Projektion mathe- 
matisch nicht einwandfrei sei. Das hatte offenbar den französischen Geodäten 
Ch. L allem and liewogen gehabt, später noch, in der Sitzung der Pariser Akademie 
der Wissenschaften vom 18. September 1911 erwirkt zu haben, das Prinzip des 
Maßhaltens in der Schärfe der mathematischen Anforderungen noch nachträgUch 
für die Weltkarte zur Geltung zu bringen. Vor ihm hatte aber schon J. Frischauf 
den gangbaren Weg gezeigt und sogar in einer mehr elementar gehaltenen Darstellung 
seine Vorschläge zur Abbildung der Erde in 1 : 1000000 veröffenthcht.i Darum 
kann man sich nicht wundern, daß Frischauf über die Vemachlässigmig seiner 
Ideen und Vorschläge ungehalten ist;^ auch betont er, daß den Teilnehmern der 
Konferenz mem Aufsatz Die Kartographie als Wissenschaft in der Zeitschrift der 
Gesellschaft für Erdkunde zu Berlm, 1907, unbekannt gebheben zu sein scheint. 
Auch hält er aus wohlerwogenen Gründen das Format der Weltkartensektionen für 
unpraktisch. So häufen sich die Tatsachen, die überzeugen, daß das Weltkartenprojekt 
vorher nicht genügend ausbalanciert und sodann vertreten worden ist, wie es im Interesse 
dieses wichtigen kartographischen Unternehmens wünschenswert gewesen wäre. 

Erst auf den jüngsten Zusanmaenkünften der internationalen Erdkarten- 
kommission wurden maßgebende Beschlüsse über konventionelle Zeichen, Wege- 
netzunterscheidung, Schrift, Farbengebung der hydrographischen und oro- 
graphischen Elemente gefaßt, endlich wurde ein permanentes Bureau für die Weltkarte 
geschaffen, dessen Sitz in Southampton (Ordnance Survey) und Zweigbureau in 
London ist. Nach einem Vierteljahrhundert hatte sich endlich die Einsicht durch- 
gerungen, daß nur eine einheithche Zentrale die Vereinheitlichung der Weltkarte 
wünschenswert fördern kann. Denn die Karten, die gleichsam als Probekarten bis 
zur Pariser Konferenz vorlagen, waren mehr ein Sammelsurium von Kartenmustern, 
wie es eben nicht gemacht werden muß. Auf das Höhenschichtenkolorit sollte man, 
wie ich später ausführlicher nachweise, vorderhand ganz verzichten, es kommt nicht 
viel Brauchl)ares dabei heraus, dagegen sollte man mit recht viel Liebe und Sorg- 
falt die Schichtlinienzeichnung behandeln. 

1 J. Frischauf: Zur Wahl der Projektion für Karten großen und mittlem Maß.stabes. P. M. 
1908, S. 161—163. — Zur Abbildimgslehre und deren Anwendung auf der Landesaufnahme. Z. f. 
Verm. 1908, S. 225-240. 

= Beinahe sieht dies wie Absicht aus; wie kommt es, daß Penck geflissentlich diese Arbeiten 
meidet, die doch seinen Arbeiten gegenüber einen großen Fortschritt bedeuten. Frischauf nennt 
dies bei Penck „Eitelkeit". Es ist bedauerlich, daß man einem Gelehrten wie Penck, einem der 
bekanntesten heute lebenden deutschen Geographen, sogar öffentlich den Vorwurf der „Gelehrten- 
Eitelkeit" machen muß. Oder sollte Frischauf doch zuviel behauptet haben? Eine kritische Sich- 
tung der kartentheoretischen Veröffentlichungen Pencks und das sonstige Verhalten in karto- 
graphischen Dingen scheinen die Aassage Frischaufs zu unterstützen. Den kartograpliischen 
Darlegungen Pencks kann man einen gewissen Fleiß nicht absprechen; ihr Wert liegt außer auf 
verschiedenen Anregungen insbesondere auf der kritischen Seite und sodann in der Propaganda für 
das Weltkartenprojekt. Eigentlich kartographisch Positives — weder theoretisch noch praktiscli — 
hat Penck nicht geleistet. Seine Bedeutung liegt auf anderiii Gebiet. 



Internationale Aufgabrn und Wrltkartt-nprobleiue. 111 

Um etwas Einheitliches und Bleibenderes zu gestalten, dürfen zunächst die ein- 
zelnen Länder an die Herstellung und Herausgabe der Karten ihres Landes nicht allein 
herangehen. Die Zentrale muß zugleich eine Zentralbearbeitungsstätte und Zentral- 
reproduktionsanstalt sein. Die an der Weltkarte interessierten Länder hätten tüchtige 
Bearbeiter an die Zentralstätte zu senden und daselbst unter Aufsicht der Ober- 
leitung die Karten ihres Gebietes zu bearbeiten. Sobald die Karten für den Druck 
fix und fertig sind, könnten die fremden Bearbeiter wieder in ihre Heimat mit Um- 
drucken der Weltkarte ihres Gebietes auf Zink oder Aluminium zurückkehren, um 
daheim die Karten ihres Vaterlandes je nach Bedarf reproduzieren zu können. Die 
Originale sind in der Zentrale aufzubewahren und au courant zu halten. 

Obwohl man sich über Projektion, Maßstab, Farbengebung, Signaturen, ver- 
schiedene Behandlung klimatisch gemäßigter und tropischer Gegenden einig ist und 
eine Zentrale für die Weltkarte in England eingerichtet bat, fehlt es immer noch an 
größerer Vereinheithchung der Arbeit an der Karte. Der Plan dazu muß noch groß- 
zügiger aufgefaßt imd noch großzügiger eingerichtet werden. Ein Fehler ist es, daß 
Southampton bzw. London die Zentrale der Weltkarte ist, viel richtiger wäre dies 
Berlin, wo Penck und andere kartographisch bewanderte Gelehrte und Praktiker 
jederzeit ihre Ki-äfte hätten zur Verfügung stellen köimen. 

Bei der eigenartigen Begabung des Deutscheu für kartographische Darstellungen 
wäre gerade die Anfertigung der Weltkarte in 1 : 1 000000 so recht eine Aufgabe der 
deutschen Kartographie gewesen. Aus diesem Gnmde ist es zu bedauern, daß sicli 
A. Penck das Weltkartenprojekt, für das er jahrzehntelang gekämpft und gewirkt 
hatte, aus der Hand hat gleiten lassen, wenn er auch die Genugtuimg hat, endhcii 
das Projekt halbwegs imter Dach und Fach zu sehen. Ob es aber das werden wird, 
was er einstmals davon erhofft hat, möchte ich bezweifeln. 

Die Auspizien für eine wissenschaftlich wertvolle Weltkarte sind nicht günstig, 
nachdem England der Hort der Weltkarte geworden ist. Auffällig ist, daß früher 
England sich gar nicht dafür interessierte. Erst einige Jahre vor dem Weltkriege 
erwachte plötzlich das Interesse und England protegierte auf den letzten internationalen 
geographischen Tagungen das Projekt, wohl mit dem leisen Hintergedanken, endlich 
einmal einen Plan zu erhalten, nach dem das eigene weit zerstreute Kolonial- und 
Interessenspliärengeliiet kartographisch einheitlich in Beziehimg zum Mutterland 
dargestellt werden kann. Bis jetzt haben die Engländer noch nicht l)ewiesen, daß 
sie großen kartographischen Problemen, die sich insonderheit in der Geländedarstellung 
auch aussprechen, gewachsen sind, im Gegenteil, wenn sie auf fremdes Ciebiet geraten 
sind, haben sie fast immer versagt (s. S. S»). Bei dem Weltkartenprojekt ist ihnen 
allerdings vieles von andern in die Hand gespielt worden, mit dem es sich recht gut 
arbeiten läßt, aber zu einer guten Darstellung des Terrains durch die Engländer habe 
ich kein Vertrauen; denn nach dem, was sie als Proben der Weltkarle hergestellt haben.' 



' Ich verweise bei.spielswciwe aiif das Blatt „Lstambul (Conatantinopli-)'", North K '.Vi, von Her 
Geographical Section, General Staff in London bearbeitet. Schon die Schichtlinien, deren scheinlinr 
prägnanter Lauf Welerort.s mehr von der Phantasie als den tatsächlich geineosenen Höllen dirigiert 
wird, geben genug Beweismaterial, daß die p:ngländer der Aufgabe nicht gewachsen sind. Nic-ht 
einmal die Höhenwerte für die Schichtlinien sind eingefügt. Die Sihichtlinien auf dem franrösisehen 
Blatt „Paris" sind in Bogen ge7.eichnct. als oh sie dem wallenden Kleidersaum einer .Schlangentiinrerin 
abgelauscht seien; und letztere« Blatt ist vom Ser\-iee fWographie de lArra^ in Paris lK>arl>«>ilet. 
VhfT weiten- fertig gest<-llte Blätter vgl. HaardI v. Hartenlluirn: Die Internationale Knikarle 
in 1:1 Million" in 1'. M. II. litl't. S. llOOff. 



112 Die Kaitograi)hic als Wissenscliaft. 

rufe ich den Karten verfertigern jener Blätter zu: Hand weg von dem Kartenwerk, 
das versteht Ihr nicht zu meistern! 

Zu diesem Urteil haben mich durchaus nicht chauvinistische Gründe geführt, 
wie manche annehmen könnten, sondern rein objektive Erwägimgen. Traurig ist es, 
weim man feststellen muß, daß ein gut Teil der Schuld die Deutschen selbst betrifft, 
l)psonders, daß es an der mangelnden Initiative der preußischen Landesaufnahme 
gefehlt haben soll; denn bitter klingt es, was A. Penck schreibt: ,,Wer endüch der 
Weltkartenkonferenz 1913 beigewohnt hat, wird sich lebhaft daran erinnern, wie fremd 
die Aufgaben einer Karte 1:1000000 dem damaligen Chef der preußischen Landes- 
aufnahme lagen. Er stand mit seinen Ansichten vielfach ganz allein, während die 
übrigen deutschen Vertreter aus zwingenden sachlichen Gründen leider nicht mit ihm 
gehen konnten, so daß England und Frankreich die Führung in die Hand bekamen." ^ 
Dieser schwere Vorwurf Pencks kommt allerdings reichhch post festum (1913! — 1920!). 
Warum hat dies Penck nicht vor dem Kriege zum Ausdruck gebracht? Warum hat 
er nicht die deutsche Geographen- und Kartographenwelt seiner Zeit mobihsiert? 
Das ist doch merkwürdig. Aber da hätten vielleicht Sachverständigere das Wort 
ergriffen und das Werk wäre sicherlich für Deutschland — gerettet worden. Das sind 
verpaßte Gelegenheiten, die nicht oder kaum wieder gut zu machen sind. Betrachten 
uns ja die Engländer bereits von der Mitarbeit an diesem Kartenwerk als aus- 
geschlossen. ^ Ihnen konnte es tatsächhch beim Ausbruch des Krieges mehr als will- 
kommen sein, daß das Projekt der Weltkarte soweit gefördert worden war — aus 
eigner Intuition und eigner kartographischen Befähigung und Kraft hätten sie es 
schwerUch gekonnt — , um sich auf Grimdlage der Vorarbeiten dieser Karte bequem 
eine Operations- imd Übersichtskarte in 1 : 1000000 für das Kriegsgebiet zusammen- 
zustellen.' Neben der internationalen Benutzbarkeit wußten die Engländer gar wohl 
dem Werke einen nationalen Anstrich zu geben.* In der Hauptsache mußten deutsche 
Kartenwerke herhalten, wie die österreichische Karte 1 : 750000 und die H. Kiepert- 
sche Karte von Kleinasien, rmi die englische neue Karte mit Inhalt zu füllen.^ Im 
wesentHchen ist sie die geplante internationale Weltkarte, obwohl Oberst C. F. Close, 
der Direktor des Ordnance Survey besonders betont, daß das Werk nicht die inter- 
nationale Karte sei, sondern nur ein Sprößling vor ihr, sie sei durchaus national, 
nicht international. Er ist der Überzeugung, „daß nach dem Kriege alle Kulturländer 
sehr gerne bereit sein werden, den großen Plan einer Weltkarte weiter zu fördern." 
Auf diese Weiterförderung sind wir in der Tat sehr gespannt. 

43. Die Kartographie als Kulturmesser. Das Internationale Kartographische Archiv. 

Am Schluß meines Ausblicks auf die Zukunft kartographischer Betätigung angelangt, 
möchte ich nochmals hervorheben, daß die Neuschaffung von Kartenwerken und die 
Vertiefung des vorhandenen Kartenmaterials und dessen historisch-kritische Er- 



' A.Petick: Landesaufnahme und R^ichsveimessunRsamt. Z. d. Ges.f.Krdk. Berlin 1020, S. 17:?. 

2 Gfogra;)hioal J. 1920, LV, S. 47. 

' M. Eckert: Die Kartographie im Kriege. G. Z. 1920, S. 282. 

" Das englische Kriegskartenwerk 1:1000000 stand unter der Leitung von A. R. Hinks, 
dem Sekretär der Royal Geographical Society; die Oberaufsicht führte Oberst W. C. Hedley, der 
C.lief der geograph. Sektion des Generalstabes. Die Vcrviolfaltig\ing erfolgte teils beim War Offieo 
teils beim Ordnance Survey. 

•* Hiei-über spricht ausführlicher A. Merz, .imh über Iranziis. Kriegskarten 1:10011000 In 
Z. d. Ges. f. Krdkdc. zu Rerliii. 191. 5, S. ir,:, 4()2. 



Internationale Aufgaben und Weltkartenprobleme. 1 ] 3 

forschung das Zeichen eines geistig regen und w-issenschaftlich hochstehenden Volkes 
sind, mithin ein vorzüglicher Kulturmesser der betreffenden Völker (§ 30j. Wenn man 
die in Frage kommenden Völker untereinander vergleicht, müssen wir auch die Palme 
den Deutschen zuerkennen; selbst in einer so schweren Zeit, wie im vergangenen Welt- 
kriege, haben sie verstanden, neben reinen Kriegskarten eine Menge kulturgeographischor 
Karten innerhalb des Kriegsgebietes zu schaffen, die natürlich in enger Beziehung zu 
Kriegswirtschaft an der Front standen. 

Die Aufgaben, die die Kartographie künftig noch zu lösen hat, sind so umfang- 
reich, groß und mannigfaltig, daß ich nicht zu viel behauptet habe, als ich eingangs 
dieses Abschnittes sagte (S. 91), daß die Kartogi-aphie erst am Anfang ihres Wirkens 
steht. Ihr wird die Lösung vieler Aufgaben durch die sich immermehr verfeinernden 
Eeproduktionsmethoden erleichtert, freilich in der richtigen Auswahl dieser Methoden 
auch erschwert. Bei diesen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich vermehrenden Re- 
produktionsverfahren läßt sich gleichfalls noch kein Ende absehen. So ist z. B. für 
die Kartographie das Problem des Dreifarbendrucks noch nicht gelöst. Zweifellos 
wird dies einmal die polychromistischen Karten, zu deren Herstellung jetzt 10 bis 
20 Druckplatten, bzw. Steine (Schweizerkarte!) notwendig sind, nicht mehr als drei 
oder vier Druckplatten gebrauchen, was einen wesentlichen Preisrückgang, also die 
Wohlfeilheit guter Karten zur Folge haben wird. Man wagt die Zukimft der Karto- 
graphie nicht auszudenken, wenn sich die Fheger und Photogrammeter der Farben- 
photographie bemächtigt haben. Der Kartenherstellung werden Aufgaben von un- 
geahnter Größe erwachsen. 

Mit der Vermehrung der Kartenarten, kartographischen Darstellungsmethoden 
imd kartenkritischen Arbeiten einerseits und der sich kartographisch intensiver 
betätigenden Völkern andererseits wird es in Zukunft immer schwieriger, einen 
sichern Überblick über die Fortschritte der Kartographie zu gewinnen. Das Bedürfnis 
dazu ist immer vorhanden gewesen. Schon seit der Erweckung des Ptolemäus merken 
wir das Ringen, sich Rechenschaft über die kartographische Produktion zu geben. 
Ortelius war der erste, der systematisch sammelte und ordnete. Hauber .scheiterte 
aber schon an dem Versuch, eine kritische Übersicht über das Kartenmaterial des 
15. bis 17. Jahrhunderts zu gewinnen.^ Im 18. Jahrhundert vermehi-ten sich die 
kritischen Verzeichnisse von Landkarten, von denen das von Adelung aus dem 
Jahre 1796 am bekanntesten geworden ist. Es fand seine Fortsetzung in E. G. Wolter- 
dorfs Repertorium der Land- und Seekarten, Wien 1813, in C. W. v. Oesfelds 
Karten-Freund, Berlin 1841 und 1844, und andern bedeutungslosem Verzeichnissen. 

Über all diesen und gegenwärtigen Kartenbibliograpliien scheint ein Verhängnis 
zu schweben: Man empfindet, daß sie eine tatsächliche Lücke in der Literatur aus- 
füllen tmd doch führten sie immer nur ein kurzes Leben. Obwohl sie eine zeitliche, 
fortdauernde Einrichtmig sein sollten, sind sie mehr oder minder an die Person des 
betreffenden Referenten gebimden. Man denke nur an die klassischen Aufsätze 
Vj. V. Sydows in Potermanns (Geographischen Mitteilungen über den karto- 

' Damals zählte man im ganzen liefen 17 000, bia zur .Mitte des 18. Jli. gegen 18000 Karten, 
«ovon aber nur etwa 'y,^ Originalkiirten waren. Vgl. dazu auGcr Hauberauili JoL.Christ. Pfennig: 
Anleitung zur KenntnilJ der matliematisel'en Krdbeschrcibun,' mit hinliinglirheu Ketra-htungcn. 
wcloho die Geschichte imd Güte der kiinstii« ben Sphären, Himniols- u. Knikugeln, w.e auch der 
maiiaigfaltigcn Land- und Seekarten zum nützlichsten Gebrauche darstellen. Berlin u. Stettin 1779. 
Hcsonders Kap. XVII: Von d(M- Geschichte der bindkarten S I.">1 1S7. 11. Kap. XVIII: Von den 
brivuchbarsten LaucUtarten S. 244- -S97. 

Eokrrt, KartrnvT^aeuiirbart. 1. ^ 



114 Die Kartographie als Wissenschaft. 

graphischen Standpunkt Europas, die ich hier bereits gewürdigt habe (S. 18). Ein 
großes Verdienst war es von H.Wagner, daß er die Spalten des Geographischen 
Jahrbuches einer regelmäßigen Berichterstattung über den Fortschritt in der offi- 
ziellen wie privaten Kartographie eröffnete ; die Eeferate von M.Heinrich , E.Hammer, 
A. llarcuse, H. Haack sind ausgezeichnete kritische Zusammenstellungen und 
-fassungen kartographischer und verwandter Erscheinungen. Bedauerlich ist, daß 
die kartographischen Monatsberichte von H. Haack, die 1908 in Petermanns 
Geographischen Mitteilungen zu erscheinen begannen, wieder zu einem kümmerlichen 
Dasein eingeschrumpft sind. Um so erfreuHcher ist es, daß H. Praosent beginnt, 
in der Leipziger Deutschen Bücherei wenigstens die deutschen Karten, die jetzt er- 
scheinen, vollständig zu sammeln und für eine gewissenhafte Herausgabe der Karten- 
titeldrucke zu sorgen.^ 

Nicht allein in Deutschland hat man die Lücke der fehlenden Kartenindizes 
und Kartenkritiken empfunden, sondern auch in andern Staaten; jedoch ist man 
daselbst bei der Aufstelkmg von tJbersichtcn lange nicht so kritisch und umfassend 
^vie in Deutschland zu Werke gegangen. In den Mitteilungen der Geographischen 
Gesellschaft in Wien begegnen wir noch vor 1900 drei Aufsätzen über die amtliche 
Kartographie von den europäischen Staaten aus der Feder von K. v. Haradauer. 
Wertvoller sind die Aufsätze von V. Haardt v. Hartenthurn über die militärisch 
wichtigsten Kartenwerke der europäischen Staaten in den Mitteilungen des k. u. k. 
Militärgeographischen Institutes in Wien, dessen umfangreichster 1907 erschien. An- 
läßUch der Pariser Weltausstellimg von 1878 schrieb A. Grandidier einen weit be- 
achteten Report über die daselbst ausgestellten Karten.^ In Frankreich referieren unter 
andorm die Annales de Geographie über neue Kartenwerke. Nach dem III. Inter- 
nationalen Geographenkongreß zvi Venedig im Jahre 1881 wurde uns ein ausführlicher 
kartogi-aphischer Bericht von G. M. Wheeler beschert.^ Das Geographical Journal in 
London ist ein fleißiger Berichterstatter über neu erschienene Karten; selbstver- 
ständlich stehen die englischen Neuerscheinungen im Vordergrund. 

Überblickt man die vielen Versuche, muß ihr redliches Bestreben anerkannt 
werden, soweit wie möglich vorhandene Lücken auszufüllen und zu orientieren. Sieht 
man genauer hin, so bleiben sie doch alle nur Stückwerk. Es ist eben unmöglich, die 
Materie vollständig zu beherrschen. Ganz ausgeschlossen ist, daß sie ein einzelner 
zu bewältigen vermag. Zuletzt ist es auch nicht notwendig, daß heute jede Karte 
des In- und Auslandes genannt und gekannt wird. Aber wie alsdann die richtige Aus- 
wahl treffen? Ich denke mir, daß hier ein Internationales Kartographisches 
Archiv Ablülfe schaffen kann, ein Organ, das nicht bloß über den jeweiHgen Stand 
der kartographischen Kenntnis der betreffenden Teile der Erde unterrichtet, sondern 
auch neben der Kritik wichtiger Karten und den Leitlinien und Arbeitsmethoden 
neuer Kartenwerke vor allem Proben neuer, die kartographischen Probleme fördern- 
den Karten, sowohl der öffentlichen wie der privaten Kartographie, bringt. 

* H. Praesent: Kartentiteldrucke und Kartenbibliographien. Börsenbl. f. d. Deutschen 
Buchhandel. 1920, S. 1089—1093. — Die Aufgaben der Kai-tensammlung der Deutschen Bücherei. 
Beiträge zur deutschen Kartographie. Leipzig 1921, S. 7 — 12. 

* A. Grandidier: Exposition universelle internationale de 1878 ä Paris. Kapport sur les 
cartes Paris 1882. 

* G. M. Wheeler: Report upon the tlürd International Geograpliical f'ongres and E.xhibition 
at Venice, Itali, 1881. Washington 1885. 



Teil II. 
Das Kartennetz. 

A. Zur Kritik der Kartenprojektion chorograpliischer Karten. 
I. Zur Geschichte der Kritik der Kartenprojektion.' 

44. Die Projektionstheorie im allgemelueii Umriß. Die geogiaphische Karte 
ist die auf die Ebene gezeichnete Projektion eines größern oder lileinern Teils 
der Erdoberfläche.^ In ähnlicher Weise wurde die Karte schon von den ersten 
Projektionstheoretikern definiert (s. S. 48, 50, 54), womit in kurzen Worten der 
Hauptzug des Wesens einer Karte zum Ausdruck gebracht wh-d. Heute ist die 
Kermtnis der Projektionslehre ein vornehmer Bestandteil des Bildungsschatzes des 
wissenschaftUch arbeitenden Geographen. Damit soll nicht gesagt werden, daß diese 
Kenntnis der absolute Gradmesser füi- den Wert des Körmens eines Geographen 
sei. Wer wollte leugnen, daß Friedrich Batzel einer imserer besten Geographen 
war und doch lag ihm die Projektionslehre vollständig fern. Selbst mit Ferdinand 
V. Richthofen war es in dieser Richtung kaum besser bestellt. Auch unter den 
gegenwärtigen wissenschafthchen Geographen dürfte sich noch dieser und jener finden, 
der überhaupt für mathematische Dinge wenig übrig hat; ihm deshalb einen Vorwurf 
zu machen, dürfte nicht augebracht sein. Ist es auch auffällig, daß kartographische 



' Die kritische Betrachtung über die Kartenprojektion ist in ihren zwei ersten Haupt- 
abschnitten großenteils bereits 1910 in Hettners Geographischer &itsohri£t erschienen. Ich hatte 
sie Hermann Wagner zu seinem 70. Ooburtstago gewidmet. Allgemein ist sie beachtet mid das 
Einveretändnis mit ihr zum Ausdruck gebracht woixlen. Kritisch ins Kinzolne war nur H. Wagner 
eingetreten. In einem langen Briefe hat er seine Einwände dargelegt, was mich luu so mehr orfreut 
hat, da ich ihn als den kartenkritisch begabtesten Geographen schätze, dessen Urteil im In- wie 
Auslande etwas zu bedeuten hat. Ich danke ihm auch an dieser Stelle für die Miiüe und Arbeit, deren 
er sich im Interesse der Verbesserung meiner Abhandlung unterzogen hat. — Dank schulde ich auch 
Ernst Debcs, der sich in einem langem Schreiben an mich vom 15. Nov. 1910 mit meiner .\bhand- 
lung tiber die Projektionen betaßtc. — Zum weitern Studium sei ganz besonders auf die au!<gozeichnoton 
Berichte über die Fortschritt« der Projektionslohre im Oeograpliischen Jahrbuch, hcraui<gogel)cn 
von H. Wagner, hingewiesen, die seit 1894 von E. Hammer geschrieben wortlen sind (G. J. XVII, 
1894; -KIX, 18i)(),/97; XX, 1897/98; XXIV, 1901/02) und seit 190t von H. Haack (0. J. XXVI, 
1903/04; X.XIX, 190<i/07; XXX, 1910). Vor allem berücksichtigen diese Berichte auch viele außer- 
deutsche Veröffentlichungen, deren eingehende Würdigmig mich hier viel zu weit geführt hätte, 
sie gehört auch mehr in ein Handbuch der Kartograpliio oder der Kartenprojektioncii. 

^ Anders oder weiter wird man die Kart« definieren, wenn man deren Inhalt noch dem 
logischen Charakter des Inhalt« untersucht. Vgl. A. Hettiu-r: Die EiBtMwhnffen \md Methoden 
der knrtopraplii seilen DarHtplliuig, O. /. 1910, S. 15. 



116 I>ns KiU-tonnetz. 

Probleme heute im Universitätsimterricht möglichst gemieden wnclen. um das 
Kapitel der Projektionslehre kommt man nicht ganz herum, schon zur Vermeidung 
des Anscheins der Eückständigkeit. Man überweist es meist Jüngern Kräften oder 
den Seminarübungen der Institute und hofft so, sein Möglichstes getan zu haben. 
Im allgemeinen ist es ja besser geworden, al)er immer noch l)leibt das Wort von 
Zöppritz zu rechte bestehen, das er 1883 seinem Leitfaden der Kartenentwurfs- 
lehre mit auf den Weg gab: „Die Kenntnis der geometrischen Methoden, auf denen 
der Kartenentwurf beruht, und ein gewisser Grad von Übung in der Handhabung 
desselben ist unerläßlich für jeden, der Karten mit Nutzen geljrauelien, Geographie 
nicht bloß dilettantisch betreiben will." 

Zöppritz zählt imter die ersten, die die neue, gegenwärtige lleformation der 
geographischen Kartenentwürfe einleiteten. Die erste Keformation ist unvergänglich 
mit dem Namen Mercator verknüpft. Die Eeformation der Kartographie um 1700, 
mit der ims Chr. Sandler ausführlicher bekannt gemacht hat, und die sich haupt- 
sächlich an das Wirken von Delisle knüpft, hat es weniger auf das Kartennetz als 
vielmehr den Karteninhalt abgesehen, insbesondere auf die richtige Lage und Ver- 
besserung der Konturen der Festländer, auf die Position der Orte usw. Gewiß war 
Mercator auch in dieser Beziehung reformatorisch vorgegangen, man denke nur 
an die kritische Sichtung des Inhalts zu seiner Europakarte 1554, aber seine Be- 
deutung lag doch mehr auf der Verbesserung und Anwendung von Kartennetzen, 
die er teils wieder erfunden oder denen er ein weites, großes Anwendungsbereich 
gegeben hatte. Gegen 1800 hat sich die zweite große Eeformation der Netzentwürfe 
abgespielt. Kein germgerer als der deutsche Mathematiker .1. H. Laml)ert war 
der Träger dieser Epoche. Von Lamberts Projektionen imd Theorien zeiiren wir 
heute noch, weit mehr als von dem, was uns Mercator überhefert hat. 

Auffällig ist im höchsten Grade die Erscheinung, daß die Kartenprojektionen 
fast ausschließlich von Deutschen und Franzosen, und erst in weiterm Abstände 
von Italienern und Engländern gefördert worden sind. Merkwürdigerweise haben 
die Engländer auf diesem Gebiete wenig Erfolge zu verzeichnen.^ Soweit mir die eng- 
lische Kartenliteratur bekannt ist, habe ich bloß schwache Ansätze zum Betreten 
selbständiger Wege in der Projektionslehre gesehen, und zwar da, wo es sich um 
ältere Zylinderprojektionen oder um Modifikationen der Mercatorprojektion (Gall) 
handelte. Selbst für topographische Karten müssen l)ei ihnen die einfachsten Zylinder- 
projektionen herhalten.^ Wie wenig sie kartographisch kritisch begabt sind, beweist 
als älteres Beispiel, daß sie eine ältere Projektion, von Mercator und Sanson bereits 
angewandt, nach Flamsteed benennen, als jüngstes Beispiel, daß sie eine topo- 
graphische Karte in Bonnescher Projektion mit einem rechtwinkligen Koordinaten- 
netz überdecken.^ Man ist leicht versucht, wie ich es auch getan habe*, diese Versehen 
mit dem konservativen Charakter des Engländers zu entschuldigen; oder sollten sie 
nicht in einer tatsächlichen Unkenntnis der Materie begründet sein? 

Wichtig ist vor allem der Unterricht in der Projektionslehrc auf höhern Lehr- 
anstalten, insbesondere auf Universitäten und technischen Hochschulen. Über- 



' So z. B. die drei verschiedenen Modifikationen der Kegel projektion von J'. Muidai 
die Mitte des 18. Jahrh. 

- M. Eckert: Die Kartographie im Kriege. G. Z. 1020. S. 2KI, 2K:!. 

•' M. Eckert, a. a. O., S. 317, .321-323. 

' M. Erkeit: Die Kartenprojektion. G. Z. 1910, 8. 2i)K. 



Znr Gf'Bühirlitu ilcr Kritik rl.r Kiirtriiprojektii.ii. 117 

blicken wir die Studicngäiige uiul wissenschaftlichen Ausbildungsiaoglichkeiten in 
den einzelnen Ländern, müssen wir zu luisrer grüßten \'erw\mderung feststellen, daß 
die Projektionstheorie in den Lehrplänen des Aaslandes viel schwächer vertreten ist 
als auf deutschen Hochschulen, daß sie da kaum als Unterrichtsfach existiert, 
geschweige die andern Zweige der Kartographie. 

45. Die Projektionen für den Ueographeu nicht Zweck, suiuleni Mittel zum Zweck. 

Insonderheit zwingen die neuern Kartenentwurfsbestrebungen den Geographen, sich 
mit der Projektionstheorie zu befassen. Dabei ist aber wohl zu Ijedenken, daß 
die Projektionen fiü- den Geographen nicht Zweck, sondern nur Jlittel zum Zweck 
sind. Diesen Gesichtspunkt übersehen bisweilen diejenigen Gelehrten, die sich 
lediglich von der Basis der Mathematik der geographischen Wissenschaft genähert 
liaben. Der Geograph hat sich mit der mathematisch kritischen Aual)'se der 
Projektionen und der darauf begründeten Güte der Kartennetze vertraut zu machen, 
er wird sich von ihr leiten, aber nicht beherrschen lassen: denn auch geographisch 
kritische Momente sind bei der Wahl und Zeichnung der Projektionen zu berück- 
sichtigen, die man indes bei dem derzeitigen Vorherrschen der rein mathematischen 
zu übersehen schemt, wie später noch eingehender ausgeführt werden soll. 

Neben den rein kritischen Bedenken hat der Geograph noch ein bedeutendes 
iiistorisches Interesse an der Projektionsichre, da aus ihrer Entwicklung klärende 
Lichtblicke auf die Fortschritt'^ geographischer Erkenntnisse fallen. 

Das Erdkarteimetz an sich ist m-alt und geht nahezu auf die ersten Landkarten- 
versuche zurück. Die Geschichte des Erdkartennetzes dagegen ist jung; M. d'Avozac 
gab 1863 in seinem Coup d'ceil historique sur la projection des cartes de geographie 
einen geistreichen, heute aber schon teilweise veralteten Abriß der Geschichte der 
Projektion, in dessen Eandbemerkungen zugleich ein reicher Quellenschatz nieder- 
gelegt ist. Unter den neuen Historikern der Projektionstheorio verdient M. Fiorini 
einen ehrenden Platz. H. Wagner hat in seinem bekamiten Lehrbuch der Geographie 
die Entwicklung der Projektionen wesenthch unter historischer Lupe ge.sehen. Auch 
W. Wolkenhauer läßt in seinem Leitfaden zur Geschichte der Kartogra])hie die 
Gradnetze nicht luiberücksichtigt.i Einzehie Projektionen und Projektionsgruppen 
haben spezielle monogra))histische Behandlmig erfahren. Immerhin fehlt alier eine 
abgerundete und allseitig vertiefte (ieschichte der Pr(>j(>kti()nen. Die Hauiitpunkle 
dieser Geschichte seien im folgenden kritisch gewürdigt. 

40. Erstes Auflouchteii der Projeklioueu. .\us dem Kreuz zweier Gradhnien, der 
Nordsüd- und der Ostwestlinie, der l'lankarte (Plattkarte) hat sich das Gradnetz ent- 
wickelt. Das Orientierungskreuz findet seinen ersten geschichtlichen Beleg bei Di- 
käarch von Messina (850 — -200). Das erste Gradnetz, dessen Beschreibung wir dem 
ersten Buche, Kap. 20, der Geographie des Ptolemäus entnehmen, ist die oblonge 
oder rechteckige Plattkarte des Mnrinus (um 100 n. Chr.). nicht des Anaximanders. 
wie Germain'', (iretschel^ und Wenz* meinen. Die Große des Hreitenimrftllels 

' Gut übersiehlüoh ist \V. \V..lk<iiliiui. rs ..Zt-Itluliu ICntwicklimg iiiul KigciwlmfU-ii .I.t 
Kartt-nprojcktionen" in der Kartopi. Z. VI. 1917, .S. 185-187. 

- A. Oei inain: Traiti- dos projentions dt« cartos göographiquos. Paris 1860. S. 20J. 
' H. Oirtsrhol: rx-Iiihmli (Ici K.irfonpi-oj.-kf ion. W.-inmr 1873. S. i:n. 
' »i. Wonz: M\a.H zur LniulkaitciiiMit\v\iilslcliiv, MUmhon 18öf>, S. 2, 



118 Das Kartennet/.. 

imd Meridians von Ehodus war für die Karte des Marinus bestimmend gewesen.* 
Sie war keine quadratische Plattkarte, als welche sie Zöppritz-Bludau^ mid 
E. Hammer' ansprechen. 

Die erste Anleitung zum Entwerfen für Karten gab Ptolemäus (87—150).* 
Sie ist niedergelegt im ersten Buche seiner Geographie, Kapitel 21— 24. Die von 
Ptolemäus entwickelten Projektionen sind Kegelprojektionen mit der Konvergenz 
der Meridiane nach den Polen zu. Die eine ptolemäische Projektion weist die 
Meridiane als gerade, die andere als gebogene Linien auf. Die Parallelen sind Bogen 
von Kreisen um ein imd dasselbe Zentrum, das senkrecht über dem Nordpol {xarö 
XQv ßÖQfiov iioloi) zu denken ist, d. h. in der verlängerten Erdachse. Von ihm aus 
werden bei der einen Projektion die geraden Meridianlinien gezogen. Von dem rein 
Technischen in der Konstruktion der gekrümmten Meridiane der andern Projektion 
erzählt uns Ptolemäus nichts und den Mutmaßungen ist hier ein weites Feld gegeben.^ 
Geographen und Mathematiker haben sich von jeher gern mit den ptolemäischen 
Darlegungen befaßt. In neuerer Zeit hat Theodor Schöne sie ausführlich und 
kritisch behandelt. Der ptolemäische Atlas selbst ist erst um 500 n. Chr. von Agatho- 
dämon gezeichnet worden. Auf alle Fälle aber ist Ptolemäus der erste wissen- 
schaftliche Kartograph gewesen. „Pour Ptolemee la geographie c'est l'art de 
dresser des cartes generales de la terre."^ 

47. Hindämmern und Lichtsfrahlen iui mittelalterlichen Karlenweseu. Die 

herrhchen Anfänge der Projektionslehre des Altertums verkümmerten in der Zeit- 
periode, die wir als Mittelalter zu bezeichnen pflegen. Ist man allgemeinhin ge- 
wöhnt, den Zeitraimi vom 6. Jahrhundert bis Anfang des 15. Jahrhimderts als 
eine Zeit des Stillstandes der geistigen Entwicklung oder gar als einen Eückfall der 
Wissenschaft in ihr Kindesalter zu bezeichnen', war sie in der Entwicklung der 
menschhchen Kultur nicht überflüssig, sie hatte einen weit ausgedehnten, fast durch- 
gängig sterilen Völkerboden umgearbeitet und neue Werte geschaffen, die erst nach 
längerer Zeit des Werdens und allmähhchen Heranreifens den Einschlag der ptole- 
mäischen, wie überhaupt der hellenistischen Wissenschaft aufzunehmen, zu ver- 
stehen imd weiterzubilden vermochte. Das Mittelalter war keine Zeit des vöUigen 
Vergessens antiker Anschauungen. Selbst in die sog. Eadkarten, die zunächst vier- 
eckige, sodann rimde und ovale Gestalt hatten, spinnen sich aus dem Altertum 
geistige Fäden, weim auch recht dümie, hinein.^ Schon die Ebstorfer Weltkarte 
dürfte das zur Genüge beweisen. 



1 Vgl. H. Wagner: Lehrbuch der Geographie. 9. Aufl. Hannover und Leipzig 1912, S. 213. 

— A. Breusing: Das Verebnen der Kugeloberfläche. Leipzig 1892, S. TjO. — M. Fiorini: Le pro- 
jezioni delle carte geografiche. Bologna 1881, S. 338 ff. 

" Zöppritz-Bludau: Leitfaden der Kartejientwurislehre, 2. Aufl. I. Leipzig 1899, S. 133, 

ä E. Hammer: Über die geograpliisch Mächtigsten Projektionen. Stuttgart 1889, S. 20. 

* H. Berger: Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen. Leipzig 1903, S. 640. 

^ Th. Schöne: Die Gradnetze des Ptolemäus i. erst. Buche seiner Geographie. Über- 
setzung der Kapitel 21 bis 24 nebst Amnerk. u. Fign. Wiss. Beil. z. Jahresb. des Kgl. Gymnas. zu 
Chemnitz. Chemnitz 1909. 

' J. A. Letronne: Examen critique des prol6gomenes de la geographie de Ptol^m^e, Parisl830. 

' Vgl. O. Peschel: Geschichte der Erdkunde. 2. Aufl. von S. Rüge, München 1877, S. 101. 

- V. Hantzsch in G. Z. 1897, S. 618. 

' Vgl. Nordenskiölds Monumentalwcrke zur Geschichte der Kartograpliie: Facsimile- 



Zur Geschieht.- ihr Kritik der Kiirtcnprojekti. 



Die mittelalterlichen Kudkurten, zu denen auch die des Fra Mauro und 
des G. Leardo gehören, sind eine primitive Projektion des seinerzeit bekannten und 
geahnten Weltbildes. Sie beruhten auf der alten Vorstellung von der .Scheibengestalt 
der Erde. Auch die rümisclu-n Itinerarkarteu waren nicht ohne Einfluß. Die Meinung 
Wiesers, daß das gesamte ]\Iittelalter eine Projektion im eigentlich geometrischen 
Sinne nicht kannte^ hatte ich früher auch zu der meinigen gemacht. ^ Indessen 
kann sie nur sehr bedingt aufrecht erhalten werden, insofern wir gegen den Ausgang 
des Mittelalters auf Karten stoßen, die in das Plattkartennetz hineinkonstruiert 
sind, z. B. Geographia di Francesco Berlinghieri (Firenze ca. 1478). ^ Die Platt- 
karte tritt uns selbst auf arabischen Karten entgegen. Vascoda Gama sah in Melinde 
eine arabische Karte des Indischen Ozeans, der als Seekarte nicht die damals üb- 
lichen Windstriche zugnmde gelegt waren, sondern, ganz nach dem Vorbild von 
Marinus, ein sich rechtwinklig schneidendes Netz von Meridianen und Parallelen, 
die kleine Quadrate umschlossen, wie J. de Barros berichtet. 

Daß das Mittelalter nicht bar jeglicher linearen Konstruktionsmittel beim 
Kartenaufbau war, beweist eine Gruppe von Karten, die man zuerst ,, Kompaßkarten"'', 
dami „Portulani"^, imd zuletzt „Portulankarten"* genannt hat. Auf sie komme 
ich bei der Seekarte noch ausführhcher zu sprechen, wo ich sie als „orthodromischc 
Windstrahlenkarte" bezeichnet habe. Um die Aufhellung dieses Kartenproblems 
haben sich A. Breusing^ und H. Wagner* großes Verdienst erworben. Zur Ent- 
stehung der orthodromischen Windstrahlenkarte sei kurz gesagt, daß das einfache 
Koordinatenkreuz der Karte im Siime der Strahlen der Windrose (strahlig) erweitert 
wurde. Kreisförmig um das mittlere Wmdstrahlenbüschel -wurden noch acht bis 
sechszehn solcher Büschel gezeichnet. Die Entfernungen der einzelnen Küsten- 
punkte \vurden auf den Strahlen mit Hilfe des beigegebenen Meilenmaßstabes 
konstruiert, bzw. abgelesen. 

48. Die erste Sturm- und Uraug:period(' der ueueu Kurto^raphir und doreii l'ro- 
jektiüuserzeugnisse. Die ungeheure Erweiterung des geographischen Gesichtskreises 
an der Wende vom 15. zum 16. Jalirhiuidert, der Aufschwimg der exakten Wissen- 
schaften und die damit verbundene Wiedererweckung des Ptolcmäus mußten von 
größtem Einfluß auf die Kartographie werden. Das erste Viertel des IC). Jahr- 
hunderts ist die erste Stunn- und Drangperiode der neuen Kartograi>hie." Der tief- 
greifende Einfluß des Ptolemäus auf die Kartographie äußert sich in der Haupt- 
Atlas, Stockholm 1889; Penplus, Stoikliolm 1897. — Ferner K. Millers Sammelwerk: Miipiwi.- 
mundi oder die ältesten Weltkarten. Stuttgart 1893—98. 

' F. R. V. Wieser: A. E. v. Xordenskiölds Facsimile-Atias V. M. 1890, S. J7I. 

- JL Eckert: Die Karteuprojektion, a. a. O., S. 300. 

^ Xordenskiöld: Facsimile Atlas., a. a. O., T. XXVIII. 

* O. Peschel: QoscLichto der Erdk. 2. Aufl. von S. Rupe. Mün.lun 1S77. S. 208. 
^ So z. B. von F. R. v. Wieser, a. a. O.. S. 271. 

' Von V. Wieser vorgoachlaRen in P. ^L 1899, S. 1899, Anm.; naelidem aber schon «>hn .lalire 
früher Nordcuskiöld im Facs.A., S. 4fi, von „Portolanos" oder „PortA)lan-ehart«" ge.sehrieb«'n hatte. 

' A. Breuaiug: Zur Geschichte der Kartographie. La toleta de Mart«loio u. d. lo.\odr\imi»clien 
Karten. Kettlers Z. f. wiss. Geogr. II. Uhr 1881, S. 187. 188. 

" H.Wagner: Das Elatsel der KomiMißkarten im Licht»> der Gcaamtcntw-icklung der Soc- 
karten. Verh. des XI. Doutach. G<?ograplientagc» zu Bremen 1895. Berlin 1896, S. 68. 

• Aug. Wnlkenhauer: Beitrüge zur Geschichte der Kartographie u. Nautik de« ir). bis« 
17. Jahrb. Mitt. d. C^>ogr. Ges. MUnelien, M. I. 2. Heft, 19CW. 



120 I^"^ Kiirtenuetz. 

Sache theoretisch-formal, iiisofeni den alteu Ptolemäuskarten \vi(> eleu erst niiu uiit- 
worfenen Karten eine Projektion zugrunde gelegt wurde. 

Die zweite Ptolemäusprojektion, deren Meridiane gekrümmt mid zweifel- 
los als Kreisbogen aufzufassen sind, gab zunächst den Anstoß zur Weiterentwicklung 
der Projektion. Das Ptolemäische Kartenbild wurde über die Halbkugel hinaus 
erweitert und führte zu den herzförmigen Projektionen. Vorderhand waren sie nur 
lierzähnlich, pseudocordiform oder cordoid^, wie die Karte (Venedig 1611) von 
B. Sylvanus^, die Weltkarten (Wien 1520) von Peter Apian^ zeigen.* Hierher 
gehört auch die schwach herzförmige Karte von Vavassore.^ Dagegen haben die 
drei Projektionen des Joh. Stab, durch Joh. Werner bekannt geworden, als eigent- 
lich herzfönnige oder cordiforme zu gelten.* Die Tabula orbis cogniti universahor 
(Ingolstadt 1530) des Peter Apian ist die erste Karte, die in der sogenaimten 
zweiten Stab-Wernerschen Projektion entworfen ist.') Breusing^ PescheP, 
Steinhäuser^", H. Wagner^^ u.a. haben diese Projektion mit Eecht als die erste 
fläehentreue bezeichnet. Sie ist zudem ein Zeugnis dafür, daß die damaligen Er- 
rungenschaften der mathematischen Projektiouslehre in die praktische Kartographie 
eindrangen. 

Die hauptsächlichste Verbreitung der Stab-\\erner>-chen cordifoimen Pro- 
jektionen geschah durch die Weltkarten 1531^^ 1586, 1566" des Orontius Finaeus, 
des bedeutendsten französischen Geographen des 16. Jahrhunderts, besonders durch 
dessen Nova et integra universahs orbis descriptio, die 1566 in ItaUen zum zweiten 
Male aufgelegt wurde. Die vmnatürliche Lage des Pols wurde bereits von den Zeit- 
genossen getadelt, immerhin errang die uns heute sehr unvollkommen erscheinende 
Methode vielen Beifall, wie sie denn auch von Vadian, Mercator, bemerkenswert 
ist dessen doppelherzförmige Karte v. J. 1588", und andern adoptiert wurde. Die 
Anwendung durch Mercator hat sicherlich noch mehr dazu beigetragen, die Stab- 



1 H. Wagner: Die dritte Weltkarte Peter Apians v. J. 1590 u. die Pseudo-Apianische 
Weltkarte von 1551. Nachr. v. d. K. Gies. d. Wiss. u. d. Georg-August-Universität zu Göttingen. 
1892, S. 553. 

2 A. E. Nordenskiöld: Facs.-A., T. XXXIIl. 

3 A. E. Kordenskiöld: Facs.-A., T. XXXVIII. 

•' Desgleichen die Karten von Joh. Honterus: Rudimenta cosmographica, 1546 (Facs.-A., 
T. XLIV); und von Hieronymo Girava: Dos libros de cosniograpliia, 1556 (Facs.-A., T. XLV). 

' Die Karte fand ich in der Nat.-Bi. zu Paris unter Nr. 1044. Mappemonde du XVIe sieclc 
par Vavassore. 

' Wenn die Entfernung zwischen Äquator imd Pol = s ist, und die Länge von 90° auf dem 
Äquator = l ist, dann ist l bei der I. Stabprojektion = 7i/2 s, bei der II. = s und bei der III. = 7iß s. 

' Dm einzige bis jetzt bekannte Exemplar befindet sich im Britischen Museum. — Vgl. auch 
Xordenskiölds Periplus, Taf. XXXXIV; des weitem über Peter Apian: H. Wagner (s. Anm. 2). 
— W. Wolkenhauer: Peter Apian, ein Erinnerimgsblatt zu seinem 400 jährigen Geburtstage 
(Rundschau f. Oeogr. u. Stat. 1895, S. 518-522). — Harrise: The discoveiy of North America, 
Paris 1892; dazu noch die eiaschlägigon Werke von Nordenskiöld und Gallois. 

' A. Breusing: Gerh. Kremer, gen. Mercator. Duisburg 1869, S. 45, 46. 

9 O. Peschel, a. a. O., S. 410, 411. 

'" A. Steinhauser: Stabius redivivus. Kettl. Z. f. wiss. Geogr. V. Wien 1884, S. 289. 

" H.Wagner: Lehrbuch, a. a. O., S. 200. 

12 Nordenskiöld: Facs.-A., S. 88ff. T. XLI. - M. d'Avezac: Coup d'oeil historique aur 
la protection des cartes de gfeographie. Bull, de la Soc. de g^ogr., Paris 186.3, V. S. 50. 

"Nordenskiöld: Facs.-A., S. 89. 

" Nordenskiöld: Facs.-A., T. XLIll. 



Zur ßesohirlitr d.r Kritik <I.m Kürt.iiprojrUtioii. 121 

WiTiiersclif Projektion zu verbreiten als die Karten des J^'inaeus. Die italienisdiei] 
Naclil)ildungen von Lafreri und Salamanca sind weiter nichts als gewöhnliche 
Plagiate.' An das Ajnanische Vorbild klingt auch die große Weltkarte in Herzfonu 
des Kaspar Yopellius an; sie erfreute sich großer allgemeiner Behebtheit.^ Eine 
merkwairdige türkische Karte, von einem gewissen Hadschi Achmed aus Tunis, hatte 
das Vorbild, wie Fiorini nachgewiesen hat, in den Karten des Finaeus. A. Stein- 
hauser, Gretschel, Wenz, Breusiug, H.Wagner u. a. haben in neuerer Zeit 
die herzförmigen Kartennetze wieder in Erinnerung gebracht. 

Die ovale Weltkarte des Peter Apian, die ,,Apianische Projektion", 
findet sich in Apiaus Liber cosmographicus. Diese Projektion mutet uns heute, 
da wir neue Projektionen in mehr oder weniger eUiptischer Form mit immer größerer 
Häufigkeit gebrauchen, gar nicht mehr so unmodern an -sne noch vor einem ilenschen- 
alter. Im IG. Jaiirhxmdert fand die elhptische Projektion viele Verehrer, so bei 
Bordone, Vadian, Münster, Cabot, Gastaldi. Sie verschwindet darauf, um 
nochmals eine kurze Auferstehung durch Lot t er (1783) zu feiern.' Meine Projektionen 
haben lieminiszeuzen an sie wach gerufen ."• 

In dem i. J. 1524 zum ersten Male erschienenen Cosmographicus über von 
Peter Apian, dessen verbesserte Auflage durch Gemma Phrj-sius (Frisius) vom 
Jahre 1539 mir aus der Universitätsbibhothek Bonn vorlag, ist die sogenannte 
Apianische Projektion viermal vertreten, für die Darstellung des Schemas der 
Parallelen, der Ivlimate, der Längen und Breiten auf Fo. VIU, IX, IX (Rückseite) 
imd X, Von letztern beiden ist die der Längenkreise (IX, Rückseite) am wichtigsten. 
Ehie PoUinie ist auf Apians Skizzen nicht zu bemerken. Die in ihrer Haupterstreckimg 
als Kreisbögen gezeichneten Meridiane verflachen sich allmählich nach dem Polpunkt 
zu, wo sie zusammenlaufen. V,'eim sie nach den Polpimkteu in eine gerade Linie über- 
zugehen scheinen, ist das nur ein Konstruktionsfehler. Apian hält kein richtiges 
Verhältnis zwischen Mittelmeridian und Äquator ein, das unter den vier Projektions- 
bildeni zwischen 5,5 cm (Mittelmeridian) zu 7,7 cm (Äquator) luid 8,9 zu 10,5 cm 
schwankt.^» Es spricht sich darin keine bewußte Festsetzung aus, wohl aber auf der 
Weltkarte von Bordone vom Jahre 1528, wo der Mittelmeridian, 18,6 cm, genau die 
Hälfte des Äquators, 37,2 cm, beträgt.* Deshalb will A. E. v. Nordenskiöld die 
Projektion nicht nach Apian, sondern Bordone genamit wissen, indem er hervorhelit, 
daß Apian die Projektion weder beschrieben noch zu ihrer Konstruktion Veranlassung 
gegeben habe.' Das erstere stimmt, das andere muß ich bezAveifeln. Ich nehme an, 
daß Nordenskiöld die Apianischen Skizzen nicht gesehen hat. Zweifellos hat das 
Werk Apians. das seinerzeit die größte Verbreitung und Beachtung fand, zur Pro- 



' M. Fiorini: Lc projczioni torfifoniü neUa cartografia. Ktill. Soc. Oimijji. Ital. IS89, II. 
S. 554-579. 

* Auf der Stliwcizorkarte dos Ägydius Tschudi litiüt es: ..die liorrlich Ufel der gaiuwii 
weit Vopely". 

' Vgl. M. Fiorini: Sopra tel siXK-iali projczioni meridiane c i Mapinnioiidi o^•ali dol .i.>tH>lo 
XVI., Roma, 1895. - (i. Wenz: Atlas zur Landkartcnentwiirfslelire. München 1885, Nr. 15. 

' H.Wagner: Lehrbuch a. a. O.. .S. 221. 

^ .\uf den Karten von C'oppo, (Jrynaüus. Uosell... (iastaldi ii. ii. enl.-.prochen » Hrtsitc« 
K'rade 10 Längengraden; Cabots Krdknite zeigt das VerhälUiis von ;i : 4. Vgl. M. Fiorini: Sopm 
tri- speciali projczioni moridianc etc. Alem. soc. gcogr. Ital. V. 189.'). S. 105 

" Nordenskiöld: Fnes ..\., T. XXXIX. 

' Nordenskiöld: Facs.-.V., S. 90. 



122 ''■''^ Kartoniietz. 

jektion Bordones angeregt. I)ie äußere l'orm und das allgemeine Koustruktions- 
priuzip kommt in den Apianschen Skizzen zum Ausdruck; Bordone hat dem 
Apianschen Entwurf lediglich den mathematischen Gehalt gegeben, was natürlich 
projektionstechnisch \on größter Wichtigkeit war. Immerhin glauben wir es recht- 
fertigen zu können, weim wir Wert darauf legen, weiter von ,,Apianischer Projektion" 
zu sprechen. Das ähnliche Verfahren wie bei Apian und Bordone nehmen wir bei 
spätem Karten wahr, wie bei Sim. Grynaeus 1532^, bei Joach. Vadianus 1534^ 
auf Weltkarten in Ptolomäusausgaben.^ Es schien mehr Geschmackssache zu sein, 
die Meridiane in die Pollinie in einem Winkel aufstoßend oder allmählich in die 
Pollinie übergehend, nach den Polpunkten zu sich verflüchtigend, zu zeichnen, d. h. 
zu interpoUeren ; und wurde von 80" (Bordone) oder auch 70" (Grynaeus) an die 
Bogenform geändert. Beide Verfahren werden gut verdeutlicht durch die Welt- 
karten der Ptolemäusausgabe, Venedig 1548'*, und im Theatrum orbis terrarum von 
Abr. Ortelius, Antwerpen 1570.'' Eine eigenartige Variante der Apianischen 
Karte fand ich auf einer Manuskriptkarte in Paris.* Die auf den Mittelmeridian im 
N- und S-Pol zusammenstoßenden kreisförmigen Meridiane hatten die gleiche Größe 
wie die das Weltbild begrenzenden Meridiane. Infolgedessen erreichen die zwischen 
den beiden innem Ganzmeridianen mit gleichem Eadius gezogenen Meridiane nicht 
mehr die Pole imd geben dem imiern Kartenbild ein schalenartiges Aussehen. 

Hatten die herzförmigen Projektionen den Projektionspol im Nordpol der Erde, 
zeigten die elUptischen Erdkarten zum ersten Male den Äquator für Weltkarten 
als orientierende Hauptlinie', und sie wurden zur ersten äquatorständigen oder 
A (]uatorialproj ektion . 

Juan Vespucci, der Neffe Amerigos, hatte auf seiner Weltkarte (1524) 
einen speichentreuen polständigen Entwurf gewählt.^ Mercator gebrauchte die 
gleiche Projektion auf seiner berühmten Weltkarte ad usum navigantium zur Dar- 
stellmig der Polargegenden bis 70" Breite imd dann später im Atlas bis 60" Breite. 
Und erst 1581 benutzte Postel dieselbe polständige Projektion auf der in Paris er- 
schienenen Karte: Polo aptata nova charta universi. 

So bescherte mis das 16. Jahrhimdert polständige und äquatorständige, 
speichentreue imd flächentreue Projektionen (Stab-Werner 1514, Mercator 
1554). Aber auch die rein perspektivischen Projektionen, deren Prinzipien 
nach dem glaubwürdigen Zeugnis des Bischofs Synesius schon auf Hipparch (180 
bis 125) zurückgehen", werden in diesem Zeitraum ausgebildet. Vor allem war es die 
sogenaimte stereographische, die winkeltreue Projektion, die als polständige Pro- 



' Xordenskiöld: Facs.-A., T. XLII. 

- Nordenskiöld: Facs.-A., S. 105. 

' Xordenskiöld: Facs.-A., T. XLIV. Ptolomäus-Aasg. Basel 1540. 

* Xordenskiöld: Facs.-A., T. XLV. 

» Xordenskiöld: Facs.-A., T. XLVJ. - Ein eigentümliche» Größenverhältnis von Mittel- 
lueridian zu Äquator herrscht auf der Weltkarte von Georgio Calapoda 1552 (Xordenskiöld: Peri- 
plus T. XXVI), worauf der Meridian 18, der Äquator 251/2 «n lang ist, also ein Verhältnis anstatt 
von I : 2 ein solches von 2 : 3 besteht. 

« In der NationalbibUothek zu Paris Xr. 927. Atlas ilalia, miheu du XVI" siecie. Ms. 

' H.Wagner: Lehrbuch a. a. O., S. 184. 

« Xordenskiöld: Periplu«, S. 1.53 u. T. XLVTT. 

'•' Vgl. V. Zachs Moii. Corresp. Xlf. 1805, ,S. 22. Hier auch noch ältere Lit. augegeben. 



Zur Geschichtr der Kritik der KMrteiiproifktion. 1'23 

jektion 1507 von dem Lothringer Kanonikus Walter Lud», von Iteisch 1512-, von 
P. Apian 1524^, als äquatorständige für die Ost- und Westerdhalbe von Gemma 
Frisius 1540* und als zwischenständige, auf den Horizont von Nürnberg bezogen, 
von Job. Stab, bzw. J.Werner 1514^ entworfen wurde, allerdings hegt hier Nürn- 
berg nicht im Zentrum der Karte. Der 10. Grad südlicher Breite ist Grenzkreis der 
Karte. In dem Werke Libellus de quatuor terrarum orbis in piano figurationibus 
ab eodem Joanne Yernero novissime compertis et enarratis, Nurenbergae 1514. 
vnrd also von Werner selbst die zwischenständige stereographische Projektion mit 
folgenden Worten empfohlen: ,,Talis profecto terrarum orbis figuratio, plurimum 
honestatis atque ingens omamentum viro adiiciet philosopho, si super ipsius mensae 
piano depicta fuerit. Nam epuhs atque mappa remotis huius intuitu descriptionis 
convivae svaviorem multo capient iocunditatem, quam si dulcoratis melhtisque pas- 
cantur bellariis atque praedulci quodam potarentur temeto." Dazu vergleiche man 
die Bemerkung des Bernhard Varenius in Geogi-aphia generalis, Amstelodami 
1650, L. III, cap. XXXII, prop. VI: ,, Tales mappas, in quibus locus datus medium 
mappae locum seu centrum occupat, amant ilh populi, qui vana opinione gaudent, 
suam regionem in medio totius Telluris sitam esse, ut Chinenses et olim Judaei." Damit 
beweist Varenius, daß er den Wert der Horizontalprojektionen nicht verstand, wie 
überhaupt ilim die ganze Projektionslehre fernlag. Zwischenständige winkeltreui- 
Projektionen, wie sie Werner bereits gezeichnet, aber mit dem Projektionszentrum 
auch im Mittelpmikt der Karte, scheint erst das 17. Jahrhundert konstruiert zu 
haben. Die erste derartige Karte fand ich als Nebenkarte mit dem Karten- und Pro- 
jektionsmittelpunkt Paris auf einer Übersichtskarte von 1610 in der Nationalbibüothek 
zu Paris.' 

Die stereographisehe Projektion erfreute sich größter Beliebtheit imd Ver- 
breitimg, insonderheit fih- die Darstellung der Ost- und Westhemisphäre. Erst in 
imsern Tagen verbleicht aUmählich ihre Anwendung für die Halbkugelbilder. Die 
Winkeltreue der stereographischen Projektion scheint zuerst Mercator erkannt 
zu haben; in der Legende auf einer 1587 zu Duisbm-g erschienenen Karte der öst- 
lichen und westhchen Halbkugel bemerkt er, daß in der stereograpliischen Projektion 
das Abbild dem Urbild in den kleinsten Teilen ähnlich ist. 

Die bedeutendste Förderung haben im 16. Jahrhmidert die sogenannten Zylinder- 
projektionen erfahren. Nachdem der Äquator zur Orientierungslinie der Neuen Welt 
erhoben war, war der Schritt zu einer quadratischen Platt karte der Welt 
nicht weit. Die Entwicklung dieser Karte weist uns bis ins 13. Jahrhundert zurück. 
Für größere umfassendere Landkomplexe wiu-de sie nach 1500 gebraucht. Paolo 
Toscanelli hatte 1474 eine Plattkarte für nautische Zwecke entworfen, auf der sich 
Parallele imd Meridiane rechtwinklig schnitten. Die Karte selbst ist verioreu ge- 



' d'Avczac, a. a. 0., S. 4St. 

- Nordenskiöld: Facs.-A , S. 92. 

» Nordenskiöld: Facs.-A., S. 0:t. 

* H.Wagner: Lihrbuch a. a. ü., S. 200. 

<■ Nordenskiöld: Facs.-A., S. 92. 

« Sobald es die Zeiten gestatten, hoffe ich meine «eiivi.Ue iSauinilimg alteni /.»is.hen- 
standiger Horizontalprojektioncn (Land und WaaserhalbkugcUi), die nur durch wenige mir borri(<* 
bekannte Karten a>is Pariser und Ijondonei Hibliotheken 7.n eriinn7en ist, als FaksiniileHntrk ».u 
verüffeutlichen. 



124 r);,s KMitrniutz. 

gangen; H. Wagner hat eine Eekonstruierung gegeben.^ Die erste quadratische 
Plattkarte der gesamten Erde ist schon vor Mercators großer Weltkarte gezeichnet 
worden, und zwar auf der etwas rohen Holzschnittkartc von Robert Thorne 1527.''^ 
Doch das war eine rara avis. Die nächste scheint sich erst um 1600 l)ei Arnoldi zu 
melden. In den verschiedensten Ptolemeen treten uns Plattkarten entgegen;^ imd 
im Hinblick auf ihren weitern Gebrauch kaim man sagen, daß die rechteckige Platt- 
kartü die Länderkarten beherrscht, soweit nicht der tra])ezförmige Entwurf von 
Nie. Germanus bevorzugt wurde. 

Die Projektion mit den konvergierenden geraden Meridianen oder die trapez- 
förmige Projektion (d'Avezac: projection trapeziforme) hatte zuerst Dominus 
Xicolaus Germanus auf Manuskriptkarten zum Ptolomäus angewandt. Ver- 
schiedene Exemplare davon fanden eine weite A'erbreitung. Vielleicht haben sie die 
Anregung gegeben zu den Karten in gleichem Entwurf auf der römischen Ptolemäus- 
ausgabe vom Jahre 1478. Unter dem Namen von Donis Nicolaus Germanus 
wurde 1482 zu Ulm eine Ptolemäusausgabe gedruckt, durch die die trapezförmige 
Projektion vor allem bekannt wurde. Der Atlas, der 32 Karten umfaßt, ist berühmt 
nicht bloß wegen der neuen Projektion, sondern auch wegen der ersten in Holzschnitt 
ausgeführten Ptolemäuskarten und wegen der fünf modernen Karten (Spanien, 
Frankreich, Skandinavien, Italien und Palästina), die den 27 alten Karten des Gl. 
Ptolemäus, bzw. Agathodämon, eines Jüngern Zeitgenossen des großen Alexan- 
driners, angefügt sind.* Diese Ausgabe des Ptolomäus hatte Veranlassung gegeben, 
von einer , .Projektion von Donis" zu sprechen, was jedoch mit IJiu-echt erfolgte, 
wie schon Nordenskiöld nachgewiesen hat.^ Die Projektion war außerordentlich 
beliebt und wurde viel angewandt, väe von A. Ortelius, G. Mercator u.a.; sie 
spielt in der Geschichte der Projektion eine ähnliche Rolle wie die annähernd hiuidert 
■Jiihre später aufgekommene Mercatoi-Sansonsche Projektion. 

49. Die vou Mercator augewandten Entwürfe. Das 15. und It;. -lahrhundert 
haben sowohl die alten Kartenentwürfe neu belebt wie neue hinzugeschaffen; die 
neuen sind jedoch vielfach nur Verbesserungen der zwei Ptolomäischen Entwürfe. 
Wohl keins dieser Netze war dem kritischen Auge Mercators entgangen. Jedes 
Netz probierte er aus und untersuchte es auf seine Verwendbarkeit für die Dar- 
stellung einzehier Länder oder ganzer Erdteile. Die Auswahl der Projektionen für 
die Größe des darzustellenden Gebietes maßgebend sein zu lassen, daran hatte vor 
Mercator niemand gedacht. Wir wandeln auch hier wieder auf den Spuren eines 
genialen Mannes. Vielen Entwürfen, deren Dasein halb in der Theorie, halb in klein- 
maßstabigen, kaum beachteten Karten schlummerte, hat er zu neuem Leben ver- 
holfen; und wenn er auch selbst kaum eine eigene Projektion erfunden hat, bleibt 
ihm deimoch sein Ruhm ungeschmälert, der erste wissenschaftüche Kartogra))h im 
Morgenrot einer neuen Zeit zu sein. 

Die alten Rechteckkarten gebrauchte Mercator in seinem Ptolemäus 1578, 



1 Vgl. H. Wagners Abhandhinfr i. 'I. Nai Iir. v. d. K. Ges. d. Wiss. zu Göttingen. Hist.i)liil. 
1894. 

■' Xordenskiöld: Facs-A., T. XLl. 

3 Xordenskiölds Facs.-Atlas enthält solche Karten auf T. XXVII, XXVIIi u. XXXVI, 

' Ein gutes Exemplar befindet sich z. B. in der Nürnberger Stadtbibliothek. 

' .Vordenski.ild: Facs.-A., S. 86. 



Zur rjestfliirhtr .l.-i- Kritik dfr K:irteni.r..ipkti..i.. 125 

im Atlas 1.59Ö und auf finzelut-n Karten. ^ Die trapezförmige Karte hatte er einer 
wesentlichen Verbesserung unterzogen. In der damals gebräuchlichsten Ausführung 
wurde der untere und obere Grenzparallel ,,abweitungstreu" unterteilt imd die ent- 
sprechenden Einteikmgspunkte durch gerade Linien miteinander verbunden. Die 
beiden abweitimgstreu unterteilten Parallele rückte Jlercator in die Mitte zwischen 
Mittelparallel und jedesmaligem Grenzparallel, wodurch das Gebiet, das von der 
richtigen Einteilung der Meridiane Nutzen hatte, d. h. weniger verzerrt wurde, an 
Raum gewann. Im Ptoleniäus erscheinen mit Ausnahme der Welt- und der siebenten 
Europakarte alle Karten in dieser verbesserten Projektion. Desgleichen zeigt eine 
Anzahl Karten im Atlas den gleichen Entwurf. 

Ein weiterer Schritt in der Projektionsanwendung war, das vorstehende Prinzip 
mit den zwei abweitimgstreuen Parallelen auf zwei kreisförmige Parallele zu über- 
tragen, deren Mittelpunkt der Pol ist. Die entsprechenden Einteilungspimkte wurden 
gleichfalls durch gerade Meridiane verbunden. Die meisten Länderkarten des Atla.s 
zeigen diesen Entwurf. Im Atlas minor 1607 und in einem kleinen Atlas von 1598^, 
der offenbar dem großen Merca torischen Atlas vereinfacht nachgebildet ist, gleich- 
sam als „Taschenatlas", finden wir den Entwarf auch auf den Kontinent Europa 
ausgedehnt, in der Ausgabe von 1598 dazu noch auf Asien. Das widerspricht in ge- 
wissem Sinne dem, was J. Müller-Eeinhard sagt, daß sich Mercator gehütet 
habe, die Projektion, die vorzugsweise für Einzelländer geeignet ist, auf die Erdteile 
zu übertragen.-'' Hat Mercator selbst den Atlas minor nicht mehr herausgegeben, 
so ist er zweifellos der Spiritus rector des Unternehmens, Vielleicht hat er auch Ein- 
fluß auf den Taschenatlas von 1.598 gehabt. Doch sind für diese Annahme die bisherigen 
Anhaltepimkte noch zu schwach. 

Schheßlich bleibt bei diesem Gedankengang noch übrig, die abweitungstreue 
Unterteilung sämtlicher Breitenkreise, ganz gleich ob diese kreisförmig oder gerad- 
linig gezeichnet werden. Die erstere Art kennen wir bereits in dem flächentreuen 
Netz von Stab-Werner, von Mercator 1538 auf der doppelherzförmigen Karte 
angewandt, später 1554 und 1572 auf der Großen Karte von Europa und auf den 
Karten Asien imd Afrika im Atlas. Die konzentrischen Breitenkreise verlaufen um 
den Polpunkt. Daneben gibt es Karten von ähnlicher Konstruktion, nur daß der 
Mittelpunkt der Parallelkreise nicht mehr im Polpunkt liegt, sondern auf der Ver- 
längening des mittlem Meridians über den Pol hinaus (s. § 55). 

Das Prinzip der abweitungstreuen Unterteilung sämtlicher Parallelen, übertragen 
auf gestreckte gerade Breitenkreise, findet sich zum ersten Male angewandt auf der 
Karte von Südamerika in der .Vusgabe des Atlas von 1606, auf der Karte von .\frika 
im Atlas minor 1607 und in der Ausgabe von 1609 zudem für Nord- \\m\ Südamerika. 
Später hat die Projektion eine weitgeiiende Anwendung für Einzelländer und Kon- 
tinente durch Sanson gefunden. 

Die speichentreue Abbildung mit dem Mittelpunkt im Nordpol findet sich auf 
einer Nebenkarte der Weltkarte von 1569 (bis 20" Polabstaiid) imd aiif der Nordpolnr- 



' H. Avordunk u. J. Müllcr-Ki'liilinrd: Gerhard Monator und dio Gtvgraplu'U unter 
Minen Nachkommen. Ergh. 182 zu P. .M. l'.tU, S. 142. .T. MüIUm • Hoiuhord bringt eine lir»uch- 
barc ZuHiimraen«tellung der von Mercator ungewandten Projektionen und den dar.u gehörigen 
Xnohweis hei den cinzehien Werken .\rercator». Dabei vermisse ieh den Hinwei« auf <len Atlns minor. 

- Diemm Atlas fnnd i<Ii in der Univcrxität«bibliothek 7ii .Amstenliini. 

' II. .\v.TdiiMk. iiiwl .1. Miill.-i Iteinluinl. n. a. »).. S. 14(1. 



J26 I^'i8 Kartennetz. 

karte im Atlas (bis 30" Polabstand). ^ Auf den Plauisphären von 1587 und im Atlas, 
hier auch auf der Karte von Amerika tritt vms die äquatorständige winkeltreue 
(stereographische) Projektion entgegen, desgleichen auf den Halbkugelbildem im 
Taschenatlas und im Atlas minor. 

Mercators Euhm knüpft sich besonders an die winkeltreue ZyUnderprojektion 
oder das Netz mit vergrößerten Breiten^ an, die er 1569 auf seiner berühmten Welt- 
karte anwandte; man nennt sie kurzweg die „Mercatorprojektion".* Meine seiner- 
zeit ausgesprochene Vermutung, daß die Projektion schon vor Mercator gebraucht 
wurde^, sollte nur allzubald bestätigt werden. A. Wolkenhauer, der sich um die 
Erforschung des Nürnbergers Etzlaub große Mühe gab, machte mich auf dessen 
Sonnenkompaß von 1511 im Germanischen Museum zu Nürnberg aufmerksam. Die 
auf den Holzdeckel eingravierte (eingeritzte) Karte erkarmte ich sofort als einen 
Entwurf mit vergrößerten Breiten, ganz im Sinne der Mercatorprojektion. Die Be- 
rechnungen dieses Netzes, wie das eines ähnlichen Sonnenkompasses von 1515, haben 
es mir zur Gewißheit gemacht, daß Mercator nicht der erste war, der die sogenannte 
Mercatorprojektion zum ersten Male anwandte. Aber sie zum ersten Male für die 
ganze damals bekannte Welt als Seekarte in verhältnismäßig großem Maßstab ent- 
worfen zu haben, ist sein imstreitiges Verdienst. Doch darüber mehr in dem Teil über 
die Seekarte. 

öO. Die Projektionen in der klassischen Zeit der ueueru Erdkunde. Wenig 
schöpferisch hinsichtüch neuer Projektionen war das ganze 17. Jahrhmidert. Erst 
im folgenden Jahrhundert ist es damit wieder besser geworden. 17. und 18. Jahr- 
himdert bilden jedoch Theorie und Kritik der früher gefundenen Projektionen weiter 
aus und bringen einzelne Projektionen zm- intensivem Anwendung, so daß vielfach 
die alten Erfinder der Entwürfe vergessen und die Namen der neuen Praktiker bzw. 
Theoretiker, wie Flamsteed, mit bereits gefundenen imd angewandten Projektionen 
verknüpft werden. 

Das 17. Jahrhundert hatte in der Hauptsache mehr damit zu tun, die neu ent- 
deckten und damit die sich rapid vermehrenden, sowie auch die allmählich sicherer 
bestimmten Ländergebiete in die neuen Entwürfe zu spannen als die Theorie dieser 
Entwürfe auszubilden. 

Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts wird die tiefere Erforschung über das 
Wesen der Übertragung von einer gekrümmten Fläche auf eine ebene oder eine 
andere krumme Fläche angebahnt. Die konischen (kegeUgen) und. stereographi- 
schen Projektionen werden in ausführUcher Weise ausgebildet und erklärt. J. N. 

1 Nordenskiöld: Facs.-A., S. 9.5. 

' Karte mit ,, vergrößerten Breiten" ist ein deutscher 8eeniannsausdruck und ist der Be- 
zeichnung Karte mit „wachsenden Breiten" vorzuziehen, womit das weniger treffende französische 
„carte r^duite" übersetzt wird. 

" Über Mercator vgl. in der Hauptsache die Monographie von A. Breusing: Gerhard 
Kremer, genannt Mercator, der deutsche Geograph. Zweite vennehrtc Ausgabe. Duisburg 1878. — 
Das Verebnen der Kugeloberfläche f. Gradnetzentwürfe. Leipzig 1892, S. 31. — Femer die aus- 
führliche Monographie mit zahlreichen literarischen Nachweisen von H. Averdunk u. J Müller- 
Reinhard, a. a. O. 

•• M.Eckert: Die Kartenproifktion, a. a. O., S. :{02, 30.3 u. 440, Anm. 



Zur Geschichte der Kritik der Kartenprojektion. 127 

Delislei, Murdoch-, Bonne', Albers* sind die hauptsächlichsten Vertreter der 
Kegelprojektionen; die vier gingen außer auf bekannten auch auf eignen Spuren, 
aber nur die beiden Franzosen gewannen durch ihre neuen Kegelprojektionen großem 
Einfluß auf die Folgezeit, wenn auch Albers glaubte, ,,sich mit Eecht schmeichehi 
zu können, das Problem einer womögüch vollkommenen Kegelprojektion zuerst be- 
friedigend gelöset zu haben". Späterhin haben sich unter andern C. Mollweide' 
imd M. Henry* mit der Theorie des Bonneschen Entwmfs befaßt. Um die Erklärung 
imd Anwendung der stereographischen Projektionen, insbesondere auch um die 
z^vischenständige oder die „stereographische Horizontalprojektion", wie sie 
damals bereits genannt wurde, erwarben sich Lacroix, Tobias Mayer der Ältere", 
Hase aus Wittenberg^ Kästner^, KlügeP" und Bode^i Verdienste. Eine rein 
analytische Darstellung der Projektion nach hohem mathematischen Prinzipien hat 
ebenfalls Mo 11 weide gegeben. '- 

Die tatsächhche Erforschung des Wesens der Übertragung von gekrümmten 
Flächen auf die Ebene gelang jedoch erst den genialen Mathematikern J. H. Lamliert 
(1728—1777), L. Euler^' und T. L. de Lagrange." Wenn Euler. und auf ihn ge- 



' Die Projektion auf den .Schnittkegel von J. X. Delisle = de l'lsle (tl76tt) wurde 1745 
zuerst angewandt. Sein älterer Bruder G. Delisle {tl726) hat sich namentlich um den Kartoninhalt 
verdient gemacht. Vgl. Chr. Sandler; Die Reformation der Kartographie \un 1700. München und 
Berlin 1905. S. Uff. 

- P. Murdoch: Mercators saihng appUed to the true figme of the earth, with an intro- 
duction concenüng the discovcrj- and determination of that ligure, London 1741. — Dens.: „On 
the best form for geographical maps" in den „Ptiil. Transactions"' 1751. — Theorie und Kritik von 
drei Murdoch sehen Kegelprojektionen gibt H. C. Albers in der Monatheb. Correspondenz zu Be- 
förderg. der Erd- und Himmelskunde, hg. von F. v. Zach, XI. Ck.tha 1805, S. 97-114, 240-250. 

' Rigobert Bonne brachte 1752 die nach ihm benannte Projektion; vgl. dessen Atlas 
maritime ou cartes reduites de toutes les cötes de France, Paris s. a. 

* H. C. Albers: Beschreibung einer neuen Kcgelprojektion Monatl. Corresp. v. Zach. XII. 
Gotha 1805, S. 450-459. 

^ C. Molhveide: Beweis, daß die Bonnesche Entwurfsart die Länder ihrem Flttcheninlialte 
auf der Kugelfläche gemäß darstellt. Monatl. Corresp. v. Zach. XIII. Gotha 1806, S. 144-152. 

' M. Henry: Memoire sur la projection des cartes geographiques. adopt^ au dejwt peneral 
de la guerre. Paris 1810. 

" Vgl. auch Chr. Sandler: Die Homännischen Erben. Kettlers Z. f. »is,«. Gcogr. VII. 
Weimar 1890, t?. 444 ff. 

' .1. M. Hase hatte die Aufgabe, „die Karten, welche für die Homannsche Offizin neu g« ■ 
zeichnet werden sollten, nach der stereographischen Projektion einzurichten imd die zuverlässigen 
.Angaben über Länge und Breite gewis.ser Orte innerhalb der Karte zu verwerten". Vgl. ,S. Rugr: 
.\bhandlgn. u. Vorträge zur Gesch. d. Erdkunde. Dresden 1888, S. 121. 

» A. G. Kästner in seinen Dissertationibus niathemat. et phys. Altonburg 1771, S. ,S8ff. 
"• G. S. Klügeis Programm (Halle 1788) enthält eine „Geometrische Entwicklung der Eigen- 
schaften der stereographischen Projektion". 

'^ J. E. Bodo: Beschreibung und Gebrauch einer auf den Horizont von Berlin entworfenen 
neuen VVeltcliartc in zween Hemisphären. Berlin u. Stettin 178.3. 

'- C. Mollweide: Aualyt. Theorie der stereograph. Projektion. Monatl. Corresp. v. Zach. 
XIV. Gotha 1806, S. 427 --437, 528 .539. 

" L. Eulers Drei .Vbhandhuigen über Kartenprojektion (1777) sind in guter deutscher Vhcr 
sitzmig mit Anmerkungen v. .V. Wange rin in Ostwalds Klassikern der e\akton WisdonHchaften 
erschienen, Xr. 93. 

'♦ .1. L. de Lagrange: Sur la constnution de.s larte» g»t)gniplü<iue». Berlin. .Vcad. .Mem. 
1779. - Vgl. auch Lagrange imd Gauß, Abhandlungen über Kartenprojektion (177«n. 1822). Hrmm 
.'Ci;rlH>n von A Wantfciin. In (»-.Iwalds Kla.^sik.Tn. .Nr. .V.. 



128 ^"^ Kartennetz. 

stützt Lagrange, auch verschiedene Regehi für die Kartenprojektionen aufstellten 
und bereits Verzerrungsformebi der Projektionen fanden, wenn ihre Ausführungen 
sich auch durch die gi-ößere Eleganz in den analytischen Entwicklungen als die Arbeiten 
Lamberts auszeichnen, so sind ihre Abhandlungen doch mehr für den Mathematiker 
als den Geographen wichtig. Nur die dritte der berühmten Abhandlungen von Euler: 
,,De projectione geographica De Lishana in mappa generali imperii russici usitata" 
hat für den Geographen Interesse. Für den Geographen und Kartographen sind von 
weit größerer Bedeutung die Arbeiten von Lambert. Die Ausführungen Lamberts 
sind in dessen Beiträgen zum Gebrauche der Mathematik und deren Anwendung^ 
niedergelegt; der dritte Teil der Beiträge enthält den für uns wichtigen Abschnitt: 
Anmerkungen und Zusätze zur Entwerfung der Land- und Himmels- 
charten (1772). 2 Hatte Mercator das Wesen der Winkeltreue bereits erkannt, so 
erhält sie, die ,, Konformität", durch Lambert erst den mathematischen Ausdruck; 
nicht minder hat er die Flächentreue, die „Äquivalenz", klar gelegt. Lambert schuf 
uns die flächentreue azimutale, die flächentreue Kegelprojektion, die flächentreue 
äquatorständige Zyhnderprojektiou, die winkeltreue kegehge und eine winkeltreue 
zylindrische äquatorständige Projektion, letztere für meridional ausgedehnte Länder, 
wie Gesamt-Amerika.3 

Bei all den kritischen Erwägungen ging die Kartentechnik nicht leer aus. Die 
Kegelprojektionen finden durch J. N. Delisle und Bonne Aufnahme in die Atlas- 
karten', die von Delisle allerdings weit seltener als die von Bonne. Das Gradnetz, 
das in den Zeiten von Mercator, Sanson bis Homann noch vielfach unvollkommen 
auf den Karten erschien — wiurden doch gewöhnHch nur die Parallele, weniger die- 
höchstens am Rand angedeuteten Meridiane ausgezogen — , wird jetzt ein sicherer, 
unvergänglicher Bestandteil des Kartenbildes. Mustergültig war darin G. Delisle 
vorangegangen. Nur bei Karten kleinerer Gebiete unterließ er, das Gradnetz auszu- 
ziehen.^ Joh. Tob. Mayer der -Jüngere* und KlügeP machen darauf aufmerk- 
.sam, daß unbeschadet der Richtigkeit der geographischen Karten die elhpsoidische 
Gestalt der Erde vom Kartenzeichner vernachlässigt werden kann. Trotz der sichern 
Gradnetze ermangeln noch die Maßstabbezeichnungen, die ganz vereinzelt auftreten, 

1 In 4Bdn. oder Teilen Berlin 1765-1772. 

-' Diese Anmerkungen sind erfreulicherweise auch im Neudruck wieder herausgegeben von 
A. Wangerin in Ostwalds Klassikern, Nr. 54. 

•■' Vgl. Tissot- Hammer: Die Netzentwürfe geographischer Karten. Stuttgart 1887, S. 73, 
82, 90, 130, 141. - Nach S. Günther (Geschichte der Erdkunde. Leipzig u. Wien 1904, S. 190) 
begegnet man der winkeltreuen zylindrischen äquatoratändigen Projektion Lamberts in selbst- 
ständiger Bearbeitiuig auch bei Cagnoli: DeUa piii caatta costruzione delle carte geografiche, 1799. 

' H. Wagner: Lehrbuch a. a. O., S. 200. 

■■ Chr. Sandler, a. a. O., S. 19. 

' J. T. Mayer: Gründlicher und ausführUcher Unterricht zur praktischen Geometrie. Teil 4 
enthält die vollständige und gründliche Anweisung zur Verzeichnung der Land-, See- und Himmels- 
diarten. Erlangen 1794. In der zweiten verbesserten und vermehrten Aufl., Erlangen 1804, S. 30, 
124 [Bonner Univ.-Bibl.]. Vgl. ferner Kästners Abhandlung: Fasciarum, q^uibus globi obducimtur, 
ex conis sphaerae circumscriptis, coastructio, in den Götting. Commentatt. auf das Jahr 1778, — 
der auch Mayer gefolgt ist. — In dem gleichen Bande der Götting. Commentatt. findet sich noch eine 
andere Abhandlung über denselben Gegenstand von Lo^\•itz: De figura et divisione segmentorum, 
quibus magni globi coelestes et terrestres obducimtur. 

' G. S. Kluge 1 bespricht im Archiv der reinen und angewandten Mathematik von C. Fr. 
Hindenburg I. Leipzig 1795, S. 236ff., II. Leipzig 1798, R. 105ff. das Werk von J. T. Mayer ini.l 
entwickelt dabei über dieselben Entwiufspiolileme eine Keihe eiuner Gedanken. 



Zur Geschichte der Kritik der Kartenprojektion. 129 

wenn wir von dem Meilenmaßstab absehen, der jedoch nur auf den wahren Grad der 
Verkleinerung schließen läßt. Der Meilenmaßstab herrscht bis Ende des 18. Jahr- 
hunderts. Auf der Mercatorkarte versch-windet der Maßstab begreifhcherweise, 
weil er mit den Breiten ständig wechselt, und in den Breitenminuten waren die je- 
weiUgen Maßstäbe von selbst gegeben. Wie man auf ihnen Distanzmessungen vor- 
nimmt, zeigte N. Bellin.^ Daß man bei all der Ausbildung und Einfühnmg neuer 
Projektionen im 18. Jahrhimdert nicht die Bedeutung der Mercatorprojektion vergaß, 
bezeugen die Aussprüche von Bouguer: „Les cartes reduites sont une des plus 
heiles inventions de l'esprit himiain"^ und von Lalande: „Les cartes reduites sont 
les plus utiles, qu'il y ait ; on peut en regarder Tinvention comme une des decouvertes 
importantes du 16. siecle."^ Das sind herrUche Urteile über Mercator, erklärUch 
teils aus dem Anwendungsbereich der Seekarte, teils aus den Zeitverhältnissen hin- 
sichtUch des Besitzes an brauchbaren umfassendem Projektionen, deim damals 
kannte man kaum em brauchbares Netz für die Gesamtdarstellung des Erdbildes, 
deshalb das letzte Aufflackern des Apianischen Weltbildes durch Homann und 
Lotter. 

51. Die moderne Kartennetzreform. Verzerrun?sgesetz. Indikatrix. Die Wurzebi 
der modernen Kartenprojektionsreform hegen im 18. Jahrhundert, doch erst in 
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhalten diese Wurzeln Lebenskraft und 
treiben imd wachsen. Kurz nach der Mitte des vergangenen Jahrhimderts widmet 
Germain* den Veränderimgen der Größenverhältnisse in den verschiedensten Ent- 
wurfsarten seine Aufmerksamkeit, indem er die von der Mitte des Entwurfs nach 
dem Umfang fortschreitenden Änderangen der Linien-, Flächen- und Winkelverhält- 
nisse hervorhebt, um damit einen Wertmesser für- die Brauchbarkeit der verschiedenen 
Entwurfsarten zu gewinnen. Was er wollte, ist ihm nicht ganz gelungen. Einem andern 
Franzosen, A. Tissot, blieb es vorbehalten, durch die Anwendung emer neuen Art 
von Analyse, des sogenannten Verzerrungsgesetzes, den Weg zu zeigen, der zur 
mathematisch besten Projektion führt. Durch seine Untersuchungen, die in dem 
Memoire sur la representation des surfaces et les projections des cartes geographiques. 
Paris 1881, einen zusammenfassenden Abschluß fanden, hat Tissot der gesamten 
Projekt ionslehre eine neue Basis geschaffen. Daß der Geograph aber noch andere 
Fordenmgen als rein mathematische an den Kartenentwurf stellt, soll später noch 
erörtert werden. Soviel steht aber fest, daß mit Tissot eme neue Epoche der Kritik 
imd des Studiums der Projektionslehre beginnt. Von Tissot hat uns E. Hammer 
eine vorzügliche deutsche tlbersetzimg und Bearbeitung gegeben in den Xotz- 
entwürfen geographischer Karten, Stuttgart 1887. Schon vor Hammer und gleich- 



' X. Beilin: Essay d'une cart« röduit« contenant les parties eomiuos du globo torrostro. 
A la Haye chez Pierre de Hondt. 1750. (W. Wolkenhauer: Leitfaden zur Gösch, der Kartograplüe. 
Breslau 1895, S. 54.) 

* V. Bouguer: Xouveau traitd de la navigation. Paris 1753, S. 120. 

^ J..J. Lalande: L' Astronomie. Paris 1792, §4070. (A. Breu.sing: Verebnen der Kugcl- 
oherfläche. Leipzig 1892, S. .Sl.) 

' V. Germain: Traiti- des projections des cartes gi^ographiques, representation plane de la 
sphöre et du sph^roide. Paris 1866. - An Germain lehnt sich H. Gretschels L<-hrbuch der Karten- 
projektion, Weimar 1873, an. .Auoh mancherlei geschichtlU he Notizen, wenn auch nicht fn>i v.m 
Irrtümern, finden sich bei Grotschel. 

Eckert, K*ruowtu*Dtcbaft. 1. > 



]H0 Hii" K:irt('imetz. 

zeitig mit ihm siiclion Züi)])iit /,' und Herz- in dio Ycizeiiuiigsxcrhältnisse gewisser 
Projektionen auf Tissotschor Chundlage einzuführen. Vor ihnen ist noch der treff- 
hche riorini zu nennen.* Doch hat E. Hammer entschieden das größte Verdienst, 
uns die Tissotsclie (ledankenwelt am nächsten gebracht zu haben. Gewiß möchte 
in Deutschland jetzt wohl schwerHch ein anderer zu finden sein, der mehr als Hammer 
auf dem Gebiete der Projektionslehre zu Hause sei.* Auch A. Bludau steht in seinen 
kartentheoretischen Untersuchungen wesentlich auf den Schultern Hammers. 

Tissot, der, zunächst an Gauß sich anlehnend, sodann aber durch eigene, 
selbständige Gedank<'narbeit zu seinen Keformen der Kartenprojektionslehre gelangt 
ist, hat gleichwohl einen Vorläufer in dem deutschen Mathematiker Lambert, 
i-'riscliauf hat den Nachweis erbracht, daß sich Lambert rmd Tissot. zwei um 
ein volles Jahrhundert auseinander stehende Forscher, unbewußt in vielen Pimkten 
zusammengefunden haben.^ ,.Was damals der Deutsche Lambert an neuem wissen- 
schaftlichen Material den Mathematikern und Geographen aller Nationen dargeboten 
hat, das ist für den Teil von Frankreich jetzt von Tissot mit reichen Zinsen zurück- 
gezahlt worden." Dies ^Yort von Zöppritz, dem auch E.Hammer beistimmt, 
mag für die Mathematiker voll und ganz stimmen, nicht aber für die Geographen; 
imd so werden auch Breusings Worte erklärlich: ,,Es hätte der Formebi Tissots 
nicht bedurft, um zu erkennen, daß die nach ihren Urhebern Fournier, La Hire, 
Parent, Miirdoch, Braun u. a. benannten zwecklos und damit wertlos sind." 
Lambert hat den Geographen praktischere Werte als Tissot geschaffen. Gleichwohl 
ist nicht zu verkennen, daß wir erst durch Tissot Lambert wieder zu würdigen 
beginnen: mid vollends hat Hammer durch seine „geographisch wichtigsten Karten- 
projektionen" die Bedeutung Tissots wie Lamberts in unvergängliches Licht gerückt. 
Lambert herrscht inmitten der gegenwärtigen kartographischen Eeform. 

Man kann wohl sagen, daß wir erst einen Tissot haben mußten, um einen 
Lambert vollkommen zu würdigen. Es wäre nicht das erste Mal, wie Welt- und 
Kulturgeschichte, ja die ganze Geschichte der Wissenschaften erweist, daß ein guter 
Gedanke erst nach hundert Jahren zur Ernte reif wird. Dringen wir indes in die ver- 
borgenen Tiefen der Entwicklung der geographischen Wissenschaft ein, so werden 
wir hier und da Stellen entdecken, die zeigen, daß Lambert auch bei seinen Zeit- 
genossen, die von tieferm geographischem Interesse erfüllt waren, nicht spurlos vor- 
übergegangen ist. Tob. Mayer d. J.^, späterhin Eeichard und andere hatten die 
Zweckmäßigkeit der Lanibertschen flächentreuen Projektionen hervorgehoben. 
J. E. Bode zeichnete eine ,, Weltkarte" in Lamberts flächentreuer Azimutal- 
projektion. '^ Nachdem er den Vorzug der Lanibertschen Entwurfsart gegenüber 



1 So in der Zeitschrift d. Gtes. f. Erdkde. Berlin 1884, 19. Bd., S. I; ferner in der Zeitsohr. 
■für Venness., 1884, S. 293; und vor allem in dem Leitfaden der Kartenentwurfslehrc, Leipzig 1884. 
- X. Herz: Die Landkartenprojektionen. Leipzig 1885. 

'■' M. Fiorini: Le projezioni delle carte geografiche. Bologna 1881. Wohl eines der besten 
imd ausführlichsten Kartenprojektionswerke. 

* In ähnlicher Weise äußert sieh auch H. Wagner im Vorwort zum XVII. Jahrgang des 
Geographischen Jalirbuches. 

* .J. Frischauf: Beiträge zur Geschichte und Konstruktion der Kartenprojektionen. Graz 
1891. Die Beiträge sind insonderheit den Manen Johann Heinrich Lamberts gewidmet. 

* J. T.Mayer: Gitindlichcr u. ausf. Unt., a. a. O., S. 20. 

' Als Beilage zu G. E. Bodes Anleitung zur allgemeinen Kenntnis der Erdkugel. 1. Aufl. 
Berlin i78fi; 2. durchgchends verbesserte u. vemiehrte Aufl., Berlin 18015. 



Zur Gescliichte der Kritik il<i KartPiiproji-ktiou. 131 

den orthographisclion und stereogra))hisehen Projektionen für Hemisphären klar- 
gelegt hat, fährt er fort: „Und dann trifft daljey die sehr erhebliche und vorteilhafte 
Bedingung ein: daß alle Länder dem Eaum nach, eine ihrer wahren Größe pro- 
portionierte Größe in der Zeichnung behalten, wenn auch ihre Gestalt nach den Seiten 
hin etwas verzogen wird.''^ Im allgemeinen jedoch seheinen diese Erkenntnisse in 
der Folgezeit verloren gegangen zu sein. Nur da und dort glimmt in den mathematischen 
und geographischen Lehrljüchern ein Lanibertscher Gedanke fort, wie bei Kries- 
und Littrow.3 pjp meisten hierhergehörigen, selbst berühmtem liehrbücher^ in der 
ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, geschweige denn die Kartenwerke jener 
Zeit, kennen Lambert nicht. Der Grimd liegt gewiß in der mühsamen und umständ- 
lichen Bestimmung der Parallelkurven, und hätte uns Hammer nicht die Tafeln 
zur Verwandlung von geographischen Koordinaten in azimutale gegeben, es würde 
heute noch die Anwendung der Laniliert sehen flächentreuen Azimutalprojektion 
sehr beschränkt sein. 

Die Seele des Verzerrungsgesetzes von Tissot ist die Judikat rix, „une sorte 
d'indicatrice", das Verhältnis der großen zur kleinen Achse der Verzerrungsellipse 
oder Deformationsellipse, durch das das ^faximum und Minimum jeder Längen- 
veränderiuig auf den verschiedenen Kartenpunkten ausgedrückt wird. Zöppritz, 
Hammer, Bludau und Haentzschel* haben den Begriff der Indikatrix anschaulieh 
entwickelt. Für tlächentreue Projektionen hat Bludau die gleichen Verzerrungs- 
linien, die ,,Äquideformaten", wie sie S. Günther zuerst genannt hat, und die Lage 
der Indikatrixachsen bestimmt und gezeichnet.« Der Niederländer Schols zeichnete 
die ersten Aquideformaten, und für flächentreue Entwürfe der ganzen Erde iiat 
W. Behrmann eine größere Anzahl Äquideformatenbilder gegeben." 

.)2. Eiufiiiü der neuen Lehren auf das Karteubild. Dem k. und k. Militär- 
geographischen Institut zu Wien gebührt ohne Zweifel der Ruhm, die Tissotschen 
Untersuchungen über die Verzerrimg zuerst durch H. Hartl praktisch gewiü-digt 
und erprobt zu haben; denn Hartl hatte sich die Aufgabe gestellt, die Verzerrungen 
zu ermitteln, die entstehen, wenn bei einem Entwiufe einer Karte der österreichischen 
Monarchie eine oder die andere der gebräuchlichen Projektionen, niinilieii Bonne. 
Cassini, Gradkartensystem und Tissot, zur Anwendung kommt.'* 

' .J. E. Bodc, a. a. ()., S. S24. 

- Fr. Kries: Lehrbuch der mathematischen Geogra|)hie. Leip/ji; 1814. .S. itüt. 

•' J. tl. Littrow: Chorographie oder Anleitung, alle Arten von I.AnH-. 8oe- und Himmels- 
karten zu verfertigen. Wien 18.33,' S. 7. 

' Wie z. B. die .'VnfanfSSgründe der mathematisehen Geograiihie von H. .'^tudt-I. Hcn\, Cliiu 
u. Leipzig ISSfi. 

^ E. Haent/.sciiel: Oas Erdsphiimid u. seine .Abbildung. Leiiwig 190,3. S.80. Haentzsi-hel ist 
mit Recht gegen die bloße Bezeichnung „Indikatri.x", die einen fal.schen Kindruck erwivkt, da Tissot 
ganz korrekt „une aorte d'indicatrice" schreibt, worunter er eine „indicatrice de dt^formation ou l'alt^- 
ration" versteht. Mit der Bezeichnung „VerzerrungBellipse" kommt die Kartographie vollständig aus. 

• Die hierhcrgcliörigen .\ufsiitze und Skizzen von A. Bludau licfinden sich in der Zt.schr. 
d. Ges. f. Erdkde. zu Berlin: 1S9(), Bd. 25, S. 2«:«; 1801, Bd. 2«. S. 14.1; 1802. Bd. 27, .S. 221 : sowie 
in P. M. 1802, S, 214. 

' W. Behrmann: Zur Kritik der fliiclientrouen Projektionen der ganzen Erde mid einer 
Halbkugel. Sitzgsber. der K. Bayer. .\k. der Wissenschaften. >!ath.phys. Kl. München lOnO. 

» H. Hartl: Die Projektionen der wichtigsten vom k. k. fVneralquftrtiermeisteretÄlx- und 
vom k. k. .ADIitiir.-geogr. Inst. herausgegeluMien Kar'enwerke. In den Mitt. des k. k. Militargixigr. 
Inst. Willi 1886, B.I. VI, ,S. I2()ff. 

9* 



132 ßas Kavtennetz. 

Verhielten sich damals die weitem kartographischen Kreise zunächst noch al)- 
lehnend gegen die Tissotschen Neuerungen, so währte es doch erfreulicherweise nur 
kurze Zeit, bis das Gute dieser neuen Auffassung sich mit Macht Bahn bracli. Deutsche 
Theoretiker, wie Zöppritz, Hammer, Bludau u. a., befaßten sich mit der Wahl 
der Projelitionen für die Landkarten der Hand- und Schulatlanten imd erhärteten 
auch an praktischen Beispielen die neue Theorie.^ Vor allem hielt um die Wende des 
neuen Jahrhimderts die flächentreue Azimutalprojektion von Lambert ihren Sieges- 
einzug in die Schulatlanten; er wurde hauptsächlich durch den Mittelschulatlas von 
Lüddecke eröffnet. Die gleiche Projektion für die Hemisphäre änderte E. Hammer, 
durch die Projektion von Aitow angeregt^, ab luid erweiterte sie zu einer flächentrouen 
Projektion für die Holosphäre*; als ,,Hammersche Projektion" fand und findet sie, 
l)e.sonders durch eine größere Einzelausgabe in 1 : 30000000 durch Bludau gefördert^, 
gebührende Anwendung in Einzeluntersuchungen und umfassenden geographischen 
Werken. 

Die neuen Lehren dei- Projektionstheorie den Entwürfen der Handatlaskarten 
zugängUch gemacht zu haben, ist das große Verdienst von E. Debes.* Er wandte 
neben den altern Projektionen, wie der Delisleschen und Bonneschen Projektion, 
besonders die Lambert-Gaußsche konforme Kegelprojektion an, fernerhin speichen- 
treue Entwüi-fe, bzw. mittabstandstreue Entwüi'fe mit verschieden gewählten Pro- 
jektionspolpunkten und Breusings vermittehiden azimutalen Entwurf. Diese Pro- 
jektionen waren l)isher in den Atlanten so gut wie nicht vertreten, und die alten, 
bisher nicht gepflegten Kartennetze komiten hinsichtlich der Wiedergabe des Karten- 
bildes, d. h. eines naturähnUchem Bildes mit den neuen Entwürfen nicht wetteifern. 
Daß A. Bludau bei der neuen Herausgabe des Handatlasses von Sohr-Berghaus 
die neuen Errungenschaften der Projektionslehre berücksichtigen würde, ist ohne 



' Die diesbezüglichen Aufsätze befinden sieh hauptsaehlicli in der Zeitsclir. der Ges. f. Erdkde. 
zu Berlin und in Pet. Geograph. Mitt. Neben dem Werke von B. Hammer „Über die geographisch 
wiehtigsten Kartenprojektionen" kommt besonders der Abschnitt über „die Auswahl der Projektion 
von geringster Verzerrung"' in K. Zöppritz" „Ix>itfaden der Kartenentwurfslehre", Leipzig 1884, 
S. 10.5ff. in Betracht, sowie Zöppritz' Aufsatz: „Die Wahl der Projektionen für Atlanten und 
Handkarten" in der Zeitschr. d. Ges. f. Erdkde. zu Bedin, 1884, Bd. 19, S. Iff. - Eine gute und 
allgemein verständlich gehaltene Erörterung der Envägungcn, die bei der Wahl des Netzentwiu'fes 
für eine bestimmte Karte in Betracht kommen können, bietet A. Bludau in der G. Z. 1. Jahrg. 1895, 
S. 497 ff.: „Über die Wahl der Projektionen für Landkarten der Hand- imd Schulatlanten". - 
Mancherlei Anregung gibt auch eine von anderm Standpimkt als die vorhergehenden Aufsätze auf- 
gefaßte Erörterung von H. Struve: ,, Landkarten, ihre Herstellung und Fehlergrenzen"; Berlin 
1887 (Konderabdruck aus dem „Archiv für Post und Telegraphie"). — Vgl. auch C. Vogel über die 
Wahl der Projektion „Aas allen Weltteilen", .Jahrg. 12, S. 144. 

- Die Planisphäre von M. D. Aitow i. Nouv. G(-ogr. 1892, S. 89. 

' E. Hammer: Über die Planisphäre von Aitow und verwandte Entwürte, insbesondere 
neue flächentreue ähnlicher Art. P. M. 1892, S. 8.5-87. 

* Die von Bludau herausgegebene „Umrißkarte in flächentreuer Planisphäre" nimmt keinen 
Bezug auf Hammer, weshalb der Irrtum verbreitet wurde, als habe Bludau auf anderm Wege wie 
Hammer eine gleiche selbständige Projektion gefunden. So führe auch ich in meiner Untersuchung 
„Neue Entwürfe für Erdkarten" (Pet. Mitt. 1901), S. 97) noch Bludau neben Hammer an als einen, 
der eine besondere Projektion gefunden liat. Bludau erkennt aber vollständig die Priorität Hammers 
an und ist, wie er mir seinerzeit brieflich mitteilte, der Meinimg, die bewußte Piojektion nui' 
„Hammersche Projektion" zu nennen. Freilich hätte er diesem Gedanken nuch .mf der- von ihm 
heran.sgcgebenen Umrißkarte öffentlichen Ausdruck verleihen müssen. 

•' Neuer Handatlas I. Aufl. Ix^ipzig 189.5. 4. Aufl. J^ipzig 19ir!. 



Namen und Systcuir di r Frujektionen. | 33 

weiteres erklärlich.^ In neiieni Atlanten dürften auch die zwischenständigen zylin- 
drischen Projektionen, auf die neben andern insbesondere O.Winkel hingewiesen 
luit^, Berücksichtigung finden. 

Überblicken wir die praktischen Resultate, die sich gegenwärtig allenthalben 
in der Kartographie bekunden, so haben wir den besten Beweis dafür, ilali nicht bloß 
in der Theorie, sondern auch in der Praxis die neuzeitliche kartographische Reformation 
angebrochen ist. 

Die Theorie hat auch hier der Praxis den Weg gebahnt ; auch hier zeigt sich 's 
wieder, daß die mächtigen Impulse für das fortschritthche kartogra])hische Schaffen 
weniger aus der Praxis selbst erwachsen als vielmehr aus dem gelehrten Nachdenken 
und Forschen. 



II. Namen und Systeme der Projektionen. 

53. Die kritische Geschichte der Theorie um! Auwenihiii^ der Projektionen im all- 
!!;etueinen. Die kritische Geschichte der Theorie vmd Anwendung der Projektionen 
ist einer der interessantesten Abschnitte in der Ge.schichte der Wissenschaften, dessen 
vollkommene, entwickehide und abgerundete Darstellimg uns heute immer noch er- 
mangelt, obwohl d'Avezac schon vor einem halben Jahrhundert einen ersten Anlauf 
dazu nahm und trotzdem schon Breusing den Wunsch danach Fiorini gegenüber 
zum Ausdruck brachte und Fioiini uns auch einen modernen gelungenen Versuch 
dargeboten hat. Stein auf Stein dazu ist genugsam zusammengekarrt, nur der Bau- 
herr fehlt noch.' Einer der ersten, der an die Kritik der Theorie und Anwendung der 
Entwürfe, soweit sie bekannt waren, heranschritt, war J. J. Littrow. Von ihm hören 
\vir, daß man den perspektivischen Projektionen früher allzuviel Wert beigelegt habe. 
was er mathematisch und mit der Anwendung verschiedener Maßstäbe auf ein mid 
demselben Kartenblatt begründet.'' Heute ist die Sache nicht mein- so schwierig wie 
vor zwanzig und mehr Jahren. Alsdann dürfte auch die Nouuaiklatur der Projektionen 
noch gewinnen; denn in dieser Beziehung herrscht eine Zerfahrenheit, wie sie kaum 
in eüiem andern Zweige der Geographie wiederkehrt. Die maßgebende Fachsi)rache 
für die Entwürfe festzulegen wäre am Ende eine dankbarere, zum mindesten aber 
eine ebenso wichtige Aufgabe eines internationalen (ieographenkongresses als die 
Behandkmg einer Frage nach einer Erdkarte im Maßstäbe 1 : lOOOOOtl, die auch nach 
ihrer Vollendung immer noch ein mehr oder weniger erfreulicher Torso bleiben wird. 
wenigstens bei der jetzigen Oberleitung des Unternehmens und nach !''.insieiitnainne der 
bis jetzt vorliegenden Blätter. Merkw ürdigerweise hat auch der Deutsche (ieogmphen- 



' In der Xc-uaiiflagc zu K. Zöpprit/,' LoitftKliMi dt-r KatUMUMitwurfslchiv. Lcij>zig 1899, gibt 
A. Bludau am ScbliiB der Behandlung der einzelnen Pinjektionen zalilmehe .\ng»ben über die 
Vei-wonduiig der genamten Projektion in deut«ehen Hand- und Sobulatlnnten. 

° O.Winkel: Flächentreuo, sehiofachHige Zylinderpi-ojektion mit liingentifuem Grundkivis 
für eine Karte von Nord-, Mittel und Südamerika. P. M. 1«W, S. :i2i>, :i:JO. 370. :Wü. - Fläelientivue. 
zwiBchcnständige, azimutale Projektion für eine Karte der BritiHelien Inseln. O. A. 191 1. .S. 30, 31. 
— Beitrag zur Entwicklung schiefaeliMiger, HjÄziell zylindri scher Pn>jektioncn unter Annahme der 
Kugelgestall der Erde. P. M. 1913, K. 241 ff.. 304«. 

^ Wauwormans hat wohl in winer Einleitung nun „Essai de l'hist. de l'ieolc cartographie 
anvoiBOiso au XVI» sitVilo" (BulL Soc. R. de g6ogr. d'Anvers. 1S93) die Arl)oit d'AveiacH etwas ci 
weitort, alxjr nicht dessen Irrlllmer vormiodon. 

* J. J. Listrow, a. a. (.)., S. «5, 77, 78. 



1JJ4 üas Kiirtcnnctz. 

tag die Sache noch nicht angeschnitten. Cianz zu verwundern ist es nicht; denn die 
Namengebung ist eine heikle Sache. Das historisch persönliche und das mathematische 
Prinzip stehen sich gegenüber; d. h. ist es wichtiger, die Projektionen nach ihren Ur- 
hebern oder nach der mathematischen Foiniol und einer kurzen sachliclien Eigen- 
tümlichkeit zu benennen? Zu letzterer Ansicht neigt, wie zu erwarten, mehr Tissot 
und, auf ihn gestützt, Hammer, werm sie auch selbst das für recht erkannte Prinzip 
bei der Benennung in ihren Darlegungen vielfach durchbrochen haben. Dadurch 
zeigen sie eben, wie schwierig es ist, ein Prinzip konsequent durchzuführen. Für den 
Geographen gibt ein von historischem Gesichtspunkte aus geleiteter Kompromiß 
beider Prinzipien eine befriedigende Lösimg. 

54. Beneuuung älterer Projektion nach ihrem Urheber. Becht und billig ist es, 
wie Breusing sagt, jeder Projektion den Namen ihres Urhebers beizulegen. ^ Gewiß 
ist dies ein annehmbarer Standpunkt, nur darf er nicht einseitig, wie von Breusing, 
vertreten werden. Hammer hält darum entgegen, daß bei altern Projektionen immer 
wieder eine Namengebung vorgenommen werden müßte, sobald man einen altern 
Urheber als bis dato bekannt, ans Tageshcht zieht. Einige Projektionen teilen sogar 
das Schicksal, einigemal erfunden zu sein, wie die Mercator-Sansonsche, die ihre 
letzte Erfindmig sogar im 19. Jahrhundert feiern konnte.^ Wenn wir die Bedeutung 

1 Breusing: Das Verebnen der Kugeloberfläche. Leipzig 189?, S. 63, 64. 

2 So von Mohr als neue isographische Piojektion präsentiert. Vgl. P. M. 1865, S. 114, 115. 

— Irrtünilicliei'vv'eise wird auch J. Franke genannt, der die Sansonsche Projektion wieder erfunden 
habe, vgl. P. M. 1861, S. 406. E. Debes schreibt mir hierüber: „Bei Franke handelt es sich nämlich 
um eine zuerst von Apianus, dann von Fr. Arago in seiner Astronomie populaire angewandten 
Entwurfsart. die einfach mit Zirkel und Lineal hergestellt werden kann. Wie Hermann Berghaus, 
von dem die Besprechung (in P. M. 1861) wahrscheirlich lierrührt, als Kartograph sie für die Sanson- 
sche Entwur'sart hat halten köimen. ist mir übrigens nicht recht begreiflich, da diese, auf die Hemi- 
sphäre ausgedehnt, ja gar keinen Kreis ergibt. — Der Apian-Aragosche Entwurf ist wohl nicht 
häufig zur Anwendmig gelangt, da mir außer der Frankeschen Wandkarte nur noch ein Fall bekannt 
ist, zu dem icli selbst die Veranlassung gegeben habe. Als es sich 1861 oder 1862 darum handelte, 
die Karte von Polynesien und dem Großen Ozean in 2 Bl. für Stielers Handatlas, die jetzt nicht 
mehr gediiickt wird, zu zeichnen, sollte nach Petermanns Wimsch ursprünghch die Sansonsche 
Projektion dafür angewandt werden, um geradlinige Paiallelen und gleichwertige Parallel- und 
Meridiänabschnitte zu erhalten. Weil dieser Entwurf aber bei der großen räumlichen Ausdehnung 
der beiden Blätter allzugroße figürliche Verzerrungen in diagonaler Richtung hin ergab, mußte 
davon Abstand genommen werden. Da mir es numnehr Petermann Überheß, einen Ausweg zu 
finden, ihm aber vor allem daran lag, äquidistante Breiten- und Längengrade zu erlialten, um 
das Abgreifen von geogr. Positionen möglichst bequem zu machen, kam ich auf den Ausweg, 
Äquator und Mittelmeridiau in gleichgroße Abschnitte zu teilen, mit dem Radius von 90" von der 
Mitte aas einen Kreis zu schlagen und die geraden Parallelen in entsprechend gleiche Teile zu teilen. 
Petermann hat die Projektion in .seinen Bcgleitworten zur Karte (P. M. 1868, S. .374) als eine „modi- 
fizierte Flamsteed sehe'' bezeichnet, was keinen Sinn hat; sie scheint jedoch immer für die Sanson- 
sche gehalten worden zu sein, vielleicht auch von Hammer, weim ich die Fußnote auf S. 80 seiner 
„Kartenprojektionen" nchtig deute. Erst viel später — mehr als 30 Jahre danach — habe ich ent- 
deckt, daß der Entwurf von Arago herrül^rt, sonst würde ich wohl heute noch in der Annahme 
leben, damals etwas Originelles gefunden zu haben, wie es dem guten Franke auch gegangen ist." 

— Dem möchte ich hinzufügen, daß sich die beiden saubei bei F. A. Brockhaus gestochenen Plani- 
globen von Arago vorfinden im XIIL Bd., Leipzig 18.56, von Franz Aragos sämtl. Werken. Mit 
einer Einleitung von A. v. Humboldt. Deutsche Originalausgabe von W. G. Hankel. S. 260ff. 
spricht Arago auch über geographische Karten und weist bei den bewußten Erdhalbkarten, die Barral 
auf seine Veranlassung entworfen hat, darauf liin, daß sie nach astronomischen Gesichtspunkten dar- 
gestellt seien. 



Naiiifii und .Systcuii- der l'r«>jfktii)iieii. 135 

der Projektionen berücki^ichtigen, kommt der Einwurf Hummers von selbst in 
Wegfall. Das steht wohl fest, daß wir heute alle bedeutenden Projektionen des Alter- 
tums, des Mittelalters und des Anfangs der neuen Zeit kennen; wird etwas Neues in 
dieser Eiclitung nocii entdeckt, so kann es sich höchstens um eine kleine Modifikation 
schon gebraucliter Projektionen handehi oder um eine so geringe Bedeutung der be- 
treffenden Projektion für ihre Zeit mid Folgezeit, daß uns bezüglich der alten und 
guten Projektionen beachtenswerte Namensänderungen nicht mehr bevorstehen. 

Tobias Mayer d. J. war der erste, der in seinem „gründlichen und ausführlichen 
Unterricht zur praktischen Geometrie" (Erlangen 1794) den Vorschlag machte, den 
Gradnetzentwurf nach dem Kartographen zu nennen, der ihn am weit- 
gehendsten angewendet iiabe. Auch das ist ein Standpunkt, der sich hören läßt, 
denn die ausgiebige Anwendung ist immer von Einfluß auf den weitern Gebrauch, 
auch von anderer Seite. Den Gedanken von Tob. Mayer ergriff d' Avezac und sprach 
nun von Projektionen „appelees de Sanson, de l'Isle, de Bonne etc." Desgleichen 
steht H.Wagner diesem Verfahren der Namengebung nicht unsympathisch gegen- 
über und möchte darum nur von „Sansonscher" Projektion reden.* Zuletzt kann 
auch dieser Standpunkt als einseitig aufgefaßt werden. Am besten hilft liier ein Doppel- 
name, insofern der Name des Urhebers mit dem, der die betreffende Projektion vor- 
zugsweise anwandte oder wissenschaftlich vertiefte, verknüpft wird. So kennen wir 
die Lambert-Gaußsche winkeltreue Projektion. ^ Daß die Bezeichnung Cassini- 
Soldnersche Projektion nicht richtig ist, werden wir später noch imtersuchen. Der 
Doppelname ist nicht erst neuern Datums. Seit längerer Zeit spricht man von der 
„ Stab-Wernerschen" Projektion. Gegen die Bezeichnung ,,Wernersche" Projek- 
tion wendet sich entrüstet Breusing, weil Stab der Vater des Gedankens zu 
dieser Projektion ist. Und doch wäre es ungerecht, Werner bei der Bezeichnung 
auszuschalten, hat er doch durch seine Projektionsfiguren auf Grundlage der Stab- 
schen Anregiuigen den Gedanken von Stab erst fruchtbar gemacht, so daß ihm die 
Ehre des frühesten selbständigen Kartographen der Neuzeit zuteil geworden ist.' 
Nicht richtig ist es, wie es heutigestags zumeist noch geschieht, von einer „Sanson- 
Plamsleedschen"' Projektion zu reden* oder von einem sogenannten ..Sanson- 
oder Flanisteed-Entwurf"^, wo es ,,Mercator-Sansonsche" Projektion heißen muß*: 
über die Anwendung der Projektion auf verschiedenen Meroa duschen Karten 
s. S. l'2ö. Flamsteeds Name ist bei der Betrachtung geographischer Karten über- 
haupt ganz auszuschließen. J. Flamsteed hat die Karten seines Atlas coelesiris 
1729 in der Mi rcator-Sansonschen Projektion entworfen. Den Astronomen des 



' H. Wagiur. a. a. O . S. 220. 

» In Dobes' Handatlas sind Eiin.|>.i, N-.\V-.S- und »t. A-i.-n. Atla.sliind.T. A,.si,nl,.M. \r. 
einigte Staaten von Amerika und niittlcifs Südamerika in der IjimlKrt-CIauDwhen winkeltuMicn 
Kegelprojektion entworfen. HnUland und die Nilliinder in der Ijinib<rt.<;auU<i)ien winkeltnMi.-n 
Zylinderprojektion. 

ä Vgl. S. Güntli.r im Geogr. .lahrl.. I«S2. S. 114. Aueli li^-ol Hainni.-r (S. IMl) Htniimt 
dem bei. 

* Vgl. I'>. Bourgeois u. IMi. l'u rt « lingler im (1. IUI S. 27S .In Knz,vklo|»i<|H' der umllu-. 
matiselien Wissenwliaften. litüll. 

'' E.Hammer: Ül>er die geographiMcli wiehtigsten l'ii.jikti"'nt ii. Stiittgait 188». S 77 

• O. Krümmel u. M. K.kert: Gi'ogmiJhi.-wJies Praktikum. l>i|./.ig imw. S J I Kurt- 
wängler liat die richtige Bez.eiehnung wenigstens in der Anmi-rkung (Ibemoinmen. n. n U. S. '.'78. 
Anm. 6i">; und Bludau in Zi.pprite-BUidau. a. a U., 3. Aull. I. 11112. S. 160(f. 



136 I^«" KartPnnetz. 

18. Jahrhunderts scheint das Vorhandensein der Projektion unbekannt geblieben zu 
sein, deshalb deren Benennung nach Flamsteed. Auf das Auftreten der Projektion 
bei Mercator hat A. Breusing schon hingewiesen und schließt den betreffenden 
Passus mit den Worten: „Man sollte doch endhch einmal aufhören, Sanson oder 
Flamsteed die Erfindung eines Gradnetzes zuzuschreiben, das sich schon hundert 
Jahre früher in einem Atlas findet, der damals in aller Händen war."^ Da sie jedoch 
N. Sanson von 1650 ab systematisch für Erdteil- und Länderkarten in seinen gi-oßen, 
das 17. Jahrhundert beherrschenden Atlanten benutzt, glaube ich in dem Doppel- 
namen der Projektion den besten Ausweg gefunden zu haben. In eine Art Anachronis- 
mus fällt J. Müller-Eeinhard zurück, wenn er unternimmt, die altem Bezeich- 
nungen Sansonsche oder Sanson-Flamsteedsche Karte zu retten; ,,man darf 
nicht mit Eckert von der Mercator- Sanson- Projektion sprechen". ^ Man darf 
nicht, sondern muß sogar sprechen. Der Ausweg Breusings, von ,,pseudopostel- 
scher", „pseudobonnescher", ,,pseudoflamsteedscher" etc. Projektion zu reden, sagt 
xmserm Geschmacke gar nicht zu, auch wird durch diese mehr negierende Bezeich- 
nungen kaum etwas Charakteristisches für die Entwürfe gewonnen. 

Mit der Zeit werden doch die umichtigen Ausdrücke ausgemerzt, wie der so- 
genannte ,,Postelsche" Entwurf, d. h. die speichentreue Polarprojektion erweist. 
Heute hört man schon viel seltener diesen Entwurf nennen als vor einigen Jahren 
imd besonders zur Zeit d' Avezacs, der ja der Urheber dieser Bezeichnung war. Vor 
G. Postel, der 1581 eine polständige mittabstandstreue Azimutalprojektion 
anwandte, hatte sie schon Mercator 1569 entworfen mid vor diesem wiederum Juan 
Vespucci (S.122). Wie soll mm diese Projektion benannt werden? Auch hier kann 
nur die Bedeutung der Projektion einen Ausweg finden lassen. Gegenüber den Karteu- 
bildem, die ihren Projektionspol, bzw. Karteumittelpunkt nicht im Nord- oder Süd- 
pol haben, stehen die polständigen Projektionen in ihrer geographischen Bedeutung 
imd kartographischen Anwendimg weit zui-ück. Man wird darum gut tun, die so- 
genannte Postelsche Projektion mit keinem Namen zu belegen, sondern bei ihrer 
Behandlung in der Gruppe der polständigen azimutalen Entwürfe einfach zu be- 
merken, daß sie bereits im 16. Jahrhundert von Vespucci, Mercator und Postel 
gebraucht wurde.' Ihre bei weitem charakteristischere Stellung mit dem Projektions- 
mittelpunkt auf einen Punkt des Äquators ist zuerst von Lambert angegeben, und 
ihre zwischenständige Lage von Schjerning, mir u. a. gezeichnet worden. 

Die ähnliche Weise der Vemachlässigvmg persönlicher Benennung, wie wir sie 
dem Postel sehen Entwurf gegenüber wünschen, ist bereits mit der Globular- 
projeklion geschehen. Sie vnvd nach keinem Urheber genannt, obwohl sie von 
dem Italiener Nicolosi, soweit bis jetzt nachweislich, 1660 zum ersten Male an- 
gewendet wurde, sodann 1676 von Pierre Duval, 1700 von de Per, 1714 von dem 
Geographen Guillaume Delisle imd andern Geographen seiner Zeit und späterhin 

' A. Breusing: Das Verebnen, a. a. O., S. 53. 

- H. Averdunk u. J.Müller-Reinhard, a. a. O., S. 144. 

^ Trotz der von mir bereits 1910 gegebenen Klarstellung spricht J. Müller- Reinhard, a.a.O., 
S. 142, noch von Posteis Projektion. Dagegen ist, wie ich mit Befriedigung feststelle, in der Aus- 
gabe von Debes Handatlas von 1913 auf den speichontreuen Karten der Name „Postel" ver- 
schu-unden. Gerade dieser Handatlas ist ein Muster der Gewissenhaftigkeit in der Angabe der den 
Karten zugrunde liegenden Projektionen, wodurch sich neben anderm der hohe Grad der Wissen- 
schaftlicldceit des Kartenwerkes dokumentiert. 



Namen und Systeme der ProjcktioDeii. 137 

(1794) von Aron Arrowbmith. der sie „globulare Frojektion" taufte, welchen Namen 
sie heutigestags noch trägt. 

Fast ganz versch\vunden ist endlich die Bezeichnung „Babinets homalo- 
graphische" Projektion, die J. Babinet 1857 in seinem Atlas als etwas Neues inau- 
gurierte. Diese Projektion war aber 1805 bereit-; von Molhveide gefiuiden worden, 
und d'Avezac machte dementsprechend aufmerksam, als er durch Malte-Brun mit 
den Arbeiten deutscher Gelehrter auf dem Gebiete der Projektion bekannt wurde. 
Heute weiß jeder Kartenkiindige, was er unter „ Mollweidescher Projektion" zu ver- 
stehen hat. Bei dieser Benennung fällt auch das wenig sagende Epitheton ..homalo- 
graphisch"^ fort. 

55. Lösung des kegelnetzproblems bei Mercator. Über dit- Namen zwt-ier Pro- 
jektionen schwanken bisher die Ansichten noch, obwohl Fiorini und H.Wagner 
den richtigen Weg zur Benennung schon gezeigt haben; es sind dies die Projektionen 
von Delisle (de l'Isle) und von Bonne, deren Urheberschaft von fielen Seiten, 
wie von Germain, Gretschel, d'Avezac, Tissot, Hammer, Breusing, N. Herz. 
H. Hartl, A.Wangerin, J. Müller-Keinhard u.a. direkt dem Mercator zu- 
gesprochen wird. Weder mit der ^Nlercatorkarte ist man sich im klaren noch mit den 
andern von Mercator angewandten Projektionen. Es ist merkwürdig, wie sich da 
einer immer auf den andern verläßt. Allerdings, wenn Tissot, Breusing und andere 
Gelehrte durch ihren Namen eine Auffassung stützen, kann man sich allgemeinhin 
darauf verlassen, daß aber auch sie irren, beweist gt-rade die Auffassung bezüglich der 
Mercatometze. 

Mercator hat keine Kegelprojektionen angewandt.- Diesen Ausspruch, 
den ich schon vor Jahren getan, muß ich heute mehr als ehedem aufrecht erhalten. 
Mehrmalige Berechnungen iler Mtrcatorischen Kartemietze machten mir zur Gewiß- 
heit, daß er stets mit einem System konzentrischer Kreise arbeitete, wie er es durch 
die Stab-Wemersche Herzprojektion kennen gelernt hatte. Dem Prinzip (Ueser 
Projektion huldigte er öfters, so außer in seinen Atlanten^ auch auf Einzelkarten*, 
vor allem auf der großen Karte von Euroi)a (im Maßstab 1:4360000, abgerundet), 
die 15Ö4 in Duisburg erschien*; sie ist nur ein Ausschnitt aus einer Erdkarte in der 
Stab-\\ernerschen Projektion >ind durchaus keine Kegelprojektion. Auch H. Heyer 
bat die Übereinstimmung des Gradnetzes der Europakarte ^(>n 1554 mit der herz- 
förmigen Projektion von Stab-Werner erkannt*, aber .-meiner Ansicht, „daß Mercator 
die von ihm gewählte Projektion selbständig erfunden oder, richtiger gesagt, noch 
einmal erfimden hat', kann man niciit beipflichten, da Mercator diese Projektion 



' So genannt, weil die l'mjektion, dem j,'rieflusehen Wort o/iitxo,- ^ ivgrlniiiliig, gemaU. 
die bei Entwurf der Kugelfläche in die Ebene unvermeidliche Venindenuig derFlachonauadehnimg regelt. 

* Die Untersuchung über Mercator stützt sich in der Hauptsache auf .Materialien, die icli 
ini „.Mu-seums-Vercin" zu Duisburg vorfand, sodann in der Uni\-er8itÄtsbihliothek zu .■Vinstcrdain. 
Eine Anzahl Xetzo habe ich nachkonstruiert und nachgi-ivchnet. 

' Wie in Mercator» Atlas (der 1595, ein Jahr nach Mercator- Tod. in Düsseldorf erRchicn) 
die Karte von Afrika, in Merciitors Atla.s (der 160« bei .I.Hondius in .\instordani enicliien) Asien, in 
.Mct\ators AÜaat minor (1608 lateinische. 1000 deutsche .\usgubc) Asien. 

* Auf einem Er>ttlingswerk Mcrcators. auf der Weltkarte in hertfönniger Projektion von IM». 

* Die Karte ist IS91 von der Ges. f. Enlkdc. zu BerUn in FaksimileLichtdnirk nach dem 
Original in der Stadtbibliothek zti Breslau hcmusp-geben worden. 

* Vgl. Kettlers Z. f. wi.««.. Geogr. VII. IS89,Ö0. S. :tM. 



lyö '>"" KMrtfiiiU'tz. 

schon 1538 auf der doppelherzförmigen Weltkarte angewendet hatte, und er siclier- 
lich durch seinen Mathematiklehrer Eainer Gemma Frisius (1508—1555) in die 
Lehren von Stab-Wtmei' eingeführt worden war. Vielleicht trat sie in Einzel- 
karten viel häufiger auf als wir es heute noch nachzuweisen vermögen. Leider fallen 
Einzelkarten viel schneller dem Vergessen und zuletzt auch der Vernichtung anheim 
als Atlanten. Gilt dies schon von der Gegenwart, so in erhöhtem Maße für die ver- 
gangenen Jahrhunderte. 

Auf Mercators großer Europakarte sind die Parallelen abweitungs- oder 
längentreu abgeteilt. Das war für die Kartographen schon damals keine Schwierig- 
keit, da Tabellen über die Abnahme der Längengrade mit dem Cosinus der Breite 
in A))ians Cosmographicus hber 1526 und bei andern existierten. Zuletzt konnte 
man die Abweitungstreue auch auf dem Globus abzirkeln. Eine Folge der Konstnik- 
tion ist, daß die Meridiane, die ihre Rechtschnittigkeit von der Mitte aus besonders 
nach der Südwest- und Südostecke der Karte auffällig embüßen, gekrümmt erscheinen.' 
Auch bei den andern Mercatornetzen liegt der Projektionspol für die Parallelen- 
konstruktion im Nordpol, nur bei der Karte „Asia" im Atlas minor liegt der Pro- 
jektionspol nicht ganz 10" über den Nordpol hinaus. Beinahe möchte dies als ein Ver- 
sehen des Zeichners erscheinen, besonders wemi man die KaHe „Europa" in demselben 
Atlas damit vergleicht, wo der Projektionspol der Parallelen genau der Nordpol ist, 
wemi nicht vielleicht dieses Bedenken gewaltet hat, daß bei der Benutzung des Netzes 
von Europa die gewaltigen Landmassen im Norden Asiens sehr zusammengedrückt 
worden wären; und in den andern Ausgaben des Atlas minor tritt uns die gleiche 
Konstruktion entgegen, mithin ist sie als beabsichtigt anzusehen. Von dem Mittel- 
punkt des Kreisnetzes kann man Tangenten an die Meridiankurven legen, die etwa 
den 50. Breitenparallel treffen. Das würde ganz dafür si)rechen, daß wir hier eine 
unechte alnveitungs- und flächentreue Kegelprojektion, bzw. die Bonnesche Pro- 
jektion vor uns haben. Bei Bonne jedoch ist der Berührungsparallel zwischen Kegel 
und Kug(d ^'()n vornherein lierechnet, er steht in innigem Verhältnis zum Kugelradius 
imd zur Entfernung zwischen ihm und Kegelspitze. Es ist anzunehmen, daß bei 
Mercator, wie ich oben schon andeutete, ein rein praktischer Gesichtspunkt gewaltet 
hat; die Parallelen wurden mehr gestreckt, um ein besseres Bild der Verteilung der 
Ländermassen am nördlichen Polarkreis zu erhalten, deren seitliche Gebiete im 
gleichen Kartenformat bei den Parallelkreisen mit Pohnittclpunkt eingebüßt hätten, 
insofern sie außerhall> des Kartenrahmens gefallen wären. Mithin hat man mit dem 
Kreismittelpunkt von etwa 98" Entfernung vom Äquator bei dem kleinen Maßstal) 
der Karte, rund 1 : 70000000, ein leidliches Bild von der Verteilung der Landmassen 
erhalten. Diesen Entwurf kami man wie den folgenden als eine verbesserte (zweite) 
Ptolemäusprojektion ansehen. Die Ptolemäischen Projektionen zu verbessern, war 
ja sein ernstes Streben, wie er selbst in der Praefatio zu seinem Ptolemäus des 
Nähern ausführt. 

Mercator war mit der Verlegmig des Zentralpunktes des Kreisnetzes über 
den Nordpol hmaus in der Verlängerung des Mittelmeridians (durch Ptolemäus) 
vertraut, wie sich noch an einer seiner andern Karten nachweisen läßt, die deshalb 
auch als eine verbesserte (zweite) Ptolemäusprojektion angesprochen worden ist.^ 

1 Die Meridiane weichen hier 9-11" vom rechten Winkol ab. Man vgl. nur Blatt 11 der in 
.4nm. 5 S. 137 bezeichneten Ausgabe. 

2 H.Averdunk u. J. MüUer-Keinkard, a. a. O., ,S. 143. 



Niimcii tiii.l Systeiiif .l.r Pioj.ktiuui u. 139 

In Mercators Ausgabe des Ptolomäus befindet sich die bewußte Karte, die einen 
Maßstab von rund 1:46600000 zeigt. iSie will die den Alten bekannte Welt ver- 
anschaulichen. Das Netz der Karte sieht J. Müller-Reinhard als die Bonnesche 
Projektion an. „falls er (Mercator) den Entwurf bewußt auf den Mittelparallel 
bezogen hat". Der mittelste Breitenparallel der Karte ist der 20. Grad. Der Mittel- 
punkt sämtlicher Parallelkreise liegt 174,5" vom Äquator entfernt, d. h. 84,5" über 
den Nordpol hinaus auf dem verlängerten Mittelmeridian. Ein Meridiangrad selbst 
mißt 2,425 mm, zehn Meridiangrade 24,25 mm. 

Wie wir wissen, faßte Mercator bei der Anlage eines Kartenwerkes alles 
W ichtigere ins Auge, wie Maßstab, Format des Kartenblattes, Karteninhalt. Seine 
Stärke lag darin, all die kleinen Kartennetze und Kartenskizzen seiner Zeit, soweit 
sie sich als brauchbar erwiesen, ins gi-oße umzusetzen. Außer der mathematischen 
Durchdringung des Stoffes kam es ihm auf eine gute Konstruktion an. Zu seiner 
verbesserten (zweiten) Ptolemäusprojektion scheint er auf rein konstruktivem Wege 
gekommen zu sein. 

Im folgenden glaube idi die Lösung zum Kegelnetzproblem bei Mercator ge- 
fxmden zu haben. Die Karte erstreckt sich von 20" S bis 60" N, letzterer wird in der 
Mitte etwas überschritten. Festhalten wollen wir zunächst, daß bei der trapezförmigen 
Ptolemäuskarte oberster mid unterster Par;illel abweitungstreu unterteilt ist. Gemäß 
der Stal)-Weinerschen Projektion werden bei Mercator um den Nordpol Kreise 
gelegt, jedoch nur zwei, die durch den 20" S und durch den riO" N laufen. Ein Kreis 
durch 60" N ist nicht mehr bestimmend für das Meridian- imd Gesamtkartenbild. 
Die beiden Grenzparallelen 20" und 50" (der Hilfskonstruktion) werden wie bei der 
trapezförmigen Karte abweitungstreu unterteilt und die entsprechenden Punkte 
durch gerade Meridiane verbunden, die sich auf der Mittelmeridianverlängerung bei 
etwa 174,5" schneiden.^ Um nun dem ptolemäischen Vorbild näher zu kommen als 
es durch die Stab-Wernersche Projektion geschieht . hat Mercator den Mittelpiuikt 
der Parallelen in den Schnittpunkt 174.5" verlegt und von da aus die Parallelkreis- 
bögen gezogen, die alsdann abweitungstreu unterteilt wurden. Das war eine ebenso ein- 
fache wie praktische Lösung des Problems, das er sich gestellt hatte. Nimmermehr ist 
dabei an ein Kegelnetz zu denken; denn man kann weder die J^eziehung zum Krdradius 
noch die zwischen abweit ungstreuem Berülirungsparallel und Kegelspitze nachweisen. 

Diese Art Konstruktion hat Mercator schehibar nie wiederholt. Aber das 
Prinzip der Konstruktion, das er geschaffen, kehrt wieder in den oben genannten 
Karten des Atlas minor, ganz gleich ob die Karten von Mercator selbst oder seinen 
Nachfolgern entworfen sind. Man änderte das Prinziji insofern etwas ab, als man 
die beiden abweit ungstreuen Parallelen mehr nach dem Norden der Karte verschob, 
was zur Folge hatte, daß die Meridiane der Hilfskonstruktion sich nicht allzuweil 
vom Pol entfernen imd sich in der Meridianverläiigennig bei etwa 98" schneiden. - 
Dieser Punkt wird nun Kreisnetzmittelpunkt und di(> um ilni geschlagenen Kreisbögen 
weiter in der Stal)-Wernerschen Munier behandelt. 



' belbstvcrstttiidlii h ist, daß sich je naili diT Wahl der U>idon abwitungntn-upii ranilloU-ii 
diT Meridian«luiitti)unkt .stet-s ündem, di-in Nordjiol zu- oder von ihm abriirkon »iitl, jo nachdom 
djp beiden Parallelen voneinander entfernt oder mehr naih dem Xoi-djxil 7.u verxohol)on sintl. 

' Früher hatte ich den Schnittpunkt b«'i I0()° angenommen. Die Kleinheit der Karten und 
die Papiervcrzerninf; lassen diese Annahme ent.'<eliuldincn. Ki>l auf konstruktivem Wege kommt 
man zu einem beaäcni Ergebnis. 



14(1 Dns Kaiteniietz. 

Die von Mercator angewandte Projektion kann man sowohl als eine „ver- 
besserte (zweite) Ptolemäusprojektion" wie als eine „abgeänderte Stab-\\orner- 
sclie Projektion" auffassen. Ich gebe der letztern Bezeichnung den Vorzug. Als 
selbständige Projektion ist sie mir nur noch einmal begegnet, und zwar bei H. Moll, 
von dem als einem Projektionskonstrukteur ich gleichfalls viel hatte. In seinem Atlas 
geographicus, London 1711—17141, finden wir zunächst die abgeänderte 8tab- 
W'eniersche Projektion auf einer Karte von Europa, betitelt „A new map of Europa", 
sodann auf der Karte von Eußland mid andern Karten. Soweit ich nachgemessen 
habe, handelt es sich um die gleiche Projektionsart wie bei Mercator. Trotzdem 
ist nicht ausgeschlossen, daß Moll die Kegelprojektion doch schon kannte; die eng- 
lischen Quellen hierüber sind noch nicht erschlossen. 

Nicht unberechtigt erscheint die Frage: warum hat Mercatoi- die abgeänderte 
Stab-Wernersche Projektion ausschließlich auf Karten kleinen Maßstabes an- 
gewandt? Doch sicherhch nur deshalb, weil für Karten großen Maßstabes seine 
mechanischen Hilfsmittel versagten. War der Kreisnetzmittelpmikt im Nordpol, 
konnte man schon zu großen Maßstäben greifen, Avie es Mercator auch getan hat, 
nicht aber so leicht bei der Kegelprojektion, was wohl möglich gewesen wäre, wenn 
man sie bereits erdacht und ihre mathematischen Gesetze gekannt hätte. Die 
Kegelprojektion als solche kannte das 16. Jahrhundert nicht, sie und ihre Abarten 
blieben dem 18. Jahrhundert vorbehalten. 

Würde Mercator eine echte oder unechte Kegelprojektion im Sinn gehabt 
haben, körmten wir sicher sein, daß er darüber auch ein Wort Aerloren hätte; denn 
er spricht sich über die Netzkonstruktion seiner Karten an den verschiedensten Stellen 
aus, in Büchern sowohl wie auf den Karten selbst. An einen Vergleich zwischen ihm 
und Bonne ist nicht mehr zu denken. Ist der Schlußeffekt der Bonneschen und 
Mercatoischen Projektion derselbe, so ist doch die Genesis beider eine wesentlich 
verschiedene. Infolgedessen dürfen wir auch Gerhard Mercator vmd Rigobert 
Bonne nicht mehr in einem Atemzug neimen, und den von mir seiner Zeit vor- 
geschlagenen Namen ,,Mercator-Bonnescher Entwurf"^ muß man wieder fallen lassen 
wie auch die Bezeichnung „Mercators flächentreu unecht konische Projektion.-^ 

Eine weitere Folge der Untersuchung über die Mercatometze ist, daß man auch 
nicht von dem Gebrauche einer Kegelprojektion, wie sie J. N. Delisle zum ersten 
Male auf dem Schnittkegel anwandte, sprechen darf. Für die Übereinstimmung mit 
Delisle wird öfters die Mercatovsche Karte von Europa herangezogen.* Mercator 
gab auf dieser Karte den intermediären Parallelen 40° mid 60" die ihnen zugehörigen 
Abweitungen. Die ZAvischen den abweituugstreuen Breitenkreisen befindüchen 
Parallelen sind etwas verkleinert und die südlich und nördlich darüber hinaus liegenden 



' Atlas geogi-aphicus: or a compleat System o£ geograpliy, ancient and modern, tontaining 
wliat is of mort use in Blaeu, Varenius, Cellarius, Cluverius, Baudrand, Biitus, Sanson 
etc. with the discoveries improvements of the beet modern authors with 100 new maps by H. Moll 
and many other cuts. 4 Bde. London 1711—1714. 

* In dem von O. Krümmel und mir herausgegebenen Geographischen Praktikum befindet 
sich noch die Bezeiclmimg „Mercator-Bonne scher Entwurf"; also die einfache Bezeichnung ,,Bonn(- 
scher Entwurf" ist die richtigere. 

' Tissot-Hammer: Die Xetzentwürfe geographischer Karten. Stuttgart 1887, S. 155. 

* Es kann sich hier nur lun die Europakarte in dem ersten Mercatoratlas von 1595 handehi, 
nicht nm die große Europakarte von 1554, wie es Gretsehel. auf Oermain u. a. gestützt, in seinem 
Lehrbuch der Kartenprojektion, Weimar 187."!, S. 138 annimmt. 



N'amcn und Syateme der Projektionen. 141 

Parallelen dagegen vergrößert.^ Soweit scheint dio Sache mit Delisle übereinzu- 
stimmen, aber bei genauerm Hinsehen merkt man, daß Breitenkreise und Längen- 
kreise nicht rechtschnittig wie bei Delisle sind.* Die Rechtschnittigkeit gewann 
Delisl'^ dadurch, daß er als Projektionsebene nicht mehr den Mantel des berührenden, 
sondern des durch die Kugel gestoßenen Kegels (in zwei Zwischenparallelen) annahm. 
Die Dolislesche Projektion ist mithin eine konische Projektion mit längentreuen 
Meridianen oder kurzweg die Projektion mit dem durchstoßenen Kegel. Die Be- 
zeichnung ,,Mercator-Delislesche Projektion" dürfte nun liald aus dem Wörterschatz 
unserer Wissenschaft versehwinden. 

Ganz das Gleiche, was von den Übersichtskarten gesagt ist, gilt auch von den 
Länderkarten Mercators. Die Parallelen auf diesen Karten sind Teile von Kreisen, 
die .sich konzentrisch um den Pol lagern. Auf den intermediären, d. h. den von Karten- 
rand und Kartenmitte ziemlich gleichweit entfernten Breitenkreisen, sind die Ah- 
weitungen abgetragen.' Es konnten infolge dieser vereinfachten Konstruktion die 
Meridiane als Gerade gezogen werden, und man war der mühevollen Knr\enzeichnuug, 
wie sie die Ötab-Wemersche Projektion mit sich brachte, enthoben. Eine weitere 
Folge dieser Konstruktion ist, daß auch auf keiner der Karten Mercators mit der 
vermeintlichen Kegelprojektion Eechtschnittigkeit der Meridiane imd Parallelen ge- 
wahrt ist. Nur in der Mitte und in den nördlichen Teilen der Karte bringt die Kon- 
struktion von selbst eine sinnfälhge ßochtselinittigkeit. 

Die Konstruktion der letztern Xetze hat Anlaß zur Verwechselung mit dem 
von H. Wagner als ,, vereinfachte Kegelprojektion" bezeichneten Entwurf gegeben.^ 
Der hauptsächlichste Unterschied ist, daß bei Mercator das Kreisnetz polständig 
ist, hei Wagner aber infolge der Kegelmantelkonstruktion nicht. Von dem Be- 
rührungsparallel aus werden in geeigneter Entfernung zwei Parallele ganz wie bei 
Meicator abweitungstreu eingeteilt imd durch die entsprechenden Teilpimkte gerade 
Meridiane gezogen, die sich jedoch nicht wie bei Jlercator in einem Punkte des 
verlängerten Mittelmeridians treffen, sondern in verschiedenen Punkten den ver- 
längerten Mittclmeridian berühren. So ergibt auch diese Untersuchung, daß es nicht 
mehr angängig ist, von der „Kegelprojektion Mercators"* schlechthin oder der 

' Die Bestimmung der Größe de» Mal3stabes der Karte ergibt rund einen Mnll.stal) von 
1 : 14820000. Die Abweitungen betragen alsdann für zehn Grade auf dem 60. Parallel .17 mm, auf 
dem 40. Parallel 58 mm; sie .stimmen mit der Karte Mercators ganz üliei-ein. Die Abweitiuig ant 
dem .")0. Parallel beträgt 48, bei Mercator nur 47 mm, auf dem 70. Paiullel 26, bei Men-ator 27 mm. 
auf dem 30. Parallel 65, bei Mercator nahezu 70 mm. Die Xachmessungen bestätigen mithin a>if 
fiillig das oben im Haujittext zum Ausdrvick (Gebrachte. 

= Übrigens hat si hon M. Fiorini den richtigen Siuhverhalt gekannt, (ierai.ln .Mcnatore 
in BoU. Soc. Geogr. lul. 1890, S. ;)44. - Desgl. hat H.Wagner. Lehrbuih ,s. 224. Anm. 4!» darauf 
lüngewie.sen, daß auf Mercators .\tlnskarten die Pamllelkreise nicht senkitilit von den Meridianen 
geschnitten werden. 

» Mercator macht bei den einzelnen wichtigern Karton die Parallelen der abweitungstnnien 
Einteilung namhaft, indem er sich immer auf den Mittelmeridian der Karte bezieht, so Ix-i der Karte 
Gallien 44" imd 4it» und bei Germanien gleichfalls mit der stoitsotyiien Wendung: Medius Mcridianus 
34. reliqiü ad cum inclinautur pro lutione 4S. ot 5:). Parallelormu (in: Galliae Ubida«' gixigmphicae. 
bzw. Galliae, Belgii inforioris et Germania«- tabulae, Dmsburg 1685). bei ItÄÜen 40° imd 44" und Ixi 
(;riechenlaiid 38" imd 42" (in: lUlim-, Sclavoniftc, et Onu-<lae tabulae geographiciu». Duisburg 1580). 
In den simtoin Atla-snuHgaben, denen die Einielkartenwerke ülx<r Gallien usw. IwigegeWn waivn. 
verliert sich allmählich die besondere Angabe der abweitungstreu u;<-teiltin Parallelen. 

' H. Wagnei: Ixjhrbuch. a. a. O.. S. 223. 224. 

• II. Cirls. lul; U-hibu.b d.M Kartenpn.jekli..,,. Wc.nmi IH73. S. 137. 



142 l^-i« Kai-tcniiptz. 

,, vereinfachten Kegelprojektion" ^ desselben oder von „Mercators Kegelrumpf- 
projektion'** zu sprechen. Höchstens könnte man hier einmal von oiner „pseudo- 
konischon Projektion" ii'den. 

."»((. Hichtliuii'U für die Hpueuniiii;> neiu'ri'r Projektionen. Im Hinblick auf das 
gesehichtliclie Werden der Projektionen ist zu empfehlen, die (Jrenzscheide der rein 
persönlichen Benennung von Entwürfen im 18. Jahrhundert eintreten zu lassen. 
Bis dahin sind es ja nur einige markante Projektionen, die schon durch ihr Alter An- 
spruch auf Verehrung und allgemeinere Kenntnis haben. Im wesentlichen handelt 
es sich außer um die Ptolemäusprojektionen um die Entwürfe von Stab-Werner, 
Apian, Mercator, Mercator-Sanson, Delisle und Bonne. Höchstens kann 
man noch die einzigartige Projektion von Mollweide (1805) hierher zählen. All diese 
Projektionen sind ohne weiteres verständlich und bedürfen l<einer erklärenden Bei- 
wörter; so muß z. B. das Wesen der Bonneschen Projektion jedem (ieographen 
auch ohne den Zusatz „unecht konische flächentreue" Projektion bewußt sein^, oder 
das der Mercatorprojektion ohne die näher bestimmende Bezeichnung ,, Mercators 
loxodromische Zylinderprojektion".'* 

Mit Lambert setzt eine neue Bezeiehnungsweise ein, die noch i'ür die (iegen- 
wart maßgebend ist; es wird der Name mit irgendeiner charakteristischen, am besten 
mathematischen Eigenschaft der Projektion verbunden. So spricht man von Lam- 
berts flächentreuer Azimutalprojektion, von Lamberts winkeltreuer Kegelprojektion, 
von Lamberts flächentreuer Kegelprojektion und flächentreuer Zylinderprojektion. 
Die sogenannte Projektion von Lagrange dürfte man in Zukunft auch besser nur 
Lamberts winkeltreues Kreisnetz nennen. Eine Menge Beispiele dieser völlig 
befriedigenden Bezeichnungsweise liefern die modernen projektionstheoretischen 
Arbeiten. Auch für neuere und neueste Entwürfe kommt man sehr gut mit der ge- 
wünschten Benennung der Projektionen aus, und wir reden am besten von ,, Neils 
modifizierter Globularprojektion", von ,,Breusings vermittelnder Azimutalprojektion" 
und der ihr ähnelnden „ausgleichenden Zenitalprojektion von Airy", des weitern 
von ,, Hammers flächentreuer Erdkarte", von „Eckerts flächentreuer Kreisring- 
(sinuslinigen) und Elüpsenprojektion"^, von ,,Behrmanns flächentreuem Zylinder- 
entwurf", von ,,Grintens Kreisnetz" usw. Mit einigem guten Willen ist schon der 
,, Zustand öffentlicher Unsicherheit, in der wir uns in dieser Beziehung noch immer 
befinden", wie E. Hammer* sagt, zu beseitigen. Vor allem muß erstrebt werden, daß 



1 Vgl. Fiorini: Geiaido Mercatore; in BolL Soc. Geogr. Ital. 1890, S. 344; ferner H. Wagners 
Lehrbuch der Geographie, 1912, S. 223, 224. 

^ Tissot-Hammer: Die iSIetzeiitwürfe geographischer Karten. Stuttgart 1887, S. 146. 

' Diese lange Bezeichnung mokierte schon Herrn. Berghau», als er E. Hammers Buch 
Über d. geogr. wichtigsten Kartenproj. in P. M. 1889 besprach (LB. S. 112). 

'So nennt K. Peucker seine Erdkarte 1:93000000 in Steiiihiiuser.s Repetitionaatlas 
Wien. s. a. Bl. I. 

• In der Abhandlung über diese Projektion (P. M. 1906) steht auf der zugehörigen Taf. 8 
abweitungsgleiche Polarongkoide, mit Zugrundelegung von oyxoi ^ Krümmung, Wulst, weil nach 
den Polen zu aufgewulstet. Späterhin, im Geographischen Praktikum, ist nur von „Kreisringprojektion" 
die Rede; W. Behrmann spricht in seiner Abhandlung „zur Kritik der flächentreuen Projektionen 
der ganzen Erde und einer Halbkugel" (Sitzg.-Ber. d. K. bayr. Akad. d. Wiss., München 1909) von 
,, Eckerts flächentreuer Tiupcz-", „flächentreuer Ellipsen-" und „flächentreuer Sinuslinienprojektion". 
Damit ist wohl die einfachste und beste Bezeichnung gegeben. 

« E. Hammer in G. .1. XX, 1897. S. 438. 4.30. 



Nninpii und Systeme der l'rojoktioiien. ]43 

die anfcewendeten Bezeichnungen eindeutig sind; iiicr ziehe ich gern mit H. Haack 
an einem Seil.' Wie glückhch gewähU ist z. B. Hammers Bezeichnung „gegen- 
:izimntale Projektion" für tlie von .1. L. Craig (Egy])tian Survey Departement. Map- 
Projections, Cairo 1909) angewandte Projektion.'^ Craig selbst bezeichnet sie als 
„Mecca retroazimutal projection"; .sie besteht darin, daß die Meridiane gleich- 
abständige parallele Gerade und die Parallele krummlinig sind. ('. Schoy hat sich 
eingehender mit den gegenazimutalen Karten beschäftigt.* 

Ein Best von Projektionen verbleibt, dem jegliche persönliche Bezeichnung 
fehlt. Teils sind dies uralte Projektionen, wie die stereographischen, orthographischen 
und gnomonischen, teils auch neuere, wie verschiedene Zylinder-, Kegel- und azi- 
mutale Projektionen. Die Bezeichnungen stereographische, gnomonische, ortho- 
graphische usw. sind sämtUch mehr oder minder anfechtbar, doch hat man sich im 
Laufe der Zeit so daran gewöhnt und sie sind so ,, konventionell" geworden, daß sehr 
wohl das Eichtige darunter verstanden werden kann. Die stereographische Projektion 
war im Altertum imter dem Namen „Planisphaerium" itekannt, imd erst der belgische 
Mathematiker Aguillon oder Aguilonius (1566 — 1617) hatte sie 1613 „stereo- 
graphisch" genannt. Die stereographischen Netze fallen heute unter die Gruppe der 
„winkeltreuen" Netze. J. H. Lambert ist gegen den Ausdruck ,, stereographisch", 
den er als eine Verlegenheitsbildung auffaßt.* Auch hebt er hervor, daß die stereo- 
graphische Projektion von J. M. Hase als , .horizontale .stereographische Projektion" 
eingeführt worden ist, imd zwar für den Fall, ,,wo das Auge in den Nadir des Mittel- 
punkts des zu entwerfenden Landes gesetzt wird". Li neuerer Zeit haben sich 
E. Hammer und K. Peucker gegen die Bezeichnung „stereographisch" aufgelehnt. 
Ersterer spricht von „winkeltreuer azimutaler Projektion"*, letzterer von ,, Nadir- 
projektion".® Diese Bezeichnung scheint wenig Aussicht auf Einbürgerung zu haben. 
Hammers Vorschlag spiegelt sich auch in meiner Einteilung und Behandlimg der 
Projektionen wieder.' 

Die Bezeichnung ,, orthographisch" führt ims wohl ins Altertum zurück (Vitrnv), 
doch ist sie erst von Aguillon gleichfalls 1613 in dem Sinne für die Kartenprojektion 
angewandt worden, wie wir sie heute noch verstehen. Für orthographische (ortho- 
gonal) sagt man am besten Parallelprojektion. Ausdrücke, wie ,.homalographisch'" 
(s. S. 137), verlieren sich gottlob.** 

Noch eine Gruppe von Projektionen bleibt zu erwähnen übrig, bei denen die 
Nomenklatur falsch ist, d. h. die einzehien Bezeichnungen gar nicht zum Wesen des 

' H. Haack in G. .J. XXIX, 190Ö/Ü7, .S. 354. 

- E.Hammer: Gegenazimiitale Projektionen. P. M. 1910. 1. S. IS.'t — 155. 

' C. Schoy: Azimutale und gcgenazimutalo Karten in gleichabsfcäudipen panülelen Meridiiuien. 
Ann d. Hydr. u. Maritimen .Meteorologie. 191,3, S. 33-42. - Die gegenazimutale mittabstandstreue 
Karte in konstruktiver und thootvtisiher Behandlung. Elwndu, !S. 466—473. — Die Mokka- «der 
Qiblakarte. Gegonazimutale mittabstandstreue Projektion mit Mekka als Knrtoimiitto. Kartogr. 
Z. VI. Wien 1917, S. 181-185. Mit Karte. 

^ J. H. Lambert: Anmerkungen und Zusätze zur Entwerfung \«i\ Land- mid Himmels- 
charten 1772. Hg. V. A. Wangerin in Ostwaids Kla-wiker der exakt. Wi»». Nr. .V4. U>ipiig 1894, S. 5. 

' E. Hammer: über die geogr. wichtigsten Kartenprojektionen usw. Stuttgart 1880. S. 19. 

« K. Peucker: Physiogiuphik. S.-A. aus Mitt. d. gcogr. Ges. Wien 1907, S. 714. 

' ü. Krümmcl-Eckert, a. a. O.. S. 12. 

» In der neuen von Otto Grat be>orgten Ausgabe von M. Grolls Kartenkunde (2 Riehen.. 
Berlin u. Leipzig 1921) ist nun endlieh die noch in der .\uflage von 1912 vorhandene lUveichnung 
„homnlogmphischcn Pi-ojektion imch Mollweldr und Babinof vere. h«unden. 



144 Hiis Kartennetz. 

Entwurfs passen. E. Hammer hat in seinen Berichten einigemal auf solche Versehen 
hingewiesen.! So ist mit der Bezeichnung „Äquidistante Meridianprojektion"^ gar 
nichts gesagt, ebensowenig, werm es von J. C. Gygers Karte des Kantons Zürich 
heißt, daß sie „in den kleinsten Teilen nicht äquivalent isf^; denn es ist dabei gar 
keine Beziehung zu irgendeiner Abbildungsart aufgestellt. Falsch ist es, von der 
Bonneschen Abbildung als einer „modifizierten Flamsteedschcn" zu sprechen, was 
schon A. (tormain als eine „grosse absnrdite" gegeißelt hat.'' Es war von V. Haardt 
von Hartenthurn nicht richtig, den Entwurf der neuen Übersichtskarte von Öster- 
reich-Ungarn in 1 : 750000 als „polyedrische Projektion" nach Albers zu bezeichnen^; 
er ist konisch flächentreu. A. Bludau spricht bald von „Azimut-", bald von „Azimutal- 
projektion"®, wo lediglich die zweite, die adjektivische Form die richtige ist. 

E. Hammer wendet sich gegen die Bezeichnung ,, einfache Kegelprojektion" 
und schlägt „vermittelnde Projektion" vor, da ja jede Kegelprojektion einfach in 
der Konstruktion sei.' Aber in vorliegendem Fall hat der Geograph nur eine ganz 
bestimmte Projektion im Auge, die wahre Kegelprojektion mit längentreuen Meri- 
dianen, wie sie immittelbar auf Ptplemäus zurückzuführen ist.^ Zuletzt kommt 
es vor, daß eine Projektion weder durch einen Namen noch durch eine mathematische 
Formel charakterisiert wird, wie wir es beispielsweise in Bartholomews Physical 
Atlas ^ sehen. Zwei Karten darin zeigen die Mercatorprojektion, die andern eine 
Art modifizierter Mercatorprojektion, die A. Supan irrtümlich auch als Mercator- 
projektion angesehen hat.^o Wohl ist es eine zyUndrische Projektion mit wachsenden 
Breiten, aber nicht im Sinne von Mercator. Der Text zu den Karten läßt nichts 
über den Entwiuf verlauten. Es ist dasselbe Netz, das 0. Krümmel als ..willkürliche 
Projektion" bezeichnet hat.^^ 

57. Die ncueu deutschen projektionstechnischen Bezeichnungen. Einen erfreu- 
lichen Fortschritt in der Bezeichnung brachten die Bemühungen Breusings in der 
Verdeutschung fremder, oft nichtssagender Benennungen in der Kartennetzlehre. 
A. Breusing war nicht bloß ein luigemein praktischer, sondern auch ein sprach- 
schöpferischer Kopf. Zunächst wandelte er die Bezeichnungen normal, transversal 
(querachsig), schiefachsig. die auf Lambert und Tissot zurückgehen und logisch 



' E. Hammer in G J XX, S 438, 4.39; XXIV, S. 32. 

- S. Rüge in P. M. 1S96, LB. 356, gelegentlich der Besprechung von M. Fiorini: Sopra tre 
special! projezioni meridiaue c i niappamondi ovale del secolo XVI. Mem. soc. geogr. Ital. Bd. V, 
T. la, S. 165. 

ä E. Brückner: Veränderungen der Erdoberfläche im Umkreis deH KaiilonK Züri(^h seit der 
Mitte des 17. Jahrh. P. M. 1896, S. 233, Anm. 1. 

* Vgl. E. Hammers Bericht in G. J. XX, S. 438. 

^ V. Haardt v. Hartenthurn: Die militärisch wichtigsten Kartenwerke der europäischen 
Staaten. Mitt. d. k. k. Mil.-geogr. Inst. 1898. XVIII. Wien 1899, S. 124. - Vgl. dazu H. Hartl: 
Studien über flächentreue Kegelprojektionen. Ebenda 1895, S. 219. 

" Auf den Karten zur Neubearbeitung des Sohr-Berghaus' Handatlas. Glogau I!t02fi. 

l' E. Hammer in G. J. XXIV. S. 32. 

ä H.Wagner, Lehrbuch a. a. O., S. 222. - Krümmel-Eckert, a. a. O., S. 18. 

ä Bartholomews Physical Atlas. Bd. IV. Atlas of meteorology, prepared by -T G. Bartho- 
lomew and A. J. Herbertson, and edited by Alex. Buchan. London 1899. 

'» A. Supan in P. M. 1900, LB. 1, S. 2. Ref. über vorhergehenden Atlas (Anm. 9). 

'1 O. Krümmel in P. M. 1900, LB. 479, S. 134. Ref. über Meteorological charts of the Sou- 
lhern Orean. 



NaniPu und Systome der Projektionen. 145 

anfechtbar sincP, in pol-, äquator- und zwischenständig um.^ Breusing spricht nicht 
von Projektionen, sondern von Gradnetzentwürfen. Meiner Meinung nach kann man 
neben ,, Projektion" ebensogut von ,, Entwurf wie von ,,Netz" sprechen, indem 
man stillschweigend den Ausdruck „Karten" vornwegsetzt. Nicht recht verständlich 
ist, warum sich W. Jordan gegen den Ausdruck „Entwurf" wandte^, war er doch 
selbst nicht peinlich Ijei der Wahl von Ausdrücken, die er solchen Dingen zu geben 
pflegte.* Auch das Wort , .Kartennetz" dürfte nie zu Irrtümern führen. Da wir von 
„Gradnetz. Fliißnetz, Wegenetz" sprechen, liegt aber durchaus kein Grund vor, nun 
die gesamte Situation als „Netz" zu bezeichnen, wie es K. Oestreich auf einer 
Übersichtsskizze der oro-hydrographischen Verhältnisse von Makedonien getan hat.^ 
R.Bourgeois und Ph. Furtwängler, überhaupt die Geodäten sprechen kurzweg 
von „Abbildung."'' 

Weiter verdanken wir Breusing die heute ganz allgemein üblichen Ausdrücke 
„flächentreu" für äquivalent, isomer (Lambert), authaüque (Tissot) und ,, winkel- 
treu" für konform (Gauß), autogonal (Tissot), isogonal, orthomorph. Auch seine 
Verdeutschmig für orthographisch oder orthogonal durch ,, reifentreu", für zenitalo 
Projektion auf einen Meridian einfach durch „speichentreues Netz" läßt sich hören. 
Für speichentreu haben wir durch W. Schjerning die bessere Bezeichnung ,,mitt- 
abstandstreu" erhalten', da, wie er ausführt, , .äquivalent" zu viel sagend, , .azimutaler 
Entwurf mit längentreuen Mittelpunktgroßkreisen" nach Hammer wohl korrekt, 
aber zu schwerfällig, ,,Postelscher Entwurf" aus historisch-kritischen Gründen abzu- 
lehnen, „speichentreu" nach Breusing nicht schlecht, aber doch mcht zu empfehlen 
ist, weil man das Wort Eadius nicht überall mit Erfolg ersetzen kann. 

Selbst gegen die Bezeichnung , .säulige (iradnetzent würfe" für Zyünderprojek- 
tionen läßt sich nichts einwenden wie gegen , .höhentreu", wenn die Höhe der Säule 
und ihre Teile genau der wirklichen Größe der Meridianbogen entspricht ; dagegen 
dürfte sich der Ausdruck ,,geradwegig" (orthodromisch) für gnomoniscli nicht ein- 
bürgern, da auch loxodromische Linien geradwegig sein können, und in andern Üm- 
nennungen, wie „Stuhleck" für- Trapez, ,, Gleiseck" für Parallelogramm scheinen 
Breusings puristische Bestrebungen zu weit gegangen zu sein. Doch ganz ablehnend 
dürfen wir auch diesen und andern verdeutschenden Ausdrücken nicht gegenüber- 
stehen, wir wissen niciit, oii dem Ohr einer spätem Zeit das besser klingt, was uns 
heute noch nicht behagt. Für UrLUsings „mitteltreu" hat sich in neuerer Zeit, 

'■ .Spraoldich und logisch gibts z. ß. keinen Unterschied zwi-sclion <iiii<iiulisin und «rliiof- 
ac-bsig. Allenfalls könnte man da noch schrägachsig .sagen. 

^ Vgl. A. Brensings geistvolle Schi-ift: Das Vorebncn. a. a. O. 

' W. .loidan in '/.. f. Veiin.-W. 1898. Heft 23. 

' y<i\. K. Hammer in G. .1. XXIV. I9((l/u2. S. .Tt. 

■ .\iif Taf. 16 in G. Z. 1904. - Vgl. H. Haack in (J. .1 XXIX, 191X5/07. S. 3.%:.. 

• H. Bourgeois und Ph. Furtwängler: Kartographie. Enzyklopiidie der niatheui. Wiiw. VI, 
S. 24."i -29«. (Al)gcschloHsen im .lanuar 1909.) Den Ausdruck „Abhildung" für Projektion niiK-htc 
ich den G»mgrai>lu'ii weniger empfehlen. Crt-sctzt auch, daß das Wort „Projektion" in der Karto. 
graphie nicht allein in dem in der pmjcktivcn Geometrie üblichen engern Sinn« gebinuihl »itvl, 
seheint es doch opixjrtun zu s»-in, von der allgemeinen Bezeichnung „Abbildung" abzuHchen, da wir 
unter kartographischer Abbildung auch das (•elitnde mit einbegivifen. Bei to|)ographiiu-heM Karlen 
liilll man sieh die Bezeichnung „Abbildung" schon eher gefallen; da hat sie ihren guten Grund, auf 
den ich noch zu sprechen komme. - M. Groll gebraucht in der Kartonkiindc (I. B«>rlin u. I/eipiig 
1912) ehenfnlls die Bezeichnung ...Abbildung '. 

' \V. S.hjerning: ('ber inillabst.in.l-iMMc K.irl.M.. Abh.d. (^i-ur. ( 'n^. Wien V. 19W (M. Ni. 4. 
Ecken, KarlrDwIaHcDsrlian. I. "•* 



146 I>:is Kaitiniiptz. 

besonders durch die Bemülmngcn Hammers, die 1 rcf feiideic Bozoichnnng , .ver- 
mittelnd" eingeführt. Vor allem jedoch dürfte der von den Seeleuten gebrauchte 
und von Breusing empfohlene Ausdruck „Abweitung", worunter der im Linearmaß 
gemessene Bogen eines Bi-eitenparallels zu verstehen ist, bald auch in den Sprach- 
schatz des „binnenländischen" Geograplien und Kartographen eingedrungen sein 
und so Allgemeingut im geographischen Sprachschatz werden.^ Außerdem muß man 
mit dem Gebranch des Ausdrucks „längentreu" (vorzugsweise von Geodäten benutzt) 
Bescheid wissen, we-nn auch die Bezeichnung ,, Länge" in einem andern Sinn als geo- 
graphischer Terminus technicus gebraucht wird \ind daher auf geographischer Seite 
leicht Mißverständnisse durch jenen veranlaßt werden können. Der Ausdruck ,. maß- 
treu" dafür, wie ihn E. Debes vorschlägt, scheint mir nicht ungeeignet zu sein. 

58. System der Projektionen von mathemutisehem Standitunkt aus. Bis jetzt 
haben wir uns auf einem Boden bewegt, auf dem der Geograph vuid Mathematiker 
einträchtig miteinander wandehi können, bei der Systematisierung der Pro- 
jektionen scheint dies weniger der Fall zu sein. Wohlweislich werden sich beide 
in diesem Punkt nicht befehden; jeder wird tunlichst seine eigenen Ziele befolgen, 
weim der Mathematiker dem Geographen im einzelnen auch dann und wann den 
richtigen Weg zeigt. Mathematisch lassen sich von den verschiedensten Gesichts- 
punkten aus Systeme aufstellen, aber jedes -wird mehr oder weniger anfechtbar sein, 
da man sich auch hier zu Konzessionen bequemen muß. Wie der Mathematiker das 
Gerüst für ein System der Projektionen aufbaut, zeigen ))eispielsweise R. Bourgeois 
und Ph. Furtwängler.- 

Mit der Schwierigkeit des mathematischen Aufbaues eines Systems hatten die 
alten Projektionstheoretiker fast ständig zu kämpfen. Darum stellen sie die ver- 
schiedenen Projektionsgruppen oft wahllos nebeneinander oder schaffen nur ganz 
allgemein gehaltene Oberabteilungen, in die alles Möghche hineingepfropft wird, wie 
wü' es bei J. J. Littrow sehen, der die vielen Projektionen, die er in seiner Choro- 
graphie von 1833 behandelt, vmter die drei Hauptabteilungen perspektivische Pro- 
jektionen, Projektionen zu besondern Zwecken und allgemeine Projektionen bringt. 
Selbst A. Tissot ist nicht streng systematisch vorgegangen, er behandelt die ver- 
schiedenen Projektionsgruppen gleichfalls zwanglos nebeneinander, ohne vom Leichtern 
zum Schwerem fortzuschreiten, oder von einer andern Idee als der, nur die Ver- 
zerrmigen bei allen geograj^hisch möglichen Projektionen festzustellen, beseelt zu 
sein. Hammers „geograjAisch wichtigsten Projektionen" sind schon weit syste- 
matischer aufgebaut. Aber auch sie beweisen, daß es schwer oder kaum möglich 
ist, die Projektionen in ein allseitig befriedigendes System hineinzuzwängen. Schon 
die sogenaimten ,, konventionellen" Entwürfe verhalten sich widerspenstig. Von 



' In O. Schlömilohs Handbuch der Mathematik, das R. Henke und R. Heyer neu heraus- 
gegeben haben, hat letzterer den Abschnitt „Kartenentwürfe" bearbeitet, wobei er die Breusing- 
schen Bezeichnungen weitgehendst anwendet. Auch ich habe sie teilweise in dem „Geogr. Praktikum" 
übernommen. Im Handatlas von Debes sind sie durchgeführt. Statt Heyer, wie es in G. J. XXIX, 
1906/07, S. 342 richtig heißt, wird auf S. 354 Heger geschrieben. J. Frischauf, S. 341, heißt auf 
S. 352 J. Frühauf. Wie kaum anders zu erwarten, treten infolgedessen im allgemeinen Personal- 
register des Bandes vier anstatt zwei Autoren auf. Dies sei nur nebenher erwähnt, um zu zeigen, 
wie leicht bei der kartographischen Literatur Fehler übersehen werden, und den Argusaugen Haacks 
entgeht gewiß selten ein Versehen! 

" R.Bourgeois und Ph. Purtwängler: Kartographie, a. a. O., S. 24.')ff. 



Namen iiud Systome dfr Projektionen. 147 

der besondern Auffassung der „konischen" Entwürfe wollte Breusing nichts wissen. 
— Lassen sich nicht die Zylinderprojektionen und die azimutalen als Grenzfälle der 
Kegelprojoktionen auffassen und ebenso wieder die polständigen und äquatorständigen 
Projektionen als Grenzfälle der Zwischenständigen! Jedes System wird immer etwas 
Gewalttätiges an sich haben, aber dennoch ist ohne es nicht auszukommen, schon die 
Eigenart der menschlichen Psyche, die Einzelvorstellung am besten in Eeihenform 
zu apperzipieren, verlangt es. Auf welche Weise dies nun geschieht, kann gleich- 
gültig sein, wenn das System nur gewünschten logischen und praktischen Forderungen 
entspricht. Damit ist den Systemen auf geographischer Seite der Spielraum nicht 
eingeengt. H. Wagner half sich bei der ßehandlimg der Projektionen in seinem 
Lehrbuch der Geograpliie dadurch, daß er bestimmte Projektionsgruppen 
in historische Eeihenfolge brachte und auch in jeder Einzelgruppe einen mehr 
oder minder ausgeprägten historischen Faden hineinwob. Das ist für den Geographen 
immer ein guter mid dankbarer Weg. 

Die von Breusing geschaffenen Ausdrücke polständig, äquatorständig 
und zwischenständig erfreuen sich noch nicht allgemeiner Beliebtheit, weder bei 
den ]\Iathematikern noch Geographen; so verhalten sich E. Hammer und H. Wagner 
ablehnend ihnen gegenüber. Wagner will dafür lieber normal (rechtachsig), schief- 
achsig und transversal (querachsig). Polständig will er nur auf den Spezialfall be- 
schränkt wissen, wo der Projektionspol im Nord- oder Südpol der Erde gelegen ist, 
imd nicht, wie bei allen normalen Kegelprojektionen in der \-erlängerten Erdachse 
über dem Nordpol.^ Wagner bringt den Einwurf gegen die Ausdrücke B)eiisings 
bei der Behandlung der Kegelprojektionen und scheint dabei zu übersehen, daß 
Breusing von Kegelprojektionen überhaupt nichts wissen will. Mit pol-, äquator- 
und zwischenständig werden aber sehr gut die azimutalen Projektionslagen ver- 
anschaulicht, denn bei ihnen steht oder ruht der Projektionspol und damit die Karten- 
mitte entweder im Pole oder im Äquator, oder zwischen beiden. In den Bezeichnungen 
Breusings haben wir unsers Erachtens nach anschaulichere Ausdrücke für die bereits 
im IB. .Jahrhundert gebrauchten Ausdrücke: Polar-, Äquatorial- und Horizontal- 
projektionen. Hammer aber will noch allgemeinere Ausdrücke, wie normal, trans- 
versal und schiofachsig, um so eine gemeinschaftliche Bezeichniuig für die Lage der 
konischen, zylindrischen mid azimutalen Entwürfe zu haben. Daß aber auch diese 
Einteilung bzw. Bezeichniuig etwas Gezwungenes mid nicht allseitig Befriedigendes 
an sich liat. fühlte Hammer selbst, und darum möchte er die normalen azimutalen 
Abl)ildungen als Poiarprojcktion, besser „Äquatorialprojektion", die transversalen 
azimutalen als Äquatorprojektion, besser ..^leridianprojektion" und die schiefachsigen 
azimutalen als „Horizontalprojektion" bezeichnen. Mit der ..bessern" Benenninig 
Hammers aber würde noch größerer Wirrwarr in die Lagebezeichnung der Pro- 
jektionen hineingebracht als ohnehin schon vorhanden ist. Für die azimutnlon 
I'rojektionen sollte man pol-, äquator- und zwischenst&ndig gelten lassen, 
für die verschiedenen Lagen der kegeligen und zylindrischen Entwürfe al>er 
(Ion Ausdrücken rechtaciisig, querachsig und schrügachsig (also einlieitlichen 
deutschen Bozeiciiiuuigen) Bürgerreelit verschaffen. Notgedrungen lassen sieli recht - 
achsig, queraehsig und sohrägachsig auf die LagiMi siimtlicher Karteniirojektiouen 
anwenden, wenn man hecUMikt. daß die azimutalen und zylindrischen Kniwürfo mir 



148 I^:>'< Kaitennetz. 

als Grenzfiillf der mieniUichcn Iioilic dor kcRoligeii ;mzusolieii sind. Besi3er erscheinen 
mir alsdann die von E. DcIks vorgeschlagenen Ausdrücke polachsig, äquatnr- 
achsig und schiefachsig. 

.")». Eintoiluii;; der Projektionen auf Grundlage der Liniensysteme. In dem 

Suchen nach einem brauchbaren System hat man sich selbst auf mathematischer 
Seite nach Mittebi umgesehen, die mehr äußerlicher Natur zu sein scheinen. Der be- 
merkenswerteste Versuch nach dieser Richtung liegt in Littrows Chorographie vor.' 
In dem zweiten Teil seines Werkes, wo er die Projektionen zu besondern Zwecken 
analysiert, spricht er von Karten (seil. Projektion) mit parallelen Meridianen und 
geradhnigen Parallelen, von Karten mit konvergierenden Meridianen und geradlinigen 
Parallelen, von Karten mit konvergierenden Meridianen und kreisförmigen Parallelen 
(Konstruktionen von Delisle, Senex, Vaugondy usw.), von Karten mit krummen 
Meridianen und kreisförmigen Parellelen (Bonne) und schließhch von Karten mit 
krummen Meridianen und geradlinigen Parallelen (Flamsteed [seil. Mercator- 
Sanson]). Als besondere Gruppe behandelt er später noch die Karten mit elHptischen 
Jleridianen und geradlinigen Parallelen (Mo 11 weide). Damit hatte Littrow einen 
guten Anfang gemacht, aber als strenger Mathematiker kam er, wie seinerzeit 
J.T.Mayer, der in seiner Anweisung zur Verzeichnung der Land-, See- und Himmels- 
charten einen sehwachen Anfang nach dieser Richtung hin gemacht hatte, mit dieser 
Gruppierung nicht aus und läßt für andere Gruppen den Erdradius, Winkel und 
Flächenelemente maßgebend sein. Indessen ist es wohl mögUch, auf Grundlage der 
Liniensysteme der Gradnet zentwttrfe zu einem System zu gelangen, wie der folgende 
Versuch zeigt. 

Für den Aufbau des Entwurfs sind im Grunde genommen imr wenige, haupt- 
sächhch die einfachsten Linienelemente notwendig. Gerade Linien, Kreise und 
Elhpsenbogen, seltener Areus-Sinus- und Arcus-Cosinuslinien, wie auch andere Kurven 
bilden die einzelnen Elemente des Entwurfs. Während von den drei ersten Gruppen 
schon jede für sich allein ein fertiges Netz aufzubauen vermag, körmen sinushnige 
Bogen, Hyperbeln und Parabeln nie allein ein vollkommenes Netz für Erdkarten 
hefern. Wie es in der Natur der Bauteile liegt, ergeben die geraden Linien einfachste 
Netze, unter denen die quadratische oder äquidistante, höhentreue Plattkarte einer 
rechteckigen Plattkarte, etwa auf den 45. Parallelkreis konstruiert, vorzuziehen ist. 
Bevor die Mercatorkarte zur Seeherrschaft kam, war die rechtwinkhge Plattkarte 
durchaus vorherrschend als Seekartenprojektion. Nur für äquatornahe Gegenden 
wurde die quadratische Plattkarte gebraucht, wie heute noch in beschränktem Maße 
für Länderkarten. ^ Ferner sei hier hervorgehoben, daß sich die Mercatorkarte, 
bevor sie allgemein als Seekarte gebraucht wurde, schon für Erdkarten eingebürgert 
hatte. Daß sie aber nicht bloß in der Form von Erdkarten möglich ist und gebraucht 
wird, darüber soll der besondere Abschnitt über die Seekarte Aufschluß geben. Da 
die Konstruktion der Mercatorkarte ab ovo schwierig ist, hatte man beizcnten Tabellen 
für die wachsenden Breiten berechnet. Mit ihrer Hilfe ist die Zeichnung so leicht, daß 
sie selbst der Ungeschulte und Nichtkartograph ohne jegliche Schwierigkeit ent- 



1 J. J. Littrow, a. a. O., S. 81-111, 134-139. 

^ Beschränkte äquatomahe Gebiete können stets in tlies-er Projektion ersc}ieinen, w wie 
'.. B. bei der Darstellung von Deutsch-Neuguinea, den Karolinen, Marianen und Marshall-Inseln 
„Großen Deutsclicn Kolonialatlas" (Blätter Nr. 26, 27, 28, 29) geschehen ist. 



NHiiieii und S.vsU-uii- der l'roj.-kfiuiii-ii. 149 

werfen kann, was gewiß audi ein Grund ist. daß die Mercatorkarte sich mit solcher 
Hartnäckigkeit in Atlanten und andern Kartenwerken eingenistet hat. Mit Hilfe der 
Tabelle, vorausgesetzt, daß man sie richtig zu handhaben weiß, lassen sich aber auch 
andere geradlinige Netze, wie die flächentreuen Zylinderprojektionen von Lambert 
und von Behrmann, die flächentreuen Trapezprojekt ionen von Collignou und von 
mir ohne weiteres konstruieren. Das Bedürfnis nach Lamberts flächentreuer Zylinder- 
projektion imd Collignons flächentrt'uem Trapeznetz ist erstorben, und lun- den 
andern genannten geradlinigen, flächentreuen Netzen kami noch Bedeutung zu- 
gemessen werden.^ 

Die stereographischen oder winkeltreuen Netze haben den Vorzug, in äquator- 
und zwischenständiger Lage nur mit Kreisen und deren Teilen konstruiert zu werden. 
Die Konstruktion mit Kreisen kann zuweilen leichter als die mit geraden Linien sein. 
Die hierher gehörigen, schon dem Altertum bekannten Kartennetze hal)en sich gleich- 
falls wegen der bequemen Zeichnung immer größerer BeUebtheit erfreut, mid der 
äquatorständige stereographische Entwurf für die Erdhälften ist heute noch in At- 
lanten zu sehen. Die Planiglobenzeichnung ist von ihm über drei Jahrhunderte be- 
herrscht worden, 2 von der ebenfalls kreistreuen Globularzeichnung, obwohl schon 
bei Nicolosi (um 1660) nachgewiesen, nur ein volles Säkulum^, und von deren Nell- 
schen Modifikation'' nur einige .Jahrzehnte. Als Ansichten der gesamten Erde haben 
sich die kreistreuen Karten nicht einzubürgern vermocht (s. § (is). Auch andere 
kreistreue Netze haben sich nicht gehalten, wie die sogenannte zweite ,,Ptolemäus- 
projektion". Abgesehen davon, daß die stereographischen Netze außer kreistreu 
noch winkeltreu sind, sagt uns doch die starke Vergrößerimg der Netzmaschen 
nach dem Kartenrand nicht recht zu, und man kami sich des Eindrucks nicht erwehren, 
daß viele nur durch Kreisbogen dargestellte Projektionen etwas Manieriertes an sich 
haben. Einigen von ihnen haften die Kinderjahre der kartographischen Entwicklung 
zu offensichtlich an. 

Das Manierierte der kreistreuen Netze wird durch die Projektion der Kreise 
in Ellipsenform wesenthch gemildert; es ist, als ob die Ellipsenlinie zwischen 
der ursprünglichen Geraden und der Kreislinie ausgleichen wolle. Hier melden 
sich die flächentreuen Azimutalprojektionen von Lambert für die Hemisphären 
imd Einzellandgebiete, in äquatorständiger Lage sowohl wie in zwischenständiger. 
Bei der zwischenständigen orthographischen Proji'ktion bilden gleichfalls Parallelen 
und Meridiane EUipsen. Die Abänderung der Lambertschen flächentreuen Pro- 



' Wie trapezaitigc Netze für kleinere Gebiete vei-wciidet werden können, reigt die ..Oeo- 
gi-aphischo Übersichtskarte des Atlas" von M. Blankenhorn (l*. M. Ergh. 90, 1888). Damit will 
ich aber nicht sagen, dalJ ich den von Blankenhorn gewählten geradlinigen Entwurf als muster- 
gültig lialt<'. Über die Anwendung von einfachen Trapetz-net zen dunh H i p pa rc h . O r t e I i us . H o m a u n 
vgl. H. Wagner» Lehrbuch a. a. ().. S. 218, 211). 

- Im 16. imd 17. Jahrh. ist diese Projektion auch vielfach zur üarstellung für ganz Amerika 
und Afrika benutzt woixlen. so von Mercator und seinen Nachfolgern. 

' Die Glübularprojektion, ein Mittelding zwisdien orthograplüscher und winkeltix-uer l'n>- 
jektion, benutzte de hi Hire in äquatoi-ständiger Lage zu Sternkarten und A. Arrowsmith zu Welt 
karten. Die englischen Atlai\ten zu seiner wie nach seiner Zeit zeigen sehr hiiufig die Enlnnsieliten 
in Globularprojektion. 

* Von E Debes kultiviert. Siehe in »1. Mitt. des Ver. f. Enlkde. /.u U-i|«r.ig IS82. Dcbe^ 
gibt liier Tabellen der Kivishalbmesser. Neil liatte 1852 die mich ihm l)cnaniUe .Modifikaüou dw 
Globulariietzes angegeben. 



150 I^»3 Kavteiinetz. 

jektion für den Planiglob führte Hammer zu dem gefälligen, von einer Ellipse um- 
rissenen Erdbild, während die Lambertsche flächentreue Azimutalprojektion der 
gesamten Erde, in eine Kreisform gegossen, uns nicht gefällt. Auch die schwierigern 
Kurven der mittabstandstreuen Projektionen, in transversaler oder schiefachsiger 
Lage, sch-wächen das Manierierte der reinen Kreiskonstruktionen ab. t'ber ovale 
Weltkarten vgl. -weiter § (59. 

In der Mischung und Verquickung der verschiedenen Liniensysteme 
var den Kartenprojektionen ein -weiter Spielraum gegeben. In allen Verquickungen 
spielt die gerade Linie eine tonangebende Eolle, denn sie ist fast überall dabei und 
verbindet sich mit Kreisen, Kreisbögen, Ellipsenbögen, Sinuslinien und zuletzt auch 
mit Hyperbeln, Parabeln und ver-wickeltern Kurven. Auf diese Weise -wird eine reiche 
Anzahl von Projektionen ermöglicht. Ganzkreise in Verbindung mit Geraden zeigen 
alle pülständigen Projektionen, ganz gleich, ob sie winkeltreu, wie die stereographischen, 
oder flächentreu, wie die azimutalen von Lambeit, oder mittabstandstreu, wie die 
von Mercator, oder vermittelnd, wie die Neljsche Globularprojektion , oder gno- 
monisch sind. Daran schließen sich die verschiedenen sternförmigen Projektionen 
an^, sodann die konischen Entwürfe mit geradlinigen Meridianen.^ Unter den Erd- 
karten mit geraden Linien und Kreisbögen kommt Kloß der alte Apianische Welt- 
kartenentwurf in Betracht. 

Seltener ist schon die Verquickung von geraden Linien mit Ellipsenbögen. 
Unter dieser Gruppe sind nur die Mollweidesche Projektion und mein Ellipsen- 
entwurf von Belang, weniger die äquatorständige orthographische Projektion. Nicht 
viel häufiger ist die Verknüpfung von Geraden mit sinuslinigen Kurven, wie bei 
der Mercator -Sansonschen Projektion und meiner Kreisringprojektion. Noch seltener 
treten gerade Linien mit andern Kurven, wie mit Hyperbeln auf; so zeigt z. B. die 
äquatorialständige gnomonische Projektion die Mittagskreise als gerade parallele 
Linien, während die Parallelkreise sich als Hyperbeln projizieren. Bei der zwischen- 
ständigen gnomonischen Projektion werden die Meridiane als Gerade projiziert, der 
40. Breitenparallel, wenn angenommen wird, daß cp = 50", als Parabel; die südhch 
davon liegenden Breitenparallele bilden Hyperbeln und die nördhch davon gelegenen 
ElHpsen. Kreise und ElHpsen verknüpfen sich in Airys Projection by Balance of 
Errors.^ Kreise und höhere (herzförmige) Kurven setzen den Bonneschen Ent- 
wurf, die Stab-Wemersche Herzprojektion und andere zusammen. — Wir sehen, 
eine reiche Anzahl von Verquickungen der verschiedensten Linienelemente sind mög- 
hch; aber immer gehören gewisse Grappen zusammen, so daß sich auch nach 
Gesichtspunkt ein Einteilungsprinzip der Projektionen finden läßt.* 



' Die steinföi-migen Projektionen sind ein Ganzes von dei- Mitte bis zum Äquator, wo sich 
die Sternzacken alsdann ansetzen. Dabei erleiden die Meridiane eine Brechung. Die sog. erste 
Projektion des Ptolemäus zeigt auch eine Brechung der Meridiane am Äquator, weshalb man 
sie als eine Vorläuferin der Stemprojektionen ansieht. Vgl. Herz: Die Landkartenprojektionen. 
Wien 1894, S. 94; desgl. Tissot-Hammer: Die Netzentwürfe geographischer Karten. Stuttgart 
1887, S. 190. 

* Von der Schwierigkeit der Einzeiclmung flacher Kreisbögen und andern Konstmktions- 
schwierigkeiten sehe ich bei dieser mehr allgemeinen Betrachtung ganz ab. 

" Die Projektion hat für den Geographen wenig Wert. Vgl. die Entwicklung dieses Netzes 
in U. Gretsehels Lehrbuch der Kartenprojektion. Weimar 187:5, S. 247ff. 

^ Ein anderer, allerdings sehr einseitiger Versuch liegt vor in dem Gyninasialprogranim von 
IJock: i?ber verschiedene Konstruktionen zur Übcrtragmig von l'^iguren von einer gegebenen Ober- 



Niiiiiun und Systeme der Projekt ioueu. 151 

(tO. System der Projektionen vom geographischen Standpunlit aus. Wenn vun 
geographischer Seite aus eiri System der Projektionen angestrebt wird, kann auch 
da die mathematische Basis nicht verlassen werden. Nur die Formel soll nicht aus- 
schlaggel)end sein. Hinwiederum muß man sich vor Äußerlichkeiten hüten. Die Ein- 
teilung soll klar und übersichthch sem, bei der sich auch mathematisch weniger Be- 
gabte etwas denken und vorstellen können. Zu den ersten Versuchen dieser Art gehört 
die Eiuteilmig von Saija und Marinelli. Dem Urteil E. Hammers über diese 
Arbeit schließe ich mich an.i Das Gute, was sie bringt, ist nicht neu, imd das Neue 
ist nicht gut. Praktisch und einfach hat Charles Duchesne die Projektionen zu- 
zusammengefaßt, um sie dem Verständnis der Schüler höherer Schulen nahe zu bringen. 
Er geht von dem gesunden Prinzip aus, ledigUch in die Kartennetze einzuführen, die 
in den verbreitesten Lehrbüchern und Atlanten am meisten gebraucht werden. Dabei 
spricht er von Projektionszonen oder Kugelflächenstücken (fuseaux) und unter- 
scheidet zunächst Projektionszonen bzw. -flächen, deren Abgrenzmig durch gerade 
Linien erfolgt, sodann von Projektionsflächen in Sektorenform und zuletzt von solchen 
in Eosettenform. Im ganzen werden elf Projektionen behandelt. ^ Damit mag dem 
Geographieunterricht auf Mittel- und hohem Schulen gedient sein, nicht aber dem 
Hochschulunterricht, der seine Ziele höher steckt. 

Wird bei der Systematisierang auf das historische Moment verzichtet, so wird 
die Sache schwieriger und bietet der Kritik schon größere Angriffsflächen dar. Für 
Geographen brauchbar und völhg ausreichend ist folgender Entwurf zu einem System 
der geographisch wichtigsten Projektionen. Dabei sehe ich von den Projektionen 
der Landesaufnahmen ab, die eine besondere Erörterung erheischen. Die Gradnetz- 
entwürfe lassen sich, insbesondere wenn man den Wert einer guten Veranschaulichung 
für noch nicht Eingeweihte im Auge hat, ganz allgemein in Entwürfe teileii, die 
direkt auf die Berührungsebene projiziert werden, also keinen Hilfskörper bei der 
Projektion notwendig haben, und in solche, die nicht direkt auf die Ebene projiziert 
werden, die gewissermaßen von der Erdkugel erst auf einen andern Körper über- 
tragen werden, um von hier aus erst die weitere Umwandlung auf die Ebene zu er- 
fahren.' In die erste große Gruppe gehören die Azimutalprojektionen, und zwar in 



fläche auf eine andere (Lyck 1884). Vorderhand wiixl liier an dem Prinzip festgehalten, daU das System 
von Meridianen und Parallclkreisen der Erdkugel entweder durili ein Doppelsystem von Kit-isen 
oder durch ein System von geraden Linien wiederzugeben ist. 

> Nach E. Hammer in G. J. XXIV, 1901/02, S. 14 sei die Einteilung mitgeteilt. A. C«v- 
metrische, B. Pseudogeometrische und C. Konventionelle Projektionen. Nur Gruppe A zerfällt in 
Unterabteilungen, und zwar in folgende sieben: I. Perspektivische Abbildungen: rcntrograpliisch, 
«Midographisch, stereograpliisch, szonognvplvisch, orthographisch; dabei wird jedesmal Äquatorial-. 
Meridian- und Horizontal projcktion unterschieden; II. Projektionen durch Schnitte; III. Proj. durch 
Umklappung; IV. Polyetlri.iche Proj.; V. Proj. durch Abwicklmig (zylindrisch und konisch); M. Natür- 
liche Proj.; VII. Polykonische Projektionen 

* Ch. Duchesne: L'enseignement des projivtions cartogmphiques. Lilttich 1907. - Kr 
gruppiert: I. Fuseaux align^ea: 1. Mercator, 2. Flamsteed- Sanson, 3. Babinot Mollweide; 
II. Fuseaux en sectcur: 4. B()nne, 5. Welch, (i. Delisle (Duchesne schreibt durchweg falsih 
ile risles); IM. Fuseaux cii wsace: 7. Postel, S. Lambert, 9 steirographisohe Pn>j.. 10. Breusing. 
II. orthographische Pmj. — Vgl. H. Haack in G. ,1. XXXIII. 1010, S. 148. 

' Breusing (Das Verebnon der K\igeloberfliichc, S. M) hält das Einfuhren eines HilfskoriM-rs. 
wie Walze oder Kegel, für unnötig. Für »eine Zwecke, liatte er (UhIi Stn-Ieuto in den nautiüchen 
Kenntnissen auszubilden, moilite diese Ansicht richtig »ein, aber damit konnnen wir in uusenu H<hIi 
^ihulunteiTicht nicht aus. 



J52 ""^ Kiutemietz. 

ihrer pol-, äquator- und zwischenständigen Lage. Die zweite Gruppe füllen die 
Kegel-, Zylinder und Kreisriugprojektionen aus, deren jede Abteilung wieder durch 
echte und unechte Projektionen vertreten ist.^ 

Über die von mir befolgte Einteilung ist man, soweit ich die Literatur kenne, 
nicht hinausgekommen; gern würde ich dem Bessern den Vortritt geben. M. Groll 
und J.Y.Eriksson haben sich im wesenthchen an meine Einteilung gehalten. Der 
erstere spricht in der bekannten Kartenkunde von den Abbildungen auf die Berührungs- 
ebene oder azimutale Projektionen und von den Abbildungen auf den Kegel- und 
Zylindermantel. Von hier ab wird er selbständiger und behandelt als besondere 
Gruppen die aus den vorerwähnten Entwürfen graphisch abgeleiteten Projektionen 
und solche, die sich ledighch auf mathematischem Wege ableiten lassen. Was lieiUl 
grajihisch abgeleitet, das ist ein Begriff, der gerade bei den Projektionen sehr dehnbar 
ist ; unter Umständen kann er auch nichtssagend sein.^ Ebenso anfechtbar ist die 
Bezeichnung der Gruppe von Kartennetzen, die sich ledighch auf mathematischem 
Wege ableiten lassen, also ohne Hilfskörper. Darunter fallen nach ihm auch meine 
Kreisringprojektionen oder Polarongkoide.^' An Klarheit, Einfachheit und Brauch- 
barkeit wird die Grollsche Einteilung von der Gruppierung durch J.V.Eriksson 
übertroffen. Die zwei Untergruppen des zweiten und dritten Hauptteils meiner Auf- 
stellung, also die echten und unechten Projektionen, erhebt er zu den beiden Haupt- 
gruppen seines Systems. Innerhalb jeder Hauptgruppe unterscheidet er azimutale, 
konische imd zylindrische Projektionen, die ich als Hauptgruppen aufgestellt habe. 
Somit hat Eriksson eine Umgruppierung vorgenommen und dadurch jeder bedeuten- 
dem Projektion, die man jetzt kennt und nennt, ein Obdach gegeben*, wobei allein 
die Einteilung der Azimutalprojektionen in echte und unechte eine strittige ist. 



^ Nach diesem Systematisiei-ungsprinzip sind die Projektionen im „Geographischen Praktikum " 
von Krümmel-Eckert behandelt, S. 5-23. 

- Zuletzt ist jede wichtigere Projektion in Atlaskarten graphisch abgeleitet, wenn man z. B. 
wie Groll sagen vdl], daß aus der einfachen (Berührmigs-) Kegelprojektion die Bonnesche oder die 
:nittabstandstreue und flächentreue herzförmige Stab- Werner sehe Projektion oder die amerika- 
nische polykonische Projektion mit längentreuem Mittelmeridian und längentreuen Parallelen graphisch 
abgeleitet sind. Daß aus der quadratischen Plattkarte die Mercator-Sansonsche Projektion 
graphisch abgeleitet wird, erscheint mir gesucht. 

•'• Hätte sich Groll ein wenig mehr in meine Arbeit (P. M. 1906. oder Geogr. Praktikum 1908) 
vertiett, oder in deren Auszüge bei H. Haack (G. J. XXXITI, 1910, S. 163ff.), bei A. Bludau 
(Zöppritz-Bludau. I. 1912, S. 201ff.), würde er kaum den Kreisring (die Wulöt) als Hilfskörper 
übersehen haben. Auch Eriksson vergißt nicht, den Kreisring als Projektionskörper bei meinen 
Projektionen hervorzuheben. 

* J.V.Eriksson: Om Kartprojektioner. Uppsala 1916. I. Hauptgruppe: Echte Pro- 
jektionen: A. Azimutale Proj. 1. orthograph., 2. stereograph., 3. gnomonische und 4. externe 
Proj. B. Konische Ptoj. 1. echte konische, 2. Schnittkegel-, 3. polykonische imd 4. Polyederproj. 
C. Zylindrische Proj. 1. echte Zylinderproj. 11. Hauptgruppe: Unechte Projektionen. 
A. -\zimutale Proj. 1. mittabstandstreue Azimutalproj., 2 Lamberts flächentreue Azimutalproj. 
und 3. Globularproj. B. Konische Proj. 1. längentreue (speichentreue) konische, f lachen treu kon., 
3. winkeltrcu kon., 4. Bonnesche und 5. Stab- Wernersche Proj. C. Zylindrische Proj. 1. quadra- 
tische Plattkarte (nebst Cassini-Soldnerproj.), 2. rechteckige Plattkarte, 3. Lamberts flächentreue 
Zylinderproj., 4. flächentreue rechtschnittige Zylinderproj. (Bchrmann), 5. winkeltreue Zylinder- 
proj. (Mercatorproj.), 6. Sanson-Flamsteed sehe Proj., 7. Mollweides Proj., 8. Hammers flächen- 
treue Erdkarte, 9. Kroisproj. (van den Grinten) und 10, Eckerts Polarongkoide. 



AllgeiufiiK n? gi'Of,'i-:i|pliisclie Aiifonli-rungeii an flif Kailemn-tzc. lOIJ 

1>. Die BniUfhb.irkcit der Pi-qjektioneii liii- clKtrograjjliisrlK' Kart.ii. 
I. Allgemeinere geographische Anforderungen an die Kartennetze. 

(il. Der Kampf znisi-heii fläfhenlreuer und winkellmier Projekliou. Mit dir 

l*'i)ick'ruiig an die Karte, ein möglichst genaues topographisches Bild des ahzubilden- 
den Gebietes zu liefern, sind wir in eine Ära der Kartographie eingetreten, die seit 
Anfang des 19. Jahrhunderts den neuem Forschungen über die Projektionslehre das 
Gepräge gegeben hat. Bis dahin wurden in der Eegel allein die Bilder der Meridiane 
und Parallelkreise untersucht und ihre Abbildung auf die Ebene gelehrt. Eigentlich 
werden nur Punkte der Kugeloberfläche oder des Sphäroids abgebildet und aus den 
Abbildungsformeln selbst noch Eigenschaften des Bildes abgeleitet. Hierher gehören 
die Bemühungen der Begründer einer wissenschaftlichen Projektionslehre, wie die 
von Lagrange und Lambert. Wenn jedoch .J. Frischauf sagt, daß den modernen 
Anforderungen an eine Karte die Beschränkung auf Bilder der Pimkte nicht mehr 
genügt^, kann ihm der Geograph nicht liedingungslos folgen. Frischauts Darlegungen 
treffen für die Entwicklung der topographischen Karte zu, nicht aber für die choro- 
graphi.schen Karten, die sicheriich noch lange von den Theorien eines Lamberts. 
Tissots u. a. zehren werden, was ja natürlich ist, da es diese Karten mit den Bildern 
von Meridianen und Parallelkreisen zu tun haben, und das wird solange der Fall sein, 
als es noch Handatlanten und Schulkarten geben wird. Mit andern Worten: die 
Geographen haben es in der Hauptsache mit chorographischen Karten zu tun und 
die Projektionslehre für diese Karte hat auch seit Lambert Fortschritte zu ver- 
zeichnen und sich merklich entwickelt, wenngleich nicht in dem schnellen Tempo 
Avie die der topographischen, was auch wiederum einleuchtend ist, da letztere bis zum 
18. Jahrhundert eigentlich keine Entwicklung hatten. 

Als dem Geograjjhen das Gewissen für die Projektion seiner Karten geschärft 
war, wurde die Frage aufgerollt: Sind die winkeltreuen oder die flächentreuen Pro- 
jektionen von größerm Nutzen? Die Frage ist im allgemeinen zugiuisten der flächen- 
treuen Entwürfe entschieden worden. Wohl sagt noch Hammer: ,,l)it' Ansicht dar- 
über, welche von beiden Anforderungen an geogiaphische Karten gestellt worden soll, 
schwankten luid schwanken: eine allgemein gültige Autwort ist nicht zu geben. Fin- 
viele Zwecke der Geographie sind Winkelverzerrimgen ziemlich gleichgültig, es handelt 
sich nur um Vergleichung von Flächenräumen; die Flächentreue ist für die (iwgrui)hie 
meist die wichtigere Eigenschaft".'' Nun, wir glauben, nach der heutigen Ansicht 
der geographischen Wissenschaft hinsichtlich der Kartenprojektionen steht die .\nt- 
wort jetzt f( st : Im allgemeinen sind die flächentreuen Entwürfe für ileii 
G(ogra[iliiii die wichtigsten. Ob sie azimutal sind oder nicht, das ist vorderhan«! 
gleichgültig. Wir finden auch die entgegengesetzte Anschauung vertreten, nach d.r 
nur winkeltreue Projektionen als einzig brauchbare für den tieograi>hen hingestellt 
werden.' Daneben gibt's noch eine dritte, lediglich von <len Erfalmnigen «ler Praxis 
diktierte Anschauimg. die <ias Schwergewicht weder auf die Winkeltreue n(H-h auf 

' J. FriBtliaiif: Bcitrnne. a. a. O.. S. TV iiiul V. 

- E. Haninier: Über die gconraphiscli wichtipiten Pnijrktiiiiien. iStiittpnrt l«89, S. lt. 
=> Vgl. VVittsteins und AupuHl» AnMicIiton in HnninierTissot: Die Nctr.cntwürip rco. 
grapliiHrher Knrloii. .Stuttgart 1887. S. VII. 



154 I'HS Knrti.nnrtz. 

iliü Flächentreue legt, sondern lediglich die figürliche Ähnlichkeit zwischen Natur- 
luul Kartenbild im Auge hat. Mit dieser Ansicht von E. Debes werden wir uns noch 
eingehender zu beschäftigen haben. 

Auf besondere Fälle allein verweist der Gebrauch der winkcUrcuen Netze, die 
wohl vom mathematischen Standpunkt, nicht aber vom geographischen aus die inter- 
essantesten Projektionen Hefern, fernerhin der Gebrauch von mittabstandstreuen 
oder speicheutreuen und vermittelnden Entwürfen. Winkeltreue (Konformität) und 
Flächentreue (Äquivalenz) stehen, wie Hammer sagt, einander innerhalb emer Gruppe 
von Abbildungen diametral gegenüber, oder mit andern Worten: beide Eigenschaften 
stehen in unversöhnlichem Kampf miteinander, die eine Eigenschaft schließt die 
andere aus. Nur auf Plankarten ganz großen Maßstabes, die als vollkommenste Ab- 
bilder der Erde gelten können, sind Flächentreue und Winkeltreue vereinbar; aber 
mit solchen Karten haben wir es augenblicklich hier, wo wir Hand- und Atlaskarten 
der Kritik unterziehen, nicht zu tun. 

In gegebenen Fällen läßt sich Flächentreue wohl mit einer gewissen Abart 
von Mittabstand streue vereinen; (Ue Azimutalität ist alsdann ausgeschlossen, 
und der Projektionsmittelpunkt ist nicht mehr Kartenliildmittelpunkt. Ein erstes 
derartig komponiertes Netz, wenn auch dessen Flächentreue seinem Erfinder noch 
nicht bewußt war, ist der zweite der Entwürfe, den Werner 1514 in der Übersetzung 
und Erklärung des ersten Buches des Ptolemäus vorgeschlagen hat, von Stabius aber 
herrührt und als Stab- Werner sehe Projektion (Herzprojektion) bekaimt ist. Auf 
Grundlage dieses Netzentwurfes sind noch weitere Abänderungen, wie Projektionen 
in Blätterform^, möghch. 

62. Die Flächentreuo und ihre geographische Bedeutung. Neben den Entdeckungs- 
reisen waren es vorzugsweise die erwachenden staathchen Aufnahmen und die Aus- 
bildung des staathchen Bewußtseins vom Werte des Bodens, die zur Wertschätzung 
der genauen Flächen hinführten und des weitem zur Berücksichtigung der flächen- 
treuen Entwürfe. Noch mehr aber drängt die neue wirtschaftsgeographische Eich- 
timg der modernen Erdkunde auf flächentreue Entwürfe hin (s. § 71). 

Die Flächentreue ist, wie wir aus der Stab-Wernerschen kordialen Projektion 
sehen, für Atlaskarten schon eine alte Ernmgenschaft. Hauptsächlich wurde sie 
jedoch durch die Mercator-Sansonsche und die Bonnesche Projektion gepflegt. 
Nun darf man bei den altern flächentreuen Projektionen nicht übersehen, daß sie 
nicht mit der Absicht, ein flächentreues Bild zu geben, erfunden worden sind. Die 
Flächentreue ist später erst nachgewiesen worden, msbesondere in projektionskritischen 
Arbeiten, wie sie in v. Zachs Monathcher Correspondenz enthalten sind. So 
gebührt die Entdeckung der Flächentreue bei der Bonneschen Projektion H. C. 
Albers^; sie wurde zum ersten Male wissenschaftlich ausfülirlicher durch C. B. Moll- 
weide behandelt. 3 Der Anstoß zur Bevorzugung der flächentreuen Entwürfe geht 



■ Vgl. W. Silijeining: Über niittalistamlstreue Karten. In dcM Abhandlungen di-r Oogi. 
Ges. zu Wien. V. Bd. 1904, S. 29ff. Taf. ItJ (Taf. 1 und 11 bringen andere Kombinationen 
auf oben angegebener Grundlage.) 

2 H. C. Albers: Über Murdocbs drey KcgeliM-ojeetii.nen. v. Zaelis Mimall. Curros].. XI. 
1805, S. 111. 

» C. B. Mollwcidc: H.-weis. daß di(^ HnnneselicKntwiuls.nl die LiindiT iinciii KlüilicMinlinltc 
Muf der Kugeluberfläclic gcmäli darstellt, v. Zaehs Monatl. ('(UTcsp. Mll. 1800, S. 144 \ry>. 



Allgeuieiiici')' gfijgiMplübche Aiifurdi-ningeii an die K.irU-uoetze. 155 

auf K. Zöppritz zurück, in dessen Leitfaden der Kartenentwurfslehre . Leipzig; 
1884, die Flächentreue als wichtigste Eigenschaft der Karten im allgemeinen bezeichnet 
wurde. Bei dorn Ansehen, das Zöppritz sowohl bei den Geographen wie bei den 
Mathematikern genoß, wurde die Flächentreue bald zum allgemein anerkannten 
Axiom, und seitdem wurde sie in geographischen und kartographischen Lehrbüchern 
zum ^-clilagwort, so ähnlich, wie das von den ,, leicht vergleichl)aren Jlaßstäben", das 
wie E. Debes meint, gar nicht den Wert und die Bedeutung hat, die ihm zugeschrieben 
werden. JedenfaUs ist Zöppritz zu der Wertschätzung der flächentreuen Entwürfe 
durch seine Wahrnehmung gekommen, daß in den Kartenwerken seinerzeit haupt- 
sächlich Sanson und Mercator vertreten waren. Daneben war sicher eine andere 
Ursache noch maßgebend. Zöppritz war ein großer Freund von Flächenberechnungen 
imd andern zahlenmäßigen Feststellungen und Untersuchungen; und da mußte ihm 
die Flächentreue der Karte eine eiwünschte und zweckmäßige Eigenschaft der Pro- 
jektion geographischer Karten erscheinen. Wenn schon einmal die Geographii' 
eine messende Wissenschaft ist, geben gerade dieser messenden Wissenschaft die 
Karten die wichtigste und sicherste Unterlage. Flächentreue und nicht flächentreue 
Karten können zum Messen gebraucht werden, während al)er die letztem allerlei 
Umstände und Eechnungen bedingen und zuletzt die Richtigkeit des Ergebnisses 
immer noch fraglich erscheinen lassen, haben die erstem, .sofern sie zuverlässig ent- 
worfen und gezeichnet sind, nicht mit diesen Schwierigkeiten zu rechnen und hefern 
weit zuverlässigere Resultate, ganz gleich, mit welchen Mitteln, ob mit Planimeter 
oder elementaren mathematischen Methoden, und welcher Art, ob Linien-, Areal- 
und Volumenmessung, und in welchem Umfang die Messungen betrieben werden.' 
Darin hegt, was nicht weiter zu beweisen notwendig ist, ein geographisch wissenschaft- 
licher Vorzug der flächentreuen gegenüber den winkeltreuen, mittabstandstreueu und 
vermittelnden Projektionen. 

Damit soll jedoch nicht über die nicht flächentreuen Entwürfe der Stab ge- 
brochen sein. Umstände erheischen es, auch in der Geographie andere als flächentreue 
Netze zu gebrauchen; und weim Hammer gegen J. G. Bartholomews Karte 
„Eoute to India" eifert, weil sie in Mercatorprojcktion entworfen ist und nicht in einer 
viel geeignetem, wie in vermittelnder schiefachsiger zyhndrischer Projektion, so 
kann dem nur voll und ganz zugestimmt werden, ebenso auch seiner Behauptung 
für vorliegenden Fall, ,,daß das Studium der Verzerrungsverhältnisse in allererster 
Linie die Frojektionswahl bestimmen muß".* Nicht aber ist, das mag mit ganz 
besonderer Schärfe betont werden, das mathematisch beste Netz stets das 
geographisch beste. Damit stellen wir uns in bewußten, noch weiterhin zu be- 
weisenden Gegensatz zu dem jetzt herrschenden imd angebeteten Dogma : die mathe- 
matisch bestentwickelte Projektion ist auch für geographische Zwecke die beste 
Projektion. 

«3. IMe flächen- und winkellrpueu Kurtennetze in ihrer Werlsthülzun;; bei dem 
Kurtenpraktiker. Es ist mehr als recht und billig, auch einen Karlenpraktiker zu 
Worte kommen zu lassen. Dabei stützt' ich mich in der Hauptsache auf Krorterungeii, 
die ich mit E. Del)es gepflogen habe; und die Ajischauungeii. die ich im folgenden 
wiedergebe, sind vorzugsweise diejenigen Debes". Der Sansoiische und Bonne- 

* Auch A. Bind im hat iliesen Oi-danken in der O. Z. 1805. S. 510 »um Aiwdniik gcbnu-ht. 
» Zwii lu-aktisclie lUispiolo /.yliiidrisclicr Kaitomiitzontwilrfc. P.M. 1004. 8.270, Anni. 1. 



156 1^1« K.iiUi.nrIz. 

sehe Entwurf, die A. Breusing in treffender Weise „abweitungstreue" nennt, werden 
nicht wegen ihrer Flächentreue von den Kartographen bevorzugt, sondern wegen 
ihrer maßtreuen Wiedergabe der Breitengrade und Längengrade und der Möghchkeit, 
nach zwei Eichtungen hin genaue Linearmessungen vorzunehmen. Andere Projek- 
tionen sind nach dieser Eichtung hin weniger geeignet und gestatten auch nicht das 
rasche Abgreifen von Positionen wie jene genannten Entwürfe. Für kartentechnische 
Zwecke ist besonders wertvoll, daß sich jede Ergänzung der Netze, sei es im Sinne 
von räumüchen Erweiterungen, sei es im Sinne einer Verdichtung der Netzmaschen, 
bequem, leicht und exakt bewerksteUigen läßt, während dies bei den ,, neuen" Ent- 
würfen, namenthch den flächentreuen, nicht ohne, oft sehr zeitraubende Umständ- 
lichkeiten möglich ist, wenn auf genaue Arbeit Wert gelegt werden soll. 

Diesen charakteristischen Eigenschaften gegenüber betrachtet Debes auf Grund 
seiner eigenen, langjährigen jnaktischen Erfahrungen die Flächentreue der genannten 
abweitungstreuen Entwürfe nur als ein gleichsam zufälliges oder beiläufiges Ergebnis, 
das weder von ihren Erfindern beabsichtigt worden, nobh ausschlaggebend für ihre 
häufige Anwendung geworden ist. Nach der Wahl der Netze im Neuen Handatlas 
erkennt man, daß er sich nicht auf den Standpunkt von Zöppritz und Bludau 
stellt; die Karte ist ihm in erster Linie ein Bild der Erdoberfläche, das vor allen 
Dingen figürliche Ähnlichkeit voraussetzt, d. h. Eichtigkeit der Winkel, wenigstens 
in den kleinsten Teilen, oder mindestens möglichst geringe figürliche Verzerrungen. 
Da deckt sich seine Ansicht fast mit der ähnlichen von J. Frischauf, der darüber 
ungehalten ist, daß die Flächentreue als ein unantastbares Dogma und als wichtigste 
Eigenschaft aller Karten hingestellt wird, „ohne zu bedenken, daß der Ausdruck 
,, flächentreu" nichts über die Gestalt besagt, imd die topographischen Grundlagen 
nur mit Endstellung benutzt werden können, falls Gebiete von der Größe Deutsch- 
lands zusammenhängend dargestellt werden sollen. "^ Dem ist entgegenzuhalten, 
daß wir noch gar nicht ans Ende der Leistungsfähigkeit flächentreuer Entwürfe an- 
gekommen sind. Ich selbst habe einen Weg gezeigt, wie man Teile der Erdoberfläche 
am besten in flächentreuer Projektion bei größt möglicher Bewahrung der figürlichen 
xVhnlichkeit wiederzugeben vermag^, und glaube, daß Karten dieser Art auch von 
Dobes als gefällig und gut angesehen würden. Ihm erscheinen immer diejenigen Ab- 
bildungen als die besten, die die geringsten figürhchen Verzerrungsverhältnisse zeigen, 
nicht etwa imter dem Gesichtswinkel der ,,zierhchen mathematischen Formel", 
sondern nach Maßgabe des gesunden geographischen Bewußtseins. 

Für Karten, deren Hauptdimensionen in der Eichtung W— verlaufen, sind 
Kegeljjrojektionen zu wählen, für solche, deren Hauptdimensionen in meridionaler 
Eichtung liegt, zylindrische Entwürfe und für Gebiete, die sich kreisförmig odc^r 
quadratisch abgrenzen, azimutale Netze. Nach dieser Grmidregel hat Debes im 
Neuen Handatlas die Projektionen aufgebaut, wobei die Kegelprojektionen vor- 
herrschen, was ebensowohl im Format als in dem Umstände hegt, daß die meisten 
Karten mit ihrer Längsdimension im Sinne des aufgeschlagenen Atlas orientiert sind. 

Aber noch andere Gründe sind es, die uns die Vorhebe Debes' für die An- 
wendung winkeltreuer Entwürfe oder solcher mit möglichst geringer Winkelverzerrung 
erklärlich erscheinen lassen. Sie sind rein praktischer Natur und können in einem 

' J. Frischauf: Bc-iträge, a. a. ()., S. 127, Anm. :i. 

- M. Eckert: Abändening flächentreuer Netze. P. M. 1920, S. 125, 126. 



Allgemeinere ficogrupliiache Anfoiiieiunpen ttii <lie K:irt<>niietze. 157 

kartographischen Privatinstitut, wie das von Wagner &, Debes, nicht ohne ge- 
schäfthche Nachteile oder — hesser gesagt — ohne Preisgabe erhebUcher Vorteile 
iil)ersehen oder vernachlässigt werden. Debes schreibt mir hierüber: „In jedem 
Kartenverlag, selbst in staatlichen Instituten, macht sich häufig das Bedürfnis geltend, 
selbständige Karten üu Sonderzwecken aus Teilen oder Ausschnitten von Atlasblättem. 
einerlei, ob aus einem einzigen oder mehreren benachbarten, durch Ülierdruck her- 
zustellen. Dergleichen Zusammenstelhmgen haben wir aus dem Kartenfonds un.sei-s 
Verlags, namentheh des Handatlas schon in großer Zahl gemacht, und es war die 
nur möghch, weil die von mir gewählten Entwurfsarten diesen Weg — natürlich 
nicht immer, aber doch in zahlreichen Fällen — gangbar machten. Jeder Versuch 
derart mit flächentreuen Blättern würde, namentlich, wo azimutale Ent^vürfe in 
Betracht kommen, auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen, da die Schiefschnitt ig- 
keit der Netzmaschen benachbarter Blätter im entgegengesetzten Siime verläuft. 
Vergleichen Sie beispielsweise einmal in Andrees Atlas die beiden Blätter 163/16ti 
von Nordafrika! Wäre dabei an eine solche Zusammensetzung zu denken? Freilich 
hat hier Bludau auch den doppelten Mißgriff begangen, erstens, daß er, trotzdem 
die Blätter nicht quadratisch sind, sondern ihre Längsdimensionen in ostwestlicher 
Richtung verlaufen, azimutale Entwürfe angewandt hat, wo doch unbedingt konische 
besser gewesen wären, und zweitens, daß er diese außerdem auch noch flächentreu 
gemacht hat. Sie wären ohne weiteres zusammensetzbar, wenn er konische Entwürfe 
gewählt hätte. Denselben Bock hat er übrigens bei der Vierblattkarte der Vereinigten 
Staaten in demselben Atlas geschossen, bei der doch zweifellos eine Kegelprojektion 
am Platze gewesen wäre. — Im Gegensatz dazu lassen sich Karten in winkeltreuen 
Entwm-fsarten der Eechtschnittigkeit ihrer Gradnetze wegen sehr häufig zu solchen 
Zwecken ausnützen. Würde bei Flächentreue der hierbei in Betracht kommenden 
Netze auch nur entfernt daran gedacht werden können, etwas derartiges zustande 
zu bringen? Und dabei handelt es sich in zwei Fällen noch dazu um Entwürfe ganz 
verschiedener Ableitung! Konisch und äquatorständig die eine Zusammenstelliuig, 
konisch imd schiefachsig zyUndrisch die andere!" 

G4. Karfennetze auf Grund niafhematischer und geographischer t'berlesune;. 

So gut wie die Geschichte wichtige Hilfsinittfl zur ursächlichen Erforschung des 
Werdeganges den geographischen Disziplinen darreicht und der (ieograph dennocli 
kein „Historiker" ist, so gut wie die (ieologie unschätzbare Materialien zum Verständnis 
des orographischen Erdbildes und des terrestrischen Geschehens gil)t und die (ieo- 
graphen demioch keine „Geologen" sind, so befruchtet die Mathematik außerordent- 
lich heilsam den geographischen Boden, ohne daß der Geograph zum ..Mathematiker" 
werden muß. Nur zu leicht beleuchten Vertreter der genannten nachbarlichen Wissen- 
schaften die Geographie von diogeneshaftem Standpunkte a\is und möchten den 
(ieographen ganz unter diesen linseitigen Standpunkt zwingen. Dem muß jeder 
denkende geographische Kopf entgegentreten. Es wird naclig.Tade Zeit. <lies den 
heutigen Kartentheoretikern und auch Kartenpraktikern entgegenzuhalten. Ver- 
hallt scheinen die Worte des alteiirwürdigen und so außerordentlich praktischen 
Breusing zu sein: „Nicht die zierlich mathematische Fornu-l. sondern der gesunde 
Menschenverstand sollte in dii'scn Dingen nialJgfbcnd sein"': iiberlragen wir dies 



158 1^'"' Kiirtonnctz. 

Wort in den Silin unserer Untersuchungen, so lautet es: Nicht allein die mathe- 
inatische Formel, sondern vor allem das geographische Denken liosiimniti 
die Wahl der I'rojektion. Auch hat nur selten die mathematische Formel zu neuen 
^'oographisch brauch) )aren Projektionen geführt, wohl aber die von der äußern An- 
schauung angeregte geographische Intuition. Mercator hatte seine große Welt- 
l<;ute lange vor der Fntdeckung der Differentialgleichung gezeichnet. 

Daß die Auswahl der Projektion für den Wert und die Verwendungsfähigkeit 
der Karte von entscheidender Bedeutung ist, darüber besteht kein Zweifel mehr und 
ist zur allgemeinen gültigen Ginrndregel geworden. Welches sind nun die Prinzipien, 
die für die Wahl der Projektion als ,, maßgebend" gelten? Soll mit Eücksicht auf 
das abzubildende Gebiet die Projektion winkeltreu, flächent.reu oder vermittelnd sein ? 
Wie sind die Haupt jjunkte und Hau])tlinion der Abbildung auszuwählen? Vor allem 
ist der wichtigste maßgolieude Punkt die Berechnung der Winkelverzerrang unter 
einer Anzahl zur Wahl stehender Projektionen, und die Projektion mit der geringsten 
durchschnittlichen Maximalwinkelverzerrung 2tUj oder auch mit dem geringsten 
Maximalwert der Verzerrung 2co„ax i^* alsdann nach jetzt herrschender Ansicht 
unweigerlich die geographisch beste. Hammer hat durch seine Arbeiten unstreitig 
den Anstoß zu dieser heutigen rein mathematischen Auffassung gegeben, obwohl dabei 
vergessen wird, daß er selbst einmal gesagt hat, daß auf flächentreuen Darstellungen 
der ganzen Erdoberfläche hinsichtlich vieler Zwecke der physikalischen Geographie 
die Vergleichung von Flächen viel wichtiger ist als die Herabdrückung der Winkel- 
und Längenverzerrungen. 1 Ist nun die Winkelverzerrung bei zwei oder mehreren 
Projektionen gleich oder annähernd gleich, so gibt für die Auswahl alsdann die größere 
oder geringere leichte Konstruktionsfähigkeit den Ausschlag. Die pol- und äquator- 
ständigen Projektionen sind fast durchgängig leichter zu berechnen und zu kon- 
struieren als die zwischenständigen lizw. schief achsigen, und unter letztern erfordern 
wiederum die Zylinderprojektionen die größte Mühe. Am meisten Eechenarbeit ver- 
ursachen die zwischenständigen Kegelprojektionen. Die azimutalen Entwürfe hin- 
wiederum machen das Gradnetz der Karte leicht verständlich, gewiß ein Vorzug dieser 
Projektionsgruppe, zu dem noch kommt, daß sie hervorragend geeignet sind, der 
Forderung Hammers nachzukommen, die Gradnetzentwürfe besser als es das alte 
Herkommen überhaupt ermöglicht, der Form des abzubildenden Stückes der Erd- 
oberfläche anzupassen. 

Damit erschöpfen sich heute im allgemeinen die maßgebenden Momente, die, 
wie leicht zu erkermen, von mathematischen Gesichtspunkten aus diktiert sind. Uns 
interessieren hier aber auch die altern Bedingungen, die an ein Kartermetz gestellt 
worden sind. Schon im 18. Jahrhundert faßt J. H. Lambert die damals herrschen- 
den Ansichten über die Eigenschaften des Kartenentwurfs in dem einleitenden Ab- 
schnitt zu seinen Anmerkungen und Zusätzen zur Entwerfung der Land- und 
Himmelscharten (1772) in folgender Weise zusammen: „Man gibt überhaupt mehrere 
Bedingungen an, denen eine vollkommene Landcharte Genüge leisten soll. Sie soll 
1) die Figur der Länder nicht verunstalten. 2j Die Größen der Länder sollen auf der 
Charte ihre wahren Verhältnisse unter sich behalten. 3) Die Entfernungen jeder Oerter 
von jeden andern sollen ebenfalls imVerhältniss der wahren Entfernungen seyn. 4) Was 



' E. Hammer: Über die Planisphäre von Aitow und verwandte Entwürfe, insbesondere 
neue flächentreue ähnlicher Art. P. M. 1892, S. 85. 



Allgeraciiieri' gpofjrapliiacho Aiifonii-runpon an die Kurtcniietzf. 1 r)0 

auf der Erdfläche in gerader Linie, das will eigentlich sagen auf einem größton Circul 
der Sphäre, liegt, das soll auch in der Landcharte in gerader Linie liegen. 5) Die geo- 
graphische Jjänge und Breite der Oerter soll auf der Charte können gefunden werden 
etc. Das will nun überhaupt sagen, die Landcharten sollen in Absicht auf ganze 
Länder, ganze Weltteile oder die ganze Erdfläche durchaus eben das seyn, was ein 
(Irundriß in Absicht auf ein Haus, Hof, (iarten, Feld, Forst etc. ist. Dieses würde 
nun ganz wohl angehen, wenn die Erdfläche eine ebene Fläche wäre. Sie ist aber eine 
Kugelflächc, und damit läßt sich nicht allen Bedingungen zugleich Genüge leisten, 
sondern man muß sich eine oder einige davon besonders voisetzen. wenn es sich der 
Mühe lohnt, derselben vorzüglich (lenüge zu leisten."' 

Die von Lambert zusammengefaßten Ansiclitcn blielnii lierrschend und siml 
im Gninde genommen ja auch heute noch herrschend; wir begegnen wieder den 
gleichen Ansichten fast mit älinhchen Worten vor rund einem halben .lahrhunderl 
in Peternianns Geographischen Mitteilungen. ^ Und vergleichen wir die altern Dar- 
legungen mit den neuern, so will es ims bedünken, als ob die alten Bedingtnigen geo- 
graphischer klängen als die modernen. Die Bestrebungen der modernen Karten - 
theoriker haben wohl unser mathematisches Gewissen hinsichtlich der 
Projektionen geschärft, aber dabei nicht selten unser geograpliisches 
Sehen verkümmorl. 

(i.'i. Die geographische Analyse der Krdkugehielzc. Das Verzerrungsgesetz be- 
stimmt gleichsam das ganze innerhalb von*geographischen Koordinaten umschlossene 
Flächenstück. Es ist eine Art quantitativer Analyse, die mit einem durch geo- 
graphische Koordinaten eingeschlossenen Kugelflächenstück nach seinen dimensionalen 
Veränderungen vorgenommen wird.'^ Aber auch die qualitative Analyse muß 
bei der Wahl der Projektion berücksichtigt werden, und diese wird wesentlicli von den 
geographischen Eigentümlichkeiten des Erdkugehietzes geleitet. 

Das Gradnetz unserer Erdkugel ist kein zufälliges. Haben wir es auch dem 
Himmel entlehnt, so drückt es doch so spezifisch terrestrische Eigentümhchkeiteu 
aus, daß es Halt und Gerippe für das Verständnis geographischer Erscheinimgen ist; 
und es ist, als ob auf diese durch das Gradnetz gestützte geographische Tatsachen 
viele der neuen Projektionen keine Eücksicht nelimen wollen und können. Das Grad- 
netz ist das wichtigste Hilfsmittel zur Orientierung auf der Erdkugel und hat gleich- 
sam etwas Apriorisches an sich, indem es ermöglicht, geograiihische Erfahrungen 
zu machen und des weitern sie zu lokalisieren. Darum muß von vornherein in dem Grad- 
netz etwas Bestimmtes, Festes, sagen wir ,, Starres" liegen. Das offenbart sich in den 
gleichweit entfernten Parallelen und den senkrecht darauf stehenden Meridianen, 
die sich in den Polen vereirügen. Bekanntlich drücken die Breiti'n])arallele die Ost- 
westrichtung aus und die Meridiane die Nordsüdrichtung. Bi'ide Picht ungen ergeben 
die Koordinaten jedes Punktes auf der Erdkugel, und damit die genaue Lage. Die 
Frage nach der Lage, nach dem Wo? ist ja che Kardinalfrage jeder geographischen 
Disziphn: „Denn was nutzt mir die Kenntnis der Gesetze der geographischen Er- 
scheinungen, wenn icli nicht weili, wn «Uise Erscbein\nigen sind?" fragt Friedricli 

' P. M. 1865, S. 115. IJor VcrfasHcr «Its .\\ifiMit7.os ist K. Dt'bc-s. wif duwtT mir am 4. \I1I. 
litlO briefliih niittoilto. 

» Man vgl. mit im-inor Auffassung:' M. Fiorini in I>« projor.ioni qunntitativo n\ «luivnl.nti 
(Iclla caitografia (UoU'ttino dolla aociotA goografi.a italinna ISST. 2" S<>rif X, XI, XM). 



ItlO 1*1>'* K:ll-t<Mlliet7.. 

Eatzel.^ Die Lage von Kontinenten, Meeren, Ländern und Orten zu erkennen ist 
das Hauptziel der Karte. Außer der Lage wird und muß die moderne Karte sicher 
viel mehr noch geben, „aber das ist eben bezeichnend für die große Bedeutung der 
geographischen Lage, daß die Karte allen andern Zwecken am besten gerecht wird, 
wenn sie die Ijage gut wiedergibt" (Eatzel). Sehen Mir uns nach dieser Eichtung 
hin die neuern Karten an: werden sie hinsichtlich des Zwecks, dem sie dienen wollen, 
der einwandfreien Lagenangabe immer gerecht? Nein! 

Als ßreusing über das Verebnen der Kugeloberfläche nachdachte, da fiel ihm 
auch eui, wie schwer er sich von der in der Jugend gewonnenen verkelu'ten Vorstellung 
der Lage Grönlands, welche Insel die damaligen Karten von Europa in der Bonne- 
schen Projektion m ostwestlicher Eichtung anstatt nordsüdlicher Eichtung brachte, 
befreit hat, und sehen wir uns die modernen Bilder von Europa an, in Lamberts 
flächentreuer Azimutalprojektion, verläuft darauf die Ostküste Grönlands nicht gleich- 
falls wieder in ostwestlicher Eichtung trotz der geringern Winkelverzerrung der 
Projektion; oder gar auf einer Karte Asiens in gleicher Projektion, ist darauf die 
skandinavische Halbinsel nicht ebenfalls ostwestlich gelagert und ragt Kap Deschnew, 
das in Wirklichkeit noch nicht den Polarkreis erreicht, nicht um 12 Breitengrade, 
um rund 1300 km, über die nördlichste Spitze Asiens, Kap Tscheljuskin, VT" 43", 
nach Norden hinaus ! Für Karten der Handatlanten und Atlanten gehobener Schulen, 
wo das Verständnis für Gradnetze bereits entwickelt sein soll, mag diese Verlagerung 
der Kontinente und Länder nicht so von Belang sein als für Wandkarten und Atlas- 
imd Handkarten für mittlere und niedere 'Schulstufen. Und hier haben wir alle, die 
wir Schulatlanten herausgegeben haben, nicht recht getan, einmal aus Liebe zur 
flächentreuen Azimutalprojektion und andermal — vielleicht in der Hauptsache — 
aus schultechnischen Gründen, weil die flächentreue Azimutalprojektion gestattet, 
das Kartenbild ostwestlich einzuengen und nordsüdlich zu verlängern, und damit der 
praktischen Schulforderung entsprochen werden kaim, den Atlas beim Gebrauche 
stets in gleicher Lage, die zudem den wenigsten Platz erfordert, zu halten. Die natür- 
lichen (loxodromischen) Lagerungsverhältnisse müßten sich aber auf all diesen Karten 
viel besser widerspiegeln. Bei der azimutalen Projektion kann man sich ja einigermaßen 
helfen, indem man dem Kartenbilde ganz dem Wesen der Projektion entsprechend 
eine runde Abgrenzung gibt, eine Forderung, die Zöppritz, Breusing^, Hammer, 
Bludau bereits ausgesprochen haben, der E. Eeclus auch schon praktisch nach- 
gekommen war. Im Wesen der azimutalen Projektion liegt es, daß sie von der ortho- 
dromischen. der ,, Weltrichtung", die astronomischer Natur ist, beherrscht wird; 



^ Die Lage im Jlittelpimlit des geographischen Unterrichts. S.-A. aus den Verhandl. des 
VII. Internat. Geographenkongresses in Berhn. BerUn 1900, S. 9.31. 

2 Für den Geographen besonders sind beachtenswert die Worte von A. Breusing im Ver- 
ebnen usw., a. a. O., S. 28: „Jede nach einem strahligen Gradnetzentwurfe angefertigte Karte sollte 
als Radkarte eigentlich von einem Kreise als Reifen begrenzt sein und am Umringe die Kompaß- 
richtung der Sehstrahlen aufweisen, um daran unmittelbar die gerade Richtung ablesen zu können, 
in der ein Ort von der Mitte der Karte aus gesehen wird. Es ist das ein von den Geographen 
bisher viel zu wenig beachteter und nach seiner Wichtigkeit gewürdigter Punkt. "" Der Forderung 
Breusings glaube ich bei der Zeichnung der Isochronenkarte der Erde (P. M. 1909, Taf. 25) voll 
und ganz entsprochen zu haben. Allerdings darf man diese Forderung nicht überspannen, denn 
konsequenterweise müßte alsdann ein konischer Entwurf auch als Ringsektor (auch schiefachsig) ab- 
gegrenzt werden und ebenso das den schiefachsigen zylindrischen Entwurf abgrenzende Parallelo- 
gramm schief auf das Blatt zu liegen kommen. 



Allgimeiiiorc ;;• iijj;r:iplii.sche Anforderiiiigcu an ilie Kartciinolzf. 161 

die geograpliisclien Erscheiuuugou aber werden in o.stwestlicber Kichtuiig vuu dir 
loxodromischen, der „terrestrischen Richtung" beherrscht; d. h. nichts anderes, 
als für uns in Deutschland ist nicht die im orthodromischen Ost gelegene MalaiLsehe 
Halbinsel Osten, sondern die im loxodromLschen Ost gelegene Insel Sachalin. Mit 
dem für uns wirklichen, d. h. terrestrischen Osten, verknüpfen sich eine Menge geo- 
graphischer Tatsachen, ohne die uns die Physis des Erdballs und das Leben darauf 
unverständlich bleibt. Dürfen wir aber .solche Tatsachen auf neuen Kartenprojektionen 
ganz hintan stellen? Die stark gekrümmten Parallelkreise der Azimutalprojektionen 
auf Karten in kleinen Maßstäben mißhandeln die wahre Einsichtnahme in jene Tat- 
sachen. Sie sind eben, wie es immer wieder gesagt werden muß, wesenthch vom geo- 
metrisch-mathematischen Standpunkte angefertigt, nicht aber aus der Erkenntnis 
geographischer Wahrnehmungen heraus. 

66. Der Wert geradliniger Parallelen. Die gegenseitige Lage von Ländern und 
Ortschaften kann nicht tief genug unserm Gedächtnis eingeprägt werden, oft ver- 
bindet sich mit dieser Lage geradezu eine ganze Eeihe geographischer Merkwürdig- 
keiten, denen wir in einigen Beispielen nachgehen wollen. 

Das zwar im Sommer tropisch heiße, im Winter jedoch oft genug von eisigen 
Schneestürmen durchbrauste New York befindet sich auf dem gleichen Breitengrade 
wie das ewig sonnenerfüllte und vom südhch blauen Himmel durchleuchtete Neapel. 
Die südlichste Spitze der Vereinigten Staaten, Kap Sable auf Florida, reicht nahezu bis 
zum Wendekreis des Krebses, d. h. für europäische Begriffe umgewandelt und über- 
tragen, bis ins heiße Afrika, in die Öde der sonnendurchglühten und sonnenverbrannten 
Sahara. In Yorderasien scheidet derselbe Wendekreis Hindustan von dem Dekan, und 
die üppige Indel Formosa schneidet er in zwei Hälften. Das den Deutschen gestohlene 
Schutzgebiet Iviautschou hegt in der gleichen Breite wie die Südküste Kleinasiens 
und der Nordrand der Atlasländer. Wladiwostok hegt m demselben Breitengrad wie 
Biarritz und Milwaukee am Michigansee, München in dem gleichen Breiteugrad wie 
Chabarowsk und Victoria auf Yancouver, London hegt m derselben Breite wie Leipzig 
und Breslau; und auf der Südhalbkugel liegen in gleicher Breite nur öde Gebiete des 
südhchsten Amerika, und die einzige nennenswerte Ansiedelung, Punta Arena, SS" 
s. Br., hegt demnach nur anderthalb Grad darüber hinaus. Das als ostsibirischer 
Handelsplatz bekannte Kjachta an der chinesischen Grenze, sowie das im Winter 
in Eis starrende Irkutsk am Baikalsee hegen in Breiten, die im begünstigtem Europa 
am deutschen Ehein die Reben, in Holland die Garten-, Gemüse-, Obst- und Blumen- 
kultur in prächtigster Weise gedeihen las.sen. Ebenso reicht das von der Golfstrom- 
trift und den Westwinden erwärmte Küstenland Norwegens mit seinen Kulturen 
von Oiwt, Getreide und Kartoffiln bereits in Breiten, die als (Jegenstück die un- 
gastüchen Tundren im NO Europas und im nördlichen Asien besitzen, wo der er- 
kältende Hauch des nördlichen Eismeeres selbst im Sommer den hartgefrorenen Boden 
kaum noch ein wenig unter der Oberfläche auflauen läßt. H.'ihen wir daran noch .lir 
mit zahkeichen GroBstädtcii besäten britischen Inseln, die zwar im Sommer küld. 
dagegen im Winter mild, mit der gleichen geographischen Mreite wie dus unwirtlich.', 
nur von Pelztierjägern durchstreifte Labrador. 

Weit weniger befremdend und auffälliger ist es dagegen für unser gt-ognipliisches 
Gefühl, wenn wir, zimächst von der heimischen Grenze ausgehend, feststellen, daß 
die altpreußische Krönungsstadt Königsberg auf gleieher geogniphisclier Uinge wie 



HJ2 Hiis KartPnnotz. 

Belgrad sich befindet, dagegen das als Hallwsien zu wertende russische Reich mit 
seiner westlichen Hauptstadt noch um anderthalb Grad östlicher als die Sultans- 
residenz am Goldenen Hörn, mit seiner östlichen dagegen, dem „heiligen Mütterchen" 
Moskau, sich über die Länge von Damaskus, also dem reinen unverfälschten Orient 
um einen Grad hinaus erstreckt, während die im Osten folgenden Htädte, wie Kasan, 
samt dem Wolgalauf abwärts bereits einen Längengrad besitzen, wie ihn das west- 
liche Persien hat. Ist man sich bewußt, daß Liverpool östlicher als Edinburg Hegt? 
Wie oft wird übersehen, daß Südamerika gegenüber Nordamerika um die ganze Breite 
der Vereinigten Staaten von Amerika nach Osten verschoben ist und die Länge von 
Fittsburg im Osten Nordamerikas die gleiche von Guayaquil, also des äußersten 
Westens von Südamerika ist. Diese wenigen Beispiele mögen genügen, sich der 
großen Bedeutung der gegenseitigen Lage bewußt zu werden. 

Das natürliche Arrangement der Gradnetzlinien darf nicht einer eleganten 
mathematischen Formel zuliebe verschoben oder gar vernachlässigt werden, sondern 
ist im Hinblick auf die geographischen EigentümKchkeiten der Lageverhältnisse der 
Netzkonstraktion tunlichst zu berücksichtigen. Wir verkennen nicht, daß dies leichter 
gesagt als ausgeführt ist, aber mit dem guten Willen zum Bessern werden auch hier 
annehmbare Wege gefunden werden. Das Suchen des geographisch befriedigenden 
Ziels wird erleichtert, wenn eben immer wieder von den tatsächlichen und nicht von 
den konstruierten Eigenschaften des Netzes ausgegangen wird. Eo ipso wird auch 
hier die Erfüllung des einen die Ausschließung des andern zur Folge haben; immerhin 
werden doch verschiedene Kompromisse in Hinsicht auf den Zweck der Karte 
vielerlei Brauchbares ergeben. 

Aus den Gnindtatsachen des Erdkugehietzes erwachsen für den Geographen 
die Grundvorstellungen irdischer Lagen. Die Grundtatsachen sind in der Eichtung 
und Länge, der gegenseitigen Entfernung und Eechtschnittigkeit der Gradnetzhnien 
gegeben. Die Parallelkreise sind bekanntlich in allen korrespondierenden Punkten, 
den Meridianschnittpunkten, gleichweit voneinander, infolgedessen auch gleichweit 
von dem Äquator entfernt. Werden die Parallelkreise in die Ebene abgewickelt, ge- 
streckt, so ergeben sie parallele Linien, die auch am besten den ursprüngUchen Eigen- 
schaften der Parallelkreise entsprechen müssen. Erst in zweiter Hinsicht würde eine 
Projektion der Parallelen in konzentrischen Kreisen in Betracht kommen und zuletzt 
eine solche in Elhpsen und andern Kurven, bei denen die Paralleütät geschwunden ist. 

Bezüglich des geographischen Wertes lassen die gestreckten Parallelen 
andere projizierte stellvertretende Linienführungen weit hmter sich. Bei Projek- 
tionen des gesamten Erdbildes kommt dies hauptsächlich zum Bewußtsein.^ Die 
Erdkartennetze von Mollweide^, Hammer und mir sind flächentreu. Alle drei 
weisen an dem Rand erhebliche Verzerrungen auf, die aber bei Mollweide und mir 
am wenigsten störend empfunden werden. Dazu haben beide die zu Geraden aus- 
gestreckten Parallelkreise, Hammer dagegen gekrümmte und nicht parallel ver- 
laufende Breitenkreise, welcher Nachteil auch nicht durch die Bemühung, ein 
winkeltreueres Netz (bezügUch des geringsten Maximalwertes der Verzerrung 2cd^^^) 
als Mollweide zu haben, ausgeglichen wird. Die zu Geraden ausgestreckten und 
tatsächhch parallelen Parallelkreise sind für physisch-, bio- und wirtschaftsgeographische 

1 Vgl. M. Eokcit: Neue Entwürfe für Erdkarten. P. M. 1906, Taf. 8. 

2 In V. Zachs Monatl. Corresp. XII. 1805, S. 160 gibt C. B. Mollweide die Gnmdzüge 
seiner fläcbentrcnen Eiddai'stollung. 



Allficini'iiirrc fjcogrjiphi.sclic Anroicti'niiigt'ii an ilip Knrtriiiii-lzc. \^'^ 

Gesamtül)ersicliten von auljcrordcntlicbem Vorteil, das Xui^a ülierscLaut luit emeni 
Blicke in eint-r geraden Kichtung das ganze Uild.' Vor allem wird l>ei Moliweidt- 
luid mir die Lage der polaren Verbreitung von Pflanzen und Tieren, von Ländern 
und Orten usw. in bezug auf den Äquator besser als auf Erdkarten mit krummlinigen 
Parallelen, wie bei Hammer, gewahrt. Was wirklich im Osten oder Westen eines 
Ortes oder Objektes auf gleiciier Höhe liegt, das bleibt auch in gleicher Entfernung 
vom Äquator. Nach dieser Eichtung ist sogar die Mercator-Sansonsche Projektion 
mit Vorteil zu benutzen, weim nur ihre nordwestlichen un<l nordöstlichen, südwest- 
lichen und südöstlichen Felder nicht gar so zusammengedrückt wären. Dieser Nach- 
tiel kann auch durch die gleichweit voneinander entfernten Parallelen und den in 
richtigen Abweitungen gezogenen Meridianen nicht ausgeglichen werden, weshalb 
man im Hinblick auf ein allseitiges klareres Erdbild immer wieder zu Mollweide 
oder zu meinen Projektionen oder einem andern Entwmf seine Zuflucht nehmen wird. 

In den ausgestreckten Parallelkreisen liegt ein großes didaktisches Moment. 
Wie viele falsche Vorstellungen beruhen auf der Krümmung der Breitenkreise! Das 
hatte gleichfalls schon Breusing- erkannt, und vor ihm bereits Hermann Berg- 
baus.^ Auch H. Wagner weiß den Vorteil geradliniger Parallelen zu würdigen. 

Für die Erkenntnis der Lage und Verbreitung der physischen, bio- und wirt- 
schaftsgeogra))hischen Erscheinungen ist die Breitenlage wichtiger als die Läugen- 
lage; mit andern Worten: die nordsüdlichen Lagen sind lür das Leben der Erde 
einschneidender als die ostwestliclien. In der nordsüdlichen Lage und ihrer jährlichen 
Variation, durch die Stellung der Erde zur Sonne bedingt, liegen die Zonen unil 
Jahreszeiten, die das Leben unsers Erdballes regeln, begründet. Dagegen haben die 
Längengrade den Breitengraden gegenüber den Wert als Zeitmesser voraus; es haben 
eben aus bekannten astrophysischen Gesetzen alle Orte auf gleichem Meridian alle 
Tageszeiten gemeinsam, und ihr gegenseitiger Vergleich erweckt den Begriff des Zeit- 
unterschiedes und zuletzt den der Entfernung in ostwestlicher Eichtung. In nord- 
südlicher Eichtung gibt die Poldistanz die Werte für die Entfernungen. Obwohl 
sich Meridiane und Parallelen stets im rechten Winkel schneiden, kommt diese Tat- 
sache bei der allgenieinen Betrachtung des Globus weniger zum Bewußtsein als die 
Wahrnehmung, daß die Meridiane polwärts konvergieren. Infolge dieser gewonnenen 
allgemeinen Anschauung will uns ein Erdkartenbild in zylindrischem oder säuligeni 
Entwurf, auf dem die Parallelen wohl im rechten Winkel von den Meridianen ge- 
schnitten, aber diese selbst slarr, paralli'l zueinander verlaufen, nicht recht zusagen, 
und selbst eine geringe Krümmung der Meridiane auf einem Gesivmterdbild, wie bei 
meiner flächentreuen Ellipsen- und simislinigen Projektion, erinnert uns .-^chon mehr 
an das von dem Globus her in uns aufgenommene Bild. Daß die Meridiane die vom 



1 Man vergleiche nur die in Haiiiinersclier l'n>jektion gegebenen Ei(Uil)ersii'liten in dem von 
A. Bludau neu heraasgcgebenen „Sohr-Bergliiius' Handatlas", oder in E. Friedriih» „Wirt- 
«haftsgeograplue" (hier aiw Wi-selu-n als „HeniiHpliiirc'- anstatt „Holospliiin-" Iwreiolinet) oder in 
G. Dreßlers „Fußpfad und Weg" (Dis-s. Leipzig lOütt) mit den .VIollweideselien Bildeni in BerglioiLs 
„Physikalischem Atlas", in A. Suiians „Territorialer Entwiekiung der europiiLHchen Kolonien" oder 
mit den Kartenskizzen in meiner Kreisringprojektion in dem „Uitimlen für Hände l«g>-ographie" 
(:t. Aufl. Leipzig 191 1). in dem „Kleinen Atlas zur Wirls<lmft-s- un<l Verkelii^geogniphie " (Hille a. S. 
l!)l)9) oder in meinem ,.Wirt8oha'tMUtla-i <ler Deutschen Kol.mien • (He ' n 1912). 

■ A. Breusing: Das V'eivbnen a. a. <>., S. 59. 

» In dem Aufsatz „über H. James und J. Babinott Rntwurf.skjirfen für PlttnigLilM-n " iP. M. 
18r>8. S. Clff.) kommt H Borghaus Wnigemal auf die ge Uv. kten Pnmllelen zu nMen. 

11' 



jß4 Das KarU'imetz. 

Pol uach dem Äquator wachsfutkii raialklkri'i.sf stfts iu gleiche, der Anzahl der 
Meridiansclinitt punkte entsprechende (Stücke, „Abweitungen", zerlegten, das ist 
gegebenenfalls ein Moment, das für die Wahl bzw. den Ausschluß mancher Projektion 
sprechen kann. 



II. Die geographische Brauchbarkeit einiger Projektionen. 

ß7. Kethteckige Erdkaiteu und Verhältnis von Mitlelmi'ridiau zum Äquator. 

Die Berücksichtigung des ganzen Linienarrangements und das darauf begründete 
Studium des Verlagerungsverhältnisses der Länder und Erdteile nennen wir eben 
die qualitative, die geographische Analyse eines NetzentMTirfs. Sie und die quan- 
titative Analyse, die also auf dem Studium der Verzerrungsverhältnisse beruht, 
müssen die Wahl der Projektionen bestimmen, nicht die Verzerrungsverhältnisse 
allein, wie Tissot, Zöppritz, Hammer, Bludau, Behrmann u.a.m. wollen. 
Behrmann spricht sogar mit apodiktischer Gewißheit: ,,Zur Abwertung der 
Güte der flächentreuen Projektionen kann einzig und allein der Wert 
der durchschnittlichen Maximalwinkelverzerrung 2cü^ maßgebend sein''^; 
und so koimte es nicht ausbleiben, daß er die flächentreue Projektion auf den Schnitt- 
zylinder im dreißigsten Parallelkreis als „die beste flächentreue Projektion der ganzen 
Erde" hinstellt, „die berufen ist, als Projektion mit den geringsten Verzerrungen an 
die Stelle vieler alter Erdbilder zu treten". Abgesehen davon, daß letztere Worte 
zu allgemein gesprochen sind, ergibt die ganze Behrmannsche Untersuchung ein 
klassisches Beispiel dafür, auf welchen Abweg die „Anbetung der Formel" führt. 

Schon auf mathematischem Wege lassen sich die Projektionen anders beurteilen, 
als es Behrmann getan hat ; nur muß man dabei immer an die von Natur gegebenen 
Größenverhältnisse denken. Man weiß, daß die Projektionen von Mollweide und 
mir an der Auseinanderziehimg der Breitengrade in den äquatornahen Gegenden 
leiden, besonders jedoch an der Zusammendrückung der Breitengrade nach den Polen 
zu. Dieses Mißverhältnis wird aber geradezu bedenklich bei der von Behrmann 
vorgeschlagenen flächentreuen Zylinderprojektion. 

Setzt man voraus, daß die Mercator-Sansonprojektion, die Zylinderprojektion 
von Behrmann und die Ellipsen- und Sinuslinienprojektion von mir in gleichem 
Flächenverhältnis vorliegen, und nimmt man die Entfernung des Pols (bzw. der Pol- 
linie) vom Äquator auf dem Mittelmeridian bei der Mercator-Sansonprojektion gleich 1 
an, da das Koordinatenkreuz dieses Netzes am besten den natürlichen Abmessungen 
entspricht, so beträgt die gleiche Entfernung bei Behrnianns Zylinderprojektion = 0,7 
(0,735), bei meiner EUipsenprojektion = 0,8 (0,845) und bei meiner Sinuslinien- 
projektion = 0,9 (0,882). Demnach ist bei dieser Eelation die Behrmamische Mittel- 
linie gegenüber der natürlichen um ^|^ zu kurz, bei meiner Sinuslinienprojektion nur 

um Vio- 

Wird bei den vier genannten Projektionen die Entfernung auf der Mittellinie 
vom Pol zum Äquator mit 1 angenommen, so wahrt nur die Mercator-Sansonsche 
Projektion die gleichen Entfernungen von Grad zu Grad, also ganz wie es den natür- 
lichen Verhältnissen entspricht; die andern Projektionen ändern die Entfernungen 

1 W. Behrmann: Zur Kritik der flächentreuen Projektionen der ganzen Erde usw. Sitzgsb. 
d. K. Bayr. Ak. d. Wiss. 1909, 13. Abhandig. München 1909, S. 8. 



Die f,'rOKi;iphischc Br;inelibaik<it einigiT Prqjrktionpn. 165 

dpi- ruiallohn älinlich ^v^e die Projektion von Mollweido von Grad zu Grad. Die 
äquatornahen Breiten sind zu ausgedehnt, die jjokiahen zu verengt. Darum zeigen 
sich die Extreme auch am besten in der Nähe des Äquators und des Pols. Nehmen 
wir bei der gleichbleibenden Größe 1 Entfemimgen von 10 zu 10 Grad an, so be- 
tragen diese bei der Mercator-Hansonprojektion ständig — 0,111; von 0" bis 10° da- 
gegen bei der Behrmannschen Zylinderprojektion = 0,174 (= 0,111 + 0,063), bei 
meiner Sinusliuieuprojektion =0,143 (= 0,111 -f 0,032) und von 80° bis 90° bei 
Behrmann =0,015 (=0.111-0,096) und bei mir =0,024 (= 0,111 - 0,087).i 
Überall zeigt sichs, daß die Behrmannschen Abmessungen sich immer als die un- 
günstigsten den natürlichen Verhältnissen gegenüber erweisen. 

In der Größe der SjTnmetrielinien „Äquator" und ,, Mittelmeridian" einer Erd- 
kartenprojektion sind die beiden wichtigsten und grundlegenden Entfernungen des 
Erdballs gegeben. Sie stehen in dem natürlichen Verhältnis von 2:1, emem Ver- 
hältnis, das auch bei jeder wichtigem Erdkartenprojektion, auch der flächentreuen, 
wiederkehrt. Dagegen verhält sich der Äquator zum Meridian auf der von Behrmann 
vorgeschlagenen Zyhndcrprojektion wie 2,62: 1. Das ist offenbar kein gesundes Ver- 
hältnis; um rund 31 "/o geht die Länge des Äquators über die ihr zugehörige Meridian- 
länge hinaus.^ Darum erscheinen auch die Maschen in doppeltem Sinne zu breit und 
gedrückt, was H.Wagner bereits der Lambertschen flächentreuen Zj-linderprojektion 
zum \"orwurf macht und als Grund für deren praktische Vernachlässigung angibt.^ 

In der flächentreuen Zylinderprojektion hat Behrmann bereits Vorgänger in 
J. H.Lambert und J. T.Mayer gehabt. Mich wunderts, daß Behrmann letztem 
ganz übersehen hat. Der erstere gibt in seinen berühmten Anmerkungen und Zu- 
sätzen zur Entwerfung der Land- und Himmelscharten, 1772, die tlächentreue 
Zylinderprojektion für die halbe Erdoberfläche.* Auf die Konstmktion selbst weist 
er nur mit ganz allgemeinen Worten hin. Mayer beschäftigt sich emgehender mit 
den Netzen, „worauf jedes Land, oder jedes Stück der Erdfläche, nach seinem wahren 
Flächenraum dargestellt wird".* Er entwickelt unter anderm die flächentreue ZyUnder- 
projektion und untersucht die Entfernung der Parallelen zueüiander, damit zonen- 
treue, d. h. flächentreue Streifen entstehen. Die Entfernungen der Parallelen gibt er 
sodann nach lunks ,, Anfangsgründen der mathematischen Geographie". Mayer 
denkt wie auch Lambert weniger an die Darstellung der ganzen Erde als vielmehr 
an die einzehier Länder und auf Tafel III gibt er in Fig. XXXIV ein Netz für ein 



1 Vorausgesetzt, daß 0° bis 90° = 1 ist, so ist 

bei Behrmann bei Eckert (Ellipsen) bei Eckert (Sinuslinien) bei Mercator-San.sou 

BiEs ;ii si ii 

300-40» = 0.643 »• ^ Q,r.95 J * = 0.500 «' J^ 0.444 J' 

40» -50» = 0,766 J-^ ^ 0,718 J'^ ^ 0.600 ^^ J« 0.r..V, ' 

50»-6(. = 0.866 ;^ ^ 0.827 j;^; ^ ^K« T-' .Üm! 

60» -70» = 0,940 J 0,9 . - 0.007 .^, ,_, , , ^ 

2 über das Voriiiiltnis von Mittolnierldlaii 7.uin Aiiiiutor auf iilu-rn Knlkarlon vgl. S. 121. 
^ H. Wa«iuT: U'hrbuih. a. a. O., S. 218. 

' In Ostwalds Klassiker drr exakt. Wiss. \r. r4. Uipr.in 1894. S. 61. 

• J. T. Mayor: Vollständige u. gründl. Anwcisg . n. a. U., 2. Aufl. ErUugeii 1804, 8.376(1. 



166 HKS Kiiitonnctz. 

Gebiet, das vom Äquator bis zur Pollinie reicht und vom Mittelmendian sich nach 
und W auf je 25 Grad ausdehnt. Würde man die Projektion auf Gnmd der Skizze 
oder der Funkschcn Zahlen vervollständigen, würde das Verhältnis vom Äquator 
zum Meridian für ein ganzes Gradnetz wie 3,14:1 sein; das gleiche Verhältnis kann 
man auch aus der Lambertschen Skizze herauslesen. Mithin ist das Verhältnis noch 
weit ungünstiger als bei Behrmann; zugleich sind aber dessen Berechnungen ein 
beachtenswertes Beispiel für den Fortschritt der Projektionstheorie seit den Tagen 
von Lambert und Mayer. 

Mit der Überstreckung des Äquators hängt bei Behrmann die gleichfalls un- 
angenehm wirkende Überstreckung der PoUinie zusammen. Wenn schon sie einmal 
gebraucht wird, so soll man sich damit begnügen, ihr Höchstmaß nicht über die 
doppelte Meridianlänge, die gleich dem zugehörigen Äquator ist, hinauszudehnen. 
Nim gibt es aber für die Größe der Pollinie innerhalb vom Polpunkt bis zur Äquator- 
länge unendlich viele Möglichkeiten der Bestimmung der Verzerrungsverhältnisse, 
so daß sich bei geschickt gewählter Eandkurve die mittlere Maximalvnnkelverzerrung 
noch auf geringere Werte als bei den Projektionen von mir und Behrmann bringen 
läßt, und daß zuletzt auch im mathematischen Sinne das ,, Beste", was Behrmann 
seiner vorgeschlagenen Projektion als ausschlaggebende Eigenschaft beimißt, sich 
noch einer wesenthchen Einschränkung unterziehen muß. 

Aber schon das gesamte Exterieur der flächentreuen Zylinderprojektion, das 
sich als stark zusammengedrücktes Eechteck präsentiert, will unserm geographischen 
Empfinden, das von der Kugelgestalt der Erde genährt wird, nicht recht zusagen.^ 
Das Erdbild, das geographischen Zwecken dient, soll der in uns lebenden Vorstellung 
von der Gestalt der Erde und der natürlichen Form der Kontinente doch ein wenig 
entgegenkommen. Das tun aber alle andern Erdprojektionen viel besser als die die 
ganze Erde berücksichtigenden Zylinderprojektionen. ^ 

Bei aller Kritik sei indessen auch l)ier nicht übersehen, daß die flächentreue 



^ Die, tr Voi-wurf trifft in gewisKem Sinne auch die Mercatorprojektion. Dazu macht sie bei 
ihrer viereckigen Umrandung den Eindruck einer Gesanitkarte der Erde; das ist aber nur eine 
Täuschung, denn sie kann bekanntlicli das gesamte Erdbild nicht restlos darstellen. 

' W. Behrmann führt in seiner iS. 164, Armi. 1 genannten Abhandlung aus, daß die mittlere 
Maxinialwinkelverzerrung 2 w^ in Eck' rts Sinuslinienprojektion 32" 19' beträgt, dagegen in Eckerts 
Ellipsenkonstruktion nur 27" 34'; er schließt daher (S. 28): „Es ist somit von den Eckertschen 
Projektionen die Ellipsenprojektion die beste und nicht, wie er annimmt, der Entwurf mit 
den Sinuskurven." Das stimmt mathematisch, aber geographisch kann man auch anderer Ansicht 
sein. Wohl war mir bewußt, wenn ich es auch noch nicht besonders zum schriftlichen Ausdruck ge- 
bracht hatte, daß meine Ellipsenprojektion die geringste Winkelverzerrung hat, und dennoch habe 
ich mich für die Sinuslinicnprojektion als die geeignetere von beiden entschieden, weil sie die Kon- 
tinente, d. h. die figürliche Ähnlichkeit nicht so verzerrt wie die Ellipsenprojektion. Der 
V'ergleicli mit dem Globusbilde ist hierbei ein guter Korrektor. Als ich an die Herausgabe eines flächen- 
treuen Erdnetzes im Maßstab 1 : 20000000 schritt, erwog ich beide Vorteile: Hier geringste Winkel- 
verzenxmg, dort geringere Entstellung des Erdbildes. Das geographische Gefühl gab den Ausschlag 
und wählte die Sinuslinienprojektion. Um meiner Sache sicher zu sein, sprach ich noch mit O. Krümmel 
darüber, der sich auch für die Sinaslinienprojektion entschied, desgleichen rieten mir auf briefliche 
Anfrage hin H. Haack und H.Wagner zur Veröffentlichung der Sinuslinienprojektion. Gerade 
der Entscheid dieser Kartenkundigen unterstützt meine obigen Ausfühnmgen ganz vortrefflich, daß 
ein gesundes geographisches Urteil auch in der Projektionslehre für uns Geographen wichtiger ist 
als ein lediglich von der Mathematik bestimmtes Urteil. Stimmt es auch hier nicht wieder, daß grau 
alle Tlieorie ist und grün des L<'bens goldner Baum! — Trotz aller geographischen Einwände mochte 
ich besonders noch hervorheben, daß ich die fleißige Arbeit Behrmanns zu schätzen weiß und in 



Die !;cof;ra|iliisclic Uniiiclilmrkfit ciiiipcr I'roicktionen. I(j7 

Projektion des Zylinders, der die Erde im dreißigsten Parallelkreis durchdringt, den 
Vorteil hat, nur durch gerade Linien in kurzer Zeit konstruiert werden zu können. 

(>S, Kreisförnuge Erdkarten (Kreisnetze). Fast ebensowenig wie die Rechtecks- 
forra kann die umrandende Kroisi'orm für das Gesamt Itild der Erde befriedigen, 
ganz gleich ob sich die Projektion dabei aus Ellipsen aufbaut und Flächentreue be- 
wahrt, wie die Azimutalprojektion für die ganze Erde, die von Tissot behandelt 
wurde, oder ob sie nur aus Kreisen konstruiert wird und die Flächen alsdann in un- 
schickliche Verhältnisse zueinander setzt, wie es die Kreisnetzbilder von Lambert 
und Grinten dartun. ^ 

Lambert hat für seine Netzlinien eine stereographische Anordnung, Grinten 
dagegen läßt den Äquator in gleichen Abständen durchschneiden und ändert dami 
entsprechend die Abstände und Krümmungen der Parallelkreise derart, daß keine 
Deformation längs des ganzen Äquators eintritt; man kann nicht behaupten, daß 
dadurch das Gesamtbild bei Grinten sehr viel dem Lambertschen Bilde gegen- 
über gewomien habe. Beide Bilder leiden unter dem Verhältnis 1 : 1 des Meridians 
zum Äquator, das in der Natur 1 : 2 ist. Dadurch wird das ganze Erdbild glücklich 
wieder auf die Scheibe der alten Griechen zurückgeführt.- In geschickter Weise hat 
sich H. Haack dadurch geholfen, daß er die Grintensche Projektion rechteckig 
verschnitt, dadurch verlor das Bild im N und S und mußte an allen vier Ecken ergänzt 
werden.* Die von Haack so zugestutzte Karte kann mir in projektionstechnischer 
Hinsicht nicht gefallen.* Wohl werden die Äquatorgegenden weniger als die äquator- 
femere Gegend deformiert, indessen ist das imnatürliche Anwachsen der Konlinent'.il- 
massen nach den Polen zu gerade so unleidlich wie bei Lambert und der Mcrcator- 
karte. Grönland z. B. erscheint als eine Kontinentalmasse von der Größe Südamerikas, 
das aber in Wirklichkeit achtmal größer als Grönland ist: die Polarraeere erscheinen 
als die größten Weltmeere. Dies hat ja Haack wohlweislich durch sein Eechteck 
vermieden; da die Polgebiete abgeschnitten sind, ist die Karte keine Weltkarte im 
strengen Sinne des Wortes. Sie läßt für Nord- und Südpol wie die Mercatorkarte 
etwas Ungelöstes. Das möchte indes noch gehen, da wirtschaftlich in den äußersten 
Polgebieten nichts zu holen ist, aber die verschieden figürliche Wiedergabe ein und 
desselben Gebietes auf einem Kartenbild wird unbedingt störend empfunden: man 
sehe sich daraufhin nur die Tschuktschenhalbinsel oder Alaska an. Im Begleitwort 
zu seiner Karte betont Haack. daß sie die Landmassen nicht in der Weise wie 
Morcator vergrößere. Das stimmt, aber Mercator hat neben der Parallelität der 
Breitenkreise noch voraus, daß Gebiete, die Ijei einer Verlängermig der Karte nach 



den von E. Hamnior (NovaacU. Alili. il. Kai.s. Leop.-Carol. IX'uUsih. .\kad. der Naturforscher. L.XXI. 
Hallo 1898, S. 467) empfohlenen durehsihnittlichen 2,»^ bei der rntcrsuohimp von Enlkarteu 
einen Fortschritt gcf^enüber dem Tissotschen 2o),„„x <'rkenne. Behrmann wird »icher mit He- 
friedigunt; davon Kenntnis nehmen, daß in dem Grande .Vtlante [nleniazionale del Tourinj: l Inli 
Italiano, Milano. \ eixehiodene Karten in meiner Klliiwenpmjektion erseheinen. 

' J. H. Lambert: Entwerfunn der I^nd- und Himmelseharten. 177:». Ostwalds Kla-ssiker. 
Xr. ri4. S. ."54, Fig. II. — Alph. .1. van <ler Orinten; DarstelUmn der jjan/.en ErdolH'rfläehe auf 
einer kreisförmigen Projektionsebene. In P. M. ISHU. S. Ifl-Iff. u. Taf. 10. 

^ Über das i\Linierierte der Kreisiiet/.e vgl. S. 140. 

' H. Haaek: Physische VVeltkarto in van der (}rinU-us Kntwurf I : lIOtKKUHHi. tn.tim. 
.1. l'.ithes, 8. a. (1914). 

' Im übrigen ist die Karte, d. h. das plivsiselii- Bild, sehr »iikungsvoll und ans. hauli. h dm 
geslelll. 



lOS T)«s Kartennetz. 

Oller nach W doppelt wiederkehren, immer in der gleichen Größe erscheinen. Das 
Wechseln der Flächengrößen und Formen für ein und dasselbe Geliiet wie auf der 
Haackschen Karte kann pädagogisch nie gut geheißen werden.^ 

Das Kreisbild gehört im Grunde genommen nur der Ha.lbkug(>l oder einem 
kleinen Teil der Erde, einer Kugelkappe, an. Nur ausnahmsweise kann es über das 
Gesamtbild der Hemisphäre hinausgehen, wie es z. B. außerordentlich geschickt durch 
Henry James, Chef des britischen Vermessungswesens, geschehen war, dessen 
perspektivische Entwurfsart von einem Kreis begrenzt wird imd dabei nahezu ^/g 
der Kugeloberfläche umfaßt. ^ Dies war James nur dadurch gelungen, daß er für 
seine zwischenständige Projektion die Parallelen der gewöhnlichen stereographischen 
Horizontalprojcktion nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen konstruierte. Ausuahmi'u 
werden immer vorkommen, besonders wenn es sich um sogenannte angewandte Karten 
handelt, deren Zweck weniger die Darstellung des physischen Erdbildes als die wirt- 
schaftlicher, überhaupt anthropogeographischer Erscheinungen ist. Dazu gehört bei- 
spielsweise die kreisförmig geschlossene, die ganze Erde umfassende und einzig und 
allein hinsichtUch eines ganz besondem Zweckes konstruierte und zu bewertende 
Isochronenkarte der Erde mit dem Mittelpunkt Berlin, diu 1909 zum ersten Male von 
mir entworfen wurde.^ 

69. Das Oval und andere Umrißformen der Erdkarten. Nehmen wir ein Karten- 
blatt zur Hand, ist es uns etwas Selbstverständliches, daß es Eechteckform besitzt; 
unwillkürlich übertragen wir bei einer Karte diese Form auf das eigentliche Karten- 
bild, das uns eben am meisten behagt, wenn es die Form des Blattes wiederholt. Bei- 
nahe ist man versucht, hier kartographische Imponderabilien vorauszusetzen. Bei 
tieferm Nachdenken kommt man der Lösung schon auf die Spur, die sich auf psycho- 
logische Gesetze gründet. Ihnen kam Haack bewußt oder unbewußt nach, als er 
aus dem Grintenschen Kreisnetz das Eechteck herausschnitt. Neben der Kreisform, 
die uns auf den ältesten Karten (Babylon), besonders auf den mittelalterlichen Welt- 
karten, den Radkarten, entgegentritt, aber seit Wiederauferstehung des Ptolemäus 
für die Darstellung der gesamten Erde vollständig verschwunden ist — auch neuere 
Projektionstheoretiker haben ihr kein neues Leben einzuhauchen vermocht — , hat 
sich seit der Renaissance die Ovalform als die behebteste Erdumrißform eingestellt. 

Das Oval kann man sich gleichsam aus einem Rechteck entstanden denken, 
dessen Ecken abgerundet worden und dessen Dimensionen in den Mittelachsen noch 
geblieben sind, Mittelmeridian zu Äquator wie 1:2. M. Fiorini hat der ovalen Erd- 
umrißform eine besondere Untersuchung gewidmet und führt sie auf itaUenischen 
Ursprung zurück*, wobei betont wird, daß derjenige unbekannt ist, der die ovale Dar- 



1 Über Kreisnetze vgl. auch A. M. Neil: Vorschlag zu einer neuen Chartenprojektion. Heidel- 
berg 1882. — E. Debes: Neils modifizierte Globularprojektion. Mit. d. Ver. f. Erdkde. zu Leipzig 
1882. Leipzig 1883, S. 19ff. — Nicolosi gab 1660 zu Rom eine Reihe von Karten heraus, und zwar 
in einer Projektion, die gleichfalls zu den Kreisnetzen gehört. Man nennt sie die „Projektion von 
Nicolosi" oder „Globularprojektion" oder auch „englische Projektion". 

' Vgl. Herrn. Berghaus: Über H. James' und J. Babinets Entwurfskarten für die Plani- 
globen. P. M. 1858, S. 63. 

^ In P. M. 1909, Taf. 25. — Zum zweiten Male entworfen in meinem Wirtschaftsatlas der 
Deutschen Kolonien. Berlin 1912, S. 2, 3. 

* M. Fiorini: Sopra tre BpeciaH'projezioni meridiano c i mappamondi ovale del aeeolo XVI. 
Mem. soc. geogr. Ital. V. 1895. T. la, S. 165. 



Die geotrr;ipliisc>ii^ RrHUchbarkcit «inigcr Projektionen. 169 

steilling zum ersten Male angewandt hat.^ Mag sein, aber die im Isolario di-l Bordone, 
Venedig 1528, ist nicht die älteste, wie er mid E. v. Nordenskiöld annehmen, sondern 
die in Ajiians Cosmographicus liber vom Jahre 1524 (s. S. 121. 122).- 

Die Apiansche Form war mit mehr oder weniger Abänderung durch das ganze 
IG. Jahrhundert beliebt, verschwindet aber dann ziemlich rasch, tauchte erst 1783 
bei Lotter wieder auf (S. 121) imd erhielt die geläuterte Form als Oval im 19. Jahr- 
hundert, durch Mollweide am Anfang und durch Hammer am Endo des Jahr- 
hunderts. M. Groll macht geltend', daß die Hammersche Projektion für die 
wichtigsten Festlandgel)iete noch günstigere Verzerrungsbedingungen ergibt, wenn 
der Projektionsmittelpunkt nicht im Äquator, sondern in nördlichen Breiten an- 
genommen wird. Daraufhin konstruiert er das Kartenbild mit dem Hauptpunkt in 
50" n. Br. und nennt den Entwurf „flächentreue transversale Planisphäre". Für das 
Institut für Meereskunde in Berlin und unter dem Einfluß dieses Institutes hat Groll 
das neue Netz zur Darstellung verschiedener physikahscher und wirtschaftlicher Er- 
scheinungen benutzt. Zugleich ist das Netz ein weiterer Beleg, zu welchen Absurdi- 
täten die Anbetung der Formel führt. Dem Grollschen Erdbild kann man kaum 
ein verschrobeneres zur Seite stellen. Der Äcjuator scheint total verschoben, die Süd- 
hemisphäre wassersüchtig aufgedunsen. Auf der Nordhemisphäre erscheinen die Kon- 
tmente platt ausgebreitet, auf der Südhalbkugel jählings umgebogen. Mit solchen 
Erdbildern sollte man uns wirklich verschonen! 

Wir achten die Oval-, Ellipsen-, Ei- oder Zwiebelform für flächentreue Erd- 
karten, wie bei Moll weide, Aitow und Hammer, als die gefälligste. Diesem Umriß 
nahe kommt meine flächentreue Ellipsenprojektion und der alte Apianische Erdkarten- 
entwurf, w^ährend bei meiner Kreisringprojektion durch den Ansatz der sinushnigen 
Kandmeridiane an die Pollinien wohl die gleiche Umrißlinie gestört wird, nicht aber die 
Gleichsinnigkeit der Umrißlinie. Immerhin ist dies Verfahren bei weitem besser als die 
Umrißform zu zerschHtzen, wie es K. Zöppritz bei der flächentreuen perigonalen Kegel- 
projektion für Afrika versucht hat.* Das Erdbild, wie überhaupt jedes Kartenbild* mit 
geschlossener und gleichsinniger, d. h. in einer gegebenen Eichtung soviel wie mögUch 
stetig fortschreitenden UmrißlLnie hat jederzeit etwas Ruhiges luid vor allem \iel 
Anschaulicheres an sich als das mit Zacken und andern Detailformen umgrenzte Bild. 

Andere Umrißformen, wie Herzform und Apfel- bzw. Nierenform, haben 
sich in die moderne Kartographie nicht einzuführen vermocht; jene ist, wie wir 
wissen, schon längst außer Gebrauch gesetzt und diese, der epizykloidische Entwurf 
von F.August, ist trotz der Erdkarte von Kiepert in dieser Projektion erst gar 
nicht in Mode gekommen." Dasselbe Schicksal erwartet auch van der Grintens 



' Bei den mittolaltei liehen Karlen kam -/.uwoilen eine ovale l'niranduug vor, wie \m KanuKus 
de Hyggeden, 1360, iniago niundi, in auo jKjlyrlironicono. Vgl. J. Lelewcls Atla-n zur Wographio 
du moyen :ige. Brüssel 18.")0, Taf. 25. 

2 Ovale Eixlkarton finden wir noch bei Giov. Andrea Vavassore, von desnen Weltkarte 
sich noch Kxeniplare in München und Pari» Iwfinden (üben, S. 120), ferner bt-i Pictro t'oppo, Por 
tulano, Venedig 1")2H, mit ovaler Weltkarte, aber ohne Meridiane und Pamllelc. bei Oiov. Pictm 
(lo Matin 1529, Fr. Kosello 1532, Grynaeus in Novu» Orbi» 1532, 1537, 1.555. Vadianus \r>M. 
Münster 1540, Cabot \rA4. Gastaldi 154«. l'vW, 1562 u. bei a. ni. 

" M.Groll: Kartenkunde. I. Hie Pmjektionen. Kerhn ii. Leiiwig UII2. S.u.".. 

* S. Abb. auch bei Hludau, a. a. Ü., Taf. «. 

• Vgl. das, was über Ziipprit/.' Afrikakarte auf S. 176 gesagt ist. 

« Vgl. Z. der (ics. f. Krdkde. Bt>rlin. tX Bd. S. Abb. auch hei Bh.dau. a. ... O.. laf. li. 



apfelschnittförmige Erdkarte.^ Die polykonische Projektion, von ähnlicher Umriß- 
form wie der August sehe Entwurf, eignet sich ebenfalls nicht zur Darstellung der 
ganzen Erde.^ Die blatt- und blütenförmigen Umrißkarten, wie sie W. Schjer- 
ning ersonnen hat, tragen zu offenkundig den Stempel des Gekünstelten. ^ Viel 
Geschmack ist ihnen wahrlich nicht abzugewinnen und man kann sie ruhig, ohne 
irgendeinen wissenschaftlichen Fortschritt benachteiligt zu haben, ad acta legen. Über 
sie hätte A. Breusing sicherlich gespottet; spricht er doch im Hinbhck auf die Stern- 
projektionen der Erde von Steinhauser, Jäger, Petermann und Berghaus 
als von „leeren Spielereien". Desgleichen können die Versuche, das Erdbild in mehr 
oder minder breite Globusstreifen aufzulösen vmd sie aneinander zu reihen, wie es die 
Franzosen schon früher versucht haben und in neuerer Zeit mit nicht zu verkennen- 
dem Geschick von Sipman wiederholt ist*, aus den bereits genannten Gründen 
nicht befriedigen. 

70. Die sieographisehe Kritik an der Mercatorprojektion. Unter den bisher üb- 
lichen Projektionen wurde zuerst den stereographischen Projektionen, sodann 
der Bonneschen, der Mercator-Sanson sehen und gegenwärtig der Mercatorkarte 
hart zugesetzt, während den erstem mehr von mathematischer, so der Mercator- 
projektion mehr von geographischer Seite. Immer deutlicher gibt sich das Bestreben 
kund, den Wert der Projektion mehr nach dem Anwendungsbereich, dem Zweck 
zu ermessen. So geeignet die Mercatorkarte als Seekarte ist, so ungeeignet ist 
sie als Landkarte. Das hat man bereits in altern Zeiten erkannt und Bode scheidet 
genau die Seekartenprojektion von den Landkartenprojektionen^, und Kries schreibt 
direkt: „Zur Verzeichnung eines Landes würde die Entwurfsart (Mercatorprojektion) 
nicht taugen, weil sie die Gestalt desselben, besonders nach den Polen hin, sehr ent- 
stellen würde, und der Vorteil, den sie dem Schiffer gewährt, hier keine Anwendung 
fände."® — Man erkannte das Mißliche der Mercatorkarte, aber man gebrauchte sie 
weiter als Landkarte. 

In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts setzte die geographische Kritik 
gegen die Mercatorkarte etwas mehr ein, hatte aber auch damals noch nicht die 
gewünschte Wirkung. Als A. Petermann eine genaue Eeduktion der von 



^ Wiedergegeben bei Zöppritz-Bludau. I. S. 185. 

^ Desgleichen hat die apfelförmige, dem Umriß der rechtwinkligen ix)lykonischen Projektion 
ähnliche Erdabbildung (eine Erweiterung der Globularprojektion) von H. Bouthillier de Beau- 
mont keinen Eingang in die praktische Kartographie gefunden. Vgl. de Beauniont: De la pro- 
jection en cartographie et Präsentation d'une nouvelle projection de la sphfere entiere comme plani- 
.sphfere (Le Globe, Genf 1888. VII, S. Iff.). 

" Vgl. Taf. III von Schjemings Abhandlimg Über die mittabstandstreuen Karten, a. a. O. — 
Auch wiedergegeben bei Zöppritz-Bludau. I. S. 201. 

* Sipmann: Globuskarte, Weltkarte in Teilkarten in einheitlichem Flächenmaßstabe. 
Berlin 1907. Auf dieser Erdkarte ist die Erde in sechs Globusstreifen zerlegt. Der Verfasser empfand 
das Trennende des Weltbildes durch diese Darstellung und erweiterte darum ie Globusstreifen oder 
Hauptkarten über ihre eigentlichen Kartenränder hinaus. Die so geschaffenen Ergänzimgskarten 
können aber die Trennung nicht beheben. Trotz aller Versöhnungsversml» d. i i( h trennenden 
Glieder verbleibt dem Bilde etwas Unruhiges und Ungelöstes. Auch dicsii m m li .In lehrreiche 
V^ersuch zeigt wiederum, daß das geschlossene Erdbild selbst bei mancherlei \ i izeii inijen doch die 
bessere Gesamtübersicht über die Erde ergibt. 

» .1. E. Bode: Anleitung zur allgemeinen Kenntnis der Erdkugel. 2. Aufl. Berlin 1803, S. 327 ff. 

« Fr. Kries: Lehrbuch der mathematischen Geographie. Leipzig 1814, S. 220. 



IJip goo^Tiipliisclir Biniiclilmrkcit einiger IVijcktioiK-n. 171 

J. Washington veranlaßten und ausgeführten, von der britischen Admirahtät 
herausgegebenen Karte des Großen Ozeans brachte^, sagt er in der physikalisch- 
statistischen Skizze zu der Karte, daß sie in der Projektion eines Planigloben* ge- 
zeichnet ist, da sie „eine viel richtigere Vorstellung von Form und Ausdehnung gibt, 
als eine Mercatorkarte, welche z. B. die Entfernung zwischen dem Kap Hoorn mid 
Australien beinahe noch einmal so groß angibt, als sie in Wirkhchkeit ist". Ähn- 
liche Worte wurden gebraucht, als ISOs die Jubelausgabe von Stielers Handatlas 
in 84 Blättern vollendet war und für den Großen Ozean eine ,, modifizierte Mercator- 
Sansonsche Projektion" verwendet wurde^, die aber, wie wir wissen (S. 134, Anm.2), 
mit dem Mercator-Sansnnschen Entwurf nichts zu tun hat. Aber zehn Jahre 
früher werden die Vorzüge der Mollweideschen Projektion, damals ..homalographische 
Projektion von Babinet" genannt, gegenüber der Mercatorprojektion in einer Weise 
von Herrn. Berghaus gewürdigt, die unsere vollste Aufmerksamkeit verdient. 
Herm. Berghaus war ein geistreicher Kopf, der den Anschauungen seüier Zeit viel- 
fach vorauseilte: er führte aus, daß die ,, zwiebelartige Form" der Projektion von 
Mollweide immer noch eher an die sphäroidische Erdgestalt erinnere als die Mercator- 
karte, und jene Projektion würde zur Veranschaulichvmg physikahscher Erscheinungen, 
wie der Hauptwindrichtungen, Verteilung der organischen Naturerzeugnisse, bei denen 
es mehr auf die Verbreitimg nach den Polen zu als auf Längenrichtung ankommt, 
der Mercatorprojektion vorzuziehen sein, mehr aber noch bei graphischer Darstellung 
statistischer Tatsachen, bei denen die Rücksicht auf das Flächenvorhältnis in den 
Vordergnmd tritt.* In dem von ihm herausgegebenen „ Physika Hschen Atlas" hatte 
Bei^haus Gelegenheit, seine Ideen zu verwirklichen, wenn auch nur teilweise, so 
bei Eegenkarten, pflanzengeographischen und ethnographischen Karten der Erde.^ 
Immerhin dominiert noch die Mercatorkarte in Berghaus" Physikalischem Atlas, 
obwohl selbst der praktische Gnmd geltend gemacht wurde, daß, um Raum zu sparen, 
in vielen Fällen füi- die Erddarstellimg die äquivalente, d. h. die Mollweidesche 
statt der üblichen Mercatorkarte gewählt wurde.* Die Projektion von Mollweide 
ist gleich gut für die Darstellung der Planiglolien wie der gesamten Erdoberfläche. 
Ihre Behebtheit verdankt sie aber auch der leichten Konstraierbarkeit. Im Hinblick 
darauf werden die Worte des praktischen Steinhausers erklärlich, wenn er sagt, 
daß durch die Mollweidesche Projektion der Entwurf von Lambert verloren habe. 
,,denn wer wird über Berge mülisam khmmen, wo eine neue bequeme Straße ebenfalls 
zum Ziele führt"." Auch S. Günther hält sehr viel von der Projektion von Moil- 
weide, doch stellt sie keineswegs eine ..allgi-nieinere Losung des Problems der äqui- 
valenten Projektion" dar." 



' A. Pi-terniaiiM in l". M. IS.".?. Taf. 1. 'IVxt S. 27ff. 

- Es ist ein niittabstandutroiier üqiiatorstündiger Aziniiitalentwurf. 

» A. Petermann in P. M. 1868. S. :n4. 

* Herm. Bprjjliaus in P. .M. IS.IS. y. «W. 

* Es ist zu verwundom, daß Borgliaus dir Mollweidesehe PtDJekliim niclil ninli niolir Ihm 
Kin/x'lunteisnchimnen anwandte, /.. B. bei der Weltkarte 7.ur tVrsieht der Luftstiinnimpen. Btiden 
U-scliaffenlieit usw. (P. XI. Er«. H. -W. 187«): die liier benutzte Monatorprujektion konnte dwli 
kein riehtiges Bild von der Verbreitimg von Wal.l und Kulturlanil, Tundivn. Stepiirn und \Vtl»ton gelyn. 

« P. M. 188ß. S. :<22. 

' A. Steinhäuser: Grmulz.üge der nialhein. 0<><igr. un<l dn l.iindknil«Miim.jekli<>n. :t. Mi(\. 
Wien 1887, S. 117. 

» S. CJünthür in (itxigr. Jahrb. IX. 1882, >'. 4iri. 



172 'L)as Kartemietz. 

Im großen ganzen verhielt man sich zu Berghaus' Zeiten noch ablehnend 
gegen die neuen Ecformbestrebungen. Das Mercatorhild hatte sich allzu tief in dem 
geographischen Vorstellungskreis eingewurzelt. Wie war dies möghch? Einzig und 
allein durch die weltweite Verbreitung des Erdbildes in Mercatorprojektion, die mit 
Arrowsmiths Erdkarten einsetzte und alsdann durch Herrn. Berghaus' Chart of 
the World eine Verbreitung, Sanktionierung vmd Nachahmung erhielt, die den 
Gedanken an andere Erdkartenprojektionen kaum aufkommen heßen und wenn 
aufgegangen, bald erstickten. Erst im letzten Dezennium des vergangenen Jahr- 
hunderts setzt eine energischere und auch erfolgreichere Kritik gegen die Mercator- 
karte ein, und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts dringen die Ansichten 
über ihre Anwendung und Nichtanwendung auch praktisch durch, weil heute auch 
die Anfordeningen des Geographen an ein Kartennetz höher, durchdachter als vor 
einigen Dezennien sind. Die Gegenströmung zur Anwendung der Mercatorprojektion 
mußte eintreten, als man die Eäume auf den Karten gegeneinander abwertete. Das 
brachte erst die neuere, die messende Geographie; sie erwies, daß die Vergleichung 
tles Baumes auf der Mercatorkarte praktisch nicht möglich ist: darum ist sie eines 
der wichtigsten geographischen Momente bar. Dies veranlaßte K. Peucker, bei der 
Mercatorkarte von dem „gi'oßen Schein einer Treue, der das Auge blendet gegen die 
Fülle von Untreue, durch die er erkauft ist", zu sprechen.^ Er konstruiert daraufhin 
seine „Entstellungsbilder"^ und sucht durch die Betrachtung der „Azimutalverzerrung" 
das Urteil über den Wert der Winkeltreue für chorographische Karten zu klären. 
Damit liefert er in erwünschter Weise, wie auch E. Hammer gebührend würdigt*, 
zu dem Studiimi der Elementarverzerrungen ein neues Moment, das sich auf endhche 
Dimensionen bezieht. Auf diese Art Verzerrang hatte ich gleichfalls schon hingewiesen, 
als ich davon sprach, daß zur allgemeinen Abschätzung von Strecken, wie von Reise- 
wegen, die Mercatorkarte sehr ungeeignet ist, indem sie die Eouten in den Tropen- 
gegenden viel zu klein, in den gemäßigten und polaren Gebieten viel zu lang 
angibt.* 

Trotz aller Einsicht kommen immer noch ganz widersinnige Anwendvmgen des 
Mercatorentwurfs vor, was heutige Pubhkationen nur zu oft beweisen, selbst bekaimte 
Schulatlanten. Doch wird man auf diesem Gebiet schon hellhöriger und hellsehender 
und weist hie und da die ungebührliche Bevorzugung des Mercatometzes auf Schul- 
karten entschieden zurück, wie es beispielsweise durch Schwarzleitner^ und 
Carsten n* geschehen ist. 

An dem Kampf gegen die Mercatorprojektion als geographische Landkarte 



1 K. Peucker: Studien an Pc^imesis Atlante scolastico. Mit. d. Geogr. Ges. Wien 1899 
u. 1900. 

- K. Peucker gibt auf Xr. 1 von Steinhauser.s Repetitionsatlas eine Mercatorkarte als Um- 
rißkarte, an deren Rand aber zugleich auch das Verzerrungs- oder Entstellungsbild. — Vgl. auch 
a. a. O., 1900, S. 37. 

3 E. Hammer im G. J. XXIV 1901/02, S. 27. 

* A. Petermann gibt in P. M. 1869, T. 16 eine Karte zur Übersiclit von A. v. Humboldts 
Keisen in der Alten und Neuen Welt 1799—1829, worauf die Reisestrecken in den amerikanischen 
tropischen Gebieten viel zu kurz gegenüber der russischen Reise wegkommen. — s. M. Eckert: Die 
Kartenprojektion, a. a. O., S. 447. 

•'■' Schwarzleitner: Die Landkarte im Gebrauche der Schule. G. A. 1914, S. 55. 

" Edw. Carstenn: Soliiile un Mercators Erdkarte. Pädagogische Blatter. 4.3. Jahrg. 
1914, S. 257-259. 



Die geographische Brauchbarkeit einiger Projektionen. 1 73 

beteiligten sich in neuerer Zeit außer mir* mehr oder minder ausgesprochen Günther-, 
Aitoxs^ Hammer^ Bludau^ und auf letztem gestützt Zondervan', weiterhin 
Sipman^ imd Peucker«. Auch einen Breusing hielt seine natürliche Verehrung 
Mercators nicht ab, die Schwächen der Mercatorprojektion offen anzuerkeimen.' 
Bartholomew, der der Mercatorprojektion auch nicht kritiklos gegenüberstand, 
half sich im Challengenverk imd in andern Pul)Ukationen dadurch, daß er eine Pro- 
jektion anwandte, die als „Galls Stereographic Projection" bezeiclmet wird.*" Dieser 
Entwurf, ein zylindrisches Netz mit stereographisch geteilten Meridianen, korrigiert 
gewissermaßen Länge und Breite der Mercatorprojektion, insofern beide Größen ver- 
kleinert werden, so daß am Äquator durch Parallelkreis und Meridian bereits längere 
Rechtecke als bei Mercator erscheinen, die polwärts nur allmählich an Ausdehnung 
gewiimen. Die deutschen ozeauographischen Arbeiten bevorzugen schon mehr die 
flächentreuen Projektionen gegenüber der sonst dabei angewandtenMercatorprojektion.il 
Vor allem jedoch muß die Geologie flächentreue Projektionen anwenden, wenn sie 
die Ausbreitung der verschiedenen Porniationen zeigt. Geradezu abstoßend wirken 
auf den denkenden Geographen historisch-geologische Karten in Mercatorprojektion, 
die das Erdbild zu irgendeiner geologischen Zeitperiode veranschauUchen woUen. 
Bei allen Gegenströmxmgen gegen den Gebrauch der Mercatorkarte mag nicht 
übersehen werden, daß sie sich auch von dem Geographen, wenn es sich um die Ein- 
prägung ostwesthcher und nordsüdlicher Lagen von Orten und Ländern handelt, 
mit Nutzen veraenden läßt. Darin hat die Mercatorkarte entschieden einen Vorzug, 
der aber trotzdem die uimatürliche Flächenausdehnung der polwärts gelegenen Gegen- 
den und die dadurch bedingte Vernachlässigung der gewaltigen Tropengebiete nicht 
wett macht. 



1 JL Eckert: Neue Entwürfe für Erdkarten. P. -M. 1906, S. 97, 98. - Die wissenschaftliche 
Kartographie im Universitätsunterricht. Vortrag auf d. X\^. Deutschen Geographentag zu Nürn- 
berg. Berlin 1907, S. 226. - Zur Logik der Karte. Gaea 1909, S. 455. 

2 S. Günther: Handbuch der Geophysik. 2. Aufl. Stuttgart 1897. I. S. 299. 

' D. Aitows Projektionen „Canevas deriv6" auf den Blättern 3, 4 und 5 in F. Schrader, 
P r u d e n t und A n t h o i n e : Atlas de g^ographie moderne. Paris 1 890. — Vgl. hierüber auch E. H a m m e r 
in P. M. 1892, S. 85. 

* E. Hammer mehr indirekt, indem er auf die Flächen treue geographischer Karten bei ver- 
schiedenen Gelegenheiten energisch hinweist. 

' A. Bludau: Über die Projektionen der Erdkarten. Geogr. Z. 1896, Bd. 11, S. 510. Fernerhin 
in Bludaus Neubearbeitung von Zöppritz' Leitfaden der Kartenentwurfslehre. Leipzig. I. Bd. 
1899, S. 142. 

« H. Zondervan: Allgemeine Kartenkunde. Leipzig 1901, S. 106. 

' Sipman in den Begleitworten zu seiner „Globuskarte". Berlin 1907. 

' K. Peucker: Drei Thesen zum Aufbau der theoretischen Kartographie. Geogr. Z. 1902. 
S. 66ff. — 8. auch Anm. 2, S. 172. 

» A. Breusing: Das Verebnen der Kugeloberfläche. Leipzig 1892, S. 58, 59. 
'» Vgl.: Scottish Geographical Magazine 1885. — Dass. 1890: Geological skctch map of 
the World. — Dass. 1903: Map showing discoveries of Commander Pcarjs E.xpedition. 1900 — 1902. 

»' O. Krümme 1 wandte bei den Karten zur „Rei-scbeschreibimg der Planktonexjtedition" 
(Ergebnisse der Planktone.xpedition. Bd. I A. Kiel u. Leipzig 1892) mittabstandstreue Netze an. 
bei den Tcxtkärtchen zu wincm „Handbuch der Ozeanographie" einmal die fläihentreue .\zimutal- 
, Projektion von Lambert und .sodann meine flächentreuo Kreisringprojektion. G. Schott ücß die 
Tiefenkarten des Atlantischen und Indischen Ozeans im „Valdiviawerk" in Hammers flächentrcuor 
Projektion zeichnen. .\uch Ix-i neuem Publikationen verwendet Sihott diese Projektion, wie bei 
der ..Wiiinievcrteihmg in den Tiefen des .Stillen Ozeans" in Z. d. tJcs. f. Eixlkde. zu Bt<rlin 1910. Taf. 2 u.3. 



174 ÜHs Kiu-ti'iuu'tz. 

71. Die Fdidciuujii'ii der Wivfscbal'tis- und politischen Geograpbic an die Karten- 

iit'(/.t'. Neuore kartographische Eeflexionen müssen alle möghchen Werte der ein- 
zelueii Projektionen ausproben und sie in Hinsicht auf einen bestimmten Zweck 
kompensieren und balancieren. Insbesondere muß hierbei den Forderungen der 
politischen Geographie imd der Wirtschaftsgeographie nacliuckdiiiincn 
werden. Verkehrt mid widersinnig ist es, gerade bei politischen ( In r-icIiislKailcn 
die Mercatorprojektion, wie noch meist üblich, zu verwenden. Die fai^cluai üilder, 
die durch solche Karten, verstärkt durch deren Flächenkolorit, erweckt werden, be- 
kommt man jahrelang aus seinem Vorstellungskreis nicht heraus. Da die Kolonien 
der europäischen Staaten zumeist in den Tropen liegen, kommt die gewaltige Aus- 
dehnung der Tropenkolonien gegenüber den europäischen Mutterländern nie richtig 
zum Ausdruck.^ Die politische Geographie, die vor dem Weltkrieg zu verkümmern 
schien, regt wieder mächtig ihre Schwingen und versäumt hoffentlich nicht, iliicii 
Forderungen nach flächentreuen Kartenbildern entsprechenden Nachdrack zu verleiben. 
Von gleicher Wichtigkeit, wenn nicht noch wichtiger, sind die flächentreuen 
Bilder für den Wirtschaftsgeographen. Wohl sind für seine Zwecke die Erdbilder 
von Mollweide, Aitow' (ist nicht flächentreu!) und Hammer zu gebrauchen. Sie 
haben viele Vorzüge vmd sie werden ihre große Bedeutung stets behalten und für diese 
und jene Darstellmig unentbehrhch bleil)en, indessen stören den Wirtschaftsgeographen 
ganz erheblich die Verzerrungen und Zusammenquetschungen am Bande der ge- 
naimten Erdkarten. Der Wirtschaftsgeograph und gewiß jeder, der einmal mit diesen 
Karten als Umrißkarten zu tun gehabt hat, wird die Erfahrung gemacht haben, daß 
sich Eandgebiete, besonders im NO und NW, im SO und SW, der Eintragung geo- 
graphischer Erscheinungen, und erst recht der Einschreibung von Namen gegenüber 
sehr widerspenstig verhalten. Die Entwürfe von Mollweide und Hanauer sind 
flächentreu, beide weisen an dem Bande erhebliche Verzerrungen auf, die aber bei 
Mollweide bald weniger störend als bei Hammer empfunden werden. Dazu hat 
Mollweide die zu Geraden ausgestreckten Parallelkreise, Hammer hingegen ge- 
krümmte und nicht parallel verlaufende Breitenkreise, auch die Größe der mittlem 
Maximalwinkelverzerrung 2a)^ beträgt bei Mollweide nur 32" 7', bei Hammer da- 
gegen 37" 34'. Werm auch, wie früher bereits dargelegt wurde, die gestreckten 
Parallelen unbedingt den Vorzug gegenüber den gekrümmten haben, sind doch diese 
bei gewissen wktschaftsgeographischen Erscheinungen kaum zu entbehren, z. B. 
wenn es sich um die Verbreitung der polaren Nutztiere handelt. Hier würde man aber 
weniger eine strahhge oder Polarprojektion wählen als vielmehr einen Entwurf, der 
außer der zirkumpolaren Gegend noch den größten Teil der Erdoljerf lache veranschau- 
Ucht. Die fast kaum angewandte Horizontalprojektion von H. James (S. 168) würde 
hier gute Dienste tun. Zur Veranschaulichung von wirtschaftsgeographischen und 
andern geographischen Erscheinungen bedient man sich mit Vorliebe auch der Plani- 
globen. Insbesondere wird dazu Lamberts flächentreue Azimutalprojektion neuer- 
dings gern in Atlanten sowohl wie in Spezialdarstellungen benutzt.^ Die Plani- 



' Von diesen Erwägungen ließ ich midi leiten, als ich 1912 meinem Wirtschaftsatlas der 
Deutschen Kolonien zur Übersicht der politischen Aufteilung der Erde eine flächen treue Weltkarte beigab. 

^ Man denke z. B. an Stielers Handatlas, an Berghaus' Physikalischen Atlas oder an die 
.Monatskarten des Regenfalls von A. J. Herbertson (The distribution of rainfall over the land. ' 
Royal Geographica! Society, Extra PubUcations. X, London 1901) oder an die neuen Planigloben- 
waiulkrirtcn vnn H. Haack usw. 



Die geogi-iiphi.sclir Brauchbarkeit einiger Frojektionen. 175 

globen haben imstroitig vielo Vorzüge.^ Man wird sie da mit viel Nutzen gebrauclien, 
wo es sich darum handelt, geographische Erschehiungen zu veranschaulichen, die sich 
entweder allein auf das Land beziehen, wie Volksdichte, Rehgionen, Industriezentren, 
Pflanzenjjruvinzen, Vulkanreihen'^, oder nur auf das Meer, wie Meeresbodenbedeckung, 
Meerestiefen, Salzgehalt. Indessen lenkt die Darstellung der ozeanographischen 
Phänomene, wie Meeresströmungen, Meerestemperaturen usw. schon wegen des un- 
unterbrochenen Zusammenhangs des Meerwassers mehr auf den Gebrauch ge- 
schlossener Übersichtskarten hin.^ Die Schwäche der Planiglobenzeichnung 
liegt insonderheit darin, daß sie das Erdliild, das eigenthch ein von der Natur gegebenes 
Ganze ist, zerreißt. Älit dem Erdbild werden aber zugleich auch viele geophysische, 
wirtschaftsgeographische und andere Erscheinungen zerrissen. Diese Tatsache hat 
gewiß auch H. Wagner empfunden, als er auf Karte 9 seines Methodischen Schul- 
atlas das Verbreitungsgebiet der Malaien emzeichnete. Durch eine Erweiterung der 
Lambert sehen flächentreuen Azimutalprojektion komponierte er mit Preisgabe der 
Flächentreue einen Zusammenhang zwischen Ost- imd Westhalbkugel. 

Das alles sind die Erwägungen, die mich zu der Auffindung neuer Projektionen 
hinführten, zu Projektionen, die gleichsam in der Mitte zwischen Mercator und den 
andern übhchen Erdkartenprojektionen stehen. Sie ergeben flächentreue Kartenbilder, 
die ehimal bei Vermeidung des falschen Bildes der Mercatorprojektion und sodann 
bei mögUchster Beibehaltung der der Erde eigentümhchen Größen und Lageverhält- 
nisse zum Eintragen von wirtschafts- und andern geographischen Tatsachen auf allen 
Teilen des Erdbildes, besonders in den für die Kultur wichtigsten Teilen, den ge- 
mäßigten Zonen, geeignet sind.* 

72. Zur Verteidigung der Mcrcator-Sansouscheu Projektion. Meine Kreis- 
ringprojektion bildet den Übergang von Mercator- Sanson zu andern flächen- 
treuen Erdkarten. Mit Mercator- Sanson hat die Kreisringprojoktion außer den 

1 Vgl. A. Bludau: Zur Abbildung der Halbkugeln. Z. d. Ges. f . Krdkde. zu Berlin 1895. XXX. 

^ Daß aber vulkanische Erscheinungen, junge Kettengebirge und Gebiete großer tektonischer 
Erdbeben sehr gut auf einer fläehentrcuen Karte dargestellt werden können, zeigt die Karte dieser 
Erscheinungen in Mollweide scher Projektion in dem Sammelwerke: Himmel und Erde; II. Bd. 
Unsere Eide; der Werdegang des Erdballs imd seiner Lebowelt, seine Beschaffenheit und seine Hüllen; 
gemeinverst. dargestellt unter Mitwirkung von J. van Bebber und Kreichgaucr von L. Waagen. 
S. 124. München, s. a. (1909). — Vgl. hierzu auch das, was ich über geologische Karten gesagt habe, 
oben S. 173. ^ 

' Vgl. die Kärtchen der Verbreitung der epilophischen Sedimente und der abyssischen Sedi- 
mente in 0. Krümmeis Handbuch der Ozeanographie, Bd. I, Stuttgart 1907, S. 192 u. 193; desgl. 
die Kärtchen der thenmschen Isanomalcu der Meeresoberfläche, S. 405, und der Teniijeraturen in 
400 m Tiefe, S. 425. 

♦ Vgl. des weitem meine Abhandlung Neue Entwürfe, a. a. ü., S. 97 — 109. Die Projektion 
mit sinuslinigen Meridianen ist sowohl als Hand-, wie au<h als Wandumrißkarte bei Wagner & Debes 
in Leipzig veröffentlicht worden. Die Wand Umrißkarte, in l ; 200001M1Ü, ist in Eingi-adfeldem kon- 
struiert, sie bietet in dieser Hinsicht neben vielem andorti interessante Vergleichsmögliclikeiton mit 
der ebenfalls in Eingradfc^klern und in l : 20()0000i> entworfenen Mercatoriunrißkiirte von H. Wagner 
bei J. Perthes in Gotha. - Wenn J. Frischauf glaubt, mir einen Widerspruch nachweisen zu 
können (Beiträge zur Landcsaufnabjuo u. Kartographie. Leipzig u. Berlin 1919, S. 133), irrt er, 
denn ich habe lediglich von wirtschaftageographischem Stundpunkte aus die neuen Projektionen 
entworfen und besonders betont, warum da der Kaum zwischen 80" und 90° bedeutungslos ist. Es 
kommt doch ganz darauf an, was ich verglichen habe, und daß iih dies bewviQt nicht zugunsten 
einer niatlieinatischcn Formel yetan habe. 



176 Das Kiirtoniietz. 

gestreckten Parallelen die binuslinigen Meridiane gemeinsam, doch hat sie eine weit 
geringere Schnittwinkel- und Maximalwinkelverzerrung als jene und ist darum für 
die Darstellung des gesamten Erdbildes bei weitem geeigneter als die Mercator- 
Hansonsche Projektion. Indessen ist letztere reich an geographischen, terrestrischen 
Eigenheiten, daß sie durchaus nicht die Vernachlässigung verdient, die ihr besonders 
von mathematischer Seitt' aus gewünscht wird. Weil mit der Entfernung vom Äquator 
mid von dem gewählten ]\Iittelmeridian sehr starke Verzerrungen rasch auftreten, 
sollte der Gebrauch der Abbildung nach Hammers Ausführung ganz verboten sein.^ 
Schon bei Homann lesen wir von den „Sansonschen Affen in Frankreich und 
Holland";^ und Hammer spricht von einem Morbus Sansonii und eifert ziemhch 
heftig gegen den Sansonismus in verschiedenen Handatlanten, wie im Atlas general 
von Vidal-Lablache, m Andrees Handatlas, in Spameis Atlas (Text von A. Hettner), 
im Atlas Larouse.^ Dem kaim von geographischer Seite nur bedingt zugestimmt 
werden. Keinem denkenden Geographen wird" es noch einfallen, der Mercator-Sanson- 
schen Projektion Darstellungen der ganzen Erde zugrunde zu legen, aber für äquator- 
nahe Gebiete, für die sie nach Hammer auch verpönt sein soll, ist sie immer noch 
sehr wohl anzuwenden. Wenn man auf ein geschlossenes, ganzrandiges Bild verzichtet, 
dann kann man die Mercator-Sansonsche Projektion z. B. in sechs Globusstreifen 
karten auflösen, wie es Sipman getan hat ; dann erkennt man die großartigen Vorzüge 
der Projektion und wie sie vorzugsweise dazu geeignet ist, die Entstehung des Karten- 
bildes aus der Kugelfläche, die Wechselwirkung zwischen Globus und Karte verständ- 
lich zu machen. 

Insonderheit hat sich Afrika immer eine ganze Eeihe von Vorschlägen bezüghch 
neuer Projektionen gefallen lassen müssen, und Hammei hat recht, weim er sagt, 
daß mit der Leidensgeschichte dieses Erdteils ein dickes Buch zu füllen wäre.* Zöpp- 
ritz, Hammer und Bludau haben sich in der Hauptsache mit der Anwendung 
neuerer Projektionen für Afrika beschäftigt, wobei eine besondere Auseinandersetzung 
zwischen Hammer und Bludau nicht ausblieb, indem Hammer aus rein mathe- 
matischen Erwägungen sogar einer schief achsigen Azimutalprojektion für Afrika den 
Vorzug gibt und dabei auf geradlinigen Mittelmeridian und geradUnigen Äquator 
verzichtet.^ Daß aber selbst mathematisch gut geschulte Köpfe vor Geschmacklosig- 
keiten nicht bewahrt bleiben, zeigt K. Zöppritz mit seiner flächentreuen perigonalen 
Kegelprojektion nach Tissot. Vor dieser hnksseits aufgeschlitzten Kartenprojektion 
wird jeder Geograph mit Breusing einen Horror empfuiden.* Unumwunden muß 
anerkarmt werden, daß die kreisförmig umschlossene, flächentreue Azimutalprojektion 
von Afrika das Bild von Afrika ziemlich mathematisch getreu und gewiß auch form- 



1 E. Hammer: Unechtzylindrische und uneohtkonische ilächentreue Abbildungen. Mittel 
zum Auftragen gegebener Bogenlängen auf gezeichneten Kreisbögen von bekannten Halbmessern. 
P. M. 1900, S. 42. 

2 Homannische Vorschläge. Nürnberg 1747, S. 13. 

' E. Hammer im G. J. XIX. 1896/97, S. 14; XX. 1897/98, S. 437; XXIV. 1901/02, S. 28, 
29, 30. Auf S. 30 weist Hammer auch auf verschiedene Einzelkart«n in San-oni Projektion hin, 
wie z. B. auf S. Passarges Reisewege im Ngamiland. 

* Geogr. Jahrbuch Bd. XIX. 1897, S. 14. Berühmt sind ja geradezu die „Entrüstungs- 
abschnitte" in seinen Berichten im Geogr. Jahrbuch geworden. S. Anm. vorher. 

' Hammers und Bludaus (gegenseitige) Erörterungen über das azimutale Afrikanetz haben 
.sich über zehn Jahre hingezogen. Vgl. P. M. 1892, S. 214ff.; 1894, S. 113; 1899, S. 246, S. 138 des LB. 

» A. Breusing, a. a. O., S. 58 u. Taf. 6. - Vgl. oben S. 169. 



Die gcomapliisclw Braui'liliaiU.'it iMiiij;ei- l'rqjcktioiieii. 177 

getreu wiederzugeben vermag. l''(ilgen \vir dieser Erwägung, dann geben wir aus 
Liebe zur geringsten durchschnitf liehen Maximaiwinkelverzerrung eine Menge geo- 
graphischer Vorteile, die die Mercator-Sansonsche Projektion besitzt, preis. 
Beide Projektionen sind flächentreu, beide Projektionen sind gleich gut für Flächen- 
ausmessungen geeignet. Anders steht es mit den Längenmessimgen. Kann man bei 
der Azimutalprojektion auf der gesamten Karte von Afrika ostwestliche und nord- 
südliche, den wirklichen Verhältnissen entsprechende Entfernungen wie auf der 
Mercator-Sansonschen Projektion abmessen? Nein. Verlaufen dort die Parallel- 
kreise wirklich parallel zum Äquator wie hier? Nein. Sind dort die Parallelen von- 
einander gleich weit entfernte Linien? Nein. All diese geographischen Vorteile eines 
Mercator-Sansonschen Entwurfes kami ein Azimutalnetz nicht ersetzen. Ganz 
abgesehen von der außerordentlich leichten Konstruierbarkeit der Mercator-Sanson- 
schen Projektion werden die Geographen gut tun, sie auch fernerhin bei der Dar- 
stellung des afrikanischen Kontinentes und von Südseegebieten nicht ganz zu ver- 
gessen und dann und wann zu gelirauchen, wie es ja auch noch zu geschehen pflegt ^ 
imd vor drei Jahrhunderten in den Mercator- imd Sansonatlanten bereits gepflegt 
wurde. Und ist dieser Entwurf gleich über dreihundert Jahre alt, ist er doch nicht 
so alt, daß er keine Anwendung mehr verdiene. 

Selbst auf Karten von Südamerika ist, wie die südamerikanischen Karten in 
Stielers Handatlas zeigen, die Mercator-Sansonsche Projektion ganz gut zu ver- 
wenden, obwohl hier bei Beibehaltung eines geradlinigen Mittelmeridians auch 
eine transversale zylindrische Projektion mit zwei längentreuen Hauptklehdireisen 
(Horizontalkreisen) nach Hammer zu empfehlen wäre.^ In dem senkrecht sich 
schneidenden Koordinatenkreuz, selbst wenn die Kreuzung ausnahmsweise einmal 
nicht in der Mitte der Karte erfolgt, liegt ein wichtiges Moment, das der Karte für 
vielerlei geographische Beziehungen Halt gibt. Nur unter ganz besondern Fällen 
sollte von einem derartigen, das Rückgrat der Karte repräsentierenden Koordinaten- 
kreuz abgegangen werden, wenn es sich z. B. um eine Totaldarstellung von Nord- 
und Südamerika handelt: Daß alsdaim ein schiefachsiger flächentreuer Zylinder- 
entwurf mit längentreuem Grundkreise auch dem Geographen ein befriedigendes 
Bild gibt, davon hat uns O.Winkel nach einer Anregung von Hammer überzeugt. ^ 



' Vgl. die Übersiflit-skarte der dent>schen Besitzungen im Stillen Ozean und von Kiautschou 
von P. Si)iigadc und M. Moisel, Bl. 25 im Großen Deutsehen Kolonialatlas. - C. l'lilig legte 
seiner Karte der ostafrikanisehen Bruclistufe im zweiten Ergänzungsheft zu den wiss. Beiheften zum 
Deutschen Kolonialblatt (Berlin 1909) die Mercator-Saasonsche Projektion, von Uhlig ..Sansonsehe" 
bzw. „Sanson-Klamsleedsche Projektion" genaimt, zugrunde. Für ein spezielleres Gebiet bleibt 
diese Projektion immer geeignet, selbst bei einem Gtebiet von der Ausdehnung des Mittelmeeres, 
wie wir an Th. Fischers Karte der Verbreitung des Ölbaumes im Mittelmeergebiet sehen (P. M. 
Rrg.-H. 147. 1904). — Für die topographische Karte der Niederlande wurde die Mereator- Sanson- 
sehe gewählt; vgl. van Manen-Schols: Over het berekenen van de eoordinaten der getrianguleerde 
punton voor de topografische-en rivier-kaarteu, Haag 1881. — Für die Brauehbarkeit der Mereator- 
Sansonsclien Projektion hinsiehtlieU der Karten von Afrika und .Südamerika hatte sich auch Herrn. 
Bergbaus envärmt (P. M. 1858, S. 69). 

' E.Hammer: (Mier die geogniphiseh wichtigsten Kartenprojektionen. Stuttgart 1889. 
S. I19ff. u. T. IV. 1. Vgl. auch A. Blndau: Fiächentreue Gnulnetzprojoktionen für die Karle 
von Süd- und JS'ordainerika und Australien. In /. d. Ges. f. Kitlkde. Berlin. X.WII. 1892. 

' ü. Winkel: Flächentreue, schiefachsige Zylinderprojektion mit längentix-uein Grund- 
kreis für eine Karte von N'oi-d-, Mittel- und Südamerika. P. M. 1909. Kartograph. Monatsborieht. 
Xr. II u. 12. 

Ecken. K»rtonwliu6UMli.ifi I l- 



178 l^"!* Kartemietz. 

73. Zur Vertcidijiuuij des Bouiiescheu Entwurfs. Zum Schluß muß hier auch 
noch etwas zugunsten des Bomieschen Entwurfs oder der Projektion' des Depot 
de la Guerre oder der Carte de France hervorgehoben werden. ^ Durch neuere Pro- 
jektionstheoretiker, wie Zöppritz, Bludau, Hammer^ ist die Bonnesche Pro- 
jektion in einer Weise diskreditiert worden, daß sich die Kartographen kaum noch 
getrauen, sie anzuwenden. Zunächst ist ihre Äquivalenz ein großer Vorzug, schon 
von J. T. Mayr d. J. erkannt', den sie aber auch mit andern flächentreuen Pro- 
jektionen teilt. Ihr Nachteil beruht vorzüglich darm, daß die Schnittwinkel von Meri- 
dianen xmd Parallelen mit der Entfernung vom Mittelmeridian, nach etwa 25 bis 30", 
rapid vom wahren Werte abnehmen, weshalb die dargestellten ]jänder alsdann be- 
trächtUch verunstaltet werden. Sie hat aber den Vorzug der leichten Konstruierbar- 
keit, worauf gerade H. Wagner mit Nachdruck hinweist. Für nicht zu breit über 
den Mittelmeridian hinausragende Kartenbilder kann die Projektion nach wie vor 
gebraucht werden, desgleichen bei kleinern Erdräumen, wie sie z. B. anf Gradnetz- 
karten Platz finden.^ Die Karte des Deutschen Eeiches von C. Vogel in 1 : 500000 
würde in einer andern Projektion als in der Bonneschen auch nicht um ein Jota 
brauchbarer werden als sie heute ist. Die wirkUche Parallelität der Krtise entspricht 
den natürlichen Verhältnissen des Erdkugelnetzes, und was noch wichtiger ist, die 
Abweitungen sind getreu wiedergegeben, wodurch sich geographisch wichtige und 
richtige Längenmessungen bewerkstelligen lassen, die die azimutalen Projektionen 
in dieser Ausgiebigkeit nicht ermöglichen. Außerdem bietet die Maßtreue der Längen- 
und Breitengrade die Möglichkeit der Zusammensetzung benachbarter Blattsegmente, 
weshalb E. Debes in seinem Neuen Handatlas den Bonneschen Entwurf für die 
Karten der europäischen Länder durchweg beibehalten hat.^ 

Die Bonnesche und die einfache oder wahre Kegelprojektion erfreuen sich bereits 
seit langer Zeit, die zweite sogar schon seit dem Altertum großer BeUebtheit, teils 
gerechtfertigt, teils unverdient. Mit den Kegelnetzen hat man sich immer viel be- 
schäftigt, und sie sind der Ausgangspunkt für allerhand Modifikationen und Neu- 
gestaltungen geworden, an denen sich J. N. Delisle, Lambert, Murdoch, Albers, 
Tissot, Schols u. a. beteihgten. Schols bringt eine Kegelprojektion zum Vorschlag*, 
deren Parallelkreise durch konzentrische Kreise dargestellt werden und die in der Mitte 
zwischen der Bonneschen und der Albersschen Kegelprojektion steht; Tissot ver- 
minderte die Verzerrungen der echten konischen Projektion dadurch, daß er die 

1 Der Bonneschen Projektion auf topographischen Kartenwerken, für die sie wie keine andere 
der Projektionen, die für chorographische Kaiten in Frage kommen, geeignet ist, widme ich ein be- 
sonderes Kapitel im folgenden Hauptabschnitt und fasse mich darum oben ganz kurz. Man beachte 
aber die in jenem Kapitel wiedergegebenen Urteile über Bonne ganz besonders. 

2 Außer den Obengenannten hat sich gegen die Bonnesche Projektion auch der Niederländer 
Schols ausgesprochen (s. auch Amn. 6). 

3 J. T.Mayer: Gründl. u. ausführl. Unterricht, a. a. 0., S. 1.3. 

' Vgl. J. Frischauf: Beiträge zur Gteschichte und Konstruktion der Kartenprojektionen. 
Graz 1891. - Zur Affinität in d. Z. f. d. Realschulwesen, 16. Jahfg., S. 206ff. - Sodann verschiedene 
Stellen in seinen Mathematischen Grundlagen, a. a. O., S. 14.0, 146; und in seinen Beiträgen, a. a. O.. 
S. 174. 

^ Auf 25 Karten hat E. Debes in seinem Neuen Handatlas die Bonntsche Projektion an- 
gewendet; und man wird nicht behaupten dürfen, daß Debes von Projektionen nichts verstünde! 

• Schols: Eene equivalente projectie met minimumafwijking voor an cirkelvormig terrain 
van geringe uitgebreidheid. Versl. en Medel. der K. Ak. van Wetenschapen. Amsterdam 1886. Ab- 
teiig. Naturk., III. Reihe. II. Teil, S. 130. 



Die rjrundlagrn dir topo^fraphiselu-ii Al)bildunf4k'n. 179 

Längentreue der Meriiliane aufgibt und den Abstand ilor Breitenparallelen um den 
Bruchteil eines bestimmten Meridians vergrößerte; Lambert hat zwei brauchbare 
Kegelprojektionen geschaffen, einmal eine winkeltreue, wobei auf längentreue Meri- 
diane verzichtet wird, sodann, was wichtiger ist, eine flächentreue Kegeiprojektion, 
die wohl geradlinige Meridiane bewahrt, nicht aber die Gleichabständigkeit der 
Breitenparallelen. Auch unter den Kegelprojektionen sind für geographische Zwecke 
die flächentreuen Entwürfe meistens die geeignetsten.^ 

Die vorstehenden Untersuchungen dürften zur Genüge zeigen, daß es bei einer 
geographischen Wertschätzung der Projektionen rücht angebracht ist, die Karten- 
netze nach einem speziellen Prinzip zu beurteilen, sondern daß auch sie eine weitere, 
allseitige Beurteilung erheischen. Mithin klingen unsere Erörterungen dahin aus, 
daß der Geograph bei der Wahl der Projektionen außerordeuthch viel zu beherzigen 
hat und daß für ihn die alleinige Berücksichtigung der Deformationsverhältnisse ein 
einseitiger Standpunkt ist. Damm erachten wir- es als unsere vornehmste Pflicht, 
insbesondere darauf nachdrücklichst aufmerksam zu machen, daß in den die Erde 
umspannenden Xetzlinien mehr wohnt als der Mathematiker hinein- 
zulegen vermag, daß die Netzlinien für den Geographen nicht bloß ein- 
fach mathematische Elemente sind, sondern daß sie bei allem Bestimmten 
und Festen doch etwas Lebendiges, Wirkendes und Lebenswarmes haben, 
was sie zu wichtigen geographischen Leitlinien erhebt. 



C. Zur Kritik lU-r Projektion topographischer Karten. 
I. Die Grundlagen der topographischen Abbildungen. 

74. Die s;e<»grai)hisfhen Koordinaten. Die Frage nach der Lage eines Ortes oder 
Punktes auf der Erdolierf lache liaben wir bereits als die geographische Kardinalfrage 
gekennzeichnet, und die Bestimmung dieser Lage ist die vornehmste Aufgabe der 
Landesaufnahme im engern wie weitern Sinne. Bei der Lösung dieser Aufgabe be- 
dienen sich Geograph und Geodät der geographischen Koordinaten. Während aber 
der Geograph beim Entwerfen und Benutzen .seiner Karten hauptsächUch an das zu 
gleichabständigen Werten der geographischen Längen und Breiten gehörige Netz 
der Meridiane und Parallele denkt, smd für den Geodäten diese Koordinaten Winkel, 
die zur eindeutigen Lagebestimmung eines Punktes der irdischen Horizontalfläche 
mit beliebig weit getriebener Schärfe (also nötigenfalls auf Hunderttausendstel der 
Sekunde) angegeben werden können. Für ihn ist nämlich die geographische Breite 
der Winkel, den die Lotrichtung eines Pimktes mit der A(iuatorebeue einschließt, 
d. h. mit der zur Rotationsachse der Erde senkrechten Ebene, und ist die geographische 
Länge der Winkel, den die Meridianebene eines Punktes mit der Meridianeliene eines 
als Nullpunkt der Zählung gewählten andern Punktes einschließt (s. Bild 1). Der Geodät 



' Hiorbei sei liingpwHesen auf die „Studien ütier flndien treue Kegelpnijektioncn"' vnn H. Hartl 
(in d. >Iitt. des k. k. niilitär-geogr. Inst, zw Wien 1S!)6, XV. B<l.), worin in .sehr siirirflilliger und kUn-r 
Weise eine .\nzahl flaehentreuer Abbildungen von Ellipsoid- und Kugelzuuen auf die Ebene unter- 
sucht wird. 

12* 



ISO '^-i^ Kartcniicti;. 

ist aber bei seiner Definition der geographischen Koordinaten an keine bestimuili' 
Voraussetzung über die Form der Horizontalflächen der Erde imbedingt gebmiden. 
Geht man dagegen, wie es der Geograph tun muß, von der bestimmten Amiahme 
aus, die Horizontalflächen der Erde seien Kugeln oder Sphäroide, so entsprechen jeder 
Angabe geographischer Koordinaten bestimmte Bogenstücke der Meridiane und 
Parallelkreise auf der kugelförmigen, bzw. sphäroidischeu Erde. Damit ist das dem 
Geographen vertraute Gradnetz der Erde definiert. Die Bestimmungen der Ortslagen 
richten sich nach Äquator und irgendeinem als Nullmeridian bezeichneten Längengrad. 
Jedes offizielle Kartenwerk hat als Nullmeridian meist den Meridian seiner 
bedeutendsten Sternwarte oder seines Hauptortes oder auch eines sonst in der Ver- 
messung des Landes besonders ausgezeiclmeten Punktes.^ Sämtliche englische Karten 
zählen nach der Greenwicher Sternwarte, die französischen nach der Pariser, wie auch 
die rumänischen; die Eussen richten sich nach dem Meridian der Nikolai-Hauptstern- 
warte in Pulkowa. In Schweden folgt die geographische Orientierung dem Observa- 
torium in Stockholm, in Norwegen dem Obsei-vatorium in Kristiania. Der Meridian 
von Athen ist den Griechen, der von Lissabon den Portugiesen, der von Kopenhagen 
den Dänen, der von Helsingfors seit 1910 den Finnländern Nullmeridian. Die Italiener 
zählen von dem Meridian aus, der durch das trigonometrische Signal auf dem Monte 
Mario bei Rom läuft. Unter den außereuropäischen Staaten hat der Meridian von 
Washington für die Vereinigten Staaten von Amerika zweifellos die größte Bedeutung 
infolge seiner wissenschaftlichen Grundlage und der dadurch bedingten Brauchbar- 
keit. Mexiko zählt nach dem Meridian von Mexiko. Von den südamerikanischen 
Staaten hat natürlich jeder seinen besondern Nullmeridian. Von größerer Bedeutung 
sind eigentlich bloß die von Rio de Janeiro (Brasihen), Cordoba (ArgentLoien) und 
Santiago (Chile). Nur die Deutschen und Österreicher haben keinen nationalen Null- 
meridian; sie hielten fest an dem althergebrachten Meridian von Ferro. Damit war 
eigentUch ein internationaler Nullmeridian, der Einheitsmeridian, angebahnt. 
Aber deutsche Gelehrte, unter ihnen außer namhaften Geodäten besonders H. Wagner^, 
und Schulmänner hatten sich mit größter Energie eingesetzt, den Ferromeridian 
zugxmsten des Greenwicher abzuschaffen, indem sie hervorhoben, daß der Greenwicher 
Meridian fast ausschheßhch als Ausgangspunkt für die Schiffahrt, Astronomie, Zeit- 
nnd Erdmessung benutzt werde. Indessen bat er doch nicht das Ansehen eines 
Einheitsmeridians erlangt. Unter den andern Kulturvölkern sind es nur wenige, 
die sich nach Greenwich richten, so die Argentinier seit 1911.' Bloß die Deutschen, 
seit 1884*, und die Österreicher gönnen sich das besondere Vergnügen, auf ihren choro- 
graphischen Karten die Greenwich- vmd auf ihren offiziellen Karten die Ferro-Orien- 
tierung zu besitzen. Das sind aber für die deutsche Kartographie unhaltbare Zustände, 
entweder kehrt man zu Ferro zuräck oder die offiziellen Kartenwerke geben wenigstens 



1 E. Mayer: Die Geschichte des ersten Meridians und der Zählung der geographischen Längen. 
Wien 1879. — H. Haag: Die Geschichte des Nulhneridians. Diss. Gießen. 1912. Leipzig 1913. 

- H.Wagner: Die Stellung der deutschen Kartographie zur Frage der Einfühiimg des ein- 
heitlichen Meridians. Verhandlgn. des IV. Deutsch. Geographentages zu München 1884. Berhn 1884, 
S. 55-65. 

' Japan heschloß 1886, die genau um 9 Stunden von Greenwich differierende Zeit als japa- 
nische Nationalzeit einzuführen. 

* Verb, der 7. allgem. Konferenz der europäischen Gradmessung, Berhn 1884, S. 71; Bericht 
der Kommission zur Präfung über die vom Bureau der permanenten Kommission gemachten Vorschläge 
bezüglich der Vereinheithchung der Längenzählung und Stundenzählung. 



Die GnindlRgeii lier topographiscticn Ahbil(luni;eii. 181 

an den Kartenecken die Greenwicheinteilung an oder verzeichnen sie am obem 
Kartenrand, wie es bei der Vogelschen Karte von Deutschland geschieht, die oben 
Greenwich zeigt, sonst aber nach dem Pariser Meridian, gleichsam als einem verkappten 
Ferrograd, orientiert ist. 

Gemäß der alten Einteilung des Kreisumfanges zählen wir 360 Längengrade, 
gewöhnlich 180° östlich luid ISO" westlich, obwohl schon Mercator für eine durch- 
gängige Zählung nach einer Kichtung eingetreten ist. Vom Äquator aus zählt mau 
polwärts je 90 Parallel- oder Breitenkreise, deren 90. mit den Polpunkten zusammen- 
fällt. Da das Gradnetz nicht terrestrischen Ursprungs ist, sondern von dem Himmels- 
netz der Astronomen auf die Erde übertragen wurde, ist eine weitere Folge, die geo- 
graphischen Länger anstatt in Bogen- oder Gradmaß in Zeitmaß auszudrücken, indem 
man davon ausgeht, daß für einen Pimkt P je nach seiner Lage (östlich oder westlich) 
zum Nullmeridian die Sonne früher oder später aufgeht als für irgendeinen Pimkt 
auf dem Nullmeridian. ^ 

Neben der alten Kreisteilung in 360" zu je 60' zu je 60" gibt es die dezimale oder 
neue Kreisteilimg, nach der der Kreisumfang in 400" zu je 100' zu je 100" unterteilt 
wird. Es mehren sich die Stimmen, dieser Kreiseinteilung größeres Gewicht und damit 
größere Verbreitung zu verleihen. Bis jetzt finden wir sie zum ersten Male für eine 
große offizielle Karte auf der Carte dt France in 1 : 80000 angewandt. 

Da der Geograph an die Angabe mid Bestimmung der Orte und geographischen 
Objekte lediglich nach geographischen Koordinaten gewohnt ist, betrachtet er die 
Wiedergabe des Gradnetzes auf der Karte als eine Conditio sine qua non. Je nach- 
dem es der Kartenmaßstab erlaubt, wird das Karteimetz in ^j^-, 1-, 2-, 5-, 10- usw. 
Gradeinheiten ausgezogen. Um das Kartenbild mit Linien nicht zu überlasten, ist der 
Kartenrand zwischen den ausgezogenen Hauptgraden noch in die nötigen Untergrade 
eingeteilt, mit deren Hilfe es nicht schwer ist, die Lage eines jeden Ortes abzugreifen. 

Was für chorographische Karten als etwas Selbstverständhches erscheint, ist 
nicht in gleicher Weise für die topographischen der Fall. Wohl sind die geographischen 
Netzlinien auch auf den meisten offiziellen Karten zu bemerken, aber nur an den 
Kartenrändem finden sie sich durch Teilstriche angedeutet. Gemäß dem großen 
Maßstabe wird in der Eegel die Minutenteilung durchgeführt, wie auf den Meßtisch- 
blättern von Preußen, Sachsen und Bayern. Auf den württembergischen Karten in 
1 : 25000 wurden bis 1918 sogar Einzehntelminuten angegeben-, d. h. die Teilstriche 
von 6 zu 6". Baden und Hessen haben sich die Arbeit bezüghch der geographischen 
Graduierung erleichtert und nur die Blattecken der Meßtischblätter mit Angaben 
über die geographischen Koordinaten versehen. Auf dem Topographischen Atlas von 
Bayern in 1 : 50000 und auf verschiedenen offiziellen Kartenwerken in Belgien, 
Italien mid Spanien finden wir überhaupt keinen Vermerk über die geographische 
Graduierung. Das Netz dieser Karten geht von dem Meridian und dem Parallel eines 
Ortes in der Mitte des abzubildenden Landes aus. Auf diesen beziehen sich unmittel- 
liar alle Langen innerhalb des Kartenwerkes. Mitiiin finden BeziohuTigen zu den 
,, absoluten" Ijängen, die sich nach dem offiziellen Xulhneridiaii richten, nicht statt. 
auch der Kartenrand gibt keinerlei Andeutungen. 



* S. Anin. 2, S. 24.'t in dem Teil „Kartenftufnaluno". 

- Vgl. A. Kgcror: Kartenkunde. F. Kinfülininp in diws Kartenvei-stiindnis. Jx'ipzig u. Korlin 
1920. 8.21. Dies Küchlein von Kperer nnterrirhtef nusfülirliolier über die oben behandelton Pmbleme. 
Die liei-angezogeuen Beispiele tuochen es beniuiders wertvoll. 



182 



Da> KartPnnt'tz. 



75. Die rpchtwinkligen Koordinaten auf der (malhematisehen) Erdoberfläehe. 
Die Soldnersi'heii Koordinaten. Weil die den Geogra)3hen vertrauten Bogenlängen 
dtr geographischen Koordinaten sieh der unmittelbaren Messung und Festlegung auf 
der Erde bei den Arbeiten der Landesaufnahmen im allgemeinen entziehen, entsteht 
die Aufgabe, die aus horizontalen Bogen zusammengesetzten Dreiecke der Landes- 
vermessung zu den geographischen Koordinaten in rechnerische Beziehung zu setzen. 
Hierbei bedient man sich in [der Eegel aus Gründen der Rechnung rechtwinkliger 
Koordinatensysteme. 

BekanntHch haben die Horizontalflächen der Erde die Formen von nii den Polen 
abgeplatteten Rotationsellii)«oiden, sogenannten Hphäroiden. Diese Abplattung ist 
so gering (Vagg)- daß auf nicht zu große Entfernungen hin, bzw. bei nicht zu hohen 
Genau^keitsansprüchen mit einer nach allen Eichtungen hin konstanten Krümmung, 
d. h. mit dir Foiin der Kugel gerechnet werden kann. Deshalb soll der Kürze wegen 
im folgenden nui- \()n sphärischen Koordinaten die Rede sein, wobei man sich 

stets davon Rechenschaft geben 
muß. daß bei der wirklichen Aus- 
führung der Berechnungen der 
Landesaufnahmen auf die sphä- 
roidische Gestalt Rücksicht ge- 
nommen werden muß. 

Dem Hergange der Arbeiten 
einer Landesvermessung, bei der 
die linearen Entfernungen der 
funkte gemessen, bzw. berechnet 
werden, entspricht es, die Lage 
eines Punktes P nicht nach seinen 
geographischen, sondern nach den 
rechtwinkligen Koordinaten x und 
y zu geben. Auch dieses Koordi- 
natensystem wird astronomisch 
orientiert, wie Bild 1 zeigt, dessen 
weitere Erklärung sich aus der Be- 
nennung der einzekien Teile im Bilde selbst ergibt. Von den geographischen 
Koordinaten wird lediglich ein Meridian übernommen, imd zwar der, der durch den 
etwa in der Mitte des Aufnahmegebietes gelegenen Ort Pq läuft. 

Während die Ordinate y eines Punktes P auf demjenigen Großkreisbogen, der 
durch P geht und senkrecht zum Meridian des Nullpunktes steht, positiv gezählt 
wird, weim der Punkt östlich des Nullmeridians, und negativ, wenn er westlich davon 
liegt, wird die Abszisse x vom Nullpunkt Pq aus positiv nach N und negativ nach S 
gezählt. Alle Punkte mit dem Vorzeichen + + (in der Reihenfolge der Koordinaten x, 

y) liegen im ersten Quadranten, mit 1- im zweiten, mit im dritten und -| 

im vierten Quadranten.^ 

Das im vorstehenden dargelegte rechtwinklig sphärische Koordinatensystem 
heißt auch das Soldnersche Koordinatensystem, weil sich J. (i. v. Söldner 

1 Steht z. B. an einem Punkt x = 15700 m und y = H- 18900 m, so liegt der Punkt im 
zweiten Quadranten und zwar 15,7 km südl. vom Großkreis der Ordinatenachse und IS,!) km östlich 
von der Abszisi-.enachte oder dem Niillraeridian. 




Die Grundlagpn der topographisohpn Abbildungen. 183 

(1776—1833) um die Ausbildung, bzw. Berechnung dieser sphärischen Koordinaten 
und ihre Einführung in die Landesvermessung das größte Verdienst erworben hat. 

76. Die Gaußsfhen Koordinaten. (Die Gaußsche Projektion.) Seitdem Gauß 
sich der Hamioverschen Landesvermessung angenommen hatte, ist es vielfach übhch 
geworden, aus gewissen Gründen (elegante und zweckmäßige Form der Ausgleichung 
und Herabminderung der Verzerrungsverhältnisse auf ein Minimum) die Dreiecks- 
punkte der Landesaufnahme, die wir- im vorhergehenden nach Soldnerschen Ko- 
ordinaten zu berechnen gelernt haben, rechnerisch auf die Ebene konform abzu- 
bilden. Der rechnende Geodät, der Gaußsche Koordinaten anzuwenden wünscht, 
ist übiigens nicht genötigt, dies auf dem Umweg über Soldnersche Koordinaten 
zu tun, sondern es können die Gaußschen Koordinaten nach den in den Landesauf- 
nahmen übhchen Eechenformehi uimiittelbar für die Eckpunkte der trigonometrischen 
Netze gewonnen werden. "^ 

Es sei hierbei daran ermnert, daß in den Dreiecken der Landesaufnahme stets 
mehr Größen gemessen werden als zur eindeutigen geometrischen Bestimmung an 
sich nötig wäre. Wegen der unvermeidlichen kleinen Messungsfehler führen alle diese 
Messungen daher notwendigerweise zu gewissen Widersprüchen. Indem man diese 
Widersprüche nach bestimmten allgemein übhchen Eechenprinzipien (Prinzip der 
Methode der kleinsten Quadrate) verteilt, gelangt man zu genauem Endergebnissen. 
Diese sogenannte Ausgleichungsarbeit bildet einen sehr erhebüchen Teil der gesamten 
Rechenmühe von Landesvermessimgsarbeiten. Die Ausbildung ihrer Technik ist der 
wichtigste Bestandteil der ganzen dabei verwandten geistigen Arbeit. Über die Aus- 
bildimg dieser Ausgleichungsmethoden zu geodätischen Zwecken besteht eine um- 
fänghche Literatur. 

Die Eolle, die die Ausgleichungsrechnimg bei den Arbeiten der Landesvermessung 
spielt, ist so hervortretend, daß sie auch die Methoden der Messung und zum Teil sogar 
die Wahl der Koordinatensysteme beherrscht. Whd das gesamte Dreiecknetz der 
Landesvermessung in Gaußschen konformen Koordinaten ausgedrückt, gestaltet 
sich die Ausgleichung der Beobachtungsfehler besonders einfach und übersichthch. 
Übrigens wird hier der Küi-ze wegen der Ausdnick ,, Gaußsche Koordinaten'" gebraucht, 
auch dann, wenn in der wirklichen Landesvermessungspraxis konforme Koordinaten- 
systeme Anwendung finden, die, auf Gaußsche Arbeiten mehr oder weniger fußend, 
von anderer Seite ihre Ausbildung erfahren haben. 

Hat man bisher gesagt, daß es an einem zwingenden Grund gefehlt hat, die 
(lauL^schen Koordinaten in der von L. Krüger gegebenen Form, darum auch .,Gauß- 
Krügcr-sche Koordinaten-' genannt, einzuführen, liegt doch ein grolü Teil Schuld in 
dem Beharruugsvenuögen des Staatsorganismus, nach dem alte heb gewordene 
Methoden nicht mit einem Male über Bord geworfen werden, selbst wenn sich Neues 
und weit Besseres in noch so eindringUcher Weise präsentiert. Auch hier hat der Krieg 
einen beachtenswerten Anstoß gegeben. Die neuen Forderungen gewisser Ivriegs- 
karten, insbesondere des Planmaterials für weittragende (ieschütze, haben die Zweck- 
mäßigkeit der Gaußschen Koordinaten hervortreten lassen, weil die darauf gebauten 
Teilsysteme, mnerbulli deren (ironzen die Einzelvcrmessungen als ebene lieimndell 
werden köniu'n. iOO km in ostwestlicher Richtung lictragen (für Kriegskarteii kann 

' Mit inid.iM Worten: Der Wert der Gaußschen Formeln bestellt darin, dall sie mit l'ni- 
giliiiiiL; der .lo|.|«li.i. I 1., i irafiini; vom KUipwiid auf die Eb«ne aufgestellt sind. 



184 Das Kartonnetz. 

noch über 200 km hinausgegangen werden), also 100 km und mehr als bei dem bisher 
gebrauchten Soldnerscheii System^, und unbegrenzt weit in nordsüdlicher Richtung 
sind. Da wäre der westliche Kriegsschauplatz mit einem System ausgekommen. Der 
Vorschlag, die bis dahin gebrauchten Koordinaten umzuwandeln, konnio nicht mehr 
ver\\-irklicht werden, da er erst gegen Kriegsende verlautbar wurde. 

Die preußische Landesaufnahme hält es jetzt für ihre vornehmste Aufgabe, die 
Gauß-Krügerschen Koordinaten oder die Gaußsche Projektion, wie man auch 
sagt, so schnell wie möglich einzuführen. Die Gnindlage dazu hat man neben anderm 
aus dem bedeutenden Werk von L. Krüger Konforme Abbildung des Ellipsoids in 
der Ebene, Potsdam (Leipzig) 1912, geschöpft. Dadurch wird die alte Schreiber- 
sche Doppelprojektion (s. Schluß dieses Kapitels) abgelöst. Das Wesen der Gauß- 
schen Projektion besteht darin, daß die Meridionalstreifen vom Sphäroid auf die 
Ebene winkeltreu übertragen werden. Daß die Projektion in nordsüdhcher Richtung 
beliebig ausdehnbar ist, wurde oben bereits vermerkt. Von dem mittlem Meridian, 
dem Hauptmeridian eines jeden Meridianstreifens, geht man P^" nach und W, 
daß mithin jeder Streifen drei Längengrade umfaßt. Außerdem erhält jeder Meridian- 
streifen seinen eigenen Nullpunkt. Wie ich den Ausführungen Baumgarts in der 
Zeitschrift für Vermessungswesen entnehme^, wird der bisherige Hauptmeridian der 
Landesaufnahme, 31° östl. Ferro, weiter beibehalten, und die Nullpimkte verteilen 
sich auf die Meridiane 25°, 28", 31», 34", 37" und 40". Die Breite aller Nullpunkte 
verbleibt für jeden Meridianstreifen wie bisher auf 52" 42' 2", 5325. 

Durch die Einführung der Gaußschen Koordinaten erobert die preußische 
Landesaufnahme ihr altes Prestige im Vermessungswesen zurück. Denn dadurch 
wird ein großer Fortschritt erzielt, insofern sämtliche 40 bei der preußischen Katasfer- 
messung in Anwendung stehenden Soldnerschen Koordinatensysteme, deren Or- 
dinaten nicht über 60 km hinausgehen, rund auf sechs, auf die Bedürfnisse der ge- 
nauesten Grundstücksvermessung Rücksicht nehmenden Teilsysteme beschränkt 
und sämtliche trigonometrische Punkte der Landesaufnahme in rechtwinkligen Ko- 
ordinaten ausgedrückt werden, die für Einzelmessungen und die Kartographie (ein- 
schließhch des artilleristischen Planmaterials) unmittelbar zu verwerten sind. Außer- 
dem erübrigt sich die Umrechnung aus geographischen Koordinaten. Bisher werden 
in der Landesaufnahme rechtwinklig ebene Koordinaten nur zu Ausgleichungszwecken 
berechnet. Für die Einzelvermessungen und die Kartographie waren sie belanglos. 
Es ist nur zu wünschen, daß sich auch die süddeutschen Staaten sobald wie möglich 
anschheßen und Bayern seine ,, splendid Isolation" als das „klassische Land der 
Kongruenzkoordinaten" bald aufgibt. 

Obwohl man sich in Deutschland über die Gaußschen Koordinaten als die besten 
für eine Landesaufnahme längst klar war, hatte es doch recht lange gedauert, bis sie 
den Sieg über andere Koordinaten davontrugen. Vor rund hundert Jahren wurden 
sie zum ersten Male angewendet, und zwar durch Karl Friedrich Gauß bei der 
Landestriangulation von Hannover 1821— 1844. ^ Über die Theorie selbst hat Gauß 



' Wieweit die GauBscben Koordinaten den Soldnerschen gegenüber überlegen sind, wird 
an Beispielen im 3. Bd. der Vermessungskunde von Jordan-Eggert, Stuttgart 1916, S. 309 nach- 
gewiesen. 

- Baumgart: Die Bezifferung de« Meldegittemetzes in Übereinstimmung mit den tatsäeh 
liehen Koordinatenwerten. Z. f. Verm. 1919, S. 187ff. 

5 Vgl. K. Fr. Gauß' Werke. IV. Göttingen 1873. 



Die OnindlagPii der topopraplii?i-hoii Abbildnnpeii. 185 

nichts veröffentlicht, sie wurde 1866 aus den Traditionen der Hannoverschen Landes- 
aufnahme von 0. Schreiber herausgeschält.^ Aber noch fand sie nicht die genügende 
Beachtung. Selbst der von F. E. Helmert am 13. August 1877 bei der in Frankfurt 
a. M. tagenden Hauptversammlung des Deutschen Geometervereins gehaltene Vor- 
trag, in dem Helmert den hohen Wert der Haimöverschen Projektionsmethode be- 
leuchtete, hat wenig gefruchtet. Seit 1881 hatten sich in ganz Deutschland die 
Soldnerschen Koordinaten eingenistet ; und es ist mehr als eine eigentümhche Fügung, 
daß das klassische Gaußsche konforme System gerade in Deutschland keine amt- 
liche Einführung fand. „Es ist nicht unmöglich, daß das laute Kühmen der Vorteile, 
welche die einheitlichen, süddeutschen Soldnerschen Systeme viele Jahrzehnte 
lang voraus hatten, schließlich dem gleichen System auch in Preußen zum Siege ver- 
holfen hat; allein jenes Rühmen hat die feinern Unterschiede und Vorteile der Kon- 
formität neben dem Hauptmomente, daß überhaupt umfassendere, auf Erdkrümmung 
berechnete Koordinatensysteme notwendig sind, nicht in Betracht genommen."^ Den 
Anstoß zur gründlichen Behandlung der Frage gab W. Jordan durch seinen Vortrag 
über „die deutschen Koordinatensysteme" bei der Tagung des Deutschen Geometer- 
vereins am 8. Juni 1895 in Bonn. Der Streit hierüber tobte ein Jahr lang fort.* End- 
lich war man von der Bedeutung der Gaußschen konformen Koordinaten auch in 
weitern als bloß geodätischen Kreisen überzeugt. W. Jordan schloß seine Rephken 
mit dem prophetischen Wort: ,,Wenn abermals zwei Jahrzehnte verflossen sein 
werden, ums Jahr 1916—1920, wird die Gaußsche konforme Projektion für Kataster- 
aufnahmen ebenso unbestritten als zweckmäßigste gelten wie heute die früher für 
unausführbar erklärte Gaußsche Ausgleichung für Katasterdreieckmessimgen". Das, 
was die Franzosen für ihre neue Katastervermessung suchten. Einführung von meri- 
dionalen Streifen mit konformen Koordinaten*, ist ganz das, was in dem deutschen 
Koordinatensystem nach Gauß vorhegt. Ch. Lallemand, der Bearbeiter des neuen 
französischen Katasters, kaimte die Hannoversche Projektionsmethode, die er außer 
in Frankreich auch in Ägypten anwandte. Aber auch in Deutschland seilest griff man 
bei Neueinrichtungen von Landesaufnahmen auf die Gaußschen Koordinaten zurück, 
wie bei der winkeltreueu Kegelprojektion der Landesaufnahme von Mecklenburg. 
In den deutschen Kolonien ist von 1912 ab von der preußischen Landesaufnahme 
nach Gaußschen Koordinaten gearbeitet worden. Neben Preußen und Sachsen hat 
jetzt Österreich mit der Einführung der Gauß -Krüger sehen Meridianstreifen begormen. 
Andere Staaten dürften bald in größerer Anzahl nachfolgen, zunächst Griechenland. 
Schweden, Norwegen. 



' O. Schreiber: Theorie der l'i-ojektionsniothodo der Hannövei-scheii Landesvermessuiip. 
Hannover 1866. 

- .M. Rosenniund: Die Änderung des Projektionssystems der sohweizorisihen Landes- 
vermessunj;. Bern 1903, S. 52. 

' Man vgl. dazu die versi^liicdenon Aufsätze in den Jahrgängen 1805 u. 1896 in d. Z. f. Verm., 
desgl. E. Hammer in G. J. XX. 1897/98, S. 44:i. 

* MinisWre rles financey. Commission cxtrajuirlcnientaire du ladasti'e. Snu-s-comniission 
technique. l^feetioii du cadasttre de la commune de Neuilly-Plaisanco (Seine-ot-Oise) par Ch. Lalle- 
mand, ingtnieur en ihef des niines, directeur du service du nivellemcnt giSm^ral de la France. Kxfmit 
du rapport g6n6ral sur les travaux de la sous-commission technique par M. E. Choysson, insj«H'tcur 
g6n6ral des [K)nts ot chaussi^es. Paris 1898. ^■gl. W. Jordans Referat in Z. f. Vemi. XXV'lIl. 
1899, S. 38. — Ferner orientiert hiertlber Rothuniel: Erneuenmg \i. Wiederherstellung des Katasters 
in Frankreich. P.M. 1907, S. 90-93. insbes. S. 93. 



186 Pas Karteniiet?;. 

Durch General 0. Schreiber war in der preußischen Landesaufnahme eine 
rechnerische Methode ausgebildet worden, um die rechtwinkligen sphärischen Ko- 
ordinaten zunächst auf eine Kugel und alsdann von der Kugel auf eine Ebene abzu- 
bilden. Dieses Verfahren führt den Namen „konforme Doppelprojektion". Die 
Praktiker der preußischen Landesaufnahme schreiben ihm besondere Vorzüge zu 
bei der Ausgleichung der Beobachtungsfehler im Dreiecknetz. Im einzelnen erfolgt 
die Berechnung beim ersten Übergang (von Elhpsoid auf die Kugel) nach einem 
Gauß sehen Grundgedanken, beim zweiten Übergang (von der Kugel zur Ebene) 
nach dem (jedanken der Mercatorprojektion.i 

77. Die Soldnersche Projektion, Werm man die als rechtwinklig sphärische, 
bzw. Soldner sehe Koordinaten ausgedrückte horizontalen Strecken der x und ?/ 
imserer Dreieckspunkte (Bild 1) wie ebene rechtwinklige Koordinaten auf dem Papier 
aufträgt, um danach großmaßstabige Karten zu konstruieren, sagt man, diese Karten 
seien in Soldnerscher Projektion entworfen, obwohl eine Projektion im eigenthchen 
bzw. üblichen Sinne nicht vorUegt. 

Uns interessiert hier vorzugsweise die Anwendung dieser Abbildungsart auf 
topographischen Karten. In der Hauptsache werden wir da zu Kartenwerken geführt, 
die in Süddeutschland entstanden sind. Die großmaßstabigste ist die in 15572 Blättern 
ausgeführte württembergische Flurkarte in 1 : 2500.^ Die Flurkarten sind auf 
dem sphärisch-rechtwinkligen Koordinatensystem aufgebaut. Statt Quadrant heißt 
es für die Flurkarten Nordost-, Südost-, Südwest- und Nordwestregion. Die trapez- 
förmigen Erdoberflächenstücke, durch die sphärischen Koordinaten umrahmt, werden 
von der Projektionsmitte aus nach N und nach S als Schichten bezeichnet und mit 
römischen Zahlen beziffert und nach und W als Eeihen oder Nummern mit arabischer 
Beziffenmg. Bei der Übertragrmg der trapezförmigen Stücke, deren Längen zu je 
4000 württembergischem Fuß = 1145,69 m angenommen worden sind, wurden sie 
auf der Ebene als gleich große Quadrate abgebildet.^ Je einem Quadrat entspricht eine 
württembergische Flurkarte. Bei der ganzen Abbildungsart setzt man eine kugel- 
förmige Erdolierf lache voraus. Die Nichtberücksichtigimg der Abplattung hat auf 
die Karten eines so kleinen Landes wie Württemberg keinen Einfluß. 

Die Trapeze der Kugel oder des Sphäroids durch Quadrate in der Kartenebene 
nachzubilden, kann nur bis zu einer gewissen Grenze vom Meridian des Nullpunktes 
aus nach imd W erfolgen ; denn mit der Entfernung von der Kartenmitte werden die 
trapezförmigen Stücke in der Natur etwas kleiner. Bei den wjirttembergischen Blättern 
des äußersten und W entsprechen wohl noch die Nord- und Südränder den Ab- 
messungen auf der Kugel, aber die Ost- und Westränder sind um 0,06 mm zu lang. 



' Daher die nicht ganz pa.ssende Bezeichnung „Doppelprojektion". Beide Vorgänge muß 
man eben genau auseinanderhalten. Darum wird auch das Wesen dieser Abbildungsart selten richtig 
erfaßt. Ich glaube nicht, daß derjenige ein klares Bild gewinnt, der die einschlägigen Kapitel in 
E. Häntzschels „Erdsphäroid und seine Abbildung", Leipzig 1903, durchstudiert hat. — Man 
vgl. auch die Besprechung über Hnntz.<-chels Erdsphäroid von O. Galle in Z. d. Ges. f. Erdk. zu 
Berlin 1904, S. 534ff. 

- Die Angaben hieiüber hat A. Egcrer, der Vorstand der topographischen Abteilung des 
Württembergischen Statistischen Landesamtes in Stuttgart, in seiner Kartenkunde, a. a. O., gut 
zusammengestellt. 

114 

Imf mit Äff Snitj.nliinir*. . 

2500 



Die Grundlsfrcn der topographischen Abbildiinpen. 187 

Indessen ist das eine Größe, noch nicht einmal ein Zehntelmilhmeter, die bei der Karten- 
herstellung und -reproduktion in keiner Weise von Belang ist. Immerhin darf lüese Art 
Karten nicht in allzuweite Gegenden nach und W ausgedehnt werden, weshalb sich 
die sphärisch rechtwinkhgen Koordinaten auch mehr zur Abbildung von meridional 
gestreckten Ländern eignen. Zum ersten Male wurden die sphärischen Trapeze in 
Quadratform auf der Kartenebene von Cesar Francois Cassini de Thury (1714 
bis 1784) auf der Carte de France 1 : 86400 (100 Toisen = 1 Pariser Linie) angewendet, 
weshalb man auch von Cassinis Projektion oder von Cassinis transversaler 
Plattkarte^ spricht. Ein anderes Kartenwerk, das außer den württembergischen 
Flurkarten in Cassini scher Projektion vorüegt, ist der alte Topographische Atlas 
von Württemberg 1 : 50000. Jedes quadratische Blatt des Atlas umfaßt 400 
württembergische Flurkarten oder nmd 520 qkm. 

Das gleiche sphärisch rechtwinkUge Koordinatensystem wie den württem- 
bergischen Flurkarten liegt den bayrischen Steuerkarten 1:5000 zugrunde.- 
Die Benennung der einzelnen Karten folgt ganz demselben Schema wie die der 
württembergischen Flurkarten. Die Großkreisseiten der bayrischen trapezförmigen 
Stücke sind 800 bayrische Ruten lang = 2834,87 m.^ Die sphärischen Koordinaten 
der Trapeze sind genau nach Soldner berechnet mid die Übertragimg auf die Karten- 
ebene erfolgt auch nach den berechneten Eckenwerten; das Auszeichnen geschieht 
in ebenen Koordinaten. Der Effekt der Trapezzeichnung läuft in der Praxis auf ein 
Quadrat hinaus. Die Abplattung der Erde ist gleichfalls nicht berücksichtigt. Immer- 
hin hegt ein Unterschied vor in der Konstruktion der Karte gegenüber der Cassini- 
schen Projektion mid man kann eventuell von einer ,, Soldner sehen Projektion' 
sprechen, unter L'mständen auch von einer ..Cassini-Soldner sehen Projektion", wie es 
E. Hammer^, M. Eosenmund^ u.a. getan haben. J. G. v. Soldner hat das große 
Verdienst, als er 1808—1821 als wissenschaftücher Beirat bei der bayrischen Landes- 
vermessung tätig war, das nach ihm benarmte Koordinatensystem zur Einführung 
gebracht zu haben*, das später in Deutschland das weitaus verbreitetste wurde. 
J. Frischauf wendet sich gegen die Bezeichnung ,,Süldnersche kongruente Pro- 
jektion"", da Soldner zu seinen Berechnungen nie ebene Koordinaten benutzte." 
Indessen, wenn Frischauf die Bezeichnung Cassiniprojektion gelten läßt, kann man 
mit fast gleicher Berechtigung von Soldnerjjrojektion sprechen. Jeder Sachversändige 



' J. Frischauf: Zum kartographischen Bilde des Groß- u. Parallelkreises. Z. f. Verm. 1914, S. 7. 

- \'pl. die bayerische Landesvermessung in ihrer Wissenschaft!. Grundlage. Hg. v. d. K. Steuer- 

Katasterkommission in Crt>raeinschaft ni. d. topogr. Bureau des k. G*ncralstabes. München 187."}. 

' Für praktische Zw«>cko wenlcn die Trapeze Quadrate mit genügender Genauigkeit mit der 



5000 

' E. Hammer: Darstellg. einer Erdkugel in C»s>ini -Soldners Projektion. Kcttlen- Z. l. 
wiss. Geogr. VI. Weimar 1888, S. 47ff. — Vielfach so genannt auch in seinem Buche „Ül)er d. 
geogr. wichtigsten Proj." Stuttgart 1889. 

' M. Kosenniund, a. a. 0., S. 16. 

• W. Jordan u. K. Steppcs: Das deutsche Vermessimgswesen. 1. Stuttgart 1882, S. 20;t. 
— Vgl. auch die Biographie Söldners von .1. K. Müller: Johann Georg Suldner, der GtHuiiit. 
Diss. München 1914. 

' J. Frischauf: Die mathcm. Grundingen der I^ndcsaufiiiiluue u. Kartographie des Eni- 
sphämids. Stuttgart I9i;(, S. 1.51. - .\ui'h P. Gart wendet sich gegen die falsche Deutung des 
Wortes „Kongruenz", bes<mders in der ausführlichen Bosprechimg von A. Ahendroths „Praxis 
des Vcrmessungsingctiieurs'' (Berlin I'.II2) i. '/.. f. Verm. l!M:t. S. 287. 288. 



188 r)as Kartenni'tz. 

weiß genau, was darunter zu verstehen ist. Der Ausdruck „kongruente" Soldner- 
sche Koordinaten erklärt sich wegen ihrer Eigenschaft, daß die abgetragenen Ordinaten 
und Abszissen gleich lang sind wie die entsprechenden Meridianabstände und Meri- 
dianabschnitte ^, doch ist er unglückhch gewählt und gibt zu Mißdeutungen Anlaß, 
darom am besten auch zu verwerfen. 

Die Cassini sehe wie Soldner sehe Projektion kann man als Zylinderprojektion 
ansehen, bei der ein Zylinder die (kugelförmig vorausgesetzte) Erde im Mittelmeridian, 
d. h. den gewählten Nullmeridian des abzubildenden Landes berührt.^ Deshalb wird 
sie rein sachlich als eine transversale zylindrische Projektion mit längentreuenHaupt- 
kreisen bezeichnet .^ Legt man bei der Soldner sehen Projektion das Schwergewicht 
auf die berechneten und abgebildeten Trapeze, dann spricht man auch von einer 
„Soldner sehen Polyederprojektion "^, ganz gleich, ob die bayrischen Steuerblätter 
oder die Blätter der Topographischen Karte vom rechtsrheinischen Bayern 1 : 25000, 
die nach dem gleichen Prinzip wie die Steuerblätter entworfen sind,^ bei der Ver- 
ebnung nahezu quadratische Größen haben. In der Cassinischen Zylinderabbildung 
finden \\-ir in Deutschland noch die Topographische Landeskarte von Braunschweig 
1 : 10000 imd die Karte 1 : 25000 von Hessen. 

Die Soldner sehen Koordinaten haben auch die deutsche Kriegskartographie 
beherrscht, wenigstens an der Westfront. Als der Krieg zum Stellungskrieg ausartete, 
konnte das vorhandene französische Kartenmaterial nicht mehr genügen und war 
man deutscherseits wie auch auf selten der Franzosen und Engländer gezwungen, 
das Land topographisch neu aufzunehmen und Karten mit neuem, artilleristisch 
brauchbarem Gitternetz zu schaffen. Da es sich um die großen Maßstäbe 1 : 5000 bis 
1 : 25000 handelte und irgendwelche Direktiven zu einem einheithchen Koordinaten- 
system für die gesamte Westfront von der deutschen Landesaufnahme nicht vorgesehen 
und gegeben waren, war es mehr als natürlich, das bewährte und einfach zu hand- 
habende Soldnersche Koordinatensystem, das in der gesamten deutschen Kataster- 
messung gang und gäbe war, auf das Kriegsgelände zu übertragen. Da man infolge 
der westöstlichen Ausdehnung der Frontgebiete, rund fünf Längengrade, mit ein- 
maliger Anwendung des Systems nicht auskommen konnte, entstanden infolgedessen 
eine Anzahl Soldnersche Koordinatenbereiche mit den Nullmeridianen in Verdun, 
Pont Faverger, Keims, Laon und Lille. Sie sind dem deutschen Kriegsvermessungs- 
wesen nach dem Kriege als ein Fehler sowohl von deutscher wie von englischer Seite 
vorgeworfen worden^; doch das ganz zu Unrecht, wenn man nur einigermaßen die 
Entstehungsgeschichte der Koordinatensysteme keimt. Es soll nicht in Abrede ge- 
stellt werden, daß der Wechsel von einem Koordinatensystem der einen Arinee zu 
dem der andern von der Artillerie in den Grenzgebieten der Armeen unangenehm 
empfunden wurde. Nachdem aber die Artillerieoffiziere überzeugt worden waren. 



1 W. Jordan in d. Z. f. Verm. XXV, 1896. Kongruente oder konforme Koordinaten, S. 193 ff. 
Soldnersche oder Gaußsche Koordinaten, S. 321 ff. 

2 E. Hammer: Darstellg. einer Erdkugel, a. a. O., S. 47, 48. 

* E. Hammer: Üb. d. geogr. wichtigsten Proj., a. a. O., S. 19. 

* A. Egerer, a. a. O., S. 31. 

■' Der Blattrand entspricht einer Naturlänge von 3200 bayrisch. Ruten = 9339,5 ni, d. i. in 

1:25000= ^^-^yj"»»-. 37.3,6 mm. 
25000 
« Man vgl. hierüber eine Anzahl Aufsätze in den Jahrgängen 1919 und 1920 i. d. 'A. f. Venn. 
u. im Geographical Journal. 



Die Grundlage drr topograpliisrhi'ii Abbilduiifjpn. 189 

daß das Schießen durch den Wechsel wenig beeiufhißt werde, daß selbst hei entfernten 
Zielen für weittragende Geschütze mit einem Fehler zu rechnen ist, der noch iimer- 
halb des Streuimgsbereiches der Geschütze lag, fand man sich mit dem wenig schönen 
Zusammenschluß der Koordinatensysteme so gut wie es eben ging ali. 

Die Engländer waren mit ihrem Koordinatensystem bzw. Gitternetz auf die 
Bonnesche Projektion hineingefallen, was sie selbst später eingesehen haben. ^ Die 
Franzosen als das offenbar mathematisch begabtere Volk wählten mit raschem Ent- 
schluß ein neues winkeltreues Koordinatensystem für ihre Gittemetzkarten, das auf 
eine winkeltreue (orthomorphe) Projektion J.H.Lamberts zurückgeht; sie nannten 
es „Quadrillage Systeme Lambert", dessen Nullpunkt möghchst weit .nach gelegt 
wurde. Das System leistete bei weitem mehr als das englische und konnte auch 
über ein größeres westöstliches Gebiet als das Soldnersche ausgedehnt werden. 

78^ Das Gitternetz. Zieht man die gleichabständigen Abszissen- und Ordinaten- 
werte geradlinig aus, dann erhält man ein Koordinateimetz, das als „Gitternetz" 
bezeichnet werden kann und ein weiteres Mittel ist, die Ortslage schnell imd sicher 
zu bestimmen. Bisher hat das Gitternetz wie überhaupt das rechtwinklig sphärische 
Koordinatensystem dem Geographen ferngelegen, aber die Kriegskarten zwangen 
ihn, sich mit diesen ,, neuen" Kartermetzen näher bekamit zu machen. Man darf 
nicht glauben, daß dies nur eine vorübergehende Erscheinung ist, die kommende 
intensivere Beschäftigung und Erforschung des heimathchen Bodens werden schon 
dafür sorgen, daß sie in der Geographie nicht wieder in Vergessenheit geraten; denn 
dadurch, daß fernerhegende Gebiete von der Erforschung vorderhand ausgeschlossen 
erscheinen, wird sich die Erforschimg des heimatlichen Bodens verdichten und in- 
tensiver gestalten. Das führt zweifellos zum Studium großmaßstabiger Karten, 
und daim stellt sich die Bekanntschaft mit dem ,, Landesvermessungssystem" von 
selbst ein. 

Ein Kartennetz nach rechtwinkhg sphärischen Koordinaten in großem Maß- 
stabe hergestellt, kann man in westöstlicher Eichtung bequem auf 100—120 km 
ausdehnen, ohne Gefahr zu laufen, von natürüchen Verhältnissen stark abzuweichen. 
Die Winkelverzerrung ist eine minimale wie auch die ßichtungs- und Entfernungs- 
änderung imd erst an den Ecken des gesamten Netzes merkbar, aber kartographisch 
kaum darstellbar. Infolge dieser ausgezeichneten Eigenschaften sind die Soldner- 
schen Koordinaten zur Herstellung eines Gitternetzes wie geschaffen. Man wählt 
in der Regel die Entfernung der Großkreise (die senkrecht den Meridian des Null- 
pimktes durchschneiden) wie der Kleinkreise (die parallel zum Meridian des Null- 
punktes verlaufen) zu 1 km = 1000 m. Bei dem Maßstab 1 : 25000 beträgt diese 
Strecke 4 cm. Das Kartenblatt, etwa von der Größe eines Meßtischblattes — im 
Kriege war für die Neuaufnahme in 1 : 25000 die Größe 40 X 40 cm üblich geworden — . 
wird sodann mit einem Koordinaten- oder Gitternetz überzogen. Das Gitternetz 
wird über den Innern Kartenrand hinaus verlängert bis zu dem etwa 8 mm ent- 
fernten äußern Kartenrand. An die 8 mm langen Endstücke der Koordinaten läßt 
sich bequem die Bezifferung anbrhagen. 

Verschiedene topographische Kartenwerke hatten bereits vor dem Kriege den 
Anfang zu einer ausführlichen Gitternetzbezeichnung gemacht, indem iiuf den Blatt- 

> iM. Eckert: üio Kartographie im Kriege. O. Z. 1920, S. Ulöff. 



190 l>as Kait.MiKtz. 

rändern außer der AiigalK' der geogniphischen Netzeinteilung iiocli die der Längeu- 
einteikuig nach rechtwinkligen Koordinaten gebracht wird. So zeigen die Karten- 
ränder der Karte 1 : 20000 in Wü'-tlemberg und Baden die Teihmgen von 1000 zu 
1000 m und in Sachsen und Hessen von 2000 zu 2000 m. Auf den neuern hessischen 
Blättern smd die Koordinaten vollständig ausgezogen wie auch auf der Topographischen 
Landeskarte des Herzogtums Braunschweig 1 : 10000, hier als 1 km-Netz. 

Wie die Gaußschen Koordinaten den Soldnerschen, ist auch das Gitternetz, 
das sich auf Gaußsche Koordinaten bezieht, dem Soldneischen wegen der großen 
westöstlichen Ausdehnung überlegen. Mit dem Gitternetz des Gaußschen Koordinaten- 
systems beschäftigt sich Baumgart (S. 184) eingehender und betont, daß sich in- 
folge des zunehmenden Gebrauchs von Karten in allen Wirtschaftszweigen des öffent- 
üchen Lebens im vermehrten Maße die Notwendigkeit gezeigt hat, ,,die bisher nur 
auf militärischen Karten gebräuchhchen Meldegitternetze mit 1 km Maschenweite 
auch auf alle technischen imd wirtschaftlichen Karten größern Maßstabes zu über- 
nehmen". Um die Bezifferung des Gitternetzes allgemein verständlicher zu machen, 
bringt er den Vorschlag, für x imd y die einfachem Ausdrücke „hoch" und ,, rechts" 
für den allgemeinen Kartengebrauch zu wählen, da es sich für Deutschland nur um 
Werte des ersten Quadranten handelt. Ferner schlägt er vor, tlie nach positiv 
zählende ?/-Achse in den Äquator und die nach N positiv zählende x-Achse in den 
Nullmeridian von Ferro zu legen, wodurch der Anfangspunkt der rechtwinkligen 
Koordinatenzählung mit demjenigen der geographischen Werte identisch wird. Die 
Vorteile einer solchen Zählung sind offenbar. Alle Koordinatenwerte Deutschlands 
(wie Europas, Ferro- Orientierung vorausgesetzt) Hegen in dem Nordostquadranten, 
shid mithin durchgängig positiv. Damit erübrigen sich in Karten und Koordinaten- 
tabellen alle Vorzeichen. Ebenso vereinfacht sich die trigonometrische Rechnung. 
Von Seiten des Geographen muß man Baunigarts Vorschlag aufs wärmste unter- 
stützen. 

Auf den neuen Kriegskarten in 1 : 5000, 1 : 10000 und 1 : 2.5000 hat sich das 
Gitternetz vorzüglich bewährt, vor allem zu Meldezwecken, weshalb man auch von 
Meldegitternetz spricht. Ein Kartenbild mit dem Gitternetz hat eine außer- 
ordenthche Orientierungskraft. Für artilleristische Zwecke wurden besondere Karten 
in 1 : 25000 herausgegeben, auf denen die Kilometerentfernung nochmals in 5 Teile 
unterteilt wurde, so daß ein Kilometerquadrat in 25 Kleinquadrate von je 64 qmm 
Fläche zerfällt. Das Kleinquadrat, dessen Seiten je 200 m in der Natur entsprechen, 
wurde nochmals in 4 kleinere Quadrate, a, b, c, d, geteilt, deren Seiten mithin je 
100 m, auf der Karte 4 mm lang waren. Damit hatte man ein praktisches, leicht 
verständliches vmd nie versagendes Mittel, die wichtigsten Geländepunkte, Artillerie- 
stellungen, Minenwerferstände, Beobachtungsstellen, Truppenstellungen usw. so genau 
wie möglich anzugeben und gegebenenfalls zu melden. Selbst die Flieger bedienten 
sich bei ihren Meldungen des Kleingitternetzes. Für die Infanteriekarten war letzteres 
nicht angebracht, da es die schnelle Lesbarkeit des Kartenbildes beeinträchtigt hätte. 
Mali half sich mit einer transparenten Zelluloidplatte, auf der ein Kilometerquadrat 
mit Kleingitternetz eingeritzt war. Zur genauem Lagebestimmung wurde die Platte 
auf die Karte gelegt und die gewünschte Auskunft ebenso sicher wie mit einem voll- 
ständig ausgezogenen Kleingitternetz des Kartenblattes gegeben. 

Außer der Zelluloidplatte bediente man sich auf den Kriegskarten zur raschen 
Bestimmung von Punkten des Planzeigers, auch einer Errungenschaft der Kriegs- 



Die Grimdlagi'ii tliT topogra|iliisclu!ii Abbildungen. 101 

kartographie. die wert ist, weiterhin im Frieden beihehalten und aucti von geographischen 
Kreisen benutzt zu werden. Jeder Maßstab erfordert einen besondern Planzeiger. 
Man schneidet ein Kilometerquadrat von der Größe, wie es der Maßstab angilit und 
teilt den obem und rechten Kilometerrand in so viel Unterteile, wie man noch deutlich 
abzulesen vermag. Bei dem Maßstab 1 : '25000 wird man die lieiden Randseiten zu- 
nächst in zehn gleiche Teile zerlegen und jeden Teil wiederum in fünf, so daß jeder 
Teil 2 m in der Natur entspricht. Wo beide Teilungen zusammenstoßen (in der NO- 
Ecke) ist der Eckpunkt, der den zu bestimmenden Punkt berühren muß, wobei die 
Richtungen der Ränder des Planzeigers die des Gitternetzes der Karte einhalten. 
An den graduierten Rändern des Planzeigers ist dann sofort die Lage des Punktes 
der Karte abzulesen^ oder die Länge der (ebenen) Koordinaten x und ;/; darum möchte 
ich vorschlagen, den Planzeiger richtiger Koordinatmeter zu nennen. 

Die Angabe der Lage dm-ch das Kartengitternetz ist den bisherigen Angaben, 
besonders wie sie im Kriege gehandhabt wurden, bei weitem vorzuziehen. Wie um- 
ständlich hieß es oft: Das Wegekreuz befindet sich östlich des Dorfes N. N. an der 
Waldecke etwa 200 m über dem Buchstaben x des Dorfnamens. Und das Dorf mußte 
auch erst auf der Karte gesucht werden. Wie einfach dagegen: Das Wegekreuz be- 
findet sich im Hauptquadrat 2010, Kleinquadrat 18, c. Das Resultat ist sicher, und 
der Ort wird schnell gefunden.- Außerdem wird durch das Gitternetz das Abschätzen 
der Entfernungen erleichtert. Wie leicht lassen sich die Angaben über Lage und 
Entfernung kontrollieren, ob es auch stimmt, daß z. B. ein beschriebener See sich 
SVä km von NW nach SO erstreckt oder eine geologische Ablagerung sich 7,8 km 
lang nordsüdUcht ausdehnt oder ein Waldhufendorf 3 km lang ist. All diese Vorteile, 
insbesondere die kurze und sichere Bezeichnung von Ortslagen, sollten ein Ansporn 
für sämtliche Landesaufnahmen sein, künftighin die Meßtischblätter mit einem Gitter- 
netz zu Überdrucken. Der Krieg hat zur Genüge bewiesen, daß dadurch das Karten- 
bild in keiner Weise beeinträchtigt oder überlastet wird. Das geographische Koordi- 
nateimetz kann eben, weil es seine Maschengrößen in nordsüdhcher Richtung stets 
ändern muß, nicht das leisten, was das Gitternetz leistet, das auf gleich große Maschen 
aufgebaut ist. 

Eines Gitternetzes sei noch gedacht — falls es überhaupt erlaubt ist, hier von 
Gitternetz zu sprechen — , das weder mit dem vorgenaimten etwas Gemeinsames hat 
noch nach dem Gesetz irgendeiner Projektion entstanden ist. Es ist das Netz, das 
topographische Kartenwerke in gleich große Quadrate oder Rechtecke zerschneidet . 
so daß handliche Kartenblätter entstehen, die in beliebiger Anzahl lückenlos zusammen- 
gesetzt werden können. Es ist eine Art Zwangsgitter. Das einzige Geographische 
daran ist, daß man bei der Zerlegung vom Mittelmeridian des gesamten Karten- 
werkes ausgeht. Die Projektion kommt weniger in Frage, es ist ganz gleich, ob die 

' Wird 7.. B. der Planzeiger an den zu bestimmenden Punkt angelegt und zeigt der olici-c Rand 
des Planzeigers 43'/.. Teile (also y) bis zur linken Gitterlinie und der graduierte Seitenrand CT) Teile 
(also X) bis zur untern Gitterlinie, dann liegt der Punkt 87 m von der Abszisse und 130 m von der 
Ordinate des Kilometergitters entfernt. Mithin ist der Planzeiger nichts anderes als ein meehauisches 
Hilfsmittel, die Koordinaten x und y direkt nach ihr« r Größe abzulesen. — Vgl. auch T. 11 in P. M. 
1919, wo E. Fels die Kleinquadrateinteilung und den Planzeigcr abgebildet hat, wie sie im Kriege 
üblich waren; s. auch Text dazu S. 8,1 u. 84. 

' Daß das Gitternetz im Kriege ein vorzügliches Mittel war, Onln\mg in den Wir^^varr von 
Schützengrüben wie sie die .Schützengiubeukartefl (Lagekarten) zeigten, z>i bringen, sei nur neben- 
bei bemerkt. 



192 l^as Kartoniictz. 

Karte iu Bomiesclier oder Kegelprojektion entAvorfen ist. In der Hauptsache handelt 
es sich dabei auch nur um die beiden genannten Projektionen. Zu den großen Karten 
in einfacher Kegelprojektion, die auf die angegebene Weise zerschnitten worden sind, 
gehört die Eeymannsche Topographische Karte 1 : 200000^, zu den Karten in Bonne- 
scher Projektion der Topographische Atlas von Bayern 1 : 50000^, die Vogelsche 
Karte von Deutschland 1 : 500000», die Carte de France 1 : 80000.* An den Blatt- 
ecken der französischen Karten sind Zahlen angegeben, die lediglich die berechneten 
Koordmaten fiu- die Bonnesche Projektion sind, um die gesamte Karte Frankreichs 
in gleichgi-oße Blätter zu teilen und deren lückenlose Aneinanderreihung in beliebiger 
Anzahl zu gestatten.'' Dasselbe finden wdr auf den belgischen Karton 1 : 20000, 
1 : 40000 und 1 : 100 000; bei letzterer sind nur die reinen Koordinaten werte angegeben. 
Die offiziellen niederländischen großmaßstabigen Karten" huldigen dem gleichen 
Prinzip, nur zeigen sie alte Teilung bei den Rekangaben, während Frankreich und 
die neue Kreiseinteilung geben. 



II. Die Gradnetze der topographischen Kartenwerice. 

79. Gradabteiluugskarle und Polyederprojektion. Die ersten Gradabteihmgs- 
karten begegnen uns schon in den württembergischen Flurkarten und den bayrischen 
Steuerblättern, insofern die Blatteinteilung nach Kugelgroßkreisen senkrecht und 
nacli Kleinkreisen parallel zu einem Meridian vorgenommen worden ist. Wenn wir 
es nicht gewohnt sind, von diesen Karten als Gradabteilmigskarten zu sprechen, liegt 
es bloß daran, daß bei ihnen die Beziehungen zum geographischen Koordiantennetz 
nicht so offenkundig betont werden. Wird eine Karte von zwei Meridianen und zwei 
Breitenparallelen trapezförmig umrahmt, sprechen wir von einer Gradabteilungs- 
karte, selbstverständhch auch dann, wenn die entsprechenden Bruchteile der Grade, 
meist in Minuten ausgedrückt, die Trapeze sind; diese oder die Maschen bilden das 
Karten- oder Gradnetz des abzubildenden Landes. 

Von Gradabteilungskarten muß man von all den Karten sprechen, die durch 
Grade abgeteilt sind, ganz gleich, welche Projektion ihnen zugrunde hegt. So sind 
die Übersichtskarte von Mitteleuropa 1 : 300000 imd die Übersichtskarte von Europa 
und von Vorderasien 1 : 800000, welche beide Karten die preußische Landesaufnahme 
herausgibt und in einer Kegelprojektion entworfen sind, Gradabteilungskarten. Unter 
(jradabteilungskarten im engern Sinne sind wir von solchen in der Polyeder- 
projektion zu sprechen gewohnt. Da bildet jedes Blatt oder Trapez für sich ein Ganzes, 
mit besonderm Projektionsmittelpunkt und rechtwinkligem Koordinatensystem. 
Auch für- Karten mittlem imd kleinen Maßstabes will J. Frischauf die Polyeder- 

1 Die einzelnen Sektionen sind rund 34 x 23 cm groß. 

2 Ein Atlasblatt umfaßte 50 x 80 cm ^ 1000 qkm = ]8 Quadiatmeilcn. Vcm der 2. Aufl. 
ab in Halbblättern 50 x 40 cm. 

" Die Blätter der Vogel sehen Ivarte sind je 39,5 x 32 cm groß. 

* Ein gan/.es Blatt umfaßt 50 x 80 cm; außerdem wird es, in Vicrtelblättern zerlegt, 25 x 40cm, 
herausgegeben. 

' Daß z. B. die Engländer, unter ihnen A. R. Hinks, den Weit dieser Zahlen nicht richtig 
verstanden haben, wenigstens während des Krieges vmd der Folgezeit, liabe ich i. G. Z. 1920, S. 321, 
322 nachgewiesen. 

« Über d. Projektion s. oben Anm. 1 auf S. 177. 



Dif (Jrailiictzr der IdpcigraiihiscInMi Kart<nwerke. 193 

projektiou derart verallgemeinern, daß jedes Blatt mit seinem eignen Koordinaten- 
system zu versehen ist. In diesem verallgemeinerten 8iime faßt er den Begriff „Foly- 
ederprojektion'' auf. Nach ihm sind die Vorteile dieser Projektion: „Erstens, be- 
queme Konstruktion des Gradnetzes, wo statt der strengen Formeln leicht zu be- 
rechnende Näherungsausdi-ücke verwendet werden können; zweitens, daß die Ver- 
größeiTingszahl bei der nicht zu großen Ausdehnimg des Blattes praktisch als konstant 
angesehen werden kann und dadurch auch der gewöhnlichen Vorstellung des Maß- 
stabes genügt wird. Der Nachteil, daß mehrere Blätter olmo Klaffung nicht ver- 
einigt werden können, ist verschwmdend gegenüber den Unterschieden der Karten- 
blätter infolge Eingehens selbst des besten Papieres beim Drucke."^ 

Die trapezförmige Verjüngung der Masche ist eine Funktion der geographischen 
Koordinaten. Da es sich dabei um großmaßstabige Karten handelt, darf die Ab- 
plattung der Erde nicht vernachlässigt werden, was sich in der wachsenden Größe 
des Breitengrades vom Äquator zum Pol ausspricht. Von 110,56 km am Äquator 
wächst der Breitengrad langsam auf 111,68 km am Pole, in der Mitte Deutschlands 
(51—52") beträgt er 111,25 km. Der Längengrad mißt auf dem Äquator 111,31 km 
und nimmt polwärts rapid ab, um im Polpunkt zu verschwinden. In der Mitte Deutsch- 
lands, auf dem 51. Parallel gemessen, hat er eine Größe von 70,19 km. Für die Zählung 
der Meridiane ist auf den deutschen offiziellen Karten der Meridian von Ferro als 
Nullmeridian ■ maßgebend. Am Äquator ist das Trapez nahezu quadratisch, in der 
Mitte Deutschlands nimmt es eine Form an, deren Höhe rund ein Drittel mehr als 
die Breite beträgt. Weil es aber nicht üblich ist, Karten in Hochformat zu zeichnen, 
wird es erforderlich, mit einem Breitengrad zwei oder mehrere Längengrade in Be- 
ziehung zu setzen. Derm nur auf diese Weise ist ein handhches Kartenformat zu 
erhalten. Da für den Meßtisch die quadratische Form (57 X 57 cm) die geeignetste 
ist, hat man sie zum Meßtischblatt in Beziehmig gebracht und umgekehrt. In dem 
Maßstabe 1 : 25000 beträgt die Durchschnittsgröße der preußischen Meßtischblätter 
rund 128 qkm. Das nördhchste Blatt (Nr. 1) umfaßt 116,177 qkm und das südlichste 
(Nr. 3699) 139,687 qkm. 

Das Meßtischblatt ist der 60. Teil emer Gradabteilung, also des Areals, das 
von zwei aufeinander folgenden Längen- und Breitenkreisen umschlossen wird. Der 
Breite nach wird die Gradabteilung in 10 Streifen oder „Banden", jede von 6' Breite, 
unterteilt, der Länge nach in 6 Kolumnen oder Säulen, jede von 10' Länge. Das 
ergibt für die gesamte Gradabteilung 60 Meßtischblätter. Jedes Meßtischblatt ist 
ein sphärisches Trapez von 10' geographischer Länge imd 6' geographischer Breite. 
Weil die Abweichung dieses sphärischen Trapezes von einer Ebene gleicher Ausdehnung 
in dem Maßstabe 1 : 25000 verschwindend klein ist, werden die (Längen- und) Breiten- 
kreise als gerade Linien gezeichnet. Eine weitere Folge ist, daß die topographischen 
Aufnahmen wie auf einer Ebene stattfindend ausgeführt werden, dagegen werden 
die trigonometrischen Punkte unter Berücksichtigung der Krümmung der Breiten- 
grade aufgetragen.^ 



> J. Frischauf: Beiträge, a. a. 0.. S. 42, 43. — Woiiig Erfolg hatte der in Paris 1878 von 
Beguyer de Chani-ouitois gemachte Vorschlag (Unilication des travau.\ gtSographiques. AusstoUg. 
Franz. Abteilung. Klas.se XV'I, Nr. 12), alle Projektionen gnomooisch (zentral) auf umschrieben»- 
Pülyederflächen auszuführen. 

' Vorschrift für die topograph. Abteilung der Laudesuiifnahme. I. 2. Aufl. Berlin 1905, 
S. 2. - Br. Schulze: Die mihtürisihen Aufnahmen. Leipzig u. Berlin 1903, S. 21. 



194 "*>^ Kartennc'tz. 

Die Karte des Deutschen Eeicbs in 1 : 100000 oder die „(leneralstabskarte" 
ist gleichfalls eine Gradabteilungskarte. Jedes Blatt umfaßt in der geographischen 
Breite 15' und in der Länge 30'. Folglich zerfällt eine Gradabteilung in acht Blätter 
1 : 100000, oder in jedem der acht Blätter stecken l^J^ Meßtischblätter. Das Ver- 
fahren der Herstellung ist das gleiche wie bei den Meßtischblättern. Flächeninhaltlich 
machen sieh die Unterschiede zwischen Nord- und Südblätter bedeutend bemerk- 
licher als auf den Meßtischblättern. Das Areal der nördlichsten Blätter beträgt je 
870,884 qkm und das der südHchsten 1048,177 qkm.^ Bei der Topographischen 
Übersichtskarte des Deutschen Eeichs 1 : 200000 finden wir wiederum die Grad- 
abteilung. Die Fläche eines Blattes erstreckt sich über P Länge und V2" Breite, 
umrahmt somit vier Blätter der Karte 1 : 100000 oder 30 Meßtischblätter. Bei der 
letzten offiziellen Gradabteilungskarte der „Übersichtskarte von Mitteleuropa" 
1:300000 umfaßt jedes Blatt 1" in der Breite und 2" in der Länge, also zwei 
Gradabteilungen. Die große neue Karte 1 : 50000, die für ganz Deutschland ge- 
plant ist^, wii-d sich in der Gradabteüung den vorhergehenden entsprechend an- 
schließen. 

Die Karten in 1 : 25000 sind in Preußen und den andern Bundes- oder Glied- 
staaten mit Ausnahme des rechtsrheinischen Bayern (s. S. 188) Gradabteilungskarten. 
Jedes Blatt ist m den vier Ecken des Blattrapezes genau richtig. Um die Blätter, 
die zu einem abzubildenden Landgebiet gehören, genau aneinander zu passen, bedarf 
man der Oberfläche eines Polyeders, hergeleitet von einer Kugel, deren Eadius 25 000 mal 
kleiner als der der Erdkugel ist. Man spricht darum von Polyederprojektion 
oder, weil in Preußen die diesbezüglichen Vermessungsergebnisse zum ersten Male 
streng ausgebildet imd verwertet wurden, von der preußischen Polyederprojek- 
tion.^ J. Aug. Kaupert (1822—1899) hatte die von v. Müffling herausgegebene 
Instruction für- die topographischen Arbeiten des königlich preußischen General- 
stabes (Berlin 1821) nach der Seite der polyedrischen Projektion vertieft und er- 
weitert (Berlin 1884): ,,Das Prinzip der preußischen Projektion besteht darin, daß 
jede Kartensektion für die Konstruktion in den angezogenen Maßstäben ein selb- 
ständiges Ganzes (Einheit) bildet, also für sich (und nicht die Landeskarte in ihrer 
Ausdehnung) auf der Ebene abgebildet wird. Die Kartenblätter bilden daher in 
ihrer Zusammenfügimg ein Polyeder auf einem Sphäroide, welches der Verjüngung 
des betreffenden Maßstabes entspricht. Die Abbildung des Teiles eines Sphäroids 
auf einer Ebene kann theoretisch nur nach den Bedingungen der Ähnlichkeit in den 
kleinsten Teilen z-wischen Original und Bild geschehen."^ Nach diesen klaren Worten 
Kauperts über die Polyederprojektion darf es darum auch nicht weiter geschehen 
(um in das Wesen dieses Entwurfs einzuführen), zu sagen, daß sie im Zerschneiden 
einer großem, etwa nicht auf ein Blatt zu bringenden Karte, in einzelne Blätter besteht, 
die von Meridianen und Parallelen l^egrenzt sind. Kauport hat durchaus das Wesen 
der Polyederprojektion im engern Sinne (S. 208) festgelegt. Daß aber die Bezeichnung 



1 Üb. d. Karte des Deutschen Reiches 1 : 100000 vgl. v. Zglinicki i. d. Z. d. Ges. f. Erdkde. 
zu Berlin 1910, S. 551—607; wie auch den sich anschließenden Vortrag von A. Penck: Zur Voll- 
endung der Karte des Deutschen Reiches 1 : 100000, S. 607—621. 

* Karten u. wiss. VeröffentUchgn. der Landesaufnahme. Berlin 1920, S. 77. 

' Über die „preußische Polyederprojektion" vgl. W. Stavenhagen: Die geschichtl. Ent- 
wicklung des preußischen Militärkartenwesens. S.-A. atis der G. Z. 1900, S. 21. 

* Mitgeteilt bei J. Frischauf: Die math. Grundlagen, a. a. 0., S. 160. 



Dio Giadnftzc tW.r topograpliisi-licii KartetiWLTkr. 195 

Folyederprojelition überhaupt niciil paßt, darüber melir in dem Kapitel über die 
zulässigeji Fehler groß maßstabiger Karten. 

Die Gradkarten kann man sich auch m anderer Weise entstanden denken. Für 
jede Zone der auf gleicher Breite Ijofindlichen Kartenblätter nimmt man eine Kegel- 
projektion an, bei der der Mantel den Mittelpunkt berührt. Dieser und die Breiten 
werden längentreu abgebildet. Auch die ßreitendifferenzen entsprechen genau denen, 
wie wir sie auf dem Sphäroid finden. Dadurch erhält man für jede Projektionszone 
einen andern Grundkegel. Der Abwicklungsvorgang hat zu dem Namen poly- 
konische Projektion geführt. Am einfachsten hat man die polykonischen Ab- 
bildungen durch die Forderung definiert, daß die Parallelkreise diuch ein System 
von Kreisen abgebildet werden, deren Mittelpunkte in gerader Linie liegen.^ Praktisch 
verwendet sind bisher nur zwei polykonische Abbildungen, die polykonische Pro- 
jektion des Coast Survey Office der Vereinigten Staaten- und die rechtschnittige 
polykonische Projektion des enghschen War Office.' Bei Lichte besehen ist der 
polykonische Entwurf nichts anderes als eine Art Polyederprojektion.* 

Aus dem Wesen der polykonischen oder richtiger polyedrischen Projektion ist 
es erklärUeh, daß nur Karten innerhalb der Zonen selbst aneinanderpassen, dagegen 
die Eänder zweier benachbarter Zonen nicht auf einem Kreise hegen, sondern auf 
zwei Ki'eisen mit verschiedenen Mittelpunkten. Die dadurch entstehenden Zwischen- 
räume werden mit der Entfernimg vom Mittelpunkt immer größer. Die Zonen klaffen, 
wie man sagt. Doch sind die Nachteile, daß mehrere Blätter ohne Klaffe nicht ver- 
einigt werden köimen^, verschwindend gegenüber den Differenzen, die bei dem Ee- 
produktionsvorgang des Kartenblattes entstehen. Neben andern hat sich M. Rosen- 
mund mit dem Problem beschäftigt und nachgewiesen, daß z. B. bei einer Karte 
der Schweiz in 1 : 100000, deren Einzelblätter die Höhe derjenigen der Dufourkarte 
haben, die Zonen an der äußersten Ost- und Westgrenze erst 0,15 mm auseinander- 
klaffen, ein Betrag, der gegen die Verzerrung des Papiers beim Druck gar nicht in 
Frage kommt. ^ 

80. Topographische Karten ohne Gradubti'ilung, insbesondere die Bonnesi-he 
Projektion. Die Gradabteilvmgskarteu haben das Bestreben, mnerhalb ihres ver- 
hältnismäßig engen Bereiches keine merklichen Verzerrungsfehler aufkommen zu 
lassen. Neben ihnen findet sich in nennenswertem Maße nur noch die Bonnesche 
Projektion benutzt, die ein ganzes Land nach einem einheitlichen Projektionssystem 
abbildet und infolgedessen mit sehr merklichen Verzerrungsfehlern rechnen muß. 
Die Flächentreue spielt dabei die Hauptrolle. 

Der französichse Ingenieurgeograph Rigobert Bonne" (1727—1795) hat 



1 Tissot-Hammer, S. 156. 

* Tafeln zur leichtem Konstruktion des Netzes bei .1. E. Hilgerd: Report of tlio Supüriutoml. 
C'-oast survey 1859. Appendix 33, S. 328. — Projection tables of the U. S. Navy. Washington 1869. 

- R. S. Woodward- Smitbsonian geogi-aphieal tables. Washington 1894. 

' H. James i. Joum. Roy. Geogr. Soc. XXX. 1860, S. 106. - Tissot-Hammer, S. 161. 

• Was man dann dazu sagen soll, wenn die Projektion der Weltkarte 1 : 1000000 nach der 
Ix)ndi>ner Konferenz den Namen „modifizierte polykonische Polyederpixijektion " erhielt ülwrlaQ 
ieh jedem, der nur einigermaßen etwas von Projektionen versteht. Vgl. oben S. 109. 110. 

' 4 bis 9 Blätter können ganz gut miteinander verbimden werden. 
" M. Rosenmund. a. a. O., S. 22. 

' Nicht zu verwechseln mit dem etwas s|>iiter lebenden Obersten Henry Uonue, <ler auib 

18* 



196 '*«" Kartennotz. 

die nach ihm benaruile Projektion, deren Vorzüge er 1752 auseinandersetzte, erfunden. 
Lange Zeit figurierte sie als „verbesserte"' oder „modifizierte Flamsteeds Projektion", 
selbst in dem amtlichen Bericht, den der franzosische Oberst Henry im Auftrage 
der fünfgliedrigen Kommission abgegeben hatte, die durch das Depot de la guerre 
zur Entscheidung der Frage, welcher Entwurf für eine größere Karte der beste sei, 
eingesetzt worden war. Man hatte sich eigentlich schon 1803 im Depot de la guerre 
für Bonne entschieden^, weshalb uns später auch die Bezeichnungen „Projection du 
Depot de la guerre" oder „Projection de la Carte de France" begegnen. Die Heraus- 
gabe der neuen Karte, der zweiten Carte de France, in 1 : 80000 die als Ersatz der 
1750—1793 erschienenen Carte geometrique de la France de Cassini in 1 : 86400 dienen 
sollte, wurde am 6. August 1817 vom König Ludwig XVIII. genehmigt. Daß man 
seinerzeit über Wesen und Brauchbarkeit der Bonneschen Projektion gut orientiert 
war, geht aus dem Bericht Henrys hervor, der sich über die Motive der Einführung 
genauer ausläßt. - 

Die Bonnesche Projektion gehört zu den unecht konischen. Sie hat mit dem 
Kegel die Berülirungsparallele gemeinsam wie die Parallehtät der andern Breiten- 
Icreise, aber die Meridiane sind nicht gerade, sondern gekrümmte Linien, die ihre 
Form infolge der Verbindung der entsprechenden Abweitungspunkte auf den Paral- 
lelen erhalten haben. Vor allem geht der senkrechte Schnitt von Parallelen und 
Meridianen, der bloß beim Mittelmeridian besteht, verloren. Mit der Entfernung 
vom Mittelmeridian, dem Nullmeridian der Projektion, wird die Winkelverzerrung 



in der französischen Kartographie eine große Rolle gesj)'C'lt bat, boscnders bei der Frage der Ein- 
führung der senkrechten Beleuchtung auf die Karte 1 : 80000. 

^ Auch L. Puissant beschäftigte sich eingehender mit der Bonneschen Projektion in seinem 
„Trait6 de topographie, d'arpentage et de niveUement". Paris 1807. 

* „L'essence d'une bonne carte g^ographique serait d'etre une image pariaite, exaotement 
proportioneDe dans ses dimensions, et semblable dans sa figure ä la portion de la surface de la Terra 
qu'elle lepresente; mais la surface de la Terre ^tant courbe en tous sens, il est impossible de la d^ve- 
lopper sur un plan, sans älterer ses dimensions et sa tigure. C'ept pourquoi I'on ne pourrait jamais 
construire une carte g^ographique dans laquelle les distances des lieux, l'ötendue des pays et les 
directions des points de la surface de la Terre. les uns ä l'egard des autres, correspondent rigoureusement 
aus veritables. 

Dans l'impossibiUt^ de satisfaire ä la fois ä ces diff^rentes conditions, ce qu'il parait y avoir 
de mieux ä faire est de chercher ä satisfaire a une ou plusieurs d'entre elles de pr6ference aux autres, 
suivant le but que I'on se propose. L'admiration a besoin de cartes qui repr^sentent les surfaces des 
terrains, l'art militaire a besoin des distances des lieux, et la marine de leurs directions. 

Depuis longtemps on est en possession de la m6thode de construire des cartes qui jouissent de 
la propri6t6 de repr^senter les directions des lieux et de conserver aux m^ridiens et aux paralleles le 
meme rapport entre eux qu'ils ont sur la Terre. Ces cartes satisfont completement aux besoins de 
la marine. 

On satisferait ä la fois aux besoins des deux autres Services, au moyen de cartes qui auraient 
la propri6t6 de reprdsenter l'^tendue des pays exactement et les distances des Ueux au moins d'une 
mani^re trfes approch6e, et ces cartes mferiteraient sans doute la pr6f6rence sur toutes celles qui n'auraient 
pas le meme a van tage. 

Teiles sont celles qui sont construites suivant la m6thode que Ion a adopt^e au D^pöt de la 
guerre, pour la r6union des materiaux topographiques et gtographiques." Aus Henrys „Memoire 
Bur la projection des cartes gtographiques, Paris 1810", publiziert in „Tome II au Memorial topo- 
graphique et militaire, r6dig6 au D6pöt gen^ral de la guerre". Zitiert aus Berthaut: La Carte de 
France 1750 bis 1898. Etüde historique. I. Paris 1898, S. 127. — Wie berühmt die Schrift schon zu 
ihrer Zeit war, bezeugt ihre Wiedergabe (deutsch) in v. Zachs Monatl. Correspondenz. XXV. 1812. 
S. 418-436. 



Die Gradnetzf der topof^aphischpn Karteiiwerkit. 197 

immer größer. Sie kann sich alsdann für topographische Karten bis zur Unerträg- 
lichkeit steigern, weshalb die Projektion für Gebiete mit großer ostwestheher Aus- 
dehnimg nicht geeignet erscheint. Irgendwie eine Einteilung in handlichem Format 
nach Graden und Minuten vorzimehmen, ist völlig ausgeschlossen. Deshalb muß 
sich eine topographische Karte, die auf den Einzelsektionen über ungefähr gleich 
große Formate verfügen will, die Zwangsgittereinteilung (S. 191) gefallen lassen. 

Die Geeignetheit der Bonneschen Projektion für topographische und choro- 
graphische Karten hat zu großen Meinungsverschiedenheiten geführt. In dem geg- 
nerischen Lager sind K. Zöppritz und E. Hammer die Wortführer, in dem andern 
vor allem J. Frischauf und K. Then. Die Berufung der Gegner auf M. A. Tissot 
ist nicht ganz am Platze, da Tissot ausdrückhch sagt, was jedoch in der Übersetzung 
Hammers nicht voll zum Ausdruck kommt: ,,Es gibt keine Projektion, für die man 
nicht auf der Erde den Umfang eines Gebietes bestimmen könnte, zu deren Dar- 
stellung sie sich besser eignet als alle andern; keine von den bisher vorgeschlagenen 
soU a priori ausgeschlossen werden."^ Und kurz zuvor spricht er von der Bonneschen 
Projektion. Mithin hat er ilire Verwerfung durchaus nicht angeraten. Frischauf 
selbst gibt Beispiele von topographischen Karten, die bei bedeutender Ausdehnung 
so geringe Winkel- xmd Längenverzerrung annehmen, daß deren kartographische 
Beriicksichtigung praktisch gleich Null ist.^ .Ja. K. Then behauptet sogar, daß eine 
in Bonnescher Projektion gezeichnete Karte des Deutschen Reiches in 1 : 100000 
erst in den äußersten Blättern den gleichen kartographischen Fehler aufweisen würde, 
der in jeder einzelnen Sektion der gleichen, in der Polyederprojektion hergestellten 
Karte in 1 : 100000 auftritt.» Ferner steht M. Eosenmund der Bonneschen Pro- 
jektion gerecht gegenüber und untersucht ihre Verzerrungsverhältnisse für eine topo- 
graphische Karte der Schweiz.* In dem Streite für oder wider Bonne sind choro- 
graphische imd topographische Karten wahllos durcheinandergeschüttelt worden. 
Beide Gruppen müssen streng auseinandergehalten werden. Bei der Wahl einer Pro- 
jektion für neue topographische Kartenwerke kann heute, wo man mit dem Wesen 
und den Vorzügen der preußischen Polyederprojektion oder den Gaußschen Koor- 
dinaten besser als friiher Bescheid weiß, die Bomiesche Projektion als ausgeschlossen 
gelten. Sie jedoch auch von chorographischen Karten gänzlich fernzuhalten, halte 
ich für unangebracht, wie ich bereits nachgewiesen habe (S. 178). 

81. Der französische Einfluß in topographischen Karlenwerken. In zweierlei 
Richtung hatte das französische Vermessmigswesen auf das anderer Staaten ein- 
gewirkt, in der Neueinrichtung der Katastervermessung und in der Verbessenmg 
bzw. Erneuerung des topographischen Kartenmaterials; jene ging in der Hauptsache 
auf Cassinis Projektion zurück, diese vornehmlich auf Bonnes Projektion. Das 
18. .laiirhundt'rt gebitrf mit wenigen Ausnahmen ganz den Franzosen. Schon im 
17. Jahrhundert hüben die Bestrebungen an, eine große Karte für ganz Frankreich 
herzustellen, um vor allem den wirtschaftlichen Verhältnissen zu dienen; wir kennen 
einen dahinzielenden .\uftrag des Ministers Coll)ert unter Ludwig XIV. an die Aka- 
demie der Wissenschaften. Die Karte entstand auf Grundlage von Reisen versciiiedener 



> .1. Frischauf: Die raath. Grundlage, a. a. O., ,S. U."». 

- .r. Krischauf. a. a. O.. S. 146, 146. 

' K. Tlien: Die liayerischeu Kartenwerke in iliix-n iniitlu-inntitulii-n Oiundlnj:«n. MUnolii 

' M. Roeoiimund, a. u. O., S. 12ff. 



198 ''•'•' Kaitennotz. 

Akademiemitglieder \md war 1693 erschienen. Frankreich Wieb seit jener Zeit rege 
in der Landesvermessung, und es sollten auch späterhin die Nachbarstaaten viel davon 
profitieren. 

Infolge der i'berflutung der französischen Kriegswelle über die Ostgrenzen de^< 
Eeiches während des 18. Jahrhunderts war es natüi-lich, daß die in Mitleidenschaft 
gezogenen Staaten zunächst unter französischen Einfluß kamen. Damals war der 
französische Sieger noch imstande, Kulturwerte mitzuteilen. Zunächst war Süd- 
deutschland mit dem französischen Vermessimgswesen bekannt geworden, was sich 
in den neu einsetzenden Kataster- wie topographischen Aufnahmen kundgab. In 
Württemberg gab J. G. Fr. Bohnenberger eine Karte 1 : 86400 nach der Cassini- 
schen Projektion heraus, deren erstes Blatt 1798 erschien. Als später die württem- 
bergische Landestriangulierung unter seine Leitung kam, wurde die Cassinische 
Projektion in der von Soldner verbesserten Form für die Katastervermessung ein- 
geführt und bei dem auf diesen Messungen fußenden Topographischen Atlas 1 : 50000 
beibehalten.^ 

In Italien, wo die Franzosen das Vermessungswesen wie in Süddeutschland 
organisiert hatten, war es die Carte topographique des Alpes von Raimond, in 
1 : 200000, die Cassinischen Entwurf zeigte. Die Karte selbst wurde im Depot de la 
guerre in Paris ausgeführt und 1820 publiziert. 1814 nahmen die Österreicher das 
lombardisch-venetianische Königreich in Besitz und das Depot de la guerre in Mailand 
■uTirde zu einem „I. R. Istituto geografico mihtare", das 1889 nach Wien verlegt wurde 
und sich zum ,,k. k. Militärgeographischen Institut" auswuchs.^ Während jener 
Zeit sind verschiedene Karten nach Cassinischem Entwurf erschienen, so in dem 
Maßstab 1 : 86400 die Carta topografica dei ducati di Parma, Piacenza e Guastalla 
(1828) und die Carta topografica del Regno Lombardo Veneto (1833). 

Die Cassinische Projektion wurde 1806 durch den k. k. Generalquartiermeister- 
stab für die Vermessung des österreichischen Kaiserstaats in Anwendimg gebracht.^ 
Die altern „Aufnahmssektionen" der Militänuappierung 1:28800 erscheinen ganz 
in Cassinischor Art, desgleichen die 1810 begonnene ,,Spezialkarte der Monarchie" 
1 : 144000 (2000 Klafter = 1 Wiener ZoU). Später ist man bald, nachdem man 
nicht mehr an Bonne gefesselt war, zur Gradabteilungskarte übergegangen. 

Am auffallendsten ist der Einfluß des französischen Vermessungswesens in der 
Annahme der Boimeschen Projektion in topographischen Kartenwerken. Bei den 
Geographen war die Bonnesche Projektion vor ihrer Amiahme durch das Depot de 
la guerre längst im Gebrauch, aber durch letzteres erhielt sie ein Ansehen, „daß man 
sich allmählich daran gewöhnte, die Projektion als die eigentlich selbstverständliche 
zu betrachten".'' In Süddeutschland war es Bayern, das wohl für seine Kataster- 
vermessung die Soldnerschen Koordinaten gebrauchte, für die topographische Karte 
jedoch die Bonnesche Projektion vorzog. Für alle Karten des Großherzogtums Baden, 
die 1825—1846 aufgenommen wurden, war sie die gegebene. Württemberg schloß 

1 W. Jordan U.K. Steppes: Das cleutsflic Vennessungswesen. I. Stuttgart 1880, S. 252 —270. 

* Vgl. V. Haardt v. Hartenthurn: Die militärisch wichtigsten Kartenwerke der europäischen 
Staaten. Mitt. des k. k. militÄrgeogr. Inst. XXVII. 1907. Wien 1908, S. 155. 

^ W. Hartl: Die Projektionen der wichtigsten vom k. k. Generalquartiermeisterstabe u. vom 
k. k. rnüitärgeograph. Inst, herausgegebenen Kartenwerke. Mitf. des k. k. militärgeogr. Inst. VI. 
Wien 1886, S. 148. 

* E. Hammer: Über d. geogr. wicht. Proj.. a. a. O.. S. 109, Anm. 



Die Gradnetze der topographischen Kartenwerke. 199 

sich, wie wir bereits ^vissen, von der allgemeinen Mode, Bonne zu gebrauchen, aus. 
Dagegen erschien 1822 in Österreich die Übersichtskarte des österreichischen Kaiser- 
tums 1 : 864000 in Bonnescher Projektion. Von allgemeinen, nicht offiziellen Karten- 
werken sei schUeßhch als eine neuere Karte in Bonnescher Projektion die Vogelsche 
Karte von Deutschland 1 : 500000 auch hier genannt. 

Der Bonnesche Entwurf begegnet uns ferner auf den offiziellen Kartenwerken 
der Schweiz, wie auf der Dufourkarte 1 : 100000, sodann in Belgien, den Niederlanden, 
in Schottland imd Irland. In Rußland wurde 1822 die Bonuesche Projektion für alle 
Kartenwerke des russischen Generalquartiermeisterstabes festgesetzt, die sich, wie 
es in den Verhandlungen heißt, gegenüber der Cassinischen Projektion mit Rücksicht 
auf die Ausdehnung des Eeichos als die entsprechendste erwies.^ In Bonnescher Pro- 
jektion erscheint seit 1847 nur die topographische Karte des europäischen Rußlands 
1 : 126000 (1 Zoll = 3 Werst), die Dreiwerstkarte. 

82. Der deutsche Einfluß in topographischen Kartenwerken. Obwohl der fran- 
zösische Einfluß auf die allgemeine Kartographie im Anfang des 19. Jahrhunderts 
mit der Übersiedlimg A. v. Humboldts von Paris nach Berhn gebrochen war, hat 
er im Vermessungswesen, soweit es dem Militär imtersteUt war, noch lange nach- 
gewirkt, bis etwa ziu: Mitte des 19. Jahrhunderts, sei es, daß man die französischen 
Aufnahmemethoden befolgte oder sei es, daß man im W durch gleichmaßstabige Karten, 
wie die Franzosen herausgegeben hatten, Anschluß suchte. Einen selbständigen Weg 
schlug man zuerst in Preußen ein, wo die Polyederprojektion durch v. Müffling 
und Kaupert ausgebildet wurde, zugleich aber durch das Wirken eines K. Fr. Gauß 
die mathematische Form gefunden wurde, die auf Jahrhunderte hinaus jeghcher 
Neuaufnahme Richtschnui- und Ziel sein wird. Daß der Deutsche J. H. Lambert 
noch heute in dem neuen französischen Kriegskartenkoordinatensystem fortwirkt, 
ist schon zur Genüge hervorgehoben worden, ebenso daß Ch. Lallemand die Gauß- 
schon Koordinaten in Frankreich imd Ägypten angewandt hat. Wir erbUcken sie 
■nieder in der neuen Karte 1 : 50000. 

Die Koordinaten, wie sie durch Soldner ausgebildet worden sind, waren in 
England für die Kataster- imd katasterähnlichen Karten maßgebend. Bei den 
Cirafschaftskarten oder Map of counties 1 : 10560, den Six inch couuty maps (6 Zoll 
= 1 engl. Meile) treffen wir auf 19 Soldnersche Koordinatensysteme. Dagegen be- 
ziehen sich die Koordinaten der Ordnance map oder General map 1 : 63860, der One 
inch map auf einen einheitlichen Nullpunkt in Chester, sonst ist die Karte ganz im 
Sirme der Soldnerschen Projektion bearbeitet. 

Das System der preußischen Gradabteilungskarte, also der preußischen Poly- 
ederprojektion, die von W. Jordan für offizielle Karten das „Ei des Kolumbus" 
genannt worden ist, erkemit man heute nachwirkend bei den meisten neuem karto- 
graphischen Unternehmungen der verschiedenen in- und ausländischen Landes- 
aufnahmen." Auf den württembergischen mid hessischen Blättern 1 : 25000 wird 
auf der linken ol)em Ecke gleich „(iradabteilung" geschrieben und das Blatt in bezug 

' S. Truck: Die Kntwickluiig der nusisehen Militärkurtugmphie vom Ende des 18. Jal\r- 
hmidertfl bis zur Gegenwart. Mitt. (i. k. k. militärgeogr. Inst. XVIII. 1898. Wien 1899, S. 201, 202. 

* H. WagnerH Meinung (Lohrbrch, a. a. 0., S. M8\ daß l>ei der Mohi-zahl topographischer 
Karton die Blattcinteilimg iinabl)ängig vom Gradnetz erfolgt. l>e»telit heute nicht mehr zu 'Recht 
Heute ist ob umgekehrt wie vor zwei und drei Dezeiniien. 



200 Pos KartPnnetz. 

darauf näher benannt. Österreich entschloß sich, die Spezialkarte 1 : 75000 als Grad- 
karte nach preußischem Muster herauszugeben. Ein Gradkartenblatt ist ein geradlinig 
begrenztes Trapez von 15 Breiten- und 30 Längenminuten. Durch die zwei in der 
Mitte des Blattes sich senkrecht schneidenden Achsen wird das Blatt in 4 Teile zerlegt, 
die ,, Aufnahmssektionen" heißen und bei der Mihtäraufnahme 1:25000 seit 1872 
in Ver^vendung sind.^ Je ein „Aufnahmsblatt" umfaßt den 16. Teil einer Spezial- 
karte mit 33/4' Breiten- und l'^j^' Längenunterschied. Bei der österreichischen Grad- 
abteilungskarte 1 : 200000 sind die einzelnen Karten von Grad zu Grad begrenzt. 
Auf der Neuen Administrativkarte von Niederösterreich 1 : 30000, deren erstes Blatt 
1914 in der Bearbeitung von K. Peucker erschien^, beträgt die geographische Länge 
jeder Karte 15' und die Breite 772'- 

In Italien bildet ebenfalls das Gradkartenblatt, bezeichnet ,,fogho della carte 
al 100 mila", die Grundlage der Einteilung. Auf der Carta topografica del Eegno 
d'Italia 1 : 100000 sehen ^\^r einen geographischen Breitenunterschied von 20' und 
einen Längenunterschied von 30'. Jedes Blatt enthält auf den Feldaufnahmen für 
die Konstruktion der topographischen Karte 4 Blätter der Aufnahmen in 1 : 50000 
und 16 Blätter der Aufnahmen in 1 : 25000.» 

In weitgehendstem Maße hat die russische Militäraufnahme das preußische 
Gradkartensystem durchgeführt.'' Auf der Spezialkarte des europäischen Eußlands 
1 : 420000 (1 Zoll = 10 Werst) sind Meridiane und Parallele von 30' zu 30' gezeichnet, 
auf der MiHtär-Marschrouten- (Straßen-) Karte des europäischen Eußlands 1 : 1050000 
(1 Zoll = 25 Werst) von Grad zu Grad, auf der Karte des asiatischen Eußlands 
1 : 4200000 (1 Zoll = 100 Werst) von 2» zu 2", ebenso auf der Karte des Grenzgebiets 
des asiatischen Eußlands 1 : 1 680000 (1 Zoll = 40 Werst). Die russische Karte der 
europäischen Türkei in 1 : 420000 zeigt die Meridiane und Parallele von 30' zu 80', 
die Karte der europäischen Türkei 1 : 126000 imd 1 : 210000 die Meridiane von 45' 
zu 45' und die Parallelen von 30' zu 30' imd die Umgebungskarte von Konstantinopel 
und des Bosporus 1 : 42000 die Meridiane von 15' zu 15' und die Parallelen von 12' 
zu 12'. Auf der Gradabteilungskarte der nordwestlichen Mongolei 1:2100000 sind 
die Meridiane und Parallele von Grad zu Grad gezeichnet. 

Von deri andern Staaten, die Gradabteilungskarten aufweisen, seien Frankreich, 
Spanien imd Norwegen genannt. Norwegen hat im neuen Jahrhundert angefangen, 
seine Topographische Karte 1 : 100000 als Gradabteilungskarte umzuarbeiten und 
herauszugeben. Die geographische Länge eines Blattes umspannt 1" und die Breite 
20' (Vs")- Spanien hat sein gesamtes offizielles Kartenmaterial in das Gradkarten- 
system eingesijannt. Auf der Karte 1 : 50000 beträgt die Länge jedes Blattes 20' 
und die Breite 10'. Frankreich ist erst in neuerer Zeit an die Gradabteilung heran- . 
geschritten. Den Anfang dazu machte die vom Ministerium des Innern herausgegebene 
Karte 1 : 100000 (seit 1910).^ Die Länge jedes Blattes reicht von 30' zu 30' und die 



» H. HartI, a. a. O., S. 159. 

^ Bei Gelegenheit zur 50jährigen Jubelfeier des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich. 
Das Blatt heißt Floridsdorf. Es ist zu wünschen, daß das Werk, dessen Herausgabe mit dem Kriege 
ins Stocken geraten ist, bald tüchtig gefördert wird. 

' Tstruzioni sulla projezione naturale, applicata alla fonnazione della Carta d'Italia. Firenze 
1875, S. 3ff. 

' S. Truck, a. a. O., S. 202, 203. 

^ Carte de la France, dress6e par Ic service vicinal 1 : 100000. 



Die Gradnetze der topographischen Kartenwerke. 201 

Breite von 15' zu 15'. Auch auf der neuen Karte 1 : 50000 finden wir die Gradabteilung, 
40' in der Länge und 20' in der Breite, aber nach neuer Teilung. Am äußern Rande 
der Karte ist, um zur Kenntnis und zum Gebrauch der neuen Teilimg überzuleiten, 
die alte Teilung noch angebracht. 

In den tropennahen Kolonialländern wird bei den Neuaufnahmen, die seit 
dem Anfang des neuen Jahrhunderts im Erscheinen begrifft^n sind, fast durchgängig 
die Gradabteilimg angewandt, ganz gleich ob es sich um deutsche, enghsche und 
andere Kolonialkarten handelt. Unter den zahlreichen deutschen sei nur auf die 
Karte von Togo 1 : 200000 von P. Sprigade, Karte von Kamerun 1 : 300000 von 
P. Sprigade imd M. Moisel, Karte von Ostafrika 1:300000 von M. Moisel hin- 
gewiesen, sowie auf die schönen großmaßstabigen Karten, die den offiziellen Mit- 
teilungen aus den deutschen Schutzgebieten beigegeben sind. Das gleiche Prinzip 
der Gradabteiluug, zu deren Berücksichtigung ja äquatornahe Gegenden geradezu 
einladen, begegnet uns — um auch ein paar außerdeutsche Kartenwerke besonders 
zu neimen — auf der sauber ausgeführten englischen Ugandakarte 1:250000 (4 miles 
to 1,014 inch) sowie auf der Karte Egypt in 1 : 1000000, desgleichen auf der franzö- 
sischen vom Depot de la guerre 1882 herausgegebenen Karte von Ägypten 1 : 100000. 

83. Die zulässigen Fehler großmaßstabi^er Karten. Jedes Kartenblatt weist 
Fehler auf, die verschiedenen Urspnmgs sind. Neben gewollten und ungewollten 
Fehlern sind es hauptsächhch die, die mehr oder minder außerhalb des menschlichen 
Machtbereichs hegen und durch die Veränderungen des Kartenpapiers herbei- 
geführt werden. Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit imd Drackverfahren beeinflussen die 
Blattdimensionen der verschiedenen Papiersorten ganz verschiedenartig. Der Kupfer- 
druck zieht das Papier mehr in Mitleidenschaft als der Druck vom Stein oder von 
Zink- oder Aluminiumplatten. ^ Diese Yeränderimgen sind schon von namhafter 
Seite imtersucht worden, wie von Hammer^, Eggert^, Läska*, Fuchs^, Klemm®, 
Fromm.' 

Am besten hat sich das Büttenpapier bewährt. Alle Maschinenpapiere zeigen 
in der Richtimg des Maschinenlaufs eine geringere Ausdehnung als in der Richtimg 
((uer zum Maschinenlauf. Die von Klemm mitgeteilten Zahlen ergeben, daß der 
Ausdehnung beim Befeuchten bei der Rückkehr in den lufttrockenen Zustand eine 
Zusammenziehung folgt, die die Fläche des Papiers regelmäßig über den Ausgangs- 
zustand hinaus verkleinert. Die Ausdehnung bewegt sich zwischen 0,0— l.S'/o in 
der Längsrichtimg und zwischen 0,5— 2,5*'/q in der Querrichtung. Nach dem Trocknen 
tritt im Vorgleich zum Ausgangspunkt eine Verkürzung von 0,25— 0,5 "/^ in der Längs- 
richtung und 0,0— 0,75 "/o in der Querrichtung ein. Die Untersuchungen haben er- 
geben, daß bei feinem kartographischen Messungen die Schrumpfung an jeder Papier- 



' Wie selbst bei einer Karte wie der von C. Vogel in 1 : 500000 der Maßstab auf der Aus^;. 
in Kupfcrdrnck mit der Uradruck-Ausg. differiert, hat H. Wagner in seiner üntersnehunc ütxr 
„den Kartcnniaßstab" (Z. d. Ge.s. f. Erdk. Berlin 1914, S. 55, 56) nachgewiesen. 

= K. Hammer in Z. f. Vemi. 1895, S 161. 

' (). Eggert: Handbuch der Vermessungskunde von W.Jordan. 11. S. .\ufl. .Stuttgart 
11)14, S. 112, 113. 

* W. Ldska in Z. f. Verm. 1906, S. 113f(. 

■■■ K. KuchH in Z. f. Verm. 1907, S. 2i)8ff. 

« Klemm im Wochenblatt f. Pap.-Fabt. 1910, Nr..«. S. 1981. 

' Fromm im Arihiv f. Buchgewerbe. Bd. 49. 1912, S. 2ü7H 



202 Das Kartennetz. 

art, selbst wenn die Papiere nach gleichem Eezept angefertigt sind, jedesmal neu zu 
bestimmen ist. 

Zweifellos muß man in gewissen Fällen diese strukturellen Verzerrungen, 
wie ich sie nennen will, berücksichtigen, in andern hinwiederum wird man sie ver- 
nachlässigen dürfen, da man trotz ihres Vorhandenseins zu brauchbaren kartometrischen 
Ergebnissen gelangen kann. Immerhin wird in dieser oder jener Weise die exakte 
Kartographie die strukturellen Verzerrungen untersuchen müssen und sie tunhchst 
in Eechnimg ziehen. Es sind Erscheinungen, die erst am fertigen Kartenblatt zutage 
treten. Daneben gibt es eine Gruppe von Fehlern, mit denen der Aufbau des Karten- 
bildes von vornherein rechnet. Sie sind von dem Willen und der manuellen Fertigkeit 
des Topographen bzw. Kartographen abhängig. 

Bei der Erörterung der Koordinaten ist einige Male darauf aufmerksam gemacht 
worden, daß Meridiane und Parallele als Gerade ausgestreckt werden, obwohl sie 
eine gekmmmte Darstellung erheischen. Die Meridiane als gerade Linien zu zeichnen, 
erscheint weniger auffällig und liegt meist in der Abbildungsart begründet. Die 
geradlinige Darstellung der Parallelen ist schon bedenklicher. 

Im Maßstab 1 : 25000 erhalten Objekte in der Natur von 2,5 m Ausdehnung 
eine kartographische Größe von 0,1 mm, d. h. eine Größe, die sich nur schwer auf 
dem Papier ausdrücken läßt und für das unbewaffnete Auge kaum wahrnehmbar 
ist. 0,2 mm in der Verjüngung, ganz gleich auf welchen Maßstab sie zurückzuführen 
ist, bezeichnet die Grenze der geometrischen Eichtigkeit bezüglich der horizontalen 
Längenausdehnung. ^ Es ist dies ein Maß, das uns noch öfters beschäftigen wird; 
auch J. Frischauf kommt vielfach in seinen Beiträgen zur Landesaufnahme auf 
dieses Maß zu sprechen. Zunächst ist 0,2 mm ein Zeichnimgs- oder Darstellungs- 
wert, der nur bei ganz minutiösem Zeichnen zur Anwendung kommt, der aber unter 
Umständen vernachlässigt werden kann, ohne die Eichtigkeit und Meßbarkeit des 
Kartenblattes zu beeinträchtigen. Er ist lediglich bei den topographischen Karten 
von Bedeutung. 

Die zulässigen Fehler treten unter anderm in Erscheinung, wemi die Parallelen 
auf den Gradabteilungskarten als Gerade gezeichnet werden. Es gilt sodann zu 
untersuchen, wie stark kann der Bogen von seiner zugehörigen Sehne, eben der Geraden, 
abweichen, ohne die Brauchbarkeit der Karte in Mitleidenschaft zu ziehen. Die ein- 
zelnen Blätter der Karte 1 : 25000 erstrecken sich von W nach durch 10'. Der 
südlichste Parallel für Deutschland ist 47" und der nördUchste 56". Berücksichtigt 
man die Krümmung der Parallelkreise gegen die Sehne in 1 : 25000, ist sie in der 
Mitte des Kartenblattes bei Minute 5 am stärksten und beträgt in der Natur auf 
47« N 3,37 m und auf 56» N 8,16 m, in der Mitte Deutschlands auf 51 "N 3,82 m. 
Da man in der Zeichnung 5 m = 0,2 mm der Karte als ein Höchstmaß der Dar- 
stellungsmöghchkeit ansieht, werden in der Praxis die Krümmungsdifferenzen auf 
den Kartenblättem 1 : 25000 vollständig vernachlässigt. Etwas anderes ist es 
aUerdings bei der Berechnung und Auftragimg der trigonometrischen Punkte, da 
werden die Krümm imgswerte in Anrechnung gebracht. Auf der Karte des Deutschen 
Eeiches 1 : 100000 enthält ein Blatt 30 Längenminuten. Der größte Krümmungs- 
wert auf Parallel 47" beträgt 30,4 m, auf 56" = 28,4 m und in der Mitte Deutsch- 
lands = 29,6 m. Im Maßstab 1 : 100000 sind 0,2 mm der Karte gleich 20 m in der 

' Vorschrift f. U. topograph. Äbteilg. der Landesaufnahme. Berlin 1905, iS. 69. 



Dir Gradnetze der topographisclien Kartonwerke. 203 

Karte. Da die Parallele als Gerade ausgezogen sind, Vjeträgt der Höchstwert der 
Vernachlässigung 0,304 mm. Man wird nicht behaupten wollen, daß die vortreff- 
liche Karte an Richtigkeit sowohl wie an guter Verwendbarkeit zu kartographischen 
Messungen eingebüßt habe. Außerdem ist zu bedenken, daß die Höchstwerte nur 
auf kleinster Erstreckung des Linienzugs zur Geltung kommen. Im großen und 
ganzen ergeben die Untersuchungen, daß die zulässigen Fehler bis 0,4 mm erträglicii 
smd, auf keinen Fall über 0,5 mm hinausgehen sollen. Bei noch kleinem Maßstäben 
hilft man sich dadurch, daß man das Format des Kartenblattes kleiner als bei den 
großem Maßstäben wählt, wodurch die Fehler auf kürzere Strecken wieder als zu- 
lässig betrachtet werden können. 

Bei der Erläuterung der zulässigen Fehler auf den Meßtischblättf rn 1 : '25000 
muß ich nochmals auf die Polyederprojektion zu sprechen kommen. Man geht in 
der Ijandesaufnahme ganz richtig davon aus, daß das Stück der abzubildenden Erd- 
oberfläche in dem Umfang des Meßtischblattes bei dem Maßstab 1 : 25000 vollständig 
als eben zu betrachten ist. Wie J. A. Kaupert bereits ausführte, bildet jedes 
Blatt eine Einheit mit besonderm Projektionsmittelpunkt. Vertieft man sich in die 
Herstellung genaue]-, wird einem klar, daß sie weiter nichts ist als die kongruente Über- 
tragimg der Punkte der Erde auf das Kartenbild, aber nimmermehr eine Polyeder- 
projektion. Wozu alsdann eine Bezeichnung, die sich logisch so gut wie nicht recht- 
fertigen läßt? Schon der Ausdruck ,, Projektion" in seiner übhchen Bedeutung paßt 
nicht ganz mid die geodätische, mehr umfassendere Bezeichnung ,, Abbildung'' ist 
vorzuziehen. Zu dem kommt, daß bei der preußischen Polyederprojektion zwei Ver- 
fahren durcheinandergemischt sind. Die Parallelen werden als gerade Lmien 'auf- 
getragen, dagegen werden bei der Auftragung der trigonometrischen Punkte die 
Krümmimgswerte der Erde beachtet. Gesetzt den Fall, daß ein trigonometrischer 
Punkt genau auf den Parallel fällt, und dieser wird nicht kreisförmig den natürlichen 
Verhältnissen gemäß konstruiert, wohin kommt er zu liegen? Nach der Vorschrift 
der Landesaufnahme also außerhalb des Parallels. Diese Inkonsequenz der Be- 
handlung der Kartenkonstruktion rechtfertigt erst recht nicht die Bezeichnung ,, Poly- 
ederprojektion". Bichtiger ist es, hier einfach von der kongruenten Abbildung 
der Landesaufnahme zu sprechen. 

H. Wiechel hatte schon vor Jahren darauf hingewiesen, daß für die Praxis 
die Pläne und Karten (1 : 500000 und größer) als kongruent mit der entsprechend 
verjüngten Erdoberfläche selbst anzusehen sind, sobald nur jede Plansektion selb- 
ständig behandelt wird; „eine besondere konventionelle Projektionsmethode gibt 
es daher in diesem Falle nicht" ^, d. h. mit andern Worten, daß es praktisch irrelevant 
ist, in welcher Projektion man sich das einzelne Kartenblatt gezeichnet denkt, weil 
die Verzerrungen in das Gebiet der zulässigen Fehler gehören. Und will man sich 
trotzdem mit dem Vorstehenden zufrieden erklären, kann man sich ja vorstellen, 
daß der abzubildenden Fläche ein Polyeder entsprechend den einzehien Kartenblättern 
eingeschrieben sei imd daß die einzelnen Gebiete auf die Polyederflächen orthogonal 
projiziert werden^; dann mag man, wenn schon gezwungenermaßen, von einer Poly- 
ederprojektion sprechen, vielleicht am besten auch mit .1. i-risciiauf von einer 
verallgemeinerten l'olyederprojektion (S. 19!^). 

' H. Wiechel: l<ationelloQraduetzpn)joktioiien. l)er<;i\ilinKPnieur. XXV. Ix^ipr.ig 1879, fS. 422. 
' Bourgois-Furtwtingler, a. a. O., !S. 283. 



204 Das KartiMinctz. 

Eigentlich muß eine Polyederprojektion von dem Großenganzen des abzubildenden 
Landes ausgehen imd an der Hand der Grade das gesamte Kartenbild des Landes 
in Trapeze zerschneiden, deren Parallele kreisförmig gekrümmt und deren Meridiane 
geradlinig sind. Sobald die Positionen nur einigermaßen richtig gegeben werden 
sollen, darf die Krümmung der Parallelen nicht \ernachlässigt werden. Das, was 
ich hier gegenüber der Polyederprojektion vorgebracht habe, gilt in gleichem Maße 
von der Polykonprojektion. 

Der oben behandelten Gruppe von zulässigen Fehlern gesellt sich eine andre 
bei, zu der wir durch die Beantwortung folgender Frage gelangen: Bis zu welchem 
Grade oder Maße kann das abgebildete Erdoberilächenstück, also der Teil eines 
Sphäroids aH eben gelten, ganz gleich, welche[Projektion dabei zugrunde hegt? — Um- 
gekehrt kann man auch so folgern: Da es nicht möghch ist, das auf dem Tische aus- 
gebreitete Kartenblatt infolge seiner physischen KörperHchkeit im Sinne der reinen 
(abstrakten) Geometrie als Fläche eindeutig zu definieren, sehe ich ein Kartenblatt, 
etwa von der Größe des Meßtischblattes, nicht als ebene Kartenfläche, sondern als 
Teil einer Sphäroidfläche an. P. Gast hat, soweit ich die Literatur überschaue, die 
Betrachtung hierüber zum erstenmal auf eine praktische Basis gestellt. ^ Wir be- 
rechnen in scharfsimiigster Weise Verzerrungen, geben bis auf winzigste Dezimal- 
bruchteile Werte für Winkel, Längen und Kurven und schalten unbewußt das Un- 
zulängliche unserer mechanischen Hilfsmittel und zeichnerischen Betätigung zur 
Darstellung des Berechneten aus. Da drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Wie weit 
ist die Tischfläche als uneben anzunehmen? Geodäten, Geographen und Karto- 
graphen werden einen Arbeitstisch, dessen kontinuierliche Unebenheiten rund 1 mm 
betragen, nicht als unbrauchbar für die Benutzung von Karten mad das Herstellen 
neuer Karten beanstanden. „Ob diese Betrachtung für einen bestimmten Maßstab 
zulässig ist, hängt allein davon ab, ob die sphäroidische Wölbung der Globusfläche 
— etwa als Pfeilhöhe des Kartenmittelpunktes über der Ebene der Blattecken ge- 
messen — höchstens von derselben Größenordnung ist, wie die noch als unmerklich 
geltenden Unebenheiten in der Form der Tischflächen, auf welchen man Karten zu 
benutzen pflegt." Gast teilt hierauf eine Tabelle mit, die den sphäroidischen Wölbungs- 
betrag einer Fläche für verschiedene Globusmaßstäbe enthält; so beträgt die Pfeil- 
höhe der Wölbung beim Maßstab 1 : 25000 = 0,1 mm, in 1 : 100000 = 0,3 mm^, 
in 1 : 200000 = 0,6 mm, in 1:500000 = 1,6 und in 1 : 1000000 = 3,1 mm. Bei 
seinen Berechnungen hat Gast die Blattgröße der offiziellen Karten im Auge. Wie 
wir wissen, ändert Maßstab für Maßstab das Kartenformat. Um von diesem Ver- 
änderungsfaktor unabhängig zu sein, habe ich die Pfeilhöhenberechnungen für eine 
gleichgroße Fläche durchgeführt, und zwar für eine Fläche 50 X 50 cm und eine 
solche 40 X 40 cm. (Tabelle siehe S. 205.) 

Der Vergleich der Größen mit den Sehnen 50 und 40 cm oder den Halbsehnen 
25 imd 20 cm zeigt, daß wir weit schickhchere Verhältnisse bei der Blattgröße 
40 X 40 cm erhalten. Damit wird der Hinweis gegeben, bei Gradkarten die Aus- 



' P. Gast: Eine Bemerkung üb. d. inatliomatische Form der Kartenfläche. Z. f. Verm. 
XLII. 1913, S. 713-716. 

* Durch meine Berechnungen bin icli zu dem gleichen Eesultat gekommen. Der Wert 0,1 für 
1 : 100000, den A. Bludau im Leitfaden der Kartenentwurtelehre fl. Leipzig u. Beriin 19)2, S. 150) 
angibt, ist entschieden zu klein, es sei denn, daß man ein kleineres Fonnat als das eines Kartenblattes 
1 : 100000 annimmi. 





Dip Grad 


netze ilcr topograpliischen Kar 


tenworke. 












Kugelhaubc 


in Graden 


Maßstab 


PfeUhöh 


<; in mm 


K-iümniuugs- 


(Halbaehnen) 




bei 60 cm 


bei 40 om 


ladins in m 


bei 50 cm 


bei 40 cm 


1:5000 


0,009 


0,003 


1274 


' 


.33" 


1: 10000 


0,027 


0,01 


637 


1'21" 


V 5" 


1 : 20000 


0,079 


0,04 


318,5 


2' 38" 


2' 9" 


1 : 25000 


0,103 


0,06 


254,8 


3' 22" 


2-42'- 


1 : 50000 


0,235 


0,15 


127,4 


, 6' 32" 


5' 24" 


1 : 80000 


0,465 


0,25 


79,625 


' 10-48" 


S' 38" 


1 : 100000 


0,518 


0,32 


63,7 


13' 30" 


10' 48" 


1 : 200000 


0,9 


0,67 


31,85 


26' 59 " 


21' 36" 


1 : 300000 


1,54 


1,02 


21,233 


40' 29' 


32' 24' 


1 : 500000 


2,47 


1,68 


12,74 


1« 6' 51" 


53-58" 


1 : 1 000000 


4,94 


3,14 


6,37 


2« 14' 57 ' 


10 48' 3" 


1 : 2000000 


9,81 


6,2!) 


3,185 


4» 30' 7" 


3« 36' 1" 



dehming nicht zu lang zu nehmen, damit nicht die Vernachlässigungswerte (zulässigen 
Fehler) zu solchen werden, die man eben nicht mehr vernachlässigen kann. Ferner 
läßt die Tabelle ohne weiteres erkeimen, daß die Hypothese sphäroidischer Flächen- 
form für die Maßstäbe 1 : 200000 und größere zulässig ist. Entwirft man das Grad- 
netz dieser Karten nach einem sphärischen Koordinatensystem, nach dem Meridiane 
und Parallele längentreu aufgetragen werden, ,,jene als Geodätische^ (praktisch also 
als Gerade), diese als Kreisbogen von leicht zu berechnenden Halbmessern, so erhält 
man ein dem Urbild ähnliches Abbild, und zwar in dem approximations-mathematiscii 
strengen Sinne dieser Definition." 

Wenn der Maßstab 1 : 800000 als strenge Grenze für- die sphäroidischen Karten- 
fiächen angenommen wird, kann sie trotzdem ohne Gefahr für die Genauigkeit der 
Karte auf 1:1000000 hinaufrückeu. Setzt man das Sphäroid gleich einer Kugel 
mit dem genauen mittlem Erdradius 6360,738 km (nach Besselschen Werten), dann 
ist der Umfang der Kugel im Maßstab 1 : 300000 = 133,345 m, im Maßstab 1 : 1000000 
= 40,003 m. Das Kartenblatt sei 40 cm lang und 40 cm breit. Die Sehne hat die 
gleiche Länge, der zugoiiörige Bogen im Maßstab 1 : 300000 die Länge von 40,004 cm 
lind im Maßstab 1 : 1000000 = 40,018 cm. In Millimetern ausgedrückt, wii-d die 
eine Strecke zu 400,04 mm, die andere zu 400,13 mm in der Ebene ausgereckt, d. h. 
mit andern Worten, im Maßstab 1 : 300000 ist 0,04 mm graphisch nicht mehr dar- 
stellbar, und auch in 1:1000000 kann 0,13 mm vollständig vernachlässigt werden. 
Die Flächen umspannen in 1 : 300000 1600,81 qcm und in 1 : 1000000 1601,04 qcm. 
Das ist ein verschwindender Unterscliied zu der angenommenen ebenen Flädie zu 
1600 ijcm. Bei eingehendem Flächenl)erechnungen auf Karten 1:1000000 dürfte 
man schon eher die wahren Werte berücksichtigen, da sich in der Summierung vieler 
Blätter immerhin eine beachtenswerte Größe herausstellt, die nicht so oline weiteres 
zu eliminieren ist. Im großen imd ganzen muß man jedoch daran festhalten, wie es 
auch die mitgeteilten Zahlen zur Genüge beweisen, daß die Unterschiede für das 



' Die „geodiitiHelie Ijinic" ist tlio kürzest«" Entfernung zwiselien zwei Punkten iiuf der Krde. 
|{ei der reinen Kugel fiillt sie mit dem größten Kreis ziuiiiinu\en, koniplizii rtor wird sie aiil dem Splmniid ; 
hier fällt der Vertiknlschnitt von A nneli H nicht /.usamnien mit dem von B noch A. Die ..Oeo 

dutisebe' verläuft zwischen bci<lcn \'ertikiil»ehnitten. 



206 T)'"'8 Karteiiiictz. 

fertige KartenMatl selbst bei 1:1000000 praktisch nicht in Erscheinung treten. 
Setzen wir anstatt der Kugeloberfläche die Sphäroidoberfläche ein, wird bei unsern 
Breiten das Verhältnis zwischen Sphäroidflächenstüclc und der ihm entsprechenden 
ebenen Karte noch etwas günstiger, wenn auch nur ein klein wenig, als zwischen 
Kugelflächenstück und Karte. 

Vorstehende Untersuchungen und die Tabelle erlauben weiter den Schluß, daß 
die Vernachlässigungswerte m vertikalem Sinne größern Umfang ala die hoi-izontalen 
eimielimen, nmd zehnmal größer als diese sein können. Also im Maßstab 1 : 1000000 
darf der \(n-tikale Veruachlässigungswert 5 mm nicht übersteigen, der bei einem 
Blattfoi-mat von 50 cm Länge und Breite gerade das Grenzmaß für die Vernachlässigung 
der Sphäroidizität ist. In Summa müssen wir sagen, daß tatsächlich Blatteinteilungen 
(in sog. Polyederprojektion) noch bis zu gewissen Maßstäben möglich sind, die es 
erlauben, jedes Blatt hinsichtlich der Deformationsverhältnisse als völHg winkel-, 
flächen- vmd längentreu, d. h. als grundrißtreu anzusehen, weil die Unterscheidung 
des dargestellten, sphäroidischen Erdoberflächenteils gegenüber der ihm entsprechenden 
Ebene (der Karte) in praktischer Hinsicht so gut wie gar nicht wahrnehmbar ist.^ 
Damit dürfte auch genügend nachgewiesen sein, daß meine Anfechtungen der preußischen 
Polyederprojektion gegenüber haltbar sind. SchUeßlich wird durch vorliegende Unter- 
suchungen bestätigt, daß sich das Kartenbild dem' entsprechenden Erdkugelabschnitt 
mehr und mehr anpaßt und ihm wesensgleich zu achten ist, ,,wenn der größte Fehler, 
der auf der betreffenden Projektion gemacht wird, nicht größer ist als die Eehler, 
die in der Herstellimg der Karte, der Veränderhchkeit des Papiers und der Individualität 
des Messenden beruhen."^ 

Außer H. Wiechel ist A. Penck in einem besondern Falle ähnlichen Gedanken 
nachgegangen, ohne sie in mathematisch präzise Form gekleidet zu haben.* Er 
macht darauf aufmerksam, daß ein entsprechendes Verhältnis zwischen Maßstab und 
Blattgröße gewählt werden soU, damit die einzelnen Sektionen einer Weltkarte in 
1 : 1000000 nahezu die Summe von Eigenschaften, also Winkel-, Flächen- imd Längen- 
treue, erhalten, die die Kugeloberfläche besitzt. Eine Kugelhaube von 2" Eadius 
(Halbsehne) würde ungefähr diesen Forderungen entsprechen. Damit hat Penck 
ungefähr das Richtige getroffen. Nach obiger Tabelle ist das Verhältnis für die Welt- 
karte am besten, wenn der Kugelhaubenradius 20 cm lang ist, [also einen Durchmesser 
von 40 cm besitzt, der im Bogenmaß ausgedrückt = 3" 36' 6" (für den Radius 1 " 48' 3") 
beträgt. Eine Kugelhaube von 2" 14' 57"-Radius, was einer Seimenlänge von 50 cm 



1 Vgl. hierzu J. Frischauf: Die Polyederprojektion. P. M. 1910. II. S. 29, 30; ferner: 
P. Weikmeister: Gradabteilungskarte, Polyederprojektion, Gradkartensystem, natürliche Pro- 
jektion. P.M. 1911. I. S. 309, 310. 

2 Wie sich diese Fehler gegenseitig ausgleichon oder zu berücksichtigenden Werten verdichten, 
bat F. E. Mouths in seiner Rostocker Dissertation , Linienmessting auf Karten" (Stuttgart 1912) 

mit Hilfe der Formel arc. F' — nachgewiesen. Hierbei ist die in Frage kommende Strecke 

M M 

auf dem Globus mit arcus bezeichnet, der Kartenmaßstab mit -— - und das jeweilige Gesetz der 

M 

Projektion, nach dem diese Streck« vom Kartenmittelpunkt (Indifferenzpunkt) aufgetragen wird 
um Flächen-, Winkel- oder Mittabstanditreue zu berechnen, mit /'. 

' A. Penck; Üb. d. Herstellung einer Weltkarte im Maßstab 1 : 1000000 Verb. d. VII. In- 
tern. Geogr. Kongresses. Berlin 1899. II S. 67 ff. 



Die Gradnetze di-r topograplüdclicn Kartenwerke. 207 

entsprechen würde, ist weniger geeignet. Mithin hat l'enck die Sehne etwas zu 
lang angesetzt. 

Mit der Untersuchung über die zulässigen Fehler will ich den Abschnitt über 
die topographische Karte beschließen. Für mich war es von Wert, die Geographen 
auf Dinge hinzuweisen, die bisher ihren kartographischen Meditationen fernlagen, 
die aber mit der Zeit nicht mehr übersehen werden dürfen, weil die topographische 
Karte jetzt und künftig noch mehr in das Arbeitsfeld des (ieographen hineinwachsen 
wird. Auch die kartographischen Lehrbücher nehmen heute noch viel zu wenig 
Rücksicht auf das Verständnis und das Gefüge der topographischen Karte. Beispiele 
hierfür stehen ja jedem genügend zur Verfügung. 



Teil III. 
Die Kartenaufiiahme. 

A. Das Bedürfnis nach großniaßstabigen Karten. 
I. Geograph und Geodät. 

84. Das gemeinsame Arbeitsgebiet zwischen Geogiaplien uud Geodäten. Die 

Karte hat als Spiegelbild der natürlichen Ausstattung der Erde von jeher das Interesse 
der Erdkundigen wachgerufen und gefördert. Im Zusammenhang damit steht gewiß 
schon seit ältesten Zeiten die Frage nach der Entstehung der Karte im Gelände. Wenige 
können darauf antworten und dem Spiele irriger Vorstellungen ist dadurch weiter 
Eaum gegeben. Die Vorstellungen von dem Werte der einzelnen Aufnahmeverfahren 
vermengen und verwirren sich allzuleicht ; was Wmider, wenn der Geograph sich schon 
mit Ergebnissen zufrieden gibt, wo der Geodät kaum anfängt, geringste Genauigkeits- 
forderungen festzulegen. Das ist eine bedauerliche Erscheinung, der mit einigem 
guten Willen von selten des Geographen abzuhelfen ist. Sicher ist ein himmelweiter 
Unterschied zwischen der flüchtigen Kartenaufnahme in kaum gekannten Ländern 
imd der topometrischen Aufnahme eines Kulturlandes, imd doch ist er nicht so groß, 
daß die Keimtnis des einen Verfahrens die des andern ausschlösse. Wo es der Geo- 
graph in der Hauptsache mit der Beschreibung der Erdoberfläche und deren dinglichen 
Ausstattung zu tun hat, müßte es etwas Selbstverständliches sein, die Arbeitsmethoden 
zu kennen, nach denen diese so verschiedenartig ausgerüstete Erdoberfläche im Karten- 
liild erscheint. Dabei ist es ebensowenig angebracht, in rein geodätische Probleme 
hinüberzugreifen, wie er sich hüten soll, rein geologische Probleme zum Gegenstand 
seiner Untersuchung zu machen; aber wo sie gemeinsam schaffen können, auf dem 
Gebiet der topographischen Landesaufnahme, soll der Geograph vor einer Zu- 
sammenarbeit mit dem Geodäten nicht zurückschrecken. 

An das Kapitel Geodät und Geograph bzw. Kartograph wird von selten der 
Geographie nicht gern gerührt. Daß ein so wichtiges, hauptsächlich in den mathe- 
matischen Tatsachen der Geographie sein Schwergewicht suchendes Lehrbuch der 
Geographie wie das von H. Wagner der geodätischen Ortsbestimmung, der Nivellierung, 
der Abhängigkeit der Schwerkraft von der geographischen Breite usw. einige ausführ- 
hchere Worte schenkt, karm nicht überraschen.^ Sagt Wagner doch selbst, daß die Geo- 



H. Wagner: Lehrbuch der Geographie. 9. Aufl. Hannover und Leipzig 



Geograph und Geodät. 209 

graphie in manchen Zeiten rascliore Fortschritte gemacht haben würde, werm sie mit 
Astronomie, Geodäsie und Nautik immer Fühlung behalten hätte.^ F. v. Kichthofen 
gedenkt in seinen ausführlichen Erörtenmgen über die Aufgaben und Methoden der 
heutigen Geographie in kurzen Worten des Geodäten und Geographen, indem er darauf 
hinweist, daß die exakten Messimgen der hohem Geodäsie der heutigen Zeit, die durch 
die Verschärfmig der Methoden imd Instrumente ermöglicht wurden, dem Arbeits- 
gebiete des Geograi)hen beinahe entrückt sind. Zu den Aufgaben der hohem Geodäsie 
rechnet v. Eichthofen die Bestimmung der Erdgestalt, ihre geometrische Einteilung 
und die richtige Konstruktion der Landkarte.^ Damit wird lediglich gesagt, daß der 
Geograph von der Landkarteukonstmktion ausgeschlossen sei, nicht aber von der 
Kartographie im ailgememen, in welchem Sinne A. Penck die Richthofenschen Er- 
örterungen auffaßt.^ Penck schenkt dem Thema ,, Geodät und Kartographie" etwas 
mehr Aufmerksamkeit als v. Eichthofen. Man karm ihm folgen, werm er sagt, daß die 
Geodäsie den festen Eahmen zur Darstellung der Erdoberfläche hefere und die Karto- 
graphie ihn ausfülle.* Die Kartographie ist hier im weitesten Sirme gefaßt. In dem 
Zusammenhang der Penckschen Ausführungen hätte besser ,, Topographie" statt 
,, Kartographie" gepaßt. Nach deutschem Fachsprachgebrauch bildet die Topographie 
einen Teil der Geodäsie; im Ausland ist Topographie = niedere Geodäsie. In Deutsch- 
land hat sich die höhere Geodäsie in dem Geodätischen Institut in Potsdam von der 
Landesaufnahme abgespalten und dient der Erdmessung als emer naturwissenschaft- 
lichen Aufgabe. Das geodätische Institut ist durchaus Forschungsinstitut, eine Arbeits- 
gemeinschaft mit der Landesaufnahme dürfte nur dann von Segen sein, werm die wissen- 
schaftUche Freiheit dieses Institutes in keiner Weise angetastet würde. 

Die Hauptaufgabe der Landesvermessung ist, ein das gesamte Staatsgebiet über- 
deckendes Netz von Punkten in bezug auf einen als gegeben anzusehenden Festpunkt 
geometrisch zu bestimmen. Um diese Aufgabe zu lösen, muß sie Horizontal- und 
Vertikalmessungeu ausführen. Die geodätische Arbeit wird jederzeit in dem Genauig- 
keitsnachweis der ihr zugehörigen Vermessungsaufgaben gipfehi. In der Methode der 
kleinsten Quadrate hat Gauß dem Vermessmigswesen eine Eechnungsmethode ge- 
geben (s. S. 183), nach der es möglich ist, aus der Gesamtheit der Messungen möghchst 
genaue Ergebnisse abzuleiten und den tJrad der Genauigkeit anzugeben. Auf dem 
Gebiete der topographischen Landesaufnahme, also da, wo sich Geodät mid Geograpli 
begegnen, ist diese Methode freilich nur ausnahmsweise emfach genug, um angewendet 
zu werden. 

Man wird von dem Geographen nicht verlangen, das Präzisionsnivellement 
und die verschiedenen Methoden trigonometrischer Feinaufnahmen zu lieherrschen : 
doch darüber sollte er sich klar sein, bis zu welchem Grad der Genauigkeit das Gelände 
durch die verschiedenen Meßverfahren aufgenommen werden kami. Er sellist muß die 
einfachem Verfahren erprobt haben und sich mil den Instrumenten und ihren Fehlern 

' H. Wagntr, a.a.O.. S. 44. 

- F. V. Uichthofeu: .Aufgaben ii. Motlioden clor hoiUigcn G<>ograplui'. Lt'ipzig 188:1. 8. 2(>. 27. 

^ A. Pfiiok: Der Krieg und das Studium der Goographio. Z. d. (Wn. l. Erdk. zu Berlin. 10U>, 
.S. 239. 240. 

* Durch diese Ausführungeu macht Penck gewisserniaüen wieder gut, was er seinoryA'it in 
seinen .Studien über Geländedarstellung (Neue Karten u. Kelicfs der .\Iih-u. l.<Mi>7.ig 1904. 8.4) ver- 
sehen hat. wo er .sagt. ..daß eine strengsten luatheraatisehen Anfordenmgen genügende Wii>derg»be 
der Unebenheiten der Knloherfliiche noch keine Karte ist", welchen Satz K. Hammer schon als h\nüv 
..Rcdcn.Miirf rügte (G. .1. .WIV. Gotha I!«I2. S. 4.">). 

Kekrrl, K>rk'uvfi9sriiacli>iri I 14 



210 Dil' KartMiaufiuilimr. 

Veit laut machen, um die damit geleistete Arbeit, richtig zu beurteilen. Kann er dies, 
(laiiii wird er mit ganz anderm Verständnis und Gewinn die Karte Iietrachten und 
studieren. Zuletzt muß sich der Geograph nocli daran gow(ibnc'ii, \ ii'i mehr als liishcr 
mit großmaßstabigen Karten zu arbeiten. 

Von S. Truck ist ein beachtenswerter Versuch gemachte w()rd('n\ rnifang und 
lichrgrundsätze zu bestimmen, die für eine Einführung des Geograplu^n in die Geodäsie 
genügen. Leider scheint es noch gute Weile zu haben, ehe sich seine Vorschläge reali- 
sieren werden. Mit einigem guten Willen von selten der Hochschullehrei' läßt sich schon 
manches erreichen. Aber sie stehen größtenteils selbst noch diesen Bestrebungen fremd 
gegenülier. Vor allem darf die Theorie nicht allein genügen. Praktische Übungen und 
Exkursionen müssen die theoretischen Vorlesungen aufs wirksamste unterstützen. 

85. Die Scheu des (loograplioii vor groOmaßstahigcn Karten. Auffällig ist die 
Scheu der Geographen vor großmaßstabigen Karton, (ianz selten wird bei der Einzel- 
skizze über den Maßstab 1:25000, mit dem man sich stillschweigend als größt- und 
bestmöglichen Maßstab für detaillierte geographische Untersuchungen einverstanden 
erklärt, hinausgegangen. Die neueste und künftige Entwicklung der geographischen 
Wissenschaft kann an diesem Maßstab nicht haltmachen. Die feinern Detailunter- 
suchungen auf geomorphologischem, anthropogeographischem und wirtschaftsgeo- 
graphischem Gebiete verlangen nach Karten großen Maßstabs, wo die natürlichen 
Verhältnisse durch die gewählte Verjüngung möglichst- naturgetreu wiedergegeben 
werden, nicht mit Symbolen, die an Übertreibrmgen auf Kosten des Areals leiden; 
man denke an die Straßen, Flüsse, Kanäle und Einzelsignaturen der Karten 1:25000 
und 1 : 100000. Ein Weg von 5 m Breite kann in 1 : 10000 mit 0,5 mm gerade noch 
als Doppellinie gezeichnet werden, in 1 : 5000 ist er 1 mm breit, (iemarkungsgrenzen 
können erst auf großmaßstabigen Karten richtig gewürdigt worden. — Die Generalstabs- 
karten 1:25000 imd 1: 100000 werden ihre allgemeine Bedeutung bewahren und als 
Studien-, Touristen- wie Heimatkarten nach wie vor geschätzt sein.^ 

Veränderungen der Erdoberfläche, die erst im Laufe von Dezennien oder Jahr- 
himderten infolge des Eingriffs der Menschen und der verschiedenen Verwitterimgs- 
faktoren, insonderheit durch die verschiedenartige Erosion des Wassers (wodurch 
zuletzt die Schrumpfung der Isohypsen herbeigeführt wird) und die Deflation (hier 
werden z. B. Isohypsenumformungen durch Sandverwehungen verursacht), entstehen, 
lassen sich an der Hand großmaßstabigor topometrischer Karten feststellen. Kultur- 
technische Arbeiten und fortwährendes Bearbeiten des Ackerbodens verändern die 
Oberflächenformen, die gleichfalls nur bei Höhenkarten in 1 : 5000 am besten nachweisbar 
sind. Wie glücklich ist man schon, an der Hand älterer halbwegs brauchbarer topo- 
graphischer Karten im Vergleich mit modernen topographischen Karten Veränderungen 
in der Bodengestalt imd -bedockung nachweisen zu können, wie es H. Walser auf 
Grund der topographischen Karte von J. C. Gyger aus dem Jahre 1667 getan hat. 
Seine Untersuchungen führten zu den wichtigen Ergebnissen, daß durch die Ein- 



1 S. Truck: Geodäsie für Geographen. Mitt. d. geogr. Ges. Wien 1907, S. 408-42.3. 

^ Einfach und klar führen in Wesen und Gebrauch der Meßtischblätter die drei Werkchen 
von M. Walter ein: Inhalt und Herstellung der to|X)graph. Karte 1 : 25000. — Winke zur allgemeinen 
Benutzung der topograph. Karte 1 : 2.5000. — Die topograph. Karte 1 : 25000 als Grundlage heimat- 
kundlicher Studien. — Sämtliche drei erschienen bei J. Perthes in Gotha, 1913ff., als Heft 1, 4 u. 8 
der „Geographischen Bausteine", die H. Haack herausgibt. 



Orograph und Geodät. 211 

Wirkung des Menschen und Verwitterungseinflüsse in 240 Jahren ein allgemeiner Kück- 
gang der stehenden Gewässer erfolgt ist, der sich hauptsächlich im Verschwinden 
einer auffallend großen Zahl von kleinen Seen äußert, daß sich das Areal des Waldes 
seit dem 17. Jahrhundert zwar wenig verändert, dagegen das der Rebe ständig ge- 
ändert und vergrößert hat.^ Das läßt sich l)ereits an topographischen Karten nach- 
weisen, deren Genauigkeit noch nicht auf der heute gepflegten Höhe steht, wieviel mehr 
geben wir durch moderne topometrische Karten der Zukunft ein vielseitiges und ver- 
läßliches Vergleichs- und Untersnchungsma'terial. Unsre Nachfahren werden uns 
dafür doppelt dankbar sein. 

Das Messen einzehier Höhepunkte und Neigungsverhältnisse ist auf jeder Iso- 
hypsenkarte möglich. Nur der Grad der Genauigkeit ist ein unendlich wechselnder. 
Je größer der Maßstab, desto genauere Ergebnisse, d. h. den natürlichen Verhältnissen 
immer mehr entsprechende Werte erhalte ich, vorausgesetzt, daß die Güte der Karte 
mit der Maßstabvergrößorung stetig zunimmt. Ein hoher Grad von Vollkommenheit 
wird erreicht, wie wir später noch erkeimen werden, bei einem Maßstal) 1 : 5000. Aber 
auch die topographische Grundlage der Karten kleinern Maßstaljs kann nicht genau 
genug sein. Die Zeiten, wo Hammer schrieb, „daß eine geographische Karte eines 
Kulturlandes, selbst in kleinem Maßstabe, ohne die Unterlage der topographischen 
Originalblätter heutzutage gar nicht mehr denkl>ar ist oder wenigstens sein sollte" 2, 
sind heute noch nicht endgültig überwunden. 

86. Die topometrische Gniudkartc oder die Eiuheitskartc. An Stelle des zaghaften 
Einfühlens von seiten des Geographen in das Gebiet topogi-aphischer Karten muß 
eine bewußte Forderung nach Höhenkarten größten Maßstabs Platz greifen. Ich bin 
der Meinimg, daß dem Geographen jetzt und künftighin mit einer topometrischen 
Grundkarto oder Einheitskarte in 1: 5000 in jeder Weise gedient ist. Das Jordan- 
sche Projekt einer Einheitskarte für das gesamte Deutsche Reich in 1 : 2500 mit Höhen- 
linien scheidet vorderhand ganz aus. Der Maßstab 1 : 10000 wäre wohl noch zu erwägen; 
indessen setzt er an die wahrheitsgetreue Wiedergabe verschiedener Naturobjekto zu 
große Anforderungen, die zu erfüllen oft schwer fällt (s. oben). Die Karten 1 : 5000 
siiul jederzeit photographisch leicht auf 1 : 10000 zu reduzieren und bleiben alsdann 
immer noch gebrauchsfähig, ohne Neubearbeitungen zu fordern. Wemi eümial etwas 
Neues und Großes geschaffen wird, dann soll es gleich in der Weise geschehen, daß es 
den weitesten Kreisen dient und den vielseitigsten Nutzen hat, damit nicht nach einigen 
Jahrzehnten schon wieder der Wunsch nach einem größern Maßstabe oder das Be- 
dauern, früher nicht schon Großraaßstaliiges geleistet zu haben, allg(>mein rege wird. 
So sehr icii mich über die ausgezeichnete neue Topographische Liindeskarto von Braun- 
schweig in 1:10000 freue, die also im Maßstab weder den topographischen Neuauf- 
nahmen in Preußen, noch denen in Württemberg entspricht, sondern zwischen beiden 
liegt und nach dem Ausspruch C. Koppes, des Leiters und Herausgebers der Karte, 
gleichsam einen durch die speziellen Verhältnisse bedingten Kompromiß zwischen 
ihnen bildet, muß ich doch bedauern, daß sie nicht in 1 : 5000 aufgenommen und heraus- 
gegeben wurde, dann hätte sicher ein Teil Norddcutschlands eine mustergültige Karte 



' H. Walser: Veränderungen der Ei-doberiliiehe im Umkreis des Kantons Ztirii'li seit der Mitte 
de« 17. Jahrliundorts. XV. Jaliresbericht der Qvonr. Ges. von Born. 1896. 
= E. Hiiiiimor in 1". M. IHil7, LR. Nr. 478, fS. i:tl. 

14» 



212 ß'i' Kartcnaufnalime. 

auf Jahre hinaus gehaht, und Knppo wäro der Mann dazu geweson, eino solchß Karte 
zu schaffen.^ 

Dem Geographen als Forschungsreisenden verdanken wir durch seine zahheichen 
Aufnahmen mit den einfachsten Instrumenten die Entschleierung des Weltbildes. Wo 
heute noch kein Schritt des Landmessers widerhallt, hat schon vor Jahrzehnten der 
Keisende das Dickicht imerschlossener Länder gelüftet und mamiigfaltige und mühsam 
aufgebaute Skizzen zu einem Kartenbild zusammengeroiht. Dort nun, wo die Arbeit 
bei der Aufnahme eines altern Kulturgebiets eingehender und sorgfältiger wird, hört 
allgemein die topographische Arbeit des Geographen auf. Nimmt er an der Vermessung 
des Geländes nicht direkt teil, kann er sich trotzdem für die Topographie nützlich er- 
weisen, indem er dem Topographen das Auge für wichtige, in der Erdgeschichte be- 
deutungsvolle Oberflächenformen schärfen hilft. So müßten beispielsweise die deutschen 
topographischen Karten die einzelnen Terrassen der Ehein- und Moselgegend besser 
als bisher veranschaulichen. Hier kann der Geograph l>plohronrt iniigreifen. Ganz 
gleich, wie sich der Geograph neben dem Landmesser an dnn l(iiin;^iii|iliischen Aufbau 
des Terrainbildes beteiligt, ob direkt messend, oder wie es ddcli wohl meistens der Fall 
sein wird, indirekt durch eine morphologische Belehrung, auf joden Fall wird die Arbeit 
für beide anregend und gewinnreich sein. 



II. Geologie und topographische Karte. 

87. Ziisaiumt'iiarbcit veii (u'olduic iiikI To|M»graiihic. Wie der niorphulogiscli 
geschulte Geograph vermag der Feldgeolog dem Topographen beratend beizustehen. 
Die Forderung des Zusammenarbeitens von Geologie und Topographie reicht weit 
über himdert Jahre zurück. J. G. Lehmann war es, der schon 1799 in der Form der 
Berge einen Wegweiser zur Erforschung ihrer mnorn Beschaffenheit und derjenigen 
Ereignisse erbhckte, die sich dort zugetragen haben.* Will man die Bergformen ver- 
stehen, muß man ihre Entstehungsgeschichte wissen. Lehmaim beruft sich auf Tylas, 
der in der Mineralhistorie von Schweden S. 116 sagt: „Die Gestalt der Berge hänge 
von ihren Steinarten ab." Später, 1835, hatte der württembergische Topograph Karl 
Eduard Paulus nachgewiesen, wie die Formen des Gebirges durch die Gebirgsarten 
bedingt werden, und daß die Geognosie die Seele der Topographie sei.'. Etwas jünger 
sind die Untersuchungen des Ingenieurtopographen Heinrich Bach ülier die Gesteins- 
schichten als Hauptursachen der Gebirgsformen.* Die Theorie der Bergzeichnung auf 



' Vielleicht dringen die Ansichten über die Notwendigkeit einer topometriHchen Grundkarte 
in 1 : 5000 so durch, daß die braunscliweigische Landeskarte, die bis jetzt noch ein Torso ist, nicht 
weiter in 1 : 10000, sondern in 1 : 5000 bearbeitet wird. 

2 J. G. Lehmann: Darstellung einer neuen Theorie der Bezeichnung der schiefen Flächen im 
Grundriß oder der Situationszeichnung der Berge. Leipzig 1799, S. 1, 7, 12, 13, 18 der Einleitung. 

" Vgl. H. Müller: Über den zweckmäßigsten Maßstab topographischer Karten. Ihre Her- 
stellung u. Genauigkeit imtcr Berücksichtigung der Verhältnisse und Bedürfnisse in Baden und Hessen. 
Diss. Karisnihc. Heidelberg 1913, S. 21, 22. 

■* H. Bach: Die Theorie der Bergzeichnung in Verbindung mit Geognosie oder Anleitung zur 
Bearbeitung und zum richtigen Verständnisse topographisch-geognostischer Karten, begründet auf 
die Übereinstimmung des innem ' Schiehtcnbaus der verschiedenen Gesteinsarten mit ihrer Ober- 
fläche. Mit besonderer Berücksichtigung und Angabe der geognostischen Verhältnisse des südwest- 
lichen Deutschlands. Mit 23 Plänen und Karten. Stuttgart 18.53. — Der langatmige Titel gibt schon 
hinreichend Aufschluß über das, was Bach will. Ganz hat er es nicht erreicht, auch fehlte ihm bei 



(iciildgic uihI t(ip(if;rKpliisclir K.irti^ 213 

mathematischer (Irundlage (nach ]>ehmaim) luid der Nachweis einer Übereinstimmung 
einer äußern Gestalt der Gebirge mit dem innern Bau ist ihm von größter Wichtig- 
keit, „als dadurch die natürhche Anschauung der Dinge in ihrem Zusammen iiange 
erleichtert, der Blick überhaupt geschärft, und so manchem Forscher ein weiteres 
Mittel in die Hand gegeben wird, das ihm leicht imd schnell bisher mibekamite Gesetze 
erschließt, die unverkennbar für das praktische Leben von hohem Werte sind". In 
der Hauptsache sind Bachs Darlegimgen mehr beschreibender Art, die den geübten 
Kenner befähigen sollen, aus der Kartenzeichnmig die Formation zu bestimmen und, 
ohne an Ort und Stelle näher bekannt zu sein, deren Grenzen herauszufinden. Zu dem 
Verlauf der charakteristischen Linien im Geländeaufbau auf Grund der geologischen 
Verhältnisse ist Bach nicht vorgedrungen. Der weitere Schritt erfolgte auf schweize- 
rischem Boden, obwohl in verschiedenen topographischen imd kartographischen Kreisen 
kein gewissenhafter Kartenzeichner ein Geländebild entwarf, ohne auch auf den geo- 
logischen Aufbau Eücksicht zu nehmen.^ Sagte doch schon um die Jlitte des ver- 
gangenen Jahrhunderts Murchison: ,,No really good topogra])hy can be made by 
any surveyor who neglects geological data." 

J. M. Ziegler (1801 — 1883), der hochverdiente Altmeister der topographischen 
Wissenschaft, den ein reger Briefwechsel mit C. Bitter, Escher v. d. Linth, A. v. Hum- 
boldt und A. Petermami verband, war einer der ersten, der die Darstellung des Ge- 
ländes nach geologischem Gesichtspmikte streng sachhch behandelte. Ob er von dem 
Württemberger H. Bach beeinflußt w^orden ist, läßt sich nicht ermittehi, wenn man es 
auch voraussetzen kaim. In seiner heute noch lesenswerten Schrift „Über das Verhältnis 
der Topographie zur Geologie bei der Darstellung von Gebirgskarten in gleichem Maß- 
stäbe"^ geht er zunächst von dem Verständnis der Gebirgsgruppen nach ihrer Gesteins- 
art aus, vergleicht sodann ihre Gliederung m Kämme und Täler vmd beobachtet die 
Spuren der dynamischen Kräfte; daran schließen sich die Untersuchiuigen über die 
Verschiedenheit der Erosion gemäß der Gesteinsverschiedenheit in den Massen, imd 
zuletzt folgen Bemerkungen über Gletschererscheinungen und über Bildung von Guffer- 
linien als Eechenschaft über deren Zeichnung in der Karte. Nach seinen Ausführungen 
muß der Topograph die Linien des Gefüges in den Kopf- und Schichtenseiten erkemien 
lassen. ,,Das ist aber im Verhältnis der Reduktion der Karte oder des Eeliefs nur- an- 
nähernd möglich, und er muß sich mit möglichst getreuem Ausdruck der Physiognomie 
begnügen. Weniger m den Details, dafür im Festhalten der Besonderheiten der Fonna- 
tion, hat seine Zeichnung vorzugehen. Das muß einläßücher geschehen als in einer 
geographischen Karte."* Ziegler macht bereits darauf aufmerksam, auf die Verwitterbar- 
keit der Gebirgswelt besonders Obacht zu haben mid dafür Sorge zu tragen, daß man 
in der Kartenzeichnimg das verschiedene Verhalten gegenüber der Verwitterung bei 
den einzelnen Formationen erkemie. Klar und deutlich erkannte er das Wesen der 
Isohypsenfüiinnig. ,, .Jeder, der mit der Karte in der Hand eine (iebirgsgegend bereist, 
findet die Natur so reich, so mannigfaltig, daß sellist der Maßstaii einer topograpiiischen 



allem guten Willen die kritische ISchivrfc in seinen Darlegunnen, gan?. al)gesehen davon, dali er auf !S. '.• 
die Karten in Halljixrspektive als „französ. Manier" vind den l)eJcaantei\ säelisischen Major .T. G. Ix>li- 
niann als einen preußisclien Major bezeichnet. 

» E. V. Sydow: Die Kartographie Eumixv» bis /.um Jahre IS.-)8. P. M. IS.'iS. S. US. 

'' J. M. Ziegicr: „Über das Verhältnis der Topographie zur Cn-ologie usw." Mit 1 iicol. Karte, 
.^> Taf. Gcbirgszeichnungen u. 1 Taf. Profile. Wintorthur 1869. 

" Ziegler, a. a. ()., S. :15(. 



214 ^^'<' K;irtfiiaiifnaliiiu'. 

Karte sehr klein, ja oft zu klein wii-d, um die charakteristischen Merkmale alle in der- 
selben richtig zu betonen. Wenn hierbei der Beobachter, sich an die geometrischen 
Bestimmungen haltend, mit völliger Sicherheit vorgehen konnte, um sich während seinen 
Exkursionen durch die Aufnahmsblätter leiten zu lassen, ward ihm bei wiederholter 
Begehung von Berg und Tal hier und dort etwas auffällig, das nicht in dem unerläß- 
lichen Gerüste exakter Bestimmung hegt und der Fehlergrenze entgehen darf, jedoch 
in verschiedenen Stellen auftauchend als eine Eeihe von Punkten erscheint, welche 
aller Beachtimg wert ist, so darf nachträglich diese Eeihe eingezeichnet werden. Z. B. 
Felsenriffe, welche nicht so hervorragend sind, um über den senkrechten Abstand der 
Niveaulhiien hinauszureichen, solche, welche an einzebien Stellen hervortreten, an 
andern unter Vegetation oder Schutt verborgen hegen, aber im Zusammenhang eine 
Felsenlage zu erkermen geben. Femer Lawinenzüge, Schuttkegel und Ablagerungen 
von Wassergüssen, welche bedeutende Ausdehnmig erlangten. Derlei kaim sich all- 
jährlich anders gestalten, allem die Stellen, wo selbige gefunden werden, die Formen, 
welche sie angenommen haben, sind abhängig von der Struktur des Gebirges und ver- 
langen unter diesen Bedingungen nähere Beachtung. Indem man allem dem nachgeht 
und zugleich die allgemeinen Formen der verschiedenen Gebirge vergleicht, wird man 
auf die verschiedenen Krümmungen der Isohypsen geführt, welche, als auf der Ober- 
fläche der Erde gedacht, doppelt gekrümmte Linien sind. Dieselben kann man be- 
stimmen, wo man nur eine teüweise zusammenhängende Eeihe von Punkten für ihre 
Form zu fixieren weiß. Manchmal zwar ist der passende Standpunkt des Geometers 
schwer zugänglich, dann ist die Bewegung des Lattenträgers im Hochgebirge nicht 
selten mit Lebensgefahr verbunden. Gewisse Stellen sind völlig unzugänglich, da der 
A'ermesser durch Schätzung der Größe entfernter Gegenstände, wie Felsen oder Tannen, 
der obersten Eegion sich aushelfen muß. General Dufour hat für Bestimmung solcher 
Niveaulinien keine Fehlergrenze festgesetzt. Nichtsdestoweniger gewähren dieselben 
in ihrer Totalität im Maßstab der Aufnahme sehr vollständige Anhaltspunkte zum Ver- 
ständnis der Gebirgsformen. 

Wir haben oben vielfach Gelegenheit gehabt, die Außenformen der verschiedenen 
Bildungen nach den drei Hauptgnippen zu vergleichen. Daß dieses, armähernd zwar, 
aber mit Sicherheit möghch war, verdanken wir zumeist den Isohypsen, welche durchweg 
den ]\Iodifikationen des Terrains sich anschmiegen, so daß, wenn auch lokale kleine 
Unsicherheiten bei deren Bestimmung mit untergelaufen, in Summa alle diese Linien 
gegenseitig sich kontrollieren, um schheßlich das feste Gerüste der Gebirgsoberfläche 
zu geben." ^ 

Kurz nach Zieglers Tode erschien seine letzte Arbeit: Ein geographischer Text 
zur geologischen Karte der Erde.^ Darin wird nachzuweisen versucht, daß das Ent- 
stehen und langsame Umgestalten der Erdform nur unter Berücksichtigung der geo- 
dätischen Forschungen zu \erfolgen sti, denn nur die Geodäten vermögen die Ungleich- 
heiten der Krustendecke infolge von zeitweisen Schwankungen in der Drehung der 
Erde armähernd zu bestimmen, vorausgesetzt, daß ein solches Ergebnis zu erzielen 
möglich ist. 

Zieglers Ideen waren ihrer Zeit vorausgeeilt. Weder er selbst noch andere haben 
praktisch kartographisch erreicht, was er wollte, weimgleich durch sein anregendes 



Ziegler, a.a.O., S. 37, 38. 

Mit Atlas in 15 Taf., Basel 1883. 



Geologie und topographisclic Karte. 215 

Wirken die Berg- und Talformen besser als bisher ins Kartenbild gebannt wurden. 
Ei-st die neuere morphologische Karte kommt den Zieglerschen Wünsciien nahe, erfüllt 
sie jedoch noch nicht ganz.^ Auf ihn ist es zurückzuführen, daß einfache geologische 
Oberflächenerscheinungen in die Geländedarstellung großmaßstabiger Karten ein- 
drangen. Heute nehmen wir es als selbstverständhche Tatsache hin, daß sich auf guten 
topographischen Karten die Formen des Vorgebirges von denen der Kalkalpen unter- 
scheiden, doch hat es lange gedauert, bevor sich die Karte zu dieser Höhe emporschwang. 

Von schweizerischer Seite aus wird aber auch gewarnt, das geologische Bild bei 
der topographischen Karte nicht zu übertreiben. Kein Geringerer als der Heraus- 
geber des Siegfriedatlasses, H. Siegfried, ist es selbst, der darauf aufmerksam macht, 
daß der Topogi-aph den geometrischen Verlauf der Niveaulinien der Oberfläche, soweit 
das Gelände überhaupt durch solche Linien darstellbar ist, wiederzugeben hat und nicht 
den miter der Bedeckimg des Gesteins erkamiten Verlauf von Schichtköpfen, was in 
eine geologische Karte gehört; ,,wenn der Maler das Bild des lebenden Menschen geben 
soll, so darf er die Züge desselben nicht bis zum Bild des geschundenen Marsyas über- 
treiljeu."- 

Es ist natürlich, daß wir in die Gegenden mit ausgesprochenem Gebirgscharakter 
gehen, wemi ^vir die Abhängigkeit der topogi'aphischen Linienführung vom geologischen 
Bau der Erdrinde studieren wollen, obwohl zuletzt jedes Stückchen Erde dazu Ge- 
legenheit bietet. Dit- Alpen und Süddeutschland sind ein bevorzugtes Studiengebiet. 
Überhaupt hat Württemberg von jeher diesen Problemen großes Interesse entgegen- 
gebracht. Darum finde ich es nicht erstaunhch, daß ein neuerer Großmeister der Topo- 
graphie, E. Hammer, ein ausgezeichnetes Beispiel gibt, wie topographisch auf Grund- 
lage der geologischen imd moqihologischen Erscheinimgen aufzimehmen ist.' An 
einem klassischen Beispiel zeigt er, wie es gemacht w^erden muß, wie z. B. sich die Profile 
von Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper ganz verschieden verhalten, wie sich 
diese Verschiedenheit in der Linien führiuig der Schichtlinien widerspiegehi muß, oder 
wie die Schichtlinien in den Seitentälchen luid Schluchten (Klingen oder Einschlägen) 
des Keupermergels wosentHch anders, nämlich sehr spitz, als im Buntsandstein ver- 
laufen usw. 

Die alpine Kartographie insonderheit hat durch Ziegler gi'lenit. Zimächst 
waren es die Karten des Schweizer Siegfriedatlasses, in 1 : '25000 und 1 : 50000, die 
sich den Ideen Zieglers anzupassen suchten, indem .-^ie auffällige Oberfläcben- 
erscheinimgen (Karrenfelder) besonders charakterisierten, wie auch dii' unterschied- 
lichen Formen des Urgebirges und Kalkgebirges. Bei der Felszeichnung einzehier 
Blätter karm man auf das verschiedengradig widerstandsfähige Gestein schließen, 
Berg- und Talformen treten möglichst prägnant im Kartenbilde auf. Zur Erreichung 
dieses Zieles haben die im Beginn der Gebirgsaufnahmen vom Ingenieur Wolfs- 
berger gelieferten musterhaften Zeichnungen der Gebirgspartien von Unterwallis 
beigetragen. Leuzinger gab den Aufnahmen auf der Karte das vollendete Bild, 
(ieologisch vertiefter ausgearbeitet sind die Karten in 1 : '25000 und 1 : 50000 des 
Alpenkartographen Leo Aegerter, die in der Zeitschrift des Deutschen und Oster- 



' Vgl. den Abschnitt tiber „morpholopischc Karten" in Teil I, S. 94ff. 

• H. Siegfried: Geograph, u. koamograph. Karten u. Ap])srate. Bericht Internat. Welt- 
ausHtellg. 1878 in Paris. Schweiz. Zürich 1879, S. 30. 

' E. Hammer: Die orographische Gestaltung Württembergs u. sein geologischer Bau. Kettler»' 
Zeitschr. f. wis». Geographie, III. Lahr 1882, S. 03ff,. 148ff. 



216 !>''■ KHitHnriiifiiuliiiw. 

reicbischeu Alpeuvereiiis Bischienen siiid; aus ihnen lassen sich die geologischen 
Schichtungen, Faltungen, Verschiebungen, ferner Gletscherübertiefungen, Schutt- 
kegel, Sandreißen, Formen der Mulden (ob kessel-, teller- oder trichterförmig), Tal- 
stufen, Terrassen u. a. m. herauslesen. All diese Bemühungen der Alpenkartographen, 
den geologischen Verhältnissen im topographischen Bilde Rechnung zu tragen, sind 
von den verschiedensten Seiten gewürdigt worden, so von Eug. Oberhummer, 
A. Penck, Ed. Eichter, Em. Chaix, A. v. Lapparent.* Beachtung verdient 
auch das Vorgehen von J. Moriggl, der vom Gesichtspimkt der Gangl)arkeit des 
Terrains die Darstellung der Bodenart in der Karte verfolgt. * 

Hinwiederum ermahnt S. Passarge die Geologen, selbst in Ländern, deren 
Übersichtskarten in verhältnismäßig großem Maßstabe vorliegen, eigene Karten 
anzufertigen, ,,da kaum jemals die vorhandenen Karten von Kartographen stammen, 
die für die Geländeformen imd ihre Abhängigkeit vom geologischen Bau Verständnis 
haben, und da ferner gar zu leicht die Aufnahmen geradezu ungenau sind".' Weniger 
trifft dies für topographisch vollwertig erschlossene Länder zu. 

88. Eine bessere geographische und geologische Ausbildung der Topographen. 

Die Listraktionen und theoretisch praktischen Anleitungen für topographische Auf- 
nahmen in der Schweiz, in Bayern, Österreich, Italien und Frankreich miterlassen 
nicht, auf die Kenntnis der geologischen Beschaffenheit der aufzunehmenden Land- 
schaft hinzuweisen. In der Instruktion für topographische Aufnahmen im Hoch- 
gebirge der Schweiz heißt es S. 27: „Der aufnehmende Ingenieur wird vor allem 
die Terrainbildung so weit studieren, daß er sich über die Art und Weise der Model- 
herung unserer heutigen Bodenoberfläche klar wird. Er wird dabei eine Reihe immer 
wiederkehrender typischer Formen finden, die, unter gleichen Gesetzen gebildet, 
gleichartige Gestaltung zeigen und zu deren charakteristischer Darstellung jeweilen 
analoge Pimktbestimmimgen notwendig sind. Aus der Beachtung der wechselseitigen 
Beziehungen zwischen geologischer Bildung, örtUcher Lage, Vegetationscharakter, 
Bewohnung, Wegnetz, überhaupt der gesamten Bodenbedeckung, ergibt sich für 
den Aufnehmenden eine geistige Auffassung, welche ihn befähigt, die technischen 
Operationen mit Verständnis auszuführen und bei Anbringung aller dem Maßstabe 
zukommenden Detaüs ein klares Kartenbild zu liefern." A. Heller sagt in der 
Theoretischen und praktischen Anleitmig für den Dienst der topographischen Zeichen- 
sektion, München 1902, kurz und klar: ,,Es genügt nicht, ein bloß schönes Bild zu 
schaffen, sondern es müssen die durch das Material, die Schichtungs-, Lagerungs- 
und Verwitterungsverhältnisse bedingten Momente, wie sie sich dem Beschauer zeigen, 
auch aus der Zeichnmig zu ersehen sein." Aus den Werken über Geländekimde in 
den neunziger uud folgenden Jahren, besonders aus demjenigen von de la Noe imd 
Em. de Margerie, geht hervor, daß auch Frankreich das geologisch-stratigraphische 



1 A. de Lapparent geht im Hinblick auf das geologische Verständnis hauptsächlich auf die 
Richtlinien des Studiums topographischer imd geographischer Karten ein; vgl. seine beiden Aufsätze 
,,L'art de lire les cartes g6ographiques" in Comptes rendus ass. franf. av. sc, 25. sess., Paris 1896 und 
in Rev. scientif. Paris 1896, S. 38.5ff. 

- J. Moriggl: Anleitung zum Kartenlesen im Hochgebirge ra. bes. Berücksichtigung der von 
D. u. Ö. Alpenverein herausgeg. Spezialkarten. München 1909. (Die 14 beigegebenen Kartenbeilagen 
sind recht instruktiv!) 

' S. Passarge: Geologische Beobachtungen i. d. Tropen u. Subtropen. In K. Keilhacks 
Lehrbuch der praktischen Geologie. 3. Aufl. I. Stuttgart 1916, S. 253. 



Geologie und tupographischp Karte. 217 

Element mehr in den Dienst der Kartenaufnahme und -wiedergäbe gestellt hat als 
es früher der Fall war. B. S. Lyman sagt: „Jemand, der topographische Karten 
macht und nichts von Geologie versteht, tut dasselbe, wie jemand, der eine chirur- 
gische Operation ausführt und nichts von der Anatomie kennt."^ Auf die gegen- 
seitige Durchdringung von Geologie und Kartographie bei der Terraindarstellung 
und -aufnähme weist G. v. Dit trieb ausführlicher hin.- !S. Passarge klagt über 
das geringe Verständnis der Kartographen für Geländeformen in deren Abhängigkeit 
vom geologischen Bau.^ 

Trotz aller Instruktionen läßt sich immer noch auf vielen Karten der Landes- 
aufnahmen in 1:25000 die Vernachlässigung geologisch-tektonischer Eigentümlich- 
keiten des Geländes nachweisen. Die Gründe für die Wahrnehmimg sind nicht allzu- 
weit zu suchen, sie liegen in den topographischen Lehrbüchern, in der Leitung der 
topographischen Institute, in der geringen Belehrung der Topographen von selten 
des Geographen luid Geologen und nicht zuletzt in den heutigen topographischen 
Aufnahmemethoden. 

Die Lehrbücher der Topographie, z.B. die von .J. Enthoffer*, H. v. HiHorS, 
J. Zaffauk«, W. Veith', E. Eothpletz«, V. Wessely», Br. Schulzei", J. Köger", 
A. Egereri^ u. v. a. m. , wie vei-wandte Veröffentlichimgen befassen sich mit 
den Bodenformen vom rein vermessungs- imd kartentechnischem Standpiuikt aus, 
oder sie beleuchten sie wie die von C. A. le Coq in breiter Weise unter Be- 
rücksichtigung der militärischen Benutzbarkeit.^* Sie weisen wohl wie die 
oben genannten Instruktionen mit km-zen Worten auf die Bedeutung der Geologie 
hin, allein damit ist dem Topographen nicht gedient, werm wie bei Br. Schulze 

' B. S. Lyman: Contribution to conespondance on the paper of J. C. Branner entitled „Geo- 
logy in its rclations to toiiography". Tr. Am. S. Civ. Eng. XXXIX, S. 92 -94. — Impoitance of topo- 
graphy in geologieal sui-veys. The mining and metallurgical J. 1900, S. 67 — 78. 

^ 0. V. Dittrich: Gt^ologie u. Kartographie in ihrer gegenseitigen Beziehung bei der Terrain- 
dai-stellung i. Karten. Mitt. d. k. k. mil.-geogr. Inst. XXMI. Wien 1907, S. 82-95. 

■> S. Passarge, a. a. O.. S. 253. 

* J. Enthoffer: Manual of topography and tcxtbook of toiKjgraphical drawing, for the iLse 
of officers of the aniiy and na^-A', oivil-engineers etc. With an Atlas. New York 1870. 

^ H. V. Hiltor: Kurze praktische Anleitung ziun feldmäßigen Daretellen des Terrains (Kro- 
kieren). Berlin 1872. 

' J. Zaf f a uk : Populäre Anleitimg f. d. graphische Darstellung des Terrains in Plänen u. Karten. 
3. Aufl. Wien 1875. — Der«.: Gemeinfaßliche Anleitung zum Croquiren des Terrains mit u. ohne In 
Strumente. 3. Aufl. Wien 1883. 

' W. Veith: Das Tenain nach militärischer Auffassiuig u. Dai-stellung. Sonderabiliui k aus 
„den Elementen der Kriegs- usw. Wissenschaften". Würzburg 1873. 

' E. Rothpletz: Die Terrainkunde. Aarau 1885. 

» V. Wessely: Die Kartographie nach Einfülining der TerraindaretcUung in Karten imd 
Plänen. Teil II u. III. Die Bergzeichnung in Karten u. Plänen. Bremerhaven u. Ixnpzig s. a. 

"> Br. Schulze: I)a.s militärische Aufnehmen. Ix-ipzig u. Berlin 1903. - Es sei auch erinnert 
an den Leitfaden f. d. Unterricht i. d. Feldkunde (Tcrrainlchrc. Planzeichnen, Aufnehmen) auf d. köiügl. 
Kriegsschulen, Berlin 1899. Hierin sind schon die Vorbegriffe aus der Erd-, Ijvnd- und Heinmtkunde zu 
fragmentarisch. Wie soll da eine oi-dentliche Einsicht in die Geländeverhältnisse gewonnen werden. 

" J. Roger: Anleitung f. d. Unterricht im Kartcnlesen sowie im .\nfertigcn von Krokis, Ski7.zen 
und Ansicht.s.skizzen. München 1910. 

" A. Egerer: Kartenlesen: Einfühnmg in das Verhältnis toix)graphi8cher Kart<>n. Stuttgart 
1914. - Ders.: Kartenkunde. I. Einfühnmg in das Kartcnvcraländnis. Aus Natur und G<>ist»wwelt. 
Xr. filO. Leipzig u. Berlin 1020. 

" C. A. le Coq: Entwurf zu Vorlcsimgen üb. Tcrrainlchrc u. l<o<ognoscinmg. Dresden IS24. 



218 "''■ KHilinuufiial.ni,. 

stellt, ..daß scholl in einer nach richtigen Grundsätzen hergestellten topographischen 
Karte an dem Wechsel der Bergformen die Grenzen der verschiedenen Gesteinarten 
erkennbar sein müssen";^ er muß genau wissen, worauf es ankommt, um nicht auf 
zufällige Kauhigkeiten des Geländes mehr Gewicht zu legen als auf tektonisch be- 
deutmigsvollere Formen. Nirgends findet er Belehrung, nirgends Anleitung, die 
Formen geologisch und morphologisch zu verstehen und in der Natur zu erfassen. 
Deshalb werden auch die Klagen nimmer aufhören, die aus Kreisen der Landes- 
geologen über die topographischen Karten laut werden. (Vgl. auch S. 97, 212.) 

Noch mehr als in den Lehrbüchern scheint mir der Fehler bei der Leitimg der 
großen Vermessungsinstitute zu liegen, die für die geographische, geologische und geo- 
morphologische Ausbildimg der Topographen nicht genug Sorge tragen. Freihch er- 
fordert dies größere Gesichtspunkte als wie wir sie daselbst beobachtet haben imd viel 
Arbeit, wobei auch nicht alles nach einem Schema zu behandeln ist, denn der Topo- 
graph des Hochgebirges muß anders als der des Tieflandes ausgebildet werden. 

An den Geographen und Geologen hegt es weniger, sie sind gern bereit, die 
nötigen Unterweisimgen zu geben. Nur müßten die Landesaufnahmen aus ihrer nicht 
selten hermetisch verschlossenen Isolierimg heraustreten imd geographischen, geo- 
logischen imd mathematischen Kreisen zugänghcher sein. Überhaupt muß der Puls- 
schlag neuen wissenschaftlichen Lebens die Landesaufnahmen kräftiger als bisher 
durchzittern und auffrischen. Schon haben -wir hier und da gute Anläufe gesehen, 
wie bei den schweizerischen, österreichischen und bayerischen Landesaufnahmen. 
Und wenn endhch auf allen Hochschulen die Geographen eme Morphologie für die 
Bedürfnisse des Geodäten lehren, dürften die Landmesser mit ganz andern Augen 
und Gewimi als bisher an ihre Vermessimgsaufgaben heranschreiten. 

89. Die MaBstabl'rage bei geologischen Aiifuahmeu. Daß diu heutigen lopu- 
graphischen Aufnahmeverfahren trotz großen Maßstabes zur Vernachlässigung morpho- 
logischer Phänomene führen können, ist leider allzu wahr. In den frühern Zeiten, 
als in 1 : 50000 oder ähnlichen Maßstäben aufgenommen wurde, war die Methode 
der Höhenpunktbestimmimg noch nicht so fein imd reich ausgebildet wie heutiges- 
tags, und es kam viel mehr auf das scharfe Erfassen der Formen im Gelände an. Nun 
ist es richtig, m den „ä la vue-Aufnahmen" nicht das A und ß der topographischen 
Aufnahmen zu erblicken. E. Hammer insonderheit warnt, sie nicht zu überschätzen^, 
doch dürften sie heute nicht so vernachlässigt werden, wie es weniger bei der Meß- 
tischaufnahme als den tachymetrischen Aufnahmen in 1 : 5000 und großem Maß- 
stäben der Fall ist. Die Verführung bei letzterm Verfahren ist zu groß, nur in dem 
Einheimsen einer großen Anzahl gemessener Punkte, die zur Konstruktion des Ge- 
ländes im Zimmer dienen, das alleinige Heil guter topographischer Aufnahmen zu 
erbhcken. Es dürfen die numerischen Höhenbestimmungen nicht auf Kosten des 
geistigen Erfassens der Bodenformen überhand nehmen. Die große Pmiktzahl macht 
noch keine Karte, imd tektonisch wichtige Unebenheiten können auch hierbei über- 
sehen werden. Auf alle Fälle ist eine nochmaUge Begehung des Geländes an der 
Hand der fertiggestellten Höhenzeichnung sehr zu empfehlen. Der dafür beanspruchte 
Zeit- und Kostenaufwand macht sich reichlich belohnt. 



1 Br. Schulze: a. a. O., S. 182. 

» E. Hammer: Zur künftigen topographischen Grundkarte von Deutschland. Der I^andmesser. 
7.. des Landesverbandes preußischer Landinesservereine in Beilin VII. 1919, S. 39. 



Wirla.lirtt't und topoiiietriscln' Kurt.'. 219 

Die morphologisch gut aufgenommene topogiaiihische Karte ist für die weitere 
geologische Kartierung von großem Vorteil. Für jede geologische Aufnahme ist die 
topographische Grundlage unentbehrlich, selbst in Ländern, die erst erschlossen 
werden sollen. W. Volz z. B. fand bei seinen geologischen Untersuchvmgen in Nord- 
Sumatra die vorhandenen Karten so lückenhaft imd falsch, daß er, um überhaupt 
seine geologischen Beobachtungen zu Papier bringen zu können, gezwungen war, 
sich selbst z\mächst die topographische Gnmdlage zu schaffen.^ Vor eine ähnhche 
Aufgabe wiirde W. Penck gestellt, als er den Südrand der Pima de Atacama, ein 
Gebiet imierhalb der ariden Zone Südamerikas, geologisch zu erforschen hatte.- ifl 

Neuerdings fängt die Maßstabfrage auch hier an, von Wichtigkeit zu werden, 
wenngleich die diesbezügüchen Wünsche in geologischen Kreisen noch spärHch auf- 
treten, z. B. in Keilhacks Lehrbuch der praktischen Geologie', wo darauf hin- 
gewiesen wird, daß für geologische Aufnahmen die Meßtischblätter 1 : 25000 oft 
nicht mehr genügen. Bei der Beanspruchung zahheicher Farbendruckplatten dürfte 
man mit den geologischen Landeskarten, wie sie jetzt in jedem großem Staat und 
Einzelstaat in 1 : 25000 ausgeführt werden, auf Jahre hinaus zufrieden sein. Auch 
E. Hammer hält den Maßstab 1 : 10000 für die Grundlage einer allgemeinen geo- 
logischen und agronomischen Landesdarstellung zu groß.* Anders verhält es sich 
bei der Aufnahme im Felde, wo man gern zu dem Maßstab 1 : 10000 seine Zuflucht 
nehmen wird, wenn nicht gar bei verwickeitern geologischen Verhältnissen, wie bei 
Bruchzonen, Erzgängen, Lagerstätten usw., zu Katasterkarten, denen aber meistens 
die Höhen fehlen. Sicher ist, daß bei geologischen Detailaufnahmen die künftige 
topometrische Grundkarte in 1 : 5000 eine große Eolle zu spielen berufen ist. Über- 
sichtUch und so vollkommen wie möglich muß die geologische Aufnahme sein; diese 
Forderungen zu erfüllen, ist der Maßstab 1 : 5000 gerade geeignet, imd vereint mit 
einer auf zahlreichen Punktmessungen berulienden Höhenkurvenzeichnung wird die 
Feldarbeit des Geologen ebenso erleichtert wie gefördert. 



III. Wirtschaft und topometrische Karte.' 

90. GeoloKiseh-agronuDiisehe Karten. Forslkarten. Nahe verwandt der geo- 
logischen Karte ist die Bodenkarte oder, ihr engeres Betätigmigsfeld umfassend, die 
agronomische Karte. Daß das geologische Moment nicht vergessen werde, dafür 
sprechen die geologisch-agronomischen Karten.« Die Karten basieren auf einer 
geologischen' und praktisch-wissenschaftlichen Untersuchung. Ihre Hauptaufgabe 
ist, die dadurch festgestellten physikalischen und chemischen Eigentümhchkeiten 



' W. Volz: Kartographische Ergebnisse meiner Reisen durch die Karo, und Pakpak-Batak- 
länder (Xordaumatra). Tijdschrift van het Koninklijk Noderlandsch Aardrijkskiuidig CK-nixitsohap. 
2« Ser. dl. XXV, 1908, S. 1346. 

* W. IVncU: Topographi-iche Aufnahmen am Südrand der l'una de .Vt^wam» (N W Arven- 
tinien). Z. d. Ges. f. Erdk. zu Berlin 1918, S. 193ff. 

' K. Keilhack: Lehrbuch der praktischen Geologie. 3. Aufl. Stuttgart 1916. I. S. 14. l."». 

* E. Hammer: l^er die Bestrebungen der neueren Landestopographie. P. M. 1907. S. 107. 

' A. .•Vbendrotli apriebt von der topometrischen Karte 1 : .5000 nur als von der „wirtschaft- 
lichen Einheitskarte"; s. A. Abendroth: Die l'ra-ci« des Vernie-ssungsingenieurx. Berlin 1912, 
S. 773 -777. 

* Vgl. u. a. K. Keilhack: Einführung in das Veret&ndnis der geologisch agronomischen Speiial- 
karten des Norddeutschen Flachlandes. Berlin 1901. 



220 Dif KartpnaufDahme. 

des Bodens im Bilde -wiederzugeben. Insonderheit legen die geologisch-agronomischen 
Karten darauf Wert, die Untergruudzusammensetzimg bis zu einer gewissen Tiefe, 
meist bis 2 m, darzustellen, weil durch die Veranschaulichung der Bodenzersetzung 
die Land- wie Forstwirtschaft in die Lage versetzt werden, wichtige Schlüsse auf die 
Rentabilität irgendwelcher Bepflanzung zu ziehen. Der Forstwirtschaft gegenüber 
wendet der Land bau in ausgedehnterm Maße die Melioration an, er ist nicht wie 
jene in so hohem Orade von der ursprünglichen Bodenzusammensetzung abhängig. 
Neuerdings wird die Bodenkarte immer unentbehrlicher für die Wasserversorgung 
kleiner und großer Gemeinwesen, desgleichen für die Bauverwaltung, da sie den Nach- 
weis über vorhandene Baumaterialien für Hochbau und Wegebau liefert. 

Von der Bedeutung der agronomischen Karten ist man in allen Kulturländern 
überzeugt mid ist an die Herausgabe solcher Karten auf Grundlage der vorhandenen 
topographischen Karten in neuerer Zeit tatkräftig herangegangen. Frankreich hat 
schon seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geologisch-agro- 
nomische Karten in 1:40000 herausgegeben, bearbeitet von Meugy und Nivoit.^ 
Wesentlich von geologischem Gesichtspimkt aus geleitet, werden nach 1900 in Preußen, 
Bayern und Württemberg die agronomischen Karten aufgenommen; sie bauen sich 
auf den Meßtischblättern 1 : 25000 auf. Nach den oben ausführlicher erörterten 
Zwecken sind diese Karten nichts anderes als Übersichtskarten. Für speziellere 
Untersuchungen ist man gezwimgen, zu dem großen Maßstab 1 : 5000 zu greifen, 
den auch C. Eberhart auf Grund langjähriger Erfahrungen vorgeschlagen hat.* 

Die Forstkarten haben von jeher gi'oße Maßstäbe bevorzugt. Am beliebtesten 
sind Karten in 1 : 4000 bis 1 : 8000. Daneben machen sich Karten in 1 : 1000 bis 
1 : 16000 bemerkbar. Diese Mannigfaltigkeit erweist sich bei vergleichenden Be- 
trachtungen imgemein störend. Darum wird es nachgerade Zeit, daß man sich im 
Forstwesen auf eine Gnmdkarte in 1 : 5000 einigt, natürlich mit Höhenkurven, da 
von der Höhenlage neben der Bodenzusammensetzung bzw. Fnichtbarkeit die Een- 
tabilität des Waldes abhängig ist. Ebenso erweist sich für die Anlage der Forstwege, 
die sich möglichst den Unebeidieiten des Geländes anschmiegen müssen, die Höhen- 
karte imentbehrlich. Zuletzt dürfte die gemeinsame topometrische Grundkarte in 
1 : 5000 dem Mißstand , die Forstkarten an den Eigentumsgrenzen aufhören zu lassen, 
ein Ende bereiten. 

!)1. Eisenbahn-, Straßen- und Wasserbaukarteu. Wirtschaftsgeographische Karten. 

Die Forderung des Eisenbahnbaus nach großmaßstabigen Karten nimmt man als 
durchaus selbstverständlich hin. Die bahnbautechnische Literatur sucht aber auch 
heute noch nach den zweckmäßigsten Maßstäben. Keine Einheitlichkeit ist vor- 
handen, der allerdings die verschiedenartige Gestaltung des Bodens Vorschub leistet. 
Bei Eisenbahntrassierungen läßt es sich im gebirgigen Gelände mit 1 : 10000 kaum 
auskommen, viel weniger mit 1 : 25000. Da keine Karten in dem gewünschten Maß- 
stab 1 : 5000, mit Ausnahme in Bayern, vorliegen, hat die Eisenbahnverwaltung zu 
den Katastern in 1 : 1000 bis 1 : 2500 gegriffen, die sie größtenteils durch Höhen- 
kurven vervollkommnen mußte. Von fachtechnischer Seite aus wird die Heraus- 



' So die Cartes g^ologiques agronomiques des arrondissements de Retliel, Mezi6res, Sedan, 
Rocroi et Vouziers. Paris 1876-1885. 

^ C. Eberhart: Über Wesen und Bedeutung der Bodenkarten. Naturw. Z. f. Forst- u. Landwirt- 
schaft 1910. 



Wirtschaft und topometriache Karte. 221 

gäbe einer topometrischen Grundkarte warm befüi-wortet iind im speziellen der Maß- 
stab 1 : 5000 für generelle Eisenbabnvorarbeiten als höchst zweckmäßig bezeichnet, 
so von Würtbenaui. E.Hammer, H.Müller, C.Koppe, letzterer in seinen 
spätem Yeröffentlichmigen*, während er in seinen frühem noch für den Maßstal > 
1 : 10000 eintritt. Die Bauingenieure der Schweiz treten samt und sonders über- 
zeugend für den Maßstab 1 : 5000 als den vorteilhaftesten sowohl für die topographischen 
Aufnahmen wie für die Pläne zum Zwecke allgemeiner Eisenbahnvorarbeiten ein. 

Nel)en dem Eisenbahnbau haben der Straßen- und weit mehr noch der Wasser- 
bau' berechtigtes Interesse an der Herausgabe einer topometrischen Gnmdkartc 
in 1 : 5000. Bei den Straßenbaukarten würde dann endUch die gesamte Nachbar- 
schaft auf dem Kartenbild mit erscheinen, und nicht wie jetzt übhch, nur links und 
rechts des Straßenzuges die orographische Gliedemng auf kaum 100 m Entfernung 
angegeben. Der Maßstab der gewünschten Grandkarte gestattet eine ausführliche 
imd klare Kartierung des Wassernetzes mit sämtHchen Wasserbauten. Für das 
gesamte Kultur- und Mehorationswesen sind die topographischen Karten 1 : 25000 
nicht geeignet : schon als Übersichtskarten sind sie nur beschränkt zu brauchen, wie- 
viel weniger noch als Arbeits- und Aufnahmekarte. 

Wird die topometrische Grundkarte in 1 : 5000 erst einmal für größere und 
wichtigere Gebiete fertig vorliegen, so werden ihr noch Aufgaben zuwachsen, an die 
man jetzt kaum zu denken wagt. Nur auf wirtschaftsgeographische Darstellungen 
sei hingewiesen. Die Klage über die Überfülhmg der Wirtschaftskarten, selbst bei 
Spezialkarten, wird bei den jetzt für diese Karten üblichen Maßstäben nie verstummen. 
Erst auf der großmaßstabigen Höhengnmdkarte wird es möghch sein, mit den karto- 
graphischen Mitteln imd nicht statistisch-graphischen Hilfsmitteln die verschiedenen 
Gewerbezweige eines Industriezentrums oder -beckens klar und instruktiv darzustellen. 
Das Problem der detaillierten industriellen Wirtschaftskarte ist dann mit einem 
Schlage gelöst. 

92. Der ökonomische Werl großmaOstabiger Karten und das Wachsen der .\n- 
sprürhe an den .Maßstab. Vor allem werden, wie wir schon durchblicken ließen, durch 
ein einheitliches großmaßstabiges Werk viele leidige Doppehnessmigen eines Staates 
vermieden, was seinem Haushalt offenbar zugute kommt. Schon E. v. Sj'dow 
sagte vor mehr als einem halben Jahrhimdert: „Je gründlicher und besser eine Auf- 
nahme, um desto größer ist die Ersparnis, derm zwei flüchtige Aufnahmen kosten 
ebensoviel als eine gute und üefem niemals die gleiche Ausbeute, so daß jedes auf 
Genauigkeit berechnete Bedürfnis auch wieder eine Spezialaufnahme erfordert."' 



' Würthcnau: Mitteilungen über d. Herstellung topographischer Karten mit Horizontal- 
kurven zur Bestimmung der Zugrichtung von Eisenbahnen. Stralien u. Kanülen. Stuttgart 1888. 

- Vgl. C. Koppe: Die topographisch. Grundlagen bei Eisenbahn-Vorarlieiten in verschiedenen 
Landern. Z. f. Verra.-W. 1910. S. 401 410. 

" In J. h. van Ornum ..Toiwgraphical surveys, their methods and value" (Bull, l'niversity 
Wisconsin, Engineering series, Bd. I. Nr. 10; S. WM —.369; Miulison, Wisc. 189fi) lesen wir von der 
großen Bede\iti»ig guter topograph. Karten für ilie Wasserversorgung. .Auch auf Liverpool (England) 
ist hing«-wlesen, da-s von dem Nutzen der Karten des Ordnance Survey für da» Was-serversorgiuigs- 
projekt spricht. 

* Sydow äußerte dies gelegentlieh einer Besprechung der tojxigraphischen .•\ufnahme von 
Böhmen. Vgl. Der kartographische Standpunkt Kuropa» in den . fahren I8fi.1 und I8«4. P.M. I8fi4, 
S. 479. 



222 !>!'■ Kint.'nauri.i,lnnr. 

Bei iillen Vorteilen der topometrischen Grundkarte in 1 : 5000 l>in ich mir der außer- 
ordentlichen Schwierigkeiten eines derartigen epochalen und von unzähligen Inter- 
essenten dringend geforderten Werkes gar wohl bewußt. Aber mit dem Feldzeug- 
meister Otto Frank, dem letzten berühmten Kommandanten des k. u. k. Militär- 
geographischen Instituts bin ich der Überzeugung, daß es durchs Zusammenwirken 
alk'r wissenschaftlichen, technischen, industriellen und staatlichen Faktoren doch 
gelingen muß, ,,alle Schwierigkeiten zu ülierwinden und eine Landesaufnahme y.n 
schaffen, die das Beste und für lange Zeiten Gültige leistet". Schon 1905 kam l<'raiik 
zu der Überzeugung, daß der Maßstab 1 : '25000 infolge seiner merklichen Verschiebungen 
von Horizontalprojektionen den Anforderungen der Technik usw. nicht entspricht. ^ 
Von dem Grundsatz ausgehend, den Maßstab bei einer großmaßstabigen topographischen 
Karte so zu wählen, daß durch die Signaturen keine Verschiebungen von Terrain- 
teilen imd -gegenständen möglich sind, kam er bei seinen Untersuchungen über den 
Maßstab 1 : 25000 zu dem Ergebnis, daß Verschiebungen bis 50 m vorkommen, so 
bei Wegen, kleinen Talweitungen, selbst bei Kuppen, Sätteln usw., und zwar auf 
Kosten des Geländes. Selbst im Hochgebirge ist bei 1 : 25000 das topographische 
Detail zu gering und die Anzahl der Höhenkoten zu klein. Ohne von E. Hammers 
Arbeiten über diesen Gegenstand Kenntnis gehabt zu haben war auch l'rank wie 
ich durch die Erfahrungen des Krieges auf den Gedanken der Ausführung einer groß- 
maßstabigen Grundkarte mit Höhenschichten gekommen, ein guter Beweis dafür, 
daß das Bedürfnis nach jener Karte an verschiedenen Stellen entstanden und laut 
geworden ist.^ 

Interessant ist es, festzustellen, wie innerhalb weniger Jahrzehnte die Ansprüche 
an den Maßstab sich geändert haben. Als die ersten Meßtischblätter nach 1871 der 
Öffentlichkeit übergeben wurden, war das ein Ereignis, imd kein Geringerer als 
C. Vogel weist auf die wissenschaftliche und praktische Bedeutung der Aufnahmen 
in 1 : 25000 hin, wie sie ein Hauptträger der Nationalökonomie und Statistik sind, 
überhaupt derjenigen Wissenschaften, die sich vorzugsweise mit den Lebensäußerungen 
des Staates und der Menschheit beschäftigen, die mithin den größten Einfluß auf 
das Wohlergehen des Ganzen und des Individuums ausüben. ,, Staat' mid Gemeinde, 
Gesellschaften und die einzelne Person finden in diesen Karten den Nachweis und 
die Grundlage zur Ausübmig für die verschiedensten Lebenszwecke. Ihre Wichtig- 
keit für das militärische Interesse hier ganz beiseite lassend, sind sie die Vorbedingung 
für die genaue und erschöpfende Anfertigung von wissenschaftlichen, naturhistorischen, 
meteorologischen imd geologischen Karten."* Und schon vor Vogel hat K. Kofistka 

• O. Frank: Landesaufnahme u. Kartographie. Mitt. d. k. k. militär-geogr. Inst. XXIV. 
Wien 1905, S. 52, 53, 57. — Frank erweiterte die Vorschläge von Bancalari und gab ihnen positive 
Grundlage. Bancalari hatte seinerzeit scharfe Kritik an den offiziellen österreichischen Karten und Auf- 
nahmen ausgeübt, wobei er u. a. auch zu dem Ergebnis kam, daß eine Neuaufnahme geschaffen werden 
müsse, die den mannigfachsten Wissenszweigen diene; sie müsse eine Art geographischer morpho- 
logischer und topographischer Kataster zu werden trachten. Vgl. G. Bancalari: Studien üb. d. 
Österreich. -Ungar. Militärkartographie. S.-A. aus d. Organ der militär-wissenschaftlichen Vereine. 
Wien 1894, S. 30. 

- Gerade über diesen Punkt und weitere kartographische Probleme hatte sich Frank mit mir 
bereits schriftlich in Verbindung gesetzt. Er hatte mir auch seinen Besuch im Felde angekündigt, 
als plötzlich der Tod seinem tatenreichen Leben ein jähes Ende bereitete, was ich im Interesse meiner 
kartenwissenschaftlichen Studien besonders schmerzlich empfunden habe. 

' C. Vogel: Die vom K. Preußisch. Ministerium f. Handel usw. herausgeg. Meßtischblätter 
der Gencralstabsaufnchmcn. P. M. 1873, S. 366ff. 



Die griißiiuiBstaliigcii Karten cinzeliitT Länder. 223 

die Darstellungsmethoden der Höhenverhältnisse und den Entwurf von Schicht- 
linienkarten untersucht und versucht, die Beziehungen nachzuweisen, in denen der- 
artige Aufnahmen mit wichtigen Fragen der Urographie, der Geologie, der Pflanzen- 
geographie und der gesamten Landeskultur stehen.^ Ähnlich wie sich C. Vogel über 
die Bedeutung der deutschen Meßtischblätter für den Zivilingenieur äußerte, urteilte 
H. Siegfried fast zti gleicher Zeit bei der Herausgabe der Schweizer Aufnahmen 
in 1 : 25000.2 



IV. Die großmaßstabigen Karten einzelner Länder. 

93. Die großmaßstabigen Karton außerdeufscher Läudcr. Die rapide Entwicklung 
und damit zusammenhängend die weitgehenden Ansprüche der Wirtschaft und Kultur- 
technik, insbesondere die neuern Bestrebungen, Wasserstraßen und Wasserkräfte 
nutzbar zu machen und last not least die steigende Bevölkerungsdichte haben den 
noch vor einem Menschenalter allseitig begehrten Maßstab 1 : 25000 für topographische 
Karten überwunden, nicht in allen Ländern, nur in wenigen hochkultivierten Ländern, 
unter denen Deutschland voransteht, wenn auch Großbritannien und Irland die 
Länder sind, die zuerst einheitliche Karten großen Maßstabs gehabt haben, was aus 
der kulturhistorischen Entwicklung Englands heraus zu erklären ist, befördert durch 
die günstige Verteilung des Kulturbodens, die frühzeitige Entwicklung vom Agrar- 
z\im Industriestaat und die verhältnismäßige Kleinheit und Geschlossenheit des 
Landgebietes gegenüber den bedeutendem kontinentalen Reichen. England hegt 
schon seit 1890 in dem Maßstab 1 : 2500 vollständig kartiert vor. Diese Gemeinde- 
oder Katasterkarten. „Maps of parishes", bedecken weiter einen großen Teil von 
Schottland und in Irland lediglich das Dubliner Gebiet. Die Neuausgaben dieser 
Karten erscheinen in Buntdruck, Situation schwarz, Gewässer blau, Straßen braun, 
Baulichkeiten rot; ihre Evidenthaltimg ist eine gewaltige Aufgabe der britischen 
Katasterkartogi-aphie. Leider fehlen ihnen die Höhenangaben, bzw. Höhenschichten, 
die uns erfreulicherweise auf den Grafsehaftskarten „Maps of counties" in 1 : 10560 
mit dem Abstand von 25 engl. Fuß = T.fJ m entgegentreten. Über 25000 Blätter 
zählen die Grafschaftskarten oder ,,6 inch county maps", (> Zoll = 1 engl. Meile. 

Frankreich, das vor hundert und mehr Jahren so rüstig an Neuaufnahmen 
lieranging, und für seine Zeit glänzende Eesultate erzielt hat, ist in den letzten Jahr- 
zehnten nicht so recht vom Fleck gekommen. Damit sage ich den Franzosen nichts 
Neues. Wie stolz war man früher auf die Generalstabskarte und doch mußte man 
in der Kammer im September 1920 eingestehen: ,,Mais, de toute fa^on, la carte d'etat- 
major a vieilli et doit etre remplacee." Sie wissen das selbst zur Genüge, aber bis 
jetzt haben sie noch keine durchgreifenden Maßnahmen zur Abänderung ergriffen. 
Seit 1897 ist die Neuaufnahme m 1 : 10000 im Gange; für die Gebirgsgegenden ist 
sie in 1 : 20000 vorgesehen. Doch schreitet sie rücht in der Weise vorwärts, daß bald 
ein gedeihUcher Abschluß des Werkes zu erhoffen wäre. Die französischen Kataster- 
anfnahmen sind nach .\lter und Wert außerordentlich verschieden. Nach eigener 
Beurteilung an Ort und Stelle fand ich viele so veraltet, daß eine Neuaufnahme höchste 
Zeit ist. Die alte Katastrierung war 1S50 vollendet, 1890 entschied sich die fran- 



' K. Küfitttka: Studien üb. d. Metlioden u. d. ßoiiüt7.iiiig hyiMonietrisoher ArbeiU-u, njwli- 
gewiesen an den Niveauverhältnisscn der Umgebungen v. Prag. Kin neuer Beitrag zur (1«ida«ie n. 
zur Orographie. Mit 2 Niveaukartcu. Gotha 1858. 

• n. Siegfried, a. a. O., S. 26. 



224 ''■'' KMi-ten.-iufnahraP. 

zösische Regierung für eine neue Katastervermessung, die jedoch erst 1906 richtig 
in Fluß kam. Die Arbeit ging aber kaum in der gewünschten Weise voran. Eine 
große Stockung braclite 1914 der Krieg. Nach dem Kammerbericht vom 5. Sept. 
1920 soll der Service geographique die Aufnahme wieder energisch in die Hand nehmen. 

In Belgien ist vor mehreren Jahrzehnten eine genaue Landesaufnahme in 
1 : 10000 durchgeführt worden, und Holland besitzt schon seit geraumer Zeit Spezial- 
karten für wasserwirtschafthche Zwecke in 1 : 10000. Daneben treffen wir auf 
Katasterkarten in großem Maßstäben. Für Norditalien ist die Aufnahme und Heraus- 
gabe eiues Kartenwerkes in 1 : 10000 geplant. Österreich hatte in Erkemitnis der 
Unzulänglichkeit der Karte 1 : 25000 eine ,, Präzisionsaufnahme" in 1 : 10000 geplant, 
aber wegen der damit verbimdenen hohen Kosten, langen Zeit und vermehrten Arbeits- 
kräften nicht ausgeführt, zugleich auch in dem Bewußtsein, daß mit der Neuaufnahme 
den Bedürfnissen der Technik und Wirtschaft noch nicht so gedient ist, wie man 
ursprünglich erhoffte. Merkwürdigerweise hatte man dazu weder die alten „Katastral- 
mappen" in 1 : 2880 (40 Klafter = 1 Zoll) noch die neuern in 1 : 2500 und größern 
^Maßstäben zugrimde gelegt. Bei der heutigen Beschneidung des ehemaligen öster- 
reichischen Gebietes dürfte von dem Militärgeographischen Institut in Wien eine 
Karte großen Maßstabes bald in Angriff genommen werden, am besten im Anschluß 
an das geplante bzw. zu planende deutsche große Grandkartenwerk. 

In der Schweiz hat man gleichfalls das Ungenügende der Karte 1 : 25000 für 
kulturelle Zwecke eingesehen imd ist hier vor allen Dingen mit der Renovierung des 
gesamten Katasters beschäftigt, die 1910 begonnen hat, hauptsächüch mit der Grund- 
buchvermessimg in den Maßstäben 1 : 200 bis 1 : 10000. Der Gebrauch der vielerlei 
Maßstäbe ist indessen nicht gut; man vermißt die Einheitlichkeit des Planes. 

Ansätze zu großen einheitlichen Kartenwerken, die über die Maßstäbe 1 : 25000 
imd 1 : 20000 hinausgehen, befinden sich erst im Status nascendi bei den andern 
europäischen Staaten, geschweige denn bei den außereuropäischen. Daß Däne- 
mark Katasterkarten besitzt, desgl. auch Schweden, Norwegen und Spanien für gut 
angebaute Gegenden, in dieser Hinsicht katasterähnliche Karten in beschränktem 
Maße selbst amerikanische Länder, Südafrika, Nordafrika, Australien, Vorderindien, 
Siam^, Ostasien, braucht hier des nähern nicht ausgeführt werden. Insbesondere 
ist Südamerika, wo bis jetzt P/q des Landes in Kultur stehen und in kurzer Zeit 10 
bis 20"/o. d. h. 2—3 Millionen Quadratkilometer Land zu Ackerbau und Forstwirt- 
schaft benutzt werden können, gezwungen, für die Regelung der Besitz- und Be- 
steuerungsverhältnisse em Kataster zu schaffen.^ Der älteste Kataster dürfte auf 
die alten ägyptischen Landmesser zurückgehen.^ 1906 ist die neue Katasteraufnahme 
in 1 : 2500 und 1 : 4000 durch die Engländer vollendet worden.* 1 : 4000 ist derselbe 
Maßstab, der bei der Steuervermessung in Indien und Siam angewandt wird. 

94. Die großmaßstabigen Karten der deutschen Länder. Innerhalb Deutsch- 
lands finden wir nicht bloß seit längerer Zeit gute Ansätze zur Aufnahme von groß- 

' Siam hat Katastcrkarten in 1:4000 aufnehmen lassen. Vgl. M. Groll: Die topographische 
I^ndesauf nähme von Siam. S.-A. aus der Z. d. Ges. f. Erdk. zu Berlin 1913. 

^ Von nordamerikanischen Katasterkarten sind die größerer Stadtbezirke bemerkenswert, wie 
die von City o£ St. Louis, Mo. und City of Baltimore, Md. in 1 : 2400. 

' Vgl. H. G. Lyons: The cadastral survey of Egypt 1892-1907. Cairo 1908. 

* Vgl. H. G. Lyons Bericht in „Egjrpt. A report on the work of the survey department in 1906. 
Cairo 1906. - Dazu E. Hammers Lit.-Ber. in P. M. 1908, S. .''.8. .'•>9. 



Die groUiiiiißstabigi'ii Karten einzelner T.iinder. 225 

maßstabigen Karten, sondern Itereits fertiggesteUte Katasterkarten', die gedruckt 
und im Buchhandel zu beziehen sind, wie in Württemberg und Bayern. Aber trotz 
dieser erfreulichen Tatsachen herrscht eüi Durcheinander, daß es Zeit wird, die ver- 
schiedenen üffentUchen großmaßstal)igen Kartenunternehmimgen als eui Ganzes 
einheitlich und planmäßig zu behandeln. Die süddeutschen Gebiete sind den nord- 
deutschen voraus, was erklärlich ist. denn das kleine Württemberg kann leichter 
em großes geschlossenes Werk dieses Gebietes als das große Preußen herausgeben. 
Während in Preußen die Meßtischblätter in 1:25000 als Originalaufnahmen an- 
zusehen .sind, haben die Karten gleichen Maßstabes von Bayern und Württemberg 
nicht mehr den Grad einer Originalaufnahme imd sind schon mehr als Quellenwerke 
zweiten Grades zu betrachten (S.'2'2, 23); derm sie beruhen jetzt in der Hauptsache auf 
den Originalaufnahmen 1 : 5000 in Bayern, einige wichtigere Gel)iete sind in 1 : 2500 
aufgenommen, und 1 : 2500 in Württemberg. Hier ist mithin die Originalaufnahme 
eine zehnmal größere als in Preußen; was das für die Richtigkeit und den Wert der 
württembergischen Originale mid femer für die Karten 1 : 25000 zu bedeuten hat, 
ist ohne weiteres einleuchtend. Seit 1868 ist die Geländeaufnahme in Schichtlinien 
auf den bayrischen Katasterkarten 1 : 5000 im Gange, es wird heute noch daran ge- 
arbeitet.- Für die württembergischen in 1 : 2500 ist die Höhenkurvendarstellung 
eine unerläßhche Bedingung. Man scheidet in einigen Ländern, wie in der Schweiz, 
in Österreich, bereits das ,, Höhenkataster" von dem „Lagekataster". Für die moderne 
Wirtschaft luid Kulturtechnik hat die Katasterkarte ohne Höhenbezeichnung be- 
schränkten Wert. Darum hatte man in Württemberg dank dem tatkräftigen Wirken 
E. von Hammers beizeiten mit der Höhenkurvendarstellung für Katasterkarten be- 
goimen imd Württemberg hat dadurch ein ausgezeichnetes, mustergültiges Karten- 
werk geschaffen, dem man bis zur Stunde kein ähnhches von gleichem Umfang, in 
gleicher Güte und Ausführung weder im Inland noch im Ausland an die Seite zu 
stellen vermag. Zugleich wird durch es wie durch die bayrischen Katasterkarten 
der richtige Weg gezeigt, wie eine Musterkarte 1 : 25000 zu schaffen ist, nämlich vom 
Detaillierten ins Generelle überzugehen. Den württembergischen Katasterkarten 
reihen sich die Pläne des neuen deutschen Katasters von Elsaß-Lothringen würdig 
an. Von den sächsischen Katasterkarten beruhen die Neuaufnahmen in 1 : 1000 und 
1 : 2000 (1870—1890) auf besondem Triangulationen, die alten Blätter sind einfache 
Meßtischaufnahmen.^ Diese alten und neuen Karten haben wie in Preußen keine 
Beziehung zu den sächsischen Meßtischblättern in 1 : 25000 (nach preußischem Muster 
ausgeführt, seit 1904 im Erscheinen), die wiederum nicht zu verwechseln sind mit der 
,, Gradabteilungskarte des Königreichs Sachsen m 1 : 25000", kurzweg ,, (topographische) 
Karte 1:25000" genamit, die 1875—1888 aufgenommen wurde, hauptsächlich zum 
Zwecke der Kartierung der Geolog. Spezialkarte des Königr. Sachsen 1 : 25000. 
die seit 1872 von H. Credner, R. Beck, Fr. Etzold u.a. liearboitet wonlen ist. 

J).). Die prakliM'he Itiircliliihriimr fiinT fiiilifilliclit'ii to|toinetriM-li(Mi (irund- 
kart«. Was Württemlierg und Bayern im kleinen geschaffen. uiul.i sieli auf das ge- 
samte Deutsche Reich ausdehnen, wenn möglich im Anschluß auf Nachbargebiete. 

' Erklärung des Wortes „Katnstcr" s. Z. f. Venu. ISitT. S. 161 Itifi. 

« Heller: Die Tätigkeit des bayer. topogmph. Bureaiisi. d. letzt. lO.Iabi-en. Müiulien IIK». 8. 5. 
^ Vgl. A. Riebicr: Hie siiebs. Lande-sverniessung (KatH-itorviniii-^Kiini;). Rcitrügo zur 
deiilHch. Kartogr. Hg. v. H. I'nies.nt. Loip/ig I9J1, S. «I—«:;. 

Kckcri , lw>rlPDwi»«Dacliari. 1. 15 



226 L)ie Kartoimiiftiahmo. ■ 

Für ein solches Unternehmeu kommt lediglich eine Höhenkurven karte m 1 : 5üOU 
oder, wie wir sie künftig nur bezeichnen wollen, die topometrische Grundkarto(Ein 
heitskarte) in 1 : 5000 in Frage. Darüber braucht man kein Wort weiter zu verlieren 
daß die kleüiparzellierten Weinberg- und Gartenbaugebiete des Eheins und das 
rheinisch-westfälische Industriegebiet eher in Angriff zu nehmen sind als die Eomin 
tener Heide. Vor allem kommt es darauf an, daß die großmaßstabigen Karten, also 
die Kataster und die topometrische Grundkarte genauen Aufschluß über die Ge- 
ländeverhältnisse geben. Es gelangt dadurch ein alter Ausspruch wieder zu Ehren 
den J. G. Lehmann bereits vor 1800 getan hat, als er von einer guten topographischen 
Karte mit der sichern Angabe des Geländes (für seine Zeit suchte er in der Böschungs 
schraffe das Allheilmittel) sagte: ,,Mir deucht, auch der Naturforscher im allgemeinen 
der Staatswirt, der Berg- und Forstmann, der Land- und Wasserbaumeister, der 
Unternehmer großer Fabriken, imd selbst der größere Landwirt bedarf dieser hier 
entwickelten Kenntnisse als Hilfsmittel; denn überhaupt beruht ja der irdische und 
geistige Wohlstand unserer aller, als Menschen und Staatsbürger, auf der richtigen 
Erkenntnis und klugen Benutzung der Erdoberfläche." ^ Noch etwas früher hatte 
auf die Nützlichkeit topographischer Karten ,,fiir mehrere Geschäfte des bürgerlichen 
Lebens" und ,,die Nützhchkeit der Bergzeichnung für die Ökonomie" der kurpfälzische 
Wasserbaumeister Wiebeking hingewiesen. ^ 

Für den Maßstab 1 : 5000 haben sich, wie wir oben sahen, viele Fachleute aus 
den verschiedensten praktischen und wissenschaftlichen Kreisen erklärt. Vom Gesichts- 
pimkt des Geographen aus habe ich den Maßstab zu rechtfertigen gesucht, aber auch 
auf Grund eigener Erfahrungen im Kriegsvermessungswesen muß ich für einen Maß- 
stab in 1 : 5000 plädieren. Bei einem Bewegungskrieg ist der Maßstab 1 : 25000 der 
größtmögliche, bei dem Stellungskrieg der 1 : 5000 der beste; denn bei den Infanterie- 
verteidigungsanlagen und den Artilleriestellungen gilt es, die feinsten Bodenwellen 
auszunützen, die wegen der Gesamtanlage des Verteidigungs- bzw. Angriffssystems 
vorher auf der Karte kenntUch gemacht werden müssen. Wegen der kurzfristigen 
Termine, zu denen während des Krieges die Neuaufnahmen des besetzten Frank- 
reichs fertiggestellt sein mußten, wurde in der Hauptsache im Maßstab 1 : 10000 
aufgenommen, daneben nur, wo es angängig war, 1 : 5000 (besonders von den Bayern 
im Argormerwald, sie waren diesen Aufnahmemaßstab von zu Hause aus gewöhnt). 

Die Hauptarbeit bei der Neukartierung des Deutschen Eeiches fällt Preußen 
zu. Ab ovo jedoch ist nicht alles zu schaffen, es gibt auch in Preußen überall Kataster- 
karten, nur müsst^n sie zusammengefaßt, vereinheitlicht und weiter ausgebaut und 
ergänzt werden. Wo sie als Grundlage für die Grund- oder Einheitskarte versagen, 
sind Neuaufnahmen — und ihrer werden es nicht wenige sein — notwendig. Sodann 
müssen die neuen Katasterkarten wie auch die süddeutschen in ein einheitliches 
Koordinateimetz eingehängt werden, als welches sich das von Gauß- Krüger von 
selbst empfiehlt (s. § 76). 

96. Militär- und Ziviltopographic. Neuorganisation im Vermessungswesen. 

Die Arbeiten der Neukartierung und verwandte Arbeiten müssen in einer Hand, 
d. h. bei einer einzigen Behörde liegen. Das ist die große Aufgabe der Zukunft, die 

' J. G. Lehmann: Darstellung einer neuen Theorie der Bezeichnung der schiefen Flüche im 
Grundriß oder der Situationszeichnung der Berge. Leipzig 1799. S. III. 

« C. F. Wiebeking: Über topographische Garten. Mülheim am Rhein 1792, S. 17-26. 



Die gi-oBiMaßstabi{;eii Kaitiii ciiizplin r Länder. 227 

eine neue Laudesaufnahme odfr ein ßeichsvermessungsamt zu lösen hat, 
nicht bloß in Deutschland, sondern auch üi andern Ländern.^ Wird der Eeform- 
gedanke richtig erfaßt und verwirklicht, dann gleiten die gesamten Vermessungs- 
aufgaben der bisherigen Landesaufnahmen von selbst aus den Händen des Mihtärs. 
Dieses hat seine Aufgabe erfüllt. In einer Zeit, wo sich erst die Aufnahmen der 
einzelnen Ijänder entwickelten und der Ziviltopographie ein bescheidenes Dasein 
blühte, war die Mihtäraufnahme, die in Eücksicht auf das Schutzbedürfnis der 
Staaten in der wünschenswerten Weise autoritativ wie pekimiär unterstützt wurde, 
allein in der Lage, große Landgebiete in verhältnismäßig kurzer Zeit topographisch 
festzulegen.^ Für die kriegerischen Operationen genügten die Karten 1 : 100000 
oder 1 : 80000, die sog. „Generalstabskarten", und 1 : 25000 bzw. 1 : 20000 vollständig. 
Wenngleich die neueste Kriegführung mit diesen Maßstäben nicht mehr auszukommen 
vermag, ist doch ihr Bedürfnis nach großmaßstabigen Karten nicht so groß und von 
so vitaler Natur wie das der modernen Technik und Wirtschaft. Die Mängel, die 
bezüglich der Geländedarstellung sich auf mihtärgeographischen Karten zeigten, 
waren die Ursivche, schon vor 1900 die Ziviltopographie von der MiUtärtopographie 
zu unterscheiden, wie es Hammer zuerst imd später Koppe getan haben. Eigent- 
lich war der erste, der schon bewnißt zwischen Zivil- mid Mihtärtopographie unter- 
.schied, J. G. F. Bohnenberger, der sich bei der Aufnahme seiner ,, Charte von 
Wirtemberg" in 1 : 86400, deren erstes Blatt 1798 erschien, schon dahin entschied, 
kein Militär dabei mithelfen zu lassen, indem er sich zugleich darüber spöttisch äußerte, 
daß es viele Leute gebe, die dächten, „em Offizier vom wirtembergischen General- 
stabe müsse die Sache besser als ein Professor verstehen".* 

Kein Sachverständiger, selbst der des Militärkarteuwesens, kann sich der Ein- 



1 Oberstl. Boelcke, während des Krieges Chef des Kriegsvermessungswesens, denkt sich das 
Reichsvermessungsanit in seinem Buche , .Kriegsvermessungen und ihre I.«hren"', Berlin 1920, S. 38 
hervorgegangen aus einer Zusammenfassimg des Greodätischen Instituts und der deutschen Landes- 
aufnahmen; auch General v. Bertrab neigt dieser Auffassimg zu. Das einzige Bedenken ist, daß das 
dätische Institut" in Potsdam ein rein wissciischaftUches, ein astronomisches Institut ist und mit der 
Praxis zunächst nichts zu tun hat. Meiner Ansicht nach gehört vor allem die Katastervermessung 
in ein Reichsvermessungsamt, ganz so, wie in England die Aufnahme des Katasters, der Fortifikationen, 
Grenzen usw. in das Tätigkeitsbereich des „Ordnance Survey" mit der Zentralstelle in Soiithampton 
gehört. Ganz meiner Meinung war auch der Feldzeugmeister Frank. Insonderheit emchte ich die 
r> Punkte des Antrags zur Errichtung eines „Reichsvermessungsamtes" und die Leitlinien für die 
Gliederung der neuen Behörde .sehr vernünftig, die Lotz im Auftrage des Deutschen Geomctervercins 
und des Landesverbandes preußischer Landmesservereine aufgestellt hat. Vgl. Z. f. Verm. -Wesen. 
Stuttgart 1919, S. 473, 475. Das sind künftig ganz unhaltbare Zustände, wenn z. B. die Wrmessimgen 
in PreuUen hauptjiächlich an 5 Ministerien geknüpft sind: 1. Kriegsministeriimi mit der Landesaufnahme 
(Generalstab); 2. Kultusministerium mit dem Geodätischen Institut; 3. Finanzministeriimi mit der 
Katastervermessung; 4. Ministerium für Landwii-tschaft und Forsten mit den Generalkomnüssionen 
für Kon-solidation und den Porstvermessungen; .'i. Ministerium der öffentlichen .Vrbeitcn mit dem 
Kisenbahnvermessungswcscn, dem Bureau für Hauptnivellements und \Va.sserslandsbeob«chtuugen usw. 
In den Kampf der Meinungen über die Reorganisation des deutsehen Verniessungswesons haben Land- 
nie.s.ser, Militärs, Geodäten und Geographen eingegriffen. Darüber orientiert am besten die Z. f. Venu. 
\V. 1919 1921. Auch A. Penck hat es sich nicht versagt, seiner Meinung in dem .\rtikcl „Ijvndes- 
aufnahme und Reichsvermessungsamt" in Z. d. Ges. f. Krdk. zu Berlin 1920 Ausdruck zu geben. 

^ Über den Gegensatz zwischen Militärtopugraphie und Zivil- o<ler technischer Toiwgraphie 
vgl. die interessanten Ausführungen von C. Koppe: „Die neuere Landestopographie". Braunscl weig 
1900. S. Iff. 

' Vgl. W. Jordan u. K. Steppes: Das deutsche Vermcssungsweson. I. Stuttgart 1882 S. 26.'>. 



228 We Karteniiufnahme. 

sieht versclilipßcn. daß die jMilitilrtopographip den Hölieimnkt ihres Wirkens üher- 
sehritten hat. SicherUch kann man mit .7. Partsch das kartographische Erbe der 
Xapoleonischen Zeit, die Periode der von den Generalstäben bearbeiteten topo- 
.ctraphischen Karten als „die fruchtbarste im ganzen Gebiet der Kartographie" be- 
zeichnen: unstreitig hat die MiUtärtopographie ihre große Bedeutung gehabt und 
Mustergültiges von dauerndem Werte geschaffen, wie die Bestimmung und Fest- 
legung eines trigonometrischen Punktnetzes, eines Normalhöhenpunktes und eines 
ausgedehnten Präzisionsnivellemonts. Jede historisch kartographische Betrachtung 
wird dies gebührend hervorzuheben wissen. Aber das rollende Rad der Zeit läßt sich 
nicht in die Speichen greifen, und größere Aufgaben hat die Topographie zu erfüllen 
als ledigUch von militärischem Gesichtspunkt aus geleitete Landesaufnahmen. Die 
Ansicht des Oberstleutnants H. S. L. Winterbotham finde ich antiquiert, die er 
mit den Worten bekimdet: ,,Bei der Wichtigkeit, die einer guten topographischen 
Karte für die industrielle Entwicklung eines Landes beizumessen ist, wird es doch 
der Soldat mehr wie der Techniker sein, der die Verantwortung für die topographischen 
Kartenwerke der zivilisierten Welt zu tragen hat."' Die ,,topographia militans" 
muß zu einer ,,topographia triumphans et universalis" werden, was sie nur durch das 
hochentwickelte moderne Vermessungswesen, das außerhalb der militärischen Obrigkeit 
steht, werden kaim. Daß dabei die Unterstützung von militärischer Seite erwünscht 
ist, braucht nicht weiter betont zu werden; nur soll sich deren Arbeit den großen 
umfassendem Aufgaben einer modernen Landesaufnalmn'. d. li. dcni modernen Vcr- 
messungswesen , imterordnen . 

Alle Vermessungsinstitute eines Staates müssen, wie ich oben bereits durch- 
blicken ließ, imter sinheitlicher Leitung stehen, schon zur Vermeidung von Doppel- 
arbeiten, die im Vermessungswesen anerkarmtermaßen recht kostspielig sind.^ Das 
Vermessungswesen krankt fast bei jedem höher kultivierten Staat daran, daß seine 
einzelnen Arbeitsrichtungen auf verschiedene Behörden verzettelt sind — ein Ab- 
klatsch alter staatlicher Unbeholfenheit oder des Beharrungsvermögens des Staats- 
organismus — ; die neuen Staaten müssen auch im Vermessungswesen einlieitlicher 
und konzentrierter denken und handehi. Das Militärkartenwesen und damit die 
bis jetzt üblichen Landesaufnahmen sind nur ein Teil des allgemeinen Vermessungs- 
wesens. Jene müssen diesem eingegliedert sein und nicht umgekehrt; deim das Ver- 
messungswesen hat, abgesehen von den großen Aufnahmearbeiten , neue Vermessungs- 
methoden und neue Meß- und verwandte Instrumente zu prüfen und zu verwerten, 
daneben das kartenwissenschaftliche Studium des eigenen Landes zu fördern, also 
eine große Menge kartographischer und wissenschaftlicher Aufgaben zu erfüllen und 
— zuletzt nicht zu vergessen — Regeln und Richtschnur für das private Vermessungs- 
wesen zu geben. Das vermag nur eine große, staatlich organisierte Einrichtung; 
sie allein kann den vielseitigen, auf gleicher Basis beruhenden Wünschen des bürger- 
lichen, wissenschaftlichen und auch militärischen Lebens gerecht werden. Die Worte 
W. Jordans, mit denen er am 8. Juni 1 895 seinen berühmten Vortrag über die deutschen 

1 WinterbothamiBritischSurveyontheWestemFront. Googr. Journ. Vol.LIII. 1919,8.254. 

^ Der Betrag allein, den man hätte in Massachusetts ersparen können, wenn beim Beginn des 
Eisenbahnbaues eine gute großmaßstabigc topographische Aufnahme mit Höhenkurven vorhanden 
gewesen wäre, wird auf 20 Mill. Doli., im Staate New York gar auf 40 Mill. Doli, geschätzt. Vgl. .T. L. 
van Ornum: Topographical sun-eys. their niethods and value. Bull. University Wisconsin. Madison, 
Wisc. 1896, Engineering scries, 1. S. 331-369. 



Die Genauigkeit der topographischen Karte. 229 

Koordinatensysteme schloßt, die aber von maßgebenden Kreisen offenbar vergessen 
sind, seien zum Schluß noch in Erimiemng gebracht: „Nicht nur in dem krausen 
Gewirre der zirka 50 deutschen Koordinatensysteme, sondern auch in manchen andern 
damit venvandten Dingen ist (>in Mangel an System und eine Trennung zwischen 
den Staaten und Behörden noch so schroff, wie zu Zeiten des Frankfurter Bundes- 
tages vor 1866. Es fehlt eine geodätische Zentralbehörde des Deutschen Kelches!" 



V. Die Genauigkeit der topographischen Karte. 

97. ^orbediugiins: zur Beurteilung; der Genauigkeit. Über Geschichte und Hand- 
habung der Karten weiß man in geographischen Kreisen hinreichend Bescheid, nicht 
aber über Kartenkonstruktion und Kartenaufnahme. Es genügt nicht, im Zimmer 
auf dem Zeichenblatt die Linien und Kurven zu berechnen und zu legen, die zu einem 
Kartenbild notwendig sind, vielmehr muß im Gelände eine tüchtige Kemitnis in der 
Aufnahme und Entstehung der Karte envorben werden. Erst darm wird der Geo- 
graph sowohl wie der Kartograph zur richtigen Beurteilung des Wertes und der (Je- 
nauigkeit der kartographischen Bausteine imd Zeichen gelangen. Wir kennen viele 
Geographen, Reisende luid Kartographen des In- luul Auslandes, die sich als Topo- 
graphen bewährt haben, wemi auch weniger in dem strengen Smne eines Topographen 
der Landesaufnahme; imter den A-ielen seien nur genannt Sven Hedin. A. Philippson. 
K. Sapper, K. Hassert, W. Volz. K. Tafel, Fr. Jäger, C. LTilig, S. Passarge, P. Spri- 
gade, M. Moisel, vor allem C. Vogel. Letzterer hatte sich bei seiner Karte des Thüringer 
Waldes in 1 : 60000 (Gotha 1862) nicht mit mechanischer Eeduktion oder Zusammen- 
stellung anderer Karten begnügt, sondern als tüchtiger Topograph der kurhessischen 
Schule selbst rekognosziert und aufgenommen und so eine korrekte, mit künst- 
lerischem Fleiß durchgearbeitete Wiedergabe des Thüringer Landes geschaffen. Gerade 
diese Vorarbeiten und topographische Fertigkeiten und Erfahrungen hatten ihn 
befähigt. s]iäterhin die meistervolle Karte des Deutschen Reiches in 1 : öOOOOO heraus- 
zugeben. 

9H. Der erschütterte Glaube an die Unfehlbarkeit offizieller Karten. Der GLvube 
an die Unfehll)arkeit der (ieneralstabskarten war allgemein verbreitet, selbst die 
(ieogi-aphen waren allenthalben davon befangen. Die Technik, insonderheit die 
Wasserliau- imd Kulturtechnik, hatte ihn schon um die Wende des Jahrhunderts 
stark erschüttert, noch mehr der Weltkrieg 1914—1918. Die Meßtischblätter 1 : 25000 
hatten die Aufgabe zu erfüllen, allen Anforderimgen Genüge zu leisten, die von staat- 
licher wie privater Seite billigerweise innerhalb der Grenzen, die durch den Ver- 
jüngimgsmaßstab 1 : 25000 bedingt sind, gestellt werden können. Diese Aufgabe 
haben die Meßtischblätter sicher vor lÜOO vollkommen erfüllt, Al)er im Laufe de.s 
stärker mid schärfer sich entwickehiden Wirtschaftslebens und -kampfes merkte 
man die Unzulänglichkeit vieler Meßtischblätter, namentlich der zueret aufgenommeuen 
und herausgegebenen. Unrichtigkeiten der preußischen Meßtischblätter bis zu 50 m 
im horizontalen und vertikalen Simie zeigten sich z. B. bei der bramischweigisehen 



1 W. Jordans Vortrag i. d. Z. f. \enn. XXIV. 1895. S. :t:nff. - In der „prixliitischon Äntral- 
bi-horde" schwebte Jordan eine weit umfassendere Orj^ni.sation vor als in dem „Geodütiscli. Institut 
u. Zentralbureau der Internat. Krdinessiuig" in Potsdam. 



230 "''' Kai'tiiiiiiifnuVimc. 

Neuaufnahme im Harze. ^ Ich selbst stieß auf Unrichtigkeiten bei topographischen 
Aufnahmen in der Kieler Gegend.* Schlimmer noch sind die topographischen Un- 
genauigkeiten des fi-anzösischen Plan directeurs in 1 : 20000. Bei den Höhenkurven 
sind mir in der Champagne Fehler bis über 50 m im vertikalen Sinne und bis 200 m 
und mehr im horizontalen Siime begegnet. Die Franzosen haben diese Ungenauig- 
keit während ilirer Kampfhandhmgen zur Genüge am eigenen Leibe gespürt und 
darum die fraglichen Gebiete während des Krieges topographisch so schnell wie 
möglich vollständig neu aufgenommen und die daselbst nicht übliche 5 m-Höhen- 
kurve als gerissene Linie zwischen den 10 m-Isohypsenabständen interpoliert. 

99. Die absolute GenauigkeK. Situation oder Lageplan werden in den grolkui 
Maßstäben 1 : 1000 bis 1 : 5000 bei sonst sorgfältiger Arbeit mit absoluter, dem Maßstab 
entsprechender Genauigkeit aufgenommen. Hingegen bleibt die Genauigkeit der 
Höhenkurven immer mehr oder minder relativ. Wohl könnte man bei geeigneten 
Geländeteilen nach der sog. französischen Manier die Höhenlinien auf Grund eingehenden 
Nivellements in der Natur abstecken und alsdann stückweise aufnehmen, aber die damit 
verbundenen ungeheurn Kosten und der Zeitverlust stehen m keinem Verhältnis zu 
dem Gebrauchswert der Höhenkurven. Wir kennen nur ein Kartenwerk, allerdings 
ein Meisterwerk in seiner Art, dessen Schichtlinien nicht auf dem Wege der für die tech- 
nische Topographie üblichen Interpolationsmethode, sondern auf direkte Aufnahmen 
in der Natur beruhen. Das ist der vielfarbige Stadtplan von Zürich in 1 : 2500, der 
50 qkm umfaßt.^ Gewiß ist, daß es einen eigenen Genuß bietet, wie Becker sagt, 
sich in diese eigenartige minutiöse Darstellung des Bodens zu versenken. Die Höhen- 
kurven, in 2 m Abständen, erstrecken sich auf die kleinste Bodenform, sei sie von der 
Natur gegeben oder durch Menschenhand künsthch hervorgerufen, wie Gelände- 
einschnitte, Ausfüllungen, Sandgruben usw.; überall erkennt man das Bestreben, 
durch „genau richtige" Höhenkurven die Bodenformen so getreu wie nur möglich 
wiederzugeben, geleitet von der Voraussetzung, daß es unlogisch sei, die Höhenlinien 
nicht annähernd so genau wie den Grundriß der Karte aufzunehmen, oder wie es Becker 
formuliert, daß es keinen Sinn habe, ,,die Lage eines Pimktes nach Zentimeter und 
Dezimeter genau zu bestimmen, der Höhe nach aber nur in Meter."* Wenn er in weiterer 
Schlußfolge das Endziel der Topographie in der reinen, von allem Persönlichen bzw. 
Willkürlichen befreiten Darstellung der Natur erblickt, hat es damit noch gute Weile. 
Die Grundrißaufnahme erfaßt Linien, die Höhenaufnahme Flächen. Die Fläche 
ist jedoch nur eine begriffliche Fiktion, da tatsächlich Punkte gemessen werden. So 
bleibt die Höhenaufnahme immer ungenau von „höherer" Ordnung als die Grundriß- 
aufnahme. Ich selbst zweifle nicht, daß in Zukunft die topographische Aufnahme so 
minutiös wird, daß die Genauigkeit der Höhenkurvenmessung und -bestimmung der- 
jenigen der Grundrißaufnahme wesenthch näher als heute kommt; und trotzdem werden 



1 C. Koppe: Die neuere Landestopographie. Braunschweig 1900, S. 35. 

2 Bei meinen topographischen Übungen in 1: 5000 mit Studenten der Kieler Universität {1903 
bis 1907) fanden wir öfters bei der Reduktion auf 1: 25000 die Unstimmigkeiten der Meßtischblätter. 

' Der Übersichtsplan der Stadt Zürich erscheint in 2 Ausgaben, in 1 : 2500 in 23 Blättern mit 
2 m-Kurven und in 1 : 5000 in 9 Blättern mit 4 m-Kurven. 

* Fr. Becker: Neue Anforderungen an das Landesvormessimgswesen luid an d. Topogr. u. 
Kartogr. Mitt. der ostschweizerischen geograph. -kommerziellen Gres. in St. Gallen. S.-A. St. Gallen 
1910; auch Schweizerische Geometerztg. 1912, S. II. 



Die Genauigkeit der topographischen Karle. 231 

noch genug Unstimmigkeiten unterlaufen. Solange ein Mensch auf Erden wohnt, wird 
das Messen der Erdoberfläche nicht aufhören. Dem menschlichen Wissen und Können 
sind jedoch auch hier Schranken gezogen. Ein unbedingt Bestes ist nicht erreichbar, 
und der Satz von Abendroth : ,, Topographische Karten müssen absolut genau sein, 
d. h. keine andern Ungenauigkeiten als die unvermeidlichen des Maßstabes" richtet 
sich selbst. 1 Man kann es mit Hammer nicht nachdrücklichst genug wiederholen, 
daß es nie eine Karte geben wird, die alle wissenschaftlichen, technischen und wirt- 
schaftlichen Bedürfnisse gleichmäßig befriedigen und weitere Höhenmessungen für 
technische Zwecke überflüssig machen wird.^ Das jetzige Jahrhundert wird zufrieden 
sein können, weim es für die hauptsächhchsten Kulturgebiete eine topometrische Grund- 
karte in 1 : 5000 mit gut interpolierten Höhenkurven erhält. 

100. Das Maß für die Genauigkeit groBmaßstabiger Karten (die geodätische Ge- 
nauigkeit). Bei der Höhendarstellung der topometrischen Grundkarte in 1 : 5000 handelt 
CS sich vorwiegend um das Interpolieren der Höhenkurven zwischen einer Anzahl (topo- 
graphisch) aufgenommener Höhenpunkte. Ihre Anzahl ist in den einzelnen Ländern für 
gleiche Areale beträchtlich schwankend. Daß ein verschiedenartig gestaltetes Gelände 
stets eine verschieden große Anzahl von Höhenpunkten fordern wird, ist leicht erklärhch, 
weniger jedoch, daß ein Staat mit 40 gemessenen Höhenpunkten auf 1 qkm schon 
zufrieden ist, während der Nachbarstaat als Mindestforderung 300 Punkte aufstellt. 
Selbst innerhalb des Kreises der Geodäten herrscht noch keine Einigkeit in der Punkt- 
frage. Nachdem schon C. Koppe^ auf diesem Gebiet zu der wünschenswerten Ivlarheit 
vorzudringen suchte, ist es erst den Bemühungen E. Hammers* und seiner Schüler 
H. Müller^ imd A. Egerer^ gelungen, für die Genauigkeit der Höhenkurvenzeichnung 
einen zufriedenstellenden mathematischen Ausdruck gefunden und angewandt zu 
haben. An den Ergebnissen ihrer Untersuchungen, wie auch an denen von Peroutka', 

' A. Abendroth: Die topograph. Karten der kgl. preuß. Landesaufnahme. P. M. 1910, 1, S. 95. 

- E. Hammer: Zur künftigen topographischen Gnmdkarte von Deutschland. Der Land- 
mci^ser. Z. des Landesverbandes preußisclier Landmesservereine in Berlin. VIT. 1919, S. 20. 23, 24. 

'■> V. Koppe: Die neuere Landestopographie. Braimschweig 1900. — Die neue topograph. 
Landeskartc des Herzogtvuiis Braunschweig in 1: 10000. Z. f. Vemi.-W. 1912, S. 397. — Militärische 
und teclui. Topographie. Z. 1. Verm.-W. 1904, S. Iff. - Über die zweckentsprechende Genauigkeit 
der Höhendarstellung in topographischen Plänen und Karten f. allgem. tethn. Vorarbeiten. Z. f. 
V'crin.-W. 1905, S. 2ff u. 33ff. — Die Weiterentwicklung der Gtländedarsteilung durch Horizontal- 
kurven auf wissenscha.ftl. -praktischer Gnmdlage im techn. u. allgem. Landesinteresse. Z. f. .'Vrchitektur- 
u. Ingenieurwe.sen 1907. Heft 3. 

* E. Hammer: Anweisungen f. d. Herstellung der Originale der neuen topograph. Karte von 
Württemberg in 1:25000. Im .\uftrag des K. Statist. Landesamts. Stuttgart 1891 (nicht im Buch- 
handel erschienen). — Die Württemberg. Höhenkurvenkarte 1:25000. Württ. Jahrbücher, 1892. 
Abdnick in Z. f. Verm.-W. 1893, S. 315ff. Über die Bestrebungen der neuem Landestopograplüe. 
P. M. 1904, S. 97tf. - Der neue Übersichtsplan der Stadt Zürich. Z. f. Venn.-W. 1911, S. 621 ff. - 
Zur künftigen topographischen Grundkartc von Deutachland. Der Landmesser. Z. des Landesverbandes 
preußischer Landmesservereine in Berlin. Berlin. VIT. 1919, S. 18ff. u. S. 37 ff. 

' H. Müller: Topographische Ijandeskarten. Z. f. Venu.-W. 1909, S. 668ff. - Über den zweck- 
mäßigsten Maßstab lt)pograph. Karten. Ihre Herstelhu\g vmd Genauigkeit unter Berücksichtigung 
der Verhältnisse imd Bedürfnisse in Baden u. Hessen. Diss. Karlsnihe. Sonderabdruck aus der Vereins- 
schrift des badischen (kjometcrvereins. Heidelberg 1913. 

° \. Rgerer: Untersuchungen über die Genauigkeit der toix)gi-ai>lii.schen Landesaufnahme 
(llöhenauf nähme) von Württemberg in 1:2500. Diss. Stuttgart 1915. 

' Peroutka: Topograph. Aufnahmen 1:10000. Mitt. des k. k. mil.-peogr. Tust, in Wien. 
XXVIII. 1908, S. 58. 



232 



Kii 



Schumann^, Becker^, darf weder der Geograph noch der wissenschaftlich gebildete 
Kartograph voriibergehen, wie auch nicht an den von Kahle aufgestellten Wahr- 
scheinlichkeitswerten von Höhenlinien, dii- zwischen zwei Höhenliriien auf den Meß- 
tischblättern eingeschaltet sind.^* 

Im allgemeinen begegnet niiin der Ansicht, daß mit der Vernielirung der ge- 
messenen Punkte auch die Genauigkeit der Karte entsprechend wachsen müsse. Dem 
entspricht nicht die Erfahnuig. Ebensogut wie es für eine Höhenkarte in 1 : 5000 mit 
10 Punkten auf 1 qkm nicht getan ist, so auch nicht mit 1000 und mehr Punkten (vgl. 
folgende Tabelle). Die durchschnittliche Entfernung der Nachbarpunkte in der Natur 
sowohl wie auf dem Kartenbilde gibt eine leidliche Eichtschnur über die Menge der 
aufzumessenden Punkte. 



|)urchsclinit 



Entfernung der Nachbarpunktc 



700 
800 
900 
1000 
1100 
1200 




35 


7,0 


3,5 


1,4 


33 


6,6 


3,3 


1,3 


32 


6,4 


3,2 


1,28 


30 


6,0 


3,0 


1,2 


29 


5,8 


2,9 


1,16 


25 


5,0 


2,5 


1,0 


20 


4,0 


2,0 


0,8 



Die Tabelle zeigt ganz allgemein, daß bei den großen Entfernungen die Punkt- 
zahl verhältnismäßig gering ist, und bei kleinen Entfernungen schnell wächst. Wenn 
auf 1 qkm in der Natur die Punkte gegen 40 m entfernt sind, entfallen 600 Punkte 
auf den Quadratkilometer, sind sie hingegen 30 m entfernt, dann benötigt man die 
doppelte Anzahl Punkte. Bei 50 m Entfernung wären 400 Punkte einzumessen. Über- 
tragen auf den Maßstab 1 : 25000 heißt das: die Punkte sind 2 mm entfernt. Viermal 
mehr Punkte wären bei 1 mm Entfernung erforderlich. Damit wird keine größere Ge- 
nauigkeit geschaffen, schon die 2 mm-Entfernung ist entliehrlich und man kommt 



1 A. Schumann: Ein Vergleich der Hölienlinicn einer tachynietiischen Aufnahme mit denen 
des Meßtischblattes der königl. Landesaufnahme. Z. f. Vemi.-W. 1909, S. Iff. Die beigegebene Skizze, 
.S. 7, ist sehr instruktiv. 

2 Fr. Becker, a. a. O., S. 64ff. 

■' P. Kahle: Zur Entnahme von Höhen aus Karten mit Höhenlinien. Globus 1899, S. 281 28:5. 
Betrachtungen zu Hohenhnienkarten. G. A. 1920. S. 224, 225. 



Die Genauigkeit fler topographischen Karte. 233 

bei besagtem Maßstab für die Höhenkun enzeichiiung mit rund 100 Punkten gut aus. 
Bei 1 cm-Punktdistanz lassen sich auf großmaßstabigen Karten die Hchichtlinien unter 
Umständen noch befriedigend konstruieren, wofür in 1:10000 100 und in 1:5000 
400 Punkte zu messen wären. Da wir uns für eine Grundkarte in 1 : 5000 entschieden 
haben, würden somit 300—400 Punkte nötig sein, bei 1,5 cm-Entfemung nicht ganz 
•200 Punkte, was die Arbeit entschieden erleichtert, ludessen kommt dies alles auch 
auf die Gestaltung des Geländes an. Formen können auftreten, die entschieden ein 
engeres Punktnetz fordern als im \orhergehenden angegeben.' 

Die Anzahl der Punkte ist ein brauchbares Kriterium für die Genauigkeit der 
Höhenkurvendarstelliuig. Darum sollte auf jeder topographischen Karte, von 1 : 25000 
an bis zu dem größten Maßstabe, die Anzahl der Punkte bezeichnet sein, die zum Aufbaii 
des Terrainbildes gedient haben. Die Gebrauchsfähigkeit wird dadurch erhel)lich ge- 
steigert. Der Sachverständige kann ohne große Umstände den Grad der Güte der Karte' 
beurteilen und die nötigen Maßnahmen ergreifen, in^\^cweit er ausfiUirlichere und tiefer- 
gehende Vermessungsarbeiten anzusetzen und in welchem Umfange auszuführen hat. 

101, Die nivellitisch iiud trigouomefriseh bestimmton Punkte, Im allgememen 
unterscheidet man zweierlei Gruppen von Höhenpmikten, einmal die nivellierten und 
trigonometrisch bestimmten Punkte, die im Feld zumeist ausgesteint sind, und ein 
andermal die zum weitern Aufbau der Geländezeichnung erforderhchen tachymetrisch 
oder mit Kippregel oder Aneroid bestimmten Punkte."^ Bei den preußischen Meßtisch- 
blättern rechnet man auf je 5 qkm einen im Felde ausgesteinten, numerisch nach 
Lage (mit Hilfe rechtwinkliger Koordinaten) und Höhe fest bestimmter Punkte^ : das 
sind trigonometrische Punkte ('('. P.) im engem Simie. In Württemberg zählt man auf 
dem gleichen Flächenraum etwa 100 im wesentlichen tachymetrisch bestimmte Punkte 
und mehr. Beides läßt sich nicht so ohne weiteres vergleichen. In wirtschaftstech- 
nischer Beziehung ist die reiche tachymetrische Punktzahl zu begrüßen, denn dadurch 
wird eine große Sicherheit für die Ü'bertragungen aus der Karte in die Natur gegel)en. 
womit, wie auch C. Koppe sagt, die neue württembergische Landestopograjibie auf 
(Jnindlage der gedruckten Flurkarten ganz einzig und unerreicht dasteht. 

Für das Flurkartenblatt von 1,3 qkm Fläche sieht die württembergische Auf- 
nahme 150 bis 400 tachymetrisch gewonnene l'unkte vor. Im Waldgelände wird die An- 
zahl der gemessenen Punkte gemäß der Schwierigkeit der Aufnahme erhöht. Sie richtet 
sich demnach nach den Oberflächenformen um! der Geländebedeckung (s. obenj und. 
was nicht außer acht zu lassen ist, nach der Gewandtheit des Topographen. Die schnelle 
und gute topographische Punktbestimmimg. ob mit Tachymeter oder Meßtisch, er- 
fordert \ael t'bung und Erfahrung. Zahlenmäßig hat das Koppe nachgewiesen.* Die 
Gewirmimg einer großem Punktzahl verlangsamt notwendigerweise die Arbeit im Felde.'" 



» Vgl. hierzu: JahrcHbericht der Landesaufnahme 1919/20. Berlin 1921, S. 40, 41. 

^ Für Grogi-aphi-n ist auch folnondi's Bucii l)rau(iibar: G. Koll u. F. A. Gelbcke: -Vnlcitvuip 
zur Ausführung von Landesmessungen für allgemeine Eiscnliahnvorarbeiton im Hügellandc \md Ge- 
birge mit vorzugsweiser Benutzung des Anemidbarometers. Köln 1890. (Die eingehende Besehreibung 
der Aneroidbarometer von Naudet, Bohne und €>oldschmid ist reeht brauchbar.) 

' Da,s sind auf einem Meßtischblatt rund 25 trigonometr. Punkte (T. P.). Indessen gibt es in 
PreuBen noch Meßtischblätter, wo nicht mehr als 3 T. P. ziu' Verfügimg gestanden halH'ii. 

* V. Koppe: Die neue Landestopographie. Braunschweig 1900, S. 38. 

° Bei der ersten österreichischen .Aufnahme In einer Sektion (= ein Viertelblatt der Speziah 
karte) wurden je nach ilcr Bi><lcnbcsrliiiffcnli<it S(M) I.")0(> Iliihcnpiuiktc gemessen, bei der neuen 



234 P'p Kfiitonaufnalime. 

Während sich die mittlem Fehlergrenzen der Höhenpunktbestimmung bei den 
l'räzisionsnivellements auf Millimeter oder Bruchteile von Millimetern innerhalb der 
1 km-Entfenumg beschränken, hat man bei tachymetrischen Bestimmmigen mit Bruch- 
( eilen des Meters zu rechnen. Die Dienstvorschriften für Eisenbahnbauten verschiedener 
Eisenbalmdiroktionen, wie Stettin, Bromberg, Danzig, Königsberg, sehen als mittlem 
l'ehler beim Höhenpunldbestimmen durch Tachymetrieren nur wenige Zentimeter vor. 
\'on den barometrischen Höhenmessungen kommt man bei technischen Zwecken mehr 
und mehr ab, und wendet sie höchstens da noch an, wo man sie bequem in nivellitisch 
festgelegte Punkte einbeziehen kann, wie in Bayern, wo man einen mittlem Höhen- 
fehler von ± 2 m noch als zulässig achtet. 

Die württembergischen Anweisungen für die Darstellung der topographischen 
Landkarte schreiben vor, ,,daß sich nivellitisch bestimmte Bodenpunkte um nicht 
mehr als 0,3 m, halbtrigonometrisch und tachymetrisch bestimmte um nicht mehr 
als 0,8 m (bei kleinen) und nicht mehr als 0,6 m (bei großen Höhenwinkehi) fehlerhaft 
ergeben dürfen, soweit diese Punkte mit Sicherheit identifiziert werden kömien".^ Ist 
(lies nicht der Fall, dann müssen diese Fehlergrenzen entsprechend erhöht werden. 
Bei nicht in der Flurkarte gegebenem Punkte darf auf sehr steilem Gelände die Höhe 
eines Bodenpunktes vom nächstgelegenen Festpunkt nicht mehr als 3 m abweichen, 
auf steilem Gelände nicht mehr als 2 m, auf schwach geneigtem nicht mehr als 1 m 
und auf ebenem Gelände nicht mehr als V2 m- Ob H. Müller mit einer mittlem Fehler- 
grenze von 5 dem für tachymetrisch gefundene Höhenzahlen bei der geplanten badischen 
Karte in 1: 5000 auskonunen wird, ist stark zu bezweifeln 2; in steüerm Gelände dürfte 
er seine mittlere Fehlergrenze um eine beträchtliche Anzahl Dezimeter vergrößern. 

102. Die Genauigkeit der Ilöheukurvenzeiehuuiig au sich. Für die Gelände- 
darstellung der topographischen Karte kommen zunächst die Anzahl der Höhenpunkte 
und deren festgelegte Höhe in Betracht. Das geschieht an der Hand gesetzmäßig durch 
Zahlen gesicherter Regeln und Leitmotive. Aber weder Wissenschaft noch Technik 
haben bis in neuere Zeit die Genauigkeit der Kurvenzeichnung zum Gegenstand karto- 
graphisch-mathematischer Untersuchungen gemacht, bis erst E. Hammer und seme 
Schule eineWendung zum Bessern herbeiführten, indem sie für die Genauigkeit der Kurven- 
zeichnimg einen brauchbarem als bisher übhchen zahlenmäßigen Ausdruck fanden. Nicht 
zu übersehen sind die Verdienste von C. Koppe und Schumann, die mittlem Höhen- 
fehler der Schichtlinien zu berechnen, jener bei seinen Aufnahmen im Harz, dieser in der 
EifeL Über die an verschiedenen Orten und bei verschiedenen Maßstäben ausgeführten 
Genauigkeitsuntersuchungen unterrichtet in knapper klarer Weise A. Egerer.' 

Nicht zu verwechseln mit der Genauigkeit der Höhenkurven ist die Bestimmung 
der mittlem Fehlergrenze der gemessenen Punkte. Erstere wird gewöhnlich mit den 



Aufnahme seit 1896 im Hoch- und Mittelgebirge rmid 4800, was für ein Spezialkartenblatt 19200 Höhen- 
punkte ergibt. Betrug bei der ersten Aufnahme und der Reambuliei-ung die Jahresleistung eines 
Mappeurs etwa 400— .500 qkm, so bei der Neuaufnahme durchschnittlich 100 qkm. Das würde dem 
entsprechen, was wir von andern Ländern her keimen. In Preußen, Rußland, Frankreich und Itahen 
wird ein Mappeur im Jahre mit 90—125 qkm fertig, in der italienischen Ebene sollen 150 qkm erreicht 
worden sein. 

' A. Egerer: Unt<'r8uchungen über die Genauigkeit der topograph. Landesaufnahme. Stutt- 
gart 1915, S. 18. 

- H. Müller: Über d. zweckmäßigsten Maßstab topograph. Karten. Hei(lelber<r 1913, 8. 74. 75. 

» A. Egerer, a.a.O., S. 60ff. 



Die Genauigkeit der topographiaclicu Karte. 



235 



allgemeinen Ausdrücken wie „gut" oder „so genau wie möglich", seltener mit „wenig 
genau" oder gar „nicht naturgetreu" abgetan. Mit der als „genau" angesehenen Sehicht- 
linienzeiclmung glaubte man zugleich auf die „genau vermessenen" Länder zu schüeßen 
und umgekehrt. Das ist ein großer Irrtum; denn nur wenige Tausende Quadratkilo- 
meter Landes sind so vermessen, daß man sie als „genau vermessen" bezeichnen könnte. 
Zu dieser Ansicht müßte man sich endüch in Geographenkreisen durchringen, nachdem 
Hammer schon längst darauf aufmerksam gemacht hat.^ Von ihm laß ich mich auch 
bei meinen weitem Ausführungen leiten. 

Will man den Genauigkeitsgrad der Höhenkurven auf großmaßstabigen Karten 
feststellen, bedient man sich des Begriffs der „Fehlergrenze", worimter man etwa das 
Drei- bis Vierfache des mittlem Fehlers versteht. Die Zahlen, die die Fehlergrenze 
bestimmen (siehe folgende Tabelle der Höhen- und Lagegrenzfehler), beziehen sich 
demnach nicht auf die gemessenen Höhenpunkte und einen darauf begi'ündeten mittlem 
Fehler, sondern auf die zwischen den Pimkten konstruierte Höhenkurve. Auf Grund 
eigner Vermessung und langjähriger Erfahrimg hat Hammer bei Berücksichtigung 
der Geländeformen, wie sie sich im Württembergischen zeigen, gefunden, daß der 
Größtwert des Höhenfehlers einer behebigen Höhenlinie oder der Vertikalfehler (F), 
wie ich ihn nennen will, = ± (0,8 + 1 5 • tg «) m ist, wobei u der Neigimgswinkel 
des Geländes an der betrachteten Stelle ist. Der Vertikalfehler hat logischerweise den 
Lagefehler einer Höhenlinie, den Horizontalfehler {H), zur Folge, der sich gleichfalls 
in einem Größtwert ausdrücken läßt, für den Hammer den Satz aufgestellt hat : Lage- 
grenzfehler (H) = ± (0,8 • ctg« -f 15) m. Mit Hilfe dieser Genauigkeitsformeln hat 
Hammer eine Tabelle der Höhen- und Lagegrenzfehler zusammengestellt, die V und H 
je nach den obwaltenden Böschungswinkeln wiedergibt, einmal auf die natürüchen, 
andermal auf die Verjüngimgsverhältnisse bezogen; die Tabelle wurde von mir mit 
Vernachlässigung des Maßstabes 1 : 2500 umgearbeitet und erweitert. 

Tabelle der Höhengrenzfehler F (Vertikalfehler) und Lagegrenzfehler E 
(Horizontalfehler). 



Böschungä- 

winkel n und 

entsprechendes 

Neigungsver- 

hältnia , 

\:n i 



Im natürlichen 
Verhältnis 



Im Verjüngungaverhältnis 
in mm auf der Karte in 



1 : 5000 
V H 



25000 



'/.•; 



1:100 

1 :57 
I :29 
I :19 
1 : 14,3 
1 : 11,4 
1 :5,7 
1 : 3,73 
1 : 2,75 
1 :2,15 
1 : 1,73 
1: 1,43 
I :1,19 



0,95 
1,06 
1,32 
1,59 
1,85 
2,11 
3,4 
4,8 
6,3 
7,8 



0,19 
0,21 
0,26 
0,32 
0,37 
0,42 
0,68 
0,96 
1,26 
1,56 
1,90 
2,26 
2,68 



13,2 
12,2 

7,6 
6,1 
5,3 



0,10 


9,6 


0,11 


6,1 


0,13 


3,8 


0,16 


. 3,0 


0,19 


2,6 


0,21 


2,4 


0,84 


2,0 


0,48 


1,8 


0,63 


l."? 


0,78 


•."' 


0,95 


1,6 


1,13 


1,6 


1,34 


1,6 


1,S8 


1,6 



0,04 
0,04 
0,05 
0,06 
0,07 
0,08 
0,13 
0,19 
0,26 
0,31 
0,38 
0,45 
0,66 
0,63 



V. M. 1907, S. 97 u. 



236 '*'•' Kiirtemiufiiahme. 

Vorstehende Tabelle läßt erkennen, daß die Vertikalfehler V von 10" bis 45" 
N eigung merklich wachsen, bei dem Maßstab 1 : 25000 von 0,1 auf 0,(5 mm, bei 1 : 10000 
von 0,3 auf 1,6 mm und bei 1 : 5000 von 0,7 auf 3,2 mm. Das würde, in die Natur über- 
tragen, eine Steigerung des Fehlers von 3 auf 16 m bedeuten. Hingegen ist der Ausschlag 
hei den Horizontalfehlern H recht gering, bei dem Maßstab 1 : 25000 beträgt er zwischen 
10» und 450 nur 0,2 mm, bei 1 : 10000 0,4 mm und bei 1 : 5000 0,7 mm: auf die Natur 
übertragen, ist der Unterschied nicht größer als 4 m. Nach den von Hammer auf- 
gestellten Formeln darf sich der äußerste Lagegrenz- oder Horizontalfehler bei einem 
Böschungswinkel von 1 " bis auf 60 m steigern. Auf den wenig geneigten Flächen werden 
die Horizontalfehler immer bedeutender, bis bei der wagerechten Fläche, also bei einer 
Neigung 1 : op ein 00 kleiner Höhenfehler die Lage der Höhenlinie um eine 00 große 
Strecke verschiebt; d. h. nichts anderes, als daß die Höhenlinie auf Flächen, die sich 
in ihrer Neigung stetig der wagerechten nähern, progressiv an Wert einbüßt. 

Die zahlenmäßigen Untersuchungen über die Genauigkeit der Höhenkurven auf 
topographischen Karten von Hammer und seinen Schülern sind noch nicht als end- 
gültig zu betrachten, sie beziehen sich vorderhand auf deutsche Mittelgebirgsformen 
und dürften auf andere Gebiete, wie Hochgebirgs- und flachhügehge und ebenere 
Gegenden angewandt, noch Abänderungen erfahren; denn unsere Erde ist topo- 
graphisch außerordentlich verschieden ausgestattet. Der Maßstab spielt bei den vor- 
liegenden Untersuchungen eine tonangebende Rolle. Mit der Genauigkeit der preußi- 
schen Meßtischaufnahme in ihrer gegenwärtigen Anfertigungsweise beschäftigt sich 
A. Abendroth in Petermanns Mitteilungen^, wobei er feststellt: ,,Der zu befürchtende 
Hüchstfehler eines Punktes beträgt für beliebige Gelände- und Aufnahmeverhältnisse 
a) in der Lage (nach geographischer Länge und Breite) ± 18 m, b) m der Höhe über 
N. N. ± 4 m auf den Kilometer Entfernung vom gegebenen Festpunkt, ohne daß dem 
Beobachter daraus ein Vonvurf gemacht werden kami". Den mittlem Fehler der trigono- 
metrischen Huhenfestpunkfe berechnet er zu + 0.3 m und den bester Meßtisch- 
aufnahmen zu + 0,43 m auf 1000 m Entfernung. 

Die zu befürchtende größte Unsicherheit der Höhenschichtlinien faßt Abendroth 
in einer Tabelle zusammen, wol)ei er lediglich den Emfluß des Höhenfehlers berück- 
sichtigt. Bei einem durchschnittUch größten Höhenfehler von 4 m verschieben sich 
bei Geländeneigungen von 5", 10", 15". 20", in 1000 m Entfernung vom Ausgangs- 
punkte aus die Höhenkurven um 46, 23, 16 und 12 m. Der Horizontalfehler darf als 
Funktion des Vertikalfehlers nicht vernachlässigt werden, ist also mit + 18 m = 0,75 mm 
in 1 : 25000 anzurechnen. Nachmessungen haben ergeben, daß der mittlere Höhen- 
kurvenfehler der preußischen Meßtischblätter, von denen wir durchaus nicht in Abrede 
stellen wollen, daß ihre Genauigkeit im Laufe der Zeit beträchtlich gewonnen hat, 
größer ist als man allgemein und Abendroth im besondern angenommen hat. Nach 
den Untersuchungen des Meßtischblattes Wehen, das im Jahre 1903 aufgenommen 
wurde, fand H. Müller, daß der Maximallagefehler von einzelnen Wegen auf mehrere 
Hundert Meter Länge ± 2 mm betrug, also in der Natur ± 50 m.^ 

Die mittlere Huhenkurvenunsicherheit infolge der Höhenpunktfehler wird bei 
den Meßtischblättern durch die Fehler erhöht, die durch die Konstruktion der Kurven 
im Anblick der Natur auf Grund der gemessenen Pimkte entstehen — „Fehlerbeträge, 

1 P. M. 1910, I, S. 37, 93ff. 

- H. Müller: Über d. zweckmäßigsten Maßstab, a.a.O., S. 73. — Vgl. hierzu auch A. Egerer: 
Tutersuchungen über die Genauigkeit der topograph. Landesaufnahme, a. a. ü., S. 52, 53, 56, 57. 



Die Genauigkeit der topographischen Karte. 237 

die im allgemeinen, wo nicht besonders viele Punkte gemessen werden, erheblich größer 
sind als die Teilfehler infolge der Unsicherheit der gemesseneu Pmikte" (Egerer). 

103. .MeOtisch oder Tacliunctcr.' Das topoEraphische Sehen. Durch ihre Unter- 
suchungen und Erfahrimgen im eignen Aufnehmen kommen Hammer und Egerer 
zu dem Schluß, daß das „Zeichnen im Anblick nach der Natur", worauf die Meßtisch- 
aufnahme so stolz ist, sehr viele eingebildete Vorzüge umschließt i, und daß dieTachy- 
raetrie ebenso naturwahre Kurvendarstellungen wie die Meßtischtopographie hefert. 
ja bei großem Maßstäben, von 1 : 10000 an aufwärts, entschieden vorzuziehen ist. 
C. Kopjie schwankte seinerzeit bei der Neuaufnahme des Herzogtums Eraunschweig 
in 1 : 10000, ob er der Tachvmetrie oder der Meßtischaufnahme den Vorzug geben sollte, 
entschied sich schUeßlich für letztere, da nach ihr der Grundsatz, daß der Topograph 
nichts zeichnen soll, was er nicht selbst gesehen und abgeschritten habe, am besten be- 
folgt werde und vor fehlerhaften Darstellungen schütze, „nicht aber eine große Zahl 
noch so genau bestimmter Höhenpunkte, wemi der Charakter der Landschaft in seineu 
Hauptformen nicht richtig erkannt und zeichnerisch niedergelegt wurde."^ Demgegen- 
über stimme ich mit Hammer überein, daß sich die Tachymetrie, die Koppe selbst im 
Waldgelände anwandte, da ihre Vorzüge hier auffälhg sind, noch mehr als l)isher ihren 
Weg bahnen väid. und daß „selbst geübte Topographen vor dem oft bei ihnen zu finden- 
den Zutrauen zur Sicherheit ihres Erfassens der Bodenformen durch das Auge, ohne 
genügende Zahl von Messimgen"' nicht genug gewarnt werden können.' Nach meinen 
Erfahrungen im Kriegsvermessungswesen muß ich feststellen, daß die Landmesser 
und Vermessungstechniker, die während des Krieges zu topographischen Ai-beiten 
herangezogen wurden, bei der Aufnahme in 1 : 10000 im Argonnerwald und in der 
benachbarten Champagne mit dem Tachymeter schneller als mit dem Meßtisch voran- 
kamen.^ Wie ich aber schon hervorgehoben habe, wird das beste kartographische Er- 
gebnis erzielt, wenn an der Hand der tachj-raetrisch entstandenen Kartenskizze das 
(ielände nochmals morphologisch-kritisch begangen wird. 

Von vermessungstechnischem Standpunkt aus muß man dem Tachymeter 
den Vorzug geben, von geograjjhischem nur dami, weim l)ei der Aufnahme das Ge- 
lände zugleich gut krokiert wird, damit bei der Kartenkonstruktion im Zimmer sich 
die Formen des Geländes klar und leicht aus der Pimktzahl herausschälen. Wegen 
der guten Schulung des Auges und dem begriffhchen Erfassen der Geländeformen 
wird man in geographischen Kreisen stets dazu neigen, den Meßtisch wenigstens als 
Krokierti.sch nicht aufzugeben (S, 251 ff.). Der Meister topographischen Sehens und 
Erkennens, der sächsische Major J. G. Lehmann, war einer der ersten, der sich 
ilem Meßtisch mit besonderer Liebe zuwandte'' und auf seine Bemühungen ist es 



' E. Hammer: Zur Icünftig. toiwuraph. Gnmdk. v. Deutäcbland, a..i.O.. S. 41. -A. Eperer: 
Untersuchungen, a. a. O., S. 50. 

- C. Koppe: Die neuere Landestojxjgraphie, a. a. O., S. 15, Ti. 

^ E. Hammer: Zur künftig, toixjgraph. Orundk. v. Deutschland, a. a. O.. S. 39. 

' Ganz entschieden wird der Tach>-meter über den Meßtisch triiuiiphieren, wenn er demnächst 
.so konstruiert erscheint, daß die Meßlatte überflüssig wird und die gemessenen Punkte nach Ent- 
fernung und Höhe mechanisch auf eine Platte (Zeichenblatt) übertragen werden. 

' J. (i. Lehmann: .Anleitung zum vorteilhaften und zwivkmnßigen Gebrauch des Meßtisches, 
aus einer Reihe praktischer Erfahrungen hergeleitet luid entworfen. Hcrausgegeb<'n und mit einigen 
erliiutemden .Anmerkungen versehen von G. .\up. Fischer. Mit 4 Kupfertafeln. Dn-sden IS12. 
4. .Aufl. t828. 



238 r)''- Kaiteniiufimhinc. 

zurückzuführen, daß das Meßtischverfahren gleichsam eiu Prärogativ der Militiir- 
topographen wurde. Ihm war es wohlbewußt, daß gute Meßtischaufnahmen euie 
langjährige Schulmig des Topographen erfordern. Auch wandte er bereits bei seinen 
eigenen Meßtischaufnahmen die Niveaulinien au, um den Oberflächenformen einen 
natur- und sachgemäßen charakteristischen Ausdruck zu verleihen. Weniger kam 
es darauf an, den (lang luid den Verlauf der Höhenlinien zu bestimmen, da sie nur 
Mittel zum Zweck sind. In einer guten Meßtischaufnahme hegen offenbar viele Momente, 
die das Gelingen eines guten Kartenbildes gewährleisten. Auf einer guten Topographie 
baut sich die gute Karte auf. Die Topographie ist die Karte. Eine schlechte Topo- 
graphie kann das ganze Kartenbild verderben, mithin auch den Wert der Triangulation 
nicht zur Geltung kommen lassen. 

Trotz allem Fortschritt in den Aufnahmemethoden scheint mir von geographischer 
Seite aus die Frage berechtigt: Sehen unsere heutigen Topographen noch so gut wie 
die von ehemals? Wii'd nicht zugunsten einer reichen Punktbestimmung das Sehen 
im Gelände vernachlässigt? Die Antwort haben wir eigentUch schon auf S. 21 6 ff. 
gegeben, indessen ist die Frage so wichtig, daß sie am Schluß der Untersuchung über 
die Genauigkeit der Karte formuliert zu werden verdient. Wir wissen, daß die öster- 
reichische Präzisionsaufnahme auf das richtige Sehen der Topographen großes Gewicht 
legte. An der Hand selten schöner und akkurat ausgeführter handschrifthcher Exem- 
plare von Alpenkarten verteidigte Oberstleutnant Vogel mir gegenüber das öster- 
reichische System^ das darin besteht, daß die Schraffen nicht erst nachträglich in 
das Terrainbild mit Niveauhnien hineinkonstruiert, sondern im Felde gleich ent- 
worfen und später erst die Höhenhnien hineingearbeitet werden, wodurch das richtige 
Sehen bei den österreichischen Topographen bewirkt wird, was bei den deutschen 
wohl schwer noch so gut anzutreffen ist. Und doch ist es eine verfehlte Manier, wenn 
bei Meßtischaufnahmen die Niveaulinien, die das Charakteristische des Geländes 
ausdrücken sollen, erst im Bureau durch Interpolation zwischen den Höhenpimkten 
gewonnen werden. In dieser Ansicht weiß ich mich ganz eins mit einem so erfahrenen 
Praktiker wie L. Aegerter.** Ebenso zeichnet der itahenische Mappeur keine Schraffen, 
sondern in der Aufnahmesektion 50 m- Schichtlinien in unmittelbarem Anblick der 
Bergformen. An der Hand der zahlreichen Höhenmessmigen werden später die 
Schieb tünien berichtigt imd auf der Spezialkarte (1 : 100000), nicht auf dem Sektions- 
blatt, mit Schraffen ausgefüllt. 

104. Kein Ailcrwcltsaufnahmeverfahren. Das Verläßlichkeitsdiagramm. Im 

großen und ganzen kommt es bei all den Aufnahmeverfahren auch auf em gut Teil 
Anlage und geistige Kapazität des Aufnehmenden an. Der eine wird mit diesem 
schneller arbeiten können, der andere mit jenem. Schulung imd Erfahrung sind mit- 
bestimmend bei der Beurteilung und Bevorzugung dieses oder jenes Verfahrens. 
Schließlich spricht das Gelände mit, da jedes \vichtigere und schwierigere Gelände 
sein besonderes Aufnahmeverfahren beansprucht.* Ein Allei-weltsaufnahmeverfahren 



1 Bei einem Besuch des k. k. militär-geogr. Instituts am 12. September 191.3. 

2 Begleitworte zur Karte der Brentagruppe. , Z. d. D. u. Ö. Alpenvereins, 1908, S. 82. 

' Es war seinerzeit ein verfehltes topographisches Unternehmen, Deutsch- Süd westafrika 
Meßtischblättern 1 : 50000 auizunehmen. Nachdem man die Gegend von Windhuk aufgon( 
hatte, nahm man von einer Fortsetzung der Meßtischaufnahme Abstand, der langen Zeitdauer und 
Kosten wegen, die diese im Sinne europäischer Landesvermessung ausgeführten Arbeiten beanspruchten. 



Goschichte und Bewertunj; der Kartciuufnahiiie. 239 

ist bis jetzt noch nicht gefunden und dürfte auch nicht gefunden werden. In der 
rationellen und praktischen Anordnung und Konil)inatiou der verschiedenen Auf- 
nahmemethoden wird das Wesen der Landesaufnahme der Zukunft bestehen. 

Die künftigen Aufnahmen haben noch eine andere Aufgabe zu erfüllen; sie 
müssen im fertigen Kartenblatt klar und unzweideutig sagen, auf welchen Aufnahme- 
methoden das Gelände beruht und damit zusammenhängend, wieweit die Karte 
zuverlässig ist. Nach dieser Richtung tappt der Kartenbenutzer meistens im Finstern. 
und zeitraubende Arbeit, An- und Rückfragen hellen erst das Dunkel auf. Neben 
einzelnen schwachen Ansätzen und Einzelstudien, wie z. B. die von H. Fischer 
über das Aufnahmematerial von ^■orderasienl, hat die österreichische (xeneralkarte 
von Mitteleuropa in 1 : 200000 ein hübsches Vorbild gegeben; in eüier kleinem Sonder- 
übersicht werden auf den Kartenblättem des Balkangebietes die Räume bezeichnet, 
die in der Karte verläßlich sind, und für die das Aufnahmematerial fehlt. Die Öster- 
reicher sprechen von einer ..YerläßHchkeitsklausel", ich nenne es „Verläßlichkeits- 
diagramni". Es war nicht ohne Bedeutung für die Truppe im Weltkriege und er- 
schien auch auf englischen Karten sowohl wie auf deutschen, mid zwar nur auf den 
großmaßstabigen, auf den deutschen in 1 : 10000 imd 1 : '25000, auf den enghschen 
in 1 : 20000 und 1 : 40000. In einem kleinen Sonderbild am Kartenrand, das den 
Umfang der Hauptkarte wesentlich verkleinert wdedergab, war augegeben, was sich 
auf altes und neues französisches Kartenmaterial und was sich auf eigene Auf- 
nahmen stützte. Auf den deutschen Karten sahen wir sogar noch eine weitere Dif- 
ferenzierung der kartographisch verbesserten Gebiete auf Grund von Beutekarten, 
von Flieger- und stereophotogrammetrischen Aufnahmen. Damit wird neben andern 
auch der künftigen topographischen Karte ein Weg gewiesen. Ein Muster dieser 
.\rt hat Fr. Scheck mit seiner Karte des Zahmen Kaisers in 1 : 10000 gegeben.^ 
Aber nicht bloß diese großmaßstabigen Karten, sondern auch die Landkarten kleinern 
Maßstabes sollen sich bemühen, das VerläßUchkeitsdiagramm oder etwas AhnUches 
zu bringen. Dann werden die Kartographen und noch mehr die Geographen ein 
leichteres Arbeiten haben und sicher vor vielen Irrtümern bewahrt bleiben. 



P). Die Aufnahmemetlioden und ihre geographische Kom])eten/„ 
I. Geschichte und Bewertung der Kartenaufnahme. 

lOö, Di»' Zielsetzuuir topiisrapliiMher 7 Aufnahmen. Hinliei kami es sich für 
mich nicht darum handeln, eine Geschichte und Bewertung der Vermessungen zu 
achreiben, was nicht in das Gebiet meiner Untersuchungen gehört, die m der Haupt- 
sache Geograi)heu und Kartographen gelten, und nicht Geodäten. Schöpfen diese 
einige Anregimgen aus meinen Erörterungen, soll es mir nur recht sein. Wenn ich 

' H. Fischer: Geschichte der Kartographie von Vorderasien. P. M. 1920. S. 82ff. Da7.\i 
Karte T. 22. 

• In den Mitt. d. Gcogr. Ges. in München. VII. 1921. T. 7. Neben der Hauptkarte ist ein kleine.«« 
(^Ijcrsichtakartchen als VcrläÖlicIikcitsdiagramni angcbnw'ht, woiauf die Gt'biete cinzehi untorschic<len 
werden, die na(.'h ciofachcn und stereoskopischen Bildern aufgenoninien oder ta^hynictrisch oder in. 
Meßband u. Bussole oder durch fHichtige Aufnahmen und zuletzt die an die Kurven der öster. Original- 
aufnaUnie angeschlossen sind. 



240 ' Die Kartenaufnahme. 

mich bei der topometrischen Grundkarte länger verweilt habe als es vielleicht im 
Eahmen meiner Erörterimgen angebracht erscheint, verfolge ich damit bestimmte 
Zwecke, emmal die Schwierigkeit einer guten Kartenaufnahme und ihre Bedeutung 
für einen weitern Kartenaufbau nachzuweisen und ein andermal das geographische 
Wissen imd Gewissen bei der Beurteilung des Genauigkeitsgrades der Karten zu 
schärfen. Denn nur die vollständige Karte spiegelt die natürliche Gestaltung der 
Erdoberfläche und ihre natürliche Ausstattung wieder, sie allein zeigt, inwieweit 
der Mensch Besitz von ihr ergriffen hat und sie ausnützt, nur sie allein kann zu einem 
wirklichen Gradmesser für die Kultur eines Ijandes werden. Diesen Gedanken ver- 
folgend, gelangt man zum Verständnis des Ausdrucks „Terrain" oder ,, Gelände" als 
eines beUebig begrenzten Teiles der Erdoberfläche mit allen darauf befindlichen un- 
heweghchen Gegenständen. Man unterscheidet ,, Gelände-" oder ,, Terrainteile", 
das sind Teile der natürUchen Gestaltung der Erdoberfläche, wie Berge, Hügel, Bücken, 
Täler, Schluchten, Gewässer, Sümpfe usw., imd „Gelände-" oder ,,Terraingegen- 
stände", das sind die mit der Erdoberfläche durch Natur oder Kunst verbimdenen 
Gegenstände, wie Wälder, Äcker, Wege, Siedlimgen, Bauten aller Art usw. In der 
möglichst getreuen (geometrischen) Wiedergabe beider Teile besteht die Zielsetzung 
jeder guten topographischen Aufnahme. Damit geht ein jahrhundertlanges Streben 
der Topographie in Erfüllung. 

106. l'rsjtrüuglii'he, primitive Aiiliiahnicint'tlioden. Von allem Anfang war die 
Karte dem Bedürfnis entsprungen, sich auf der Erdoberfläche zurechtzufinden. Das 
ist auch heute noch ihre vornehmste Aufgabe. Bevor die Karte entstand, war die 
mündliche Überlieferung die Form, sich auf dem Lande sowohl wie auf dem Meere 
zu orientieren. Für beschränkte Horizonte mochte dies genügen, nicht aber für 
größere Verkehrsgebiete. Nachdem man gelernt hatte, seine Beobachtungen und 
(iedanken schriftUch zu fixieren, entstand die Form der schriftlichen Überlieferung, 
die Eeisebeschreibung, die ein Land bis zu einer gewissen Vollkommenheit zu 
charakterisieren geeignet ist. Sie ist heute wie ehedem im Schwünge. Fast gleich- 
zeitig stellte sich das Bedürfnis ein, das auf dem Lande, der See und der Küste Ge- 
sehene nicht l)loß im Worte der Reisebeschreibungen und Seeroutenbücher, der Por- 
tulane. festzuhalten, sondern auch in der Form des Kartenbildes. Wir sehen die 
ersten primitiven Landkarten entstehen, desgleichen die mittelalterüchen Eeise- 
und Portulankarten. 

Manche derartige Kartenversuche entstanden an Ort und Stelle, die meisten 
doch wohl daheim auf Grund der gesanunelten Beobachtungen und Erkundungen 
bei Bewohnern des Landes. Wie das zur Renaissance- und Folgezeit geübt wurde, 
hören wir von dem Begründer der neuern Astronomie, J. Kepler. Als die ober- 
österreichischen Stände wegen einer Neuaufnahme Österreichs sich an Kepler wandten, 
weil die Fehler der altem Karten von Hirschvogel (1542) und W. Lazius (1561) 
zu offensichtlich waren, gab er ihnen am 20. Mai 1616 die Antwort, daß sich die Ver- 
besserung der altern Karten ohne besondere Bereisungen zu Hause ausführen lasse, 
und daß es genüge, wenn man ,,nur die botten und bauem oder jedes orts Inwohner 
allhie ausfrage", denn „also sind die maiste mappen bis dato gemacht worden".^ 



^ J. Feil: Über das Leben und Wirken des Geographen Georg Matthäus Vischer. Berichte und 
Mitt. des Altertumsvereins zu Wien. 11. 1857, S. 48, Anm. - Vgl. auch Mitt. d. Geogr. Ges. II. Wien 
1858, S. 29, Anm. 



Dil' liucarr Tr.poLrrapbip. 241 

Diese Worte aus dem Muude Keplers versetzen uus euiigermaßen in Erstaunen, da 
er doch über die Aufnahmemethoden seiner Zeit, wo P. Apian schon gewirkt hatte, 
Bescheid wissen mußte; auch konnte man von ihm bei seinen hohen mathematischen 
Fähigkeitt^n verlangen, Wege und Mittel zu weisen, wie den Irrtümern der Karte zu 
begegnen sei; vielleicht lag ihm die ganze Arbeitsrichtung nicht, und die ihm zugleich 
anempfohlene Beendigung der berühmten Eudolphmischen (astronomischen) Tafeln 
scheint ihn mehr als jene erstere Aufgabe angezogen und beschäftigt zu haben. Wie 
dem auch sei, die von ihm empfohlene primitive Methode ist heute noch nicht aus- 
gestorben^ und findet sich in der mündhchen Erkundung des Topographen oder 
Trigonometers bei den ortsansässigen Bewohnern nach Namen und Schreibweise 
von Ortschaften, Gasthöfen, Einzelhäusern, Wegen, Bergen usw. Von Forschungs- 
reisen wird die Eichthofensche Fordenmg, in wenig begangenen Ländern bei den 
Einwohnern Tag für Tag zu erkunden^ ausgiebig befolgt, manchmal zu ausgiebig, 
und die Gefahr Hegt nahe, daß der Eeisende sich mehr auf die Eingeborenenaussagen 
verläßt als auf Autopsie. 



II. Die lineare Topographie. 

107. Die flüchtige topographische Aufnahme. Solange der Geograph zu Forschungs- 
zwecken in fremde Lande zieht, wird das Messen nicht aufhören. Der Trieb der For- 
schvmg leitet Messung und Entdeckung, sagt v. Eichthofen.^ Trotzdem wir das 
irdische Wohnhaus in allen Winkehi abgeleuchtet haben, gibt es für Landesaufnahmen 
noch viel, wenn nicht alles zu tun. Selbst in den europäischen, hochkultivierten 
Ländern mit ihren durchgeführten Meßtischaufnahmen gibt es für den Geographen 
noch lohnende topographische Aufgaben zu lösen, die vorzugsweise in der Ergänzung 
des vorhandenen Kartenmaterials bestehen.* Die flüchtige topographische Aufnahme, 
der „flying survey", geht in der Hauptsache linear vor. Je nach Zeit, Vorbildung 
und GeschickHchkeit des Aufnehmenden wird mit oder ohne Instrument gearbeitet. 
Auf Ivrokierblock oder -brett, Bussole, Kompaß, Diopterlineal und Wasserwage 
(Libelle) mag heute kaum noch der Geograph als Eeisender verzichten, dem es um 
ein einigermaßen brauchbares Kartenbild zu tun ist. Das Kroki erspart ihm lang- 
\\nerige Beschreibungen und bietet als graphische Dai-stellung des Terrains den Vor- 
teil, sich dem Gedächtnis viel leichter luad richtiger als die bestgefaßte Beschreibung 
einzuprägen. Beim Entwerfen der Itinerare, wobei Taschenuhr und Kompaß die 
Hauptrolle spielen, kann man nach K. Hassert eine beschreibende und zeicluierische 
Methode unterscheiden.^ Bei der erstem wird an jeder Wegkrümmung Urzeit und 
Kompaßwinkel notiert, bzw. die Länge des zurückgelegten Weges unmittelbar durch 

' Daß in geographischen Kreisen die Kepplersche Methode noch nicht ausgestorben ist, darüber 
macht sich .J. Frischauf (Die mathematischen Gnmdlagen, a. a. O., S. 179, 180) histig, und zwar In-i 
der Beurteilung der .aufnahmen von Sven Hedin, veranlaßt durch E. Obcrhiunmers Lobrede auf 
diese Aufnaluue, die al)er schon von A. Strindl)erg als eine Leistung angesehen wurden, die ihm die 
Bezeichnung ,J)er überbaraum" entlockte. 

» F. V. Richthofcn: Führer für Forschungsreisende. Berlin ISSti. S. 32. 

' F. V. Richthofen, a. a. O., S. 44. 

* A. Penck: Oberflächenbau. .\nleitung zur deutschen Ijindes- und Volksforsehung. Hg. v. 
A. Kirchhoff. Stuttgart 1889, S. .5. 

' K. Hassert: Topographische Aufnalmieu in MontemgR«. P. M. 1905, S. 203, 204. 
.f. I. 16 



242 l^i*" Kartenaufiiahino. 

Schiittzählen ermittelt. Die andere Methode ist das bekannte Krokieren mit Hilfe 
von Kompaß und Krokierblock (mit Millimeterpapier); sie ist der erstem vorzuziehen, 
da durch den Wegfall der Rekonstruktion der Karte das Gedächtnis weniger belastet 
wird. Wie man bei der flüchtigen Geländeaufnahme die Genauigkeit zu steigern 
vermag, hat Joh. v. Bezard durch seine neue Orientierungs- oder Diopterbussole 
praktisch erprobt. ^ Wie selbst einfachste Verfahren zur beiläufigen Bestimmung 
von Winkeln, Höhen und Entfernungen herangezogen werden können, zeigt V. Kahle 
in seiner Brachimetrie.^ 

108. Die Orientierung im Gelände. Das Wichtigste ist I^ei jeder Aufnahme, ob 
linien- oder flächeuliaft, die Orientierung im Gelände. Das geschieht mit dem Plan 
oder der Karte, mit Hilfe von Bussole oder nach dem Stande der Sorme unter Ver- 
gleichung einer Uhr, nach dem Stande des Mondes, namentlich in den Hauptphasen, 
nach dem Polarstem und dem Sternbild (.'assiopeja. Selbst Notbehelfe können sich 
unter Umständen dienUch erweisen, wie einzelstehende Bäume, die auf der Wetter- 
seite, bei unserer Breite in NW, eine moosbedeckte, gröbere und rissigere Rinde als 
auf der entgegengesetzten Seite aufweisen. Ähnliche Dienste verrichten die dem 
Wetter ausgesetzten Steinblöcke, alte Meilensteine, Martersäulen, Feldsteine, Holz- 
pfähle, die auf der Wetterseite mürbe geworden sind; selbst bei Ameisenhaufen beob- 
achtet man, daß sie an der dem Wetter zugekehrten Seite mit Gras und Moos be- 
wachsen sind, nicht an der entgegengesetzten. 

Auf die sorgfältige und genaue Orientierung des Kartenblattes bei der Auf- 
nahme kann nicht genug aufmerksam gemacht werden. Man wird es nie gut heißen, 
selbst bei flüchtigen Aufnahmen, die Korrektur des Blattes in Hinsicht auf die magne- 
tische Deklination erst nach der Aufnahme vorzunehmen. Es gibt Reisende, die 
bei der Kartenaufnahme in unbekannten Gebieten durch Nichtkenntnis der magne- 
tischen Deklination in größte Verlegenheit gesetzt wurden, trotzdem es nicht schwer 
ist, die magnetische Deklination jederzeit zu bestimmen. Von den verschiedenen 
Verfahren zur Bestinmiung der Nordsiidlinie seien hier nur vier genannt und zwar 
die, die für den Geographen das meiste Interesse haben dürften. Die Verfahren 
sind: a) die graphische Entnahme aus magnetischen Karten; b) das Bestimmen der 
geographischen Nordsüdlinie (Meridian) mit dem Sonnenlot; c) das genäherte Fest- 
legen des Meridians nach Polarstem und Zirkumpolarstemen ; und d) das Beobachten 
von Sormenböhen gleicher Zenitdistanzen. 

Diese Verfahren liefern keine astronomisch strengen Werte, zumal auch bei 
geographischen Aufnahmen gewöhnlich nur Einheitsinstrumente zur Verfügung 
stehen und außerdem genaue astronomische Zeitangaben fehlen. Um aber trotzdem 
für kartographische Aufnahmezwecke brauchbare Werte zu erhalten, genügt es voll- 
kommen, wenn man sich in den Fällen b) und d) durch Verwerten korrespondierender 
Sonnenhöhen von der genauen Zeit unabhängig macht, was im Falle c) durch 
Messen eines Winkels zwischen Polarstern und einem Zirkumpolarstem ebenfalls er- 
reicht wird. 



1 Johann v. B6zard: Neue Mittel zur Steigerung der Genauigkeit der flüchtigen Terrain- 
aufnahme und zur verläßlichen Lösung aller Arten v. Orientierungsaufgaben. S.-A. aus „Streffleurs 
Milit.-Z., zugleich Organ der miUtär-wissenschaftl. Vereine". 1907. II. Wien 1908. 

2 Brachinietrie (ßqaxitov u. ueipetv) ist das Verfahren, mit dem „Arm" zu messen. Vgl. 
P. Kahle: Betrachtungen zu Höhenlinienkarten. O. A. 1920, S. 156, 167. 



Die linearo Topographie. 243 

Bei der graphischen Entnahme aus magnetischen Karten hat man den Deklinations- 
wert für den Beobachtungsort durch rechnerisches Einschalten zwischen benachbarten 
Isogonen zu entnehmen, vorausgesetzt, daß man sich ein Urteil über die Zuverlässig- 
keit der Karte auf Grund einiger Messungen gebildet hat. Stehen nur Karten altern 
Ursprungs zur Verfügung, ist die jährliche Abnahme des Deklinationswertes zu be- 
rücksichtigen. Alle diese Karten geben infolge ihres sehr kleinen Maßstabes, 1 : 5 000000 
und kleiner, nur angenäherte Werte; auch sind die Eintragungen der Linien gleicher 
Deklination vielfach nicht zuverlässig, da Störungsgebiete kaum oder zu grob be- 
rücksichtigt sind. Brauchbarer sind für graphische Ermittlungen Karten größern 
Maßstabes, wie sie z. B. die preußische Landesaufnahme für heimische imd benach- 
barte Gebiete in 1 : 800000 herausgegeben hat und neuerdings in 1 : 100000 heraus- 
gibt.i 

Wo Karten und sämtliche Angaben über magnetische Deklination fehlen, ist 
es zunächst notwendig, den Meridian kennen zu lernen. Die Meridiaiilinie läßt sich 
am einfachsten mit Hilfe des Sonnenlotes graphisch festlegen. Es ist das gleiche 
Verfahren, das die Alten mit dem Schattenstab oder Gnomon ausübten. Beim Auf- 
zeichnen der Schattenmarken wird die Zeit auf etwa eine Minute genau abgelesen 
mid mit diesen Werten die Meridianverbesserung in Beziehung gebracht. ^ Kalt- 
brunner sagt im ,,Beol>achter", daß im Laufe einer Reise die Mittagslinie mindestens 
einmal ermittelt werden muß, um die wahre Nordsüdlmie zu erhalten, wozu der 
Kompaß allein nicht genügt.^ Mit Hilfe des Somaenlotverfahrens läßt sich die Nord- 
südrichtung beliebigemal bequem ermitteln. 

Die andern genäherten Methoden zur Festlegung des Meridians erfolgen durch 
Beobachten des Polarsterns (die einfachste Methode), von Zirkumpolarsternen und 
Polarstem und schließlich durch Beobachtung von Zirkumpolarsternen im Momente 
der größten Digressiou. Letztere ^Methode bildet den Ersatz der Polarsternbeobachtung 
auf der Südhalbkugel. 

Die Breite ist nicht so schwierig wie den Meridian zu bestimmen. Auf jeden 
Fall kann es nicht schaden, wenn der Reisende mit den einfachsten Verfahren, den 
Meridian festzulegen, vertraut ist.* Kann er es selbst nicht, daim muß er sich bei 
seinen Aufnahmen soviel wie möglich an gute astronomische Ortsbestimmungen 
anlehnen. Jeder Geograph weiß, daß er bezüglich der Lage von Orten. Flüssen und 
Seen in den noch wenig erforsciiten Erdteilen mit erheblichen Ungenauigkeiten zu 
rechnen hat. Aber viele Fehler, von denen er später überrascht wird, wären ^■on 
Haus aus zu vermeiden. Wie falsch unsere Länderkarten sein können, beweist ein 
Bericht, den Kapitän Lemaire über die Ergebnisse seiner zweijährigen Arbeiten 

1 Die Blätter führen den Titel „Linien gleicher magnetischer MiBweisung, Epoche 1919, 5". 
Die Linien sind von 10 zu 10 ÄLnuten gezogen. Jeder Karte ist ein Merkblatt über den G»'bra\ieli der 
Karten beigefügt. 

* Zur Umrechnung der Zeit in Bogengrade, Bogenminuten und Bogensekimden dienen folgende 
.Vngaben: 

li» (= I Zeitstunde) = 15" (Bogengrade). 1° (Bogengrad) = 4" (Zeitmin\Uon), 
1'" (-- 1 Zeitrainuto) = 15' (Bogenminuten). 1' (Bogenmin.) - 4" (Zeitaekimd.). 
1" (= 1 Zeitsekunde) - 15" (Bogensekunden), 1" (Bogensekunde) -= 1«; 15 - O.OOO« (Zeil.sokunden). 
^ D. Kaltbrunnor: Der Beobachter. Bearbeitet von E. KoUbrunner. Zürich 1SS2, S. 181). 

* S. Passarge mahnt in K. Keilhacks Lehrbuch der pniktischen Geologie (3. Aufl. l. Stutt- 
narl l'.»l(). S. 254), daß kein Geologe auf Forsclumgnrei»en gehen soll, ohne aieh mit den einfachsten 
lustnuiicnten zur Vornahme astronomischer Ürt,sl>estimmungcu vertraut gemacht zu haben. 

16- 



244 L)'<^ Kartenaufnahme. 

in Katanga vor etwa einem Dezennium an die Eegierung des Kongostaats gerichtet 
hat. Der Forscher hatte sich hauptsächKch mit astronomischen Ortsbestimmungen 
befaßt und mit deren Hilfe viele Irrtümer in den bisherigen Karten des Kongostaats 
berichtigt.^ Es hatte eben bis dahin die richtige Orientierung der Aufnahmen gefehlt. 

109. Das Itinerar oder die Routenaulnahnie. Die tliiclitige Aufnuhme. und liei 
den Eoutenaufnahmen oder Itinerarien handelt es sich meistens um solche, 
muß in kurzer Zeit große Strecken durcheUen. Mit Meßband wird da nur selten 
gearbeitet, und die Distanzen werden durch Abschreiten, Abreiten und Abfahren 
gemessen, gegebenenfalls durch Zeitmaß, Entfernungsmesser, selbst nach dem Augen- 
maß. Sehen wir uns die Eoutenaufnahmen genauer an, sind wir erstaunt, wieviel 
nach Augenmaß gearbeitet worden ist. Dieses Aufnehmen „ä coup d'ceil" oder „ä 
la vue" oder „ä vue d'ceil" erscheint auf den ersten Augenblick als das leichteste 
und bequemste Verfahren, imd darum das von Anfängern bevorzugte^ ;''und doch 
ist es außerordenthch schwierig, das Gelände selbst bei der flüchtigen Aufnahme, 
dem Kroki, charakteristisch, deuthch und korrekt aufzufassen; „denn gerade die 
roheste Skizze bedarf des gewandtesten und genialsten Zeichners, soll sie natur- 
wahren Eindruck machen".* Das Krokieren erfordert viele und langfristige Übungen 
und trotzdem kami man den gröbsten Täuschungen ausgesetzt sein.* Vor manchen 
Ungenauigkeiten steht man wie vor einem Eätsel.^ Nach meinen topographischen 

1 Die Lage eines so bekannten Ortes wie Matadi war nach der eingehenden Ermittlung von 
Lemaire bisher um .50km falsch angegeben und die Länge der Eisenbahnstrecke nach Leopoldville um 
75 km überschätzt worden. In den südlichen und östlichen Bezirken des Kongostaates war auf den vor- 
läufigen Karten nicht ein einziger wichtiger Ort genau angegeben. Ein hervorragender Punkt in dem 
Grenzgebiet zwischen dem Kongo und Zambesi mußte lun einen vollen Längengrad verlegt werden, 
imd ganz bekaimte Wasserfälle, Seen, Stationen lagen um 30— 40 km oder noch mehr von der Stelle 
entfernt, an der sie auf der Karte erschienen. Sogar eine so bedeutende Linie wie die Westküste des 
Tanganyikasees war bisher unrichtig verzeichnet; sie mußte erheblich weiter nach Westen verlegt 
werden, und die Mündung des Lukugaflusses verschob sich um nicht weniger als 50 km. Der ganze 
Lauf des großen Lualubastromes, eines der mächtigen Arme des obem Kongo, lag um fast 60 km 
näher an dem großen See als es die Karte anzeigte. Durch diese Berichtigungen wurden alle bestehenden 
Karten von Innerafrika zu Makulatur, wenigstens für den Geographen, dem es nicht auf eine ungefähre, 
sondern auf eine genaue Zeichnung der Karte ankommt. 

2 Aus dem 18. Jahrb. liegen uns Anleitungen zum Aufnehmen nach dem Augenmaß 
vor; so von F. C. Müller: Theoretisch-praktische Abhandlung über d richtige Aufnehmen und Zeichnen 
der Situations-Charten nach bloßem Augenmaße. Mit einer Kupfertafel. Münster 1778. — Der „Coup 
d'oeil militaire" von Pirscher ist auf Müller von Einfluß gewesen. — Vgl. auch Anm. 4. 

' E. V. Sydow: Der kartographische Standpunkt Europas am Scliluß des Jahres 1859. P. M. 
1860, S. 475. 

♦ Schon im 18. Jahrhundert stolperte man über die „Augenmaß-Aufnahmen", und zur Be- 
seitigung ihrer Mängel haben Wiebeking, Schmettau, Hogreve, Hayne u. a. ni., auch Franzosen, 
gearbeitet. — Es sei hingewiesen auf Hayne: Deutliche und ausführliche Anweisung, wie man das 
mihtärische Aufnehmen nach dem Augenmaße ohne Lehrmeister erlernen könne. Berlin 1782. — 
C. F. Wiebeking sagt in „Ueber topogr. Garten", Mülheim a. Rh. 1792, S. 13: „Die Fertigkeit, topo- 
graphische Aufnahmen richtig auf das Papier zu bringen, entlehnt ihre Grundsätze von der Mathe- 
matik, xmd wird nur durch richtiges Augenmaß und schnelle Beurteilimg.skraft ausgeübt." 

' Man vergegenwärtige sich beispielsweise, daß sogar die Moltkesche Karte (H. Kiepert, 
Konstantinopel und der Bosporus. Reduktion nach der Aufnahme des Freih. v. Moltke. Berhn 1867, 
1 : 100000) den großen, 2000 Einwohner zählenden Ort Ai-nautkiöj noch an den Westhang der Alemdagh- 
kette und an einem z\im Bosporus abfUcßendcn Bach verlegt, während er tatsächlich am Ostabhang 
der Kette und in einem nach N zum Rivadere sich öffnenden Tale liegt. — Vgl. auch C. Freiherr 
v. der Goltz-Pascha: Karte der Umgegend von Koustantinopd. 1: 100000. Berlin, s. a. 



Die liiioare Topographie. 245 

Erfahrungen stehe ich auf dem Standpunkt, keinem Kartenelement einer topo- 
graphischen Karte zu trauen, das nicht durch Zahl und Maß bestimmt ist. Mag sein, 
daß man sich eine große Eoutine ei-werben kann, die Größe einzelner Linien, Winkel 
und Flachen nach bloßem Augenmaß zu schätzen und ihre Lage anzugeben; Böschungs- 
winkel jedoch abzuschätzen, wenn man kein Vertikalinstrument zur Hand hat, heißt 
die größte Anforderimg an das Augenmaß bei zweifelhaftem Ergebnis stellen. Ich 
erinnere nur daran, wie schwierig der Böschungswinkel eines Abhangs von vom zu 
schätzen ist, was höchstens bei nächster Nähe zu etwas Brauchbarem führt. 

Wird ein Land die Kreuz und die Quer von Eoutenaufahmen durchzogen^, 
verdichtet sich allmähhch das topographische Bild zu einer Karte^, die infolge des 
unausbleibhchen kleinen Maßstabes einen fertigen, d. h. auf Grimd flächenhafter 
Aufnahmen entstandenen Eindruck macht. Das ist ganz dieser Eindruck, den wir 
bei den meisten Karten von Asien, Afrika und Südamerika empfinden. Im Grunde 
genommen ergeben die dichten, sich kreuzenden Koutenaufnahmen noch keine 
Flächendeckung, da das zi\'ischen den Routennetzmaschen liegende Gelände in der 
Hauptsache als imerforscht gelten muß. H. Fischer hat sich der mühevollen Arbeit 
unterzogen, die verschiedenen Aufnahmen bei der topographischen Erschließung von 
Vorderasien kartographisch zu veranschaulichen.^ Bei der Betrachtung des Karten- 
bildes vnid jeder erstaunt sein, wie wenig in ^'orderasien als Aufnahme im Sinne 
unserer Landesaufnahme gelten kann, wie ungleichwertig und zerfasert das Eouten- 
netz ist, ^vie groß und zahlreich die unerforschten Gebiete zwischen den einzelnen 
Wegeaufnahmen sind und wie E. Hammer nur allzu recht hat, wenn er Kleinasien 
topographisch als Terra incognita bezeichnet*; und dabei hegt uns Vorderasien kul- 
turell näher als das meiste außereuropäische Kolonialgebiet. Und gehen wir weiter 
in europafeme Gebiete, da sieht es noch trauriger mit der topographischen Er- 
schheßung aus.^ 

110. Die Phantasie als große Gefahr der Rnutenaufuahme. Bei den Routen- 
aufnahmen besteht zu große Gefahr, das Kartenbild durch die Einbildungskraft zu 
ergänzen, also bewußt oder unbewnißt topographische Details in die Karte hinem- 
zuphantasieren. Das Mißtrauen des Kenners ist hier nur allzusehr berechtigt. Offen 
und ehrlich muß sich der Geograph eingestehen, daß er bezüglich der Genauigkeit 
diesen Kartengebilden gegenüber vielfach zu nachsichtig ist, weil die blendende Auf- 



1 Gute Hilfe leisten hierbei die bei Dietr. Reimer in Berlin erschienenen Routenaufnahnie- 
bücher, von P. Sprigade u. M. Moisel bearbeitet und mit einer kurzen, klaren und völlig aus- 
reichenden Darstellung der Iloutenaiifnahmen versehen. 

■ Bei der Karte von Togo in 1 : 200000 (10 Bl.), die P. Sprigade nach ISjähriger Arbeit voll- 
endete, gelangten zur Venvendung 891 Rovitcnaufnahmen, von 54 .Aufneluuern herrührend, in 1925 Blatt 
kon.ttruiert, dazu noch 60 fertige Manuskript karten und -skizzen; zu Rate gezogen wurden 227 ver- 
öffentlicht«' Karten; an astronomisch festgelegten Punkten standen 349 zur Verfügung. — In der von 
M. Moisel redigierten Spezialkarte von Kamerun in 1 : :?00000 (20 Bl. u. 4 .An.-MVtzstücke) sind 724 Iti- 
nerare u. \'ermest<ungcn verschiedenster Art verarbeitet, herrührend von 210 Aufnelimcm: die Auf- 
nahmen mußten erst in Kartenfonn aus den Feldbüchem übertragen, d. h. konstruiert werden, was 
eine Summe von 4492 Bliittern (46 x 60 cm) ergab. 

^ H. Fischer: Vorderasien nacli dem Stand der to]Xigrapli. Kenntnis für 1914. P. M. 1920, T. 22. 

* E. Hammer: Über die Bestrebgp. der neuem LandestoiK>gniplii<-. 1". M. 190". S. 97. 

^ rnziihlige Beispiele ließen sich hier herbeiziehen. N\n- auf N'oi-dwest-Haiti sei hingewiesen, 
das R. Lütgens durch I^'>utenaufnahmen weiter ereehlosxen hat: vgl. seine ..Qixjgraphisehen u. geo- 
logischen Beobachtungen in Nordwest -Haiti.' Mitl. d. Ot-i.,.'.. (>.-., <ii HamlMin:. \\.\11. S. r.9{f. 



246 1^''' Knrteniiufnahnie. 

machung oft über den innern Wert täuscht und die Wiedergabe von Gebirgen in 
Schummerung, in Schraffen oder gar Isohypsen (vorsichtigerweise werden sie viel- 
fach schon „Gefühlsisohypsen" genarmt) den Eindruck erweckt, als ob eine grund- 
legende und tüchtige topographische Arbeit geleistet worden wäre. 

Es hat nicht an Forschungsreisenden gefehlt, die auf das Fehlerhafte solcher 
Kartenaufnahmen genugsam hingewiesen haben, wie z. B. F. v. Eichthofen. Er 
wußte nur zu gut, daß sogar öfters begangene Strecken Chinas noch falsch dargestellt 
wurden. Den Karten seines Atlasses lagen zahlreiche eigene Itinerare zugrunde, 
die er durch allerhand anderes Erkundungs- und teilweise nicht kontrollierbares 
Kartenmaterial zu einem allgemeinen Kartenbild verdichtete. So haften dem Karten- 
werk noch mancherlei v. Eichthofen wohl bewußte Mängel an, wobei man bedenken 
muß, daß bei einem so gewaltigen Gebiet wie China die Herausgabe eines guten 
Kartenwerkes noch lange Weile haben wird. Trotzdem gibt dieses Zeitmaß keinen 
Anlaß, mangelhafte Karten zu beschönigen, selbst wemi sie von namhaften Autoren 
herstammen. Noch lange nicht ist alles gleich gut und brauchbar, wenn es ein für 
seine Zeit bedeutender Wissenschaftler mit seinem Namen deckt, und die ruhig und 
sicher abwägende Kritik nach dieser Eichtung ist nicht bloß in der Geographie, sondern 
auch in der Kartographie geboten, so ähnUch wie ich sie, um bei der Gegenwart zu 
bleiben, über die Erzeugnisse der deutschen Kolonialkartographie bei Gelegenheit 
der Verhandlungen des Deutschen Kolonial kongresses 1910 zu Berlin geübt habe, 
wodurch der Sache wie dem Autor in gleicher Weise gedient wird, selbst auf die 
Gefahr hin, daß die Kritik zunächst herb und bitter empfunden wird. Ist es nicht 
Unsitte oder Urteilslosigkeit, ältere durch größere Zeitspanne uns entrückte und 
doch für ihre Zeit recht mittelmäßige Werke über das Maß hinaus zu loben, so ähnhch 
wie es mit dem Atlas von China des Jesuiten Martini^ durch 0. PescheP u. a. ge- 
schehen ist, und die Geographen nehmen eine schwere VerantwortHchkeit auf sich, 
wenn sie wie Duhalde, d'Anville, Klaproth ohne weiteres annehmen, daß die katho- 
lischen Missionare wirklich eine Dreiecksmessung Chinas, zumal der entlegenen nord- 
westlichen Teile des Landes, vorgenommen haben; ihre Aufnahmetätigkeit beschränkte 
sich lediglich auf imtergeordnete Teilmessungen. Durch v. Eichthofen zur größten 
Gewissenhaftigkeit beim Aufnehmen des Geländes ermahnt, bringt A. Tafel in dem 
Kartenwerk zu seinen Eeisen in China und Tibet-'' einzig und allein das zur Darstellung, 
was er selbst gesehen und gemessen hat bei völliger Vernachlässigung vorliegender 
chinesischer Quellen. „Dies Vorgehen bietet den großen Vorteil, klar erkennen zu 
lassen, was der Eeisende selbst l^eobachtet hat, und das von ihm Wahrgenommene 
nicht zu trüben durch Übernahme von Material, welches auf seine Verläßhchkeit nicht 
geprüft worden ist. Auf diese Weise werden die Grundlagen für die kritische Ge- 
wiimung eines Gesamtbildes von China dargeboten"*, und den Geographen, die ein 
besseres Kartenbild größerer Teile von China und Ost-Tibet gewinnen wollen, ein 



* Der „Novus Atlas Sinensis a Martino Martini Soo. Jesu" erschien als 11. Toll des „Novus 
Atlas absolutissimus" von Janson, Amsterdam 1655. 

2 O. Peschels Geschiebte der Erdkunde bis auf A. v. Humboldt u. C. Ritter. 2. Aufl. von 
S. Rüge. München 187"!, S.. 346. 

3 A. Tafel: R«ise in China imd Tibet 1905—1908. Kartographische Ergebnisse. Teil I : China, 
31 Karten in 1 : 200000, herausgeg. v. d. Ges. f. Erdk. zu Berlin 1913. 

' A. Penck: Da,» Kartenwerk „Dr. A. Tafel, Reisen in China und Tibet". Z. d. Gi-s. f. Erdk. 
zu Berlin 1913, S. 82. 



Die lineare Topographie. 247 

her\-orragender Dienst geleistet. Fast in ähnlicher Weise wie Tafel verfuhr W. Filch- 
ner bei seinen Aufnahmen in Nordost-Tibet^; indessen sind die Aufnahmen von 
Tafel in bezug auf Sorgfältigkeit höher zu bewerten. 

111. Die deutsche Kolonialtopographie und -kartographle. Südamerikanische, 
afrikanische und asiatische Kartenbilder, die uns heute in bedeutenden Atlanten 
sowohl wie in Einzelkarten entgegentreten, gründen sich auf die Ergebnisse von 
Itinerarien, die im Laufe von ein bis zwei Jahrhunderten angesammelt worden sind. 
Eine wesentUch kürzere Entwicklung, rund die eines Menschonalters, liegt in der 
deutschen Kolonialkartographie vor.^ Da sie vorderhand einen Abschluß 
erreicht hat, gibt sie in extenso ein vorzüghches Lehrbeispiel, bei dem sich all die 
Fehler und Vorteile der einzelnen Aufnahmemethoden, wie sie bisher bei Kolonial- 
ländem und ähnlichen Landgebieten verwendet wurden, nachweisen lassen. Von 
der primitiven Aufnahme der bloßen Erkundung und der Aufnahme mit Uhr und 
Kompaß an bis hinauf zur geodätischen Aufnahme imd astronomischen Ortsbestimmung 
— letztere beiden vorzugsweise bei der Festlegimg von Landesgrenzen — haben das 
Material für die deutschen Kolonialkarten gehefert.^ Auch der Ausbau der Verkehrs- 
wege, Eisenbahnen imd Kunststraßen und die Farmvermessungen der Landmesser 
hatten eine große Anzahl detaüherter Aufnahmen gezeitigt, die mit großem Nutzen 
beim Aufbau des Kartenbildes gebraucht wurden. Infolge dieses verschiedenartigen 
und ungleichwertigen Aufnahmematerials verbietet es sich von vornherein, den Grad 
der Genauigkeit von den Kolonialkarten wie von den Karten des Mutterlandes zu 
fordern. Schon aus technischen, zeitHchen, pekimiären und Nützlichkeitsgründen 
mußte man von der Forderung absehen, die Schutzgebiete in gleicher oder ähnhcher 
Weise wie das Mutterland zu vermessen. 

Die Entwicklung der deutschen Kolonialkartographie ist etwas älter als der 
deutsche Kolonialbesitz selbst. In den alten Weißbüchern des Auswärtigen Amtes 
befinden sich die ersten sichern Hinweise des deutschen Handels mit Gebieten, die 
später deutsche Kolonien wurden. Diese Veröffentlichungen sind durch Inhalt und 
Kartenbeilagen kolonial-historisch wie kartographisch-historisch interessant. In 
ihnen finden wir die ersten eigenen Karten deutscher Kolonien. Die ersten Karten- 
liilder, von L. Friederichsen in Hamburg entworfen und gezeichnet, verghchen 
mit den jetzigen Karten, geben den anschauhchsten und besten Beweis für den Fort- 
schritt in der geographischen und wirtschafthchen Erschließung der deutschen Kolonien. 
Da erkennt man, daß die deutsche Nation innerhalb von drei Dezennien bereits eini' 
beachtenswerte große Arbeit in Übersee geleistet hat, der sich schlechterdings in 
Eücksicht auf die Kürze der Zeit von selten der andern Kolonialvölker, wie England, 



> W. Filchner: Wi.-sensohaftliche Ergebnisse meiner Expedition nach Nonlost-Tibct IIKM. 
Karten, aufgenommen v. W. Filchner u. G. Scholz. Berlin 1907. 

' Über die deutache Kolonialtopographie vgl. auch folgende Kapitel, was über Jäger, Kohl- 
schütter usw. gesagt ist. 

' Über die Entwicklung der deutschen Kolouialkartograplup vgl. folgende Arbeiten von mir: 
..Die deutsche Koloniiilkartographie" in Verhandlungen des Deutschen Kolonialknngresses 1910. 
Berlin 1910. „Entwiiklung und ucgenwärtiger Stand un.srer Kolonialkartogmphii-" in Deutscher 
Kolonialzeitung 1910, Nr. II, 12, 13, 14. .\uUci-dem habe ich sie eingehender berücksichtigt in den 
Berichten über die , J<\)rt«chritte in der geographi.schen Erschließung vmserer Kolonien", die von 19<XS 
bis 1914 in dem Jahrbuch über die deutaehen Kolonien, Essen, herausgegeben von K. Schneider 
erschienen. 



248 ^^'6 Kartenaiifnabmc. 

Franki-eich usw., nichts, am allerwenigsten an Kartenwerken, an die Seite stellen 
läßt. Die holländischen Karten nehmen eine Sonderstellung ein, wie wir weiter unten 
noch sehen werden. Wir wissen auch, daß die deutschen Kolouialkarten Gegenstand 
bewundernder Nacheiferung seitens der an die deutschen Kolonien grenzenden Nach- 
barn geworden sind^; und von Engländern und Franzosen, von letztern oft in über- 
schwenglichen Worten, ist die Überlegenheit und technische Vollendinig der deutschen 
Kolonialkarten zugegeben worden. ^ 

Missionare, Kaufleute, Farmer, Ingenieure, Landmesser, Beamte, Forscher 
sind tätig gewesen, das topographische Bild der deutschen Kolonien zu enthüllen, 
insbesondere sind viele Hunderte von topographischen Eouten- und andern Auf- 
nahmen ein Euhmesblatt in dem Geschichtsbuch kolonialen Wirkens des deutschen 
Offiziers ; ich nenne nur einige der bekanntern, wie G Hartmann, C. v. Fran^ois, E. Hom, 
V. Seefried, Herrmann, G. Friederici, H. Glauning, Schlobach, Th. v. Trotha, v. Pritt- 
witz und Gaffron, M. Weiß. Unter den Forschern, die durch ihre Aufnahmen die 
Kartographie der deutschen Kolonien gefördert haben, seien hervorgehoben: 0. Bau- 
mann, L. Schulze - Jena , S. Passarge, H. Grüner, K. Hassert, E. Kohlschütter, 
K. Sapper, C. Uhlig und Fr. Jäger. Das Wertvollste dieser Aufnahmen zusammen- 
gefaßt, in ein kartographisches Bild verarbeitet und so dem allgemeinen Verständnis 
nahegebracht zu haben, ist in der Hauptsache das Verdienst von Eichard Kiepert 
in Berlin, Paul Langhans in Gotha, Paul Sprigade und Max Moisel in Berlin. 
Kiepert gab die ersten Sektionen der großen Spezialkarte von Ostafrika in 1 : 300000 
heraus, welche Karte später in die Eedaktion von Sprigade und Moisel überging. 
Letztere beiden sind so recht die deutschen Kolonialkartographen^, die der deutschen 
Kolonialkartographie gegenüber den ähnlichen Erzeugnissen anderer Kolonialländer 
ein besonderes Gepräge aufgedrückt haben, daß man von einem eigenartigen 
deutschen Kolonialkartentypus sprechen muß. 

112. Die außerdeutsche Eolonialkartographie. Was sich für den deutschen 
Kolonialbesitz auf wenige Dezermien beschränkte, hat sich bei den andern Kolonial- 
ländern auf viele Jahrzehnte verteilt, ohne, mit Ausnahme der Holländer, zu hervor- 
stechenden Leistungen gelangt zu sein.* Es lohnt sich nur, neben der deutschen von 
einer enghschen, französischen und holländischen Kolonialkartographie zu sprechen, 
die Kolonialkarten und Aufnahmen der andern Kolonialvölker, wie Spanier, Por- 



1 C. Uhlig: Entwicklung, Methoden u. Probleme der Geographie der deutschen Kolonien. 
G. Z. 1911, S. 366. 

^ P. Sprigade: Max Moisel, ein Gedenkvvort. Koloniale Rundschau, Z. f. KolonialpoUtik und 
Weltwirtschaft. Berlin 1920, S. 147. 

'' P. Sprigade u. M. Moisel (f 1920) waren die Fülirer des rühmlichst bekannten Karto- 
graphischen Instituts von Dietrich Reimer (E. Vohsen) in Berlin, das sich leider 1919/20 aufgelöst hat. 
Sie verarbeiteten vorzugsweise die offiziellen Aufnahmen und die Aufnahmen, die im Auftrage der 
Landeskundlichen Kommission ausgeführt wurden; sie sind die Kartographen des Kleinen und des 
Großen deutschen Kolonialatlasses wie der einzelnen offiziellen Karten unserer Kolonien, die als Sonder- 
beilagen zu den Mitteilimgen aus den deutschen Schutzgebieten erschienen. Ihnen kamen die Erfah- 
nmgen, die sich auf eigene Routenaufnahmen in Kamerun und Togo stützten, zugute. — Vgl. auch 
Anm. 1 und 2, S. 245. 

'' Zum Studium der Kolonialkarten deutscher wie fremder Besitzungen sei die Kolonialkarten- 
sammlung des alten Reichskolonialamts empfohlen. Als Führer dazu dient H. Marquardsen: Die 
Kol.-Kart.-Sammluni.' des Rcichs-Kolon.-Amts. Beilage zu Heft 2 der Mitt. aus d. Deutschen Schutz- 
gebieten. Berlin 1915. 



Die flftchenhafte Topographie. 249 

tugiesen, Italiener, Nordamerikaner, sind für eine eingehendere Berücksichtigung 
zu unbedeutend. Die Kolonialkarten der Engländer, Franzosen und Holländer be- 
ruhen wie die deutschen in der Hauptsache auf Eoutenaufnahmen, daneben finden 
wir beachtenswerte Leistungen in genauem Aufnahmen. Neben rohen kartographischen 
Erzeugnissen^ finden wir elegante englische Karten für die Nilländer imd Vorder- 
indien. Aber zu großzügigen Aufnahmen ihrer Kolonialgebiete und einheithcheu 
Kartenwerken sind die Engländer nicht vorgedrungen, trotzdem sie über eine jahr- 
hundertlange kolonisatorische Erfahrung verfügen. Es soll nicht verkannt werden, 
daß die nach den Kolonien vom Ordnance Survey entsandten Vermessungsexpeditionen 
und der für Vorderindien eigene eingerichtete Vermessungsdienst mancherlei Beachtens- 
wertes geschaffen hat, aber gegenüber der langen Zeit, die England bereits zur Ver- 
fügung stand, und der von ihm behebten eigenen Wertschätzung bedeuten die karto- 
graphischen Ergebnisse blutwenig. Auf Gnmdlage der französischen Karten- 
materiahen, die mir unter die Hände gekommen sind, habe ich nirgends etwas Be- 
merkenswertes entdeckt, nirgends den Keim eines schöpferischen Gedankens, nirgends 
die Spur zu einem kolonialkartographischen Typus. Die französischen Kolonial- 
karten bleiben sogar hinter vielen engHschen zurück. Dagegen heben sich die hol- 
ländischen vorteilhaft hervor. Für Niederländisch-Indien ist ein eigener „Topo- 
graphischer Dienst" eingerichtet. ^ Während man sich für die größten Gebiete Suma- 
tras, namentlich das Innere, noch mit Eoutenaufnahmen begnügen muß, besitzen 
wir Aufnahmen der Westküste m 1 : 20000, 1 : 40000 und 1 : 80000, und neben den 
andern Inseln ist es vorzugsweise Java, das sich ähnhcher Aufnahmen wie das Mutter- 
land erfreut. Die meisten Gebiete hegen in Aufnahmen in 1 : 20000 vor, selbst Ka- 
tastern in 1 : 5000 begegnen wir. Bergige Gelände ohne große wirtschafthche Be- 
deutung erscheinen in kleinern Maßstäben. Welche Summe topographischen Fleißes 
steckt in den „Krater-Kaarten" in 1 : 10000 und 1 : 25000. Die Vereinigten Stuten 
haben in ihrem weiten Staatsgebiete flott arbeiten gelernt; ihre Aufnahmemethoden 
wenden sie auf die Philippinen an, wie auch in China. 

III. Die flächenhafte Topographie. 

113. Flächondeckims;, das Hauptziel der t<»po£rraphisehcu Aufnahme. Die voran- 
stehenden Betrachtungen haben dargetan, daß ich den Begriff der Kolonialkartographie 
nicht allein auf die Schutzgebiete der europäischen Staaten anwende, sondern über- 
haupt auf jene Neuländer, in denen in geodätischer wie kartographischer Hinsicht 
zusammenhängende Landesaufnahmen fehlen, und die sich „gewissermaßen als 
Kolonialgebiete der europäischen Geodäsie kennzeichnen", wie P. Gast sagt.' Denn 
Kolonialländer sind traditionslose Länder, und zwar in dem Sinne, als ihr politisches 
Gefüge nicht wie die europäischen Reiche von der Wucht der Tradition staatlicher 
Einrichtungen und Maßnahmen, wozu die Landesvermessung als eine durchaus 



' So z. B. „Oi-dnaiue Survey of tbe penüisula of Sinai", raade in 1868-1869 by C. W. Wilson 
aud H. S. Palnicr, umier tlio direotion of H. Jarnos. 1: 126720; oder „.Map of Afghanistan, b)v-iod 
on survey of India iiiaps. 1:2027520. s. a.; u. v. a. m. 

* Vgl. „Do Topographische Dienst in Nedcrlandsch-Tndie". Ecnige gcgovens omtrent gosihio- 
denis, orgaoisalio cn werkwijzc, uitgogcven tcr gclogonheid van do tcntoonstelling van hot koninklijk 
N(xlcrland.si'h Aardrijsi.iuulin Ot-nootwchap to Amsterdam. lOH. 

ä P. Gast: Die Triungulatiun von Koloniallaudorn. Z. I. \ orui.-W. lUlO, S. 721. 



260 Die KartPnaufnahme. 

europäische Kulturfonn rechnet, getragen werden. In der Hauptsache sind es Ge- 
biete mit dünner Bevölkerung und extensiver Bodenkultur, und diese Gebiete sind 
bekanntüch die ausgedehntesten innerhalb der Ökumene; von ihnen Karten zu be- 
sitzen, gehört zu den großen Bedürfnissen der Zeit. 

Die Vermessung, wie sie in die Kolonialländer hinausgetragen wird, um Unter- 
lagen zur Konstruktion kleinmaßstabiger Karten (bis 1 : 100000) zu gewinnen, nennt 
man schlechthin geographische Vermessung, geschieht sie nach einem einheit- 
hchen System über ein großes Gebiet hin, spricht man von geographischer Landes- 
vermessung (geographic survey). Größern Maßstäben wie 1 : 50000 oder 1 : 25000 
begegnet man nur in Einzelfällen.^ Die Krone der Vermessungsarbeiten gebührt 
der geodätischen Vermessung. Damit ist nicht gesagt, daß die Tätigkeit des Geo- 
graphen von der geodätischen Landesvermessung ausgeschlossen sei; da er aber sein 
Augenmerk bei der Erforschung eines Landes noch auf wesentlich andere Dinge als 
auf die trigonometrische Aufnahme zu richten hat, wird er die feinern, langwierigen 
Messungen, die ein besonderes Studium erfordern, gern dem Geodäten überlassen. Hat er 
doch mit dem bereits genug zu tun, was ihm der Geodät aus seiner reichenlnstrumenten- 
rüstkammer zum Aufnehmen überweist ; und diese Instrumente, wie Theodolit ,Tachymeter . 
Meßtisch mit Kippregel usw. gebraucht der Geograph, wenn er das Land nicht bloß linear 
durch Itinerare, sondern hauptsächlich durch Flächendeckung erschließen will.^ 

114. Die topographischen Vorkeuiitnisse der Forschungsreisendeu. Um topo- 
graphische Flächendeckung vornehmen zu körmen, ist es notwendig, sich die dazu 
erforderlichen Kenntnisse und praktischen Fertigkeiten in der Handhabung der 
geodätischen Instrumente und einige Gewandtheit im topographischen Zeichnen 
bereits in der Heimat anzueignen.^ Man muß wissen, welche Genauigkeit man mit 
seinen Instrumenten erzielt, wie weit man sich auf sie verlassen kann. Dann wird 
es auch möghch sein, sich Modifikationen des Aufnahmeverfahrens, zu denen das 
aufzunehmende Gelände zwingt, ohne Schwierigkeit anzupassen. Dadurch entsteht 
das Gefühl der Sicherheit, wodurch wissenschafthche Arbeiten nur gewinnen können. 
Es ist erstaunlich, wie sorglos manche Forschungsreisende gerade diesen Punkt ihrer 
Ausrüstung behandelt haben, und wie bitter es sich nachher gerächt hat, wenn die 
Messungen beginnen sollten und das Gelände ganz andere Verfahren erforderte, 
als man sich erst einbildete, selbst bei dem Arbeiten auf große Entfernungen hin. 
Nicht jeder hat das Glück wie W. Penck, beim Anfang seiner Aufnahmen einen so 
tüchtigen Lehrmeister wie F. Graef, den Leiter der topographischen Abteilung in 
der Direccion Gal. de Minas zur Seite zu haben, mit dem zuerst Aufnahmemethoden 
und Ziele der kartographischen Darstellung durchgesprochen wurden, und der zuletzt 
selbst tätigen Anteil an den Vermessungsarbeiten nahm.* 



1 Z. B. in Kiautschou die Karte de» Lauschan in 1:50000, herausg. vom deutschen Reichs- 
marineamt. Die langjährigen Arbeiten der TTsambaravermcssung der kaiserlichen Landmesser in 
Deutsch-Ostafrika wurden provisorisch niedergelegt auf 10 Bl. in 1:25000 und in 1:50000. — Die 
topographischen Neuaufnahmen, die sogen. District surveys, von Siam, seit 1909 im Gange, werden 
in 1 : 25000 und 1 : 50000 publiziert. 

- Vgl. auch den Eingangsabschnitt dieses Hauptteils „Geograph und Geodät". 

' P. Vogel: Aufnahmen des K«iseweges und des Geländes. Anleitung zu wissenschaftlichen 
Beobachtungen auf Reisen. Herausg. v. G. v. Neumayer. 3. Aufl. Hannover 1906, S. 74, 75. 

■* W. Penck: Topographische Aufnahmen am Südrand der Puna de Atacama (NW-Argentinien). 
Z. d. Ges. f. Erdk. zu Berlin. 1918, S. 193. 



Die flächenhaftp Topographie. 251 

Wie schmerzlich empfinden Reisende, die ursprünglich ans Aufnehmen gar 
nicht dachten, sich plötzHch vor die Aufgabe gestellt, von dem Gebiet, das sie er- 
forschen woUen, erst eine brauchbare Karte zu schaffen, wozu die primitiven Aller- 
weltsverfahren, die Entfernungen durch Schrittzählen, die Azimute durch Kompaß- 
peilungen und die Höhen durch Aneroidablesungen zu bestimmen, nicht ausreichen. 
Wäre ihnen vorher auf technischen Hochschulen oder Universitäten Gelegenheit 
geboten worden, sich genauer über die Anlage von Vermessungen zu orientieren, so 
hätten sie sich auf der Reise viele Mühe erspart und mit geringer Mühe ein besseres 
Ergebnis erzielt, wie sehr richtig A. Wedemeyer bei Gelegenheit der Beurteilung 
des Triangulationsnetze.s von Fr. Jägers Karte des Hochlandes der Riesenkrater 
in Ostafrika hervorhebt.' Ich versäume nicht, die kartographischen Arbeiten von 
Fr. Jäger und C. Uhlig, jener über das ,, Hochland der Riesenkrater und die um- 
liegenden Hochländer Deutsch-Ostafrikas" und dieser über die ,, Ostafrikanische 
Bruchstufe"^, als ausgezeichnete Lehrbeispiele, wie man bei einfachen Yermessungs- 
arbeiten in Kolonialländern verfahren soll, namhaft zu machen. Geht Uhlig mehr 
auf Itineraraufnahmen aus, so Jäger mehr auf Flächendeckung. 

Flächendeckung ist das Ziel jeglicher Topographie, sogar der Routenaufnahme, 
wenn das Netz der Kreuz- imd Queraufnahmen immer enger geschlossen wird, be- 
sonders durch einen Aufnehmer, wie es beispielsweise durch v. Prittwitz und Gaffron 
in Deutsch- Ost afrika ausgeführt worden ist. Das Itinerar haftet zu sehr am einzelnen, 
während die Flächendeckung das Große und Ganze im Auge hat und Kleinformen 
des Geländes, sobald sie nicht charakteristisch oder prominent auftreten, vernach- 
lässigt. Es findet sodann schon im Felde ein Generalisieren der Geländeformen statt. 
Viel wichtiger ist es, sobald ein Neuland kartographisch fixiert werden soU, die großen 
Geländezüge, den Zusammenhang der Täler und Flußsysteme zu erfassen, als sich 
in zeitraubende und für das Ganze wenig in Belang kommende Einzelheiten zu ver- 
lieren, wie Aufzeichnung unwesenthcher Geländeunebenheiten, unwesentlicher Hügel- 
und Talformen usf. 

llö. Flächondeckuu^ mit weiiisrcii Aiifnahmoiustrumpntpn. Krokiertisch, nicht 
Feiltisch. Wie man im Anschluß an einige wichtige Festpunkte mit \venigen In- 
strumenten, selbst ohne Theodolit, die Flächendeckung bewirken kann, zeigt Fr. Jäger. 
Das Dreiecknetz hat er sich mit Hilfe von Krokiertisch und Diopterlineal geschaffen. 
Die Gegend der Riesenkrater im Hochland Deutsch-Ostafrikas war für dieses Ver- 
fahren, das ich kaum als behelfsmäßige Triangulation bezeichnen kann, günstig, und 
so kann es nicht wundernehmen, daß bei sonstiger Sorgfalt und Mühe des Auf- 
nehmenden ein leidlich zufriedenstellendes Resultat erzielt wurde. Wenn aber Jäger 
daraufhin freudig erregt zu dem Schluß kommt: ,,Es kann somit auch ein mit der 
Handhabung des Theodolits und mit astronomischen Messungen nicht vertrauter 
Aufnehmer eine in sich richtige Karte liefern"', ist dieser Ausspruch mit großer Vor- 
sicht aufzunehmen, denn es könnte andere Aufnehmer in ganz anders geartetem. 



' A. Wedeiiuyir innerhalb der Abhandlung von F. Jüger: DasHoihland der Rie«oiikiutor 
und die umliegenden Hoc hl(inderDeut«ch-Ostafrika.s. Erg.-H. 4 der Mitt. ausd. deutech. Schutzgi>bieten. 
Berlin 1911, S. 2.5. 

* C. Uhlig: Die ostttf rikftuischi- Bnubstufo. Teil 1. Die Kurte. Ki^;. H.2 der Mitt. ausd. dput,-<(h. 
S<lnitzgebietcn. Reiliii KlO'.t. 

' Fr. Jäger, a. u. ()., ti. 22. 



252 '^'P Kartenaufnabme. 

gleich großem Terrain veranlassen, in gleicher Weise wie Jäger zu verfahren, und sie 
würden zuletzt vor einem kläglichen Ergebnis stehen. Das Sicherste und Beste bleibt 
stets trotz allem Ersatz die Festpunktbestimmrmg mittels Theodolit. 

Jäger hat kein neues Verfahren angewandt, es ist das alte, besonders in Öster- 
reich sehr beliebte Aufnehmen mit dem kleinen Meßtisch. C. Uhlig hat dafür 
die Bezeichnung ,, Peiltisch" empfohlen^, die ich nicht glücklich gewählt finde, wie- 
wohl sie schon Nachahmung gefunden hat.^ Denn mit „Peiltisch" wird nichts Charak- 
teristisches ausgesagt, da jeder „Meßtisch" ein Peiltisch ist; sagt doch Br. Schulze 
ganz ausdrückhch: „Das graphische Bestimmen von Eichtungen bildet diejenige 
Arbeit, auf welche der Meßtisch in erster Linie eingerichtet und bestimmt ist."^ Wenn 
Uhlig die Bezeichnung „Detaillierbrett" sprachlich unschön und wenig bezeichnend 
findet, hat er recht; wenn er aber vermutet, daß sie von 0. Baumann in dessen 
Aufsatz „Topographische Aufnahmen auf Eeisen" zuerst gebraucht ist, stimmt dies 
nicht; Baumann entstammt der Wiener Topographenschule, wo der Ausdruck gang 
und gäbe war und unter anderm in Zaffauks „Anleitung zum Krokieren" schon belegt 
ist.* Hier finden wir auch andere Namen wie „Eekognoszier-", „Krokiertisch". 
Wenn man schon einen Unterschied zum altbewährten Meßtisch der Landesaufnahme 
durch einen Sondernamen ausdrücken will, ist die Bezeichnung Krokiertisch die 
am besten passende. 

Auf ein wesentlich anderes Verfahren als Jäger stützte sich F. Kohlschütter 
bei seiner Karte des Ukingagebirges in 1 : 100000.^ Er arbeitete mit Theodolit und 
Meßtisch. Ihm kam es nicht darauf an, eine Triangulationskette aus geschlossenen 
Dreiecken zu schaffen, was ihm zuviel Zeit gekostet hätte, er begnügte sich mit einer 
,, ungeschlossenen Kette" und führte so den Nachweis, daß eine ungeschlossene Tri- 
angulation, auch ohne trigonometrische Signale, hinreichend genaue Festpunkte zu 
Uefem vermag. Kohlschütter hat 400 Punkte in einem 2900 qkm großen Gebiet 
angeschnitten, also im Durchschnitt 1 Punkt auf 7,2 qkm, was das für einen Grad 
der Genauigkeit gibt, kann man aus den Untersuchungen der Genauigkeit, die ich 
über topographische Karten im ersten Teil dieses Abschnittes angestellt habe, er- 
schließen. Das zwischen den angeschnittenen Punkten liegende Gelände wurde nach 
Augenmaß in recht ausgiebiger Weise eingezeichnet. Daß da ganz erhebliche Fehler 
vorgekommen sind, gibt Kohlschütter selbst zu. Immerhin hat das Verfahren Kohl- 
schütters den Eoutenaufnahmen gegenüber das voraus, daß es den topographischen 
Karteninhalt weniger in Detail als gleichmäßig dicht und verhältnismäßig schema- 
tisiert über das ganze Gebiet verteilt bringt. Ob es viel Nacheiferung finden wird, 
ist fraghch. Die 2900 qkm hat Kohlschütter nach seiner Methode in 2V2 Monaten 
aufgenommen, demnach 1160 qkm in 1 Monat oder rund 40 qkm an einem Tage, 



1 C. Uhlig, a. a. O., S. 19, Anm. 

- So z. B. durch A. Penck: Der Krieg u. das Studium der Geographie. Z. d. Gl-s. f. Erdk. 
Berlin 1916, S. 170. 

' Br. Schulze: Das miütärische Aufnehmen. Leipzig imd Berlin 1903, S. 120. 

* J. Zaffauk: Gemeinfaßl. Anl. zum Groquiren des Terrains mit u. ohne Instrumente. 3. Aufl. 
Wien 1883, S. 70. 

' E. Kohlschütter: Triangulation und Meßtischaufnahme des Ukingagebirges sowie all- 
gemeine Bemerkungen über koloniale topographische Karten. Mitt. aus d. deutsch. Schutzgebieten. 
XXI. Berlin 1908. Ist ein Auszug aus dem II. Band der Ergebnisse der ostafrikanisohen Pendel- 
cxixiUition der kgl. Gesellschaft der Wis.s. zu Göttingen in den Jahren 1899 — 1900. 



Die flächpnhaftc Topographie. 253 

ein topographisches Kunststück, das allerclinjjs durch Sven Hedius Aufnahnii-n 
(S. 241, Anm. 1) noch übertroffen wird! 

Deutsch-Ostafrika entwickelte sich vor dem Weltkriege immer mehr zu einem 
übungsfeld der verschiedensten Aufnahmeverfahren. M. Weiß, der Topograph der 
Expedition des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg, erprobte das Aufnehmen 
mit dem PhototheodoHt, das gleichfalls auf Flächendeckung ausgeht, im Ivirunga- 
Vulkangebiet Deutsch-Ostafrikas. Die Aufnahmen haben den Vorzug der Schnellig- 
keit und Wohlfeilheit, indes haben sie gerade in Ostafrika gezeigt, daß die anfangs 
gehegte Erwartung