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Full text of "Die Königliche Albertus-Universität zu Königsberg i Pr. im neunzehnten Jahrhundert; zur Feier ihres 350jährigen Bestehens"

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Y\OVMQZ 



Q. F. F. F. Q. S. 



REGIAE ACADEMIAE ALBERTINAE 

ANTE HOS 

TRECENTOS QVINQVAGINTA ANNOS 

CONDITAE 

SACRA SOLLEMNIA 

DIEBVS XXVI ET XXVII M. IVLII ÄNNI MDCCCLXXXXIV 

PIE CELEBRANDA 

INDICVNT 

RECTOR ET SENATVS. ) 




INEST: 
Hf PRÜTZ: DIE KOENIGLICHE ALBERTÜS-UNIVERSITAET ZU KÜENIGSBERG I. PR. 
IM NEUNZEHNTfJN JAHRHUNDERT. L z- iJ r V-q-I '= 

REGIMONTII PRVSSORVM 

EX OFFICINA HARTVNGIANA. 



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K\ l 



^ 



Die 



Königliche Albertus-Universität 



Königsberg i. Pr. 

im neunzehnten Jahrhundert. 



Zur 
Feier ihres 350jalirigen Bestehens 



Von 

Hans Prutz, 

Dr. phil., ordentlichem öffentlichen Professor der Geschichte. 



Vorwort. 



In seiuer Sitzung vom 17. Februar 1893 sprach das Generalconcil den Wunsch aus, 
es möchte dem Programm, durch welches in den herkömmlichen Formen zur feierlichen Be- 
gehung des 350jährigen Bestehens der Albertus-Universität eingeladen, wird, eine Geschichte 
der Hochschule im 19. Jahrhundert beigegeben werden. Es Hess sich dabei von der Absicht 
leiten, dass künftigen Generationen von der Entwickelung der Albertina seit der Zeit, da sie 
durch Kant an die Spitze des geistigen Lebens in Deutschland gestellt war, eine bessere 
Kenntniss übermittelt werden möchte, als in Folge der Sorglosigkeit unserer Vorgänger von 
den früheren Perioden auf die Gegenwart gekommen ist. 

Nach Lage der Dinge musste der Unterzeichnete die Erfüllung dieses Wunsches als 
eine ihm auferlegte Ehrenpflicht ansehen, so wenig er sich über die Schwierigkeiten täuschen 
konnte, die damit verbunden waren, und so sehr er zum Voraus überzeugt sein durfte, es 
nicht Allen recht zu machen. 

Es handelte sich dabei nicht bloss um die Uugleichmässigkeit und Lückenhaftigkeit 
des in kurzer Zeit zu bewältigenden Materials. Dass es ihm auf sein Ansuchen von Seiten 
Sr. Excellenz des Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten, Herrn 
Dr. Bosse, gestattet wurde, die Acten des Königlichen Curatoriums zu benutzen, hat nach dieser 
Seite hin die Arbeit überhaupt erst möglich gemacht, wie hier mit aufrichtigem Danke her- 
vorgehoben werden mag. 

Weit grösser waren die inneren Schwierigkeiten. Denn ohne auf Einzelnheiteu einzu- 
gehen, die bei oberflächlicher Betrachtung eine nur locale Bedeutung zu haben scheinen, Hess 
sich doch von der Fülle und der Mannigfaltigkeit der in dem Leben der Albertina zusammen- 
fliessenden Beziehungen ebenso wenig ein einigermassen vollständiges Bild geben wie von den 
Wirkungen, die von ihr aus in weite Ferne geübt worden sind. Und doch werden Eigenart, 
Bedeutung und Verdienst der jubilirenden Universität nur erkennbar, wenn wir ihr individuelles 
Leben zu den Wandelungen in Beziehung setzen, welche das geistige, sittliche und politische 
Dasein der Nation im Laufe der Zeiten erfahren hat. 



Die geistige Strömung unserer Tage ist den Universitäten im Allgemeinen nicht eben 
günstig. Yielleicht trägt aber gerade ein Einblick in die Eiuzelnheiten des akademischen 
Lebens und Strebens, wie er hier geboten wird, dazu bei, die in manchen Kreisen herrschenden 
Vorurtheile zu überwinden: giebt er doch auch dem Fernstehenden Gelegenheit, eine Vor- 
stellung zu gewinnen von der Fülle der geistigen und sittlichen Kraft, der hohen Begeisterung 
und der entsagenden Pflichttreue, die in Generationen von Lehrenden und Lernenden vorhanden 
sein muss, wenn unsere Hochschulen irgend ihren Beruf so erfüllen sollen, wie das der 
Albertina im Rückblick auf die seit Kants Tod von ihr durchlebten lieinahe neunzig Jahre 
wird nachgerühmt werden dürfen. 

Möchte der Geist, aus dem und in dem ihr das gelungen, auch die kommenden Ge- 
nerationen ihrer Lehrer und Hörer erfüllen! Dazu durch diesen geschichtlichen Rückblick 
etwas beigetragen zu haben, würde der schönste Lohn sein, den diese Arbeit irgend zu 
erwarten hat. 

Königsberg i. Fr., den 20.'Juni 1894. 

H. Prutz. 



I. Die Albertus-Universität 

im 

Zeitalter ihrer Neubegründun^ 
1805— M. 



JMiclit als schmückende Krönung des Gebäudes, sondern als wesentliche Bürgschaft 
für die Zukunft der Staatsschöpfung, die er in Noth und ßedränguiss aller Art durch die 
Verwandelung des Ordenslandes in ein weltliches Herzogthum vollzogen hatte, enichtete 
Albrecht von Brandenburg 1544 die Universität zu Königsberg. 

Weit abgelegen von den Centren, in denen das geistige Leben des deutschen Mutter- 
landes Richtung und Inhalt zu empfangen pflegte, hatte Preussen zu wenig Verlockendes und 
war zu arm, um auch in der Folge die Träger der für Kirche und Schule, für Rechtspflege 
und Verwaltung unentbehrlichen höheren Bildung aus der Ferne zu berufen und bei sich 
heimisch zu machen oder alle diejenigen, welche diesen höheren Berufsarten nachzugehen ge- 
neigt und l)efähigt waren, zum Studium nach den älteren deutschen Hochschulen zu senden. 
Wie sie den Abschluss bildete in der wohldurchdachten Stufenfolge von ßildungsaustalteu. 
dui-ch die Herzog Albrecht in unermüdlicher Fürsorge erst für die Volksschule und dann für 
die zum akademischen Studium vorbereitende höhere oder Lateinschule die Erhaltung seines 
Volkes bei der evangelischen Lehre auf die Dauer sicher zu stellen strebte, so hat die Alber- 
tina den besondern Charakter, der ihr dadurch aufgeprägt war, auch lange Zeit festgehalten und 
in den bewährten Formen der älteren, allgemeinere Zwecke verfolgenden Hochschulen ein im 
Wesentlichen provinziell beschränktes Dasein geführt, mochte sie auch, der Erwartung ihres 
Stifters entsprechend, in Folge ihrer Lage für die benachliarten baltischen Lande hohe Bedeu- 
tung erlangen und namentlich von dem deutschen Adel Iviirlunds, Tiivlands und Esthlands 
häufig aufgesucht werden. 

Auch ist sie dank der verhältnissmässigen Ruhe, deren sich Preussen erfreute, wäh- 
i-end die Schrecken des grossen Krieges Deutschland durchtosten, weniger von der geistigen 
Verwilderung und der moralischen Zuchtlosigkeit betroffen worden, denen die meisten ihrei' 
deutschen Schwestern damals verfielen. Ohne von Deutschland besonders nachhaltig wirkende 
Anregung zu empfangen oder durch eine mehr oder minder eigenartige Weiterbildung des 
ihr von dorther Zugeführten befruchtend und erweckend auf das Mutterland zurückzuwirken, 
hatte sie in pflichttreuer Hingebung an ihren eng umgrenzten Beruf mehr als zwei Jahr- 
hunderte hindurch eine bei aller ünscheinbarkeit verdienstliche und vielfach segensreiche 
Wirksamkeit entfaltet, als sie mit dem Aufleuchten des hell strahlenden Sterns, der ihr und 
von ihr aus Deutschland und der Welt in Immanuel Kant aufging, in kurzer Zeit an die 
Spitze einer ebenso tiefgehenden wie grossartigen und folgenreichen geistigen Bewegung ge- 
stellt und für ein Menschenalter zu einem der vorncdimsten Centren alles höhei-en geistigen 
Lebens erholten wurde. 



Es ist hier nicht der Ort. des Näheren auf die Bedeutung einzugehen, welche Kants 
Lehre wie für die Philo.sophie, so für die Erweiterung und Vertiefung des geistigen Lebens 
überhaupt erlangt hat, oder von Neuem den stärkenden und stählenden Einfluss zu schildern, 
den sein kategorischer Imperativ auf die besten der von ihm gebildeten Zöglinge der 
Albertina und durch diese dann auf die Schicksale des preussischen Staates und Volkes und 
damit auf die Zukunft Deutschlands ausgeübt hat — hier genügt es, an das zu erinnern, 
was die Stiftung Herzog Albrechts ihrem ersten grossen und zugleich grössten Lehrer für 
ihre Stellung und Bedeutung überhaupt zu verdanken hatte. Gelöst aus den engen Schranken 
eines bloss auf praktische Zwecke gerichteten provinziellen Daseins, stellte sie nun erst ihre 
Wirksamkeit in den Dienst des Idealen. Daraus aber erwuchs ihr alsbald wieder eine Fülle 
läuternder und erhebender, vertiefender und begeisternder Anregungen. Auch äusserlich 
wurde das erkennbar. Das weltentlegene Königsberg wurde das Ziel, dem hochstrebende 
Jünglinge und Männer aus allen Theilen Deutschlands und noch von weiterher zuströmten, 
während begeisterte Jünger des ileisters Lehre bis nach England hin verkündigten.^) Und 
so blieb das, auch noch als die zunehmenden Gebrechen des Alters Kant Ostern 1797 
nöthigten. seine Vorlesungen einzustellen, und der Sprecher der studentischen Deputation, die 
im Juni bei ihm erschien, um ihm für seine bishei'ige segensreiche Lehrthätigkeit zu danken, 
durfte mit Recht sagen, Kant bleibe, auch wenn nicht mehr unmittelbar wirkend, doch die 
höchste Zierde der Universität. 

Der AV eltruf, den Königsberg damals genoss, beruhte durchaus in der Einen Person 
des grossen Philosophen. Stand da aber nicht zu fürchten, dass mit seinem Hingange auch 
die Albertina von der Höhe wiederum herabsinken würde, auf die sie durch ihn erhoben 
worden war? Ein Kant war unersetzbar: so bezeichnet sein Tod am 12. Februar 1804 einen 
epochemachenden Abschnitt in der Geschichte der Albertina. Zudem fiel er bereits in eine 
Zeit, wo auch für die Wirksamkeit der Universitäten ganz andere Bedingungen massgebend 
zu werden begannen als diejenigen, unter denen Kant in seinen so bescheidenen Anfängen 
und auch noch auf der Höhe des Ruhmes gewirkt hatte. Denn obgleich auch damals noch 
an die Ausstattung der Universitäten nicht entfernt die Ansprüche gemacht wurden, die heute 
als selbstverständlich gelten, und daher ihre Erhaltung mit einem kleinen Bruchtheil des 
heute unerlässlichen Aufwands bestritten werden konnte, bedeutete es doch ein bedenkliches 
Zurückbleiben und drohte der Albertina die Erfüllung ihres Berufs unmöglich zu machen, 
dass für sie seit einem vollen Jahrhundert eigentlich nichts geschehen war: standen doch 
z. B. die Gehälter der Professoren noch auf dem Satz, der 1697 festgestellt worden war. 
Die furchtbare Heimsuchung Ostpreussens durch Hungersnoth und Pest im Anfang des 18. Jahr- 
hunderts, die dadurch für Friedrich Wilhelm I. gebotene Verwendung aller irgend verfüg- 
baren Mittel auf das Eetablissement des Landes und dann unter Friedrich dem Grossen die 
höchste militärische und politische Bedrängniss, die Ostpreussen zeitweilig aus dem Verbände 
des preussischen Staates löste und seine Ergebung in dieses Schicksal mit der .dauernden 
Ungnade des Königs büssen liess, — das alles macht die w^irthschaftliche Noth und die 

'] Dr. Nitscli ein Schüler von Kraus, in T.ondon: s. Kraus. Vermischte Schriften VIII. S. ;15I iV. 



(ruistldsc Küniiu(M-liL-bkeil, auch der Albertiua begfciriicb, üv.v eiu Manu von der culbehnuigs- 
IVeudigen Selbstlosigkeit eiues Cliristian Jacob Kraus durch das harte Wort Ausdruck 
gab : „Wer sich der Königsberger Universität widmet, legt eiu Gelübde der Armuth ab." 

Das galt zunächst von den äusseren Verhältnissen. Wie es mit diesen stand, lässt 
mich die Schilderung erkennen, die der 1814 nach Königsberg berufene Karl Friedrich 
Uurdach entwirft.*) „Das Universitätsgebäude," so berichtet dieser, ,, hatte ganz das Aussehen 
eines alten armen Klosters; das düstere Senatszimmer schloss hinter einer Barriere, vor wel- 
cher die Studenten bei Vernehmungen oder Stipendiatenprüfungen standen, einen langen Tisch 
eiu, über welchen einige Klingelschnüre, mit grossen Muscheln und Stücken Bernstein ge- 
schmückt, herabhingen und hinter welchem die Senatoren auf ungeheuer breiten und hohen 
Lehnstühlen sassen; der grosse Hörsaal war lang, niedrig, dunkel, von eckigen hölzernen 
Pfeilern gestützt,^) an Wänden und Decke mit dunkelbraunem Tafelwerke und alten, geschwärz- 
ten Oelgemälden von Fürsten bekleidet, dicht vor dem Katheder mit einer Bari-iere versehen, 
iiHiorhalb welcher bei Promotionen ausser den Opponenten auch Stadtpfeifer sassen, die zum 
Anfange und Ende des Actus auf herzzerreissende Weise bliesen." Und mit der geistigen 
Ausstattung sah es nicht besser aus. „Die Zahl der Lehrstühle,-' so berichtet von jener Zeit 
Karl Ernst von Baer,') „war nur gering, die Universitätsbibliothek sehr arm. Die noch 
geltenden Universitätsgesetze waren weit über ein Jahrhundert unverändert gebliebeu und 
hatten einen mittelalterlichen Charakter. So war den jedesmaligen Decanen der Facultäten 
aufgetragen, darauf zu sehen, dass keine Neuerungen in den Dissertationen vorkämen („ne quid 
novi insit"). Der Doctor der Medicin musste bei der Promotion schwören, keine magischen 
Mittel und keine nicht genug erprobten anzuwenden." 

Dieser Widerspruch zwischen dem von Kant begründeten Weltruf Königsbergs und 
der uurühmlichen Dürftigkeit seines Daseins blieb freilich nicht unbemerkt. Insbesondere eut- 
liüllte der damalige Kanzler der Albertina und erste Professor der juristischen Facultät, Dr. 
Daniel Christoph Reidenitz (aus Legitten bei Labiau, 1776 stud. iur., d. 28. März 1788 
Dr. iur. und Privatdocent, Juni 1789 aord. und 1. Sept. 1789 ord. Prof., 25. Mai 1803 Kanzler 
und Director, Sommer 1803 zuerst Rector, dann wieder i. J. 1807, 11, 13, 17, 21, 23 und 29, 
beging 1828 sein .öOjähriges Doctor und Docentenjubiläura,'') in einer der Regierung einge- 
reichten Denkschrift ausführlich die Mängel, an denen die Universität krankte und die, zu 
gross und tief, um durch einen Nothbehelf gebessert zu werden, nur dui-ch eine weit aus- 
holende und tief greifende Neugestaltung zu beseitigen sein würden. Und das freimüthige 
Wort des für den hohen Beruf der Albertina begeisterten, dabei sachkundigen und praktisch 
verständigen Mannes fand bei der Regierung günstige Aufnahme und veranlasste den ersten 
Versuch zu einer zeitgemässen Neugestaltung der Königsberger Universität, der freilich gleich 
in seinem vielversprechenden ersten Stadium gewaltsam unterbrochen werden sollte. 

1) C. F. ßurdacli, Rückblick auf meiu Leben (Blicke ins Leben VL Leipzig 1848) S. 280. 

2) In Folge eines 1802 ausgeführten Reparalurbaus zur Stützung der Einsturz drohemlen Decke. 

3) C. E. V. Baer, Mein Leben iSt. Petersburg 1885) S. ■■'.ät. 

4) Vgl. C'uratorial-Acten A. 1211. 



I. Der erste Versuch zur Reorganisation der Albertina 1805—6. 

Die Reideiiitz'sclie Denkscbrift ,,Ueber die notbwendig gewordene Verbesse- 
rung unserer Universität'") empfieblt sich auch heute noch durch Weite des Blicks und 
A^orurtheilslosigkeit der Auflassung: insbesondere hält sie mit sicherem praktischen Tact die 
richtige Mitte zwischen dem, was für eine Universität ihrem Begriö" nach wünschenswerth ge- 
nannt werden muss, und dem, was angesichts der besonderen Verhältnisse Königsbergs und 
der Beschränktheit der verfügbaren Mittel billiger Weise gefordert werden konnte. 

Königsberg ist, so wird darin zunächst ausgeführt, das geistige Centrum für Ost- und 
NeuOstpreussen, einen grossen Theil von Südpreussen und Westpreussen, „eine Gegend, dem 
Umkreise nach die weiteste im Pi-eussischen Staat und welche dem grössten Theil nach den 
Unterricht am meisten bedarf." Ein weiterer Verfall der Universität würde nicht bloss für den 
gesammten Stand der höheren Bildung in diesen Gebieten auf mindestens ein Menschenalter 
verhängnissvoll werden, sondern dem ganzen Staate zum Nachtheil gereichen. Anzeichen des 
Rückganges aber waren reichlich vorhanden. Ostpreussen freilich war „seiner Lage und un- 
vordenklicher Gewohnheit nach" in Bezug auf „die Bildung der Officianten, Prediger und Schul- 
lehrer lutherischer Confession" ausschliesslich auf Königsberg angewiesen, aber die wohlhabenden 
Elbinger und Danziger schickten schon seit längerer Zeit ihre Söhne zum Studium nach Er- 
langen: „nur die Armen haben wir hier." Dagegen ist für die Beamten Neu-Ost- und Süd- 
preussens, die meist aus Ost- und Westpreussen dorthin versetzt sind, wenn sie ihre Söhne 
studireu lassen wollen, überhaupt keine andere Universität als Königsberg erreichbar. Dort- 
hin kommen auch immer noch von Zeit zu Zeit Studirende tief aus dem Innern Russlands, 
bis nach der Ukraine hin, weil ihnen in Königsberg Gelegenheit geboten ist, sich sowohl im 
Deutschen wie im Polnischen zu vervollkommnen. Danach darf man, so urtheilt Reidenitz, 
diese Hochschule um so weniger verfallen und zur Erfüllung ihres Berufs unfähig werden 
lassen, als die grosse Stadt den Studirenden noch eine Menge anderer Bildungselemente zu- 
gänglich macht, die anderswo fehlen, und es obendrein an keinem andern Orte den Armen 
so leicht wird, sich auch ohne Stipendien durch Unterricht in Künsten und Wissenschaften zu 
erhalten: kommen deshalb doch selbst aus Schlesien Studirende zugewandert.-) Aber nicht 
blo.ss für jene Zeit, sondern auch für unsere Tage noch ist ein Wort beherzigenswerth, welches 
Reidenitz in diesem Zusammenhange über das Streben äussert, den Zugang zum Studium mög- 

li Vgl Universitäts-Acten A. 11. 

2) Audi uoch von 1805 an bestätigt dies das Album. , 



licL.st zu besclu'äiikcii und uamentlicli die Unbemittelten davon lern zu halten. „Wenn di(! 
Aermeren aus Mangel eines nahen Unterrichts am Studium gehindert werden, so stimmt 
das zwar mit dem jetzt herrschenden Princip, als wenn zu viel die Zeit her dem Stu- 
dium sich gewidmet hätten, überein: aber es bleibt dennoch eine falsche und dem 
Staat schädliche Ansicht. Die A,emter des Staats, welche mit Studirten besetzt werden, 
sind grösstentheils der Art, dass es weit vortheilhafter dem Ganzen ist, aus vielen den 
Besten auswählen zu können, wenn auch einige als überflüssig dem Staate oder vielmehr den 
Jiirigen zur Last fallen sollten. Es ist Zeit und Pflicht, die Lenker der Staaten auf 
jenes schädliche Princip, die Studien einschränken zu wollen, aufmerksam zu 
machen." Soll es daher nicht so weit kommen, dass zur Besetzung der Landesämter nur 
untüchtige und schliesslich überhaupt nicht genug Leute vorhanden sind und dass namentlich 
der Nachwuchs für die akademische Lehrerschaft gänzlich fehlt, so muss nach Eeidenitz 
,,die Universität der Art eingerichtet werden, dass sie allen Zwecken einer solchen Lehr- 
anstalt, dem Genus und Bedürfniss des Zeitalters gemäss, ein Genüge zu leisten fähig ist." 
Andererseits freilich kann auch dieser' zuverlässige Beobachter nicht in Abrede stellen, dass 
das wissenschaftliche Streben in Königsberg zurückgegangen ist: doch „darf man — nach ihm 
— hierbei die Schuld nicht allein auf den Mangel an Lust zum" Studiren und den Hang zum 
Vergnügen schieben, der freilich gross genug ist, um alle Aufmerksamkeit ' dahin zu richten 
und ihn mit Milde zu massigen", sowie es nichts thut, wenn die eine oder die andere I)is- 
ciplin ,,auch einmal gleichsam ausser Cours kommt: denn sie kann dann zum Theil durch 
zweckmässige öffentliche Vorlesungen, zum Theil durch den collegialischera Geist der belieb- 
testen Lehrer in den übrigen Wissenschaften (durch Empfehlung) in Gang gebracht werden," — 
„wenn nur Alles auf Einen Punkt hinarbeitet, das Ganze zu befördern," — 
„wenn nur überall von der Maxime ausgegangen wird, dass das Amt nicht dfss 
Lehrers, sondern der Lehrer des Amtes wegen da ist, so kann es nicht fehlen." 
Indem Eeidenitz dann endlich die verschiedenen Zwecke erörtert, denen eine Universität 
dienen soll, empfiehlt er mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse Königsbergs nicht 
bloss die Errichtung einer Reihe von akademischen Instituten, ohne welche auch diese Univer- 
sität ihren Beruf nicht würde erfüllen können, sondern auch die Anlegung einer Anzahl von 
anderen Bildungszweckeu dienenden Anstalten, wie einer Handelsakademie, einer Navigations- 
sciuile und einer Kunstschule; ja, im Hinblick auf die confessionellen Verhältnisse regt er die 
Errichtung einer katholisch-theologischen Facultät an und meint, dass auch die Verbindung 
einer Ecole militaire mit der Universität Nutzen gewähren würde. 

Der Erfolg dieser Anregung war der denkbar erwünschteste. Unter dem Lö. Juni 1805 
erging unter lobender Anerkennung des von Reidenitz bewiesenen Eifers ein Königlicher 
Erlass, der im Wesentlichen folgendermassen lautete: 

„Es ist Unserm Obercuratorio nicht unbekannt, dass der gegenwärtige Zu- 
stand der dortigen LTniversität, im Ganzen betrachtet, nicht von der Art ist, dass die- 
selbe, der redlichen Bemühung der bei derselben angestellten Docenten ungeachtet, 
sämmtlichen Zwecken einer höheren gelehrten Bildungsanstalt auf eine vollkommen 
genügende Art entsprechen kann. 



Oll uud was Unsere Höchste Persou bei den inanuigfaUigeu auderweitigcu 
Hlaatsljedürfnissen für die Universität etwa zu'tbuu geneigt und im Stande sein diirfto, 
muss zur Zeit allerdings noch dahingestellt bleiben. Das Obercuratoi-ium wird iu- 
• dessen nicht unterlassen, seinerseits die Wohlfahrt der Universität zu beachten und 
auf die verbesserte Einrichtung derselben, so weit die Umstände es gestatten, Eück- 
sicht zu nehmen. 

Ehe jedoch hierunter etwas geschehen kann, ist zuvörderst nöthig, dass die 
Universität einen detaillirten, die genaue Schilderung ihrer gegenwärtigen Lage ent- 
haltenden Bericht einsendet und zugleich anzeigt, wodurch Euren wahren und wesent- 
lichen Bedürfnissen abzuhelfen ist und wie die Universität überhaupt in den Zustand 
gesetzt werden kann, um die möglichst vollkommene und zweckmässige Bildung der 
derselben anvertrauten Jugend in Hinsicht auf deren mannigfaltige Bestimmung zu er- 
reichen." 

In Folge dieser Aufi'orderung fanden nun innerhalb des Lehrkörpers der Albertina 
eingehende, hei dem damals herrschenden Brauch schriftlichen Votirens langwierige Verhand- 
lungen statt. Zunächst sprachen in den einzelnen Facultäten sämmtliche Mitglieder ihre Mei- 
nungen und Wünsche aus, die' dann in dem vom Decan redigirten Facultätsbericht zusammen- 
gefasst wurden. Obgleich diese Voten manchen für Personen und Zustände sehr charakteri- 
stischen Zug enthalten, muss es hier doch genügen, das Gesammtergebniss in den Hauptpunkten 
zu skizziren, wie es in einem auf Grund der Facultätsgutachten redigirten Schlussbericht des 
akademischen Senats an den König zum Ausdruck kam. Derselbe datirt vom 28. August 1805 
und ist ausser von dem derzeitigen Rector, dem Juristen Heidemann, unterzeichnet von den 
Professoren Reidenitz, J. C. Schulz, Graef, Eisner, Wald und Poerschke. 

Zunächst wird darin von dem Lehrerpersonal gehandelt. Es bestanden damals au 
der Albertina au Professuren fünf theologische — davon eine ohne Gehalt und Emolumente — , 
vier jui-istische, fünf medicinische, davon zwei zur Zeit in der Person des Professor Metzger 
vereinigt — und acht philosophische, nämlich für Logik und Metaphysik, für praktische Philo- 
sophie, für Mathematik, für Physik, für orientalische Sprachen, für griechische Sprache, für 
Geschichte und Beredsamkeit und für Dichtkunst. Von diesen letzten war die mathematische 
in Folge des Todes des sie mitverwaltenden Hofpredigers Schulz dermalen unbesetzt, die der 
orientalischen Sprachen wurde von dem Professor der Theologie Hasse und die der Ge- 
schichte und Beredsamkeit von dem Theologen Wald bekleidet. Da demnach in der philo- 
sophischen Facultät etliche Professuren fehlten, in den oberen Facultäten aber einige erspart 
werden konnten, so machte der Senat, der sich auf das dringendste Bedürfniss beschränken 
wollte, zunächst den Vorschlag, die Zahl der Professuren in den drei oberen Facultäten auf 
je drei zu beschränken, in der philosophischen dagegen entsprechend zu erhöhen. Dazu sollte 
die Professur der orientalischen Sprachen eingehen und die Vertretung dieses Fachs dem be- 
treffenden Theologen zufallen, dagegen die Professur der Chemie von der medicinischen 
Facultät getrennt und in der philosoDhischen mit der der Physik und der Naturwissen- 
schaften verbunden werden. Ferner wurde vorgeschlagen, die Professur für speculative Philo- 
sophie mit der für praktische und die für lateinische Sprache mit der für griechische Sprache 



zu vereinigen und für die zwei so in Wegfall kommenden zwei neue Professuren zu errichten, 
nämlicli für Cameralwisseuschaft und für Statistik. 

Diese Vorscliläge ents[)recben durchaus der geistigen Richtung Jeuer Zeit. Denn 
während der biedere Johann Georg Scheffner (geb. 8. August 1736; gest. 16. August 1820), 
seit dem Tode Kants neben dem Generalsuperintendenten und spätem protestantischen Erz- 
bischof Borowski damals der Hauptvertreter des alten Königsberg, im Rückblick auf seine 
eigene Studienzeit klagt, dass 1752') „Naturgeschichte. Chemie, Gewerbekunde, Staatswirth- 
schaft u. s. w. auf der Albertina böhmische Dörfer gewesen seien", war im Interesse einer 
besseren Vorbildung, namentlich der für das Finanzfach bestimmten Beamten, durch König- 
liches Rescript vom 29. März 1794 die Einführung eines cameralistischen Cursus verfügt 
worden. Auch hatte sich in dem Vertreter der praktischen Philosophie, Christian Jacob 
Kraus (geb. 27. Juli 1733, gest. 25. August 1807) vielleicht dem bedeutendsten Schüler 
Kants, aber im Gegensatz zu diesem einem Repräsentanten des realistisch-rationalen Princips, 
— insofern er sein Augenmerk auf die Aussenwelt richtete und ihre Erscheinungen philo- 
sophisch zu combiniren strebte,^) ein ebenso pflichttreuer wie hervorragend begabter und 
geistvoller Vej-treter dafür gefunden, mochte man seine Thätigkeit auch insofern streng 
genommen nicht der Universität zurechnen können, als er für diese ausserordentliche Mühe- 
waltung nicht aus Universitätsfonds, sondern aus der ostpreussischen Domänenkammer honorirt 
wurde. Die vom Senat- empfohlene Reform durchzuführen brauchte man, da die juristische 
Pacultät bereits thatsächlich nur drei Professuren enthielt, bloss in der theologischen und 
medicinischen das Eingehen der entsprechenden Stellen mit dem Tod ihrer hochbetagteu In- 
haber abzuwarten. Kants Nachfolger, Wilhelm Traugott Krug (geb. 22. Juni 1770. gest. 
12. Janunr 1842), dessen Rintreffen aus Frankfurt a. 0. zum Herbst erwartet wurde sollte 
die praktische Philosophie mit der speculativen verbinden und Kraus dann ofßcieller Ver- 
treter der Cameralwissenschaften werden. Der hochbejahrte Professor der Physik Karl 
Daniel Reusch (geb. 1735, gest. 28. August 1806) sollte pensionirt werden und der Pro- 
fessor der Chemie Karl Gottfried Hagen aus der medicinischen Facultät in die philo- 
sophische übertreten mit dem Lehrauftrag für Chemie, Physik und Naturwissenschaften. Der 
Theologe Theophilus -Wald gab die von ihm mit bekleidete Professur der griechischen 
Sprache auf, so dass nur die Stellen für Mathematik, für klassische Sprachen und für Statistik 
neu zu besetzen waren. 

Auch die finanzielle Seite der vorgeschlagenen Reform erörtert der Senatsbericht. 
Damit die Professoren ausschliesslich ihrem Amte und der Wissenschaft leben können und 
nicht Nebenämter anzunehmen brauchen, soll jede Stelle mit einem. Gehalte von 800 Thalern 
ausschliesslich der Natural- und anderen Emolumente dotirt werden, was einen Mehraufwand 
von 8400 Thalern jährlich nöthig macht, abgesehen von den Zahlungen, die zur Entschädigung 
der einen Theil ihrer bisherigen Wirksamkeit aufgebenden Professoren noch einige Zeit zu 
leisten waren. Im Zusammenhange damit wird der Wunsch ausgesprochen nach „eiuer Vei-- 



1) J. G. Scheffner, Mein Lehen, S. 

2) .Toll. Voigt, Leben iles Ti-of. Clir. 



iludeniDg liiiisiclitlich de.« Kasseuweseiis"; um die unvriirdige und zeitraubende, sachlicli alier 
nie völlig geniigend^? nebenamtliche Versehinig der Ka.^sengescliäfte. d. i. der (^nä^tnr. durch 
die akademischen Lehrer zu beseitigen.') Man nalim dafür die Errichtung einer Ijesonderen 
,. Zahlungscommission'' in Aussicht. 

Von den akademischen Instituten bediirfen nach dem Urtheil des Senats einige 
einer gründlichen Eeform. Die dabei angeführten Einzelheiten eröffnen einen Blick in die 
trostlose Dürftigkeit des damaligen akademischen Lebens in Königsberg. In Bezug auf 
das „Convictorium", die mit einem Capital von 45000 Thalern fundirte Anstalt zur 
Bespeisung armer Studirenden, welche in den dazu angewiesenen Räumen des Collegium 
Albertinum von einem eigenen Oekonomen liewirthschaftet wurde, wird geklagt über die 
durch die Theuerung verschuldete schlechte Kost, die der Oekonom selbst niclit in Abrede 
stellen kann, und über das „schmutzige, zerrissene und ekelhafte Tischzeug": die mit der 
Sorge dafür betraute Wäscherin erhielt als einzigen Entgelt freie Wohmmg! Deshalb em- 
pfehlen schon jetzt einige Stimmen, man möge die Anstalt eingehen lassen und nach dem 
Vorbild der bewährten Hallenser Freitiscbordnung die zu beköstigenden Studirenden gewissen 
fiastwirthen zuweisen und an diese aus der Convictoriumkasse entsprechende Zahlung leisten, 
da solche Unternehmer ja ein Interesse daran haben, ihre Kunden zu befriedigen und dadurch 
neue heranzuziehen. 

Noch schwerere Klagen werden gegen das ., Alumnat" erhoben. Zunächst erfüllt das 
die stiftungsmässigen freien Wohnungen enthaltende Gollegiengebäude seinen Zweck insofern 
nur sehr unvollkommen, als die Zimmer darin zum Theil gar nicht, zum Theil nur mit un- 
verhältnissmässigem Aufwand erheizt werden können. Ein zweiter üebelstand ist dns Dasein 
der „Collegienburschen" ^ — d. h. „armer Knaben aus Masuren, welche, um einst in ihrem 
Vaterlande Schullehrer oder Geistliche zu werden, die Schule besuchten, den Studenten zur 
Aufwartung resp. Erziehung beigegeben waren und mit dem, was dieselben von den Mahlzeiten 
im Convicte übrig Hessen, gespeist wurden" — .^) Diese, „welche dereinst selbst Studenten 
werden, müssen gegenwärtig den Studenten aufwai-ten und werden daher zu den niedrigsten 
Beschäftigungen gebraucht. Für ihre Ausbildung und moralische Vervollkommnung wird 
daher hier nicht gesorgt. Der Schmutz, den sie verbreiten, das Euiniren der Wohnungen 
durch sie und ähnliche Unordnungen sind durch die Erfahrungen zu sehr bewiesen, als dass 
es einer weiteren Ausführung bedürfte." Der Senat verlangt deshalb Entfernung der CoUegien- 
burschen und Ersetzung derselben durch zwei Aufwärter, die zugleich den nöthigen Nacht- 
wachdienst übernehmen sollen. Ferner wird dringend eine Verbesserung der „Gefängnisse" 
verlangt: der bisher dazu dienende Raum im Gollegiengebäude ist so ungesund, dass man 
Niemanden längere Zeit darin lassen kann, während durch einen einfachen Erweiterungsbau 
leicht drei geeignete Räumlichkeiten hergestellt werden können. Der Bedarf nach Gelassen 
der Art muss danach in jener Zeit ziemlich beträchtlich gewesen sein, und noch Jalire lang 



1) Die ICassengescIiäfte und zugleicli die eines Secretär.'s versah damals der aiisserord. l'rnf. de 
Mallieniatik Gensiclien. 

2) ßiirdacli, a a. O. I, 280-81. 



wurden uaclits arretirte Studenten einfacli dem Prorector in das Haus gebraclit, der sie 
entweder freilassen oder bis zum andern Morgen in seinem Zimmer belialtcu musste: noch 
1818 bemühte man sich um Abstellung dieses unbequemen Brauches.') 

Verhältnissmässig kurz werden endlich die Neuerungen begründet, welche der Senat 
für eine bessere Pflege der Wissenschaft durchgefüh)-t zu sehen wünscht. In Betreff der 
Bibliothek soll die schon früher angeregte Vereinigung der Schlossbibliothek mit der 
Wallenr'-«dtschen vollzogen werden. Er fordert ferner die Anstellung zweier Bibliothekare 
und eines Adjuncfen und die Beschaffung eines hesondern und zwar heizbaren Locals, wozu 
nach dem Tode des greisen Professor Keusch die von diesem bisher innegehabte Wohnung 
des ersten Inspectors des Collegium Albertinum verfügbar sein würde. Die Mittel zur Ver- 
mehrung der Bibliothek sollen beschafft werden durch Verkauf der auszuscheidenden Doubletten 
und durch Zuweisung der bisher der Schlossbibliothek zufliessenden Einkünfte. Im Interesse 
eines gründlichen medicinischen Unterrichts wird die Anlage eines botanischen Gartens 
und die Errichtung einer klinischen Anstalt als besonders dringlich hervorgehoben. 

„Und nun, Allergnädigster König und Herr," — so schliesst der Senat seinen 
Bericht — „wenden wir uns zu Ew. Königlichen Majestät Gnade und flehen um Erhörung 
unserer Bitte. Nicht unser Privatvortheil, das Wohl des Landes, welches fast ganz von dem 
Zustand der Universität abhängt, spricht aus uns, und dies berechtigt uns zu der frohen Aus- 
sicht, dass Ew. Königliche Majestät auch unsere Universität nicht gering achten, sondern sie 
durch landesväterliche Unterstützung in den Stand setzen werden, den Anforderungen, welche 
man mit Recht an eine höhere Bildungsanstalt macht, zu entspi'echen." 

Uebrigens fügte der Senat die sämmtlichen Gutachten sowohl der Facultäten als auch 
der einzelnen Professoren bei, . „da in denselben vielleicht manches Gute enthalten ist, welches 
wir im Ganzen etwa von einer anderen Seite betrachteten." Von Interesse ist da einmal 
die Denkschrift der medicinischen Facultät. Mit dem Hinweis auf die Kosten, die 
den Docenten durch die Beschaffung von Präparaten und Instrumenten erwachsen, wird die 
Forderung einer höheren Besoldung begründet. Fast dringender noch als eines botanischen 
Gartens und einer klinischen Anstalt bedarf der medicinische Unterricht eines anatomischen 
Theaters. Was man damals so nannte, hatte 174.5 Professor Büttner auf Grund einer von 
ihm schon früher der Regierung gemachten Anerbietung mit einem Aufwände von 1075 Thalern 
auf dem Weidendamm gebaut; bei seinem Tode 1776 hatte die Universität darauf angetragen, 
das Haus einer früheren Zusage gemäss für 500 Thaler und die von Büttner hiuterlassenen 
Präparate für den gleichen Preis anzukaufen. Ersteres war auch geschehn, letztere aber 
waren, weil die Erben 200 Thaler forderten, die Regierung aber nur 170 Thaler zahlen wollte, 
nach Berlin verkauft und dort der Grundstock der grossen Wallerschen Sammlung geworden. 
Auch die von Büttners Nachfolger, Johann Daniel Metzger, (geb. 7. Februar 1730 zu 
Strassburg i. E., seit 1777 in Königsberg) beantragte Anstellung eines Prosectoi'S war erst 
1795 erfolgt durch Ernennung des Dr. Kelch. Wie es aber trotzdem mit dem anatomischen 
Unterricht stand, spricht der Facultätsberieht rückiialtlos aus. Das Haus „ist jetzt schon dem 

1) S. 48, I, Ibl. 132. 



10 

Einsturz selir nahe und über wenige Jahre vielleicht über den Haufen gefallen. Es fehlen die 
nothwendigsten Präparate zum Unterricht und die nothwendigsten Geräthschafteu, zu deren 
Anschaffung jährlich 500 Thaler nöthig sind. Der Aufwärter erhält ausser freier Wohnung 
von jedem Präparanten 1 Thaler, kann also, da die Zahl durchschnittlich 15 beträgt, davon 
nicht leben." So fand es 1814 auch noch ßurdach — ,,ein den Einsturz drohendes Ge- 
bäude mit zwei alten defecten Skeletten und einer zur Uehung im ßandagireu von den 
Chirurgen geschenkten Puppe.''') 

Kümmerlich genug, ja unwürdig, selbst an dem bescheideneu ilaassstab jener Zeit ge- 
messen, waren also die Zustände der Albertina, und dennoch fehlte es unter den Professoren 
nicht an solchen, die darin ihr volles Genügen fanden und von den geplanten Neuerungen 
nichts wissen wollten, ja darin wohl gar eine Gefahr für die Zukunft der Universität sahen. 
Einen solchen lernen wir aus den dem Senatsberichte beigefügten Einzelgutachten in dem Pro- 
fessor der Poesie und Beredsamkeit kennen, Karl Ludwig Poerschke, (geb. 3. Januar 1751 
zu Molschnen bei Königsbei'g, Zuhörer und später Tischgenosse Kants, aber auch in Halle 
und Göttingen gebildet, seit 1795 ao. Prof. der Philosophie, seit 1803 ord. der Poesie). Nach 
seiner Ansicht steht es mit der Universität und der philosophischen Facultät im Besonderen 
nicht so schlimm, wie man nach dem Senatsberichte meinen möchte. Wohl fehle es liei den Studi- 
renden an Fleiss und Eifer, so dass viele angezeigte A^'orlesungen nicht zu Stande kommen. Als 
er selbst 1768 zu studiren begonnen, habe Königsberg mit 200 Studenten mehr als dermalen 
für eine besonders blühende Universität gegolten, obgleich die allgemeinen Studien damals 
darnieder gelegen und nur Brodstudien getrieben worden seien : gerade in dieser Hinsicht sei es 
viel besser geworden. Auch für das so übel geschilderte Convictorium tritt Poerschke ein: „Wir 
müssen uns — meint er — vor dem unseligen Niederreissen alter Gebäude, we'che ausgebessert 
länger als neue stehen, hüten : die guten Baurisse sind eine Gabe Gottes, die er selten austheilt, 
und die neuen Baumaterialien sind unerhört theuer." Weiter polemisirt er gegen die vorgeschlagene 
Vermehrung der Professuren in seiner Facultät: daraus entspringen nur Brodneid und Kabalen, 
die anderswo schon zu „Fischweiberauftritten" geführt hätten. Auch werde es schwierig sein, die 
geeigneten Kräfte zu finden: „Gelehrte sind allenthalben, Männer mit Lehrtalent höchst selten: 
jene sind wohlfeil, diese behält man gern, wenn sie übrigens gute Menschen sind, da zurück, wo 
ihr Werth schon erkannt wird." Und dann schliesst er sein Gutachten mit den Worten : „Wir 
seher besseren Zeiten für unsere Universität entgegen, da bei unseren Lehrern ein edler Geist 
des Friedens eingekehrt ist. Dieser erzeugt wechselseitige Achtung, wodurch die Achtung der 
Studireuden gegen ihre Lehrer befördert wird. Wir werden uns mehr in die Hand arbeiten 
und mehr zu Disciplinen antreiben, wodurch nicht der blosse Broderwerb, sondern auch 
der veredelte Mensch überhaupt gebildet wird." 

Dass aber Poerschke in übergrosser Pietät für die Albertina zu günstig urtheilte und 
dass Reidenitz und die reformfreundliche Mehrheit das Richtige traf, beweist namentlich ein 
Bericht, den um dieselbe Zeit unabhängig von dem ihm unbekannt gebliebenen Vorgehen des 
Senats der Landhofmeister und Curator Hans Jacob von Auerswald, (geb. 1757, gest. 

1) Biirdach, a. a. O., S. 282. 



11 

1833) aus Anlass der Ei'lediguug der matbematisclien Professur durch deu Tod des Hofpredigers 
Schulz an den königlichen Staats- und Justizminister, auch Chef .des geistliehen Departements, 
Herrn von Massow, erstattete und in dem er sein Verlangen nach Berufung eines besonders tüch- 
tigen Mannes begründet durch eine eingehende Schilderung namentlich von dem dermaligen Zu- 
stande der philosophischen Facultät.') „Die Lehren dieser Pacultät sind es," wird da treifend und 
in Geltendmachung eines heute leider ziemlich in Vergessenheit gerathenen Standpunktes aus- 
geführt — „von denen die studirende Jugend eigentlich jene Kenntniss von Sachen und 
Menschen und jene Uebung und Stärkung der Seelenkräfte erhalten soll, ohne welche für sie 
das positive Studium der Jurisprudenz oder der Theologie selten mehr als todtes und ser- 
viles Gedächtnisswerk sein wird. Und nun besteht dermalen die philosophische Facultät, da 
Kants Nachfolger noch nicht angekommen, Reusch vom Schlage gerührt, Hasse auf Urlaub 
verreiset und der Hofprediger Schulz gestorben ist, aus mehr nicht als drei ordentlichen dienst- 
thuenden Lehrern, dem Professor der praktischen Philosophie Kraus, dem Professor der 
Dichtkunst Poerschke und dem Professor der griechischen Litteratur, Geschichte, Be- 
redsamkeit und Theologie und Inspector Collegii Pridericiani und Consistorialrath Wald", 
der bei einer solchen Aemterhäufung seine akademischen Pflichten natürlich nur sehr obenhin 
wahrnimmt. „Dabei ist an Privatlehrern ein' solcher Mangel, dass von den dreien, die dem 
Namen nach vorhanden sind, nur etwa der Gensichen in Betracht kommt." So findet denn 
die studirende Jugend in Königsberg, selbst wenn alle angezeigten Collegien wirklich gelesen 
werden, nicht die für sechs Semester ausreichende Anregung und Beschäftigung neben ihrem 
Brodstudium. Ganz wie Reidenitz weist auch von Auerswald auf den Schaden hin, der 
für weite Lande der allgemeinen Bildung daraus erwächst. „Auf dem weiten Raum von 
Prankfurt a. 0. bis Dorpat ist Königsberg die einzige Universität. Unsere arme Landesjugend 
hat hier nicht wie in Deutschland die Bequemlichkeit, was sie auf ihrer Universität vermisst, 
auf einer anderen in der Nähe suchen zu können." Die Vorschläge zur Abhilfe, welche 
von Auerswald an diese Kritik knüpft, treffen im Wesentlichen mit denen des Senates zu- 
sammen, greifen aber in zwei wichtigen Punkten die Sache tiefer und energischer an. 
Einmal nämlich empfiehlt er, die Gehälter wie in Göttingen nicht nach Stellen zu reguliren, 
sondern „nach den Männern und ihren verschiedenen Lehrverdiensten", und dann sich nicht 
mehr zu binden an die vor zwei und einem halben Jahrhundert „bei einem ganz andern 
Zustand der Wisssenschaften und ganz anderen Culturbedürfnissen des Publicums gemachte 
Bintheilung der Lehrstühle." Jedenfalls war auch der Curator ein eifriger und einsichtiger 
Vertreter einer zeitgemässen Neugestaltung der Albertina. 

Aber während man sich in Königsberg mit solchen Entwürfen trug und auch das 
Obercuratorium zu Berlin den gemachten Vorschlägen mit hilfbereitem Wohlwollen näher trat, 
vollzog sich in dem Gange der europäischen Politik jene Wendung, welche den seit zehn 
Jahren in verhängnissvoller Neutralität seitab stehenden preussischen Staat endlich gegen 
Frankreich die Waffen zu ergreifen nöthigte und alle seine Mittel vollauf in Anspruch nahm: 
für die Reform der Albertina waren solche nun nicht mehr vorhanden. Unter dem 2. De- 

1) Ciu-ator. Act. A. 48. 1. 



^2 

coiiiber l.SOö (>rgiug eiu Königlicher Erl.iss des Inhalts: „dass die gegenwärtigen Zeituui.sliuide 
dem Königlichen Obercuratorio nicht erlaubten, bei des Königs Majestät sich um die Bewilligung 
eines Quanti zu verwenden, welches zur Eealisirung derjenigen Vorschläge erforderlich ist, die 
bei der anzustellenden näheren und genaueren Prüfung für gut und zweckmässig anerkannt 
werden dürften." Einzig und allein die in Vorschlag gebrachte akademische Zahlungs- 
Commission sollte sofort ins Leben treten; das Reglement für sie sollte nach dem der ent- 
si)recheuden Anstalten zu Erlangen, Frankfurt a. 0. und Halle hergestellt werden. 

Schliesslich aber kam es nicht einmal dazu, obgleich die Verhandlungen darüber sich 
bis tief in das Jahr 1806 hineinzogen. Es ging nämlich in diesem Punkt die Absicht des 
^linisteriums auf etwas ganz Anderes, als Rector und Senat gewünscht hatten. Während diese 
nur die Schwierigkeiten und Nachtheile hatten beseitigen wollen, die sich für die akademischen 
Lehrer bei der Einziehung rückständiger Honorare ergaben, sollte die A^on der Regierung ge- 
plante Commission nicht bloss auf diesem Gebiete Ordnung schaffen, sondern darüber hinaus 
die Studirenden eigentlich finanziell überhaupt unter Curatel stellen, indem alle an diese ein- 
gehenden Gelder an sie abgeliefert und durch sie zugleich mit den unvermeidlichen Schulden 
der Studirenden verwaltet werden sollten. Schon war in dem Professor der Rechte Dr. August 
Wilhelm Heidemann*) ein Director dieser akademischen Zahlungscommission ernannt, für 
deren Geschäftsbetrieb von ihm ein Reglement entworfen worden. Wie er angiebt, hatte sich 
dieser als Rector „um die detaillirten Umstände bei manchem verirrten Jüngling gekümmert 
und gefunden, dass schlechte Anwendung des Geldes und Schulden der erste Grund der Verfalles 
manches guten Jünglings wären" ; auch habe er thätig durch Ermahnungen und Kassenführung 
geholfen und oft die Freude gehabt gute Folgen zu sehen. Dieses private Verfahren dachte 
er nun amtlich und in grossem Maassstabe zu organisiren. Doch stellte er zwei Bedingungen, 
einmal, dass er sich die Gehülfen für die Geschäftsführung frei wählen dürfte und nicht aus 
den Universitätsbeamten zu nehmen brauchte, und dann dass er das Recht erhielte, gegen un- 
botmässige Studirende auf eigene Hand 24 Stunden Karzer zu verhängen. Natüi-lich konnte 
ihm das Ministerium nur die erste Forderung zugestehen, wie es denn auch die Benutzung 
der Commission zur Controle der Studirenden dem Belieben der Eltern anheimstellen wollte.^) 
Das Reglement wurde jedoch vom Senat sehr energisch angefochten, der das Institut durch 
seine Autorität decken sollte, während er keine Einwirkung darauf besessen und eigentlich 
nur das dort Verfügte zu expediren gehabt hätte. Deshalb lehnten sämmtliche übrigen Sena- 
toren die ihnen zugedachte Mitwirkung einfach ab. Namentlich machte man geltend, dass 
diese Einrichtung der Untergang aller akademischen Freiheit sein würde. So blieb denn von 
dem ganzen Entwurf schliesslich nichts weiter übrig als der Grundstock der noch heute 
geltenden Bestimmungen über die Honorarstunduug. Da nun die Commission, wie sie ur- 



1) Geboren 30. Juli 1772 zu Stargard in Pommern, studirte seit 178'.» in Halle, Dr. jur. 1792, Kammer- 
gericlitsreferendar in Berlin, 1, Juni 1801 Assessor, bewarb sich Ende 1801 um die durch Schmalz' Abgang und 
das Aufrücken von Reidenitz und v. d. Goltz freigewordene jüngste juristische Professur in Königsberg, die ihm 
9. Februar 1802 übertragen wurde mit einem nur aus ein paar Emolumenten bestehenden Einkommen von 
86 Thalern; daneben wurde H. bald Eath bei der ostpreussischen Kegierung. Curat. B. 8. 

2) Curator. Commiss. 9. I. 



13 

.sprünglicli ^c^plaut war, die Verwaltung der fi'ir die Studicenden eiiigebciid(!ii Gelder zu 
liilireu, ai^o auch zwischen uöthigcn und entbehrlichen Ausgaben zu unterscheiden und 
demnach jedem einzelnen Studirendeu nach seinen Alitteln die von ihm zu Vergnügungen 
gewünschten Gelder je nachdem zu bewilligen oder zu versagen gehabt hätte, so wäre ihr auf 
das ger^ammte studentische Leben eine Einwirkung eingeräumt worden, die sich jedem Einfluss 
der eigentlichen akademischen Behörden entzogen hätte. Das machte der Senat besonders da- 
gegen geltend, und was er dabei von den einschlägigen Verhältnissen im Einzelnen anführt, 
ist von culturgeschichtlichem Interesse, da es uns einen Blick thuu lässt in die Formen des 
studentischen Lebens <äuf der Albertina zu Anfang dieses Jahrhunderts. 

Getheilt waren die Meinungen über die Studentenbälle, deren allwiuterlich sechs bis 
acht stattfanden, von ein bis zwei angesehenen Studenten „entreprenirt". Die Mittel dazu wur- 
den durch Subscription oder Pränumeration von den Studenten aufgebracht. Die Einladungen 
ergingen natürlich nur an diesen genehme Leute, was zu allerlei gesellschaftlicheuReibereien Anlass 
gab, besonders wenn nicht Eingeladene sich doch Zutritt zu verschaffen wussten. An dieser 
Exclusivität nahmen Manche Anstoss; Andere meinten, diese Veranstaltungen seien überflüssig, 
da die Studirenden ohnehin schon Gelegenheit genug zu derartigen Vergniigungen hätten; 
noch Andere missbilligten den Aufwand, den die Studirenden als Wirthe zu machen hätten. In 
noch höherem Maasse machte man dies gegen die erst neuerdings üblich gewordeneu Masken- 
bälle geltend. Die gleichen Bedenken erhoben sich gegen die Studentencoucerte, die öflent- 
lichen Aufzüge und pomphaften Leichenbegängnisse. Letztere wei'den gelegentlich beschrieben. 
„Mit verschiedenen Chören Musik und einer grossen Anzahl von Anführern, Begleitern und 
Adjutanten in schwarzem Rock mit sonderbaren blanken, violetten und weissen Bandeliereu 
und Marschallstäben, an welchen die eherne Statue des akademischen Albertus nebst Welt- 
kugeln, Kränzen und Todtenköpfen sich hei'umtragen lassen muss, wird die Leiche vom 
Sterbehaus abgeholt und nebst dem Leichengefolge, den vorgesetzten Lehrern der Jugend 
und anderen angesehenen ^Männern der Stadt nicht auf dem nächsten Wege, sondern zur 
Schau durch die Haui)tstrassen der grossen Stadt ein paar Stunden lang zu Fuss herumge- 
führt" — was am meisten Anlass zum Schuldenmachen gieht. „Ueberdem hat sich" — 
heisst es in dem Senatsberichte weiter — „seit einigen Jahren eine Näherin gefunden, welche 
den Studenten den nöthigen Apparat von Säbeln, Pistolen, Collets, Uniformen, Knallpeitschen, 
Stulpstiefeln, Bandelieren, Marschallstäben in Bereitschaft hält, die indessen gegenwärtig von 
der Polizei in Untersuchung wegen unbefugten Trödelhandels gezogen und deren Entfernung 
aus der Stadt aus dem Grunde der Sittenpolizei der einstimmige Wunsch des Senates ist. 
Zu diesen Vergnügungen sind nun noch in letztem Winter die Schlittenpartien mit Musik, 
die bisher nie bei irgend einer Klasse der Einwohner gebräuchlich gewesen, gekommen." 
Wenn der Senat nun auch, so wird schliesslich ausgeführt, diese anstössigen Vergnügungen 
bisher nicht verboten habe, so werde er sie doch niemals ausdrücklich billigen, was ohne 
Rücksicht auf ihn jene Zahlungscommission thun würde, wenn sie den ihrer Obhut befohlenen 
Studirenden die zur Theilnahme nöthigen Mittel bewilligte. 

Jedenfalls war angesichts des bevorstehenden Krieges die zeitgemässe Erneuerung 
der Albertina aufgeschoben. Selbst die von allen Seiten als dringend geboten anerkannte 



14 

Aui'ljessenmg der riof'e.ssoreiigebälter liess sich jetzt nicht durchführen. Noch am 28. August 
1806 gab der Curator Landhofmeister von Aucrswald auf eine erneute VorsteUung Heide- 
manns den resignirten Bescheid, so sehr er die Klagen über die ungenügende Besoldung der 
Professoren als berechtigt anerkennen müsse, so gestatte doch „die jetzige Lage der politi- 
schen Angelegenheiten nicht, auf andere als nur die dringendst nothwendigsten Bewilligungen 
von Zulagen aus königlichen Kassen anzutragen"; er müsse daher „wiewohl ungern, einen für 
die Erfüllung seines Wunsches, die Lage der sämmtlichen hiesigen Professoren verbessern zu 
können, günstigeren Zeitpunkt abwarten und diese ersuchen, sich in billiger Erwägung der 
Zeitumstände bis dahin zu beruhigen." 

Wo sich aber irgend die Möglichkeit bot, einem anerkannten Bedürfniss mit massigem 
Aufwände abzuhelfen, wusste von Auerswald selbst in jener Zeit die nöthigeu Mittel aufzu- 
bringen. So wurde der erste Schritt zur Beschaffung des so dringend begehrten botanischen 
Gartens eben damals gethan. Ausserhalb der Stadt, am Ende des Neuen Rossgartens, auf 
der weiten Umblick über das Pregelthal erschliessenden Höhe lag der halb ländliche Besitz 
des in der Königsberger Gesellschaft hochangesehenen Kriegs- und Domänenraths a. D. Jo- 
hann Georg Scheffner, den der siebenzigjährige Veteran aus dem siebenjährigen Kriege 
wegen der Schwierigkeit der Bewirthschaftung zu veräussern wünschte. Im Sommer 1806 
bot er der Regierung die üeberlassung an, indem er für die darauf verwendeten 12000 Thaler 
eine Rente von 700 Thalern gewährt erhalten wollte. Am 20. September erfolgte die 
königliche Genehmigung, und gerade in den Tagen des Zusammenbruchs Preussens, am 
25. October, wurde der Vertrag geschlossen: Scheöners „auf dem Steindamm am Butterberg" 
gelegenes Grundstück mit Wohnhaus, Arbeiterwohnung, Ställen und Garten ging in den Besitz 
der Universität über; der Staat zahlte dem alten Ehepaar eine Jahresrente von 700 Thalern, die 
nach dem Tode eines der beiden Gatten auf 600 Thaler herabgemindert werden sollte; falls 
aber beide vor Ablauf des fünften Jahrs nach Vollzug des Vertrages sterben würden, zahlte 
der Staat an die Schlossbibliothek 1000 Thaler und die gleiche Summe an den botanischen 
Garten zur Anschaffung botanischer Werke. Mit der Einrichtung des Grundstücks für seine 
neue Bestimmung hatte es freilich zunächst noch gute Wege: was inzwischen geschehen war, 
liess Interessen der Art zunächst völlig in den Hintergrund treten. 

Auch der vom Senat entworfene Reformplan konnte nun nur so weit ausgeführt 
werden, als er besondere Aufwendungen nicht erforderte. Unter dem 25. November 1806 
machte der Curator dem Senate eine Königliche Cabinetsordre vom 16. September bekannt, 
wonach der dritte Professor der theologischen Facultät Wald auch die Vertretung der orien- 
talischen Sprachen übernehmen, dagegen die griechische, oratorische und historische Pro- 
fessur aufgeben, die bisher von dem unlängst verstorbenen Hasse bekleidete Professur 
der Pädagogik aber an Poerschke kommen sollte, der zugleich die bisher von ihm innege- 
habte Professur der Poesie mit der der Eloquenz zu einer „Professur der schönen Wissen- 
schaften" vereinigte, aber auch über deutsche Sprache und Litteratur zu lesen verpflichtet 
wurde. Die Wald abgenommene Professur der griechischen Sprache wurde zu einer solchen 
der klassischen Litteratur erweitert, die der Geschichte in eine solche der Geschichte 



15 

und Statistik umgewaiulelt.') Die iinauzielle Beihilfe freilich beschräukte sich zur Zeit auf 
1500 Thaler, aus denen die Gehälter des Professors der klassischen Litteratur und eines au 
Stelle des am 16. September 1804 verstorbenen Johann Daniel Metzger zu berufenden 
Mediciners aufgebessert werden sollten.^) Ihre Bewilligung hatte v. Auerswald trotz der 
Ungunst der Zeit durchgesetzt, indem er rundheraus erklärte nicht zu wissen, „was aus der 
hiesigen studirenden Jugend bei dem grossen Mangel an geschicktfm und Ileissigen Lehrern 
in mehreren Fächern werden solle." ^) 



II. Anfänge der Inneren und äusseren Erneuung 1807—8. 

Es fehlt uns an d&m Material, um von Stimmung und Haltung der Alljertina bei dem 
Hereinbruch der grossen Katastrophe ein recht anschauliches Bild zu gewinnen. Aber sicherlich war 
man auch hier nicht frei von der verhängnissvollen Selbsttäuschung, mit der Regierung, Heer 
und Volk in diesen Krieg eintraten. Wenn die Nachricht von der erfolgten Kriegserklärung 
(6. October) mit lautem Jubel begrüsst und der Beginn des Kampfes am 21. October im 
Theater mit Absingung eines von Max von Schenkendorf gedichteten Volksliedes — des 
ersten Kriegsliedes des Dichters — gefeiert wurde,*) so haben dabei die Königsberger Stu- 
denten gewiss nicht gefehlt. Aber wie schnell verflog diese Stimmung! Fast gleichzeitig mit 
der Schreckenskunde von der Niederlage und dem Zusammenbruch des Staats traf die flüchtige 
königliche Familie ein. Bange Sorge lastete Ende 1806 mit erdrückender Schwere auf Hoch 
und Niedrig. Nur am Sylvesterabend erregte die Meldung von dem glücklichen Gefecht bei 
Fultusk (26. December) lauten Jubel. König und Königin zeigten sich vom Balcon des 
Schlosses dem jauchzenden Volke, und im Theater erhob sich während der Vorstellung ein 
Student zu einem Pereat auf Napoleon. Die Polizei erliess eine Warnungsanzeige wegen 
dieses Vorfalls, „der nicht den Beifall des gesitteten und mit Ueberlegung handelnden Publi- 
cums gefunden." ^) Die einen Moment wieder aufgelebte Hoffnung aber wurde bald völlig zu 
Nichte. Am 3. Januar 1807 floh die schwer kranke Königin Luise nach Memel. Auch die 
ruhmreiche Schlacht bei Eylau (7., 8. Februar) brachte keine Rettung. Unmassen Verwundeter 
und Kranker strömten in die Stadt zusammen. Da wurde auch die durch des Professor 
Eeusch Tod zur Zeit frei gewordene Wohnung des ersten Inspectors des Collegium Albei-tinum 
mit einem russischen Lazareth belegt und dabei grundlich devastirt. Bald brach unter den 
dicht dabei wohnenden Studenten und CoUegienburschen das Nerveniieber aus. Der üble 
Geruch machte den Convictspeisesaal, wo etwa 100 Personen täglich assen, unbrauchbar. 
Aehnlich ging es bei steigender Wärme mit den Zimmern, die der Kasse und dem Senat als 
Geschäftsräume dienten, und dem für akademische Feierlichkeiten benutzten grossen Auditorium. 



1) Theol. Pac. Act. F. 2. I. 

2) Curat. Act. B. 58. 

3) 22. Sept. 180G. Curat. Act. A. 5:! 

4) Hagen, Max v. Sclienkendorf, S. 50 

5) Ebenilas. S. 54. 



16 

Als mau endlicli die russiscben Ki-aiiken eutferut hatte, raussten preussiscbe aufgenommen 
werden, selbst die Karzer wurden mit solchen helegt.') Schliesslich überlieferte Napoleons 
Sieg bei Friedland (14. Juni) die Stadt der Gewalt der Franzosen, die am 16. Juni früh 
unter Soult einrückten. Am 9. Juli wurde der Tilsiter Friede unterzeichnet, in den Augen 
Vieler das Todesurtheil des preussischen Staats. Am 12. Juli folgte der Vertrag, nach dem 
die Provinz Preussen in den Tagen vom 21. Juli bis zum 20. August von den Franzosen 
geräumt wurde. 

Wie sich die Albertina — Lehrer und Lernende — zu diesen Vorgängen gestellt, 
wie sie innerlich daran theilgenommen haben, dadurch beeinflusst und zur Mitarbeit an der 
Lösung der nun gestellten grossen Aufgal^en bestimmt worden sind, — davon gewinnen wir 
wenigstens kein deutliches Bild. Wohl aber empfängt man den Eindruck, als ob im Gegen- 
satz zu Poerschkes günstigerem LTrtheiP) die früher laut gewordene Klage über den Rück- 
gang der Universität auch in Bezug auf den an ihr herrschenden Geist nicht unberechtigt 
gewesen sei. Wie hätte auch die Albertina unberührt bleiben sollen von dem Verfall, der 
den preussischen Staat seit zwanzig Jahren unmerklich einer Katastrophe entgegentrieb! 
Auch sie bedurfte einer inneren, sittlichen und geistigen Erneuung, um an ihrer Stelle und 
in ihrem Berufe mitzuwirken an dem grossen Werke der nationalen Wiedergeburt. Wie 
wenig sie dazu dermalen fähig war, bewies die Thatsache, dass Rector und Senat es nicht 
unter ihrer Würde fanden, den Siegern zu schmeicheln. Denn was konnte der französische 
Brigadegeneral und Lazarethinspector Alexander Lalance aus Metz selbst angesichts der An- 
forderungen, die nach der Schlacht bei Friedland die Masse der in und bei Königsberg zu- 
sammenströmenden Verwundeten und Kranken an das unzureichende ärztliche Personal stellte, 
so Ausserordentliches geleistet haben, dass die fast unerhörte Ehrenerweisung gerechtfertigt 
erschienen wäre, die man ihm zu Theil werden Hess, indem man ihn vierzehn Tage nach dem 
Tilsiter Frieden, am 24. Juli, als den ersten seit 130 Jahren Ehren halber in das Album 
der Universität eintrug und so unter die Bürger der Albertina aufnahm?^) Bezeichnend ist 
auch die Thatsache, dass von den seit längerer Zeit an der Albertina wirkenden Lehrern 
keiner in dem Kreise der Männer zu finden ist, die sich zu wetteifernder Arbeit an dem 
Neubau des preussischen Staates mit von Auerswald, von Schrötter, von Schön und anderen 
um den Freiherrn von Stein vereinigten, auch da nicht, als der Hof Mitte Januar 1808 von 
Memel nach Königsberg zurückgekehrt und die Universität aus anderem Anlass zu ihm in 
nähere Beziehung getreten war. Die Träger des hohun nationalen Berufs, den gerade diese 
Hochschule in jener Zeit zu erfüllen hatte, wurden neu für sie gewonnene Männer, deren 
Eintritt in den akademischen Lehrkörper zu dessen innerer Erneuung wesentlich beitrug. 

Denn der Mann, der seit dem Tode Kants nicht bloss der vornehmste Vertreter 
Knutschen Geistes, sondern auch der Hauptträger des Rufs der Albertina gewesen war, 

Ti C'uiator. C'ommiss. A. 54. I. Bericht vom 10. März, 3. Mai u. s. w. 1807. 

2) Vgl. S. 10. 

>i) Am genannten Tage trug der Rector Reidenitz in das Album ein : Alexander Lalance Meten.«is 
Francogallicus Diix generalis et Praefectus Brigadae exercitiis Imperialis Francogallici et hospitii militaris In- 
spector in honorem in.xcriptus. 



CLristian Jacob Kraus, war am 25. August 1807 gestorben, tief betrauert von Allen, die 
als Schüler oder Freunde mit Staunen erkannt hatten, wie der stille und unscheinbare Ge- 
lehrte, der der Oeffentlichkeit alle Zeit fern geblieben war und die Grundlagen seines volks- 
wirthschaftlichen Systems in der Betrachtung der Gutswirthschaft seines Freundes Hans Jacob 
von Auerswald während seiner Ferienbesuche zu Faulen gelegt hatte, in überraschender 
Genialität auch für die grosse Praxis des Staats- und Völkerlebens tiefes Verständniss und 
selbst den T3eruf zu thatkräftigem Mithandeln entwickelte. Was hätte „dieser hervorragend 
scharfsichtige Staatswirthschaftslehrer und -Kenner", wie ihn sein Freund J. G. Scheffner 
nennt, ^) in jener grossen Krisis dem Vaterlande leisten können! „Ein vortrefflicher Mensch, 
mit sich selbst ganz im Reinen, und daher auch so klar in Allem, was er sagt", würde 
Kraus nach Scheffners Ansicht durch „seine anspruchslose Weisheit" gewiss „mancher 
schnellen Unweisheit vorgebeugt" haben. ^) Hatte Kraus doch bereits 1802 die Aufhebung 
der Privatunterthänigkeit gefordert') und in der Stille seiner Studirstube 180G ebenso prak- 
tisch wie politisch zutreffend die Mittel zur Bezahlung der französischen Kriegsschuld nach- 
zuweisen unternommen.*) Von Kant, dem er später weniger nahe gestanden hatte, als „ein 
ganz einziger Mensch" gerühmt,^) wurde er ebenso kurz wie ti'effend gekennzeichnet durch 
die Inschrift, mit der sein „Hauptfreund", der Landhofmeister und Oberpräsident von Auers- 
wald, seinen Grabstein schmückte: 'Justus et sapiens patriae profuit.' Aber über seinen Tod 
hinaus hat dieser merkwürdige Mann durch die von ihm gebildeten Schüler auf die Schicksale 
des preussischen Staates unendlich segensreich eingewirkt, indem diese die von ihm im Anschluss 
an Adam Smith entwickelten Lehren in der Praxis zu siegreicher Bethätigung brachten. 
Nicht nur die erste staatswirthschaftliche Schule hatte Kraus zu Königsberg gebildet: es ist 
ihm auch vergönnt gewesen, durch dieselbe die Staats- und volkswirthschaftliche Entwicklung 
Preussens in der Epoche seiner Wiedergeburt zu leiten. Denn auch sein unmittelbarer Nach- 
folger, sein Schüler Johann Gottfried Hoffmann, (geb. 19. Juli 1765 zu Breslau, gest. 
12. November 1847) der einst mit seinem Freunde Samuel Gottlieb Wald nach Königs- 
berg gezogen war, vertauschte nach kaum einem Jahre die Professur der praktischen Philo- 
sophie und Cameralwissenschaft mit der Stellung eines Staatsraths in der von von Schön ge- 
leiteten Abtheilung für gewerbliche Angelegenheiten, um 1810 als Professor und Director des 
statistischen Bureaus nach Berlin zu gehen.'') 

Im Uebrigen ist es, wie bemerkt, bezeichnend, dass als Vertreter des sich regenden 
nationalen Sinnes in den akademischen Kreisen ausschliesslich neu berufene Männer genannt 
werden können. An ihrer Spitze steht kein Geringerer als Johann Gottlieb Fichte. Aus 
seiner Jenenser Professur verdrängt, lebte er seit 1799 in Berlin und hatte dort im Winter 
1804/5 durch seine Vorlesungen über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, in denen 



1) A. a. 0. S. 248. 

2) Bbendas. S. 279. 

o) Kraus, Vermischte Scbriften VIH S. 417. 

4) Ebendas. 11, S. 49 H'. 

5) Ebendas. VIII, S. 1%. Vgl. üiier Kraus aucli Pci-lz, Leben Steins 11, S. 13. 
G) Allg. Deutsche Biograpliie XII, S. 598 ff. 



18 

sich der religiöse Charakter und reformatorische Trieb seiner Weltbetrachtung in grossen 
Umrissen ausprägte, auf weite Kreise einen mächtigen Eindruck hervorgebracht. ßeyme 
und Altenstein bestimmten Hardenberg, ihn an die unlängst preussisch gewordene Uni- 
versität Erlangen zu berufen. Dort sollte er im Sommer, im Winter in Berlin lesen. 
Aber bereits nachdem er ersterer Verpflichtung im Sommer 1805 genügt hatte, bat Fichte 
ihm für das nächste Etatsjahr die Concentration seiner Tliätigkeit auf Berlin zu ge- 
statten, was denn auch geschah.*) Von der Erlaubniss Gebrauch zu machen wurde Fichte 
jedoch durch den Ausbruch des Krieges im Herbst 1806 gehindert. Bei der Annäherung der 
siegreichen Franzosen verliess er Berlin, hielt sich erst einige Zeit in Stargard in Pommern 
auf und folgte dann dem Zuge der preussischen Flüchtlinge nach Königsberg. Nicht bloss 
im Hinblick auf die geplante Eeorganisation der Universität, sondern auch als einen tapfern 
Vorkämpfer der preussischen und der deutschen Sache hiess man Fichte" dort aufrichtig will- 
kommen. Von vielen Seiten bestürmte man ihn, zu lesen: er wies darauf hin, dass die Uni- 
versität gegen unbefugtes Lesen Einspruch erheben würde, fürchtete auch, das von ihm ge- 
forderte Honorar würde hier zu hoch gefunden werden, wollte aber dennoch gratis ein allge- 
meines Colleg für die Studirenden halten. Doch wurden diese Schwierigkeiten schnell er- 
ledigt; namentlich Nicolovius, den Fichte in Königsberg kennen gelernt hatte und mit dem 
er oft in Gesellschaft des Ministers von Schrötter, Schefl'ners und Hufelands zusammentraf, be- 
trieb seine Anstellung an der Albertina,'^) und unter dem 20. December 1806 wurde „der 
hier anwesende Professor Fichte aus Erlangen" mit seinem bisherigen Gehalt von 800 Thalern 
„von jetzt bis zu hergestellter Ruhe an der hiesigen Universität als ordentlicher Professor der 
Philosophie'- bestellt „und ihm zugleich die Censur der hiesigen Zeitungen aufgetragen, des- 
halb ihm zur Pflicht gemacht worden, dahin zu sehen, dass die Kachrichten von den Kriegs- und 
anderen öffentlichen Begebenheiten nicht in einem verführerischen, den Patriotismus nieder- 
schlagenden Ton erzählt, gegenseitig alle Anlässe, um den Muth der Unterthanen zu beleben, 
gehörig genutzt werden." Es scheint, als ob diese ungewöhnliche Bestimmung der dem Censor 
unter anderen obliegenden Pflichten veranlasst war durch den im Beginn des Krieges von 
Fichte ausgesprochenen Wunsch, unter irgend einer Form die Armee begleiten zu dürfen, 
um in der Nähe des Hauptquartiers und den Ereignissen nahe durch Rede und Schrift be- 
geisternd einwirken zu können, — einen Wunsch, den der König mit Dank für das Aner- 
bieten durch Beyme hatte ablehnen lassen.^) Das Censoramt begann Fichte sofort zu üben, 
musste sich aber seine Stellung darin erst erkämpfen. Der bisherige Censor nämlich, Polizei- 
director Criminalrath Brand, weigerte sich, nachdem man ihm die Censur der Königsberger 
Zeitung abgenommen hatte, die der zugehörigen Intelligenzblätter weiter zu üben, da er bei 
dem im Wesentlichen gleichen Inhalt beider Veröffentlichungen leicht mit Fichte in Wider- 
spruch gerathen könnte; auch dass er die mit der Zeitungscensur verbundene Einnahme ein- 
gebüsst hatte und das ihm noch Obliegende ohne jeden Entgelt thun sollte, fand er unbillig 
imd forderte deshalb am 24. December, auch davon befreit zu werden. Die Regierung ver- 

1) Dies und das Folgende nach den Acten des Königl. Universitäts-Curatoriums zu JIönigsI)eig B. ö3. 

2) Vgl. J. H. Fichte, Fichtes Leben und litterarischer ßrief(rechsel. I. S. .570—74. 

3) Ebendas. S. 363—66. 



19 

fügte d(!mgemäss. Dagegen erhob nun aber Fichte energischen Widci-spnicli. (ücich am 
25. December richtete er an den Geheimen Finanzrath und Kammerpräsidenten Herrn 
von Auerswald folgendes charakteristische Schreiben. 

Hochwohlgebohrener Herr! 

Höchstzuverehrender Herr Geheimer Finanzrath! 
Ich wünschte nicht vor Eur Hochwohlgebohren inconsequent oder unnach- 
giebig zu erscheinen, und dadurch Ihre Achtung oder Ihr Wohlwollen zu verlieren. 
Anstatt demnach über Eur Hochwohlgebohren gestrigen Antrag kategorisch zu er- 
klären, ersuche ich Dieselben durch diesen Privatbrief um eine mündliche Unterredung 
über ihn, ob es mir etwa möglich seyn möchte, die obwaltende Differenz ohne Weite- 
rungen zu heben; welche Differenz sich lediglich zu gründen scheint auf die Nicbt- 
bekanntschaft des bisherigen Censors mit der Tendenz der erlassenen Königlichen 
Verfügung, auch desselben Nichtbeachtung, dass vor der Occupation Berlins von dem 
Feinde die dortigen Zeitungen, aus denen die hiesigen zusammengetragen werden, 
schon die dortige politische Censur (welche auch dort, sowie zu Erlangen u. s. w. 
von der policeylichen ganz getrennt war) passirt hatten, dagegen seit dieser Zeit 
jene Zeitungen unter den insidiösen Einflüssen des Feindes stehen; und dass allein 
in dieser Beziehung eine Aenderung gemacht, alles übrige aber bleiben sollte, wie 
es bisher war; welches letztere, als die autentische Erklärung der erlassenen Ver- 
fügung, mir bei der Uebernahme jenes Geschäfts ausdrücklich bekannt gemacht 
worden. 

Ich kann nichts übernehmen, wozu mir die nöthigen Notizen und sogar die 
Mittel, sie zu erwerben, fehlen; und ich würde, falls ich mit dem ersteren zugleich 
das letztere zu übernehmen geglaubt hätte, den ganzen Antrag, zu dem ich mich 
keineswegs selber angeboten, von der Hand gewiesen haben. 

Ihrem gütigen Wohlwollen mich empfehlend und mit unbegrenzter Hoch- 
achtung verharrend 

Eur Hochwohlgebohren 

gehorsamster 

Fichte. 
V. H. 
den 2.5. December 180(3. 

Die Unterredung mit von Auerswald erledigte die Sache augenscheinlich nach 
Fichtes Wunsch: noch am 26. December erhielt Polizeidirector Brand die Weisung, sowohl die 
Intelligeuzblätter als auch die Zeitungsavertissements entweder selbst oder durch einen Be- 
amten der Polizeidirection zu censiren, denn Professor ,, Fichte kann dies nicht thun, weil ihm 
die das Censui-wesen betreffenden Gesetzesbestimmungen und Vorschriften nicht bekannt sind." 
Auch Fichtes akademische Wirksamkeit begann mit einem für den Mann und die Verhält- 
nisse charakteristischen Conflict. 

Vom 5. Januar 1807 an las Fichte über Wissenschaftslehre, Nachmittags von 4 bis 5 

3* 



iu dem Aiiditoriuin des Oberbofpredigers und Professors der Theologie Wedeke.') Selbst 
in jenen Tagen, wo so ganz andere Sorgen schwer auf Alle drückten, war das ein Ereigniss 
und verursachte weit über die akademischen Kreise hinaus lebhafte Bewegung. Und Fichte 
verstand es Freund und Feind zu imponiren. Denn auch die Gegner seiner Lehre, die 
,,Krugianer" und „Jacobianer" und andere „Aner", strömten ihm zu, um Opposition zu machen, 
sobald ihrem Meister zu nahe getreten würde. Ein Augenzeuge entwirft ein anschauliches 
Bild von dem Sturm, den Fichtes erste Vorlesung entfesselte.^) , .Fichte erschien und impo- 
uirte uns allen durch sein raarkirtes, tüchtiges, geistiges Gesicht mit dem festen muthvollen 
Blick; vor sich hätte er einen Tisch stehen, darauf zwei Lichter. Todtenstille herrschte, 
man konnte jeden Athemzug hören. Fichte putzte das erste Licht aus, steckte es wieder an, 
dann machte er es mit dem zweiten ebenso, lehnto sich mit beiden Händen auf den Tisch 
und schaute sich, gleich wie ein Magier stumm und still, wohl zehn Minuten in der Gesell- 
schaft um, als wolle er die geheimsten Gedanken derselben erforschen. Dann begann er 
ungefähr Folgendes zu sagen: „Meine Herren! Wollen Sie das, was ich sagen werde, ver- 
stehen, wollen Sie mit Nutzen meine Vorträge anhören, so müssen Sie die Ueberzeugung 
haben, dass Sie noch garnichts wissen; von Erschaffung der Welt bis auf Plato war die Erde 
und deren Bewohner im Dunkeln; von Plato bis Kant desgleichen; von Kant bis jetzt ebenso, 
daher — ". Nun fingen sich die ,,Aner" an zu rühren, und ein furchtbares Scharren mit den 
Füssen, Husten, Eäuspern liess sich vernehmen. Fichte schwieg, sah in den Lärm und 
Tumult ruhig, aber mit funkelndem Auge hinein. Als sich derselbe gelegt, machte er das- 
selbe Manöver mit dem Ausputzen und Anstecken der Lichter und begann mit einer be- 
wunderungswürdigen Ruhe und mit Ernst: „Meine Herren! Ich habe geglaubt, meine Vor- 
lesungen vor einer Versammlung von Menschen zu halten: sollte ich mich darin getäuscht 
haben? Was unterscheidet den Menschen vom Thiere? Der Mensch kann seine Gedanken, 
Ideen in Worten ausdrucken, die man versteht; das Thier, der Elephant, der Ochse und der 
Esel kann das nicht, daher stampft er mit den Füssen, brüllt in unarticulirten Tönen, kurz, 
er benimmt sich unverständig." (Sehr kleine Pause.) „Ich habe gesagt, dass wir nichts 
wissen, weil von Erschaffung der Welt bis auf Plato, von Plato bis Kant, bis jetzt Alles im 
Dunkeln getappt hat und darin noch fort beharrt." So fuhr nun Fichte in seinen Vorlesungen 
fort: kein Laut, keine Störung fiel ferner vor. — In der Nacht wurden ihm allerdings die 
Fenster eingeworfen ; doch ward dieses Ereigniss ihm erst des Morgens erzählt, da die Steine 
in die Fenster der Professorin Poerschke — (bei diesem ihm befreundeten CoUegen wohnte 
Fichte) — flogen, in ein Zimmer, wo dieselbe krank darnieder lag. Dann kam noch eine 
dumme Frage in den Zeitungen, an Fichte gerichtet, der in einer seiner Vorlesungen vom 
,,Tod in der Wurzel" gesprochen, welches im Zusammenhang sehr scharfe Anwendung auf 
die Jugend finden konnte: „Was ist der Tod in der Wurzel?" Die Frage wurde einfach und 
ti'effend beantwortet mit: „Der Frager!"' Und somit war die Ruhe für die Zeit dieser 
genialen, geistreichen Vorträge hergestellt. "■*) Besondere Befriedigung konnten seine Voi-- 

1) Anzeige in der Königl. Preuss. Staats-, Kriegs- und Fricdenszeitung 1807. Januar 1. 

2) Dorow, Erlebtes (1790- 1827), HI, S. 21 f. 

3) Sie endeten den 23. März und waren von 30 Zuhörern belegt. 



21 

Ipsuugeu Ficlite unter diesen Uiustäiiden kaum gewäLircii. Er war überhaupt von deu Konigä- 
berger Verliältnissen wenig erbaut, zumal ilim auch iiiiaiiziell(3 Sorgen nicht fern blieben, 
trotz der von ihm scbliesslich durchgesetzten kleineu Gehaltsverbesserung.^) „Die Zumuthung, 
die Collegia bezahlen zu sollen," schrieb er seiner Frau (11. Apri 11807),^) „ist hier eine uner- 
hörte Neuerung gegen alles Herkommen und die akademische Freiheit und wird mit Fenster- 
einwerfen und Periiren erwidert." Dazu litt er, namentlich anfangs, unter dem Klima mit 
der in jenem Winter warmen, feuchten, stets nebligen Temperatur.^) Endlich fühlte er sich 
vereinsamt. Nur des ihm von früher her bekannten Süvern, der zum Sommer 1807 sein 
Amt antrat, konnte er sich rein freuen.*) Und zu alledem nun die Sorge um das dem Unter- 
gang geweihte Preussen! Einsiedlerisch lebend, zog er sich ganz in seine Philosophie zurück. 
Im Sommer 1807 las er keines der angezeigten Collegien,'') sondern vertiefte sich ganz in das 
Studium Pestalozzis, dessen Methode in dem auf J. G. Scheflfners Betreiben zur Neugestal- 
tung des preussischen Volksschulwesens nach Königsberg berufenen Württembergischen Schul- 
rath Carl August Zeller (geb. 1774) einen eifrigen Vertreter fand und auch in den 
Hofkreisen grosses Interesse erregte. Fichte meinte in Pestalozzi „das wahre Heilmittel für die 
kranke Menschheit" gefunden zu haben. Dass er dem Kreise alsbald nahe trat, der auf die 
nationale Wiedergeburt hinarbeitete, ist selbstverständlich : er betheiligte sich an der Zeitschrift 
,,Vesta", die der enthusiastische Ferdinand Freiherr von Schrötter, der Sohn des preussischen 
Provinzialministers, und Max von Schenkendorf herausgaben, um „die allgemeine Aufmerk- 
samkeit von dem unabänderlichen Elend, welches die Kriege begleitet, abzuziehen und dem 
Vaterlande die Erliabeuheit und Ruhe, die einem grossen Volke geziemt, mitzuerhalten", 
wie derjenige thun soll, „der nicht unmittelbar für den Staat streitet". Gleich das erste 
Heft brachte (S. 17 — 81) von Fichte einen Aulsatz „Ueber Macchiavell als Schriftsteller und 
Stellen aus seinen Schriften", worin u. A. bezeichnender Weise ein Auszug mitgetiieilt wird 
aus dem Aufruf zur Befreiung Italiens von den Barbai"en und in der Form von Erläuterungen 
dazu manche scharfe Bemerkung über die Zeitverhältnisse mit unterläuft. Auch die weiter 
mitgetheilte Schilderung Macchiavells von den Franzosen und den Deutschen seiner Zeit ver- 
folgt eine praktisch politische Tendenz. Zu dem zweiten Heft steuerte er „Dantes irdisches 
Paradies" bei, eine theils metrische, theils prosaische Wiedergabe vom 28. Gesang des Pur- 
gatorio.") Als aber das Schicksal Preussens sich zu erfüllen schien und der Einmarsch der 
Franzosen zu erwarten stand, verliess Ficht(! am 13. Juni auf des getreuen Nicolovius Pferd 
Königsberg und ging über Memel nach Kopenhagen. Als unmittelbar nach dem Tilsitcr 



1) A. a. O. 8. 071!. 

2) S. 380. 

3) S. 578. 

■i) S. 376. 380. 

5) Publice: Artem audiendi, legendi, dicendi explicabit, oxemplo monstrabit, cxercitalitmibus juvare 
sludebit Phil. Prof. ord. des. Fichte. — Privatim : Doclrinam de principiis (die Wissenschaflslehre) judicio 
adultioribus offert privatissime. Auf erstere geht odenbav die Bemerkung in dem Brief an seine Frau a a 0. 
S. 376: Ebenso habe ich ein !,'anz vortreffliches Thema zu öflenllichen Vorlesungen nach Art der Berlinischen 
gefunden. 

6; Vgl. a. a O. .S. 388. 



22 

Frieden die Arbeit au der Erueuennig Preussens begann, gehörte er der Albertina nicht 
mehr an. 

Aber andere traten in die freigewordene Stelle, in erster Linie der neue Professor 
der klassischen Litteratur Johann Wilhelm Süvern,') welcher, aus Aulass der theilweiseu 
Neugestaltung der Albertina bereits im October 1806 ernannt, seine Thätigkeit mit dem 
Sommersemester 1807 begann. Neben den Vorlesungen über Homer, Sophokles und Piaton, 
nach ihm „die drei Urquellen höherer Bildung", über griechische Intteraturgeschichte, 
römische Alterthümer und lateinischen Stil hielt er im Wintersemester 1807/8 auch solche 
über die politische Geschichte Europas seit Karl dem Grossen, welche zahlreiche Zuhörer 
fanden. Er wiederholte sie zudem „vor einem in jeder Hinsicht bedeutenden Kreise von 
Männern und Frauen". Sie waren von ausgesprochen politischem Geiste durchweht und 
sollten aus der Betrachtung von Deutsehlands Vergangenheit neuen Muth und neue Hoffnung 
für dessen Zukunft erwecken, indem sie überzeugend darlegten, „wie nach dem Tilsiter Frie-' 
den, als für Verzagte nichts mehr zu hoffen war, durch den Abschluss das Thor der Hoff- 
nung erst für die geöffnet wurde, die nicht die Besinnung verloren hatten." „Hier vernahm 
man, dass der „Zwingherr" dem Volke Ruhe und Frieden geben wollte, — Ruhe und Frieden 
soU es haben, aber die Ruhe der Todten im Grabe." In diesem Sinne wünschte Süvern, 
diese „Stunden zu Stunden religiöser Erbauung zu machen, so dass von der ruhigen, durch 
keinen Wechsel und Wirbel der Zeit getrübten Heiterkeit jenes ewigen Geistes ein Strahl 
sich ergösse und festen Glauben an ihn und Stärke in ihm ein Jeglicher von hinnen nehme." 
Das war eine Betrachtung der deutscheu Geschichte in dem Geist, wie er um dieselbe Zeit 
in Berlin durch Fichtes Reden an die deutsche Nation zum Ausdruck kam. Die edle, von 
sittlichem Ernst erfüllte Persönlichkeit Süverns gab diesen Vorträgen eine besondere Weihe 
und liess sie selbst über den Kreis des Herren und Damen hinaus wirken, die ihnen an- 
dächtig lauschten. Dass die Königin Luise selbst unter Süverns Zuhöreriunen gewesen, ist 
freilich nicht richtig.*) Wohl aber trug der eifrige J. G. Schaffner, der in seiner natur- 
wüchsigen Art über den auch von ihm hochverehrten Süvern nichts Besseres zu sagen 
wusste als: „Er ist eine Natur von Mensch, dem die Gelehrsamkeit keinen nachtheiligen 
Dämpfer auf den Menschenverstand setzen konnte," der Königin stückweise Süverns Vor- 
lesungshefte zu und freute sich, dass sie nicht bloss bei dieser erlauchten Leserin rückhalt- 
losen Beifall fanden, sondern durch sie auch noch weiter in den Kreisen des königlichen 
Hauses und Hofes verbreitet wurden. Die edle Prinzessin Wilhelm, der Königin Schwägerin, 
schi'ieb davon noch Ende des Jahres 1810 begeistert an Stein und rühmte Süvern als einen 
„äusserst achtungswerthen Mann, wegen seiner seltenen Geisteskräfte und Kenntnisse, wegen 
seines reinen, edlen Charakters." Von einem Druck dieser Vorlesungeu konnte damals natür- 
lich nicht die Rede sein: ein ziemlich unschuldiges Fragment daraus über Karl den Grossen 
erschien erst 1810 in Fouque's Museum und die besonders charakteristische Einleitung gar 

1) Geb. den 3 Jannar 1775 zu Lemgo, in Halle Scliüler F. A AVolfs, 1800 Diicctor des Gymnasiums 
in Thiirn und 1803 in Blbing wo er sicli als Organisator glänzend bewährte. Vgl. Passow, Zur Erinnerung 
an Job Wilh. Süvern. Thorn 1860. 

2) AVie Hagen, M. v. Scheukeudorf. S. 58. meint 



23 

erst 1814 in Luden's Nemesis.') Kleinere Beiti-äge, poetische Uebersetzungen aus dem 
Griechischen und eigene Versuche aber brachte auch von Süveru die „Vesta".^) Die um die 
Königin geschaarte Gruppe der energischen Patrioten hätte es am lif^bsten gesehen, wenn 
Süvern zum Erzielier des Kronprinzen ernanut worden wäi'c, um den nach ihrer Ansicht 
dieser Aufgabe nicht gewachsenen Delbrück zu ersetzen. Tapfer trat Süveru im Herbst 1808 
auch in die politischen Kämpfe ein: mit ScJianihorst, Gneisenau, Nicolovius, Schön und Grol- 
mann richtete er eine Denkschrift an das Ministerium, worin es beschworen wurde aiiszu- 
liarren und den die Zahlung der Kriegscontribution ordnenden unheilvollen Vertrag mit 
Frankreich nicht abzuschliesseu, sondern „das Volk und seine berufenen Vertreter zu be- 
fragen." Am 27. October und am 11. November brachten die Köuigsbefger Zeitung von 
ihm Gedichte zu Ehren des eben abgetretenen Stein. Bald darnach erreichte die kurze, 
aber höchst bedeutende akademische Wirksamkeit Süverns ihr Ende: mit dem 1. Januar 1809 
trat er, wozu noch Stein die Einleitung getroffen liatte, als Staatsrath in die Unterrichtsab- 
theilung des Ministeriums des Innern. 

Neben Süvern wirkte an der Albertina damals in ähnlich(im Sinn ein Bruder des 
Erziehers des Kronprinzen, Regierungsrath Johann Friedrich Ferdinand Delbrück (gel». 
12. April 1772, gest. 25. Januar 1848 als Professor der schönen Litteratur und Philosophie zu 
Bonn), der dem Prinzen August und der Prinzessin Charlotte, nachmaligen Kaiserin von Eussland, 
Unterricht gab und (7. October 1809) zum ausserordentlichen Professor der Theorie, Kritik 
und Litteratur der schönen Künste ernannt wurde. Er hielt vor einem ähnlichen Kreise 
wie Süvern öffentliche ästhetische Vorlesungen, in dcsnen er Wiederbelebung des gesunkenen 
Geistes erstrebte.^) Auch dem Kronprinzen nnd einer Anzahl demselben zugesellter gleich- 
alteriger junger Leute hielt Delbrück Vorträge, und dazu wurde auch alsbald Carl Dietricli 
Hüllmann*) herangezogen, mit die bedeutendste der damals für die Albertina gewonnenen 
Kräfte, der im August 1808 als Professor der Geschichte und Statistik dorthin kam, in 
kurzer Zeit eine sehr angesehene nnd einflussreiche Stellung gewann und durch die Tüchtig- 
keit seines patriotischen Strebens namentlich auch mit dem Landhofmeister von Auerswaid 
zu aufrichtiger Freundschaft zusammengeführt wurde.-') 

Uebrigeus behauptet der ehrliche, aber auch gern als Lobredner der guten alten 
Zeit eifernde J. G. Scheffner,'') die Jahre 1807 — 8 hätten auf die „Sittengestalt" in 
Königsberg doch auch nachtheilig eingewirkt, insofern der dui'ch die Anwesenheit des Hofes 
veranlasste Aufenthalt so vieler tlieils müssiger, theils nicht zu sein- lieschäftigter wolilhabender 



. 1) I, S. 429 ff. 

2) I, S. 115 ff. II, S. SO. 

3) E. M. Arndt, Meine Wanderungen und AVandelungen mit dem Prhr. v. Stein, S. 153. Als einen 
unbequemen Gegner in der wissenschaftlichen Deputation schildert ihn Herbart Ziller, Herbartreliquien, S. 202. 

4) Geb. 10. September 1765 zu Erdeborn bei Eisleben, in Halle gebildet, dann in verschiedenen öffent- 
lichen und privaten Lehrstellen thätig, 1795 Privatdocent, 1797 aord. und 1807 ord. Professor der Geschichte in 
Frankfurt a. 0. 

5) Vgl. J. (t. Scheffner, Mein Leben, S. 304. 

(ij Vgl. die warm anerkennende Schilderung des litferarisch herzlich iMibedeulciiden. im Verkehr aber 
vurtrefflichen Mannes Ijci K. M. Arndt, Wanderungen und Wniideiungen, S. 152 f. 



2£ 

odei' woblbezalilter Meuschen, die auch in Zeiten der Noth immer noch anders zu leben pflegen 
als die Bürger von Städten, die nickt Residenzen sind, und das von diesen ausgehende 
Beispiel vermöge seiner Neuheit und Ungewöhnlichkeit gi-ossen Eindruck gemacht und in 
ähnlicher Weise zur Lockerung der Sitte beigetragen haben, wie ein halbes Jahrhundert 
früher der lange Aufenthalt des russischen Heeres. ') War das wirklich der Fall, so dürfte 
die Rücksicht darauf auch bei der Entstehung des sogenannten „Tugendbundes" nicht ganz 
ohne Einfluss gewesen sein, dem einige akademische Lehrer als Stifter und Leiter augehörten, 
wenn er auch der Universität im Ganzen fremd blieb und jedenfalls die pi-aktisch-politische 
Bedeutung nicht besass, die ihm seine Gegner nachmals andichteten. Der eigentliche Schöpfer 
der am 16. April 1808 entstandenen „Gesellschaft zur üebung öffentlicher Tugenden", auch 
als „Sittlich-wissenschaftlicher Verein" bezeichnet, war Dr. Hans Friedrich Gottlieb 
Lehmann (geb. 20. September 1763 zu Reetz in der Neuinark, in Halle und Königsbei'g ge- 
bildet), seit 1800 aord. Professor der Philosophie und seit 1802 Direktor der (1811 in eine 
Bürgerschule verwandelten) Kneiphöfischen Kathedralschule (gest. 1821). Eine bedeutende 
Rolle spielte darin neben ihm Kants Nachfolger Wilhelm Traugott Krug,^) der das wichtige 
Amt eines Censors bekleidete, aber jjereits 1809 in Folge seiner Berufung nach Leipzig aus- 
schied.") Unter den Genossen jener Vereinigung finden wir von akademisclien Lehrern noch 
den Juristen Professor Friedrich Julius von der Goltz, einen Mann, der, obgleich durch 
völlige Blindheit eigentlich von jedem Amte ausgeschlossen, ohne irgend welches wissenschaft- 
liche Verdienst, dennoch durch Gunst und Familieneinfluss an der Albertina versorgt worden 
war. Unabhängig von diesem Kreise wie überhaupt geneigt seine eigenen Wege zu gehen, 
wirkte in dem gleichen Sinne der jugendfrische und thatkräftige Professor der Rechte 
Dr. August Wilhelm Heidemann,*) eine reichbegabte, zu vielseitiger Thätigkeit im öffent- 
lichen Leben berufene Natur, auch an der Universität und bei deren Neugestaltung befähigt 
eine hervorragende Rolle zu spielen, ihr aber bald danach entzogen durch die ehrenvolle Be- 
rufung an die Spitze der neuen städtischen Selbstverwaltung in Königsberg. 

Ohne dass also die Universität an der nach dem Tilsiter Frieden begonnenen inneren 
Erneuung Preussens einen hervorragenden Antheil gehabt hätte, ist sie doch nicht ganz seitab 
geblieben, sondern hat durch Wort und That einzelner ihrer Glieder bewiesen, dasf der Geist 
der neuen Zeit auch in ihr sich regte. Bei der Beurtheiluug dieser Verhältnisse darf 
man billiger Weise nicht ausser Acht lassen, dass seit der Entlassung Steins die Regierung 
ängstlich bemüht war,. Alles zu vermeiden, was dem Gewalthaber irgend Anstoss geben und 
den erwünschten Vorwand zu neuen Repressivmaassregeln bieten konnte. Auch die Universität 
und vornehmlich die philosophische Facultät bekam das gelegentlich unliebsam zu fühlen aus 
Anlass einiger Conflicte, in die sie vermöge der ihr obliegenden Censur neuer Druckschriften 
gerioth. Weil diese nicht streng genug gehandhabt sein sollte, war bereits im Juni 1807 die 

1) Scheflner a. a. O. S. G9— 70. 

2) Geb. 22. Juni 1770 zu ItadLs bei Wittenberg, dort, in Jena uml Oöttingeu gebilib't, Privatilncent in 
Witt.-nlx'ig, 1801 Professor in Frankfurt a. O., seit Herbst 1.S05 in l\(inigsberg, gest. 1,S4j zu Leipzig. 

3) Lebmann, Der 'J'ugendbuntl. Berlin 1867. 

4) \'gl. S. 12. 



25 

„Morgenzeitmig". die sich sciiarfe Ausdriicke gegen die Frauzoseu und ihren Kaiser erlaubt, 
hatte, unter die Mitcensur des Polizeipräsidenten gestellt worden. Eine Beschwerde der 
Facultät gegen diesen Eingriff' in ihre statutenmässigen Rechte') wurde abgewiesen im Hin- 
blick auf die „unruhigen Zeitumstände" und etliche in dem Blatt erschienene Artikel „den 
Status publicus" betreffend.^) Und schon im December 1807 erging eine neue Mahnung zu 
strengerer Handhabung der Censur aus Anlass eines in der „Vesta" erschienenen Artikels 
„Aphorismen", „in welchem einige Leser unangenehme Behauptungen wider eine grosse Macht 
entdeckt haben wollen." Nach solchen Vorgängen konnte die bald erfolgende Unterdrückung 
der „Vesta"^) freilich nicht überraschen. Auch als später Hüllmann das undankbare Amt 
eines Censors übernommen hatte, gab es ähnliche Conflicte. Unter dem 6. April 1809 rügte 
das Departement der auswärtigen Angelegenheiten einen von der Censur durchgelassenen 
Artikel des „Volksfreundes", damals des Organs des sogenannten Tugendbundes, worin „sehr 
unschickliche Aeusserungen z. B. über das Agonisiren der heiligen Bruderliebe u. s. w. vor- 
kommen, die auswärtigen Mächten anstössig werden können — ." Deshalb legte Hüllmann 
das bisher unter der Autorität des Akademischen Senates geübte Censoramt nieder; dem 
letzteren aber entzog die Regierung die betreffenden Befugnisse für alle politischen Schriften 
und alle in den Königsberger Zeitschriften erscheinenden politischen Artikel, insbesondere 
aber für den „Volksfreund" und die „Morgenzeitung".*) 

In Hoffnung auf eine bessere Zukunft zogen sich unter solchen Umständen die 
edelsten Männer auf die pietätvolle Pflege einer grossen Vergangenheit zurück. Dass diese 
vornehmlich Kants Andenken galt, ist wohl begreiflich. Sie fand einen Mittelpunkt in der 
Stoa Kantiana, die der unermüdliche J. G. Scheffner zur Aufnahme des Grabes und 
einer von Schadow angefertigten Büste des grossen Philosophen herrichten Hess: am 22. April 
1810 wurde sie in Gegenwart der Spitzen der Behörden und des von dem derzeitigen Pro- 
rector, dem Mediciner Remer, geführten Senats nach einer Rede Herbarts in dem Auditorium 
maximum eingeweiht.^) 



III. Das Kronprinzliche Rectorat und der Beginn des Ausbaues der Albertus- 
Universität 1808—12. 

Erst Mitte Januar 1808 hatte der Hof das ihm schmerzlich lieb gewordene Memel 
verlassen, wo, wie Friedrich Wilhelm III. beim Abschied sagte, die Vorsehung ihn und seine 
Familie eine Freistätte hatte linden lassen, bis der Friede dem Blutvergiessen ein Ziel 
setzte, und war nach Königsberg zurückgekehrt, um dort während des Winters im Schlosse 
zu residiren, den Sommer aber auf dem Hufengut des Regierungsrathes Busolt zuzubringen, 

1) Acten der philosophischen Facultät A. 12. I. 

2) Dabei erfahren wir, dass die (Jensurgebülir 2 ggr. = 1 Achtehalber, d. h. 25 Pf. betrug. 

3) Die P ertz, Leben Steins II, S. 141 doch sehr mit Unrecht als eine „schlechte Wochenschrift" qiialificirt. 

4) ßescript vom 20. April 1809. Phil. Fac. A. 12. t. 

5) Scheffner a. a. 0. S. SOG— 8. Vergl. die Anekdote über die Entstehung der Büste ebd. S. 2(14 N. 

4 



oinst dem Eigentlium Theodor Gottlieb von Hippels, das dieser durch Anlegung eines -eng- 
lischen Gartens" verschönt hatte.^) Am 17. Januar begrüssten der Rector Eeidenitz und 
die Professoren Consistorialrath D. Graef und Dr. Krug den König im Namen der üui- 
vei-sität und baten ihn, die „Feier der preussischen Königskrone" am nächsten Tage mit 
seiner Gegenwart zu beehren. Auch an den Kronprinzen und die übrigen Prinzen des König- 
lichen Hauses richtete man das gleiche Ersuchen. Thatsächlich erschienen denn auch Ki-on- 
prinz Friedrich Wilhelm und sein damals kaum elfjähriger Bruder Prinz Wilhelm — nach- 
mals Kaiser Wilhelm I. — mit Prinz Fi-iedrich zu dem Festacte, bei dem in Anwesenheit 
der Spitzen der Militär- und Civilbehörden Po^rschke als Professor der Beredsamkeit in 
deutscher Sprache über das Thema ..Nur im Vaterlande ist es gut" handelte und schliesslich 
nach dem akademischen Brauche der Zeit ein von ihm verfasstes Gedicht vertheilen Hess, 
dessen Schlussstrophe mit ihrer hohlen Phraseologie wohl sehr unbeabsichtigter und unbo- 
wusster Weise prophetisch wurde: 

..Yerherrlicht in der Königskrone, 

Dem Kranze der Unsterblichkeit, 

Bist du, mein Vaterland, auf deinem ew'gen Throne 

Der Menschheit Heiligstem geweiht. 

Du strahlest unter ihren Rettern! 

Ist Recht und Freiheit von den Göttern 

Geboren, gründet sich ihr Reich auf Wissenschaft, 

So gehst du segnender aus Wettern 

Hervor in neuer Jugendkraft.'-' 

Noch an demselben Tage fassto der akademische Senat den Beschluss, bei dem Könige 
die Erlaubniss nachzusuchen, dem Kronprinzen die Würde eines immerwährenden Rectors der 
Albertina anzutragen, nachdem vorläufige Rücksprache mit dem Curator von Auerswald und 
dem „Prinzenhofmeister" Delbrück die Gewähr einer günstigen Aufnahme gegeben hatte. 
Darauf erging unter dem 24. Januar 1808 folgende Königliche Antwort:^) 
„Würdige, Wohlgelahrte, besonders Liebe Getreue! 
Die von Euch nach Eurer Eingabe vom 18. d. M. geschehene Wahl des 
Kronprinzen Liel)den zu der Würde eines beständigen Rector magnificus der hiesigen 
Universität kann bey dem noch jugendlichen Alter des Prinzen, jetzt wohl noch 
keinen wesentlichen Erfolg haben. Inzwischen will Ich solche doch, um der guten 
Absicht willen, die Ich mit Dank erkenne, genehmigen und Euch daher ei'lauben, 
diese Würde dem Kronpi-inzen anzutragen. Ich wünsche aufrichtig, dass daraus für 
die Universität alle die guten Folgen entstehen mögen, die dieselbe sich davon ver- 
spricht, und verbleibe Euer gnädiger König 

Friedrich Wilhelm." 
In dem Schreiben, das der Senat darauf an den Kronprinzen richtete, erinnerte er 



1) Schefiher, a. a. 0. S. 287 

2) UniT.-Acten R. 4. 



_ 27 

an die l'rüberen t'iirstliclieu Rectoreu der Albertiiia. Herzog Albrecbt Friedrich, der 1667, 
und Herzog Christian zu Braunschweig-Lüueburg, der 1681, und namentlich au König Fried- 
rich Wilhelm I., der als Kroupriuz von 1701 bis 1713 diese Würde iuue gehabt hatte, eine 
der Wissenschaft erwiesene Ehre, „durch die der Zweck derselben, die Menschen glücklicher, 
weiser und besser zu machen, gefördert worden sei." In einem Schreiben vom 3. Februar 1808 
nahm der Kronprinz das ihm angebotene Eectorat an. Dasselbe lautete: 

,, Meine Herreu Rector, Cauzler, Director und Senatoren; der Inhalt Ihres 
Schreibens vom 27. v. M., wodurch Sie mit Allerhöchster Genehmiguug des Königs, 
meines Herrn Vaters, die Würde eines immerwährenden Rectoris magnificentissimi 
der hiesigen Universität mir haben antragen wollen, ist mir durch den verbliebenen 
Eindruck der akademischen Feyer des Krönuugsfestes, welcher ich beywohnte, ver- 
ständlich gewoi'den; und obgleich die Bedeutung dieser Würde selbst, wie sie mir 
von andern beschrieben wird, weit über mein Wissen und mein Alter geht: so hat 
doch der Gedanke, auch hierdurch au die Reihe einiger meiner Ahnherrn, mich näher 
anzuschliessen, etwas so Einladendes für mich, dass ich mit dankbarer Annahme 
Ihrer Wahl voll Lernbegierde in ein Verhältniss mit Ihnen trete, welches mich in die 
Fusstapfen Albrechts und Friedrich Wilhelms 1. führt, zumal an dem Orte, wo jener 
Fürsten Nahmen und Verdienst aus so vielen Denkmälern zu mir spricht. Ich wünsche, 
dass diese meine Verbindung mit der Universität für dieselbe so nützlich werden 
möge, als ich sie für mich nützlich zu machen bemüht sein will; und so empfehle ich 
der gnädigsten Obhut des Höchsten Ihre Bemühungen für Wahrheit und Recht, wie 
auch mein eigenes sehnliches Verlangen, dass der Geist des Braudenburgischen Hauses, 
welchem beydes heilig ist, segnend auf mir ruhen möge. Ich verbleibe 

Ihr 

wohlgeneigter 

Friedrich Wilhelm. 
Darauf wurde der Kronprinz am 10. Februar immatriculirt, indem er sich eigen- 
händig in das Album eintrug: Ego Fridericus Guilielmus, Monarchiae Prussiae Heres etc. 
Ein Anschlag that der Universität die ihr widerfahrene Ehre kund. Am 6. März fand die 
feierliche Proclamiruug des neuen Rectors statt, die der Prorector einleitete durch eine Rede 
über die unbedingte Pflicht der Unterthanen zum Gehorsam. Eine Deputation des Senats 
überbrachte dem Kronprinzen die Insignien seiner Würde, und als die ersten unter seinem 
Rectorat aufgenommenen akademischen Bürger trug dieser mit eigener Hand in das Album ein: 
Fridericus Guilielmus Ludovicus, frater carissimus. 
Fridericus Guilielmus Ludovicus, cognatus carissimus. 
Praktischen W^erth konnte die enge Verbindung zwischen dem Erben der preussischen 
Krone und der Albertina zunächst nicht erlangen. Die Jugend des Prinzen, die Rückkehr 
des Hofes nach Berlin und die Grösse der Entfernung zusammen mit der Schwierigkeit der 
Zeit Verhältnisse erklären das zur Genüge. Anfang des Jahres 1810 machte der fürstliche 
Rector der Universität für das Auditorium maximuni sein Bild zum Geschenk: es ist das- 
selbe, das heute im Scualssaale hängt. In einem von dem Fhilologen l!lrfurdl verlusstcu 

1* 



28 

lateinischen Schreiben wurde in dem damals üblichen rhetorischen Ton dafür gedankt. Weiter- 
hin aber beschränkte sich der Verkehr zwischen der Albertina und ihrem Eector darauf, 
dass erstere diesem regelmässig zu seinem Geburtstage glück wünschend nahte, Anfangs in 
lateinischen, seit 1812 in deutschen Schreiben, die seit 1814 regelmässig Lob eck als Professor 
der Eloquenz verfasste, und dass sie darauf die in der Fassung immer nur wenig variirten 
üblichen Dankschreil)en empfing. 

Man tritt dem Verhältniss, das durch jenen feierlichen akademischen Act zwischen 
dem Erben der preussischen Krone und der Albertina begründet Avar, sicherlicli nicht zu 
nahe durch die Vermuthung, der Senat sei bei Anbahnung desselben von dem Wunsche 
erfüllt gewesen, der Universität zugleich mit der besonderen Theilnahme des Königlichen 
Hauses auch eine besonders kräftige Förderung von Seiten der Staatsregierung zu sichern. Einer 
solchen l»edurfte dieselbe damals mehr denn je, schon in Bezug auf die äusseren Bedingungen ihres 
Daseins. In ihrem Hause, dem CoUegium Albertinum, war das Lazareth in der Inspector- 
wohnung^) bis zum Januar 1807 geblieben, andere Theile hatten zur Casernirung französischer 
Truppen dienen müssen. Erstere befand sich schliesslich in einem Zustand völliger Ver- 
wüstung, als im Frühjahr 1808 der neue Jnspector, der Professor der Statistik Hoffmann, 
seinen Einzug hielt: ohne Oefen und Fenster, die Thüren ohne Schlösser u. s. w., und ab- 
gesehen davon, dass die zur Reparatur nöthigen Materialien damals theils garnicht, theils 
nur um hohe Preise zu beschallen waren, entspann sich auch noch ein langer Streit darüber, 
wer denn eigentlich die Kosten der Herstellung zu tragen verpflichtet sei.^) Und ähnlich 
sah es auch innerlich in der Universität selbst aus. Nur ausserordentliche Maassregalu der 
Eegierung konnten da helfen. Wirklich kam diese denn auch sehr bald zurück auf die 
Reorganisationspläne von 1805, die der Krieg durchkreuzt hatte, und bereits am 21. No- 
vember 1808 eröflnete der Curator von Auerswald im Namen des Obercuratoriums dem 
Senate, dass neben der verfügten Untersuchung der vorhandenen Universitätsfonds auch die 
Ausmittelung der erforderlichen neuen beabsichtigt sei: um dafür einen generellen Plan ent- 
werfen und allen nothwendigen Bedürfnissen der Univei'sität abhelfen zu können, wolle man 
zunächst eine Revision aller Theile derselben vorgenommen sehen. Demgemäss soll in den 
einzelnen Facultäten die Zahl der erforderlichen öfleutlichen Lehrstellen ermittelt und normirt, 
sowie auch der an Gehältern dafür nöthige Aufwand festgestellt werden. Die etwa binder- 
lichen Besiimmungen der Statuten sollen durch deren Revision beseitigt werden, und „ein 
nach den jetzigen Umständen und dem Stande der Gelehrsamkeit überhaupt und in den 
preussischen Staaten besonders abzuänderndes Statut entworfen werden, worauf dann das 
obige Bedürfniss der Professoren und der erforderliche Zuschuss zu gründen sind." Diese 
Untersuchung hat sich zu erstrecken auf alle „Hilfs- und Lehranstalten", wobei festzuhalten 
ist, dass die Einrichtung eines botanischen Gartens und eines klinischen Instituts bereits 
eingeleitet, „wegen Anlegung eines Observatorii" aber, „eines chemischen und physikalischen 
Cabinets" und eines „philologisch-pädagogischen Seminars" gleichzeitig besonders verfügt ist.') 



1) Vgl. oben S. 15. 

2) Curat. A. 54. I. 
■i) Curat. A. 48. I. 



So ktmicn die läiigfit. gewiinHchten, durch deu Krieg scIuMuliar in iiuerreicbbare Ferne 
gerückten Eeformoii auch hier gerade in der trübsten Zeit des preussischeii Staates in Gang. 
Was damals durch die gleichzeitig eingeleitete Errichtung einer Universität zu Berlin für den 
ganzen Staat geleistet wurde, fand in der kraftvollen Förderung der lange vernachlässigten 
Albertina für das Königreich Preussen sein provinzielles Seitenstück. Mit freudigem Erstaunen 
sah der greise J. G. Scheffner dem zu: „Sonderbar ist es doch," bemerkt er in seinen 
Tagebuchaufzeichnungen, „dass in den preussischen ünglücksjahreu mehr für die Wissenschaften 
gethan und auf sie verwendet wird, als in jenen Zeiten geschah, in denen die Monarchie 
sich unter Friedrich 11. so wohl befand und für den Nähr- und Wehrstand reichlich gesorgt 
wurde. Sollte die jetzige Ausgabewillfährigkeit aus einer verborgen liegenden Ahnung ent- 
springen, dass es unmöglich sei, sich aus dem Sinken der physischen und politischen Kräfte 
auf einem andern Wege zu retten als auf der wissenschaftlichen Culturbahn?"') 

Wie bei dem Reorganisationsversuch von 1805/6 stellten auch diesmal auf Grund der 
von sämmtlichen Professoren abgegebenen Einzelgutachten die Facultäteu ihre Bedürfnisse 
und Wünsche zusammen, woraus dann der Senat einen einheitlichen Bericht redigirte. Auch 
hi(!rbei sonderten sich die tiefer greifenden Neuerungen abgeneigten Anhänger der bestehenden 
Ordnung scharf von den noch in der Minderheit befindlichen Vorkämpfern einer gründlicheren 
Verjüngung der Albertina. Unter den letzteren tritt besonders der Jurist August Wilhelm 
Heidemann^) hervor, ein jugendfrischer, thatkräftiger Mann, der hohen idealen Sinn mit 
ungewöhnlicher Begabung für die Praxis verband, dabei ein selbstständiger und origineller 
Denker, der seinen eigenen Weg zu gehen gewöhnt war und auch in völliger Vereinsamung 
seine Meinung tapfer vertrat. Sein vom 28. December 1808 datirtes Gutachten') lässt recht 
deutlich erkennen, wie auch in dem Universitätswesen damals Altes und Neues mit einander 
rangen und die modernen Anschauungen und Forderungen sich gegen die mittelalterliche 
Befangenheit erhoben, und eröffnet zudem durch manche Einzelnheiten einen lehrreichen Ein- 
blick in gewisse culturgeschichtliche Verhältnisse. 

Nach Heidemann ist die Universität einmal ein Institut zur Verbreitung gelehrter 
Kenntnisse, dann ein solches zur höheren Erziehung und Bildung junger Staatsbürger. In 
erster Eigenschaft bedarf sie einer gehörigen Zahl von tüchtigen akademischen Lehrern, die 
womöglich nicht bloss als Gelehrte und Schriftsteller, sondern auch durch die Gabe des Vor- 
trags ausgezeichnet sein sollen. Da nun die Regierung in Bezug auf deu zweiten Punkt sich 
ein richtiges ürtheil doch nicht mit Sicherheit bilden kann und daher Missgriffeu ausgesetzt 
ist, wenn sie die Ernennungen ganz allein zu vollziehen hat, so empfiehlt Heidemann, bei 
Vacanzeu den Facultäteu ein Vorschlagsrecht einzuräumen, so dass sie etwa drei Candidaten 
nennen. Für den Nachwuchs au akademischen Lehrern ist durch Privatdocenten zu sorgen, 
aus denen die bewährteren von den Facultäten zu Adjuncten zu bestellen und entsprechend 
zu besolden sind. Unerlässlich soll für beide der rite erworbene Doctorgrad und eine Probe- 
vorlesung sein. Letztere schlägt Heidemanu vor so einzurichten, dass die Facultät dem 

1) Scheffner a. a. O. S. 418. 

2) Vgl. oben S. 12. 

3) Univ.-Acten A. 11. 



30 

Caiididatcn eine Stunde vorher ein Tbema stellt, das natürlich nicht zu schwer sein darf, und 
derselbe nach kurzer Vorbereitung darüber wie vor Studenten zu sprechen hat. Auf gelehrtes 
Prunken kommt es dabei nicht an; Ablesen ist nicht zu dulden. Die herkömmliche Theilung 
der Pacultäten will Heidemann beibehalten, aber einmal die cameralistische Professur- der 
juristischen Facultät zugewiesen und dann die Professuren der Mathematik, Physik, Chemie, 
Mineralogie, Botanik u. s. w. zu einer neuen „physikalischen" Facultät zusammengefasst 
sehen. „Der bunte Eock, den die philosophische Facultät jetzt hat," bemerkt ei-, „würde sich 
verlieren und die physikalische Facultät würde mit einem grossem Gewichte, welches ihr 
wohl gebührt, auftreten." Weiter fordert Heidemanu die Einhaltung einer derartigen Ordnung 
in der Folge der Vorlesungen, dass jeder Studirende, in welchem Semester auch er sein 
Studium beginnt, von Anfang an einen geordneten Studiengang verfolgen kann: die grund- 
legenden Vorlesungen sollen daher allsemesterlich gehalten werden. Auch bei Ansetzung der 
Vorlesungsstunden will er Collisionen vermieden sehen und verlangt gleichzeitigen Anfang 
und Schluss der Vorlesungen durch alle Docenten. Er empfiehlt die Peststellung bestimmter 
Studienpläne, durch welche den künftigen Staatsdieneru die Beschäftigung mit gewissen Disci- 
pliuen vorgeschrieben wird. Damit alle Lehrer sich ganz ihrem Amte widmen, verlangt er 
bessere Besoldung, pünktliche Einziehung der Honorare und Vermeidung aller Nebenämter. 
Um den Fleiss der Studirenden durch fortdauernde Controle zu steigern, wünscht er regel- 
mässige Prüfungen, denen sich namentlich die Stipendiaten zu unterziehen haben. Auch 
erscheint es ihm erwägenswerth, ob nicht die Prüfungen der Auscultatoren für den Justizdienst, 
der Referendare für das Verwaltungsfach und der Theologen für die venia concionandi statt 
der meist zu milden Landescollegien und Consistorien den betreflenden Facultäten aufzuti-ageu 
seien. Ohne Reifezeugniss endlich soll überhaupt Niemand mehr zum Studium zugelassen, 
den Prüfungscommissionen aber ebenfalls grössere Strenge zur Pflicht gemacht werden. 

Der zweite Theil der Heidemannschen Denkschrift, der die Universität als „ein In- 
stitut zur höheren Erziehung und Bildung junger Staatsbürger" betrachtet, eröffnet uns einen 
nicht eben erfreulichen Blick in gewisse Verhältnisse des akademischen Lebens jener Zeit 
und lässt erkennen, Avie auch da eine tiefgreifende innere Erneuung dringend noth that. 
Lautet doch Heidemanns erste Forderung: ,,Die Studirenden müssen im bürgerlichen Leben 
mit niehrerem Anstände behandelt werden," nicht ..als Schulknaben oder Personen gemeinen 
Standes". „Wie man sie bisher behandelt hat, das beweisen die ürtheile der Justizbehörde in 
Militärinjurien. Als geringfügige Kleinigkeit wird es angesehen, wenn ein Officier den bür- 
gerlichen Studenten Er nennt, ja, wenn er ihn schlägt, wird nicht viel daraus gemacht. In 
meiner Gegenwart hat einst ein Referent einen Studenten und einen Musketier für Personen 
gleichen Standes betrachtet. Der Staat selbst entrirte in diese Idee und erliess das fameuse 
Prügeledict vom Jahr 1798.^) Welchen Geist soll der akademische Lehrer bei den Studenten 
rege machen, wenn diese herabwürdigend, ja entehrend behandelt wei'den? Wie soll man von 

1) Gemeint Ist die „Verordnung wegen Verhütung der die öffentliche Ruhe störenden 
Excesse der Studirenden auf sämmtlichen Akademien in den Königlichen Staaten" (Curat. Act. 
Commiss. 1 T. vom 23. Juli 1798 (Berlin, bei Georg Decker. Kgl. Geh. Oberhoflnichdrucker) — welche, nicht 
bloss der l'ulizei gogeu die Sludireudeu völlig freie Ilaiid gab, souderu zur Warnuug und um Kxemiicl statuircii zu 



31 

den Studircuden Pflioliteii des jungen ^rannes fordern, wenn sie sicli als Knaben betrachtet 
sehen? Die Erfahrung zeigt es, dass junge Menschen das nicht ertragen, imd deshalb nehmen 
sie sich doppelt, was mau ihnen zur Ungebühr im gehörigen Grade verweigert, und werden 
Renommisten. Sobald wir die Studenten als junge Männer von Bildung ehren, werden wir 
sie auch leicht zu den Pflichten dieses Standes führen." Dazu hielt Heidemann nun beson- 
ders für nöthig, dass mit studentischen Vergehungen, soweit sie nicht geradezu peinlicher 
Natur sind, nicht die Justizbehörden befasst, sondern dass alle Disciplinarsachen Rector und 
Senat überlassen werden. „Die Disciplin muss vom Rector und vollem Senat verwaltet und 
muss vorzüglich rasch behandelt werden, daher auch so wenig wie möglich schriftlich ver- 
fasst werden muss: kleine Sachen macht der Rector allein ab, wichtigere in Gemeinschaft 
mit dem Senat, der den Studirenden gegenüber die Rechte und Pflichten eines Erziehers 
seinen Pflegebefohlenen gegenüber hat." Bei Besprechung des Schuldenmachens der Studi- 
renden kommt Heidemann zurück auf die schon früher von ihm mit so wenig Glück befüi-- 
wortete akademische Zahlungscommission.*) Endlich erörtert er auch noch, wie die körperliche 
und sittliche Ausbildung der Studirenden gefördert werden kann durch Errichtung eines aka- 
demischen Fechtbodens, durch Anlage einer Schwimm- und Badeanstalt und durch die Sorge 
für fleissige Benutzung der in Königsberg reichlich gebotenen Gelegenheit zum Tanzen und 
Reiten. Namentlich weist er auch hin auf den bildenden Werth der Vergnügungen. „Da 
soll alles Kostspielige, z. B. grosse Umzüge mit Uniformen," und „alles Unwürdige, z. B. Com- 
merse", vermieden, dagegen „Bälle und Concerte durch die bisher im Allgemeinen nicht übliche 
Theilnahme der Pi-ofessoren daran begünstigt und gehoben werden." Dabei erzählt Heide- 
mann: „Als ich nach Königsberg kam (1802), sah ich auf den Studentenbällen die Studenten 
mitten im Tanzsaale aus dem Halse der Bouteillen Bier trinken und dei'gleichen Unsittlich- 
keiten begehen, und doch fand ich Professoren dort. Ich erklärte den Studenten, dass ich 
so nicht wiederkommen würde, und verlängte Aenderung.'- Der Erfolg war der gewünschte, 
und in ähnlicher Weise habe er, so berichtet Heidemann, durch freundliche Vorstellungen 
manche bisher übliche Extravaganz in der Kleidung beseitigt, z. B. die grossen Hüte und die 
gewaltigen Stiefeln. 

Mit solchen Ansichten und Wünschen stand Heidemann nun freilich damals ziemlich 
allein, wenigstens in dem engen Kreise der die Universität als solche eigentlich repräsenti- 
renden Senatoren, die allem entgegen waren, was ihre bevorrechtete Stellung und ihren maass- 
gebenden Einfluss beeinträchtigen konnte. Hier lag auch das vornehmste Hinderniss für eine 
wissenschaftliche Erneuung der Universität, und es war ein Glück, dass ihr in von Auers- 
wald ein Curator beigeordnet war, der in diesen Dingen unbefangenen Blick und eigenes 
Urtheil hatte und seine wohlbegründete Meinung auch den oberen Instanzen gegenüber er- 
folgreich geltend zu machen wusste. So nur wurde es möglich, dass der Zuschuss von 
17 000 Thalern jährlich, welcher 1809 der Universität gewährt wurde, zweckmässige Verwen- 

können, wörtlich bestimmt: ,,Bey groben, die öÖ'entllche Sicherheit stöhrenden Excessen soll in keinem Talle 
auf Geldbusse oder Relegation, sondern jederzeit auf Gefängniss oder körperliche Züchtigung er-' 
kannt werden." 

1) Vgl. oben S. 12. 



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düng fand und entsprechenden Nutzen stiftete. Auf von Auerswalds sachkundigem Rath berulit 
der Entwurf, den im Ministerium des Innern die Section für den öffentlichen Unterricht dem 
König für die Verwendung jenes für die damalige Zeit hohen Betrages am 21. Juni vorlegte 
und der genehmigt und durchgeführt wurde.') „Die theologische Facultät," heisst es darin, 
„ist in einem sehr unvollkommeuen Zustand und bedarf einer radicalen Verbesserung. Die 
Professoren Graef und Wedeke sind, wenn sie auch nicht allen Anforderungen Genüge 
leisten, sittlich achtungswerthe und mit ihrem Amte es ehrlich und ernst meinende Männer. 
Dagegen füllt Hennig weder als Theologe noch als Lehrer seinen Platz aus, kann überdies 
der Universität noch lange zur Last fallen." Er werde sich, so meint man, gern mit 500 
Thalern pensioniren lassen. Die nöthigen Neuberufungen machen Schwierigkeiten, da in 
Preussen tüchtige Theologen dermalen nicht vorhanden sind. Beinahe ebenso übel wie die 
theologische ist die juristische Facultät daran; doch ist zu hoffen, dass, wenn Professor von 
der Goltz, der nur seiner Blindheit wegen eine Professur bekommen hat, pensionirt wird, 
die Berufung von zwei tüchtigen neuen Lehrern zu ermöglichen sein wird. Die medicinische 
Facultät, von der der Curator noch zu Beginn des Jahres 1808 offen bekannt hatte, sie sei 
„fortdauernd in der tram-igsten Verfassung und eigentlich ohne Lehrer, da Dr. Kelch ein sehr 
schwaches Subject ist,"*) ist ,, zur Zeit gut besetzt, doch fehlt ihr noch ein Professor für Chirurgie und 
Accouchement." In der philosophischen ist noch die Professur für Geographie und Statistik zu be- 
setzen und dann die für Astronomie und Mathematik. In Aussicht genommen ist ferner die Er- 
richtung eines theologischen, eines philologischen und eines pädagogischen Seminars, welche einen 
besondern Aufwand nicht erfordern. Demnächst handelt es sich um ein klinisches Institut, das 
anatomische Theater und die Sternwarte. Im Uebrigen wurde der jährliche Zuschuss von 
17 000 Thalern zum Theil auch zu der dringend nöthigen Aufbesserung der Gehälter verwendet. 
Was so im Jahr 1809 für die Reorganisation der Albertina gethan wurde, knüpft 
demnach durchweg an das 1805 entworfene Programm an. So erfolgte im Juni 1809 die 
Auflösung des Convictoriums, indem die Bespeisung von 72 armen Studirenden in kleineren 
Gruppen an zuverlässige Wirthe vergeben wurde. Finanziell beruhte die neue Ordnung auf 
einem Capital von 45000 Thalern und jährlich zu liefernden 1800 Scheffeln Roggen. Auch 
die Einrichtung des botanischen Gartens auf dem Scheffnerschen Grundstück machte nun 
Fortschritte: schon im März 1809 waren dazu 14000 Thaler angewiesen; doch brauchte man 
im Ganzen 18719 Thaler. Die Leitung hatte der aus der medicinischen Facultät in die phi- 
losophische übergetretene Professor der Naturwissenschaften Hagen, bis im Herbst 1809 in der 
Person von August Friedrich Schweigger, der etliche Jahre zu Paris am Jardin des plautes 
gearbeitet hatte, ein besonderer Vertreter der Botanik berufen wurde. Mit viel bescheideneren 
]ilitteln musste sich das neue medicinische Klinikum begnügen, für das mit einem Aufwand 
von 800-Thalern drei Zimmer im Löbenichtschen Hospital mit 18 Betten eingerichtet wurden.*) 
Zur Leitung wurde Professor Wilhelm Remer*) aus Helmstädt berufen. 



1) Curator.-Acten A. 48. I. 

2) Curator.-Act. B. 5.3 I. Bericht vom 24. Februar 1808. 
y) Univ.-Acten. M. 19. 

4) Geb. 0. Juli 1775, seit 1799 aorfl. Prof der Philosophie uml Medicin, 1S03 Director das Iclini.sche 



33 

Nauieiitlicli aber der Lehrköi-per erfuhr eine wesentliche VcrjÜDgung. Zum Nachfolger 
Sil VC ms in der Professur für die alte klassische Littoratur wurde, nachdem August Böckli 
in Heidelberg abgelehnt hatte, Karl August Gottlieb Erfurdt (geb. 11. Decembcr 1780 
in Zörliig. in Wittenberg und Leipzig unter G. Hermann gebildet) berufen, bisher Conrector 
am Gymnasium zu Merseburg. Der Philosoph Krug, der im Herbst 1808 einen Ruf nach 
Leipzig angenommen hatte, erhielt in Johanu Friedrich Herbart') einen ihm weit über- 
legenen Nachl'olger, der würdig an die gi'ossen Traditionen der Kant'schen Zeit anknüpfte. 
Die neue Professur der Geogi-iphie und Statistik erhielt 1810 Adam Christian Gaspari.^) 
In der theologischen Facultät wurden die Privatdocenteu, Garnison- und Festungsprediger 
Ludwig Jedemin ßhesa (geb. 1777 zu Karvvaiten, einem bald versandeten Dorf auf der 
Kurischen Nehrung) und Reusch zu ausserordentlichen Professoren ernannt; ersterer über- 
nalini die Leitung des litthauischen Seminars. Wegen der Gewinnung tüchtiger Männer für 
dia beiden ordentlichen theologischen Professuren hatte man sich mit dem Oberhofprediger 
D. Reinhard in Dresden in Verbindung gesetzt, den selbst nach Königsberg zu ziehen trotz 
der ihm gemachten glänzenden Anerbietungen nicht gelang.*) Nach dem Tode Georg Ernst 
•Sigismund Hcnnigs (gest. 23. September 1809) kam 1810 Johann Friedrich Krause 
(geb. 1770 zu Reichenbach in Obersachsen, seit 1801 Domprediger zu Naumburg) als Pfarrer 
im Löbenicht, Consistorialrath und ord. Professor der Theologie an die Albertina, naciidem zu 
Ende des Jahres 1809 Johann Severiu Vater*) aus Halle berufen war, der sich um die Ver- 
waltung der nun auch auskömmlicher dotirten Bibliothek (sie erhielt 1810 eine ausserordentliche 
Beihilfe von 2000 Thlr.) verdient machte und durch seine Arbeiten über die Sprache der 
alten Preusseu und allerlei polyglotte Versuche einen Namen gewann. Nimmt man hinzu, 
dass in derselben Zeit auch die Errichtung von Seminarien eingeleitet wurde und zwar 
eines theologischen, für das, als es 1812 ins Leben trat, ausdrücklich bestimmt wurde, dass 
es nur zur Pflege gelehrter Studien, nicht aber für dogmatische und homiletische Uebungen 
dienen sollte, eines philologischen, mit desseu Leitung zuerst Süvern betraut war, und 
endlich eines pädagogischen, aus dem Herbart eine weithin reformatorisch wirkende 
Musteranstalt zu machen hoifte, dass ferner in Verbindung mit dieser besseren Organisation 
des Studienbetriebes die Mittel bereit gestellt wurden, um alljährlich akademische Preis- 
aufgaben ausschreiben und prämiiren zu können, für die ebenfalls von allen praktischen 
Interessen abgesehen werden und ausschliesslich Gegenstände gelehrter Natur zulässig sein 
sollten — eine Institution, die seit 1812 in regelmässige Uebung kam — , und erwägt man 
endlich, dass mit allen diesen beträchtliche Mittel erfordernden Neuerungen eine für jene Zeit 

•In.stituts und 1804 ord. Professor der Medicin zu Helmstädt, wo sein Vater Julius August R. (t 1803), der bekannte 
Verfasser verdienstlicher Lehr- und llandbüclier, seit 1787 Professor der Geschichte war 

1) Geboren am 4. Mai 1776 in Oldenburg, in Jena Zuhiirer Schillers und Fichtes und während seines 
Hofmeistertimms in Bern mit Pestalozzis Methode bekannt geworden. 

2) Geboren 1752 zu Schleusingen, 1795 aord. Professor der l'ldlosophie in Jena. 17;i7 Professor am 
Gymnasium zu Oldenburg, 1803 Professor der Geschichte, Geographie und Statistik in Dorpiit. 

3) Scheffner an Stein, s. Pertz, Leben Steins II, d. 417 18. 

4) Geb. 27. Mai 1771 in Altenburg, in Jena und Halle gebildol, dort PI», un.l uord. Prof, l.S();)_20 
in I\'i)nig.sberg. dann in Halle, f Iti. Miirz 182Ü. 



■ 34 

bedeutende ErhöhuDg der meisten Gehälter verbunden war, so wird man von der höchsten 
Achtung erfüllt vor einer Regierung, die in so schwerer Bedrängniss, wie sie damals auf dem 
preussischen Staate lastete, für diese idealen, keinen unmittelbaren Nutzen abwerfenden Zwecke 
mit solcher Freigebigkeit eintrat. Angesichts der furchtbaren finanziellen Belastung Preussens 
durch die französische Kriegsschuld war es wahrlich kein Geringes, dass der Etat der Alber- 
tina für 1810/11 auf rund 34000 Thaler in Einnahme und Ausgabe gestiegen war, wozu 
noch 3714 Scheffel Roggen an Naturalbezügen kamen. Davon entfielen an Gehalt auf die 
theologische Facultät rund 4400 Thlr., die juristische 3090, die medicinische 3748 und die 
philosophische 10340 Thlr. 

So fehlte es denn auch nicht ganz an Leuten, welche meinten, die Regierung thue 
des Guten zu viel, und selbst der alte Scheffner, der seine Albertina wahrlich gehegt und 
gepflegt sehen wollte, äusserte sich in einem Schreiben an den Freiherrn von Stein den 
27. Februar 1810: „Die Nachrichten von den zur Aufnahme der Wissenschaft gemachten Aus- 
gaben sind nicht übertrieben, und Ew. Excellenz Wunsche, quod felix faustumque sit, stimme 
ich herzlich bei, ob ich gleich glaube, dass vor der Hand manche Summe zu grösseren Noth- 
Ijehelfungen hätte verwandt werden .-jollen. — Besondere Lehrer der Statistik und Astronomie 
liätte man wohl ersparen können.'") In letzterem Punkte urtheilte der alte Herr freilich 
selbst bald anders und stimmte denjenigen rückhaltlos bei, die in der Berufung Friedrich 
Wilhelm Bessels (geb. 22. Juli 1748 zu Minden), der am 8. Januar 1810 zum Professor 
der Asti'onomie ernannt wurde, einen der stolzesten Ruhmestitel der Albertina erblickten. Die 
für Bessel gebaute und von ihm geleitete Sternwarte genoss bald eines Weltrufs und hat in 
der Entwicklung der Astronomie und Mathematik und damit in der der Naturwissenschaften 
überhaupt eine geradezu epochemachende Rolle gespielt. 

„Kann denn der preussische Staat noch Sternwarten bauen!'' soll Napoleon erstaunt 
ausgerufen haben, als er hörte, dass man dort noch zu dergleichen Mittel übrig habe.-) Der 
früher gehegte Plan, das astronomische Observatorium auf dem Schlossthurm einzurichten, war 
als unausführbar aufgegeben; jetzt hatte man den dem im Entstehen begi'iffenen Botani- 
schen Garten benachbarten Windmühlenberg gekauft, der, damals noch ausserhalb der Sphäre 
des städtischen Dunstkreises gelegen, mit einem völlig unbehinderten Umblick allen Ansprüchen 
genügte. Dort wurde am 24. Mai 1811 der Grundstein zu dem Bau gelegt. Die ihm ein- 
gefügte Kapsel enthielt nach J. G. Scheffners Bericht ausser einer kui-zen Notiz über den 
..jetzigen Wisr^enscliaftszustand in Königsberg" noch einige echt Schefl^uersche ,,Versleiu" : 

„Zur Zeit, da jeder Stand- und Messpunkt auf der Erde 

Verrückt war, da sprach unser Friederich, 

Der Recht und Wahrheit liebt: „Es werde 

Die Sternwart' hier gebaut, damit der Preusse sich 

Am Himmel in das Laufen aller Sterne, 

Ohn' sich zu irren, finden lerne. 



1) Pertz, Lehen Steins TF, S. 417/18. 

2) C K. v. Baers Leben, S. SOG. 



35 

Denn so hing' Bcssels hier den Horizont beschaucu, 
Kanu man ganz dreu.-it den Sternen trauen,"') 

Aber die vom König zum Bau angewiesenen 8000 Thir. waren bereits im Juli ver- 
brauclit, und die Beschaffung weiterer Mittel schien kaum möglich, so dass Bessel bereits 
daran dachte, einen damals an ihn ergehenden Euf als Director der Sternwarte in Mannheim 
anzunehmen. Doch fand sich glücklich noch Hilfe, indem eine Summe von 4000 Thlr. baar 
augewiesen und der Credit der Königlichen Kassen erfolgreich in Anspruch genommen wurde. 
Mit einem Gesammtaufwaud von 28000 Thalern \\Tirde der Bau im Herbst 1812 vollendet und 
ein Jahr später von Bessel bezogen. Eine stattliche Reihe von grundlegenden Arbeiten und 
l)ahnbrechenden Entdeckungen hat dort ihren Ursprung genommen, und der schlichte Kuppelbau 
auf dem Windmühlenberge ist eine vou den Stützen und Zierden der astronomischen Wissen- 
schaft geworden. 

Nach einer anderen Richtung aber stellten sich Bessel unerwartete und nicht so 
leicht überwindliche Schwierigkeiten entgegen. Da er in Folge seines eigenartigen Bildungs- 
ganges kein regelrechtes akademisches Studium durchgemacht hatte und auch nicht rite Ma- 
gister und Doctor geworden war, so wurde ihm von Seiten seiner au den alten Formen haf- 
tenden Collegen, die zudem den Wortlaut der Statuten für sich hatten, die Aufnahme in die 
Facultät verweigert. Eine Anregung des Cui-ators, die Facultät möchte die Schwierigkeit da- 
durch lösen, dass sie Bessel ihrerseits den Doctorgrad verlieh, blieb erfolglos; der von anderer 
Seite gewüuschte Königliche Dispens hätte einen Eingriff iu die Statuten enthalten, und es 
blieb schliesslich nichts übrig als eine Vertagung des Conflictes, indem Bessel unter dem 
17. April 1812 vou allen Facultäts- und Senatsgeschäften dispensirt wurde. 

Auch sonst hatte die Reorganisation der Universität in ihren Lehrkörper gewisse 
Gegensätze getragen, die das Gedeihen des Ganzen zu gefährden drohten. Es entstand eine 
Spaltung z\vischen „alten" und ,, neuen" Professoren.*) Letztere waren die Träger- des er- 
neuten und freudig erstarkenden geistigen und sittlichen Lebens der Universität. Das 
Heft aber und in allen allgemeinen Fragen die Entscheidung hatten die Ersteren in Händen, 
da allein sie im Senat sassen und zu den akademischen Aemtern gelangten. Im Gegensatz 
nämlich zu der ursprünglichen Ordnung, nach der alle Ordinarien dem Senate angehört hatten, 
liestand dieser nur aus den beiden ältesten Professoren der di-ei oberen Facultäten und den 
vier ältesten der philosophischen Facultät: mit Ausnahme des Mediciners Rem er waren im 
Sommer 1811 die neu bei-ufenen Professoren von der Theilnahme an den Senatsgeschäftcu 
und der gerade in solchen Uebergaugszeiten besonders wichtigen Selbstregierung der Uni- 
versität daher ausgeschlossen und nicht bloss äusserlich beuachtheiligt, sondern auch um die 



1) Ebendas. S. 417. 

2) Vgl. Herbarts Schilderung dieser Verhältnisse bei Ziller, Herbartreliquien, S. 203, wo neben 
dem Gegensatz zwischen „alten und neuen Professoren" auch die durch die schlechten Besoldungen verschuldete 
Belastung vieler Professoren mit Nebenämtern als ein Haupthinderniss wirklich wissenschaftlicher Thätigkeit 
gerügt wird. Schliesslich heisst es: „Die Studenten müssen erst lernen fleissig sein, die Handwerker müssen 
allesammt wenigstens 30 versäumte .Jahre nachholen, so weit sind sie zurück, und die alten Weiber in dieser 
grossen Stadt müssen sich das Klatschen abgewöhnen." 

5* 



36 

Möglichkeit gebracht, dio von ihncu vertretene Richtung im Interesse des Ganzen im Krciisc 
der Collegen geltend zu machen. Daraus ergab sich ein schliesslich unerträglich(!S Ver- 
bältniss, welches Eemer, der einzige Senator unter den neu Berufeneu, bei der vorgesetzten 
Behörde zur Sprache brachte, nachdem es aus Anlass eines Disciplinarfalls, in dem der Senat 
sich der Mehrzahl der von ihm ausgeschlossenen Collegen schroff entgegengestellt hatte, zu einem 
heftigen Conflict gekommen war. Schon wegen ihres höhern Gehalts waren die „neuen" 
Professoren „für die alten ein Gegenstand unangenehmer Betrachtung". Obenein waren die 
meisten von ihnen ..Ausländer", keine Ostpreussen. „Sie brachten neue Meinungen, fremde 
Ansichten, hier nicht gewöhnlich gewesene Lehrmethoden mit, Messen ihr Missfallen an 
manchen hier eingewurzelten, veralteten und dem jetzigen Zeitalter unangemessenen Ge- 
bräuchen, zum Theil vielleicht nicht ganz schonend, laut werden und wollten Aenderungen 
entstehen sehen, die man hier nicht liebte."' Diese ganze Gruppe aber, recht eigentlich 
berufen die Trägerin für die Zukunft der Universität zu werden, konnte officiell in Uni- 
versitätsangelegenheiten gar nicht zu Wort kommen, da ausser Eemer von ihr Niemand im 
Senat sass, der damals auch noch bei den. Vorschlägen für Berufungen die entscheidende 
Stimme hatte: Vater, Krause, Herbart, Schweigger, Gaspari u. s. w., — sie alle 
waren ohne jeden Einfluss. Der Antrag, mit dem Remer seine Denkschrift über diese 
Missstände schloss, ging dahin, dass alle Ordinarien im Senat sitzen sollten.') Der Curator 
von Auerswald stimmte vorbehaltlos bei. Daraufhin erging am 28. Mai 1811 eine könig- 
liche Cabiuetsordre des Inhalts, der König finde es unbillig und der Würde der Professoren 
nicht angemessen und Streit zu erzeugen geeignet, dass von den drei oberen Facultäten nur 
die beiden ältesten, von der philosophischen nur die vier ältesten Professoren wirkliche 
Mitglieder des Senats, d. h. die betreffenden Einkünfte zu ziehen berechtigt, im Besitz vollen 
Stimmrechts und zur Bekleidung des Rectorats befähigt seien, und bestimmte deshalb, „dass 
künftig alle Herren Professores ordinarii der hiesigen Universität zugleich Mitglieder des König- 
lichen Akademischen Senats mit vollem Stimmrecht in allen vor den Königlichen Akademischen 
Senat gehörenden Angelegenheiten und mit den Ansprüchen auf die Verwaltung des Rectorats 
sowie auf die mit demselben verknüpften Emolumente, welche durch die Statuten und Gesetze 
der Universität allen wirklichen Senatoren ertheilt werden, seyn, die perpetuirlichen Emolu- 
mente der Mitgliedschaft des Senats aber nach wie vor nur mit den Stellen, woran sie bisher 
gebunden gewesen sind, verknüpft bleiben sollen" — eine Bestimmung, die heute noch in 
dem Institute des Seniorats fortlebt. Die Neuerung sollte sofort eingeführt werden; alle 
freiwilligen Verzichte auf die den einzelnen daraus erwachsenden Rechte wurden für un- 
zulässig und ungiltig erklärt, dem entsprechend aber auch jeder Professor verpflichtet, an 
den Geschäften der so erweiterten Körperschaft gebührenden Antheil zu nehmen, „schon um 
des Beispiels und der gemeinsamen guten Sache willen."-) 



1) Curator.-Aet. A. 48. I. 

2) Ebendas. Phil. Fac. A. 1. II. Üniv.-Act., S. 8. 



IV. Die Zeit der Knechtschaft und der Erhebung. 1811—17. 

Auch die Albertiua und ihre Argcbörigcu trugen schwer an den Lasten, welche die 
Jahre der Erniedrigung Preussen auferlegten. Insbesondere empfanden die älteren Glieder 
des Lelirkörpers schmerzlich den Wegfall manches Privilegiums und mancher bequemen 
Bevorzugung vor den übrigen Staatsbürgern, den die neue Gesetzgebung für sie zur Folge 
hatte. Es fehlte daher auch hier nicht an Unzufriedenen, und mit Hartnäckigkeit haben 
Manche die den Universitätslehrern ehemals zustehenden jExemtionen gegen die staatlichen 
und städtischen Autoritäten zu vertheidigen gesucht. Mit der Stadt stritt man um das Ver- 
hältniss zwischen dem neuen städtischen und dem alten akademischen Bürgerrecht, eine Frage, 
die für die bürgerliche Stellung gewisser höherer Handwerker und Künstler Bedeutung 
■liatte. Unerachtet nämlich wiederholter polizeilicher Anfechtung nahm der Akademische 
Senat nach wie vor das Recht in Anspruch, auf Grund des Privilegs von 1.557, nach dem die 
Akademie auch bestimmt war, „alle löblichen und freien Künste zu unterhalten und aus- 
zubreiten", auch solche Personen zu immatriculiren, welche diese betrieben, ohne dass sie 
Lehrer oder Lernende waren. Buchdrucker, Uhrmacher, Mechaniker, Maler, Kupferstecher 
u. a. m. waren daraufhin in die Zahl der akademischen Büi-ger aufgenommen, und der Wider- 
spruch der betreffenden Zünfte dagegen war erfolglos geblieben. Durch die Städteordnung waren 
dafür nun ganz andere Bedingungen geschaffen worden, und der Magistrat fasste die von dem 
Akademischen Senat geübte Praxis als einen Eingriff in die städtischen Rechte auf, insofern 
derartige; Gewerbe nur auf Grund des städtischen, nicht aber des akademischen Bürgerrechtes 
betrieben werden durften. Dagegen behauptete der Senat, die von ihm dem alten Brauche 
gemäss immatriculirten Personen, für „deren Beschäftigung eine wissenschaftliche oder 
Kunstbildung vorausgesetzt wird, — aufgezählt werden als solche lutherische Prediger 
und Schullehrer, Doctoren jeder Art, Künstler, z. ß. Maler, Bildhauer, Instrumentenmacher 
und Mechaniker, Medicinapotheker, Buchhändler, Lesebibliothekare und Antiquare, — seien 
dem städtischen Bürgerrecht nicht unterworfen, sondern als Universitätsangehörige in Rück- 
sicht auf die Stadt nur Schutzverwandte; nur die ehemals eben dahin gerechneten Buch- 
drucker und Buchbinder will er als Gewerbetreibende im Sinne der Städteordnung gelten 
lassen. Im Gegensatz dazu behauptete der Magistrat, dass Alle, die ein städtisches Gewerbe 
treiben wollten, auch das städtische Bürgerrecht nachsuchen müssen, also auch die vom Senat 
so genannten Künstler, die sich zu ihrer Arbeit fremder Hilfe bedienen und Gesellen halten.') 
Thatsächlich kam denn auch die nach Ausweis des Albums bisher ganz gewöhnliche Imma- 
triculation von Buchdruckern, Malern, Buchhändlern, Instrumentenmachern, namentlich Orgel- 
bauern, Mechanikern u. s. w.*) ziemlich ausser LTebung, und bei der bald danach beginnenden 
Vorbereitung zu einer Neufassung der Statuten wurden die Grenzen der Immatriculations- 
fähigkeit so eng gezogen, dass jener alte Brauch endgiltig wegfiel. 

Aber auch die ehemaligen persönlichen Privilegien der Professoren fielen der neuen 
Zeit vielfach zum Opfer, mochte man sie auch noch so hartnäckig gegen die Ansprüche der 

1) Curator.A. 41. I. 

2) ü. A. auch ein pugiÜRrius, Scbreibefederverfertigcr, ein Juwelier aus Worms {WS. 1807/0), ein artis 
sculptoriae in aere cultor. 



38 

atädtisuLen ßcliörde zu vertlieidigcii .sueluni. An der Spitze der letzteren stand der (VriLere 
Professor der Beeilte, August Wilhelm Heidemann, als erster Oberbürgermeister von 
Königsberg, der in Folge seiner Erwälilung zu diesem Amte seine akademisclie Stellung im 
Herbst 1810 hatte aufgeben müssen, ein ebenso begeisterter wie einflussreicher Vertreter der 
neuen Ordnung, dem leider nur eine vcrhältuissmässig kurze Wii-ksamkeit beschieden war. 
Es scheint, als ob man es in akademischen Kreisen besonders unangenehm empfunden hätte, 
bei diesen Differenzen einen ehemab'gen Collegen als Gegner vor sich zu haben, zumal dieser 
mit seiner rückhaltlosen Hingabe an die Wohlfahrt des Ganzen kein Bedenken trug, den 
dieser hinderliehen Sonderrechten der Einzelnen mit aller Energie entgegenzutreten: blieb 
ihm doch auch nichts arideres übrig, wenn er irgend den von der harten Zeit an die Bürger- 
schaft gestellten Ansprüchen gerecht werden wollte. 

Ihren Höhepunkt erreichten zugleich mit den Leiden der Provinz und der Hauptstadt 
die der Universität und ihrer Glieder bei dem Ausbruch des russischen Krieges und dem 
Durchmarsch der grossen Armee. Keine der Freiheiten stand den akademischen Lehrern mehr 
schützend zur Seite, die ihnen früher in solchen Zeiten einige Erleichterung verschafl't hatten. 
Die massenhafte Einquartierung brachte ihnen nicht bloss persönliches Unbehagen und Störungen 
aller Art, sondern machte ihnen gelegentlich selbst die Erfüllung ihrer Amtspflichten unmöglich, 
da auch die akademischen Zwecken dienenden Gebäude und Eäumlichkeiten mit Truppen 
belegt oder sonst den Bedürfnissen des ostwärts strömenden Riesenheeres dienstbar gemacht 
wurden. Fast ausser Staude ihrem Berufe nachzukommen, sehen wir Prorector und Senat 
sich abmühen in fruchtlosem Ringen und Handeln mit den königlichen und städtischen Be- 
hörden und dann mit den französischen militärischen Autoritäten, zu denen sie immer von 
Neuem demüthige Bittgänge antreten. Durch die traurige- Geschichte jener Tage, wo noch 
Niemand ahnte, wie nahe bereits die Stunde der Erlösung war, mit den trostlosen Bildern von 
dem völligen Ruin einer schon zum Tode erschöpften Provinz, wo der Handel ertödtet, der 
Ackerbau vernichtet, der Viehstand verschwunden, die Bevölkerung au den Bettelstab gebracht 
war, zieht sich, all das Elend im Kleinen wiederholend, die Geschichte von den besonderen 
Leiden der Albertina und ihrer Lehi-er, die von dem allgemeinen Elend ihr reich gemessenes 
Theil zu tragen hatten. 

Obgleich nämlich in Folge einer von Prorector und Senat eingereichten Vorstellung 
vom 5. April 1812 die Militärdeputatiou der ostpreussischen Regierung durch einen Erlass 
vom 16. desselben Monats anerkannt hatte, „dass die Natural-Eiuquartierung, wenn sie den 
Professoren auferlegt würde, mehr Belästigung und Störung in ihren Berufsgeschäften als den 
übrigen Stadteinwohnern verursachen müsse, zumal sie keine öffentlichen Hörsäle zu ihren 
Vorlesungen wie auf anderen Universitäten haben, sondern ihre eigenen Zimmer dazu be- 
nutzen müssten; es sei daher höchst billig, dass sowohl die Auditorien als auch die zu ihren 
Vorbereitungen und wissenschaftlichen Forschungen bestimmten Zimmer von der Einquartierung 
frei blieben und nicht in Rechnung gestellt würden",^) — machte doch die Masse der unter- 
zubringenden Truppen die Durchführung dieses Priucips unmöglich. Wie bei s])äteren Ver- 



1) Univ.-Act. E. 3 : Kescript vom 25. November 1812, 



m 

handlungen über diese Frage festgestellt wurde, hat z. ß. der Mathematiker Wrede von 
Anfang Juni bis Ende October dauernd fünf bis sieben Mann in Quartier gehabt; der 
Theologe Vater musste auf drei Stuben zeitweilig einen Gencu'al^mit einem Adjutanten und 
acht Dienern aufnehmen; Gaspari Latte 53 Tage hindurch fünf Manu und zwischendurch vier 
Offiziere bei sich, die vollständig verpflegt werden mussten ; der jüngere Hagen hat in zwei 
Zimmern allmählich 125 Mann, der Mediciner Rem er für acht Zimmer 565, Eisner für 
sechs Stuben 636 und Wald gar 769 Mann Einquartierung gehabt! Und damit waren bei der 
Zuchtlosigkeit mancher Regimenter, besonders der rheinbündischen, noch andere Gefahren ver- 
bunden. Nach dieser Seite ist charakteristisch, dass Herbart seine auf den 9. Juni fest- 
gesetzte Autrittsdisputation, die damals üblicher Weise den ganzen Tag hätte dauern müssen, 
auf den Vormittag beschränken zu dürfen bat, „da man sich zur Zeit nicht von Hause lange 
entfernen kann." Obenein erfolgte in jenen ersten Junitagen die von der Stadt eingehobene 
Zwangsanleihe, zu der jeder auf Grund der von ihm gemachten Angaben über sein Vermögen 
mit einem entsprechenden Beitrage herangezogen wurde. Erst auf wiederholte dringende 
Reclamationen verfügte von Auerswald am 22. Juni 1812, dass die Professoren und Officiauten 
der Universität zu der Zwangsanleihe nicht herangezogen werden dürften.*) 

Auch die Universität als Ganzes hatte schwer zu leiden. Ihr bescheidenes Heim, das 
alte, winkelige und baufällige Collegium Albertiuum nächst dem Dom, das damals dem Professor 
der Geschichte Hü 11 mann als Inspector unterstand und ausser dessen Amtswohnung eine 
grössere Anzahl von Studentenzimmern und ein paar Auditorien enthielt, wurde unter Zu- 
stimmung des Polizeipräsidenten Herrn von Stein von dem rücksichtslosen Aufseher des Ver- 
pflegungswesens (Commissaire ordonnateur) der grossen Armee, Thomas, für seine Zwecke in 
Anspruch genommen. Bald begnügte sich derselbe nicht mehr mit der Herrichtung der ehe- 
mals dem Oekonomen des aufgelösten Convictoriums^) angewiesenen Keller und Ställe zu 
Magazinen, sondern verlangte dazu auch die Auditorien. Obenein bedrohten die dort auf- 
gehäuften Vorräthe bei dem leichtsinnigen Umgehen der Franzosen mit Licht und Feuer das 
Gebäude, das nicht einmal ein ordentliches Dach hatte, eigentlich dauernd mit der Gefahr 
eines verheerenden Brandes. Diese wuchs noch, als ein Theil des ungeheuren Wagenparks, 
den der Magistrat zur Leistung des gebotenen Vorspanns für die französischen Proviant- 
colonnen zusammenbrachte und der bei der begreiflichen Neigung der dazu gepressteu 
Bauern und Fuhrleute zu heimlicher Flucht schnell wieder zusammenzuschwinden drohte, in 
dem Hofe des Albertinums consiguirt wurde und dort nun des Nachts gar Lagerfeuer brannten. 
Nicht bloss die Gewölbe, in denen altem Brauch gemäss die Professoren bestattet waren, 
wurden den profansten Zwecken dienstbar gemacht: selbst die Stoa Kantiana Nvurde entweiht 
und musste als Wagenremise dienen.*) 

Da die Behörden, um Schlimmeres abzuwenden, die französischen Forderungen möglichst 
zu befriedigen strebten, so blieben sowohl die Proteste und Beschwerden des unermüdlichen 
Hüllmann, als auch die Voi'stellungen des Akademischen Senats im Wesentlichen ohne 

1) Cnrator. B. 821. 

2) Vgl. oben S. « \i. .32. 

3) Univ.-Acten V. 3. 



40 

Wirkimg. Daher bescbloss der Letztere endlich, sich unmittelbar an die höchste französische 
Autorität zu T\enden und von ihr Schutz für die Universität und ihre Institute zu erbitten. 
Am 8. Juni erschienen der Prorector Wald, der Mathematiker Wrede und der Botaniker 
Öchweigger, ein weitgereister und sprachenkundiger Mann, den man daher auch zum Wort- 
führer bestimmt hatte, vor dem Marschall Macdonakl, Herzog von Tarent, dem Befehlshaber 
di's zehnten Armeecorps, dem auch die preussischen Hilfstruppen ■ zugetheilt waren. Von 
Macdonalds vielgerühmter Milde und Eechtlichkeit hoffte- man am ehesten billige Rücksicht 
auf die Interessen der Hochschule. Auch war der Empfa.ng ein freundlicher: gern werde er, 
so erklärte der Herzog, was an ihm sei, für die Universität und ihre Institute thun, auch 
wenn die Zeit es irgend erlaubte, letztere in Augenschein nehmen. Er fragte des Weiteren 
namentlich nach der juristischen Facultät, ob es für ganz Preussen ein einheitliches Eecht 
gäbe oder ob jede Provinz ihr besonderes Recht hätte, ob viel processirt würde. Danu 
erkundigte er sich nach dem botanischen Garten, nach dem anatomischen Theater und dessen 
Beschaffenheit im Vergleich mit dem ihm bekannten Berliner, nach der Zahl der Studenten 
und ob es eine besondere Anstalt zur Heranbildung von Professoren gäbe, und eutliess die 
Deputation endlich mit der erneuten Zusage der Schonung für die Universität. Natürlich aber 
l)lieb alles beim Alten. 

Inzwischen kam am Abend des 1'2. Juni der Kaiser der Franzosen selbst iu Königs- 
berg an. Er hatte eigentlich in dem einst von der königlichen Familie bewohnten Land- 
haus im Busolt'schen Garten') absteigen wollen, fand es aber zu unscheinbar und nahm im 
Schlosse Quartier. Zu dem auf den Vormittag des 13. Juni angesetzten Empfang der Civil- 
behörden war auch die Universität befohlen. Ihre Vertreter kamen zu spät. Da man aber 
den Kaiser ebenso wenig warten lassen, wie durch das Bekenntniss der ünpünktlichkeit zu 
einem leicht verhängnissvollen Wuthausbruch reizen durfte, so trat der allein rechtzeitig er- 
schienene Professor Rem er zugleich mit der eben in den Audieuzsaal berufenen Geistlich- 
keit ein und stellte, um seiner Collegen Ausbleiben zu verbergen, auf des Kaisers Frage die 
geistlichen Herren als angebliche Professoren der Universität vor. Dann musste er auch die 
Fragen beantworten, die Napoleon in der bei ihm in solchen Fällen üblichen Weise an ihn 
richtete. Sie betrafen die Zahl der Facultäten, die verhältnissmässig grosse Zahl der philoso- 
phischen Professoren, dann die akademischen Hilfsanstalten, namentlich das anatomische 
Theater \md die Sternwarte. Dann wollte der Kaiser wissen, aus welchen Kassen die Bedürf- 
nisse der Universität bestritten würden, welches der Satz der CoUegienhonorare wäre, ob es 
unter den Professoren berühmte Aerzte und ob es auch katholische und calvinistische Pro- 
fessoren gäbe.^) Die Universität, die er durch eine absonderliche Fügung ganz allein vertrat, 
dem besondern Schutz des Kaisers zu empfehlen fand Remer gar keine Gelegenheit. 

Als Napoleon dann in der Morgenfrühe des 16. Juni Königsberg in der Richtung 
nach Wehlau und Gumbinnen verliess, lag die höchste Autorität bei Davoust, dem Herzog von 
Auerstädt und Fürsten von Eckmühl, bekanntlich einem Mann ganz anderen Schlages als der 
menschenfreundliche und rechtschaffene Macdonald. Dennoch versuchte man auch bei ihm, der 



1) Vgl S. 25-26. 

2) Unir.-Act. V. 3. 



__^1 

Universität einige Schonung auszuwirkc^ii. Der Empfang der von Scliweigger geführten Depu- 
tation des Senats verlief freilich wenig ermuthigend. Davoust ahmte bei solchen Gelegenheiten 
deu polternden und drohenden Ton seines Herrn und Meisters nach. Auf Schweiggers Ansprache, 
die der Hoffnung Ausdruck gab, er werde der Universität die ungestörte Fortführung ihrer 
Thätigkeit ermöglichen, erwiderte er, es sei ja hinreichend bekannt, wie bereitwillig die Fran- 
zosen und namentlich ihr Kaiser die Wissenschaften förderten, Störungen ihnen fern hielten 
und sogar eifrige Lehrer belohnten; bekannt sei aber auch, dass es unter den akademischen 
Lehrern in Deutschland viele revolutionäre Köpfe gäbe, die ihren Einfluss missbrauchten, um 
Unzufriedenheit zu erregen : solche bestrafe der Kaiser auf das Nachdrücklichste trotz seiner 
natürlichen Milde, weil er streng darauf halte, dass ein jeder ausschliesslich in dem ihm an- 
gewieseneö Wirkungskreise verbleibe. Auf Schweiggers schüchterne Bemerkung, dass es 
solche Professoren in Königsberg sicherlich nicht gebe, fuhr der Marschall in echt napo- 
leonischer Weise heraus: „Ah Monsieur, je le sais!", und wandte sich dann einlenkend an 
den Rector Wald mit der Bemerkung, seine Worte hätten nicht die Mitglieder der hiesigen, 
obenein ja eben erst reorganisirten Universität gemeint, sondern seien ganz im Allgemeinen 
gesprochen gewesen. Indem er die Universität schliesslich seines Schutzes versicherte, 
machte Davoust der Audienz' ein Ende. 

Gebessert wurde natürlich nichts, und schon am 18. Juni traten die Professoren 
Vater, und Poerschke mit dem eben aus Leipzig berufenen Juristen Beck einen neuen 
Bittgang an zu dem neu ernannten Generalgouverneur von Preussen und Lithauen diesseits 
der Weichsel, dem Generallieutenant Grafen Dirk von Hogendorp, einem Niederländer von 
Geburt, der zusammen mit seinem Jüngern Bruder Gysbert Carl von Hogendorp in' jungen 
Jahren in der preussischen Armee gedient,, damals längere Zeit in Königsberg in Garnison 
gelegen und Kants Vorlesungen besucht hatte, um dann später niederländischer Gesandter in 
Petersburg und Gouverneur der Ostküste von Java und weiterhin unter König Ludwig Na- 
poleon Ki-iegsminister (1806), Gesandter in Berlin (1809) und Madrid (1810) zu werden, seit 
Anfang des Jahres 1811 aber dem von ihm schwärmerisch verehrten Franzosenkaiser selbst 
als Generallieutenant und Generaladjutant diente.^) Bei ihm, einem Mann von Bildung und 
feinen Formen, fand man eine bessere Aufnahme. Auf die von Poerschke vorgetragene 
Bitte, der Universität seinen Schutz und die zu ihren Arbeiten nöthige Ruhe zu gewähren, 
erwiderte er leutselig, wenn er das thue, so erfülle er ja nur des Kaisers Absichten, und 
versprach, sich mit den einschlägigen Verhältnissen bekannt zu machen und alles nach Wunsch 
der Universität zu ordnen. Als er im Verlauf des Gesprächs nach dem Nachfolger Kants 
fragte, bemerkte Poerschke, er erinnere sich Se. Excellenz vor 33 Jahren in Kants Audi- 
torium gesehen zu haben, und der Graf erwiderte darauf, immer noch gedenke er jener Zeit 
mit besonderem Vergnügen, auch habe er aus Kants Vorlesungen für sein ganzes Leben 
Nutzen gehabt.^) 

Aber auch diesen schönen Worten folgte die crhotVtf; Besserung in der Lage der 

1) Schmidt, Ostpiciisscns Scliicksale im .laliit» IKl-J. (Is'ilDigshori; 1825.) Vgl. Zeitgonogscii, I. Buch. 
Bd. IV, S. 164. 

2j V. S. 



Albertinn nicht. Deun die zum Schutz des Collegium Albertinum aufgestellte Wache 
reichte dazu nicht aus; die Räumung des Gebäudes war nicht durchzusetzen und der vielge- 
plagte Hü 11 mann hatte Tag und Nacht zu thun, um nur nothdürftig für dessen Sicherheit 
zu sorgen. Als daher nach mehr als einem Monat Graf Hogendorp vom Kaiser als General- 
gouverneur nach Wilna berufen wurde, gingen Wald, Beck, Schweigger und Hagen noch- 
mals zu ihm, um ihn vor der Abreise zu „becomplimontiren" und den zu seinem Nachfolger 
ernannten Divisionsgeneral Grafen Loison zu begrüssen. Denn die jetzt durchmarschirenden 
Nachschübe trieben es fast noch ärger als die früher erschienenen Franzosen, indem sie nicht 
bloss Quartiere verlangten, sondern auch Essen und Trinken, sich in den Auditorien häuslich 
einrichteten und auch sonst allerlei Störung verursachten.') Die Deputation bekam wiederum 
die gewöhnlichen vertröstenden Redensarten zu hören von dem Kaiser als dem Beschützer 
der Wissenschaften; doch wurde auch' die Räumung des Albertinums zugesagt und dem bös- 
willigen Chef ordonnateur Thomas sofort die entsprechende Weisung gegeben; die Professoren 
selbst hoffte man nun von der Einquartierungslast befreit ,zu sehen, da man hörte, Loison 
habe ihre Collegen in Münster derselben glücklich entzogen. 

In der Hauptsache aber blieb Alles beim Alten. In dieser wachsenden Bedrängniss 
dachte man daran, sich eines noch höher gestellten Beschützers zu versichern. Der Senat 
gab bei der juristischen Facultät die Anregung, den Minister, ötaatssecretär Grafen Daru 
Ehren halber zum Doctor zu creiren und so für die Universität dieses mächtigen Mannes 
Gewogenheit zu gewinnen. Schon 1807 hatte man der philosophischen Facultät die gleiche 
Zumuthuug gestellt: doch war die Sache damals verschleppt worden und aufgegeben, als 
eine andere philosophische Facultät mit der gleichen Huldigung zuvorkam. Freilich war 
Pierre Anto.ine Bruno Graf Daru (geb. 1767) ein Mann von Bildung und wissenschaftlichem 
Interesse und hatte sich in dem wüsten Treiben seines militärisch-diplomatischen Handwerks 
Sinn für höhere geistige Bestrebungen und Achtung vor der Gelehrsamkeit bewahrt, ja sogar 
noch die Zeit abgemüssigt, selbst in nicht unverächtlicher Weise litterarisch thätig zu sein. 
Als „sehr gelehrter und eleganter Jurist" in hervorragender Weise an der Redaction des 
Code Napoleon betheiligt, hatte er sich auch als Gescbichtschreiber Venedigs einen Namen 
gemacht. Welche Erinnerungen aber knüpften sich sonst an ihn, den Meister in den Künsten 
der Bedrückung, der seines Herrn geheimste Absichten errathend und als ein vollendeter 
Rechenkünstler verwirklichend, Preussen bis auf das Mark ausgesogen und unter den 
trügerischen Formen strengen Kriegsrechts für alle Zeiten zu Grunde zu richten getrachtet 
hatte! Wohl war Daru auf Steins Veranlassung am 3. August 1808 zusammen mit F. A. Wolf 
und Wilhelm von Humboldt als Membre de Tlnstitut und Uebersetzer des Horaz von der 
Berliner Akademie zum Ehrenmitglied gewählt worden r^) trotzdem wirft die für Daru ge- 
wünschte und beschlossene Ehrenpi-omotion, namentlich durch die sie begleitenden Umstände, 
ein absonderliches Licht nicht bloss auf den politischen Takt, sondern auch auf die patriotische 
Gesinnung der Köuigsberger Professoren und lässt erkennen, dass die geistige und sittliche 
Wiedergeburt der Albertina damals noch nicht weit gediehen war. Es tritt dabei ein 

1) Ebendas. Beschwerde vom l'.t. Juli. 1812. E. 3. 
2; Pertz, Leben Steins. II, S. 106. 



uiivviirdigcH Werben iiiu die IJuiist der iremdcu Maclitlialnn- zu Tage, das aiigcsiclits d(!r 
Lage des Vaterlandes niclit eutscliuldigt wird durch die Bedrängniss der Universität und 
ihrer Lehrer. 

Unter der Hand versicherte mau sich des Beifalls des französischen Gouvernements, 
suchte auch den akademischen Act der Ehrenpromotion selbst möglichst pomphaft zu ge- 
stalten. Einige Studireude sollten dabei als Chapeaux d'honneur die Gäste empfangen, 
andere als Marschälle die Ordnung aufrecht erhalteu. Natürlich trug man Sorge, dass die 
Katzenmusik unterlassen wurde, mit der damals den neu promovirten Doctor seine Commili- 
tonen zu necken pflegten. Man scheint aber eine Demonstration von dieser Seite gefürchtet 
zu haben, und ein patriotisches Glückwunschgedicht namens der Studentenschaft an den König, 
das bald danach am 3. August in der Königsberger Staatszeitung erschien,*) lässt vermuthen, 
dass da andere Gesinnungen herrschten. Das erklärt auch die umständlichen Verhandlungen über 
den Promotionsact im Senat und die mehrfache Aenderung des Programms. In der zunächst 
dem Prorector zugedachten Eede sollte die Sache „bloss historisch" behandelt, wohl aber 
,,des 7. Juli — des Jahrestages des Tilsiter Friedens mit Russland — und anderer für den 
französischen Kaiser denkwürdiger Tage" Erwähnung gethau werden. Aber ein solcher feier- 
licher Act wurde von einigen Senatoren als etwas bei Ehrenpromotionen nicht Herkömmliches 
bekämpft, in der Sorge, „der Eindruck der ganzen Verhandlung dürfte vielleicht nicht überall 
aus dem richtigen Gesichtspunct angesehen werden." Andere riethen, „den Promotionsact so 
pomphaft zu machen, als es bei den jetzigen Umständen immer sein kann, weil die Franzosen 
unter ihrem gegenwärtigen Kaiser an Glanz gewöhnt sind." Der befürchtete Anstoss werde 
vermieden, wenn ,,in der Einleitungsrede des Kaisers Napoleon nicht als Siegers bei Lodi, 
Marengo, Wagram u. s. w., sondern bloss als Beschützers der Wissenschaften und als un- 
vergesslichen Gesetzgebers der Franzosen gedacht würde." Aber nur Herbart hatte den 
Muth, überhaupt gegen jeden besonderen Act zu stimmen und jede Art von Betheiligung der 
Studirenden daran zu verwerfen. „Der Eindruck," meinte er, „lässt sich nur zu gut voraus- 
sehen, ganz abgesehen davon, dass die zur Verfügung stehenden Mittel nicht von fern hin- 
reichen, um nach französischem Maassstab das Schickliche zu erreichen." Doch blieb es bei 
dem von der Mehrheit gewünschten festlichen Act. Der mit Herbart dagegen votireude Decan 
der juristischen Facultät, Reidenitz, fügte sich, lehnte aber jede persönliche Betheiligung 
ab. Ueber den Verlauf berichtete die Königsberger Staatszeitung vom 24. Juli im Anschluss 
an die Meldung, dass die juristische Facultät am 18. d. Mts. den Minister, Staatssecretär 
Grafen Daru, ., ebenso berühmt durch vielseitige wissenschaftliche Bildung als durch seinen 
öffentlichen Charakter" honoris causa zum Doctor der Rechte creirt habe, folgendermassen: „In 
einer feierlichen und zahlreichen Versammlung der Universität, die zur Verherrlichung dieses 
Vorganges im Auditorium maximum stattfand, hielt der Professor jur. Dr. Beck, den der 
Senat damit beauftragt hatte, eine lateinische Rede, worin er von dem Einfluss und der 
richtigen Anwendung alterthümlicher und herkömmlicher Einrichtungen handelte.'' Eingeladen 
hatte derselbe durch ein Programm. ,, welches über die bei Bntwerfung einer neueren Civil- 

1) Köuigsberger Staatszeitung, lbl2, Ö. 877. 



44 

gesetzgebung und besonders bei der Annahme eines fremden Gesetzbuches zu befolgenden 
Grundsätze handelte." Mit einem vom Prorector und Senat unterzeichneten lateinischen 
Glückwunschschreiben, dessen hochtrabende Phraseologie doch nicht ausreichte, den unwürdig 
schmeichelnden Ton zu verhüllen, wurde das Diplom unter Vermittelung des französischen 
Gouvernements durch den zur Armee gehenden Generalconsul Lesseps Daru nachgeschickt. Vom 
9. September — zwei Tage nach der mörderischen Schlacht bei ßorodino — aus Mosaisk 
datirt Darus Dankschreiben für die unverdiente Ehre, die einem Manne erwiesen sei, „dont 
tout le merite — si c'en est un — est de faii"e profession d'aimer les lettres et qui apprecie 
infiniment l'houneur d'appartenir a uue sociäte justement celebre oü se distinguent tant d'hommes 
aussi eminents par leurs vastes connaissances quo par leurs talents." Einen besondern Dank 
lüchtete Daru noch an Beck „moins pour tout ce que la politcsse lui a fait dire que pour 
le plaisir que m'a fait la lecture de son beau discours." 

Aber noch vor dem Einlaufen dieses Dankschreibens hatte die Ehrenpromotion Darus 
für die Universität und die an dem Acte zunächst Betheiligten ein unliebsames Nachspiel be- 
kommen, dessen Anlass, vorher gar nicht ofliciell zur Sprache gebracht, sondern wohl auf 
privater, mündlicher Verabredung beruhend, auf die Gesinnungen, die einen Theil des Lehr- 
körpers erfüllten, ein überraschendes Licht fallen liess. Mit einer Zuschrift vom 8. September 
übersandte der Curator von Auerswald dem Senat ein Schreiben des Departements des 
Cultus und öffentlichen Unterrichts im Ministerium des Innern vom 28. August 1812, welches 
Auskunft darüber verlangt, weshalb in dem für Daru ausgefertigten Diplome nicht nur die 
herkömmliche Eingangsformel („Q. D. B. V. Auspiciis sapientissimis felicissimisque serenissimi 
et potentissimi Principis ac Domiui Priderici Guilelmi III, Regis Borussorum etc., Regis et 
Domini nostri longe clementissimi") durch eine ganz ungewöhnliche („Auctoritate cum anti- 
quissimis Europae litterarum universitatibus tum Albertinae ab illustrissimis principibus con- 
cessa, ab augustis Regibus imprimisque Friderico Guilelmo III. etc. confirmata") ersetzt, son- 
dern auch der Name Friedrich Wilhelms III. sowohl wie der des als Rector aufgeführten Kron- 
prinzen ohne jeden Zusatz genannt sei, d. h. unter Weglassung des Königlichen und Kronprinz- 
lichen Titels von Preussen, beinahe so, als ob es einen preussischen Staat, einen König und 
einen Erben desselben überhaupt nicht mehr gäbe. Angesichts dieser Thatsache wollte das 
Departement wissen, ob die Diplome der juristischen Facultät oder vielleicht gar überhaupt 
die Königsberger Diplome so gefasst wären, und dann, wenn dies nicht der Fall, wer diesem 
eine solche Fassung gegeben und was ihn dazu bestimmt habe. Charakteristisch nicht bloss 
für den Mann, sondern auch für gewisse damals noch vorhandene Strömungen ist die Art, 
wie der Verfasser des Diploms, der unlängst erst von Leipzig nach Königsberg berufene 
Professor Beck,') der von ihm begangenen Tactlosigkeit alles Anstössige und Bedenkliche zu 
nehmen suchte. „Ich glaubte zu fühlen," sagt er in seinem Rechtfertigungsschreiben an Pro- 
rector und Senat, „dass auf einen ungewöhnlichen Fall die gewöhnliche Form nicht füglich an- 
wendbar sei, sogar dass es vielleicht schicklich war, Se. Königliche Majestät und Se. König- 
liche Hoheit bei dem Vorfall ganz wegzulassen. Ew. H. H. billigten diese Ansicht nicht. 



1) S. 41. 42. 



45 

uml HO riilirte icli So. Königliche Majestät — für doii wir Ja alle wolil ghHdic Gcfiilili; aiicli 
ohne den besonderen Titel bogen, der sich hier ohnehin schon ans der Wirkung ergab — 
als unsern Beherrscher, als den Schützer und Beförderer der akademischen Freiheit, So. 
Königliche Hoheit aber in dem nächsten Verhältnisse zur Universität, als Rector Magniflcen- 
tissimus auf" Ausser „in dem Ungewöhnlichen der ganzen Sache" will Beck die Gründe zu 
zu der von ihm beliebton Aenderung entnommen haben auch dem Beispiel anderer Uni- 
versitäten: Eingang und Anordnung des angefochtenen Diploms seien genau demjenigen nach- 
gebildet, das die Helmstädter Universität 1808 dem Bruder Darus, dem Grafen Martial Daru 
und Johannes von Müller verliehen hätte. Durch die ungewöhnliche Eingangsformel habe er 
„lediglich das Verhältniss der Reihenfolge der Regeuten von der Stiftung der Universität 
bis auf Se. Königliche Majestät bezeichnen wollen." Nach seinen Leipziger Erfahrungen habe 
er eine solche Abweichung um so weniger für bedenklich gehalten, je weniger er „bei dei- 
bekannten Liberalität der Königlich preussischen Regierung in dem bloss Gewöhnlichen etwas 
Unabänderliches erblickte." 

Die Regierung urtheilto anders. Auf Becks gewundene Erklärung l'ür die ungewöhn- 
liche Eingangsformel einzugehen, erschien ihr unnütz, obgleich die Wendung von der „Auctoritas 
Caesarea", auf der die Privilegien der Universität beruhen sollten, „des möglichen Miss- 
verständnisses wegen gerade in diesem Falle hätte vermieden werden sollen." Die ITir Weg- 
lassung des Königliclum und des Kronprinzlichen Titels vorgebrachten Gründe seien eher ge- 
eignet den Vorgang in ein noch ungünstigeres Licht zu stellen als zu entschuldigen. „Das 
Departement wenigstens, hiess es da, kann sich keinen zu billigenden Grund denken, warum 
man sich Sr. Majestät und Sr. Königlichen Hoheit Namen zu nennen hier hätte scheuen 
sollen oder durch den jetzt ergriffenen Ausweg aus irgend einer Verlegenheit zu ziehen 
nöthig gehabt hätte. Der Lapidarstyl — auf den sich Beck u. A. berufen hatte — ent- 
schuldigt hierin nichts, da er auch auf die anderen auf diesem Diplom vorkommenden Titel niclit 
Einfluss gehabt hat, und gerade dieser wegen ist es höchst auflallend, dass der Senat in 
diesem Fall eine Abweichung von der herkömmlichen Formel gestattet hat, wo sie am 
wenigsten hätte stattfinden sollen. Die Sache betrifft nicht eine blosse Form, sondern ein 
diplomatisches Versehen, welches das Departement, wenn es in seine Gründe nicht weiter 
eindringen will, seiner Pflicht gemäss nicht ungerügt lassen darf und dessen Missbilligung es 
dem Senat, unter dessen Autorität es begangen worden, mehr als dem Professor Beck, der 
als ein Neuling im Preussischen Staat zu entschuldigen ist, hierdurch zu erkennen giebt." 
Schliesslich werden der Senat und durch ihn die Facultäten angewiesen sich in den Diplomen 
hinfort strengstens an die herkömmliche Formol zu halten, da sonst nicht bloss ein Neudruck 
der betreffenden Diplome verfügt, sondern aucli dem Schuldigen eine strenge Rüge ertheilt 
werden würde. 

Der Vorfall ist charakteristisch. Er zeigt, wie entsittlichend der Cultus der fran- 
zösischen Sieger auf Männer und auf Kreise wirkte, von denen man nach ihrer Bildung und 
Stellung hätte annehmen sollen, dass sie wenigstens zu schweigen gelernt und ein Gefühl 
dafür gehabt hätten, was sie in- solchen Zeiten als Lehrer der akademischen Jugend zu thun 
und zu lassen hatten. Selbst wenn man die dem verrufenen Peiniger Preussens dargebrachte 



_ 46 

Huldigniig bloss aus wissouacLal'tliclieu Gründen herleiten wollte, bleibt es doch ein seltener 
Beweis unpatriotischer Gesinnung oder sträflicher Gedankenlosigkeit, in einem derartigen 
Actenstück vor aller Welt das Dasein des preussischen Staats durch Auslassung des seinem 
König und dessen Erben gebührenden Titels gleichsam in Frage zu stellen. Dass Beck untei' 
dem Einfluss seiner sächsischen Erinnerungen so handelte, ist zur Noth begreiflich: dass die 
iibrigen Professoren so etwas geschehen Hessen, beweist jedenfalls, dass die an der Albertina 
1807/8 eingeleitete Erneuerung bisher mehr äusserlich als innerlich gewesen war und in der 
Hauptsache erst nocii geleistet werden sollte. Wenn aber Beck sich seit diesem Zwischenfall 
in Königsberg unbehaglich fühlte, so kann das nicht wunder nehmen. Weihnachten 1812 erbat 
und erhielt er einen 14tägigen Urlaub zu einer Reise nach Sachsen. Ohne, wie ihm für 
diesen Fall aufgegeben war, Nachurlaub zu erbitten, blieb er weg; sein Gehalt wurde gesperrt: 
erst nach längerer Zeit sandte er sein Entlassungsgesuch ein, um als Regierungsräth in 
Sachsen-Meiningensche Dienste zu treten.') Daru aber hat die ihm unter so eigenthümlichen 
Umständen von der Albertina erwiesene Ehre nicht vergessen, und 1819 übersandte er der 
Universität mit einem vom 24. Juli datirten Schreiben ein Exemplar seiner Geschichte 
Venedigs, wofür Prorector und Senat ihm unter dem 28. August in einem von Lobeck 
redigirten lateinischen Schreiben ihren Dank abstatteten. 

■Ob man Daru zum Ehrendoctor gemacht haben würde, wenn man hätte ahnen können, 
welche Katastrophe noch kein halbes Jahr später von der grossen Armee nur elende Trümmer 
nach Königsberg zurückgelangen lassen würde? Was als ein unsicheres, kaum glaubliches 
Gerücht umgelaufen war, erwies sich mit dem Beginn des neuen Jahres als Wirklichkeit und 
erweckte plötzlich längst begrabene Hoffnungen. Am Abend des 4. Januar 1813 sah man 
von der Stadt aus den Horizont geröthet von den Feuern der nahen russischen Bivouacs. 
Immer eiliger wurde der Rückzug der noch in der Stadt gebliebenen französischen Heeres- 
theile. Hier und da drohte die Erregung des Volks Raub und Gewalt gegen die mit der 
Fortschaffung der Proviantvorräthe u. s. w. beschäftigten Nachzügler.^) Schon in der nächsten 
Nacht rückten die ersten Russen ein, und am folgenden Tage zog das Corps des Generals 
Grafen Wittgenstein zur Verfolgung der fliehenden Franzosen durch die Stadt. Der Befehls- 
haber wurde Abends bei seinem Erscheinen im Theater jubelnd begrüsst, doch vereitelte sein 
eiliger Aufbruch den Empfang der Professoren Hüllmann und Vater, die ihn im Namen 
der Universität bewillkommnen sollten.^) Der zum Gouverneur von Königsberg bestellte 
General Graf von Sievers bewilligte allen akademischen Gebäuden Sicherheitsposten. Am 
8. Januar rückte York ein: in feierlichem Zuge begrüssten ihn die Studenten der Albertina, 
an ihrer Spitze als Sprecher der älteste Sohn des Curators von Auerswald, Hans von Auers- 
wald, der nachmals (17. September 1848) sein Leben unter den Händen des Frankfurter 
Pöbels beschliessen sollte. Sein jüngerer Bruder, Rudolf von Auerswald, 1807/8 der Spiel- 
gefährte und seitdem der vertraute Freund des Prinzen Wilhelm und zur Zeit der neuen 



1) Univ.-Acten B. 33. 

2) Schmidt a. a. O. S. 260-61. 

3) V. 3. 



47 

Aera Minister, hatte unter York bereits den russischen Peldzug mitgemacht. Am 21. Januar 
kam der Freiherr von Stein in Königsberg an. 

An dem unvergesslich Grossen, was in den nächsten Tagen und Wochen geschah, 
hat die Albertina einen unmittelbaren Antheil nicht gehabt: denn August Wilhelm Heide- 
mann gehörte ihrem Lehrkörper seit October 1810 nicht mehr an.') Als einer der Be- 
gründer der ostpreussischen Landschaft eng verwachsen mit der Provinz, als Oberbürger- 
meister hochangesehen in den bürgerlichen Kreisen, einflussreich bei dem gemeinen Mann, 
auf den er dui'ch die Herausgabe des „Bür.gerblattes" patriotisch erweckend wirkte, schloss 
er sich begeistert dem Vorgehen der preussischen Stände an und erwarb sich als Secretär 
der von dem Landtage ernannten Generalcommission für die Errichtung der Landwehr in rast- 
loser Thätigkeit die grössten Verdienste, auf Kosten freilich seiner zarten Gesundheit: die 
Folge war ein frühzeitiger Tod, den auch er „für König und Vaterland" (15. November 1813) 
starb. Auf dem alten Löbenichtschen Kii'chhof, heute in den Anlagen vor dem Königsthor, 
ist sein mit einem Denkmal geschmücktes Gi"ab.^) Ein Abglanz seines Ruhmes fällt auch auf 
die Albertina, der er einst angehöi-t hatte. Von seinem Geiste aber war selbst in jenen 
grossen Tagen bei seinen ehemaligen Collegen nur wenig zu spüren. 

Nur zum Theil erklärt sich das aus der Weltfremdheit des damaligen Gelehrtenthums. 
Audi war mau unzufrieden mit der neuen Ordnung der Dinge, der so manches alte Vorrecht 
zum Opfer gefallen war.^) Manche mochten Stein nicht recht trauen und fürchteten, er suche 
Preussen an Russland zu bringen. So fand denn auch der Prorector, der Theologe Graf, 
keinen Beifall, als er auf Veranlassung Heidemanns im Kreise der Universität eine Samm- 
lung veranstalten wollte, deren Ertrag zur Ausrüstung der Landwehr, namentlich zur Be- 
schaffung der Pferde für die dem König zur Verfügung zu stellenden Escadrons freiwilliger 
Reiter verwendet werden sollte. Herbart schlug vor, die Beisteuer zu diesem besonderen 
Zweck abzulehnen und sich auf die Ausstattung der ins Feld ziehenden Studirenden zu be- 
schränken, indem man gemeinsam das zu ihrer Einkleidung nöthige Tuch einkaufte. 

Anders stellte sich die studirende Jugend zu dem nationalen Befreiungskampfe. 
Audi hier eilten viele sich den Streitern für das Vaterland einreihen zu lassen. Aus späteren 
Angaben entnehmen wir, dass die meisten bei den Jägerabtheilungen eintraten, welche bei 
dem Ostpreussischen Infanterie-Regiment, dem Ostpreussischen Grenadierbataillon, dem Leib- 
füsilier- und dem Pommerscheu Leibgrenadierbataillon und bei den Regimentern der Lithauischen 
Dragoner, der Leibhusaren und der Nationalhusaren gebildet wurden. Als Genossen der 
Lützower Freischaar werden nachmals Eduard Viktor Stern, stud. theol. aus Sensburg, 
und Ernst Ludwig Sembeck, stud. jur. aus Rastenburg, genannt. Wie viele von den 
Studirenden der Albertina damals überhaupt dem Rufe des Vaterlandes folgten, ist nicht 
mit Sicherheit zu ermitteln;') noch weniger lassen sich alle Namen der damals Eingetretenen 

1) S. 24. 2il tX. :!8. 

2) Altpreuss. Monat.s.schria T, S. .380. 570. 

3) Vgl. S. 37. 

4) Aus den Angabon Iwi ^HaI•tlIng) A kailemisclics I'Iri nncru ngsliuch l'iir die, welche in den 
. Fahlen 17.S7 bis 1817 die Kiinigsberger Universililt bezogen haben (Kiinigsbei-g 1825), ergeben sich 4(j als frei- 



48 

zusanimenbriugeii. Vod dem Geiste aber, welcher damals in der Albertiiia emporflammte, 
geben die Reden ein schönes Zeugniss, in denen Lob eck als Professor der Eloquenz bei 
den akademischen Feierlichkeiten auf die grossen Zeitereignisse Bezug nahm, erst in düsterer 
Sorge, dann in freudiger Hoffnung, froh des Aufschwunges, den Kunst und Wissenschaft nacli 
gewonnenem Frieden nehmen werden. Denn Napoleon ist auch ihm besonders als Unter- 
drücker des freien wissenschaftlichen Geistes verhasst. ') Den aus dem Felde heimkehrenden 
Studirenden bereitete man nach dem ersten Pariser Frieden einen feierlichen Empfang in 
dem grossen akademischen Hörsaal. Auch fanden sie bei der Vei-gebung der Stipendien 
besondere Berücksichtigung: nur erwiesen sich die dazu verfügbaren Mittel unter solchen 
Umständen als unzureichend, da u. A. in Folge der Kriegswirren die Zinsen von Stiftungs- 
geldei'n im Betrage von 14 000 Thlrn. nicht eingegangen waren. Die ausserordentliche Bei- 
hilfe, welche die Regierung bewilligte, diente für manchen Empfänger dazu, sich 1815 von 
Neuem zum Kampfe auszurüsten.^) Als dann durch diesen die wider Erwarten erneute 
Gefahr endgiltig beseitigt, als, um mit Lobeck zu reden, „der finstere Alastor ins klanglos 
dumpfe Höllenreich der Nacht" hinabgesunken und Friede und Ordnung wiederhergestellt 
waren, da veranstaltete der Prorector Burdach am 18. Januar 1818 ein Festmahl, zu dem 
44 Studirende, welche im Felde gestanden hatten, als Gäste geladen waren.^) Auch be- 
willigte die Regierung noch 1258 Thlr., die über die stiftungsmässigen Beneficien hinaus zur 
Unterstützung von im Ganzen 53 zur Universität zurückgekehrten Combattanten verwendet 
wurden. Aus den dabei zusammengestellten Listen ersehen wir, dass von Königsberger Stu- 
direnden als freiwillige Jäger mitgemacht hatten die Feldzüge 1813/14 34, von 1815 28 und 
sowohl die von 1813/14 wie die von 1815 15, davon 4 als Officiere.*) 

Unmittelbar nach dem Frieden nahm die Regierung auch die Reorganisation der Al- 
bertina wieder auf, bemüht dui-ch verdoppelte Freigebigkeit nachzuholen, was ihr im Drange 
der Nothjahre zu thun unmöglicli gewesen war. Bereits am 6. März 1816 verkündete eine 
königliche Cabinetsordre Proi-ector und Senat die Bewilligung eines neuen Zuschusses von 
12000 Thaler jährlich. Zugleich kam man auf die Revision der Statuten zurück, ohne 
die eine gründliche Erneuerung nicht durchführbar war. Die theilweise Aenderung derselben 
von 1811 hatte nämlich nicht den erwarteten Erfolg gehabt; namentlich hatte sich die Auf- 
nahme aller Ordinarien in den Senat nicht bewährt. Der Curator sah sich (24. October 1816) 
zu einer nachdrücklichen Beschwerde über die schlechte Geschäftsführung des Senats genöthigt: 
das Personal desselben sei jetzt zu gross, von den Mitgliedern seien viele unpraktisch, andere 
launenhaft und nur bestrebt, um jeden Preis ihre Meinung durchzusetzen. Die Folge seien 
Anträge der wunderlichsten Art, deren Zustandekommen bei der Verständigkeit aller einzelnen 

willig eingetreteu, 13 als gefallen. Das Eiserne Kreuz 2. Klasse erwarben damals 3, einer (Ernst Theodor Boretius, 
nachmals Stadt- und Landrichter iu Krotoschin) den russ. Annenorden 4. Kl. und den Ehrendegen für Tapfer- 
keit. Wenn daselbst S. 2G0 die Gesammtzahl der ehemals der Albertina Angehörigen, die 1813 — 15 als Frei- 
willige focliten, auf über 500 geschätzt wird, so entzieht sich das jeder Controle, scheint aber stark übertrieben. 

1) Lehner dt, Auswahl aus Lobecks akademisclien Beden (Berlin 1865) S. 44 — 45. 

•2) Curator. A. 84. SemUsbericht 27. Dec. 1814 und Minist.-Erl. 9. Febr. 1815. 

3) Burdach, a. a. Ü. S. 

i) B. 22. 



Professoren kaum begreiflich sei. Ueber die geringiügigsten Dinge entspinnen sich endlose 
Discussionen; Separatvoten ergingen in Menge; keine Sitzung verlaufe ohne Gezänk und oft 
komme es zu höchst unschicklichen Ausbrüchen der die einzelnen Mitglieder trennenden feind- 
lichen Gesinnungen. In Folge dessen bleiben selbst die friedfertigsten schliesslich aus Wider- 
willen den Sitzungen fern. Der Curator machte daher den Vorschlag, wieder zu der vor 1811 
bestandenen Einrichtung zurückzukehren, mit der Aenderung, dass nur in zwei Fällen alle 
Ordinarien am Senat theilnehmen sollen, nämlich bei wichtigen Disciplinarfällen und bei der 
Vertheilung der Beneficien. Auch machte der Curator kein Hehl daraus, wie er diese Gele- 
genheit benutzt zu sehen wünsche, ,,den zu mancherlei Aergerniss Anlass gebenden Professor 
von der Goltz"') aus dem Senat zu entfernen, „zumal er bloss durch Begünstigung und 
Rücksicht auf seine Familie ehemals zum Professor und Aufseher eines Instituts für Studirende 
gemacht worden ist, ob er gleich stockblind ist und auch sonst weder der Universität noch 
dem Senat den geringsten Nutzen schafft." Zur Revision der Statuten ernannte das Mini- 
sterium diesmal eine besondere Commission, welcher zur Benutzung bei ihrer Arbeit die Sta- 
tuten der Berliner Universität und später auch die von Bonn mitgetheilt wurden. Auch die 
Facultäten sollten ihre Statuten revidiren und sowohl wegen ihrer zeitgemässen Neufassung 
als auch wegen der sonst etwa vorhandenen Bedürfnisse das Nöthige beantragen. Denn die Regie- 
rung wollte diesmal ganze Arbeit thun: ihr Ziel war, wie sie im Lauf der sehr langsam fort- 
schreitenden Berathungen am 16. Februar 1818 durch von Auerswald erklären Hess, „die mög- 
lichste Vervollkommnung der wissenschaftlichen Ausstattung der Universität", in der Weise, 
„dass es in einer Reihe von Jahren keiner neuen laufenden Zuschüsse zu ihrer Unterhaltung 
bedürfte." Dabei hatte sie namentlich die Lehrzweckeu dienenden Sammlungen im Auge, und 
sie verlaugte Auskunft über deren Zustand und die Beschaffenheit der zu ihrer Aufbewahrung 
dienenden Räumlichkeiten, besonders über die Mineraliensammlung, welche die Universität 
unlängst aus Schlesien erhalten hatte, und das zu ihrer angemessenen Aufstellung erforderliche 
Local, wollte auch wissen, was sonst noch an neuen Sammlungen und Anstalten wüuscheus- 
werth erschiene.^) Sie war dabei bereit zu grossen Aufwendungen, sobald ihr nur ein klares, 
allseitig angenommenes Programm vorgelegt würde. 

Gerade das aber hatte seine Schwierigkeiten. Denn wenn auch in Betreff einzelner 
als unentbehrlich oder als besonders wünscheuswerth bezeichneter neuer Institute in den Facul- 
täten und innerhalb der philosophischen in deren verschiedeneu Gruppen Einigkeit herrscht — 
die Theologen z. B. wünschten (19. März 1818) die Errichtung eines Predigeraeminars und 
die Anstellung von Lectoren für das lithauische und polnische Seminar — ^) so machte sich doch 
in Bezug auf die für die Gesammtorganisatiou grundlegenden Fragen auch jetzt grosse Mannig- 
faltigkeit der Meinungen geltend und steigerte sich in einzelnen Punkten bis zu uuausgleich- 
bareu principielleu Gegensätzen. Eine besondere Stellung nahm in dieser Hinsicht Herbart 
ein. Dass er die verschiedenen Professuren der philosophischen Pacultät nach Lehrfächern 
gesondert und benannt, dass er die Facultät für die Vollständigkeit des Unterrichts verant- 

1) Vgl. S. 24. 

2) V. 6. 

3) Acten der theol, Facultät U. 1. I. 



50 

wortlich gemacht, dafür aber im Anschluss au das Berliner Statut ihr das Recht eingeräumt 
sehen wollte, ihre Ergänzung zu verlangen, war gewiss ebenso richtig, wie seine Forderung, 
dass die Doctorwürde nur auf Grund einer schriftlichen Arbeit und mündlichen Prüfung sollte 
erworben werden können. Ob er aber Recht hatte, der alten deutschen Poesie und den histo- 
rischen Hülfswissensehafteu die Bedeutung besonderer Lehrfächer zu bestreiteu, und ob nicht 
vielmehr die von ihm statt derselben geforderte allgemeine Litteraturgeschichte und Eucy- 
klopädie der Wissenschaften') in dieser Hinsicht anzufechten waren, konnte damals schliesslich 
eine oilene Frage bleiben, über die es nicht zu schroffen Conflicten zu kommen brauchte. 
Wenn Herbart dennoch mit der Staiutencommission in solche gerieth und sich schliesslich 
grollend zurückzog, so lag der Änlass dazu auf einem andern Gebiet, wo bei Herbarts prin- 
cipieller Schärfe ein Ausgleich nicht möglich war. Nach allem nämlich, was uns von ihm an 
Aeusserungen zu allgemeinen Fragen des akademischen Lebens und Lernens in den Acten 
begeguet, ist Herbart augenscheinlich kein Freund der gewöhnlich sogenannten akademischen 
Freiheit gewesen, auch der richtig beschränkten nicht, und wenn die Universität nach den 
von ihm verfochtenen Principieu eingerichtet worden wäre, so würde sie bald einem grossen 
Seminar geglichen haben und würden namenilich die Studirenden der philosophischen Di- 
sciplinen mit Repetitorien, praktischen Hebungen und regelmässigen Prüfungen nach Schulart 
für ihren künftigen Beruf eingeübt worden sein. Auch in der Statutencommission scheinen 
sich Herbarts Vorschläge in dieser Richtung bewegt zu haben, die doch das akademische 
Lehren und Lernen, wie es in Deutschland geschichtlich geworden und auf dem Boden des 
Herkommens sachlich allein berechtigt war und allein berechtigt ist, zu Grunde zu richten 
drohten. So stiess Herbart denn auch bei seinen CoUegen auf einstimmigen und entschiedenen 
Widerspruch und erbat und erhielt in Folge dessen von der vorgesetzten Behörde seine Ent- 
lassung aus der Commission. Von den ursprünglichen Mitgliedern derselben war Hüllmann 
in Folge seiner Berufung nach Bonn ausgeschieden, der Mediciner Eisner dui-ch Krankheit 
an der Ausübung seiner Functionen behindert. So traten der Jurist Dirks en und der als 
Nachfolger des Anatomen Kelch von Dorpat berufene Burdach ein, welch letzterer schnell 
eine angesehene und einflussreiche Stellung gewonnen hatte und der Führer der akademischen 
Reformpartei wurde. 

Besonders heftig entbrannte der Kampf zwischen dieser und den Anhängern des 
Alten über die damals zuerst angeregte Frage nach einer Verlegung des üniversitätsgebäudes 
oder eigentlich nach dem Bau eines solchen. Denn nicht bloss seine Entlegenheit, sondern 
auch seine Beschränktheit und namentlich sein baufälliger Zustand Hessen das alte Albertinum 
in mehr als einer Hinsicht als ungenügend erscheinen, während die übliche Benutzung theils 
eio-ener, theils gemietheter Auditorien, die weit aus einander lagen, für Professoren und Stu- 
dirende mancherlei Unbequemlichkeiten mit sich brachte. Gegen den vorgeschlagenen Aus- 
bau des Albertinums aber wurde mit Recht eingewandt, dass der Aufwand zu dem Ergebniss 
in gar keinem Verhältuiss stehen würde. Auch war man darin einig, dass in Bezug auf ihr 
Haus die Albertina schlechter daran sei als irgend eine andere preussische Universität. So 



1) üutachtea vom 30. Mai 1818. 



51 

wurde der Gedanke an einen Neubau nahe gelegt, der freilich nur ausführbar schien, wenn 
die alte historisclie Stätte in dem engen Kneiphof aufgegeben wurde. Und gerade hierüber 
prallten die Meinungen heftigst zusammen. Während Herbart in den Senatsbericht den 
Satz aufgenommen sehen wollte, „die Verlegung des üniversitätsgebäudes an einen andern 
Ort sei eine Sache von absoluter Nothwendigkeit, wenn für die Universität gründlich gesorgt 
werden solle", sprachen sich andere ebenso entschieden dagegen aus, und der ältere Hagen 
wies den Gedanken eines Neubaues am Ende des Steindammes nahe dem Wall mit Entrüstung 
zurück als „nicht vereinbar mit der Ehre der Universität". Die gegen den Neubau geltend 
gemachten finanziellen Bedenken veranlassten von anderer Seite den Vorschlag, die alten 
akademischen Baulichkeiten im Kneiphof, einer Geschäftsgegend, wo Grund und Boden gesucht 
seien, zu verkaufen und so die nöthigen Mittel zu beschaffen. Diesen Gedanken brandmarkten 
die Anhänger des Alten fast wie ein Attentat an dem Heiligsten: seine Vertreter zieh man 
schnöder Pietätlosigkeit. Gegen diesen Standpunkt bemerkte Burda ch mit treffendem Witz, 
20000 Thaler für einen doch nur Flickwerk ergebenden Umbau des Albertinums aufzu- 
wenden, sei verkehrt: „Die wahre Pietät gegen Männer, die Grosses und Herrliches leisteten, 
besteht darin, dass wir ihren Sinn in unserer Zeit, also auch im Grossen und nach den Be- 
dürfnissen unserer Zeit, zu verwirklichen streben und das zufällige Materielle, das von jenen 
Männern auf uns gekommen ist, wegwerfen, sobald es störend eingreift in jenes Streben. Un- 
schädlich ist es, wenn wir die Filzdecke des Kopfes, aus welchem die Kritik der reinen Ver- 
nunft hervorging, aufbewahren. Sclaven des Vorurtheils, glebae ascripti, sind wir, wenn wir 
die Erde und Steine zu verlassen nicht wagen, wo einst Albert seine Stiftung eri'ichtete, un- 
geachtet die Zeit andere Eäume heischt. Ich appellire an Alberts Schatten: er wird selbst 
wollen, dass seine Stiftung mit der Zeit fortschreite. Es wäre wohl eine Verirrung der 
Pietät, wenn wir den zerrissenen Rectormantel mit neuen Lappen ausflicken wollten. Kaiser 
Franz ist gewiss ein redlicher Christ, aber in seinem Reiche ist manches Gebäude heiliger 
Stiftung, Kloster und Kirche, an Privatleute verkauft oder in Kasernen, Magazine oder dergl. 
verwandelt worden."') Doch drang Burdach mit solchen Darlegungen um so weniger durch, 
als die dagegen geltend gemachten Bedenken auch von dem Curator getheilt wurden. Im 
Uebrigen war dieser vortreffliche Mann unermüdlich thätig für das Wohl der Albertina, und 
es kann nicht zweifelhaft sein, dass seine eingehenden und sachkundigen, ebenso einsichtigen 
wie verständnissvollen Berichte der Sache derselben von dem höchsten Nutzen gewesen sind. Mit 
grösster Freigebigkeit sollte das lange Zeit Versäumte jetzt nachgeholt werden durch Vermeh- 
rung der Professuren, Verbesserung der Gehälter, Erweiterung der bestehenden und Anlegung 
neuer Institute. Am 30. Juni benachrichtigte eine Königliche Cabinetsordre die Universität, dass 
zu ihrer „Vervollständigung" ein neuer jährlicher Zuschuss von 12000 Thalern bewilligt sei.^) 
In Aussicht gestellt wurden ferner ca. 12000 Thaler zum Ausbau des Albertinums und 
15000 Thaler für das zu errichtende zoologische Museum (10000 Thaler für den Bau und 5000 
Thaler zur ersten Einrichtung). Ausserdem kam man jetzt unter dem Einfluss der mit der Restau- 



1) V. 6. 

2) Curator.-Act. A. 48. III. 



52 

ration erstarkenden katholikenfreundlichen Richtung zurück auf den schon früher erörterten, auch 
von Eeidenitz berührten') Plan zur Erweiterung der Älbertina durch Hinzufügung einer katholi- 
schen theologischen Facultät, die auch der Curator von Auerswald nachdrücklich befürwortete 
unter Hinweis einmal auf die Nothwendigkeit einer besseren Bildung für den katholischen Clerus 
der ProAänz und dann auf die davon zu erwartende Hebung der Frequenz von Königsberg.^) In dem 
Erlass betreuend die Gewährung eines weiteren jährlichen Zuschusses von 12000 Thalern 
sprach der König zugleich seine Genehmigung dazu aus, „dass eine katholisch-theologische 
Facultät für das Bedürfniss von Preussen, zwar vorerst in Braunsberg errichtet, deren künf- 
tige Vereinigung mit der Universität zu Königsberg aber im Auge behalten und, sobald es 
die Verhältnisse gestatten, zur Ausführung gebracht werde." Diese Absicht musste doch 
einigermassen befremden angesichts des ausgesprochen protestantischen Charakters der Alber- 
tina, die ihr Stifter auf dem Boden der Reformation und zu ihrem Schutze errichtet hatte, 
und im Hinblick auf das schöne Aufwogen des protestantischen Geistes, von dem auch in 
Königsberg die Begehung der dritten Säcularfeier der Reformation im Herbst 1817 begleitet 
gewesen war. Unter den bei dieser Gelegenheit vollzogenen Ehrenpromotionen fand beson- 
deren Beifall die Ertheilung der philosophischen Doctorwürde an den unermüdlichen, hoch- 
verdienten Curator Oberpräsidenten von Auerswald, an den mit Königsberger Menschen 
und Dingen seit zwei Menschenaltern so eng verwachsenen warmherzigen greisen Domänen- 
und Kriegsrath J. G. Scheffner und an den Oberlandesgerichtsrath Friccius, den Frei- 
willigen von 1806 und 1813, den Führer des Köuigsberger Landwehrbataillons. 

So öffnete sich vor der Albertina eine freundliche und im Vergleich mit der ärm- 
lichen Vergangenheit fast glänzende Zukunft, für die man namentlich auch die Hebung der 
tief gesunkenen Frequenz erhoffte. Dass man diese durch Zeitungsartikel befördern zu 
können glaubte und von der Regierung die Anweisung von Mitteln zu einer derartigen Press- 
agitation erbat, erscheint freilich als eine wunderliche Befangenheit, über die man heute zu 
lächein geneigt ist. Aber noch waren alle diese Entwürfe nicht verwirklicht, als über die 
preussischen und deutschen Universitäten jene Katastrophe hereinbrach, die dem eben 
erhofften fröhlichen Gedeihen gleich wieder Halt gebot und eine traurige Aera der Unfreiheit 
und des Verkümmerns heraufführte. 



V. Unter dem Druck der Karlsbader Beschlüsse. 1818—24. 

Es ist bekannt, wie sehr der Fortgang der deutschen Eutwickelung die Hoffnungen 
enttäuschte, die der Befreiungskampf für die nationale Einigung und die politische Ver- 
jüngung des Vaterlandes erweckt hatte; bekannt, wie in den Kreisen der Studirenden, die 
als ernste Männer aus dem Kampf heimgekehrt waren,^) eine nationale Reform des deutschen 



1) S. 5. 

2 Bericht vom IG. Nov. 181ö. Curator. A. 03. 

3) Den segensreichen, veredelnden Binfluss des Krieges auf die Studirenden hebt auch Herbart her- 
For Ziller, Herbartreliquien, S. 207. 



53 

studentlsL-heu Lebens erstrebt wurde, die zur Bildung der ßurscheuschafteu führte; bekannt 
endlich, wie auch da nicht fehlender jugendlicher Uebereifer und unklarer Thatendrang sich 
bei dem studentischen Reformationsfest auf der Wartburg im October 1817 in Demonstrationen 
äusserten, denen anfechtbare Worte wohlmeinender akademischer Lehrer und ein darüber ent- 
brannter heftiger Federkrieg unverdiente Bedeutung verschafl'ten. König Friedrich Wilhelm IIL 
nahm daran schweren Anstoss. Er befahl eine Umfrage bei den preussischen Universitäten 
nach der Theilnahme der Studirenden an dem Wartburgfest: sie ergab, dass von Königsberg 
Niemand dabei gewesen war. Das trug der Albertina am 30. November 1817 ein königliches 
Lob ein wegen des sie erfüllenden „guten" Geistes,') während bereits am 7. December der 
Unterrichtsminister von Altenstein die strenge Weisung erhielt, sofort alle studentischen 
Verbindungen bei Strafe der Relegation zu verbieten. Diejenigen Universitäten, wo „der Geist 
der Zügellosigkeit" nicht zu vertilgen sein würde, erklärte der König, sei er entschlossen aufzu- 
heben. Das Ueble war nur, dass man dem Geiste der Zügellosigkeit bereits in unschuldigen 
patriotischen Bethätigungen der von nationalem Sinn erfüllten Jugend zu begegnen wähnte. 
Und au solchen fehlte es auch in Königsberg nicht. Ihr Schauplatz war die Höhe des 
Galtgarben mit ihrem weiten Ausblick auf die Hügel und Wälder des meerumrauschten 
Samland, wo der enthusiastische alte J. G. Scheffner inmitten von parkartigen Anlagen 
zur Erinnerung an die Grossthaten des Befreiungskrieges unter Anbringung entsprechender 
Inschriften ein weithin sichtbares eisernes Kreuz aufzurichten beschlossen hatte. Den 18. Juni 
1818 hatte die akademische Jugend mit etlichen Professoren „herrlich und froh" bei dem 
einstweilen dort aufgestellten hölzernen Kreuz gefeiert.^) Als am 27. September die Stätte 
feierlich geweiht wurde, hielt der unlängst von Greifswald nach Königsberg berufene Jurist 
Christian Friedrich Mühlenbruch die Festrede.^) Der Zorn der Regierung galt zunächst 
freilich mehr den Professoren, bei denen sie ähnliche Ansichten voraussetzte, wie sie in dem 
Streit um das Wartburgfest Oken, Fries, Luden u. A. geäussert hatten. Ein Erlass vom 
21. August 1818 wies dieselben deshalb darauf hin, dass sie „nicht bloss zu Lehi-ern, sondern 
auch zu Leitern der studirenden Jugend" berufen seien. „Sie vornehmlich," hiess es, ,, werden 
es zu verantworten haben, wenn die durch die grossen Begebenheiten unserer Tage auf- 
gereizte akademische Jugend, die bei aufmerksamer und weiser Leitung im Fortgang der 
Zeit dem anwachsenden Geschlechte Ehre und dem Vaterlande Segen bringen kann, bei 
Mangel solcher Leitung beiden verderblich wird und die Staatsgewalt durch wilden Ausbruch 
nöthigt, sie zu vernichten." Inzwischen constituirte sich im October 1818 in Jena die 
allgemeine deutsche Burschenschaft, eine freie Vereinigung der gesammten deutschen Burschen- 
schaft zu einem Ganzen, „gegründet auf das Verhältniss der deutschen Jugend zur werdenden 
Einheit des deutschen Vaterlandes." Fast gleichzeitig aber tagte der Aachener Congress: 
Dort überreichte der Bojar Stourdza dem als Hort der europäischen Ordnung geltenden 

1) Schweigger in dem Protest gegen den Erlass vom 19. Nov 1819, JB. ß3. Vgl. v. 'I'reilschke, 
Deutsche Geschichte 11, S. 431. 

2) Scheffner, Nachlieferung zu meinem I;eben, S. 43. Hartungsche Zeitung 1818, S. 75. Vgl. 
G. Krause, Das Landwehrkreuz auf dem Rlnauer Berge bei Galtgarben in der Altpr. Monatssohr. Bd. 2G, S. 583 fl'. 

3) Hartungsche Ztg. 1818, Nr. 118 (11. October). 



54 

Czaren seine „Denkschrift über den gegenwärtigen Zustand Deutsclilands", welche die burschen- 
schaftliche Bewegung als revolutionär und auf den Einheitsstaat gerichtet darstellte und 
strenge Maassregeln gegen die Universitäten forderte: „diese gothischen Trümmer", diese 
„Staaten im Staate" sollten ihrer alten Verfassung beraubt, die Studenten einfach als minder- 
jährige Bürger behandelt und zum Einhalten fester Lehrcurse gezwungen werden."^) 

Je mehr König Friedrich Wilhelm III. schon durch das Wartburgfest verstimmt war, 
um so tiefern Eindruck machte diese neue Denunciation, mochten auch seine Minister ganz 
richtig urtheilen, Stourdza rede wie der Blinde von den Farben. Aber auch jetzt noch hielt 
er sich zunächst an die Professoren, die das Uebel verschuldet haben und ihm daher auch 
abhelfen sollten. Am 16. Januar 1819 erging ein Ministerialdecret, welches den Inhalt einer 
königlichen Cabinetsordre dahin wiederholte, „dass Sie (des Königs Majestät) nicht gemeynt seyen 
freye Discussion zu beschränken, aber keinen Lehrer auf den preussischeu Universitäten dulden 
könnten, der solche Grundsätze aufstellte" und „solche unschickliche und unnütze Dinge 
vortragen würde, wie eine neulich erschienene politische Schrift eines öffentlichen Lehrers 
— gemeint ist Oken — enthielte, die besonders einem Lehrer der Jugend übel anstehen 
und auf diese nachtheilig wirken" — und ferner, „dass Se. Majestät ihm (dem Minister von 
Altenstein) zur Pflicht gemacht habe, darüber zu wachen, dass solche Aeusserungen künftig 
abseiten auf preussischen LTniversitäten angestellter Lehrer nicht weiter stattfinden;" andern- 
falls habe er dem König sofort Anzeige zu macheu. Im Anschluss daran wurden die Professoren 
belehrt, „dass sie die Absicht Sr. Majestät und die Würde ihres Berufs und des ihnen 
anvertrauten Lehramts dadurch am sichersten behaupten, dass sie den nichtigen Schriftstellern 
des Tages sich nicht gleich stellen, sondern durch streng gelehrte Forschungen und wissen- 
schaftlichen mündlichen und schriftlichen Vortrag tiefe Einsicht und ernste Gesinnung darthun 
und verbreiten, die Wissenschaft wahrhaft fördern und ihre Zuhörer in gründliches Studium 
der Philosophie, der Geschichte, der Rechte und aller die Politik begründenden Wissenschaften 
fühi-en, dadurch aber durch Lehre und Beispiel zu Männern bilden, die, entfernt von der 
aus seichtem Wissen entstehenden Anmassung, als gereifte Eathgeber an der Verwaltung des 
Staates Antheil zu erlangen verdienen, die Entwicklung ihrer Zeit zu erkennen und in die 
Leitung derselben weise einzugreifen vermögen."^) 

Viel Schlimmeres aber, als man damals irgend befürchten mochte, brach bald danach 
über die Universitäten herein. Am 23. März 1819 wurde August von Kotzebue zu Mannheim 
von dem Burschenschafter Karl Sand ermordet. Wie wir heute die- Genesis dieser blutigen 
That übersehen, wird Niemand das Recht und die Pflicht der Regierung anzweifeln, gegen die 
Quelle solcher Verirrungen einzuschreiten : aber weder was dazu geschah, noch wie es geschah, 
wird dadurch gerechtfertigt. Auch über die Albertina kam die Heimsuchung, welche demnächst 
die ganze Zukunft der deutschen Universitäten in Frage stellen sollte. 

Die That Sands machte gerade in Königsberg besondern Bindruck. War ihr Opfer 
doch dort wohlbekannt und hatte von früher her manche persönliche Verbindung, freilich 
ohne sich, wie es scheint, besonderer Achtung zu erfreuen. Schon 1806/7 hatte Kotzebue 

1) V. Treitschke II, S. 485. 

2) Curat. S. 58. 



55 

längere Zeit iu Königsberg zugebracht, mit arcbivalischeu Studien für seine Ge'scbichte 
Preussens beschäftigt, bei denen ihm der trotz seiner Blindheit unermüdlich betriebsame 
und unternehmungslustige Ludwig von Baczko (geboren 1756 zu Lyck als Sohn eines in 
preussische Dienste getretenen österreichischen Ofticiers katholischen Bekenntnisses und un- 
garischer Abkunft, zum Juristen bestimmt, aber seit 1777 völlig erblindet und dadurch zu 
allerhand, namentlich litterarischem Erwerbe genöthigt) zur Hand gegangen sein will,') dann 
1809/10^) zu gleichem Zweck, hatte aber in den litterarischen Kreis, der sich unter dem 
Namen des „Blumenkranzes des Baltischen Meeres" unter Theilnahme des Philologen Erfurdt 
und Ellendts, zeitweise auch Delbrücks, um Max von Schenkendorf gebildet hatte, keine 
Aufnahme gefunden. Die akademische Jugend war ihm schon damals feind, und als er einst 
auf der Durchreise Abends das Theater besuchte, wo man seinen „Carolus Magnus" gab, 
schlugen die Studenten mit Knütteln an seine Loge, zwangen ihn das Haus zu verlassen und 
pfiffen das Stück aus.^) Das ging nun freilich nicht mehr an, als er Ende des Jahres 1813 
als russischer Generalconsul für die preussischen Häfen nach Königsberg zurückkehrte, ob- 
gleich die Eolle, die er, von dem kleinen Angely als seinem nie fehlenden Adlatus unter- 
stützt, aus eigener Machtvollkommenheit als Theatertyrann und gefürchteter Kunstkritiker, 
nicht minder aber auch als unerschöpflich fruchtbarer Verfasser von Komödien und Operu- 
texten, von Prologen und Theaterreden und endlich als freundlicher Beschützer leichtlebiger 
Theaterschönheiten spielte, nicht gerade geeignet war, ihm grössere Achtung zu ge- 
winnen.*) Doch fehlte es ihm auch in akademischen Kreisen nicht an Verkehr. Zu Burdach 
z. B. unterhielt er freundschaftliche Beziehungen; auch war er Mitglied der Deutschen Ge- 
sellschaft. Am 1. Juli 1815 wurde ihm von der philosophischen Pacultät „ob praeclara cum 
in rem litterariam tum praecipue in antiquam Prussiae historiam merita" Ehren halber die 
Doctorwürde verliehen. Begreiflich genug also, dass die Kunde von Kotzebues blutigem 
Ende, das doch zu dem, was er Deutschland gegenüber etwa verschuldet hatte, in keinem 
Verhältniss stand,'') in Königsberg besonders tiefen Eindruck machte und einen lebhaften 
Meinungsaustausch veranlasste. Wie man urtheilte, lässt des alten J. G. Scheffner Tagebuch 
erkennen. „Um Herrn von Kotzebue," so äusserte sich dieser damals,^) „ist es nicht schade, 
und Gottlob, dass er nicht aufleben kann, weil er in letzterm Fall sich seines wohl nicht er- 
warteten Martyrthums freuen und dann seine Rabenfeder noch mehr gegen Pressfreiheit, Volks- 
repräsentation, Magnetismus, Universitätswesen u. b. w. schärfen würde, indem er nicht so- 
wohl der Sache wegen als aus einem Drange hässlicher Persönlichkeit hasst." Und in klarer 
Einsicht in die Verhältnisse fährt Scheffner fort: „Einen Nutzen dieser Ermordung sehe ich 
nicht ab, wohl aber manche schlimme Folge . . . wird es doch nicht an Endorschen Be- 
schwörern fehlen, die seinen Geist vor die Augen schwachseliger Säule zaubern und diese 



1) V. Baczko, Aus meinem Leben II, S 112. 

2j Scheffner, Mein Leben, S. 224/25. 

3) Lewald, Ein Menschenleben (Leipzig. 1844) I, C>. 295. 

4) Ebendas. 

5) Vgl. V. Treitschke II, S. 433-35. 

(!) Scheffner, Nachlieferung zu meinem Leben, S. 77. 



56 

werden glauben machen, Sauls Geist sei ausgegossen über alle Studenten von dem Wart- 
burgschen Verbrennen der Kamptzscben Schriften . . . Und können aus solcher Furcht 
nicht grosse Uebel für Deutschlands Hochschulen entstehen und letztere zu britischen Schul- 
zwingern herabsetzen?" In studentischen Kreisen urtheilte man gewiss noch schärfer: dafür 
hatte die Art gesorgt, wie Luden den Ermordeten als einen Feind alles deutschen Wesens an 
den Pranger gestellt hatte. Namentlich die Burschenschaft, die seit Jahresfrist auch in 
Königsberg festen Fuss gefiisst hatte und die tüchtigsten Elemente der Studentenschaft, u. A. 
die von Dönholf, von Auerswald u. a. enthielt, empfand es wie eine Herausforderung, dass 
man im Theater am 2. Mai für Kotzebue eine Todtenfeier veranstaltete. Das in solchen 
Fällen ehemals Gewöhnliche geschah denn auch diesmal: zwar „nicht durch einen eigentlichen 
Tumult", sondern „durch laute Aeusserungen seines Missfallens", so sagt der amtliche Bericht 
des Polizeipräsidenten, „veranlasste das Publicum die Polizeibehörde, die Einstellung der 
Todtenfeier zu verfügen, um einer Ruhestörung vorzubeugen, worauf der übrige Theil der 
theatralischen Darstellung ungestört seinen Gang nahm." Uebrigens nahmen, wie ausdrücklich 
bezeugt wird, nicht bloss Studenten, sondern auch andere Zuschauer Theil ,,an den lauten 
Aeusserungen des Missfallens, welchen jede directe Beziehung auf Herrn von Kotzebue fehlte 
und die ebenso gut auf den Dichter der Todtenfeier als auf das sie darstellende Personal be- 
zogen werden konnten."*) An sich nach alledem höchst harmlos, entbehrte dieser kleine 
Theaterscandal sicherlich jedes politischen Charakters und richtete sich in keiner Weise gegen 
die Regierung. Eine derartige Tendenz war auch der Burschenschaft als solcher fremd: in 
der Königsberger finden wir keine Spur von den sonst in einzelnen Kreisen derselben vor- 
gekommenen Verirruugen, und Carl Ernst von Baer,-) der jene Zeiten als ein aufmerk- 
samer Beobachter mit der Albertina durchlebte, hat gewiss Recht mit der Bemerkung: „Das 
Streben nach vorwärts war in dieser Zeit auch nicht ein Streben gegen die Regierung. Als 
daher die Verfolgung der demagogischen Umtriebe ausbrach, glaubte kein Mensch in 
Königsberg, dass sie eine reelle Veranlassung hätte, und hier wenigstens wurde erst die Vor- 
stellung von seditiösen Bestrebungen hierdurch verbreitet." 

Das alsbald entwickelte System polizeilicher Präventiv- und Aufsichtsmaassregeln 
konnte allerdings nur erbitternd wirken. Dass der Besuch Jenas den preussischen Staats- 
angehörigen verboten (28. April) und der Senat angewiesen wurde, auf die von dorther 
kommenden Studirenden ein wachsames Auge zu haben, war begreiflich. Aber bereits am 
4. Mai 1819 erging ein Ministerialerlass, der dem Senat aufgab, allmonatlich über alles das- 
jenige Bericht zu erstatten, was in disciplinarischer Hinsicht Merkwürdiges auf der Universität 
vorgefallen ist, oder sofern erhebliche Excesse vorfallen, davon augenblicklich Anzeige zu 
machen.^) Ein Disciplinarfall nun, der, ganz unabhängig von diesen Vorgängen, eben damals 
in Königsberg schwebte, wurde unter dem Einfiuss dieser Strömung der Ausgangspunkt für eine 
umständliche und weitverzweigte Untersuchung, mit der die Maassregelung der Burschenschaft 
und die Verfolgung der ihr schuldgegebenen demagogischen Umtriebe auch auf der Al- 

1) Bericht des Prorectors Dirksen D. 19. 

2) C. B. von Baer, Leben, S. 337/38. 

3) D. 19 I, 



57 

bertina ihren Einzug hielten. Die Einzelnheiten des Vorganges sind ebenso unerfreulich wie 
charakteristisch, denn sie ofl'enbaren, was für unsaubere Mächte sich damals um des eigenen 
Vortheils willen in den Dienst der Reaction stellten, und von was für Leuten in Folge dessen 
das Schicksal des begabtesten Jünglings gelegentlich abhängen konnte. Wenn es dennoch 
hier nicht zu solchen Conflicten kam wie anderwärts, so war das zum guten Theil das Ver- 
dienst der ebenso maassvollen und umsichtigen wie energischen und würdigen Haltung des 
Senats zwischen den um geringer Verirrung willen auf das Aergste verdächtigten Studi- 
renden und dem gefährlichen Uebereifer der Behörden. 

Das unerlaubte nächtliche Ausbleiben eines der Alumnen des Albertinums Hess dessen 
Inspector Johannes Voigt bei der dieserhalb angestellten Nachfrage die Verbindung des 
Schuldigen mit einer als „Madame Eggert" bezeichneten Frau von leichter Sitte in Erfahrung 
bringen; weiter ergab sich das Bestehen eines Verhältnisses zwischen derselben übel be- 
rufenen Person, die nebenher auch als „Kartenlegerin und Wahrsagerin" ihr Wesen 
trieb, und einem älteren Studirenden der Medicin, Namens Dieffenbach, keinem Andern 
als dem nachmals als Arzt und Chirurg gefeierten Johann Friedrich Dieffenbach 
(geb. am 1. Februar 1794 zu Königsberg als Sohn eines Lehrers am Friedrichscolleg), 
der nach dem frühen Tode des Vaters seine Jugend in Rostock, der Heimath der 
Mutter, verlebt, seit 1812 dort und in Greifswald Theologie studirt, dann als Freiwilliger bei 
den reitenden Jägern die Befreiungskriege mitgemacht und nach der Heimkehr 1816 in seiner 
Vaterstadt Medicin zu studiren begonnen hatte, bald von seinen Lehrern wegen seines Fleisses 
und Talents bemerkt und durch die Gewinnung eines Accessit bei den akademischen Preis- 
aufgaben besonders empfohlen. Natürlich vei'suchte Voigt den Jüngling zur Lösung dieses 
anstössigen Verhältnisses zu bestimmen, das für ihn um so verhängnissvoller zu werden drohte, 
als „Madame Eggert" trotz ihres notorisch lüderlichen Lebenswandels ihn als Vater eines 
Kindes in Anspruch nahm. In rührseligen, von geheuchelter Leidenschaft erfüllten Briefen 
beschwor die Eggert Voigt, nicht ihr Lebensglück zu vei-nichten, spielte die Tugendhafte, die 
von dem Geliebten ihres Herzens nicht lassen könnte, berief sich darauf, dass sie der Diener- 
schaft der Königin Luise angehört habe, einige Jahre im Gefolge von deren schönen leicht- 
lebigen Schwester Friederike gewesen sei, die in erster Ehe mit dem Prinzen Ludwig von 
Preussen und in zweiter mit dem Fürsten von Solms-Braunfels verheirathet gewesen und dann 
dem Herzog von Cumberland, nachmaligen König Ernst August von Hannover, die Hand 
reichte. Auf Voigts Anzeige hin leitete der Senat gegen Dieffenbach ein Disciplinarverfahreu 
wegen ünsittHchkeit und Unfleisses ein, das zunächst zur Einziehung der ihm bisher zu- 
fliessenden Beneficien führte. Im Verlaufe desselben Hess die Eggert, die sich nach dem 
Zeugniss des Senats als eine „höchst listige und boshafte Person" enthüllte und „gänzHche 
Entäusserung aller weiblichen Scham" offenbarte, verlauten, sie habe durch Dieffenbach 
Kenntniss von dem Bestehen einer Burschenschaft in Königsbei-g, von deren Verbindung mit 
anderen Burschenschaften und den von ihr geplanten verbrecherischen Unternehmungen. Des 
Weiteren theilte sie mit, Dieffenbach und der Studirende der Rechte Lucas, der inzwischen 
als Auscultator an das Oberlandesgericht zu Marienwerder gekommen war, hätten im Frühjahr 
1818 in Jena an der Constituirung der allgemeinen deutschen Burschenschaft theilgenommen, 

8 



58 

also auch an der angeblich dort erfolgten Lossagung der Burschenschaft von der bürgerlichen 
Obrigkeit und den dort geschmiedeten verrätherischen Anschlägen gegen das Leben des 
Kaisers von Russland und seiner Vertreter in Deutschland, und hätten dann heimgekehrt in 
Königsberg auf Grund der in Jena vereinbarten 19 Artikel eine Burschenschaft gegründet 
unter Dieffenbach als Senior: die Constitution derselben habe sie für Dieffenbach mehrfach 
abgeschrieben; auch sei in der ihr zu Gesicht gekommenen Correspondenz Sand erwähnt 
gewesen. Ja, die Person wollte den damals durch Königsberg reisenden Kaiser von Russ- 
land in einem anonymen Briefe vor der ihm drohenden Gefahr gewarnt haben. 

Was von Unbefangenen gleich anfangs vermuthet worden War, dass es sich um einen 
niedrigen Racheact handelte, bei dem eine höchst geriebene Person ihr zufällig bekannt ge- 
wordene verfängliche Thatsachen mit damals umlaufenden abenteuerlichen Gerüchten verwegen 
zu einem auf das Verderben ihres Opfers berechneten Lügengewebe verknüpfte, bestätigte 
vollauf die von dem Senate angestellte Untersuchung. Unter Ausscheidung der von der Eggert 
sonst noch gegen Dieffenbach erhobenen schweren Anklagen — wegen mehrfacher Schwänge- 
rung und Verbrechens gegen das keimende Leben, die man dem zuständigen Gerichte 
überwies, indem man gleichzeitig die Einleitung des Verfahrens gegen die Denunciantin be- 
antragte, — stellte der Senat auf Grund eingehender Verhöre aller Betheiligten und Kennt- 
nissnahme von den betreffenden Papieren fest, dass auf der Albertina allerdings eine Burschen- 
schaft bestehe, dass Versammlungen gehalten und mit auswärtigen Burschenschaften correspon- 
dirt wai", dass eine Burschenkasse existire und die Versammlung eine Art von Gerichtsbarkeit 
über die Streitigkeiten der Studirenden geübt habe, dass aber sträfliche Zwecke und geheime 
Abzeichen sich den Theilnehmern an der Verbindung nicht nachweisen Hessen.') Auch dass 
Dieffenbach und Lucas nach Jena geschickt und die Stifter der Burschenschaft waren, wurde 
nicht in Abrede gestellt. AU' das wai", wie der Senat in seinem Bericht an den Curator 
von Auerswald zugab, ohne Frage unerlaubt, aber erklärlich und entschuldbar aus „der Auf- 
regung der Gemüther durch die seit sechs Jahren stattgehabten politischen Ereignisse". 
„Damals versuchte man," bemerkte der von dem Prorector Dirksen verfasste Bericht treffend, 
„von allen Seiten auf die Studirenden zu wirken und auch sie von der Idee zu durchdringen, 
dass alle Deutschen als ein einziges Volk sich betrachten müssen, wovon der Plan der Stu- 
direnden zu einer allgemeinen Verbindung unter sich, welche der Spaltung in Orden und 
Landsmannschaften entgegenvvii-ken sollte, eine natürliche Folge war. Hat nun die Burschen- 
schaft ihren Ursprung einer Idee zu verdanken, deren Verbreitung Deutschland seine Errettung 
schuldig ist, rührt ihre erste Einrichtung von solchen Individuen her, welche an der Befreiung 
Deutschlands rühmlichen Antheil genommen haben, und zählt sie unter üu-en Vorstehern, was 
hier bis jetzt notorisch der Fall war, Jünglinge, welche durch Fleiss, Talente und Sitten sich 
vor allen Anderen rühmlich auszeichnen, so hat sie an sich schon gerechte Ansprüche auf 
schonende Behandlung." Eine Störung der Ruhe Deutschlands durch die Burschenschaft 
erklärt der Senat für ausgeschlossen: woher sollte sie wohl die Mittel dazu nehmen? Höchstens 
sei zu fürchten, dass sie einem oder dem andern Studirenden -ein Vehikel des Unfleisses" 



1) Senat an den Curator den 24. Juni 1819, Curator. Commias. 18. 



59 

würde. Ueberhaupt sei an der hier und da zu Tage tretenden Verwirrung nur die verkehrte 
Behandlung Schuld, welche die Sache in den Zeitungen erfahren habe: dadurch erst sei den 
Studenten ein „nie geahntes Gefühl der Wichtigkeit" eingeflösst und der Burschenschaft eine 
ihr gar nicht zukommende Anziehungskraft verliehen. Von diesen durchaus treffenden Er- 
wägungen aus empfahl der Senat dem Curator, die Burschenschaft „als eine gleichgiltige und 
rechtlich nicht existirende Sache äusserlich zu behandeln" und damit folgende Maassregeln zu 
verbinden: das Verbot jeder Verbindung mit auswärtigen Burschenschaften und jeder Art 
von angemasster Gerichtsbarkeit über die übrigen Studirenden; Verantwortlichkeit der Vor- 
steher für jede Unordnung oder Ausschreitung; strenge Controle der mit Beneficien aus- 
gestatteten Burschenschafter rücksichtlich ihres Pleisses. Nur mit dem letzten Theile dieser 
Vorschläge war der Curator nicht einverstanden, da er mittelbar eine Anerkennung der 
Burschenschaft enthielte: er empfahl, die Entscheidung des Ministeriums einzuholen (9. Juli). 

Demgemäss wurde verfahren. Obgleich er dabei blieb, dass die von ihm eingesehenen 
Papiere nichts Compromittirendes enthielten und insbesondere das vorgelegte Protokoll der 
Jenenser Verhandlungen jeden Schein einer politischen Tendenz der Burschenvereine zerstörte, 
meinte der Senat nun doch, „er dürfe sich nicht getrauen, in dieser Sache irgend ein Urtheil 
abzufassen oder irgend eine weitere Maassregel zu ergreifen, da dieselbe so sehr in die Staats- 
verhältnisse eingreife, und gebe daher mit Einreichung der Acten die weitere Verfügung den 
hohen und höchsten Behörden anheim."^) Jn Berlin dachte man nun aber ganz anders als der 
milde und vorurtheilelose von Auerswald. Strengste Untersuchung wurde angeordnet, und 
an den Curator erging die Mahnung, „durch Wachsamkeit über das Benehmen der Professoren 
und Studenten in aller Hinsicht Nachtheil von der seiner Obsorge anvertrauten Anstalt ab- 
zuwenden." 

Damit trat die Sache auch für Königsberg in ein neues Stadium. Die Polizei nahm 
sich ihrer an: Beschlagnahme der Briefe und Papiere der verdächtigen Studirenden unter 
Erbrechung ihrer Schränke und Koffer, Beaufsichtigung und Abfangen ihrer Correspondenz 
und ähnliche Maassregeln sollten die Beweise für die hochverrätberischen Umtriebe der 
Königsberger Burschenschaft erbringen. Die Untersuchung zog immer weitere Kreise. Selbst 
akademische Lehrer wurden in sie verstrickt. Unter den Papieren des Auscultators Lucas 
(geb. 1796 zu Petrikau, 1815 mit im Felde), die in Mai-ienwerder mit Beschlag belegt wur- 
den, fand sich ein Brief des gleichfalls der Burschenschaft angehörigen Studiosus Eduard 
Friedrich Heinel,^) worin dieser dem Freunde von einem Besuche bei Johannes Voigt und 
von dessen erster Vorlesung über preussische Geschichte berichtete. Der Vorgang ist zu 
charakteristisch für die ganze Zeit, um nicht erwähnt zu werden. Am 19. März 1819 hatte 
Heinel an Lucas geschrieben: „Dienstag war ich bei Voigt, ihm meinen Gruss von Gabler 
und Dir zu bringen und mich zugleich zu seinem Collegium zu melden. Er war äusserst 
freundlich, erkundigte sich viel nach Dir, lässt Dich um Verzeihung bitten, dass er Dir noch 
nicht geschrieben. Darauf kam er von selbst auf Sand und konnte nicht müde werden, dessen 
That zu loben. Wie er sie lobte, Dir zu schreiben würde zu viel Zeit fortnehmen. Er schloss 

1) D. 20. T. 

2) Altpreuss. Monatsschrift II. S. 354-72. 



60 

damit: „Gottlob, es giebt doch hier noch Burschea; hätte ich nur von der Sache (im Theater)') 
gewusst, und wenn es mich 10 Thaler gekostet hätte, so wäre ich dagewesen u. s. w. Am 
Donnerstag begann er vor einer sehr zahlreichen Versammlung seine Preussische Geschichte. 
Er hielt eine Rede zur Einleitung in Bezug auf Sand und Kotzebue, die uns Alle begeisterte." 
Wer das liest, wird dem von solchen Extravaganzen sein Leben lang weit entfernten Johannes 
Voigt das Bedenklichste zutrauen. Die von dem Ministerium angeordnete Untersuchung ergab, 
dass die durch die Maassregelu der Regierung gleichsam überreizten Studirenden gelegentlich 
die einfachsten sachlichen Darlegungen mit der für sie Alle augenblicklich im Centrum 
des Interesses stehenden Angelegenheit in Verbindung brachten und dadurch sich selbst und 
Andere noch mehr aufregten und irre leiteten. Auf Grund der Vernehmung der in jener 
Vorlesung anwesenden Studirenden und der Aussagen Voigts selbst, der obenein das Concept 
der incriminirten Rede einreichte, berichtete der Curator (6. September). Voigt sei „nicht im 
mindesten gravirt": „an Sand ist gar nicht gedacht, seine Tliat nirgends gelobt, und was 
über Kotzebue angedeutet wird, bezieht sich nur auf dessen schriftstellerische Arbeiten." 
Was Heinel an Lucas geschrieben, beruhe demnach ,, entweder auf dessen Missverstand oder 
einem durch die Rede nicht erweckten, sondern dahin hinübergetragenen Anreihen fremd- 
artiger Geg-enstände." Voigt hatte nämlich, wie auch früher schon an einer anderen Stelle 
im Druck, Kotzebues preussische Geschichte gründlich recensirt und ihre wissenschaftliche 
Werthlosigkeit an den Pranger gestellt.^) 

Damit aber war doch nur wenig gewonnen. Am 2. September verfügte das Ministerium 
die unverzügliche Auflösung der Königsberger Burschenschaft und wies den Senat an, „deren 
Vorsteher und Mitglieder zur Verantwortung zu ziehen und, wie solches geschehen, schleunigst 
zu berichten." Am 11. September erfolgte die Bekanntmachung am schwarzen Brett; das 
Gleiche geschah mit dem Verbot der Theilnahme an einem für den October nach Berlin aus- 
geschriebenen Burschenschaftstage unter Androhung schwerer Strafe. Was an weiteren Maass- 
nahmen gegen die Universitäten im Werke war, scheint dem preussischen Unterrichtsministerium 
selbst damals noch nicht bekannt, wohl aber bereits der Gegenstand seiner ernsten Sorge 
gewesen zu sein. Denn es erklärte am Schlüsse des betreffenden Erlasses, „dass nur ein in 
aller Hinsicht gesetzmässiges und vorsichtiges Verfahren der akademischen Behörden und 
Lehrer und die Handhabung einer ernsten Disciplin über die Studirenden grosses Unheil für 
die Universitäten zu verhüten im Stande sein werde." 

Es geschah wohl im Hinblick auf diese auch von ihm getheilte Befürchtung, dass 
der wohlwollende Curator der Albertina gleichzeitig an die persönliche Einwirkung der aka- 
demischen Lehrer auf die Studirenden appellirte, um letztere durch den ernsten Hinweis auf 
die den Hochschulen überhaupt drohenden Gefahren zu williger Fügsamkeit zu bestimmen. 
Handelte es sich dabei doch wesentlich um die Vermeidung von Aeusserlichkeiten, die, bisher 
unangefochten, nun plötzlich anstössig waren, wie die altdeutsche Tracht u. a. m. Ob auch 
das Bild des Stifters der Königsberger Universität, der Albertus, dahin zu rechnen sei, blieb 
zunächst unentschieden. Mit der Burschenschaft hatte er ursprünglich nichts zu thun, viel- 

1) Vgl. oben S. 5<i. 

2) Curat. Commiss. 18. Univ. D. 20. 



61 

mehr hatte der Wunsch, dic^ zwischen ihnen bestehende Gemeinschaft auch äusserlich kennt- 
lich zu machen, die Studireudeu nach den Befreiungskriegen zur Annahme entsprechender 
Abzeichen geführt. Als solches dienten erst zwei Litzen in Form eines Eichenblattes, dann 
hatten Ostern 1817 etwa 60 Studirende das in Metall ausgeprägte Bild Herzog Albrechts, 
wie es damals auf den Lectionskatalogen dargestellt wurde, angenommen. Wohl aber hatte 
sich ein Kreis von Studirenden, welche der Burschenschaft angehörten, das Recht angemasst, 
den Anderen schriftlich die Brlaubniss zur Anlegung und zum Tragen des Albertus zu er- 
theilen und denen, welche sie nicht nachgesucht hatten, das Abzeichen abzunehmen.') Des- 
halb wurde schliesslich auch das Tragen des Albertus bei Strafe des Verlustes der Bene- 
ficien verboten.^) Andererseits erschien dem Uebereifer einzelner Professoren die vom 
Curator gewünschte unvermerkte persönliche Einwirkung der akademischen Lehrer auf die 
Studirenden als nicht genügend. Der Erlass vom 2. September, so wünschte man, sollte in 
den Collegien vom Catheder herab mitgetheilt und eingehend erläutert werden unter ein- 
dringlicher Vermahnung zu gewissenhaftester Nachachtung. Besonders Herbart wollte das: 
„Das einzig Wirksame in dem gegenwärtigen Falle," so meinte er, „ist, dass man den Stu- 
denten die Gefahr zeige, worin die Universitäten schweben. Die ernste Sprache des hohen 
J\Iinisteriums am Ende des Rescripts, die wir uns nicht erlauben dürfen leicht zu nehmen, 
diese muss zu den Studenten durchdringen." 

Nun ergab aber die vom Senat angestellte neue Untersuchung gegen die Burschen- 
schaft nichts Compromittirendes. Von einer Bestrafung der Vorsteher und Mitglieder, so erklärte 
der von dem Prorector Dirksen verfasste Bericht des Senats an den Curator vom 30. Sep- 
tember,^) könne demnach nicht die Rede sein, zumal zu der Burschenschaft die meisten und 
befähigtesten Studirenden gehörten und namentlich die Vorsteher fast durchweg Leute von her- 
vorragenden Gaben und untadelhaftem Wandel seien; es werde daher genügen, dass die Be- 
treffenden sich schriftlich verpflichteten, in Zukunft keiner Verbindung mehr beizutreten. 
Selbst diejenigen Senatoren, welche, wie Herbart, die Burschenschaft für den von ihnen be- 
merkten Unfleiss verantwortlich machten, mussten anerkennen, nach den vorgelegten Docu- 
menten sei der Zweck der aufgelösten Verbindung ein lobenswerther gewesen, und auch die 
von ihr erstrebte Beseitigung der Orden und Landsmannschaften sei zu wünschen. Nur 
Reidenitz glaubte ernstlich an das Vorhandensein einer geheimen Verbindung, deren Abzeichen 
der Albertus sein sollte, und wollte, voll Sorge für den Ruf der Universität, zur Auskundung 
derselben die Polizei zu Hilfe rufen. Das jedoch lehnte des abwesenden Prorectors Schweigger 
Vertreter Dirksen mit grösster Entschiedenheit ab: ,,Von einer geheimen Verbindung," so 
schrieb er den 13. November 1819, „unter den Studirenden sind keine Zeichen vorhanden. 
Commercirt ist und Studentenzeichen hat es gegeben, so lange die Universitäten existiren. 
Die akademische Behörde ist keine Inquisition, und wir wollen nicht auf den ehrenvollen 
Titel Verzicht leisten, die Väter der studirenden Jugend zu heissen, indem wir das in uns 
gesetzte Vertrauen des besseren Theils derselben zerstören. Ich muss deshalb als Stellver- 



1) Acten des Universiläts-Gerichts. 

2) B. 63. 16. November und 4. December 1819. 

3) D. 20. Curat. Commiss. 18. I. 



treter des Herrn Prorectors gegen eine solche Anzeige protestiren und nelime die daraus 
entstehenden Folgen auf mich. Was im Publicum für Gerüchte über Verbindungen unter 
Studirenden existiren, kann uns nicht zur Richtschnur dienen, und wenn man in Berlin in- 
quirirt und exequirt, so kann uns dies nicht veranlassen nach dem blossen Schein zu richten. 
Der Euf der Universität kann nur dann in Gefahr kommen, wenn dieselbe ohne hinreichenden 
Grund das Gerücht einer Conspiration verbreitet dn. wo nur unbesonnene Streiche Einzelner 
eine Rüge verdienen."*) 

Aber selbst die schlimmsten Befürchtungen, welche man für die Zukunft der Univer- 
sitäten irgend hatte hegen können, wurden weit übertroffen durch das, was gleich danach 
geschah. Schon hatten die Karlsbader Conferenzen die Ketten geschmiedet, in die mit Pro- 
fessoren und Studirenden zugleich das wissenschaftliche und das geistige Leben der Nation 
geschlagen werden sollten, und ein dies ater in der deutschen Geschichte wurde jener 20. Sep- 
tember 1819, an dem unter augenfälliger Verletzung der für die Verhandlungen des Bundes- 
tages maassgebenden Bestimmungen das in Karlsbad Verabredete in Frankfurt angenommen 
wurde. Am 18. November 1819 erging die darauf beruhende ..Instruction für die ausser- 
ordentlichen Regieningsbevollmächtigteu" zugleich luit dem „Reglement für die künftige Ver- 
waltung der akademischen Disciplin und Polizeigewalt bei den Universitäten", und beide 
wurden alsbald auch auf die nicht zum Gebiete des Deutschen Bundes gehörige Provinz 
Preussen und auf die Universität Königsberg ausgedehnt. Ebenfalls am 18. November wurde 
der Oberpräsident von Auerswald seines Amtes als Curator unter Bezeugung der König- 
lichen Zufriedenheit ,,über die bisherige Führung dieser Parthie" enthoben und der Regie- 
rungschefpräsident Baumann zum ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten bei der 
Albertina ernannt. Am 24. November verabschiedete sich von Auerswald von dem Senate 
mit Worten des Dankes für das Vertrauen, das man ihm. bewiesen, und für die Bereitwillig- 
keit, mit der man seinen Wünschen entgegengekommen. In herzlicher Weise dankte der 
Senat am 30. November dem Scheidenden für die segensreiche Thätigkeit, die er „als 
kräftiger Vermittler des Gesammtinteresses aller, denen das Gedeihen wissenschaftlicher Bil- 
dung am Herzen liegt", für die Albertina entfaltet hatte, indem er zugleich die Hoffnung 
aussprach, er werde gemäss einem selbst in der königlichen Cabinetsordre über seine Ent- 
lassung ausgesprochenen Wunsch, „bei der neuen Verwaltung der Curatorialangelegenheiten 
durch heilsame Rathschläge dem Wohl der Hochschule förderlich werden."^) 

Die Stellung des neuernannten ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten, der 
berufen war, „die Ordnung zu überwachen, den Geist der Lehrer zu beobachten" und ihm 
,,eine heilsame Richtung zu geben",^) konnte nur eine schwierige und peinliche sein. Ent- 
hielt doch das Princip, das er vertreten sollte, um mit Heinrich von Treitschke zu reden, 
..eine rohe Beleidigung der deutschen Universitäten",*) welche diesen energische Abwehr zur 
Pflicht machte. So dachte und handelte man denn auch in Königsberg. „Hätte ich," so 



1) üniv. Gerichts-Act. 

2) B. 63. 

3) V. Treitschke II, S. 561. 

4) Ebendas. 



schrieb damals der ehrliche J. G. Scheffner in sein Tagebuch,') „wie mancher russische 
Fürst Millionen wegzuschenken, ich würde die Professoren in Jena, Heidelberg, Bonn u. s. w. 
über ihre Einnahmen entschädigen, um sie zu plötzlicher allgemeiner Niederlegung ihrer 
Lehrämter zu bewegen — es sollte doch wohl wirken, denn HohenschuUehrer in solcher 
Quantität lassen sich gewiss schwerer ersetzen als ein übermässig" hochbezahlter Minister." 

Wohl war namentlich der Cultusminister von Altenstein redlich bemüht, bei Aus- 
führung der Karlsbader Beschlüsse die preussischen Universitäten vor Schädigung ihres 
Wesens möglichst zu bewahren. Auf der abschüssigen Bahn, die man betrat, war ein Halt 
um so schwieriger, als bei König Friedrich Wilhelm IH. pei"Sönlich tiefe Verstimmung und 
ernstes Misstrauen gegen die Universitäten Platz gegriffen hatten. Sie galt es zunächst zu 
beschwichtigen. Daher forderte v. Altensteiu bei Mittheilung der Ernennung des Präsidenten 
Baumann zum ausserordentlichen Eegierungsbevollmächtigten die Universität auf, „sich dieser 
Maassregel mit Vertrauen hinzugeben und von ihrer Seite alles aufzubieten, damit der Zweck 
leicht, vollständig und sicher erreicht werde." ,,Es muss," sagte er, „der Universität selbst 
daran gelegen sein, alles von ihr entfernt zu halten und aus ihrer Mitte zu entfernen, was 
mit ihrem Wesen der Beförderung wahrer Wissenschaft unvereinbarlich ist, was sie gegen die 
Gefahr von Störungen und Verwickelungen in Verhältnisse schützt, die früher oder später 
nur nachtheilig sein können, und ihr die Verfolgung ihres grossen wichtigen Zwecks sichert." 
Das werde um so leichter geschehen, als zu dem neuen Amte ein Mann berufen sei, ,, dessen 
Charakter, Einsicht und Sinn für Wissenschaft und gute Bildung der Jugend es verbürgen, 
dass er seinerseits alles zu erspriesslichem Zusammenwirken thuu werde." Aber wenn der 
Minister so augenscheinlich bemüht ist, der neuen Ordnung einigermaassen ihren Stachel zu 
nehmen, so war er sich doch auch bewusst, mit dem ganz persönlichen Willen des Königs 
rechnen zu müssen. Er schliesst daher mit der Versicherung, „auch ferner werde er der 
Universität wahres Beste mit treuer Sorgfalt zu befördern suchen, zugleich aber auch mit 
unnachsichtlicher Strenge darauf halten, dass der Allerhöchste Wille Sr. Majestät des Königs 
auf das Punktlichste erfüllt werde." 

Wünschten nun Prorector und Senat auch mit den Trägern des neuen Systems, dem 
Präsidenten Baumann und dem Universitätsrichter Justizcommissarius Grube, ein gutes Ver- 
hältniss und wollten sie namentlich den letztern die Kränkung nicht entgelten lassen, die sie 
in der Errichtung gerade dieses neuen Amtes sahen,^) so hielten sie sich doch auch für ver- 
pflichtet gegen diejenigen Verfügungen Verwahrung einzulegen, in denen sie eine Schädigung 
ihrer Ehre sahen. Dass nach Titel II der Instruction der ausserordentliche Regierungsbevoll- 
mächtigte auch die Vorträge der akademischen Lehrer und deren Einfluss auf die akademische 
Jugend beaufsichtigen, dass nach Titel III, § 5 jedes von der Universität ausgestellte 
öffentliche Zeugniss erst durch seine Unterschrift Gültigkeit erlangen, dass er nach Titel II, 
§ ß den Berathungen des Senats und der Facultäten beizuwohnen berechtigt sein und dass 
alle Beneficienverleihungen seiner Bestätigung unterliegen sollten, dann weiter, dass der 
Universitätsrichter nicht unter dem Senat stehen und letzterer in Disciplinarsachen hinfort 

1) J. G. Scheffner, NachlieTerung zu meinem Leben, S. 108/9. 

2) Schweiggei an Grube 1820. Febr. i». — B. 63. 



64 

uur ein berathendes Votum haben sollte — das waren die Punkte, durch die man sich be- 
sonders beschwert fühlte und gegen die man Verwahrung einlegen zu müssen meinte, freilich 
„weniger in der Ueberzeugung des Gelingens, als um ein Zeichen seines verletzten Ehrgefühls 
von sich zu geben" und in der Erwartung, dass auch die anderen preussischen Universitäten 
so handeln würden. War man sich doch bewusst, „weder im Einzelnen noch im Ganzen 
Anlass gegeben zu haben, an seinem edelsten Gute, seiner Ehre, angegriffen zu werden." Die 
Anregung zu diesem Schritt gab der Viceprorector Dirksen: mit einer Ausnahme fand sie 
allgemeinen Beifall, und die aus diesem Anlass abgegebenen Voten der einzelnen Professoren 
enthalten manchen für die damals herrschende Stimmung charakteristischen Zug. Angesichts 
der gegen die Universitäten erhobenen Anschuldigungen verlangte der Theologe Wald, „dass 
die Strafwürdigkeit strenger untersucht, die Revolutionäre nachdrücklich bestraft, den 
loyalen Beamten aber ihre dadurch gekränkte Ehre hergestellt werde." Der Mediciner 
Eisner d. j. bezeichnet die eben verhängte Maassregel, „wie sie in geheimen Ministerial- 
berathungen verabredet" und von der Bundesversammlung sanctionirt worden, als „eine welt- 
historische Begebenheit, die von der Nachwelt nach Zweck und Folgen wird beurtheilt 
werden;" die gegenwärtig davon Getroffenen aber haben nach seiner Meinung zu handeln: 
,, Unsere Universität, oder genauer der Stand ihrer Lehrer, darf in dem Bewusstsein ihrer 
Schuldlosigkeit sich wohl mit Ehrerbietung, aber auch mit Ereimuth äussern in Ansehung der 
über sie verhängten Maassregel einer correctionell-polizeilichen Aufsicht, wenn deren Herbes 
gleich durch die Persönlichkeit des Aufsehers gemildert wird." Den die äusserlichen Ver- 
hältnisse der Universität betreffenden Bestimmungen über die Gerichtsbarkeit, die Aufsicht 
über die Studirenden und die Beneficien u. s. w. habe man sich zu fügen, dagegen gelte es 
„feierlichst zu protestiren gegen jede Beschränkung des eigentlichen Universitätslebens, der 
akademischen Lehrfreibeit und alles dessen, was auf das Facultätswesen Bezug hat.'") Der 
so entstandene Bericht des Senats vom 20. December 1819, dem allein der Stipendiencurator 
und Kanzler Reidenitz, der den für Preussen als Gesetz publicirten Bundestagsbeschlüssen 
schlechtweg Gehorsam geleistet sehen wollte, nicht beistimmte, schloss mit dem Antrage: „In 
innigem Bewusstsein, dass die Pflichtwidrigkeiten, welche als Grund obiger Maassregeln an- 
gegeben sind, keinem der hiesigen Lehrer zur Last fallen, in freudiger Erinnerung, dass 
unsere Anhänglichkeit an Se. Majestät den König bei mehreren Gelegenheiten anerkannt 
wurde, und in Erwägung, dass die Beschlüsse der Hohen Bundesversammlung Beschränkung 
der hiesigen Universität — (da die Provinz Preussen ja nicht zum Bundesgebiet gehört) — 
nicht zur nothwendigen Folge haben, auch auf die Universität Greifswald nicht ausgedehnt 
wurden, wagen wir die ganz gehorsamste Bitte: dass Ew. Excellenz und Ein Hochverordnetes 
Ministerium bei Sr. Majestät dem König und dem erlauchten Rector unserer Universität, 
Sr. Königlichen Hoheit dem Kronprinzen, sich dahin verwende, dass wenigstens die hiesige 
Universität Erleichterung in denjenigen Punkten erhalte, durch welche nie in den Augen der 
Studenten und des Publicum« gravirt erscheint." 

Das Ministerium beantwortete diese Eingabe bereits unter dem 10. Januar 1820 in 

1) B. 83. 



65 

einem ausführlichen Scliveibeu, aus welchem wenigstens die Absicht erkennbar wurde, den 
Universitäten iu Betreff ihres wissenschaftlichen Lebens so viel Freiheit zu gestatten, als 
sich bei milder Anwendung der Bundesgesetze irgend ermöglichen liess, während in Sachen 
der Disciplin und Aufsicht eine Milderung ausgeschlossen blieb. Dass Greifswald nicht unter 
das neue Recht gestellt worden, sollte dessen dermaliger trostloser Verfall rechtfertigen, in 
Folge dessen es überhaupt kaum noch als Universität in Betracht käme; Königsberg ebenso 
auszunehmen, hätte die übrigen preussischen Universitäten empfindlich kränken geheisseu. 
Auf die einzelnen Beschwerden eingehend bemerkt von Altenstein dann, die Verpflichtung 
des Regierungsbevollmächtigten zur Kenntnissnahme auch von den Vorträgen der akademi- 
schen Lehrer sei doch nur „das zuverlässigste Mittel, um diese gegen ungegründete Beschul- 
digungen dem Staatswohl nachtheiliger Lehren zu rechtfertigen und auf das Glimpflichste vor 
wirklichen Verirrungen, wenn wider Erwarten Gründe zu deren Besol'gniss eintreten sollten, 
zu warnen." Die Mitunterschrift der akademischen Zeugnisse, die Mitwii-kung bei der Bene- 
ficienverleihuug und die Theilnahme an den Berathungen des Senats seien weit entfernt, 
Misstrauen gegen die Professoren zu beweisen, nur bestimmt, die auf andere Weise nicht wohl 
erreichbare Verbindung zwischen dem akademischen Senat und der Polizeibehörde herzu- 
stellen und Uebereinstimmiing in beider Verfahren zu bringen. Die erbetene Verwendung für 
eine theilweise Exemtion der Albertina von den neuen Bestimmungen wurde abgelehnt als 
niclit hinreichend begründet und aussichtslos. Charakteristisch für den damaligen Standpunkt 
der Regierung ist der Schluss des Rescripts, welcher die getroffenen Maassregeln im All- 
gemeinen zu begründen sucht. „Es genügte nicht," heisst es da, „dass die Universitäten nichts 
verschuldeten: die unvermerkt zu einem grossen Uebel sich verbindende Tendenz der 
Studireuden über die Grenzen ihres Berufs hinaus zu schweifen, sich mit allgemeinen An- 
gelegenheiten, statt mit ihrer wissenschaftlichen Ausbildung zu beschäftigen, sich in Ver- 
bindungen dazu vorzubereiten, diesen Verbindungen einen Zusammenhang auf allen Uni- 
versitäten zu geben, wenn auch nicht angenommen wird, dass mehr von solchen verschuldet 
wurde," musste „nothwendig ihren Standpunkt ganz verrücken, sie zerstreuen und veran- 
lassen, sich mit Vernachlässigung ihres eigentlichen Berufs unreifen Ideen hinzugeben, 
die, indem sie solche mit dem Dünkel höherer Bildung erfüllten, ihre wahre Bildung und die 
Erlangung höherer Reife für ihr ganzes Leben störten. "Wenn die Universität solches richtig 
erwägt und würdigt, so wird sie darauf geführt werden, das Wohlthätige wahrer Sicherheit 
für ihren Hauptzweck anzuerkennen. Es wird sicii solche bemühen, so viel möglich, Vortheil 
davon zu ziehen und durch ein richtiges und lebendiges Auffassen des Wesentlichen den 
Zweck so zu befördern, dass sie dadurch auf die ausgezeichnetste Art bethätigt, wie wenig 
sie einer der Vorwürfe, welche den Universitäten im Allgemeinen gemacht werden, trelTe."^) 
Unter solchen Umständen sah der Senat von jedem weiteren Schritte ab: hatte er 
doch Mühe, sich der rapide anwachsenden Zumuthungen zu erwehren, die rücksichtlich seiner 
Beihülfe zur Durchführung der neuen correctionell-polizeilicheu Aufsicht an ihn gestellt wurden. 
Konnte er sich dieser nicht immer nach Wunsch entziehen, so war er doch nicht ohne Erfolg 



bemüht, zu beschwichtigen und zu begütigen und namentlich die Studirenden von einem Wider- 
stände zurückzuhalten, der leicht verhängnissvoll werden konnte. In einigen Punkten drang 
er auch schliesslich durch: als der Regierungsbevollmächtigte nicht bloss die Abgangszeugnisse 
der Studirenden, sondern alle akademischen Zeugnisse durch seine Mitunterschrift erst zu le- 
galisiren beanspruchte, erklärte der Senat, bis zum Austrage der Sache in seinem Sinne 
Zeugnisse überhaupt nicht auszustellen, und erzwang so auch einen annehmbaren Compromiss. 
Auch das alte Recht der Studirenden, sich zu gesellschaftlichen Verbänden zusammenzuthun, 
fand an ihm einen tapfern, freilich zunächst nicht glücklichen Vertheidiger. Denn wenn das 
Ministerium auch in einem Erlass an den Regierungsbevollmächtigten vom 20. December 1819') 
anerkannte, dass der Wissenschaft und Kunst aufrichtig gewidmete Gesellschaften und Ver- 
bindungen unter den Studirenden zu jeder anderen Zeit unbedenklich seien, so meinte es doch, 
„in einer Zeit, die sich von der ausserordentlichen Aufregung, worin sie alle Gemüther und 
die der Jugend vornehmlich versetzt hat, noch nicht wieder zur Ruhe setzen kann, in einer 
Zeit, die in einer unverkennbaren Krisis der Grundsätze und Ansichten über die wichtigsten 
praktischen Angelegenlieiten des Lebens begriffen ist, sei es misslich, das noch unreife, jedem 
Eindruck oliene Alter der Studirenden der Neigung zu gesellschaftlicher Vereinigung in dem 
Maasse zu überlassen, als sonst wohl geschehen könnte." Unter den obwaltenden Umständen 
müsse man von der akademischen Jugend verlangen, dass sie auch den Schein wahre: dem- 
gemäss wurde der Senat angewiesen, bis zum Erlass eines neuen Gesetzes über die Ver- 
bindungen der Studirenden auf den Universitäten zu keiner derartigen Gesellschaft, unter 
welchem Titel und zu welchem Zwecke sie auch errichtet werden und bestehen solle, seine 
Autorisation zu ertheilen, ohne zuvor durch den Regierungsbevollmächtigten an das Ministerium 
berichtet und dessen Genehmigung eingeholt zu haben. Diesem Verbot gegenüber suchte der 
Senat wenigstens den fünf oder sechs wissenschaftlichen und litterarischen Vereinen, die unter 
den Studirenden bestanden, die Möglichkeit ferneren Daseins zu retten. Waren daran doch 
selbst Professoren betheiligt: namentlich hatte sich im Winter 1818/19 unter bestimmender 
Mitwirkung ßurdachs imter dem Namen der ,, Akademischen Müsse" eine Gesellschaft von 
Professoren und Studenten gebildet, in der kleine Aufsätze vorgelesen wurden und musikalische 
Unteriialtung stattfand. Obgleich die Erneuerung gewünscht wurde, liess man die Sache jetzt 
doch auf sich beruhen, zum Theil auch in Rücksicht auf die Mittellosigkeit der Studirenden. 
Die kleineren litterarischen Cirkel aufzulösen, weigerte sich der Senat jedoch, indem er den 
20. Januar 1820^) erklärte: „Wollten wir jene Cirkel, von deren Existenz wir durch Studirende 
selbst, welche daran theilnehmen, die erste Kunde erhielten, und die als strafbare Verbindung 
zu betrachten wir noch nicht den geringsten Grund haben, durch ein Decret aufheben, so 
würde das Vertrauen der Studirenden zu ihren Lehi-ern sehr gefährdet sein und dadurch der 
Einfluss, den sie auf die Führung der Studirenden haben können." Man werde deshalb das 
von der Regierung Gewollte durch private Einwirkung zu erreichen versuchen: „Es erschien 
uns am zweckmässigsten, einzelne auserwählte Studenten durch freundschaftlichen Rath zu be- 



1) Ourator. Acten Commis 

2) Ebendas. 



67 

wegen, auf Aufhebung aller A^ereine selbst hinzuwirken und sie zu überführen, dass nur durch 
ein völlig ruhiges A^erhalten und Vermeidung eines jeden Scheines, als beabsichtigten sie 
etwas den bestehenden Verordnungen entgegen Laufendes, die hiesige Universität von dem 
Vorwurf gereinigt werden kann, welcher dui'ch die Ausdehnung der Beschlüsse der Bundes- 
versammlung auf Königsberg angedeutet wird." Auch versprachen etliche der so angegangenen 
Studirenden in diesem Sinne zu wirken. Weshalb er diesen Weg gewählt hatte, Hess der 
Senat auch nicht zweifelhaft. ,, Wir würden fürchten," bemerkte er treffend, „durch gerichtliche 
Untersuchung einer allem Anschein nach gleichgültigen Verbindung das Gefühl politischer 
Bedeutsamkeit zu erhöhen, welches in der neueren Zeit in Studenten angeregt wird." Er 
hütete sich, durch das ihm zugemuthete Verfahren eine Gährung zu erzeugen, „welche einzelnen 
Leuten iu Berlin als ein Symptom revolutionärer Gesinnung erscheint." Eine Erregung der 
Gemüther bei den Studirenden der Albertina habe erst begonnen auf die Kunde von der 
Einleitung der Untersuchung wegen des Wartburgfestes und sei dann genähi't durch die 
Wichtigkeit, mit der man seitdem in den Zeitungen von Handlungen der Studenten zu sprechen 
angefangen habe. Wirksamer als alle Repressivmaassregeln wäre es gewesen, wenn man den 
vom Senat empfohlenen Weg eingeschlagen hätte: ,, Scheinbare Gleichgültigkeit hierüber und 
Vertrauen bei übrigens genauer Beobachtung und rasche, ernste Bestrafung der Vergehen 
sind die Mittel, durch welche wir die wohlwollenden Absichten der vorgesetzten Behörden am 
besten zu befördern glauben." 

Es war das Verhängniss der deutschen Jugend und der deutschen Universitäten, dass 
diese ruhige und sachliche, pädagogisch und politisch allein richtige Auffassung hier so wenig 
wie anderswo durchdrang. Indem man um der Verirrungen willen, deren einige überspannte 
Köpfe sich schuldig gemacht, fast die ganze studirende Jugend Deutschlands als revolutionär 
verschrie, impfte man ihr erst einen Krankheitsstofl' ein, der ihr bisher fremd gewesen war. 
Mit Recht spottete der biedere J. G. Scheffner über ,,die Untersuchung der demagogischen 
Umtriebe von Kindern und Jünglingen, die eben daraus lernen, dass die Regierungen sich vor 
ihren wahrlich kindischen Unternehmungen fürchten," und sieht das Unheil namentlich darin, 
dass „aus dem Glauben an die eigene Wichtigkeit nur zu oft eine Verwegenheit entsteht, an 
die man ohne jene vielleicht nicht gedacht hat."') Genau das Gegentheil von dem, was sie 
erstrebte, bewirkte die Regierung mit der Vorschrift, dass alle von Studirenden irgendwo 
öffentlich zu haltenden Reden zuvor die Censur des Prorectors passirt haben müssten (1819, 
27. December und 20. Januar 1820), durch die möglichste Verhinderung aller Reisen von Stu- 
direnden durch die ärgsten Passchicanen (12. März 1820), durch die förmliche Verfehmung der 
an der Burschenschaft betheiligt Gewesenen, die man nirgends zur Portsetzung ihrer Studien 
zuliess und, wenn sie minder compromittirt waren, doch unter peinlicher Polizeiaufsicht hielt 
und auf den geringsten Verdacht hin auszuweisen drohte. Dass unter diesen Umständen auch 
die akademischen Lehrer tief verstimmt und hoffnungslos entmuthigt waren, dass sie mit wach- 
sendem Groll von den ehemals so reichlich vorhandenen Bedingungen zu erspriesslichem Wirken 
eine nach der anderen zu Grunde gerichtet sahen, kann wahrlich nicht wundernehmen. Ob- 



1) Scheffner, Nachlieferung. S. 123-24. 



gleich die Älbertina noch lauge nicht zu den am schwersten getroffenen Universitäten gehörte, 
grifl' auch hier diese Stimmung immer mehr und mehr um sich. Ihr gab der ältere Eisner 
Ausdruck, indem er am 7. April 1820 — zwölf Tage vor seinem Tode — in dem Protokollbuch der 
medicinischen Facultät den Ablauf seines Decanats mit den Worten verzeichnet: „His peractis 
imminutam et oppressam universitatum dignitatem lugens munus decani depono."') Schärfer 
noch äusserte sich der Botaniker Schweigger, der in diesem verhängnissvollen Winterseme- 
ster 1819/20 Prorector gewesen war, bei Niederlegung seines Amts: „Ich schlage vor, dass, 
so lange die Cabinetsordre vom 18. November 1819 in Kraft ist, wir keine Feierlichkeiten 
bei Uebergabe des Prorectorats veranstalten. Die Formel, welche gebraucht wird, ist zu einer 
Zeit geschrieben, wo die Universität weder Misstrauen noch Beschränkung ihres Rechts erfuhr, 
jetzt könnte sie bloss das Gefühl erlittener unverdienter Kränkung bei den Professoren er- 
neuern, und dem Zuhörer müsste die Scene höchst lächerlich sein." Indem er das ..zum Secre- 
tariat herabgewürdigte Amt des Prorectors" niederlegte, sprach Schweigger den Wunsch aus, 
„dass die Albertina in ihre alten, wohlerworbenen Rechte bald wieder eingesetzt werde." 

Diese Hoffnung wurde nun freilich gründlichst zu Schanden. Auf der abschüssigen 
Bahn, die mit den Karlsbader Beschlüssen betreten war, war so leicht kein Stillstand möglich, 
und selbst wo die Regierung die redliche Absicht hatte, an den guten alten Traditionen fest- 
zuhalten und den Bundesbestimmungen eine möglichst milde Deutung zu geben, w urde das un- 
möglich gemacht durch die fortschreitende Steigerung und Verschärfung des neuen Polizei- 
systems. Dabei hatte in Königsberg die Untersuchung gegen die Bui-schenschaft, obenan 
Dieffenbach. nichts Compromittirendes ergeben, und auch, die sonst gegen Dieffeubach er- 
hobeneu schweren Auschuldiguugen waren als ein niederträchtiges Lügengewebe erkannt und 
so ganz in sich zerfallen, dass man dem Angeklagten Ostern 1820 erlaubte, sich zur Fort- 
setzung seiner Studien nach Bonn zu begeben, gegen das Versprechen, sich einer etwaigen 
neuen Vorladung alsbald zu stellen. Neun Jahre später gehörte der in Königsberg so übel 
Behandelte als Autor der plastischen Chirurgie zu den hoffnungsvollsten Zierden seiner Wissen- 
schaft. Sein Leidensgefährte Christian Theodor Ludwig Lucas^) hatte zwar an dem 
Oberpräsidenten von Schön einen Beschützer gefundeu, der ihn zur Aufnahme der Bücher- 
bestände der ehemaligeu westpreussisehen Klöster verwandte, dennoch gab er die für ihn nun 
aussichtslose juristische Laufbahn auf und widmete sich, unter Polizeiaufsicht gestellt und bei 
dem geringsten Anstoss mit Ausweisung bedroht, in Königsberg geschichtlichen und litterar- 
geschichtlichen Studien, um nachher in das Schulamt einzutreten.^) Aber obgleich so keinem 
ihrer Glieder ein Verschulden nachgewiesen war, blieb die Studentenschaft der Albertina der 
Gegenstand nimmer ruhenden Misstrauens, kleinlicher Polizeiaufsicht und schliesslich geradezu 
demoi-alisirender Bevormundung, eines Systems, das den Einzelnen schutzlos der Willkür des 
ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten preisgab. Denn eine öffentliche Erörterung dieser 



1) Burdach, a. a. O. S. 307. 

2) Vgl. S. 57. 

3) D. 20. Curator. Cominiss. 7. 1, Curatorialbericht 20. Juni, Minist-Erl. 13. Juli 1820. Folizeibericht 
März lö21. 



69 

Verhältnisse war natürlich völlig ausgeschlossen, da alle Notizen über die Universitäten und 
den Geist der Studirendeu erst die Censur passiren mussten.') 

Dass man erst den bald wieder auftauchenden „Albertus" verbot und gar sein Tragen 
den Benificiaten „als Ungehorsam gegen die Befehle der akademischen Obrigkeit anrechnete" 
und mit Verlust der Benificien ahndete,^) um hinterher die Grundlosigkeit dieser Bestimmung 
einzusehen und das Abzeichen stillschweigend freizugeben unter der Voraussetzung, dass es 
nicht mit Emblemen combinirt erschiene, die auf eine Vei'bindung der Universitäten unter 
einander oder auf die Burschenschaft Bezug hätten,^) Hess doch erkennen, dass auch bei dem 
Königsberger Eegierungsbevollmächtigten die Sorge vorhanden war, man möchte durch ein zu 
starkes Betonen wertloser Kleinigkeiten die gereizte akademische Jugend erst recht in die 
Opposition treiben. Daher dachte man durch allmähliche Einschränkung missliebige aka- 
demische Bräuche unvermerkt ausser Uebung zu bringen, so z. B. namentlich die herkömm- 
lichen Bälle und Concerte der Studirendeu, welche diesen freilich besonders Anlass gaben, sich 
als eine grosse Gemeinschaft zu fühlen und als solche aufzutreten: ,, Werden dergleichen Lustbar- 
keiten anfänglich seltener gestattet — so rechnete man • — so wird es nach und nach möglich 
werden, eine oder die andere wieder ganz abzustellen oder doch nur in einer veränderten 
Gestalt, durch welche die jetzt bemerkten Nachtheile vermieden werden, zu erhalten."*) Für 
irgendwelche, auch die unschuldigste patriotische Bethätigung der Jugend blieb unter solchen 
Umständen natürlich kein Raum, und wo sie versucht wurde, gab sie nur Anlass zu unliebsamen 
Erörterungen und verstimmenden Ermahnungen, die weit über die akademischen Kreise hinaus ent- 
muthigend und erkältend wirkten. So geschah es damals hier namentlich mit dem Galtgarbenfeste, 
zu dem sich die Studirendeu mit einem Theile ihrer Lehrer und der Bürgerschaft am Jahrestage 
der Schlacht bei Belle-AUiance zu vereinigen pflegten auf dem höchsten Punkt des Samlands, 
den der warmherzige J. G. Scheffner dazu würdig hergerichtet hatte.'') Der alte Herr freute 
sich „wahrzunehmen, wie ein grosser Theil der hiesigen akademischen Jugend sich durch die 
aria cattiva der Zeitereignisse nicht abhalten Hess, das Andenken der für Preussen so höchst 
rühmlichen und nützlichen Schlacht bei Schönbund (Belle-AIliance) am 18. Juni mit Gesang, 
Reden und Lustfeuern auf dem Galtgarbenberg auch 1820 zu wiederholen", setzte aber sor- 
genvoll hinzu: „Doch wer weiss, welcher Kamptzische Polizeifamulus auch aus diesem Zucker- 
rohr Essig zu brauen unternimmt und auf dieses kleine Land fest eine Wichtigkeit legt wie 
einst auf die Wartburgischen Frivolitäten."") Wie Recht er hatte, lehrt der charakteristische 
süss-saure Ton der in dieser Sache ergangenen Erlasse des ausserordentlichen Regierungsbe- 
vollmächtigten und des Ministeriums. Denn wenn letzteres auch auf Grund der ihm zugegan- 
genen Berichte, die den Verlauf des Festes als „durchaus anständig und tadellos" schilderten, 
am 18. Juli 1820 .,seine Zufriedenheit kund galt mit der Art, wie die Feier begangen worden", 

1) Minist.-Krl. 12. Febr. 1820. 

2) Cur.-Erlass, 16. April und 24. Juni 1820. B. «:!. 

3) Cur.-Brl. 2i. Sept. 1820. Ebd. 

4) Cur.-Erl. 18. Juli 1820. Curat. Commiss. 28. 

5) Vergl. oben S. 53. 

6) Scheffner, Nachlieferung, S. 128. 



70 

so machte es docli zugleich darauf aufmerksam, dass es selbst an solchen politisch denkwürdigen 
Tagen „ausserhalb der Verhältnisse der Studirenden liege, sich als die Träger der Nationalität zu 
verkündigen und die politische Wichtigkeit des Tages in eine Verbindung mit dem Stande 
der Studirenden zu bringen, die ihr in der That fremd sei."') Das Ministerium fand weiter, 
„dass ein solcher, dem Bestreben der Regierung, die Studirenden ganz dem Leben für die 
Wissenschaft zurückzugeben, nicht völlig angemessener Charakter aus den Liedern hervorleuchte, 
die zu der Feier gedruckt wurden, und durch den Umstand noch näher dargethan wurde, dass 
die Anordnung der Festlichkeit eigentlich und hauptsächlich von den Studirenden ausgegangen 
zu sein schien." Es erwartete demgemäss „von dem mächtigen Einflüsse der Zeit und von 
den Erfolgen der rücksichts der Universitäten von den deutschen Regierungen genommenen 
Maassregeln, dass die Neigung der Studirenden, sich eine politische Wichtigkeit beizumessen, 
je länger je mehr erlöschen werde," hielt es „aber zugleich für nützlich, wenn von allen 
Seiten dahin gewirkt würde, um die Studirenden zu der richtigen Würdigung des Zwecks ihres 
akademischen Lebens zurückzuführen, der nur in einem von aller politischen Befangenheit 
freien und gründlichen wissenschaftlichen Studio angetroffen werden kann." Obgleich er zu- 
giebt, dass die Galtgarbenfeier keineswegs von den Studii'enden ausgegangen ist, knüpft der 
Regierungsbevollmächtigte an die Mittheilung dieser ministeriellen Belehrung an den Senat 
doch seinerseits noch die Bemerkung, es möge auch von Seiten der Professoren möglichst der 
Meinung entgegengearbeitet werden, „als wenn Tage von einer ausgezeichneten politischen 
Wichtigkeit mit dem Stande der Studirenden überhaupt in einer näheren Beziehung ständen"; 
vom Katheder aus würden die Professoren freilich nur selten Gelegenheit haben, diese Wahrheit 
zu vertreten, um so mehr sollten sie sie den Studirenden im Privatverkehr zu Gemüth fühi-en. 
Immer neue Repressivmaassregeln veranlasste namentlich die Sorge vor dem heimlichen 
Fortbestehen der Burschenschaft oder ähnlicher Verbindungen. Diese unmöglich zu machen, 
wurden die ausserordentlichsten Bestimmungen getroffen, die jeden ehrliebenden Jüngling er- 
bittern mussten und daher zuweilen gerade das Gegentheil von dem bewirkten, was dadurch 
erreicht werden sollte. Mit dem Beginn des Studienjahres 1820/21 trat die Verfügung in 
Kraft, es sollten alle Studirenden, die einer Burschenschaft angehört hatten oder von denen 
der Regierungsbevollmächtigte, der Senat oder der Universitätsrichter dieses wenigstens ver: 
mutheten, vor einer aus dem Prorector und dem Decan ihrer Facultät bestehenden Commission 
zu erscheinen gehalten sein, um sich durch Ehrenwort zu verpflichten, falls sie einer Ver- 
bindung noch angehöi'ten, alsbald auszuscheiden oder aber einer solchen niemals beizutreten; 
über den Act, dem „zur Erhöhung der Feierlichkeit" der Regierungsbevollmächtigte bei- 
zuwohnen angewiesen wurde, sollte ein Protokoll aufgenommen und dem Ministerium ein- 
geschickt werden. Den so Vorgeladenen sollte daraus ein Vorwurf irgend welcher Art nicht 
erwachsen; auch sollten sie nicht erfahren, auf wessen Veranlassung sie vor die Commission 
berufen worden — wodurch aUe Denuncianten gedeckt waren ! Ein gleiches Verfahren wurde 
in Bezug auf alle in Zukunft sich zur Immatriculation Meldenden vorgeschrieben. Für die 
Albertina trat nur dieser letzte Theil des Curatorialerlasses vom 5. April 1820-) in Kraft; 

1) Cur.-Erl. 12. Augast 1820 (B. 63j. 

2) Curat. Conuniss. 7, I. 



71 

den ersten anzuwenden ergab sich kein Anlass, da Niemand als der Zugehörigkeit zur 
Burschenschaft oder einer ähnlichen Verbindung verdächtig angezeigt wurde. 

Bald aber veranlasste die Entdeckung einiger geheimer burschenschaftlicher, sog. 
„arministischer" Verbände in Berlin und Breslau neue Nachforschungen auch in Königsberg, 
ohne dass etwas entdeckt worden wäre. Bezeichnender Weise brachte man das scheinbare 
Erlöschen der burschenschaftlichen Bewegung mit der Thatsache in Zusammenhang, dass es 
nun auf den Universitäten kaum noch Studirende gab, welche den Befreiungskrieg mitgemacht 
hatten, „deren Einfluss auf ihre Commilitonen selten so wohlthätig als entscheidend gewesen 
war."') Da man aber auch so den erstrebten Zweck nicht erreichte, so wurde schliesslich 
jede Rechtsnorm beseitigt und das Princip schrankenloser Willkür proclamirt. Am 22. Juli 1821 
erliess der König von Spaa aus eine von dem Fürsten Staatskanzler gegengezeichnete Cabinets- 
ordre, welche bestimmte, „dass die ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigteu bei den 
Universitäten gehalten und befugt sein sollten, diejenigen Studenten, welche der Stiftung, 
Theilnahme oder Beförderung von akademischen Verbindungen verdächtig sind, ohne 
weitere gerichtliche Untersuchung und ohne Mitwirkung des Universitätsrichters 
und des Akademischen Senats von der Universität sofort zu entfernen." In jedem 
Fall der Art war den übrigen Regierungsbevollmächtigten Mittheilung zu machen und blieb 
ausserdem die gerichtliche Verfolgung der Schuldigen vorbehalten. Dass der Regierungs- 
bevollmächtigte für Königsberg von dieser discretionären Befugniss Gebrauch zu machen 
keinen Anlass gehabt hat, ist nebensächlich; wie er dieselbe auffasste und gegebenen Falls 
zu üben entschlossen war, geht aus der Weisung hervor, die er der Polizei in Betreff der 
Beaufsichtigung der Studirendeu ertheilte : „Es kommt nicht darauf an," hiess es da^ ,,dass ein 
desfallsiger Verdacht bis zu einem juristischen Beweise erhoben werde, es ist vielmehr nur 
nöthig, dass er gegründeter Weise vorhanden sei." Was konnte mit solcher Machtvollkommenheit 
und solchen Grundsätzen an Willkür geübt und mit dem Schein des Rechts umgeben wei'den! 

Denn unter den Begriff der unerlaubten und geheimen und schon deshalb in jedem 
Falle strafbaren Verbindung konnte mau damals füglich jede, auch die unschuldigste 
studentische Vereinigung subsumiren. Verirrungen, die in dieser Hinsicht anderweitig vor- 
kamen, sollten denn auch in Königsberg dui'chaus ihr Seitenstück finden, und in kurzen 
Zwischenräumen ergingen an den akademischen Senat die entsprechenden Anfragen. So 
geschah es, als im Frühjahr 1822 in Berlin eine ,,Polonia" entdeckt war, die sich meist aus 
dem Posenschen und Westpreussischen recrutirt hatte.^) Auf Grund der Beobachtungen eines 
Polizeiagenten bei dem Galtgarbenfest 1822 machte man denn auch an der Albertina glück- 
lich eine „Pomesania" ausfindig, die jedoch, weit entfernt von burschenschaftlichen oder gar 
politischen Tendenzen, nur gesellige Zwecke verfolgt, aber dadurch den Anlass zu allerlei 
neuen Parteischeidungen gegeben hatte, ^) um schliesslich eine Verbrüderung aller Studirenden 
anzubahnen. Die umständliche Untersuchung gegen sie, die erst im August 1824 endete, 



1) Curat. Commiss. 7, I. 10. Mai 1821. 

2) Ihre Mitglieder wurden voa der verwirkten mehrjährigen Gefängnissstrafe zu Festungshaft begnadigt 
iter ein Leopold von Caprivi zu sechs Wochen Festung. Curator. Commiss. 7. I. 

3) Ebendas. Bericht 1822, Juni 19—22. 



72 

ergab denn auch weder eine politische noch sonst eine strafwürdige Tendenz und fand ihren 
Abschluss mit der Begnadigung der Theilnehmer nach entsprechender Vermahnung und Ver- 
pflichtung. Andere Verbindungen ähnlicher Art entgingen durch eine glückliche Fügung dem 
Spürsinn der Behörden, so z. B. die vom September 1821 bis zum November 1823 bestehende 
wissenschaftliche Vereinigung „Euphemia", zu der sich ein kleiner Kreis von Studirenden aller 
Facultäten zusammengefunden hatte, um sich in Erinnerung an ihre Gj-mnasialzeit theils durch 
lateinische Vorträge und Disputationen, theils durch die Vorlesung und Besprechung deutscher 
Abhandlungen gemeinsam weiter zu bilden. Wie ^rürde es diesen Jünglingen, deren Her- 
kunft nnd spätere Laufbahn alle demagogischen Umtriebe ausschliessen, wohl ergangen sein, 
wenn es ruchbar geworden wäre, dass sie die festliche Begehung von Sands Todestag 
wenigstens erwogen und eine von einem ihrer Genossen vorgetragene „Phantasie auf Sands 
Tod" beifällig aufgenommen hatten? Auch die Behandlung eines Themas wie „Wort und 
That" hätte damals zu den übelsten Verdächtigungen reichlich Anlass gegeben. Von den 
Mitgliedern dieser „Euphemia" war nachmals der Jurist Sanio eine der Zierden der Albertina. 

Gerade dieses Beispiel zeigt, wie gefährlich die argwöhnische Unduldsamkeit werden 
konnte, welche die unschuldigsten und der Beförderung würdigsten Bestrebungen der sich 
gerne zusammenschliessenden akademischen Jugend ohne Weiteres mit den demagogischen Um- 
trieben zusammenwarf und dadurch zu einem ebenso reizvollen wie gefährlichen Geheimniss zwang. 
Erreichte sie so doch beinahe das Gegentheil von dem, was ihrem Uebereifer als Ziel vor- 
schwebte! Daraus aber ergab sich die leidige Nöthigung zu immer extremeren Maassnahmen, die 
schon nicht mehr die akademischen Kreise allein trafen. Bedrohte doch bereits im Januar 
1822 ein Ministerialerlass alle Gastwirthe, die ihre Räume zu regelmässigen Versammlungen 
von Studirenden hergeben würden, mit Entziehung der Concession.^) Auch das wissenschaft- 
liche Leben auf den Universitäten musste solchem Polizeidruck schliesslich erliegen; in die 
Seminarien durfte nach einem Ministerialerlass vom 28. April 1823'') Niemand aufgenommen 
werden, dem der ausserordentliche Regierungsbevollmächtigte nicht seine Nichtbetheiligung 
an geheimen Verbindungen bescheinigte, eine Bestimmung, die, alljährlich erneut, bis 1842 
in Geltung geblieben ist. Um dieselbe Zeit (18. Mai 1823) muthete man dem Senat regel- 
mässige ausführliche Mittheilungen zu „über den auf der Universität bei-rschenden Geist und 
die Sitten der Studirenden." Auch eine besondere Controle des Fleisses der Studirenden 
wurde angeregt. Bei der ablehnenden Antwort des Senats (3. Juni), „dass kein merklicher 
Grad des Unfleisses sich dargestellt habe", erklärte der Regierungsbevollraächtigte sich 
nicht beruhigen zu können, sondern verlangte eine „unumwundene und positive Erklärung", 
während er sehr befriedigt Act nahm von der Mittheilung des Senats (1. Juli), dass bei dem 
in üblicher Weise begangenen Galtgarbenfest „diesmal nichts bemerkt worden sei, was an die 
gescliichtliche Bedeutung des Tages erinnern konnte", da keine Reden gehalten worden 
und das Ganze nui- als „unschädliche Lustbarkeit" verlaufen sei.*) 

Je weniger die Albertina Anlass zu derartigen Maassregeln gegeben hatte, um so 



1) 31. Juli 1822, Curator. 

2) S. 130. 

3) D. 19. 



73 

härter fühlten sich Lehrer und Lernende dadurch gedrückt und entwüi'digt. Eine unzufriedene, 
verbitterte Stimmung griif Platz, die noch genährt wurde durch die Erkenntniss, dass auch 
der Krouprinzliche Rector weder helfen wollte noch helfen konnte. In dem Verhältniss zu 
ihm trat augenscheinlich eine Erkaltung ein. Es bedurfte erst einer ministeriellen Anweisung, 
um den Senat zur üebersendung eines Glückwunsches an den Rector magnificentissimus zu 
seiner Hochzeit zu veranlassen, und die regelmässig von Lobeck verfassten Glückwunsch- 
schreiben zum 15. October bewegen sich mühsam in der Variirung derselben officiellen 
Phrasen, ohne je einen höhern Gedankenflug zu nehmen oder einen wärmern Ton anzuschlagen. 



VI. Jahre des Stillstands. 1824—34. 

Die Hofl'nung, das zu Karlsbad iuaugurirte System nach Ablauf der für seine Herr- 
schaft zunächst festgesetzten fünf Jahre aufgegeben zu sehen ging nicht in Erfüllung. Viel- 
mehr trat da eine Verschärfung ein: die traurige Fortsetzung, welche die Thätigkeit der 
Mainzer Central- üntersuchungscommission vor den mit der Aburtheilung der Angeklagten l)e- 
auftragten preussischen Gerichten fand, veranlasste neue Zwangsmaassregeln gegen die Univer- 
sitäten. Am 21. Mai 1824 verfügte eine Königliche Cabinetsordre,') „dass alle geheimen, in 
Sonderheit burschenschaftlichen und nach dem Geiste, den Grundsätzen und Zwecken der 
Burschenschaft eingerichteten Verbindungen auf den Königlichen Universitäten künftig nicht 
als blosse Studentenverbindungen, sondern als in die Kategorie der Edicte'vom 20. October 1798 
und 6. Januar 1818 gehörige verbotene geheime Verbindungen angesehn und behandelt und 
daher in Gemässheit dieser Edicte criminalgesetzlich, daneben aber auch mit Relegation und 
Unfähigkeit zu einem öffentlichen Amte, wohin in dieser Beziehung auch die medicinische 
Praxis zu rechnen, bestraft Averden sollten." Ihre Aburtheilung ist demgemäss Sache der or- 
dentlichen Gerichte, der Senat hat nur die Relegation zu verhängen, wie denn auch die Auf- 
sicht darüber der allgemeinen Polizei zusteht, nicht minder wie „der erste Angriff und die 
polizeiliche Untersuchung", nach deren Schluss das Polizeiministerium nach Maassgabe des 
Ermittelten die Sache entweder an die Justiz abzugeben oder weitere Bestimmungen zu treffen 
hat. Dazu wurden der ausserordentliche Regierungsbevollmächtigte und der Universitätsrichter 
dem Polizeiministerium unterstellt, hatten an dieses zu berichten und von ihm Befehle zu 
empfangen, während Prorector und Senat an die Bestimmungen vom 18. November 1819 ge- 
bunden blieben. Sie sollten, „wenn sie nicht mit dem gelnihrenden Ernst die akademische Di- 
sciplin handhaben und ihre übrigen Pflichten erfüllen, entlassen und an der Stelle andere un- 
mittelbar ernannt und deshalb von dem Ministerio unfehlbar und ohne Nachsicht an des Königs 
Majestät Vorträge erstattet werden, wie denn Allerhöchstdieselben unter gleichem Datum auf 
einer der königlichen Universitäten den Rector entlassen und an dessen Stelle einen andern 
Rector auf drei Jahre unmittelbar ernannt haben." Diesen drakonischen Satzungen grösseren 
Nachdruck zu geben, wurden gleichzeitig (2. Juni) die furchtbaren Strafen bakannt gemacht, 

1) U. 63. 



74 

die eben gegen eine Anzahl ehemaliger Burschenschafter 7on dem Kammergericht in Berlin 
verhängt worden waren, und die Studirenden durch Anschlag „so ernstlich als väterlich" er- 
mahnt, „jeden Antrag zum Eintritt in eine geheime Gesellschaft, und sollte sie die unschul- 
digste Larve tragen, mit Verachtung und Abscheu abzuweisen und den Verführer, als der 
offenbar ein falscher, ins Unglück stürzender Freund ist, der Obrigkeit anzuzeigen.'-') 

Welche Vorstellung machten sich damals die regierenden Kreise von der studirenden 
deutschen Jugend! Ein Erlass des Ministers der Polizei und des Innern, von Schuckmann, 
vom 4. Juni 1824 erklärt, jene königliche Verfügung sei veranlasst „durch die sich immer 
stärker entwickelnde Renitenz, Gesetzwidrigkeit und Staatsgefährlichkeit der Burschenschaft 
und ihrer verschiedenen Verzweigungen" und solle die Behörden zu deren endlicher Ausrottung 
in den Stand setzen. Die 1819 ergriffenen Maassregeln hätten nichts genützt; erneute Unter- 
suchung habe das Vorhandensein einer durch einen geheimen Bund geleiteten Burschenschaft 
ergeben, deren Losung „Gleichheit, Freiheit und Einheit" sei und die sich namentlich unter 
dem Deckmantel von Lesecirkeln weiter ausbreite. „Es liegt hiernach von selbst vor, dass 
die ganze deutsche akademische Jugend in Beziehung auf politische Gesinnungen und Anhäng- 
lichkeit an Fürst, Vaterland und Verfassung und in Rücksicht auf Hass gegen alles Bestehende 
und auf den thörichten Irrwahn, zu dessen Verbesserung berufen zu sein, unter dem unmittel- 
baren Einfluss eines den vollen Thatbestand des Hochverraths in sich vereinigenden und die 
gewaltsamsten Mittel zulassenden geheimen revolutionären Bundes stand." ^) „Diese die aka- 
demische Jugend — — actenmässig zur Auflehnung gegen Gesetz und Obrigkeit verführende, 
mithin höchst verderbliche Burschenschaft soll und muss daher auf den Königlichen Universi- 
täten um so mehr schlechterdings garnicht geduldet werden, als sie nach der Königlichen 
Allerhöchsten Bestimmung nunmehr auch formaliter in die Classe der Criminalverbrechen ge- 
hört." Dem gegenüber erschien es denn freilich als eine ausserordentliche Gnade, dass den 
Mitgliedern der als völlig unpolitisch und unschädlich erkannten Pomesania zu Königsberg 
nicht bloss die Strafe erlassen,^) sondern auch die Fortsetzung ihrer Studien unter besonderer 
Aufsicht des ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten gestattet und für den Fall ferneren 
Wohlverhaltens Zulassuug zu den Prüfungen und dem Vorbereitungsdienst für staatliche An- 
stellung gewährt wurde.*) Erging doch um dieselbe Zeit bei Gelegenheit der Begnadigung 
etlicher an burschenschaftlichen Verbindungen in Breslau betheiligter Studirender eine könig- 
liche Erklärung, dass die akademischen Behörden, die gegen dergleichen nicht energisch ein- 
schritten, ihre akademische Jurisdiction verlieren und die saumseligen Professoren alsbald ge- 
bührend belangt werden sollten,^) und bald danach eine andere, wonach der Theilnahme an 
der Burschenschaft Schuldige hinfort überhaupt nicht mehr begnadigt werden, also in Zukunft 
mindestens sechs bis acht Jahre Criminalfestungsarrest zu verbüssen haben würden.*) Unter 



1) D. 20. 

2) D. 20. 

3) Vgl. oben S. 71. 

4) Curat. Commisa. 7. I. 12. August 1824. 

5) Minist.-Erl. 19. Juli 1824. D. 20. 
G) Desgl. d. 4. August. Ebd. 



75 

dem Druck eines solcheD Schreckeussystems mussten die Universitäten bald unfähig werden 
ihren Beruf zu erfüllen, sollten ihn auch gar nicht mehr in dem sehen, was sie bisher mit 
Stolz dafür gehalten hatten. In Erläuterung der Königlichen Cabinetsordre vom 21. Mai 1824 
war als unabänderlich feststehender Grundsatz des Ministeriums ausgesprochen worden, „dass 
öffentliche Lehranstalten weder durch blosse wissenschaftliche Bildung der Zöglinge, noch da- 
durch, dass auf ihnen nur keine schädlichen und verderblichen Gesinnungen erzeugt und be- 
fördert werden, ihren Zweck erreichen, sondern dass letzterer neben der wissenschaftlichen 
Bildung auch darin besteht, in den Zöglingen Gesinnungen der Anhänglichkeit und des Ge- 
horsams am Landesherrn und am Staate zu erwecken und zu befestigen. Nach diesem Grund- 
satz muss demnach auch auf dortiger Universität sowohl in als ausser den Lehrvorträgen und 
bei deren Beaufsichtigung um so mehr verfahren und jede Unterlassung dem Ministerium ange- 
zeigt werden, als bei Anstellungen im öffentlichen Dienst nicht bloss auf Kenntnisse, sondern 
auch vorzugsweise auf jene Gesinnung Rücksicht wird genommen werden." 

Aeusserungen, wie sie dieser Erlass enthielt, Di'ohungen, wie er sie gegen Professoren 
und Studirende schleuderte, schienen doch selbst dem ausserordentlichen Regierungsbevoll- 
mächtigten Baumann zu weit zu gehen,* zumal in Königsberg von allen jenen Vergehungen 
keine vorgekommen war. Er trug daher Bedenken, ihn dem Senate mitzutheileu, wurde aber 
auf seine Rückfrage unter dem 21. Juni 1824') dahin beschieden, dass allerdings die Königsberger 
Universität derartiger Vorschriften zu ihrer Ehre nicht bedürfe, der Königliche Befehl aber 
die Mittheilung an alle Universitäten fordere: auch wurde an die Pomesania und den im 
Gegensatz zu ihr entstandenen „Bund der Vereinten" erinnert, wie ja auch die Anfänge der 
Burschenschaft auf der Albertina nicht ohne Theilnahme geblieben seien. Immerhin gab der 
Minister zu, dass die Mittheilung des Erlasses von der Erklärung begleitet würde, die Königs- 
berger Universität habe ihrerseits so strenge Vorschriften nicht verschuldet: dafür sei ihr An- 
erkennung auszusprechen und Glück zu wünschen. 

„Wollen wir diesen Glückwunsch ganz still und ohne Zeichen von Gefühl und Antheil 
hinnehmen?" war die überraschende Frage, die Herbart nach Empfang dieses Curatorial- 
schreibens an seine CoUegen richtete. Denn auf ihn hatte die Schilderung von den die ganze 
akademische Jugend durchdringenden demogogischen Umtrieben je länger je tiefern Eindruck 
gemacht. „Offen und elirlich spreche ich es aus, dass ich über die Schilderung des geheimen 
Bundes erschrocken bin und dass ich mir so etwas nicht gedacht hatte," rief er entsetzt aus. 
Er verlaugte, dass man ausführlichere Mittheilungen erbitte: das könne einem von Niemand 
verdacht werden, da das Interesse an solchen Gegenständen und die herzliche Einstimmung 
in die Maassregeln des Gouvernements in demselben Maasse wachsen würde, wie man mehr 
bestimmte Einzelnheiten erführe. „So schwer zu glaubende, wenigstens so ungern geglaubte 
Dinge, wie jener geheime Bund, jene giftigen Lesecirkel u. s. w. verkleinern sich unwillkürlich 
in den Augen dessen, der sie nicht genau, nicht im Detail zu erfahren Gelegenheit hat. Man 
kann uns kaltsinnig finden, bloss weil wir nicht genugsam unterrichtet sind." Man sieht, der 

1) B. 63. 



76 

Inhaber von Kants Lelirstuhl hatte aus Angst vor dem angeblich allgemein herrschenden De- 
magogeuthum den Kopf völlig verloren! „Und welche Menge," ruft er weiter aus, „von einzelnen 
Thatsachen setzt eine solche zusammengedrängte Darstellung voraus wie die, welche wir ge- 
lesen haben. Wie viel muss schon untersucht und, zum Theil wenigstens, schon so weit ins 
Klare gebracht sein, dass es aus dem Ki'eise der blossen Vermuthungen (die natürlich keiner 
Mittheilung fähig sein werden) entschieden heraustritt!" Zum Glück bewahrten Herbarts 
Collegen etwas kälteres Blut und lehnten die von ihm vorgeschlagene Bitte um nähere Mit- 
theilungen ab. 

Es war kein glückliches Zusammentreffen, das eben in der Zeit^ wo das Repressiv- 
system gegen die Universitäten eine weitere Steigerung erfuhr, der bisherige ausserordent- 
liche Eegierungsbevollmächtigte bei der Albertina, Chefpräsident Baumann, als Oberpräsident 
nach Posen versetzt wurde. Zu seinem Nachfolger wurde nicht der neue Oberpräsident 
Theodor von Schön bestellt, sondern • — Anfangs in Gemeinschaft mit dem bereits Baumann 
beigegeben gewesenen Regierungsrath Heyne — der Geheime Regierungsrath Reusch, der 
dieses Amt dann volle 24 Jahre, bis zu seinem den 25. April 1848 erfolgten Tode, ver- 
waltet hat. Wenn ihm später nachgerühmt wurde, in würdiger Auffassung habe er der ihm 
gestellten schwierigen Aufgabe, als Regierungsbevollmächtigter die Anforderungen der vorge- 
setzten Behörden mit den akademischen Verhältnissen für Professoren und Studirende zu ver- 
mitteln, so glücklich gelöst, „dass er mit der gewissenhaftesten Treue des Staatsbeamten im 
wahrhaftesten Interesse des Vaterlandes die höheren Zwecke der Universität schützte und 
mit aufopfernder eigener Resignation für ihre Wohlfahrt handelte", so muss demgegenüber 
doch auf den Druck der Verhältnisse hingewiesen werden, der ein Gedeihen der Universi- 
täten auch bei der sorgsamsten Pflege damals unmöglich machte. Denn schon wurde das 
System einer kleinlichen Beaufsichtigung und Bevormundung, dem man die Studirenden unter- 
worfen hatte, auf das Studium und auch auf die Professoren ausgedehnt. Das Vorlesungs- 
verzeichniss wurde in einer ganz neuen Weise zum Gegenstand amtlicher Kritik gemacht und 
gab Anlass zur Austheilung von Lob und Tadel an die Professoren, die man zu einer bisher 
keineswegs herkömmlichen wörtlichen Erfüllung rein formaler Statutenbestimmungen anzu- 
halten strebte. Während aus Anlass des Lectionskatalogs für das W.S. 1822/23 es als ,,sehr 
erfreulich" bezeichnet wurde, dass Drumann auch die Geschichte der Kunst des Alterthums 
zu behandeln unternehme, und die Beschaffung der nöthigen Hilfsmittels in Aussicht gestellt 
wurde, soll Johannes Voigt „angehalten" werden, auch Vorlesungen über die histori- 
schen Hill fs Wissenschaften, besonders Heraldik und Diplomatik, anzuzeigen. In Betreff der 
philologischen Vorlesungen wurde tadelnd bemerkt, dass solche über die lateinischen Pro- 
saiker fehlten, weshalb an die Professoren Lobeck und Lachmann „eine nachdrückliche 
Verfügung" zu erlassen sei. Dann ergeht die Weisung, dass diejenigen ord. und aord. 
Professoren, die sich noch nicht habilitirt, d. h. die durch die Statuten vorgeschriebene 
Antrittsvorlesung und Disputation noch nicht gehalten haben, das binnen einer ihnen zu 
stellenden letzten Frist nachzuholen haben, nach deren Verstreichen „der früheren Observanz 
gemäss" Gehaltssperre gegen die Säumigen einzutreten hat. Dass irgendwie Compromittirten 
der Zugang zum akademischen Lehramt verwehrt wurde, verstand sich von selbst. Das hatte 



77 

bereits der ehemalige ßurticbenscliafter Lucas^) eriahreu niiiösen, der, damals Lehrer am 
Stadtgymnasium, sich 1822 auf Grund seiner Arbeit ,,D(; bellis Suantopolci, ducis Pomera- 
norum, adversus Ordiuem gestis Teutoiiicum'- als Doceut der Geschichte hatte habilitiren 
wollen. 

Lehrer und Hörer gleichmässig trafen die Maassnahmen, die dem verpönten Verbin- 
dungswesen und seinen angeblichen üblen Folgen durch Erzwingung grössern Pleisses der 
Studirenden entgegenwirken sollten. Weitere Verschärfung der polizeilichen Cautelen bei 
Ertheilung von Pässen an Studirende sollte deren Reisen, die ja burschenschaftlicher Agi- 
tation dienen konnten, vollends unmöglich machen. Die Aufhebung der bisher üblichen 
langen Ferien wurde erwogen und im Zusammenhang damit die Einreichung von vollständigen 
Verzeichnissen aller immatriculirten Studirenden zu Beginn jedes Semesters verfügt.^) In 
Folge von Klagen einzelner Lehrer über Unfleiss verfügte das Ministerium den 18. Mai 
und 3. November 1823, der akademische Senat sollte nicht bloss über den bei den Studirenden 
herrschenden Geist und ihre Sitten alles Bemerkenswerthe sammeln und berichten, sondern 
auch Alles, was zur Gewinnung eines Urtheils über den Fleiss im Allgemeinen dienen könnte, 
nach jeder Sitzung in Erwägung ziehen auf Grund der von den einzelnen Docenten zu 
machenden Angaben über den Besuch ihrer Vorlesungen. Im Herbst 1824 wurde dann, wie 
es heisst in Folge einer von Frankfurt a. 0. ausgegangenen Anregung, die Errichtung einer 
besonderen „Studiencommission" vorgeschlagen: aus dem Prorector, dem Kanzler, den vier 
Decanen, dem Stipendiencurator und dem Universitätsrichter bestehend, sollte sie einmal die 
Studirenden bei der Auswahl der zu hörenden Collegien berathen, das rechtzeitige Belegen 
beaufsichtigen und alle auf die Honorarstundung bezüglichen Dinge besorgen. Sie wurde 
einstimmig abgelehnt.^) Darauf verfügte ein Ministerialerlass vom 14. September 1824, „dass 
auf jeder Universität eine Anzahl von Professoren die nähere Aufsicht auf die Studien der 
einzelnen Studenten übernehmen sollte, und zwar im Allgemeinen so, dass jeder die beson- 
ders leitete, die unter seinem Decanat zu studiren angefangen." Die Aufsicht sollte sowohl 
die Auswahl als auch den Besuch derCollegien betreffen ; Unfleissige sollten vermahnt und weiter- 
hin dem Prorector und dem ausserordentlichen Eegierungsbevollmächtigten angezeigt werden. 
Aber auf die Umfrage des Decans Drumann erklärten alle Professoren der philosophischen 
Facultät, dass sie eine solche Aufsicht nicht übernehmen würden, „da es eine der Wirksam- 
keit der Docenten nachtheilige Spannung zwischen ihnen und den Studirenden zur Folge 
haben würde, ohne den gewiss i-echt wünschenswerthen Zweck zu erreichen." Diese Erklä- 
rung machten auch die übrigen Facultäten zu der ihrigen. Nur die Professoren der Medicin 
Richter und Sachs dissentirten."*) Ja, schliesslich wurde die Universität sogar in Bezug 
auf ihre amtlichen und corporativen Aeusserungen, die zu den vornehmsten ihrer statutarisch 
feierlich verbrieften Rechte gehören, unter Aufsicht gestellt. Ein Ministerialerlass von 1825 
ordnete an, dass alle im Namen der Universität zu publicirenden Schriften vor der Ausgabe 

1) Vgl. S. G8. 

2) D. 20. 

3) C. 74; vgl. Phil. Fac. A. 5. IL 

4) C. 74. Bericht vom 11. Febr. 1H25. 



78 

dem ausserordentlichen KegierungsbevoUmächtigteu zur Genehmigung vorgelegt werden sollten, 
selbst die Doctordiplome nicht ausgenommen. Die philosophische Facultät, die davon am meisten 
getroffen wurde, erwog ernstlich, ob sie, um sich dieser Aufsicht zu entziehen, nicht lieber Formulare 
drucken lassen sollte, in die nur der Name des Promovirten einzutragen war, ja, ob man nicht 
lieber auf den Druck der Diplome überhaupt verzichten und sie einfach schreiben lassen sollte.') 
Auf den „Geist der Universitäten", dessen Besserung bei alledem beabsichtigt war, 
wirkte ein solches Eepressivsystem nur nachtheilig ein, und wie anderwärts, so blieb auch in 
Königsberg Behörden und akademischen Lehrern die Wiederholung der alten Erfahrung nicht 
er.spart, dass bei unkluger Beschränkung der jugendlichen Freiheit im Gebiete des durch 
Recht und Sitte Erlaubten die Neigung zu Ausschreitungen sich auf anderen Gebieten bis zu 
anslössiger Zuchtlosigkeit und selbst Eohheit steigert. Gerade in den Jahren, wo auf den 
Universitäten der schwerste Druck lag, haben die monatlichen Disciplinarberichte des Se- 
nats''') besonders oft von recht argen Ausschreitungen zu melden. Die lange Reihe von Unter- 
suchungen wegen in der Trunkenheit begangener Excesse, wegen Schlägereien der Studirenden 
unter sich und mit Bürgern, wegen Herausforderung an Civil und Militär, wegen nächtlicher 
Scandale mit Laterneneinschlagen und Schlimmerem macht den Eindruck, als ob man auch 
in Königsberg damals in ein Zeitalter des Renommistenthums zurückverfallen sei. Die Be- 
hörden aber fassten diese Vorgänge in verhängnissvoller Verkennung des ursächlichen Zu- 
sammenhanges als Ausflüsse des die akademische Jugend ei'füllenden gesetzlosen und rebelli- 
schen Sinnes und nahmen sie zum Anlass für neue Repressivmaassregeln, die den Studirenden 
eigentlich ausserhalb des Gesetzes stellten und schutzlos jeder Polizeiwillkür preisgaben, Pro- 
rector und Senat aber zu deren Werkzeugen herabzuwürdigen drohten. Hatte doch bereits 
bei Gelegenheit der Verhandlungen über die Auflösung der Pomesania der Kanzler Reidenitz 
den Vorschlag gemacht, alle den Studirenden noch zustehenden Privilegien aufzuheben, wähi-end 
der neue ausserordentliche Regierungsbevollmächtigte Reu seh im Gegensatz zu dem Senat 
dafür eingetreten war, gewisse Arten studentischer Vereine zu gestatten,-'') obgleich das Mini- 
sterium immer wieder nach Mitteln fragte, um die verbotenen studentischen Verbindungen 
endlich aus der Welt zu schaffen und unmöglich zu machen.*) 



1) Phil. Fac. 12. r. 

2) Vgl. oben S. 77. 

3, Curat.-Act. Commiss. 7. IE. 

4) D. 20. Höchst charakteristisch ist für die übermässige Bedeutung, welche von Seiten der Regierung 
damals dem studentischen Verbindungswesen beigelegt wurde, namentlich der diesen Punkt betreffende Theil des 
1825 eingeführten Formulars für die akademischen Abgangszeugnisse. Dasselbe sollte je nachdem lauten: 

.Einer Theilnahme an verbotenen Verbindungen unter Studirenden ist derselbe 

a) niemals verdächtig geworden, 

b) zwar beschuldigt worden, es hat indessen die deshalb geführte Untersuchung ihn vollkommen 

gerechtfertigt, 

c) zwar beschuldigt, jedoch nicht überführt worden, 

d) zwar nicht vollständig überfuhrt, doch so dringend verdächtig geworden, dass deshalb seine 

Entfernung von der Universität durch das consilium abeundi hat erkannt werden müssen. 

e) vollständig überführt und daher die Relegation gegen ibn erkannt worden, welche durch die 

Allerhöchste Begnadigung u. s. w. 



79 

Der Abscliluss der Demagogemmtersucluingen und die drakonische Sentenz des 
Breslauer Oberlandesgericbts gegen den „Bund der Jünglinge" veranlassten neue Strafmandate. 
Die Urtheile, begründet durch die Behauptung, die Burschenschaft sei durch die Untersuchung 
„im eigentlichsten Sinn des Worts als die Vorschule der hochverrätherischen Umtriebe und 
Bedürfnisse auf den Universitäten actenmässig erwiesen", sollten zur Warnung und unter 
lobender Anerkennung der Thatsache, dass in Königsberg dergleichen nicht geschehen sei, 
bei dem Redeact am ?>. August durch den Professor der Eloquenz, Lobeck, öffentlich be- 
kannt gemacht werden. Davon hofl'te man eine Minderung des Einflusses der „falschen und 
irrthümlichen, mit den unabweichbaren Grundlagen der deutscheu Verfassung, dem monarchi- 
schen Princip in Widerspruch stehenden sogenannten constitutionellen Doctrinen und jeuer 
seichten, oberflächlichen Schule, über deren Nichtduldung das Ministerium so oft sich aus- 
gesprochen hat."') 

Wer in jener Zeit der Worte gedacht hatte, mit denen August Wilhelm Heidemann 
dereinst für eine würdigere Behandlung der Studirenden eingetreten war,*) der hätte statt 
eines erfolgten Fortschreitens nur einen bedauerlichen Rückschritt zu constatiren gehabt. 
Die Aufhebung des von Jenem so energisch gerügten Prügelmandats allein that es doch nicht! 
Welches Bild musste man sich von der studirenden Jugend auf den preussischen Universitäten 
machen, wenn man die zunächst durch Hallenser Vorgänge veranlasste Circularverfügung des 
Ministeriums vom 25. Juli 1826 las,^) die natürlich auch die Jünger der Albertina traf. 
Danach soll semesterlich ein Verzeichniss eingereicht werden der durch „Ausbrüche von 
Sittenlosigkeit ausgezeichneten oder bemerkbar gewordenen Studenten" zur Mittheilung an 
sämmtliche Consistorien, Provinzialschulcollegien, Regierungen und wissenschaftliche Prüfuugs- 
commissionen, denen die Weisung zugeht, ,, diese Individuen weder zu den Prüfungen zuzulassen, 
noch anzustellen, noch zur Anstellung vorzuschlagen." Demgemäss haben die Abgangs- 
zeugnisse hierüber hinfort die genauesten Angaben zu machen, denn es soll gegenüber Män- 
geln auf diesem Gebiet in Zukunft gar keine Rücksicht mehr genommen werden „auf etwaige 
wissenschaftliche Bildung und Kenntnisse, wie ausgezeichnet sie auch sein mögen." Den so 
zu ahndenden Vergehungen werden auch die Ausschreitungen der studentischen Tracht zu- 
gezählt, indem berichtet wird, „dass unter den von Halle nach Berlin gekommenen Studiren- 
den sich mehrere befinden, welche dort die einzigen sind, welche durch entblössten Hals, 
langen Bart, farbige und bunte Mützen, langes Haar und überhaupt durch ein unter ge- 
sitteten Leuten längst verschwundenes, allenfalls noch unter Zöglingen des niedern Hand- 
werkerstandes hin und wieder bemerkbares, an alle äusserlichen Lächerlichkeiten der ehemals 
sogenannten Deutschen Tracht und des Unfugs der Burschenschaft und des Turnwesens 
erinnerndes unsittliches, auffallendes und abgeschmacktes Costüm sich auszeichnen und ein 
für sie nachtheiliges Aufsehen erregen." Auch in Königsberg ergingen nun die entsprechen- 
den Verfügungen und Anschläge, welche die Träger dieses „unschicklichen Costüms" be- 
drohten mit sofortiger Abnahme der Matrikel, Ueberweisung an die Polizei zur Entfernung 



1) Ebendas. 

2) Vgl. oben S. 30. 

3) 1). 19. 



aus der Stadt und Ausschluss von jeder Prüfung und Anstellung, und im Gegensatz dazu 
verhiessen, „dass diejenigen Studirenden, welche von unsittlichen Richtungen entfernt sind, 
sich einer besonderen Fürsorge, Theilnahme und Berücksichtigung erfreuen können."*) Als 
besonders anstössig wurden rothe oder sonst farbige Mützen bezeichnet oder solche von 
ungewöhnlicher Form: sie sollten sofortiges polizeiliches Einschreiten und die unangenehmsten 
polizeilichen Maassregeln gegen ihre Träger zur Folge haben. 

Eine solche Sprache zu den Studirenden und eine solche Behandlung der künftigen 
Diener des Staates, der Kirche und der Wissenschaft und die Bedrohung aller nicht un- 
bedingt Fügsamen mit Ausschluss von der erwählten Laufbahn waren wahrlich nicht ge- 
eignet, den „Geist der Universitäten" zu heben. Blieb doch der Jugend all das bei 
schwerer Strafe verschlossen, woran sie sich hätte erheben und begeistern und das wirksamste 
Gegengift gegen die eingerissene Verwilderung hätte finden können. Mit ängstlichem Miss- 
trauen beobachtete man, wie auch in ihr die Sympathien für den Freiheitskampf der Griechen 
sich regten. Lieferte doch ein Polizeiagent, der nach dem Galtgarben ,, reiste", um die Vor- 
gänge bei dem üblichen Feste am 18. Juni zu beobachten, einen dort aufgefundenen hand- 
schriftlichen Anschlag ein, der zu Sammlungen für die Griechen aufforderte. Ein Ministerial- 
erlass vom 22. Mai 1826 hatte die Befürchtung ausgesprochen,^) dass diese Sympathie ..leicht 
als Aushängeschild für politische Zwecke und gesetzwidrige Verbindungen und Versammlungen 
gemissbraucht werden und das in Anspruch genommene Gefühl des Mitleids in parteisüchtigen, 
weit über das eigentliche Ziel hinaus strebenden Enthusiasmus ausarten könnte." Sammlungen 
durften deshalb nur veranstaltet werden für die ai-men Wittwen und Waisen der Getödteten 
und zur Loskaufung griechischer Sklaven: jede Abweichung davon würde ,,dem System unseres 
Hofes geradezu entgegen sein". Das freilich Hess sich nicht hindern, dass Lobeck in seineu 
in jenen Jahren gehaltenen akademischen Festreden der Wiedergeburt Griechenlands mit 
begeisterter Theilnahme gedachte und den wärmsten Wünschen für einen glücklichen Ausgang 
des hellenischen Freiheitskampfes Ausdruck gab.^) 

Ein so andauernder Druck ging schliesslich auch an den Professoren nicht spurlos 
vorüber. Während diese Anfangs tapfer für die schwer verunglimpfte Studentenschaft der 
Albertina eingetreten waren und manche demüthigende Zumuthung glücklich abgewehrt hatten, 
erlahmte auch bei ihnen allmählich der Widei-stand, und es kam eine Eichtung auf, die unter 
dem verstimmenden Eindruck zweifellos vorhandener Uebelstände dem Bestreben der Regierung 
nach einer mehr schulmässigen Gestaltung des akademischen Lebens und Unterrichts sogar 
entgegenkam. Längst waren bei manchen Professoren die Studentenbälle und Concerte 
niissliebig. In den Augen der Regierung sprach gegen sie namentlich, dass die Wahlen der 
zu ihrer Leitung berufenen „Entrepreneurs" oft Aulass gaben zu Parteiungen und zur Entstehung 
von Verbindungen und Vereinen. Wie wenig die bisherigen Repressivmaassregeln ihren Zweck 
erreicht hatten, das verpönte Verbindungswesen vielmehr in der Stille fortbestand und selbst die 
Burschenschaft, wenn auch in sehr schattenhafter Abschwächung, sich auf der Albertina ein- 

1) Erlass vom 15. August 1826, S. 19; wiederholt 15. November 182G. 

2) Curator. Commiss. 7, II. 

3) Leiinerdt, a. a. 0., S. 46 ff. 



81 

genistet hatte, wurde eben damals offenbar. Selbst die Polizei scheint sich von der Unmög- 
lichkeit einer buchstäblichen Durchführung der ergangenen Verbote überzeugt zu haben und 
drückte ein Auge zu, da sie an den bestehenden Vereinen irgend etwas Straffälliges nicht 
entdeckte. Ein amtlicher Bericht aus dem Jahre* 1836') stellte diese Vorgänge, die für die 
Gestaltung des gesammten akademischen Lebens jener Zeit von Einfluss und zugleich charak- 
terisch waren, in der Hauptsache folgeudermassen dar. 

Nach der Auflösung der Burschenschaft 1818 gab es zunächst bis 1819 keine „Parteien" 
unter den Studirenden. Da sonderten sich die aus Lithauen Gebürtigen ab und lebten unter 
dem Namen Lithauer mehr unter sich. Das gab den Anstoss zur Stiftung der Pomesania,^) 
die meist aus geborenen Pommern bestand, der sich aber auch anderwärts Heimische an- 
schlössen. So standen bis 1822 auf der einen Seite die Pomesaneu, auf der anderen die 
Lithauer, verbunden mit den übrigen keiner Partei Angehörigen, die sich Burschenschaft 
nannten, jedoch ohne damit die ursprüngliche Idee zu verbinden. 1822 löste sich die Lithuania 
auf und verband sich mit der sogenannten Burschenschaft. Die Pomesania, entdeckt und 
gemaassregelt, wenn auch ihre Theilnehmer schliesslich begnadigt wurden, ging 1823 ein, und 
es entstand ein „Lithauer-Kränzchen", mit welchem Namen die geborenen Lithauer ihr engeres 
Zusammenleben belegten; bei ihrer geringeren Zahl vereinigten sie sich wöchentlich 'einmal 
in einem Gasthaus zu geselligem Vergnügen. Nach diesem Beispiel entstand 1824 noch ein 
anderes „Kränzchen", das der Pappenheimer, in dem sich die Gebildeteren der Universität 
ohne Rücksicht auf ihre Hei'kunft, darunter viele von Adel, zu gesellschaftlichem Vergnügen 
vereinigten. Doch nahmen beide Kränzchen auch an den Studentenversammlungen Theil, die 
mit Zustimmung des akademischen Senats zum Zweck der Wahl der Entrepreueure für die 
Bälle und Concerte gehalten wurden. Der Namen Pappenheimer hatte übrigens den Sinn, 
dass die Genossen dieser Gesellschaft unter den Studirenden eine ähnliche Elitetruppe zu 
bilden meinten wie Pappenheims Dragoner in Wallensteins Heer. Als sich 1825 das Lithauer- 
kränzchen aus Mangel au Theilnehmeru auflöste, wurde für alle nicht zu den Pappenheimern 
gehörigen Studirenden die Bezeichnung Masuren üblich, besonders seit 1826. Nachdem dann 
1827 wieder ein Lithauerkränzchen entstanden war, hielten dessen Mitglieder mit den Pappen- 
heimern und den Masuren zusammen, indem sie namentlich bei der Wahl der Entreprenem-e 
gegenseitig ihre Candidateu unterstützten. Darüber kam es innerhalb der Studentenschaft zu 
Reibungen, die endlich 1827 für kurze Zeit ihre Erledigung fanden, indem die ganze Studenten- 
schaft sich zusammenthat und als „Burschenschaft" bezeichnete, ohne irgend etwas von dem 
anzunehmen, was zum Wesen einer solchen gehörte. Aber schon Weihnachten 1828 begann 
eine neue Zersetzung. Im Januar 1829 trat ein als Masuren bezeichnetes Kränzchen zu- 
sammen, darin ein Schotten genannter engerer Kreis, meist ehemalige Schüler des Altstädtischen 
Gymnasiums. Diese waren auch betheiligt bei der ebenfalls von den Masuren ausgehenden 
Bildung einer Borussia. Bald darnach zweigten sich die Masuren im engern Sinn als besondere 
Corporation ab, so dass es damals die fünf „Kränzchen" der Lithauer, der Pappenheimer, der 



1) Curat. Commiss. 7. II. 

2) Vgl. S. 71. 



Schotten, der Borussen und Masuren gab, denen alle übrigen unter dem Collectivnämen der 
Burschenschaft gegenüberstanden. Auch diese kennzeichnete sich gelegentlich durch Farben 
(schwarz-roth-weiss), die trotz aller Verbote auch bei den übrigen Vereinigungen in der Stille 
in Uebung waren. 

Natürlich ging es zwischen diesen Parteien nicht ganz ohne Reiberei ab ; namentlich 
gaben die Wahlen der Entrepreneure für die Bälle und Coucerte gelegentlich zu hässlichen 
Tumulten Anlass. Deshalb beantragte der Senat zu Beginn des Jahres 1828 die Aufhebung 
jener Veranstaltungen, bei deren Vorbereitung sich so arge Missbräuche eingeschlichen, dass 
in ihnen mehr oder minder die Quelle aller Vergehen zu suchen sei, die gestraft werden 
müssten.^) Man wies ferner auf die Kosten, auf die zerstreuende, den Studien nachtheilige 
Wirkung, welche durch die grosse Menge der an die Studenten ergehenden Gegeneinladungen 
noch gesteigert wurde, und auf die zu Duellen führenden Händel, die dabei so oft entstanden. 
Nur der Theologe Kahler ei'klärte sich gegen die Aufhebung jener Festlichkeiten, indem er 
auf ihren sittlich und gesellschaftlich bildenden Werth hinwies. Aus dem gleichen Grunde 
stimmte auch der Regierungsbevollmächtigte dem Antrag des Senats nicht bei, sondern wollte 
den alten Brauch trotz der damit gelegentlich verbundenen üebelstände beibehalten sehen. 
Da aber der Senat auf seinem Antrage beharrte, so wurde er der Entscheidung des Ministe- 
riums unterbreitet, der nach langen Verhandlungen den Standpunkt des Regierungsbevoll- 
mächtigten zu dem seinigen machte. 

Aber die Klagen über den „Geist" der Studireuden kamen nicht zur Ruhe. Rügen 
und Strafandrohungen blieben demgemäss in Uebung, obgleich die Praxis der Regierung gegen 
Ende der 20er Jahre milder wurde. Auch scheinen Ausschreitungen in Königsberg damals 
seltener gewesen zu sein. Denn indem er ein neues Mandat gegen nächtliches Lärmen, 
Kneipereien und das Auftreten mit Pfeifen und bunten Mützen der ihm gewordenen Weisung 
gemäss (20. September 1829) bekannt macht, bemerkt der Senat, obgleich es zur Abstellung 
gewisser Missstände genügen werde, die Studirenden auf das hinzuweisen, was sie der 
Universität und sich selbst schuldig sind, veröffentliche er dennoch, „um dem Gesetze zu ge- 
nügen", die schon so oft veröffentlichten Strafmandate gegen Trinkgelage, Comitate u. s. w. 
noch einmal. Dagegen wurden von Seiten einiger Professoren immer neue Klagen über den 
Unfieiss der Studirenden erhoben und Maassregeln dagegen gefordert. Das führte schliesslich 
zu einer förmlichen Enquete über diesen Punkt, der sich die Regierung um so weniger ent- 
ziehen mochte, als sie im S. S. 1828 durch Einführung einer amtlichen Verzeichnung des 
Anfangs und des Schlusses der Vorlesungen auch den Professoren gegenüber einen weitern 
Schritt zur staatlichen Fleisscontrole gethan hatte. ^) Die in dieser Angelegenheit ergangenen 
Berichte der FaCultäten, denen die Mittheiluugen der einzelnen Professoren über ihre Er- 
fahrungen in Betreff des Collegienbesuchs zu Grunde liegen, sind nicht ohne ein allgemeines 
und vielfach auch nicht ohne ein persönliches Interesse. Als philosophischer Decan constatirt 
Carl Ernst von Baer,^) dass allgemeine Klagen über unfleissigen Collegienbesuch nicht 



1) Senatsbericht vom 10. .Januar 1828. Curat Commiss. 

2) S. 19. 

3) Ebendas. 17. Juli 182'J. 



83 

vorliegen, sondern der Fleiss mebrfacli ausdrücklich gerühmt werde: dagegen vermisse man 
häufig das rechte wissenschaftliche Interesse und das recht wirksame Privatstudium. Die 
Mehrzahl der Professoren macht dafür in erster Linie immer wieder die Bälle und Concerte 
verantwortlich und kommt zurück auf die Forderung, dass diese abgeschafft werden. Zur 
Abhülfe schlägt man voi', die von den Studirenden nachgesuchten Fleisszeugnisse nicht erst, 
wie damals im Allgemeinen üblich, am Ende des Studiums, sondern allsemesterlich aus- 
zustellen. Andere empfehlen Einführung einer Prüfung über jede gehörte Vorlesung, Zusammen- 
legung der störenden Sommerferien (von Mitte Juli bis Mitte August) mit den Herbstferien 
Beschaffung besser bei einander liegender Auditorien, Vermehrung der Examinatorien und 
Repetitorien u. a. m. Besonders unmuthig äusserte sich wiederum Herbart, der seine Anfangs 
sehr stattlichen Auditorien regelmässig auf einen kleinen Bruchtheil zusammenschwinden sah. 
Während er zugiebt, dass, als die Frage nach dem Fleisse der Studirenden zuerst gleichzeitig 
mit der Demogogenverfolgung aufgeworfen wurde, der Senat sich füglich der Studirenden 
habe annehmen müssen, da diese „nur wenig und nichts Bedeutendes vom Zeitgeist spüren 
Hessen", verhält sich nach seiner Meinung die Sache jetzt ganz anders. „Meines Erachtens 
muss — so urtheilt er — das alte Uebel des unregelmässigen CoUegienbesuchs, was ich vor 
20 Jahren hier vorfand, was sich nach dem Befreiungskrieg (1818 bis etwa 1820 oder 1822) 
um etwas besserte, dann aber allmählich wieder sehr merklich verschlimmerte, zuvörderst 
offen eingestanden werden, da unsere Universität dadurch gegen andere Universitäten zurücksteht 
und der Muth des Lehrers dadurch gebrochen wird." Auch mit seinen Repetitorien erklärt 
Herbart üble Erfahrungen gemacht zu haben und wünscht, es möchte den Studirenden 
darüber ernst und streng die Wahrheit gesagt werden. Aehnlich ungünstig urtheilt Drumann: 
er will auf keiner der ihm bekannt gewordenen Universitäten einen solchen Mangel an 
öffentlichem Fleiss gefunden haben wie hier, sieht den Grund davon aber in gewissen be- 
sonderen Verhältnissen, namentlich in der herrschenden Armuth, die viele Studirenden zu 
massenhaftem Stundengeben nöthigt. Doch war diese pessimistische Auffassung keineswegs 
allgemein: hing sie doch zum Theil mit der Vorstellung zusammen, die der einzelne Lehrer 
von dem Werthe des von ihm vertretenen Fachs hatte, und seinem Wunsche, dasselbe als ein 
zur Bildung überhaupt unentbehrliches allgemein anerkannt und getrieben zu sehen. Gegen 
diesen Standpunkt polemisirte mit überlegener Ironie B es sei. „Die grösste Ursache zu Klagen 
hat — die Logik gegeben. Von dieser hat Kästner') behauptet, dass das Studium der 
Euclidischen Elemente sie ebenso vollständig lehre als ein systematischer Vortrag darüber. 
Wenn er diese Meinung wirklich hatte, so würde er die Vorlesung über Logik vielleicht in 
demselben Augenblick verlassen haben, wo er ihren Gegenstand genau kennen gelernt haben 
würde: — er würde gewiss zu tadeln gewesen sein, dass er das Angefangene nicht beendigte, 
aber er wüi'de seiner Ansicht gemäss gehandelt haben, wenn er garnicht angefangen hätte. 
Es wäre nachtheilig, wenn jeder alles Gute, was ihm dargeboten wird, lernte: von mathematischen 
Vorträgen könnte man auch die allgemeine Nothwendigkeit behaupten, allein es würde doch 
nicht gut sein, wenn man von jedem verlangen wollte, dass er sich gerade auf diesem Wege 

1) Der berühmte Mathematiker, Astronom und Dichter Abraham Gotthelf Kästner (geboren 1719, 
t 1800 als Professor in Gottingen). 



84 

logisch ausbildet." Dove findet ein Haupthinderniss für einen erfolgreichen Betrieb der 
naturwissenschaftlichen Studien in der bei den Studirenden fast allgemein herrschenden Un- 
kenntniss der neuereu Sprachen, während ßurdach wieder gegen die Concerte und Bälle 
eifert, die zu veranstalten man „fiiglich künftigen Kammerjunkern vorbehalten" möge, während 
er die von anderer Seite angegriffenen Sommerferien als „in unserm Laude unentbehrlich" 
nachdrücklich in Schutz nimmt. Besonders eingehend und dabei unbefangen und sachlich 
äussert sich der Jurist Schweikart. Klagen der Art, so meint er, seien zu allen Zeiten 
gehört worden; thatsächlich aber sei unerachtet einzelner üebelstände im Ganzen und Grossen 
gegen früher eine höchst erfreuliche Besserung unverkennbar, und so lange die Universitäten 
in ihrer gegenwärtigen Verfassung bleiben, werde es Fleissige und Unfleissige geben. Zur 
Abhülfe empfiehlt er das Fernhalten Unbefähigter durch Strenge oei den Prüfungen. Die theolo- 
gische Facultät hat einen auffallend schlechten CoUegienbesuch nicht bemerkt, klagt aber auch 
über Mangel an wissenschaftlichem Sinn. Die Summe aus allen diesen Gutachten zog ein Bericht 
des Senats an den ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten vom 10. September 1829. 
Er constätirt das Auseinandergehen der Ansichten über die Studentenbälle und -Concerte: 
die Mehrheit spreche sich für ihre Beibehaltung aus, weil ihr Verbot „den Sitten der Studi- 
renden sehr nachtheilig" sein würde; doch sollten Stipendiaten und Beneficiaten dabei nicht 
mehr als „Entrepreneure" fungii-en dürfen. Alle Commerse und Comitate dagegen sollen 
untersagt sein. Auch wurde darauf hingewiesen, dass viele Studirende die Universität mit 
der vorgefassten Meinung bezögen, sie müssten sich zunächst von den Anstrengungen der 
Schulzeit erholen, und sich deshalb gerade in den ersten Semestern Versäumnisse zu schulden 
kommen Hessen, die hinterher nicht gut einzubringen sind. Nicht unberührt bleibt der Nach- 
theil, den vielen Studirenden die Ableistung des Militärdienstes während der Studienzeit bringt. 
Einen Hauptgrund unregelmässigen Collegienbesuchs aber sah man in dem Fehlen einer hin- 
reichenden Anzahl nahe bei einander gelegener Auditorien, das die Studirenden nöthigte, in 
kurzer Zeit oft w^eite Wege zu machen. Damit kam man zurück auf die schon 1817 erörterte 
Frage') nach dem Bau eines besondern, ausreichenden Eaum für die verschiedenen Lehrzwecke 
gewährenden Collegiengebäudes. Die Antwort des Ministeriums vom 26. Februar 1830 lässt 
erkennen, dass auch dort bereits gelegentlich eine unbefangenere Auffassung der akademischen 
Verhältnisse durchdrang. Die Studentenbälle und Concerte sollen auch ferner stattfinden; die 
vom Senat gewünschte Ausschliessung der Stipendiaten und Beneficiaten von ihrer Leitung 
wird mit Recht verworfen; die gegen den Militäi-dienst und mittelbar gegen die Gymnasien 
erhobenen Anschuldigungen werden als unbegründet zurückgewiesen; überhaupt soll von jeder 
besonderen Maassnahme zur Hebung des Fleisses abgesehen werden, denn das Ministerium 
erwartet die einfachste und allein sicher wirksame Abhülfe ausschliesslich von dem persön- 
lichen Einfluss der Lehrer auf ihre Zuhörer. Als berechtigt aber erkennt das Ministerium die 
Klage über den Mangel an gut gelegenen Auditorien an, erklärt sich bereit, demselben nach 
Möglichkeit abzuhelfen, und erfordert nähere Angaben und geeignete Vorschläge. 

Auch sonst schien damals für die Albertina und ihre Studentenschaft endlich eine bessere 

1) Vgl. S. 50. 



85 

Zeit zu begiuiien, indem eiu besouderer Zwischenfall das traurige Vorurtbeil zu überwinden 
verbiess, das sieb bei der Regierung gegen die akademische Jugend eingenistet hatte, und 
dieser nach langen Jahren zum ersten Male wieder Worte der Anerkennung und Beweise 
wiederkehrenden Vertrauens eintrug. Bei ihrem ersten verbeerenden Umgange durch Europa 
hielt die Cholera im Sommer 1831 auch in Königsberg ihren Einzug. Die von der Regierung 
verfügten Maassregeln zur Absperrung alles Verkehrs, die der Oberpräsident von Schön ver- 
geblich bekämpft hatte, steigerten die Erregung der Einwohner. In den unteren Schichten 
erzeugte namentlich die befohlene Ueberführung aller Erkrankten in die Lazarethe und das 
beschleunigte stille Begräbniss der Verstorbenen dumpfe Gährung, die bald durch unsinnige 
Gerüchte gesteigert wurde. Sie richtete sich vielfach gegen die Aerzte, die durch ihre Arz- 
neien den Tod der Kranken verschuldet haben sollten. Schon war es hier und da, und na- 
mentlich in der Löbenichtschen Langgasse von Seiten der „Helfer", d. i. Sackti-äger u. s. w., 
zu Tumulten gekommen, wobei die verhafteten Rädelsführer von der Menge gewaltsam befreit 
worden waren, als ein ähnlicher Vorfall eine grössere Ausschreitung gröblichster Art herbei- 
führte und die Stadt für 24 Stunden mit dem Schrecken eines Pöbelaufstandes erfüllte.') 
Das vorgeschriebene eilige Begräbniss eines auf dem Sackheim gestorbenen Zimmergesellen, 
der von dem Arzte vergiftet sein sollte — (er hatte, wie sich herausstellte, ein zu Einreibungen 
bestimmtes Heilmittel getrunken!) — wurde durch einen Auflauf gehindert. Am Morgen des 
28. Juli strömte die Menge von allen Seiten zui* Veranstaltung eines feierlichen Begräbnisses 
zusammen, mit Knütteln und Steinen bewaffnet, unter Schimpfreden und Drohungen. Die 
Wache am Königsthor, zum Einschreiten zu schwach, musste den Zug nach dem neuen Kirch- 
hof passiren lassen. Inzwischen waren zwei Tags zuvor von ihren Genossen befreite Helfer 
wieder verhaftet und zum Verhör nach dem Inquisitoriat gebracht. Auch die übrigen strömten 
dorthin zusammen und erklärten bleiben zu wollen, wo ihre Kameraden blieben. Doch gelang 
es schliesslich, sie zum Auseinandergehen zu bestimmen. Bald aber sammelten sich neue 
Haufen, verstäi'kt durch das schnell auftauchende Gesindel und zu allem Unfug geneigte halb- 
erwachsene Jungen, und erfüllten lärmend den Schlossplatz und Schlosshof. Von dort ver- 
drängt, wandte sich die Menge nach dem Altstädtischen Markte. Angeblich gereizt durch das 
gewaltthätige Auftreten der Polizei, schleuderte sie dort einen Steinhagel gegen die Fenster 
des Polizeigebäudes, drang in das Innere ein, nöthigte die Beamten zu schleuniger Flucht, 
warf die Acten zum Fenster hinaus und schlug Alles kurz und klein. Der Polizeipräsident 
Schmidt entging mit seiner Familie kaum ihrer Wuth und sah seine Wohnung mit der ganzen 
Einrichtung demolirt. Da inzwischen in der Vorstadt ähnliche Ausschreitungen begonnen 
hatten — Fenstereinwerfen und Versuche zur Plünderung der Läden — , so wurden Truppen 
zur Herstellung der Ruhe aufgeboten. Aber erst als die wiederholten Mahnungen des Gene- 
rals von Kraft mit lautem Gejohle beantwortet wurden, als General von Wrangel, der, auf 
den Altstädtischen Markt vorreitend, die Menge zum Weichen bringen wollte, thätlich ange- 
griffen und fast vom Pferde gerissen wurde, Hess man die in einer Seitenstrasse haltenden 
Kürassiere langsam vorgehen: sie wurden von der Menge mit Steinwürfen und Knüttelschleu- 



1) Das Folgende nach Curator.-Acten A. 117; Univ. -Act. 37. Vgl. K. K. v. Biirs Leben, S. 503;G. 



dem zurückgedrängt. Nun erst kam die Infanterie zur Verwendung und gab Feuer: augen- 
blicklich geräumt, war der Altstädtische Markt bald danach wieder von dem Pöbel besetzt. 
Nur weiteres Blutvergiessen schien seine Eäumuug erzwingen zu können. Da kam unver- 
hoffte Hülfe. 

Während der Tumult auf der Vorstadt durch das schnelle Einschreiten der in jenem 
Stadttheil liegenden Artillerie bald erstickt war, hatten sich auf dem Kneiphöfischeu Rath- 
hause zugleich mit einer Anzahl entschlossener Bürger etwa 100 Studirende — nur so viel 
waren bei der Nähe der Hundstagsferien noch in der Stadt, zwei Drittel der Gesammtzahl 
waren in ihre Heimath gegangen, zumal der Senat mit Rücksicht auf die Seuche den Schluss 
der Vorlesungen schon auf den 2. August augesetzt hatte — versammelt, um für Ruhe und 
Ordnung einzutreten. Weisse Binden um den linken Arm, mit Hiebern und Flinten versehen, 
zogen sie unter Führung des Universitätsrichters Grube zunächst nach der Hauptwache und 
von da in geschlossenen Reihen „in einer sehr ruhigen und ernsten Bewegung" hinab nach 
dem Altstädtischen Markt, hinter ihnen eine Abtheilung Infanterie. Die Menge wich; aber 
die in das Polizeigebäude Eingedrungenen hielten dasselbe besetzt. Vor diesem nahmen die 
Studenten Stellung, brachten dem König ein Hoch und stürmtei dann in das Haus, unge- 
achtet der Knüttel und Steine, womit sie empfangen wurden. Nun räumten die Tumultuanten 
schleunigst das Feld; drei wurden verhaftet. Kaum aber waren die Studenten nach der 
Hauptwache zurückgekehrt, als die Masse von Neuem lärmend zusammenlief. Sofort eilte 
Grube mit den Seinen nochmals dorthin, trieb die Tumultuanten aus einander und brachte 
etwa 40, die meisten davon verwundet, als Gefangene zurück. Aus Sorge vor neuen Aus- 
schreitungen blieb während der nächsten Nacht Alles auf den Beinen. Patrouillen durchzogen 
die Stadt. Die Studenten übernahmen den Wachtdienst bei einigen Gebäuden, für die man 
nach den in der Menge gefallenen Aeusserungen bei der Wiederholung des Tumults zunächst 
fürchtete, nämlich bei dem Collegium Albertinum, dem Kypkesche Stift und der Sternwarte, 
von welch letzterer es im Pöbel hiess, „ihr Professor habe die Cholera durch die silbernen 
Kugeln hergebracht." In einer anderen Gefahr hatte sich das unlängst vollendete Gebäude 
des zoologischen Museums befunden, das die zur Bekämpfung der Cholera eingesetzte Com- 
mission als Lazareth belegen wollte, während K. E. von Baer eben mit seinen Sammlungen 
einzuziehen anfing; nur die energischsten Proteste, namentlich auch von Seiten des ausser- 
ordentlichen Eegierungsbevollmächtigten, retteten es vor diesem Schicksal.') Doch blieb die 
Ruhe hinfort ungestört und nach einigen Nächten konnten auch jene Sicherheitsmaassregeln 
aufgehoben werden. 

Das umsichtige und ruhig entschlossene Auftreten der Studirenden, die gutgemacht 
hatten, was die Civil- und Militärbehörden versehen hatten, wurde nicht bloss von der 
Bürgerschaft anerkannt. Sowohl von Seiten des Akademischen Senats, wie des Oberpräsidenten 
von Schön empfingen dieselben warme Lobspi'üche für die Art, wie sie zur Herstellung der 
Ruhe und zur Sicherung der Ordnung beigetragen hatten. Schön unterliess auch nicht, über 
das Geschehene dem Kronprinzen als Rector der Albertina Bericht zu erstatten, und von 



1) C'urator. Commis 



87 

diesem ging iu Folge dessen ein in den wärmsten Ausdrücken gehaltenes Belobigungsschreiben 
ein. „Der ehrenvolle Namen des Rectors der Königsberger Hochschule," so hiess es darin, 
„ist mir nie so werth gewesen, als jetzt, wo er mir das Recht giebt diesen Dank auszusprechen." 
Und in einem Schreiben an den Oberpräsidenteu selbst urtheilte der hohe Herr: „Das Auf- 
treten der Königsberger Universität am 28. Juli ist so erfreulich, dass ich nicht dazu 
schweigen kann. Ich bitte Sie, dem Prorector und den Professoren und insbesondere den 
Studirenden und dem Universitätsrichter meine Anerkennung, meinen Dank und meine Glück- 
wünsche zu sagen. Es ist heldenmüthig, sich ohne dienstlichen Beruf zwiefacher Gefahr 
auszusetzen, zugleich dem empörten Pöbel und der möglichen Ansteckung einer furchtbaren 
Seuche entgegenzutreten." Auch das Ministerium sandte ähnliche Lobsprüche. Das war 
damals viel werth: meinte man nun doch endlich eine andere Behandlung wenigstens dieser 
einen in ihrer Loyalität bewährten Universität hoifen zu können. So fasste auch der Senat 
die Sache auf, wenn er an Herrn von Schön dankend schrieb: „Wir haben keine Worte, um 
die Empfindungen auszudrücken, mit welchen wir den Brief des Kronprinzen gelesen haben." 
Zugleich beantragte er den Erlass der Disciplinarstrafen. auf die unlängst gegen einige der 
an den Vorgängen vom 28. Juli betheiligten Studirenden erkannt war; er wurde bewilligt. 
Der Oberpräsident Hess nun eine amtliche Darstellung des Geschehenen abfassen und durch 
den Druck veröif entlichen und stellte 150 Exemplare davon der Universität zur Verfügung. 
Lobeck aber benutzte die Feier des 3. August, um in seiner Rede über die Hetärien im 
Alterthum in leicht verständlichem Hinblick auf die den Universitäten schuldgegebenen 
politischen Verbindungen und demagogischen Umtriebe die höchst gemeinnützige Zusammen- 
rottung edler Söhne der Albertina zu einer Cohors academica rühmend zu erwähnen, die nicht 
nur zur Unterdrückung eines Volksaufstandes kräftig mitgewirkt, sondern selbst die Kranken- 
pflege in den Siechenhäusern zu übernehmen sich nicht gescheut hätten.^) 

Doch gingen die Hoffnungen, welche man au diese Ereignisse geknüpft hatte, nicht 
in Erfüllung. Das mit den Karlsbader Beschlüssen inaugurirte System blieb in Wirksamkeit, 
mochte auch iu der einen oder der anderen Rücksicht eine Erleichterung eintreten. Das hö- 
here Aufwogen der liberalen Bewegung, namentlich in Süddeutschland anter der Einwirkung 
der Julirevolution, das Hambacher Fest (1832) und die Thorheit des Frankfurter Attentats 
(1833) gaben den Behörden nur allzu viel Anlass zu erneuter Maassregelung der Universitäten 
und Verfolgung der wieder auftauchenden Burschenschaft. Auch die Albertina blieb davon 
nicht frei, obgleich sie zu strafendem oder auch nur vorbeugendem Einschreiten noch weniger 
Anlass gab als früher. Bald galt es nachzuspüren, ob etwa der in Süddeutschlaud agitirende 
deutsche Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse auch unter den Studirenden der 
Albertina Anhang gewonnen habe,^) bald auszuforschen, ob nicht trotz aller Wachsamkeit auch 
die Burschenschaft dort wieder festen Fuss gefasst habe.^) Die letztere Besorgniss war unbe- 
gründet. Ein Bericht des Regierungsbevollmächtigten vom 14. Juni 1833*) constatirte das 



1) Lehnerdt, a. a. 0., S. 49-50. 

2) Curat. -Erl. 2. April 1832. D 

3) Desgl. 23 April 1832. Ebdas. 

4) Curat.-Act. 7. II. 



Niclitvorhandensein geheimer Verbindungen : nur gesellige Cirkel gab es unter den Studirenden, 
welche in: Hinblick auf den oft so unerfreulichen Verlauf der ehemals üblichen allgemeinen 
Studentenversammluugen die Herstellung eines einfacheren Verfahrens bei der Wahl der Entre- 
preneure für die Bälle u. s. w. erstrebten. Ihre Vergnügungen bestanden in Gastmahlen, Ge- 
sang, dramatischen Declamationen und mitunter auch in wissenschaftlichen Discussionen. Als 
besonders wichtig wurde hervorgehoben, dass diese Verbände ihre Vorsteher durch Stimmen- 
mehrheit wählten, ihnen also nicht zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet waren, dass sie keine 
Statuten hatten und ihre Zusammenkünfte nicht in besonderen Localen hielten, sondern in 
Gasthäusern in den von dem übrigen Publicum benutzten Räumen. Von besonderen Benen- 
nungen werden damals nur die der Lithauer, der Pappenheimer und der Masuren erwähnt. 
Kleine Ausschreitungen in der Tracht seien durch Vorladung und Vermahnung der Schuldigen 
ohne Weiteres abgestellt. Mit besonderem Nachdruck wird coiistatirt, dass die Königsberger 
Studentenschaft sich mit Politik durchaus nicht beschäftige: schon ihre Arimith hindere die Meisten 
Zeitungen zu lesen; von der neuesten Geschichte wissen die Studirenden daher gemeinhin gar 
nichts. Dennoch ergingen auch hier auf Anweisung von oben die üblichen Vermalmungen zu 
gesittetem Betragen und Vermeidung der auffallenden Kleidung, namentlich der rothen und 
mehrfarbigen Mützen (7. Juni 1834). Gegen Völlerei, Duelle, Strassentumulte und lärmende 
Demonstrationen im Theater einzuschreiten fand sich noch öfters Anlass. 

Daher wurde, als im Januar 1834 der Besuch des Kronprinzlichen Paares bevorstand, 
die Studentenschaft noch ausdrücklich ermahnt, „durch ganz besondere Aufmerksamkeit auf 
ihr Betragen während der Anwesenheit des Kronprinzen Königliche Hoheit ihre Freude zu 
bezeigen, den hohen Wohlthäter hier zu sehen (7. Juni)."^) Die Lehrerschaft aber machte dem 
Hohen Paare die Copien zeitgenössischer Porträts des Herzogs Albrecht und seiner Gemahlin 
Dorothea zum Geschenk und Hess Huldigungsgedichte drucken, denen das Facsimile von einem 
eigenhändigen Briefe des Stifters der Universität beigegeben war.^) Die Ueberreichung fand 
statt am 16. Juni bei einer den Professoren gewährten feierlichen Audienz durch den Senior 
und Kanzler ßeidenitz. Den Abend zuvor brachte die Studentenschaft ilirem erhabenen 
Rector einen solenneu Fackelzug. 



VII. Der Ausgang des dritten Jahrhunderts und die Vorboten der neuen Zeit 1834—44. 

Hatten die Ereignisse vom Juli 1831 und die festlichen Tage des Sommers 1834 die 
Lage der Albertina auch in mancher Hinsicht gebessert, der gründlichere Wandel, den man 
damit eingeleitet zu sehen gehofft hatte, erfolgte nicht, ja vorübergehend trat noch wieder 
eine Verschlimmerung ein. Doch regten sich während der nächsten Jahre so vielfach nach 
Entfaltung strebende Keime zu neuen Bildungen, dass es zu manchem Conflict zwischen den 
beharrenden und den vorwärtsdrängenden Kräften kam, die auch in den Kreisen der 
Königsberger Universität mehr oder minder stark nachzitterten. 



1) D. 19. 

2) F. 30. 



89 

Zwar gestattete ein Bimdestagsbescbluss vom 14. November 1834') die Vereinigungen 
von Studirenden zu wissenscbaftlicben und geselligen Zwecken mit Erlaubniss der Regierung 
unter den von dieser festzusetzenden Bedingungen, alle anderen Verbindungen aber blieben 
verboten und die Theilnahme an burscbenscbaftlichen oder politiscbe Zwecke verfolgenden 
Verbindungen mit verschärfter Relegation bedroht. Auch blieb es bei der Verpflichtung 
aller Neuimmatriculirten in Betreff der Nichtbetheiligung an solchen Verbindungen durch 
Unterzeichnung eines an die Stelle des früher geforderten Ehrenwortes^) getretenen Reverses. 
Ausserdem aber musste hinfort jeder Studirende zu Beginn des neuen Semesters sich über 
seinen Ferienaufenthalt ausweisen. Dem Senat wurde am 25. April 1835 aufgegeben, die 
periodischen Berichte über den herrschenden Geist, den Fleiss und die Sitten der Studirenden 
sowie über die Disciplinarverhältnisse, die einigermassen in Vergessenheit gerathen waren, 
wieder regelmässig zu erstatten. Die neue Demagogenverfolgung, die das Frankfurter 
Attentat und das Treiben der von Frankreich und der Schweiz aus agitirenden Flüchtlinge 
veranlasste, traf natürlich wiederum besonders die Universitäten. Auch die Albertina ging 
nicht ganz leer aus, wenn es sich hier eigentlich auch nur um den verpönten Namen der 
Burschenschaft handelte, mit dem in Folge der Wandelungen der Parteibildung unter den 
Studirenden erst alle nicht einem der ,, Kränzchen" Angehörigen bezeichnet worden waren, 
während dann vorübergehend überhaupt die Gesammtheit der Studentenschaft so geheissen 
hatte. Wenn man auch gefunden haben wollte, dass diese Anfangs nur auf studentische 
Angelegenheiten gerichtete Vereinigung seit 1831 eine gewisse politische Färbung angenommen 
und in einer Ostern 1833 beschlossenen Constitution Ausdruck gegeben habe, so musste doch 
zugegeben werden, dass sie jedes gefährlichen Charakters entbehrte, auch völlig isolirt ge- 
standen und keine auswärtigen Verbindungen unterhalten hatte. Thatsächlich hatte es sich 
dabei nur um den Versuch gehandelt, eine Organisation zu schaffen, die den Lands- 
mannschaften einigermassen das Gegengewicht halten konnte und bei der man in Ermangelung 
eines andern geeigneten Vorbilds die Einrichtung der Burschenschaft mehr den Benennungen 
als der Sache nach nachgeahmt hatte, indem man eine „Allgemeinheit", eine „innere Ver- 
bindung", einen „Convent" mit den zugehörigen Beamten wie Sprecher, Schreiber und 
Kneipwart einführte. Obenein war diese Burschenschaft schon im Mai 1833 wieder ,, ver- 
schwunden": ein Theil ihrer Mitglieder bildete das sogenannte Schottenkränzchen, der andere 
die Landsmannschaften der Balten und der Markomannen, so dass es deren nun im Ganzen 
sieben gab, ohne jeden andern Zweck als den des geselligen Vergnügens und des gemein- 
samen Auftretens bei den Entrepreneurwahlen. Mit Ausnahme von zweien, die der Zu- 
gehörigkeit noch zu anderen geheimen Verbindungen verdächtig waren, wurden denn auch alle 
Mitglieder dieser Königsberger Burschenschaft durch königliche Gnade vor den verhängniss- 
vollen Wirkungen des drakonischen Erlasses vom 21. Mai 1824 durch Niederschlagung der 
Untersuchung bewahrt.^) Das war um so mehr ein Glück für die Entwickelung der Albertina, 
als diese Untersuchungen anderwärts einen wahrhaft tragischen Ausgang nahmen, was nach 



1) Curat. Commiss. 33. 

2) Vgl. oben S. 70. 

.^) Ourator. Commi.ss. 7, 



90 

der damals verfolgten Absctreckungstheorie natürlich auch den Königsberger Studirenden 
amtlich bekannt gemacht wurde: in Greifswald waren nach einer Mittheilung des Eegierungs- . 
bevollmächtigten vom 26. Januar 1836') wegen Theilnahme an einer „arminischen" Burschenschaft 
43 Verurtheilungen erfolgt, nämlich 41 zu sechs- und zwei zu fünfdreiviertelj ähriger Festungshaft 
und Unfähigkeit zu jeder Anstellung, während ein Ministerialerlass vom 23. Januar 1838 gar 
kundzuthun hatte, es seien seit der letzten Mittheiluug der Art durch den Criminalsenat des 
Kammergerichts von 204 Inculpaten 39 zum Tode und die übrigen zu Festungshaft bis zur 
Dauer von 30 Jahren verurtheilt, daneben zur Anstellungsunfähigkeit, Vermögensconfiscation 
und Verlust der Nationalcocarde.-) 

Man darf aber nicht meinen, es sei dui-ch solche Strenge unter der Studentenschaft eine 
besonders ernste Haltung erzielt und Zucht und Sitte, zu deren Beobachtung immer wieder 
gemahnt wurde, besonders peinlich gewahrt worden. Eher war das Gegentlieil der Fall, und 
es wiederholte sich die bereits zu Beginn der 20er Jahre unter gleichen Umständen gemachte 
Beobachtung, dass ein gewaltsames Fernhalten der Jugend von jeder Beschäftigung ihrer 
Kräfte und Neigungen mit Dingen, an denen vollberechtigt theilzunehmen ihr freilich erst nach 
erlangter Reife gewährt werden kann, die ihren Sinn aber doch bereits auf höhere und grössere 
Aufgaben richten, das moralische Niveau derselben herabsetzt und sie verleitet, ihre über- 
schiessende Kraft zu eigenem Nachtheil auf Gebieten zu bethätigen, die sie besser vermiede. 
Das gab auch dem Studentenleben auf der Albertina in jenen Jahren um so mehr seine 
Signatur, als Königsberg damals trotz seiner 70000 Einwohner bei der geringen Entwickelung 
von Handel und Industrie ganz den Charakter einer Beamten- und Universitätsstadt trug, in 
der die Studentenschaft ein in mancher Hinsicht tonangebendes Element war. Durch die 
Bälle und Concerte nahm sie in der Gesellschaft eine Stellung ein, die Ihr selbst für ihre Aus- 
schreitungen milde Beurtheilung sicherte und sie glauben machte, dass die übrigen büi-ger- 
lichen Kreise um ihre Gunst und Freundschaft würben.^) So fehlte es denn nicht an Rückfällen 
in das Renommistenthum früherer Zeiten, die die Polizei und die akademischen Behörden zu 
strengem Einschreiten nöthigten. Namentlich das Theater wurde gelegentlich der Schau- 
platz lärmender Demonstrationen: die mehrfache Wiederholung solcher und die Unmöglich- 
keit für die mit den Persönlichkeiten nicht genau bekannten Polizisten und Pedelle, die 
studentischen Theilnehmer daran auszumitteln, veranlasste im Frühjahr 1837 die Einführung 
der an anderen preussischen Universitäten schon üblichen und bewährten Erkennungskarten.*) 

Aber auch in diesen studentischen Verhältnissen machten sich bereits Erscheinungen be- 
merkbar, die das Aufkommen einer freieren Richtung erkennen Hessen, einer Richtung, die 
trotz des auf den akademischen Zuständen lastenden Druckes eine Neugestaltung von Innen 
heraus erstrebte und dieses mit einem Acte der Selbstbefreiung begann. Der Gegensatz 
zwischen den Landsmannschaften und den übrigen Studirenden führte im Herbst 1838 in 



1) Theol. Fac. U. 1. 

2) Curator. C'ommiss. 7. I. 

3) Tgl. Falkson, Die liberale Bewegung in Königsberg 1840-48 (Breslau 1888), S. 10 ff. Tgl. auch 
die Scliildening des Königsberger Studentenlebens jener Zeit in Fanny Lewaids Koman .Wandelungen'. 

4) D. 19. Senatsantrag 10. Jlai 1834. 



91 

Folge eiiieö Conflictes iu einer allgemeinen Stuilentenverciamnilung dazu, dass sich alle ausser- 
halb der Landsmannschaften stehenden Studirenden zu einer sogenannten Burschenschaft 
Albertina zusammenthaten. Wirklich erreichte man so auch ein leidliches Verhältniss. Während 
die Landsmannschaften gewisse Aeusserlichkeiten des studentischen Lebens betonten, pflegte 
die neue Vereinigung mehr die geistigen Interessen. Ihr Centralorgan blieb die allgemeine 
Versammlung, doch bildeten sich, zum Theil in Folge des Vorwaltens näherer persönlicher Be- 
ziehungen, zum Theil durch sachliche Beweggründe veranlasst, innerhalb der Albertina kleinere 
Verbände, unter denen einige Jahre die „Hochhemia" eine hervorragende Stellung einnahm 
durch die Vereinigung einer ungewöhnlich grossen Zahl reich begabter und hochstrebender 
Jünglinge. Es genügt, daraus Julian Schmidt, den Litterarhistorikor und Kritiker, hervorzu- 
heben, dann den phantastischen, aber kraftvoll originellen Albert Dulk, den nachmals als 
feinsinniger Kenner der neueren französischen und englischen Litteratur und als Schulmann 
bekannt gewordenen Friedrich Kreyssig, den langjährigen gefeierten Vertreter der klassischen 
Philologie an der Albertusuniversität Ludwig Friedländer, den zu hohen diplomatischen 
Posten aufgestiegenen v. Keudell, weiter Hobrecht, den Oberbürgermeister erst von Breslau, 
dann von Berlin und endlich Finanzminister, und andere mehr, die weniger weithin bekannt 
geworden, in ihrer ostpreussischen Heimath im Dienste des Staats, der Kirche und der Wissen- 
schaft eine segensreiche Thätigkeit entfaltet haben und zum Theil noch heute entfalten. Ein 
frischer Zug neuen, geistig vertieften und höher strebenden Lebens ging damals durch die 
akademische Jugend Ostpreussens, entsprechend der hervorragenden Rolle, zu der in dem 
Aufschwung der nächsten Jahre diese Provinz und ihi"e Hauptstadt berufen waren. Unter 
den Masuren spielte damals Ferdinand Gregorovius eine Rolle, die Lithauer zählten den 
späteren Dichter der Nibelungen Wilhelm Jordan zu den Ihrigen. Als einer der jüngsten 
schloss sich Rudolf Gottschall dieser Reihe an.') 

Und nicht in der studirenden Jugend allein regten sich die allzu lange von jeder 
rechtmässigen Bethätigung zurückgehaltenen Kräfte. Dass ein Gleiches, umfassender aber und 
moralisch wirksamer, bald auch von Seiten der akademischen Lehrer, der deutschen über- 
haupt und derjenigen der Albertina im Besonderen, geschah, dass damit nach langen Jahren 
des Stillstandes die deutschen Universitäten die Führung übernahmen in dem neu erwachenden 
nationalen Leben des deutschen Volkes, um sie während des nächsten Jahrzehnts zu be- 
haupten — das war das Werk jenes von Niemandem ernstlich vertheidigten Staatsstreichs, 
der die Hannoversche Verfassung beseitigte und die sieben Göttinger Professoren, die mit 
ihrem Eide nicht spielen lassen wollten, gefeierte Zierden der Wissenschaft, von Amt und 
Brot jagte. Gerade für die Albertusuniversität knüpften sich daran sehr wichtige Vorgänge. 

Auch an der Königsberger Professorenschaft waren die 25 Jahre nicht spurlos vor- 
übergegangen, die seit der Ehrenpromotion Pierre Daru's^) verflossen waren. Nicht bloss 
neue Männer waren jetzt die Träger der grossen Traditionen der Albertina, auch ein neuer 
Geist war mit ihnen eingezogen. Die erneute und vertiefte Beschäftigung mit dem grossen 
Philosophen, der in den Jahren des vorwiegenden Herbartschen Einflusses selbst an der 



1) Vgl. Falkson a u. 0., S. 13 ff. 

2) Vgl oben S. i-i ff. 

12' 



Stätte seines Wirkens in Vergessenheit gerathen war, hatte den gesetzmässigen und unter- 
thanentreueu, aber auch tapfern Sinn wieder aufleben lassen, der mit der Pflicht zugleich die 
eigene Ehre zu wahren weiss, wie ihn Kant dereinst dem Wöllnerschen Religionsedict gegen- 
über ebenso maassvoU und würdig wie energisch und wirksam vertreten hatte. Wie oft war 
unter der Herrschaft der Karlsbader Beschlüsse den Professoren vorgehalten worden, sie 
sollten der Jugend nicht bloss Lehrer in fachwisseuschaftlicher Hinsicht sein, sondern auch 
Bildner und Vorbilder in sittlicher und staatsbürgerlicher Hinsicht! Als dann aber dieses 
löbliche Princip in Göttingen von einigen tapferen Männern angewandt wurde, sah man darin 
eine Auflehnung gegen die Autorität des Staats und hielt einer solchen auch diejenigen für 
schuldig, welche den deshalb Gemaassregelten und Verfolgten ihre Achtung und Sympathie 
bezeigten. Dieses Schicksal theilten mit vielen auch die Königsberger Professoren, nament- 
lich die der philosophischen und medicinischen Facultät. 

Bekanntlich hatte bereits die Anfechtung des Hannoverschen Staatsgrundgesetzes 
durch König Ernst August am 5. Juli 1837 die öflentliche Meinung tief erregt und selbst 
die entschlossensten Vertreter des Metternichschen Systems mit Furcht vor den möglichen 
Consequenzen erfüllt. Aber die Versuche zu mässigendem Einwirken blieben vergeblich: am 
1. November 1837 erschien das Patent, welches das Staatsgrundgesetz aufhob und die „könig- 
lichen Diener" von dem Eide darauf entband. Am 18. November erfolgte der Protest der 
sieben Göttinger Professoren: angeregt von E. Albrecht, dem gefeierten Lehrer des deutschen 
Rechts, redigirt von Ch. F. Dahlmann, unterzeichnet von den Gebrüdern Grimm, dem Phy- 
siker Weber, dem Orientalisten Ewald und G. Gervinus, legte er in würdigen, von heiligem 
sittlichen Ernst durchwehten Worten Verwahrung ein gegen das leichtfertige Spiel mit Eiden, 
das akademischen Lehrern zugemuthet wurde, während doch das ganze Gelingen ihrer Wirk- 
samkeit nicht sicherer auf dem wissenschaftlichen Werth ihrer Lehren als auf ihrer persön- 
lichen Unbescholtenheit beruhte. Was folgte, ist bekannt. Durch ein so „verbrecherisches 
Beginnen" revolutionärer, hochverrätherischer Bestrebungen überführt, wurden die Sieben unter 
haudgreiflicher Verletzung der hier in Betracht kommenden Bundesgesetze ihrer Aemter entsetzt, 
Dahlmann, Jacob Grimm und Gervinus, weil sie die Erklärung einigen Freunden mitgetheilt 
hatten, ausgewiesen. Eben was die Urheber dieser Gewaltthat hatten vermeiden wollen, 
nämlich dass die Erklärung der Sieben „ein Panier" würde, um das die „UebelwoUenden" 
sich sammelten, geschah nun erst recht. Das ganze deutsche ßürgerthum kam in Bewegung, 
und die Sammlungen, welche der „Göttiuger Verein" zur Unterstützung der von Amt und 
Brot Gejagten veranstaltete, wurden ein Agitationsmittel, das weit über den zunächst ver- 
folgten Zweck hinaus erweckend und erhebend wii-kte. 

In Königsberg aber erweckten persönliche Beziehungen ganz besonders starke Sym- 
pathien: der geistige Urheber des Protestes, E. Albrecht, gehörte als geborener Elbinger der 
Provinz Preussen an: seine glänzende Laufbahn als akademischer Lehrer hatte er an der 
Albertina begonnen. Die bedenkliche Rolle, die Herbart, einst der Inhaber von Kants Lehr- 
stuhl, in dem Göttinger Conflicte spielte, indem er sich übereifrig und liebedienerisch zum 
Vermittler aufwarf zwischen dem König und der in Ungnade gefallenen Georgia Augusta, 
blieb auch nicht ohne Bindruck, und erinnerte au die mancherlei Schwierigkeiten, die er dem 



collegialisclieii Zusauimeuwirken bei der Neugestaltung der Albei-tina bereitet hatte. So 
entstand im Kreise der Königsberger Professoren der Gedanke, Albrecbt eine Sympathie- 
erklärung zu Theil werden zu lassen.') Eine politische Demonstration war dabei nicht 
beabsichtigt: ging doch der Antrag, Albrecht Ehren halber zum Doctor der Philosophie zu 
promoviren, von Lobeck aus, der allen politischen Bestrebungen völlig fern stand. Freilich 
wurde eine solche Promotion, in diesem Zeitpunkt vollzogen, unvermeidlich zu einer politischen 
Demonstration. Das hob auch der Decan Schubert hervor, indem er die Frage aufwarf, 
ob, da das Diplom doch „auctoritate des durchlauchtigsten Rectors, des Kronprinzen''*, ertheilt 
würde, gerade jetzt der geeignete Zeitpunkt zur Ertheilung der Doctorwürde an Albrecht 
wäre. Doch entkräftete er die angeregten Bedenken gleich selbst wieder, indem er auf die 
pei-sönlichen und wissenschaftlichen Beziehungen hinwies, welche den zu Feiernden mit der 
Albertina vorbanden. So wurde Lobecks Antrag am 20. December einstimmig angenommen. 
Mit einem von der ganzen Facultät unterzeichneten Schreiben vom 24. December 1837, das 
bezeugte, wie man seiner in Königsberg begonnenen Laufbahn mit Hochachtung und Freund- 
schaft gefolgt sei und mit ihm auch ferner in dauernder geistiger Gemeinschaft zu bleiben 
wünsche, wurde Albrecht das von Lobeck stilisirte Diplom übersandt. Die darin gebrauchte 
Formel: „viro docti-inae ubertate, disserendi subtilitate, morum candore atquc integritate 
inter omnes conspicuo propter insignia in rem litterariam merita imprimisque praeclaros in 
interpretatione juris germanici publici historica successus" entbehrte für den Unbefangenen 
jedes politischen Beigeschmacks. Als „hochwillkommenen Neujahrsgruss" erhielt Albrecht 
die Sendung am 1. Januar 1838. Fast gleichzeitig aber, bereits am 2. Januar, brachte die 
„Leijjziger Allgemeine Zeitung" in einer vom 26. December datirten Correspondenz aus 
Königsberg die Nachricht von der Albrecht erwiesenen Ehre zugleich mit der Meldung, dass 
die medicinische Facultät der Albertina dem Physiker Weber ihrerseits die Doctorwürde zu 
verleihen beschlossen habe. 

Hier lag die Sache nun freilich insofei'n anders, als da das politische Moment von 
Anfang au vorwog. Den Antrag auf die Ehrenpromotion Webers hatte der Professor Sachs 
gestellt und begründet durch den Hinweis auf Webers epochemachendes Werk über die Geh- 
werkzeuge des Menschen. Der Kliniker Klose, damals Prorector, ging, wie Burdach sich 
ausdrückt,^) „in seiner politischen Unschuld" bereitwillig darauf ein. Das vom 23. December 1837 
datirte Diplom beltundete die Verleihung der medicinischen Doctorwürde an Weber als er- 
folgt „ob praoclara invonta, quae ad explanandam humani progressus rationem contulit omnibusque 
doctrinae et ingcnii luminibus illustravit." Auch hier konnte nur eine gewaltsame Deutung 
politisclie Molive hincininterpretiren. Bedenklich waren jedoch andere begleitende Umstände. 
Als ob mau das vorgeschriebene Imprimatur einholen wollte, scliickte die Druckerei einen 
Abzug von dem Diplom an den stellvertretenden ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten, 
Geheimrath Reusch. Dieser eilte zu dem Decan Burdach und ersuchte ihn, die 



1) Der nachfolgende Bericht über die „Göttinger Promotionen" beruht auf den Acten sowohl der phi- 
losophischen und medicinischen Facultät als auch denen des Curatoriums (B. 134), welche letzteren von F. Rühl 
in seinem Aufsatze Altpreuss. Monatsschr. XX. 1883. S. 401-413 nicht benutzt sind. 

2) A. a. O. S. 407. 



94 

Diploms einige Wochen anstehen zu lassen, da der Schritt der Facultät gerade in diesem 
Zeitpunkt missdeutet werden könnte. Er erhielt auch die entsprechende Zusage: dennoch 
ging die Sendung zwei Tage später an Weber ab (den 31. December), und am 12. Februar 1838 
konnte ßurdach seinen CoUegen das vom 24. Januar datirte Dankschreiben des Gefeierten 
vorlegen. Als ein Denkmal des ebenso schlichten wie tapfereu Sinnes des grossen Forschers 
darf dasselbe seinem Wortlaute nach hier Platz finden: 

Decane Maxime Spectabilis 

und 
Hochzuverehreude Herren! 
„Mit dem aufrichtigsten Streben nach rechter und wahrer Wissenschaft ver- 
verbindet sich leicht der Gedanke von der Geringfügigkeit der Leistung, oder selbst 
die Furcht vor gänzlichem Fehlschlagen. Eine solche Furcht scheint sehr natürlich, 
wenn die Forschung zu Gebieten führt, die man selten berührt hat. Dieser Fall war 
der meinige, als ich im gemeinsamen Streben mit meinem Bruder das Gebiet der 
Physiologie beti-at. Nie kann das Urtheil competenter Richter erfreulicher und er- 
muthigender sein, als in solchem Falle. Darum fühle ich mich gedrungen, Ihnen, 
hochzHverehrende Herren, nicht allein -.vegen der hohen Auszeichnung, die Sie mir 
haben widerfahi-en lassen, sondern auch insbesondere für das dabei ausgesprochene 
aufmunternde Urtheil meinen innigsten Dank an den Tag zu legen." 

„Dabei fühle ich es wohl und danke es Ihnen herzlich, dass Sie nicht bloss die 
Arbeit, sondern auch den Arbeiter haben ehren wollen, durch den achtungswerthen 
Ursprung, welchen Sie seiner Arbeit zuschreiben, das ernste Streben nach Recht und 
Wahrheit, welches niu- diejenigen, die es selbst in sich tragen, in anderen voraus- 
setzen mögen. 

Mit wahrer Verehrung verharre ich stets 
Ew. Spectabilität und Hochwohlgeboren 
Göttingen, den 24. Januar 1838. 

dankbar ergebenster Diener 
Wilhelm Weber. 
Wie in dem Diplom so fehlt auch in dieser Antwort jede Beziehung auf den Staats- 
streich des Königs von Hannover. Dennoch wurde das Vorgehen der beiden Facultäten in 
Hannover und in Berlin ausschliesslich als politische Demonstration aufgefasst und drohte ein 
neues Einschreiten gegen die Universitäten und zunächst deren Lehrkörper herbeizuführen. 
Zum Theil verschuldeten das die Uebertreibungen, die das Geschehene durch das 
Gerücht erfuhr. Unter dem 3. Januar 1838 forderte der Unterrichtsminister von Ältenstein 
von dem Regierungsbevollmächtigten zu Königsberg schleunigst Auskunft darüber, ob es wahr 
sei, dass, wie es heisse, die beiden Facultäten der Albertina die beiden Göttinger Professoren 
zu „Ehrenmitgliedern" ernannt hätten, und wies ihu an, wenn das geschehen sei, „sogleich 
über die Auflassung der Idee, den Urheber des Ganzen, den Verfasser der erlassenen Schriften, 
die Gründe und Absicht, die Zeit der Absendung von Schreiben und überhaupt Alles, was zur 
Begründung eines richtigen ürtheils beitragen kann", genau zu berichten. Nachdem er sich 



95 

— bezeiclmeiider Weise! — bei der Polizei Auskunft geholt und da erfahren hatte, dass von 
der Verleihung einer Ehrenmitgliedschaft nichts bekannt sei, meldete Reusch am 8. Januar 
die Verleihung des Ehrendoctorats an Albrecht, mit dem Vermerk, der „vorsichtige und be- 
sonnene Decan Schubert habe es selbst fiir gut gehalten, ausser dem nach Göttingen geschickten 
keine weiteren Exemplare des Diplomes vertheileu zu lassen", wofür er nun auch seinerseits 
gesorgt habe. Des Weiteren berichtet er, was er über die Absicht der Mediciner in Betreif 
Webers in Erfahrung gebracht hatte, und dass auf seine Erinnerung die Versendung des Diploms 
aufgeschoben sei — während sie durch Burdach dennoch vorgenommen war. Zugleich sprach 
er sich dahin aus, dass wohl „ein Mangel an Tact" vorliege, dagegen ,, nicht im entferntesten 
eine strafbare oder verwerfliche Absicht". Beide Facultäteu hätten ein ihnen zweifellos zu- 
stehendes Recht geübt, der medicinischen wünscht er jedoch eine Rüge ertheilt zu sehen, weil 
sie mit dem Druck des Diploms nicht bis zur Ertheilung seines Imprimatur gewartet hatte. 
(9. Januar.) In einem weiteren Bericht an den ünterrichtsminister vom 11. Januar beschwerte 
er sich — mit gutem Grund — über Burdachs Verfahren. Als Urheber der Albrecht er- 
theilten Auszeichnung nennt er Lobeck, bei dem aber der Gedanke an irgend eine politische 
Demonstration ausgeschlossen sei. Denn ,,er ist als durchaus rein und würdig bekannt, er 
lebt nur in seinen Büchern und Schriften, besucht keine Gesellschaften und sieht selten Ge- 
lehrte seines Fachs bei sich. Von ihm ist keine andere, als eine rechtliche Handlung zu er- 
warten. Die Pacultät selbst hat von einem ihr zustehenden Recht Gebrauch gemacht und 
die Schranken der Wissenschaft in keiner Beziehung überschritten." Nach seiner Ansicht 
liegt daher „höchstens eine Ungeschicklichkeit" vor, für die doch als wesentlich mildernd 
die Thatsache in Betracht komme, dass man anderwärts und selbst in Berlin gar Geldsamm- 
lungen für die sieben Göttinger veranstalten dürfe. 

Eine so unbefangene, durchaus sachliche Auflassung drang freilich in Berlin nicht 
durch. Dort überwog die Rücksicht auf den verschwägerten hannoverschen Hof und blieb es 
nicht ohne Bindruck, dass König Ernst August sich den Anschein gab, als ob er durch seinen 
Staatsstreich sich einen besondern Anspruch auf Dank und Dienst aller Kronen erworben 
hätte.') Ganz anders, als Reusch gewünscht und erwartet hatte, lautete daher der Ministerial- 
erlass, der am 21. Januar 1838 in Sachen dieser Göttinger Promotionen erging. Es hiess 
darin u. A.: 

„Dass diese Facultäten unter den bei den genannten Professoren eingetretenen Ver- 
hältnissen gerade jetzt Anlass genommen haben, denselben ihre Achtung als Gelehrte zu be- 
zeigen, ist dem Ministerium sehr unerwartet und auffallend gewesen. — Es liegt in dieser 
Wahl des Zeitpunkts und in der diesen Professoren gerade jetzt öfl"entlich und feierlich aus- 
gesprochenen Theilnahme ein unverkennbar indirect an den Tag gelegtes Urtheil über die 
Maassregel, welche dieselben genöthigt hat, Göttingen zu verlassen; ein solches Urtheil 
über Acte einer fremden Regierung ist abei", wenn auch der Einzelne sich frei darüber 
äussern mag, von einer Facultät ausgehend und unter öffentlicher Autorität documentirt, ein 
ganz unberufenes und ungehöriges, welches die ernstlichste Rüge verdient. Der Minister be- 



l) V. Treitscbke, VI, S^ (JG;!. 



auftragt Ew. etc., dem Rector und Senat diese die benannten Facultäten betreffende Miss- 
billigung zu eröffnen und denselben dabei zu erkennen zu geben, dass es überall kein Ver- 
trauen erwecken und den Universitäten nur schaden könne, wenn man sich eines so tactlosen 
Benehmens derselben verseben müsse. Das Ministerium erwartet, dass ein richtiges Gefühl 
der Wahrheit die Professoren das Verschulden erkennen lassen und dadurch Bürgschaft für 
die Zukunft gewähren wird." 

Aber auch au den Kronprinzen als Rector der Albertiua war die Sache gebracht 
worden und dieser zu einer Aeusserung veranlasst, deren schneidende Schärfe angesichts der 
bekannten Milde des hohen Herrn und der auch an maassgebender Stelle notorisch herrschenden 
Ansicht über das in Hannover Geschehene die Vermuthung nahe legte, dass hier thatsächlich 
eine andere Instanz das Wort führte. Das vom 22. Januar 1838 datirte Kronprinzliche 
Schreiben an Proi-ector und Senat lautete nämlich: 

„Die philosophische und die medicinische Facultät der Albertina hatten, wie 
Ich erfahren, beschlossen, zweien von den sieben Professoren der Universität Göttingeu 
Ehreudiplome zu übersenden, welche gegen das Patent des Königs von Hannover 
vom 1. November v. J. öffentlich protestirt haben; eines davon ist bereits abgegangen. 
Ich bin gewiss weit entfernt, Ansichten und ürtheile Einzelner meistern zu wollen. 
Wenn aber Facultäten einer Hochschule, deren Rector zu sein ich die Ehre habe 
und in deren Diplomen Mein Namen obenan zu stehen pflegt, sich öffentlichen Tadel 
erlauben gegen die Regierung eines Fürsten, welcher Sr. Majestät dem König, unserm 
gnädigsten Herrn, durch Buudesverhältniss und nahe Verwandtschaft befreundet ist, 
so kann Ich das mit Gleichgültigkeit uicht ansehen. Ich ersuche Sie daher, den 
beiden genannten Facultäten Mein grosses Missfallen über ihre Beschlussnahme zu 
erkennen zu geben. 

Berlin, den 22. Januar 1838. 

Friedrich Wilhelm, Kronprinz. 
Beide Zurechtweisungen gingen von einer offenbaren Missdeutung des von den Facul- 
täten vollzogenen Actes aus und setzten Dinge als erwiesen voraus, von denen keins der 
beiden Diplome etwas enthielt. Nicht bloss um ihrer dadurch gekränkten Ehre willen, sondern 
auch um sich gegen weitere Maassnahmen seines Schutzes zu versichern, richteten die beiden 
Facultäten folgendes, auf Grund eines Lobeckscheu Entwurfs in gemeinsamer Sitzung festge- 
stelltes Schreiben an den Kronprinzen: 

„Durchlauchtigster Kronprinz ! 
Gnädigster Herr und Prinz! 
Ew. Königliche Hoheit haben unserer Lehranstalt so vielfache Beweise des 
huldreichsten Wohlwollens angedeihen lassen und selbst in die Aeusserung des uns 
kundgegebenen Missfallens so viel Milde gelegt, dass wir uns hoher Undankbarkeit 
zeihen müssten, wenn wir je einen Schritt wagten, durch den wir Ilöchstdenselben 
zu missfallen im entferntesten besorgen könnten. Doch als wir zweien dui'ch die 
Bande der Wissenschaft und des Berufs uns eng verbundenen, persönlich verehrten 
Mäunern, die zuerst im preussischen Staatsdienste ihren Ruf bewährten, unsere Hoch- 



97 

achtuug nach alter akademischer Sitte bezeigten, Hessen wir uns bei der Wahl der 
Ausdrücke nur durch wissenschaftliche Rücksichten, bei der Wahl der Zeit, in welcher 
wir unsere Gesinnung aussprachen, von einer rein menschlichen Theiluahme au ihrem 
Missgeschick leiten, ohne auf dessen Veranlassung zurückzugehen, ohne uns eines 
Tadels über Maassregelu einer auswärtigen Regierung vermessen zu wollen. Und wir 
hoffen, bei Ew. etc. für diese aufrichtige Versicherung um so eher Vertrauen zu finden, 
als keiner von uns an politischen Agitationen je den entferntesten Antheil genommen, 
keiner einen höheren Wunsch hat, als sich die Huld Ew. etc. zu erhalten und jeder 
Zeit die tiefste Ehrfurcht zu beurkunden, mit welcher wir unwandelbar verharren 
Ew. Königlichen Hoheit 

unterthänigst 
die Mitglieder der mediciuischen und philosophischen Facultät. 
Burdacb. Sachs. Klose. Schubert. Lobeck. Drumann. Hagen. Voigt. Meyer. 
Jacobi. Dulk. Neumanu. Hagen. Rosenkranz. 
In dem Briefe, mit dem eine Copie dieses Schreibens an Prorector und Senat über- 
sandt wurde, erklärten die so schwer Beschuldigten des Weitern: 

„Was den Inhalt des hohen Ministerialerlasses vom 21. Januar anbelangt, so ver- 
mögen wir nur auf unsere bisherige öffentliche Wirksamkeit ehrerbietigst hinzuweisen, da 
auch der Jüngst'^ von uns bereits im zehnten Jahre seines akademischen Lehramtes steht, um 
daraus die Ueberzeugung entnehmen zu lassen, wie, entfernt von allen politischen Zwei- 
deutigkeiten, unser Leben nur dem Ernst wissenschaftlicher Forschung und eifriger Erfüllung 
unsers Lehramtes gewidmet ist. Ew. etc. fühlen wir uns aber zu dem innigsten Danke leb- 
haft verpflichtet, bei der ausgesprochenen Missbilligung unseres Verfahrens von Seiten der 
hohen vorgesetzten Behörden keinen Augenblick verkannt zu haben, in welcher Gesinnung 
ein auf wissenschaftlicher Grundlage basirtes Urtheil öffentlich von uns gegeben sein konnte." 
Auch verfehlte die freimüthige und würdige Sprache der beiden Eacultäten bei dem 
Königlichen Rector nicht ihren Eindruck. Das bewies ein von ihm einlaufendes Schreiben, 
das die leidige Angelegenheit wenigstens nach dieser Seite hin zu einem Abschlüsse führte: 
„Mit herzlicher Freude habe Ich Ihr Schreiben vom 27. v. Mts. empfangen, 
weil Ich in der Art, wie Sie meinen Tadel aufgenommen, so ganz die ehrenwerthe 
Gesinnung erkenne, welche die Albertina seit jeher ausgezeichnet hat. Ich werde 
auch geime jede Gelegenheit wahrnehmen. Ihnen ß(nv'eise meiner Aclitung und Meines 
aufrichtigen Wohlwollens zu geben. 
Berlin, d. .3. März 1838. 

Friedrich Wilhelm. Ki'onprinz. 
An die Mitglieder der niedicinischen und wissenschaftlichen') Facultät der Albertina 

zu Königsberg, 
z. H. des Herrn Professor Burdach. 
Die Erledigung dieses Zwisclienfalles musste allen Theilen um so erwünschter sein, 

1) So! 



als damit auch die Störung abgewandt war, welche die seit Jahren schwebenden Vei'hand- 
lungen über die weitere äussere und innere Neugestaltung des Albertina sonst so leicht 
hätten erfahren können. So Grosses nämlich nach dem ersten Versuch von 1805/6 durch 
die Reform von 1808 — 10 und 1818 geschehen war durch Vermehrung der Professuren, 
Besserung der Gehälter, Errichtung neuer und reichlichere Dotirung älterer Institute: es 
war, fasste man die Gesammtverfassung der Universität ins Auge, doch immer nur ein Er- 
gänzen, ein Ausbessern gewesen, nicht eine Neuorganisation aus einem Geiste und in einem 
Guss. Diese, mit Gründlichkeit vorbereitet und darauf angelegt, etwas auf lange Zeiten Ab- 
schliessendes zu schaifen, war gleich in ihrem vielverheissenden ersten Stadium durch die 
Katastrophe von 1819 unterbrochen worden. Endlich im Frühjahr 1832 war man von Seiten 
der Regierung darauf zurückgekommen. „Auf höhere Veranlassung" beschloss der Senat am 
30. Mai 1832 eine Revision der allgemeinen Universitätsstatuten und forderte die Facultäten 
zu einer solchen auch ihrer besonderen Statuten auf. Dabei griff man zurück auf die 
umfänglichen Gutachten und Entwürfe, die aus den 1818/19 geführten Verhandlungen hervor- 
gegangen waren und unbenutzt gelegen hatten. Aber auch jetzt hat es noch mehr als 
ein Jahrzehnt erfordert, ehe diese Arbeit zum Abscliluss gedieh. Ihr Ergebniss sind die 
Statuten, wie sie, am 4. Mai 1843 von König Friedrich Wilhelm IV. bestätigt, während der 
folgenden Jahrzehnte in einzelnen Punkten modiücirt, noch heute in Geltung sind. Ohne tief- 
greifende principielle Neuerungen anzubahnen, begnügte man sich bei dieser Arbeit mit der 
Feststellung des geschichtlich gewordenen und bewährten Brauchs, indem man zwischen dem 
in ihrem Wesen begründeten allgemeinen Herkommen der deutschen Universitäten und den 
durch die erste Stiftungsurkunde, durch principielle und locale Verhältnisse veranlassten Be- 
sonderheiten der Albertiua eine ausgleichende Vermitteluug suchte und fand. Dadurch wurde 
vollendet, was schon für die Urheber des Reformplanes von 1805 der leitende Gesichtspunkt 
und das vornehmste Ziel gewesen, dessen Erreichung auch durch den Aus- und Neubau der 
letzten 15 Jahre von Seiten der Staatsregierung consequent gefördert worden war, nämlich 
die Königsberger Universität, die so weit entlegen und in Folge dessen der Gefahr der Ein- 
seitigkeit und des Stillstandes besonders ausgesetzt war, zum Bewusstsein ihrer Gleichartigkeit 
und Gleichwerthigkeit und zu voller geistiger und sittlicher Gemeinschaft des Strebens mit ihren 
äusserlich vielfach begünstigten Schwestern zu bringen und mit ihrem Selbstgefühl und ihrem 
Streben zugleich auch ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Dieser Erwägung entsprang und 
dieser Tendeuz diente namentlich die wichtigste Neuerung, die (schon 1811^18 in Geltung, 
dann aber wieder abgeschafft)') gegen das auf den meisten preussischen Universitäten Uebliche 
hier endgültig eingeführt wurde, nämlich die Vereinigung sämmtlicher ordentlichen Professoren 
in dem Generalconcil als der höchsten Instanz und eigentlich regierenden Körperschaft, während 
der anderwärts zu dieser Stellung berufene Senat hier nur die Befugnisse eines ver- 
waltenden Organs erhielt. Dadurch wurden Gegensätze unmöglich gemacht, wie sie einst 
sehr zum Nachtheil der Albertina in den Jahren 1809 — 11 zwischen „alten" und „neuen" 
Professoren bestanden hatten. Es wurde jedem einzelnen ordentlichen Lehrer das Recht 

1) Vgl. S. 35 f., 48 f. 



99 

eingeräumt, von den allgemeinen Universitätsangelegenheilen Kenntnis« zu nehmen und auf 
ihre Führung seiner Ueberzeugung gemäss einzuwirken. Es wurde eine Gremeinschaft der 
Interessen geschaffen, die der Neigung zum Auseinanderfallen der Universität in eine Anzahl 
bloss äusserlich verbundener Fachschulen erfolgreich entgegenwirken und das Gefühl der 
inneren Zusammengehörigkeit lebendig erhalten und zu erfolgreicher ßethätigung stärken 
konnte. Eine nothwendige Folge davon aber war der Wegfall des semesterlichen Wechsels im 
Prorectorat nach dem Dienstalter der Senatoren und den Facultäten und die Einführung der so- 
genannten freien Rectorwahl, wie sie durch den von ihm beschlossenen § 29 der Statuten von dem 
Senate am IG. Juli 1838 bei dem Ministerium beantragt und von diesem unter dem 2. October 
gleichzeitig mit der Errichtung eines bloss verwaltenden Senats und des Generalconcils 
genehmigt wurde. Ein Widerstreben zeigte sich gerade bei den mit einem neuen werthvollen 
Rechte ausgestatteten Professoren, deren viele vor der Belastung mit neuen Amtspflichten 
zurückschreckten. Hatten doch nicht weniger als sechzehn von den ordentlichen Professoren 
unter Hinweis darauf, dass sie zugleich Lehrer, Gelehrte und Schriftsteller seien, rundheraus 
erklärt, der nach dem neuen Statut vorauszusetzende regelmässige Besuch aller Sitzungen 
könne ihnen nicht zugemuthet werden. Natürlich unterliess der Minister nicht, die Herren auf 
„die Unrichtigkeit dieser allen Verhältnissen ihres Collegiums widersprechenden Ansicht" 
hinzuweisen und ihnen Iiemerklich zu machen, „dass die angegebenen Nebenverhältnisse 
ihnen niemals zum Grunde dienen dürfen, das wichtige und ehrenvolle, unmittelbar aus der 
Professur hervorgehende Amt eines Senators und somit die Wahrnehmung des Wohles der 
Universität hintanzusetzen." 

Die Frage nach der Feststellung des neuen Statuts der Albertina war noch nicht er- 
ledigt, als mit dem Tode König Friedrich Wilhelms III. und der Thronbesteigung Friedrich 
Wilhelms IV. für Preussen und Deutschland eine neue Epoche begann, die mit der Fülle der 
von ihr gebotenen Anregungen, der durch sie erweckten Wünsche und der ihr entspringenden 
Bestrebungen auch für die Entwickelung der Universitäten günstigere Bedingungen zu schaffen 
verhiess, auf die Albertina aber um so nachdrücklicher wirkte, als diese sich dem genialen 
Herrscher als ihrem Rector besonders eng verbunden wusste. An den festlichen Tagen der 
Huldigung in Königsberg hatte die Universität ihren gebührenden Antheil. Die von ihren 
Deputirten dem Könige vorgetragene Bitte um Beibehaltung des Rectorats fand gnädige Ge- 
währung.') Zugleich hatte der Senat ein Bittschreibeu beschlossen, betreffend die Errichtung 
der Gebäude für das physikalische und das chemische Laboratorium und für die medicinische 
und die chirurgische Klinik. Doch hatte er auch bereits erwogen, „ob es vielleicht zweck- 
mässig und wünschenswerth sei, bei Sr. Majestät dem Könige die Bitte zu stellen, das Institut 
eines ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten zu beseitigen und statt dessen wieder 
einem Curator die Curatel der Universität zu übertragen." Auch die Regierung trat dieser 
Frage bald näher: lief doch mit dem Jahre 1841 der Zeitraum ab, für den die 1834 getroffenen 
strengen Bestimmungen in Betreff der Universitäten hatten gelten sollen. Jetzt wurde Bericht 
erfordert über die Erfahrungen, die man mit dem durch die Karlsbader Beschlüsse inaugurirten 

1) Bericht der Deputation 26. Sept. C. 77. I. 



100 

System gemacht batte. Aucli der Regierungsbevollmäclitigte bei der Albertiua machte kein 
Hehl aus den damit verbundenen Missständen und empfahl die allmähliche Rückkehr zu dem 
in Preussen ehemals bewährten System der Curatoren.*) 

Verheissungsvoll fiJr den ganzen Preussischen Staat, eröffnete jene Zeit auch der 
Albertina glänzende Aussichten, da nicht bloss die allgemeinen Bedingungen fiir ihre Wirk- 
samkeit sich besserten, sondern auch lange gehegte Wünsche in Bezug auf ihr äusseres Dasein 
endlicher Erfüllung entgegengingen. Schon 1819 war von verschiedenen Seiten auf die Noth- 
wendigkeit hingewiesen worden, durch den Bau eines Collegienhauses dem Mangel an günstig 
gelegeneu Auditorien abzuhelfen, in dem Manche eine der Hauptursachen des Unfleisses der 
Studirendcn sehen wollten.^) Ein kostspieliger Reparaturbau hatte das CoUegium Albertinum 
noch einmal nothdürftig in Stand gesetzt: gebessert aber war eigentlich nichts, und Samm- 
lungen und Institute hatten theils ungenügendes, theils gar kein Unterkommen. Obenein war 
bei plötzlich hereinbrechender Wassersnoth am 9. April 1829 das Erdgoschoss des Collegium 
Albertinum überschwemmt worden, so dass die dort untergebrachte TJniversitätskasse hatte 
anderweitig in Sicherheit gebracht werden müssen.^) Auch füi' die Registratur u. s. w. fehlte 
es in Folge des von dem Wasser angerichteten Schadens an den nöthigen Räumlichkeiten, 
während die erneuten Klagen über den schlechten Collegicnbesuch immer wieder auf den 
Mangel eines central gelegenen und allgemein benutzten Auditoriengebäudes hindrängten. So 
war zuerst 1829/30 der Gedanke an die „Bildung eines besonderen Universitätsbezirks" auf- 
getaucht.*) Man richtete dabei sein Augenmerk auf das zum Verkauf stehende gräflich Kalk- 
reuthsche Haus am Schiefen Berg (Bergplatz 11/12), das eine Anzahl Auditorien, die Kasse 
und die Geschäftsräume des Universitätsgerichts aufnehmen konnte. Eine genaue Ermittelung 
des Bedürfnisses aber und der weit auseinandergehenden Wünsche der akademischen Lehrer, 
von denen viele in ihrem Hause oder dicht dabei zu lesen gewohnt waren und gegen die ge- 
plante Aenderung alle möglichen Bedenken erhoben, ergab die Unausführbarkeit dieses Projects, 
und in einem Erlass vom 7. März 1831 bekannte das Ministerium offen: „Je klarer die Ver- 
hältnisse sich jetzt übersehen lassen, um so schwerer wird es, in dieser Angelegenheit einen 
Beschluss zu fassen, der alle Interessen und billiger und vernünftiger Weise zu nehmenden 
Rücksichten auf Lehrende und Lernende vereinigt." Man musste zugeben, dass ein „Univer- 
sitätsbezirk" sich seiner Zeit hätte schaffen lassen, wenn man das Albertinum ganz aufgab — 
wie einst Burdach gerathen hatte*) — und in der Gegend der neuen Institute, jenseits des 
Steindamms, ein neues Haus baute, wodurch das historische Gebäude im Kneiphof von Vor- 
lesungen ganz entlastet worden wäre, um hinfort nur noch zu feierlichen Acten und für die 
Zwecke des Senats und der Universitätsverwaltung zu dienen. Nun blieb die Sache wieder 
ein paar Jahre liegen. Denn der 1834 auftauchende Gedanke, das alte Theater (in der heu- 
tigen Poststrasse) für die Albertina auszubauen, erwies sich gleich als unausführbar. Die Miss- 



1) Curat. C. 33. 

2) Vgl. S. 50. 

3) Curator. A. 12. 

4) Curator. A. 114a. 

5) Vgl. oben S. 51. 



101 - 

stände aljor, au denuu alle Zwcigo des akademischen Unterrichts in Folge dieser Verhältnisse 
krankten, wuchsen von Jahr zu Jahr, während die bevorstehende dritte Säcularfeier der Uni- 
versität den Wunsch rechtfertigte, durch eine besonders grosse Aufwendung ihr endlich ein 
würdiges Haus geschaifen zu sehen. In diesem Sinne hatte man sich bei Friedrich Wilhelms 111. 
letzter Anwesenheit in Königsberg am 27. August 1834 mit einer Immediateingabe an diesen 
gewandt und unter Hinweis auf die herannahende Jubelfeier gebeten, einmal die auf 96376 Thlr. 
und 15 Gr. veranschlagten Kosten zu dem Neubau auf drei Jahre vertheilt zu bewilligen 
und den Senat sowohl mit der Feststellung der inneren Ausführung den ermittelten Bedürf- 
nissen gemäss wie mit der Aufsicht über den Bau zu betrauen. Als Vorbild stellte man das eben 
vollendete stattliche Haus auf, das Schiukel für die Universität Halle aufgeführt hatte. Ueber 
die Platzfrage aber, die demnächst zur Erörterung kam, gingen die Meinungen weit aus ein- 
ander. Die Gegend am Steindamm wurde von der Mehrheit verworfen; der Wahl der Königs- 
strasse stimmten etliche Professoren zu, „mehr aus collegialischer Nachgiebigkeit als aus 
Ueberzeugung." Am einfachsten meinte mau schliesslich Mai 1835 das Problem zu lösen, 
wenn man den ehemaligen „Bischofshof" nächst dem Dom, der geräumig genug und zum 
Ausbau geeignet war, in der Weise mit dem CoUegium Albertinum vereinigte, dass daraus 
ein grosses Universitätsgebäude entstünde.') Doch ergaben sich auch dagegen alle möglichen 
Bedenken. Zudem wurde der Senat mit seiner an Schinkel gerichteten Bitte um Entwerfung 
eines einheitlich künstlerisch gestalteten Planes für den Bau am 8. Januar 1838 abgewiesen: 
der berühmte Architekt erklärte, Zeit und Kraft an einen solchen zu setzen würde so lange 
völlig unnütz sein, als nicht der Bauplatz ganz sicher gegeben wäre: er wies zur Begründung 
dieser Weigerung hin auf die unliebsamen Erfahrungen, die er eben in der gleichen Sache 
in Halle gemacht hatte, für das er aus den Trümmern der über der Saale thronenden Moritz- 
burg einen Prachtbau entworfen gehabt habe, um nachher etwas ganz Anderes ausführen zu 
müssen. So kam man trotz der Geneigtheit der Regierung, die berechtigten Wünsche der 
Universität zu erfüllen, doch keinen Schritt vorwärts. 

Endlich im Jahr 1838 tauchte der Gedanke auf, der sich als ausführbar erweisen 
sollte, wenn er auch eine beträchtliche Steigerung des in Aussicht genommenen Aufwandes 
erforderte. Den Bauplatz wollte man nun an der Südwestseite des Königsgartens oder Parade- 
platzes beschauen durch Ankauf von drei in der Tragheimer Kirchenstrasse gelegeneu 
(Nr. 36—39) und nach dem Königsgarten durchgehenden Grundstucken, welche Raum dar- 
boten für ein Gebäude, gross genug um die Auditorien, die Sammlungen, die Senats- und 
Geschäftszimmer, die Kasse, die Carcer, die Wohnungen dnv Pedelle u. s. w. aufzunehmen. 
Für den Grund und Boden wurden 22500 Thaler, für den Bau 127940 Thaler gefordert, so 
dass, wenn auch noch das gewünschte besondere Gebäude für die Zwecke der Physik und 
Chemie errichtet wurde, ein Gesammtaufwand von 179 600 Thalern uöthig wurde. Da diese 
Summe zur Zeit unerschwinglich schien, entwarf man zugleich ein bescheideneres Project: ein 
bloss Auditorien enthaltendes Gebäude liess sich an der Nordwestseite des Platzes, da, wo 
dermalen ein grosses Exercirhaus stand, für 72000 Thaler errichten. Aber obgleich der 



1) Curator. A. 114a. LL. 



102 

Nothstaud ein augonfälliger war, da die im Collegium Albcrtiuum zu Auditorien verwendeten 
Räume des ersten Stocks, seit das Erdgeschoss durch die Ueberscliwemmung 1829 unbrauch- 
bar geworden, ganz "Verwaltungszwecken dienten, so gingen doch die geforderten Summen 
so sehr über das Maass des Möglichen hinaus, dass das Ministerium am 29. October 1838 die 
niederschlagende Erklärung nach Königsberg gelangen lassen musste, die Einleitungen zur 
Errichtung eines Universitätsgebäudes könnten nicht wieder aufgenommen werden, sondern 
müssten einstweilen auf sich beruhen. 

Erst als König Friedrich Wilhelm IV. im August 1840 zur Huldigung nach Königs- 
lierg kam, trat auch diese Frage in ein neues Stadium. Am 1. September 1840 trug man 
ihm die Bitte um Gewährung eines eigenen Hauses für die Albertina vor: bereits von Fried- 
rich Wilhelm 111. in Aussicht gestellt, sollte diese Gewährung gleichsam die krönende Vollendung 
werden alles dessen, was dieser Herrscher als ihr zweiter Begründer für die Universität gethan 
hatte, indem er die Zahl der Lehrstühle beinahe verdoppelt, die Sternwarte und den bota- 
nischen Garten errichtet und die naturwissenschaftlichen und medicinischen Sammlungen und 
Institute begründet hatte. Aber auch ein chemisches und ein physikalisches Laboratorium 
könne nicht mehr entbehrt werden ; auch könne die medicinische sowohl, wie die chirurgische 
Klinik, in ungeeigneten und nur nothdürftig für ihre neue Bestimmung hergerichteten Ge- 
bäuden untergebracht, so nicht länger fortbestehen. Diese erneute Darlegung des obwaltenden 
Nothstandes machte ganz den erwarteten Eindruck. Zudem wurde durch die Entscheidung, 
welche die früheren Verhandlungen in Betreff des Platzes bereits ergeben hatten, das Finan- 
zielle wesentlich erleichtert und vereinfacht, insofern der grösste Theil des in Aussicht ge- 
nommenen Terrains auf dem Köuigsgarten ohne besondere Kosten zur Verfügung stand. 

Eine Untersuchung über die dort obwaltenden Besitzverhältnisse ergab nämlich, dass 
der Platz seinem Namen entsprechend ursprünglich als landesherrlicher Lustgarten zum 
Schlosse gehört hatte. Als dann aber in dem strengen Winter 1708 die Bäume, Blumen, 
Hecken und grünen Wände darin fast sämmtlich ausgefroren waren, hatte man diesen eingehen 
lassen und den Platz zur Errichtung einer königlichen Rossmahlmühle und als Exercirplatz 
benutzt. Er gehörte demgemäss zu der sogenannten Schlossfreiheit. Allem in dieser enthal- 
tenen Domanialeigenthum hatte Friedrich Wilhelm III. durch Cabinetsordre vom 4. November 1809 
entsagt; dasselbe wurde mit allen Rechten und Pflichten sowie mit der sog. Hausvogteikasse, 
wohin die Grundzinse u. s. w. davon geflossen waren, der Stadtgemeinde übergeben unter 
der auch späterhin ausdrücklich erneuten Bedingung, dass der Königsgarten als ein öffentlicher 
Platz erhalten würde. Lange Jahre wurde der Platz nun von dem Militär zum Ausexerciren 
der Rekruten benutzt, dazu auch auf der Nordostseite längs des dort durchgehenden Mühlen- 
fliesses ein Exercirhaus errichtet, das man, als dort das neue Schauspielhaus aufgeführt wurde, 
nach dem nordwestlichen Ende verlegte. Wenn die Stadt zur Ueberlassung eines entspre- 
chenden Theils von diesem Terrain vermocht wurde, konnte man dieses durch den Ankauf 
einiger benachbarter Grundstücke mit verhältnissmässig geringen Kosten so erweitern, dass 
es sich zu dem geplanten Universitätsbau in hervorragendem Maasse eignete, in diesem 
Sinne ergingen gegen Ende 1840 die nöthigen Befehle. Die Stadtgemeinde aber machte ihre 
Beihülfe abhängig von einer Aeuderung der gesammten damals geplanten Anlage, die nach 



103 

ihrer Meinuug den Verkehr zu schädigen drohte. So trat ein neuer Stillstand ein. der von 
dem König um so unbequemer empfunden wurde, als sein künstlerisch schöpferischer Sinn 
sich mit besonderen Entwürfen zu einer grossartigen Gestaltung jener ganzen Stadtgegend 
trug. Volle drei Jahre wurde hin und her verhandelt, bis eine Verständigung mit den städti- 
schen Behörden gelang. Erst am 15. December 1843 erging die Königliche Cabinetsordre an 
die Minister des Innern und des Cultus von Mühler und Eichhorn, welche die Errichtung 
des neuen üniversitätsgebäudes auf der Nordwestseite des Königsgartens befahl und die 
Minister zur Annahme des von dem Magistat und den Stadtverordneten gemachten Anerbietens 
bevollmächtigte, wonach die Stadt „den dazu erforderlichen Raum auf einer Seite des Platzes 
vorlängs dem Exercirhause unentgeltlich hergeben" wollte. Das Gleiche erwartete der König 
aber auch zu dem Bau des an der Westseite von Köuigsgarten zu errichtenden grossen Land- 
gerichtsgebäudes: die dadurch zu ermöglichende Ausführung seiner Entwürfe sollte, so erklärte 
er, „einen Platz gewähren, der an Schönheit kaum einem in der Monarchie nachstehen, die 
meisten öffentlichen Plätze in den Hauptstädten Deutschlands aber weit hinter sich lassen 
würde." Eine Weigerung darauf einzugehen würde nur aus einer unbegreiflichen „Vorliebe 
für die jetzige Ungestalt" jenes Stadttheils erklärt werden können. Als dann Ende Juni 
1844 Stadtverordnete und Magistrat die geforderte Abtretung des zu dem Universitätsbau 
nöthigeu Grund und Bodens beschlossen hatten, da endlich — wenige Wochen also nur vor 
dem 300jährigen Jubiläum der Albertina — konnte die so viele Jahre schwebende Frage 
als gelöst gelten: die Legung des Grundsteins zu dem neuen Hause trat als ein besonders 
bedeutungsvoller Act in den Mittelpunkt der bevorstehenden Säcularfeier, der des Königs 
persönliche Theilnahme die Weihe zu geben verhiess. 

Unter glücklichen Aspecten neigte sich demnach für die Albertina ihr drittes Jahr- 
hundert seinem Ende entgegen. Durch die Neufassung der Statuten, die am 4. Mai 1843 
die Allerhöchste Bestätigung erhielten, war eine sichere Grundlage und feste Norm für ihr 
inneres Leben gewonnen, welche die im Mittelalter wurzelnden akademischen Institutionen in 
glücklicher Weise mit den Ansprüchen des modernen Lebens in Staat und Wissenschaft ver- 
söhnte und Lehrern und Lernenden auf dem Grunde des grossen Princips der Freiheit für 
Forschung, Lehre und Studium vollen Spielraum gewährte zur wetteifernden Entfaltung ihrer 
Kräfte im Dienste der Wissenschaft und zur Bildung für den Dienst des Vaterlands, 
ausserdem aber durch die Constituirung des Generalconcils aller Ordinarien, des verwaltenden 
Senats und der freien Prorectorwahl die traditionelle akademische Selbstregierung in eine 
Form brachte, welche jedem Einzelnen den ihm gebührenden Antheil daran sicherte und so 
durch ein ausgleichend(!S Zusammenwirken Aller die beste Gewähr gab für das Gedeihen des 
Ganzen. Als erster gewählte Rector fungirte 1843 — 44 Franz Neumanu. Für das 
Jubeljahr 1844/45 wurde Burdach dazu berufen. Und indem der Albertina gleichzeitig die 
Aufluhrung des seit langen Jahren ersehnten neuen eigenen Hauses in absehbarer Zeit in ge- 
wisse Aussicht gestellt wurde und im Zusammenhange damit auch der Plan zur Errichtung 
lange schmerzlich vermisster Institute eine greifbarere Gestalt gewann, wurdim auch für das 
äussere Dasein der Stiftung des ersten pi-eussischen Herzogs der fortgeschrittenen Zeit ent- 
sprechend neue Bedingungen und Formen geschafien, welche der Pflege der Wissenschaft ein 



104 

fi-öhlicheres Gedeihen, grössere Erfolge und Anerkennung auch in weiteren Kreisen verbürgten. 
Nun erst konnte die Albertina wieder als gleichberechtigt in den Wettbewerb eintreten mit 
ihren bisher vor ihr weit begünstigten jüngeren Schwestern: denn nun erst war sie mit den 
inneren und äusseren Bedingungen ihres Daseins und Wirkens recht auf den Boden der 
modernen Entwicklung gestellt. 

Damit aber gewannen natürlich auch die Gegensätze, die in dem höher aufwogenden 
politischen und kirchlichen Leben jener Tage mit einander rangen, gelegentlich grössern 
Einfluss auf die akademischen Verhältnisse und führten nicht bloss innerhalb der Universität, 
sondern auch zwischen ihr und dsr vorgesetzten Behörde zu Conflicten, in denen auf einem 
besondern Gebiete die jene ganze Zeit erlüllende Gährung zum charakteristischen Ausdruck 
kam. Das trübte vorübergehend auch die Beziehungen zu dem königlichen Rector magnificentissi- 
mus und stellte die mit Zuversicht gehoifte persönliche Theilnahme des hohen Herrn an der 
Säcularfeier ernstlich in Frage. Den Anlass gab die 1841 erfolgte Ernennung des aord. 
Professors der Theologie zu Rostock Heinrich Andreas Christoph Hävernick (geboren 
29. December 1811 zu Kräpelin in Mecklenburg-Schwerin, f 1845) zum Professor der semitischen 
Sprachen in der theologischen Facultät. Man kam demselben mit dem grössten Vorurtheil 
entgegen: abgesehn davon, dass er einer der eifrigsten Vertreter der Hengstenbergschen 
Richtung war, hatte er bei der von eben dieser ausgegangenen Anklage der Hallenser Pro- 
fessoren Gesenius und Wegscheider 1830 wegen Irrlehren bereits als Student insofern eine 
Rolle gespielt, als dieselbe sich vornehmlich auf die von ihm in den Vorlesungen jener nach- 
geschriebenen Hefte gegründet hatte. Das alles wurde in jenen erregten Tagen um so stäi-ker 
betont, als die Ernennung Häveruicks sich unmittelbar gegen den bisherigen Vertreter der 
alttestamentlichen Theologie und der semitischen Sprachen richtete, Cäsar von Lengerke 
(geboren 30. März 1803 zu Hamburg, seit 1829 Privatdocent, 1831 aord., 1835 ord. Professor), 
einen bedeutenden und verdienstvollen Gelehrten entgegengesetzter Richtung, zudem nicht 
unbegabt als Dichter und voll eifriger Theilnahme an dem neuen politischen Leben, aber ohne 
festen moralischen Halt gegenüber einer unglücklichen Neigung zu dissolutem Leben, die 
schliesslich des reich Begabten Verhäugniss werden sollte. Als Verfasser eines Gedichts 
zur Feier des Geburtstages von Dr. med. Johann Jacoby. der als Verfasser der „Vier Fragen" 
damals von der erstarkenden liberalen Bewegung auf den Schild erhoben war, hatte von 
Lengerke das Missfallen der Regierung erregt. So spielte bei der Übeln Aufnahme, die man 
Hävernick bereitete, auch ein politisches Moment mit. Bei seiner ersten Vorlesung fand dieser 
sein Auditorium gedrängt voll Studirender, nicht bloss der Theologie: nachdem er eine Weile 
gesprochen, erhoben sie sich und verliessen den Saal. Am Abend desselben Tages wm-de 
von Lengerke ein Vivat gebracht. Gewiss war das eine unerlaubte Demonstration und um 
so bedauerlicher, als Häveruicks zarte Gesundheit unter der Aufregung und dem Aerger, den 
der weitere Fortgang der Sache (zwei Jahre hindurch hörte kein Student bei ihm, bis 
V. Lengerke in die philosophische Facultät versetzt wurde) noch steigerte, schwer zu leiden 
hatte. Schlimmer aber wurde der Zwischenfall erst durch das obrigkeitliche Einschreiten, 
das ihm über die nächstbetheiligten Kreise hinaus eine unverdiente Bedeutung gab, 
während eine weitherzige Ignorirung und unvermerkte, aber ernste moralische Gegenwirkung 



105 

ihn schnell vergessen gemacht haben würde. Die vom Senate angestellte Untersuchung über 
die Demonstration gegen Hävernick, in Betreff deren die vernommenen Studirenden nur 
erklärten, sie hätten von Hävernick eine Rechtfertigung wegen seines Antheils an der 
Denunciation gegen Gesenius und Wegscheider erwartet und sich enttäuscht entfernt, als sie 
ausblieb, ergab natürlich weder bestimmte Urheber, noch wies sie eine Verabredung nach. 
So wurde nur gegen die Urheber des abendlichen Vivats für v. Lengerke auf Carcerstrafen 
erkannt. Das Ministerium war damit keineswegs einverstanden. Indem es das Urtheil dos 
Senats zwar bestätigte, übte es an ihm zugleich eine Kritik, welche die Autorität des Senats 
völlig in Frage stellte. Es sei dabei, so wurde ausgeführt, das eigentlich Strafbare ganz 
ausser Acht gelassen, nämlich die Beleidigung eines akademischen Lehrers und die politische 
Demonstration am Abend; dadurch habe der Senat seiner eigenen Würde etwas vergeben: 
von Rechtswegen wäre gegen die Schuldigen das Consilium abeundi zu verhängen gewesen, 
was denselben auch amtlich kundgethan werden sollte. In einer ausführlichen Darlegung wies 
der Senat diese Anschuldigungen als unbegründet zurück, indem er darthat, wie irgendwelche 
politische Absicht bei der von Lengerke dargebrachten Huldigung nicht erwiesen sei und der Vor- 
gang in Hävernicks Auditorium aus der sittlichen Entrüstung der Studirenden über die Polemik 
der Hengstenbergischen Kirchenzeitung gegen zwei gefeierte Lehrer und Hävernicks Antheil 
daran erklärlich sei. Natürlich drang er damit nicht durch; einer der theologischen Unter- 
zeichner seiner Remonstration wurde von dem Minister v. Eichhorn vielmehr noch belehrt, 
dass seine Betheiligung daran unvereinbar sei mit den Grundsätzen der Moral. Damit war 
der Conflict auf das Aeusserste zugespitzt. Sein Recht zu wahren und seine Würde zu retten 
wandte sich der Senat an den König selbst, indem er über den Minister förmlich Beschwerde 
führte. Der König aber billigte das Verfahren Eichhorns und deutete das Geschehene dem Senat 
als einen Act des Ungehorsams und der Auflehnung, und sprach bei seiner erneuten Anwesenheit 
in Königsberg gegenüber einer Deputation der Universität am 2L Juli 1842 seinen ernsten 
Tadel deshalb aus, indem er Eichhorn für einen Ehrenmann erklärte und auch Hävernick ent- 
schuldigte und lobte. >) 

Dieser Zwischenfall drohte die Festfreude des bevorstehenden Jubiläums zu stören. 
Bereits im November 1843 hatte die Universität an ihren Königlichen Rector die Bitte um 
seine persönliche Theilnahme daran gerichtet. Anfang März 1844 wurden nähere Vorschläge 
wegen der beabsichtigten festlichen Veranstaltungen gemacht, aber noch Anfang Mai war 
man ohne Antwort; doch lief von dem Minister die Mittheilung ein, dass des Königs Erscheinen 
höchst zweifelhaft sei und von gewissen Umständen abhänge: offenbar hatte der von Lengerke- 
Hävernicksche Handel der Universität die Ungnade ihres Rectors zugezogen. Sie abzuwenden 
richtete das Generalcondl am 18. Mai 1844 ein Schreiben an ihr Königliches Oberhaupt, 
worin es nochmals die Bitte um dessen persönliche Theilnahme vortrug, ohne die doch jede 
wahre und volle Festesfreude unmöglich sei; zudem würde Seiner Majestät Anwesenheit die 
beste Gelegenheit gewähren, der Albertina den Grund des Königlichen Zornes kundzuthun und 
damit auch die Möglichkeit der Rechtfertigung geben. Der herzliche Ton, den die Bittsteller 



1) Vgl. BurtLicli S. 45.'S/n(;. Falkson S. 



106 

ansclilugen, verfehlte seinen Eindruck in Berlin nicht. Ein vom 28. Mai 1844 datirtes 
Schreiben stellte des Königs Theilnahme an der Säcularfeier in Aussicht und sprach zugleich 
offen aus, was den Königlichen Herrn so verstimmt hatte. „Alle wahrhaft freie Wissenschaft 
anerkennt und ehrt ihre Freiheit in der Heilighaltung und somit auch in entschlossener Ver- 
theidigung der göttlichen uud somit auch der darauf gegründeten menschlichen Ordnungen 
gegen zuchtlose Phantasie, welche, die schönen Namen der Freiheit und der Wissenschaft 
missbrauchend, sich von jeder Anerkennungsehrfurcht lossagen möchte." Die Albertina möge 
sich selbst sagen, ob sie in der letzten Zeit ihren Beruf zu solcher Vertretung iiberall klar 
erkannt habe; jedoch solle das Vergangene vergessen sein.') Auch in die Jubelfeier selbst 
tönte dieser Gegensatz noch hinein durch die Ansprache, welche der Minister Eichhorn am 
Vorabend des Festes bei dem Empfange des Professorencollegiums an dieses richtete, worin er 
unter Anerkennung vollster Freiheit für die Naturwissenschaften die Philosophie, Geschichte, 
Theologie und Jurisprudenz alle Zeit dessen eingedenk zu sein mahnte, dass der Staat be- 
stimmte Formen habe und sich auch in diesen weiter entwickeln müsse; angesichts der 
Schärfe der Kritik, welche die Königsberger Universität von jeher ausgezeichnet habe, fand 
er es auffallend, dass dieselbe in letzter Zeit in Betreff der Maassregeln der Regierung nicht 
die richtige Kritik angewandt habe, indem sie die Homogeneität zwischen dem König und seinen 
Rathgebern verkannt und selbst zu trüben gesucht habe; jetzt freilich sei das alles vergessen. 
Tiefen Eindruck machte des Prorectors Burdach Erwiderung: er erinnerte daran, wie der Flor 
der Albertina von der freien Entwickelung der Philosophie datire, welche die dogmatische Meta- 
physik und die bürgerlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen beleuchte; ein Rück- 
schritt sei unmöglich, wenn man ihn auch zuweilen befürchten müsse. Diese sie erfüllende 
Befürchtung hätten die Professoren da angebracht, wo Pflicht und Gewissen es erheischten, 
und sie ständen daher mit dem Gefühl unverletzter Pflichttreue vor dem Minister. Mit Be- 
geisterung, so schloss der Redner, gedenke er der edlen Richtung, welche die deutsche Jugend 
zur Zeit der Burschenschaft eingeschlagen, und bezeichnete es als das höchste Glück seines Lebens, 
dass der Beginn seines Lehramts in Königsberg in eben diese Zeit gefallen sei: trotz ein- 
zelner Verirruugen, die vorgekommen, dürfe man der Jugend vertrauen.^) 

So fand denn in den letzten Augusttagen 1844 jene unvergessliche Feier statt, ^) 
durch welche der Eintritt der Albertusuniversität in das vierte Jahrhundert ihres Bestehens 
seine Weihe erhielt. Eigenhändig legte ihr Königlicher Rector den Grundstein zu dem neuen 
Hause, das ihr im Laufe der nächsten Jahre als würdige Stätte pflichttreuen Wirkens im 
Dienste der höchsten Ideale bereitet werden sollte. Glückwünschend nahten ihr zugleich mit 
den Behörden des Staates und der Stadt die durch die Gemeinschaft des Strebens ihr trotz 
räumlicher Trennung eng verbundenen preussischen und deutschen und mehrere fremdländische 

1) Palkson a. a. O. 

2) Burdach a. a. O. 

3) A'gl. Amtliche Nachrichten über die Feier des dritten Säcularfestes der Albrechts-üniversität 
zu Königsberg. Königsberg 1844. — L. Matzel, Die dritte Säcularfeier der Universität zu Königsberg. K. 1844. — 
A. Witt, Die dritte Jubelfeier der Albertus-Universität zu Königsberg. K. 1844. — Falkson a. a. 0., S. 90 ff. 
Burdach S. 461 ff. 



107 

Univei'sitäteD, und, in grossen Scbaaren zusammengeströmt, erneuten ihre ehemaligen Zöglinge 
in Ernst und Scherz die beglückende Fülle der Erinnerungen an die schönen Jahre ihres 
akademischen Lebens und wurden sich dabei noch einmal recht voll all dessen bewusst, was 
jeder einzelne von ihnen, was die engere altpreussische Heimath der Albertina verdankten und 
was dieselbe, weit über ihren nächsten Wirkungskreis hinausgreifend, auch in die Ferne an nachhal- 
tiger Anregung zu reicherem geistigen Leben von sich hatte ausgeben lassen. Für die Albertina 
selbst aber bezeichneten jene festlichen Tage zugleich den endlichen Abschluss der mit dem 
Tode Kants begonnenen, über volle arbeitsreiche vierzig Jahre erstreckten Periode ihrer 
zweiten Gründung. 



VIII. Lehrer. Lehre und wissenschaftliches Leben der Albertina 1805—1844. 

1. Die Eutwickelung im Allgemeinen. 
So dunkele Schatten auf manchen Theilen des Bildes liegen, das die Entwickelung 
der Albertina in den vierzig Jahren nach dem Tode Kants darbietet: immer ist es doch das 
Bild eines auf erweiterter und gefestigter Grundlage planmässig und wohlgefügt und in zu- 
nehmender Harmonie der einzelneu Theile emporwachsenden Neubaues. So schwer Lehrer und 
Lernende gelegentlich unter dem Drucke des zu Karlsbad inaugurirten Systems leiden mochten, 
so ist dadurch doch weder jenen Lust und Kraft zu erspriesslichem Schaffen im Dienste der 
Wissenschaft, noch diesen zu erfolgieicher Arbeit an ihrer allgemeinen sowie an ihrer Berufs- 
bildung verloren gegangen. Wohl aber entsprach es der durch die Verhältnisse gebotenen 
Fernhaltung von allen öffentlichen Angelegenheiten, dass im Gegensatz zu der Zeit gleich 
nach den Befreiungskriegen, wo das Interesse der studirenden Jugend sich der neusten Ge- 
schichte und der Politik zugewendet, der Schwerpunkt des akademischen Lehrens und Lernens 
in andere, neutrale Gebiete verlegt wurde, in das Studium des klassischen Alterthums auf der 
einen und das der Mathematik und der Naturwissenschaften auf der anderen Seite. Während 
Hüllmann im W.S. 1812/13 neuere Geschichte vor 67, Staatslehre vor 78, im W.S. 
1814.'15 Geschichte der Jahre 1800—12 vor 92 und noch W.S. 1816/17 neuere deutsche Ge- 
schichte vor 83 Zuhörern gelesen hatte,') schwand die Theilnahme der Studirenden an diesen 
Stoffen während der nächsten Jahre schnell dahin, und auch die Beschäftigung mit der Volks- 
wirthschaft, für die Kraus einst ohne Rücksicht auf das besondere Fachstudium weite Kreise 
gewonnen hatte,^) kam bald ausser Mode. Um so werthvoller war es für den Stand der all- 
gemeinen Bildung auf der Albertina und in dem aus ihr hervorgehenden altpreussischen 
Beamtenthum in Staat und Kirche, dass die Tradition der grossen Kantscheu Zeit noch in Wirk- 
samkeit blieb, wonach ohne Rücksicht auf seine Fachwissenschaft jeder Studirende eine all- 
gemeine philosophische Bildung zu erwerben strebte. Im S. S. 1806 hatte Kraus in seiner Vor- 
lesung über Encyklopädie 105, Krug in der über Logik 164 Zuhörer, d. h. nahezu die Hälfte 
aller Studirenden — Ende des Jahres 1805 betrug ihre Zahl 333^) — sammelte sich um 



1) Curator. B. 16. XIII. 

2) Im W. S. 1805/6 hörten seine „Gewerbekunde" 80. 

3) Ebendas. B. 16. XII. 



108 

seinen Lehrstulil. Auch sonst noch tritt das die akademische Jugend damals erfüllende 
Streben nach einer uinfiissenderen allgemeinen Bildung zu Tage. Collegien wie Poerschkes 
Interpretation der Horazischen Oden wurden von 60, desselben Anthropologie von noch mehr 
Zuhörern besucht, und zu einer Zeit, wo die Zahl der in Königsberg studireuden Mediciner 
etwa ein Dutzend betrug,*) las Karl Gottfried Hagen öffentlich Zoologie vor 50 und 
Botanik vor 00 Zuhörern. Auch in den einzelnen Fachwissenschaften fanden nach Ausweis 
der Zuhörerverzeichnisse die allgemein orientirendeu und zusammenfassenden Vorlesungen 
mehr Theilnahme als die, welche eng umgrenzte Gebiete mit eingehender Gründlichkeit 
behandelten. 

Die Erklärung hierfür liegt nun sicher nicht bloss darin, dass damals, wo die Tages- 
litteratur viel weniger productiv war, solche Vorlesungen allgemeinen Inhalts der gebildeten 
Jugend zuerst eine Menge von Dingen bekannt machten und von Interessen erschlossen, 
die ihr heute, wenn sie die Universität bezieht, längst geläufig und wohl gar schon wieder 
gleichgültig sind. Auch wird man nicht behaupten können, damals hätten die akademischen 
Lehrer mehr zu fesseln und nachhaltiger anzuregen vei'standen und die Jünglinge wären weniger 
überangestrengt, daher empfänglicher und voll frischeren Strebens vom Gymnasium zur Uni- 
versität gekommen als heute: — sind doch die heute gehörten Klagen der Art damals in 
ganz gleicher Weise erhoben worden.^) Von diesen Momenten mag das eine oder das andere 
gelegentlich mitgewirkt haben: Ausschlag gebend war die ganz anders geartete Stellung, welche 
die philosophische Facultät damals in dem Gesammtorgani^mus der Universität einnahm. 
Noch nicht aufgelöst in eine. Anzahl nur locker verbundener Fachschulen zur Vorbildung 
namentlich der Lehrer für die höheren Schulen, hatte sie ihre ursprüngliche Bedeutung noch 
bewahrt und war noch in dem von Kant im „Streit der Facultäten" dargelegten Sinne die 
untere Facultät, d. h. bestimmt und bestrebt, für jede Art von wissenschaftlicher Fachbildung die 
allgemeine Grundlage zu geben oder zu erweitern und zu befestigen. Dem entsprechend gab 
es auch an der Albertina damals eigentlich eine philosophische Facultät nur rücksichtlich der 
Lehrer, nicht aber der Studirenden. Von den 333 Studirenden im W.S. 1805/ß kamen 101 
auf die theologische, 220 auf die juristische, 8 auf die medicinische Facultät und nur 3 — 
aus Russisch Polen — auf die philosophische, in der mau damals „Philosophen und Camera- 
listen" unterschied. Im S.S. 1809 sind bei 273 Studirenden diese beiden Eubriken leer, im 
W.S. 1811/12 finden sich unter 251 Studirenden nur 10 Philosophen und 8 Cameralisten. 
Dann erst formirt sich die philosophische Facultät als eine besondere Gruppe auch unter den 
Studirenden: 1820 finden wir unter 218 Studirenden neben 34 Cameralisteu 26 „Philosophen 
und Pädagogen";') 1825 ist unter Wegfall der Cameralisten bei 404 Studirenden die Zahl der 
„Philosophen" auf 83 gestiegen. Auch hier also bestätigt der Gang der localen Entwickelung 
die Beobachtung, dass die philosophische Facultät, im Gegensatz zu ihrer ursprünglichen 



1) W.S. 1805/6: S, S.S. 1809: 16, AV.S. 1811/12: 23, S.S. 1820: 21, unter Einrechnung etlicher 
, Chirurgen" d. i. Heilgehülfen. 

2) Tgl. oben S. 84. 

3) Curat. Commiss. 22. 



109 

Bedeutung, erst iii neuerer Zeit zu einer facliwisseuscbaftlichcn Corporation nach Art der drei 
anderen, oberen Facultiiteu geworden ist, indem sich in ihr alle diejenigen Studireuden zu- 
sammenfanden, die eine zur Verwendung im höheren Schuldienst berechtigende Bildung er- 
strebten. Das bewirkte namentlich die Eimührung einer besonderen staatlichen Prüfung für 
die dem höheren Schulamt zustrebenden jungen Leute (1810). Weitere tiefgreifende Aende- 
rungen entsprangen daraus. Wähi-end bisher die meisten Schulämter von Theologen bekleidet 
wurden, die in ihnen das Einrücken in eine Pfarrstelle abwarteten, und nur die Lehrer der 
klassischen Sprachen auf den obersten Stufen studirte Philologen waren, die ohne besondere 
staatliche Prüfung auf die gewichtige Empfehlung ihrer akademischen Lehrer hin, oft in 
sehr jungen Jahren, aber auch mit entsprechend schmalen Gehältern in ihre Stellen berufen 
wurden, demnach Lehre und Unterricht unter geringer Betonung des erziehlichen Moments 
als Künste galten, die auf Grund besondei'er Begabung in freier und daher doppelt wirk- 
samer Entfaltung der Individualität geübt wurden, kam jetzt vielmehr die Meinung auf, Lehren 
und Unterrichten seien Fertigkeiten, die gelehrt und gelernt werden könnten, um hinterher 
nach gewissen, aus der Erfahrung entnommeneu Regeln geübt zu werden: als dazu vorbildende 
Fachschule aber wurde die philosophische Facultät angesehen. Seitdem wurden die in dieser 
vereinigten Wissenschaften immer weniger um ihrer selbst oder um des Gewinns willen ge- 
trieben, den Jeder für seine allgemeine Bildung daraus machte: man behandelte sie lernend 
sowohl wie lehrend, immer mehr als Einzelfächer, in denen man sich eine gewisse Summe von 
Kenntnissen aneignen musste, um sie nachher im Leben in ähnlicher Weise nutzbringend an- 
zuwenden, wie das der Pfarrer, der Richter oder Anwalt und der Arzt mit dem theologischen, 
dem juristischen und dem mediciuischen Wissen thaten, das sie sich auf der Universität er- 
worben hatten. 

Gewiss entsprang diese Eutwickeluug wenigstens zuiu Theil aus der natürlichen 
Weiterbildung geschichtlich gewordener Verhältnisse und wurde gefördert darch den starken 
Bedarf des Staates an Leuten, die geeignet waren, im höheren Schuldienste mit einer ge- 
wissen Bürgschaft der Brauchbarkeit verwendet zu werden. Aber bei allem Nutzen hat sie 
doch auch üble Folgen gezeitigt. Namentlich ging durch sie der philosophischen Facultät 
mit der äusseren Freiheit zugleich ein guter Theil jener inneren Freiheit verloren, die, wie 
das Wesen der Universitäten überhaupt, so besonders das ihi-ige ausgemacht und sie vor- 
zugsweise zur Trägerin der akademischen Freiheit im höchsten Sinn des Worts berufen hatte. 
Je genauer in der Folge der Staat die Anforderungen bestimmte, die er an die durch die 
philosophische Facultät gebildeten künftigen Lehrer der höheren Schulen stellte, und in 
specialisirten Prüfungsreglements niederlegte, um so weniger Hessen die Studirenden ihren 
akademischen Bildungsgang durch das freie Spiel ihrer Neigungen und Kräfte bestimmen, 
sondern passteu ihn den Ansprüchen an, welche die den Eintritt in das bürgerliche Leben 
und das Anrecht auf Amt und Brod begründende staatliche Prüfung an sie stellte. Das aber 
hebt die akademische Freiheit ihrem vollen und wahren Begriffe nach auf und erzeugt eine 
Regelmässigkeit, die weiterhin zur Mittelmässigkeit wird, und das Ergebniss entspricht den 
Worten, mit denen Jacob Grimm sich gegen das Eingreifen des Staates in die Aufsicht über 
Schulen und Universitäten erklärt hat: „Es ist Alles zu viel vorausgesehen und vorausge- 



110 

ordnet, auch im Kopf der Studirenden. Die Arbeit des Semesters nimmt iinbewusst ihre 
Richtung nach dem Examen.'") 

Früher und entschiedener als anderwärts ist diese Wendung, die Stellung und Be- 
deutung der philosophischen Facultät durchaus änderte, an der Albertina eingetreten. Denn 
hier hat in dieser Richtung Johann Friedrich Herbart, mehr noch denn als Philosoph ge- 
feiert als Träger einer neuen Epoche der Pädagogik, einen Einfluss geübt, der zunächst für 
den Betrieb der einschlägigen Studien auf der Albertina verhängnissvoll wurde, weiterhin 
aber, entsprechend dem Ansehen seines Trägers und der bequemen Anpassungsfähigkeit seines 
Systems an die herrschenden rückläufigen Tendenzen, auch anderwärts ähnlich einwirkte. 

Diese rückläufigen Tendenzen ofi"enbarten sich auch in der Art, wie das vorgeordnete 
Ministerium die Aufsicht über den akademischen Unterricht ausübte. Ausstellungen an dem 
Vorlesungsverzeichniss. sowohl rücksichtlich der Vollständigkeit wie der Aufeinanderfolge der 
Hauptvorlesungen, Vermahnungen der in den meisten Fächern schon schwer belasteten Pro- 
fessoren zur Abhaltung von neuen, zur Ergänzung des Lehi'gangs wünschenswerth erscheinenden 
Collegien, Bedrohung der darin nicht hinreichend Gefügigen mit der Beiordnung sie lahm 
zu legen bestimmter jüngerer [concurrirender Kräfte — wie sie z. B. im S.S. 1822 Lach- 
mann erfuhr, weil er den bisherigen alleinigen Vertreter der klassischen Philologie, Lobeck, 
nicht genügend unterstützte,^) oder auch die Aussicht auf Sperrung des Gehalts für die- 
jenigen akademischen Lehrer, welche der statutarischen Verpflichtung, sich auf Grund einer ge- 
druckten Abhandlung durch öftentliche Disputation zu habilitiren, nicht nachgekommen waren — 
was nicht bloss Lachmann 1822 begegnete,*) sondern 1823 einer ganzen Anzahl seit längerer Zeit 
an der Albertina wirkender Professoren widerfuhr*) — das sind damals regelmässig wiederkehrende 
Erscheinungen. Die politische Unbescholtenheit der als Privatdocenten zuzulassenden jungen 
Gelehrten, soweit sie nicht von der Regierung selbst dazu bestellt wurden, wurde peinlich 
controlirt. Dem Dr. Lucas, der einst als Genosse Dieffenbachs in die Untersuchung 
gegen die Königsberger Burschenschaft verwickelt gewesen war,^) gelang erst bei einem er- 
neuten Versuche 1826 die Habilitation für deutsche Sprache und Litteratur, nachdem er wohl 
schon damals den Gesinnungswechsel vollzogen hatte, den er später so energisch bethätigte.^) 
Auch die im Zeitalter der Stein-Hardenbergschen Reformen erfolgte Zulassung der Juden zu 
akademischen Lehrämtern wurde im December 1822 zurückgenommen und dadurch die eben 
so gut wie vollzogene Habilitation eines angesehenen und wissenschaftlich tüchtigen Arztes, 
Dr. Jacobson, rückgängig gemacht.'') Nimmt man hinzu, wie auch die Beaufsichtigung der 



1) V. Raumer, Gcscb. der german. Philologie. S. 38:!. Vgl. die ganz ähnliche Aeusserung Gr. Hermanns 
in dem Briefe an Lobeck bei Ludwich, S. 145, in Bezug zunächst auf sächsische Verhältnisse: ,,Das Ministerium 
meint es sehr gut; aber e.s will alle Verhältnisse so sehr regeln und beschränken, dass auf diese Weise die Uni- 
versität zu einem Gymnasium herabsinken miisste." 

2) Curator. B 16 i;XV). 

3) Ebendas. 

4) Vgl. oben S. 7ü. 

5) Vgl. S. 59. 

6) Vgl. Burdach a. a. 0. S. 467/68. 
T) Ebendas. S. 324. 



111 

Studirenden in Betreff ihres Fleisses dauernd einen Gegenstand der Erwägung des Ministe- 
riums bildete und wie dessen immer erneutes Drängen auf die EinfühniBg "seminaristischer 
Uebungen und conversatorischer Unterweisung, auf die Vermehrung der regelmässigen Fleiss- 
prüfungen und die Ausstellung amtlicher Zeugnisse über deren Ergebniss, die Universitäten 
in ihrem vornehmsten Lebensprincip bedrohte und — ganz entsprechend einer einst von 
dem alten J. G. Scheffner ausgesprochenen Befürchtung') — zu einer Art von höheren 
Schulen herabzudrücken drohte, so wird man es als kein geringes Verdienst und als einen 
Beweis für die Lebenskraft der Albertina gelten lassen, dass diese, obgleich sie zur 
Durchfechtung dieses Kampfes äusserlich viel weniger die Mittel hatte als ihre günstiger 
gelegenen und reicher ausgestatteten Schwestern, sich darin doch glücklich behauptet hat, 
und nicht bloss das, sondern dass sie dem im Laufe langer Jahre aufgeführten Neubau auch 
den rechten geistigen Gehalt zu geben vermocht hat, durch den sie nicht bloss als gleichbe- 
rechtigt neben die anderen preussischen und deutschen Universitäten trat, sondern in einigen 
Gebieten der Wissenschaft bereits wieder eine führende Stellung gewann. 

2. Philosophie, Astronomie, Mathematik, Medicin und beschreibende Natur- 
wissenschaften. 
Kants unmittelbarer Nachfolger, Wilhelm Traugott Krug,-) der seine Thätigkeit 
mit dem W.S. 1805/6 begann, war zu kurze Zeit an der Albertina wirksam, um irgend bestim- 
menden Einfluss zu üben, zumal bei seinem zwar vielseitigen und beweglichen, aber auch un- 
stäten und oberflächlichen Wesen. Bekannt ist der hervorragende Antheil, den er andemsog.Tugend- 
bunde hatte. ^) Als er Ende des W.S. 1808/9 einem Rufe nach Leipzig folgte, wurde er durch 
Johann Friedrich Herbart*) ersetzt, welcher gemäss einem bei den damals schwebenden Reor- 
ganisationsentwürfen getroffenen Abkommen die Professur der Philosophie in der Weise mit 
der der Pädagogik vereinigte, dass er die bisher von Poerschke gelesenen pädagogischeu 
Collegien übernahm und diesem dafür die von Krug neben der speculativen vertretene prak- 
tische Philosophie iiberliess. Fast ein Vierteljahrhundert hat Herbart") der Albertina ange- 
hört, rastlos thätig und mannigfach anregend als Lehrer, aber von recht nachhaltiger Ein- 
wirkung doch nur kleineren Kreisen gegenüber. Wie es scheint, erweckte seine bei aller 
Genialität steife und schulmeisterliche Art Antipathien, die dadurch noch verstärkt wurden, 
dass er alle Zeit bereit war, zur Durchsetzung seiner Ansicht an die Regierung zu appel- 
liren und deren Eingreifen zu seinen Gunsten zu erwirken — vielleicht, um mit Lobeck zu reden, 
ein Ausfluss seines harmlosen Glaubens an die Macht des Rechts und an das Recht der Macht.^) 

1) Vgl. oben S. 50. 

2) Vgl. S. 7. 
3i Vgl. S. 24. 

4) Geb. den 4. Mai 177ü zu Oldenburg, als Student in Jena seit 1794, bald von der Jurisprudenz zur 
Philosophie übergegangen, als Hofmeister in einem vornehmen Berner Hause mit Pestalozzi bekannt geworden 
und dadurch zu eingehender Beschäftigung mit der Pädagogik angeregt, 1802 Privatdocent, 1805 aord, Professor 
in Göttingen, namentlich auf Betreiben von Auerswalds und Süverns berufen. (Ziller, Herbartreliquien, S. 200.) 

5) Seine Ernennung datirt vom 11. Februar 1809. 

6) Gedächtnissrede auf Herbari; Lelinerdt a a. 0., S. 229. 



112 

So nahm er ti'otz alles Ansehens eine isolirte Stellung ein, besonders durch die Eigenart 
seiner Ansichten über akademisches Leben und Lehren und durch die anspruchsvolle Selbst- 
gewissheit, mit der er sie in den oft so schwierigen Verhältnissen jener Zeit geltend machte. 
Wie er nachmals zu Göttingen in Sachen der Sieben die Ansicht vertrat, dass der Bearbeiter 
der Wissenschaft sich mit dem öffentlichen Leben nichts zu thun machen dürfe,*) da das 
politische Interesse auf einer Universität überall gar kein Geschäft habe und nur ja so fern 
als möglich bleiben möge,^) so war er mit dem durch die Karlsbader Beschlüsse begründeten 
System insofern ganz einverstanden, als es Professoren und Studirenden jede Beziehung 
zu den nationalen und politischen Bewegungen der Gegenwart untersagte. Glaubte er doch 
alles Ernstes, die staatliche und die gesellschaftliche Ordnung sei durch die Burschenschaft 
und die demagogischen LTmtriebe gefährdet gewesen und nur durch rechtzeitiges Einschreiten des 
Deutschen Bundes gerettet worden.^) Den Höhestand ihres Einflusses hat seine positivistische Philo- 
sophie freilich erst erreicht, als die Hegels die officiell anerkannte Philosophie des preussischen 
Staates zu sein aufhörte und der erbitterte Kampf gegen den durch sie gezeitigten Rationalismus 
begann. Die Königsberger Zeit Herbarts war von Bedeutung namentlich für die Eutwickelung 
seines pädagogischen Systems, dessen praktischer Durchführung das von ihm geleitete päda- 
gogisch-didaktische Seminar*) diente. Für dasselbe wurden ihm unter dem 18. August 
1810 200 Thaler angewiesen, bisher die Besoldung des Gehülfen bei dem schon beste- 
henden, aber zu keiner Wirksamkeit gelangten pädagogischen Seminar. Bereits in Folge 
des Berichts, den Herbart am 23. Juli 1812 über die zur praktischen Ausbildung angehender 
Lehrer bestimmte Anstalt erstattete, empfahl ihm das Ministerium, seine Seminaristen zur 
Bewerbung um Stellen an öffentlichen Schulen aufzufordern, und verhiess ihnen besondere Be- 
rücksichtigung. Das dadurch beschleunigte Wachsthum der Anstalt Hess die Erwerbung eines 
eigenen Hauses dafür wünschen: von der Regierung mit einem Voi'schuss unterstützt, kaufte 
Herbart im Februar 1818 das „ehemals Höpfnersche Haus in der Königstrasse", wo er 
hinfort selbst wohnte, indem er eine Reihe von Zimmern zu Uebungs- und LTnterrichtszwecken 
und als Wohn- und Schlafräume für die Pensionäre und Lehrer dem Seminar überliess. Seine 
Bestrebungen erfreuten sich in dem Maasse der Gunst der Regierung, dass ein Erlass des 
ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten Baumann vom 17. November 1820 die Decane 
der theologischen und der philosophischen Facultät anwies, die Studirenden zum Besuche des 
pädagogisch-didaktischen Seminars und der Herbartschen Vorlesungen über Pädagogik, Psycho- 
logie und Logik zu ermahnen, dass nicht bloss im September 1824 die Oberlehrerprüfung auf 
die Philosophie, d. h. auf Logik, Metaphysik und Geschichte der Philosophie, ausgedehnt, 
sondern im December 1824 an die Studirenden die Weisung gerichtet wurde, sich von Her- 
bart über die bei ihm gehörten Collegien prüfen zu lassen, da derselbe ohnedies die üblichen 
Fleisszeugnisse nicht auszustellen brauche, ohne diese aber auch die Consistorien keinen 



1) Burdach, S. 325. 

2) Herbart, Erinnerung an die Göttinger ICatastrophe 1837, S. 22. 2i. 

3) Vgl. S. 75. 

4) Näheres über Zweck und Einrichtung desselben in der Denlifichrift bei Ziilcr, llerbartreliquien, 
S. :5ü9 if. Einige Daten über seine finanzielle Ausstattung und Entwicklung ebendas. S. 31(5, Anmerkung. 



113 

Theologen mein- zur Prüfung zulassen dürften. Obgleich demnach in durchaus unge- 
wöhnlicher Weise durch staatlichen Einfluss auf den Besuch der Herbartscheu Vorlesungen 
hingewirkt wurde, vielleicht freilich auch eben deslialb, war es doch gerade Herbart, der 
immer von Neuem über den Unfleiss der Studirenden klagte und auf Maassregeln zur Erzwin- 
gung fleissigen Collegienbesuchs drang. Auch dass er Schulrath und Mitglied der wissen- 
schaftlichen Pi-üfungscommission sowie der städtischen Schuldeputation (aus der er 1826 in 
Folge eines Conflicts mit dem Consistorium ausschied)') war, kam seiner Lehrthätigkeit viel- 
fach zu Gute. Er liebte es, den berufeneu Hüter aller höheren Schulen und den Vormund aller 
an ihnen wirkenden Lehrer in der Provinz Preussen zu spielen. Zweifel an der Unfehlbar- 
keit seines pädagogischen Sj'stems war er geneigt als Auflehnung und als persönliche Belei- 
digung aufzufassen. Das hat namentlich Karl Lahrs zu erfahren gehabt. In der kurzen 
Biographie, welche dieser nach seiner Anstellung als Oberlehrer an dem Königsberger Pried- 
richscolleg dem Herkommen gemäss in dem Michaelisprogramme dieser Anstalt veröffentlichte, 
hatte er auch die unliebsamen Erfahrungen erwähnt, die er während seiner Beschäftigung an 
dem Gymnasium zu Marienwerder (seit Pfingsten 1824) gemacht, und „freimüthig der tief einge- 
wurzelten Missbräuche und Gebrechen" gedacht, die er dort bemerkt hatte. Das zog ihm eine Rüge 
von Seiten des Provinzialschulcollegiums zu, in der es ihm als ein moralischer Mangel ausgelegt 
wurde, dass er eine von ihm als nicht erstrebenswerth bezeichnete Stelle überhaupt angenommen 
hatte. Lehrs konnte nicht bloss diesen Vorwurf leicht zurückweisen, sondern auch die Berechtigung 
des von ihm gegen jene Anstalt ausgesprochenen Tadels durch Erinnerung au die ausser- 
ordentlichen Maassnahmen darthun, die eben um jener Missbräuche und Gebrechen willen das 
Provinzialschulcollegium selbst dort zu ergreifen für nöthig befunden hatte, ohne dass es 
damit den gewünschten Erfolg gehabt hätte.') Inzv/ischen aber hatte sich Herbart mit einer 
Beschwerde über Lehrs an das Unterrichtsministerium gewandt und dieses dem Angeschuldigten 
ebenfalls sein Missfallen über jene Aeusserung kundgethan in einer Form, aus der Lehrs ent- 
nehmen konnte, dass Herbart „sich weder erlaubter noch würdiger Mittel" bedient habe, um 
das Ministerium in dieser Sache gegen ihn einzunehmen. Deshalb richtete er eine ausführliche 
Widerlegung an das Ministerium. Wenn Herbart ihn des Undanks bezichtigt hatte, so zeigte 
er, dass er demselben in keiner Weise verpflichtet sei, da er weder seine Pädagogik gehört, 
noch je in seinem Seminar unterrichtet, noch eine Wohlthat, noch auch nur die geringste 
Gefälligkeit von ihm empfangen hätte. Noch viel bitterer aber hatte sich Herbart über 
einige allerdings scharfe Aeusserungen^) beschwert, die Lehrs in jener biographischen Skizze 
gegen das damals zu einer Art von Modesache gewordene Studium der Pädagogik gethan 
hatte, das dem von idealem Sinn und unersättlichem Wissensdrang erfüllten jungen Philologen 



1) Zimmermann, Ungcdruokfe Briete von und an Hcrbarl (Wien löTO), S. ()2. 

2) Lud wich, Briefe von Lobeck und Lehrs, S. 79—89. 

3) Ebendas. S. 7G: .Diese Ueberzeugung bewahrte mich — vor dem Abwege, zu welchem die Verfülirung 
damals nicht fehlte, meine Zeit mit dem Studium der Pädagogik, wie sie's nennen, zu zersplittern oder zu ver- 
schwenden. Ausserdem, sich Grenzen zu setzen in seiner Wissenschaft, sie erlernen zu wollen für den nächsten 
und nothwendigaten Bedarf, schien die Berechnung eines Krämers, und die Absicht, den Umgang mit Menschen 
aus einem psychologischen Lehrbuch zu erlernen, eines Unmündigen." 

15 



114 

wie eine Anleitung erschien zu handwerksmässiger Anwendung des eben erst Gelernten zum 
Zwecke des Broderwerbes als Lehrer. Dadurch sollte er nach Herbarts Meinung dessen Lehrfächer 
der Pädagogik und Psychologie „mit Schmach und Hohn" bedeckt haben. Dem gegenüber zeigte 
Lehrs, wie Herbart seine aus dem Zusammenhange gerissene Aeusserung gehässig ausgedeutet 
oder gar nicht verstanden habe, jedenfalls aber nicht berechtigt sei, durch das Aussprechen 
wissenschaftlicher üeberzeugungen sich persönlich beleidigt zu fiihlen. Die Frage des 
Ministeriums, warum er selbst das vorgeschriebene Zeugniss über den erfolgreichen Besuch 
der Herbartschen Vorlesungen bei der Prüfung nicht beigebracht habe, erledigt Lehrs durch 
den Nachweis, dass die betreifende Verfügung erst ergangen sei, als er Königsberg bereits 
verlassen hatte, und macht geschickt gegen den von Herbart erhobenen Anspruch eine 
neuerdings, den 2. November 1826 ergangene Ministerial -Verfügung geltend, wonach für den 
künftigen Schulmann keine Theorie genüge , derselbe sich vielmehr durch Erfahrung und 
Uebung zu bilden habe.') Weitere Folgen hat der Conflict, in dem Lobeck, seinen hoffnungs- 
vollsten Schüler zu decken, die Verantwortung für die incriminirte Aeusserung als Censor, der 
sie zu drucken erlaubt hatte, auf sich nehmen wollte,^) für Lehrs nicht gehabt. Immerhin ist 
der Zwischenfall charakteristisch für Herbarts Eigenart ebenso sehr wie für sein Verhältniss 
sowohl zu seinen Collegen wie zu einem grossen Theil der Studirenden, unter denen es ihm 
natürlich auch an begeisterten Verehrern nicht fehlte. Mit der Mehrzahl seiner Amtsgenossen 
aber hat sich Herbart über die wichtigsten Fragen des akademischen Lebens nicht ver- 
ständigen können, da er in Bezug auf die Ordnung der Lehre, des Lernens und des Lebens 
einen Standpunkt einnahm und mit der ihm eigenen principiellen Schärfe vertrat, der 
die akademische Freiheit mit dem Untergänge bedrohte. Dieser Gegensatz machte sich 
namentlich bei den 1819 begonnenen Statutenberathungen geltend und führte zum freiwilligen 
Ausscheiden Herbarts aus der Commission.^) Die grundsätzliche Verschiedenheit des Urtheils 
über das Verhältniss der Universitäten zu Staat und Gesellschaft gab auch sonst noch zu 
manchem Conflict zwischen ihm und seinen Collegen Anlass.*) Es hängt wohl damit zu- 
sammen, dass Herbart sich in Königsberg je länger je weniger zufrieden und heimisch fühlte. 
Mehr noch als über den nachtheiligen Einfluss des Klimas auf seine Gesundheit klagte er über 
den „Provinzialgeist, der die Königsberger Universität drückt",^) über den Unfleiss der Stu- 
direnden und meinte, diese Verhältnisse machten es ihm geradezu zur Unmöglichkeit zu thun, 
was ihm oblag.^) Zudem klagte er über Mangel an Anerkennung von Seiten der Regierung und 
verwand es nicht, dass man nach dem Tode Hegels nicht ihn als dessen Nachfolger nach Berlin 
berufen hatte. Dalier nahm er 1833 den Ruf nach Göttingen an, nachdem er vergeblich gewartet 
hatte, ob die Kunde davon die preussische Regierung nicht zu ausserordentlichen Anträgen 
an ihn bestimmen würde. Tief verstimmt klagte er wohl später, dass seine langjährigen Be- 



1) Ebendas. S. 82-84. 

2) Ebendas. S. 81. 

3) Vgl. S. 50. 

4) Ygl. Burdach, S. 325. 

5) Zimmermann a. a. 0., S. 50, 

6) Ebendas. S. 58. 



mübuBgen um Pädagogik, um Lelirkuust erfolglos gebliebeu seieu.') In Wahrheit aber hatte ihm 
seiue Thätigkeit uuter dem Eiufluss einer ungewöhnlich glänzenden Persönlichkeit trotz aller 
Differenzen im Kreise der Collegen die höchste Achtung erworben, und auch die Studirenden 
sahen in ihm eine der Zierden der Albertina. Dem ents^n-achen die Ehren, mit denen man den 
Scheidenden feierte. Die Studirenden brachten ihm einen Fackelzug, die Professoren machten ihm 
in corpore einen Besuch, wobei Schubert als Redner auftrat. „Selbst die gelehrten Kolosse 
Bessel und Lobeck hatten — so berichtet Herbart selbst mit unverkennbarem Behagen-) — es 
nicht unter ihrer Würde gehalten, sich zu mir zu erheben und sich ohne Unterschied in die 
Reihen der Andern zu stellen." Zudem gaben seine Collegen dem Bedauern über seinen Fort- 
gang noch in einem feierlichen Abschiedsschreiben Ausdruck. In der Antwort darauf vom 
10. Juli bemerkte Herbart u. A.: „Die Wirksamkeit dieser Universität ist gross in ihrem 
nähern Kreis, aber auch in der Ferne grösser, als ihre örtliche Lage würde erwarten lassen; 
sie wird noch grösser werden und sich immer mehr ausbreiten." 

Mit der einseitigen Begünstigung der Pädagogik aber war es nun an der Albertina zu 
Ende: auch in diesem Punkte hatte Herbart offenbar nicht die Zustimmung seiner Collegen 
gehabt. Das pädagogisch-didaktische Seminar ging ein, schon deshalb, weil die Regierung 
auf das ihr zustehende Vorkaufsrecht auf das von Herbart dafür erworbene Haus verzichtete, 
und als 1840 der Privatdocent Dr. Runge um Bewilligung von Mitteln zur Errichtung einer 
gleichen Anstalt einkam, wurde sein Gesuch von der philosophischen Facultät sowohl wie von 
dem Senat abgelehnt auf Grund eines von Herbarts Nachfolger Rosenkranz abgegebenen 
Gutachtens, das sich dahin aussprach, derartige praktisch-pädagogische Bestrebungen gehörten 
nicht auf die Universität und seien nur geeignet die Studirenden von dem rechten Studium 
abzuziehen. Aber Herbarts Persönlichkeit und Wirken blieben an der Albertina in gutem 
Andenken. Nach seinem Tode (14. Juni 1841) veranstaltete man eine akademische Ge- 
dächtnissfeier, bei der Lobeck die Rede hielt, ^) und beging am 5. Mai 1886 seinen hundert- 
jährigen Geburtstag. Seine Wittwe aber, Mary Jane, geb. Drake, die Tochter eines in Königs- 
berg heimisch gewordenen englischen Kaufmanns, die er bald nach dem Antritt seiner hiesigen 
Professur geheiratet hatte und die nach seinem Tode hierher zurückkehrte, ernannte die König- 
liche und Universitäts-Bibliothek zur Erbin seiner Bibliothek und des grössten Theils seines 
Vermögens, das allerdings erst an sie fallen sollte, wenn ein von dem kinderlosen Ehepaar 
angenommener, langsam hinsiechender Pflegesohn gestorben sein würde.*) 

Von Grund aus anders geartet als Herbart war sein Nachfolger Karl Rosenkranz,^) 
ein Mann von ausgebreiteter Bildung und grösster Vielseitigkeit der Interessen, von 



1) Ebd. S. 105. 

2) Ebd. S. 84—85. 

3) Lehnerdt, S. 227 fi. 

4) Das geschah erst 1893. 

5) Geb. den 23. April 1805 zu Magdeburg, seit 1824 zu Berlin, Halle und Heidelberg polyhistorisch 
gebildet und von anfänglichen starken romantischen Neigungen erst durch das Studium Kants, Spinozas und 
Hegels zu der Philosophie des letzteren geführt, seit 1828 Privatdocent und seit 1831 aord. Professor zu Halle. 

15* 



116 

nimmer rastender Beweglichkeit des Geistes und erstaunlicher Leichtigkeit der Production, zu- 
dem in seltenem Maasse Herr des Wortes und der Feder. Durch den ihm eng verbundenen 
Hallenser Mathematiker Rosenberger bei den Königsberger Freunden, namentlich bei 
Lehrs, bestens eingeführt,') gewann er durch sein frisches, lebhaftes und anregendes Wesen bei 
Collegen sowohl wie bei den Studirenden und auch bald in weiteren Kreisen grosse Beliebtheit, 
Ansehen und Einfluss, zumal er in seinem ganzen Wirken sich als einen begeisterten Ver- 
treter der besten Traditionen echten deutschen akademischen Lebens und Strebens bewährte. 
Auch erwarb er sich in den späteren schwierigen Zeiten als ein ebenso energischer und frei- 
miithiger, wie maassvoller und besonnener Vorkämpfer wahrer akademischer Freiheit grosse 
Verdienste.^) Zu voller Entfaltung freilich ist seine Wirksamkeit erst in den ersten Jahr- 
zehnten des vierten Jahrhunderts der Albertina gekommen. 

Knüpfte die Entwickelung der erneuten Albertina durch Krug, Herbart und Ro- 
senkranz an Kant, so wurde für ihre Zukunft doch noch viel wichtiger die hervorragende 
Stellung, die neben der Philosophie in der Folge Astronomie und Mathematik und 
weiterhin die Naturwissenschaften gewannen. Der Anfang dazu war mit der Berufung 
Friedrich Wilhelm Sessels^) gemacht worden. Im November 1813 hatte dieser die Stern- 
warte auf dem Windmühlenberge bezogen. Ein volles Menschenalter hat er dort gewirkt. 
Das nach unseren Begriifen kleine Institut, das mit geringen äusseren Mittein arbeitete, wurde 
durch ihn für Jahrzehnte der Mittelpunkt des gesammten astronomischen Lebens, allein durch 
die Grösse und die Energie seines Leiters. Welch bahnbrechende Arbeiten dort entstanden sind, 
davon erzählt die Geschichte der Astronomie. Bis auf den heutigen Tag sind die dort aus- 
geführten Beobachtungen maassgebend geblieben für die weitere Forschung: Bessels Methode, 
die Messinstrumente zu handhaben und durch ihre Angaben die möglichst besten Resultate zu 
erlangen, leiten, wenn auch mannigfach umgestaltet und erweitert, den Beobachter noch jetzt. 
Aber auch als Lehrer leistete Bessel Ausserordentliches. Einmal las er sowohl Astronomie im 
Allgemeinen als auch sphärische und physische Astronomie und bis 1829 auch reine Mathe- 
matik. Der als talentvoll und strebsam erkannten Schüler nahm sich der sonst schwer Zu- 
gängliche mit Herzlichkeit an und gewann durch die liebenswürdige Zwanglosigkeit des per- 
sönlichen Verkehrs ihr Vertrauen und ihre Liebe: wer seinen anregenden und gedankenreichen 
Worten gelauscht hatte und ihm persönlich nahe getreten war, hat das alle Zeit zu den 
schönsten Lebenserinnerungen gezählt. So wurde Königsberg die hohe Schule der Astronomie, 
auf die sich in ähnlicher Weise die Augen der gebildeten Welt richteten, wie einst auf den 
Lehrstuhl des grossen Philosophen: die hervorragendsten Astronomen sind durch sie hindurch- 
gegangen und haben beobachtend, forschend und lehrend ihres genialen Meisters Werk weiter- 
geführt und seinen Ruhm verkündet. Dahin gehören — um nur die bekanntesten Namen anzu- 



1) Lud wich, Lobeck und Lehrs, S. 158—59. 

2) Vgl. Lehrs an F. Ritschi den 10. April 1847: Kr ist Tollkommen noch die anima Candida, die er 
immer war, und bewährt sich in allem und jedem. Was das in dieser Zeit sagen will, verstehen wir und 
schweigen. Ludwich a. a. O. S. 460. 

3) Vgl. S. 34. 



117 

führen — Heinrich Ferdinand Scherk,') Friedrich Wilhelm August Argelander,^) C. A. F. 
Peters (geb. 180G zu Hamburg), der erst an der Sternwarte zu Pulkowa wii'kte, später 
Bessels Lehrstuhl einnahm, dann einem Ruf nach Altena folgte und 1880 als Professor der 
Astronomie und Director der Sternwarte in Kiel starb, Plantamour in Genf, der Mathe- 
matiker Otto August Rosenberger (geb. 10. August 1800, 1824 Bessels Assistent, seit 1828 
Professor in Halle, gest. 23. Januar 1890), dann August Ludwig ßusch^) und die nachmals 
ebenfalls an der Albertina zu wirken berufenen Wichmann und Luther, ferner Gottfried 
Schweizer (geb. 10. Februar 1806 zu Wyla, Canton Zürich, gest. 6. Juli 1873 zu Moskau), 
Karl Theodor Unger,*) Friedrich Daniel Strehlke (geb. 1797 zu Konitz, Director der Petri- 
schule in Danzig, gest. 1886), Hermann Hädenkamp (geb. 6. März 1809 zu Halle in West- 
falen, gest. 1860 als Lehrer in Hamm), Karl August Steinheil,-'') der früh verstorbene 
Heinrich Schlüter (geb. 1815 in Hamburg, seit 1841 Bessels Gehülfe, gest. 1844) u. a. m. 
So ausserordentliche Lehrerfolge machen es begreiflich, dass Bessel sich in Königsberg voll 
befriedigt fühlte und die ihm mehrfach gebotene Gelegenheit zur Gewinnung eines andern 
Schauplatzes für seine Thätigkeit von der Hand wies und selbst dem glänzenden Rufe nicht 
Folge leistete, den die Berliner Akademie au ihn richtete, um ihn als Astronomen und Director 
ihrer Sternwarte zu gewinnen. 

Schon diese stattliche Reihe von Astronomen, Mathematikern und Physikern, die von 
Bessel die entscheidende Anregung empfangen haben, weit davon entfernt vollständig zu sein, 
giebt auch dem Laien einen Begriff von der Bedeutung, welche die Albertina für eines der 
vornehmsten und umfänglichsten Gebiete der exacten Wissenschaften erlangte. Von da aus 
gewann sie in der damals beginnenden grossartigen Entfaltung der Naturwissenschaften 
überhaupt eine leitende Stellung und wurde auch für die der Astronomie nächst verwandten 
Disciplinen der Mathematik und der Physik eine weithin maassgebende Pflegestätte. 
Gerade diese Fächer hatten an ihr lange Zeit darniedergelegen. Auch Ernst Friedrich 
Wrede (seit 1806 ord. Professor, f 1826) hatte neben Bessel keine selbständige Bedeutung 
gewinnen können, obgleich doch auch hier die grossen Traditionen der Kantischen Zeit 
berechtigte Ansprüche erhoben. Daher erwarb sich die Regierung ein grosses Verdienst, 
indem sie von sich aus für die Ergänzung dieser Lücke sorgte und dabei in der Wahl der 

1) Geb. 1798 zu Posen, in Breslau Schüler von Ürandis, dann Bessels und nachher Gauss' in Göt- 
tingen, 1825 PD. in Königsberg, 1826 aord. Prof., 18.31 ord. Prof. in IJalle, 183;3 in Kiel, an der Erhebung der 
Elbherzogthümer hervorragend betheiligt und deshalb abgesetzt, als Lehrer erst in Dresden, seit 1851 Vorsteher 
der höheren Gewerbeschule und 1863 Lehrer an der Hauptschule in Bremen. Gest. 4. April 1884. 

2) Geb. 1790 zu Memel, seit 1820 Bessels Gehülfe, 1822 PD., dann nach einander Director der Stern- 
warten zu Abo, Helsingfors und 1839 in Bonn. Gest. 1875. 

3) Geb. 1804 in Danzig, Hauslehrer bei dem Dichter Preiherrn von Eichendorff, seit 1831 als Übser- 
vator Bessels Hauptgehülle und 1849 Director der Sternwarte. Gest. 1855. 

4) Geb. 1803 zu Danzig, 1826 — 31 Gehülfe Bessels, dann Astronom der Naturforschenden Gesellschaft 
in Danzig, 1834 Director der (Jewerbeschule und 1836 Lehrer der Mathematik an dem Gymnasium daselbst. 
Gest. 1858. 

5) Geb. 12. üctober 1801 zu Rappoltsweiler im Elsass, der berühmte Münchener Physiker, hochverdient 
um die Entwickelung der 'l'elegraphie. Gest. 12. September 1870. 



118 

Persönlichkeiten auf das Glücklicliste geleitet wurde. Da Königsberg bei den damaligen Ver- 
kehrsverhältnissen gleichsam ausserhalb der Welt lag und bei der bloss provinziellen Bedeutung 
seiner Universität Anfängern nur geringe Aussichten bot, so veranlasste das ünteri'ichts- 
ministerium besonders talentvolle junge Gelehrte durch Gewährung einer bescheidenen Re- 
muneration, sich dort zu habilitiren. So eröffnete es unter dem 25. Mai 1826 der philoso- 
phischen Facultät, es habe dem Dr. phil. Franz Ernst Neumann (geb. 11. September 1798 
zu' Joachimsthal bei Berlin, 1815 als Freiwilliger bei Ligny schwer verwundet, 1817—20 in 
Jena und Berlin gebildet), der ihm seit Jahren von einer vortheilhaften Seite bekannt sei und 
sich durch seine Dissertation ,,De lege zonariim principio evolutionis systematum crystallino- 
rum" (1823) und seine Abhandlung „üeber das Krystallsystem der Axinite" als einen kennt- 
nissreichen Mineralogen bewährt habe, auf sein Ansuchen gestattet, sich an der Königsberger 
Universität zu habilitiren, und eine ausserordentliche Remuneration von 200 Thalern jährlich 
bewilligt. Zu gleicher Zeit und in gleicher Form kam auf Empfehlung Ermans Dr. Heinrich 
Dove (geb. 6. October 1803) als PD. der physikalischen Wissenschaften an die Albertina: 
bereits am 17. Juni 1826 disputirte er „De distributione caloris per tellurem theoriisque a 
physicis ad explicandam illam hucusque in medium prolatis". Als Dritter im Bunde kam 
unter denselben Bedingungen der geniale Mathematiker Karl Gustav Jacob Jacobi (geb. 
1804, gest. 1851) nach Königsberg, der sich kurz zuvor in Berlin habilitirt hatte und sich, 
obgleich durch seine Dissertation „Disquisitiones analyticae de fractionibus simplicibus" bereits 
rühmlich bekannt geworden, in Anlehnung an Bessel in seiner Wissenschaft weiter vervoll- 
kommnen wollte. Jacobi wurde bereits im December 1827 EO.; Neumann und Dove wurden 
es gleichzeitig im März 1828. Wie glänzend die Erwartungen erfüllt worden sind, die man 
auf die jungen Gelehrten setzte, ist bekannt: in innigem Verkehr mit ihrem altern Freunde 
und Collegen Bessel, in lebhaftestem wissenschaftlichen Austausch mit einander und in 
förderndster Gemeinschaft der Arbeit und der Forschung mit ihren Schülern entwickelten 
diese Männer eine Thätigkeit, die bald weithin Aufmerksamkeit erregte und der Albertina 
einen Ehrenplatz sicherte in der Geschichte der exacten Wissenschaften. Die Versetzung 
H. Doves nach Berlin im September 1829 änderte darin nichts. Das Dreigestirn Bessel, 
Jacobi itnd Neumann, welcher letztere nach dem am 2. März 1829 erfolgten Tode Karl 
Gottfried Hagen's, des Seniors der Albertiua und Vertreters zugleich der Physik, der 
Chemie und der Naturwissenschaften,') zu Beginn des S.S. 1829 0. wurde, führte ein neues 
Zeitalter der Mathematik und Physik herauf. Namentlich der Höhepunkt von Jacobis epoche- 
machender Thätigkeit fällt in seine Königsberger Jahre 1827 — 42. Damals entstanden seine 
„Neuen Elemente der Theorie der elliptischen Functionen" (1832), in denen er seine und 
Abels Entdeckungen in analytischer Form zusammenfasste. Dann folgt ein längerer Auf- 
enthalt in Paris und daran anschliessend jene Lehrthätigkeit, welche, an anregender Kraft und 
an Erfolgen im Gebiete der reinen Mathematik bis heute unübertroffen dasteht. Das neue 
Moment war, dass Jacobi ausschliesslich über diejenigen Probleme vortrug, an denen er selbst 
arbeitete, und nichts Anderes anstrebte, als die Zuhörer in seinen eigenen Gedankenkreis 

1) Vgl. S. 7. 



119 

einzuführen. Zu dem Zweck gründete er u. A. das erste mathematische Seminar. Und so 
gross war sein Eifer, dass er nicht nur vielfach die wichtigsten neuen Resultate zuerst in 
seinen Vorlesungen mittheilte, sondern sich oft gar nicht Zeit nahm, sie anderswo zu ver- 
öflentlichen.^) Aus weiter Ferne zogen bald die begabtesten Jünger der mathematischen 
Wissenschaft nach Königsberg, und der dort vereinigte Kreis von Lehrern und Forschern 
übte in dem von ihm gepflegten Gebiete eine überall als maassgebend anerkannte Autorität, 
die der Königsberger Universität im Ganzen zu Gute kam. Ihre philosophische Facultät war 
es, die auf Autrag Jacobis, Bessels und Neumanns am 29. December 1832 dem genialen 
Jacob Steiner aus Bern, damals Lehrer an der Gewerbeschule in Berlin, Ehren halber ihre 
Doctorwürde ertheilte, und es dürfte damals überhaupt kaum einen bedeutenderen Gelehrten 
dieses Faches gegeben haben, der nicht auch äusserlich mit dem Königsberger Kreise in 
Verbindung gestanden hätte. 

Auch als Jacobi 1842 erst mit längerem Urlaub, dann endgültig nach Berlin über- 
siedelte, blieb Königsberg ein Centrum des mathematischen Studiums: denn bei solchen 
Lehrern fehlte es nicht an ebenbürtigem Nachwuchs, und namentlich Richelot und Hesse 
haben die Jacobischen Traditionen aufrecht erhalten, ersterer nach analytischer, letzterer 
nach geometrischer Seite. ^) Friedrich Julius Richelot (geb. 6. November 1808 in Königs- 
berg, gest. 1. April 1875) hatte seit 1825 unter Bessel und Jacobi studirt, promovirte im 
April 1831 und Hess sich gleich danach von der philosophischen Facultät die Erlaubniss 
zum Halten von Vorlesungen ertheilen. Mit diesen hatte er einen so durchschlagenden Erfolg, 
dass er bereits im September 1832 EO. wurde, — noch keine zehn Jahre, nachdem ihm 
(20. Februar 1821) in einer Decanatsprüfung das eben nicht verheissungsvoUe Zeugniss 
gegeben war, „dass seine mathematischen Kenntnisse mittelmässig waren, indem er vieles aus 
früherer Zeit Erlernte wieder vergessen hat", in der mathematischen und physischen Geogra- 
phie waren seine Kenntnisse sehr gering, während die im Lateinischen und im Griechischen 
als gut gelobt wurden. Das Ordinariat erhielt er nach Jacobis Weggang 1843: ein volles 
Menscheualter hindurch hat er dasselbe bekleidet, in hervorragender Weise namentlich 
als Lehrer wirksam, indem er durch die von ihm geleiteten seminaristischen Uebuugen und 
Arbeiten eine stattliche Reihe von Schülern heranbildete, welche selbst wieder zu hervor- 
ragenden Lehrern des Faches wurden. Das kam nicht bloss den höheren Schulen, namentlich 
der Provinz Preussen, zu Gute, die in Folge dessen in dem mathematischen Unterricht be- 
sonders Tüchtiges und oft uugewöhnlicli Treifliches leisteten, sondern auch der mathema- 
tischen Wissenschaft, von deren hervorragendsten akademisclien Vertretern eine ganze Anzahl 
Richelot ihre Bildung verdankt, zum Theil aus weiter Ferne herbeigezogen, um zu den 
Füssen dieses Meisters zu sitzen. Zur vollen Entfaltung freilich kam Richelots Thätigkeit 
erst im letzten halben Jahrhundert der Albertina. Auch diejenige von Otto Hesse (geb. 
22. April 1811 zu Königsberg, gest. zu München 4. August 1884), der als PD. und dann seit 
1840 (bis 1868) als EO. in Königsberg lehrte und gerade in dieser Zeit seine Wissenschaft 

1) Klein bei Lexia, Die preussischen Uuiversitüten, IT. 8—9. 

2) Ebendas. 11. S. 8— 10. 



durch neue wichtige Entdeckimgen im Gebiete der Geometrie förderte, gehört im Wesent- 
lichen der nächsten Periode an. Aus dieser Schule ging Ludwig Adolf Sohncke (geb. 
20. Juni 1807 in Königsberg, gest. 18. Januar 1853 als 0. in Halle) hervor: er begann seine 
Lehrthätigkeit 1833 als PD. an der Albertina, kam aber schon 1835 als EO. nach Halle. 

Neben ßessel, Jacobi, Richelot und Hesse aber stand alle jene Jahre als der geniale 
Vertreter der engsten Verbindung zwischen Mathematik und Phj^sik, neue Probleme stellend 
und neue Methoden der üntei'suchung entdeckend, jener Thätigkeit befruchtend und ei'gänzend 
und durch eine sich immer kühner entfaltende Forschung die von ihm bekleidete Professur 
der Mineralogie zu einer solchen der mathematischen Physik erweiternd und damit eine neue 
Wissenschaft in das akademische Studium einführend, Franz Ernst Neumann, der, mit 
seinen CoUegen und Freunden wetteifernd, das Haupt eines aus allen Theilen Deutschlands 
und noch von weiterher zusammenströmenden Schülerkreises wurde, dessen hervorragendste 
Genossen später, ihres Lehrers Bahnen selbständig weiter verfolgend, an mehr als einer 
Universität Zierden der Wissenschaft wurden und den Namen der Albertina und ihres Lehrers 
auf alle Zeit mit den gi-össten physikalischen Entdeckungen unsers Jahrhunderts verknüpften. 
Neben Neumann, der bereits 1833 correspondirendes Mitglied der Berliner Akademie wurde 
(1858 ordentliches auswärtiges), wirkte als Vertreter der Experimentalphysik seit dem S.S. 
1831 Ludwig Moser, ursprünglich Mediciner und in Berlin zum Dr. med. promovirt, dem 
die philosophische Facultät der Albertina bei seiner Habilitation auf Antrag Neumanns und 
Jacobis Ehren halber die Doctorwürde ertheilte; nach Ablehnung eines Rufs als Adjunct der 
Akademie in Petersburg wurde er im Februar 1832 EO. und 24. Februar 1839 0. So wurde 
aus der einen Professur der Physik, Chemie und Naturvsässenschaften, die Karl Gottfried 
Hagen bis au seinen Tod bekleidet hatte, eine ganze Reihe von selbständigen Professuren: 
denn die Vertretung der Chemie, die er seit 1826 als PD. und seit 1830 als EO. gelehrt 
hatte, erhielt 1833 (7. September) Friedrich Philipp Dulk. 

Wie in der Zeit der tiefsten Erniedrigung Preussens der Bau der Sternwarte und die 
Anlegung des Botanischen Gartens in Königsberg Zeugniss abgelegt hatten von der fortlebenden 
geistigen und sittlichen Kraft des, wie es schien, dem Untergang verfalleneu Staats und da- 
mit zugleich eine Bürgschaft gegeben für ein künftiges Neuerblühen auch der Albertiua, so 
hatten an dem Aufschwung, den auf dieser namentlich die exacten Wissenschaften nahmen, 
auch die beschreibendeu Naturwissenschaften ihi-en reich gemessenea Antheil. Fehlte es 
doch auch auf diesem Gebiet nicht an grossen Traditionen, an die angeknüpft, und an Grund- 
lagen, auf denen weiter gebaut werden konnte. Sie fliessen zusammen in dem Namen Karl 
Gottfried Hagen. „Er hat lauge Zeit fünf Fächer der Naturwissenschaft, Zoologie, Bo- 
tanik, Mineralogie, Physik und Chemie, gelesen und zwar mit solchem Erfolge, dass nicht 
bloss Studirende, sondern Männer verschiedenster Stände des bürgerlichen Lebens — Tech- 
niker, Cameralisten, Officiere u. s. w. — ihn hörten. Die Flora von Preussen hat für die 
Flechten und Phanerogamen die erste, eigentlich wissenschaftliche Bearbeitung im Linneischen 
Sinne durch ihn gefunden. Spätere werden immer auf seine Leistungen von bleibendem 
historischen Werth zurückgehen müssen. Er hat durch zahlreiche chemische Schriften 
(z. B. Gruudriss der Experimentalchemie 1807j Grundsätze der Chemie 1815) in weitesten 



121 

Kreisen angeregt. Besonders aber bat er durch sein Hauptwerk, das „Lehrbuch der Apotheker- 
kunst", welches zuerst 1778 erschien und von dem acht Auflagen, die letzte noch 1829, 
gedruckt worden sind, den Grund zu einer wissenschaftlichen Behandlung der Pharmakognosie 
und Pharmacie gelegt: durch dies Werk, welches lange das einzige seiner Art war, hat er 
sich einen europäischen Ruf erworben; es ist in mehi'ere fremde Sprachen übersetzt (zwei- 
mal ins Französische) ".1) Je weniger eine solche Universalität des naturwissenschaftlichen Wissens 
und Forschens in der Folge möglich blieb, um so bedeutender wurden bei der sich nun ausbil- 
denden Theilung der Arbeit auch auf diesem Gebiete die Leistungen des Einzelnen in der 
von ihm vorzugsweise angebauten Disciplin. Der erste Director des Botanischen Gartens, 
dessen erste Einrichtung auch noch von Hagen beaufsichtigt worden war, August Friedrich 
Schweigger, ^) durfte für einen der hoffnungsvollsten Vertreter seines Faches gelten; nach 
dreijährigem Aufenthalt in Paris, wo er namentlich durch den Botaniker Jussieu und den 
Mineralogen Hauy gefördert wurde, hat er der Albertina nur zwölf Jahre (1809 — 21) als 
Lehrer angehört, während derselben durch grössere Forschungsreisen wiederholt ihr fern ge- 
halten. Seine Arbeiten galten vorzugsweise der Schaffung eines Pflanzensystems auf natür- 
licher Grundlage, die er statt in einseitiger Berücksichtigung bloss äusserlicher Merkmale 
durch eine vergleichende anatomische und physiologische Betrachtung der einzelnen Pflanzen- 
körper zu gewinnen strebte. Als Zoologe bewährte sich Schweigger durch seine Studien über 
die Schildkröte und stellte ausserdem anatomisch-physiologische Untersuchungen über die 
Korallen an, die er seinen „Betrachtungen auf naturhistorischen Reisen" (1819) einfügte. 
Wie sehr er, trotz der abfälligen Bemerkungen namentlich Herbarts über seine häufige 
Abwesenheit von Königsberg, auch in den gemeinsamen Interessen der Universität heimisch 
und dieselben zu vertreten fähig war, lehrte die Führung des Prorectorats in dem verhängniss- 
vollen Winter 1819/20.^) Für die Universität sowohl wie für die Wissenschaft war sein vor- 
zeitiger Tod ein schwerer Verlust: er wurde im Sommer 1821 auf einer Studienreise in 
Sicilien nahe bei Girgenti in der Grotta affumata von einem räuberischen Führer ermordet. 
Sein Nachfolger, der im October 1821 zunächst als EO. mit der Direction des Botanischen 
Gartens betraute Carl Wilhelm Eysenhart (seit 1820 PD. in Königsberg), musste schon 
im Jahre 1825 Krankheits halber beurlaubt werden und hat sein Amt nicht wieder angetreten. 
Ihn ersetzte im April 1826 als EO., seit 30. Januar 1829 als 0. der bisherige PD. in Göttingen 
Ernst Heinrich Friedrich Meyer,*) der seine Berufung zum Theil der Empfehlung Goethes 
verdankte, dessen Aufmerksamkeit er durch eine Besprechung der „Metamorphose der Pflanzen" 
in den Göttinger Gelehrten Anzeigen erregt hatte; die philosophische Facultät machte ihn 



1) Bericht des Generalconcils 13. April 18G0 (A. 36) zur wiederliolten Begründung des Antrages auf 
Anbringung eines Medaillonporträts von K. G. Hagen an der neuen Universität. 

2) Geb. 8. September 1783 zu Erlangen als Sprössling einer berühmten Gelehrtenfamilie, in Erlangen, 
Halle und Berlin durch botanische, zoologische und medicinische Studien gebildet. 

3) Vgl. S. 68. 138. 

4) Geb. 1. Januar 1791 zu Hannover, studirte mit Unterbrechung durch seine Theilnahme an dem 
Befreiungskampfe in Göttingen Medicin und habilitirte sich daselbst als medicinischer PD., wandte sich aber in 
Folge von Unfällen in der Praxis ausschliesslich der Botanik zu. 

16 



122 

Ehren halber zum Doctor. Meyers wissenschaftliche Bedeutung beruht vornehmlich in seiner 
unvollendet gebliebenen „Geschichte der Botanik" (4 Bde., 1854—57). 

Bedeutender noch war der Einfluss, der von Königsberg aus auf die Entwickelung 
der zoologischen Forschung ausgeübt wurde, die nach der damals üblichen Vertheilung der 
naturwissenschaftlichen Fächer ebenso wie die Botanik zur medicinischen Facultät gehörte. 
Wie tief diese zu Anfang des Jahrhunderts gesunken war, ist früher gezeigt worden.') Nur 
ganz vereinzelte Studirende widmeten sich unter diesen umständen der Medicin. Ende des 
Jahres 1805 waren ihrer im Ganzen 8, im S.S. 1809 16, im W.S. 1811/12 23. Burdach fand 1814 
nur neun Mediciner vor,^) neben denen noch etliche Chirurgen die CoUegien besuchten; dann folgt 
eine allmähliche Steigerung von 38 im S.S. 1825 auf 92 im W.S. 1833/34. Dem entsprach die ge- 
ringe Zahl der Zuhörer in den medicinischen Collegien: im W.S. 1805/6 betrug sie in den eigent- 
lichen Fachvorlesungen zwei bis sechs und noch 1815/16 vier bis fünf. Das war natürlich bei der 
Lückenhaftigkeit des Lehrpersonals, dessen Glieder zudem mehr praktische Aerzte als Professoren 
waren und bei der Niedrigkeit der Gehälter auch gar nicht anders konnten: betrug doch 1805 die 
Besoldung für jede der drei ersten medicinischen Professuren unter Einrechnung der Naturalge- 
fälle an Holz und Roggen rund 350 Thaler, während die vierte ihrem Inhaber gar nur 114 Thaler 
brachte.') Nicht besser sah es mit den Instituten aus: da Abhülfe zu schaffen, war daher eine 
von den Forderungen gewesen, die gleich bei dem ersten Versuch der Erneuerung der Albertina 
besonders nachdrücklich erhoben wurden, um zunächst freiUch nur- sehr ungenügend befriedigt 
zu werden durch Errichtung eines „Medicinischen Klinikums" im Löbenichtschen Hospital (1809),*) 
während für die Chirurgie und für die Geburtshülfe nicht einmal Lehi-er vorhanden waren."") 
Für Erstere gab es noch eine Reihe von Jahren nur einen ganz nothdürftigen poliklinischen 
Unterricht, für den im Semester eine Beihülfe von 25 Thalern gewährt wurde.**) um nichts besser 
stand es mit dem anatomischen Unterricht, den seit Johann Daniel Metzgers'') Tod (16. Sep- 
tember 1805) unter Beibehaltung der Stellung als Prosector der EO. Wilhelm Gottlieb Kelch 
(geb. 1776 in Königsberg, gest. 2. Febr. 1813) leitete, während der gesammte klinische Unterricht 
auf den Schultern des seit 1785 als 0. thätigen, aber frühzieitig durch Krankheit behinderten 
Christoph Friedrich Eisner (geb. 1749 in Königsberg, gest. 19. April 1820) ruhte, da 
der ihn zu unterstützen und zu ersetzen bestimmte Wilhelm Remer,*) der 1809 berufen 
wurde, schon 1815 nach Breslau ging (gest. 31. December 1850). An seine Stelle trat 
Christoph Johann Heinrich Elsner^) (der jüngere), gab jedoch die Lehrthätigkeit schon 



1) Vgl. S. 9. 

2) Burdach, S. 300. 

3) B. 53. I. 

4) Vgl. S. 32. 

5) M. 19. 

6) C. 55. 

7) Vgl. S. 9. 

8) Geb. 9. Juli 1775 als Sohn des bekannten Historikers Julius August Remer, seit 1799 EO. der Phi- 
losophie und Medicin, 1823 Director des klinischen Institut.s und 1804 0. der Medicin in Helmstädt. 

9) Geb. 14. Januar 1777 zu Bartenstein, gebildet in Berlin, zeitweise in Wien und Paris, 1802 Kreis- 



123 

1825 auf. In ihr folgte ihm der 1833 als Medicinalrath Dach Königsberg gekommene Karl 
Ludwig Klose/) der aber 1839 nach Breslau zurückkehrte (gest. 23. September 1863). 
Daneben wirkte auf dem gleichen Gebiete Ludwig Wilhelm Sachs. ^) Ferner er- 
richtete der 1821 aus Berlin als EO. berufene Gottlieb August Richter') eine Poli- 
klinik, die 1831 als Staatsinstitut anerkannt und nacü seinem Tode mit der schon be- 
stehenden medicinischen Klinik vereinigt wurde. Als erster Vertreter der Chirurgie und 
Leiter der chirurgischen und ophthalmologischen Klinik kam 1836 Albert Wilhelm Hermann 
Seerig (geb. 26. April 1797 zu Rudolstadt, 1825 PD. und Prosector in Breslau, EO. 1826) 
aus Breslau (gest. 7. März 1862). Die Gynäkologie aber, der selbst von einigen Mitgliedern 
der medicinischen Pacultät die Zugehörigkeit zur Universität bestritten wurde, blieb noch 
längere Zeit in dem 1814 begründeten Verhältniss, wo der Unterarzt an der medicinischen 
Klinik Ernst Ludwig August Henner (gest. 6. Juni 1830) mit 100 Thalern Gehalt 
zum EO. der Entbindungskunst ernannt und mit der Leitung der Hebammenanstalt betraut 
worden war. Nach seinem Tode erhielt die gleiche Stellung der aus Breslau berufene Albert 
Hayn (geb. 17. September 1801 zu Breslau, dort und in Würzburg gebildet), um erst 1844 
durch die Ernennung zum 0. die Gleichberechtigung seines Fachs anerkannt zu sehen. In 
demselben Jahre wurde auch ein ordentlicher Lehrstuhl für Pharmakologie errichtet: ihn er- 
hielt Carl Friedrich Wilhelm Cruse (geb. 13. Mai 1813 zu Mitau in Kurland, in Königsberg 
und Berlin gebildeten Königsberg seit 1826 Arzt, 1828 PD., 1840 EO.). Weitere dankenswerthe 
Ergänzungen erhielt die medicinische Facultät dui-ch die 1843 erfolgte Ernennung von Georg 
Hirsch (geb. 21. November 1799 in Königsberg, dort und, in Berlin namentlich unter Burdach 
und Hufeland gebildet, seit 1820 prakt. Arzt in seiner Vaterstadt, gest. 20. Juli 1885) und den 
Chirurgen Karl Heinrich August Burow (geb. 1809 in Elbiug, gest. 15. April 1874), einen 
Schüler von v. ßaer, Burdaeh und Sachs, dann Diefifenbach, welcher seit Herbst 1843 als EO. 
in Verbindung mit einer von ihm begründeten und nachher zum Universitätsinstitut erhobenen 
vielbesuchten Privatklinik eine sehr bedeutende praktische Wirksamkeit entfaltet und die 
Chirurgie und die Augenheilkunde durch mannigfache Erfindungen bereichert hat.*) 

Diese Hebung des medicinischen Studiums auf der Albertina war aber erst möglich 
geworden, seit die gi'undlegenden Disciplinen bedeutende Vertreter gefunden hatten und 
diesen die unentbehrlichen Hülfskräfte und ausreichende Unterrichtsmittel gewährt waren. 
Bereits im März 1812 hatte das Ministerium zu diesem Zwecke den Dr. Eduard von Loder 
als EO. berufen, den Sohn des durch seine Vielseitigkeit und praktische Bewährung be- 



physikus in Braunsberg, kam 1807 nach Kdnigsberg, 1815 0. und Direotor der medicinischen Klinik, gest. 
24. April 1834. 

1) Geb. 21. August 1791 zu Breslau, studirte in Königsberg und Wien, 1813/14 Oberarzt eines Haupt- 
feldlazareths, 1815 in Berlin Arzt, 1816 PD., 1818 EO., 1829 O. 

2) Geb. 29. December 1787 zu Grossglogau in Schlesien, gebildet in Königsberg, Berlin und Göttingen, 
1814 Oberarzt an den Kricgslazarethen in Königsberg, praktischer Arzt daselbst, 1816 PD., 1818 EO. und 1826 0. 

3) Geb. 9. April 1778 als Sohn des berühmten Chirurgen August Gottlieb Richter (1742-1812) zu 
Göttingen, dort und durch mehrjährige Keisen gebildet, 1809 PD. in Berlin, 1821 O. der praktischen Medicin, 
1823 Director der Poliklinik in Königsberg, 1831 Dirigent des Choleralazareths, gest. 18. Juni 1832 in Berlin. 

4) Allg. Deutsche Biogr. III, 629. 

16* 



124 

rühmten Anatomen, Chirurgen und Arztes Justus Christian von Loder,!) einen zu den schönsten 
Hoflnungen berechtigenden jungen Gelehrten, der sich dui'ch Reisen in Deutschland, den Nieder- 
landen, Frankreich und Italien gebildet hatte: aber schon nach wenigen Wochen raffte ihn 
ein frühzeitiger Tod hinweg. So begann eine gründliche Besserung dieser Verhältnisse erst 
mit dem Eintritt Burdachs und seines Prosectors K. E. von Baer. Karl Friedrich ßurdach^) 
(geb. 12. Juni 1776 zu Leipzig, dort und in Wien gebildet, PD. in Leipzig und seit 1811 
0. der Anatomie, Physiologie und gerichtlichen Medicin in Dorpat), dessen starke naturphi- 
losophische Neigung in Folge des Mangels an Mitteln zu Einzeluntersuchungen gerade in den 
für seine Entvrickelung wichtigsten Jahren ohne das wünschenswerthe Gegengewicht geblieben 
war und daher auch später noch allzu leicht auf dem Wege der Speculation von der Einzel- 
thatsache zu allgemein geltenden Gesetzen zu kommen drängte, der aber immer geistvoll und 
anregend blieb, musste, als er 1814 zum Professor der Anatomie in Königsberg ernannt 
wurde, die äusseren Vorbedingungen zu erspriessliohem Wirken sich erst selbst schaffen. Das 
Haus, das Professor Christoph Gottlieb Büttner (geb. 1718 in Brandenburg bei Königsberg, 
1737 0. der Anatomie in Königsberg und Physikus des samländischen Ki-eises, gest. 1. April 1776) 
1745 auf seine Kosten mit einem Aufwände von 1077 Thalern auf dem Weidendamm als anato- 
misches Theater erbaut und der Staat nach seinem Tode für 500 Thaler übernommen hatte, ^) 
war dem Einsturz nahe. Unterrichtsmittel gab es eigentlich gar nicht : denn Büttners Präparaten- 
sammlung war nach Berlin verkauft worden; sein Nachfolger Metzger hatte nur für sich selbst 
präparirt. Aber dem energischen Andrängen Burdachs gelang es, für das anatomische Theater, 
dessen Neubau im Princip schon 1809 zugesagt war, die Anweisung eines eigenen Hauses am Butter- 
berg zu erwirken sowie die nöthigen Mittel zum angemessenen Ausbau und zur Beschaffung der 
laufenden Bedürfnisse nebst einer ausserordentlichen Bewilligung zum Ankauf von Präparaten und 
Instrumenten. Den Grundstock für die sofort energisch in Angriff genommene Lehrmittelsamm- 
lung gaben die für 1200 Thaler angekauften Präparate seines Vorgängers Kelch; dazu kam 
die um den gleichen Preis erworbene Sammlung des verstorbenen Hallenser Professors Senff. 
Wichtiger aber noch war die glückliche Wahl, die Burdach bei der Berufung seines Prosec- 
tors traf, indem er als solchen seinen ehemaligen Dorpater Zuhörer, den 22jährigen Dr. med. 
Karl Ernst von Baer (geb. 17. Februar 1792 zu Piep im Jerwensehen Kreise in Esthland)*) 
gewann, der sich in Wien, Würzburg und Berlin weitergebildet hatte. Dieser beiden Männer 
langjähriges, nur zuletzt nicht ganz ungetrübtes Zusammenwirken führte auch für die bisher 
arg vernachlässigte Medicin an der Albertina ein neues Zeitalter herauf, von dem weiterhin 
auch die beschi-eibenden Naturwissenschaften, namentlich die Zoologie, den reichsten Gewinn 
hatten. Durch geschickte Leitung der ihm von Burdach überlassenen Präparirübungen, sowie 



1) Geb. 12. März 1753 in Riga, 1778 Prof. in Jena, 1803 in Halle, 1808/9 in Königsberg Leibarzt der 
königlichen Familie, kam in nissischen Dienst, ausgezeichnet 1812 durch seine schöpferische Thätigkeit in der 
Organisation des Lazarethwesens, seit 1818 Professor in Moskau, j daselbst 1832. 

2) Vgl. K. F. Bnrdach, Rückblick auf mein Leben. Selbstbiographie. (Blicke ins Leben. Bd. IV.) 
Leipzig 1848. 

3) S. oben S. 9-10. 

4) V'gl. K. E. V. Baer, Mein Leben. Petersburg 187L 



125 

durch eigenartige, nur im Beginn des Semesters, dann aber mit beträchtlich verstärkter 
Stundenzahl gehaltene methodologische Vorlesungen und wöchentliche Repetitorien stellte 
von Baer den medicinischen Unterricht auf eine solide Grundlage. Männer wie Dieffen- 
bach und späterhin der Göttinger Mediciner Wilhelm Baum (aus Elbing) und der 
Berliner Anatom Reichert haben sich alle Zeit dankbar seines anregenden Unter- 
richts erinnert. Während Burdach namentlich durch die von ihm zuerst vorgetragene allge- 
gemeine, d. h. vergleichende Anatomie^) und dann durch seine Vorlesungen über Physiologie 
bedeutend wirkte, wandte sich von Baer neben den anatomischen Studien mehr und mehr 
zoologischen zu. Seit 1819 EO., wurde er unter Beibehaltung des Prosectoramts den 
18. Januar 1822 zum 0. für Anatomie und Zoologie ernannt, aufweiche letztere Stellung er sich 
ein Recht erworben hatte durch die Umsicht und Energie, mit der er mit verhältnissmässig 
geringen Mitteln die schnell zu grosser Bedeutung erwachsende zoologische Sammlung be- 
gründete und ordnete.^) Als sich dann Burdach 1826 auf die Physiologie zurückzog, übernahm 
von Baer auch die Direction der Anatomie, au der ihm seines bisherigen Chefs Sohn Ernst 
Burdach als Prosector folgte. In jenen Jahren begann von Baer seine bahnbrechenden 
Untersuchungen über die Entwickelung der Säugethiere, durch die er der Vater der Ent- 
wickelungsgeschichte wurde. Zu ihrer systematischen Fortsetzung wurden ihm, nachdem er 
1830 einen Ruf an die Petersburger Akademie abgelehnt hatte, von dem Ministerium be- 
sondere Mittel bewilligt. 1831 konnte er das neue zoologische Museum beziehen, nachdem 
er es glücklich vor dem Schicksal bewahrt hatte, als Choleralazareth verwendet zu werden.') 
Auch das Ansehen kam der Universität zu Gute, das sowohl Burdach wie von Baer ausserhalb 
ihres Amtes durch ihre Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten erwarben. Während 
ersterer als Dirigent des Medicinalcollegiums verdienstvoll wirkte und durch seine Thätigkeit 
bei der Errichtung der ersten Kleinkinderschulen in Königsberg die städtische Wohlfahrt fördern 
half, wirkte von Baer als Mitglied der medicinischen und der physikalisch-ökonomischen Ge- 
sellschaft vielfach für Popularisirung der Wissenschaft und erwarb sich um die letztgenannte 
Gesellschaft als Director durch eine gründliche Reorganisation bleibende Verdienste. Ferner 
war er in hervorragender Weise betheiligt an der Errichtung eines „Privatwohlthätigkeits- 
vereins" im Schoosse der Bürgerschaft, der die Armenunterstützung einheitlich leiten und 
dadurch die Verschwendung der Mittel an Unwürdige hindern sollte, nicht ohne heftige An- 
feindung von Seiten des durch die abfällige Kritik der bisher bestehenden Einrichtungen 
verstimmten Oberbürgermeisters Horu.*) Dennoch wurde von Baer, den man für immer an 
die Albertina gefesselt glaubte, seine Stellung schliesslich verleidet, zunächst durch körper- 
liche Beschwerden in Folge von Ueberarbeitung, die ihn auch gemüthlich niederdrückten und 
gegen allerlei persönliche Differenzen, die er sonst leicht genommen hatte, empfindlich 
machten, und weiterhin dui'ch Meinungsverschiedenheiten mit dem Ministerium über die Kosten 
seiner Untersuchungen über die Entwickelung der Säugethiere. 1834 knüpfte er in Folge 



1) Vgl. V. Baer, S. 163. 

2) V. Baer, S. 339 f. 

3) Vgl. oben S. 86. 

4) V. Baer, S. 366 S. 



126 

dessen die abgebrochenen Verhandlungen mit der Akademie zu Petersburg wieder an und 
leistete einem Rufe doi'thin noch in demselben Jahre Folge. Sein Nachfolger auf dem Lehr- 
stuhl der Anatomie und Zoologie wurde Martin Heinrich Rathke,') bekannt namentlich 
durch anatomische und embryologische Untersuchungen, durch deren Weiterführung auch in 
seinem neuen Wirkungskreise er sich um die von seinem Vorgänger begründete Entwicke- 
lungsgeschichte verdient machte. 

Das langjährige Zusammenwirken so hervorragender Vertreter der verschiedenen 
Zweige der Naturwissenschaften, wie es der Albertina seit dem Ausgange der 20er Jahre be- 
schieden war, kam selbstverständlich dem Betrieb der naturwissenschaftlichen Studien über- 
haupt entscheidend zu Gute, insofern mehr, als es sonst wohl der Fall zu sein pflegte, auf ein 
wirksames Ineinandergreifen der verschiedenen Fächer und ein methodisches Zusammenarbeiten 
gesehen wurde. Bereits am 15. September 1828 richteten von Baer, Neumann, Meyer und 
Dove an das Ministerium eine Denkschrift, durch die sie die Errichtung eines »Seminars 
für die gesammten Naturwissenschaften" beantragten. Sie sprachen darin die üeber- 
zeugung aus, ^dass die Naturwissenschaften ein wenigstens ebenso wichtiges Element für die 
allgemeine Volksbildung seien als die historisch-grammatischen Studien und dass insbesondere 
der Preussische Staat, der so viel für die Ausbildung der Naturwissenschaften wirke, dazu be- 
rufen sei, sie auch in die Volksbildung allgemein einzuführen," und fanden, „dass der An- 
spruch der Naturwissenschaften auf allgemeine Geltung nur deshalb noch nicht zur Anerken- 
nung gebracht sei, weil bisher nur wenige Schulmänner in diesem Fache gut unteiTichtet 
worden seien." Den Zweck des neuen Instituts bestimmten sie demnach im Anschluss an das 
Reglement der in Bonn errichteten Anstalt gleicher Art dahin, es solle überhaupt zu gründ- 
licherem Naturstudium anleiten, insbesondere aber Lehrer der Naturwissenschaften für Gym- 
nasien und Bürgerschulen bilden, fähig die Wissenschaft nicht nur fortzupflanzen, sondern auch 
zu erweitern. Obgleich das Ministerium sich bereits am 23. Februar 1829 mit dem Antrage 
einverstanden erklärte, unterblieb die Ausführung doch wegen Geldmangels. Die nöthigen 
Mittel fanden sich erst, als nach dem Fortgange Herbarts das pädagogisch-didaktische Seminar 
einging und die bisher für dieses ausgeworfenen 1060 Thaler jährlich verfügbar wurden. Der 
Senat wurde zu einem Gutachten aufgefordert: von Baer aber erklärte, wenn der Senat nicht 
ihn, Meyer, Neumann und Moser mit der Erstattung beauftragen würde, ein solches Gutachten 
als jeder Sachkenntuiss entbehrend nicht anerkennen zu können.^) Dann vrurde wieder durch 
von Baers Berufung nach Petersburg eine Verzögerung veranlasst, da man die Sache nicht 
ohne seines Nachfolgers Mitwirkung beginnen mochte; Neumann trat von der beabsichtigten 
Betheiligung zurück, während der Chemiker Dulk sich anschloss. Nach Rathkes Ein- 
treffen wurde das Seminar endlich zu Beginn des W.S. 1835/36 mit zwölf . Theilnehmern 
eröffnet, in vier Sectionen für Physik, Chemie, Botanik und Zoologie, deren jede von dem be- 



1) Geb. 25. August 1793 zu Danzig, seit 1814 in Göttingen, namentlich durch Blumenbach und 
in Berlin gebildet, praktischer Arzt und seit 1825 Oberarzt am Städtischen Lazareth in Danzig, in Folge s 
ausgezeichneten wissenschaftlichen Arbeiten 1829 0. der Physiologie und allgemeinen Pathologie in Dorpat, T 
aber gleichzeitig auch Zoologie und vergleichende Anatomie trieb. 

2) S. 131. 



127 

treffenden Ordinarius geleitet wurde.') 1836 erschien der erste Jahresbericht über seine 
Thätigkeit. Im April 1839 trat dann unter Neumann ein besonderes mathematisch-physika- 
lisches Seminar ins Leben, für das zunächst 350 Thaler jährlich ausgeworfen wurden und 
dessen Thätigkeit nach den bereits im Februar 1834 gemachten Vorschlägen Jacobis, Neu- 
manns und Sohnckes geregelt wurde. 

3. Die philologisch-historischeu Studien. 

Hat die Albertiua in den vierzig Jahren nach Kants Tod in der Entwickelung der 
Mathematik und der Naturwissenschaften eine führende Stellung eingenommen, so hat sie sich 
doch auch um die Förderung der von altersher im Centrum des akademischen Studiums ste- 
henden philologischen Disciplinen grosse Verdienste erworben: von den ihr augehörigen Vei"- 
tretern dieses Fachs sind einige zu höchstem wissenschaftlichen Ruhme gelangt, und neue 
Wissenschaftszweige, die in der Folge zu der grössten Zukunft berufen waren, haben mit 
zuerst an ihr Anerkennung und Pflege als vollberechtigte Gegenstände des planmässigeu aka- 
demischen Unterrichts gefunden. Zusammen mit den Wandlungen, welche die Vorbildung für 
das höhere Schulamt eben in jenen Jahren erfuhr,^) hat dieser Umstand nicht bloss die Art 
des philologisch-historischen Studienbetriebes, der bisher überwiegeud den Interessen der 
allgemeinen Bildung gedient hatte, allmählich umgestaltet, sondern auch Charakter und Be- 
deutung der philosophischen Facultät geändert. Die Zahl der Philosophen, im W.S. 1811/12 
nur 10, betrug 1820 bereits 26, S.S. 1820 82 und erreichte langsam wachsend (W.S. 1835/36 95, 
S.S. 1837 110) im W.S. 1838/39 mit 131 bei insgesaramt 405 Studirenden ihren Höhestand 
in dieser Periode. 

Als Nachfolger Süverns') war Anfang 1810 Karl Gottlob August Erfurdt*) berufen 
worden. Aber er war in dem neuen Wirkungskreise noch kaum heimisch geworden, als er, alle Zeit 
unter dem rauhen ostpreussischen Klima leidend, am 5. Februar 1813 einer Brustentzündung erlag. 
An seine Stelle trat ein Mann, der sine der grössten Zierden der Albertina zu werden be- 
rufen war und neben den so rasch erblühenden exacten Wissenschaften für die classische 
Philologie ihren alten Ehrenplatz behauptete. Am 11. März 1814 im Hauptquartier zu Chaumont 
ist das Königliche Patent vollzogen, durch das Christian August Lobeck (geb. 5. Juni 1781 
zu Naumburg) zum 0. der classischen Philologie und Redner der Universität bestellt wurde mit 
dem für jene Zeit hohen Gehalt von 1000 Thalern und 44 Scheffeln Roggen. Zuerst in Jena als 
Jurist, dann in Leipzig Anfangs als Theologe studirend, hatte sich Lobeck ganz der Philologie 
zugewandt unter dem Einfluss Gottfried Hermanns (geb. 1772, gest. 1848), mit dem er sein 
Leben lang eng verbunden blieb. 1802 hatte er als Magister legeus (PD.) in Wittenberg über 
römische und griechische Classiker zu lesen begonnen und war bald Adjunct der philoso- 
phischen Facultät geworden. Die Kriegsnoth zwang ihn seine Existenz durch Annahme eines 
Schulamtes sicher zu stellen. Aber nach dem Erscheinen seiner Ajax- Ausgabe 1809 wurde 
er EO. und bald darauf überzähliger 0. Da erhielt er den Ruf, seinen Studienfreund Erfurdt 

1) Curator. A. 110. 

2) Vgl. S. 108—9. 

3) Vgl. S. 22. 

4) Vgl. S. 33. 



128 

in Königsberg zu ersetzen. Daneben übernahm er im Februar 1816 das Amt eines dritten 
Bibliothekars mit 166 Thalern Gehalt und Amtswohnung, von dem aus er in der Folge bis 
zum Oberbibliothekar der Königlichen und Universitätsbibliothek aufstieg. Fast ein halbes 
Jahrhundert hat Lobeck der Albertina angehört. In der Geschichte der Philologie nimmt er 
einen hervorragenden Platz ein. Mag er auch bei der verhältnissmässigen Entlegenheit und 
Schwierigkeit des von ihm vorzüglich angebauten Gebiets nicht so unmittelbar auf weite Kreise 
gewirkt haben wie etwa ein Gottfried Hermann oder ein August Böckh: als ebenbürtiger 
und hochverehrter Genosse gehört er dem Kreise der Männer an, die in den nächsten drei Jahr- 
zehnten die Wissenschaft des classischen Alterthums für Deutschland und die gebildete Welt 
neu begründeten und dadurch die allgemeine Bildung namentlich in Deutschland auf die breite 
humanistische Grundlage zurückführten, der sie im Zeitalter des Humanismus und der Refor- 
mation ihre Blüthe zu danken gehabt hatte und deren Berechtigung damals auch noch von den 
begeistertsteu Vertretern der exacten Wissenschaften neidlos anerkannt wurde. Von dem, was 
Lobeck als Lehrer und Gelehrter geleistet, haben längst dankbare Schüler an anderer Stelle Bericht 
erstattet: hier genügt es, nur noch an das zu erinnern, was er im Uebrigen der Albertina gewesen ist, 
namentlich in seiner Eigenschaft als Professor eloquentiae oder, wie er gern sagte, als os acade- 
micum, bei-ufen auch in trüben Zeiten bei officiellen Festlichkeiten die Ehre der Universität und die 
Würde der Wissenschaft zu wahren. Und mit welcher Meisterschaft hat er das gethan! — ohne 
aufdringliche Hereinziehung der Zeitverhältnisse, aber auch nie gleichgültig oder liebediene- 
risch genug, sie unberührt, ungerügt oder unbeklagt zu lassen, unerschöpflich in der Auf- 
findung von Stoßen, welche, ohne dem Ernste der Wissenschaft etwas zu vergeben, auch den 
ungelehrten Hörer fesselten und ungesucht lehrreiche Parallelen boten zu der Gegen- 
wart.') So darf Lobeck wohl als ein Muster vornehmster und dabei wirksamster akademi- 
scher Beredsamkeit hingestellt werden. Maassvoll in seinen Ansichten, aber muthig in der 
Vertretung seiner Ueberzeugung, hat er in langen Jahren auch als Verfasser der meisten der 
vom Senat und von der philosophischen Facultät erlassenen Adressen, Glückwünsche und 
Dankschreiben, Diplome und Bei'ichte an das Ministerium auf einem zeitweise besonders 
schwierigen Gebiete die Universität würdig vertreten und auch seinen Gegnern durch die 
Unantastbarkeit seines Wesens Achtung abgenöthigt. Lobecks Leistungen erscheinen noch 
bedeutender, wenn man bedenkt, dass er Jahrzehnte hindurch allein die ganze Last des 
philologischen Unterrichts zu tragen hatte, in die sich heute drei Ordinarien und ein Extra- 
ordinarius theilen, alljährlich mehrere gelehrte Programme schrieb und dabei doch noch 
durch eigene Werke tiefster Forschung in epochemachender Weise an dem Fortschritte 
seiner Wissenschaft mitarbeitete, vor Allem durch seinen Aglaophamus, „diesen Brunn- 
quell, aus dem das junge Volk der Philo- und Mythologen lange Zeit schöpfen wird", wie 
sein Freund Hüllmann begeistert schrieb.^) So hatte er denn gewiss ein Recht, wenn er 
einmal scherzend an Meineke schrieb : „Seit Professor Vater davon gegangen ist, bin ich 



1) Vgl. A. Lehnerdt, Auswahl aus Lobecks akademischen Reden. Berlin 1865. — L. Fried- 
länder, Mittheilungen aus Lobecks Briefwechsel. Leipzig 1881. — A. Ludwicli, Ausgewälilte Briefe von 
Lobeck und Lehrs (1894). 

2) Ludwich, S. 118. 



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derjenige M:iun, der das Meiste zu thun hat von allen Leuten in Ostpreussen, Westpreussen 
und Lithauen: denn ich bin orator publicus, bibliothecarius maximus (nach römischem Sprach- 
gebrauch) und Censor von allen möglichen philologischen Werken.'") Dass er die Zierde 
und der Stolz der Albertina war, kam auch in den mannigfachen und hohen Ehren zum 
Ausdruck, die dem schlichten Manne, der sich gemäss seinem Wahlspruch „Vive latenter", 
^ä&£ ßiwaas^) gern in die Stille zurückzog, im Laufe der Jahre zu Theil wurden. Seit 1832 
ordentliches Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften,^) wurde er, nachdem er einen 
Euf nach Leipzig als Nachfolger seines Lehrers Beck abgelehnt hatte,*) im April 1833 Ge- 
heimer Regierungsrath; bei dem Jubiläum der Universität 1844 erhielt er den Rothen Adler- 
orden 2. Klasse mit Brillanten. Das wollte damals um so mehr besagen, als Lobeck, ein 
Feind alles Eingreifens in das eben mächtiger erregte öffentliche Leben, bei der rückhaltlosen 
Offenheit seines Wesens und der Unbestechlichkeit seines ürtheils doch vorher und nachher 
niemals Bedenken getragen hat, seine Meinung über die politischen Fragen der Zeit mit 
aller Entschiedenheit auszusprechen, und dazu namentlich oft die bei den akademischen Fest- 
acten von ihm gehaltenen Reden benutzt hat. Ein abgesagter Gegner jeder Art von Hierarchie, 
hat er aber auch der akademischen Jugend gegenüber das Banner des Ideals hochgehalten 
und sich bemüht, sie vor den Verirrungen eines bloss auf schnellen Erwerb und Genuss gerich- 
teten Brotstudiums zu bewahren.^) 

Aber auf die Dauer war selbst Lobeck den Anforderungen nicht gewachsen, die so 
verschiedenartige Verpflichtungen mit sich brachten. Zwar hatte der seit 1810 das Fried- 
rich scollegium dirigirende Friedrich August Gotthold (geb. 2. Januar 1778 zu Berlin, 
gest. 25. Juni 1858 in Königsberg), als Philologe Schüler F. A. Wolfs, nach Erfurdts Tod pro- 
visorisch das philologische Seminar geleitet, von der philosophischen Facultät Ehren halber 
zum Doctor promovirt, eine dauernde akademische Thätigkeit jedoch machte ihm sein Schul- 
amt unmöglich. Erst 1818 erhielt Lobeck einen Gehülfen in Karl Lachmann (geb. 4. März 
1793 in Braunschweig): in Leipzig durch Gottfried Hermann und in Göttiugen dm-ch 
Dissen gebildet und durch Benecke der altdeutschen Litteratur zugeführt, aber auch mit den 
modernen Sprachen vertraut, hatte Lachmann an dem Feldzug 1815 theilgenommen und war 
dann an dem Friedrichs-Werderschen Gymnasium in Berlin angestellt. Durch seine Properz- 
ausgabe 1816 alsbald in die erste Reihe der Philologen getreten, habilitirte er sich durch 
die berühmte Schrift ,,Ueber die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen 
Noth" an der dortigen Universität. Anfang 1818 wurde er als zweiter Oberlehrer an das 
FriedrichscoUeg berufen und, nachdem er es abgelehnt hatte, sich gegen eine jährliche Remu- 
neration von 200 Thalern neben dem Schulamt zu habilitireu,''') mit der bisher von Delbrück') 



1) Friedländer, Aus Lobecks Briefwechsel, S. 

2) Ludwich, S. 123. 

3) Ludwich, S. 167. 

4) Ebd. S. 144, 147. 

5) Lehnerdt, S. G3. 

fi) M. Hertz, Lachmann, S. 44 IT. 
7) Vgl. S. 23. 



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bekleideten ausserordentlichen Professur für Kritik, Theorie und Litteratur der schönen Künste 
betraut, die nunmehr zu einer philologischen Hülfsprofessur wnrde, und zwar einer dem Lehr- 
gebiet nach ungewöhnlich umfassenden. Denn neben der classischen Litteratur behandelte 
Lachmann in seinen Vorlesungen altdeutsche Grammatik und mittelalterliche Dichtwerke, 
so dass die Albertina eine der ersten Universitäten war, wo die junge germanistische Wissen- 
schaft Bürgerrecht gewann. Wie es mit den Lehrerfolgen Lachmanus bestellt war, ist nicht 
recht ersichtlich: wiederholt laut werdende Klagen, dass er Lobeck nicht hinreichend unter- 
stütze, und die einmal in Aussicht gestellte Ernennung eines dazu bereitwilligem und geschick- 
tem Coucurrenten') lassen vermuthen, dass er seine Zeit mehr der eigenen Forschung zuwandte. 
Zudem wurde er für das S.S. 1824 zu einer Studienreise nach Berlin, Wolfenbüttel, Kassel, 
München und St. Gallen beurlaubt und mit dem Schluss des W.S. 1824/25 als EO. nach Berlin 
versetzt. Mit den Königsberger Genossen aber blieb er im regsten geistigen Verkehr und 
namentlich mit Lehrs durch herzliche Freundschaft verbunden.*) Den classisch-philologischen Theil 
seiner Wirksamkeit an der Albertina übernahm einer der ältesten Schüler Lobecks, Fried- 
rich Theodor EUendt (geb. 6. Januar 1796 in Kolberg, gest. 11. Mai 1855 als Director 
des Gymnasiums in Eislebeu), der, seit 1819 habilitirt und daneben als Oberlehrer an dem Alt- 
städtischen Gymnasium angestellt, jetzt EO. wnirde, aber natürlich durch die Ansprüche 
seines Hauptamts in seinem akademischen Wirken vielfach gehindert wurde. Mit ähnlichen 
Schwierigkeiten hatte auch der spätere Nachfolger seines Lehrers Lobeck zu kämpfen, Karl 
(eigentlich Kaufmann) Lehrs, ^) welcher, seit 1825 als Lehrer am Friedrichscollegium ange- 
stellt, sich im October 1831 habilitirte und nach Ellendts Abgange am 16. December 1835 
zum EO. ernannt wurde. Gleich ausgezeichnet als Lehrer und als Forscher, bahnbrechend 
namentlich für die Homerkritik durch sein 1833 erschienenes Werk, „De Aristarchi studiis 
Homericis,"') wurde er von der Facultät bereits im Januar 1841 zu der längst als nothwendig 
erkannten zweiten ordentlichen philologischen Professur vorgeschlagen. Aber erst mit dem 
Beginn ihres vierten Jahrhunderts sollte die Albertina „einen Mann von so eminentem Talent, 
so gediegener Gelehrsamkeit, so werthvollen Leistungen"^) ganz für sich gewinnen. 

Auf einen fruchtbaren Boden war Lachmanns Thätigkeit im germanistischen Gebiete 
gefallen. Vielleicht mehr noch als unter den Studirenden machte sich Interesse für die ältere 
deutsche Sprache und Litteratur damals in den gebildeten bürgerlichen Kreisen geltend. Wie 
allen nationalen Bestrebungen so brachte auch dieser namentlich der warmherzige J. G. Scheffner 
ein enthusiastisches, auf energische Bethätigung drängendes Interesse entgegen : sein gesunder 
Blick erkannte, welchen Schatz es hier für die nationale Bildung zu heben galt, und er trat 
daher in eine lebhafte Agitation ein für die Erhaltung der alten Denkmäler der deutschen 

1) Vgl. S. HO. 

2) Vgl. Ludwich a. a. 0. 

3) Geb. 14. Januar 1802 in Königsberg, nach Absolvirung seiner Studien als Lieblingsschüler Lobecks 
unter Meineke Lehrer am Gymnasium und dann Hauslehrer zu Danzig und dann kurze Zeit zu Marienwerder 
(vgl. S. 113-14) beschäftigt. 

4) Vgl. die Anregung Laehmanns in dem Brief vom 30. November 1823 bei Ludwich, S. 44. 

5) Schreiben der Facultät an den Minister am 17. December 1844 mit erneutem Antrag auf Lehrs' Er- 
nennung zum Ordinarius. 



1 31 

Sprache. Bereits im April 1818 halte er eiue Denkschrift an den König gerichtet mit der 
Bitte um Bewilligung der uöthigen Mittel — erst fünf Jahre lang je 3000 Thlr., dann 
wenigstens einmal 3000 Thlr. — sowie um Urlaub, freie Post und 600 Thaler für den seit 1810 
am Friedrichscollegium angestellten Oberlehrer Friedrich Karl Köpke/) der nach Heidelberg 
gehen sollte, um von den dort befindlichen altdeutschen Manuscripten für die Königsberger 
Bibliothek Abschriften anzufertigen. Sein „Vorwort für die deutschen Musen hatte jedoch 
keine gute Stätte gefunden". Die erbetenen Gelder hatte Scheffner namentlich „zum Abdruck 
altdeutscher Gedichte und zur Anfertigung eines vollständigen Glossariums über unsere 
herrliche Sprache" verwendet sehen wollen.^) Gerade diese Aufgabe wurde nachmals von 
Königsberg aus in Angriff genommen. Ende des Jahres 1823 erhielt der Regierungsrath 
Eberhard Gottlieb Graff,^) der 1820 wegen Kränklichkeit ohne Amt in seine Heimath 
zurückgekehrt war und sich auf Anregung der Gebrüder Grimm und in lebhaftem Verkehr 
mit Lachmanu ganz altdeutschen Studien gewidmet hatte, nachdem er kurz zuvor in Königs- 
berg promovirt hatte, von dem Ministerium die Erlaubniss zu Vorlesungen über deutsche 
Sprache und Litteratur, Pädagogik und Diplomatik. Er begann sie am 21. Januar 1824 vor 
22 Zuhörern, darunter Männern wie Gotthold, Director Neumann u. a., musste sie aber schon 
im Juni Krankheits halber einstellen. Doch wurde er bereits im August zum EO. ernannt. 
Im Interesse des von ihm vorbereiteten altdeutschen Wörterbuchs beurlaubt, brachte Grafi" das 
Jahr 1825 in Paris zu. Zurückgekehrt, wurde er den 7. November 1827 zum 0. ernannt, 
.erhielt aber theils wegen andauernder Kränklichkeit, theils zur Vollendung seines Werkes im 
Sommer 1829 unter Belassung seines Gehalts unbestimmten Ui-laub und wurde endlich Ende 
1832 nach Berlin versetzt. Nachher aber fand er für seinen nach Wurzeln geordneten „Alt- 
deutschen Sprachschatz" keinen Verleger, und das ti'otz mancher Mängel hochverdienstliche 
Werk selbstverleu^nendsten Pleisses hätte vielleicht niemals das Licht der Oeffentlichkeit er- 
blickt, wenn nicht der Rector magnificentissimus der Albertina, Kronprinz Friedrich Wilhelm, 
die Druckkosten auf seine Schatulle übernommen hätte. So erschienen, mit gutem Rechte den 
wissenschaftlichen Leistungen speciell der Königsberger Universität zugerechnet, die fünf 
ersten Bände 1834, 36, 37, 38 und 40; Band VI wurde erst nach Graffs Tode (18. October 
1841) durch Massmann veröffentlicht. Seit dem S.S. 1835 las als EO. der deutschen Litteratur der 
Schulrath Christian Theodor Ludwig Lucas,*) ein Mann ohne eigentlich fachwisseuschaft- 
liche Gelehrsamkeit, der sich zudem eifrig bemühte, die burschenschaftlichen Verirrungen 
seiner Jugend vergessen zu machen, und in den kirchlichen und politischen Controversen der 
vierziger und fünfziger Jahre durch die eifrige Bethätiguug seiner neuen Ueberzeugung auch 
zu seinen akademischen Collegen in schroffen Gegensatz gerieth.^) 

1) Gteb. 19. März 1785, gest. 15. März 1865 zu Berlin, wo er 1817—57 als Profe.ssor am Joachims- 
thaler Gymnasium gewirkt hatte. 

2) Schefifner, Nachliefenmg S. 12 (Note 25); vgl. Beilage G. 

3) Geb. 10. März 1780 zu Elbing, in Königsberg gebildet, 1805 liehrer am Gymnasium und Director 
einer Töchterschule in seiner Vaterstadt, 1810 Schulrath in Marienwerder, 1814 in Arnsberg und Coblenz, nach- 
dem er 1813 dem Centralausschuss unter Stein angehört hatte. 

4 Vgl. S. 59. 110. 

5) S. ßurdach, S. 467. Univ.-Act. B. (33 gegen Ende. 

17* 



132 

Aber nicht bloss die zweite classisch- philologische und die germanistische Professur 
sind demnach aus der einst von Lachmann bekleideten Professur der Theorie, Kritik 
und Geschichte der schönen Künste hervorgegangen, vielmehr hat diese, dem Namen nach 
fortbestehend, inhaltlich aber vresentlich gewandelt, noch eine andere werthvoUe Erweiterung 
und Bereichei'ung des akademischen Forschungs- und Lehrbetriebes für die Albertina herbei- 
geführt. Sie erhielt nämlich nach Lachmanns Fortgang im Mai 1825 der seit 1821 habilitirte, 
aber erst nach längerer, durch eine Studienreise nach Berlin, Göttingen, Dresden, München, Florenz 
und Eom veranlasster Abwesenheit 1823 zum Lesen gekommene Dr. Ernst August Hagen 
(geb. 12. April 1797), indem er zugleich zur Erleichterung Lobecks ein für allemal mit dessen 
Vertretung als akademischer Eedner beauftragt wurde. Ein jüngerer Sohn Karl Gottfried 
Hagens,^) hatte sich dieser in Königsberg unter Johannes Voigt geschichtlichen Studien ge- 
widmet, seinen Lehi-er auch als Hülfsarbeiter auf den Reisen begleitet, die er mit Staatshülfe 
unternahm, um für die „Geschichte Preussens unter der Herrschaft des deutschen Ordens" 
Oertlichkeiten und Denkmäler zu studiren. Die liebevolle Beschäftigung mit den letzteren 
führte Ernst August Hagen allmählich zur Kunstgeschichte hinüber. In erfolgeichster, bis in 
das höchste Alter fast jugendlich frischer und von beglückender Begeisterung getragener Thätig- 
keit hat er einem Königsberg bisher ganz fremden Studienzweige hier die Stätte bereitet 
und über die akademischen Kreise hinaus Bürgerrecht erworben, indem er bei den Ge- 
bildeten überhaupt dafür Interesse und Theilnahme erweckte und rege erhielt. Ende 1830 
zum 0. für Kunstgeschichte und Aesthetik ernannt, brachte er mit verhältnissmässig geringen 
Mitteln geschickt und glücklich in dem von ihm angelegten und verwalteten Kupferstichcabinet 
ein kostbares Anschauungsmaterial und Unterrichtsmittel zusammen, das er in liberalster Weise 
auch den bürgerlichen Kreisen der Stadt zum Zwecke kunstgeschichtlicher und ästhetischer 
Bildung zugänglich machte. Auch an der späteren Errichtung einer Kunstakademie in Königs- 
berg war er in hervorragender Weise betheiligt und ist ihr als Lehrer der Kunstgeschichte 
alle Zeit treu geblieben. 

Um das Bild von dem Aufschwung zu vollenden, den gleichzeitig mit der epoche- 
machenden Entfaltung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Disciplinen auch die 
philologischen Studien auf der Albertina nahmen, mag noch des ersten Vertreters der orien- 
talischen Sprachen gedacht werden, der diesem hier ganz neuen Fache, namentlich dem Sanskrit 
und dem Persischen, Bürgerrecht erwarb uud durch seine Arbeiten der Königsberger Hoch- 
schule auf einem namentlich im Auslande erfolgreich angebauten Gebiete einen guten Namen 
gewann, zudem durch seine Persönlichkeit und sein Schicksal ergreift und rührt. Als Sohn 
eines armen Bauern war Peter von Bohlen^) in dem Dorfe Wüppels im Jeverlande 
am 13. März 1796 geboren; seine Jugend verfloss dem früh Vaterlosen in Dürftigkeit und 
hartem Druck, so dass 1810 bei der von Napoleon verfügten Aushebung zum Soldaten nicht 
tauglich befunden zu werden dem damaligen Schneiderlehrling eine schmerzliche Enttäuschung 
war und er geim den ihm angebotenen Posten eines Dieners bei einem französischen General 



1) Vgl. S. 120. 

2) Autobiographie des Professors Dr. Peter von Bohlen, herausgegeben als Manuscript von Johannes 
Voigt Königsberg 1841. 



133 

amiahm. Mit diesem kam er schliesslich nach Hamburg iiud lilieb dort, als Davoust die Stadt 
fendlich übergeben musste, hüli'Ios zuriick, so dass er seiueu Unterhalt erst als Kellner, dann 
als Comptoirist gewinnen musste. Sein ßildungsdrang aber brach sich Bahn, erregte Aufmerk- 
samkeit und gewann ihm Gönner und Wohlthäter, die dem 19jährigen den Besuch des Gym- 
nasiums ermöglichten. Durch sie unterstützt, bezog er die Universität Halle, wo er Gesenius 
nahe trat und unter seiner Leitung sich in das Studium der orientalischen Sprachen vertiefte 
und auch bereits mit Silvestre de Sacy in briefliche und litterarische Beziehungen trat, Dann 
bildete er sich weiter in Bonn unter A. W. Schlegel in Sanskrit und im Arabischen unter 
G. W. F. Freytag (geb. 1788, gest. 1861, der kurze Zeit als PD. und Bibliotheksadjunct 
Königsberg angehört hatte), dann in Berlin unter Bopp und wurde, durch sie und seine 
ersten litterarischeu Leistungen empfohlen, 1825 von dem Ministerium durch die Bewilligung 
von 400 Thalern jährlich in den Stand gesetzt sich in Königsberg zu habilitiren.') Die 
Facultät machte ihn am 1.3. April 1825 zum Ehrendoctor. Am 11. Februar 1826 wurde 
von Bohlen BO., im Beginn des S.S. 1828 0. Aber nicht bloss seine zarte Gesundheit, die 
dauernd unter dem rauhen Königsberger Klima litt, beeinträchtigte seine Wirksamkeit: sein 
Fach war für Königsberg ganz neu, denn der frühere Orientalist "Vater war, immer mehr 
auf Nebenwege gerathend, zu einem Polygraphen geworden, und Wald, von Bohlens nächster 
Vorgänger, war durch Geschäfts- und Actenwesen den Studien schliesslich ganz entfremdet 
worden. Die Bibliothek war für seine Fächer durchaus ungenügend; Zuhörer fand er höchstens 
für elementare Vorlesungen. Nur zwei Schüler gewann er, die weiter gingen, den Mediciner 
Friedrich Reinhold Dietz^) und den späteren PD. der orientalischen Sprachen Ernst 
Gustav Schultz, der 1849 als preussischer Consul in Jerusalem starb. Von Bohlens wissen- 
schaftliche Thätigkeit aber wurde nach dem ürtheil sachkundiger Fachgenossen beeinträchtigt 
durch die Zersplitterung seiner Kraft auf die verschiedensten Gebiete, durch die Unsicherheit 
der grammatischen Grundlage und durch seine Neigung zu übereiltem Construiren,^) die auch 
seinen mit Vorliebe getriebenen archäologischen Studien Abbruch that. Nicht unerwähnt 
darf bleiben, dass von Bohlen zuerst die Sammlung der lilhauischen Volkslieder in Angriff 
nahm. Eine Studienreise nach England 1831 gewährte ihm vielfache Anregung und förderliche 
persönliche Verbindungen, während er daheim in intimer Freundschaft mit Johannes Voigt 
lebte und sich der besonderen Gunst des Oberpräsidenten von Schön zu erfreuen hatte. Aber 
sein unheilbares Brustleiden machte rasche Fortschritte, und von einem zweiten Besuch in 
England 1837 kehrte er so elend zurück, dass er nach Südfränkreich gehen musste, aber Ge- 
nesung nicht fand. Nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Heidelberg und in Bonn 
nahm er, „ein verdorrter Baum", wie er sich selbst resignirt nannte, in Halle seinen Wohnsitz. 
Dort ist er am 6. Februar 1840 von hoffnungslosem Siechthum durch einen sanften Tod erlöst 



1) Vgl Hüllmann an Lobeck bei Ludwieh a. a. 0., S. 55. 

2) Geb. 1804 zu Königsberg, als Hippokrates-Forseher ausgezeichnet und mit Staatsunterstiitzung auf 
Keisen in Frankreich, England, Italien und Spanien mit Handschriftstudien beschäftigt zur Geschichte der 
griechischen und arabischen Medicin (vgl. Ludwich, Lobeck u. Lehrs, S. 114). 1833 EO. und Secundärarzt am 
Stadtkrankenhause, 1835 Direetor desselben und 0., gest. 5. Juni 1836. 

3) Allg D. Biogr. III, S. Gl. 



134 

worden. Ein Schüler von Bohlens war auch Georg Heinrich Ferdinand Nesselmann 
(geb. 24. Februar 1811 in Fürstenau bei Elbing), der seit 1831 in Königsberg Mathematik 
studirt, dann aber sich den orientalischen Sprachen zugewandt hatte und sich 1837 habilitirte. 
Berühmt wurde er durch seine 1842 erschienene „Algebra der Griechen", die neben Chasles' 
Geschichte der Geometrie (1837) und Libris Geschichte der Mathematik in Italien (1838 — 41) 
zu den Meisterwerken gehört, aus denen alle Nachfolger auf dem gleichen Gebiete gelernt und 
geschöpft haben. 1853 wurde er EO.^) 

Verglichen mit den kühn vorwärts eilenden Naturwissenschaften und der reiche Ernte 
haltenden classischen Philologie blieb die Geschichtswissenschaft au der Albertina in jener 
Periode ihrer Neubegründung einigermassen zurück, obgleich in diese Zeit die bahnbrechende 
Thätigkeit Rankes fiel. Die gelehrte historische Forschung hatte in Königsberg überhaupt bis- 
her keine besondere Pflege gefunden, obwohl die Beschäftigung mit der Geschichte nnter dem 
Einfluss der politischen Verhältnisse bald nach Kants Tode hohe Bedeutung nicht sowohl für 
die allgemeine Bildung als für die nationale Erweckung und die politische Erziehung der akademi- 
schen Jugend erlangt hatte. ^) Dies gab der verhältnissmässig kurzen Wirksamkeit Karl Dietrich 
Hüllmanns^) ihre hohe Bedeutung. Vergebens hatte sich um diese Stelle Ludwig von 
Baczko beworben,*) der durch seine in Gemeinschaft mit dem Geheimrath Schmalz (1789 bis 
1802 Professor der Rechte in Königsberg, gest. 27. März 1823) herausgegebenen „Preussi- 
schen Annalen" und seine „Preussische Geschichte" (Königsberg 1795 — 1800, 6 Bände) ein An- 
recht darauf erworben zu haben meinte, damit aber jetzt ebensowenig durchdrang wie 1787, wo 
eine Königliche Cabinetsordre vom 5. März 1786 entschieden hatte, von Baczko sei abzu- 
weisen wegen der ihm entgegenstehenden (d. h. Katholiken ausschliessenden) Statuten, von denen 
eine Ausnahme zu machen kein Grund vorliege.') Welche Richtung man durch den neu be- 
rufenen Historiker vertreten zu sehen wünschte, lässt neben der hei der Reorganisation 
der Albertina überhaupt verfolgt-en Tendenz namentlich die Thatsache erkennen, dass neben 
Hüllmann u. a. auch Luden für die Stelle in Frage kam. Ein Mann von grosser geistiger 
Beweglichkeit, der sich in mannigfaltiger Lehrthätigkeit bewährt hatte, mehr durch den münd- 
lichen Vortrag denn als Autor zu wirken berufen, unberührt von den Verirrungen der noch immer 
nicht ganz aus der Mode gekommenen sogenannten Geschichtsphilosophie, ungewöhnlich veranlagt 
für die Praxis des Lebens und daher auch als Historiker der Gestaltung der realen Ver- 
hältnisse in Staat, Gesellschaft und Wirthschaftsleben nachzugehen, bei streng conservativer Ge- 
sinnung voll patriotischer Wärme und empfänglich auch für die politischen Lehren jener gewal- 
tigen Zeit: — so war Hüllmann in seltenem Maasse befähigt, die Geschichte als ein Mittel 
der allgemeinen Bildung, zur Stärkung des'nationalen Sinnes und Erweckung patriotischer Opfer- 
freudigkeit zu vertreten und dabei in den allgemeinen Angelegenheiten der Universität durch 
das schnell gewonnene Vertrauen seiner Collegen eine einflussreiche Stellung zu erlangen. 



1) Allg. D. Biogr. XXIII, S. 445-46. 
2). Vgl. S. 107. 

3) Vgl. S. 23. 

4) Tgl. S. 55. 

5) T. Baczko, Mein Leben III. Acten der philos. Fac. A. I. Adhibenda 1. 



135 

Beides hat er in hervorragendem Maasse geleistet: als Inspector des Collegium Albertinum und 
Mitglied des Senats hat er in jenen schweren Jahren zur Erhaltung und Verbesserung der 
Albertina wesentlich beigetragen. Dazu halfen auch der Einfluss und das Ansehen, dessen er 
sich über die akademischen Kreise hinaus erfreute. Mit seiner „durch Witz und Liebreiz gleich 
ausgezeichneten Gattin" war er „eine Zierde" des auserwählten Kreises, der sich zur Thee- 
stunde im Hause des Universitätscurators von Auerswald zu versammeln pflegte, und „wusste 
dem Gespräch stets eine höhere Wendung zu geben."') Innige Freundschaft verband ihn mit 
dem „Königsberger Patriarchen", Johann Georg Scheffner, der ihn mit der Herausgabe seiner 
Selbstbiographie beauftragte und ihm nach seinem Tode die Verfügung über seine sämmt- 
lichen Papiere anvertraute. Bei ersterer hat sich Hüllmann nachmals freilich sehr von der 
Rücksicht auf die ungünstigen Zeitverhältnisse beeinflussen lassen und manche von den frei- 
müthigen und oft derben Aeusserungen des alten Herrn unterdrückt, allerdings nicht entfernt 
in dem Maasse, wie E. M. Arndt ihm in seinem Unmuth Schuld gab. Als Director der Deut- 
schen Gesellschaft gab er dieser 1810 eine neue Einrichtung, so dass J. G. Scheffner hoffte, 
,,sie werde in der Folge auf einem für deutsche Bildung erspriesslichen Wege wandeln."^) 
Auch dem Kronprinzen trat Hüllmanu nahe, indem er beauftragt wurde, ihm geschichtliche 
Vorträge zu halten. Nur mit dem rauhen ostpreussischen Klima konnte sich seine zarte 
Natur nicht befreunden. Schon war er daher 1817 im Begriff als Nachfolger Wilkens nach 
Heidelberg zu gehen, obgleich er nur mit schwerem Herzen sich von dem ihm theuren preussi- 
schen Staate löste, als ihn die Regierung dauernd für diesen gewann durch die Zusage einer 
Professur an der eben in der Errichtung begriffeneu Universität in Bonn. Mit allgemeinem 
Bedauern sah man den trefflichen Mann scheiden: „Wir haben unendlich viel an ihm vei-- 
loren," schrieb damals der ihm besonders innig verbundene Lobeck an Meineke.^) 

Neben Hüllmann hatte seit dem W.S. 1811/12 Ernst Hennig, ein Sohn des am 
23. September 1809 verstorbenen Professors der Theologie und Pfarrers am Löbenicht, zu- 
gleich Präsidenten der Deutscheu Gesellschaft und Verfassers eines ,,Preussischen Wörter- 
buches", als EO. historische Hülfswissenschaften gelehrt. Er hatte Theologie studirt, war 
Mentor des Prinzen Friedrich Wilhelm von Holstein- Beck gewesen und hatte als Pfarrer zu 
Schmauch bei Pr. Holland ein Pensionat für Söhne angesehener Familien gehalten (in dem 
u. a. der junge Max von Schenkendorf eine unerquickliche Zeit verbracht hatte).*) Er war 
dann Director des Geheimen Staatsarchivs in Königsberg geworden, in welcher Eigenschaft 
er die erste Ausgabe der Deutschordensstatuten besorgte und die Preussische Chronik des 
Lucas David abdrucken Hess. Brustleidend, starb er auf einer Reise in das Bad 1815.^) 
Ihm war Daniel Friedrich Schütz (geb. 12. Februar 1780 in Königsberg, gest. 29. Mai 
1817) gefolgt, zugleich als Vorsteher des Staatsarchivs und königlicher Bibliothekar. Mit 
seinem Tode war die Geschichte an der Albertina augenblicklich ganz verwaist, um gleich 



1) A. Hagen, Max v. Sclienkendorf, S. 30. 

2) Scheffner, Mein Leben, S. 65. 

3) Prie dl ander, Mittheilungen aus Lobeoks Briefwechsel, S. 58. 

4) Hagen a. a. 0., S. 5—6. 

5) Scheffner, Mein Leben, S. 225, N. 



136 

danach eine gründliche Erneuung zu erfahren durch den Einti-itt von Drumann und Jo- 
hannes Voigt. 

Bereits am 8. Mai 1817 war der PD. in Halle Wilhelm Karl August Drumann 
zum EO. in Königsberg ernannt. Am 11. Juni 1786 zu Dannstadt im Halberstädtischen ge- 
boren, seit 1805 mit einer durch den Krieg veranlassten Unterbrechung in Halle und Helm- 
städt gebildet, erst als Theologe, dann als Historiker, Lehrer in Helmstädt, wo er 1810 
promovirte, und an dem Pädagogium der Franckeschen Stiftungen in Halle, ebendort seit Juni 
1812 PD., war er erst durch seine Dissertation „De ratione ac disciplina Romanorum literas 
artesque tractandi" und dann durch die 1815 erschienenen „Ideen zur Geschichte des Ver- 
falls der griechischen Staaten", in denen er unter dem Einflüsse Gibbons ganz die von 
A. Heeren gewiesene Richtung verfolgte, bekannt geworden. Im W.S. 1817/18 begann er 
seine Thätigkeit, die er, seit dem 18. October 1821 als 0., fast vier Jahrzehnte hat fortführen 
können und von seinem besonderen Studiengebiete, der alten, namentlich römischen Ge- 
schichte aus, gemäss den besonderen Bedürfnissen der Königsberger Studirenden auf die 
neuere und neueste Geschichte sowie auf die allgemeine Gidturgeschichte ausdehnte. Seine 
wissenschaftliche Bedeutung lag in der Erforschung des Alterthums, für dessen Erkenntniss 
er auch bei seinen Schülern eine breite und feste philologische Grundlage forderte. Er war 
daher kein Freund der aufkommenden Bevorzugung des Mittelalters gleich im Beginn der 
historischen Studien und klagt bereits am 30. December 1826, dass „es immer mehr Sitte 
wird, dass junge Männer mit Vernachlässigung der alten Sprachen und der Historiker des 
classischen Alterthums sich so stark zur mittleren und neueren Geschichte wenden und so 
alles festen Grundes und der besten formellen Bildung ermangeln."') So hat er nicht bloss 
die historischen, sondern überhaupt die antiquarischen Studien mannigfach gefördert und sich 
dadurch insbesondere um das höhere Schulwesen in der Provinz verdient gemacht. Die 
älteren Generationen der preussischen Gymnasiallehrer, darunter Männer von anerkanntem 
wissenschaftlichen Verdienst wie Max Toeppen a. A., verdankten fast durchweg ihm ihre 
wissenschaftliche Bildung, der seine etwas schwerfällige und trockene Gelehrsamkeit mit 
ihrer zuverlässigen Gründlichkeit durch die Bewahrung vor dilettantischer Oberflächlichkeit 
und geistreichem Spiel nur zum Vortheil gei-eichte. Als Forscher wurde Drumann bekannt- 
lich durch eine gewisse pathologische Neigung von den Zeiten grosser staatlicher Zersetzungs- 
processe besonders angezogen. Das lehrt schon sein Hauptwerk „Die Geschichte Roms im 
Uebergang von der republikanischen zur monarchischen Verfassung" (1834—44), das zugleich 
mit seinem Fleisse und seiner Gelehrsamkeit seine Unfähigkeit zu gestaltender Formgebung be- 
weist. Seine „Geschichte Papst Bonifaz VIII." (1852) behandelt ein ähnliches Problem aus der 
Kirchengeschichte, während seia „Grundriss der Culturgeschichte" (1847) und seine letzte Arbeit 
„Die Arbeiter und Communisten in Griechenland und Rom" (1860) nochmals erkennen Hessen, 
dass man in dem jungen Hallenser Docenten nicht mit Unrecht einen Mann von ähnlicher 
Richtung wie Hüllmann vermuthet hatte. 

Gleichzeitig mit Drumann wui-de (2. October 1817) dessen College an der Universität 



1) Acten der phil. Fac. 1826;27 



137 

und am Pädagogium iu Halle, Jobauues Voigt, als EO. der historischen Hülfswissenschaften 
uud Nachfolger Schütz' in der Leitung des Staatsarchivs nach Königsberg berufen.') Im 
Jahre 1788 zu Bettenhausen bei Meiningen geboren als Sohn eines Chirurgen, hatte Voigt 
seit 1806 in Jena Theologie und Philologie studirt, sich aber nach bestandenem theologi- 
schen Examen gemäss der namentlich durch Luden in ihm erweckten Neigung den alten 
Griechen und der Geschichte gewidmet und im October 1809 in Jena mit einer Abhandlung 
über Theoki-it promovirt. Als Lehrer an dem Pädagogium in Halle thätig, widmete er seine 
Müsse den Studien zu einer Geschichte Gregors VH., zu der er den Plan schon im Verkehr 
mit Luden und Griesbach gefasst hatte, und habilitirte sich auf Grund einer ersten Skizze 
derselben Ostern 1812. Die Geschichte Gregors VIT., die 1815 erschien, erregte Aufsehen 
weniger durch ihre wissenschaftliche Bedeutung als durch die unbefangene neue Auffassung 
des Helden, der nicht im Sinne der Aufklärung als ein eigennütziger und herrschsüchtiger 
Intriguant dargestellt wurde, sondern als ein genialer Reformator — was natürlich bei den 
Katholiken besondern Beifall fand und die Meinung erweckte, der Verfasser müsse in Con- 
sequenz des von ihm eingenommenen Standpunktes demnächst katholisch werden. Die von 
ihm geplante Geschichte der Hohenstaufen gab Voigt auf, theils weil er Friedrich von Raumer 
unter viel günstigeren Verhältnissen damit beschäftigt wusste, theils weil seine Ernennung 
für Königsberg ihm andere Pflichten auferlegte. Nur ein Fragment davon hat er 1818 in 
der „Geschichte des Lombardenbundes und seines Kampfes gegen Kaiser Priedi-ich I." ver- 
öffentlicht. Hinfort ist Voigt so gut wie ausschliesslich im Gebiete der preussischen Ge- 
schichte, namentlich der Ordenszeit, thätig gewesen. Mögen seine Arbeiten auf diesem von 
ihm zwar nicht erst entdeckten, aber doch für die Forschung erst eroberten Gebiete vor der 
modernen Wissenschaft auch nicht durchweg mehr bestehen, nie wird man ihm den Ruhm 
streitig machen können, dass er der Vater der altpreussischen Geschichtschreibung geworden 
ist. Was dann in neuerer Zeit mit Hülfe reicheren Materials und einer vervollkommneten 
Methode erarbeitet ist uud weiterhin erarbeitet werden wird, beruht auf dem Grunde, den sein 
bewundernswürdiger Fleiss gelegt hat. Und nicht gering ist das Verdienst anzuschlagen, das 
sich Voigt um die bisher dem Verfall überlassenen Denkmäler aus der Ordenszeit erwarb, 
namentlich um die Marienburg, für die er den Oberpräsidenten von Schön und durch diesen 
den kunstsinnigen Kronprinzen zu interessiren wusste. Freilich wurde durch diese Con- 
centration auf ein so provinziell beschränktes Gebiet seine amtliche Thätigkeit einiger- 
massen beeinträchtigt, und das tührte zu allerlei unliebsamen Erörterungen sowohl mit 
seinen Collegen wie mit dem Ministerium. Schon 1S19 wurde Voigt aul sein Ansuchen be- 
urlaubt, um die Provinz zum Zwecke seiner histoi'ischeu Studien zu bereisen, von Ernst 
August Hagen als Gehülfen begleitet.^) Im Mai 1825 wirkte ihm von Schön für zwei Jahre 
Befreiung von den Vorlesungen aus. Dann erneute Voigt im März 1827 dieses Verlangen, 
um seine Preussische Geschichte besser fördern zu können. Die philosophische Facultät 
wurde um ihre Meinung gefragt. Während da Lobeck fein sich dahin aussprach, es handle 



1) Vgl. die selbstbiograpbisclu' Skizze in J. A'oigt, Blicki' in das kiinst- und gewerbreiche Leben der 
Stadt Nürnberg im IG. Jhd. 

2) Vgl. S. 132. 



138 

sich um die Gewährung einer Gunst, die sich füglich der Discussion entziehe, machte Herbart 
seinem ünmuth in derben Worten Luft. Litterarische Thätigkeit allein, so urtheilte er, 
mache nicht die Berufserfüllung des Docenten aus, vielmehr müsse ein solcher sowohl lehren 
wie produciren, und spitz schlug er vor, die Antwort dahin zu fassen, dass Voigts Collegen 
demnächst für ihre eigenen Arbeiten gegebenen Falls die gleiche Gunst zu geniessen hofften. 
Auch kam er auf alte Beschwerden zurück, indem er daran erinnerte, man habe in Königs- 
berg sogar einen Botaniker gehabt — Schweigger ist gemeint') — der von seinen Eeisen 
nur nach Hause gekommen sei, um das Prorectorat zu verwalten, und benutzte die Gelegen- 
heit, um an gewissen Collegen eine abfällige Kritik zu üben, indem er Bessel verherrlicht, 
„diesen ausserordentlichen Mann, dessen Ruhm die ganze Welt kennt": „er vollbringt noch 
alternd das Grösste, ohne darum sich den Lehrlingen zu entziehen oder überhaupt das 
Kleine gering zu achten." Voigts Specialcollege aber, der eifrige Schubert, warf nicht 
ohne Bosheit die Frage auf, warum denn Voigt die einträglichen Nebenämter nicht aufgebe, 
und wies auf das Missverhältniss hin, das obwaltete, wenn so viel Zeit und Kraft an die 
doch nur drei Jahrhunderte umfassende Geschichte einer Provinz gesetzt würde. So lehnte 
der Minister denn schliesslich Voigts Gesuch am 22. Mai 1827 ab und wies ihn an, noch in 
dem inzwischen begonnenen S.S. Diplomatik zu lesen und hinfort allsemesterlich seine Vor- 
lesungen „ordentlich" zu halten.^) Man begreift die Verstimmung Voigts, der er auch in 
der Vorrede zui- Fortsetzung seiner Geschichte Preussens in bitteren Worten Luft machte. 
Auch der Kreis der ihm enger verbundenen Schüler blieb unter diesen Umständen ein kleiner. 
So ging denn der maassgebende Einfluss auf die Studien derjenigen, die sich der Ge- 
schichte widmeten oder doch mehr als allgemeine Bildung darin erstrebten, frühzeitig ganz 
auf den dritten, jüngsten Vertreter des Fachs über, der seinen beiden Collegen an gründ- 
licher Gelehrsamkeit und selbstverleugnendem Forscherfleiss nicht gleich kam, aber überlegen 
war an geistiger Beweglichkeit, Gabe der Mittheilung und Fähigkeit zur Anregung zu selb- 
ständiger Arbeit. Friedrich Wilhelm Schubert (geb. 20. Mai 1799 zu Königsberg) war 
seit 1820 PD., seit 1823 EO. Neben der Statistik und Volkswirthschaft hatten seine 
Studien ursprünglich so sehr die alte Geschichte betroffen, dass er im S.S. 1826 nach 
Berlin berufen wurde, um den kranken Wilken in seinen Vorlesungen zu vertreten; doch 
versuchte er sich frühzeitig auch in der mittleren und neueren Geschichte. Am 2.5. Mai 1826 
wurde ihm das neu errichtete zweite Ordinariat für mittlei'e und neuere Geschichte übertragen. 
Ohne ein grosser Gelehrter zu sein, war Schubert jedenfalls ein guter Lehrer. Noch als PD. 
im W.S. 1821/22 hatte er einen Kreis von Studirenden zu historischen Uebungen um sich 
vereinigt,^) das erste Beispiel der Art in Preussen noch vor Ranke: es wurden neue Erschei- 
nungen der historischen Litteratur vorgelegt und besprochen und von Theilnehmern angefer- 
tigte kleinere Arbeiten kritisirt. Der Erfolg war der Art, dass man diesen Zusammenkünften 
schon zu Beginn des S.S. 1822 eine festere Gestalt gab. Die behandelten Gegenstände waren 
verschiedenster Natur, sowohl der alten Geschichte entnommen, wie nachher namentlich dem 

1) Vgl. 8. 121. 

2) Phil. Fac. Decan. Acten 1826/27. 

3) Curat.-Acten. A. 120. 



139 

Mittelalter, dazu kam die Lectiire von MaccLiavelli, Huinc, Montesquieu u. A. Im Ganzen 
waren die üebungen, durchaus im Einklang mit den besonderen Königsberger Bedürluissen, 
weniger darauf augelegt zu selbständiger Forscluing anzuleiten und Gelehrte zu bilden als 
vielmehr den künftigen Lehrern der Geschichte auch in die Einzelheiten der Wissenschaft Ein- 
sicht zu erschiiessen. Bei der späteren Vorliebe der Regierung für seminaristische, conver- 
satorische und repetitorische Gestaltung oder doch Ergänzung des akademischen Unterrichts 
wurde Schuberts historische Gesellschaft auf seinen Antrag durch Ministerialerlass vom 9. Sep- 
tember 1832 als Königliches Seminar anerkannt und mit den Rechten eines solchen ausge- 
stattet, zunächst freilich noch ohne eigenen Fonds. Als solches trat es auf Grund eines von 
Schubert entworfenen und vom Minister unter dem 13. December 1832 bestätigten Reglements 
mit dem S.S. 1833 in Wirksamkeit. Fast alle zum Geschichtsunterricht berufenen Lehrer an 
den höheren und mittlei'en Schulen der Provinz Preussen haben ihm angehört. Seine weniger 
auf speciell fachliche als allgemeine Bildung gerichtete Thätigkeit zog auch Studirende an- 
derer Facultäten an, und namentlich Referendarien sind mehrfach Mitglieder gewesen. Aber es 
hat auch mancher hier Anregung und Anleitung zu wissenschaftlicher Bethätigung und eigener 
litterarischer Production empfangen: es mag neben M. Toeppen') an F. A. Brandstäter,^) an 
L. Cholevius^) und an F. Kreyssig'^) erinnert werden. Nach dem Eingehen des pädagogisch- 
didaktischen Seminars erhielt das historische im August 1834 einen Fonds zur Prämiirung der 
strebsamsten und talentvollsten Mitglieder. 

Dagegen hatte der Versuch, auch die Geographie unter den ständigen akademischen 
Lehrobjecten in Königsberg einzubürgern, damals noch keinen Erfolg. Die bereits 1805 ge- 
forderte und 1809 errichtete Professur für Geographie und Statistik war 1810 mit Adam 
Christian Gaspari^) besetzt. Er hat viel dazu beigetragen, die Erdkunde zu popularisiren 
und durch seine weder tiefe nocli originale, aber durch ihren Umfang bedeutende Pi-oduction 
die spätere Blüthe der geograpiii sehen Studien und Leistungen in Deutschland vorbereiten ge- 
holfen. Im Gegensatz zu dem bisher alleinherrschenden Zahlenlernen versuchte er in seinen 
pädagogischen Schriften mit Glück die Beleoung des geographischen und historischen Unter- 
richts. Nach seinem Tode aber blieb die Stelle unbesetzt : erst nach mehr als vierzig 
Jahren sollte die Geographie, innerlich durchaus verjüngt, volles Bürgerrecht auf der Alber- 
tina erringen. 

4. Staats- und Rechtswissenschaft. 

Für eine systematische Ausbildung der namentlich späterhin im Finanzdepartement zu 
verwendenden Beamten war schon gegen Ende des 18. Jahrhundei-ts von der Regierung an 

1) Vgl. S. 136, geb. i. April 1822, gest. als Gymnasialdirector a. D. in Elbing 3. Dcc. 1893. 

2) Professor am Städtischen Gymnasium zu Danzig, gest. 1883, Verfasser einer „Geschichte des aetoli- 
schen Bundes". 

3) Gest. 1878, Professor am Kneiphöfisehen Gymnasium zu Königsberg, Verfasser der verdienstvollen 
„Geschichte der deutschen Poesie nach ihren antiken Elementen". 

4) Director der Realschule erst in Elbing, dann in Kassel und zuletzt in Frankfurt a. M., gest. ISTil, 
bekannt durch litterarhistorische und populäre historisch-politische Schriften. 

5) Geb. 18. November 1752 in Schleusingen, 1705 Professor der Philosophie in .fena, 1797 am Gym- 
in Oldenburg, seit 1803 Professor der Geschichte, Geographie und Statistik iu Dorpat, gest. 1830. 

18» 



140 

der Albertina besondere Fürsorge getroffen durch die Einrichtung cameralistischer Curse. 
Welche Bedeutung diese in den der Katastrophe Preussens zunächst voraufgehenden Jahren 
durch Kraus erlangten, ist früher geschildert, ') nicht minder, M'ie aus dieser Schule zum Theil 
die Männer hervorgingen, die neben und unter Stein, Schön u. A. an dem Neubau des preussischen 
Staats mitgewirkt haben. In der Folge haben diese „Cameralisten", ^) deren Zahl von 8 im 
S.S. 1809 bis auf 34 im S.S. 1820 stieg, als eine besondere Gruppe zu bestehen aufgehört 
und sind unter die Juristen aufgegangen. Nach dem Ausscheiden Johann Gottfried Hoff- 
mann s^) aus der akademischen Wirksamkeit blieb dieses Fach einige Zeit unverti'eten. Aus 
dem dadurch gesparten Gelde wurden dem Regierungsassessor Dr. Karl Heinrich Hagen 
(geb. 27. Juli 1785 in Königsberg, seit 1802 Schüler von Kraus und dann von J. G. Hoff- 
mann), einem Sohn Karl Gottfried Hagens, die Mittel gewährt, um sich 1809—11 in Göttingen 
und in London weiter auszubilden. Dann wurde er Ostern 1811 unter Belassung in seiner 
Stellung bei der Regierung mit der Abhaltung von staatswirthschaftlichen Vorlesungen gegen 
eine Remuneration von 500 Thalern beauftragt und bereits Ende desselben Jahres zum 0. 
der Staatswissenschaften und der Gewerbekunde ernannt. Die Stellung als Regierungsrath 
legte er 1835 nieder. Litterarisch war er namentlich an den „Beiträgen zur Kunde Preussens" 
(Königsberg 1813 — 24) und den „Neuen Preussischen Provinzialblättern" thätig, hat sich 
auch durch Studien über das Credit- und Geldwesen bekannt gemacht und gehörte zu den 
ersten Vorkämpfern der Handelsfreiheit. Im December 1849 setzte ein Schlaganfall seiner 
Thätigkeit ein Ziel; aber erst den 18. December 1856 erlöste ihn der Tod von langem Siechthum. 

Die juristischen Studien dagegen lagen an der Albertina zu Beginn dieser Periode 
tief darnieder, obgleich die Zahl der Jura Studirenden sehr gross war: zwei Drittel aller 
Studirenden, 221 unter 333, gehörten 1805 der juristischen Facultät an. Dem entsprachen 
die stattlichen Auditorien, von denen sich die Professoren umgeben sahen: Heidemann las 
W.S. 1805/6 Kircheurecht vor 73, S.S. 1806 Institutionen vor 75 und W.S. 1806/7 Pandekten 
vor 70 Zuhörern. Bald aber trat ein Rückgang ein, und die Zahl der Juristen betrug im 
S.S. 1809 nur noch 99 unter 273, im W.S. 1811/12 SO unter 251 und 1820 80 unter 228. 
In den zwanziger Jahren steigt dann die Zahl wieder: S.S. 1825 beträgt sie 163 von 404 und 
W.S. 1825/56 152 von 391, um dann wieder langsam zu fallen: W.S. 1834/35 sind unter 
415 Studirenden nur 82 und im W.S. 1842/43 unter 350 nur 63 Juristen. 

Von den Lehrern der juristischen Facultät zu Beginn dieser Periode war Heidemann*) 
ohne Frage die bedeutendste Persönlichkeit, die auch auf die Studirenden anregend wirkte. 
Sein Ausscheiden^) musste um so mehr empfunden werden, als von seinen Collegen von der 
Goltz dui'chaus unbedeutend war und Reidenitz seine Erfolge als Lehi-er zumeist dem 



1) Vgl. S. 7. I»i-17. 

2) Zu ihnen gehört auch Karl Friedrich AVilhelm Dieterici, geb. 23. August 1790. gest. 
30. Juli 1859 als Director des Statistischen Bureaus und Professor der ötaatswissenschaft in Berlin, der von 0. 
1809 an drei Semester in Königsberg studirt hat unter J. G. Hoffmann, dessen Gehülfe und Nachfolger er wurde. 

3i Vgl. S. 17. 

4) Vgl. S. 12. 24. 

5) Vgl. S. 38. 



141 

Einfluss verdankte, deu er als Stipendieucurator und Examinator ausübte. Auch hier that 
also eine Verjüngung Noth. Doch waltete dabei ein eigeuthüiulicher Unstern. Theodor 
Maximilian Zachariä, der im September 1810 zum vierten Professor der Jurisprudenz ernannt 
war, fiel bald nach seiner Ankunft in Wahnsinn, und der wenige Monate später (Januar 1811) in 
das dritte Ordinariat berufene Christian Gottlieb Konopack') zu Rostock trat noch im letzten 
Augenblick zurück,**) so dass W.S. 1811/12, da von der Goltz krank war, von Juristen allein 
Reidenitz las. Endlich Ostern 1812 kam Beck aus Leipzig; aber auch seine Thätigkeit hatte 
bald wieder ein Ende.^) Bald darnach (August 1812) aber erfolgte die Ernennung des soeben in 
Berlin zum Doctor promovirten Heinrich Eduard Dirkson') zum EO. Seit 1817 0. und 
bei Gelegenheit des Reformationsfestes von der philosophischen Facultät zum Ehreudoctor 
creirt, gehörte Dirksen Jahre lang zu den gefeiertsten Lehrern der Albertina und genoss hohen 
Ansehens und Einflusses auch in bürgerlichen Kreisen, wie er sich namentlich auch als Pro- 
rector zur Zeit der Karlsbader Beschlüsse*) durch die würdige Wahrung der Interessen der 
Universität verdient machte. Dass er aber in E'olge einer früheren Zusage des Ministeriums ein Recht 
auf eine Berliner Professur zu haben glaubte, der erwartete Ruf jedoch nicht kam, verleidete 
ihm schliesslich seine schöne Königsberger Thätigkeit. Im S.S. 1829 verliess er, zunächst zu 
einer Badecur, die Albertiua und nahm dann seine Entlassung mit fünf Achtel seines Gehalts. 
Seit 1833 las er in Berlin als PD. und Professor Regiomontanus und seit 1841 als Mitglied 
der Akademie der Wissenschaften: in die juristische Facultät aber ist er nicht aufgenommen 
worden. Seiner Königsberger Zeit gehören die Werke Dirksens der Mehrzahl nach an, alle 
ausgezeichnet durch die Verbindung strenger philologischer und antiquarischer Schulung mit der 
Jurisprudenz sowie durch scharfe Kritik, die nach Mancher Urtheil vielleicht zu sehr auf die 
Negation gerichtet war.") Anfangs war seine Lehrthätigkeit auf eigenthümliche, für die da- 
maligen Verhältnisse charakteristische Schwierigkeiten gestossen, die auch Beck um die ge- 
hofften Erfolge brachten und die zu überwinden ein wiederholtes Einschreiten der Regierung 
uöthig wurde. Worum es sich dabei handelte, zeigt ein Ministerialerlass vom 1. Deccmber 
1812.'') Er beklagt, dass trotz der Anstellung von zwei neuen Professoren das juristische 
Studium in Königsberg darniederliege. „Die Studirenden werden von dem Besuche der Vor- 
lesungen der neuen Professoren geflissentlich abgehalten und, statt für das gründliche Studium 
ihrer Wissenschaft gewonnen zu werden, auf dem bisherigen bequemen Wege einer seichten 
Abrichtung ei'halten und fortgeführt. Dies ist schwer zu vermeiden, wenn Professor Reidenitz 
sein Ansehen als vieljähriger Lehrer, als Curator der Beneficien und als Examinator bei dem 
Oberlandesgericht dazu missbraucht, die Studirenden der juristischen Facultät von den Collegien 

1) Gel). 17H7 in Hauzig, PD. und seit 1804 O. iu Halle, dann in Kostock und schliesslich in Jena, 
gest. 3. April 1841. 

2) Curator.-Act. ]{. '.tl. 

3) Vgl. S. 46. 

4) Geb. 13. September 1790 in Königsberg, dort .seit 180(i durch philologische Studien und seit 1808 
in Heidelberg als Schüler namentlich 'l'hibauts gebildet, seit 1810 iu Berlin Savigny eng verbunden. 

5) Vgl. S. Gl ff. 

6) Allg. D. Biogr. V, S. 253 ff 

7) Curat.-Act. B. IG. XIII. 



142 

der neuen Professoren abzulialten." Dieselben Erfabrimgen aber wie Beck und Dirksen 
inachte der 1813 von Jena berufene Johann Christian Hasse,') ein Gelehrter von seltener 
Tiefe der Forschung und dabei ein Meister der Darstellung und zwar ebenso in dem Gebiete 
des römischen wie des deutschen Rechts.^) Deshalb erging am 30. März 1816 an die Ober- 
landesgerichte zu Königsberg, Gumbinnen und Marienwerder die Anweisung, hinfort nur solche 
Rechtscandidaten zur Auscultatoriirüfung zuzulassen, die auch Zeugnisse über den Besuch der 
Vorlesungen der Professoren Hasse und Dirksen und des demnächst zu ernennenden dritten 
Professors beibrächten, denn gerade bei den Juristen sei es besonders nöthig, sie zu fleissiger 
Benutzung der zum Lernen gebotenen Gelegenheit anzuhalten. Es ehrt Hasse, dass er eine 
Besprechung dieser Regierungsmaassregel in der Facultät veranlasste und dabei mit Ent- 
schiedenheit für ihre Aufhebung eintrat. Jn einer Vorstellung an das Ministerium vom 
8. Mai 1816 hiess es: „Dass die Jünglinge auf der Universität nach eigener Wahl ihre 
Studien einrichten, nach eigenem Vertrauen ihre Lehrer wählen, ist zu allen Zeiten als ein 
wesentlicher Theil der akademischen Freiheit von Wichtigkeit gewesen, einer Freiheit, der 
man, wenngleich ihre Schattenseiten mit Recht verrufen sind, doch eine ehrwürdige Lichtseite 
nicht ableugnen kann." Sie wurde weiterhin als einer von den Grundpfeilern der akademischen 
Verfassung bezeichnet und deshalb schliesslich gebeten, jene damit unvereinbare Verfügung 
möchte zurückgenommen oder ihre Geltung wenigstens auf die unerlässlich nöthige kurze 
Zeit beschränkt werden. Die Antwort des Ministeriums erfolgte am 30. Juli 1816 dahin, 
dass die erlassene Bestimmung die Professoren Reidenitz und von der Goltz nicht beinträchtige, 
den anderen aber die Möglichkeit angemessener Thätigkeit verschaffen werde: der Staat besolde 
nicht Professoren, die ohne eigenes Verschulden nicht zur Wirksamkeit gelangten.^) 

Dass Hasse unter solchen Umständen Königsberg bald wieder vei'liess, ist begreiflich ; 
dieselben mögen auch den weiteren raschen Wechsel in der juristischen Pacultät veranlasst 
haben. Denn auch Christian Friedrich Mühlenbruch,*) einer der ersten Romanisten 
seiner Zeit und auch heimisch im deutschen Privatrecht, der Ostern 1818 berufen wurde, um 
neben dem römischen Rechte auch deutsches und Kirchenrecht zu lehren, wurde bereits 1819 
auf seinen Wunsch nach Halle versetzt. Nun suchte die Regierung die für die juristische 
Pacultät unerlässliche Verjüngung dadurch zu bewirken, dass sie talentvolle junge Gelehrte 
in den Stand setzte sich zu habilitiren und durch schnelles Aufrücken zu fesseln suchte. So 
kam 1820 Karl August Rogge^) au die Albertina und wurde, nachdem er sich durch sein 

1) Geb. M. Juli ITTi) io Kiol, cbenclort gebildet und seit 18Ü5 PI), und Universitätssyndious, IHll Ü. 
und Oberappellationsgerichtsrath in Jena. 

2) Allg. D. Biogr. X, S. 759. 

3) Curat.-Act. A. 48. II. 

4) Geb. 3. October 1785 zu Rostock, dort, in Greifswald, Göttingen und Heidelberg gebildet, 1805 PD. 
und Anwalt in seiner "Vaterstadt, 1808 Kathsherr und 1810 vom Katli in eine der von ihm zu besetzenden 
Professuren berufen, 1815 0. in Greifswald. 

5) Geb. 23. März 1795 in Klbing, studirte 1812 in Berlin, 1813 einer der ersten freiwilligen Garde- 
jäger, trotz einer schweren Verwundung bei Gross-Görschen an den Feldziigen 1813 -15 bis zu Ende betheiligt 
und dann erst zu dem Ilechtsstudium zurückgekehrt, erat in Berlin, gefördert von Savigny, Hasse und namentlich 



143 

von warmer Begeisterung für altdeutsche Eigenart durchdrungenes Werk über das Gerichts- 
wesen der Germanen auch litterarisch bewährt hatte, 1821 EO. Er vertrat namentlich die 
germanistischen Fächer; 1824 folgte er einem Rufe nach Tübingen (gest. 12. Mai 1827). 
Ebenfalls 1820 begann in gleicher Weise der nachmals als Strafrechtslehrer berühmte Julius 
Friedrich Heinrich Abegg^ seine Thätigkeit als PD. Von der Berliner Juristenfacultät 
als besonders vielversprechend empfohlen, wurde er bereits Ende 1821 EO. und nach Ablehnung 
eines Ruls nach Dorpat den 24. Juli 1824 0., leistete dann aber 1826 einem Rufe nach 
Breslau Folge (gest. 29. Mai 1868). Eine weitere werthvolle Ergänzung erfuhr die juristische 
Facultät, nachdem die Berufung des Herzoglich Sächsischen Hofraths und Polizeidirectors 
Joh. Andreas Ortloff^) zu Coburg nicht perfect geworden war, 1821 durch Ferdinand 
Karl Schweikart,^) einen namhaften hessischen Jui'isten von vielseitiger akademischer und 
gelehrter Thätigkeit, der namentlich Kirchen- und Criminalrecht, Philosophie und Geschichte 
des Rechts vertrat , sich auch durch Untersuchungen über das Kidmische und Magde- 
burgische Recht um die Rechtsgeschichte von Ost- und Westpreussen verdient machte. Seit 
1827 gehörte er dem Ostpreussischen Tribunal als Rath an (gest. 1857). Wie Abegg und 
Rogge, so wurde im Herbst 1823 in Eduard Albrecht (geb. 4. März 1800 zu Elbing) einer 
der hoifnungsvollsteu Vertreter der neuen historischen Schule vom Ministerium in den Stand 
gesetzt, sich in Königsberg als PD. niederzulassen. Er begann seine Thätigkeit mit einer 
privaten Vorlesung über Lehenrecht und einer öffentlichen über Geschichte und Alterthümer 
des deutschen Privatrechts, für Königsberg ganz neue Fächer; er wurde im August 1825 EO. 
und nach Ablehnung eines Rufs nach Erlangen den 28. Februar 1829 0., ging dann aber 
1830 nach Göttingen. 

Uebrigens hatte die Regierung in jeuer Zeit wie auf die Universitäten überhaupt, 
so namentlich auf die juristischen Facultäten ein wachsames Auge, da sie die künftigen Be- 
amten nicht bloss vor nachtheiligen politischen Einflüssen bewahrt, sondern auch in einer 
den staatlichen Bedürfnissen möglichst entsprechenden Weise gebildet sehen wollte. Da war 
ihr der steigende Einfluss der historischen Schule nicht ganz unbedenklich: sie befürchtete 
davon eine Schädigung der juristischen Praxis. In einem Erlass vom 20. September 1820 gab 
sie diesen Bedenken Ausdruck und erklärte, dass sie «war „der historischen Schule und ihrem wohl- 
thätigen Einfluss auf das gründliche Studium der Rechtswissenschaft alle Gerechtigkeit wider- 
fahren lasse und sie auch ferner zu erhalten und zu befördern bereit sei, dass ihr doch aber 
nicht minder obliege, dass die praktische Schule vollständig und gründlich aufrecht erhalten 
werde." „Weil nun aber dies" — so fuhr der Erlass fort — „im akademischen Unterricht 



Eichhorn, und dann mit staatlicher Unterstützung in Gciltingen, wogegen er sich zur Ifabilitation in Königsberg 
verpflichtete. 

1) Geb. 23. März 179G zu Erlangen als Sohn eines 1823 nach Königsberg berufenen reformirten Predi- 
gers, in Erlangen, Heidelberg und Landshut gebildet, ilauii nach dem Eintritt in die Praxis in Berlin von Biener, 
Gocschen, Hegel und Savigny gefördert. Allg. Deutsche Biogr. I, S. 5. Vgl. ül)er ihn .1. II. Voss an Lobeck 
bei Ludwich a. a. 0., S. 51. 

2) Vgl. Neuer Nekrolog der Ueutsclien. XL Jahrgang. S. 100 K. 

3) Geb. 28. Februar 1780, in Marburg und Jena gebildet, Prinzeninstructor, 1809 EO. in Giessen, 1812 
O. in ('harkow, 181(5 in Marburg. 



144 

doch nicht überall geschehe, gingen bereits manche Studirende nach fremden Universitäten" : 
namentlich würden die künftigen Cameralisten und Verwaltungsbeamten dadurch geschädigt. 
Demgemäss ordnete das Ministerium an, ,,dass auf jeder einheimischen Universität das Rechts- 
studium im Geist und System der praktischen Schule erbalten, mithin in jedem halben Jahre 
mindestens eine Vorlesung über Institutionen und eine über Pandekten in diesem Geiste ge- 
halten werden sollte.'") 

Noch grössere Sorge machte damals der Eegierung das Studium des allgemeinen 
Staatsrechts, das politisch gefährlich werden zu können schien. Die Frage wurde durch 
einen Ministerialerlass vo7n 2. October 1824 in charakteristischer Weise zur Sprache gebracht. 
Das Ministerium, hiess es, „hält dafür, dass das allgemeine Staatsrecht, aus bloss philosophi- 
schem Gesichtspunkte und als Theil des Naturrechts vorgetragen, bei künftigen Theologen, 
Philosophen und Aerzten, welche in demselben die Rechtsverhältnisse eines Staats in absti'acto 
kennen lernen und vor ihrem Eintritt in das bürgerliche Leben keinen Unterricht über das 
positive Staatsrecht erhalten, den Missstand erzeugen könne, dass sie mit der Ansicht eines 
blossen naturrechtlichen Staats und mit darauf gegründeten Ansprüchen in den wirklichen 
treten, daher dasjenige, was sie in letzterem abweichend von jenen Theorien finden, als 
Willkür und Ungerechtigkeit betrachten. Selbst bei jüngeren Juristen könnten diese Nach- 
theile eintreten, wenn das positive Staatsrecht des Deutschen Bundes und einzelner Bundes- 
staaten nach Systemen vorgetragen wird, die hauptsächlich allgemeines Staatsrecht, das 
positive aber nur anhangsweise und als Abweichung von dem ersten behandeln. Das 
Ministerium will daher darauf halten, „dass das Natur- und besonders das allgemeine Staats- 
recht nach gehörig geprüften, nicht bloss von schädlichen Grundsätzen freien, sondern auch 
richtigen, angemessenen Systemen vorgetragen werde." Da nun diese allgemein staatsrecht- 
lichen Vorlesungen, wenn auch vorzüglich von Juristen, so doch auch von anderen Professoren 
gehalten werden, so sollen sie hinfort nur ,,nach gedruckten Compendien von anerkanntem 
Werth" gehalten werden dürfen und diese in dem lateinischen Vorlesungsverzeichniss zum 
Voraus genannt werden. Der Regierungsbevollmächtigte fügte wie beschwichtigend die Be- 
merkung hinzu: „Ich bin überzeugt, dass die Besorgnisse eines Hohen Ministeriums bei den 
Lehrern der hiesigen Universität ohne Grund sind, die sich durch Umsicht und Sorgfalt, 
Alles zu vermeiden, was unrichtige Ideen bei den Studirenden erzeugen könnte, auszeichnen, 
sowie das Nichtvorhandensein der letzteren bei den Studirenden das am besten bestätigt."^) 
In diesen Zusammenhang gehört auch die Bestimmung vom 22. Juni 1826, dass hinfort alle 
Auscultatoren im vaterländischen Recht geprüft werden sollten und demgemäss regelmässig 
auf den Universitäten auch über allgemeines Landrecht und Gerichtsordnung gelesen werden 
müsse. Gleichzeitig wurde es (27. Juni) den Ordinarien zur Pflicht gemacht, zwei Stunden 
wöchentlich auf die Leetüre von Recbtsquellen aus dem römischen oder canonischen Recht 
mit lateinischer Erklärung zu verwenden. 

Für das Studium des römischen Rechts machte Dirksen in Königsberg Schule. Aus 



1) Acten der Jurist. Fac. 4. 

2) Jurist. Fac. 4. I. 



145 

ihr gingFriedricb DanielSanio (geb. 10. April 1800 in Königsberg) hervor. Nach Vollendung 
seiner Studien aus Staatsmitteln zur Crewinnung einer höheren wissenschaftlichen Ausbildung 
unterstützt, habilitirte sich Sanio der eingegangenen Verpflichtung gemäss 1828 in Königsberg, 
zunächst namentlich für gemeines und preussisches Criminalrecht und Handels- und Wechselrecht.') 
Er wurde 1831 EO. und 15. März 1832 0. und hat späterhin die Arbeitsart seines Lehrers 
Dirksen fortgeführt, indem er das römische Recht und namentlich die Eechtsgeschichte 
vertrat. Dirksens Schule entstammte ferner Alexander August von Buchholtz (geb. zu 
Königsberg, promovirte 1824), seit 1828 EO. und seit 1833 0. Ausserdem wurde der Berliner 
PD. Friedrich Wilhelm Eduard Backe (geb. 1800 zu Wollin, gest. 24. September 
1846) 1826 als EO. berufen und 1833 zum 0. befördert. Von Zöglingen der Albertina selbst 
traten als Lehrer in der juristischen Facultät noch auf Heinrich Friedrich Jacobson 
(geb. 8. Juni 1804 in Marienwerder, PD. 1828, EO. 1829, 0. 1836, gest. 19. März 1868), der 
namentlich preussisches Kirchenrecht las und auch deutschrechtliche CoUegien hielt, und 
Martin Eduard Simson (geb. 10. November 1810), der sich 1831 habilitirte, 1833 EO. und 
1836 0. wurde, daneben dem Ostpreussischen Tribunal angehörte und nachmals politisch eine 
Rolle spielte, die seinen Namen während länger als eines Menschenalters auf das Engste mit 
der neuesten deutschen Geschichte verknüpfen sollte. Hierher ist auch Alfred Nicolovius 
zu rechnen, ein Sohn des um die Neuorganisation des Unterrichtswesens und der kirchlichen 
Einrichtungen hochverdienten Staatsrath Nicolovius (geb. 13. Januar 1767, gest. 24. October 
1839),^) PD. seit 1832, EO. 1835, dann 0. in Bonn. Die Wirksamkeit anderer jüngerer 
Männer wie die Karl Friedrich Sietzes (PD. 1830, EO. 1832, dankte ab und zog nach 
Berlin) und Ludwig Moritz Riedels (PD. 1832—36, dann Kreisgerichtsdirector zu Franz- 
burg in Pommern) war zu kurz, um Einfluss zu üben und Bedeutung zu erlangen. 

5. Die theologische Facultät. 
Schwieriger als bei den anderen Facultäten ist es bei der theologischen, den Antheil 
genau festzustellen, den sie an der Entwickelung ihrer Wissenschaft in den ersten vierzig 
Jahren unsers Jahrhunderts genommen hat, so weit sachliche oder persönliche Momente ihr 
eine Einwirkung auf dieselbe oder dieser einen Einfluss auf ihre Entwickelung vermittelt haben. 
Zunächst hatte auch diese Facultät ihren reichgemessenen Antheil au dem Verfall, der nach 
Kants Tod über die Albertina hereinbrach. Gelegentlich der Reorganisationsverhandlungen 
von 1809^) urtheilte der Curator von Auerswald: „Die theologische Facultät ist in einem sehr 
unvollkommenen Zustand und bedarf einer radicalen Verbesserung." Zwei ihrer Mitglieder, 
den Vertreter der Kirchengeschichte, Dogmatik und neutestamentlichen Exegese Johann 
Hartmann Christoph Graef,*) und den Oberhofprediger an der Schlosskirche, Consistorial- 



1) Personalacten. 

2) Vgl. oben S. 18. 21. 
31 S. 32. 

4) Geb. 6. Januar 1744 zu Tennstädt in Thüringen, in Leipzig gnbilUet. Prediger und Rector zu Pforten 
in der Nieder-Lausitz, Feldprediger bei dem Dragonerregiment von Tzeltritz zu Landsberg an der Warthe und 



146 

ratli und vierten Professor der Theologie Johann Christoph Wedeke,') rühmt er zwar als 
sittlich achtungswerthe und ihr Amt ehrlich und ernst nehmende Männer, muss aber zugeben, 
dass auch sie nicht allen Anforderungen genügen. Ueber Georg Ernst Sigismund Hennig^) 
lautet das ürtheil des sonst so milden und wohlwollenden Mannes ungewöhnlich scharf. Ueber 
die Gründe dieses üarniederliegens der Theologie auf der Albertina ist damals mehrfach ver- 
handelt worden. Als den vornehmsten erkannte man allseitig die Niedrigkeit der den Professoren 
gewährten Gehälter an, die hinter den auch recht dürftigen der übrigen Universitätslehrer 
beträchtlich zurückstanden. Deshalb mussten die theologischen Professoren geistliche Aemter 
annehmen und sich weiterhin noch mit Stellungen im Kirchenregiment, als Consistorialräthe 
u. a. m., belasten. Ja, der zweite Professor der Theologie, Samuel Gottfried Wald,^) 
war zugleich erster Inspector des Priedrichscollegs und leitete als solcher das damit ver- 
bundene Pensionat, gründete ein Schullehrerseminar (1796), wurde südpreussischer Consi- 
storialrath (zu schriftlicher Bei'athung der Kegierungen in Thorn und Warschau) und 1800 
Kirchen- und Schulrath bei dem ostpreussischen Consistorium, übernahm nach Mangelsdorfs 
Tod 1802 auch noch die Professur der Geschichte und der Eloquenz, um endlich 1806 
nach Hasses Tod die Professuren der griechischen Sprache, der Beredsamkeit und der Ge- 
schichte gegen die der orientalischen Sprachen und Litteratur einzutauschen und 1810 
seine Stellung an dem arg in Verfall gerathenen Friedrichscolleg aufzugeben. Durch die Be- 
rufung des gelehrten Johann Severin Vater*) im Jahre 1809 und des bishei-igen Dompre- 
digers in Naumburg Johann Friedrich Krause (geb. 26. October 1770 zu Reichenbach im 
Vogtlande, 1794 Diaconus daselbst), der seit April 1810 auch Pfarrer im Löbenicht und Consi- 
storialrath war, sowie durch die Ernennung des Garnisonpredigers Ludwig Jedemin Rhesa 



als solcher im Baieriechen Erbfolgekriege im Felde, seit 1788 als Nachfolger Lilienthala Professor und Con- 
sistorialrath. 

1) Früher Pfarrer, Erzpriester zu Hermsdorf bei Pr. Holland unter dem Patronat des Grafen Dohna- 
Schlodien, mit Schleiermacher zur Zeit seines dortigen Hauslehrerthums befreundet, Verfasser der „Bemerkungen 
auf einer Heise durch Preussen" (Königsberg 1803), der väterliche Freund Max von Schenkendorfs, 1806 als Nach- 
folger des Oberhofpredigers und Professors der Mathematik Johann Ernst Schulz berufen, gest. Februar 1815. 

2) Geb. 1749, Professor der Theologie, Consistorialrath und Pastor an der Löbeniohtschen Kirche, be- 
kannt als Verfasser eines „Preussischen 'Wörterbuchs", gest. 23. September 1809. Vgl. S. 135. 

3) Geb. 17. October 1762 als Kaufmannssohn in Breslau, seit 1782 in Halle namentlich unter Semler 
gebildet, frühreif, nach noch nicht zweijährigem Studium 1784 Magister legens in Leipzig, wo er durch seine ge- 
mässigt rationalistische Kichtung gegenüber der strengen Orthodoxie Burschers Glück machte, nach Veröfl'entlichung 
verdienstvoller Untersuchungen über den Text des Alten Testaments KO., 1786 auf Empfehlung Adelungs durch 
den Minister von Zedlitz als 0. der griechischen Sprache nach Königsberg berufen, seit 1793 0. der Theologie, 
gest. 22. Februar 1828. 

4) Geb. 27. Mai 1771 zu Altenburg, in Jena und in Halle durch F. A. Wolf gebildet, in Halle und Jena 
als PD. und EO. thätig, 1800 in Halle EO. der Theologie und der orientalischen Sprachen, 1809—1820 in Kö- 
nigsberg O. für alttestamentliche Theologie, Kirchengeschichte und praktische Theologie, litterarisch namentlich 
im Gebiete der hebräischen Grammatik und allgemeinen Sprachlehre thätig, ein polyglottes und grammatisches 
Talent, Verfasser nicht bloss einer deutschen, sondern auch einer französischen, polnischen und russischen Gram- 
matik, welche letztere sich durch eine neue Behandlung der Zeitwörter auszeichnete und ihm einen hohen russi- 
schen Orden eintrug, seit 1808 mit Bertuch Herausgeber des Archivs für Linguistik und Ethnographie, 1820 wegen 
seiner Gesundheit nach Halle versetzt, gest. 16. März 1826. 



(geb. 1777 in dem später versandeten Dorfe Karwaiten auf der Kurischen Nehrung, 1813 als 
Brigadeprediger mit im Felde) zum EO. und Leiter des litbauiscLen Seminars wurde dem 
dringendsten Bedürfniss abgeholfen. Doch machte der Tod Wedekes im Februar 1815 
und der Fortgang Krauses, der 1819 als Generalsuperintendent nach Weimar (gest. 31. März 
1820) kam, neue Ergänzungen nöthig, in Folge deren 1818 ßhesa 0. wurde. Neben seinen 
theologischen Studien dauernd beschäftigt mit der Sprache und Poesie seines lithauischen 
Volksstammes, dessen Volkslieder — Dainos — er zuerst sammelte und herausgab, ist Rhesa 
der heimathlichen Hochschule bis an sein Ende (1841) treu geblieben und betb,ätigte ihr seine 
Anhänglichkeit auch noch, indem er ihr sein Vermögen vermachte, um mit Hülfe desselben 
eine Anstalt mit freien Wohnungen für bedürftige Studirende — das Rhesianum — zu er- 
richten. Nachfolger J. F. Krauses wurde 1819 Ludwig August Kahler,^) eine milde und 
begeisterte, von Glaubensfreudigkeit getragene Natur, ausgestattet mit einer aus der Tiefe 
des Gefühls strömenden Beredsamkeit, in der akademischen Thätigkeit aber vielfach ge- 
hindert durch das Misstrauen in die eigene Kraft, zumal es ihm Anfangs nicht an Conflicten mit 
den älteren Collegen fehlte. Viel Anfeindung trug ihm später seine Thätigkeit ein als Com- 
missarius des Consistoriums in der Untersucnung des sectirerischen Treibens der um Ebel und 
Diestel gesammelten „Mucker". Durch all das in seiner Kraft gebrochen, schied er 1843 aus sei- 
nen Aemtern und zog sich in die Stille des von ihm erkorenen ländlichen Ruhesitzes Wogenab 
am Haff nahe der Mündung des Elbingflusses zurück, wo er am 4. November 1855 starb. 

Gleichzeitig mit Kahler war 1819 der gelehrte, später als Hauptgegner der Rationa- 
listen bekannt gewordene August Hahn (geb. 27. März zu Gross-Osterhausen bei Querfurt, 
1810 — 13 in Leipzig gebildet, nach einigen Jahren des Hauslehrerthums Zögling des Witten- 
berger Predigerseminars) als besoldeter PD. berufen worden, aber in Folge eines inzwischen 
an ihn ergangenen Rufs nach Heidelberg sofort (Juli 1819) zum EO. ernannt. Als er 1821 

0. wurde, gab er das Anfangs übernommene Pfarramt an der Altstädtischen Kirche auf. Als 
Kenner des Syrischen machte er sich verdient durch Untersuchungen über Bardesanes (1819) 
und das Marcianevangelium in seiner ursprünglichen Gestalt (1823). 1826 ging er nach Leipzig, 
kehrte aber in den preussischen Staatsdienst zurück als Generalsupei'intendent von Schlesien, 
in welcher Eigenschaft er die schlesische Kirche dem orthodoxen Lutherthum unterworfen hat. 
Er starb 13. Mai 1862.2) 

Von den Königsberger Schülern Hahns hat Friedrich Ludwig Sieffert (geb. 

1. Februar 1803 in Elbing), an der Albertina 1829 habilitirt, eine bedeutende Wirksamkeit 



1) Geb. 6. März 1775 zu Sommerfeld in der Neumark, zu St. Afra in Meissen, in Erlangen 1793—96 
gebildet, 1798 Adjunct zu Coswig bei Guben, in den bescheidensten Verhältnissen und durch die Sorge um den Unter- 
halt seiner zahlreichen Familie zur Schril'tstellerei, Abfassung zahlreicher volksthümlicher Erzählungen mit allgemein 
moralisirender Tendenz genöthigt, 1809 Diaconua an der Oberkirche zu Kottbus, wo er während der Jahre 1813 und 
1814 auch im patriotisch erweckenden Sinne thätig war uad durch eine Reihe von Aufsätzen und Flugblättern 
begeistert für die Erneuerung des kirchlichen Lebens eintrat und in selbständiger Weise in den Kampf zwischen 
Rationalismus und Supranaturalismus eingriff, dadurch in weiten Kreisen bekannt geworden. Vgl. L»r. Ludwig 
August Kahler, Mittheilungen über sein Leben und seine Schriften Ton seinem ältesten Sohne Dr. S. A Kahler. 
Königsberg 1856. 

2) AUg. Deutsche Biogr., X, S. 35(i fl'. 



entfaltet, indem er in die damals lebhaft erörterten Probleme der Exegese des Alten Testaments 
in selbständiger Weise eingriff. Seit 1827 EO., erhielt er 1829 die Leitung des theologisch- 
exegetischen Seminars, wurde 1830 aus Anlass der von der Facultät veranstalteten Säcular- 
feier der Augsburger Confession Doctor der Theologie und 1834 0. Ein Augenleiden, das 
seine wissenschaftliche Thätigkeit zu beeinträchtigen anfing, bestimmte ihn 1839 die Stellung 
eines Hofpredigers und Pfarrers an der ßui-gkirche anzunehmen; auch trat er später in das 
Consistorium ein. Sein Pfarramt gab er 1857 auf und trat 1873 in den Ruhestand; er 
starb den 2. November 1877 in Bonn. 

Als Vertreter der neutestamentlichen Exegese gehörte der Albertina Hermann 01s- 
hausen^) an, 1821 als EO. und 1827 0., ausgezeichnet nicht bloss durch seine Unter- 
suchungen über die älteste Geschichte des neutestamentlichen Kanons, sondern auch durch die 
von ihm vertretene neue Auslegungsmethode, die im Wesentlichen auf eine immer geistvolle, 
aber oft auch willkürliche allegorische Deutung hinauslief.2) 1834 wurde er nach Erlangen 
berufen, nachdem er nur vorübergehend dem Ebel-Diestelschen Conventikel angehört und sich 
als einer der Ersten freimüthig davon losgesagt hatte. 

Seit 1819 gehörte auch der um das Volksschulwesen der Provinz Preussen hoch- 
verdiente Consistorial- und Schulrath Christian Friedrich Dinter,^) nachdem er 1817 
aus Anlass des Reformationsfestes zum Ehrendoctor promovirt war, der theologischen Facultät 
als PD. an. Nach Ablehnung eines Rufs nach Kiel 1822 EO., entfaltete er mit unverwüst- 
licher Arbeitskraft eine erstaunlich umfassende, freilich nirgends tiefgi-eifende Thätigkeit,^) 
regte aber in zwanglosem Verkehr die ihm näher tretenden Studirenden vielfach an. Durch 
ihn gewann die Pestalozzische Richtung noch grössern Einfluss, die den künftigen Geist- 
liehen bekannt zu machen das Ministerium bereits im August 1812 den Superintendenten 
Weiss mit der Abhaltung von Vorlesungen für die Studirenden der Theologie beauftragt hatte. 

Die Zahl der Theologie Studirenden in dieser Periode hat beträchtliche Schwankungen 
durchgemacht und zweimal ein Maximum erreicht, dem ein schneller Rückgang folgte. 1805 
gehörten von 333 Studirenden 101 der theologischen Facultät an, S.S. 1809 gar 158 von 
272, während die Zahl dann W.S. 1811/12 auf 112 von 251 und 1820 auf 57 von 218 
zurückging. Seit der Mitte der 20er Jahre wächst die Zahl wieder: sie betrug S.S. 1825 
114 unter 404 Studirenden, W.S. 1833/34 152 unter 422 und W.S. 1835/36 gar 162 unter 
406, worauf ein solcher Rückgang eintrat, dass die Zahl der Theologen im S.S. 1844 nur 
67 unter 340 Studirenden betrug. 

Das zeitweilige Wachsthum der Zahl der Theologen hatte eine Vermehrung, weiterhin 
aber auch einen lebhaften Wechsel des Lehrerpersonals zur Folge. Im Februar 1825 wui-de das 



1) Geb. 21. August lTM^ zu Oldesloe in Holstein, in Kiel und Berlin unter Neander gebildet und 1818 
durch eine Preisschrift „Melanchthons Charakteristik aus seinen Briefen dargestellt" empfohlen, 1820 in Berlin PD. 

2) Allg Deutsche Biogr., XXIV, S. 325 ff. 

3) Geb. 29. Februar 1760 in Borna bei Leipzig, studirte in Leipzig, 1787 Pfarrer in Kitscher, 1797 
Director des Seminars in Dresden-Friedrichstadt, dann wieder Pfarrer in Görnitz, seit 1819 in Königsberg, gest. 
29. Mai 1831. 

i) Dinters Leben, von ihm selbst beschrieben, S. 297 ff. 



149 

ehemals bestandene sechste Ordinariat wieder hergestellt: es erhielt dasselbe der Pastor Karl 
Friedrich Heinrich Giehlow aus Freystadt in Schlesien unter gleichzeitiger Ernennung zum 
ersten Dompfarrer und Superintendenten; aber schon 1829 ging er als Consistorialrath und Dompre- 
diger nach Marienwerder. Ihn ersetzte in seinem Pfarramt August Eudolf Gebser, bisher 
Professor in Jena, unter gleichzeitiger Bestellung zum EO.: 1830 wurde er 0. Gleichzeitig ha- 
bilitirte sich Johann Ludwig Karl Lehnert, der 1832 EO. und 1835 0. der praktischen 
Theologie wurde und zugleich als Prediger an der Löbenichtschen Kirche und Consistorialrath 
wirkte. Der seit 1829 als PD., seit 1832 als EO. und seit 1835 als 0. der theologischen 
Facultät angehörige Orientalist Cäsar von Lengerke*) trat 1843 zur philosophischen Fa- 
cultät über. In demselben Jahre wurde in Isaak August Dorner ein bedeutender Ver- 
treter der Dogmatik und der Kirchengeschichte berufen. Zu welchen Verwickelungen die 
1841 erfolgte Berufung Häv ernick s Anlass gab, ist in einem anderen Zusammenhange er- 
zählt worden. 

üeberhaupt spitzten sich die seit 1830 verschärften Gegensätze in der Theologie und 
in der Kirche zu Anfang der 40er Jahre vollends zu, namentlich in Folge der Untersuchung, 
die auf die von dem Hengstenbergischen Kreise ausgegangenen Anklagen hin gegen die 
Hallenser Professoren Wegscheider und Gesenius geführt wurde. Unter Mittheilung des 
resultatlosen Ausgangs dieses Verfahrens, das nichts ergab, „weshalb von Staatswegen in 
Betreff der Lehrvorträge der beiden Professoren einzuschreiten wäre", gab damals (1830) das 
Ministerium auch der theologischen Facultät zu Königsberg die Willensmeinung des Königs 
dahin kund, „ohne auf die Verschiedenheit der dogmatischen Systeme in der Theologie ent- 
scheidend einwirken zu wollen," erwarte er doch von allen Lehrern „eine würdige Behand- 
lung der heiligen Gegenstände und auch bei abweichenden Ansichten ein stetes Festhalten 
des Gesichtspunktes, dass durch ihre Lehrvorträge junge Theologen für die evangelische 
Kirche gebildet werden sollen.' 2) Wie sich in der Folge die Dinge wandelten, lehrt ein Ver- 
gleich dieser Königlichen Aeusserung mit der Art, wie man 1843 gegen den Versuch des 
neu habilitirten theologischen PD. Dr. Jachmann einschi-itt, in einer öffentlichen Vorlesung 
den Einfluss der neueren Philosophie auf die Theologie und die Nothwendigkeit einer Reform der 
letzteren zu behandeln. Das Ministerium gab (31. März) der theologischen Facultät zu erwägen, 
„ob nicht irgend eine zwar nicht die Lehrfreiheit beschränkende, aber doch an die grosse Schwierig- 
keit des Unternehmens und an die hieraus für die Docenten erwachsende Verpflichtung nachdrück- 
lich erinnernde Bemerkung dem Dr. Jachmann gegenüber am Platze wäre." Es hielt „eine solche 
um so mehr für angezeigt, je weniger derselbe bis jetzt, so weit dem Ministerium bekannt ge- 
worden ist, von seiner Bekanntschaft mit der neueren Philosophie und von seinen erfolg- 
reichen, alle Theile umfassenden Studien unzweideutige Beweise geliefert hat und dadurch 
seine Befähigung, über die Nothwendigkeit einer Reform der Theologie eine Gratisvorlesung 
zu halten, ausser Zweifel gestellt hat." An der Gratis Vorlesung scheint man namentlich der 
Thatsache gegenüber Anstoss genommen zu haben, dass die theologische Facultät auf Grund 



1) Vgl. S. 104. 

2) Acten der Theol. Fac. U. 1. 



__^150__ 

der Erfahrung, dass die öffentlichen Vorlesungen den Fleiss der Studirenden nicht anregten, 
d. h. nicht hinreichend besucht wurden, Ende des Jahres 1831 beschlossen hatte, hinfort alle Haupt- 
vorlesungen privatim zu halten. Die Antwort, welche die Facultät durch den Decan Hävernick 
(4. April) auf jene ministerielle Anregung ertheilte,. lässt eine ruhigere und unbefangenere Auf- 
fassung der Verhältnisse erkennen. Die Aufforderung zur Rücknahme der beanstandeten Vor- 
lesungsanzeige hält sie nicht für angemessen, einmal weil sie voraussichtlich doch keinen Erfolg 
haben würde, und dann, weil bei der ünbedeutendheit der bisherigen Leistungen des Dr. Jach- 
mann ein besonderer Erfolg von der Vorlesung nicht zu erwarten stünde, wohl aber ein der- 
artiges Einschreiten dafür Reclame machen und ihr eine nicht zukommende Bedeutung bei- 
legen würde. Weitere Folgen hat der Zwischenfall nicht gehabt, da Jachmaun ohnehin auf 
eine Fortsetzung der akademischen Thätigkeit bald verzichtete. 



IL Die Albertus-Universität 

im 

siebenten halben Jahrhundert ihres Bestehens. 
18M— 94. 



I. Die Jahre 1844-62. 

So vielverbeissend der Eintritt der Albertusuniversität in ihr viertes Jahrhundert 
sich vollzogen hatte und so frohe Hoffnungen für ihre Zukunft alle Theilnehmer an dem Jubi- 
läum mit heim nahmen: — selbst in jenen festlichen Tagen hatte man doch die Gewitter- 
schwüle nicht vergessen können, die auf der ganzen Zeit lastete. Nach Art des Wetter- 
leuchtens, das ein noch ungesehen heraufziehendes Gewitter ankündigt, hatte sie von rechts 
und links aufblitzend selbst einzelne Momente des Festes grell beleuchtet. Ein herrliches 
Wort hatte ihr Königlicher Rector der Albertina bei der Grundsteinlegung zu ihrem neuen Hause 
als „kurzen, aber inhaltschweren Glückwunsch" mitgegeben: „Sie soll ein Heerd des Lichtes 
sein: ihre Losung sei vorwärts." Aber die Deutung, die Er ihm dann gab, und die erneute 
Polemik gegen Vorgänge der letzten Monate, die man endgültig abgethan gewähnt hatte, 
offenbarten den Gegensatz von Neuem, welcher die ganze Zeit zerriss und den nächsten 
fünfzehn Jahren auch für diese Hochschule ihre Signatur geben sollte. ,,Äber sie folge ihr" — 
so war der König fortgefahren — „nimmermehr auf der h-rbahn des Kometen oder auf dem 
Wege der Peuersbrunst, die — von Dunkel umhüllt — vorschreitet. Die Früchte ihres Stre- 
bens seien Gottesfurcht — aller Weisheit Anfang, echte Treue, die da weiss, dass man dem 
Fürsten nicht dient, wenn man seine hohen Diener herabzieht" — ein herber Nachklang zu 
den Reden, die zu Beginn des Festes zwischen dem Minister Eichhorn und dem Prorector 
Burdach gewechselt waren.') Das empfand man schmerzlich, trotz der gnädigen Haltung des 
hohen Herrn bei der den Professoren gewährten Abschiedsaudienz, bei der Burdach der 
Albertina die Erlaubniss auswirkte, dass sie bei vorkommender Gelegenheit ihre Vorstellungen 
unmittelbar an den König richten und, da der geschriebene Buchstabe das lebendige Wort 
nicht ersetzen könne, ihm ihre Angelegenheiten durch Abgeordnete persönlich vortragen 
dürfe.'') Auch fanden die Vorgänge des Jubiläums lebhaften Wiederhall in der Presse, und 
Burdachs Haltung wurde von gewisser Seite zum Gegenstand einer abfälligen Kritik gemacht. 
Es war eine wohlverdiente Genugthuung für den würdigen Mann, dass solchen Angriffen 
gegenüber das Generalconcil am 16. November 1844 unter Vorsitz des Vice-Prorectors 
Neumann eine Adresse an ihn beschloss, in der es ihm in warmen Worten seinen Dank aus- 
sprach für die würdige Vertretung der Universität während des Jubiläums. 



1) Vgl. S. 106. 

2) Burdach a. a. Ü., 



154 

Diese Differenzen, in die der Königsberger Festjubel ausklang, wurden nun gleichsam 
das Vorspiel für die nächsten Jahre, die dem preussischen Staate heftige innere Kämpfe 
brachten. Dem ungeduldigen Vorwärtsdrängen von der einen Seite begegnete von der an- 
deren ein um so zäherer Widerstand, als man destructive Tendenzen abwehren zu müssen 
glaubte. Indem man für diese kurzweg den Rationalismus verantwortlich machte, den die 
Hegeische Philosophie gezeitigt haben sollte, und von da aus schliesslich die Umkehr der 
Wissenschaft forderte, sahen sich insbesondere die zu Hüterinnen der freien Forschung be- 
i-ufenen Universitäten bald vor eine lange Reihe von Conflicten gestellt. Bei der Albertina 
war das um so mehr der Fall, als die Stadt Königsberg seit dem Beginn der vierziger Jahre 
in der liberalen Bewegung eine leitende Stellung und damit weit über die Provinz Preussen 
hinaus Ansehen und Einfluss gewonnen hatte. Da nun für eine angemessene Betheiligung an 
den öffentlichen Angelegenheiten damals dem Einzelnen so wenig wie Corporationen ein 
gesetzlich anerkannter Raum gewährt war, so kam es zu allerlei Demonstrationen, die dann 
als tadelnswerthe Uebergriffe durch strenge Rügen geahndet wurden. Besonders offenbarte 
sich in jenen Jahren der Widerspi-uch, der in Bezug auf die Stellung der Universitäten zum 
öffentlichen Leben obwaltete, und zwar nicht bloss zwischen der vorgesetzten Behörde und 
den akademischen Körperschaften, sondern oft auch innerhalb dieser selbst. Treffend bemerkte 
darüber in Bezug gerade auf Königsberg Rosenkranz in einer Rede bei Niederlegung seines 
ersten Prorectorats 1846,') es sei ein Widerspruch, „dass einerseits von der Universität vor- 
ausgesetzt wird, sie werde sich an allen Elementen des Staats und der Kirche, an der ge- 
sammten Oeffeutliclikeit mit lebhaftem Interesse betheiligen." „So forderte es Se. Excellenz 
der Minister Eichhorn nicht nur von der Universität zu Bonn, sondern auch von uns, als er 
bei der Jubelfeier uns in der Aula zuerst anredete-) und uns ermahnte, die Gegenwart recht 
ins Auge zu fassen und die Jugend in ihr Verständniss einzuführen. Andererseits aber, wenn 
nun die Universität mit dem übrigen Leben in regere Wechselwirkung tritt, wenn sie zeigt, 
dass sie gegen die Entwicklung desselben nichts weniger als gleichgültig ist, so wird ihr dies 
auch wieder zum Vorwurf gemacht, als mische sie sich in Dinge, welche sie nichts angingen. 
Die Freiheit der Universität soU mithin eine gewisse Grenze haben ; welches aber diese Grenze sei, 
das ist eben zweifelhaft, und eine und dieselbe Handlung kann nach ganz verschiedenen 
Seiten ausgelegt werden.-' Diese Erfahrung hat die Albertina in jenen Jahren wiederholt zu 
machen gehabt, so sehr sie ihre Würde zu wahren wusste und es vermied sich von den ge- 
legentlich so hoch gehenden Wogen der Agitation fortreissen zu lassen. An scharfen Gegen- 
sätzen freilich und heftigen Conflicten hat es auch innerhalb ihres Lehrkörpers nicht gefehlt. 
Dabei trifft es wohl im Wesentlichen zu, wenn Rosenkranz^) bemerkt, die theologische und 
juristische Facultät seien „conservativ-retrograd", die medicinische und philosophische „liberal- 
progressiv" gewesen. Gelegentlich haben sich diese Parteiunterschiede wohl auch zu unlieb- 
samer persönlicher Schärfe zugespitzt. Aber selbst die entschlossensten Gegner der neuen 
Zeit haben sich doch von ihren anders denkenden Collegen niemals getrennt, wenn es 



1) Aus Rosenkranz' Papieren, mitgetlieilt von seinem Enkel, Herrn Dr. phil. Max Jacoljson. 

2) Vgl. S. 106. 

3) Fragment eines Tagebuchs, ebenfalls durcb Herrn Dr. Jacobson mitgetheilt. 



155 

•ralt, in den Grundrechten der Universität die unerlässlichen Bedingungen für ihr erfolgreiches 
"Wirken gegen allmähliche Untergrabung oder offene Eingriffe zu vertheidigen und mit der 
Würde der Wissenschaft zugleich die Fi-eiheit ihrer Lehre zu wahren. Dabei galt es noch, 
die tendenziösen AngriiFe untergeordneter, aber durch ihre Nähe und Unermüdlichkeit unbe- 
quemer Gegner abzuwehren. So wurde z. B. der von Pflugk herausgegebene „Freimüthige" 
nicht müde, gehässige Denunciationen gegen die Studirenden vorzubringen: er schilderte sie 
als Ideale burschikoser Verwilderung und trug ihnen die harmlosesten Aeusserlichkeiten und 
Zufälligkeiten als besondere Yargehen nach. Nach Rosenkranz' Ansicht hatte sich jeder neue 
Prorector gegen die stereotypen Beschuldigungen des ,,Freimüthigen'' abzuhärten, insbesondere 
auch gegen den Vorwurf der zu grossen Milde in der Behandlung der akademischen Jugend. 
Heute entbehren diese Vorgänge vielleicht des allgemeinen Interesses. Die Gegensätze, welche 
damals so leidenschaftlich zusammenstiessen, sind überwunden und ausgeglichen und die Probleme, 
denen sie entsprangen, gelöst oder durch neue und höhere ersetzt: für den Geschichtschreiber 
der Albertina aber, der die wechselnden Bedingungen ihres Daseins und die mit diesen 
wechselnden Formen ihres Wirkens zu verfolgen hat, sind sie nicht gleichgültig. Auch können 
die daraus entsprungenen Verwickelungen um so unbefangener besprochen werden, je ein- 
müthiger heute die einst leidenschaftlich verfochtenen Extreme iiüben und drüben verurtheilt 
werden. Und erinnert man sich dann der erlösenden Entschiedenheit, mit der die auf Um- 
kehr der Wissenschaft gegründete Richtung endlich im Beginn einer neuen Zeit durch den 
Mund des Fürsten verurtheilt wurde, der zum Schöpfer ungeahnter Grösse für Preussen be- 
rufen war, dann wird man auch das Verdienst derer nicht gering anschlagen wollen, die sich 
ihr entschlossen und uuentmuthigt entgegenstellten, um in der geschichtlich gewordenen und 
rechtlich verbrieften Stellung der preussischen Universitäten zugleich mit der Freiheit und der 
Zukunft der Wissenschaft auch ein gutes Stück von der Zukunft Preussens und Deutschlands 
zu vertheidigen. 

Das aber hat damals namentlich auch die Albertina gethan, entsprechend der hervor- 
ragenden, weithin sichtbaren und weithin maassgebenden Stellung, die sie durch das Jubiläum 
gewonnen hatte. Erschwert wurde ihr das nicht bloss durch ihre isolirte Lage: sie erschwerte 
die Unterhaltung des regen Verkehrs, der zur Gewinnung recht lebendiger Fühlung kaum 
entbehrt werden kann. Besondere Rücksichten wurden ihr durch die Ehre des Königlichen 
Rectorats auferlegt. Denn Schritte, die anderwärts rein sachlich beurtheilt wurden, erfuhren 
hier eine gewissermassen persönliche Beleuchtung. In dieser aber erschienen die obwaltenden 
Differenzen grösser, als sie thatsächlich waren. Jener vertrauensvolle unmittelbare Verkehr 
der Universität mit ihrem Königlichen Rector, der in der letzten Stunde des Jubelfestes für 
gewisse Fälle erbeten und gewährt worden war, hat niemals stattgefunden. Vielmehr drohten 
neue Conflicte die Albertina auf die Dauer um die eben wiedergewonnene Gnade des Königs 
zu bringen. Aber unbesctiadet der Liebe und Ehrfurcht, die sie ihrem Königlichen Rector 
in unwandelbai-er Treue entgegenbrachte, hat die Albertina an den von ihr bekannten Grund- 
sätzen überzeugungstreu festgehalten und sie auch unter dem schmerzlich empfundenen Druck 
der Königlichen Ungnade pflichtgemäss vertreten. So verdiente sie auch in den folgend(!n 
Jahren das Lob, das ihr im Hinblick auf die Conflicte unmittelbar vor dem Jubiläum Gotttried 

20* 



156 

Hermaun in einem IJriefe an Lobeck ertheilte: „Ich freue mich immer, wenn ich von 
Königsberg etwas höre. Denn dort scheint ein wackeres, tapferes Geschlecht einheimisch zu 
sein, das der aufgedrungenen Nacht feind ist, und ihre Commilitonen sind eine tüchtige Armee, 
die sich nicht werfen lässt, wie sehr man auch von allen Seiten darauf ausgeht, die Univer- 
sitäten in Schulen zu verwandeln und womöglich die Studenten vne Currentschüler in schwarzen 
Mänteln geistliche Lieder durch die Strassen singen zu lassen."') 

Die letzte Aeusserung des grossen Philologen triift wohl das mit gesteigertem Nach- 
druck erneute Bestreben, den akademischen Unterricht durch Einführung mehr schulmässiger 
Formen seiner bisherigen Freiheit zu berauben. Ein Ministerialerlass vom 22. Januar 1844 
hatte bereits seine „Vervollständigung durch repetitorisch-conversatorische Uebungen" gefordert. 
Ohne den Nutzen in Abrede zu stellen, den eine solche Unterrichtsmethode in gewissen Fällen 
haben könne, sprach sich die philosophische Facultät dahin aus,-) dass sie weder für jedes 
Fach noch für jeden Docenten passe, ihre Anwendung daher füglich dem Einzelnen überlassen 
bleiben müsse. Dennoch erging an die theologische Facultät am 27. Mai 1844 die Weisung, 
zu Ende jedes Semesters solle jeder Docent dem Decan anzeigen, was er in dieser Hinsicht 
versucht habe, der Decan aber solle darüber binnen drei Wochen an den Minister berichten.^) 

Schwerer bedroht wurde die Zukunft der Universitäten durch das beabsichtigte Ein- 
schreiten gegen die Missstände, die in der Organisation des Privatdocententhums zu Tage ge- 
treten sein sollten. Schon ein Ministerialerlass vom 29. October 1842 hatte den Facultäten 
in Betreff der Privatdocenten „strenge und sorgsame Prüfung bei der Zulassung und fort- 
gesetzte Beobachtung der weiteren Entwickelung derselben in Beziehung auf Lehrgabe, ge- 
diegene wissenschaftliche Bildung und schriftstellerische Leistungen" zur Pflicht gemacht, mit 
der Motivirung, dass man die Talentvollen zu befördern beabsichtige, denen aber, die den 
gehegten Erwartungen nicht entsprächen, den ßath zum Verlassen einer Laufbahn geben wolle, 
auf der sie keine Aussicht des Fortkommens hätten. Wegen der Schwierigkeit eines solchen 
Schrittes aber wünschte man lieber die Bestimmung getroffen zu sehen, „es solle den Privat- 
docenten die Venia legendi stets nur auf eine bestimmte Anzahl von Jahren ertheilt und nach 
deren Ablauf nur durch einen besondern Facultätsbeschluss verlängert werden können." 
Damit wäre eine Ordnung, die damals in den fünf Facultäten zu Bonn, sowie in der katholisch- 
theologischen, der juristischen und der medicinischen Facultät zu Breslau in Kraft war, in der 
Weise allgemein eingeführt worden, dass die Habilitation als Privatdocent zunächst immer nur 
auf vier Jahre gegolten hätte. Für die noch festzustellenden Statuten der Facultäten der 
Albertina wurde empfohlen, entsprechend der Cabinetsordre vom 6. Januar 1820, nach der 
nur solche Mediciner als Privatdocenten zugelassen werden durften, welche die Approbation 
als Aerzte besassen, die Bestimmung zu treffen, es sollten in der theologischen Facultät bloss 
bereits bestandene Predigtamtscandidaten und bei der juristischen bloss solche zur Habilitation 
zugelassen werden, die das zweite juristische Examen abgelegt hätten: nur dann stände den Be- 
treffenden der Uebertritt in einen anderen Beruf offen. Wie es damit bei der philosophischen 

1) Ludwich a. a. 0., S. 345. 

2) Philos. Fac, A. 5. II. 

3) Theol. Fac. L. 1. 



157 _ 

Facultät gehalten werden sollte, wurde nicht eesagt — sie galt wohl l)ereits als ausschliesslich 
zur Vorbildung für das höhere Schulamt bestimmt, und die Erinnerung an ihre ursprüngliche 
Bedeutung war völlig erloschen. 

Einstimmig sprach sich das Geueralcoucil der Albertina in einem von Rosenkranz 
redigirten Gutachten vom 11. April 1845 gegen diese Neuerung aus, die gerade das Gegen- 
theil von einer Förderung dieses wichtigen Instituts zu bewirken geeignet sei. Wer sein 
Glück als Privatdocent versucht — so wurde ausgeführt — handele aus freiem Entschluss 
und in reiner Liebe zur Wissenschaft: er wisse, dass er damit irgend ein Recht auf Beför- 
derung nicht erwerbe. Aber eben diese unbedingte Hingabe sei nöthig zu einem wirklichen 
Erfolge. Deshalb sei das Privatdocententhum die Basis der ganzen Universität als einer 
lehrenden Körperschaft, aus welcher sie sich am zweckmässigsten recrutire. Das vom 
Minister befürchtete Eindringen Untüchtiger oder gar Unwürdiger sei durch die Habilitations- 
prüfungen ausgeschlossen. Die vorgeschlagene Bestimmung würde nur bewirken, dass die 
Docenten durch allerhand äusserliche Mittel — also in unwissenschaftlicher Weise — Erfolge 
zu gewinnen trachteten. Auch könne man doch nicht Allen ohne Unterschied dieselbe Probe- 
zeit vorschreiben, da der Eine sich schnell, der Andere langsam entwickele. Was würde 
unter dem Druck einer solchen Bestimmung wohl aus dem berühmtesten Lehrer der Albertina 
geworden sein, da Kant volle fünfzehn Jahre über die Privatdocentur nicht hinausgekommen 
sei? Und welche Kränkung würde dem Ehi-gefühle eines strebsamen jungen Mannes zugefügt 
werden, dem man nach vier Jahren die Verlängerung der Venia legendi verweigerte und ihn 
so gleichsam geistig bankerott erklärte! Zudem sei doch auch in anderen Berufsarten ein 
Unterkommen nicht so leicht zu finden, wie denn vor der juristischen Laufbahn bereits 
amtlich wiederholt gewarnt worden sei. Sinn und Bedeutung des Privatdocententhums als 
einer für die deutschen Universitäten nicht bloss charakteristischen, sondern zu ihrem Gedeihen 
unentbehrlichen Institution fasst das Gutachten in die bemerkenswerthen Worte: „Die Venia 
legendi ist nur die Aufhebung der negativen Bestimmung, dass nicht Jeder überall laut sagen 
darf, was er möchte. Ohne Zweifel kann jede Regierung aus höheren Rücksichten das 
natürliche Recht der freien Aeusserung beschränken ; ob aber auch aus gleichsam bloss väter- 
licher Rücksicht auf das eigene Wohl derer, die es betrifl't, erscheint mindestens zweifelhaft 
und würde gewiss zu gehässigen Auslegungen Anlass geben." Besonders bedenklich erschien 
dem Generalconcil die geplante Neuerung für die philosophische Facultät, weil bei der Ver- 
einigung der verschiedensten Fächer in ihr die Entscheidung über die Ei-streckung der einem 
Privatdocenten verliehenen Venia legendi oft genug in der Hand eines einzelnen, sachlich 
allein competenten Fachordinarius liegen, ein solcher aber doch wohl nicht unter allen Um- 
ständen der Versuchung widerstehen würde, einen ihm unbequemen Jüngern Concurrenten zu 
beseitigen. Solchen Gefahren aber dürfe man die Leute nicht aussetzen, welche auch als 
Mittelglieder zwischen Professoren und Studenten unentbehrlich seien: ihr gerade dafür be- 
sonders wichtiger idealer Sinn würde gestört werden, wenn sie schon vor dem Eintritt in die 
akademische Lehrthätigkeit sich aul ein anderes Amt vorbereiten und dazu befähigen müssten.^) 

1) Phil. Fac. A I. It. Rosenkranz' Papiere. 



158 

Nach alledem stand das Generalconcil nicht an, sich schliesslich dahin zu äussern, die geplante 
Aenderung sei „keine Reform zum Bessern, vielmehr eine das Wesen des Instituts der Privat- 
docenten und damit zugleich das der deutschen Universitäten vernichtende Revolution." Wie 
zutreffend übrigens hier das Wesen der Berechtigung zu akademischer Lehrthätlgkeit in der 
Freiheit gefunden war seine Meinung zu äussern, lehrte der damals gemachte Versuch, den 
Gebrauch dieses Rechts auf den eng geschlossenen Kreis der Universität selbst zu be- 
schränken, um eine Einwirkung der akademischen Lehrer auf das schneller pulsende öffent- 
liche Leben möglichst auszuschliessen. Ein Erlass des Ministers des Innern verfügte entgegen 
der bisher geübten Praxis, dass Universitätslehrer, wenn sie vor einem gemischten Publicum 
A''orträge halten wollten, dazu die Genehmigung sowohl des Oberpräsidenten als auch des 
ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten einholen müssten.') 

Sicherlich wurden die Universitäten durch solche Maassregeln nicht gehoben. Rechte 
Berufsfreudigkeit und Schaffenslust konnte bei ihren Lehrern kaum noch aufkommen. Ver- 
stimmung und Entmuthigung gewannen bei den Einen, Aeusserlichkeit und Streberthum bei 
den Änderen die Oberhand, und je mehr Jemand in den Traditionen der glücklicheren fi-üheren 
Zeiten heimisch war und an den dort wurzelnden Idealen festhielt, um so fremdei und unbe- 
haglicher fühlte er sich in diesen Verhältnissen und um so trüber sah er Gegenwärt und Zu- 
kunft. So bemerkte damals Rosenkranz in seinem kurz andeutenden Erinnerungsbuch: 
„Seit dieser Zeit siecht die Universität; nur wenige ihi-er Lehrer sind davon frei durch Geld, 
Beförderung, Orden corrumpirt werden zu können oder es schon zu sein." Und den Zeitraum 
von 1844 — 47 kennzeichnete er nachmals mit den harten Worten: „Die Wissenschaften werden 
ganz handwerksmässig betrieben uud der Geist immer seltener. Die Studenten, alle fast durch 
Beneficien abhängig gemacht, sind ohne Selbständigkeit." „Noch dominirt die philosophische 
Facultät; aber die Zeit ist vielleicht nicht fern, wo die theologische herrscht." In der gleichen 
Richtung bewegten sich auch die Besorgnisse Lobecks: „Unsere Universität" — schrieb er 
den 25. December 1845 au Gottfried Hermann,-) — „welche in den letzten Jahren die schmerz- 
lichsten Verluste erlitten hat, — recrutirt sich jetzt natürlich im Geist des jetzigen Kirchen- 
regiments mit Jüngern des Hosius und Athanasius. Es steht uns allem Anschein nach eine 
lange Nacht bevor — /"(J>j y('Q aca/.oiäui, sagt Thukydides I, 51.-' Diese Stimmung erklärt 
es, wie damals selbst unbedeutende Vorgänge mit leidenschaftlichem Eifer aufgefasst werden 
und Demonstrationen veranlassen konnten, die, an sich recht unschuldig und jedenfalls un- 
gefährlich, erst durch die heftige Gegenwirkung, die sie erzeugten, zu unverdienter Wichtig- 
keit erhoben wurden. Es wurden in dem Verhältniss zwischen Regierung und Universitäten 
ähnliche Fehler gemacht, wie sie dreissig Jahre früher gegenüber der akademischen Jugend 
begangen waren: man nahm Alles zu tragisch und machte geringe Uebel dadurch erst recht 
schlimm. In diesen Fehler verfielen aber auch die Professoren, und wenn die so zwischen 
beiden Theilen entstandene Spannung schliesslich die ihrer gemeinsamen Pflege befohlenen 
Interessen zu schädigen drohte, so traf die Verantwortung dafür keineswegs bloss die eine 
Seite. Besonders das Jahr 1845 — 46 war reich an bedauerlichen Irrungen der Art. 

14 P. 77. I. 

2) Ludwich, S. 479. 



159 

Am 3. März 1845 zeigte der Professor des KircheHrechts Jacobson dem Prorector 
ßurdacb au, er habe das ihm von der Regierung angetragene Amt eines Bezirkscensors 
abgelehnt. Daraufbin bescbloss das Generalconcil auf Antrag von Bui'dacbs Nacbfolger im 
Prorectorat, Rosenkranz, am 11. April mit 14 gegen 11 Stimmen, an Jacobson ein Dank- 
und Glückwunschscbreiben zu richten. Darin wurde dem von ihm gethanen Schritt eine 
Deutung gegeben und eine Motivirung untergeschoben, die Jacobson fern gelegen zu haben 
scheint oder die er doch nicht so offen ausgesprochen zu sehen wünschte. Aber die 
Mehrheit des Generalconcils benutzte gern die Gelegenheit, um im Einklang mit der öffent- 
lichen Meinung gegen die Censur und für Pressfreiheit zu demonstriren. In dem aus Rosen- 
kranz' Feder geflossenen Schriftstück hiess es:') „unzweifelhaft hat die Rücksicht auf den 
Beruf, den wir, Ihre Collegen, mit Ihnen theilen, Sie hierbei geleitet und zu einem Resultat 
geführt, das wir für unabweisbar halten. — Wenn uns als akademischen Lehrern vom Staat 
die Aufgabe geworden ist, ihm die Organe zu bilden, deren er zur Erfüllung seiner höheren 
Zwecke bedarf, so haben wir damit Verpflichtungen von so ernster Art, so weit abliegend 
von vorübergehenden Tagesinteressen, überkommen, dass es uns unmöglich erscheint, sie mit 
der polizeilichen und einer festen Norm sich entziehenden Thätigkeit eines Censors, wie sie 
Ihnen angetragen wurde, zu vereinigen. Wir vermögen nicht abzusehen, wie dem Vertrauen, 
welches der Staat in uns setzt, zu entsprechen sei, wenn unsere Bemühungen darauf gerichtet 
werden sollen, die zum Theil kleinlichen und vergänglichen Tendenzen einer mannigfach 
zerrissenen Gegenwart herauszufühlen, ja auszuspähen, um dann mit mehr oder minder 
subjectiver Willkür in dieselben einzugreifen. Traurige Conflicte, Verdächtigungen aller Art 
und von allen Seiten sind die nothwendige Folge einer solchen Thätigkeit. Diese Erwägungen 
sind es ohne Frage gewesen, welche vor nicht langer Zeit ein hiesiges Richtercollegium die 
Ansicht aussprechen Hessen, dass das Amt des Ricliters mit dem eines Censors nicht ver- 
träglich sei. Wir freuen uns durch die That es bestätigt zu sehen, dass Ew. Hochwohlgeboren 
denselben Erwägungen dieselbe Kraft eingeräumt haben, und wir bitten Sie, dies Schreiben 
als ein Zeichen der Genugthuung entgegennehmen zu wollen, welche Ihr Entschluss bei uns 
hei-voi-gerufen hat." Da trat eine unerwartete Wendung ein: Jacobson verweigerte im Voraus 
die Annahme des Schreibens, dessen Inhalt ihm bekannt geworden war: er könne Niemandem 
ein Urtheil über seine Handlungsweise zugestehen, sei sich aber bewusst nur von ehrenhaften 
Motiven geleitet worden zu sein.^) Von diesem Zwischenfalle machte Rosenkranz den 17. April 
dem Generalconcil Mittheilung, da er dessen Beschluss nicht hatte ausführen können, gab 
aber gleichzeitig von dem Inhalt der Adresse dem ausserordentlichen Regierungsbevoll- 
mächtigten, Geh. Rath Reusch, amtlich Kenntniss. Dieser sprach dafür dankend am 19. April 
den sehr billigen Wunsch aus, dass „das Schreiben des Generalconcils, bei dessen Abfassung 
dasselbe ganz aus seinem Berufskreise getreten sei, nicht abgesendet, sondern die Angelegenheit 
ganz beseitigt und die Unannehmlichkeit der Nichtannahme seines Schreibens dem General- 
concil erspart werde."*) Ohne Frage wäre die Sache damit am Besten erledigt gewesen. Da 

1) 0. öl. Rosenkranz' Papiere. 

2) Rosenkranz (14. April). 

3) Rosenkranz a. a. 0. 



160 

brachten Anfang Mai fast gleichzeitig der „Elbinger Anzeiger" und die „Rhein- und Mosel- 
zeitung" ausführliche Berichte über das „Belobigungsschreiben" an Jacobson, mit dem Zusatz, 
auf seine Weigerung, dasselbe anzunehmen, sei ihm geantwortet worden, „dass, wenn ihn 
auch andere als die vorausgesetzten Motive zur Nichtannahme des Censoramts bestimmt hätten, 
jedenfalls das gewonnene Resultat erfreulich sei." 

Nun wurde der Regierungsbevollmächtigte von dem Ministerium zur Berichterstattung 
aufgefordert. Auch innerhalb des Generalconcils erhoben sich bei einem , .zwanglosen Meinungs- 
austausch" (7. Mai) über die Sache, die man im Uebrigen für abgethan hielt, Stimmen, welche 
in dem gefassten Beschluss eine Competenzüberschreitung sahen, weil er ein Staatsinstitut 
ungehörigem Tadel unterworfen habe. Die Mehrzahl aber meinte mit Rosenkranz, es sei in 
jenem Schreiben, wenn man ihm nicht Gewalt anthue, doch nur die Ansicht von der Unver- 
träglichkeit des Censoramtes mit dem Beruf eines Professors in jetzigen Zeitläufen aus- 
gedrückt. Es sollte sich bald zeigen, wie ganz anders der Vorgang an maassgebender Stelle 
aufgefasst wurde. 

Ein Zwischenfall ähnlicher Art verschärfte die vorhandenen Gegensätze. Ende des 
Jahres 1845 wurde der Polizeipräsident Dr. Ab egg, der sich bei der Bürgerschaft all- 
gemeiner Beliebtheit erfreute, als Eisenbahncommissar nach Breslau versetzt. Aus diesem 
Anlass beantragte der Prorector Rosenkranz am 8. November im Senat, dem Scheidenden 
durch eine Inscription, d. h. eine in Form eines Diploms gefasste lateinische Adresse die 
dankbare Gesinnung der Universität für die ihr, besonders bei Gelegenheit des Jubiläums 
bewiesene Theilnahme auszudrücken. Obgleich Zweifel an seiner Zuständigkeit ausgesprochen 
wurden und man empfahl, die Sache an das Generalconcil zu bringen, erklärte der Senat sich 
dennoch mit acht gegen sechs Stimmen für competent und beschloss, die Inscription durch den 
Prorector und die vier Decane überreichen zu lassen.') Erst auf den formellen Protest zweier 
Senatoren — E. Meyers und des Universitätsrichters Becker — stand man von der Aus- 
führung dieses Beschlusses ab und brachte die Sache vor das Generalconcil, unter Mittheilung 
eines Schreibens des ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten Geheimraths Reusch vom 
12. November, worin von der beabsichtigten Inscription abzusehen gerathen wurde, weil der 
scheidende Polizeipräsident sich durch die Zeitung alle Ehrungen ausdrücklich verbeten habe 
und diese obenein Missdeutungen ausgesetzt sei, die für den Empfänger ebenso schädlich 
werden könnten wie für die Urheber; deshalb habe ja auch der Magistrat die von den Stadt- 
verordneten beschlossene Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Dr. Abegg nicht bestätigt. 
Natürlich verschärfte dies Eingreifen den vorhandenen Gegensatz nur noch. Den Wortlaut 
der Inscription hatte inzwischen Lobeck als Professor der Eloquenz festgestellt: Viro erudi- 
tissimo, clai'issimo, Academiae Albertinae alumno, J. U. Doctori, qui et eo tempore, quo 
numero doctorum privatim docentium adsci'iptus et postea quam diu curae urbis praefectus 
fuit, non solum summa erga cives academicos comitate usus est, sed omnino omnes singulari 
animi candore, morum elegantia, ingenuarum doctrinarum et artium favore ita sibi devinxit, 
ut memoriam nominis munerisque sui perpetuum reliquerit, Prorector et concilium generale 



1) C. 77. S. 152. 



161 

Academiae Regimontanae vcteris necessitudiuis memores graliam et amicitiam coinmuiiibus 
suffragiis testificantur discedenti postremum valedicentes. Obgleich uun in dem GeneralcoDcil 
(14. November) darauf hingewiesen wurde, dass in der Inscription jede politische Demonstration 
vermieden und als Grund der Ehrenbezeugung nur Dr. Abeggs gute Beziehungen zur Univer- 
sität geltend gemacht seien, so standen schliesslich doch 14 gegen 14 Stimmen. Des Prorectors 
Stimme gab den Stichentscheid zu Gunsten seines Antrages. Gewiss war das ein bedenk- 
liches Verhältniss. So legten denn auch die in die Minorität versetzten Mitglieder des General- 
concils mit etlichen in der Sitzung selbst nicht zugegen gewesenen Collegen — (es waren die 
Theologen Lehnert, Sieffert und Dorner, die Juristen Schweikardt, von Buchholtz, Backe, 
Jacobson und Sanio, d. i. die gesammte juristische Facultät — die Mediciner Rathke, Seerig, 
B. Meyer, W. Cruse und Hirsch und die Philosophen Voigt, Drumann, Schubert und Hagen 
nebst dem üniversitätsrichter Becker) — förmlich Protest ein, „weil sie durch einen solchen 
Beschluss, zumal der so zu Stande gekommen", „die Interessen der Universität in keiner 
Weise gefördert, sondern nur gefährdet sehen könnten". Auch der Regierungsbevollmächtigte 
sah in dem Beschluss eine Manifestation, welche die in Betreff des Polizeipräsidenten er- 
griffene Regierungsmaassregel als mindestens nicht gerechtfertigt darstellte. Er focht die 
Rechtsgiiltigkeit desselben an: nach Analogie der fiir Ehrenpromotionen geltenden Be- 
stimmungen könne eine solche Maassregel nur mit Stimraeneinhelligkeit beschlossen werden. 
Auf Grund einer in Vergessenheit gerathenen Bestimmung vom Jahre 1819, welche alle aka- 
demischen Drucke von seinem Imprimatur abhängig machte, untersagte er den Druck der 
Inscription. Da nun auch die andere Seite das Bedenkliche der ganzen Sache wohl einsah, 
so schien dieselbe nach einem stillschweigenden Uebereinkommeu der Parteien gleichsam 
begraben werden zu sollen, was auch im Interesse der Universität zweifellos zu wünschen 
gewesen wäre. 

Wiederum aber waren die Vorgänge im Schooss des Generalconcils in die Presse 
und so in die weiteste Oeffentlichkeit gekommen. In Berlin, wo zudem noch die Jacobsonsche 
Sache schwebte, nahm man daran begreiflicher Weise schweren Anstoss. Man sah in der für 
Abegg beschlossenen Ehreninscription „nur eine ungebührliche, den Lehrern der Jugend am 
wenigsten geziemende Demonstration gegen die Maassregeln der Regierung". Der Regierungs- 
bevollmächtigte wurde angewiesen, „den Hergang der Sache sowie die Theilnahme der Ein- 
zelnen, sowohl bei diesem Vorgang als bei der für Professor Jacobson beschlossenen Dank- 
adresse wegen des abgelehnten (Jensoramts, auf das Genaueste zu untersuchen." Zum 
Commissar für das daraufhin eröffnete Scrutinialverfahren wurde der Oberlandesgerichtsrath 
Jarke bestellt. Die Verhöre nahmen ihren Anfang; im weiteren Verlauf stand dann eine 
Disciplinaruntersuchung gegen die Hälfte der Königsberger Professoren in Aussicht. Selbst 
Lobeck musste darin verwickelt werden, obgleich er vorsichtig den ursprünglich gebrauchten 
Ausdruck ,,liberalium doctrinarum" in „ingenuarum doctrinarum" verändert hatte, weil er bei 
Abeggs bekanntem Liberalismus leicht hätte von „liberalen Theorien'' verstanden werden 
können.^) Scherzend schrieb er deshalb an Gottfried Hermann am 23. December 1845:^) 

1) Fr jedländer, Aus Lobecks Briefwechsel, S. 142. Ijtulwicb. S. 435. 

2) Ludwich, S. 434/35, 



162 

„Vielleicht haben Sie noch nicht erfahren, dass ich nebst zehn anderen CoUegen in Unter- 
suchung gezogen worden bin, weil wir eine (sehr unschuldig lautende) Dankadresse an den 
von hier versetzten (nicht abgesetzten) Polizeipräsidenten Abegg votirt hatten. Einige pro- 
phezeien uns wenigstens Suspension, und mich ergötzt der Gedanke, dass man vielleicht nach 
Jahrhunderten in einer lateinischen Chronik der Universität Königsberg lesen wird : anno do- 
mini 184n decem professores ordinarii suspensi sunt, woraus eine noch spätere Nachwelt auf 
eine grosse Strenge der Criminaljustiz in unserem Zeitalter schliessen wird oder auch auf 
grosse Entartung der Professoren." 

Ganz so schlimm wurde es nun freilich nicht. Selbst die in Aussicht gestellte Disci- 
plinaruntersuchuug unterblieb in Folge der schönen Bethätigung wahrer CoUegialität durch 
die sachlich in der Opposition befindlichen Mitglieder des Generalconcils. Diese 14 wandten 
sich am 6. Juni 1846 in einer eindringlichen Vorstellung an den Cultusminister Eichhorn 
und legten ihm „im Interesse der Universität, die durch die drohende Disciplinaruntersuchuug 
gegen einen gi-ossen Theil des Lehrkörpers auf das Schmerzlichste berührt ist, und zur 
Steuer der Wahrheit" folgendes dar. Wenn der betreffende Antrag ihnen auch weder ange- 
messen noch räthlich erschienen sei, so hätten sie darin doch keineswegs ein Vergehen oder 
eine strafbare Auflehnung gegen Beschlüsse des Staates erblicken können, wie denn auch von 
den Befürwortern jede Absicht der Art entschieden in Abrede gestellt sei und sie — auf 
Beamtenehre — kein Wort gehört hätten, das gegen die Loyalität Verstössen hätte. Das zu 
bezeugen fühlten sie sich jetzt gedrungen — „nicht etwa um Verzeihung für unsere Collegen 
zu erbitten — ihre Vertheidigung können wir ihnen füglich selbst überlassen — , sondern um 
ein so grosses Missgeschick, wie es in einer zu verhängenden Disciplinaruntersuchung für die 
Universität und alle ihre Mitglieder liegen würde, womöglich abzuwenden. Denn nicht bloss 
die Ehre der Universität, welche auch unsere Ehre ist, würde durch eine Maassregel wie die 
in Aussicht gestellte aufs Empündlichste berührt, es würde auch im Schoosse unserer Corpo- 
ration vielleicht auf lange Zeit eine Spaltung entstehen, welche das wesentlichste Interesse 
und eine gedeihliche Wirksamkeit unserer Universität aufs Ernstlichste gefährden dürfte." 
Von der Gerechtigkeitsliebe, der Gewogenheit und der Fürsorge des Ministers für die Alber- 
tina hoffen die Bittsteller „von der Universität nicht allein so grosse Nachtheile abgewandt, 
sondern ihr auch bald dasjenige Vertrauen wieder geschenkt zu sehen, ohne welches sie den 
Ansprüchen, die mit Recht an sie gemacht werden, zu genügen nie im Stande ist." Diese 
Verwendung machte in Berlin doch einigen Eindruck. Von dem Standpunkte des Rechts aus 
freilich war der Ausgang dieser Angelegenheit befremdlich und anfechtbar genug. Am 
7. April 1846 nämlich fand in dem Generalconcil nach Ausweis des Protokolls^} statt die 
„Verlesung des Rescripts des Herrn Cultusministers sowie der Cabinetsordre Sr. Majestät 
in Betreff der Jacobson-Abeggschen Angelegenheit." Der Inhalt beider Schriftstücke, die 
heute nicht mehr auffindbar sind, erhellt aus einem Brief Lobecks vom 15. December 1846.^) 
„Von meiner Verwickelung in eine Fiscaluntersuchung wird Dir wohl B. erzählt haben. Den 



1) C. 77 f. 187. 

2) Friedländer, S. 147. 



163 

Mitschuldigen bat der König in einer Cabiuetsordre sein Vertrauen entzogen; zwei von uns, 
Burdacb und Rosenkranz, sollen nicbt wieder Prorectoren werden, bis sie bessere Gesin- 
nungen gezeigt haben; ich bin nicht dabei namentlich genannt, obwohl der Minister privatim 
sich beschwert hat, dass ich als Uebersetzer der culpablen Danksagung mitgewirkt habe." 
Zudem wurde klai-, dass man sich in Unkenntniss der wahren Sachlage übereilt habe. 
Wenigstens erklärte Rosenkranz in einem schriftlichen Nachtrag zu seinen Aussagen vor 
dem Commissar Jarke olfen, er habe das ihm zum Vorwurf gemachte Verfahren eingeschlagen, 
„weil ihm gänzlich unbekannt war, dass der Herr Polizeipräsident Dr. Abegg durch die Regie- 
rung einer Schuld wegen verurtheilt worden;" er würde seineu Autrag nicht gestellt haben, 
hätte er gewusst, „dass die Versetzung des Herrn Präsidenten nicht bloss eine einfache Ver- 
waltungsmaassregel sein, sondern eine Strafe hätte involviren sollen." Besonders bemerkens- 
werth ist, dass dieser Vorgang, der den Lehrkörper Anfangs in zwei einander schroff gegen- 
überstehende Parteien getheilt zeigte, für seine fernere Einheit und Harmonie nur günstige 
Wirkungen gehabt hat. Als wenige Tage nach jener Mittheilung der Senat sich für das 
neue Studienjahr constituirte, äusserten Rosenkranz und der Mediciner Sachs Bedenken 
darüber, ob sie dieser Körperschaft angehören könnten, „nachdem ihnen der Verlust des 
Allerhöchsten Vertrauens angeiiündigt sei." Aber das Generalconcil erklärte sich für nicht 
berechtigt, sie ihres Senatorenmandats zu entlassen, und auf eine schriftliche Darlegung ihrer 
Bedenken erhielten beide die Antwort, man sehe keinen Grund, weshalb sie nicht im Senat 
sitzen sollten.^) 

Auch innerhalb der Studentenschaft machte sich damals eine gesteigerte Unruhe 
geltend. Die Spannung zwischen den Parteien machte selbst die Abhaltung der altüblichen 
Studentenbälle drei Jahre hindurch (1842 — 45) unmöglich. Erst im Winter 184.5 — 46 lebten 
sie wieder auf, dank namentlich dem vermittelnden und ausgleichenden Einfiuss, den der all- 
gemein beliebte Rosenkranz als Prorector übte. Desselben Versuch, dem Unwesen der Duelle 
zu steuern und namentlich den bisher festgehaltenen Duellzwang abschaffen zu lassen, hatte 
freilich keinen Erfolg, so energisch und sachlich überzeugend er in einer an die Studirenden 
gehaltenen Rede dafür eintrat. Gesteigert wurde die Erregung der akademischen Jugend 
noch durch die Denunciationen und Hetzereien des „Freimüthigen", mit dessen Redacteur Pflugk 
es in Folge dessen zu einer Art von Kriegszustand kam.^) Auch hat es an extremen Ele- 
menten unter der Studentenschaft damals nicht gefehlt, und nur allzu gern lauschten diese 
den öffentlichen Vorträgen und Declamationen, die durch Walesrode, W. Jordan undR. Gottscball 
in Mode gebracht waren. Es war doch auch ein Zeichen der Zeit, dass der letztgenannte 
1846 zum juristischen Privatdocenten zugelassen wurde, wie Rosenkranz bemerkt, „unter der 
Aegide eines praktisch unmöglichen Nihilismus." Auch waren von den in Königsberg stu- 
direnden Polen etliche in die damals angezettelte Polenverschwörung verwickelt und wurden 
in Haft genommen; einige minder Gravirte blieben gegen Ehrenwort auf freiem Fusse, ent- 
zogen sich aber nachher dem weiteren Verfahren durch die Flucht.^) 

1) 0. 77 Vgl. 107 f. 

2) Vgl. S. 155. 

3) Rosenkranz a. a. ü. 



164 

So war es fast als ein Glück anzusehen, dass auch für die akademischen Kreise 
bald wichtigere Probleme und sachlichere Interessen in Frage kamen, bei deren Erörterung 
im ernsten Kampfe mit Gründen streitender Meinimgen nicht bloss politische Theorien im 
Dienste leerer Demonstrationen mit einander rangen, sondern auch für die Entwicklung der 
Universität ein positiver Gewinn gemacht werden konnte. Dazu gab zunächst die reforma- 
torische Gesetzgebung den Anstoss, die mit dem Zusammentritt des Vereinigten Landtages 
im Frühjahr 1847 begann. Sie stellte eine Reihe von principiellen Fragen, die nicht bloss 
für die rechtliche Stellung, sondern auch für die Organisation und die künftige Wirksamkeit 
der Universitäten überhaupt wichtig waren. Bereits am 24. März 1847 hatte der Cultus- 
minister „eine völlige Umarbeitung der Facultätsstatuten" verfügt, „um eine möglichste Ueber- 
einstimmung der Statuten der verschiedenen Facultäten zu erzielen." Eine Commission wurde 
mit der Arbeit betraut,') die übrigens für die Albertina schon längst nöthig war, weil die 
noch geltende Fassung der Facultätsstatuten mit den allgemeinen Statuten nicht im Einklänge 
stand, wie sie als Ergebniss langjähriger Verhandlungen durch Allerhöchste Bestätigung am 
4. Mai 1843 in Kraft getreten waren. ^) Auch diese erschienen der neuen Gesetzgebung 
gegenüber bald nicht mehr durchweg haltbar. Nachdem insbesondere durch das Gesetz vom 
27. Juli 1847 die staatsbürgerlichen Rechte von dem religiösen Bekenntniss unabhängig gemacht 
worden waren, entstand die Frage, ob der confessionelle, specitisch protestantische Charakter 
unverändert bewahrt werden könnte, den im Einklänge mit ihrer nächsten Bestimmung der 
Albertina ihr Stifter gegeben hatte. Schon im September regte Professor Schubert bei 
seinen Collegen Erwägungen an, ob die dadurch gebotene Ausschliessung nicht evangelischer 
Lehrer nicht aufzuheben wäre.^) Auch forderte ein Ministerialerlass vom 28. September eine 
gutachtliche Aeusserung über die Zulassung von Katholiken und Juden zum akademischen 
Lehramt.*) Noch bei- der Berathung der 1843 in Kraft getretenen Statuten hatte sich die 
Mehrheit des Collegiums für den Ausschluss beider erklärt, nicht sowohl aus principiellen 
Gründen, als vielmehr im Hinblick auf die Stiftungsurkuude und die durch sie begi'ündete 
historische Stellung dei- Albertina und unter Berufung auf etliche Präcedenzfälle, in denen 
gegenüber den im Lehrkörper selbst herrschenden Zweifeln von Allerhöchster Stelle gegen 
die Zulassung von nicht protestantischen Bewerbern zur Habilitation entschieden worden war. 
Dies war namentlich geschehen gegenüber dem jüdischen Dr. med. Jacobson durch eine 
Königliche Cabinetsordre vom 4. September 1822 und dann in Bezug auf einen Katholiken durch 
eine solche vom 24. December 1834 aus Anlass der Bewerbung des Stadtphysikus Dr. Karl 
Theodor Ernst von Siebold.^) Auf Grund dieser Präcedenzfälle war dann auch 1841 dem 
jüdischen Dr. Goldsticker die Habilitation in der philosophischen Facultät verweigert worden. 



1) C. 77, I, S. li)3. 

2) Vergl. S. 98. 

3) C. 77 A., S. 20(;. 

4) Philos. Fac. A. 1. Adliib. 

5) Geb. den l(i. Februar 1804 zu Würzburg als zweiter Sohn von Adam Elias von Siebold (1775—1828), 
der früh als Zoologe Ruf gewann, 1Ö31 Kreisphysikus in Heilsberg, 1834 Stadtphysikus in Königsberg, aber noch 



165 

Heftig stiessen nun auch 1847 bei der Erörterung der vom Ministerium gestellten Frage 
die Meinungen zusammen, namentlich in der philosophischen Facultät.") Während der Natio- 
nalökonom C. Hagen urtheiite, die Sache sei durch das erlassene Gesetz bereits entschieden, 
trat Schubert mit Wärme tür die Zulassung sowohl der Juden wie der Katholiken ein; 
desgleichen thaten im Wesentlichen mit derselben Motivirung Lobeck, E. Meyer, Rosen- 
kranz, Eichelot u. A. Dagegen nahmen die beiden Historiker J. Voigt und Drumann eine 
schroff ablehnende Haltung ein. Zunächst war nach ihrer Meinung in den vier Jahren, die 
seit der Genehmigung der zur Zeit geltenden Statuten verflossen waren, irgend ein Be- 
dürfniss nach einer solchen Aenderung nicht bemerkt worden. Drumann insbesondere 
machte kein Hehl daraus, dass er die Concurrenz der Juden für die Christen fürchte. Im 
Ganzen sprachen sich von den Ordinarien der Albertina 22 für und 7 gegen die Zulassung 
der Juden aus. Im Generalconcil wurde demgemäss den 31. Januar 1848 mit 17 gegen 
6 Stimmen (des Theologen Lehnert, der Juristen Jacobson und Mejer, der Mediciner Seerig 
und Rathke und des Philosophen J. Voigt) die Unvereinbarkeit der zur Zeit geltenden Statuten 
mit dem „neuen allgemeinen Judengesetz" erklärt, und dann mit 18 gegen 5 Stimmen die 
Aufhebung der Ausschliessung aller Nichtevangelischen zu beantragen beschlossen. Sollte 
diese — die auch den Katholiken zu Gute kam — nicht zugestanden werden, so sollte, wie 
ebenfalls mit 18 gegen 5 Stimmen erklärt wurde, auch von der Zulassung der Juden abge- 
sehen werden. Eine Commissiou erwog, wie es dann hinfort mit den akademischen Aemtern ge- 
halten werden sollte. Auf ihren Vorschlag sprach sich das Generalconcil am 14. Januar 1848 
dahin aus,^) es sollten das Prorectorat und das Amt eines Stipendiencurators nur von Prote- 
stanten bekleidet werden dürfen, während das Decanat allen Ordinarien ohne Unterschied der 
Confession zugänglich sein sollte. Auch einigte man sich in der Forderung, dass in den Lehr- 
fächern der Geschichte, der Philosophie und des Staats- und Kirchenrechts die Zahl der nichtevan- 
gelischen Lehrer die der evangelischen des gleichen akademischen Ranges nicht übersteigen 
dürfte. Zur Erledigung fi-eilich kam die ganze Sache damals noch nicht: erst zwanzig Jahre 
später wurde diese in anderer, weniger vorbehaltreicher Weise herbeigeführt. 

Mit so vielen anderen Fragen wurde auch diese in den Hintergrund gedrängt durch 
die Ereignisse, die der März 1848 brachte. Dank der Entfernung Königsbergs von dem 
Centrum der Bewegung und der kühleren Art der Ostpreussen nahmen die Dinge hier einen 
ruhigem Verlauf. Dazu trug auch die ruhige Besonnenheit bei, womit die akademischen 
Behörden den Eifer der leicht erregbaren Studentenschaft mässigten, indem sie ihren 
unschuldigen Wünschen klug nachgaben, so ihre sonst leicht irregeführte Kraft in unschädlicher 
Weise beschäftigten und die Leitung fest in der eigenen Hand behielten. Unterstützt wurden 
sie dabei auch durch den löblichen gesetzlichen Sinn, der die akademische Jugend der Albertina 



im Herbst desselben .lalires IMrector der HebammeDanstall in JJanzig, wurde, „um bequem seinen zoologischen 
Studien in der Ostsee nachgehen zu können", von K. E. von Baer in erster Linie zu seinem Nachfolger gewünscht, 
dann 1!S40 Professor in Erlangen, 1845 in Freiburg i. B., 1850 in Breslau und seit 1853 eine der Zierden der 
Münchener Hochschule, gest. 7. April 1885. 

1) Philos. Pac. A. 1. Adhib. 

2) C. 77, I. Pol. 215— Hi. 



166 

im Allgemeinen auszeichnete. Freilich möchte man verrauthen, es habe dabei derselbe Umstand 
mitgewirkt, auf den Miher bereits die Gleichgültigkeit der Königsberger Studenten gegen 
die politischen Zeitfragen amtlich zurückgeführt war, nämlich die notorische Armuth der 
meisten: für ihren Unterhalt zu sorgen genöthigt, hatten sie nicht Zeit und Mittel zum 
Zeitunglesen und daher weder Lust noch Neigung zu politischen Discussionen. 

Einzelne Tumulte in der ersten Hälfte des März entbehrten, wie der Senat constatirte, 
jeder politischen Bedeutung und konnten höchstens als unpassender studentischer Ulk in 
Anspruch genommen werden, mit dem man hier und da die aufgeregte Arbeiterbevölkerung 
hatte hänseln wollen.') Zudem waren nach dem eben erfolgten Semesterschluss nur etwa 
80 Studirende in der Stadt. Unter diesen fehlte es freilich nicht an solchen, die eine Rolle 
zu spielen wünschten. Sie hielten Versammlungen im Albertinum, „um ihre Stellung bei sich 
entwickelnden Unruhen zu beratlien", und suchten die Erlaubniss zur Abhaltung einer 
allge7ncinen Studentenversammlung nach, welche die von der Studentenschaft einzunehmende 
Haltung und ihren Anschhiss an die etwa zu bildende ßürgergarde erörtern sollte. Nach 
Rücksprache mit dem commandirenden General, Grafen Dohna, dem Oberpräsidenten 
von Bötticher und dem Regierungsbevollmächtigten Geheimrath Reusch beschloss der Senat 
am 17. März, die Studirenden dahin zu bescheiden, dass man unter Anerkennung der 
bethätigten guten Gesinnung ihr Anerbieten freundlich dankend ablehne, namentlich so lange 
auch die Hülfe der Bürgerschaft zur Aufrechtcrhaltuug der Ordnung nicht nachgesucht zu 
werden brauche.^) 

Auf die Kunde freilich von dem, was am 18. März in Berlin geschehen war, stieg 
auch hier die Erregung. Am 21. März bildete sich unter der Autorität des Magistrats in der 
Bürgerschaft eine „Schutzcommission"; ihr zur Seite trat ein „Akademischer Schutzverein". 
Er war entsprechend den drei Stadttheilen in drei Corps getheilt, jedes unter einem gewählten 
Anführer. Gemäss der Weisung, die ihm der Prorector J. Voigt ertheilte, sollte der 
akademische Schutzverein durchaus im Einverständniss mit der bürgerlichen Schutzcommission 
handeln, d. h. nur auf ihr Verlangen und nach ihren Anordnungen in Action treten. Beider 
Beziehungen zu befestigen und die Gemeinsamkeit ihres Handelns zu sichern, traten dem 
akademischen Schutzverein auch etliche Professoren bei. Zu seinem Vorsteher wählten die 
Studirenden erst den allgemein beliebten Rosenkranz und, nachdem dieser dankend ab- 
gelehnt, Richelot, dem als Stellvertreter Eduard Simson beigeordnet wurde. Nicht lange 
danach begann die Organisation einer Bürgerwehr. Dabei trug Richelot in vertrauensvollem 
Zusammenwirken mit den einflussreichen Leitern der allgemeinen Studentenversammlungen 
Heinrich und Schulz erfolgreich dafür Sorge, dass in Anerkennung des bewiesenen ge- 
setzlichen Sinns und guten Willens von Seiten der mit dem Ende der Ferien sich zahlreicher 
einfindenden Studirenden die „Studentenwehr" ihre Sonderstelkmg behielt: „als ein an sich 
freies Institut sollte sie sich auch aus den freien Wünschen und Tendenzen der Studirenden 
selbst entwickeln." Doch wurde schliesslich auch hier die anfängliche Zucht und Ordnung 



1) C. 77.1. f. 218 (14. März). 

2) S. 160. C. 77 I. f. 2111. 



167 

dadurcli o-elockert, dass der Ausnaliraeziistaiid so verfülireriscli lange andauerte. Auch die 
Studirenden wurden von dem allgemein berrscbenden Versammlungsfieber und von der mit 
ihm steigenden Redelust ergriflen: ohne die Erlaubniss von Prorector und Senat nachzusuchen, 
hielten sie in dem Auditorium maximum Versammlungen, ja, sie fingen an sich in dem 
Albertinum als Hausherren zu geriren. Sehr bald machte der Senat derartigem Treiben ein 
Ende. Aehnliche Erscheinungen traten bald auch auf anderen Gebieten zu Tage. Mit dem 
Gefühl ihrer vermeintlichen Wichtigkeit wuchsen auch die Ansprüche der Studirenden, vollends 
unter dem Einfluss der militärischen Spielerei der Studentenwehr. Sie verlangten bessere 
Bewaffnung: statt des Schlägers, den sie bisher geführt, sollten ihnen auf Staatskosten 
Büchsen und Hirschfänger geliefert werden. Die dafür vorgebrachten Gründe Hessen er- 
kennen, wie diese Kreise allmählich von einem gewissen Schwindel ergriifeu wurden. Bei der 
Ungewissheit der Zukunft, so führte die Eingabe aus, thue eine schleunige militärische Aus- 
bildung Noth, zumal im Augenblick vielmehr für den äussern Frieden als für die Ruhe der 
Stadt zu besorgen sei: Dänemark, Russland und Frankreich müsse man, wenn auch nicht 
fürcliten, doch im Auge haben.') Inzwischen löste sich die bürgerliche Schutzcommission auf 
(20. Mai), weil sie sich von der Nothwendigkeit eines militärischen Oberbefehls über die 
Bürgerwehr überzeugt hatte. An ihre Stelle trat vorläufig eine sogenannte Organisations- 
commission. Zwischen dieser und der Studentenschaft wurde nun unter Vermittelung 
Richelots umständlich verhandelt über die Statuten und die Dienst- und Disciplinar- 
vorschriften für die Studentenwehr. Die Wünsche, welche diese in Betrefl:' ihrer Bewaffnung 
ausgesprochen, erwiesen sich als unerfüllbar: so wollte sie wenigstens ausgerüstet sein wie 
die Bürgerwehr, mit Flinten und Säbeln, erbat auch die sofortige Ueberantwortung von zehn 
Büchsen, um mit den Schiessübungen beginnen zu können. Den Wünschen der akademischen 
Behörden freilich entsprach das so entworfene Statut der Studentenwehr nicht ganz. Namentlich 
stand die Ausrüstung mit Feuerwaffen nicht im Einklang mit dem, was mit den besonnenen 
anfänglichen Leitern der studentischen Bewegung verabredet war. Die Rückkehr der Studirenden 
mit dem Beginn des neuen Semesters hatte den entschiedeneren Elementen mehr Einfluss 
verschafft. Zudem erschien die Theilnahme der Studirenden an dem regelmässigen Wachtdienst 
der Bürgerwehr nicht recht vereinbar mit den sonstigen Pflichten der akademischen Bürger, 
namentlich dem Besuche der Vorlesungen. Um jedoch Weiterungen zu vermeiden und nicht 
durch ein Hin und Her von Fordern und Versagen Handhaben zu allerlei Agitationen zu 
geben, verzichtete der Senat auf Aenderungen des zur Bestätigung voi'gelegten Statuts und 
forderte nur die Entfernung der Bestimmung, wonach der Eintritt in die Studentenwehr allen 
denen gestattet sein sollte, die studirt hätten. Mit ihr war der Charakter der Truppe als 
einer akademischen unvereinbar. Im üebrigen wurde das Statut dem Ministerium zur Be- 
stätigung empfohlen. Diese erfolgte denn auch. Ende Mai erhielt die Studentenwehr von der 
städtischen Organisationscommission 200 Gewehre zur Vertheilung durch ihren erwählten Be- 
fehlshaber Stud. jur. Schulz. Ausserdem beantragte der Senat bei dem Ministerium die Ge- 
währung von 10 Büchsen zu Scliiessübungen und 200 Säbeln, womöglich Hirschfängern. Bei 



I) S. ICO. (5. Mai.) 



168 

dieser Gelegenheit stellte er auf Grund der Mittheilungen Richelots, der in dieser Sache der 
Vertrauensmann aller Parteien blieb, den Studirenden der Albertina ein sehr günstiges 
Zeugniss aus: „Ohne ihre Studien," hiess es darin, „mehr als sonst zu vernachlässigen, haben 
sie sich den regelmässigen Exercitieu unterzogen, welche gewöhnlich in einer Abendstunde auf 
einem Hofe der Universität stattfanden. Wo ihre Hülfe beansprucht WTirde, zeigten sie sich 
besonnen, verständig und vom besten Geist für Ordnung und Gesetz durchdruugen." Be- 
sonders erfreulich sei, dass die sonst so häufigen Zwistigkeiteu unter ihnen während dieser 
Monate so gut wie aufgehört hätten. 

Bald fiel der Grund für eine militärische Organisation der Studirenden fort. Anderer- 
seits erzeugte auch hier der geschäftige Müssiggang dieser soldatischen Spielereien in manchem 
jugendlichen Kopfe eine allzu grosse Vorstellung von seiner und seiner Genossen Bedeutung, 
und die Theilnahme an der täglichen Erörterung politischer Angelegenheiten gewann den ra- 
dicaleren Meinungen unter der Studentenschaft allmählich mehr Anhang. Man stiess sich an 
der untergeordneten Zugehörigkeit der Studentenwehr zu der Bürgerwehr und sonderte sich 
in demonstrativer Weise von dieser ab. Endlich kam es zu ofiFenem Bruch. „Zur Feier der 
Einheit Deutschlands" wurde für den 3. September eine Revue der gesammten Bürgerwehr 
auf dem kleinen E.xercierplatz augesagt. Da beschloss „das Wehrcorps der Studentenschaft" 
am 31. August zu erklären : ,.es finde für sich eine Parade als Ausdruck der politischen 
Gesinnung nicht passend und habe deshalb, im festen Hinblick auf seine Bestimmung, die zu 
einer Schaustellung nöthigen militärischen Fertigkeiten nicht in den Kreis seiner Uebungen 
ziehen wollen." Aber selbst wenn dieser formale Uebelstand beseitigt wäre, so würde das 
Wehrcorps der Studentenschaft zur Aeusserung seiner Begeisterung für die Einheit Deutsch- 
lands allein bereit sein, und muss folglich jede der Feier fremde Huldigung, wie sie ein Hoch 
auf den König in sich begriffe, verwerflich finden." Die Folge war eine heftige Zeitungs- 
polemik. Man warf den Studirenden vor, sie hätten durch ihr Verhalten einen neuen Beweis 
gegeben „für jenen aus lauter Abstraction und unzeitiger Consequenz dem gemeinsamen Wirken 
und der Entwickelung möglichst grosser Kraft verderblichen Parteigeist des deutscheu Na- 
turells." Der Senat sah von einem Einschreiten ab, in der Annahme, das, wie es hiess, dem- 
nächst zu erwartende Gesetz über die ßürgerwehr werde die Studentencorps auflösen.*) Auch 
lehnte er die Zumuthung des Bürgerwehrausschusses ab, seinerseits die Rücklieferung der den 
Studirenden eingehändigten Wafien zu bewirken und zu beaufsichtigen und von ihrem Nachweis 
die Ertheilung des Abgangszeugnisses abhängig zu machen, und begnügte sich damit, die Stu- 
direnden (30. November) durch Anschlag aufzufordern, vor ihrem Abgang von der Universität 
in Betreff der Rückgabe der Waffen ihren Verpflichtungen nachzukommen.-) Auch erging am 
21. December 1848 ein Erlass des Cultusministers v. Ladenberg, der es lobend anerkannte, dass 
„ungeachtet der tiefen Bewegung in den letzten Monaten grobe Excesse unter der Königs- 
berger Studentenschaft nicht vorgekommen" seien, und dem Senat für sein festes und be- 
stimmtes Handeln dankte, aber doch eine irrige Auslegung des Gesetzes vom 17. October 1848 



1) C. 77. I, S. 227. 

2) C. 77. 1, S. 233/34. 



iiber die Oi'ganisation der städtiscben Büigerweliren darin sab, wenn man das Studentencorps 
bis zur Ausführung der neuen Bestimmungen habe fortbestehen lassen, da von ausserordent- 
lichen Umständen, wie sie seiner Zeit die Errichtung solcher Corps veranlasst hätten, der- 
malen nicht mehr die Rede sein könne. „Vielmehr," hiess es dann weiter, „tritt jetzt das 
Interesse der akademischen Studienzwecke, deren Erreichung durch einen fortdauernden Waifen- 
dienst der akademischen Jugend in hohem Grade erschwert wird, wieder in den Vordergrund." 
Demgemäss wurde der Senat angewiesen, „ohne Verzug zur Auflösung des bewaffneten Stu- 
dentencorps zu schreiten, das Auflösungsdecret zu erlassen, die Rücklieferung der ausgetheilten 
Waffen an diejenige Autorität, von welcher dieselben ausgegeben worden, anzuordnen und 
diese Rücklieferung zu controliren. Gegen diejenigen Studirenden, welche auch nach wieder- 
holter Aufforderung die Waffen nicht zurückgeben, ist im Wege der Disciplin mit Nachdruck 
einzuschreiten und nöthigenfalls die sofortige Entfernung von der Universität zu verhängen. 
Den zur Aufnahme in die Bürgerwehr berechtigten Studirenden bleibt es überlassen, ihre Auf- 
nahme bei dem betreffenden Commaudo nachzusuchen, ohne dass die akademische Behörde 
davon weiter Notiz zu nehmen hat." Im Senate empfahlen bei Berathung dieses Erlasses 
etliche Stimmen eine Gegenvorstellung an den Minister um Aufschub: sie fürchteten durch 
Auflösung der Studentenwehr vor beendeter Organisation der Bürgerwehr nicht bloss unter 
den Studirenden, sondern auch in anderen Ki-eisen eine Aufregung zu veranlassen, die besser 
vermieden würde, und so dem „Bürgerclub", dem schon der Stoff für seine Sitzungen aus- 
zugehen schien, erwünschte Gelegenheit zu weiteren Verhandlungen zu bieten. Nun war aber 
die Theilnahme an den militärischen Bxercitien der Studentenwehr seit einiger Zeit so dürftig 
geworden, dass Dr. Dulk, der nach dem Abgange des Stud. jur. Schulz von der Universität 
zum Führer gewählt war, seinen Posten als zwecklos freiwillig niederlegte. Auch von der 
Leistung eines Wachtdienstes und dergleichen war längst nicht mehr die Rede, so dass eine 
Beeinträchtigung der Studienzwecke von dieser Seite allerdings nicht zu befürchten stand. 
Deshalb vollzog der Senat die befohlene Auflösung sofort, trotz der Gegenvorstellung etlicher 
Studirender unter dem letzten Befehlshaber des Corps, Stud. Meitzen. Die Rückgabe der 
Waffen erfolgte ohne Weigern, und an dem von dem Minister gestellten Termin, den 13. Ja- 
nuar 1849, war Alles nach Wunsch erledigt. Auch in den studentischen Kreisen nahm nun 
allmählich Alles wieder das alte Aussehen an. wenn auch die politischen Vorgänge der nächsten 
Monate gelegentlich noch eine gewisse Erregung erzeugten, die in allerlei Demonstrationen ihren 
Ausdruck fand. So veranstaltete ein grosser Theil der akademischen Jugend einen feierlichen 
Aufzug zu Ehren der Königsberger Abgeordneten Kosch und Rupp, als diese im Mai von 
Berlin zurückkehrten. Der Senat begnügte sich damit, am 18. Mai einen warnenden Erlass 
zu veröffentlichen, worin er daran erinnerte, „dass die vorherige Erlaubniss zu öffentlichen Um- 
zügen u. s. w. auch nach Erlass der Verfassung vom 5. December 1848 nöthig sei."*) 

Schliesslich handelte es sich ja bei alledem um Aeusserlichkeiten, die weder den der- 
zeitigen Innern Zustand noch die fernere Entwickelung der Albertina nachhaltig beeinflussen 
konnten. Doch zeitigte das Jahr 1848 auch ernste und tiefgehende; Dewegiuige^n, die für die 



1) C. 77 I. f. 240. 



170 

Zukunft der preussischen, ja der deutschen Universitäten Lohe Bedeutung erlangen konnten. 
War doch nun endlich die Zeit gekommen, wo das mit den Karlsbader Beschlüssen iuaugu- 
rirte System unwürdigen Zwanges zersprengt werden konnte. Je drückender es gewesen, um 
so näher lag jetzt die Gefahr, dass die Wünsche und Hoffnungen der akademischen Kreise 
nach der anderen Seite hin zu weit gehen und in das entgegengesetzte Extrem gerathen 
würden. Wenn das nicht geschah, sondern trotz der hier und da laut werdenden radicalen 
Forderungen die Reformbewegung maassvoll und besonnen blieb, so war das einmal der Be- 
reitwilligkeit zu danken, mit der die Regierung in ehrlicher Auerkenntniss des den Uni- 
versitäten bisher gethanen Unrechts selbst die Initiative zur Herbeiführung eines bessern 
Zustandes ergriff, und demnächst der pietätvollen Achtung vor dem historischen Rechte, 
welche die akademischen Lehrkörper davon abhielt, Institutionen, die sich im Laufe der 
Jahrhunderte bewährt hatten, der liberalen Schablone des Tages zu Liebe durch einen 
Schematismus zu ersetzen, der alles individuellen Lebens entbehrte. Ja, gegenüber der hier 
und da ungeduldig andrängenden Neuerungslust wurde man sich des Werthes des zuweilen 
unterschätzten Besitzes erst recht bewusst. In dieser Richtung liat sich die Entwickelung 
auch an der Albertina bewegt. 

Bereits Mitte März 1848 beantragte das Generalconcil bei dem Minister die Auf- 
hebung des Reverses, den auf Grund der Karlsbader Beschlüsse noch immer jeder Studirende 
bei der Immatriculation über seine Nichtbetheiligung an verbotenen Verbindungen ausstellen 
musste. Der Chemiker Dulk, der als Landtagsabgeordneter nach Berlin ging, wurde beauf- 
tragt, die Sache mündlich zu betreiben.^) Auch trug man nun kein Bedenken, die Studenten- 
schaft als eine einheitlich geschlossene Corporation, als ein lebendiges Ganze gelten zu lassen, 
und gestattete ihr (27. März) die Abhaltung eines „Generalcommerses", der denn auch am 
1. April in dem mit deutschen Farben decorirten Kneiphöfischen Junkerhof stattfand, unter 
zahlreicher Theilnahme auch der Professoren. Das waren kleine Anzeichen der plötzlich her- 
eingebrochenen neuen Zeit. Im Hinblick auf den weiteren Fortgang wählte das General- 
concil bereits am 13. April eine Commission, um die Aenderungen zu berathen, die sich aus 
der bevorstehenden Einführung einer Verfassung für die Stellung der Universitäten und der 
Professoren ergeben würden, „damit man bei der neuen Ordnung der Dinge eine ^\^^rdige 
Stellung gewinne." Dagegen lehnte es ab, sich in diesem Sinne an den König selbst zu 
wenden, wie eine von Halle ausgehende Äm-egung wollte.^) Bei der Verschiedenlieit der in 
dem Lehrkörper der Albertina vertretenen politischen Richtungen gab es bei der Erörte- 
rung solcher Fragen natürlich oft genug lebhafte Debatten, zumal auch hier gelegentlich 
aus den neuerdings verkündeten liberaleren Principien die weitestgehenden Consequenzen 
gezogen werden sollten. Im Hinblick auf die nun anerkannte Gleichberechtigung der Con- 
fessionen beantragte man den 6. September bei dem Ministerium, es solle bei der Vertheilung 
der Freitische hinfort auf die Confession keine Rücksicht genommen werden.^) Auch wurde 
unter dem 29. November verfügt, dass Beneficien hinfort auch au jüdische Studirende ver- 



1) C. 77 I. f. 2. 

2) Ebendas. f. 22.3. 

3) S. 227. 



171 

liehen wei'deu dilrften, ausser wenn die Stiftung ausilri'icklicli I'ür eine bestimmte Confession 
gemacht wäre.') So fielen damals manche von den Schranken, welche der Universität auch 
in ihren eigenen Angelegenheiten die freie Bewegung behindert hatten. Natürlich aber 
blieben auch solche Forderungen nicht aus, die unter dem trügerischen Scheine zeitgemässer 
liberaler Maassregeln auf eine bedenkliche Lockerung der akademischen Disciplin hinaus- 
gelaufen sein und selbst den Betrieb der Studien geschädigt haben würden. Schlug doch 
sogar der studentenfreundliche Richelot vor, man möge mit Rücksicht auf die unruhige 
Zeit die Ablegung der vorgeschriebenen Prüfungen von den Inhabern von Beneficien nicht 
fordern oder wenigstens die Ferulialtung davon ohne die herkömmlichen Consequenzen lassen. 
Das wurde denn freilich nicht beliebt, wohl aber bei dem Minister beantragt, es möchten 
diese Examina überhaupt abgeschafft werden, und demgemäss eine Petition befürwortet, in 
welcher die Studirenden bereits die gleiche Bitte gestellt hatten.^) 

Viel wichtiger waren die Aenderungen, welche in der Stellung der Universitäten und 
den Functionen der akademischen Behörden durch den Wegfall des ausserordentlichen Re- 
gierungsbevollmächtigten herbeigeführt wurden. Ein fast dreissigjähriges Unrecht wurde nun 
endlich gesühnt und ein Zustand beseitigt, der alle Zeit als ein unwürdiger empfunden 
worden war. Die gesammte akademische Disciplin ging nun wiederum auf den Senat über. 
In Folge davon erlegte ihm ein Erlass des Ministers v. Ladenberg vom 27. November 1848 nun 
freilich auch die Verpflichtung auf, „den herrschenden Geist und die Beschaflenheit der Sitten 
auf der Univei-sität zu beobachten und erhebliche Vorfälle dem Ministerium ausserordentlich 
ohne Verzug anzuzeigen"; für gewöhnlich sollte er alle acht Tage über die Haltung der 
Studirenden und etwaige besondere Vorgänge berichten.^) Auch die bisher üblichen Con- 
duitenlisten sowie die jährlichen einzelnen Berichte über die Universitätsinstitute kamen in 
Wegfall; statt dessen sollte der Prorector einen entsprechenden allgemeinen Bericht erstatten.^) 

Aber nicht bloss die Beseitigung anerkannter Uebelstände war die Losung jener er- 
i'egten Zeit: bald wurde eine weit ausholende und tiefgreifende Reform der Universitäten 
gefordert, auch in den Kreisen der Studirenden. Dabei aber konnte man, namentlich in Königs- 
berg, wiederum die erfreuliche Beobachtung machen, dass die akademische Jugend, wo sie 
unbeeinflusst durch fremde Elemente, in unbefangener sachlicher Erwägung ihrer nächsten 
Aufgaben auf Grund der eigenen Erfahrung ihre Wünsche äusserte, extremen Forderungen 
fern blieb und sich auf Wünsche beschränkte, die einer gewissen Berechtigung nicht ent- 
behrten und vorurtheilsloser Prüfung würdig waren. Dass sie freilich auch gelegentlich der 
aufgeregten Zeit ihren Tribut zollte und mit Vorschlägen hervortrat, die sich als ungeschickte 
Folgerungen aus gewissen damals allgemein umlaufenden liberalen Schlagwörtern darstellten, 
soll ihr wenigstens nicht ernstlich zum Vorwurf gemacht werden. Es entsprach der herr- 
schenden Geistesrichtung, dass man vielfach wünschte, die Autorität der akademischen Be- 
hörden herabgesetzt, dagegen die Freiheit der Studirenden erhöht zu sehen, dass man einer- 



1) Ebd. f. 233. 

2) f. 227. 

3) C. 27, f. 23: 

4) Ebendaa. 



172 

seits die au die Studirenden zu stelleuden Forderungen mindern, anderseits aber denselben wohl 
gar einen Antheil an der Leitung der Universität einräumen wollte. Es war damals eben 
Mode, gegen die Universitäten als mittelalterlich verzopfte Institute zu eifern, und selbst 
akademische Lehrer stimmten gelegentlich in diesen Ton ein, in undankbarer Verkennung 
alles dessen, was die deutschen Hochschulen trotz dem auf ihnen lastenden schweren Druck 
dreier Jahi'zehnte für die Entwickelung des nationalen und zuletzt auch in so hohem Maasse 
des politischen Lebens geleistet hatten, und traten fiir Eeformen ein, die nur nach gewalt- 
samer Lösung von dem geschichtlich gegebenen Boden durchführbar waren. War doch von 
Jena gar ein allgemeines deutsches Profesäorenparlament in Vorschlag gebracht worden. Der 
Lehrkörper der Albertina verhielt sich ablehnend, war aber selbstverständlich bereit, in Ge- 
meinschaft mit der Regierung auf Abstellung nachgewiesener üebelstände hinzuwirken und 
dabei auch die von der Studentenschaft laut werdenden billigen Wünsche zu berücksichtigen. 
Zu letzteren war nun das Verlangen nach Oeffentlichkeit der Senatssitzungen sicherlich nicht 
zu rechnen.') In einer besonderen Denkschrift legten die Studirenden der Albertina damals 
„ihr Votum in Betreff der Reorganisation des ganzen Universitätslebens" dar. Von ihrem 
Inhalt erhalten wir leider keine nähere Kunde. In Ergänzung dazu formulirten dann die 
Studirenden der theologischen Facultät am 7. Juni ihre besonderen Wünsche „wegen Ab- 
stellung einiger Mängel, die ihrer selbständigen und erfolgreichen Ausbildung in den Weg 
treten." Nicht aus Neuerungssucht, so wurde darin angeführt,^) seien diese Forderungen ent- 
sprungen, sondern sie seien die Frucht eigener Erfahrung und reiflichen Nachdenkens, die 
man nur deshalb bisher nicht vorgebracht habe, „weil noch vor wenigen Wochen solche 
Worte erfolglos verhallt wären." Gewünscht wurde, es möchte bei den Anschaffungen der 
Biljliothek mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der Studirenden genommen und bei den Prü- 
fungen, die durchweg öffentlich sein sollten, statt der lateinischen die deutsche Sprache ge- 
braucht werden. Um zu zeigen, dass sie nicht bloss negirten, sondern an Stelle des zu Be- 
seitigenden auch Positives zu setzen wüssten, schlugen die jungen Theologen noch vor: es 
solle bei der Besetzung der theologischen Professuren hinfort die wissenschaftliche Tüchtigkeit 
das einzige Kriterium sein; es möge die bisher bei den theologischen Professoren übliche 
Aemterhäufung beseitigt werden, die den Verkehr zwischen Lehrern und Schülern erschwere 
und vielfach unmöglich mache; es müsse mindestens jedes dritte Semester von einem 
Theologen Religionsphilosophie gelesen und demgemäss auch bei der Candidatenprüfung 
besonders berücksichtigt werden. Diese Prüfung wünschte man in Zukunft vor einer Com- 
mission gehalten zu sehen, deren Mitglieder durch die neu einzurichtende Provinzialsynode 
gewählt werden sollten — ein Vorschlag, den man im Gegensatz zu den heute herrschenden 
Verhältnissen nur recht würdigen kann, wenn man sich erinnert, dass die Beschlüsse der 
ersten Generalsynode 1846 nicht bestätigt worden waren, weil sie die verpflichtende Kraft 
der alten Symbole verworfen hatte: man hoffte die künftigen Provinzialsynoden von dem- 
selben Geiste beseelt zu finden. Endlich sollten bei der Prüfung die Clausurarbeiten durch 



1) Curator. A. 158. 

2) Theol. Fac. U. 1. 



173 

häusliclic ersetzt werden, für welelic die beuutzteu HiilfHUiittel genau anzugeben seien, nnd 
sollte das zweite Examen sich ausschliesslich auf die praktische Theologie beziehen. 

Extreme Tendenzen wird mau diesem Programm nicht nachsagen können. Wohl 
aber machten sich solche geltend, sobald die Frage nach der Universitätsreform auf die 
Gasse hinausgetragen und unter Leitung von Hitzköpfen, die. nicht selten irgead einen per- 
sönlichen Grund hatten, den Universitäten oder einer ihrer Facultäten gram zu sein, zum 
Gegenstande phrasenreicher, mit packenden Schlagwörtern durchsetzter Discussion gemacht 
wurden. Das unterblieb auch in Königsberg nicht. Zu all den Vereinen und Clubs, welche 
damals die Neuordnung von Staat und Gesellschaft in die Hand zu nehmen berufen sein 
wollten, kam Anfang Juni noch ein Reformverein, der sich speciell die Modernisirung der 
deutschen Hochschulen, und zunächst natürlich der Albertina zur Aufgabe stellte. Das grosse 
Wort führte da der Dr. jur. Rudolf Gottschall, der von der 1846 erworbenen "Venia legendi 
keinen weitern Gebrauch gemacht, sondern sich ganz in das aufgeregte litterarische und 
politische Treiben der Zeit gestürzt hatte, weil von Seiten der Regierung seine Zulassung 
zur akademischen Thätigkeit davon abhängig gemacht worden war, dass er Beweise für die 
Besserung seiner politischen Gesinnung beibrächte. Auf seine Anregung beschloss der neue 
Verein am 8. Juni, an das deutsche Parlament einen Antrag auf einheitliche Reform der 
deutschen Universitäten zu richten. Die bisherige Verfassung derselben wurde als völlig un- 
vereinbar dargestellt mit einer Zeit, wie sie nun endlich aufgegangen — „in der die Ver- 
nunft und die Freiheit in allen politischen und socialen Verhältnissen heimisch zu werden 
anfängt".*) Das Programm für die gewünschte Reform Hess jedenfalls an Radicalismus nichts 
zu wünschen übrig. Aufhebung der akademischen Gerichtsbarkeit, des Universitäts- und des 
Facultätenzwanges, der ZwaugscoUegien, der Privilegien des Ordinariats, Abschaffung der 
lateinischen Sprache, Wahl des Rectors und des Senats durch alle akademischen Bürger, 
Beseitigung aller Formalitäten bei der Promotion und der Habilitation und endlich die Ein- 
führung einer allgemeinen Deputirteuversammlung, hervorgegangen aus der freien Wahl aller 
akademischen Bürger und von allen Universitäten. Man forderte weiter die Beseitigung jedes 
kirchlichen Einflusses auf die Wissenschaft und dazu die absolute Trennung von Kirche und 
Staat. Schliesslich sollte die so gewonnene , Freiheit" verbürgt werden durch einheitliche 
Organisation des deutschen Universitätswesens unter der Leitung eines deutschen Reichs- 
uuterrichtsministerium s. 

Diese gewaltig tönenden Phrasen, an denen vor allem ihre Urheber sich berauschten, 
verhallten um so schneller ohne Hinterlassung einer Spur, als ja in den Kreisen, die in dieser 
wahrhaft nationalen Frage zunächst interessirt und auch zunächst competent waren, gewisse 
Reformen der Universitätseinrichtungen längst als nöthig anei'kannt waren und in ernster 
und gründlicher Arbeit vorbereitet wurden. Hatte doch das Cultusministerium offen ausge- 
sprochen: „Die 1819 und 1834 auf Grund der Beschlüsse der deutschen Bundesversammlung 
erlassenen Vorschriften für die deutschen Universitäten waren unter dem Einfluss von Grund- 
sätzen und Verhältnissen entstanden, welche in Folge der politischen Bewegungen des Jahres 



1) S. 128. I. Härtung. Ztg. ISlb. 8. 



174 

1848 eiue so diircbgreilende Veränderung erfahren hatten, dass die Regierung sich für ver- 
pflichtet hielt, die preussischen Universitäten von dem Druck des unverdienten Misstrauens, 
das jene Verordnungen hervorgerufen hatte, zu befreien und ihnen die Selbständigkeit wieder- 
zugeben, deren sie zu einer freudigen Wirksamkeit und zur Eutwickelung eines kräftigen 
corporativen Lebens bedürfen."*) In dieser Absicht hatte das Ministerium bereits am 
15. April 1848 die Landesuniversitäten zu gutachtlichen Vorschlägen aufgefordert „iiber 
die Stellung, welche in Zukunft dem bisherigen aussei"ordentlichen Regierungsbevollmäch- 
tigten zu geben sein möchte, und über eine den Anforderungen der Zeit ent- 
sprechende Umgestaltung der akademischen Gerichtsbarkeit und Disciplin." An den be- 
treffenden Berathungen sollten alle ordentlichen Professoren theilnehmen. Ein Erlass vom 
24. August 1848 stellte es dem freien Ermessen der Professoren anheim, ihre gutachtlichen 
Vorschläge überhaupt auf alle akademischen Einrichtungen auszudehnen. Das Ergebniss der 
Berathungen, die daraufhin von dem Generalconcil der Albertina gepflogen wurden, legte man 
in drei Gutachten nieder. Sie enthalten manches, was auch heute noch beachtenswerth ist. 
Sie legen Zeugniss ab von der ruhigen Besonnenheit und klarblickenden Unbefangenheit, die 
in der Lehrerschaft der Königsberger Universität herrschten und mit glücklichem Tacte 
zwischen dem historischen Recht der Universitäten und den Ansprüchen des neuen Zeitalters 
vermittelten. 

Das erste der drei Gutachten') betraf das Institut des Curatoriums und die künftige 
Verwaltung der Universitäten nach Aufhebung desselben. Denn dass diese zu erfolgen habe, 
darüber war alle Welt einig. Für die Zukunft wurde empfohlen, das Concilium oder Plenum 
aller Ordinarien als die in den meisten Fällen beschliessende Universitätsbehörde bestehen 
zu lassen oder einzuführen, neben der als ausführende Behörde ein Senat oder engerer Aus- 
schuss fungiren sollte. Freilich bedürfe es einer genaueren Abgrenzung der Competenzen 
beider. Dann wurde die Anstellung von zwei „Universitätsräthen" vorgeschlagen, eines 
juristischen, der zugleich als Justitiar fungiren, und eines cameralistischen, der die Stipendien- 
verwaltung leiten sollte. Ihnen sollte, immer in Gemeinschaft mit einem als Correferent 
fungirenden Professor, das Decernat in allen nicht rein wissenschaftlichen Angelegenheiten 
zustehen. Alle Personalien, ausgenommen die der Unterbeamten, wollte man wie bisher dem 
Ministerium vorbehalten sehen, die Stellung der betreffenden Anträge, so weit wissenschaftliche 
Qualification in Betracht käme, den Facultäten, im Uebrigen dem Generalconcil. Gegen gefährlich 
erscheinende Beschlüsse der beiden akademischen Körperschaften sollte dem Rector, resp. Pro- 
rector ein susnensives Veto zustehen. Das zweite Gutachten über die Umwandlung oder Auf- 
hebung der akademischen Gerichtsbarkeit sprach sich für deren vollständige Beseitigung aus. 
Von besonderem Interesse ist das dritte Gutachten, das eiue Reihe von Fragen in Betreff 
der akademischen Lehr- und Lernfreiheit behandelte. Zu den vorangehenden Verhandlungen 
waren auch alle Extraordinarien eingeladen worden, und etliche hatten sich auch daran betheiligt. 
Mit Entschiedenheit trat man da einer Reihe von unberechtigten Forderungen entgegen, die 



1) Verhandlungen der (.'onferenz zur Berathung von Reformen der Verfassung und Verwaltung der 
preussischen Universitäten, December 1849. Berlin. 

2) Drei Gutachten, erstattet von dem Generalconcil u. s. w. Königsberg 1848. 



175 

damals an der Tagesordnung waren, wie z. B. der nacli der Gleichstellung der Extraordinarien 
und Privatdocenten mit den Ordinarien, wie sie nameutlicli in Berlin, in Betreif der Theil- 
nahme an den Promotions- und Habilitations-Verhandlungen verlangt worden war.^) Ausgehend 
von dem Grundsatze: „Ei-laubt ist (im Gebiet des akademischen Lehrens und Lernens), was 
zu verbieten kein vernünftiger Grund nöthigt," betonte das Generalconcil scharf den Unterschied 
zwischen Professoren und Privatdocenten. „Nichts wäre den Universitäten verderblicher," 
hiess es, „als ein Aufrücken nach der Anciennetät, das überall, wo es Platz greift, mehr den 
Nullen als den Zählern zu Gute kommt." Demgemäss verwarf man jede Betheiligung der 
Privatdocenten an der Universitätsverwaltung, wünschte aber die Habilitation möglichst zu 
erleichtern, namentlich durch Aufhebung der bisherigen staatlichen Controle, d. h. der 
ministeriellen Genehmigung, der Untersuchung über den früheren Lebenswandel des Bewerbers, 
des Nachweises der erfüllten Militärpflicht oder der Befreiung davon und der Gebühren. 
Man wollte ferner das Princip der akademischen Freizügigkeit eingeführt sehen, in der Weise, 
dass die Habilitation an einer preussischen Universität zugleich für alle anderen gelten sollte. 
Wegfallen sollten die Bestimmungen, welche die Privatdocenten in der Ausübung der ihnen 
ertheilten Venia legendi beschränkten, wie z. B. die, dass ein Privatdocent nicht unentgeltlich 
lesen darf, was ein Professor privatim angezeigt hat u. a. m., sowie die Beseitigung alles 
dessen, was zu Gunsten oder Ungunsten des Einzelnen, besonders i-eligiös und politisch 
benutzt werden könnte. Der zweite Theil des Gutachtens behandelte die Lernfreiheit. Im 
Gegensatz zu viel weitergehenden Forderungen, die damals laut geworden waren, hielt es fest 
an der Nothwendigkeit der Immatriculation und der Unerlässlichkeit eines Reifezeugnisses 
dafür. Für den einmal immatriculirten Studirenden aber sollte es irgend eine Schranke der 
Lernfreiheit nicht geben: das bedeutete den Wegfall der Zwangscollegien, der in Königsberg 
damals üblichen Schedulae, d. h. der Verzeichnisse von Vorlesungen, die ein Studirender im 
nächsten Semester zu hören beabsichtigte, der Anmeldebücher und der Fleisszeugnisse sowie 
aller Prüfungen während der Studienzeit — solche sollten nur noch auf ausdrücklichen Wunsch 
der Betreffenden vorgenommen werden — , des Trienniums oder Quadrienniums, da es ja nicht 
auf die Zeit des Studiums, sondern auf das Quantum des Wissens ankäme. Entsprechend 
einem damals vielfach geäusserten Wunsch, erklärte man sich für die Oefifentlichkeit der 
Prüfungen, verwarf aber die Forderung, es solle den Studirenden freistehen, einzelne Professoren 
als Examinatoren überhaupt von vornherein abzulehnen. Das mindestens ebenso wunderliche 
Verlangen, es möge den Studirenden bei der Besetzung der Professuren eine Mitwirkung ein- 
geräumt werden, wurde als überflüssig bezeichnet, sobald jeder Studienzwaug aufhörte. 

Im Hinblick gerade auf die schwebende Universitätsreform bedauerte man damals an 
der Albertina den drohenden Verlust Karl Rosenkranz', dessen im besten Sinn des 
Wortes humane und dabei charaktervolle und überzeugungstreue Persönlichkeit, bei Collegen 
und Schülern gleich angesehen, besonders geeignet schien, zwischen dem Recht des historisch 
Gewordenen und den andrängenden neuen Forderungen zu vermitteln. Derselbe wui-de 
nämlich am 24. Juli als vortragender Rath in das Cultusministerium berufen und schied nicht 

1) Curat.-Acten A. 158. 



176 

ohne Wehmuth aus einer Stellung, die ihm neben vollster eigener Befriedigung Anerkennung 
und Ehren aller Art gebracht hatte. Doch behielt er sich den Rücktritt in das akademische 
Lehramt vor, in der Befürchtung, dass die seiner wartende amtliche Thätigkeit unter den 
damals obwaltenden Umständen ihm bald verleidet sein würde. Diese Sorge erwies sich als 
völlig begründet. Bereits Anfang des Jahres 1849 stand sein Ausscheiden aus dem Ministerium 
fest: und welchen Lehrstuhl hätte er wohl dem Königsberger vorziehen sollen, wo er sich 
des Vertrauens zunächst seiner Facultätsgenosseu so sicher wusste, dass man die Denominirung 
seines eventuellen Nachfolgers vorbehaltlos ihm selbst anheim gegeben hatte? Nun konnte 
m<in Rosenkranz zusammen mit Schubert als Vertreter der Albertina zu der Conferenz 
entsenden, die in den Tagen vom 24. September bis zum 12. October 1849 in Berlin unter 
Vorsitz des Geheimen Oberregierungsraths Dr. Johannes Schulze stattfand, um die Frage 
nach Reformen in der Verfassung und Verwaltung der preussischen Universitäten zum Austrag 
zu bringen. Dazu waren auf Grund der eingegangenen Gutachten nicht weniger als 136 Fragen 
formulirt. Zur Bewältigung dieses umfangreichen Materials wurden drei Commissionen ge- 
bildet: während der ersten Böckh, der dritten Lachmann präsidirte, berief die zweite 
Rosenkranz zum Vorsitzenden. Von den 136 Fragen, die durch Abstimmung nach Mehi-heit 
beantwortet wurden, betrafen die 16 ersten die Vertretung der Staatsbehörde bei den 
Universitäten, die 17. bis 38. die akademische Gerichtsbarkeit, die 39. bis 53. die Ernennungen 
und Berufungen, die 54. bis 63. die Stellung der ausserordentlichen Professoren zu den 
akademischen Behörden, die 64. bis 80. die innere Organisation, die 8J. bis 87. die Disciplin 
über die Universitätslehrer mit Ausnahme der Privatdocenten, die 88. bis 95. die Besoldungs- 
verhältnisse, die 96. bis 119. die Stellung der Privatdocenten und endlich die 120. bis 135. 
die Verhältnisse der Studirenden. Den Gang der Verhandlungen, an denen naiaeutlich 
Rosenkranz hervorragenden Antheil nahm, des Genaueren zu verfolgen würde zu weit führen. 
Aber einige Punkte mögen hervorgehoben werden, weil es nicht ohne Interesse und in mehr- 
facher Hinsicht lehrreich ist, die Stellung, welche die akademischen Lehrkörper in gewissen 
principiellen Fragen damals einnahmen, mit dem zu vergleichen, was nachmals herrschende 
Meinung geworden ist. 

Wie in Königsberg hielt man auf der Berliner Conferenz fest an der Beibringung 
des Zeugnisses unbedingter Reife als der unerlässlichen Voraussetzung für die Immatriculation. 
Ja, im Hinblick auf mögliche Neuerungen, denen es schon damals nicht ganz an Befürwortung 
fehlte und die eine Durchbrechung dieses Princips besorgen Hessen, machte die Conferenz 
den sehr energischen Vorbehalt: „Sollte durch neue Einrichtungen, vielen Stimmen in der 
neulich berufenen Schulconferenz gemäss, in dem Gymnasium eine noch grössere Be- 
schränkung der Vorbereitung zu einer gelehrten Bildung überhand nehmen, so 
behalten sich die Universitäten vor, auf eine weitere Beschränkung der Imma- 
triculation anzutragen."') Ebenso sprach man sich gegen den von Manchen befür- 
worteten früheren Abgang zur Universität aus; denn „die Universitäten haben die 
Pflicht, sich als gelehrte Bildungsanstalten reifer junger Männer zu halten," 

1) Verhandlungen, p. 3G. 



177 

und „es ist nicht ilire Aufgabe, ungebildete Routiniers zu scliulen.'") Auch gegen 
die Zulassung auf Grund des Reifezeugnisses in einem einzelnen Fach, besonders zur philo- 
sophischen Facultät, erklärte man sich, weil ,,wer die Anstalten des Staats zur Vor- 
bildung nicht in ihrem ganzen Umfang nutzen will, auch nicht verdient an den 
Wohlthaten theilzunehmen, die der Staat Fleissigen und Vollgebildeten bietet; 
desgleichen weil ein Zeugniss der Reife für ein einzelnes Fach wohl zur Einschreibung 
in eine Specialschule, nicht aber in die philosophische Facultät der Universitäten 
genügen kann, welche dadurch mit Studireuden einer äusserst beschränkten banausi- 
schen Bildung überfüllt werden würden." Die letzte, 136. Frage, welche die Conferenz 
zu beantworten hatte, ging dahin, ob die durch die bisher gegebenen Antworten vorge- 
schlagenen Abänderungen der bisherigen Bestimmungen unabhängig von den übrigen deut- 
schen Universitäten ausgeführt werden könnten und welche nur in Uebereinstimmung mit 
letzteren ausführbar seien. Die Antwort lautete dahin, dass es zu ihrer Durchführung einer 
solchen Verständigung nicht bedürfe. Deshalb sprach die Conferenz denn auch den Wunsch 
aus, Preussen möchte mit den Reformen selbständig vorgehen, indem sie dabei die Hoffnung 
liegte, dass die übrigen deutschen Universitäten die Angemessenheit der neuen Institutionen 
anerkennen und sich ihnen im Wesentlichen anschliessen würden.^) 

Die weitere Entwickelung der politischen Verhältnisse gebot auch der Reform des 
preussischen und des deutschen Uuiversitätswesens Stillstand. Aber die Fesseln der Karls- 
bader Beschlüsse waren und blieben gesprengt, obgleich nicht geleugnet werden kann, dass 
die Art, wie die an die Stelle der ausserordentlichen Regierungsbevollmächtigten tretenden 
Curatoren während der folgenden Jahre ihres Amtes walteten, zuweilen nur allzu sehr an 
die früher durchlebten Zeiten erinnerte. Auch für die Albertina folgt'j nochmals eine Periode 
freudelosen Vegetirens. 

Erst mit dem Ausgang des Jahres 18.50 stellte das völlige Erlahmen der politischen 
Bewegung den altgewohnten Gang der Dinge wieder her. Im Interesse der Studien war das 
freilich erwünscht: sie hatten unter der politischen Erregung doch Schaden gelitten, und 
bereits Ende des W.S. 1849/50 hatte der Senat zu seinem Bedauern ein bedenkliches Sinken 
des Fleisses constatiren müssen. Zum Theil machte er dafür freilich den schädlichen Einfluss 
der üblichen Honorarstundung verantwortlich und regte deshalb bei den Facultäten deren 
Aenderung an.^) Eine neue, zwar kurze, aber sehr störend empfundene Unterbrechung des 
Studienbetriebes bewirkte im November 1850 die Mobilmachung, da sie eine Menge von 
Studirenden zu den Waffen rief. Doch gelang es den akademischen Behörden, nachdem die 
Kriegsgefahr schnell vorübergegangen, denselben noch vor Ende des W.S. die Rückkehr zu 
den Studien zu erwirken.*) Das gehoffte Behagen aber und die fröhlich gedeihende Thätig- 
keit, deren Lehrer und Lernende sich nach den eben durchlebten Zeiten so gern erfreut 
hätten, brachten auch die nächsten Jahre nicht. Hatte man schon in den vierziger Jahren 

1) Ebcndas. S. .'17. 

2) Ebendas. S. 41/42. 

3) 0. 77. I. f. 2G9. 271. 

4) Rosenkranz, I'rorect.-Bericlit, 185()/fi2. 



178 

über die Art zu klagen gehabt, wie der „Freimüthige" unter der Redaction von Pflugk') 
sich ganz besonders an der Universität rieb und Professoren und Studirende planmässig ver- 
dächtigte und verleumdete, so hatte man jetzt doch noch viel Aergeres zu erleben. War 
doch gerade die Provinz Preussen einer besonders rücksichtslosen, von dem üebereifer 
unwürdiger Werkzeuge mit jedem Mittel bedienten Reaction fast schutzlos preisgegeben, in 
dem Maasse, dass selbst ein Theil des ehrenwerthen, pflichttreuen Beamtenthums sich von 
dem Lob und Tadel abhängig wusste, womit ein Mann von der dunkeln Vergangenheit und 
der Scrupellosigkeit eines Emil Lindenberg es' in dem „Freimüthigen" zu bedenken wagen 
durfte — ungestraft, denn die lange Reihe von Strafen, auf die wegen Verleumdung gericht- 
lich gegen ihn erkannt wurde, wurden alle auf dem Wege der Gnade niedergeschlagen. 
Unter solchen Umständen litt natürlich auch die L^niversität. Fehlte es doch schliesslich 
nicht an dem Versuche, Creaturen jener extremen Partei, trotz erwiesener wissenschaftlicher 
LTnfähigkeit und politischer Charakterlosigkeit, als Nachfolger gefeierter Zierden der Wissen- 
schaft in den Lehrkörper einzudrängen. Dazu kam die tiefgehende kirchliche Erregung, die 
der Austritt des Divisionspfarrers Dr. Rupp aus der Landeskirche und die Gründung der 
freien evangelischen Gemeinde veranlasste. Die Universität wurde davon sofort in Mitleiden- 
schaft gezogen, da sowohl Dr. Rupp wie einer seiner eifrigsten Anhänger, Dr. Florian 
Lob eck, ihr als Privatdocenten angehörten. Beide wurden deshalb im August 1851 durch 
das Ministerium „aus Gründen des allgemeinen Staatswohls" von der Universität ausgeschlossen. 
Lobeck büsste auch sein Amt als Secretär und Amanuensis der Bibliothek ein.^) Mit der 
Verkündigung dieses Spruches trat am 10. December 1851 der neuernannte Curator Ober- 
präsident Eichmann sein Amt an, in das er sich selbst durch eine feierliche Anrede vor ver- 
sammeltem Generalconcil einführte.'^) 

Unter solchen Umständen trat auch in der Entwickelung der Albertina ein Stillstand ein. 
Mit den geplanten Reformen zugleich waren auch die principiellen Fragen in Vergessenheit ge- 
rathen, von denen manche während der letzten Jahre die Lehrerschaft so eingehend und ernst be- 
schäftigt hatten. Nur um Aeusserlichkeiten handelte es sich gelegentlich noch, wie z. B. die Ein- 
führung der auf den anderen preussischen Universitäten längst geltenden Ferienordnung durch 
Rescript vom 14. Januar 1852, wonach die bisher üblichen Sommer- oder Ernteferien (von 
Mitte Juli bis in die vierte Woche des August) mit den ehemals fünf Wochen dauernden, dann 
auf drei Wochen beschränkten'') Herbstferien zusammengelegt werden und die so gewonnenen 
grossen Ferien wegen der besonderen klimatischen Verhältnisse Ostpreussens den 6. August 
anfangen sollten.*) Am 2. November 18.53 wurden die auf Grund der allgemeinen Universitäts- 
statuten ausgeai-beiteten Statuten der einzelnen Facultäten durch ministerielle Bestätigung 
rechtskräftig. Weiterhin sind dann die Verhandlungen nicht ohne Interesse, zu denen 
1855 — 56 das üeberhandnehmen der ölTentlichen Vorlesungen Anlass gab. Wohl in Rück- 



1) Vgl. S. 155. 

2) C. 77. I. S. 307. 

3) Rosenkranz, T.igeljncbfragment. 

4) Phil. Fac. A. 5, II. 

5) C. 77, I. 



179 

sieht auf die dürftigeu Verbältnisse der meisten Königsberger Studirenden lasen damals 
viele Professoren alle Collegien öfientlich und hatten dabei in dem entsprechenden Maassstal) 
die alte Erfahrung zu machen, dass die akademische Jugend diese honorarfreien Vorlesungen 
weniger achtete und deshalb unregelmässiger besuchte als die privaten. Deshalb bemerkte 
ein Ministerialerlass vom 4. März 1856, die betreffenden Lehrer — es waren A. Hagen, Dru- 
mann, Lehrs, Lobeck, Nesselmann, Zaddach und Hirsch — thäten damit allerdings mehr, als 
ihre Pilicht erforderte, gäben aber doch auch zu unrcgelmässigem Besuch der Vorlesungen 
mehr als wüuschenswerth Anlass.') 

Auch für die Studentenschaft brachten jene Jahre manche unliebsamen Confiicte, da 
die übereifrigen Träger der Polizeigewalt die Schranken nicht immer respectirten, welche 
ihnen durch die Sonderrechte der Universität den Studirenden gegenüber gezogen waren, und 
so den Senat mehrfach nöthigten energisch für die Studirenden einzutreten. Wiederholt brachte 
auf die Meldung seiner Untergebenen hin der Polizeipräsident Maurach bei dem Senat Studirende 
zur Anzeige, weil sie die Versammlungen der sogenannten Gemeinde evangelischer Christen 
besucht hatten, und forderte nach einiger Zeit gar Auskunft über die deshalb vom Senate 
erlasseneu Verfügungen. Dieser gab darauf den 6. April 1854 die Antwort, dass er auf 
Grund der Verfassungsurkunde und des Gesetzes vom 15. März 1850 amtliche Einsclu-eitungen 
gegen erlaubte Handlungen nicht veranlasst habe und Maassnahmen von privatem Charakter 
zur Mittheilung nicht geeignet seien. Solche Vorgänge erzeugten eine gewisse Spannung 
zwischen Polizei und Studentenschaft, die schliesslich zu bedenklichen Conflicten führte. So 
veranlasste im November 1854 ein gelegentliches Rencontre zwischen zwei Studirenden und 
dem Wirth eines vielbesuchten Locals einen gewaltigen Sturm, indem die rücksichtslos vor- 
gehende Polizei gegen die angeblich zum Widerstände rüstenden Studirenden Militär requi- 
rirte, die Studirenden mit Kolbenstössen tractiren Hess und einen Studirenden verhaftete 
und trotz erfolgter Legitimation achtzehn Stunden im Polizeigewahrsam fest hielt. Während 
er das Unrecht, dessen bei diesem Tumult einzelne Studirende sich schuldig gemacht hatten, 
gebührend ahndete, nahm der Senat sich mit Energie der Beschwerde an, die aus Anlass 
dieses Vorgangs 156 Studirende in einer gemeinsamen Eingabe an ihn richteten; dass er die 
andere Seite von der Rechtswidrigkeit ihres Vorgehens überzeugt hätte, lässt sich freilich 
nicht behaupten.^) 

Blieben damals doch selbst die Professoreu in ihren amtlichen Handlungen nicht un- 
behelligt. Sogar ein Lob eck wurde verdächtigt und denuncirt. Allerdings war er dem 
insofern mehr ausgesetzt, als er in der Eigenschaft eines Professors der Eloquenz bei den 
akademischen Feiern an Königsgeburtstag und am Krönungsfest die Festreden zu halten 
hatte und dabei auch ohne besondere Absicht leicht auf Stoffe aus dem klassischen Alterthum 
geführt wurde, welche für die der Zeit herrschende Richtung unangenehme Parallelen er- 
gaben. Zuweilen aber wählte Lobeck sein Thema auch geflissentlich so, dass es ihm Gelegen- 
heit bot, gewissen von ihm bekämpften Richtungen entgegenzutreten. Denn nicht leicht fand 



1) Philos. Fac. A. 5. IL 

2) D. 19. 



180 

sich damals sonst eine Gelegenheit der Art. Aber gerade unter den schwierigen Verhält- 
nissen jener Jahre hat sich Lobecks Meisterschaft auf diesem Gebiete glänzend bewährt. 
Ohne jemafe von den lichten Höhen reiner Wissenschaftlichkeit in das dunkle Getriebe der 
Tagespolitik hinabzusteigen, hat er doch den Zusammenhang zwischen dem gelehrten Beruf 
der Universitäten und ihrer Bestimmung, als nationale Bildungsanstalten mitzuarbeiten an der 
fortschreitenden Vervollkommnung des nationalen Lebens, niemals aus dem Auge verloren, 
sondern es alle Zeit meisterhaft verstanden, von dem klassischen Alterthum aus auf gewisse 
Erscheinungen jener Tage helle Schlaglichter fallen zu lassen. Damit brachte er nicht bloss 
elienso maa.ssvoll wie eindringlich seinen aliweichenden Standpunkt zum Ausdruck, sondern 
bezeichnete oft auch gleich die Ziele, denen die Entwickelung Deutschlands, wenn sie ge- 
sundete, nachzustreben haljen würde. Und das that er ebenso auf weltlichem wie auf kirch- 
lichem Geliiete. Zuweilen lassen schon die von ihm gewählten Themata diese Seite seiner 
Wirksamkeit als os academicum erkennen. So sprach er den 15. Octolier 1848 über die Ver- 
folgung des freien Wortes liei den Griechen und Romern, den 18. Januar 1849 über politische 
Sühneversuche bei den alten Völkern, den 18. Jaimar 1850 iiber politische und kirchliche 
Restauratiousversuche u. s. w.') Als er nun am 18. Januar 1856 die Collisionen einzelner 
wissenschaftlicher Disciplinen mit kirchlichen und weltlichen Behörden als „einen uns nahe 
liegenden Gegenstand aus der litterarischen Welt" liehandelte^) und dal^ei in weiterer Aus- 
führung eines von ihm schon früher skizzirten Gedankens darzuthun unternahm, dass dem 
Alterthum der religiöse Fanatismus überhaupt fremd gewesen sei und dass damals uuliedingte 
Lehrfreiheit geherrscht habe, ausgenommen einige Fälle, wo persönliche Feindschaft ein- 
wirkte, da versäumte es die „Ostpreussische Zeitung" nicht, ihn deshall) zu denunciren und 
ein amtliches Einschreiten zu fordern. Letzteres wurde zwar eingeleitet, alier wegen Mangels 
einer brauchbaren Handhabe nicht weiter fortgesetzt. Hatte Lolieck doch schon den 15. October 
1851 eine der brennendsten Fragen seiner Zeit muthig aufgegriffen und im Gegensatz zu der 
herrschenden Richtung die religiöse Duldsamkeit gepriesen, mit der die Priester der alten 
Welt, Idoss mit dem Cultus beschäftigt, von dem Staatsbürger nichts forderten, als dass er 
die Existenz der Volksgötter unangefochten lasse, und dann mit scharfen Worten hingewiesen auf 
die Intoleranz der von ihm gehassten Partei, welche die wissenschaftliche Forschung der 
strengsten Censur unterworfen sehen möchte und sich namentlich vermisst, über die Natur 
und die Eigenschaften derselben allgemein bindende Glaubensartikel festzusetzen. Beispiele 
solcher Verfolgungssucht hatte er aus alter und neuester Zeit reichlich angeführt, von Galilei 
und Giordano Bruno bis auf Rossmässler und Moleschott. Ueberall trat so der in Lobecks 
innerster Natur begründete sittliche Gegensatz hervor gegen eine Partei, die das Licht der 
Wissenschaft zu verdunkeln ihm eifrig bestrebt schien.^) 

Es war eben eine trübe und unerquickliche Zeit, die damals wie auf Deutschland und 
so namentlich auch auf der Albertina lastete und ihr die zu vollem und wahrem 



1) Lehnerdt, Ausgewählte Keileu, S. 40. 

2) Ourat.-Acten, S. 41. 

3) Lehnerdt a. a. 0., S. Ü6. 



ISl 

Gelingen unentbelirlielie Fi-eiidigkeit des Wirkens Ijeeiuträclitigte. Dii.s warf seinen Schatten 
.auch auf die Einleitungen, welche die Köiiigsberger Universität traf, um demnächst würdig 
die fünfzigste Wiederkehr des Tages zu begehen, an dem einst ihr Königlicher Eector sein 
Amt in voller Jugendlilüthe augetreten hatte. Da kam jene verhängnissvolle, in ihren 
Keimen längst sich regende Krankheit zum Ausbruch, welche dieseu ausserordentlichen Geist 
in seiner Kraft jählings knicken und für den Rest seiner Tage in immer tieferes Dunkel ver- 
sinken lassen sollte. Damit verboten sich von selbst die geplanten feierlichen Huldigungen, 
und Prorector und Generalconcil mussten sich darauf beschränken, am Abschlüsse eines ge- 
meinsam verlebten halben Jahrhunderts voll tiefgreifender Wandelungen und jäher Wcchselfälle 
ihrem Oberhaupt nur mit schriftlichen Glückwünschen zu nahen. Die huldvoll dankende 
Antwort, welche darauf erging, ist zwar noch von dem König eigenhändig unterzeichnet, aber 
die unsicheren, mühsam geführten und gleichsam zitternden Schriftzüge, die von dem sonst 
so schwungvoll kühnen Namenszug ergreifend abstechen, lassen bereits die Schwere der Geist 
und Hand lähmenden Krankheit erkennen.') Um so freudiger durfte bald danach auch die 
Albertina an den von den schönsten Hoffnungen verklärten Festlichkeiten theilnehmen, welche 
die Vermählung des künftigen Erben der preussischen Kroue mit Viktoria, der Prinzess 
Royal von England, verherrlichten, indem sie sich dem jungen Paare glückwünschend nahte^) 
und auf die an sie ergangene Einladung den Prorector W. Cruse und den Viceprorector als 
Vertreter zu den Einzugsfeierlichkeiten nach Berlin entsandte.^) 

Doppelt freudig und dankbar hiess daher die Albertiua gleichsam als letztes kost- 
bares Vermächtniss ihres scheidenden Königlichen Rectors den endlich in Angriff genommenen 
Bau ihres neuen Hauses willkommen. Noch lag seit den Festtagen von 1844 der Grundstein 
dazu auf Königsgarten, ohne der Bestimmung zu dieuen, zu der ihm einst die Weihe gegeben 
war. Der Mangel eines zureichenden Universitätsgebäudes hatte immer dringendere Forderungen 
für die wissenschaftlichen Institute zur Folge, die in ihrer Kümmerlichkeit ihrer Bestimmung 
als Lehranstalten ebenso wenig gerecht werden konnten wie der als Stätten der Forschung. 
Noch in der den Professoren nach dem Jubiläum gewährten Abschiedsaudienz hatte der 
Prorector Burdach dem König die für die akademischen Institute ausgesprochenen Wünsche 
wiederholt.*) Freilich war ja in dieser Hinsicht in Königsb(irg so viel versäumt und so viel 
nachzuholen, dass es zur Befriedigung auch nur der dringendsten Bedürfnisse eines überaus 
bedeutenden Aufwands bedurft hätte. Er wurde auf im Ganzen 220906 Thaler (6()2718 Mark) 
geschätzt, nämlich für das Universitätsgebäude 12.5532 Thaler, für die medicinische Klinik 
31374, für das physikalisch-chemische Laboratorium 12000, für die Anatomie 15000, für die 
chirurgische Klinik 20000, für einen Anbau am zoologischen Museum 8000 und einen solchen 
an der Bibliothek 9000 Thaler. Dazu kamen in Zukunft zu leistende jährliche Zuschüsse im 
Beirage von 5864 Thalern und Gehaltszulagen mit 4260 Thalern, im Ganzen noch 10124 Thaler.^) 

1) R. 4. 

2) F. 30. 

3) Rosenkrauz ;i. a. ü. 

4) Rurdach, S. 4G3. 

5) Curat. A. 141. I. 



182 

Deshalb meinte man von allem Andern absein und sich auf die Durchsetzung des neuen 
Universitätsgebäudes beschränken zu müssen. Aber auch dieses entschwand bald wieder in 
unerreichbare Fernen. 

Zunächst war an einen Beginn des Baues vor dem Frühjahr 1848 überhaupt nicht zu 
denken, denn erst Ende des Jahres 1847 sollte die neue Defensionskaserne (heute Kaserne 
Kronprinz) auf dem Herzogsacker fertig werden, deren Belegung mit Mannschaften die Voraus- 
setzung war für den Abbruch des Exercierhauses auf Königsgarten und die Ueberweisung des 
Platzes an die Universität.') Dennoch wurde der Schlossbaumeister Uhrich mit der Anfertigung 
der technischen Vorarbeiten beauftragt und auch auf eine künstlerische Studienreise geschickt, 
um in Frankreich, Italien, den Niederlanden und Deutschland die berühmtesten Bauten ähnlicher 
Art, die als Vorbilder dienen konnten, kennen zu lernen. Mit Benutzung des so gewonnenen 
Materials und unter der ihm vorgeschriebenen „besonderen Berücksichtigung der von Seiner 
Majestät über die Bebauung und Ausschmückung des Königsgartens ausgesprochenen Absichten"^) 
entwarf dieser dann einen Plan, der unter Annahme einer Frequenz von 600—800 Studirenden 
einen Aufwand von 280 — 285000 Thaleru erfordern sollte. Diese Summe w'ar unerschwinglich, 
und die Uhriehschen Entwürfe wurden deshalb so reducirt, dass sie nur ca. 200000 Thaler er- 
fordern sollten. Dennoch lehnte der Minister Eichhorn den Antrag auf sofortige Anweisung 
von 20000 Thalern zur BeschaÖ'ung des für die Fundamentirung nöthigen Materials im 
December 1846 ab, verlangte erst Fertigstellung der Pläne bis in alle Einzelnheiten und ihre 
Prüfung durch die Oberbaudeputation und machte kein Hehl daraus, dass für 1847 von einem 
Beginn des Baues überhaupt noch nicht die Rede sein könnte. Und als dann im Juli 1847 
der Oberpräsident von Bötticher die vollständig ausgearbeiteten Detailpläne einreichte, deren 
Ausführung 266758 Thaler und ausserdem noch 15936 Thaler für die Ueberbrückung des 
Fliesses erfordert hätte, lief endlich im März 1848 aus Berlin nur der Bescheid ein, dass zur 
Zeit jeder Antrag auf Flüssigmachung eines Theils der Gelder unnütz sei.^) 

Die nächsten Zeiten Ovaren nicht geeeignet die Sache zu fördern. Um so dringender 
machten sich die Bedürfnisse der Institute geltend, die man mit Rücksicht auf die Wünsche 
lies Ganzen bisher zuriickgestellt hatte. Die Zustände in der Anatomie waren unerträglich; 
aber erst 1850 Avurde der Neubau auf der Laak in Angriff genommen.*) Sonst blieb Alles 
beim Alten, obgleich an maassgel)euder Stelle der beste Wille vorhanden war zu helfen: 
als er im August 1851 zur Enthüllung des Reiterstandbildes Seines Vaters in Königsberg ver- 
weilte, sprach der König dem Prorector Rosenkranz gegenüber sein grosses Interesse 
für die Universität ans und ganz besonders für das ihr verheissene neue Gebäude.^) Aber 
auch die erneute Anwesenheit des Königs im Sommer 1853 (30. Juli bis 4. August) aus 
Anlass der Eröffnung der Ostbahn brachte die Sache keinen Schritt vorwiirts, ja, sie scheint 
inmitten der rauschenden Festlichkeiten jener Tage, an denen auch die ihrem Rector freudig 



1) Curator. A. 114a. IL 

2) Vgl. S. 103. 

3) U. 36, I. 

4) Kosenkranz, Prorectorutsbericht 1850 — 1852 

5) Rosenkranz ebendas. 



183 

huldigende Studeuteuschaft mit einer Goiidelfabrt auf dem Sclilossteich Antbeil hatte, kaum zur 
Sprache gekommen zu sein. Vielleicht hielt man sie hier und da überhaupt nicht für so 
sehr dringend, weil die Zahl der Studirenden ziemlich constant blieb, jedenfalls nicht in 
dem Maasse wuchs, dass daraus ein zwingendes Argument für den Neubau hätte gewonnen 
werden können. Denn nachdem sie von 340 in dem Jubiläumssemester auf 353 im Winter 
1844/45 gestiegen war, sank sie auf 347, 335, 317, um im S.S. 1847 mit 2.58 (63 Theologen, 
94 Juristen, 53 Medicinern und 88 Philosophen) den tiefsten Stand zu erreichen und dann 
allmählich von 318 bereits im W.S. 1847/48, mit steten Schwankungen auf 358 im S.S. 1851, 
353 im W.S. 1854/55, 357 im S.S. 1857, 361 im W.S. 1857/58 zu steigen und endlich mit 
393 (121 Theologen, 95 Juristen, 100 Medicinern und 67 Philosophen) im S. S. 1858 ihren 
höchsten Stand in jenem Jahrzehnt zu erreichen. Aber selbst für diese immer noch massigen 
Zahlen reichten die vorhandenen Räume nicht aus, vollends nicht, seit die Zahl der Lehr- 
fächer wuchs, von denen einzelne — wie z. B. die Physiologie — erst Anspruch auf grössere 
Arbeitsräume und dann auf eigene Institute erhoben. Das alte Albertinum aber, längst unge- 
nügend und baufällig, war doch immer nur nothdürftigst ausgebessert worden, weil man mit 
Rücksicht auf den bevorstehenden Neubau grosse Mittel nicht mehr darauf verwenden wollte. 
So trat denn schliesslich ein geradezu unerträglicher Zustand ein: 1854 fehlte es so an Audi- 
torien, dass etliche Docenteu ihre Vorlesungen wogen Mangels an Raum aufgeben mussteu.') 
Niemand konnte sich mehr der traurigen Erkenntniss verschliessen, dass „die akademische 
Thätigkeit der Königsberger Professoren und Docenten in ihrem engeren Zusammenhang 
einem sichtlichen Verfall mehr und mehr entgegengeführt werde." Da brachte endlich zu 
Ende des S.S. 1855 Schubert den Antrag ein, die Universität möge von der ihr 1844 er- 
theilteu Erlaubniss Gebrauch machen und für ihre Vertreter eine Audienz bei dem König 
nachsuchen, um die Angelegenheit des Universitätsgebäudes sowie die dringend nöthige Ver- 
besserung der Universitätsdotation unmittelbar bei demselben in Anregung zu bringen. 

Nun endlich, nach länger als zehn Jahren, wurde die Sache, die für die Albertina 
geradezu eine Lebensfrage geworden war, in Gang gebracht. Freilich musste dabei, wollte 
man nicht neue Enttäuschungen erleben, von Plänen abgesehen werden, wie sie Schlossbau- 
meister Uhrich nach den Intentionen des Königs entworfen hatte. Im Juli 1856 erschien der 
Geheimrath Knerk, um das wirkliche Raumbedürfniss für die Universität und die Institute zu 
ermitteln: denn die von Uhrich angenommene Zahl von 600 — 800 Studirenden hielt man für 
völlig unerreichbar. Bei einem neuen Besuch in Königsberg Hess der König selbst sich A'"or- 
trag über die Sache halten. Das Project wurde der Prüfung des Geheimen Oberbauraths 
Stüler unterbreitet, der wiederholt mit dem Pi'orector Sims on und dem Cabinetsrathlllaire 
conferirte. Dem Entwürfe wurde eine Frequenz von 500 Studirenden zu Grunde gelegt: indem 
man die Dimensionen der i)rojectirteu Räumlichkeiten entsprechend reducirte, ihre Zahl aber 
vermehrte, kam mau zu einem Anschlag von 180000 — 250000 Thalern.^) Auf den Vortrag 
des Oberpräsideuten und Curators Eichmann und des Prorectors Simsou erklärte sich der 

1) A. :^ß. I. 

2) 0. 77. II, 15. October. 



184 

König damit einverstanden. Dennoch hielt es das Generalconcil für geboten, sich in einer 
ausführlichen Denkschrift vom 1. November 1856, die eine genaue Geschichte des ganzen 
Verlaufs dieser Angelegenheit gab, auch noch an den Ministerpräsidenten von Manteufiel zu 
wenden und ihm seine Wünsche ans Herz zu legen, indem es sich auf Stiilers ürtheil berief, 
der den Zustand für ,, wahrhaft erbärmlich" und den Neubau für ,,ganz unerlässlich" erldärt 
hatte. Der Minister, hiess es darin, möge überzeugt sein, dass eV durch Gewährung der 
erbetenen Beihülfe „den sinkenden Muth treuer Lehrer der Albertiua neu gehoben und gestählt 
und ein bedrohliches Verkommen von der Hochschule abgewendet haben werde, die, auf dem 
Vorposten germanischer Bildung, solcher Berücksichtigung vielleicht um so dringender werth 
und bedürftig ist, als die Gründe ihres Rückganges nicht in dem Sinken ihrer geistigen 
Kräfte, sondern lediglich in dem Mangel eines würdigen oder auch nur schicklichen äusseren 
Zustandes zu suchen sein würden". Mit solchen Argumenten war denn auch den Kammern 
die Bewilligung der nöthigen Mittel leicht abzugewinnen, und das Anerbieten des Geuei-al- 
concils wurde überflüssig, wonach die Universität aus ihrem Vermögen dem Staate 72000 Thlr. 
als ein verzinsliches Darlehn überlassen wollte, um die zu schleunigem Beginn des Baues 
nöthigen Mittel zu beschaffen.*) Vielmehr wurden von den zunächst bewilligten 100000 Thlr. 
50000 bereits für das Jahr 1858 augewiesen. So konnte denn, als das Exercirhaus auf 
Königsgarten am 1. April geräumt wurde,^) am 6. Api-il 1858 der Bau unter Leitung des 
Baumeisters Paarmanu endlich beginnen.') Im Herbst 1859 war das Haus unter Dach. Die 
Weiterführung wurde übrigens auch in der Folge noch mehrfach durch finanzielle Schwierig- 
keiten vei'zögert. Auch entsprach der Bau schliesslich keineswegs den ursprünglichen Ent- 
wiirfen, sondern stellte sich dar als ein Compromiss zwischen den allein auf das Nöthige 
und Erreichbare gerichteten Plänen Stülers und den originellen und kühn ins Grosse ge- 
llenden Gedanken des Königs. 

Neben der Sorge für den Bau des neuen Albertinums ging nun aber alle diese Jahre 
auch die für die Befriedigung der Bedürfnisse her. welche namentlich von Seiten einzelner 
Zweige der Naturwissenschaften geltend gemacht wurden. Denn wenn man auch bei der 
Wiederanregung des Universitätsbaues 1855/56 erklärt hatte, dass man nur um diesen bitte und 
alle sonst ausgesprochenen und auch liereits als berechtigt anerkannten Wünsche in Betreff 
der Erweiterung oder Neueinrichtung von Instituten zurückstelle, so machten sich doch ge- 
rade auf diesem Gebiet die wachsenden Ansprüche immer unabweisbarer geltend und mussten 
in irgend einer Weise befriedigt werden, sollten nicht gewisse Studienzweige in verhänguiss- 
voller Weise Schaden leiden. Die 1850 begonnene neue Anatomie wurde 1853 bezogen. 
Was dagegen durch eine geringe Erhöhung des Etats (um 3100 Thaler) 1845—46 für die 
Kliniken, die Bibliothek, die Sternwarte und das physikalische und chemische Laboratorium*) 
geschah, war nur ein Nothbehelf. Insbesondere waren die beiden zuletzt genannten Anstalten in 
einem sehr kümmerlichen Zustande, obgleich schon 1841 aus Anlass von Justus von Liebigs Schrift 



1) A. 36. I. 

2) Gurator. A. 114a. l[l. 

3) C. 77. IL 
4j Rosenkranz. 



185 

„lieber das Studium der Naturwissenschaften und über den Zustand der Chemie in Preussen" 
ein Miuisterialerlass vom ;>. Juni die philosophische Facultät aufgefordert hatte, über die 
einschlägigen Verhältnisse in Königsberg zu berichten und sich dabei auch gleich wegen der 
Einrichtung eines physikalischen Laboratoriums auszusprechen.') Erreicht wurde nichts, und 
das im Collegium Albertinum untergebrachte chemische Laboratorium konnte gegenüber den 
Fortschritten gerade dieser Wissenschaft selbst den bescheidensten Ansprüchen nicht genügen, 
so dass noch 1852, als es sich nach Dulks Tod um die Berufung eines neuen Chemikers 
handelte, die medicinische und philosophische Facultät in einer gemeinsamen Denkschrift 
dem Ministerium die Nothwendigkeit der endlichen Abhülfe darthaten.^) Der damals, Ostern 
1853, auf Roses Empfehlung au die Albertina berufene E. Werther hatte denn auch gleich 
zu Anfang seiner Wirksamkeit zu constatiren, dass das bisher zum chemischen Laboratorium 
benutzte Local im Collegium Albertinum in Folge seiner Feuchtigkeit weder zur Aufstellung 
von Instrumenten und Apparaten, noch zu Vorlesungen brauchbar sei, und erbat und erhielt 
die Erlaubniss, statt jener fürs erste die bisher im sogenannten Bischofshof zu Auditorien 
gemietheteu Räume zu benutzen.') Endlich im Jahre 1854 konnte der Ban eines neuen 
chemischen Laboratoriums auf einem vom botanischen Garten abgezweigten Grundstück in 
Angriff genommen werden. Bezogen wurde dasselbe 1857. Inzwischen ging der üniversitäts- 
bau seiner Vollendung entgegen, mochte auch die von dem kunstsinnigen König geplante 
künstlerische Ausschmückung seines Innern noch eine Reihe von Jahren erfordern. Die 
Giebelwand sollte 16 Medaillons mit Portraitbüsten berühmter Lehrer und Schüler der 
Albertina erhalten.*) Auf Grund der Vorschläge einer Commissiou sprach sich das General- 
concil zunächst für die Herstellung solcher Medaillonbüsten aus von Säbinus, Simon Dach, 
Hagen, Kraus, Kant, Herder, von Hippel, Herbart, Bessel, Burdach, Jacobi und Lachmaun, 
während vier Felder einstweilen frei bleiben sollten, „um einer künftigen Zeit die Ausfüllung 
derselben anheimzustellen."^) Von diesen Vorschlägen wurde der Hagen betreffende vom 
Ministerium (22. März 1860) beanstandet: der durch seine Vielseitigkeit ebenso wie seine 
Verdienste um die Hebung der naturwissenschaftlichen Studien in der Provinz Preussen hoch- 
verdiente Mann,^) nach jeder Richtung hin der würdigste Repräsentant der Albertina im An- 
fang des 19. Jahrhunderts, sollte dem „Magus des Nordens", Hamann, Platz machen. Dass 
Hamann, obgleich seine „groteske Genialität" sich grossen Ruhras erfi-eut,') nicht dahin ge- 
hörte, wenn es sich bei der Auswahl nach des Ministers eigenem Ausdruck darum handelte, 
„nicht allein das Andenken dieser Männer zu ehren, sondern auch zugleich den Geist der 
Universität zu kennzeichnen und gegenwärtige und künftige Lehrer der Albertina zu mahnen, 
im Geiste dieser Vorgänger fortzuwirken", durfte kaum ernstlich bestritten werden. Deshalb 

1) Phil. Fac. A. 5. II. 

2) Phil. Pac. 18.^2 53. 

;5) Curator.-Eil. 21. April 1853. 

4) C. 77. I. 28. üct. 18.59. 

5) A. 36. I. 4. Nov. 1859. 

6) Vgl. S. 120-21. 

7) A. 36 (18. April 1860). 



186 

bebarrte das Generalconcil auf dem Vorschlag Hagens. Während ferner für die Mitte des 
Giebels ein Reiterbild des Herzogs Albrecht beabsichtigt war, wünschte das Generalconcil 
dort eine Gruppe angebracht, in der der Stifter der Universität zusammen mit Luther 
und Melanchthon dargestellt -werden sollte. Stiller freilich konnte das „vom künstlerischen 
Gesichtspunkte aus nicht für zulässig erachten", und so fand die Anregung auch an maass- 
gebender Stelle keinen Beifall. Auch mit den Bedenken drang das Generalconcil nicht 
durch, die es weiterhin gegen die geplante Ausmalung der neuen Aula erhob, nicht lun die- 
selbe überhaupt abzulehnen, sondern nur um eine Herabminderung der Kosten zu bewirken. 
Denn ein Aufwand von 50 — 60000 Thalern, der nach dem Anschlage des Akademiedirectors 
Professor Eosenfelder dazu erfordei-t wurde, schien ihm nicht im Verhältniss zu stehen zu 
der Menge dringender Bedürfnisse wissenschaftlicher Natur, auf deren endliche Befriedigung 
man seit lange vergel)lich wartete: namentlich hätte man gern einen Theil dieser Summe der 
besonders nothleidenden Bibliothek zugewandt, zumal diese unlängst noch von einem besonderen 
Missgeschick heimgesucht worden war. Nach dem Tode des zweiten Bibliothekars nämlich, 
des Archivraths Faber, im Januar 1851, ergab sich im Verlaufe der Recherchen über einen von 
diesem aus der Kasse entnommenen Vorschuss, dass er das Vertrauen Lobecks schnöde miss- 
braucht, zum Nachtheil der seiner Mitverwaltung anvertrauten Anstalt Betrügereien verübt 
und deren Entdeckung durch Fälschungen verhindert hatte. ^) Um den Schaden, den er 
dui'ch mangelnde Beaufsichtigung seines Untergebenen unwissentlich ermöglicht hatte, nach 
Kräften gut zu machen, setzte Lobeck die Bibliothek zur Erbin seiner eigenen werthvollen 
ßüchersammlung ein. 

Unter günstigen Vorzeichen ging die Albertina dem Tage entgegen, wo sie endlich 
eine würdige Stätte ihres Wirkens und Strebens beziehen sollte. Ihrem Königlichen Eector 
freilich war es nicht mehr beschieden Zeuge davon zu sein: in seiner geistigen Ki-aft vollends 
gebrochen, siechte er dahin, während sich ringsum die verheissungsvollen Ansätze eines neuen, 
frischen und entwickelungskräftigen Lebens zu regen begannen. Es ist bekannt, wie die 
Uebernahme der verfassungsmässigen Regentschaft durch den bisher mit des erkrankten 
Bruders Stellvertretung betrauten Prinzen von Preussen für den preussischen Staat eine neue 
Aera einleitete. Bewii-kte sie zunächst die Lösung von dem Bann, in dem die innere politische 
Entwicklung gelegen hatte, und knüpfte sie weiterhin die allzu lange fallen gelassenen Fäden 
einer nationalen Gestaltung der Zukunft Deutschlands ^\'ieder an, so kamen die segensreichen 
Wirkungen davon doch in erster Linie dem geistigen Leben und zwar zunächst den zu dessen 
besonderer Pflege berufenen Universitäten zu Gute. Auch für die Albertina begann eine Zeit 
neuen Gedeihens, indem längst als nothwendig erkannte Bedürfnisse ihre Befriedigung fanden 
und die Versäumnisse der letzten Lustren mit grossartiger Freigebigkeit nachgeholt wurden, 
so dasE sie im Wesentlichen die Voraussetzungen gegel)en sah, von denen die Erfüllung ihres 
hohen Berufs abhing und ohne die ihr erfolgreiches Eintreten in den Wettbewerb mit den 
übrigen preussischen und deutschen Universitäten unmöglich geblieben wäre. Ein freierer 
und frischerer Geist hielt hier seinen Einzug. Freilich sah er sich in seiner Bethätigung Anfangs 



1) Rosenkranz. 



187 _ 

noch maiiiiigt'ach gestört und gebindert. Wie ein letzter Nachklang der glücklich über- 
wimdeuen Zeit erschien es, dass bei der Vorbereitung der akademischea Feier von Schillers 
luindertjährigem Geburtstag 1859 der von den Studirenden bealisichtigte Fackelzug polizeilich 
untersagt virnde und in Folge dessen die akademische Jugend sich an der nationalen Feier 
überhaujit nicht betheiligte. ^) 

Am 2. Januar 1861 wurde König Friedrich Wiliielm IV. von seineu Leiden erlöst. 
Die Albertiua betrauerte in ihm ihren Rector, der länger als fünfzig Jahre den Purpur ge- 
tragen hatte. An die dadurch freigewordene Stelle trat den Statuten gemiiss zunächst der 
bisherige Prorector Rosenkranz. Bald aber sollte der Albertina das Glück zu Theil worden, 
die so lange bestandene innige Verbindung mit dem Herrseberhause erneut zu seben. Im 
October 1861 fand die Krönung König Wilhelms J. in Königsberg statt. Gleich nach der 
-Ankunft (den 14. October) bei der Begrüssung durch die Behörden an der Freitreppe des 
Schlosses drückte der König dem ihm vorgestellten Rector Rosenkranz nicht bloss sein 
tiefes Bedauern über den grossen Verlust aus, den die Universität durch den Tod Seines Hoch- 
seligen Bruders als ihres Rectors erlitten habe, sondern sprach auch die Erwartung aus, dass 
dieselbe Seinen Sohn zu ihrem Rector wählen würde. Gleich am nächsten Tage trat das 
Generalconcil zu dem Wahlacte zusammen. Auf die Mittheilung davon, welche ihm eine 
Deputation der Professoren überbrachte, erklärte der Kronprinz an dem Tage der Krönung 
selbst, der zugleich sein Geburtstag war (18. October), seine Bereitwilligkeit zur Annahme 
der ihm angetragenen Würde, und am 19. wurden ihm in der Aula des alten Albertinums in 
Gegenwart des Generalconcils als des Wahlkörpers die Insignien derselben feierlich ülier- 
geben. Der bisherige Rector Rosenkranz begrüsste das neue Haupt der Universität mit einer 
Anspi-ache. Anknlipfend an die Verdienste der Hohenzollern um die Wissenschaft, erinnerte 
er den Kronprinzen daran, wie Hochderselbe als ein echter Zögling der rheinischen Hochschule 
ein Studiosus im schönsten, mustergültigen Sinne gewesen: so vereinige Er nun als Rector 
von Königsberg in Seiner Person Preussens akademischen Westen und Osten. Gegenüber 
dem jährlichen Wechsel des Prorectors und dem in grösseren Zwiscbenräumen eintretenden 
Wechsel auch des Curators sei Er hinfort die monarchische Säule der Albertina und werde 
demgemäss als ihr dauerndes Haupt „aus der geschichtlichen Continuität heraus immer das 
Richtige treffen und in zarten Collisionen, wie das Interesse der Wissenscbaft sie zuweilen 
erzeugt, ihr Schutz, ihr Rather, ihre Hülfe sein." Diesen Gedanken nahm der Kronprinz 
in der Rede auf, mit der er die Begrüssung Ijeantwortete. Er gedachte seiner Bonner 
Studienzeit, seines Oxforder Doctorats, er verglich die wissenschaftlichen Anstalten Deutschlands 
und Englands und hob im Rückblick auf das Krönungsfest dessen Bedeutung für das weitere 
deutsche Vaterland hervor, indem er zugleich den deutschen Beruf der Träger der Wissenschaft 
auf preussischen Hochschulen betonte. Eigenbändig zeichnete er sich dann in das Album der 
Universität ein: Fridericus Guilelmus heres monarchiae, rector magnificentissimus die 18. Octobris. 
Die freimüthige, von hoben Anschauungen getragene Ansprache, mit welcher der hohe Herr 
sein neues Amt ganz in dem idealen Sinn und Geist, mit dem es ihm augetragen war, 



1) Rosenkranz, Tagebuch. 



188 

antrat, sowie die Freundlichkeit und Eingänglichkeit, mit der er in der folgenden Unterhaltung 
Jeden persönlich an sich hei-auzuziehen wusste, blieben den Theilnehmern an dieser Feier 
uuvergesslich. Mit besonderer Freude empfing man die Zusage, dass der neue Rector der 
im nächsten Jahre bevorstehenden Weihe des neuen Universitätsgebäudes persönlich an- 
wohnen werde. 

Und dieselbe ging in frohe Erfüllung, obgleich gerade als man den Einzug in das neue 
Haus vorzuliereiten liegann, die Wogen des politischen Kampfes wieder besonders hoch gingen. 
Auch die Albertina wurde von ihrem Anprall getroifen, als im Frühjahr 1862 nach der Auf- 
lösung des Abgeordnetenhauses ein auf die Neuwahlen bezügliches Rescript des Ministers des 
Innern an die Beamten von dem Minister der geistlichen, Unterrichts- und Mediciual-Ange- 
legenheiten, Herrn Dr. von Mühler, auch den Professoren der Universitäten mitgetheilt wurde, 
und zwar gleichzeitig dem Senat und den vier Facultäten. Der Prorector Rosenkranz Hess 
es, wie er selbst ))erichtet, circuliren und dann zu den Acten nehmen, weil er die durch die Ver- 
fassung gewährleistete Freiheit der Wahl dadurch nicht beeinträchtigt glaubte: „Jeder schriel) 
sein legi darunter, und die Sache schien abgethan." Dagegen sah die Berliner Universität in dem 
Rescript einen Eingriff in das Recht der Universitäten, als wissenschaftliche Corporationeu 
von allen politischen Zumuthungen frei zu bleiben, und protestirte gegen die Mittheilung jenes 
Wahlerlasses. Andere Universitäten schlössen sich an, und auf der Albertina beantragte am 
10. April die uiedicinische Facultät ebenfalls, die Zustimmung zu dem Schritt der Berliner 
zu erklären. Darüber gab es in dem Generalconcil am 15. April 1862 heftige Kämpfe, welche 
aber, um mit Rosenki'anz zu reden, damit endeten, „dass auch die Albertina dem Pronuncia- 
mento der Berliner Universität die Adhaesion ertheilte." Die Redaction des Protestes wurde 
Ludwig Friedländer als Pi-ofessor der Eloquenz übertragen, und dieser wusste ihn, 
wiederum nach Rosenkranz' Bericht, „so sehr im Geiste echter Wissenschaftlichkeit, die mitten 
im Streit der Parteien den Frieden der ewigen Wahrheit sucht und daher von solchen Er- 
lassen unberührt zu bleiben wünschen muss", al)zufassen, dass der Minister von Mühler schon 
acht Tage darauf in einer sehr artigen Antwort sein Einverstäudniss mit den von dem 
Generalconcil geäusserten Gesinnungen ausdrückte. Dieser Schriftwechsel ist für beide Theile 
in ehrenvollem Sinn charakteristisch. Das vom 16. April datirte Schreiben des General- 
concils beklagt zunächst „die ungewöhnliche Form der Mittheilung in einer so hochwichtigen 
Angelegenheit, die nicht die Facultäten oder deren einzelne Mitglieder als solche betrifft, 
sondern die Universität als Gesammtheit und sie in ihrem innersten Leben so tief berührt 
wie kaum eine andere." Ausserdem halje diese Form eine rechtzeitige Rückäusserung un- 
möglich gemacht. Nachdem aber alle anderen preussischen Universitäten gesprochen, würde 
ein Schweigen der Albertina den Schein erwecken, als ob sie die Ansicht der Schwester- 
Universitäten in dieser Sache nicht theilte. Man nehme, so wurde dann ausgeführt, nicht an, 
dass der Minister das Wahlrecht hal)e Ijeschränken wollen. „Alter dass Ew. Excelleuz ge- 
glaubt haben, uns au unsern Sr. Majestät dem König geleisteten Eid erinnern zu müssen, das 
hat uns — ganz abgesehen von dem dabei eingeschlagenen, in der Geschichte der preussischen 
Universitäten noch nicht vorgekommenen Verfahren — aufs Schmerzlichste berührt." Die 
Professoren nehmen für sich das Recht jedes Staatsbüi-gers in Anspruch, „ihre politische 



üeberzeugung in den gesetzlichen Schranken frei und offen auszusprechen." „Auch müssen 
wir fürchten, dass die Würde der Universitäten herabgesetzt wird, wenn sie in den Kampf 
der Parteien gerufen und auf einen bestimmten Posten hingewiesen werden, der mit jedem 
Wechsel des Ministeriums gewechselt werden müsste. Ihre Aufgabe ist es, von veränderlichen 
Tagesmeinungen unberührt, durch Erforschung und Verbreitung der ewigen Wahrheiten der 
Wissenschaft auf edlere Geistes- und Charakterbildung hinzuarbeiten. Diesen hohen Beruf 
können sie nur erfüllen, wenn ihren Mitgliedern die auf gewissenhaft erstrebter Erkenntniss 
der Wahi-heit beruhende Üeberzeugung über Alles geht. Diese eigenste, durch keinerlei 
äussere Rücksichten Ijestimmte üeberzeugung muss wie immer so auch gegenwärtig die Richt- 
schnur unseres Handelns sein: ihr folgend, werden wir auch bei der bevorstehenden Wahl, 
treu Sr. Majestät dem König und der Verfassung, unsere staatsbürgerliche Pflicht erfüllen." 
Von diesem Schreil)en au den Minister machte das Generalconcil gleichzeitig dem Kronprinzen 
als Rector Mittheilung, „weil wir nicht glauben, uns der Verbindlichkeit entziehen zu dürfen, 
von diesem in einer so hochwichtigen Angelegenheit gethauen Schritt Höchstdemselben als 
dem Oberhaupt der Albertina Kunde zu geben." Der Eindruck, den die würdige, ebenso 
maassvolle wie entschiedene Erklärung an maassgel)ender Stelle machte, ü))ertraf beinahe die 
gehegten Erwartungen. Bereits am 19. April erklärte sich der Minister von Mühler mit den 
darin ausgesprochenen Grundsätzen durchaus einverstanden. Was die so schmerzlich empfun- 
dene Erinnerung an den geleisteten Eid angehe, so möge den Professoren der Albertina „zur 
Beruhigung dienen, dass nicht eine vorgefasste Meinung gegen die Loyalität der Universitäten 
den Erlass hervorgerufen, sondern lediglich der Wunsch, sie durch authentische Mittheilungen 
in den Stand zu setzen, ülier die Grundsätze der königlichen Staatsregieruug gegenüber dem 
Missverständuisse und der Entstellung ein der Wahrheit entsprechendes Zeugniss ablegen zu 
können." Der Minister schloss mit dem Wunsche, die Universitäten möchten in der in dem 
Schreiben zum Ausdruck gel)rachten Gesinnung zu wirken foi'tfahren: „So wird, dies ist auch 
meine Zuversicht, auf solcher Grundlage der Wahrheit und des Rechts ebenso sehr die Würde 
und das Gedeihen der Universitäten wie die Wohlfahrt des Vaterlandes in ihnen eine kräftige 
Stütze finden."') 

Die politische Pjrregung jener Tage ergrili' auch die Studentisuscliaft: mit jugendlichem 
Eifer nahm sie für den der Fortschrittspartei angehörigen Professor der Medicin Dr. Möller 
Partei, als es zwischen ihm und dem Professor der Staatswisseuschaft Glaser, der auch 
gegen die Beschlüsse des Generalconcils in Sachen des Wahlerlasses eine Rechtsverwahrung 
eingelegt hatte, zu einer heftigen Zeitungspolemik kam. Nach einer Studentenversammluug, 
in der die bevorstehende Weihe des neuen Universitätsgebäudes berathen war, begaben sich 
etwa 250 Studirende nach Möllers Wohnung, um ihm ein Vivat zu bringen. Die weiterhin 
gegen Glaser beabsichtigte Demonstration unterblieb, da der Zug nach der Ankunft vor dessen 
Behausung aufgelöst wurde. Die angestellte Untersuchung ergab nun aber, „dass von Seiten 
der Studirenden mehr jugendliche Unbesonnenheit und momentane, durch Zeitungslectüre auf- 
gereizte Erregung als böswillige Absichtlichkeit zu Grunde lag; jedenfalls war das etwa Be- 

1) V. 15. 



190 

aljsichtigte nicht ausgeführt worden, worin es aber bestanden haben mochte, liess sich nicht 
ermitteln." Gegen zwei Drittheile der gesammten Studentenschaft deshalb eine Art von Monstre- 
jn-ocess einzuleiten, schien dem Senat unangemessen, und er beantragte deshalb in Ueber- 
einstimmung mit dem Curator bei dem Ministerium, von der Untersuchung, die zu einem kaum 
üliersehbaren Umfang sich hätte ausdehnen müssen, Abstand nehmen zu dürfen. Diesem 
Antrag wurde denn auch nachgegeben. Au die Studireuden al)er wurde eine ernste Mahnung 
gerichtet, sie daran zu erinnern, „dass ihr Zweck auf der Universität vor Allem das Studium 
der Wissenschaft sei, dass sie von allen Handlungen, die den Charakter einer ostensiblen Ein- 
mischung in die Politik annähmen, sich durchaus fern zu halten hätten, und dass ein Zuwider- 
handeln die strengste Strafe nach sich ziehen müsste." Dieser milde Ernst hatte nach Kosen- 
kranz' Bericht den gewimschten Erfolg: im S.S. 1862, wo es nicht an mancherlei Versuchungen 
für sie fehlte, hielten sich die Studirenden durchaus in den gebührenden Schranken, und 
..seil ist als am I.März 1803 die Gefahr entstand, dass sie unter dem Einfluss der Tagespresse 
abermals in unpassende Ausschreitungen verfielen, bedurfte es nur einer nachdrücklichen 
Besprechung des Prorectors mit ihnen, um sie von den Irrthümern ihrer Auffassung und von 
den zerstörenden Folgen, die eine so verkehrte Handlungsweise für die gesammte Disciplin 
haben müsste, zu überzeugen.''') 

Nachdem dann am 17. Mai die nationale Feier des linndertjährigen Gelmrtstages von 
Fichte mit einer Rede Eosenkrauz' begangen war, rüstete man sich ernstlich zum Umzug aus dem 
alten, engen und unschönen All)ertinum im Kneiphof nach dem stattlichen, lichten und luftigen 
Bau auf Königsgarten. Zur Vorl)ereitung der dabei zu veranstaltenden Festlichkeiten, denen 
des Kronprinzlichen Rectors persönliche Antheilnahme die Weihe geben sollte, wurden vei-- 
schiedene Commissionen gewählt, die unter des unermüdlichen Prorectors Rosenkranz Leitung 
ihre schwierige Aufgabe lösten. Der Termin des Einzuges wui'de auf den 20. Juli fest- 
gesetzt. Während aus allen Theilen der Provinz die ehemaligen Zöglinge der Albertina zu- 
sammenströmten und durch ihren Ausschuss Festlichkeiten vorbereiteten, welche die in Jugend- 
lust gemeinsam verlebte Studienzeit zu kurzem Abglanz erneuern sollten, traf am 18. Juli 
der Minister von Mühler ein in Begleitung der Geheimräthe Knerk, der an der Vorbereitung des 
neu zu weihenden Baues besonders betheiligt gewesen war,*) und Dr. Olshausen, der vor seiner 
Berufung zum Referenten für Universitätsangelegenheiten als Oberbildiothekar und Professor 
der orientalischen Sprachen der Albertina angehört hatte. Am 19. wurde ihm der gesammte 
Lehrkörper vorgestellt. Am Abend dieses Tages traf dann der Kronprinzliche Rector ein. 
Darauf begann die bedeutungsvolle Feier am 20. Juli mit einem Gottesdienst in der Dom- 
kirche. Ihm folgte in der Aula des Collegium Albertinum unter dem Zudringen einer zahl- 
losen Menschenmenge die Investitur des Kronprinzen als Rector, da die Inauguration desselben 
im October 1861 bei der Beschränktheit der Zeit nur sehr unvollkommen hatte vorgenommen 
werden können. Ein neuer prachtvoller Rectorornat war dazu in Berlin angefertigt worden. 
Die Anrede, welche der Prorector dabei au ihn hielt, erwiderte der Kronprinz mit kräftigen, 



1) Rosenkranz. 

2) Vgl. S. 183. 



191 

beo-eisternden Worten, die in allen Herzen Wiederhall fanden: mit Nachdruck hob er namentlich 
hervor, dass von Königsberg und seiner Albertina die Kantisclie Philosophie ausgegangen sei, 
die zuerst den Zusammenhang von Recht und Pflicht eingeschärft habe. 

„Hierauf nahmen wir," so berichtete nachmals Rosenkranz bei der Niederlegung 
seines Prorectorats, „von dem alten, trotz seiner vielen Uebelstände durch Gewohnheit uns 
lieb gewordenen Hause wehmüthigen Abschied und setzten uns unter dem Schall der Musik 
in Bewegung. Die Strassen wimmelten von Menschen, und aus den Penstern der Häuser 
blickte Kopf an Kopf. Angelangt auf Königsgarten, gingen Rector und Prorector bis vor 
die Mittelfront des Gebäudes, wo der Minister von Mühler ihm dasselbe übergab, und der 
Baumeister, Geheimrath Stüler, ihm den Schlüssel überreichte, mit welchem Se. Königliche 
Hoheit das Mittelthor erschloss und in der Aula, wohin Alle ihnr folgten, die Universität im 
Namen des Königs für eröönet erklärte. Nach einem Gesauge der Studireuden hielt der 
Prorector die Weiherede. Dann ergrifif auch der Kronprinz das Wort. „Er betrachte, so 
sagte er, die als Rector überkommene Erbschaft als eine neue Aufforderung, Kunst und 
Wissenschaft zu fördern und zu schützen; was seine Ahnherren gestiftet und in Ehren ge- 

das solle auch von ihm heilig gehalten werden. Er versprach. Alles in der bisherigen 
und, wo es sein könne, erweiternd zu unterstützen. Er gedachte der grossen Männer, 
die hier gelehrt, vor Allen jenes Mannes, dessen Lehren weit über die Grenzen des Vater- 
landes drangen und den ganzen civilisirten Erdball erleuchteten, der pflichttreuen und ver- 
ständigen Sinn förderte. Lehrern und Studirenden brachte er in warmen Worten die besten 
Wünsche dar für ein gesegnetes Wirken und Streben an der ihnen bereiteten neuen Stätte — " 
Und bei dem folgenden Festmahl lenkte er die Blicke hinaus auf Gesammtdeutschland : „Wenn 
Wissenschaft und Disciplin gepaart einhergehen, dann ist die Wissenschaft wohl aufgehoben, 
und wenn das auf allen Hochschulen unsers Vaterlandes der Fall ist, dann kann es getrost 
der Zukunft entgegensehen, denn wir wissen, was sie waren und was sie sind für das grosse 
Vaterland." Noch am AViend dieses ersten Festtages eilte der hohe Herr nach Berlin zurück. 
Am :21. Juli fand dann in der Aula nach einleitenden Reden der Decane die Verkündigung 
der von den Facultäten vollzogenen Ehrenpromotionen statt. 

Des Weiteren Ijerichtet Rosenkranz von dem Verlauf der Festtage: „Das Fest hatte 
am Abend des 19. Juli bei dem schönsten Wetter begonnen. Das von den ehemaligen 
Studirenden geldldete Comite hatte sich mit dem akademischen' in das beste Vernehmen 
gesetzt. Es herrschte die grösste Eintracht, das freundlichste gegenseitige Entgegenkommen, 
und der Abend im Garten der Bürgen-essource vereinigte Alt und Jung zu fröhlichstem Aus- 
tausch. Auch am andern Morgen liess sich das Wetter noch ziemlich gut an, al)er schon als 
die letzten Abtheilungen des riesigen Festzuges um Mittag Königsgarten erreichten, wurden 
sie vom Regen überrascht, und der Nachmittag blieb rauh und düster. Die Wasserfahrt am 
Montag N.achmittag, an der sich dennoch Tausende betheiligten, verregnete, und der Commers 
am Abend musste im Local des Schützengartens, statt im Fi-eien bei festlicher Illumination 
in den überfüllten Sälen abgehalten werden. Trotz solcher Widerwärtigkeit der Natur 
siegte der Geist. Die frohe Laune arbeitete sich üljerall bis zu burschikosem Humor durch 
und crliiclt die Ordnung inmitten der höchsten Heiterkeit. Das Fest endete am Dienstag 



192 

Abend in dem prächtig illuminirten Bauerschen Garten mit einem Concert der Studirenden 
zu allgemeiner Zufriedenheit — wenn auch mehrere Wochen hindurch nachträgliche Artikel 
in der hiesigen Presse uns einreden wollten, dass dem nicht so gewesen sei." Eine dauei-nde 
Erinnerung an das schöne Pest wurde die „Prämienstiftimg ehemaliger Studiengenosseu" der 
Albertina, für welche das betreffende Comite den nach Abschluss der Eechnung gebliebenen 
Ueberschuss von 1200 Mk. anwies, um von den Zinsen jedes dritte Jahr am 20. Juli die 
beste der Bearljeitungen zu krönen, welche über die in regelmässigem Wechsel von allen 
Facultäten zu stellenden Pi"ei saufgaben geliefert würde. 

Welch tiefgreifende Wandlung aber der Wechsel des Schauplatzes der täglichen 
Thätigkeit bedeutete, wurden alle Theile erst nach dem Wiederbeginn der regelmässigen Arbeit 
recht inne. Alles war dem Einzelnen ungewohnt und deshall) zunächst unbehaglich; manche 
Erwartungen erwiesen sich als üljertrieben, und das erzeugte hier und da ein Gefühl des 
Uuljehagens. Es fehlte daher nicht an Klagen, Beschwerden, Nachforderungen, und der 
Prorector Rosenkranz l)ekennt, nach dem Einzug in die so lange ersehnte neue Heim- 
stätte viel mehr Plage und Noth gehabt zu haben als während des Höhestandes der durch 
die Vorbereitung zum Umzug veranlassten Geschäfte. Doch war das schliesslich ein natür- 
liches Dm-chgangsstadium, das unter ähnlichen Umständen Niemandem ganz erspart bleibt. 
Das Neue und Ungewohnte erwies sich allmählich doch als bequemer und praktischer als 
das im ersten Augenblick schmerzlich entbehrte Alte. Es rückte sich nach und nach Alles 
zurecht, und man richtete sich mit wachsendem Behagen neben einander ein. Und sobald 
man erst so weit war, da machte sich auch, immer entschiedener und vorliehaltloser aner- 
kannt, der Segen des neuen Hauses geltend, und Lehrer und Lernende fingen an sich dessellien 
von Tag zu Tag in Dankbarkeit zu freuen. 



li. Lehre und Lernen auf der Albertus-Universität 1844—62. 

Dass die achtzehn Jahre von der drillen Siicularleier der Albertina bis zu dem 
Einzüge in das neue Haus eine Zeit fröhlichen Gedeihens und glücklichen Erblühens nicht 
gewesen, flas lassen im Einklang mit den allgemeinen Zuständen jener Periode auch schon 
die Frequeuzverhältnisse erkennen. Sie bewegen sich unter dem Mittelmaass, während in den 
eigeuthümlichen Schwankungen, welche die einzelnen Facultäten aufweisen, die vorherrschende 
geistige und politische Strömung jener Zeit charakteristisch zum Ausdruck kommt. Sie be- 
stätigen die Beobachtung, dass in den Zeiten des Stillstandes die studireude Jugend sich auch 
von den allgemeinen wissenschaftlichen Interessen aljwendet. Fehlt dann doch gerade das, was 
einst Karl August von Weimar der zu den Karlsbader Beschlüssen rüstenden Reaction als 
das eigentliche Lebenselement aller ihres Namens wirklich würdigen Universitäten bezeichnet 
hatte: „Freiheit der Meinungen und der Lehre muss den Universitäten bleiben: 
denn im offenen Kampfe der Meinungen soll hier das Wahre gefunden, gegen das Vertrauen 



193 

auf Autoi-itäten soll hier der Schüler bewahrt, zur Selbständigkeit erhoben werden."^) Um, un- 
beirrt durch die Eücksicht auf das künftige Amt, in diesem Sinne volle geistige Freiheit zu 
gewinnen, bedarf der Jüngling allerdings einer gewissen Bmancipation von unbedingt an- 
erkannten Autoritäten: nie lernt er sonst jene beglückende Lust an der Freiheit der Bewegung 
kennen, die gelegentlich wohl zu ungestüm vorwärts will, meist aber bald selbst wieder in 
die gebührenden Schranken zurückkehrt. Die Anlage aber und die Neigung dazu liegen in 
Zeiten, wie sie hier in Rede stehen, auch der studirenden Jugend ziemlich fern. Vielmehr 
sucht sie da mit Vorliebe diejenigen Berufsarten auf, bei denen es gilt, ein geschlossen 
überliefertes System aufzunehmen und ohne viel Grübeln über die etwa dahinter liegenden 
Probleme das Erlernte iu der vorsorglich geregelten Praxis eines bürgerliche Versorgung 
gewährenden Amtes anzuwenden. Daher wachsen dann die theologische und die juristische 
Facultät, während die philosophische zurückzugehen pflegt, und wenn Rosenkranz seiner 
Besorgniss um die Zukunft der Albertina damals iu den Worten Ausdruck gab: „Noch 
dominirt die philosophische Facultät, aber die Zeit ist vielleicht nicht fern, wo die theolo- 
gische herrscht — ''^) so dachte er dabei nicht bloss an den Lehrkörper, sondern auch an die 
Studirenden und an die vorwaltende geistige Richtung. 

In dem Säcularsemester des Sommers 1844 hatten auf der Albertina von 340 Stu- 
direnden nicht weniger als 128 der philosophischen Facultät angehört (d. i. 34,3 pCt.). Dieser 
folgte die medicinische Facultät mit 7(1 und die juristische mit 69; die theologische zählte 
als die schwächste nur 67 Studirende. Drei Jahre später, im S.S. 1847, in dem die Frequenz 
auf den niedrigsten Stand dieses Jahrhunderts sank, nämlich auf 258, nahm die medicinische 
Facultät mit 94 die erste Stelle ein, die philosophische mit 88 die zweite, die juristische mit 
53 die dritte und die theologische mit 50 die letzte. Während nun in den folgenden Jahren, 
abgesehen von kleinen Schwankungen, die sich wohl — wie im S.S. 1848 der Rückgang 
auf 312 — aus den abnormen Zeitverhältnissen erklären, die Zahl der Studireudeu langsam, aber 
gleichmässig steigt — W.S. 1847/48 318; S.S. 1851 358 u. s. w. bis 387 im W.S. 1858/59 — : 
sinkt die Zahl der Theologen noch bis zum S.S. 1851 und erreicht da mit 37 (von 358) 
ihren niedrigsten Stand, um in den nächsten Jahren — es sind die der steigenden poli- 
tischen und kirchlichen Reaction — nun ziemlich rasch zu wachsen, ha W.S. 1858/59 
erreicht sie mit 140 den höchsten Stand, bei insgesammt 387 Studirenden. Aehnlich geht es 
damals mit der juristischen Facultät, nur dass sie noch stärker wuchs: von 69 im S.S. 1844 
hatte sie sich bis zum S.S. 1849 bereits verdoppelt, nämlich auf 139 von 334 Studirenden. 
und erreichte die grösste Stärke im S.S. 1851 mit 172 von 358 und im S.S. 1852 mit 171 
von 339. Damals gehörte demnach die grössere Hälfte der Königsberger Studirenden der 
juristischen Facultät an. 

Mit dem Ausgange der fünfziger Jahre aber macht sich dann — erst ganz allmählich, 
dann mit immer grösserer Entschiedenheit — eine Wandelung geltend. Bei gleichmässigem 
Wachsen der Gesammtzahl der Studirenden, die im S.S. 1800 bereits das vierte Hundert (403) 
überschreitet und im S.S. 1861 den höchsten St;ni(l in diesem Zeitraum erreicht (419). geht 

1) Aus Metternichs Nacblass, IU, S. 327. 

2) Rosenkranz, 'J'agebucb. 



194 

die Zahl der Theologen langsam, die der Juristen rasch zurück. Erstere beträgt im S.S. 
1862 Ton 412 noch immer 116, letztere 65, während die philosophische Facultät eine ent- 
sprechende Vermehrung erfahrt und sich im S.S. 1862 gegen das W.S. 185(3/57, wo sie nur 
46 betragen hatte, mit 109 bereits mehr als verdoppelt hat. 

Spiegelt sich in diesen Schwankungen der Frequenz der einzelnen Facultäten die 
Eichtuug wieder, welche die Zeit überhaupt beherrschte, so haben dabei doch auch noch 
andere Verhältnisse bestimmend mitgewirkt. Seitdem die philosophische Facultät, zu ihrem 
Schaden sowohl wie zu dem der ganzen Universität, aufgehört hatte in dem alten Sinn des 
Worts die untere, d. h. die allgemein bildende und dadurch für alle anderen Grund legende 
zu sein, und sich in eine Eeihe von Fachschulen aufzulösen angefangen hatte, die namentlich 
für die verschiedenen Zweige des höheren Schulamts vorbilden, war ihr numerisches Wachsen 
und Sinken in einen keineswegs vortheilhaften Zusammenhang mit der Entwickeluug des 
höheren Schulwesens gebracht. Der Aufschwung, den dieses seit dem Ausgange der fünfziger 
Jahre nahm, indem die Zahl der Anstalten beträchtlich vennehrt wurde, erklärt wenigstens 
zu einem Theile das um dieselbe Zeit beginnende Anschwellen der philosophishen Fa- 
cultät. Von den Wissenszweigen aber, die dem Herkommen nach darin vereinigt sind, 
übten natürlich diejenigen besondere Anziehungskraft, die bisher verhältnissmässig vernach- 
lässigt waren und erst jetzt auf den höheren Schulen mehr Vertretung fanden. Dahin ge- 
hörten in erster Linie die Mathematik und die Naturwissenschaften. Für diese, namentlich 
auch für die Mathematik in ihrer Anwendung auf die Physik, blieb die Albertina auch in 
jenen achtzehn Jahren eine besonders angesehene und segensreich wirkende Pflegstätte. 
Während sie trotz der Eröffnung der Ostbahn den Charakter einer Provinzial-Universität 
beibehielt, wurden durch den Ruhm eines Neumann und Richelot auch aus weiter Ferne 
Mathematiker in grosser Zahl herbeigezogen. War dieses Gebiet doch auch dem nach- 
theiligen Einfluss völlig entzogen, den die allgemeinen Verhältnisse damals auf andere, mit 
dem öffentlichen Leben mehr in Fühlung stehende Studienkreise ausiibten. In der Geschichte 
der exacten Wissenschaften und ihres epochemachenden, das moderne Denken vielfach wan- 
delnden Aufschwungs nimmt die Albertina daher einen hervorragenden Platz ein. nicht bloss durch 
das Verdienst ihrer Lehrer um den Fortgang der Forschung, sondern auch durch die Folge- 
wichtigkeit der Anregungen, die theils unmittelbar, theils mittelbar von ihnen ausgingen. 
Erscheint sie daher als eine der vornehmsten Trägerinnen des sich siegreich entfaltenden 
Zeitalters der Naturwissenschaften, für die manche die Gegenwart ausschliesslich oder doch 
vorzugsweise in Anspruch zu nehmen lieben, so blieb sie doch auch eine treue Hütei'iu der grossen 
Traditionen der classischen Philologie als der historischen Grundlage der modernen Geistes- 
cultur. Besass sie doch in Lob eck und Lehrs Vertreter der Wissenschaft vom classischen 
Alterthum, welche durch den Umfang ihrer Gelehrsamkeit, durch die Originalität und Tiefe 
ihrer Forschung, durch ihr idealstem Sinn entspringendes, wahrhaft congeniales Verständniss 
für die unvergängliche Herrlichkeit des Hellenenthums und durch die Schlichtheit und Rein- 
heit ihrer fast antiken Persönlichkeiten ebenbürtig neben die grössten deutschen Philologen 
der Zeit traten. 

Von den Ordinarien, die zur Zeit des SÜOjährigeu Jubiläums der theologischen 



195 

Facultät der Alliertiiia aiigehörteu, Gebser. Siefl'ert, Lehuert, Hävernick und 
Domer, erlag Häveruick, der trotz des ihm Anfangs entgegengesetzten Vorurtlieils schliess- 
lich eine erspriessliche Wirksamkeit gewonnen und sich namentlich durch die Errichtung des rasch 
erblühenden theologischen Lesevereius ein Verdienst erworben hatte, während der Sommer- 
ferien am 19. Juli 1845 in seiner mecklenburgischen Heimath zu Neu-Strelitz dem Leiden, 
das ihn seit Jahren geplagt. Zur vorläufigen Ausfüllung der dadurch entstandenen Lücke 
wurde auf den Wunsch der theologischen Facultät 1846 zunächst der Breslauer Pt). Heinrich 
August Hahn, ein Sohn des auch einst der Albertiua angehörigen Theologen August Hahn^) 
(geb. 19. Juni 1821 zu Königsberg), veranlasst sich nach Königsberg umzuhabilitiren. um 
namentlich Hävernicks Vorlesungen über die Theologie des Alten Testaments fortzuführen. 
Nach Veröffentlichung seines Commentars zum Buch Hiob (1850) 1851 zum EO. ernannt, 
wurde er 1860 als 0. nach Greifswald berufen (gest. den 1. December 1861).^) In die Häver- 
nicksche Professur wurde im Herbst 1850 Johann Georg Sommer (geb. 23. October 1810 
zu Thierenberg, Kr. Fischhausen, in Bonn PD. 1837, EO. 1847) berufen, der in seltener 
Rüstigkeit des Geistes und Körpers noch heute seines Amtes waltet. 

Dorner ^) war bereits 1847 einem Rufe nach Bonn gefolgt. Den Lehrauftrag für Kirchen- 
und Dogmengeschichte erhielt nun (Herbst 1847) als EO. Wi Ihelm H einri ch Erbkam,*) der sich 
bekannt gemacht hatte als Gegner der sog. „Lichtfreunde", obenan der Bischöfe Eylert und 
Dräseke, aber auch wissenschaftlich empfohlen durch seine „Geschichte der protestantischen 
Secten im Zeitalter der Reformation" (Gotha 1848); 0. wurde er 1855 (gest. 9. Januar 1884). 
Nur wenige Jahre gehörte der Albertina an Justus Ludwig Jacobi (geb. 12. August 1815 zu 
Burg bei Magdeburg, in Halle und Berlin gebildet, 1841 PD. und 1847 EO. in Berlin), der, 1851 be- 
rufen, schon 1855 nach Halle übersiedelte. Ihn ersetzte S.S. 1856 Christian Friedrich David 
Erdmann (geb. 28. Juli 1821 zu Güstebiese, in Berlin gebildet und 1853 PD. und Divisious- 
pfarrer), der 1864 als Generalsuperintendent nach Breslau kam. Lehnert,^) seit 1835 0. für 
praktische Theologie, wurde 1851 nach Berlin berufen (gest. December 1866 als General- 
superintendent in Magdeburg). Ihm folgte 1852 Karl Johann Cosack (geb. 27. Sep- 
tember 1813 zu Marienl)urg, in Berlin und Halle gebildet, dann in verschiedenen geistlichen 
Aemtern) als EO. und zugleich Pfarrer im Löbenicht. der eine meist aus archivalischen 
Quellen geschöpfte Arbeit ,,Paul Speratus' Leben und Werke" (1861) veröffentlichte und 
9. Juli 1862 0. wurde. 

Auf der Albertina selbst in die Wissenschaft eingeführt, traten nachmals in deren 
Lehrkörper ein Ludwig August Simson und Bernhard Weiss. Der Erste (geb. 3. Juni 1812 



1) Vgl. S. 147. 

2) Allg. Utsch. Biogr. X, S. 362. 

3) Vgl. S. 149. 

4) Geb. 8. Juli 1810 zu Glogau, durch seine Mutter mit dem Bischof Friedrich Samuel Gottfried Sack 
und dem Bonner Theologen Sack verwandt, während seiner Studienzeit zunächst durch letzteren und Bleek be- 
einflusst, dann in Berlin Schleiermacher, Neander und Marheineke nahe verbunden, nach dem Besuch des damals 
von Koth geleiteten Wittenberger Predigerseminars 1838 PD. und 1847 KG. in Berlin. 

5) Vgl. S. 149. 

2ö* 



196 

zu Königsberg, 18.'>] Dr. phil. in Leipzig, Lehrer am Friedricliscollegium und 1839 Lic. theol. 
und PD.) wandte sich namentlich der Erklärung des Alten Testaments zu, kam aber wegen 
seiner freien Richtung unter den damaligen Verhältnissen nur langsam vorwärts: erst 1858 
\TOrde er EO.; 1862 gehörte er zu den Ehreudoctoren, die seine Facultät bei der Einweihung 
des neuen üniversitätsgebäudes creirte. Karl Philipp Bernhard Weiss (geb. 20. Juni 1829 
zu Königsberg, dort, in Halle und Berlin gebildet) begann seine akademische Thätigkeit als 
Exeget des Neuen Testaments im W.S. 1852/5:5; 1857 wurde er EO. und bekleidete 1861 — 63 
das Amt eines Divisionspfarrers (jetzt O. in Berlin). 

Vielfachen Wechsel erfuhr 1844 — 62 der Personalbestand der juristischen Fa- 
cultät. Als charakteristisch trHt dabei der lebhafte Antheil hervor, den sie an dem Auf- 
schwung der deutschrechtlichen Studien hatte. Seit dem Fortgange Alb rechts^) waren diese 
ohne besondere Vertretung geblieben. Erst im Herbst 1847 wurde der Göttinger EO. 
Otto Mejer (geb. 27. Mai 1818 zu Zellerfeld, in Göttingen, Berlin und Jena gebildet, 
1842 PD-, 1847 EO. in Göttingen) als 0. für deutsches Privat- und Staatsrecht lierufen, über- 
siedelte aber bereits 1850 nach Greifswald (1851 Rostock, 1874 Göttingen, 1885 Consistorial- 
präsident in Hannover, gest. 1893). Ihm folgte Paul Johannes Merkel^) als EO., ging 
aber schon im Herbst 1852 als 0. nach Halle. Ihm folgte als EO. Karl Baron Kalten- 
born von StaChau (geb. 21. Juni 1817 zu Halle, dort gebildet und seit 1846 PD.), der 
sich weiterhin den Ruf eines der bedeutendsten Kenner und Kritiker des Völkerrechts er- 
warb. Seit 1861 0., nahm er, durch seine litterarische Betheiligung an der Erörterung 
über die Reform des deutschen Bundes bekannt geworden, mit Rücksicht auf seine Empfind- 
lichkeit gegen das rauhe ostpreussische Klima 1864 den Ruf als Legatiousrath in Kurhessischen 
Diensten an (gest. 19. April 1866).^) 

Recht eigentlich der Albertina entsprossen ist eiiier der gefeiertsten unter den 
neueren Lehrern des deutschen Rechts, Johann Ernst Otto Stobbe (geb. 28. Juni 1831 
zu Königsberg), welcher als Studiosus der classischen Philologie Ostern 1849 die heimathliche 
Hochschule bezog, dann durch Sanio und Merkel für die Rechtswissenschaft gewonnen wurde. 
Nachdem er bereits 1852 einen akademischen Preis gewonnen hatte und am 18. März 1853 
zum Doctor promovirt war, habilitirte er sich im Januar 18.55, wui-de im Februar 1856 EO. und 
nach Ablehnung eines Rufs nach Erlangen im December 1856 — eben 25jährig — O. und 
ging 1859 als Nachfolger Gaupps nach Breslau (gest. 19. Mai 1887 in Leipzig). In Königs- 
berg folgte ihm als EO. der Leipziger PD. Dr. Albert Hänel (geb. Kl. Juni 1833), der im 
Herbst 1863 nach Kiel übersiedelte. 

Von den älteren Gliedern der Königsberger Juristenfacultät starb Backe am 24. Sep- 



1) Vgl. S. 143. 

2) Geb. 1. August 1S59 zu Nürnberg, in München und Erlangen gebildet, nach etlichen .Jahren prak- 
tischer Thätigkeit 1845^ — 47 mit Forschungen in Italien znr Geschichte namentlich des lombardischen Rechts be- 
schäftigt, Dr. im-, zu Erlangen und durch Pertz zur Herausgabe der deutschen Volksrechte in den Monumentis 
Germaniae historicis gewonnen, Januar 1851 PD. in Berlin. 

3) Allg. Dtsch. Biogr. XV, S. 43 f. 



197 

tember 1841!, von Buchlioltz am 2. Juni 1856 und Schweikart kurze Zeit nach seiner 
zum 1. April 1857 erfolgten Emeritirung. Sanio, Jacobson und Eduard Simson blieben 
in ihren Stellungen, der letztere weithin bekannt durch seine parlamentarische Wirksamkeit, 
die seinen Namen als den des geborenen Präsidenten der Deutschen Parlamente von den 
Tagen der Paulskirche an bis in die ersten Zeiten des neuen Deutschen Reichs mit den 
denkwürdigsten Momenten unserer nationalen Geschichte unlösbar verknüpfen sollte, um 
schliesslich als erster Präsident des deutschen Reichsgerichts einer von den weithin sicht- 
baren Vertretern der glücklich gewonnenen nationalen Einheit zu werden. Die Romanisten 
wurden nach von Buchhol tz' Tod im W.S. 1856/57 ergänzt durch die Berufung des PD. 
in Halle Theodor Albert Anton Muther') als EO., der im September 1859 0. wurde 
und 1863 nach Rostock ging (gest. 29. November 1878 in Jena). 

Auch erhielt die juristische Pacultät erwünschten Nachwuchs aus der Zahl ihrer ehe- 
maligen Schüler: im S.S. 1853 habilitirte sich Richard Eduard John (geb. 17. Juli 1829, 
gest. 7. August 1889 in Göttingen), namentlich für Strafrecht ; er wurde 1856 EO. und 1859 0. 
Die verschiedenen Zweige des preussischen Rechts erhielten einen Vertreter in dem Stadt- 
richter Karl Eduard Güterbock (geb. 18. April 1830, PD. 1861, EO. 1862). 

Der Bestand der medicinischen Pacultät erfuhr in diesem Zeitraum gegen das 
Jubiläumsjahr die erste tief greifende und schmerzlich empfundene Veränderung durch den 
am 16. Juli 1847 erfolgten Tod K. F. Burdachs, welcher, abgesehen von seiner Bedeutung 
für seine Wissenschaft, sich während seiner langjährigen Wirksamkeit auch um die Albertina 
in ihrer Gesammtheit grosse Verdienste erworben hatte. Seit längerer Zeit von den 
Schwächen des Alters heimgesucht, hatte er sich von den meisten seiner amtlichen Obliegen- 
heiten schon zurückgezogen und nur die Professur der Physiologie beibehalten. In ihr folgte 
ihm 1848 als EO. Ernst Wilhelm Brücke,^) der jedoch schon 1849 einen Ruf als 
Professor der Physik und mikroskopischen Anatomie nach Wien annahm (gest. dort 7. Ja- 
nuar 1892). Ihn ersetzte Hermann LudwigFerdinand Helmholtz^) als EO. für Physiologie 
und allgemeine Pathologie. Schon hatte ihm sein 1847 erschienenes Werk „üeber die 
Erhaltung der Kraft", das den Nachweis führte, dass alle Vorgänge in der Natur den Grund- 
gesetzen der Mechanik gehorchen, einen der ersten Plätze unter den jüngeren Forschern 
verschafft: hier in Königsberg machte er die so unendlich segensreiche Erfindung des Augen- 
spiegels und gab in der Schrift „Beschreibung eines Augenspiegels zur Untersuchung der 
Netzhaut im lebenden Auge" (Berlin 1851) Kunde von seiner Entdeckung, die ein neues Zeit- 
alter für die Augenheilkunde heraufführte. Durch ihn erwarb die Physiologie auf der Albertina 



1) Geb. 15. August 1826 zu Bottenbach in Coburg, in Jena und Erlangen gebildet, dann in Berlin 
namentlich durch F. L. von Keller und Stahl beeinflusst, 1853 PD. in Halle. 

2) Geb. (i. Juni 1829 zu Berlin, dort und in Heidelberg gebildet, 1843 Assistent Johannes Müllers für 
vergleichende Anatomie und Vertreter des beurlaubten Prosectora Peters, 1844 PD. für Physiologie, 1846 Lehrer 
der Anatomie an der Akademie der Künste. 

3) Geb. 31. Juli 1821 zu Potsdam, seit 1838 auf dem Medicinischen Friedrich-Wilhelms-Institut und der 
Universität zu Berlin gebildet, Unterchirurg an der Charite und Unterarzt in Potsdam, 1848 Nachfolger Brückes 
als Lehrer der Anatomie an der Akademie der Künste und Assistent am anatomischen Museum. 



198 

erst volles Bürgerrecht, indem er den 17. December 1851 zum 0. ernannt wurde und 1853 
endlich auch ein — freilich noch sehr bescheiden ausgestattetes — physiologisches Laboratorium 
erhielt. Auf seinen Wunsch wurde er 1855 nach Bonn versetzt. Sein Nachfolger wurde Wilhelm 
von Wittich,!) der seit 1850 PD. war, 1854 EO. und 1857 0. wurde (gest. 22. Nov. 1884). 
Ebenfalls aus der Königsberger Schule Helmholtz' ging Friedrich Leopold Goltz 
hervor (geb. 14. August 18.34 zu Posen, Assistent an der chirurgischen Klinik, dann Pro- 
sector), der seit dem S.S. 1863 als PD. lehrte, Ostern 1865 EO. wurde und 1863 als 0. 
nach Halle kam (seit 1872 in Strassburg). Als Assistenten haben unter von Wittich dem 
physiologischen Institute angehört Edwin Klebs (geb. 6. Februar 1834 in Königsberg, später 
Professor in Bern, Würzburg, Prag und Zürich) und 1862 — 64 Heinrich Wilhelm Gott- 
fried Waldeyer (geb. 6. October 1836 zu Hehlen a. d. Weser (Braunschweig), 1868 0. zu 
Breslau, 1872 in Strassburg, 1883 in Berlin) und Alfred William Grünhagen (geb. 28. Fe- 
bruar 1842 iu Königsberg, 1868 PD. und 1872 EO., stellte seine Thätigkeit 1893 ein). 

Das Fach der Anatomie blieb so lange doppelt besetzt, als neben Rathke, der Ana- 
tomie des Menschen, Zoologie und vergleichende Anatomie las, auch zoologische Uebungen 
hielt, Ernst Burdach, K. F. Burdachs Sohn (geb. 25. Februar 1801 zu Leipzig, 1829 PD. 
und Prosector, 1839 EO., 1844 0.), wirkte, indem er namentlich die Präparirübungen leitete. 
Bei Ablauf einer fünfundzwanzigjährigen Wirksamkeit an der Albertina sah sich Eathke am 
13. Juli 186it durch zahlreiche Ehrenerweisungen von Seiten seiner dankbaren Schüler ausge- 
zeichnet; mit freudiger Hingebung widmete er sich der Vorbereitung der Allgemeinen Deutschen 
Naturforscher-Versammlung, die Ende September unter seiner Leitung in Königsberg tagen 
sollte, als ihn unmittelbar vor den festlichen Tagen am 15. September ein Schlagfluss dahin- 
raffte, den würdigen Nachfolger K. E. von Baers. So vollkommen er sowohl die Ana- 
tomie als auch die Zoologie beherrscht hatte, die Foi'tschritte beider Wissenschaften und 
die wachsenden Ansprüche an ihren Vertreter machten die anderwärts längst durchgeführte 
Sonderung in zwei selbständige Professuren nöthig, von denen naturgemäss nur die ana- 
tomische liei der medicinischen Facultät blieb, die zoologische mit den übrigen beschrei- 
benden Naturwissenschaften der philosophischen zugewiesen wurde. Erstere erhielt August 
Mülle r.^') 

Von den Vertretern der klinischen Fächer starb, seit längerer Zeit durch schweres 
Leiden in seiner Wirksamkeit behindert, Sachs am 18. Juni 1848: einst als Lehrer und 
Praktiker gefeiert, war er durch sein erregbares Temperament, das ihn in jÜLgeren Jahren 
vorübergehend zum Anhänger Ebels hatte werden lassen, zu eifriger Theilnahme an dem poli" 
tischen Leben gedrängt, während man von seinen wissenschaftlichen Leistungen urtheilte, dass 

1) Geb. 21. September 1821 zu Königsberg, dort und in Halle gebildet, seit 184() praktischer Arzt und 
mit anatomischen Arbeiten beschäftigt, durch Helmholtz' Einfluss der Physiologie zugeführt. 

2) Geb. 11. August 1810 zu Neu-Haldensleben, in Göttingen, Kiel und Berlin gebildet, mit zoologiach- 
analomischen Studien an den Küsten der Ost- und Nordsee beschäftigt, dann in Berlin Jahre lang unter dem 
Namen ^Paukmüller" als Repetent zur Vorbereitung auf das Staatsexamen viel gesucht, bis er durch eine zoolo- 
gische Entdeckung die Aufmerksamkeit .Johannes Müllers auf sich zog und sich auf dessen Veranlassung noch 1858 
in Berlin habilitirte; starb 12. October 1875 auf einer Heise zu Hopfgarten in Tirol. 



199 

sie diirch seine ausgesprochen metapliysischen Neigungen beeinträchtigt worden seien.') In der 
Leitung der medicinischen Poliklinik folgte ihm als EO. Karl Berthold Heinrich (geb. 
17. April 1819 zu Bonn, dort 184;) PD., 1846 Assistent au der Irrenanstalt zu Siegburgl. Doch fand 
er mancherlei Schwierigkeiten und fühlte sich um so weniger befriedigt, als sein feuriger 
Idealismus mit den engen Königsberger Verhältnissen vielfach in Conflict gerieth. Zudem 
stürzte er sich, ein ausgezeichneter Redner, mit Leidenschaft in die hochgehenden Wogen 
der politischen Kämpfe und beschleunigte so wohl den Zusammenbruch seiner übermässig reiz- 
baren Natur: in tiefe Melancholie verfallen, starb er am 19. April 1849. Die Leitung der 
medicinischen Poliklinik erhielt mit dem S.S. 1849 als EO. der bisherige PD. Julius Otto 
Ludwig Möller (geb. 7. Juni 1819 zu Königsberg, dort, in Berlin, Halle und Wien ge- 
bildet, seit 184(t praktischer Arzt in seiner Vaterstadt), der 27. Juli 1859 0. wurde. 

Die Leitung der medicinischen Klinik lag während dieser Periode dauernd in den 
Händen von Georg Hirsch.^) 

Der chirurgischen Klinik stand seit 183ß Seerig vor. Als er sich 1858 emeritiren 
Hess (gest. 7. März 18l)2), folgte ihm der Oberarzt des städtischen Krankenhauses in Danzig, 
Karl Ernst Albrecht Wagner, ein Sohn des seit 1826 als Professor der Staatsarznei- 
kunde in Berlin wirkenden Karl Wilhelm Ulrich Wagner (179;)— 1846).^) Als Bedingung für 
die Annahme des an ihn ergangenen Rufes stellte er den Bau einer neuen chirurgischen 
Klinik: sie wurde 1864 ihrer Bestimmung übergeben. 

Eine wichtige Erweiterung erfuhr der medicinische Unterricht an der Albertina in 
diesem Zeiträume nach zwei Seiten. Einmal war durch die Ernennung von Adalbert 
Hayn*) zum 0. die Einordnung der Entbindungskunde und der Gynäkologie in die voll- 
berechtigten Disciplinen 1844 vollzogen und durch den Bau einer neuen Frauenklinik die erste 
Bedingung für ihr ferneres Gedeihen gewährt. Seit Jahren lungenleidend, starb Hayn 
am 30. October 1863 auf der Heimreise aus der Schweiz. Ferner erhielt 1865 die pathologische 
Anatomie eine besondere Vertretung, indem Friedrich Daniel von Recklinghausen^) 
als EO. berufen wurde. Als er 186(') nach Wiirzbui-g ging (seit 1872 in Strassburg), folgte 
ihm Ernst Neumann (geb. 30. Januar 1834 zu Königsberg, 1859 PD.). Ein weiterer Fort- 
schritt wurde angebahnt, indem Julius Jacobson") sich 1859 als PD. für Augenheilkunde 
habilitirte und, 1859 EO. geworden, neben seinen hervorragenden wissenschaftlichen und prak- 
tischen Leistungen eine energische Agitation eröffnete für die Lösung der Augenheilkunde 



1) Allg. Deutsche Biogr. XXX, S. 128. 
2| Vgl. S. 12a. 

3) Geb. 3. Juni 1827 zu Berlin, unter Johannes Müller gebildet. 1849 in Schleswig-Holstein in einem 
Kriegslazaretli thätig, 1850 A.s8istent von Langenbeck. 

4) Vgl. S. 123. 

5) Geb 2. December 1833 zu Gütersloh, in Bonn, Wiirzburg und Berlin, dann in Wien, Rom und Paris 
gebildet, 1858 — 64 Assistent Virchows. 

6) Geb 18. August 1828 zu Königsberg, dort, in Berlin und Prag gebildet und seit 1854 praktischer 
Arzt in seiner Vaterstadt. 



200 

von der Chirurgie. Auch der ältere Bruder Jacobsous, Heinrich Jacobson.*) gehörte der 
Albertina als PD. und EO. an, bis er nach Berlin übersiedelte. 

Ton Medicinern, welche der Albertina selbst ihre Bildung verdankten, waren ausser 
einigen der bereits genannten (wie E. Burdach, v. Wittich, Möller, Jacobson, Neumanu und 
Klebs) noch als Lehrer an ihr thätig Karl Friedrich Skrzeczka^) und Heinrich Bohn 
(geb. 8. Januar 1832 zu Memel, 1861 PD., 1868 EO.). 

In der philosophischen Facultät, deren Bedeutung für die Universität als ein 
Ganzes mit der fortschreitenden Zersplitterung in nur noch äusserlich zusammengehörige Fach- 
schulen dauernd zurückging, theilten sich auch in diesem Zeitraum in die führende Stellung 
als Trägerinnen des Rufs der Albertina über den nächsten Kreis ihres Wirkens hinaus und 
ihres Ansehens in der wissenschaftlichen Welt die mathematisch-physikalischen Disciplinen und die 
classische Philologie. Freilich verloren die ersteren mit dem am 27. März 1846 nach langen qual- 
vollen Leiden erfolgten Tod Bessels ihren gefeiertsten Vertreter, dessen Ruhm über die Grenzen 
Deutschlands und Europas hinausgedrungen war. In der vollen Erkenntuiss des imersetzlichen 
Verlustes, der sie damit getroffen hatte, veranstaltete die Universität am 24. März eine würdige 
Gedächtnissfeier zu Ehren des grossen Todteu, vrie sie es nachmals auch nicht versäumte, die 
hundertste Wiederkehr seines Geburtstages entsprechend zu begehen. Die Aemter, die der 
grosse Astronom in sich vereinigt hatte, wurden nach einem längeren Provisorium auf zwei 
Nachfolger vertheilt. Die Leitung der Sternwarte erhielt 1849 August Ludwig Busch, ^) 
welcher dies Amt bis zu seinem Tode (.50. September 1855) innehatte. In der Professur der 
Astronomie aber erhielt Bessel den bisherigen Assistenten an der Sternwarte in Pulkowa 
zum Nachfolger, Christian Friedrich August Peters (geb. 8. Mai 1806 in Kiel, in 
Königsberg unter Bessel gebildet). Obgleich ihm der Mangel einer bestimmten amtlichen Be- 
ziehung zur Sternwarte mancherlei Schwierigkeiten bereitete, hielt Peters, neben einer sehr 
umfangi-eichen litterai-ischeu Thätigkeit, doch die grossen Traditionen der Besselschen Schule 
aufrecht; 1854 folgte er einem Ruf nach Altona (gest. 8. Mai 1880). Ihn ersetzte zunächst 
als EO. Eduard Luther (geb. 24. Februar 1816 in Hamburg, 1847 PD., EO. 1854); 0. seit 
S.S. 1859, hat Luther, litterarisch namentlich durch die Herausgabe eines grossen Theils der 
Besselschen Beobachtungen verdient, bis zu seinem nach längeren Leiden am 17. October 1887 
erfolgten Tod der Albertina angehört. 

Einen besonderen Ruhmestitel der Albertina aber machte auch in diesem Zeitraum 
die Vertretung der Mathematik und Physik aus. Die erste ruhte nach der üebersiedelung 
Jacobis nach Berlin fast ganz auf den Schultern Richelots, der am 30. August 1844 0. 
wurde. Neben ihm wirkte als EO. bis zu seiner Berufung nach Halle (1856) 0. Hesse, 
dann seit März 1857 Johann Georg Rosenhain,*) dessen Ernennung wegen seiner 



1) Geb. 27. October 1826, in Halle, Heidelberg, Berlin und Prag gebildet. 

2) Geb. 29. März 1833 zu Königsberg. 1861 Kreiswundarzt und PD., 1865 EO. in Berlin, jetzt Geh. 
Oberregierungsrath und vortragender Kath im Cultusministerium. 

3) Geb. 7. September 1804 zu Danzig, Ziigling der dortigen Kunstgewerbeschule, eine Zeit lang Erzieher 
im Hause des Dichters Freiherm von Eichendorfl", dann Zuhörer und Gehülfe Bessels. 

4) Geb. 10. .Juni 1816 zu Königsberg, 1844 PD. in Breslau, 1846 von der französischen Akademie 



201 

politischen Antecedentien auf Schwierigkeiten stiess. Docli erging schliesslich eine Aeusserung 
des Curators dahin: Obgleich Rosenhain in Breslau zur Zeit der politischen Aufregung ein 
höchst tadeluswerthes, seiner Stellung zur dortigen Universität nicht geziemendes Benehmen 
gezeigt habe, wolle der König es dennoch geschehen lassen, wenn der p. p. Rosenhain AUer- 
höchstdemselben durch ihn — den Curator — schriftlich erklärte, „wie er einsehe, dass er 
bei seinem Treiben 1848 und vorher in eine Verirrung gefallen gewesen, von welcher er 
zurückgekommen, und dass er in Zukunft nicht nur von solchen Ausschreitungen sich fern 
halten, sondern vielmehr bemüht sein werde, in der ihm zugedachten Stellung durch Lehre 
und Beispiel den Sinn für Gesetz und Ordnung in der studirenden Jugend zu stärken."') 
Rosenhain hat diese Erklärung augenscheinlich abgegeben. Er hat die erlangte Stellung bis 
zu seinem Tode (gest. 14. März 1887 in Berlin) inne behalten. 

Die Bedeutung der Albertina für das Studium der Physik beruhte nach wie vor in 
erster Linie auf der schöpferischen Forschung und glänzenden Lehrthätigkeit Franz Neu- 
manns und der für seine Richtung charakteristischen Verbindung zwischen Physik und Mathe- 
matik. Seine und seiner zahlreichen Schüler Leistungen erscheinen um so bedeutender, je 
weniger ihnen damals für ihre Untersuchungen auch nur annähernd die Hülfsmittel zur Ver- 
fügung standen, ohne die heute selbst ein- Anfänger kaum an die Lösung einer Aufgabe zu 
gehen Lust hat. Wie bescheiden war in dieser Hinsicht auch, was Moser als Professor 
der Experimentalphysik zur Verfügung stand! Und welche Ergebnisse sind damals gewonnen 
worden ! Kann man doch gerade in jenen Jahren von einer Königsbei-ger Schule sprechen: 
kaum einer ist unter den Mathematikern und Physikern, die während des nächsten Menschen- 
alters zu den Meistern ihrer Wissenschaft gehört haben, der nicht wenigstens eine Zeit lang 
zu den Füssen Neumanns und Richelots gesessen und von ihnen für seine ersten bedeutenderen 
Arbeiten die Anregung empfangen hätte. Waren doch nach einer Reihe von Jahren zahl- 
reiche Lehrstühle mit Vertretern dieser Königsberger Schule besetzt. Es genügt an Mathe- 
matiker zu erinnern wie Aronhold, Schröter, Clebsch, Durege, Karl Neumann, den 
Sohn von Franz (geb. 7. Mai 1832 zu Königsberg, 1858 0. in Halle, dann Leipzig), Minnigerode, 
Weber, Saalschütz, E. A. M. Kossack, Kiessling u. A., an Physiker wie Gustav 
Kirchhoff (geb. 12. März 1824 zu Königsberg, Richelots Schwiegersohn), Heinrich Wild 
(geb. 17. December 1833 zu Zürich, Professor der Physik in Bern, dann Akademiker in 
Petei-sburg), Pape,Zöppritz, L. Sohn cke und Dorn, an Astronomen endlich wie Au wer s. 
Rummel und Ruppel. Und damit hing ein Anderes zusammen. Während die Albertina 
im Uebrigen den in den Verhältnissen begründeten Charakter einer Provinzialuniversität bewahrte, 
strömten nicht bloss aus allen Theilen Deutschlands wissbegierige Jünglinge oder schon an- 
gehende Forscher herbei, um sich durch Neumann und Richelot in die Tiefen ihrer Wissen- 
schaft einführen zu lassen, sondern auch aus der Schweiz, aus Dänemark und Russland fanden 



preisgekrönt für die Vervollkommnung der Lehre von den Abelschen Trauscendenlalen — welches Urtheil 
freilich erst 1849 öffentlich bekannt gemacht wurde — ein eifriger Turner und dadurch in die extremen politischen 
Kreise gezogen, 1848 in Wien und nicht ohne Antheil an den dortigen Ereignissen. 1851 daselbst von 
Neuem habilitirt. 

1) Curat. Acten B. il, 4. III. 



sicli solche regelmässig ein. Darin fand die Fi'ihrerscliaft der Albertina auf diesem Studieu- 
gebiet bezeichnenden Ausdruck, den die Verleihung des Ordens pour le mörite an P. Neumann 
vor den Augen der Welt bestätigte. 

Was die übrigen der philosophischen Pacultät angehörigen naturwissenschaftlichen 
Disciplinen betrifft, so erhielt den durch Dulks Tod 1852 erledigten Lehrstuhl der Chemie 
185?) August Friedrich Gustav Werther (geb. 1. August 1815 in Eossla, Lehrer 
an der Artillerieschule in Berlin), dessen Berufung, wie erwähnt, den Anlass gab zu dem 
endlichen Bau eines neuen Laboratoriums in der Besselstrasse, auf dem Terrain des Bo- 
tanischen Gartens. Neben Werther wirkte seit dem S.S. 1855 Hermann Spirgatis (geb. 
8. November 1822, PD. 1855), der, seit 1865 EO., sich namentlich der Ausbildung der Phar- 
maceuten widmete, wozu ihm in einem der Gebäude des ehemaligen Bischofhofes nächst dem 
Dome eine nothdijrftige Unterkunft bereitet wurde. Zum Nachfolger des Botanikers Meyer (gest. 
7. August 1858) wurde der Bonner PD. Robert Caspary (geb. 2'.). Januar 1818, PD. 1848), 
ein Schüler und Schwiegersohn Brauns, berufen. Einen Zuwachs erhielt diese Gruppe der 
philosophischen Pacultät, als nach dem Tode Rathkes die Anatomie von der Zoologie ge- 
trennt und der medicinischen Pacultät zugetheilt wurde, während die Zoologie an die philo- 
sophische Pacultät kam. Die Personenfrage machte unerwartete Schwierigkeiten: erst nach 
langem Schwanken wurde 186?> der ganz in Rathkes zoologische Richtung eingegangene 
bisherige EO. Ernst Gustav Zaddach (geb. 7. Juni 1817 in Danzig, PD. 1844, EO. 
1853) dafür ernannt und bekam die Leitung des bisher von Luther ;idministrirten zoologischen 
Museums. 

In dem Gebiete der classischen Philologie verdankte die Albertina nach wie 
vor eine weithin als maassgebend anerkannte Stellung dem Doppelgestirn Lob eck und Lehrs, 
mochte auch der Einfluss, den beide auf die Entwickelung ihrer Wissenschaft ausübten, mehr 
litterarisch vermittelt als unmittelbar und persönlich geltend gemacht werden, da bei dem 
Reichthum der deutschen Universitäten an gefeierten Vertretern dieses Pachs für dessen 
Jünger nicht in dem Maasse wie für die höher strebenden Mathematiker und Physiker die 
Nothwendigkeit vorlag, in der Pregelstadt ihre Bildung zu suchen. Daher behielt die Albertiua 
auch hier den Charakter einer Provinzialuniversität bei, unerachtet des die ganze gelehrte 
Welt erfüllenden Ruhmes ihrer Lehrer. Unermüdlich sammelnd, forschend und lehrend, 
wie im Leben so auch in der Wissenschaft allem Schein abhold und gewohnt, den Dingen 
auf den Grund zu gehen und sie bei ihrem rechten Namen zu nennen, seinem Wahlspruch 
gemäss eine stille und in sich gekehrte Natur, die allem Agitiren und sich Vordrängen feind 
war, da aber, wo es den Muth einer Meinung galt, diesen als etwas Selbstverständliches be- 
währte, — so blieb Lobeck als Mensch und als Gelehrter eine von Allen neidlos anerkannte 
Zierde und der von den Meisten freudig bewunderte Stolz der Albertina, und noch von dem 
Greise galt, was Nicolovius einst (1838) huldigend von dem in der Vollkraft des Wirkens 
stehenden Manne gerühmt hatte: „Wohl der Universität, die solchen Lehrer besitzt: Ehre dem 
Manne solchen Werthes, der in Genügsamkeit und Bescheidenheit sein Leben führt. "^j Ohne 

1) Ludwicli, iS. 243. 



203 

je iu die Oeffentliclikeit zu treten, aber von unl leirrter Gewisseuliaftigkeit in der ErfülUmg 
seiner Pfiicliten und in der Uebung seiner Rechte als Staatsbürger, nahm Lobeck doch au 
dem politischen Leben den regsten und verständnissvollsten Antheil. Von seltener Klarheit 
des Blicks und Tiefe der Einsicht, beobachtete er das krause Durcheinander sich bekämpfender 
und zum Theil aufhebender Bestrebungen, ohne den Glauben an eine bessere Zukunft zu ver- 
lieren, den Weg ahnend, welcher dereinst dazu führen sollte. Mehr als eine Aeusserung in 
seinen Briefen beweist, wie der an dem Studium des Alterthums geschulte Blick dui'ch die 
trügerische Hülle der äusseren Erscheinung in den Kern und das Wesen der Dinge einzu- 
dringen gewöhnt war. Um nur ein Beispiel anzuführen: am 8. August 1848 schreibt Lobeck an 
Gottfried Hermann, er besorge, dass Niebuhr mit seinen Befürchtungen wegen der unheilvollen 
Folgen der Julirevolution schliesslich doch noch Recht behalten werde, und thut im Anschluss daran 
die merkwürdige Aeusserung: „Um Deutschland zu einigen, brauchen wir, fürchte ich, jene 
ß-/i£vri dio xQriaif.iio, "iyöig r^ds d-vela — ich meine ein Stückchen 30jährigen Krieg, dann 
eine Militärdespotie, zuletzt vielleicht eine liberale Monarchie mit der jetzigen Volksfreiheit."') 
Indem er sich so trotz aller Ehrentitel und Orden eine stolze Unabhängigkeit wahrte, hat 
Lobeck begreiflicher Weise der Reaction manchen Anstoss gegeben, aber die unbeirrbare 
vornehme Sachlichkeit seines Handelns und Redens bot ihr keine Handhabe, um auch gegen 
ihn vorzugehen. Ein Feind aller lauten Demonstrationen, verbrachte er sein .oOjähriges 
Amtsjubiläum 1852 in stiller Zurückgezogenheit. Aber neue Ehren wurden ihm zu Theil: 
1855 wurde er Mitglied der Friedensklasse des Ordens pour le merite. Schliesslich stellten 
sich auch bei seiner trotz aller Zartheit zäh ausdauernden Natur die Gebrechen des Alters 
ein: 1857 musste er seine Lehrthätigkeit aufgeben. Aus Anlass des 3()()jährigen Julielfestes 
der Universität Jena verlieh ihm 1858 die dortige theologische Facultät ihre Doctorwürde. 
In unausgesetzter, stiller Thätigkeit weiter forschend erlag Lobeck endlich am 25. August 
186U ohne eigentliches Leiden einem sanften Tod. Am 2U. November veranstaltete die 
Albertina zu Ehren ihres grossen Todten eine Gedächtnissfeier, bei der Ludwig Friedländer 
die Rede hielt.-) 

Neben Lobeck, seinem verehrten Lehrer und Meister, stand Karl Lehrs.') Seit 1835 
EO., trug er schwer an der Last des doppelten Amtes, zumal ihm die Schulthätigkeit am 
Friedrichscollegium, die seiner feinen und gründlichen, äusserst sensibeln und immer auf die 
letzten und höchsten Ziele gerichteten Natur ohnehin wenig zusagte, durch das üble Verhältniss 
zu seinem ganz anders gearteten Director Gotthold, den er bitter als einen „Blutsauger des 
Geistes und des Leibes" bezeichnete, fast unerträglich gemacht wurde. Aber alle Bemühungen 
seiner Freunde, ihn in eine würdigere Stellung zu bringen, waren bisher erfolglos geblieben, 
und auch ein Antrag der philosophischen Facultät vom Januar 1841, ihn durch Errichtung 
der längst dringend nöthigen zweiten philologischen Professur ganz für die Universität zu 
gewinnen,*) blieb vergeblich. Aber unter dem Eindruck des Jubiläums, dem Lehrs sich völlig 

1) Ludwich, S. 4i»0. 

2) Priedländer, Mittheilungen aus ijobecks Briefweclisel. 

3) Vgl. S. 113. 

4) Phil. Fac. 1840 41. 



204 

entzog, indem er eine Reise nach Karlsbad, dem Ehein, der Schweiz und bis nach Mailand 
machte, kam man energischer auf die Sache zurück. Von Neuem legte die philosophische 
Facultät dem Ministerium die Unerlässlichkeit des zweiten Ordinariats für classische Philo- 
logie dar und bezeichnete als den einzigen Candidaten dafür Lehrs, der für seine verdienst- 
volle Thätigkeit nun schon neun Jahre mit 200 Thalern abgefunden wurde — „ein Mann von 
so eminentem Talent, so gediegener Gelehrsamkeit, so werthvollen Leistungen". Am 2. Mai 
1845 wurde Lehrs zum 0. mit einem Gehalt von 900 Thalern ernannt. Was er seitdem in 
mehr als SOjäbriger Thätigkeit als Lehrer nnd als Gelehrter geleistet, welche Fülle der An- 
regung von ihm ausgegangen, welch hingebende, bewundernde Liebe er bei Freunden und 
Schülern zu erwecken und zu erhalten gewusst hat, — das des Nähern darzuthun, ist hier 
um so weniger der Ort, als die Zahl derer noch so gross ist, die ihm als Freunde, als 
Collegen, als Schüler nahe zu treten Gelegenheit gehal)t und die unerschöpfliche Tiefe seines 
geistigen und sittlichen Wesens kennen und bewundern gelernt halien. Ton rührender 
Anspruchslosigkeit und wahrhaft idealem Sinn, von echt kantischer Strenge gegen sich selbst 
und mildestem Wohlwollen gegen Andere, in ebenso hohem Maasse empfänglich iür Preundes- 
liebe wie befähigt sie selbst zu bethätigen: so erscheint der einsame Mann als der Träger 
nicht bloss, sondern als der Mittelpunkt eines erstaunlich reichen, an allem Guten und 
Schönen voll betheiligten Geisteslebens, das weit über die Grenzen seiner Fachwissenschaft 
hinaus Anregung fand und Anregung gewährte. Aber das eigentliche Centrum seines Daseins 
bliel) doch die unerschöpfliche Fülle und lichte Klarheit des hellenischen Geisteslebens, in 
dem er in unvergleichlicher Weise heimisch war. Daneben war ihm vor Allem eine fast 
leidenschaftliche Sachlichkeit eigen, die allen Schein mit Entrüstung von sich wies und es 
als unrechtmässige Beeinträchtigung empfand, wenn man sie hindern wollte, nach der Er- 
reichung des letzten und höchsten Zieles zu streben. Deshalb hatte ihn der Gymnasial- 
unterricht auch auf den obei-en Klassen so wenig befriedigt, weil, selbst im besten Falle, das 
Geleistete weit hinter dem Ideal zurückblieb. So legte er 18.54 das Amt als Mitglied der 
wissenschaftlichen Prüfungscommission nieder voll Unmuth über die Prüfungsordnung, die nur 
bestimmt zu sein schien Mittelmässigkeiten heranzuziehen. Eine weitere Consequenz davon 
war sein Verzicht auch auf den Antheil an der Leitung des philologischen Seminars: es war 
ihm verleidet, seit das Prüfungsreglement, wie er erklärte, die Bildung der Schulamtscandidaten 
„nicht mehr auf wissenschaftliches Eindringen und wissenschaftliche Erhebung, sondern auf 
normative Einschulung gestellt habe", so dass „der Standpunkt der nunmehr unter einen 
sehr wirksamen Studieuzwang gestellten jungen Männer ein ganz anderer geworden sei 
als früher." 

So haben in jenen Jahren, wo vielfach ein entmuthigeuder geistiger Stillstand hei-rschte. 
Lobeck und Lehrs in den nie erschöpften Schätzen des classischeu und zwar namentlich des 
griechischen Alterthums für zahlreiche begeisterte Schüler eine Quelle wahrhaft befreiender 
Bildung erschlossen, deren segensreiche Einwirkung damals noch nicht auf den engge- 
schlossenen Kreis der eigentlichen Pachgenossen beschränkt blieb. Für letztere aber sowie 
für die philologische Wissenschaft wurde ihre Thätigkeit dadurch wahrhaft epochemachend, 
dass sie das Studium der gi-iechischen Sprache und Grammatik in der Weise der antiken 



205 

Nationalgrammatiker aufnahmen, deren einseitig bedeutendster Vertreter Aristarcli durch 
Lehrs geradezu entdeckt und zu einer Macht auch in der modernen Philologie gemacht wurde.') 
Zu welcher Höhe durch diese beiden Männer der Ruf der Königsberger Philologie emporstieg, 
wie sie beide mit an der Spitze der ganzen Wissenschaft standen, das fand die unzwei- 
deutigste Anerkennung, als nach dem Tode Gottfried Hermanns die namentlich von Moritz 
Haupt berathene Leipziger Facultät dem ersten der deutschen Philologen nachzufolgen Nie- 
mand für würdiger hielt als die beiden Königsberger Gelehrten: nachdem Lobeck mit Rück- 
sicht auf sein Alter abgelehnt hatte, wurde Lehrs einstimmig in Vorschlag gebracht, hielt 
sich aber in seiner Bescheidenheit und seiner Scheu vor den seiner wartenden ganz neuen 
Verhältnissen nicht für berufen eines Gottfried Hermann Lehrstuhl einzunehmen. 

Eine stattliche Reihe von tüchtigen Philologen ist aus der Schule Lobecks und Lehrs' 
hervorgegangen, zum Segen namentlich für die beträchtlich vermehrten Gymnasien der Pro- 
vinz. Aber auch die Albertina selbst verdankt ihr bedeutenden Nachwuchs. Dahin gehört 
von den Aelteren Ludwig Friedländer,'') von den Jüngeren Arthur Ludwich (geb. 
18. Mai 1840 zu Lyck, 1876 EO. zu Breslau), der seines Lehrers Lehrs homerische Studien 
weiterführte und nach Lehrs' Tod (9. Juni 1878) sein Nachfolger wurde. 

Ueber den orientalischen Sprachen, deren Studium auf der Albertina aus be- 
greiflichen Gründen mit besonderen Schwierigkeiten zu ringen hat, waltete lange Jahre ein 
Unstern. Der geistvolle, aber unruhig l)ewegliche von Lengerke^) stürzte sich mit Feuer- 
eifer in die politischen und kirchlichen Kämpfe und gab dadurch nur allzu gerechten An- 
stoss. Namentlich geschah das durch ein Gedicht „der Völkerfriede", das er im November 
1850 in J. Rupps „Ostpreussischem Volksboten" veröffentlichte, gegen die stehenden Heere und 
für allgemeine Entwaffnung eifernd. Viel schlimmer war freilich sein dissolutes Leben, dui-ch 
das er schliesslich die Achtung der lange Zeit nachsichtigen gebildeten Kreise verscherzte 
und sein Familienleben sowohl wie seine amtliche Stellung hoffnungslos zerrüttete. Daher 
brachte auch seine eifrige Agitation für die freie Gemeinde dieser keinen Gewinn. Es war 
noch nachsichtig genug, dass man ihn im Herbst 1851 mit einem Theile seines Gehalts pen- 
sionirte. So lag denn die Vertretung der orientalischen Sprachen eine Zeit lang thatsächlich aus- 
schliesslich bei Nesselmann,*) seit 1859 0. Doch wandten sich dessen Studien mehr und mehr 
dem Altpreussischen und dem Lithauischen zu, um das er sich durch die Sammlung und Bearbeitung 
der lithauischen Volkslieder verdient gemacht hat. Auch Justus Olshansen,^) einer der ersten 
Orientalisten unseres Jahrhunderts, der 1853 als 0. und Oberbibliothekar berufen wurde, hat 
in ersterer Eigenschaft nur eine sehr beschränkte Thätigkeit entfalten können, und auch was er 



1) V. Willamowitz-MöUendorf bei lif.xis a. a. 0., I. S. 461. 

2) Geb. 16. Juli 1824, in Königsberg und Leipzig gebildet, l'l). 1847, EU. 1856, seit 1858 0. und Nach- 
folger Lobecks al.s os academicum. 

:!) Vgl. S. 104. 149. 

4) Vgl. S. 134. 

5) Geb. 0. Mai 1800 zu irohenfeldc in Holstein, 1816—19 in Kiel gebildet, mit dänischem Staatsstipen- 
dium 1820—2.'! Schüler de Sacys und Anquetil du Perrons, 1823 KO., 1830 0. in Kiel, 1852 aus politischen 
Gründen entlassen. 



206 

in dei- zweiten leisten wollte, wurde vielfach verhindert oder verkümmert durch die Enge und 
Knappheit der Verhältnisse. Zu Beginn der neuen Aera wurde er als Decernent in Univer- 
sitätsangelegenheiten in das Cultnsministerium berufen (gest. 28. December 1882). 

Die Vacanz wurde benutzt, um in Verbindung mit dem Amte eines Oberbibliothekars 
eine Professur für alte deutsche Sprache und Litteratur zu errichten, deren Fehlen längst 
als eine besonders anstössige Lücke empfunden war. Denn seit der EO. Lucas, der zu- 
gleich Provinzialschulrath und Director des Kneiphöfischen Gymnasiums gewesen war, 1849 
nach Posen versetzt worden war, entbehrte die Albertina thatsächlich jede Vertretung der 
deutschen Sprache. Durch Berufung Julius Zachers (geb. 15. Februar 181G in Obernigk in 
Schlesien, in Halle Bibliothekar und 18.54 PD., 1856 EO.) wurde dem jetzt endlich abgeholfen. 

Von den Historikern der Albertina Hess sich Drumann mit Schluss des W.S. 1855/56 
emeritiren; er starb 20. Juli 1861. Zum Nachfolger erhielt er den Verfasser der „Geschichte 
der deutschen Kaiserzeit"', Wilhelm Giesebrecht (geb. .5. März 1814, Schüler Eankes, 
bisher Oberlehrer am Joachimsthaler Gymnasium), der Ostern 1862 an Stelle H. von Sybels nach 
München ging. Da Voigt und Schubert, ersterer im Abgeordnetenhause, letzterer als Ver- 
treter der Universität im Herrenhause parlamentarisch beschäftigt, vielfach fern waren, so war 
ein geordneter Lehrgang in dem geschichtlichen Studium kaum möglich. Voigt, der am 
13. October 1859 sein 50jähriges Jubiläum feierte und danach seine Lehrthätigkeit einstellte, 
starb den 23. September 1803. Nachdem die Geschichte das S.S. 1862 sogar einmal ganz 
verwaist gewesen war, begann mit Karl Wilhelm Nitzschs (geb. 22. December 1818 in 
Zerbst, in Kiel PD. 1844, EO. 1848,, 0. 1858) 1862 eine bessere Zeit. Denn von den jüngeren 
Männern, die, auf der Albertina selbst unter Schubert, Voigt und Drumann als Historiker gebildet, 
ihr Glück in der akademischen Thätigkeit versuchten, hat keiner die gehofften Erfolge gehabt, 
Gervais so wenig wie Lobeck II.*) (PD. seit Herbst 1844), Fischer (seit W.S. 1851 — 52, er 
kehrte zum Schulfach zurück) und von Hasenkamp (seit W.S. 1853/54). Max Toppen hat 
der Albertina nur im S.S. 1S47 als PD. angehört und ging dann ebenfalls in die Schullaufbahn 
über, die ihm ))ei erstaunlicher Arbeitskraft doch noch die ^Möglichkeit Hess, sich um die Pflege 
namentlich der Geschichte seiner Heimathprovinz die grössten Verdienste zu erwerben. 

Die Kunstgeschichte hatte auch in dieser Periode in Ernst August Hagen^) einen 
unermüdlichen Förderer, der auch weitere, ausserhalb der Universität stehende Kreise mit 
dauernder Theilnahme dafür zu erfüllen wusste und in dieser Hinsicht der Schöpfer einer sehr 
glücklich w-irkenden Tradition wurde. 

Das Fach der Nationalökonomie blieb in Karl Heinrich Hagen's^) Händen, bis 
er 1850 in Folge eines Schlaganfalls seine Thätigkeit einstellen musste. Nachdem er längere 
Zeit durch den Privatdocenten Thomas vertreten worden war, wurde mit Beginn des W.S. 
1855 der bisherige PD. zu Berlin Johann Karl Glaser (geb. 9. April 1814) in seine 
Stelle berufen. 



1) Vgl. S. 178. 

2) Vgl. S. 132. 

3) Vgl. S. HO. 



207 

In der Philosophie beherrschte Rosenkranz nach wie vor Alles. Neben ihm stand seit 
1841 als EO. Taute; Gregor, der namentlich die Herbartsche Thilosophie vertrat, Bobrick 
lind Castell, der speciell Pädagogik lehrte, kamen zu keiner grösseren "Wirksamkeit. 
Eine bedeutende Kraft wurde zur Ergänzung Rosenkranz' erst im S.S. 1862 mit der Berufung 
von Friedrich Ueberweg (geb. 22. Januar 182(5 zu Leichlingen in der ßheinprovinz, in 
Bonn PD. 1852, EO. 1862) aus Bonn als EO. gewonnen. 



III. Die Hauptrichtungen in der Entwickelung der Albertus -Universität 1862—94. 

1. Die allgemeinen Verhältnisse der Albertus-Universität während des letzten 
Menschenalters 1862— !»4. 

Ein volles Menschenalter ist seit den festlichen Tagen verflossen, da unter ihres 
kronprinzlichen Rector maguificentissimus Führung Professoren, Docenten und Studireude der 
Albertina in das neue Haus ihren Einzug hielten. Noch zählt der Lehrkörper manches Glied, 
das in gleicher Eigenschaft bereits an jener Feier theilnahm. Daher gehört, was in diesen 
mehr als dreissig Jahren in der inneren und äusseren Entwickelung der Universität geschehen 
ist, bereits der Geschichte der Gegenwart an, und nicht bloss sachliche, sondern auch per- 
sönliche Rücksichten lassen es unthunlich erscheinen, davon mit der Ausführlichkeit Bericht zu 
erstatten, wie das bisher im Ganzen möglich gewesen ist. Vielmehr kann es sich nur 
darum handeln, von den Schicksalen der Albertina im Laufe der letzten dreissig Jahre 
eine mehr andeutende als ausführende Skizze zu geben, die sich damit begnügt, die Hanpt- 
richtungen zu bezeichnen und die Hauptergebnisse kurz zusammenzufassen. 

Wohl sind im Laufe dieser dreissig Jahre die Bedingungen, von denen die Wirksam- 
keit der Universität abhängt, mannigfach und keineswegs bloss in vortheilhafter Weise ge- 
wandelt worden. Diese Aenderungen betrafen einmal die Verhältnisse des Lehrkörpers und 
die Stellung seiner Mitglieder, dann aber namentlich die Studirenden und den Studienbetrieb, 
indem nicht bloss die Grenzen für die Zulassung zur Universität wesentlich weiter gezogen 
wurden, sondern sowohl die Vorbildung dazu, als auch ein Tiieil der nach Beendigung des 
Studiums abzulegenden staatlichen Prüfungen nacli neuen, oft der Wissenschaft fremden Ge- 
sichtspunkten geordnet wurden. 

Langwierige Verhandlungen veranlasste die Frage nach dem stiftungsmässigen evan- 
gelischen Charakter der Albertina. Denn die Grundsätze, welche die Conferenz zur Berathung 
einer Reform der preussischen Universitäten^) im Herbst 1849 formulirt hatte, waren auch ver- 
gessen, und die Thatsache, dass damals entgegen dem Wortlaut der Statuten, aber im Ein- 
klang mit der neuen Gesetzgebung der jüdische Prediger Dr. Saalschütz nicht bloss 1848 
als PD. zugelassen, sondern 1853 sogar zum EO. befördert war, entschied nichts, am we- 
nigsten für diejenigen, welche an dem durch ihre Stiftung bedingten confessionellen Cha- 



1) Vgl. S. 176 



rakter der Älbertina streng festhalten zu müssen meinten. Im W.S. 1860/61 zeigte ein Specialfall 
die Notliwendigiieit einer principi eilen Entscheidung, unter dem 11. December 1860 suchte 
die mediciniscbe Facultät bei dem Curator um die Erlaubuiss nach, den Dr. med. Simon 
Samuel (geb. 5. October 1833 in Glogau), einen Juden, zur Habilitation zuzulassen, unter 
Berufung auf den Fall des Dr. Saalschütz und den Erlass des Ministers von Ladenberg vom 
14. Juli 1848, der die Berechtigung der Juden zu allen Lehrstellen in Preusseu anerkannt 
hatte. Dennoch wurde sie unter dem 23. Januar 1861 abschlägig beschieden, weil durch die 
angeführte Thatsache der § 105 der Statuten, der nur Evangelische als Docenten an der Al- 
bertina zuliesse, nicht aufgehoben sei. Die Facultät ersuchte nun das Generalconcil, bei dem 
Minister zu beantragen, dass er für den in dieser Angelegenheit gefassten Generalconcils- 
beschluss vom 31. Januar 1848') die Allerhöchste Bestätigung auswirke. Freilich stellte auch 
dieser einen nur mühsam zu Stande gebrachten Oonipromiss zwischen den weit auseinander- 
gehenden Meinungen in dem ordentlichen Lehrkörper dar. Jetzt aber ging das Generalconcil 
viel weiter, indem es am 2. Juli 1860 mit 16 gegen 1.5 Stimmen die Streichung des nur evan- 
gelische Lehrer zulassenden Zusatzes zu § 10.5 zu beantragen beschloss. Bei diesem Stimmen- 
verhältniss wurden in dem von Rosenkranz redigirten Bericht die von jeder von beiden 
Parteien für ihren Stand])unkt geltend gemachten Momente ausführlich dargelegt. 

Die Minorität, zu der Rosenkranz selbst gehörte, ging davon aus, dass die Albertina 
wesentlich ein l'roduct der Kirchenreformation sei, von Herzog Albrecht mit der Al)sicht 
gestiftet, der protestantischen Wissenschaft einen festen Halt in dem so weit von den deutschen 
Universitäten entlegenen Preussen zu gewähren. Sie sah daher in ihr ein Vermächtniss des 
Herzogs, dessen evangelischer Charakter bewahrt werden müsse, und leugnete deshalb nicht 
nur das Recht zur Aufhebung desselben durch Zulassung von Juden und Katholiken, sondern 
erklärte die späteren Generationen geradezu für verpflichtet ihn treu festzuhalten. Diese 
Treue dürfe die gesammte evangelische Kirche Preussens nicht nur als eine schuldige Pietät 
erwarten, sondern als ein ihr zustehendes Recht fordern, zumal alle der Universität zugewandten 
Stiftungen bis zur Mitte des laufenden Jahrhunderts in diesem Sinne gemacht seien. Weiter 
führte die Minorität aus: „Wir erkennen in der Freiheit des protestantischen Geistes das 
wahre Lebensprincip der echten, auf rücksichtslose Kritili sich gründenden Wissenschaft und 
verabscheuen die Knechtschaft, zu welcher der Römische Katholicismus dieMänner der Wissenschaft 
zwingt, so dass sie oft ihr besseres Wissen unterdrücken müssen, wollen sie nicht als Häretiker 
der Segnungen ihrer Kirche verlustig gehen und Hass und Verfolgung sich zuziehen. — 
Wir glauben nicht, dass wir die Juden und Katholiken durch das Festhalten des fundamentalen 
evangelischen Charakters unserer Universität in ihren staatsbürgerlichen Rechten beeinträchtigen. 
Denn die Juden können auf zwei preussischen Universitäten, in Breslau und Berlin, Docenten 
wei-den, was, da dies grosse und zahlreich besuchte LTniversitäten sind, wohl vollkommen der 
Anzahl der Juden im Preussischen Staate proportionirt ist. Die Katholiken aber können nicht 
nur in Breslau, Berlin, Bonn und neuerdinge auch in Greifswald Docenten werden, sondern 
besitzen auch in Münster und Braunsberg zwei ausschliesslich confessionelle Akademien. Da 



1) Vgl. S. 165. 



nun das Verbältniss der katliolisclicn und der iirotestantiscbeu Bevölkerung des Preussiscben 
Staates sich inigefälir wie 7 zu 11 verhält, so ist es wohl, statistisch genommen, nicht zu viel, 
wenn diese 11 Millionen auch zwei Anstalten beanspruchen, die grundsätzlich Juden und 
Katholiken von sich ausschliesseu. Um so weniger ist dies zu viel, als der Preussische 
Staat seine ganze Existenz wesentlich aus dem Protestantismus geschöpft hat und unserer 
Ueberzeugung nach auch ferner schöpfen muss. Er ist der Hort der Protestanten in 
Deutschland, und er muss eine Universität, in welcher der evangelische Geist sich ungetrübt 
und unbeirrt durch fremdartige Elemente fortpflanzt, als ein Kleinod hochschätzen, zumal in 
einer Zeit, in welcher der in seinem Mittelpunkt bedrängte Katholicisnuis eine um so grössere 
und jesuitischere Geschäftigkeit entfaltet, seine centralen Niederlagen in der Ausdehnung der 
Peripherie zu ersetzen. Intoleranz aber würde man uns nur vorwerfen können, wenn wir 
Andersgläubige von der Benutzung der Universität und ihrer Institute ausschlössen. Der 
Beschluss des Generalconcils von 1848 kann für uns nicht bindend sein, denn abgesehen davon, 
dass er nur ein Gutachten ist, sind zur Zeit eine Menge Mitglieder in das Colleg getreten, 
für welche jener Beschluss nicht bindend sein kann. Wir unterscheiden aber an unserer 
Universität die Eigenschaften derselben als Corporation von ihrer Bestimmung als Lehranstalt. 
Als Corporation soll sie unserer Meinung nach von evangelischem Geiste durchdrungen sein, 
weil sie ihren Ursprung aus demselben genommen und weil sie die Wahrheit, Vernünftigkeit 
und Freiheit desselben zum Wohl des Staats und der Kirche in immer vollkommenerer Weise 
durch ihre gesammte Wirksamkeit zu realisiren hat. Als Lehranstalt betrachtet, enthält sie 
Elemente, denen der Natur der Sache nach der religiöse Standpunkt gleichgültig ist. Für 
die Mathematik, Naturwissenschaft, Medicin, Geographie, Sprachforschung, Alterthumskunde 
und selbst für das Römische Recht ist die confessionelle Bestimmtheit ohne Einfluss. Die 
Beschafienheit des Gegenstandes lässt sie hier als indifferent erscheinen, wie auch das Judengesetz 
von 1847 anerkannte. Hier verschliessen wir uns nicht der Einsicht, dass es Fälle geben 
kann, wo es wünschenswerth sein muss, der Universität Organe ohne Rücksicht auf ihr 
religiöses Bekenntniss zu gewinnen, um nicht hinter den Forderungen der Zeit an die 
Wissenschaft zurückzubleiben. Zwar hoffen wir, dass der Protestantismus es uns nicht an 
Männern wird fehlen lassen, welche dem Bedürfniss der Wissenschaft genügend entsprechen, 
allein wir wollen jener Möglichkeit Rechnung tragen, dass ein Jude oder Katholik oder 
Dissident an Tüchtigkeit die gleichzeitigen Bewerber soll bei weitem überragen können und 
mithin durch seine Nichtberufung ein Verlust für die wissenschaftliche Cultur entstehen würde. 
Da nun die Universität keine Akademie ist, sondern neben Höhe der wissenschaftlichen 
Bildung nicht weniger die pädagogische Anforderung auf ein didaktisches Talent in sich 
schliesst, dieses aber nur durch zeitige Gewöhnung sich ausbilden kann, so müssten allerdings 
nur besonders hoffnungsreiche Privatdocenten zugelassen werden." 

„Die Majorität," so fährt der Bericht dann fort, „stellte sich von vornherein auf den 
Standpunkt der reinen Wissenschaftlichkeit und hob besonders folgende Bedenken mit Nach- 
druck hervor: Die Königsberger Universität ist allerdings als eine ursprünglich protestantische 
anzusehen, aber sie hat nach 300 Jahren aufgehört ein kirchliches Gepräge zu haben, wie sie 
auch niemals ein Institut der Kirche gewesen ist. Sie ist eine allgemeine Staatsanstalt für 

27 



210 • 

alle preussischen Bürger aller Stände und aller Confessionen. Sie zählt lutheriscbe, refor- 
inirte und unirte Bekenner unter ihren Lehrern, sie nimmt nicht nur protestantische, 
sondern auch jüdische und katholische Studirende in sich auf und promovirt dieselben zu 
üoctoren mit gleichen Eechten. Sie hat gegenwärtig Stipendien nicht nur für evangelische, 
sondern auch für jüdische Studirende. Sie wird nicht aus einem für einen confessionellen 
Zweck fundirten Vermögen, sondern aus allgemeinen Staatsmitteln unterhalten, und die könig- 
lichen Stipendien wurden früher ohne Unterschied an protestantische und katholische Stu- 
dirende verliehen, selbst unter dem Ministerium Eichhorn, bis erst das Ministerium Räumer 
die Katholiken ausschloss. Der erste Paragraph der 1843 neu verliehenen Statuten stellt die 
Königsberger Universität allen anderen Universitäten des Staates ganz gleich und bestimmt 
ihren Zweck lediglich als einen wissenschaftlichen, ohne hierbei im Geringsten eine con- 
fessionelle Schranke zu ziehen. Hatte die Universität in früheren Zeiten im Kampfe des 
Protestantismus mit dem Katholicismus eine confessionellere Färbung, so ist dieselbe längst 
verwischt und thatsächlich durchbrochen, wie dies auch in der Anstellung des Dr. Saalschütz 
als Professor zum Vorschein gekommen. Die wahre Pietät gegen den Stifter der Universität, 
das wahre Handeln im evangelischen Geist besteht unserer üeberzeugung nach darin, dass 
wir die Reformation in zeitgemässen Reformen fortsetzen und daher Schranken forträumen, die 
ihre Bedeutung verloren haben. In Oesterreich, Sachsen, Baden, ja auf preussischen Univer- 
sitäten selbst, wie Breslau und Berlin, ist der Zutritt zu akademischen Lehrämtern allen 
Confessionen eröflnet. Man hat noch nicht erfahren, welch ein Nachtheil Berlin daraus ent- 
standen wäre, dass der Physiologe Müller, ein Katholik, oder der Mediciner Schönlein, ein 
Katholik, dort lehrten oder der Mediciner Remak, ein Jude, noch jetzt dort lehrt. Es ist 
nicht abzusehen, weshalb Königsberg nicht einer gleichen Universalität fähig sein soll. Die 
Nichtzulassung von Juden und Katholiken zunj akademischen Lehramt ist eine Anomalie in 
einem Staate, in welchem die Parität der Confessionen staatsbürgerliches Grundgesetz ist und 
die Confession weder beim Militär noch bei der politischen Vertretung berücksichtigt wird. 
Die Annahme, als ob die wahrhafte Wissenschaftlichkeit an die protestantische Confession 
gebunden sei, müssen wir als einen Irrthum abweisen, der weder in der Sache noch in der 
Geschichte seine Begründung findet. In der Sache gilt für die Wissenschaft nur sie selber, 
geschichtlich aber könnte man auf die grossen Männer hinweisen, die als Katholiken 
Meister der Wissenschaft oder als Protestanten Gegenstand der gehässigsten Verfolgung pro- 
testantischer Theologen waren. Copernicus starb als Katholik, und Kep])ler hatte keine 
wüthenderen Feinde als die Tübinger evangelischen Theologen. — Wollen wir in statistischer 
Beziehung auch die Gerechtigkeit in den von der Minorität angeführten Thatsachen zugeben, 
so müssen wir es doch der Billigkeit gemäss nennen, dass Juden und Katholiken, die sich 
auf der hiesigen Universität bilden und denen von derselben die Rechte und Privilegien von 
Doctoren ertheilt werden, die Aussicht nicht verschlossen werde, auch hier, wenn sie das 
Talent und die Neigung dazu haben, als öffentliche Lehrer wirksam zu werden. — Die Be- 
fürchtung, als ob durch Intriguen des Katholicismus der evangelische Geist der Universität 
vernichtet, als ob sie ein Heerd systematischer Proselytenmacherei werden könnte, welche 
nicht nur die Freiheit der Wissenschaft, sondern auch die protestantische Kirche unserer 



211 

Provinz zu gefährdeu vermöcbte, theilen wir nicht im Geringsten. Diese Beängstigung er- 
scheint uns um so mehr als Gespensterseherei, da wir der Weisheit der obersten Staatsbe- 
hörde und dem Tacte der Facultäteu vertrauen, bei der Besetzung der Lehrämter die eigen- 
thümlichen Bedürfnisse der hiesigen Stadt und Provinz stets angemessen zu berücksichtigen. 
Duldung zeugt Duldung, und wenn es auch wahr wäre, dass weder Juden noch Katholiken 
ihrerseits unsere Gastlichkeit vergelten würden, so wird doch die Freiheit, die wir ihnen 
zeigen, und die Achtung, die wir der Wissenschaft um ihrer selbst willen zollen, für die 
Auctorität und die Propaganda des Protestantismus immer mehr wirken als eine Abschliessung 
in sich, die hinter der Humanität unseres Jahrhunderts zurückbleibt. Eine Störung unserer 
glücklichen collegialischen Verhältnisse durch parteiische Zerspaltung, welche der Gegensatz 
der Confessionen bei uns erzeugen könnte, müssen wir daher als ein leeres Schreckbild be- 
zeichnen. Solche Parteiung pflegt vou den Theologen auszugehen. Aus allen diesen Gründen 
wünschen wir, dass ein hohes Ministerium den Wegfall des Zusatzes zu § 105 unserer Statuten, 
der den Zugang zum Lehramt bei unserer Universität von der evangelischen Coufessiou ab- 
hängig macht, bei Sr. Majestät gnädigst beantragen möge." 

Bei dem obwaltenden Stimmenverhältniss aber hatte natürlich dieser Antrag der Ma- 
jorität bei dem Ministerium ebenso wenig Aussicht auf Annahme wie der Vorschlag der Mi- 
norität, den § 105 durch einen Zusatz zu ergänzen, welcher ein Abweichen vou dem sonst 
festzuhaltenden confessionellen Charakter der Albertina wenigstens für gewisse Ausnahmefälle 
ermöglichen und daher lauten sollte: „Jedoch kann von dieser Regel auf motivirten Antrag 
der betreffenden Facultät im Interesse der Wissenschaft Umgang genommen werden." So 
finden wir denn bereits zu Beginn des Jahres 1862 das Generalcoucil von Neuem mit dieser 
Frage beschäftigt, und zwar schlug es dabei den schon früher verfolgten Weg ein, dass es 
sich über diejenigen Fächer zu verständigen suchte, die ihrer Natur nach irgend einem Ein- 
fluss der Confessiou des sie vertretenden Lehrers nicht ausgesetzt sind. Das Ergebniss dieser 
Verhandlungen war 10. Jamiar 1862 die Annahme folgender vier Sätze: 1. In Mathematik 
und den naturwissenschaftlichen Fächern und der Mediciu kann von dem confessionellen Charakter 
der Docenten Abstand genommen werden (mit allen 25 Stimmen angenommen); 2. desgleichen 
in der Philologie (22 gegen 3); 3. überhaupt in allen Lehrfächern, bei denen nach der Natur 
ihres Gegenstandes der religiöse Standpunkt des Lehrers ohne Einfluss ist (24 gegen 1), und 
endlich 4. in den genannten Fächern können Nichtprotestanten als ordentliche und ausser- 
ordentliche Professoren angestellt werden (20 gegen 5). 

Doch drang man auch mit diesem Vorschlag nicht durch, und daher suchte die me- 
dicinische Facultät Ende des W.S. 1865/60 wenigstens für ihren engereu Kreis Abhülfe zu 
schaffen, indem sie erklärt haben wollte, für sie dürfe von dem religiösen und confessionellen 
Charakter der Docenten Abstand genommen werden und sei die Anstellung auch von Nicht- 
protestanten als Professoren zulässig; doch müssten Prorector, Decane, Stipendien- und Frei- 
tischcurator und der Professor der Eloquenz evangelischer Confession sein. Damit wäre aber 
innerhalb der Ordinarien eine Rechtsungleichheit geschaflen, unvereinbar mit dem Grund- 
gedanken, auf dem die Verfassung der Albertina beruht. Mit Recht sah man daher davon ab, 
als Ende 1860 im Princip dahin entschieden wurde, dass auch Nichtevangelische als Privat- 

27* 



212 

docenten sollten zugelassen und im Bedarfsfalle zu Professoren vorgeschlagen werden können. 
Mit 23 gegen 7 Stimmen nahm das Generalconcil den in einem Erlass vom 24. December 
1866 gemachten Vorschlag an, den zweiten Absatz des § 105 durch die Bestimmung zu er- 
setzen: -Auf Antrag der juristischen, medicinischen und philosophischen Facultät dürfen auch 
Nichtevangelische angestellt werden, können auch aller Rechte der übrigen Ordinarien theil- 
haftig werden, sobald sie von dem Collegium dazu geeignet befunden und gewählt werden."') 
Von viel geringerer Bedeutung war, was sonst in dem den Lehrkörper betreffenden 
Theil der Statuten in diesem Zeitraum geändert wurde. Als einen Conflict zwischen dem 
Geiste und dem Buchstaben der Statuten möchte man die Schwierigkeiten bezeichnen, die 
1863/64 durch die Wahl des Physiologen von Wittich zum Prorector entstanden. In seiner 
damaligen Fassung bestimmte § 29 der Statuten, zum Eector wählbar sei „nur, wer schon 
einmal das Decanat einer Facultät geführt hat." Nun bekleidete von Wittich, als ihn 
1863 das Vertrauen seiner Collegen für das nächste Studienjahr an die Spitze der Albertina 
berief, noch das medicinische Decanat für das Studienjahr 1862/63, war demnach allerdings 
dem strengen Wortlaut der Statuten gemäss noch nicht Decan gewesen, sondern noch in der 
Erfüllung der ihn zum Rectorat befähigenden Bedingung begriffen. Deshalb wurde seine 
Wahl nicht bestätigt. Aber bei der Neuwahl vereinigte sich die Mehrheit der Stimmen 
wiederum auf von Wittich, da er ja, wenn er das Rectorat anzutreten berufen sein 
würde, das Decanat eben verwaltet haben würde. Gleichzeitig erbat das Generalconcil 
am 1. April 1863 in einer Immediateingabe die Aufhebung des zu so unerwarteten 
Consequenzen führenden § 29. Auch an den Kronprinzen wandte es sich, damit Er 
als Rector magnificentissimus sich dieser Sache annehme und den von dem General- 
concil vertretenen Standpunkt an maassgebender Stelle zur Geltung bringe. Die Antwort 
lautete, wie sie nicht anders konnte, ausweichend, indem sie die Hoffnung des Kronprinzen 
aussprach, -dass § 29 diejenige Auslegung erfahren werde, welche das Gedeihen der Albertus- 
Universität am besten zu fördern geeignet sei." So blieb es denn bei der einmal gefällten 
Entscheidung: auch die zweite Wahl von Wittichs wurde nicht bestätigt, und daher in 
einem dritten Wahlgange für das Studienjahr 1863/64 Sanio mit dem Purpur bekleidet. 
Erst 1864/65 verwaltete von Wittich das Prorectorat. Doch hatte dieser Zwischenfall ge- 
lehrt, zu wie unbilligen Consequenzen es führte, wenn man die Fähigkeit zur Bekleidung des 
durch Wahl des Generalconcils vergebenen Prorectorata abhängig machte von der vorange- 
gangenen Verwaltung des in den einzelnen Facultäten nach Anciennetät umlaufenden Decanats. 
Die von dem Generalconcil deshalb angeregte Aenderung des § 29, die zur nachträglichen 
Legalisirung eines thatsächlich statutenwidrigen Vorganges füglich nicht hatte bewilligt 
werden können, wurde um so mehr als nothwendig erkannt, als auch die darin enthaltenen 
Bestimmungen über das Wahlverfahren selbst veraltet waren und an einer die Geltend- 
machung der wahi-en Meinung der Wähler beeinträchtigenden Unklarheit litten. So wurde 
eine gründliche Umarbeitung desselben in Angi-iff genommen, welche schliesslich den 15. Januar 
1873 zur Annahme einer neuen Fassung führte, die nicht bloss die Wählbarkeit nun von der 



1) C. 77. It. 23. Januar ISO: 



213 

vorherigeu Verwaltung des Decanats unabhängig maebto, somlern auch den Wahlmodus klarer 
gestaltete und yereinfachte. Im April 18H4 durch die Königliche Bestätigung sanctionirt, 
ist dieselbe noch gegenwärtig in Kraft. Eine weitere Lösung von alterthümlichen akade- 
mischen Formen war es, dass die den neu eintretenden Ordinarien und Extraordinarien nach 
den Statuten ehemals obliegenden besonderen Habilitationsleistungen, für welche die philoso- 
phische Facultät schon 1870 den Ersatz der lateinischen Sprache durch die deutsche in 
Vorschlag gebracht hatte, überhaupt abgeschafl't wurden. 

Tief greifende Wirkung auf das gesammte akademische Studium und daher auch auf 
die Stellung der Universitäten einerseits zu der Wissenschaft, andererseits zu dem geistigen Leben 
überhaupt bahnten im Laufe dieses letzten Menschenalters die Aenderungen an, welche in Bezug 
auf die Vorbedingungen für die Zulassung zum akademischen Studium eingetreten sind, mögen 
sie auch eben erst anfangen sich recht zu äussern. Entsprechend der grundlegenden Be- 
deutung, welche das Studium des classischen Alterthums seit den Zeiten des Humanismus und 
der Reformation für unser gesammtes geistiges Leben besessen, hat man bis in das nun auf- 
gegangene „Zeitalter der Naturwissenschaft" hinein im Einklänge mit dem geschichtlichen 
Gange unserer Entwickelung, die im Kleinen und gleichsam concentrirt in sich und an sich 
durchlebt und wiederholt zu haben für Jeden, der an dem geistigen Fortschritt der Gegenwart 
mitarbeiten will, eine eigentlich selbstverständliche Voraussetzung ist, den Nachweis einer 
gründlichen humanistischen Bildung als unentbehrliche Bedingung für die Zulassung zum aka- 
demischen Studium festgehalten. Neuerdings sind die Ansichten in diesem Punkt gewandelt, 
freilich weniger in Folge eines in der Sache selbst oder in den gegenwärtig gegebenen Ver- 
hältnissen liegenden, gleichsam logischen Zwanges, als vielmehr unter dem Drucke einer 
wohlorganisirteu Agitation, welche keineswegs bloss wissenschaftliehen oder auch nur allge- 
meinen geistigen Interessen diente, sondern zum guten Theil zunächst den wirthschaftlichen 
Bedürfnissen weiterer bürgerlicher Kreise entsprang und fördei'lich werden sollte. In dem 
dadurch hervorgerufenen Kampfe ist die Sache des Humanismus, welche die Strömung der 
Zeit gegen sich hat, vorläufig unterlegen, indem seit 1871 auch Abiturienten der Real- 
gymnasien der Zugang zum Studium der neueren Sprachen, der Mathematik und der Natur- 
wissenschaften erschlossen ist. Ob und inwiefern die Kreise, denen diese Neuerung zu Gute 
kam, dabei den gehofften Gewinn gemacht haben, ist bisher nicht hinreichend constatirt 
worden. Auch von besonderen Vortheilen für die betreffenden Fächer ist noch nichts bekannt 
geworden. Unleugbar dagegen ist, dass im Gegensatz zu früheren Zeiten, welche in dem 
classischen Alterthum die vornehmste Grundlage aller höhereu Bildung und die selbstver- 
ständliche Voraussetzung wahrhaft wissenschaftlichen Lebens verehrten, die Gegenwart cha- 
rakterisirt wird durch die geflissentliche Abwendung von den humanistischen Disciplinen. 
Muss man da nicht fürchten, schliesslich auch diejenigen akademischen Fächer, für die eine 
humanistische Vorbildung dermalen noch obligatorisch ist, von dem realistischen Geiste 
unserer Epoche herabgedrückt zu sehen, zumal die neuste Reform der Gymnasien mit jener 
realistischen und antihumanistischen Tendenz das Streben verbindet nach möglichster Er- 
leichterung der Jugend und daher möglichster Beschränkung des Lehr- und Lernstoffes? 
Während man früher darauf ausging, den jugendlichen Geist auf einzelne, mit gesteigertem 



214 

Nachdruck getriebene Gebiete zu concentrireu und durch Vertiefung für wirklich wissenschaft- 
liches Denken vorzubereiten und zu selbständigem, auf eigener Prüfung beruhendem Urtheil 
anzuleiten, herrscht jetzt vielmehr eine bequeme encyklopädische Richtung vor, die nur auf 
eine übersichtliche Orientirung zum Zweck der Gewinnung eines gewissen Quantums von po- 
sitiven Kenntnissen in verschiedenen Gebieten ausgeht. 

Mag man diejenigen der Schwarzseherei beschuldigen, die davon schliesslich eine Ge- 
fährdung auch des wissenschaftlichen, des gelehrten Charakters befürchten, der den Studien- 
betrieb auf den deutschen Universitäten bisher auszeichnete: eine solche Befürchtung ist 
nur allzu begrÜEdet angesichts die Wandelung, die unter dem Einfluss dieser Verhältnisse 
während der letzten zwanzig Jahre namentlich in der Stellung der philosophischen Facultät 
eingetreten ist. Bekanntlich war diese entsprechend dem Entwickelungsgange des wissen- 
schaftlichen Studiums auf den Universitäten ehemals in dem Sinne die untere Facultät. dass 
sie auch den Jüngern der drei oberen Facultäten die zu erfolgreichem Betriebe ihrer beson- 
deren Berufswissenschaft Döthige allgemeine wissenschaftliche Bildung zu geben hatte. So 
wurde sie das Band, das die Wissenschaften zu einer höheren geistigen Einheit zusammen- 
hielt: neuerdings ist sie, namentlich durch die jüngste Entwickclung unseres höheren Schul- 
wesens, aufgelöst in eine Anzahl unter einander nur locker verbundener Fachschulen. Indem 
man aber trotzdem in Erinnerung au die ehemaligen Verhältnisse die Fictiou festhielt, dass sie 
durch Gewährung der nöthigen allgemeinen Bildung zu dem eigentlichen Fachstudium erst vor- 
bereite, wurde sie obenein zu der Stätte gemacht, wo alle diejenigen untergebracht werden, 
die ohne die zum Studium uöthige Vorbildung eines oder das andere von den Specialinstituten 
besuchen, die man entgegen dem Wesen der Universitäten, wie es dem Begriff nach begründet 
und geschichtlich entwickelt ist, aus äusserlichen, meist finanziellen Rücksichten ihnen affiliirt 
hat, wie z. B. Pharmaceuten, Landwirthe und zuletzt Zahnkünstler, gegen deren Zuweisung 
die anderen Facultäten ihre Statuten schützen. Dass diese Einrichtung der philosophischen 
Facultät als solcher oder den ihr zugehörigen Wissenschaften zum Vortheil oder auch nur in 
den Augen des grossen Publicums zur Empfehlung gereiche, wird man kaum behaupten wollen. 

Zudem beeinflusst nun die realistische Geistesrichtung unserer Tage immer mehr auch 
die Art des akademischen Lernens und hier und da auch bereits die des akademischen 
Lehrens. Wird neuei'dings auch in diesem Gebiet über das Schwinden idealen Sinnes und 
das immer rücksichtslosere Hervorkehren des blossen Nützlichkeitsprincips geklagt, so wird 
man dafür wenigstens zum Theil den Umstand verantwortlich machen, dass unter den 
akademischen Bürgern gegen früher die Zahl derjenigen beträchtlich gewachsen ist, welche 
ohne völlig ausreichende Vorbildung und daher ohne rechten wissenschaftlichen Trieb gleich 
am Beginn ihres Studiums nur bestimmte praktische Ziele im Auge haben, indem sie sich 
nicht zum Dienste einer Wissenschaft bilden, sondern ein gewisses Gebiet von Kenntnissen 
und Fertigkeiten sich zum Zwecke ihrer praktischen Verwerthung aneignen wollen. Zusammen 
mit ihrer beschränkten Vorbildung nöthigt die Beschränktheit des von diesen Akademikern 
erfolgten Studienzwecks schliesslich doch auch die Vertreter der Disciplinen, mit denen sie 
sich zunächst beschäftigen, zu einer gewissen Anpassung an den Standpunkt dieser Zuhörer: 
statt sich ohne Rücksicht auf die praktische Nutzbarmachung der von ihnen überlieferten 



215 

Kenntnisse im bürgerliclien Leben auf der Höbe des ansscbliesslich ivissenscbaftlicben Stand- 
punktes zu halten, werden sie je länger je mehr den der Wissenschaft fremden praktischen 
Interessen ihrer Zuhörer Rechnung tragen und darum dann das Beste, was sie haben und 
könnep, zurückhalten müssen, da sie statt auf wissenschaftliche Vertiefung auf Routine als 
Ziel hinausstreben. Wird aber eine derartige Accommodation nicht den gelehrten Charakter 
des akademischen Lehrens herabdrücken und ein allmähliches Sinken auch des wissenschaft- 
lichen Durchschnittsmaasses unserer Universitäten zur Folge haben? Schon heute erweisen manche 
Erscheinungen diese Befürchtung als nur zu wohl begründet. Es würde uns freuen, wenn 
diese Auffassung, die, wie wir wissen, zwar lange nicht alle, aber doch sehr viele akademische 
Lehrer theilen, durch den ferneren Gang der Entwickelung widerlegt würde. Andernfalls 
wird es lang(^r und mühsamer Arbeit bedürfen, um die Nachtheile wieder gut zu machen, die 
sich aus den Zugeständnissen ergeben haben werden, die einer zeitweilig stark angeschwollenen 
Strömung der nur allzu sehr auf das Nivelliren ausgehenden öffentlichen Meinung neuerdings 
auf Kosten wahrer Wissenschaftlichkeit gemacht worden sind. 

Und schon pocht in unserer raschlebigen Zeit mit ihrem Drange nach wirthschn ftlicher und 
gesellschaftlicher Reform eine andere Bewegung an die Pforten unserer Universitäten und auch der 
Albertina, nicht minder agitatorisch vertreten und nicht minder von der Gunst weiter Kreise 
getragen: die Bewegung, welche darauf ausgeht, auch dem weiblichen Geschlecht den Weg zu 
dem akademischen Studium und damit zu einer ganzen Reihe von wissenschaftlicher Vorbildung 
bedürftigen Stellungen, privaten sowohl wie öffentlichen, zu erschliessen. Es ist hier nicht der 
Ort, in eine Prüfung der dafür geltend gemachten und der dawider sprechenden Gründe ein- 
zutreten, zumal die Gesichtspunkte, welche dabei in Betracht kommen, sehr verschiedene sind, 
je nachdem es sich um die medicinische Facultät oder um die in der philosophischen ver- 
einigten Fächer handelt. Vielleicht' ist es der einfachste und sicherste Weg zur Lösung der 
Controverse im Sinne derjenigen, welche das Frauenstudium verwtn-fen als nicht wohl ver- 
einbar mit unserer deutschen Sitte und Art und in einem unausgleichbaren Widerspruch 
stehend sowohl mit der Natur und dem Wesen des Weibes als auch mit der Natur und dem 
Wesen deutscher Universitäten und der dort herrschenden Weise des Lehrens und Lernens, 
wenn man, wie dermalen an einer Steile unternommen worden ist, einmal die Probe darauf 
macht, in wie weit es dem weiblichen Geschlecht möglich ist, die in Betreff der Vorbildung 
für die Zulassung zum akademischen Studium geltenden Bedingungen zu erfüllen: die Sache 
erledigt sich dadurch möglicher Weise viel einfacher und gleich so endgültig, dass man die 
Lust zu weiteren umständlichen und kostspieligen — nicht bloss finanziell kostspieligen — 
Experimenten auf diesem Gebiet vtn-lieren wird. Zudem hat bei der gegenwärtigen Lage der 
Gesetzgebung die ganze Frage ein praktisches Interesse überhaupt nicht für die theologische 
und die juristische Facultät. Am meisten Vorkämpfer findet das Fraueustudium wohl unter 
den Medicinern, obgleich auch da die Meinungen sehr getheilt und von denen, welche die Sache 
praktisch zu probiren Gelegenheit g(!habt haben. Viele von ihrer anfänglichen günstigen Ansicht 
zurückgekommen sind, während die Meinungen in der philosophischen Facultät, entsprechend 
ihrer Zusammensetzung aus so sehr verschiedenartigen und daher auch so verschiedene An- 
sprüclie (erhebenden und so verschic^den zu beurtheilenden Disciplin<en, weit auseinandergehen. 



216 

Dem hat clenn bisher auch die Haltung des Lehrkörpers der Älbertina in dieser Sache 
entsprochen. Die erste Anregung zur Discussiou dieser Frage gab im S.S. 1871 ein Antrag 
der medicinischen Paeultät an das Generalconcil, „es möge an das Ministerium das Ersuchen 
richten, § 107, Nr. 4 der Universitätsstatuten dahin abzuändern, dass es Personen -weiblichen 
Geschlechts unter Zustimmung des Prorectors und des betreffenden Docenteu erlaubt sein 
solle, Vorlesungen der medicinischen Facultät und der Hülfswissenscbaften an der hiesigen 
Universität zu hören." Das Generalconcil stimmte demselben auch bei und begründete ihn 
in einer ausführlichen Denkschrift. Von dem Minister aber erging ein kurz ablehnender 
Bescheid, motivirt durch die Erklärung, dass er ein Bedürfniss nach weiblichen Aerzten niclit 
anerkennen könne. Seitdem hat die Frage des Frauenstudiums mehr als zwanzig Jahre geruht. 
Erst im März 1892 wurde sie, und zwar diesmal von Seiten der Regierung, einer neuen Begut- 
achtung durch den Lehrkörper unterbreitet, indem an diesen die Frage gerichtet wurde, ob eine 
Aenderung der auf den preussischen Universitäten bisher geltenden Bestimmungen angezeigt 
erscheine, wonach Frauen weder als Studirende noch als Gastzuhörerinnen zugelassen werden 
dürfen. Für die theologische und die juristische Facultät war die Frage gegenstandslos; von 
den beiden anderen Facultäten sprach sich die medicinische einstimmig, die philosophische mit 
Stimmenmehrheit für eine Aenderung der geltenden Vorschriften im Sinne der Zulassung der 
Frauen zu den akademischen Studien aus, welche in der philosophischen Facultät eine starke 
Minderheit energisch bekämpfte. Und in dem Sinne dieser letzteren fiel schliesslich auch die 
p]ntscheidung des Generalconcils aus. Ohne auf die Frage einzugehen, ob es wünschenswerth 
uud, wenn das der Fall sein sollte, ob und wie es möglich ist, den Frauen das akademische 
Studium zu erschliessen, erklärte dieses, dass die Zulassung der Frauen mit der Geschichte 
und der Verfassung sowie mit dem Wesen und dem Bei'uf der deutschen Universitäten nach 
seiner Meinung nicht vereinbar sei. Auf wie lange diese Angelegenheit damit erledigt sein 
und wie bald und in welcher Gestalt und mit welchen Mitteln sie von Neuem an die 
Universitäten gebracht werden wird, muss vorläufig dahingestellt bleiben. 

In der äusseren rechtlichen Stellung der Studirenden endlich hat sich eine wesent- 
liche Aenderung vollzogen mit der durch die Einführung der Reichsjustizgesetze gegebenen 
Aufhebung der akademischen Gerichtsbarkeit — ein längst als nothwendig erkanntes Opfer 
an die moderne staatliche Ordnung. Von den verhängnissvollen Folgen aber, die mancher be- 
geisterte Lobredner der alten Einrichtungen davon erwartete, ist thatsächlich nicht eine einzige 
eingetreten, da die neue Gesetzgebung der eigenthümlichen Stellung der Universitäten und der 
Studirenden umsichtig und wohlwollend Rechnung getragen und den für die Corporation noth- 
wendigsten Theil der einstigen akademischen Gerichtsbarkeit in der disciplinaren Autorität des 
Senats erhalten hat. Im Gegensatz zu gelegentlich laut gewordenen radicaleren Forderungen 
halten Avir deren dauernde Erhaltung für unerlässlich, wenn den Universitäten und auf ihnen 
der Studentenschaft ihre durch ihre Geschichte bedingte corporative Eigenart und in ihr eine 
der wesentlichsten Bedingungen ihres Gedeihens auch für die Zukunft bewahrt bleiben soll. 

Nun wird sich aber auch nicht in Abrede stellen lassen, dass rücksichtlich der allge- 
meinen geistigen Bedingungen, die auf das akademische Studium bestimmend einwirken, 
mancher Wandel eingetreten ist. In erster Linie kommt dabei die Schnelligkeit und Inhalts- 



217 

fülle des modernen Lebens in Bet.radit, die im Vergleich mit dem vor einem lialhen Jalir- 
hundert Ueblicben oder Möglichen eine gewaltige Steigerung erfahren hat. In Folge der- 
selben wird die Jugend derjenigen Kreise, aus denen sich die Studireuden der Universitäten 
dermalen vorzugsweise recrutiren, oft allzu zeitig von einer solchen Fülle der Eindrücke ge- 
troffen und gleichsam auseinandergerissen, dass sie nicht bloss die Fähigkeit zu rechter Con- 
ceutration, sondern auch die Empfänglichkeit für das Natürliche, Einfache und daher nur 
durch seine innere Harmonie Wirkende einbüsst oder doch gemindert sieht. Anregungen 
und Genüsse geistiger Art, denen die jüngeren Studirenden ehemals um so freudiger sich 
hingaben, je mehr ihnen dadurch gleichsam eine neue Welt erschlossen wurde, machen heute 
kaum noch besonderu Eindruck: denn die üppig ins Kraut geschossene publicistische und 
journalistische Litteratur, die zudem der Zeitströmung schmeichelt und mit starken, daher 
bald übersättigenden und abstumpfenden Effecten arbeitet, treibt nicht selten schon das heran- 
wachsende Geschlecht einer gewissen Blasirtheit in die Arme. Das ist zunächst freilich nur 
eine natürliche Wirkung der gesteigerten Oeffentlichkeit, Schnelligkeit und Ueberreizung des 
modernen Lebens: das Bedenkliche aber liegt in der zunehmenden Verallgemeinerung der 
hier entspringenden Erscheinungen. Betrachten doch immer weitere Kreise diesen Zustand 
als den normalen, als wünschenswerth und preisen ihn wohl gar als einen Fortschritt gegen- 
über den einfacheren und natürlicheren, gesunderen und stetigeren Verhältnissen des geistigen 
und sittlichen Lebens früherer Zeit. Ist nicht gerade hier der Ursprung zu suchen für die 
meisten von den Erscheinungen, die heutzutage so oft die Klage laut werden lassen, unsere 
akademische Jugend entbehre des idealen Sinnes? In etwas hat dazu freilich auch die Ent- 
wickelung beigetragen, welche die Mehrzahl der auf den Universitäten gepflogenen Wissen- 
schaften während des letzten Menschcnalters dui-chgemacht hat. 

Im Allgemeinen wird die Entwickelung der Wissenschaften in den letzten Jahrzehnten 
gekennzeichnet durch die fortschreitende Specialisirung. Ist es doch in manchen Disciplinen 
für den Einzelnen überhaupt kaum noch möglich, das Gesammtgebiet mit Sicherheit zu 
übersehen. Daher ist denn auch das Bewusstsein von der Zusammengehörigkeit grosser Fach- 
gruppen, das ehemals auf den Universitäten festgehalten wurde und die Art des geistigen 
Lebens ihrer Glieder bestimmte, immer mehr geschwächt worden und droht jeder neuen Gene- 
ration von Lehrenden und Lernenden noch mehr verloren zu gehen. So hat sich jene 
schöne Gemeinschaft der allgemeinen geistigen Interessen, die ehemals einen hervorstechenden 
Zug ausmachte in dem Wesen der universitas litterarum, deren Glieder alle in demselben 
idealen Sinne der Wissenschaft lebten, fast ganz verflüchtigt. Wie hätte die Albertina 
diesem allgemeinen Zug nicht folgen sollen ? Auch hier hat die fortschreitende Specialisirung 
der Wissenschaften den Umfang des Gebietes je länger je mehr gemindert, auf dem sich alle 
Glieder des Lehrkörpers noch eins fühlen, in unmittelbaren Austausch treten und wirklich 
gemeinsam auf dasselbe Ziel hinarbeiten können. In höherem Grade noch macht sich das 
natürlich in dem weniger geschlossenen und daher noch mehr auseinanderstrebeudeu Kreise 
der Studirenden bemerkbar. Sie haben kaum noch das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu 
einem grossen Ganzen. Darunter leidet ihr Gemeinsiun, und damit schwindet Neigung und Fähig- 
keit sich der Allgemeinheit unterzuordnen und gegen ihre Interessen die eigenen zurückzu- 

2Ö 



218 

stellen. Daher schon die äusserliche Zersplitterung der Studentenschaft, welche, durch kein 
dauernd wirkendes, grosses und allgemeines Interesse zusammengehalten, sich nach allen 
möglichen Gesichtspunkten zu den verschiedensten Verbänden und Verbäudchen zusammen- 
thut. Diese aber gewinnen doch nicht dadurch an Berechtigung oder Verdienstlichkeit, 
dass sie wohl gar dem akademischen Leben fremde sociale, politische und wirthschaftliche 
Momente aus den die Gegenwart erfüllenden Kämpfen zu ihrer Losung machen. 

Hier, in den Kreisen der Lernenden, fehlt noch das Gegengewicht, das zu der centri- 
fugaleu Tendenz, die mit der Specialisü-ung der Wissenschaften zur llerrschaft gekommen ist, 
für den ordentlichen Lehrkörper die gemeinsame Thätigkeit innerhalb der Facultäten und 
dann in der Verwaltung der allgemeinen Universitätsangelegenheiten überall da bildet, wo 
wie hier die Conciliarverfassung gilt. In dieser Hinsicht darf die Albertina die Statuten von 
1843 noch heute dankbar als eine Quelle reichen Segens rühmen. Wie diese Einrichtung 
zuerst in einer Zeit (1811) getroifen ist, wo es galt, den Gemeingeist neu zu beleben und 
auch denen gewissermassen aufzunöthigen, welche sich ihm in gelehrter Abgeschlossenheit 
und um in ihrer wissenschaftlichen Thätigkeit nicht durch profane Dinge gestört zu werden, 
geflissentlich versagten,') so hat sie sich auch bis auf den heutigen Tag bewährt als ein 
ebenso einfaches wie wirksames Mittel, um die Interessen einzelner Fachgruppen oder auch 
einzelner Fächer auf dem Boden und zum Besten des allgemeinen Universitätsinteresses zu 
versöhnen. Sie hat dadurch das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit in lebendiger Arbeits- 
gemeinschaft wach erhalten, gestärkt und zu immer neuer Bethätigung veranlasst, so dass an 
der Albertina wenigstens im Kreise der Lehrenden der Begi-ifl" der universitas litterarum in 
seinem alten guten Sinne noch nicht ganz verloren gegangen ist. 

2. Vervielfältigung und Vervollkommnung der akademischen Lehrmittel 
während der letzten dreissig Jahre. 
In keiner Zeit sonst hat die Wissenschaft so rasche und auch für das praktische 
Leben so bedeutsame Fortschritte gemacht, wie während der letzten dreissig Jahre. Besonders 
freilich gilt das von den Naturwissenschaften und demnächst von der Heilkunde. Die Ver- 
vollkommnung der Beobachtungsmethoden und der Beobachtungsmittel hat in Bezug auf das 
Experiment als den vornehmsten Träger sowohl der Forschung als auch der Lehre eine Stei- 
gerung der Ansprüche an das regelmässig zu Leistende bewirkt, die weit über das hinaus- 
geht, was in dieser Hinsicht ehemals von den Universitäten, auch den besteingerichteten, 
irgend gefordert wurde. Mit Recht wies bereits am Ende des Studienjahrs 1862/63 Rosen- 
kranz in dem Bericht, den er bei Niederlegung seines Rectorats über die Entwickelung der 
Albertina während desselben ei-stattete, auf den folgenreichen Wandel hin, der sich in dieser 
Hinsicht eben damals vorbereitete. „Charakteristisch füTr die modernen Universitäten," so 
sagte er, auch in diesen Dingen ein scharfblickender Beobachter, „selbst im Vergleich noch 
mit denen des vorigen Jahrhunderts, ist die Wichtigkeit der Institute, die gleichsam zu 
lebendigen Organen der Wissenschaft geworden sind," und dankbar pries er die Freigebigkeit 

1) Vgl. S. 35. 



219 

der Regierung, die gerade dieser neuen Seite des akademischen ünterriclits Itesondere Sorg- 
falt zuwandte, indem sie zur Erweiterung der Sternwarte 500 Thaler, für das Moser unter- 
stellte physikalische Cabinet 642 Thaler und für den Bau eines Wasserpflanzenhauses im Botani- 
schen Garten 3600 Thaler bewilligt, ausserdem aber für den Bau eines pathologischen Insti- 
tuts, das einstweilen in einigen Zimmern der Anatomie untergebracht war, 24 550 Thaler und für 
die bei der Berufung Wagners zugesagte neue chirurgische Klinik gar eine Summe von 
65 000 Thalern ausgeworfen hatte, während der gesammte Etat der Universität für 1861 bereits 
auf die Höhe von 84422 Thalern gestiegen war.^) Und auf dem damals betretenen Wege ist 
die Staatsregierung während der nächsten dreissig Jahre consequent weiter gegangen, insbe- 
sonderehaben die finanziell günstigen Zeiten, die dem Kriege von 1870/71 folgten, der Albertina 
eine Ausstattung mit naturwissenschaftlichen und medicinischen Instituten gewährt, 
wie sie ehemals auch den kühnsten Wünschen unerreichbar erschienen sein würde. Preilicli 
hat die rasch fortschreitende Vervollkommnung der meisten hierher gehörigen Einrichtungen 
auch eine unausgesetzte Steigerung der Ansprüche zur Folge, welche die Wissenschaft, soll 
sie ihren Aufgaben völlig gerecht werden, an ihre Ausrüstung stellen muss. Aber so bedeu- 
tende Wünsche für die Zukunft noch zu erfüllen bleiben mögen: —was in dieser Hinsicht in 
dem letzten Menschenalter geleistet ist, das zu veranschaulichen genügt eine Gegenüber- 
stellung dessen, was 1862 an Instituten vorhanden war, mit dem gegenwärtigen Bestände. 

An naturwissenschaftlichen Instituten gehörten zur Albertus-Universität 1862 
neben der Sternwarte, dem Botanischen Garten und dem Zoologischen Museum, 
ihrem ältesten Besitz der Art, nur noch ein chemisches Laboratorium, die ursprünglich 
mit dem Mineraliencabinet verbundene Sammlung physikalischer Instrumente und 
eine dem ersteren afüliirte Direction der pharmaceutischeu Studien. Von diesen ist 
der Botanische Garten durch den Neubau eines stattlichen Hauses mit der Wohnung des 
Directors, den Räumen für die Sammlungen, Auditorien und Arbeitszimmern und dann durch 
die noch gegenwärtig im Gange befindliche Umwandlung des Gartens selbst sowie eines grossen 
Theils der Gewächshäuser eigentlich zu einer ganz neuen Anstalt gemacht worden. Im Zoo- 
logischen Museum hat ein durchgreifender Um- und Erweiterungsbau durch Aufsetzung 
zweier Stockwerke nicht bloss neue Wohn-, Unterrichts- und Arbeitsräume geschaflen, sondern 
auch die Möglichkeit, die reiche und kostbare Sammlung in würdiger Weise aufzustellen und 
erst recht nutzbar zu machen. Die Sternwarte, mehrfach durch Reparaturbauten theil weise 
erneut, erhält zur Zeit durch den Bau einer neuen drehbaren Kuppel, in der ein neues 
Teleskop aufgestellt werden soll, eine Ausstattung, die sie vollends befähigen wird die Tra- 
ditionen der grossen Besselschen Zeit mit Erfolg zu pflegen. Auch das chemische Labo- 
ratorium hat seine frühere bescheidene Stätte mit einem 1888 bezogenen Neubau vertauscht, 
der im oberen Geschoss die Amtswohnung des Directors, im unteren Amts- und Bibliothek- 
zimmer, Auditorien und Laboratorien enthält und einer Menge Laboranten Platz bietet, 
ausgestattet mit Allem, was die moderne Technik auf diesem Gebiete geschalTen hat. Das 
nun verfügbare ältere chemische Laboratorium am Botnnischeu Garten hat seitdem das zu 



1) Kosenkianz. 



voller Selbständigkeit eutwickelte pbarmaceutiscb-chemiscbe Institut aufgenommen, das 
bis dahin in den unwirthlichen Räumen des einstigen Biscliofshofes am Dom untergebracht ge- 
wesen war. Aus dem ehemaligen Mineraliencabinet und der physikalischen Instru- 
mentensammlung, von denen das erstere bis 1892 die eine Hälfte des oberen Stockwerks 
des neuen Universitätsgebäudes einnahm, sind im Laufe der Zeit drei gi-osse selbständige 
Institute herangewachsen: das physikalische Cabinet, welches den Zwecken der Expeiü- 
meutalphysik dient, und das mathematisch-physikalische Lal)oratorium, welches, eine 
Reihe von Jahren in Miethsräumen untergebracht, nunmehr mit dem ersteren in einem 
stattlichen Neubau (Steindamm 6) vereinigt ist. Endlich hat 1891 auch das mineralogisch- 
geologische Institut ein geräumiges eigenes Haus erhalten, eine Aenderung, welche insofern 
auch den Geisteswissenschaften zu Gute gekommen ist, als die nunmehr in dem oberen Stock- 
werk des Universitätsgebäudes frei gewordeneu Räume zusammen mit der ehemals von dem 
Universitätssecretär innegehabten Wohnung zur Herrichtung der lauge ersehnten Arbeits- 
und Bibliothekzimmer für die Seminare verwendet werden konnten. 

Auch deren Zahl bat sich gegen 1862 vermehrt. Pas aus drei Abtheilungen bestehende 
theologische Seminar ist mit dem früher davon gesonderten homiletischen vereinigt und 
enthält demnach im Ganzen vier Abtheilungen, für Exegese und Kritik des Alten Testaments, 
des Neuen Testaments, für Kirchengeschicbte und praktische Theologie, wozu dann als fünfte 
eine dogmatische Abtheilung hinzugekommen ist. Das juristische Seminar, als dessen Di- 
rectoren sämmtlicbe Ordinarien für ihre besonderen Fächer fungiren, hat demgemäss mit der 
Errichtung eines dritten Ordinariats für römisches Recht eine Erweiterung erfahren. Dem 
zweigetheilten philologischen Seminar wuchs durch die Errichtung eines Proseminars 
ein Unterbau zu. Im historischen Seminar, der Gründung Schuberts und lange Jahre von 
ihm allein geleitet,') wurde durch die Uebertragung der Mitdirection an K. W. Nitzsch eine 
sacbgemässe Tbeilung angebahnt, die weiterhin im Einklang mit den ordentlichen Fachpro- 
fessuren zu der Scheidung einer Abtheilung für alte Geschichte von einer solchen für 
mittlere und neuere Geschichte führte. Unverändert blieb, abgesehen natürlich von der 
besseren und zum Theil glänzenden Ausrüstung mit Lehrmitteln und Apparaten in Folge der 
Errichtung des neuen physikalischen Instituts, das mathematisch-physikalische Seminar. 
Die sprachlichen Studien wurden durch Gründung eines romanisch-englischen und eines 
deutschen Seminars gefördert. 

Als ein äusserer Zuwachs zu der philosophischen Facultät ist endlich noch das mit 
einer Thierklinik verbundene landwirthschaftliche Institut anzuführen, das als Fort- 
setzung und Ersatz der ehemals in Waldau bestandenen landwirthschaftlichen Akademie er- 
richtet ist. Zu ihm gehört nicht bloss ein besonderes agriculturchemisches, sondern auch 
ein landwirthschaftlich-physiologisches Laboratorium, zu denen in neuerer Zeit noch 
ein eigenes milchwirthschaftliches Laboratorium gekommen ist. Nimmt man endlich 
hinzu, dass aus der ehemaligen bescheidenen Gypsabgüsse- und Kunstsammlung eine 
besondere archäologische Sammlung und das von August Hagen angelegte und im 



1) Vgl. S. 138. 



221 

Laufe der Jalire zu hoher Bedeutung erwachseue Kupferstichealiinet, das noch heute 
weit hinaus über den Kreis der Studirenden als ein höchst anregendes und viel benutztes 
ßildnngsmittel zur Erweckung kunsthistorischer Interessen einwirkt, hervorgegangen sind und 
dass neben dem Münzoabinet eine beträchtliche geographische Sammlung und eine be- 
sondere staatswissenschaftliche Bibliothek entstanden sind, so ergiebt sich für die den 
allgemeinen und besonderen Unterrichtszwecken der philosophischen Facultät dienenden Institute 
gegenwärtig eine Gesammtzahl von 21 gegen 10 im Jahre 1862: es ist also hier mehr als 
eine Verdoppelung eingetreten. 

Noch beträchtlicher ist auf diesem Gebiete der Zuwachs der medicinischen 
Facultät. Zu der 1850 erbauten anatomischen Anstalt und dem physiologischen 
Laboratorium, von denen erstere durch einen gründlichen Neubau ihres Hauses 1887 den 
mit der Zahl der Medicin Studirenden gegen früher bedeutend gestiegenen Ansprüchen an- 
gepasst, letzteres in einem stattlichen Neubau würdig untergebracht ist, ist zunächst eine be- 
sondere pathologisch-anatomische Anstalt und dann ein Laboratorium für medi- 
cinische Chemie und experimentelle Pharmakologie gekommen, die zusammen in 
einem 1888 aufgerührten geräumigen Gebäude Unterkommen gefunden haben. Von den 1862 
bereits bestandenen Kliniken hat die medicinische in dem durch An- und Ausbauten 
wesentlich vergrösserten Gebäude, das ehemals der chirurgischen Klinik und Poliklinik zuge- 
wiesen war, ein neues Heim erhalten, für das eine neue beträchtliche Erweiterung für die 
nächste Zukunft in Aussicht genommen ist, während die medicinische Poliklinik sich mit 
einer Miethswohnung begnügen muss, aber schon dadurch gegen früher wesentlich günstigere 
Bedingungen für ihre segensreiche Wirksamkeit gewonnen hat. Die rasche Vervollkomm- 
nung gerade dieses Zweiges der Heilkunde hat für die chirurgische Klinik und Poli- 
klinik bereits 1879 den Neubau eines ganzen Complexes von Gebäuden nöthig gemacht, die 
schon mehrfach erweitert werden mussteu. Den Bau der neuen Frauenklinik und Poli- 
klinik hat sein Urheber Ha3'n kaum vollendet gesehen: erst seinem Nachfolger Hilde- 
brand war es vergönnt, ihn seiner Bestimmung zu übergeben. Auch er ist neuerdings durch einen 
Operationssaal und ein Auditorium zu Krankenvorstellungen erweitert worden. Zu diesen sechs 
älteren medicinischen Instituten kamen im Laufe der letzten dreissig Jahre die augenärzt- 
liche Klinik und Poliklinik, deren neu aufgeführtes Haus im Sommer 1877 eröffnet wurde, 
und neuerdings eine mit dem städtischen Krankenhause verbundene psychiatrische Klinik, 
weiter eine besondere Klinik für syphilitische Krankheiten und Polikliniken für 
Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten und für Hautkrankheiten. Ferner fand die 
Hygiene auch hier durch die Errichtung eines eigenen Instituts Vertretung. Ebenso gehört 
hierher das neu errichtete zahnärztliche Institut, obgleich seine Zöglinge als Immaturi 
der philosophischen Facultät zugezählt werden. Demnach ist die Zahl der der medicinischen 
Facultät zugehörigen Institute seit 1862 von 6 auf 14 gestiegen, hat sich also mehr 
als verdoppelt. 

Kommen von diesen Instituten auch die Kliniken zunächst und von dem akademischen 
Standpunkte aus eigentlich allein als Hülfsmittel bei dem medicinischen Unterricht in Betracht, so 
haben sie doch zugleich auch eine allgemeine humanitäre Bedeutung und erstrecken ihre 



222 

segensreiclie Wirksamkeit selbst über die Grenzen der Provinz Ostpreusseu, insofern zahlreiche 
Kranke und Leidende in ihnen äi-ztliche Hülfe finden und eine Pflege geniessen, wie sie den 
meisten von ihnen sonst nicht zu Theil werden würde. Dennoch erhalten sich diese Anstalten nur 
zu einem kleinen Theile selbst und erfordern, um den Lehrzwecken dienen zu können, be- 
deutende Zuschüsse aus Staatsmitteln, die am besten erkennen lassen, in welchem Maasse die 
Ansprüche auf diesem Gebiete gegen früher gewachsen sind, wo bei bescheidener Einrichtung 
beinahe eine ganze Universität von den Summen unterhalten werden konnte, welche heute 
dieser eine Wissenszweig erfordert.') Die chirurgische Klinik mit HO Betten erfordert 
einön Gesammtaufwand von 105180 Mk., wovon 69800 Mk. dem Staatszuschuss entstammen; 
sie behandelte aber auch 1892/93 675 Männer und 408 Frauen, poliklinisch aber 4227 Männer 
und 3057 Frauen. Der jährliche Etat der medjcinischen Klinik beträgt 73010 Mk., wovon 
46394 Mk. aus Staatsmitteln stammen. Bei einem Bestand von 75 Betten behandelte sie 
1892/93 504 Männer und 306 Frauen. Die medicinische Poliklinik hat 3763 Männer 
und 4660 Frauen ärztliche Hülfe gewährt. Von dem Jahresetat der Frauenklinik von 
62000 Mk. fliessen 42560 Mk. aus Staatszuschuss; bei 65 Betten für Gebärende und 34 für 
gynäkologische Fälle wurden in ihr 1892/93 400 Entbindungen vorgenommen und 450 kranke 
Frauen behandelt. Poliklinisch wurden in demselben Zeitraum 435 Geburten und 1330 gynä- 
kologische Fälle versehen.^) Die Augenklinik endlich erhält zu Deckung ihres Gesammtbe- 
darfs von 35760 Mk. jährlich 14950 Mk. aus Staatsmitteln; sie zählt 44 Betten und hat 
1892/93 klinisch 481 und poliklinisch 4743 Fälle behandelt. Im Vergleich mit diesen Auf- 
wendungen ist das nur sehr bescheiden, was der Staat zur Unterhaltung der neu errichteten, 
zum Theil aus älteren Privatanstalten der Art hervorgegangeneu Kliniken und Polikliniken 
für Ohren- und andere Krankheiten zahlt. 

Stehen in Rücksicht der reichen Ausstattung mit Instituten, die zunächst den Zwecken 
des akademischen Unterrichts dienen, weiterhin aber auch Lehrern und fortgeschrittenen 
Lernenden die Mittel zu selbständiger Forschung bieten sollen, die Naturwissenschaften und 
die verschiedenen Disciplinen der Mediciu naturgemäss voran, so offenbart sich der reiche 
Antheil, den auch die anderen Fächer an dem Ausbau der Albertiua während der letzten 
dreissig Jahre gehabt haben, in der Vermehrung der ordentlichen und ausserordent- 
lichen Lehrstellen, und zwar steht da die philosophische Facultät allen anderen voran. 

Zur Zeit des Einzugs in das neue Haus, im S.S. 1862, zählte der Lehrkörper der 
Albertus -Universität 33 Ordinarien, 9 Extraordinarien und 15 Privatdocenten, im Ganzen 
57 Mitglieder. Im W.S. 1893/94 war sie auf 98 gestiegen, nämlich 49 Ordinarien, 21 Extra- 
ordinarien und 28 Privatdocenten. Auf die einzelnen Facultäten vertheilt sich dieser Zu- 
wachs so, dass in der theologischen die Zahl der Ordinariate von 4 auf 6 gestiegen, die 
der Extraordinariate 3 geblieben ist. Die Facultät ist durch Errichtung eines zweiten (Ersatz-) 
Ordinariates für alttestamentliche Exegese und eines neuen für Dogmatik sowie durch zwei 
Extraordinariate für Kirchengeschichte und alttestamentliche Theologie erweitert worden. In 
der juristischen Facultät stieg die Zahl der ordentlichen Professuren von 5 auf 6, indem 

1) Das Folgende nach Lexis, II, 344. 

2) II, 287. 



223 

das eine Extraordiuariat für römisches Recht in ein Ordinariat verwandelt wnrde. Die 
mediciuische Facnltät zählt dermalen wie 1862 8 Ordinariate, deren fachliche Bestimmung 
und Abgrenzung jedoch gegen damals wesentlich geändert sind, insofern solche für die Augen- 
heilkunde und für die pathologische Anatomie neu errichtet sind. Die Zahl der medicinischen 
Extraordinarien hat sich verzehnfacht (von 1 auf 10), die der Privatdocenten nahezu ver- 
vierfacht (von 4 auf 15, wozu dann noch ein Lector der Zahnheilkunde kommt). Dieses auf 
den ersten Blick erstaunliche Anwachsen des medicinischen Lehrkörpers über den Kreis der 
in der Natur der Sache und dem factischen Bedürfniss begründeten ordentlichen Lehrstellen 
hinaus erklärt sich wohl einfach genug aus dem Umstände, dass nirgends so wie in der 
modernen Heilkunde Wissenschaft und Praxis zugleich auf fortschreitende Specialisirung hin- 
drängen und andererseits im Einklänge damit ■ auch das Hülfe suchende Publicum sich mit 
Vorliebe den auch akademisch ein besonderes Fach vertretenden Aerzten zuwendet. Dem 
ersten Momente ist denn auch von Seiten der Königlichen Regierung Rechnung getragen, 
indem nicht bloss ausserordentliche Professuren für medicinische Physik und für Hygiene er- 
richtet wurden, sondern eine Reihe der aord. Professoren bestimmte Lehraufträge er- 
hielten und in den Stand gesetzt wurden, die ihrer Pflege anvertrauten besonderen Zweige 
der Heilkunde durch klinische Hebungen für die Ausbildung der künftigen Aerzte nutzbar 
zu machen. 

Wesentlich anders liegen die Dinge in der philosophischen Facultät. Li ihrer 
dermaligen Zusammensetzung und Wirksamkeit erinnert sie kaum noch an ihre ehemalige 
Bedeutung, in der sie eigentlich die Trägerin der allem Fachstudium zu Grunde liegenden 
allgemeinen Bildung war. Abgesehen von dem Dualismus, der in sie durch die Zusammen- 
fügung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer mit den philologisch-historischen ge- 
legt ist, der aber im Interesse der Erhaltung einer geistigen Gemeinschaft der Trennung 
dieser beiden Gruppen sicher vorzuziehen ist, hat sich diese Facultät auch innerhalb jener 
beiden grossen Gruppen immer mehr in eine Anzahl von kleineren Fachgruppen aufgelöst, 
die, sich nur noch in wenigen Grenzgebieten berührend, ihre Jünger in der Hauptsache für 
die verschiedenen Zweige des höheren Lehramtes und nur selten für eine eigentlich wissen- 
schaftliche Thätigkeit vorbereiten. Denn während beides ehemals im Allgemeinen zusammenfiel, 
ist durch die neueren Bestimmungen für die Prüfung der Candidaten des hohem Schulamts 
die eigentlich wissenschaftliche Richtung mit der Nöthigung zu eindringendem gelehrten 
Studium wenigstens eines Gebietes und zum Nachweis desselben durch eine eigene Arbeit, 
die ein gelehrtes Rüstzeug und wissenschaftliche Pi'oduction, wenn auch nur in bescheidenem 
Maasse erfordert, fiirs Erste aufgegeben worden. 

In Folge dieser fortschreitenden Specialisirung hat die historisch-philologische Gruppe 
einen Zuwachs erfahren durch die Ei-richtung eines dritten Ordinariats für classische Philo- 
logie, eines zweiten Ordinariats für Philosophie und eines zweiten für mittlere und neuere 
Geschichte. Ordinariate entstanden fei"ner für Archäologie, für vergleichende Sprachforschung 
und für neuere deutsche Litteratur. An der Grenze zwischen den beiden Hauptgruppen, in 
welche die philosophische Facultät heutzutage zerfällt, erhielt die Geographie einen ordentlichen 
Lehrstuhl. Ferner gehören hierher die für Pliarniac<nitik. für Landwirthschaftslehrc und für 



224 . 

landwirthscliaftliche Chemie. An neuen ausserordentlichen Professuren entstand eine solche 
iür die Geschichte, mit besonderem Lehrauftrag für die historischeu Hülfswissenschaften und 
die Geschichte der Provinz Preussen, für Sanskrit und indische Philologie, für neuere Sprachen 
und zwar besonders für das Englische, sowie früher schon für Landwirthschaft und für au- 
gewandte Mathematik und Technologie, so dass die philosophische Facultät gegenwärtig statt 
der IG Ordinarien von 1802 deren 29 zählt und statt 4 Extraordinarien deren 9. Die Zahl 
der Privatdocenten, die 18ö2 10 betrug, ist dermalen 11. 

3. Die Studirendeu und die Lehrer der All)ertina während der letzten 
dreissig Jahre. 
Dem stetigen Wachsen der Zahl und der fortschreitenden Vervollkommnung der 
Einrichtung der Institute und der Vergrösserung des Lehrkörpers durch die Vermehrung der 
in dem akademischen Unterricht regelmässig vertretenen Fächer stehen in den letzten dreissig 
Jahren gegenüber Schwankungen in der Zahl der Studirenden, die sich zwischen grösseren 
Extremen bewegen, als die älteren Zeiten sie aufzuweisen hatten. Die wechselnden Frequenz- 
verhältnisse der preussischen Universitäten sind neuerdings mehrfach zum Gegenstand 
statistischer Untersuchungen gemacht, einmal um die allgemeinen wirthschaftlichen Umstände 
zu ermitteln, welche die Ab- und Zunahme der Zahl der Studirenden bedingen, dann um 
festzustellen, wie stark der Besuch der Universitäten sein muss, um den Bedarf des Staates 
an Trägern der akademischer Bildung benöthigten ßerufsarten zu decken, — eine Unter- 
suchung, die, veranlasst durch die in einigen Zweigen eingetretene Ueberfüllung, durchweg 
auf unsicheren Voraussetzungen beruht und praktisch verwendbare Ergebnisse bisher nicht 
geliefert hat: ja, gegenüber der wechselnden Einwirkung an sich überhaupt kaum fassbarer 
Momente kann sie auch gar nicht zu irgend sicheren Resultaten führen und wird durch den 
thatsächlichen Gang der Entwickelung immer von Neuem widerlegt werden. Auch für die 
Albertina sind die Ursachen für das Steigen und Fallen der Frequenzzahlen nur zu einem 
kleinen Theile nachweisbar. Sie decken sich nicht durchweg mit den in anderen 
Provinzen wirksamen, denn in Folge der Isolirung Ostpreussens und der daraus für Angebot 
und Nachfrage auch auf diesem Gebiete entspringenden besonderen Bedingungen treten hier 
Factoren in Wirksamkeit, die anderswo nicht in Betracht kommen. Wie in mancher anderen 
Hinsicht ist Ostpreussen auch in dieser das Land der scheinbar unvermittelten Gegensätze und 
der plötzlichen, gleichsam sprungweisen Bewegungen. 

Im S.S. 1862 betrug die Zahl der Studirenden 412. Sie steigt dann allmählich bis 
475 im S.S. 1866; mit geringen Schwankungen wird dieser Stand im Ganzen behauptet l)is 
zum S.S. 1870 mit 474. Dann folgt, wie nach dem Kriege von 1870/71 ja auf allen 
preussischen und deutschen Universitäten, auch für die Königsberger ein beinahe constantes 
und sehr schnelles Wachsen, so dass die Zahl der Studirenden sich im S.S. 1881 mit 841 
gegen den Stand von 1862 bereits mehr als verdoppelt hat. Die ansteigende Tendenz 
dauerte dann die nächsten di-ei Jahre an (S.S. 1883:929, W.S. 1883/84: 909, S.S. 1884: 925). 
Das Maximum wui-de im S.S. 1883 mit 929 Studirenden erreicht. Seitdem ist die entgegen- 
gesetzte Tendenz in Wirksamkeit getreten: der Rückgang bethätigt sich in stossweisem 



225 

Sinken der Frequenz, die zehn Jahre nach erreichtem Höchststände S.S. 1893 bis auf 670 
herabgegangen war, um fiirs Erste, wie es scheint, wieder durch eine langsame Zunahme 
abgelöst zu werden. Im W.S. 1893/94 betrug die Zahl der immatriculirten Studirenden 689. 
Diese Entwickelung der Frequenzverhältnisse der Albertina steht im Allgemeinen im 
Einklänge mit denen der übrigen preussischen Universitäten. Der rasche und hohe Auf- 
schwung des gesammten wirthschaftlichen Lebens nach dem Kriege, die verhältnissmässige 
WohlhaWfenheit, deren sich damals auch die sonst in bescheideneren Verhältnissen befindlichen 
mittleren Klassen erfreuten, und endlich der gesteigerte Bedarf an akademisch gebildeten 
Leuten, der durch die Vermehrung der höheren Schulen und der Pfarrstellen sowie durch die 
Neuorganisation des Justizwesens und der Verwaltung u. A. m. gleichzeitig mit der besseren 
Dotirung der meisten derartigen Stellen in Preussen eintrat, übten eine ungewöhnlich starke 
Anziehungskraft und" Hessen Kreise zu den akademischen Studien zuströmen, die sonst nur 
ausnahmsweise darin ihr Glück versuchen. Beherrscht doch in solchen Uebergangszeiten 
ohnehin breite Schichten der bürgerlichen Gesellschaft das Streben, dass der Vater den Sohn 
in eine höhere Berufsthätigkeit aufsteigen zu sehen wünscht, als ihm selbst beschieden ge- 
wesen ist, und auch der Umstand darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass gerade 
während des akademischen Studiums auch dem LTnbemittelten zur Gewinnung seines beschei- 
denen Unterhaltes mehr Hülfsquellen sich darbieten als bei der Vorbereitung zu irgend einem 
anderen Beruf. Handelt es sich dabei doch nicht allein um die — nicht allzu schwierige 
— Erlangung eines Antheils an den verschiedeneu akademischen Beneficien. Indem dann 
bei deren Vergebung unter dem Drange der Umstände mehr auf die Bedürftigkeit als auf 
die zugleich' mit der Würdigkeit erwiesene Befähigung für einen gelehrten Beruf gesehen 
wurde, wurde noch ein Moment mehr in Wirksamkeit gesetzt, um den Zudrang zu dem aka- 
demischen Studium zu einer Stärke zu steigern, die schliesslich auf weite Kreise und auf 
lange Zeit hinaus wirthschaftlich nachtheilig wirken musste. Aehnliche Erscheiuuug'en aber 
sind doch auch schon früher beobachtet worden, wenn auch vielleicht nicht in gleich hohem 
Grade. Sie tragen die Heilmittel in sich selbst, und die zur Zeit so lästig empfundenen 
Störungen werden sich unter dem Einfluss des natürlichen Wandels der Verhältnisse allmählich 
genau so lösen, wie die früheren sich gelöst haben. Eines staatlichen Eingreifens bedarf es 
dazu nicht. Mit den amtlichen Warnungen vor dem Studium dermalen überfüllter Fächer, in 
denen daher der Nachwuchs erst nach langen Jahren entmuthigenden Wartens eine noth- 
dürftige Versorgung hoffen darf, wird erfahrungsmässig nur wenig erreicht. Auch kann 
thatsächlich über diese Dinge Niemand ein sicher zutreffendes Urtheil abgeben, und es fehlt 
nicht an Beispielen, dass entgegen den amtlichen Berechnungen des voraussichtlichen Bedarfs 
oder Nichtbedarfs an neuen Kräften die Dinge sich in dem einen oder dem andern Fach 
überraschend schnell ganz anders gestaltet haben: bietet doch gegenwärtig der beträchtlich 
erstarkte Zudrang zu dem juristischen Studium einen neuen Beweis dafür. Zudem glebt es 
ja Mittel, um der UeberfüUung der gelehrten Berufsarten mit dazu nicht geeigneten Leuten, 
die eigentlich nur eine bequeme Versorgung suchen, vorzubeugen. Mit Recht hat man in dieser 
Richtung einzuwirken gesucht durch strengere Handhabung des Stipendien- und Beneficien- 
wesens, das bei falscher Milde leicht dazu benutzt werden kaiiu, nur Bedürftigen, aber nicht 



Talentvollen die Existenz auf der Universität zu ermöglichen. Andererseits aber sollte man 
J^iemanden, der den Beruf zum Studiren und zur Verfolgung einer wissenschaftlichen Lauf- 
bahn zu haben glaubt, an dem Versuche darin hindern, also auch Niemanden durch officielles 
Abrathen vom Beziehen der Universität abschrecken wollen: denn der Staat so wenig wie 
die Universität übernimmt gegen die nach Erfüllung der vorgeschriebenen Bedingungen zum 
akademischen Studium Zugelassenen irgend eine Verpflichtung in Bezug auf den Erfolg und 
eine spätere amtliche Versorgung. Wenn sie aber emporstrebende und zu Höherem'berufene 
Talente durch die allzu starke Betonung der ihrer wartenden Schwierigkeiten von dem Beginn 
des Studiums abschrecken, laufen sie Gefahr auch einmal ein Genie zurückzudrängen und 
dadurch der Wissenschaft einen grossen Gewinn vorzuenthalten. Gerade in unseren Tagen 
sollte man gegenüber der Furcht Mancher vor dem Heranwachsen eines gelehrten Proletariats 
des treifenden Worts eingedenk sein, das vor nunmehr- beinahe neunzig Jahren Eeidenitz 
im Hinblick auf ganz ähnliche Bestrebungen niedergeschrieben hat.^) Untüchtige fern zu 
halten bleiben dem Staate immer Mittel genug: das beste und wirksamste wird immer darin 
zu sehen sein, dass die die Zulassung zu amtlicher Thätigkeit bedingenden Prüfungen mit Ernst 
und Strenge und in wirklich wissenschaftlichem Geiste gehandhabt werden und den Nachweis 
wirklich ernsten Studiums, uicht aber den einer auf encyklopädischer Bildung beruhenden 
Routine verlangen. 

Stellt man nun aber die Schwankungen der Gesammtfrequenz in Vergleich mit 
dem wechselnden Stand der einzelnen Facultäten, so ergiebt sich unverkennbar ständig eine 
gewisse Relation zwischen dem Anwachsen der einen und der Abnahme der anderen Fa- 
cultät: bei Ueberfüllung der einen ßerufsart wählen diejenigen, die sich dem Studium 
widmen, ganz unwillkürlich eine andere, die günstigere Aussichten bietet. Freilich stehen 
die Facultäten dabei insofern nicht gleich, als von der einen zu viel mehr verschiedenen 
Lebensstellungen ein natürlicher Zugang sich öflfnet als von den anderen. Am besten befinden 
sich demnach immer diejenigen, für die es zu einer gewinnbringenden Verwendung der auf 
der Universität erworbenen Berufsbildung nicht einer allein vom Staate zu verleihenden 
Anstellung bedarf, sondern wo der Einzelne je nach dem Maasse seiner Kräfte und Fähig- 
keiten sich selbst eine Existenz gründen kann. Letzteres ist am meisten bei den Medicicern, 
am wenigsten bei den Theologen der Fall; wie es sich damit bei Juristen und Philosophen 
gestaltet, hängt von den wechselnden wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen 
ab. Bei der Betrachtung der hierher gehörigen Daten aus der Ent^nckelung der Albertina 
während des letzten Menschenalters muss aber immer die Thatsache berücksichtigt werden, 
dass die auf ihr Gebildeten, wie sie der Geburt nach Ostpreussen anzugehören pflegen, so 
auch im Allgemeinen nur in ihrer heimathlichen Provinz angestellt zu werden streben; es 
fällt daher hier der Ausgleich fast ganz weg, den anderwärts der Austausch zwischen ein- 
ander benachbarten Provinzen hervorzubringen pflegt. 

Bei einer Gesammtzahl von 412 Studirenden zählte die theologische Facultät im 
S.S. 1862 deren 104. Ihr seit einigen Semestern erkennbares Wachsen*} dauerte bis zum 

1) Tgl. S. 5. 

2) S. 193. 



227 

S.S. 1864, wo mit 120 wieder ein Höhepunkt erreicht wurde, von dem aus es dann wieder 
bergab ging, bis im S.S. 1878 mit 40 ein Minimum erreicht war, das dem im Studienjahr 
1851/52 (S.S. 1851: 37; W.S. 1851/52: 39) beinahe gleich kam, relativ aber noch beträchtlich 
darüber hinaus ging, weil damals jene 37 resp. 39 Theologen auf im Ganzen 358 resp. 347 
gekommen waren, jetzt aber diese 40 einer Gesammtstärke von C'66 gegenüberstanden. In 
den nächsten Jahren erfuhren nun bekanntlich die Aussichten für die angehenden Theologen 
eine wesentliche Besserung. Die Zahl der Pfarrstellen wurde namentlich in Ostpreussen ver- 
mehrt, auch für eine auskömmlichere Dotation der älteren Sorge getragen. Die festere Ge- 
staltung der Landeskirche durch die Synodalverfassung übte ebenfalls Einflnss. Das Zu- 
sammenwirken dieser äusseren und inneren Momente erklärt die schnelle Steigerung, welche 
die Zahl der Theologie Studirenden auch auf der Albertina in den nächsten acht Jahren 
erfuhr: im S.S. 1886 erreichte sie die Höhe von 244, bei insgesammt 871 Immatriculirten, 
d. h. die theologische Facultät machte 31,3 Procent aller in Königsberg Studirenden aus. 
Da aber die Verhältnisse, welche diesen ungewöhnlichen Zudrang zu dem theologischen Studium 
veranlasst hatten, natürlich nicht dauernd fortwirkten, so trat bald ein entsprechender Rück- 
gang ein: im S.S. 1893 war die Zahl der Theologen bereits bis nahezu auf die Hälfte ihres 
höchsten Standes, nämlich 126, gesunken; im W.S. 1893/94 betrug sie nur noch 107. 

Aehnliche Schwankungen hat in den letzten dreissig Jahren auch die juristische 
Facultät durchgemacht. Das S.S. 1862 fand sie mit 65 Studirenden in einer Periode des 
Niederganges, die im S.S. 1863 mit 57 ihren tiefsten Stand erreichte. Bis zu dem Kriegsjahr 
bewegen sich ihre Frequenzzahlen dann in unregelmässigen Schwankungen, bald steigend, bald 
sinkend (W.S. 1863/64: 63; S.S. 1864: 73; S.S. 1865: 82; S.S. 1867: 69; S.S. 1869: 90; 
W.S. 1869/70: 89). Seit dem S.S. 1870 macht sich dann eine entschiedene Tendenz zu 
raschem Anwachsen geltend: von 106 steigt die Zahl der Juristen im Laufe eines Lustrums 
auf mehr als das Doppelte, nämlich 215 im W.S. 1874/75. Es ist die Zeit der nach dem 
Kriege eingetretenen höchsten, aber nicht durchweg gesunden wirthschaftlichen ßlüthe. Ihrem 
Schwinden entspricht eine schnelle Abnahme der Juristen, für die so günstige Zeiten, wie 
sie mit der Einführung der Reichs-Justizgesetze geboten waren, von dem künftigen Inkraft- 
treten des in Vorbereitung befindlichen Civilgesetzbuches wohl kaum zu erwarten stehen. 
Im W.S. 188.5/86 zählte die Älbertina nur noch 108 Juristen. Gegenwärtig nimmt ihre Zahl 
wiederum zu, wohl im Hinblick auf die in nicht zu ferner Zeit erhoffte Vollendung jenes 
grossen gesetzgeberischen Werkes, und war im W.S. 189,3/94 bereits wiederum auf 191 gestiegen. 

Schwieriger zu erkennen als bei den übrigen Facultäten sind die allgemeinen gesell- 
schaftlichen, wirthschaftlichen und geistigen Factoren, welche die Vermehrung und Verminderung 
der Studirenden der Medicin bewirken. Wer sich dieser Wissenschaft widmet, geht doch 
nur ausnahmsweise und unter besonderen Umständen auf eine staatliche Versorgung aus. 
Andererseits hat dieser Beruf gerade dadurch etwas besonders Verlockendes, dass er dem in 
ihm Tüchtigen die Möglichkeit bietet, sich überall einen befriedigenden Wirkungskreis zu 
gründen, namentlich wenn er dem Reize des städtischen Lebens widersteht und bereit ist sich 
in den ausreichender ärztlicher Hülfe noch entbehrenden ländlichen Bezirken anzusiedeln. 
Zudem bietet die neue Organisation der gewerblichen Krankenkassen auch dem Anfänger 



leicht einen sichern Ziischiiss zur Gewinnung einer selbständigen Existenz. Die Vermehrung 
sowie die fortschreitende Vervollkommnung der Krankenhäuser durch die städtischen Communen, 
Provinzial- und Kreisverbäude u. s. w. hat eine fortdauernde Steigerung des Bedarfs an 
Aerzten zur Folge, auch die militärärztliche Laufbahn eröffnet Vielen günstige Aussichten. 
Andererseits ist nicht zu übersehen, dass für Manchen der Wahl des medicinischeu Studiums 
dessen relative Kostspieligkeit sich hindernd in den Weg stellt, auch bei der Art des 
Unterrichts auf den höheren Schulen eine etwa schlummernde Neigung und Anlage dazu kaum 
rechtzeitig geweckt w^erden dürfte. So darf man anuehcien, ein besonders wirksames Moment 
für das Anwachsen der Zahl der Mediciner liege in der Erkenntniss von der üeberfüUung der 
übrigen Berufsarten, die sich dem zum Studium entschlossenen Sohne gebildeter Stände sonst 
darbieten. Denn man glaube nur nicht, dass bei der Wahl des Berufs vor Allem Neigungen 
und Fähigkeiten entscheiden: in weitaus den meisten Fällen giebt die Erwägung den Ausschlag, 
auf welchem von den durch die Universität erreichbaren Wegen am frühesten und siebersten 
ein auskömmlicher Unterhalt zu gewinnen ist. Aus dem Zusammenwirken dieser Umstände, 
die freilich nicht gleichmässig in Thätigkeit treten, von denen vielmehr bald dieser, bald jener 
überwiegt, erkläi't es sich wohl, dass die Abnahme und Zunahme der Zahl der Studii-enden 
in der medicinischeu Facultät lange nicht die Eegelmässigkeit aufweist wie bei den anderen 
Faciütäten. Denn von 115 Medicinern, die im S.S. 1862 auf der Albertina studirten, ging 
die Facultät in fünf Jahren auf 87 herunter (W.S. 1866/67), um in dem folgenden Lustrum 
auf 170 (W.S. 1876/77) zu steigen, sich also Ijeinahe zu verdoppeln. Die nächsten Jahre 
■weisen dann einen Rückgang auf, entsprechend dem gleichzeitigen Anschwellen der juristischen 
und theologischen Facultät. Das Minimum ist im W.S. 1879/80 mit 122 erreicht, also etwa 
dem sechsten Theil der damals 737 betragenden Gesammtzahl der Studirenden. Die steigende 
Tendenz hat sich im Ganzen dann auch in den folgenden Jahren erhalten. Den höchsten 
Stand erreichten die Mediciner vorläufig im S.S. 1888 mit 272 bei einer Zahl von überhaupt 
863 Studirenden. Die folgenden Semester weisen einen Rückgang auf: aber noch im W.S. 
189.3/94 betrugen sie mit 230 nicht weniger als 33,4 Procent der Gesammtzahl von 685, 
haben also relativ noch zugenommen, da sie im S.S. 1888 doch nur 31,5 Frocent aller 
Studirenden ausmachten. 

Weitaus die grössten Schwankungen weisen die FrequenzziÖern der philosophischen 
Facultät auf. Denn einmal sind in ihr so verschiedene Fächer vereinigt, deren einzelne 
Gruppen i-ücksäichtlich der ihren Vertretern im bürgerlichen Leben sich bietenden Aussichten 
von ganz heterogenen Umständen abhängen. Denn wenn für den Zugang zu den Disciplinen 
der philosophischen Facultät in erster Linie der grössere oder geringere Bedarf der höheren 
Schulen an jüngeren Lehrern maassgebeud ist, so wird die Zahl z. ß. derer, die sich der Chemie 
zuwenden, wesentlich von dem Zustande beeinflusst, in dem sich die Technik befindet: 
während deren Aufschwung zu Ende der 70er und im Anfange der 80er Jahre einen grossen 
Bedarf an akademisch gebildeten Chemikern für die verschiedensten Fabrikbetriebe zur Folge 
hatte, finden solche gegenwärtig wieder viel schwerer Verwendung. Dagegen scheint der 
Aufschwung der Elektrotechnik manchem jungen Mathematiker und Physiker, der ursprünglich 
dem Lehi'amt zustrebte, eine gewinnbringende praktische Thätigkeit zu erschliessen. Auch 



hat es die Entwickeluug uDseres höheren Schulwesens mit sich gebracht, dass von den da in 
Betracht kommenden Fächern die eine Gruppe in Folge andauernden Ueberschusses von 
anstellungsfähigen Candidaten den neu hinzutretenden auf lange Jahre hinaus gar keine 
Aussicht bietet, während die 'Dinge in anderen Gruppen für den Nachwuchs viel günstiger 
liegen. Auch waltet da zwischen evangelischen und katholischen Anstalten ein Unterschied 
ol>, insofern die der letzteren Confession angehörigen Schulamtscandidaten im Allgemeinen 
immer noch eher zur definitiven Anstellung gelangen. Zudem wird das Bild, das die 
Frequenzverhältnisse der Köuigsberger philosophischen Facultät uns ergeben, dadurch einiger- 
massen verschoben, dass die betreffenden Zahlen als Philosophie-Studirende auch Gruppen 
enthalten, die nicht dahin gerechnet werden dürften, wie die Landwirthe, die Pharmaceuten 
und die der Zahnheilkunde Beflissenen. 

Im S.S. 1862 nahm unter den Facultäten der Albertina die philosophische mit 
109 Mitgliedern die dritte Stelle ein. Sie wuchs allmählich bis auf 199 im S.S. J896 (bei 
im Ganzen 475 Studirenden) und sank im nächsten Lustrum bis auf 140 im S.S. 1871, um 
im Laufe der nächsten zehn Jahre, wo die oben laerührten Umstände zur Vermehrung des 
Zugangs zum Studium alle gleichzeitig in Wirksamkeit waren, gieichmässig wieder anzusteigen 
und im S.S. 1881 die mit normalen Verhältnissen kaum vereinbare Höhe von 400 zu er- 
reichen: bei im Ganzen 841 Studirenden kamen damals auf die philosophische Facultät 
allein 47,5 Procent. Die daher eingetretene Ueberfüllung all der von der philosophischen 
Facultät aus versehenen Berufsarten, namentlich aber des höheren Lehramts, hat den Grund 
gelegt zu der Stagnation, die auf diesem Gebiete noch gegenwärtig herrscht und zu deren 
Abstellung noch immer nur geringe Aussicht ist. Die Folge davon war ein ebenso rasches 
wie tiefes Herabgehen der erst übertrieben hoch gestiegenen Frequenz: von 318 im W.S. 
1884/85 sank sie auf 278 im S.S. 1885, 162 im S.S. 1889 und endlich 15?) im W.S. 189.3/94. 

Es erübrigt schliesslich nur noch, in kurzer Uebersicht der Männer zu gedenken, 
die in der zweiten Hälfte des nunmehr zu Ende gehenden siebenten halben Jahrhunderts 
der Albertina als Lehrer an ihr gewirkt haben. Auch ohne dass wir dabei auf die von ihnen 
vertretenen wissenschaftlichen Richtungen eingehen und der Verdienste gedenken, welche 
die Einzelnen sich als Forscher erworben haben, wird schon die lauge Reihe von wohlbe- 
kannten Namen guten Klanges, die wir da])ei an uns vorüberziehen lassen, davon Zeugniss 
ablegen, wie die Königsberger Hochschule auch in dem letzten Menschenalter der Sammel- 
platz für eine reiche Fülle mannigfaltig strebender frischer Kräfte gewesen ist und nicht 
bloss an der fortschreitenden Entfaltung der deutschen Wissenschaft lebendigen Antheil ge- 
nommen, sondern auch in mehr als einer Hinsicht von sich aus anregend und bestimmend auf 
sie eingewirkt hat. 

Von den fünf Ordinarien, welche die theologische Facultät während des ersten 
in dem neuen Hause verbrachten Semesters (W.S. 1862/63) ausmachten, zog sich der älteste, 
Sieffert,^) der einen Theil der von ihm verwalteten Aemter beginnender körperlicher Ge- 
brechlichkeit wegen schon niedergelegt hatte, mit Schluss des S.S. 1874 zunehmender Krank- 

1) Vgl. S. 147-4S. 



230 

heit wegen von der akademischen Lehrthätigkeit zurück: er übersiedelte nach Bonn und ist 
dort 2. November 1877 gestorben. Der Vertreter der alttestamentlichen Theologie, Johan- 
nes Georg Sommer, steht noch heute in seltener Rüstigkeit des Geistes und Körpers auf 
der Stelle, in die er einst als Nachfolger Hävernicks') berufen wurde, neben Ernst Neumann 
der Senior der jubilirenden Albertina. Neben ihm wurde im W.S. 1886/87 als zweiter Ver- 
treter der hebräischen Sprache und Litteratur Karl Cornill (geb. 26. April 1854 in Heidel- 
berg, in Marburg FD. 1878, EO. 1886) berufen und W.S. 1888/89 0. — Der Kirchen- 
historiker Erbkam") starb 9. Januar 1884; ihn ersetzte Paul Tschackert,^) der 1890 nach 
Göttingen übersiedelte. Sein Nachfolger wurde Karl ßenrath.*) 

Cosack wurde durch ein Halsleiden 1866 genöthigt, seine amtliche Thätigkeit auf- 
zugeben: er starb 31. October 1868 in Halle. An die Stelle Erdmanns, der 1864 als Ge- 
neralsuperintendent nach Breslau übersiedelte, trat, zugleich als erster Pfarrer an der Alt- 
städtischen Kirche. Heinrich Johann Matthias Voigt (geb. 2. August 1821 in Oldenburg), 
den 1891 zunehmende Kränklichkeit zum Rücktritt nöthigte: er starb 6. Juni 1892 zu Char- 
lottenburg. Als Vertreter der systematischen Theologie wirkt seit 1889 als EO. neben 
Voigt, dann als 0. seit 1891 August Johannes Dorner (geb. 13. Mai 1846 zu Schiltach 
in Baden, bisher Professor am Predigerseminar zu Wittenberg). Für neutestamentliche Theologie, 
die bis zum S.S. 1866 Bernhard Weiss vertreten hatte, wurde nach dessen Uebersiedelung nach 
Kiel Rudolf Friedrich Grau (geb 20. April 1835 zu Heei"ingen in Hessen-Nassau, in Marburg, 
Leipzig und Erlangen unter dem Einfluss namentlich Liebners, Hoffmanns und Vilmars ge- 
bildet, PD. und seit 1865 EO. in Marburg) berufen. Länger als ein Vierteljahrhundert hat er 
eine weithin anregende Wirksamkeit geübt, auch 1889—90 das Rectorat geführt: ein plötzlich 
zu Tage getretenes schweres ünterleibsleiden machte eine Operation nöthig, an deren Folgen 
er am 5. August 1B93 starb. Neben ihm wirkten auf dem gleichen Gebiete seit dem W.S. 
1867-68 als PD. Friedrich Anton Emil Sieffert (jetzt Professor in Bonn), als EO. seit 
1875 Albert Klöpper (geb. 20. März 1828 zu Weitenhagen bei Greifswald. 1858 PD. in 
Greifswald), Friedrich Karl Zimmer (geb. 22. September 1855 zu Gardelegen, 1880 
PD. in Bonn, in Königsberg S.S. 1883 und 1884 EO., z. Z. Director des Predigerseminars 
zu Herlioru in Nassau) und seit 1890 als dessen Nachfolger Adolf Link (geb. 20. April 
1860 zu Coblenz, 1886 PD. in Marburg). Nur kurze Zeit gehörte der Albertina an Ludwig 
Theodor Schulze (geb. 27. Februar 1833, EO. 1863, jetzt in Rostock). Die Professur für 
praktische Theologie bekleidet seit 1868 Karl Johann Hermann Jacoby (geb. 30. De- 
cember 1836 in Berlin). Der langjährige Vertreter der hebräischen Sprache .\ugust Simson 
trat im W.S. 1868/69 aus der theologischen Facultät als 0. in die philosophische über: in 
den letzten Jahi-en durch Krankheit vielfach behindert, starb er 6. November 1888. 



1) Vgl. S. 195. 

2) Vgl. S. 195. 

;3) Geb. 10. .Januar 1848 zu Freystadt in Niedersclilesieo, 1868—74 in Breslau. Halle und Goltingen, 
namentlich durch Hermann Reuter, gebildet, 1875 PD. in Breslau, 1877 Et», in Halle. 

4) Geb. 10. August 1815 zu Düren, 1863—67 in Bonn, Berlin und Heidelberg gebildet, Lehrer in 
Düren bis 1872, 1872-75 in Rom (und nochmals 1878—79), 1876 PD. und 1879 EO. in Bonn. 



2.31' 

Von den fünf Ordinarien, welche zu Beginn dieses Zeitraumes die juristische Fa- 
cultät ausmachten, schied von Kalt enborn-Stachau mit dem W.S. 18G4/65 aus, um in 
kurhessische Dienste zu treten.') Zu derselben Zeit folgte Muther einem Euf nach Rostock. 
Jolin verliess 1868 Königsberg, Jacobson starb am liJ. März 1868. Der Senior der 
Facultät, Sanio, aber konnte am 4. Juni 1874 sein öOjähriges Jubiläum feiern; danach 
wurde er von der Verpflichtung Vorlesungen zu halten entbunden und zog sich nach Halle 
zurück, wo er am 25. Januar 1882 stai'b. Von den zu derselben Zeit der Facultät bereits 
angehörigen EO. wurde Hänel S.S. 1863 und Güterbock Herbst 1865 0. Während letzterer 
noch gegenwärtig der Älbertina angehört, folgte ersterer 1863 einem Ruf nach Kiel. Ihn er- 
setzte der bisherige PD. in Heidelberg Paul Laband Ostern 1864 als EO.; er wurde 1866 
0. und kam 1872 nach Strassburg. Zu seinem Nachfolger berief man Felix Dahn (geb. 
9. Februar 1832 zu Hamburg, 1857 PD. in München, EO. und 0. zu Würzburg), der Ostern 
1888 nach Breslau versetzt wurde; an seine Stelle trat der bisherige Professor des deutschen 
Rechts in Giessen und Kanzler der dortigen Universität Karl Gar eis (geb. 24. April 1844 
zu Bamberg, PD. zu Würzburg 1870, EO. und 0. in Bern 1875, Giessen 1875). Der seit 
1862 als PD. der Facultät angehörige Karl Salkowski (geb. 20. Mai 1838) wurde 1860 
EO. und erhielt 1883 das neu errichtete dritte Ordinariat für römisches Recht. Für dasselbe 
Fach trat mit dem W.S. 1863/64 als Nachfolger Muthers Theodor Schirmer (geb. 15. Mai 
1825 zu Breslau, dort PD. 1852, EO. 185s) und neben ihm mit dem S.S. 1874 Paul Krüger 
(geb. 20. März 1840 in Berlin, PD. 1860 in Marburg, EO. 1870, 0. 1871, Innsbruck 1872). 
Bei seinem Fortgange nach Bonn 1888 wurde der letztere durch Friedrich Endemann (geb. 
24. Mai 1857 in Fulda, PD. Berlin 1886) als EO. ersetzt, der 1892 0. wurde. Das Ordinariat 
für Kirchenrecht bekleidete der seit S.S. 1872/73 als EO. der Albertina angehörige Philipps 
seit dem Herbst 1873, erlag aber schon Ostern 1877 in jungen Jahren einem schweren Herz- 
leiden. An seine Stelle trat als Lehrer des Kirchen- und Staatsrechts Philipp Zorn (geb. 
13. Januar 1850 in Baireuth, PD. in München 1875, Bern EO. 1875, 0. 1877). Begonnen 
haben in diesem Zeitraum ihre akademische Thätigkeit an der Albertina als PD. Ferdinand 
Karl Ludwig von Martitz im Herbst 1864, jetzt in Tübingen, Emil Steffenhageu Herbst 
1865 (jetzt Oberbibliothekar in Kiel) und Adolf Wach, jetzt in Leipzig. 

Die vielfache Erweiterung und Bereicherung, welche die Albertina während der letzten 
dreissig Jahre erfahren hat, ist, wie bereits erwähnt wurde, namentlich der medicinischenFa- 
cultät zu Gute gekommen, sowohl durch Vermehrung der Unterrichts- und Forschungszwecken die- 
nenden Institute, als auch der Professuren. Um die üebersicht der in diesem erweiterten Rahmen 
thätigen Lehrer mit den Vertretern der grundlegenden Wissenschaften zu beginnen, so war die Professur 
der Anatomie auch im Anfang dieser jüngsten Periode doppelt besetzt, durch Ernst Burdach,-) 
der nach seinem 50jährigen Jubiläum seine Thätigkeit einstellte, und durch August Müller,^) 
den im Herbst 1875 der Tod auf einer Reise in der Schweiz ereilte. Sie wurde 1876 als 
eine einheitliche Karl Wilhelm Kupffer (geb. 14. November 1829 zu Lesten in Kurland, 



1) Vgl. S. 176. 

2) Vgl. S. 198. 

3) Vgl. S. 198. 



in Dorpat 1858 — 66 EO., 1866 — 76 0. in Kiel) übertragen. Bei seinem Fortgang nach 
Mimchen 1880 ersetzte ihn Gustav Schwalbe (geb. 1. Juli 1844 zu Quedlinburg, 1870 PD. 
in Halle, 1871 Prosector und PD. in Freiburg i. B., 1871—7.3 EO. in Leipzig, 1873—81 0. 
in Jena), dem, als er 1883 nach Strassburg i. E. ging, Friedrich Siegmund Merkel (geb. 
5. April 1845 zu Nürnberg, in Göttingen 1869 Prosector und 1870 PD., 1872 0. in Rostock) 
folgte. An seine Stelle trat, als er nach Göttingen berufen wurde, 1885 der noch gegenwärtig 
der Albertina angehörige Ludwig Stieda (geb. 19. Xovember 1837 zu Riga, in Dorpat 
1862 PD. und Assistent an der medicinischen Klinik und 1864 am anatomischen Institut, 
1866 Prosector und EO., 1875 0.). Aus der Reihe der Prosectoren, die unter und neben 
diesen Männern gewirkt haben, hat sich Berthold Heinrich Benecke (geb. 27. Februar 1843 
zu Elbing, PD. 1870, EO. 1877, gest. 27. Februar 1886) durch seine zoologischen Arbeiten 
und besonders durch seine Untersuchungen über die Fische Ostpreussens bekannt gemacht und 
als einer der eifrigsten Beförderer des Fischereivereins sich ein Verdienst um seine Heimath 
erworben. 

In der physiologischen Professur wurde 1884, als von Wittich seiner ge- 
schwächten Gesundheit wegen zurücktrat — er starb 1885 — Ludimar Hermann (geb. 
21. October 1838 zu Berlin, dort PD. 1865, 1868 Professor in Zürich) berufen. Neben von 
Wittich hatten bis 1865 als EO. Goltz (seit 1872 in Strassburg) und Alfred William 
Grünhagen (PD. 1870, EO. 1872) gewirkt, letzterer als Leiter des medicinisch-physikalischen 
Instituts. Oscar Langendorff (geb. 1. Februar 1853 in Breslau, PD. 1879), der mehrere 
Jahre als Assistent am physiologischen Institut thätig und seit 1884 EO. war, kam 1892 als 
0. nach Rostock. 

Die 1864 neu errichtete Professur für pathologische Anatomie erhielt von Reck- 
linghausen, um 1866 nach Würzbm-g überzusiedeln. Ihm folgte E. Neumann II. (geb. 
30. Januar 1834, PD. 1859) als EO. und 1869 als 0. Sein Assistent Paul Baumgarten 
(geb. 28. August 1848 in Dresden, PD. 1877) wurde 1889 als 0. nach Tübingen berufen, 
von woC. Nauwerck (geb. 7. Juli 1853 in Zürich, 1885 PD., 1886 EO. in Tübingen) hierher 
übersiedelte. 

Die innere Klinik hatte seit dem Herbst 1843 Georg Heinrich Hirsch geleitet: 
1865 wurde er von der Verpflichtung Vorlesungen zu halten entbunden; im December 1869 
feierte er sein 50jähriges Doctorjubiläum, das ihm noch um 15 Jahre zu überleben vergönnt 
war: er starb erst 20. Juli 1885. Sein specieller Fachgenosse Julius Möller, der 
Leiter der Poliklinik, wurde in Folge der Haltung, die er als Abgeordneter in der Conflicts- 
zeit einnahm, in eine Disciplinaruntersuchung verwickelt und danach 1863 seines Amtes 
entsetzt,*) unerachtet der nachdrücklichen Verwendung sowohl der medicinischen Facultät wie 
des Generalconcils, welche offen erklärten, dass er nach wie vor ihre vollste Hochachtung 
besitze. Zur Leitung des gesammten klinischen Unterrichts im Gebiete der inneren Medicin 
wurde nun Ostern 1865 Ernst Leyden (geb. 20. April 1832) berufen; er kam 1872. an die 
Universität Strassburg (jetzt in Berlin). Sein Nachfolger wurde Bernhard Nau nyn (geb. 2. Sep- 

1) Actenstücke der wider mich geführten Diäcipliuaruntersuchung. Kin Beitrag zur neupreuasiächen Ge- 
schichte von Dr. J. Möller. Leipzig 1863. 



233 

tember 1839 in Berlin, 1SG9 0. iu Dorpat, 1871 Bern). Als er 1888 nach Strassburg ging, 
trat an seine Stelle Ludwig Liclitbeim (geb. 7. December 1845 in Breslau, dort 1876 PD., 
1877 EO. in Jena, 1878 in Bern 0.). Gleichzeitig wurde die medicinische Poliklinik unter 
Julius Schreiber (geb. 28: Februar 1848 zu Schrimm, PD. 1877, EO. 1883) selbständig. 

Der Entbindungskunde war selbst innerhalb der medicinischen Facultät die Aner- 
kennung als Wissenschaft verweigert, und nur mühsam hat Albert Hayn dieses Vorurtheil 
überwunden. Erst seit 1843 0., starb Hayn 30. October 1863, mit wachsendem Erfolge thätig, 
eine gründliche Reorganisation des Unterrichts durchzuführen, um auch der Gynäkologie durch 
Vorlesungen und Krankenvorstellungen zu ihrem Rechte zu verhelfen. Da sich die bereits 
vollzogene Berufung Otto Spiegelbergs aus Freiburg i. B. zerschlug und dieser nach 
Breslau ging, so wurde die Frauenklinik während eines einjährigen Interimisticums von Hayns 
Assistenten (und Schwiegersohn) Hugo Hildebrand (geb. 6. October 1833 in Königsberg, 
1862 PD.) geleitet und dieser 1865 zum Director und 0. ernannt. Ihm war es vergönnt, den 
längst ersehnten Umbau der Klinik ausgeführt zu sehen. In der Blüthe der Jahre und aus 
erfolgreichstem Wirken heraus wurde Hildebrand am 3. Juli 1882 vom Tode hinweggerafft. 
Sein Nachfolger wurde mit dem S.S. 1883 Rudolf Dohrn (geb. 24. August 1836 zu Heide 
in Norddithmarschen, 1859 PD. in Kiel, 1863 0. in Marburg). 

Die chirurgische Klinik, die 1864 ihr neues — heute der medicinischen Klinik 
dienendes — Haus bezog, leitete bis 1871 Albrecht Wagner: als Generalarzt dem Heere 
des Generals von Manteufifel auf dem winterlichen Peldzug gegen Bourbaki folgend, zog er sich ein 
schweres typhöses Leiden zu, dem er 15. Februar 1871 zuDöle erlag. Auch der Kronprinzliche Rector 
magnificentissimus gab dem Bedauern über den frühen Tod des hochverdienten, ihm persönlich 
nahegetretenen Mannes in einem Condolenzschreiben an Prorector und Senat Ausdruck, des 
Frühverstorbenen Collegen und Freunde aber ehrten sein Andenken durch die Aufstellung 
seiner wohlgelungenen Marmorbüste in dem Senatssaal. Zum Nachfolger erhielt Wagner 
Karl Wilhelm Ernst Joachim Schönborn.') In die Zeit seiner Wirksamkeit fällt der 
Neubau der chirurgischen Klinik, welche, 1879 eröffnet, alle damals erreichbaren Fortschritte 
der Technik nutzbar machte und neben der erschöpfenden Benutzung des reich zuströmenden 
Krankenmaterials zu Lehr- und Forschungszwecken auch die humanitäre Bestimmung solcher 
Anstalten in grösserem Umfange geltend zu machen erlaubte. Als Schönborn 1886 nach 
Würzburg ging, trat an seine Stelle Johannes Mikulicz (geb. 16. Mai 1850 in Czernowitz, 
jn Wien Billroths Assistent, 1881 PD., 1882 0. in Krakau). Seit seinem Weggang nach 
Breslau leitet die chirurgische Klinik, bei der die wachsenden Ansprüche einen Erweiterungs- 
bau nöthig gemacht haben, Heinrich Braun.^) 

Die ehemals mit der Chirurgie verbundene Ophthalmologie erhielt endlich 1873 
das ihr gebührende Ordinariat: bis an seinen Tod (14. September 1888) hat es 



1) Greb. 8. Mai 1840 in Breslau, Assistent Wilms' und dann 1864 — 71 v. Langenbecks, während des Kriegs 
in des letzteren Vertretung Leiter der chirurgischen Universitätsklinik und in Abwesenheit Bardelebens der 
chirurgischen Abtheilung der Charite. 

2) Geb. 18. Februar 1847 zu ßeerfelden im Grossh. Hessen, Prosector in Giessen, in Heidelberg 1874 
Assistent der chirurgischen Klinik, PD. und 1878 EO , 0. in .Jena 1S84, Marburg 1888. 



234 

Julius Jacobson innegehabt. Nach einem Interimisticum, während dessen sein Schüler 
und ehemaliger Assistent Adolf Vossius (geb. 10. Februar 1842 zu Zempelburg, Kr. 
Flatow, PD. 1882, EO. 1887) die Klinik leitete (um dann als 0. nach Giessen zu 
übersiedeln), erhielt er in seinem Schüler Arthur von Hippel (geb. 24. October 1841 zu 
Fischhausen, PD. 1869, EO. 1875, 0. in Giessen 1879) einen Nachfolger: ihn ersetzte bei 
seinem Fortgang nach Halle Hermann Kuhnt.') 

Die 1883 neu errichtete ordentliche Professur für Pharmakologie und medici- 
nische Chemie erhielt Max Jaffe (geb. 25. Juli 1841 zu Grüaberg, 1867 PD., 1872 EO.). 
Die Fächer der gerichtlichen Medicin und der Hygiene sind dermalen durch 
die EO. Karl Seydel (geb. 28. Mai 1839 zu Chelchen (Kr. Oletzko), PD. 186G) und Erwin 
von Esmarch (geb. 12. März 1855 zu Kiel, PD. Berlin 1890, EO. 1891) vertreten, welch 
letzterem Karl Fränkel (geb. 2. Mai 1861 in Charlottenburg, PD. in Berlin 1888, EO. 1889, 
z. Z. in Marburg 0.) vorangegangen war; mit der neuen Professur ist ein hygienisches Institut 
verbunden. 

Offenbart sich die Steigerung, welche der Betrieb des akademischen Unterrichts und 
der mit ihm Hand in Hand gehenden wissenschaftlichen Forschung wie auf allen preussischen 
Universitäten, so namentlich auch auf der Albertina während der letzten dreissig Jahre erfahren 
hat, in dem Gebiete der medicinischen Facultät namentlich in der Vergrösserung der Kliniken 
und der Vermehrung der Institute, so tritt sie in dem Gebiete der in der philosophischen 
Facultät vereinigten Wissenschaften fast noch augenfälliger zu Tage in dem Anwachsen 
der Zahl der ordentlichen Lehrstellen, welche das Selbständigwerden bisher mit benachbarten 
Gebieten vei'bunden gewesener Fächer mit sich gebracht hat. Dieselbe ist von 16 im W.S. 
1862/63 auf 29 gestiegen. 

Um die Uebersicht dieser Entwickelung und der an ihr betheiligten Personen mit 
der Disciplin zu beginnen, die ehemals nicht bloss dem Namen nach, sondern thatsächlich 
an der Spitze und zugleich im Centrum der von dieser Facultät gepflegten Studien gestanden 
hat, so wurde Karl Rosenkranz durch zunehmende Schwäche des Augenlichts, die schliesslich 
zu völliger Erblindung führte, zur Einstellung seiner Thätigkeit genöthigt, ohne darum die 
Heiterkeit des Geistes und die Frische der Theilnahme an dem Leben der Wissenschaft und 
der Albertina einzubüssen. Der 2. Februar 1878, an dem er sein 50jähriges Doctorjubiläum 
beging, war ein Festtag, den Lehrer und Lernende gleichmässig zu verherrlichen strebten. 
Am 14. Juni 1879 starb Rosenkranz: mehr als vierzig Jahre war er eine der Zierden der 
Albertina gewesen, hatte an der grossen Entwickelung derselben in diesem Zeiträume 
nicht bloss hervorragenden Antheil genommen, sondern auf dieselbe auch von sich aus viel- 
fach bestimmend eingewirkt und war der allverehrte Vertreter zugleich ihrer alten und ihrer 
neuen Zeit und der ausgleichende Vermittler zwischen beiden gewesen. In den Reihen der 
zu seiner Entlastung und Vertretung berufenen jüngeren Lehrer der Philosophie fand zunächst 
ein ausserordentlich rascher Wechsel statt. Überweg^) wurde 9. Juni 1871 von einem 



1) Geb. 14. April 1850 zu Senftenberg, Prosector in Rostock, in Heidelberg PD. 187^, in Jena 1880, 
EO. 1881, 0. 1882. 

2) Vgl. S. 207. 



235 

frühzeitigcB Tode hinweggerafl't. Julius Bergmann, der im S.S. 1872 als 0. an seine Stelle 
trat, folgte bereits 1873 einem Rufe nach Marburg. Der ihn ersetzende Max Heinze, der 
von Basel kam, ging nach nur einem Semester nach Leipzig. Statt seiner trat der PD. in 
Jena, Julius Walter (geb: 22. April 1841 zu Wolmar in Livland, PD. Jena 1872), 1875 
als EO. ein und wurde 1876 0. Neben ihm wirkte, 1874 als EO. von Breslau nach Königsberg 
versetzt, Richard Quäbicker; er wurde 0., starb aber am 31. Mai 1882. In seine Stelle trat 
1882 Günther Thiele (geb. 1. November 1841 zu Rohnstedt (Sondershauseu), in Halle PD. 
1875, EO. 1885). 

Als Vertreter der classischen Philologie standen zu Beginn dieses Zeitabschnittes 
Karl Lehrs uud Ludwig Friedländer neben einander, welch letzterer zudem lange Jahre 
als Professor der Eloquenz wirkte. In Folge mancher Diiferenzen und seiner offen ausge- 
sprochenen Unzufriedenheit mit dem Gange, den die Entwickeluug der classischen Studien 
unter der Einwirkung der für die Bildung der Lehrer und ihre Thätigkeit an den Gymnasien 
erlassenen neuen Verordnungen genommen hatte, allmählich sich ausschliesslich auf seine 
Lehrthätigkeit beschränkend, in dieser aber bis zuletzt in ungeschwächter, anregendster Wirk- 
samkeit, starb Karl Lehrs nach kurzer Krankheit am 9. Juni 1878. Sein Nachfolger wurde 
sein Schüler Arthur Ludwich (geb. 18. Mai 1840 zu Lyck, 1876 EO. in Breslau). Das neue, 
dritte Ordinariat für classische Philologie erhielt 1867 Heinrich Jordan (geb. 30. Sep- 
tember 1833, PD. in Berlin 1861), nach einem längeren Aufenthalt in Italien, den er auch 
später zum Zwecke seiner Studien über die Topographie Roms regelmässig erneute. Nach 
L. Friedländers Rücktritt übernahm er auch die Eloquenzprofessur. Er starb 10. November 
1888 nach einer ein schweres Unterleibsleiden zu beseitigen bestimmten Operation. Sein 
Nachfolger wurde Alfred Schöne (geb. 16. October 1836 in Dresden, in Leipzig PD. 1864, 
EO. 1867, 0. in Erlangen 1870), dann, als er 1892 nach Kiel versetzt wurde, Johannes 
Schmidt (geb. 24. April 1850 in Schmiedeberg (Pr. Sachsen), in Halle PD. 1878, EO. 1883, 
in Giessen 0. 1883), leider von Anfang an durch hoffnungslose Krankheit au der Wahr- 
nehmung seines Lehramts behindert: er starb 6. Januar 1894. Inzwischen hatte auch 
L. Friedländer seine Lehrthätigkeit eingestellt und seinen Wohnsitz nach Strassburg ver- 
legt. Das erledigte Ordinariat erhielt Ludwig Jeep (geb. 12. August 1846 in Wolfen- 
büttel, PD. 1883, EO. 1886) Von den Philologen, welche in dieser Zeit ihre akademische 
Laufbahn au der Albertina begannen, kam Friedrich Blass (PD. 1875) als EO. und dann 0. 
nach Kiel und wirkt gegenwärtig in Halle. — Die der classischen Philologie zunächst ver- 
bundene Archäologie, die bisher einer eigenen Vertretung entbehrt hatte, wurde 1875 mit 
einem Extraordinariat ausgestattet, das Hugo Blümner (PD. in Breslau) erhielt; ihn ersetzte 
bei seinem Weggange nach Zürich im S.S. 1878 Gustav Hirschfeld (geb. 4. November 1847 
zu Pj'ritz), in ihrem Beginn der Leiter der deutschen Ausgrabungen im Olympia; er wurde 
S.S. 1880 0. 

Die Professur für ältere deutsche Sprache und Litteratur, welche seit ihrer 
Errichtung der zugleich als Oberbibliothekar thätige Zacher inne gehabt hatte, bekleidet 
seit dessen Abgange nach Halle S.S. 1863 Oscar Schade (geb. 25. März 1826 zu Erfurt, 
PD. in Halle 1860). Sein Schüler Oscar Erdmann (geb. 4. Februar 1846 zu Thorn, PD. 

30* 



1883) kam als EO. nach Breslau und ist jetzt 0. in Kiel. Das neue Ordinariat für neuere 
deutsche Litteratur erhielt 1890 Hermann Baum gart (geb. 24. Mai 1843 zu Elbing, PD. 
1877, EO. 1879). — Neu errichtet wurde ferner ein Ordinariat für neuere Sprachen, 
als deren Vertreter erst als Lector, seit 1865 als EO. Ludwig Theophil Herbst (gest. 
29. April 1888) gewirkt hatte; es erhielt 1872 Jacob Schipper und nach dessen Berufung 
nach Wien 1877 Alfons Kissner (geb. 3. April 1844 in Hamburg, 0. in Erlangen 1874). 
Das 1894 gegründete Extraordinariat für englische Sprache hat Max Kaluza inne (geb. 
22. September 1856 zu Eatibor, PD. 1887). 

Im Gebiete der orientalischen Sprachen trat iusofern eine sachlichere Abgrenzung 
der Lehrfächer ein, als neben Nesselmann, der am 7. Januar 1881 starb, bereits 1880 ein 
Vertreter der arischen Sprachen in Adalbert ßezzenberger (geb. 14. April 1854 zu 
Kassel, in Göttingen PD. 1874, EO. 1879) bestellt wurde, während neben A. Simson 
1882 August Müller (geb. 3. December 1848 zu Stettin, in Halle PD. 1870, EO. 1874) 
die semitischen Sprachen zu lehren berufen wurde. Ihm folgte, als er 1889 nach Halle ging, 
Gustav Jahn (geb. 11. Juni 1837 zu Crossen, Berlin PD. 1879). In Verbindung mit diesen 
Neuerungen stand die Errichtung eines Extraordinariats für indische Sprache und Litteratur, das 
seit 1880 Richard Garbe (geb. 9. März 1857 zu Bredow bei Stettin, PD. 1878) inne hat. Die 
Verdienste, welche sich der Prediger Friedrich Kurschat (geb. 24. April 1806 zu Nora- 
gehlen bei Heinrichswalde, Kr. Niederung) als Lector und Leiter des lithauischen Seminars so- 
wie litterarisch um das Studium der lithauischen Sprache erworben hatte, wurden von der philo- 
sophischen Facultät 1875 durch seine Promotion zum Ehrendoctor uud seitens der Regierung 
1871 durch seine Ernennung zum EO. anerkannt. 

Innerhalb der eigentlichen historischen Wissenschaft vollzog sich im Zusammen- 
hang mit mehrfach eintretendem Personenwechsel eine sachgemässere Abgrenzung der Lehr- 
gebiete. Von den di-ei ordentlichen Lehrern der Geschichte, welche zu Beginn ihres siebenten 
halben Jahrhunderts an der Albertina wirkten, starb Johannes Voigt, nachdem er am 
13. October 1859 das Doppelfest seines 50jährigen Doctor- und Amtsjubiläums gefeiert hatte, 
nach thatsächlicher Einstellung seiner Lehrthätigkeit am 23. September 1863. Sein Nach- 
folger wurde 1864 Karl Hopf (geb. 19. Februar 1832 zu Hamm, zu Studien, namentlich über 
die Geschichte Griechenlands im Mittelalter, vielfach auf Reisen in Italien und Griechenland, 
PD. in Bonn, 1858 EO. in Greifswald, gest. 23. August 1873), der zugleich das Amt eines 
Oberbibliothekars übernahm und in seinen Vorlesungen namentlich die historischen Hülfs- 
wissenschaften vertrat. Schubert und Nitzsch hatten sich das Gesammtgebiet in der 
Weise unter einander abgegrenzt, dass ersterer die Geschichte der römischen Kaiserzeit, des 
Mittelalters mit Ausschluss Deutschlands und der neueren Zeit übernahm, während letzterer 
die alte Geschichte und die des deutschen Mittelalters vertrat. Seit dem Herbst 1866 nahm 
Nitzsch auch an der bisher Schubert allein zustehenden Leitung des historischen Seminars 
theil und entfaltete darin jene anregende und nachhaltig bildende Thätigkeit, welche allen 
den zahlreichen Schülern, die ihm zu Füssen gesessen, unvergesslich geblieben und durch sie 
auch auf die Entwickelung des historischen Unterrichts auf den höheren Schulen der Provinz 
von segensreicher Einwirkung geworden ist. Nach dem Tode Schuberts, der zugleich Sti- 



237 

^^- . 

pendiencurator iiud Inspector des Rhesianums war, am 21. Juli 18(!8 vnirde Herbst 1869 
in Wilhelm Maurenbrecher (geb. 21. December 1838 in Bonn, dort PD. 1862, 1887 0. in 
Dorpat), ein Vertreter vornehmlich der neueren Geschichte berufen. Er übernahm, als Nitzsch 
1872 nach Berlin berufen vfurAe, die Vertretung der mittleren und neueren Geschichte, wäh- 
rend die nunmehr gebildete besondere Professur der alten Geschichte Alfred von Gutschmid 
(geb. 1. Julil831 zu Dresden, gest. 2. März 1887 in Tübingen) 1873 erhielt. Bei seinem Weg- 
gang nach Jena 1876 hatte er Franz Rühl zum Nachfolger (geb. 26. October 1845 in Ha- 
nau, PD. in Leipzig 1871, 1875 0. in Dorpat). An Maurenbrechers Stelle kam bei seinem 
Fortgang nach Bonn 1877 als Professor der mittleren und neueren Geschichte Hans Prutz 
(geb. 20. Mai 1843 in Jena, 1873 PD. in Berlin). Neben ihnen wirkt namentlich auf dem 
Gebiete der Hülfswissenschaften und der Provinzialgeschichte Karl Lohmeyer (geb. 24. Sep- 
tember 1832 in Gumbinnen, PD. 1866, EG. 1873). Das eine Reihe von Jahren ruhende 
zweite Ordinariat für mittlere und neuere Geschichte wurde 1892 mit Georg Erlel- (geb. 
1. Januar 1850 in Krögis bei Meissen, in Leipzig PD. 1887, EO. 1890) besetzt. 

Den neu errichteten Lehrstuhl für Geographie nahm 1876 Hermann Wagner 
(geb. lJ3. Juni 1840, Gymnasiallehrer in Gotha) ein; als er 1880 nach Göttingen ging, 
Karl Zöppritz (geb. 14. April 1838 zu Darmstadt, PD. in Tübingen 1865, 1867 Eo! 
in Giessen), dessen vielverheissender Thätigkeit im Dienste seiner mit Begeisterung vertretenen 
Wissenschaft am 21. März 1885 ein jäher Tod ein vorzeitiges Ende bereitete. An seine 
Stelle trat 1885 erst als EO., seit 1886 0. Friedrich Hahn (geb. 3. März 18-52 zu Glauzi<^ 
in Anhalt, in Leipzig 1879 PD. und 1884 EO.). "^ 

Di6 Professur der Kunstgeschichte (und der Aesthetik), zu welcher das seit 1825 von 
ihm bekleidete Extraordinariat der Theorie und Kritik der schönen Künste und Wissenschaften 
erweitert worden war, hat Ernst August Hagen beinahe ein volles halbes Jahrhundert 
innegehabt: am 10. December 1830 dafür ernannt, ist er, nachdem er bereits im August 1871 
sein ÖOjähriges Doctoijubiläum gefeiert, am 16. Februar 1880 gestorben. An seine Stelle trat 
1882 zunächst als EO, seit 1884 0. Georg Dehio (geb. 22. November 1852 in Reval, PD. in 
München 1877), und als dieser 1892 einem Rufe nach Strassburg folgte, Konrad Lange (geb. 
15. März 1855 in Göttingen, PD. in Jena 1884, EO. in Göttingen 1885) 1892 als EO., 1894 0. 
Die staatswirthschaftliche Professur endlich, die seit 18.55 Glaser in'ne hatte, 
ging in Folge eines Tausches mit dem S.S. 1868 auf Leopold Ilse aus Marburg über. Doch 
wurde bereits nach einigen Jahren die Einrichtung einer zweiten Vertretung für dieses Fach 
nöthig: zu ihr wurde im Herbst 1873 Karl Umpfenbach (geb. 5. Juni 1832 in Giessen, 
dort PD. 1856, 0. in Würzburg 1864) berufen. Nachdem Ilse im März 1880 suspendirt und 
Ende 1882 seines Amtes entsetzt war, wurde das zweite Ordinariat für dieses Fach in eine 
ausserordentliche Professur verwandelt: sie bekleidete von 1883 bis 1888 Ludwig Elster 
(geb. 26. März 1856 zu Frankfurt^ a. M, PD. in Halle 1880, am Polytechnikum in Aachen, 
EO. in Halle 1883) und nach dessen Berufung nach Breslau Wilhelm Hasbach (geb. 
25. August 1849, in Greifswald PD. 1884, EO. 1887), der 1893 einem Ruf nach Kiel folgte; 
an seine Stelle trat Otto Gerlach (geb. 1. November 1862, bisher PD. in Bre,slau). 

Wenden wir uns nunmehr zu einem kurzen Ueber))lick ü)>er die Männer, die während 



der letzten fünfzig Jahre als Vertreter der exacten Wissenscliaften und der hesehreibenden 
Naturwissenschaften an der hiesigen Universität gewirkt haben, so begrüssen wir an ihrer 
Spitze den ehrwürdigen Senior der Albertina, dem ein gütiges Geschick vergönnt hat, auch 
dieses Jubiläum noch in seltener Frische des Geistes und Eüstigkeit des Körpers zu erleben, 
Franz Neumann, der einst einen besonders hervorragenden Antheil gehabt hat an dem 
epochemachenden Aufschwung, den die mathematisch-physikalischen Studien und Forschungen 
von Königsberg aus genommen haben, und das von ihm. begonnene Werk von einer langen 
Reihe durch ihn entscheidend angeregter Schüler hat weiterführen sehen dürfen, — ein 
lebendiger Zeuge vergangener Zeiten, von denen sonst heutzutage nur durch die geschichtliche 
Ueberlieferung noch eine Kunde zu uns dringt. Im Ganzen ha't er 68 Jahre der Albertina 
angehört, länger als ein halbes Jahrhundert (55 Jahre) als Ordinarius, und wenn er auch 
längst seine Lehrthätigkeit eingestellt hat, ihn den Ihren zu nennen ist noch heute einer der 
stolzesten Ruhmestitel der Königsberger Universität und wird das alle Zeit lileiben. Neben 
und mit ihm wirkte als Träger der mathematischen Studien Richelot bis zu seinem Tode, 
1. April 1875. Seinen Lehrstuhl nahm einer seiner Schüler ein, Heinrich Weber (geb. 
5. März 1842 zu Heidelberg, dort PD. und EO., 0. am Polytechnicum in Zürich), den 
nach seiner Berufung an das Polytechnicum in Charlottenburg (später nach Marburg, 
z. Z. in Göttiugen) 1883 Ferdinand Lindemann (geb. 12. April 1852 in Hannover, 
PD. in Würzburg 1877, in Freiburg i. B., EO. 1877, 0. 1879) ersetzte. Als Lindemann 
1893 nach München übersiedelte, trat an seine Stelle der bisherige EO. David Hilbert 
(geb. 23. Januar 1862, PD. 1886, EO. 1892). Das mathematische Extraordinariat hatte 
nach Rosenhains Ausscheiden 1884 Adolf Hurwitz (geb. 26. März 1859 zu Hildesheim, 
PD. zu Göttingen 1882) inne, dem, als er 1892 an das Polytechnicum in Zürich berufen wurde, 
Hilbert folgte. Seit Ostern 1894 hat es Hermann Minkowski (geb. 22. Juni 1862 zu 
Alexoken in Russland, in Bonn PD. 1887, EO. 1892) inne. Daneben setzt Saalschütz, seit 
1876 EO., seine ergänzende Thätigkeit fort. 

Die durch Luthers am 17. October 1887 erfolgten Tod erledigte Professur der 
Astronomie nebst dem Directorat der Sternwarte übei'nahm mit Beginn des S.S. 1888 
Friedrich Peters (geb. 16. April 1844 zu Pulkowa, in Kiel PD. 1876), die durch Mosers 
Emeritirung verwaiste Professur der Experimentalphysik 1880 der ebenfalls aus der Königs- 
berger Schule hervorgegangene Karl Pape (geb. 20. Januar 1836 in Hannover, 1862 PD. 
in Göttingen). Die einst von Franz Neumann entfaltete Thätigkeit gab zwei neuen Pro- 
fessuren den Ursprung, einem Extracrdinariate für mathematische Physik, das 1875 — 86 
Waldemar Voigt (jetzt in Göttingen) inne hatte und zur Zeit Paul Volkmann (geb. 
12. Januar 1856 in ßladiau, PD. 1882. EO. 1886) bekleidet, und einem Ordinariate für 
Mineralogie und Geologie, in dem nach einander — abgesehen von Heinrich Berendt, der 
sich 1870 für diese Fächer habilitirte und 1873 EO. wurde — Max Bauer (jetzt in Marburg) 
1875—84 (geb. 13. September 1844 zu Gnadenthal in Würtemberg, PD. in Göttingen 1871, 
Berlin 1875). Theodor Liebisch, jetzt in Göttingen, 1884-86 (geb. 29. April 1852 in 
Breslau. FD. in Berlin 1878, EO. in Breslau 1880, 0. in Greifswald 1882) und Wilhelm 
Brancü 1886—90 (geb. 3. September 1844 zu Potsdam, PD. in Berlin 1881, dann in Aachen) 



wirkten und das gegenwärtig Ernst Koken (geb. 29. Mai 1860 zu Braunschweig, PD. in 
Berlin 1887) inne hat. Wie für die physikalischen und die mathematisch-physikalischen 
Studien durch den Neubau eines überaus stattlichen physikalischen Instituts gesorgt worden 
ist, so hat auch das mineralogisch-geologische Institut in der Nachbarschaft des ersteren eine 
würdige Stätte erhalten. 

Die ehemals mit der Anatomie verbundene zoologische Professur, welche nach 
Rathkes Tod selbständig gemacht und der philosophischen Facultät zugewiesen wurde, be- 
kleidete sammt dem Directorat des äusserst werthvollen zoologischen Museums, das 1882/83 
durch Aufsetzen eines Stockwerks beträchtlich erweitert worden ist, vom W.S. 1863/64 bis 
S.S. 1881 Eathkes Schüler Wilhelm Zaddach (gest. 5. Juni 1881). Ihm folgten 1881 
bis 1883 Oscar Hertwig (geb. 23. September 1850, PD. und EO. in Jena, jetzt in 
München) und 1883—1891 Karl Chun (geb. 1. October 1852 in Höchst, PD. in Leipzig 1878), 
jetzt in Breslau. An dessen Stelle trat 1891 Maximilian Braun (geb. 30. September 1850 
zu Myslowitz, PD. 1878 in Würzburg, in Dorpat Prosector 1879, EO. 1883, 0. 1884, Rostock 
1886). In der botanischen Professur folgte auf den am 18. September 1887 in Folge 
eines unglücklichen Falles plötzlich verstorbenen Robert Caspary Christian Luerssen 
(geb. 6. Mai 1843 in Bremen, PD. in Leipzig 1872, Prof. in Neustadt-Eberswalde 1884). — 
Die chemische Professur übernahm nach Werthers Tod (29. Juni 1869) Karl Grabe 
(geb. 4. Februar 1841, jetzt in Genf), und als dieser Krankheits halber ausschied, im 
Herbst 1877 Wilhelm Lossen (geb. 18. Mai 1839 in Kreuznach, in Heidelberg PD. 
1886, EO. 1870), dem es vergönnt war, mit dem S.S. 1888 das stattliche neue Laboratorium 
einzuweihen. Den pharmaceutischen Unterricht leitet Hermann Spirgatis seit 1868 als 0. 

Dem mit der Universität verbundenen landwirthschaftlichen Institut stand 
1869—86 Theodor von der Goltz (geb. 10. Juni 1836 zu Coblenz, Lehrer zu Waldau, 
0. 1869, jetzt in Jena) vor, wo ihm Wilhelm Fleischmann (geb. 21. December 1837 
zu Erlangen) folgte. Die Professur für landwirthschaftliche Chemie bekleidet seit 1873 
Heinrich Ritthausen (geb. 13. Januar 1826 zu Armenruh bei Goldberg in Schlesien, 
1868 — 73 in Poppeisdorf), das Extraordinariat als Nachfolger von Liebenbergs (1876-78) 
Gustav Marek (geb. 13. Juli 1840 zu Kaschau, PD. in Wien 1874, Halle 1877). 



Inhalts-Uebersicht. 



1- 


-150 


4- 


-15 


15- 


-25 


25- 


-36 


37- 


-52 


52- 


-73 


73- 


-88 


88- 


-127 


107- 


-150 


107- 


-111 



I. Die Albertus-Universität vom Tode Kants bis zum Ende ihres dritten Jahrhimderts 

I. Der erste Versuch zur Reorganisation der Albertina llSOö— (j 

II. Anfänge der inneren und äusseren Erneuung 

in. Das kronprinzliche Rectorat und der Beginn des Neubaues der Albertus-Universität. 

lSOS-12 

IV. Die Zeit der Knechtschaft und der Erhebung. 1811 — 17 

V. Unter dem Druck der Karlsbader Beschlösse. 1818-24 

VI. Jahre des Stillstandes, 1824-34 

VII. Der Ausgang des dritten Jahrhunderts und die Vorboten der neuen Zeit. 1834 — 44 . . . 
VIII. Lehrer, Lehre und wissenschaftliches Leben der Albertina 1805—44 

1. Die Entwickeluog im Allgemeinen 

2. Philosophie, Astronomie, Mathematik, Medicia und beschreibende Naturwissen- 

schafton 111-127 

3. Die philologisch-historischen Studien 127—139 

4. Staats- und Rechtswissenschaft 

5. Die theologische Facultät 

II. Die Albertus-Universität im siebenten halben Jahrhundert ihres Bestehens. 1844—94 

L Die Jahre 1844^62 

II. Lehre und Lernen auf der Albertus-Universität 1844 — 62 

III. Die Hauptrichtungen in der Entwickelung der Albertus-Universität 1862—94 

1. Die allgemeinen Verhältnisse der Albertus-Universität während des letzten 

Menschenalters 1862—94 207—218 

2. Vervielfältigung und Vervollkommnung der akademischen Lehrmittel während 

der letzten 30 Jahre 218-224 

3. Die Studirenden und die Lehrer der Albertina während der letzten 30 Jahre . 224—239 



139- 


-145 


145- 


-150 


151- 


-239 


153- 


-192 


192- 


-207 


207- 


-239 



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