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Full text of "Die ökonomische Entwicklung Europas bis zum Beginn der kapitalistischen Wirtschaftsform. Mit Genehmigung des Verfassers aus dem Russichen übersetzt von Leo Motzkin"

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Bibliothek 



der 



Volkswirtschaftslehre 



und 



Gesellschaftswissenschaft. 



Begründet von F. Stöpel 

Fortgeführt 



von 



Robert Prager. 
XV. 



Berlin 
Verlag von R. L. Prager 

191 1. 



Die 

Ökonomische Entwicklung Europas 

bis zum 

Beginn der kapitalistischen Wirtschaftsform. 

Von 

Maxime Kowalewsky. 

Mit Genehmigung des Verfassers aus dem Kussischen übersetzt. 



V. 

Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes und des 
Zunftwesens. Der schwarze Tod und seine wirtschaft- 
lichen Folgen. 

Deutsch von 

Dr. M. B. Kupperberg. 



S 3 



Berlin 

Verlag von R, L. Prager 

1911. 



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xi 




Vorwort. 



Nachdem der vierte Band im Jahre 1909 er- 
schienen ist, folgt hiermit der fünfte, und das Werk 
nähert sich seinem Abschluß. 

Die Übersetzung dieses Bandes ist von Dr. M. B. 
Kupperberg bewirkt worden, während der Heraus- 
geber das gesamte Manuskript mit dem russischen 
Original verglichen und so die Einheit des Werkes 
gewahrt hat. Auch bei diesem Bande sind dem Ver- 
fasser sämtliche Bogen vor der Drucklegung vor- 
gelegt und von ihm einer Durchsicht unterzogen 
worden. 

Für die deutsche Ausgabe des 6. (Schluß-)Bandes 
arbeitet der Verfasser noch einige Bogen um, um sie dem 
heutigen Stande der Wissenschaft anzupassen. Mit der 
Uebersetzung wird begonnen werden, sobald die neue 
Bearbeitung der Bogen in die Hände des Heraus- 
gebers gelangt ist. Hoffentlich wird dies in Kürze 
der Fall sein und der sechste Band wird noch in 
diesem Jahre dem Druck übergeben werden können. 
Diesem Bande soll das von der Kritik und 
von den Benutzern bisher so schmerzlich vermißte 
Sach- und Personenregister beigegeben werden. 

Wiederholt hat der Herausgeber die Schwierig- 
keiten betont, die die Übertragung wissenschaftlicher 
Werke aus dem Russischen bietet. Auch bei diesem 
Bande muß er wiederum bitten, etwaige Fehler und 
Unebenheiten milde zu beurteilen. 

Berlin im Februar 1911. 
Der Übersetzer: Der Herausgeber: 

Dr. M. B. Kupperberg. Robert Prager. 



Inhalt. 



Seite 

Erstes Kapitel: Die hofreclitliche Verfassung des Ge- 
werbes und die Entstehung des Zunftwesens . 1 

Zweites Kapitel: Die Zünfte des XIII. und XIV. Jahr- 
hunderts 114 

Drittes Kapitel: Der wirtschaftliche Charakter des 

Zunftwesens 146 

Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter . . 208 

Der schwarze Tod und seine wirtschaftlichen Folgen. 

Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348 . 222 

Sechstes Kapitel: Die wirtschaftlichen Folgen des 

schwarzen Todes in Italien 277 

Siebentes Kapitel: Die wirtschaftlichen Folgen des 

schwarzen Todes in Spanien 321 

Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich . . 362 

Neuntes Kapitel: Die wirtschaftlichen Folgen des 

schwarzen Todes in Frankreich 382 

Zehntes Kapitel: Die wirtschaftlichen Folgen des 

schwarzen Todes in England 400 

Elftes Kapitel: Die Arbeitergesetzgebung Englands in 

der Mitte des XIV. Jahrhunderts 415 

Zwölftes Kapitel: Der schwarze Tod und seine wirt- 
schaftlichen Folgen in Österreich, der Schweiz 
und Deutschland 428 

Anhang: Geschichtlicher Überblick über die Entstehung 
der gewerblichen Zünfte aus der Kaufmanns- 
gilde zu Brescia 446 



Erstes Kapitel. 

Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes und 
die Entstehung des Zunftwesens. 

Mit dem Aufkommen und Wachstum der freien 
Arbeit hängt auch die Geschichte der Gewerbeverfassung 
eng zusammen. Erst von dem Augenblick an, als die 
gewerbliche Tätigkeit in den Märkten, d. h. innerhalb 
der städtischen Siedlungen sich vereinigte, kann von 
Absonderung des Gewerbes von der Landwirtschaft 
und von einer von der hofrechtlichen verschiedenen 
Zunftverfassung die Rede sein. Dies ist auch der 
Grund, warum wir mit der Vorführung der gewerb- 
lichen Entwicklung Europas erst dann glaubten beginnen 
zu sollen, nachdem wir die Wandlungen der ländlichen 
Wirtschaft durch ein volles Jahrtausend verfolgt hatten. 
Und so eröffnen wir denn die gegenwärtige Unter- 
suchung mit dem Zeitabschnitt, als noch der Fronhof 
Ackerbau und Gewerbe in gleichem Maße in sich ver- 
einigte, um dann umso eingehender die eigenartigen 
Züge der freien gewerblichen Tätigkeit in den Stadt- 
mauern zu schildern. 

§ !• 
Das Schicksal des Gewerbes und der gewerblichen 
Klassen im Zeitalter, das auf den Einfall der Barbaren 
folgte, gehört zu den dunkelsten und am wenigsten 
geklärten Problemen. Heiß umstritten bis in die 
Gegenwart hinein ist die Frage, was aus den städti- 
schen Siedlungen des römischen Kaiserreichs geworden 

Kowalewsky, ökonomische. Entwicklung Europas. V. 1 



2 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

ist: ob sie von den die ländliche Freiheit liebenden 
Eroberern gänzlich zerstört und verlassen worden sind, 
oder ob sie den Grundstock der Burgen und Kommunen 
des XII. und der folgenden Jahrhunderte gebildet 
haben. Je nach der Lösung entscheidet sich aber mit die 
Frage nach dem Bestand des Gewerbes, und derjenigen 
Organisation, die es zur Kaiserzeit besessen hat, die 
Frage nämlich, .ob die römischen Zünfte sich behauptet 
haben und ob es demnach zulässig sei, die Handwerker- 
korporationen des XII. und XIII. Jahrhunderts als 
die unmittelbaren Nachfolger der römischen sodalitia 
und collegia zu betrachten, oder ob man nicht viel- 
mehr diese Verbände als eine völlig neue ökonomisch- 
rechtliche Einrichtung anzusehen hat, deren Ursprung 
in dem den Germanen eigentümlichen Genossenschafts- 
geiste und ihrer brüderlichen Solidarität wurzelte, rich- 
tiger gesagt, aber den Zeitverhältnissen ihre Entstehung 
verdankt, die zur Bildung von Vereinigungen von 
Kirchspielen, Stadtvierteln, Gewerbtreibenden etc. den 
Anstoß gegeben haben, um die träge Staatsgewalt 
zu stützen, um die von innen und außen drohenden Ge- 
fahren abzuwehren. Die Antworten der Geschichts- 
schreiber aus dem Ende des 18. und zu Anfang des 
19. Jahrhunderts auf diese Frage gehen schroff aus- 
einander. Einige, wie Abbe Dubos, Savignj, Bechart 
vertraten die Ansicht, daß zwischen den römischen und 
mittelalterlichen Verhältnissen sowohl auf munizipalen, 
wie auch auf dem Gebiete des Gewerbes und Handels 
eine Nachfolge anzunehmen sei; andere hingegen, wie 
Montesquieu, Troya und die Mehrzahl der Germanisten 
aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts leugneten 
jegliche Einwirkung römischer Überlieferung auf die 
Stadtverfassung und' das Zunftwesen des mittelalter- 
lichen Europas. Hier haben wir es mit einer Meinungs- 
verschiedenheit zu tun, die sich weit schärfer zuspitzt, 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 3 

als, wie wir bereits gesehen haben, die über das 
Schicksal der ländlichen Klassen der römischen Ge- 
sellschaft und über den Einfluß, den das Kolonat und 
die glebae adscriptio auf die Gestaltung der Leibeigen- 
schaft und das bäuerliche Anteilsystem ausgeübt haben. 
Dies kann aber nicht Wunder nehmen, da hier noch 
weniger geschichtlich beglaubigte Tatsachen vorliegen, 
und der Mangel an sicheren Zeugnissen der Bildung 
reiner Vermutungen weit größeren Spielraum gewährt. 
Auch hier glauben wir, ein Aufeinanderwirken 
römischer und germanischer Elemente, wenn auch 
nicht in gleichem Verhältnis, annehmen zu dürfen. 
Bei der Frage über das Fortwirken römischer Ein- 
richtungen im sozialen Leben des Mittelalters muß 
man unseres Erachtens die örtlichen Verschiedenheiten 
und den Grad der Germanisierung in einzelnen Ge- 
bieten Europas im Auge behalten und infolgedessen 
Anzeichen römischer Stadt- und Zunftverfassung dort 
suchen, wo von einem germanischen Einfall entweder 
garnichts bekannt ist, oder von ihm nur schwache 
und vorübergehende Spuren zurückgeblieben sind. 
In einer solchen Lage befinden sich, wie wir gesehen 
haben, Süd-Italien, die Provinz Rom und das Exarchat 
Ravenna. Daher kann es auch nicht überraschen, 
wenn dieser Teil der Appenninen-Halbinsel, wo so- 
wohl die römische Grundherrschaft, wie das römische 
Kolonat mit seinem System der Halbscheidpacht sich 
durch viele Jahrhunderte, die den Zusammenbruch 
des Imperiums vom Versuch Karls des Großen, es 
wieder zu erneuern, trennen, behauptet haben, die 
einzigen Beispiele von ununterbrochener Reihenfolge 
römischer und mittelalterlicher Stadtverfassungen und 
byzantinischer und neuzeitlicher Zunfteinrichtungen 
bietet. Dabei denke ich ja nicht nur an das ununter- 
brochene Fortbestehen Roms, Neapels und Ravennas, 

1* 



4 Erstes Kap. : Die hoi'rechtliche Verfassung des Gewerbes. 

sondern auch an die Tatsache, daß in diesen Städten 
bereits im VI. Jahrhundert Zünfte mindestens 
einiger Handwerke genannt werden, so die der Seifen- 
sieder (saponai) zu Neapel, die in einem Briefe 
Gregors I. aus dem Jahre 59 als corpus und ars be- 
zeichnet sind. Diese hatten ein eigenes Statut unter 
dem Namen „pactum", dessen Verletzung eine Geld- 
strafe nach sich zog; vom Eintretenden wurde die 
Entrichtung eines gewissen Beitrages der sog. introi- 
tura, und die Ablegung eines Treueids auf die 
Statuten verlangt 1 ). In demselben Jahrhundert wird 
auch die Zunft der Färber zu Rom, ars tinctorum, 
erwähnt. Papst Gregor I. nennt in seinen Dialogen 
den Vorsteher dieser Zunft: artis primus und etliche 
Mitglieder: alcuni viri eiusdem artis 2 ). Arrigo Solmi, 
der Verfasser der Schrift über die Genossenschaften 
Italiens im Zeitalter vor der Entstehung der Stadt- 
gemeinden, weist unseres Erachtens mit Erfolg nach, 
daß für das Bestehen einer Zunftverfassung in Rom 
und Neapel nicht nur der Handwerkerschaft, sondern 
auch der freien Berufe keinerlei Zeugnisse aufzufinden 
sind. Dagegen bietet uns das Ravenna des VI. Jahr- 
hunderts solche Belege, wie es die bei Marini abge- 
druckte Urkunde ist, in der u. a. das Oberhaupt 
(primicerius) der Genossenschaft der Notare (scholae 
forensium civitatis) genannt ist 3 ). Wie nach den 
Briefen des Papstes Gregor, die uns von der Zunft 
der Seifensieder zu Neapel Kenntnis geben, anzunehmen 
ist, waren die Handwerkergenossenschaften zu dieser 



*) Gregorii Papae Epistolae, hrsg. von Hartmann. Ep. IX, 
S. 118, 119. 

2 ) Dial. IV, 54. Dieser, wie der vorhergehende Satz sind 
der Schrift Arrigo Solmis, Le associazioni in Italia avanti le 
origini del comune S. 31 u. 33, entnommen. 

8 ) Marini, Papiri diplomatici, No. HO (Solmi, S. 54). 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 5 

Zeit unmittelbar der politischen Zentralgewalt unter- 
worfen. Der Pfalzgraf Johann eignet sich die von 
den Mitgliedern entrichteten Beiträge an und hebt für 
einige Mitglieder die Geltung der Zunftsatzungen da- 
durch auf, daß er ihnen seinen hochmögenden Schutz 
zuteil werden läßt. Der gleiche Zug strenger Bevor- 
mundung durch die Staatsbehörden, die nicht nur das 
Statut und die Vorschriften für die Zünfte aufstellen, 
ja noch häufiger die Preise für die einzelnen Waren 
durch Verordnung festsetzen und über den von der 
Genossenschaft gewählten oder von der Behörde 
ernannten Vorsteher die strengste Aufsicht üben, 
charakterisiert in gleichem Maße sowohl die byzanti- 
nischen Zünfte oder die sog. scholae des IX. und 
X. Jahrhunderts, wie auch diejenigen Handwerker- 
.verbände, die ungefähr zu derselben Zeit, nach 
einer Unterbrechung von 200 bis 300 Jahren, uns 
von neuem in Orten entgegentreten, die am längsten 
die engen Beziehungen mit Byzanz unterhalten 
haben. 

Das Edikt des Kaisers Leo VI., des Weisen (886 
bis 912), das vom Genfer Prof. Nicole herausgegeben 
ist, läßt uns die eigenartige Organisation des Gewerbes 
und Handels in Konstantinopel erkennen, die sehr 
wahrscheinlich den Provinzen zum Vorbild gedient hat. 
Da bilden Notare, Geldwechsler, Goldschmiede, Kaufleute 
für den Handel mit kostbaren sarazenischen Geweben, 
Baumeister, Gastwirte, Metzger, Bäcker, Fischer, Ge- 
würz-, Wachs- und Seifenhändler, Näherinnen, Sattler 
usw. besondere Vereinigungen, die sich bei der 
Ausübung ihres Handwerks oder Handels den Vor- 
schriften der ihnen vom Statthalter vorgesetzten Auf- 
seher unterordnen müssen ; einzig die Notare bilden 
eine besondere „schola" mit gewähltem Vorstand. 



6 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Die Staatsgewalt geht sogar soweit, die Löhne und 
die Warenpreise festzusetzen *). 

Hartmann hebt bei der Organisation des Byzanti- 
nischen Handwerks folgende Züge hervor, die auch 
den späteren Zünften Ravennas and Roms eigen sind. 
Die Staatsgewalt in der Person des Stadtpräfekten 
und die Handwerkerverbände bestimmen gemeinschaft- 
lich die Art und Weise des Bezugs von Rohstoffen. 
Mit derselben Strenge, wie die Verarbeitung der 
letzteren, wird auch die Entlohnung der Verkäufer 
geregelt. Bemerkenswert ist, daß die Gleichheit der 
Bedingungen, genau wie in den der Zeit nach späteren 
mittelalterlichen Statuten, dadurch erzielt wurde, daß 
die Rohstoffe vom Vorsteher der Zunft zu gleichen 
Teilen unter die Mitglieder verteilt würden. Eine 
weitere Ähnlichkeit ist, daß gewissen Handwerkern 
bestimmte Stadtteile zugewiesen waren, wo sie die- 
jenigen Stände (stationes) und Werkstätten (ergasteria) 
eröffnen durften, von denen in dem Edikt die Rede 
ist. Daß Eingriffe seitens der Regierung in das 
innere Leben der Zünfte stattgefunden haben, geht 
daraus hervor, daß der Statthalter entweder selbst 
den Vorsteher ernannte oder den von der Zunft Ge- 
wählten in dieses Amt einsetzte. Die Bestätigung 
der Wahl war jedoch nur auf die Vereinigung der Notare 
beschränkt. In größeren Streitfällen unterstanden 
diese der Gerichtsbarkeit des Statthalters, bei kleineren 
der der Zunft. Der Statthalter überwachte ferner die 
Aufnahme neuer Mitglieder, die einen gewissen Bei- 
trag zu entrichten und 5 Bürgen dafür zu stellen 
hatten, daß sie zu den viri honesti gehören, was nach 



J ) Jules Nicole, Le livre du Prefet ou l'Edit de l'Empereur 
Leon-le-Sage sur les corporations de Constantinople. Gen., 
1894, S. 13, 19, 88, 89. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 7 

Hartmann besagt, daß sie der Aufnahme würdig waren, 
jedenfalls aber war es ein Beweis für ihre Zugehörigkeit 
zum freien Stande. Die hier in Betracht kommende 
Urkunde enthält zwar keine Vorschriften über Lehr- 
linge und Gesellen, sie läßt jedoch deutlich die Tat- 
sache der Einschränkung ihrer Zahl erkennen. So 
durften die Notare je einen Schreiber, die Geldwechsler 
je zwei Diener halten 1 ). 

Da im Exarchat von Ravenna im X. Jahrhundert 2 ) 
eine Fischerzunft bestand, der am 12. April 943 neuer- 
lich eine licentia piscandi für den Fluß Patarenus (Po), 
der in das Adriatische Meer fließt, ausgestellt wurde, 
so können wir nicht umhin, hieraus auf die politische 
Abhängigkeit von den Byzantinischen Kaisern und 
der römisch-byzantinischen Kultur zu schließen, in 
der sich jene Provinz bis in die Zeit Karls des Großen 
hinein befunden hat. Die Kirche zu E-avenna, heißt 
es in der Urkunde, erteilt so und so, cunctos fratres 
et consortes nostros scole piscatorum Patareno, wie auch 
ihren Kindern und Enkeln dieselben Berechtigungen, 
die unsern Vätern und Kindern von den Vorgängern 
vertragsmäßig, per pactum convenientie, verliehen 
worden sind. Aus diesem Vertrage geht, wie Hart- 
mann richtig bemerkt, hervor, daß die in Rede stehende 
schola zumindest schon zwei Generationen vor dessen 
Abschluß bestanden hat, infolgedessen sind wir auch 
berechtigt, vom Bestehen dieser Genossenschaft im IX. 
Jahrhundert, d. h. im Zeitraum von 100 Jahren nach 
der politischen Lostrennung ßavennas von Konstan- 
tinopel zu sprechen. Daß aber in dieser Zwischenzeit 
die schola nicht genannt wird, erklärt sich daraus, 



1 ) Hartmann, Zur .Gesch. der Zünfte im frühen M. A. Zeit- 
schrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte. Bd. III, Hft. I, 
S. 112—114. 

2 ) Fantuzzi, Monumenti Ravennati. IV. 10. 



8 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

daß von den Ravennatischen Urkunden, die über das 
Jahr 900 zurückgehen, kaum 20 uns überliefert sind. 
Vom X. Jahrhundert ab, wo sie zahlreicher vorkommen, 
werden indes hin und wieder Personen erwähnt, die 
als Vorsteher, Capitularius oder Maior, Iudex, Vicarius 
oder Primicerius, Sacellarius oder Massarius der Zunft 
bezeichnet werden 1 ). Nach Hartmanns Auslegung 
bedeutet capitularius Zunftvorsteher. Die Urkunde 
aus dem Jahre 1254 schildert uns diesen bei der 
Aufnahme zweier Brüder in den Verband, nachdem 
sie den üblichen Eid (more solito) geleistet haben. 
Im Statut von 1304 tritt der sacellarius auch unter 
dem Namen massarius auf und bekleidet gleichzeitig 
das Amt des Schatzmeisters und Rechnungsführers. 
Die Ausdrücke primicerius und vicarius aber ver- 
schwinden schon in den Urkunden aus dem Anfang 
des XII. Jahrhunderts. Das zuerst genannte Statut 
erweist sich, seiner Einleitung zufolge, als eine Ab- 
änderung vorhergegangener Fassungen. Eine Reihe 
anderer Vorschriften, die im wesentlichen an die 
mittelalterlichen Zunftsatzungen erinnern, ist dadurch 
von Interesse, daß sie die Fischereigenossenschaft an 
die Zünfte von Ravenna annähern. Sie handeln einmal 
von der Zuweisung gewisser Stadtviertel für die Fisch- 
stände (camaroti), was sich auch bei den Fleischern 
wiederholt, und das zweite Mal von der Gleichstellung 
sämtlicher Mitglieder beim Ankauf von Fischen, die 
soweit ausgedehnt war, daß der Genosse die Über- 
lassung eines Teils zu dem vom Käufer gezahlten 
Preise beanspruchen durfte. Diese genossenschaft- 



y ) Sämtliche Ausdrücke finden sich bei Spreti , Notizie 
spettanti all'antich. scola dei pescatori oggi denominata Casa 
Matha, 1820, wie auch bei Hartmann, der einige Ungenauigkeiten 
in der Angabe der Jahre verbessert hat, da er die im bischöf- 
lichen Archiv aufbewahrten Urkunden benutzen konnte. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 9 

liehen Züge sind den byzantischen Zünften, wie auch 
den mittelalterlichen Kaufmannsgilden und Hand- 
werkergenossenschaften gemeinsam x ). 

Im IX. u. X. Jahrhundert wird auch in üavenna 
das Oberhaupt der Vereinigung der Notare primicerius 
genannt. Die Urkunden, die uns davon Kenntnis geben, 
stammen aus den Jahren 891, 893 und 932 2 ). Später 
tritt uns dieser primicerius schon unter dem weniger 
byzantinisch klingenden Namen maior entgegen 3 ). Um 
die Mitte des X. Jahrhunderts wird zum ersten Male die 
Kaufmannszunft von Ravenna, schola negociatorum 4 ) 
und zu Anfang des XI. Jahrhunderts der Älteste der 
Fleischer, capitularius macellatorum, erwähnt 5 ). So 
können wir nun mit Sicherheit das ununterbrochene 
Fortbestehen einer Gewerbeverfassung in Ravenna 
vom IX. Jahrhundert an bis zur Blütezeit des Zunft- 
wesens feststellen, welche dem allgemeinen Charakter 
nach an diejenige erinnert, die bereits im IX. Jahr- 
hundert in Byzanz bestanden hat. Es ist daher kaum 
tunlich, in dieser Organisation eine Neubildung zu 
erblicken, wohl aber eine weitere Entwicklung des 
aus dem Altertum überkommenen Systems; letzteres 



!) Hartmann S. 116—123. Der Wortlaut des Statuts Ordo 
Casa Matha ist bei Fantuzzi, Monum. Rav. Bd. III, S. 403 ab- 
gedruckt. Liber stat. ord. case Mathe 1304. Die Geschichte 
dieser merkwürdigen Genossenschaft ist von Muratori in den 
Antiquit. Ital. medii aevi, Bd. VI, S. 456, und ausführlicher von 
Camillo Spreti, Notizie spett. aH'antich. sc. dei pescatori, 1820 
behandelt. 

2 ) Fantuzzi, Monumenti Ravennati, Bd. I, S. 111; Bd. II, 
S. 29; Bd. VI, S. 6. 

3 ) Urkunde vom Jahre 1134, abgedruckt bei Spreti, Ant. 
schola dei Pescatori, S. 228. Solmi weist darauf hin, daß die 
Urkunde bei Spreti fälschlich auf das Jahr 1034 bezogen ist. 
das. S. 123. 

• 4 ) Urkunde aus d. J. 954, bei Fantuzzi, Bd. I, S. 385. 
& ) Urkunde aus d. S, 1102. Ebendas. S. 228. 



10 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung- des Gewerbes. 

umso mehr, als Ravenna bis ins VIII. Jahrhundert 
hinein seine Beziehungen zum östlichen Kaiserreich 
unterhalten und den Einfluß der germanischen Herrschaft 
nicht erfahren hat. 

Ein anderes Beispiel für die mehr oder weniger 
nahe Aufeinanderfolge römisch - byzantinischer und 
mittelalterlicher Zunftverhältnisse bietet das von Hart- 
mann entdeckte Statut des Gärtnerverbandes zu Rom, 
schola hortulanorum. Seine Abfassung fällt in das 
Jahr 1030, was übrigens der Annahme keineswegs 
widerspricht, daß der Verband Jahrhunderte vor der 
Aufzeichnung seiner Gebräuche bestanden hat 1 ). Zu 
Beginn des XI. Jahrhunderts hatten diese Gärtner 
einen eigenen gewählten Vorsteher in der Person des 
Priors, dem die Beilegung von Streitigkeiten unter 
den Verbandsmitgliedern und die Festsetzung der 
dem Schuldigen auferlegten Buße zustand. In einem 
der Artikel heißt es, daß, wenn der Prior aus eigener 
Macht den Streitfall nicht erledigen kann, so haben 
alle „priores ortulani" darüber zu entscheiden. Diese 
Erklärung weist offenbar auf das Bestehen einer weit- 
verzweigten Genossenschaft hin. In der späteren Zeit 
ist von den Gärtnern als einer selbständigen Zunft 
nicht mehr die Rede, wir finden sie nunmehr inner- 
halb des Verbandes der ars agriculturae, der bereits 
im XIII. Jahrhundert bestanden zu haben scheint, 
wie es nach den ältesten Zunftstatuten Roms, dem 
Statut der Kaufleute vom Jahre 1255, anzunehmen 
ist 2 ). „Nobilis ars bobacteriorum", so lautet der Name 

x ) Hartmann, Urkunde einer röm. Gärtnergenossenschaft 
vom Jahre 1030, S. 13 u. 14. Ebenso findet sich in Rom aus 
dem XI. Jahrhundert die Erwähnung eines prior oleariorum und 
aus dem XII. Jahrh. die eines patronus scholae sandaliorum 
(1158). Solmi, S. 124. 

2 ) Abhandlung über die ars bobacteriorum im Archivio 
storico romano. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 1 { 

dieser Genossenschaft. Sie ist befugt, „nach dem 
Vorbilde früherer Zeiten'' , Konsuln und Räte zu wählen, 
sich Statuten zu geben, die jedoch zu ihrer Geltung 
der Bestätigung des römischen Senators, per dominum 
senatorem, bedürfen. Aus dem Jahre 1407 ist der 
Wortlaut der Organisationsgesetze dieser Genossen- 
schaft 1 ) erhalten, den man durchaus nicht als den 
ältesten anseheu darf, da darin vielmehr noch frühere 
Satzungen ausdrücklich erwähnt werden, die einheit- 
lich ausgestaltet und durch neuere ergänzt werden 
sollen. 

Was das spätere Denkmal betrifft, das wir 
Rodocanachi, dem Herausgeber der Statuten der mittel- 
alterlichen Zünfte Eoms, verdanken, so glaubt Hartmann 
annehmen zu können, daß die Genossenschaft der 
Kaufleute, deren Satzungen vom Jahre 1255 uns über- 
liefert sind, eher eine Zusammenfassung mehrerer, als 
eine einzige Zunft gewesen sei. Sehr glaublich ist 
daher die Vermutung, daß die magistri ortolani, von 
denen die Urkunde von 1030 handelt, nicht die einzigen 
Vertreter genossenschaftlicher Gewerbeverfassung im 
mittelalterlichen Rom gewesen sind, und daß gleich- 
zeitig auch andere Zünfte bestanden haben, die sich 
in der Folgezeit zum Verbände der Kaufleute zusammen- 
geschlossen haben. Eine Analogie mit der byzantinischen 
Gewerbeverfassung erblickt Hartmann in dem Um- 
stände, daß die römischen Zünfte des Mittelalters der 
wachsamen Aufsicht der Stadtbehörden unterworfen 
gewesen sind, auf die nach und nach die Obliegenheiten 
desjenigen praefectus urbis übergegangen sind, von 
denen in den Quellen des X. und XI. Jahrhunderts 
gehandelt wird, und der offenkundig schon durch 
seinen Namen an den byzantinischen Beamten erinnert, 



J) lMs, Ottoboniana No. 1821. 



12 Erstes Kap.: Die hofreehtliehe Verfassung des Gewerbes. 

der an der Spitze des Gewerbevvesens gestanden hat. 
Der deutsche Wirtschaftshistoriker hebt einige Ähnlich- 
keiten in der späteren römischen und in der byzanti- 
nischen Zunftverfassung aus dem IX. Jahrhundert 
hervor und zwar: die Bestätigung der gewählten 
Zunftvorsteher durch die Regierung; die Zuständigkeit 
der Entscheidung kleinerer Streitfälle durch den Zunft- 
vorstand und die Überweisung größerer an die Staats- 
behörde; die Regelung des Ankaufs von Rohstoffen; 
die Forderung eines Leumundzeugnisses bei der Auf- 
nahme in die Zunft, das an das Zeugnis der honorabili- 
tas, durch Bürgen, in Byzanz erinnert. Verordnungen, 
wie das Verbot, Arbeiter durch Angebot eines höheren 
Lohnes auszumieten, sind zwar in Rom, wie in Byzanz 
üblich 1 ); allein diese, so auch die oben angeführten, 
kommen in der Regel, wie wir im folgenden zeigen 
werden, auch bei den mittelalterlichen Zünften vor. 

So sind wir denn vom X. Jahrhundert ab im 
Besitze einer Reihe von Zeugnissen, die für Rom das 
ununterbrochene Fortbestehen von Genossenschaften 
innerhalb der die Landwirtschaft betreibenden Per- 
sonen, so der Gärtner, bekunden. Offen bleibt nun 
die Frage, wer die römischen Vorgänger dieser Ge- 
nossenschaften gewesen sind, vielleicht dieselben cul- 
tores Tsidis, auf die eine in Ostia gefundene Inschrift 
hinweist und die höchstwahrscheinlich Landwirtschaft 
getrieben haben 2 ). 

Von weit späterem Ursprung sind die auf uns 
gekommenen Zeugnisse über die Zünfte Venedigs, das, 
wie bekannt, längere Zeit im engen Verkehr mit By- 



1 ) Hartmann, zur Gesch. der Zünfte im frühen M. A. 
S. 124-129. 

2 ) Liebenam, zur Gesch. und Organ, des Rom. Vereins- 
wesens. S. 135. 



Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung der Gewerbes. 13 

zanz gestanden hat. Was aber den Zunftstatuten von 
Venedig, deren älteste nicht über das Jahr 1219 zurück- 
gehen, besonderen Wert verleiht, besteht darin, daß 
aus ihnen Gebräuche zu erkennen sind, die den 
Satzungen der Handwerker von Konstantinopel ähnlich 
sind. Es genügt hervorzuheben, daß die Zünfte der 
Republik des St. Marcus unmittelbar den Richtern 
der späteren sog. Giustizia Vecchia unterstellt waren, 
die nicht selten Befehle ergehen ließen, die ordinamus 
et statuimus lauteten; daß ferner die Zunftstatuten 
Bestimmungen über Warenpreise enthielten, deren 
Höhe ebenfalls von den genannten Richtern fest- 
gesetzt wurde ! ). 

Noch weniger Anhalte besitzen wir hinsichtlich 
der Aufeinanderfolge römischer und mittelalterlicher 
Zunfteinrichtungen in denjenigen Ländern, die einen 
dauernden Einfluß von der zu Byzanz fortbestandenen 
antiken Kultur nicht erfahren haben; so in Frank- 
reich. Trotzdem wurde auch hier der Versuch gewagt, 
nach dem römischen Ursprung dieser und jener im 
Mittelalter zur Blüte gelangten Zünfte zu forschen. 
In seinem bekannten Werke über das Gewerbe und 
die gewerblichen Klassen in Frankreich führt Fagniez 
den Nachweis, daß die sog. mercatores aquae oder 
„marchands de l'eau de Paris", die bereits 1121, unter 
Ludwig VI., erwähnt werden, zu ihrem Vorbild die 
in der alten Lutetia bestandene Zunft nautae gehabt 
haben. Fagniez geht hierbei von der Erwägung aus, 
daß diese nautae, ähnlich den späteren marchands de 



l ) So heißt es im capitulare de sartoribus 1219, wie folgt: 
Item ordinatum est per domin os iusticiarios quod de roba 
hominis selecta, videlicet gonella, varnachia et pellis, tollantur 
solidi XII, ita quod de gonella et varnachia solidi VII. Capi- 
tulari delle Arti Veneziani, hrsg. von Giovanni Monticolo, 
Bd. I, S. 14, ebenso das Vorwort des Hrsg. S. XIII u. XVI. 



14 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

l'eau. auf Flössen Waren auf der Seine befördert 
hatten 1 ). 

Dies ist anscheinend aber auch alles, wodurch 
eine Abstammung der mittelalterlichen von den 
römischen Zünften nachgewiesen werden kann. Die 
Tatsache, daß in den Statuten des X1IL und XIV. 
Jahrhunderts der römische Name Konsul zur Bezeich- 
nung des gewählten Zunftvorstehers gebraucht wird, 
beweist allein noch nicht ihren Ursprung aus der Zeit 
des Kaiserreichs. 

Gibt man den Namen eine so ausschlaggebende 
Bedeutung, wie es Fustel de Coulanges tut, ohne zu 
berücksichtigen, daß unter einem und demselben 
Namen zu verschiedenen Zeiten von einander stark 
abweichende Einrichtungen vorkommen, so müßte 
man folgerichtig den italienischen artes gleichzeitig 
römische und langobardische Herkunft zuschreiben. 
Gebrauchen denn nicht in der Tat viele von diesen 
den Namen gastald zur Bezeichnung der gewählten 
Obrigkeit, die in den Statuten aus derselben Zeit, ja 
nicht selten derselben Stadt den Namen Konsul führt? 
Ist doch gastald langobardischen Ursprungs, worunter 
der private Verwalter verstanden wird, der vom 

l ) Fagniez, De l'industrie et des classes industrielles en 
France, Kap. I. Über die Gebräuche dieser mercatores aquae 
sagt Ludwig der Dicke im Jahre 1170: Consuetudines tales sunt ab 
antiquo. Martin-Saint Leon Histoire des corporations de metiers. 
S. 51. Dieser Schriftsteller sucht den Zusammenhang zwischen 
römischen und französischen Zunftverhältnissen auch bei den 
Metzgern von Paris festzustellen. II semble, schreibt er, que 
la corporation des bouchers de Paris tire son origine des insti- 
tutions corporatives qui regissaient cette profession dans la 
Gaule romaine. En effet la transmission hereditaire des etaux 
de bouchers, que Ion trouve etablie comme un ancien usage 
des le XII. siecle, parait avoir pour origine l'ancienne legislation 
romaine qui assujettissait les artisans ä la condition de leur 
pere (ibid. S. 51). 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 15 

König an die Spitze dieser oder jener Domäne gestellt 
und der nach und nach politische Befugnisse über 
ganze Bezirke und Provinzen erlangt hat. Die in 
der Praxis der Stadt- und Zunftverwaltung gemeinhin 
zur Anwendung gelangte römische Namengebung 
bezeugt nur eines, daß die römischen Verwaltungs- 
überlieferungen sogar in derjenigen Zeit lebendig 
gewesen sind, die der Erneuerung der Justinianeischen 
Rechtslehre vorausgegangen war, der die Schulen der 
Glossatoren zu Pisa, Bologna und Padua den Weg 
gebahnt haben. 

§ 2. 
Schon die geringe Zahl der Zeugnisse, die als 
Beweis für das ununterbrochene Fortbestehen genossen- 
schaftlicher Verfassung bei dem städtischen Handwerk 
dienen können, deutet indirekt darauf hin, daß mit 
dem Erscheinen der Barbaren der Mittelpunkt des 
gewerblichen Lebens sich verschoben hat. Das Hand- 
werk gewinnt nunmehr für ganze Jahrhunderte einen 
grundherrliehen Charakter; seinen Mittelpunkt bildet 
der Fronhof und das Hauptwerkzeug sind die unfreien 
Arbeiter, die die sog. familia, d.h. die ausgedehnte Haus- 
wirtschaft des Grundherrn ausmachen. Zu seinem Rück- 
halt hat dieses grundherrliche Gewerbe, die unteilbaren 
Bauernhöfe, condomae, domus cultae, mansi, wo die 
glebae adscriptiund dieKolonen, später mansionarii oder 
manentes, mit anderen Worten wo die grundhörige 
Bauernschaft hauste. In den Städten, wo einzelne Viertel, 
von der Zitadelle, civitas, bis zu den Vororten, burgi, sub- 
burgi, in selbständige Grundherrschaften umgewandelt 
werden, nimmt die gewerbliche Tätigkeit die gleiche 
Form an. Der Eigentümer des castrum oder burgum 
im Umkreise der städtischen Siedelung errichtet eigene 
Gewerbebetriebe, wie Mühlen, Bäckereien, Schmieden, 
Tischlereien, Webstühle u. s. f. 



16 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Allein die freien Bewohner, die hier in größerer 
Anzahl ansässig waren, alsinderDorfsiedelung, erheben 
schon frühzeitig Widerspruch gegen die Sonderrechte 
der grundherrlichen Produktion mit ihrer sie kenn- 
zeichnenden unfreien Arbeit. Dies kommt dadurch 
zum Ausdruck, daß die freien Arbeiter eines und 
desselben Handwerks- oder Handelszweiges sich gegen 
die Konkurrenz der unfreien Arbeit durch Verbot der 
Aufnahme der Leibeigenen und Knechte in ihre Mitte 
wehren. 

Das ist in allgemeinen Zügen der Entwicklungs- 
gang der gewerblichen Produktion in dem langen 
Zeitabschnitt, der die Vollblüte der Gilden und Zünfte 
von der Zeit der germanischen Wanderungen und der 
Bildung der ersten barbarischen Königreiche trennt. 
Betrachten wir nun im Besonderen die einzelnen 
Seiten dieser Entwicklung. Verweilen wir zunächst 
bei der Frage über die Enstehung des grundherrlichen 
Gewerbes. Welcher Art sind die Zeugnisse, die das 
Bestehen einer Gewerbeverfassung innerhalb des länd- 
lichen und wirtschaftlichen Bezirkes, wie ihn der 
fundus oder villa, massa darstellen, bekunden? Die 
Chroniken, wenn sie auch äußerst spärliche Zeugnisse 
aus dem alltäglichen Leben darstellen, haben nichts desto 
weniger einige beachtenswerte Schilderungen des Vor- 
gehens bewahrt, das vornehmlich von den geistlichen 
Besitzern, insonderheit von den Klöstern, bei der 
Gründung neuer Herrensitze befolgt wurde. 

Im Jahre 1114 legte Bernhard von Clairvaux in 
einem Wald den Grundstein zu einem Kloster, das 
später den Namen Abtei von Tyron führte. Ordericus 
Vitalis teilt diese Begebenheit mit und sagt, daß 
Bernhard verordnet habe, daß jeder das ihm ver- 
traute Handwerk ausüben solle. Von allen Seiten strömten 
Schmiede, Zimmerleute, Perlenarbeiter, Bildhauer, 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 17 

Goldschmiede, Maler und Zementierer herbei. Alle 
hat er im Kloster so gut unterzubringen vermocht, 
„daß es in Tyron nicht wenig geschickte Hand- 
werker gab 1 )." 

Das eben vorgeführte Beispiel bezieht sich auf 
das Ende des uns beschäftigenden Zeitabschnitts. Aus 
der Mitte des letzteren aber stammt eine Urkunde 
über eine ganz ähnliche Zusammenfassung einiger 
Gewerbszweige in der Nähe der curtis dominica, 
desjenigen Herrenhofes, der der Mittelpunkt für einzelne 
massae oder villae gewesen ist. Im Jahre 831 stellte der 
Abt Gerik auf Befehl Ludwigs des Frommen ein 
Bestandverzeichnis der Besitztümer des Klosters St. 
Ricquier zusammen. Aus diesem Verzeichnis erfahren 
wir, daß in einzelnen Straßen und Vierteln der Siedelung 
im Umkreis des Klosters Schmiede, Satttier, Waffen- 
schmiede, Bäcker, Gerber, Weber, Kürschner, Tuchwalker 
und Kaufleute sich niedergelassen hatten. Diese ge- 
hörten sämtlich dem unfreien Stande an und hatten 
die Verpflichtung, für das Kloster umsonst zu arbeiten 
unter Befreiung von den landwirtschaftlichen Diensten 2 ). 
Diese in der ersten Zeit mehr oder weniger der Höhe 
und Dauer nach unbestimmten handwerklichen Lei- 
stungen erlangen mit der Zeit durch die Ortssitte, die 
nicht selten der schriftlichen Eintragung unterworfen war, 
eine Bestimmung nach Zahl und Beschaffenheit. So 
sind schon in den ältesten Statuten von Straßburg, in denen 
der Bischof noch in seiner Eigenschaft als Grundbesitzer 
und Gutsherr auftritt, die Dienstbarkeiten der Kürschner, 
Sattler, Schneider, Zimmerleute, Schmiede, Bäcker 
und Schlächter, genau bemessen. Für die letzteren 
hat die allgemeine Pflicht, fünf Mal im Jahre für den 

!) Ordericus Vitalis, Bd. III, S. 448. Angeführt von Flach in 
„Origines de Fanc. France", Bd. II, S. 319. 
2 ) ibid., S. 320. 
Kowalewsky, Ökonomische Entwickelung Europas V. 2 



18 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Senior, zu arbeiten, eine Änderung erfahren; so müssen 
z. ß. die Kürschner 12 Personen stark, nach Bedarf und 
auf Kosten des Bischofs Pelze verfertigen, quantum 
episcopus habuerit necesse, wofür sie von der fünf- 
tägigen Fronarbeit völlig befreit sind Die Abgaben 
der Kürschner bleiben mehr oder weniger unbestimmt, 
was bei den Sattlern nicht mehr der Fall ist. An 
Stelle der fünftägigen Dienste haben diese jährlich 
nicht mehr als zwei Sättel für den Hof zu liefern l ). 

Sehr oft, insbesondere gegen Ende des uns hier 
angehenden Zeitabschnitts, werden die Frondienste 
der Handwerker durch Naturalabgaben ersetzt. Ein 
solches Beispiel finden wir in der zweiten Hälfte 
des XI. Jahrhunderts auf den Besitzungen der Abtei 
von ßedon in der Bretagne. Wie aus den ältesten 
Urkunden zu ersehen ist, sind die Gerber, Tuchweber 
und Sattler gehalten, gegen ihre Befreiung von früheren 
Diensten jährlich Abgaben an Erzeugnissen ihres Hand- 
werks, teilweise auch in Geld, zu leisten. Auf Weihnachten 
und Ostern liefern einige einen Talar, die anderen die 
ausbedungene Anzahl Stiefel, die dritten je einen 
Sattel; gänzlich wird der handwerkliche Frondienst 
nicht aufgehoben. In der Urkunde ist ein Vorbehalt 
gemacht: wenn ein. Mangel an gewissen Produkten 
sich herausstellt, müssen auf Befehl des Abts die un- 
freien Arbeiter, die das entsprechende Gewerbe betreiben, 
das Gewünschte herstellen 2 ). 

Die Vereinigung gewerblicher Tätigkeit auf den 
Fronhöfen ist eine allgemeine Erscheinung. Sie ist 
über ganz Westeuropa verbreitet. Ein Beweis dafür 
insonderheit für Deutschland findet sich in den Urkunden 



*) ibid., S. 321. 

2 ) Si forte opus in monasterio fuerit et abbas iusserit, 
operentur ea, quae sibi iniuncta fuerint a fratribus. Cartul. de 
Redon, S. 383—84. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 19 

der Klöster, namentlich in denen, die von der Gründung 
des St.-Gallener Klosters zu Anfang des IX. Jahr- 
hunderts handeln. Dieses Dokument ist von besonderem 
Interesse, da es von der bedeutsamen gewerblichen 
Arbeitsteilung innerhalb der Fronhöfe zeugt. 

So sind tatsächlich besondere Räume nicht nur 
für die Bäcker , Müller und Bierbrauer, diese gewöhnlichen 
Vertreter grundherrlicher Betriebe, sondern auch für 
die Schuhmacher, Schneider, Glaserund Waffenschmiede 
bestimmt, wobei noch bei den letzteren die Verfertiger 
von Schwertern von denen der Schilde unterschieden 
werden 1 ). 

Im zweiten Bande seiner Deutschen Wirtschafts- 
geschichte widmet Inama-Sternegg ein besonderes 
Kapitel der Schilderung des Loses des Gewerbes 
zur Zeit seines engen Verbundenseins mit Fronhof 
oder Gutsherrschaft. Aus seiner Untersuchung ist zu 
ersehen, daß die Grundeigentümer außer den ge- 
wöhnlichen Anlagen zur Ausbeutung ihrer wirtschaft- 
lichen Sonderrechte oder Banalitäten, zu denen im 
Mittelalter nicht nur in Deutschland das Mahlen, 
Brotbacken, Brauen und in den Weinländern auch 
die Weinlese gehörten, überall auf die Anlage von 
Kellern, Töpfereien, Ziegeleien und Vorrichtungen 
für das Teerbrennen bedacht gewesen sind; auf ihren 
Landgütern gab es nicht nur Schmiede und Gerber, 
sondern auch Spezialisten in der Herstellung von 
Holzgeschirr und im Gerben von Schaffellen 2 ). 

Mehrere Forscher führen als Beweis für die 
Mannigfaltigkeit der Betriebe auf den Fronhöfen die 
Urkunde des Klosters Weihenstephan bei Freising 



*) Ars, Geschichte von St. Gallen, von Sommerlad in seiner 
Abhandlung über die wirtschaftliche Tätigkeit der MA. Kirche 
in Deutschland angeführt. Jahrb. f. NatÖkon. 1894, H. 5, S. 670. 

2 ) Deutsche Wirtschaftsgeschichte, Bd. II, S. 290—306. 

2* 



20 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

aus dem Jahre 1146 an. Darin sind in der Tat nicht 
nur der Brauer, der Schenkwirt, der Fleischer und 
Schmied, sondern auch Weber, Schuh- und Hutmacher, 
Böttcher, Kleinhändler, Maler und Bäcker genannt 1 ). 
Leider wird die Echtheit dieser Handschrift an- 
gezweifelt 2 ). Diese, wie auch die Mehrzahl der Urkunden, 
die Maurer zum Nachweis der großen Verbreitung 
der gewerblichen und Handelstätigkeit innerhalb der 
Fronhöfe anführt, stammen aus der Zeit nach der Ent- 
stehung der Stadtgemeinden und Zünfte, und dieser 
Umstand allein verringert schon ihre Beweiskraft 
dafür, daß die Zünfte zum Vorbild die genossen- 
schaftliche Gliederung einiger Gewerbs- und Verkehrs- 
zweige des Fronhofs genommen hätten 3 ). In diesen 
ältesten Urkunden erscheinen die Arbeiter, die innerhalb 
des Fronhofs angesiedelt waren, nicht immer als Hörige, 
was aber erklärlich ist, wenn man an die gemischte 
Zusammensetzung der Einwohner denkt, die. wie 
wir in den früheren Bänden dieses Werks gezeigt 
haben, das Kennzeichen des mittelalterlichen Fronhofs 



! ) Diese Urkunde zitiert Bücher im 3. Bde. des HWB. der 
Staatswiss., S. 422, 959, ebenso Lamprecht in seiner deutschen 
Geschichte, Bd. III, S. 185. 

2 ) Abhandlungen der Bayer. Akad. Histor. Klasse, Bd. XIV. 
2. Abt. Abhandlung des Grafen F. H. Hundt, München 1878. 
Zum ersten Male wird diese Urkunde im Jahre 1290 genannt, 
und es ist anzunehmen, daß den Anlaß zu ihrer Abfassung der 
in diesem Jahre zwischen den Bürgern und der Abtei aus- 
gebrochene Streit gegeben hat; der in der Urkunde erwähnte 
Streit über das Recht des Klosters, eine Schenke und Bier- 
brauerei zu führen, wird zu Gunsten des Klosters entschieden. 

3 ) Diese Theorie hat am ausgesprochensten Nitzsch 
in seinem bekannten Werk über Ministerialität und Bürgertum, 
sodann in seiner deutschen Geschichte vertreten. Gegen diese 
ist die Schrift Belows, die Entstehung des Handwerks in 
Deutschland, Zeitschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 
gerichtet. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 21 

gewesen ist. So ist z. B. in der Chronik, die von der 
Entstehung der Abtei Murren handelt, ausdrücklich 
gesagt: vicus iste pene omnis in principio liberorum 
hominum fuit, ex quorum etiam progenie adhuc quidam 
supersunt. Es ist daher wohl anzunehmen, daß auch 
die multarum artium periti homines, die gleichfalls in 
dieser Chronik aufgeführt werden, zu den Freien oder 
zu denen, die unlängst ihre Freiheit eingebüßt, gehört 
haben. Man kann deshalb nicht sagen, daß sämtliche 
Handwerker, die in den Vertragsurkunden der Abtei 
Emmeram bei Regensburg aufgezählt sind, grundhörige 
gewesen sind; die Hörigkeit ist jedesmal durch das 
Fürwort unser „noster" bezeichnet, allein dieser Zusatz 
ist nicht überall vorhanden x ). Wenn wir nun von 
diesen ältesten zu den neueren Urkunden übergehen, 
so können wir feststellen, daß auf dem Fronhof die 
Handwerker nicht einzeln, sondern gruppenweise vor- 
kommen; damit nicht genug, haben einige von diesen 
keine weitere Verpflichtung dem Grundherrn gegenüber, 
als die Entrichtung des «Zinses, und dieses Verhältnis 
allein zeugt schon von ihrer mehr oder weniger 
zuvor besessenen persönlichen Freiheit 2 ); andere hin- 
gegen, die Leibeigene sind, müssen einen bestimmten 
landwirtschaftlichen Dienst leisten, z. B. das ge- 
erntete Heu dem Herrenhof zuführen 3 ). 

!) Below, S. 131—135. 

2 ) Zu dieser Annahme führt uns ein Aktenstück aus dem 
Jahre 1122, nach welchem freie Personen sich in Abhängigkeit 
des Klosters Saint- Vaast bei Arras begeben und in die Zahlung 
eines Zinses einwilligen, um auf diese Weise den Fronabgaben 
zu entgehen, theloneum,quo censu omnes liberi sunt de theloneo. 
Cartulaire de Tabbaye de Saint-Vaast, S. 170. Below führt auch 
eine Urkunde des Klosters S. Maria in Aachen aus dem Jahre 
1108 an, nach der libera mulier einverstanden ist definitum 
censum zu zahlen. Below, S. 139. 

3 ) Carpentarius messem dominicam in horreum deducit. 
ibid., S. 137. 



22 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Below erwähnt sehr glücklich eine Analogie mit 
den Verhältnissen Rußlands vor der Bauernbefreiung, 
um darzutun: daß auf dem Fronhof gewöhnlich je ein 
oder doch nur wenige Vertreter eines Gewerbzweiges 
vorhanden gewesen sind; daß die Grundherren die 
ihnen mangelnden Erzeugnisse des einzelnen Gewerbes 
auf den Märkten und Messen zu kaufen pflegten; daß 
einzelne Handwerker der Grundherrschaft nicht nur für 
den Eigentümer allein, sondern auch für äußere Kunden 
gearbeitet haben, wie es auch die russischen Leibeigenen, 
die eine jährliche Zinszahlung dem Grundherrn zu leisten 
hatten, zu tun pflegten; daß aber auch dies noch kein Recht 
gibt, von Genossenschaften unfreier Arbeit zu sprechen, 
die den späteren städtischen Zünften ähnlich gewesen 
wären. Das meiste, was sich an der Hand der Urkunden, 
die auf das Vorhandensein auf den Fronhöfen des 
XI., XII. und XIII. Jahrhunderts von Personen mit 
der Bezeichnung magister textorum oder domus tex- 
tinae magister oder auch magister carpentarioruin vel 
latomorum usw. hinweisen, sagen läßt, ist dies, daß die 
Arbeiter des gleichen Handwerks untereinander im 
Verhältnis von Meister zu Lehrling oder vom Verbands- 
ältesten zu Mitgliedern gestanden haben. Gestützt 
auf eine Reihe von Urkunden kommt Below zum 
Ergebnis, daß auf wenigen Fronhöfen die Zahl der 
Personen, die ein und dasselbe Handwerk ausübten, 
4 oder 5 überstiegen hat 1 ). Gewebte Stoffe und Metall- 
erzeugnisse erlangten auch die Fronhöfe zum Teil 
aus solchen Mittelpunkten, wie Mainz, das schon im 
XI. Jahrhundert durch seine Wollspinnereien berühmt 
war. Köln und Regensburg, nicht weniger bekannt 
durch ihre Gewebe, Guy und Dinant, die durch ihre 
Kupferarbeiten ebenso berühmt waren, wie Köln durch 
seine Waffen 2 ). 

i) ibid., S. 145. 
2 ) ibid., S. 148. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 23 

Nicht vor der zweiten Hälfte des Mittelalters wird 
der Fronhof zum Mittelpunkt des Großbetriebs, der 
mit den Bedürfnissen des Marktes rechnet. Dieser 
Übergang macht sich besonders im Wollengewerbe 
bemerkbar, in dem die Klöster vermutlich unter Mit- 
wirkung des gewerblichen Hausfleißes der hörigen 
Bauernschaft erfolgreich mit den städtischen Produzenten 
zu wetteifern beginnen 1 ). 

Ein. in England aus der Sachsenzeit uns über- 
kommener Traktat über die Pflichten des Gerefa 
oder Verwalters bekundet das Vorhandensein nicht 
nur von Müllern und Schmieden, sondern auch von 
einigen anderen Handwerkern, wie Zimmerleute, Gerber 
und Zinngießer, auf dem Gute. 

Ein anderes Denkmal aus der angelsächsischen 
Literatur, das Gespräch Aelfrics, fügt diesem Verzeichnis 
auch Tischler, Schlosser und Salzsieder hinzu. In den 
ältesten Klosterurkunden, insbesondere in dem Cartular 
der Abtei Burton, trifft man nicht selten unter den Villa- 
nen, einen Eisenschmied (faber), einen Goldschmied (au- 
rifaber), einen Müller (molendinarius), einen Koch 
(cocus), einen Bäcker (pistor), einen Zimmermann 
(carpentarius). Diese Handwerker werden weder zu 
landwirtschaftlichen-, noch zu Frondiensten, noch zu 
den gemeinsamen Hilfeleistungen herangezogen, sie 
sind vielmehr verpflichtet, außer zur Zahlung einer 
Geldrente, zur Anfertigung alles dessen, was ihnen 
herzustellen vom Grundherrn aufgetragen wird. Die 
erforderlichen Werkzeuge werden ihnen nach Zeugnis 
des oben erwähnten Traktats vom Grundeigentümer 
geliefert 2 ). 



v ) Kriegk, Frankfurts Bürgerzwiste und Zustände im MA., 
S. 107, und Below, 8. 162 u. 163. 

2 ) Andrews. The old English manor. S. 236—239. 



24 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Auch in Italien gehören die Handwerker zu den 
grundherrlichen Verbänden, und dem Gutsbesitzer steht 
das Mansfrol für Müllerei und Brotbäckerei zu. 
Wiederholt handeln die Urkunden von der Anlage 
grundherrlicher Mühlen, von deren lebenslänglicher 
und erblicher Verpachtung an Bauern gegen unent- 
geltliches Mahlen des herrschaftlichen Getreides und 
Leistung einer gewissen Natural- und Geldrente. 
Neapolitanische Urkunden aus dem X. Jahrhundert 
berichten von grundherrlichen Bäckereien, die sämt- 
lichen Einwohnern des fundus zur Verfügung stehen, 
furnum commune cum aliis hominibus in fundo 1 ). Zu 
den Wirtschaftsgebäuden, die die Kolonen zu errichten 
gehalten sind, zählen die Urkunden Süd-Italiens auch 
besondere Weinkeller (organeae) 2 ). In diese Keller 
müssen die Halbscheidpächter den auf den Grundherrn 
entfallenden Teil des Weines liefern. Die Ausdrücke, 
die die Urkunden auf die grundherrlichen Handwerker 
anwenden, lassen annehmen, daß nicht alle Hand- 
werker freie Arbeiter gewesen sind ; so finden wir 
z. B. in einem Tauschvertrage aus dem Jahre 761 
unter den Aldionen einen Arnold, Sohn des Gervasius, 
Goldschmied von Beruf (aurifex) 3 ). In einer anderen 
Urkunde wird ein Arifusus aurifex erwähnt, wohnhaft 
in fundo et vico Noniano auf Tessiner Gebiet (terri- 
torio Ticinensis civitatis). In den Reihen der Land- 
pächter trifft man mehr als ein Mal Schuhmacher 
(calzolarii) und Fischer (piscatores), bald als grund- 
hörige, bald als Kolonen mit dem Rechte freien Abzugs. 
Im Herzogtum Benevent finden sich ganze condominae 



Regesta Neapolit. Bd. II, Tl. 1, Nr. 292. Siehe auch 
Regesta Frederici II. in der Beilage zu den Constitutiones 
Siciliae. 

2 ) Monumenta historiae patriae, Bd. I, Chartae 25. 

3 ) Cod. Cavens. Bd. I, Nr. 123, Jahr 907, 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 25 

oder Fainiliengemeinden von Fischern, die samt den 
Grundstücken und dem vom Grundherrn erhaltenen 
Vermögen (peculium) von Hand zu Hand als Schenkung 
oder Kauf überwiesen werden 1 ). 

Und so ergibt sich denn, daß die gewerbliche 
Tätigkeit in Nord-Italien, wie aus den langobardischen 
Urkunden hervorgeht, sowohl in den Händen der 
servi ministeriales, die Ausbildung und Verpflegung 
am Herrenhof erhalten 2 ), wie auch in denen der Aldionen 
und freien Personen vereinigt gewesen ist 3 ). Troya 
weist auf das regelmäßige Vorhandensein folgender 
Vertreter des Handwerks auf den langobardischen Fron- 
höfen hin: Bäcker, Köche, Schmiede, Schuhmacher, 
Zimmerleute, Gärtner 4 ). Einzelne Bauern leisteten ihren 
Zins in Hand Werkserzeugnissen, so z. B. lieferten zwei 
Kolonen der Abtei Nonentola jährlich zwei Sensen und 
ein dritter vier Pflüge. Die Bauern des Gutes Calusko 5 ) 
im Kreise Lucca lieferten Küchengeschirr und Ketten 
(catenas ad ignem), letztere wahrscheinlich zum Auf- 
hängen des Kessels über dem Herde 5 ). Aus den Stellen 
des Edictum Eothari, die von den sog. magistri comacini 
handeln, geht deutlich hervor, erstens daß Arbeiter vor- 
handen waren, die in Lohn gestanden haben, insonderheit 
Maurer aus Commacchio; zweitens, daß schon zu lango- 



r ) Troya. II Codice diplom. langobardo, Bd. IV, Tl. 4, 
Nr. 568, Jahr 744. 

2 ) Edictum Rothari 76 ministeriales . . . qui domi . . . nutriti 
aut probati sunt. Roth. 13, servum ministerialem probatum aut 
doctum. 

:; ) Diese sind im Edictum Rothari, 144, 145 und 152, 
ebenso wie in den Gesetzen Liutprands Tit. 18 angeführt. 

4 ) Troya, Cod. Langobard. Urk. Nr. 765 aus dem Jahre 
761, Bd. V, S. 127 und in Farfas Regesten, Urk. Nr. 1280, vergl. 
Solmi, S. 44. 

5 ) Calisse, II lavoro, 8. 22, Nr. 76, 77. und Solmi, S. 44, 
Anm. 1, 



26 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

bardischer Zeit ein Unterschied zwischen Meister und Ge- 
selle, magistri und pueri, discipuli, iuniores, bestanden hat ; 
mitunter erhält der Meister gemeinschaftlich vom 
ganzen Verbände seinen Lohn, dessen Mitglieder in 
den Urkunden den Namen collegantes oder consortes 
führen, und endlich drittens spricht das Memorandum, 
betreffend die Löhne der Arbeiter aus Commacchio, 
von einer Entlohnung, die sich nach der Art 
der Arbeit richtet 1 ). Unter den freien Arbeitern 
finden sich außer den Maurern noch Goldschmiede, 
Schlosser, Münzgießer, Ofensetzer u. s. f. 2 ). Einzelne 
sehr alte Städte, die noch zur Zeit der Lango- 
barden Königsgut, curtis regia, waren, waren für die 
Ablösung der Frondienste mit Zinsen belastet, die sie 
in Erzeugnissen ihres Handwerks leisteten. In dieser 
Lage befand sich z. B. Piacenza, das dem König 
Liutprand pensionem de sapone darbrachte 3 ). Wie 
Inama-Sternegg richtig bemerkt, sind einige Gewerb- 
zweige, die auf dem Fronhof hätten vertreten sein 
sollen, in Wirklichkeit kein einziges Mal in den 
Urkunden des X., XI. und XII. Jahrhunderts 
erwähnt. Dies kann man insonderheit hinsichtlich der 
Spinner und Weber feststellen. Der Grund aber dafür 
ist selbstverständlich kein anderer, als der, daß diese 
Arbeiten dem gewerblichen Hausfleiße angehörten 
und von den Bäuerinnen der einzelnen Höfe ausgeübt 
wurden. Diese Vermutung findet ihre Bestätigung 
darin, daß unter den pflichtigen Gefällen, die 
die Kolonen bei der Erneuerung der Pachtverträge 
dem Eigentümer zu entrichten hatten, mehrmals die 



*) Artikel 1-8, S. 59—61. 

2 ) Solmi, S. 46-8. 

3 ) Dies ist in einer Urk. aus dem Jahre 744 erwähnt, in 
der König Hildebrand die von Liutprand der Kirche d. hl. An- 
tonius gemachte Schenkung bezeugt. Solmi, S. 62. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 27 

Lieferung dieses oder jenes Kleidungsstückes, wie 
Hemd, Strumpf, Oberkleid, Mantel u. s. f., erwähnt 
wird. So verlangt z. B. die Kirche und das Kloster 
des hl. Ambrosius in Mailand von den Kolonen bei 
der Verpachtung der Grundstücke nach Ablauf von 
29 Jahren unter dem Namen launegild ein Hemd, ein 
Paar Hosen im Preise von 1 Solidus und ein Oberkleid 
im Werte von 2 k Sol. 1 ). Schmoller betont, daß derartige 
Darreichungen in Form von leinenen oder wollenen 
Erzeugnissen auch von einzelnen germanischen Grund- 
herren, insonderheit von denen am unteren Rhein 
ausbedungen wurden 2 ). 

Derselbe Wirtschaftshistoriker macht darauf auf- 
merksam, daß zur Zeit der Aufzeichnung der Barba- 
renrechte die Weber kein einziges Mal erwähnt werden; 
allein die Frau als Weberin (foemina fresum faciens) 
erfreut sich einer besonderen Aufmerksamkeit: zu 
ihren Gunsten setzt die Lex Frisionum ein besonderes 
Wergeid fest, das sie mit dem Goldschmied gleich- 
stellte 3 ). 

Wie aus dem Kapitular de villis zu ersehen ist, 
hat sich noch zur Zeit Karls des Großen hie und da, 
insonderheit auf den königlichen Domänen, das römische 
System der Errichtung besonderer Gebäude für Skla- 



r ) Die Urkunde gebraucht verschiedene Ausdrücke, wie 
xemplare, witta. Der Herausgeber Fumagalli erklärt diese 
Ausdrücke durch die Worte veste oder besser corto pallio. 
Vergl. Cod. Diplom. Ambrosianus, Urk. aus dem Jahre 781 und 
792, Nr. 16 und 21, S. 67 und 90. 

2 ) Schmoller, Die Straßburger Tucher- und Weberzunft, 
S. 358. Den hörigen Frauen auf den Ländereien der Abtei des 
hl. Albanus bei Mainz lag noch in der Mitte des XII. Jahr- 
hunderts die Verpflichtung ob, den Flachs zu waschen, zu 
spinnen und Hemden aus ihm herzustellen (mulieres faciunt 
camisoles . . . lavant et preparant lina, S. 360). 

3 ) ibid. S, 360. 



28 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

vinnen auf den Landgütern behauptet, in denen die 
letzteren dem Spinnen oblagen. Das sind die sog. 
„genecia 1 )." Nach dem erwähnten Kapitular verrichteten 
20 — 30 Sklavinnen täglich diese Arbeit. Inama- 
Sternegg hebt hervor, daß die Quellen des X., 
XL und XII. Jahrhunderts keinerlei Hinweis auf der- 
artige genecia oder Arbeitshäuser für Spinnerinnen 
enthalten, offenbar aus dem Grunde, weil diese Art 
Arbeit, die sich am besten mit der Hausarbeit der 
Frau vereint, auf den Bauernhöfen vertreten gewesen 
ist und nach wie vor ausschließlich in den Händen 
der Frau lag. Lediglich das Walken des Tuches war 
den Männern vorbehalten und zwar wurde es entweder 
auf primitive Weise durch einfaches Stampfen mit den 
Füßen oder in den herrschaftlichen Mühlen, die gleich- 
zeitig als Walkmühlen dienten, verrichtet 2 ). Auch 
das Fehlen jeglicher Zeugnisse in England, für das 
Vorkommen einer Weberzunft vor Anfang des XII. 
Jahrhunderts 3 ) läßt Prof. Ashley annehmen, daß das 
Spinnen und Weben hier, ebenso wie auf dem Kontinent, 
zur Hausindustrie gehört hat 4 ). 

Je weiter wir uns von der Zeit der ursprünglichen 
Entstehung ausgedehnter Grundherrschaften entfernen, 
und je mehr der wirkliche Grundbesitz und die Boden- 
nutznießung in denHänden zweiter und dritter Vassallen 
zerstückelt und die Fläche, die dem Eigentümer übrig 
bleibt und die er mittelst seiner Knechte und Leib- 



r ) Solche „Mägdestuben" werden in dem Capitular „genecia" 
genannt. Im Kap. 43 heißt es: ad genecia nostra si aut insti- 
tutum est opera ad tempus dare faciant, id est linum, lanam, etc. 

2 ) Deutsche Wirtschaftsgeschichte, Bd. II, S. 304, Schmoller, 
S. 359. 

3 ) Im Doomesdaybook sind die Weber nicht erwähnt, 
ebensowenig in dem Gespräch Aelfrics. 

4 ) The Early history of the English Woollen Industry. S. 15. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 29 

eigenen bestellt, kleiner wird, umso häufiger vollzieht 
sich die Verschiebung des Gewerbes vom Zentrum 
nach der Peripherie, vom Herrenhof nach den Bauern- 
höfen. Mühlen und Bäckereien gehen lebenslänglich 
und erblich in die Hände der Pächter über; das Bier- 
brauen, das innerhalb der königlichen curtis nicht 
gänzlich aufhört, vereinigt sich nunmehr in einem 
Umfang, der dem Bedarf der Bauernwirtschaften 
entspricht, in den Händen der Meier oder der von 
der Gerichtsherrschaft gewählten Bierbrauer, deren 
Amt nicht selten auch von Frauen ausgeübt wird. 
Ein anschauliches Bild dieser Verhältnisse bieten uns 
die Renteiverzeichnisse der englischen Grundherr- 
schaften des XII. und XIII. Jahrhunderts, wie auch 
die Protokolle derjenigen „leta" oder court leets, vor 
denen die Bäcker und Bierbrauer der Grundherrschaft 
wegen schlechter Ware oder willkürlicher Preisstellung 
Rede stehen mußten. Wenn auch die Hofverwaltung 
vom früheren System herrschaftlichen Eigenbetriebes zur 
Deckung des bäuerlichen Bedarfs Abstand genommen 
hat, so hat sie sich doch das Recht vorbehalten, auch 
ferner die Produktion zu regeln, Maß und Güte des 
verkäuflichen Getreides und Bieres zu bestimmen und 
verbindliche Preistaxen festzusetzen. Öfters kommt in 
den Protokollen dieses oder jenes court leet der Vermerk 
vor, daß die Zehntmänner, die sog. tithingmen oder 
decenarii, die vereidigte Anzeiger waren, gemeldet haben, 
daß eine oder die andere Frau schlechtes Bier gebraut 
oder schlecht ausgebackenes Brot geliefert habe (male 
braciaverit oder male panem coquerit). Besondere Bier- 
prober (aletasters oder tastatores cerevisiae) melden an, 
daß ihrem Dafürhalten nach das Bier die erforderlichen 
Eigenschaften nicht besitze. Das Gericht verurteilt 
die Schuldigen zu Strafen oder sog. amerciaments und 
untersagt ihnen die fernere Ausübung ihres Hand- 



30 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

werks. Mit derselben Strenge überwacht die Hof- 
behörde die Einhaltung der festgesetzten Taxen und 
bestraft jeden, der sich entweder eine willkürliche 
Gewichtsverminderung oder eine Preiserhöhung bei 
unverändertem Gewicht hat zu Schulden kommen 
lassen 1 ). 

Die Taxen selbst waren nicht vom Grundherrn, 
sondern von den Organen der Zentralgewalt verordnet; 
der erstere erscheint gleichsam als Vertreter der Re- 
gierung, der in den Grenzen seines Gerichtsbezirks 
für die genaue Einhaltung der für das ganze Staats- 
gebiet erlassenen Taxen, der sog. „Brot- und Bieraccise", 
zu sorgen hat 1 ). Die letztere wird in dem Frankfurter 
Kapitular aus dem VIII. Jahrhundert, so auch in 
der englisch-französischen Accise vom Jahre 1190 ge- 
nannt, die übrigens nicht auf die Eingeborenen, sondern 
auf die nach dem Osten gehenden Kreuzfahrer Anwen- 
dung gefunden hat. Richard Löwenherz und Philipp 
August setzen die Höhe des Gewinnes fest, der den 
verschiedenen Händlern, u. a. den Getreidehändlern 
von rechts wegen zukomme. Dieser darf nicht Vio Denar 
übersteigen. Nach dieser Bemessung dürfen die Bäcker 
auf eine „salma" Brot einen taienus (Münze der Stadt 
Tarent von 20 gr. Goldgehalt) Verdienst aufschlagen. 

Im Jahre 1202 war die Akzise auf Getreide und 
Bier zum ersten Mal in ganz England öffentlich be- 
kannt gemacht worden ; unter der Regierung Heinrich III. 
wurde sie ergänzt und erhielt sich seitdem unausgesetzt 
das ganze Mittelalter hindurch. Der Gesetzgeber setzt 
das Brotgewicht, das der Hälfte eines Denars ent- 



! ) Unzählige Belege für all das findet man in der von 
mir hsg. Sammlung der Auszüge aus den Protokollen der Guts- 
gerichte des XIII. Jahrh., vor allem aber im ersten Bande der 
von der Seiden Society hsg. Protokolle der Courts leets des 
XIII. Jahrh. 



Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 31 

spricht, fest. Je nach dem Steigen oder Fallen des 
Marktpreises von Korn und Mehl, ändert sich auch 
die Accise ; Wert wurde darauf gelegt, daß der ge- 
setzliche Verdienst des Bäckers bei einem Quarter 
Weizen nach Abzug der Produktionskosten stets auf 
der Höhe von 4 d. verbleibt. 6 gewählte Männer, sog. 
legales homines, waren beauftragt, innerhalb des Kirch- 
spiels die Schwankungen der Marktpreise zu verfolgen 
und das für Va Denar oder 1 Obolus zu liefernde ge- 
setzliche Brotgewicht entprechend zu bestimmen 1 ). 

Inama- Sternegg konnte auch für Deutschland 
die Tatsache des Überganges des handwerksmäßigen 
Betriebes von dem Hofgesinde in die Hände bäuer- 
licher Hauswirtschaften feststellen 2 ). Was Süd-Frank- 
reich und Italien betrifft, so beginnen hier die bäuerlichen 
Höfe Hand in Hand mit der Entwicklung des Emphyteusis, 
der Halbscheidpacht und der gewöhnlichen Pacht in Form 
langfristiger Verträge sich mit all dem auszurüsten, was 
zur Deckung ihres Eigenbedarfs nötig ist: sie erbauen 
Speicher und Keller und brauen auch nicht selten 
Bier, ohne sich der grundherrlichen Pressen zu be- 
dienen. Diese erhebliche Unabhängigkeit der bäuer- 
lichen Hauswirtschaften erhellt aus dem Wortlaut der 
von Zeit zu Zeit zur Erneuerung gelangenden Pacht- 
verträge. Die italienischen Grundherren, insbesondere 
die des Südens, im Gebiete der Herzogtümer Benevent 
und Salerno fordern des öfteren, daß die Teilbauern, 
wenn schlechte Wege die Zustellung des dem Grund- 
herrn gehörenden Ernteanteils verhindern, den grund- 
herrlichen Wein und das Getreide in ihren Speichern 
und Kellern aufbewahren 3 ). 

') Ashley, Economic History. Bd. I, S. 188. 
-) Deutsche Wirtschaftsgeschichte, Bd. II, S. 307. 
3 ) Der Ausdruck conservare debent in organeis suis kommt 
sehr oft in den Pachtverträgen vor, die in den Neapolitanischen 



32 Erstes Kap. : Die hofrechtiiche Verfassung- des Gewerbes. 

Die bäuerlichen Hauswirtschaften zeigen sogar 
Neigung, auch den ihnen zu teuer kommenden 
grundherrlichen Beistand beim Mahlen des Korns 
entbehrlich zu machen. Wo ihnen die Mittel zur 
Erbauung von Windmühlen fehlen, schaffen sie Hand- 
mühlen an. Da aber diese Art des gewerblichen Haus- 
fleisses das Einkommen des Gutsherrn aus den gewerb- 
lichen Sonderrechten verringert, so suchen die Ver- 
walter und Beamten des Fiskus (actores, advocati, 
gerefae, schultheissen und wie sie sonst genannt werden) 
eine solche Betätigung der bäuerlichen Unabhängig- 
keit auf das entschiedenste niederzuhalten. In den 
Streitigkeiten zwischen dem Kloster St. Alban und 
den Bauern aus dem XIII. und XIV. Jahrhundert 
spielen die Handmühlen keineswegs eine geringe Rolle. 
Wiederholt besteht der Abt auf ihrer Abschaffung, 
indem er nachzuweisen sucht, daß sie mit den uralten 
Rechten des Grundherrn unvereinbar sind und seine 
Einkünfte beeinträchtigen 1 ). Wer mit den Arbeiten 
Augustin Thierrys über die Geschichte der kommu- 
nalen Bewegung im mittelalterlichen Frankreich ver- 
traut ist, weiß, daß die Erhaltung der Mühlenmonopole 
zu den unausgesetzten Sorgen der Senioren dieses 
Landes gehört hat. Die Beharrlickeit der letzteren 
führte auch zum gewünschten Ziel. Nach einer Reihe 
von Aufständen waren es die grundherrlichen Mühlen 
und Bäckereien, die den Führern der französischen 
Revolution noch viel zu schaffen gemacht haben, und 



Regesten sich finden. Vergl. z. B. Nr. 196 aus dem Jahre 973, 
oder Nr. 110 aus dem Jahre 960. Auch die Zeitdauer ist fest- 
gesetzt, während der Kolon den herrschaftlichen Wein in seinem 
eigenen Geschirr und Keller aufbewahren muß. 

l ) Vergl. das Kapitel über den Bauernaufstand in St. Alban 
in Bd. IV, Kap. 8 dieses Werkes, und in Thomsen, Historj of 
municipal cities, boroughs etc. 



Erstes Kap. : Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 33 

die Verfasser der Cahiers de doleances vom Jahre 
1789 führten sie als eine der Ursachen der Bauern- 
bedrückung an 1 ). 

In Italien konnten die Sonderrechte, soweit wir 
nach den uns überkommenen Quellen urteilen können, 
nicht so große Mißbräuche zeitigen, da das System 
der lebenslänglichen und erblichen Mühlenpacht dort 
schon frühzeitig zum vorherrschenden geworden war 
und die Grrundherren sich selbstverständlich weniger 
hartnäckig in der Verteidigung der Interessen ihrer 
Pächter zeigten, als ihrer eigenen 2 ). Auf den meisten 
Fronhöfen sind die Handwerker der Aufsicht der 
gleichen Beamten unterstellt gewesen, wie sonst die 
Bauern. Ich kann Inama- Sternegg darin nicht bei- 
stimmen, daß zu diesen Amtern der Marschalk, das 
Schenkenamt, der Truchseß und der Kämmerer, die 
auf einzelnen größeren Gütern, die den königlichen 
Hofprunk nachahmten, vorkamen, gezählt werden 
müssen. Diejenige Gliederung der Aufsichtsämter 
nach einzelnen Arten des bearbeitenden Gewerbes, die 
der deutsche Wirtschaftshistoriker meint, wenn er be- 
hauptet, daß dem Marschalk der Schmied und der 
Wagner, dem Schenkenamt der Bierbrauer, dem Truch- 
seß der Koch, Bäcker, Schlächter und Fischer und 
dem Kämmerer der Maurer und Zimmermann unter- 



r ) Entstehimg der modernen Demokratie, Bd. I, Tl. I, Kap. 2. 

2 ) Über die Art der Ausgleichungen, die die Mühlen zum 
Gegenstande gehabt haben , läßt sich an .der Hand folgenden 
Falles ein Urteil gewinnen. Im Jahre 990 vermietet der Vorsteher 
des Klosters St. Sergius auf 6 Jahre integrum molinum dicti 
monasterii cum clusuria de terra cum ferroras et mole sue (sie). 
Der Müller verpflichtet sich, außer den Gefällen auf Maria 
Himmelfahrt und auf St. Sebastian jährlich 70 Modien Getreide 
zu mahlen. Mit keinem Wort aber ist erwähnt, daß die Bauern 
ihr Getreide zur Mühle bringen müssen. Regesta Neapolitana, 
No. 268. 

Kowalewsky, Ökonomische Entwicklung Europas V. 3 



34 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

stellt waren, mochte vielleicht auf den wenigen Fron- 
höfen stattgefunden haben, wo die genannten Beamten 
wirklich vorhanden gewesen sind 1 ). Ich betone, die 
Mehrzahl der Quellen erwähnt eine derartige Gliederung 
mit keinem Worte. In England ist die hauptsächliche 
Aufsichtsbehörde der bereits von mir genannte court 
leet, gerefa oder Verwalter und auf einzelnen größeren 
Besitzungen der Seneschal 2 ), während in Frankreich 
und Italien es die von den Grund herren ernannten 
baillis und gastalde gewesen sind. 

"Weder bei dem Fehlen, noch bei dem Vorhanden- 
sein einer irgendwie namhaften Arbeitsteilung finden 
wir die daran beteiligten Personen zu Verbänden oder 
Genossenschaften vereinigt. Mit Recht bemerkt Solmi 
bezüglich Italiens, daß die Urkunden aus der Zeit vor 
der Entstehung der Stadtgemeinden, in denen einzelne 
Handwerkerkategorien genannt werden, nirgends dar- 
auf hindeuten, daß diese durch irgend welche genossen- 
schaftliche Anstalten verbunden gewesen sind 3 ). Von 
einer gemeinschaftlichen Ausführung von Arbeiten 
kann aber nur die Rede bei den freien Werkgenossen- 
schaften („Artel") sein, wie es die von uns bereits 
genannten Maurer gewesen sind, die Magistri comma- 
cini mit ihren consortes und collegantes, von denen 
die ersteren sich aus Mitgliedern eines gemeinsamen 
Hofes zusammensetzten, während die zweiten gewöhn- 
liche Genossen waren, die gemeinschaftlich eine Arbeit 



!) S. 309. 

2 ) Vgl. meine Geschichte der Polizeiverwaltung in England, 
das Kapitel über die Patrimonialgerichtsbarkeit. 

3 ) Solmi, S. 46 u. 49. Diese Ansicht war schon vor ihm 
von Muratori in den Antiquitates Italiae medii aevi, Bd. V, 
S. 652 — 73 vertreten worden. Neuerdings wurde sie von Gau- 
denzi in seinem Vorwort zu den ältesten Zunftstatuten Bolognas, 
S. VII u. VIII, aufgenommen. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 35 

unternahmen 1 ). Und nicht nur bei den einfachen 
Handwerkern allein, auch bei den freieren Berufen, wie 
beispielsweise bei den Stempelschneidern und Notaren, 
finden sich keinerlei Anzeichen einer genossenschaft- 
lichen Verbindung. Nicht vor dem XII. Jahrhundert 
werden in Italien die collegia monetariorum erwähnt, 
während dies in Deutschland erst ein Jahrhundert 
später der Fall ist. Das Gleiche gilt auch von den 
Notaren, deren Genossenschaft sich am längsten auf 
den Höfen in den römischen Gebieten erhalten hat, 
jedoch nicht über das IX. Jahrhundert hinaus 2 ). 

§ 3. 
In welchem Maße die hofrechtliche Gewerbe- 
verfassung in den folgenden Jahrhunderten, nachdem 
der Fronhof von der sich selbstregierenden Stadt- 
gemeinde abgelöst worden war, sich erhalten hat, 
lehren uns die französischen, wie die deutschen Ur- 
kunden aus dem XII. und XIII. Jahrhundert, ins- 
besondere die ältesten Satzungen der Pariser Hand- 
werkerschaft kennen, die nur zum Teil in dem von 
Etienne Boileau unternommenen Sammelwerk Eingang 
gefunden haben. Alle diese Zeugnisse sind in der 
neueren Zeit von Eberstadt verwertet worden. Ihm 
ist es gelungen, auf dem Boden beglaubigter Tatsachen 
eine Theorie zu erörtern, die bis dahin mehr auf Mut- 
maßungen aufgebaut und daher der berechtigten Kritik 
seitens neuerer Forscher auf dem Gebiete der Geschichte 
des Zunftwesens ausgesetzt gewesen war. Ich sehe 



2 ) In dem bei Troya abgedruckten Edikt Rotharis wird 
an Stelle des gewöhnlichen Ausdrucks Magister commacinus 
cum consortibus suis der Ausdruck: cum collega suo (Art. 144) 
gebraucht, woraus zu schließen ist, daß in diesem Falle beide 
Wendungen ein und dasselbe bedeuten. 

2 ) Solmi, S. 156. Schröder, S. 185 u. 510. 

3* 



36 Erstes Kap. : Die ho f rechtliche Verfassung des Gewerbes. 

trotzdem nicht ein, warum mit dem Erscheinen seines 
Werkes: Magisterium und Fraternitas" der hof- 
rechtliche Ursprung der Zünfte festgestellt sein soll. 
Diese im Grunde keineswegs neue Theorie wurde 
zum ersten Mal von Nitzsch mit Bezug auf Deutsch- 
land aufgestellt und hat seinerzeit eine ernste und 
berechtigte Kritik durch Below und Gothein ] ) erfahren, 
während in der letzten Zeit Stieda, der Verfasser der 
Schrift über die Entstehung der Zünfte in Deutschland, 
sich folgendermassen über sie geäußert hat: wenn es 
auch ausgeschlossen ist, den Ursprung der Zünfte von 
den ältesten grundherrlichen Verbänden herzuleiten, 
so darf man dennoch nicht jeglichen Zusammenhang 
mit letzteren leugnen; das Fehlen eines Bindegliedes 
ist noch keineswegs ein Beweis dafür, daß diese Ver- 
bände keinerlei Einfluß auf die Zunftbildung gehabt 
haben. Ein derartiges Glied scheint aber gefunden 
zu sein und zwar in dem Kupferschmiedehandwerk, 
das 1294 zu Lauterbach bestanden hat 2 ). 

Die angeführte Stelle unterrichtet uns am aller- 
besten über den Stand der Frage des geschichtlichen 
Zusammenhanges zwischen zunftmäßiger und hof- 
rechtlicher Gewerbeverfassung vor der Veröffent- 
lichung des Eberstadtschen Werkes. Ohne Beweise 
zu liefern sprach man bislang von grundherrlichen 
Handwerkergenossenschaften, man vermeinte das Be- 
stehen von Zünften auf einzelnen Grundherrschaften 
festgestellt zu haben und man zog aus alledem den 
Schluß, daß das Zunftwesen unmittelbar aus der ge- 
nossenschaftlichen Verfassung des Gewerbes hervor- 
gegangen sei. Wollte aber jemand eine derartige 



J ) Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes. 
S. 310ff. 

2 ) Stieda, Artikel in Conrads Handwörterbuch (russisch: 
„Geschichte der Arbeit" S. 7). 



Erstes Kap. : Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 37 

Erklärung nicht einfach hinnehmen, so wurde er ohne 
weiteres zu den Anhängern der Ansicht von der un- 
vermittelten und von den hofrechtlichen Einrichtungen 
unabhängigen Entstehung der Zünfte geworfen, zu der 
sich beispielsweise Below und Gothein bekennen, wie 
auch Hartmann, Martin Saint-Lou und die älteren 
Forscher, die den römischen Ursprung der mittel- 
alterlichen Handwerkergenossenschaften glaubten be- 
haupten zu können. Das von Eberstadt vorgelegte 
Material gestattet die Annahme eines neuen Stand- 
punktes in der die Geschichtsschreiber trennenden 
Frage: wenn man unseres Erachtens nach auch nicht 
die hofrechtliche Abstammung der Zünfte behaupten 
kann, so scheint doch nachgewiesen zu sein, daß viele 
Gewerbszweige auch in der Stadtgemeinde, die an 
Stelle des Fronhofs getreten war, ihre ehemalige hof- 
rechtliche Verfassung beibehalten haben. Noch mehr, 
die von Eberstadt herangezogenen Quellen zeigen 
deutlich, daß Handwerkervereine in strenger Bedeutung 
des Worts auf den Herrenhöfen gar nicht vorhanden 
gewesen, sie weisen nur darauf hin, daß einige Gewerb- 
treibende, wie Fleischer, Bäcker, Kürschner, Schmiede, 
Gerber, Weber, entweder herrschaftlichen Beamten, 
wie Truchseß, panetier, Marschalk, marescalcus, Kämme- 
rer u. a., oder einem hierfür bestimmten Einzelorgan, 
dem Magister, unterstanden haben 1 ). 



*) Eberstadt zieht aus diesen Tatsachen einen Schluß, der 
direkt nicht aus ihnen folgt. Er glaubt, daß ihm der Beweis 
gelungen sei, daß der Ursprung des Zunftwesens im Ma- 
gisterium liege. „Das Magisterium hat der Zunft den Or- 
ganismus geschaffen . . . Das Magisterium enthält alles, was 
zu dem Wesen der Zunft gehört . . . Die Zunftgründungen 
selber sind nichts anderes, als die Übertragung dieser magiste- 
rialen Einrichtungen auf nicht-organisierte Handwerke." (Ma- 
gisterium und Fraternitas, S. 200). 



38 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Um das oben gesagte zu erhärten, wollen wir 
eine rasche Durchsicht der wichtigsten Schriftstücke 
vornehmen, die sowohl für das Vorhandensein einer 
besonderen hofrechtlichen Verfassung des Handwerks, 
wie für die Beibehaltung ihrer wesentlichen Züge in 
der Zeit nach der Entstehung der Stadtgemeinden, 
wie auch endlich für ihre Ablösung durch eine Zunft- 
einrichtung sprechen. Bei der Anführung der von 
Eberstadt benutzten Quellen werden wir eine etwas 
abweichende Methode befolgen , insofern wir das 
Material chronologisch und dann gesondert für Frank- 
reich und Deutschland ordnen werden. Sodann werden 
wir untersuchen, in welchem Maße im Anschluß an 
die bis jetzt veröffentlichten Zeugnisse analoge Er- 
scheinungen auch in England und Italien sich fest- 
stellen lassen. 

Eine der ältesten Urkunden, in denen einigen 
grundherrschaftlichen Handwerkerschaften zugeordnete 
Beamte genannt werden, ist im Archiv zu Chartres auf- 
bewahrt und ist Eberstadt vom Archivar mitgeteilt 
worden. Es ist dies eine Urkunde aus dem Jahre 
1189, in der Theobald V., Graf von Blois, berichtet, 
daß sein Vater eine Mühle gegen einen Jahreszins 
von 100 Soliden eingetauscht hat, den er vom Magi- 
sterium der Kürschner zu Chartres (de suo redditu 
magisterii pellipariorum) erhält 1 ). Außer der Angabe, 
daß der Zins in zwei Raten, auf Weihnachten und 
Fasching entrichtet wurde, gewährt die erwähnte 
Urkunde keinerlei Anhalte, die über das Wesen des 
Magisteriums größere Klarheit schaffen. 

Aus den ältesten Quellen erfahren wir, daß der 
Aufsicht eines „Masters" (Magister) fünf Zünfte unter- 



*) Die Urkunde ist bei Eberstadt S. 206 im Anhang ab^ 
gedruckt. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 39 

stellt gewesen sind, nämlich die Kürschner im engeren 
Sinne, die Handschuh- und Gamaschenmacher, die 
Trödler und die Leinenkrämer. Diese Handwerker- 
schaften erkannten die Aufsichtsführung seitens des 
vom Senior ernannten Beamten an und zahlten an 
ihn außer dem Jahreszins von 9 Den. noch 30 Soliden 
für das Gewerberecht. Denselben Abgaben waren die 
gleichfalls einem Magister unterstehenden Gerber aus 
vier verschiedenen Gewerben unterworfen, die in der 
sogenannten maitrise des sueurs vereinigt gewesen 
siud. Diese Zahlungen verblieben nicht im Besitze 
der Handwerkerschaften selbst, sondern flössen dem 
Grundherrn zu, der sie, wie es scheint, eben jenem 
Magister verpachtete, wofür dieser eine gleichmäßige 
Rente zu zahlen hatte. Diese .Rente werden die 
100 Soliden gebildet haben, von denen die Quelle 
berichtet 1 ). 

In die gleiche Kategorie, wie die Urkunde von 
1189 betreffend das Magisterium der Kürschner zu 
Chartres gehört auch die Urkunde aus dem Jahre 1188, 
durch die der Bischof Guido die Gewohnheiten der 
Schmiede zu Chalons aus unvordenklicher Zeit be- 
stätigt 2 ). Hier ist die hofrechtliche Lage des Schmiede- 
handwerks zu Chalons deutlich ausgeprägt, da diese 
Stadt bis zur Mitte des XII. Jahrhunderts unter dem 
Bischof stand. So sind beispielsweise die Schmiede 

*) eb. S. 120. Eberstadt gibt keine Erklärung dafür, daß 
die Einrichtung des magisterium der Kürschner mit ihrer Kopf- 
steuer und der außerordentlichen Abgaben (Meistergeld) zu einer 
ständigen Einkommensquelle für den Feudalherrn werden konnte. 
Ein Vergleich mit den Verhältnissen in England aber läßt an- 
nehmen, daß der Grund darin zu suchen ist, daß der Magister 
der vereinigten fünf Handwerkerschaften diese jährlichen Er- 
trägnisse vom Herrn zu pachten pflegte. 

2 ) Abgedruckt bei Barthelemy, Histoire de Chalons sur 
Marne. 



40 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

gehalten, dem Bischofshofe alles zum Bau neuer und 
zur Ausbesserung alter Gebäude nötige Eisen zu liefern, 
zu Türen wie Fenstern, Riegel oder Bänder. Die dem 
Magisteramt unterstellten Schlosser haben der Herr- 
schaft 3 Türschlösser, das eine für die Küche, das 
andere für das Tor, das dritte für die Kammer zu 
liefern. Die Schmiede, die ein eigenes Haus besitzen, 
leisten ihre Abgaben jährlich in dem Eisenteil eines 
Pfluges oder zahlen 2 Denare; diejenigen aber, die auf 
bischöflichem Grund wohnen, müssen 2 Pflüge mit den 
Eisenteilen versehen oder 1 Denar zahlen. Der Bischof 
pflegte ihnen seinerseits Befreiung von den Darreichun- 
gen auf Weihnachten und von Zoll zu gewähren. Indem 
Eberstadt alle diese Zeugnisse vorführt, muß er selbst 
zugestehen, daß die Urkunde keinerlei Angaben über 
die inneren Gliederung des Amtes und die Rechte 
der Handwerker, ebenso wenig einen Hinweis auf eine 
genossenschaftliche Organisation enthält 1 ). Anderer- 
seits aber ist die Leistung von Abgaben, die noch im 
Jahre 1509 den Schmieden zu Chalons nach der Ur- 
kunde von 1188 oblag, ein Beweis dafür, daß auch 
nach der Umwandlung des Fronhofs in die Stadt- 
gemeinde manches Gewerk seine ehemalige hofrecht- 
liche Einrichtung beibehalten hat 2 ). 

Von den anderen Provinzialstädten Frankreichs ist 
Beauvais ein Beispiel für die Gebundenheit, in der 
sich einzelne Handwerker noch im XIII. Jahrhundert 
gegenüber dem Bischof befunden haben. Noch in 
der Mitte des XV. Jahrhunderts lastete auf den 
Böttchern die Verpflichtung, dem Bischof eine ge- 
wisse Anzahl von Fässern zur Zeit der Weinlese zu 
liefern, während die Bäcker und Fleischer eine jähr- 
liche Abgabe am Tage des H. Remigius zu leisten 



i) Eberstadt, S. 116. 2 ) eb. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 41 

hatten ; ferner waren sämtliche Gerber, wie auch 
die Schmiede, dem Gewerbekauf unterworfen 1 ). Im 
.Rheims des XIV. Jahrhunderts sehen wir 7 Zünfte, die 
der Obrigkeit und Gerichtsbarkeit des „Vidamus" unter- 
worfen waren 2 ). Von den Handwerkern zu Paris sind 
es einzig und allein die Fleischer, die uns das 
Zeugnis einer ehemaligen grundherrlichen Organisation 
bieten. Noch im Jahre 1134 sind sie als veteres stalla 
carnificum angeführt 3 ). Es ist von Interesse festzu- 
stellen , das bei ihnen bereits vor der Mitte des 
XII. Jahrhunderts ein besonderer Magister vorhanden 
gewesen ist 4 ), was den König jedoch nicht hinderte, 
einzelne Fleischer in dritte Hand zu überweisen, genau 
so, wie man es mit den Leibeigenen zu tun pflegte, 
deren Frondienste dann dem Beschenkten zugute 
kamen. In der Urkunde ^on 1143 spricht Ludwig VII. 
von der Schenkung eines Reinard carnifex an die Brüder 
zum hl. Lazarus, ita ut illorum servitium solo et po- 
testati subdatur 5 ). In den späteren Urkunden Lud- 
wigs VII. und Philipp Augusts ist von der Bestätigung 
der uralten Sonderrechte der Schlächter durch den 
König und von ihrer Aufzeichnung die Rede (Ur- 
kunde von 1162 und 1182) 6 ). Trotzdem muß Eberstadt 
bei den Pariser Fleischern einräumen, daß sie weder 
korporative Rechte, noch gemeinsamen Besitz hatten; 
der Grundeigentümer verfügt einseitig über ihre Fleisch- 



i) Labande, Histoire de Beauvais, 1892, S. 214, 220—222, 
332, 341—358. Zitiert bei Eberstadt, S. 110—112. 

-) Oollection des documents pour l'histoire de France, 
Varin, Archives legislatives de Rheims, Statuts, Bd. I, S. 337. 

3 ) Urkunde Ludwigs, abgedruckt bei De Lamare, Traite 
de Police. Bd. II, S. 558. 

4 ) Lasteyrie, Cartulaire general de Paris. Bd. I, S. 303, Ur- 
kunde Ludwigs VII., Jahr 1146. 

5 ) ibid. Bd. I, S. 289. 

6 ) Ordonnances des Rois de France. Bd. III, 8. 258 u. 259. 



42 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

bänke, er und kein anderer errichtet neue, wenn er auch 
dadurch die Interessen der früheren Besitzer beein- 
trächtigt; und noch mehr, indem er die Fleischer ge- 
wissermaßen als nativi oder geborene Leibeigene, na- 
turales carnifices, betrachtet, überweist er sie auch 
nicht selten in andere Hände. Die grundherrliche 
Gebundenheit der Fleischer zeigt sich in der Leistung 
eines jährlichen Kopfzinses von 38 Denaren, wie in 
der Verbindlichkeit ein Modius Wein kraft des hauban, 
d. h. als Abfindung für die Ablösung der ungemessenen 
Frondienste zu liefern 1 ). 

Nicht vor 1210, d. h. nahezu ein Jahrhundert 
nach der Erwähnung der Zünfte der Schuhmacher zu 
Rouen und der Gerber zu Gent und ein halbes Jahr- 
hundert nach der Anerkennung der Tuchwalkergilde 
zu Yalenciennes 2 ), treten die Pariser Schlächter zum 
ersten Mal als Genossenschaft auf, die Land vom 
König erhält und sich zur regelmäßigen Leistung von 
Jahresabgaben verbindlich macht '*). 

Die Tatsache, daß „Gilden" oder Handwerker- 
brüderschaften in Frankreich bereits ein Jahrhundert 
vor dem Auftreten einzelner Anzeichen genossenschaft- 
lichen Zusammenschlusses grundherrlicher Handwerker 
bestanden haben, schließt ohne weiteres die Annahme 
aus, daß die ersteren dem Vorbilde der letzteren ge- 
folgt sind. Im übrigen läßt die Urkunde von 1210 
eine ganz andere Deutung zu, als diejenige, die ihr 



i) Eberstadt, S. 12 u. 26. 

2 ) Martin-Saint-Leon, Histoire des corporations de metiers. 
S. 57 u. 58. Es sei bemerkt, daß die Statuten der Tuchwalker- 
zunft zu Paris selbst aus dem Jahre 1188 herstammen (Einleitung 
zur Ordonnance de l'an 1362). Lespinassen,. , Metiers de Paris'. 
Bd. III, S. 145. 

») De Lamare, Traite de Police. Bd. II, S. 559. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 43 

von Eberstadt gegeben wird. Es handelt sich hier- 
um folgendes. Die Vorsteherin des Klosters auf dem 
Montmartre trifft mit den Pariser Fleischern ein Ab- 
kommen, nach dem diese sich verpflichten, eine Jahres- 
rente von 50 Livres für die Überlassung eines Grund- 
stücks mit den darauf befindlichen 23 Fleischbänken 
zu zahlen. Diese Urkunde zeigt erstens, daß in Paris 
außer dem König auch andere feudale Eigentümer 
hörige Fleischer besessen haben, und zweitens, daß 
die Pariser Fleischer eine solche Stufe des Wohlstandes 
erreicht haben, daß es ihnen leicht möglich war, die 
Einkünfte des Klosters aus den Fleischbänken zu 
pachten. Aber eine korporative Verfassung, des Magi- 
steriums der Schlächter wird nicht bewiesen. Wie 
Eberstadt richtig bemerkt, haftete im Mittelalter für 
die rechtzeitige Entrichtung des Zinses nicht die Ge; 
nossenschaf t, die als Einheit auf dem Grundsatz der gegen- 
seitigen Haftung beruhte, sondern nur eine mehr oder 
weniger große Anzahl von den im Schriftstück genannten 
Personen nebst ihrer Nachkommenschaft. Eine solche 
Form trägt in der Tat die Abmachung des Klosters 
auf dem Montmartre mit den Pariser Fischhändlern 
aus dem Jahre 1154. Auch die öfteren Bestätigungen 
der alten Gebräuche der Fleischer haben mit Zunft- 
einrichtungen nichts gemein. Aus dem Inhalt der 
Urkunde Philipps II. erfahren wir, daß diese antiquae 
consuetudines ausschließlich in folgendem bestanden 
haben. Erstens, in der Befreiung von den Abgaben 
an Fleisch, consuetudo und pedagium, zweitens, in 
der Anerkennung der Unveränderlichkeit des Kopf- 
zinses (38 Denare auf den Kopf) und drittens darin, 
daß die Fleischer gegen Zahlung des hauban von allen 
sonstigen Abgaben mit Ausnahme des stallagium für 
das Feilbieten am Sonntag und der Auslagen für 
den Willkommschmaus eines neu beitretenden Genossen 



44: -Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

(pastum et potum) befreit sind *). Zur Zeit der Ab- 
fassung des sog. Livre des metiers von Etienne Boi- 
leau zählten die Pariser Fleischer noch nicht zu den 
Zünften, die unter dem Prevot der Kaufleute standen. 
Ihre hofrechtliche Abhängigkeit erkennt man daran, 
daß sie nach dem Zeugnis Boileaus kraft des hauban 
dem König 6 Soliden zahlten und daß nur diesem das 
Recht zustand, die Ausübung des Gewerbes neuen 
Genossen zu gestatten. Nicht vor 1282 werden die 
Pariser Fleischer als communitas bezeichnet, ein Aus- 
druck, den der König anwendet und der durch die 
Geschlossenheit der Genossenschaft, in der ausschließ- 
lich Söhne der betreffenden Fleischer Fleischbänke 
und Schlachthäuser errichten durften, gerechtfertigt 
ist. Endlich im Jahre 1358 wird eine Reihe von 
Verordnungen erlassen, die die Satzungen hinsichtlich 
des inneren Lebens dieser communitas darstellen, deren 
Mitglieder trotzdem auch weiterhin unter der Herr- 
schaft des dominus palatii verbleiben, dem sie gewisse 
Dienste und Zinse zu leisten haben 2 ). 

Daß erst vom XIV. Jahrhundert ab, d. h. nachdem 
100 Jahre und noch länger Zunftsatzungen anderer 
Pariser Handwerker bereits in Geltung waren, er- 
wiesenermaßen eine Zunftverfassung der Fleischer be- 
standen hat, scheint einen Beweis dafür zu bieten, daß 
das hofrechtliche Magisterium sich eher nach dem Vor- 
bild der Zunft umgebildet hat, als umgekehrt. Und 
so finden wir denn, daß die Lage der Fleischer der 
Residenzstadt kein Licht in das Dunkel der Entstehung 
des Zunftwesens bringt und eher zeigt, daß bei einigen 



J ) Eberstadt, S. 28 u. 29. 

2 ) Lespinasse, Metiers de Paris. Bd. I, S. 266. Anmerkung I. 
Ordonnances des Rois de France. Verordnung des Regenten 
Karl vom J. 1358. 



Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 45 

Gewerken hofrechtliche und zunftmäßige Einrichtungen 
dauernd nebeneinander bestanden haben. 

Außer den Fleischern hat das Bäckergewerbe 
geraume Zeit, nämlich bis in das Jahr 1711 seinen 
hofrechtlichen Charakter bewahrt. Bereits im Jahre 
1225 *) erwähnt Philipp II. August, daß die Bäcker 
nicht nur die taille, sondern auch den hauban, zusammen 
9 Solidi 3 Oboli auf den Kopf, zu zahlen verpachtet sind; 
außerdem haben sie noch die Schaarwache, das sog. 
guet, zu leisten 2 ). In das Livre des metiers ist das 
Statut der Pariser Bäcker aufgenommen , aus dem 
hervorgeht, daß dieses Magisterium (mestrise des tale- 
meliers) unmittelbar einem grundherrlichen Beamten 
unterstellt war, der seinerseits dem königlichen Haus- 
hofmeister, dem panetier du Roi, untergeordnet war. 
Der magister in Gemeinschaft mit 12 von ihm er- 
nannten Geschworenen führte die Aufsicht über die 
Beschaffenheit der Erzeugnisse, die bei den zunftmäßig 
vereinigten Handwerkerschaften von der gewählten 
Behörde ausgeübt wurde. Über die gewerblichen Ver- 
gehen und Übertretungen entscheidet bis zu einer ge- 
wissen Höchstsumme der magister, darüber hinaus 
der panetier 3 ). Nicht vor 1333 erkennt das Pariser 
Parlament die Berechtigung eines Eingriffs seitens 
des prevost der Hauptstadt bei der Schau, Zurecht- 
weisung und Bestrafung für minderwertige Beschaffen- 



1 ) Dieses Jahr ist von Eberstadt ermittelt. S. 74 — 77. 

2 ) Li rois Phillippe establi que uns hom qui ne demorast 
dedans la baneu de Paris ne pooit poin aporter ou faire aporter 
pour vendre a Paris, for que au samedi pour la reson de ce que 
li talemelier qui sont dedans Paris doivent la taille, le guet lou 
Roy, et doit chascun, chascun an, au Roy IX. s. III oboles que 
de hauban que de coustume. 

8 ) Verordnung des Pariser Parlaments von 1281. Ab- 
gedruckt bei Boutaric, Actes du parlement de Paris, Bd. II, 
S. 369. 



46 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

heit der Produkte (visitatio, correctio et punitio circa 
panem) an, aber auch nur dann, wenn der oberste 
Beamte, dem das Bäckermagisterium unterstellt ist, 
und die von ihm bestellten Personen sich als fahr- 
lässig oder parteiisch erweisen 1 ). Wie aus den Ver- 
ordnungen des Pariser Parlaments von 1485 hervor- 
geht, zahlten die Bäcker noch im XV. Jahrhundert 
an den panetier einen besonderen Zins, die sogenannte 
coustume oder bon denier pour reconnaissance de leur 
maistrise ; mehrere Jahrhunderte früher, zur Zeit Etienne 
Boileaus, noch den Kopfzins und den hauban für die Ab- 
gaben von Rohstoffen, ferner den Gewerbekauf, dessen 
Ertrag freilich nicht der Genossenschaft, sondern dem 
Grundherrn zufloß 2 ). Trotzdem bieten alle diese An- 
gaben über das Magisterium der Bäcker noch immer 
keine Stütze, die ausreichend wäre, einen Einfluß der 
grundherrlichen Organisation auf die Entstehung des 
Zunftwesens festzustellen. 

Auch das Schmiedegewerbe besaß längere Zeit 
eine magisteriale Einrichtung. Seine oberste Gerichts- 
instanz war der Hofmarschall. In den Statuten von 
1288 wird bei dem Kaufe des Meisterrechtes vom 
Magister der Schmiede gesprochen: du mestre qui 
garde les mestiers des fevres a Paris de par le Roy 3 ). 
Derselbe ,, mestre" übte auch die Gerichtsbarkeit über 
die Schmiede aus mit Ausnahme von Straf rechtsfällen, 
die vor das Gericht des Pariser Prevosts gehörten. 
Die grundherrliche Lage des Schniiedegewerks erweist 
sich hier in der Verpflichtung zu der Jahresabgabe 
des sog. Königs-Hufeisen, im Betrage von 6 Denaren 
auf den Kopf. Diese Gelder empfing der Marschall 



*) De Lamare, Traite de Police, Bd. II, S. 201. 

2 ) Eberstadt, S. 79 und 218. 

3 ) Lespinasse, Bd. II, S. 395. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 47 

und sie dienten ihm zur Deckung der Ausgaben für 
das Beschlagen des königlichen Pferdes 1 ). Das Fischer- 
gewerbe war ebenfalls hofrechtlich ausgestaltet, wo- 
rüber die Nachrichten nicht über die Abfassungszeit 
des Livre des metiers zurückgehen. Der Magister 
Guerin du Bo}'s führt seine Stellung auf die Zeit 
Philipps II. August zurück, der sie Guerin erblich ver- 
liehen habe. Wie bei den Magisterien, so tritt auch 
hier der grundherrliche Charakter des Amtes in der 
Zahlung des Kopfzinses, des hauban und des Gewerbe- 
kaufgeldes an den Magister hervor, was im Statut 
mit den Worten: acheter l'eau ausgedrückt ist 2 ). Aus 
demselben Livre des metiers ersehen wir, daß auch 
einige andere Gewerke zu Paris, beispielsweise die 
Weberei zur Zeit Etienne Boileaus von Personen be- 
trieben waren, die beim König das Gewerberecht für 
Leinen- und Wollengewebe erworben haben. In gleich- 
artigen Verhältnissen befanden sich die Teppichweber, 
die gleich den Wollenwebern dem auf Lebenszeit ge- 
wählten, also nicht ernannten, Magister oder Maistre 
unterstanden, was auch bei den Fleischern der Fall 
ist, allerdings 90 Jahre später, nämlich 1358 3 ). Dies 
zeigt, daß die magisteriale Selbstverwaltung auch auf 
die Magisterien des XIII. und XIV. Jahrhunderts 
Ausdehnung gefunden hat. Zu den frühesten Zeug- 
nissen über die hofrechtliche Verfassung einiger Pariser 
Handwerkerschaften ist das von Philipp III. erwähnte 
Patent Ludwigs VII. zu zählen, wonach der Frau Lecohu 
und ihren Erben das Magisterium über fünf verschiedene 
Ledergewerbe verliehen wurde. Vor der Verleihung 
flössen die an den Magister entrichteten Abgaben 



!) Artikel III des -Statuts der Schmiede. 
2 ) Eberstadt, S. 100—102. 
8 ) ibid. S. 59 und 39. 



48 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

dem königlichen Schatz zu (quod magisterium habe- 
baraus et habere poteramus). 1405 kaufte der König 
dieses Magisterium von einem Pierre Marescot zurück, 
der es nebst den Einnahmen aus dem Verkauf des 
Gewerberechtes erblich überkommen hatte 1 ). Der Be- 
trag des Kaufgeldes war für einige Gewerbe, z. B. für 
die Kittelmacher unveränderlich 2 ), während er bei 
anderen, beispielsweise bei den Gerbern im engeren 
Sinne (tanneurs), jeweilig nach Ermessen des Maistre 
festgesetzt wurde. Nebst dem genannten Magisterium 
bestanden zur Zeit Etienne Boileaus auch andere, wie 
das der Althändler, deren Knechte (valets) verpflichtet 
waren, jedes Jahr auf Pfingsten an den Maistre 
des fripiers 1 Denar zu zahlen, wofür sie seinen 
Gerichtsbeistand in beruflichen Streitigkeiten ge- 
nossen. Die Kürschner, die im Verbände des 6 Corps 
de marchands waren, standen gleich den Althändlern 
im XIII. Jahrhundert unter dem Magister und besassen, 
wie aus dem Livre des metiers zu ersehen ist, das 
Vorrecht des hauban. Die Handschuhmacher waren 
ebenfalls dem gleichen Beamten untergeordnet und 
hatten das Kaufgeld für das Gewerberecht an den Magister 
zu zahlen 3 ). Das Gleiche gilt auch von den Schuh- 
machern und Altflickern, deren Vorsteher seinerseits 
dem königlichen Kammerherrn (chambrier) unterworfen 



r ) Dieses Aktenstück ist bei Eberstadt im Anhang ab- 
gedruckt. Es heißt hier u. a. : „que nul ne peut estre tanneur 
en la ville de Paris s'il n'achette son mestier dudit escuier et 
s'il n'a lettre de lui et lui vendra sa lettre le plus qu'il pourra 
a Tun plus ä l'autre moins." S. 207., 

2 ) Que nul ne peut estre aprentiz boursier ä Paris qui ne 
doyve cinq solz parisis d'entree audit escuier (Pierre Marescot). 
— Item que nul ne peut user du mestier de suerie c'est 
assavoir de veau et de vache s'il n'a este dudit mestier qui lui 
coustera huit solz parisis. (ibid. S. 208). 

3 ) Eberstadt, S. 93 und 96. 



Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 49 

war; außer dem Kaufgeld zahlten sie noch den Kopf- 
zins. Die Korduaner dagegen standen schon unter 
dem königlichen Prevost, behielten aber ihre frühere 
aus der hofrechtlichen Lage herrührende Verpflichtung 
der Zahlung von 32 Solidi als Ersatz für das Paar 
Gamaschen, das sie seinerzeit dem König gelieferthatten 1 ). 
Die Liste der Pariser hofrechtlichen Handwerkerschaften 
ist mit den zwei in die Baubranche fallenden Gewerken 
kaum erschöpft. Die Titel 57 und 58 handeln von 
den Maurern und Zimmerleuten, von denen die ersteren 
den Maistre Guillaume de Saint-Patu, die zweiten den 
Maistre Fouques du Temple als Aufsichtsbeamten an- 
erkennen. Diese beiden sind einfache Beamte, die 
zeitweise den Gewerken beigeordnet sind und keine 
gerichtlichen Befugnisse über die betreffenden Gewerb- 
treibenden besitzen. Der Magister der Maurer empfing 
sein Amt aus der Hand des Prevosts und wurde vor 
diesem vereidigt, während der Magister der Zimmer- 
leute von dem königlichen Gericht beim Chätelet eine 
Tagesentschädigung bezogen hatte. Von Abgaben, 
wie Kopfzins oder hauban, kann bei diesen Hand- 
werkerschaften keine Rede sein 2 ). 

Wir haben nun sämtliche Zeugnisse besprochen, 
auf die Eberstadt seine Behauptung stüzt, daß das 
französische Zunftwesen aus der hofrechtlichen Ge- 
werbeverfassung hervorgegangen sei. Diese bestand, 
wie wir gesehen haben, darin, daß die Hofherren 
entweder unmittelbar die Verwaltung der Gewerbe- 
betriebe führten, indem die Gewerbetreibenden für 
sie eine Ertragsquelle bildeten, 'oder sie gleichsam im 
Lehenverhältnis auf eigens dafür angestellte Beamte 
übertrugen, die dann folgende Amtseinkünfte bezogen: 



1 ) ibid. S. 96—99. 

2 ) ibid. S. 103. 

Kowalewsky, Ökonomische Entwickelung Europas V. 



50 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

erstens den Kopfzins, zweitens besondere Abgaben, 
wie das Gew erbekauf geld und die Gebühren für 
die Ablösung der Rohstoffzölle und endlich drittens 
die Strafgelder wegen Übertretung gewerblicher Ver- 
ordnungen. In all dem, was uns die Quellen über 
die Einrichtungen vorführen, ist keinerlei Beleg für 
die Umwandlung dos Magisteriums in die Zunft, 
ebensowenig ein Beweis für den genossenschaftlichen 
Zusammenschluß der unter dem Magister stehenden 
Handwerker zu entdecken, wenigstens nicht für die 
Zeit, die der Umformung des Magisteriums nach dem 
Vorbilde der Zunft voraufgegangen war. Eberstadt 
hebt, allerdings die Urkunde Philipps IT. Augustus von 
1204 zu Gunsten der Weber von Etampes hervor, 
indem er in dieser einen Beweis dafür erblickt, daß 
das Magisterium für das Zunftwesen vorbildlich ge- 
wesen sei 1 ). Nach der Prüfung des Wortlauts der in 
der Collection des ordonnances abgedruckten Urkunde, 
ware'n wir aber nicht in der Lage, den gewünschten 
Schluß zu ziehen. Was der König darin beurkundet, 
ist lediglich, daß er die in Etampes weilenden, an- 
säßigen und tätigen Weber von allen Abgaben und 
Obliegenheiten beim Eintritt in das Magisterium be- 
freit; gültig dagegen bleiben der Warenzoll, die Strafen 
für ßlutrunst und die Pflicht zu Heeresfolge und Roß- 
dienst. Diese Vorrechte erlangten die Weber von 
Etampes unter der Bedingung, jährlich in 2 Fristen 
20 Livres an den König zu zahlen. Hier liegt offen- 
kundig der Fall vor, wo die Handwerker selbst die 



v ) „Wir können diese Übersicht nicht besser schließen, 
als durch die Anfügung eines Beispiels, das uns die Vorbildlich- 
keit der magisterialen Einrichtungen für das Zunftwesen 
deutlich erkennen läßt. Es ist dies das Weberstatut von 
Etampes, das im Jahre 1204 durch Philipp II Augustus ver- 
liehen wurde." Eberstadt, S. 121. 



Erstes Kap. : Die hoi'rechtliche Verfassung des Gewerbes. 51 

ihnen obliegenden grundherrlichen Abgaben in Pacht 
nehmen, was zur Folge hat, daß die gesamte Gewerbe- 
verwaltung in die Hände der Handwerkerschaft über- 
geht. Und so erklärt denn auch die Urkunde, daß die 
Weber von nun an das Recht haben sollen, nach eigenem 
Ermessen vier rechtschaffene Männer aus ihrem Hand- 
werk (ministeriales) zu wählen und zu bestellen, vor 
denen sie zu Gericht stehen und nach deren Spruch 
alle Verfehlungen gesühnt werden sollen. Diese 
Männer haben insonderheit darüber zu wachen, daß 
die Tuchweberei gewissenhaft und sachgemäß ausge- 
führt wird, bei Übertretung der Vorschriften sind 
Strafen an den König zu zahlen. Die Gewählten haben 
beim Eintritt in das Amt vor dem König oder seinem 
Präpositus, d. h. Regierungsbeamten, den Eid zu leisten, 
daß sie die Gesetze beobachten und für die Erhebung 
der pflichtigen 20 Livres für die Ablösung von 
Seiten der Untertanen besorgt sein werden. Der 
König verspricht seinerseits, seine Rechte auf andere 
nicht zu übertragen. Letzteres ist gleichbedeutend 
mit der Verbindlichkeit, ein magisterium nicht zu er- 
richten, oder was dasselbe ist, das Anrecht auf die 
Rente der Weber von Etampes nicht weiter zu ver- 
leihen. Es genügt, diese grundherrlichen Anschauungen 
und die Wahl von vier , rechtschaffenen Männern" 
aus der Mitte der Handwerker, die mit der Verwaltung 
und Gerichtsbarkeit betraut wurden, gegenüberzustellen, 
um zu sehen, daß das magisterium als persönliches und 
erbliches Amt den vollkommensten Gegensatz zur 
Zunft als Körperschaft mit eigener Selbstverwaltung 
bildet. 

Den Zeugnissen aus dem französischen Leben 
reiht Eberstadt Urkunden betreffend Bestehen eines 
Handvverkermagisteriums auch in deutschen Städten 
an. Eolgen wir ihm und halten wir uns auch dies- 

4* 



52 Erstes Kap.: Die hotrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

mal an die von ihm getroffene Anordnung des Stoffes. 
Die erste Stadt, die für die Untersuchung herangezogen 
wird, ist Basel, das schon so vielen Anlaß zu Mut- 
maßungen über die älteste Geschichte der Städte und 
des Zunftwesens gegeben hat. Aus dem XIII. Jahr- 
hundert besitzen wir Nachrichten über das Vorhanden- 
sein eines dem Bischof unterstehenden Magister 
pistorum in Basel, und einer gleichartigen hofrecht- 
lichen Einrichtung bei den Schmieden, Maurern und 
Zimmerleuten. Diese Magisteria aber sind nach dem 
eigenen Zugeständnis Eberstadts untergegangen, ohne 
eine Spur hinterlassen zu haben, und infolgedessen 
können sie auch keinerlei Anhalte für die Theorie 
vom hofrechtlichen Ursprung des Zunftwesens dar- 
bieten. Nur zwei Gewerke, die Münzer und die 
Bäcker sind es, die auch in der Folgezeit grund- 
herrliche Züge ihres Magisteriums bewahrt haben. 
Als im Jahre 1289 der Bischof Peter die alten 
Gewohnheiten der Münzer anerkannt hatte, ge- 
hörten zu den Vorrechten dieser Genossenschaft 
die Amtsbürtigkeit und der Gerichtsstand vor ihrem 
eigenen magister, dem monetarius. Was aber das 
magisterium der Bäcker anlangt, so weist dessen 
Statut von 1256, wie Eberstadt meint, eine Einrichtung 
auf, die es dem Pariser magisterium gleichgeartet 
erscheinen läßt. Die Stelle des panetarius vertritt 
hier ein bischöflicher Beamter, der Viztum, dem der 
Magister, der für die Entrichtung der jährlichen 60 
Solidi für die Ablösung haftete, unterworfen war. 
Beide Ämter sind lehensrechtlicher Natur, d. h. sie 
sind innerhalb der vom Bischof bevorzugten Familien 
erblich und unwiderruflich. Der Magister hat die Ge- 
richtsbarkeit in allen Klagen, ausgenommen in Blut- 
runst, und handhabt die gewerbliche Schau und Aufsicht. 
Gegenüber dem Magister und Viztum sind die Bäcker 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 53 

zu Abgaben für das Ofen- und Marktrecht verpflichtet. 
Diese Einrichtung weist jedoch keine Merkmale auf, 
die die Baseler Magisteria vom gewöhnlichen Typus 
unterscheiden. Andererseits aber erkennt man den 
Einfluß der gleichzeitig vorhandenen Zunftverfassung 
an der Bestimmung, daß jeder neue Genosse 20 Solidi 
zur Altarbezündung und 10 Solidi für den Willkommens- 
schmaus zu zahlen hatte, eine Sitte, die gleichzeitig 
den Sodalitia des römischen Kaiserreiches und den 
Fraternitates oder Gilden des Mittelalters gemeinsam 
ist. Die genossenschaftliche Verbindung der dem 
Magister unterworfenen Bäcker tritt in der Wahl von 
drei ehrbaren Männern „tres honestos", die an der 
Urteilsfällung durch den Magister teilnehmen, und end- 
lich in der Erhebung eines Teiles der Buße zu Gunsten 
des gleichen Beamten hervor 1 ). Was bezeugen nun 
diese Tatsachen? Etwa die Abstammung der Zünfte 
vom Magisterium, oder nicht vielmehr das Bestehen 
innerhalb der nach Lehensrecht überwiesenen Hand- 
werker sozial-religiöser Vereinigungen, aus denen in 
der Folge das Zunftwesen hervorgegangen ist? Wir 
sind geneigt, eher das zweite anzunehmen. 

Die erste Erwähnung der Krämer zu Leipzig 
findet sich nicht vor Mitte des XIV. Jahrhunderts, 
und dieser Umstand allein schließt schon die Möglich- 
keit einer Einwirkung' des Magisteriums auf die Aus- 
gestaltung des Zunftwesens aus. Ich vermag auch 
einen sicheren Hinweis darauf nicht darin zu erblicken, 
daß Markgraf Wilhelm 1373 einer Anzahl Schuster die 
Bewilligung erteilt hat, auszuscheiden und eine eigene 
Innung unter selbständigem Meister zu bilden, „die 
Rechte und Gewohnheiten, die zu ihrem Handwerk 
gehören, beibehaltend." Enthält doch die Urkunde 



i) Eberstadt, S. 124-130. 



54 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

kein Wort über die nähere Bestimmung des neuen 
Magisteriums, ebenso wenig Angaben über die Art der 
Rechte und Gewohnheiten der Handwerker. Derartig 
die Hypothese von der Umwandlung des Magisteriums 
in die Zunft begründen wollen, kann man doch 
nur, w 7 enn man die Phantasie dort das Wort ergreifen 
läßt, wo die Urkunden selbst schweigen. Über das 
Magisterium der Fischer gehen die Aufzeichnungen 
nicht über das XIV. Jahrhundert zurück und können 
daher als Stütze für die Theorie der Entstehung der 
Zünfte nicht dienen. Man darf allerdings Eberstadt 
darin Recht geben, daß die dem Erzbischof Wichmann 
zugeschriebene Urkunde — zwischen 1152 und 1192 
— betreffend das Magisterium der Schuster zu Halle 
oder Magdeburg viel später, d.h. zur Zeit der Streitig- 
keiten über die Rechtssphäre des Bischofs und der 
Zunft, verfaßt worden ist. Es ist auch richtig, daß 
sie nicht zu der Annahme berechtigt, daß diejenigen 
Sonder- und Selbstverwaltungsrechte des Handwerks, 
die erst in den späteren Zunftstatuten Anerkennung 
gefunden haben, bereits um die Mitte des XII. Jahr- 
hunderts bestanden hätten. Sie kann aber andererseits 
keineswegs als Beweis dafür dienen, daß das Magiste- 
rium zu Halle oder Magdeburg — die Urkunde wird 
gleichzeitig beiden Städten zugewiesen — der Zunft- 
bildung vorangegangen und stillschweigend zu dieser 
übergegangen wäre. 

Die an letzter Stelle von Eberstadt angeführte 
Urkunde der Konsuln und Bürger der Stadt Braun- 
schweig endlich, mit der 1231 den Goldschmieden 
Sonderrechte verliehen wurden, enthält gar keinen 
Hinweis auf eine hofrechtliche Einrichtung des Gold- 
schmiedehandwerks, außer dem Ausdruck „magisterium", 
der hier bei weitem nicht die besondere Bedeutung 
hat, in welcher er in der Regel in den Denkmälern 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verlassung des Gewerbes. 55 

des XIII. Jahrhunderts gebraucht wird. Es handelt 
sich hier in der Tat nur um die Verleihung des 
Rechts zur ausschließlichen Ausübung des Gewerbes 
an die bruderschaftliche Vereinigung der Handwerks- 
genossen, was aber bereits, wie wir später sehen werden, 
einer Zunftbildung gleichkommt 1 ). Es ist daher weiter 
nichts, als ein Spiel mit Worten, wenn Eberstadt erklärt, 
daß hier das Magisterium der Goldschmiede an die 
Handwerkerschaft übereignet werde, denn das Ma- 
gisterium war, wie wir gesehen haben, seinem Wesen 
nach eine Art Lehensamt (feudum ministerii), weshalb von 
einer feudalen Abhängigkeit der Goldschmiede gegen- 
über der Stadt keine Rede sein kann. Somit kann 
auch dieses Dokument zum Verständnis des Ent- 
stehungsvorganges ebensowenig beitragen, wie alle 
übrigen. Das Gesamtergebnis, das aus dieser Unter- 
suchung folgt, führt also lediglich zur Anerkennung 
der Tatsache, daß einige Handwerkerschaften ihre 
hofrechtliche Verfassungsform beibehalten haben. Dies 
gibt uns aber kein Recht, ein kausales Verhältnis 
zwischen diesen und den frühesten Zunftbildungen 
anzunehmen. 

Hätte das Magisterium ein notwendiges Zwischen- 
glied in der genossenschaftlichen Entwickelung des 
Handwerks gebildet, so müßte es auch sowohl in 
Italien, wie in England vorhanden gewesen sein. 
Allein alles, was über Italien gesagt werden kann, 
ist, daß in den Statuten einiger Zünfte zu Rom, 
Parma und Florenz sich eine Andeutung findet, daß 
neben dem gewählten Ausschuß von Altesten, Konsuln 



J ) Nos burgenses de voluntate comuni . . . anrifabris . . . 
operarii volentibus magisterium operis sui dedimus . . . besagt 
augenscheinlich soviel, als: wir Bürger erteilen übereinstimmend 
den Goldschmieden, die ihr Handwerk auszuüben wünschen, 
das Recht dazu. 



56 Erstes Kap. : Die ho f rechtliche Verfassung des Gewerbes. 

und gastalden noch ein eingliederiger Vorstand bald 
unter dem Namen capitaneus (in Rom), bald als 
podestä (in Parma) bestanden hat. Reiht man diesen 
Verhältnissen die im Edikt Rotbars genannten ma- 
gistri Comacini oder Maurer aus Comacchio mit ihren 
Gewerksgenossen (collegantes) 2 ) an und weist 
auch dem magister calegarius oder auch dem magister 
marmorarius und magister ferrarius, die in den von 
Troya 2 ) herausgegebenen langobardischen Urkunden 
erwähnt sind, ähnliche collegantes zu, so wird man 
vielleicht auch hinsichtlich Italiens sagen können, daß 
der Zunfteinrichtung eine Vereinigung einiger Hand- 
werkerschaften unter dem hof rechtlichen Magisteramt 
vorangegangen sind. Der Umstand, daß zu Venedig 
die Meister unmittelbar dem Dogen und seinen Richtern 
(Justicarii, später die justizia vecchia) unterstanden 
haben, würde bei Außerachtlassung der Verhältnisse, die 
in Byzanz, das mit den politischen Wandlungen der 
Republik St. Marcus so eng verbunden war, wirksam 
waren, ebenfalls zur Bestätigung jener Annahme dienen 
können. Allein wir besitzen keinerlei Angaben weder 
über das genossenschaftliche Wesen der grundherr- 
lichen Magisteria, noch über die vermutliche Um- 
bildung dieser zu einer Zunft. 

Für England lassen sich nun aber weder feuda 
ministerii oder Lehensämter, wie es die deutschen 
und französischen magisteria gewesen sind, noch 
ihre Umbildung zu Zunftgenossenschaften , deren 
ältestes Vorbild die gildae oder wohltätig-religiöse 
Vereine, wie die Gilde zu Abbotsbury, gewesen sind, 
feststellen. Die normannischen Herrscher verfolgten 



Edictum Rothari, 144. . 

2 ) Troya, Codex Lang. Nr. 889, Jahr 768; Nr. 972, Jahr 764; 
Nr. 688, Jahr 755. Angeführt bei Solmi, Le associazione in 
Italia, S. 48, 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 57 

diese Genossenschaften längere Zeit, bevor sie sie dem 
Typus der Handelsgilden, gildae mercatoriae, zuordneten, 
und ihnen als solchen den Auftrag erteilten, die Steuern 
der Bürgerschaft in Pacht zu nehmen. Die sog. firma 
burgi hatte in der Mehrzahl der Fälle mit keinen anderen 
Kontrahenten, als mit dem König einerseits und der 
Handelsgilde andererseits, zu tun. Als sich aber Hand- 
werker des gleichen Gewerkes in einzelnen Städten von 
dieser Gilde losgetrennt hatten, stand der Regierung 
nichts mehr im Wege, mit ihnen ähnliche Abfindungen 
über Kapitalisierung der pflichtigen Abgaben und Fest- 
setzung einer unabänderlichen Rente einzugehen, wie 
ehemals mit den Handelsgilden. Und in dieser Stellung 
empfing die Genossenschaft vom König nebst der Pacht 
sämtlicher Abgaben, die die Mitglieder einzeln zu ent- 
richten hatten, auch das Recht, ihre inneren Angelegen- 
heiten durch gewählte Amtspersonen verwalten zu lassen, 
und über die Regeln über die Ausübung des Gewerbes 
zu beschließen; dies genügte auch vollkommen, um zu 
der Zunftgründung den ersten Anstoß zu geben, und 
zwar lange bevor oder ohne daß eine Verleihung selb- 
ständiger Gerichtsbarkeit oder gewerblicher Sonder- 
rechte stattgefunden hätte. Wir sind demnach in der 
Lage, darauf hinzuweisen, daß in einem der Länder 
mit ausgesprochendster Zunftentwicklung die genossen- 
schaftliche Verfassung des Handwerks ganz unabhängig 
von den Lehensämtern der verschiedenen magistri operis 
entstanden ist. 

Aber auch die Städte anderer Länder und zwar 
die ältesten, aus denen Eberstadt seine Beispiele wählt, 
wie Köln, Mainz, Straßburg, Konstanz, Lübeck, Ham- 
burg, Riga usw. kannten eine magisteriale Verfassung 
der Handwerkerschaften nicht, während Zunftbildungen 
in mehr oder weniger vollkommener Form dort bereits 
in der Mitte des XII. Jahrhunderts bestanden haben. 



58 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Dies gilt auch von den französischen Stadtgemeinden, 
wie Rouen, dessen Innungen schon in den Urkunden 
Heinrichs I. erwähnt werden, die aber keinerlei Hinweis 
auf Magisteria enthalten. Vergebens beruft sich Eber- 
stadt auf den Mangel an Quellen, an denen er die 
Richtigkeit seiner Annahme auch an anderen Städten 
Frankreichs, außer den angeführten, erproben könne 1 ). 
Allein in einigen Stadtgemeinden, z. B. in Amiens, sind 
diese Urkunden aus der Zeit unmittelbar nach der Ab- 
fassung des Livre des metiers in Fülle vorhanden, sie 
erwähnen aber keinerlei hofrechtliche, wohl aber zunft- 
mäßige Verfassungen der Handwerke mit enger An- 
gliederung an die städtische Verwaltung 2 ). Das gilt auch, 
wie Eberstadt selbst einräumt, von Arras, Douai und 
Limoges; in der ersten dieser Städte werden gewerb- 
liche Bruderschaften, nicht aber Magisteria, genannt, 
in der zweiten und dritten, wo eine Zunfteinrichtung 
bestand, führte bereits 1260 der Stadtrat die Gewerbe- 
aufsicht 3 ). 

Demnach ist es unzutreffend, die Einrichtung des 
Magisteriums als das notwendige Zwischenglied im ge- 
nossenschaftlichen Werdegang des Zunftwesens aufzu- 
fassen ; seine Bedeutung im Urteil der Gevverbegeschichte 
läuft vielmehr darauf hinaus, daß es in den freien Stadt- 



J ) Eberstadt, S. 107. 

2 ) Recueil des monuments inedits de I'histoire du tiers 
etat. Tom. I. Les pieces rel. a I'histoire de la ville d'Amiens 
par Augustin Thierry. 1850, S. 153, 157, 225 und 273. Die 
banniere des fruitiers d'Amiens, die ihre 4 gardes (wardes) vom 
Maire und Echevin erhalten, wird schon 1268 genannt, während 
ceulx du mestier de l'eaue, d. h. die das Fuhrgewerbe auf der 
Somme treiben, bereits 1255 von dem Maire und Echevin von 
Amiens, Abbeville und Corbie ein Statut über die Ausübung ihres 
Gewerbes erhalten haben, ibid. S, 217 und 225. 

3 ) Taillar. Recueil d'aetes des 12 e et 13 e siecles en langue 
romane wallone. Douai 1849, S. 119 und 216. — Leymarie. 
Le Liraousin historique. Bd. I, S. 581. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 59 

gemeinden des XII. und XIII. Jahrhunderts als ge- 
schichtlicher Überrest hofrechtlicher Gewerbeordnung 
fortlebte, die im gesamten mittelalterlichen Westen, 
ohne Unterschied von Stadt und Dorf, bis ins 
XI. Jahrhundert hinein sich erhalten hat. 

Ohne das Vorbild für die Zünfte gewesen zu 
sein, verschwindet das Magisterium in dem Maße, 
als das Zunftwesen sich entwickelt, oder aber es 
bildet sich dem genossenschaftlichen Charakter der 
in stetigem Fortschritt begriffenen Zunfteinrichtung 
gemäß um. Dem letzteren Umstand verdankt auch 
das Magisterium seinen Fortbestand bis in das XVI., 
und sogar bis zu Anfang des XVIII. Jahrhunderts 1 ). 

Aus der bisherigen Darlegung folgt mit Not- 
wendigkeit, daß bei der hofrechtlichen Verfassung 
des Gewerbes, im Unterschied von der Zunftgestaltung, 
jegliche Merkmale genossenschaftlicher Ordnung fehlen. 
Die hofhörigen Handwerker betreiben ihr Gewerbe 
persönlich oder genau gesagt, mit Zuhilfenahme 
ihrer Familienangehörigen. 1 Es kommen z. B. ganze 
Familiengemeinschaften von Fischern vor, aber niemals 
wird erwähnt, daß die Teilnehmer eines Ge Werkes 
durch Eid untereinander verbunden gewesen wären oder 
daß sie sich bei ihrem Handwerk nach ihren eigenen 
Statuten richteten. Sogar der Gedanke ist nicht von 
der Hand zu weisen, daß auch innerhalb der Land- 
handwerker zeitweilig, wie gewöhnlich bei den Bürgern, 
das Bedürfnis nach Vereinigungen, Bruderschaften 
und Schwurgenossenschaften sich geltend gemacht hat; 



! ) Das Magisterium der Fleischer setzte sich bis 1551, das 
der Althändler, Handschuhmacher und Kürschner bis 1545 fort. 
15:5,S erwarb der Leipziger Rat das im Besitze der Dynastie 
befindliche Magisterium der Fischer. Das Magisterium der 
Bäcker zu Paris wurde 1711 aus fiskalischen Gründen auf- 
gehoben. Eberstadt, 8. 156. 



60 Erstes Kap.: Die hofrechtliehe Verfassung des Gewerbes. 

es ist ja nicht anzunehmen, daß die von den Karo- 
lingern gegen Vereinigungen ergriffenen Maßnahmen 
lediglich auf Personen abzielten, die nur in der Nähe 
der Märkte oder in den Grenzen der Burgmauern an- 
säßig waren. In der Tat sträuben sich Karl der Große 
und Lothar I. gegen jeden Eid, den die Conjurantes ad 
gildoniam leisteten. Es ist jedoch nicht deutlich gesagt, 
ob unter den Conjurantes nur die städtischen oder 
aber auch die ländlichen Bewohner gemeint sind. Die 
im Jahre 800 erlassenen langobardischen Kapitularien 
Karls richteten sich wahrscheinlich gegen die Be- 
wegung, die in den Stadtgemeinden, die unter dem 
Bischof oder unter den aus den Alpen eingewanderten 
westlichen Feudalherren standen, zu gähren begann. 
Während aber der Kaiser die Gildenbildunnen, 
soweit sie der sozialen und politischen Ordnung Ge- 
fahr drohten, im Keime zu ersticken versuchte, ge- 
währte er andererseits jenen Vereinigungen Freiheit, 
die Wohltätigkeit oder gegenseitige Hilfeleistung bei 
Brand und Schiffbruch zum Zwecke hatten 1 ). - 

Derartige Vereinigungen konnten selbstverständlich 
auch außerhalb der Stadtmauern, in der Nähe einer 
Kirche oder Abtei sich bilden. Es kann daher nicht 
überraschen, wenn Vereine, genannt confratrii oder 
geldonii, nach dem Zeugnis Hincmars von ßheims 
vom Jahre 858, in Frankreich innerhalb der Kirch- 
spiele bestanden haben ; sie zählten zu ihren Mitgliedern 
Dorfleute und legten sich Abgaben auf zur Beschaffung 
von Wachskerzen (luminaria), zur Beihilfe in Krankheits- 



*) De sacramentis ad gildoniam ad invicem conjurantium 
ut nemo facere praesumat. Alio vero modo de illorum 
eleemosynis, aut de incendio aut de naufragio. Muratori, 
Rerum Italic. Script., Bd. I, S. 2. lex XIII. Langob. Caroli 
Magni. Die Verordnung Lothars lautet: Volumus ut nemo nee 
per sacramentum, nee per Obligationen! adunantiam faciat. 



Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. Q\ 

fällen, für das Begräbnis, für Armenunterstützung und 
endlich zur Veranstaltung von Festmählern zu Ehren 
ihres Schutzheiligen 1 ). 

Die Teilnahme an religiösen Aufzügen mit brennen- 
den Kerzen oder sogenannten luminaria, der Kranken- 
besuch und die Leichenbestattung gehörten längere Zeit 
hindurch zu den wesentlichen Aufgaben städtischer und 
ländlicher Vereinigungen, mochte es sich nun um solche 
handeln, die eine ganze Kirchengemeinde umfaßten, 
oder um Angehörige desselben Bezirks, die in Italien 
gewöhnlich nach den Stadttoren (portae) gegliedert 
waren (societä delle armi), oder endlich um Handels- 
gilden und Handwerkerzünfte. In dieser Hinsicht 
besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen den 
Statuten der Weber, Eisenschmiede oder Fischer und 
den Regeln einer beliebigen kirchlichen Bruderschaft 
zur heil. Jungfrau und anderer Schutzheiligen oder 
den Statuten der Bogen- und Armbrustschützen 2 ). 

Allein schon im römischen Kaiserreich haben 
solche Wohltätigkeits- und religiöse Vereine oder so- 
dalitia bestanden. Daher kommt man unwillkürlich 
auf den Gedanken, daß die in einigen Städten Italiens, 
insonderheit in Verona, ßavenna und Rom unter den 



2 ) De confratriis, earumque conventibus, quomodo celebrari 
debeant. Ut de collectis, quas geldonias vel confratrias vulgo 
vocant, sicut iam verbis monuimus, et nunc scriptis expresse 
praecipimus. tan tum fiat, quantum ad autoritatem et utilitatem, 
atque rationem pertinet: ultra autem nemo, neque sacerdos, 
neque fidelis quisquam, in parochia nostra progredi audeat. 
Id est in omni obsequio religionis conjungantar: videlicet in 
oblatione, in luminaribus, in oblationibus mutuis, in exequiis 
defunctorum, in eleemosynis, et ceteris pietatis officiis: ita ut 
qui candelam afferre voluerint, sive specialiter, sive generaliter, 
aut ante missam, aut inter missam, antequam evangelium 
legatur, ad altare deferant. 

2 ) Liebenam, Zur Geschichte und Organisation des 
römischen Vereinswesens. S. 257, 263 und 274. 



62 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Geistlichen, später auch unter den Laien bestehenden 
Vereine und Bruderschaften, wie die in der venezia- 
nischen Chronik Altinate genannte Schola ad honorem 
S. Michaelis et S. Yiti *), die die Kirchengemeinde und 
die Nachbarn, convicinantes, genossenschaftlich zu- 
sammenschloß, eine Fortsetzung der Bruderschaften 
darstellen, die auch dem christlichen Rom bekannt 
waren. Andererseits aber treffen wir, wie Solmi nach- 
weist, die Byzantinische Sitte der Einreihung der 
Miliz oder Bärgerwehr in besondere Scholae, die im 
Codex Theodosianus den Namen Scholae militiae et 
palatinae 2 ) führen, von neuem in Städten, insonderheit 
in Rom und Ravenna, die bis zum VIII. Jahrhundert 
politische Beziehungen zu Konstantinopel aufrecht 
erhalten haben. Während der Erhebung des Raven- 
natischen Bürgertums gegen den Exarchen wurde das 
erstere in 12 Körperschaften oder Bandi eingeteilt. 
Die Einwohnerschaft Roms ist zur Zeit des Papstes 
Hadrian für den Kriegsfall, wie aus dem von Duchesne 
herausgegebenen Liber pontificalis Hadriani papae her- 
vorgeht, ebenfalls in scholae militiae gegliedert gewesen 3 ). 
Daß in den italienischen Städten die Verwaltungs- 
bezirke in der Regel nach den Stadttoren eingeteilt 
zu werden pflegten, kann als Bestätigung dafür dienen, 
daß die scholae militiae in ihrer Mehrzahl Ortsvereine 
gewesen sind ; da aber die Gründung einer schola 
mit der Wahl eines Schutzheiligen verbunden war, 
zu dessen Ehrung auch der Tempel der Kirchen- 
gemeinde erbaut wurde, so können wir sie doch nicht 
als rein militärische Vereinigungen betrachten. Einen 



!) Simonsfeld, S. 26. 

2 ; Codex Theodosianus VI, 28. 

:i ) Liber pontif. V. Hadriani 35: Et dum adpropinquasset 
fere unius miliario a Romana urbe, direxit universas scholas 
militiae una cum patronis (ed. Duchesne. I. 4U7). 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung' des Gewerbes. 63 

anschaulichen Beleg hierfür bietet uns die Societä delle 
armi, deren Statuten mehr oder weniger vollständig 
in Bologna erhalten geblieben und von Professor 
Gaudenzi herausgegeben sind. Diese zeigen deutlich, 
daß die militärischen Vereine den einzelnen Stadt- 
toren zugewiesen waren, und daß die Mitglieder neben 
ihren Beruf pflichten auch religiöse und Wohltätigkeits- 
aufgaben getätigt haben. Die Mitglieder der Societä delle 
armi gewähren mit Hilfe von Mitgliederbeiträgen den 
notleidenden und kranken Brüdern Unterstützungen 1 ), 
verrichten Dankgebete und Seelenmessen 2 ), unterhalten 
am Altar der Schutzheiligen brennende Lampen 3 ), be- 
suchen die Kranken (§ 31), tragen eine Wachskerze 
bei den Osteraufzügen (§ 34), erscheinen vollzählig 
beim Begräbnis der Brüder, besuchen die Hinter- 
bliebenen, bringen den Verwandten ihre Beileids- 
bezeugung dar (§§ 41 u. 44) u. s. f. 

In welchem Verhältnis die ersten Handels- und 
Handwerkergilden zu diesen militärischen und Kirch- 
spielverbänden gestanden haben, ist bis heute nicht 
aufgeklärt. Daß aber in einzelnen italienischen Städten, 
wie beispielsweise in Florenz, einige Handwerkerzünfte 
gewissen Kirchspielen oder Stadtbezirken (porta) zu- 
geteilt waren, läßt vermuten, daß die Handwerke nach 
Stadtvierteln, zumindest nach Kirchspielen geschieden 
waren, daß ferner die Wohltätigkeits-, religiösen und 
militärisch-polizeilichen Bruderschaften möglicherweise 
unmittelbar zu Berufsgenossenschaften geworden sind, 



x ) Item statuimus et ordinamus quod de avere societatis 
possit expendi voluntate ministralium vel maioris partis usque 
ad quantitatem quinque sol. bon. in pauperibus infermis societatis 
pro qualibet vice (Statuti della societä dei lombardi a. 1255). 
Gaudenzi. Societä delle armi. S. 7. 

2 ) ibid. § 7 und 8. 

3 ) ibid. S. 20. 



64 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

die anfangs nicht selten verschiedene Gewerbetriebe in 
sich vereinigt haben. Sehr bezeichnend in dieser Be- 
ziehung ist das Zeugnis Giovanni Villanis. Nach diesem 
Chronisten haben um die Mitte des XII. Jahrhunderts 
die consules der Händler mit fremdländischen, in- 
sonderheit mit französischen Wollenwaren — der Vor- 
gänger der Calimalazunft — die Leitung des Baues 
S. Johannis in ihren Händen gehabt. Es ist gleich- 
falls bemerkenswert, daß die Krämer, aus denen die 
merciai hervorgegangen sind, und die auch die Händler 
mit italienischen Tuchen und Seidengeweben umfaßten, 
in den Quellen aus dem ersten Viertel des XIII. Jahr- 
hunderts (1218) als „Leute vom Marientore" bezeichnet 
werden 1 ). In Rom, Mailand und Venedig, wo die 
Stadtteilung nach portae oder Toren gleichfalls üblich 
war 2 ), bewohnten die Handwerker gewisse Stadtviertel 
und Kirchspiele 3 ). So wurde beispielsweise 1066 den 
Schvvertschmieden zu Mailand eine besondere Gasse 
zugewiesen 4 ). Da die Quellen aus der Zeit vor dem 
XII. Jahrhundert, wie durch die neueren Forschungen 
über die Zunftgeschichte Italiens sicher festgestellt ist, 
eine Verleihung der Gewerbepolizei an die Handwerker 
nicht erwähnen 5 ), und die ältesten Zunftstatuten Ve- 
nedigs ausschließlich von der Befolgung der richter- 
lichen Verordnungen betreffend Betrieb und "Waren- 
preise handeln, so sind wir nicht zu der Annahme 
berechtigt, daß die Selbstverwaltung zu Beginn der 

1 ) Alfred Deren. Entwicklung- und Organisation der 
Florentiner Zünfte im 13. und 14. Jahrhundert. S. 7. 

2 ) Mazzi. Le vicinie di Bergamo. S. 2 und 11. Der Ver- 
fasser zeigt, daß die Einteilung der Stadt in vier portae in 
Italien allgemein üblich war. 

3 ) Solmi, S. 106. — 4 ) ibid. S. 114. 

5 ) Im südlichen Italien wurde die Gewerbepolizei auch in 
dem folgenden Jahrhundert von den Staatsbehörden gehandhabt. 
Solmi, S. 113. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. (55 

genossenschaftlichen Gewerbeverfassung sich neben 
dem wohltätigen, religiösen und geselligen auch auf 
andere Gebiete erstreckt hat 1 ). 

In den Statuten der Zünfte zu Bologna aus der 
ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts finden sich 
zahlreiche Bestimmungen, z. B. die Pflicht, unverzüglich 
der Einladung zum Begräbnis der Genossen Folge zu 
leisten, wie die zum Besuch der Kranken und zur 
Ratserteilung an sie durch die Zunftobrigkeit. 

Bei Leichenbegängnissen und religiösen Aufzügen 
hatten die Vorsteher der Zunft mit Leuchten (luminaria) 
zu erscheinen, die auf gemeinsame Kosten angeschafft 
wurden und beim Kassenwart in Verwahrung waren ; 
sie sollen solange brennen, als der Gottesdienst und 
das Totenamt dauert. Falls der Genosse arm ist, hat 
seine Bestattung auf Kosten der Zunft zu geschehen 2 ). 

1 ) Das Statut der Schneider zu Venedig von 1219 enthält 
im ganzen drei Bestimmungen, von denen die erste auf die 
Form des Eides sich bezieht, den die neuen Genossen zu leisten 
haben. Der Eid verpflichtet zu gewissenhafter Arbeit und Ver- 
meidung von Streiks zur Erhöhung der Tuch- und Arbeitspreise; 
der Vereidigte soll ferner jeden anzeigen, der begonnen hat, 
das Handwerk zu betreiben, ohne den gleichen Eid geleistet zu 
haben. Die zweite Bestimmung hezieht sich auf die gesetzlichen 
Warentaxen und die dritte betrifft die Befolgung von Ver- 
ordnungen des Dogen, des Großen Rates und der Richter. 
Monticoio S. 9 — 16. Ähnlichen Inhalt haben auch andere 
Statuten aus derselben Zeit. Vergl. Capitulare de Zupariis 
von 1219, S. 23—25. 

2 ) Die Statuten der Zünfte zu Bologna hat Gaudenzi 
herausgegeben. Der Erlaß der meisten von ihnen geht auf die 
erste Hälfte des XIII. Jahrhunderts zurück, d. h. auf 1242 
und 1248. Nachstehend sei ein wörtlicher Auszug aus zwei 
der ältesten Statuten der Gewandschneider und der Fett- und 
Käsehändler aufgeführt; Statuti lardariorum et formentariorum 
(1242). Quod duo cerei emantur expensis hominum dicte 
societatis, qui stare debeant penes massarium dicte societatis. 
Et sint sedecim librarum cere . . . qui portare debeant 

Kowalewsky, Ökonomische Entwickelung- Europas V. 5 



66 Erstes Kap.: Die hoi'rechtliche Verfassung- des Gewerbes. 

Dieselben Züge findet man auch in anderen 
Ländern und zwar bei verschiedenen Genossenschaften, 
seien es sog. religiöse und polizeiliche Gilden, seien 
es Vereinigungen von Handwerks- und Handels- 
genossen. Die Gilde der Orsi zu Abbotsbury, wie 
auch die Bruderschaften zu Exeter und Woodbury 
verfolgten, nach Groß, religiöse Zwecke, sie haben es 
in erster Linie auf ihre „Seelenrettung" abgesehen. Zu 
den Aufgaben der Bruderschaft zu Exeter gehört auch 
gegenseitige Hilfeleistung bei Unglücksfällen, Festlich- 
keiten, gemeinsames Absingen von Psalmen, Teilnahme 
am Leichenbegängnis, feierliche Eidesleistung beim 
Eintritt in die Bruderschaft, Bußen bei Vernach- 
läßigung der Pflichten und schlechtem Betragen, 
Kassenbeiträge, gegenseitige Unterstützung in Not- 
fällen, — von all dem handeln die Statuten dieser 
angelsächsischen „Gilden" *). 

Sogar bei solchen Bruderschaften zu gegenseitiger 
Hilfe gegen Friedensstörer, wie es die altdänischen 
„Knutsgilden" zu Flensburg, Odense, Store-Hedin, 
Malmö (in Schweden) und lleval gewesen sind, stehen 
Unterstützungen in Notfällen, gesellige Schmause und 
Beteiligung an Leichenbegängnissen in erster Reihe. 

Hier sind einige Auszüge aus den ältesten Statuten. 
Bei der Gilde zu Flensburg heißt es: Hat einer 
seiner Genossen Schiffbruch gelitten, so hat er ihn 

ad corpus cum aliquis ex magistris decesserit . . . Si 
aliquis raorietur et esset ita pauper quod non haberefc unde 
possint fieri expense eins sepulture, ministrales teneantur 
ipsum facere sepelliri expensis societatis omnibus et quilibet 
de societate teneatur venire ad corpus in banno VI sol. — 
Statuti drapperiorum, 1248. Quod omnes magistri teneantur 
ire ad socium defunctum cum citati fuerint . . . Quod 
ministeriales teneantur visitare socios infirmos et consilium dare. 
l ) Groß. The Gild Merchant. Oxford, Clarendon Press; 
1890. S. 183. 



Erstes Kap.: Die ho f rechtliche Verfassung des Gewerbes. 67 

auf sein Schiff hinüberzuretten und ihm Hilfe zu 
leisten. Verarmt ein Genosse infolge Vermögens- 
verfall, so haben alle Mitglieder nach Können und 
Gewissen ihm beizustehen. Ist ein Mitglied erkrankt, 
so bestimmt die Bruderschaft durch das Los, wer an 
seinem Krankenbett zu wachen hat. Stirbt ein Mitglied, 
so haben alle Brüder und Schwestern das Leichengeleit 
zu leisten „und je einen Pfennig für die Seelenmesse 
zu opfern 1 )." Ähnliche Bestimmungen weisen die 
Statuten der Gilde zu Odense (§ 19 u. 20) auf, die 
von Veranstaltung geselliger Schmause (de convivio 
faciendo), § 20, von Anschaffung von Wachskerzen 
auf gemeinsame Kosten, von gemeinsamer Beteiligung 
an Messen, von NichtVerletzung der Ehre des Gilde- 
bruders Frau und Tochter, von Unterlassung des 
Mitbewerbs bei Kauf- und Verkaufsgeschäften des 
Genossen (§ 38, 40 u. 42) und endlich von der Kranken- 
fürsorge handeln (§ 29 u. 41) 2 ). 

Die eben beschriebenen Züge finden sich auch 
bei den ältesten Schützengilden zu Gent, Brügge, 
Namur und Löwen des XIII. und XIV. Jahrhunderts, 
denen gleichfalls gottesdienstliche, gesellige und Wohl- 
tätigkeitszwecke nicht fremd sind, wiewohl ihre Haupt- 
aufgabe auf die Heranbildung geschickter Schützen 
gerichtet gewesen ist 3 ). Das Livre des metiers oder 
die von Prevost Etienne Boileau zur Zeit Ludwigs IX. 
des Heiligen aufgezeichneten Statuten der Pariser 
Zünfte, wie auch die Statuten der Lübecker, Hamburger, 
Straßburger, Kölner u. a. Zünfte liefern ihrerseits reiches 



1 ) Die altdänischen Schutzgilden. Von Max Pappenheim. 
Breslau 1855. S. 44G, 447 und 451. 

2 ) ibid. S. 4G2 ff. 

3 ) Siehe u. a. Notice hist. sur les anc. sermens ou gildes 
d'arbaletriers, . d'archers, d'arquebusiers et d'escrimeurs de 
Bruxelles par Alphonse Wauters. 1848. S. 2 und ff. 

5* 



68 Erstes Kap.: Die hofrechdiche Verfassung des Gewerbes 

Material zum Nachweise, daß jene Aufgaben den Hand- 
werks- und Kaufmannsgilden von ältester Zeit her 
eigen waren 1 ). 

Die Krankenpflege, die Beerdigung der Genossen, 
die gemeinsamen Trunkgelage und die Beteiligung an 
gottesdienstlichen und öffentlichen Aufzügen werden 
ferner sowohl in den Statuten der Zünfte zu Rouen, 
wie in den sog. Zunftrollen Lübecks, Bremens, Kölns 
und Strasburgs, wie auch in denjenigen Keuren oder 
Zunftsatzungen, die in so großer Zahl in den Archiven 
der Flandrischen Stadtgemeinden vorhanden sind, er- 
wähnt. 

Und so finden wir denn bei den verschiedensten 
mittelalterlichen Vereinigungen, ungeachtet ihrer be- 
sonderen Ziele, sowohl sittlich-religiöse, wie gesellige 
Bestrebungen, von denen die ersteren mit denjenigen 
übereinstimmen, die schon von den römisch -christ- 
lichen sodalitia befolgt wurden. Vom XI. Jahrhundert 
an kommen aber derartige Bruderschaften auch unter 
den Handwerkern dieser oder jener Städte Deutsch- 
lands und Nordfrankreichs vor. Zu den ältesten Auf- 
zeichnungen ist die Urkunde aus dem Jahre 1099 
betreffend die Webergenossenschaft zu Mainz zu zählen. 
Diese berichtet, daß der Erzbischof Ruthard verfügt 
hat, daß die Weber von Mainz den Kreuzgang der 
Kirche ausbessern sollen ; sie werden ferner aufgefordert, 
der vom Vorgänger begründeten Stefanskirche nach 
Kräften mit Kerzenspenden und anderen guten Werken 
zu dienen*. Bei diesen Diensten soll der custos der 
Kirche ihr Unterweiser und Vorsteher sein. Dafür 
werden die Weber von einigen grundherrlichen Ob- 
liegenheiten befreit, nämlich von den Abgaben für die 
Ablösung des Burgen- und Schenkenamtes; ferner 

J ) ibid. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 69 

wird ihnen eine Grabstätte in dem Kreuzgang zu- 
gesichert 1 ). Um dieselbe Zeit, d. h. zwischen 1100 und 
1135 berichtet die Urkunde Heinrichs I., des englischen 
Königs, über die Verleihung des Innungsrechtes (uthabe- 
ant gildam suam bene et honorifice et plenarie de mini- 
sterio suo sicut eam habuerunt) an die Schuhmacher 
und Gerber zu Rouen (corversarii et cordewanarii) 2 ). 
Aus dem Jahre 1128 besitzen wir genauere Nachrichten 
über eine ähnliche Genossenschaft der Schuster zu 
Würzburg. Aus Anlass der Beschwerden über Miß- 
bräuche seitens der Beamten setzt der Bischof Embricho 
genau die fiskalischen Obliegenheiten der Verbands- 
mitglieder fest. Danach haben sie jährlich einen Fuchs- 
pelz im Werte von 30 Solidi für den Bischof und je 
ein Paar Schuhe für die beiden Schultheiße (bischöf- 
liche Baillife oder Verwalter) zu liefern; außerdem 
zahlen sie an die Stadtkasse 27 Unzen in Gold. Die 
weiteren Verordnungen beziehen sich auf die innere 
Einrichtung der Genossenschaft, ohne eine Festsetzung 
der fiskalischen Forderungen zu unterlassen. 

Bei Aufnahme in die Genossenschaft empfingen die 
anwesenden Mitglieder vom Neueintretenden 30 Solidi, 
wovon ein Teil der bischöflichen Kasse, ein anderer den 
Schultheißen zufließt und 2 /3 im Besitz der Genossen- 
schaft verbleibt, die ihrerseits 8 Denare zu gunsten 
der Geistlichkeit und zur Anschaffung von 4 Pfund 
Wachs für Kerzen verwendet. Weitere Abgaben von 
den Schuhmachern zu fordern ist niemand berechtigt. 
Diese Urkunde ist von Interesse ebenso durch das, was 
sie mitteilt, wie durch das, was sie verschweigt. Aus 
ihr geht hervor, daß die Genossenschaft einmal mit 



J ) Eberstadt, Magisterium und Fraternitas. S. 161—163. 
2 / Lacroix, Histoire des Communautes d'arts et de metiers 
ä Ronen. 



70 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Wissen und unter Obhut sowohl des Grundherrn, d. h. 
hier des Bischofs, wie der Stadt, als dessen Behörde 
man die Schultheiße betrachten kann, wie endlich der 
Ortskirche untersteht; das andere Mal, daß die Ge- 
nossenschaft keine abgeschlossene ist, da neue Hand- 
werker aufgenommen werden, insofern sie die „Beitritts- 
gelder" entrichten. Der Genossenschaft sind ferner 
keinerlei gewerbliche Vorrechte, Polizei oder Gerichts- 
barkeit verliehen. Es fehlen ferner Angaben über 
ständige Verwaltungsämter, wenn auch angenommen 
werden kann, daß mit dem Ankauf von Wachs, mit 
der Entrichtung der Abgaben an den Bischof, die 
Stadt und die Kirche, endlich mit dem Empfang der 
„Beitrittsgelder", irgend welche, wahrscheinlich schon 
von der Zunft gewählte Vorsteher betraut waren, 
denn sonst würden sie in der bischöflichen Verordnung 
erwähnt sein. 

In den Grenzorten Deutschlands bestanden ähn- 
liche Bruderschaften, so in Köln, Magdeburg und 
Basel. Wohl werden sie erstmals um die Mitte oder 
in der zweiten Hälfte des XII. Jahrhunderts genannt, 
allein aus dem Inhalte der Urkunden geht hervor, daß 
sie bereits Jahrzehnte früher als gottesdienstlich-gesellige 
Vereine und ohne genossenschaftlichen Charakter, stän- 
dige Behörden und Einrichtungen gegründet waren. 

Wenn eine dieser Bruderschaften, die Ziechen- 
weber zu Köln, erst im Jahre 1149 erwähnt wird, so 
geschah es aus dem Anlaß, daß die in der Urkunde 
genannten Personen die Trockenlegung eines Hhein- 
armes in die Hand genommen und auf dem gewonne- 
nen Grundstück Marktstände errichtet haben. 1149 
empfing diese Genossenschaft von den Stadtbehörden 
ihre Bestätigung und das Recht, sämtliche ausübenden 
Gewerbsgenossen in ihre Mitte aufzunehmen. Aber 
bis dahin geschah solcher Vorrechte keinerlei Er- 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 71 

wähnung und die Mitglieder der Bruderschaft durften 
nur gottesdienstliche und gesellige Ziele verfolgen 1 ). 

Die Urkunde von 1149 ist ausgestellt vorn Vogt, 
Grafen und den Senatoren der Stadt. Am Ende 
findet sich eine Bemerkung, daß die gesamte Bürger- 
schaft ihre Zustimmung gegeben habe. Die Urkunde 
berichtet, daß eine Anzahl Männer, Freunde der 
Gerechtigkeit (es folgen die Namen mit dem Zusatz : 
die übrigen), Arbeiter des gleichen Gewerkes, eine 
Bruderschaft (Fraternitas) der Bettziechenweber in 
frommer Erwartung des ewigen Lebens aufgerichtet 
haben. Diese Bruderschaft ist auf dem Rathaus 
gemäß dem Stadtrecht unter allgemeinem Beispruch 
bestätigt worden. Die den Ziechenwebern verliehenen 
Vorrechte sind folgende: Alle Ziechen weber innerhalb 
der Stadt sind verpflichtet, der Bruderschaft anzu- 
gehören. Hier wird also zum ersten Mal erwähnt, daß 
eine Vereinigung von Handwerksgenossen, ohne abge- 
schlossen zu sein und ohne noch das Gewerbe sonder- 
rechtlich in ihren Händen zu vereinigen, bereits ein 
Zwangsbeitrittsrecht gegenüber allen, die dasselbe 
Gewerbe betreiben, ausüben. Im Jahre 1149 stand 
also die kirchliche Bruderschaft der Ziechenweber zu 
Köln vor der Umwandlung in eine Zunft; es fehlte 
ihr nur noch die Verleihung gewerbegerichtlicher und 
polizeilicher Befugnisse, um zu derjenigen gewöhnlichen 
Handwerkergenossenschaft überzugehen, die in Deutsch- 
land „Innung" oder „Zunft", in Frankreich „corps de 
metier" und in Italien „ars" genannt wurden 2 ). 



] ) Der Wortlaut der Urkunde ist bei Ennen und Eckert/, 
Quellen zur Gesch. der Stadt Köln, 1860, S. 329, abgedruckt. — 
Vgl. Eberstadt, Ursprung d. Zunftwesens. S. 8 u. ff. 

'-) Diese Urkunde ist außer bei Ennen auch bei Keutgen. 
Urk. z. städt. Verfassungsgesch., Bd. I, Tl. II, S. 256, abgedruckt. 



72 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Bei Köln kommen noch zwei andere Urkunden 
von 1180 und 1225 in Betracht, von denen die erstere 
von den Drechslern, die zweite von den Hutmachern 
handelt. Durch beide ist eine Verleihung gewisser 
Vorrechte verbrieft, was jedoch nicht ausschließt, daß 
diese Bruderschaften lange vor ihrer Anerkennung 
bestanden haben. 

Da in der Urkunde die Drechsler als Bruderschaft 
„zu Ehren des Evangelisten Johannes" genannt 
werden, dürfen wir annehmen, daß dieser ihr Schutz- 
patron gewesen ist, und sie in Folge dessen auch dem 
betreffenden Kirchspiel angehört haben. Daß im 
Jahre 1180 die Bruderschaft noch nicht im Vollbesitz 
zünftleriseher Vorrechte gewesen ist, geht daraus 
hervor, daß der Eintritt noch freigestellt war. Die 
Wendung: fraternitatem concedere jure civitatis et 
modo competenti tenendam besagt nicht, daß die 
Bruderschaft neu gestiftet ist, sondern, daß sie das 
Kecht empfängt, nach den Bestimmungen des Stadt- 
rechts ihr Gewerbe auszuüben. Bis dahin richtete sie 
sich nach eigenen Ordnungen, die durch allgemeinen 
Beschluß Rechtswirkung erhielten, während sie nunmehr 
ihre Bestätigung nach Stadtrecht 1 ) erlangen. Die 
Schilderer zu Magdeburg empfingen 1 197 das Gewerbe- 
privileg. Aus der Urkunde geht aber hervor, daß sie 
schon früher als Genossenschaft und Societas bestanden 
haben, nur die Vorschrift kam hinzu, daß jeder 
Handwerker, ehe er sich selbständig machte, zuerst 
die Mitgliedschaft in ihrer Gemeinschaft (communio, 
in der Volkssprache inninge genannt, so heißt es in 
der Urkunde) erwerbe 2 ). Die Schriftstücke, vor deren 
Abfassung nachweislich die Bruderschaften bestanden 
haben, wollen wir mit der Baseler Urkunde von 1226 



!) ibid. S. 18. — 2 ) ibid. S, 19, 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung- des Gewerbes. 73 

abschließen, die auf das deutlichste zeigt, daß die 
Handwerkerschaften auf religiöser Grundlage zu Ehren 
ihrer Schutzpatrone vereinigt gewesen sind, und die 
zum ersten Male den Ausdruck Zunft (von „zeman" 
oder „rezernan" abgeleitet) in demselben Sinne, wie 
das römische „conventio", gebraucht. Die Urkunde 
ist den Kürschnern ausgestellt. Ihre Kultusstätte 
hatte die Bruderschaft in der Kathedralkirche zur 
Jungfrau Maria und sie durfte über ihre Einnahmen 
aus den Straf- und „Beitritts"-Geldern für Zwecke 
der Zunft, in usus zunfte, verfügen, jedoch unter der 
Voraussetzung, wie es in der Urkunde heißt, daß 
auch der Kronleuchter der Kirche, Corona, an den 
Festtagen mit Kerzen versehen werde. Für diesen 
Zweck hatte jedes Mitglied viermal im Jahr je 2 Denare 
zu zahlen. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß 
diese Einrichtung bereits vor der erstmaligen Verleihung 
des Zunftrechtes von 1226 durch den Baseler Bischof 
bestanden hat 1 ). 

Aus allen erwähnten Zeugnissen geht hervor, 
daß die Handwerkerbruderschaften genau dieselben 
gottesdienstlichen Zwecke, wie die römischen sodalitia 
und in der Folgezeit die verschiedensten Vereine, 
kirchlichen Gilden und AVaffenbruderschaften, verfolgt 
haben. Es ist nun zu verstehen , warum die Würzburger 
Schuhmacher nach der Urkunde von 1128 jährliche 
Abgaben nicht nur an Geld, sondern auch an Wachs 
zu leisten hatten 2 ), und daß die Mainzer Bruderschaften 
nach der Urkunde von 1099 verpflichtet waren, mit 
frommen Werken der Kirche zu dienen, wogegen ihnen 
ein Anrecht auf eine Grabstätte bei der Kirche verliehen 
wurde. Die in den frühesten Quellen üblichen Be- 
zeichnungen, wie societas, communio, fraternitas und 



!) ibid. S. 20-22, - 2 ) ibid. S. 24. 



74 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

zunft, lassen deutlich erkennen, daß bei den Bruder- 
schaften anfangs kirchliche und gesellige Zwecke im 
Vordergrund gestanden haben und andere Aufgaben 
erst in zweiter Reihe in Betracht gekommen sind. 

Wenden wir uns nun zu Frankreich und sehen 
wir zu, welche Quellen über die früheste Art genossen- 
schaftlichen Zusammenschlusses von Hand werkern dieses 
Landes vorhanden sind. Eberstadt, der in neuerer Zeit 
zur Klärung des Charakters der ersten Zünfte am 
meisten beigetragen hat, sagt in seinem, diesem Gegen- 
stande gewidmeten Werke, daß Paris und Arras, von 
ßouen als dem Mittelpunkt des normannischen Herzog- 
tums abgesehen, uns die frühesten Zeugnisse über selb- 
ständige Vereinigungen von Handwerksgenossen über- 
liefert haben ] ). Die Urkunden von 1154, 1170 und 1183, 
betreffend die Pariser Fischhändler und Tucher und 
verschiedene Bruderschaften zu Arras, sind dadurch 
bemerkenswert, daß sie noch keinerlei genossenschaft- 
liche Einrichtung erwähnen, sondern nur über Abgaben 
und Obliegenheiten berichten, für deren Entrichtung 
eine gewisse Anzahl verpflichteter Personen mit ihren 
Erben solidarisch haftete. Die wohltätige und religiöse 

l ) So sind in der Urkunde betreffend Überlassung- eines 
Grundstückes beim Chätelet an die Fischhändler durch das 
Kloster Montmartre folgende Personen mit ihren Erben auf- 
gezählt: Albertus, Hungerus, Martinus, Gaubertus, Ernoldus, 
Vitalis. In der Urkunde heißt es: „nobis et pro se et pro aliis 
de predicto censu respondeant, si vero in predictis terminis ad 
plenum non reddiderint, unus pro omnibus et una satisfactione 
et quod vulgo una lege dicitur emendans, censum ex integro 
nobis restituet, et quod in emendatione et census restitutione 
ab eo expensum fuerit, ab eo qui commisit, totum ei exigere 
licebit." Eberstadt, S. 12 u. 13. Und weiter: ,,Si vero aliquis 
eorum ita defecerit quod nequiverit vel noluerit contentionem 
istam tenere, seu defuerit qui hereditario jure ei habeat succe- 
dere, piscatorum erit communiter alium substituere, qui locum 
deficientis obtineat et censum in parte sua nobis persolvat," 



Erstes Kap.: Die hofrecbtliche Verfassung des Gewerbes. 75 

Grundlage der Vereinigungen geht aber andererseits 
daraus hervor, daß bei den Verleihungen nicht selten 
Geistliche und Kirchendiener als Vertreter und Fürbitter 
der Bruderschaften erscheinen. So hat beispielsweise 
der Archidiakon Bernardus, auf dessen Hat, wie die 
Urkunde von 1144 — 1145 berichtet, den Fischhändlern 
zu Paris ein Grundstück beim Chätelet durch das Kloster 
Montmartre zugewiesen wurde, als Vertreter gehandelt. 
Die Bezeichnung der handwerklichen Bruderschaften 
zu Arras als caritates, charites, zeugt ebenfalls von 
ihrer fürsorglichen und wohltätigen Richtung 1 ). 

Außer den Kaufleuten, die bereits in der guilda 
mercatorum vereinigt waren, sind es die Schneider, 
Schuhmacher und Münzer von Arras gewesen, die 
genossenschaftliche Einrichtungen besessen haben. Jede 
dieser Bruderschaften hatte eine eigene Caritas oder 
confraternitas und zahlte an die Kirche zu St. Vaast 
jährliche Abgaben. Diese Nachrichten überliefert uns 
eine Urkunde aus dem Cartular der Abtei St. Vaast, 
das zwischen 1170 und 1190, also ungefähr um die 
Zeit der oben besprochenen Vorgänge in Mainz, 
Würzburg und Rouen, vom Mönch Huyman nieder- 
geschrieben worden ist. 

Außer dem Zwangsrecht, das einer besonderen Be- 
stätigung seitens der Stadtbehörden bedurfte, finden sich 
bei den frühesten Hand werkervereinen oder Gilden kaum 
andere Zwecke als religiöse, wohltätige und Zwecke der 
Fürsorge, sowie die Verpflichtung zur Teilnahme an 
Leichenbegängnissen; an diese Aufgaben knüpften sich 
die Einnahmen der einmaligen Eintrittsgelder und der 
regelmäßigen Jahresbeiträge für die Altarbezündung 
und Kranken- und Armenfürsorge und endlich die 
Entrichtung von Abgaben entweder an den Grundherrn 



') Eberstadt, S. 14-15. 



76 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

oder an die Stadt, je nach Übergang von der hof- 
rechtlichen zur stadtrechtlichen Einrichtung der Hand- 
werkerschaften. An diese mehr allgemeinen Interessen 
mochten sich besondere, wie Herstellung von 
Marktbuden und Vorschüsse von Rohstoffen und 
Werkzeugen anschließen. Daß aber derartige un- 
verzinsliche Darlehen ausschließlich den verbundenen 
Handwerksgenossen gewährt wurden, zeigt uns der 
Verein der Goldschmiede zu Genua, der nach einer 
in Abschrift in der Stadtbibliothek sich befindenden 
Urkunde im Jahre 1248 gestiftet war. 

Die vorgeführten Aufgaben, wie auch die Vor- 
beugung und Beilegung von Streitigkeiten zwischen 
Kundschaft und Handwerkern, Gesellen und Meistern, 
brachten allein schon auch ohne Hinzutritt des gewerb- 
lichen Sonderrechtes die genossenschaftliche Gewerbe- 
verfassung zum genügenden Ausdruck, und eine Be- 
stätigung dafür bietet auch das spätere Vorgehen. 
So sehen wir z. B., daß, nachdem die französischen 
Könige nach dem Beispiel der italienischen und eng- 
lischen Herrscher in den dreißiger Jahren des XIV. Jahr- 
hunderts den Zünften die verliehenen Sonderrechte 
entzogen hatten, mit der Begründung, hierdurch 
billigere Preise erzielen zu wollen, die Handwerker 
trotzdem an der genossenschaftlichen Einrichtung fest- 
gehalten, bezw. an ihrer Wiederherstellung gearbeitet 
haben. 

Ein Beispiel dafür aus dem Jahre 1321 überliefert 
uns Montpellier. Die dortigen Schneider geben die 
Erklärung ab, daß sie von einem Sonderrecht absehen 
und sich lediglich mit einer gemeinsamen Kasse, einem 
gewählten Vorstand und dem Recht begnügen wollen, 
über Streitigkeiten zwischen Meistern und Gesellen, über 
Lohnzahlung und Arbeitszeit schiedsrichterlich durch 
die Versammlung der Meister zu entscheiden; sie seien 



Erstes Kap.: Die hofrechtliclie Verfassung des Gewerbes. 77 

ferner zu der Verpflichtung bereit, fremde Gesellen 
nicht zu dingen und keinen anzunehmen, der die Pflichten 
gegenüber seinem früheren Meister nicht erfüllt hat. 
Diese zum Teil moralischen, zum Teil rechtlichen Be- 
fugnisse erachten sie für genügend, um ihren genossen- 
schaftlichen Bestand zu bewahren, und sie erklären 
wiederholt, daß sie nicht daran denken, durch ihre 
Versammlungen und Bestimmungen ein Monopol zu 
erlangen, facere monopolium 1 ). 

Ebensowenig bewirkte die Aufhebung der zünft- 
lerischen Vorrechte durch die Herrscher von Como 
und Ferrara im XIV. Jahrhundert und der englischen 
craftgilds ein Jahrhundert früher ein Verschwinden 
der Handwerkergenossenschaften, die durch gemeinsame 
Schutzheilige, sittlich -religiöse und gesellige Zwecke 
verbunden gewesen sind 2 ). 

Aus dieser späteren Handhabung können wir vieles 
für die früheste Zunftgeschichte schließen, für die uns 
so wenig Aufzeichnungen vorliegen. Sie verhilft uns 
zum Verständnis dafür, daß die Handwerkerbruder- 
schaften auch dann noch fortbestanden haben, als die 
gesamte Verwaltung des städtischen Gewerbes in den 
Händen der Stadtbehürde, der Konsuln, Echevins etc. 
vereinigt war. 

Daß die Anfänge wirklich derart gewesen sind, 
zeigen uns sow T ohl die genannten Behörden, die auch in 
der Folgezeit die Aufsicht, die Gerichtsbarkeit über die 
Gilden und Zünfte und die Polizei über solche Gewerke, 
die zu einer genossenschaftlichen Einrichtung entweder 
nicht gelange waren oder ihrer verlustig gegangen 
sind, behalten haben, wie auch die Bestimmungen der 

1 ) Confirmatio ordinationum pro sartoribus Montis Pesulani. 
Arch. nat. J. 80, folio 315 etc. verso no. 463. 

2 ) Muratori, Antiqu. rerum ital. — Stubbs, Constit. histy of 
England. Vol. II, über Adulterine gilds. 



78 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

ältesten Stadtrechte und die Verhandlungen der 
Magistrate der italienischen, englischen, französischen 
und deutschen Städte. 

Als Beispiele wollen wir zwei Stadtgemeinden 
Italiens, Venedig und Bologna, und die Hauptstadt 
und den gewerblichen Mittelpunkt Englands, London, 
anführen. Venedig gehört zu denjenigen Stadt- 
gemeinden, von denen uns die frühesten Nachrichten 
über Gilden und Zünfte überliefert sind. Monticolo, 
der Herausgeber der ältesten Chronik Venedigs, betont 
mit Recht, daß der Ursprung der Zünfte mit den 
ersten Anfängen Venedigs zusammenfalle. Dies kann 
umso weniger wundernehmen, als die Zünfte, wie Diehl 
in semer französisch geschriebenen Studie über die byzan- 
tinischeVerwaltung im Exarchat von Ravennagezeigt hat, 
sich in allen denjenigen Teilen Italiens erhalten haben, die 
unter dem Kaiser von Konstantinopel standen und zu 
denen selbstredend auch die Gegenden gehören, aus denen 
die Opfer des Einfalls Attilas sich nach den Adriatischen 
Inseln geflüchtet hatten. An der Hand der erwähnten 
Chronik Altinate fand Monticolo, daß in Venedig 
bereits im X. Jahrhundert die Ausübung des Hand- 
werks sich vererbte. In der Chronik sind folgende 
Handwerker genannt: Zimmerleute, Sattler, Gerber, 
Fleischer, Salzsieder, Treiber, Vieh Wärter, Hunde- 
knechte, Schweinehirten, Falkenwärter,Fahnenschmiede, 
Roßärzte und Schifferknechte. In das zweite Viertel 
des XL Jahrhunderts, also in die Zeit des Dogen 
Peter Barbelanos (1026 — 1031), fällt die erstmalige 
Erwähnung von gastalden oder Zunftbeamten, die 
vom Dogen ernannt zu werden pflegten, und von 
Diensten, die die Zünfte für den Dogen zu leisten 
hatten. Ein von der Chronik bezeugter Fall veran- 
schaulicht sehr deutlich die Stellung der Handwerker- 
genossenschaften gegenüber der Regierung. Ein 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 79 

Eisenschmied Johann Sagarnin, der in Gemeinschaft 
mit seinen zahlreichen Verwandten das Handwerk 
betreibt — ein Hinweis auf die Erblichkeit des Berufes — , 
beschwert sich beim Dogen über den gastalden, weil er 
ihn zur Ausführung von Arbeiten in den Palastgefäng- 
nissen aufgefordert hat; er habe aber nicht Folge 
geleistet, da er nach dem Herkommen Bestellungen 
nur in seiner Schmiede auszuführen verpflichtet sei. 
Der Nachfolger Barbelanos, der Doge Domenico 
Flabianico entschied die Sache zugunsten des Klägers. 
Aus diesem Urteil folgt, daß, obwohl die Zünfte einen 
Vorsteher hatten, sie doch keinerlei Gerichtsbarkeit 
besessen haben, daß vielmehr die Mitglieder der Zünfte 
den allgemeinen Gerichten, insonderheit dem Dogen, 
unterlagen. 

Nähere Nachrichten über Genossenschaften ver- 
schiedener Art, so auch über die venezianischen Zünfte, 
sind uns durch eine Verordnung des Dogen Peter 
Polano von 1143 über die Teilnahme der Scholae am 
Aufzug zu Maria Reinigung überliefert. Daß in der 
zweiten Hälfte des XII. Jahrhunderts unter diesen 
Scholae auch Handwerkerschaften sich befunden haben, 
bezeigt der Wortlaut eines Testaments eines gewissen 
Bernardo aus dem Jahre 1213, der als Mitglied der 
Schola aurificum dieser ein Legat vermachte. Diese 
Schola hieß die Gosssenschaft zum Heiland nach 
ihrer Kirche. In demselben Vermächtnis ist auch die 
Zunft der Kürschner (pelliparii) mit einer Stiftung be- 
dacht, deren Sitz im Kirchspiel zur hl. Jungfrau 
sich befand 1 ). 

Wir besitzen sonach vom X. Jahrhundert an nur 
vereinzelte Andeutungen einer genossenschaftlichen 
Handwerksverfassung; wenn die Nachrichten aus der 

l ) ibid. S. 20. 



80 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Mitte des XI. Jahrhunderts etwas häufiger werden, so 
enthalten sie doch noch immer keinerlei Hinweis auf eine 
Selbstverwaltung der Zünfte. Am allerwenigsten zeugt 
davon die Unterordnung der Zünfte unter den 
Dogen, der gleichzeitig die oberste städtische und 
staatliche Verwaltungsbehörde vertrat und von dem 
sämtliche Verordnungen über Herstellung und Verkauf 
von Lebensmitteln, wie Wein, Brot, Fische, Früchte 
und Geflügel, unmittelbar ausgingen 1 ). Diese Verord- 
nungen zeigen vielmehr, daß die Regierung nicht 
geneigt war, auf die Aufsicht über die Nahrungs 
mittelgewerbe zu verzichten und zwar auch nicht 
in den folgenden Jahrhunderten und nicht nur in 
Venedig, sondern in allen Stadtrepubliken Italiens. 

Aber nicht nur über diese Gewerbe allein, sondern 
auch über andere erstreckten sich die Verwaltungs- 
maßregeln der venezianischen Regierung. Im Jahre 
1224 erhält die Zunft der Bäcker ein besonderes 
„ordinainentum" von den Richtern in Vertretung des 
Dogen und leistet den Eid auf seine Befolgung. Auf 
die gleiche Weise wurde 1227 den Zimraerleuten ver- 
boten, ohne Zustimmung der Regierung die Stadt zu 
verlassen. Der Wortlaut der frühesten erhalten ge- 
bliebenen Eidesformel, der sog. promissioni ducali für 
den Dogen, zeigt uns, daß die Bestätigung der von 
den Zünften gewählten gastalden durch das Haupt 
der Regierung an die Zustimmung der Mehrheit 
seiner Beiräte gebunden war 2 ). Durch die Entschei- 
dung des Großen Rates im Jahre 1264 wurden die 
gastalden unmittelbar den Richtern unterstellt. Sie 
wurden von Jahr zu Jahr neu gewählt und erhalten 



*) Im Jahre 1171 vom Dogen Sebastiano Giani erlassen. 
2 ) Promissioni ducali Tiepolo, Morosini e Zeno aus den J. 
1229, 1249 u. 1253 ibid. S. 21 u. 22. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 81 

dabei von den Vertretern der ,, alten Justiz", jußtizia 
vecchia, ein Capitular, d. h. eine Aufzeichnung ihrer Amts- 
befugnisse. Ohne Wissen und. Zustimmung der Richter 
durften sie dieses Capitular durch neue Bestimmungen 
nicht erweitern. Wir sehen somit, daß sämtliche 
städtische Gewerbzweige dem Magistrat, d. h. hier der 
obersten Regierungsgewalt unterstellt gewesen sind. 
Die zünftlerische Selbstbestimmung hat nur in soweit 
Anerkennung gefunden, als sie den Interessen der 
Konsumenten und des Staates nicht zuwiderlief. 

Dieses Unterordnungsverhältnis kommt nicht selten 
in den Zunftstatuten von Venedig, deren älteste nicht 
über das erste Viertel des XIII. Jahrhunderts zurück- 
geben, zum Ausdruck. So heißt es im „Capitulare" 
der Weber aus dem Jahre 1232: wir Richter fordern 
so und so genannte filatores canapi, „Hanfweber", auf, 
den Amtseid gemäß den Vorschriften der Satzungen zu 
leisten. Wendungen, wie diese: „wir, Richter, verordnen 
den Verkauf von Fischen und Geflügel *), auf folgende 
Art", zeigen, daß die Richter die Urheber jener Satzungen 
gewesen sind. Bei den nicht zunftmäßig betriebenen 
Gewerben gingen die Befugnisse der Richter noch 
weiter. Vertreter freier Berufe, wie beispielsweise die 
Apotheker und Ärzte, leisteten vor ihnen einen Eid 
ihre Pflichten gewissenhaft erfüllen zu wollen 2 ); sie 
verpflichteten sich zur „Herstellung guter und nicht 
zu teurer Arzneien". Einen Preis von über 100 Solidi 
durften die Apotheker nur dann verlangen, wenn 
vorher eine Untersuchung der hergestellten Arzneien 
durch die von den Richtern bestellten Experten statt- 
gefunden hatte. Vor demselben Richtern wurden die 
Arzte nach dem Grundgesetz oder Capitulare von 

1 ) Capitulare de piscatoribus vom 7. Oktober 1227. 

2 ) Im Capitular der Pharmazeuten ist die Eidesformel 
angeführt. 

Kowalewsky, ökonomische Entwicklung Europas V. 6 



82 Erstes Kap. : Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 

1259 darauf vereidigt, daß sie keine geheimen Ab- 
machungen mit den Apothekern eingehen, keinerlei 
Vorteile aus dem Verkauf der von ihnen verschriebenen 
Mitteln ziehen und keine dauernde oder einmalige 
Entschädigung von den Apothekern empfangen werden; 
sie haben vielmehr deren ärztliche Betätigung geradezu 
zu verhindern und jede regelwidrige Herstellung von 
Arzneien bei der Behörde anzuzeigen. 

Was hinsichtlichVenedigs soeben ausgeführt wurde, 
kommt auch in anderen Republiken Italiens vor. 
Sehen wir uns z. B. die Statuten einzelner Gewerke zu 
Bologna an, die vor geraumer Zeit herausgegeben worden 
sind. Wenn auch diese Statuten nicht über die erste 
Hälfte des XIII. Jahrhunderts zurückgehen, so zeigt 
doch ihr Inhalt, daß die betreffenden Genossenschaften 
bereits Jahrzehnte vorher bestanden haben, ohne daß 
ihre Gebräuche und Absprachen aufgezeichnet worden 
wären. Nur bei einem diesei Statuten, dem der Käse- 
und Speckhändler, zu denen auch die Händler mit 
Ol und Pökelfleisch gehörten, handelt es sich um die 
Stiftung einer neuen Genossenschaft. Mit diesem Statut, 
das 1242 erlassen ist, wurde die Genossenschaft auf 
eine Dauer von 10 Jahren geschlossen. Nach Ablauf 
dieser Probezeit durften die Mitglieder, wenn die 
Mehrheit dem zustimmte, den Vertrag auf weitere 
20 Jahre verlängern 1 ). Daß dieses Statut eine Ausnahme 
darstellt und daß die übrige Handwerker- und Kaufmann- 
schaft bereits als ständige Genossenschaften mit eigenen 
Satzungen bestanden hat, zeigt der Wortlaut des 
Eides, den 12 Alteste, die nach Stadtvierteln von 



x ) Statutum quod societas hec debeat durare per decem 
annos ante quam sacramenta renoventur secundum quod pla- 
cuerit majori parti» hominum societatis et duret et stet post- 
modum per viginti annos quod non renoventur sacramenta. 
(Aren, di stato, Bologna.) 



Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 83 

Waffenbruderschaften (societates armorutn) und Zünften 
(societates artium) gewählt waren, nach dem ältesten 
Stadtrecht Bolognas von 1245 — 50 zu leisten hatten. 
Darin heißt es, daß die Zunftbeamten verpflichtet sind, 
alle drei Monate die Statuten öffentlich vorzulesen und 
darauf zu achten, daß jede dieser „Artes" ihre besonderen 
Satzungen hat. 

Sechs gewählte „anciani" waren gehalten, mit dem 
Vorstand der Zunft Beratungen über Betrieb und etwaige 
Statutenänderungen einzelner Gewerke abzuhalten. Die 
anciani bestimmen diejenigen, die die Prüfung und Än- 
derung der Satzungen vorzunehmen haben, und sorgen 
dafür, daß diese Arbeit von den „Reformatoren" inner- 
halb eines Jahres, vom Tage Aller Heiligen bis Ende 
des nächsten November ausgeführt wird 1 ). 

Die genossenschaftliche Einrichtung der Hand- 
werkerschaften unter der Vorsteherschaft gewählter 
gastalden, die im Sinne der Zunftsatzungen ihr Amt 
zu verwalten hatten, führtejedoch nicht zur völligen Aus- 
schaltung der Eingriffe seitens der Stadtbehörden in 
das gewerbliche Leben. Im Gegenteil, die Statuten 
von Bologna enthalten eine Reihe von Artikeln, aus 
denen hervorgeht, daß die Stadtbehörde jeden Augen- 
blick bereit war, das Gewerbe zu regeln, die Löhne 
und Preise für die notwendigen Lebensmittel festzu- 
setzen, gemeinsame Einkäufe zu bewirken und allerlei 
Maßregeln zu treffen, um eine künstliche Steigerung der 
Warenpreise zu bewirken, die Qualität der Erzeugnisse 
zu heben und endlich den Versuch zu machen, eine 
Gleichstellung der Gewerbetreibenden beim Bezug von 
Rohstoffen und Dingung von Gesellen herbeizuführen. 
Heben wir nun einzelne dieser Verordnungen hervor 
und lassen wir das Gebiet des Massenbedarfs außer 



!) Frati, Statuta populi inter a. 1245 et 1250. §§ 1 u. 17. 

6* 



84 Erstes Kap. : Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Acht, das ja stets der Aufsicht nicht der Zünfte, sondern 
der der Regierung vorbehalten war. 

Das Haupt des Gerichts- und Verwaltungs wesens der 
Republik — der Podestä — war angewiesen, dem 
Zunftvorstand jedwede Hilfe beim Eintreiben von Straf- 
geldern wegen Übertretung der Satzungen zu gewähren 1 ). 
Den vom Podestä ernannten Beamten lag ob, dafür zu 
sorgen, daß die Maß- und Gewichtsordnungen inne- 
gehalten werden und daß der Bezug von Material, wie 
Holz, Steine und Ziegel, über das persönliche Be- 
dürfnis nicht hinausgehe, oder Vorkaufszwecken diene. 
Denen, die sich gegen diese Ordnung vergingen, 
legten sie entweder selbst Strafen auf, oder sie über- 
wiesen sie an den Podestä, der dann in Gemeinschaft 
mit seinen Räten die Entscheidung traf 2 ). 

Daß trotz der genossenschaftlichen Gewerbever- 
fassung Eingriffe seitens der Stadtregiorung stattge- 
funden haben, sehen wir beim Wollgewerbe. Die Statuten 
von Bologna schreiben vor, daß sämtliche Gewerbtreiben- 
den der Stadt, wie der Vororte und der ganzen Stadtge- 
markung den Zünften beitreten und den ernannten 
„gastalden" gehorchen sollen ; sie verbieten aber anderer- 
seits, irgend jemandem den Beitritt zu versagen und 
irgendwelche Aufnahmegebühren zu erheben. Nicht die 
Zunft, sondern die Stadtbehörde untersagte, bei Strafe 
der Vernichtung, altes gefärbtes Tuch zu verwenden und 
wies demgemäß die gastalden und die sog. procuratores 
der Tucherzunft an. 

Nicht nur allein in Italien finden sich Belege dafür, 
daß die Zünfte in ihren Anfängen polizeiliche und 
gewerbegerichtliche Zwecke, die erst in den späteren 
Jahrhunderten zur sonderrechtlichen Gewerbeausübung 
führten, nicht verfolgt haben. Auch in Frankreich 

i) Frati, Bd. II, Buch VII, § 89 u. 90. 
2) ibid., Buch I, § 23 u. 37. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 85 

lag die Verwaltung des städtischen Gewerbes vom Augen- 
blick der Entstellung der Stadtgemeinden und des Über- 
ganges der grundherrlichen zur stadtrechtlichen Ver- 
waltung an in den Händen der Stadtverwaltung und 
Gerichte, wie des Pariser Chätelet, und der Beamten, 
wie des Prevost, Mail e etc. Eine Bestätigung dafür bietet 
die Wirtschaftsgeschichte sowohl der Hauptstadt, wie 
die der Provinzialstädte. In Paris, wo die grundherrlich 
Organisation der Handwerkerschaft in Form der ma- 
gisteria im XIII., XIV. und in den folgenden Jahr» 
hunderten fortbestanden hat, trat die Unterordnung 
der Zünfte unter die Stadtbehörden viel schwächer 
hervor, als z. B. in Amiens. 

Ungeachtet dessen wurden mehrerePariserGewerke 
bereits unter Ludwig IX., dem Heiligen, genossen- 
schaftlich verwaltet. Die Zentralbehörden, ebenso wie 
die städtischen, machen Eingriffe in das wirtschaftliche 
Gebiet, das doch unmittelbar dem Prevost und dem 
Chätelet unterstanden hat. Sie führen hinfort die 
Aufsicht über das Gewerbe und suchen sie sogar auf 
solche Gewerbe- und Handelszweige auszudehnen, die 
bis dahin den grundherrlichen magistri unterworfen 
gewesen waren. So unterstellte die Verordnung 
Philipps IV., des Schönen, von 1305, dem Pariser 
Prevost, d. h. dem Haupte der Stadtverwaltung, die 
.Regelung des Handels mit Getreide und sonstigen 
Lebensmitteln und übertrug ihm die strengste Auf- 
sicht über die Bäcker. Die häusliche Brotbereitung 
wird gegen sonderrechtliche Ansprüche der Bäcker in 
Schutz genommen. Jedermann solle es gestattet sein, 
unter Einhaltung des vorgeschriebenen Preises und 
Gewichts Brot zu backen und es in seinem Hause an 
die Nachbarn zu verkaufen. Auch die Fremden dürfen 
Brot einführen. Der Verkauf von allerlei Nahrungs- 
mitteln hat auf dem Markte stattzufinden, damit samt- 



86 -Erstes Kap. : Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 

liehen Verbrauchern ein einheitlicher Preis gesichert 
ist. Die Zentral-, wie auch die Ortsgewalt sucht, 
den Massenaufkäufen zum Zwecke willkürlicher Preis- 
steigerung entgegenzuwirken. „Niemand soll sich 
unterstehen," heißt es im Gesetz, „Brot oder Korn 
aufzukaufen, um es an demselben Tage zu einem 
höheren Preise wiederzuverkaufen." Dem ganzen 
Volke (tout le commun) muß es möglich sein, Brot 
zu demselben Preise, wie die Großhändler (grossier). 
zu erhalten. 

Bereits zu Ludwigs des Heiligen Zeit vollzog 
sich, wie wir gesehen haben, der Übergang des 
Bäckermagisteriums zur selbständigen Zunft. Im 
Livre des metiers sind die Bäcker als talemeliers be- 
zeichnet; sie wählten eigene Älteste oder gardes, die 
für die Einhaltung des vorgeschriebenen Brotgewichtes 
und Preises Sorge zu tragen hatten. Bei Übertretung 
wurde das Brot beschlagnahmt und an die Armen 
verteilt (donnees ä Dieu), außerdem wurde den 
Schuldigen eine Buße von 6 Denaren auferlegt. Im 
Jahre 1305 wird der Prevost durch die Regierung 
daran erinnert, daß er sich um die Durchführung der 
Vorschrift über das gesetzliche Brotgewicht zu kümmern 
habe, und sich nicht auf die Zunftältesten verlassen 
dürfe. Was unter diesem Gewicht verstanden wurde, 
zeigt die Verordnung von 1311. Ausgehend von der 
Erwägung, daß nach dem jeweiligen Verhältnis zwischen 
Getreide- und Brotwert ein normaler Preis erzielt 
werden kann, wenn je nach dem Preisstand des 
Getreides das Brotgewicht steigt oder fällt, wurde für 
Weizenbrot ein normaler Preis von 2 und für Roggenbrot 
ein solcher von 1 Denar festgesetzt, wobei das Brot- 
gewicht sich in den Grenzen zwischen 18 und 8 Unzen 
zu halten hat 1 ). Daß solche Brottaxen nicht bloße 

J ) Recueil general des anc. lois franc. Isambert, Bd. IV, S.579. 






Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. §7 

Wünsche waren, zeigt die Aufforderung der Regierung 
zu strenger Befolgung. Zu diesem Zweck waren in Paris 
eigene prud'hommes bestellt, die nicht von der Zunft, 
sondern von der Stadtbehörde gewählt waren, In 
Gemeinschaft mit „4 sachkundigen Männern", aber 
nicht aus der Mitte der Bäcker, hielt der Pariser 
Prevost oder ein Beisitzer des Chätelet gemäß der 
Verordnung von 1350 zwei Mal in der Woche Schau 
über das zu Markte gebrachte Brot. Entsprach das 
Roggen- und Weizenbrot mit den Preisen von 1 und 
2 Denaren dem gesetzlichen Maße nicht, so wurde das 
ganze Gebäck beschlagnahmt und je eine Hälfte dem 
Hotel Dieu und dem Blindenheim im 25. Quartier, 
gegenwärtig der Vorort St. Antoine, übergeben. Über- 
dies hatten die Bäcker eine Buße von 60 Solidi zu 
tragen, die zu gleichen Teilen dem Schatz und den 
Sachverständigen zuflössen 1 ). 

Der gleichen Aufsicht war ein anderes Nahrungs- 
mittel, das Fleisch, unterworfen, trotzdem bereits unter 
Ludwig dem Dicken ein eigenes magisterium — La 
grande boucherie — bestanden hat. Aus den Briefen 
Philipps IV. des Schönen an seinen Kammerherrn 
Wilhelm geht hervor, daß der Verkauf von Fleisch, 
das nicht aus den Schlachthäusern stammte, wie auch 
des vor den Fasttagen unverkauft gebliebenen, untersagt 
war, und daß in der Woche nicht mehr als 5 Kälber 
geschlachtet werden durften 2 ). 

Die Köche und Gastwirte waren ebenfalls der 
Aufsicht unterstellt. Außer dem erwähnten Verbot 
wurde ihnen nach der Verordnung des Pariser Prevost 
Thibaut vom Jahre 1300 untersagt, zum zweiten Male 
aufgewärmtes Fleisch, z. B. einen Braten von Donners- 
tag am Sonntag zu verabfolgen. Dasselbe Verbot 

») ib. Bd. IV. S. 578. 

2 ) Lespinasse. Metiers de Paris. Bd. II, S. 203. 



88 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

betraf auch Fische. Die Aufsichtsbeamten hatten das 
.Recht, schlechte Ware zu vernichten 1 ). In den Pro- 
vinzen, z. B. in Arras, wurden die Bäckereien und 
der Fleischbetrieb nach dem Statut von 1372 von der 
Stadtobrigkeit überwacht. Der Prevost konnte zu 
jeder Zeit eine Schau vornehmen und schlechtes 
Gebäck beschlagnahmen; er hatte sogar das Recht, 
die Backöfen öffnen zu lassen, um sich von der 
Richtigkeit der Brotmasse zu überzeugen. Brot mit 
Untergewicht oder aus schlechtem Mehl bereitetes 
wurde an die Armen verteilt 2 ). 

Die Lage der Zünfte, die der Stadtbehörde unter- 
standen, zeigte sich deutlich im XIII. und in der 
ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts in den Städten, 
die frühzeitig das Recht der Selbstverwaltung erworben 
hatten. Dazu gehörte das bereits erwähnte Amiens. 
In dem der Abfassungszeit nach zweiten Coütume, 
aus der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts, heißt 
es, daß der Maire und die Stadtschultheißen oder 
Echevins, ohne zivil- und strafrechtliche Gerichtsbarkeit 
zu haben, doch für Handelssachen, „allerhand Termin- 
verträge über Kauf und Verkauf", zuständig sind 3 ). 
Demzufolge gingen alle Entscheidungen in Handels- 
und Gewerbesachen von ihnen aus. 

So nahmen 1255 der Maire und die Echevins von 
Amiens gemeinsam mit den gleichen Beamten aus 



!) ibid. S. 303. 

2 ) Quin Lacroix. Appendice, Statuts des boulangers d'Arras, 
annee 1372. 

z ) Derekief, il ont le connaissance et le jugement de tous 
debaz de marquandise et de tous marquies, et de toutes conve- 
nenches qui sont faictes dedens leur banlieue, se termes n'est 
donnes de la debte ; et se termes ou respis en est donnes, tant 
comme as debtes, le connaissance, en appartient au prevost et 
au visconte. Rec. des Mon. inedits die l'Hist. du tiers etat. 
Bd. I, S. 157. Vergl. auch Artikel 6 u. 7. 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 89 

Abbeville und Corbie auf Fürbitte des mestier de 
l'eau, d. h. der Kaufmannsgilde, die den Waren- 
transport auf der Sordine betrieb, ein Statut auf, in 
dem die Anzahl der Barken für jeden Meister auf 
nicht mehr als 2 festgesetzt war; es bestimmt ferner, 
daß vor dem Bestimmungsort keine Ausladung statt- 
finden darf; keine Bestellung entgegengenommen, 
solange das Fahrzeug nicht mit genügendem Ballast 
versehen ist und mit Bestellungen kein gewinn- 
süchtiger Handel getrieben werden darf. Es verbietet 
ferner bei Strafe fremde Knechte (varletz) aufzudingen. 
Bei Vertragsbruch büßte der Knecht mit 2, der Meister 
mit 5 Sous. Hat der Meister keine Beschäftigung 
für den gedungenen Arbeiter, so schuldet er ihm 
Kost und die Hälfte des Lohnes. Am Sonnabend und 
Sonntag ist das Flößen bei Geldstrafe bezw. Entziehung 
des Gewerberechtes verboten 1 ). 

Erinnert nicht dieses Statut, das von drei Städten 
im Einverständnis mit den Zünften angenommen und 
bestätigt ist, an die Maßnahmen, die in das Werk 
des Pariser Prevost Boileau Eingang gefunden haben? 

13 Jahre später erließen der Maire und die 
Echevins, ebenfalls auf Fürbitte der Zunft der Frucht- 
händler, die nach ihrem Banner als banniere des 
fruitiers aufgeführt wird, nicht nur Vorschriften über 
den Betrieb, sondern ernannten auch 4 Männer zur 
Verwaltung der Geschäfte dieser Zunft. Diese Vor- 
schriften, erklären der Maire und die Echevins, sollen 
in Kraft bleiben, solange dies im Interesse der Stadt 
sein wird 2 ). Auf ähnliche Weise waren im Jahre 1282 
die Angelegenheiten des Gewerbes der Fleischer 
und im Jahre 1286 der Böttcher zu Amiens 
geordnet worden 3 ). Hinsichtlich des Statuts der 

i) ibid. S. 217. — 2 ) ibid. S. 225 u. 226. Art. 14 u. Schluß. 
3 ) ibid. S. 243. 



90 Erstes Kap. : Die hofrechtiiche Verfassung des Gewerbes. 

letzteren behalten sich jene Beamten vor, es jederzeit 
nach ihrem Befinden aufzuheben 1 ). Ähnlich lautet 
das Statut der Wollen weber, Tucher und Färber zu 
Amiens aus dem Anfang des XIV. Jahrhunderts, das 
als das älteste angesehen wird und das später von 
dem Maire und den Echevins geändert wurde. Wegen 
des Alters der Handschrift war eine neue Abfassung 
dieses Statuts verfügt worden 2 ). 

Im Jahre 1311 erliessen der Maire und die Echevins 
auf Ersuchen der anchiens, d. h. der Altesten der Zunft 
der Kürschner, eine Anzahl von Vorschriften, um, wie 
es dort heißt, die gewissenhafte Ausübung des Hand- 
werks zu gewährleisten. Diese Vorschriften stellen 
in ihrer Gesamtheit ein vollständiges Zunftstatut dar, 
das auf der Versammlung der Genossen zu verlesen, 
dem Vorsteher (maieur) zur Pflicht gemacht wurde 3 ). 

Der Maire und die Echevins nahmen den neuen 
Handwerksgenossen in Amiens den Eid ab. Ihnen 
hatten die Aufseher (eswars) die Erzeugnisse vorzu- 
legen, die sie als minderwertig befunden hatten 4 ). 

Wie Eberstadt richtig bemerkt, bestand bei den 
französischen Zünften ein weit größeres Unterordnungs- 
verhältnis gegenüber den Stadtbehörden, als dies bei ihren 
deutschen Genossen der Fall war. Dieses zeigt sich 
darin, daß in den im XIII. Jahrhundert abgefaßten 
Statuten jener Vereine keinerlei gewerbliche Vorrechte 
erwähnt sind. Die Pariser metiers kennen den Zunft- 
zwang, verbunden mit Gewerbeverbot nicht, und dies 
gilt in gleichem Maße von den Zünften zu Montpellier, 
Marseille, Beauvais, Chälons, Chartres und Etampes 5 ). 

!) ibid. S. 253. — -) ibid. S. 340. — -) ibid. S. 349. 

4 ) Ordonnance de Fechevinage d' Amiens pour la Corporation 
des couteliers. S. 377 u. 379. 

5 ) Eberstadt. S. 190. Eine Ausnahme machen nur die Bäcker 
zu Pontoise des XIII. Jahrhunderts und ein Jahrhundert früher 
die Weber zu Rouen. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 91 

In England verblieb die Gewerbeverwaltung in 
den Händen des Stadtrats, trotzdem die Handwerker 
zu Oxford und York seit den beiden Heinrichs Aus- 
drücke zur Verteidigung ihrer Vorrechte gebrauchten, 
wie nullus faciat officium eorum nisi sit de gilda illa 1 ), 
oder quod nullus telam aliquam faciat in comitatu 
Eboracensi sine assensu tellariorum Eboraci 2 ). 

Die Gewerbegerichtbarkeit besaßen die Zünfte 
nicht immer. Selbst in der Hauptstadt, wo die Weber 
im XIII. Jahrhundert laut dem über custumarum das 
unbeschränkte Zunftrecht hatten, übte der Stadtrat die 
Polizei und Gerichtsbarkeit über das Gewerbe aus 3 ). 

Die über albus und über custumarum enthalten 
eine Fülle von Aufzeichnungen über die Gewerbe in 
der Hauptstadt im XIII. und XIV. Jahrhundert. Aus 
ihnen geht mit Sicherheit hervor, daß die Stadt- 
regierung die ungeteilte Aufsicht über diejenigen 
Gewerbe- und Handelszweige beibehalten hat, die 
nicht von privaten Genossenschaften und Kaufleuten 
betrieben wurden. So finden wir in London im ganzen 
XIII. Jahrhundert keine Bäckerzunft, und für Brottaxen 
kommen daher ausschließlich die städtischen Verord- 
nungen in Betracht'. In der Tat zeigt eine .Reihe von 
Auszügen, die Riley aus den im Archiv der City auf- 
bewahrten Quellen gemacht hat, daß im Jahre 1298 
der Verkauf von Kleienbrot oder Brot mit Unter- 
gewicht und zu einem über den vorgeschriebenen 
hinausgehenden Preise 4 ) von der Behörde bei Strafe 



J ) Urkunde der Corversarii zu Oxford. 

2 ) Die von Heinrich I. ausgestellte und von Heinrich II. 
bestätigte Urkunde der Weber zu York. 

3 ) Rot Claus. 1. Art. 421 : quod nullus nisi per illos (tellarios) 
se intromittat infra civitatem de eo rninisterio et nisi sit de 
eorum gilda. Liber custumarum. 8. 33. 

4 ) Assiaa panis et cerevisiae. Stubbs, Select charters. 



92 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

verboten war. Anderenfalls verfügte die Regierung 
die Beschlagnahme und seine Verteilung an die Sträf- 
linge des Gefängnisses Newgate 1 ). 

Die Messerschmiede bildeten gleichfalls keine 
Zunft; daraus erklären sich die Maßregeln, die die 
Stadtbehörde gegen diejenigen ergriff, die den allge- 
meinen Gesetzen des Landes und den örtlichen Verord- 
nungen zuwider mit ausländischen Messern Handel 
trieben 2 ). 

Bei Neugründung einer Zunft wandten sich die 
Genossen an den Maire und die Altesten behufs 
Bestätigung der Wahl ihres Vorstehers. Dies geschah 
offenbar deshalb, weil die Aufsicht über das Gewerbe 
und den Handel in den Händen der Stadtobrigkeit 
lag. Eine solche Eingabe machte z. B. im Jahre 1308 
der Aufseher der Barbiere, der über das sittliche 
Betragen, wie auch darüber zu wachen hatte, daß 
kein Genosse ein Freudenhaus eröffnete 3 ). 

Aber auch dann blieben die Eingriffe seitens der 
Behörde nicht aus, nachdem bereits einzelne Gewerke 
zur Zunft übergegangen waren. Maßnahmen gegen 
den Handel mit vorschriftswidrigen Waren gingen 
nicht von der Zunft, sondern von -der Stadtregierung 
aus. So verfügten z. B. im Jahre 1311 der Maire und 
die Altesten auf einer der Hauptstrassen Londons 
(Cheapside) die öffentliche Verbrennung von 40 weißen 
und 14 schwarzen Hüten, bei denen eine „Beimischung 
anderer Stoffe" festgestellt worden war. Ahnliches ge- 
schah mit einem Fischnetz von unerlaubtem Umfang 4 ), 
und mit verdorbenem Fleisch, dessen Verbrennung zu 
Füßen des an den Schandpfahl gestellten Fleischers be- 



!) Rilej. Memorials, S. 38, 39, 71. 72, 90, 119, 121—123. 

2 ) ibidf S. -40. 

3) ibid. S. 67. 

4 ) ibid. S. 107, 116 (im Jahre 1313). 135 (1320). 



Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 93 

wirkt wurde J ). Die Behörde ließ ferner mangelhaft 
gegerbtes Leder und Stiefel, die zum Teil aus Schaf- 
und Rindleder hergestellt waren, beschlagnahmen, 
trotzdem die Gerber und Schuster in einer besonderen 
Zunft vereinigt waren 2 ). 

Hinsichtlich Deutschlands lassen die Unter- 
suchungen von Schmoller, Gothein und insbesondere 
von Eberstadt unseres Erachtens keinen Zweifel dar- 
über, daß die Zünfte um das gewerbliche Vorrecht, 
die Polizei und Gerichtsbarkeit zu erlangen, einer 
Privilegierung durch die Zentralgewalt bezw. die 
Stadtobrigkeit, die die Aufsicht und das Recht der 
Änderung der Statuten sich vorbehielt, bedurften. 
In den Bischofs- und Königsstädten führte, wie 
Schmoller zeigt, der Stadtrat die Aufsicht, der z. B. 
in Magdeburg und Stendal den Leinenwebern und 
Tuchern Strafen für minderwertige Erzeugnisse auf- 
erlegte. Das gleiche gilt auch von Berlin und Frank- 
furt a. 0., wo die Stadtobrigkeit durch ernannte Auf- 
seher vertreten war 3 ). In Bremen handhabte während 
der ersten drei Viertel des XIII. Jahrhunderts der 
Vogt die Gerichtsbarkeit über die Leinenweber und 
erst im Jahre 1273 empfangen die Zünfte vom Rat 
„ere eghene gherichte", d. h. den Gerichtsstand vor 
der eigenen von ihnen gewählten Obrigkeit. 

Schmoller schildert vortrefflich die allmähliche 
Umwandlung der kirchlich-geselligen Vereine, die 
Handwerksgenossen umfaßten, in privilegierte Hand- 
werkerschaften mit eigener Gerichtsbarkeit, Polizei 
und gewählter Obrigkeit. Dieser Abschluß der Ent- 
wicklung geschah aber nicht ohne Verleihung, ohne 



») ibid. 8. 139. 

2 ) ibid. S. 135 und 136 (im Jahre 1320). 

3 ) Schmoller, Die Straßburger Tucher- und Weberzunft. 
S. 380. 381. 



94 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Erteilung gewisser Rechte an die Handwerker durch 
die Stadtbehörde und Räte. Zunächst empfingen sie 
das Privileg der zünftlerischen Schau gegenüber den 
Handwerkern des gleichen Gewerbes, was aus den 
Verordnungen hervorgeht, die im Jahre 1260 zugunsten 
der Tucher zu Soest erlassen worden sind. In der 
Folge waren die abseits stehenden Handwerker bei 
Verbot des Betriebes dem Zunftzwang unterworfen. 
So wurde bereits im Jahre 1149 in Köln für sämt- 
liche Weber, textorici operis cultores, der Zwang zum 
Beitritt ausgesprochen, der 1233 auf Stendal und 1268 
auf Basel ausgedehnt wurde. Außer dem Anfangs- 
und Endstadium in der Entwicklung der zünftlerischen 
Vorrechte unterscheidet Schmoller noch ein mittleres, 
das er die „örtliche" Beschränkung des Gewerberechts 
nennt, das unvermeidlich dazu führte, daß die Gewerb- 
treibenden samt und sonders der Zunft beitreten 
mußten. Diese örtliche Beschränkung bestand darin, 
daß z. B. in Schweidnitz, Erfurt und Augsburg zum 
Gewerbe nur diejenigen zugelassen wurden, die über 
ihnen zugewiesene Läden verfügten, exceptis his qui 
cammeras mercimoniales in dicta possident civitate, 
wie es in einer Schlesischen Urkunde heißt 1 ). Das 
gewerbliche Ausschliessungsrecht sollte sich im Verbot 
der Aufnahme neuer Mitglieder und in der Ausschal- 
tung des Wettbewerbes ländlicher Handwerker äußern, 
worüber jedoch die Zeugnisse aus dem XIII. Jahr- 
hundert nicht ausführlich berichten 2 ). Im Gegensatz 
zum Verfasser der „Wirtschaftsgeschichte des Schwarz- 



i) ibid. S. 385. 

*-) Bezüglich der Zünfte des XIII. Jahrhunderts sagt Go- 
thein: „Man machte keine Ansprüche auf Unterdrückung des 
Landhandwerks auf eine besondere Bannmeile, man ließ draußen 
die Grewerbefreiheit bestehen, die man im Innern der Mauern 
einschränkte. S. 326. 



Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 95 

walds", der den Ursprung der Zünfte mit der ein- 
maligen Verleihung sämtlicher gerichtlicher und poli- 
zeilicher Befugnisse zusammenfallen läßt, vertritt 
Eberstadt mit Schmoller die Ansicht, daß die Zünfte 
durch allmähliche Besitzergreifung von Berechtigungen, 
also im Wege der Entwicklung zu ihrer rechtlichen 
Ausgestaltung gelangt seien x ). 

Aus den von Eberstadt gesammelten Zeugnissen 
geht hervor, daß eine Reihe von Städten, darunter 
Langenstein, Perleberg, Buch, im XIII. Jahrhundert 
gegenüber den Stadtfremden lediglich ein Verbot, ohne 
Erlaubnis der Zunft das Gewerbe nicht zu betreiben, 
erlassen haben 2 ). In einzelnen dieser Städte, z. B. in 
Langenstein läßt sich sogar der allmähliche Übergang 
von diesem Verbot zur Vorenthaltung des Meister- 
rechtes vor der Erwerbung der Zunftmitgliedschaft 
während eines halben Jahrhunderts verfolgen 3 ). Eber- 
stadt erwähnt ferner Regensburg, wo 1244 gegenüber 
den Strumpfwirkern lediglich eine territoriale Ab- 
grenzung bestanden hat, d. h.: zum Gewerbe wurden 
nur diejenigen zugelassen, die in 3 eigens dazu be- 
stimmten Straßen Läden besaßen 4 ). Die Obrigkeit 
von Magdeburg, Wien und Mühlhausen, in Österreich 
und Steiermark der Bischof oder Herzog, anderswo 
der Stadtpräfekt, verliehen zu Ende des XII. und in 
der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts den Zünften 
gleichmäßig das gewerbliche Sonderrecht mit der aus- 

») Eberstadt. S. 191. 

2 ) So erklärt die Urkunde von Perleberg aus dem Jahre 
1239: Item nemo alienus de quocumque fuerit oppido absque 
eorum consensu in Perleberghe calcios presumat vendere vel 
exponere ad vendendum. Anhang S. 233. 

3 ) Das erste Verbot galt noch im Jahre 1230, das zweite 
trat 1288 in Kraft, ibid. S. 232. 

4 ) Die Ausgeschlossenen hießen jus trium stratarum non 
habentes. ibid. S. 237. 



96 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

drücklichen Zusicherung, daß niemand das Gewerbe 
betreiben soll, der nicht Zunftmitglied ist: consortium, 
communio oder unio 1 ). 

In den Ostseeprovinzen entwickelte sich das Zunft- 
wesen, wie die Untersuchungen von Stieda und Metig 
zeigen, nur langsam. Wie überall, nahmen auch hier 
die Zünfte von den kirchlich-geselligen Bruderschaften 
oder fraternitates, die ähnlich der Rigaer Gilde zum 
hl. Kreuz verschiedenartige Gewerbe- und Handels- 
zweige, auch Ritter und Geistliche umfaßten 2 ), ihren 
Aasgang. Aus diesen gemischten Vereinigungen schieden 
nach und nach Bruderschaften aus, die gleiche 
Handwerksgenossen umfaßten, denen der Stadtrat 
zunächst die Selbstverwaltung, dann auch das gewerb- 
liche Sonderrecht erteilte. An der Stadtverwaltung 
nahmen die Zünfte wenigstens bis zum XIII. Jahrhundert 
nicht teil; ohne eigene Gerichtsbarkeit zu besitzen 
unterstanden sie dem Landesgericht. 3 ). 

§ 4. 
Wir haben nun den gleichartigen Entwicklungsgang 
des Zunftwesens im ganzen mittelalterlichen Europa 
festgestellt und gezeigt, daß an die freiwillig ent- 
standenen Vereinigungen von Handwerksgenossen 
zunächst die Aufsicht, dann die Polizei und Gerichts- 
barkeit und endlich als notwendige Folge davon dasjenige 
gewerbliche Vorrecht übertragen war, von dessen 
Verleihung die Urkunden aus dem XII. und XIII. 
Jahrhundert, die bald von den Grundherren (welt- 
lichen und geistlichen), bald von den an ihre 
Stelle getretenen Magistraten und Stadtbehörden 



!) ibid. S. 177—195, 234— 2S5. 

2 ) Schrägen der Gilden und Ämter der Stadt Riga. S. 
89, 91. 

3 ) ibid. S. 88 u. 99. 



Erstes Kap.: Die hot'rechtliche Verfassung des Gewerbes. 97 

ausgestellt waren, handeln. Somit haben wir die 
Antwort auf die Frage der Entstehung des Zunft- 
wesens gegeben. Unsere Aufgabe ist aber noch nicht 
erschöpft, denn es liegt uns noch ob, zu erklären, 
warum in einzelnen Städten eine Unterordnung der 
Zünfte unter die Obrigkeit des Ilats, des Maire, der 
Echevins und wie sie sonst hießen, nicht bestanden 
hat; sodann haben wir die nächsten Beweggründe 
aufzudecken, die zum Zusammenschluß der Hand- 
werkerschaft auf Grundlage der Verpflichtung zu 
gegenseitiger Unterstützung und zu gegenseitigen 
Schutz geführt haben. 

Hinsichtlich des ersten Punktes ist zu sagen, daß, 
wenn auch im XIII. Jahrhundert nach dem Grund- 
herrn die Stadtregierung es war, die durch ihre Räte, 
Gerichts- und Verwaltungsbehörden den gesamten 
Handels- und Gewerbebetrieb ordnete, es doch in Eng- 
land, Frankreich, Deutschland und in Italien mehrere 
Städte gab, wo dies nicht der Fall war. Dies erklärt 
sich so, daß in diesen Städten frühzeitig sog. Kauf- 
mannsgilden ,,gildae mercatoriae" entstanden waren, 
die vom König oder Feudalherrn die Markt-, Ein- und 
Ausfuhrabgaben pachteten und das Vorrecht erlangten, 
innerhalb der Stadtgemarkung den Groß- und Klein- 
handel allein zu betreiben und den örtlichen Gewerbe- 
betrieb und Marktverkehr zu regeln. Die Mitglieder 
dieser Pachtgenossenschaften bestanden meist aus wohl- 
habenden Leuten mit verschiedenem Gewerbebetriebe: 
Hausbesitzer, Kaufleute, Handwerker. Dank den Ar- 
beiten von Groß und Doren können wir sogar die 
örtliche Verbreitung dieser Verbände von Pächtern 
feststellen. Mit Ausnahme von London verzeichnen 
die meisten englischen Städte im XI. und XII. Jahr- 
hundert eigene Kaufmannsgilden. 

Kowalewsky, ökonomische Entwickelung Europas V. « 



98 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Die Pachtung der städtischen Steuern eröffnete 
der Gilde als firma burgi das Gebiet der Verwaltung, 
und die aus ihrer Mitte hervorgegangenen Räte und 
Verwaltungsbeamten beeinflußten durch ihre Maß- 
nahmen, sog. zusätzliche Verordnungen (bye-laws), 
das gesamte gewerbliche Leben. Daß die Stadträte, 
die Maires und Ältesten (ealdermen), in einer Person 
gleichzeitig die Stadt und die Gilde vertraten, findet 
seine Erklärung darin, daß die Gilde nicht selten 
sämtliche freemen, d. h. die Vollbürger umfaßte, die 
allein das Wahlrecht und das Recht der Vertretung 
besaßen. Infolgedessen hatten die Stadtbehörden, die 
zusehends die Gewerbeverwaltung in die Hand ge- 
nommen hatten, die Entscheidung in Fragen der 
„gerechten" Preis- und Lohntaxen, der Regelung des 
Betriebes im Interesse der Gewerbtreibenden und 
Käufer, der Erteilung des Meisterrechts, des Lehrlings- 
wesens u. a. m. 

Es sei das oben Gesagte an Beispielen erhärtet. 
Winchester und Berwick dürfen sich einiger Ein- 
richtungen rühmen, die, obwohl erst zu Ende des 
XIII. und nicht vor der zweiten Hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts aufgezeichnet, einer weit früheren Zeit ent- 
stammen. Die Kaufmannsgilde zu Winchester wird 
bereits im Jahre 856 zur Zeit der Regierung Ethel- 
reds erwähnt und darf daher als die älteste Europas 
betrachtet werden. Aus den „alten Gewohnheiten", 
old usages, ist leicht zu ersehen, daß, ungeachtet der 
Selbständigkeit der Zünfte, die bereits in der ersten 
Hälfte des XII. Jahrhunderts einsetzte (zuerst bei der 
Weberzunft), die Gewerbepolizei von den Stadtbeamten 
gehandhabt wurde. Die „Gewohnheiten", die sich 
auf die Wahl dieser Beamten beziehen, umfassen nicht 
wenige Bestimmungen rein gewerblicher Natur. So heißt 
es darin, daß die Bettziechenweber in der Stadt Sitz 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 99 

haben müssen, daß der Preis für gröbere Wollengewebe, 
sog. tapeners, nicht 18 d. während der Zeit von Aller 
Heil, bis Maria Verkündigung, sonst nicht 2 solidi über- 
steigen darf, daß bei einer Länge von 4V4 und 5 Ellen 
die Bettziechen eine Breite von 2V2 bezw. 4 Ellen 
und bei 4V2 Breite nicht weniger als 3 oder 4 Ellen 
Länge haben sollen. Diesen Maßen nicht entsprechende 
Gewebe wurden beschlagnahmt. 

Bemerkenswert ist, daß, während sonst nach den 
„Gewohnheiten" von Winchester die Stadt das Gericht 
und die Polizei über das Gewerbe führte, hiervon 
beim Färbergewerk für wollene Gewebe eine Aus- 
nahme gemacht war. Hier hatten zwei „gute Männer", 
goodmen, die Befugnis, den Preis für die eingeführte 
Ware festzusetzen, offenbar um einen für das heimische 
Gewerbe nachteiligen Wettbewerb niederzuhalten 1 ). 

Noch deutlicher tritt die Oberaufsicht der Stadt 
in Gewerbe und Handel in Berwick hervor. Auf 
Beschluß der freien Bürgerschaft wurden im Jahre 
1283 die von früher her bestandenen Genossenschaften 
oder Gilden samt ihrem Vermögensstock zu einer 
einzigen Gilde verschmolzen, neben der in Zukunft 
keine andere Genossenschaft bestehen durfte. „Alle 
sollen Glieder einer Zunft sein, sie sollen ein Haupt 
und einen gemeinsamen Rat haben 2 )." 

Man sieht, die Stadt kehrt zu früherön Zuständen 
zurück, die der Bildung selbständiger Zünfte nach 
Gewerken voraufgegangen waren. Die älteste gilda 
mercatoria ist wieder hergestellt und die Aufsicht 
über das ganze Gewerbe geht von neuem in die Hand 
der Stadtbehörden über. Dies äußert sich in folgenden 
Verordnungen : Niemand darf Handmühlen verwenden ; 

!) Toulmin Smith. Gilds. S. 350—359. 

2 ) All shall be as members having one head, one in counsel, 
one in body, strong and friendly. ibid. S. 339. 

7* 



100 Erstes Kap.: Die hol'rechtliche Verfassung der Gewerbes. 

die Stadtmühlen sollen nunmehr das Korn gegen Ent- 
schädigung von V13 mahlen. Für Lebensmittel werden 
Taxen erlassen, die nach den Jahreszeiten abgestuft 
sind. Der Preis für Hammelfleisch darf im Winter 
bis Ostern nicht 8 d. 5 bis Pfingsten 16, von da bis 
Jacobus 12 und endlich bis Michaelis nicht 8 d. über- 
steigen. 

We,r dieser Skala zuwiderhandelt, heißt es wörtlich, 
büßt mit 8 sh. Eine ähnliche Taxe war auch für 
Bier aufgestellt; sie betrug von Ostern bis Michaelis 
3 und für die übrige Zeit 2 d. für die Gallone. Um 
eine genaue Aufsicht zu erleichtern, wurden die Frauen, 
die das Bier brauten, in eine Liste eingetragen. Zur 
Wahrung der Gleichheit der Produktionsbedingungen, 
wurde ein Ankauf von mehr als 12 Säcken Gerste auf 
einmal untersagt. 

Den Fleischern war es verboten, auf die Preise für das 
zu Markte gebrachte Vieh etwas aufzuschlagen. Einge- 
führte Häute mußten öffentlich verkauft werden, um einen 
einheitlichen Preis zu wahren. Fische, Heu, Hafer, 
Käse, Butter und sonstige Marktwaren durften bei 
Strafe der Beschlagnahme zugunsten der Armen nicht 
vor dem ersten Glockenläuten gehandelt werden. Vor 
dem Eintreffen der Ware auf dem Markte war ein 
Kauf überhaupt verboten. 

Zur Bekämpfung außergewöhnlich hoher Preise 
für Wolle und Häute und des gewinnsüchtigen Zwischen- 
handels bestand die Vorschrift, daß jeder städtische 
Verkäufer nur an einen einzelnen Kunden seine Ware ab- 
setzen dürfe. Frauen wurde verboten, für eigene 
Rechnung Wolle zu kaufen. Zwischenhändlern drohte 
Beschlagnahme der Ware und eine Buße von 8 sh. 
Auf dem Verkauf schlechter Ware stand eine Geld- 
strafe. Um einer Verschmelzung von Betrieben ent- 
gegenzuwirken, untersagte die Gilde den Fleischern 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 101 

Haare und Häute einzuhandeln. Von demselben Stand- 
punkte gleicher Gerechtigkeit aus wurde denjenigen, 
die über ihr Bedürfnis hinaus Fische, Häute oder 
Haare eingekauft hatten, aufgegeben, den Nachbarn 
auf deren Verlangen von dem Überschuß abzulassen. 
Noch vor Boren wies Giry das Bestehen einer 
Kaufmannsgilde zu St. Omer im XI. Jahrhundert 
(zwischen 1072 und 1083) nach. Sie wurde von 
Dekanen und einer allgemeinen Versammlung, capitula, 
geleitet. Neue Mitglieder hatten einen Beitrag zu 
leisten, dessen Höhe durch aufgezeichnete Gewohn- 
heiten bestimmt war. Die Vorteile, die die Gilde 
ihren Mitgliedern bot, waren teils geselliger, teils rein 
wirtschaftlicher Natur, so Unterstützung bei Krankheit, 
Unfall und bei Prozessen, Zuweisung eines Teiles der 
eingekauften Kohstoffe x ) und endlich das gewerbliche 
Vorrecht innerhalb der Gemarkung St. Omer. Ein 
ausdrücklicher Hinweis darauf findet sich allerdings 
in den Urkunden nicht, aber ein Vergleich mit Rouen 2 ), 
wo ebenfalls eine Kaufmannsgilde bestanden hat, 
deren Mitgliedern das Vorrecht des zollfreien Handels 
auf der Seine zustand, läßt annehmen, daß ähnliche 
Sonderrechte auch für jene Gilde bestanden haben. 
Doren führt eine Urkunde aus dem Jahre 1127 an, 
die den Übergang der gesamten städtischen Gewerbe- 
verwaltung in die Hand der Gilde zeigt 3 ). Aber 



x ) Si qiüs gildam habens mercatum aliquod non ad victum 
pertinens valens V grs et supra taxaverit et alius gildam habens 
supervenerit si voluerit in mercato illo porcionem habebit. Griry, 
Hist. de St. Omer. S. 372. 

2 ) Cheruel, Hist. de Rouen. Bd. I, S. 234 u. 235: niülus 
mercato r transeat Rothomagum per viam Secuanae nisi civis 
manens Rathomagensis fuerit. 

3 ) Die Urkunde handelt von der Übereignung, der Ein- 
künfte aus der Münze, wobei sie hinzufügt : ipsi vero burgenses 



102 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

abgesehen von St. Omer, finden wir in einzelnen 
Städten, die heute zu Belgien gehören, Kaufmanns- 
gilden, die in den flandrischen Stadtgemeinden den 
Namen Hanse führten. So steuert in Tournay im 
XIII. Jahrhundert die charite zum hl. Christophorus 
einen Teil ihrer Einkünfte zur Befestigung der Stadt 
und Unterhaltung der Wache bei, während die Vor- 
steher der Kaufmannsgilde zu Lille, die sog. Hans- 
grafen nach und nach das Amt des Stadtkämmerers 
übernahmen *). Wie überall, so vereinigte auch hier die 
G-ilde nicht nur Kaufleute, sondern auch Handwerker 
und Grundbesitzer, weltliche so gut wie geistliche, in 
sich. Dies zeigen die Maßnahmen, die gegen den 
Eintritt von Rittern und Geistlichen in die Kaufmanns- 
gilde zu St. Omer ergriffen wurden 2 ). Man kann 
somit auch hinsichtlich Frankreichs sagen, daß zu 
den Mitgliedern der Kaufmannsgilden nicht nur Kauf- 
leute allein, sondern auch andere wohlhabende Leute 
und auch Handwerker gehört haben. Bezeichneten 
doch die Urkunden die Teilnehmer mit solchen 
umfassenden Namen, wie burgenses, homines, ohne 
den entsprechenden Ausdruck mercatores zu ge- 
brauchen 3 ). Die städtische Gewerbeverwaltung gehörte 

monetam per totam vitam suam stabilem et bonam, unde villa 
sua melioretur, stabiliant. Doren. Unters, zur Gesch. der Kauf- 
mannsgilden des Mittelalters. S. 61. 

y ) Van der Linden. Les gildes marchandes dans les Pays- 
ßas du moyen äge. S. 33. Und Pirenne, Hist. de la ßelgique. 
Bd. I, S. 171 ff. 

2 ) Gross. Gilda mercatoria. Bd. I, S. 291. 

3 ) Im Privileg Heinrichs IL Plantagenet vom Jahre 1150 
heißen die Mitglieder der Kaufmannsgilde zu Rouen: homines 
Rothomagi, qui de ghilda sunt mercatorum. Ein ähnliches 
Privileg von 1210, erteilt durch die Stadt Calais lautet: Dedimus 
igitur et concessimus sepe dictis burgensibus quod infra ban- 
leucam suam habeant gueldam mercatoriam . . . (Wauters, Les 
libertes communales de la Belgique et du Nord de la France. 
Preuves. 67, 68). 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 103 

jedoch nicht zu allen Zeiten zu den Vorrechten der 
Kaufmannsgilde. In Reuen übernimmt z. B. bereits 
im Jahre 1256 die Bürgerschaft die Polizei und 
Gerichtsbarkeit über die Bäcker und 100 Jahre später 
auch über die Bierbrauer 1 ). In Paris, wo vermutlich 
schon früher eine Kaufmannsgilde bestanden hatte 2 ), 
wurde die Aufsicht über die Lebensmittel, wie bereits ge- 
zeigt, vom XIII. Jahrhundert an vom königlichen Prevot 
und dem Gerichtshof, chätelet, gehandhabt. Von den 
Vorrechten behielt die Gilde noch etwa die Teilnahme 
des Prevot, der an der Spitze der Pariser gilda merca- 
toria gestanden haben soll, an der Gebäck- und Ofenschau. 

Die Kaufmannsgilde war im ganzen Nord-Osten 
Frankreichs verbreitet. Sie bestand in Valenciennes, 
wo seit 1067 die Tuchhändler ihren Kern bildeten, 
aber auch gewöhnliche Handwerker Aufnahme fanden, 
wenn sie bereit waren, einen größeren Beitrag an 
Wein zu leisten oder ihr Handwerk aufzugeben (il 
donra XXII muis de vin u il fourjuira se mestier), 
ferner, wie Wauters und Luchaire nachgewiesen haben, 
in Douai, Lille und Cambrai 3 ). 

In Deutschland, wo zum ersten Male Nitzsch auf 
die Stellung der Kaufmannsgilde in der Geschichte 
des städtischen Gemeinwesens hingewiesen hat, be- 
standen sie, wie neuere Forscher gezeigt haben, in 
Köln, Dortmund, Goslar, Stendal und Göttingen. 



!) Doren. S. 77. 

2 ) Man nimmt an, daß diese aus denjenigen mercatores 
aquae bestanden hat, denen Ludwig VI. 1121 die Erhebung der 
Abgaben von den auf der Seine verkehrenden Waren verliehen 
hat. Ein halbes Jahrhundert später wurde ihnen von Ludwig IX. 
dem Heiligen das Handelsprivileg für die Strecke Paris — Nantes 
bestätigt. (Lecaron, Les origines de la municipalite parisienne. 
Mem. de la soc. de l'hist. de Paris. 1881 et 1882. S. 95—96). 

3 ) Wauters. Bd. II, S. 37 u. 365. Luchaire, Les communes 
franc. S. 32. 



104 Erstes Kap. : Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

Auch hier wies die Gilde unter ihren Mitgliedern eine 
mehr oder weniger große Zahl von Handwerkern auf. 
In Köln z. B. werden in der uns überlieferten Mit- 
gliederliste der Gilde Personen aufgeführt, deren Stand 
als: carnifex, piscator, pistor, sutor, aurifex, campa- 
narum fusor, bezeichnet ist, also Fleischer. Fischer, 
Bäcker, Schuhmacher, Goldschmied, Glockengiesser. 
Doren verweist den Ursprung der Gilde in das X. Jahr- 
hundert, in dem die Wein- und Tuchhändler sich zum 
ersten Mal für den Handel nach England zusammen- 
getan haben. Im XI. Jahrhundert verfügt sie be- 
reits über ein eigenes Haus in London *). Als Glied 
der öffentlichen Gewalt ernennt die Gilde die Bürger- 
meister; sie führt eine Liste der aufgenommenen Bürger 
und läßt sich u. a. angelegen sein, sämtliche Vertreter 
des Gewerbes und Handels ausnahmslos zu verpflichten, 
der Zunft beizutreten 2 ). In Dortmund zählten nur 
die Mitglieder der sog. Reinholdsgilde, die auch Groß- 
grundbesitzer umfaßte, zu den Vollbürgern (burgenses). 
Sie besaßen Berechtigungen, die in der Folge auf den 
Stadtrat übergehen, wie die Aufsicht über das Gewerbe, 
ferner das Recht, den Eintritt sämtlicher Handwerker 
in die Zunft zu fordern 3 ). In Goslar organisierte sich 
die Kaufmannschaft im Jahre 1200 zu einer Gilde, 
hauptsächlich für den Tuchhandel; ihre Mitglieder 
verpflichteten sich, einander einen Teil des eingekauften 
Rohstoffes zum Selbstkostenpreis zu überlassen 4 ). Nach- 
dem Stendal im Jahre 1151 das Marktrecht erhalten 
hatte, wurde 80 Jahre später eine Kaufmannsgilde 
gestiftet. Die Mitgliedschaft konnten nur diejenigen 
erlangen, die ihr Handwerk abschworen. Handwerker- 



!) Doren. S. 88. 

2 ) ibid. S. 19. 

3 ) Was in Deutschland unter dem Namen Zunftzwang 
verstanden wird. Doren. S. 93. 

*) ibid. S. 97. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 105 

genossen Schäften mit gewerblichem Vorrecht sind hier 
nicht vor dem Jahre 1183 *) entstanden. In Göttingen 
hingegen umfaßte die Handelsgilde auch Handwerker, 
wie Zimmerleute, Goldschmiede, auch Apotheker 2 ). 

Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch in Italien 
eine Kaufmannsgilde bestanden hat. Wir erinnern 
nur an das älteste genossenschaftliche Statut der Kauf- 
leute zu Rom, das von einer ganzen Reihe von Berufen 
handelt, die der Genossenschaft angehörten. Vielleicht 
noch früheren Ursprungs und maßgebender für die 
Kaufmannsgilden Italiens sind die Aufzeichnungen aus 
Parma, wo bereits lange vor der Bildung von Hand- 
werkerzünften eine Genossenschaft der Kaufleute er- 
wähnt wird. Die sog. „Determinatio compositionis 
mercadanciae", in der neben Kaufleuten negociatores, 
auch Geldwechsler, Tucher, Fleischer, Leineweber, 
Schneider, Eisenschmiede und mehrere andere der 
mercadancia angehörige Berufe aufgezählt worden, 
leitet die Statuten von Parma aus dem Jahre 1215 
her. Streitigkeiten in Handelssachen unter den Mit- 
gliedern gehörten laut dieser Urkunde vor das Gericht 
der Vorsteher, „rectores", der mercadanciae. Wir 
haben also hier eine Genossenschaft von Handel- und 
Gewerbtreibenden, die ihre eigenen Vorgesetzten hat, 
und die mit gewissen obrigkeitlichen Befugnissen aus- 
gerüstet ist. Es ist also genau dieselbe guilda mercatoria, 
die wir in England, Frankreich und Deutschland 
kennen gelernt haben 3 ). 

Die Kaufmannsgilde konnte nur insoweit eine Ab- 
weichung von der gewöhnlichen Zunftverfassung bewirkt 

l ) ibid. S. 103. — 2 ) ibid. S. 109. 

3 ) Giuseppe Mecheli. Le corporazioni parmenzi d'arti e 
mestieri. Parma, 1899. S. 6 ff . Das Statut, das diese Vorschriften 
enthält, ist im J. 1255 abgefaßt. Siehe Monumenta Hist. ad 
prov. parmensem et placentinam pert. 1856. Bd. I, S. 187 



106 Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassun g des Gewerbes. 

haben, als die Vorschriften, denen die Handwerkerschaft 
unterstellt war, nicht mehr von der Stadtobrigkeit, 
sondern von einem politisch befugten privaten Verbände 
ausgegangen waren. Die Zunft aber als solche besaß 
in ihren Anfängen weder gewerbliche Sonderrechte, 
noch die Gewerbeschau, noch das Recht, den Betrieb 
zu regeln. Ihre Selbstbestimmung, verbunden mit der 
Ausschaltung des Wettbewerbes der Zunftfremden, 
empfing die Zunft stets von außen her, durch Verleihung. 
So gelangen die Weber zu Rouen in den Besitz des 
gewerblichen Vorrechts durch die Urkunde Heinrichs TL 
von 1 1 54, in der es heißt : „Wisset, ihr Grafen, Barone und 
höchste Richter des Landes, daß ich die Genossenschaft 
meiner Weber zu Rouen und ihre Rechte anerkannt 
habe und durch diese Urkunde bestätige; sie sollen 
von nun an die Rechte ungestört genießen, und niemand 
in Rouen, sowie in dessen Bannmeile (banlieu), der 
nicht der Genossenschaft angehört, darf es wagen, 
das Weberhandwerk auszuüben. Ich habe dies als 
Belohnung für die Dienste, die mir diese Weber geleistet 
haben, gewährt 1 )." 

Die Kaufmannsgilde vermag mithin unser Gesamt- 
ergebnis nicht zu entkräften; es lautet im Gegensatz 
zu früheren Anschauungen und im Einklang mit den 
neueren Geschichtsschreibern dahin, daß die Anfänge 
der Gewerbepolitik nicht von der Zunft, sondern von der 
Grundherrschaft und der dieser folgenden Stadtgemeinde 
herzuleiten seien. In diesen ersten Anfängen nahmen die 
Herrscher stets wieder die Polizei und Gerichtsbarkeit 
über das Gewerbe an sich, sobald sie aus fiskalischen 
Gründen oder im Interesse der Konsumenten, das sie 
dem Gesamtwohl gleichsetzten, es für notwendig er- 
achteten, die den Zünften verliehenen Berechtigungen 

J ) Ouin Lacroix. Hist. des anc. corp. d'arts et metiers et 
des confreries relig. de la cap. de la Normandie. 1850. S. 140. 



Erstes Kap. : Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 107 

wieder abzuschaffen. Als Kaiser Friedrich IL, dem 
Beispiel der früheren Herrscher folgend, die, so z. B. 
in England, die Aufhebung der nicht anerkannten 
„adulterine" Gilden verfügt haben, die gleiche Maßregel 
ergriff, setzten sich in Sizilien die Staatsbehörden 
wieder in ihre uralten Rechte, die auf die Hand- 
werkergenossenschaften übergegangen waren. Der 
Kaiser rechtfertigte die Maßregel mit dem Hinweis 
auf die Teuerung, die die Zünfte verursachten. Bei 
Strafe der Versetzung in die Sklaverei verbot Friedrich II. 
durch seinen Kanzler Pierre Delavigne die Wieder- 
herstellung der Zünfte in Sizilien. Ad commodum 
ementium et vendentium wurden 1219 die Zünfte von 
Worms und 1384 die von Kassel aufgelöst 1 ). Aus 
gleichen Erwägungen sprach im XIV. Jahrhundert 
das zweite bisher nicht gedruckte Stadtstatut von 
Como die Aufhebung der Zünfte aus. Wenn die 
Stadtobrigkeit von Ferrara 1287 erklärte, daß omnia 
collegia sive scholae artium cassantur, so hatte sie 
lediglich die Sonderrechte der Zünfte im Auge, denn 
das Versammlungsrecht bei Gottesdienst, Leichenbe- 
gängnissen und zu Absprachen über Unterstützungen 
in Notfällen blieben den Zünften auch künftighin 
unbenommen 2 ). 

Heinrich IL und Johann ohne Land verfügten 
die Auflösung der unerlaubten Genossenschaften (adul- 
terine gilds) mit dem Hinweis darauf, daß die Zünfte 
nur im Wege der Verleihung in den Besitz gewerblicher 
Sonderrechte gelangen können. Wäre diese Anschauung 
bei den französischen Königen nicht maßgebend gewesen, 



\) Doren. S. 142 u. 219. 

2 ) Excepto congregationes factas ad reverentiam Dei et 
sanctorum pro sacrificiis exequiis mortorum et de providendibus 
(sie) fratribus. (Muratori, Antiquit. Ital. Bd. VI, S. 466.) 



108 Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 

so hätte die gewaltsame Auflösung der Zünfte in den 
Jahren 1308 und 1383 durch Philipp IV. dem Schönen 
und Karl VI. nicht stattfinden können 1 ). 

Die Folge dieses Vorgehens war u. a. die Über- 
tragung der Gerichtsbarkeit auf den Pariser Prevöt 
und der Aufsicht über das Gewerbe auf vom Prevot 
ernannte „Visitatores". So tritt denn auch hier der 
Zusammenhang zwischen dem Hechte der Zunft auf 
Polizei und Gerichtsbarkeit und der Verleihung von 
Sonderrechten und Selbstverwaltung hervor. 

Konnten somit die freien Handwerker von Anfang 
an ihr Gewerbe ausüben, ohne einer Zunft anzugehören, 
so fragt es sich, welche Beweggründe haben denn die 
Handwerker gehabt, nach dem zünftlerischen Aus- 
schließungsrecht zu streben? 

Um diese Frage zu beantworten, muß man sich 
vergegenwärtigen, daß die Stadt mit ihrem Umkreis 
districtus, banlieue, der Aufenthaltsort nicht nur freier 
Insassen, sondern auch hörigen Gesindes gewesen ist, 
während das Land geraume Zeit nur hörige Hand- 
werker kannte. 

Hat doch schon das Brecht der Burgunder Vorsorge 
getroffen, daß der Gutsherr, genau wie in Rußland 
zur Zeit der Leibeigenschaft, seinen Hörigen gegen 
Zinszahlung gestattete, ein Handwerk zu ergreifen und 
es frei zu seinem Unterhalt auszuüben (in publico 
attributum artificium exercere permiserit) 2 ). 

Wie groß die Zahl der Sklaven in den Mauern 
einer solchen internationalen Handelsstadt, wie Venedig, 
gewesen ist, ersieht man aus der Anzahl von 10000 Ver- 
trägen, die diese Stadt bereits zu Anfang des XV. Jahr- 



: ) Fagniez, S. 52 u. 53. 

2 ) Lex Burgundionum. Titel XXI, § 1'. 



Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 109 

handerts jährlich über Sklaven und Sklavinnen ge- 
schlossen hat 1 ). 

Zahlreich war diese Schicht auch in Genua, Pisa, 
Palermo, Barcelona, Valencia und Palma auf der Insel 
Majorka und überhaupt an der Südküste Europas, wo die 
Kriegsgefangenen aus dem mahomedanischen Osten, 
unter denen sich Christen befanden, als Sklaven ver- 
wendet wurden. Man kann sogar sagen, daß in der 
Regel die Sklaven in der Stadt weit stärker vertreten 
waren, als auf dem Lande. Außerhalb des Gewerbes 
gab es keinen Platz für unentlohnte Sklavenarbeit, 
da auf dem Lande der Ackerbau vorwiegend in den 
Händen der grundhörigen Bauern lag und das Ge- 
werbe meist hauswirtschaftlich und zwar von Skla- 
vinnen in den „geneciae" oder in einer Art ergastula 
betrieben wurde, die von den Grundherren, so z. B. 
von Kaiser Friedrich IL in Sizilien errichtet waren. 

Andererseits aber hätte der dem flachen Lande 
eigentümliche gewerbliche Hausfleiß mit seinen billigen 
Erzeugnissen und bei der Gewerbefreiheit, die auf 
einzelne kleinere Burgen ausgedehnt war 2 ), unter 
allen Umständen das städtische Gewerbe, das mit 
allerhand Abgaben belastet war, zu Grunde richten 
können, hätten sich die Handwerkervereinigungen 
nicht vor dem fremden Wettbewerb u. a. durch das 
Verbot der Aufnahme von Leibeigenen geschützt. 
Am Anfang seines Werdens stand also das städtische 
Zunftgewerbe des Mittelalters vor einer Gefahr, von 
der es auch im Altertum bedroht war. Liebenam 



x ) Lazari V. Del traffico e delle condizioni degli schiavi 
in Venezia nei ternpi di mezzo. (Miscellanea di Storia Ital. 
Vol. I. Tor. 1862.) 

2 ) Die meisten kleineren Städte im Schwarzwald kannten 
bis zum XVI. Jahrhundert keine Zunfteinrichtungen. Vergl. 
Gothein. S. 336. 



\\Q Erstes Kap.: Die hofrechtliche Verfassung des Gewerbes. 

weist darauf hin, daß der Wettbewerb der Sklaven- 
arbeit eine der Ursachen gewesen war, die die römi- 
schen scholae und artes ins Leben gerufen haben 1 ). 

Daß auch die Zünfte des Mittelalters die Be- 
kämpfung der unbezahlten oder doch billigen Arbeit 
der Sklaven und Leibeigenen sich zur ganz besonderen 
Aufgabe gemacht haben, geht u. a. daraus hervor, 
daß überall dort, wo, wie z. B. in Lübeck, die deutschen 
Ansiedler gegenüber der unterjochten slavischen 
Einwohnerschaft die herrschende Klasse waren, das 
Verbot der Aufnahme der Slaven in die Handwerker- 
genossenschaft in den Statuten festgelegt ist 2 ). 

Dasselbe Verhalten gegenüber den Slaven zeigten 
auch die Zünfte Lüneburgs. Wer unserer Genossenschaft 
beitreten will, heißt es im Statut von 1350, muß vor 
der allgemeinen Versammlung, „Morgensprache", durch 
Zeugen oder schriftliche Bescheinigung nachweisen, 
daß er sei echt, recht, deutsch und nicht wendisch, 
frei und niemands eigen" 3 ). 

Die Statuten der ältesten Zünfte und Gilden zu 
Riga verbieten die Aufnahme von nicht deutschen 



x ) Deshalb schließen sich die freien Handwerker zusammen, 
um ihrer Hände Arbeit gegenüber der mächtigen Konkurrenz 
der Sklavenarbeit zu schützen, denn der zum Hausstand gehörige 
Sklave konnte wohlfeiler arbeiten." Liebenam, Zur Gesch. und 
Organ, des röm. Vereinswesens. 1890. S. 9. 

'-) Um sich den Vorzug der Freiheit zu bewahren und 
selbst das Eindringen Unfreier zu verhüten, schlössen sie be- 
ständig alle Slaven von ihren Genossenschaften aus und ver- 
langten sowohl von dem Lehrling bei seinem Eintritt ins Amt 
als auch von dem Gesellen, der die Meisterschaft erwerben 
wollte, eine Bescheinigung darüber, daß er von deutschen 
Eltern abstamme." Wehrmann: Die älteren Lübeckschen Zunft- 
rollen. 1872. S. 34. 

3 ) Bodemann: Die älteren Zunfturkunden der Stadt Lüne- 
burg. S. XXXIX. 



Erstes Kap.: Die holrechtliche Verfassung des Gewerbes. Hl 

Lehrlingen. Dieses geht z. B. aus dem Statut der 
Maurer hervor 1 ). In den Städten des Schwarzwaldes 
wurden, wie das Beispiel Straßburgs zeigt, die zur 
Bürgerschaft nicht gehörenden oder in sie nicht aus- 
drücklich aufgenommenen Hörigen noch im XIII. Jahr- 
hundert dem Handel ferngehalten, somit auch von der 
Zunft ausgeschlossen, während sie ein Jahrhundert 
vorher als homines bezeichnet mit dem sog. genus 
mercatorum, d. h. mit den handelsberechtigten Bürgern 
gleichgestellt gewesen sind 2 ). 

In den Zunftstatuten Italiens findet sich überall 
das Verbot der Aufnahme von Unfreien in die Zunft. 
So verkündet das Organisationsstatut der Seiler zu 
Bologna von 1250: quod nullus homo qui sit de 
maxenata vel filius eius debeat esse de societate. 
Unter homines de maxenata oder masnada wird das 
unfreie Hofgesinde verstanden. Sein Ausschluß be- 
deutete, daß nur der Freie und von einem Freien 
Abstammende die Mitgliedschaft soll erwerben können. 
So heißt es auch ausdrücklich in einem andern Zunft- 
statut derselben Stadt: quod non admittatur aliquis 
in societate qui non sit liber homo et nullus de 
societate nostra doceat artem alicui seryo 3 ). 

Nach dem Statut der Stadt Bologna aus dem 
Jahre 1248 waren ferner die Unfreien, aber auch die 
Vassallen sowie deren Söhne, so auch alle, die dem 
Lehnherrn zur Treue, fidelitas, verpflichtet waren, von 
der Teilnahme an der Stadtverwaltung ausgeschlossen 4 ). 
In den Zunftsatzungen der Leinenweber von 1288 
war das Verbot der Aufnahme eines Leibeigenen, fumans 



*) Schrägen der Gilden und Ämter der Stadt Riga bis 
1621. S. 96. 

2 ) Gothein. H. -1 u. 5. S. 317, 310. 

3 ) Archivio di stato di Bologna. 

4 ) Gaudenzi. Societa delle Arti. S. 506. 



112 Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. 

und seiner Söhne ausdrücklich ausgesprochen 1 ). Dieses 
Verbot wurde dann auf die freigelassenen, von der 
Stadt Bologna Losgekauften, sowie auf alle Land- 
bewohner und Fremden, forenses, ausgedehnt 2 ). 

Durch den Ausschluß der Unfreien fühlten sich 
die genossenschaftlich vereinigten Handwerker gegen 
den Wettbewerb jener noch nicht genügend geschützt; 
es lag ihnen auch daran, die notwendigen Fachkenntnisse 
den Unfreien unerreichbar zu machen. Und so griffen 
denn die oben erwähnten Zeugnisse auch zum Lehr- 
verbot gegenüber den Sklaven. Dieses kommt in den 
Zunftstatuten Venedigs wiederholt zum Ausdruck. So 
nahmen die Sammetweber, die 1347 sich zu einer Zunft 
zusammen taten, in ihr Statut eine Bestimmung auf, nach 
der es bei schwerer Buße verboten war, einen Fremden 
und Unfreien in die Kunstfertigkeiten des Gewerbes 
einzuweihen 3 ). In England rührt das Verbot der Auf- 
nahme Unfreier aus der Zeit der ersten Kaufmannsgilden 
her und blieb dann bei den Handwerkerzünften in 
Kraft, Kein Leibeigener oder Knecht, heißt es in den 
Protokollen der Stadt Andover von 1327, die sich hierfür 
auf die alten Gewohnheiten und Satzungen berufen, darf 
in die Gilde als Mitglied aufgenommen werden. Das- 
selbe Verbot kennen auch die Statuten der Handels- 
gilde zu Linn (England) aus dem XIV. Jahrhundert 4 ). 

Unter den Verpflichtungen, auf die die Bürger- 
schaft von Dublin vereidigt war, befindet sich auch 
die, Kinder von Sklaven und Leibeigenen als Lehrlinge 
nicht aufzunehmen 5 ). Dieselbe Vorschrift besteht, nach 

*) Gaudenzi, S. 534. — 2 ) ibid. S. 535, 536. 

3 ) Ähnliche Bestimmungen finden sich auch in den Statuten 
der sciamiti, Kap. 49, und battiloro vom 20. Febr. 1455. Lasari. 
Del traffico e delle condizioni degli Schiavi in Venezia nei tempi 
di mezzo. S. 482. 

4 ) Gross, The gild merchant. Bd. 2. S. 164 u. 317. 
ö ) ibid. S. 82. 



Erstes Kap.: Die hof rechtliche Verfassung des Gewerbes. Hß 

Brentano im XIV. Jahrhundert in jedem englischen 
Burgflecken. So heißt es in den alten handschriftlichen 
Gewohnheiten der Maurer aus dem XV. Jahrhundert: 
The fowrthe artycul thys most be, 
That the mayster hym wel bese, 
That he no bondemon prentys make; 
das heißt: der vierte Artikel besagt, daß der Meister 
genau auf den Stand des Lehrlings achte und keinen 
Unfreien zum Lehrling mache. Nach den Statuten 
der Kaufmannsgilde zu Middelburg in Holland aus 
dem Jahre 1271 wurde nur derjenige als Mitglied 
zugelassen, qui paterna successione liber est 1 ). 

Die sorgfältig durchgeführte Vorschrift der deut- 
schen Zunftstatuten, Uneheliche als Lehrlinge nicht 
aufzunehmen, war ausschließlich gegen Kinder der 
hörigen Bäuerinnen gerichtet. Daß diese Vorschrift 
tiberall zur Anwendung gelangt ist, geht daraus her- 
vor, daß sie sich nicht nur in den ältesten Zunft- 
statuten von Wernigerode und Lübeck 2 ), von denen 
die ersteren auch die Aufnahme von Kindern aus der 
Ehe eines Freien mit einer Hörigen verbieten, sondern 
auch im weit davon entfernten Schlesien findet, wo 
sie mit besonderer Strenge gehandhabt wurde 3 ). 

Wir haben bisher die Entstehung des Zunftwesens 
kennen gelernt, soweit dies uns an der Hand der 
überlieferten Zeugnisse möglich war. Es erübrigt 



1 ) Höhlbaum. Urkundenbuch I, SS. 244, 245. 

2 ) Meister, Kurt, Die ältesten gewerbl. Verbände der Stadt 
Wernigerode. S. 20. Wehrmann. S. 34. 

3 ) „Wer auch ir hantwerke leren wil, der sal euch geboren 
seyn. ... Welcher auch mit in bruderschaft haben wil oder 
meister werden weide der sal ein eliche housfrau haben." Rechte 
der Breslauer Tischler. Prag 4. Jan. 1390. Cod. Dipl. Silesiae. 
Bd. VIII. S. 85. § 4 u. 5. Die zweite dieser Vorschriften fußte 
darauf, daß nach dem Tode des Mannes das Meisterrecht auf 
seine Frau überging, ibid. S. XXXI. 

Kowalewsky, Ökonomische Entwickelung Europas V, ° 



114 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

sich nun, die innere Einrichtung der Zunft, die im 
XIII. und in der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts 
nach und nach zu einer nach außen abgeschlossenen 
Körperschaft geworden war, ins Auge zu fassen. 
Dies soll der Gegenstand des folgenden Kapitels sein. 



Zweites Kapitel. 
Die Zünfte des XIII. und XIV. Jahrhunderts. 

Auch die innere Ausgestaltung des Zunftwesens 
weist eine Entwicklung auf, die in der Bildung ein- 
zelner Behörden mit genau abgegrenzten Amtsbefug- 
nissen ihren Ausdruck gefunden hat. Das XII. Jahr- 
hundert kennt bei den einzelnen Zünften in der Regel 
nur Alteste, rectores, consules, gastaldi oder wie sie sonst 
genannt wurden. So sind in einer Urkunde aus dem 
Jahre 1182, die bei Santini abgedruckt ist, die consules 
mercatorum Florentiae erwähnt 1 ). Im Jahre 1193 
werden bei Gelegenheit des Abschlusses des Vertrages 
mit Trevi Septem rectores qui sunt super capitibus 
artium genannt 2 ). Nach Doren sind diese 7 rectores 
nicht Vorstände einzelner Zünfte, sondern Vertreter 
einer Vereinigung von Zünften gewesen. Doren stützt 
seine Ansicht auf einen Vergleich mit den Zeugnissen, 
die sich in Pisa aus dem XIII. Jahrhundert erhalten 
haben. Auch hier sehen wir die priores Septem artium 
an der Spitze der capitanei, d. h. der Vorstände ein- 



2 ) Die Formel des Huldigungseides, den das unterworfene 
Empoli der Stadt Florenz leistete. Documenti dell' ant. costi- 
tuzione del comune di Firenze. S. 18. 

3) ibid. S. 31. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. H5 

zelner Zünfte 1 ). Eine Pisaner Urkunde aus dem 
Jahre 1219, die bei Bonaini abgedruckt ist, spricht 
von den rectores und capitanei der Frachtfuhrleute 
aus der Grafschaft Florenz, sowie von den vecturales 
zu Siena und Lucca 2 ). Im Vertrage mit St. Geminiano 
von 1202 werden priores artium erwähnt 3 ). Nähere 
Angaben über die innere Einrichtung der Zünfte zu 
Florenz und in Toscana überhaupt besitzen wir vor 
der Mitte des XIII. Jahrhunderts nicht. Ebenso karg 
sind die Nachrichten über die Handwerkergenossen- 
schaften zu Venedig, wenigstens aus der Zeit vor der 
Abfassung ihrer Statuten, die in das Ende des XII. 
und den Beginn des XIII. Jahrhunderts fällt 4 ). Nicht 
vor der Zeit des Dogen Domenico Flabianico (1032 - 1043) 
wird ein Vorsteher der Eisenschmiedezunft zu Venedig 
genannt, den der Doge ernennt. Dieser Vorsteher trägt 
den Namen gastaldus 5 ). Das Statut der Gewandschneider 



x ) Schaube. Das Konsulat des Meeres in Pisa. Doren, 
Entwicklung- und Organ, d. Florent. Zünfte im 13. u. 14. Jahrh. 
S. 8—10. 

2 ) Statuta inedita civitatis Pisae. Bd. III. S. 11. 

3 ) Santini. S. 74. 

4 ) Monticolo. Studi e ricerchi per Tediz. dei capitolari antich. 
delle arti veneziane. (Bulletino dell' istituto stör. Ital. No. 13. 
1893. S. 9 u. 10). Im XI. Jahrhundert führten die Eisenschmiede 
zu Venedig einen Prozeß über Abgaben, die sie an das Staats- 
haupt, d. h. den Dogen zu leisten haben ; keine der Parteien er- 
wähnt aber ein Statut. Hieraus folgert Monticolo, daß sie keines 
hatten. Im Jahre 1243 erklären die Richter in der Einleitung 
zum capitulare oder Statut der Färber, daß sie trotz sorgfältiger 
Nachforschungen kein Statut hätten finden können, das per 
antecessores nostros aufgestellt sei. Da die ältesten überlieferten 
capitulari aus dem Jahre 1219 stammen, so dürfen wir annehmen, 
daß die erstmalige Abfassung der Statuten in die Zeit zwischen 
der zweiten Hälfte des XL und dem ersten Viertel des 
XIII. Jahrhunderts fällt. 

5 ) ibid. S. 18. 

8* 



116 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

aus dem Jahre 1219 und das capitulare de zupariis 
geben keinen Hinweis auf die innere Einrichtung der 
Zunft. Somit ist der vom Dogen Giacopo Tiepolo am 
6. März 1229 geleistete Amtseid das älteste und einzige 
Zeugnis dafür, daß eine ganze Reihe von Zünften 
durch gewählte und vom Dogen bestätigte gastaldi 
geleitet worden sind 1 ). 

Da sich in den ältesten Zeugnissen zünf tierischer 
Rechtsordnungen Venedigs nur die Formel des Eides 
findet, der die Handwerker zur Befolgung der Befehle 
des Dogen, seiner Beiräte und Richter verpflichtet, 
so dürfen wir annehmen, daß die Zünfte der Gewand- 
schneider, Bettziechenweber, Bauhandwerker, Bäcker, 
Hanfweber, Goldschmiede und Färber, deren Statuten 
aus der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts herrühren, 
keine selbständigen Vorstände gehabt haben, und daß 
einzelne Handwerke unmittelbar den Richtern Venedigs 
unterstellt gewesen sind. Daß die Ernennung und 
Absetzung der gastalden durch den Dogen mit Zu- 
stimmung eines Beirats geschah, zeigt uns bereits der 
Amtseid des Dogen Marino Morosini vom 13. Juni 1249 2 ). 
Durch eine Verordnung vom Oktober 1264 bestimmt 
der Große Rat von Venedig, daß die gastalden auf 
ein Jahr ernannt werden und ihr capitulare aus der 
Hand der Richter empfangen sollen. Bestimmungen 
über die Wahl und die Befugnisse der Zunftvorstände 
finden sich zum ersten Mal in den Ergänzungen, die 
die ältesten Zunftstatuten Ende des XIII. und zu Beginn 
des XIV. Jahrhunderts erfahren haben. Aus ihnen 
ersehen wir das Wahlverfahren, das Maß und die 
Art der Befugnisse der einzelnen Ämter und die 
innere Zunftordnung überhaupt. Die Zusätze zum 



*) Romanin. Storia documentata di Venezia. Bd. II, S. 430. 
2) Bull, dell' ist. stör. Ital. S. 21. 



Zweites Kap. Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. H7 

Statut der Anfertiger von Unterkleidern nach dem 
Jahre 1278 erwähnen 3 „gute und rechtliche Männer", 
boni et legales viri, die auf die hl. Schrift einen Eid 
schwören, daß sie ihre Obliegenheiten das ganze Jahr 
hindurch gut und gleichmäßig nach den Anordnungen 
der Richter von Venedig ausüben werden. Je nach 
Befinden der Richter werden diese Männer im August 
entweder gewählt oder von den Richtern selbst ernannt. 
Die boni et legales viri werden judices genannt 1 ). Im 
Statut der Gewandschneider tragen dieselben Männer 
den Namen „Oberleiter der Zunft", suprastantes 2 ). Ihre 
Befugnisse sind teils executive, teils gerichtliche, teils 
fiskalische, von denen die ersteren sich bereits im Statut 
der Sammetweber von 1265 finden. Das Statut der Händ- 
ler mit Bettziechen verpflichtet die an der Spitze der 
Zunft stehenden Männer, jeden Monat die gewerblichen 
Veranstaltungen, stationes et domos magistrorum zu be- 
suchen und auf die Befolgung der erlassenen Verordnun- 
gen durch die Meister ihr Augenmerk zu richten. 
Sie sind verpflichtet, Zuwiderhandelnde unverzüglich 
den Richtern anzuzeigen. Die drei der Zunft vor- 
stehenden Richter, judices, waren für Klagen bis zu 
einem Betrage von 3 libri zuständig 3 ). Ein Drittel der 
Strafgelder floß den Richtern, das Übrige den Zunft- 
vorständen zu, die jedoch nur die eine Hälfte 
des Betrages für sich behalten durften, während 
die andere der Kasse der Genossenschaft zur Deckung 
ihrer Ausgaben zugeführt wurde. Die Einziehung 
der Strafen war den Zunftvorständen, suprastantes, 
übertragen, die 8 Tage nach Niederlegung ihres Amtes 
ihren Nachfolgern über den Stand der Kasse Bericht 
erstatten sollen 4 ). 

2 ) Capitolare delle arti Veneziane. Bd. 1. S. 27. 
2 ) ibid. S. 19. — 3) ibid. S. 28. 

4 ) Capitulare dei sarti mit dem Zusätze nach dem J. 1278. 
ibid. S. 17 u. 18. 



118 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

Neben den Vorstehern lag die Leitung der Zünfte 
in den Händen der Versammlungen der Meister, die 
zwei bis drei Mal jährlich abgehalten wurden 1 ). Auf 
das Nichterscheinen in der Versammlung stand eine 
Buße von 5 Solidi. Der Zweck dieser Versammlungen 
war u. a. eine Verlesung der Zunftsatzungen, capitulare 2 ). 

Die weitere Entwicklung der Zunftverwaltung 
zeitigte eine Gliederung des Vorstandes in Gerichts, - 
Vollzugs- und Finanzämter, wie dies das Statut der 
Kürschner aus dem Jahre 1283 bereits zeigt. Dieses 
Statut handelt von der Wahl der gastalden durch die 
Versammlung der Meister, vom Verhältnis dieser beiden 
Zunftvertretungen zu einander, von der Verwaltung 
der Kasse und ihrer Prüfung und von den zwei Mal 
im Jahre einzuberufenden Versammlungen. Den Ver- 
tretern der Regierung, den Justitiaren, die, wie wir 
gezeigt haben, die Aufsicht über die Zünfte führten, 
war jedoch das Recht vorbehalten, eine dritte Ver- 
sammlung zu veranlassen, die jedoch nur vom gastalden 
einberufen werden durfte. Diesem Beamten standen 
Richter (judices) als Beiräte und Schiedsrichter zur 
Seite. Die Wahl der gastalde, wie auch die der Richter 
auf ein Jahr, war 7 Zunftmeistern übertragen, die von 
den ausscheidenden Beamten ernannt wurden 3 ). Vor 
der Wahl mußten die Wähler sich durch einen Eid 
verpflichten, „ehrliche, vorzügliche und gesetzeskundige 



1 ) Bereits im capitulare dei ternieri vom J. 1263 sind die 
zwei Mal im Jahr abzuhaltenden Versammlungen erwähnt ; bei 
den giubbettieri fanden sie drei Mal im Jahre statt, ibid. S. 34. 

'-) Zusatz zum capitulare dei filacanapi aus dem J. 1286. S. 109. 

") Dieses Wahlverfahren war bei der Schneiderzunft bis 
1308 üblich, in welchem Jahre die Änderung eingeführt wurde, 
wonach die ausscheidenden Vorstände nur 4 Wähler bestimmten, 
die ihrerseits einen fünften heranzogen. Capitulare delle arti 
veneziane. Bd. I. S. 18. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. H9 

Männer", bonos et meliores atque legaliores secundum 
scire et posse "suum, zum gastalden, zu Richtern und 
sonstigen Beamten der Zunft zu wählen 1 ). Durch 
seinen Amtseid übernahm der gastald die Verpflichtung, 
die Zunftangelegenheiten zu gemeinem Nutzen zu 
verwalten, die Anordnungen der Gerichtsherren zu 
befolgen und die schiedsrichterlichen Urteile der judices 
auszuführen; während die gewählten Richter sich ver- 
pflichteten, nichts zu unterlassen, was zu Nutzen und 
Vorteil für das einzelne Gewerbe sein könne, und 
dem gastalden stets mit gutem Hat beizustehen. Sollte 
aber dieser seinen im Capitular bezeichneten Aufgaben 
nicht nachkommen, so haben sie die erforderlichen 
Maßnahmen zu ergreifen und die Gerichtsherren, Jus- 
titiare, zu benachrichtigen 2 ). 

Wir sehen, daß die Richter gewissermaßen Auf- 
seher und nicht nur einfache Beiräte des gastalden 
gewesen sind. Durch diese sicherte die Regierung 
die Befolgung der Zunftstatuten, deren Fassung zwar 
von den Genossenschaften selbst beschlossen wurde, 
die aber zu ihrer Gesetzeskraft der Zustimmung und 
Bestätigung seitens der Justitiare bedurften. 

Dieselben judices erscheinen sogar als wirkliche 
Richter. Nach dem Statut der Bauhandwerker (ma- 
gistri domorum) hatten sie die Urteilsfällung in allen 



2 ) Cap. pictorum von 1271. Cap. conciatorum pellium von 
1283 und cap. callefatorum von 1271. (Arch. di stato. Venezia, 
Giust. vecchia B-a. I R 6 1). 

2 ) Judices jurent esse intenti providere ea que sunt utilia 
et necessaria hominibus dicte artis et quod recte dabunt consi- 
lium suo gastaldioni et si viderunt suum gastaldionem non 
recte observantem ea quae continentur in suo capitulari et 
ordinamentis admoneant ut faciat secundum quod continetur in 
predictis, quod si non emendaverit citius quam poterunt omnia 
ordinamenta manifestare teneantur dominis justiciarius. Cap. 
magistr. domorum von 1271. 



120 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

Streitsachen der Zunftmitglieder 1 ), während der ga- 
stald lediglich die Entscheidungen zu vollziehen 
hatte 2 ). Bei mehreren venezianischen Zünften ist die 
Trennung zwischen Gericht und Verwaltung in den 
Amtern streng durchgeführt. „Der gastald soll sich nicht 
in Sachen mischen, die des Amtes der Richter sind," 
lautet das im venezianischen Dialekt abgefaßte Statut 
der Böttcher aus dem Jahre 1338 3 ). Bei anderen 
Zünften ist sogar der gastald für kleinere Klagen in 
der Höhe von 2 — 3 livres und für Vergehen, auf die 
eine Strafe von 20 — 40 solidi stand, zuständig 4 ). 

Einzelne Zünfte führen außer dem gastalden und 
den Richtern, so das Statut der Schmiede von 1271, 
noch besondere Räte auf, die aus zweistufiger Wahl 
hervorgingen. 

Um Michaelis versammelten sich die Schmiede in 
der Kirche Santa Maria miliciae und stellten 3 Männer 
auf, denen die Wahl des gastalden und dreier Richter, 
sowie die von 6 Räten aus der Mitte der Meister oblag 5 ). 

Außer den bereits genannten Vorständen ver- 
langen die Zunftstatuten von Venedig durchweg die 
Wahl eines massarius, dem die Kassengeschäfte zu 
führen oblag 6 ). 



2 ) Judices teneantur definire et judicare omnia placita. 

2 ) Gastaldus teneatur facere adimplere omnes sententias 
latas per judices artis. Cap. fabrorum von 1271. 

3 ) Che lo gastaldo no se intromita de quelle cose le quäl 
sia a far li zudesi (in einem MS. des Museo civico). 

4 J Stat. artis fijolariorum, a. 1270. Cap. marangonis, a. 1271. 
Cap. burglariorum, a. 1270. 

5 ) Cap. fabrorum, a. 1271. (Arch. di stato). Dasselbe wird 
auch von den Kürschnern, pelliciarii, berichtet, deren Statut in 
des Bibliothek des Städtischen Museums (Museum Korrer) auf- 
bewahrt ist. 

6 ) Massarius habeat quaternum et debeat poni in scriptis 
totum id quod intrabit et exibit in dicta arte. (Cap. callefatorum, 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 121 

Denselben Aufbau weist auch die Zunftverwaltung 
im benachbarten Padua auf, wie es aus dem im Stadt- 
archiv aufbewahrten Statut der Krämer hervorgeht. 
Dieses Statut gehört in das Jahr 1260 und gilt als 
das älteste uns bekannte. Im Namen Jesu und des 
Schutzheiligen Clemens erklären die Krämer, daß sie 
eine Genossenschaft begründet haben, hanc Paterni- 
tät ein conveniamus; sie stellen ferner das Wahlver- 
fahren fest, wonach 8 von der allgemeinen Versammlung 
vorgeschlagene Männer 8 Kandidaten aufstellen, aus 
denen 2 gastalden auf die Dauer von vier Monaten 
gewählt werden 1 ). 

Ebenso verhielt es sich mit der Besetzung des 
Amts eines Notars und der Revisoren, für die vier 
Kandidaten aufgestellt wurden, von denen der gastald 
je einen im Amte bestätigte. Den massarius, Kassen- 
wart, und 2 oder 3 Schreiber ernannte dagegen der 
gastald selbst. Zu diesen Vorständen kommen noch 
ein wählbarer Rat der Ältesten und eine allgemeine 
Versammlung der Meister. Letztere hielt jeden 
Sonntag auf Einladung des gastalden in der Kirche 
zum hl. Clemens ihre Sitzungen ab. Auf Antrag 
zweier Mitglieder und nach Befinden des gastalden 
konnten außerordentliche Versammlungen jederzeit 
einberufen werden 2 ). 



a. 1271). Zwecks genauer Kontrolle empfehlen die Statuten 
dem gastalden, auch seinerseits ein Kassenbuch, bezw. ein 
Gegenbuch zu führen. 

*) Octo electores fiant ad brevia qui octo numero congre- 
gati eligant octo pro gastaldionibus ad voces, unum pro quolibet, 
et de ipsis fiat approbatio de duobus ad bussules cum balotis 
et Uli duo qui plures balotas habuerint sint gastaldiones quatuor 
mensibus duraturi. 

2 ) Ut quando fiunt anziani-omnes fratres de fratelea (sie) de- 
beant ire ad faciendum dictos anzianos (Archiv der Stadt Padua). 



122 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

Ähnlich den Statuten von Venedig gewähren uns 
die von Bologna ein klares Bild über das innere 
Leben der Genossenschaften in der ersten Hälfte des 
XIII. Jahrhunderts. Bereits im Jahre 1204 werden 
die consules mercatorum, so der Geldwechsler (camp- 
sorum) erwähnt, und zwar in einer bischöflichen Ur- 
kunde über die Errichtung der Kirche zum hl. Bar- 
tholomäus 1 ). Auch das von Gaudenzi herausgegebene 
Statut der militärischen und Handwerkergenossen- 
schaften zu Bologna von 1248, enthält Angaben über 
die innere Einrichtung der Zunft. An der Spitze 
aller Genossenschaften stehen von den Mitgliedern 
gewählte 12 Alteste, denen die Pflicht oblag, auch 
die abseits stehenden Gewerbetreibenden unter der Ge- 
walt der Vorstände der betreffenden Zünfte (sub mini- 
stralibus artis suae) zu erhalten. Die Altesten sollten 
keine Anträge stellen, die den Wünschen von zwei 
Dritteln der versammelten Zunftvorstände entgegen- 
gesetzt sind (nisi de voluntate duarum partium mi- 
nistralium societatum per nuntios congregatorum). 
Viermal im Jahr versammeln sich die Zunftvorstände 
und die Altesten, um die Statuten der bestehenden 
Genossenschaften vorzulesen. Diese Leiter waren 
verpflichtet, den Genossen, socii societatum, Hat und 
Beistand zu leisten 2 ). Der Eid, den die Mitglieder 
leisteten, bringt ebenfalls einzelne Züge der Zunft- 
einrichtung der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts 
zum Ausdruck. Dieser legte den Vorstandsmitgliedern 
die Verpflichtung auf, zu den Sitzungen des gemeinsamen 
Rates von Bologna zu erscheinen, die Streitigkeiten 
zwischen den Zunftmitgliedern gemeinsam zu schlichten, 
gegen gefällte Urteile keine Berufung bei den Ältesten 

1 ) Gaudenzi. Stat. delle societä del popolo di Bologna. 
Bd. II S. 485. 

*) ibid. S. 503. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 123 

einzulegen und endlich Versammlungen behufs der 
Wahl von Ältesten einzuberufen, die zu niemandem 
in einem Lehnverhältnis stehen, occasione alicuius fide- 
litatis. Die Vorstände jeder Zunft bestellten auf die 
Dauer von drei Monaten vier Männer, die inquisitores 
rationis, zur Prüfung der Eechnungen der Ältesten. 
Den Ältesten war von jeder Zunft ein „Weiser" sapiens, 
beigeordnet, der seinen Rat in Angelegenheiten der 
Zunft zu geben hatte. Die Vorstände, wie die Beiräte, 
leisteten einen Eid, daß sie gewissenhaft ihr Urteil 
sprechen, die Geheimnisse wahren und allen Einladungen 
Folge leisten werden 1 ). 

Bei der Abfassung oder einer Abänderung des 
Statuts war jede Zunft durch ein gewähltes Mitglied 
vertreten 2 ). Die Zusammenberufung der Mitglieder, 
der Vorstände und der Beiräte geschah durch zwei 
gewählte Boten, nuntii 3 ), Für die Befehle der Zunft- 
vorsteher waren die Mitglieder nicht verantwortlich, 
handelten aber die Vorsteher nicht nach den An- 
ordnungen der Ältesten, so unterlagen sie, ebenso wie 
die Zunftgenossen, Strafen, banna 4 )." Später wurde das 
Statut dahin geändert, daß bei wiederholtem Ungehorsam 
gegenüber dem Vorstand der Schuldige, mit einer 
Dreiviertelmehrheit des Vorstandes, aus der Zunft 
ausgestoßen werden soll, ad requisitionem omnium 
ministralium vel trium partium 5 ). Bei einzelnen Zünften 
bestand der Vorstand, wie z. B. aus dem Statut der 
Käse- und Speckhändler von 1242 hervorgeht, nur 
aus vier Mitgliedern, ministrales, von denen das eine 
Kassenführer, massarius, war. Sie wurden von der 
Versammlung, die durch einen Boten einberufen wurde, 
auf ein Jahr in indirekter Wahl gewählt, d. h. durch Wahl- 



i) ibid. SS. 510 u. 511. — 2 ) ibid. Art. 17. — ») ibid. S. 514. 
4 ) ibid. SS. 516 u. 517. — ■>) ibid. S. 538. 



124 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

männer, die die Versammlung bestellte; ferner wählte 
die Versammlung acht Räte und zwei boni et legales 
homines zur Prüfung der Rechnungen der ausscheidenden 
Beamten. Bei jeder Zunft war ein Notar mit einem 
Jahresgehalt von zwanzig und mehr solidi tätig x ). Der 
Vorstand war zur Ausführung der Beschlüsse der Ver- 
sammlung verpflichtet, und die Meister waren gehalten, 
der gewählten Obrigkeit zu gehorchen und ihr keine 
Beleidigungen in Wort oder Tat zuzufügen 2 ). 

Niemand durfte die Annahme eines Amtes ablehnen; 
der Gewählte war verpflichtet, es zwei Jahre hinter- 
einander zu verwalten 3 ). Der Kassenwart hatte einen 
Bürgen für die gewissenhafte Hegung des Zunftver- 
mögens zu stellen 4 ). Für Übertretung ihrer Anordnungen 
verhängten die Vorstände durch gemeinsame Ent- 
scheidung und mit Zustimmung des engeren Rates, 
der, wie oben gezeigt, aus acht Mitgliedern bestand, 
Strafen 5 ). Andere Statuten wieder, wie das der Schmiede 
von 1248, verzeichnen nur drei Vorstandsmitglieder, 
ministrales, von denen das eine die Geschäfte des Kassen- 
warts zu versehen hat. Außer einer allgemeinen 
Versammlung, die mindestens einmal vierteljährlich 
stattzufinden hat, in der das Statut verlesen oder ab- 
geändert und der Vorstand ad brevia gewählt wurde, 
bestand bei dieser Zunft noch ein engerer Rat von acht 
Mitgliedern, dessen Gutachten der Vorstand, die mini- 
strales, für seine Anordnungen einholen mußte 6 ). 

Das Statut der Tischler aus dem Jahre 1249 kennt 
acht Beamten mit einer Amtsdauer von einem halben 
Jahr. Der Kassenwart hatte den gewählten inquisitores 
rationis Rechnung zu legen. Jeden dritten Sonntag 



] ) ibid. S. 165—170. — 2 ) ibid. Art. 18. -- 3 ) ibid. Art. 22 u. 
23. 4 ) ibid. Art. 25 u. 35. — 5 ) ibid. Art. 38. — 6 ) ibid. 
S, 180—181. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. n. XIV. Jahrhunderts. 125 

wurde eine allgemeine Versammlung einberufen x ). 
Im Statut der Wollenweber von 1256 heißen die Vor- 
stände gastalden; sie faßten ihre Beschlüsse im Ver- 
ein mit den sechs Räten und innerhalb der allgemeinen 
Versammlung 2 ). 

Die Statuten der Schmiede und Tischler, die um 
die Mitte des XIII. Jahrhunderts abgefaßt sind, ver- 
langen die Einberufung einer allgemeinen Versammlung 
viermal im Jahr, die über alle Angelegenheiten, die 
die Interessen der Genossenschaft berühren, urteilen 
soll. Neben dieser Versammlung bestand noch ein 
kleiner Rat aus acht Mitgliedern, den der Zunftvor- 
stand wählte. 

Fünfzehn Tage nach der Wahl legten die Ge- 
wählten einen Eid ab, durch den sie sich verpflichteten, 
zu Nutzen der Genossenschaft und zu Ehren der 
Stadt Bologna gewissenhaft und ohne Hintergedanken 
beratschlagen zu wollen. Die Tucher und Seiler be- 
stellten nach ihren Statuten von 1256 und 1280 je 
einen Beamten zur Verwaltung der Gelder und der 
beweglichen Habe der Zunft. Das Statut der Tucher 
verpflichtet die ausscheidenden Beamten ihren Nach- 
folgern Rechnung zu legen; ihre Prüfung wird in 
Gegenwart von zwei bestellten inquisitores rationum 
vorgenommen. Bei den Zimmerleuten erscheinen diese 
in doppelter Zahl, je einer von jedem Stadtviertel. 
Für eine verspätete Rechnungslegung unterlag der 
Kassenwart einer Strafe; er hatte der Zunft das Zwei- 
fache der nicht aufgezeichneten und nicht belegten 
Ausgaben zu zahlen 3 ). 

Die bisher gemachten Auszüge ließen sich noch 
vielfach vermehren, ohne daß die an den Zunftstatuten 

l ) ibid. S. 196—197. — 2 ) ibid. S. 294. 

3 ) Statuta arthim aus den Jahren 1240—1273, insbesondere 
die statuti ferratorum, pescatorum, cartolaiorum, corduaneriorum, 
drapperiorum et magg. lignaminis. (Arch. di stato di Bologna.) 



126 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

von Bologna gemachten Beobachtungen dadurch, daß 
innerhalb der gewählten Zunftvertretung eine Trennung 
der Schatz-, Richter- und Revisorenämter vom eigent- 
lichen Verwaltungsamt stattgefunden hat, eine Änderung 
erfahren w 7 ürden. Dies zeigt sich am deutlichsten in 
der Schaffung des Amtes des Kassenwarts und Prüfers, 
das außerhalb des Bereichs der Verwaltung stand, und 
des Schiedsgerichts, mit dem ein oder mehrere Richter 
oder auch der gesamte Vorstand betraut war. Die 
Bezeichnung des Vorstandes „gastald", d. h. Ver- 
walter, ist dem Langobardischen entlehnt, der Ausdruck 
massarius bedeutet den Verwalter des Zunftvermögens. 
Außer diesen Vorständen, die mitunter auch ministeriales 
oder officiales genannt wurden, und den Boten, 
nuncii, finden sich besondere Aufseher, die im Verein 
mit den gewählten gastalden die ausscheidenden 
Beamten zur Berichterstattung aufforderten, und ferner 
gewählte inquisitores, die die Kasse des Kassenwarts 
zu prüfen hatten. Mit einer Statutenänderung oder 
Ausarbeitung eines Entwurfs betraute man gewählte 
Männer, sapientes, auch correctores genannt. Zur 
Wahl des Vorstandes oder zur Beratung neuer Statuten 
berief man eine allgemeine Versammlung der Meister; 
diese bildete den Großen Rat, während die Gesamt- 
behörde der Kleine Rat der Zunft oder Gilde war. 

Wie verbreitet die oben beschriebene Einrichtung 
im ganzen nördlichen und mittleren Italien war, kann 
man daraus ersehen, daß in Verona, Perugia, Pisa, 
Siena, Genua, Modena, Parma und Rom allgemeine 
Versammlungen der Meister stets einberufen wurden, 
um eine direkte oder indirekte Wahl der Kassen- und 
Vollziehungsbeamten, Konsuln oder gastalden einer- 
seits und eines massarius oder Kämmerers andererseits 
vorzunehmen. Bei Niederlegung ihres Amtes hatten 
diese Beamten eigens hierfür ernannten Syndiken 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. ]27 

Rechnung zu legen. An vielen Orten waren die 
Zünfte der Stadtbehörde unterstellt, der die Aufsicht 
über den gewählten Vorstand zustand. So durften in 
Verona der gewählte gastald und der massarius nicht 
eher ihr Amt antreten, bis die Handelskammer, casa dei 
mercadanti, die Bestätigung ausgesprochen hatte 1 ). In 
Perugia vertraten, wie die einzigen aus dem XIV. Jahr- 
hundert überlieferten Statuten zeigen , rectores die 
Stelle der gastalden, und ein Kämmerer die des mas- 
sarius 2 ). In Modena hießen die Zunftvorstände massarii, 
der Kassenwart pecuniarius, Geldverwalter. Mit der 
Kassenprüfung waren neun von der allgemeinen Ver- 
sammlung bestellte Aufseher beauftragt. In Genua 
gebrauchte man statt gastald und massarius die Aus- 
drücke consul und Kämmerling. Die Konsuln wählten 
aus ihrer Mitte einen prior, während die Versammlung 
ihnen einige Gehilfen zur Seite stellte 3 ). In Siena 
hießen die Vorstände rectori; bei ihrem Ausscheiden 
aus dem Amte legten sie ihren Nachfolgern Rechnung 
ab 4 ). Der Große Rat wählte aus allen Mitgliedern 
zum Vorstand einen engeren beratenden Ausschuß 5 ). 
Der massarius hieß hier Kämmerling 6 ). 



L ) Statuten der Schuhmacher calzolai. (Biblioteca commun. 
di Verona, MS. 276.) 

2 ) Die Angaben sind einzelnen Zunftstatuten, die im Stadt- 
archiv aufbewahrt werden, entnommen. 

3 ) Statut der Goldschmiede zu Genua aus dem XIII. Jahr- 
hundert, das sich in einer Abschrift in der Stadtbibliothek 
befindet. 

4 ) Statuto delle arte dei chiavari di Siena aus dem Jahre 
1323. Rectori vecchi sieno tenuti . . . rendere la loro ragione a 
rectori nuovi. (Collezione di opere inedite o rare. Bologna, 
1871. Statut! Senesi. Bd. II, S. 233). 

5 ) ibid. Art. 2. 

6 ) Statut der Gerber und Schuhmacher aus den Jahren 
1329-1335. Art. 2, 6, 7 u. 9. S. 282—288. 



128 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

In Pisa waren laut Statut der Wollenweber drei 
Konsuln mit der Verwaltung betraut, denen Räte und 
ein Kämmerling, der das Zunftvermögen verwaltete, 
zur Seite standen. Die Gerichtsbarkeit übte ein Richter, 
giudice, aus, der ein ständiges Gehalt bezog 1 ). Dieser 
Richter wurde vom Konsul bei schiedsrichterlichen 
Entscheidungen über Ansprüche bis zu einer gewissen 
Summe zu Rate gezogen 2 ). 

Auch in Rom finden wir gewählte Konsuln, Räte 
und Kämmerer. Die Räte hießen „gute und ehrliche 
Männer", sie vertraten die Stadtviertel gleichmäßig; 
ihre Zahl stieg öfters bis auf zwölf. Die älteste 
Zunft von Rom , die der Kaufleute , zeichnete sich 
durch einen Oberbeamten, capitaneus mercatantiae, 
aus, dessen Stellung jedoch nicht deutlich zu er- 
kennen ist 3 ). Einen solchen Vorsteher gab es in 



y ) Bonaini. Breue artis lane. Bd. III. S. 651 ff. 

2 ) ibid. S. 656 u. 662, 

3 ) Im ältesten Gildestatut der Kaufleute zu Rom, von 
dem einzelne Teile im Jahre 1317 aufgestellt sind, erscheinen 
zwei Konsuln, die aus indirekter Wahl, an der 12 boni mer- 
catores und die ausscheidenden Konsuln teilnahmen, hervor- 
gingen. Den Konsuln, denen 12 Kaufleute mit beratender 
Stimme zur Seite standen, lag die Verwaltung und Gerichtsbarkeit 
ob. Ein Kämmerling verwaltete das Gildevermögen. Mitunter 
betrauten die Konsuln mit der Gerichtsbarkeit gewählte judices 
merchatantiae. Besondere statutarii, so auch der gewählte Vor- 
stand legten der allgemeinen Versammlung Entwürfe von 
Statutenänderungen vor. Die Zunft hatte Notare und Boten, 
mandatarii. Ein Syndicus und drei zu diesem Zwecke gewählte 
Männer besorgten die Kassenprüfung. Nur nebenbei wird ein 
capitaneus mit weitgehenden exekutiven Vollmachten genannt; 
er konnte von den Senatoren die Ausweisung aller verrufenen 
unverbesserlichen Schuldner, wie auch die Ausweisung der- 
jenigen verlangen, die die Statuten übertreten hatten, ex- 
banditos, auch dann, wenn sie eine Zuflucht bei einem Adligen 
finden sollten. (Statut! dei mercanti di Roma, pubbl. da Gatti. 
Art. LV, LXVI, XLIV.) 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 129 

Parma, den podestä neben den Konsuln, der jedoch 
nicht mit demjenigen Beamten verwechselt werden 
darf, der im XIII. Jahrhundert an der Spitze der 
italienischen Stadtgemeinde gestanden hat. Über die 
Ernennung dieses Zunftpodestä entschieden sechs von 
der allgemeinen Versammlung der Mitglieder gewählte 
Männer mit Zweidrittel Stimmenmehrheit. Der Kassen- 
wart ging aus einer indirekten "Wahl hervor, während 
die Konsuln, die mehr Gerichts- als Vollziehungsbeamte 
waren, von dem Podestä unter Zustimmung der Ver- 
sammlung ernannt wurden 1 ). 

Unsere kurze Übersicht über den inneren Aufbau 
der italienischen Zunftverfassung wollen wir mit einigen 
Nachrichten aus Florenz schließen. Eine der ältesten 
und einflußreichsten Handwerker- und Kaufmanns- 
genossenschaften dieser Stadt, die Zunft der Gewand- 
schneider, die sogenannte ars calimala (nach der Straße 
genannt), hatte im Jahre 1302 zwei Räte: einen großen, 
der aus allen Mitgliedern, und einen kleinen, der aus 
zwölf gewählten Männern bestand. Vier Konsuln und 
ein Kassenwart waren die Vollziehungsbeamten, die in 
indirekter Wahl auf ein halbes Jahr gewählt wurden. Die 
verwandte Tucherzunft, universitas artis lanae, hatte 
außer diesen Vorständen und Räten noch Syndici, 
denen die gewählten Beamten für ihre Amtsführung 
verantwortlich waren 2 ). Einzelne Florentiner Zünfte, 
wie die der Holzhändler, bestellten durch ihre Konsuln 



y ) Im ältesten Statut von Parma aus dem Jahre 1255 
findet sich folgende Vorschrift : quod Potestas et officiales mer- 
cadanciae debeant stare subtus palatium communis ad jura 
reddenda. (Monum. hist. ad provincias Parmensem et Placen- 
tinam pert. Stat. Parmae. Bd. I. S. 190. — Micheli. Le Corpo- 
ration i parmensi d'arti e mestieri. S. 9.) 

2 ) Das älteste Statut der ars calimalae, das von der 
Societä della Storia patria herausgegeben ist, stammt aus der 
zweiten Hälfte des XIII. Jahrh., während das im Anhang z. 
Kowalewsky, Ökonomische Entwickelung Europas V. 9 



130 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

auf ein Jahr noch einen rector, der an den capitaneus 
mercadantiae zu Rom und den Zunftpodestä zu Parma 
erinnert 1 ). 

§ 2. 
Die geschilderte Selbstverwaltung der Handwerker- 
und Kaufmannsgenossenschaften spiegelt sich in ihren 
wesentlichen Umrissen auch in den französischen, 
deutschen und englischen Statuten wieder, die gleich 
den italienischen nicht über das XIII. Jahrhundert 
zurückgehen. Über die Organisation der Berufs- 
genossenschaften in jenen Ländern, gleich wie über 
die italienischen, haben wir aber Nachrichten auch aus 
viel früherer Zeit, und es ist nicht ohne Bedeutung, daß 
diese Nachrichten aus dem Ausgange des XI. und dem 
beginnenden XII. Jahrhundert herrühren, da hieraus 
hervorzugehen scheint, daß eine Berufsgliederung 
innerhalb der Handwerkerschaft in ganz Europa statt- 
gefunden hat. 

In Frankreich treten die Kauf mannsgilden allerdings 
ein Jahrhundert früher auf, so die zu St. Omer und 
Valenciennes. Diese Gilden vereinigten aber in sich 
nicht nur Handwerker, sondern auch allerlei wohlhabende 
Leute: hieraus erklärt es sich, daß Zünfte als solche vor 
der selbständigen Bildung von Berufsgenossenschaften, 
die erst zu Ende des XI. und anfangs des XII. Jahr- 
hunderts erfolgt ist, bis dahin nicht erwähnt werden. 
Das früheste Zeugniß über Genossenschaften dieser 
Art ist nach Martin Saint Leon die Urkunde des Königs 
Heinrichs I. (1100—1135), durch die die Zunft der 



Politischen Geschichte der italienischen Stadtgemeinden ab- 
gedruckte die Jahreszahl 1302 trägt. Die Statuta artis lanae von 
1317 und das Constitutum campsorum (Geldwechsler) von 1299 
befinden sich im Staatsarchiv von Florenz. 

x ) Das Statut der Holzhändler (legnaioli) stammt aus dem 
Jahre 1299. (Doren, Entwicklung der Florentiner Zünfte S. 37.) 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 131 

Stiefelmacher zu Rouen „in ihrem bisherigen Bestände" 
anerkannt wurde 1 ). Nach dem Rechenpfennig mit dem 
Bilde des Schutzheiligen der Leinenweber aus dem 
XI. Jahrhundert, der sich in der Stadtbibliothek zu 
Rouen befindet, zu urteilen, bestand die Leinen weber- 
zunft, deren Statut von 1290 wir besitzen, bereits 2 Jahr- 
hunderte 2 ). Heinrich I. bestätigte ferner die Vor- 
rechte der Schuhmacher, savetiers, und Heinrich II. 
(1154 — 1189) erkannte den Gerbern und Kürschnern 
zu Rouen das Recht zu, eigene Gilden zu haben 3 ). 
Danach haben in Rouen bereits in der ersten Hälfte 
des XL Jahrhunderts Zünfte aus früherer Zeit bestanden, 
was einzelne Schriftsteller, darunter Cheruel zu der un- 
bezeugten Annahme geführt hat, daß die Zünfte zu Rouen 
eigentlich die römischen collegia seien, die unter dem 
deutschen Namen gilde fortbestanden hätten 4 ). 

Auch die flandrischen Zünfte können auf ein 
ähnliches Alter Anspruch erheben. Die Zunft der 
Kürschner wird in einer Handschrift aus dem XL Jahr- 
hundert aufgeführt 5 ). Es kann jedoch mit Grund 
nicht angenommen werden, daß im Paris des XL Jahr- 



r ) In der Urkunde heißt es wörtlich : Sciatis nos concessisse 
cordewanariis Rotomagii gildam suam, sicut eam habuerunt. 
(Etienne Martin-Saint-Leon, Hist. des corporations des metiers. 
S. 58.) 

2 ) Ouin Lacroix. Hist. des anc. corporations d'arts et 
metiers et des confreries relig. de la capitale de la Normandie. 
1850. SS. 107 u. 140. 

3 ) Sachez que j'ai accorde et confirme par cette charte ä 
mes tanneurs de Rouen leur guilde, leur etat, leur tan et leur 
huile, ainsi que les droits et privileges inherents a leur guilde, 
ai'in qu'ils en jouissent honorablement, librement; que personne 
ne puisse exercer le metier de tanneur ä moins d'appartenir ä 
leur guilde. (Archives municip. de Rouen. reg. V, fo. 295. recto. 
Martin St. Leon. Anhang S. 58.) 

4 ) Cheruel. Hist. de l'administration communale ä Rouen. S. o. 

5 ) La commune beige. S. 34. 

9* 



132 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

hunderts eine genossenschaftliche Verfassung der 
Handwerkerschaft bestanden hat. Jean de Garlande, 
der Geschichtsschreiber des XI. Jahrhunderts, der 
gelegentlich darüber berichtet, daß die Gewerbtreiben- 
den je nach dem Beruf in verschiedenen Teilen der 
Stadt ihre "Werkstellen aufgeschlagen haben, so die 
Geldwechsler und Goldschmiede an der Großen Brücke, 
erwähnt mit keinem Wort Genossenschaften mit ge- 
meinsamen Gebräuchen oder gewähltem Vorstand *). 
Dies kann aber nicht befremden, da wir wissen, daß 
in Paris, diesem alten Lehen der Capetinger, verschiedene 
Gewerbtreibende nach königlichem Hofrecht ernannten 
magistri unterstanden haben, die ihrerseits wieder Hof- 
beamten, wie dem panetier, unterworfen gewesen sind 2 ). 
Eine einzige Zunft, die sog. hanse des marchands de 
l'eau, bestand in Paris vor dem Jahre 1121; durch 
eine Verordnung von 1170 war ihr das Vorrecht des 
Flössens auf der Seine von Paris bis Nantes erteilt 3 ). 
Diese Zunft war, wie wir oben gesehen haben, eine 
mehr kaufmännische, als gewerbliche Genossenschaft, 
und man betrachtet sie als die Nachfolgerin der nautes, 
die zur Zeit der Römer als collegium die Schiffahrt 
auf der Seine betrieben hatten. Nicht vor der zweiten 
Hälfte des XII. Jahrhunderts berichten die Quellen 
von der Vereinigung einzelner Handwerker zu Ge- 
nossenschaften zu Paris. Nach den Patenten des 
Königs Johann des Guten fällt die Gründung der 



*) Dictionnaire de Jean de Garlande, hrsg. von Geraud, 
Paris sous Philippe le Bei. S. 594. 

2 ) Eberstadt, Magisterium und Fraternitas. Auf S. 25 u. 
26 spricht E. von einem magister carnificum, der bereits im 
XI. Jahrhundert das ministerium als herrschaftlicher Beamter 
ausübte, und auf S. 72 von einem magisterium der Bäcker, das 
dem Mundschenk, panetier, unterstand. 

3 ) Ordonnances des Rois de France. S. 433. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 133 

Tucherbruderschaft, confreria draperiorum , in das 
Jahr 1188 1 ). 21 Jahre früher ist in Valenciennes eine 
ähnliche Zunft ins Leben getreten 2 ). Aus dem Süden 
Frankreichs besitzen wir wenig Nachrichten über die 
älteren Handwerkergenossenschaften. Im XII. Jahr- 
hundert bestand zu Arles ein collegium capitum mys- 
teriorum, das denjenigen gewählten Ältesten der kauf- 
männisch-gewerblichen und militärisch - polizeilichen 
Genossenschaften, societä delli armi, ähnlich war, die 
in den italienischen Stadtverfassungen mehrfach er- 
wähnt werden 3 ). Daß aber ein solcher Ausschuß vor- 
handen war, läßt annehmen, daß die Handwerker 
unter einem gewählten Vorstand vereinigt gewesen 
sind und eine gewichtige Einwirkung auf die Stadt- 
verwaltung geübt haben. 

Die Nachrichten über die Verfassung der Hand- 
werkergenossenschaften Frankreichs gehen nicht über 
das XIII. Jahrhundert zurück. So handelt bereits eine 
Urkunde von Philipp Augustus des Jahres 1202 vom 
Recht der Weber zu Etampes, vier treue Männer, 
prud'hommes, zur Verwaltung der Geschäfte der 
Genossenschaft zu wählen. Diese leisteten dem König 
einen Eid, daß sie über eine gewissenhafte Ausübung 
des Handwerks und im besonderen darüber wachen 



1 ) Jehan, par la gräce de Dien, Roy de France. Savoir 
faisons ä touz presens et avenir que eye la supplicacion ä nous 
faicte par noz bien araez les maitres et confreres de la drapperie 
de nostre bonne Ville de Paris, contenant comme dez environ 
lan mil cent quatre vins et huit, au moys de decembre, la con- 
fraisrie de la dicte drapperie ait este encommeneee. (Lespinasse. 
Les metiers de Paris. Bd. III. S. 145.) 

2 ) Wauters. Les Libertes communales en Belgique et dans 
le nord de la France. Brux. 1878. S. 281. Statuta populi Bononie 
a. 1248. (Gaudenzi. Bd. II. S. 501 ff.). 

3 ) Anibert. Memoires hist. et crit. sur l'anc. republique 
d'Arles. 1779—1781. Bd. I. S. 12G. Martin-Saint-Leon. S. 62. 



134 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV, Jahrhunderts. 

wollen, daß die Arbeit zur vorgeschriebenen Zeit 
beginne und ende 1 ). Aus den zahlreichen Urkunden 
Amiens' über die Zunftverfassung des Handwerks 
ersehen wir, daß einzelne Genossenschaften außer den 
wardes noch besondere eswars 2 ), d. h. Aufseher über 
die Beschaffenheit der Erzeugnisse besaßen, die die 
malfacon nicht dem Zunftvorstand, sondern den 
Vertretern der Stadtverwaltung zur Begutachtung 
vorzulegen hatten. Diesen Vertretern stand das 
Recht zu, minderwertige Ware zu vernichten 3 ). Ein- 
zelne Zünfte Amiens' haben außer der allgemeinen 
Mitgliederversammlung noch einen engeren .Rat. Die 
Fleischer kannten noch, wie aus dem X., XVI. und 
XXIV. Abschnitt ihres Statuts von 1317 hervorgeht, 
eigene consaulx, die vom Maire bei allen gewerb- 
lichen Maßnahmen zu Bäte gezogen wurden. Ihre 
Ernennung wurde damit begründet, daß eine sofortige 
Zusammenberufung aller Zunftgenossen nicht möglich 
erscheint. Dieselben Beisitzer dienen auch als Richter; 
ihre Entscheidungen konnten jedoch von der Stadt- 
regierung, dem Maire und den Echevins umgestoßen 
werden 4 ). 

An der Spitze der Pariser Zünfte standen, nach 
dem Livre des Metiers: jures, d. h. Geschworene, die 
zuweilen auch gardes genannt wurden ; Zünfte, die 



2 ) Recueil des monuments inedits de l'Histoire du Tiers 
Etat. Bd. I. S. 225. Statut der Fruchthändler aus dem Jahre 1268. 

2 ) Fagniez. Documents relatifs a l'hist. de l'industrie en 
France. Urkunde 136. 

3 ) ibid. S. 369 u. 379. Im Statut der Fleischer zu Amiens 
aus dem Jahre 1317 hießen die Wächter mayeurs, d. h. Alteste. 
Vgl. das Statut der Gerber aus dem Jahre 1318. 

4 ) Et sy jugeront li maieur des bouchers, faire eulx et par 
leur conseil, toutes les coses tjui seront a juger en leur justice, 
par l'amendement du maieur et de« echevins d'Amien.s. Ibid. 
S. 371 u. 372. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIIL. u. XIV. Jahrhunderts. 135 

aus ehemaligen magisteria hervorgegangen sind, hatten 
meist Feudalherren als maitres des metiers, die eher 
eine Ehrenstellung, als wirkliche Befugnisse besaßen 
und lediglich festgesetzte Zinse von den Zünften 
empfingen. Die jures oder Vorstände wurden von 
den Meistern gewählt. Bei einzelnen Genossenschaften, 
wie bei den Tuchwalkern und Schildverfertigern, 
wählten die valets, die künftigen G-esellen, aus vier 
vorgeschlagenen Männern zwei in den Vorstand 1 ). 
Die zweistufige Wahl, wie wir sie in Italien kennen 
gelernt haben, kam bei einzelnen Zünften, z. B. bei 
den Gewandschneidern vor, mit der Einschränkung 
jedoch, daß nicht die Genossenschaft, sondern der 
Pariser Prevöt die Wahlmänner bestimmte. Zünfte, 
bei denen die hofrechtliche Einrichtung fortbestand, 
wie die Bäcker und Schmiede, ernannten ihre gardes 
selbst. Die jures bei den Zünften waren verschieden 
an Zahl, bald einer, bald zwei, bald sechs und 
auch zwölf. Ihre Amtsdauer belief sich auf ein Jahr, 
bei den Tuchwalkern auf nur sechs Monate. Da die 
Zünfte zu Paris und überhaupt die französischen 
Zünfte des XIIL Jahrhunderts keinen nach Amtern 
getrennten Vorstand kannten, so waren es die Aufseher, 
die den Betrieb und den Warenabsatz ordneten, 
die Aufnahme von Lehrlingen und die Meisterprüfung 
beaufsichtigten, die Mitgliederversammlungen leiteten, 
wie auch die Zunftgelder verwalteten. Die Zünfte 
hielten ihre Versammlungen in der Regel im Chätelet 
ab, wo auch die Neuwahlen stattfanden, die Berichte der 
ausscheidenden Beamten entgegengenommen wurden 
und über Statutenänderungen und Bestrafung Schul- 
diger beraten wurde 2 ). 



1 ) Depping. Livre des Metiers. S. S. 133 u. 61. 

2 ) Fagniez. L'industrie ä Paris. XIIL S. 130. 



136 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

In Gewerbesachen übten die Vollziehungsbeamten 
der Zunft in der Regel die Gerichtsbarkeit aus, für 
Strafsachen hingegen war das Chätelet zuständig 1 ). 

Ende des XIV. Jahrhunderts (am 9. Dezember 1396) 
entschied das Pariser Parlament, daß ,,den alten Ver- 
ordnungen und langjähriger Übung zufolge, nur der 
Pariser Prevöt das Recht habe, die Befolgung der 
Zunftsatzungen zu überwachen und Mißbräuche zu 
beseitigen." 

Das Livre des metiers handelt allerdings aus- 
schließlich von den Pariser Zünften, aber auch die 
der Provinz waren in gleicher Weise eingerichtet und 
wählten ihre Aufseher, die mitunter prudhommes ge- 
nannt wurden. Einen Beleg hierfür bieten die Statuten 
der Toulouser Zünfte aus dem XII. Jahrhundert, die 
im Anhang zur zweiten Auflage von Levasseur, Histoire 
des classes ouvrieres, abgedruckt sind. Die Seiler, sowie 
die Dachdecker haben bereits im Jahre 1270 zwei 
bis vier baillis, probi homines, die zuerst von der ge- 
samten Genossenschaft, später von den abtretenden 
Vorständen gewählt und mit der Befugnis betraut 
wurden, die Güte und die Herstellung der Erzeugnisse 
nach den vorgeschriebenen Maßen zu überwachen. 
Diese Beamten wurden von den Stadtbehörden oder 
Konsuln, denen das Recht der Statutenänderung und 
Ergänzung vorbehalten blieb, im Amte bestätigt. Die 
Aufseher, baillis, besaßen eine schwerwiegende Be- 
fugnis, nämlich die malfacon, d. h. die Berechtigung, 
die Vernichtung vorschriftswidriger Erzeugnisse anzu- 
ordnen 2 ). Auch in den späteren von Ouin Lacroix 
herausgegebenen Statuten der Zünfte zu Rouen, er- 
scheint ein gewählter Vorstand, der aus vier Personen 

!) Martin Saint Leon. S. 101—105. 

2 ) Levasseur, Histoire des classes ouvrieres. 2. Aufl. Anh. 
zu Buch III, S. 486-493. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 137 

bestand, und im Statut der Talgkerzenzieher von 1360 
gardes genannt wird. In jedem Jahre zu Weihnachten 
wird er zur Hälfte erneuert 1 ). Die Vorstände der 
Seiler hießen prud'hommes. Auch in E-ouen standen 
die Zünfte unter Aufsicht des Magistrats. Wie in 
Paris der Prevöt und in Toulouse die Konsuln, so 
nahm hier der baillif den gewählten Vorständen den 
Eid ab und bestätigte sie in ihrem Amt 2 ); er beauf- 
sichtigte ferner die Aufnahme von Lehrlingen und 
die Prüfung der Meister. 

Bezeichnend für das gegenseitige Verhalten der 
Stadt und der Zünfte ist folgendes. Am 2. Juni 1323 
versammelten sich die Gewandschneider im Hause und 
in Gegenwart der Konsuln von Montpellier und gaben 
zunächst die Erklärung ab, daß sie mit ihren Statuten 
und Versammlungen nichts Nachteiliges für die liechte 
und das Ansehen der Behörden planen, daß sie viel- 
mehr zu Ehren Gottes, der hl. Jungfrau und aller 
Heiligen ein gutes Werk für das Schneidergewerk 
schaffen, Lebenshaltung und Sitten ihrer Genossen 
heben wollen. Nach dieser Erklärung verkündigten sie 
ihre Satzungen betreffs der Aufnahme von Lehrlingen 
und Genossen, der Heilighaltung gewisser Tage, der 
Teilnahme an Leichenbegängnissen verstorbener Mit- 
glieder, der Strafen wegen Besuchs von Wirtshäusern, 
öffentlicher und Spielhäuser und Wahl der Konsuln, 
die ihren Nachfolgern einen Bericht über ihre Geschäfts- 
führung zu erstatten haben. Sollten aber, heißt es 
am Schluß, eine oder die andere Bestimmung gegen 



1 ) Quin Lacroix. Statuts chandeliars de Fan 1360. S. 588. 
Statuts des aperamniers de Tan 1358, § 31. S. 641. 

2 ) ibid. Statuts des cordiers de Rouen de l'an 1397, § 15. 
Statuts des chaudronniers de Dinant de Tan 1407, Art. 6. 



138 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIIL u. XIV. Jahrhunderts. 

die Bechte der Stadtbehörden verstoßen, so sollen sie 
keine Gültigkeit haben 1 ) 

In Flandern, im Hennegau und in ßrabant ist die 
Zunftvertretung im allgemeinen ebenso geordnet, weist 
aber eine etwas verwickeitere Ausgestaltung auf. Der 
Vorstand ist streng gegliedert und wird im Wege einer 
zweistufigen Wahl eingesetzt. Die Zimmerleute zu 
Gent z. B. bestimmen durch das Los sechs Wahlmänner, 
die sechs jures, d. h. Geschworene, wählen, die ihrerseits 
einen dekan oder doyen ernennen. Bei einzelnen 
Zünften war die Unterordnung unter die Stadtobrigkeit 
ganz deutlich ausgeprägt. Die Zunft stellte die doppelte 
Zahl der Kandidaten auf, und die städtischen Schöffen 
wählten aus diesen die Beamten. Bei der Wahl be- 
teiligten sich nur die Meister und auch der Vorstand 
wurde aus ihrer Mitte gewählt. In St. Omer besaßen 
auch die Gesellen der Tuchwalker Stimmrecht und in 
Saint Pierre saßen im Vorstand der Weber drei 
Meister und drei Gesellen 2 ). 

Nach der Schilderung eines heimischen Forschers, 
Huyttens, wurde der Vorstand der Weber und Tuch- 
walker zu Gent auf folgende Weise gewählt. Der 
ausscheidende Dekan beruft eine Versammlung zur 
Wahl seines Nachfolgers. Jedes Mitglied legt in einen 
Hut einen Groschen, von denen der Dekan fünf durch 
ebensoviele falsche ersetzt. Hat jemand eine falsche 
Münze gezogen, so ist er Wahlmann und beteiligt 
sich an der Wahl von vier jures und eines Dekans. 
Bei den Goldschmieden wurden auf dieselbe Weise 
drei Wahlmänner aus dem Kreise der Genossen und 



l ) Confirmatio ordinationum pro sartoribus montis pesulani. 
Arch. nat. II. fol. 315 et verso, no 463. 

-) Vanderkindere. Le siecle des Artevelde. S. 120. 121. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 139 

ein vierter aus dem abtretenden Dekan und den vor- 
jährigen Wahlmännern gewählt 1 ). 

In Ypres, wo bereits an der Wende des XIII. Jahr- 
hunderts zwölf Handwerkergenossenschaften mit eigenen 
Statuten, keures, bestanden haben, nannte man den 
Vorstand capitaneus oder hoofdman. Dieser hatte, 
wie die Verordnung der flandrischen Schöffen vom 
4. Mai 1304 besagt, das Recht, alle Geschäfte der 
Zunft nach eigenem Ermessen und dem Herkommen 
gemäß, en maniere usee, zu führen 2 ). 

Wenn wir nun von Frankreich und Belgien zu 
Deutschland übergehen, so haben wir erstens zu fragen, 
von welchem Zeitpunkt die Geschichte der Zunftver- 
fassung ihren Anfang genommen und zweitens, in 
wessen Händen die Zunftverwaltung geruht hat. 

Die ersten Nachrichten über deutsche Zünfte 
gehen auf das XII. Jahrhundert zurück. Stieda, dessen 
geschichtliche Untersuchung über diesen Gegenstand 
in wesentlichen Zügen im Handwörterbuch der Staats- 
wissenschaften wiedergegeben ist, nimmt an, daß die 
betreffenden Nachrichten nachweislich aus dem XII. Jahr- 
hundert stammen. Sie betreffen die innere Einrichtung 
der Genossenschaften zu Worms, Würzburg, Köln, 
Magdeburg und Braunschweig 3 ). Stieda meint, daß, 



2 ) Jules Huyttens. Recherches sur les corporations gantoises 
notamment sur celles des tisserands et des foulons. Gand 1861 . 
S. 57. 

2) Vandenpeereboom. Bd. IV, S. 100, 210 u. 209. 

3 ) Stieda erwähnt die Statuten der Fischer zu Worms aus 
dem Jahre 1106, der Schuhmacher von Würzburg vom Jahre 
1128, der Bettziechen weber zu Köln von 1149, der Magdeburger 
Schuhmacher von 1158, Gewandschneider von 1183, Schilderer 
von 1197 und der Leinenweber zu Braunschweig (1150 — 1156). 
Richtiger wäre es aber, nicht von Statuten, sondern von einzelnen 
durch die Sitte festgelegten und durch Verordnung bestätigten 
Bestimmungen zu sprechen. Vergl. Hegel. Städte und Gilden. 



140 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

wenn auch die genannten Genossenschaften die ältesten 
uns bekannten sind, gewerbliche Verbände im XII. Jahr- 
hundert doch auch in Hagenau, Augsburg und Straß- 
burg bestanden haben. Zu den Zünften zählt er ferner 
alle Schwurgenossenschaften, deren Gründung von 
den Karolingern und Hohenstaufen verboten worden 
war, um die um sich greifende Zerreißung der Gesell- 
schaft in einzelne Genossenschaften einzudämmen. 
Das älteste Verbot war in einem Erlaß Kaiser 
Heinrichs VI. von 1131 ausgesprochen, im Jahre 1157 
erfolgte ein zweites Verbot seitens Friedrichs I. ; 1161 
wurden beide Verbote vom Pfalzgrafen Konrad be- 
stätigt. Ähnliches erfolgte durch Friedrich II. auf 
dem Reichstag zu Goslar im Jahre 1219, wobei aber 
mit den rein gewerblichen Verbänden eine Ausnahme 
gemacht wurde. 13 Jahre später ließ er von Ravenna 
aus ein neues Verbot aller Bruderschaften und Hand- 
werkervereinigungen in Deutschland ergehen. Im Ein- 
verständnis mit diesem Reichsgesetz hob der Bischof 
von Worms im Jahre 1233 alle bis dahin zugelassenen 
Handwerkergenossenschaften auf, mit Ausnahme der 
Münzer und Zimmerleute l ). 

Die Häufigkeit dieser Verbote zeigt, daß das Zunft- 
wesen im Laufe des XII. Jahrhunderts eine rasche und 
ausgedehnte Entwicklung erfahren hat, so daß es im 
folgenden Jahrhundert bereits über ganz Deutschland 
verbreitet gewesen ist. 

Über die innere Einrichtung dieser Zünfte besitzen 
wir wenig Angaben aus dem XII., wie auch aus den 
folgenden Jahrhunderten. Wo von Geschworenen, 
Aufbewahrern von Tuchen und anderen Beamten die 



Bd. II, S. 327. Schmoller, Die Straßburger Tücher- und Weber- 
zunft. S. 381. 

a ) Stieda, „Zunftwesen" im Handwörterbuch der Staats- 
wissenschaften. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 141 

Rede ist, läßt sich nach Schmoller nicht immer mit Be- 
stimmtheit sagen, ob Zun ftvor stände darunter zu ver- 
stehen sind. Ein Teil von ihnen wird, wie mehrfach 
erwähnt, durch Wahl ergänzt. In Soest erhielten die 
Geschworenen im Jahre 1260 ein städtisches Siegel 
mit dem Auftrage, das Tuch selbst zu siegeln. Aus 
einer Baseler Nachricht des Jahres 1268 ersehen wir, 
daß die Tuchweber einen Vorsitzenden und sechs 
Beisitzer wählten. Aus Stendal wird 1231 mit- 
geteilt, daß Zunftversammlungen dreimal im Jahre 
abgehalten und daß die Beschlüsse mit einer Zweidrittel- 
mehrheit gefaßt wurden 1 ). 

In Lübeck 2 ) , Köln 3 ) und Frankfurt gibt es 
einen Vorstand von drei, vier und sechs Mitgliedern, 
der in jedem Jahre zur Hälfte neu gewählt wird. 
Es kommen aber auch häufigere Wahlen vor. Ein 
aus mehreren Personen bestehender Vorstand ist stets 
ein Zeichen vollkommen ausgebildeter genossenschaft- 
licher Organisation. Daher steht z. B. bei den Schuh- 
machern zu Magdeburg nur ganz zu Anfang ein 
einzelner Beamter an der Spitze, der nach einer 
Urkunde von 1157 vom Handwerk selbst gewählt 
wurde, „quem ipsi ex communi consensu magistrum 
sibi elegerint" 4 ). 

Daß in einzelnen Orten, so in Wernigerode, die 
Zünfte der Stadt untergeordnet waren, ersehen wir 
daraus, daß der Rat einen der beiden Vorstände 



1 ) Schmoller. Strassbnrger Tucher- und Weberzunft. S. 388. 

2 ) Wehrmann. Die älteren Lübeckschen Zunftrollen. S. 
181 u. 490. 

3 ) Ennen. Geschichte der Stadt Köln. S. 625. 

4 ) Wilda. Das Gildenwesen im Mittelalter. — Winzer. Die 
deutschen Bruderschaften des Mittelalters. S. 161 . — Meister, Kurt. 
Die ältesten gewerblichen Verbände der Stadt Wernigerode. S. 24. 



142 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

ernannte, während der Burggraf für gröbere Ver- 
letzungen der Statuten seitens der Zunftinitglieder 
zuständig war 1 ). Die Zunftyersammlungen- und 
Vorstände bezeichnete man gewöhnlich mit „morgen- 
sprache" und „olderlude". Nach altem germanischen 
Brauche, der zur Regel geworden war, wurde das 
Gericht, Ding, bei Sonnenaufgang abgehalten. Diesen 
Brauch behielten nach Bodemann auch die Handwerker- 
genossenschaften bei, daher die Bezeichnung „morgen- 
sprache" für ihre Sitzungen 2 ). Der Vorstand hieß „die 
alten Leute", auch magistri, so, nach einer Urkunde vom 
Jahre 1300, bei den Schuhmachern zu Bremen 3 ). 
Gierke weist darauf hin, daß einzelne größere Zünfte 
außer dem Vorstand noch Beisitzer wählten, die in 
Worms Geschworene, in Köln Beisitzer, in Freiburg 
Rehtewer hießen ; in anderen Städten, wie Basel und 
Erfurt, wurden sie nach der Anzahl: sechs, vier und 
so fort bezeichnet 4 ). In Süddeutschland finden wir 
durchweg einen gewählten engeren Ausschuß, den 
wir bereits in Italien kennen gelernt haben. Die 
Befugnisse aber waren in der Regel so verteilt, daß' 
die Betriebsordnung und die Wahl des Vorstandes, 
mitunter auch das Schiedsgericht, dem Handwerk selbst 
zugehörte, die Aufsicht, die Gerichtsbarkeit und die 
Vollstreckung hingegen in den Händen des Vorstandes 
lagen 5 ). 

Die vorstehende Übersicht wollen wir mit einzelnen 
Angaben über die älteste Einrichtung des englischen 
Zunftwesens beschließen. Über Handwerkergenossen- 



!) ibid. S. 25 u. 26. 

2 ) Die älteren Zunfturkunden der Stadt Lüneburg. XXIX. 

'■ v ) Böhmert. Beiträge zur Gesch. des Zunftwesens. Anh. 3. 

4 ) Gierke. Das deutsche Genossenschaftsrecht. Bd. I. 
S. 400. Anm. 205. 

5 ) ibid. S. 399. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 143 

Schäften zu London und Oxford (unter Heinrich I.) Not- 
tingham, York, Huntingdon, Lincoln und Winchester 
(unter Heinrich II.) sind die ältesten Nachrichten aus dem 
XII. Jahrhundert überliefert. Sie bestehen aus könig- 
lichen Urkunden, die auf den Namen der Genossen- 
schaften ausgestellt sind und deren Inhalt keinen 
Zweifel erlaubt, daß diese Vereinigungen im Augen- 
blick der königlichen Verleihung tatsächlich bestanden 
haben l ). 

Da die englischen Zünfte des XIII. Jahrhunderts 
bereits eine hundertjährige Vergangenheit hinter sich 
haben, so ist es erklärlich, daß sie einen nach Ämtern 
vollkommen ausgestalteten Vorstand aufweisen. Dieser 
führte den Namen magistri et custodes und seine Mit- 
gliederzahl war je nach dem Handwerk verschieden. 
Er wurde von allen vollberechtigten Zunftgenossen 
und mehr oder weniger oft, quotiens eis placuerit 
vel opus fuerit, gewählt. 

Die ausführenden Organe hießen: pro gubernatione, 
custodia et regimine fraternitatis. Die allgemeine Mit- 
gliederversammlung vollzog die Wahl und nahm Sta- 
tutenänderungen und Ergänzungen betreffend die innere 
Ordnung vor, facere ordinationes inter se ipsos prout 
sibi viderint magis necessarios et oportunos pro 
meliori gubernatione fraternitatis predicte. Gültig 
waren ihre Statuten nur dann, wenn sie keine Vor- 
schriften enthielten, die gegen die Freiheiten, Vorrechte, 
Rechte und Gewohnheiten des maires, des baillifs und 
der Bürgerschaft verstießen. Behufs Abänderung der 
Statuten werden von den Zünften ähnlich wie von 
ihren italienischen Brüdern ,,gute, ehrbare und fähige", 



2 ) Madox. Histy of the Exchequer. S. 338 ff. — Firma burgi. 
Anm. S. 192. — Hegel. Städte und Gilden der germanischen 
Völker. Bd. I. S. 76 u. 77. 



144 Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 

sufficientes, Männer bestellt, die den Entwurf zur 
letzten Entscheidung der Versammlung vorlegten. 
Dieselben Männer führten mitunter auch die Aufsicht 
über die ausführenden Beamten ihrer Zunft 1 ). 

Daraus erklärt es sich, daß in allen Streitfällen 
über die Tragweite der Statuten und die fiechte der Be- 
hörden stets die Entscheidung des Königs und seines 
Rats anzurufen war. In diesem Sinne lautet auch 
eine Entscheidung Eduards IV., durch den nach dem 
eigenen Ausspruch des Königs nur eine von altersher 
bestehende Sitte bestätigt wird 2 ). Unsere Schilde- 
rung kann nur sehr kurz sein, weil außer einzelnen 
kargen Nachrichten über das bloße Bestehen von 
Handwerkergenossenschaften, die in verschiedenen 
kaiserlichen oder königlichen Erlassen, Urkunden und 
Privilegien weltlicher und geistlicher Grundherren 
verstreut sind, uns keine Angaben vor Ende des XII. 
Jahrhunderts zu Gebote stehen, die einen Einblick in 
die innere Einrichtung des Zunftwesens zu gewähren 
imstande wären. Daraus folgt, daß die Entwicklung 
zur genossenschaftlichen Gewerbeverfassung sowohl in 
Italien, wie auch in Frankreich, Flandern, Deutschland 
und England erst Ende des XI. und zu Anfang des 
XII. Jahrhunderts eingesetzt hat, d. h. sie fiel zum 
Teil zusammen, zum Teil folgte sie auf die Entstehung 



r ) Die Urkunde, die den Gewandschneidern zu Exeter aus- 
gestellt ist, sagt über das Recht der Meister: ordinäre et regu- 
läre misterium suum et defectus eorundem ai servientium 
suorum per visum proborum hominum et magis sufficientium 
de misteria illa, corrigere et emendare. (Toulmin Smith. Gilds. 
S. 305.) 

2 ) Provided ahvays. that if any difficulty or ambiguitie yn 
understandinge or usinge of the premises or any of theyme 
be had or moved betwene the sayd parties that then the Inter- 
pretation and determynation thereof be referred into our so- 
vereigne lord the Kinge and his counsell. 



Zweites Kap.: Die Zünfte des XIII. u. XIV. Jahrhunderts. 145 

der Stadtgemeinden oder ihre Befreiung von der 
Botmäßigkeit weltlicher und geistlicher Feudalherren. 

Als die Zünfte seit Mitte des XIII. Jahrhunderts 
dazu gelangt waren, einen regen Anteil am Stadtregiment 
zu nehmen, hielt man es für an der Zeit, die alten 
Gewohnheiten und Privilegien, die ihnen von Kaisern, 
Königen und Feudalherren erteilt waren, zu sammeln 
und zu kodifizieren. Dieses Eindringen der Zünfte 
in die Stadtverwaltung endet in Italien mit dem Sieg 
des populo minuto über die Magnaten und „fetten 
Bürger", nobili et popolani grassi, und auf dem Konti- 
nent mit dem Ausscheiden der Handwerker aus den 
Kaufmannsgilden, die einst alle wohlhabenden Stadt- 
bewohner in sich vereinigt hatten. Handwerker und 
Kaufleute erhielten dann gleichmäßigen Anteil an der 
Stadtverwaltung. 

Die politische Stellung der Zünfte, die, wie wir 
gesehen haben, mit oder kurz nach der Abfassung 
ihrer Statuten anfängt, hat uns hier nicht zu beschäftigen. 
An diesen Statuten haben wir nur den inneren Auf- 
bau der Zunftverfassung kennen lernen wollen. Aber 
seine Gleichartigkeit in ganz Eluropa regt naturgemäß 
die Frage an, wo sein erstes Vorbild, das alle Länder 
nachgeahmt haben, zu suchen ist. 

Und so stehen wir denn von neuem vor der 
ungelösten und vielleicht unlösbaren Frage über die 
geschichtliche Stellung der römischen Genossenschaften, 
u. a. der sodalitia, in der zeitlichen Entwicklung der 
äußeren Gestalt des mittelalterlichen Zunftwesens. 



Kowalewsky, Ökonomische Entwickelung Europas V. 10 



146 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens 



Drittes Kapitel. 

Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

In Deutschland hat sich in der gewerbegeschicht- 
lichen Literatur ein Streit über die Betriebsweise ent- 
sponnen, die bei den älteren Zünften üblich gewesen ist. 
Es handelt sich um die Frage, ob der Gewerbtreibende 
vom Kunden das Material zu dem Werk geliefert er- 
halten hat, oder ob er Handwerker im eigentlichen 
Sinne des Wortes war, und dem Kunden fertige Ware 
aus eigenem Material geliefert hat. Diese Frage ist 
von Bedeutung ; verarbeitete der Handwerker lediglich 
die ihm vom Kunden gelieferten Rohstoffe, so war er 
nur Lohnarbeiter; andernfalls aber war er Arbeiter 
und Unternehmer zugleich. Bücher entscheidet sich 
für die erstere Annahme und behauptet, daß die 
städtischen Handwerker bis ins XIV. Jahrhundert und 
viele von ihnen noch länger Lohnhandwerker gewesen 
seien. Der Begriff „Handwerk" in seiner heutigen 
Fassung passe nicht auf den Gewerbebetrieb der 
mittelalterlichen Städte. Man habe bis jetzt an der 
Hand der Statuten viel eingehender die äußere 
Organisation der Handwerkergenossenschaften als deren 
Betriebscharakter untersucht; hätte man aber dieselbe 
Sorgfalt dem letzteren zugewandt, so müßte schon längst 
erkannt sein, daß die Lieferung der Rohstoffe durch 
den Kunden bei weitem vorgeherrscht habe. Schon 
die Tatsache, daß sich unter den Zünften Bader, Barbiere, 
Lastträger, E-ebleute, allerlei Weinknechte, ja selbst 
Tagelöhner befunden haben, verbietet uns, in dem 
zünftigen Handwerker einen kleinen Unternehmer zu 
sehen. Solche Zünfte, wie die Barbiere, Schilder- 
maler, Glaser und Sattler hätten sich kaum bilden 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 147 

können, wenn die einen ihre Arbeitskraft ange- 
boten, die anderen Waren erzeugt hätten. In den 
Stadtrechnungen finden sich zahllose Angaben über 
Ausgaben für Rohstoffe und Arbeitslöhne. Dem 
Schmied werden Eisen, dem Lichtzieher Wachs, dem 
Dachdecker Stroh, dem Tischler Holz, dem Glaser 
Glas, dem Ofensetzer Kacheln, Decksteine und Lehm, 
dem Yerzinner Zinn, Kupfer und Eisen ge- 
liefert, und auch da, wo der Meister sein eigenes 
Material ^vorschoß, wurde hierfür der Preis, getrennt 
vom Arbeitslohn, angegeben 1 ). 

Below sucht Büchers Ansicht durch den Nachweis 
zu erschüttern, daß die aus dem XII. Jahrhundert 
überlieferten Statuten mit keinem Worte einer Lieferung 
der Rohstoffe durch den Besteller erwähnen. Das älteste 
Statut der Wormser Fischhändler (1106), die Statuten 
der Schuhmacher zu Würzburg (1128) und Magdeburg 
(1152), das Statut der Gewandschneider (1183) und 
der Schilderer (1197) zu Magdeburg, handeln in der 
Regel nur vom Verkauf fertiger Waren auf dem 
Markte. Ebenso die ältesten Statuten der Bettziechen- 
weber und Drechsler zu Köln, in denen es von jenen 
heißt: locus fori quo pepla venduntur und von diesen 
ligna vel alias mercaturas 2 ). Das Privileg für die 
Lakenmacher zu Stadthagen aus dem Xll. Jahr- 
hundert bestimmt, daß der Verkauf der Erzeug- 
nisse ebenso im Hause wie auf dem Markte stattfinden 
kann 3 ). Dagegen wird in Straßburg im XII. Jahr- 

r ) Bücher über die geschichtl. Entw. und die Formen des 
Gewerbes im HWB. der Staatswiss. 

2 ) Below. Die Entstehung des Handwerks in Deutschland. 
(Zeitschr. für Sozial- und Wirtschaftsgesch. 1897. S. 228-230.) 

3 ) . . . . ut omnes habitantes in Indagine (Stadthagen) raemo- 
rata, qui solent pannum . . . preparare. pannum licite possint 
incidere in domibus suis et vendere, vel in foro aut ubicumque 
melius eis placet. ibid. 

10* 



148 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

hundert den Kürschnern und Schmieden das Material 
vom Bischof geliefert, data eis materia ferri und horum 
materiam magister pellificum emet de argento episcopi. 
Daß die Bäcker zu Augsburg, Koblenz und Dinant, 
wie die Urkunden aus dem XII. Jahrhundert erzählen, 
für den Verkauf auf dem Markt gearbeitet haben, ist 
unzweifelhaft. Super fenestras solent panem 
vendere, heißt es von ihnen in einer Urkunde des 
Jahres 1047, in der die Rechte des Grafen von Namur 
in Dinant aufgezeichnet sind. 

Die gleiche Arbeitsweise war bei den Bierbrauern 
der zuletzt genannten Stadt üblich, von denen es heißt, 
daß sie cerevisiam parant et vendunt, und bei den 
Metzgern zu Freiburg des XII. Jahrhunderts qui secant 
bovem aut porcum in macello ad vendendum. Be- 
achtenswert ist ferner, daß die Urkunden des XII. 
Jahrhunderts durchweg den Verkauf auf dem Markte 
nicht nur von Naturprodukten, res quae creverint, 
sondern auch von gewerblichen Erzeugnissen, res quas 
manibus suis fecerint (Straßburger Bischofsrecht § 52) 
erwähnen. Auf dem Markte in Quedlinburg erscheinen 
1134 mercatores lanei et linei pani (Privileg Lothars) 
und in Koblenz im Jahre 1104 Schwertfeger, Gewand- 
schneider und Schuster 1 ). 

Below kommt an der Hand dieser Tatsachen zum 
Ergebnis, daß die ersten Nachrichten, die wir über 
die Anfänge des Städtewesens besitzen, uns den 
Gewerbtreibenden vorwiegend als Handwerker zeigen; 
zwar werde daneben auch das Lohn werk betrieben, 
doch könne von seinem Überwiegen auf Grund der 
Quellen keine Rede sein 2 ). Der Irrtum Büchers ist 
nach Below dadurch entstanden, daß Bücher die ver- 
schiedenen Betriebsformen, von denen die eine heute, 



») ibid. S. 234-239. — 2 ) ibid. S. 239. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 149 

so gut wie im XII. Jahrhundert, sich mehr für das 
Lohnwerk, die andere mehr für das eigentliche Hand- 
werk eignet, nicht auseinanderhält; dann aber lasse 
Bücher gänzlich außer Acht, daß die Zünfte der 
Bader, Barbiere u. a. m. einschließlich der Tagelöhner, 
die er zur Charakteristik des frühmittelalterlichen 
gewerblichen Betriebes anführt, keineswegs die ältesten 
oder überall vorkommenden seien 1 ). Hiernach gibt es 
für Deutschland keine Angaben, die die Ansicht 
genügend begründen, daß die zünftigen Gewerb- 
treibenden schrittweise vom einfachen Lohnwerker 
zum wirklichen Handwerker emporgestiegen sind. 

Gibt uns vielleicht Italien eine Auskunft darüber? 
Haben doch die Zeugnisse dieses Landes den Vorzug, 
daß sie uns nicht nur zufällige Nachrichten, sondern 
den Wortlaut der ältesten Statuten selbst bieten, die 
aus der ersten Hälfte, ja sogar aus dem ersten Viertel 
des XIII. Jahrhunderts herrühren, wie z. B. die 
capitolari der Zünfte zu Venedig und die Zunft- 
briefe der arti zu Bologna. An der Hand dieser 
Zeugnisse wollen wir nun der Frage nachgehen, 
welche Betriebsweise in der frühesten Zeit des 
Wirtschaftslebens, oder wenigstens der zünftigen 
Gewerbepolitik jener Städte vorgeherrscht hat, und in 
welchem Grade die ersten Zunftgenossen als ein- 
fache Lohnhandwerker erscheinen. 

Das älteste Statut, das für die genossenschaftliche 
Verfassung des Handwerks grundlegend ist, ist das 
capitulare der Schneider zu Venedig aus dem Jahre 
1219. Aus diesem Statut ersehen wir, daß die 
justiciarii die Schneider in Eid genommen haben, das 
Handwerk den Vorschriften gemäß auszuüben. Eine 
Verpflichtung lautet, der Schneider müsse seinen 



i) ibid. S. 242, 243, 244. 



150 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Kunden beim Einkauf von Tuch gewissenhaft über 
Güte, Preis und Maß beraten.. Ferner sollen die 
übrig gebliebenen Eeste des Tuches, wie des Pelzwerks, 
insoweit sie einen Wert von mehr als drei Denaren 
haben, dem Kunden zurückgegeben werden 1 ). 

Hier können wir also beobachten, daß die 
Venezianischen Schneider einfache Lohnhandvverker 
gewesen sind. Dem Statut der Schneider zu Bologna aus 
dem Jahre 1244 entnehmen wir, daß diese ebenfalls 
verpflichtet waren, dem Kunden beim Einkauf 
von Stoff gewissenhaft ohne Rücksicht auf ihr 
eigenes Interesse mit Rat zur Seite zu stehen 2 ). 
Diese beiden ältesten Statuten bezeugen mithin, daß 
die Schneider Lohnhandwerker gewesen sind 3 ). 

Vergegenwärtigen wir uns die Betriebs form, die 
in anderen Gevverbzweigen, vor allem im Textil- 
gewerbe, dessen bedeutsame, in den meisten Städten 
Italiens vorkommende Zunft, ars lanae, allerlei Ge- 
werbetreibende, vom Tuchwalker bis zum Tucher um- 
faßte, üblich war. Hier und da zerfiel diese Zunft in 
selbständige Genossenschaften. Eis sind uns über- 
liefert die Zunftstatuten sowohl von Florenz und Pisa, 

2 ) Capitulari delle Arti Veneziane. S. 10 u. 11. 

2 ) Item, statuimus et ordinamus quod omnes sartores qui 
ibunt cur» aliquo nomine vel persona ad emendum pannum seu 
piUiparia vel quascumque res cum consulere debeant emptorem 
bona fide, sine fraude et consilium dare ad eo quod sibi melius 
videbitur expedire ad utilitatem dicti emptoris remoto hodio 
vel amore alicuius, et legaliter mensurare et cum mensura 
communis et de hoc teneantur per sacramentum. (Statuti delle 
Societä del popolo di Bologna, editi a cura di Gaudenzi. Bd. IL 
S. 274.) 

3 ) Die Bettziechenweber von Venedig, giabbettieri, erschei- 
nen gleichfalls als Lohnhandwerker. In ihrem capitulare heißt 
es: et nichil de banbatio neque de drapo michi dato »d labo- 
randum toHam nee tolli faciam. (Capitulari delle Arti Veneziani, 
Bd. I, S, 24. Capitulare de Zupariis.) 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 151 

wie auch die von Siena, Lucca und anderen tos- 
kanischen Städten, der Romagna und Emilia. "Weiter 
zurückliegende Betriebsverordnungen, so das Statut 
von 1256 betreffend das Tuchergewerbe zu Bologna 
können kaum namhaft gemacht werden. Die Zunft 
war von Einwanderern aus Verona gestiftet. Eine 
Urkunde aus dem Jahre 1230 handelt von einer Ab- 
machung zwischen der Stadt und fünf Gewerb- 
treibenden, die factores et laboratores et magistri 
pannorum lanae veronensium genannt werden. Die 
Stadt sichert ihnen die Aufnahme in die Bürgerschaft 
zu, stellt ihnen Wohnhäuser und ein Marktgebäude, 
leiht ihnen eine Geldsumme auf fünf Jahre und befreit 
sie von verschiedenen Abgaben und Verpflichtungen, 
mit Ausnahme des Wehrdienstes. Sie verpflichten 
sich ihrerseits zwanzig Jahre lang Tuche nach 
veroneser Art herzustellen und weitere erfahrene 
Meister und Arbeiter nach Bologna heranzuziehen 1 ). 
Ein Jahr später geht Bologna ebenfalls unter Ge- 
währung eines Vorschusses eine ähnliche Abmachung 
mit drei aus Prato gebürtigen Handwerkern, die in 
Florenz das Wollengewerbe betreiben, ein. Diese ver- 
pflichten sich in ähnlicher Weise, das Florentiner Tuch 
secundum consuetudinem pannorum lanae de Florentia 
zu verarbeiten 2 ). Aus diesen Darlegungen erhellt, daß 
die Zunft von Bologna von lombardischen und tos- 
kanischen Meistern begründet worden ist. 

Es ist anzunehmen, daß die Statuten der so ge- 
stifteten Genossenschaft die gleiche Betriebsordnung 
angenommen haben, die vor dem Jahre 1230 und 
sehr wahrscheinlich im XII. Jahrhundert, sowohl im 
nördlichen, wie auch im mittleren Italien in Übung war. 
Das Jahr der Abfassung des Statuts ist nicht be- 



i) Gaudenzi. Bd. II. S. 488. - 2 ) ibid. S. 491. 



152 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

kannt, doch dürfte es, wie Gaudenzi richtig bemerkt, 
nicht vor dem Jahre 1256, in dem eine Bestätigung 
einzelner Zunftstatuten, unter ihnen auch die des 
Statuts der Tucher durch die Stadtbehörde erfolgte, 
abgefasst worden sein ] ). Ist dem so, so scheint das 
Statut gleich nach der Niederlassung der veroneser 
und florentiner Tucher aufgenommen worden zu sein, 
zumal es einen von den drei Vorständen einen Florentiner 
nennt. Die Benennung der Zunft und ihrer Vorstände 
mit langobardischen Ausdrücken, wie misterium und 
gastaldi, zeigt, daß die Vorschriften der Statuten den 
norditalienischen Tuchern von früher her bekannt waren. 

Aus diesem Zeugnis geht hervor, daß die Ange- 
hörigen der Zunft in verschiedener Stellung tätig 
waren. So sind einige als Handarbeiter, laboratores, 
qui laborant manibus per stationes, aufgeführt, die als 
solche einen Zeitlohn, qui solvi debent in denariis ad 
terminum statuti de laboratoribus 2 ), erhielten, zu denen 
Tuchwalker und Scherer, tonditores 3 ), Wäscher, lava- 
tores 4 ), und garcatores 5 ) gehörten und andere, die gegen 
einenTagelohn,wie er im Statut festgesetzt ist, arbeiteten 6 ). 

In einer etwas höheren Stellung befanden sich 
die filatores, petinatores und teritores. Wir dürfen 
also die laboratores zu den Tagelöhnern und Knechten 
zählen, während die übrigen sicher als Heimarbeiter 



2 ) Gaudenzi. Prefazione. S. XV. 

2 ) ibid. S. 288. — 3 ) ibid. S. 316. Art. 124. - 4 ) ibid. S. 306. 
Art. 87. — 5 ) ibid. S. 306. Art. 83. Si aliquis laborator acceperit 
denarios vel aliquas res de societate et voluerit ire alias ad 
laborandum. 

6 ) Diese reinigten die Haare mittelst Asche, die nicht von 
ihnen, sondern vom Kunden beschafft wurde. Denn im Statut 
heißt es: Quod garcatores non debeant garcatorem retinere sine 
voluntate illius cuius est (§ 89). Nullus de misterio debeat emere 
garfos vet cinerem causa revendendi (§ 93). 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 153 

betrachtet werden können, die für den Unternehmer 
tätig waren 1 ). 

Eine Vorschrift verbietet ausdrücklich, Wolle 
außerhalb des Heims zu hecheln und zu spinnen, quod 
nullus portet vel mittat per suum nuntium lanam ad 
filandum vel petinandum, vel aliquis pro eo extra 
domum suam. Auch der entgegengesetzte Fall wird 
erwähnt, ille qui dimitteret pannum texere in domo 
sua. Zu den oben erwähnten Heimarbeitern sind auch 
die tintores, d. h. Färber, die von den Tuchern 
draperii, pannos pro tintura geliefert erhielten, zu 
zählen 2 ). Ihr Lohn stand in einem gewissen Verhältnis 
zum Preise des ihnen gelieferten Stoffes. Zu diesem 
Zwecke hatten die Vorstände, die gastaldi und die 
von der Zunft gewählten boni homines eine Schätzung 
des Tuches vorzunehmen. Klagen über das Lohnmaß 
und die Güte der Erzeugnisse entschieden die gastaldi 3 ). 

Die Tucher, draperii hingegen, sind bereits Unter- 
nehmer, die die Rohstoffe : Wolle, Lauge u.a.m. sich 
selbst beschaffen und in den Hallen der Zunfthäuser, 
in denen die Plätze von Woche zu Woche verlost 
wurden 4 ), fertige Waren verkauften, sogar unter Zu- 
hilfenahme von Gehilfen, Ausläufern und Knechten, 
nuntium vel familiärem 5 ). Die Betriebsteilung im 
Tuchergewerbe ging aber noch weiter. Im Jahre 1288 
bildet sich eine Zunft, die ausschließlich graues 



i) ibid. S. 291. 

2) ibid. S. 311. 

3) ibid. S. 310. 311. § 102. 103. 105. 107. 

4 ) Statuimus quod omni die lune debeant dari brevia de 
asiis et locis dorrms artis inter homines artis: et quilibet habeat 
locum suum secundum fortuna dederit ei per totam hebdoma- 
dam. Statutum est quod quilibet, qui venerit ad vendendum 
pannos debeat stare intra bancum in quo sedet et bancum in 
quo tenet pannos. Art. 22. 26. 

5 ) Art. XIV. S. 365. 



154 Dri ttes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens 

Tuch erzeugt, pannum bixellum vel brunellum. Auch 
diese Zunft weist unter ihren Angehörigen sowohl 
Unternehmer, Wollhändler, fundecherii tenentes lanain 
continue ad vendendum auf, wie auch Tucher, drape- 
rii, von denen die Kunden in Begleitung von sensales 
Tuch kaufen *), wie auch einfache Arbeiter, Tuch- 
walker, batarii 2 ), die in den Werkstätten der Tucher 
beschäftigt werden 3 ), Hechler, petenarii, ferner 
graminatrix, Spinnerin, Weber und Weberinnen, 
Färber, filera, texator vel texatrix, tinctor. Von 
diesen Arbeitern, laboratores, erhielten einige Zeitlohn, 
andere waren Lohnhandwerker, denen der Unternehmer 
die Rohstoffe lieferte 4 ). 

Die Tuchwalker scheinen sehr zahlreich ge- 
wesen zu sein, da es von ihnen heißt, daß sie jeden 
Tag auf dem Marktplatze bei der porta Ravignata 
sich den Unternehmern zur Arbeit anbieten 5 ). 

Zur Zunft der Tucher gehörten auch die Hut- 
macher, capellarii. Auch diese gliederten sich in 
Unternehmer und Arbeiter, die pellacani genannt 
wurden und die Filz im Hause halten durften, woraus 



i) Art. XV. IV. - 2 ) Art. XXXVII. 

3 ) . . . quod nullus eligatur, nee sit vel possit esse mini- 
stralis dicte societatis, nisi exerceat artem huius societatis 
quando fuerit electus, faciendo batere lanam in domo sua. 
Art. XVI. 

*) Statuimus . . . quod aliquis batarius, nee petenarius, 
nee graminatrix, nee aliquis laborator artis lane bixelle debeat 
nee presumat aliquam lanam aeeipere, nee aliquod furtum in 
ipsa arte committere; et nullus texarius aut filera, nee alius 
laborator presumat de lanis sibi datis aliquid oecultare vel 
retinere penes se quin integre restituat domino lane. S. 383. 
384. Art. 54. 

5 ) Quod nullus de arte vel qui operetur vel operari faciat 
artem ire non debeat in porta Ravignata neque in platea com- 
munis nee alibi in aliqua porta civitatis ubi batarii faciant tri- 
vium vel adunantiam causa inveniendi operam. S. 392. Art. 73. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 1 55 

eben hervorgeht, daß sie Handwerker waren und den 
Kunden Waren aus eignem Material lieferten 1 ). 

Im XIII. Jahrhundert und zwar vor dem Jahre 
1272 schlössen sich die Tuchhändler der allgemeinen 
Kaufmannsgilde an. Dies brachte die Betriebsteilung 
im Tuchgewerbe insofern zu einem Abschluß, als der 
kaufmännische Verkehr sich vom rein gewerblichen 
Teil trennte, der sich wiederum in Manufaktur und 
in Lohn- oder Heimarbeit spaltete. Die Färber z. B. 
erhielten, wie ihr unvollständig überliefertes Statut 
von 1264 — 1272 zeigt, das Tuch von den Kaufleuten, 
quod singuli tintores possint accipere soli vel cum 
socio pannos ad tingendum a quacumque statione vel 
a quacumque persona voluerit et quilibet mercator possit 
dare ad tingendum cuicumque tintori voluerit 2 ). Das 
Statut bestimmt eine Entlohnung der Färber nach 
Maßgabe der Art der Färbung und der Länge des 
Tuches 3 ). 

Um die Mitte des XIII. Jahrhunderts 4 ) taucht 
innerhalb des Textilgewerbes von Bologna eine Zunft 
der Baum w ollen weber auf, ars bambacis, bei der wir 
ebenfalls eine Scheidung in Kaufleute, Unternehmer 
und reine Arbeiter finden. Von diesen heißt es, daß 
niemand anderswo, als bei den Kaufleuten Baumwolle 
kaufen darf, quod nullus debeat emere bambacem 
nisi a mercatoribus consuetis vendere bambacem 5 ). 

Die Meister beschäftigen in ihrem Hause laboratores. 
Es war streng verboten, Eohstoffe aus dem Hause an 



i) S. 371. Art, 30. 

a ) ibid. S. 126. — 3 ) ibid. S. 128. Art. 18. 

4 ) Im Vorwort hebt Gaudenzi hervor, daß vom 
Baumwallengewerk, cotonatori, bereits das Statut der Wollen- 
weber aus dem Jahre 1256 handelt. Das Statut des ersteren 
gehört in das Jahr 1288. 

5 ) S. 405. Art. 20. 



X56 Dirttes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

eine Spinnerin zu geben, portare bambacem ad domus 
alicuius filere 1 ). Aus diesem Verbot können wir den 
Rückschluß ziehen, daß auch im Baumwollengewerbe 
in seinen Anfängen die Heimarbeit stark verbreitet 
gewesen ist, und wegen der Entfernung der Heim- 
stätten von einander eine Aufsicht schwer zu bewerk- 
stelligen war. 

Zum Textilgewerbe gehören noch die in Venedig 
zahlreich vorkommenden Hanfspinner, deren Statut 
aus dem Jahre 1233 überliefert ist. Eine Bestimmung 
dieses Statuts verbietet den Meistern, Hanf zur Ver- 
arbeitung aus dem Hause zu geben, extra suam domum 
vel extra locum ubi faciet laborare 2 ). Die Meister 
bezogen die Rohstoffe von den Kaufleuten, und ver- 
kauften Werg, Seile, Netze u. a. m. an ihre Kunden 3 ). 
Ein Weiterverkauf war untersagt 4 ). In der Folge 
trennten sich die Meister in solche, die feinere und 
solche, die gröbere Ware herstellten; die Herstellung 
beider Arten durch einen Meister war verboten 5 ). 

Wenden wir uns nun dem Metallhandwerk und 
zwar zunächst der Schmiedezunft zu. Aus ihrem 
Statut (Bologna, 1252) geht hervor, daß die Schmiede, 
fabri, Gesellen, pactoalis vel laborator, gegen Wochen- 
oder Monatslohn beschäftigten und ihnen die Be- 
triebsmittel lieferten. Der Meister beschaffte die Kohle, 



i) Art. 27. S. 407. 

2 ) Capitulari delle arti Veneziane. S. 105. Art. 22. 

3 ) S. 91. 101. — 4 ) ibid. S. 100. 102. 

5 ) Quod nullus filacanapus de arte subtile habere debeat 
societatem cum aliquibus de arte grossa in comparando sive 
vendendo. Art. 18. S. 104. Das älteste Statut der venezianischen 
Tucher besitzen wir nicht. Das Statut der Färber der Republik 
St. Markus' aus dem Jahre 1243 zeigt aber, daß diese die Roh- 
stoffe von den Tuchern nach Hause erhielten, pannum ad tingen- 
dum. Arbeitseinstellungen zwecks Erlangung eines höheren 
Lohnes, pretium tenture, waren verboten. S. 140 — 142. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 157 

der Kunde stellte das Eisen 1 ). Das Statut der Huf- 
schmiede von 1248, die in Bologna eine eigene Zunft, 
societas ferratorum, bildeten, zeigt, daß sie mit Hilfe 
ihrer Lehrlinge und Gesellen, laborantes, die Be- 
stellungen der Kunden gegen Entlohnung nach Maß- 
gabe der verwendeten Nägel ausführten. Lieferte 
aber der Kunde selbst das Hufeisen, so richtete sich 
die Vergütung nach der Art des Beschlages 2 ). 

Auch in den Statuten der Messer- und Eisen- 
schmiede zu Bologna aus den Jahren 1294 3 ) und 
1283 4 ), die einen Unterschied zwischen magistri und 
laboratores machen, erscheinen die Meister als Hand- 
werker, die aus eigenem Material den Kunden die 
Ware lieferten 5 ). 

Die Goldschmiede zu Venedig hingegen lieferten 
teils die Rohstoffe selbst, teils erhielten sie sie vom 
Kunden 6 ). Das Statut der Zimmerleute zu Bologna, 
magistri lignaminis, aus dem Jahre 1248, das Hand- 
werker und Lohnarbeiter umfaßt, spricht von Personen, 
die ad summam, d. h. gegen Stücklohn, von anderen, 



*) Art. 5. 7. 67. 76. Art. 7 S. 224 lautet: Quilibet magistro 
licitum sit solvere laboratoribus suis vel de laborerio quod faci- 
unt vel de denariis ad suam voluntatem, sicut fuerit in concordia. 

2 ) S. 186 ff. Art. 28-30. 21, 33, 41. 

3) S. 414. Art. 15. — 4 ) S. 345. Art. 39. 

& ) S. 331. Art. 5. S. 336. Art. 18. S. 338. Art. 21. S. 344 
Art. 35. S. 349. Art. 49. S. 413. Art. 10. S. 414. Art. 16. 

6 ) Die Eidesformel der Goldschmiede lautet: quod nulluni 
aurum meum nee alienum peius quam de tarinis (eine Gold- 
münze) . . . laborabo nee faciam laborari; et si mihi datum 
fuerit ad laborandum melius aurum quam etc. S. 116. Art. 22: 
quod si aliquis homo vel femina voluerint facere vel facere 
fieri aliquod laborerium de auro vel de argento, quod ille vel 
illi qui laborant dieta ars, teneantur dicere omnibus volentibus 
facere fieri aliquod opus, quantum vult aeeipere pro sacio, pro 
limatura et pro batitura, et dicere eis debeant antequam opus 
fuerit ineeptum. 



158 Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

die gegen Tagelohn, ad diem, oder vel alio modo sive 
ingenio 1 ), d. h. auf andere Weise arbeiten, und ent- 
lich von Meistern, die Holz und Bretter selbst be- 
schaffen 2 ), also eigentliche Handwerker sind. Die 
Gerber zu Bologna hingegen verwendeten ihr eigenes 
Material und arbeiteten für den Markt 3 ). Solche 
Zünfte, wie die Bäcker, Käse- und Speckhändler, 
brauchen nicht erwähnt zu werden, da sie weder zu 
der einen, noch der anderen Handw r erksklasse ge- 
hören. Aus demselben Grunde lassen wir auch die 
Notare, Geldwechsler, Apotheker und Ärzte außer 
Betracht. Genug, unser Ergebnis über die Betriebs- 
form bei den ältesten Zünften von Venedig und 
Bologna spricht keineswegs für die Ansicht Büchers; 
im Gegenteil, wir haben gesehen, daß Lohn- und 
Handwerk seit frühester Zeit nebeneinander und nicht 
selten auch innerhalb einer und derselben Genossen- 
schaft bestanden haben. Es hat sich ferner gezeigt, 
daß die meisten Zünfte einen Unterschied zwischen 
Meister und Lohnarbeiter, der bald in Stück- oder 
Tagelohn arbeitet, bald in der Werkstätte des Meisters 
und bald in seiner eigenen Heimstätte Halbfabrikate 
anfertigt, kennen. Im letzteren Falle haben wir sogar 
Heimarbeit vor uns, die bereits in den Dienst des 
Unternehmer- und Handelskapitals getreten ist. Und 
zu demselben Ergebnis werden wir zweifellos auch 
an der Hand des bekannten Livre des metiers vom 
Prevöt Ludwigs des Heiligen, Etienne Boileau, über 
die Pariser Zünfte gelangen. 

Bleiben wir bei denselben zünftlerisch organisierten 
Gewerbzweigen, wie in Venedig und Bologna, so 
werden wir Arbeit gegen Stück-, Tage-, Monats- und 

1 ) S. 202. Art. 18. 

2 ) S. 209. Art. 38. 

3 ) Statut aus dem Jahre 1254. S. 256. 259. Art. 39. 56. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 159 

Jahreslohn sowohl in Italien, wie in Frankreich an- 
treffen 1 ). 

Martin Saint Leon, der Verfasser der Geschichte 
der Handwerkergenossenschaften Frankreichs, hebt 
hervor, daß aus den Zunftstatuten eine Abneigung 
gegen den Stücklohn spricht, offenbar weil eine 
richtige Aufsicht über die Heimarbeit nicht gut mög- 
lich war. Einzelne Statuten verbieten ausdrücklich, 
Arbeitswerkzeug aus dem Hause zu geben. Andere 
Handwerkszweige hingegen konnten die Heimarbeit 
nicht entbehren, wie die Pariser Hutmacher, die ihren 
Lohnhandwerkern Filz lieferten und von ihnen 
Halbfabrikate zurückerhielten 2 ). Die Berufsgliederung 
im Textilgewerbe war in Paris weit schärfer ausge- 
prägt, als in den italienischen Städten, und wir finden 
daher auch selten bei den Pariser Genossenschaften beide 
Betriebsformen zusammen. Die kleineren Seidenhändler 
zu Paris, merciers, gaben die Rohseide hinaus an 
Spinnerinnen zur Verarbeitung zu Garn 3 ), was ein 
bezeichnendes Beispiel dafür ist, daß das Handels- 
kapital schon frühzeitig sich der Heimarbeit bemächtigt 
hat. Neben den fileresses de soye, die offenbar 
Lohnhandwerker waren, sehen wir im XIII. Jahr- 

x ) Depping. Livre des metiers. S. 408. Ord. des feseurs de 
tapis sarrazinois (1290), que l'on mette les ouvriers en oeuvre 
ä l'annee ou äjournees si comme l'on voudra. Ord. des foulons. 
S. 131. Art. 53. 

2 ) Etienne Martin Saint Leon, Hist. des corp. des metiers. 
S. 87. Im Statut der Pariser Damenschneider vom 15. Febr. 
1294 heißt es: que nul ne pourra ouvrer en chambre reposte 
en sa meson, de tailier ne drecier nul garnement, s'il ne le 
fet en l'establie de l'ouvrer desouz a la veue du peuple. 

3 ) Lespinasse. Les metiers et corporations de la Ville de 
Paris. Bd. III. S. 7. Sentence du prevöt de Paris interdisant 
aux filaresses de mettre les soies en gage, quand aucuns des 
merciers de la Ville de Paris bailloient leur soie escrue pour 
ouvrer, labourer ou pour liier en quelque maniere que ce fust. 



160 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

hundert zu Paris Arbeiter und Arbeiterinnen, die 
Seidenstrümpfe, Bänder und Gewebe anfertigen; sie 
kauften bei den Krämern Garn und lieferten den 
Kunden fertige Ware 1 ). Im Wollengewerbe sehen 
wir ebenfalls Lohnhandwerker, wie Spinner, Tuch- 
walker und Färber 2 ), und Weber, die für den Ver- 
kauf auf dem Markte arbeiten, aux halles. Ende des 
XIII. Jahrhunderts trat hier eine Umwandlung ein. 
Die wohlhabenden Weber, grands maitres bildeten 
eine eigene Genossenschaft, die den Tuchhandel in 
ihren Händen vereinigte und sich von den menus 
maitres fertige Ware liefern ließ 3 ). Um Streitigkeiten 
zwischen diesen beiden Gruppen von grands und 
menus maitres vorzubeugen, setzte der Pariser Prevöt 
bereits im Jahre 1270 eine Preisskala fest. Aus 
dieser Verordnung geht hervor, daß die menus maitres 
von den Unternehmern das Material geliefert erhielten 
und demnach im Dienste des Handelskapitals stehende 
Heimarbeiter waren 4 ). 

Im Metallhandwerk, in dem zur Zeit der Abfassung 
des Livre des metiers noch keine Berufsgliederung 
vorhanden war, herrschte das reine Handwerk vor; das 
Lohnhandwerk finden wir hier nicht. Die Zünfte, deren 
Statuten der Bestätigung durch den prevöst der 



x ) Martin Saint Leon. S. 175. Lespinasse. Bd. III. S. 13. 
Im Statut des Lasseurs de files aus dem Jahre 1327 heißt es: 
Quiconques vendra pieces de franges de XII aunes ou de VI, 
et il ne le sont, il sera en l'amande du Roy. 

2 ) Lespinasse. Bd. III. S. 117. Nach der Ordonnance vom 
Jahre 1292, betreffend das Verhältnis der Weber zu den Färbern, 
waren die ersteren durch Eid verpflichtet, Tuch hors de la ville 
de Paris nicht hinaus zu geben, die Färber, fere bone teinture 
et leel et aussi bon marche comme ils auroient ailleurs. 

3 ) Martin Saint Leon. S. 174. 

4 ) Bd. III. S. 141. Li menu mestres doivent mettre en 
oeuvre le hie tel comme l'eon leur baillera. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 161 

Kaufleute, Etienne Boileau, bedurften, kennen nur 
Panzerschmiede 1 ), Helme wurden von einer Misch- 
zunft hergestellt 2 ). Im Jahre 1296 wurde zum ersten 
Male das Statut der Waffenschmiede vom prevöt der 
Kaufleute von Paris, Jean de Saint Leonard bestätigt. 
Nach Bestimmung XI dieses Statuts darf der Verkauf 
von Waffen nur in der Betriebsstätte stattfinden, en 
leurs maisons propres, en leurs hostielx; nur bei un- 
bemittelten und in entlegenen Straßen, rues foraines, 
wohnenden Genossen wurde eine Ausnahme gemacht. 
Die Waffenschmiede erscheinen also in der Stellung 
von Handwerkern, die fertige Ware liefern 3 ). 

Ein ähnlicher Betrieb findet sich bei den 
Degenschmieden, deren ältestes Statut auf das Jahr 
1290 zurückgeht. Sie kauften die aus Deutschland, 
der Franche Comte und St. Etienne le Foret einge- 
führten Degenklingen, vorzugsweise aber die deutschen, 
die sie lediglich mit Griffen und Scheiden versahen. 
Das Statut der Schwertfeger wiederholt dasselbe Ver- 
bot wie bei den Waffenschmieden und mit derselben 
Einschränkung 4 ). Das Statut der Zunft der Scheren- 
schmiede, die der Zunft der Messerschmiede, die das 
ganze XIII. Jahrhundert hindurch ihr Handwerk frei 
ausübten, vorangegangen war, enthält dieselben Be- 
stimmungen und schreibt für die Gesellen nur unter- 
geordnete Schmiedearbeiten vor 6 ). Die Kesselschmiede 



2 ) Depping. S. 56. 

2 ) ibid. Tit XXVI. Ord. des marissaus, greffiers, vrilliers 
et heaumiers. S. 38. Art 15. 

3 ) Lespinasse. Bd. IL S. 318. 

4 ) Que nul dudit mestier ne face, vende ne achete oeuvre 
de forceterie que ne soit bonne et leal et souffisant. (Statut 
aus dem Jahre 1294. Art. 3. S. 397. Art. VII. S. 360.) 

5 ) Que nul forcetier ne peut et ne doit a ses autres valez 
que a son apprentiz, si comme il est dit dessus, fere chaufer, 
linier ne mouldre, ne nule autre chose appartenant au 

Kowalewsky, Ökonomische Elitwickelung Europas V. H 



162 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

verkauften ebenfalls nicht auf dem Markte oder den 
Messen, sondern in ihrer Betriebsstätte, wie ihr Statut 
von 1305 zeigt, fertige Erzeugnisse, und waren also 
eigentliche Handwerker 1 ). Für das Holzgewerbe be- 
sitzen wir das Statut der Schreinerzunft, die im Jahre 
1290 errichtet wurde und zur Zeit Etienne Boileaus 
noch nicht bestanden hat. Ihr Statut macht einen Unter- 
schied zwischen Meister und Stück- und Tagelöhner 2 ) 
und nennt unter sonstigen Gegenständen die An- 
fertigung von Fensterrahmen, huchers feseurs d'uis 
et de fenestres. Dies läßt annehmen, daß diese 
Handwerker auf Bestellung gearbeitet haben; unklar 
ist, wer das Material gestellt hat; eher waren es aber 
die Kunden, denn das Statut erwähnt keinerlei Verbot 
der Verwendung dieses oder jenes Materials. 

An der Hand dieser Zeugnisse über den Betrieb 
im Textil-, Metall- und Holzgewerbe müssen wir hin- 
sichtlich Frankreichs unzweifelhaft zu der einzigen 
Erkenntnis gelangen, daß die Arbeit auf Bestellung 
mit Materiallieferung durch den Kunden, und das 
eigentliche Handwerk von Anfang an nebeneinander 
Platz gefunden haben. Bei verschiedenen Meistern 
finden wir Stück- und Tagelöhner, die gar keinen 
Anteil am Unternehmergewinn hatten. Das öfters 
vorkommende Verbot, den beschäftigten Handarbeitern 
keine andere, als die übliche Lohnzahlung zu leisten, 
läßt keinen Zweifel darüber, daß das Zunftrecht den 
Anteil dieser am Betrieb einzig auf den Lohn be- 
schränkt wissen wollte. 



mestier de forcetier, fors que tant seullement batre, tourner 
la molle et ferir pardevant. (Statut des Jahres 1288 S. 396. 
Art. V.) 

!) S. 498. Art. 5. 

2 ) ibid. S. 637. Art. 5. Ouvrier que face oeuvre en tache 
ou ä journee. Nach Art. 3 sollen die Meister keine andere 
Vergütung, als den Tagelohn oder den in Paris üblichen 
Stücklohn zahlen. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 163 

Die Ansicht der deutschen Katheder-Sozialisten 
und der Schule Le Plays in Frankreich über die 
Betriebsform des mittelalterlichen Zunfthandwerks 
deckt sich also keineswegs mit den wirklichen Ver- 
hältnissen. Nach dieser Ansicht müßte man denken, 
daß der mittelalterliche Handwerkerstand keinerlei 
Unterschied zwischen Unternehmer und Arbeiter ge- 
kannt hat und daß der Meister ein einfacher Hand- 
arbeiter des Kunden gewesen ist. Dem widersprechen 
aber die Tatsachen, insofern sie schon frühzeitig 
den Meister in dreifacher Stellung: als Unternehmer, 
Kaufmann und Produzenten zeigen. 

Die Beleuchtung der strittigen Frage über die 
ursprünglichen Betriebsformen des Zunfthandwerks 
ist von so hoher Bedeutung für das Verständnis des 
mittelalterlichen Gewerbewesens, daß der Leser es uns 
nicht verargen wird, wenn wir, über den Hahmen 
unserer Untersuchung hinausgehend, auch das Statuten- 
material aus der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts 
heranziehen, zumal wir für einzelne bedeutsame 
gewerbliche Mittelpunkte frühere Zeugnisse nicht 
besitzen. 

Wir beginnen mit Italien. Die Pisaner Zunft- 
statuten gehen nicht über die Anfänge des XIV. 
Jahrhunderts zurück. Das Statut des Wollengewerbes 
aus dem Jahre 1305 gibt uns Kunde von den Ver- 
hältnissen des XIII. Jahrhunderts, daher werden wir 
genau die Stellen anführen, die von Handwerkern und 
männlichen und weiblichen Lohnarbeitern handeln 1 ). 
Die Lohnhandwerker, lavoranti, heißt es, arbeiten 
gegen Lohn, alcuno homo lo quäle ä pregio 2 ). 



*) Breve artis lane. Art. 13. Bonaini. Statuti inediti della 
citta di Pisa. Bd. in. S. 663. 
2 ) ibid. Art. 22. S. 669. 

11* 



164 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Das Statut bestimmt u. a., daß bei Aburteilung 
von Streitigkeiten zwischen Meister und Gesellen, wie 
Walker, Wäscher, Färber u. a. wegen Lohn oder 
Arbeit die Zunftbehörde sich auf die Angaben des 
Meisters zu stützen hat. Bei willkürlicher Arbeits- 
einstellung büßte der Betreffende das Recht des Be- 
triebes ein, die Meister dürfen ihm keine Arbeiten 
mehr übertragen. Die Arbeiter müssen mit dem ortsüb- 
lichen Lohn zufrieden sein und keiner von ihnen, 
selbst wenn er ausnehmend geschickt ist, darf mehr 
als den Tagelohn verlangen und muß um diesen 
die verabredete Zeit arbeiten. Das Statut zählt diese 
Arbeiter genau auf: Hechler und Hechlerinnen, 
pettinatore, pettinatrice, Walker, Scheerer und Sortierer, 
vergheggiatore vel battitore di boldroni et di lano, 
tonditori et sciolitori 1 ). Das Statut verbietet, Betriebs- 
mittel bei Nichtmeistern zu kaufen und unterscheidet 
dabei genau zwischen Meister und Stück- oder Tage- 
löhner 2 ). Das Verbot, Wolle zum verspinnen aus 
dem Hause an andere, als die Arbeiter, die in der 
Betriebsstätte des Meisters tätig sind, zu vergeben, be- 
deutete einen Schlag gegen die Heimarbeit auf dem 
platten Lande und in der Stadt 3 ). Für einzelne 
Arbeiter, z. B. die Wäscher, ist ein Stücklohn nach 
der Anzahl der Säcke oder Ballen, del sacco della 
lana vel fascio di boldroni, festgesetzt. Im Sommer 
beträgt der Lohn sechs, im Winter acht Denare. Die 
Wäscher scheinen gruppenweise gearbeitet zu haben, 
denn das Statut spricht von compagnia dei lavatori, die 
ihren eigenen Bottich zum Waschen stellen 4 ). 



i) ibid. S. 680. Art. 43. 44. 

2 ) S. 681. Art. 45. 

3 ) ibid. S. 688. Art. 55. 

4 ) ibid. S. 720. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 165 

Mit Ausnahme der Weber und Weberinnen, die 
um Stücklohn arbeiten 1 ), erhalten alle anderen Arbeiter 
einen Tagelohn. Den Tuchern, lavoranti per conciare 
panni, die im Tagelohn, se non a giornata 2 ), und im 
Vertragsverhältnis mit dem Meister, von dem sie einen 
Vorschuß erhalten hatten, stehen, ist verboten, ander- 
weitige Bestellungen anzunehmen. Nach Bestimmung 66 
darf der Arbeiter seinen Meister nicht verlassen, ohne 
sich mit ihm durch eine Arbeit oder Geld abgefunden 
zu haben 3 ). Die Weber und Weberinnen müssen 
innerhalb vier Tagen die Bestellungen ausführen. Um 
dies zu sichern, wird den Webern untersagt, sich für 
mehr als für zwei Stück zu verpflichten 4 ). 

Dieselbe Scheidung zwischen Meister und Arbeiter 
finden wir auch bei anderen Zünften von Pisa, so im 
Statut der Eisenschmiede, Breve artis fabrorum, in 
dem laborantes ad certum pretium et terminum statutum 
genannt werden 5 ). 

Die Genossenschaft der Gerber, die im Jahre 
1298 sieben Zünfte in sich vereinigte, hat reinen 
Handwerkscharakter und verwendet lediglich Gesellen. 
In den Bestimmungen über das Verhältnis zwischen 
Meister und Geselle finden sich zwar Ausdrücke, wie 
serviens und lavorante, aber diese beziehen sich nur 
auf Lehrlinge 6 ). Die Kürschner haben laborantes, 
machen jedoch einen Unterschied zwischen Lehrling 



r ) ibid. S. 704. Lo testore e la testrice . . . per quello 
pregio che si conviene alla bottega col maestro et non per 
altro pregio tessa quella tela. 

2 ) ibid. S. 715. Art. G9. — 3 ) ibid. S. 705. — 4 ) ibid. S. 704. 
Best. 66. - 5 ) ibid. S. 874. Best. 28. 

6 ) Breve coriariorum aque frigide aus dem Jahre 1303. 
§ 20 S. 935. De non tenendo discipulum vel servientem nisi cum 
carta. Breve dell arte de calzolai aus dem 'Jahre 1334. S. 1031. 
§ 12. E se alcuno lavorante o vero discepulo, cesserä del 
servigio d'alcuno de la dicta arte. 



166 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

und Arbeiter, die famuli genannt werden 1 ). Von 
diesen heißt es in § 39, daß sie sich mit dem fest- 
gesetzten Tagelohn begnügen sollen, stare et esse 
contentus salario sibi pro giornata ordinato 2 ). Die Ar- 
beiter durften nur ihre eigenen Kinder und die in ihre 
Hausgemeinschaft aufgenommenen Brüder als Lehr- 
linge beschäftigen 3 ), aber keinerlei Betriebsmittel ver- 
kaufen, worin sie sich wohl von den Handwerks- 
meistern unterschieden 4 ). 

Bei der Gilde der Florentiner Tuchhändler, ars 
calimale, die sich im Jahre 1301 ein Statut gab, 
finden wir außer Lehrlingen noch factores, die gegen 
einen vertragsmäßig festgesetzten Jahreslohn arbeiteten, 
pactum de certo salario solvendo per annum. Bei 
Vertragsbruch schritten die gewählten Konsuln ein 5 ). 

Wenn wir von Italien zu Deutschland übergehen, 
so zeigen uns die ältesten Lübecker Zünfte dieselbe 
Gegenüberstellung von Meister and Lohnarbeiter, 
die hier Knechte genannt werden. 

2 ) ibid. S. 1072. § 31. Quod si aliquis laborator seu con- 
ciator dicte artis tarn famuli quam discipuli . . . 

2 ) ibid. § 39. S. 1075. - 3 ) ibid. § 46. S. 1078. - 4 ) ibid. 
§ 62 S. 1085. 

5 ) De questionibus inter factores, discipulos et magistros 
vertentibus. — Cum pluries contingat causas et querimonias 
fieri et esse coram consulibus inter factores, discipulos et 
magistros eorum, statutum est quod si aliquis factor vel 
discipulus querimoniam posuerit coram consulibus de suis 
magistris de suo salario et pactum fuerit inter eos de certo 
salario ei solvendo per annum, illud pactum consules ei faciant 
observari secundum scriptam libri eorum societatis, si vero non 
sit inde aliquod pactum de certo salario ei annuo persolvendo 
sed venit ad dictam societatem ad illam remunerationem quem 
ei sui magistri facere vellint, non cogantur tales magistri dare 
illi tali factori vel discipulo ultra vel aliter quam ipsi magistri 
statuerint et scribi fecerint, non obstante eis quod pro aliquo 
vel aliqu&us anno vel annig preteritis abiquod salarium ei 
soherint. L'arte dei Mercanti di Calimala in Firenze ed il 
suo piu antico statuto. Tor. 1889. S. 103. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 167 

Im Jahre 1321 bestimmen die Räte von Lübeck, 
Hamburg, Rostock und Stralsund, daß die Böttcher 
den Knechten nicht mehr als 8 Lübecker Schilling 
zahlen sollen 1 ). Arbeiter, „Knechte", hielten ferner die 
Lübecker Riemer und die Kürschner für das Grau- 
werk 2 ). Das Statut unterscheidet zwischen „Knecht" 
und „Lehrjunghe". Statt „Knecht" gebraucht der 
lateinische Text aus dem Jahre 1347 den Ausdruck: 
servus 3 ). Dieselbe Bezeichnung wenden auch die Statuten 
von Hamburg 4 ) und Lüneburg 5 ) an. Das Statut der Weber 
zu Schweidnitz in Schlesien aus dem Jahre 1335 ver- 
bietet, keinen „Knecht in sin dinst" zu stellen, der 
nicht bezeugen kann, daß er ohne Streit, „vruntlich" 
seinen bisherigen Meister, „Herrn" verlassen hat 6 ). 
Als die Knechte unter den verheerenden Wirkungen der 
Pest eine Lohnerhöhung verlangten, faßten die 
Schweidnitzer Gewandschneider am 14. Juni 1361 den 
Beschluß, jedem Knecht nicht mehr als 1 Groschen 
wöchentlich und dem Jungen 1 Scot in drei Wochen 
zu zahlen; Zuwiderhandelnde sollen mit zwei Pfund 
Wachs büßen 7 ). In manchen deutschen Städten 
wendete man den Namen „Knecht" sowohl auf 



r ) Wehrmann. Anhang S. 176. 

2 ) ibid. S. 190. 375. Statuten von 1386 und 1396. 

3 ) ibid. S. 376. 

4 ) Otto Rüdiger. Die ältesten Hamburgischen Zunftrollen. 
S. 5. Statut der Bader aus dem Jahre 1375. S. 22. 23. 26. 
Statut der Bäcker. S. 29. 

5 ) Die ältesten Zunfturkunden der Stadt Lüneburg. Be- 
arbeitet von Ed. Bodemann. S. 208. 

6 ) Codex Diplomaticus Silesiae. Urkunde Nr. 12. S. 316. 

7 ) Beschlüsse des schlesischen Schneidertages. Schweidnitz, 
14. Juni 1361. „Ouch welch knecht uf sitzet der do nehit vor 
eyne Geselle deme sal man geben zu wochen eynen groschen 
unde lyme iungen knechte ezu dry wochen eyn scot. Welcher 
dorober syne knechte mehr gebe wenn in dysem brive 
geschreben stet und tete daz in eyme vrebil der sal geben czwey 
pfunt wachss". 



163 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Arbeiter, wie auf Lehrlinge an 1 ), allerdings nur in 
der späteren Zeit. Zu Anfang aber unterschied man 
ganz genau zwischen discipulus und operarius, Lehr- 
ling und Knecht, und wenn die Statuten mehr von 
ersteren handeln, so geschieht dies nicht um den 
Lohn, sondern um das gegenseitige Verhältnis zwischen 
Meister und Lehrling zu bestimmen. Auch England, 
für welches Brentano nachzuweisen sucht, daß in der 
Blütezeit des Zunftwesens der Meister lediglich ein 
gewerblicher Arbeiter war, weist bereits im Jahre 
1346 Bestimmungen über das Verhältnis zwischen 
Meister und Lohnarbeiter auf. So war es verboten, 
Arbeiter, die ihrem Meister gegenüber aufsässig ge- 
wesen waren, in Dienst zu nehmen, ehe sie in 
Gegenwart des Mayors und der Ältesten von London 
um Verzeihung gebeten haben 2 ). Das Statut der 
flämischen Weber, die sich in England nieder- 
gelassen hatten, aus dem Jahre 1362, spricht aus- 
drücklich von Arbeitern, die bei den Meistern um 
Tage- oder Wochenlohn tätig sind. Bleibt der Meister, 
heißt es darin, mit der Lohnzahlung im Rückstande, 
so soll ihm der Zunftvorstand solange das Hecht des 
Betriebes entziehen, bis er den Arbeiter befriedigt hat 3 ). 
Alle hier angeführten Zeugnisse sprechen offen- 
bar gegen die Behauptung, daß das Zunfthandwerk 
in seinen Anfängen Hilfsarbeiter nicht gekannt habe. Sie 
zeigen uns vielmehr den Meister, wenn nicht vor- 
wiegend, so doch gleichmäßig als Unternehmer und 
als Arbeiter, dessen Verdienst sich zu einem Teil aus 
dem Ertrage der Unternehmung, zum anderen Teile aus 



!) Schmoller. S. 453. 

') Riley. Memorials of the city of London. S. 232. 277. 
512. Ordinances of the whittawers 1346, of the braalers 1355 
und founders 1389. 

3 ) ibid. S. 306. 



Drittes Kap. : Der Vi Schaft 1 iche Charakter des Zunftwesens. 169 

dem "Werklohn zusammensetzte. Er verwendet ferner 
gegen Lohn und Beköstigung Knechte und Lehrlinge, 
denen das Arbeiten für eigene Rechnung verboten 
war. Die Statuten verfolgen übereinstimmend Nicht- 
meister, die Kundenarbeit liefern, was insbesondere 
in den Pariser Zunftstatuten scharf zum Ausdruck 
kommt. Nur mit der Zustimmung oder im Auftrage 
des "Werkmeisters durfte der Arbeiter außerhalb der 
Betriebsstätte Arbeiten verrichten, aber auch dies war 
nicht überall gestattet. Mangel an gelernten Hilfs- 
arbeitern veranlaßt die Nagelschmiede und Sticker 
jegliche Arbeit außerhalb der Werkstätte zu ver- 
bieten. Erst wenn die Meister keine Beschäftigung 
für sie hatten, durften die Arbeiter auf Bestellung 
arbeiten. Alle diese Vorschriften sind augenschein- 
lich auf die Interessen der Meister zugeschnitten, um 
sie ebenso gegen eine Erhöhung der Arbeitslöhne, wie 
gegen das Sinken der Preise für ihre Erzeugnisse sicher 
zu stellen 1 ). Ahnliche Vorschriften gibt es in der 
Provinz, so in Montpellier, wo eine Bestimmung des 
Statuts der Schneider von 1351 den Gesellen ver- 
bietet, dem Meister Kundenarbeit abwendig zu machen 2 ). 
Die italienischen Zunftstatuten verfolgen ebenfalls 
Nichtmeister, die den Betriebsleitern Kundenarbeit 
entziehen. Quod nullus discipulus aliquod laborerium 
intromittere debeat pro magistro, heißt es in einem 
Zunftstatut Venedigs 3 ). Durch das Statut der Tucher 
zu Rom werden die einfachen Arbeiter, laboratores, 
ernstlich angewiesen, weder unter eigenem, noch unter 



*) Fagniez. S. 79. 

2 ) Aucuns ouvriers ne travailleront aux draps qui seront 
portes aux ouvriers des maistres. — Ouin Lacroix. Appendice. 
Statuts des tailleurs de Montpellier donnes par Jean en 1351. 

3 ) Capitulare Callefatorum des Jahres 1271. Archivio di 
stato di Venezia. 



1 70 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

fremdem Namen Tuch herzustellen 1 ). Nach dem 
Statut der Kürschner zu Venedig aus dem Jahre 
1312 soll kein Lehrling, fante, unter 16 Jahren einen 
Gewinnanteil an der Kundenarbeit des Meisters haben 2 ). 
Das Statut der Perlenf asser zu Siena von 1361 ver- 
bietet den Gesellen und Lehrlingen, im Hause eines 
Kunden zu arbeiten 3 ). 

Um den Wettbewerb der Hilfsarbeiter in Schranken 
zu halten, verbieten einzelne Londoner Zünfte, nie- 
manden außer den Lehrlingen in die Handwerkskunst 
einzuweihen 4 ). Der Meister-Unternehmer unterschied 
sich allerdings vom heutigen Betriebsleiter wesentlich 
dadurch, daß er das Handwerk persönlich ausübte. 
Daß die Zunftstatuten des XIII. Jahrhunderts gerade 
darauf Gewicht legen und die Erteilung des Meister- 
titels ohne Befähigungsnachweis verbieten 5 ), zeugt 



*) Quod laboratores qui vadunt per apothecas magistrorum 
di dicta arte non possint facere nee per se, nee per alium eius 
nomine aliquod pannum. (Ms. Bibl. Barberini. Roma N. 2297. 
XXVIII. 56.) 

2 ) Che algun fante de la presente arte menor de XVI anni 
no possa aver parte. E caschaun che avera XVI anni sia 
tegnudo de intrare en la scola e possa aver parte. (Museo 
civico Correr. Mariegola.) 

3 ) Che niuno garzone ne lavorente ne sottoposto all'arte 
non possa lavorare a la casa niuno lavorio che a orafi s'apar- 
tenga; salvo che per lo maestro con cui sta. (Documenti per 
la storia dell'arte senese raecolti ed ill. di Gaetano Milanesi. 
S. 93.) 

4 ) Rilej. Memorials. Articles of the blakesmeths and of 
the braelers of London. S. 570. 748. 

8 ) Das Statut der Eisenschmiede zu Bologna bestimmt, 
daß eine Aufnahme in die Zunft nur solche finden, die das 
Handwerk mit eigenen Händen ausüben. Eine ähnliche 
Vorschrift enthält das Statut der Sammetweber zu Venedig 
des XIV. Jahrh., das sich in der Bibliothek des städtischen 
Museums von Venedig befindet. „Die Meister sollen niemand 
die Broderschaft lehnen, es sei denn, daß er das Werk könne"» 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 171 

von der schon innerhalb des zünftigen Handwerker- 
standes scharf hervortretenden Arbeitsteilung, die 
sich heutzutage in ausgesprochensten Formen zeigt. 
Wie ist aber bei einer strengen Durchführung der 
Bestimmung, das Gewerbe persönlich auszuüben, die 
Aufnahme Dantes in die Apothekerzunft zu erklären? 
Der Zeitlauf legte aber noch andere wirksame Wege 
nahe, um die Scheidung zwischen Unternehmer und 
Arbeiter aufrecht zu erhalten. Erhöhung der Ge- 
bühren bei Aufnahme in die Zunft, Verlängerung der 
Lehrzeit, Bevorzugung von Söhnen, Neffen, ja sogar 
angeheirateter Verwandten der Genossen als Lehrlinge, 
also ausschließliche Erteilung des Meisterrechts an 
Amtsbtirtige, alles das waren Mittel zu jenem Ziele. 
Und in der Tat finden wir mannigfache Bestätigungen 
dafür ebenso in Italien, wie in Deutschland, wie auch 
in England. So mußte im Italien des XIV. und der 
folgenden Jahrhunderte der künftige Meister nicht nur 
eine bestimmte Lehrzeit, selten unter sechs Jahren, 
durchmachen, sondern daran anschließend noch zwei bis 
drei Jahre als Hilfsarbeiter tätig sein, wie z. B. bei den 
Maurern, Zimmerleuten u. a. ; dazu kamen hohe Ge- 
bühren, eine strenge Meisterprüfung, bei welcher das 
erforderliche Meisterstück ebenfalls Zeit und Geld in 
Anspruch nahmen. Orlando schildert diese Verhältnisse 
an der Hand der Zunftstatuten von Mailand, Venedig 
und Born. Wir weisen unsererseits auf ähnliche Maß- 
nahmen der Zünfte der Perlenarbeiter und der Maurer 
zu Siena aus der zweiten Hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts hin. Danach durfte der Gewerbtreibende, 
vorausgesetzt, daß er die vorgeschriebene Lehrzeit 



heißt es im Statut der Kölner Kesselschmiede des XIV. Jahr- 
hunderts, und die Schuhmacher bestimmen (1355): „auch wer 
nicht Schuhe kann machen, der sal keyne veyle han". (Gierke 
S. 366. Anm. 31.) 



172 Drittes Kap. : Der wirtschc tHche Ch?rakcer des Zu^itwesens. 

hinter sich hatte, nur nach Entrichtung einer Gebühr 
von 4 livres an die Zunftkasse eine Verkaufsstelle für 
seine Handwerkserzeugnisse eröffnen oder auf Be- 
stellung arbeiten 1 ). Der Goldschmied verblieb sechs 
Jahre in der Lehre und zahlte 25 livres Meistergebühr, 
von der aber seine Söhne und Brüder befreit waren 2 ). 
In Venedig und Lucca sah man überdies von der Meister- 
prüfung ab. Das Statut der "Weber zu Venedig be- 
stimmt, daß Söhne von Meistern im Alter von 18 
Jahren sich um eine Meisterstelle bewerben dürfen, 
ohne einen Befähigungsnachweis zu erbringen. Nach 
einem Zunftstatut von Piacenza wird der Sohn eines 
Zunftmitglieds sine aliqua intratica solvenda, ohne 
Zahlung eines Eintrittsgeldes, in die Zunft aufge- 
nommen 3 ). 

Über die Bedingungen, an die der Erwerb der 
Meisterschaft geknüpft war, unterrichtet uns für 
Deutschland am besten Gierke, der hervorhebt, daß 
einzelne Zünfte in der zweiten Hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts, so die zu Bremen (1300) und die zu Lübeck 
(1330), vom Bewerber nicht nur ein Meisterstück, 
sondern auch den Nachweis eines gewissen Vermögens 
verlangten. In Lüneburg mußte der Perlenf asser vor 
dem Eintritt einen Eigenbesitz von 6 Mark und der 
Schneider einen solchen von 20 Mark nachweisen 4 ). 
Einzelne Lübecker Zünfte schrieben bereits im Jahre 



*) Documenti per la storia dell'arte senese. Racc. ed ill. 
di Gaetano Milanesi. Aggiunta all'breve dei pittori. Kap. 63. 
S. 53. 

2 ) ibid. Kap. XLV. S. 77. Breve dell'arte degli orafi senesi 
del anno 1361. 

3 ) Orlando. Delle fratellanze artigiane in Italia. S. 101. 102. 
— Sagredo. Delle arti edificative in Venezia. S. 52 ff. — Pertile. 
Storia del diritto italiano. Bd. V. S. 188. 

4 ) Bodemann. Die älteren Zunfturkunden der Stadt 
Lüneburg. S. XXXIX-XXXX. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 173 

135G eine bestimmte Lehrzeit vor, die der germanischen 
Verjährungsfrist von „einem Jahr und einem Tage" 
entsprach, während in Köln eine solche von zwei bis 
drei Jahren festgesetzt war. Nach denselben Lübecker 
Zunftstatuten wurde seit Ende des XIV. Jahrhunderts 
vom Bewerber der Befähigungsnachweis gefordert 1 ), 
aber das Fehlen einer direkten Vorschrift bis 
dahin, schließt noch nicht aus, bemerkt richtig Schön- 
berg 2 ), daß die Meisterprüfung schon früher üblich 
gewesen ist. Daß die Baseler Bäcker im Jahre 1256 sich 
gegen das Meisterstück ausgesprochen haben 3 ), ist an und 
für sich nicht von Belang, da die Arbeiten dieses 
Handwerks ja keine längere Vorbereitungen erfordern. 
An anderen Orten, so in Bremen und Frankfurt, wo noch 
in XIV. Jahrhunderts ein Meisterstück nicht verlangt 
wurde, wurde der Zutritt zur Meisterschaft durch 
einen recht hohen Beitrag erschwert. Unter solchen 
Umständen wandelte sich die Zunft in einzelnen 
Städten, so in Frankfurt, in eine nach außen abge- 
schlossene Körperschaft um, die sich nunmehr vor- 
nehmlich durch Söhne und Verwandte von Zunft- 
angehörigen ergänzte 4 ). 

In Frankreich griff man noch früher zu den- 
selben Beschränkungen. Bei einzelnen Zünften hatte 
der Lehrling, wie Fagniez nachweist, nach Beendigung 

r ) Gierke. Rechtsgesch. der deutsch. Genossenschaft. 
Bd. I. S. 365—366. — 2 ) Schönberg. Anmerkung 98. 

3 ) Schönberg. Anmerk. 110. 

4 ) Kriegk. Bürgerzwiste zu Frankfurt. „Die Zunft war 
eigentlich ein auf die Kinder sich forterbender Verein, in 
welchen ursprünglich auch nur selten einer aufgenommen 
wurde, der ihm nicht schon durch Geburt angehörte. Die Auf- 
nahme in eine Zunft gewährte also eine Art von erblichem 
Rechte, oder wie dies in den Schneidergesetzen von 1377 aus- 
gedrückt ist, durch dieselbe erhielten der neue Zunftgenosse 
und seine Kinder Recht zu Allem, was dem Handwerk in 
Gemeinschaft zugehörte". 



174 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Oharakter des Zunftwesens. 

der Lehrzeit noch ein volles Probejahr beim Meister 
zu verbleiben ; das eigentliche Gesellentum entwickelte 
sich jedoch erst seit Mitte des XIV. Jahrhunderts. 
Anders verhielt es sich mit dem Meisterstück, chef 
d'oeuvre. Von einer Meisterprüfung sprechen aus- 
drücklich die Statuten der Sammetweber, Schneider, 
Sattler, Böttcher u. a. m. Sie nehmen keinen auf, 
der nicht eine bestimmte Zeit in der Lehre war, nisi 
edificetur seu approbetur per magistros dicti ministerii. 
Für die Meisterprüfung zahlten z. B. die Böttcher im 
Jahre 1398 eine Gebühr von 10 solidi. Der Be- 
fähigungsnachweis wird bereits zur Zeit Ludwigs d. 
Heiligen erwähnt; nach dem Livre des metiers war 
er bei den Hutmachern üblich. Der Lehrling 
war sogar verpflichtet, noch vor Schluß der Lehrzeit 
ein Meisterstück vorzulegen. Allgemein wurde die 
Meisterprüfung erst seit Mitte des XIV. Jahrhunderts. 
Außer diesen Beschränkungen war in Frankreich der 
Eintritt an die Leistung einer Abgabe an die könig- 
liche Kammer geknüpft, zu der zur Zeit Etienne 
Boileaus und der Abfassung des Livre des metiers 
ein Fünftel der Pariser Zünfte (20 von 100) ver- 
pflichtet waren. Später wurde eine ganze Anzahl von 
Gewerken dieser Abgabe unterworfen. 

Verpflichtet zu dieser Abgabe wurden in den 
Jahren 1304 die Verzinner, 1316 die Sticker, 1327 die 
Kesselschmiede. Wurden die Einkünfte aus diesem 
oder jenem Gewerk in Pacht gegeben oder an einen 
der königlichen Günstlinge verliehen, so erhielt dieser 
oder der Pächter die Abgabe. Söhne, Brüder und 
Neffen von Meistern waren von der Abgabe befreit. 
Bei Übernahme des Betriebes zahlte die Meisterwitwe 
keine Abgabe, wohl aber bei ihrer Wiederverheiratung 
mit einem Manne, der der Zunft nicht angehört 1 ). 

!) Fagniez. Kap. VI. S. 94-100. 



Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 175 

In JRouen bestehen im XIV. Jahrhundert Vor- 
schriften über eine drei bis vier, auch fünf bis sieben- 
jährige Lehrzeit, an die sich eine Meisterprüfung vor der 
Mitgliederversammlung schließt. Der Neueintretende 
zahlt an die Zunftkasse eine Abgabe, die bei den 
Lichtziehern nach dem Statut von 1360 20 solidi be- 
trägt. Ein Meisterstück, chef d'oeuvre, wird im Statut 
der „Sporenschmiede" aus dem Jahre 1358 erwähnt 1 ). 
Meistersöhne waren von einer Abgabe ganz befreit 
oder zahlten nur die Hälfte. 

In England sehen wir die Arbeiterschaft wie 
Ashley zeigt, bereits um die Mitte des XIV. Jahr- 
hunderts vollkommen vom Meisterstande getrennt 2 ). 
Finden sich doch bei Biley in der Geschichte des 
mittelalterlichen London Nachrichten aus dem Jahre 
1350 und 1362 über Kämpfe zwischen Meistern und 
Knechten innerhalb der Zünfte der Schafscherer und 
Weber 3 ). Es wird über eine von den servitores ver- 
abredete Arbeitseinstellung berichtet. Der Zunftvor- 
stand läßt sich über diesen Vorgang, der als eigent- 
licher Streik betrachtet werden kann, folgendermaßen 
aus: nach einem Streite mit seinem Meister eilte „der 
Mann", his man, zu seinen Genossen, verschwor sich 
mit ihnen, by covin and conspiracy, und nahm ihnen 
das Versprechen ab, keinerlei Arbeit eher anzunehmen, 
als bis sich der Meister mit ihm wieder ausgesöhnt 
und ihn zufriedengestellt hat; dies bewirkte eine große 
Unruhe unter den Meistern und der Bedarf der Kund- 
schaft konnte nur mangelhaft gedeckt werden. 

x ) „Nul ne pourra tenir ne faire le dict mestier en la dicte 
ville . . . qu'il ait fait son chef d'oeuvre et aussi qu'il ait 
paye 20 sols de hanse ä la ville excepte les fils de maitres qui 
ne payeront que demi-hanse". — Ouin Lacroix. S. 641. 587. 

2 ) Ashley. An introduction to English economic history. 
* Hft. 2. S. 101. 

3 ) Riley. Memorials of London. S. 247. 250. 306. 



176 Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Von Generation zu Generation häuften sich die 
Hindernisse, die den Arbeitern den Zutritt zur Meister- 
schaft immer mehr erschwerten, bis endlich im zweiten 
Viertel des XIV. Jahrhunderts das Parlament sich 
entschloss, Stellung gegen die übermäßigen Gebühren 
zu nehmen, die den Eintritt in die Meisterschaft 
hinderten. Schon früher, so in Oxford im Jahre 1531, 
beanstandeten die Stadträte die Forderung einer Gebühr 
von 20 solidi neben den Ausgaben für den Willkomm- 
schmaus. Schon hieraus ist zu ersehen, in wie weitem 
Umfange die Zunftvorschriften darauf ausgingen, die 
Vorteile der Unternehmung einer Anzahl von Meister- 
familien nutzbar zu machen. Aber noch deutlicher 
offenbarte sich dieses Bestreben bei denjenigen Zünften, 
die den Lehrling durch einen Eid verpflichteten, 
auch nach Entlassung aus der Lehre einen eigenen 
Betrieb ohne Erlaubnis des Lehrherrn nicht zu 
eröffnen *). 

In dem Maße, wie die Meister zur Wahrung ihrer 
Interessen sich abschlössen und das Emporsteigen 
neuer Betriebsleiter hinderten, begannen die Gesellen 
sich zu selbständigen Verbänden zusammenzuschließen, 
um wirksameren Widerstand den Unternehmern 
leisten zu können. Wir sind nicht in der Lage, 
genau den Zeitpunkt der Entstehung der deutschen 
Gesellenverbände und ihrer englischen und französischen 
Brüder, compagnonnages, festzustellen 2 ). Noch weniger 
Anhaltspunkte besitzen wir über solche Verbände in 



!) Ashley. Hft. 2. S. 105. 

2 ) Die Schrift von C. G. Simon, Etüde historique et 
morale sur le compagnonnage. 1853, ist unvollständig. Vergl. 
Ouin Lacroix, Histoire des anc. corp. d'arts et metiers ... de 
la capitale de la Normandie. 1850. Auch die Schrift von 
Schanz, zur Gesch. der deutschen Gesellenverbände im MA., 
erschöpft lange nicht den Gegenstand. 



Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 177 

Italien. Wo aber immer die Gesellenbewegung ent- 
steht, entspringt sie stets aus derselben Wurzel: aus 
dem Versuch der Zünfte, die Stellung des Meister- 
Unternehmers und die wirtschaftliche Unterordnung 
der Gesellen durch Ausschluß von der Meisterschaft 
zu verewigen. Die Gesellen schlössen sich zunächst 
nur vorübergehend zusammen, um den Vereinbarungen 
der Meister die Macht ihrer Vereinigung entgegen- 
zustellen. Wenn im Jahre 1321 Lübeck, Hamburg, 
Rostock und Stralsund eine Vereinbarung über Auf- 
nahme und Entlohnung von Hilfsarbeitern bei der 
Böttcherzunft getroffen haben, so waren die Meister 
selbst die Urheber davon. Und wenn acht Jahre später 
die „Gürtler" zu Breslau sich durch Eid verpflichteten, 
ein ganzes Jahr lang keinen früheren „Gesellen" 
anzustellen, so wurden sie zu diesem Schritt durch 
die Gesellen veranlaßt, die eben eine Arbeitseinstellung 
für ein ganzes Jahr beschlossen hatten 1 ). Ein ähnlicher 
Zusammenstoß erfolgte im Jahre 1350 in Straßburg 
zwischen den Wollschlägern und ihren Knechten, was 
offenbar das Bestehen eines, wenn auch vorüber- 
gehenden, Verbandes unter ihnen voraussetzt 2 ). Am 
31. Oktober 1351 einigten sich die „Meister und die 
ganze Zunft der Tucher" über das Maß der Ent- 
lohnung ihrer Arbeiter, mit der offenen Erklärung, daß die 
„Missehalle und Zweiungen" mit den Arbeitern wegen 
des bisherigen Lohnes die Veranlassung hierzu 
gewesen seien. Die Knechte hätten dem entgegen- 
gehalten „der Lon were zuo kleine und sie möchten 
dabei nit bestan". Die Unternehmer entschlossen sich 
aber erst dann nachzugeben, als die Knechte die 



*) Codex diplomaticus Silesiae. Bd. VIII. S. 15. 
2 ) Urkunden zur Geschichte der Straßburger Tucher- und 
Weberzunft. No. V. S. 5. 

Kowalewsky, Ökonomische Entwicklung Europas V 12 



178 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Arbeit niederlegten, oder, wie es in der Urkunde 
heißt, weggelauffen warent 1 ). 

Im Jahre 1362 brachen in Speier von neuem 
Streitigkeiten zwischen Unternehmern und Knechten 
der Weberzunft aus, die am 26. Januar mit einer 
Erhöhung des Arbeitslohns ihr Ende fanden 2 ). Ein 
Jahr später kämpften in Straßburg Weber und Knechte 
miteinander; beide Parteien bestellen durch je fünf 
Vertreter ein Schiedsgericht 3 ). 

Daß Zusammenstöße dieser Art nachgerade eine 
ständige Erscheinung geworden waren, zeigen Danzig, 
Stendal, Frankfurt, Mainz, Worms, Speier, Konstanz, 
Ulm, Basel, Münster u. a. m., die in der zweiten Hälfte 
des XIV. Jahrhunderts teils vereinzelt, teils gemeinsam 
die Regelung des Verhältnisses von Meister zu Knecht 
in den verschiedenen Handwerksbetrieben, insonderheit 
der Tucher, Schneider, Schuhmacher und Schmiede, in 
die Hand genommen haben 4 ). 

Der erste, der für England ähnliche Gesellen- 
verbände, wie in Deutschland, nachgewiesen hat, war 
Cunningham 5 ). Aber schon die vor ihm von Toulmin 
Smith gesammelten Zeugnisse zeigen, daß es im 
Jahre 1417 in Exeter einen Gesellenverein gegeben 
hat, der am Tage Johann des Täufers eine Festlichkeit 
zu Ehren seines Schutzpatrons abgehalten hat 6 ). 

x ) Mone. Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. 
XVII. S. 56-57. 

2 ) ibid. S. 58. 

3 ) Schanz. Zur Gesch. der deutschen Gesellenverbände. 
Anhang II. S. 154. 

4 ) Böhmer. Frankfurter Urkunden. S. 760. Mone. Zeit- 
schrift für die Gesch. des Oberrheins. Bd. IX. S. 143. Bd. XV. 
S. 43. Bd. XVII. S. 56. 60. 61. Schanz. Anh. 22. 24-26. 
S. 156-167. 

5 ) History of English industry and commerce. 2. Aufl. 
Bd. I. S. 396. 

6 ) Toulmin Smith. S. 313. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 1 79 

Größere Klarheit über den Charakter der Gesellen- 
verbände bringt die 1888 erschienene Geschichte der 
Londoner Schneiderzunft von Clodd. Kurze Zeit 
darauf hat man nachgewiesen, daß Gesellenverbände 
im XV. Jahrhundert bei den Schmieden und Zimmer- 
leuten und im XVI. auch bei anderen Handwerkern 
bestanden haben. Auch Gesellenvereinigungen in den 
Provinzialstädten, wie Bristol, Coventry und Oxford sind 
bekannt geworden. Die ältesten Nachrichten über 
Sattler- und Seilergesellen zu London gehören dem 
letzten Viertel des XIV. Jahrhunderts an, in dem 
Parlament und Regierung dem Steigen der Arbeits- 
löhne, das nach den Verheerungen der Pest eingetreten 
war, entgegenzuwirken suchten. Wir werden noch 
zeigen, daß dieser Kampf eine Spannung zwischen 
Unternehmern und Arbeitern und bei den Gesellen 
das Bedürfnis nach eigenen Schutz- und Unter- 
stützungsverbänden hervorrufen mußte 1 ). 

Ahnliche Vorgänge spielten sich in Italien ab. 
Wer kennt nicht den berühmten Aufstand in Ciompi 
des Jahres 1378? Die Wollschläger, Kämmer und 
Hechler, damals einfache Knechte der Zunftmeister, 
artes lanae et calimale, die den wichtigsten Floren- 
tiner Gewerbe- und Handelszweig in ihren Händen 
vereinigten, erhoben u. a. den Anspruch, eine eigene 
Zunft bilden zu dürfen 2 ). 

Ebenso wie der sozialwirtschaftliche Hintergrund 
dieses Aufruhrs dem Betrachter sich aufdrängt, so 
deutlich zeigt sich sieben Jahre früher der feindselige 



i) Ashley. Hft. 2. S. 106 - 124. 

2 ) Falletti-Fossati. D tumulto dei Ciompi. (Bolletino delle 
pnbblicazioni del R. Istituto di studi superiori pratici in 
Firenze.) Die wirtschaftliche Grundlage dieser Bewegung 
schildert vorzüglich Simon in, Une insurrection ouvriere ä 
Florence en 1378. (Journal des Economistes. 15. dec 1873.) 

12* 



180 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Gegensatz zwischen Unternehmern und Arbeitern bei 
dem Aufstand der Wollenarbeiter zu Siena. Der 
Chronist Neri Donato berichtet über seine Ursachen 
folgendes: Die Hilfsarbeiter und Hechler beim Wollen- 
gewerbe begannen einen Kampf mit den Zunftmeistern 
und verlangten auch ihrerseits, das Meisterrecht 
erwerben zu können und zwar gegen Gebühren, die 
nicht von der Zunftversammlung, sondern vom 
Stadtrat von Siena festgesetzt werden 1 ). 

Der Gegensatz zwischen Unternehmern und 
Knechten, lavoranti, spitzte sich in Venedig so zu, 
daß zu Ende des XIV. Jahrhunderts die Regierung 
es für notwendig erachtete, selbst die Oberaufsicht 
über die Arbeitsverträge in die Hand zu nehmen. 
Nunmehr bedurften die Verträge zu ihrer Gültigkeit 
der Bestätigung seitens der justiciarii, die darauf zu 
achten hatten, daß die Arbeiter, pauperes pueri, durch 
den Vertrag weniger belastet werden und ihnen ein 
gerechter Arbeitslohn gezahlt werde 2 ). 

An der Hand der oben erwähnten Zeugnisse 
glauben wir nun im Gegensatz zu den Ideologen des 
Mittelalters behaupten zu können, daß die wirtschaft- 
liche Trennung von Kapital und Arbeit, die sehr 
wahrscheinlich mit den Anfängen des Zunftwesens 
zusammenfällt, schon im XIII. und XIV. Jahrhundert 
begonnen hat. 

Daraus folgt aber nicht, daß die Stellung des 
mittelalterlichen Arbeiters in allen Stücken der des 
heutigen Proletariers gleich gewesen ist. Schon 
dadurch, daß er häufig, wie noch unten gezeigt werden 
wird, in die Familie des Meisters aufgenommen wurde 
und dort Wohnung und Kost erhielt, wurde er der 
schweren Nahrungssorgen enthoben, die beim heutigen 

*) Muratori. Rerum italicarum scriptores. Bd. XV. S. 224. 
2 ) Orlando. S. 99. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 181 

gewerblichen Arbeiter bei Gelegenheit von Krisen 
äußerst traurige Formen annehmen. Und ferner 
blieb der Arbeiter des Mittelalters dadurch, daß der 
Arbeitslohn noch nicht von Angebot und Nachfrage 
beeinflußt, vielmehr durch Sitte und Statutenvorschriften 
gesichert war, auch von den Schwankungen der 
Marktpreise und der Arbeitslosigkeit infolge Mißernte, 
Überproduktion, Mitbewerbs eingewanderter billiger 
Arbeitskräfte oder auswärtiger Waren verschont. 
Diese Umstände lassen aber immer den Unterschied 
zwischen dem Arbeiter- und Unternehmerstande des 
Mittelalters bestehen. 

Die Anhänger der entgegengesetzten Anschauung 
machen sich einer Verwechslung schuldig. Man 
behauptet, die mittelalterliche Gesetzgebung ließe einen 
sozialen Gegensatz innerhalb des Gewerbes nicht auf- 
kommen. In Wirklichkeit aber widersetzte sie sich 
im Interesse der Gleichstellung der Unternehmer nur 
einer Entwicklung des Großbetriebes, was zu einer 
Zeit, wo Maschinen zum Ersatz der Handarbeit noch 
fehlten, verhältnismäßig leichter zu erreichen war, 
als heute. Dieser Entwicklung suchten die Zünfte 
durch künstliche Maßnahmen entgegenzuwirken. Die 
Gleichheit der Produktionsbedingungen ließ sich 
offenbar nur dadurch herbeiführen, daß man einen 
Einkauf von Rohstoffen zu einem einheitlichen Preise 
anordnet und den Meistern verbietet, willkürlich weder 
die Zahl der Hilfsarbeiter, noch deren Lohn zu erhöhen. 
Verfolgt man aufmerksam die Zunftstatuten und die 
Verordnungen der Städte und der Zentralgewalt über 
den Marktverkehr, so kann man sich schwer des 
Eindrucks ihrer Gleichartigkeit trotz der Verschiedenheit 
der Länder und Zeiten erwehren. Das Verbot, ländliche 
Erzeugnisse bei ihrer Einführung in die Städte vor 
den Stadttoren aufzukaufen, das nicht allein aus 



1 82 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

fiskalischen Rücksichten erlassen wird, ferner die 
Verpflichtung, Rohstoffe nicht über Bedarf einzukaufen 
und einen Teil den Genossen zum Einkaufspreis 
abzulassen, endlich die Bekämpfung des spekulativen 
Zwischenhandels laufen sämtlich darauf hinaus, die 
Interessen nicht nur der Konsumenten, sondern auch 
der Unternehmer zu schützen. Unzählige Beispiele 
und Stellen aus den Hechtsbüchern der italienischen 
Städte und den Entscheidungen der Parlamente 
Englands zur Zeit der Plantagenets ließen sich an- 
führen, um zu zeigen, wie feindselig die öffentliche 
Meinung gegen die engrossers und entailers gestimmt 
war und wie man die Interessen der Kunden und der 
Handwerker behütet hat, die unter Aufsicht der 
Stadtbehörden die Rohstoffe aus erster Hand bezogen. 

Allein unsere nächste Aufgabe erlaubt uns eine 
solche Abschweifung nicht; wir wollen uns lediglich 
auf die Zeugnisse beschränken, aus denen hervorgeht, 
daß die Zünfte mit vollem Bewußtsein es darauf ab- 
gesehen haben, daß die Betriebsmittel sämtlichen 
Gewerbtreibenden gleichmäßig teuer oder billig zu 
stehen kommen. Um Massenaufkäufen und einem 
Preishandel vorzubeugen, legten z. B. die Schmiede 
zu Bologna zu Mitte des XIII. Jahrhunderts jedem 
Meister Strafen auf, der bei Überlassung eines Teils 
seines Vorrats an einen Genossen der Gewinnsucht 
überführt wird 1 ). 

Das Statut der Zimmerleute aus derselben Zeit 
verbietet, Holz bei Zwischenhändlern zu kaufen, quod 
nullus magister debeat emere aliquod lignum ab 
aliquo revenditore 2 ). Im Jahre 1341 beschwerten 



1 ) Di imo statuto della cornpagnia dei fabri della citta di 
Bologna. (Atti della deput. di St. Patria per L'Emilia, nuova 
serie. VII. 97.) 

2 ) Statut der Zimmerleute von 1248. (Archivio di Bologna.) 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 183 

sich die Böttcher zu Venedig bei den justiciarii 
darüber, daß zu ihrem Schaden ihre wohlhabenderen 
Genossen, richi homeni e pleni, die ganzen nach 
Venedig eingeführten Betriebsmittel aufkaufen, so daß 
sie gezwungen sind, die Stadt zu verlassen. Sie 
ersuchen die Richter, jedem Genossen, sei er reich 
oder arm, das Material zugänglich zu machen, sonst 
würde die ganze Zunft großen Schaden erleiden. Auf 
Anordnung der Richter nahmen die Böttcher in ihr 
Statut die Bestimmung auf, daß nach Venedig ein- 
geführte Rohstoffe zu gleichen Teilen unter die 
Mitglieder senca mercado verteilt werden sollen 1 ). 
Ferner sollen für jedes halbe Jahr sechs Männer ge- 
wählt werden, die die Rohstoffe zu einem gerechten 
Preise, senca mercado facto a bona fe, senca froldo, 
einkaufen und dann nach dem Bedarf jedes einzelnen 
Genossen Nachfrage halten; für ihre Mühwaltung 
dürfen sie nicht über zwei Denare von jedem Pfund 
beanspruchen. Endlich wird bei einer Strafe von 
10 solidi verboten, daß die Meister einander, sei es 
mit oder ohne Vorteil, Rohstoffe abtreten. 

Um jedem Meister die Möglichkeit zu nehmen, 
billiger als ein anderer Rohstoffe zu erwerben, griff 
man zu einem sonderbaren Mittel. Den Baumeistern 
z. B. wird untersagt, sich schriftlich oder mündlich 
zu verpflichten, nur bei einem bestimmten Holzhändler 
das Holz zu kaufen. Magister artis, heißt es im 
Statut aus dem 'Jahre 1271, non audeat aliquod 
ordinamentum cum aliquo venditore lignaminis facere 
nee societatem vel compagniam ad emendum illorum 
lignamina pro laborerio quodadlaborandumsusceperit 2 ). 



!) Statute- dei buteglieri, Best, vom 12. Juni 1341. 
(Museo civico Correr.) 

-) Capitolare magistrorum domorum. Nov. 1271. 



184 Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Die Tucher zu Parma kauften laut Statut von 
1255 gemeinschaftlich den Rohstoff ein und verteilten 
ihn dann unter sich 1 ). 

Das Statut der Eisenschmiede zu Pisa aus dem 
Jahre 1305 bestimmt, daß, solange die gekaufte Kohle 
noch nicht ins Haus des Käufers geliefert ist, ein 
anderer Genosse die Überlassung eines Teiles zum 
Kaufpreis beanspruchen hann. Verweigert der Käufer 
dies, so unterliegt er einer Strafe von 10 Solidi 2 ). 
Das Statut der Fleischer zu Siena von 1288 bestimmt, 
daß ein Zunftmitglied, das an dem Kauf eines Genossen 
sich beteiligen will, nicht abgewiesen werden dürfe 3 ). 

Das Statut der Schwertfeger, spadarii, zu Perugia 
von 1298 verpflichtet das Zunftmitglied, einem 
Genossen, der einen Teil gekauften Betriebsmaterials 
beansprucht, diesen ohne Weigern zu überlassen 4 ). 
Nur in den späteren Statuten, aus denen bereits der 
Kampf mit der herkömmlichen Sitte spricht, finden 
sich dem entgegengesetzte Bestimmungen. Das Statut, 
das die Schuhmacher zu Siena, die „Kuhleder" ver- 
arbeiteten, zwischen 1329 und 1335 aufgenommen 
haben, bestimmt, daß nur der Bruder, der Sohn oder 



1 ) Monumenta hist. patriae ad provinciam Parmensem et 
Plac. pert. Stat. com. Parmae, S. 200.: Draperii teneantur infra 
15 dies postquam pannos emerunt in societatem dividere 
drappos emptos cornmuniter. 

2 ) Bonaini. Statuti Pisani. Bd. III. Breve artis fabrorum. 
Anno 1305. § 6. 

3 ) Stat. de'carnaiouli di Siena del a. 1288. Cap. 56. — 
Polidori. Stat. Senesi inediti e rari nel sec. XtH. et XIV. Bd. I. 

4 ) La matricula del arte degli spadari (a. 1298). Rubrica. 
Qualiter faciens aliquam mercantiam de aliqua re ad hanc artem 
pertinentem presente vel superveniente aliquo artifice huius 
artis vel volente de ea partem debeat sibi dare. (Documenti di 
Storia Perugina. Atti ed. da Fabretti. Vol. I. Tor. 1887. S. 57.) 



Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 185 

der Nachbar eines Zunftmitglieds die Überlassung 
eines Teils des gekauften Materials beanspruchen darf 1 ). 

Ziehen wir jetzt zum Vergleich die betreffenden 
Bestimmungen der deutschen Zunftstatuten heran. 
Wie ein roter Faden durchzieht die Lübecker 
Statuten aus dem XIV. und XV. Jahrhundert die 
Regel, daß die Rohstoffe gemeinsam durch damit 
beauftragte Mitglieder gekauft und unter die Genossen 
verteilt werden sollen 2 ). Zuweilen gestattet man 
auch jedem einzelnen den Ankauf, aber unter der 
Verpflichtung, jedem Genossen, der es beansprucht, 
einen Teil davon abzutreten. Beispiele hierfür aus 
dem XIV. Jahrhundert finden sich in Frankfurt, 
Köln, Lübeck, Freiburg, Wernigerode und Breslau. 
Hie und da galt diese Verpflichtung nur bei größeren 
Einkäufen; der Käufer war verpflichtet, drei Tage 
vorher die Genossen davon in Kenntnis zu setzen. 
Außerdem bestand die Vorschrift, die Einkäufe stets 
an bestimmten Orten und zu bestimmter Zeit zu 
bewerkstelligen 3 ). 

Hinsichtlich der Pariser Zünfte hebt Fagniez 
hervor, daß die notwendigen Lebensmittel vor dem 
Eintreffen auf dem Markte nicht gehandelt werden 
durften. Es war verboten, den Verkäufern entgegen- 



1 ) Banchi. Statuti Senesi. Bd. II. Stat. delle Univ. del 
arte de' cuoiai e calzolai della vacca della cittä di Siena a. 
1329—1335. cap. 35. 

2 ) Wehrmann. S. 173. 203. 208. 211. 230. 372. 

3 ) Unzählige Beispiele hierfür bringt Schönberg, Zur wirt- 
schaftlichen Bedeutung des deutschen Zunftwesens im Mittel- 
alter, Berlin 1868. S. 1)5 - 98. Ferner Meister, Die ältesten gewerbl. 
Verbände der Stadt Wernigerode, S. 31. Codex Diplomaticus 
Silesiae. Bd. VIII. S. 86: Statut der Tischler von 1390. §11 — 14. 
S. 119: Bestimmungen betreffend Einkauf von Häuten und 
Fellen für die Zünfte der Kürschner und Schuhmacher zu 
Liegnitz und Schweidnitz. 



I 85 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

zugehen, um die Ware billiger als ein anderer 
Genosse zu kaufen. Die Zünfte bezogen auf geniein- 
same Kosten die Rohstoffe und verteilten sie zu 
gleichen Teilen unter die Mitglieder oder verlosten 
sie unter sie. Tätigte ein Einzelner einen Einkauf, so 
mußte er dem Genossen, der bei dem Handel zugegen 
war, einen Teil davon zum Kaufpreise abtreten 1 ). 

Ahnlich in einzelnen Städten Englands, noch im 
XVII. Jahrhundert. So war nach dem Statut der 
Zimmerleute zu Worcester aus dem Jahre 1692 jedes 
Zunftraitglied verpflichtet, seinem Genossen, der nicht 
mehr als ein Drittel des eingekauften Bauholzes zum 
Kaufpreise beanspruchte, hierin entgegenzukommen 2 ). 

Ist aber so dem Meister der eine Weg, durch 
billigere Bezugspreise der Rohstoffe einen größeren 
Produktionsvorteil als sein Genosse zu erzielen, ab- 
geschnitten, so bleibt ihm noch ein anderer offen, 
nämlich mehr und billigere Arbeitskräfte zu be- 
schäftigen. Um die Gleichheit der Produktions- 
bedingungen auch nach dieser Richtung hin zu wahren, 
setzten die Zünfte in der Tat die Anzahl von Lehrlingen, 
später auch von Gehilfen und einen gleichmäßigen 
Arbeitslohn fest. Auch in dieser Beziehung zeigen die 
italienischen, französischen, deutschen und englischen 
Zunftstatuten im großen und ganzen eine entschiedene 
Ähnlichkeit mit einander. Jene Vorschrift wird im 
Anfang sehr streng, später aber milder gehandhabt, 
beschränkt aber um so mehr den Meister in anderer 
Hinsicht. So zahlte der Bäcker zu Exeter von jedem 
Arbeiter, den er über die vorgeschriebene Zahl und 
für mehr als für vier Wochen und einen Tag mietet, 



1 ) Fagniez. S. 111. 112. 

2 ) T. Smith. Gild of the joiners and carpenters of Worcester. 
S. 210. 



Drittes Kap.: Der wirtschaftliehe Charakter des Zunftwesens. 187 

12 Denare, welche je zur Hälfte der Zunft und der 
Stadtkammer zuflössen. 

Nach diesem allgemeinen Hinweis wollen wir 
nun im einzelnen die Vorschriften über die Zahl der 
Lehrlinge und Gesellen zur weiteren Wahrung der 
wirtschaftlichen Gleichheit der Betriebe einer Prüfung 
unterziehen und beginnen zunächst mit Italien, von 
dem wir ja die frühesten und ausführlichsten Nachrichten 
besitzen. Das Statut der Maurer zu Bologna von 
1250 bestimmt, daß es keinem Mitgliede frei stehen soll, 
aus freiem Entschluß einen Lehrling aufzunehmen 1 ). 
Um dieses Verbot zu verstehen, müssen wir die 
Vorschriften anderer Zünfte zur Vergleichung heran- 
ziehen. In der Regel durften die Meister nur zwei 
Lehrlinge halten, einzelne Zünfte gestatten sogar nur 
einen, andere wieder machen eine Ausnahme für 
minderjährige Söhne und Neffen von Meistern 2 ). 
Auch in denjenigen Gewerbzweigen, in denen zu 
ihrer Förderung der Doge und die Richter mehr 
Lehrlinge zu beschäftigen gestatteten, war die Anzahl 
der Hilfsarbeiter auf ein festgesetztes Maß beschränkt. 
So durften die Böttcher zu Venedig nach ihrem 
Statut von 1388 einerseits nach Anordnung des 
Dogen, seines Beirats und der Richter eine beliebige 



x ) Quod nemo debeat aliquem suo ingenio accipere disci- 
pulum. (Staatsarchiv von Bologna.) 

2 ) Capitulare artis Callefatorum zu Venedig von 1271 : 
Quilibet magister dicte artis potest habere et tenere secum et 
adducere ad laborandum secum filios fratris et sororis de minore 
aetate annorum 11. — Statuta artis urciorum, A. 1319: Quod 
nullus magister posset tenere nisi unum descentem (sie) ad 
adiscendum artem urciorum. Ähnliches im Statut der römischen 
Krämer aus dem Jahre 1317. — In einer HS. der Bibl. Casa- 
matense heißt es von den Hutmachern : Quod quieunque capel- 
larius . . . possit habere per apothecam duos laborantes et non 
plus sub pena 40 sol. 



188 Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Anzahl von Lehrlingen gegen Kost, a pan ed a vino 
aufnehmen *), andererseits aber wird ihnen bei Strafe 
von 20 solidi, de picoli, verboten, mehr als einen 
Hilfsarbeiter zu verwenden 2 ). Bei Zünften, so bei den 
Bäckern zu Venedig, die nur Meistersöhne als 
Lehrlinge und später als Genossen aufnahmen 3 ), 
war diese Vorschrift offenbar überflüssig, ebenso bei 
den Kürschnern zu Pisa, die nach Bestimmung 46 
ihres Statuts von 1304 nur Söhne oder Brüder von 
Meistern in die Lehre nehmen durften 4 ). Dieselben 
Statuten verbieten ferner, Arbeiten Lehrlingen unter 
16 Jahren zu übertragen, und gebieten, nur solche 
Hilfsarbeiter zu beschäftigen, die der Zunft angehören 
und die festgesetzten Beiträge entrichten. Nach all 
diesen Vorschriften hatte offensichtlich kein einziger 
Meister gegenüber seinen Genossen einen Vorsprung 
hinsichtlich der Zahl der beschäftigten Arbeiter. 
Andere Statuten, die direkte Vorschriften über Lehr- 
linge nicht enthalten, verbieten dem Zunftmitgliede 
durch Angebot besserer Bedingungen seinem Genossen 
Lehrlinge zu entziehen, oder (Statut der Schuhmacher 
zu Pisa 1334) gerade dann Lohnerhöhungen einzu- 



2 ) Ordenado fo per miser lo doge e lo conseio e per li 
custisieri che caschun maistro posa tor quanti fanti li plasera 
a pan ed a vino per insignar li arte. 

2 ) Ma no posa tor plu de maistro soto pena de sol XX 
de picoli per caschun die lo quäl tegnise plu de maistro lo 
lavorente. (A.. 1338. Octobre. Indict VII. Museo Correr, Venezia). 

3 ) Chel gastaldo non possa recever nissun in bascuola de 
pistori sei non fosse fioli o figli de pistori sotto pena di libri 
3. (Statuti artis pistorum. 1333. Museo Civico Correr.) 

4 ) Quod nullus laborator in dicta arte possit vel valeat 
retinere per se aliquem puerum ullo modo nisi illum tenuerit 
ad suum suprascripti laborantis panem et vinum ; et nisi fuerit 
eiüs filius vel germanus. (Breve artis pellipariorum. 1304. 
Bonaini, Statuti Pisani. Bd. III.) 



Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 189 

führen, wenn der Genosse Bedarf nach Lehrlingen 
hat 1 ). 

Aus demselben Grunde war bei Strafe verboten, 
Lehrlinge an andere Meister zu überweisen oder 
Hilfsarbeiter einander zu entziehen. Die Weber zu 
Pisa durften keinen Arbeiter annehmen, der bei 
einem andern Meister die Arbeit niedergelegt hat 
(§ 66), ohne den empfangenen Vorschuß zurück- 
erstattet zu haben. Die Gerber weisen Lehrlinge 
zurück, die vor Ablauf der Lehrzeit ihren Meister 
verlassen haben 2 ). 

Das Statut der Schneider zu Laudi setzt eine 
Strafe auf die Aufdingung eines fremden Lehrlings 
und verbietet diesem, von seinem Meister fortzugehen, 
nachdem er von ihm eine Vergütung empfangen hat 3 ). 
Die Waffenschmiede zu Perugia verbieten bei Strafe, 
ohne Erlaubnis seines Lehrherrn einen fremden 
Lehrling anzunehmen 4 ). Keiner solle es wagen, 
heißt es im Statut der Schuhmacher zu Verona aus 
dem XIV. Jahrhundert, gegen Geld seinen Lehrling 
einem anderen Meister zu überlassen 3 ). Richtig ist 
demnach das zusammenfassende Urteil Orlandos, daß 
eine bestimmte Anzahl von Hilfsarbeitern vorge- 
schrieben und streng verboten war, einen Hilfsarbeiter 
von einem Meister an einen andern zu übergeben 
oder Arbeiter einander zu entziehen. 

An der Hand der Zunftstatuten von Mailand 
weist ferner Orlando nach, daß ähnliche Be- 
schränkungen auch hinsichtlich des Lehrlingswesens 



1 ) ibid. Bd. III. Breve delF arte de' calzolai. 

2 ) ibid. Breve coriariorum aque frigide. § 23. 

) Statuta collegii sartorum Laudis Pompeiae, 1261. (Mis- 
cellanea di storia ital. Tor. Bd. VII.) 

4 ) Fabretti. Do-cumenti di storia Perugina. Bd. I. 8. öS. 

5 ) Statuti dell arte di carzolai. (Biblioteca di Verona.) 



190 Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

bestanden haben. Da aber diese Statuten einer ver- 
hältnismäßig späteren Zeit entstammen, ergibt sich, 
daß in den Vorschriften über diese Verhältnisse nicht 
ein vorübergehendes Interesse, vielmehr eine der 
Lebensfragen des zünftigen Handwerks ihren Aus- 
druck gefunden hat 1 ). 

Wie stellten sich aber zu dieser Frage die an- 
deren Länder, in erster Reihe Frankreich? Die 
Statuten, die in das Werk von Etienne Boileau Ein- 
gang gefunden haben, zeigen, daß von achtundsiebzig 
Zünften neunundvierzig eine bestimmte Anzahl von 
Lehrlingen vorschreiben und nur neunundzwanzig 
Beschränkungen in dieser Beziehung nicht auferlegen. 
Ähnlich wie in Italien, wurden auch hier Söhne, 
Brüder und Neffen von Meistern und Söhne von 
verheirateten Meisterwitwen ohne weiteres als Lehr- 
linge zugelassen 2 ). Der Meister durfte seinen Lehr- 
ling einem anderen Genossen nicht zur Verfügung 
stellen 3 ). Auch in anderen Städten Frankreichs, so 
in E/Ouen, waren die Meister denselben Beschränkungen 
unterworfen. 

Fast alle Zunftstatuten verbieten, Lehrlinge in 
größerer Anzahl als vorgeschrieben, zu halten. Meistens 
durften die Meister nur einen Lehrling halten. Das 
Verbot: „Nul maistre ne pourra tenire que ung 
apprentiz" kehrt in den Statuten der Kämmer zu 
Eouen (1397), der Kerzengießer derselben Stadt (1360), 
der Knopfmacher (1399), der Dachdecker und Sattler 



1 ) Orlando. Delle fratellanze artigiane in Italia. S. 102. 

2 ) Fagniez. S. 57. 

3 ) Nus vallez ne peut prendre aprentiz tant qu'il soit en 
autrui Service . . . Nus ne peut prendre aprentiz se il ne le met 
en oeuvre de son propre chetel. Nus vallez ne nus mestre ne 
peut aprentiz prendre pour metre en oeuvre en autrui ovroer, 
que en son propre ovroer. (Depping. Livre des metiers. S. 66.) 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. ] 9 1 

(1358), der Hechler (1394) und der Futteralmacher 
(1402) wieder x ). Zu ähnlichen Beschränkungen 
griffen auch die Zünfte zu Tournay, Arras und 
Paris 2 ). 

Bezeichnend ist, daß die Verbote sich nicht 
immer auf die Lehrlinge allein beschränkten. In 
Arras durften zwar die Feinbäcker nur vier garcons 
halten, von denen einer als Lehrling im Hause des 
Meisters wohnte, während die anderen drei als Aus- 
träger dienten. In den größeren gewerblichen und 
Handelsstädten aber, wo mit dem Wachstum der Ein- 
wohnerschaft der Großbetrieb aufkommt, erwies sich 
die Beschränkung der Zahl der Hilfsarbeiter als ein 
Hindernis der Entwicklung. Bereits zu Ende des 
XIII. Jahrhunderts zeigten die Pariser Zünfte die 
Neigung, diese Beschränkung aufzugeben. Die Seiler 
und Geflügelzüchter durften beliebig viel Knechte 
halten 3 ). Dagegen wurde die Annahme Vertragsbrüchiger 
Arbeiter streng verboten 4 ), ebenso wie die Tätigkeit 
eigener Lehrlinge für andere Meister 5 ). 

Auch in Deutschland waren die Meister bei der 
Verwendung von Hilfsarbeitern Beschränkungen unter- 
worfen. Die meisten Lübecker Zunfthandwerker 



: ) Ouin Lacroix. Statuts des tisserands de Tournay. S. 749. 
Best. 5. — Statuts des boulangers d'Arras, ibid. S. 735. § 15. 

2 ) ibid. S. 587. 606. 641. 655. Die Statuten rechtfertigen 
die Vorschrift, nur einen Lehrling zu halten, mit dem Hinweise 
auf die schwierige Erlernung des Handwerks (ibid. S. 641); der 
wahre Grund aber war das Bestreben einem künftigen Wett- 
bewerb vorzubeugen. 

3 ) ibid. S. 737. — 4 ) ibid. S. 746. 

5 ) Statuts des filassiers et filassieres 1394. Que nul ne 
nulle du dit mestier ne peut avoir apprentice si eile ne la mit 
en oeuvre de soy et a son oeuvre sans aller querir autre oeuvre 
aux maitresses dudit mester et aussi que nul ne nulle ne leur 
baille que pour lesdites apprentices mestre en oeuvre. 



192 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

durften, wie Wehrrnann zeigt, nur einen Lehrling 
und nicht mehr als zwei Gesellen halten. Weniger 
streng übten diese Vorschrift das Bau- und einige 
andere Gewerbe, doch durften die Maurer nicht mehr 
als vier Gesellen verwenden 1 ). Sehr streng ging man 
gegen Gesellen vor, die den Dienstvertrag brachen. 
Wer bei den Malern und Glasern „mit Unwillen" 
den Meister verläßt, büßt für ein ganzes Jahr das 
Recht des Gewerbebetriebes ein. Derselben Strafe 
waren bei den Böttchern der rückfällige Geselle und 
der Lehrling unterworfen 2 ). Sehr häufig kommt das 
Verbot vor, so in den Statuten der Hamburger Zünfte, 
einen Arbeiter ohne Erlaubnis des früheren Meisters 
in Dienst zu nehmen 3 ). 

Bei den Hamburger Kürschnern durfte man 
mit einem Knecht nur acht Tage vor Ablauf seines 
bisherigen Dienstverhältnisses einen Vertrag schließen. 
Durch Anbieten von Angeldern Knechte an sich zu 
ziehen, war verboten. Ein Knecht, der zum zweiten 
Male seinen Herrn im Stiche läßt, verliert für immer 
das Recht zum Handwerksbetriebe 4 ). Einzelne Zünfte 
setzten die Aufdingungszeit für Knechte zu Mitte der 
großen Fasten und zu Michaelis fest 5 ). Die Schuh- 
macher und Schneider zu Wernigerode durften, wie 
Meister an der Hand der ältesten Zunftstatuten zeigt, 
nur einen Lehrling und zwei Gesellen halten G ). 

Ahnliche Vorschriften führten die späteren 
Lüneburger Zünfte des XV. und XVI. Jahrhunderts 
ein. Bei den Böttchern wurden zwei Hilfsarbeiter, 



!) AVehrmann. S. 114. 117. 119. - 2 ) ibid. S. 118. - 3 ) ibid. 
S. 1375. 250. Statut der Eisenschmiede und Schuhmacher. S. 376. 

4 ) Rüdiger. Die ältesten Hamburgischen Zunftrollen. S. 181. 

5 ) ibid. S. 202. 

6 ) Meister. Die ältesten gewerbl. Verbände der Stadt 
Wernigerode. S. 32. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 193 

bei den Schmieden ein Lehrling und ein Geselle und 
bei den Hutmachern ein Lehrling und zwei Arbeiter 
zugelassen 1 ). Das Verbot, fremde Arbeiter auszumieten, 
findet sich in den genannten Städten, wie auch in 
Bremen. Vorschriften, nicht mehr als einen Lehrling 
und zwei Gesellen zuhalten, und einen Vertragsbrüchigen 
Arbeiter nicht in Arbeit zu nehmen, sind auch in 
Schlesien häufig 2 ). 

Daß auch die englischen Zünfte denselben Weg 
eingeschlagen haben, zeigt Exeter, wo die Schneider 
nach dem Statut nur einen Lehrling und zwei Ar- 
beiter beschäftigen durften 3 ). In Worcester verbieten 
die Zimmerleute bei Strafe, einen Lehrling in der 
Absicht aufzunehmen, ihn einem andern Meister zur 
Verfügung zu stellen 4 ). 

Es ist bekannt, welche Bedeutung die Frage 
billiger ausländischer Arbeitskräfte in unseren Tagen 
hat. Im Norden Frankreichs werden die einheimischen 
Arbeiter von den belgischen, im Süden von den 
italienischen Arbeitern stark bedroht, und dieser rein 
wirtschaftliche Kampf, so sehr er auch nationalistisch 
verschleiert wird, führt zur Bereicherung der Unter- 
nehmer und zum Untergang der einheimischen Ar- 
beiter. Solchen Störungen des Gleichgewichts be- 
gegneten schon die Zunftstatuten und wie auf Ver- 
abredung setzten sich alle Zünfte dagegen zur Wehr. 

Hinsichtlich Italiens muß man aber eine Ein- 
schränkung machen. In einzelnen Stadtgemeinden, 
in denen die rasche Entwicklung des Gewerbes alle 
anderen llücksichten zurückdrängte, begünstigte man 
den Zuzug fremder Handwerker. So wird in Padua 



i) Bodemann. S. XLIV. 

2 ) Codex diplomaticus Silesiae. S. XLV. 

3) T. Smith. English Gilds. S. 315. - 4 ) ibid. S. 209. 

Kowalewsky, ökonomische Entwickelumj- Europas V. lo 



1 94 Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

im Jahre 1261 den eingewanderten Gewerbtreibenden 
gestattet, gleich den Einheimischen auf Bestellung zu 
arbeiten. Das Verbot des Jahres 1296, Fremde zu 
gastalden oder in den Vorstand zu wählen, läßt auf 
die Stellung schließen, die sie bis dahin eingenommen 
haben. In Sicilien, wo schon Friedrich II. die Ab- 
geschlossenheit der Zünfte mißbilligte, finden wir 
in den Statuten von Palermo folgende deutlich für 
sich sprechende Bestimmung: artifices omnes mecha- 
nicarum artium sive cives, sive exteri fuerint, eorum 
officium absque dolo et fraude in civitate Panhormi 
exercere possunt 1 ). 

In Venedig wurden fremde Meister und Lehrlinge 
nur vorübergehend, unmittelbar nach der Pest, zu- 
gelassen. In der Kegel aber verbieten die Zunft- 
statuten bei Strafe der Ausstoßung aus der Zunft 
(das Statut der Kürschner von 1312), fremde Arbeiter 
in Dienst zu nehmen oder fertige Ware bei ihnen 
zu kaufen. Nach dem Statut der Ruderer (ramerii) 
durfte ein Fremder, solange er nicht Zunftmitglied 
war, weder persönlich, noch durch Vermittlung Ruder 
verkaufen 2 ). Mit diesem Verbot wollte man offenbar 
dem fremden Wettbewerb begegnen 3 ). Daß der Zu- 
tritt zur Zunft einem Fremden erschwert war, geht 
daraus hervor, daß von ihm nach dem Statut der 



*) Orlando. S. 110. 

2 ) Matricola dei rameri des Jahres 1307, in der Hand- 
schriftensammlung des städtischen Museums von Venedig. 

3 ) Che algun de la presente arte non presuma lavorare 
ne far lavorar algun lavorer crudo dalgun forestiero ne algun 
lavorer lo quäl algun forestier fesse lavorar presuma comprar 
en pena del bando del arte. (Handschrift Nr. 2 des städtischen 
Museums zu Venedig, die auch das Statut der sog. pelizers, 
d. h. der Pelzmacher von 1801 enthält.) 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 195 

Böttcher von 1338 beim Eintritt ein Mehrbetrag von 
fünf großen Solidi verlangt wurde 1 ). 

In anderen Städten, so in Pisa, war die Auf- 
nahme eines Fremden in die Zunft an hohe Beiträge 
geknüpft. Laut Statut der Schuhmacher aus dem 
Jahre 1334 hatte der Fremde, forestiere, beim Ein- 
tritt zehn livre zu zahlen 2 ). 

Durch das Verbot, abseitsstehenden und auf das 
Handwerk nicht vereidigten Arbeitern Aufträge zu 
geben, beim Tuchweben keine fremden Arbeiter zu 
verwenden, oder bei ihnen Erzeugnisse zu kaufen, 
machten die Zunftstatuten von Siena jedweden fremden 
Wettbewerb unmöglich 3 ). In solchen Städten, wie bei- 
spielsweise in Mantua, wo man sogar den Zuzug 
von Fremden durch Befreiung von Abgaben für die 
ersten zehn bis zwanzig Jahre begünstigte 4 ), suchten 
die Zünfte den Wettbewerb der eingewanderten Meister 
und Arbeiter dadurch fernzuhalten, daß sie sie zum 
Beitritt zwangen 5 ). 

Ein noch schwerwiegenderes Mittel, um den Er- 
trag der Unternehmung auf gleicher Höhe zu erhalten, 



1 ) Matricola dei bateglieri a. 1338. ibid. 

2 ) Di non incarare lo fante se non paga, libri X. (Bonaini. 
Bd. III. Breve dell arte de Calzolai.) 

3 ) Polidori St. Senesi nei sec. XIII, e XIV. Distinz. VIII. 
Cap. VI. XXVII und XXXIII. Collezione di opere inedite e 
rare: Statute- delTuniv. ed arte della lana di Siena div. in 8 
dist. 1298—1309. - Banchi. St. Senesi dell'arte deUa lana di 
Radicondoli 1308—1388. Cap. XLIV. 

4 ) D'Arco. Della economia pol. del munieipio di Mantova. 
1842. B. I. S. 266. 1288 gewährte man das Vorrecht für 10, 
1289 für 20 Jahre. 

) Statuimus quod forenses sive de aliena terra qui volu- 
iTiint venire ad hanc artem sive laborare vel stationem tenere 
in civitate Mantuae, solvere debeant pro intrata dicti paratici . . . 
(Statuta et ordinamenta aurifieuni civ. Mantuae A. 1310). 

13* 



196 Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

waren die Lohnsatzungen, die von der Versammlung 
der Meister festgesetzt und mit besonderer Strenge ge- 
handhabt wurden. Auch in dieser Hinsicht gleichen 
die italienischen den deutschen und französischen Zunft- 
statuten. Greifen wir nur einige Beispiele heraus. 
Nach dem Statut des Wollengewerbes aus dem An- 
fang des XIY. Jahrhunderts durften die Meister nur 
den vereinbarten Tagelohn zahlen *) und die Arbeiter, 
namentlich die Weber durften nicht mehr verlangen. 
Dem Weber wird verboten, sich auf einmal für zwei 
Bestellungen zu verpflichten, damit nicht, wie das 
Statut erläutert, nur ein Stück in der Arbeit am 
Webstuhl ist, während das andere ruhen muß 2 ). Für 
die Arbeiter ist ein bestimmter Lohnsatz vorgeschrieben: 
für die eine Arbeit ein Stücklohn, für die andere ein 
Tagelohn; der Tagelöhner durfte keinen Stücklohn 
fordern 3 ). 

Zu derselben Zeit waren die Kürschner einer 
Vorschrift unterworfen, auf die die Meister vereidigt 
wurden, nämlich dem Arbeiter nicht unter zwei und 
nicht über sechs solidi im Jahre zu zahlen 4 ). Wenn 
nicht alle Zunftstatuten Vorschriften über die Löhnung 
enthalten, so erklärt sich dies dadurch, daß diese 
Angelegenheit, wie noch gezeigt werden soll, in den 
Händen des Stadtrats lag. In den Statuten von Pisa 
aus dem Jahre 1324 finden sich ganze Lohntaxen, 
die, eine nach der andern, im Jahre 1330, 1344 und 
1351, unmittelbar nach den Verheerungen durch die 
Pest, Änderungen erfahren haben. Diese enthalten 
bestimmte Lohnsätze für die Meister und Lehrlinge 
oder Knechte, die mindestens ein Jahr im Dienste 



i) Bonaini. Bd. III, S. 663 § 43. 

2) ibid. § 66. 

3 ) ibid. § 67, 69, 71. 

4 ) ibid. Breve pellariorum del ponte novo § 6. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 197 

waren; sie hatten im ersten Jahre keinen Anspruch 
auf irgend eine Bezahlung 1 ). 

Ahnliche Lohntaxen finden wir im ältesten Stadt- 
statut von Mantua aus dem Anfang des XIV. Jahr- 
hunderts 2 ) und in dem von Parma aus dem Jahre 
1255. Danach durften die Weber für die Anfertigung 
eines Stücks von zwei Breiten nicht mehr als 2 solidi 
fordern 3 ). In Frankreich, insonderheit in Paris, lag 
es den Zünften, wie Fagniez zeigt, daran, einen un- 
abänderlichen Lohnsatz einzuführen. So war es den 
Schneidern nach dem Livre des metiers verboten, 
mehr als den üblichen Lohn zu verlangen. Die 
Scherer schrieben 2 mit oder 3 solidi (ohne Be- 
köstigung) auf den Tag vor. Im übrigen stand auch 
in Frankreich die Regelung der Löhne mehr den 
Stadtbehörden, als den Zünften zu 4 ). 

Einen weit größeren Anteil an den Lohnfestsetzungen 
hatten die deutschen Zünfte. Im Baugewerbe, wo 
ein Tagelohn üblich war, wurde nach Schönberg seine 
Höhe von der Meisterversammlung festgestellt und 
streng überwacht. Viel schwieriger war die Regelung 
des Stücklohnes, aber auch hier war man nicht selten 
bemüht, feste Taxen einzuführen. Die Unzufrieden- 
heit der Arbeiter mit den Lohnsätzen führte mehrmals 
zu den Zusammenstößen mit den Meistern, die wir 
oben für die zweite Hälfte des XIV. Jahrhunderts 
angeführt haben. Sehr oft griff der Stadtrat zur 
Regelung der Löhne und zwar beteiligten sich daran 



i) Bonami. Bd. IL S. 1204. 1223. 

2 ) Carlo d'Arco Geschichte Mantuas Buch IV. Anhang Nr. 41. 

3 ) De texitoribus. Quod omnes texitores tarn masculi quam 
feminae non habeant de testura panni pro precio et factura 
panni duorum lenzolorum de passo 8 sol. parm. etc. (Stat 
communis Parmae. S. 201.) 

4 ) Fagniez. S. 88. 



198 Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

gleichzeitig mehrere Städte, wie Hamburg, Lübeck, 
Stralsund u. a. m., die hierzu durch die Lohnforderungen 
der Knechte, die nach der Pest aufgestellt wurden, 
veranlaßt wurden *). 

Da die Meister die Arbeiter fast immer in Kost 
nahmen, so waren für sie die festgesetzten Feiertage 
und die Sonntagsruhe nicht etwas Unwesentliches. 
Es lag ihnen vielmehr daran, daß die Vorschriften 
über die Einstellung der Arbeit zur vorgeschriebenen 
Zeit genau befolgt wurden, um die Gleichheit der 
Produktionsbedingungen zu wahren 2 ). Wie groß die 
Zahl der Ruhetage war, kann man daraus ersehen, 
daß die Perlenfasser zu Mantua vierundfünfzig, den 
ersten Ostertag nicht inbegriffen, hatten; die zwei- 
undfünfzig Sonntage hinzugerechnet, machten die 
Feiertage also mehr als ein Vierteljahr aus 3 ). 

Mehrere italienische Statuten schreiben außerdem 
vor, daß am Sonnabend nachmittags die Arbeit ruhen 
soll 4 ), wodurch die Arbeiter weitere sechsundzwanzig 



1 ) Schönberg S. 99—105. 

2 ) Die italienischen Zunftstatuten wenden gewöhnlich 
folgende Formel an : Kein Zunftmitglied soll es wagen, an den 
Festtagen und den anderen festgesetzten Tagen zu arbeiten, 
oder: Beim dritten Glockenschlag vor der Abendmesse soll die 
Arbeit aufhören und bis Montag zum Sonnenaufgang ruhen. Die 
Bestimmung von den diebus festivis celebrandis kommt in allen 
Zunftstatuten vor. Vergl. Statuten der Böttcher und Ruderer 
von 1338 und 1380 und das Statut der ars calimalae zu Florenz 
bei Gludici, Buch 3, § 5. 

3 ) Breve delTarte de'Calzolai vom Jahre 1334. 

4 ) Attilio Portioli. Le corporazioni artiere (Archivio della 
camera di commercio di Mantova) S. 114, 115. Et in diebus 
sabatorum, heißt es in Breve fabrorum Pisae, post nonam usque 
ad diem lune claram nullus faber laboret .... Bonaini § 44. 
Statuto delTarte di chiavari di Siena. An 1323. cap. 15. Di 
non lavorare lunedi mattina innansi che vadano a la chiesa . . . 
lo che e prova di troppo cupiditä e segno di poca divozione. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 199 

Ruhetage hatten. Fügen wir noch hinzu, daß einzelne 
Zünfte, so die der Schuhmacher zu Pisa, außer den 
Sonntagen noch fünfundsechzig Feiertage hatten, so 
sehen wir, daß im mittelalterlichen Italien die Arbeits- 
tage kaum zwei Drittel des Jahres ausgemacht haben. 
Es ist selbstverständlich, daß in der ganzen katholischen 
Welt die gleichen Verbote, wie in Lübeck, Paris, 
Straßburg und in London, in Kraft waren, und ein 
volles Drittel des Jahres für die arbeitende Bevölkerung 
Arbeitsruhe herschte 1 ). 

Hatte man so zur Aufrechterhaltung der Gleich- 
heit der Arbeitsbedingungen den Ankauf von Roh- 
stoffen und die Zahl der Hilfsarbeiter geregelt, so 
glaubte man nunmehr dafür Vorsorge treffen zu sollen, 
daß der einzelne Meister durch Errichtung einer 
zweiten Werkstätte in Gemeinschaft mit einem Ge- 
nossen oder Gesellen seinen Betrieb nicht erweitere, 
daß er keine Abmachungen über Preise treffe und 
keine Nebenberufe treibe. Vereinigungen, die für 
den Handel zulässig waren, erscheinen in den Augen 
der Handwerkerzünfte als Verschwörungen. Die 
Zünfte weisen stets darauf hin, daß durch solche 
„verschwörerische" Vereinigungen Preise vereinbart 
werden könnten, die weder der Verkäufer noch der 
Käufer billigen würden 2 ). 



r ) Siehe zu dieser Frage Fagniez. S. 117. T. Rogers. Ge- 
schichte der Landwirtschaft und der Preise in England. Bd. I, 
das Kap. über Arbeit und Arbeitslohn. Gierke, Wehrmann, 
Schönberg, u. a. m. 

2 ) Nullam conspirationem cum aliquo faciam, heißt in 
der Eidesformel der Zimmerleute, marangoni, zu Venedig, deren 
capitulare von 1271 sich im Staatsarchiv befindet. Als einzelne 
Kürschner zu Venedig im Jahre 1334 eine Vereinbarung ge- 
troffen hatten, den Preis für 100 Wolfsfelle von 30 auf 36 
Denare zu erhöhen, so bezeichneten die Richtei dieses 
Vorgehen als eine vollkommene Verschwörung wider das Statut. 



200 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Hie und da werden derartige Vereinigungen zu- 
gelassen, aber nur auf bestimmte Zeit, so z. B. bei 
den Kürschnern, se non una stazon, d. h. für die 
Saison. Sonst waren Unternehmerverbände ohne Ein- 
schränkung verboten, so bei den Tuchern zu Be- 
logna nach dem Statut von 1380 x ) und bei den 
Böttchern zu Venedig 2 ). 

Häufig kehrt das Verbot wieder, di non fare 
compagnia col fante 3 ). Mitglied zweier Genossen- 
schaften zu sein und demgemäß zwei Berufe neben- 
einander zu treiben, ist streng verboten. So heißt 
es im ältesten Statut der Tucherzunft calimale zu 
Florenz: Beteiligt sich jemand gleichzeitig an zwei 
oder mehreren Genossenschaften, so sollen ihn die 
Zunftvorsteher, Konsuln, auf Veranlassung einer dieser 
Genossenschaften zum Austritt zwingen. Diese Be- 
amten hatten die Aufgabe, im Laufe der ersten zwei 
Monate ihrer Tätigkeit über die Zugehörigkeit der 
Mitglieder zu fremden Genossenschaften Erkundigungen 
einzuziehen. Bei einer Strafe von 100 livres werden 






J ) Che algun de questa arte non possa far compagnia cum 
algun a lavorar questa arte in Venetia per modo ni ingegno 
sotto pena a voluntade de li signori Justisieri (Handschrift im 
Museum von Venedig). 

2 ) De conspirationibus non faciendis. Das Statut der 
Barbiere von Mailand verbietet, mehr als einen Laden aufzutun 
(Orlando S. 103). 

3 ) Bonaini. Breve Pellariorum del Ponte Novo, an. 1303. 
Bestimmung VI. Das Statut der AVollenweber zu Siena (1298 — 1309, 
Bestimmung 39) schreibt vor, daß ohne Wissen und Erlaubnis 
der Konsuln und des Zunftrates kein Färber mit seinem Ge- 
nossen Abmachungen betreffs des Handwerksbetriebes treffen 
soll. Das Statut gebraucht hier Ausdrücke wie diese : fare 
comunita o unione, o lega, o setta, o conspirazione, o posta 
con veruno. (Collezione di opere inedite e rare. St. Senesi 
nei secoli XIII. XIV.) 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 20 L 

die Schuldigen aufgefordert, fremden Genossenschaften 
fern zu bleiben 1 ). 

Verboten war, mehr als eine Werkstätte zu er- 
richten, außerhalb des Ladens Ware feilzubieten 2 ), 
Käufer anzurufen 3 ) oder sie anzuhalten, nachdem sie 
schon einen anderen Laden betreten haben u. a. m 4 ) 
Die Weinhändler durften nicht ausrufen: „hier guter 
Wein!", oder ihn durch Ladenmädchen verkaufen 
lassen, oder Schankstuben eröffnen, Glücksspiele und 
Freudenmädchen bei sich dulden 5 ). 

In demselben Interesse der Gleichheit und Brüder- 
lichkeit wird untersagt, die Fertigstellung einer von 
einem Genossen angefangenen Arbeit ohne seine Er- 
laubnis zu übernehmen 6 ). 

Aber die Gleichheit konnte noch dadurch ge- 
fährdet werden, daß ein Meister die Kunden eines 
Genossen durch Kreditgewährung an sich reißt. Auch 
dies suchten die italienischen Zunftstatuten dadurch 
zu verhindern, daß sie entweder Arbeit auf Teil- 
zahlung überhaupt verbieten, oder den Kredit auf 
eine geringe Summe beschränken. 

So wurde in Siena den Tuchfabrikanten verboten, 
irgend jemandem, außer den Genossen und deren Frauen, 

r ) Filippi. L'arte dei mercanti di calimala. Buch III, § 39, 
S. 12Ö. 

2 ) Statut der Apotheker zu Pisa, hrsg. von Sambrini in 
Scelta di curiositä letterarie. Dispensa 208, S. 41, Kap. XIII. 

3 ) De non vocando emptorem ad suam apothecam. (Breve 
artis pellipariorum. A. 1304. Pisa.) 

4 ) Breve dell'arte de'calzolai. A. 1334. Pisa. §41. 

"') Breve artis vinariorum. A. 1303, § 39, 40, 53, 55, 57. 
Ferner das Statut der Fleischer zu Siena von 1288. Kap. 37. 
Bestimmung 39 verbietet, einen Käufer anzuhalten, der schon 
einen anderen Fleischladen betreten hat. 

6) Quod nemo aptet aliquod opus inceptum per alium ad 
aptandum sine licentia eins qui prius incepisset. (La matricola 
dell'arte degli spadari 1298. Perugia.) Fabretti. Documenta di 
storia Perugina Bd. I, S. 58. 



202 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Kindern und Verwandten, Tuch auf Kredit zu ver- 
abfolgen, fare credenza d'alcuno panno 1 ). Von diesem 
Verbote waren jedoch Kreditgewährungen in der Höhe 
bis 100 solidi ausgenommen 2 ), worunter sehr wahr- 
scheinlich unverzinsliche Darlehen gemeint sein 
dürften, die zu gewähren nur die Vollgenossen der 
Zunft das Recht hatten. 

Der Zweck dieser Verbote war offenbar, niemanden 
beim Vertrieb seiner Erzeugnisse eine Ausnahme- 
stellung einnehmen zu lassen. 

Wenn wir von Italien zu Deutschland übergehen, 
so haben wir hier nicht lange nach Koalitionsverboten 
für die Meister zu suchen. Noch im Jahre 1378 
hielten die Kölner Hutmacher das Verbot aufrecht, 
„Geselschaft samen hauen insoelint noch in eyrs huys 
samen wirken insoelint" 3 ). 

Ahnliche Vorschriften finden wir bei den Lübecker 
Zünften sogar noch im XV. und XVI. Jahrhundert 4 ). 
Das Statut der Goldschmiede von 1492 bestimmt, daß 
kein Meister sich mit seinemLehrknecht verbinden soll 5 ). 

In Frankreich zeigt Boileaus Lwre des metiers 
ein ebenso entschiedenes Koalitionsverbot. Zwei Färber- 
meister, heißt es in der Sammlung der Pariser Zunft- 
statuten, dürfen miteinander keine Gesellschaft für 
ihr Geschäft begründen 6 ). Sowohl Sitte, wie Gesetz 
verfolgen alle Vereinbarungen der Meister, die eine 
Preissteigerung zum Ziele hatten. Nach den Coütumes 
der Provinz Beauvais, die der berühmte königliche 

*) Statute» dell'Universita ed arte della lana di Siena 
(1298—1309) Kap. 68. 

2 ) ibid. Kap. 56. 

3 ) Ennen, Geschichte der Stadt Köln. Bd. I, 'S. 333 Anhang. 

4 ) Wehrmann S. 274 und 196. 
s) ibid. S. 219. 

6 ) Ne se pourront doy maistres teinturiers aecornpaigner 
ensemble a perte ou ä gaigne pour teindre a autrui 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche < Jharakter des Zunftwesens. 2Q'ö 

bailli Beaumanoir zusammengestellt hat, unterlagen 
Zuwiderhandelnde einer Gefängnisstrafe und einer 
Buße von 60 solidi. Auch die Zunftstatuten nahmen 
die gleiche Stellung ein. Bei den Tuchwebern hatten 
die Aufseher, gardes, nach dem Organisationsstatut 
die Befugnis, bei Übertretung des Koalitionsverbots 
Strafen zu verhängen. 

Die Regelung des Handwerksbetriebs und die 
Vorschriften über die sachgemäße Beschaffenheit der 
Erzeugnisse waren in erster Linie auf das Interesse 
der Kunden bedacht. Aber ihre gleichmäßige An- 
wendung beengte zugleich den technischen Spielraum 
des Handwerks und stand offenbar der Entwicklung 
des Großbetriebes im Wege. 

Die technische Seite des Handwerks gehört 
nicht in den Rahmen unserer Untersuchung, und 
die zahllosen Vorschriften über die Beschaffenheit 
der Hand Werksprodukte haben uns nicht zu beschäftigen. 
Es braucht auch nicht weiter betont zu werden, daß 
diese bis ins Einzelne gehenden Satzungen den 
technischen Fortschritt und die Verbilligung der 
Waren zu Ungunsten der Kunden gehemmt haben. 
Für unseren Zweck genügt es, auf das Wesentliche 
und die gleichmäßige Anwendung dieser Maßnahmen 
in den verschiedenen Ländern hinzuweisen. 

Wenden wir uns zunächst Italien zu. Das Statut 
der Krystallglasfabrikanten zu Venedig von 1270 ver- 
bietet, Glas mit Rissen und sonstigen Fehlern in den 
Verkehr zu bringen x ). Die Goldschmiede werden zu 
derselben Zeit daraufhin in Eid genommen, daß sie 
bei der Anfertigung von Gold- und Silberwaren keine 



] ) Quod non vendatur laborerium de vitro sclapatum. 
(Giustizia vecchia B-a. R°l. Staatsarchiv von Venedig.) 



204 Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

Silber- bezw. Kupferlegierung verwenden 1 ), künstliche 
Brillanten nicht verarbeiten und bei Ausbesserungen 
keine Fälschungen von Perlen und dergleichen vor- 
nehmen 2 ). 

Die Textilproduzenten werden ebenfalls vereidigt. 
Die Seiden- und Wollenweber verpflichten sich, nicht 
alte Gewebe als neue zu verkaufen 3 ). Die Leinen- 
weber leisten einen Eid, daß sie der rechten Seite 
der Leinwand keine Glanzappretur geben und nicht 
Flachs von verschiedener Herkunft zusammen verar- 
beiten wollen 4 ). Die Kürschner verpflichten sich, Pelze 
nicht mit alten Fellen auszubessern, keine Fuchs- 
schwänze anzunähen u. a. m. 5 ). 

In ähnlicher Weise verpflichten sich die Meister 
der artis calimale zu Florenz, das Tuch aus feiner aus- 
ländischer Wolle herzustellen, und andere Erzeugnisse 
nisi ultramontanos pannos nicht zu verkaufen 6 ). 

Damit aber diese Vorschriften kein toter Buch- 
stabe bleiben, werden die Meister angehalten, a bottiga 
aperta zu arbeiten und ihre Erzeugnisse jederzeit dem 



*) Quod non ponerant in aliquo laborerio de auro argen- 
tum, nee in aliquo laborerio de argento ramam. ibid. 

2 ) Nee aliquem diamantem contrefactum in auro ponerant, 
nee ullam gemmam commutabunt. (Capitulare de aurifieibus 
von 1233, bestätigt 1262.) Vergl. Statut der Goldschmiede zu 
Siena von 1361, Best. 77, 84, 94. (Ferrante. Breve del arte 
degli orafi senesi, testo di lingua, pubblicato con note da 
Michele del Russo. Napoli 1870.) 

3 ) Capitulare artis rasariorum zu Venedig, aus dem 
Jahre 1271. 

4 ) Capitulare de venditoribus lini aus dem XIII. Jahr- 
hundert. 

6 ) Che algun peli^on de volpe no debia aver coda entre 
se . . . (Statuto dei pellizieri aus dem Jahre 1312, handschriftlich 
im städtischen Museum von Venedig). 

6 ) Capitulare artis calimala. (Filippi. Teil III. S. 8.) 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 205 

Zunftvorstand zur Schau vorzulegen 1 ). Mangelhafte 
Ware wird vernichtet. Außer der allgemeinen Schau, 
die viermal im Jahre stattfand, konnten bei einzelnen 
Zünften die Konsuln oder gastalden jederzeit Unter- 
suchungen vornehmen, schlechte Erzeugnisse mit Be- 
schlag belegen und die Schuldigen bestrafen. 

Zu einer solchen Handhabung der Aufsicht waren 
z. B. die Konsuln der Apothekerzunft 2 ) zu Pisa und 
die gastalden der Kürschner zu Venedig durch Statut 
oder bei Vorliegen einer Anzeige verpflichtet. Die 
Anfertiger von Rudern hatten sich jeden Monat einer 
Schau seitens des Vorstandes zu unterwerfen. Ruder 
mit Rissen, Höhlungen und sonstigen Mängeln werden 
entzwei gebrochen, und die Schuldigen den Richtern 
(giustizia vecchia) zur Bestrafung überwiesen 3 ). 

Wenn wir diese Vorschriften mit den französischen 
aus derselben Zeit vergleichen, so zeigen sich große 
Ähnlichkeiten. Die Regesten der Pariser Juweliere, 
die bei Fagniez abgedruckt sind, zeigen, in welcher 
Weise der Zunftvorstand die Aufsicht geübt hat. 
Am 2. Januar 1347 fanden die gardes bei einem Ju- 
welier Perrin Pougeri ein emailliertes goldenes Ge- 
schmeide, das eine Legierung von Silber und Kupfer 
aufwies. Pougeri, der die Fälschung eingestand, 
wurde zu einer Gefängnisstrafe im Chätelet verurteilt. 
Am 7. Januar des folgenden Jahres fanden die Auf- 
seher bei einem andern Meister mit Namen Remon 
de Tournot gefaßte falsche Brillanten, die für den 
Absatz im Auslande bestimmt waren. Die Fälschung 
wird mit Beschlag belegt, und Remon büßt nicht 



1 ) Breve dell'arte degli orafi senesi. S. 43. 
3 ) Statute» dell'arte degli speziali in Pisa. S. XVI. 
:i ) Statut der Ruderer zu Venedig von 1307, befindet sich 
handschriftlich im städtischen Museum von Venedig. 



206 Drittes Kap.: Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 

nur mit einer Gefängnisstrafe, sondern wird auch an 
den Pranger gestellt 1 ). 

Auch außerhalb von Paris sind dieselben Vor- 
schriften und das gleiche polizeigewerbliche Verfahren 
in Übung. In der Siedlung und innerhalb der Bann- 
meile der Abtei Ste Genevieve hatten die Geschworenen 
im XIII. und XIV. Jahrhundert die Befugnis, alle 
nicht für bons, loyaulx et marchans befundenen Tuche 
wegzunehmen. DieSchuldigen unterlagen Strafen, deren 
Maß durch die Sitte festgesetzt war. Fand man an dem 
einen Ende eines Stückes Tuch schlechtere Wolle, als 
an dem anderen, so wurde es entzwei gerissen, und der 
Händler mit einer Geldstrafe belegt 2 ). 

Daß dieses Verfahren zu derselben Zeit auch in 
England üblich war, zeigen die Statuten der Seiler 
zu Exeter, der Weißnäher zu Winchester und der 
Tuchwalker zu Bristol 3 ). Die Zunftvorsteher waren 
danach befugt, schlechte Ware mit Beschlag zu be- 
legen, zu verkaufen und die Hälfte des Erlöses der 
Stadtkammer zuzuführen. Erzeugnisse, die den vor- 
geschriebenen Maßen nicht entsprachen, unterlagen 
ebenfalls der Beschlagnahme. Der Zweck dieser Ver- 
ordnungen, heißt es in den Statuten, ist schlechter 
Arbeit und Betrug ein Ende zu machen. 

Nehmen wir irgend ein deutsches Zunftstatut zur 
Hand, so finden wir die gleichen Verbote und Straf- 
verordnungen. So hatten in Schlesien die Zunft- 
vorsteher das .Recht, in Begleitung eines städtischen 
Beamten nächtliche Durchsuchungen vorzunehmen und 
die schlecht befundenen Erzeugnisse mit Beschlag zu 
belegen. Hatten die Vorsteher nach Befinden des 
Stadtrates, dem sie verantwortlich waren, recht ge- 



i) Fagniez. S. 300. Beilage Nr. 18. - 2 ) ibid. S. 336. — 
3 ) T. Smith. S. 332. 352. 284. 



Drittes Kap. : Der wirtschaftliche Charakter des Zunftwesens. 207 

handelt, so wurden die Erzeugnisse verbrannt und 
der Schuldige bestraft 1 ). Bezeichnend für die Maß- 
nahmen der deutschen Zünfte „zur Verhütung von 
Betrug" ist z. B. die Verordnung der Breslauer Garn- 
spinner, die verbietet, bessere Wolle mit schlechterer 
zusammen zu verspinnen, vielmehr die gute Wolle 
gesondert von der schlechteren, jede zu ihrem Preise, 
zum Verkauf zu stellen befiehlt 2 ). 

Das Verbot, auf einmal zwei Bestellungen an- 
zunehmen, bezweckte nicht nur, die Güte der Ware, 
sondern auch die wirtschaftliche Gleichheit der Meister 
zu sichern. So durften die Baumeister zu Venedig 
nach ihrem Statut unum laborerium modo accipere, 
keine Arbeit in der Absicht annehmen, sie einem 
anderen zu übertragen und eine zweite Bestellung 
erst übernehmen, nachdem die erste ausgeführt war 3 ). 

Die Verordnung der Bäcker, das Brot nur mit 
einer Hand in den Ofen zu schieben, die auf den 
ersten Blick so unverständlich erscheint, dürfte sich 
aus dem Bestreben erklären, die Meister auch in Be- 
zug auf die Unkosten gleich zu stellen. Eine solche 
Verordnung finden wir in einzelnen Städten Italiens, 
so in Venedig 4 ). 

Wie Schönberg mit Recht hervorhebt, machte, 
wie die Stadtrechte und die Zunftstatuten zeigen, 
erst die Regelung der Unkosten die Aufstellung von 



*) Codex diplomaticus Silesiae. S. XLIII. 

2 ) Handwerksstatuten der Breslauer Garnspinner vom 
J. 1324. Nr. IX. S. 10. 

3 ) Capitulare dei maringoni. An. 1271. Concedimus 
potestatem unicuique magistro unum laborerium tantum modo 
accipere . . . Usque laborerium non fuerit effectum aliud labo- 
rerium super se non recipiat. 

4 ) Che nessun del'arte de'pistori non debia infornar plu 
che de una man pan in forno. 



208 Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 

Preistaxen möglich. Für diesen tatsächlichen Zusam- 
menhang können wir auch auf die Statuten der 
italienischen Zünfte verweisen. So zogen die Schiff- 
bauer sogar die verschiedene Gewandtheit und Vor- 
bildung der Arbeiter in Betracht und erteilten dem 
gastalden die Befugnis, für jeden das quantum minus 
de precio sibi dari debeat d. h. die Entlohnung nach 
Maßgabe der Leistungsfähigkeit des einzelnen zu be- 
stimmen. Der Grundsatz „ä chacun selon sa capacite 
et ä chaque capacite selon ses oeuvres", den die 
Saint-Simonisten zuerst verkündigt zu haben glaubten, 
war also schon hier bereits in Geltung 1 ). 

So viel über die Stellung des mittelalterlichen 
zünftigen Unternehmers. Im folgenden Kapitel wollen 
wir uns der Lage des Arbeiters zuwenden. 



Viertes Kapitel. 

Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 

Hand in Hand mit der Regelung der Löhne 
gehen im Mittelalter die Preissatzungen für die not- 
wendigen Lebensmittel. Beide verfolgen das Ziel, 
den Grundeigentümer und Unternehmer zu verhindern, 
die Unkosten der Produktion zu vergrößern, um so 
die herkömmliche Betriebsweise und den Stand der 
Preise aufrecht zu erhalten. Es wäre ein Irrtum an- 
zunehmen, daß das Mittelalter zum ersten Mal das 



r ) Capitulare callefatorum. An. 1271. Si gastaldus sciverit 
aliquem in dicta arte esse minus sufficientem, unum de altero 
ad laborandum, ipse gastaldus cum suis officialibus predicto 
magistro laborerii teneatur dieere quantum minus de precio 
sibi dari debeat. (Archivio di Stato. Giustizia vecchia.) 



Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 209 

Maximum eingeführt hat, das ja schon dem römischen 
Kaiserreich des V. Jahrhunderts n. Chr. bekannt war. 
Man braucht nur auf das bekannte Edikt Diocletians 
und die späteren Maßnahmen in Byzanz, wie auch 
im Exarchat von Ravenna, hinzuweisen, um zu sehen, 
wie hinfällig die Vorstellung ist, die die katholischen 
Sozialisten den Geschichtsschreibern beigebracht haben, 
daß das Mittelalter gegen den Luxus, den Wucher 
und die Gewinnsucht gekämpft habe, um die sozialen 
Schattenseiten der freien Konkurrenz abzuwehren und 
jedermann eine auskömmliche standesgemäße Existenz 
zu sichern. Wir werden noch zu zeigen haben, wessen 
Interessen jene Maßnahmen im Auge gehabt haben, 
und ob sie das ihnen so freigebig gespendete Lob 
wirklich verdienen. Hier wollen wir nur die Tatsache 
richtig stellen, daß die Maßnahmen bereits im römischen 
Kaiserreich ihren Anfang genommen haben und daß 
Karl der Große und alle seine Nachfolger auf diesem 
Gebiete sich an ihre Muster gehalten haben. Ahnlich 
dem Diocletianischen Edikt, suchten die bekannten 
Frankfurter Kapitularien, die Getreidepreise nicht nur 
für eine bestimmte Zeit, sondern für alle Zeit, un- 
abhängig von dem jeweiligen Ausfall der Ernte, fest- 
zusetzen. „Der gottselige König, unser Gebieter", 
heißt es in der Verordnung, „hat befohlen, daß 
niemand, sei er von geistlichem oder weltlichem Stand, 
seinen Vorrat an Getreide weder in Jahren der Fülle, 
noch in Jahren des Mangels, teuerer als so und 
so viel verkaufen soll" 1 ). Dem Beispiel Karls sind 
andere Länder gefolgt. In England hat sich aus dem 
XII. Jahrhundert, aus der Regierungszeit Heinrichs II. 
Plantagenets eine sog. assiza panis erhalten, die 



! ) Cunningham. The growth of English industry and 
commerce. 1890. Appendix. S. 501. 

Kowalewsky, Ökonomische Entwickelung Europas V. 14 



210 Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 

für Backware Gewicht und Preis vorschreibt. In ein- 
zelnen deutschen Städten, so in Augsburg, setzte der 
Burggraf, sonst der urbis praefectus, von Monat zu 
Monat das Brotgewicht im Verhältnis zum Korn- und 
Mehlpreise fest. Hielten sich die Bäcker nicht an die 
gebotenen „Musterbrote", so büßten sie das erste und 
zweite Mal mit einer Geldstrafe, das dritte Mal 
mit Gefängnis und mit dem Verlust des Rechts des 
Gewerbebetriebes *). 

Die italienischen Stadtgemeinden führen bereits 
im XIII. und XIV. Jahrhundert, wie das Beispiel von 
Como zeigt, eine bewegliche Preisskala für Brot nach 
dem jeweiligen Stande der Kornpreise ein. An 
anderen Orten erließen die Stadtbehörden, je nach 
dem Ausfall der Ernte, bald neue Preis Verordnungen, 
bald änderten sie die bestehenden „Accisen". In 
mehreren Städten, so in Florenz, ernannte man be- 
sondere Beamte zur Versorgung der öffentlichen 
Getreidespeicher während fruchtbarer Jahre, um die 
Besitzer von Getreide oder die Großhändler zu ver- 
hindern, die günstige Marktlage auszunutzen und die 
Preise hinauf zu schrauben, und ebenso die Müller 
und Bäcker, aus Gewinnsucht die Abnehmer zu be- 
drücken 2 ). Auf den englischen Grundherrschaften 
waren es die Hofbeamten, die von Zeit zu Zeit Preis- 
taxen für verschiedene Getreideprodukte, so auch für 
Brot und Bier festsetzten; ihnen zur Seite standen 
die Patrimonialgerichte, court leets, die jeden, qui 
vendidit panem vel braciavit contra assizam, mit einer 
Strafe belegten. In den deutschen Städten, so in Augs- 
burg, gehörten diese Obliegenheiten zum Wirkungs- 

1 ) Meyer. Das Stadtbuch von Augsburg. S. 312. 

2 ) Siehe des Verfassers Aufsatz: Die Italienischen Stadt- 
gemeinden im Kampfe mit der Hungersnot" in den russischen 
Abhandlungen zugunsten der Opfer der Hungerjahre. 



Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 211 

kreise der Stadtobrigkeit, insonderheit des Burggrafen 
oder Bürgermeisters 1 ), und in mehreren italienischen 
Stadtgemeinden ist zu diesem Zweck ein besonderer 
Ausschuß, officium abundantiae bestellt, der „Or san 
Michele", nach dem Garten des gleichnamigen Kirch- 
spiels, genannt wurde. Die Akten dieses Amtes ber- 
gen ein überaus reichhaltiges Material für eine 
Geschichte der Getreidepreise seit dem XIII. Jahr- 
hundert 2 ). 

Die Regelung der Löhne, mit der wir uns 
nun ausschließlich befassen wollen, knüpft sich an 
die Zeit des Aufkommens der Lohnarbeit. Denn so- 
lange die ländlichen und die Feldarbeiten vorwiegend 
durch Sklaven und Leibeigene bewirkt wurden, konnte 
es sich nur um die Regelung der Arbeits- und Ruhe- 
tage handeln. Dieses geschah aber durch die Orts- 
sitte, die im Geiste der kanonischen Vorschriften 
wirkte, und zwar lange, bevor sie in den französischen 
censiers und den englischen rentals eine Aufzeichnung 
erfuhr. Als frühestes Zeugnis sind die Rectitudines 
singularum personarum anzusehen, die von den Fron- 
diensten der angelsächsischen Hörigen handeln. Ahn- 
liche Zeugnisse finden sich in den sog. Polyptyken, 
die nicht selten von Klostervorstehern oder gewählten 
Mönchen zusammengestellt wurden. Ich erwähne die 
von mir mehrmals angeführte Polyptique des Abbe 
Irminon vom Kloster St. Germain-De-Pre; die bis 
auf die Zeit Karls des Großen zurückgeht. Dieses 



1 ) Quando tabernarius vilem facit cerevisiam vel etiam 
dat injustam mensuram supradicto ordine puniatur, et insuper 
eadem cerevisia destruetur vel pauperibus gratis erogetur, 
heißt es im Stadtbuch von Augsburg (Meyer. S. 312). 

2 ) Ebensolche Urkunden unter dem Namen : Libri della 
bichierna, die bis auf das XII. Jahrhundert zurückgehen, be- 
finden sich im Archiv zu Siena. 

14* 



212 Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter.' 

für die Wirtschaftsgeschichte des IX. Jahrhunderts 
sehr wichtige Zeugnis, wie auch andere aus dem 
X. und XI. Jahrhundert sind von Guerard heraus- 
gegeben. An der Hand dieser Zeugnisse läßt sich 
die Entwicklung der Fronarbeit auch von der Zeit 
Karls des Großen bis zum XIII. Jahrhundert ver- 
folgen, in der bereits die censiers und rentals so 
allgemein wurden, daß der Geschichtsschreiber eher 
über einen Überfluß, als über einen Mangel an Quellen 
sich beklagen kann. 

Da die Lohnarbeit sich ursprünglich in den Städten 
innerhalb der zünftigen Handwerkerschaft entwickelt 
hat, so haben wir für die ersten Lohnsatzungen 
die Zunftstatuten und die Verordnungen der Städte 
in Betracht zu ziehen. Im XIII. Jahrhundert, in dem 
der Pariser Prevöt Etienne Boileau, der Zeitgenosse 
Ludwigs des Heiligen, seine Urkunden zu sammeln 
begonnen hat, hat bereits manche Sitte über die Zahl 
der Arbeitstage eine schriftliche Aufzeichnung ge- 
funden. So finden sich in diesem Werke Vorschriften, 
wie diese: der Knecht und Schneidergeselle darf von 
seinem Meister nur den üblichen Lohn, „droit pris", 
wie ihn der Prevöt nennt, verlangen; ferner: „Niemand 
soll wagen, dem Knecht einen höheren, als den in 
Paris längst üblichen Tagelohn, zuzubilligen" 1 ). Bei 
anderen Zünften finden sich genaue Angaben über 
einen Tagelohn von zwei Denaren mit und drei ohne 
Beköstigung. Einen anderen Lohn, als diesen, heißt 
es im sog. „Iloten Buch des Pariser Chätelet", 
dürfen die Gesellen im Tuchgewerbe nicht bean- 
spruchen 2 ). 



*) Livre des metiers. S. 143. 

2 ) Fagniez. De l'industrie et des classes industrielles en 
France aux XIII. et XIV. siecles. S. 89. 



Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 213 

Nach den ältesten Statuten der ars calirnala zu 
Florenz 1 ), nach den Satzungen der Schneider zu Mont- 
pellier aus dem Jahre 1351 2 ) und nach den im Jahre 
1406 aufgezeichneten anciens coutümes der Tuch- 
walker zu Bristol 3 ), hatten die gewählten Konsuln 
oder die Meisterversammlung darüber zu wachen, daß 
von den Meistern der übliche Lohnsatz gezahlt werde. 

Auch die Magistrate finden sich nicht selten veranlaßt, 
Lohnsätze aufzustellen. Als im Jahre 1212 die Lon- 
doner Zimmerleute gelegentlich des großen Brandes 
einen höheren Lohn forderten, nahm sich der Stadtrat 
der Hauseigentümer an und verordnete für einen er- 
wachsenen Hilfsarbeiter einen Tagelohn von zwei 
Denaren mit und vier Denaren ohne Beköstigung und 
für einen Minderjährigen einen um 1 Den. geringeren 4 ). 

Lohnsatzungen, wenigstens für die wichtigsten 
Gewerbzweige, finden sich in jeder italienischen Stadt- 
gemeinde und sind zum größten Teil in die Stadt- 
statuten des XIII. und XIY. Jahrhunderts aufgenommen 
worden. Für Bologna z. B. erfahren wir aus dem 
Wortlaut des Bürgereides, der im Stadtrecht aus der 
zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts enthalten ist, 
daß sämtliche Einwohner verpflichtet waren, die vor- 
geschriebenen Lohntaxen einzuhalten. So wird beim 
Fuhrwerk für die Zustellung einer corba Wein inner- 
halb der Bannmeile zwei kleine Münzen Bologneser 
Gepräges vorgeschrieben. Bei den Schmieden wird 
für ein Hufeisen und je sechs Nägel ein Preis von 
acht, bezw. ein bononin und für das Beschlagen ein 
solcher von nur zwei Denaren festgesetzt; dieser Preis 



1 ) Di Griudice. Appendice alla storia dei municipi italiani. 
S. 90. Statuta carpentariorum zu Faenza aus dem Jahre 1331. 

2 ) Ouin Lacroix. S. 748. — 3 ) Toulmin Smith. S. 384. 

4 ) British Museum. Add. M.S. 14. 252 (Abgedruckt bei 
Turner. Domestic architecture. S. 281). 



214 Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 

erhöht sich aber bei Arbeiten unter freiem Himmel 
während eines Feldzuges oder eines Kriegszuges 
gegen eine andere Stadt, Ortschaft oder Burg inner- 
halb des Territoriums von Bologna. Für Maurer, 
Stukkateure und Zimmerleute wird für die Zeit von 
September bis Ostern ein Tagelohn von fünfzehn 
bononin und von da bis Michaelis ein solcher von 
sechs bononin mit und acht bononin ohne Kost vor- 
geschrieben; im Sommer aber, zur Zeit der Feld- 
arbeiten, steigt er bis auf acht denare. Wer einen 
höheren Lohn zahlt oder annimmt, wird mit einer 
Strafe von hundert Solidi belegt, von denen eine Hälfte 
dem Angeber zufällt 1 ). 

Für Müller und Notare werden ebenfalls Lohn- 
taxen festgesetzt: die ersteren erhielten in den Mühlen 
der Stadt ein Vierzehntel, sonst ein Sechzehntel des 
gewonnenen Mehles 2 ); die Vergütung der Notare 
richtete sich nach dem Umfang der Aktenstücke und 
betrug einen bis sechs denare 3 ). 

Yom Tage des hl. Michael bis zum März, heißt 
es in einem merkwürdigen Zeugnis, das im Jahre 1880 
im Archivio storico italiano veröffentlicht ist, dürfen 
die Feldarbeiter bei einer Strafe von zwölf denaren 
nicht mehr als vier denare pro Tag verlangen. Für 
die Zeit aber bis September, in der eine größere 
Nachfrage nach Arbeitskräften herrscht, hielt die 
Obrigkeit ihr strenges Vorgehen nicht mehr für an- 
gebracht und gestattete den Arbeitern quid possunt 
accipere in die. Das Statut von Anghiara will den 
übermäßigen Lohnforderungen der Zimmerleute be- 
gegnen und schreibt für sie je nach der Jahreszeit 
einen Tagelohn von zwölf und achtzehn denaren vor 4 ). 

i) Stadtrecht von Bologna. Bd. II. Buch VII. § 73. 
2 ) ibid. Buch I. § 23. 3 ) ibid. Bd. II. § 45. 
4 ) Archivio storica italiano. 1880. Disp. I. V. Statuti del 
comune di Anghiara posteriori alPan. 1230. § 92. 93. 



Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 215 

Daß in ganz Europa durchgängig Lohnsatzungen 
üblich waren, zeigt u. a. das im Jahre 1269 von dem 
maire und den Bürgern von Sion in Wallis aufge- 
stellte Statut, das einen Tagelohn von zwei mit und vier 
denaren ohne Kost, aber mit Wein, und fünf denaren 
ohne Kost und Wein festsetzt. Für die Mäher 
wird ein solcher von fünf bzw. sieben denaren vor- 
geschrieben, offenbar weil sie im Gegensatz zu den 
anderen Tagelöhnern eigenes Werkzeug stellten 1 ). 

Die Entlohnung der Schmiede und Fuhrleute, wie 
auch der Pflüger, Mäher und Drescher war am häu- 
figsten Gegenstand obrigkeitlicher Regelung, wie es 
die italienischen Stadtstatuten, namentlich das Statut 
von Mantua aus dem Jahre 1303, das mit einer un- 
übertroffenen Ausführlichkeit die Höchstsätze der 
Löhne aufführt, zeigen 2 ). 

Um die Höhe des Arbeitslohns zu bewerten, müssen 
wir die Lohnsätze mit der Zahl der Arbeitsstunden 
vergleichen. Die Zunftstatuten bieten uns einzelne 
Angaben über die Länge des wirklichen Arbeitstages, 
der nach längerer Übung zur Sitte geworden war 
und für einzelne Zünfte aufgezeichnet ist.] Der 
gesetzliche Arbeitstag aber umfaßte nach den Ver- 
ordnungen der französischen Könige, einschließlich 
der Mittags- und Vesperpausen, volle sechzehn Stunden. 

Die Zunftstatuten, die Verordnungen der Städte 
und die allgemeinen Landesgesetze verbieten die Nacht- 
arbeit, zum Teil mit Rücksicht auf die Güte der 
Waren und die Feuersgefahr, zum Teil um die wirt- 



r ) Grimand. Documents rel. a l'histoire du Valais. Statuts 
faits par l'eveque, le viguier, le vidame, le major, le sautier et 
les citoyens de Sion annee 1269, mai. 

2 ) Der Inhalt dieser Verordnung ist von mir auf dem 
Kongreß der British Association of sciences in Oxford im 
Jahre 1894 mitgeteilt worden. 



216 Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 

schaftliche Gleichheit der Meister zu wahren und die 
Entwicklung des Großbetriebes auf Kosten des Klein- 
betriebes aufzuhalten 1 ). Die Weberarbeit nach der 
Dämmerung war bei einer Strafe von vier Mark und 
Verlust des Rechtes zum Betriebe für ein Jahr ver- 
boten, weil, wie es in einer Verordnung des Frank- 
furter Magistrats aus dem XIV. Jahrhundert heißt, 
ein Gewebe bei Nacht nicht so gut ausfallen kann, 
als bei Tage 2 ). Ähnlich bei den Straßburger Tuchern 
und Webern im XIII. und XIV. Jahrhundert 3 ). 
Endete der Arbeitstag bei Anbruch des Abends, so 
fing er bei Sonnenaufgang wieder an. Einzelne 
Lübecker Zunftstatuten enthalten genaue Vorschriften 
hierüber. So dauerte der Arbeitstag bei den Koffer- 
tischlern im XIV. Jahrhundert von vier Uhr morgens 
bis sieben Uhr abends, bei den Schleifern im Winter von 
sechs, im Sommer von fünf Uhr morgens bis acht Uhr 
abends 4 ). In Frankreich war der gesetzliche Arbeits- 
tag, wie Fagniez anführt, durch die Zunftsitte er- 
heblich eingeschränkt: so betrug er bei den tondeurs 
im November, Dezember und Januar wegen des frühen 



*) „Per los perils del foc et la pravitat et fraus que se 
poirra commettre de neyt en lodit obratge (ouvrage)", erklären 
einzelne Toulouser Zunftstatuten. (Du Bourg. Tableau de 
l'anc. Organisation du travail dans le midi de la France.) 
Dasselbe Verbot wegen „fausse oeuvre" findet sich im 
XIII. Jahrhundert bei den Pariser Seilern. (Ouin Lacroix. 
Histoire des anc. corpor. d'arts et metiers dans la cap. de la 
Normandie. S. 737.) Im Statut der Bäcker zu Venedig aus 
dem Jahre 1338 heißt es: „Ne algun del'arte no olse lavorare 
de la arte de la terca campana enfino a lo maitino". (Museo 
Correr.) 

2 ) Stahl. Das deutsche Handwerk. Gießen 1874. S. 309. 

3 ) Schmoller. Die Straßburger Tucher- und Weberzunft. 
S. -153. 

4 ) Wehrmann. Die Lübeckischen Zunftrollen. S. 147. 



Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 217 

Eintritts der Dunkelheit nur neun und eine halbe 
Stunde, bei späterem Sonnenuntergang hatte er eine 
längere Dauer. Die Zunftstatuten schränkten ihn aber 
noch weiter durch Ausdehnung der Mittagsruhe ein. 
So setzte die Minderzahl der Zünfte eine Pause von 
zwei Stunden für das Mittagessen und eine halbe für 
das Frühstück fest, während die Mehrzahl das erstere 
auf eine Stunde beschränkte 1 ). Je nach der Jahres- 
zeit hörte die Arbeit beim Gebetläuten zur Abend- 
messe um vier oder zur Abendmesse um sieben Uhr 
auf. In Belgien wurde nach der Schilderung von 
Yanderkindere der Anfang, die Frühstücks- und 
Mittagspause, ebenso der Schluß des Arbeitstages 
durch Glockengeläut angezeigt 2 ). Im französischen 
Flandern, in Amiens, Tournay, Commines, verkündete 
die Glocke des Stadtturms, beffroi, den Beginn und 
das Ende der Arbeit 3 ). Ein bisher unbekannt ge- 
bliebenes, aber sehr beachtenswertes Zeugnis zeigt, 
wie teuer diese Glocken dem Volke waren, und das 
nicht nur aus Liebe zum Herkommen allein. Die alte 
Glocke der Stadt Provins, die, heißt es in einer an 
den König gerichteten Bittschrift, stets ebenso die 
Arbeiter im AYollengewerbe, wie die Feldarbeiter der 
umliegenden Dörfer zur Arbeit rief, war zur Strafe 
für einen Aufruhr auf Befehl der Regierung entfernt, 
„abgerissen und gerichtet", worden, wie die Bittsteller 
sich in bilderreicher Sprache ausdrücken, und nun wissen 
die Arbeiter nicht mehr, wann sie ihre Tagesarbeit 
beginnen und wann sie sie niederlegen sollen. Darauf- 
hin verfügte der König Philipp von Valois, es solle 
durch die Glocken der Kirche zum hl. Guinat und 



!) Fagniez. S. 83. 

2 ) Vanderkindere. Le siecle des Artevelde. S. 112. 

3 ) Monuments inedits p. a. ä l'hist. du Tiers-Etat I. S. 456. 



218 Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 

der königlichen Kapelle Jaquete la laveuse, künftig- 
hin am Morgen zur Arbeit gerufen werden 1 ). 

Für eine Vergleichung der Lage des mittelalter- 
lichen mit der des heutigen Arbeiters ist die Zahl 
der vorgeschriebenen Ruhetage gewiß von Bedeutung. 
Es fällt nun sofort auf, daß Vorschriften, wie sie heute 
nur in wenigen Ländern, so in England, bestehen, im 
XIII. und XIV. Jahrhundert allgemein in Kraft 
waren. Schon die Sorge für die Wahrung der wirtschaft- 
lichen Gleichheit der Unternehmer mußte die Zünfte 
veranlassen, die Vorschrift de diebus festivis cele- 
brandis in ihre Statuten aufzunehmen. Der Zunft- 
vorstand überwachte ihre strenge Befolgung und belegte 
Zuwiderhandelnde mit Strafe. Sehr lehrreich sind in 
dieser Hinsicht die Statuten einzelner Zünfte, so die 
der artis calimale zu Florenz aus dem XIII. Jahr- 
hundert und der Schiffbauer und Ruderer zu Venedig 
aus dem Jahre 1255 und 1380 2 ). 

In Frankreich war es nach Fagniez verboten, 
neben den Sonntagen an folgenden Feiertagen zu 
arbeiten: Weihnachten, Heilige 3 Könige, Ostern, 
Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam, TagJohannis des 
Täufers und an den fünf Marientagen und den Tagen 
Aller Heiligen, der Apostel und des kirchlichen Schutz- 
patrons der Genossenschaft. Am Sonnabend und am 
Vorabend der Festtage hörte die Arbeit früher auf 3 ). 
Ebenso viele Ruhetage gab es in England, wo sie 






r ) Gracia facta operariis de Pruvino quod ad sonum 
cuiusdam campanae possint dimittere opus suum. Mai 1349. 
(Archives Nat. J. J. 77. f. 253. Nr. 416.) 

2 ) Statuta artis Calimale L. III. § 5. Capitulare calle- 
fatorum (Schiffbauer nach Uucange) aus dem Jahre 1255. 
( Archivio di stato di Venezia.) Capitulare dei rameri aus dem 
Jahre 1380. (Museo civico Correr.) 

3 ) Fagniez. S. 117. 



Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 219 

nach Rogers ein Viertel, wenn nicht ein Drittel des 
Jahres ausmachten 2 ), und in Deutschland, wo es bei 
den Gesellen Sitte war, auch den Montag zu feiern; 
heißt es doch im Schuhmacherlied: „Montag ist Sonn- 
tagsbruder" 2 ). Bei dem Fehlen eines Warenverkehrs 
im heutigen Sinne und bei der Beschränkung des 
Gewerbes auf den örtlichen Bedarf bedeutete die 
Herabsetzung der Zahl der Arbeitstage und der täg- 
lichen Arbeitsstunden keinen Nachteil für den Kunden, 
und bei der herrschenden Frömmigkeit und dein Be- 
streben, die wirtschaftliche Gleichheit der Betriebe 
zu wahren, konnte die Einhaltung der festgesetzten 
Ruhetage zu einem allgemeinen Gebot werden. Da 
die Mehrzahl der Arbeiter bei ihren Meistern in Kost 
stand, so kamen ihnen die erwähnten Vorschriften 
offenbar zugute. Ein Arbeiter, der die Sorge um das 
tägliche Brot nicht kannte, konnte sich auch mit 
einem geringeren Lohn begnügen, der wohl an und 
für sich nicht hoch, aber verhältnismäßig gar nicht 
so niedrig war, da von vier denaren eines Tagelohns 
die Hälfte zum Unterhalt des Arbeiters genügte. Wegen 
der häufigen Schwankungen des Geldwertes und der nicht 
seltenen Verfälschung der damaligen Geldmünzen, ist 
eine genauere Bestimmung der Höhe des Arbeits- 
lohnes nach unserem Gelde kaum möglich. Man könnte 
etwa die Kaufkraft des damaligen Geldes nach den 
Getreidepreisen berechnen; da aber der Arbeiter seine 
Kost nicht selbst zu bestreiten hatte, kämen hier eher 
die Preise anderer Bedarfsgegenstände in Betracht. 
Die Nachrichten darüber sind aber leider sehr knapp 
und zeitlich begrenzt. Es unterliegt aber keinem 
Zweifel, daß der damalige Arbeiter, der mit der Hälfte 



1 ) Rogers. History of agriciüture and prices. Bd. I. 
-) Schanz, Gesellenverbände. S. 320. 



220 Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 

seines Lohnes seinen Unterhalt bestreiten konnte, eine 
Not, wie ihr der heutige Arbeiter zur Zeit von Krisen 
und Aussperrungen ausgesetzt ist, nicht gekannt hat. 

Aus der bisherigen Darlegung geht hervor, daß 
ein bestimmtes Jahrhundert die Idee der Lohnrege- 
lung für sich allein nicht in Anspruch nehmen kann. 
Eine solche Eegelung hat schon zu derjenigen Zeit 
allgemeine Anerkennung gefunden, als nach der Pest 
des Jahres 1348 eine für die Arbeiter günstigere 
Nachfrage nach Arbeit eingetreten war. Die überall 
gleichmäßig ergriffenen Maßregeln, um das Wachs- 
tum der Arbeitslöhne aufzuhalten, entsprangen der 
herrschenden Vorstellung, daß dies im Wege der Ge- 
setzgebung möglich sei. Man darf aber hier nicht 
an ein etwa vorausgegangenes internationales Über- 
einkommen denken, ähnlich dem, das Kaiser Wilhelm II 
durch die berühmte Konferenz in Berlin zu erzielen 
versucht hat. Auch die Gesetze der Nachahmung, 
denen Tarde eine allzugroße Bedeutung beimißt, 
können auf diesen Fall keine Anwendung finden, 
der nur beweist, daß unter den gleichen Bedingungen 
und auf der gleichen Entwicklungsstufe die gleichen 
Sitten und Einrichtungen bei den verschiedenen 
Völkern in die Erscheinung treten, ohne daß eine un- 
mittelbare Beeinflussung stattgefunden hat. 

In unserem Falle war die Gleichheit der Ver- 
hältnisse bedingt durch die monarchische und 
bürgerlich-republikanische Staatsformen, die im XIV. 
Jahrhundert in Europa geherrscht haben. Bei aller 
Verschiedenheit haben diese Staatsverfassungen das 
eine gemeinsam, daß sie nur den besitzenden oberen 
Klassen Anteil an der Regierung und Gesetzgebung 
gewähren. Sogar in einem so demokratischen Gemein- 
wesen, wie Florenz es gewesen ist, wo geradezu ein 
Haß gegen den Adel und die feudalen Anhänger des 



Viertes Kapitel: Die Arbeiterfrage im Mittelalter. 221 

Kaisers geherrscht hat, gelangte das Volk nicht zur 
Mitregierung. Nur die gewählten Vorstände der 
Kaufmannsgilden und der Handwerkerzünfte waren 
am Ruder, so daß sie ungehindert Maßnahmen er- 
greifen konnten, die angeblich im Interesse des Ge- 
meinwohls lagen, in der Tat aber nur dem Wohle 
der Eigentümer und Unternehmer dienten, während 
sie den politisch machtlosen Bauern und Arbeitern 
zum Nachteil gereichten. 

Unter solchen Verhältnissen konnten ebensowohl 
Monarchien, wie Republiken verbindliche Lohntaxen 
anordnen und die Freizügigkeit der Landpächter und 
Teilbauern beschränken. Parlamente und Magi- 
strate überboten sich in der Grausamkeit, mit der sie 
die Arbeiter behandelten, die bei einer wachsenden 
Nachfrage einen höheren Arbeitslohn zu erstreiten 
suchten, um sich für weniger Arbeit mehr Unterhalts- 
mittel zu verschaffen. 

Im nachfolgenden sollen die Zustände in den 
meisten europäischen Ländern geschildert werden, wie 
sie sich unmittelbar nach dem schwarzen Tod ent- 
wickelt haben. 

Überall lag das Wirtschaftsleben brach; den Ge- 
fahren des Todes entronnen, vergeudete das Volk die 
Ersparnisse früherer Jahre in Müßiggang und Vergnü- 
gungen. Der Arbeitslohn stieg um ein Vielfaches, 
den Meistern drohte völliger Verfall, und der Staat 
erlitt als Großgrundbesitzer Schaden infolge des 
Kampfes zwischen Gutsbesitzer und gewerblichen 
Unternehmern, die durch Angebot günstigerer Be- 
dingungen Pächter, Teilbauern und Arbeiter an 
sich rissen. Die Regierungen aller Staaten von den 
italienischen Republiken und Königreichen Castilien 
und Aragonien an bis zu England, Frankreich und 
Deutschland eröffneten einen Kampf gegen den 



222 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

„Müßiggang und das Landstreichertum," gegen die 
Landflucht und die dreisten Lohnforderungen. 

Arbeitszwang und Lohntaxen waren die üblichen 
Kampfmittel jener Zeit. Und so kann man sagen, 
daß im Westen die Arbeiterfrage zum ersten Mal in 
den Tagen nach der Pest in den Vordergrund ge- 
treten ist, die aber nicht so brennend geworden wäre, 
hätten nicht der schwarze Tod und die ihm folgenden 
Seuchen so unglaublich starke Verheerungen im 
Gefolge gehabt. Um zu zeigen, wie groß das Übel 
war und in welchem Zusammenhang die Zunahme 
oder die Abnahme der Bevölkerung mit den allge- 
meinen wirtschaftlichen Verhältnissen steht, sollen 
in den nächsten Kapiteln die Mitteilungen über die 
Seuche einer Prüfung unterzogen und ein annähernd 
zahlenmäßiger Vergleich der Bevölkerung vor und 
nach der Pest versucht werden. Wenn wir uns dabei 
aber mehr mit Vermutungen und Schlüssen werden 
begnügen müssen, so möge zu unserer Entschuldigung 
dienen, daß die überlieferten Nachrichten genaue An- 
gaben nicht bieten. 



Der schwarze Tod 
und seine wirtschaftlichen Folgen. 

Fünftes Kapitel. 

Der schwarze Tod des Jahres 1548. 

Im Unterschiede von den westeuropäischen Chro- 
niken, die die Mongolei als den ursprünglichen Herd 
des schwarzen Todes ansehen, lassen die russischen 
Chroniken, darunter die Woskressensker Chronik, die 
Seuche zum ersten Mal unter den Tataren, Armeniern, 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 223 

Abasechen, Tscherkessen und Juden des Kaukasus auf- 
tauchen und bezeichneten Ssarai (gegenwärtig Zarjew), 
an einer der Mündungen der Wolga gelegen, als den 
Ort, von dem aus sie ihre weitere Verbreitung ge- 
funden hat 1 ). 

Die heutigen Geschichtsschreiber lehnen aber die 
Ansicht von der ursprünglichen Entstehung der Pest 
vom Jahre 1348 im ferneren Osten ab, weil sie 
sich auf ungeprüft aufgenommene spätere Zeugnisse 
stützte. So weist Creighton eingehend nach, daß die 
chinesischen Chroniken, die über Überschwemmungen, 
Hungersnot und durch diese verursachte Fieber- 
erkrankungen, sowie über eine im Jahre 1352 zum 
ersten Mal in der Mongolei ausgebrochene Beulenpest 
berichten, eine dieser Seuche vorangegangene Pest nicht 
verzeichnen 2 ). Die Geschichtsschreiber erweisen sogar, 
daß jene irrtümliche, längere Zeit verbreitet gewesene 
Ansicht vom arabischen Schriftsteller Ibn-Ul-Chatib 
herrührt, der sich bei der Erwähnung des schwarzen 
Todes in Granada mit Unrecht auf Zeitgenossen 
dieser Begebenheit beruft und Ibn Batut, der sich 
zwischen 1342 und 1346 in China aufgehalten hat, 
Angaben über eine Pest im Reiche der Mitte zu- 
schreibt, die sich in dessen Reisebüchern gar nicht 
vorfinden 3 ). 

Umsomehr gewinnt das Zeugnis der russischen 
Chroniken vom Ausbruch der Pest im Kaukasus und 
an der Mündung der Wolga an Glaubwürdigkeit. In 
den Sagen des nördlichen und mittleren Kaukasus 
hat sich bis auf den heutigen Tag die Erinnerung an 
eine große Sterblichkeit erhalten, die das Land lange 
vor der Ausbreitung des Mohamedanismus heimgesucht 



1 ) Siehe Sammlung russischer Chroniken. Bd. VIII. S. 818. 

2 ) Creighton. A History of epidemies in Britain. S. 153. 

3 ) ibid. S. 145. 14G. 



224 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1848. 

hat. Von den alten Begräbnisstätten am Fuße der 
großen nördlichen Bergkette oder in den Bergtälern 
von Chewsu und Tuschet findet sich kaum eine, an 
die sich nicht die Sage von den Opfern der Pest 
knüpfte. Diese Sagen finden eine Bestätigung in 
der Woskressensker Chronik, in der es über die Pest 
des Jahres 1345 wörtlich heißt: „In diesem Jahre 
wurden die Bewohner der östlichen Seite der Stadt 
Ornitsch-Chastorokan (Asstarokan in der Chronik Ni- 
kons,), Ssarai, Besdesch und anderer Städte von der 
Strafe Gottes heimgesucht; stark wütete die Pest unter 
den Bessermenen, Tataren, Ormenen, Obesen, Juden, 
Firjasen, Tscherkessen und anderen, so wie es bei 
der Strafe Gottes in Ägypten war, so daß die Toten 
von niemandem bestattet werden konnten 1 ). 

Vom Kaukasus und der Wolgamündung konnte 
die Pest leicht auf die Küste des Asowschen Meeres 
und die Krim übergreifen, so daß der Bericht De Muissis, 
daß in der venezianisch-genuesischen Kolonie Tanna 
während ihrer Belagerung durch die Tataren dieselbe 
Beulenpest ausgebrochen ist, die sich nachher über 
Ägypten, Byzanz und ganz West-Europa vom Mittel- 
meer bis zur Nord- und Ostsee ausgebreitet hat, nicht 
befremden kann. Mit den Nachrichten der russischen 
Chroniken stimmt das Zeugnis des Kaisers Johannes 
Cantacuzenus aus dem Jahre 1347 überein, in dem 
es heißt: „Die Seuche, die in dieser Zeit in Skythien 
(man verstand darunter die Steppen nördlich des 
Schwarzen und des Asowschen Meeres) gewütet hat, 
griff nach Thrazien, Mazedonien, Griechenland, Italien, 
die Inseln des Archipels, Ägypten, Lybien, Judaea, 
Syrien und den ganzen Erdkreis über." Gabriello 



*) Diese Stelle ist mir von dem Professor an der Odessaer 
Universität, Linitschenko, mitgeteilt worden. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 225 

de Muissi, der Notar von Piacenza, Zeitgenosse und 
Augenzeuge des schwarzen Todes im Norden Italiens, 
berichtet, daß die italienischen Kaufleute, die aus 
Tanna geflohen waren, die Seuche nach Kaffa, heute 
Feodosia, verschleppt haben, die von dort auf den 
genuesischen Galeeren zunächst nach Konstantinopel, 
dann nach Sizilien und endlich nach Genua gebracht 
worden ist. Haben wir so den Verlauf der Seuche 
vom Südosten Rußlands bis nach Byzanz und Italien 
verfolgt, so wollen wir nunmehr nach den Ursachen 
ihrer Entstehung in den Steppen des nördlichen Kau- 
kasus, des Kaspischen und Asowschen Meeres forschen. 
Die westeuropäischen Chronisten bringen die Seuche 
mit einer Reihe von kosmischen Ereignissen in Zu- 
sammenhang, in dem sie im Sinne der im XV. Jahr- 
hundert landläufigen Vorstellung vom Einfluß der 
Planeten auf den Luftkreis der Erde auf das Er- 
scheinen eines Kometen im Jahre 1346, der der 
Schwarze genannt wurde, die stattgefundenen Erd- 
beben , verheerenden Winde und Nebel zurück- 
führen, die die Pest im Reiche der Mitte verursacht 
hätten. Die russischen Schriftsteller aber, die doch 
der Heimat der Pest näher waren, erwähnen diese 
außergewöhnlichen Erscheinungen nicht. Man kann 
somit diese Erzählungen außer Acht lassen, um so 
mehr, als sie sich auf die unbezeugte Annahme von 
der ursprünglichen Entstehung der Seuche im fernen 
Osten stützen. Daß aber auch die anerkannten Ver- 
treter der Medizin des XIV. Jahrhunderts, insonder- 
heit die Pariser Arzte l ), unter dem Einfluß jener 



x ) Die Veranlassung zur Äußerung der Pariser Ärzte gab 
der König Philipp Valois, der sich an die Pariser Fakultät mit 
dem Ersuchen wandte, eine Untersuchung über die Mittel zur 
Bekämpfung der Ansteckung anzustellen. Muratori und Michon 
haben nur einige Teile dieses Gutachtens veröffentlicht. Michon 
Kowalewsky ökonomische Entwickelung Europas V. lo 



226 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 13-48. 

kosmischen Vorstellungen gestanden haben, geht daraus 
hervor, daß sie in ihrem Gutachten über die Ver- 
breitung der Seuche, im Anschluß an Aristoteles, dieses 
Auftreten der Krankheit in Zusammenhang mit der 
„aliqua constellatio celestis" brachten; es habe, heißt 
es darin, am 20. März 1345 ein Zusammenstoß zweier 
Planeten stattgefunden, der im Verein mit den voran- 
gegangenen Finsternissen eine Verpestung der Luft 
herbeigeführt habe x ). 

Wenn auch die neueren Geschichtsschreiber mit 
Hecker an der Spitze von rein kosmischen Ursachen 
nicht reden, so möchten sie doch den Erdbeben und 
Unwettern in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts 
einen gewissen Einfluß auf die Entwicklung der Pest 
zuschreiben 2 ). Sie stützen sich dabei auf die unge- 

hat dabei aber eine sehr unvollständige Handschrift benutzt. In 
der Bibliothek zu Erfurt befindet sich eine noch ältere Abhand- 
lung: Tractatus de Epidemia, sive compendium per magistros' 
de Collegio Facultatis medicorum Parisiensis ordinatnm, die 
von Michon nicht veröffentlichte Teile enthält und zu der sich 
ein Nachtrag über die Ursachen der Seuche in der Bibliotheque 
nationale im Fonds Latin und Moreau befindet. Dieser Nach- 
trag und eine Abhandlung von Peter de Amonsis über die 
Seuche ist von Emil Rebois veröffentlicht worden (Bulletin 
mensuel de l'association des eleves et des anciens eleves de la 
Faculte des lettres de Paris. Juli 1887). Im Jahre 1125 stellte 
Olivier de la Haye die Verhandlung der Pariser Fakultät in 
einem Gedichte dar, das von Georges Guigue, dem Archivar 
von Lyon, im Jahre 1888 herausgegeben ist. (Olivier de la 
Haye. Poeme sur la grande Peste de 1348. Par Georges Guigue. 
Lyon 1888.) 

x ) In der Berufung auf Aristoteles heißt es wörtlich: 
Mortalitas gentium et regna vacua fiunt apud coniunctionem 
duarum stellarum, Saturni praecipue et Jovis. (Compendium de 
epidemia per collegium facultatis medicorum Parisiensis or- 
dinatum. 1318.) 

2 ) Hecker. Die großen Volkskrankheiten des MAs. Berlin 
1865. S. 34. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 227 

prüfte und, wie wir gezeigt haben, unbegründete An- 
nahme von dem ursprünglichen Ausbruch der Pest 
in China und legen daher großes Gewicht auf die 
chinesischen Zeugnisse, die von einem Erdbeben be- 
richten, das im Jahre 1334 vom Einsturz des Ge- 
birges Ki-ming-tschang und Bildung eines Sees an 
seiner Stelle begleitet war. Ähnliches ereignete sich 
vier Jahre später in der Provinz Ping-sai. Im Jahre 
1343 stürzte der Berg Hong-tschang ein und in den 
Provinzen Veng-tschu und Canton erfolgte ein Erd- 
beben, das sich auch in anderen Weltteilen bemerkbar 
gemacht hat 1 ). Im Jahre 1333 spie der Ätna gewaltige 
Lavamassen aus; 1344 erfolgte ein Erdbeben in 
Ägypten, Syrien und Lissabon 2 ). 1347 und 1348 
trat ein solches auf der Insel Cypern, in Griechen- 
land, Oesterreich, Deutschland und Italien ein. Die Stadt 
Villach und an dreißig Burgen in Kärnten wurden 
bis auf den Grund zerstört. In Venedig begannen 
die Kirchenglocken zu läuten, in Basel, Pisa und 
Bologna wurde ein unterirdisches Getöse vernommen 3 ). 
Alle diese Erscheinungen konnten insofern den 
Weg der Pest beeinflussen, als sie ihre Verbreitung 
in Sizilien und in einzelnen Städten Mittelitaliens be- 
günstigt haben. Messina und Pisa waren in der 
Entwicklung der Seuche Hauptherde, auch Ägypten 
und Syrien haben nicht weniger unter dem schwarzen 
Tod gelitten. Diese Tatsachen erklären aber nicht 
die Entstehung der Ansteckung an den Ufern des Kas- 
pischen Meeres und in den südöstlichen Steppen 
Rußlands, ebensowenig die häufige Wiederkehr von 
Mißwachs infolge großer Hitze und Dürre, die fünf- 

J ) De Guignes. Histoire generale des Huns, des Turcs, 
des Mongols etc. Paris 1758. Bd. IV. S. 226. 
2 ) Mariana. Obras. S. 478. 

8 ) Chronik des Giovanni Villani. Buch XII. Kap. 121. 

15* 



228 fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

zehn Jahre hindurch vor dem schwarzen Tod im 
Reiche der Mitte geherrscht haben. Die Jahre 1333, 
1334, 1337—1342, 1345—1347, die zum Teil als bei- 
nahe unfruchtbare, zum Teil sogar als Hungerjahre 
zu bezeichnen sind, haben zwar nicht unmittelbar die 
Entwicklung der Pest, die ja erst im Jahre 1352 auf- 
trat, beeinflußt, spielten jedoch insofern eine nicht un- 
bedeutende Rolle, als sie die Massenbewegung der 
Tataren und Mongolen unter Anführung des Batu, 
die an die große Völkerwanderung des V. Jahr- 
hunderts n.Ch.erinnert,veranlaßt und beschleunigt haben. 
Es ist nun unbegreiflich, aus welchem Grunde die Ge- 
schichtsschreiber der mittelalterlichen Seuchen das 
Vernichtungswerk der Tataren und Mongolen und ihre 
blutigen Kriege mit den unterdrückten Stämmen 
außer Acht lassen. Dies ist umso auffallender, als 
aus den Fällen, die Creighton sorgfältig aufgezeichnet 
hat, hervorgeht, daß die Pest durch das Leichen- 
gift, das den Boden durchdringt und Brunnen und 
Flüsse vergiftet, begünstigt wird 1 ). 

Standen sonach die Verwüstungen der südöst- 
lichen Steppen durch die w r andernden Tataren und 
Mongolen in näherem Zusammenhang mit dem Aus- 
bruch der Pest, so wurde ihre Verbreitung durch die 
beinahe in ganz "Westeuropa aufeinanderfolgenden 
Mißernten und Hungerjahre des weiteren begünstigt. 
Sie schwächten den menschlichen Organismus und 
machten die ärmeren Volksklassen, unter denen die 
Pest nach übereinstimmenden Zeugnissen von An- 
fang an am stärksten gewütet hat, weniger wider- 
standsfähig. In Frankreich wird bereits im Jahre 
1338 eine Mißernte erwähnt. Kurze Zeit darauf be- 



v ) Creighton. History of epidemies. S. 164—176. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 229 

gann der hundertjährige Krieg, vor dem Ausbruch 
der Seuche erfolgte der Aufstand der Jacquerie, und 
diese beiden Ereignisse kamen ihren Folgen nach den 
Mißernten gleich, denn sie zerstörten die Saaten und 
führten eine Teuerung herbei. England war in den 
Jahren 1313, 1315 — 16 und 1321 von einer Hungers- 
not heimgesucht, die sich kurz vor dem Ausbruch 
der Pest infolge Vernichtung des Arbeitsviehes durch 
eine Seuche wiederholt hat, sodaß die Getreidepreise 
auf eine gleiche Höhe, wie im Jahre 1321 stiegen 1 ). 

In den Jahren 1346 und 1347 herrschte in Italien 
Hungersnot und die Einwohner von Toskana nährten 
sich nach der Behauptung Giovanni Sercambis aus 
Lucca von Gras. Viele Menschen starben vor Hunger. 

In Siena kostete am 26. Februar 1347 der Modius 
Weizen sieben goldene Florin, d. h., er war um die 
Hälfte teurer als in den früheren Jahren. Im Jahre 1343 
trat in Oesterreich nach der Klosterneuburger Chronik 
eine Teurung und ein Mangel an .Lebensmitteln ein, 
magna carestia et fames ubicque. Der kalte Frühling 
und der regnische Sommer des Jahres 1347 schädigten 
den Ernteertrag; der Getreidepreis stieg nicht gerade 
hoch, aber es stellte sich u. a. Mangel an Hafer ein 2 ). 

Diese Jahre, die der Pest voraufgegangen waren, 
und die man durchaus nicht als Zeiten ausnehmend 
großen Notstandes bezeichnen kann, sind aber nicht 
die Hauptursache für den Ausbruch der Seuche ge- 
wesen. Mit Recht betont Hoeniger, daß die Erder- 
schütterungen und Mißernten, von denen Italien zu Ende 
der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts betroffen 



x ) Rogers. The economic Interpretation of history. London. 
1888. S. 16. 

2 ) Giovanni Sercambi (Storie Lncchese. 1347). Archivio di 
Siena Provisioni T. 141. Fol. 20. Klosterneuburger Chronik 
(Archiv für Österreichische Geschichtskunde. Bd. VII. S. 143). 



230 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 13-18. 

wurde, an Bedeutung den oben erwähnten Ereignissen 
gleichstehen. Warum kehrte aber nicht nach der Zer- 
störung von Ischia, nach der Hungersnot in Sizilien 
und der Überflutung des Po im Jahre 1348 die Pest 
wieder? Offenbar deswegen, weil eine Ansteckung von 
außen her nicht hinzugekommen war 1 ). 

Selbst wenn Zentral-Asien und China der ur- 
sprüngliche Herd der Pest gewesen wären, obschon 
wir hierfür, wie gezeigt, keinen Anhalt haben, konnte 
die Seuche ohne Vermittlung der Tataren und Mon- 
golen, die in Ost-Europa eingefallen waren, und an 
der Wolgamündung ein staatlich geordnetes Gemein- 
wesen begründet hatten, nicht über die Steppen von 
Tibet und Turkestan auf ganz Europa von den Küsten 
des Kaspischen und Asowschen Meeres bis zur Nord- 
und Ostsee übergreifen. Daß die Pest erst nach 
einigen Jahren und nicht von der Küste des schwarzen 
Meeres 2 ), sondern aus Deutschland und Polen nach 
Rußland verschleppt wurde, zeigt, mit welcher Kraft 
die Steppen die Entwicklung der Pest aufzuhalten 
vermögen. Der Aufbruch der asiatischen Nomaden 
im XIII. und XIV. Jahrhundert machte der Abge- 
schlossenheit Zentralasiens ein Ende, mit der Ent- 
stehung der „Goldenen Horde" wurde der Karawanen- 
verkehr zwischen China und Indien und den Küsten 
des Kaspischen Meeres sicherer und nun konnte sich 
die Ansteckung durch den Warentransport, der über 
Ssarai (Zarjew) nach Tanna und Kaffa ging, ihre 
Wege nach Europa bahnen. Hieraus ergibt sich, wie 
wichtig für die Geschichte der Pest die Kenntnis des 
damaligen Handelsverkehrs zwischen dem Osten und 



2 ) Hoeniger. Der schwarze Tod in Deutschland. S. 50. 
2 ) Die Pest des Jahres 1351 in Pskow (Pskower Chronik 
I. 191. Nowgoroder Chronik I, 58), 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 231 

Westen ist. Diesem Studium haben sich in der Tat 
Philippe 1 ) und Gasquet 2 ) zugewandt. Beide Forscher 
heben richtig hervor, daß der gewöhnlichste Weg 
durch Bagdad über Transkaukasien und Derbensk 
nach Ssarai und weiter nach den italienischen An- 
siedelungen am Schwarzen und Asowschen Meer ging. 
Dieser ist eben nach den russischen Chroniken die 
ursprüngliche Richtung der Pest gewesen 3 ). De Muissi 
berichtet, daß die Tataren in der Verzweiflung über 
die Einnahme von Tanna ihre Pestkranken über die 
Stadtmauer geworfen und auf diese Weise die An- 
steckung verbreitet haben. Nach Creighton konnte 
aber die Ansteckung auch ohne dies durch die ein- 
geführte Rohseide, die nach den Beobachtungen bei 
späteren Seuchen den Krankheitskeim leicht vermittelt, 
übertragen werden. 

Von der Krim, wo die Pest nach De Muissi im 
Jahre 1346 ausgebrochen war, läßt sich ihre Wanderung 
durch alle Länder Europas verfolgen. Durch die Handels- 
schiffe war sie aus Feodosia nach Konstantinopel ein- 
geschleppt worden. Die frühesten Nachrichten über 
die Natur und die Verheerungen der Seuche hat 
Byzanz überliefert. Der oben erwähnte Kaiser Jo- 
hannes Cantacuzenus 4 ) berichtet über den tödlichen 
Ausgang der Krankheit und den ergebnislosen Kampf 
der Arzte gegen sie folgendes. Manche erkrankten 
plötzlich und starben an demselben Tage, manche 

r ) Philippe. Histoire de la peste noire. S. 19 ff. 

2 ) Gasquet. The great pestilence. S. 3. 

3 ) Die anderen Straßen gingen über Mesopotamien, Syrien, 
dem Busen von Aden, Kairo, Alexandrien. Ausführliches darüber 
in der bekannten Schrift von Marino Sanudo dem älteren: Liber 
secretorum fidelium crucis super Terrae Sanctae recuperatione. 

4 ) Johannes Cantacuzenus eximperator. De rebus gestis 
ab Andronico Paleologo neenon a se gestis. LL. IV. 1320—1357. 
(Coli. Migne. Patrologie grecque. Bd. CLIII et CLIV.) 



232 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

sogar nach einigen Stunden, andere starben am zweiten 
oder dritten Tage. Die Kranken wurden von einem 
heftigen Fieber befallen, verloren das Bewußtsein und 
die Sprache infolge Lähmung der Zunge. Bei einzelnen 
Kranken wurden zunächst die Lungen von der Krank- 
heitergriffen, heftige Schmerzen in der Brust stellten sich 
ein, ferner Blutauswurf mit übelriechendem Atem, und 
Schlund und Zunge wurden schwarz. In den Weichen, 
an den Armen, am Zahnfleisch und an anderen 
Körperteilen brachen Beulen von verschiedener Größe 
hervor, und schwarzer Hautausschlag machte sich be- 
merkbar. Einzelne Kranke hatten schwarze Flecken 
am ganzen Körper, und große Geschwüre zeigten sich 
an den Schenkeln. Schnitt man diese auf, so entquoll 
ihnen ein reichlicher und übelriechender Eiter, und die 
Krankheit ließ nach 1 ). Bei den wenigen Genesenden 
kehrten die Leiden wieder. DieKrankheit trat von Anfang 
an epidemisch auf und jeder, der mit einem Kranken 
in Berührung kam, unterlag der Ansteckung. Daher ver- 
breitete sich, berichtet der Kaiser, die Seuche mit großer 
Schnelligkeit, und viele Häuser starben gänzlich aus. 
In Italien, Frankreich, England und Deutschland 
trat die Seuche in derselben Art auf, sodaß es sicher 
ist, daß der schwarze Tod nicht verschiedenartige 
Krankheitserscheinungen umfaßte, sondern überall die 
gleiche orientalische Pest war 2 ). 



2 ) Der Wortlaut des Berichtes von Cantacuzenus ist im 
Bulletin der Pariser Philos. Fakultät vom Juli 1887 abgedruckt. 

l ) Dies geht schon daraus hervor, daß Blutflecken, Ge- 
schwüre und Beulen, wie Kebois mit Berufung auf Arnout, der 
im Jahre 1879 in der Pariser Medizinischen Zeitung eine Ab- 
handlung über die Pest in Rußland veröffentlicht hat, und 
Griesenberg in seiner Untersuchung über die ansteckenden 
Krankheiten gezeigt haben, zu den Erkennungsmerkmalen der 
asiatischen Pest gehören. Vergl. Etüde historique et critique 
sur la peste, abgedruckt in dem oben erwähnten Bulletin. 



Fünftes Kapitel : Der schwarze Tod des Jahres 1348. 233 

Der Franziskanermönch Michael Piatina, ein 
Augenzeuge der Leiden, von denen Sizilien heinige- 
sucht wurde, berichtet folgende Einzelheiten über die 
Verschleppung der Krankheit nach Messina durch 
die genuesischen Galeeren. Unmittelbar nach ihrer 
Ankunft aus Feodosia und Konstantinopel, wäre im 
Herbst des Jahres 1347 die Seuche ausgebrochen, 
vor der es keine Rettung gegeben habe ; schon durch 
Berührung mit einem Angekommenen — mittelst eines Ge- 
sprächs, sagt der Berichterstatter — übertrug sich die 
Ansteckung. Die Einwohner jagten die Zugereisten 
sofort aus der Stadt, aber die Krankheit erhielt sich 
unter großer Sterblichkeit. Jedermann suchte sich 
vor der Ansteckung zu schützen. Die Behörden und 
die Notare weigerten sich, aus Furcht vor Ansteckung, 
bei einem Kranken ein Testament aufzunehmen, und 
die Geistlichen, ihm das Sakrament zu spenden. Die 
Pflege der Kranken lag in den Händen der Franzis- 
kaner, Dominikaner und anderer Mönche. Die Klöster 
wurden leer, die Gestorbenen blieben unbestattet 
liegen, ihre Wohnungen standen offen, und jedermann 
konnte sich ungestört das liegen gebliebene Geld und 
die Kostbarkeiten aneignen. Massenhaft floh das 
Volk aus den Städten und richtete sich unter freiem 
Himmel in Zelten und in Weinbergen ein. Die Königin 
begab sich nach Catania und viele folgtem ihrem 
Beispiel. Umzüge und Betübungen wurden ver- 
anstaltet, doch die Pest wütete immer verheerender. 
Nur wenige gelangten nach Catania, die meisten starben 
unterwegs. Die in den Krankenhäusern Catanias 
Verstorbenen wurden auf Anordnung des Patriarchen 
außerhalb der Stadt in tiefen Gruben begraben. Beim 
Anblick der Ankömmlinge verließen die Einheimischen 
die Stadt und nur wenige Barmherzige nahmen die 
Kranken auf und leisteten ihnen Hilfe. In Catania 



234 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

fand die Pest rasche Verbreitung und wütete vom 
Oktober 1347 bis zum April des folgenden Jahres. 
Sie drang weiter nach Syrakus, Girgenti und Tra- 
pani, das gänzlich entvölkert wurde 1 ). 

Die aus Sizilien verwiesenen Galeeren wandten 
sich nach Genua. De Muissi, der Notar von Piacenza, 
und Angelo de La Touray, der Verfasser der Chronik 
von Siena, beide Zeitgenossen und Augenzeugen der 
Pest, schildern die Bewegung der Seuche auf der 
Apenninen-Halbinsel folgendermaßen. Von Tausend 
Menschen, die auf den Galeeren angekommen waren, 
berichtet der erstere, entgingen kaum zehn der An- 
steckung. „Freunde und Nachbarn eilen den An- 
kommenden entgegen. Beklagenswerte, schon werden 
sie vom Todespfeil ereilt ! Die heimgekehrten Matrosen 
führten die Ansteckung mit sich. Priester und Ärzte 
erlagen bei der Pflege der Kranken der Pest. Als 
die Erfahrung zeigte, daß auch die von den Matrosen 
gebrauchten Gegenstände imstande waren, eine An- 
steckung zu vermitteln, steigerte sich die Furcht 
noch und wurde zur Panik. Soldaten nahmen aus 
Rivarol, einer Ortschaft am Meere, die Decke eines 
Pestkranken mit nach ihrem Lager bei Genua: vier 
von ihnen, die sie in der Nacht benutzt hatten, waren 
am Morgen tot." Der zweite Berichterstatter, Angelo 
de La Touray, schreibt die Verbreitung der Pest in 
Genua und den umliegenden Ortschaften den aus dem 
Orient heimgekehrten Galeeren zu. Kaum hatten sie 
von Romania, d. h. Byzanz, aus den Hafen von Genua 
erreicht, als innerhalb dieser Stadt eine große Sterb- 
lichkeit sich verbreitete. Da diese sich von Tag zu Tag 

l ) Gregorio (R) Bibliotheca Scriptorum qui res in Sicilia 
gestos retulere. Bd.L S. 562. Michaelis Platicensis Historia Sicula 
ab anno 1337 ad a. 1361. (Gregorio. Bibliotheca Sicul. Aragon. 
Bd. I. S. 562.) 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 13-18. 235 

mehrte, so beschloß man die Matrosen aus der Stadt 
zu vertreiben. Dies geschah. Die Vertriebenen 
nahmen ihren Weg nach Pisa und sogleich begann 
auch hier die Seuche mit solcher Heftigkeit auf- 
zutreten, daß täglich an vierhundert Menschen 
starben. Aus Furcht flohen eine Anzahl Einwohner 
aus der Stadt, aber sie fanden keine Unterkunft bei 
ihren Nachbarn, und dies war der Grund, warum die 
Seuche nicht sofort, sondern erst nach längerer Zeit 
und aus einem anderen Herd, Piombino, in Toskana 
ihren Einzug hielt 1 ). Nach Genua wurde die Lom- 
bardei von der Seuche ergriffen. De Muissi erzählt, 
daß die Pest Piacenza, seine Heimat, auf folgendem 
Wege erreichte. Kaufleute aus Genua, die in Bobbio 
weilten, übertrugen die Ansteckung auf ihre Haus- 
herren und Nachbarn; der Priester, der Notar und die 
Zeugen, die zum Kranken gerufen wurden, wurden 
ein Opfer ihrer amtlichen Pflichten, und bald war die 
ganze Stadt ausgestorben, Nach Bobbio kam Piacenza 
an die Reihe, wo ein Genueser, der bei einem gewissen 
Fulchino della Croce Unterkunft gefunden hatte, an 
der Pest gestorben war; bald darauf erlagen der An- 
steckung der Gastgeber, sowie seine Angehörigen und 
Nachbarn. Auch hier, wie überall, wurde den Kranken 
keinerlei Pflege zuteil. Für die Toten, klagt De Muissi, 
wurden keine Seelenmessen gelesen, nicht durch Ge- 
läute das Hinscheiden der vornehmsten Bürger an- 
gezeigt, die Verstorbenen wurden bei Tag und Nacht 
ohne kirchliches Geleit gemeinsam in Gruben ge- 
worfen. 

Wir haben bisher die Bewegung der Pest im 
Nordwesten Italiens verfolgt. Durch die Absperrung 
von Pisa in ihrem Fortschreiten nach dem Süden 



i) Muratori. Bd. XV. S. 120. 



236 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

aufgehalten, drang sie auf denselben genuesischen 
Galeeren nach Marseille vor und erfaßte ganz Süd- 
Frankreich. Ein Kanonikus der Kirche zum hl. Donat 
in Avignon teilt in einem Brief vom 27. April 1348 
seinen Landsleuten in Brügge mit, daß eine von den 
drei Galeeren, die durch „feurige Pfeile" verjagt 
waren, in den Hafen von Marseille eingedrungen sei, 
und die Ansteckung in die Stadt getragen habe. Ge- 
zwungen, auch diesen Zufluchtsort zu verlassen, stießen 
die Galeeren auf dem Meere zu zwei anderen Schiffen, 
denen das gleiche Los beschieden war, und alle zu- 
sammen begaben sich nach den spanischen Häfen, 
indem sie den Keim der Krankheit nach der Insel 
Majorca, nach Katalonien und Aragonien trugen 1 ). 

Dieses rastlose Wandern verpesteter Galeeren 
durch die Häfen des Mittelländischen Meeres erscheint 
etwas unwahrscheinlich. Es sieht beinahe so aus, 
als ob die Berichterstatter sich kritiklos an eine im 
Volke verbreitete Vorstellung gehalten haben, zu der 
das Eindringen der Pest auf dem Wasserwege die 
Veranlassung gegeben hat. Denn die französischen, 
wie die spanischen Zeugnisse berichten auch überein- 
stimmend, daß die Pest ursprünglich in den Häfen aus- 
gebrochen sei. Im Frühling des Jahres 1348 wütete die 
Seuche bereits in Barcelona und Valencia, griff dann nach 
Saragossa über, und erst im Jahre 1350 wurde sie 
während der Belagerung von Gibraltar durch Alfons III. 
durch das aragonische Heer nach Süd-Spanien ver- 
schleppt. Von den Häfen des Mittelländischen Meeres 
nahm sie ihren Weg nach Norden, Osten und Westen 
und ergriff gleichzeitig Korsika und Sardinien. Während 
des Frühlings und Sommers des Jahres 1348 durch- 
zog sie Marseille und Avignon, erfaßte Languedoc 



r ) Recueil des chroniques de Flandre. Bd. IL S. 14. 15. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 237 

bis Toulouse und herrschte mit großem Verlust an 
Menschenleben in Montpellier und Narbonne 1 ). 

Im oben angeführten Briefe aus Avignon findet 
sich folgende Beschreibung der Krankheit. Die Ob- 
duktion der Leichen, die auf Anordnung des Papstes 
ausgeführt wurde, habe ergeben, daß bereits inner- 
halb der ersten zwei Tage die Lungen von der Krank- 
heit befallen wurden und ein Blutauswurf sich ein- 
stellte, pulmonemhabent infectum et sputant sanguinem. 
Nach einem Schreiben an den Kanonikus äußerte sich 
die Krankheit in Brügge in der Form von Geschwüren 
in den Weichen und einem hitzigen Fieber, das „den 
ganzen Körper entzündete." Diese Merkmale beziehen 
sich offenbar auf eine und dieselbe ansteckende Krank- 
heit, die sich, wie es in dem Schreiben heißt, jedem 
mitteilte, der in Berührung mit einem Kranken kam 
oder am Begräbnis eines Gestorbenen teilnahm. Und 
diese Zeichen stimmen zweifelos mit der Beschreibung 
von Johannes Cantacuzenus überein. Daß es sich in 
Europa durchweg um die gleiche Krankheit gehandelt 
hat, geht mit noch größerer Sicherheit aus dem Ver- 
gleich der erwähnten Berichte mit der Vorrede zum 
Decameron und den wenigen medizinischen Werken 
aus dem XIV. Jahrhundert hervor, die über Heil* 
und Abwehrmittel gegen die Pest handeln. Die Be- 
schreibung Boccaccios, das Gutachten der Pariser 
Medizinischen Akademie, die Abhandlung eines prak- 
tischen Arztes in Montpellier und endlich die Ab- 
handlung von Simon de Covino sprechen überein- 
stimmend von Geschwüren an den Weichen, von Fieber, 
das von einer Lungenentzündung begleitet ist, von 
Blutspeien. Febris pestilens, humores terminantes 
per apostemata, so bezeichnet jener Arzt die Zeichen 



J ) Vaissette, Histoire du Langedoc. Bd. IV. S. 231, 



238 Fünftes Kapitel : Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

der Krankheit. Ähnlich in den mehr wissenschaft- 
lichen Beschreibungen von Polonius de Bernardi und 
Guy de Chauliac über die Pest in der zweiten Hälfte 
des XIV. Jahrhunderts. Daß der schwarze Tod nicht 
etwa vereinzelt auftrat, und daß die Seuchen, die im 
XIV. Jahrhundert Europa drei Mal hintereinander 
heimgesucht haben, eine und dieselbe Beulenpest 
gewesen sind, zeigt Chalin de Vinario, der als Augen- 
zeuge ihres Verlaufs im Jahre 1383 ebenfalls Geschwüre, 
Blutspeien, Lungenentzündung und Fieber erwähnt, 
die bereits von Hippokrates, Galen, Avicenna und 
anderen griechischen und arabischen Ärzten bei der 
Pest beobachtet worden sind l ). 

Nachdem wir bisher die Richtung des schwarzen 
Todes vom Osten nach den Hafenstädten Italiens, 
Frankreichs und Spaniens verfolgt haben, wollen wir 
nunmehr den Weg erforschen, auf dem er nach den 
Ländern des mittleren und nördlichen Europas und 
der Insel Großbritannien vorgedrungen war. Im Sommer 
des Jahres 1348 griff die Seuche von Piombino auf 
Toscana über. Nach Venedig drang sie anscheinend 
auf dem Wasserwege, von da nach Padua und 
Verona und erreichte am 2. Juli 1348 Trient. Die 
Chronik von St. Denis setzt ihr Erscheinen im mittleren 
Frankreich, insonderheit in Paris, in den Sommer 
desselben Jahres. Die Alpen im Norden Italiens und 
der Ärmelkanal hielten ihr Vordringen nach Deutschland 
und England auf, aber schon am 29. Juli bahnte sie 
sich einen Weg durch Bozen und den Brennerpaß 
nach Tirol und Bayern 2 ). Gegen Ende des Sommers 



2 ) Michon. Documents inedits sur la grande peste de 
l'annee 1348. S. 75. Hoeniger. Der schwarze Tod in Deutsch- 
land. S. 170, 171. MS. in den Univ.-Bibliothek von Turin 
G. IV. XXVII fol. 59. 

2 ) Lechner. Das große Sterben. S. 22, 23. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 239 

erschien sie nach der Kornneuburger Chronik in Kärnten 
und Steiermark und erfaßte bald ganz Österreich und 
die angrenzenden deutschen Länder 1 ). Zu derselben 
Zeit brach sie in England, zunächst in Dorsetshire, 
im Hafen von Melcombe 2 ) und Bristol aus und griff 
auf Devonshire, Somerset, Salesbury, Exeter und Wales 
über 3 ). Nicht vor dem Herbst erreichte sie London 
und Süd-England. Nach dem Chronisten der Regierungs- 
zeit EduardsIIL, Le Baker, war Michaelis der erste Tag 
ihres Erscheinens in der Hauptstadt. Nach Dublin 
drang sie erst im September 1349 und breitete sich 
dann mit großer Schnelligkeit über Schottland aus. 
Die deutschen Geschichtsschreiber, unter ihnen Hoeniger, 
haben sich bemüht, genau den Weg festzustellen, auf 
dem die Seuche nach Deutschland gelangt ist. 

Wie wir gesehen haben, brach die Krankheit im 
Jahre 1348 zuerst in Tirol und Bayern aus und erschien 
im folgenden Jahre in Wien und Passau 4 ). Sie be- 
wegte sich anscheinend sehr langsam, denn sie erreichte 
Regensburg erst zu Anfang des Jahres 1350. Durch 

1 ) Hoeniger. Der schwarze Tod in Deutschland. 

2 ) Gasquet. The great Pestilence. S. 72. 

3 ) ibid. S. 74. Der Chronist Robert de Avesbury (De gestis 
Edwardi III. Ed. Maunde Thompson. 1889. S 406) berichtet: 
Incepit enim in Anglia (pestilentia) in partibus Dorcestriae apud 
festum S. Petri quod dicitur ad Vincula, a. D. 1348, statimque 
de loco ad locum progrediens subito et occidens denizanos 
quamplurimos de mane ante meridiem rebus eximit humanis. 
In der Fortsetzung Polychronicon Ranulphi Highden (ed. Ba- 
byngton. 1865. Bd. VIII. S. 356) heißt es: hoc anno 1348 circa 
festum S. Johannis partes Bristolliae pestilentia invasit et deinde 
ad omnes alias partes Angliae seriatim se transtulit et per 
annum et ultra duravit in Anglia. 

4 ) Konrad von Megenberg berichtet: „Aber gar viel Volkes 
starb in dem nechsten Jahr (1349) in der stat zu Wienne in 
Oesterreich und streckt sich der Sterb auch gegen Paiern und 
zu Pazzaw." 



240 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

den Gotthardspaß bahnte sie sich nach Lechner ihren 
Weg nach der Schweiz und erfaßte zunächst Varese 
und Bellinzona jenseits, und Disentis, das Kloster 
Pfäffers und die Abtei St. Gallen diesseits der Alpen. 
In einer zweiten Richtung zog sie den Oberlauf der 
Ehöne entlang nach dem Genfer See, von da nach 
Bern, Luzern und den Bergtälern der "Waldkantone, 
wo sie nach der Engelberger Chronik im Herbst des 
Jahres 1349 zu wüten begann 1 ). Nachdem sie im 
Frühling und Sommer desselben Jahres Ungarn ver- 
heert hatte, hielt sie mit Anbruch des Winters mit 
ihrem weiteren Vordringen nach Norden ein und er- 
schien in Böhmen erst im Jahre 1350. Im Herbst 
desselben Jahres herrschte sie in Flandern und Brabant 
und durchzog Cambrai, Tournay, Lüttich und Ypres. 
Gleichzeitig mit ihrer Bahn von Norden nach Süden 
bewegte sie sich von Westen nach Osten. Die Äußerung 
der Berner Chronik „Der sterbot kam von der sunnen 
undergang und gieng gegen der sunnen ufgang" kann 
sich ebensogut auf die Verbreitung der Ansteckung 
vom Rhönetal nach dem Genfer See, wie auf ihren 
Gang von Straßburg nach Mainz am mittleren Rhein, 
wohin sie über Burgund eingedrungen ist, beziehen. 
In Köln erschien sie im Dezember des Jahres 1349 2 ). 
Einen neuen Ansteckungsherd bildete in demselben 
Jahre die Südküste der Nordsee. „0 weh!," ruft der 
Chronist Olivar zu Ende des Jahres 1349 aus, „nachdem 
die Pest die warmen Länder durchzogen, erfaßt sie auch 
unsere kalte Gegend. Viele Menschen beiderlei Ge- 
schlechts fallen ihr jetzt in Preußen und Pommern 
zum Opfer". Im Jahre 1349 drang sie auf dem Wasser- 
wege nach Bergen und Norwegen und griff im folgenden 
Jahre auf die Skandinavische Halbinsel und Gotland 



1 ) Lechner. S. 27. Gasquet. S. 63. 

2 ) Hoeniger. S. 19, 20, 22. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 241 

über. Im Jahre 1350 erwähnt der schwedische König 
Magnus II. ihr Wüten in Norwegen und ihr Heran- 
nahen nach Schweden 1 ). 

Von Bergen gelangte die Pest auf dem Wasser- 
wege nicht nur nach den Orkney- und Shetlandinseln 
und nach Island, sondern auch nach Grönland, wo 
ihre Verheerungen so groß waren, daß man auf sie 
die fortschreitende Verarmung dieses Landes, das 
halb Insel, halb Festland ist, zurückführen kann 2 ). 
Die Bergkette zwischen Norwegen und Schweden 
hinderte merkwürdigerweise monatelang das Übergreifen 
der Seuche auf Schweden. Im Jahre 1350 endlich 
dahin eingedrungen, wütete sie mit solcher Kraft, 
daß nach dem Zeugnis von Laurentius Petrus noch im 
XV. Jahrhundert mehrere Orte seitdem völlig verlassen 
dalagen 3 ). 

Von den skandinavischen Ländern wurden Däne- 
mark 4 ) und das benachbarte Schleswig-Holstein am 
spätesten von der Pest heimgesucht. Nach Detmar 
war sie aus Schweden durch Seefahrer nach Lübeck 
verschleppt worden. Die Hansestädte Bremen und 
Lübeck litten großen Schaden. Auf demselben Wege 
drang sie aus England nach Holland ein. Merk- 
würdigerweise blieb Brabant von ihr verschont. Matteo 
Villani hebt bei seiner Beschreibung der Verbreitung 
der Pest von den südlichen bis zu den nördlichen 
Meeren hervor, daß Brabant im Verhältnis weniger 
unter ihr gelitten habe 5 ). 



!) Gasquet. S. 69. - 2 ) ibid. S. 24. 

3 ) Laurentii Petri Svenska Chronica. S. 160. (Scriptores 
rerum svecic. medii aevi. Bd. II.) 

4 ) Faye. Den sorte Dod. Foredrag. Krist. 1880. Lange, C. 
Den sorte Dod. 1862 (Dansk Maanedskrift udg. af M. G. Steen- 
strup. S. 26, 37, 43). 

5 ) Cronica di Matteo Villani. Bd. I. S. IL 

Kowalewsky, Ökonomische Entwicklung Europas V. 16 



242 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

Der schwarze Tod war der Anfang einer Reihe 
einander folgender pestartiger Erkrankungen. Italien 
wurde nach dem Arzt Bandini aus Arezzo („Mirabilia 
universi") in der zweiten Hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts vier Mal hintereinander von ihnen heimgesucht : 
im Jahre 1364 (richtiger 1362 — 3), in dem die Pest 
in milderer Form als im Jahre 1348 auf der ganzen 
Halbinsel geherrscht hat; in den Jahren 1374 und 1383 
wütete sie vorwiegend in Toscana, nicht aber in Florenz, 
das von ihr im Jahre 1399 und 1403 wiederholt schwer 
heimgesucht ward 1 ). Die Chroniken einzelner italienischer 
Städte berichten mehr oder weniger ausführlich über 
diese Pestausbrüche. Nach Villani erfolgten sie vor 
der Pest des Jahres 1363, von der Toscana besonders 
stark betroffen wurde, in Brabant, am unteren Rhein, 
der bis dahin verschont geblieben war, in Friaul, in 
den slavischen Ländern und im Osten in Sarazeny. 
Nach demselben Zeugnis, das von Highden, dem Fort- 
führer der Chronik, bestätigt wird, erschien die Seuche 
um Ostern des Jahres 1360 in England, wo sie in 
London allein zwölfhundert Menschen hinraffte, ver- 
breitete sich in Frankreich, insonderheit in der Provence, 
und drang im Sommer des Jahres 1361 in die Lombardei 
ein. Auch die Jahrbücher von G-enua verzeichnen in 
diesem Jahre das erstmalige Auftreten der Pest in 
Ligurien 2 ). 

Die Chronik von Piacenza erwähnt ausdrücklich, 
daß die Pest im Juni erschien und ein ganzes Jahr 

1 ) Muratori. Bd. XV. Fol. 109. 

2 ) Regnavit Januae aegritudo pestifera, epidemia scilicet 
hominumque decessus, hominum nampe inferiit multitndo. (Mu- 
ratori. Bd. XVII. Annales Genuenses. S. 1090.) Circa festum 
Paschae a. 1359 (Das Jahr zählte vom März an) ineepit magna 
hominum in Londonia pestilentia et de Australi parte Angliae 
ad caeteras paulatim grassando viros multos et paucas midieres 
consumpsit. (Continuation of Highden. cap. XLVI.) 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 243 

angedauert hat. Ebenso in der Lombardei. Nach der 
Chronik starb in Piacenza ein Drittel der Bevölkerung. 
Die Krankheitszeichen sollen dieselben wie beim 
schwarzen Tod gewesen sein 1 ). 

Nach Villani fielen in der Lombardei Como 
und Pavia der Seuche zum Opfer. Mailand, das 
früher weniger gelitten hatte, wurde von Schrecken 
und Angst ergriffen. In Venedig starben an zwanzig- 
tausend Menschen und nicht weniger in der Romagna. 
Zu Beginn des Winters ließ die Krankheit in der 
Lombardei nach und warf sich auf die Marken. Der 
Chronist erwähnt auch die großen Verheerungen, die 
sie auf der Insel Majorca angerichtet hat. Im Juni 
und Juli des folgenden Jahres richtete sie vielen 
Schaden in Bologna und Casentina an, wo sie übrigens 
nur in einzelnen Orten aufgetreten ist. Modena, Verona, 
Pisa undLucca fielen ihr der Reihe nach zum Opfer. Sie 
erfaßte auch die Bergtäler des Florentiner Contado, das 
Heer der verbündeten lombardischen Städte, Neapel und 
viele Gegenden in Süditalien. In Florenz, in dem ein- 
zelne Erkrankungen bereits im Jahre 1362 erfolgt waren, 
trat sie im Juni des folgenden Jahres mit größerer 
Kraft auf und erhielt sich daselbst volle drei Monate 
hindurch 2 ). 

In Übereinstimmung mit den italienischen Chroniken 
berichten die englischen Zeugnisse von einer zweiten 
Pest, pestis secunda, auch pestis puerorum genannt, 

v ) Morientibus quibusdam apparebat humor coagulatus in 
modum cuticellae sub ascellis vel in inguinibus et aliquibus 
apparebant pustulae sive apotamata in circuitu capitis post aures, 
et aliqui spuebant sanguinem pntridum et erat pessimum Signum. 
Et istos omnes febris acuta aliquando praecedens aliquando 
succedens, suffocabat infirmos secunda vel tertio die subsequente 
et ex istis sie signatis valde pauci evadebant. (Chronicon 
Placentinum. Muratori Bd. XVI. S. 499.) 

2 ) Matteo Villani. Buch X, Kap. 103 und Buch XI, Kap. 57. 
I 16* 



_ i 



244 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

die das Inselland im Jahre 1361 heimgesucht und mehr 
Männer und Kinder als Frauen hingerafft hat. 

Die russischen und polnischen Zeugnisse setzen 
in dieselben Jahre das Erscheinen der Pest in Pskow. 
Im Jahre 1360 „wütete die Pest überaus grausam in 
Pskow", berichtet die Nikonsche Chronik und ähnlich 
die Chronik von Nowgorod. Im Jahre 1364 wird sie 
in Twer, Rostow, Torschk, wieder in Pskow, in Nischnij- 
Nowgorod, Kostroma, Jaroslawl und Pjerejaslawl er- 
wähnt. Erst im folgenden Jahre griff sie nach der 
Nikonschen Chronik auf Moskau und „das ganze 
Moskowitische Staatsgebiet", desgleichen auf Littauen 
über. Die Woskressensker Chronik setzt das Erscheinen 
der Pest in Moskau in das Jahr 1366 *). 

Nach Haeser fand die Krankheit im Jahre 1363 
Verbreitung in Thorn, Graudenz, Neumarkt und 
anderen ostpreußischen Orten. In Polen, wo sie be- 
reits im Jahre 1362 und von neuem 1372 auftrat, er- 
lagen ihr allein in Krakau zwanzigtausend Menschen 2 ). 

Aus den italienischen Chroniken über das spätere 
Auftreten der Seuche greifen wir den Bericht De Mu- 
issis heraus, über die, die im Jahre 1374 Norditalien 
heimgesucht hat. Sie trat zuerst in Piacenza auf 
und entvölkerte es, durch die Hungersnot und den 
Krieg begünstigt, bis zur Hälfte, ebenso das Episko- 
pat. Im Oktober hatte sie ihren Höhepunkt erreicht 
und ließ von da an allmählich nach 3 ). Sie durchzog 
noch Genua, Bologna, Mailand, Parma und Pavia 4 ). 



x ) Die Chronik von Pskow I. 191, von Nowgorod I. 87, 
II. 33; von Woskressensk 13, die Nikonsche IV. 12. (Mitgeteilt 
von H. Linitschenko.) 

*) Haeser. Geschichte der Medizin. Bd. III. S. 184, 185. 

3 ) Muratori. Bd. XVI. S. 520. 

4 ) Ders. Bd. XVII. S. 1090. Haeser. Bd. III. S. 185. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 245 

In demselben Jahre erschien sie in London, 
wütete unter der Jugend und brach im folgenden 
Jahre in Norfolk aus 1 ). In Frankreich erschien sie 
zum dritten Mal in Avignon und zwar, wie der Arzt 
Chalin de Vinario berichtet, im August. Im Laufe 
des Jahres durchzog sie Syrien, Griechenland, Italien, 
Deutschland, England, Schottland, Spanien und Na- 
varra 2 ). 

Die Pisaner Chronik erwähnt die Pest im Jahre 
1384, und führt an, daß am Morgen des 29. März 
auf obrigkeitlichen Befehl ein feierlicher Umzug durch 
die Stadt von der Kathedrale aus stattgefunden habe 3 ). 
Nach der Chronik von Piacenza trat im Jahre 1385 
die Pest auf, die während dreier Jahre gewütet hat, 
in besonderer Stärke im Jahre 1386 4 ). 

Von den Seuchen, von denen in Rußland in den 
Jahren 1373, 1375 und 1387 berichtet wird, wird von 
den Chronisten nur die des Jahres 1389 als „eherne", 
d. h. als Beulenpest charakterisiert 5 ). Im Winter 
desselben Jahres herrschte, wie die Chronik von 
Nowgorod berichtet, die „eherne" Krankheit, an der 
die Kranken am zweiten oder dritten Tage starben 6 ). 
Im folgenden Jahre ergriff sie Nowgorod und wütete 
sehr stark namentlich im Herbst 7 ). 

Zum Unterschiede von den voraufgegangenen, 
zeichnete sich die Seuche bei ihrem dritten Auftreten 



i) Creighton. S. 207. 

a ) Anno 1382 subsecuta est mortalitas, incepit in Avinione 
mense Augusti (Hoeniger. Anhang. S. 162). 

3 ) Cronica di Pisa autore anonymo. (Muratori. Bd. XV. 
S. 1081.) 

4 ) Muratori. Bd. XVI. S. 520. 

5 ) Nikonsche Chronik. IV. 40. -48. Nowgoroder Chronik. 
II. (1331.) - 6 ) Nowgoroder Chr. I. 95, II. 131. 

7 ) ibid. I. 93. 



246 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

durch längere Dauer, verminderte Sterblichkeit und 
ihr Übergreifen auch auf Tiere aus. Nach De Mu- 
issi währte sie in Piacenza volle sechs Monate, 
dem Anschein nach aber in milderer Form als der 
schwarze Tod, da sie kaum mehr als ein Drittel der 
Bevölkerung hingerafft hat. Diese Ziffer hat selbst- 
verständlich keinen absoluten Wert und will nur 
einen ungefähren Begriff von der Stärke des Übels 
geben. Die italienischen Geschichtsschreiber bezeichnen 
das Jahr 1391 als das letzte Pestjahr auf der ganzen 
Erde, trotzdem sie ihren eigenen Angaben nach im 
Jahre 1399 erneut erschien. Bei diesem neuen Aus- 
bruch der mehr oder weniger endemisch gewordenen 
Krankheit, wurden Betumzüge in den Straßen von 
Piacenza unter dem Absingen des „Stabat Mater" ver- 
anstaltet. Mehr als viertausend Menschen pilgerten 
aus den umliegenden Ortschaften nach der Stadt, 
fanden aber auf obrigkeitlichen Befehl keinen Einlaß. 
Ahnliche Umzüge haben nach De Muissi wie in Eng- 
land überall stattgefunden. Um einer weiteren Ver- 
breitung der Krankheit vorzubeugen, forderten die 
lombardischen Herischer aus dem Hause Visconti die 
Stadtobrigkeit auf, den Kranken aus von der Pest 
befallenen Gegenden den Eintritt in die Stadt zu 
verwehren, die Luft verpesteter Wohnungen durch 
lodernde Feuer, in denen stark riechende Gewürze 
8 Tage hindurch verbrannt werden sollten, zu reinigen, 
die Decken und Laken an der Sonne zu trocknen, 
die Teppiche zu verbrennen, die Betten auszulüften, und 
das weitere Bewohnen verpesteter Häuser überhaupt 
nicht zu gestatten. 

Diese Verordnung ist in der Chronik Gabriels 
De Muissi ? der sichersten Quelle für die Geschichte 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 247 

der Seuchen in der zweiten Hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts, vollständig wiedergegeben 1 ). 

Dies war im allgemeinen der Verlauf der 
Seuchen in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts. 
Wir entnehmen daraus, daß überall die gleichen Ur- 
sachen das Wachstum der Bevölkerung hintenangehalten 
und demgemäß den Einflus des schwarzen Todes auf 
das Wirtschaftsleben verschärft haben. 

Ehe wir aber diesen Abriß beenden, wollen wir 
noch kurz der Ursachen gedenken, die die tödliche 
Wirkung der Pest besonders in dem uns beschäftigenden 
Zeitabschnitt begünstigt haben. 

Hier sollen die Maßnahmen, die zur Ver- 
hütung der Ansteckung ergriffen wurden, und der 
religiöse Fanatismus, insofern er auf die Verbreitung 
von ansteckenden Krankheiten in allen Ländern Euro- 
pas von Einfluß gewesen ist, Erwähnung finden. 

Die Heilkunst war gegen die Pest völlig machtlos, 
bemerkt der von uns schon mehrmals erwähnte Arzt 
und Augenzeuge der Krankheit Guy de Chauliac. 
Um aber dieses Urteil, dem übrigens die eigene 
Genesung Chauliacs widerspricht, auf seine Rich- 
tigkeit zu prüfen, müssen wir die von den Ärzten 
des XIV. Jahrhunderts angewandten Heilmittel kennen 
lernen. 

Es sind uns Nachrichten über hygienische Maß- 
nahmen überliefert, die von den Doktoren der Pariser 
Universität, der Medizinischen Schule von Montpellier 
und der Fakultät von Turin zur Verhütung der An- 
steckung in Vorschlag gebracht worden sind. In dem 
Gedicht des Pariser Arztes Simon de Covino, dem 
Augenzeugen der Pest in Südfrankreich, das in Mont- 



r ) Die Pest des Jahres 1398 wird in Schiavina, Annales 
Alexandrini, Monum. hist. patriae Scriptores, Bd. IV erwähnt. 



248 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

pellier oder in Paris im Jahre 1350 verfaßt ist und 
aus der Handschrift der Pariser Bibliotheque nationale 
zum ersten Male von Littre veröffentlicht wurde, wird 
folgendes empfohlen. Vor allen Dingen müsse man 
den menschlichen Körper von üblen Stoffen reinigen; 
das schütze den Kranken, wie ein Harnisch. Klarer, 
alter und gewürzter Wein und feine, leicht verdauliche 
Speisen seien ein Helm für das Haupt des Kranken. 
Es empfehle sich ferner ein Feuer von jungem Eichen-, 
Eschen- und Rebholz, Seeschilfrohr, Moschus, Aloe, 
Krausemünze mit einer Zugabe von Bernstein, Mastix, 
Kampher und Kostwurz „costus", der bereits Plinius 
bekannt war, anzuzünden. Das sei ein göttliches 
Mittel, von der menschlichen Hand geschaffen und 
von allen medizinischen Gelehrten gepriesen. Wer 
diese Schutzmittel anwendet und außerdem weit von 
Sümpfen und faulenden Stoffen in seinem Zimmer bei 
verschlossenen Fenstern verharrt, werde dem Tode 
entgehen 1 ). 

Über den Stand der Gesundheitslehre und Heil- 
kunde im XIV. Jahrhundert erfahren wir ferner aus 
dem bei Muratori abgedruckten Gutachten der Pariser 
Arzte, aus dem Oktober 1348, das den Ärzten von 
Montpellier, Turin, Perugia u. a. m. für ihre „Gut- 
achten" als Muster gedient hat. Wir bringen hier 
einige Auszüge und lassen ihnen Urteile einzelner 
medizinischer Gewährsmänner der Gegenwart folgen. 
Man solle, raten die Pariser Arzte, nicht vielerlei 
Speisen zu sich nehmen, sich des Genusses von Wild, 
altem Rind- und gesalzenem Schweinefleisch enthalten; 
fettes Fleisch sei schädlich, man solle gut gekochtes 
und ohne Pfeffer, Ingwer und sonstige Gewürze zu- 
bereitetes Fleisch vorziehen. 



l ) Opuscule relatif ä la peste de 1348 compose par un 
contemporain. Bibl. de l'ecole des chartes. 1-ere serie. VII. p. 201. 



Fünftes Kapitel : Der schwarze Tod des Jahres 1348. 249 

Dies sind die Ratschläge hinsichtlich der Speisen. 
Die Enthaltung von Getränken sei am Morgen beim 
Frühstück geboten, vor allem solle man kein Wasser 
trinken ; am Abend sei bester, klarer und säuerlicher, 
zu einem Fünftel mit Wasser vermischter Wein er- 
laubt. Wer an Wein gewöhnt ist, darf Früchte essen, 
ohne Wein genossen, seien sie aber tödlich. Der 
Suppen und Brühen solle man sich enthalten. Kalte 
Speisen und Seefische seien schädlich, nützlich hingegen 
wohlriechende Kräuter, wie Rosmarin und Wurzeln. 
Gemüse, sei es rohes oder gekochtes, sei schädlich, 
so auch Olivenöl und Regenwasser. Bei feuchtem 
Wetter nehme man nach der Mahlzeit Theriak zu 
sich. Übermäßiger oder zu knapper Genuß von 
Speisen und Getränken seien gleich gefährlich. 

Die Pariser Ärzte stellen eine Reihe von Ver- 
haltungsregeln auf, um den Körper vor Entkräftung 
und Temperaturwechsel zu schützen. Man solle sich 
vor der Kühle des Abends, der Nacht und des Morgens 
in Acht nehmen; man bleibe lieber bis Sonnenaufgang 
im Bett. Übermäßige Bewegung, besonders abends, 
beim Abendtau, seien nachteilig; jedermann hüte sich 
vor Feuchtigkeit und Regen; Bäder seien daher nicht 
zu empfehlen ; vielmehr suche man sich warm zu er- 
halten. Aderlässe, die den Körper schwächen, sollen 
unterlassen und Aufregungen vermieden werden; man 
solle sich nicht der Schwermut ergeben. 

Man sorge für guten Stuhlgang durch An- 
wendung von leichten Abführungsmitteln und be- 
sonders des Klystiers. Man solle sich bei Todes- 
gefahr des geschlechtlichen Verkehrs enthalten und 
mit keinem Weibe in einem Bett schlafen 1 ). 

v ) Muratori. Bd. II. S. 528. Michon. Decuments inedits 
sur la grande peste. Das Gedicht von Olivier la Haye, hrsg. 
von Chiigue. Rebois hebt einige sachgemäße Vorschläge im 



250 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

Einzelne dieser Anordnungen waren schon früher 
von den Ärzten von Perugia, so von Gentili von 
Foligno, der am 18. Juni 1348 an der Pest gestorben 
ist, in Vorschlag gebracht worden. Diesem Arzte ver- 
danken seine wohlhabenden Mitbürger die Maßregel, 
große lodernde Feuer wohlriechenden Holzes zur Rei- 
nigung der Luft auzuzünden 1 ). Dieses Schutzmittel 
wurde auch von Avignon übernommen, wo der päpst- 
liche Arzt Guy de Chauliac energisch dafür eintrat. 
Dem Rate Chauliacs, der dieses Mittel als das sicherste 
zur Verhütung der Ansteckung empfahl, folgte der 
Papst Clemens VI., der in seinem Zimmer stetig ein 
Feuer unterhalten haben soll. 

Chauliac verordnete ferner Aderlässe und Aloe- 
pillen zum Abführen und empfahl Theriak, Äpfel und 
wohlriechende Stoffe zur Hebung der Herztätigkeit 2 ). 

Die späteren Traktate der italienischen Ärzte aus 
der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts, so die 
Bononios de Bernardis aus Clusone (Libellus de pre- 
servatione morbi pestilencialis, 1373) 3 ), zeigen, daß 



Gutachten der Pariser Fakultät hervor, so De electione aeris et 
ipsius rectificatione, d. h. über Wahl und Reinhaltung der Luft. 
„Ce passage, bemerkt er, „est marque au coin de la plus saine 
Observation et il est dans tout ce chapitre plus d'un precepte 
que ne desavouerait pas la science moderne." 

! ) Hecker. Geschichte der Volkskrankheiten. S. 79. 

2 ) Haeser. Geschichte der Medizin. Bd. III. S. 176. 

3 ) Dieser wird in der Chronik von Adam de Crena aus 
den Jahren 1300 bis 1370 unter dem Jahr 1352 wie folgt er- 
wähnt: Bononinus de Bernardis Pergamentis ex Clusone oppido 
oriundus per hoc tempus divina quodam medendi disciplina 
omnes sui temporis medicis excelluit. (Miscellanea di storia 
italiana. Bd. V. S. 259.) Die Handschrift befindet sich in der 
Turiner Bibl. Codex DXXVIII K. V. 3. F. V. 25. Fol. 280 ff. 
Am Schlüsse heißt es: Expletus est hie traetatus seu libellus 
de preservatione morborum pestilentialium nunc apparentium 
a me magistio Bononio De Bernardis, die III Junii anno 1373. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 251 

die Gewährsmänner, auf die sich die Ärzte des Mittel- 
alters bei ihren Ratschlägen berufen, griechische und 
römische Ärzte, wie Hippocrates und Galen und von 
arabischen Philosophen und Ärzten in erster Reihe 
Averroes und Avicenna, ferner Avenzoar oder Ana- 
zoar, Almanzor u. a. gewesen sind. Diese- Ratschläge 
stimmen im allgemeinen mit denen der Pariser Ärzte 
überein. Bononio de Bernardis macht hie und da 
Bemerkungen über die gute Wirkung verschiedener 
Heilmittel, so der Pillen und des Rhabarbers, die er 
im Jahre 1361 erprobt habe und von denen er in 
Übereinstimmung mit Averroes sicher sagen könne, 
daß sie sich in allen Fällen bewährt haben. In der 
Abhandlung wird sogar die Bereitung von Pillen, 
Arzneien, Pulvern und Salben aus Theriak, Essig, 
weißem Wein, Rosen wasser, Kampher, Korallenpillen, 
Aloe, Rhabarber in den verschiedensten Mischungen 
wiederholt beschrieben. Noch interressanter als diese 
mehr oder weniger wunderlichen Heilmethoden sind 
die an die Griechen und Araber anknüpfenden Be- 
merkungen des Verfassers über den Einfluß der Luft 
auf die Verbreitung der Ansteckung. Im Einverständ- 
nis mit Guy de Chauliac, dessen Rat, wie Boccaccio 
berichtet, die Florentiner befolgt haben, hielt er die 
Transmutatio de aere pestilenciali ad non pestiloncialem 
für das sicherste Schutzmittel gegen die Ansteckung 
und empfahl, die Wohuung nach einem pestfreien Ort 
zu verlegen. 

Noch bedenklicher erscheint der Rat, daß, wer 
seinen Wohnort nicht verlassen kann, den kalten und 
trockenen Nordwind dem warmen und feuchten Süd- 
wind vorziehen solle, weil der erstere nach Avicenna 
die Fäulnis vernichte, ventus borealis aerem putridum 
sanat. Rührt nicht vielleicht aus dieser Zeit die landläufige 



252 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

Vorstellung her, daß eine Seuche mit dem Eintritt 
des Winters verschwindet? 

Bei der Anordnung, durch lodernde Feuer aus 
wohlriechendem Holz, wie Wachholder, Cypresse, Lor- 
beer, Sandel u. a. m. die Luft zu reinigen, berief man 
sich auf die berühmten arabischen Schriftsteller. Auf 
die Autorität des Hippocrates hin empfahl man das 
Holz mit Terpentin zu begießen. Für die Reinigung 
der Luft bei Hitze durch Kampfer, rosa sandali, 
Granatwurzeln und Moschus und bei kaltem Wetter 
durch Mastix, Aloe und andere Harzstoffe hatte sich 
Avicenna ausgesprochen. 

Als ein drittes .Reinigungsmittel der Zimmer- 
böden, Wände und des Bettzeugs dienten Essig und 
Rosenwasser. 

Endlich empfahl man zu demselben Zweck im 
Namen „Anazoars" wohlriechende Balsam-, Reb-, 
Birnen-, Lorbeer-, Cypressen-, Rosmarin- und Myrten- 
blätter zu streuen. Mit der Empfehlung besonders 
wohlriechender Mischungen aus Kardamom, Nelken, 
Muskatnuß, Ambra, Thymian, Essig und Rosenwasser 
schließt der Abschnitt der Abhandlung, der „de aero 
artificando" überschrieben ist. 

Bei den Speisen und Getränken werden ähnliche 
Ansichten wie die der Pariser Ärzte geäußert. Heben 
wir jedoch einzelne mit Berufung auf Galen erteilte 
Ratschläge hervor, wio Brot nur aus Korn zu bereiten, 
das auf trockenem Boden und ohne Dünger gewachsen 
ist, die Spreu zu entfernen, den Teig längere Zeit 
gähren zu lassen und etwas Salz beizugeben und 
nicht frisches, sondern ein, zwei, auch drei Tage altes 
Brot zu essen. 

Wir erwähnen kurz, daß jungem Kalb- und 
Hammelfleisch der Vorzug vor Rind- und Schweine- 
fleisch eingeräumt wird. Im Gegensatz zur Pariser 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 253 

Akademie empfiehlt Bononio Küchlein, Wachteln und 
Fasanen und verbietet jedwedes Sumpfwild. Rührei 
mit Essig sei nützlich, harte Eier schädlich. Nur 
Flußfische seien .erlaubt; des Genusses von Gemüsen 
mit Ausnahme von gekochten Lattig und Portulak 
mit Essig solle man sich enthalten. 

Frische und sauereMilch und Käse in kleinenMengen 
werden, gestützt auf Anazoar, erlaubt, alle anderen 
Milchprodukte werden verboten, weil „Milch, Fische 
und süße Speisen viel Fäulnis, multam putritudinem, 
enthalten und die Gefahr der Ansteckung vermehren". 
Säuerliche Früchte, wie Granatäpfel, Limonen, beson- 
ders solche aus pestfreien Gegenden, werden mit Be- 
rufung auf Averroes empfohlen, alle anderen verboten. 
Man solle nicht viel essen, sondern nur den Hunger 
stillen, und einige Male täglich ein bis zwei Gerichte 
zu sich nehmen, u. s. f. Mit weiterer Berufung auf 
die berühmten arabischen Arzte werden ausschließlich 
weißer, wohlriechender und mit Wasser vermischter 
Wein und nicht allzu heiße Bäder mit Essig und 
Sandelöl empfohlen. 

Das Verbot des geschlechtlichen Verkehrs wäh- 
rend der Herrschaft der Pest geht auf Avicenna 
zurück. Sehr bemerkenswert sind die Auslassungen 
dieses Mannes über die Notwendigkeit, die Gemütsruhe zu 
bewahren. Musik, Unterhaltung mit lebenserfahrenen 
Männern, heitere Gespräche, Spiele u. drgl. seien 
empfehlenswert. Nach Boccaccio betätigten die Floren- 
tiner diese Regeln, um die Ansteckung abzuwenden. 
Während einige, wie der Verfasser des Decameron 
berichtet, sich in ihren in gesunden Gegenden bele- 
genen Wohnungen einschlössen, versammelten sich 
andere zu fröhlicher Unterhaltung. 

Eine solche Lebensweise führten u. a. die jungen 
Männer und Frauen, deren Gespräche den Inhalt des 



254 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

Decameron bilden. Die Vorrede zu dieser Sammlung 
italienischer Erzählungen birgt überhaupt viele wert- 
volle Einzelheiten über die Lebenshaltung der von 
der Pest bedrohten Einwohner, die unter dem Einfluß 
der Gesundheitslehren des XIV. Jahrhunderts standen. 
Im völligen Vertrauen auf Guy de Chauliac und Simon 
de Covino, die die Flucht für das sicherste Schutz- 
mittel hielten 1 ), flüchteten viele Florentiner aus der 
Stadt in die Einsamkeit und „aßen gesunde Speisen, 
tranken die besten Weine und enthielten sich alles 
Überflüssigen" ; sie schlössen sich nicht nur von der 
Außenwelt ab, sondern wollten auch nichts von den 
Vorgängen außerhalb ihres Aufenthaltes wissen. Um 
eine Verpestung der Luft durch Kranke und Leichen 
zu verhindern, umgaben sich viele auf ärztlichen Rat 
mit Blumen und Ge Würzmitteln, andere mochten nach 
jedem Orte, der vor der Ansteckung noch bewahrt 
war, flüchten, als ob sie des Glaubens lebten, heißt 
es im Decameron, daß der Zorn Gottes es nur auf 
die Einwohner der von ihnen verlassenen Stadt abge- 
sehen habe; aber trotz aller Sicherungsmittel erlagen 
sie doch der Pest. Auch Matteo Villani bezeugt, daß 
Tausende von Menschen, die in den Vororten von 
Florenz und in den entlegensten Flecken Toscanas 
Schutz gesucht hatten, von der Ansteckung ereilt 
worden sind. 

Wenden wir uns jetzt von den Vorbeugungs- 
mitteln den Heilmitteln zu, die im Gebrauche waren. 
Die Abhandlungen aus der zweiten Hälfte des XIV. 
Jahrhunderts erwähnen Arzneien, Pulver, Pillen, Sal- 
ben und Abführungsmittel, die auch in der Tat ange- 
wendet wurden. Bei Guy de Chauliac heißt es: „in 

l ) In preservatione non erat melius quam ante infectionem 
fugere regionem. Guy de Chauliac. Nil valet abscondi, valuit 
fuga sola. (Libellus de judicio solis compositus Parisiis.) 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 255 

cura fiebant phlebetemiae et evacuationes et syrupi 
cordiales". Geschwüre an den Weichen behandelte 
man entweder mit Pflastern aus Knoblauch, Mehl und 
Butter, oder man schnitt sie nicht selten auf, um die 
Fäulnis zu entfernen, oder brannte sie mit einem 
glühenden Eisen aus 1 ). 

Einzelne Ärzte, so Johann Cole, dessen hand- 
schriftliche Abhandlung von Haeser in der Universitäts- 
bibliothek zu Wien entdeckt worden ist, verwerfen 
den vielfach geübten Aderlaß und zeigen im Gegen- 
satz zu Chauliac, daß das Offnen der Geschwüre und 
Venen häufig den Tod herbeiführe. „Ich", äußert 
sich Cole, „gab es auf, da die Kranken nach dieser 
Behandlung unrettbar starben" 2 ). 

Außer den medizinischen Abhandlungen, die wegen 
der lateinischen Sprache dem Volke unverständlich 
waren, waren die erwähnten Sicherungs- und Heil- 
mittel in Knüttelverse gefaßt, die sich leicht dem 
Gedächtnis einprägten. Wir bringen hier in der Über- 
setzung folgendes Gedicht, das in Florenz zur schwe- 
ren Zeit des schwarzen Todes verbreitet gewesen ist. 

„In der Zeit der Ansteckung und Pest sind gute 
Seelenstimmung in Gemeinschaft mit Gott und leichter 
Magen das beste Erhaltungsmittel. Hüte dich vor 
Schwermut, Erschöpfung und Aufregung, genieße 
mäßig frische Speisen und starken Wein. Halte dich 
nicht unter der Menge auf, unterhalte gutes Feuer 
und stärke den Appetit durch Süßigkeiten. So haben 



J ) Et apostemata extrinseca maturabantur cum ficis et cepis 
coctis et pistatis et mixtis cum fermento et butyro. Post aperie- 
bantur et curatione ulcerum curabantur. Anthraces ventosa- 
bantur, scaripicabantur atque cauterisabantur. (Guy de Chauliac. 
Chirurgia. Tr. I. Cap. 5. Angeführt bei Haeser. Geschichte der 
Medizin. Bd. III. S. 170.) 

2 ) Haeser. Bd. III. S. 138. 



256 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

Galen, Hippocrates, Avicenna und viele andere Ärzte 
mündlich und schriftlich gelehrt. Liegt dir an deiner 
Gesundheit, so iß nichts, was dir nicht zusagt, kaue 
gut einfach zubereitete, vermeide aber rohe Speisen. 
Mache keinen übermäßigen Gebrauch von Arzneien, 
schlafe nicht nach der Mahlzeit, unterdrücke Zorn- 
ausbrüche und düstere Gedanken. Trinke wenig, 
aber öfters, und nicht bei leerem Magen, auch nicht 
sofort nach dem Essen, habe nicht zu oft und nicht 
zu selten Stuhlgang. Lustwandle, mache dir Bewe- 
gung, schlafe mäßig und decke dich gut zu und 
zuletzt noch einen Rat: erhalte den Körper in Buhe 
und den Kopf in Heiterkeit, meide Ausschweifungen 
und befolge die Speiseregeln" 1 ). 

Die Fortschritte in der Behandlung der Pest sind 
seit dem Mittelalter so unbedeutend gewesen, daß wir 
von den heutigen Ärzten eine strenge Beurteilung 
ihrer mittelalterlichen Genossen kaum erwarten können. 
Und in der Tat macht ihnen Haeser in seiner Ge- 
schichte der Medizin nur den Vorwurf der Ver- 
schwendung von Menschenblut durch Aderlässe, lobt 
aber ihre Anstrengungen zur Milderung des Fiebers 
und rascher Entleerung der Geschwüre 2 ). 

Strenger urteilt Hecker, der es der medizinischen 
Fakultät zu Paris nicht verzeihen kann, daß sie ihre 
eigene Unwissenheit in dem von ihr abgegebenen 
Gutachten so naiv an den Tag gelegt habe 3 ). Creighton 
hält es nicht einmal der Mühe wert, die Sicherungs- 
und Heilmittel des XIV. Jahrhunderts zu erwähnen, 
so nichtig erscheinen sie ihm. 

Wenn wir aber die damaligen Verhältnisse be- 
rücksichtigen und bedenken, daß einer richtigen Er- 

1 ) La pestilenza del a. 1348. Rime. Firenze presso la Dire- 
zione de la Rivista critica della letter. ital. 

2 ) Haeser. Bd. III. S. 138. - 3 ) Hecker. S. 79. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 257 

kenntnis der Krankheit durch Obduktion religiöse 
Vorurteile im Wege standen und daß die anatomi- 
schen und physiologischen Kenntnisse noch so dürftig 
waren, daß in Perugia 1 ), w r o einzelne Ärzte vom 
Messer Gebrauch zu machen gewagt hatten, der Tod 
der Kranken auf die Bildung einer Blase mit giftiger 
Flüssigkeit im Herzen zurückgeführt wurde, dann müssen 
wir über die mehr oder weniger geistreichen Ver- 
mutungen staunen, die die Arzte des XIV. Jahrhun- 
derts im Anschluß an frühere Gewährsmänner über 
die Rolle der Luft und des Wassers bei der Verbrei- 
tung der Pest geäußert haben. Das Urteil Boccaccio's: 
„Die Arzte verstanden nichts von der Krankheit, was 
sie auch seltsamerweise selbst eingestanden haben", ist 
aus dem Grunde nicht allzu streng zu nehmen, weil es 
ebensogut auch auf dieNeueren Anwendung finden kann. 
Je weniger wirksam die ärztlichen Maßnahmen 
waren, desto gläubiger vertraute man auf die Hilfe 
Gottes. Neben Vorschriften zur Bereitung von Pillen 
und Salben und über gesundheitliche Lebensweise 2 ) 



1 ) Fecero qui da noi alcuni medici notomia, trovarono 
che vicino al cuore nasceva una bisica piena di veneno. (Brevi 
Annali della cittä di Perugia. Corradi. Annali I. 203.) 

2 ) Eine dieser Anleitungen lautet folgendermaßen: Bist 
du von der Krankheit befallen, so trinke keinen Wein, iß 
nicht Fleisch, Eier, Käse und Süssigkeiten; hüte dich vor 
Hitze und Wind und beobachte in allem Maß; steigst du in 
warmes Wasser, so sei darauf gefaßt, daß die Venen dir an- 
schwellen; sieh nicht in den Mond oder links von ihm hinauf; 
bist du krank geworden, so nimm die Arznei vor, aber keines- 
wegs nach zwei Uhr zu dir. Diese besteht aus Pillen ; nimm 
zwei bis drei Mal Morgens drei Gr. Myrrhen, drei Gr. Bellar- 
min in weißem, mit Wasser vermischtem Wein und du bist 
vor jeder Gefahr geschützt. Die gewöhnlichen Pillen gegen 
die Pest bestehen zu gleichen Teilen aus Aloe, Myrrhen und 
Anis. (Remedium contra pestem. Turiner Universitätsbibliothek. 
MS. g. IV, 27. Fol. 59.) 

Kowalewsky, ökonomische Entwickelung Europas V. 1« 



258 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

enthalten die Handschriften aus dem XIV. Jahrhun- 
dert denn auch Gebete. Eines dieser Gebete lautet 
wörtlich : „Schreibe uns, Herr, das Heilszeichen ins Herz, 
auf daß der Todesengel sich nicht erdreiste, in unsere 
Wohnungen einzudringen! Vom Himmel sende uns 
dieses Zeichen und nimm uns in deinen Schutz! 
Möge unser Leib von dem Ausschlag verschont bleiben ! 
Erweise uns deine Gnade und lasse Christus unter 
uns weilen! Der Heiland komme in Frieden und das 
Gottesreich auf Erden!" 

„Wir flehen dich, Heiliger Sebastian, an, du, dessen 
Glauben so stark ist, bitte Gott für uns, sei unser 
Beschützer, auf daß wir von der Pest und Ansteckung 
befreit werden und erscheinen vor unserm Herrn 
Jesus Christus, Amen!" 

Daß man diesem Gebet eine bezwingende Zauber- 
kraft gegen die Ansteckung zugeschrieben hat, zeigt 
die Oratio contra pestem, die lautet: „Ewiger, All- 
mächtiger Gott! Da hast unser Flehen und die Für- 
bitte des seligen Sebastian, des Märtyrers, erhört und 
die tötliche Pest von uns abgewendet! Erhöre uns 
auch heute, und möge jeder, so dieses Gebet bei sich 
trägt und im Gedächtnis hegt und es bei Tag und 
Nacht spricht, vor der Ansteckung und jeglicher Ge- 
fahr für seinen Körper bewahrt bleiben, auf daß im 
Namen unsers Herrn Jesu Christi der plötzliche und 
unerwartete Tod uns fern bleibe 1 )!" 

Dieselbe Stimmung atmen auch die Gedichte, so 
die Knüttelverse des von uns schon mehrfach erwähn- 
ten Simon de Covino, die eine traurige Beschreibung 
dessen darstellen, wovon der Verfasser in den schreck- 
lichen Tagen des schwarzen Todes Augenzeuge ge- 



J ) Remedium contra pestem. (Universitätsbibliothek zu 
Turin. Ms. codex DXXII. R. IV. fol. 32. G. IV. fol. 27. 59.) 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 259 

wesen ist. Die öffentliche Meinung, heißt es in der 
Einleitung zum Gedicht „De convivo solis in domo 
saturni", schreibt den Ausbruch der Pest dem Zorn 
des Himmels zu; von Gott war sie als Strafe für die 
Sünden, wie einst die Sintflut gesandt 1 ). In den Liedern 
der Geißler oder Flagellanten kehrt die Mahnung zur 
Buße und Besserung immer wieder. „Ihr Frevler, 
ihr Meineidige, bekennet, bereuet euere Sünden! Wehe 
dir, Wucherer, der du aus einer Unze Gold ein ganzes 
Pfund machst, zur Hölle wird dich sein Gewicht 
herabdrücken ! Und ihr, Mörder und Räuber, ihr, 
von Gott Verdammte, niemandem habt ihr Barm- 
herzigkeit erwiesen und auch ihr werdet nicht der 
Gnade Gottes teilhaftig werden! Noch zu rechter 
Zeit haben wir Buße getan, sonst wäre die christliche 
Welt zu Grunde gegangen, denn schon war sie in 
den Fesseln des Satans, aber die Hl. Jungfrau hat 
sie gelöst. Sünder, ich verkünde dir, daß der hei- 
lige Petrus, der Himmelspförtner, dein Flehen zu er- 
hören und dich in das Reich der Königin zu führen 
geneigt ist. mein Heiland ! und du heiliger Michael, 
der du die Seelen in deinen Schutz nimmst, errette 
uns vor den Qualen der Hölle und du Christus, der 
du uns durch deinen Tod erlöst hast 2 )!" 

Dieselben Gedanken bringt in noch poetischerer 
Form der Florentiner Antonio Pucci im folgenden 
Gedicht zum Ausdruck. „Denket nicht an den Tod, 
dem ihr doch nicht entrinnen werdet. Sorget vor 
allem für euer Seelenheil noch vor euerem Ende. 
Der Mutige hat keine Furcht vor dem Tode. Darum 
möge der Wucherer das ungerecht Erworbene zurück- 
geben, ebenso wieder, welcher kirchliches oder Staats- 



!) Bibl. de 1 ecole des chartes. 1-ere Serie. VII. S. 201 ff. 
3 ) Philippe. Histoire de la peste noire. S. 79. 

17* 



260 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

gut sich angeeignet hat. Feinde versöhnet euch 
in Frieden und Ruhe. Stellt die Gewalttaten ein, 
stillet die Tränen Fremder, bekennet euere Sün- 
den, seid fromm und gerecht. Verlasset nicht aus 
Furcht vor der Krankheit die Kranken, der Sarazene, 
der Jude und der Abtrünnige, alle sie verdienen in 
gleichem Maße ärztliche Pflege; wie können denn 
Brüder ihre Brüder, Väter ihre Kinder verlassen? 
Tröstet die Leidtragenden und versagt den Sterben- 
den nicht euren guten Rat. Angst vor Ansteckung 
zu haben ist lächerlich; gefährlich ist nur der Atem 
des Kranken. Aber gegen den Willen Gottes kann 
auch dann nichts geschehen. Wollet ihr den Armen 
oder der Kirche etwas vermachen, so sollet ihr euch 
beeilen, es bei vollem Bewußtsein zu tun. Gebet den 
Gestorbenen bis zum Grabe das Geleit, damit auch 
euch das Gleiche von eueren Angehörigen geschehe 1 )." 

Wie einst in den Tagen vor der Geburt des 
Heilands, erwarteten auch jetzt die Zeitgenossen den 
Untergang der Welt. Der Chronist von Siena, Andrea 
de Turre, war davon ebenso überzeugt, wie Petrarca 2 ), 
Simon de Covino und Guillaume de Macheau. Gentilis 
di Foligno erwähnt, daß Niedergeschlagenheit und 
Furcht „einen fieberhaften Zustand des Körpers erregt 
haben", der die Verbreitung solcher Ideen begünstigt 
habe 3 ). 

Bei diesem Gemütszustande war es unmöglich, 
der religiösen Überspannung zu widerstehen, die in 
Selbstgeißelung und Bußübungen ihren Ausdruck fand. 
Von neuem brach eine Massenbewegung aus, wie sie 
schon oft in Zeiten innerer und äußerer Zwietracht, 
Hungersnot, Überschwemmungen, sonstiger physischer 

x ) Ant. Pucci. Della mortalitä che l'u in Firenze nel 1348. 
(La pestilanza del 1348. Rime anfciche S. 7.) 

3 ) Lettere familiäre. — 3 ) Philippe. S. 245. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 261 

und moralischer Übel und der Furcht vor dem Welt- 
untergang die katholische Welt ergriffen hat. Durch 
die Ausbreitung des Islams in Syrien und Kleinasien 
war ein neuer Kreuzzug nach Palästina zur Befrei- 
ung des heiligen Grabes für immer unmöglich ge- 
worden, und so begannen denn die neuen Sendlinge 
Petri im Innern Deutschlands ihre Büß- und Geißel- 
predigten, um die Gemüter auf den unumgänglichen 
Tod vorzubereiten und sie zu veranlassen, geschehenes 
Unrecht wieder gut zu machen. Es bildeten sich 
Scharen bettelnder Geißler, Battus, Flagellanten, die 
in immer wachsender Zahl aus den nordöstlichen Ge- 
bieten Deutschlands durch die Städte des heiligen 
römischen Reichs zogen. Sie tauchten zum ersten 
Mal im Herbst des Jahres 1349 in Österreich auf, 
verbreiteten sich über Böhmen, Sachsen, die Mark 
Brandenburg, Lübeck, Augsburg, Straßburg, in den 
Städten Flanderns und an den Ufern des Bodensees. 
Nach den Chroniken zogen sie am 1. März 1349 in 
Prag ein, begaben sich von Böhmen nach Dresden, 
Mitte April waren sie in Magdeburg und Lübeck, 
im Mai in Würzburg und Augsburg, im Juni in 
Straßburg und Konstanz, im Juli inYpres, Brügge, Gent, 
Lille und in anderen Städten Nord- und Ostfrankreichs 
und Westbelgiens 1 ). Im Herbst, um Michaelis herum, 
gelangten sie nach Robert von Avesbury, aus Flandern 
nach London 2 ). Diese Pilger, die ganz Deutschland nach 
allen Himmelsrichtungen durchzogen hatten, haben 
sicherlich nicht eine einzige Schar gebildet; eher 
läßt sich annehmen, daß sich gleichzeitig mehrere 
Trupps gebildet haben und es nur einzelnen von 
ihnen gelangen ist, eine genügende Zahl von Teil- 



r ) Hoeniger. S. 13. — 2 ) Robertus de Avesbury. De gestis 
Edwardi III. S. 407. De publice poenitentibus. 



262 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

nehmern zu vereinigen, um weite und nicht immer 
gefahrlose Wanderungen zu unternehmen. Im Jahre 
1348 war diese Bewegung in Osterreich noch örtlich 
beschränkt. Von dem Augenblick an aber, als die 
Geißler gleichzeitig in Lübeck und Magdeburg auf- 
tauchten, kann man in ihrer ungeordneten Massen- 
bewegung zwei Hauptwellen, eine östliche und eine 
südliche, unterscheiden. 

Im Juni und Juli treffen wir zwei neue Strö- 
mungen, von denen die eine sich nach den Nieder- 
landen, Flandern, der Picardie und weiter nach Süden 
bis Reims bewegt, während die andere sich von den 
Ufern des Konstanzer Sees gegen Süden, nach Trient 
und der Lombardei wendet. Die französischen Ge- 
schichtsschreiber haben sich seit Michelet bemüht, die 
Geißlerbewegung in einen Zusammenhang mit dem 
germanischen Yolkscharakter zu bringen, dem im Unter- 
schied von den romanischen Völkern ein Zug der 
Düsterkeit eigen sei 1 ). Diese Erklärung steht aber 
mit den Tatsachen im Widerspruch. Geißler kannte 
man auch in Italien, sie traten dort sogar neunzig 
Jahre vor dem schwarzen Tode, zuerst in Perugia, 
später in Padua und Verona auf. In Venedig hatten 
die sog. battuti ihre eigene Gilde, Statuten und Re- 
gesten, mariegolae. In Trient errichteten sie im Jahre 
1340 ein Krankenhaus und schlössen sich zu einer 
Genossenschaft, Fradaia degli battuti 2 ), zusammen. 
Aus ihren Satzungen geht hervor, daß die Geißler 
den kirchlichen Gilden und Bruderschaften ähnliche 
Einrichtungen besessen haben und daß die Veran- 
staltung von Seelenmessen und Umzügen mit Gesang 



1 ) Michelet. Histoire de France. 1889. Bd. IV. S. 232. 

•) Es gibt noch frühere Statuten der Geißler zu Bologna 
aus dem Jahre 1260. Vergl. Statuta della societä dei battuti. 
(Gaudenzi. Societa delle arti di Bologna. S, 423.) 



Fünftes Kapitel : Der schwarze Tod des Jahres 1348. 263 

beim Begräbnis verstorbener Mitglieder, desgleichen 
Verteilen von Brot an Arme und Kerzenspenden an 
die Kirche zu ihren vornehmsten Aufgaben gehört 
haben 1 ). Es ist demnach nur natürlich, daß gerade 
in Italien die religiöse Überspannung zuerst in die 
Erscheinung getreten ist. Hier war der geeignetste 
Boden für Bußprediger im Namen Jesu. Die 
blutige Feindschaft zwischen Ghibellinen und Weifen, 
die unausrottbare alte langobardische Vendetta oder 
Blutrache, die nicht das Wesen, sondern die geschicht- 
liche Entwicklungsstufe eines Volkes oder einer Rasse 
kennzeichnet, war durch jene Predigten eine Zeitlang zur 
Ruhe gekommen 2 ). 

Die innere Zwietracht war es, die im Jahre 1260 
die ersten Geißlerschaaren, zuerst in Bologna 3 ) und 
Perugia, dann in Rom und an vielen anderen Orten 
Mittel- und Norditaliens ins Leben gerufen hat 4 ). 
Die Verheerungen, die das ghibellinische Heer des 
Tyrannen von Paclua und Verona, des grausamen 
Condottiere Ezzelino de Romano, sich hatte zu Schulden 
kommen lassen, gaben den Anstoß zu den Bußübungen. 
Der Chronist von Padua schildert die erste Geißler- 
fahrt der „devoti" oder Frommen folgendermaßen: 
„Als Verbrechen aller Art Italien schändeten, wurden 
die Menschen von einer bußfertigen Stimmung er- 
griffen. Edle und Unedle, Alt und Jung, ja Kinder 
von kaum fünf Jahren, fast nackt, schritten paar- 



2 ) Schneller. Statuten e. Geißler-Bruderschaft in Trient aus 
dem XIV. Jahrh. § 31. (Zeitschrift des Ferdinandeums. III. Folge. 
H. 25.) 

2 ) Vergl. Die neue Sitte und das alte Recht (russisch). 
Bd. IL Kap. 1. 

3 ) Statuti della Societä dei Battuti den" anno 1260. 

4 ) Cibrario. Economie politique du moyen äge. Bd. II. 
S. 258. 



264 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

weise in feierlichem Aufzuge durch die Straßen der 
Stadt und beteten und geißelten sich auf den öffent- 
lichen Plätzen. Mit ledernen Biernen schlugen sie 
sich unter Schluchzen und Gebeten so lange, bis Blut 
floß. Man sah Hunderte, Tausende und Zehntausende 
solcher Büßenden. Nicht nur am Tage, sondern auch 
nachts zogen sie mit brennenden Kerzen, angeführt 
von Priestern, die für diesen Zweck verfaßte religiöse 
Lieder sangen, und warfen sich unter Schluchzen und 
Wehklagen am Eingange der Kirche nieder. Mit 
Kreuzen und Fahnen zogen sie durch Städte und 
Dörfer und in jedem Orte geißelten sie sich 1 )." Ahn- 
liche Geißlerfahrten wiederholten sich in den Städten 
des Elsaß, so im Jahre 1296 in Straßburg, und im 
Jahre 1334 in der Lombardei, wo es nach dem Do- 
minikaner Yenturino allein in Bergamo über zehn- 
tausend Geißler gegeben hat. 

Die Furcht vor dem Tode beim erstmaligen Er- 
scheinen der Pest im Osten in den an die Türkei 
und Pannonien grenzenden Städten Österreichs im 
Jahre 1348 war so stark, daß sie allein Bußgedanken 
erwecken konnte. Zur Kennzeichnung der Geißler, 
berichtet der Verfasser der Klosterneuburger Chronik, 
ein Zeitgenosse des schwarzen Todes, daß sie sich 
der Hoffnung hingaben, durch Selbstzüchtigung den 
Zorn Gottes, der die Seuche gesandt hatte, zu mil- 
dern 2 ). 



] ) Förstemann. Die christlichen Geißlergesellschaften. Halle. 
1828. In diesem Buche wird der Bericht des ungenannt ge- 
bliebenen Mönches von Padua angeführt. 

-) Ob hanc causam, ut Deus misericorditer intueratur genus 
humanuni inchoata fuit penitentia manifesta ubique. (Klosterneu- 
burger Fortsetzung der Melker Annalen. Monum. Germ. hist. 
Script. Bd. XIX. S. 675.) 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 265 

Ein Teil der überlieferten Gesänge der Geißler 

ist nach der Limburger Chronik bereits im Jahre 

1260 verfaßt worden. Die bei Hecker abgedruckten 

Lieder entstammen aber der Zeit des schwarzen Todes. 

Das Lied : 

Sve sin er sele ville plaguen, 

De sal gelden unde weder geven; 

So wert siner sele raed, 

Das helfe uns leue herre Goed!" 

verrät eine naive und stark materialistische Sinnesart, 
die durchaus nicht nur dem Christentum eigen ist, 
da auch die Heiden ihr die Sage vom „Ring des 
Polykrates" zu verdanken haben. 

„Tretet her, wer büßen will!, heißt es ferner, 
„Alle, die die heiße Hölle fliehen wollen! Heiland, 
laut flehen wir dich an! Behüte uns vor den Qualen 
der Hölle ! Für Gott vergießen wir unser Blut, auf 
daß er uns die Sünden vergebe. So wollen wir uns 
geißeln zu Ehren Christi, und Gott wird sich über 
uns erbarmen 1 )." 

Dieselbe Hoffnung auf Reinigung durch Selbst- 
züchtigung, die durch die Kreuzigung des Heilands 



r ) Die publice poenitentes sind in der Chronik Roberts 
de Avesbury folgendermaßen geschildert. Zweimal täglich er- 
schienen in den Straßen Scharen halbnackter Menschen, die 
um die Lenden ein Stück Leinen, Hüte mit einem roten 
Kreuz und Geißeln mit drei Spitzen trugen und sich während 
der Umzüge geißelten, bis Blut floß, vier oder fünf von ihnen 
sangen Lieder und die anderen stimmten mit Gebeten ein ; 
drei Mal warfen sie sich nieder und formten die Hände zu 
einem Kreuz, dabei schritt einer hinter dem andern und schlug 
seinen Vordermann mit der Geißel; sie übten diese Selbst- 
züchtigung gewöhnlich bei Nacht. Die Zahl der nach London 
gekommenen Geißler war gering: 120 Mann, die meist aus 
Seeland und Holland stammten und ihre Bußübungen nicht 
selten in der St. Pauls-Kathedrale ausführten. (Hubertus de 
Avesbury. De gestis Edwardi III. S. 408.) 



266 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

vorgezeichnet sein sollte, spricht auch aus dem Liede 
der französischen battus: 

„Batons nos charognes bien fort 
En remembrant la grant misere 
De Dieu et de sa piteuse mort." 

Daß diese Greißlerfahrten, die durch die einzelnen 
Städte Deutschlands und Frankreichs führten, und 
durch Umzüge, Fasten und Selbstzüchtigung ihre 
Teilnehmer erschöpften, nicht ohne Einfluß auf die 
Verbreitung der Ansteckung sein konnten, liegt auf 
der Hand. Den untersten Schichten des Volkes ent- 
stammend, im höchsten Grade unsauber, vermittelten 
und verbreiteten sie überall die Ansteckung. In Straß- 
burg, Mainz und Köln wurden sie gastfreundlich 
empfangen, mit Glockengeläute wurde ihre Ankunft 
angekündigt, aus den umliegenden Ortschaften strömte 
das Volk herbei. Auch diese Ansammlungen erhöhten 
die Gefahr der Ansteckung. 

Mit tiefer Andacht, mit großer Ergriffenheit, be- 
richtet der Straßburger Chronist, wohnte das Volk 
den Bußübungen der Geißler bei 1 ). 

Gefahrdrohender wurde die Bewegung erst von 
dem Augenblick an, als die Geißler mit dem An- 
spruch auftraten, berufen zu sein, Rache an den Juden 
für die dem Heiland zugefügten Demütigungen zu 
nehmen. Bereits im Herbst des Jahres 1349 gaben sie 
die Losung aus, die Juden zu vernichten. Die Chro- 



2 ) Closener Chronik: „Wanne die Geischeler sich geischel- 
ten, do war daz groste zulouffen und das groste weinen von 
andaht, daz je kein man solt gesehen. So sü denne Brief 
losent so huob sich der groste jomer von deme Volk wände 
sie glaubeten alle es were wäre." Hier ist von einem Brief 
die Rede, den ein Engel vom Himmel mit der Botschaft ge- 
bracht haben sollte, daß jeder, der sich geißelt, der Gnade 
Gottes teilhaftig werden solle. (Hoeniger S. 101). ) 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 267 

nisten berichten zwar, daß die Judenverfolgungen 
gleichzeitig in Südfrankreich, in der Schweiz, im 
Elsaß, am Oberrhein, in Schwaben, Ostfranken und 
Thüringen unmittelbar nach dem Erscheinen der 
Pest und unabhängig von der Geißlerbewegung be- 
gonnen haben x ). Die Veranlassung hierzu gab die 
sinnlose Beschuldigung, die Juden hätten die Brunnen 
vergiftet. Bern wandte sich an Basel, Freiburg und 
Straßburg mit der feierlichen Aufforderung, die Juden 
zu vertreiben, die einzig und allein die Schuld an 
der Sterblichkeit trügen. Jn Baden nötigte das Ge- 
sindel den Herren das Versprechen ab, sich der Juden 
durch Verbrennen zu entledigen und zweihundert 
Jahre lang ihnen den Eintritt in die Stadt zu ver- 
bieten. Die ergriffenen Juden wurden in ein eigens 
dafür errichtetes hölzernes Gebäude eingeschlossen 
und dieses von allen Seiten angezündet. Ahnliche 
Gräuel wurden auch in Freiburg verübt. 

In Belfeld traten Bischöfe, die Senioren und 
Abgeordnete der Städte und Grafschaften zusammen, 
um über ein gemeinsames Vorgehen gegen die Juden 
zu beraten. Als die Vertreter Straßburgs für die 
Juden eintraten, wurde ihnen eingewendet: „Warum 
habt ihr denn die Benutzung der Brunnen verboten, 
wenn die Juden an ihrer Vergiftung nicht Schuld 
haben?" So fest war man davon überzeugt, daß die 
Pest nur durch Vergiftung und zur Vernichtung der 
Christenheit entstanden war *) ! Nun begannen am 
mittleren Rhein und im Norden Bayerns die Hin- 
richtungen der Juden, und schnurstracks eilten die 
Geißler den Übeltätern zu Hilfe. 

Als die Juden von Bamberg, erzählt der Chronist 
Rebdorf, die drohende Gefahr erkannt hatten, ent- 

') Hoeniger. S. 104. 

2 ) Laguille. Hist. de la prov. d' Alsace. S. 60. 



268 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

schlössen sie sich zum Angriff; sie wurden aber 
plötzlich von den Geißlern überfallen, die vierzehn 
Juden töteten und darauf die Stadt anzündeten. In 
Frankfurt nahm die Verfolgung eine andere Wen- 
dung. Nachdem die flagellantes, heißt es bei Caspar 
Camenz, erfahren hatten, daß die Juden das schönste 
Stadtviertel bewohnten, brachen sie in ihre Häuser ein, 
um Hache für die Demütigungen Christi zu nehmen; 
als aber die Angegriffenen sich zur Wehr setzten, 
nahmen die Geißler mit Hilfe der herbeigeeilten 
Bürgerschaft „die ungeheuere Verfolgung des Volkes 
Israel auf". Hier lassen sich bereits die wirtschaft- 
lichen Beweggründe erkennen, die bei den juden- 
feindlichen Volksbewegungen durchaus nicht die letzte 
Rolle gespielt haben. Dies geht auch aus dem Schrei- 
ben des Papstes Benedikt XII. an den Herzog von 
Osterreich hervor, in dem hervorgehoben wird, daß 
die Juden nicht so sehr um die Mißhandlung Jesu 
Christi zu sühnen, als vielmehr aus Habsucht, ut 
aliquorum opinio est, ad judaeorum pecuniam rapien- 
dam, verfolgt werden 1 ). 

Die erwähnten Vorgänge erfolgten im Frühling 
des Jahres 1349. Nach den massenhaften Hinrich- 
tungen in Straßburg, Mainz und Köln wurden die 
Juden von einer so großen Verzweiflung ergriffen, 
daß sie sich in Speyer in ihren eigenen Häusern 
verbrannten. 

Der päpstliche Hof wollte nicht länger stummer 
Zeuge dieser blutigen Vollstreckungen bleiben. Clemens 
VI. beschützte nicht nur die Juden in Avignon, er 
erließ auch zwei Bullen, in denen er den Christen 
befiehlt, die Verfolgungen einzustellen, da die Juden 
an den ihnen zugeschriebenen Verbrechen unschuldig 



i) Hoeriiger. S. 103. 



Fünftes Kapitel : Der schwarze Tod des Jahres 1348. 269 

seien 1 ). Als der Papst erkannt hatte, wie die Geißler- 
bewegung mit den unlängst ausgebrochenen Fehden 
in Zusammenhang stand, und, um dem Drängen des 
Kaisers Karl IV. 2 ) nachzugeben, erließ er am 20. Ok- 
tober 1349 eine neue Bulle, durch die er die öffent- 
lichen Bußübungen und Umzüge verbot. Manfred 
von Sizilien und Philipp VI. von Frankreich nahmen, 
gestützt auf das Gutachten der Theologen der Sor- 
bonne über das ketzerische Treiben der Geißler, be- 
reits früher die Verfolgung der Fanatiker auf. In 
Osnabrück, Erfurt, Straßburg und Lübeck schlössen 
sich vor ihnen die Tore 3 ). Und mit einem Mal hörte 
die Bewegung auf, freilich erst dann, als sie die Ge- 
müter genugsam erschüttert und die in den verpeste- 
ten Ländern herrschende Todesfurcht noch gesteigert 
hatte. 

Inzwischen hatte auch die Pest nachgelassen, und 
man kann sich vorstellen, wie groß die Freude da- 
rüber war. Matteo Villani und sein Nachfolger Guil- 
laume de Nangis können ihren Widerwillen nicht 
verhehlen, den ihnen die rauschenden Feste der Über- 
lebenden einflößten. Das menschliche Geschlecht, 
äußert sich ein ungenannter Chronist des XIV. Jahr- 
hunderts 4 ), hat sich nicht im mindesten gebessert, 
eher ist es schlechter geworden. Anstatt demütig 
und wohltätig zu sein und der Ungerechtigkeit und 
der Sünde aus dem Wege zu gehen, sind die Men- 



1 ) Raynald Oderic. Ann. ecclesiast. 

-) „Die Geischeler verkertent alle Welt" (Königinhofer 
Chronik S. 767, Hoeniger S. 114). 

;j ) Philippe. 8. 82. Hoeniger S. 113. 

4 ) In duplo pejores sumus et nnllus de altero confidit et 
cupiditas et avaritia modo ad praesens in omnibus est conser- 
vata. Anonymi historia a tempor. Friderici II. Aug. usque 
ad a. 1354. Cap. 29. (Muratori. Bd. XV. S. 285.) 



270 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

sehen dem Müßiggang und Laster ergeben; den gan- 
zen Tag verbringen sie bei Gelagen, sitzen in den 
Schenken und essen die ausgesuchtesten Leckerbissen; 
Spiele und Ausschweifungen sind ganz gewöhnlich 
geworden ; die Kleidung hat sich gar seltsam ver- 
ändert: breite Ärmel, aus denen die nackten Arme 
heraussehen; das liederlichste Leben gehört jetzt zum 
besten Geschmack x ). Wer dem Tode entronnen ist, 
läßt sich Angelo de Turra aus, fröhnt der Lust. Alle 
Einwohner leben so, als ob sie gleich reich wären; 
man kennt keine Entsagung, alle schmausen, keiner 
arbeitet 2 ). Übrigens sahen nicht alle dieses Ausleben, 
das gewöhnlich auf kritische Zeiten folgt, so düster 
an. Viele nahmen an den Festen teil und kleideten 
ihr Entzücken über das sorglose und fröhliche Leben 
in Verse. So verfaßte Guillaume de Macheau folgen- 
des Gedicht: 

Et quant je vi qu'il festioient 
A bonne chiere et liement. 
Et tout aussi joliment 
Com s'ils n'eussent riens perdu, 
Je n'os mie euer esperdu. 
Eins repris tantost ma maniere, 
Et ouvry mes yeux et ma chiere 
Devers l'air qui si dous estoit 
Et si clers, qu'il m'amonestait 
Que hors yssisse de prison 
Oü j'avoie este la saison. 
Lors fui hors d'esmay et d'effroy 
Et montay sur mon palefroy 3 ). 

Guillaume de Nangis erwähnt eine auffallende 
Begleiterscheinung der Volksbelustigungen, nämlich 



x ) Cronica di Matteo Villani. L. I. Cap. IV. V. 

2 ) Muratori. Scriptores rerum italicarum. Vol. XVI. S. 124 
Cronicon sanese. 

3 ) Michon. Documents inedits sur la grande peste. S. 99. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 271 

die Häufigkeit der Geburten. Durchweg alle Frauen 
würden schwanger, viele gebären Zwillinge, einzelne 
sogar Drillinge 1 ). Die natürlichste Erklärung aber 
dafür ist, daß die stärksten, gesündesten und geburts- 
fähigsten Personen der Pest Widerstand zu leisten 
imstande gewesen sind. Auch ein bewußtes Verlangen 
nach Fortpflanzung kommt in Betracht, das nach der 
lange geübten Enthaltsamkeit reger geworden war. 
Mitgewirkt haben ferner die ungleichen Ehen, über 
die die amtlichen Mitteilungen nicht selten klagen, 
und auch der Müßiggang, der nicht ohne Einfluß 
auf die geschlechtlichen Verhältnisse geblieben ist. 

Die Volksbelustigungen hatten überall, wie die 
Nachrichten aus den verschiedensten Teilen Europas 
übereinstimmend und sich ergänzend zeigen, das 
gleiche Aussehen. Gleich nach dem Erlöschen der 
Pest, heben die Limburger und die Berner Chronik 
gleichmäßig hervor, begann das Volk zu jubeln, zu 
fressen, zu saufen und sich üppig zu kleiden 2 ). 

Einzelne deutsche Städte, wie Mainz 3 ), schritten gegen 
die aufgenommene Sitte der kurzen Kleider, die kaum 
die Schamtoile bedeckten, ein. Über eine ähnliche Sitte 



x ) Chronique de Guillaume de Nangis et de ses continu- 
ateurs par H. Geraud. Bd. II. S. 212. 

2 ) Limburger Chronik. S. 26. Berner Chronik S. 112. 
Beide Stellen sind bei Hoeniger, Der schwarze Tod in Deutsch- 
land, angeführt. 

3 ) A. 13GT. In diebus Ulis in tantum bacchabatur stulticia 
hominum, quod viri in adolescenti etate constituti veste et 
tunicas tam brevissimas portabant, ut pudibunda nee nates 
possent velare, quia, ingressibus et sessionibus apparebant 
verenda genitalia, si autem aliquis se dabebat inclinare, vide- 
bantur, proh pudor immensus, similiter midieres exquisitis 
diversis et monstruosis incissuris vestimentorum strictitudinem 
in quibusdam posset considerari etc. (Chron. Moguntiae misc. 
fragm. ap. Böhmer, fontes I\ r . p. 3(57.) 



272 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

„stricte se vestire et per strivitas cesties, forma nudi- 
tatis apparebat", berichten die italienischen Chroniken 1 ). 

Im Jahre 1356 klagte der Rat von Speyer über 
die Unsitten und den Übermut, die die Quelle aller 
Übel in der Stadt wie auf dem Lande, seien 2 ). 

Dieses müßige und sorglose Leben, das an die 
Stelle der bisherigen Enthaltsamkeit und stillen Zu- 
rückgezogenheit trat, mußte notwendig den Verfall 
der produktiven Arbeit und ein Steigen der Preise 
herbeiführen. Hierauf weisen auch die französischen, 
englischen, spanischen, italienischen und deutschen 
Nachrichten hin. „Bei allem Überfluß an Grütern", 
berichtet der Fortführer der Chronik von Nangis, „sind 
die Preise auf das Doppelte gestiegen: für Werkzeuge, 
Lebensmittel, Waren, die Arbeit der Ackerbauer und 
der Knechte. Nur Grundstücke und Häuser, die inÜberfluß 
vorhanden sind, machen eine Ausnahme hiervon 3 )." 
Ahnlich Simon de Covino: . . .mutatioviliacara — Fecitet 
contra, solitus pervertiturordo 4 ). Matteo Villani klagt, daß 
die Preise der landwirtschaftlichen und gewerblichen Er- 
zeugnisse aller Art auf das Doppelte gestiegen sind 5 ). 
„Omnia humanis usibus necessaria sunt in caro foro 
ubique locorum", berichten die böhmischen Chroniken 6 ). 
Nach den wiederholten Ausbrüchen der Seuche in 
den 80er und 90er Jahren, die der Landwirtschaft viele 



!) Li Muissis. An. 1349. S. 347. 

2 ) Hoeniger. S. 81. 

3 ) Geraud. Bd. IL S. 215. - 4 ) Littre. Bibl. de 1 ecole 
des Chartes. 

5 ) Matteo Villani. Bd. XII. L. I. Cap. V. Che due cotanti 
e piu valsono la maggiore parte delle cose che valere non sole- 
ano innanzi alla detta mortalitä. E il avorio e le mannfatture 
d'ogni arte e mestiero raontö oltre al doppio consueto disordi- 
natamente. 

6 ) Hoeniger. S. 89. 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 273 

Arbeitskräfte entzogen haben, trat in Deutschland 
eine allgemeine Teuerung ein. 

In der Mainzer Chronik, die bei Hoeniger ange- 
führt ist, heißt es: wer weiß nicht, daß die Acker- 
bauer sehr zahlreich vorhanden sind und viele Felder 
trotzdem brach liegen *). Infolge der Verheerungen 
der Pest des Jahres 1380 konnte das Getreide in der 
Umgebung von Augsburg nicht geerntet werden, 
und das Brachfeld blieb unbestellt 2 ). 

In Brandenburg nahm die Vernachlässigung des 
Ackerlandes im Jahre 1375 einen solchen Umfang an, 
daß in einzelnen Dörfern von sechzig Landstücken 
kaum sechs bestellt werden konnten. Kein Wunder, 
daß bald darauf ein Mangel an Lebensmitteln und 
ein Steigen der Preise um das Zwei- und Dreifache 
eintrat 3 ). Thomas Walsingham berichtet in seiner 
lateinischen Chronik aus dem Jahre 1352 über eine 
allgemeine Teurung, die sich auf Metalle, wie Eisen, 
Blei, Kupfer u. a. m. erstreckte, und daß Eduard III. 
bereits im Jahre 1350 für London Preistaxen für 
Stiefel, Sporen, Handschuhe, Hufeisen, Wollengewebe 
und wollene Männer- und Frauenkleider anordnete 5 ). 
Ahnliche Folgeerscheinungen traten auf der iberi- 
schen Halbinsel auf. Die Verordnung des Königs 
Don Pedro klagt über die Verwahrlosung der Land- 
wirtschaft und das unerhörte Steigen der Preise für 



i) Gudenus. Cod. Dipl. III. S. 507. 

-) Hegel. Chroniken deutscher Städte. V. S. 26. 

3 ) Droysen. Preuß. Polit. I. S. 71. 

4 ) An. 1352 sub quo tempore (papae Chementis qui obiit 
hoc anno) incepit magna carestia rerum venalium, id est ferri, 
plumbi, aeris et omnium aliarum. (Historia Brevis Thomae 
Walsingham ab Edwardo 1 ad Henricum Quintum Londoni. 
1574. S. 161. 

B ) Riley. Memorials of London. S. 253. 255. 

Kowalewsky, Ökonomische Entwicklung Europas V. 18 



274 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

Lebensmittel und allgerneinnotwendige gewerbliche 
Erzeugnisse 1 ). 

Diese Teurung in Landwirtschaft, Gewerbe und 
Handel mußte naturgemäß ein Steigen der Arbeits- 
löhne zur Folge haben. Unter den obwaltenden wirt- 
schaftlichen Verhältnissen mußten die Arbeiter einen 
höheren Lohn fordern, um ihren Bedarf an Nahrung 
und Kleidung decken zu können. Dem Gesetze des 
Angebots und der Nachfrage gemäß mußte der Ar- 
beitslohn im umgekehrten Verhältnis zur Abnahme 
der Bevölkerung steigen, und dies trat auch überall 
ein, da in allen Ländern Westeuropas die Bevölke- 
rungsziffer gesunken war. 

Die Erlasse der Könige, die Beschlüsse der Räte, 
die Entscheidungen der Stände, der Cortes, der Etats 
generaux und der Parlamente legen von der Allge- 
meinheit jener Erscheinung Zeugnis ab. Alle klagen 
sie über die gewerblichen und landwirtschaftlichen 
Arbeiter, die von ihren Arbeitgebern das Doppelte 
und Dreifache an Lohn fordern. Das Steigen der 
Löhne war natürlich nicht überall gleich hoch, es 
richtet sich vielmehr nach dem Maße der Abnahme 
der Bevölkerung. Es war ferner durch das zahlen- 
mäßige Verhältnis zwischen freien und unfreien Ar- 
beitern bedingt. In Frankreich z. B., wo die Leib- 
eigenschaft noch so lebenskräftig war, stiegen die 
Löhne viel weniger, als in den Ländern mit freier 
Lohnarbeit. Anders in Italien, wo die Leibeigen- 
schaft sich bereits überlebt hatte, und die freie 
Lohnarbeit zu den gewöhnlichen Erscheinungen ge- 
hörte. Alle anderen Länder befanden sich noch in 
einem mittleren Zustand und unterschieden sich von 



*) Ordenamiento de menestrales hecho en las cortes de 
Valladolid de 1351. (British Museum. Additional MS. 9920.) 



Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 275 

einander mehr in der Art und Weise ihrer landwirt- 
schaftlichen Verfassung, als hinsichtlich des Gewerbes, 
das sich bereits fast überall von den Fesseln der Leib- 
eigenschaft und Knechtschaft befreit hatte. 

Es braucht nicht gesagt zu werden, wie wichtig 
für die Beurteilung der wirtschaftlichen Folgen des 
schwarzen Todes eine ungefähre Bestimmung der 
Sterblichkeit in den verschiedenen Ländern und ihres 
Verhältnisses zwischen der freien und unfreien Arbeit 
ist. Dieser Aufgabe wollen wir uns in den nächsten 
Kapiteln unterziehen. Dann erst wird man die Stel- 
lungnahme der herrschenden Klassen zu den Lohn- 
forderungen und zu dem Befreiungskampf der städti- 
schen und ländlichen Arbeiterschaft, der lange vor- 
dem Ausbruch der Pest begonnen hat, richtig beur- 
teilen können. Wir werden unter solcher Beleuch- 
tung die Arbeitergesetzgebung des Mittelalters, die 
nach ihren Ansätzen in dem voraufgegangenen Jahr- 
hundert erst seit der Mitte des XIV. Jahrhunderts 
eine allgemeine Form gewonnen hat, eingehender 
kennen lernen. Es genügt nicht, wie die meisten 
Wirtschaftsgeschichtsschreiber es tun, darauf hinzu- 
weisen, daß die Regierungen des XIV. Jahrhunderts 
die Erscheinungen des freien Wettbewerbs mißbilligt 
und das Recht an sich gerissen haben, die Beziehungen 
zwischen Unternehmer und Arbeiter zu regeln. Es 
muß vielmehr deutlich gezeigt werden, zu wessen 
Gunsten diese Eingriffe stattgefunden und welche 
unmittelbaren Folgen und Nachwirkungen sie gezei- 
tigt haben. 

Wir- beginnen mit Italien, das am meisten unter 
der Pest gelitten hat. Daß die obrigkeitlichen Ein- 
griffe zur Regelung der Preise und der Löhne in 
mehreren Städten der apenninischen Halbinsel, vor 
allein in Venedig, der „Beherrscherin der Meere", das 

18* 



276 Fünftes Kapitel: Der schwarze Tod des Jahres 1348. 

bereits Waren nicht für den eigenen Bedarf, sondern 
für den internationalen Verkehr erzeugt hat, geringeren 
Anklang, als in den Städten mit weniger entwickeltem 
Gewerbe und Handel gefunden haben, ist erklärlich. 
Wären die Archive von Genua ebenso vollständig und 
unversehrt erhalten geblieben wie die Verhandlungen 
des Rats von Venedig, so ließe sich auch an 
ihrer Hand zeigen, welche Formen die obrigkeit- 
liche Lohnpolitik unter dem Druck eines ausgedehn- 
ten Güterverkehrs annimmt. Es liegt auf der Hand, 
daß die Geldwirtschaft bei einem allmählichen Fallen 
der Löhne infolge Zuzug ausländischer Arbeiter viel 
besser fährt, als wenn die Regierung einen Druck 
auf die hohen Löhne in der Heimat ausübt. Diese Wirt- 
schaftsform verträgt auf die JDauer keinerlei Ein- 
schränkung der Produktion und des Verkehrs infolge 
Mangel an Arbeitskräften, da ja die Zahl der Ab- 
nehmer nicht in demselben Maße abnimmt, wie die 
der Unternehmer, vielmehr unveränderlich bleibt. In- 
sofern die Geldwirtschaft mit den internationalen Ver- 
hältnissen rechnet, wird sie auch in ihrer Entwick- 
lung von allgemeinen Ursachen beeinflußt. So finden 
wir denn in Italien zwei entgegengesetzte Maßnahmen 
zur Bekämpfung des Mißstandes einer plötzlichen 
Einschränkung der Produktion. Die allgemeine her- 
kömmliche Regelung der Löhne durch Höchstsätze 
machte in den Mittelpunkten des internationalen Ver- 
kehrs Halt, während sie in solchen politisch-einheit- 
lichen Ländern, wie Spanien, Frankreich und Eng- 
land, mehr mit Rücksicht auf die Mehrheit der lokalen 
Betriebe und Märkte ausnahmslos Anwendung gefun- 
den hat. 

Diese Länder kennen keine zweifache Gewerbe- 
politik, wie wir sie auffallenderweise in Italien finden. 
Daher haben auch in diesen Ländern die Höchstsätze 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 277 

und die polizeilichen Maßregeln, die die mittelalter- 
liche Entwicklungsstufe des Gewerbes, wie jede auf 
den unmittelbaren Bedarf gerichtete Wirtschaftsform 
kennzeichnen, als allgemeiner Grundsatz nur bei "We- 
nigen Anklang gefunden; ich betone: als allgemeine 
Regel, denn auch hier mußte die Regierung den For- 
derungen des wachsenden Verkehrs, sobald er die 
örtlichen Grenzen überschritten hatte, ausnahmsweise 
Zugeständnisse machen. 

Nach dieser allgemeinen Einleitung wollen wir 
uns den wirtschaftlichen Folgen des schwarzen Todes 
zuwenden und beginnen mit Italien. 



Sechstes Kapitel. 

Die wirtschaftlichen Folgen des schwarzen 
Todes in Italien. 

Die mannigfachen und sehr umständlichen Nach- 
richten aus Italien über den schwarzen Tod leiden 
unter dem wesentlichen Mangel, daß die meisten in 
den gleichen Farben, Bildern und Gleichnissen ein 
und dasselbe wiederholen. Verlassene Häuser, Frauen, 
die sich ihrer kranken Männer, und Kinder, die sich 
ihrer Eltern nicht annehmen, pflichtvergessene Arzte 
und Priester, die den Leidenden keinerlei Pflege und 
Beistand zuteil werden lassen, werden häufig er- 
wähnt, so daß man unwillkürlich den Eindruck empfängt, 
eine dieser Nachrichten sei von der andern abge- 
schrieben. Noch eine andere Erklärung ist übrigens 
zulässig. Die unmittelbaren Folgen der Pest waren 
überall die gleichen und flößten den Zeitgenossen 
eine Panik ein, die alle Bande und Pflichten lockerte 



278 Sechst. Kap.: Die wirfcsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

und einen abstoßenden unverhüllten Kampf ums Da- 
sein entfesselte. Sei dem, wie ihm wolle, immerhin 
ruft diese Ähnlichkeit ein Mißtrauen gegen die Ge- 
schichtsschreiber hervor. 

Es dürfte daher angebracht sein, die überlieferten 
Zeugnisse zunächst auf ihren Wert, ihre Abfassungs- 
zeit und ihre Glaubwürdigkeit und die Stellung der 
Verfasser während des schwarzen Todes und in den 
ersten Jahrzehnten danach zu prüfen. Ohne das Ver- 
fahren der in Deutschland üblichen Quellenkritik zu 
mißbrauchen und ohne unnütz Zeit darauf zu ver- 
wenden, einzelne Sätze und Ausdrücke, die die zeit- 
lich und örtlich verschiedenen Quellen anwenden, 
einander gegenüberzustellen, wollen wir uns grund- 
sätzlich an die Aussagen der Augenzeugen halten 
und sie an der Hand der amtlichen Zeugnisse, die 
sich in den Stadtarchiven befinden und noch von 
niemandem benutzt worden sind, prüfen. Freilich 
werden wir dabei auf viele reizvolle Einzelheiten ver- 
zichten müssen, die sich reichlich bei den Schrift- 
stellern aus den späteren Jahrhunderten nach der 
Pest finden. Und wenn wir u. a. auch die Mittei- 
lungen des Mönchs Laurentius 1 ), der nach fremden 
Berichten mehr allgemeine Erörterungen, als ein wirk- 
liches Bild des Verlaufes und der Folgen der Pest 
vom Jahre 1348 gezeichnet hat, übergehen, so glauben 
wir, daß unsere Darstellung an Glaubwürdigkeit eher 
gewinnen als verlieren wird. Nach Führern, wie 
Matteo Villani und Agniolo de la Turra, die Augen- 
zeugen der Vorgänge, die sie schildern, gewesen sind, 
die den Schrecken der Zeitgenossen beim Herannahen 
des Unheils miterlebt, nahe Verwandte und Bekannte 



2 ) Laurentius de Monachis; der Chronist von Venedig, 
lebte im XV. Jahrhundert. 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. «279 

verloren und an den Beschlüssen und Beratungen 
zur Bekämpfung der Pest und der Panik Anteil ge- 
nommen haben, sich noch an die schönrednerischen 
Erzählungen der späteren Schriftsteller wenden zu 
wollen, wäre gar nicht zu rechtfertigen. Zu den glaub- 
würdigsten Quellen können wir noch die Einleitung 
zum Dekaineron von Boccaccio zählen. Als ein Werk, 
in dem ein Zeitgenosse seine Erlebnisse schildert, ist 
dieses Zeugnis unersetzbar und verdient jedenfalls 
ebenso viel, wenn nicht mehr Beachtung, als die mit- 
unter recht gezierten Briefe Petrarcas, in denen er 
die an der Pest gestorbene Laura beweint. 

Freilich kann keiner dieser Schriftsteller als Sta- 
tistiker betrachtet werden. Wenn auch ihre Angaben 
über die Zahl der Opfer der Seuche einer ernsten 
Berichtigung bedürfen, so sind sie doch weniger 
märchenhaft, als die der späteren Chronisten, die einen 
Verlust von zwei Dritteln, drei Fünfteln und sogar 
sieben Achteln der Bevölkerung für nicht übertrieben 
halten zu sollen glaubten. 

Je näher die Chronisten der Zeit der Seuche 
standen, desto bescheidener sind ihre Angaben über 
ihre nächsten Folgen. Der ungenannte Verfasser der 
„Aufzeichnungen, die in Verona in der zweiten Hälfte 
des XIV. Jahrhunderts gemacht worden sind", be- 
schränkt sich auf die Mitteilung, daß die Sterblich- 
keit in der Stadt und in der ganzen Welt sehr groß 
sei und ein Drittel der Bevölkerung, vielleicht noch 
mehr,- hinrafft; alle Stände, jedes Geschlecht und Alter 
würden von ihr betroffen; sie wäre vom Himmel ge- 
sandt, die Arzte könnten den Kranken keinerlei Hilfe 
bringen 1 ). 

Matteo Villani, dessen Vater an der Pest gestor- 
ben ist, schreibt der Seuche noch schrecklichere Wir- 

l ) Notae Veronenses Antiche. Cron. Veron. S. 475. 



280 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

kungenzu: drei Fünftel der Bevölkerung erlagen ihr, und 
die Überlebenden wurden noch schlechter als sie früher 
gewesen waren. Der Kanzler von Venedig, Rafael 
Corisini, ebenfalls ein Zeitgenosse, schätzt, gestützt 
auf umlaufende Gerüchte, den Verlust an Menschen 
auf ein Drittel ein 1 ), ebenso die Chronik eines anderen 
Zeitgenossen, des Marino Sanudo 2 ). Diese Schätzung 
scheint also die allgemein übliche gewesen zu sein. 
Ganz anders haben wir uns danach gegenüber den 
späteren Nachrichten aus demselben Venedig zu ver- 
halten, die die Zahl der Toten auf zwei Drittel und 
sogar sieben Achtel der Einwohnerschaft schätzen. 
Die erste dieser Ziffern findet sich noch heute an 
der Marmorplatte am Eingang der Schule in der 
Nähe der Kirche Sta. Maria de la Caritä, die zweite 
bei Laurentius de Monachis, der im Jahre 1429 ge- 
storben ist. Laurentius berichtet, daß die Unter- 
suchung, die gleich nach der Pest vorgenommen 
wurde, ergeben habe, daß von je zehn Menschen sie- 
ben gestorben sind 3 ). Die amtlichen Zeugnisse sagen 
aber nichts von einer Untersuchung, sie glauben einen 
Verlust von einem Drittel der Bevölkerung annehmen 
zu können. Diese bemerkenswerten, bisher noch nicht 
veröffentlichten Zeugnisse berichten folgende Einzel- 
heiten. 

Nach Corisini erschien die Pest in Venedig am 
25. Januar 1348 und bereits am 10. Juni desselben 
Jahres befaßte sich der Große Rat mit der „Deser- 
tion" städtischer Beamten. Die Versammlung faßte 
den Beschluß, daß ein Beamter, der nicht bis zum 



1 ) Muratori. Rerum italicarum scriptores. Bd. XII. S. 419. 
3 ) E fu ritrovato per la detta peste essere morto il terzo 
di Venezia. (Muratori. Bd. XXII. S. 614.) 

3 ) Laurentius de Monachis. Cronicon aus d. J. 1318. 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 281 

nächsten Sonnabend in die Stadt zurückkehrt, sein Amt 
einbüßt und die gleichen Folgen zu tragen hat wie ein 
Mann, der sich weigert, der Republik zu dienen. 

Dieses grausarneVorgehen hatte nicht den geringsten 
Erfolg. Zwei Tage später fehlten sogar aus der Mitte des 
Großen Rates mehrere Mitglieder und ebenso war es 
im Kleinen Rat, in der sog. Quarantia, wo nach dem 
Gesetz drei Viertel, d. h. dreißig Mitglieder zugegen 
sein mußten. Die Sitzung konnte nicht stattfinden 
und mußte verschoben werden. Um den Mißstand 
zu beseitigen, setzte man die Mindestzahl, die die 
Engländer mit „quorum" bezeichnen, auf die Hälfte 
herab, so daß der Rat in Zukunft bei Anwesenheit 
von zwölf Mitgliedern beschlußfähig war. In einer 
Sitzung des Großen Rates am 15. Juni kam man auf 
die Ursache des Ausbleibens der Räte zu sprechen. 
Es wurde der Beschluß gefaßt, das Gesetz, das die 
Anwesenheit von zehn Mitgliedern vorschreibt, zeit- 
weise aufzuheben. Die Führung der Geschäfte wurde 
dem Dogen im Verein mit seinen Beiräten und dem- 
jenigen Teil der „zehn Mitglieder", der „vorläufig 
noch am Leben war", übertragen. 

Aber nicht nur die Reihe der hohen Herren der 
Republik wies Lücken auf. Am 16. Juni befaßte 
sich der Große Rat mit den Notaren, Gefängniswär- 
tern, Kämmerern, Beamten der Arbeitergenossen- 
schaften, die alle im Begriff standen, ihren Dienst 
aufzugeben. Man hoffte die eidbrüchigen Beamten 
mit der Drohung einzuschüchtern, ihnen zehn Jahre 
lang das Recht auf ein Amt zu entziehen. 

Als der Große Rat kurz darauf erfuhr, daß die 
Notare, die ihren Amtssitz verlassen hatten, an der 
Pest gestorben waren, bestimmte er am 20. Juni, daß 
Testamente, Schriftstücke aller Art und Entschei- 
dungen, bei denen inzwischen verstorbene Richter, 



282 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. cl. schwarz. Todes in Italien. 

Notare und Zeugen tätig gewesen waren, auch nach 
dem Tode dieser Beamten und Zeugen Gültigkeit be- 
halten sollten. Eine solche Bestimmung erscheint uns 
heute seltsam, aber wenn wir bedenken, daß schrift- 
liche Aufnahmen erst später an Stelle von münd- 
lichen getreten sind und daß bei jedem neuen Rechts- 
streit die beteiligten Personen von neuem vernommen 
werden mußten, so begreifen wir jene Bestimmung als eine 
durchaus angebrachte und begründete. Noch bezeich- 
nender ist die Verhandlung des Rates vom 24. Juni, 
bei der festgestellt wurde, daß von der Polizei festge- 
nommene Personen vergeblich auf ein gerichtliches 
Urteil warteten, weil die „Signori de la notte", die die 
Polizei und Gerichtsbarkeit ausübten, nicht imstande 
waren, vollzählig zur Verhandlung zu erscheinen. Der 
Rat trifft die Bestimmung, daß in Zukunft die An- 
wesenheit von vier Richtern genügen und daß sogar 
Entscheidungen von nur zwei Richtern die Kraft 
eines Mehrheitsbeschlusses und der Entscheidungen 
der bisherigen fünf Richter haben sollen. 

„Um der Gnade Gottes teilhaftig zu werden", 
läßt der Rat die verhafteten Schuldner bis zur Klage- 
summe von hundert livres frei. Diese Maßregel ver- 
folgte übrigens auch einen gesundheitlichen Zweck. 
Die Gefängnisse, die in der Mitte der Stadt lagen, 
konnten leicht zu einem Herd der Ansteckung werden^ 
und so lag es im Interesse der Sicherheit aller, die 
Zahl der Sträflinge möglichst zu vermindern. 

Aus demselben Grunde suchte man geschickte 
Arzte heranzuziehen und Bewohnern verpesteter Ge- 
genden den Eintritt in die Republik zu verwehren. 

Entgegen den Beschuldigungen späterer Geschichts- 
schreiber scheinen die Ärzte ihre Pflicht ehrlich ge- 
tan zu haben, was auch vielen von ihnen das Leben 
gekostet hat. Der Große Rat von Venedig hat diese 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 283 

Pflichterfüllung auch anerkannt und für die am Leben 
gebliebenen Arzte ein ständiges Gehalt festgesetzt, 
wobei er darauf hinwies, daß in anderen Orten die 
Arzte besondere Vorteile genießen und viel höher 
entschädigt werden, als in der Republik des St. Mar- 
kus. An den Senat und Rat von Pregadi erging die 
Aufforderung, drei fremde Arzte gegen ein Gehalt 
von zehn livres neben der Vergütung, die ihnen die 
Kranken zu leisten haben, zu berufen. Diese Ver- 
günstigung hatte man bis dahin nur zwei Ärzten ge- 
währt, Nicolas mit dem Beinamen Paganus und Petrus 
aus Venedig, die beide während der Pest gestorben 
sind. Alle anderen Ärzte erhielten nur das, was ihre 
Kranken ihnen zahlten und daneben von Zeit zu Zeit 
von der Regierung auf besondere Bitte einen Zuschuß. 

Am 31. März, zwei Monate nach dem Ausbruch 
der Pest, setzte der Rat einen Ausschuß bestehend 
aus Nicolas Venior, Marco Quirini und Paul Belegen 
ein mit dem Auftrage, innerhalb zweier Tage Maß-, 
nahmen zur Vorbeugung der Ansteckung auszuarbei- 
ten und dem Rat Vorschläge für gesundheitliche Re- 
formen vorzulegen. 

Eine allgemeine Versammlung, an der sich alle 
öffentlichen Gewalten der Republik mit Stimmrecht 
beteiligten, beschloß die Anlage von Friedhöfen und 
eine Regelung der Bestattung der Leichen. Da die 
Leichen, die in den verlassenen Häusern liegen ge- 
blieben, ebenso wie die, die nicht tief genug begraben 
worden sind, die Ansteckung verbreiteten, so sollen in 
gewisser Entfernung von der Stadt und in unbe- 
wohnten Orten zwei neue Friedhöfe angelegt werden, 
die für diejenigen, die auf Kosten der Bruderschaften 
(Vorgänger der späteren Misericordia) bestattet werden, 
ebenso wie für die in den Krankenhäusern Gestorbenen 
bestimmt sein sollen. 



284 Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Diesen Friedhöfen wurden besoldete Priester zu- 
gewiesen und Arbeiter angestellt, die die Verpflichtung 
hatten, fünf Fuß tiefe Gräber auszuheben. Besondere 
Stadtaufseher sorgten für die Hinausschaffung der 
Leichen aus den Wohnungen nach dem Friedhof auf 
öffentlichen Bahren. Um einer Unterwühlung der 
Gräber durch Regen vorzubeugen, wurde angeordnet, 
den Boden und den Hügel der Gräber mit dem bei 
dem Bau der Kanäle gewonnenen Sande zu be- 
decken. Aufseher hatten die Befolgung dieser Vor- 
schrift zu überwachen, der sich Kirchen wie Klöster 
zu fügen hatten. Die Unbemittelten wurden auf Kos- 
ten des Staates bestattet. Den Aufsehern wurde ge- 
stattet, zu ihrer Entlastung drei oder vier Ersatzmänner 
mit einem monatlichen Lohn von zwanzig Soliden zu 
bestellen. Wer ihren Befehlen nicht gehorchte, unter- 
lag einer Strafe. Eine Anzahl Einwohner suchten 
daraus einen Erwerb zu ziehen, daß sie die Straßen, 
in denen sich Leichen befanden, absperrten und von 
den Passanten Almosen für die Bestattung verlangten. 
Um dieses gefährliche Treiben zu unterdrücken, wies 
der Rat die Aufseher an, die Hinterbliebenen zur un- 
verzüglichen Herausgabe der Leichen zur Bestattung 
aufzufordern, und ihnen bei Zuwiderhandeln Strafen 
aufzuerlegen. 

Diese am 3. April ergriffenen Maßnahmen erwie- 
sen sich als ungenügend. Die Friedhöfe waren bald 
überfüllt, und am 5. Juni mußte der Rat die Errich- 
tung neuer Friedhöfe unter den früher erlassenen 
Vorschriften anordnen. Bei einer Haftstrafe und Be- 
schlagnahme ihres Vermögens wurde fremden Kranken 
der Eintritt in die Stadt verboten; Schiffen, die die 
Sperre durchbrechen, wurde Verbrennen angedroht 1 ). 



l ) Spiritus. Fol. 155. 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 285 

Trotz dieser sachgemäßen Vorkehrungen nahm 
die Pest ihren weiteren Gang. Viereinhalb Monate 
hindurch wütete sie hier, wie die Zeitgenossen be- 
richten, viel stärker, als in der benachbarten Terra 
Ferma. Dies erklärt sich aber aus den ungesunden 
Wohnungsverhältnissen Venedigs, in dem die Bevöl- 
kerung stark zusammengedrängt und die Straßen und 
Gassen so eng waren, daß die Einwohner der gegen- 
überliegenden Häuser sich leicht über die Straße 
unterhalten konnten. Das bereits im XIII. Jahrhun- 
dert erlassene Verbot, die Kanäle zu verunreinigen, 
wurde auch in den späteren Jahrhunderten wenig 
beachtet, und der üble Geruch aus diesen Kanälen, 
unter dem Venedig auch heute noch leidet, verdarb die 
Luft; ein noch wirksamerer Vermittler der Ansteckung 
waren die Brunnen, deren Benutzung man nicht umgehen 
konnte, da eine Wasserleitung nicht vorhanden war. 

Unter den Sicherheitsvorschriften findet sich weder 
bei Albertus Magnus, noch bei der Pariser Medizini- 
schen Schule und den berühmten Ärzten Italiens die 
Erwähnung der Verwendung abgekochten Wassers. 
Dieses Vorbeugungsmittel scheint ihnen gänzlich un- 
bekannt geblieben zu sein. Die Ansicht der Ge- 
schichtsschreiber, daß die Pest vorwiegend unter der 
ärmeren Bevölkerung gewütet hat, trifft für Venedig nicht 
zu. Da wir einen sicheren statistischen Anhalt darüber 
nicht besitzen, so können wir die Angaben der Ge- 
schichtsschreiber über die Sterblichkeit an der Hand fol- 
gender Tatsachen prüfen. Seit der Serrata del Gran Con- 
siglio, d. h. seit der Einführung der Amtsbürtigkeit für die 
Mitglieder der Vertretung zu Ende des XIII. Jahrhun- 
derts waren im Großen Rat nur der alte Adel und 
das emporgekommene Bürgertum, also die wohlhabend- 
sten Klassen der Republik, vertreten. Acht Jahre 
vor der Pest zählte der Rat zwölfhundertundzwülf 



286 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Mitglieder und nach der Pest neunhundertundfünfzig 
Adlige, die zu den fünfzig stimmberechtigten Fami- 
lien gehörten, weniger. Nehmen wir nun an, daß die 
Hälfte der Gestorbenen Frauen gewesen sind, so er- 
gibt sich, daß ein Drittel des Rates der Pest erlegen 
ist. Vorausgesetzt, daß die Sterblichkeit unter allen 
Klassen Venedigs gleich groß war, so stimmt dieses 
Ergebnis auch mit den Angaben der Chronisten, die 
doch unter dem unmittelbaren Eindruck des Elends 
standen, daß nur zwei Drittel der Bevölkerung von 
der Pest verschont geblieben sind, überein. 

Waren die nächsten Folgen des schwarzen Todes 
in Venedig schon verheerend, so waren sie in der 
Mark Treviso in der unmittelbaren Nähe von Tirol 
noch einschneidender. Das Erdbeben des Jahres 1347 
und die Seuche haben Treviso, Feltre und Belluno 
beinahe völlig entvölkert. Ein Jahr vor dem Aus- 
bruch der Pest hat Venedig die Mark Treviso unter- 
worfen, ihrer Terra Ferma einverleibt und zum Ke- 
gierungsvertreter einen Podestä aus ihrem eigenen 
Adel ernannt. Eine Fürbitte der Einwohner an diesen 
Podestä zeigt, in welchem traurigen Zustand diese 
Provinz sich befunden hat. Alle Ärzte sind tot und 
die Einwohnerschaft ist bereit, einen Betrag von sieben- 
hundertundachtundzwanzig livres auszusetzen, um neue 
Arzte aus der Fremde zu berufen. Um die Zahl der 
Einwohner zu heben, solle man nach Ansicht des 
Großen Hat es allen Fremden, die sich in Treviso 
dauernd niederlassen wollen, für die ersten fünf Jahre 
Steuerfreiheit und andere Vergünstigungen gewähren. 
Der Rat will ferner durch ein Manifest den Aus- 
schluß der Pfändung für allen Besitz der Ansiedler, 
die notwendigen landwirtschaftlichen Geräte, das 
Arbeitsvieh u. a. m. während derselben Zeitdauer aus- 
sprechen. Diese Pfändungsfreiheit erinnert an die 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 287 

Magna Charta 1 ) und an das alte Verwaltungsrecht 
Frankreichs über die taille 2 ). Die Antwort des Dogen 
vom 1. August 1349 lautet abschlägig, da der Senat 
die in Vorschlag gebrachten Vergünstigungen mit der 
Gerechtigkeit und den Staatsgesetzen für unvereinbar 
hält, da sie geeignet seien, viele Bürger und Unter- 
tanen in ihren Rechten wesentlich zu beeinträchtigen 3 ). 

Dagegen stimmte der Doge dem Vorschlage zu, 
allen politischen Verbannten die Heimkehr zu ge- 
statten, und gewährte sogar aus eigener Macht diese 
Gnade den Einwohnern des benachbarten Chioo-gia, das 
sich unlängst der Herrschaft Venedigs unterworfen hatte. 

Diese Vorschläge geben ein klares Bild von dem 
Elend, das in jener Gegend herrschte. Nicht weniger 
überzeugend ist folgendes. Da nur wenige Notare 
am Leben geblieben waren, so erklärte Venedig im 
Jahre 1350 alle Akte, auch die, die nicht in den ge- 
setzlichen Formen abgefaßt und mit der Unterschrift 
des Notars versehen sind, für gültig i ). 

Feltre und Belluno, die der Oberherrschaft Vene- 
digs noch nicht unterstanden, konnten zu ihrer Be- 
siedelung die Maßregeln durchführen, um deren Zu- 
lassung sich Treviso vergeblich beworben hatte. Für 
die ersten fünf Jahre wurde den Niedergelassenen 
Pfändungsfreiheit gewährt 5 ). 

Angesichts dieser Verhältnisse scheinen die An- 
gaben der Chronisten über eine Abnahme der Bevöl- 
kerung in Treviso und Bassano ) um zwei Drittel 
oder nach Verci um die Hälfte ihres früheren Be- 
standes nicht übertrieben zu sein. 



M „Salvo contenomento", heißt es in der Urkunde Johanns 
ohne Land. 

-') Olamageran. Histoire de l'impöt. Bd. T. 

:; ) Verci. Storia della Marca Trivigiana. Bd. XII. No. IGT. 

4 ) ibid. No. i486. - ■■) ibid. Bd. XIII. S. 57. — ' ; > Cortosi. 
Historia cli Treviso. Lib. IX. Cap. 13. 



288 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Wendeii wir uns vom Nordosten Italiens der Lom- 
bardei zu, so liefert uns eine Reihe von Zeugnissen 
ganz bestimmte Angaben über die Zahl der Opfer. 
Beinahe jede Chronik setzt den schwarzen Tod in 
die Jahre 1348 und 1349. Nach Cortosi ist von der 
Pest, die von Fremden nach Padua eingeschleppt 
worden ist, im Verlaufe von sechs Monaten ein Drittel 
der Einwohnerschaft hingerafft worden 1 ). 

Mit dieser Zahl stimmen, wie wir gesehen haben, 
auch die kurzen Aufzeichnungen eines Zeitgenossen 
aus Verona überein 2 ). Die handschriftliche Geschichte 
Vicenzas, von der ich ein Exemplar besitze, berich- 
tet ohne ziffernmäßige Angaben, daß die Friedhöfe 
zur Beerdigung der Toten nicht ausgereicht haben 3 ). 

Aus der Art der Sicherheitsmaß regeln des Herr- 
schers von Mailand in den ihm zugehörigen Städten läßt 
sich schließen, daß in den Nachbarstädten Venedigs 
die Verheerung viel größer gewesen ist, als in den 
anderen Teilen der Lombardei. Um einer Einschlep- 
pung der Krankheit in seine Länder vorzubeugen, 
verbot nämlich Lucchino Visconti den Warenverkehr 
auf den Straßen, die nach der Stadt des hl. Ambrosius 
führten. Die Abgesandten, die Mantua an Lucchino 
beorderte, wurden an der Grenze „ob pestem morbi" 
festgenommen und ihre Vollmachten dem Visconti 



1 ) Unus sohis incognitus venit Paduam qui civitatem infecit 
in tantum quod forsim in toto comitatu tercia pars defecit. (Gas- 
quet. The Great Pestilence. London. 1893. S. 26.) Es ist nur aus 
einem Druckfehler zu erklären, daß der Jesuit Gasquet dieses Zeug- 
nis in dem Sinne wiedergibt, dal.) in Padua nach der Pest nicht 
mehr als ein Drittel der Einwohnerschaft am Leben geblieben ist. 

2 ) Et obierunt tercia pars Gentium et plus. (Notae Veronen- 
ses ad chron. ant. Veronae. S. 475.) 

3 ) Adeo magna pcstis fuit, ut rix sepulturae locus esset. 
(Baptista Paiarini. Vicentiae Chronicarum Lib. I., fol. 41.) 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. <1. schwarz. Todes in Italien. 289 

übergegeben. Die Zeitgenossen, so Matteo Villani, 
heben hervor, daß Mailand und seine Grafschaft von 
den Verheerungen, wie sie in den anderen Städten Italiens 
gewütet haben, verschont geblieben sind. Der Chronist 
von Padua, Cortosi, führt dies ausdrücklich auf die Ab- 
sperrungsmaßregeln der lombardischen Städte zurück 1 ). 

Trotz dieses Verbots, das freilich nicht leicht 
durchzuführen war, drang die Pest doch in einzelne 
Bezirke Mailands ein. Nach Peter Azarii wütete sie 
sehr stark im Varese und nur die höher gelegenen 
Bergtäler der Alpen blieben von ihr verschont 2 ). 

In Ligurien und Toscana waren die Verheerungen 
noch ernsterer Natur, als in der Lombardei. Nach 
Genua wurde die Pest, wie oben gezeigt, durch die 
Schiffe aus der Krim eingeschleppt und fand trotz 
ihrer sofortigen Entfernung in der Stadt Verbreitung, 
wo sie vierzigtausend Einwohner als Opfer forderte. 
So berichtet wenigstens die Cronica Estense 3 ), die 
jedenfalls mehr Glauben verdient', als die unbelegten 
Nachrichten, die die Zahl der Überlebenden auf ein 
Siebentel der Einwohnerschaft schätzen und denen 
der neuere Geschichtsschreiber des schwarzen Todes, 
der Jesuit Gasquet, kritiklos Vertrauen schenkt 4 ). 

Von Genua drang die Krankheit im Januar 1348 
nach Pisa, im Februar nach Lucca, im März nach 



x ) Chronica de novitatibus Paduae et Lombardiae. (Bibl. 
Marciana. Cod. Lat. 270 class. 10. Fol. 181. Muratori. Berum ital. 
Script. Bd. XII.) 

2 ) Giulini. Continuazionc della memorie spctt. alla storia di 
Milano. Tl. IL S. 474 ff. 

:; ) Muratori. Bd. XVI. S. 448. — 4 ) „At Genoa the plague 
spared hardly a scventh part of the population" und ebenso hin- 
sichtlich Venedigs : „At Venice it is said tliat more tlian seventy. 
clicd out of cvcry hundercd." Gasquet. S. 18. 

K ii wal c w s k y . Ökonomische Entwicklung Europas. V. 19 



290 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Florenz, Pistoja und Bologna, im April nach Siena 
und im Mai nach Orvieto 1 ). 

Über die Sterblichkeit in diesen Städten geben 
die Chronisten und die behördlichen Nachrichten fol- 
gende Zahlen. Vom 15. Januar bis September stieg 
die Sterblichkeit nach der Chronik von Pisa immer 
höher und betrug an einigen Tagen zwei- bis drei- 
hundert, an anderen sogar vier- bis fünfhundert Men- 
schen; ganze Familien, die bis zu 15 Personen zähl- 
ten, starben vollständig aus. Auf Grund dieser Angaben 
wäre die Zahl der Toten auf vierzigtausend anzu- 
schlagen. Der Chronist nimmt aber in seiner Über- 
treibung einen Verlust von siebzig Prozent an; nach 
Aussage einzelner Augenzeugen sollen von je zehn 
Einwohnern sieben gestorben sein. Auch außer- 
halb der Stadt, heißt es, wütete die Seuche mit glei- 
cher Kraft, so daß die Geflohenen nach der Heimat 
zurückkehrten, da sie doch lieber in der Mitte ihrer 
Angehörigen sterben wollten. Genauere Nachrichten 
über den Umfang der Menschenverluste sind aus 
Pistoja überliefert. Am 18. Juni 1348 konnte der 
städtische Verwaltungsrat ex infirmitate et mortalitate 
hominum seine Sitzung nicht abhalten und die Zahl 
der Mitglieder mußte von vierundzwanzig auf zwölf 
herabgesetzt werden. Ähnlich der Große Rat, der 
am 27. desselben Monats das Ausbleiben mehrerer 
Mitglieder, qui ob morte defecerunt, feststellt. Hin- 
sichtlich der Ausdehnung der Ansteckung sagt der 
Magistrat: mors invasit et invadit universaliter omnes 



!) Muratori. Bd. XIV. S. 1020. Cronaca di Pisa. Bonghi. 
Bandi Lucchesi del XIV. sec. S. 371. Storie fiorentine. Lib. XIII. 
p. 142. Cronica Ubaldini Triani (Ms. No. 430. Bibl. di Bologna. 
Fol. 128). Cronica di Lucca di Giovanni Sersambi. Archivio di 
Lucca. Cronica Januae (Muratori. Bd. XV. S. 122). 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg-, d. schwarz. Todes in Italien. OQ\ 

comitativos et districtuales Pisterii 1 ). Nach de Muissi 
aus Piacenza, dem wir die genauen Nachrichten über 
die Pest in Sizilien und auch in seiner Geburtsstadt 
verdanken, drang die Seuche unmittelbar aus G-enua 
ein und fand so rasche Verbreitung, daß in kurzer 
Zeit die Friedhöfe überfüllt waren und man die Toten, 
unter denen ganze Familien sich befanden, gemein- 
sam in Gruben beerdigen mußte. Die Mitteilung De 
Muissis, daß an der Pest je vierundzwanzig Domini- 
kaner und Minoriten, sieben Augustiner, sieben Kar- 
meliter, vier servi Mariae und sechzig Kirchenvorsteher 
gestorben sind, genügt zur Feststellung der Gesamt- 
zahl der Gestorbenen nicht. Es ist andererseits zweifel- 
haft, daß die ganze Stadt, wie Fioraventi meint, aus- 
gestorben ist, denn die Geistlichkeit zählte sicherlich 
nach Hunderten und der Verlust von hundertzwanzig 
Geistlichen bedeutete lange nicht die Mehrzahl der 
Einwohnerschaft. Daß aber die Sterblichkeit dennoch 
sehr erheblich war, geht daraus hervor, daß infolge 
großer Nachfrage nach Kerzen ein Mangel an Wachs 
sich einstellte, und der Rat sich infolgedessen genö- 
tigt sah, die Verwendung von Kerzen bei Beerdigungen 
zeitweise zu untersagen und statt der Kerzen eine 
Abgabe von sechs und zwölf Denaren an den Geist- 
lichen, der dem Toten das Geleit gibt, einzuführen 2 ). 
In Florenz starben nach Boccaccio im Verlaufe 
von sechs Monaten mehr als hunderttausend Menschen. 
Giovanni Morelli hingegen, der fünfzig Jahre später 
nach der Pest gelebt hat, behauptet, daß von den 
hundertzwanzigtausend Einwohnern nicht über vierzig- 



x ) Archivio storico italiano. An. 1887. Dispensa 4. Chiapelli. 
Gli ordinamenti sanitari del comnne di Pistoja contro la pestilenza 
del 1348. 

2 ) Muratori. Herum italicarum scriptores. Bd. II. S. 522. 

19* 



292 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

tausend zurückgeblieben sind. Matteo Villani, der mit 
Boccaccio Zeitgenosse des schwarzen Todes gewesen 
ist, schätzt den Verlust auf drei Fünftel der Ein- 
wohnerschaft. 

Zur Prüfung dieser Angaben auf ihre Richtigkeit 
bleibt uns das einzige Mittel, die Zahl der jähr- 
lichen Geburten vor der Pest heranzuziehen. An 
der Hand der Taufbücher des berühmten Baptis- 
teriums St. Johannis konnte Lastry noch im ver- 
flossenen Jahrhundert eine mittlere Zahl von fünf- 
tausendachthundert Neugeborenen ermitteln. Aus- 
gehend davon, daß diese Zahl vier Prozent der 
Einwohnerschaft ausmachte, berechnete er danach, 
daß die Bevölkerung von Florenz im Jahre 1347 
hunderfünfundvierzigtausend Menschen betragen hat. 
Diese Ziffer weicht nicht viel von der Morellis ab, 
der weiter hinzufügt, daß in der zweiten Hälfte des 
XIV. Jahrhunderts die Bevölkerung von Florenz bis 
auf vierzigtausend gesunken war. Nach der Berech- 
nung Lastrys und den mehr oder weniger überein- 
stimmenden Angaben Villanis, Boccaccios und Morellis 
ergibt sich mithin, daß achtzig- bis hunderttausend, 
d. h. zwei Drittel bis drei Fünftel der Einwohner an 
der Pest gestorben sind. 

Auf diese Sterblichkeitsziffer läßt sich auch 
aus anderen Tatsachen schließen. Da in solchen 
Schicksalsjahren die Schenkungen an Kirchen, 
Klöster und öffentliche Fürsorgehäuser sich in der 
Regel sehr häufen, so können wir nach der Summe 
von 350,000 Florins, die der Kongregation St. Michael 
dell'Orto innerhalb des Jahres 1348 vermacht wurden, 
während in den voraufgegangenen Jahren die Schen- 
kungen für die Armenfürsorge einige Zehntausende 
betragen haben, ermessen, von welchem Umfang und 
Einfluß das Elend gewesen ist. Außer diesem Für- 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 293 

sorgehaus, das seinen Reichtum einer gestiegenen 
Mildtätigkeit verdankte, war es die Dominikanerkirche 
Maria Novella, berühmt durch die Heiligenbilder Ci- 
mabues und die Fresken Giottos und Ghirlandaios, 
die in einem Jahre fünfundzwanzigtausend Florins 
Stiftungsgelder erhalten hat. Das trostlose Bild, das 
Boccaccio von den Lebensverhältnissen von Florenz 
während der Pest zeichnet, bestätigt die Annahme, 
daß eine Unzahl von Menschen der Seuche zum Opfer 
gefallen ist. „Ungeheuere Brunnen werden auf den 
Friedhöfen gegraben und mit Hunderten von Toten 
gefüllt, wie mit Waren vollgestopfte Schiffe." „Oh, 
wie viele Klöster", ruft der Verfasser des Dekamerone 
aus, „sind verwüstet; wie viele Vermögen sind ohne 
Erben zurückgeblieben, wie viele reizende Frauen 
und schöne Jünglinge nahmen ihr Frühstück mit 
ihren Freunden, das Abendbrot aber mit ihren Ahnen! 
Einzelne starben in den Straßen, andere in leeren 
Häusern ; nicht selten trug man auf einer Bahre Mann 
und Frau, Eltern und Kinder zusammen zu Grabe." 

Nicht weniger trostlos war die Lage in Siena am 
Ende des Sommers 1348. Vom 11. April bis zum 
15. August wird keine einzige Sitzung des Rates er- 
wähnt. Viele Räte waren krank oder tot, andere 
vor der Seuche geflohen 1 ). 

„Wegen erheblicher Verminderung der Bevöl- 
kerung" beschließt der Rat, am 30. August desselben 
Jahres, daß seine Sitzungen statt bei Anwesenheit 
von zwei Hundert, die sein quorum bildeten, nunmehr 
schon bei An Wesenheit von Hundert Räten beschlußfähig 
sein sollen. Am *2. Juni werden die Gerichte aufgefordert, 
ihre Tätigkeit zeitweise einzustellen, weil „in Anbetracht 
der Pest und des Todes die Menschen ausschließlich 



') Archiv von Siena. Provisioni Fol. 14-4. 



294 Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d, schwarz. Todes in Italien. 

um ihre eigene Rettung, wenigstens ihrer Seele, durch 
Gebete besorgt sein müssen" 1 ). 

Zu Ende des Sommers entstanden in den Reihen 
der Wähler und der zur Wahl stehenden Kandidaten 
so große Lücken, daß der Rat durch den Podestä, drei 
bestellte Männer und zwei Mönche des Benediktiner- 
und Dominikanerordens die Namen der Verstorbenen 
aus der Wahlurne entfernen lassen mußte. 

Besonders groß war die Sterblichkeit unter den 
Geistlichen, die ja durch ihr Amt in nähere Berührung 
mit den Kranken kamen. Am 22. August klagt der 
Rat darüber, daß der Kirchendienst nicht .verrichtet 
werden könne, „so viele Geistliche seien an der Seuche 
gestorben". 

Wenige Familien gab es, dienichtden Tod von Ange- 
hörigen zu beklagen hatten; überall auf den Straßen 
sah man nur Trauerkleider, ein Bild, das auf die 
Überlebenden niederschlagend wirken mußte. Bei einer 
Strafe von 50 livres verbot deshalb der Rat das Tragen 
von Trauerkleidung ; nur leidtragenden Gatten war sie 
gestattet 2 ). 

Bei diesen Maßregeln folgte Siena offenbar dem 
Beispiel von Pistoja. Das Vorgehen dieser Stadt zeigt, 
wie groß die Sterblichkeit und die Panik der Über- 
lebenden gewesen sind. Es wird verboten, Gäste zur 
Beerdigung einzuladen, die Häuser Gestorbener zu be- 
treten, offenbar um eine Ansteckung zu verhüten, 
ferner die Glocken zu läuten, um die Kranken nicht 
zu erschrecken, was „für sie gefährlich wäre". Es 
wird verboten: quod nulla persona audeat elevare aliquem 
piantum vel clamare de aliqua persona que decessit 
extra civitatem. Nur für einen Ritter, Doktor der Rechte, 



1 ) ibid. fol. 145. 

2 ) Libro de' Provisioni. Verordnung vom 9. September 1348. 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 295 

Richter und Arzt sollen Seelenmessen gelesen und 
ihnen die kirchlichen Ehren erwiesen werden 1 ). 

Von Siena griff die Krankheit auf die Nachbar- 
gegenden über. In einer Bittschrift an den Großen 
Rat vom 14. Mai 1350 wird mit Hinweis darauf, daß 
einige Gemeinden der Grafschaft von Siena zum Teil, 
andere völlig entvölkert sind, eine dem entsprechende Um- 
legung der Steuern erbeten. „In Erwägung, daß das- 
jenige, was der Billigkeit widerspricht, nicht geduldet 
werden solle" 2 ), leistete der Rat derBittschriftFolge und 
unterstellte zwei und mehrere Gemeinden einem einzigen 
Steuereinnehmer. Auch daraus ist zu ersehen, daß die 
Krankheit viele Einwohner hinweggerafft hat. Denn 
vor der Pest waren die Steuerbeamten, namentlich bei 
der Eintreibung der Salzsteuer, stark in Anspruch 
genommen, während nunmehr ihre Zahl herabgesetzt 
werden konnte 8 ). 

Daß die Regierung von Siena ähnlich der von 
Treviso durch Förderung der Ansiedlung die Zahl 
der Bevölkerung künstlich zu heben suchte, beweist, 
wie tiefgreifend die Verheerungen der Pest gewesen 
sind. Nach einem Dekret des Großen Rates vom 
13. Oktober 1348 sollen die fremden Ansiedler nach 
fünf Jahren das Bürgerrecht erwerben. Im nächsten 
Jahre wird der Rat durch den Abzug von Pächtern 
nach den Nachbarrepubliken, die ihnen Steuerfreiheit 
und sonstige Begünstigungen in Aussicht stellten, beun- 
ruhigt. Um diese zurückzuhalten, verbot er ihnen, vor dem 
Ablauf der Pachtfrist die Güter zu verlassen, gewährte 
ihnen zunächst einen Aufschub und erläßt ihnen endlich 



1 ) Chiapelli. Gli ordinamenti sanitari del commune di Pistoja 
(Arch. St. An. 1887. Disp. 4). 

'-') Cum intolerabile sit quicquid est inequale. 

:} ) Provisioni. Bd. 145. Pol. 124. Beschluß vom 5. Oktober 134«.). 



296 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

die schuldige Pacht, mit Rücksicht darauf, heißt es, 
daß „mehrere Familien nur aus Witwen und minder- 
jährigen Waisen bestehen, die nur mit Mühe ihren 
Unterhalt bestreiten können 1 )." Die Pacht wird nicht 
nur für ein, sondern sogar für vier Jahre erlassen. 
Die Zahl der Landbesitzer war so gesunken, .daß 
der Rat gezwungen war, die Zusammenlegung des 
Gemeindelandes mit dem Pachtland zu gestatten. Um 
die Landwirtschaft zu beleben, befahl er den Grund- 
eigentümern ihren Wohnort von der Stadt auf das 
Land zu verlegen und den Betrieb persönlich zu leiten 2 ). 

Der zeitgenössische Chronist, Agniolo de la Turra, 
klagt fortwährend über das Unglück. In den Mona- 
ten Mai, Juli und August seien so viele Menschen 
gestorben , daß aus Mangel an Leichenträgern die 
Eltern selbst, unter ihnen auch Agniolo, die Leichen 
ihrer Kinder nach dem Kirchhof bringen mußten. In 
Siena und Umgebung sollen achtzigtausend Menschen 
gestorben sein 3 ). Nach dem Tagebuch eines andern 
Zeitgenossen zählte die Stadt vor der Pest etwas über 
hunderttausend Einwohner, „mit deren Hilfe die Ka- 
thedrale nach dem Entwürfe des Goldschmiedes Lando 
gebaut werden konnte. Infolge des Rückganges der 
Bevölkerung während der Pest mußte die vorgenom- 
mene Erweiterung der Kathedrale eingestellt werden; 
jetzt ist ihr Flächenraum viel kleiner geworden, als 
er im Entwurf vorgesehen war 4 )." 

Auch Emilia und die Romagna waren nicht von 
der Pest verschont geblieben. Nach den Geschichts- 
schreibern betrug in Bologna die Zahl der Gestorbe- 
nen zehntausend, nach Matteo Griffoni soll sie zwei 



!) Provisioni. Bd. 145. Fol. 24. Gesuch der Pächter u. Teil- 
bauern vom November des Jahres 1341) und der Beschluß des 
Großen Eates von Siena. 

2 ) Provisioni. Bd. 149. S. 23. - - :? ) Muratori. Bd. XV. S. 123. 

4 ) G. Gigli. Diario Sanese. Bd. II. S. 428. 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 297 

Drittel, nach einer anderen in italienischer Sprache 
geschriebenen Chronik, deren Verfasser unbekannt 
ist, drei Fünftel der Einwohnerschaft ausgemacht 
haben 1 ). 

In den Städten am Adriatischen Meere sollen nach 
den Berichten römischer Zeitgenossen ebenso viele 
Menschen gestorben sein. In Bimini wütete die Pest 
vom 15. Mai bis zum Dezember zuerst unter den 
Armen, dann auch unter den .Reichen und raffte ins- 
gesamt zwei Drittel der Einwohnerschaft fort 2 ). 

Die Chroniken vonCesena, Forli, und die ihrer Nach- 
barstädte, ebenso die von Parma, Modena und ßeggio 
berichten über die ungeheuere Verheerung, ohne aber 
die Anzahl der Gestorbenen anzugeben. Diese Chroniken 
führen übereinstimmend das Auftreten der Pest auf 
das Erdbeben vom 25. Januar 1348 zurück, das sich 
am 9. September des folgenden Jahres wiederholt hat und 
besonders verheerend in Apulien und Eom aufgetreten 
ist. In der ewigen Stadt brach eine der Säulen der 
Kirche San Paoli nieder und ging in Stücke. Vielen 
Schaden richtete das Erdbeben auch in der Romagnaundin 
Umbrien an, wo eine Anzahl Türme einstürzten. Mehr 
oder weniger stark litten Ferrara, Perugia und Orvieto, 
wo das Quellwasser zwölf Tage lang trüb war 3 ). Die 
Chronik von Reggio berichtet für die Jahre 1348 und 
1349 von beispiellosen Unwettern, Stürmen und „un- 
zähligen Greueln aller Art" *). 

An der Hand solcher Mitteilungen läßt sich der 
Umfang des Unheils in Mittelitalien nicht genau fest- 
stellen. Es fehlen amtliche Zeugnisse, die eine Prüfung 
der Angaben der Chronisten über Verluste von zwei 



!) Muratori. Bd. XV. S. 167. Bd. XIV. S. 108 und 608. 

2) ibid. Bd. XVI. S. 902. 

3) ibid. Bd. XIV. 8. 1171). 740. Bd. XVI. 8. 448. 015. 652. 

4 ) ibid. Bd. XV. 8. 616. 



298 Sechst. Klip. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Dritteln, drei Fünfteln und sogar neun Zehnteln der 
Bevölkerung gestatten. Wir wissen nichts über die 
Dichtigkeit der Bevölkerung der kleineren Städte 
Italiens vor und nach der Pest. Die Angabe der 
Chronik von Orvieto, daß fünfhundert Leichen nach 
dem Friedhof gebracht worden seien, besagt an sich 
nichts, da wir nicht wissen, wie oft und zu welcher 
Zeit dies vorgekommen ist, wo die Pest doch von Mai 
bis September angedauert hat und von Juli ab, wie 
die Chronik andeutet, nachzulassen begonnen hat 1 ). 

Die Angabe, daß von der Einwohnerschaft kaum 
ein Zehntel am Leben geblieben ist, kann mithin un- 
möglich auf Glaubhaftigkeit Anspruch erheben. Da 
aber diese Stadt eine Station der vom Jubiläum in Rom 
heimkehrenden Pilger gewesen ist und seit der zweiten 
Hälfte des XIV. Jahrhunderts an ihrer früheren Be- 
deutung viel verloren hat, so dürfte die Sterblichkeit 
hier ein weit höheres Maß, als im Norden und Osten 
Italiens, erreicht haben. 

Die italienischen Städte, wie Venedig und Mailand, 
haben, wie wir gesehen haben, alle möglichen Vor- 
kehrungen gegen die Ausbreitung der Seuche getroffen. 
Die Pisaner Chronik teilt ergänzend mit, daß gleich 
nach der Erkrankung dreier Familien in Mailand der 
Befehl erging, die Fenster und Türen ihrer Häuser zu 
vermauern 2 ). 

Dank der Absperrung, die Florenz und Pistoja 
gegen den Verkehr mit den verpesteten Gegenden y 
namentlich mit Pisa, durchgeführt haben, konnte die 
Seuche nicht sofort in Toskana eindringen. Als sie 
aber trotzdem in Florenz erschienen war, beauftragte 
der Große Rat nach dem Beispiel Venedigs einen 
Ausschuß von acht Männern mit der Ergreifung von 



] ) Muratori. Bd. XVI. S. 653. — 2 ) ibid. Bd. XV. S. 1020. 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 299 

Sohutzmaßregeln *). Man sorgte für die Sauberkeit 
der Straßen, öffentlichen Plätze und der Häuser und 
verbot den Fruchthändlern den Verkauf unreifen 
Obstes 2 ), 

Ahnlich gingen auch die anderen Städte Toskanas 
vor. Über die beachtenswerten Maßnahmen Pistojas 
sind w 7 ir bis ins kleinste unterrichtet. Hier sorgte 
die Obrigkeit für die sofortige Bestattung der Ge- 
storbenen in möglichst tiefen Gräbern, um den Gefahren, 
die die Friedhöfe mit sich bringen, vorzubeugen. Um 
den üblen Gerüchen zu begegnen, mußten die Leichen 
in fest verschließbare Särge gelegt werden. Verwandte 
und Freunde durften dem Toten das Geleit nur bis zum 
Friedhof geben. Das Haus des Gestorbenen wurde 
verschloßen und bewacht und vor der Beerdigung 
wurden nur die Söhne, Töchter, Brüder und Neffen 
des Verstorbenen zugelassen. Die Beerdigung wurde 
sechzehn Männern übertragen. Der Podesta und der 
Capitaneo hatten dafür Sorge zu tragen, daß niemand 
die abgesperrten Häuser betrete, aus polizeilichen 
Gründen, nämlich zur Verhütung von Diebstählen. 
Sehr weise erscheint die angeordnete Beaufsichtigung des 
Verkaufs von Lebensmitteln. Den Fleischern wurde 
das Feilhalten von Schweinefleisch verboten. Eine Schau 
über das Schlachtvieh und eine Beaufsichtigung der 
Schlachthäuser war besonderen Beamten anvertraut. 
Das Abhäuten durfte nur außerhalb der Stadt und an 
bestimmten Orten vorgenommen werden. Verdorbene 
Waren in den Wirtshäusern und bei den Lebensmittel- 
händlern wurden vernichtet. Alle diese Maßnahmen 



r ) Scipione Ammirato. Istorie fiorentine. Tor. 1883. Bd. III. 
S. 111. Anm. der Herausgeber. 

2 ) I magistrati . . . a purgar la citta di tutte l'immundizie si 
volsono. L'entrar in essa a qualunque infermo vietarano. Proibi- 
rono che cibi o frutti nocivi visi intrometessero (ibid.). 



300 Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

zielten offenbar darauf hin, die Verpestung der Luft 
zu verhüten. Es habe sich herausgestellt, bemerkt 
Aminirato, daß unreine Luft in erheblichem Maße 
die Verbreitung der Ansteckung begünstigt hat 1 ). 

Aus dieser Darlegung geht deutlich hervor, daß 
überall in Italien die Sterblichkeit eine große gewesen 
ist, und eine Folge davon eine Steigerung der Waren- 
preise und des Arbeitslohns gewesen ist. Aber das 
Verhältnis dieser Steigerung entsprach noch lange nicht 
dem Verlust von beinahe der Hälfte der Bevölkerung. 
Die besitzenden Klassen freilich wollten die nahe- 
liegende Notwendigkeit dieser Folgeerscheinung nicht 
einsehen. Ungerechtigkeit und Erpressung witterten 
sie im Vorgehen der Arbeiter, die erhöhte Lohn- 
forderungen aufstellten, und „widerwärtige Aufkäufer" 
nannten sie die Lebensmittelhändler, die die Waren 
um den zweifachen Preis verkauften. Und staunen 
muß man über die Einigkeit, mit der die Gesetzgeber 
und die Chronisten des XIV. Jahrhunderts gar die 
harmlosen Gewerbtreibenden hierfür verantwortlich 
machten. Wenn wir uns aber das wirtschaftliche Ideal und 
das unerschütterliche Festhalten des Mittelalters an den 
hergebrachten Standesunterschieden vergegenwärtigen, 
so begreif en wir die Beweggründe der Monarchien und Re- 
publiken, die zum Schutz der bestehenden sozialen Ord- 
nung mit drakonischen Maßregeln gegen die Friedens- 
störer vorgingen. Nur wenige Regierungen gab es, die 
die neuen Verhältnisse richtig zu beurteilen und ihrer 
Gewerbepolitik eine dementsprechende Wendung zu 
geben vermochten. Einzig und allein Venedig hat es 
verstanden, zu Gunsten eines freien wirtschaftlichen 



l ) Chiapelli. Grli ordinamenti sanitari del commune di Pistoia 
contro la pestüenza clel a. 1348 (Archivio stör. Ital. Disp 4. del a. 
1887). 



Sechst. Kap.: Die wirtseh. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 301 

Wettbewerbes seine veraltete Gewerberogelung auf- 
zugeben und durch Heranziehung von Ansiedlern, 
denen es Steuerfreiheit gewährte, zur Herstellung des 
verlorenen sozialen Gleichgewichts und zum Rückgang 
der Preise beizutragen. 

Venedig und etwa noch Siena, gingen in dieser 
Beziehung dem England und Holland der Zeit Elisabeths 
und des Großpensionärs Jan de Witt, die die ver- 
triebenen Hugenotten mit offenen Armen empfingen, 
um ganze Jahrhunderte voran. Dadurch, daß die 
Republik des St. Markus die Fremden ihren 
eigenen Bürgern gleichstellte, hat sie in wenigen 
Jahren eine Verdoppelung ihrer Bevölkerung bewirkt. 
Denselben Weg hat sie auch bei der Neubesiedelung 
von Treviso und der ganzen Terra Ferma, die so 
schwer unter der Pest gelitten hatten, eingeschlagen. 
Dem Beispiel Venedigs folgend, hat Siena aus den 
Nachbarprovinzen Teilbauern und Pächter heran- 
gezogen mit der Verpflichtung, das Land während 
der fünfjährigen Pachtdauer nicht zu verlassen. 

Diese Maßnahmen wollen wir etwas näher ins 
Auge fassen. Ihre Bedeutung für das weitere Ge- 
deihen der beiden Republiken kann gar nicht hoch 
genug angeschlagen werden ; die gewaltigen Er- 
schütterungen, die Frankreich, England, Flandern, 
Brabant und Toskana in der zweiten Hälfte des 
XIV. Jahrhunderts heimgesucht haben, wurden durch sie 
verhütet. Die Republik St. Markus hat im XIV. Jahr- 
hundert Bauernkriege, wie die Jacquerie in Frankreich 
und den Aufstand unter Wat Tylor in England und 
in Flandern, den Aufruhr von Ciompi nicht gekannt. 
Die herangezogenen Ackerbauer und Handwerker 
haben nicht nur ihre Landwirtschaft und das Gewerbe 
gehoben , sondern auch das Menschenmaterial für 
weitere gewerbliche und kriegerische Unternehmungen 
geliefert. 



302 Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Für die Arbeiterpolitik Venedigs sollen liier in 
erster Reihe die unveröffentlichten Verhandlungen des 
Großen Rates über Maßnahmen zur Hebung der Be- 
völkerung, die bereits in der Zeit der Herrschaft der 
Seuche ihren Anfang genommen haben, in Betracht 
kommen. Angesichts der starken Abnahme der Be- 
völkerung , civitas multum depopulata et gentibus 
diminuta, verhandelte der Rat am 22. Juni 1348 dar- 
über, modum et viam exquirere per quas ipsa nostra 
civitas et per consequens Status noster valeant reformari. 

Da aber diese überaus ernste Frage einer ein- 
gehenden Erörterung bedürfe, so beschlossen die Räte, 
sie dem Senat zu überweisen. Dieser solle über die 
zweckmäßigsten multe et varie provisiones entscheiden 
und hinsichtlich der Hebung der Bevölkerung nach 
eigenem Ermessen die Freiheiten, Vorrechte und Be- 
günstigungen für die neuen Ansiedler bestimmen, 
überhaupt alles erörtern, was mit den Verheerungen des 
schwarzen Todes zusammenhängt. Zu allen Entscheidun- 
gen des Senats wolle der Rat seine Zustimmung geben 1 ). 

Mit diesen weitgehenden Vollmachten ausge- 
rüstet, faßte der Senat bereits am 17. Juli 1348 fol- 
genden Beschluß. Da neue Ansiedler nur bei aus- 
reichenden Vergünstigungen herangezogen werden 
können, so müsse jeder Lehrling, woher er auch 
komme, der sich in Venedig niederlassen und sein 
Handwerk ausüben will, und selbstverständlich auch 
die fremden Meister, die bereits in Venedig wohnen, 
ohne jegliche Beitrittsgebühren in die Zunft aufge- 
nommen werden. Die Verwaltungsbeamten der Zunft, 
diegastalden, sollen davon inKenntnis gesetzt werden 2 ). 



J ) Pars capta die XXII Junii 1348 (Spiritus) 

2 ) Pars capta in rogatis die 17 Julii 1348. Die „Novella" des 
Großen Rates. S. IG. 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 303 

Wenn man die Beschränkungen berücksichtigt, 
die bis dahin den Eintritt in die Zunft erschwert 
haben, kann man ermessen, wie wirksam jener neue 
Beschluß für die Besiedelung Venedigs sein mußte. 
Aus Neid, zur Wahrung ihrer gewerblichen Sonder- 
rechte und zur Ausschaltung des Wettbewerbes be- 
schränkten die Zünfte mit allen Mitteln die Zahl der 
Lehrlinge und erschwerten ihnen durch hohe Ab- 
gaben den Erwerb der Meisterschaft. Als die An- 
ordnungen der Republik des St. Marcus bekannt 
wurden, verließen Handwerker, für die die Zunft- 
satzungen eine Beschränkung ihrer Unternehmungs- 
freiheit bedeuteten, ihre Heimat und eilten zu Hun- 
derten und Tausenden nach der gastfreundlichen Re- 
publik. Sie taten dies um so freudiger, als jene Maß- 
nahme der Anfang einer Reihe von Verbesserungen 
war, die der Senat in Angriff genommen hatte und 
durchzusetzen bemüht war. Eine dieser Verbesserungen 
ging dahin, alle Fremden, die bereits in Venedig und 
seinem contado wohnen oder sich dort niederzulassen 
gedenken, in die Bürgerschaft aufzunehmen. 

Ein ähnlicher Antrag war im Großen Rat bereits 
am 11. August 1348 gestellt worden, durch welchen 
jeder, der sich mit Frau und Kindern in Venedig 
niederläßt, zwei Jahre dort ununterbrochen verbleibt, 
Steuern zahlt und seine Pflichten dem Staat gegen- 
über erfüllt, das Bürgerrecht erwirbt. Diese Maß- 
regel, zu der der Rat seine Zustimmung gab, trat 
bereits im Herbst in Kraft. Sie erwies sich aber als 
nicht zugkräftig genug. Am 30. Oktober wurde be- 
antragt, die Aufenthaltsdauer auf ein Jahr herab- 
zusetzen, wodurch viele Fremden, die dieser Be- 
dingung bereits genügt hatten, in die Bürgerschaft 
Aufnahme fanden 1 ). 



l ) Archivio di stato. Capitulare dei proveditori del comun. 



304 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Eine weitere Frage, die die Kaufmannschaft von 
Venedig in einem viel höheren Grade berührte, als 
die Verleihung des Bürgerrechts an die Fremden, 
kam nunmehr in die Reihe. Es handelte sich darum, 
grundsätzlich zu entscheiden, ob der Seehandel das 
ausschließliche Vorrecht derjenigen bleiben soll, die 
bereits fünfundzwanzig Jahre in Venedig seßhaft ge- 
wesen sind, und ob diese „civilitas extra" aufge- 
hoben und der „civilitas intra", d. h. dem Gewerbe- 
und Handelsrecht innerhalb des Golfs von Venedig, 
untergeordnet werden soll. Diese Frage schien sehr 
ernst und einer genauen und allseitigen Erörterung 
zu bedürfen; alle Nachteile, die hieraus den alten 
Bürgern erwachsen könnten, mußten, sorgfältig er- 
wogen werden. Auch bei dieser strittigen und un- 
geklärten Frage verfuhr der Senat ähnlich wie in den 
anderen Fällen. 

Der Senat bestellte einen Ausschuß von drei 
„savii", dem er weitgehende Vollmachten und folgende 
Weisung gab : Die Preise der Lebensmittel und die 
Löhne der Handwerker und sämtlicher Angestellten, 
precii artificum et aliorum ministeriorum, seien in 
unserer Stadt bekanntermaßen hoch gestiegen, was 
eine überaus ernste Erscheinung und für alle nach- 
teilig sei, quod multum grave et damnosum est Om- 
nibus. Es liege im Interesse der Gesamtheit, dem 
entgegenzuwirken, und dies vermögen die savii, wenn 
sie eingehend die Frage bearbeiten und auf Mittel 
zur Herabsetzung der Preise und Löhne denken 
werden. Die savii sollen dem Senat einen Ent- 
wurf vorlegen, und zwar der Dringlichkeit der 
Sache wegen innerhalb eines Monats. Diese Frist 
könne jedoch auf Verlangen aller Ausschußmit- 
glieder durch einen neuen Beschluß des Senats ver- 
längert werden 1 ). 

1 ) Liber Spiritus. Fol. 195 vo. 15Novemberl349(ArchiviodiStato). 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. <1. schwarz. Todes in Italien. 305 

Der Ausschuß schlug folgende Maßregeln vor: 
Jeder Fremde, der mit Frau und Kindern zwei Jahre 
ununterbrochen in Venedig gewohnt, Steuern gezahlt 
und seine Bürgerpflichten erfüllt hat, kann das Bürger- 
recht erwerben und ist dann Venetus de intus; nach 
einem zehnjährigen Aufenthalt kann er sich um die 
„civilitas extra" für „die Gewässer, Länder und Fak- 
toreien" der Republik des St. Marcus bewerben. Aus 
diesem Entwürfe geht hervor, daß früher diese Vor- 
rechte erst nach einem fünfundzwanzigjährigen Auf- 
enthalt verliehen worden sind. 

Außerhalb des Golfs solle der Handel nur mit 
eigenen Waren getrieben werden. Dieses bedeutete 
insofern eine Unterdrückung des fremden Mitbewerbs, 
als die Fremden hierdurch vom Kommissionshandel 
ausgeschlossen wurden. Fremde Handwerker, die sich 
um die Aufnahme in die Bürgerschaft bewerben, 
sollen das Gewerberecht erhalten. Besondere Auf- 
seher werden die Namen der Bewerber in eine Liste 
eintragen, die alle sechs Monate geprüft und ver- 
öffentlicht werden wird 1 ). 

In wie hohem Grade diese Maßregeln die Zu- 
nahme der Bevölkerung gefördert haben, geht daraus 
hervor, daß der Große Rat, der am 24. Februar 
1349 die Arbeiten zur Erweiterung seines Sitzungs- 
saales wegen des Hinscheidens vieler adliger Mit- 
glieder eingestellt hatte 2 ), am 9. Oktober 1351 mitteilen 
konnte, daß die Bevölkerung mit Gottes Hilfe sich 
erheblich vergrößert habe und die Steuereinnahmen 
unvergleichlich höher seien, als in den früheren 
Jahren. Desgleichen seien die rückständigen Strafgelder 



r ) Liber Saturnus. Pars Capta in Maiöri Consilio vom 23. Ja- 
nuar 1350. Libro Novella. Pars capta vom 28. Aug. 1350. S. 6. 
2 ) Liber Spiritus. Fol. 16(5. vo. 
Kowalewsky, Ökonomische Entwickelung Europas V. 20 



306 Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

so reichlich eingegangen, daß schon die Hälfte 
davon zur Deckung der Ausgaben für die Eintreibung 
genügt hätte l ). 

Zehn Jahre nach dem schwarzen Tode erwiesen 
die neuen Zünfte eine so starke Zunahme, daß der 
Rat der Zehn es für notwendig erachtete, dem 
weiteren Wachstum Einhalt zu tun, um Nachteile, die 
trotz des guten Zwecks entstehen könnten, zu ver- 
hindern 2 ). Wenn wir ferner erfahren, daß die unter- 
brochenen Bauarbeiten wieder aufgenommen wurden 
und die Klagen über hohe Arbeitslöhne verstummten* 
so ersehen wir hieraus, daß die Gewerbefreiheit in 
Venedig weitaus wirksamer gewesen ist, als, wie wir 
noch zeigen werden, die Höchstsätze und die poli- 
zeilichen Vorschriften der Regierungen in den anderen 
Teilen Italiens. Dieser Erfolg hat aber in Venedig 
keineswegs zu einer endgültigen Preisgabe obrig- 
keitlicher Regelung geführt. Im Gegenteil, mit dem 
Aufschwung von Gewerbe und Handel und dem 
Fallen der Arbeitslöhne griffen die Stadträte von 
neuem ihre frühere Schutzpolitik gegen die Fremden 
auf. Bereits im Dezember des Jahres 1356 stellte 
sich die Obrigkeit das Ziel, die Bevölkerung ihrer 
Stadt auf eine Höhe supra omnes civitates mundi et 
proximas et remotas zu bringen 3 ). Am 22. Mai 1358 
schärfte sie den gastalden, den Zunftvorständen, 
wieder ein, von den neu eintretenden Handwerkern, 



r ) Liber Saturnus. Pars capta in Maiori Consilio vom 9. Ok- 
tober 1351. Es handelte sich um die Herabsetzung der Strafgelder. 
deren Eingang bisher auf die Hälfte geschätzt war, auf ein 
Viertel. 

2 ) Scole multiplicant in Veneciis et licet fiant ad bonum finem, 
tarnen possent redundare in aliud (Liber partium consilii de De- 
cem, vom 26. Februar 1359). 

3 ) Liber Spiritus. Fol. 20. 



.Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 307 

seien es Lehrlinge oder Meister, keinerlei Abgaben 
zu fordern, und befahl der justizia vecchia, der die 
Genossenschaften unterstellt waren, für die strenge 
Einhaltung dieses Verbotes Sorge zu tragen 1 ). 

Während so die Entwicklung des Handwerks ge- 
fördert wurde, suchte andererseits die Kaufmannschaft 
von Venedig bereits irn Jahre 1355 den Handel und 
die Schiffahrt, die die Fremden unter dem Schutz 
der venezianischen Flagge in fremden Gewässern 
trieben, einzuschränken. Von nun an sollte die Schiffs- 
ladung nicht mehr als die Hälfte des versteuerten 
Vermögens der Fremden betragen, In den ersten 
Jahren ihrer Niederlassung sollen die Fremden keine 
Zollfreiheit genießen, aber auch nicht mehr als ein 
Prozent des Warenwertes an Zoll entrichten. In den 
ersten zehn Jahren dürfen sie keine ausländischen 
Schiffe mit Ausnahme der intra golfum liegenden er- 
werben. Bei Strafe des Verlusts der Hälfte ihres Waren- 
vermögens zu Gunsten des Staates sollen sie sich nicht am 
Gewinn von Handelsunternehmungen in fernen Ge- 
wässern und Ländern beteiligen. Die Auf Sichtsbeamten 
für den Levantehandel werden aufgefordert, diese Vor- 
schrift genau zu überwachen; den Angebern wird ein 
Drittel der beschlagnahmten Vermögen zugesagt 2 ). 

Auch die Gewerbefreiheit war nicht von langer 
Dauer. Um eine Zunahme der Bevölkerung herbei- 
zuführen, hatte der Rat von Venedig das Verbot, daß 
die Meister nicht mehr als zwei Lehrlinge halten und 
nur einen Kaufladen eröffnen dürfen 3 ), aufgehoben. 
Nunmehr stellte er aber das erstere Verbot wieder 
her mit der Begründung, daß der Großbetrieb sich 



1 ) Libro d'Oro. Parte IV. Carta 215 vom 22 Mai 1358. 

2 ) Libro Novella. 39 v. — 3 ) Libro d'Oro, parte IV. cap. 214, 
vom 22 Mai 1358. 

20* 



308 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien 

auf Kosten des Wohlstandes der guten Bürger des 
Webergewerbes, der ars pannorum und ars fustanarum, 
die doch in erster Linie für eine Zunahme der Ein- 
wohnerschaft in Betracht kommen und infolgedessen 
mit „allen ehrlichen und gerechten Mitteln gefördert 
werden müssen", entwickele 1 ). Eine ähnliche Aus- 
dehnung des Großbetriebes infolge Zulassung einer 
unbeschränkten Zahl von Gesellen sei auch bei den 
Flaschengießern eingetreten, was bereits im Jahre 
1354 die Veranlassung zur Wiederherstellung der 
früheren Verbote, wenn auch nur hinsichtlich der neu 
angesiedelten Meister, gegeben hat 2 ). Der freie Wett- 
bewerb zeitigte überhaupt unliebsame Folgen. In 
Padua, Treviso, Cividale und Vincenza erstanden Ve- 
nedig Konkurrenten: Padua erzeugte in großen Massen 
ihre bald weltberühmt gewordenen Tuche, andere 
Städte errichteten Eisenwerke. Um sein eigenes Ge- 
werbe zu schützen, verbot nun Venedig die Ein- 
fuhr fremder Erzeugnisse und legte Schmugglern 
schwere Strafen auf 3 ). Wir sehen also, daß Venedig 
nur unter dem Druck der Not und für ganz kurze 
Zeit das mittelalterliche System der obrigkeitlichen 
Gewerberegelung verlassen hat. 



1 ) Cum providendum sit per omnem honestum et ustum 
modum de conducendo populum in Venetiis et manifestum sit 
unicuique, quod ars pannorum et ars fustanarum sunt hec que 
potius faciunt ad populationem civitatum mundi quam alia (Libro 
Novella. S. 50, vom 18 Dez. 135G.) 

2 ) Libro d'Oro. Parte IV. C. 1 ( .)7. 

s ) Der Einfuhrzoll für Tuche, die in einer Entfernung- von 
30 Meilen von der Stadt erzeugt wurden, betrug fünf solidi vom 
Pfund. (Libro Novella S. 50 vom 18. Dezember 135G.) Am 23. März 
L354 wurde die Einfuhr von Eisen verboten, da die heimischen 
Betriebe infolge der auswärtigen Konkurrenz von vierzig auf vier 
zurückgegangen waren, (ibid. S. 28). 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien* 309 

Das gleiche Verfahren wie Venedig haben die zu 
ihm gehörenden oder die unter seinem Einfluß stehen- 
den Städte und Provinzen geübt, so Ragusa, das, wie 
Lechner gezeigt hat, den Fremden freien Eintritt ge- 
wählte, und Treviso, Belluno und Feltre, wo die neuen 
Ansiedler in den ersten fünf Jahren Steuerfreiheit 
genossen 1 ). 

Aber auch in den entferntesten Teilen Italiens, 
so in Siena, fand dieses Vorgehen, das der herrschen- 
den Strömung so entgegengesetzt war, einzelne An- 
hänger. Am 13. Oktober 1348 faßte der Rat von 
Siena den Beschluß, daß derjenige, welcher auf seinem 
Gebiete sich niederlassen und Landwirtschaft oder 
Gewerbe und Handel betreiben will, nach fünf Jahren 
mit allen Rechten und Vorrechten in die Bürgerschaft 
aufgenommen werden solle. Den Pächtern und Teil- 
bauern erläßt die Republik für die ersten drei Jahre 
die Hälfte der Pacht. Im Juni 1349 wurde dieses 
Vorrecht den Bewohnern des Schlosses Civitella und 
seiner Ländereien, die Eigentum von Siena gewesen 
waren, bis zum Jahre 1353 erteilt 2 ). 

Gleichzeitig aber verbot Siena unter dem Einfluß 
von Florenz den Grundeigentümern, fremde mezaiuoli, 
affictuarii et pensionarii durch Angebot vorteilhafterer 
Bedingungen an sich zu locken, und forderte die 



1 ) Verri. Storia della Marca Trivisiana Veronese. Bd. XIII. 
S. 56. 

2 ) Hoc anno (1341)) mense Junii facta fuerit provisio in co- 
mune Senis quod pro anno dicte pestis et mortalitatis et pro tribus 
annis sequentibus omnibus hominibus quibus concesse et locate 
fnerunt possessiones et poderia in curia castri de Civitella excom- 
putari debeant . . . medietas affictus quod comuni Senis solvere 
promiserunt pro predictis possessionibus in locatis (Provisioni.Vol. 
145. Fol 49. Archivio di Siena) 



310 Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Kolonen, die beim Ausbruch der Pest ihre Grund- 
stücke verlassen und in „den Wäldern Zuflucht gesucht 
haben", auf, zurückzukehren 1 ). 

Florenz aber, das dank seinem Siege über Pisa 
und Siena und dem hohen Stande seines Gewerbes und 
Handels zum bedeutendsten Gemeinwesen Mittelitaliens 
und zum Haupt der Weifenliga geworden war, hat durch 
seine Arbeitergesetzgebung die Gewerbepolitik der 
meisten toskanischen und romanischen Städte voraus- 
bestimmt. Seine Bevölkerungspolitik und sein Kampf 
mit der Teuerung haben nicht nur ein Gegengewicht 
zu den Maßregeln Venedigs gebildet, sondern auch 
die Arbeitergesetzgebung der ganzen apenninischen 
Halbinsel beeinflußt. Mit dieser Politik der Stadt 
Florenz wollen wir uns nunmehr baschäftigen. 

Bereits am Ende des Jahres 1348 ernannte der 
Rat von Florenz einen Ausschuß von drei boni viri, 
ähnlich den venezianischen savii, mit dem Auftrage, 
Maßnahmen zur Bekämpfung der Schäden, die der 
schwarze Tod verursacht hatte, zu ergreifen. Dieser 
Ausschuß eröffnete seine Tätigkeit damit, daß er den 
Landpächtern verbot, vor Ablauf dreier Jahre die 
Verträge zu kündigen. Die Aufsicht über die Be- 
folgung dieses Verbots mit dem Recht der Bestrafung 
wurde dem podestä, dem Capitaneo del popolo und 
anderen obrigkeitlichen Gewalten der Republik über- 
tragen. Dies genügte aber nicht. Am 12. August 

l ) In einer Bittschrift der Landpächter des Schlosses Civitella 
heißt es: quod permissione divina pestis et universa mortalitas est 
secuta ex qua contingit quod non solum reperiuntur cultores in 
terris silvestribus . . . sed propter deffectum et paupertatem homi- 
num inculte remaneant vinee et terre posite juxta rnenia civitatis. 
Die Pächter ersuchen um Befreiung von allen Abgaben, da sie 
sonst zum Bettelstab greifen müßten, ut dictis affictibus totaliter 
absolvantnr et non cogantur per mundum vagare (Libro delle Pro- 
visioni del Copsiglio Maggiore di Siena. Vol. 145. Fol. 4 ( .)). 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 31 J 

1349 wandten sich die Vorsteher der sieben jüngeren 
Gilden an die oberste Gerichtsbehörde mit einem Ge- 
such, unter Zuziehung von zwölf guten Männern einen 
Entwurf zur Verbesserung der bestehenden Arbeiter- 
gesetzgebung auszuarbeiten und dem Rat von Florenz 
vorzulegen. Zu diesem Zweck bestellte die Behörde 
und die zwölf guten Bürger acht populäres, d. h. je 
zwei von jedem Stadtviertel. 

Diesen Vertretern des Kleinbürgertums wurde der 
Auftrag erteilt, Gesetze, Statuten und Bestimmungen 
über Verträge zwischen Teilbauern und Bürgern, über 
die Stellung der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter, 
Knechte, Dienstboten und Verwalter, die bei den Bür- 
gern der Stadt und Grafschaft von Florenz in Dienst 
stehen, auszuarbeiten und die Höhe des Zeit- und 
Tagelohnes und der Vorschüsse festzusetzen 1 ). 

Die Bestimmungen dieses Ausschusses wurden 
vom Florentiner Rat im Dezember des Jahres 1352 
durchgeführt und dann in das im Jahre 1415 umge- 
staltete Stadtstatut aufgenommen. Wir wollen aber 
zuerst die Maßnahmen vorführen, die der Rat un- 
mittelbar nach der Pest ergriffen hat. Danach be- 
hielten die Grundeigentümer bei allen Vertragsände- 
rungen stets das Recht, von ihren Landpächtern die 



x ) Ad faciendum leges, statuta et ordinamenta contra labora- 
tores qui ad presens laborant terms et possessiones ipsorum civium 
suppositorum iurisdictioni dicti communis a quibus conduxerunt 
ipsorum possessiones per publicum instrumentum vel sine et con- 
tra omnes et singulos alios laboratores qui laborant in ipso comi- 
tatii Florentiae ad precium, nulla possessione vel poderi conducto 
et contra omnes et singulos famulos et famulas et factores et ba- 
lios stantes seu qui stabant in civitate, comitatu vel districtu Flo- 
rentie cum aliquo cive, comitativo vel districtuali civitatis eiusdem 
et de preciis, salariis et arris eorundem. 



312 Sechst. Kap.: Die wirfcsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Hälfte des Ertrages in Rohprodukten, wie Getreide, 
Wein, Vieh und Geflügel zu fordern. Diese Bestim- 
mung stellt offenbar eine Erweiterung der uralten 
Sitte dar, nach der der Pächter verpflichtet war, bei 
Beschädigung der Getreidefelder durch den Feind 
oder Hagel, dem Grundeigentümer an Stelle der Pacht 
die Hälfte des Ertrages zu liefern. Auf dasselbe Maß 
werden ferner auch die Rückstände seit der Pest 
herabgesetzt. Diese allgemeine Bestimmung solle 
durch keinerlei Abkommen irgendwie geändert werden 
dürfen. Bei Streitigkeiten haben dieselben Domini 
plateae sancti Michaelis in Orto, die die Aufsicht über 
die öffentlichen Getreidespeicher, über die Müller und 
Bäcker übten, Hecht zu sprechen. Wo schriftliche 
Verträge zwischen den Parteien fehlen, entscheiden 
sie in abgekürztem Verfahren, gestützt auf die Aus- 
sagen von testimonii de fama. Die Landpächter wer- 
den verpflichtet, innerhalb der ersten drei Jahre nach 
der Pest das Land nicht zu verlassen. 

Diese Bestimmungen sind in die statuta populi 
et comimis Florentiae in folgender allgemeiner Form 
aufgenommen worden. Mit Ausnahme von bediensteten 
Unverheirateten müssen alle anderen Ackerbauern Land 
in Halbscheidpacht nehmen. Über Streitigkeiten, bei 
denen schriftliche Abmachungen zwischen den Parteien 
fehlen, entscheidet ein Schiedsgericht, officialium 
grasciae, das sich aus den oben erwähnten Beamten 
zusammensetzt. Den Grundeigentümern wird verboten, 
fremde Teilbauern abzuspannen, und mit ihnen ohne 
Zustimmung der früheren Herren neue Verträge einzu- 
gehen. Für Tagelöhner, die eigene Geräte, ferramenta, 
stellen, wird vom 15. November bis Februar ein Lohn 
von sechs solidi ohne Beköstigung, von da bis 
zum 15. Juni ein solcher von acht und weiter bis 
September von zehn solidi festgesetzt. Wer einen 



Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 313 

höheren Lohn fordert, unterliegt einer Gefängnisstrafe 
von einem Monat l ). 

In einer ähnlichen Pachtung bewegte sich die 
Bevölkerungspolitik von Perugia und Pisa. Auch in 
der Roinagna brachen die Teilbauern die Verträge in 
der Erwartung, anderswo besseren Erwerb zu finden. 
Wegen der Gefahr der Seuche, klagt der Hat von 
Perugia, verlassen laboratores et cultores rerum et terra- 
rum unter verschiedenen Vorwänden die Güter, ver- 
langen von den Grundeigentümern Aufschub und Er- 
mäßigungen der Pachtzahlung und wechseln ihre Herren, 
so oft sich vorteilhaftere Bedingungen ihnen bieten; 
darunter leidet aber das Gesamtwohl, denn die Felder 
liegen unbestellt und Mangel an sämtlichen Lebens- 
mitteln herrscht. 

Zur Bekämpfung dieser Mißstände haben die 
Vorstände der Gilden und Zünfte, die im Jahre 1349 
nach der neuen demokratischen Verfassung und der 
VereinigungvonPerugiamit den päpstlichen Besitzungen 
durch den Kardinal Egidio Albornos, ähnlich wie in 
Florenz, die oberste Verwaltung in ihren Händen ver- 
einigten, folgende Maßregeln ergriffen. Im Anschluß 
an Florenz verbieten sie den Pächtern, innerhalb der 
ersten drei Jahre nach der Pest, d. h. von August des 
Jahres 1349 ab die Güter zu verlassen; sie sind vielmehr 
verpflichtet, sie more solito bene et legaliter ut hactenus 
fuerit consuetum zu bewirtschaften und den vortrags- 
mäßigen Anteil dem Grundeigentümer zu liefern, sonst 
unterliegen sie einer Strafe. Klagbare Ansprüche der 
Grundeigentümer, für die nur ein Zeuge erforderlich 
ist, gelangen an den podestä, capitaneo del popolo und 
seine Beiräte zur Aburteilung. Ermäßigungen, die 



1 ) Statuta populi et communis Florentie. Bd. II. L. IV. De 
laboratorum tractatu et materia. rubr. 11. 12. 



314 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

der Grundeigentümer seinem Pächter gewährt, sind 
ohne schriftliche Bestätigung ungültig. Selbst dann, 
wenn oin Vertrag auf weniger als drei Jahre geschlossen 
ist, darf der Teilbauer das Gut nicht verlassen. 

Die Ausführung dieser Maßregeln scheint auf 
Schwierigkeiten gestoßen zu sein. Am 17. März 1351 
klagen die Vorstände, daß die Pächter zum Schaden 
der Einzelnen und des Staates nicht auf den Gütern 
verbleiben. Die Obrigkeit ging mit noch größerer 
Strenge vor und bestimmte, daß alle Verträge vom 
1. Januar 1348 nicht nur drei, sondern fünf Jahre 
lang bindende Kraft haben sollen. Sie verbot ferner 
den Teilbauern, außerhalb des "Weichbildes der Stadt 
Land zu pachten und andern Erwerb zu suchen 1 ). 

In Pisa suchte man die Ackerbauern nicht nur 
an die Scholle zu fesseln, sondern auch ihren Lohn 
zu regeln. Im August des Jahres 1350 setzten die 
anciani für landwirtschaftliche Arbeiter mit Ausnahme 
der Mäher einen Tagelohn von sechs solidi mit und 
acht solidi ohne Beköstigung fest. Landwirte und 
Tagelöhner, die diese Verordnung übertreten, werden 
vom podestä, dem capitaneo del popolo und den Gemeinde- 
vorstehern mit Strafen belegt 2 ). 

Nirgends aber erstreckte sich die obrigkeitliche 
Regelung auf so weite Kreise, wie in Orvieto. Auf dem 
Wege nach der ewigen Stadt, in der im Jahre 1350 
auf Anordnung des Papstes Bonifaz VIII. ein Jubiläum 
gefeiert wurde, gelegen, war diese verhältnismäßig 
kleine, durch die Pest entvölkerte Gemeinde von Pilgern 



*) Archivio della citta di Perugia. Annali decemvirali 1351. 

Fol. -V.) 

2 ) Provisioni. Bd 35. Fol. 66. Verordnung vom August 1350 
i Stadtarchiv von Pisa). 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz Todes in Italien. 315 

buchstäblich überfüllt, was der Obrigkeit schwere Sorgen 
bereitete. Noch im Februar des Jahres 1349 klagte der 
Rat der Zweihundert (eine dem Großen Rate von Florenz 
ähnliche Behörde), daß einzelne Ortschaften, pleberia, 
vacuate hominibus und die Ackerbauern ausgewandert 
seien 1 ), und am 16. September desselben Jahres : civitas 
nostra est quasi totaliter civibus vacuata 2 ). Einige 
Monate aber nach dem Erlöschen der Pest wird diese 
Stadt zum Zielpunkte so zahlreicher Pilger, daß ihre 
Tore, wie die Chronik berichtet, Tag und Nacht nicht 
geschlossen werden konnten 3 ). Die Folge hiervon war, 
nach derselben Chronik, daß die Handwerker bei hohem 
Lohn mit Bestellungen überhäuft waren. 

Dies mußte um so sicherer eintreten, als die Arbeit 
während und nach dem Erlöschen der Pest im September 
des Jahres 1349 und gelegentlich des Erdbebens 
gänzlich geruht und die Einwohnerschaft mehrmals 
zwölf Tage hintereinander religiöse Umzüge veranstaltet 
hatte und sonstigen kirchlichen Verordnungen nach- 
gegangen war. Um die Pilger gegen die hohen Forde- 
rungen der Handwerker zu schützen, beschlossen die 
Stadträte am 19. Mai 1350 die Marktverhältnisse und 
die Stellung der Ackerbauer, Handwerker, Tagelöhner 
und Führer einer Regelung zu unterwerfen 4 ). Für 
je zwei Monate bestellte der Rat zweihundert taxatores, 
die die Warenpreise und den Lohn festsetzten, die 
nach ihrer Bestätigung durch die Obrigkeit streng 
einzuhalten sind 5 ). 

*) Poderia et bona in eisdem existentia pro maiori parte in- 
cultivata persistunt. Rifotmazioni. Bd 67 (Stadtarchiv von Orvieto). 
-') Muratori Bd. XVI. S. 05(5. — 3 ) ibid. 

4 ) Ordinaverunt quod ponatnr et poni debeat modus et ordo 
artificibus et laboratoribus in rebus vendendis et in laboribus per- 
sonalibus et vecturis. (Riformazioni. Bd. 68.) 

5 ) Et eligantur taxatores in hiis singulis duobus mensibus 
et quilibet observare et facere teneatur sicut per ilictos priores 
et eligendos ad hec ordinabitur. ibid. 



316 Sechst. Kap.: Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 

Der am 31. Mai 1350 aufgestellte Tarif sollte drei- 
mal im Jahre geändert und verbessert weiden, da, wie 
es in der Verordnung heißt, quia res cariores et minus 
care in unius mensis spatio et pro tempore esse solent. 
Diese Begründung zeigt, daß die Regierung von Orvieto 
bereits auf dem Standpunkt gestanden hat, daß dauernde 
Preistaxen dem Zweck nicht entsprechen und daß sie, 
bereits den Zusammenhang zwischen Seltenheit und 
Teuerung der Waren ahnend, sich damit begnügt 
hat, durch eine bewegliche Preisskala den ungerecht- 
fertigten Forderungen der Unternehmer und Kauf- 
leute ein Ziel zu setzen. Zwischen dieser Preis- 
politik und derjenigen Diocletians und Karls des 
Großen besteht schon ein ganz erheblicher Unterschied. 

Da die angeführte Verordnung keinen einzigen 
Wirtschaftszweig unerwähnt läßt, so gibt sie uns ein 
vollständiges Bild der Wirtschaft und der arbeitenden 
Klassen einer mittleren Stadt, die keine bedeutende 
Rolle im internationalen Verkehr gespielt hat und 
sonach eine geschlossene Stadtwirtschaft aus der Zeit 
vor der Entstehung eines ausgedehnten Güterverkehrs 
darstellt. 

Diese sich selbst genügende Stadtgemeinde weist 
jedoch eine ziemlich weitgehende Arbeitsteilung auf. 
So finden wir hier Dienstboten, Landleute, Wäsche- 
rinnen, Bäcker, Müller, Fuhrleute, Zimmerer, Maurer, 
Zementierer, Dachdecker, Eisen- und Goldschmiede, 
Schuhmacher, Hutmacher, Kürschner, Spinner, Weber, 
Gewandschneider für gröbere und feinere Tuche und 
sonstige Schneider. Alle diese Berufe sind hier, wie 
überall, genossenschaftlich geordnet, haben ihre ge- 
wählten Vorstände. Kassen, Feste und Unterhaltungen, 
erfreuen sich, wie die Zünfte aller Städte des mittel- 
alterlichen Italiens, gewerblicher Vorrechte. Sie schützen 
sich gegen eingewanderte und fremde Gewerbtreibende 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 3 i 7 

u. a. dadurch, daß sie z. B. den einfachen Webern und 
Eisenschmieden die Herstellung von feinen Tuchen 
bzw. von Hufen verbieten. Mit Ausnahme der Heim- 
arbeit, die von den famuli servitores verrichtet wird, 
sind alle städtischen Gewerbzweige zünftig eingerichtet. 
Unter den Handwerkern befinden sich Tage-, Zeit- und 
Stücklöhner, die entweder in der Familie des Meisters 
wohnen, und Schuhwerk, Werkzeuge und Rohstoffe 
erhalten, oder selbst die Produktionskosten bestreiten, 
und ferner gelernte und ungelernte Arbeiter. In 
einzelnen Gewerbzweigen ist die Stellung des Meisters, 
des Gesellen und Lehrlings scharf ausgeprägt. Auch 
Saisonarbeiter sind vertreten. Die Löhne aller dieser 
Berufe werden festgesetzt. Die Dienstboten, famuli, 
servitores stehen in Jahreslohn , die Mehrzahl der Arbeiter, 
zu denen die Feldarbeiter, laboratores, gehören, erhalten 
Tage- und Stücklohn. Während den Dienstleuten bei 
Beköstigung; Schuhwerk und Gewährung von Werk- 
zeugen,- indumenta, die durch fünf livres florentiner 
Geldes ersetzt werden können, ein Jahreslohn von 
fünfzehn livres zusteht, arbeiten die Landarbeiter gegen 
Tagelohn, der zur Zeit der Heumahd und Ernte für 
einzelne zehn sous, für andere acht, sonst aber nur 
sechs soliden bei cum uno medio petito aquavite beträgt. 
Verhältnismäßig hoch werden die Leute entlohnt, die 
außerhalb der Stadt arbeiten : sie erhalten doppelten 
Lohn, vier livres auf Schuhwerk, Werkzeuge und Kost 
oder einen Jahreslohn von insgesamt fünfzig livres in 
Geld. Für die Übertretung dieser Vorschriften sind 
Strafen in der Höhe von zehn soliden vorgesehen, 
von denen der Angeber unter Geheimhaltung seines 
Namens, teneatur sibi credentia, die Hälfte erhält. 
Ein Knecht, der auf Arbeit in einer anderen Grafschaft 
ausgeht, unterliegt einer Strafe von zehn livres bei 
Abwesenheit von einer Woche und von zwanzig 



3 IS Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien 

livres bei längerem Ausbleiben, nach einem zwei- 
wöchentlichen Aufenthalt in der Fremde wird er bei 
einer Strafe von hundert livres, für die sein zurück- 
gelassenes Vermögen gepfändet wird, als baniti erklärt, 
was sine strepitu et figura iudicii erfolgt. 

In Gewerbszweigen mit vorherrschender Stück- 
arbeit richtet sich die Höhe des Lohnes nach der Stellung 
des Handwerkers als Meister oder Lohnarbeiter, nach 
der Arbeitszeit, der Vorbildung und nicht selten auch 
nach dem Preise der Rohstoffe. So beträgt der Tage- 
lohn der Zimmerleute, magistri lignorum, und der Maurer 
für einen Meister elf, für einen Arbeiter sieben soliden. 
Der Lohn der Töpfer und Dachdecker wird nach der 
Beschaffenheit der Arbeit, der der Weber nach der 
Breite des Tuchs (vier bis acht livres vom Stück) 
bemessen. Je nach der zurückgelegten Strecke erhalten 
die Fuhrleute zwei sous bei einer Entfernung von zwei 
milliaria und drei Denare bei größeren Entfernungen. 
Der Lohn der Barbiere beträgt acht Denare für Haar- 
schneiden und Aderlaß und vier denare für Rasieren ; 
das Doppelte, bei Ausführung dieser Arbeiten im 
Hause des Kunden. Der Schneider erhält sechs sous 
für ein Frauenkleid und eine guarnachia, fünf sous 
für einen gewöhnlichen Mantel, drei sous für manciae 
de avantagio, zwanzig sous für einen Kaftan mit breiten 
Armein und einen Mantel, und sieben sous mehr bei 
vier und zwanzig Falten an den Ärmeln, zwanzig sous 
für ein Frauenkleid mit und zwölf sous ohne irländische 
Sarsche und ein Drittel dieser Sätze für Kleider für 
Kinder unter zwölf Jahren. 

Der Lohn der Goldschmiede richtet sich nach dem 
Gewicht des bearbeiteten Metalls, der der Bäcker nach 
der Menge des verbackenen Mehls, der des Müllers 
nach der Menge des vermahlenen Korns. Der Lohn 
einer Reihe von Handwerkern, wie der Schuhmacher, 



Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. d. schwarz. Todes in Italien. 3 { 9 

Kürschner, Schmiede, Spinner, Spinnerinnen und 
Wäscherinnen, ist nicht genau bemessen, vielmehr acci- 
piunt de ipsorum labore quartum plus eo, quod acci- 
piebant ante mortalitatem et non plus, wobei der Auf- 
schlag von den taxatores, die vom Zunftvorstand 
bestellt werden, festgesetzt wird. 

Von allen Gewerbszweigen nimmt das Flachs- 
spinnen, das offenbar nicht nur für den heimischen 
Markt allein betrieben wurde, einen besonderen Platz in 
der Gewerbepolitik ein. Spinner, die außerhalb der Stadt 
und der Grafschaft Arbeit suchen, werden mit den- 
selben Strafen, wie auswandernde landwirtschaftliche 
Arbeiter belegt. Da durch ihre Auswanderung die 
Interessen des Staates betroffen zu sein schienen, 
drohte man ihnen mit Verbannung und Beschlagnahme 
ihres Vermögens l ). 

Hinsichtlich der obrigkeitlichen Lohnpolitik in der 
Zeit nach dem Erlöschen der Pest müssen wir Genua, 
dessen Archive nicht erhalten geblieben sind, und 
auch Mailand, das der Seuche entgangen ist, unerwähnt 
lassen. Daß aber diese Politik in der zweiten Hälfte 
des XIV. Jahrhunderts überall gang und gäbe war, 
geht u. a. aus der Verordnung hervor, die die un- 
bedeutende Stadt Magliano im Staatsgebiet von Siena 
im Jahre 1356 erlassen hat. Diese Stadt zählte nur 
vier Gewerbsarten: Schmiede, Schuhmacher, Spinner 
und Schneider, ohne die auch eine nur für sich selbst 
arbeitende Stadtwirtschaft nicht auskommen kann. 
Da in der aufgestellten Lohnskala nicht selten auch 
der Preis des Materials mit inbegriffen ist, so ist es 
leider nicht möglich den reinen Lohn zu berechnen. 
So ist der Wert eines Pflugeisens auf vierundzwanzig 
und der eines Hufeisens auf fünf sous angesetzt. 



*) Riforraazioni Nr. 68. Fol. 72. (Stadtarchiv von Orvieto). 



320 Sechst. Kap. : Die wirtsch. Folg. cl. schwarz. Todes in Italien. 

Dagegen erfahren wir, daß die Vergütung für die 
Befestigung eines alten Hufeisens drei sous beträgt. 
Für die Herstellung grober Leinwand ist ein Lohn 
von anderthalb sous für die Elle und vier sous für 
einen Sack festgesetzt. Die Anfertigung eines Paar 
Schuhe kostet je nach dem Leder (Pferde-, Kuh- oder 
Ochsenleder) fünfzehn, zwanzig und dreißig sous; auch 
hier läßt sich nicht ersehen, wieviel der reine Lohn 
betragen hat. Bei den Schneidern und Schneiderinnen 
(das Statut handelt von beiden) ist für die Anfertigung 
einer langen Hose ein Lohn von drei sous, für einen 
Frauenrock zwölf, für einen italienischen Mantel acht, für 
einen deutschen zehn und für einen Kaftan mit langen 
Ärmeln mit sechzehn Falten fünfzehn sous festgesetzt. 
Auch ein Jahrhundert später ist die obrigkeit- 
liche Lohnregelung auf der ganzen apenninischen 
Halbinsel in Übung. Bei Loria *) finden sich folgende 
Auszüge, aus den Statuten Roms, Ferraras und Fa- 
enzas und den Verordnungen der Herzöge von Sa- 
voyen. Den vorstehenden consuln der ars agriculturae 
oder ars bobacteriorum zu Rom, die verschiedene 
Landwirtschaftszweige umfaßte, wurden vom Rat, der 
seine Sitzungen im Kapitol abhielt, aufgegeben, den 
Lohn der Schnitter, Drechsler und Knechte herab- 
zusetzen. Nach den Statuten von Ferrara und Fa- 
enza war für die landwirtschaftlichen Arbeiter, ähn- 
lich wie in Florenz, für die Zeit von Oktober bis 
März ein Tagelohn von sechs mit und acht soliden 
ohne Beköstigung und für die übrige Zeit ein solcher 
von zehn soliden bestimmt 2 ). Infolge der Klagen über 
hohe Lohnforderungen der Holzhauer, Fuhrleute und 
Maurer forderte der Herzog von Savoyen im Jahre 



r ) Analisi della proprietä capitalista. Bd. II. S. 184 — 18G. 
2 ) Statuta Ferrariae. S. 229. Ordinamenta Faventiae S. 65 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 321 

1477 die städtischen und ländlichen Richter auf, die 
Löhne nach Maßgabe der Art der Arbeit und der 
Lebensmittelpreise herabzusetzen 1 ). Und so ergibt 
sich denn, daß die Höchstsätze, die wir in Italien 
Jahrhunderte vor dem schwarzen Tod vorfinden, in 
den folgenden Jahren zu einer mehr oder weniger allge- 
meinen Regel geworden sind und im XV., XVI. und 
XVII. Jahrhundert weiter fortgewirkt haben. Das- 
selbe scheint auch in anderen Ländern, so z. B. in 
England, der Fall gewesen zu sein. 



Siebentes Kapitel. 

Die wirtschaftlichen Folgen 
des schwarzen Todes in Spanien. 

§ 1- 

Zu Spanien übergehend wollen wir versuchen, 
den Umfang der Verheerung und der wirtschaftlichen 
Folgen der Pest zu ermitteln. In Ermanglung von 
nennenswerten Arbeiten über diese Frage sind w 7 ir 
noch völlig im Unklaren, ebenso über den Weg, den 
die Seuche auf der iberischen Halbinsel genommen 
hat, wie auch über den Umfang der Sterblichkeit und 
ihren Einfluß auf das wirtschaftliche Leben Spaniens. 
Wohl führt Manuel Colmeiro in seiner „Geschichte 
der politischen Ökonomie", richtiger der Wirtschaft 
Spaniens, die Pest des Jahres 1348 als eine der Ur- 
sachen der Entvölkerung seiner Heimat an, beschränkt 
sich aber im übrigen auf die bedenkliche Mitteilung, 
daß auf der Insel Majorca allein dreißigtausend 



2 ) Decreta ducalia Sabaudiae. Taurini. S. 131. 
Kowalewsky, ökonomisch« Entwicklung Europas V. 21 



322 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

Menschen an der Pest gestorben seien, und auf die 
den Chroniken entnommene und unbezeugte Angabe 
von dreihundert, die in Saragossa jeden Tag der 
Seuche zum Opfer fielen. 

Colmeiro spricht ferner von den Grundzügen der 
Arbeitergsetzgebung der Cortes zu Valladolid von 
1351, ohne sie mit den Verheerungen der Pest in 
einen Zusammenhang zu bringen. Er verzichtet so- 
gar darauf, die Größe der Bevölkerung vor und nach 
der Pest auch nur annähernd zu bestimmen, und be- 
trachtet als einzigen Anhaltspunkt dafür die Zahl der 
Krieger, über die übrigens die Chronisten sehr wider- 
sprechende Angaben machen, und dazu noch aus 
solchen Abständen, wie die Jahre 1212, 1340 und die 
Kegierungszeit der katholischen Könige 1 ). 

Indessen gibt es für einzelne Provinzen Spaniens, 
so Catalonien, ganz genaue Angaben über die Be- 
völkerung einzelner Städte und Vigerien und zwar 
aus dem Jahre 1359, also aus einer dem schwarzen 
Tode sehr nahen Zeit. Wir meinen die Liste der 
Haushaltungen, die in diesem Jahre im ganzen Lande 
aufgenommen worden ist und sich in der Sammlung 
der Urkunden des Aragoneser Archivs befindet 2 ). 

An der Hand dieses Zeugnisses läßt sich die Ge- 
samtzahl der Bevölkerung Cataloniens in der Zeit 
nach der Pest, ihre Dichtigkeit an verschiedenen 
Orten , ebenso wie der Umfang der Entvölkerung, 
die auch hier in Gewerbe und Landwirtschaft eine 
wesentliche Änderung im Verhältnis des Angebots 
zu der Nachfrage herbeigeführt hat, bestimmen. 



2 ) Colmeiro, Man. Historia de la eeonomia politica en 
Espana, Bd. II, S. 232-238. 242. 263. 

2 ) Colleccion de documentos ineditos del archivo gen. de 
la corona de Aragon. Bd. XII. Censo de Cataluna ord. por D. 
Pedro el Ceremonioso. 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg, d. schwarz. Tod. in Spanien. 323 

Unseren Berechnungen glauben wir Haushaltungen 
von fünf Personen zu Grunde legen zu dürfen. Dieser 
Maßstab, den wir auch bei der Berechnung der Be- 
völkerung des mittelalterlichen Englands und Frank- 
reichs anwenden werden, dürfte ■ nicht zu hoch ge- 
griffen sein. Die Teilung der Bauernhöfe beim Über- 
gang aus einer Hand in die andere war ja, wie wir 
gezeigt haben, durch Gesetz verboten; wir können 
also hinsichtlich der ländlichen Bevölkerung, die weit- 
aus zahlreicher war, als die städtische, nicht den Maß- 
stab einer Haushaltung von drei Personen: Yater, 
Mutter und Kind annehmen. Die Zählung, die im 
Jahre 1359 nach Vigerien und Vizegrafschaften vor- 
genommen wurde, erstreckte sich auf das damalige 
nördliche und mittlere Catalonien, Lerida, Serdana 
und Roussillon, also auf die Provinzen, die zu jener 
Zeit unter dem Namen der Spanischen Mark vereinigt 
waren. Die Gesamtzahl der Haushaltungen betrug 
sechs und sechzigtausend siebenhundert sechsundachtzig, 
wovon zwölftausendachthundertfünfundvierzig, also 
nicht einmal ein Fünftel, auf die Städte entfielen. 

In erster Reihe standen Barcelona mit sieben- 
tausendsechshunderteinundfünfzig, Taragona mit tau- 
sendeinhundertsiebenundzwanzig und Gerona mit neun- 
hundertzweiundfünfzig Höfen, dann folgten Puigcerda 
mit sechshundertvierundfünfzig, Manresa mit vier- 
hundertdreiundsechzig und die Städte des Bistums 
Gerona mit nur dreihundertachtundfünfzig Höfen. Bei 
den ungeheuren Verheerungen der Pest erscheint die 
obige Gesamtzahl der Höfe in Catalonien mit E,ou- 
ssillon keineswegs als unbedeutend, insbesondere, 
wenn man in Betracht zieht, daß im benachbarten 
Aragonien im Jahre 1429 nicht mehr als zweiund- 
vierzigtausendsechshundertdreiundachzig Höfe und 
Sechsundsechzig Jahre später ein Zuwachs von nur 



324 s iebent. Kap. : I). wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

zwanzig Prozent für das ganze Jahrhundert sich er- 
geben hat 1 ). 

Da der schwarze Tod in Spanien wiederholt er- 
schienen war und in den Jahren 1399 und 1400 mit 
besonderer Kraft gewütet hatte, so kann auch auf dieses 
Land die Feststellung der Statistiker und Geschichts- 
schreiber angewendet werden, daß in der ersten Hälfte 
des XV. Jahrhunderts das Wachstum der Bevölkerung 
ein viel langsameres gewesen ist, als im voraufge- 
gangenen Jahrhundert. Wir dürfen danach für Cata- 
lonien und Aragonien ohne Valencia und Majorka 
einen Bestand von hundertzehntausend Höfen oder 
von fünfhundertfünfzigtausend Einwohnern annehmen. 

Im Vergleich mit den anderen europäischen 
Ländern scheint allerdings diese Zahl sehr gering zu 
sein. Allein Spanien konnte sich solcher Großstädte, 
wie London, Paris, Amsterdam, Antwerpen, Lübeck 
und Hamburg nicht rühmen. Durch die jahrhunderte- 
langen Kriege mit den Mauren entkräftet, blieb 
Spanien noch immer das Land der unendlichen mit 
Wald und Gras bedeckten montes und baldios 2 ), wo 
nach den Zeugnissen aus dem XIV. Jahrhundert die 
Viehzucht vorherrschte und der Ackerbau sich noch 
in den Anfängen befand. In einem solchen Lande 
können wir nicht eine größere, nach Millionen zählende 
Bevölkerung erwarten 3 ). 






1 ) Die Zählung, die im Jahre 1495 auf Anordnung des Cortes 
vorgenommen wurde, ergab einen Bestand von 50391 Hufen. 

2 ) Besonders in der Umgebung von Jaca, Cinco, Yillas, 
Benavente, Tarazona, Saragossa, Barbastro, Calatayud, Daroca 
und Alcaniz. (Asso. Economia polit. de Aragon. S. 273.) Der 
genannte spanische Nationalökonom des XVIII. Jahrhunderts, 
Jovellanos hat bereits darauf hingewiesen, daß die Provinzen mit 
vorherrschenden baldios die kleinste Bevölkerung aufweisen. 
(Informe sobre la ley agraria. Bd. I. S. -13.) 

3 ) Asso. Historia de la economia pol. de Aragon. Zaragoza 
1798. 8. 43. 53-55. 



Siebent. Kap.: D. wirfcsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 325 

Die Angaben über die Größe der städtischen 
Bevölkerung Cataloniens nach der Zählung aus dem 
Jahre 1359 und die über die Zahl der Höfe Ara- 
goniens aus dem Jahre 1495 weisen untereinander keine 
Unstimmigkeiten oder Widersprüche auf. Barcelona 
zählte im Jahre 1359 siebentausendundeinundfünfzig 
Höfe, während Saragossa, das inzwischen zur Haupt- 
stadt der vereinigten Königreiche emporgestiegen war 
und sein Leder- und Tuchgewerbe auf eine hohe 
Entwicklungsstufe gebracht hatte, hundertsechsund- 
dreißig Jahre später nur dreitausendneunhundertacht- 
undsechzig Höfe zählte 1 ). 

In den Städten, wie Barcelona, dem Haupthafen 
der iberischen Insel, ist die Bevölkerung naturgemäß 
zahlreicher gewesen. Die anderen Städte Aragonions 
wiesen zu Ende des XV. Jahrhunderts eine weit 
kleinere Bevölkerung auf, so Calatayud, das mit seinen 
tausendsiebenundzwanzig Höfen hinter Perpignan und 
Taragona des XIV. Jahrhunderts stand, und Jaca, 
das nur hundertdreiundvierzig, also wenig mehr als nur 
ein Drittel so viel Höfe, als das am schwächsten be- 
völkerte Manresa, zählte. 

Vergleichen wir den Stand der Gesamtbevölke- 
rung Cataloniens und Aragoniens in der Zeit nach 
dem schwarzen Tode mit demjenigen in der ersten 
Hälfte des XIV. Jahrhunderts, so ergibt sich auf 
Grund von Angaben, die jedenfalls weniger willkür- 
lich sind, als die Berechnungen nach der Zahl der 
Krieger, folgendes. Nach den von Asso sorgfältig 
bearbeiteten Nachrichten zählte z. B. die Stadt Hueska 
im Jahre 1495 sechshundertsechzehn gegen tausend- 
dreihundertsiebenundvierzig Höfe im Jahre 1284, von 
denen neunhunderteinundneunzig das monedatge, d. h. 



i) ibid. S. 210, 306. 



326 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

die einmalige Abgabe an den König bei seiner Krön- 
ung geleistet haben, „damit keine minderwertige 
Münze geprägt wird" 1 ); die übrigen dreihundertsechs- 
undfünfzig Höfe erwiesen sich als zahlungsunfähig. 
Demnach ist die Zahl der Höfe von Huesca, das 
im XII. Jahrhundert die meistbevölkerte Stadt Ara- 
goniens gewesen ist, vom Anfang des XIV. bis zu 
Ende des XV. Jahrhunderts auf mehr als die Hälfte 
gesunken 2 ), was offenbar dem Einfluß des schwarzen 
Todes zuzuschreiben ist. Für die anderen Städte Ara- 
goniens und Cataloniens haben wir weniger sichere 
Anhalte. 

An vielen Orten des Roussillon ging die Bevölkerung 
auf die Hälfte ihres früheren Bestandes zurück. Im 
XV. Jahrhundert beteiligten sich in einzelnen Dörfern 
an der Gemeindeversammlung, wie Aliar zeigt, sieben 
gegen sechzehn Männer in der ersten Hälfte des 
XIV. Jahrhundert. Im Jahre 1384 klagten die Vertreter 
von Perpignan in der Sitzung der cortes zu Monson 
über Brachliegen der Ländereien, über Mangel an Brot 
und hohe Lohnforderungen der Arbeiter, von denen 
der größte Teil den voraufgegangenen Seuchen zum 
Opfer gefallen war 3 ). 

Im Schreiben des Königs an den baillif und den 
Rat von Barcelona vom 15. August 1349 heißt es, 
daß die Arbeiter mehr als den vier- und fünffachen 
Lohn von den Unternehmern verlangen 4 ). Dies zeugt 
doch von einer ausnehmend starken Verheerung durch 



!) Brutails. S. 277. 
-) Asso. S. 309. 31 6. 

3 ) Abhandlung von Lucicky über Brutails Etüde sur 
l'esclavage en Roussillon (Nachrichten der Universität zu Kiew 
aus dem Jahre 1886). 

4 ) Libre vert. Bd. II. Fol. 324. (Stadtarchiv von Barcelona.) 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 327 

die Pest, der u. a. auch sämtliche fünf neu ernannten 
Räte erlegen waren r ). 

Ahnlich in Gerona. In einer Bittschrift an den 
König Pedro, die sich im Stadtarchiv befindet, erklärte 
der Hat, daß er infolge der beinahe gänzlichen Ent- 
völkerung der Stadt zur Leistung der auferlegten 
Steuer außerstande sei 2 ). Eine indirekte Bestätigung 
findet dies in folgendem. Im Jahre 1349 nahmen die 
Fehden zwischen den Rittern und dem bischöflichen 
Hofe von [Gerona und der demokratischen Partei in- 
folge der Entvölkerung eine sehr gefährliche Wendung. 
„Die Herren", berichtete die Stadtobrigkeit, „drangen 
in die Stadt ein, mißhandelten unbeanstandet die Bürger 
und verwundeten sie". Auf die Vorstellung der Rats- 
mitglieder ermahnt der König die Behörden, mit allen 
Mitteln weitere Gewalttätigkeiten zu verhindern 3 ). 
Dies blieb ohne Erfolg. Am 15. April 1351 kommt 
der König in einem Sendschreiben an die Behörden 
abermals auf die Mißhandlungen, Plünderungen und 
Mordanschläge der aliqui de majoribus zu sprechen. 
Endlich gab er den erfolglosen Weg der Ratschläge 
auf und befahl dem Infanten und dem Rat, den Frieden 
zwischen den kämpfenden Parteien herbeizuführen 4 ). 
Daß die Missetäter mangels eines Widerstandes 
die Felder und Weinberge außerhalb der Stadtmauern 
regelmäßig verwüsteten, geht aus einem Erlaß des 



1 ) An als Consulars de la ciudad de Barcelona. In der 
Handschrift des Stadtarchivs aus dem Jahre 1347 heißt es bei 
den Namen der fünf Räte: Aquests sobre dits Concellers any 
dels morts maiors moriren tots de glanola. 

2 ) Corrispondenzia de los juratz ans den Jahren 1348 bis 
1353. Fol. 2. 

3 ) Let. del senyor Rey Petrus. Stadtarchiv von Gerona. 
Fol. 372. Die Verordnung ist am 8. September von Valencia 
aus erlassen. 

4) ibid. Fol. 377. 



328 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

Königs vorn 1. April 1351 von Gerona aus hervor 1 ). 
Am besten aber läßt sich die Entvölkerung der Stadt 
aus einer Verordnung des Königs vom 17. August 
1352 erkennen, zu der folgendes die Veranlassung 
gegeben hat. Ein Gerücht war im Umlauf, daß eine 
Schar französischer Söldlinge, die im Kriege gegen 
die Engländer tätig gewesen waren, nach dem Friedens- 
schluß aber die Bevölkerung stets in Atem gehalten 
haben, sich im Anzug gegen das nördliche Catalonien, 
angeblich zur Unterstützung des Papstes von Avignon 
gegen das unruhige Aragonien, befinde. Pedro IV. ließ 
daraufhin eiligst freiwillige Krieger werben. Aber die 
Menschenverluste in diesem und im voraufgegangenen 
Jahre wären in Gerona, erklärte der König, so groß 
gewesen, daß die Angeworbenen viel zu schwach 
wären, um der grande compagnie, der magna fran- 
corum societas einen wirksamen Widerstand leisten zu 
können 2 ). Wie groß die Sterblichkeit während der 
Pest gewesen ist, geht u. a. auch daraus hervor, daß 
von den achtzig Mitgliedern des Stadtrates (nach 
der königlichen Verordnung aus dem Jahre 1344) in 
den 80 er Jahren des XIV. Jahrhunderts nur vierzig 
zu den Sitzungen erscheinen konnten, infolgedessen 
der König die entscheidende Mehrheit auf zweiund- 
zwanzig Räte herabsetzen mußte. Aus alledem ergibt 
sich, daß Gerona in den Pestjahren 1348 und 1362 



!) ibid. Fol. 79. 

2 ) „Nos Petrus . . . Quia nobis constat habitatores et incolas 
civitatis Gerunde tarn propter mortalitates que hoc anno in 
eadem sicut in aliis diversis mundi partibus viguerunt fore ita 
diminutos et ad talem nuraerum reductos quod non sufficerent 
ad tuicionem seu deffensionem eiusdem, casu quo ille magnae 
fra ncorura societates, que per Universum mundum vagabunde 
discurrunt, occupando et devastando , possunt apud civitatem 
predictara se sicut ad presens dicitur declinare, Ideo . . . etc. 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 329 

die Hälfte seiner Einwohnerschaft an der Seuche ver- 
loren hat x ). 

Ei n Anhänger der neueren catalonischen historischen 
Schule, an deren Spitze Coreleu und Pella stehen 2 ), 
gibt in seiner Geschichte der Stadt Banyolas die Zahl 
der steuertragenden Höfe des Jahres 1364 auf drei- 
hundertundachtzehn an. Danach läßt sich für das erste 
Jahrzehnt nach der Pest eine Bevölkerung von nicht 
mehr als anderthalbtausend Einwohnern annehmen, 
während sie im Jahre 1 322 beim Kriegszug des Königs 
Jacob gegen Corsika und. Sardinien so zahlreich gewesen 
war, daß die Stadt für die Befreiung von der Heeres- 
folge eine Abgabe von 1 1000 Soliden leisten konnte 3 ). Be- 
rücksichtigen wir noch, daß diese Stadt im Jahre 1303 be- 
fugt war, vier jurats oder jurati, d. h. genau so viel, wie 
Manresa, Puigcerda und andere kleinere Städte Catalo- 
niens, zu stellen, so brauchen wir die Angabe des Ge- 
schichtsschreibers Banyolas, daß die Pest die Hälfte der 
Einwohnerschaft hingerafft hat, nicht für übertrieben zu 
halten. Wir dürfen sogar annehmen, daß die Stadt vor- 
der Pest sechshundertsechsunddreißig Familien gezählt 



*) Am 12. August 1383 findet der König, daß sumus fide 
dignis relationibus informati, quod sie firit et est in civitate iam 
dieta fieri usitaium — und verfügt: quod dicte XII. persone 
sint sufficiens numerus ad maiorem partem dietarum 80 et per 
consequens universitatis predicte. Et quod omnia et singula 
que eidem 41 persone vel maior pars earum usque ad dictum 
numerum 22 personarum fecerunt et concardaverunt temporibus 
retrolapsis et. de cetero concordaverunt nomine universitatis 
predicte tantam obtineant roboris firmitatem ac si per totam 
univorsiatem congregatam solemniter facta essent ac etiam 
concordata. (Libre vert.) 

2 ) Pere Alsuis y Torrent. Ensayo historico sobre la villa 
de Banyolas. Bare. 1872. S. 208. 

3 ) Um diese Ziffer zu unterstreichen, stellen wir ihr die 
von nur 10000 Soliden gegenüber, die Gerona zur Deckung der 
Kriegskosten gegen Granada im Jahre 1309 beigesteuert hat. 



330 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

hat, was keineswegs dem System direkter Volksver- 
tretung (die Verwaltung der Stadt lag in den Händen 
einer allgemeinen Versammlung der Hausvorstände und 
eines Ausschusses von vier gewählten Mitgliedern, die 
ihre Sitzungen in der Kathedralkirche abhielten) wider- 
spricht, das zu jenen Zeiten in den kleineren Städten 
Cataloniens im Unterschied von Barcelona und Gerona, 
wo bereits ein Stadtrat an Stelle des parliamentum der 
alten italienischen Gemeinwesen die Verwaltung ausübte, 
geherrscht hat. Daß die Verheerungen der Pest in 
Banyolas sehr ernste waren, wird dadurch erwiesen, 
daß auch hier wie in Gerona, der König um einen 
Aufschub der Zahlung der Rückstände angegangen 
wurde. Der Abt, unter dessen Botmäßigkeit die Stadt 
im XIII. Jahrhundert gestanden hat, mußte Maßregeln 
zu ihrer Besiedelung ergreifen, so viele Höfe waren 
durch die Pest entvölkert worden. Auf seine Anregung 
hin beschloß die Gemeindeversammlung, den neuen 
Ansiedlern für eine bestimmte Zeit Steuerfreiheit und 
Erlaß der Schulden zu gewähren 1 ). 

Zu diesen Angaben haben wir aus den Chroniken 
nicht viel nachzutragen. Nach den Mitteilungen des 
Archivars von Aragonien, Carbonel, aus dem Jahre 1547, 
dem direkte Quellen zu Gebote standen, war die Pest 
zuerst in Terol und Sogorb und dann in Saragossa 
erschienen, wo sie im September des Jahres 1348 
besonders heftig auftrat. Da sie zu Anfang Oktober 
täglich dreihundert Opfer forderte, so ließ der König 
Pedro IV., der zur Eröffnung der Cortes in der Stadt 
weilte, sein Hoflager nach Terol, wo die Gefahr bereits 
vorüber war, verlegen 2 ). 



*) Der Geschichtsschreiber stützt sich für seine Angaben 
auf die Kegesten der Stadt; Reg. 0. N. 25. 

-) Pere Miguel Carbonel. Cron. de Espana. Lib. IV, 
Gap. VIII. Fol. 110. 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 331 

Dieses Zeugnis unterscheidet sich wesentlich von 
dem Marianas, nach dem in Saragossa täglich dreihundert 
Menschen der Pest erlegen wären. Da die Seuche 
hier drei bis vier Monate, ihre Mindestdauer in den 
einzelnen Ländern und Städten 2 ), gewährt, und nicht 
mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft an Opfern 
gefordert hat, so müßten wir nach jener Zahl für Sara- 
gossa eine Bevölkerung von sechzig bis siebzigtausend 
Menschen annehmen. Saragossa zählte aber, wie wir 
gesehen haben, zu Ende des XV. Jahrhunderts nicht 
mehr, als viertausend Höfe oder zwanzigtausend Köpfe, 
somit in der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts 
allerhöchstens vierzigtausend Einwohner, wenn wir 
eine doppelte Zahl von Familien vor der Pest des 
Jahres 1348 annehmen. Rechnen wir aber, daß die 
tägliche Anzahl von dreihundert Toten nur bis Oktober 
angehalten hat, so gelangen wir zu einem Menschen- 
verlust von etwa zehntausend und einer Bevölkerungs- 
zahl von etwa zwanzigtausend Menschen, die für die 
erste Hälfte des XIV. Jahrhunderts kaum übertrieben 
sein dürfte. Als Hauptstadt und Mittelpunkt für das 
Wollen- und Ledergewerbe konnte doch Saragossa 
hinsichtlich der Einwohnerzahl nicht Huesca, das 
seit dem XII. Jahrhundert sein früheres Übergewicht 
verloren und im Jahre 1284, wie gezeigt, tausenddrei- 
hundertsiebenundvierzig Familien oder ungefähr sieben- 
tausend Einwohner gezählt hat, nachgestanden haben; 
wir werden also nicht fehl gehen, wenn wir für 
Saragossa eine zweieinhalbmal so große Bevölkerung 
annehmen. Zählte doch das meistbevölkerte Barcelona 
in den ersten Jahren nach der Pest dreizehntausend- 
zweihundertsiebenundzwanzig Familien mit fünf- 
undsechzig bis siebzigtausend Köpfen. Aus dem Ver- 



2 ) Lechncr. Das große Sterben S. 52. 



332 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

gleich mit der Einwohnerzahl von Huesca vor und 100 
Jahre nach der Pest folgt also, daß Saragossadie Hälfte 
seiner Einwohnerschaft an der Pest verloren hat. 

Die Mitteilungen von Qurita über Valencia und 
Majorca entziehen sich leider jeder Prüfung. Wenn 
er für das erstere eine Zahl von täglich dreihundert 
Toten angibt, so scheint er Valencia mit Saragossa 
verwechselt zu haben. Auf der Insel aber sollen nach 
ihm in weniger als einem Monat sogar fünfzehntausend 
Menschen gestorben sein. Nach dem Geschichtsschreiber 
Diago betrug hier die G-esamtzahl der Gestorbenen 
dreißigtausend und nach einer Bemerkung im Archiv 
von Palma entfielen im ganzen Königtum auf je hundert 
Einwohner achtzig Tote. Diesen Mitteilungen, die bei 
allen Geschichtsschreibern des schwarzen Todes stets 
wiederkehren *), wollen wir noch das Zeugnis des 
Noticiario de Salcet aus dem XV. Jahrhundert, das 
sich in einer Abschrift, deren Original nicht erhalten 
ist, im „Archiv des Königreichs Majorca in Palma" 
befindet, hinzufügen, in dem es wörtlich heißt: „Anno 
a nativitate Domini 1375 fuit in Majorca magna mor- 
talitas, tarn intus civitatem, quam extra qua gentes 
diversarum nationum numero decesserunt ultra XXXV 
millia et dicta mortalitas incepit in mense Januarii 
dicti anni." Da außer diesem Zeugnis andere Nachrichten 
über die Pest in Spanien nicht überliefert sind, so ist 
es nicht unmöglich, daß es sich hier um das Jahr 1345 
handelt, das gewöhnlich als das Jahr des erstmaligen 
Auftretens der Seuche im Osten gilt. Vielleicht hat 
der spätere Geschichtschreiber in dieses Jahr Begeben- 
heiten gesetzt, die sich erst zwei bis drei Jahre später 
zugetragen haben. Das Zeugnis ist übrigens dadurch 
bemerkenswert, daß es nicht von fünfzehntausend, wie 



l ) Philippe. Histoire de la peste noire. S. 54. 55. — Grasquet. 
The great pestilence 8. 58. 59. 



Siebent. Kap.: f). wirtsch. Folg. d schwarz. Tod. in Spanien. 333 

Qurita, sondern von fünfunddreißigtausend Toten (gleich 
siebentausend Höfen) berichtet. Danach dürfte die Be- 
völkerung von Majorca vor der Pest, vorausgesetzt, daß 
diese hier mit derselben Kraft gewütet hat, wie im übrigen 
nordöstlichen Spanien und die Hälfte der Einwohner- 
schaft hingerafft hat, vierzehntausend Familien mit 
sechzigtausend Köpfen betragen haben. Diese Zahl 
scheint keineswegs übertrieben zu sein, war doch Palma 
ein wichtiger Militär- und Handelshafen und beherbergte 
Mauren, denen der christliche Eroberer viele Landstücke 
zugeteilt hatte, und so zahlreiche afrikanische Sklaven, 
daß sie eine ständige Gefahr für die Christen in Bezug 
auf den Besitz der Insel bildeten. 

Ein sehr wichtiges Zeugnis für den Umfang der 
Verheerungen der Pest besitzen wir im Schreiben des 
Königs Pedro IV. an den Gouverneur von Majorca 
und der Nachbarinseln, Gilbert de Sintilias, das hier 
genau wiedergegeben sei, da es einer Handschrift des 
schwer zugänglichen Archivs von Palma entnommen 
ist. Eine Anzahl Siedelungen, Kirchspiele und forenses 
meldete durch zwei Abgeordnete: Johann Robel und 
Julian Valfag (probi homines werden sie in dem Schreiben 
genannt) dem König, daß die Bauernschaft infolge andau- 
ernder Mißernte infolge der Witterung, aeris intemperia, 
derSterblichkeit, ratione mortalitatum, que annoproxime 
lapso multipliciter viguerunt, der Kriege mit Jakob de 
Monte Pesulano (Montpellier) und der Verschuldung 
an die unnachsichtigen Juden sich in so drückender 
Notlage befinde, daß, wenn keine Hilfe vom König 
kommt, sie auswandern müssen, ad partes alias extra 
dictum regnum se conferre. Nach wohlwollender Ent- 
gegennahme dieser Fürbitte befahl Pedro IV. den Juden, 
ihren Schuldnern zwei Jahre lang ohne Anrechnung 
von Zinsen Stundung zu gewähren, wodurch sie dem 
König einen dankenswerten Dienst leisten werden ; 



334 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

sollten die Juden hierauf nicht eingehen, so werden 
die Behörden angewiesen, die Eintreibung von Schulden 
für Rechnung der Juden innerhalb der genannten 
Frist zu unterlassen. 1 ). 

Für das Königtum Valencia ist es uns gelungen, 
in den Stadtarchiven Daten aufzufinden, die zwar hin- 
sichtlich des Umfanges der Verheerungen der Pest im 
Stiche lassen, aber ein Bild von der Notlage der Ein- 
wohner in der Zeit nach dem schwarzen Tode geben. 
Da wir es aber hier nur mit königlichen Urkunden, 
die in abgeschwächter Form die Fürbitten der Orts- 
behörden wiedergeben, zu tun haben, so werden wir 
hieraus allerdings weniger die wahre Volksstimmung, 
als vielmehr den Eindruck, den die Notlage auf den 
König gemacht hat, kennen lernen. 

Auch in diesen blassen offiziellen Schriftstücken 
finden sich einzelne lebendigere Schilderungen. So 
entrollt uns das Sendschreiben aus Terol an die 
Richter und andere Beamte von Valencia vom 
10. August 1348 ein Bild der Rechtlosigkeit und un- 
begrenzten Willkür, die sich hier, wie gewöhnlich in 
Zeiten eines großen Volksunglücks, als Ausfluß einer 
allgemeinen Panik eingestellt haben. Einzelne Stadt- 
bewohner erfrechen sich, die Häuser der Gestorbenen 
gänzlich auszuplündern, indem sie eine Erlaubnis des 
Königs hierzu vorschützen. Aus diesem Anlaß 
schärft der König den Richtern ein, das Vermögen 
der Witwen und Waisen gegen Plünderung zu schützen 
und die Räuber zu verfolgen. 2 ). 

Eine Anzahl solcher Diebe hatten sich zu 
Plünderungen sowohl in der Hauptstadt, wie auch 

!) Reales ordenes de 1348 ad 1351 (Archivo della Audiencia 
di Palma auf der Insel Majorca). 

2 ) Libre de consells e stabliments No. 8 (Archivo de la 
ciudad de Valencia). 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 335 

in kleineren Städten zusammengetan, wie aus einer 
Verordnung vom 18. Februar 1348 hervorgeht, die 
befiehlt, diese „unio" in Valencia und in allen Ort- 
schaften des Königreichs zu verfolgen. 1 ). Wir können 
aber mit gutem Grund annehmen, daß diese unio, 
über die der König wiederholt klagte, so im September 
des Jahres 1349, nicht eine Diebesbande, sondern 
eine zeitweilige Vereinigung landwirtschaftlicher- und 
gewerblicher Arbeiter gewesen ist, die sich der 
obrigkeitlichen Lohnregelung und der Verwendung 
sarazenischer Sklaven an Stelle der gestorbenen Fron- 
bauern mit Gewalt widersetzt haben. Eine Be- 
stätigung dieser Ansicht bieten die gleichzeitigen 
Verordnungen des Rates von Valencia. 

Die eben erwähnte Bewegung erfaßte auch die 
Valencia benachbarten Dörfer. Die „execrabilis unio 
Valenciae," wie sie der König Ende Oktober 1349 
nennt, zeigt sich auch in der villa Burian, und die 
probi homines, d. h. wohl die wohlhabenden Be- 
wohner dieser Dörfer bitten den König um Hilfe. 
Daraufhin läßt Pedro IV. durch besondere Aufseher 
und Vertreter der probi homines eine Schätzung des 
durch Gewalttätigkeiten, Brandstiftung und Plünde- 
rungen erwachsenen Schadens, von dem die ganze 
Einwohnerschaft, universitas, betroffen war, vor- 
nehmen. 2 ). Unter dieser Bewegung litten auch andere 
Städte des Königreichs Valencia, in denen sie, wie 
aus den königlichen Verordnungen zu deren Unter- 
drückung hervorgeht, am 18. Februar 1348 ausge- 
brochen war. 3 ). 



x ) FuerosyordinacionesdevariosReyes. ibid. Bd. VI. Fol. 118. 

2 ). Pedro IV. Letres 1349—1356 (pridie calend. Oct. 1349 an 
die Aufseher von Burian). 

3 j Fürs (alias Fueros, d. h. Verordnungen) aus der Zeit 
Peter I. Fol. 118 (Archivo de Valencia). 



336 Sieben t. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

Noch geringere Nachrichten haben wir über die 
Verheerungen des schwarzen Todes in Castilien. So 
sind wir bei der Feststellung der Bevölkerungszahl 
in der Zeit vor und nach der Pest nur auf die 
zweifelhaften Angaben der Chronisten über die Stärke 
des Heeres, das gegen die Mauren angeworben war, 
angewiesen. Vorausgesetzt, daß jeder Hof einen 
Krieger gestellt hat, so könnte man etwa von der 
Zahl der Höfe ausgehen. Aber auch hierbei stoßen 
wir auf Schwierigkeiten. Die arabischen, wie die 
spanischen Chroniken verzeichnen nur die Stärke des 
rnauritanischen Heeres und zwar in Zahlen, die um 
Hunderttausende von einander abweichen, und fügen 
hinzu, daß das christliche Heer, in dem doch auch 
das verbündete Aragonien und Portugal vertreten 
waren, weit schwächer gewesen sei. Mit solchen 
Angaben ist für statistische Berechnungen nichts an- 
zufangen. Als einziger sicherer Anhalt bleibt nur 
noch die Zählung der Höfe, die in Castilien im Jahre 
1482 auf Anordnung der katholischen Könige ausgeführt 
worden ist. Diese Zählung hat für Spanien nach dem 
Nationalökonomen und Geschichtsschreiber Colmeiro 
einen Bestand von einer Million fünfmalhunderttausend 
Höfen oder von sieben und einer halben Million Ein- 
wohnern ergeben. 1 ). Haebler zieht aber den Be- 
rechnungen Colmeiros die Summe der Steuern vor, 
die für den heiligen Krieg mit den Mauren im Jahre 
1485 gesammelt worden waren. Die Steuerzahler 
waren die Kronvassallen, die hundertsiebenundsieb- 
zigtausendsiebenhundertsiebenundsiebzig Mann stark 
waren oder nach Familien zu fünf Köpfen berechnet, 
eine Bevölkernng von achthundertachtundachtzigtau- 
sendachthundertfünfundachtzig Menschen ausmachten. 



i) Colmeiro, S. 138. 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. B\>lg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 337 

Das letzte Mal, d. h. im Jahre 1495 waren außer 
den Kronvassallen auch die Feudalvassallen einberufen, 
und diesmal waren es fünfhundertfünfundfünfzig- 
tausend Steuerzahler (hundertachtzig maravedis auf 
den Kopf der Bevölkerung gerechnet), gleich einer 
Bevölkerung von zwei Millionen siebenhundertacht- 
undsiebzigtausend. Wie wir sehen, weichen die Er- 
gebnisse Colmeiros und Haeblers erheblich von ein- 
ander ab. 

Da aber nach Haebler die Bevölkerung sogar im 
XVI. Jahrhundert noch lange nicht der Zahl Colmeiros 
entsprochen und zwischen viereinhalb und sechs 
Millionen geschwankt hat, so haben wir mehr Grund, 
uns für das Ergebnis des deutschen Forschers zu ent- 
scheiden und für das Castilien des XV. Jahrhunderts 
eine Bevölkerung von nicht mehr als drei Millionen 
Seelen anzunehmen 1 ). 

Nun fragt es sich, um wie viel größer oder kleiner 
die Bevölkerung Gastiliens in der ersten Hälfte des 
XIV. Jahrhunderts gewesen ist. Die Wirtschafts- 
geschichtsschreiber Spaniens von Colmeiro bis Gury 
de Rozlan — der nebenbei gesagt, nur ein an Colmeiro 
sich anlehnender Kompilator ist — nehmen an, daß 
das Kriegsheer Alfonsos XI. gegen die Mauren nicht 
wesentlich geringer an Zahl gewesen ist, als das der 
Könige Granadas und Fez gegen die Christen, das im 
Jahre 1340 nach dem Chronisten Don Pedro eine 
Stärke von mindestens zweihunderttausend Mann Fuß- 
volk und vierzigtausend .Reiter gehabt hat. Da wir aber 
die Zahl der kämpfenden Christen nicht kennen, so 
kann man für das castilische Heer ebenso gut zwei, 
wie einhunderttausend Krieger, wie Colmeiro will, 



l ) Haebler, Konrad. Die wirtschaftliche Blüte Spaniens 
im 16. Jahrhundert und ihr Verfall. S. 144 — 159. 

Kowalewsky, ökonomische Entwicklung Europas. V ^2 



3S8 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanion. 

annehmen. Bei einer solchen Ungleichheit in der 
Stärke hätten die Spanier kaum den Ansturm des 
Feindes abschlagen können. Waren doch die heutigen 
Unterschiede in der Bewaffnung und Ausrüstung 
europäischer und nichteuropäischer Truppen dem XIY. 
Jahrhundert kaum bekannt und auch hinsichtlich der 
inneren Gliederung wich das Heer so aufgeklärter 
Herrscher, wie die Beys von Granada es gewesen sind, 
kaum viel von dem Castiliens ab. 

Gesetzt aber, daß beide Heere gleich stark ge- 
wesen sind, was eher zutreffen dürfte, so können wir 
für das Heer von Castilien in der ersten Hälfte des 
XIV. Jahrhunderts eine Zahl von über zweimalhundert- 
tausend Kriegern annehmen, die ebenso viele Familien, 
die nicht unerhebliche Zahl der Juden, Geistlichen und 
Mönche ausgenommen, voraussetzt. Betrug die Zahl 
der im Jahre 1492 vertriebenen Juden nach den be- 
scheidensten Berechnungen mindestens fünfunddreißig 
bis sechsunddreißigtausend Familien, so scheint die von 
Amador de Los Bios aufgestellte Ziffer von achtmalhun- 
dertfünfzigtausend Juden, die im Jahre 129(Hn Castilien 
gelebt haben, gar nicht so übertrieben zu sein, wie die 
neueren Wirtschaftsgeschichtsschreiber annehmen. 

Diese Zahl ist jedenfalls nach der Summe der 
Kopfsteuer von drei maravedis berechnet, die von 
jedem volljährigen Juden erhoben wurde. Etwas zu 
hoch konnte dabei nur die Ziffer der Minderjährigen 
gegriffen sein. Nehmen wir mit Hacan Rabi und Abarca 
auch nur die Hälfte dieser Zahl an, so müssen wir noch 
immer diese Ziffer zu den zweimalhunderttausend 
Familien mit einer Million Seelen hinzunehmen, um die 
Gesamtzahl der Bevölkerung zu ermitteln. 

Um den Unterschied zwischen der Größe der 
Bevölkerung Castiliens am Ende des XV. und in der 
zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts festzustellen, 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 339 

fehlen alle direkten Nachrichten. Da aber die Bevöl- 
kerung des benachbarten Aragoniens im Jahre 1482 bei 
einer Zunahme, wie wir gesehen haben, von25% zwei 
Millionen siebenhundertsiebenundsiebzigtausend Seelen 
betragen hat, so müßte sie im Jahre 1382 um ein 
Viertel weniger oder zwei Millionen und in den vierziger 
Jahren des XIV. Jahrhunderts um ein weiteres Achtel 
weniger, also eine Million sechsmalhunderttausend 
Seelen gezählt haben. Diese Zahl stimmt auch mit den 
Berechnungen nach der Zahl der Krieger im Jahre 1340 
überein. 

Diese Übereinstimmung ist aber bedenklich, da 
während des schwarzen Todes doch die Zahl der Be- 
völkerung gefallen und demzufolge auch am Ende 
des XV. Jahrhunderts nicht hoch gewesen sein kann. 
Nur dann würden unsere Berechnungen stimmen, wenn 
es sich nachweisen ließe, daß die Verheerungen der 
Pest in Castilien nicht so erheblich gewesen sind wie 
in den anderen Teilen Europas. 

Aus einer Verordnung des Königs Don Pedro aus 
dem Jahre 1349 geht hervor, daß viele Ländereien 
„infolge der großen Sterblichkeit" der Kirche vermacht 
wurden und die übrigen wegen der hohen Lohn- 
forderungen der Arbeiter völlig brachlagen. Dagegen 
erwähnen die Chroniken nichts über die Verbreitung 
der Pest in Castilien, wenn sie auch über ihr erstes 
Auftreten unter dem castilischen Heer unter Almeira, 
und ihre Verheerungen in Aragonien, Catalonien, Va- 
lencia und auf Majorca berichten. Nun zeigt aber die 
erwähnte Verordnung, daß eine Steigerung der Löhne 
lediglich en cada una de las comarcas de mio reyno 
eingetreten war, und übereinstimmend lautet auch der 
Bericht des Abbe Li Muisis vom Kloster St. Martin 
zu Tours, der sich auf einen Wallfahrer aus San Jago 
de Campostella beruft. 

22* 



340 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

Nach diesem Wallfahrer, der wegen des Krieges 
seinen Kück weg nach Gralicien über Nordspanien nehmen 
mußte und erst in Salvatierra an den Pyrenäen im 
Norden von Sierra de la Pefia Augenzeuge der schreck- 
lichen Folgen der Pest gewesen ist, hat die Seuche 
mehr als neun Zehntel der Bevölkerung hin weggerafft 1 ). 
Daß die königlichen Verordnungen über die Arbeiter- 
löhne nach Sevilla 2 ) und Burgos im Norden Castiliens 
zur Vollziehung geschickt werden mussten, zeigt, daß 
die Sierra Nevada im Süden und das östliche Gebirge 
zwischen Aragon und Castilien Mittelspanien gegen die 
Pest ebenso geschützt haben, wie die südrussischen 
Steppen ihr Vordringen nach Norden, in dasMoskausche 
und in andere großrussische Fürstentümer gehindert 
haben. 

Anders in Navarra, deren nördlichen Teil der 
erwähnte Wallfahrer berührt hat. Daß die Schätzung 
vom Jahre 1366 hier einen Bestand von kaum sechzehn- 
tausend Familien mit achtzigtausend Seelen ergeben 
hat 3 ), während dort heute nicht weniger als dreimal- 
hunderttausend Einwohner leben, erklärt sich offenbar 
aus den Verheerungen der Pest, die aus dem Norden 
eingeschleppt worden ist. Nach der Tabelle von 
Desdevises du Dezert, die sorgfältig nach den archi- 
valischen Zeugnissen aus Navarra zusammengestellt 
ist, stand Tudella im Jahre 1366 (die Hauptstadt Pam- 
peluna existierte damals noch nicht) mit fünftausend- 
sechshundertdreissig gegen neuntausend Einwohner 

*) Chronicon malus Aegidii Li Muisis II. 28. 

2 ) Archiv der Stadt Sevilla, Arch. Ayuntamiento. Tumbo. 
Fol. 84. 

3 ) Desdevises du Dezert. Don Carlos d'Aragon, prince de 
Viane. Etüde sur l'Espagne du Nord au XV. siecle. S. 14. 
Die Zählung von 1366 ergab eigentlich nur die Zahl von 12263 
Höfen, der Verfasser berechnet aber den fehlenden Bezirk Ultra- 
Puertas mit 3 1 / 2 Tausend Höfen, die er hinzuzählt. 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 341 

heute in erster Reihe; Viana zählte tausendzweihundert- 
fünfundzwanzig, d. h. ein Drittel der Einwohnerschaft 
von heute, San Martin de Unx hatte dreihundertzwanzig, 
Ronceval dreihundertfünf undneunzig und Aibar hundert- 
fünf undsiebzig Einwohner. Auch diese Ziffern weisen 
auf eine erhebliche Abnahme der Bevölkerung in den 
Städten in der zweiten Hälfte des XIV. und in der 
ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts hin. 

Laut der vorhandenen Zeugnisse ging die Be- 
völkerung von Ayechu von fünfhundertfünfundvierzig 
auf fünfzig im Jahre 1388, die von Genevilla von 
fünfhundert auf hundertfünfzig Einwohner im Jahre 
1418 zurück. Daß die Ursache hiervon der schwarze 
Tod gewesen ist, zeigt, daß während des Pestjahres 
1422 in Monteagudo von zweihundertfünfzig, vierzig 
und in Aranguren von vierhundert, fünfzehn Einwohner 
am Leben geblieben sind. In den Jahren 1431, 1436, 
1439, 1440, 1446 und 1450 betrug nach den Zeugnissen 
der Verlust an Menschen bald zwei Drittel, bald die 
Hälfte der Einwohner. In einzelnen Ortschaften, so 
in Burgui, ging die Steuereinnahme infolge Tod und 
Auswanderung der Einwohner von fünfzig auf dreißig 
cahices zurück, in anderen wieder starb die Einwohner- 
schaft entweder gänzlich oder doch größtenteils aus 1 ). 

Wir sehen also, dass mit Ausnahme von Castilien, 
Portugal und GJ-alicien alle anderen katholischen Staaten 
der iberischen Halbinsel von der Pest betroffen worden 
sind. Eine wesentliche Änderung in der Lage der- 
Landwirtschaft und des Gewerbes war auch hier, wie 
im übrigen Europa, die Folge. 

§ 2. 

Von der Verödung der Güter und der Steigerung 
der Arbeitslöhne auf der iberischen Halbinsel infolge 

i) ibid. S. 439. 



342 Siebenfc. Kap. : -D- wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

des plötzlichen Sinkens der Bevölkerung scheinen be- 
sonders die besitzenden Klassen Spaniens betroffen 
worden zu sein, da hier die Leibeigenschaft schon 
längst, wie wir gesehen haben, der freien Lohnarbeit 
Platz gemacht hatte. Der Einfluß des schwarzen Todes 
machte sich aber hier in höherem Maße, als in den 
anderen Ländern Europas, dadurch fühlbar, daß die 
Teilbauern und Landpächter die Zahlung ihrer Ab- 
gaben in Geld und Produkten einstellten und die 
Grundbesitzer infolge der hohen Lohnforderungen 
mehr von der billigeren Arbeit der Unfreien Gebrauch 
machten. Dies bedeutete eine völlige Umwälzung der 
bisherigen Wirtschaftsordnung, die das dualistische 
Hofrechtssystem mit seinem dominium eminens des 
Grundherrn und dominium utile des freien oder un- 
freien Vassallen in Frage stellte. An Stelle dieser 
Ordnung sollte jetzt die unmittelbare Verwaltung und 
Bewirtschaftung der Güter mittels rechtloser Sklaven 
ähnlich dem römischen Latifundienwesen treten. Durch 
diese .Rückkehr zum Alten waren sowohl die Interessen 
des Bauern- und zünftigen Handwerkerstandes, wie 
die des Staates bedroht. Eine Vermehrung der Un- 
freien durch Sarazenen, ihr Eindringen in die Land- 
wirtschaft, zum Teil auch in das Gewerbe, und ein 
Wachstum der Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung 
bei diesen, der Wachsamkeit ihres Besitzers entronnenen 
Unfrei'en war den spanischen Monarchien, die im 
Kampfe der Christen mit den Mohamedanern voran- 
gingen, keineswegs gleichgültig. Die Pedros, Alfons, 
Martins und Ferdinands konnten nicht tatenlos zusehen, 
wie ihnen auf ihrem eigenen Gebiet, das ständig durch 
Überfälle bedroht war, Genossen ihrer Gegner ent- 
standen. Der Bauern- und Arbeiterstand begann bald 
einen Widerwillen gegen die neuen Massen von Un- 
freien, die ihn aus der Landwirtschaft und dem Ge- 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 343 

werbe zu verdrängen drohten, offen an den Tag zu 
legen. So berührten sich neuerdings die Interessen 
der Monarchie, die, wie die Arbeiterpolitik aus der 
Mitte des XIV. Jahrhunderts zeigt, dem Einfluß der 
besitzenden Klassen verfallen war, mit denen der 
wirklichen Produzenten. Als der Aufstand auf Ma- 
jorca, dann in Navarra, Catalonien, Valencia und 
Castilien gezeigt hatte, daß die Bauern und Arbeiter 
sich den Druck des überlebten Feudalsystems und die 
Verwendung von Unfreien nicht weiter gefallen lassen 
wollten, da traten selbst die Könige von Aragon und 
Castilien für die bürgerliche Gleichheit und die persön- 
liche Freiheit ein und nahmen die freie Lohnarbeit in 
Schutz. Die von den Alfons und Martins durch- 
geführte Ablösung von den Frondiensten und Ab- 
gaben erhielt durch die großzügige Befreiung der 
letzten Überbleibsel der Leibeigenschaft, der homines 
de remenza und pecheros von Navarra und des nörd- 
lichen Cataloniens durch die katholischen Könige ihren 
Abschluß und hierdurch war ein Zusammengehen des 
spanischen Volkes mit den Vorkämpfern der nationalen 
Einheit und Unabhängigkeit möglich geworden. Nun 
durfte Don Antonio Perez, der Zeitgenosse Karls V. 
und Philipps IL, dem christlichen Monarchen seine 
demokratische Mission vorhalten und der große Vor- 
gänger Corneilles, Lope de Vega, konnte den gegen 
die Grundherren meuternden Bauern die Losung geben: 
„Herrscher, wir wollen deine Untertanen bleiben und 
keinen andern über uns anerkennen, als den König!" 
Im Bunde mit dem Volke sollte die Monarchie in der 
Person Karls V. aus dem letzten Kampfe mit dem 
Feudalismus und der städtischen Oligarchie siegreich 
und gestärkt hervorgehen und die Geschichtsschreiber 
sollten in der Unterdrückung der comunidades in 
Castilien und der germanias in Valencia das gleich- 



344 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. .schwarz. Tod. in Spanien 

zeitige Ende des Mittelalters und den Beginn eines 
neuen Zeitalters der demokratischen Monarchie, die 
von ihrer früheren dynastischen Form nur noch die 
blinde Ergebenheit gegenüber den Interessen der 
katholischen Kirche behalten hatte, erblicken. 

Dies war der natürliche Folgegang der Ereignisse, 
. die von der wirtschaftlichen Umwälzung Spaniens im 
XIY. Jahrhundert eingeleitet waren. Viele von ihnen, 
die mehr ins XV. und XVI. Jahrhundert fallen, ge- 
hören zwar nicht in den Rahmen unserer Untersuchung, 
mußten aber wegen ihrer wirtschaftlichen, sozialen und 
politischen Bedeutung im Zusammenhang mit den 
nächsten Folgen des schwarzen Todes Erwähnung finden. 

Nachdem wir so auf die weiteren Folgen der Ent- 
völkerung Spaniens durch die Pest hingewiesen haben, 
wollen wir nun die Stellungnahme der Könige und 
der Cortes und die Gesetzgebung des XIV. Jahrhunderts 
über die Regelung der Löhne und die Ablösung der 
Frondienste näher kennen lernen. 

Wie bereits erwähnt, wurden die Cortes wegen 
des Ausbruch der Pest auf Anordnung des Königs 
von Aragon, Pedros VI, von Saragossa nach Terol, 
wo die Gefahr bereits vorüber war, verlegt. Von hier 
gingen nun die ersten Maßnahmen nicht so sehr zur 
Bekämpfung der Pest, als vielmehr der Unruhen, die 
sie hervorgerufen hatte, aus. Denn die Absperrungs- 
maßregeln gegen das mauritanische Gebiet und Cas- 
tilien, ähnlich den Vorkehrungen der Mailänder Vis- 
conti, waren viel zu spät erfolgt, als daß sie die Seuche, 
die sich gleichzeitig von Norden, Osten und Süden her 
bewegte, abzuwehren vermocht hätten. 

Indessen brachen schon im August des Jahres 1348 
Unruhen aus. Die ärmeren Klassen, die die herrschende 
Panik sich zu Nutze machten, begannen, sich am Besitz 
der gestorbenen Reichen zu vergreifen. Wir haben 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg-, d. schwarz. Tod. in Spanien. 345 

bereits das Sendschreiben Pedros IV. hervorgehoben, 
in dem er die verlassenen Häuser und die Diebe, die 
ihr Unwesen angeblich in seinem Namen trieben, er- 
wähnt und aus diesem Anlaß den Richtern von 
Valencia einschärft, die Witwen und Waisen gegen 
Plünderungen zu schützen, die Verbrecher ergreifen 
und hinrichten zu lassen und überhaupt für die Aufrecht- 
erhaltung der Ordnung, die infolge der allgemeinen 
Panik und der Erwartung des nahenden Weltunter- 
ganges völlig aufgelöst war, Sorge zu tragen. x ). Im 
Herbst desselben Jahres erfolgte ein neues Schreiben 
Pedros IV. über ähnliche Vorkommnisse im südlichen 
Catalonien und Taragon. 

Diese Zustände, heißt es im Schreiben, seien die 
Folge der ungeheueren Sterblichkeit, die als Strafe 
Gottes sein Reich heimgesucht habe, und bis jetzt 
mit schrecklicher Kraft in Taragon fortdauere; nach 
so großen Menschenverlusten komme es jetzt zwischen 
den Überlebenden zu bandositates, rancores, odia et 
malae voluntates procul dubio subsequi et oriri debent; 
die probi homines, denen am Frieden gelegen sei, 
könnten nicht mehr stumme Augenzeugen dieser Un- 
ruhen bleiben und haben sich an ihn mit der Bitte 
um Hilfe und Schutz gewandt; diese seien nun ihnen 
gewährt : der baillif solle zwei oder drei Männer be- 
auftragen, sola facti veritate attenta absque salario 
litigantium, und zwar breviter, simpliciter et sine 
strepitu et figura judicii. 2 ). 

Ahnliche Streitigkeiten brachen in Barcelona aus, 
hatten aber eine ganz andere Ursache. Die an ihrer 

') Lib. de consells e stabliments. Nr. 8. Fol. 8. Schreiben 
vom 10. August 1348 aus Terol (Stadtarchiv von Valencia). 

2 ) Das königliche Schreiben vom Okt. 1348 ist an die Stadt- 
behörde von Taragon gerichtet. Comune Petri III. 654 (Stadt- 
archiv von Barcelona). 



;346 Siebent. Kap.: I). wirtsch. Folg. d. schwarz Tod. in Spanien. 

Wiederherstellung verzweifelnden Kranken hatten ihr 
Vermögen zu ihrem Seelenheil an die Klöster ver- 
macht. Bei der herrschenden Panik konnten die 
natürlichen Erben gar nicht beurteilen, wie weit sie 
durch diese Schenkungen an die manus mortua ihrer 
Rechte beraubt wurden. Nachdem der Schrecken 
sich gelegt hatte, erkannte man erst die Folgen dieser 
frommen Freigiebigkeit in ihrer ganzen Grösse. Gegen 
diese Ausdehnung des Besitzes der Klöster, der 
weder veräußert noch zur Steuer herangezogen werden 
durfte, wurden zum Schutze der Bürger und der 
Staatsinteressen Verbote erlassen. Daß diese Schen- 
kungen sehr häufig waren und nur aus Angst vor 
dem unabwendbaren Tode gemacht wurden, zeigen 
die uns erhaltenen Vermächtnisse aus dem Jahre 
1348 und den folgenden Jahren. Der Satz: „Ge- 
fesselt an das Lager durch die Krankheit, die mir 
unabwendbar den leiblichen Tod bringt . . . ", kehrt 
regelmäßig in den Testamenten, die ich im Archiv 
zu Gerona einsehen konnte, wieder 1 ). 

Ebenso beträchtlich waren die Schenkungen an 
die Kirche in Castilien. Während der Tagung des 
cortes in Valladolid in Jahre 1351 gelangte eine Bitt- 
schrift an den König, in der um Abhilfe gebeten 
wird, daß die Ländereien der behetria, d. h. diejenigen, 
mit denen die Freiwilligen aus dem Kriege mit den 
Mauren belehnt und die an die Kolonen verpachtet 
worden sind, nunmehr an die Kirche vermacht sind. 
Diese Ländereien durften nicht veräußert werden 



1 ) In den Schriftsätzen des Notars Bartholomäus Yives, 
der vom Jahre 1348 bis 1351 in Gerona amtierte, heißt es häufig: 
egritudine retentus de qua mori possum morte corporali .... 
vermache ich, so und so, dem Bischof oder dem Orden diesen 
und diesen Besitz. (Archivo de protocoles.) Die Urkunden sind 
nach den Namen der Notare geordnet. 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 347 

und ihre Übertragung sogar an verwandte Kapläne 
sei nichts als ein Betrug, engannosas. Die Könige 
von Castilien, die genau so, wie die moskauischen 
Herrscher, ihre Lehnsländereien sorgsam behüteten, 
erklärten alle derartigen Übertragungen für ungültig. 
König Pedro verfügte im Sinne der Beschlüsse der 
cortes aus den Jahren 1318 und 1325 *), daß die 
heredades pecheras, die von einzelnen labradores an 
die Kirchen und Abteien vermacht worden sind 2 ), 
wieder in den Besitz ihrer Senioren übergehen sollen 3 ). 
Aus dem Antwortschreiben des Königs Pedro IV. 
von Aragon auf eine Bittschrift der Einwohner von 
Barcelona ersehen wir, daß jene Ausdehnung des 
Grundbesitzes des Klerus auf Kosten der weltlichen 
Macht noch gefährlichere Folgen gezeitigt hat. Mit 
Hinweis darauf, daß infolge der außerordentlichen 



v ) Die Cortes zu Medina del Campo von 1318 und zu 
Valladolid von 1325 erklärten alle Schenkungen, die von den 
Vassallen ohne Zustimmung ihrer Herren an die Kirche gemacht 
werden, für ungültig. Die Cortes zu Medina del Campo ließen 
im Jahre 1326 eine Ausnahme zu für Prälaten und Kathedral- 
kirchen und bestätigten die Schenkungen del regalengo al aba- 
clengo. Pedro hob im Jahre 1351 diese Vergünstigungen auf 
und erneuerte die früheren Bestimmungen der Cortes aus dem 
XII. und XIII. Jahrhundert. (Colmeiro. De la constitucion y 
del gobierno de los reinos de Leon y Castilla. 1855, Bd. II, 
S. 121 u. 122.) 

a ) Aus der Bittschrift geht hervor, daß die Ländereien für 
dreißig und sogar noch mehr Jahre, also nach westgotischem 
Recht auf ewige Zeiten übertragen waren. 

3 ) A esto respondo que tengo por bien que las heredades 
pecheras que algunos destos sobredichos labradores dexaren a 
eglesias a abadengas que los sennores de los behetrias de los 
logares e heredades salariegos que puedan entrar e tomar lo 
que fue dado e mandaclo a los eglesias segun el fuero. 
(Bibliothek des Escorial. Diese Handschrift befindet sich in 
einer Abschrift im Britischen Museum. Add. MS. 9920.) 



348 Siebent. Kap. : D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. . 

Ereignisse die Felder nicht bestellt werden könnten, 
stellten die Vassallen die Zahlung ihrer Abgaben 
an die Grundherren ein. Nun stellte es sich aber 
heraus, daß die Regierung dies indireat selbst ver- 
schuldet hatte. Auf die Klagen der Einwohnerschaft 
über ihre Not hatte sie ja eine Stundung der Ab- 
gaben für zwei Jahre gewährt. Wie oben gezeigt, 
hat Pedro IV. am 4. Februar 1349 die Juden aufge- 
fordert, ihre Forderungen an Kapital und Zinsen bis 
zum Februar des 'Jahres 1351 auszusetzen 1 ). Gleich- 
zeitig wurde auch eine Stundung rückständiger Staats- 
und Stadtabgaben gewährt, die allerdings bald wider- 
rufen wurde, wie die Massnahmen einzelner Städte 
zur Eintreibung der Steuern zeigen. 2 ). Die Bauernschaft 
aber machte von den gewährten Vergünstigungen einen 
weitgehenden Gebrauch und hörte mit der Zahlung 
der Zinsen und der Pacht auf, was eine Verringerung 
der Einkünfte der Grundherren und weiterhin auch 
der Stadtkasse zur Folge gehabt hat. In Anbetracht 
dessen haben die Stadtbürger von Barcelona, die im 
Besitze von censualia, que dicuntur vulgariter mortua, 
oder von den Grundherren erworbenen Rententiteln 
gewesen sind, der Regierung mitgeteilt, daß sie 
wegen des Ausbleibens der Abgaben seitens der 
Bauern völlig ohne Mittel daständen 3 ). Um vorzu- 

1 ) Reales ordenes vom J. 1348 — 1351 (Archiv von Palma). 

2 ) In den Protokollen des Rates von Gerona oder Yuratz 
(Fol. 2) befindet sich eine Bittschrift über Erlass der Steuern 
in Anbetracht der Entvölkerung der Stadt durch die Pest. Aus 
den Protokollen des Rates von Valencia (Fol. 57, Nr. 9) geht 
hervor, daß bereits im März des Jahres 1319 mit der Eintreibung 
von zwei Solidi von jedem Stück Vieh für das Weideland be- 
gonnen wurde. 

3 ) Cum quibus censualiis mortuis provident sibi ipsij(plures 
ex civibus et habitatoribus) in aiimentis et necessitatibus 
eorundem. 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 349 

beugen, daß den Stadtbürgern insgesamt die Mittel 
fehlen, ihr Leben zu fristen, unde valeant ducere 
vitam suam, bestimmte der König, daß niemandem 
mehr Stundung der Naturalabgaben gewährt und 
Bittschriften, die darauf abzielen, zurückgewiesen 
werden sollen; der Vicar, der baillif und sonstige 
Beamten sollen die Eintreibung der Rückstände 
fördern. Aber die Behörden scheinen diesem Befehl 
nicht nachgekommen zu sein. Die Stadtbürger von 
Barcelona beschweren sich, daß ihre rechtmäßigen 
Ansprüche angeblich wegen der Nichtentrichtung der 
Grerichtsgebühren zurückgewiesen werden und die 
Eintreibung der Pacht und der Zinsen ruhe 1 ). Darauf- 
hin wiederholt der König seine Aufforderung zur 
Eintreibung der Rückstände, aus denen die Gehälter 
für die Richter und die Beamten gezahlt werden 
sollen 2 ). Diese Eintreibung hatte aber ein so un- 
günstiges Ergebnis, daß die Bürger von Barcelona 
schon nach sechs Jahren in die Ablösung der Ab- 
gaben einwilligen mußten. Pedro IV. ermächtigte 
die Stadt, vendere censualia mortua und vom Erlös 
die aide, d. h. die Steuer, zu der die Vassallen und 
die Städte für den Krieg mit Castilien herangezogen 
waren, zu bestreiten 3 ). 

Daß diese Ablösung am Ende des Jahrhunderts 
unter der Regierung Martins sehr lebhaft vor sich 
gegangen ist, haben wir bereits an anderer Stelle 
hervorgehoben. Es erübrigt sich, noch die dritte und letzte 

*) Et plures ex ipsis quibus debentur violaria censualia 
atque redditus supradicti non habent unde possint vobis sump- 
tus seu missiones ministrare jam dictos obstante inopia qua 
gravantur. 

2 ) Königsurkunden vom 29. März 1353. Libre vert. Fol. 371), 
480 (Stadtarchiv von Barcelona). 

:i ) Quod civitas Bare, potest vendere censualia mortua. 
Libre vermel. Fol. 192. 17 Maii 1359. 



350 Sieben t. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanie. 

Folgeerscheinung des schwarzen Todes zu erwähnen. 
Diese zeigte sich in den brach liegenden Ländereien 
und der Verarmung der Güter, wovon uns in gleichem 
Maße die Bittschriften der „hidalgos" und „ricos ombres", 
der Ritter und der Reichen, an die cortes zu Valla- 
lodid und die Maßnahmen des Rates von Valencia zur 
Neubesiedelung der Ländereien der ausgestorbenen 
Bauernfamilien durch Sklaven und zur Hebung der 
Landwirtschaft durch Verwendung Unfreier, w r as im 
weitgehenden Maße in der zweiten Hälfte des XIV. Jahr- 
hunderts auf Majorca durchgeführt wurde, Kunde geben. 
So durfte nach einer der Bestimmungen des Rates 
von Valencia aus dem Jahre 1348 jeder Bürger die 
Bestellung seiner ererbten Güter zeitweise und dauernd 
einem unfreien Sarazenen übertragen 1 ). Wäre nicht 
ein großer Teil der Bauernhöfe ausgestorben, so wäre 
bei der bäuerlichen Erbpacht die Zuteilung von 
Ländereien an Unfreie unmöglich gewesen. Nunmehr 
konnten aber die Grundherren, die bis dahin auf die 
einmal festgesetztenFrondienste und Abgaben beschränkt 
waren, über die freigewordenenLändereien frei verfügen 
In England dagegen, wo mehr kapitalkräftige Pächter 
vorhanden waren und die Pachten leicht in die Höhe 
getrieben werden konnten, fand zu gleicher Zeit das 
Pachtsystem, das unter diesen Verhältnissen vorteilhafter 
erschien, größere Verbreitung, und so kamen denn 
die leaseholder an Stelle der copj^holder auf, d. h. 
die Bourgeoisie begann die Bauernschaft vom Lande 
zu verdrängen. In Spanien aber, wo eine solche Klasse 
von Land pächtern noch nicht bestand, zogen die Stadt- 
bürger, die von der Zeit der ersten fueros und cartas 



*) Quod quilibet homo civitatis et regni possit mittere 
saracenos laboratores ad laborandum in hereditatibns suis ad 
certum tempus vel in perpetuum. (Fueros y ordinaciones de 
varios reyes. Libre VI. K. 44. Fol. 19. Archiv von Valencia.) 



►Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 351 

pueblas her reichlich Land besaßen, vor, anstatt ihre 
Güter zu verpachten, sie mittels der reichlich zu Gebote 
stehenden Sklaven selbst zu bewirtschaften. Aber 
dieses Heranziehen von servi tenguts de fer, wie sie 
in den Verordnungen des Rates von Barcelona 1 ) und 
denen des Königs Jacob von Valencia genannt werden, 
bedeutete einen Bruch mit den früheren Zuständen 
und eine Erneuerung des alten römischen Systems. 
Diese rechtlosen Unfreien, die jetzt die Lücken der 
Ackerbauer ausfüllen sollten, wurden in großen Massen 
auf den Balearen zusammengezogen und auf Majorca, 
wie dies der Geschichtsschreiber Quadrado nach- 
weist, inmitten der grundhörigen Bauern ange- 
siedelt. In welcher Weise die forenses, die freien 
Landleute, ihre neuen Nachbarn aufgenommen haben, 
zeigt der Aufruhr der Jahre 1381 und 1451, während 
dessen dieAufständischen mit unglaublicherGrausamkeit 
die Sarazenen gefoltert und gemordet haben, indem 
sie jedem Verteidigungsversuch mit dem Zuruf be- 
gegneten: „Seid nur ruhig, wir werden alles mit Geld 
bezahlen 2 ) !" 

Diese Feindseligkeiten waren nicht nur in den 
Rassen- und religiösen Unterschieden, sondern auch 
im Mitbewerb der Sklavenarbeit begründet, die die 
Lohnforderungen in Schranken hielten und der 
Bauernschaft die Pachtung grundheirschaftlicher 
Ländereien erschwerten. Hätten diese Unfreien den 
Grundherren nicht zu Gebote gestanden, so wäre es 
diesen kaum möglich gewesen eine Arbeiterpolitik 
durchzuführen, mit der die Regierungen von Aragon 
und Castilien das Wachstum der Löhne infolge Ab- 
nahme der Landbevölkerung um die Hälfte und hie 



1 ) Librede deliberaciones 1350. (Arch. munic. de Barcelona.) 

2 ) Quadrado. Forenses y ciudadanos. Kap. XIV. S. 245. 
249. 251. 



352 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

und da sogar um zwei Drittel aufzuhalten vermocht 
haben. 

In seiner Verordnung zur Regelung der Löhne 
der landwirtschaftlichen und gewerblichen Arbeiter 
aus dem Jahre 1349, weist der Rat von Valencia darauf 
hin, daß die ersten Maßregeln in dieser Beziehung in 
Barcelona, dann in Catalonien, sodann in Aragon, 
Valencia und auf Majorca ergriffen worden seien 1 ). 
Dies ist aber so zu verstehen, daß die besitzenden 
Klassen von Barcelona sich als erste mit einem Gesuch 
um Regelung der Löhne an den König gewandt haben, 
welches Pedro IV. von Valencia aus mit einem Erlaß 
vom 15. August 1349 beantwortet hat. 

Im naiven Vertrauen auf die. Macht der Gesetze 
meint der König, daß durch zweckmäßige Maßregeln 
und mit Hilfe Gottes jedes Übel zu bekämpfen sei. 

Es ist mir zur Kenntnis gekommen, fährt der 
König fort, daß in Catalonien wie in den anderen 
Ländern, die Schmiede, Gerber, Schneider, Maurer, 
Zimmerleute und andere gewerbliche Arbeiter, wie 
auch Hirten, Ackerbauer, laboratores et bracerii, d. h. 
manuales, frutiferii, nuncii, nutrices, ancillae und andere 
Lohnarbeiter seit den unheimlichen Verheerungen der 
Pest vier und fünf Mal soviel an Lohn fordern, als 
ihnen früher entsprechend ihren Leistungen in gerechter 
Weise gezahlt worden ist. Hieraus müßte aber für 
den Staat zweifellos großer Schade entstehen, wenn man 
nicht dagegen angemessene Maßregeln ergreife. Da 
es unserer königlichen Gewalt obliegt, unheilvollen 
Folgen vorzubeugen, so befehlen wir durch diese, für 
alle Städte und Ortschaften des Königreichs Catalonien 
gültige Verordnung, daß unser Statthalter oder baillif, 
vicarius, vel bajulus, im Einvernehmen mit den Konsuln, 

*) Libre de consells e stablimants. Die Jovis et Kai. 
Dec. 1349. Fol. 39. 



Siebent. Kap.: B. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 353 

Räten, iurati, und mit sieben oder acht gewählten 
probi hoinines von jeder Stadt und Ortschaft die 
Löhne festsetzen, habito respectu ad temporem 
preteritum atque presentern . . . taxent salaria, 
mercedes seu loqueria decencia, und dabei genau unter- 
suchen, aus welchen Gründen die Handwerker und 
die gewerblichen Arbeiter ihre Erzeugnisse teurer ver- 
kaufen und einen höheren Lohn erhalten; sind die 
Forderungen berechtigt, so solle ihr Maß festgesetzt, 
anderenfalls sollen die Gewerbetreibenden und die Ab- 
nehmer bei Strafe gezwungen werden, für den früheren 
Preis zu arbeiten und zu verkaufen. Demjenigen, 
welcher zum dritten Male die Vorschriften übertritt, 
solle die Hand abgehauen oder eine Geldstrafe von 
tausend barceloner soliden auferlegt werden x ). Jeden 
Monat sollen Nachforschungen vorgenommen werden, 
ob diese Verordnung eingehalten worden ist. Bis zur 
Ausarbeitung der neuen Lohntaxen müssen sich die 
Arbeiter mit dem Lohn zufrieden geben, der um Ostern 
gezahlt worden ist; bei Zuwiderhandeln werden sie 
zum ersten Male mit einer Buße von zehn, das zweite 
Mal von zwanzig solidi bedroht, während das dritte 
Mal die Ausweisung erfolgt; sollte aber jemand der 
Ausweisung zur bestimmten Frist nicht Folge leisten, 
so soll ihm die Hand abgehauen werden. Die Taxe 
für Lerida solle auch für Cervera, Montalban, Terarge 
und die für Barcelona auch in den umliegenden Ort- 
schaften gelten. In ähnlicher Weise sei auch in Gerona, 
Manresa u. s. f. zu verfahren, um eine Auswanderung 
der Arbeiter zu verhindern, ad hoc ut spe maioris 
lucri de loco in locum se minime habeant occasionem 
transferendi, damit sie nicht in der Hoffnung auf 
höheren Lohn von Ort zu Ort wandern. Den Beamten 



r ) Vice tertia . . . amputetur sibi pugmis aut solvat mille 
solidos barchinonenses pro redemtione pugnae ipsius. 

Kowalewsky, Ökonomische Elitwickelung Europas. V. -<J 



354 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

wird verboten, Verurteilten die Strafen nachzulassen 
und denArbeitern, congregationeset coligationes,Verbin- 
dungen miteinander einzugehen, um höhere Löhne zu er- 
wirken. Um Arbeitseinstellungen zu verhindern, wird 
den Arbeitern nur ein Ruhetag in der Woche gewährt 1 ). 

Offenbar um die Scheidung zwischen Tage- und 
Stücklohn aufrecht zu erhalten, wird den Arbeitern 
unter den erwähnten Strafen verboten, landwirt- 
schaftliche Arbeiten gegen eine Pauschalvergütung, 
a preu set o a ullada, zu übernehmen oder einem 
anderen zu übertragen. Alle diese Bestimmungen 
sollen unter Vorbehalt ihrer Verlängerung zwei Jahre 
lang Geltung haben. 

Auch mit moralischen Mitteln sucht der König den 
hohen Lohnforderungen der Arbeiter zu begegnen: 
er spricht die Erwartung aus, daß die Geistlichen 
durch ihre Predigten dahin wirken werden. 

Die Geistlichen mögen ihrer Gemeinde vorhalten, 
daß man sich zu übermäßigen Lohnforderungen absque 
periculo anime et consciencie lesione, ohne Gefahr für 
das Seelenheil nicht hinreißen lassen darf. Da aber 
auch die Priester hohe Vergütungen erpressen, so sollen 
sie darüber belehrt werden, daß dies Habgier bedeutet 
und der christlichen Lehre und Barmherzigkeit zuwider- 
läuft. Die geistliche Obrigkeit solle darauf achton, 
daß die Priester sich mit derselben Vergütung be- 
gnügen, wie vor der Pest 2 ). 



x ) Item quod aliquis mercenarius seu logaderius pro opere 
seu laboratione propria deservienda aliis . . . minime se excusare 
valeat nisi nna die tarnen in qualibet septimana. 

2 ) Scribimus insuper dictis prelatis ut super salariis, que 
clerici pro sacramentis ecclesie potius vicida avaricia quam zelo 
caritatis inducti a dicte mortalitatis citra tempore immoderate, 
ut fertur, nituntur a gentibus extorquere, provisiones debitas 
faciant et dictos clericos prohibeant a predictis. 



Siebent. Kap.: 1). wirfcsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 355 

Diese königliche Verordnung wurde an die Prälaten, 
Grafen, Barone, Ritter, Städte und Ortschaften versandt. 
So solle Gerona sofort nach dem Empfang probos 
homines wählen, die den Auftrag erhalten, die Straf- 
gelder einzutreiben und sie der königlichen Kammer 
zuzuführen 1 ). Für Barcelona wird hierbei die Er- 
klärung vorausgeschickt, daß Gesetze nur dann von 
Nutzen seien, wenn sie ausgeführt werden und den 
Schuldigen mit ihrer ganzen Schärfe treffen. Dies zeigt 
doch, daß die Verordnung den erwarteten Erfolg nicht 
gehabt hat und es immer schwieriger wurde, sie 
durchzuführen 2 ). 

Erst am 6. Dezember 1350 ging Valencia an die 
Ausarbeitung einer Lohntaxe. Nach Verlesung der 
Verordnung durch den Notar Peter Rovier, heißt es 
in den Protokollen des Rates, wurden von jedem Kirch- 
spiel ein und von jeder Zunft zwei ehrbare Männer 
mit dem Auftrag gewählt, für alle Gewerke Lohn- 
sätze aufzustellen, die der Rat von vornherein als richtig 
und bündig ansehen zu wollen erklärt 3 ). Die ergriffenen 
Maßregeln erwiesen sich aber bald als ungenügend, und 
der Rat von Barcelona nahm eine Ergänzung durch 
neue Bestimmungen über Vertragsbrüchige Arbeiter 
vor. Nach diesen im Jahre 1357 von einem ge- 
wählten Ausschuß aufgestellten Sätzen, geht ein Dienst- 
bote, der vor einem Jahr und überhaupt vor dem Ab- 
lauf des Vertrages seine Herrschaft verläßt, seines 
Anspruches auf den Lohn verlustig; hat er aber diesen 
im Voraus empfangen, so hat er an die Herrschaft 
und die Kammer je fünfzig solidi zu zahlen oder er 
wird mit einer Kerkerstrafe von hundert Tagen be- 

: j Libre Vermell. Fol. 13. B. u. Fol. 15. (Archiv von Gerona.) 
'-) Libre vert. Fol. 430. (Archiv der Stadt Barcelona.) 
z ) Libre de consell.s e stablimants. Fol. 39. Die Jovis et 
Kai. Dec. (Archiv der Stadt Valencia.) 

23* 



356 Siebent. Kap.: 1). wirtscb. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

^gt 1 ). (Der Tagelohn ist hier offenbar einen solidus 
gerechnet.) 

Es wäre von Interesse, festzustellen, welchen Er- 
folg diese Maßregeln gehabt haben oder ob sie gegen 
das natürliche "Wachstum der Löhne machtlos gewesen 
sind. Die Anhänger der Lohnfondstheorie behaupten 
doch, daß die Höhe des Lohnes sich streng nach der 
Größe des Kapitals richtet, über das ein Land zu einer 
bestimmten Zeit verfügt, und infolgedessen durch 
künstliche Eingriffe nicht geändert werden könne 2 ). 
Diese Theorie hat sich aber in der letzten Zeit zum 
großen Teil als unhaltbar erwiesen, und mit ihr 
auch das „eherne" Lohngesetz, das die Summe der 
notwendigen Unterhaltsmittel zum Maßstab des 
Lohnes erhebt, wie auch die Lehre, daß durch staat- 
liche Eingriffe die Höhe des Lohnes auf die Dauer 
nicht niedrig gehalten werden kann. Die wieder- 
holten obrigkeitlichen Eingriffe behufs Regelung der 
Löhne im XIV. Jahrhundert scheinen jedenfalls auf 
die in Frage kommenden Personen nicht den Ein- 
druck gemacht zu haben, daß sie die Neigung haben 
ihren Zweck zu verfehlen. Als in den Jahren 1381 
und 1397 neue Pestfälle vorgekommen waren 3 ) und die 
Löhne begonnen hatten, zu steigen, griff die Re- 
gierung wieder ihre erprobte Lohnpolitik auf und 
befahl den Stadtbehörden, die Löhne durch Sach- 
verständige regeln zu lassen. So beschränkt sich ein 
Erlaß des Königs Johann vom 22. Februar 1393, der 
sich in der Urkundensammlung der Stadt Grerona be- 
findet, lediglich darauf, im Anschluß an die be- 



J ) Manual 1357—1358. Fol. 13. 14. (Archiv von Barcelona.) 

2 ) M. M. Some leading principles of pol. Economy. 1874. 
S. 188. 

3 ) Chronicon Ulianense ab a. 1114 nsque ad a. 1409. 
Marca Hispanica. 8. 759. 



Siebent. Kap.: D. wiitsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 357 

stehenden Verordnungen die Gerichtsbarkeit von den 
Richtern oder gewählten Ausschüssen auf die Ge- 
schworenen, jurati, zu übertragen. Der König glaubt, 
hiermit der Stadt sein besonderes Wohlwollen für ihre 
Unterstützung durch Geld und Krieger gezeigt zu 
haben. Gegen die Regelung der Löhne durch die 
jurati solle keine Berufung zulässig sein, und Streitig- 
keiten wegen übermäßiger Lohnforderungen sollen in 
abgekürztem Verfahren und ohne Erhebung von Ge- 
richtskosten abgeurteilt werden. Der König will es 
offenbar den Unternehmern und Meistern erleichtern, 
die Arbeiter dem Zwang der Lohntaxen zu unter- 
werfen. Er halte die Regelung der Löhne nicht für 
undurchführbar und denke nicht an ihre Preisgabe 2 ). 

Auch in Castilien erreichten die Arbeitslöhne in 
Landwirtschaft und Gewerbe eine solche Höhe, daß die 
Stände zu Valladolid eine Lebensmittelteuerung und 
den Ruin der Gutsbesitzer befürchteten. Im Oktober 
des Jahres 1349 setzte die Regierung die Preise für 
die notwendigen Lebensmittel und eine Reihe von 
Lohnsätzen fest und forderte die Behörden von Burgos, 
die frühere Hauptstadt von Castilien, auf, unter Be- 
rücksichtigung der obwaltenden örtlichen Verhältnisse 
für die unerwähnt gebliebenen Wirtschaftszweige eine 
ergänzende Lohnregelung vorzunehmen und Strafen 
festzusetzen, im übrigen aber die gegebene Weisung 
streng zu befolgen, wenn sie selbst Strafen vermeiden 
wollen. 

Der König und die Stände führen die Notlage 
der Landwirtschaft und des Gewerbes auf die Ver- 
wahrlosung der „Erbgüter, denen man Brot, Wein 
und andere Lebensmittel verdankt", zurück. Die 
weitere Ursache hiervon sei der Müßiggang vieler 

2 ) Königl. Erlaß vom 22. Februar 1393. Libre Vermell. 
Fol. 57. Archiv von Gerona, 



358 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Spanien. 

Männer und Frauen, das Steigen der Arbeitslöhne 
und die übermäßigen Ansprüche der Handwerker. 
Diese Beeinträchtigung des Gemeinwohls müsse die 
Regierung tunlichst bekämpfen. 

Mit Ausnahme der Schwerkranken, Verstümmelten 
und der Greise sollen alle Arbeitsfähigen für ihren 
Lebensunterhalt sorgen und den Müßiggang und das 
Betteln aufgeben. 

Alle landwirtschaftlichen Arbeiter beiderlei Ge- 
schlechts, die für die Gutsbesitzer por soldadas e por 
jornades gearbeitet haben, sollen sich mit dem nun 
festgesetzten Lohne begnügen. Offenbar gegen die 
Arbeitsunwilligen ist die Vorschrift gerichtet, daß die 
Landarbeiter, wie auch die Zimmerleute täglich nach wie 
vor auf dem Marktplatz ihres Wohnorts erscheinen 
sollen. Die tägliche Arbeitszeit wird von Sonnen- 
aufgang bis zu Sonnenuntergang festgesetzt. 

Die Handwerker werden in Eid genommen, ihre 
Erzeugnisse zu den festgesetzten Preisen zu verkaufen 
und sich einer gewissenhaften Herstellung zu be- 
fleißigen, que fagan las labores de sus menesteres 
bien e lealmente. 

Die Lohnsätze sollen nach der verschiedenen 
Höhe der Lebensmittel in den einzelnenProvinzen festge- 
setzt werden. Für Burgos, Obercastilien überhaupt und 
Navarra wird für einen landwirtschaftlichen Arbeiter, 
mancebo, der mit seinem Paar Ochsen ackert oder 
Fuhrdienste leistet, ein Lohn von vierzig maravedis 
und zwanzig maravedis für Beköstigung 70m Martins- 
tag bis Johannistag und ebensoviel nebst sechsFuhren ver- 
schiedener Getreidearten und viereinhalb Fuhren Hafer 
für sein Arbeitsvieh für den Rest des Jahres festge- 
setzt. Sein Jahreslohn ohne Beköstigung darf achtzig 
maravedis nicht übersteigen. Ein Schweinehirt er- 
hält sechzig maravedis, ein Kuh- und Schafhirt außer- 



Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d schwarz. Tod. in Spanien. 359 

dem noch zwölf Denare von jedem Schaf und vier 
von jeder Kuh. Für die Zeitlöhner wird festgesetzt, 
daß sie vor Ablauf eines Jahres nur dann eine Zu- 
lage verlangen dürfen, wenn der bisherige Lohn für 
ihren Unterhalt nicht ausreicht und der Arbeitgeber 
die Beköstigung verweigert; wird dies vor den Richtern 
bewiesen, so solle der Arbeitgeber gezwungen werden, 
die ausbedungene Menge Brot zu entrichten. Außer- 
dem hat der Arbeiter auf ein Zehntel des Ernteer- 
trages Anspruch. Ein reiner Lohnarbeiter hat sich 
mit sechzig maravedis zu begnügen, von denen er 
die eine Hälfte während der Zeit vom Martinstag bis 
Johannistag, die andere bei der Ernte erhält. 

Für jedes Arbeitspferd stehen dem Arbeiter 
zwölf Fuhren Hafer oder ein anderes Futter zu. 
Wo aber der Arbeiter mit einem Fünftel am Ertrage 
beteiligt ist, so „solle dies nach bestehender Sitte ge- 
leistet werden." Ein Drescher oder eine Drescherin mit 
einem Paar Ochsen oder einem Paar Eseln erhält bei 
ausreichender Beköstigung einen Tagelohn von drei 
bezw. zweieinhalb maravedis. Für einen Pflüger ist 
unter denselben Bedingungen ein Tagelohn von vier, 
zweieinhalb und zwei maravedis und außerdem für 
einen dritten Ochsen oder Esel zwei maravedis oder 
fünfzehn Denare vorgeschrieben. Vom Martinstag bis 
Ostern hat sich ein Arbeiter mit einem Ochsen- oder 
Eselgespann, an den kurzen Tagen mit einem bezw. 
anderthalb maravedis zu begnügen. Für die übrige 
Zeit des Jahres gilt unveränderlich der oben erwähnte 
Satz. Für die Lieferung von Wein erhält der Fuhr- 
mann von jedem legna ä zwölf Kantar (= 13 Liter 
etwa) fünfzehn Denare an Lohn und außerdem pro 
Tag acht maravedis für die Fuhre, viereinhalb für 
ein Ochsengespann und vierzehn denare für ein Esel- 
gespann. 



360 Siebent. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. .schwarz. Tod. in Spanien 

Ein Fuhrmann erhält zur Zeit der Messe in 
Burgos und Valladolid für ein Ochsengespann einen 
Tagelohn von siebeneinhalb rnaravedis. 

Einer besonderen Aufmerksamkeit erfreuen sich 
die ländlichen Tagelöhner. Vom Martinstag bis zum 
ersten März wird für sie ein Tagelohn von zwölf 
denaren mit dem „üblichen" Maß leichten Weines, 
für einen podador vierzehn denare mit Wein, — von 
März bis zum Johannistag fünfzehn denare für den 
gewöhnlichen Arbeiter und achtzehn für den Winzer, — 
vom Johannistag bis Maria Geburt zwei und von dar 
bis Martinstag ein maravedi vorgeschrieben. 

Kein Gutsbesitzer darf zur -Erntezeit mehr als 
fünfzehn Tagelöhner mit einem Lohn von sechs denaren 
und Beköstigung dingen, damit nicht einzelne 
Besitzer Mangel an Arbeitern leiden. 

Dem unbotmäßigen Arbeiter droht f ürÜbertretungen 
eine Strafe von zwanzig zum ersten, von vierzig zum 
zweiten und von sechzig azotes zum dritten Mal. Der An- 
kläger hat nicht weniger als zwei Zeugen zu stellen. Aber 
auch die Arbeitgeber werden bei Übertretung der Lohn- 
taxen mit Strafen von fünfzig, hundertzwanzig 
und zweihundert rnaravedis belegt, von denen je ein 
Drittel dem Ankläger, dem Vollstrecker des Urteils und 
der Gemeinde zukommt. 

Da die gewerblichen Lohntaxen nicht alle Gewerke 
umfaßten, so wurden die Behörden mit ihrer Ergänzung 
beauftragt. Lohnsätze sind für Zimmerleute, Böttcher, 
Fuhrleute, Maurer, Schuhmacher, Schmiede, Tischler, 
Sattler, Schleifer, Weber, Waffen- und Goldschmiede, 
Tapezierer, und Näherinnen vorgesehen. 

So ist für Zimmerleute ein Tagelohn von zwei 
rnaravedis vom Martinstage an bis März, und von da 
bis zu Johannis ein solcher von zweieinhalb rnaravedis, 
für Gesellen und Lehrlinge fünfzehn denare, für einen 



Siebent. Kap.: L>. wirtsch. Folg-, d. schwarz. Tod. in Spanien. ß(j 1 

Böttchermeister drei maravedis von Johannis bis zum 
Martinstag und für Gehilfen achtzehn denare Tagolohn 
festgesetzt. 

Der Tagelohn der Fuhrleute beträgt in der Zeit 
vom Martinstag bis März fünfzehn und im Sommer 
zwei maravedis bei Gewährung von Beköstigung; der 
eines Maurermeisters, dessen Gehilfen den Zimmerleuten 
gleichgestellt sind, dreieinhalb maravedis. Der Schuh- 
macher erhält an Werklohn: für ein paar Stiefel aus 
Kuhleder dreieinhalb maravedis, für Flickarbeit drei 
bis fünf denare, für vergoldete Stiefel fünf, für 
versilberte viereinhalb, für Stiefel aus Ziegen- 
leder fünf ohne, und für Halbschuhe mit Ver- 
goldung sechs maravedis. Der Lohn eines Schmiedes 
beträgt für das Einschlagen von Nägeln fünf 
denare für jedes Pfund Nägel, für das Beschlagen 
eines .Reitpferdes acht und für das Beschlagen eines 
Arbeitspferdes sowie eines Esels sechs, fünf, vier und 
drei denare auf jedes Hufeisen. 

Die Weber erhalten für die Herstellung purpur- 
farbiger Gewebe vier bis sechs, für alle anderen drei 
bis sechs denare Stücklohn für die vara, ein Längen- 
maß von 3 Fuß. Für die Anfertigung eines mittelgroßen 
Gewandes werden die Schneider mit einem denar für 
jede Breite und mit fünf denaren für den Besatz, mit 
fünfzehn für einen Mantel mit und mit sieben denaren 
für einen solchen ohne seidenes Futter bezahlt. Für 
die Kürschner ist je nach dem Wert des Pelzwerks 
und der Art der Arbeit ein Preis von zwei bis zwei- 
einhalb maravedis vorgeschrieben. DieWeißnäherinnen 
erhalten für ein Frauenhemd einen maravedi und für 
ein Herrenhemd zwölf denare, die Sattler zehn maravedis 
für ein Pferdegeschirr und sechs für ein Eselgeschirr, 
die Schleifer einen maravedi für das Schleifen eines 
Säbels oder Degens, die Spinner zwei maravedis für 



362 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 

die vara grober und vier für dasselbe Maß feiner 
Leinwand, die Goldschmiede für die Anfertigung eines 
silbernen Abzeichens je nach der Größe sieben bis zehn 
maravedis, die Gerber zweihundert für die Gerbung 
einer Ochsenhaut, hundertzwanzig für die einer Esels- 
haut, und achtzig maravedis für die einer Pferdehaut 
und endlich die Waffenschmiede für einen Harnisch 
neunzig und noch mehr, und für einen Brustschild sieben 
bis achtzehn maravedis. 

Für diejenigen Gewerbszweige, die in diesen 
Lohntaxen unberücksichtigt geblieben waren, konnten 
die Stadtbehörden, so im benachbarten Aragon, nach 
eigenem Ermessen Bestimmungen treffen. 

Wir ersehen aus allem, daß die Gesetzgebung 
Castiliens, wie überall in Europa, dem Wachstum der 
Arbeitslöhne und den Arbeitseinstellungen entgegen- 
zuwirken gesucht hat, und daß sie sich von derjenigen 
Aragoniens und der italienischen Stadtgemeiden darin 
unterscheidet, daß an ihrer Ausgestaltung die Stadt- 
behörden, die Kaufmannsgilden und die Handwerker- 
zünfte weniger Teil genommen haben, weil sie in 
Castilien beim Übergewicht des Adels, der Geistlichkeit 
und der Bauernschaft nur eine nebensächliche Rolle 
gespielt haben. 



Achtes Kapitel. 
Der schwarze Tod in Frankreich. 

Bei dem Fehlen einschlägiger Untersuchungen 
und genauer Angaben über die Bevölkerungszahl des 
Königreichs in der Zeit nach dem schwarzen Tode 
sind wir über den Umfang der Verheerungen der 
Pest in Frankreich weit mangelhafter unterrichtet, als 



Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 3(53 

z. B. über Italien. Dazu kommt, daß die Menschen- 
verluste in Frankreich infolge des hundertjährigen 
Krieges mit England, der inneren Fehden, der blutigen 
Unterdrückung der Jacquerie, der Mißerfolge der 
Pariser Kommune, des Aufstandes der Maillotins, des 
Streites zwischen den Bourguignons und Armagnacs 
und der Raubzüge der „ecorcheurs" und anderer 
Söldnerscharen so groß gewesen sind, daß es im XVI. 
Jahrhundert, in dem man die Bevölkerungszahl an- 
näherungsweise zu bestimmen versucht hat, schwer zu 
entscheiden war, ob dem schwarzen Tod oder den 
Kriegen und den inneren Wirren an diesem Rück- 
gang der Bevölkerung eine größere Schuld zuzu- 
schreiben ist. 

Da uns hier aber die Verhältnisse Frankreichs 
in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts nicht 
näher angehen, und die Pest sowohl, wie die Kriege, 
den Verfall der mittelalterlichen Wirtschaftsverfassung 
beschleunigt und eine steigendeNachf rage nachArbeitern 
herbeigeführt haben, so müssen wir für unseren Zweck 
die späteren Quellen aus dem XV. und XVI. Jahr- 
hundert, die Angaben über die Zahl der Höfe, die im 
Jahre 1328 mit der aide für den Krieg mit Flandern 
belegt worden sind, und die Nachrichten heranziehen, 
die sich in einzelnen Archiven befinden, um den Umfang 
der Entvölkerung und den Anteil des schwarzen Todes 
an ihr feststellen zu können. 

Seit Dureau de la Malle haben die französischen 
Statistiker und Nationalökonomen wiederholt den Ver- 
such unternommen, an der Hand der Hausliste vom 
Jahre 1328 die Gesamtziffer der Bevölkerung Frank- 
reichs im XIV. Jahrhundert zu ermitteln. Von den 
bisherigen unterscheiden sich die Berechnungen Le- 
vasseurs in seiner „Population francaise" sehr wesent- 
lich darin, daß er im Gegensatz zu seinen Vorgängern, 



3(34 Achtes Kapitel : Der schwarze Tod in Frankreich. 

an deren Spitze Voltaire steht, nicht fünf, sondern im 
Durchschnitt vier Seelen auf jedes Haus rechnet, und 
im weiteren Gegensatz zu Dureau de la Malle nicht 
nur die Bevölkerung der besteuerten Kronländer, die 
kaum zwei Fünftel des Staatsgebiets gebildet haben, 
sondern die von ganz Frankreich berechnet. Die 
Zahl 2,411,149 Steuer zahlender Höfe mit vier multipli- 
zierend, ermittelt nun Levasseur für die Kronländer 
eine Bevölkerung von 9,650,000 und für das ganze 
Frankreich zweimal so viel, d. h. 19,300,000 Seelen, 
während die Bevölkerung nach Dureau de la Malle 
34 und nach Henri Martin und Baudrillart 25 Millionen 
Seelen stark gewesen sein soll. Die von Dureau de 
la Malle ermittelte Ziffer ist unwahrscheinlich, nicht 
nur, weil sie die Bevölkerungszahl Frankreichs in der 
Zeit nach den napoleonischen Kriegen übersteigt und 
eine größere Dichtigkeit im XIV. Jahrhundert, als 
nach dem spanischen Erbfolgekrieg, zur Regierungs- 
zeit Ludwigs XIV. voraussetzt, was noch nicht so 
unmöglich erscheint, sondern vielmehr, weil sie auf 
zweifelhaften Annahmen beruht. Einmal gibt De la 
Malle in seinem Vortrage, den er vor der Akademie 
gehalten hat, eine Zahl von 2,564,837 Höfen an, während 
sie in Wirklichkeit nach den Listen, die er elf Jahre 
zuvor veröffentlicht hat, nur 2,411,149 beträgt. Dann 
aber hat er, wie Levasseur gezeigt hat, ausser Acht 
gelassen, daß außer den im Jahre 1328 2 ) besteuerten 
Kronländern die Hausliste noch solche Lehen, wie 
Montmorency, Rodez und einen Teil des Herzogs- 
tums Burgund umfaßt, deren Besitzer die oberste 
Gerichtsbarkeit und so auch die Gewalt über ihre 
Ländereien besessen haben. Dem Hinweise Simeon 
Luces, der als ausgezeichneter Kenner des mittelalter- 

J ) Dureau de la Malle setzt irrtümlich die Liste in das 
Jahr 1304. 



Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 3ß5 

liehen Frankreichs gilt, folgend, hat nunLevasseur seinen 
Berechnungen die Zahl der Kirchspiele, die um die 
Hälfte geringer als die im Jahre 1790 gewesen ist, zu 
Grunde gelegt. Die Zahl der Kirchspiele dürfte, wie 
wir unten zeigen werden, damals nicht viel kleiner 
gewesen sein, als vor der französischen Revolution. 
Stimmen doch alle Forscher darin überein, daß die 
Siedlungen, die in den Listen der späteren Jahrhun- 
derte genannt sind, sämtlich bereits im XIII. Jahr- 
hundert bestanden haben, und Lognon hat in seinem 
Handbuch der Topographie des Departements Marne 
gezeigt, daß nicht nur die Dorfsiedlungen, sondern 
auch die Einzelhöfe von heute bereits im XIV. Jahr- 
hundert bestanden haben, und daß die Zahl der Kirch- 
spiele sogar größer gewesen ist, als heute. Eine 
ähnliche Ansicht vertritt auch Jadart in seinen Mit- 
teilungen über die Bewegung der französischen Be- 
völkerung 1 ). 

Nur in einem Punkte scheint mir das Mißtrauen 
Levasseurs gegen die Berechnungen Dureau de la 
Malles unberechtigt zu sein. Ich sehe nicht ein, warum 
der Durchschnitt von fünf Seelen auf den Bauernhof, 
der für England und alle Staaten des Mittelalters ange- 
nommen wird, eineHerabsetzung erfahren soll. Levasseur 
stützt sich auf die Verhältnisse des XVII. und XVIII. 
.Jahrhunderts, in denen aber die Hauswirtschaften, von 
denen bei Gruy Coquille und seinen Zeitgenossen die 
Rede ist, bereits in voller Auflösung begriffen gewesen 
sind. Da die normannischen Urkunden aus dem 
XIV. Jahrhundert wiederholt perchoniers oder par- 
conniers, die gemeinsam grundherrschaftliche Lände- 
reien in Pacht nehmen und unter einem Dach wohnen 2 ), 

*) ibid. S. 173. Anm. 1. 

2 ) 14. juni 1333 Cest la lettre de la vente que Jehan Lorimier 
a fait a V-de Fontenay, solz torneis de rente, que fait Guillaume 



366 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 

erwähnen, so kann darüber gar kein Zweifel aufkommen, 
daß hier, wie auch nach den neueren Unter- 
suchungen in Roussillon, Burgund u. a., dieselben 
großen Hauswirtschaften bestanden haben, die Coquille 
für Nivernais geschildert hat. Was über die participes 
oder parconniers a ) in den Wirtschaftsbüchern gesagt 
wird, findet eine Bestätigung darin, daß jede Haus- 
wirtschaft für die Fronarbeiten mehr als einen Arbeiter 
gestellt hat 2 ). 

Wir hingegen nehmen für jedes Gehöft fünf 
Seelen: zwei Erwachsene, ein Kind, und zwar die 
gleiche Zahl männlicher und weiblicher am Leben 
gebliebener Geburten an, was zwar das Vorkommen 
einzelner kinderloser Familien oder verwitweter Per- 
sonen, wie es auch Levasseur annimmt, nicht aus- 
schließt, aber bei der großen Zahl der ländlichen Bevölke- 
rungsschicht doch als Durchschnitt beibehalten werden 
kann. Übrigens lag den Grundherren viel zu viel 

Fauvol et ses perchonniers chescun sur une vavassorie con- 
tenant quatorze acres . . . (Cartulaire de la Seigneurie de Fon- 
tenay le Marmion. S. 161.) 

1 ) Redditus de Brikevvil. — Hugo de Miela XVII acras 
in quo (sie) sunt participes Johannes faber, Ricardus filius 
Hugonis et sui participes pro LXII sol. — Robertus filius 
Britonis ... et sui participes tenent in Vavassoria V acras . . . 
— Guillelmus Bernardi et sui participes tenent XIII acras de 
Vavassoria . . . etc. (Normann. Rental aus dem Jahre 1283 im 
Archiv des Fürstentums Monaco.) 

2 ) Levasseur erwähnt, daß es in der Normandie nach der 
Schätzung, die im Jahre 1790 im Kanton Caen und Umgebung 
vorgenommen wurde, 38101 Höfe mit 338873 Seelen gegeben 
hat, was auf jeden Hof vier Seelen ergibt. Nach den Unter- 
suchungen Babeaus über die Bewegung der Bevölkerung im 
XVIII. Jahrhundert zählte Troyes 58-15 Höfe mit 22524 Seelen, 
was 3,8 auf jeden Hof ergibt. Allein abgesehen davon, daß die 
Zeit, mit der wir uns beschäftigen, viereinhalb Jahrhunderte 
früher ist, beweist dieser Quotient des städtischen feu garnichts 
für ländliche Verhältnisse. 



Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 3ß7 

an größeren Arbeiterfamilien, als daß sie eine große 
Zahl Eheloser hätten dulden wollen, umso mehr, als 
jede neue Eheschließung eine Vermehrung ihrer Ein- 
künfte, der formariages, bedeutete. Wenn wir dies 
in Betracht ziehen und die 2,411,149 Höfe mit der 
Durchschnittszahl von fünf Seelen multiplizieren, so 
glauben wir bei einiger Abweichung von Levasseur 
zu einer richtigeren Schätzung der Bevölkerung der 
Provinzen, die in die Hausliste aufgenommen worden 
sind, zu gelangen. Die sich hieraus ergebende Ziffer 
von 12,055,745 Seelen drückt wohl mehr als die Hälfte 
der Gesamtbevölkerung aus, einmal, weil von den 
42,800 Kirchspielen, die zu Ende des XVIII. Jahr- 
hunderts gezählt wurden, 24,150 mit der Kriegs- 
steuer belegt worden sind, dann aber auch, weil 
in der Hausliste mit Ausnahme der Bretagne die meist 
bevölkerten Provinzen, wie die im Becken der Seine, 
an der unteren Loire und der mittleren Garonne 
erwähnt werden, während die minder bevölkerten 
Berggegenden der Vogesen, des Jura, der Alpen und 
Pyrenäen und die wüsten Landes fehlen. Ferner 
ist zu berücksichtigen, daß in der Liste auch der 
Adel und die Geistlichkeit, die von der Steuer be- 
freit waren und die gut einige Hunderttausende ge- 
zählt haben werden, nicht aufgeführt werden. Wenn 
wir demnach die Zahl der Höfe verdoppeln, so 
finden wir in Übereinstimmung mit Baudrillart, daß 
in der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts die 
Gesamtbevölkerung Frankreichs ungefähr 25 Millionen 
Seelen betragen hat. 

Die Nachrichten aus dem XV. Jahrhundert sind 
hinsichtlich der Bevölkerungsverhältnisse noch be- 
denklicher, als die aus dem XIV. Jahrhundert. Beau- 
repaire hat nachgewiesen, daß die Bevölkerung in 
zweihunderteinundzwanzig Kirchspielen der Normandie 



368 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 

sich im Verhältnis zum XIII. Jahrhundert um das 
Anderthalbfache im XV. verringert hat 1 ). 

Paris zählte vor der Pest nach der'Berechnung 
Gerauds an der Hand der Hausliste aus dem^Jahre 
1328 300000 Einwohner, jede Familie fünf Köpfe ge- 
rechnet, und wies unter Karl VII. 24000 verlassene 
Höfe auf, was einen Fehlbetrag von 120000 Personen 
ausmacht 2 ). Im Jahre 1459 verzeichnen die General- 
stände einen „Verlust von einem Drittel der Einwohner- 
schaft infolge der Mißernte, der Pest und der Kriege in 
den letzten Jahrzehnten". Reims klagt im Jahre 1451, 
daß seine Bevölkerung seit der Pest des Jahres 1439 
sich um die Hälfte vermindert hat, und der König 
erwähnt im Jahre 1416, daß nach der Pest und den 
Kriegen in der Stadt nur noch zweihundert die taille 
entrichtende Höfe verblieben sind 3 ). Im Jahre 
1371 willigte die Regierung in eine Herabsetzung der 
Steuersumme, weil Reims in dem letzten Jahrzehnt 
die größten Menschenverluste aufzuweisen gehabt 
hätte 4 ). 

Dies zeigt, daß die Bevölkerung während eines 
ganzen Jahrhunderts nach dem schwarzen Tode fort- 
während einenRückgang erfahren hat.Und verwunderlich 
ist es nicht, daß die Bevölkerung im XVI. Jahrhundert, 
die nach Angaben Froumentons, des Zeitgenossen 
Heinrichs III., bei 3 1; 2 Millionen Höfen 17 Va Millionen 
Seelen stark gewesen ist, kaum sieben Zehntel ihres 
Bestandes vor der Pest des Jahres 1348 erreicht hat 5 ). 



») Levasseur. S. 181. Diese Kirchspiele zählten im XIII. 
Jahrhundert 15000 und zwischen 1416 und 1495 6000 Einwohner. 

2 ) Histoire des classes ouvrieres en France avant 1789. 
Bd. I. S. 426. 

3 ) Nach Angaben aus kirchlichen Quellen zählte die Stadt 
insgesamt 2600 Höfe. 

4 ) Levasseur. S. 182. - ») ibid. 8. 191. 



Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 3(39 

Prüfen wir nunmehr die Chroniken und die amt- 
lichen Nachrichten über die Verheerungen der Pest in 
den verschiedenen Teilen des Königreichs daraufhin, 
wie groß der Anteil des schwarzen Todes an diesem 
fortschreitenden Rückgang der Bevölkerung gewesen ist. 

Über die Verheerungen der Pest in Avignon, wo 
sie im Januar des Jahres 1348 erschienen ist und 
von da ihren Weg über Frankreich genommen hat, 
berichtet der Kanonikus der Kathedrale zu Brügge, 
der bei ihrem Ausbruch zufällig am Hofe weilte, 
unter dem 17. April 1348 folgendes. In der Stadt 
seien die Bewohner von 70000 Häusern ausgestorben, 
und die Vororte seien leer; auf dem Friedhof, den der 
Papst nahe der Kirche zur Madonne des miracles neu 
hatte anlegen lassen, seien vom 13. März an 11000 
Tote begraben worden, ebenso viele auf dem Friedhof 
zum hl. Antonius und anderen; vom 25. Januar bis 
auf den heutigen Tag sollen 62000 Menschen gestorben 
sein. Nach längerer Beratung mit den Kardinälen 
beschloß der Papst, der keine Rettung vor der Pest 
sah und das Aussterben sämtlicher Einwohner be- 
fürchtete, die Absolution zu erteilen. Wie in allen 
Städten Italiens, veranstaltete auch hier die Geistlichkeit 
mit dem Volke Bittumzüge, zu denen die Bewohner 
der umliegenden Ortschaften in Sack and Asche herbei- 
strömten und sich blutig geißelten. Täglich morgens 
und abends, berichten die Zeitgenossen, kamen die 
Mitglieder der zu diesem Zweck gebildeten kirchlichen 
Bruderschaften mit Glockengeläut und Gesang paar- 
weise auf die öffentlichen Plätze, wo sie sich in ver- 
zückter Weise zur Erde niederwarfen: der Ehebrecher 
warf sich mit dem Gesicht auf die Erde und der Mein- 
eidige legte sich auf den Rücken und spreizte drei Finger 
seiner rechten Hand nach oben. Ein besonderer maire 
vollzog an jedem die Geißelung und beschloß sie mit den 

Kowalewsky, Ökonomische Entwicklung Europas. V. -4 



370 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 

Worten: „Leve-toi par la vertu de la souffrance pure 
et garde-toi d'ajouter ä tes peches" x ). 

Während der Geißelung sangen die Büßenden 
unter Kniefällen und anderen Zeichen religiöser Er- 
bauung Psalmen und sprachen die Erwartung aus, daß 
ihr Blut mit dem des Heilands sich vermischt habe. 
Zum Schluß meldete sich einer oder der andere mit 
einem Brief, den ein Engel an die Kirche zum hl. 
Petrus in Jerusalem gebracht haben sollte und in dem 
es hieß, daß der Heiland auf Fürbitte der hl. Jungfrau 
und der Engel denen die Sünden vergeben wolle, die 
sich vierunddreißig Tage lang der Selbstgeißelung 
unterziehen. Diese Ansammlungen von Büßern, die 
moralisch niedergedrückt, durch Fasten und Geißelung 
erschöpft waren und sich nach dem Kanonikus aus 
Brügge mit zweitausend Mann an den Umzügen und 
Bußübungen beteiligten, haben zweifellos das Umsich- 
greifen der Pest begünstigt. Dies war offenbar für den 
Papst Clemens der Beweggrund, Avignon zu verlassen 
und in Stella bei Valence an der Rhone Aufenthalt 
zu nehmen 2 ); auf Rat seines Leibarztes de Chauliac 
mied er jeglichen Umgang und blieb tagsüber in seinem 
geschlossenen Zimmer bei ständig brennendem Feuer. 
Wie überall in Europa, insonderheit in Deutschland, 
so nahm auch hier der religiöse Fanatismus dadurch 
eine soziale Richtung, daß die Büsser unter An- 
schuldigung der Brunnenvergiftung das Judenvierte], 
Ghetto, stürmten und zwar, wie der Nachfolger Clemens', 
Benedikt XII., sich ausdrückt, non tantum ob causam 
seu occasionem predictam, quantum, ut aliquorum 
opinio est, ad iudeorum pecuniam rapiendam, allge- 
meiner Ansicht nach weniger aus der angegebenen 

x ) Abbe Boileau. Histoire des Flagellants. 
2 ) Breve chronicon clerici anonymi. De Smet Recueil des 
chroniques de Flandre. Bd. III. S. 14 — 18. 



Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 371 

Ursache, als um das Geld der Juden zu rauben 1 ). 
Und nicht wenige Juden beschlossen ihr jammervolles 
Dasein auf den Scheiterhaufen. Am 17. April, dem 
Tage, an dem der Kanonikus sein Schreiben an seine 
Landsleute in Brügge abgehen ließ, erreichten die 
Judenverfolgungen und die Pest ihren Höhepunkt und 
die Bewohner, die sich, entgegen dem Verbot, der 
Fischnahrung, des Zuckergebäcks und des Gebrauches 
von Brunnenwasser nicht enthielten, starben zu Hun- 
derten und Tausenden, was den Glauben an die künst- 
lich bewirkte Verseuchung noch bestärkte. Da die 
Gerichtssitzungen bis auf Michaelis vertagt wurden, 
flüchteten Richter, Staatsanwälte und Fürsprecher uncf 
wer nur konnte, aus der Stadt in die benachbarten 
Dörfer und Schlösser 2 ). Nach Angaben Chauliacs hielt 
die Pest in Avignon volle sieben Monate an, wütete 
mit besonderer Heftigkeit während der großen Fasten 
und forderte, wie ein Zeitgenosse, Rendorf, behauptet, 
am Donnerstag, Freitag und Sonnabend der vierten 
Woche vierzehnhundert Opfer. 

Wie in den meisten Republiken Italiens, so suchten 
auch in Avignon die Behörden die Seuche zu be- 
kämpfen. Zur Ehre Clemens' VI. müsse es hervor- 
gehoben werden, sagt der Verfasser der Erinnerungen 
an Petrarca, die im Jahre 1 764 in Amsterdam ver- 
öffentlicht worden sind, daß er behufs Linderung der Not 
des Volkes weder Mühe noch Geld geschont hat. Auf 
seine Anregung wurden besoldete Arzte zu unentgelt- 
licher Behandlung der Armen angestellt und erhebliche 
Summen für die Überführung der Leichen aus ihren 
Wohnungen nach den Friedhöfen und für die Bestattung 
in tiefen Gräbern verausgabt. Er veranlaßte ferner die 
Ergreifung polizeilicher Vorbeugungsmaßregeln, aber 

*) Hoeniger. Der schwarze Tod. S. 103. 
2 ) ibid. S. 14. 18. 

24* 



372 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 

trotz alledem raffte die Pest zwölftausend Menschen 
hin. Nach Avignon, wohin die Pest, wie nach Genua, 
auf dem Seewege eingedrungen war, wurde Marseille, 
das ja von Schiffen aus der ganzen Welt, inson- 
derheit von genuesischen Galeeren aufgesucht wurde, 
zum Hauptherd der Ansteckung. Wie aus dem Schreiben 
des bereits erwähnten Kanonikus hervorgeht, war sie 
hier um Ostern des Jahres 1348 erschienen. In einem 
Gedicht eines unbekannten Verfassers, das Ozanam 
zum ersten Mal veröffentlicht hat, heißt es: 

Puis la naissance Jesus Christ 
L'an mil CCC quarante huit 
Regnant alors de bon courage 
Le roy Philippe pieux et sage 
Ceste malen contreuse peste 
Comparust de Noel la feste 1 ). 

Am 17. April, an dem der Kanonikus seinen 
Bericht verfaßt hat, hatte die Pest bereits viele Städte 
und Schlösser der Provence durchzogen. Sie sprang 
dann auf das andere Ufer der Rhone über und ver- 
heerte die Gegend von Languedoc bis Toulouse. 
Schon zu dieser Zeit beklagte man in Marseille einen 
Verlust von vier Fünftem der Einwohner, während die 
späteren ausländischen Zeugnisse, wie die bologneser 
oder estenser Chronik die Stadt als beinahe gänzlich 
ausgestorben bezeichnen 2 ). Narbonne soll dreißig- 
tausend Einwohner verloren haben, für Montpellier 
besitzen wir keine ziffermäßige Angabe; daß aber 
auch hier die Sterblichkeit groß war, geht daraus her- 
vor, daß von den zwölf Konsuln zehn gestorben und 



x ) Histoire des maladies epidemiques. 2e ed. 1835. Bd. I. S.77. 

2 ) Muratori. Bd. XV S. 408, XVI S. 447. Marsiglia rimase 
dishabitata. Libro Dionisii Secundi: deserta Provincia mortibus 
et cadaveribus plena aderat funestum indiqvie spectaculnm. 
(Haeser. Bd. III S. Iü9.) 



Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 373 

von den hundertvierzig Dominikanern nur sieben 
am Leben geblieben sind. Südfrankreich soll nach 
Michelet und Martin x ) einen Verlust von zwei Dritteln 
seiner Einwohnerschaft erlitten haben. Diese Angaben 
sind aber auf ihre Richtigkeit schwer zu prüfen, wenn 
auch Rougebie dasselbe für dieFranche-Comte 2 ) mitteilt 
und für Burgund ein späteres Volkslied: 

En mil trois cent quarante huit 
A niüts ne demeuroient que huit, 
anführt. 

Zweifelhaft sind auch die Behauptungen der italie- 
nischen Chroniken, daß nach der Pest von zwanzig- 
tausend Einwohnern einer französischen Stadt etwa 
zweihundert übrig geblieben wären 3 ). 

Viel überzeugender für den Umfang der Ver- 
heerung sprechen hingegen die Klagen des Königs und 
der Gemeinden Languedocs, die vom Jahre 1350 an 
wiederholt über die Verarmung und Entvölkerung 
des Landes laut werden. Neue Hausiisten müssen auf- 
gestellt werden, die Steuer wird von drei auf zwei 
Francs herabgesetzt, ja am Ende des Jahrhunderts 
wird für ein halbes Jahr völlige Steuerfreiheit gewährt, 
um die Flüchtigen zur Heimkehr zu veranlassen und 
neue xAmsiedler heranzuziehen 4 ). Aus einem Vergleich 
der Hauslisten aus der Mitte und dem Ende des 
XIV. Jahrhunderts geht hervor, daß infolge des Steuer- 

!) Michelet. Hist. de France. Bd. IV. S. 238. Henri Martin. 
Hist. de France. le ed. Bd. V. 8. 101). 

2 ) Rougebie. Hist. de la Franche Comte. S. 270. 

s ) In quadam civitate que clicebatur Nobellete in qua habi- 
tabaat circa 2000 homines armorum non remanserunt nisi 200. 
Item alia civitas Avarete inhabitabilis effecta erat. (Chronicon 
Estense. Bd. 10. 8. 147.) 

4 ) Königliche Verordnungen aus den Jahren 1356 (Nr. 115), 
1371 (S. 356) und 1394 (Nr. 170 S. 384). Vaissette. Preuves de 
l'hist. du Languedoc. Bd. IV. 



374 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod irj Frankreich. 

drucks und der andauernden Pest die Bevölkerung 
von Languedoc an einzelnen Orten der Zahl nach un- 
verändert geblieben ist, an anderen abgenommen hat, 
und in den ersten Jahren nach der Pest eine weit 
geringere Dichtigkeit aufweist. Die Entvölkerung war 
so groß, daß Toulouse nach der Pest nur 2700 und 
zusammen mit der Umgebung 25000, die Provinzen Tou- 
louse, Carcassonne und Beaucaire in der Mitte des XIV. 
Jahrhunderts etwa 65 500 und im Jahre 1387 nur 30 800 
Feuerstellen zählten. Diese Ziffern bestätigen vollauf 
die Angaben der Chroniken über einen Verlust von 
mindestens der Hälfte der Bevölkerung 1 ). 

In Nordfrankreich war die Pest nicht vor Ende 
des Sommers und zwar in Paris im August erschienen. 
Die Angaben über die Zahl der Toten gehen ausein- 
ander : nach G-uillaume de Nangis sollen täglich allein 
im Hötel-Dieu fünfhundert, nach Saint-Denis acht- 
hundert Sterbefälle vorgekommen sein, nach der 
Chronik von Pistoja sollen in der Hauptstadt am 
13. März 1349 1573 Adelige, nach der Estenser Chronik, 
die ein in der Lombardei verbreitetes Gerücht wieder- 
gibt, 328000 2 ) und endlich nach Froissard 3 ) 80000 
Menschen gestorben sein. Die amtlichen Zeugnisse be- 
richten vereinzelt, daß von den hundertundzwei Kranken- 
schwestern, die zu Ostern und am Remigiustage im 
Hötel-Dieu tätig gewesen sind, nur vierzig am Leben 
geblieben sind 4 ), und daß mehrere neue Friedhöfe in 
der Hauptstadt, wie auch in Anjou, Saint Martin de 

!) ibid. Bd. IV. S. 303. Nr. 137. Etat du nombre des feux 
de la Provence depuis le rnilieu jusque ä la fin du 14. siecle. 

2 ) Muratori. Bd. XI. S. 521. Bd. XVI. S. 417. 

3 ) In Avignon betrug die Zahl der Gestorbenen 30000, in 
Lyon 45000, in Marseille 1000 und in Paris (nach der Chronik 
der Karmeliter zu Reims) 80000 Menschen, (Rebouis. Bulletin 
de la faculte des lettres de Paris. Juli 1887.) 

4 ) Archives nationales. KK 6 . S. 287. 



Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 375 

Chäteau, Saint- Valery, Gerard, Saint-Martin le Pont, 
in der Umgebung von Rouen, in Saint-Martin Reveil, 
in derNormandie, in Vockel im Kirchspiel Lampier u. a. m. 
errichtet worden sind. So heißt es wiederholt in den 
lettres patentes an einzelne Städte und Landgemeinden: 
da nach Gottes Willen so viele Menschen an der Pest 
sterben, daß ein großer Mangel an Begräbnisstätten 
herrscht, so wird den Behörden und den Bewohnern 
gestattet, je nach Bedarf sieben und zehn Pertica oder 
zwei einhalb, drei und noch mehr Arpents Land zur 
Errichtung von Friedhöfen zu erwerben 1 ). 

Das Land für Friedhöfe wird zuweilen vom König, 
mitunter auch, von einem Feudalherrn geschenkt, meist 
aber von der Stadt oder Landgemeinde nach Rats- 
beschluß angekauft. 

Der Menschenverlust in Saint-Denis beiief sich 
nach Angaben der Zeitgenossen, die allerdings schwer 
auf ihre Richtigkeit zu prüfen sind, auf sechzehntausend 
und in Amiens auf siebzehntausend. Die zeitgenössischen 
Ärzte, Geschichtsschreiber, Schriftsteller und Dichter 
ergehen sich in trostlosen Schilderungen der Verhee- 
rungen der Pest und behaupten geradezu, daß von 
der Einwohnerschaft nicht mehr als ein Drittel am 
Leben geblieben sei 2 ). 

2 ) Pour la grant mortalite qui a este et encore est en la 
dicte paroche est si plein de corps enterrez non seulement qu'il 
n'y a plus 011 Ion puisse le corps de ceulx qui meurent chaque 
jour enterrer et pour ce. etc. (Arch. Nat. J. J. Nr. 411. Fol. 250.) 
Donum certe quantitatis terre pro augmentatione cimeterii Vile 
Andegavensis 29 April. 1349. (ibid. Nr. 371. Fol. 223.) Admorti- 
satio cuiusdam loci pro faciendo cimeterium in villa Sancti Wa- 
lerici super mare (ibid. Nr. 318. Fol. 185). Desgl. Nr. 308. Fol. 
189. Nr. 310. Fol. 190. Nr. 330. Fol. 203. Nr. 381. Fol. 223. J. J. 79, 
Af. 34. Nr. 48. Fol. 21. No. 30. J. J. 78. Fol. 120. Nr. 231. Fol. 145. 
Nr. 264. J.J. 80. Fol. 6. Nr. 11. 

2 ) Im Tractatus magistri Ricardi Sancti Victoris über die 
Pest in der Normandie und Picardie (MSS.B. N. lat. 2588), den 



376 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 

Es seien hier auszugsweise einzelne königliche 
Rundschreiben an die Obrigkeit von Amiens, abgedruckt 
bei Augustin Thieny, wiedergegeben. Der maire, die 
echevins und die Bürgerschaft von Amiens hätten ihm, 
„Philipp, von Gottes Gnaden König von Frankreich" 
mitgeteilt, daß in der Stadt eine ungeheure Sterblich- 
keit ausgebrochen sei und die Erkrankten schon in der 
ersten Nacht, einige noch früher hinscheiden, so daß 
bei der bisherigen Bestattungs weise die überfüllten 
Friedhöfe eine ständige Quelle der Ansteckung bilden. 

Das Schreiben schließt mit der Verfügung, vier 
journeaux unveräußerlichen Landes, d.i. eine Fläche, die 
mit einem Pfluge innerhalb vier Tagen bestellt werden 
kann, zur Errichtung eines neuen Friedhofs zu ver- 
wenden 1 ). In ähnlicher AVeise läßt sich der Fortsetzer 
der Chronik de Nangis' aus: „In beiden Jahren (1348 
und 1349) der Herrschaft der Pest in Paris, in Frank- 
reich und auf der ganzen Welt gab es so viele Tote 
beiderlei Geschlechts, Jünglinge wie Greise, daß es an 
Begräbnisstätten mangelte. In seltenen Fällen blieben 
die Kranken zwei bis drei Tage krank. Die Menschen 
starben plötzlich und gleichsam gesund, subito et quasi 
sani; wer heute sich ganz wohl fühlte, war schon 
morgen eine Leiche und wurde in die gemeinsame 
Totengruft gelegt. Die Ansteckung teilte sich durch Be- 
rührung mit einem Kranken mit und nicht selten war 
schon die Furcht vor AnsteckungYeranlassung des Todes. 



Rebouis (Bulletin de la faculte de Paris 1887) zum. Teil anführt, 
heißt es wörtlich: „L'an de gräce mil et CCCXLIII environ le 
Saint Jacque entra la grante mortalite eu Normendie et y vint 
parmi Gascogne et Poytou et parmi Bretengne, et s'en vint tout 
droit en Piquardie e fu si tres horrible que es villes ou eile 
entroit il mouroit plus des deus pars des gens". 

1 ) Recueil de memoires sur le tiers etat. (Documents pour 
servir ä l'histoire de France Bd. VI. S. 544.) 



Achtes Kapitel: Der .schwarze Tod in Frankreich. 37/ 

An vielen Orten blieben von zwanzig Menschen nur 
zwei am Leben und viele Dörfer und Häuser in den 
Städten waren gänzlich ausgestorben" : ). In einem 
Gedichte des Augenzeugen Machaut, das zum ersten 
Male im Jahre 1860 veröffentlicht worden ist, heißt 
es, daß in allen Städten, in denen die Pest gewütet 
hat, von der Einwohnerschaft kaum ein Drittel übrig 
geblieben ist. Dieses Zeugnis aus den ersten Jahren 
nach der Pest, mit dem die Angaben der Chronik von 
Saint-Denis übereinstimmen und das von allen Ge- 
schichtsschreibern erwähnt wird, ist dadurch beachtens- 
wert, daß wir aus ihm die landläufige Vorstellung 
vom Umfang der Menschenverluste kennen lernen. 
Die Angaben Machauts beziehen sich wohlgemerkt nur 
auf die Städte, es villes ou eile entroit. Und in der 
Tat boten ja die Städte bei ihrer auf einen knappen 
Raum zusammengedrängten Einwohnerschaft, ihrem 
Schmutz und der Unmenge der Leichen der Ausbreitung 
der Krankheit einen weit breiteren Raum, als das 
platte Land. Machaut hebt hervor, daß die Krankheit 
so ansteckend gewesen sei, daß die Bewohner sich 
selten auf die Straße wagten und niemanden in der 
Nähe ansprachen. Die Krankheit teilte sich durch den 
Atem des Kranken mit; aus Angst vor Ansteckung 
mied der Sohn den Vater, die Tochter die Mutter, 
die Eltern ihre Kinder; Freunde brachen den Verkehr 
mit einander ab. Die Pest durchzog die ganze Welt, 
und die Menschen eilten ihr beim Fliehen häufig 
voran. Leichen sah man täglich in ganzen Haufen 
in den Kirchen ; die Friedhöfe waren überfüllt und 
neue mußten angelegt werden. In den Straßen der 
„guten" Städte waren weder Männer noch Frauen, 
überhaupt keine Menschenseele zu sehen. Die Krank- 

l ) H Greraud. Chronique de (iuillaume de Nangis et de ses 

continuateurs. Bd. II, 8. 210. 



378 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 

heit dauerte nicht länger als drei Tage, in der Regel 
nicht einmal so lange. Viele fielen plötzlich tot um, 
die Leichenträger kehrten nicht mehr vom Friedhof 
zurück. Niemand vermag anzugeben, wie groß die 
Zahl der Toten war, eine Vorstellung von dem Umfange 
der Verheerung könne man sich garnicht machen. Überall 
vernähme man, daß im Jahre 1344 von hundert Ein- 
wohnern nicht mehr als zehn am Leben geblieben waren. 
„Viele reiche Dörfer verarmten. Kaum für den 
dreifachen Lohn war ein Feldarbeiter, ein Winzer zu 
finden. Die Zahl der Gestorbenen war groß, herren- 
loses Vieh trieb sich auf den unbestellten Getreide- 
feldern und Weinbergen herum. Für den hinterlassenen 
Besitz meldeten sich keine Erben; weder im Winter, 
noch im Sommer wagten sie die Gehöfte der Hinge- 
schiedenen in Besitz zu nehmen und die wenigen, die 
es taten, setzten sich der Lebensgefahr aus. Selbst 
die Beherztesten zitterten vor der drohenden Gefahr 
des nahen Todes und auch ich verfiel dem allgemeinen 
Schrecken. Ich tat Buße und suchte Trost beim Heiland, 
um dem Tode standhaft zu begegnen. Von Schrecken 
ergriffen, schloß ich mich in mein Zimmer solange 
ein, bis Gott allen diesen Leiden ein Ende machen 
wird; ich wußte nicht, was in der Stadt vorging, 
möglich, daß inzwischen an zwanzigtausend Menschen 
gestorben sind. Die Schwermut plagte mich jetzt 
weniger, und um nicht an den Tod zu denken, er- 
kundigte ich mich nicht mehr, wer von meinen Freunden 
und wie viele gestorben und nach dem Friedhof ge- 
bracht worden seien. Lange blieb ich so, wie ein 
Falke eingesperrt, bis mir endlich das Brot ausging. 
Da vernahm ich von meinem Fenster aus Töne von 
sieben Instrumenten und erhielt auf meine Frage zur 
Antwort: wer mit dir am Leben geblieben ist, sucht 
sich eine Frau und feiert in höchster Lust Hochzeit. 



Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 379 

Da nun die Pestfälle sich vermindert hatten und die 
Gefahr vorüber war, so verließ ich meinen Kerker, 
bestieg ein Pferd und ritt durch die Felder und jagte 
nach wilden Vögeln und hübschen Mädchen" 1 ). 

Aus einem anderen zeitgenössischen Gedicht des 
Arztes Simeon de Covino, das Littre veröffentlicht 
hat, ist zu ersehen, daß die Pest vornehmlich unter 
der ärmeren Bevölkerung stark gewütet hat 2 ) : „Schlecht 
ernährte Personen haben der Pest keinen Widerstand 
leisten können; die Fürsten, Bitter und Richter aber, 
die sich eines sorgenfreien Lebens erfreuen, haben 
weniger unter ihr gelitten. Der größte Teil der Ein- 
wohnerschaft sei gestorben und kaum ein Drittel am 
Leben geblieben 3 ). Höfe und Güter der Magnaten 
seien mit Blut bedeckt und menschenleer, Städte seien 
ausgestorben und Schlösser und Häuser liegen in 
Trümmern. Die Flüsse durchbrechen die Dämme und 
überschwemmen die verwahrlosten Felder. Erwachsene 
und Kinder, Männer und Frauen, wurden von der 
Pest hingerafft. Schwangere Frauen ließ man ohne 
Hilfe. Mit Schnelligkeit übertrug sich die Ansteckung 
von Haus zu Haus, vom Kranken auf den Gesunden, 
durch Berührung, durch den Atem des Kranken; meist 
und zwar sofort wurde sie auf die Seelsorger über- 
tragen. Die Kranken starben vereinsamt, decedunt 

x ) Documents inedits sur la Grande Peste de Tan. 1348. 
(Description de la peste par Guillaume de Machaut. S. 93 ff.) 
2 ) Et sie debilior suecumbet in ordine 

Post alii tandem pestem seeuntur eandem, 

Sed ea prineipibus et nobilibus genero 

Militibus, seu judieibus, fera parca pepercit. 

Raro cadunt tales, quia talibus est data vita 

Dulcis in hoc mundo. 
'•'') Major pars hominum cecidisse venenis 

Pestis mortifere, vix tercia viva remansit 

Ex ista peste. (ibid.) 



380 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 

soli, denn dieBesucher mußten fürchten, der Ansteckung 
zu unterliegen. Alle Verwandtschafts- und Freund- 
schaftsbande sind gelockert, der Pylades des Orestes 
ist nicht zu sehen. An vielen Orten fehlt es an Wagen, 
um die Leichen nach dem Friedhof zu schaffen, zu 
tausenden werden sie gemeinsam in Gruben geworfen 
und mit etwas Erde bedeckt. Neue Begräbnisstätten 
müssen geschaffen werden und Hügel über Hügel 
wachsen zu Bergen empor. Die wüsten, mit Gras be- 
wachsenen Gehöfte sind Zeugen der Verheerung. Hier 
steht ein verlassenes Haus, dort ist ein entfernter 
Verwandter durch zweifelhafte Erbschaft reich und 
dort ein Armer zu einem Grundbesitzer geworden" 1 ). 
Wir lassen hier noch die Beschreibung von Gilles 
Li Muisis, dem Vorsteher der Abtei St. Martin zu 
Tournay, der Zustände imNordosten Frankreichs folgen. 
Reisende, Kaufleute und Wallfahrer hätten in Dörfern 
menschenleere Häuser und Straßen, unverschlossene 
Keller und Speicher und auf den Feldern herrenlose 
Schafherden gesehen; in vielen Städten seien von 
20000 nur 2000 und in den Dörfern von 1500 kaum 
100 Bewohner am Leben geblieben. Ein Abgeordneter 
des Pariser Parlaments, der auf seiner Rückkehr vom 
König von Aragonien, zu dem er gesandt worden 
war, die Gegend zwischen Avignon und Paris be- 
reiste, habe an verschiedenen Orten verwahrloste 
Felder gesehen. In Tournay würden täglich, be- 
richtet Li Muisis, auf einmal fünf, zehn, fünfzehn 
und dreißig Leichen nach dem Friedhofe gebracht. 
Die auf ihre Einnahmen bedachten Priester und Küster 
ließen morgens, abends und nachts durch das 
Schrecken und Furcht noch mehr verbreitende Glocken - 



r ) Opuscule relatif ä la peste de 1348 compose par im 
contemporain. (Bibl. de lecole des chartes. 1. Serie VII. S. 201 
und folgende. Symon de Covino.) 



Achtes Kapitel: Der schwarze Tod fn Frankreich. Sgl 

geläute die Todesfälle verkündigen. Die Stadtobrigkeit 
ergriff erneute Vorbeugungsmittel gegen die Seuche. 
Die in wilder Ehe Lebenden wurden aufgefordert aus- 
einander zu gehen oder sich kirchlich trauen zu lassen. 
Die Leichen mußten sechs Fuß tief ohne Glockenge- 
läut und kirchliche Totenmesse begraben werden; 
Geldsammlungen wurden verboten. Von Sonnabend 
mittag bis Montag früh durfte nicht gearbeitet werden; 
das Dominospiel wurde verboten. Infolge der andau- 
ernden Pest wurden die Vorschriften am 24. September, 
am Tage des hl. Matthäus, ergänzt und das Glocken- 
geläut, die Trauerkleidung und die Teilnahme von 
mehr als zwei Personen an Leichenbegängnissen ver- 
boten. Angeblich sollen 25 000 Menschen an der 
Pest gestorben sein. Weder die Reichen, noch die 
Kräftigsten waren von ihr verschont geblieben, wohl 
aber diejenigen, die sich des Verkehrs mit Kranken 
und des Biergenusses enthalten hatten. Am stärksten 
verwüstete sie die Marktplätze und die engen Straßen 
und Stadtviertel, sie übertrug sich von einem Kranken 
auf die übrigen Hausbewohner und raffte in jedem 
Hause mehr als zehn Menschen hin; ebenso auch viele 
Seelsorger bei Erfüllung ihrer Pflicht. Zur großen 
Unzufriedenheit der Bewohner, die ihre uralten 
Familienbegräbnisstätten behalten wollten, wurden in 
Tournay, wie überall, neue Friedhöfe errichtet 1 ). 

Diese Ähnlichkeit in der Berichterstattung über 
die Verwüstungen ist nicht darauf zurückzuführen, daß 
die Verfasser von einander abgeschrieben haben, was 
wohl bei zeitlich auseinanderliegenden Berichten der 
Fall sein könnte. Der wahre Grund liegt vielmehr in 
der Ähnlichkeit der Erscheinungen selbst, die wohl 

r ) Chronicon majus Aegidii Li Muisis abbatis Sti. Martini 
Tornycensis. (De-Smet. Recueil des Chroniques de Flandre. 
J. J. S. 279—281. 361—382.) 



382 Achtes Kapitel: Der schwarze Tod in Frankreich. 

bei dem herrschenden Schrecken den Gedanken 
an den nahenden Weltuntergang haben erwecken 
können. Wenn auch die Berichte hinsichtlich der 
Menschenverluste nicht immer den Anspruch auf 
Glaubwürdigkeit erheben können, so stehen doch 
ihre Angaben im großen und ganzen mit der Zahl der 
Bevölkerung vor und nach der Pest des Jahres 1348 nicht 
in Widerspruch. Die Verluste an Menschenleben waren 
tatsächlich sehr groß und beliefen sich auf ein Drittel 
bis auf die Hälfte der Bevölkerung; dies genügte, um 
in Frankreich eine ähnliche wirtschaftliche Umwälzung, 
wie sie alle anderen europäischen Staaten im XIV. 
Jahrhundert erlebt haben, hervorzurufen. Mit diesen 
Folgeerscheinungen wollen wir uns im nächsten Kapitel 
beschäftigen. 



Neuntes Kapitel. 

Die wirtschaftlichen Folgen des schwarzen 
Todes in Frankreich. 

Wie in Italien, so ergab sich auch in Frankreich 
die am Leben gebliebene Bevölkerung Vergnügungen 
und Müßiggang. Die Felder lagen brach und niemand 
kümmerte sich um die Ausbesserung der Dämme, die 
von überflutenden Flüßen durchbrochen waren, klagt 
der bereits erwähnte Zeitgenosse Simon de Covino. 
Mit Ausnahme von Grund und Boden und Häusern 
sei alles trotz vorhandener Fülle teuer geworden 
und infolge des Müßigganges seien besonders die 
Lebensmittelpreise merklich gestiegen, heißt es ferner 
bei dem Fortsetzer der Chronik Guillaume de Nangis 1 ). 

1 ) Chroniqne de Guillaume de Nangis et de ses conti- 
nuateurs par H. Geraud. Bd. II. S. 215. 



Neunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 383 

Männer, wie Frauen, klagt König Johann der 
Gute in einer Verordnung vom 30. Januar 1350, seien 
dem Müßiggang ergeben; kein Mensch in Paris und in 
denStädten und Dörfern seiner prevoste und vicomte wolle 
arbeiten, man treibe sich lieber in Wirtshäusern und 
mit Dirnen herum 1 ). Der König wendet sich insonderheit 
gegen die Arbeiter der Münzstätte und droht ihnen 
mit der Entziehung ihrer Sonderrechte, wenn sie nicht 
in den nächsten Wochen die Arbeit wieder aufnehmen 
werden 2 ). Die natürliche Folge aller dieser Verhältnisse 
war eineSteigerung des Arbeitslohnes, die auch ohnedies, 
infolge der Abnahme der Zahl der vorhandenen Arbeiter 
eintreten mußte. Dies erfolgte mit großer Schnelligkeit: 
noch im Juni forderte die Pest in Amiens täglich 
hundert Opfer, so daß Philipp VI. die Errichtung eines 
neuen Kirchhofes gestatten mußte, und bereits im 
September konnten der maire und die echevins darauf 
hinweisen, daß „Knechte, Pflüger und Tagelöhner in 
der Gerberei außerordentlich hohe Löhne fordern und 
in der Stadt Unruhen hervorrufen" 3 ). Das Maß der 
Lohnsteigerungen ist jedoch schwer festzustellen, da 
gleichzeitig der Wert des Geldes infolge Münzver- 
schlechterung gefallen war 4 ). 

Einzelne Zeugnisse geben trotzdem Aufschluß über 
den Realwert des Lohnpreises. So heißt es in einer 



! ) Ordonnance du roi Jean sur la police generale du 
royaume publiee ä Paris au mois de Fevrier 1351. Titre I: 
Des gens oiseux. 

2 ) Ordonnances des rois de la troisieme race. Bd. IL S. 305. 
Isambert. Bd. IV. S. 545. Nr. 151. 

3 ) Recueil de monuments p. s. ä Fhist. du tiers etat. 
(Collection de documents p. s. ä l'hist. de France. Bd. I. S. 
544. 546.) 

4 ) Jules Viard. Un chapitre d'histoire administrative. 
Les ressources extraord. de la royaute sous Philippe VT. de Valois. 
(Revue des questions historiques. Juillet 1888.) 



384 Nennt. Kap. : D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 

Verordnung vom November 1354, daß die Arbeit von 
zwei Tagen vollkommen zur Bestreitung des Unter- 
halts für eine ganze Woche ausreiche 1 ). 

Um den Arbeitseinstellungen infolge Nichtannahme 
hoher Lohnforderungen zu begegnen, unterwarf die 
Regierung auch die Landarbeiter und gewerblichen 
Arbeiter den Verordnungen, die sie für die Grund- 
besitzer und Meister erlassen hatte, und hob sogar die 
Sonderrechte der Zünfte auf, damit auch die abseits- 
stehenden Handwerker Zutritt fordern sollten. Die 
berühmte Verordnung Johanns des Guten aus dem 
Jahre 1350 verfolgt die Faulenzer, Straßensänger und 
Bettler und ermahnt jeden, „der von körperlichen 
Fehlern und Gebrechen frei ist, im Schweiße seines 
Angesichts für seinen täglichen Unterhalt zu arbeiten". 
Wer innerhalb dreier Tage nach Bekanntmachung dieser 
Verordnung durch den prevost der Kaufmannschaft 
die Arbeit nicht aufnimmt, soll festgenommen und bei 
Brot und Wasser gefangen gehalten werden; Rück- 
fällige sollen zum ersten Mal an den Pranger (pitori) 
gestellt, zum zweiten Mal gebrandmarkt and aus der 
prevoste von Paris verwiesen werden (Titel 1). Da 
die Armut und das Almosengeben ohne Mitwirkung 
der Kirche und Gesellschaft schwer zu bekämpfen sei, 
so bittet sie den Bischof, die Mönche, Prälaten, Barone, 
Ritter und Bürger um deren Unterstützung. Der 
Bischof und das Konsistorium (official) von Paris 
sollen den Augustinern, Karmeliten, Franziskanern, 
Jakobiten, allen Mönchen und Priestern überhaupt be- 
fehlen, in ihren Predigten auf den Schaden des 
Almosengebens an Arbeitsfähige aufmerksam zu 
machen. Das Hotel-Dieu und die anderen Kranken- 



l ) Ordonnances des rois de France de la troisieme race 
Bd. VII. S. 563. 



Neunt. Kap.: D. wirtscb. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 385 

häuser sollen außer Kranken niemanden beherbergen 
und Armen nur für eine Nacht Unterkunft gewähren. 
Die Prälaten, Barone, Ritter und Bürger sollen ver- 
bieten, in ihrem Namen Almosen an Gesunde zu 
verteilen 1 ). 

Die Regierung hob die Verbote und Bestimmungen 
der Zünfte, durch die der Zutritt zum Gewerbe er- 
schwert und die Lehrzeit übermäßig ausgedehnt 
wurde, auf. Philipp IV., der Schöne, hatte bereits im 
Jahre 1321 das Verbot, mehr als zwei Lehrlinge zu 
halten, aufgehoben. Einzelne Gewerbe durften bis 
dahin sogar nur einen Lehrling, der noch dazu ein 
Meistersohn sein mußte, aufnehmen. Auch dieses Ver- 
bot w 7 urde jetzt durch königliche Verordnung aufgehoben 
und den Meistern gestattet, ohne Rücksicht auf die 
Zunftsatzungen, Lehrzeit und Lehrgeld festzusetzen. 
Die Abschaffung dieser Verbote erfolgte, nach den 
Worten des Königs, zu gemeinem Besten (le commun 
profit). 

Da diese Verordnung nicht bei allen Gewerben des 
Königreichs Anwendung gefunden hatte 2 ), so bestätigte 
sie der König neuerdings u. a. für die Gerber, bau- 
droyeurs und couoyeurs. Die Verordnung aus dem 
Jahre 1350 bestimmt, daß die Lehrlinge nach Beendigung 
einer zweijährigen Lehrzeit das Handwerk an jedem 
Orte betreiben dürfen. (Titel 13 § 2.) Die Beschränkung, 
die entgegen der Verordnung von 1321 den Meistern 
auferlegt ist, wird aufgehoben und allen Handwerkern 
das Recht erteilt, beliebig viele Lehrlinge aufzunehmen 3 ). 



') Titel II und folgende. Die Ordonnance ist bei Lespi- 
nasse, Metiers de Paris, abgedruckt. 

2 ) Lettres de Gilles Haquin, prevot de Paris, contenant 
un extrait des ordonnances de Philippe le Bei de l'annee 1321. 
(Lespinasse. Les metiers de Paris. Ordonnances et edits. No. 1.) 

3 ) En leurs hosteis en temps convenable et a pris raisonnable. 
Kowalewsky, ökonomische Entwicklung Europas. V. ^5 ' 



386 -Neunt. Kap.: D. wirtsch Folg. d. schwarz. Tod in Frankr. 

Die Meister sollen verpflichtet sein, den Lehrlingen 
Verpflegung und eine sachgemäße Vergütung zu 
gewähren x ). Zur wirksanieren Vermehrung des 
Handwerkerstandes sucht die Regierung die Erwerbung 
der Meisterschaft zu erleichtern und die hierfür zu 
leistenden Abgaben zu vermindern. Dies geht aus den 
Maßnahmen Rouens vom 4. Juli 1350 über das Tuch- 
gewerbe hervor. Für dieses Gewerbe, das von zwei 
Genossenschaften, einer für einfarbiges und der andern 
für gestreiftes Tuch 2 ), betrieben wurde, bestand die 
Vorschrift, daß zur Erwerbung des Meisterrechts die 
Erlernung beider Fächer erfordert wurde. Als aber 
nach der Pest sich ein Mangel an Arbeitskräften fühlbar 
machte, verlangten die Gewerbtreibenden des zweit- 
genannten Faches für sich die Aufhebung jener Vor- 
schrift, da ihr Fach auch für das andere genügend 
vorbereite 3 ). Der stellvertretende Bürgermeister von 
R,ouen entschied die Sache zu gunsten der Bittsteller, 
aber die Gegenpartei, die, wie die Zünfte überhaupt, 
ihre Vorrechte sorgsam behütete, legte beim König 
Beschwerde ein. Die Sache fand einen Abschluß, der 
immerhin einen Anfang der Gewerbefreiheit bedeutete. 
Der König befriedigte zwar die Bittsteller nicht ganz, 
setzte jedoch die Lehrzeit für beide Fächer auf ein 
Jahr herab 4 ). Einen weiteren Schritt zugunsten der 



') Que chacun peut avoir autant d'apprentifs que il en 
aura besoin. (Ordonnance de l'annee 1350. Tit. 52.) 

2 ) „Grande drapperie" und „oeuvre rayee." 

3 ) Que leur mestier d'oeuvre rayee estoit plus foutif que 
le niestier de l'oeuvre plaine et que cellui qui bien savoit faire 
rayer savoit bien faire draps plains." 

4 ) Que les drappiers de la drapperie rayee ne seront admis 
qu'apres qu'ils auront fait la inoitie de Service de la grande 
drapperie. Egalement ceux de la grande drapperie, qu'apres 
qu'ils auront fait la moitie du Service de la oeuvre rayee. 
(Archives Nationales. Paris. J. J. 80. Fol. 194. 195. No. 278.) 



Neunt. Kap.: D. wirfcsoh. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 387 

Gewerbefreiheit tat die Regierung in einem andern, 
gleichzeitigen Streitfalle, indem sie dem Gesuche der 
Weber, „villae Lacuniaci," sie der Verpflichtung, die 
Tuche der Zunft der Tuchwalker vorzulegen, zu entheben 
und eigene Tuchwalker wählen zu dürfen, stattgab 1 ). 

Selbst die uralten Vorrechte der Münzer „Le serment 
de France", blieben nicht verschont. Um dem Mangel 
an Münzern abzuhelfen, befahl der König den 
generaux maitres des monnaies, „zwecks Ausdehnung 
des Betriebes jeden irgendwie geigneten Arbeiter" 
heranzuziehen 2 ). 

Da einzelnen niedriger bewerteten Berufen, so 
den ouvriers es chambres basses, wie sie die Verordnung 
nennt, infolge Albeitermangels völliger Untergang 
drohte, so wurden die Maurer und sonstige Handwerker 
von Paris zur Mitarbeit aufgefordert. Um aber diese 
vor Schmähungen und dem Gespött des Pöbels zu 
schützen, wird seitens des Königs den Schuldigen für 
jedes Schimpfwort Strafe angedroht 3 ). 

Diese Gewerbefreiheit wurde nicht nur den tiefer 
stehenden, sondern allen Berufsarten gewährt 4 ). Jeder 



x ) Die baillif's bestimmen, daß die texitores in Zukunft in 
possessione et saisina portandi omnes pannos suos in dicta villa 
Lacuniaci iactos folare, lanare seu parare ubi volebant. (ibid. X. 
Fol. 203. v. No. 126) 

2 ) Que pour l'avancement et l'accroissement de l'ouvraige 
ils doivent recevoir ä ouvriers et monnoiers tant du dit serment 
de France comme d'autres personnes convenables ä ce." (Or- 
donnance des rois de la troisieme race. T. II. S. 316.) 

3 ) .,Quiconques leur dira villenie il l'amendera d'amende 
volontaire Selon les paroles." Der Pöbel nannte die betref- 
fenden Personen: „maitres fyfy." 

4 ) In der Verordnung von 1350 wird den ouvriers es cham- 
bres basses das Recht zugesprochen, retourner ä leur mestier 
sans ce que pour 9a ils pouissent estre contrains par les ou- 
vriers et jures du mestier qu'ils ne puissent et doyent ouvrer 
du mestier dont ils seront paravant. 

25* 



388 Neunt. Kap.: B. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 

Bewerber, sei er Handwerker, Krämer oder Landarbeiter 
solle zu allen Gewerben und Handelsgeschäften, metiers 
et marchandises, freien Zutritt haben 1 ). 

Während die Regierung bemüht war, das Gewerbe 
zu heben und so eine Verbilligung der Erzeugnisse 
herbeizuführen, mußte sie auch zur Frage der Arbeits- 
zeit Stellung nehmen. Es ist sicher, daß in den 
ersten Jahren nach der Pest die Dauer des Arbeitstages 
einen der strittigsten Punkte zwischen Meistern und 
Arbeitern bildete. Die Arbeiterschaft habe es sich 
zur Regel gemacht, heißt es in einer königlichen Ver- 
ordnung vom März 1349, die Arbeit am späten Morgen 
zu beginnen und sie vor Sonnenuntergang zu beenden; 
in einzelnen Gewerben hingegen dehnen die Arbeit- 
geber die Arbeitszeit übermäßig aus und geben so den 
Arbeitern zu Beschwerdeu Anlaß 2 ). 

Ahnlich ging es auf dem Lande zu. Pflügern 
und vor allem Winzern, die sich weigerten, unter den 
uralten Sitten und Bedingungen, die vor der Pest be- 
standen haben, in Lohnarbeit zu treten 3 ), drohte die 
Regierung mit einer Herabsetzung des Lohnes. 

Die ersten Maßregeln zur Festsetzung der Arbeits- 
zeit wurden in Senlis getroffen. Nach einer Beratung 
mit den Meistern der Tuchwalker, einzelnen Bürgern, 
Geistlichen und anderen „weisen Männern" verordnete 
der König, daß die Tuchwalker beim Frühmessegeläut 

*) „Toutes manieres de gens quelsconques qui sauront eulx 
mesler et entremettre de faire mestier, oeuvre, labour de mar- 
chandise quelconque." 

2 ) Les queles heures y ceulz varletz disoient que les dits 
maistres leur mectoient empechement et s'efforcoient et vou- 
loient efforcer de les muer et changier en autre maniere. 
(Archives Nat. J. J. 78.) 

3 ) Se faignissent de faire leurs journees telles et si con- 
venables que on a accoustume d'ancieniiete et avant le temps 
de la dite mortalite. (Tit. 17. § 3.) 



Neunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 389 

in der Franzikanerkirche die Arbeit beginnen, beim 
Geläut zum Hochamt in der Kirche zum hl. Vincenz 
ihr Frühstück einnehmen, und beim Mittagsgeläut 
zur Arbeit zurückkehren, beim ersten Vespergeläut 
in derselben Kirche und bis zum Glockenschlag 
der Uhr in dem Stadtschloß Mittagspause haben, 
worauf sie die Arbeit wieder bis zum Glocken- 
geläut zum Abendgottesdienst fortsetzen sollen. Für 
die großen Fasten wird eine andere Arbeitseinteilung 
vorgeschrieben; an jedem Sonnabend nehmen die 
Arbeiter das Frühstück beim Meister et auront nappe, 
sei et eau de avantage *). 

Die Verordnung des Königs Johann des Guten 
vom 9. Mai 1349 bestimmt, daß die Arbeiterschaft von 
Provins beim Sonnenaufgang die Arbeit beginne und 
beim Glockengeläut zum Gottesdienst in der Kirche 
zum hl. Quinat „Jacquette la laveuse", Frühstücks- 
und Mittagspause habe 2 ). 

Einzelne Zünfte nahmen unmittelbar nach der 
Pest selbst neue Bestimmungen über den Arbeitstag 
in ihre Statuten auf. 

So setzten die Spinner zu Rouen die tägliche 
Arbeitszeit nach dem Glockengeläut in der Marienkirche 
am Morgen und Abend fest, und die Weber zu Tournay 
bestimmen ähnlich die Frühstüchs- und Mittagspause 
und verbieten die Arbeit am Sonnabendnachmittag 
und am Vorabend der Marientage und Aller Heiligen 3 ). 



x ) Verordnung vom März des Jahres 1349. (Archives Nat. 
Paris J. J. 78.) 

2 ) ibid. J. J. 77. No. 416. Fol. 253. 

3 ) Ouin-Lacroix. S. 655. 749. Ähnliche Bestimmungen 
haben auch einzelne Gilden zu Rouen aufgenommen, so die 
Besteckmacher, die von Mitte März bis Mitte September den 
Arbeitstag von 5 Uhr morgens bis 6 Uhr abends und im Winter 
von 7 morgens bis 5 Uhr abends mit Unterbrechungen für das 
Frühstück und die Mittagmahlzeit festgesetzt haben. 



390 -Neunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 

Mit solchen Maßregeln, die zur Milderung der 
Folgen des schwarzen Todes ergriffen worden sind, 
suchte die Regierung das Landstreichertum zu be- 
kämpfen, die Arbeitszeit in festen Grenzen zu halten 
und das Gewerbe von den Fesseln der Zunftstatuten 
zu befreien. In derselben Richtung fortschreitend 
hat dann die Regierung auch die Zünfte aufgehoben, 
die jedoch einige Jahre darauf wieder hergestellt und 
der allgemeinen Gesetzgebung des Landes unterworfen 
worden sind 1 ). 

An diese Maßnahmen der Regierung zur Hebung 
des Gewerbes schloß sich eine Regelung der Arbeits- 
löhne durch Höchstsätze an, zu der die Städte, in 
erster Reihe Amiens, den Anstoß gegeben haben. 
Um den übermäßigen Lohnforderungen der Feld- 
arbeiter und Weber zu begegnen, setzte der Rat von 
Amiens am 21. September 1349 unter Androhung 
einer Geldstrafe einen Tagelohn von drei Soliden nebst 
Verpflegung fest, der solange gezahlt werden soll, 
bis eine neue Verfügung seitens des maire und der 
echevins diesen Satz ändert 2 ). 

Erst im Februar des Jahres 1350 nahm König 
Johann der Gute zu den „schädigenden Lohnforderun- 
gen" der Arbeiter Stellung und setzte in einer Ver- 
ordnung über das allgemeine Polizeiwesen Höchst- 
sätze für verschiedene Arbeiterkategorien fest. Der 
König erklärt, daß er einer Erhöhung der Löhne zwar 
nicht abgeneigt sei, und gestattet sogar einen Aufschlag 



2 ) Durch die lettres patentes Karls VI. vom 27. Januar 
1383 wurden die Zünfte aufgehoben. (Lespinasse. No. IL) Wann 
die Wiederherstellung der Züntte erfolgte, sagt Fagniez. sei 
nicht genau bekannt, mit der Zunft der Fleischer zu Paris 
dürfte es bereits im Jahre 1388 der Fall gewesen sein. (Fagniez. 
De l'industrie ä Paris au moyen äge. S. 54.) 

3 ) Documents p. s. ä l'histoire du tiers etat. S. 546 



IMeunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 391 

von einem Drittel der früheren Lohnsätze, le tiers 
plus quils prenoient avant la mortalite, allein dies ist 
offenbar nicht aus Rücksicht auf das Steigen der 
Nachfrage nach Arbeitern geschehen, sondern viel- 
mehr wegen der neuen Münzausprägung, die eine 
Entwertung des Geldes zur Folge gehabt hatte. Daß 
dem in der Tat so war, geht aus den Briefen an den 
Senechal Beaucaire aus dem Jahre 1351 hervor. Im 
Verhältnis zum Kurswert des Geldes sollen die Löhne 
der gewerblichen und ländlichen Arbeiter und die 
Preise für Geflügel, Fische und sonstige Bedarfs- 
artikel festgesetzt werden 1 ). Durch eine andere Ver- 
ordnung vom 3. März 1351 an die Münzverwaltung 
schreibt der König unter Hinweis auf die Lebens- 
mittelteuerung, die offenbar auf die Münzver- 
schlechterung zurückzuführen ist, eine Erhöhung des 
Arbeitslohnes um einen Denar vor. Diese Verord- 
nungen über die Höchstsätze bezwecken also lediglich 
die Aufrechterhaltung der bisherigen Preise und Lohn- 
sätze und es wäre ein Irrtum zu glauben, daß die Ver- 
ordnungen in der Praxis keinen Erfolg gehabt haben. 
Die Regierung hat sogar, so oft Klagen über 
Zuwiderhandlungen vorgebracht wurden, wiederholt 
Zwang angewendet, um ihren "Willen durchzusetzen. 
Als in Troyes ein Streit darüber ausgebrochen war, 
ob die Flachsspinnerei, „das bedeutsame und ein- 
trägliche Gewerbe der Stadt und ihrer Vororte" darunter 
Schaden leidet, daß die Meister den Stücklohn für 
Strümpfe erhöht haben, nahm sich der König der 
Kläger an und befahl, daß nur der frühere Lohn, 
entsprechend den verordneten Höchstsätzen gezahlt 



M Mettre tous laboureurs et ouvriers k salaires et louages 
competens selon la ditte monnoye. (Ordonnances des rois de la 
3e race. Bd. II. S. 489.^ 



392 Neunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 

werden solle 1 ). Ein weiterer Beweis für die strenge 
Befolgung der Verordnung ist, daß die Zünfte bei der 
Abfassung neuer oder der Umänderung der alten Statuten 
aus dem Jahre 1350 die Bestimmung über die Höchst- 
lohnsätze mit aufgenommen haben. So bestimmen die 
Schneider zu Montpellier im Jahre 1351, daß alle 
Streitigkeiten über Lohnverhältnisse an ein Schieds- 
gericht zur Aburteilung gelangen sollen und daß der 
verklagte Arbeiter vor ihrer Erledigung von keinem 
Meister aufgenommen werden darf 2 ). Eine ähnliche 
Bestimmung haben die Besteckmacher zu R,ouen im 
Jahre 1402 eingeführt 3 ). Wenn der König Zulagen 
für die Arbeiter der Münzstätte zuläßt, so geschieht 
dies nur vorübergehend und stets unter Berufung auf 
die jeweiligen Orts- und Zeitverhältnisse 4 ). 

Hinsichtlich der Höhe der Lohnsätze macht die 
Verordnung aus dem Jahre 1350 einen Unterschied 
zwischen gewerblichen und Landarbeitern, den 
Pflügern, Winzern, Mähern, Schnittern, Dreschern, 
Pferdeknechten, Holzhauern, Kuh- und Schafhirten. 
Wegen des Mangels an Pflügern verbietet die Ver- 
ordnung (Titel 15 und 19) das Feld mit dem Spaten 
zu bestellen, mit Ausnahme hügeligen und umzäunten 
Landes. Sonst ist vom Lohne der Pflüger keine 
Rede, offenbar weil in Frankreich diese Arbeiten 
noch zu den Frondiensten gehörten. Ein einziges Mal 
werden noch Akkordarbeiter, qui ont prins et pren- 
dront terres ä faire en täche, erwähnt, die das Feld 
für die Sommersaat ein Mal und für die Wintersaat 
vier Mal beackern und einen Lohn von vierundzwanzig, 
und acht bis sechs Soliden bei sandigem Boden, vom 

1 ) Arch. Nat. J. J. 80. Fol. 161. V°. No. 199. 

2 ) ibid. J. J. 80. Fol. 315 No. 463. 

3 ) Ouin Lacroix. S. 655. 

4 ) Ordonnances des rois de la 3e race. Bd. II. S. 490. 510. 



Neunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 393 

Arpent erhalten sollen. Einen niedrigeren Lohn als 
diesen zu zahlen ist gestattet, wer aber einen höheren 
zahlt, unterliegt einer Strafe von sechzig Soliden, von 
denen ein Sechstel dem Angeber zufällt. 

Für die Weinbauer ist bis Mitte Februar des 
Jahres 1350 der bisherige Lohn, d. h. achtzehn Denare 
für Weinleser und zwölf für sonstige Arbeiter bei 
Verpflegung beibehalten; vom Februar aber bis April 
erhalten sie bei einer Arbeitszeit von Sonnenaufgang 
bis zu Sonnenuntergang einen Zuschlag von zwölf 
Denaren, aber keine Verpflegung; bei kürzerer Arbeits- 
zeit ist auch der Lohn geringer. Frauen erhalten bis 
zum 4. Februar, d. h. bis zum chandeleur acht mit 
und von da bis August zwölf Denare ohne Verpflegung. 
Auch Stücklöhner sind vorhanden, es sind dies die 
vignerons, die am Montag, Dienstag und Sonnabend 
für den Grundherrn arbeiten und für jeden Arpent 
einen Aufschlag von einem Drittel auf den früheren 
Lohn erhalten sollen. 

An den anderen Tagen der Woche dürfen sie 
für sich und auf anderen Weinbergen arbeiten oder 
sie begeben sich, um Arbeit zu suchen, auf die places 
acoustumees. Wer ein Arbeitsangebot zurückweist, 
unter dem Vorgeben anderweitige Verpflichtungen zu 
haben, soll festgenommen und dem Gericht übergeben 
werden. 

Für einen Sämann von Mitte Februar bis Ende 
April und für einen Schnitter ist je ein Tagelohn von 
zwei Soliden und sechs Denaren nebst freier Kost 
festgesetzt. Ein Mäher eines mit Hafer bestellten 
Feldes erhält einen Stücklohn von vier sous vom 
Arpent und achtzehn denare für je zweiundzwanzig 
Pertica im Quadrat. Zuwiderhandelnden werden Strafen 
angedroht. Die Drescher arbeiten von Remigius 
bis Ostern gegen einen Tagelohn von achtzehn denaren 



394 JSIeunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr 

oder gegen einen Stücklohn von zwölf sous für den 
modius Roggen, Gerste und Weizen und acht sous 
für den modius Hafer oder aber gegen ein Zwanzigstel 
des gedroschenen Getreides, während die Müller ein 
Zwölftel erhalten. Die früheren Abmachungen zwischen 
den Bauern und den Dreschern sollen Gültigkeit be- 
halten, insoweit sie den neuen Bestimmungen nicht 
widersprechen. 

Für landwirtschaftliche Hilfsarbeiter endlich, wie 
Kärrner, ist ein Tagelohn von acht, für Fuhrleute 
zur Zeit der Heu- und Getreidemahd ein solcher von 
zwölf bei einem Gespann von zwei Pferden, und acht- 
zehn denare bei drei Pferden oder ein Stücklohn von 
vier sous und vom Tage Aller Heiligen bis zum ersten 
März ein solcher von fünf sous festgesetzt. Wer einen 
höheren Lohn zahlt, unterliegt einer Strafe, nicht 
aber derjenige, qui meilleur marche en pourra avoir 
s'il le prengne, der ein billigeres Angebot annimmt. 

Die Verordnung unterscheidet zwischen Hirten, 
die das Vieh auf der Allmend, und solchen, die es auf 
dem Lande des Besitzers weiden, und bestimmt für 
die ersteren einen Jahreslohn von fünfzig und für die 
anderen einen solchen von siebzig sous; alle not- 
wendigen Ausgaben, die nicht größer sein dürfen, als 
vor der Pest, hat der Besitzer zu tragen. Erhält der 
Hirt seinen Lohn zum Teil in Geld und zum Teil in 
Naturalien, so ist jetzt nicht mehr als ein Drittel mehr 
zu zahlen. 

Eine gleiche Zulage ist auch den Holzfällern und 
Fuhrleuten zu gewähren, die vom Martinstage bis zum 
Johannestage sechzig und von da ab achtzig sous oder 
einen Tagelohn von sechs denaren im Winter und acht 
denaren im Sommer mit Verpflegung erhalten sollen. 

Für die halb ländlichen, halb städtischen Hand- 
werker, die ihre Rohstoffe meist vom Lande beziehen, 



Neunt. Kap.: D. wirt>eh. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 395 

wie Schmiede, Sattler, Wagner u. a. m. ist eine Er- 
höhung des Lohnes um ein Drittel, für Mägde, 
Melkerinnen und Ammen ein Jahreslohn von fünfzig 
Soliden nebst dem nötigen Schuhwerk und das Doppelte 
für Ammen, die das Kind in ihrer Behausung stillen, 
festgesetzt. Für eine Dienstvermittlung hat jede Partei 
zwei sous zu zahlen. In Paris und anderen größeren 
Städten bestanden also bereits Vermittler für weib- 
liche Dienstboten. Bei den ländlich-städtischen Be- 
rufen setzt die Verordnung den Lohn für einzelne 
Arbeiten, so für die Herstellung eines Pfluges zehn, 
einer Egge zwei, eines Wagens ohne Eisenbeschlag 
zehn und mit einem solchen sechzehn, eines Pflug- 
geschirrs fünf und eines Sattels acht bis zwölf solidi. fest. 

Der Tagelohn der Maurer, Dachdecker und Zimmer- 
leute ist im Sommer höher als im Winter, und beträgt 
für einen Meister zehn bis zwölf denare mehr als für 
einen Gesellen. Der Höchstsatz ist in den Städten 
vom Martinstag bis Ostern sechsundzwanzig und von 
da ab zweiunddreißig Denare. 

Für eine Reihe von Arbeitern, wie Handschuh- 
macher, Maler von Heiligenbildern, Wasserträger *) 
und allerhand Fuhrleute 2 ), ist im Titel 58 der Ver- 
ordnung eine Erhöhung des Lohnes um ein Drittel 
vorgesehen. Bei einzelnen Berufen mit vorherrschen- 
dem Stücklohn ist dieser nach Höchstsätzen geregelt 
und beträgt für ein Paar Männorschuhe sechs und für 
ein Paar Frauenschuhe vier denare, für ein Oberkleid 
mit Taille, cotte, ein eng anschließendes, surcotte, und 
ein solches mit Kapuze, chaperon, fünf und für eine 
Hose zwei bis drei Soliden. 

Da für Frauenkleider wegen der Verschiedenheit 
der Ansprüche und der Abweichungen von der com- 



J ) Titel 58. - 2 ) Titel 48. 



396 Neunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 

mune et ancienne guise ein einheitlicher Preis nicht 
gut im voraus festgesetzt werden kann, so möge 
dieser, empfiehlt die Verordnung, möglichst billig be- 
rechnet werden, il en prendra le meilleur marche qu'il 
pourra. Dagegen wird der Werklohn der Weiß- 
näherinnen für ein Frauenhemd auf vier und für ein 
Männerhemd auf acht denare und der der Kürschner 
für einen Schafpelz und Mütze auf zwei solidi festgesetzt. 

Sehr eingehend handelt die Verordnung von den 
Wollenwebern und Gerbern. Der Lohn der Scherer be- 
trägt vier bis fünf denare von jeder aune, der der 
Gerber zwölf solidi für das Dutzend Corduanfelle. 
Gestützt auf das Gutachten vereidigter Gerber, daß 
das flandrische Leder ebenso gut und vorteilhaft sei, 
wie das spanische, hebt die Regierung das bisherige 
Verbot für jenes auf und setzt für das Gerben einen 
niedrigeren Lohn fest. 

Für die einzelnen Lebensmittel werden folgende 
Preise verordnet: für ein Roggenbrot ein und für ein 
Weizenbrot zwei denare; das erstere soll bei einem 
Kornpreis von vierzig soliden für den Sester ein Ge- 
wicht von acht, bei einem Preis von achtunddreißig 
soliden achteinhalb, bei vierunddreißig soliden neun 
Unzen u. s. f., endlich bei einem Kornpreis von vier- 
undzwanzig soliden ein Gewicht von dreizehn Unzen 
haben. Diese gleitende Skala, die bereits im Jahre 1311 
eingeführt worden ist, sollte ungeachtet der infolge 
der Pest eingetretenen wirtschaftlichen Notlage auch 
ferner in voller Kraft fortbestehen 1 ). 

Der Gewinn der Kaufleute darf nicht mehr als 
zwei solidi auf den livre 2 ) und der Aufschlag auf 
eigene gewerbliche Erzeugnisse nicht mehr als ein 
Drittel des früheren Preises betragen. 



Titel II und III. - 2 ) Titel 55. 



Neunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 397 

Die Regierung behält sich vor, die so verordneten 
Preis- und Lohntaxen erforderlichenfalls durch Bevoll- 
mächtigte zu ändern l ). 

Ähnliche Maßregeln zur Bekämpfung übermäßiger 
Lohnforderungen und der Lebensmittelteuerung, die 
durch die neue Münzprägung hervorgerufen sein sollte, 
hat die Gräfin von Hainaut, Margarethe, am 7. Juli 
1354 ergriffen. Aber die Münzverschlechterung 
dürfte nicht die einzige Ursache gewesen sein ; der 
wirtschaftliche Rückgang, über den die Herrscherin 
klagt, ist wohl eher auf die großen Menschenverluste 
während der Pest zurückzuführen. Unter Androhung 
von Strafen fordert sie alle Handwerker, Hilfsarbeiter 
und Knechte auf, mit den festgesetzten Löhnen zufrieden 
zu sein. Eine wirksame Durchführung des Grundsatzes 
des justum precium setzt offenbar eine gleichzeitige 
Regelung des Unternebmergewinnes, des Arbeitslohnes 
und der Lebensmittelpreise voraus. Und so beauftragt 
denn die Regierung die Richter der einzelnen Städte 
und Ortschaften, nach Maßgabe der Ortsverhältnisse 
und im Interesse der Gesamtheit gerechte Preise für 
Brot, Fleisch, Fische, Bier, "Wein, Geflügel, Eier, 
Butter, Käse und andere Lebensmittel festzusetzen, 
que toutes denrees de vivres etc. soient vendues ä 
raisonnable fuer tel que li commun peuple s'en tiengne 
pour contens. Für die Löhne aber, wenigstens in 
den wichtigsten Zweigen der Wirtschaft, will die Re- 
gierung selbst Vorschriften erlassen. 

Die obrigkeitlichen Lohnsätze für einzelne Ge- 
werbszweige hier aufzuführen, ist jedoch zwecklos, 
da wir weder die Lohnhöhe in der Zeit vor der Pest 
des Jahres 1348 in Hainaut, noch die Art und Weise 
der neu vorgenommenen Münzprägung kennen. Wir 

J ) Titel 65. 



398 Neunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 

müssen uns deshalb zur Ergänzung unserer Aus- 
führungen auf die Betrachtung der allgemeinen Lage 
der freien Lohnarbeit beschränken. Die obrigkeitliche 
Regelung geht dahin, den Anteil des Arbeiters auf 
ein Drittel oder auf die Hälfte des Lohnes, den der 
Unternehmer erzielt, herabzumindern, so daß bei einem 
Tagelohn des Maurermeisters von drei soliden dem 
Arbeiter, manouvrier, fünfzehn denare zufließen sollen. 
Etwas höher ist der Anteil des Arbeiters bei den 
Zimmerleuten und Dachdeckern : er bewegt sich zwischen 
fünfzehn und zwölf denaren entsprechend den Höchst- 
und Mindestsätzen von zwei soliden sechs denaren 
und zwei soliden des Meisterlohnes. Diese Anteile 
sind für jeden Lohnarbeiter, manouvrier, qui ceuvrent 
de bras, wie auch für einen Knecht, garcon, maß- 
gebend. Der Lohn des ersteren beträgt fünfzehn 
denare ohne Verpflegung, sans despens und ist um 
ein Fünftel höher als der des Knechtes, offenbar in 
Rücksicht auf die Verschiedenheit der Preise der 
Lebensmittel in der Stadt und auf dem Lande. Schnitte- 
rinnen und Drescherinnen erhalten ein Viertel weniger 
als männliche Arbeiter, d. h. neun gegenüber zwölf 
denaren. Bei dringenden Feldarbeiten ist auch der 
Lohn höher und beträgt ohne Beköstigung für 
einen Sämann zwei solidi, für eine Frau achtzehn denare 
und für einen Mäher drei solidi bis drei solidi und 
sechs denare. Alle anderen Arbeiter, wie Kuh-, Schaf- 
und Schweinehirten und Knechte stehen im Jahres- 
lohn und erhalten vierzig bis sechzig solidi drei Mal 
im Jahre: je am Tage Johannes des Täufers, des 
Christophorus und des Paulus. Im Handwerk kommt 
vielfach der Stücklohn vor. Der Höchstsatz für das 
Beschlagen eines Pferdes stellt sich auf zwölf denare 
für jedes Hufeisen. Bei den Schuhmachern undSchneidern 
darf der tägliche Stücklohn eines Hilfsarbeiters und 



Neunt. Kap.: D. wirtsch. Folg. d. schwarz. Tod. in Frankr. 399 

eines Gesellen zwölf bezw. achtzehn denare nicht 
übersteigen. 

Um die Arbeiter von höheren Lohnforderungen 
abzuhalten, wird ihnen das Tragen seidener Kleider 
und Pelze, wie Hermelin, verboten. Der Stücklohn 
für einen Webergesellen steigt im Verhältnis zur 
Güte und Länge des Tuches von drei bis auf fünf- 
zehn denare täglich nebst Beköstigung, (et ses despens 
raisonnables). Der- Werklohn, der im Jahre 1354 für 
Schuhmacher und Schneider festgesetzt wurde, be- 
trägt zwei soliden für ein gewöhnliches und dreieinhalb 
für ein besseres Paar Schuhe, viereinhalb soliden für 
einen Männeranzug, sechs bis acht für ein Frau- 
enkleid und drei und dreieinhalb soliden für eine 
Männer- oder Frauenjacke mit Kapuze. Der Stück- 
lohn für die Herstellung von Leinwand wird nach dem 
Gewicht der Stücke berechnet und beträgt achtund- 
zwanzig denare für acht bis neun Pfund, drei soliden 
für zehn, vierzig denare für elf und vier soliden und 
sechs denare für zwölf Pfund; für Kopftücher, teliers 
de couvres chiefs de laine, die in Mons zum Absatz 
nach Flandern hergestellt werden, erhält der Arbeiter 
für sechs Stück, je nach ihrem Gewicht sechs bis 
zwanzig denare 1 ). 

Soviel über die wirtschaftlichen Folgen des 
schwarzen Todes in Frankreich. Gehen wir nunmehr 
zu England und Deutschland über. 



1 ) Ordonnance de Marguerite comtesse de Hainaut, de 
Hollande, de Zelande et dame de Frise, reglant le taux de sa- 
laires, le prix des objets de consomrnation et Phabilleinent des 
gens de Service. (Cartulaire des comtes du Hainaut, publie par 
Leopold Devillers. 7. Juillet 1354. S. 410. No. DCLX ) 



400 Zehnt. Kap.: D. wirtschaftl. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 

Zehntes Kapitel. 

Die wirtschaftlichen Folgen des schwarzen 
Todes in England. 

In keinem anderen Lande sind der Verlauf und 
die Folgen des schwarzen Todes so eingehend unter- 
sucht worden, wie in England. Eine Reihe von Na- 
tionalökonomen mit Thorold Rogers und Seebohm an 
der Spitze hat diesen Gegenstand zu dem volkstüm- 
lichsten der englischen Geschichtsschreibung ge- 
macht und die Arbeiten von Creighton und dem Je- 
suiten Gasquet haben das zu Gebot stehende Quellen- 
material mehr oder weniger vollständig erschöpft. 
Trotzdem sind die ziffermäßigen Angaben über den 
Menschenverlust vom Standpunkt der heutigen Sta- 
tistik der ansteckenden Krankheiten noch immer nicht 
ganz einwandfrei. 

Da im XIV. Jahrhundert von einer wirklichen 
Statistik der Geburten und Sterbefälle nicht die Rede 
sein kann, so müssen wir auf Umwegen, an der Hand 
der Zahl der Überlebenden in der zweiten Hälfte 
dieses Jahrhunderts, die Zahl der Gestorbenen fest- 
zustellen versuchen. 

Eine sichere Berechnung scheitert vor allem an 
dem Mangel an genauen Angaben über die Größe 
der Bevölkerung zur Zeit des Ausbruches der Pest. 
Man hat zwar in der letzten Zeit versucht, für das 
XII. Jahrhundert sich mit dem Domesdaybook Wilhelms 
des Eroberers zu helfen, aber dieses Register, das drei 
Jahrhunderte vor der Pest zurückliegt, gibt nicht die 
Zahl der Bevölkerung, sondern, und auch nur unvoll- 
ständig, die Zahl der Höfe an, so daß die Ziffer von 
anderthalb Millionen Landbebauern, die für die Zeit 
Eduard des Bekenners und Wilhelm I. gewöhnlich 
angenommen wird, die Größe der Gesamtbevölkerung 



Zehnt. Kap.: D. Wirtschaft!. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 401 

keineswegs ausdrückt. Da London, Northumberland, 
Cumberland, Durham, Westmoreland und Lancashire 
im Domesdaybook nicht erwähnt sind, so glauben See- 
bohm und seine Anhänger, jene Ziffer um 600000 
Köpfe erhöhen zu können; sie sind aber den Beweis 
für diese Behauptung schuldig geblieben. 

Sodann hat Paul Fabre aus Lille den Versuch 
gemacht, nach dem liber censuum, in dem die Steuer- 
summe des „Denarius S. Petri" angegeben ist, den 
Bevölkerungsbestand Englands ein Jahrhundert nach 
der Eroberung (1164) festzustellen. Die Erhebung 
dieser Abgabe lag seit Innocenz III. in den Händen 
der Bischöfe, die doch einen Teil der Eingänge, deren 
Größe wir allerdings nicht kennen, für sich behalten 
haben werden. Jedenfalls dürften die Abgaben nicht 
willkürlich erhoben worden sein, vielmehr muß ihre 
Summe in einem bestimmten Verhältnis zur Zahl der 
Steuerzahler gestanden haben, und so ist es denn von 
Interesse, hervorzuheben, wie sich die erhobenen zwei- 
hundert livres gleich 48000 denaren oder 12265 Mark 
60 Pf. nach heutigem Gelde 1 ) auf die verschiedenen 
Bistümer verteilt haben. So war Lincoln mit 42, Norwich 
mit 21 livres 10 soliden, Winchester mit 17 1. 6 sol., 
Salisbury mit 17 1., London mit 16 1. 10 sol., Bath mit 
11 1. 5 sol. und York mit 11 1. 10 sol., Coventry und 
Wigorn mit je 10 l. 5 sol., Exeter mit 9 1. 5 sol., 
Chester mit 8 1., Canterbury mit 7 1. 18 sol., Hereford 
mit 6 1., ßougham mit 5 1. 12 sol. und Eeling mit nur 
5 1. vertreten. 

Im Jahre 1071 wurden nach Willielmus Filius 
Stephani aus unbekannten Gründen anstattder bisherigen 
freemen, die ein Jahreseinkommen von 30 Pfennigen 
aufwiesen, nur die hörige Bauernschaft zur Zahlung 

!) 1 Mark Silber = 245 gran fein = 160 denare. 1 Pfund 
= 240 den. = 3676,8 gran. 

Kovalewsky, Ökonomische Entwicklung' Europas. V. 2b 



402 Zehnt. Kap. : D. Wirtschaft! Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 

des Peterspfennigs herangezogen. Da die Abgabe von 
jedem Familienhaupt im Betrage von 1 den. zu leisten 
war, so können wir nach der Steuersumme von 48000 
denaren ermitteln, daß sie von ebenso vielen Bauern- 
höfen erhoben wurde. 

Nach dem Zeugnis des erwähnten Wilhelm, der 
Sekretär des Bischofs von Canterbury, Thomas Becket, 
gewesen ist, ließ Heinrich IL, der Becket mit Hilfe 
Alexanders III. abzusetzen trachtete, dem Papst durch 
Gesandte mitteilen, daß er bereit sei, weitere 1000 Pfund, 
die er von den Städten, Schlössern, Märkten und Dörfern 
erheben werde, beizutragen 1 ). 1000 Pfund sind 240000 
denaren gleich und diese bedeuten ebenso viele steuer- 
zahlende Höfe; fügen wir nun diese Zahl zu den 
48000 Bauernhöfen hinzu und multiplizieren die 
Summe mit 5, der Zahl der Familienglieder, so 
erhalten wir einen Bevölkerungsbestand von 1440000 
Köpfen. Diese Ziffer dürfte von der wirklichen ab- 
weichen, weil nach dem erwähnten Zeugnis bei weitem 
nicht die ganze Landbevölkerung die Abgabe geleistet 
hat und im Domesdaybook ihre Zahl viel höher an- 
gegeben ist. Selbst, wenn wir die Zahl der inzwischen 
freigelassenen Leibeigenen, die nicht sonderlich hoch 
gewesen sein dürfte, abziehen, so können wir doch 
immer für die Mitte des XII. Jahrhunderts eine Be- 



r ) In secreto domini pape auribus immurmurabant de 
archiepiscopi depositione, temptantes papam maximis prornissis, 
tandem etiam adiecto quod Denarium annuum Beati Petri qui 
nunc a solis ascriptis glebe (nee tarnen ab omnibus) datur in 
Anglia, rex fecerit et confirmaret in perpetuum ab omni habi- 
tatore terre, ab omni domo quo fumus exit, in urbibus, castris, 
burgis, villis, donari; cresceret quidem Romane ecclesie reditus 
in Anglia annuus preter quod modo est ad mille libras argenti. 
(Willielmi filii Stephani vita S. Thomae. cap. 65. Materials for 
the histy of Thomas Becket ed. by James Cragie Robertson. 
Bd. III. S. 14. Zeitschrift f. Soz.- u. Wirtschgesch. Bd. I. S. 150.) 



Zehnt. Kap.: T). wirtschaftl. Folg-, cl. schwarz. Tod. in Engl. 403 

Völkerungszahl von nicht weniger als einer halben 
Million annehmen. Eine Zahl von drei Millionen, die 
Fabre angibt, glauben wir abweisen zu sollen, weil 
er ihr eine Familie von 10 Köpfen zu Grunde legt, 
was ungerechtfertigt erscheint. 

Vermerke in den Wirtschaftsbüchern, wie diese: 
„Zur Erntezeit muss der ganze Bauernhof mit Aus- 
nahme der Hausfrau Fronarbeit leisten" und „Das 
Familienhaupt stellt noch einen Arbeiter", erfordern 
nicht den Schluss, daß der englische Bauernhof mehr 
als zwei Erwachsene gezählt usd die Größe einer 
Hauswirtschaft, wie die serbische Zadruga, gehabt habe. 
Aber auch das Minorat, borough english, das in allen 
Grafschaften mit Ausnahme von Kent mit seinem System 
des gavel kind, der gleichen Verteilung der Erbschaft, 
geherrscht hat, schließt die Annahme einer Hauswirt- 
schaft mit zehn Köpfen völlig aus. 

Die von uns einmal nach dem Doomesdaybook, 
dann aber auch nach dem Betrage des Denarius Petri 
berechneten Zahlen stimmen miteinander überein, was 
sich aus den Menschenverlusten erklärt, die England 
während der Hungerjahre des XI. und XII. Jahr- 
hunderts 1 ) und der inneren Kriege zwischen Stephan 
und Mathilda erlitten hat. Fragen wir aber, wie groß 
die Zunahme des Bevölkerung vom XII. bis zur 
Mitte des XIV. Jahrhunderts, d. h. innerhalb eines 
Zeitraumes von anderthalb Jahrhunderten inneren 
Friedens und Wohlstandes, gewesen ist, so ersehen 
wir zunächst aus der Tabelle von Creighton, daß die 

i) In den Jahren 1093, 1095—1097, 1103—1105 herrschten 
Hungersnot, Seuchen, strenge Winterkälte und Überschwem- 
mungen, in den Jahren 1110—1112 Hungersnot und Pest, im 
Jahre 1125 Hungersnot und in den Jahren 1137 und 1140 brach 
infolge der inneren Kämpfe wiederum eine Hungernot aus. 
(Creighton. A history of epidemies in England. Chronology of 

famine-pestilences. S. 16.) 

26* 



404 Zehnt. Kap.: D. Wirtschaft]. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 

zweite Hälfte des XII. Jahrhunderts, wenn wir von 
örtlichen Mißernten und Teuerungen absehen, sechs 
Hungerjahre mit großer Sterblichkeit und nur ein 
Pestjahr aufweist 1 ). 

Während des XIII. Jahrhunderts war das Land 
von einer Pest heimgesucht, die in dem Jahre 1201 
und 1271 etliche Monate und im Jahre 1247 von 
September bis November gedauert hat; in den Jahren 
1205, 1257—1259, 1271 und 1294 litt es unter Miß- 
ernten, im Jahre 1316 herrschte eine fieberartige 
Krankheit und in den Jahren 1315, 1316 und 1322 
eine Hungersnot 2 ). 

Hieraus geht hervor,, daß die zwei Jahrhunderte 
von der Zeit Heinrichs IL bis zum Ausbruch des 
schwarzen Todes für das Wachstum der Bevölkerung 
wenig günstig gewesen sind. Im Vergleich aber 
mit der Zeit des hundertjährigen Krieges mit Frank- 
reich, der häufig wiederkehrenden Pest, des Bauernauf- 
standes und der inneren Kämpfe zwischen der Weißen 
und der Roten Rose kann man die Regierungszeit 
Heinrichs III. und die der Eduarde als eine Zeit ruhiger 
und stetiger Entwicklung der Bevölkerung ansehen. 
Da nun das Zeitalter, mit dem wir uns beschäftigen, Aus- 
wanderungen, religiöse Kriege und Kolonialgründungen 
in Irland, Nordfrankreich und außerhalb Europas, 
wie sie die späteren Jahrhunderte mit sich bringen, 
nicht gekannt hat, so dürfte doch die Bevölkerung 
in diesem Zeitabschnitte im Vergleiche zu der Zeit 
Wilhelms I. und Heinrichs IL um das doppelte ge- 
stiegen sein. Da wir aber für die Größe der Be- 
völkerung in der Zeit vor der Pest keinerlei direkte 

: ) Im Jahre 1175 herrschten Typhus und Hungersnot, im 
Jahre 1189 Hungersnot und eine große Sterblichkeit und in den 
Jahren 1194- -1197 Teuerung und wiederum eine große Sterb- 
lichkeit. 

2 ) ibid. S. 17. 



Zehnt. Kap.: I). wirtschaftl. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 405 

Zeugnisse besitzen, so wollen wir hierfür die Methode 
Rogers, des bekannten Geschichtsschreibers der Land- 
wirtschaft Englands anwenden und sie an der Hand 
der Produktion, der Einfuhr und des Verbrauches 
von Getreide zu ermitteln suchen. In der Mitte des 
XIV. Jahrhunderts war der Ackerbau noch nicht von 
der Schafzucht verdrängt. England erzeugte genügend 
Wolle für seinen eigenen Bedarf, sogar auch noch für 
den Absatz nach auswärts, und für die sich langsam ent- 
wickelnde Schafzucht reichte noch das vorhandene 
Weideland aus. Seiner Ausdehnung aber auf Kosten des 
Ackerlandes stand das bäuerliche Anteilsystem und 
die Fruchtwechselwirtschaft, an der nicht gerüttelt 
werden durfte, entgegen. Daß aber der Getreidebau 
eine Erweiterung erfahren hat, geht daraus hervor, 
daß die Zweifelderwirtschaft, wie sie noch für das 
XII. und XIII. Jahrhundert von den Wirtschafts- 
büchern bezeugt und von Walter Henley und seinem 
Anhänger Fleta erwähnt wird, in der Mitte des 
XIV. Jahrhunderts mit Ausnahme weniger Reste 
in Wales und Schottland bereits verschwunden war. 
Dieser Übergang setzt seinerseits eine erhöhte Zu- 
nahme der Bevölkerung voraus, die wir auch an der 
Hand des bestellten Ackerlandes, der mittleren Pro- 
duktion und des Verbrauches von Getreide festzu- 
stellen in der Lage sind. Im XIV. Jahrhundert be- 
fanden sich nach den Berechnungen Rogers im An- 
bau von den heutigen dreiundzwanzig nur zehn 
Millionen Acres, von denen drei mit Weizen bestellt 
waren, die einen durchschnittlichen Ertrag von acht 
Bushel vom Acre lieferten, einen Ertrag, der bei 
der überwiegenden pflanzlichen Nahrung und dem 
Fehlen eines Gartenbaues im XIV. Jahrhundert kaum 
für den Unterhalt eines Menschen innerhalb eines 
Jahres ausreicht. Nach Abzug eines Sechstels des 



406 Zehnt. Kap.: D. Wirtschaft]. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 

Ertrages für die Saat findet nun Rogers, daß die 
übrigen 2V2 Millionen Acres Weizenland dem Bedarf 
einer Bevölkerung von ebenso vielen Millionen, die 
England gehabt haben soll, entsprochen hat 1 ). 

Diese Berechnung ist aber offenbar nicht ganz 
einwandfrei. Daß nur die Hälfte der heutigen Fläche 
ausgenutzt wurde, ist kaum anzunehmen, machten 
doch die Wälder und das Weideland nach Angaben 
der Wirtschaftsbücher nicht mehr als den vierten 
Teil des herrschaftlichen Grund und Bodens aus. 
Wenn auch ferner der größte Teil des Hafer-, Roggen- 
und Gersteertrages für die Bierbereitung und für Vieh- 
futter verwendet wurde, so müßte doch ein gewisser Teil 
menschlicher Nahrung gedient haben. Wir glauben 
also, mit Seebohm im Gegensatz zu Rogers annehmen 
zu sollen, daß der Getreideverbrauch anderthalb, 
wenn nicht zwei Mal so groß war, als oben erwähnt. 

Demnach dürfte die Bevölkerung Englands vor- 
dem Ausbruch der Pest vier bis fünf Millionen Menschen 
betragen haben 2 ). 

An der Hand einer Hausliste, die 30 Jahre nach dem 
schwarzen Tode zwecks einer Steuerumlegung aufge- 
nommen wurde und die Minderjährige bis zum 14. Lebens- 
jahre nicht berücksichtigte, berechnet Rogers die Zahl der 
Steuerzahler auf 1V2 Mill. Köpfe. Machten die Minder- 
jährigen den dritten Teil aus, so dürfte die Gesamt- 
bevölkerung 2 Mill. Menschen betragen haben. Da 
aber die Grafschaften Durham und Cheshire, wie 
Seebohm anführte, in der Liste fehlen, so dürfte 
die Bevölkerung in Wirklichkeit erheblich größer an 



1 ) Thorold Rogers. The economic Interpretation of history. 
S. 157. 

2 ) Seebohm. The land question. Fortnightly Review. Jan. 
1870. S. 217. 



Zehnt. Kap.: D. Wirtschaft!. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 407 

Zahl gewesen sein und gut 2 bis 2V2 Mill. betragen 
haben 1 ). Ist dein so, so müßte der Menschenverlust ein 
Drittel bis die Hälfte der Einwohnerschaft ausgemacht 
haben. Rogers und Seebohm nehmen ein Drittel an, aber 
nach einzelnen Zeugnissen, so den Urkunden über die von 
den Bischöfen neu verliehenen Benefizien, deren Zahl 
nach dem schwarzen Tode doppelt so groß als früher 
war, dürfte der Verlust die Hälfte der Bevölkerung be- 
tragen haben. Durch die Bearbeitung dieser Quellen hin- 
sichtlich der Sterblichkeit innerhalb der Geistlichkeit, 
die wegen des Verkehrs mit Kranken der Lebens- 
gefahr ganz besonders ausgesetzt gewesen ist, haben 
Bloomfield, Seebohm, Jessop und nach ihnen G-asquet 
die englische Geschichtsschreibung mit sehr wert- 
vollem Material bereichert. Leider umfaßt die bischöfli- 
che Liste der Verleihungen nicht alle Kreise der 
Geistlichkeit. Der größte Teil dieser, nach Jessop 
die Hälfte, nach Gasquet sogar vier Fünftel, war von 
den Verleihungen ausgeschlossen 2 ). 

Da aber diese einfachen Priester und Mönche 
weit häufiger in Berührung mit den Kranken kamen, 
als die Pfründner, so dürfte eben unter ihnen die 
größte Sterblichkeit geherrscht haben, und dies werden 
wir unten bei der Zahl der gestorbenen Pfründner 
zu berücksichtigen haben. 

Die weitere Unvollständigkeit der erwähnten 
Quellen, in denen mehrere Grafschaften und Kirchen- 
sprengel fehlen, macht es unmöglich, an der Hand 
der Liste der Verleihungen die Gesamtzahl der ge- 
storbenen Pfründner festzustellen. 

Nach den soeben erwähnten Zeugnissen, zählte 
Glastonbury vor der Pest achtzig, im Jahre 1377 nur 



l ) Seebohm. The population of England before the Black 
Death. Fortnightly Eeview 1866. Rogers. The econ. interpret. 
S. 157. 2 ) Gasquet. The Great Pestilence. S. 76. 



408 Zehnt. Kap. : D. Wirtschaft! Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 

vierundvierzig Mönche, es war also beinahe die Hälfte 
mit Tode abgegangen; Bath dreißig im Jahre 1344 und 
fünfzehn im Jahre 1377 *); in Saint Alban sind von 
hundert Mönchen, die im 13. Jahrhundert vorhanden 
waren, neunundvierzig im Jahre 1349 gestorben 2 ). 

Ebenso erheblich waren die Verluste unter den 
geistlichen Pfründnern. In Buckingham sind von 
den 180 Pfründen im XIV. Jahrhundert 83, im 
Jahre 1349 infolge des Todes der Inhaber in andere 
Hände übergegangen 3 ); in Worcester wechselten von 
138, 67 ihren Besitzer 4 ); in Huntingdon fanden im 
XIV. Jahrhundert 281 und nach der Pest 131 Ver- 
leihungen statt 5 ) in Nottinghamshire blieben, wie 
Seebohm nachweist, von 126 Pfründen 65, d. i. etwa 
die Hälfte, unbesetzt 6 ); von den 580 Pfründen in der 
Grafschaft York, die der Abteien und Krankenhäuser 
inbegriffen, sind im westlichen Teil im Jahre 1349 
141, darunter 96 infolge Todes der Besitzer, wie 
ausdrücklich vermerkt wird , neu verliehen worden, 
im östlichen Teil sind 65 Pfründner gestorben und 61 
am Leben geblieben, während im mittleren Teil mit 
Doncaster von 56 Pfründen 30 ihren Besitzer ge- 
wechselt haben. In der ganzen Grafschaft sind ins- 
gesamt 235Pfründen, also die Hälfte aller Verleihungen, 
in neue Hände übergegangen 7 ). 

Seebohm hat bereits im Jahre 1865 nachgewiesen, 
daß in Norwich nach der Pest 527 Pfründen unbesetzt 
und nur 272 Pfründner am Leben geblieben sind 8 ) 
und nach Jessop haben in Ost-England allein 108 
Sprengel ihre Vorsteher an der Pest verloren 9 ) 



!) ibid. S. 85. — -) ibid. S. 215. — 3 ) ibid S. 101. — 4 ) ibid. 
S. 121. — 5 ) ibid. S. 137. — 6 ) Fortnightly Review. Sept. 1865. 
S. 150. — 7 ) ibid. S. 151. — 8 ) ibid. S. 150. — 9 ) The Black 
Death in East Anglia. Nineteenth Century. April 1885. S. 600. 



Zehnt. Kap.: D. Wirtschaft'. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 409 

Dieser Nachweis ist viel überzeugender als die 
Berechnungen von Gasquet, der die Zahl von 5000 
freigewordenen Pfründen aufstellt 1 ). Abgesehen von 
seiner Bedenklichkeit läßt dieses Ergebnis gar keinen 
Schluß auf die Gesamtzahl der gestorbenen Geistlichen 
zu, es sei denn, daß man diese nach den Vermutungen 
Gasquets der fünffachen Zahl der überlebenden 
Pfründner gleichsetzt und dann den ziffermässigen 
Anteil der Geistlichkeit an der Gesamtbevölkerung 
berechnet, wofür wir aber gar keine Anhaltspunkte be- 
sitzen. Anders aber, wenn wirfür unsern Zweck die Nach- 
richten aus einzelnen Städten und Grundherrschaften 
heranziehen, die Hinweise auf die Sterblichkeit unter 
den anderen Volksschichten enthalten. Wir meinen 
einerseits die Klagen der königlichen Verordnung, 
des Parlaments und der Grundherrschaften über die Ver- 
doppelung der Lohnforderungen der Landarbeiter 2 ) und 
anderseits die Fälle, in denen einzelne Gutsbesitzer 
die früheren Pachten um ein Drittel herabgesetzt 
haben. Diese Zeugnisse, so verschieden sie sind, 
schließen sich gegenseitig nicht aus. Bei der ver- 
änderten Lage in Bezug auf Nachfrage und Angebot ent- 
brannte zwischen Käufer und Verkäufer der Kampf. Die 
Arbeiter, deren Zahl sich vermindert hatte, suchten 
günstigere Bedingungen zu erwirken und die Gutsbe- 
sitzer, deren unbesetzte Ländereien sich vermehrt 
hatten, waren gezwungen, Zugeständnisse zu machen, 
und so bestanden die ersteren auf den doppelten 
Lohn und die zweiten setzten die Pachten um ein 
Drittel herab. Diese zwei Grenzsätze waren aber 
nicht willkürlich, sondern vielmehr durch die Folgen 



1 ) The great pestilence. S. 215. 216. 

2 ) The immediate effect of the scarcity of hands was to 
nearly double the wages of labour for the time beeing. (Oreighton. 
S. 140.) 



4 1 Zehnt. Kap. : D. Wirtschaft]. Folg. d. schwarz. Tod in Engl. 

der Pest bedingt. Den Forderungen der Arbeiter 
entsprach ein Verlust der Hälfte an Menschen gegen- 
über ihrer früheren Anzahl und dem Angebot der 
Grundbesitzer ein Verlust von einem Drittel der Pächter. 
Die Regierung rechnete ebenso, wenn sie die Abgaben 
einzelner Städte um ein Drittel, selten um mehr, 
herabsetzte. Das richtige Maß der Verluste, wie wir 
es an der Hand einzelner Zeugnisse feststellen können, 
dürfte jedoch in der Mitte zwischen jenen Zahlen zu 
suchen sein. 

Wenden wir uns nun den Hauslisten, Steuerrollen, 
Bittschriften und Chroniken zu, aus denen die Folgen 
des schwarzen Todes an einzelnen Orten ersichtlich 
werden. Seebohm und Jessop. die diese Zeugnisse 
verwertet haben, zeigen, daß an einzelnen Orten von 
Buckinghamshire und Norfolk mehrere hundert Acres 
Land ihre Besitzer durch die Pest verloren haben und 
von 111 bäuerlichen Hauswirtschaften 42 ausgestorben 
sind 1 ). 

In Bristol setzte die Obrigkeit im Jahre 1349 die 
Steuersumme von 245 livres auf 158 herab, was offenbar 
einem Menschenverlust von einem Drittel der Einwohner- 
schaft entspricht. 2 ) Der Chronist von Rochester, der Mönch 
"William Dean, berichtet, daß infolge der großen Men- 
schenverluste unter der Landbevölkerung mindestens ein 
Drittel des Ackerlandes unbestellt blieb. Dies gilt 
auch von der Grafschaft Kent, zu der die Ländereien 
der Abtei von Rochester gehört haben. In Winchelsea 
und Rye gingen die Summen der Abgaben von £ 11. 
17 V2 sh. auf £ 8. 1 sh. herab. 3 ) Im April des Jahres 
1350 bemühte sich der Pächter Thomas Clopton vom 



1 ) Augustus Jessop. The Black Death in East Anglia. 
Nineteenth Century. Dez. 1884. 

2 ) ibid. S. 86. — 3) ibid. S. 115. 



2> 



Zehnt. Kap.: D. Wirtschaft]. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 41 { 

Könige, an den das Gut des Grafen Pembroke im 
Herzogtum Wales übergegangen war, eine Herab- 
setzung der Pacht von 340 livres auf 200, d. h. um 
ein Drittel zu erreichen. *) Der Verwalter der kirchlichen 
Güter im Bistum Worcester meldet im November des 
Jahres 1349, daß 84, d. h. mehr als die Hälfte der 
140 livres Pachtgelder nicht eingegangen seien. In 
diesem Teile des Landes hatte die Sterblichkeit ein 
ungewöhnlich hohes Maß erreicht. Die hörige Bauern- 
schaft starb bis auf den letzten Mann aus, und die 
Fronarbeit hörte gänzlich auf. Von den 38 Gehöften, 
13 Teilbauern, 21 acremen und 4 Käthnern der Grund- 
herrschaft von Hartlebury waren nach den Angaben 
der Geschworenen nur 4 Höfe besetzt. 2 ) Ebenso große 
Verluste wiesen einzelne Orte von Buckingham, Bed- 
ford, . Berkshire auf. In Sladen gingen nach An- 
gaben der Geschworenen der inquisitio post mortem 
keine Rentenzahlungen ein, weil die Hörigen bis auf 
einen cottager gestorben waren. In Storrington 
in der Grafschaft Bedford „stand die Mühle still, 
die Felder lagen brach und für das Holz fanden sich 
keine Abnehmer." Für Crockham, das eine Rente von 
13 livres abwarf, fand sich kein Pächter und auf den 
Gütern der Husee in Berkshire „konnten die bäuer- 
lichen Grundstücke, die nach den Geschworenen 
jährlich 32 sh. an Rente brachten, weder verkauft 
noch verpachtet werden." 3 ) 

Die Grafschaft Cambridge wies 18 Jahre nach dem 
schwarzen Tode 93 unbesetzte Gehöfte auf, weil die Be- 
sitzer zum Teil gestorben, zum Teil zu anderen Grundherr- 
schaften übergegangen waren. 4 ) In Kent sind die 
Pachten überall auf zwei Drittel herabgesetzt worden, 
und in Rutland sind sie für 240 Acres auf die Hälfte 



i) ibid. S. 118. - 2 ) ibid. S. 124. — ») ibi a. g. 101. 
4 ) ibid. S. 135. 



412 Zehnt. Kap.: D. Wirtschaft!. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 

und für 180 Acres Weideland von 18 auf 10 d. 
für den Acre heruntergegangen 1 ). In Chester 
auf dem Gute Bucklow lagen 215 Acres brach, 
weil 46 Pächter, wie die Geschworenen anführten, an 
der Pest gestorben und 34 mittellos geworden sind. 
Um die Pächter zu behalten, mußte der Besitzer von 
Radheath die Pacht auf ein Drittel herabsetzen 2 ). Der 
schwarze Prinz mußte auf seinen Gütern in Corn- 
wallis den Pächtern ein Viertel der schuldigen 
Rente erlassen. In Essex fiel im Juli des Jahres 1349 
die jährliche Pacht für Acker- und Weideland auf die 
Hälfte und die für die Mühle von 60 auf 20 sh. 3 ) 
Ahnlich in Hampshire und in der Grafschaft Warwick, 
wo „die Felder teilweise brach lagen, teilweise um 
die Hälfte billiger verpachtet wurden." 4 J 

Wenden wir uns nunmehr den Zeugnissen über 
die Sterblichkeit in den Städten, die Creighton 5 ) 
kritisch verwertet hat, zu. Wir meinen Leicester, 
Oxford, Bodwin, Norwich, Yarmouth und London. 
In Leicester, das nach der Hausliste des Jahres 1377 
2101 Höfe gezählt hat, sind im Jahre 1349 nach 
Knyghton auf drei Friedhöfen 1480 Menschen be- 
graben worden. 6 ) Bezeichnend für die Verluste an 
Menschenleben in Oxford ist, daß es nach Fitzralf 
von seinen 30 000 Studenten im Jahre 1357 nicht 
mehr als ein Drittel aufweisen konnte. Bodmin in 
Cornwall hat nach William aus Worcester, der 100 Jahre 
nach der Pest die Regesten der Franziscaner-Mönche 
benutzt hat, einen Verlust von 1500 Menschen erlitten. 
Da diese winzige Burg im XIV. Jahrhundert beinahe 
so viel Reiter, wie Gloucester, Hereford und 
Shrewsbury gestellt hat, so dürfte sie drei- bis vier- 
tausend Einwohner gezählt haben. Dagegen sind die 

!) ibid. S. 139. — 2 ) ibid. S. 146. — 3 ) ibid. S. 175. 176. — 
4 ) ibid. S. 191. — 5 ) Creighton. S. 124. — 6 ) Gasquet. S. 126. 



Zehnt. Kap. : D. Wirtschaft]. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 413 

Nachrichten über den Verlust an Menschen, den die 
Hauptstadt erlitten hat, mit großer Vorsicht aufzu- 
nehmen, da sie eine Einwohnerzahl voraussetzen, die 
London in der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts 
unmöglich gehabt haben kann. Anders die Zeugnisse 
aus dem Ende des XII. und dem letzten Viertel des 
XIV. Jahrhunderts. Petrus Blessensis, der Archidiakon 
der Peterskirche schätzt in einem Schreiben an 
Innozenz III. die Einwohnerschaft von London auf 
40 000 Köpfe, während sie nach der Hausliste des 
Jahres 1377 45 000 Köpfe betragen hat. Vorausgesetzt, 
daß die Einwohnerschaft vom Ende des XII. Jahr- 
hunderts bis zum Ausbruch der Pest sich anderthalb 
Mal vermehrt, also 100 000 Köpfe gezählt und hiervon 
die Hälfte an der Pest verloren hat, so würden eher 
die Angaben der Hausliste richtig sein. Die Chronisten 
aber verzeichnen einen Verlust von 70 bis 100 000 
Personen und behaupten, daß auf dem neuen Friedhof, 
no-man'sland, allein mehr als 50 000 Tote begraben 
worden sind. Diese Ziffer trug auch nach dem Ge- 
schichtsschreiber Stow ein steinernes Kreuz, das nach 
der Errichtung des Klosters im Jahre 1371 auf 
dem Friedhof aufgestellt wurde. Der Zeitgenosse 
Robert Avesbuiy berichtet, daß vom 2. Februar 
bis Ostern auf dem Friedhof, den Walter Manni ein- 
richten lies, täglich mehr als 200 Tote, also insgesamt 
12000 bestattet worden sind. Da die zwei anderen Fried- 
höfe Londons aber ebenfalls überfüllt waren, so müßte die 
Gesamtzahl der gestorbenen 70 bis 100000 betrageu 
haben, was entweder eine größere Einwohnerzahl oder 
einen Verlust von mehr als der Hälfte der Bewohner 
voraussetzt. Im Gegensatz zu den Geschichtsschreibern 
des schwarzen Todes halten wir beides für möglich. 
Das XIII. und XIV. Jahrhundert sind doch für Eng- 
land, insonderheit für York, Norwich, Bristol, mit 



414 Zehnt. Kap : D. wirtschafte. Folg. d. schwarz. Tod. in Engl. 

London an der Spitze, eine Zeit des Aufschwunges 
von Handel und Gewerbe gewesen. Ferner ist es 
nicht ausgeschlossen, daß auf den während der Pest 
errichteten Friedhöfen auch Tote aus den Vororten 
der City bestattet wurden, so daß die Gesamtzahl der 
Gestorbenen wohl mehr als die Hälfte der Einwohner- 
schaft betragen haben konnte. Diese hohe Sterblich- 
keitsziffer läßt sich aber auch durch die engen und 
ungesunden Wohnungsverhältnisse in den Städten 
erklären. Norwich z. B. hat im Jahre 1349 nach 
seinen Regesten einen Verlust von 57 373 Personen 
gehabt und die Zahl von 17 000 Toten (Creighton 
vermutet einen Druckfehler) dürfte für Norwich, das 
im Jahre 1351 sechzig Reiter und sechzig Mann zu 
Fuß gestellt hat, während London 100 bew. 120 Mann 
stellte, nicht übertrieben und der Hälfte seiner Ein- 
wohnerschaft von 30 bis 40000 Köpfen entsprochen 
haben x ). 

Eine Bittschrift der Stadt Yarmouth an Heinrich 
VII., in der es heißt, daß viele Häuser und ganze 
Stadtviertel seit der Pest leerstehen, verwüstet und 
mit Gras bewachsen sind, schätzt übereinstimmend 
mit den Chroniken den Menschenverlust dieser Stadt 
auf 7000 Köpfe 2 ). Wenn wir hierbei aus anderen 
Zeugnissen erfahren, daß diese Stadt von ihren 220 
Schiffen mit 43 und mit 1950 Matrosen bei der Be- 
lagerung von Calais beteiligt gewesen ist, so dürfen 
wir mit Seebohm annehmen, daß sie eine Einwohner- 
schaft von weit mehr als 10000 Menschen gehabt hat, 
von denen sie mehr als die Hälfte eingebüßt hat 3 ). 



J ) Creighton. S. 130. — 2 ) Gasquet. S. 131. — 3 ) ibid. S. 130. 131. 



Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 415 

Elftes Kapitel. 

Die Arbeitergesetzgebung Englands in der 
Mitte des XIV. Jahrhunderts. 

Die ersten Maßregeln der Regierung, wie es die 
Sendschreiben des Königs an die baillifs und den 
Bürgermeister der Stadt Sandwich zeigen, richteten 
sich gegen die Auswanderung der Arbeiter, die eine 
Steigerung der Löhne, eine hierdurch verursachte 
Verarmung der besitzenden Klassen und eine Ver- 
minderung der Steuereinnahmen des Staates zur 
Folge gehabt haben soll. 

Sechs Monate darauf, am 18. Juni 1350, wurde 
die königliche ordinance of labourers an die Graf- 
schaften versandt 1 ). Sie weist einleitend darauf hin, 
daß die Arbeiter, von denen ein großer Teil der Pest 
zum Opfer gefallen ist, sich die herrschende Nach- 
frage zu Nutze machen und entw T eder übermäßig 
hohe Löhne fordern, oder wenn diese ihnen nicht 
gewährt werden, Betteln der ehrlichen Arbeit vor- 
ziehen. Um dies zu bekämpfen, verordnete nun 
der König im Einvernehmen mit den Prälaten, dem 
Adel und den Sachverständigen, daß jeder Erwachsene 
bis zum 60. Lebensjahre, der weder einen gewerb- 
lichen oder landwirtschaftlichen Beruf betreibt, noch 
Mittel zum Leben besitzt, als Dienstbote tätig sein 
und sich mit dem Lohn und der Beköstigung, die in 
den ersten 5 — 6 Jahren vor dem 20. Regierungsjahre 
Eduards III. gewährt worden sind, begnügen soll. 
Wer diesem Gebot nicht nachkommt, unterliegt 
gleich Vertragsbrüchigen Arbeitern, landwirtschaft- 
lichen wie gewerblichen, einer Gefängnisstrafe. 

Gleichzeitig wird den Arbeitgebern verboten, 
mehr Arbeiter als nötig, zu beschäftigen und einen 

] ) Statutes of the Realm. Bd. I. S. 307. 308. 



416 Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 

höheren, als den festgesetzten Lohn zu zahlen. Zu- 
widerhandelnden Arbeitgebern ebenso wie Arbeit- 
nehmern wird eine Geldstrafe, die doppelt so hoch 
ist wie der gewährte Mehrlohn, angedroht. 

Noch auf eine andere Weise sollte ein Druck 
auf die Arbeiter ausgeübt werden. Das Almosen- 
geben an Arbeitsfähige wird verboten, die Priester 
sollen in ihren Predigten auf die Befolgung 
dieses Gebots hinwirken. Ferner sollen die Bischöfe 
über Geistliche, die für ihre Verrichtungen eine höhere 
Vergütung, als die, vor drei Jahren gewährt wurde, 
verlangen, kirchliche Strafen verhängen. 

Alle Übertretungen sollen von den grundherr- 
lichen und königlichen G-erichten, von denen 
die ersteren einige Monate später durch königliche 
Bevollmächtigte ersetzt wurden, mit Unterstützung 
der Polizeiorgane geahndet werden. 

Nach dem Erlöschen der Pest wurde das Par- 
lament einberufen, um Maßregeln zur Aufrechterhal- 
tung der Ruhe und zur Regelung der Löhne zu beraten 
In seiner Thronrede erwähnt der König eine Bittschrift 
der Gemeinden, in der die Festsetzung schärferer Strafen 
gegen unbotmäßige Arbeiter, „die die vom König im 
letzten Jahre vorgeschriebenen Strafen verhöhnen, sich 
viel schlechter benehmen, als zuvor" und die erhalte- 
nen Vorschüsse nicht zurückerstatten, verlangt wird. 
Die eingehenden Strafgelder sollen zur Deckung der 
rückständigen dismes und quinzismes der Grafschaften 
und Städte verwendet werden. 

Das neue „Statut über die Arbeiter und Dienst- 
boten" aus dem Jahre 1351, das, wie Rogers hervor- 
hebt, bis zum fünften Regierungsjahre der Königin 
Elisabeth in Kraft geblieben ist, ergänzt die frühere 
Verordnung durch neue Bestimmungen und ermahnt 
neuerdings alle Besitzlosen, bis zur Vollendung des 
sechzigsten Lebensjahres von ihrer Hände Arbeit zu 



Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 417 

leben. Vertragsbrüchigen Arbeitern und Bauern, die 
sich weigern, die Fronarbeiten zu leisten, werden 
Strafen angedroht. Die Gutsbesitzer dürfen nichtinehr 
Arbeiter halten, als zum Betriebe erforderlich sind, 
die überschüssigen sollen auf anderen Gütern Arbeit 
suchen. Die Arbeiter, die einen höherenLohn als den fest- 
gesetzten fordern, sollen von den Gerichten verfolgt und 
die Gutsbesitzer, die einen höheren Lohn gewähren, 
sollen mit einer zwei und drei Mal so hohen Strafe, 
als die gewährte Aufbesserung beträgt, belegt 
werden. Bemerkenswert ist eine Bestimmung, die die 
Arbeiter zwingt, auch gegen einen Naturallohn, wenn 
ein solcher dem Gutsbesitzer vorteilhafter erscheint, 
Arbeit anzunehmen 1 ). Um eine Abwanderung der 
Arbeiter zu verhindern, wird einerseits anstatt des 
Tagelohns ein Jahres- und Zeitlohn eingeführt und 
außerdem den Arbeitern, mit Ausnahme derjenigen 
im benachbarten Schottland und Wales, bei einer Ge- 
fängnisstrafe, die von den sheriffen, constables und 
bailliffs verhängt wird, verboten, schon im Winter, 
während sie noch auf einem Gute arbeiten, sich 
für die Sommerarbeiten auf einem anderen Gute 
zu verdingen 2 ). Der für die wenigen Tagelöhner fest- 
gesetzte Lohn beträgt für einen Mäher, der täglich 
fünf acres mähen soll, fünf und für einen Heu- 
macher und Jäter einen denar. 

Für einen Schnitter ist ein Tagelohn von zwei 
denaren für die erste Woche des August und für die 
von zweieinhalb denaren für die übrige Zeit der Ernte 
festgesetzt; für einen Drescher zweieinhalb für den 
Quarter Weizen und anderthalb für den Quarter Gerste, 
Hafer, Bohnen und Erbsen; Pflüger, Hirten und Fuhr- 

!) Statutes of the Realm. Bd. I. S. 311-313. 
2 ) Vom Verbot der Auswanderung sind Stafford, Lanca- 
shire und Derby ausgenommen. 

Kowalewsky, Ökonomische Entwicklung- Europas. V. 27 



418 Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 

leute hingegen sollen nach wie vor im Jahreslohn 
stehen 1 ). Um die Durchführung dieser Verträge zu 
sichern, verlangte die Verordnung von 1351, daß alle 
Abmachungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer 
auf den öffentlichen Plätzen geschlossen und die Ar- 
beiter auf die strenge Befolgung des Gesetzes verpflichtet 
werden sollen. 

Für Handwerker, wie Gerber, Sattler, Schuhmacher, 
Schneider, Eisen- und Hufschmiede, Zimmerleute, 
Maurer, Dachdecker, Fuhrleute u. a. m. sind folgende 
Löhne festgesetzt 2 j. Ein Maurermeister erhält je nach 
der Art der Arbeit einen Tagelohn von drei bis vier, 
ein Zimmermann einen solchen von zwei bis drei de- 
naren, und ein Geselle die Hälfte hiervon. Auch 
diese Arbeiter sollen auf den öffentlichen Plätzen ge- 
dungen und auf die Vorschriften vereidigt werden. 
Die Aufsicht hierüber führen die senechals, bailliffs 
und constables, die Zuwiderhandelnde den eigens da- 
für ernannten Richtern überweisen. Alle Übertretungen 
werden mit Geld und Gefängnis gebüßt und im 
Rückfalle die Verdoppelung der Strafe angedroht. 
Im Fall der Verurteilung hat der Arbeiter den zuviel 
erhaltenen Lohn dem Meister, wenn dieser der Kläger 
ist, sonst der Stadtkammer zuzuführen. Dagegen 
sollen die Strafgelder, dem Gesuche der Gemeinden 
entsprechend, zur Deckung der rückständigen dismes 



1 ) Nicholls History of the English Poor Law. S. 37 ff. Eine 
ausführliche Erörterung der Arbeitergesetzgebung findet sich 
auch bei Ricca-Salerno im zweiten Buche seines Werkes „Über 
die Lohntheorie" Palermo 1900, das die geschichtliche Ent- 
wicklung behandelt. S. 255. 

2 ) Statutes of the Realm. Bd. I. S. 311. 312. 313. Der In- 
halt der Verordnung ist bei Rogers im VIII. Kap. seines Buches 
„Arbeit und Löhne im Zeitraum von 600 Jahren" wiederge- 
geben. 



Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 419 

und quinzisrnes der Städte und Ortschaften ver- 
wendet werden. 

Um jeden Versuch von Ausschreitungen in Keim 
zu ersticken , werden die Aufrührer, die durch 
Reden, sei es in Gegenwart der Richter oder in ihrer 
Abwesenheit, Dienstboten und ländliche Arbeiter 
zur Übertretung der Verordnung verleiten, der dis- 
kretionären Gewalt der Richter überantwortet 1 ). Diese 
Richter, die von dem Parlament gewählt werden, 
halten vier Mal jährlich: nach dem Tage Maria Ver- 
kündigung, der hl. Margarethe, St. Michaelis und St. 
Nicolaus, ihre Sitzungen ab; ihre Besoldung wird 
aus den verhängten Strafgeldern gedeckt 2 ). 

In der Folge wurden diese Richter vom König 
selbst in ihr Amt eingesetzt. Daß das Parlament je- 
mals von seinem Wahlrechte Gebrauch gemacht hat, 
ist sehr zweifelhaft, denn in einer Reihe von patent 
rolls aus derselben Zeit wird eine Bestätigung so be- 
stellter Richter durch die Regierung nicht erwähnt. 

Die gewöhnliche Annahme, daß alle Vergehen 
gegen die Verordnung der Gerichtsbarkeit der Friedens- 
richter unterstellt gewesen sind, ist unseres Erachtens 
falsch. Aus den mit seinem Siegel versehenen Schreiben 
des Königs geht hervor, daß die Gerichtsbarkeit vielmehr 
von besonderen justices of labourers and artificers 
ausgeübt worden ist. Daß diese Tätigkeit nicht vor 
dem 36. Regierungsjahre Eduards III. auf die Friedens- 
richter übergegangen ist, zeigen die Briefe über die Er- 
nennung jener justices of labourers and artificers in der 



*) Statutes of the Realm. Bd. I. S. 313. 

2 ) Über „de forma levationis decimaequintae" heißt es im 
Statut von 1351 : „Que Commission dez laborers soient fartz as 
certeintz gentz en chescune Countee nommez per les ditz Com- 
munes en mesme le parlement d'enquere et de faire droit 
selonc le Statut avant dit." ibid. 

27* 



420 Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung- Englands. 

Grafschaft Essex. die von uns zum ersten Mal im Jahre 
1876 veröffentlicht worden sind und die folgender- 
maßen lauten 1 ): 

„Ihr drei oder zwei seid zu Richtern ernannt, um 
die Erlasse und Verordnungen über Arbeiter, Hand- 
werker und Dienstboten, die von den Räten und 
Parlamenten, die neulich in Westminster getagt haben, 
zum Wohl unseres Königreichs erlassen worden sind, 
durchzuführen. Ihr habt dafür Sorge zu tragen, daß 
diese Verordnungen in allen Stücken in der Graf- 
schaft Essex und in allen Orten, die Freiheiten ge- 
nießen oder nicht genießen (d. h. wo die court leets 
bestehen oder nicht bestehen), streng befolgt werden. 
Ihr sollet ferner Urteil sprechen über die bailliffs, sene- 
shals, sheriffs, Verwalter u. a., die den Arbeitern, 
Handwerkern und Dienstboten den Vorschriften zu- 
wider Strafen und Bußen auferlegen oder von uns 
und anderen Personen wegen gesetzwidriger Hand- 
lungen verklagt werden. Ihr sollt auch alle Straf- 
sachen und Klagen über Arbeiter, Handwerker und 
Dienstboten, die von eueren Vorgängern eingeleitet 
sind, erledigen, da ihr für alle solche Klagen zu- 
ständig seid 2 )." Diese Gerichtsbarkeit verblieb jedoch 
nicht lange in den Händen der erwähnten Richter. 
Drei Jahre nach der Ausstellung jener königlichen 



r ) „Sammlung von Schriftstücken und Urkunden zur Charak- 
teristik der Polizeiverwaltung Englands im XII., XIII. und 
XIV. Jahrhundert." London 1876. Die Patentbriefe sind auf 
die Namen Johannes aus Sudbury, Johannes aus Newport und 
Thomas Turenne ausgestellt. 

2 ) Dieses Schriftstück ist der Patentrolle No. 27 aus dem 
33. Regierungsjahre Eduards III. entnommen, die sich im Lon- 
doner Cityarchiv befinden. Ähnlich lauten die Patente an 
die justices of labourers and artificers in Dorset, Oxfordshire, 
Hereford und im westlichen und nördlichen Teil, ridings, 
von Yorkshire. 



Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 421 

Briefe wurde sie auf Betreiben der Gemeinden den 
Friedensrichtern, denen auch der Titel „justices of 
labourers and artificers" beigelegt wurde, übertragen. 
Durch die Eidesformel, die von uns veröffentlicht 
worden ist, werden diese Richter verpflichtet, die 
Friedensstörer und die gegen festgesetzten Lohntaxen 
Handelnden zu verfolgen 1 ). „Ihr seid beauftragt", 
heißt es in den Sendschreiben an die Friedens- 
richter aus dem 42. Regierungsjahre Eduards III. 
„nach Aussagen von ehrlichen und sachkundigen 
Männern über Klagen wegen Verletzung der Erlasse 
und Verordnungen durch Arbeiter, Meister und Dienst- 
boten zu entscheiden und auf Grund der Gesetze und 
Sitten unseres Königreichs und den Satzungen über 
die Arbeiter den Schuldigen Strafen und Bußen 
aufzuerlegen 2 )". 

Untersuchen wir nunmehr, inwieweit die erwähnten 
obrigkeitlichen Schritte hinsichtlich des Standes der 
Löhne und des Verhaltens der Arbeiter von Erfolg 
gewesen sind. 

In seiner „Geschichte der Landwirtschaft und 
der Preise in England" hat Rogers in vorgefaßter 
Meinung zu zeigen versucht, daß staatliche Eingriffe 
in die Verhältnisse von Angebot und Nachfrage in der 
Regel erfolglos seien. Den Widerstand der Arbeiter 
gegen die erlassene Verordnung völlig außer Acht 
lassend, glaubt Rogers für die Richtigkeit jenes Markt- 
gesetzes eine Bestätigung darin zu erblicken, daß die 
Arbeitslöhne an einzelnen Orten trotz der Verordnung 
gestiegen waren und daß die Gemeinden Klagen über 
die Unwirksamkeit der ergriffenen Maßregeln vor 



x ) Die Handschrift dieser Formel befindet sich im British 
Museum. No. 6873. Flut. XLV, 4. 

2 ) Record Office. Patent Roll 42. Edw. III. Part 2. No. 29. 



422 Elftes Kap.: Die x\rbeitergesetzgebung Englands. 

das Parlament gebracht haben 1 ). Einzelne wider- 
sprechende Angaben in den Schriftstücken, auf die 
Rogers seine Folgerungen stützt, haben jedoch diesen 
gewissenhaften Forscher zu dem Zugeständnis ver- 
anlaßt, daß die obrigkeitlichen Verordnungen auf dem 
Lande noch einen gewissen Einfluß ausgeübt haben 
mögen. In den Vermerken, die Rogers selbst in 
den Wirtschaftsbüchern der Universitätskollegien von 
Oxford gefunden hat, sind die Löhne für ländliche 
Arbeiter gegenüber den früheren viel niedriger an- 
gegeben. Dies ist doch offenbar dem Einfluß der 
Verordnung zuzuschreiben. 

Die Anwendung dieser Verordnung hat unter 
der Landbevölkerung eine starke Gährung hervor- 
gerufen, die nicht selten zu blutigen Zusammen- 
stößen mit der Gutsverwaltung geführt hat. Die 
patent rolls erwähnen wiederholt die Ernennung von 
Männern, welchen Fälle unterbreitet worden, in denen 
die Arbeiter gelegentlich der Durchführung der Verord- 
nung „gegenüber demGutsbesitzer oder seinemVerwalter 
wörtlich oder tätlich sich vergangen haben" 2 ). Die 
Regierung ging ihrerseits mit größter Strenge vor, 
um den Vorschriften Geltung zu verschaffen Als 
die Pergamentmacher für staatliche Urkunden im 
Jahre 1356 wegen Herabsetzung ihres Lohnes die 
Arbeit eingestellt hatten, befahl die Regierung, sie 
festzunehmen und gewaltsam zur Fortsetzung der 
Arbeit zu zwingen 3 ). Vier Jahre später ließ der 



*) Thorold Rogers. Bd. I. S. 269 - 299. 

2 ) Record Office. Patent Roll 30, Edward III., Abschnitt III. 
und Patent Roll 37, Edward III., No. 29 erwähnen solche 
Fälle in der Stadt Stafford und der Grafschaft Bedford. 

3 ) Record Office. Patent Roll 31, Edward III. part. number 
14 dorso, Westminster, 15. Juli 1366, Waltero de Kelbj, Jo- 
hanni de Outhorp, Johanni de Blythe de Lincoln. 



Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 423 

König die Arbeiter, die behufs Erzielung besserer Löhne 
seine Güter verlassen hatten, festnehmen und legte 
ihren neuen weltlichen, wie geistlichen Arbeitgebern 
zugunsten der königlichen Kammer Geldstrafen auf 1 ). 
Ahnlich ging man ein Jahr später gegen die Maurer, 
Zimmerleute, und sonstige Arbeiter bei den könig- 
lichen Bauten, die aus demselben Grunde sich auf 
die Besitzungen geistlicher und weltlicher Herren 
begeben hatten, vor 2 ). 

An diesen wenigen Beispielen erweist sich die 
völlige Haltlosigkeit der Meinung, daß die Verord- 
nung ein toter Buchstabe geblieben ist. Daß sie 
aber nur vorübergehend den Stand der Löhne be- 
einflußt hat, ist nicht aus dem Mangel an Zwangs- 
maßregeln zu erklären, sondern eher dem erfolgrei- 
chen Widerstand seitens der Arbeiterbevölkerung zu- 
zuschreiben. 

Diesen Maßregeln setzten die Arbeiter die Macht 
ihres Zusammenschlusses entgegen. Zu den Arbeiter- 
genossenschaften, die bereits in den Städten bestanden, 
gesellten sich nunmehr solche der ländlichen 
Arbeiter, und diese Erscheinung hat trotz ihrer Be- 
deutsamkeit bis jetzt noch keine genügende Beachtung 
gefunden. 

Die Arbeiterschaft nahm den Kampf mit den Ver- 
ordnungen sofort auf. Dies veranlaßte bereits im 
Jahre 1351 das Parlament, Maßregeln gegen die An- 
stifter zu ergreifen. „Vereine ländlicher Arbeiter", 
die von den Gutsbesitzern als Räuberbanden be- 
zeichnet wurden, gab es am Ende der Regierungszeit 

r ) Record Office. Rotulus Clausus. 35. Edward III. Num- 
ber 32 dorso. Dieses Schriftstück ist in den Pari. Rolls, Bd. IL, 
Appendix, S. 458 abgedruckt. 

2 ) Record Office, Rotulus Clausus. 36. Edward III., Num- 
ber 36 dorso. 



424 Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 

Eduards III. fast tiberall. „Leibeigene und hörige 
Landpächter", klagt das Parlament bei der Thronbe- 
steigung Richards II., ,, haben sich zum Widerstand 
gegen die Grundherren und ihre Verwalter und zu 
gegenseitiger Unterstützung zusammengeschlossen". 

Um die Verordnung wirksam zu bekämpfen und 
ihre Anwendung überhaupt unmöglich zu machen, 
schlugen die Vereine verschiedene Wege ein. Drückte 
ein Gutsbesitzer den Arbeitslohn herab oder ersetzte 
er ihn gegen den Willen der Arbeiter durch Verab- 
reichung von Getreide, so verließ die ganze Land- 
bevölkerung das Gut, begab sich nach anderen Ge- 
genden oder wandte sich den gewerblichen Berufen 
zu, oder sie wanderte sogar aus, um außerhalb des 
Vaterlandes günstigere Arbeitsbedingungen zu suchen. 
„Die ländlichen Arbeiter und Knechte", klagt das 
Parlament, „ziehen von einer Grafschaft zur andern, 
lassen sich zum Teil in den Städten als Handwerker 
nieder oder gehen nach dem Auslande, wo ihnen 
höhere, oft übermäßig hohe Löhne gezahlt werden" 1 ). 

Ein Teil der Tagelöhner zog es vor, wenn auch 
nur ganz kleine Grundstücke von den Grundherren 
zu pachten, um auf diese Weise als Grundbesitzer dem 

: ) Verhandlungen des Parlaments aus dem 46. Regierungs- 
jahre Eduards in. (Pari. Rolls Bd. IL S.312. No. 30.) Diese 
Bewegung unter den ländlichen Arbeitern des XIV. Jahrh. 
weist eine auffallende Ähnlichkeit mit der Stellungnahme der 
Liga der Landarbeiter Großbritanniens im letzten Viertel des 
XVII. Jahrh., die vom Missionar Arg ins Leben gerufen und 
geleitet worden ist, auf. Auch diese Arbeiter des Süd-Westens, 
namentlich aus Somersetshire und Dorsetshire, wo die Löhne 
niedrig standen, wanderten nach dem Worden und Osten Eng- 
lands, wandten sich den Arbeiten in den Kohlengruben zu 
oder begaben sich mit ihren Familien nach Canada, Neu- 
Guinea und den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika. Die 
Folge davon war, daß der wöchentliche Lohn von 8 und 9 auf 
12 und 13 sh. stieg. 



Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 4*25 

Zwange zu Lohnarbeit zu entgehen. Dieser Ausweg 
wurde ihnen ja durch die Verordnung aus dem 23. 
Regierungsjahre Eduards III. nahe gelegt, die fol- 
gendermaßen lautet: „Wer nicht vom Handel oder 
Handwerk lebt und kein Land im Besitz hat, der 
soll in Lohnarbeit gehen" 1 ). Im 28. Regierungsjahre 
Eduards III., d. h. fünf Jahre nach der Pest und der 
ersten Lohnregelung, klagte das Unterhaus in einer 
Eingabe an die Regierung, daß die Landarbeiter und 
Handwerker kleine Grundstücke, die sie mit einem 
Ochsen, bovee de terre, bestellen können, und noch 
kleinere, die kaum für ihren Unterhalt ausreichen 
oder ihre Arbeit das ganze Jahr in Anspruch nehmen, 
pachten, um nur nicht in fremde Dienste gehen zu 
müssen 2 ). 

Dieses durchaus begründete Bestreben der Land- 
leute hat, wie Rogers zum ersten Male gezeigt hat, 
den Anstoß dazu gegeben, daß die Grundherren 
und ihre Verwalter von der bisherigen eigenen 
Bewirtschaftung zur Verpachtung ihrer Ländereien an 
die Bauern übergegangen sind. Die andere damit 
zusammenhängende Neuerung im grundherrlichen 
Gewerbe war die, daß der Handwerker begann, aus 
seinen eigenen, statt aus den vom Kunden ihm gelie- 
ferten Rohstoffen, Waren herzustellen. Dies vollzog 
sich nachweislich im Schmiedehandwerk. Darin glaubt 
Rogers einen Beweis dafür erblicken zu können, daß 
die Arbeitslöhne nach der Pest trotz der obrigkeit- 
lichen Maßregeln gestiegen seien, wodurch der Me- 
tallarbeiter in den Stand gesetzt wurde, sich selbständig 
zu machen 3 ). 

Dieser Übergang beweist aber an und für sich 
noch nicht, daß die Durchführung der Verordnung 

!) Statutes of the Realm. Bd. I. S. 307. 
a ) Pari. Rolls. Bd. II. S. 2(51. No. 41. 
3) Rogers. Bd. II. S. 280—299. 



426 Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 

am Gesetz des Angebots und der Nachfrage gescheitert 
war; er war unseres Erachtens eher ein Mittel, diese 
Verordnung zu umgehen. Der kraftvolle Widerstand 
und der solidarische Zusammenschluß der Arbeiter- 
schaft gegen die Grundherren und Meister sind es 
gewesen, die in einzelnen Fällen die Anwendung der 
Maßregeln unmöglich gemacht haben. Weil die 
Ackerbauer die Güter verlassen haben, haben die 
geistlichen und weltlichen Grundherren, wie auch die 
Klöster, auf die strenge Durchführung der Parla- 
mentsverordnung gern oder ungern verzichten müssen. 
In seinem Schreiben an die sheriffs verschiedener 
Grafschaften aus dem Jahre 1360 klagt Eduard III., 
daß die geistlichen und weltlichen Grundherren die un- 
treuen Arbeiter seiner Domänen bereitwillig aufnehmen 
und ihnen höhere Löhne zahlen 1 ). Diesen Zuwider- 
handelnden sollen Strafen auferlegt werden, die nach 
dem Zeugnis der Zeitgenossen auch reichlich in die 
königliche Kammer geflossen sind 2 ). Dies zeigt schon, 
daß die Verstöße gegen das Verbot sehr häufig 
waren. Um den Strafen zu entgehen, haben die 
geistlichen Grundherren, wie das Parlament in einer 
Bittschrift aus dem 47. Regierungsjahre Eduards III. 
klagt 3 ), die Gerichtsbarkeit über die zuwiderhandelnden 
Landarbeiter und Handwerker ihren eigenen Gerichten 
übertragen. 

Anders aber verhielten sich die kleineren Grund- 
besitzer. Unter dem Drucke der hohen Arbeitslöhne 
und infolge Verminderung der Pachtsätze kamen sie 
soweit herunter, daß „die Bewirtschaftung der Güter", 
wie das Parlament sich ausdrückt, „ihr ganzes Ein- 

2 ) Rotulus Clausus aus dem 35. Regierungsjahre Eduards III- 

2 ) Barnes. History of that most glorious King Edw. III. 
S. 437. 

3 ) Pari. Rolls. Bd. II. S. 42. 



Elftes Kap.: Die Arbeitergesetzgebung Englands. 427 

kommen verschlang" 1 ). Diese Gutsbesitzer sahen in 
der strengen Durchführung der Verordnung das einzige 
Mittel zur Rettung aus ihrer Not. Immer wieder 
wandten sie sich an die Regierung mit Bitten, neue 
und strengere Maßregeln zur Ausführung derVerordnung 
zu ergreifen. Im Jahre 1376 verlangen sie, daß die 
Arbeiter, die einen Mehrlohn erreichen, mit einer 
doppelt so hohen Geldstrafe belegt werden sollen. 
Ungeachtet der Freiheiten der Magna Charta, fordern 
sie sogar, daß die fremden Arbeiter festgenommen 
und solange in Haft gehalten werden sollen, bis ihre 
Stellung und ihr Verhalten zu den bisherigen Brot- 
herren festgestellt sind 2 ). 

Diese Eingaben beantwortete die Regierung mit 
halben Maßregeln. Im Jahre 1352 verbot sie den 
Arbeitern, ihren Beruf zu wechseln 3 ). Im Jahre 1376 
klagen die Grundheiren von Wiltshire, Bristol, So- 
merset, Glocester und Dorset, daß mit der Ausfuhr 
englischer Wolle nach der Normandie viele Land- 
arbeiter zum Schaden der heimischen Landwirtschaft 
dahin auswandern, um dort im Tuchgewerbe Be- 
schäftigung zu finden. Daraufhin verbot die Re- 
gierung die zollfreie Ausfuhr von Wolle, im übrigen 
aber erklärte sie die Ergreifung neuer Maßregeln zur 
Unterdrückung hoher Lohnforderungen der Arbeiter 
nicht für erforderlich 4 ). 



: ) Pari. Rolls aus dem 42. Regierungsjahre Eduards III. 
Bd. IL S. 286. No. 15. 

2 ) Pari. Rolls. Bd. IL S. 340. 

3 ) Eine Ausnahme wird nur für die Arbeiterinnen gemacht. 
Pari. Rolls. Bd. IL S. 278. No. 24. 

4 ) Antwortschreiben des Königs auf das Gesuch des Par- 
laments vom Jahre 1H76. (Pari. Rolls.) 



428 



Zwölftes Kapitel. 

Der schwarze Tod und 

seine wirtschaftlichen Folgen in Oesterreich, 

der Schweiz und Deutschland. 

§ i. 

Die Frage nach dein Verlauf des schwarzen Todes, 
wie über die Art und Weise der obrigkeitlichen Maß- 
regeln zur Bekämpfung seiner wirtschaftlichen Folgen, 
ist für das Heilige Römische Reich trotz der ein- 
gehenden Untersuchungen von Hoeniger und Lechner 
noch weniger geklärt, als es bei den anderen 
Ländern der Fall ist. Der Grund hierfür liegt, wie 
uns scheint, im Quellenmaterial selbst, das Angesichts 
der vielen und in der Verwaltung selbständigen 
weltlichen, wie geistlichen Lehnsstaaten und Städte 
des Kaiserreichs in den verschiedenen Archiven zerstreut 
ist, das zu bearbeiten nur die Aufgabe einheimischer 
Forscher sein kann. Und in der Tat haben uns die 
Geschichtschreiber Hoeniger aus Berlin und Lechner 
aus Innsbruck durch ihre Arbeiten, wiewohl sie auch 
eine allgemeine Darstellung bieten, fast ausschließ- 
lich über das ihnen zugängliche Schlesien einerseits, 
und Tirol und den Südosten Österreichs andererseits 
in reichem Maße unterrichtet. Für Deutschland aber 
besitzen wir gar keine Nachrichten über die Größe 
seiner Bevölkerung in der Zeit vor dem schwarzen 
Tode. Die bekannten Untersuchungen von Jastrow 
und Bücher über diese Frage gehen nicht über das 
XV. Jahrhundert zurück und die für einzelne Städte 
und Provinzen unternommenen Berechnungen gehen 
in der Hauptsache entweder von der Zahl der Krieger 
oder von der Summe der direkten Abgaben aus. Die 
Angaben der Chroniken selbst sind zum Teil un- 
bestimmt, zum Teil stark übertrieben : bald schätzen 



Zwölftes Kap.: Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 429 

sie den Menschenverlust auf ein, zwei Drittel oder 
die Hälfte der Einwohnerschaft und bald schlagen 
sie ihn höher als die Zahl der Einwohner selbst an. 

Angesichts dieserBeschaffenheit der Quellen, müssen 
wir uns bei der allgemeinen Frage über den Einfluß der 
Menschenverluste auf die Gestaltung der wirtschaft- 
lichen Verhältnisse schon auf einzelne, sicher fest- 
zustellende Tatsachen beschränken, die geeignet er- 
scheinen, das für andere Landesteile, die sich in 
ähnlicher Lage befunden haben, auf Grund sicherer 
Nachrichten gewonnene Ergebnis zu bekräftigen. 

So wollen wir uns denn auf diejenigen Forschungs- 
ergebnisse der deutschen Geschichtsschreiber des 
schwarzen Todes, die uns am einwandfreiesten zu 
sein scheinen, stützen, unbekümmert darum, daß sie 
nicht einmal den dritten Teil des Kaiserreiches decken. 

Für die Grenzgebiete Italiens, die am frühesten 
von der Pest betroffen und am meisten verheert worden 
sind, wie das südliche und nördliche Tirol mit Trient 
in der Mitte, Istrien, Dalmatien, Kärnten, wie auch 
die deutsche Schweiz, besitzen wir sowohl Zeugnisse 
der Chronisten, wie auch amtliche Nachrichten, die 
aus den ersten Jahrzehnten nach dem Erlöschen der 
Pest stammen. 

Mangelhafter sind die Nachrichten aus Osterreich 
und dem deutschen Norden von Wien und Prag bis 
zu den Hansastädten Lübeck und Bremen einerseits 
und den rheinischen Städten Köln und Mainz ander- 
seits. Noch knapper sind sie aus Preußen und 
Brandenburg, Bayern, Württemberg. Baden, Hessen 
und Hannover. Die uns zu Gebote stehenden 
Chroniken beschränken sich auf einige allgemeine 
Mitteilungen, die zu prüfen wir aus Mangel an 
anderweitigen schriftlichen Zeugnissen außer Stande 
sind. Möglich ist es aber, daß die örtlichen Archive, 



430 Zwölftes Kap. : Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 

die noch lange nicht das letzte Wort zu unserer 
Frage gesprochen haben, dereinst ein reicheres Material 
an den Tag fördern werden. 

Beginnen wir mit den Nachrichten aus den 
Grenzgebieten Italiens. 

Da Istrien und Dalrnatien im XIV. Jahrhundert 
im engen politischen und Handelsverkehr mit Venedig 
gestanden haben, so sind sie wahrscheinlich durch 
die Berührung mit den italienischen Schiffen von 
der Pest heimgesucht worden und haben bei der 
Bekämpfung ihrer Folgen unter demselben Einfluß 
der Republik von St. Markus gestanden, wie Ragusa 
und die Städte am adriatischen Meere. Die Pest 
konnte aber auch durch die Schiffe, die im Herbst 
des Jahres 1347 von Dubrownik nach dem Ägäischen 
Meere bis Konstantinopel zur Aufnahme von Getreide 
für den drohenden Krieg mit Genua abgegangen 
sind, nach Dalrnatien eingeschleppt worden sein 1 ). 
Nach den Zeugnissen ist die Pest zu Ostern des Jahres 
1347 in Spalato und im Januar des folgenden Jahres 
in Ragusa aufgetreten 2 ). 

Bereits im März desselben Jahres klagen die 
Abgeordneten von Spalato und Trau im Großen Rat 
von Venedig über die Verheerungen der Seuche und 
am Ende desselben Monats wird aus gleichem Anlaß 
dem venezianischen Regierungsvertreter von Ragusa 
das Beileid ausgesprochen, daß die Pest einen großen 
Teil der Einwohnerschaft hingerafft habe, propter 
quam de personis multum diminuiti dicuntur. Im 
Mai sendet die Regierung der Stadt Sebeniko, die 
von den Magyaren belagert wird und nach Meldung 



*) Monumenta historiae Slavorum merid. X. 273. S. a. Lech- 
3as große Sterbe 
2 ) Lechner. S. 21. 



ner. Das große Sterben in Deutschland. Innsbruck 1884 



Zwölftes Kap.: Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 43 1 

ihres Grafen völlig menschenleer sei, ipsa civitas 
remansit gentibus totaliter desolata, Hilfstruppen. 

In ähnlicher Lage befand sich Istrien, das, vor 
allem seine Hauptstadt Pola, so viele Einwohner an 
der Pest verloren hat, daß die Regierung von Venedig 
im Jahre 1348 Maßnahmen zum Schutze dieses Ge- 
bietes gegen feindliche Angriffe treffen mußte 1 ). 
Eine Inschrift im Städtchen Muggia aus dem Jahre 
1348 erzählt, daß die Seuche, die auf der ganzen 
Welt geherrscht hat, die Hälfte der Einwohnerschaft 
hingerafft habe. Dies entspricht offenbar nicht den 
tatsächlichen Verheerungen. 

Von größerem Wert sind folgende Zeugnisse. 
Am 30. Mai 1348 setzte der Große Kat von Ragusa, 
das erheblich unter der Pest gelitten hat, das Alter 
seiner Mitglieder von 20 auf 18 Jahre herab 2 ). Im 
Zusammenhang hiermit erscheint der Menschenverlust 
dieser Stadt, den die Chronik auf 273 Adlige beiderlei 
Geschlechts und 300 Tote aus dem Volke schätzt, 3 ) eher 
etwas zu niedrig, als zu hoch ; auffallend ist je- 
doch die beinahe gleiche Höhe der Sterblichkeitsziffer 
dieser beiden, der Stärke nach so verschiedenen 
Klassen. Für Trient berichtet ein Zeitgenosse, der 
Kanonikus Johann von Parma aus den Jahren 1348 — 
1377, daß viele Häuser leer, die Friedhöfe mit Leichen 
überfüllt sind; daß 40 Geistliche der Kathedrale zum heil. 
Vigilius und nicht wenige Seelsorger bei der Betätigung 
ihrer Pflichten ihr Ende gefunden haben 4 ). In Nord- 
Tirol, namentlich im Kloster Marienberg im Finggau, 
hat die Pest nach der Chronik dieses Klosters so viele 
Opfer gefordert, daß man gezwungen war, fremde 

i) ib. S. 22. 

2 ) Monumenta spect. hist. Slav. merid. 13, 25. 

3 ) Lechner. S. 54. — 4 ) Pezzano Storia della cittä di 
Parma, zu Bd. T. Anhang. 



432 Zwölftes Kap,: Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 

Mönche, die mit dem ortsüblichen Kirchengesang nicht 
vertraut waren und für die deshalb neue Noten ge- 
schrieben werden mußten, zu berufen. Für Bayern 
berichtet die Chronik, daß in Mühldorf am Inn, dessen 
Bevölkerungsbestand uns leider nicht bekannt ist, 
insgesamt 1400 und in Braunau 16 Menschen täglich 
gestorben seien. Bei München und Landshut be- 
schränkt sich die Chronik auf die Mitteilung, daß 
auch sie von der Pest betroffen worden sind 1 ). 

Wie groß der Menschenverlust in der Schweiz 
gewesen ist, geht daraus hervor, daß im Kloster Di- 
sentis alle Insassen bis auf den Abt und zwei Mönche, 
im Kloster Pfeffers 200 Yassallen und in der Abtei 
St. Gallen so viele Kolonen und Hörige der Pest zum 
Opfer gefallen sind, daß ein großer Teil der Hufe, 
wie die Chronik mitteilt, verwahrlost dalag und keinen 
Zins lieferte 2 ). 

Für die übrigen Teile der Schweiz teilt die Chro- 
nik mit, daß Bern an manchen Tagen 60 und die 
Stadt Basel bei drei überlebenden Familien insgesamt 
14000 Tote — eine für die damalige Bevölkerung 
Basels doch recht unwahrscheinliche Zahl — gezählt 
habe. Im französischen städtearmen Unter-Wallis soll 
der Menschenverlust an einzelnen Orten verschiedene 
Zehner, an anderen 150 Einwohner betragen haben 3 ). 



r ) Hoeniger. Der schwarze Tod in Deutschland. S. 15. 

5 ) Item quod ex epidemia seu hominum mortalitate, que 
Domino permittente in partibus istis hactenus viguit, mul- 
titudo colonorum et aliorum hominum ipsius monasterii utrius- 
que sexus dicto suo monasterio jure servitutis pertinencium 
de hac luce ad Dominum migravit, adeo quod de pluribus 
ipsius monasterii possessionibus propter hujusmodi mortali- 
tatem remanentibus incultis census debitos habere ex eis non 
valerent. (Wartmann. Urkundenbuch der Abtei St. Gallen. III. 
S. 664.) 

3 ) Lechner. S. 57. 58. 



Zwölftes Kap.: Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 433 

Für Deutschland und den deutschen Teil Öster- 
reichs beschränken sich die Quellen entweder auf 
die Mitteilung, daß die Pest diese und jene Pro- 
vinz stark verheert, also überall geherrscht hat, 
oder aber sie geben bald die sehr übertriebene täg- 
liche, bald die Gesamtzahl der Gestorbenen an, die 
eine Prüfung nicht zuläßt. Bevor wir aber diese 
Zahlen in der Beleuchtung der leider sehr knappen 
amtlichen Nachrichten anführen, wollen wir uns zu- 
nächst zwecks weiterer Schlußfolgerungen die For- 
schungsergebnisse der deutschen Wirtschaftshistoriker 
über die Bevölkerungszahl der größeren deutschen 
Städte in der Zeit vor dem Ausbruch der Pest ver- 
gegenwärtigen. Wir lassen zuerst die Betrachtungen 
Schmollers, die er an den noch in den Kinderschuhen 
steckenden Ackerbau Deutschlands anknüpft, folgen. 

Bei der niedrigen Entwicklungsstufe der Technik, 
dem Mangel an Verkehrswegen und der starken In- 
anspruchnahme von Weideland, Wald- und Jagd- 
gebieten, sagt der verdiente Gelehrte, wäre das 
Deutschland des XIII. Jahrhunderts kaum in der 
Lage gewesen, mehr als den vierten Teil seiner 
heutigen Bevölkerung zu ernähren. Bedenkt man 
ferner, wie viele Menschen die Kreuzzüge, die Be- 
siedelung des jenseitigen Ufers der Elbe und die 
Errichtung größerer Städte in den slavischen Pro- 
vinzen erfordert haben, 1 ) so kann es nicht wunder- 
nehmen, das selbst die bedeutenden Städte, wie 
Frankfurt und Nürnberg, im XIV. und XV. Jahr- 
hundert nur etwa zehn bis zwanzigtausend Einwohner 



*) Schmoller. Die historische Entwicklung des Fleisch- 
konsums, sowie der Vieh- und Fleischpreise in Deutschland. 
Tübinger Zeitschrift für Staatswiss. 1871. S. 284ff. 

Kowalewsky, Ökonomische Entwickelung Europas. V. 28 



434 Zwölftes Kap.: Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 

gezählt haben 1 ). Die Mittelpunkte des zwischenstaat- 
lichen Verkehrs, beherbergten freilich eine doppelt 
so große Bevölkerung, und Lübeck wies in der Tat 
im XIV. Jahrhundert 40000 Einwohner auf. Wir 
dürfen aber trotzdem annehmen, daß Deutschland, 
das doch am spätesten den Weg zwischenstaatlicher 
Wirtschaftsbeziehungen betreten hat, in seinen großen 
Städten eine viel kleinere Einwohnerzahl vereinigt hat 
als Italien und Frankreich. Immerhin besitzen wir in 
diesen wenigen Zahlen einen Anhalt, der es gestattet, die 
Nachrichten, wie die über einen Menschenverlust von 
14000 in Basel und 16000 in Straßburg einer Prüfung 
zu unterziehen. Diese zweite Schätzung steht, wie 
Lechner sehr richtig bemerkt, im Widerspruch mit 
der Mitteilung derselben Quelle, der Closener Chronik, 
daß in jedem Kirchensprengel von Straßburg täglich 7, 
8, 9 und 10 Menschen gestorben seien 2 ). Weniger 
unwahrscheinlich sind schon die Angaben über den 
Verlust Frankfurts, der auf 2000 Menschen geschätzt 
wird; bedenklich sind aber die Nachrichten, daß Trier 
13000, Münster 11000, Erfurt 12000 und Wien sogar 
40000 Einwohner eingebüßt haben sollen. Die Un- 
wahrscheinlichkeit dieser letzten Zahl, die der Chro- 
nist durch eine willkürliche Verallgemeinerung der nur 
an einem einzigen Tage vorgekommenen Sterbezahl von 
1200 Menschen gewonnen hat, läßt sich schon daraus 
erkennen, daß Wien im Jahre 1483 kaum 50000 und 
im Jahre 1679 nur 60 000 Einwohner gezählt hat 3 ). 
Weniger auffallend sind hingegen die Zahlen von 6000 
Toten in Mainz und 9000 in Lübeck 4 ). Von allen vor- 

*) Bücher schätzt die Bevölkerung von Frankfurt im 
Jahre 1387 auf 10000, und Hegel die von Nürnberg auf 
20000 Seelen. — 2 ) Lechner. S. 58. — 3 ) ibid. S. 57. 

4 ) Nach anderen Nachrichten soll der Verlust sogar 
80000 Menschen betragen haben, also zwei Mal soviel, als die 
Stadt Einwohner gezählt hat! (Hoeniger. S. 86.) 



Zwölftes Kap.: Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 435 

liegenden Zeugnissen kann nur eines als zuverlässig 
gelten, weil es nicht von einem Chronisten stammt, 
sondern auf ziffermäßigen Feststellungen beruht, 
nämlich die Liste der Gestorbenen, die die Obrigkeit 
von Bremen hat aufnehmen lassen. So verzeichnete 
der Kirchensprengel zur heil. Jungfrau 1816, der des 
heil. Martin 1415, der des heil. Ansgar 1922 und der 
des heil. Stephan 1813, alle zusammen also 6966 Tote, 
ungerechnet das niedere Volk, das, wie das Zeugnis 
besagt, in unendlicher Zahl auf den öffentlichen 
Plätzen und außerhalb der Stadt der Pest zum Opfer 
fiel und auf den städtischen Friedhöfen begraben 
wurde 1 ). 

Bayern und Franken sind zum größten Teil, wie 
Hoeniger zeigt, dank der Sperre von der Pest ver- 
schont geblieben. Im Osten drang die Seuche in 
Preußen ein. Das Bürgerbuch der Stadt Braunsberg 
teilt, offenbar im Sinne des Märchens von der Brun- 
nenvergiftung durch die Juden, mit, daß im Jahre 
1349 in terra Pruscie der Jude Rumbold 9000 Men- 
schen vergiftet habe und daß in Königsberg multi- 
tudo hominum gestorben sei. Die wahre Ursache 
ist allerdings die Pest gewesen, die, wie der Brügger 
Kanonikus unter dem 27. April 1348 von Avignon 
aus berichtet, nach den warmen auch die kalten 
Länder heimgesucht und in Preußen und Pommern, 
wo sie bereits unzählige Opfer beiderlei Geschlechts 
gefordert habe, auch heute noch ihr Vernichtungs- 
wesen treibe 2 ). 

Nicht vor dem Jahre 1360 erschien die Seuche 
in Polen und Schlesien. In Krakau soll sie nach 



J ) Hoeniger führt auf S. 26 den Wortlaut des Protokolls 
des Bremer Stadtrats an, der in den Hanserecessen abge- 
druckt ist. 

*) Hoeniger. S. 24. 

28* 



436 Zwölftes Kap. : Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 

den Annales Miechovienses zwei Drittel der Bevölke- 
rung 1 ), in Schlesien nach den Annalen Wratislaws 
die Hälfte und in Breslau 30000Menschen hingerafft 
haben. Das waren nun die Verheerungen der Pest 
im östlichen Teile Deutschlands 2 ). Im Westen ver- 
breitete sie sich im Elsass, in der Rheinprovinz und in 
Westfalen, wo nach den Worten eines Lokalgeschichts- 
schreibers Viehherden ohne Hirten sich herumtrieben. 
In Österreich durchzog die Seuche außer den 
genannten Provinzen Steiermark, Kärnten, Böhmen 
und das Land Osterreich 3 ) und drang bis nach 
Jütland vor. Nicht die Bergketten 4 ), sondern die 
Wälder und Steppen haben, wenn auch nur zeit- 
weilig, ihr weiteres Vordringen verhindert. Daraus 
erklärt es sich, daß ein Teil von Bayern und Franken, 
wie auch Rußland und Littauen, von ihr entweder 
garnicht oder doch erst einige Jahrzehnte später be- 
fallen sind 5 ). 

§ 2- 

Die vorgeführten Zeugnisse lassen nicht mit 
Sicherheit den Bruchteil der Bevölkerung feststellen, 
der der Pest erlegen ist; es konnte ebenso gut ein 
Drittel, die Hälfte oder auch zwei Drittel der Ein- 
wohnerschaft gewesen sein. Immerhin hinterlassen 
sie den Eindruck, daß die Pest ein schwerer Schlag 



!) ibid. S. 35. — 4 ) ibid. S. 33. 

3 ) Der Vorsteher der Kathedralkirche zu Paris schreibt 
im Jahre 1348: „Mortalitas in Hegno Boemie inceperat dominari, 
sed aura recens et frigida ipsam eliminavit." 

*) In Konrad v. Megenbergs „Buch über die Natur", 
einem der ältesten Werke seiner Art in Deutschland, heißt es 
„es stürben auch des selben jars (1348) gar viel laut in dem 
geperg (gebirg)", worunter Tirol zu verstehen ist. 

5 ) Lechner. S. 40. 47, wo des Schutzes von Franken durch 
den westlich gelegenen Odenwald erwähnt wird. 



Zwölftes Kap. : Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 4.37 

für das gesamte Volk und von tiefgreifender Wirkung 
auf das soziale und in erster .Reihe auf das wirt- 
schaftliehe Leben gewesen ist. Und in der Tat traten in 
Oesterreich, der Schweiz und in Deutschland in den 
ersten Jahren nach der Pest dieselben Erscheinungen 
zu Tage, die wir in den südwestlichen Ländern Eu- 
ropas und in England kennen gelernt haben. Auch 
hier eine Verschiebung des Besitzes zugunsten der 
Geistlichkeit, eine Störung des Gleichgewichts zwischen 
Nachfrage und Angebot, eine Steigerung der Lebens- 
mittelpreise und der Arbeitslöhne. Wie aber die 
Verwüstungen in den verschiedenen Teilen des Reiches, 
so waren auch die wirtschaftlichen Folgen der Ent- 
völkerung nicht überall von gleichem Umfang und 
gaben auch nicht an allen Orten den Anlaß zu gesetz- 
geberischen Maßnahmen. Staatliche Eingriffe haben 
unter dem Einfluß der Gesetzgebung Italiens nur in 
den Venedig unterstellten Provinzen stattgefunden. 
In Deutschland selbst haben je nach der rechtlichen 
Stellung der Zünfte bald die Stadtbehörden, bald die 
Meisterversammlungen Maßregeln ergriffen; von einer 
allgemeinen Reichsverordnung aber, wie sie die franzö- 
sischen Könige und die spanischen Cortes erlassen 
haben, konnte hier bei der Schwäche der Zentralge- 
walt und der weitgehenden Selbstverwaltung im In- 
nern des Reiches nicht die Rede sein. 

Wären die Archive der Provinzen und Städte 
von der Zeit und den verheerenden Kriegen verschont 
geblieben oder wären wenigstens alle erhalten ge- 
bliebenen Schriftstücke veröffentlicht, so würden wir an 
der Hand der Beschlüsse der Landstäcde und Stadt- 
räte eher im Stande sein, uns über die Maßregeln der 
Obrigkeit in Osterreich, der Schweiz und Deutsch- 
land zu unterrichten. So aber müssen wir auf eine 
erschöpfende Behandlung dieser Frage verzichten. 



438 Zwölftes Kap. : Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 

Nachdem wir diesen Überblick vorausgeschickt 
haben, wenden wir uns den vorhandenen Zeug- 
nissen zu. 

Die erste Folge der Entvölkerung des Landes 
war eine Verwahrlosung des gesamten Wirtschafts- 
lebens. Wie in den romanischen Ländern, so ergab 
sich auch in den germanischen die überlebende Be- 
völkerung Vergnügungen und dem Müssiggang, denen 
die Überfülle der Vorräte zustatten kam. Wie die 
italienischen und französischen, so schildern auch 
die deutschen Nachrichten mit Vorliebe diese Zustände 
als Zeichen der allgemeinen Sittenverderbnis. „Dar- 
nach da das Sterben, die Geißelfahrt", heißt es in 
der Limburger Chronik, „ein Ende hatte, da hub die 
Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein, und 
die Männer machten sich neue Kleidung." Der Berner 
Chronist Justinger teilt seinerseits mit: „Weicht do 
genesen warent, die warent fröhlich; und als sie in 
dem here lagent, do hatten sie pfiffer und böggens- 
lacher und sungen und tantzeten. Die sungen und 
spotteten der geissler also : 

Der unser busse wel en pflegen, 

der soll ross und rinder nemen, 

gense und veisse swin, 

damit so gelten wir den win. 

Gott geb im ein verdorben jar, 

der mich macht zu einer nunnen 

und mir den schwarzen mantel gab, 

den weissen rock darunter 1 ). 

In Nürnberg wurden Klagen über ausschweifendes 
Leben „ehrbarer", offenbar verwitweter Frauen laut. 
Am 4. März 1350 ergriff der Rat von Wismar Maß- 
regeln gegen den Luxus 2 ). Einzelne Rheinstädte, so 
Mainz, brachen in bittere Klagen über die Verkommen- 



l ) Hoeniger. S. 80. — Lechner S. 94. — 2 ) Lechner S. 96. 



Zwölftes Kap.: Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 439 

heit der Sitten aus, die dazu geführt haben, daß die 
Männer kurze Kleider tragen, die nicht einmal die 
Schamteile bedecken, und die Frauen Gewänder mit 
enger Taille, die den Busen unbedeckt lassen 1 ). 
Ähnlich klagt der Rat von Speyer im Jahre 1356 
über den Verfall der Sitten und den Kleiderluxus in 
Stadt und Land 2 ). 

Diese Klagen zeigen deutlich, daß alle Volks- 
schichten nach dem Erlöschen der Pest, im Gegensatz 
zum früheren eintönigen Alltag, weit höhere Ansprüche 
an das Leben zu stellen begonnen haben. 

Die Kehrseite dieser an sich ja nicht ungesunden 
Erscheinung war aber ein Stillstand in der wirtschaft- 
lichen Produktion und eine Steigerung der Lebens- 
mittelpreise, Mißstände, die noch durch Müßiggang und 
ausgelassenes Leben verschärft wurden. Fast aus allen 
Teilen des Landes berichten die Zeitgenossen über- 
einstimmend über verwahrloste Güter, herrenlose 
Viehherden, über Mangel an Schnittern und über 
Maßregeln seitens der Landesfürsten, Landstände und 
Magistrate zur Hebung der Bevölkerungszahl und 
Neubesiedelung der verwüsteten Ländereien. In 
Spalato blieben die Felder in den Tagen der Pest 
unbestellt, so daß eine schreckliche Hungersnot aus- 
brach 3 ). In der Trientiner Gegend, berichtet Johann 
von Parma, waren Arbeiter im Jahre 1348 zur 
Erntezeit überhaupt nicht zu beschaffen und das Ge- 



] j „In diebus illis in tantum bacchabatur stulticia hominum, 
quod viri in adolescenti etate constituti vestes et tunicas tarn 
brevissimas portabant, ut pudibunda nee nates possent velare, 
quia in gressibus et sessionibus apparebant werenda genitalia: 
si autem aliquis se debebat inclinare, videbantur, proh pudor 
immensus." (Hoeniger. S. 83). 

2 ) Lechner» S. 81. 

3 ) Lechner. S. 72. 



440 Zwölftes Kap. : Der schwarze Toa in Oesterreich, etc. 

treide konnte nicht eingeerntet werden 1 ). Im folgen- 
den Jahre erreichten die Lebensmittelpreise eine un- 
gewöhnliche Höhe und der Tagelohn für Arbeiter 
stieg von 13 und 15 denaren auf ebensoviele solidi 
und der für Arbeiterinnen auf 6 bis 8 solidi 2 ). In der 
Abtei St. Gallen fehlten viele Hörige, deren Hufen 
brach lagen und keinen Zins abwarfen 3 ). In West- 
falen, berichtet der Zeitgenosse Heinrich von Herford, 
konnte man im Jahre 1350 weder einen Hirten, noch 
einen Schnitter finden 4 ). In der Gregend von Augs- 
burg blieben nach dem erneuten Erscheinen der Pest 
im Jahre 1380 die Mahd und die Bestellung der 
Felder aus 5 ). In der Mainzer Diözese, heißt es in einer 
der von Gudenus herausgegebenen Urkunden, lagen 
zahlreiche Grundstücke infolge Mangels an Teilbauern, 
Pächtern und Arbeitern brach 6 ). In Stettin herrschten 
im Jahre 1376 als Folge der Pest Teuerung und 
Hungersnot 7 ). 

In der Umgebung von Wien und Prag trat nach 
der Pest trotz des guten Ausfalls der Ernte eine 
Teuerung ein, weil die Knechte, fügt der Chronist 
hinzu, außerordentlich hohe Löhne forderten 8 ). 



!) Tunc temporis (1348) non inveniebantur laboratores et 
segetes remanebant per campos, quia non inveniebantur collec- 
tores. (Pezzana. Storia di Parma. Bd. I. S. 52.) 

2 ) ibid. S. 52. — 3 ) Wartmann. III. 664. - 4 ) Hoeniger. 
S. 87. — 5 ) ibid. S. 88. 

6 ) Licet notorium et indubitatum existat . . . qnod agricul- 
tores hodie paucissimi sunt et rari propter quod agri plurimi 
inculti remanent ac deserti. (Gudenus. Codex diplomaticus. 
III. 507.) 

7 ) Lechner. S. 85. 

8 ) Und wurden czu derselben Czeit genuegsame jar, und 
doch war alles das tewer dan ee, und wurden Diener und Die- 
nerin so tewer das man ir hart bekam. (Le^hner. S. 74. 75.) 
Und hinsichtlich Böhmens heißt es bei einem anderen Zeitge- 



Zwölftes Kap.: Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 441 

Um der Gefahr völliger Entvölkerung zu ent- 
gehen, suchten das heilige römische Reich und seioe 
Nachbarländer neue Ansiedler heranzuziehen und durch 
Lohntaxen dem Wachstum der Löhne zu begegnen. 
Bemerkenswert dabei ist, daß so weit voneinander 
gelegene Länder, wie Nord-Tirol, Trient und die 
pyrenäische Halbinsel in der Lohnpolitik ganz ähn- 
liche Wege eingeschlagen haben. 

Da Istrien zu jener Zeit zur Republik St. Marcus 
gehört hat, so ist es nicht auffallend, daß auch hier 
die Gewerbe- und Bevölkerungspolitik Venedigs zur 
Anwendung gelangt ist. Am 17. November 1376 erließ 
der Große Rat der Republik folgende Bestimmung: 
„Zum Wohle des Landes und zur Hebung der Ein- 
wohnerzahl in Istrien mögen die Behörden, omnibus 
rectoribus Istrie, jede in ihrem Wirkungskreise, be- 
kannt machen, daß Fremde, die sich innerhalb dieses 
Jahres mit ihren Familien im Lande niederlassen, für 
fünf Jahre Freiheit von Frondiensten, angariae, und 
jeglichen Abgaben genießen sollen. Die Ankömm- 
linge sollen wohlwollend aufgenommen werden und, 
wenn sie keinen Verdacht erregen, auch alles ihnen 
in Aussicht gestellte erhalten. Nur venezianische 
Untertanen dürfen nicht zugelassen werden 1 )." 

Von den Lohntaxen, die an einzelnen Orten 
Österreichs und Deutschlands nach der Pest aufgestellt 
worden sind, wollen wir zunächst die Verordnung 
des Markgrafen Ludwig aus dem Jahre 1352 vor- 
führen. Diese ist im Einvernehmen mit den geist- 



nossen: hü qui colligunt hospites et artifices mechanici non 
solum Boemi sed et aliarum terrarum, inceperunt facere caris- 
tiam omniura victualium et necessariorum et sie ab eo tempore 
. venit in consuetudinem, quo-d omnia humanis usibus neccessa- 
ria sunt in caro foro ubique locorum. (Lechner S. 74.) 
Lechner. S. 73. 



442 Zwölftes Kap. : Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 

liehen und weltlichen Herren und Grundbesitzern von 
Nord-Tirol, „die Aigen und Urbar in derselben unserer 
Herrschaft und Gebiet haben", erlassen und erinnert 
an sich durchaus an die gleichzeitige Verordnung von 
Kastilien und Aragon. Einleitend weist die Ver- 
ordnung auf den Zusammenhang zwischen der 
Steigerung der Löhne und den Verwüstungen der 
Pest hin und sucht dann zunächst der Auswanderung 
der Bauleute dadurch entgegenzuwirken, daß sie ihnen 
verbietet, die Güter, auf denen sie als Freie oder 
Hörige wohnen, zu verlassen und ferner denjenigen 
Herren, die sie unter Angebot vorteilhafterer Bedin- 
gungen ihren bisherigen Arbeitgebern abspannen, eine 
Strafe von 50 livres Berner Geldes androht. 

In Anbetracht dessen, daß „die Arbeit in dem 
Landt überall nicht gleich ist", schreibt die Verordnung 
für einige Gerichtsbezirke (nach Lechner die Gegenden 
des "Weinbaues) vor, daß Knechte und Mägde, so 
auch Tagelöhner und Handwerker, wie Schmiede, 
Schneider, Schuhmacher u. a., sich mit demjenigen 
Lohn begnügen sollen, der während der letzten fünf 
Jahre vor der Pest üblich war. Drei unbescholtene 
Männer jedes Standes und Berufes werden beauftragt, 
Lohntaxen festzusetzen, deren Übertretung mit einer 
Strafe von 5 livres, von denen dem Richter und 
dem Landesfürsten je die Hälfte zufließt, geahndet 
werden soll. In den zweiten Gerichtsbezirken, zu 
denen u. a. die Besitzungen der Abtei Brixen ge- 
hörten, werden mit dieser Aufgabe die Behörden und 
Sachverständige betraut. Für die dritten Gerichts- 
bezirke endlich schreibt die Verordnung folgende 
Löhne vor. Ein Bauernknecht erhält bei Ver- 
pflegung und einem Paar Schuhe einen Jahreslohn 
von L2, eine Magd einen solchen von 7 Pfund. An 
Tagelohn erhalten Arbeiterinnen die Hälfte oder zwei 






Zwölftes Kap. : Der schwarze Tod in Oesterreicb, etc. 443 

Drittel des Lohnes männlicher Arbeiter. Im Winter 
verringert sich der Tagelohn um ein Drittel. Für 
Drescher bleibt der Lohn bestehen, der in den letzten 
fünf Jahren gezahlt worden ist 1 ). 

Daß die Verordnung des Markgrafen Ludwig 
auch fremde Arbeiter erwähnt und für sie dieselben 
Löhne, wie für die einheimischen, vorschreibt, zeigt, 
daß in Tirol die Ansiedelung ebenso gefördert wurde, 
wie in Istrien. Ähnlich dem Vorgehen des Königs 
Johann des Guten gegen die gens oiseux wendet sich 
die Verordnung gegen Arbeitsscheue und befiehlt 
den Richtern und der Obrigkeit ihrer Wohnorte, sie zur 
Arbeit zu zwingen 2 ). 

In ähnlicher Weise verordnete der Herzog Albrecht 
am 5. Februar 1352 für ganz Osterreich, daß Mäher 
und Schnitter einen Tagelohn von 6 und Holzhauer 
und Erdgräber einen solchen von 5 Pfennig erhalten, 
und daß Zuwiderhandelnde mit einer Strafe im 
doppelten Betrage belegt werden. Durch diese Sätze 
suchte die Regierung die Löhne, die gleich nach der 
Pest auf 12 bezw. 10 Pfennige gestiegen waren, auf die 
Hälfte herabzumindern, offenbar um ihren früheren 
Stand wieder herzustellen 3 ). 

Am 13. Juni 1348 setzte der Rat von Ragusa 
für die Weinbauer, die mit, eigenem Spaten und vom 
Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang arbeiten, 



x ) Sinnacher. Beiträge zur Gesch. der bischöfl. Kirche, Säben 
und Brixen in Tirol. 1827. S. 285. (Lechner. Beilagen. S. 195.) 

'■) „Wellicher Arbaiter auch in dem Lande wären, die vor- 
mals umb den Lone gearbait hetten, und ine von des unser 
Gesaz und Gebots wegen nicht arbaiten wollten, dieselbe sollen 
unser Richter und Ambtleuth 3^egklicher in seinem Ambt, da 
sie wonen sind, darzue zwingen und nöthen das sy umb Lone 
arbaiten bey der vorgenannter Pen und als vorbegriffen ist." 
(S. 150.) 

3 ) Lechner. S. 77. 



444 Zwölftes Kap.: Der schwarze Tod in Oesterreich, etc. 

einen Lohn von einem grossus und sechs follari und 
im Februar des folgenden Jahres einen neuen von 
vierzig follari fest. Im Jahre 1351 wurde der Lohn für 
die Inselbewohner auf 50 follari erhöht. Im Jahr 
1359 wurden neue Maßregeln gegen das Steigen der 
Löhne ergriffen. Aus dem Vergleich dieser Lohnsätze 
ergibt sich, wie Lechner richtig bemerkt, daß die Stadt- 
obrigkeit den Lohn vom Jahre 1348 bis 1351 um ein 
Viertel, von 36 (1 grossus = 30 follari) auf 45 follari, 
erhöht hat 1 ). 

Ob auch in Deutschland eine allgemeine Regelung 
der Lohnverhältnisse stattgefunden hat, wissen wir nicht. 
Daß aber Versuche hierzu, wenn auch nicht von der 
Zentralgewalt, den Landständen oder den Städten, so 
doch von den Zünften gemacht wurden sind, erweisen 
die von Stahl und Schanz veröffentlichten Lohntaxen 
der Gewandschneider zu Speyer. Da dieses Zeugnis 
dadurch beachtenswert ist, daß es den beginnenden 
Kampf zwischen dem städtischen Lohnproletariat und 
dem Unternehmertum im XIV. Jahrhundert und die 
allgemeinen Beweggründe der Arbeitergesetzgebung 
erkennen läßt, so möge es hier ausführlicher wieder- 
gegeben sein. „Wir", heißt es in dem Statut vom 
31. Oktober 1351, ,,der Zunftvorstand und die Tucher- 
genossenschaft zu Speyer, geben allen, die diese Be- 
stimmung selbst lesen und 'denen sie von anderen vor- 
gelesen wird, bekannt, daß wir zur Vermeidung von 
Lohnstreitigkeiten und Mißverständnissen zwischen uns 
und den Arbeitern Folgendes beschlossen haben." Es 
folgt eine Aufzählung der getroffenen Maßregeln. Die 
Arbeiter, heißt es weiter, haben sich mit den bestehenden 
Löhnen unzufrieden erklärt und sind soweit gegangen, 
daß sie ihre Meister im Stiche gelassen haben ,,und 

») ibid. S. 76. 77. 



Zwölftes Kap.: Der schwarze Tod in Öesterreich, etc. 445 

sie dar umbe enweg gelauffen warent". Nun haben 
der Zunftvorstand und die Meisterversammlung die 
Streitigkeit auf friedlichem Wege beigelegt und beide 
Parteien haben Lohnsätze bestimmt, die auch für die 
Nachkommen und alle Zeiten Geltung haben sollen. 
Trotzdem sind aber die Löhne im Jahre 1362, wenn auch 
nicht sehr erheblich, erhöht worden. Der Lohn eines 
Arbeiters, der bessere Tuche herstellte, betrug, wie 
Schanz mitteilt, das erste Mal (im Jahre 1351) ein und 
dann zwei Drittel vom Anteil des Unternehmeis, der 
des Heimarbeiters zwölf und der seines Hilfsarbeiters 
vier und später acht Schillinge 1 ). 

Ob Deutschland noch andere Lohntaxen aus der- 
selben Zeit aufzuweisen hat, ist uns nicht bekannt. 
Da aber die Annales Marbacenses, die Aachener Stadt- 
rechnungen und die Chronik des Trienter Kanonikus 
Johann von Parma 2 ) von einer stattgefundenen Stei- 
gerung der Löhne berichten, so steht zu erwarten, daß 
durch weitere Veröffentlichungen aus den Stadtarchiven 
und den Erlassen der Landstände das dem Geschichts- 
schreiber zu Gebote stehende Material über die Lohn- 
taxen des Mittelalters eine wesentliche Bereicherung 
erfahren wird. 



a ) Schanz. Geschichte der deutschen Gesellenverbände. 
1877. S. 46. 47. Stahl. Das deutsche Handwerk. 1874. S. 338. 

2 ) Opportuit dari laboranti in vineis quatuor solidos dena- 
riorum argentinensium (Annales Marbacenses a. 1363). In 
Aachen betrug der Tagelohn im Jahre 1383 6, 10 und 12 
Schillinge. (Laurent. Aachener Stadtrechnungen. S. 7.) Pezzana. 
St. di Parma. Beilage. S. 52. 



Anhang. 



Geschichtlicher Überblick über die Entstehung 
der gewerblichen Zünfte aus der Kaufmanns- 
gilde zu Brescia. 

Gelegentlich des Nachweises, daß die Handwerker- 
zünfte an vielen Orten aus den bestehenden Kauf- 
mannsgilden hervorgegangen sind, konnten wir bei 
Italien nur auf einzelne Beispiele dieser Entwicklung 
hinweisen. Die Statuten der Kaufmannsgilde zu Brescia 
und einzelner ihrer Zünfte, mit denen wir uns in- 
zwischen vertraut machen konnten, stellen hierfür einen 
weiteren Beleg dar. Das Statut dieser Gilde, Statutum 
Mercadantiae, das sich in einem unvollständigen Exem- 
plar aus dem Ende des XIV. Jahrhunderts in der 
Bibliotheca Queriniana, der größten Bücherei der Stadt 
Brescia, befindet, zeigt, daß der Vorstand der Gilde, 
bestehend aus Konsuln und 20 Beisitzern, das Recht 
gehabt hat, auf der allgemeinen Versammlung Anträge 
zur Abänderung der Satzungen einzubringen, Maße 
und Gewichte zu überwachen und Personen, die des 
Gebrauches falscher Maße und Gewichte überführt 
waren, zu bestrafen, in Handelssachen Recht zu 
sprechen, für die Sicherheit der Verkehrswege durch 
einen gewählten Ausschuß von kundigen Kaufleuten 
Sorge zu tragen u. a. m. Außer diesen Satzungen, 
die den Kaufmannsgilden auch anderer Städte Italiens 



Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmann sgilde. 447 

eigen sind, weist das Statut eine Bestimmung auf, die 
geeignet ist, unsere Annahme zu bekräftigen. Danach 
waren nämlich die Konsuln befugt, Untersuchungen 
über berufliche Vergehen der Handwerker, wie Apo- 
theker, Gerber, Kürschner u. a. einzuleiten und nicht 
nur ungenügende gewerbliche Erzeugnisse, sondern 
auch verdorbene Lebensmittel, victualia, verbrennen zu 
lassen, woraus eben hervorgeht, daß auch Bäcker, 
Fleischer und Fisch-, Gemüse- und Obsthändler der 
Aufsicht der Konsuln unterstanden haben. Die Konsuln 
ordneten die Verbrennung der schlechten Ware ent- 
weder im Hause des Gewerbtreibenden oder an einem 
anderen Orte an und verhängten außerdem über den 
Schuldigen je nach seinem Stande und der Art des 
Vergehens eine Strafe von zehn und noch mehr livres, 
die je zur Hälfte dem Angeber und dem Krankenhause 
zuflössen. Diese Bestimmung, heißt es am Schluß, 
solle die gewissenhafte Ausübung des Handwerks zum 
Wohle der Republik von Brescia gewährleisten 1 ). 

Hieraus geht nun unzweifelhaft hervor, daß im 
XIV. Jahrhundert die Gewerbepolizei und die Aufsicht 
über die Handwerker in Brescia nicht vom Zunft- 
vorstand, sondern von den Konsuln der Kaufmanns- 
gilde ausgeübt wurde. Diese Genossenschaft, die nach 
ihrem Statut ausschließlich handeltreibende Bürger als 
Mitglieder aufnehmen durfte, hat also gegenüber den 
Handwerkern, von den Bäckern und Fleischern bis 
zu den Kürschnern und Apothekern, dieselbe Stellung 
eingenommen, wie die „gilda mercatoria" in England, 
die „guilde marchande" in Frankreich und Flandern 
und die von Doren geschilderte „Kaufmannsgilde" in 
Deutschland. 



*) Statutum Mercadantiae civitatis Brixiae. (Bibl. Queri- 
niana MS. D. V. 23. Fol. 25.) 



448 Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmannsgilde 

Das von uns in Brescia entdeckte Statut weist 
aber nicht nur auf dieses Unterordnungsverhältnis 
allein, sondern auch darauf hin, wie sich die Hand- 
werkerzünfte von der Kaufmannsgilde losgelöst und 
noch in der Folgezeit einzelne Reste früherer Ab- 
hängigkeitzurückbehalten haben. Außer einzelnenRegeln 
über den Gewerbebetrieb bei den Apothekern zu Brescia 
enthält das Statut unmittelbar nach der bereits an- 
geführten Bestimmung eine ordo, die, wie es in der 
Überschrift heißt, von den Kaufleuten der Stadt, per 
mercatores civitatis, für die Apothekerzunft aufgestellt 
war und die in sechs Abschnitte zerfällt. Danach 
wählten die Konsuln aus der Mitte der Apotheker 
zwei ihnen verantwortliche Männer, die die Geschäfte 
und Interessen ihrer Genossen führen und fördern, 
die Ausübung des Gewerbes, insonderheit die sach- 
gemäße Herstellung von Pulvern, super piperatis, aus 
Honig unter Beimischung von Zucker, Syrup oder 
anderen Ingredienzien überwachen und sich einmal im 
Monat persönlich in den Apotheken davon überzeugen 
sollen, ob den Anordnungen der Konsuln der Kauf- 
mannsgilde Folge geleistet werde. 

Diese Aufseher, circatores, werden von den Kon- 
suln in Eid genommen, unter Androhung einer Strafe 
von 10 libri, die erhaltenen Weisungen gewissenhaft 
erfüllen zu wollen, prout impositum fuerit per dictos 
consules, und insonderheit verpflichtet, über alle neuen 
Erfindungen und bestehende Mängel, inventiones et 
defectus, im Gewerbebetrieb der Apotheker schriftlichen 
Bericht zu erstatten, der in die Geschäftsbücher der 
Kaufmannsgilde eingetragen werden soll. Bricht ein Apo- 
theker den vor den Aufsehern geleisteten Eid, keinerlei 
falsche Heilmittel, rem falsam nee contraf actum, weder in 
seinem Hause, noch anderswo anfertigen zu lassen, so 
unterliegt er nach Abschnitt 2 einer Strafe von 5 libri, 



Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmannsgilde. 449 

die je zu gleichen Teilen der Kaufmannsgilde und dem 
Angeber, dessen Name geheim gehalten wird, zufließen; 
die Arznei wird verbrannt. Der Abschnitt 3 bestimmt, 
daß auf alle Mittel, die aus Wachs mit einem Gewicht 
von 6 Unzen bestehen, das Siegel des Apothekers, 
von dem sich ein Abdruck bei der Kaufmannsgilde 
befindet, aufgedrückt werden und Unterlassungen mit 
einer Strafe von 2 libri geahndet werden sollen. Der 
Abschnitt 4 setzt für einen Apotheker, der sich einer 
Durchsuchung seines Hauses seitens der Aufseher 
widersetzt, eine Strafe von 10 libri fest. Die Ab- 
schnitte 5 und 6 endlich verbieten bei einer eben so 
großen Geldstrafe die vorschriftswidrige Herstellung 
von Arzneimitteln, und befiehlt ihre Vernichtung als 
roba medicinalis falsa in Gegenwart des Fälschers. 

Diese Bestimmungen, die den Grundstock für das 
spätere Organisationsstatut der Apotheker gebildet 
haben, erbringen den deutlichen Beweis dafür, daß 
die Apothekerzunft erst durch die Lostrennung von der 
Kaufmannsgilde zur Selbständigkeit gelangt ist. Daß 
diese Gilde, die an ihre Mitglieder das einzige Er- 
fordernis stellte, ihren Beruf persönlich auszuüben, 
und die die verschiedensten Gewerbtreibenden, wie 
Gewandschueider, Papierhändler, Eisenschmiede, 
Kürschner, Gerber, Färber, Wein-, Milch-, Flachs-, 
Vieh-, Getreide-, Fleischhändler u. a. m. in sich ver- 
einigte, unter denen die Apotheker ausdrücklich er- 
wähnt sind, zeigt der zweite Abschnitt des Statuts, 
der die bereits angeführten Mitglieder noch durch 
Nennung von Groß- und Kleinhändlern ergänzt. 
(Fol. 11 vo.) 

Die weitere Folge der Lostrennung der Gewerb- 
treibenden von der Kaufmannsgilde war die Bildung 
eigener Handwerkerzünfte, deren Oberleitung den 
Konsuln und Räten der Gilde auch weiterhin zustand. 

Kowalewsky, ökonomische Entwicklung Europas. V. 2 » 



450 Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kauf man nsgilde. 

Dies läßt sich an der Entwicklung der Apothekerzunft 
zu Brescia deutlich verfolgen. In der Einleitung zum 
Statut dieser Zunft, speciarii vel aromatarii, aus dem 
Jahre 1433 beißt es wörtlich: „Die versammelten 
Konsuln und Beisitzer der Kaufmannsgilde zu Brescia, 
officium mercantie et paraticum mercatorum (es folgen 
die Namen von 4 Konsuln und 8 Beisitzern), haben 
auf Grund der Vollmachten, die ihnen von der Regier- 
ung bei der Bestätigung des Statuts der Gilde ver- 
liehen worden sind, und in Anerkennung dieses großen 
Nutzens des Apothekerberufs für die Gesundheit und 
Reinigung des menschlichen Körpers von verschiedenen 
beschwerlichen und entstellenden Krankheiten ein- 
stimmig Folgendes zum nützlichen Gedeihen dieses Ge- 
werbes und zum "Wohle des Staates und der Republik 
von Brescia beschlossen, bestimmt und verordnet . .". 
Diese Einleitung schließt mit der Erklärung, daß die 
Bestimmungen auf Vorschlag eines der Konsuln der Gilde, 
des Kaufmanns und ansässigen Bürgers von Brescia, 
Balduzia de Longena, aufgenommen worden seien. 

Daß die Apothekerzunft auch in ihrem inneren 
Leben unter der Botmäßigkeit der Kaufmannsgilde 
gestanden hat, erhellt eben so deutlich aus dem Schluß- 
abschnitt des Statuts, der die Art und Weise der Ab- 
urteilung von Streitigkeiten und beruflichen Vergehen 
festlegt uud unter anderen Personen auch die Konsuln 
zu Richtern ernennt, ferner aus der Bestimmung, daß 
bei einer Nichtübereinstimmung zwischen den 88 Sta- 
tutenvorschriften der Gilde und denen der Apotheker 
die ersteren den Ausschlag geben sollen. 

Das so ausschließlich von den Konsuln und den 
Vorstehern der Kaufmannsgilde verfaßte Statut der 
Apotheker vom Jahre 1433 bedurfte zu seiner Gültig- 
keit jedoch der Bestätigung durch die Zentralgewalt, 
die in Brescia, das bereits der Republik angegliedert 



Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmann sgilde. 45 \ 

war, von dem vom Senat ernannten podestä Marco Foscari, 
ausgeübt wurde. In seinem Palast an der via della 
Santa Agathe, heißt es, erfolgte in Gegenwart der 
Stadtältesten, die sich mit dem podestä in die Ver- 
waltung der Stadt teilten und die, wie üblich, durch 
Glockengeläut in den turris popoli einberufen waren, 
die Bestätigung des Statuts. Nach Ablauf von zwanzig 
Jahren, d. h. im Jahre 1458, wurde die Bestätigung 
zum ersten Mal und im Jahre 1464 zum zweiten Mal 
erneuert und dies im Statut vermerkt. 

Vergleichen wir nun dieses Statut hinsichtlich 
seines Inhaltes mit dem der Kaufmannsgilde, so 
sehen wir, daß dieselbe Bedingung, daß nur der- 
jenige als Kanfmann anerkannt wird, der in die Mit- 
gliederliste eingetragen ist 1 ), auch bei den Apothekern 
in Geltung ist: wer diese Bedingung nicht erfüllt, darf 
das Apothekergewerbe, artem speciarii, nicht ausüben 2 ). 
Wie die Gilde von jedem Neueintretenden, es sei denn 
ein Kaufmannssohn, einen bestimmten Mitgliedsbeitrag 
erhoben hat, ebenso fordern auch die Apotheker unter 
derselben Einschränkung, daß jedes neue Mitglied zu 
Gunsten ihrer Genossenschaft dicte universitati 4 
goldene Dukaten zahlen soll. Wessen Vater oder 
Großvater väterlicherseits Mitglied der Apothekerzunft 
gewesen ist, heißt es bei dieser, ähnlich wie bei der 
Kaufmannsgilde, soll von der Zahlung dieser 4 Dukaten 
befreit sein. 

Ahnlich den gewählten vorstehenden Konsuln und 
Kassenwarten bei der Kaufmansgilde handelt das Statut 
der Apotheker von der Wahl von syndicis und einem 



x ) Et intelligantur mercatores quicunque in matricula 
mercatorum Brixie sunt descripti et approbati et in futurum 
describentur et approbantur vel eorum descendentes. 

2 ) Quod nullus possit exercere artem speciarie nisi fuerit 
matriculatus. 

29* 



452 Entstehung d. gewerb]. Zünfte aus der Kaufmannsgilde. 

massarius, jenen ähnliche Amter, durch sämtliche in 
Brescia ansässige Mitglieder. Am Tage Johannes des 
Täufers wurden sie im Hause der Kaufmannsgilde ein- 
berufen, um durch geheime Abstimmung einen Kassen- 
führer und zwei syndici für ein Jahr zu wählen. Der 
ausscheidende Vorstand, heißt es, ist vor Ablauf dreier 
Jahre nicht wieder wählbar. 

Waren es dort die Konsuln, die die Warenschau 
ausgeübt haben, so sind es hier die syndici, die ver- 
pflichtet sind, mindestens drei Mal im Jahre eine Schau 
vorzunehmen und die vorschriftswidrigen Waren öffent- 
lich vor der Verkaufsstelle zu verbrennen, den Fälschern 
eine Strafe von 50 libri aufzuerlegen und das Gewerbe- 
recht ihnen zu entziehen. Zusammengesetzte aus- 
ländische Arzneien, res medicinales forenses compo- 
sitae, sind vom Verkauf ausgeschlossen, ausgenommen 
Theriak, Ingwer, Syrupe aus Zucker und Honig, Heil- 
salze, mitridatum, mirabolanum und alypta. 

Verboten wird ferner der Bezug ausländischer 
künstlicher Wässer und Salben, so von Kopfwasser, 
aqua capillarum, da es, betont das Statut, die ihm zu- 
geschriebene Wirkung gar nicht besitze. 

Ohne gemeinsame Erlaubnis seitens ihrer eigenen 
syndici, des massarius und der Konsuln der Kauf- 
mannsgilde, dürfen die Apotheker keinerlei Arzneien 
aus Theriak und Mitridat herstellen. 

Das Statut verbietet bei Strafe der Vernichtung, 
Heilmittel zu verabfolgen, die Stärke enthalten, und 
Arzneien, die leichtem Verderben ausgesetzt sind, über 
die vorgeschriebene Zeit hinaus auf Lager zu halten. 
Den Apothekern wird eingeschärft, zur Herstellung 
von Arzneien stets bestes Material, so guten Zucker 
und frische Gewürze zu verwenden. Für eine Reihe 
von Pulvern, piperata, wie piperatum finum, piperatum 
commune, piperatum forte und piperatum dulce, gibt 



Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmannsgilde. 453 

das Statut eine Anleitung zu ihrer Zubereitung und 
erkennt nur Heilmittel, die nach diesem Verfahren 
hergestellt sind, als den uralten Vorschriften genügend 
an. Da aber inzwischen neue Mittel entdeckt worden 
waren, so ergänzt das Statut die Beschreibung „der 
Pulver, die nach den alten Anweisungen sowohl in der 
Stadt, wie in seiner Bannmeile verabfolgt werden dürfen", 
durch eine weitere descriptio derjenigen Pulver, die 
unlängst an einzelnen Orten zum Gebrauch zugelassen 
worden sind, noviter et secundo loco concessi. Eine 
dieser Anleitungen sei hier vorgeführt. Für ein pipe- 
ratum finum und piperatum dulce schreibt sie vor: 
2V2 Pfund Zimt, 1 Pfund Ingwer, 3 Unzen Pfeffer 
je 2 Drachmen Muskatnuß, Nelken und spanischen 
Pfeffer und 1 Drachme Cardamom. Dieser Mischung 
Farbstoffe (es folgt ihre Aufzählung) beizumischen 
wird verboten. Jede Arznei soll den Namen und 
Stempel des verabfolgenden Apothekers tragen und 
diese signa sollen abschriftlich der Kaufmannsgilde mit- 
geteilt werden — ein weiterer Beweis dafür, daß die 
Apotheker auch nach dem Ausscheiden aus der Gilde 
ihrer Aufsicht unterstanden haben. Das Statut ver- 
bietet den Apothekern, den Ärzten Arzneien zu ver- 
kaufen und mit ihnen Verträge zu schließen — ein 
Verbot, das die venezianischen Zünfte, wie wir gezeigt 
haben, bereits zu Anfang des XIII. Jahrhunderts in 
ihr Statut aufgenommen haben. Die syndici sind be- 
fugt, jeden Apotheker unter Eid bezeugen zu lassen, 
wie er sein Gewerbe ausübt, und bei Weigerung eine 
Strafe über ihn zu verhängen. Bemerkenswert ist das 
Verbot von Wuchergeschäften, die gegen das kanonische 
Recht verstoßen. Die Aufsicht hierüber wird in die 
Hand der Konsuln der Kaufmannsgilde gelegt — ein 
weiterer Beweis für das Fortbestehen des Unterordnungs- 
verhältnisses der Apothekerzunft der Gilde gegenüber. 



454 Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmannsgilde. 

Um das Apothekergewerbe ausüben und Arzneien 
bis zu einem Gewicht von 2 Pfund im Kleinverkauf 
verabfolgen zu dürfen, soll jeder Bewerber, heißt es 
im Statut, die notwendigen Fachkenntnisse erwerben 
und einen Befähigungsnachweis gegenüber der Apo- 
thekergenossenschaft, universitatem dictorum speciari- 
orum, erbringen. Die allgemeine Versammlung solle 
sich selbst von der gehörigen Erlernung des Berufes 
durch den Bewerber überzeugen, laudatus per ipsos 
de sufficientia dicte artis. Jeder Apotheker ist bei 
Strafe verpflichtet, innerhalb der Stadt oder im Weich- 
bild einen Laden zu haben, ihn auch an den Feier- 
tagen für die Käufer offen zu halten und über die 
verabfolgten Arzneien ein Buch zu führen, das jeder- 
zeit den syndici zur Prüfung vorgelegt werden muß. 
Dieses Buch bezeichnet das Statut als das massgebende, 
offenbar weil es als Kontrollbuch für die jeweiligen 
Berichte der Apotheker an die Konsuln der Kaufmanns- 
gilde gedient hat. 

Die folgenden Bestimmungen unterscheiden sich 
wenig von den gewöhnlichen Satzungen, sei es einer 
Kaufmannsgilde, einer Handwerkerzunft oder einer 
kirchlichen oder geselligen Bruderschaft des Mittel- 
alters, die, wie wir gezeigt haben, den römischen soda- 
litiae nachgebildet sind. 

So werden die Mitglieder verpflichtet, am Tage 
Johannes des Täufers, ihres Schutzheiligen, G-eldopfer 
zu bringen uod an den Leichenbegängnissen hinge- 
schiedener Genossen teilzunehmen. Die weitere 
Bestimmung für die Apotheker, allen Anordnungen 
der syndici und des massarius in gewerblichen An- 
gelegenheiten Folge zu leisten und diesen Vorstehern 
die gebührenden Ehren zu erweisen, de honorantia 
danda, entspricht vollkommen den Vorschriften der Kauf- 
leute hinsichtlich ihres Verhaltens gegenüber ihrem 



EntstehiiDg d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmannsgilde. 455 

Vorstand. Gemeinsam ist diesen beiden Genossen- 
schaften die weitere Bestimmung, die dem gewählten 
Vorstand verbietet, vorzeitig sein Amt niederzulegen 
und ihn zur Erstattung eines Berichts über seine Ge- 
schäftsführung vor der Neuwahl verpflichtet. 

Das allen Zunftstatuten gemeinsame Verbot, den 
Genossen Arbeiter abzuspannen, kehrt naturgemäß 
auch bei den Apothekern in der Form de famulis per 
alios non acceptandis wieder. Eigentümlich aber ist, daß 
die Apotheker sich nicht nur eine Steuer, talia (taille), 
auferlegen, sondern auch ihre Höhe auf 3 libri fest- 
setzen und diese Gelder zur Deckung der Ausgaben für 
die innere Verwaltung, die Krankenfürsorge und Be- 
stattung hingeschiedener Genossen bestimmen. 

Daß die Apothekerzunft zur Zeit der Abfassung 
ihres eigenen Statuts in der zweiten Hälfte des XV. 
Jahrhunderts und einige Jahrzehnte nach ihrer wieder- 
holten Bestätigung in den Jahren 1458 und 1468 noch 
keine eigene Gerichtsbarkeit besessen hat, zeigt die 
Bestimmung, daß für alle Streitfälle im Apotheker- 
gewerbe oder in der Apothekerzunft, ars, wie das 
Statut es nennt, nicht die syndici, sondern die Konsuln 
der Kaufmannsgilde zuständig sein sollen. Dies ist 
eine direkte Bestätigung für die von uns vertretene 
Ansicht, daß die Gewerbepolizei und die Gerichtsbarkeit 
keineswegs zu den zweifellosen Vorrechten der Zünfte, 
ihrer Behörden und Räte gehört haben. Auch die 
Staatsbehörden oder in diesem Falle statt ihrer 
die Konsuln der Kaufmannsgilde konnten es sein 
und sind es gewesen, die jene Rechtsbefugnisse ge- 
handhabt haben. 

Aber nicht nur bei dieser viel umstrittenen Frage, 
sondern auch hinsichtlich der Entstehung' einzelner 
Handwerkerzünfte auf dem Wege der Lostrennung 
von der aus den verschiedensten Berufen zusammen- 



456 Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmannsgilde. 

gesetzten Kaufmannsgilde finden wir also in der Wirt- 
schaftsgeschichte von Brescia eine vollkommene Recht- 
fertigung der Ansichten, die wir im Verlauf unserer 
Untersuchung entwickelt haben. 

Wie spät jene Abtrennung erfolgt ist, zeigt uns 
die Zunft der Goldschmiede zu Brescia, deren ältestes 
Statut im Jahre 1535 in dem Ortsdialekt abgefaßt ist 1 ). 
Das Vorwort zum Statut läßt gar keinen Zweifel dar- 
über aufkommen, daß wir es hier tatsächlich mit der erst- 
maligen Bildung dieser Zunft zu tun haben. Schon die 
Benennung: „Schmiede, die Gegenstände aus Gold an- 
fertigen, li fabri aurefici", weist darauf hin, daß diese 
Goldschmiede ehemals einen Teil derjenigen Schmiede 
und der „verschiedenen Metallwarenhändler" gebildet 
haben,dieimStatutderKaufleutezuBrescia ausdemXIV. 
Jahrhundert aufgezählt sind. Die Lostrennung ging vor 
sich in der Reihenfolge, daß zuerst die Schmiede 
überhaupt und dann erst die Goldschmiede eine eigene 
Genossenschaft, generale universita, begründet haben. 

In der Einleitung zum Statut erklären die Gold- 
schmiede, daß sie im Namen Gottes und der heiligen 
Jungfrau und zu Ehren der Obergewalt von Venedig, 
die in den Urkunden jener Zeit gewöhnlich nach dem 
Dogen bezeichnet wird, diejenigen Vorschriften über 
die innere Einrichtung und Verwaltung zum Ausdruck 
bringen wollen, denen sie bis jetzt zu folgen gewohnt 
waren und die die Gewissenhaftigkeit, das Gedeihen 
und eine gute Verwaltung des Goldschmiedehandwerks 
schützen sollen. Auf den Inhalt dieser Vorschriften 
brauchen wir hier nicht einzugehen, da sie sich nicht 
wesentlich von den allgemeinen Bestimmungen der 
älteren Statuten der Goldschmiede, die wir seinerzeit 
bereits angeführt haben, unterscheiden. Für uns kommt 



i) Bibl. Queriniana G. VI. 5. S. 401. B. 207. 



Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmannsgilde. 457 

hier vornehmlich in Betracht, daß einzelne Hand- 
werkerschaften in fortgesetzter Reihenfolge bis ins 
XVI. Jahrhundert hinein sich von der Kaufraannsgilde 
zu Brescia, die im XIV. Jahrhundert eine bunte Zu- 
sammenfügung der verschiedensten Berufe war, ge- 
trennt und sich zu selbständigen Genossenschaften mit 
eigenen Satzungen und gewählten Vorständen zu- 
sammengeschlossen haben. 

Und so haben wir denn in der Geschichte der 
Gevverbeverfassung einer italienischen Stadtgemeinde 
ein bezeugendes Beispiel für denjenigen Entwicklungs- 
vorgang allgemeiner Art, den wir nur in großen Zügen 
und ohne geschichtliche Belege im Kapitel über die 
Entstehung der Zünfte in den verschiedenen Ländern 
Westeuropas haben schildern können. Diese Ent- 
wicklung hat sich an verschiedenen Orten in der 
Weise vollzogen, daß einzelne Gruppen von Hand- 
werkern und Kaufleuten entweder unmittelbar von der 
Staatsgewalt das Recht der Selbstverwaltung verliehen 
erhalten oder sich nach und nach von der Kaufmanns- 
gilde losgetrennt haben, die ursprünglich die Aufsicht 
und Regelung des gesamten städtischen Gewerbelebens 
in ihren Händen vereinigt hat. In Brescia spielte sich 
dieser Vorgang offenbar in ähnlicher Weise ab, wie in 
Rom, dessen Kaufmannsgenossenschaft, die so ver- 
schiedene Berufe, wie Viehzüchter, Ackerbauer u. a. m. 
in sich vereinigt hat, das älteste Statut, statuta merca- 
ture, besessen hat. Die späteren Zünfte Roms, so die 
ars bobacteriorum, gingen aus dem Zusammenschluß von 
Genossen gleichen Gewerks hervor, was übrigens nicht 
ausschließt, daß sie ehemals Glieder einer allgemeinen 
Genossenschaft gewesen sein mochten. So sind viel- 
leicht die Gärtner, deren Statut aus dem X. Jahrhundert 
Hartmann entdeckt hat, ein Zweig derjenigen ars agri- 
culturae des Altertums gewesen, die uns neuerdings im 



458 Entstehung d. gewerbl. Zünfte aus der Kaufmannsgilde. 

XIII. Jahrhundert bereits in untergeordneter Stellung 
gegenüber der Kaufmannsgilde entgegentritt und ein 
Jahrhundert später wieder als selbständige Zunft er- 
scheint, die in sich die verschiedensten landwirtschaft- 
lichen Berufe vereinigt. 

Hieraus folgt unmittelbar, daß die Geschichte der 
Zunftorganisation von Brescia nicht etwa eine ver- 
einzelte, sondern eine für ganz Italien allgemeine Er- 
scheinung darstellt. Die neueren geschichtlichen Unter- 
suchungen über die Kaufmannsgilden in England, 
Deutschland und Frankreich, die wir seinerzeit in 
ihrem Gesamtergebnis wiedergegeben haben, erbringen 
ihrerseits den deutlichen Nachweis, daß diese Gilde in 
den verschiedenen Ländern Europas eine Stellung inne 
gehabt hat, die in der Mitte zwischen der Verwaltung 
der Stadt und der des Zunftwesens gelegen hat. Aus- 
gehend hiervon gelangen wir nun zu dem Schluß- 
ergebnis, daß die in Brescia erfolgte Trennung und 
Umbildung der Kaufmannsgilde in selbständige Ge- 
nossenschaften von Kaufleuten und Handwerkern in 
der mittelalterlichen Gewerbegeschichte des gesamten 
Westeuropas und vom Beginn der städtischen Selbst- 
verwaltung an bis zur völligen Auflösung des Zunft- 
wesens eine durchaus gewöhnliche Erscheinung, ge- 
wesen ist. 



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Zur hundertsten Wiederkehr von Gossens Geburtstag am 7. September 
1910 hat Professor Robert Liefmann in den Jahrbüchern für Nationalökonomie 
Bd. 95 Heft 4 einen Abriss seines Lebens und eine ausführliche Darlegung 
seiner Lehre gegeben. Es ist mir, der ich das ganz verschollene Buch dem 
Buchhandel wieder zugängig gemacht habe, eine Freude, dass der hervor- 
ragende Nationalökonom dem lange verkannten und lange tot geschwiegenen 
Gossen gerecht wird. Auch Liefmann betont, wie ich dies schon früher ge- 
tan habe, dass Gossen durch die Einführung zahlreicher mathematischer 
Formeln für den Nichtmathematiker sein Buch schwer lesbar gemacht hat, 
ganz unnützer Weise, da sich alle seine Gedanken sehr wohl ohne solche 
Hilfsmittel darlegen lassen. Professor Liefmann stellt fest, dass die Be- 
deutung des Werkes von G. für die nationalökonomische Theorie heute ausser 
allem Zweifel steht und schliesst seinen Aufsatz: „In diesem Sinne kann 
man der ökonomischen Theorie ein Zurück zu Gossen zurufen." 



G. J. Göschen 

Theorie der auswärtigen Wechselkurse. 

Nach der 2. franz. Ausgabe Leon Say's von F. Stöpel. 
8. 1910. XII, 132 Seiten. Anastatischer Neudruck. Eleg. brosch. Preis M 3. 



Die social=ökonomische Türkei. 

Von Dr. V. Totomjanz und E. Toptschjan. 

kl. 8. 1901. VIII, 128 S. M 2.-. 



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3 



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Kovalevskii, Maksim 
Maksimovich 

Die ökonomische 
Entwicklung Europas 



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