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Full text of "Die Kriegschirurgen und Feldärzte Preussens und anderer deutscher Staaten in Zeit- und Lebensbildern"

COLUMBIA LIBRARIES OFFSITE 

HEALTH SCIENCES STANDARD 



HX00054518 



RD351 
P95 

V.l 




Prussia, Kriegsministerium« 
Medizinal-abteilung, 

Die kriegs Chirurgen und feld- 
arzte Preussens und anderer deutscher 
Staaten, 




I 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

Open Knowledge Commons 



http://www.archive.org/details/diekriegschirurg01prus 



Yeröffentlichimge 



aus dem Gebiete des 






/esens. 



Herausgegeben 
von der 

Medizinal-Abtheilung 

des 

Köniaiicli Preiissischen KrieRsiniiiisteriums. 



Heft 13. 
Kriegschiriirgen und Feldärzte des 17. und 18. Jahrhunderts. 

Von 

Prof. Dr. Albert Koehler, 

Oberstabsarzt I. Cl. 



Mit IS Portraifs, 5 Ahhüchiugen und 2 TUinen. 



Berlin 1899. 

Yerlag von August Hirscliwald. 

N.W., Unter den Linden 68. 



Veröffeiitlichiin^en 



aus dem Gebiete des 



Militär-Sauitätswesens. 



Herausgegeben 



von der 

Medizinal-Abtheilung 

des 

Könmiich Prenssischen Krieo-siiimisteriuins. 



Heft 13. 
Kriegschirurgen -und Feldärzte des 17. und 18. Jahrhunderts. 



Von 



Prof. Dr. Albert Koeliler, 

Oberstabsarzt I. CI. 



Berlin 1899. 

Verlag von August Ilirschwald. 

N.W., Unter den Linden 68. 



Die 

Kriegscliirurgeii und Feldärzte 

Preussens und anderer deutscher Staaten 

in Zeit- und Lebensbildern. ' " - 



Herausffea:eben 



der Medizinal- Abtli eil iiiiff des Köiiißl. Preuss. Krieffsmiiiisteriums. 



L Theil. 

Kriegschirurgen und Feldärzte 

des 17. und 18., Jalirlianderts 



Prof. Dr. Albert Koeliler, 

Oberstabsarzt I. Cl. 



Mit 13 Portraits, 3 Abbildungen und 2 Plänen. 



Berlin 1899. 

Verlag von August Hirschwald. 

N.W., Unter den Liuden 68. 






--p r>,<. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Der 



Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 



eewiclraet. 



Vor^A^ort. 



Die Geschichte der Kriegschirurgie in Deutschland an einer Reihe 
von Lebensdarstellungen ihrer grossen Männer vorzuführen, schien der 
Medizinal-Abtheilung des Kriegsministeriuras eine dankbare und 
wichtige Aufgabe. 

Wohl kann die heutige Kriegschirurgie mit Recht auf ihre grossen 
Erfolge stolz sein und mit Zuversicht ihren grossen künftigen Auf- 
gaben entgegen blicken, aber sie steht, wie jede andere Wissenschaft 
und Kunst, auf den Schultern der früheren Geschlechter. Diese haben 
das Fundament gelegt, auf dem die Gegenwart ihr stolzes Gebäude 
errichten konnte. Cnd nur der vermag über das Erreichte die echte 
Freude zu empfinden, nur der das Erreichte richtig zu verstehen und mit 
Ruhe in die Zukunft zu schauen, welcher die Geschichte seiner Wissen- 
schaft und die Verdienste ihrer grossen Meister kennt und sie zu 
würdigen weiss. 

Die Kriegschirurgie hat viele AVandlungen durchgemacht, und 
zwar nicht nur diejenigen, die sie mit der medizinischen Gesammt- 
wissenschaft theilt. Denn ihr war es beschieden, von jedem grossen 
Kriege, von dem die Geschichte der letzten Jahrhunderte berichtet, 
sowie von jeder xlenderung der Bewaffnung und der Taktik in den 
Armeen neue Anregungen und neue Gesichtspunkte zu empfangen. 
Im Spiegel ihrer Geschichte erblicken wir daher nicht nur ein Bild 
des Verlaufs der medizinischen und chirurgischen Wissenschaft über- 
haupt, sondern auch den Abglanz der militärischen, politischen und 
socialen Geschicke unseres Vaterlandes. Ebenso ist mit der Entwicke- 
lung des militärärztlichen Standes, ja des ärztlichen Standes überhaupt, 
kein Zweig der Wissenschaft so eng verknüpft wie die Kriegschirurgie. 

Darum ist auch versucht, bei jedem Abschnitt, der vom 17. Jahr- 
hundert an bis zur neuesten Zeit zur Darstellung gelangt, zunächst 
einen Ueberblick über die allgemeinen ärztlichen Zustände, die chirur- 
gischen iVnschauungen der Zeitepoche und die äusseren Verhältnisse 
der Armeen und ihrer Bewaffnung zu geben. 



— VIII — 

Diese Schilderung bildet dann gieiclisara den Rahmen, ans dem 
die Lcbcnsbildei- der einzelnen Kriegschirurgen mit ihren persönlichen 
Schicksalen, ihren Eigenheiten und ihren besonderen Verdiensten deut- 
lich und lebenswahr hervortreten. 

Unter den schwierigsten, oft engen und bedrückenden Verhält- 
nissen, in einer vielfach ungleichen und darum falsch bemiheilten 
Lage haben die Vertreter der Kriegschirurgie treu an der Entwicke- 
lung und Weiterbildung ihrer Wissenschaft und ihres Standes ge- 
arbeitet. In hartem Kampf und Streit erprobte Naturen haben sie in 
schwerer Zeit ein thatkräftiges und unerschrockenes Wirken entfaltet, 
das ihnen die Achtung und die Bewunderung ihrer Zeitgenossen ein- 
trug und ihnen die Anerkennung der Nachwelt sichert. 

So ist es in erster Stelle eine Dankespflicht, welche die Medi- 
zinal- A.btheilung des Kriegsministeriums mit der Herausgabe der Ge- 
schichtsbilder unserer Kriegschirurgen erfüllt. Aber auch als einen 
Ansporn zur Nacheiferung und als ein Mittel zur Belehrung für die 
jüngeren Militärärzte und die angehenden Kriegschirurgen möchte sie 
dies Werk betrachtet wissen und bewährt finden. 

Indem sie das Leben und die Thaten preussischer und deutscher 
Kriegschirurgen in Zeit- und Lebensbildern herausgiebt, widmet die 
Medizinal-Abtheilung des Kriegsministeriums dies Werk 

der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. 

Denn dies ist die Gesellschaft, welche, wie der unvergessene 
von L an gen b eck in seiner Eröffnungsrede am 10. April 1872 be- 
tonte, ihren Ursprung auf die grossen Kriegsereignisse von 1870/71 
und auf die gesteigerten Anforderungen zurückzuführen hat, die 
damals an die chirurgischen Kräfte unseres Vaterlandes gestellt sind, 
die Gesellschaft, in deren Mitte alle grossen Kriegschirurgen un- 
serer Zeit gewirkt und gelehrt haben, aus deren Berathungen die 
fundamentalen Errungenschaften der heutigen Wundbehandlung, der 
Operationstechnik, sowie die Leit- und Grundsätze der heutigen 
Kriegschirurgie hervorgegangen sind. 

Und es rauss dankbar hervorgehoben werden, dass den Führern 
und den Lehren dieser Gesellschaft ein wesentlicher Antheil gebührt, 
wenn in schwerer Zeit die Armee und das Vaterland voller Vertrauen 
auf die Leistungsfähigkeit und die Erfolge ihrer Aerzte und der 
Chirurgen bei der Armee zu blicken vermögen. — Möchte es immer 
so bleiben! 

Berlin, 18. Januar 1899. 

Kriegsmimsterium. Medizinal-Abtheilung. 



Inhalts -Verzeich niss. 



Seite 

A. Einleitung. 

I. Trennung der Medizin und Chirurgie, Verhältniss der Aerzte 
zu den Chirurgen; Entwicklung der medico-chirurgischen 
Unterrichtsanstalten . . . 1—14 

II. Die Medizin im 18. Jahrhundert; der Medicus in der Armee; 

Litteratur über Feldkrankheiten 14 — 23 

III. Der Peldscheer, seine Vorbildung, seine Leistungen, seine 
Stellung bis zur Stiftung der Pepiniere (1795). — Laza- 
rethe, Truppenverptlegung im Allgemeinen, Kranken- 
transport 23 — 41 

IV. Schusswaffen und Wundbehandlung; Aberglaube und Ge- 
heimmittel 41— 50 

B. Lebensbeschreibungen. 

I. Janus Abraham ä Gehema (1647— 1715) .... 52—85 

II. Mathaeus Gottfried Purmann (1648—1711) . . . 86—114 

Feldzüge des Grossen Kurfürsten. 

III. Lorenz Heister (1683-1758) 114—129 

Zeit Friedriclrs L, Schlacht bei Malplaquet u. s. w. 

IV. Joh. Conrad Friedr. Brandhorst (1694—1740) . . 129—134 
V. Ernst Conrad Holtzendorff (1688— 1751) . . . . 135—145 

Societät der Wissenschaften; Zeit Friedrich Wilhelms I. 
VL Joh. Theodor Eller (1689-1760) 145-156 

Charite. — Schlesische Kriege. 
VII. Gabriel Senff (Geburtsjahr unbekannt, f 1737) . . . 157—161 

VIII. Christoph Horch (1667—1754) 161—162 

IX. Christian Andreas Cothenius (1708— 1789) . . . 163—170 

Siebenjähriger Krieg; Feldkrankheiten. 
X. Joh. Leberecht Schmucker (1712— 1786) .... 171—187 

Siebenjähriger Krieg; Wundbehandlung, Casuistik, 

Krankentransport. Vorläufer der Genfer Convention. 
XL Joh. Ulrich von Bilguer (1720-1796) 187-197 

Einschränkung der Amputationen. 



— X — 

Seite 

XII. Joli. Anton Christian Theden (1714— 1797) . . . 198—218 
Die Schlesischen und der siebenjährige Krieg, Bayeri- 
scher Erbfolgekrieg. Bestrebungen zur Hebung des 
Standes. Besserung der chirurgischen Technilc. 

XIII. Besondere Leistungen anderer Feldscheerer, wieHenckel, 
Pröbisch, Pistor, .Jasser, Voitus u. A 218-23;^) 

XIV. Gründung und erste Entwicklung der Königl. 
Charite 234-262 

AlihailJr 263-269 



A. Einleitung. 



I. Trennung der Medizin und Chirurgie: Verhältnis« 

der Aerzte zu den Chirurgen: Entwickhuig der niedico- 

chirurgischen ünterrichtsanstalten. 

Motto: 
Aber das ist Alles gelegen am Lerneu. welches, 
so lang der Mensclie lebt, kein Ende Ixat. 

Felix Wiii-tz, 1576. 

In einer Zeit, in der Guy de Chauiiac's Worte von den 
Lehrern der angehenden Aerzte: „Sequuntur se sicut grues, unos non 
dicit nisi quod alter" noch volle Gültigkeit hatten, in der der hohe 
Werth des klinischen Unterrichts ganz unbekannt, das Studium der 
ilnatomie wegen der enormen Schwierigkeit, Leichen zu Sections- 
und Präparirübungen zu bekommen, fast unmögiicli war; in der sogar 
bei einem zum Tode Verurtheilten die Zergliederung des Körpers 
nach dem Tode für eine Erhöhung der Strafe galt^), war es um 
unsere Wissenschaft und Kunst schlecht bestellt. Das Lernen bei 
berühmten und vielbeschäftigten Meistern war schwierig, weil diese 
kaum Zeit, sich viel um ihre Schüler zu bekümmern, und oft auch 
kaum Last hatten, ihre mühsam erworbenen Kenntnisse preiszugeben. 
Für die nothwendige praktische jiusbildung blieben nur die Hospi- 
täler und — der Krieg; in „des getreuen Eckhardt 's 2) verwegenem 
Chirurgus" (Augspurg und Leipzig, 1698) wird desshalb der Rath er- 
theilt, nach den Lehrjahren Hospitäler und berühmte Chirurgen auf- 



1) .Jnstamoufl's chir. Werke, übersetzt von Michaelis. Leipzig 179L 
S. 97. 

") IS'ach Goelicke's Historia Chirurgiae, Halae Magd. 1713, war der Verf. 
der ca. 5 „getreuen Eckhardts" ein Dr. Etner, Kgl. Poln. Leibarzt. 

VeröiFentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 13. Heft. -^ 



_ 2 

zusuchen und dann als Schiffsarzt oder Feldchirurg eine Zeit lang zu 
dienen — ein Rath, der sich übrigens ähnlich schon in den Hippo- 
kratischen Sammlungen findet (Haeser)i). Die Hospitäler waren 
aber sehr spärlich und konnten deshalb kaum in Betracht kommen; 
Schiffsärzte konnte es auch nur wenige geben-), und so blieb der 
Krieg immer noch die beste Schule für den „angehenden jungen 
Liebhaber der AVundarzney" (Heister). Dabei trat die Wirksamkeit 
des gelehrten Medicus hinter der des Chirurgen weit zurück; von 
jenen wissen wir wenig, von diesen brauchen wir nur Hieronymus 
Braunschweig, Hans von Gersdorf und Ambroise Pare zu 
nennen, Männer, die nicht nur Grosses leisteten, sondern auch „in 
jenen dunklen Zeiten durch ihre reichen Erfahrungen, durch ihren 
l^ifer für die Wissenschaft und durch das Bestreben, Wissenschaft 
und Erfahrung Anderen nutzbar zu machen, hell hervorleuchten" 3). 
Ereilich folgte auf den durch diese Männer bewirkten verhältnissmässig 
hohen Stand der Chirurgie im 15. und 16. Jahrhundert, besonders in 
Deutschland, ein Stillstand, ja ein Rückgang in der Entwicklung 
dieser Wissenschaft. Hier wirkten die elenden allgemeinen wirth- 
schaftlichen Zustände nach dem 30jährigen Kriege gewiss mit. Wie 
immer in Jahren sozialen Elends, und wie zu den Zeiten der Kirchen- 
väter und Mönchsorden, herrschten finsterer Aberglaube und finstere 
Bigotterie. Die Heilkunst war ein Eingriff in die Rechte der gött- 
lichen Vorsehung; man heilte die Kranken mit Segensprüchen, 
Teufelaustreibungen, durch Heiligenbilder und Reliquien. 

Dabei galt natürlich die Wissenschaft und die Heilkunst als 
selbstständige Forschung für Teufelswerk, das eigentlich auf den 
Scheiterhaufen gehörte*). 

Das grösste Hinderniss für den Fortschritt der theoretischen 
und praktischen Heilkunde in den letzten Jahrhunderten, auch im 
18., dem der Aufklärung, war aber doch die Trennung und ver- 
schiedene AVer th Schätzung der Medizin und der Chirurgie, wie 



1) Vgl. auch H. Prölich, Einige der ältesten Abhandlungen über Schuss- 
wunden. Langenb. Arch. 27. Bd. S. 594 (1882). 

-) Vergl. dazu die Vorrede zu Purmann's ,, kariösen chirurgischen Obser- 
vationen" (1710), wo dieser Art der Fortbildung recht wenig Werth beigelegt 
wird; ebenso bei Gehema (s. u.). 

") Weitere Beiträge zur Geschichte des Schiesspulvers und der Geschütze, 
Festschrift zur 100jährigen Stiftungsfeier des med.-chir. Friedr.-Wilh. -Institutes. 
Berlin 1895. 

*) Vergl. J. D. E. Preuss: Das Königl. Preuss. med.-chir, Friedr.-Wilh.- 
Instilut. Berlin 1819. 



— 3 — 

sie nach den Kirclienversammlungen des 12. und 13. Jahrhunderts, 
zuletzt seit 1294, seit dem Verbote für die katholischen Geistlichen, 
Operationen vorzunehmen, sich entwickelt hatte. „Ecclesia abhorret a 
sanguine", oder „Ecclesia non sitit sanguinem"; die chirurgische Thätig- 
keit fiel ungebildeten Bartscheerern und Badern zu, die bis 1406 
sogar zu den unehrlichen Leuten gezählt wurden, entweder eine 
Barbierstube hielten mit Gesellen und Lehrlingen, die kaum etwas 
Anderes als Bartscheeren, Pilasterstreichen und Schröpfen lernten, 
oder als Marktschreier, Quacksalber, Okulisten, Stein- und Bruch- 
schneider — Paracelsus nennt sie die Folterhansen — das Land 
durchzogen. 

Von der Ober-Lausitz erzählt der Pastor Knauthe (1763), dass 
dort im 16. Jahrhundert die Juden die Chirurgie getrieben hätten, 
weil man „in denen damaligen Zeiten dieselbe vor mianständig hielt". 
(Gründer, Geschichte der Chirurgie. 2. Ausg. 1865.) ■ — Schwere, 
verantwortungsvolle Operationen waren für den ortsangesessenen 
Arzt oder Chirurgen zu gefährlich; bei ungünstigem Ausgange ris- 
kirten sie Kopf und Kragen — zum Mindesten aber ihre Praxis. Die. 
Jahrmarktsärzte warteten den Erfolg nicht ab; hier und da durften 
sie es nicht, wie z. B. in Brandenburg nach dem ersten Medizinal- 
Edikt von 1685, wonach sie erstens vom Kolleg. Med. geprüft werden 
mussten, ob auch alle die ausgehängten Kaiserlichen und anderen 
Privilegien acht wären, und zweitens „über 4 Tage in den Jahr- 
märkten nicht feil halten sollten", üebrigens scheinen unter diesen 
Leuten einige wirklich geschickte Männer gewesen zu sein, die die 
Technik ihres Spezialfaches beherrschten. 

Von den chirurgischen Wandervögeln abgesehen, theilten sich die 
Uebrigen wieder in zwei feindliche Parteien, die der Bader und die 
der Barbierer. Das Schröpfen war Sache der Bader; die übrigen 
Verrichtungen w^urden von Beiden gemeinschaftlich behandelt. So 
schreibt ein ungenannter „unpartheyischer Liebhaber der Medizin und 
chirurgischen Wissenschaften" im Jahre 1758 in einer „Abgenöthigten 
Beantwortung der von einigen Medicis wider die Chirurgos mit vielen 
aufgebürdeten [Jnbilligkeiten herausgegebenen Schriften". Auch der 
Verfasser meint, dass sowohl ein Medicus als ein Chirurgus Ursache 
genug habe, einer von diesen Wissenschaften allein nachzuhängen, wenn 
er das weite Feld derselben gehörig übersehen wolle; aber auf dem 
Lande, weit von Medicis und Apotheken, sind „die Baders nicht ganz 
ünberuffene in der Medizin. Und als Feldscheerer müssen die Chirurgi 
nothwendig von innerlichen Krankheiten und denen darzu dienlichen 

1* 



Arziiovmitlcln Kcimtiii.ss haben." i; AVir eriahrcn auch aus dieser 
Schrift, dass es nicht immer nur Stolz oder Messersclieu war, wenn 
der ^fedicu.s nichts Chirurgisches that. AVo es doch einmal geschah, 
da zeigte sich der selbst eifersüchtig beobachtete Barbier oder Bader 
auch als aufmerksamer Hüter des eigenen Gebietes, und glaubte, 
„wenn ^ledici ihre Pflichten bey Seite setzten, ihre Grenzen über- 
schritten, sich Chirurgischer Operationen unterfingen", seine Eingriffe 
in die medizinische Praxis als Wiedervergeltung betrachten zu 
können. Auch Forme y, der Akademiker und Medicus, klagt in 
seiner „Medizinischen Topographie von Berlin" (Altenburg 1779) dar- 
über, dass die AVundärzte so oft innere Kuren machten. Berlin hatte 
damals „gewöhnüch 40 — 50 praktisirende Aerzte. Ausser ihnen haben 
alle Regimentschiriirgen, deren Zahl sich auf 8 bis 10 beläuft, das 
Recht, zu praktisiren". 

Die Trennung der Medizin und Chirurgie findet sich allerdings 
schon sehr früh, z. B. in den Sammelwerken des Celsus, Galenus, 
Oribasius, .Aetius u. A.: aber sie sind dort immer gleich werthige 
Theile der ganzen ärztlichen Kunst. Im Mittelalter war dagegen der 
richtige, auf der Universität gebildete Medicus, wenigstens in Deutsch- 
land, sehr geachtet und sah stolz auf den Chirurgen, der im besten 
Falle sein Handlanger war, herab. Noch im Jahre 1780 sagt 
Voitus-) darüber: „AVer etwas mer als gemeinen Mensehensin und 
Geld hat, dünkt sich zur AYundarzneikunst weit zu klug, und wird 
ein Ueberläufer zur Medizin. AA'er wolte auch nicht für sein bares 
Geld lieber Herr als Knecht seyn." Für eine bessere Vorbildung der 
Chirurgen geschah wenig oder nichts; fast ausnahmslos aus ärm- 
lichen, niedrigen Verhältnissen hervorgegangen — aus besseren Stän- 



1) In dem Medizinal-Edict von 1725 findet sich auch im „Formulare jura- 
mentorum" der „Ej'd eines Chirurgi. an einem Ort, wo kein Medicus ist" (No. 25 
ad § 2). 

-) .J. C. F. Voitus, Zwei Reden an die jungen Wundärzte, gehalten auf 
ihrem öffentl. Hörsaal in Berlin. 1780 (HeiTn Leibarzt Kichter in Göttingen ge- 
widmet). Auch der Regimentschü-urgus Chr. Fr. Ollenroth, der eine sehr in- 
teressante Schrift ,,Ueber die nothwendigsten sittlichen Eigenschaften und Pflichten 
eines militairischen Unterwundarztes" verfasste (Halle 1791), tritt energisch den 
Angriffen eines Dr. Uhde entgegen: dieser hatte sich über die Chirurgen, und 
besonders über die Armee-Wundärzte, verächtlich geäussert. Auch 0. erklärt die 
Trennung der Medizin von der Chirurgie für überflüssig und schädlich. — Der 
Bildungsgang der Regimentswundärzte wird auch von Nicolai ausführlich be- 
schrieben und dabei das Colleg. med. chir., dessen Director 1786 Cothenius 
war, sehr gerühmt. (Beschreibung der Residenzstädte Berlin und Potsdam, 
Berlin, 1786. S. 712.; 



den wählte Niemand das verachtete Handwerk — waren sie auch 
nicht fähig, selbst ihre Lage zu verbessern und ihren Stand zu heben. 
Diese tief eingewurzelten Missstände auf der einen und Vorurtheile 
auf der anderen Seite waren schwer zu beseitigen; die Mehrzahl der 
bedeutenderen Aerzte wünschte gar keine Aenderung oder hielt sie 
für praktisch nicht durchführbar. Auch Männer, wie Voitus, 
Tscheggey, Mursinn a u. A., die mit grosser Begeisterung für eine 
bessere Ausbildung der Chirurgen aucli in der Medizin sprachen, be- 
tonen immer wieder, wie schwierig das sei. Voitus, der die Ober- 
aufsicht des Medicus über den Chirurgen mit den Worten abfertigt: 
„Wer die Chirurgie nicht ausübt, kann sie nicht verstehen, und wenn 
er Salomonis AVeisheit hätte", und der der Meinung ist, dass der 
Chirurgus, ohne den ganzen Zusammenhang der medizinischen Wissen- 
schaften begriffen zu haben, nichts Gründliches in seiner Kunst wissen 
könne; der als Lehrer am Collegium medico-chirurgicum für die Ver- 
einigung lebhaft eintritt, betont immer wieder, dass „der Umfang der 
Kunst in Rücksicht der unendlichen Gattungen von Krankheiten zu 
gros für einen Man ist" ; das Wissen soll sich auf Beides, die Aus- 
übung aber nur auf eins beziehen. Dieselben Betrachtungen finden 
sich bei Mursinna^), Tscheggey 2) und vielen Anderen, die die 
Trennung der Chirurgie von der Medizin tief beklagen, aber gleich- 
zeitig die Aufgabe, Arzt und Wundarzt in einer Person zu sein, für 
eine sehr schwierige halten. Wir erfahren von Georg Fischer^), 
dass auch Desault eine gleichzeitige und vollkommene Ausübung 
beider Wissenschaften nicht für möglich hielt. Als Gegner der Ver- 
einigung sind auch noch Hufeland, Reil, Jüngken, Eschenbach 
und Formey zu nennen. Ein Professor der Chirurgie, der im Jahre 
1774 öffentlich für die Vereinigung auftrat, wurde von Aerzten und 
Chirurgen (!) verhöhnt und durch Aufhetzen der Studenten in ernst- 
liche ^Gefahr gebracht. Ja, noch im Jahre 1794 wurde von 14 Ar- 
beiten darüber der Preis von der Erfurter Akademie der einzigen 
Arbeit zuerkannt, die sich gegen die Vereinigung aussprach. 



^) Chr. Ludw. Mursinna, Schilderung eines Wundarztes. Berlin 1787. 
Ueber die Vereinigung der Medicin mit der Chirurgie. Berlin 1809 und : Die alte 
und die neue Chirurgie. Berlin 1811. 

2) C. Fr. Tscheggey, Wie erreicht der Zögling der Königl. med.-chirurg, 
Pepiniere die Zwecke des Instituts und welche Mittel reicht die Anstalt ihm hier- 
zu dar? Gelegenheitsschrift zum 16. Stiftungstage. Berlin 1810. 

^) Georg Fischer, Chirurgie vor 100 Jahren. Hannover 1876. (Ein hoch- 
interessantes Werk, das viel mehr enthält, als der Titel besagt.) S. 270. Yergl. 
S. 44 ff. 



— 6 — 

Mit besonderer Schärfe treten diese Gegensätze in zwei Streit- 
schriften aus dem Anfange des 18. Jalirhunderts hervor. In der 
einen (1709) nannte Goelickc in Halle die Medizin seiner Zeit ver- 
stümmelt . weil ihr die Chirurgie und Apothekerkunst fehle i). Er be- 
hauptet freilich, die Medici seien in einer immerwährenden Armuth 
und nicht mehr, wie sonst, die Herren, sondern Knechte der Chirurgi 
und xApotheker. Diese und andere Uebertreibungen und Widersprüche 
sowie der liäufige Hinweis auf den Geldpunkt, auf die Erhöhung der 
Einnahmen des Medicus durch die Ausführung chirurgischer Opera- 
tionen und durch Selbst-Dispensiren von Arzneimitteln bilden die 
schwachen Stellen des Vortrags und die Hauptangriffspunkte für seinen 
Gegner Gerhard Stoer, Doctor und Practicus zu Hannover, der 
allerdings erst 1727 mit seiner Schrift hervortrat 2). Stoer ist ver- 
wundert über G.'s Vorschläge, da von allen rechtschaffenen Medicis 
sowohl die Chirurgie als Pharmacie nicht bei Seite gesetzet, sondern 
als höchstnöthige Stücke mit allem Fleiss getrieben würden, so dass 
sie die Operationen, obwohl sie sie nicht selbst exerzirten, doch an- 
zuordnen und zu dirigiren wüssten. Ganze Chirurgi, welche nicht 
viel weniger, als ein Medicus müssen ei'fahren haben, sind billig mit 
den Medicis in gleichen werth; das sind aber rarae aves, die Mehr- 
zahl versteht zu wenig und bedarf des Rathes der Medicorum. Man 
müsse sie besser unterrichten, aber unter der Aufsicht der Medici 
hätten sie zu bleiben. — Von der Selbst-Dispensation können wir 
hier absehen; wenn Goelicke aber auch in seinen Motiven wenig 
ideal und schwach in der Beweisführung ist, so war er doch auf dem 
richtigen Wege. Er will die Barbierer, Bader und dergleichen nicht 
aus ihren AVerck-Stuben vertreiben, das würde unmöglich seyn; er 
will auch die Obrigkeit nicht um Hülfe anflehen, das würde doch 



1) Andreae Ottomar Goelicken's medicinisch-juristische Disputation, 
worinnen er erweisen will, dass die Artzeuey-Kunst, welche bis daher durch Ab- 
sonderung der Apotheker- und Wund-vVrtzney-Kunst verstümmelt worden, durch 
wieder Annehmung und Zuziehung dieser zwey Stücke in vorigen Glantz und 
Vollkommenheit müsse gesetzet werden. (De mutilo medicinae corpore resarciendo 
per chirurgiam et pharmaciam postliminio revocandas.) 

2) Gerhard Stoer, Untersuchung der Frage: Ob es nöthig, nützlich, 
billig und möglich sey, die Praxin der Medicin-, Chirurgie- und Apotheker-Kunst 
in einer Persohn zu vereinigen. Helmstaedt 1727. 

(Beide Schriften sind von Stoer zusammen veröffentlicht.) 

Goelicke hat übrigens geantwortet in der Schrift: De chirurgiae cum Me- 

dicina conjunctlone. Frankf. 1735. Diese konnte ich mir leider nicht verschaffen; 

ich fand sie nur in He ist er 's „Scriptores mei chirurgici" in den Institutiones, 

Amsterdam 1739. erwähnt. 



_ 7 — 

Nichts nutzen; er schlägt vor, den Unterricht auf Universitäten so 
einzurichten, dass jeder Studiosus die nöthige Fertigkeit in der Aus- 
übung der Operationen sich aneignen könne. So sollte allmählich die 
Chirurgie der Medizin wieder zugeführt werden, damit das Wort: 
„Unus erat toto Medicinae vultus in orbe" wieder Geltung habe. Das 
Ziel wurde erreicht, aber doch erst nach langen Kämpfen; vorläufig 
stritt man sich darüber, wer älter sei, die Medizin oder die Chirurgie ; 
wer in seinem Wirken sicherer sei, der Arzt oder der Chirurg (z. B. 
de Santeul Paris 1739, Questions de medicine, oü 11 s'agit de savoir, 
si le medecin est plus certain que le Chirurgien). 

Die zahlreichen Aerzte, die zur Erweiterung ihrer Kenntnisse ins 
Ausland, beonders nach Holland, England und Frankreich reisten, 
wohnten sehr häufig bei berühmten Chirurgen and übten sich fleissig 
in der Anatomie und Wundarzneikunst. Das wird z. B. in den etwas 
schwülstigen „Nachrichten von den vornehmsten Lebensumständen 
und Schriften jetztlebender berühmter Aerzte und Naturforscher in 
und um Deutschland von Fr. Börnern", Wolfenbüttel 1749 (der 
letzte Theil von Baidinger) jedesmal besonders betont: C. A. \^on 
Bergen, A.Vater, A. E. v. Büchner, M. D. Mauchard, Eller, 
Chr. Horch, J. S. Grapius, B. S. Albinus, J. G. Günz, C. L. Mög- 
ling, J. G. Duising, G. C. Dertharding — Männer, die später als 
Universitätslehrer oder als vielbeschäftigte Aerzte weit berühmt waren, 
hatten auf diese Weise ihre chirurgischen Kenntnisse ergänzt. Viele, 
z. B. Mauchard, Grapius und Werlhof, gingen auch längere Zeit 
zu L. Heister nach Altdorf und später nach Helmstädt — nur wenige 
nach Berlin, obgleich Börner (p. 56) sagt: „Wo treffen wir aber 
wohl heute schönere Anweisung dazu (sc. zur Chirurgie) an, als in 
dem Königl. Berlin?" Nach alledem müssen wir zugeben, dass viele 
Medici puri in ihrer Studien- und Reisezeit, und manche selbst Jahre lang 
eifrig Anatomie und Chirurgie getrieben hatten. Aber was half es? 
Mit wenigen Ausnahmen verzichteten sie, nach Hause zurückgekehrt, 
auf die Ausübung der Chirurgie und verloren deshalb auch bald, wie 
Voitus sagt (s. 0.), die Fähigkeit, chirurgische Eingriffe zu beurtheilen. 
Bekannt ist das Wort A. v. Haller's, der 17 Jahre lang als Pro- 
fessor der Chirurgie in Göttingen wirkte, aber nie eine Operation an 
Lebenden machte, „nimis ne nocerem veritus." Auch Hall er war in 
Holland, England und Frankreich gewesen und hatte u. A. bei 
le Dran gewohnt und sich bei ihm in der Wundarznei, besonders 
aber in der Zergliederungskunst geübt (Börner p. 177). Börner 
selbst, der in allen seinen Biographieen den hohen Werth der chirurgi- 
schen Ausbildung für den Arzt und die hohen Verdienste derjenigen 



Aerzte um die Heilkuiist betont, die die Medizin mit der Cliirurgie 
so rühmlich verbinden, und ebenso die Vorzüge derjenigen hohen 
Schulen hervorhebt, wo man vor anderen Gelegenheit hat, in beiden 
Wissenschaften eine gründliclie Anleitung zu bekommen (p. 300), sagt 
einige Seiten weiter (p. 346): „Wie weislich hat man nicht daher zu 
der Zeit der Reinigung der Medizin schon dadurch gehandelt, dass 
man die Medizin, Chirurgie und Pharmacevtik von einander getrennt 
und drey verschiedenen Personen aufgetragen, da sie vorhero in einer 
vereinigt waren." Wenn auch Born er, wie es scheint, damit be- 
sonders die Lehrstühle an den Universitäten gemeint hat, die ja ge- 
trennt sein müssen, so ist er doch ebenso unsicher, wie die grosse 
Mehrzahl seiner Zeitgenossen, ob trotz Ausdehnung der Wissenschaft, 
trotz des: ars longa, vita brevis, die Vereinigung der Medizin und 
Chirurgie möglich sei. Dabei hatten gewichtige Stimmen sich schon 
lange vorher dafür ausgesprochen. Lanfranchi, der 1295 von Italien 
nach Paris übergesiedelt war, lehrte die gesammte Heilkunde. 
Paracelsus sagt: „Lernts beyde oder lass bleiben;" er weist sehr 
häufig auf das AVidernatürliche der Trennung beider Wissenschaften 
hin; J. A. Jungken schreibt in der s.Z. weitverbreiteten Chirurgia 
manualis (Nürnberg 1700), dass durch schädliche Unachtsamkeit der 
alten Medicorum unserer Vorfahren es dahin gerathen, dass die Me- 
dizin von der Chirurgie gänzlich abgerissen sei und empfiehlt das 
Studium beider, „gleich als von den ersten Medicis geschehen." Schon 
Ambroise Pare (1. Bd. I p. 12, III p. 72 u. a. a. 0.)^) erwähnt, dass 
Hippokrates, Galen, Aetius, Aegineta, Avicenna Medizin 
und Chirurgie betrieben und bearbeitet hätten „pour la grande affi- 
nite et liaison qu'il y a entre les deux: et seroit bien difficile en faire 
autrement." Aber (p. 94) ein Einzelner kann sie schwer Beide lernen 
und ausüben, was früher wohl möglich war. — John Read schreibt 
1588: „in these our daies, chirurgerie is denided from phisik, not 
without great hurt to minkinde" (s. D'Arcy Power, Meningitis in 
its surgical aspects, The Clinical Journ. 20. Mai 1896). In England 
bestand die Trennung auch, aber ohne gleichzeitige Herabsetzung der 
Chirurgie, welche mindestens in demselben Ansehen stand, wie die Me- 
dizin. Für die Vereinigung trat zuerst und besonders Kirckland (1783) 
ein, der, wie wir sehen werden, in seinen Thoughts on amputations 
(1786). sich auch als einer der Ersten der konservirenden Methode 
Bilguer's zuwandte. Dass es noch viel früher Aerzte gab, die zu- 
gleich Chirurgen waren, können wir aus einer Stelle bei Felix Wirtz 



^) In der Ausgabe von Malgaigne, Paris 1840. 



— 9 — 

(Practica, IX. Kap.) schliessen: „Dann so einem Artzet, er sey AVnnd- 
oder Leibartzet, oder beydes zusammen, wie sie sich heut diss tags 
nennen" u. s. w. (Die Bezeichnung „Leibartzet" für Medicus findet 
sich übrigens auch bei Fabriz v. Hilden.) Auch Pur mann sagt in 
der Vorrede zu seinem „Lorbeerkranz" : Beide sind „so genau mit 
einander verbunden, dass keines ohne des andern seyn und bestehen 
kann." Jeder rechtschaffene Medicus, der ein vollkommener Doctor 
Medicinae sein will, rauss auch die Chirurgie gründlich kennen, „ob 
er schon nicht alle Handgriffe kan und selbst mit Hand anleget." 
(Nicht unähnlich dem iieutigen Hausarzt und inneren Kliniker.) Aus 
dem 18. Jahrhundert wäre noch die Schrift Riegel's zu nennen: 
De fatis faustis et infaustis chirurgiae, necnon ipsius interdum in- 
dissolubili amicitia cum medicina caeterisque stüdiis liberalioribus ab 
ipsius origine ad nostra usque tempora commentatio historica. Hafniae 
1787 (Kopenhagen). — Schmucker sagt in der Vorrede zu seinen 
Wahrnehmungen: „Sie haben Beyde die Gesundheit und Wohlfahrt 
des menschlichen Greschlechts zum Gegenstande, und sie stehen folglich 
in gleichem Werthe." Heister (s. z. B. seine Chirurgie p. 6) trat 
lebhaft für die Vereinigung ein^j, ebenso Schmucker (a. a. 0.) und 
später A. G. Richter^) und Justamond. Nach Tjetzterem sind die zwei 
Wissenschaften der inneren Heilkunde sowohl als der Wundarznei- 
kunst gar nicht von einander zu trennen; derjenige, welcher sich mit 
Ausübung der einen abgiebt, muss sich gleichmässig auch mit der 
anderen beschäftigen (I. c. p. 3). ■ — 100 Jahre vorher, 1690, hatte 
Abraham v. Gehema^), früher Rittmeister, später Medicus, den 
Vorschlag gemacht, die Feldscheerer besser auszubilden, und zwar in 
der Chirurgie und der Medizin (s. u.;. 

Da sich die Nachtheile der mangelhaften und einseitigen Vor- 



^) De Chirurgia cum Medicina necessario conjungenda; Helmstaedter Disser- 
tation. 1731 (respondente D. Materno). Ebenso Stahl, Halle 1705: De medi- 
cinae et chirurgiae perpetuo nexu; Burchard, Rostock 1727: De chü'urgiae no- 
titia Medice necessaria; Diedrich, De necessaria therapiae internae cum externa 
conjunctione. Diss. Halle 1763. 

2) De dignitate Chirurgiae cum Medicina conjungendae. Göttingen 1766. 

^) Vergl. auch: Schiciiert, Die militärärztlichen Bildungsanstalten von 
ihrer Gründung bis zur Gegenwart. Festschrift. Berlin 1895. — Gehema tritt 
sehr warm für das Studium der Chirurgie ein ; in der Vorrede zu seinen Observ. 
chir. (s. u.) sagt er 1682 : „Ich möchte wohl gerne wissen, warum die Chirurgie 
unwehrter als die Medicina seyn solte? da sowohl die eine als die andere einerley 
Zweck hat." Er führt den grossen Bontekoe an, der trotz seiner grossen Digni- 
täten am Chur Brandenburgischen Hoffe sich nicht gescheuet und geschämet, sich 
in chirurgicis zu exerciren. 



— 10 — 

bildung der x\erzte ganz besonders bei der Armee fühlbar machten, 
ist es auch natürlich, dass hier zuerst auf eine Besserung hingewirkt 
wurde, und ebenso natürlich ist es, dass man hier zu dem Zwecke nicht 
die Ausbildung der Medici, von denen nur sehr Avenige beim Heere fest an- 
gestellt waren, änderte, sondern bestrebt war, für eine bessere Ausbil- 
dung der Chirurgen, der Feldscheerer zu sorgen. Das ging nur langsam 
und konnte wirklichen Erfolg erst haben, als man grössere Anforderungen 
an die Erziehung und Vorbildung der angehenden Wundärzte stellte; 
erst dann war es möglich, ihren Rang zu erhöhen und so allmählich 
den ganzen Stand zu heben. Den Weg durch die Barbierstube plötz- 
lich zu verbieten und ihn durch das Universitätsstudium zu ersetzen, 
wie es, allerdings auch erst 1783, in Oesterreich geschah, (s. Fischer, 
S. 46), wagte man nicht; der Stand ergänzte sich auch damals noch 
aus niederen, ungebildeten Kreisen ; die jungen Leute waren ohne Er- 
ziehung und für wissenschaftliche Studien gar nicht vorgebildet. Auch 
das zeigte sich wieder am deutlichsten am Feldscheerer, der in nie- 
derer Stellung, selbst roh und ungebildet, dahinlebte in ebenso be- 
schaffener Umgebung, die Offiziere jener Zeit nicht ausgeschlossen 
(Fischer). Der erste Fortschritt wurde durch Friedrich Wilhelm I. 
geschaffen, der auf den Rath des Generalchirurgus Holtzendorff im 
Jahre 1713 das Theatrum anatomicum in Berlin gründete: in 
exercitus populique salutem. (S. u. a. Küster's Altes und Neues 
Berlin, 1756, III. S. 175). Nach König's Versuch einer historischen 
Schilderung Berlins (Hl. S. 50) hatte Kurfürst Friedrich III. schon 
im Jahre 1694 für das Colleg. medic. eine Anatomie-Kammer anlegen 
lassen, um Vorlesungen über die Zergliederungskunst des menschlichen 
Körpers zu halten. 

Ein ähnliches Institut war 1711 in Halle, und wurde 1716 in 
Hannover errichtet i); 1718 in Wien, 1738 in Göttingen. Das 
Berliner Institut bekam 1719 ein besonderes Reglement für die Vor- 
lesungen und wurde 1724 zum Colleg. medico-chirurgicum, zur 
Ausbildung von Medice- Chirurgen für das Heer und das platte 
Land erweitert. Das war der Anfang einer Wiedervereini- 
gung von Chirurgie und Medizin! Freilich blieb der Medicus 
purus noch lange in seiner hohen Stellung dem Wundarzte gegen- 
über. In der 1726 begründeten Charite-), die hauptsächlich zur 



1) A. Burgliard, Rede zur Feier der Einweihung des neuen Gebäudes der 
anatomischen Anstalt zu Hannover, 6. Oct. 1877 (S. 17). 

-) 1709 als Pest-Krankenhaus gebaut, nicht benutzt; 1710 Garnisonlazareth 
vor dem Spandauischen Thore, 1726 „Charite", 1727 eröffnet; 1735 schenkte 
Friedrich Wilhelm I. 100000 Thaler zur VerOTösseruno-. — S. Eller, Nützliche 



— 11 - 

besseren Ansbiklmig von Wundärzten für die Armee dienen sollte, 
musste der „Oberchirurg und Operateur" nicht nur bei inneren Krank- 
heiten, sondern auch bei allen wichtigen Operationen den Medicus 
zuziehen; dieselbe Verpflichtung hatte der die geburtshiltliche Station 
leitende Oberchirurg. In dem 1748 errichteten Invalidenhause war 
der Stabsmedicus von Zinnendorf Chefarzt; unter ihm wirkten ein 
Pensionärchirurg und mehrere Untercliirurgen (Schjerning, S. 4). 
Zuerst waren auch hier französische Chirurgen angestellt, die 1740, 
weil der Mangel an guten Wundärzten sich sehr fühlbar machte, von 
Friedrich dem Grossen unter A^ermittlung J. L. Petit's als In- 
struktoren berufen waren. Ihre Wirksamkeit musste bald einge- 
schränkt werden; schon 1772 äusserte sich der König selbst sehr 
abfällig über ihre Leistungen, und 1790 (unter The den) wurden sie 
ganz abgeschafft. (Schjerning, S. 3, Fischer, S. 302, Preuss, 
Urkundenbuch, S. 233). Jedenfalls war auch diese Berufung eine, 
wenn auch verfehlte, aber doch gut geraeinte Maassregel zur Hebung 
des chirurgischen Könnens der preussischen Feldscheerer durch die 
damals ganz besonders hochgeschätzte französische Chirurgie. 

üebrigens hatte auch Maria Theresia böse Erfahrungen mit 
den von ihr berufenen französischen Chirurgen gemacht. Gerade sie 
waren es, die nach der damals in Paris herrschenden Lehre „Arme 
und Beine dutzendweise abschnitten", ein Unfug, dem zuerst (1761) 
Bilguer entgegen trat, und den Friedrich d. Gr. noch 1781 in 
der Instruktion für die Lazarethdirektoren heftig tadelt. In der öster- 
reichischen Armee scheinen sie sich aber doch wohler gefühlt zu haben, 
als in der preussischen, denn L'Heureux, Oesterreichischer Stabs- 
Chirurg, erzählt in seiner Schrift: „Bewahrungsmittel wider die Wirkung 
der Übeln Luft in den Feldspitälern auf die Gesundheit. Wien. 1783", 
er sei 1757 nach der Schlacht bei Prag zur Besorgung der eigenen 
Verwundeten zu den Preussen geschickt. Der König von Preussen 
habe 12 französische Wundärzte, die man Pensionisten nennt; sie 
folgen der Armee dem Schein nach. Einige von ihnen sagten: „Sie 
können nicht glauben, was für Sklaven wir sind: wir haben ein Ver- 



und auserlesene medicinische und chirurgische Anmerkungen, Berlin 1730; ferner 
Fischer (giebt 1724 an), Schjerning (in den Erinnerungsblältern zur lOOjcähr. 
Stiftungsfeier des med. -Chirurg. Friedrich-Wilhelms-Tnstituts, Berlin 1895), Gurlt 
(in ,,Die Kriegschirurgie der letzten 150 Jahre in Preussen", Berlin 1875), 
Seh aper (in seinem Beitrag zur Festschrift zur lOOjähr. Stiftungsfeier des med.- 
chir. Priedr.-Wilh.-Inst., Berlin 1895), Schickert, — Die ersten Directoren 
waren Eller, Prof. amCoUeg. med. chir., und Prof. Senff, Regimentsfeldscheerer 
des Regt.'s Gens d' Armes (s. u.). 



— 12 — 

bot, kein Glied abzulösen; wagen es nicht auf Urlaub zu gehen, sind 
angeschmiedet. Heureux, dem es nahe gelegt wurde, überzutreten, 
bedankte sich dafür. — Bei König (V, 1. S. 65) sind die Namen 
der 12 von Friedrich d. Gr. berufenen französischen Wundärzte an- 
geführt. 

Als weitere, demselben Zwecke dienende Bestimmung ist die 
Sendung einer ganzen Reihe von Armee- Wundärzten ins Ausland, fast 
regelmässig auf zwei Jahre, sei es zu Feldzügen, sei es im Frieden 
in die grossen Lazarethe und Institute von Paris, London, Wien 
u. s. w. zu nennen. So wurden die Regiraentsfeldscheerer Brandhorst, 
Bouness und Cassebohm im Jahre 1716 nach Paris geschickt, wo 
z. B. Woolhouse für einen Kursus in Augenkrankheiten, den Bou- 
ness bei ihm nahm, ein Honorar von 1000 Livres von Friedrich 
Wilhelm I. bekam; dass Holtzendorff seine Reise nach Wien, 
Turin und Paris im Jahre 1707 und 1708, also noch unter 
Friedrich L, auf Staatskosten machte, ist wahrscheinlich, aber nicht 
bestimmt nachzuweisen. (Eine Liste der späteren offiziellen Reisen 
preussischer Militärchirurgen ins Ausland giebt Preuss in seiner 
Geschichte des Institutes. Berlin. 1819. Beil. P. S. 170.) Im 
Jahre 1737 wurden mehrere Feldscheerer (u. A. Pistor) während 
des Türkenkriegs zur russischen Armee, Schmucker 1737, 
Henckel 1739 nach Paris, mehrere (u. A. Yoitus) 1744 von Frie- 
drich dem Grossen ebenfalls nach Paris, Salomo zur russischen 
Armee, Goercke 1787 nach Italien, Frankreich, England, Holland 
und Wien geschickt, wo der letztere besonders die Eiiuichtungen der 
Josephs-Akademie studirte. Ausführliche Berichte über diese Reisen, 
wie den von Hunczowsky (Wien) über Paris und London, besitzen 
wir leider nicht. Alle diese Maassregeln dienten direkt zur Hebung 
des Ansehens und der Ausbildung der Armee- Wundärzte und dadurch 
indirekt zur Gleichstellung, und schliesslich zur Vereinigung der 
Chirurgie mit der Medizin. Wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, 
welche diesen Bestrebungen entgegenstanden, wird man es nicht 
wunderbar finden, dass noch in dem von Fritze und The den im 
Jahre 1787 ausgearbeiteten Feldlazarethreglement die scharfe Tren- 
nung durchgeführt ist (Schickert, S. 10); dass immer noch inner- 
lich Kranke besonderen Lazarethen überwiesen und vom Stabsmedicus 
behandelt wurden (Fischer, S. 306, Gurlt, S. 13, Baidinger). 
Der grundgelehrte Leibarzt Moehsen, der Theden seinen „wirdigen 
alten Freund" nennt und von der deutschen Heilkunde glaubt, dass 
ohne die vielen Zerrüttungen durch den dreissigj ährigen Krieg und 
ohne die Furcht vor Gespenstern bei Berücksichtigung der Ana- 



— 13 — 

tomie uns gewiss keine Nation in der Medizin und Chirurgie irgend 
einen Vorzug abgewonnen haben würde, Moehsen kommt noch 1783 
zu dem Schluss, dass es nicht zu empfehlen sei, die alte Verbindung 
der Lehrlinge in der Chirurgie mit den Barbierern aufzuheben. Vor- 
läufig bleibe nichts übrig, als so viel wie möglich den Unterricht der 
Lehrlinge zu verbessern i). Die Möglichkeit des Lernens und Strebens 
nach tüchtigen Kenntnissen war in Preussen gegeben: wer im Colleg. 
medico-chirurgicum studirt hatte und in der Charite praktisch thätig 
gewesen war 2), hatte eine Ausbildung, wie sie in jener Zeit mancher 
studirte Arzt nicht besass. Es war desshalb auch vollständig ge- 
rechtfertigt, dass den Regimentsfeldscheerern schon im Jahre der Ver- 
wandlung des Garnisonlazarethes vor dem Spandauischen Thore in die 
Charite, 1726, erlaubt wurde, innerlich und äusserlich zu kuriren (s. u.). 

Li Oesterreich hatte Joseph IL 1781 die medizinisch-chir- 
urgische Schule gegründet, aus der 1785 die Josephs-Akademie 
wurde. Sie ernannte Magister und Doktoren; nur diese konnten Mi- 
litärärzte werden. In Frankreich hatten ähnliche Einrichtungen nach 
der Gründung der Academie de Chirurgie seit 1731 bestanden; eine 
wirkliche Vereinigung der Medizin und Chirurgie, durch Chaussier 
und Fourcroy 1789 empfohlen, wurde auch hier erst Thatsache mit 
der Stiftung der Ecole de Sante im Jahre 1794. Die Revolution 
hat damit nichts zu thun (G. Fischer); sonst würden nicht diesel- 
ben Bestrebungen zu derselben Zeit und sogar noch früher in Oester- 
reich und Preussen Anerkennung gefunden haben. 

Bei uns war ein weiterer Fortschritt trotz des Wohlwollens und 
der steten Fürsorge des Herrscherhauses, die bei der Feier des 100. Stif- 
tungstages des Friedrich Wilhelms-Institutes der jetzige Chef des preussi- 
schen Sanitätskorps ausführlich und in beredten Worten schilderte^), 



^) J. C. W. Moehsen, Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in der 
Mark Brandenburg. Berlin u. Leipzig 1783. 

^) Laur. Heister schickte seinen Sohn zur weiteren chirurgischen Ausbil- 
dung nach der Charite, wo er bei Senff hörte, s. Institutiones Chirurg. Amster- 
dam 1739. p. 985 u. 1039. — Der Bildungsgang des Regiments-Chirurgus in der 
zweiten Hälfte des Jahrhunderts wird ausführlich von Ollenroth, Nicolai und 
The den beschrieben (s. 0.). 

3) V. Coler, Festrede zur Feier des hunderi^jährigen Bestehens des mediz.- 
chirurg. Friedrich-Wilhelms-Institutes. Berlin 1896. (Die grossen Verdienste der 
preussischen Könige um die medizinische Wissenschaft, speciell um das Sanitäts- 
wesen der Armee, werden auch von Port in seiner sonst sehr absprechenden 
Schrift: ,,Den Kriegsverwundeten ihr Recht", Stuttgart 1896, voll anerkannt.) 
Vergl. auch E. Richter, Allgemeine Chirurgie der Schussverletzungen im Kriege, 
Breslau 1877, S. 39L 



— U — 

trotz der unermüdlichen Energie und Zähigkeit; mit der Männer, wie 
Schmucker, ßilguer und Theden an der weiteren Verbesserung 
der Lage und Ausbildung der Armee-Wundärzte arbeiteten, haupt- 
sächlich wegen pekuniärer Sch^^^erigkeiten nur langsam zu erreichen 
— aber er wurde erreicht; dem General chirurgus Goercke, der „in 
vollster !Manneskraft stehenden energischen Persönlichkeit gelang, was 
dem alternden Theden versagt war" (Schickert, S. 14). Und dieses 
laugerstrebte Ziel war die Gründung der chirurgischen Pepiniere zur 
besseren Ausbildung von Medico-Chirurgen für die Armee. Damit 
war auch die volle Vereinigung der beiden Wissenschaften besiegelt, 
wenn es auch noch 11 Jahre dauerte, bis keine Feldmedici mehr an- 
gestellt, bis Kranke und Verwundete ausschliesslich von Medico- 
Chirurgen behandelt wurden (Schjerning, S. 8). Als nach Ein- 
führung der allgemeinen Wehrpflicht die besseren Klassen nicht mehr 
vom Militärdienst befreit waren, musste die Ausbildung und damit 
die Stellung der Aerzte des „Volkes in Waffen" weiter verbessert 
werden. Nach Gründimg der Pepiniere war das nicht mehr so schwer 
als vorher. Das Haus war fertig: sein weiterer Ausbau war jeder- 
zeit möglich. — Zur voUen und allgemeinen Durchführung kamen 
diese Maassregeln erst sehr spät. 1825 in der Prüfungsordnung und 
definitiv 1852 durch Attschaffuug der sogenannten Wundärzte 1. und 
n. Klasse, die zum grossen Theil aus den Chirurgenschulen hervor- 
aegansen waren. 



IL Die Medizin im 18. Jabrhiiiidert : der Medicus in 
der Armee: Litteratiu^ über Feldkrankheit en. 

Die Geschichte der allmählichen Vereinigung beider Theile der 
Heilkunst und der Gleichstellung ihrer Vertreter würde unvollständig 
sein, wenn ]ncht auch der Zustand der inneren Medizin im 
vorigen Jahrhundert wenigstens kurz dargestellt würde. Das Bild ist 
wenig erfreulich; und wenn man den Wundarzt und Feldscheer jener 
Zeit mit Recht als grob und unwissend bezeichnet, dann muss die 
Mehrzahl der Aerzte ähnlich eingeschätzt werden; sie hatten nur den 
zweifelhaften Vorzug, sich in der Verachtung jeder praktischen Er- 
fahrung höchst gelehrt vorzukommen, wenn sie mit theoretischen 
Spitzfindigkeiten glänzen und möglichst jeden Krankheitsfall in das 
gerade herrschende und stets unfehlbare „System" gewaltsam hinein- 
zwingen komiten. Und diese Systeme! Auf den Chemiater (Sylvius) 



— 15 — 

folgt der Jatromechaniker (nach Descartcs), auf diesen Sydenham 
(Naturheilkraft und Beobachtnng), auf diesen das mechanisch-dyna- 
mische (Ho ff mann), das psychische, der Animismus (Stahl), das 
eklektische (Boerhaave), das System der Irritabilität (Glisson, 
Haller), das der Nervenkraft (Unzer und Cullen), das der Sthenie 
und Asthenie (Brown), der Vitalismus (Barth ez) — Alles in wenig 
mehr, als 100 Jahren, oft mehrere gleichzeitig herrschend, jedes be- 
geistert aufgenommen und verbreitet, und bald wieder durch ein 
anderes verdrängt. Trotz aller Arbeiten vorzüglicher Lehrer und 
Aerzte, trotz aller Fortschritte in den Naturwissenschaften, trotz aller 
Aufklärung des vorigen Jahrhunderts wurde in der praktischen Me- 
dizin wenig gelernt und wenig geleistet; der fleissige Student schrieb 
Hefte ab und lernte sie auswendig; Krankenbeobachtung gab's nicht; 
erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurden hier und da 
Hospitäler an den Universitäten gegründet. Berlin hatte die Charite, 
aber nur das CoUegium medico-chirurgicum, keine Universität. Ausser- 
dem wurde auch beim Studenten nicht nach der Vorbildung gefragt; 
wer Geld hatte, konnte die Universität Studirens halber besuchen, 
und wenn er sie verhess, dann hatte er im günstigsten Falle eine 
grosse Menge theoretischer Kenntnisse, aber gar keine praktische Aus- 
bildung. Wir haben schon erwähnt, dass dieser Mangel häufig durch 
Reisen ins Ausland, wo die Krankenhäuser grösser, besser und für 
Lehrzwecke mehr eingerichtet waren, ausgeglichen wurde, aber die 
grosse Mehrzahl der Aerzte war nicht so günstig gestellt, um auf 
diese Weise für ihre Weiterbildung sorgen zu können. Sie hatten 
während der Studienzeit kaum Kranke gesehen; betrachteten die 
Symptome, stellten sie für ihr „System" zusammen und richteten da- 
nach ganz schematisch die Therapie ein. Passtc ein Symptomen- 
komplex nicht in das System, dann war nicht dieses, sondern die 
Beobachtung falsch und wurde oft genug „korrigirt", um diesen 
Widerspruch aufzuheben. Dabei herrschte in ärztlichen Kreisen noch 
vielfach der tollste Aberglaube. In dem „Conspectus historiae me- 
dicorum" des Georg Mathiae (Göttingen 1761) finden wir z. B. als 
Hauptwerke Adam 's von Lebenwald, eines berühmten, 1696 ge- 
storbenen Arztes, aufgeführt: „de Virgula divinatrice Metallica; de 
ünguento Armario et Pulvere Sympathetico, de Transplantatione Mor- 
borum, de Magia, Damographia". Christianus Samuel Ziegra, 
ein Wittenberger, schrieb ca. 1681: „De Magica morborum curatione". 
Diese Beispiele mögen genügen. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts 
der Aufklärung war es noch nicht viel besser. So erklärte der be- 
rühmte Konsistorialrath R. Reinbeck noch 1736 öffentlich, dass sein 



— 16 — 

Schwiegervater, der brauiischwcigischc Leibarzt Rob. Scott im Stande 
gewesen sei, Gold zu machen. Auch der oft erAvähnte Börncr hält 
das Goldmaclieu für nicht unmöglich, und erzählt, wie der berühmte 
Dr. Kundmann aus Breslau durch einen Adeptus von der Wirklich- 
keit des Goldmachens aus Kupfer, Zinn und einer kleinen Menge 
eines gelben Pulvers überführt sei. Derselbe Kundmann, der viele 
Reisen gcmaclit nnd sich „längst einen ansehnlichen Platz unter den 
itzlebenden gelehrten xlerzten erworben", empfiehlt auf's Wärmste 
den Liquor vulnerarius Dippelii, einen aus 13 verschiedenen Pflanzen 
gepressten Saft; eine Aqua vulneraria vinosa bestand aus 34 Sub- 
stanzen (Fischer, S. 309). Allerdings waren andere Balsame noch 
viel schlimmer in ihrer Zusammensetzung, mussten auch wohl bei zu- 
nehmendem Monde unter allerlei Hokuspokus gemischt werden. Dazu 
kam noch die Einwirkung der Gestirne auf die menschlichen Säfte 
(s. Burghard, S. 13), die Bedeutung bestimmter Wochentage und 
Jahreszeiten, die Macht des Teufels und der Hexen — alles Dinge, 
die damals- allgemein verbreitet waren, und heute aus der Laienwelt 
— noch nicht ganz verschwunden sind. — Uebrigens brauchten die 
Cliirurgen sich gar nicht so ängstlich über ihr schlechtes Deutsch zu 
entschuldigen; die Medici schrieben nicht \äel besser; auch der Ver- 
kehr, der Ton unter ihnen scheint nicht immer der beste gewesen zu 
sein. Med. D. Bollmann in Quedlinburg schrieb die „Wohlverdiente 
Leporin'sche Castigation", worin erwiesen wird, dass Herr Poly- 
carpus Leporin für keinen redlichen Medicus mehr passiren könne, 
sondern dass er sei ein Medikaster und Pfuscher, Erzschelm, Erz- 
ehrenschänder u. s. w. Leporin antwortete nicht darauf. (Der letz- 
tere hatte u. A. eine Biographie von Hilden und Heister geschrieben; 
seine Tochter promo\irte als Frau Erxleben in Halle 1754: Gründ- 
liche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom 
Studium abhalten, Berlin 1742. — Diss. inaug. med. exponens quod 
nimis cito ac jucunde curare saepius fiat causa minus tutae cura- 
tionis, Halae 1754.) — Der streitbare Dr. J. G. Fritze, ein Magde- 
burger von Geburt, der später kurze Zeit Dii-ektor der Preussischen 
Feldlazarethe war, schrieb Folgendes: Scharlatanerie und Menschen- 
opfer; Beitrag zur Geschichte der Todtschläge in den medizinischen 
Annalen auf das Jahr 1780. Dem Doctori bullato Herrn Lehn- 
hardt zu Quedlinburg gewidmet. Leipzig 1782; worauf dieser: „Neu- 
modige PiirgirpiUen für die beiden medizinischen Quäker, den Herrn 
Hofrath Ziegler zu Qucdlinb. und den H. Hofr. Fritze zu Halber- 
stadt. Erste Dosis. Dessau 1782" verabfolgte. 

Die Urtheile über die Medizin jener Zeit sind dementsprechend 



— 17 — 

im Allgemeinen sehr scharf. Bacon hatte sie eine reine Konjektural- 
wissenschaft genannt, Desault ein finstres Labyrinth, in dem man 
auf's Geradewohl umherstreife; Goelicke (s. o.) ging sehr schlimm 
mit den Aerzten in's Gericht; A. G. Richter (Ueber Systeme in der 
Medizin, s. Fischer S. 206) spricht über die Systemsucht seiner Zeit 
mit vernichtendem Spott; T s ch egge y findet in der Medizin den 
Schimmer sinnreicher Hypothesen, denen das Gebiet rationeller Er- 
fahrung gegenüberstehe; Voitus meint (S. 54), dass die Menschen 
immer ihre heilbaren Uebel den Unwissenden und die unheilbaren den 
Gelehrten anvertraut hätten. Unser Altmeister Rudolf Virchow 
kennzeichnet jene Zeit in treffender Weise mit folgenden Worten^): 
„Ein wüstes und höchst unfruchtbares Gewühl von immer neuen 
Spekulationen füllte bald den Schauplatz der medizinischen Erwä- 
gungen, auf dem sich schliesslich die Missgestalt des thierischen 
Magnetismus erhob". ^) 

Wir sehen daraus, dass damals die Aerzte — mit wenigen Aus- 
nahmen — nicht einmal auf dem eigenen Gebiete zu Hause waren 
und deshalb keineswegs das Recht hatten, mit Stolz und Verachtung 
auf die Chirurgen herabzusehen und sie in ihrem Thun zu controlliren. 
Das Leben auf den Universitäten, die Art des Unterrichts, der Zu- 
stand der Lehre und Wissenschaft brachten es mit sich, dass es nur 
wenige Männer gab. die im Stande gewesen wären, die ganze Heil- 
kunde zu beherrschen. — Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts 
wird öffentlich geklagt über die geringe Achtung, Inder beide Theile 
der Heilkunde, allerdings besonders die Chirurgie und ihre Vertreter 
ständen. In einer „Sammlung einiger Schriften von dem Ursprung 
und den Schicksalen der Wundarzneikunst" (Erfurth 1757), in der 
4 Arbeiten von Platner, Slevogt, Schulze und Heister besprochen 
werden, wird auch schon die x4rt des Unterrichts dafür verantwortlich 
gemacht und eine Art klinischer, praktischer Ausbildung, bei den 
Chirurgen mit Operationsübungen an der Leiche, vorgeschlagen. 
Eine sehr ausführliche, nicht eben schmeichelhafte Darstellung des 
Medicus, seiner Bildung und seiner Wissenschaft giebt Friedrich 



^) Rudolf Virchow, Hundert Jahre allgemeiner Pathologie. Beitrag zur 
Festschrift zur 100jährigen Stiftungsfeier des mediz.-chirurg. Friedr.-Wilh. -In- 
stituts. Berlin 1895. 

2) Wir dürfen vielleicht hier einen Ausspruch Billroth's aus neuerer Zeit 
zum Vergleich anführen: ,, Paris und London sind jetzt für den Mediziner völlig 
überflüssig; der in Deutschland ausgebildete Arzt kann dort nichts mehr holen. 
Wir haben Franzosen und Engländer auf allen Gebieten der Medizin weit über- 
holt." 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 13. Heft. o 



— 18 — 

Hnffmann, der berühmte Arzt und l^chrer in Halle, in der Vor- 
rede zu dem .,Erläuterten Xuck". seines Universitätscollegen Heinr. 
Bass (1728). 

Yon den Aerzten in der Armee im Frieden und im Kriege 
sind die Nachrichten recht spärlich; wir "wissen nur, dass die Heer- 
führer ihre Leibärzte in"s Feld mitnahmen, und dass ihnen oder dem 
Obrist-Feldarzt gewöhnlich die Aufsicht über das ganze Sanitäts- 
personal übertragen war. Der Titel „Obrist-Feldarzt" ist, genau ge- 
nommen, in den alten Schriften und Instructionen nicht zu finden. 
A. L. Richter, Knorr. Myrdacz u. A. haben ihn aufgenommen 
aus der von Frons berger in Ulm über das Landsknechtwesen und 
Kaiserliche Kriegsgerechte u. s. w. veröffentlichten Schrift. Sowohl 
hier, wie in einem uns vorliegenden Schriftchen (nach Format und 
Druck wohl aus E. Hörn 's Archiv für medicinische Erfahrungen) von 
Zimmermann (Potsdam) aus dem Jahre 1834, in der auch der Text 
jener Instruction wörtlich wiedergegeben wird, heisst es „der oberste 
Artzet" oder „der Oeberst-Feldartzet", aber nicht „Obrist-Feldartzet". 
A. L. Richter macht übrigens darauf aufmerksam, dass in Oester- 
reich der Chef des Militär-Medizin alwesens bis zu den 50 er Jahren 
dieses Jahrhunderts „Obrist-Feldarzt" genannt wurde (Geschichte des 
Medizinalwesens der Preussischen Armee. Erlangen 1860. S. 5). Der 
1762 in Erlangen gestorbene Dr. Pfann übernahm „das Physikat 
daselbst bey dem Bataillon Kulmbach"; 1754 wurde er zum würk- 
lichen Militär-Physicus und Hofrath ernannt (also noch ein neuer 
Titel, s. Börner-Baldinger, Bd. IH, S. 750). Während die Feld- 
scheerer, wenigstens die Regiments-Feldscheerer auch in der inneren 
Medizin einige Kenntniss besassen, waren die Feldärzte mit wenigen 
Ausnahmen in der Chirurgie ganz unwissend. Das war noch im 
siebenjährigen Krieee so; Baldinge r giebt es sogar von sich selbst 
zu und klagt über den mangelhaften Unterricht auf den Universitäten. ') 
Im 17. Jahrhundert war der gelehrte Physikus in Xordhausen, 
Georg Henning Behrens, als Churfürstlich Sächsischer General- 
Stabs-, Feld- und Leib-Medicus mit in Ungarn gewesen; Daniel 
Wilh. Triller, 1745 vom Herzog von Sachsen-Weissenfels, dei ein 
berühmtes anatomisches Caoinet besass, zum Hofrath und 1. Leib- 
medicus ernannt, machte den Feldzag in Böhmen mit. Ein Medicus 
de conm war dem Generalstabe jedes Corps schon zu den Zeiten des 
Grossen Kurfürsten (1657) beigegeben; in einzelnen grösseren Garni- 



1) E. G. Baldiiiger, Von den Krankheiten emer Ai-raee aus eigenen Wahr- 
nehmungen in dem letzten preussischen Feldzuge. Langensalza 1765. 



— 19 — 

soneji waren Garnisoii-Medici angestellt. Oft scheinen das aber Neben- 
posten gewesen zu sein; so wurde Hamberger in Jena, wie ßörner 
berichtet, 1716 als Lehrer der Mathematik nach Stettin an das Gym- 
nasium und als Guarnison-Arzt berufen, schlug es aber aus; J. H. 
Schütte, Physicus des Herzogthums Cleve und Brunnenmedicus des 
Schwelmer Gesundbrunnens, ging 1732 als Guarnisonmedicus nach 
Hamm, gab aber diese Stellung bald wieder auf. So finden wir noch 
bei Börner: Höfer als ersten, Wagner als zweiten Garnisonmedicus 
in Braunschweig angeführt; letzterer hatte 1748 in Erfurt eine Disser- 
tation: „De morbis castrensibus" geschrieben. 

Im 1. und 2. Schlesischen Krieg war Eller, Prof. am Collegium 
medico-chiniTgicum, Director der Charite, als Generalfeldmedicus 
Leiter des Feldlazarethwesens, im 7jährigen Kriege der erste Leib- 
arzt Cothenius, der nach dem Tode Eller's (1760) dessen Nach- 
folgerwurde und das gesammte KriegssanitätsM'esen dirigirte. (Nach 
der Gedächtnissrede von Moehsen [29. Jan. 1789] war die Stelle 
eines General-Feld-Stabsmedici damals ohne stehendes Gehalt.) „Die 
Anzahl der Aerzte von der Armee ist nicht genau bestimmt", sagt 
Baidinger (1. c. S. 5). — Li Berlin war später (1786, s. Nicolai) 
ein Gouvernementsarzt und ein Gouvernementschirurg, welche die nicht 
zur Garnison gehörenden Militärpersonen zu behandeln hatten. Eine 
sehr rege Thätigkeit entfaltete der Stabsmedicus Fritze in der Ver- 
besserung des Feldlazarethwesens (s. u.); auf Betreiben Zimmer- 
mann's von Friedrich dem Grossen berufen, arbeitete er mit 
Theden ein neues Feldlazarethregiement aus, das 1787 veröffentlicht 
wurde. Der Nachfolger von Cothenius wurde Riemer; neben ihm 
fungirte aber schon seit 1792 der Generalchirurgus Goercke als Mit- 
director des gesammten Feldlazarethwesens. Erst seit 1806 wurden 
keine besonderen Feldmedici mehr angestellt. 

Li Baldinger's „Neuem Magazin für Arzte" (Bd. XIV, fünftes 
Stück) ist der „Königlich preussische medicinisch chirurgische Feld- 
etat in jetzigem Feldzuge wider die Neu-Frankreicher 1792" abge- 
druckt. Unter dem Generalfeldstabsarzt Riemer stand ein Stabs- 
arzt, ein Reisefeldarzt und 4 Feldärzte; unter dem Generalchirurgus 
„Goericke" ein Oberstabschirurgus, ein Stabschirurgus, 3 Wundärzte, 
4 deutsche, 3 französische Pensionairs (diese Messen : Müller, Philipp! 
und Beny), 8 Oberchirurgen, 125 Hospitalchirurgen und 12 Apotheker. 

Wenn auch Stoer (s. o.) behauptet, ein Medicus könne ganze Städte 
und Armeen durch rechtzeitiges Eingreifen vor verheerenden Seuchen 
retten, so wissen wir doch recht wenig von ihrer Thätigkeit. Sie waren 
nur in unzureichender Anzahl vorhanden, verhältnissmässig hoch bezahlt 



— 20 — 

i^Schickfrt: .S. 1 u. 2) und, wio wir gesellen haben, jedenfalls nicht 
immer fest angestellt. Damit, dass „wenig Medici zu Feld seyen, ausser 
des Hof-Stabes, sondern bei allen Regimentern zu Ross and zu Fuss 
nur die Feldscherer, und bey jedem Regiment ein Regiments-Feld- 
scherer" und da.ss diese alle den Gebrauch innerlicher Mittel kennen 
müssten, begründet Jos. Schmidt seinen „Neuen Medicin- und Chir- 
urg-ischen Feldkasten" (2. Aufl. Augsburg 1722), in dem eine fabel- 
hafte Menge von Mitteln und Mischungen, ^lenschenfett, Regenwürmer 
u. a. einbegriffen, enthalten sind. Auf dem Titelkupfer steht der ge- 
öffnete Kasten in einem Zelte und davor der „Feldscherer" mit 
riesiger Allongeperrücke und elegantem, grossgeblümtera Schlafrock (s. 
Abbildung). — Der Feldkasten enthielt auch die Instrumente; Schmid 
hatte ihn schon 1635 zusammengestellt und dafür 200 Reichs-Thaler 
bekommen, eine für jene Zeit recht erhebliche Summe. Auf den In- 
halt wollen wir nicht näher eingehen — wer weiss, was man nach 
260 Jahren von unseren „Feldkasten", den Medizinwagen u. s. w. sagen 
wird? — Zu erwähnen ist aus jener Zeit auch des Fabriz. v. Hilden 
„Reiskastenverzeichnuss der Artzneyen und Instrumente, mit welchen 
ein Wundarzt im Feldlager soll versehen sein". Basel 1615. Als 
Anhang zu seiner Wundartzney giebt Fabrizius ebenfalls einen 
„Feld-Kast, das ist Verzeichnuss der vornehmsten sowohl innerlichen 
als äusserlichen Artzneyen, wie auch der nöthigsten Instrumenten, 
mit welclien ein vernüfftiger Feld-Medicus und Feldscheerer versehen 
solle seyn". Aus der sehr interessanten Vorrede dazu erwähnen wir, 
dass der „Durchlauchtige Held Graf Moritz von Nassau einen wohl 
assortirten Feldkasten für seine Soldaten mit sich führte, den Fa- 
brizius im Jahre 1612 in Mors untersuchte. Dabei erzählt er u. a. 
„Und wann ein armer Knecht hinckend oder Glidloss worden ist, 
oder dieselbe nicht mehr brauchen können, ist er von der Hochge- 
dachten Grossmögenden Herren Kosten unterhalten und mit einem 
Jährlichen Leibgeding begäbet worden. Diese fromme Christ- 
liche Vorsorg und Anstalt hat die Soldaten kühn, unverzagt und be- 
herzt gemacht." ("Auch Purmann giebt in seinem „Feldscheerer" 
[s. u.] die Beschreibung eines Feldkastens.) — Hundert Jahre später 
gabE.Wreden seinen Chirurgischen Feldkasten heraus (Hannover 1722). 
Bei dem oben kurz geschilderten Zustande der Medizin im 
vorigen Jahrhimdert werden die Medici kaum im Stande gewesen 
sein. Hervorragendes zu leisten. Es war freilich ein „chirurgisches" 
Leiden (Phlegmone am Fuss), dessen Heilung dem Regimentsfeld- 
scheer Brandhorst die Anerkennung des hohen Patienten, seines 
Königs, verschaffte, der ihn eigenhändig zum Doktor machte; aber 



— 21 -^ 

das Consiliura der berülimiesteii Aerzte Berlins hatte docli den Zu- 
stand und seine Gefahr nicht erkannt und von der Operation abge- 
rathen (Schickert, S. 3i. — • Auffallend gering ist die Zahl wissen- 
schaftlicher Arbeiten über Armeekrankheiten: 

Interessant, wenn auch einer früheren Zeit angehörend i), ist eine Schrift 
von Raimund Minderer, Augspurg 1620, 1640 und Nürnberg 1679: Medicina 
militaris, und gemaine Handstücldein zur Kriegs-Artzne)" gehörig. Mit wohl- 
gegründeten Experimenten gezieret und den gemainen Soldaten, Ritter und 
Knechten zum nutzen an Tag gegeben. M. schrieb das Buch in deutscher Sprache, 
damit sich die Soldaten in ihren Nöthen und beschwerlichen Zuständen nächst 
Gott Rath daraus erholen könnten. (Der gelehrte Bai ding er (1. c. S. 35) weiss 
freilich allerlei daran auszusetzen.) M. hatte seinen kriegerischen Herrn in vielen 
Feldzügen begleitet und war bei Aufrichtungen, Musterungen und Ausfertigung 
etlicher stattlicher Regimenter zugegen. Bei diesen Gelegenheiten kommen nicht 
nur viel Raufereien und Verletzungen, sondern auch in Folge der veränderten 
Lebensweise allerlei innere Krankheiten vor. — M. empfiehlt dem Soldaten zu- 
nächst ein freies Gemüth, ein reines Gewissen, Frömmigkeit und Bescheidenheit, 
besonders in seinem Quartier, das er wie sein Vaterland halten soll. Aus Rein- 
lichkeitsgründen ist es nöthig, den Bart zu rasiren. Mittel gegen Hühneraugen 
und Ungeziefer, gegen das Wundreiten: eine Flasche mit Essigwasser für Hitze, 
mit Branntwein für Kälte, beide im Sattel unterzubringen; das Aufsammeln der 
beim Pferdeputzen abfallenden Rosshaare, um die Stiefel damit zu polstern, u.a.m. 
wird empfohlen. Die Zelte sollen möglichst weit von Morast und Gräben gegen 
Orient offen aufgeschlagen werden. Schlechtes Wasser ist zu vermeiden oder 
durch Hineinwerfen eines heissen Steins oder durch Abkochen zu verbessern. 
Vor dem Trinken, wenn man zu erhitzt ist, wird gewarnt. Feldscheerer und 
Feldmedici sollen den Soldaten nach bestem Wissen und Vermögen behandeln 
und ihn liebevoU anfassen. Der Feldmedicus soll den Feldscheerer in guter Ord- 
nung halten, seine Instrumente monatlich besichtigen und ihm mit Rath und 
That beistehen. — Diese Schrift beweist, dass es schon damals Männer gab, die 
dem Soldaten in seiner üblen Lage zu helfen suchten. Das gleiche Bestreben 
finden wir am Ende des 17. .lahrhunderts in den oben erwähnten Schriften 
A. von Gehema's und bei dessen Zeitgenossen Purmann, der in seinem Lor- 
beerlvTanz (^I. S. 7) sagt: „Daher irren etliche Klüglinge sehr, dass sie es den- 
selben verbieten wollen, sagende, die Medikamenia, so man bey den Patienten im 
Kriege gebraucht, liesen sich alsdenn in den Städten nicht appliciren, und man 
würde auch gar zu kühne in allen Verrichtungen, denn welcher Patient davon- 
käme, were gut, wer aber stürbe, würde nicht gross geachtet, ob er verwahrloset 
oder nach rechter Weise kuriret worden, solche Leute geben ihren groben Un- 
verstand genung an den Tag, ich wil einen jeden rechtschaffnen Oflizirer und 
Feldscheer davon urtheilen lassen, mir ist genug bekand, wie gi'osse acht man auf 
die Soldaten haben muss, und wie gross an deren auffkommen jeden Obristen und 



^) Xoch älter ist: Arnold Villanovanus, Regimen castra sequentium, 
1509: fast gleichzeitig: Val. Willii Tract. de morb. castr. int. Hafniae, 1676 u. 
1739: Tob. Loberi Obs. med. castr. Hungaric. Frnkf. 1606, Heimst. 1685. Vergl. 
Baldinger's Introductio in notitiam scriptorum Medicinae militaris. Berlin 1764. 
Kupfersehmid, De morbis proeliantium. Basel, 1714. 



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Offizirer gelegen, wie fleissig wird nach iliren Zustand gefraget, und wie oft sie 
verbunden worden; stirbt einer plötzlich, wird er allsofort mit Zuziehung mehrer 
Wundärzte geöffnet und besichtiget, damit man wissen könne, ob Er verwahrloset 
worden oder nicht." Das klingt fast wie eine Vertheidigung auf die heftigen 
Angriffe Gehema's (s. u.). — Conr. Barthh. Behrens aus Hildesheim, im 
Jahre 1685 Medicus castrensis der Braunschweig-Lüneburgischen Truppen, später 
Mitglied der Kais. Leopoldinischen und (1709) der Berliner Akademie, schrieb 
u. a. darüber: ,,Qua ratione Miles in Castris morbos cavcre iisque occurrere pos- 
sit." (Mathiae, 1. c. S. 821). Im Jahre 1627 erschien das Antidotarium mili- 
tare Dickelii (Erfurt); 1729 eine Schrift von Stöller, Magdeburg, Historisch 
medizinische Untersuchungen u. s. w., ingleichen, was Soldaten von ihren ge- 
meinsten Maladien und deren Kuren zu wissen nöthig haben, J. Storch, ausser 
vielen anderen Titeln auch Gothaischer Garnison-Physikus, schrieb 1735 ein Werk 
über: Theoretische praktische Abhandlung von vielerhand, sowohl innerlichen, 
als äusserlichen Krankheiten, welchen erwachsene Personen, besonders Soldaten, 
unterworfen zu seyn pflegen. (Eisenach und Naumburg.) Dieses Buch muss viel 
Anklang gefunden haben, da eine 2. (1745) und eine 3. Ausgabe (1759) existiren. 
Ferner Dan. Ludovici, Tract. de morb. castrens. Frankfurt. 1712; A. Fleck, 
Diss., Idea boni medici castrensis. Altdorf. 1721; G. A. Leschen, Diss. de 
Valetudinariis bellicis bene constituendis. Göttingen, 1759. J. A. v. Woltter, 
Pharmacopoea militaris. Frankfurt und Leipzig. 1759; eine ,, Anweisung, wie 
man im Kriege und Frieden auf dem Marsche der Truppen die Maroden bey der 
Arrieregarde nach Umständen wohl behandeln, und den Kranken oder Blessirten 
bey der Transportirung nützlich seyn kann." Mit Genehmhaltung der k. k. 
Censur. Prag. 1775. (Ohne Autor.) Dahin gehört auch: Portius, De militis 
in castris sanitate tuenda. Wien. 1685. Neapel. 1728; Sancassani, II chi- 
rone in campos. Venedig, 1708; Schmid, Kriegs- Artzney. Frankfurt. 1664; 
Tass in , Chirurgia militaris. Nymwegen. 1673. Paris. 1688. Nürnberg (deutsch). 
1678; Glockengiesser, De curationibus castrensibus. 1711. (Dissertat.); Fr. 
Glass, De militum morbis praecipuis, horumque curatione. 1735; G. Lesser, 
De militum valetudine tuenda in castris. 1735. (Ebenfalls Dissertationen). — 
J. A. Oehme, Der expedite Feld-Chirurgus. Leipzig. 1730. (5. Ausg. 1744.) 
Für den angehenden Praktikus im Felde, auch bei innerlichen Krankheiten, in 
Ermangelung eines Medici. (,,Der Feldchirurg soll haben: I. Luchs- 
Augen, IL Jungfer-Hände und III. Ein Löwen-Hertz.") — Diez hatte 
1762 in Tübingen geschrieben: De aere et alimentis militum. Baidinger, im 
5. Stück von Börner's Lebensbeschreibungen, geschrieben im Feldlazareth zu 
Torgau, 1762, meint, er würde besser geschrieben haben, wenn er wirklich im 
Felde gewesen wäre; er war nur ,,ernennter Feldarzt der baierischen Creiss- 
truppen" gewesen. Aus dem Jahre 1745 stammt noch von M. S. Starck: Medi- 
zinischer Unterricht der nach Anleitung der Natur eingerichtet und aus der Er- 
fahrung hergeleitet worden, vor angehende Feldscheerer zum Nutzen der K. Pol- 
nischen und Chur-Sächsischen Armee. Von einem Ungenannten ist 1758 (bei 
Thom. Trattner, Wien, Prag und Triest) eine ,, Kurze Beschreibung und Heilungs- 
art der Krankheiten, welche am öftesten in dem Feldlager beobachtet werden",' 
erschienen, in der viele gute hygienische und wenige gute therapeutische Rath- 
schläge enthalten sind. Nach Baidinger ist van Swieten der Verfasser. Wenn 
wir noch Kr am er 's Medicina castrensis (Nünberg. 1743 und 1755), Schaar- 
schmidt's Abhandlungen über Feldkrankheiten (Berlin. 1758) und Baldin- 



— 23 — 

ger's Introductio in iiotitiam Scriptornm medicinae militaris (Berlin. 1764) und 
seine Schrift von den Krankheiten einer Armee aus eigenen Wahrnehmungen im 
preussischen Feldzuge aufgezeichnet (Langensalza, 1774. 2. Ausgabe) nennen, 
dann haben wir so ziemlich Alles, was bis 1790, abgesehen von Uebersetzungen 
englischer und französischer Werke, über Armeekrankheiten bei uns veröffentlicht 
ist. Kach 1790 wurden diese Arbeiten häufiger i). 

So waren nach den Uitheileu ihrer Berufs- und Zeitgenossen die 
deutschen Medici im vorigen Jahrhundert; in Frankreicli war ihre 
Ausbildung womöglich noch schlechter. Wenn auch Ambroise 
Pare nie versäumt, bei schweren oder durch innere Erkrankungen 
komplizirten Fällen die Zuziehung eines Medicus, von denen er 
immer mit grossem Respekt spricht (z. B. les Medecins nos Maitres), 
zu empfehlen, so war doch schon damals die Werthschätzung der 
Chirurgie in Frankreich eine andere, als bei uns. Das hohe An- 
sehen, in dem Pare, der Leibarzt dreier Könige, und seine Nach- 
folger standen, ihre Leistungen in den zahlreichen Feldzügen und in 
den grossen Hospitälern, die stete Kampfbereitschaft zwischen Barbier, 
Chirurg^) und den Vertretern der gelehrten Medizin, die ihre Fort- 
schritte eitrig bekämpften, haben es bewirkt, dass dort die Chirurgie 
schon damals geachtet, der inneren 3Iedizin mindestens gleichgestellt 
wurde. 



III. Der Feldscheer, seine Vorbildung, seine Leistungen, 

seine Stellung bis zur Stiftung der Pepiniere (1795). 

Lazarethe, Truppenverpflegung im Allgemeinen, 

Kraukentransport. 

Dem Stande der Heilkunde überliaupt, mehr noch dem der Chi- 
rurgie, musste natorgemäss der der Armee- Wundärzte, der damaligen 
Feldscheerer, entsprechen, und wenn wir jetzt mitleidig von diesen 
armen, schlecht gestellten und schlecht behandelten Männern sprechen, 
die Bilguer selbst noch im Jahre 1791 mit äusserst geringschätzenden 



^) Ein „System der Wundarzneikunst". Leipzig 1790, behandelt auf 490 Sei- 
ten: Krankheitslehre, Arzneimittellehre, Instrumenten-, Bandagen-, Operations- 
lehre; spezielle Chirurgie, mediz. Kriegspolizei und mediz. Kriegsgericht. Ein 
Autor ist nicht genannt. 

2) Diese Trennung ist auch in England früher, als bei uns erfolgt, s. Justa- 
mond 1. c. S. 78. ^■ergi. auch Voitus, p. 55. 



- 24 -- 

Namen bejiennti), (laiiii dürfen wir auch nicht vergessen, class ihre 
Leistungen bei ilirer geringen Vorbildung und bei dem oben gekenn- 
zeichneten Zustande der ganzen HeiJkunst jener Zeit, nur gering sein 
konnten. Das mag in Frankreich etwas besser gewesen sein, obgleich das 
Experiment Friedlich' s des Grossen (s. o.) misslang. In England 
lagen die Verhältnisse ähnlich, wie in Deutschland, wenn auch dort 
einzelne Männer, wie J. Plunter, Hervorragendes leisteten, dadurch 
die Chirurgie zu einer geachteten Wissenschaft erhoben und bewirkten, 
dass sich ihr auch die Söhne besserer Familien widmeten. Es kann 
auch hiei- in Wirklichkeit nicht viel besser als bei uns gewesen sein, 
weil die Armee-Wundärzte in England ebenso schlecht gestellt und. 
besoldet, aber vielleicht noch schlechter vorgebildet waren. J. Hunter 
selbst, Stabswundarzt, später Generalwundarzt und Direktor der Re- 
gimentshospitäler, klagte bitter darüber und meinte, es sei kaum 
nöthig, selbst Wundarzt zu sein, um in der Armee praktiziren zu 
zu können — so wenig wurden hier die allgemeinen Regeln der 
Wundarzneikunst beachtet. Hennen, dem wir diese Aeusserung ent- 
nehmen, sagt selbst, es gehöre ein glüheiider Enthusiasmus und gänzliche 
Verachtung allen Eigennutzes dazu, seine Talente und seinen Fleiss in 
eine Lage zu begraben, in welcher Verborgenheit, Armuth und Hint- 
ansetzung die traurigsten Aussichten gewährten. „So war noch bis 
vor wenig Jahren das Loos der Armeewundärzte beschaffen"-). — 

Zur Zeit der Königin Elisabeth stand der Wundarzt in der Kom- 
pagnie von 100 Mann Fussvolk zwischen Feldwebel und Trommelschläger 
und erhielt wie diese wöchentlich 5 Schillinge. Wie lange Rang und 



1) In seiner ,, Bemerkung zu den Erinnerungen etc." (s. u. Bilguer's Bio- 
graphie), wo der Verf. sich sehr bitter über die mangelhafte Fürsorge ausspricht, 
die man der Ausbildung der Wundärzte widmete. Der Staat müsse dafür sorgen, 
dass nur Leute mit guter Schulbildung Chirurgie studirten; diese so nützlichen 
und unentbehrlichen Menschen müsse er aber dann auch mehr ehren und besser 
bezahlen. Die Königlichen Pensionairs sogar würden, ehe sie endlich eine Regi- 
mentswundarztstelle erhielten, 50 Jahre alt und noch älter; sie hätten bis dahin 
glatterdings Schulden machen müssen, denn mit 8 Rthlr. 8 Gr. könnten sie un- 
möglich auskommen. — Von den wissenschaftlichen Reisen hält Bilguer auch 
nicht viel; die Zeit sei zu kurz; man trüge nur das Geld aus dem Lande etc. 
Er schlägt regelmässige Kommandirungen von Unterwundärzten an die Univer- 
sitäten vor. 

-) J.Hennen, Oberaufseher über die Militär-Hos])itäler : Grundsätze der 
Militär-Chirurgie, mit Beobachtungen über die Anordnung und Policey der Ho- 
spitäler. Edinb. 1820, Uebers. Weimar 1822. — Nach einer „Kurzen Geschichte 
der englischen Militärärzte" von Young (Edinb. med. Journ. July 1898) wird ein 
Surgeon General als Leiter des englischen Militär-Sanitätswesens zuerst im 
Jahre 1G85 a;enannt. 



— 25 — 

Sold so niedrig blieben, weiss Hennen nicht anzugeben: Avahrschein- 
lich erfolgte ihre Verbesserung stufenweise. Die höheren Stellen 
wurden selten durch Regimentswundärzte. sondern fast nur (lurch 
Civil Chirurgen, immer nur für die Dauer eines Feldzuges, besetzt. — 
Für den Stand und die Werthschätzung der Kriegschirurgie in Russ- 
land ist, wenn man auch durch die Berufung ausländischer Lehrer 
hier zu bessern suchte, schon die Thatsache bezeichnend, dass noch 
im Jahre 1782 mehrere Schüler des grossen Kriegshospitals in Moskau 
zu einem Bauern aufs Land geschickt wurden, um bei ihm — die 
Behandlung von Frakturen und Luxationen zu lernen! 

Wir sahen aus der Schrift Min der er 's, dass schon zu Zeiten 
des Kurfürsten Georg AVilhelm (1619 — 1640) der Feldmedicus den 
Feldscheer zu beaufsichtigen und zu kontroliren hatte. Jede Kom- 
pagnie zu Fuss oder zu Ross in der aus 8000 Mann Fussvolk und 
2900 Reitern bestehenden Armee hatte einen Feldscheer, der seinem 
Solde nach hinter dem Gefreiten-Korporal und Kapitain d' Armes und 
vor dem Korporal rangirte, vom Hauptmann (wie der Regiments- 
feldscheer vom Regimentskommandeur) angenommen und entlassen 
wurde, und dem Hauptmann, nicht dem Regimentsfeldscheer, unter- 
stellt war. Der letztere stand dem Solde nach zwischen Muster- 
schreiber und „Dromblschläger." (Schjerning, Schickert, Myr- 
dacz, A. L. Richter). 

In einem von „Dero Rom. Kayserl. Mayest. Kriegs-Rath be- 
stelltem General- Veld-Zeugmeister und Obrister zu Ross und Fuss" 
unterschriebenen Vertrag, signatum Colin, den 25. Junii 1643, in dem 
die „Rantzionen" der verschiedenen Chargen angegeben sind, steht 
der „Veldscherer" fast am Ende der langen Liste, zwischen Rüst- 
meister und Capitain d"armes und Musterschreiber. Dahinter kamen 
nur noch der Gemeine Dragon, der Tambour, Gefreyte oder Rott- 
meister, Fourir oder Leibschütz und Gemein Soldat. 

Unter dem grossen Kurfürsten (1640 bis 1688), dessen 
A.rmee z. B. bei der Schlacht von Warschau aus nahezu 28,000 
Mann bestand, im Jahre 1668 auf 12,600 Mann reduzirt, bis 
1674 wieder auf 28,000, und kurz vor dem Frieden von St. Germain 
(1679) auf 38,500 Mann vermehrt war, stand der Regimentsfeldscheer 
zwischen Auditeur und Tambour und bekam 7 Thaler Gehalt, 1 Thaler 
mehr als letzterer. Er hielt sich persönlich mehrere „Gesellen", die 
ihm bei Operationen und Nachbehandlung ausser den Kompagnie- 
Feldscheerern behülfiich waren. Pur mann erzählt in seinen Obser- 
vationes chirurg. (S. 444): „Denn ich hielte bey unserem Regiment 
(welches bey keinem unter der gantzen Armee geschehen) allezeit 



— 26 — 

4 Gesellen." Der zum Generalstab gehörende Jledicus und die Gar- 
nisoii-Medici in Königsberg, Labiau, Wehlau hatten 25 Thaler Gehalt, 
der AVundarzt beim Stabe zu Ross 9 Thaler ^j. Neben dem Medicus 
de cornii stand der Stabsfeldscheer, dessen Rang und Kompetenzen 
nicht mehr festzustellen sind. — Der tüchtigste und berühmteste von 
den Feldchirurgen des Grossen Kurfürsten \\-dv ^lathaens Gottfried 
Purraann, zuerst Kompagnie-, später Regimentsfeldscheerer, der 1679 
nach 12jährigen Kriegsdiensten seinen Abschied nahm und nach Hal- 
berstadt ging (s.u.). Im xA.nfange des 18. Jahrhunderts, 1709. war 
Laur. Heister als Feldarzt bei den Holländern thätig; er behandelte 
nach der Schlacht bei Malplaquet in Brüssel 5000 Verwundete. Ein 
tüchtiger und gewissenhafter Medicus war der frühere Rittmeister 
Abraham a Gehema. von dem schon erwähnt wurde, dass er für 
die Vereinigung der Chirurgie mit der Medizin lebhaft eintrat, auf 
Grund seiner Erfahrungen in 11 Feldzügen die Anstellung einer grösseren 
Zahl vou Aerzten und eine bessere Ausbildung der Chirurgen, nöthi- 
genfalls auf öffentliche Kosten, empfahl. Die von ihm 1690 („Der 
kranke Soldat") geforderte Befreiung der Chirurgen von der Ver- 
pflichtung des Barbierens wurde vollständig erst 100 Jahre später 
eiTeicht. 

lieber Verpflegung und Transport Verv^'undeter und Kranker ist 
aus der Zeit des Grossen Kurfürsten noch zu erwähnen, dass 
dieser 1675 in einem Befehl an den Feldmarschall Georg Fürsten 
von Anhalt Dessau. Statthalter der Marken, es tadelt, dass den 
Blessirten nicht die nöthige Wartung und Pflege geworden ist, und 
befiehlt, die Beamten zu bestrafen und Anstalten zur Verpflegung zu 
treffen (Knorr, Heeressanitätswesen der Europäischen Saaten, S. 65). 
Nach der Schlacht bei Fehrbellin wurden die Verwundeten von dem 
Schlachtfelde nach Spandau und von hier nach Berlin gebracht; Be- 
fehl an den Stadtkommandanten von Spandau vom 21. Juni: Drei 
zum Transport von Verwundeten bestimmte Wagen, zu deren Führung 
ein Offizier bestimmt wurde, sollen reichlich mit Stroh versehen sein. 
Es sollen Bügel über dieselben gespannt und mit Buschwerk besteckt 
werden, um die Kranken vor der Sonne zu schützen. (Frölich, 
Militärmedizin.) In einer Marschordnung vom 7. November 1670 heisst 
es: Zur Fortschaffung von Kranken müssen jedes Mal auf unsere 
Pässe und Verordnungen so viel Fuhren als dazu unumgänglich noth- 
wendig, hergegeben werden, welche aber von Kreis zu Kreis und Ort 



^) Orlich, Geschichte des preussischen Staates, I. 127. IL 405, Knorr, 
A. L. Richter, v. Riclithofen. 



— 27 — 

zu Ort abgelöst werden (s. Mylins, Corp. const. March.). Vom 
27. Dezember 1677 datirt der Befehl an den Magistrat zu Stettin, 
die zurückgelassenen Kranken und Verwundeten nicht allein an- und 
aufzunehmen, sondern auch gebührend zu verpflegen und zu kuriren 
(Schjerning, S. 1). Purmann schreibt, dass er nach der Er- 
oberung von x\nklam mit 42 Blessirten verschiedener Regimenter in 
die Stadt gelegt worden sei. 

Von Massregeln auf dem Gebiete des allgemeinen Medizinalwesens unter dem 
Grossen Kurfürsten ist die Bauordnung vom -Jahre 1641 und eine Pestilenz- 
ordnung, sowie die Brunnen- und Gassenordnung von 1660 zu nennen. In letzterer 
wird die Abschaffung der die Strassen und Häuser verunreinigenden Schweine 
befohlen und ein Gassenmeister angestellt, der täglich mit 2 Karren fuhr und vor 
jedem Hause für jeden vollen Karren 1 Gr. 6 Pf., vom Kurfürsten jährlich 
52 Scheffel Korn und freie Wohnung bekam. (Nikolai, Beschreibung von Berlin 
und Potsdam). 1683 wurde das Bad Freienwalde, dessen Quelle von blessirten 
Soldaten entdeckt war, gegründet (Fr. Heydecken, Beschreibung des Gesund- 
brunnens und Bades Freienwalde). In dieselbe Zeit fällt die Gründung der Uni- 
versitäten Königsberg, Duisburg und Frankfurt a. 0. und die Einsetzung 
des Kurfürstlichen Medizinal collegiums (am 1. Nov. 1685, s. Mylius, 

I. c. V. Theil, 4. Abtheil., S chjerning, S. 2, Küster, IV, S. 112, wo auch die 
späteren „Gassenordnungen" aufgezählt sind). 

' Unter dem ersten Könige von Preussen, Friedrich I. (1688 bis 
1713), wurden die Kompagniefeldscheerer den Regiraentsfeldscheerern 
unterstellt, von diesen angenommen und beaufsichtigt. (Ordre vom 
4. November 1712, Mylius 1. c. VI. II.) Zur Beschaffung guter Me- 
dikamente wurde der sogenannte Medizingroschen eingeführt. Unter 
Friedrich I. (Instruktion an den Generalfeldmarschall von Wartens- 
leben, 10. März 1704) finden wir auch die erste Anordnung über 
besondere militärische Spitäler im Kriege und im Frieden; die ersten 
Garnisonlazarethe entstanden aus den 1709 wegen der Pest er- 
richteten Krankenhäusern, die aber, wie die Charite (Seh aper 1. c.) 
auch kranke Civilpersonen aufnahmen. 

Im Reglement für die Infanterie v. J. 1726 findet sich der Befehl zur An- 
legung von Garnisonlazarethen; die betr. Bestimmungen wurden 1743 wiederholt. 
1765 wurden die Lazarethe vermehrt; 1790 befahl Friedrich Wilhelm IL, dass 
Theden einen Plan für ein Feldlazareth im Frieden zur Ausbildung guter Wund- 
ärzte aufstelle. Das erste Lazareth-Pveglement für den Frieden, eine Instruction, 
nach welcher die Kranken in der Königl. Preussischen Armee in den Garnison- 
lazarethen verpflegt werden sollten, wurde 1809 erlassen. — Nachrichten über 
Militärlazarethe aus früheren Zeiten sind spärlich; für Invalide scheint das im 

II. Jahrhundert, wie Anna Commena mittheilt, in Konstantinopel erbaute das 
erste gewesen zu sein (Hennen, 1. c. S. 9). 1597 errichtete Heinrich IV. Feld- 
hospitäler bei der Belagerung von Amiens (daher „Sammetfeldzug"). Unter 
Ludwig XIII. wurde ein stehendes Spital zu Pignerol, etwas später das von 
Ludwig XIV. zum Hotel des Invalides erweiterte Spital gegründet. Der letztere 



— 28 — 

befahl die Errichtung von Militäiiazarethen in allen befestigten Plätzen. In Eng- 
land, wo städtische Krankenhäuser schon lange bestanden, trat 1756 ein Collegium 
für das Militärhospitalwesen zusammen (Hennen S. 20). Wir erwähnten, dass 
John Hunt er, der Generalwundarzt der Armee, auch Aufseher der Regiments- 
hospitäler war. 

Wenn unter Friedrich I. mit der freien Verfügung des Truppen- 
fülirers über die Kompagniefeldsoheerer ein Ende gemacht war, so 
sehen wir unter Friedrich Wilhelm I. (1713 — 1740) einen weiteren, 
für jene Zeiten gewaltigen Fortschritt eintreten. Schon in der Ver- 
pflegungsordonnance vom 18. Mai 1713, ,,wornach die Kavallerie 
und Dragoner vom 1. Juni 1713 in der Churmark Brandenburg und 
übrigen Königl. Provintzen tractiret und gehalten werden sollen", 
heisst es'): „Die Regiments-Quartiermeisters, Adjudanten, Predigers, 
Auditeurs und Regimentsfeldscheerers sollen überall als einer 
deren subalternen Officier tractiret werden." Ihre Rangstellung wurde 
erhöht, und zwar beim Staabe zu Fuss bey 2 Bataillons vor dem 
Feldpfeiffer, beim Staabe der Dragoner vor dem Regimentstambour, 
beim Staabe der Kavallerie vor dem, Paucker, letzteres allerdings 
erst seit 1719. — Schon kurz nach Antritt der Regierung hatte 
Friedrich Wilhelm I. den Regimentsfeldscheer bei der Garde, 
Brandhorst, dem er, wie wir sahen, besonders vertraute, zum 
Generalchirurgus bei der Garde ernannt. 

In seiner Bestallung zumRegiments-Feldscheerer „wegen seiner guten Wissen- 
schaft in der Chirurgie" findet sich der Befehl zu einer Beaufsichtigung: ,,Dass 
derselbe über alle anderen Kompagnie-Feldscheerer die Inspection haben, die 
Kranken und Blessirten mit aller Sorgfalt curiren, den Regimentskasten mit guten 
und tüchtigen Medikamenten ohne manquement versehen, auch solchergestalt treu, 
ileissig und unverdrossen seines Amtes wahrnehmen, auff die ihm untergeordneten 
Peldscheerer auch solchergestalt gut Acht haben sollten, dass die bey den Kom- 
pagnien ihnen anvertrauten Kranken und Blessirten nicht verwahrloset oder negli- 
giret werden, sondern er hat sich solchergestalt zu verhalten, wie es einem treuen, 
fleissigen, sorgfältigen und erfahrenen Regimentsfeldscheerer eignet und gebührt, 
wie ein solches auch seine Pflichten erfordern" (S. A. L. Richter, 1. c). ,,Vor 
solche seine Mühe undt Arbeit wollen Sr. Königl. Hoheit ihme Monatl. pro Trac- 

tamento 15 Rthlr. zahlen lassen Benebst der Fourage auff 1 Pferd so lange 

der Krieg währet, das Tractament und Zulage aber so lange er beym Regiment 
wird stehen bleiben, auch überdehme, und vor solche seine fernerhin leistende 
treue allerunterthänigste Dienste wollen mehr allerhöchstgedachte Sr. Kgl. Hoheit 
dero Regiments-Feldtscheer Brandy orsten bei dieser Charge zu allerzeit alier- 
gnädigst schützen und mainteniren auch hiernegst bey Gelegenheit auff desselben 
Weitere Beförderung in Gnaden Bedacht seyn. Des zu Uhrkundt haben Sr. Königl. 



^) 8. Mylius, Corp. constitutionum. March. III. .Jg. 1. Abth. p. 315 ff. 
und Knorr, 1. c. S. 74ff. 



— 29 — 

Hoheit dieses Patent eigenhändig unterschrieben und Besiegein lassen. So Ge- 
schehen und Gegeben zu Colin an der Spree den 7. Martis anno 1711. gez. 
Friedrich Wilhelm. (Preuss, 1. c. Beilage T. zu S. 126.) 

Brandliorst scheint, wie auch Schickert (S. 3) betont, der 
erste gewesen zu sein, der diese Würde in der preussischen Armee 
bekleidete; allerdings gab es schon früher „Generalstabsfeldscheerer", 
z. ß. Horch (s. 11.): die Funktion des Generalchirurgen neben dem 
Titel bekam erst einige Jahre später (1716 oder 1724?, s. die 
Lebensbeschreibung) der Regiments feldscheer von der Garde Holtzen- 
dorff. In der Instruction vom 30. Januarii 1725, „wonach S. Königl. 
Majestät in Preussen wollen, dass bey Annehmung der Regiments- 
Feldscheerer verfahren werden und worin derselben Function und das 
Detail ihrer Verrichtungen bestehen soll", wird bestimmt: 

1. Dass ohne Vorwissen des Königs in Zukunft kein Pvegimentsfeldsclieer 
angenommen oder dimittirt werde. 

2. Der Bewerber muss sich bei dem General chirurgo von der Armee und 
Directore von allen Chirurgis melden, vor dem Collegio medico ein Examen ab- 
legen über Kenntniss der innerlichen Krankheiten und einen cours des Operations 
ablegen. 

3. Er wird beim Regiment vom Auditeur in GegeuAvart des Kommandeurs 
vereidigt. 

4. Sein Gehalt beträgt bei der Kavallerie monatlich 106 Thaler; hiervon 
muss er pro Escadron 1 Feldscheer (also 10) mit 6 Thaler Gehalt anstellen und 
den Inhalt des Feldarzneikastens und die Instrumente bezahlen. Bei der Infanterie 
erhält er monatlich 12 Tbl. Staabs-Tractament und von jeder Kompagnie 10 Thlr. 
Hierfür muss er für jede Kompagnie einen Feldscheer halten mit 5 Thalern Gehalt 
und für die übrigen 5 Thaler hat er Arzneyen anzuschaffen. Die Feldscheerer 
sind von ihm abhängig und dürfen ohne sein Wissen keine Krauken behandeln. 
Bei detachirten Kompagnien sind sie selbstständig. Ihre Pflicht ist es, die Sol- 
daten zu rasiren und im Krankheitsfall zu besuchen. 

5. Der Fvegimentsfeldscheerer rapportirt dem Kommandeur täglich um 11 Uhr 
und bei dringenden Fällen auch zu anderen Zeiten. 

6. Bei Todesfällen hat er die Section in Gegenwart eines Offiziers auszu- 
führen, ein Protokol nebst Epikrise dem Kommandeur einzureichen. 

7. Der Kommandeur reicht dem König eine Konduite ein. Eine Ergänzung 
zu No. 2 der vorstehenden Bestimmungen bildet die Verordnung vom 24. Dezbr. 
1726: S. K. M. haben in Gnaden resolvirt, dass den Pvegimentsfeldscheerern bei 
der Armee, nicht aber den Kompagniefeld seh eerern, erlaubt sein soll, bei Zivil- 
personen innerlich und äusserlich zu kuriren, und in den Apotheken Rezepte zu 
verschreiben, auch dass deren Attestata sowohl von Krankheiten als Besichtigungen 
in den Zivilgerichten sollen gültig sein. 

So lautet die erste bekannte allgemeine Verfügung über die Re- 
gimentsfeldscheerer; mag ein Theil der Bestimmungen schon früher 
bestanden haben, so sind doch die Fortschritte klar: Einheitliche, nur 



— 30 — 

dem Köuige vcrantworliche Leitung durch den CTeueralchirurgus (unter 
Friedrich dem Grossen eine Zeit lang auf den Generalfeldmediciis 
Cothenius übertragen); Anstellung nach einem Examen in Chirurgie 
und Medizin. AVie wir gesehen haben, war inzwischen anch das 
Theatrum anatomicum (1713), der Botanische Garten (1724:) und, zur 
Ausbildung tüchtiger Medico-Chii"urgen, ebenfalls im Jahre 1724 (3. Ja- 
nuar) das CoUegium medico-chirurgicum gegründet, in dem Mathematik, 
Botanik, Chemie, Physik, Anatomie, Physiologie, Pathologie, Therapie 
und Chirurgie gelehrt wurden. Eine, damals freilich noch geringe 
Zahl von Regimentsfeldscheerern hatte ausserden die praktische Aus- 
Vtildung in der neugegründeten Charite als „Pensionär- Chirurgen" 
durchgemacht. "Wesentlich für die Weiterbildung auch der jüngeren 
Feldscheerer war die Bestimmung, dass der ßegimentsfeldscheerer, wie 
schon erwähnt, bei Todesfällen die Sektion vorzunehmen und darüber 
Protokoll und Epikrise einzureichen hatte. Bei den Yorurtheilen jener 
Zeit ist das eine sehr bemerkenswerthe Anordnung; nach den Mit- 
theüungen Baldinger's scheint sie allerdings später nicht immer 
befolgt zu sein. 

Der besseren Ausbildung entsprechend waren Stellung und Sold der 
ßegimentsfeldscheerer, die nun auch bei Civilpersonen innerlich kuriren 
und amtliche Atteste ausstellen konnten, gehoben, xlls Uniform trugen 
sie blaue Röcke und blaue Kamisöler mit etwas Silber, bezw. bei den 
Dragonern weisse Röcke und blaue Kamisöler mit etwas Silber. 
(A.K.O. vom 15. März 1733. S. Schjerning S. 3, Deutsch u. Brecht, 
ebenfalls in den -Erinnerungsblättern" S. 94.) Unter Friedrich dem 
Grossen war ihre Uniform bei Kürassieren, Dragonern und Husaren 
den Uniformen dieser Truppentheile ähnlich; allen gemeinsam war die 
rothe Weste. Eine gleichmässige Uniformirung des Sanitätspersonals 
scheint erst seit 1790 allmähhch eingeführt zu sein. 

Die Thätigkeit der Feldscheerer im Kriege ordneten die Reglements 
für die Infanterie vom I.März 1726 (Theil MH, Tit. XX, Art. 16, u. 
IX, Tit. XVII). Wenn die ßataille vorbey ist. soll ein jedes 
Regiment seine Blessirten sogleich aufsuchen und nach einem gewissen 
Oit bringen lassen, damit sie können verbunden und in Acht ge- 
nommen werden; während der Schlacht soll kein Blessirter weg- 
gebracht werden. (Das wurde aber in Wirklichkeit anders; man liest 
freilich oft, dass die Thätigkeit des Wundarztes anfing, nachdem der 
Feind zurückgeschlagen, oder, nachdem Victoria geblasen; aber ebenso 
oft auch von der Arbeit während der Schlacht; so wurde der General- 
chirurg Schmucker 1745 bei Soor und 1761 bei Prag verwundet, 
Avährend er auf dem Schlachtfelde thätia war. FreUich konnte diese 



— 31 — 

schnelle Hülfe bei der geringen Zahl der Chirurgen nur Wenigen zu 
Theil werden. Vergl. E. Richter, S. 427 ff. 

AVie die Kranken im Felde in Acht genommen werden und auf 
die Konservation der Soldaten gesehen werden soll, bestimmt 
Tit. XXVIII: In der nächsten Stadt soll ein Lazareth für die Kranken 
von der Armee aufgerichtet werden, wohin die Kranken mit einem 
Capitaine des armes, einem Feldscheer und zwei Krankenknechten 
von jedem Bataillon hingeschickt werden, und falls die Armee weiter 
marschirt, so soll ein tüchtiger Unteroffizier von jedem Regiment, 
dem man Geld anvertrauen kann, hei den Kranken zurückgelassen 
werden (Art. I). — Die Medizin erhalten die Lazarethkranken aus 
der Feldapotheke, welche dort zurückbleibt. Behandelt wurden die 
Kranken in den Lazarethen von besonderen Feldscheerern, während 
die Feldscheerer der Truppe die Kranken nur im Lazareth abzuliefern 
hatten (Anm. za Art. I und Art. II). — Leichtkranke wurden auf 
Wagen der Truppe bei der Bagage, nie indess beim marschirenden 
Heere, nachgefahren. Die Aufsicht über dieselben führte der Capi- 
taine des armes, der für sie bei seiner Ehre verantwortlich war. 
Im Lager hatte er, unterstützt von einem Krankenknecht, ebenfalls 
die x\ufsicht über die Kranken, musste für sie kochen lassen, sie ver- 
pflegen und 8 Decken für das Krankenzelt anschaffen (Art. HI, IV 
und V). — Ausserdem standen für die Kranken 22 Decken aus den 
Magazinen zur Verfügung (Art. VIII). — Der Feldscheer durfte sein 
Bataillon auf dem Marsche nicht verlassen, ihm lag die Behandlung 
der Leichtkranken ob, und er erhielt hierfür von dem Regimentsfeld- 
scheer die nothwendigen Medikamente. Letzterer bekam für jede 
Kompagnie 200 Reichsthaler und auf 4 Pferde Fourage. Die Auf- 
sicht über die Feldscheerer wurde von dem Doctor nehst dem Ge- 
neralchirurgus ausgeübt (Art. II und VII). 

In sehr ausführlicher Weise wird die Einrichtung und Thätigkeit 
eines grossen Feldlazareths (für 600 Kranke, 400 in zweischläfrigen, 
200 in einschläfrigen Betten) durch eine Instruktion Friedrich 
Wilhelm's 1. aus dem Jahre 1734 bestimmt. Für die Beschaffung 
des nöthigen Materials, die Verpflegung, Kranken Wartung hatten Ell er 
und Holtzendorff dem Inspektor und Kommissarius (beides Haupt- 
leute) die nöthigen Vorschläge zij machen; ihnen war auch mitzu- 
theilen, wenn die Feldscheerer bei den Besuchen der Kranken und 
bei der Behandlung derselben sich lässig zeigten. x\ls Vorgesetzter 
der Kranken fungirtc der Inspektor, der auch die Listen führte, 
während der Kommissarius Einnahmen und Ausgaben zu notiren und 
die Verpflegung zu leiten hatte. 



\ Oll ganz besonderer Wichliglveit war das unter Milwirkimg von Eller und 
Stahl ausgearbeitete: ., Königlich Preussische und Churfürstl. Brandenburgische 
allgemeine ueugeschärfte Medizi nal-Edict und Verordnung, auf Sr. Königl. 
Majest. allergnädigsten Befehl herausgegeben vom Obercollegio Medico", zu dem 
auch „unser Leib- und Generalchirurgus'- gehörte (1725). Von den Chirurgen 
wird darin u. A. verlangt, dass sie „Sieben Jahre serviret auch während der Zeit 
als Feldschcer unter den Truppen gedienet haben" (S. 20). Allen Studiosis Me- 
dicinae, allen Predigern in Städten und auf dem Lande, allen Ch}aiiisten, Labo- 
ranten, Branntweinbrennern, Stöhrern von allerlei Professionen, Juden, Schäfern, 
Doctoribus Bullatis, alten Weibern und Segensprechern, allen Scharfrichtern und 
deren Anhang ist alles innerliche und äusserliche Kuriren streng untersagt (ähn- 
lich schon 1713, wiederholt 1726). — Schon im Jahre 1724 hatte der König be- 
stimmt, dass Ivünftig kein Chirurgus examiniret werde, er habe denn zuvor auf 
dem Theatro Anatomico ötfentlich unter dem Doctor Buddaeo seinen Cursum 
Anatomicum, und unter dem Regiments-Feldscheerer Senffen seinen Cursum 
operationum, in Bej'seyn des Amts der Chirurgorum gemacht, und alsFeld- 
scheerer unter den Truppen gedient. 

Wie das Theatrum anatomicum errichtet war „in exercitus po- 
pulique salutem-, wie beim Collegium meclico-chirurgicnm von Anfang 
an 8 Korapagnie-Feldscheerer der Garde als sogen. Pensionairs in 
Medizin und Cliirurgie unterrichtet wurden, so war auch die Charitc 
von Friedrich AVil heim I. dazu bestimmt, dass die Pensionair- und 
ünterchirurgen auch praktisch zu geschickten Aerzten für die Armeen 
gebildet werden sollten. AVie sehr diese seine Schöpfung dem Könige 
am Herzen lag. bewies er, wie schon erwähnt, noch 10 Jahre nach 
ihrer Gründung (21. Januar 1735) durch eine Schenkung von 
100000 Thalern zur Yergrösserung der Charite. Mit Stolz konnte 
Ell er in seinen „Anmerkungen" mehrere Regiments-Feldscheerer 
nennen, die „aus diesem Hause mit rühmlichen Beyfall anderweitig 
seyn befördert worden, und sich wegen ihrer glücklich verrichteten, 
sowohl innerlichen und äusserlichen Kuren, als auch schweren Opera- 
tionen, gute Reputation erworben hatten'- (Geissler, Dieckmann, 
Sode u. A. ; vrgl. auch die Lebensbeschreibung Eller's). 

Jetzt war wenigstens für eine tüchtige ärztliche Ausbildung einer 
Reihe von Regiments-Feldscheerern gesorgt; bei der grossen Vermeh- 
rung der Armee (im Kriege 218000 Mann) konnten aber bei AVeitem 
nicht alle Stellen mit gewesenen Pensionairs besetzt werden; da 
wurden Viele angenommen, die sich, später nicht bewährten. Ausser- 
dem- besass die grosse Mehrzahl der Kompagnie-Feldscheerer keine 
andere, als die höchst mangelhafte Ausbildung der Barbiergesellen. 
Das mag Friedrich den Grossen (1740—1786) wohl veranlasst 
haben, sich die 12 französischen Chirurgen (s. o.) kommen zu lassen, 
von denen er selbst 1772 sagte: „Ich will keine Franzosen mehr, 



— 33 — 

sie seyend gar zu iidorlich und machen lauter Jidcrliche Sachen" 
(Schickert, S. 7). Auch im Invalidenhause wirkten zehn franzö- 
sische Pensionairs; aber schon 1774, als The den seinen Unterricht 
für die Unterwundärzte und darin die sehr interessante Darstellung 
des Zustandes der Wundarzneykunst unter der Preussischen Armee 
herausgab, waren nur noch deutsche Wundärzte unter dem Stabs- 
Medicus von Zinnendorf im Invalidenhause thätig. Ausbildung und 
Thätigkeit der Wundärzte und Pensionairs im Frieden am Colleg. 
med. Chirurg, und an der Oharite, im Kriege bei der Truppe und im 
Lazareth werden von The den in dieser Schrift ausführlich geschil- 
dert (s. die Lebensbeschreibung!). 

■ Dass diese Thätigkeit damals nicht immer ganz ungestört ver- 
lief, zeigt u. A. eine Erzählung im 3. Theil der A^crmischten Schriften 
Schmu cker's „Der Regimentschirurgus des von Lengefeld'schen 
Regiments, Herr Jasser" berichtet dort über die berühmt gewordene 
Anbohrung des Warzenfortsatzes. Es wird eine lange Leidensgeschichte 
eines Soldaten mitgetheilt, die erst mit der genannten Operation ihr 
Ende erreicht. 

Ein „Invaliden Versorgungsfonds" bestand schon 1705 unter 
Friedrich I. Ueber die Invalidenfürsorge unter Friedrich dem 
Grossen berichtet Preuss (1. c. S. 444 u. 374). Im Jahre 1743 
Hess der König das Reglement für die Infanterie von 1726 wieder 
abdrucken, dessen auf das Kriegs-Sanitätswesen bezügliche Stellen 
wir angeführt haben. Im Uebrigen waren die vielen Kriege (1740 
bis 1742 erster, 1744 — 1745 zweiter schlesischer Krieg, 1756 bis 
1763 siebenjähriger Krieg, 1778—1779 bayrischer Erb folgekrieg) 
wohl günstig für die Heranbildung tüchtiger Feld Chirurgen; aber 
zu durchgreifenden Reformen an Personal und Material waren 
die Zeiten zu unruhig, die Finanzen zu knapp, und die unteren 
Chargen zu roh und ungebildet. Sonst hätte der „Philosoph auf dem 
Throne", der bei jeder Gelegenheit sein warmes Interesse für die 
Kranken und Verwundeten zu beweisen suchte, gewiss auch hier die 
bessernde Hand angelegt. Mitten aus den Kriegsunruhen heraus er- 
liess er, wie aus den Charite-Akten hervorgeht, eine A. C. 0. aus 
dem Lager bei Mollwitz (23. April 1741) und eine aus dem Haupt- 
quartier Ottmachau (27. Juni 1741), welche beide das Berliner 
x\rmenwesen und die Charite betrafen. Laut A. G. 0. vom 30. Juni 1746 
schenkte er der Charite 40,000 Rth., die an der Kaufsumme für das 
Gut Priborn in Schlesien noch fehlten. Ein Legat aus der Grapen- 
dorflf'schen Erbschaft, 80,000 Rth., war dazu bestimmt. Die Akten 
enthalten darüber ein ausführliches Donations-Diploma vom 6. Juli 1746. 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 13. Heft. g 



— 34 — 

— In einem Briefe an Keith (Preuss, ßd. U, Urkundenbuchj spricht 
sich Friedrich d. Gr. gegen die Benutzung von Giesshübel als 
Garnison für das Forc ade 'sehe Regiment aus. Tveil „das Wasser dort 
ungesund sei". Mehrfach begegnen wir der Bestimmung, dass nach 
laugen Märschen die Füsse der Soldaten von den Feldscheerern be- 
sichtigt werden mussten. Er schickte mehrere Pensionairs auf Studien- 
reisen, gründete (1748) das Invalidenhaus, vermehrte die Zahl der 
Gamisonlazarethe (1765), befahl (1779 und 1785), dass die Feldärzte 
und Oberchirurgen schon im Frieden designirt werden sollten; erliess 
(1781) eine Lazareth-Instruktion. in der den General Chirurgen eine 
gi'össere Einwirkung auf die Krankenbehandlung übertragen wurde, 
und erhöhte die Zahl der Pen.sionair-Chirurgen zuerst auf 9, dann 
(1777) auf 12 und 1779 auf Schnuieker's Antrag auf 16. Ueber 
den Studiengang derselben, die periodischen Prüfungen und die Be- 
fähigimg zum Regimentsfeldscheerer wurden unter seiner Regierung 
strengere Bestimmungen erlassen. Bekannt ist die Stelle in dem 
„Unterricht in der Kriegskunst an seine Generals", in der er be- 
stimmt, dass die Blessirten „wenn der Sieg erhalten worden" in zu- 
vor präparirte Lazarethe gebracht werden sollten: zuerst sind die 
eigenen und dann die feindlichen Verwundeten zu besorgen. Ebenso 
bekannt ist seine Unterhaltung mit Zimmermann, in der er sich 
darüber beklagt, dass alle seine für das Wohl der Kranken und Ver- 
wundeten gegebenen Befehle so schlecht befolgt seien, und dass mau 
diese braven Männer, die Gesundheit und Leben so edel für ihr 
Vaterland hingaben, in ihren Krankheiten und bei ihren Wunden übel 
verpflegt habe. Er wusste wohl, dass es weniger auf Rezepte, als 
auf „alle übrigen Anstalten, die man bey einer Armee macht" an- 
kommt: häufig besuchte er die Lazarethe im Kriege und im Frieden 
und bekundete dabei das lebhafteste Interesse für die Kranken. 
(Auf Warnery's Angriffe kommen wir später zurück.) Trotz 
alledem war und blieb die ärztliche Hülfe besonders nach grösseren 
Gefechten und Schlachten ganz unzureichend. An Transportmitteln 
während der Schlacht fehlte es gänzlich; die beweghchen Lazarethe 
waren freilich angewiesen, immer in der Xähe zu sein; aber erstens 
war das nicht immer möglich, und zweitens konnten sie im Allge- 
meinen während des Kampfes doch nur denen Hülfe bringen, die 
gehen konnten; die anderen mussten warten, bis „der Sieg erhalten 
worden". In den Landsknechtsheeren war das anders gewesen: hier 
musste der Oeberste Feldartzet dafür sorgen, dass die Verwundeten 
von Knechten möglichst schnell aus den Reihen geholt und zu den 
an bestimmten Orten aufgestellten Feldscheerern gebracht wurden; 



— 35 — 

wir sahen schon, dass auch in den Schlachten Friedrich's des Grossen 
während des Kampfes nnd auf dem Schlachtfelde verbunden wurde 
— freilich konnte das nur bei einem kleinen Theile der Verletzten 
geschehen. — Nach der Schlacht wurden, wie Theden berichtet, 
einige Kompagnie-Wundärzte an die Lazarethe abgegeben, damit es 
nicht an helfenden Händen fehlen möge. Ist aber alles wieder in 
Ordnung gebracht, und sind die Lazareth- Wundärzte allein hinreichend, 
die Kranken zu besorgen, so werden sie sogleich zurückgeschickt. 

In den Lazarethen, in denen OfjSziere als Direktoren, Inspektoren 
und Kommissäre x\lles, bis auf die reine ärztliche Behandlung an- 
ordneten, die Aerzte aber auch zu überwachen hatten, „dass nicht 
Arme und Beine dutzendweise abgeschnitten würden" (Instr. v. 1781), 
fehlte es dann oft genug am Nöthigsten. Die kranken Soldaten ver- 
fügten frei über ihren Sold; eine geregelte, sachgemässe Diät war 
desshalb nicht durchzuführen, um so weniger, als die Aerzte dazu 
überhaupt Nichts zu sagen hatten (Bai ding er). So war es in den 
Garnisonlazarethen im Frieden — das Lazareth des Artilleriekorps in 
Berlin machte davon eine rühmliche i\.usnahme, — und so war es im 
Kriege in den Haupt- und Hülfslazarethen; diese wurden nach Be- 
dürfniss errichtet, ähnlich den beweglichen Lazarethen (Hop. ambu- 
lants), jene waren in grösseren Städten je nach der Stärke der ope- 
rirenden Armeekorps etabhrt; so während des siebenjährigen Krieges 
in Stettin, Dresden, Torgau, Wittenberg, Breslau, Magdeburg und 
Glogau. Wo es anging, wurden die Wasserstrassen für den Trans- 
port benutzt, der im Uebrigen sehr mangelhaft organisirt war. 
Bauernwagen mit Strohpackung waren noch das Beste; bedenklicher 
war schon die Benutzung von Proviant- und Packwagen, wenn es 
sich um den Transport von Soldaten handelte, die an ansteckenden 
Krankheiten litten. Oft genug reichten aber alle vorhandenen und 
erreichbaren Wagen nicht aus, namentlich nicht, wenn die Armee in 
Bewegung war und die Kranken nicht zurücklassen konnte. — 
Schmucker machte bekanntlich nach der Schlacht bei Liegnitz die 
schnelle Fortschaffung von 500 an den oberen Gliedmaassen Ver- 
wundeten dadurch möglich, dass ihnen die Pferde eines Kavallerie- 
Regiments zur Verfügung gestellt wurden; die Dragoner gingen, bis 
der Zug nach 3 Tagen Breslau erreicht hatte, nebenher und führten 
die Pferde^). — Nach grösseren Schlachten mussten oft viele Ver- 



^) Vermischte chirurgische Schriften. 1776. Bd. I. — In den militairischen 
Schriften Friedrichs des Grossen (s. Jost, Gesammelte Werke Friedrichs des 
Grossen. Berlin. 1837. S. 523 ff.) finden sich noch mehrere, die Kranken und 



— 36 — 

wiindotc mehrere Tage auf Hülfe warten; eine Folge davon war, dass 
Manche auf dem Schlachtfelde starben, denen noch zu helfen gewesen 
wäre, und dass viele auch leicht Verwundete an Tetanus erkrankten. Bei 
dem geschilderten Zustande der Wartung und Verpflegung in den 
Lazarethen und bei den traurigen Kenntnissen des unteren ärztlichen 
Personals konnten die Heilerfolge nur gering sein, obgleich unter den 
oberen Chargen viele tüchtige Aerzte und Chirurgen w-aren, die sich 
auch bemühten, durch Unterweisung und Belehrung sowohl in per- 
sönlichem Unterricht, als auch durch eingehende Instruktionen einen 
Theil dieser Uebelstände zu beseitigen. Friedrich der Grosse 



Verwundeten betreffende Stellen. So in der Disposition für die Officiers 
von der Cavallerie: ,,Auch müssen sie (die Reuther) wissen, dass, wenn 
sie blessirt werden, oder ihnen die Pferde stürtzen, sie nur nach der Infanterie 
gehen und sich bei solcher anschliessen, auch mit feuern können, allwo sie sicher 
sind. Unter die „General-Principia vom Kriege" ist unter No. 3 eine Bestimmung 
von den Marketendern, vom Bier und Branntwein aufgenommen. Unter No. 23 
findet sich die Bemerkung: „Wenn lü-ankheiten unter den Truppen während der 
Operation einreissen, so werfen Euch solche auf eine Defensive, wie uns solches 
17-41 in Böhmen begegnete, und zwar wegen der schlechten Nahrungsmittel, so 
die Truppen gehabt haben." In der Instruction zum Campement bei Spandow vom 
7. Aug. 1753 wird bestimmt: ,,^Yenn die Regimenter Kranke bekommen, so 
schicken die von der Berlinischen Garnison ihre Kranken mit deshalb schon be- 
stellten Schiffen nach dem Lazareth ihrer Garnison. Die von der Potsdamschen 
Garnison schicken gleichergestalt ihre Kranken nach Potsdam in die gewöhnlichen 
Lazarethe. Wenn die übrigen Regimenter Kranke bekommen, so ist schon alles 
in Spandow präparirt, wohin sie selbige bringen können, und wo sie, wenn sie 
wieder gesund werden, nach den Regimentern zurückgeschickt werden." Inter- 
essant ist in der Instruktion für Kommandeurs und Bataillons (1778) 
die Bestimmung: ,,In warmen Tagen auf dem Marsche, wenn ein Halt in der 
Kolonne vorkommt, so werden sich die Offiziers vom Bataillon bei Sr. Majestät 
verantwortlich machen, wofern sie leiden, dass die Bursche Wasser trinken; es 
wird aber Essig bei den Regimentern abgeliefert werden, und wenn die Bursche 
im Marsche bleiben, da kein Halt gemacht wird, so können sie Wasser, 
wo ein paar Tropfen Essig darunter gethan, welches ihnen keinen Schaden 
thun kann, trinken." — Bekannt ist auch, dass z. Z. Friedrichs des Grossen bei 
allen Truppentheilen ,,auf Befehl" Purgirmittel verabreicht und zu bestimmten 
Zeiten zur Ader gelassen wurde, eine Unsitte, gegen die z. B. Schmucker und 
The den vergebens ankämpften — sie entsprach zu sehr der allgemeinen An- 
schauung von der Kothwendigkeit einer regelmässigen Anwendung dieser Ab- 
leitungsmittel auch in gesunden Tagen. (Yergl. .J. D. E. Preuss. Friedrich der 
Grosse, 1833, Bd. II, S. .382: ,,Was die Conservation der Leute vom Regiment 
betrifft" u. s. w, ; danach wurden die Leute gefragt, ob sie Aderlassen, Purgiren 
oder xVnderes nöthig hätten. Uebrigens musste auch die zahlreiche Jugend in den 
öffentlichen Schulanstalten damals alle halbe .Jahre ein Mal reglementsmässig 
purgiren, wie in -Tos. AVinkler's „Hebe, ein Pendant zu Ganymed", Germanien, 
1782, zu lesen ist.) 



— 37 — 

fasste noch kurz vor seinem Tode den Entschlnss, das Lazareth- 
wesen gründlich zu reformiren. Er berief den Hofrath und späteren 
Stabs- und Feldmedicus Dr. Joh. Gottl. Fritze aus Halberstadt, 
der die Zustände in den preussischeü Feldlazarethen, die man „zum 
Verderben der Kranken und Spott der ganzen vernünftigen Welt bey- 
behalten habe", offen dargelegt hatte i), auf Zimmermann 's Vor- 
schlag zu sich und beauftragte ihn am 10. Juli 1786 mit der ln- 
spektion und Oberaufsicht über die Lazarethe in Kriegszeiten. Einen 
Monat später starb der König; die von ihm geplanten Reformen des 
Lazarethwesens kamen unter seinem Nachfolger. Friedrich Wil- 
helm n. (1786—1797), zur Ausführung. 

Am 28. Juni 1787 war als Zentralbehörde für die Armeeverwal- 
tung das Ober-Kriegs-Kollegium errichtet, mit einem eigenen Depar- 
tement für das Feldlazarethwesen, dem Haupt-Feldlazarethkollegium, 
und am 16. September desselben Jahres wurde das von Fritze und 
Theden ausgearbeitete Feldlazarethreglement erlassen. Ueber 
den Dienst, die Vertheilung und die Ausbildung des ünterpersonals 
war schon vorher eine ausführliche Verfügung erschienen. Das In- 



1) Das königl. preussische Feldlazaretli nach seiner Medicinal- und oecono- 
mischen Verfassung der zweiten Armee im Kriege von 1778 und 79, und dessen 
Mängel, aus Documenten bewiesen. Nebst dem Dispensatorio, das bei der in 
Schlesien gestandenen Armee eingeführt war. Leipzig 1780. 

Aus einem im -J. 1840 erschienenen Biographischen Lexikon der Halberstädter 
Aerzte (s. u.) und aus Andreae's Chronik der Aerzte des Reg.-ßez. Magdeburg 
von 1862 ist zu entnehmen, dass Fritze, 1740 in Magdeburg geboren, in Halle 
zuerst Theologie, dann Medizin studirte, 1764 promovirte, 1776 Hofrath wurde, 
1778 als Feldarzt im Bayrischen Erbfolgekrieg in den Lazarethen und bei der 
Armee des Prinzen Heinrich auch im Felde thätig war. 1779 nach Halberstadt 
zurückgekehrt, wurde er hier 178.5 Physicus und Garnisonsarzt und im Jahre darauf 
in Berlin Direktor der Preussischen Feldlazarethe. Von 1787 — 1789 finden wü" 
ihn schon wieder in Wernigerode als Leibarzt, dann als Physicus, Hebammen- 
lehrer und Mitglied des Med. Colleg. in Halberstadt, wo er 1791 erblindete und 
1793 starb. Er ist nicht mit dem 1735, auch in Magdeburg geborenen Direktor 
der ersten inneren Klinik, .Joh. Friedr. Fritze, zu verwechseln. 

Von der 69,113 Mann starken 2. Armee, bei welcher Fr. in Böhmen und 
Sachsen thätig war, starben während des Feldzuges 1778/79 in 6 Monaten 5200; 
darunter waren nur wenige Schwerverwuudete. Von den 22,000 Mann Sächsischer 
mit den Preussischen verbündeter Truppen starben in derselben Zeit nur 48. Die 
etwas stärkere erste Schlesische Armee verlor in Lagern, Kantonnirangen und La- 
zarethen 9300 Mann. Fr. macht dafür verschiedene Fehler des Preussischen 
Kriegssanitätswesens verantwortlich, tadelt die den Feldwundärzten amtlich vor- 
geschriebene Anweisung zur Behandlung innerer Krankheiten, ferner die Peld- 
dispensatorien und die Lazareth-Ordnung. (Andreae, A. L. Richter, E. P\,ich- 
ter, Knorr u. A.) 



— 38 — 

validenwesen wurde geregelt, uiul, wahrscheinlich auf Theden's Vor- 
schlag, „massen dem Reg-imente und der Kompagnie mehr daran ge- 
legen sein muss, geschickte Leute zur Heilung der Kranken, als un- 
wissende Bartscheerer zu haben", wurden 1788 die Feldscheerer bei 
Fleiss und guter Führung im Frieden des Bartscheerens enthoben 
(Schickert, S. 9), wie es Gehema schon 100 Jahre vorher ver- 
langt hatte. Theden spricht allerdings schon im Jahre 1774. in 
der Vorrede zu seinem Unterricht für die ünterwundärzte, davon, 
dass man sich bey der Preussischen Armee alle Mühe gebe, ge- 
schickte Wundärzte zu ziehen. Man hat die Kompagnie-AVundärzte 
deswegen der elenden Beschäftigung, den Bart zu putzen, überhoben. 
„Die mehresten Regimenter, selbst die Garden (!) des Königs, haben 
eingesehen, dass genaue Aufmerksamkeit auf die Kranken eine an- 
ständigere Beschäftigung des Wundarztes ist." — Damit war wenig- 
stens der Anfang einer Trennung von den Barbirern und Badern ge- 
macht. Im Jahre 1790 wurde auch der Xame: Feldscheerer abge- 
schafft und. dafür „Regiments- resp. Kompagnie-Chirurgus" bestimmt. 
Die Generalstabs-Chirurgen, und vor Allen Theden. der Angese- 
henste von ihnen, aber auch Bilguer und Mursinna (Schmucker 
war 1786 gestorben), wussten wohl, dass diese kleinen und mehr 
äusserlichen Maassregeln wenig zur Hebung des Standes und der 
Leistungen seiner Mitglieder beitragen konnten. Lnermüdlich arbei- 
teten sie daran, eine bessere allgemeine und naturwissenschaftliche 
Vorbildung des militärärztlichen Nachwuchses zu ermöglichen und 
dadurch den Uebelstand zu beseitigen, dass in der Armee eine kleine 
Zahl gut ausgebildeter, tüchtiger Männer und daneben eine grosse Menge 
ungebildeter und roher Personen an der Krankenbehandlung bethei- 
ligt war. Sie wussten, dass nur auf diese Weise der Stand zu heben 
und die langersehnte Gleichstellung der Chirurgie mit der 31edizin zu 
erreichen war. x\ber alle diese Pläne waren kostspielig; und so 
wurden sowohl die Vorschläge Theden's aus dem Jahre 1787 „zur 
Aufhelfung der zeither nicht wenig vernachlässigten Chirurgie", wie 
auch die 1788 von Theden, Bilguer und Mursinna, und die 
1790 und noch im Juni 1795, beide Male wieder von Theden, vor- 
gelegten Pläne, weil die dazu nöthigen Mittel nicht verfügbar waren, 
zurückgestellt; obwohl jedes Mal ihre Zweckmässigkeit anerkannt 
wurde. Auch ein Regimentschirurgus Kühn in Brandenburg hatte 
1784 einen Entwurf vorgelegt. Preuss (1. c. S. 86) erkennt bei 
ihm und bei den The den 'sehen Entwürfen den guten Willen au: 
„aus jeder Zeile spricht das dringende Bedürfniss mit gutmüthiger 
Sorge. Ueber den inneren Gehalt beider Schriften enthalten wir uns 



— 39 — 

ffern jeder weiteren Bemerkung". Wie Avir schon erwähnt haben, ge- 
lang es kurz nach dem letzten Versuche The den 's den rastlosen 
Bemühungen Goercke's am 2. August 1795 die Genehmigung zur 
Errichtung der Pepiniere zu erhalten. 

Das war der Feldscheerer des 18. Jahrhunderts; er war sich 
vom Anfange bis fast zum Ende desselben ziemlich gleich geblieben 
in seiner niedrigen Stellung, in seinen geringen Leistungen. Die 
AVenigen, denen nicht im Handwerksmässigen der Trieb zur AVeiter- 
bildung erstickt war, liatten mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. 
da sie bei ihrer mangelhaften Schulbildung in den nothwendigen 
Hülfswissenschaften ganz unerfahren und kaum der eigenen, ge- 
schweige denn fremder Sprachen mächtig waren. Gute deutsche 
Lehrbücher waren aber selten, und die Mehrzahl der Chirurgen, die 
sich emporgearbeitet hatten, scheuten sich vor Veröffentlichung 
ihrer Erfahrungen. Bei Schmucker, Bilguer, Theden, Siebold 
und vielen Anderen mussten wohlwollende Freunde erst lange Zeit 
ermahnen und ermuntern, hier und da musste auch wohl erst ein ge- 
lehrter Medicus sein Votum abgeben, ehe sie sich zur Herausgabe 
ihrer Werke entschlossen, die dann gewöhnlich nach damaliger Sitte 
einem Fürsten oder einer anderen einflussreichen Person gewidmet 
wurden. 

Dass trotzdem einige von ihnen bei grosser Cebung und Erfahrung einen 
ganz bedeutenden Ruf genossen, dass also auch schon damals „beim Militärarzt 
der Ton auf der letzten Silbe liegen musste", wird wohl am besten dadurch be- 
wiesen, dass der berühmte Leibarzt Zimmermann in Hannover, der an einem 
mit vielen Beschwerden verbundenen grossen Netzbrach litt, sich von „unserem 
berühmten , vorsichtigen und rechtsch affnen Herrn Generalchirurgus Schmucker-'^) 
operiren liess. Nachdem er in einem Wagen, worin er liegen konnte, von Han- 
nover nach Berlin gereist war. wurde am 24. .Juni 1771 die Herniotomie vorge- 
nommen. Der erste Generalchirurgus operirte, der damals noch dritte General- 
chirurgus Theden, zwei Pensionair-Chirurgen, Voitus und Schäfer, der Prof. 



^) Meckel, Beschreibung der lü-ankheit des Henm Leibarzt Zimmermann 
und der dabey glücklich angewandten Operation und Car. Aus dem Lateinischen 
übersetzt von Baidinger, Berlin u. Stettin, 1772. — Auch Schmucker selbst 
berichtet darüber in den Chirurg. Wahrnehmungen, Berlin u. Stettin 1774. Bd. II, 
S. 271 und in den Vermischten Chirurg. Schriften, Bd. II, S. 57. Wie wir aus 
J. E. Wichmann's Schrift: Zimmermann's Krankheitsgeschichte. Hannover 
1796, wissen (S. 22), war dieser ,, durch die zu Berlin ausgestandene Operation 
auf lange Zeit erleichtert, aber die folgende Leichenöffnung zeigte, dass er nicht 
ganz genesen sein konnte'*: d. h. es war ein Recidiv, aber ohne Beschwerden, 
entstanden. — In einer 1898 erschienenen Schrift von Möbius: ,,Ueber das 
Pathologische bei Göthe" sind verschiedene irrthümllche Angaben über das Bruch- 
leiden Zimmermann's und seine Heiluno- enthalten. 



— 40 — 

Meckel und zwei andere Aerzte, auch der alte Prob i seh. früherer Regimeuts- 
feldscheer, assistirten. Der Bruchsack wurde isolirt und geöffnet und ein mit 
dem Testikel verwachsener Netzstrang durchschnitten. Dann schob The den das 
vorgefallene Xetz zurück. Der Bruchsack wurde dicht vor dem Bauchring zu- 
geschnürt und abgeschnitten, die grosse Wunde tamponirt. Die Operation hatte 
11/9 Stunden gedauert: die Heilung erfolgte in 6 ^Yocheu. 

Der Stabsfeldprediger Küster, der in seinem ..Offizierlesebuch" 
die Fürsorge Friedrich 's für die Verwundeten lobt, sagt in dem 
Kampagneleben im 7jährigen Krieg: „Der sei. Herr Geheimrath Co- 
thenius und der noch lebende Hauptmann von Brause haben sich 
grosse und denkwürdige Verdienste um die Lazarethe erworben. 
Unter den Chirurgen war der Herr Generalchirurg Bouness und nach 
ihm der noch lebende Herr Generalchirurgus Bilguer hochgeschätzt. 
Auch der noch lebende, allgemein wegen seines Kopfes und Herzens 
verehrte Greis. Herr Generalchirurgus The den, erhob sich schon da- 
mals als Regimentsfeldscheerer zu einer ausgezeichneten Achtung und 
die Herren- Stabsmedici Frese und Kessler erwarben sich gegrün- 
deten Kuhm. Es ist unbillig, wenn die Geschichte nur die 
Namen der Kriegshelden nennt; auch die Namen jener 
Lebenserhalter haben gerechten Anspruch auf den Ge- 
schichtsruhm.- Auch G. Fischer, der in seinem von uns oft 
zitirten Werke ein ausführliches und interessantes Kapitel der Kriegs- 
chirurgie unter Friedrich dem Grossen widmet, sagt (S. 317): 
„Die bedeutendsten preussischen Ki'iegschirurgen und mit Richter 
und Siebold zugleich die besten AVundärzte in Deutschland waren 
Bilguer. Schmucker und Theden." Das ist em grosses, aber 
wohlverdientes Lob, und wenn wir noch eine Reihe anderer Feld- 
scheerer nennen werden, die, ohne diese Höhe zu erreichen, doch in 
ihrem Fache Hervorragendes leisteten, dann können vrir unserer Be- 
wunderung keinen besseren Ausdruck geben, als durch "Wiederholung 
dessen, was Voitus am 5. September 1780 in seiner „Rede über 
die sittlichen Eigenschaften des Wundarztes" darüber sagt: „Hoch- 
achtung verdient der Mann, der von Jugend auf zum Handwerk be- 
stimmt, in Lerjaren zum Handwerk erzogen, in Jünglingsjaren als 
Handwerker geschätzt wird, und unter diesem Druck noch Geist ge- 
nug hat, seinen ächten Beruf nicht zu verkennen, Mut genug, den 
unwegsamen Pfad hinanzuklimmen, zu werden was man nicht wil 
das er seyn sol, ein Man von Wissenschaft: Hochachtung erndtet er 
trotz den Gesetzen, die ihn erniedrigen." Aehnlich sagt Tscheggey 
in seiner oben erwähnten Festrede: „Nur genialische Köpfe konnten 
diese den Geist einengenden Fessehi abschütteln und sich aufwärts 



— 41 — 

schwingen; diese sind es aber aucli nur, die wir als Meister in der 
Kunst bei der Armee vereliren." 

Damit ist von Zeitgenossen, von Männern, die sich selbst aus 
eigener Kraft emporgearbeitet hatten, das Verdienst dieser Kriegs- 
chirurgen richtig gekennzeichnet; dem gegenüber kann es gar nicht 
in Betracht kommen, dass ihnen, besonders in ihren Schriften, der 
Mangel tieferer Bildung ihr Leben lang anzumerken war. Ein gutes 
richtiges Deutsch konnten damals nur wenige Auserwählte schreiben, 
und unter den Aerzten war wohl A. G. Richter der erste, der ein- 
fach und klar, nicht schwülstig oder plump in seinen Schriften war^). 
Die eigentliche Gelehrtensprache war und blieb noch lange das La- 
teinische, das die grosse Mehrzahl der Wundärzte nicht verstand. 



IV. Schusswaffen und Wundbehandlung: Aberglaube 
und Geheimniittel. 

Die Schusswaffen waren in den ersten Jahrhunderten seit dem 
Bekanntwerden des Pulvers und der Geschütze wenig verändert; sie 
waren plump und schwer zu handhaben und dienten hauptsächlich 
für den Belagerungskrieg (E. Richter) 2). Die erste nennenswerthe 
Verbesserung an den Gewehren wurde durch den Ersatz der Lunte 
durch das Feuersteinschloss herbeigeführt; trotzdem gab es noch bis 
zum Ende des 30jährigen Krieges Soldaten mit Hellebarde oder Pieke 
(Piekeniere), die erst gegen 1680 abgeschafft wurden. Schon 40 Jahre 
früher war die „Pieke an dem Gewehr", das Bajonnett, erfunden. 
Friedrich der Grosse erzählt im 2. Theil seiner „Memoires pour 
servir ä l'Histoire de Brandebourg" S. 71, dass zu den Zeiten des 
Grossen Kurfürsten V3 eines Bataillons mit „piques", 2/3 ^^i^^ Musketen 
und (S. 74) dass erst im Jahre 1700 die ganze Infanterie mit Ge- 
wehren bewaffnet war, und zwar mit Flinten statt der Musketen, weil 
die Lunten oft vom Regen gelöscht wurden. (Vergl. auch J. M. Jost, 1. c. 



^) S. G. Fischer und die Dissertation von Pagel, Berlin 1875: Ueber die 
Geschichte der Göttinger medic. Schule im 18. Jahrhundert. 

2) Math. Merian sagt in seiner Weltgeschichte (Bd. III, S. 316): „Zwey 
Jahr hernach (1426) belagerten die Engelländer die Statt Maus, unnd brauchten 
damahls die ersten groben Stück davor, die Mawren damit zu beschiessen. 
Dessen erschraken die Bürger, dass sie sich ergaben." 



— 42 — 

S. 60ff.)- König giebt (1. c. IL S.493) an, die „Piekenirer" seien schon in 
der Schlacht bei Warschan nicht mein- erwähnt, die ganze Infanterie 
habe aus Musketirern bestanden, die bald auch die Gabeln wegliessen 
und das Gewehr aus freier Faust, jedoch mittels der Lunte abfeuerten. 
Bei der geringen Tragfähigkeit der Gewehre, der geringen TreffLähig- 
keit der Geschütze war dem Nahekampf und der jMassenwirkung der 
Kavallerie noch lange die Entscheidung der Schlachten vorbehalten. — 
Für die Artillerie wurden die Granaten und Kartätschen eingeführt, 
lange Zeit auch mit Handgranaten geschossen, die nach Entzündung 
des Zündfadens, der Zündröhre, mit der Hand geschleudert wurden. 
Auch die aus Kanonen geschossenen Granaten wurden Anfangs mit 
angebranntem Zünder in das Rohr geladen, oder die Zündvorrichtung 
wurde beim Schuss an der Oeffnung des Rohres zum Brennen ge- 
bracht; dabei war natürlich eine Berechnung des Zeitpunktes der Ex- 
plosion schwer auszuführen. Dieser Uebelstand wurde in der Mitte 
des 17. Jahrhunderts durch Einführung der mit Schlagzündern ver- 
sehenen, im Momente des Auftreffens expJodirenden Geschosse be- 
seitigt. ^) 

Handfeuerwaffen und grobes Geschütz wui'den allmählich etwas 
kleiner, konnten leichter geladen, leichter transportirt werden; die 
Fortschritte in der Waffen-Konstruktion waren aber doch im 18. Jahr- 
hundert sehr langsam; auch die Unterschiede in der Bewaffnung der 
verschiedenen europäischen Heere waren nur gering, üeberall wurden 
aus glatten, nicht gezogenen Rohren runde Bleikugeln geschossen; in 
Preussen war seit 1718 durch den Fürsten von Anhalt der eiserne 
Ladestock eingeführt, so dass die Soldaten „mit unglaublicher Ge- 
schwindigkeit" laden konnten. Schon seit 1733 lud die erste Reihe 
mit aufgestecktem Bajonnett. Nach König (lY, S. 79) hatte der 
Fürst von Dessau die eisernen Ladestöcke schon 1698 bei den Gre- 
nadieren eingeführt. Die Geschosse deformirten sich wegen der ge- 
ringen Durchschlagskraft verhältnissmässig selten, blieben häufig in 
blinden Schusskanälen stecken, heilten auch viel häufiger, als das 
später vorkam, vorübergehend oder dauernd ein, mussten auch wohl 
nach Jahren noch entfernt werden, weil sie nach langen Wanderungen 
an irgend einer entfernten Stelle Störungen verursachten. (Vergi. 
E. Richter, 1. c. S. 154, 251, 279 und die „Historischen Unter- 
suchungen" des Verf.'s.) Die Gestaltveränderung der Bleikugel beim 



1) Für die Shrapnells wurde später der Zeitzünder in verbesserter Form 
wieder eingeführt; s. R. Köhler, Die modernen KriegswalTen, Berlin 1897, wo 
alle diese Yeränderuna:en ausführlich dargestellt werden. 



— 43 — 

Auftreffen auf's Ziel wird zuerst von Pur mann in seinen „Observa- 
tionen" (Frankfurt 1710, S. 333) erwähnt; er beschreibt eine aus 
dem Schulterblatt mit vieler Mühe entfernte Kugel als „eckicht und 
wunderlich verbogen" i). Heister spricht nicht darüber; erst le 
Dran, der bekanntlich die ersten Schiessversuche an Leichen aus- 
führte, und Bilguer würdigten die Bedeutung der Deformation. Der 
spätere Streit, ob dabei und bei den übrigen Besonderheiten der 
Schusswunden jener Zeit die Form des Geschosses, die Bleikugel im 
Gegensatze zum Langblei massgebend gewesen sei, dürfte überflüssig 
sein; die Durchschlagskraft und der eventuell durch Deformation 
noch vergrösserte Querschnitt sind dafür verantwortlich zu machen. 

Diese blinden Schusskanäle, deren Umgebung fast immer stark 
zerrissen und gequetscht, und bei dem im vorigen Jahrhundert fast 
allgemein geübten „primären Debridement" auch noch vergrössert, 
und durch die Instrumente und Finger des Chirurgen infizirt waren, 
noch mehr aber die besonders im Belagerungskriege häufigen kolos- 
salen Quetschungen und Zerreissungen durch Vollkugeln aus Stein, 
Blei, Eisen, Kupfer, Glas oder Schlacke, oder durch Granaten, konnten 
unmöglich reaktionslos heilen; sie wurden im Gegentheil fast aus- 
nahmslos Sitz schwerer Eiterung und oft genug Ursache unheimlich 
schnellen Verfalls. 

Die einfachen, wenig eingreifenden Behandlungsmethoden, wie sie 
bei uns Pfohlsprundt (oder Pfohlspeundt), Braunschweig, 
Gersdorf, Lange u. A. (z. Th. lange vor Ambr. Pare) empfohlen 
hatten, waren im Allgemeinen unverändert geblieben. A^on einer Ver- 
giftung der Schusswunden und dem Ausbrennen derselben war nicht 
die Rede; dabei fehlte es aber doch nicht ganz an energischen Mass- 
regeln. Wenn irgend möglich, mussten alle Fremdkörper, besonders 
die Kugel, entfernt werden; man scheute sich nicht vor eifrigem 
Suchen mit Sonden und Fingern, vor Erweiterung der Wunden mit 
Qaellmeissel oder Messer, vor dem Anlegen von Gegenöffnungen. Im 
17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts wurde hauptsächlich mit 
Salben verbunden, die eine sehr komplizirte Zusammensetzung hatten, 
ausser vielen überflüssigen und ekelhaften Bestandtheilen aber auch 
Terpenthin, Kampfer und ähnliche fäulnisswidrige Stoffe enthielten. 
Das Alles wurde lange und energisch gekocht, so dass wohl immer- 



1) Purmann erzählt mehrfach von schweren Schusswunden aus ge- 
zogenen Rohren; ein Beweis, dass doch nicht ausschliesslich glatte Rohre ge- 
braucht wurden. (Observ. p. 38, Lorbeerkranz 234 u. 236, bei den Belagerungen 
von Wolgast, 1675, und Stettin, 1677, also durch schwedische Gewehre.) 



— 44 — 

hin lür den Anfang eine aseptische Wuiidbedeckuiig vorhanden war. 
Trat Fieber ein, dann war man — auch noch in unserem Jalirhun- 
dert — schnell bei der Hand mit tüchtigen Bkitentziehungen. 

Ganz erstaunlich und unheimlich ist das krause Gemisch von 
Gottesfurcht und Aberglauben in den medizinischen Schriften jener 
Zeit. Dass der Autor seine Gönner, seine Leser (aber nicht die 
Kritiker), sein Werk und sich selbst dem Schutze Gottes empfiehlt, 
dass er immer wieder die eigene Ohnmacht und die Macht der Vor- 
sehung bei seinem ärztlichen Wirken hervorhebt, wie A. Pare: „Je 
le pansay et Dieu le guarist" , das ist natürlich und angemessen : 
dass aber allerhand Spuk und Hokuspokus damit verbunden ist, kann 
man bei den sonst so klar und praktisch denkenden, erfahrenen 
Männern kaum verstehen. Das Tollste aus dieser Hexenküche ist 
wohl des Severini oder Paracelsi Waffensalbe, ein Composi- 
tum, in dem z. B. Moos vom Schädel eines Hingerichteten, der schon 
eine Zeit am Wetter gewesen, im neuen Licht, wenn die Sonne in 
die Wage tritt, gesammelt, nicht fehlen durfte. Die Bestandtheile 
sind nicht 'immer dieselben; im Lorbeerkranz (1684) zählt Purmann 
eine ganze Reihe von verschiedenen Zusammensetzungen auf; nur der 
Colerus^) unterstehet sich, den Mooss aussen zu lassen und an 
dessen Statt die Wallwurzel zu setzen. Menschenschmalz, Menschen- 
blut, Mumie, Regenwürmer, Leinöl, Terpenthin, Bolus u. a. m. ge- 
hörten auch dazu. — Mit dieser Salbe, auch ünguentum Armarium, 
Stellatum oder Sympatheticum genannt, wird womöglich das ver- 
letzende Listrument, im anderen Falle ein mit dem Blute der Wunde 
beschmiertes Stückchen Eschenholz täglich soweit bestrichen, wie 
jenes in der Wunde gesteckt hatte, dann mit einem Verbände ver- 
sehen und an einem trocknen, massig warmen Orte aufbewahrt bis 
zum nächsten „Verbandwechsel". Wenn der Kranke auch viele 
Meilen weit entfernt ist, er bekommt Fieber, wenn das Holzstück zu 
warm, ihn friert, wenn es zu kalt aufbewahrt wird u. s. w. Diese 
Behandlung in absentia, die „Wunden-Kur, so abwesend verrichtet 
wird", wirkt sonderlich in der Freundschaft und Blutsverwandtschaft. 
— Schon lange vor Pur mann gab es Männer, die die Waffensalbe 
für unnütz und gefährlich hielten; so schrieb Andreas Libavius 
von der „betrieglichen Heylung der Wunden durch die W. s."; Fabriz 
V. Hilden (Wundarzney, Basel 1652, deutsche Uebers. v. Greiff, 



1) Johannes Colerus, schreibt Fabriz v. Hilden, hat auch seine 
eigene Beschreibung und Träume hiervon, vergl. auch in der Chirurg, curiosa 
Purmaun's, p. 696. 



— 45 — 

S. 1108ff.) hält nicht den Paracelsus, der allerdings in seinem 
Buch vom Podagra und in den Archidoxis Magicis davon spricht, für 
den Erfinder, sondern den Teufel, diesen tausend listigen Künstler. 
Die Leute, die es, dem Abergiaubtm ergeben, fortpflantzen, sind keine 
Christen. — Felix Würtz (oder Wirtz, wie er sich in der Wid- 
mung seiner Practica chirurgica von 1596 selbst unterschreibt), sonst 
ein begeisterter Anhänger des Paracelsus, erwähnt darin die Waffen- 
salbe gar nicht, obgleich er viel von Pflastern, Salben, Oelen und 
Wundtränken spricht. In Melchior Ad am 's „Vitae Germanorum 
medicorum" (Frankfurt a. M. 1705, 3. Ausg.), auch in einigen neueren 
Geschichtswerken, z. B. in Gründer' s Geschichte der Chirurgie 
(Breslau 1865, 2. Ausg.), wo ausführlich von Paracelsus gesprochen 
wird, findet sich Nichts über diese seine „Erfindung". Gehema er- 
zählt in der 2, Observ. chir. (S. 7) von einem Barbirer, der grosse 
rodomontados von dem Pulvere sympathetico gemacht, aber schlechte 
Ehre damit eingelegt habe; auch a. a. 0. zeigt Gehema, dass er 
von diesem Aberglauben Nichts hält. — Aehnlich wie mit der 
Salbe verhält es sich mit diesem Pulvis sympatheticus, 
das aus Vitriol und Gummi besteht und auf ein mit dem 
Blute der Wunde befeuchtetes Läppchen gestreut wird. Dieses 
wickelt man dann zusammen und steckt es in den Schub 
oder Hosensack, „weil es daselbst an einem temperirten Orthe, 
der weder zu warm noch zu kalt ist". Die Prozedur wird täg- 
lich vorgenommen und nach Heilung der Wunde sämmtliche Läpp- 
chen in fliessendes Wasser geworfen i). — Noch toller ist aber die 
Kur per transplantationem: ein in dem Blute oder Eiter der 
Wunde nass gemachtes Holzstückchen wird in einen Baum, am besten 
in eine Esche, in die man ein entsprechendes Loch gemacht hat, 
hineingesteckt und darüber das Loch mit Baumwachs verschlossen. 
„Wie nun dieses verwachset und sich mit dem Baum vereiniget, also 
heilet auch der Schaden und Wunden". Für den sonst so verstän- 



^) Wir finden darüber noch : Theatrum Sympatheticum sive de pulvere sym- 
pathetico et unguento armario, Nürnberg 1660 u. 1662 in 12 u. 4 (ohne Autor); 
Vesti, Erf. 1687: De pulvere sympathetico; Kirchmaier, Vitebergae 1672: De 
S3'mpathetici pulveris vanitate; Digby, Paris 1658, Deutsch 1684: Ueber die 
Heilung der Wunden mit dem sympathet. Pulver. Das aufgeklärte Geheimniss der 
Sympathie als unfehlbaren Mittels die Wunden in der Ferne und ohne Anrühren 
zu heilen. Uebers. aus d. Englischen. Linz 1784. .Ja, noch viel spcäter: Coelest. 
Stoehr: Phänomene und Sympathie in der Natur, nebst dem wunderbaren Ge- 
heimniss, Wunden ohne Berührung vermöge des Vitriols nach K. Digby blos 
sympathetisch zu heilen. Coburg 1795 und Most: Die sympathetischen Mittel 
und Kurmethoden gesammelt, zum Theil selbst geprüft u. s. w. Rostock 1842. 



— 46 — 

digen Puvmanii ist es mit der Erklärung dieser Wirkung in die 
Ferne freilich eine „kützliche subtiele Sache"; er hat aber oft dabei 
Heilung eintreten sehen, und das genügt ihm. An das post hoc ergo 
propter hoc dachte er nicht; auch an eine für uns nahe liegende 
Erklärung konnte er nicht denken, obgleich sie aus seiner Beschrei- 
bung hervorgeht. Wenn die AVunde nämlich gereinigt war, durfte 
sie nicht mehr berührt, sondern nur täglich mit einem reinen 
Häderlein belegt werden, bis sie geheilt war — in diesem to be let 
alone wird der Zauber gelegen haben! Während Pur mann noch im 
Lorbeerkranze (1687) Jeden einen Idioten nennt, der nicht an die 
Waffensalbe glaubt, ist er in der Chirurgia curiosa (1699) schon vor- 
sichtiger, lässt in diesem Stück abermals einem jeden seinen AVillen 
und glaubt davon, was er will. — AVenn man das bei einem Pur- 
mann findet, wie mag es dann in den anderen Köpfen ausgesehen 
haben! — 

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verlor sich allmählich 
dieser Aberglaube; in Heister's Chirurgie (1724) wird die AVaffen- 
salbe gar nicht erwähnt, während die späteren Ausgaben von Pur- 
mann 's Lorberkranz (1722) und Feldscheer (1738), offenbar lange 
nach dem Tode des Verfassers verfertigte Nachdrucke, dieselben An- 
gaben darüber enthalten, wie die von 1699 und die Observationes 
von 1710 (s. u.). Uebrigens wurde dem an Podagra leidenden 
Friedrich AVilhelm I. noch im J. 1737 eine Art „Transplantations- 
kur" von einem General v. Hallart und eine noch ekelhaftere sym- 
pathetische Kur von einem General v. Huwaldt angerathen. Holtzen- 
dorff und Ell er, die um ihre Meinung gefragt wurden, drückten sich 
sehr vorsichtig, aber doch ablehnend aus. Der König antwortet dar- 
auf: „Und bin vollkommen Eure Meinung, dass alle dergleichen Sym- 
pathetische Curen, wenn solche nicht von übermässigen Glauben und 
starker Einbildungskraft secondiret werden, gemeiniglich von schlechtem 
Effect sind. Inzwischen sollet Ihr doch gelegentlich eine probe davon 
machen und Mir den Erfolg davon melden." (König, 1. c. lA^, 2, 
S. 282.) Im Jahre 1732 rausste die Sozietät der AVissenschaften ein 
Gutachten über A^ampyre oder Blutsauger abgeben, einen Spuk, der da- 
mals viel Aufsehen machte, (s. Eines AVeimarischen Medici Muth- 
massliche Gedanken von denen Vampyren oder sogen. Blutsaugern, 
welchen zuletzt das Gutachten der Kgl. Preuss. Soc. d. AA^ mit bey- 
gefüget ist. Leipzig 1732.) 

Die AA^mdbehandlung wurde einfacher; Blutungen stillte man mit 
styptischen Mitteln, unter denen der Bovist und der „Alcohol Vini, 
der schärfste Bi'anntwein" (Heister) oder wie Bilguer sagt, der 



— 4:7 — 

Schwamm, das x^lkohol imd das Terpenthin-Oel eine grosse Rolle 
spielten; ferner dm-ch Tamponade, ümstechnng oder Unterbindung in 
loco. Die Gefässunterbindung, diese uralte Blutstillungsmethode, von 
Pare wieder empfohlen, von vielen seiner Zeitgenossen und Nach- 
folger (z. B. Petit) verworfen, gewann erst allgemeinere Bedeutung, 
als man das isolirte Gefäss, und nicht mehr gleichzeitig die um- 
gebenden Weichtheile zuband. Pur mann übte sie bei Verletzungen 
und Amputationen noch nicht, obgleich er bekanntlich mehrere Male 
die neuerdings wieder zu Ehren gekommene älteste Operation der 
Aneurysmen, die Exstirpation nach zentraler und peripherischer Unter- 
bindung (Philagrius) ausführte. Bei Verletzungen machte er die per- 
kutane Umstechung; nach Amputationen wurden die Gefässe kauteri- 
sirt, wenn die Blutung auf styptische Mittel und Kompression nicht 
stand. So noch in den Observationen (1710). Kurz darauf finden 
wir bei Heister schon die Unterbindung der mit einer kleinen Zange 
hervorgezogenen Arterien bei Amputationen beschrieben. Ja, längst 
vorher hatte bei uns Fabriz von Hilden (1. c.) die Unterbindung 
nach Amputationen, wie sie von Galen, Avicenna, Celsus u. A. 
empfohlen sei, als eine sehr brauchbare Methode beschrieben und 
mehrere schliessbare Zangen zum Fassen und Hervorziehen der Adern 
abgebildet; er meinte allerdings, „etwas Fleisch mit sampt der Ader" 
zu fassen, das schade nicht, sei vielleicht sogar besser für die Festig- 
keit der Ligatur. Die Resultate können keine gieichmässig guten ge- 
wesen sein; wir wissen, dass der vielerfahrene Theden nie unter- 
band, sondern immer mit Tamponade und komprimirenden A^erbänden 
auskam. Sehr interessant ist aber, dass Bilguer, der bekanntlich 
die Amputationen auf wenige Ausnahmefälle einschränkte, bei Gangrän 
eines Gliedes die Hauptgefässe im Gesunden unterband und 
da]m erst unterhalb dieser Stelle die Amputation ausführte. Diese 
wahrscheinlich auch uralte Art der prophylaktischen Blutstillung 
(Archigenes) ist in unseren Tagen durch die Rose-Lüning'sche 
Methode der Exarticulatio femoris wieder auferstanden und für eine 
ganze Reihe von Amputationen und Exartikulationen von dem Verf. 
empfohlen und ausgeführt. 

Auch in der weiteren Vereinfachung der Wundbehandlung, dem 
Ersatz der vielfach gemischten Pflaster und Salben durch einfache 
Verbände und Wasserumschläge, liegt ein grosses Verdienst der 
Kriegschirurgen Friedrichs des Grossen, Bilguer, Schmucker, 
Theden und jMursinna. Als Uebergang ist die Zeit zu bezeichnen, 
in der man die Wunden mit Charpie und Corapressen verband, die 
mit warmem Wein oder Branntwein getränkt waren. Zeigten die 



— 48 — 

Wuiulcii ein schlechtes, fauliges Aussehen, dann sparte man nicht mit 
Antisepticis, Sublimat mit Kalkwasser (Aqua phagedaenica), Hydrarg. 
praecip. rubrum, Perubalsam, Myrrhentinctur, Spiritus, Kampher, 
Terpenthin (heiss) u. s. w. — Dass die Eiterung zur Heilung einer 
Wunde nicht absolut nöthig sei, das hatte man von Bontekoe, 
Overkamp, Muralt u. A. gelernt. Man musste nur früh genug 
dazu kommen, die Wunde mit warmem Wein gehörig reinigen und 
dann mit Wundwässern oder Pulvern verbinden, die wieder sehr kom- 
plizirt waren, aber fast nur aus aromatischen Pulvern oder Abkochun- 
gen bestanden. Jeder bedeutende Chirurg hatte sein „Wundwasser", 
das er möglichst geheim hielt. So hatte Schmucker ein Augen- 
wasser, das er „vor sich behielt", Theden machte es ebenso mit 
seinem Schusswasser. Der brave Voitus hat in seiner Rede an die 
jungen Wundärzte, denen er ein Geheimhalten von Heilmitteln im 
Allgemeinen als ein Verbrechen schildert, viele Mühe, seinen Vorge- 
setzten zu vertheidigen, indem er diese Allen bekannte Thatsache zu 
erklären und zu entschuldigen versucht (1. c. S. 79, 80 u. 86). Dass 
man in der Wahl der Mittel, um hinter solche Geheimnisse zu kommen, 
nicht sehr wählerisch war, zeigt u. A. die Art und Weise, wie 
Mauchard dem berühmten Oculisten Woolhouse in Paris die Be- 
schreibung seines „Augenbürstchens" ablockte. Woolhouse trank 
gerne; aber der Deutsche konnte wohl mehr vertragen; er „tractirte 
ihn oft, bis sich endlich der Herr AVoolhouse, als er einmal durch 
den Wein ganz vergnügt war, überreden liess und dem Herrn Mauchard 
im Trunk dasselbe auch eröffnete" (Born er, 1. c. S. 356). 

Wir müssen hier den biederen Purmann als Gegner des Ge- 
heimhaltens von Heilmitteln nennen ; in der Vorrede zum Lobeerkranz 
(Ausg. von 1684 und 1692) bezeichnet er es als einen schlechten 
„Gebrauch der itzigen Welt, das Gute allezeit vor sich zu behalten, 
wenig darnach fragende, ob dem Nothleidenden Nechsten recht ge- 
holffen werde oder nicht". In der Vorrede zur 2. Ausgabe des Feld- 
scheers (1690) sagt er: „Rechtschaffene Wundärtzte, die ihren Nechsten 
mit Schrifften auffrichtig dienen wollen, hinterhalten Nichts, sondern 
offenbaren es — — ." Gehema (8. chir. Observ. S. 30) hält zwar 
sein „Emplastrum admirabile, mit dem er z. B. eine Arterienwunde 
in 16 Stunden zuheilte, für ein grosses secret, will es jedoch recht- 
schaffenen und würdigen Chirurgis gern communiciren". 

Die komplizirte Zusammensetzung der Schuss- und Wundwässer, 
Fomentationen u. s. w. war besonders in Deutschland beliebt; Fran- 
zosen und Engländer spotteten mit Recht über diese nutzlose Ver- 
schwendung. Man kann aber nicht sagen, dass sie allein besonders 



— 40 — 

schädlich für die Wunden gewesen wären; das war vielmehr der Fall 
mit den anderen Theilen der Wundbehandlung. Das viele und zweck- 
lose Sondiren, von F. Würtz in seinen oben erwähnten „Missbräuchen 
in der Wundarzney" (Practica) in drastischer Weise geschildert und ver- 
dammt, war ja vor kurzer Zeit auch -bei uns Sitte, und wenn Stro- 
meyer die Sonden aus den Bestecken der jungen Chirurgen entfernen 
wollte, dann ging, ich glaube Pirogoff noch weiter und wollte ihnen 
auch die — Finger nehmen, um endlich diese gefährliche Unter- 
suchungsmethode unmöglich zu machen. Mit sorgfältig gereinigten 
Fingern oder Sonden wäre ja die Gefahr nicht so gross; wie sah es 
aber früher damit aus? Die Reinlichkeitsbestrebungen, von den besseren 
Chirurgen sehr hoch geschätzt, konnten schon desshalb nicht genügend 
zur Geltung kommen, weil Alles sehr schnell gehen und namentlich 
der Zutritt der Luft zur Wunde verhindert werden musste. Wenn 
wir (mit G. Fischer) dabei die Namen Heister, le Cat, B. Bell 
und A. G. Richter nennen, dann wollen wir nicht vergessen, dass 
unsere iVnsichten über Wundinfektion und speziell die Geringschätzung 
der sogen. Luftinfektion, noch recht jung und noch nicht stabil sind: 
List er 's erste, grundlegende Versuche und die ganze erste Periode 
der Antiseptik, die „Spray-Periode" rechneten noch hauptsächlich mit 
der Gefahr der Luftinfektion. Wir achten heute diese Gefahr für 
recht gering; müssen aber doch zugeben, dass sie in übermässig be- 
legten, warmen, schlecht ventilirten Räumen eher zu befürchten ist, 
als bei genügender Zufuhr frischer reiner Luft. Auch damit stand 
es in jener Zeit schlimm; Pringle hatte in seinen „Krankheiten einer 
Armee" (Uebers. v. Greding, Altenburg 1754)" darauf hingewiesen, 
ebenso J. Hunter; doch scheint bei uns ausser Baidinger, der 
Piingle's Lehren zu verbreiten suchte, unter den Medicis Schaar- 
schmidt der Einzige gewesen zu sein, der (1758) in seiner Abhand- 
lung über Feldkrankheiten dafür eintrat. Es ist interessant, dass 
Mursinn a 1778 Typhuskranke im Winter, statt sie unterwegs ab- 
zuliefern, in Bauernwagen mit reichlicher Strohschüttung der Truppe 
nachfahren Hess und dabei sehr gute Heilerfolge beobachtete (Richter 
(1. c. S. 499). Dass The den besondere Ventilationsvorrichtungen für 
Krankenzimmer einrichtete, ist bekannt. — Eine grosse Gefahr für 
Verwundete und Operirte lag in der allgemeinen Verwendung der 
Charpie (bei Jungken Carpy, bei Eller und später bei The den 
wieder Carpey oder Karpey, auch einmal Karpie, bei Purmann: 
Corpey, bei Heister: Carpey oder Carpie; Fabriz spricht von 
„Schleissen von zarter reiner Leinwath, die man in die Wunden ge- 
braucht;" er scheint den anderen Namen für die gezupfte Leinwand 

Veröifentl. aus rlem Gebiete des Milit.-Sanitiitsw. 13. Heft. a 



— 50 — 

ebensowenig zu kennen, wie Würtz, der nur über die Fetzen und 
und Lumpen schilt, mit denen man die AVundcn ausstopfe). Aber 
auch das dürfen wir nicht so streng beurtheilen; es ist noch gar nicht 
so lange her, da wurde auch bei uns die Charpie in grossen Massen 
gebraucht. Gegen das Material an sich ist ja Nichts zu sagen, so- 
bald es steril ist; aber das war bis vor Kurzem nicht zu erreichen. 
Schon Ponte au hatte im vorigen Jahrhundert darauf aufmerksam 
gemacht, dass die „Pourriture d'höpital", der noch vor 25 Jahren so 
gefürchtete Hospital brand, durch die von Kranken gezupfte Charpie 
auf die Wunden gebracht werde; Andere folgten ihm, aber im All- 
gemeinen wurde besonders in Kriegszeiten von Alt und Jung, von 
Gesunden und Kranken gezupft. Dazu noch die mangelhafte Auf- 
bewahrung — es Avar ein Verbandmaterial, das nicht gefährlicher er- 
sonnen werden konnte. Purmann, Heister und ihre Nachfolger 
brauchten die Charpie allerdings erst, wenn die Eiterung schon ein- 
getreten war; dann war ja die Gefahr nicht mehr ganz so gross. 
Bei schmerzhafter Entzündung in der Umgebung der Wunden die Kälte 
in Form von Umschlägen mit kaltem Wasser, Essig, Salpeter und 
Salmiak empfohlen zu haben, ist wieder eines der grossen Verdienste 
Schmucker's und Theden's. 



B. Lebensbeschreibungen. 



Wie wir gesehen haben, waren schon in den Landsknechtheeren 
und später in den Armeen des Grossen Kurfürsten und seiner Nach- 
folger bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Feldmedici Vorgesetzte 
der Feldchirurgen; sie hatten das ganze Feldsanitätswesen zu ordnen 
und zu leiten, die Feldscheerer anzustellen (seit Holtzendorff) und 
ihre Thätigkeit, allerdings unter Mitwirkung der Generalchirurgen, zu 
überwachen. Mehrere von ihnen entwickelten eine für das damalige 
Kriegsheilwesen so umfassende und eifrige Thätigkeit, dass wir sie 
und ihr Wirken schwer von dem der grossen Chirurgen trennen 
können. Das ist schon der Fall, Avenn wir die Zeit des Grossen 
Kurfürsten betrachten: Janus Abraham ä Gehema, der Medicus, 
und Gottfried Purmann, der Chirurg, verdienen Beide gleich- 
massig das Lob, Jeder in seinem Kreise und auf seine Weise un- 
ermüdlich für das Wohl der ihm anvertrauten Kriegsleute gewirkt zu 
haben. Ja, sie haben sogar viele gemeinsame Gebiete, über die sie 
sich, stellenweise fast mit denselben Worten und mit derselben 
Energie und Rücksichtslosigkeit äussern, so z. B. wenn es sich um 
die Schilderung des Bildungsganges und der traurigen Leistungen des 
unteren chirurgischen Personals handelt. Sie haben beide ihre Be- 
obachtungen veröffentlicht; während aber dabei der gelehrte Medi- 
cus reichlich philosophische Studien treibt, giebt der Chirurg, so 
lange ihn der Hexen- und xVberglaube nicht zu krampfhaften Er- 
klärungsversuchen zwingt, nur seine „Fälle" mit kurzen epikritischen 
Bemerkungen. Sie stammten Beide aus angesehenen Familien, hatten 
Beide die für ihr Fach damals übliche Ausbildung, der eine auf Uni- 
versitäten und Reisen, der andere bei verschiedenen Meistern, erhalten 
und bei Beiden sind wir hinsichtlich ihrer Lebensschicksale fast ganz 
auf das angewiesen, was sich in den Vorreden zu ihren Schriften 
und hier und da verstreut in diesen Schriften selbst findet. 



^* 



52 



1. Janas Abraham ä iiehema. 

Die Nachrichten über das Leben dieses tüchtigen und streitbaren 
„Eques Polonus et Med. Doctor" sind ausserordentlich späi'lich; 
seine Schriften so selten, dass z. B. die sonst so ausgezeichnete Bi- 
bliothek der Kaiser Wilhelms- Akademie nichts, die hiesige König- 
liche Bibliothek nur einen kleinen Theil seiner Werke besitzt. Der 
„kranke Soldat", seine für uns wichtigste Arbeit, befand sich früher 
in der zuletzt genannten Bibliothek, ist aber daraus verschwunden, 
so dass ich auf das von v. Richthofen, Knorr, A. L. Richter 
u. A. darüber Mitgetheilte angewiesen war. Um so mehr musste 
gesucht und jede Notiz benutzt werden, die aufzufinden war. In der 
Bibl. med., Joecher's und Kestner's Lexikon (s. u.), in Grün- 
der's, Sprengel's, Haller's u. a. Werken fand sich nur wenig; 
sehr einfach und schön sagt z. B. der gelehrte Baidinger in seiner 
Introductio. in notitiam scriptorum Medicinae militaris (Berlin. 1764) 
von ihm: „Ex Bontekoi Schola, homo audax et vagabundus". — 
Auch wenn man die in Moller's Cimbria literata. Hauniae. 1744, 
und Küster's Altem und Neuem. Berlin. 1756, angegebenen 
Quellen aufsucht, wie von Werner 's Gesammelte Nachrichten, 
Cüstrin, 1755, und die Preussische Lieferung alter und neuer Ur- 
kunden, Leipzig, 1755, des Thomas freimüthige Gedanken, Halle, 
1689, u. a. m. — so bleibt doch noch manche Lücke in diesem 
Lebensbild und mancher unaufgeklärte Widerspruch. Auch jene 
frühesten Quellen schweigen über Perioden von 5, 6 Jahren. Mehr 
findet sich schon in den Schriften Gehema's selbst i). Interessant 
und wichtig, weil noch nicht benutzt, erscheinen aber 3 Briefe, die 
ich aufgefunden habe. Der erste ist allerdings nur ein xAnerkennungs- 
schreiben für Dolaeus, der im Jahre 1684 eine Encyclopaedia med. 
et chir. herausgab. Die 10. Auflage (1703, Frankfurt a. M.) war 
dem König Friedrich I. gewidmet und wurde durch eine ganze 
Reihe von Lobgedichten (z. B. von Ettmüller, Sydenham u. A.) 
und 32 Anerkennungsschreiben berühmter Aerzte eingeleitet. Unter 



^) Bei diesen Nachforschungen hat mich Stabsarzt Dr. Coste in dan- 
kenswerther Weise unterstützt. — In meinem Besitze befinden sich 1. Der Re- 
formirte Apotheker; 2. Die Gegenschrift des ,,Schadgehemius" ; 3. Der Verthei- 
digte reformirte Apotheker; 4. Grausame medicinisclie Mordmittel u. s. w. ; 5. Die 
beste Zeitvertreib und 6. Die eroberte Gicht u. s. w. (s. u.). — G. liat allein in 
den 10 Jahren von 1680 bis 1690 (1678 war er promovirt) 35 Arbeiten ver- 
öffentlicht. 



— 53 — 

den letzteren ist nun auch ein Urtheü von D. D. Janus Abraham 
a Gehema, Eques Polonus et Med. Doctor, Bremen, 1.688, die 
22. Jan.; natürhch lobt er, wie alle Andern, Buch und Verfasser in 
überschwänglichen Worten. Für uns ist Ort und Datum bemerkens- 
werth. Wichtiger ist der zweite Brief; es ist bekannt, dass damals 
unsere periodischen Zeitschriften zum Theil durch persönliche Korre- 
spondenzen ersetzt wurden; man lese nur des Hildani Grosse Chir- 
urgie, Purmann's Vorrede zu seinen Observationen u. s. w. Do- 
laeus hat seine grosse Korrespondenz mit gelehrten Männern, unter 
denen wohl alle bedeutenden Aerzte seiner Zeit sich finden, in einem 
„Appendix" zu seiner Encyclopädie mitgetheilt, so auch einen Brief 
von Gehema, den wir am besten wörtlich wiedergeben: 

Epistola L. 
Excellentissimo, Clarissimoque; Viro, Duo Joanni Dolaeo, Med. D. 
Consiliario et Archiatro Hassiaco dignissimo, Meritissimo. S. P. Ja- 
nus Abrahamus ä Gehema, Eques. Med. Doct. 

Tandem et Tuae, Clarissime Vir, et quas adjunxeras Cele- 
bcrrimi Waldschmidii literae optime redditae sunt, quas omncs 
gratissimum fuit accipere: Nunc abs te vehementer peto, ut täm be- 
nevolum tuum ergä me, quin tarn amantem mei animum perpetuo 
serves, et ita tibi persuadeas, non esse fernere, qui incomparabiles 
animi atque ingenii Tui dotes virtutesque amplissimas candidius atque 
sincerius aestimet quam Gehema tuus. Qui se felicem ac beatum 
tamdiu statuet, quamdiu se Tibi poterit probare. Gl. Waldschmidii 
epistola mirum quantum me delectat ex qua animadverto, ipsum 
meum legisse manuscriptum de proscriptione venaesect., purgant. etc. 
ex foro Medico, at mecum in omnibus non consentientem. Etenira 
non semper Doctorum virorum applausum in numerato habere licet, 
nee nostrae expectationi ejus placitum de imaginatione in gravidis 
plane satisfacit: inter caetera maximum mihi movet dubium (quod 
tamen ipse silentio involvit), quare nempe gravidae saepius ultimo 
gestationis mense, cum embryo totus jam sit formatus, ex aspectu 
mutilati hominis, similem paulo post edant infantem: Ego quid in 
hac abstrussä re sentiam, paucis aperiam, nempe videri me infantem 
ex aliä forsan occasione jam ante hac ultimam imaginationem mem- 
bris mutilatis fuisse efformatum. Responsoriam tuam ad Gl. Wald- 
schmidii epistolam, nee non ejusdera Chirurgum Cartesianum vehe- 
menter desidero. Si hie typis nondum sit mandatus, multum lucis 
medicus mens castrensis, quem tibi cum in finem literis hisce inclu- 
suni mitto, ipsi procul dubio foenerabitur. Habe Interim, Amice plu- 



— 54 — 

i'iimini .suspiciente decadeni observationum mearuni medicariini pvi- 
mam, qua lectä, ut typographo vestro liigebrando imprimendam tra- 
das etiam atque etiam Te rogo, noii diibito eum libenter hanc pro- 
priis sumptibus ac typis publicaturum. Interim quid tibi de obser- 
vationibus hisce videatur, plene et candide perscribes. Scio, quam 
periculosae aleae opus sit Priiicipibus libros consecrare, uec dubito, 
quin multa sint, ubi impegerim, multa quae malevoli aut imperiti in- 
terpretaturi sinistri sint. Eam ob rem familiariter Te precor, C. Vir, 
ut patronus ei, ubi opus fuerit, assistas, qui et verissime judicare de 
talibus potes, tanta conditione literarum et omnis doctrinae copia 
instructus et excusare non malo animo comraissa, tantä humanitate. 
Cujus efficaciae sive successus proximae literae meae supplices ad 
Princij)em vestrum, et Camerae Praesidem, Baronem ä Görtzen, 
fuerint, de quibus prolixius tecum egi in epistola mea Germanic;!, ex 
Te reseire aveo. Vale quam optime, Mi Clarissime, Amantissime 
Dolaee et me pei-petuum eruditionis ac virtutura tuarum admira- 
torem amare perge. Eaptim Breraae ad d. 9. Septembr. MDCLXXXVIl. 

Wir sehen aus beiden Briefen, dass Gehema in den Jahren 1687 
und 1688 in Bremen war. Dass er hier vielleicht länger blieb, 
möchten wir aus einem anderen Briefe (s. u.) schliessen. — Aus den 
lateinischen Schriften geht aber auch hervor, dass er nicht nur mit 
Dolaeus, sondern auch mit dem berühmten Marburger Professor 
Waldschmidt in schriftlichem Verkehr stand; mit dem Churbranden- 
burgischen Leibarzte und Professor in Frankfurt a. 0., Bontekoe war 
er, wie er in seinen Schriften oft betont, eng befreundet; derselbe 
hatte ihn (Vertheidigter reformirter Apotheker, S. 57 u. 58) im Jahre 
1683, also wahrscheinlich in der „Reisezeit" G.'s, von einer mit pro- 
fusem Nasenbluten verbundenen schweren Quartana glücklich befreit. 
Er hiess Cornelius Decker, den Namen Bontekoe hatte er vom 
väterlichen Gute. (S. Krüger's Synchron. Tabellen zur Geschichte der 
Medizin, Berlin 1847; Baas Grundriss der Geschichte der Medizin, 
Matthaei, Compactus historiae Medicorura. Gott. 1761). Auf Ge- 
hema' s medicinische Ansichten hat er den grössten Einfluss aus- 
geübt, obgleich später eine Entfremdung zwischen ihnen eintrat. In 
der obigen Epistel erzählt G., dass Waldschmidt nicht ganz mit 
seiner Schrift „Medicinische Mordmittel u. s. w." (s. u.) einverstanden 
sei; fügt aber gleich hinzu, dass auch er nicht in Allem mit W. über- 
einstimme, so in der Frage des Versehens der Frauen. G. zeigt 
dabei wieder, dass er der grossen Mehrzahl seiner Zeitgenossen weit 



— 55 — 

vorauf war^). Gehema erinnert dann an seinen „Feldmedicus", der 
1684 erschienen war und bittet, die erste Decade seiner Observationes 
in Cassel drucken zu lassen. Das würde freilich unklar sein, da 
diese, dem Magistrate der Stadt Bremen gewidmete Sclirift schon 
1 Jahr vorher in Hamburg erschienen war (1686); es giebt aber wirk- 
lich eine Schrift von G. : Obser. medici, Cassel 1688 in 12. (Moller, 
Cimbria literata, 1744, Bd. II, s. u.). 

Den grössten Werth für die Biographie Geheraa's be- 
sitzt aber ein langer Brief, den er an den damaligen Bürgermeister 
von Bremen schrieb, mit der Bitte, beim Käthe der Stadt die An- 
nahme der Widmung eines Werkes (wahrscheinlich des zuletzt ge- 
nannten-)) zu befürworten. In ihm finden sich so viele Angaben über 
die Vorfahren G.'s und über sein eigenes wechselvolles Leben, dass 
wir es für richtig halten, ihn trotz seiner Weitschweifigkeit hier w'ört- 
lich wiederzugeben: 

Coxna. 

Hochedler, Hoch- und Wohlweiser Herr Bürgermeister 
Hochgebietender, Hochgeneigter Berr Praesident. 
Ew. Magnificentz, alss dem jetziger Zeit giückl. Regierenden 
Hr. Praesidenten, überreiche ich mit gebührendem respect, gegenwärtige 
Exemplaria, meines jetz auss der presse kommenden geringen Tractät- 
lein, mit gehorsahmer Bitte, die gütigkeit zu haben, und Ew. Wohl 
Edlen Hochw. Rath dieser blühenden Republique mit aller reverence 
hochgeneigt zu insinuiren. Die Uhrsache, warumb ich dasselbe Am- 



1) Heister glaubte noch an die ^Yirlcung■ der Einbildung der Mutter; er 
..hält solches allerdings dafür, was auch manche dagegen sagen und geschrieben 
liaben" fWahrnehm. p. 905). Bekanntlich' ist dieser Glaube auch heute noch nicht 
überall verschwunden. — Interessant ist eine Abhandlung über denselben Gegen- 
stand von Ell er, der sich -ablehnend verhält, aber doch unter gewissen Um- 
ständen durch Veränderung der Blutcirculation bei heftigem Schreck ähnliche 
Wirkungen für möglich hält (El 1er 's physikaUsch-chymisch-medicinische Mit- 
theilungen, herausg. von C. Abr. Gerhard, Berlin, Stettin u. Leipzig, 1764). 
Nach E. Roth (Historisch kritische Studien über Vererbung, Berlin 1877, S. 48) 
war Blonde 1 einer der ersten Gegner der Lehre vom Versehen (The strength of 
Imagination in pregnant women examined, London 1727). 

-) Decas observationum medicarum prima. Aufhöre .Jano Abrahamo ä Ge- 
hema, Ec|. etlndig. Pol. Med. Doct. S.Pv.M.Polon. Consil. et Arch. Extr. — (Motto: 
F. Bacon: de Verulam: Hist. vif. et mort: Varietas medicamentorum est igno- 
rantiae filia.) — Bremae, Impensis Authoris 1786. — In der Widmung heisst es: 
,,hoc tempore, ubi ob privata negotia in häc lUustri Pvepublicä Vesträ paullisper 
mihi commorandum est." 



— 5G — 

plissimo Senatui zuschreiben wollen, werden Ew. Magiiif. mit niehrem 
auss der dedication vernehmon können, Avie mich dan nicht weniger 
darzu be^vogen, die betrachtung, dass mein Eitervater mütterlicher 
seyten, Hr. Zirrenberg und dessen Sohn, Hr. Hanss Zirrenberg (Zieren- 
berg), welche beyde wohl meritirte Bürgermeister der Stadt Dantzig 
gewesen, sich ihrer uhralten Herstammung aus dieser weitberühmten 
Stadt haben zu berühmen gehabt. Weill aber meine wenige Persohn, 
E. Hoch Edl. Hochm. Rath \äelleicht nicht wird bekant sein, alss 
werden E. Magnif. nicht ungütig vermerken, dass mich jetzo der 
freyheit unternehme, deroselben mit aller ehrerbietigkeit anzudeuten (?), 
wessmassen Mein Grossvater Väterlicher Linie Jacobus k Gehema nach- 
dem er in seiner Zarthen Jugend nebenst seinen eitern durch die 
Weltkündige Gi'ausahme Tiranney dess Spanischen Wüterichs duc d'Alba, 
der Reformirten Religion wegen von seinen adelichen gütern in friess- 
land^) vertrieben, und aller seiner wohlfai'th beraubet worden, sicher 
nach Schweden reteriren müssen, woselbst er, alss beyde Eltern in 
exilio gestorben, durch wunderbahre Schickung Gottes, der die seynigcn 
nicht verlasset, von dem damaligen Regirenden Schwedischen Princeji 
Sigismundo dermassen ist geliebet und werth gehalten worden, dass 
Ihre Königi. Hoheit nicht allein Meinen Gross vater nebenst seinen 
uhralten Adel auch zugleich der Schwedischen Nobilitet utriusque 
Sexus usui in perpetuum immatriculiren lassen, sondern auch, da Sie 
hernachmahls zum Könige in Polilen eligiret worden, ihn mit sich ge- 
nommen, zum General Inspectore aller müntzen dess gantzen König- 
reichs Pohlen und Gross fürstenthumbs Littauen gemachet, überdess 
mit dem Polnischen Ritterstand, dreyen der Vornehmsten Starosteyen, 
Zusambt der Königi. kammerherrschafift begnadiget, und hat solcher 
Mein Gross vater, wie es noch vielen bekant ist. bey solchen seinen 
vornehmen Charges, Gottes seegen dermassen verspühret, dass er 
seinen reichthurab in die ] 8 tonnen Goldes estimiren können: weil] er 
aber auch dabey erkannte, wie er seine gautze wohlfarth nechst Gott 
dem Königi. Hause Sigismundi billich zu danken hatte, alss hat er 
sich auch nachgehends, da dass Königreich Pohlen unter dem Grossen 
Wladislas Cjuarto giorw. Andenkens mit dem ]\Ioscoviten, Türke, Tar- 
taren und Cosacken in schweren kriegen eingewickelt gewesen, sich 
freywillig erbothen der Republicq auf einraahl 7 Tonnen Goldes auss 
seinen eignen Mitteln fürzuschiessen, wie er auch gethan, geschweige 
dessen, was er particulariter Magnaten und Grosse Herren ausgeholffen 
von welcher summa kaum die helffte ist restituiret worden. Mein 



^) Auch nicht ganz sicher als ,,Friesslancl" zu lesen. 



— 57 — 

ander Grossvater mütterlicher Linie war der wegen seiner grossen 
Erudition und conduite weitberühmte Johan von Köchen barth, ein 
uhralter Edelmann auss dem Bisthumb Weilssberg^) und 41tzig jäh- 
riger Syndicus der Stadt Dantzig, welcher zu dreymahl als Ambassadeur 
von den Preussischen Ritterständten und der stadt, an den Grossen 
Held und König von Schweden Gustavum Adolphum ist verschicket 
gewesen und das Glück gehabt, dass Ihre Maj. über 3 stunden lang 
in Dero Gezelte mit ihm in Lateinischer sprachen geredet, und ihm 
dass Zeugnüss gegeben, dass solche 3 gelahrte männer capabel waren, 
gantz Europa mit ihrem Verstände zu bezwingen, wie er den auch 
nachgehends von Höchstgnd. Maj. als deutscher Kantzier ist vociret 
worden, welches er aber seines hohen Alters wegen, alss auch auss 
anderweitigen erheblichen rationibus unterthänigst decliniret. Mein 
Vater, alss der von Jugend auf bei Holfe erzogen, und als page bey 
Ihr Königl. Maj. aufgewartet, ward erstl. zum Hoffjuncker, hernach- 
mahls zum Kamraerherrn, Starosten Kowodworsky und Landbothen 
(eines der Grösten Bedienungen im Königreich Pohlen) gemachet, 
welche ansehnliche Charges er mit solcher reputation und nachruhm 
bekleidet, dass sein Lob im Vaterlande niemahlen ersterben wird, in- 
sonderheit, wie er auf Reichs- und Landtagen die Reformirte Religion 
offtmahls mit gefahr seines lebens und furcht, aller seiner haab und 
guter beraubet zu werden, standhafftig und Heroischer weise ver- 
treten, wie er Kirchen und schulen von seinen eignen mittein unter- 
halten, wie er deren bedienten und in Sonderheit den H. Predigern, 
nicht allein von seinem überfiuss, sondern auch von seinem capital 
gedienet, wie er vertriebene Prediger und Exulanten reichlich be- 
schencket, und wie er endlich selbst, mit seinem gantzen hause ein 
exemplarisches leben geführet. Er hatte zwar nicht einen geringen 
schätz von seinem Vater ererbet, weill er aber auch darnebenst mit 
einem mittleydigem, liberalem und wohlthätigem gemüthe begäbet 
war, alss hat er solches seinem bedürfftigen nechsten wiederumb ge- 
messen lassen, auch vielen Grossen Herren mit seinen mittein wie- 
wohl bissweilen zum nachtheill der seinigen gedienet, biss endlich die 
Reformation 2) in Pohlen entstanden und ihme, weil er ein beständig 
glied Reformirter Religion war, die Starostey, alss seine beste in- 
traden, genommen worden, so dass er nicht mehr, alss seine eigene 
adeliche guter und die Kammerherrschafft übrig behalten, worauf kurz 
hernach der Schwedische Krieg eingefallen, und Zugleich dass ende 



^) Wieder nicht mit Sicherheit zu erkennen; a. a. 0. steht ,,Erm]and". 
-) Soll wohl ,,Gegen-Pveformation" heissen? 



— 58 — 

seines lebens selbst erfolget ist, hintei'Jassende 4 Töchter, wovon die 
be3''de ältesten sehr avantageus verheyrathet wurden, und 2 söhne: 
Ob nun zwar seine meisten Bahrschaften bey dem Königi. Hause 
Sigismundi, und imter vielen Magnaten verstecket waren, so licss er 
unss dennoch ansehnliche Landgüter und sonst andere liegende gründe 
nach; Ihr Königi. Maj. Joannes Casimirus Tertius Glorw. and. be- 
gehreten, wir söhne solten bey der Königi. Hoffstatt, woselbst wir 
pagen waren, vollends erzogen werden, weill aber unsere Vormünder 
der Eeligion halber sich dazu nicht resolviren konnten, alss ward ich, 
der älteste, in meinem 14. jähre nacher Niederland geschicket, die 
Krieges-Exercitia zu erlernen, mein Bruder aber nach dem Chur- 
brandenburgischen Hoffe; die lust war bey mir grösser zu den Studiis 
alss zum Kriege, wesswegen ich dan, weill es Friede in Holland war, 
ohne consens meiner Vormünder zu Groningen unter dem Hr. Profess. 
Ant. Deusingio, zu Leiden unter dem weitberühraten Hr. Profess. Franc. 
Sylvio, und zu Utrecht unter dem Hr. Prof. Henrico Eegio, Collegia 
Anatomica et Medico-practica hielte, insonderheit aber mir, tag und 
nacht, die Principia Cartesiana bekant machete. Nachdem ich also 
5 jähr lang wi.e ein gemeiner soldat gedienet, dem damahligen ersten 
Kriege, wieder den Bischoff von Münster beygewohnet und gesehen, 
dass bey der damahligen Stadischen Regierung kein avancement für 
mir zu hoffen war, ausser dass man mich zuletzt zum gefreyten, 
corporal und Sergeanten gemachet, habe ich permission erhalten, mit 
Sr. Hochgräfl. Excell. dem Hr. Graff Otto Wilhelm von Königsmarck 
nacher Frankreich, und dem Hr. General P'eldmarschall Grafen von 
Dona nacher Engelland, alss damahligen Schwedischen Ambassadeurs 
und zwar en qualite alss Hoffjuncker zu reisen; wie mir der letztere 
in Engelland mit tode abgangen und ich mich wiederum b nach dem 
Hage begeben, haben mich die Kgl. Staten die Charge dess Capitain- 
Lieutenant bey dero Leib-Regiment offeriret; es hat aber Ihro Königi. 
Majt. von Pohlen Joanni Casimire allergnädigst gefallen, mich bald 
darauf auss Niederland zu revociren und mich bey dero garde du 
Corps zu pferde alss Cornet zu bestellen, alss aber Hochstgnäd. Majt. 
dass Königreich sambt der Krohnc resignirten, und ich mich der Re- 
ligion halber Keineswegs resolviren konte, mit ihr nacher Frankreich 
zu gehen, habe ich bey der Election dess Königes Michaelis meine 
Charge selbst niedergeleget und meine erste liebste geheyrathet, mit 
welcher ich wie ein particulier Edelmann auf meinen gütern lebete, 
wiewohl nur 9 monath lang, alss wanehr es Gott dem Herren aller- 
gnädigst gefallen, meine sehr wertheste Liebste im ersten Kindbette 
von meiner seithen zu reissen, welchem Unglücke alsobald noch ein 



— 59 — 

grösseres folgete, indem die Römisch -Catholischen mit Zuziehnng 
meines leiblichen und einigsten Bruders, der kurtz zuvor ein schänd- 
licher Apostata geworden war, mir der Beständigkeit in der Religion 
wegen, mehr alss 6000 rthl. an Landgütern confiscirten; welches mich 
resolviren thäte, mein Vaterland zu quitiren, und mich wiederumb in 
den Krieg zu begeben, gleichwie ich dan darauf in Niederland zum 
Capitain bey dem Polentzischen Regiment bestellet ward, alss aber 
im Weltkündigen blutigen treffen bey Seneff mein Obrister, Major und 
4 Capitains blieben, ich auch selbst nebenst \äelen anderen Officirern 
vom Regiment verwundet und gefangen worden, alss hat man da- 
mahlen resolviret, 130 Compagnien zu reduciren, welchem malheur 
dan meine selbsteigne Compagnie mit unterworffen gewesen, habe 
mich derowegen bey meiner zurückkunfft auss dem französischen Ge- 
fängnüss wie ein voluntair bey Ihr Königi. Hoheit dess Princen von 
Oranien Garde du corps zu pferde etliche monath lang autgehalten, 
bin aber bald darauf bey denen Hochfürstl. Osnabrückischen auxiliair- 
trouppen zum Rittmeister bestallet worden, weill aber die Kgl Staten 
ihre subsidia anderthalb jähr hernach wiederumb einzogen, alss hat 
man mich nebenst anderen Rittmeistern solcher Dienste erlassen. 
AVie ich nun gesehen quod nulla salus hello und dass mir dass glück 
im kriege nicht weiter favorisiren wolte, sondern solche meine beyde 
Compagnien mich fast ruiniret hatten, zudem ich vielen leibes-schwach- 
heiten unterworffen war, so habe nach langer deliberation mich wohl- 
bedächtig resohäret, den Krieg gantz und gar zu quitiren, und mich 
wiederumn ad studia zu begeben, zu welchem ende die berühmten 
Academien in Groningen, Franecker und Leiden besuchete. und nach- 
dem ich daselbst unterschiedliche Collegia privata Anatomica et Me- 
dico-Practica gehalten, alle nova inventa aussgeforschet, denen aller- 
besten principiis unaufhörlich obgelegen und dassjenige in memoriam 
wiederumb revociret, wass ich darinnen vorhin gethan, bin ich darauf 
in mein Vaterland gereiset, den gradum doctoratus ao 1678 den 
26 Novembris in Königsberg angenommen und den folgenden Februarii 
dess Jahres 1679 von jetz giückl. Regierender Königi. Majt. in Pohlen 
mit dem caracter alss Rath und Extraordinairer Leib und Hoffmedicus 
nebenst einer jährlichen pension von 600 rthl auss der Dantziger 
Pfund-Kammer zu geniessen begnadiget worden, weil ich aber die 
Religion nicht changiren wollen, alss hat man mir vor 5 jähren solche 
pension wiederumb entzogen, jedoch dass Höchgnd. Majt. mir den 
einmahl allgdgst deferirten caracter zu führen allgdgst vergönnet. 
Von welcher zeit an, mich lieber resolvien wollen, mein Vaterland, 
alle Königi. Gnade und Hulde, alle hohe bedienungen und Dignitates 



— 60 — 

pateriias sambt allen meinen haab nnd gütern fahren zu lassen und 
tausenterley Wiederwertigkeiten, ungeraach und miserien in der Frembde 
mich zu unterwerffen, alss wider meinen Gott mich schändlich zu 
versündigen, die Göttliche M^ahrheit zu verläugnen, und mein gewissen 
zu beschweren. Es hat aber dem Allerhöchsten biss dato noch nicht 
gefallen, mir einen geruhigen sitz allergdgst zu verleihen. Indessen 
habe unterschiedliche, theils Lateinische, theils deutsche Tractaten in 
die weit spatziren lassen, weill ich aber darin die Wahrheit mit un- 
erschrockener freymüthigkeit, alss ein liebhaber derselben, frey herauss 
geschrieben, die erschröckliche, sowohl in Theorie alss Praxi täglich 
vorlaufende fehler öffentlich mit einer empfindlichen feder gewissen- 
hafftig demonstriret und alles nach denen wahrhafftigsten und ge- 
wissesten principiis eingerichtet, alss hat man mich auf allerhand art 
und weise gesuchet zu verfolgen, zu schmähen und zu lästern; in- 
sonderheit weil man gesehen, dass der Allerhöchste meine cuhren 
dermassen gesegnet, dass ich mit meinem methodo raedendi viel ge- 
schwinder, leichter, sicherer und auf eine gar angenehme, gewissen- 
hafftigere und christlichere weise wie andere fortkommen können, 
wiewohl ich nicht zweifele, dass alle diejenige, welche mit einem un- 
partheyischen und von aller praeoccupation befreyten gemüthe, meine 
Tractaten durchzulesen sich belieben möchten, mir ohnfehlbarlich zu- 
stimmen werden. Dieses ist demnach, Hoch Edler, Hoch- und Wohl- 
weiser Herr Praesident, der lauft' meiner irdischen wanderschafft, 
welche darumb Ew. Magnif. etwass weitläuffig beyführen wollen, da- 
mit man von meiner persohn, leben und wandet ein wenig möge in- 
forrairet sein, weill ein jeder der etwass newes oder ungewöhnliches 
an den Tag bringet, gemeinigl. auch an allen orthen seine Verächter, 
Verläumbder, Missgönner oder aufs wenigste übel wollende menschen 
findet. Die ührsache aber, warumb mich jetzo in dieser weitbe- 
rühmten Stadt aufhalte, ist nur eine private Intention, umb meinem 
im Gerichte Achem, von Meiner jetzigen Liebsten wegen, alss einer 
auss dem bekanten Adelichen Hause derer von Sandbeck entsprossenen, 
mir zugefallenen erbschafft, und vor dem Königi. Hofgerichte in Stade 
desswegen schwebenden processe, desto füglicher abzuwarten, und 
dabey das exercitium religionis ungehindert zu treiben. Diese meine 
Gegenwart hatte vielleicht newlich die beyde weitberühmte Hr. 
Physicos dieser Stadt veranlasset, einige ombrage zu schöpfen, 
alss ob ich gesonnen were, alhir praxin zu exerciren, wesswegen 
dieselbe dan vor 8 tagen mich zu sich bitten lassen, theils meine 
eigentliche Intention von mir zu vernehmen, theils auch anzu- 
deuten, wie dass ihre statuta und leges erforderten, dass ein 



— 61 — 

newer ankommender Mediciis mit annchmilng dess bürgcr-Rechts 
sich allem dem unterwerffen müsse, welches solche Sancita (?) im 
mmide führeten, weil ich aber wohlgemelten Hr. Physicis antwortl. 
hinterbrachte, wie ich noch zur Zeit mich nicht resolviret hatte, all- 
hier fixiim domicilium zu nehmen, sondern nur privater affaires halber 
mich alhir aufhielte, alss hoffe ich, sie werden darin solange, acquies- 
ciren können, biss ich andere mesures nehmen möchte, indessen aber 
zweifelte nicht, wan ich mich ja entschliessen solte, alhir zu prati- 
siren, dass man mich meiner uhralten adelichen Extraction und dess 
annoch führenden characters, alss Königi. Rathes und Hoff-Medici 
gemäss consideriren und tractiren würde, alss welche considerationes 
unmöglich zulassen könten, dass bürgerrecht zu acceptiren oder eines 
erstl. yon der Academie kommenden Doctoris gleich geachtet zu 
werden, und verwunderte ich mich nicht wenig, dass ein hochlöbl. 
Collegium medicum solche leges und statuta hätte, welche man 
sonsteli bey anderen Zünfften oder Gilden observiret; der härteste 
punct aber von allen duncket mich dieser zu sein, dass ein Medicus 
sich obligiren solte, seine durch vielfältige reisen und langwieriger 
experience zuwege gebrachte und auf festen principiis und rationibus 
gegründete Specifica oder arcana auss den Apotheken zu praescri- 
biren. Zu welchem puncte niemahlen würde resolviren können, weiss 
auch nicht, ob ein gewissenhaffter und Gottesfürchtiger Medicus dar- 
zu könte constringiret werden, sintemahl mit tausent exempeln zu be- 
weisen ist, (jedoch den guten nicht zu nahe gesprochen) wass grosse 
fauten offtmahls von der H. Apotheker Bedienten begangen werden, 
da sie wider ihren gethanen eydt und pflicht die in den recepten 
praescribirte medicamenta nicht allein sinistre praepariren, quid pro 
quo nehmen, sondern auch alte, verdorbene, verschimmelte Simplicia, 
die weder geruch noch geschmack haben, adhibiren, wodurch dan 
mancher brafer Practicus nicht ohne erhebliche raisons uhrsache hat, 
sich zu entsetzen, wan er siehet, dass ein medicament den effect 
nicht leiste, den er sich daran versichert, ihm bewusst ist und sonsten 
zu thun pfleget, so dass ein Religieuser und vorsichtiger medicus, 
wan er sein gewissen von bluthschulden befreien wil, nicht besser 
thun kan, alss dass er diejenige medicamenten, woran ihm amraeisten 
gelegen, selbst praeparire. 

Nun ich will Ew. Magnif. nicht länger incommodiren, bitte ge- 
horsahmst um Vergebung dass ich die grentzen der Höfflichkeit über- 
schritten und dero Hochgeneigte Audience missbrauchet. Ew. Magnif. 
werden Dero Diener eine der Grössten faveurs widerfahren lassen, 
wan Sie werden so gütig sein, und E. HochEdlen, Hoch und Wohlw. 



— 62 — 

Rath meine wenige pcrsohn bey in.sinuatinn beygehend geringen 
tractätl wie eines Standhafftigsten Gliedes Reformirter Religion und 
unaufhörlichen admiratoris dero überauss schönen und Hochlöbl. Re- 
gierung bester massen recommendiren wollen. 

Wünschend dieser Illustren Republique alles florisante bestän- 
digste vvohlwesen, empfehle mich en particulier Ew. Magnif. Hoher 
affcction und verharre lebenslang mit allem respect und obeissance 

Ew. Magnificentz 

Gehorsahmster 
ünterthäniger 
Diener 
Janus Abrahamus a Gehema 
Eques et Indigena Pol: S. R. M. 
Polon. Consil. et Archiatr. Extr. ord. 

Der vorstehende Brief, eine der Schrift nach ziemlich gleich- 
zeitige Kopie des jetzt nicht mehr vorhandenen Originals, befindet 
sich bei den Akten des Senates von Bremen und wurde hier in der 
Akte: „dem Senate dedizirte Bücher" von dem Archivar, Dr. W. 
von Bippen, gefunden ^j. Die Bemerkungen am unteren Rande der 
ersten Seite enthalten eine Art von Inhaltsverzeichniss und die Notiz, 
dass diese Kopie aus dem Besitze Dwerhagen's in den des Rathes 
übergegangen ist. Dwerhagen war aber von 1697 bis 1717 Bürger- 
meister. Dass Gehema, der schon 1687 (s. o.) in Bremen war 
und schon 1686 den Bremer Rathsherren ein Traktätlein dedizirte, 
damals noch in Bremen war, hält von Bippen mit Recht für un- 



^) Er hatte sich auf meine Bitte dieser mühsamen Arbeit unterzogen ; in der 
Bremer Stadtbibliothek fand sich Nichts. In den Akten: ,,Aerzte und Wundärzte" 
war G. auch nicht erwähnt, ebenso wurden die RathsprotokoUe aus den Jahren 
1681 bis 1703 vergeblich nach einer Notiz über G. durchsucht. Um so werthvoller 
ist obiger Brief und ich möchte nicht unterlassen, auch an dieser Stelle Herrn Dr. 
W, von Bippen für seine freundliche Hülfe meinen besten Dank auszusprechen. 
— In der ,,Brema literata, olim ab Anno 1708 et hodie ad Annum 1714 vivens 
et ilorens" (nach der Vorrede und einem Lobgedicht von einem Medikus verfasst) 
ist Herm. Dwerhagen erwähnt als Electus in Senatum 1681 den 23. April, 
Electus ad Consulatum 1696 d. 27. Maji, y 1718, 1. Dec. Er kann also Gehema's 
Brief noch als Senator bekommen haben. Dieselben Angaben finden sich in einem 
alten Manuskript, dem ,,Verzeichnüsse, was in Anno 1600 vor Burgerm eistere ge- 
lebet und welche Herren zu der Zeit mit denselben in eines jeden Quartier zur 
ehrbaren Wittheit und zu Rechte gesessen." Es enthält auch einen Catal. Doct. 
Med. qui Saec. XVI, XVII u. XVIII Bremae vel viverunt vel ibidem nati, adjectis 
plerorumque Inaugur. disput., diebus natalibus et annis obitus. Ich habe auch 
darin vergebens nach dem Namen Gehema gesucht. 



— 63 — 

wahrscheinlich: er kann wenigstens nicht als Arzt so lange dort ge- 
blieben sein. Als er den Brief schrieb, hatte er nocli keinen „ge- 
ruhigen Sitz"; eine Erbschaftsangelegenheit seiner dritten Gattin, 
einer geborenen von San db eck, hatte ihn nach Bremen geführt. 
Dass er hier, um zu „practisiren", das Bürgerrecht erwerben sollte, 
gefiel dem Polnischen Edelmann nicht: dass er sich verpflichten 
sollte, alle Medikamente aus den Apotheken zu verschreiben und 
nichts selbst herzustellen, war ihm noch mehr zu^^^der. Trotz alle- 
dem geht aus dem langen Briefe mit seinen ausführlichen Familien- 
Nachrichten, der genauen Beschreibung seiner persönlichen Erlebnisse 
und Verdienste, der eingehenden Besprechung der genannten Schwie- 
rigkeiten doch hervor, dass G. nicht nur seine Schrift, sondern auch 
sich selbst bei den Stadtvätern „insinuiren" wollte und gerne in 
Bremen geblieben wäre. Etwas Bestimmtes lässt sich darüber auch 
aus seinen übrigen Schriften nicht entnehmen; auch giebt der Brief 
leider keine Auskunft über die Zeit zwischen 1680 und 1686, die 
wieder eine sehr unruhige Wanderzeit gewesen zu sein scheint. 

K estner behauptet sogar in seinem Gelehrten-Lexikon (1740) 
G. habe sich meistens in Bremen aufgehalten. 

Janus (Johann, Jan, Janusz) Abraham ä Gehema (Geheme) 
stammte aus einer alten Danziger Patrizierfamilie. Sein Grossvater, 
Jacob Jacobson, war der reformirten Religion wegen von Alba 
aus Holland vertrieben, nach Danzig gekommen und hier von Sigis- 
mund III. mit dem Beinamen: „von Geheme" geadelt; seine 
Grossmutter väterlicher Seits war eine geborene von Dahlen. Der 
Vater, Abraham ä Gehema, war Starost und polnischer Kammer- 
herr, seine Mutter, Virginia geb. von Köchenbarth, wurde wegen 
ihrer ausgezeichneten Geistesgaben von Martin Opitz als zehnte 
Muse besungen: 

„Neune zählt man vor der Zeit, 

Sie macht, dass ihr zehen seid!" 

Sie starb im Jahre 1655, als Janus 8 Jahre alt war, nachdem sie 

ihn in der Gottesfurcht, im Lesen und Schreiben unterrichtet hatte i). 



^) S. V. Werner, Moller, Küster u. A.. sowie Gehema's Vorrede zur 
vernunftmässigen Kinderzucht. — Kestner nennt ihn nur ,;einen Pohlnischen 
Ritter und Königl. Leib-Medicus, der gegen Ausgang des 17. Saeculi florirte". — 
Dass sein Grossvater mütterlicherseits, Köchenbarth, lange Jahre Syndicus der 
Stadt Danzig war, erzählt G. auch in der Schrift: Der beste Zeitvertreib (s. u.). 
In der 5. Observ. med. (s. u.) berichtet er, dass seine ..matertera charissima, die 
nobilissima matrona Eleonora Köchenbartiana" alle intermittirenden Fieber 
,,wie es schien- durch eifriges Gebet geheilt habe. 



— 64 — 

In einem Briefe, den v. Werner ('s. o.i mittheilr, giebr G. selbst an, 
am 12. Jnni 16-47 geboren zu sein und in Danzig die Schule 
St. Petri und Pauli unter dem berühmten Moeresius besucht zu 
haben. — Als der Sehwedische Krieg einbrach (unter Job. Casimir, 
Schlacht bei Warschau 1656). nach der Vorrede zur „Vernunft- 
massigen Kinderzucht" (s. u.), als der Frieden geschlossen war, starb 
sein Vater, nach dem Briefe bei v. Werner, im Jahre 1660. Janus 
war damals 14: Jahre alt und wurde trotz seiner Lust zum Studiimi 
„nach dem gemeinen Schlentrian" seinem Stande gemäss erzogen. 

Nach .Joe eher 's Allgem. Gelehrten-Lexikon, Leipzig, 1750, war er Anfangs 
zum Studium, nach des Vaters Tode aber von seinen Vormündern zur Oekonomie 
angehalten. Er wurde aber bald nach Holland geschickt, um hier Kriegsdienste 
zu nehmen. Aehnlich in der Biogr. med. Paris. 1821, wo er: Gehema ou 
Gehma (.Jean Abraham de), Chevalier et medecin polonais genannt wird. Haller 
bezeichnet ihn in seiner Bibl. chir. Bern u. Basel. 1744 als: Medicus regis 
Poloniae, Cartesianae sectae addictissimus. — (In .Joe eher 's compendiösem 
Gelehrten-Lexikon, dessen 3. Auflage in Leipzig 1733 erschien, wird G. gar nicht 
erwähnt.) 

In dem Briefe v. Wem er 's berichtet G., dass er mit seinem 
Hofmeister nach Holland geschickt sei, „theils auf der Universität 
zu Leiden zu studiren, theils die Pique unter der Herren Staaten 
Guarde zu tragen". Nach dem Bremer Briefe und der Vorrede zur 
Vernunfftmässigen Kinderzucht „wurde er persuadiret dem Kalbfell 
zu folgen" und studirte heimlich in seiner freien Zeit. Jedenfalls hat 
er von der Pike auf gedient; er war „als gemeiner Soldat; Unter- 
offizier, Capitain und Rittmeister mitgelanffen"; aber, der gewöhn- 
lichen Annahme 1) entgegen, wahrscheinlich gar nicht unter chur- 
brandenburgischen, sondern den polnischen, niederländischen. Osna- 
brück"schen Truppen. — Er blieb 5 Jahre in Holland und benutzte 
die Zeiten der Ruhe, um in Groeningen, Leiden und Utrecht 
Philosophie und 31edizin zu studiren. Diese Universitäten hatten in 
den Zeiten des Grossen Kurfürsten, wie alles Holländische, einen 
ganz besonders guten Ruf^). Gehema nennt sich oft mit Stolz 
einen Schüler des H. Regius, Fr. Sylvius und Anhänger der Lehren 
des Cartesius (Observ. chir. decas. Hamb. 1686 u. Frankf. 1650. 
S. 20 u. a. a. 0.). — Nach diesen 5 Jahren, also ungefähr 1665, 



1) H. V. Richthofen. Die Medizinal-Einrichtungen des Königl. Preuss. 
Heeres. Breslau 1836, u. a. a. 0. 

^) Vergl. dazu Oskar Schwebet, Renaissance und Rocoeco, Abhdlg. zur 
Kulturgeschichte der Deutschen Reichshauptstadt. Minden i. \\. 1884. S. 276, 
und P. D. Seyler, Leben und Thaten Friedrich Wilhelms des Grossen Kurfürsten, 
Frankf. u. Leipzig (ohne Jahresangabe, gegen 1730 erschienen). 



— ß5 — 

reiste er als Hofjuiikei' mit den schwedischen Gesandten, Grafen 
von Dohna und Königsmarck, nach England und Frankreich. 
Nach seiner Rückkehr wurde er Cornet bei den Gardes du corps zu 
Pferde des Königs Casimir, nahm, als dieser die Regierung nieder- 
legte (1669, s. Seyler, S. 89), seinen Abschied, heirathete 1670 
(oder noch 1669?) die Jungfer Catharina Rudigerin und lebte 
ein Jahr auf seinem Gute Birkenfeld i. Pr. (Bis hierher reicht der 
von V. Werner aufgefundene Brief Gelienia's.j Da starb die Frau, 
und Gehema, hart bedrcängt und schliesslich seiner Güter beraubt 
durch die Umtriebe der katholischen Partei, verliess sein Vaterland 
und ging 1671 von Neuem zur Armee nach Holland. In der Schlacht 
bei Sennef (1674, s. Bern er, Geschichte des Preussischen Staates, 
S. 192) wurde er als Kapitain beim Polentz'schen Regiment ver- 
wundet und gefangen. In dieser Schlacht, die beide Parteien als Sieg 
beanspruchen, wurden \on den Alliirten 5000 theils getödtet, theils 
gefangen, von den Franzosen sollen 500 Offiziere und 6000 Gemeine 
auf dem Platze geblieben und 400 gefangen sein^). Bald wieder 
ausgelöst, diente G. unter dem Prinzen von Oranien und dann als 
Rittmeister bei den -Osnabrück'schen Hülfstrnppen, bis diese reduzirt 
und er nebst anderen Rittmeistern entlassen wurde. 

Jetzt wandte sich Gehema, des "Waifenhandwerks müde, wieder 
zur Medizin, studirte in Groeningen, Franecker und Leiden, promo- 
virte in Königsberg i. J. 1678 -), also im Alter von 31 Jahren, 
heirathete seine zweite Frau, Elisabeth Bronkhorst (n. d. Preuss. Liefe- 
rung; und wurde im folgenden Jahre Polnischer Rath, Leib- und Hof- 
medicus. Da er immer wieder standhaft sich weigerte, zur katholi- 
schen Rehgion überzutreten, nahm man ihm nach wenigen Jahren das 
mit dieser Stellung verbundene Gehalt von 600 Rthl. ; der Titel wurde 
ihm gelassen. Das geschah 5 Jahre vor Abfassung des Bremer 
Briefes; da die ersten Observ. med. i. J. 1686 erschienen, muss es 



^) Nach dem ,, Grossen vollständigen Universal-Lexikon". Leipzig und 
Halle 1735. 

-) Nach dem Bremer Briefe; in der ,, Preussischen Lieferung" und danach 
bei Küster (III. 605) wird ohne nähere Begründung 1681 angegeben und be- 
hauptet, er habe schon 1678 in Groeningen praktizirt. — Nach freundlicher Aus- 
kunft der Universitätsbibliothek in Königsberg befindet sich dort Nichts von 
Gehema, auch seine Dissertation nicht. Geordnet wurden hier die Dissertationen 
erst seit dem .J. 1817. — Eine Stelle in der „Eroberten Gicht", die 1683 erschien, 
deutet auf einen Aufenthalt in Groeningen 1779; er sagt dort, dass er ,,vor 
4 .Jahren" in Gr. eine Frau durch die Moxa von heftigen Zahnschmerzen befreit 
habe (S. 102). Aus einer anderen Stelle (S. 87) geht hervor, dass er in Gr. schon 
1777 Versuche mit der Moxa angestellt hat. 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-SanitiUsw, 13. Heft. x 



— CCi — 

ungefähr i. J. 1680 gewesen sein. Lin diesen unaufhörlichen Be- 
drückungen und Enttäuschungen zu entgehen, entschloss sich Gehema, 
wieder in die Fremde zu ziehen; wir finden ihn schon in demselben 
Jahre als Arzt in Groeningen (Observ. p. 17 und 23). Ausserdem 
suchte er, der Sitte der Zeit entsprechend, seine Kenntnisse durch 
den Besuch fremder Universitäten und durch eine ausgedehnte Korre- 
spondenz mit gelehrten Männern zu erweitern. 

In den ältesten Qaellen über G. ist von diesen religiösen Käiupfeu Xichts 
erwähnt. In der Preuss. Lieferung heisst es. er habe sich wohl durch seine 
Schrift De plica polonica missliebig gemachtj sei auch mehr als Edelmann und 
weniger als Arzt bekannt gewesen. Es lässt sich aber aus G.'s Schriften nach- 
weisen, dass der Verf. der ,.Lieferung" sogut, wie der nächste Autor, von 
Werner, in manchen Punkten irrthümliche Angaben gemacht haben. 

Eine Erinnerung an Paris stammr wohl noch aus seiner Sol- 
datenzeit (s. 0.): Vidi tamen Eutetiis Parisiorum, Patrem ordinis 
Jesuitorum, a monacho quodam hoc modo ex hydrope restitutum 
(Obs. p. 25). Die Obs. II stammt aus Elbing; die Obs. VIII be- 
trifft den Diener eines dänischen Fürsten (Dysenterie, Sektion). 
Auch sprii-ht er hier Q686) schon von ärztlichen Beobachtungen in 
castris, erzählt, dass er in England die Phthysin endemicam cum 
aliis Practicis beobachtet habe, berichtet 1682 von seiner jüngsten 
Anwesenheit in Oldenburg und seinem Verkehr mit den dortigen 
Chirurgen, und ebenda (5. Observ. chir.) meder von einem dänischen 
General, sowie von einer Beobachtung in Hamburg „vor 2 Jahren". 
Im Jahre 1683 war er auf der Durchreise nach Hamburg kurze Zeit 
in Berlin. In Hamburg lebte er „gleichsam nur iueognito". Briefe 
waren an den Buchhändler Gotfr. Schulz zu richten. (Die eroberte 
Gicht, S. -iß u. 106). — Sicher ist er, wie aus dem Bremer Briefe 
und der VoiTede zu den Observ. med. hervorgeht, i. J. 1686 einer 
privaten Angelegenheit wegen nach Bremen gereist: die beiden Briefe 
an Dolaeus (s. o.) sind ebenfalls aus Bremen datirt und zwar vom 
J. 1687 und 1688. Inzwischen muss er zum 3. Mal geheirathet 
haben, denn er nennt als seine Frau in dem Bremer Briefe eine geb. 
von Sandbeck. 

Die Zeit von 1680 bis 1686 ist nicht ganz aufzuklären; die 
Preussische Lieferung sagt, er möge wohl im Felde, da er mehr 
Bekannte hatte, als anderswo, sein Heil versucht haben: v. "Werner 
und Küster sagen nichts über diese Zeit; Moller^j berichtet: Hujus 
praxi non in Polonia, sed in Holsatia in qua Medicum cohortium 



^) Cimbria literata. Hauniae 1744. 



— ill — 

aliquot Danicarum per aniios complnres egit castrensera. iirbe Ham- 
burgensi, aulisque Güstroviensi et Berolinensi inclaruit. Diese Xach- 
richt wiederholt Matthiae^) in seinem Lexikon, ebenso Joecher. Es 
ist möglich, dass er einige Jahre dänischer Feldarzt war, aber merk- 
würdig, dass er in dem Bremer Briefe und auch sonst garnichts da- 
von sagt. Als er in Bremen war, hatte der 40jährige „bis dato 
noch keinen geruhigen Sitz gehabt". Im Winter 1682/83 scheint er 
in Hamburg gewesen zu sein; wenigstens schreibt Bontekoe. der 
sich von ihm hintergangen glaubte, 1683 in einem boshaften Briefe 
an Martin AYeise: Iste homo. si modo homo apellari meretur, adeo 
pessime vixit, ut primum bona sua omnia decoxerit; deinde hie et 
illic vagabundus praetcrita hieme Hamburgi commoratus sit u.s.w. 
Auf eine Zeit in dänischen Diensten lassen einige der oben genannten 
Beobachtungen, sowie der Brief über die Gicht an den dänischen 
Kanzler von Ahlefeld und der über die heutigen Arcana antipoda- 
grica an den Grafen von Rantzau schliessen. 

Im Jahre 1688 wurde er Hofmedicus des Herzogs Gustav 
Adolf von Mecklenburg-Güstrow, mit dem Wohnsitz in Rostock. 
Die „Bestallung" vom 7. April 1691 ist bei v. Werner mitgetheilt-). 
Hier blieb G. bis zum Tode des Herzogs, 1695. Er hatte inzwischen 
(1689, s. Preuss. Lieferung) zum 4. Male geheirathet, und zwar 
Agnes Lucia Senst, die Tochter des Pfarrers in Güstrow. Nach 
Berlin kam er als Hofmedicus des Kurfürsten Friedrich III. (siehe 
Küster HI. S. 282 1. Hier werden die alten Quellen wieder trübe, 
und zwar durch einen Irrthum MoUer's, der sich durch die späteren 
Lexica u. s. w. wie eine ewige Krankheit forterbt und die grössten 
Schwierigkeiten verursacht hat. 

Moller sagt: „Fiscalisque simul in Acaderaia scientiarum Heral- 
dici fungi jussus officio"; darauf Mathiae: „unaque fiscalis Heraldi- 
cus in Scientiarum Aead.-; Joecher macht ihn zum Leibmedicus und 
sagt, es sei ihm daneben das Amt des Fiscalis heraldicus bey der 
Akademie der Wissenschaften aufgetragen. Auch Tolkemit (siehe 
Küster) nennt ihn ..Wapen-König beim Collegio der Wissenschaften". 
Aehnliche Angaben finden sich in der Biogr. med. u. s. w. AVenn 
man aber den Bericht über die Konstituirung der Societas Scien- 
tiarum und den Catalogus membrorum, der vom Stiftungsjahre 
1700 bis zum Jahre 1711 reicht, durchsucht, findet man den Namen 



^) Conspectus historiae medicorum chronologicus. Göttingen 1761. 
^) Im , .Ermunterten Heerhold-- 1703 sagt G. S. 29, dass er einige Jahre 
lang Seiner Hochfürstl. Durchl. Herrn Gustavi Adolphi, Hertzogen zu Meclden- 

burg-Gustrow. Leib- und Hoff-Medicus se-wesen sei. 



— fi8 — 

Gclicina iiar nicht rrwähiit. Audi in den übriucii Akicn dvv Aka- 
(leniio sucJiten Geh.-R. Waldeyer und Prof. Harnack, die sicli in 
freundlichster Weise um diese Personalfrage bemühten, den Namen 
vergebens. Letzterer fand nur einen mit ..Gehema" (ohne Vor- 
namen) unterschriebeiien Zettek auf dem ein Voi'.sclilag wegen eines 
Siegels für die in der Gründung begriffene Sozietät niedergeschrieben 
ist; der Zettel stammt also aus dem Jahre 1700. Daneben steht 
von Cuneau's Hand: „Ein ungefordertes Project". Cuneau (im 
Catalogus mombrorum: Cliuno. Consiliarius et Archivarius Reg. Berol.) 
war neben Leibnitz und dem Ilofprediger Jablonski die Seele der 
neuen Stiftung. Für das Siegel wurde ein Vorschlag von Leibnitz 
angenommen. Von einem Titel: ..Fiscalis heraJdicas^- findet sich 
weder in den Akten der Akademie, noch in dem oben erwähnten 
Berichte eine Spur. 

Und doch wat Janus Abraham ä Gehema „Fiscalis 
heraldicus", aber nicht, wie Moller und seine Nachfolger meinten, 
bei der Societas Scientiarum, sondern bei dem vom König Friedrich 1. 
geschaffenen Herolds-Amte! A. Seyleri) erzählt von dem Wappen- 
fiscal von G., dass er, 1695 nach Berlin gekommen, manche Ver- 
suche gemacht habe, dem Hofe seine heraldischen Kenntnisse zu 
zeigen. Die Reinschrift des „Ermunterten Heerholds" (im Be- 
sitze von A. Seyler), zwischen 1699 und 1701 eingereicht, war dem 
allmächtigen Minister von "Wartenberg, die 1703 zuerst im Druck 
erschienene Schrift aber dem Könige selbst gewidmet 2). Hier erfahren 
wir, wie der 53 Jahre alte Medicus dazu kam. sich für Heraldik zu 
interessiren. Sein uraltes Familienwappen, ein roth und gold ge- 
theilter Schild mit eines weissen Adlers Flügel und Schenkel, hatte 
sein Vater ändern wollen, Hess es aber nach vielen Berathungen mit 
dem in diesen Dingen berühmten Hofmarschall des Grafen von Dfn- 
hoff bei der alten Visirung. Das gab dem juiigen G. Veranlassung, 
als er vor 30 Jahren als Capitain in den Niederlanden war, sich mit 
den berühmtesten Brabanter Herolden bekannt zu machen. Er kommt 
zu dem Schluss, grosse Herren müssen Heerholde anstellen. Er 
selbst fing vor 4 Jahren, also 1699. ein Colleg. Heraldicum an. zu 



1) Geschichte der Heraldik. Nürnb. 1885/89. S. 627. 

^) Schon Küster scheint das Buch selbst nicht gesehen zu haben: es ist 
ihm belcannt unter dem Titel: ,, Aufmunterung zu der alten Heroldskunst". B. 
1706. — A. Seyler bemühte sich vergebens, ein Exemplar der Druckschrift zu 
ermitteln, ich bekam es aus der Bibliothek in Wolfenbüttel (s. u.); es ist von 
1703, aber nicht dem Könige, sondern den Hertzogen von Braunschw. -Lüneburg 
gewidmet. 



— 69 — 

dem sich aber zu seiner nicht geringen Venvuuderung bisher noch gar 
wenige, nach der Vorrede zum „Ermunterten Heerhold" keine Zu- 
hörer angegeben. Deshalb sandte er 1703 an den Wappen-Herold 
des Ordens znm »Schwarzen Adler, Marschall von Bieberstein, 
eine Schrift über eine Kurtze und Leichte Methode, Cavalieren die 
Heerholdskunst in einem monath beyzubringen (s. u.). In derselben 
Zeit hatte er seine genealogischen Tabellen erscheinen lassen, um von 
der Heraldik eine oberflächliche Kenntniss zu geben*). 

Im Jahre 1703 wurde er dann zum „Königl. "Wappenfiskal 
(fiscal is des armes") mit 200 Rthl. Gehalt ernannt. 

Schon 1702 hatte er den Auftrag erhalten, Vorschläge für die 
Errichtung eines Oberheroldsamtes oder einer AVappen-Kammer nnd 
für die "Würde eines Oberheroldsmeisters auszuarbeiten. 31it den von 
G. gemachten Vorschlägen (Akten des Oberheroldsamts im König!. 
Geh. Staats-Archiv) war der König im Ganzen einverstanden. 

In der Denkschrift über das König]. Wappen (s. u.) beklagt er 
sich über zu wenig Berücksichtigung; vielfach beschäftigte er sich 
damit, unverlangte Gutachten über heraldische Fragen zu erstatten, 
— wie auch das erwähnte „ungeforderte Project" eines Siegels für 
die Sozietät der Wissenschaften beweist. Er verfasste noch seine 
dubia in dem Mecklenburgischen AVappen und trat in demselben 
Jahre (1709) mit Königi. Erlaubniss seine Stelle an Jac. Roleder ab, 
nannte sich aber noch in einem Schreiben von Schwerin nach üanzig 
aus dem Jahre 1713: „Des Königes in Preussen Oberherold, ausge- 
dienten Rath und Hofarzt von Hause aus". 

Gehema hatte im Jahre 1711 wieder geheirathet; zum 5., 6. 
oder 7. Mal? AVir sahen aus der Preuss. Lieferung, dass er 1670 
Cath. Rudiger, 1679 Elisab. Bronkhorst und 1689 Lucia 
Senst geheirathet hatte; wir wissen aber auch aus dem Bremer 
Briefe, dass zwischen die beiden letzten noch eine geb. von Sand- 
beck einzuschalten ist. 1711 heirathete er Eleonore Jacobi, 
Tochter des Oberzinsenmeisters in Ruppin, die ihn überlebte und von 
der V. AA'erner verschiedene wichtige Mittheilungen bekam, unter an- 
deren aber auch die, dass G. mit ihrer A^orgängerin, seiner, wie sie 
sagt, vierten Frau, die übrigens unbekannt geblieben ist, 6 Kinder, 
2 Söhne und 4 Töchter, gezeugt habe, die v. AVerner nach ihren 
Angaben aufzählt. Im Jahre 1691. als G. seine vernunfftmässiac 



') Bei Küster, III, S. 282, wird G. als Hof-Medicus und S. 307 unter den 
,,Ober-Heralds-Ilätlien" aufgefülirt. Das Ober-Herolds- oder Heralds-Amt ver- 
sammelte sich im Königi. Collegien-Hause in der Breiten, Strasse. Seit 1713 ein- 
gegangen. (S. auch König, IV, S. 11). 



— 70 — 

Kinderzucht herausirab, hatte er noch keine Kinder; drei Söhne waren, 
wie er in der Vorrede erzählt, in zartem Alter gestorben. Folglich 
müssen wir zwischen der geb. Senst (1689) und Jacobi (1711) 
noch die 6. Frau, die einzige, von der Kinder blieben, einschieben, 
da die beiden genannten kinderlos waren. 

V\\e ein bei v. Werner mitgetheiltes, von I). Müller und 
Mevius unterschriebenes Attest beweist, ist Gehema, als er 1714 
nach Danzig reisen wollte, in Stettin wegen eines vorhin geschehenen 
Falles von einem Yoraitu cruento incommodirt worden, 1/4 Jahr bett- 
lägerig gewesen und im März 1715, im Alter von 68 Jahren, ge- 
storben. 

Gehema hatte als Soldat 11 Feldzüge mitgemacht i; und war 
deshalb; wie kaum ein Anderer, durch seine reichen Erfahrungen be- 
fähigt und berechtigt; dir- damaligen Heeressanitätseiurichrungen zu 
beurtheilen; dieses Urtheil war aber so scharf und hart, dass er in 
der Vorrede zu seinem uns hauptsächlich interessirenden "Werke -Der 
kranke Soldat" die Hohen Häupter und Grossen Generale um Ver- 
zeihung bittet, „wenn er seine Meinung frey heraus und ohne einige 
flatterie vor sich sagen werde-. Der traurige Gesundheitszustand 
der Armee, die, oft ohne vor den Feind gekommen zu sein, doch so 
\iele „brafe Offizirer und Soldaten" verlieren musste. hat nach ihm 
3 Ursachen ; erstens waren viel zu wenig Medici angestellt, nur einer 
bei einer Armee von 20000—30000 Mann, zweitens taugte der In- 
halt der sogenannten Feldkasten gar Nichts, und drittens waren die 
Kompagnie- und oft auch die Regiments-Feldscheerer unwissende, un- 
erfahrene und unbrauchbare Subjekte. AVar ihnen einmal eine Kur 
gelmigen. dann wurden sie weiter rekommandirt, und so schlich sich 
der Missbrauch, dass die Feldscheerer auch innerlich kurirten, immer 
weiter ein. „Rechtschaffene und gewissenhafte Chirurgi sollen billig 
sich aller innerlichen Kuren begeben und nichts, me sehr sie auch 
von den Offizieren dazu genöthiget, persuadiret und forciret werden 
möchten, sich unternehmen, sondern lieber zu Befreiung ihres Ge- 
mssens und ihren guten Namen nicht in Gefahr zu setzen, in allen 
und jeden Krankheiten, sie mögen ihnen auch so leicht fürkommen, 
wie sie immermelir wollen, erfahrne Aledicos consultireu und solchen 
die Kur überlassen, als welche dieses Handwerk besser verstehen. 



^) So sagt er im ,,Vertheidigten reformirten Apotheker", S. 105: ,,ünd wan 
dieser nasen-weisse Refatator eilff Campagnen oder Feldzügen beygewolinet hätte, 
wie ich" . . ., und auf S. 109: ,, Hätte dieser Schulfuchs und Erbgesesseue vom 
Tannenbaum so viel Kugeln und Granaten im Felde fliegen gesehen, als ich uml 
meinesgleichen" . . . 



— 71 — 

wie sie." Gehema weiss sehr wohl, dass viele Offiziere aus Spar- 
samkeit den Medicus nicht rufen lassen, sondern sich bei einem Feld- 
scheerer in Behandlung geben, der dann ebenso geschickt dazu ist, 
„als ein Esel zu tanzen". Er weiss aber auch, dass das üebelstände 
sind, die nur durch eine Vermehrung der Feld-Medici, oder durch 
eine bessere Ausbildung der Feldscheerer aufgehoben werden können. 
Und hier müssen wir seinen weiten Blick, sein tiefes Verständniss 
für die Kriegsheilkunde bewundern; die Verbesserungen, die er an- 
strebte und vorschlug, mit denen er aber seiner Zeit weit voraus war, 
sind im Grossen und Ganzen dieselben, die 100 Jahre später nach 
unendlichen Mühen und Kämpfen eingeführt wurden. Auf Staats- 
kosten sollten die angehenden Feldscheerer, die aber wenigstens La- 
tein verstehen müssten, von gelehrten Professoribus und Doctoribus 
in der Anatomie und Chirurgie theoretisch unterwiesen und dann 
einem wohlerfahrenen Chirurgen zur praktischen Ausbildung übergeben 
werden, so könne man die Chirurgie mit der Medizin wieder 
vereinigen. Aehnliche Vorschläge macht er in der Vorrede zu den 
Observ. chirurg. für die Chirurgen im Allgemeinen; sie sollen die 
Chirurgie wirklich studiren, und ebenso die Medizin; man bilde sich 
nur ein, dass beide separiret wären. „Wann auff solche Weise die 
Chirurgie exerciret würde, so wäre nicht zu zweifeln, man solte sich 
nicht mehr über die Unwissenheit so vieler Chirurgorum und Feld- 
scheerer zu beschweren haben." Die Feldscheerer müssten aber dann 
auch von dem ßartscheeren befreit, und dafür, sowie für das Paruquen 
machen, Haare kräuseln u. s. w. besondere Barbierer angestellt werden. 
Bessere Stellung auf Grund besserer Vorbildung und er- 
höhter Leistungen — das ist seit Gehema's Mahnruf das Fun- 
dament für alle auf die Hebung des militärärztlichen Standes ge- 
richteten Bestrebungen gewesen. 

Plan und Inhalt seines Hauptwerkes, des „Kranken Soldaten", 
in seiner wahrhaft idealen Tendenz geht am besten aus Folgendem 
hervor: Um den Offizieren zu zeigen, wie wenig sie ihren Soldaten 
gegenüber die Pflichten der Menschlichkeit erfüllten, schildert er in 
beredten Worten das Elend des erkrankten Soldaten, des armen, in 
der Fremde von Vater und Mutter und allen seinen Blutsfreunden 
verlassenen Tropfes und fährt dann fort: 

„0 ihr Officirer! gedenket doch ein solcher ist kein Holtz oder Stein; er ist 
sowohl ein Mensch und menschlichen Zufällen unterworfen wie ihr, er ist ein 
Nechster und Mitchrist, für welchen Gottes Sohn sowohl als für Euch sein Blut 
vergossen hat; Er hat sich Euch anvertrauet, seinen Leib Euch verkaulTet, muss 
Euch Gehorsam leisten und zu Diensten stehen, er ist ein armer Wayse, ein vater- 



-^ 72 — 

und mutierloses Kind, ihr müsset Jelzo scinerEltern stat vertreten, für ihn sorgen, 
seiner pflegen und warten lassen, damit er nicht versäumt werde, denn ihr habt 
es ihnen, wie ihr geworbet und angenommen, angelobet und zugesaget, ihr seid 
OS von Gott Rechtens und Eydeswegen zu leisten schuldig; thut ihr es nicht, so 
beschwerdet ihr Euer Gewissen und ladet eine grosse Verantwortlichkeit auf Euch, 
und wenn ihr schon in diesem Leben für solche verübte ünbarmherziglieit und 
Grausamkeit freygehet, so werdet ihr doch Gottes gerechter Gerichte nicht ent- 
gehen können, sondern dafür, wonicht auf eurem Siech- und Sterbebette, dennoch 
am jüngsten Gerichte für dem Richter der ganzen "Welt leiden und büssen müssen." 
Die Vorgesetzten sollen sich mehr um ihre kranken Leute bekümmern, sie sollen 
auf eine bessere Verpflegung derselben bedacht sein und — da kommt allerdings 
der Medicus zum Vorschein — die Behandlung nicht „unwissenden Bartfeld- oder 
vielmehr feilsch eerern" überlassen, sondern einen Mediciner vociren. Gehema 
hat nur gar wenige gekannt, denen das Elend ihrer kranken Soldaten zu Herzen 
gegangen „selbige selbst visitiret, versorgen, pflegen und von iliren Tischen 
speisen lassen, welches doch billig sein sollte". 

G. giebt an verschiedenen Stellen genaue Vorschriften über die 
Behandlung von Lager- und Feldkrankheiten im Allgemeinen, und 
die der Wunden, der Krätze, der Frostbeulen im Besonderen. — Zu 
seiner Zeit trug jeder 4. Mann ein Zelt, in dem 4 Kranke unter- 
gebracht werden konnten. Das, odei' die Unterkunft in Dörfern und 
Gehöften hielt er für besser, als das Nachfahren der Kranken in re- 
quirirten Wagen. 

Ganz besonders mangelhaft scheint ihm das Verfahren bei der 
Annahme von Feldscheerern zu sein, bei der es viel weniger darauf 
ankomme, ob er sein „fait" und Kunst wohl verstehe, auch werde 
kein Medicus consultirt, um dessen Kapazitäten zu prüfen. Wenn er 
nur eine gute Figur machen, französisch parliren und einen Haufen 
schwätzen könne, dabei ein ansehnlicher, brav mondirter Kerl sei, 
auch gute Fürsprache besorge, dann genüge es — aber weh alsdann 
der armen Teufel, der kranken Soldaten! (Genauere Citate bringen 
V. Richthofen, Knorr und A. L. Richter in ihren oben genannten 
Werken.) ^) 

Mit demselben Eifer, mit dem G. für den kranken Soldaten, für 
eine Besserung des Kriegsheilwesens an Material und Personal eintrat, 
vertheidigte er die Lehren der iatrochemischen Schule des Sylvius, 



1) Uebrigens hatte er, wie wohl alle Schriftsteller jener Zeit, viel Aerger mit 
der blühenden Industrie der ,, Nachdrucke" ; so hatte ein ,, Gewinnsüchtiger und 
eingebildeter Drucker in Bremen H. B. ohne sein Wissen und Willen einen leicht- 
fertigen und diebischen Nachdruck seines Reformirtcn Apothekers (s. u.) er- 
scheinen lassen. — Ausserdem erzählt Goelicke in seiner Historia Chirurgiae 
(Flalae Magd. 1713), dass Muralt's Chiruvgia militaris aus Gehema, Agri- 
cola, Wurtz und Purmann zusammengesetzt sei. 



©raufamc 

ilort>«itfel/ 

Slt)frlaffe/6itopffen/ 

5)ur9trcn/gli|!tren/3ulcp^ 
vtn/ iint) ObnmaAt-tna* 

gen/ 
9Bobutc& 

ltnbe&a^tfatne®eneß^un& 

^eiltnetffcr (nicfetrcc&tfAotfcne 

Pra^icj) fo vk\ toufenb utifdbulbi^ 

gen SD'^enfcfcen idmmcrlidS) vimi 

Xcben jum'Xobefcctffm. 
Ötetlet allen vemmffti^en Zmtett 
0eöJif|en|>affH0 fm:2(«0m 

Janus Abrahamus ä Gehema; 

Eques , Med. Do^. 

Phaärut lih.ß.fah. lo, 

ExploTanda eil veritas , mttltüm 

prius, 

Qvam ftulta prave judicet fen- 

tendoj. 



— 73 — 

seines Lehrers in Leiden (f 1762j. allerdings mit den iatromecdiani- 
schen Zusätzen des Cartesius. Dem entsprechend empfahl er wie 
Bontekoe eine naturgemässe, einfache Lebensweise, reichliches Trinken 
von warmem Wasser und Thee. Zu einer Zeit, in der Hoffraann in 
Halle (t 1742) und Sydenham die Sylvi'schen Theorieen bekcämpften, 
schrieb er seine Abhandlung „Grausame medicinische Mord- 
mittcl" (Bremen 1688 u. 1689, Leipzig 1714, Lloüänd. Uebers. 1690), 
in der er den Aderlass verwarf, heftig gegen den Missbrauch von 
Abführmitteln und Klystieren eiferte und reichliches Theetrinken em- 
pfahl (s. Abbild.). Die Schrift, wenigstens die Ausgabe von 1689, 
war dem Kurfürsten Friedrich lU. gewidmet („dem Durchlauchtig- 
sten, Gros.smächtigen Fürsten und Herrn, Herrn Friedrich, Chur- 
fürsten . . . .'-j; sie ist, wie fast alle Schriften Gehema's, eine Streit- 
schrift und enthält die heftigsten Ausfälle und Ausdrücke. Auch 
Bontekoe hatte, wieHelmont, Musitanus u. A. den Aderlass ver- 
worfen. Eine Gegenschrift erschien bald darauf von Geud er in Stutt- 
gart. (S. Kestner's medic. Gelehrten-Lexikon, Jena 1740). Diese 
Gegenschrift liess G. natürlich nicht unerwidert, wie man aus Notizen 
im „Vertheidigten Reformirten Apotheker" S. 10, 63 u. 76 schliessen 
kann. („Abgenöthigte Antwort, oder der erste Stein aus Gehemae 
Schleuder geworfen wider M. F. Geuder, Frankf. 1689). Auch Ho r- 
1 ach er in Ulm schrieb über „die schädliche Wirkung des Aderlassens 
und Purgirens, darüber ein sogen. Janus Modestinus i\letophilus ein 
Bedenken ausgestellet." Leider war diese Schrift nicht aufzufinden 
(s. u.). — „Der beste Zeitvertreib" Bremen 1686 u. 1689, ist 
eine dem Magistrate von Danzig gewidmete streng philosophische 
Studie: ebenso war der Inhalt einer dem Rathe der Stadt Stralsund, 
wo Bontekoe in hohen Ehren stand, gewidmeten Schrift: „Die ge- 
fährliche und bestrafte Obstlust", Stettin 1689 u. 1690, mehr 
philosophisch und enthielt nur ganz am Schluss einige therapeutische 
Angaben. Bontekoe's Traktat: „Diatriba de febribus" hatte G. 
(Hagae Comitis 1683) in's Deutsche übersetzt; ebenso dessen „Ein- 
leitung zur Beredsamkeit", wie u. a. aus Heister.'s Liste hervorgeht, 
i. J. 1690 (Stettin); ferner Bontekoe's Literae familiäres, Kurtzen 
und festen Beweis, dass kein annus climactericus, und ■ endlich des 
Cornelius von Solingen Handgriffe eines vollkommenen Wundtarztes. — 
„Die sorgfältige und gewissenhafte Säug- Amme" erschien 
in Berlin 1688 gelegentlich der Geburt Friedrich Wilhelm's I. und 
war der Kurfürstin Sophie Charlotte gewidmet. Li Heister 's 
Liste findet sich eine Ausgabe vom J. 1689. Nach Moller ist 1688 
auch in Bremen eine Ausiiabe erschienen — wahrscheinlich wohl 



— 74 — 

zwei fast gleiclizeitige Nachtlrucko. In einer weiteren Reihe von Ar- 
beiten legte Gehema seine reichen Erfahrungen nieder, beschrieb die 
einzelnen Fälle und fügte jedem eine längere Betrachtung an. Die 
einzelnen AYerke widmete er dem Oberhaiipte einer Stadt oder deren 
hervorragenden Aerzten; so mit 10 medicinischen Beobachtungen, die 
(s. 0.) dem Magistrate der Stadt Bremen, und weiteren 20 sonder- 
bahren chirurgischen Observationes, die den weitberühmten Chirurgen 
und Ampt-Meistern der Königlichen Stadt Oldenburg gewidmet waren 
(Observat. chirurg., Decas I — II, Hamburg 1682 u. 1686 und Frank- 
furt am Mevii 1690 u. 1698). Seine erste Arbeit (von Uebersetzungen 
abgesehen) hatte den Titel: ,,Die eroberte Gicht durch die 
Waffen der Moxa'- (Hamburg 1680, 1682 u. 1683); sie wird u. a. 
von Purmann in der Chir. curiosa, S. 722 rühmend erwähnt, und war 
mit vielen guten AVünschen dem Grossen Kurfürsten, der an der Gicht litt, 
gewidmet. — Wettstreit des chines. Thees mit dem warmen Wasser, 
Berlin 1686. — De arcanis antipodagricis, Bremen 1686. — Edler 
Theetrank oder Hülfsmittel zum gesunden und langen Eeben, Bremen 
1686. — Wohleingerichtete Feldapotheke, Bremen 1688. — 
Schreiben an Herrn .von Dankelmann, dass das Theegetränke die 
Wassersucht nicht verursache, sondern vertreibe, Berlin 1688. . — 
Diaetetica nova ad sanitatem et vitam, Stettin 1690. — Joecher 
(s. 0.) erwähnt auch den ..ermunterten Heerhold" (ohne Jahreszahl); 
auch Mathiae (S. 970) nennt ..libros Heraldicos proprios." In Ham- 
burg erschien ferner 1683 der ,, Tractatus de plica Polonica", 
Literulae ad D. Cornel. Bontekoe> (S. Mangeti Bibliotheka Scripto- 
rum raedic. 1731). — Wir nennen noch folgende: „Der qualificirte 
Leibmedicus" (Stettin (1790), „Dreissig Gesundheitsregeln,, 
(Frankf. a. 31. 1796). „Entwurf einer vernunftmässigen Kinder- 
zuclit, Frankf. 1691." „Der reformirte Apotheker u. s. w. (siehe 
Abbild.) Ausgefertiget von Jano Abrahame ä Gehema, Equite, Med. 
Doct., Bremen 1689, in dem er für Beseitigung zahlreicher über- 
flüssiger Medikamente eintritt. Die Gegenschrift eines Anonymus 
(Xinorigus Schadgehemius. Freystadt 1690, „Auffrichtig eröffnete Ge- 
dancken über den Reform-Apotheker") beantwortete er in derber Weise, 
die bis zur Anliietung von Maulscliellen (S. 92) geht, in dem „Ver- 
theydigten Reformirten Apotheker wider Anonymum Grobia-' 
num" u. s. w., Freystadt 1690. In dieser Schrift ist auch mehrfach 
von dem Xutzen eines guten ..Microscopii" die Rede, z. B. S. 38 
und 60, wo er unter den gTOSsen Entdeckungen, die dem „Galeni'- 
schen Fabehverk und dem Aristoteli'schen Unflath" ein Ende gemacht 
haben, auch das „Microscop und den Meister Licu wen hoek" a^nführt. 




©et 

eformörte 

furfleüenbe 

€m Ol)nmaaißqtbli(i)c$ 

Projed, wk imb mtd)tt &t^ 

■fkitbic l^cutige Stpor^efcn biUic^^ 
Tefbtmtren / vr\t>md) einer bep allen 
toerfidnbtöen iinb ^cwiffentafpen 
Medicis nunmel^ onscnommenet 

fationaten medendi metbodc 

einmündeten 5?eren. 

Q5on 

JaKo Abrahamo i Gehema. 

£qvite> Med* Ood. 

5?auffe5Ba5r&ett/utit)t)rr^ 
tauffc|ientc()t* 

$5rentm/ 

SmOa^r/ 1639 



— 75 — 

— G. wird nicht müde, gege]^ den Galenischen Schlendrian anzukämpfen 
and die anatomischen und chemischen Errungenschaften seiner Zeit 
und die wahre Phüosophia und Physica, die „Brandmauern" der Me- 
dizin, rühmend hervorzuheben. In der Doctrina de acido et alcali, 
de salibus volatilibus et fixis u. a. m. zeigte er sich wieder als 
Anhänger von Cartesius und Bontekoe, als Schüler des Fr. Sylvius. 
Von Aberglauben war er fast völlig frei, erwähnt die Waffensalbe und 
andere sympathische Kuren gar nicht, und glaubt auch, dass das, 
was von der Observation der Planeten und himmlischen Zeichen ge- 
schrieben, „gar zu genau und vielleicht unnöthig" sei. — Wir nennen 
ferner die „Diaetetica rationalis (Bremen 1688, Leipzig 1690 und 
1696; Holland. 1690), mit Vorrede von J. A. Schlegel, Leipzig 1712; 
den „Wohlversehenen Feldraedicus" (Hamburg 1684, 1690, Basel 
1691); „Der kranke Soldat sammt einer Feldapotheke" Ham- 
burg 1690), die „Offizier -Feldapotheke" (Berlin u. Bremen 1688), 
und die oben erwähnte Schrift: „Der kranke Soldat, bittend, dass 
er hinfüro besser conserviret, mitleidiger tractiret und vorsichtiger 
kuriret werde. Allen hohen Generals-Persohuen und braven Offizieren, 
die ihre Soldaten lieben, zu sonderlichem Nutzen." Berlin 1690 bei 
Adam Plener und Stettin 1699. — Apologie oder Vertheydigung 
gegen seine Lästerer, insonderheit Ninorigum Schad Gehemium, Frankf. 
1691. — Ob es rathsam sey, in hitzigen Fiebern spirituöse vola- 
tilische Getränke zu gebrauchen, Ulm 1705. — Zweyun dz wanzig- 
jährige Fiebercur ohne Aderlassen, Purgiren, Berlin 1712. — 
Richtiger und sicherer Wegweiser zur beständigen Gesundheit und 
einem langen Leben, Glückstatt 1736 (G. war 1715 gestorben). — Der voll- 
ständige Titel des Feldmedicus lautet: „Wohlversehener Feld-MedicusBe- 
greiffend die Missbräuche, welche bishero sowohl in Anstellung der Hn. 
Feld-Medicorum, als Feldscherer, wie auch bei Einrichtung der also ge- 
nannten Feld-Kasten vorgangen sind, sambt Einen unmassgeblichen 
wohlmeinenden Project, wie und auf was weise solches alles könne 
remediret werden." Die Schrift war „den Herren Deputirten des 
Hochlöbl. Generalkommissariats Dero Königl. Maj. zu Dänemark-Nor- 
wegen" gewidmet. Frölich (Allg. mil.-ärztl. Ztg. 1869, No. 19u.20) be- 
merkt dazu, dass Gehem a sich auch hier an die rechte Schmiede gewendet 
habe. — Kestner (Jena 1746) führt in seiner Bibl. med. Bd. H noch 
zwei diätetische Werke, Variationen von 2 oben genannten, an: Diae- 
tetica Vera, Sedini 1690 und XXX Aphorismi oder Gesundheitsregeln 
mit Vorrede von Janus Andreas Schlegel, Frankf. a. M. 1696. — 
Von dem Tractatus de Plica Polen, erschien nach der Biographia 
univers. noch eine Ausgabe im Haag 1683 und eine holländische 



— 76 — 

öebersetzung in Dordrt^cht, ebenfalls l^^^S. Hier wird auch eine 
deutsche Uebersetzung der Observ. ehirg. aus dem J. 1690 erwähnt. 
Ueberall macht sich darin der Einlluss ßontekoe's geltend; Thee ist 
fast Allheilmittel; auch Kaffee, Tabak, Opium werden fleissig em- 
pfohlen, eine Excoriatio ventriculi lieilte nach reichlicliem Genuss von 
Gurkensalat; der Husten und Singultus durch tiefe Inspirationen. 
Besser gefallen uns schon die Ansichten über die Rose und andere 
chirurgische Krankheiten; am besten die praktischen, hygienischen 
und prophylactischen Rathschläge, die er besonders da giebt, ^\o er 
zu Hause ist, in der Feldarzneikunde. — Freilich, die Grandes nostri 
Doctorati de Senne et de Rhebarbe consultiren, heisst in Silvas ligna 
ferre; diese thun Nichts, als: Clyterium donare, postea seignare, ensuita 
purgare, et iterum, „prout Satyricus Molliere jocabandus loquitur." 
„Vielleicht" kami bei der Ruhr ein Klystier von warmer Milch mit etwas 
Crocus, ad demulcenda intestinorum ulcera, von Nutzen sein. (Observ. 
p. 37). Die Observ. X handelt wieder von der „Moxa sine Noxa." 

Seine Ansichten über die Behandlung der Rose (auf Teutsch 
das heilige Ding) theilt er mit bei Erwähnung eines Streites, den 
er mit einem hochgestellten Medicus hatte. Dieser hatte ein fürstliches 
Fräulein längere Zeit an Gesichtsrose mit Kreide, Roggenmehl, Hanff 
und dergleichen ohne allen mercklichen success behandelt und kon- 
sultirte G., „seinen lang bekannten guten Freund" (war der Andere 
vielleicht der Leibarzt Bontekoe? G. nennt keinen Namen); er 
opponirte aber gar starck, als G. ein Foment empfahl, das aus Spi- 
ritus, Fliederbiüthen, Kampfer, Bleizucker und dergleichen bestand, 
weil man in solchen Fällen die Haut durchauss nicht netzen 
müsse. Schliesslich stimmte er zu, und die schöne Princessin wurde 
in 12 Tagen von ihrem accident ohne eintzige Verletzung der Haut 
gäntzlich liberiret. G. betont zum Schluss, er könne eine grosse 
Zahl von Fällen als Beweis dafür anführen, dass man sich sowohl 
der nassen als trockenen !Medicamenten bey allen inflammationibus 
glücklich bedienen könne. — Auch die 6. Observation (Dec. I) ist 
interessant, weil sie zeigt, dass G. die Behandlung der Krätze mit 
Schwefel schon übte, die '^äel später von dem Regimentsfeldscheerer 
Jesser wieder eingeführt, nach diesem benannt und als etwas ganz 
Neues angesehen wurde (s. u.). Ein Holländischer Capitain zusampt 
seiner Liebsten hatten 2 Jahre lang an einer hesslichen Krätze ge- 
litten; kein Mittel hatte geholfen. G. präscribirte ein Sälblein von 
Holländischer grüner Seiffe, floribus sulphuris und einigen we- 
nigen Tropfen olei ligni Rhodii, womit er solche Unreinigkeit in et- 
lichen Tagen vollkümmlich curirte. Auch in andern Fällen von 



— 77 — 

Krätze trat bei Benutzung dieser Salbe schnelle Heilung ein. Ader- 
lässen und Schröpfen ist schon deshalb dabei zu verwerfen, weil 
man doch nicht das sogenannte böse Geblüte allein, und nicht auch 
das gute auszapfen kajin, und weil man bei allen Krankheiten da- 
nach sehen muss, wie man des Patienten Kräfte bestermaassen con- 
servire; „ob nmi dieses durch die Aderlasse und das Schröpfen zu 
wege gebracht werde, lasse ich alle Verständigen judiciren". — In 
der 6. Observ. (Dec. II) beschreibt er eine missglückte Rhinoplastik. 
Das Gesicht eines Edelmannes, dem die Nase abgehauen war, wurde 
an eines Bauern Arm gebunden und „daraus eine Nase dermassen 
künstlich geschnitten, als wenn sie von einem Bildhauer wäre for- 
miret worden". AVie lange dieses Zusammenleben dauerte, d. h. 
wann der Stiel durchschnitten wurde, sagt G. nicht, erwähnt auch 
den Operateur nicht. Die Nase faulte bald wieder ab, der Verletzte 
trug eine hölzerne Nase. Das Wiederanheilen ganz getrennter Theile 
und das Anheilen von eines andern Menschen oder Thieres Fleisch 
in eine tiefe Wunde hält G. für unmöglich. Das Beispiel mit dem 
Pfropfen der Bäume und dem Umpflanzen des Sporns beim Kampf- 
hahn passt nach ihm nicht auf den menschlichen Körper. Ganz ver- 
ständig ist auch seine in der 10. Obs. (Dec. II) mitgetheilte Ansicht 
über die Wundheilung überhaupt. Das neue Fleisch in einer Wunde, 
die Narbe, entsteht durch die Wirksamkeit eines „bequemen Chylus" 
und nicht, wie viele glauben, durch besondere Salben und Pflaster, 
sintemahl kein medicament in der gantzen Welt kan gefunden werden, 
welches solchen effect prästiret. Allerdings haben die Verbände den 
Nutzen, dass sie die Wunden „für dem Acido der Lufft" bewahren, 
damit er nicht von solcher inficiret werde. „Dass aber ein 
Acidum in der Lufl't sey, ist indisputabel, weil sie Milch, Blut, und 
andere liquores ohne Zuthun eines acidi coaguliret und sauer machet". 
Christian Thomas sagt in seinen „freimüth. Gedanken über aller- 
hand neue Bücher". Halle. 1689. S. 1041, bei einer Besprechung 
von verkam p 's Oconomia animalis: 

Die Herren Medici werden heut zu Tage iu verschiedene Klassen eingetheilt. 
Etliche sind Galenici, etliche Chymici, etliche legen ihr Fundament aus der Phy- 
sica Aristotellca, etliche aus den Principiis Cartesianis, etliche sind blosse Theo- 
retici, etliche blosse Practici, etliche aber subordiniren ihre Theoriam ad Praxin. 
Ich meines Orts halte es mit diesen letzten, und sonderlich denen, die die Physi- 
cam Cartesianam nebst der Anatomie zum Grund ihrer Wissenschaft legen . . . 
Und muss ich bekennen, dass mir des Bontekoes und Gehema 
seine Schriften in soweit gefallen. 

Auch G. hatte seine „Spezialraittel" ; so ein Emplastrum admi- 
rabile, welches er zwar für ein grosses Sekret hielt, jedoch recht- 



- 78 — 

scliall'cnen iiiicl würcHgcii Chirurgis gern communiciren will; es bestand 
aus „leimigten und sauerdämpfenden ingredientien". A^'ie er in der 
8. Obs. mittheilt, hatte er damit eine Schnittwunde am Daumen mit 
Verletzung der Arterie in 16 Stunden glücklich zugeheilt. — Sonsten 
recommandirt er als ein grosses secret, dass, wenn etwa auss Un- 
vorsichtigkeit eine Ader entzwey geschnitten würde, man nur eine 
gi'osse Bohne aufspalte und mit einer vierfachen compress darauf 
binde. In der 9. Obser\'. empfiehlt er bei alten ßeinschäden Gold- 
blätter in Spiritu salis 2, Spiritu nitri 1 in balneo Mariae zerlassen; 
auch der Mercurius dulcis ist gut in allen alten und fistulösen Schä- 
den, sowie der Dampf von pulverisirter und auf glühende Kohlen 
gestreuter Mastich. — Einige Aeusserungen Gehema's über Leeu- 
wenhoeck's Entdeckungen theilen wir im Anschluss an Furmann's 
Erwähnung des Mikroskops (s. u.) mit. 

G. hatte seine Lieblingsthemata, die er mit grossem Eifer ver- 
focht und auf die er in seinen zahlreichen Schriften immer wieder 
zurückkommt. Die Rolle des Acidum und Alkali (nach Bontekoe), 
das Verdararaungsurtheil über Aderlass, Schröpfen, Purgiren, Kly- 
stieren, über die grosse Menge theurer und überflüssiger Medikamente 
in den Apotheken und Feldkästen, über die zu seiner Zeit herr- 
schende Methode des Unterrichts in Medizin und Chirurgie, u. a. m. 
zogen ihm manche Anfeindungen zu, auf die er wieder in recht 
derber Weise zu antworten pflegte. — Seine späteren heraldischen 
Bestrebungen, bei denen aus einer Liebhaberei scliliesslich eine Art 
Nebenberuf neben seinem Amte als Hofmedicus wurde, sind für uns 
von geringerem Interesse; wir können auch nicht beurtheilen, ob er 
darin Hervorragendes geleistet hat. Nach A. Seyler's Meinung ist 
das nicht der Fall gewesen. 

Wir wiederholen zum Schluss, dass Gehema allerdings iji der 
Verehrung und Nachahmung seines Lehrers und Freundes Bontekoe 
viel zu weit ging, dessen Lehren er noch mit grosser Heftigkeit ver- 
theidigte, als er längst persönlich mit ihm verfeindet war. Trotzdem 
war er in vielen Dingen seinen Zeitgenossen weit voraus und zeigt 
oft praktische, vernünftige iVnschauungen, wo sonst allgemein finsterer 
Aberglaube oder ängstliches Kleben am Alten herrschte. 

Für uns bleibt er der erste Arzt in Deutschland, der 
nicht nur die Mängel des Militair-Sanitätswesens jener 
Zeit schonungslos klar* legte, sondern auch mit weitaus- 
schauendem, umfassendem Blick auf den richtigen Weg 
hinwies, auf dem eine Besserung der traurigen Zustände 
zu erreichen war. 



— 70 - 

Wir geben der besseren Uebcrsicht wegen noch fol- 
gende Liste von Gelieiiia's Werken (nach MoUer's Cirabria 
literata). Unsere eigenen Zusätze sind in Klammern bei- 
gefügt: 

1. Latina. 

a) Propria. 

[Oratio gratulatoria in anniversarium diem nominis Jo. a Crassin 
Crassinii, Pol. Reip. Referendarii. Ged. 1680. Fol. Aus dem Ver- 
zeichniss der Preuss. Lieferung.] 

Literulae de morbo vulgo diclo Plica Polonica ad D. 
Corn. Bontekoe. Hamburgae. 1683. In 12. Hagae. 1683. 
In 8, et in linguam ßelgicam a D. ab Hoogstraten, Med. D. 
translatae. Dordraci. 1683. In 8. Recensum illarum Lipsienses 
in Actis Erudit., M. Majo A. 1683. p. 201 exhibuerunt i). 

Observ. Medic. Dec. prim. Brem. 1686. [Dazu der oben 
mitgetheilte Widmungs brief .] 

Observ. Medic. Cassellis. 1688. In 12. (Catall. mundin.) 
[In dem Briefe an Dolaeus, s. o. erwähnt; in den anderen Kata- 
logen nicht aufgeführt.] 

Diaetetica vera, sanae rationi ac experientiae iramisa. Stettini. 
1690. In 12. [Auch in der „Vernunfftmässigen Kinderzucht", S. 77, 
erwähnt.] 

Epistola de Arthritide ad Fridericum, Comitem ab Alefeld, niag- 
num Daniae Cancellariura, a Frid. Thomae. 1. c. p. 142 allegata. 
[Epistola de novo bilis et succi pancreatici itinere ad D. de 
Bontekoe.] 

ß) Aliena. 

Cornelii Bontekoe Diatriba de Febribus, in qua Autor 
complures Medicorum antiquorum justa et recentium detegit errores, 
cum rationeeorundem, tum theoriae, tum praxeos; Beigice coiiscripta, 
deinde Gallice ac Italice versa, nunc autem Latinitate donata a J. A. 
a. Gehme. Mit einem, Briefe (No. 5) Bontekoe 's an G. (Hagae. 



') G. bittet darin Bontekoe um Erldärung des Leidens und Mittel zur Hei- 
lung desselben, das sogar per solius imaginationis maternae vim sich fortpflanzen 
könne. An das eigentliche ,, Versehen" glaubte er nicht (s. o.). — In den Actis 
Eruditor. 1683, p. 354 heisst es: ,,Q,ui miles et centurio hactenus extiterat, a 
Castris ad Medica (in einem Lobgedicht steht: ,,a Marte ad Artem'*) transit Scrip- 
tor praesens, non tandum de Moxa in Podagra, novo hoc ipso anno edito tractatu, 
sed et Epistola hac publicata. 



-- 80 -- 

KuSo. In 8.), in dem die üebersetziina gelobt, aber bedauevl wird, 
dass dazu nicht die neueste xVusgabe des Werkes benntzt sei. 

[In Mercklin's Lindenius Renovatus. Nürnb. 1686, einer der 
ältesten Quellen über G., steht von ihm nur die Schrift über den 
AVeichselzopf. Hagae Comitis, apud Petr. Hagium. 1683. In 8, 
und Bontekoe's Diatriba de f., Beigice conscripta, dein in Galli- 
cura, tum vero Italicum versa tandem Latinitate donata a dicto Ge- 
hema. Ad calcem hu jus apposita est Epistola Auctoris ad Inter- 
pretern, nee non Ejusdem Provocatio, quae legere licet m Editione 
ßelgica quarta, nunc quoque Latine translata. Hagae Comitis apud 
Petrum Hagium. 1683. In 8. — Damals war B. nicht gut auf 
seinen Schüler und Freund Gehema. zu sprechen; er schrieb 
(Küster III, 8. 599) an M. Weise im April 1683 den schon er- 
wähnten Brief, in dem er über G. mit den verächtlichsten, gehässig- 
sten Ausdrücken spricht, weil er ihn für den Verfasser eines an die 
übrigen Kurfürstlichen Leibärzte gerichteten, Bontekoe herabsetzen- 
den Schmähbriefes hielt. Küster* meint, G. als ein tückischer 
Mensch soi wohl dazu fähig gewesen. Dann bleibt es aber unver- 
ständlich, dass G. immer, auch nach B.'s Tode, der 1685 an den 
Folgen eines Schädelbruchs starb ^), mit der grössten Hochachtung von 
ihm, seinen Ansichten und Leistungen spricht.] 

Cornel. Bontekoe Literae familiäres VII ad J. A. a Ge- 
hern a. Berlin. 1686. Von G. herausgegeben. Mit Widmungsbrief 
an den Kurfürsten von Brandenburg, in dem sich G. gegen verschie- 
dene Vorwürfe und Beleidigungen Bontekoe's vertheidigt. 

II. Germanica. 

«) Propria. 

Die eroberte Gicht durch die Chinesische Waffen der Moxa. 
[In meinem Exemplar steht: „Chinesche".] Hamburg. 1683. In 12. 
[Es finden sich noch (z. B. in Haller 's Bibl. chir.) Ausg. erwähnt 
von 1680 und 1682. In der Bibl. Riviniana. Leipz. 1727, unter 
No. 7916 heisst es nach obigem Titel noch: worein aus genügsamer 
Erfahrung angewiesen wird, dass die beste, geschwindeste, kürtzeste, 
sicherste und bequemste Genesung in dem hier angeführten Methode 
oder Ourirungskunst bestehe.] 

Wohlversehener Feld-Medicus, begreiffend die Missbräuche, 
so bisher, sowohl in Anstellung der Feld-Medicorum, alss Feldscherer, 

^) Wie V. Hall er sagt, weil er nicht leiden wollte, dass man ihm zur Ader 
Hess. ,,iv!'oluit, sibi venam secari; sie periit lisso cranio et sanguine super duram 
membranam effuso." (Bibl. chirurg. 1, p. 441.) 



— 81 — 

wie auch bei Einrichtung dei- Feld-Kasten, vorgegangen sind; samt 
wohlgemeinten Projecte, wie solches alles könne reraediret werden. 
Hamb. 1684. In 12. Basel. 1691. (Mit den Operibus Chirurgicis verna- 
culis des Joh. a Muralt von L. Schröck und E. König herausgegeben. 
S. Catal. mund. Lips. 1691. autumn. p. 18, 19.) [Bei Baidinger 
als: „Wohlerfahrener Feld-Medicus" angeführt: Errores medicorum 
et chirurgorum perstringit. Continet simul pharmakop. militarera.] 

Chirurgischer Observationum erste und zweite Decas. 
Hamb. 1686. In 12. [1. Ausg. schon 1682 (?); ferner Frankfurt 
a. Meyn 1690 u. 1698.] 

De Arcanis antipodagricis, oder von geheimen Artzney- 
mitteln wider das Podagra; an Dethlovum, Grafen von Ranzov. 
A. 1686. In 4. 

Edler Thee-Tranck, ein bewehrtes Mittel zum gesunden 
langen Leben und herlicher Wasser-Tranck, allen Menschen nützlich 
und nöthig. Bremen. 1687. In 8. (Auch 1686?) [Wettstreit des 
chinesischen Thee's mit dem warmen Wasser. Berlin. 1686.] 

Diaetetica rationalis; das ist: Eine auf unläugbahren festen 
prineipiis, gesunder Vernunft und wahrer experience wohlbegründete 
Lebens-Ordnung, dadurch ein jeder in seinem Stande seine Gesund- 
heit kan bewahren. Bremen. 1688. In 12, und Leipzig. 1696 u. 
1714. In 12. Yon J. A. Schlegel mit Anmerkungen vermehret. 
[Die erste i^usgabe erwähnt G. selbst in der „ Vernunfftmässigen 
Kinderzucht", S. 77. Auch unter dem Titel: Jani Abr. ä Gehe- 
mae XXX Aphorismi oder Gesundheits-Reguln, als ein rich- 
tiger und sicherer Wegweiser zu einer beständigen Gesundheit und 
einem langen Lehen, nach den unleugbahren Gründen des principii 
der Circulation des Blutes und der Saeffte, ex doctrina de Acido et 
Alkali, zum andern mahl nebst einer Vorrede und einigen Anmer- 
kungen zum Druck verfertiget von Jano Andrea Schlegelio. 
Frankf. a. M. 1696. (Bibl. Riviniana. Leipz. 1727. No. 4922. 
Ebenso wird erwähnt: Diaetetica nova ad sanitatem et vitam. 
Stettin. 1690, und (in Georgi's Europ. Bücher-Lexikon. Leipzig. 
1742): Richtiger und sicherer Wegweiser in 50 Lebensregeln. 
Glückstadt. 1736 (!). In der Preuss. Lieferung wird noch aufge- 
führt: Wohlgegründete Lehensordnung. Bremen. 1678.] 

Der Reformirte Apotheker, fürstellende ein Ohnmassgebliches 
Project, wie und welcher gestalt die Apotheken jetziger Zeit billig 
zu reformiren, und nach der rationali medendi methodo einzurichten 
weren. Bremen. 1688 u. 1689. In 12. Leipzig. 1714. In 12. 
[Dresden. 1689. s. Georgi 1. c. Bei Moller etwas anderer Titel.] 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Saintätsw. 13. Heft. c 



82 — 

[Darauf folgte: Auffrichtig eröffnete Gedanken über den 
Reformirten AiDOtheker, oder: Unpartheyischer Ausspruch, ob 
das voii Herrn A. a Gehema sogenannte ohnmassgeblichc fürgc- 
stcUte Project billig, thuelich, rathsam und nöthig sey? Entworffcn 
von Ninorigo Schadgeliemio. Freystadt. 1690. 

Gehema schrieb darauf: 

Vertheydigter Eeformirter Apotheker, wieder den ver- 
mummten Xinoi'igum Scliadgehemium. Freistadt. 1690. [Dres- 
den. 1690. s. Georgi 1. c. Darauf erfolgte des Xinorigus 
Antwort auf: Gehemae unbesonnenes injuriöses Scriptum des übel- 
vertheidigten Reformirten Apothekers. A. 1690. 

Darauf Gehema wieder: 

Apologia, oder Höchstabgedrungene Vertheydigung, wieder 
seine Lästerer und Verleumbder, insonderheit Ninorigum Schad- 
geh emium. Frankf. 1691. In 8.] 

Grausame Medicinische Mord-Mittel, Aderlassen, Schröpfen. 
Klystiereu, purgiren, juloppen, und ohmuaehtraachende Hertzstärkun- 
gen, wodurch unbedachtsame Heilmeister niieht rechtschaffene Prac- 
tici) vielen tausend Menschen jämmerlich vom Leben zum Tode helfen, 
gewissenhaft vor xAugen gestellet. Bremen 1688 u. 1689. 8. Leipzig 
1714. 12; belgisch Hagae 1690. 8. [Ulm 1688.] 

[Dagegen schrieb der Marburger Prof. Wald Schmidt, sonst 
ein Anhänger Bontekoe's; ferner ein Anonymus in Frankfurt (Catal. 
mund. Lips. 1689); M. F. Geuder in Stuttgart und Janus Mode- 
stinus Alethophilus, Frankf. 1691, der sich gegen eine empfehlende 
Schrift Horlacher's, Ulm 1691, wendet.] 

[In Georgi's Europ. Bücher-Lexikon, Leipzig 1742, findet sich 
noch: Lebens-Mittel des Purgirens und Sch-s\dtzens, Bremen 1689, als 
Schrift Gehema's angegeben und in der Preuss. Lieferung: Vom 
schädlichen Aderlassen, Schröpfen und Purgiren, Bremen 1688.] 

Abgenöthigte Antwort, oder der erste Stein, aus D. J. A. 
v. Gehema wohlzugerichteten Schleuder, mit unerschrockenem Muhte 
geworffen, wieder den Stuttgartischen Goliath. D. Melch. Frid. Geuder. 
Frankf. 1689. 

Der Officirer wohl eingerichtete Feld-Apotheck. Berlin 
1688, 12. [u. Bremen 1688]. 

[Wohleingerichtete Feld-Apotheke, Bremen 1688: der 
kranke Soldat sammt einer Feld-Apotheke, Hamburg 1690, 
12. s. Kaestner, Bibl. med. p. 487. Baidinger sagt in seiner 
Introductio (s. o.) darüber: Belli duces instruit de militum diaeta, 
nonnulla medicaraenta et auxilia chiruraica addit.] 



— 83 — 

Schreiben an Herrn Eberhard von Danckehiiann, dass das 
Theegeträne.ke die Wassersucht nicht verursache, sondern vertreibe. 
Berlin 1688 — 12. 

Der beste Zeitvertreib. Bremen (1686) und 1689 (von 
W. E. Tenzel in Dialogis raenstruis Germanicis, M. Majo 1689 aus- 
führlich besprochen). Dresden 1689, s. Georgi, 1. c. — Mein Exemplar- 
trägt den Titel: Die beste Zeit- Vertreib, Entworffen von Jan. Abraham, 
ä Gehema, Eq. Med. Doct. Bremen, Gedruckt im Jahre Christi 1689. 

Sorgfältige und gewissenhafte Säugamme. Bremen (und 
Berlin?) 1688 in 8. 

Gedanken über die wahre und falsche Gelahrtheit. Danzigl698 in 12. 

Der qualificirte Leib-Medicus abgebildet. Stettin 1690 in 12. 

Die gefährliche und gestraffte Obstlust. Stettin (1 689) u. 1690 
in 12. (In der Preuss. Liefer. wohl irrtliümlich Ausg. von 1680 erwähnt). 

Der kranke Soldat, bittend, dass er hinfüro besser möge con- 
serviret, mitleidiger tractiret, und vorsichtiger curiret werden. Stettin 
1690 in 8. [Berlin 1690, Stettin 1699; auch in der „Vernunft- 
massigen Kinderzucht" S. 81 erwähnt.] 

Entwurf f einer vernunlftmässigen Kind er zu cht, Beydes in 
Sitten und in Wissenschaften. Frankf. u. Leipz. 1691 in 12. [In 
der Vorrede Darstellung des eigenen Bildungsganges. Rathschläge 
für den Säugling, das lallende Kind, den spielenden Knaben, den 
Schüler, den jungen Studenten. Auch die vom Adel sollen studiren; 
es ist leichter, ein Edelmann, als ein Doctor zu werden. Aber auch 
für den Soldaten, den Kaufmann und andere Handthierungen, zu 
Handel und Wandel, Künsten ujkI Handwerckcn sind die Studia 
höchst nöthig. Von der Griecliischen Sprache hält G. nicht viel: die 
kann man treiben, wenn man ausstudirt hat. Socrates, Plato, Aristo- 
teles sind „heydnische Verführer". In der Geschichte soll man nicht 
das, was vor langen Zeiten in fernen Ländern, sondern lieber das, 
was im eignen Lande geschehen ist, lernen. Das viele Reisen junger 
Leute ist gefährlich und unnöthig; „Tugend, Höffliclikeit und Ge- 
schicklichkeit residiret sowohl in Deutschland wie in Frankreich." 
Körperliche Uebungen sind von grossem Werthe. Die Schriften des 
Cartesius und Bontekoe werden auf's Wärmste empfohlen.] 

Zwey- und zwanzigjährige bewehrte Fieber-Cur, ohne Ader- 
lasse, purgiren etc. Berlin 1702 (u. 1712?) in 4, [Kostete nach 
dem Katalog von Haude und Spener (Berlin 1753, Catalogus uni- 
versalis) 1 gr.; hier wird auch „der Kranke und wieder curirte 
Soldat", ohne Ort und Jahr, für 2 gr. angeboten]. 

Erörterung der Frage: Ob es rathsam sey, in hitzigen 

6* 



_ S4 — 

Fiebern, .spirituöse und volatilischc Mcdicinon zu i:ebrauchen, und ob 
dadurcli die Hitze bey den Patienten könne vermehret werden? Clm 
1703 in 4. (u. 1705?). 

Der ermunterte Heerhold, vorstellende die Vortrefflichkeit, 
die Zierde, d(m Nutzen und die heutigen Missbräuche der edlen und 
uhralten Heerholds- oder AVapenkunst. Berlin 1703. [Diese Schrift 
ist nur in wenigen Catalogen aufgeführt; auch Heinsius, der in 
seinem „Allgem. Bücher-Lexikon, Leipzig, 1812, alle von 1700 bis 
1827 erschienenen Bücher aufzählt, erwähnt sie nicht. — Küster 
(HL S. 603) kennt sie unter dem Titel: Aufmunterung zu der alten 
und edlen Heralds-Kunst, Berlin, 1706, 8; wahrscheinlich ist das eine 
zweite Auflage gewesen. 

Ausserdem erwähnt K. noch, dass „sich allhier im Königi. Archiv 
ein MSCt. von 8 Bogen findet, unter dem Titel: Jani Abr. ä Gehema 
aller unterthänigstc und nothwendige Remarques über das Königi. aller- 
prächtigste A¥apen-Schild, wie dasselbe izo nach Insertion des hoch- 
fürstl. 3Ieklcnb. Wapens eingerichtet ist. 1709. fol. — Auch hatte 
G. den Genealogischen Schlüssel zu der .Marggräfl., ßrandenb. Tabelle 
anno 1707 ausgefertigt, worin die in der Brandenb. Genealogie vor- 
kommenden Kayser, Könige, Chur- und Fürsten bemerket waren'-. 
Bei A. Seyler finden wir noch als MS. im Königi. Geh. Staats- 
Archiv folgende Schrift: Kurtze und Leichte Methode, Einem Cavalier 
oder Edelman die vortreffliche Science der Heerhold- oder Wapen- 
kunst in einem monatli dergestalt beyzubringen, das er davon Cava- 
licrement discouriren könne: angezeiget von J. A. v. Gehema; ferner 
Sr. Königi. Maytt in Preussen fiscalis des armes Jani Abr. a Gehema, 
Ecj. Sonderbahrer Bericht über einige dubia in dem Hochfürstl. 
Meklenb. Wapen aus alten archivis, Cabinetten und Bibliothequen 
dieses Hochfürstl. Hauses herfürgesucht. 1709, fol., 25 Seiten. (MS. 
im Königi. Hausarchiv zu Berlin.] 

(i) Aliena. 

Corn. Bontekoe Kurtzer und fester Beweiss, dass kein An-nus 
climactericus oder Gefahrjahr zu finden, von G. aus dem Hollän- 
dischen verteutscht. Hamb. 1683 in 12. 

Cornelii von Solingen Handgriffe eines vollkommenen 
Wundartztes, aus dem Holländischen verteutschet, und mit An- 
raerckungen vermehret. Frankf. a. 0. 1690 in 8. [Eine mir be- 
kannte deutsche üebersetzung der „Handgriffe- Cornelii Solingen's 
aus dem Jahre 1693, Frankf. a. 0., trägt nicht Gehema's Namen, 
sondern: „Alles aus dem Holländischen in das Hoch-Teutsche über- 



— 85 — 

><etzet und mit vielen Kupfern gezieret von Einem Liebhaber der 
Wund-Artzney''. Der Anhang, die Embryulcia Solingen's ist 
von Tob. Peucero, Philiatro übersetzt.] 

In der Schrift: „Edler Thee-Trauck" etc. verspricht Gehema 
noch herauszugeben: 1. Diss. de Arthritide, 2. Epistola de novo bilis 
et succi pancreatici itinere, ad Societatem regiam Anglicanam; 
3. Tract. de Medica liberorum ediicatione, 4. Xova et inaudita 
hominis et animalium generatio, Tract. de genuina Plicam Polonicam 
curandi methodo, 6. Das Sam-e und süsse, alss die gefährlichsten und 
schädlichsten Mittel, dadurch die Menschen in allerhand tödtliche 
Krankheiten verfallen, und wodurch Krankheiten und Wunden unge- 
nesslich werden, 7. Die vorsichtige Kindbetterinn. Ausserdem kün- 
digte er im Jahre 1689 eine Uebersetzung von Bontekoe's Funda- 
menta Medica, Tractatus de Hominis vita, sanitate, morbo ac morte, 
mit Anmerkungen au, und eine Uebersetzung der „Ethiea" von Geu- 
linx in Leyden, „so mir Gott das Leben noch etwas fristen möchte". 
'Nachrede zum besten Zeitvertreib.) 

Unter den vielen, fast gleichzeitig in 3, 4 verschiedenen Städten 
oft mit geringen Aenderungen am Titel erschienenen Ausgaben sind 
gewiss zahlreiche Nachdrucke. G. beklagt sich oft über diese Be- 
trügerei. Eine ausführliche Besprechung einer seiner letzten Schriften, 
des ermunterten Heerhold's hat uns Küster im ..Alten und 
neuen Berlin- und A. Seyler in seiner Geschichte der Heraldik 
gegeben (s. o.). Das von mir benutzte Exemplar stammt aus 
der Bibliothek in ^Yolfenbüttel imd wurde mir in liebenswürdigster 
Weise von Herrn Geh. Hofrath v. Heinemaun zur Verfügung ge- 
stellt. Es beginnt mit einer Widmnng an Rud. August und Anthon 
Günther, Hertzogen zu Bratmschweig und Lüneburg; dann erklärt G., 
wie er dazu komme, als ein Medicus. der fast durch 30 publicirte 
Tractaten der gelehrten Welt nicht unbekannt sei. eine Science zu 
tractiren. welche von der Medicin soweit entfernt ist, als der Osten 
von ^^esten. Auch der berühmte Theologus D. Spener habe ein vor- 
treffliches Opus Heraldicum herausgegeben. Auch hier (p. 55) nennt 
G. das Preussische AYappen „das ansehnlichste und an prächtigen 
Wapen-Bildern reicheste und herrlichste unter allen deutschen Wapen" ; 
es leite uns, wie die ganze Heerholdskunst. in die Geographie, in die 
Genealogie und Historie. — Auch die Universitätsbibliothek in Halle 
besitzt ein Exemplar der Ausgabe von 1703. — In der Königlichen, 
in der Universitäts-Bibliothek und in der der Kaiser Wilhelms-Akade- 
mie zu Berlin war, wie erwähnt, nur wenio- von Gehema zu finden. 



86 



II. Mathaeus ijottiVied Purinaiin. 

Für einen ausführlichen Bericht über das Leben und Wirken 
dieses merkwürdigen, ausserordentlich thätigen, erfahrenen, kühnen 
und doch in manchen Vorurtheilen seiner Zeit noch so befangenen 
Mannes, über den wir sonst sehr wenige Nachrichten haben, ist die 
„Vorrede an "den Leser" in seinen Ouriösen Chirurgischen 
Observationen (Frankf. und Leipz. 1710) vim der grössten Wichtig- 
keit. Er erzählt darin dem .Jjeser", wie einem guten Freunde, dass 
er eigentlich vor 12 Jahren schon, bei der Herausgabe seiner 
„Chiriirgia curiosa" geglaubt habe, dies werde der letzte Tractat von 
seinen Schriften sein, weil er damals immer krank und elend am 
Malo Ischiadico (vielleicht eine Erinnerung an seine bewegte 12jälir. 
Dienst- und Kriegszeit) gewesen wäre. Ausserdem hatte er, seit 
20 Jahren Stadtarzt in Breslau, soviel Verrichtungen in den Hospi- 
tälern in und ausser der Stadt, dass er eigentlich die Absicht hatte, 
diese, seit 38 Jahren gesammelten Observationen Hegen zu lassen, 
bis „sein eintziger Sohn, Gottfried Purmann, der jetzo in Halle 
Medicinam studiret, sie etwan nach seinem Tode an das Tageslicht 
bi-ingen und herausgeben möchte'-. Dann fährt er fort: „Aber! ich 
habe meine Meinung endlich ändern müssen, weil ich (Gott weiss es) 
nicht genug beschreiben kann, was durch Brieffe aus anderen vielen 
Oertern, und auch hier in unserem Lande, ich vor Nöthigungen ge- 
habt, dass ich sie noch bey meinem Leben herausgeben möchte. Ich 
habe mich endlich in meinem 62. Jahre i) dazu bewegen lassen, weil 
vor jetzo noch ziemlich gesund gewesen". Er hat, wie auch in seinen 
anderen Schriften, diese 80 Observationes eingetheilt in das Haupt, 
in den Leib und in die eussersten Glieder" und wird das, wo Gott 
Leben und Gesundheit giebet, auch bei den folgenden 80 also halten 
(diese, sowie ein in der Chirurgia curiosa, 1699 S. 155 versprochener 
„Sorgfältiger und erfahrener Augen-Artzt" scheinen nicht veröffent- 
licht zu sein). Dann kommen Andeutungen aus der Geschichte der 
Chirurgie, von des Noe Enkel Mizrai, von Apollo, Aesculapius, Podalyrius 
und Machaon, Celsus, Galenus u. s. w. Die Medizin sei später mit 
Hülfe der Chemie nach des Paracelsi und Helmontii Zeiten in 



^) Die Observationes erscliieneu 1710. Vergl. hierzu die Notiz auf dem 
dem Lorbeerkranz von 1722 beigefügten Bilde, in dessen Umrahmung steht: 
Mathaeus Gottfrid Purman Chirurgus und Statarzt in Breslaw Lubena Siles. Etatis 
XLII, 169L 



— 87 — 

grossen Flor kommen; aber das sei leider bei der edlen Chirurgie 
nicht der Fall, und das liege an der schlechten Ausbildung. Gehern a 
und Purraann haben fast um dieselbe Zeit ihre Beobachtungen ver- 
öffentlicht; es ist deshalb schwer anzunehmen, dass der Eine vom 
Andern entlehnt hat. Die üebereinstimmung in diesem Punkte, in 
der Klage über die mangelhafte Ausbildung des Nachwuchses und 
über die Ursache dieser Uebelstände ist aber bei Beiden fast wört- 
lich : „Wie kan es auch anders seyn, die mehresten Jungen lernen in 
den kleinesten Städten um ein geringes Geld, und fragen desselben 
Eltern nicht einmahl darnach, ob der Lehr-Herr etwas kan oder 
nicht." Bei Franzosen, Engelländern, Italiänern und Holländern ist 
das besser; aber in Deutschland bekümmert sich der grösste Theil 
wenig um die Anatomie und Chirurgie, „wenn sie nur die Putz-Gäste 
bedienen, das Haar a la mode schneiden, und den Barth recht 
rassiren und aufsetzen können, so ist es schon genug; haben sie 
etliche Barbier-Offizinen durchlauffen, einige grosse Städte besehen, 
ist es noch vielmehr; Etliche wagen sich noch etwas und fahren mit 
nach Batavia und Indien, andere gar nach Grönlandt, damit sie einen 
Wallfisch und den Thran kochen sehen; aber, worzu dienet alles 
dieses, und was lernet ein Chirurgus daselbst? nichts mehr, als 
Schif-Krankheiten und Zufälle und in Grönland erfrohrne Füsse und 
Glieder curiren". 

Pur mann hofft, dass er durch seine Schriften die jungen Chir- 
urgen anregen und belehren werde, und bittet, dass „ein jeder junger 
Geselle oder angehender Chirurgus es so auf- und annehmen wolle, 
wie ich es aus aufrichtigen und redlichen Gemüthe mittheile und 
wohlmeinend gesaget; vielleicht sind noch viel darunter, die meiner 
gut-gemeinten Vermahnung folgen und sich in gewissen Stücken 
ändern werden. Offtmahls siehet man wohl der Chirurgorum Söhne, 
die noch M'as von einem geübten Vater mitbringen, wenn sie nicht 
aus dem Geschirre schlagen, wie unterweilen geschiehet, aber es ist 
dennoch etwas rarr"i). — Er entschuldigt sich dann, dass er etwas 
weitläuffig davon rede, was er selbst gethan, wo er gelernt, und was 
für einen Cursum er zu weiterer Exercirung und Ausübung der Chir- 
urgie in seinen jungen Jahren vorgenommen. Er war keines Bar- 
bierers Sohn, sondern brachte alle seine Wissenschaften durch fast 
unsägliche Mühe, Fleiss, Erfahrung und Korrespondenzen zu wege. 
Der Vater, Michael Purmann, war Bürgermeister und fürstl. Land- 



^) Ob das nicht bei dem jungen Gottfried, der oben als Student in Plalle er- 
wäimt wurde, der Fall war? Jedenfalls wissen wir Nichts von ihm. 



— 88 — 

Hof-Hit'lilcv zu Lübeii im Fürsteiitlinm Liegnitz, der Grossvater, 
George Purraann, Bürgermeister zu Neumarckt im Breslauischen 
Fürstenthum ^). Im 17. Lebensjahre lernte P. in Glogau bei dem 
alten und berühmten Chirurgo Hr. Paul Rumpelt-). INach vollen- 
deter Lehre ging er nach Frankfurt a. 0. zu Balthasar Kauff- 
raann, der „gewiss ein erfahrner Chirurg und berühmter Chymicus 
war", folgte ihm nach Küstrin, diente ihm hier 3 Jahre und brachte 
viel Nächte und Tage in seinem Laboratorio auf dem Walle in der 
Chymie zu. Von da wanderte er nach Leipzig und Wittenberg 
und wieder zurück nach Frankfurt zu Balthasar Kauffmann, 
der ihn expresse begehrt hatte. „Da er aber nach einem Jahre sähe, 
dass nichts bei dem Humeur zu machen war, und er zu seinem Pro- 
pos nicht in Conditionen gelangen konnte, nahm er in gedachter 
Vestung bey dem Hn. Graf Christoph von Donau, dessen Hr. Vater 
Gouverneur und General Feld-Zeugmeister unter dem grossen und 
mächtigen Churfürsten Friedrich Wilhelm zu Brandenburg war, Dienste 
als Feldscheerer unter desselben Compagnie, und ging mit der Armee 
durch die Graffschatft Mannssfeld, Sachsen, Thüringen, Co- 
burg, Würtemberg etc. und so ferner in das Reich, bis nach 
Strassburg und endlicli auf den Glöckelsberg. Nach des Herrn 
Graffens Tode, welcher in einer unglücklichen Rencontre bey 
Asch äffen bürg vor dem Frantzosen, zu meinem grossen Leidwesen 
und seiner Glorie todt blieb, kam dasselbige Regiment bald darauf 
an den Hn. General-Lieutn. Götzen, der zugleich die Churfürstl. 
Brandenburg. Guarde zu Fuss kommandirte, mein Obrister Lieut. 
Moritz von Canne war ein Cavallier, der an Courage, Verstandt 
und Erfahrenheit wenig seines Gleichen hatte. Bey diesem Regi- 
ment bin ich 4 Jahre beständig blieben und ward An. 1675 Regi- 
ments-Feldseheerer^), und sind noch viele lebendige Personen allhier, 
die gar wohl wissen, was ich sowohl bey diesem, als anderen Regi- 
mentern unserer Armee vor ungemeine Curen und Operationen ver- 



1) Ich bin in der Lage, ein Ereigniss ans der früliesten Kindheit Pur- 
mann's anzuführen. Er erzählt in der Chir. cur. p. 350, dass ihm selbst, als er 
kaum 1 Jahr alt gewesen, der berühmte Oculist und Lithotomus Petzoldt in 
der Stadt Lüben einen Blasenstein, einer ziemlichen Bohne gross, geschnitten 
habe. 

■ -) den P, an anderer Stelle (s. Lorbeerkranz S. 563) seinen Herrn und 
Meister, einen Weltberühmten Chirurgum zu Gross Glogaw nennt. Von ihm be- 
kam er' Anno 1665 das Recept zu seiner ,, güldenen Milch", einem aus ca. 20 Sub- 
stanzen bestehenden ,, köstlichen Umbschlagwasser". 

^) Also im Alter von 26 .lahren; Matthiae (p. 875j nennt ihn: ,,in exercitu 
Brandenburgico Chirurgus Major, s. L%ionarius". 



— 89 — 

richtet. Endlich kam dieses sehr gute Regiment an den Hn. Obristen 
von Bombsdorff und letzlich an den Hn. Obrist von Loben, 2 ge- 
wiss prave Gavalliere. Alles dieses geschähe in der Zeit, wie der 
gewiss sonderliche und merkwürdige Krieg in Pommern wider die 
Schweden angieng; da alle Vestungen (wobey ich jederzeit gegen- 
wärtig selbst gewesen) AVolgast, Stettin, Dam, Anklam, Dem- 
rain, Greiffswalde und Strahlsund, denen Schweden sammt den 
Insuln Wollin und Rügen weggenommen worden, geschweige der 
anderen Siege, so bey Föhr-Bellin, Rattenau und Wittstock 
geschehen. Endlich, nachdem ich diesen merk-würdigen Verrichtungen 
und Belagerungen unerraüdet beygewohnet, und fast unzählich viel 
blessirte Patienten, sowohl bey unserem, als anderen Regimentern 
gehabt, wurden wir nach üebergabe der Vestung Greiffswalde 
neben dem Micranderi'schen Regiment in die Haupt-Vestung Strahl - 
sund zur Garnison eingeleget; daselbst bin ich biss zu Ende 
des 1678. Jahres geblieben, vom Regiment meinen Abschied 
genommen und im Anfange des Decerabr. nach Halberstadt 
kommen, daselbst ich 1679 den 8. Januar geheyrathet in Meinung, 
mich zur Ruhe zu setzen und daselbst eine Zeit lang zu bleiben, 
weil mir der Orth bekannt, und fast 3 Jahr darin in Quartier ge- 
legen. Unsere Ruhe währete nicht lange, denn ehe noch das 1680. Jahr 
zu Ende lieff, schleppte uns ein Soldat von denen, die bey uns in 
Quartier lagen, welcher Kleider zu Magdeburg und Eissleben, sondert, 
einen Sammiten Peltz gekaufft, leider die Pest und Contagion in die 
Stadt, die so geschwind überhand nahm, dass zwar erstlich nur 
2 Häuser auf der so-genannteji Warth angestecket worden; Was diss 
damahls vor einen Schrecken in der Stadt verursachte, ist nicht zu 
beschreiben. Ich ward sowohl von der Hoch-Preissl. Regierung, als 
a,uch von dem Magistrat und Colleg. Sanitatis daselbst als Ober- 
Pest-Chirurgus angenommen, welche Function ich auch neben 
einem Adjuncto, der zu Eissleben Pest-Barbierer gewesen, und als 
Jüngster unsers Mittels bestellet war, nebst noch 2 Gesellen sofort 
mit Gottes Beystand angetretten. Man musste sich dabey über alle- 
massen verwundern, dass innerhalb 4 Wochen die Contagion so über- 
handt nahm, und sich dergestalt ausbreitete, dass nicht allein die so- 
genanndte Warth, welches ein a parter Marckt daselbst ist, sondern 
auch die Schuhmacher-Strassen, der untere Theil am breiten W^ege, 
der Weingarten und die Harssleber Strasse angestecket worden. Ich 
that das Meinige so Tages als Nachts, was meine Function mit sich 
brachte, und mein Gewissen erforderte, wie mir die gantze Stadt, und 
Inwohner das Zeugniss geben müssen. — — — Endlich erhörte uns 



— 90 — 

der Gnädige und barrahertzige Gott und mich erhielte er, ihm sey 
ewig Dank davor, ob ich schon die Pest auf's ärgste und härt- 
teste selbst gehabt, beym Leben, dass ich liernach die Ausräucherung 
386 Häuser, so ausgestorben waren, unter meiner Inspection ver- 
richten können. Ich blieh noch eine geraume Zeit in der Stadt, und 
weil ich noch nach andern Oertern gefordert worden, auch sogar 
stipuliren musste, wenn die Contagion in die R-esidenz kähme, dahin 
zu kommen, machte ich einen andern Schlnss, weil ohnedem Halber- 
stadt durch die Contagion vor unsre Profession merklich ruiniret 
worden, und ging, als mir avisiret wurde, dass der alte Herr Raphael 
Nürnberger in Bresslau gestorben wäre, per posta dahin und 
kauflfte dessen Officin Anno 1G85 im Januario, darauf ich im Fe- 
bruario Praestanda praestirte, und mich als ein Mitglied selbigen löb- 
lichen Mittels darselbst niederliess. In diesem w^erthen lieben Bress- 
lau befinde ich mich noch mit meiner Frau und Kindern, davon eine 
Tochter verheyrathet, der eintzige Sohn zu Halle und die jüngste 
Tochter noch bey mir ist, werde auch wohl darinnen sterben. Als 
ich Jahr darinnen gewesen, hat mir ein Hoch-Edl. Gestr. Rath die 
sogenannte rothe oder Leib-Compagnie anvertrauet, welche ich auch 
bis An. 1690 bedienet^). Nachdem aber An. 1690 den 6. April Herr 
Samuel Rasper, der erste Chirurgus und Barbierer als Stadt-x4rtzt 
starb, bin ich den 3. Mäy darauf an dessen Stelle erwehlet worden, 
und habe den folgenden Tag mein Jurament abgcleget. Habe auch 
noch bis dato nunmehr in das 20. Jahr solche vertretten, dass meine 
Hoch-gebiethende Obrigkeit und Ober-A oiinundschafTt dess Krancken- 
Hospitals und anderer Hospitäler ein sattsames Genügen daran gehabt. 
Was icli in der Zeit bey den Hospitälern vor Patient, unter Händen 
gehabt, und inn- und auserhalb der Stadt und auf dem Lande curiret, 
weiss der grund-güthige Gott. Ihm sey ewig Ehr und Lob, dem 
GOTT Israel, welches alles ich nochjetzo continuire und bei leidlichen 
Kräfften verrichte, ob ich schon 62 Jahr alt bin! werde es auch un- 
ermüdet und unablässig thun, so lange GOTT Gnade und Gesundlieit 
geben wird. AMEN.'^ 

Diese Selbstbiographie Purmann 's ist fast wörtlich wiederge- 
geben, weil er darin in einfacher schlichter Weise sein Streben und 



^) Das muss ein Iirtham sein; P. kam erst 1685 nach Breslau; er könnte 
also frühesten 1690 Arzt bei der ,,Rothen Compagnie" geworden sein. In der Ob- 
servatio XXX steht auch, dass er im .J. 1699 die Tochter eines Soldaten dieser 
Compagnie operirte (21 -1. altes Mädchen, Atherom z^Yischen den Schulterblättern, 
10^ 2 Pfd. schwer). In demselben Jahre (Obs. XLIIl) behandelte er die Frau eines 
Soldaten von der Rothen Comp. 



— 91 — 

x4rbeiten schildert. Auch in der Ergänzung und näheren Betrachtung 
einzelner Abschnitte seines Lebens müssen wir uns an diese Vorrede 
und an die zahlreichen in seinen Schriften zerstreuten Notizen halten. 
In seinem 17. Lebensjahre, im Jahre 1665, trat er als Lehrling ein, 
lernte 2 Jahre; dann Ende 1667 — im August war er noch zu Glogau 
in der Lehre, s. Lorbeerkranz p. 169 — ging er nach Frankfurt a./O. 
zu Kauffmann, dem er später als Obergeselle in Cüstrin, wo Kauff- 
mann Garnison-Feldscheerer wurde (s. Obs. XXIII), 3 Jahre diente. 
Nun kam die Reise nach Lei]jzig und Wittenberg und „nach dem 
Vaterlande", wo er auff einem Dorife zwischen Frankfurt und Crossen 
im Mai 1670 eine wunderliche Fistelkur an einem Schneider-Gesellen 
ausführte (Lorbeerkr. p. 245). Bei dieser Gelegenheit wird es auch 
gewesen sein, dass er im Sept. 1669 nach Jauer geholt wurde, um 
eine Schussverletzung zu behandeln, bei der die Kugel im Humerus 
einheilte (Observ. LIV). Er ging dann wieder 1 Jahr zu Kauffmann 
in Frankfurt a./O. Das sind mindestens 4 Jahre, Purmann kann 
also erst 1671 als Compagnie-Feldscheerer in der Donau 'sehen Com- 
pagnie eingetreten sein. Dass er Lehrzeit und Gesellenjahre fleissig 
benutzt hatte, beweisen die guten Beobachtungen schon aus seinen 
ersten Dienstjaliren. Die 3 Jahre in Cüstrin wird er mitgerechnet 
haben, wenn er an verschiedenen Stellen sich seiner „12jährigen 
Kriegsdienste rühmt"; sonst kommen bis 1779 nur 9 Jahre zusammen. 
Das wird noch sicherer, wenn er selbst z. B. im Lorbeerkranz von 
9 jähriger Dienstzeit spricht. Diese 9 Jahre hat er. wie aus seinen 
eignen Worten klar hervorgeht, immer bei demselben Regiment ge- 
standen; nur die Commandeurs haben gewechselt (s. o.). 4 Jahre, 
bis 1675, war er Compagnie-, und von dieser Zeit an wieder 4 Jahre, 
bis Ende 1678 Regimentsfeldscheerer. Viel verdankte er, wie er selbst 
hervorhebt, dem langjälirigen Regimentsfeldscheerer der Churbranden- 
burgischen Leibgarde zu Fuss, i\ndreas Horch, dem er sich eng 
angeschlossen hatte, und dessen grosse Gelehrsamkeit er häufig er- 
wähnt. Auf seine Anregung schrieb er auch das Buch über Schuss- 
wunden; Horch überredete ihn dazu, als er 1686 als Ober-Stab- und 
Feldchirurgi) aus Ungarn zurückkehrte. Ihm ist die 2. Ausg. des 
„Feldscheerers" gewidmet (1690); der „28jährige Regimentschirurg" 
begleitet dafür den Neuen Lorbeerkranz (1692) mit einem Gedicht. 



1) Dieser Titel wird hier wohl zum ersten Mal im Braiidenburg'schen Heere 
erwähnt; Purmann nennt Horch a. a. 0. auch ,,Generalstabsfeldscheerer". — 
Unter den Dichtern, die in der Chir. cur. den ,, Bürger und Stadt-Ärtzt in Breslau" 
verherrlichen, ist auch ein ,,Keys. General-Feld-Stabs und Bürgerlicher Chirurg 
in Wien''. 



— i)2 — 

Die obigen Zeitbestimmungen sind nicht leicht festzustellen, da 
V. sich, offenbar Vieles aus der Erinnerung schreibend, oft widerspricht. 
Nach der Obs. LXXVI ji. 418 hat er schon 1671 liinter Strassburg 
auf dem Glöckelsberge mir der grossen Armee über 1 hallt Jahr ge- 
legen. _wo unser grosser aller vortreflichster Friedrich AVilhelm. weil 
über 6000 Mann im September an der Rulir darniederlagen, von dem 
Dr. Clemasius gegen eine Discretion von 2000 Specie-Ducaten das 
Recept. eines dagegen bewährten Pulvers erhandelte. Hernach hat 
Se. Churfürstliche Durchlaucht dieses Recept bei der Parole an jedes 
seiner Regimenter auszntheilen gnädigst befohlen. Worauf dieser Zu- 
fall sich auch in 14 Tagen verlohren." — In der Obs. LXXIX giebt 
P. sogar an, er habe dem „unvergleichlichen Helden und grossen Chur- 
fürsten Frieder. AVilhelm zu Brandenburg Glorwürd. Gedächtniss- 
12 Jahre als Regimentsfeldscheerer gedient. Diese Obs. betrifft 
eine interessante Schussverletzung, die P. in der raercklichen und 
grossen Belagerung der Yestung Stralsund zu Ende des 1678. Jahres 
beobachtete. Vorher TObs. LXII p. 334) berichtet er von derselben 
Belagerung aus dem J. 1679 im Anfange des Monats Octobris. und 
macht ('p. 367) im Martio Ao 1680 noch eine Section in Stralsund 
(Kugel in der Harnblase), — während er nach der Vorrede (s. o.) 
1678 seinen Abschied genommen und Jan. 1679 in Halberstadt ge- 
heirathet harre. 

In den ersten Feldzügen (1672 — 74) hatte P. keine Gelegenheit 
zu kriegschirurgischen Beobachtungen: dagegen waren die Verluste 
durch Kriegsseuchen, wie wir schon von Gehema wissen, sehr gross, 
ohne dass die Armee vor den Feind gekommen wäre. Die Eifersucht 
des Katholischen Wiener Hofes gegen den aufstrebenden protestanti- 
schen Fürsten, und das Ränkespiel des von Ludwig XIV. be- 
•stochenen kaiserlichen Ministers Lobkowitz hemmten jeden freien 
Entschluss des Generals Montecuculi und zwangen ihn und den \ ev- 
bündeten Oesterreichs, den Grossen Kurfürsten zu einem planlosen 
Hin- und Hermarschiren, ohne die so oft sich bietende Gelegenheit 
zum Angriff Turenne's ausnützen zu können. — P. erwähnt aus dieser 
Zeit nur einen kriegschirurgischen Fall. Er trepanirte im Dec. 1672 
nach dem Gefecht von Türkhausen unweit Hamm einen Corporal, der 
einen Säbelhieb über den Schädel erhalten harte (Chir. cur. p. 31j. — 
Desto mehr fand P. Gelegenheit in seinen einzelnen Quartieren bei der 
Civilbevölkerung thätig zu sein. So machte er 1672 zu Münden bei 
einem Leineweber die Tracheotomie (Chir. cur. p. 98), trepanirte in 
2 Fällen von complicirtem Schädelbruch in Münden und Hervorden 
(Chir. cur. p. 30j und operirte hier auch einen Knaben an einer 



— 93 — 

Hasenscharte. Bei einer Trepanation in Hcrvordcn erwähnt er einen 
Feldmedicus Dr. Schmidt. Im Mai und December 1672 treffen wir 
ihn in Soest (auch Soyst), wo er ebenfalls einen Musquctier trepanirte, 
während eines 8 wöchigen Aufenthaltes eine Skoliose orthopädisch be- 
handelte und einen grossen Nasenpolypen entfernte. Im August des- 
selben Jahres operirte er einer Soldatenfrau zu Minden einen Tumor 
am Knie. Im Mai hatte er hiei- nach Sectio lateralis einen Blasen- 
stein entfernt. Anfang 1673 war er wieder in Hervorden, wo er 
eine grosse Geschwulst au der Hüfte bei einer 50jährigen Frau exstir- 
pirte (Lorbeerkranz p. 96, 97 u. a. a. 0.) und einen 28 Jahre alten 
Müllerknecht nach des Hildani Methode von einem grossen Blasen- 
stein befreite. Er nennt dies seine ei'ste Steinoperation und nahm 
desshalb noch 2 Feldscheerer dazu, Christian Rampftun und George 
Pauloffsky. (Glatte Heilung, Lorbeerkranz p. 289). Wir sahen frei- 
lich, dass er a. a. 0. von einem im J. 1672 ausgeführten Stein- 
schnitt berichtet. 

Der Krieg gegen Ludwig XIV. schlief im Laufe des -Jahres 1673 noch mehr 
ein. Der Kurfürst hatte sich zu diesem Kriege schwer entschlossen; er wusste, 
dass er „Feinde ringsum" hatte und dass doch der Friede für die Hebung seines 
durch den Krieg verarmten Landes nothwendig war; trotz der erbärmlichen, auf 
den Westphälischen Frieden folgenden Zustände im Deutschen Reiche, trotz der 
steten Eifersucht der zahlreichen Pveichsfürsten untereinander, trotz des vollstän- 
digen Mangels deutscher Gesinnung bei ihnen und — noch trauriger — bei den 
Habsburgischen Kaisern, endlich trotz der vielen Wühlereien und Intriguen, die 
Frankreich, Holland, Schweden, England, Polen bald mit der einen, bald mit der 
anderen Partei in dem jämmerlich zerrissenen Deutschland anstifteten, war der 
Kurfürst doch 12 .Jahre lang mit Erfolg für den Frieden eingetreten. Er rüstete 
erst, als der Krieg in Folge der Pvaubzüge Ludwigs XIV., der 1670 Lothringen und 
das Elsass eingenommen, die Holländer überrannt hatte und in stetem Vorrücken 
gegen Deutschland begriffen war. nicht mehr vermieden werden konnte ; aber auch 
jetzt noch gehörten 2 .Jahre und die ganze Energie des Kurfürsten und seines Ge- 
sandten, des Fürsten von Anhalt, dazu, den deutschen Kaiser zum Kriege gegen 
Frankreich zu bewegen i). Wie dieser Krieg geführt wurde, haben wir gesehen; 
der Kaiser hatte in Paris geheime Abmachungen getroffen und Friedrich Wil- 
helm musste, von seinen Bundesgenossen verlassen, selbst in Unterhandlungen 
mit Ludwig XIV. treten, die schliesslich im .Juni 1673 zum Vortrag von Vossem 
führten. 

In dieser Zeit reiste der Compagniefeldscheerer Purmann in 
seine Heimat; auf der Hinreise operirte er in Rottach bei Coburg im 
Februario 1674, und als er im Majo desselben Jahres wieder zurück 
aus seinem Vaterlande kam und eine Nacht unweit Halberstadt logirte, 
behandelte er eine Art „Empalement", eine Verletzung- durch ein 



E. Berner, Geschichte des Preussischen Staates. München u. Berlin 1891. 



— 94 — 

Hirschgeweih, mit der Waffcnsalbe (s. n.)- ^'^ demselben Jahre operirte 
er „unweit Eckersberge" ein Carcinoma mammae (Lorbeerkranz p.l31, 
182 mid 257). 

Als die Schandthalen der französischen Hanl'en in der Pfalz und ein neuer 
Sieg Turenne's über die deutsche Armee bei Sinzheiui den Kaiser nöthigten, 
wieder die Hülfe Brandenburg-'s zu suclien, rüstete der Kurfürst von Neuem und 
traf mit einem trefflich ausgerüsteten Heere von 30,000 Mann am 14. October 1674 
in Strassburg ein. Aber wieder dasselbe erbärmliche Spiel; der Kurfürst bekam 
den ihm zugesagten Oberbefehl nicht und der österreichische General Bournon- 
ville wusste jedes kräftige Eingreifen auch bei der günstigsten Lage zu vereiteln; 
ja, schliesslich zog er heimlich ab und zwang dadurch auch den Kurfürsten zum 
Rückzug. 

Auch an diesem Feldzuge nahm Purmann wieder Theil; der 
Aufenthalt auf dem Glöckelsberge ist sicher hierher und nicht in das 
Jahr 1671 (s. o.) zn verlegen; wir sehen auch aus dem Lorbeerkranz 
p. 280^), dass er „im Monath Novembris 1674 zu Thamm war (ist ein 
Orth im Ober-Elsas daselbst eine der besten Passage zwischen den 
Bergen nach Lothringen und der Schweiz zu reisen) und allda wir 
aucli mit unserm Regiment 2 Monath in Quarthieren gestanden." Er 
erwähnt auch eine Trepanation nach der Schlacht bei Türkheim, Ende 
December 1674 und berichtet über eine schwere Halsverletzung, die 
er Anno 1674 im October vor Strassburg auf dem Glöckels-Berge 
beobachtete (Lorbeerkranz, p. 52). 

Für den Winter 1674/75 verlegte der Grosse Kurfürst sein Haupt- 
quartier nach Schweinfurt, während ein Theil der Armee, darunter 
Purmann's Regiment, in der Umgegend von Coburg überwinterte-). 
Aus dieser Zeit stammt eine grosse Zahl von Beobachtungen. Im Januar 
behandelte er wieder einen Fall von Skoliose orthopädisch; aus dem 
Februar berichtet er über eine Nieren Verletzung durch einen Degen- 
stich, exstirpirte ein grosses Atherom (?) am Auge (Lorbeerkranz 
p. 406, 231, 90), und operirte einen Musquetier am Staar (Declina- 
tion), der, als P. 1679 seinen Abschied nahm, noch seine Dienste 
„ohne einige Hindernisse verrichten können." (Chir. cur. 1699, p. 153). 
Schon im März wurden die Quartiere des Regiments nach Halberstadt 
verlegt 3). 



1) Hier ist immer die Ausgabe von 1684 (Halberstadt, .T. E. Hynitzsch) ge- 
meint, wenn nicht eine andere ausdrücklich genannt wird. 

-) Lorbeerkranz, S. 281: ,,Weil wir aber hernach (Ende 1674) mit unserer 
Armee wieder zurücke nach CoUmar, Schlettstadt und Strassburg, ja endlich gar 
wieder, den 1. .Januar des folgenden .Jahres über den Rhein und nach dem Cobur- 
gischen gegangen." 

^) Ebenda, S. 47: ,,Als ich Anno 1675 noch zu Halberstadt im Quartier lag, 



— 95 — 

Inzwischen waren die Schweden in die Mark eingefallen, und der Kurfürst, 
von seinen Bundesgenossen schmählich im Stich gelassen, musste sehen, wie er 
aus eigner Kraft diese ungebetenen Graste hinauswarf; die in der Heimat zurück- 
gelassenen Besatzungen konnten den Feind nicht aufhalten. Nach Orlich^) lagen 
in Berlin, einschliesslich der Bürgerwehr, 5000, Cüstrin 800, Spandau 250, 
Oderberg 200, Frankfurt 152 Mann, während Friedrich Wilhelm 1674 gegen 
Frankreich noch 28000 Mann im Felde hatte. -— In i'ilmärschen brach er im Mai 
mit 7200 Reitern und 1200 Musketieren vom Main auf, überrumpelte am 24. .luni 
die schwedische Besatzung Rathenow's und schlug am 28. Juni die Hauptmacht 
der Schweden bei Fehrbellin in die Flucht. Die Brandenburger verloren 500, 
die Schweden in der Schlacht 2400, und auf der Verfolgung bis Wittstock 4000 
Mann. (Friedrich d. Grosse bezeichnet in seinen Memoires (s. u.) „8 Fahnen, 
2 Standarten, 8 Kanonen, 3000 Mann und eine grosse Zahl von Offizieren" als 
Verlust der Schweden dans cette celebre et decisive Journce). 

Purmanii nennt auch „Rattenau" und „Föhr-Bellin" in 
seiner Lebensbeschreibung; zugegen war er bei diesen Kämpfen nicht, 
da nur die Reiterei im Stande war, solche Geschwindmärsche auszu- 
führen. Die Infanterie folgte erst später nach, ebenso die Artillerie, 
die hinter Magdeburg stecken geblieben war; bei Fehrbellin ver- 
fügte der Kurfürst nur über 13 Geschütze. — Wir sahen in der Ein- 
leitung, dass die Verwundeten nach der Schlacht bei Fehrbellin 
nach Spandau und von dort nach Berlin gebracht waren ; wäre Pur- 
mann hier thätig gewesen, dann würden die Beobachtungen in seinen 
Schriften zu finden sein. Erst als im October und November 1675 
Wo Hin genommen und Wolgast erobert wurde, war er mit seinem 
Regimente zugegen (Lorbeerkranz p. 236); im Winter war er in Neu- 
Ruppin-), wenigstens berichtet er über eine im März 1676 an einem 
Koch des Herrn von Arnim ausgeführte Staaroperation. — Im Laufe 
des Jahres 1676 nahm der Kurfürst die Peenemünder Schanze, Anclam, 
Demmin, Löcknitz und Damm; erst jetzt konnte die Belagerung von 
Stettin vorbereitet werden. „Werender Belagerung" von Anclam 
operirte Purmann eine Fistula ani bei einer Soldatenfrau (Lorbeer- 
kranz p. 390). Nach der Einnahme wurde er mit 42 tödtlich Blessirten 
in die Stadt gelegt (s. Einleitung). Sie wurden alle bis auf einen, 
der an der Ruhr starb, geheilt, was P. weniger auf gutes Medicament 
und fleissiges Verbinden, als auf gute Verpflegung und Wartung zu- 
rückführt (Lorbeerkranz p. 8). Die Blockade von Stettin wurde auf- 



wurde von des damaligen Obrist-Lieutenaut Cannen Compagnie ein Musquetier". . 
(schwere Verletzung der Nase, Ober- und Unterlippe). 

1) Geschichte des Preussischen Staates. II. S. 407. 

2) Lobeerkranz, S. 87: ,,Im Monath Martio Anno 1676 Als wir zu Neuen- 
Ruppin mit unserm Regiment in Quartier gelegen," 



— 96 — 

gehoben, und AViiiterrparticrc bezogen: P. kam mit >cinem Regiment 
nach Stassfiirt^). 

Im Jahre 1677 wurde Stettin genommen; die Belagerung begann im Juni, 
aber nn't vollem Nachdruck konnte erst im September vorgegangen werden, und 
bis zum 22. December dauerte es, bis die Uebergabe erfolgte. Der Kurfürst ver- 
fügte dabei über 7 Kegimenter Reiterei, 10 Reg. Infanterie, 3 Reg. Dragoner, über 
4000 Mann Lüneburger Hülfsvölker, 108 Kanonen und 31 Mörser. Die Besatzung 
bestand aus 3000 Schweden und ebensovielen Bürgern. Xach den Memoires 
Friedrichs des Grossen (p. 95) war die Garnison schliesslich auf 300 Mann reducirt; 
die Belagerer sollen 10000 Mann verloren haben. Am ß. Januar 167S zog der 
Sieger in die Stadt ein. 

Ans dieser Zeit erwähnt Pur mann eine Arteriotomie an der 
An. temporalis bei einem Gefreyten-Corporal wegen Continuirlich 
grosser und einseitiger Haupt-Sehmertzen ; ferner eine merkwürdige 
Schussverletzung 2). In den Observat. (LXXX, p. 441) über eine 
schwere und interessante Schussverletzung, die er ,,x\nno 1676 3) im 
Anfang des Monats October in währender sonderbarer Belagerung 
Stettin- bei dem Capit. B., dem eine 8 pfundige Stückkugel beide 
Unterschenkel abgerissen hatte, und der. als er vom Pferde gehoben 
wurde, noch einen Pistolenschuss in die Stirn bekam. Ausserdem 
hatte dieser Capit., der „schon bey '2Q Jahren erstlich den Schweden, 
hernach den Brandenb. gedienet", noch eine Fistel an der Brust nach 
einer vor 3 Jahren in der Nähe von Strassburg erlittenen Quetschung. 
Er wurde in 22 Wochen geheilt. .Mit welchen Schwierigkeiten die 
ärztliche Thätigkeit oft zu kämpfen hatte, zeigt recht deutlich die 
Observ. LXII. (p. 334). Ein „Sergent" mit einer schweren Schuss- 
verletzung, bei der die Kugel das linke Os femoris durchschlagen 
hatte, und dann durch den Penis und durch die Weichtheile des 
rechten Oberschenkels hindurchgegangen war, konnte erst nach drei 
Stunden, weil „in der baldfolgenden Attaque der Contrescarpe niemand 
bald zutn wegtragen vorhanden war", zu P. in das Lager gebracht 
werden und musste auch hier noch 1 Stunde warten, weil P. mit 



^) Ebenda, S. 183: ,,Als wir nach Übergabe Anklam und Aufhebung der 
Belagerung von Stettin in unser 'Winterquartier zu Stassfurt verlegt worden." — 
In Observ. IX, p. 38 wird die Belagerung Anklam's in das Jahr 1678 verlegt; 
ebenso auf p. 63. 

-) Bey der Attaque des Ravellins wurde ein Sergeant durch ein gezogen Rohr 
hinten, an der Lenden geschossen, die Kugel wurde nach 4 Tagen mit dem 
Stuhlgang entleert. 

^) Das muss entweder 1677 heissen, oder die im October 1676 aufgehobene 
Blockade von Stettin ist gemeint. In der Chir. cur. p. 700 spricht P. von der 
1. Belagerung Stettins i. J. 1676. 



~ 97 - 

dem Reg'imeiits-Feldscheerer des Goetzischen Regiments grade bei einer 
schweren sonderlichen Operation beschäftigt war. 

In dieser Zeit hatte P.auch mit der Churbrandenburgischen Marine zu 
thiin ; in den späteren Ausgaben des Lorbeerkranzes (1692 und in der nicht 
mehr von ihm selbst verfassten von 1722), S. 51 erzählt er: „ein Mus- 
quetier-Gefreyter bey des Herrn Hauptmann Hanss Christoph von 
Schenckendorff's Compagnie unter dem Bombsdorff'schen Regiment zu 
Fuss ward nebenst andern auff die Flotte commandiret und ge- 
geben und fiel Anno 1677 im Anfange des Septembris vom mittleren 
und grossen Mäste auff den Schiffboden lieriinter'- (offener Unter- 
schenk elbrnch, offener Schädelbruch. Heilung;. — Ein Cap. von Bahr 
desselben Regiments wurde von einer 3 pfundigen gläsernen Granate 
an der Stirn verwundet und mii der "Waffensalbe „geheilt" (s. o.); es 
war nur eine AVeichtheilwunde. Das geschah im August 1676 beim 
Sturm auf die Sternschanze. Im Juli 1677 starb derselbe Offizier an 
einem Schädelschuss durch eine eiserne Granate, die ihm, wieder an 
der Stirn, den Schädel zertrümmert hatte (Chir. cur. p. 700). 

Die Winterquartiere scheint das Regiment wieder in der Xähe von 
Halberstadt gehabt zu haben; P. erzählt im Lorbeerkranz (S. 89): „Als 
wir Anno 1678 in Ende des Monats Januarii noch mit dem Bombs- 
dorffischen Regiment in Osterwieck gelegen haben." Im September 
1678 wurde Rügen, im October Stralsund, im November Greifs- 
wald erobert; damit war ganz Pommern den Schweden wieder ab- 
genommen. Purmann's Regiment war immer mit dabeiVi und blieb 
dann bei der Besatzung in Stralsund. 

Die Schweden waren, vou Ludwig XIV. aufs Xeue mit Gekimiiteh] versehen, 
wieder in Preussen eingefallen, die sog. Bundesgenossen des Kurfürsten hatten 
ihre Separatfrieden mit Frankreich geschlossen (Nymwegen); da unternahm er 
jenen grossartigen Wiuterfeldzug, in dem er die schwedischen Truppen zermalmte 
und über das gefrorene Imrische Haff bis Riga vordrang. Nicht 3000 von 18000 
Schweden kamen nach Livland zurück.-) Aber alle diese gewaltigen Siege blieben 
ohne Erfolg; weil auch der deutsche Kaiser im Namen des Reiches mit Ludwig XIY. 
einen Frieden schloss, in dem die Rückgabe Pommerns an Schweden zugesagt 
wurde. Friedrich Wilhelm musste, da er ganz allein, obgleich er damals eine 
Armee von 38000 Mann hatte (Orlich 11. 408), es mit Frankreich nicht auf- 
nehmen konnte, im Frieden zu St. Germain en Laye vom 29. Juni 1679 „alle 
Früchte des mühseligen Krieges an Schweden zurückgeben" (Bern er. 1. c). Vom 
Kaiser, von den Reichsfürsten, von den Holländern, für die er so lange gekämpft 
hatte, verlassen, blieb ihm, wenn erseinen Staatvor der Zerstückelung schützen wollte, 
nichts übrig, als sich mit seinem bisherigen Feinde. mitLudwigXIV. zu verbünden. 



^) Lorbeerkr.. S. 441: ,,Als Anno 1678 die Belagerung Greitfswalde nach 
Eroberung Strahlsund noch gegen den Winter vorgenommen wurde." 
2) Berner, L c. p. 202." 

Veröffentl. aus dem Geliiete des Milit.-Sanitätsw. 13. Heft. - 



— 98 — 

Die Zeitangaben Purmann 's über die beiden letzten Jahre .seiner 
Thätigkeit als Eegimentsfeldscheerer, 1678 und 1679, leiden, wie 
schon erwähnt, an zahlreichen Erinneruugs fehlem. Dass er im Dec. 

1678 in Stralsund im Quartier lag (Chir. cur. p. 73j, wird richtig 
sein; dass er aber Anfang October 1679 bei der Belagerung dieser 
Stadt war (Observ. LXIl), dass er im August desselben Jahres hier 
in Garnison lag (Lorbeerkranz, S. 93), ist unmöglich und widerspricht 
auch den zahlreichen Berichten über Beobachtungen, die er schon 

1679 in Halberstadt und seiner Umgebung machte (Chir. cur. p. 5, 
Lupus; p. 330, Paracente.sis abdominis: p. 322, Anlegung einer 
Magenfistel; p. 744, Gangrän der Zehen u. s. w.). — Die zahlreichen 
Belagerungen, die er mitmachte, gaben ihm Gelegenheit, nicht nur 
als Chirurg zu wirken, sondern auch als innerer Arzt thätig zu sein. 
So berichtet er im 3. Theile seines „Feldscheerers" über die reichen, 
bei Stettin, Anklam, Stralsund gesammelten Erfahrungen über die 
rothe Ruhr; und wenn er es auch namentlich in seinen späteren 
Stellungen in Halberstadt und Breslau ängstlich vermeidet, in das 
Gebiet des Medicus überzugreifen und diesen häufig consultirt, so sind 
doch alle seine Schriften reich an Erfahrungen und Vorscliriften, die 
sich auf die innere Medizin beziehen. 

Der Friede von St. Germain rund der von N ym wegen) machte 
den Feldzügen des Grossen Kurfürsten ein Ende: Pur mann nahm 
seinen xibschied und wurde Stadtarzt in Halberstadt, wo er sich noch 
in demselben Jahre verheirathete. (Goelicke giebt in seiner Historia 
Chirurgiae eine schöne üebersetzung von Halberstadt; er nennt Pur- 
mann: antehac Chirurgus „Hemipolitanus".) 

Wenn damit auch die Thätigkeit des „Kriegs Chirurgen" Pur- 
mann vorüber ist, so wollen wir doch seinen weiteren Lebenslauf 
verfolgen und dann an dei- Hand seiner AVerke den Standpunkt, den 
er in verschiedenen wichtigen \vissenschaftlichen und praktischen 
Fragen einnahm, ausführlich erörtern. 

In Halberstadt fand er bei der 1680 von Magdeburg einge- 
schleppten Pest reichlich Gelegenheit, sich als muthigen und kenntniss- 
reichen Arzt zu zeigen. Der Grosse Kurfürst ernannte ihn in Folge 
dessen trotz des Protestes der Purmann'schen Clientel zum Ober- 
Pest-Chirurgus der Brandenburgischen Regierung und P. verfasste auf 
seinen Befehl eine ..Pestanweisung" *). Im J. 1681 unternahm er, 
wohl im Anschluss an diese Epidemie, eine Consultationsreise nach 
Magdeburg. Er hatte ca. 500 Pestkranke kurirt. war selbst von der 



^) .,Anno 1680. als ich noch 7a\ Halberstadt v\-ohnTe und Ober-Pest-Chh'- 
urgus war." (Chü-. cur. p. 319.) 



— 99, — 

Krankheit befallen, lag 7 Wochen,- hatte 5 Bubonen; „als er noch 
hincken musste", besuchte er die Kranken ^Yieder und leitete auch 
nachher die Ausräucherung der Pestwohnungen selbst. Die Doctoren 
beobachteten die Kranken aus sicherer Ferne durch das Fenster und 
überliessen den Barbieren die Behandlung. Purmann 's Ruf war 
durch diese neuen Leistungen so gestiegen, dass er versprechen 
musste, nach Berlin zu kommen, wenn die Pest dort ausbrechen 
sollte. Es ist übrigens interessant, dass die von ihm beobachteten 
und berichteten Krankheitserscheinungen fast dieselben sind, mit denen 
auch jetzt noch die Pest in Indien auftritt. ') 

Da Purmann in dem kleinen, von der Pest decimirten Halber- 
stadt keine ausreichende Thätigkeit mehr fand, benutzte er die Ge- 
legenheit, eine durch den Tod des Besitzers freigewordene Offizin in 
Breslau zu erwerben und nach dort überzusiedeln. Nach einer Notiz 
in der Chir. cur. S. 319 wäre das schon im J. 1684 geschehen-); 
nach seiner Lebensbeschreibung (s. o.) hat er den Kauf erst im Ja- 
nuar 1685 abgeschlossen. — Li Breslau ist er bis zu seinem Tode 
geblieben, und wenn wir auch über diese Zeit wenig wissen, so steht 
doch fest, dass er dort in angesehener Stellung eine ausgedehnte 
praktische, besonders operative Thätigkeit entfaltete und ausserdem 
in der Beobachtung und wissenschaftlichen Verwerthung seines zahl- 
reichen Materials für jene Zeiten wirklich Grosses leistete. Als Todes- 
jahr wird 1711 und 1721 angegeben. In Kestner's Gelehrten-Lexikon 
steht Nichts darüber; dagegen findet sich in dem „Grossen vollstän- 



^) Die Thätigkeit P.'s in dieser Zeit ist ausführlich dargestellt in der ,,Acten- 
maessigen Geschichte der Pest zu Halberstadt in den .Jahren 1681 u. 1682", von 
W. Hörn, Berlin 1836. Separat-Abdruak aus E. Horn's Arch. f. mediz. Erfahr. 
Die Kenntniss dieser wichtigen und interessanten Schrift verdanke ich Herrn Pre- 
diger Arndt in Halberstadt. Er stellte mir auch die im .Jahre 1840 von Halber- 
städter Aerzten verfasste Festschrift zur Verfügung, in der kurze Lebensbeschrei- 
bungen von 266 Aerzten enthalten sind. Hier wird als P.'s Geburtsjahr 1649 ge- 
nannt. — W. Hörn giebt den Anfang der Pest etwas anders an, als P.; nach ihm 
wurde die Krankheit durch eine Magd eingeschleppt, die, in Magdeburg erkrankt, 
sich heimlich kurze Zeit in Halberstadt aufgehalten hatte. Erst 3 Wochen später 
wird der Advokat Luft genannt. Hörn rechnet fast 2200 Todesfälle in der kurzen 
Zeit. P. stellte fest, dass viele Leute, die vor .Jahren die Pest gehabt hatten, 
dieses Mal frei blieben, nahm auch zu den Ausräucherungen der Häuser nur 
Leute, die die Krankheit überstanden hatten. Das Bild Purmann 's am Anfange 
dieser Biographie haben wir der Arbeit Horn's entnommen. In etwas eleganterer 
Ausführung findet sich dasselbe mit einer Widmung des Pvegiments-Chirurgus 
Horch auch in den späteren xlusgaben des Lorbeerkranzes. 

-) ,,Als ich Aug. 1684 mit den Meinigen nach Breslau gezogen bin." (Chir. 
cur. p. 319.) 

7* 



— 100 — 

digcn Ünivcrsal-Lcxikon aller Wissenschaften und Künste", einer Ency- 
clopaedic, die 1735 in Leipzig und Halle herausgegeben wurde, die 
merkwürdige Notiz bei Purmann: „und starb 1711. Lebcnslauff." 
Für 1711 als Todesjahr sprechen viele aus den später erschienenen 
Ausgaben seiner Werke (s. u.) sich ergebende Gründe. Auch in 
Th. Henschel's „Jatrologiae Silesiae specimen primum", S. 31, wird 
angeführt: „Math, Gottfr. Purmann f 1711"; dieses Jahr wird auch 
von Joe eher in seinem compendiösen Lexikon als Todesjahr be- 
zeichnet. Andreac (s. o.) lässt es unentschieden, ob 1711 oder 1721 
richtig ist; Matthiae (S. 875) sagt gar nichts darüber und in der 
AUgem. Deutschen Biographie (H. Fr (VI ich) wird wieder 1721 an- 
genommen. Seine 80 Observationen gab er 1710 heraus, als er nach 
eigener Angabe, im 62. Lebensjahre war; am Schlüsse derselben ver- 
spricht er für das nächste Jahr die folgenden 80. — Purmann, der un- 
ermüdliche, fleissige Arbeiter, hätte dieses Versprechen sicher gehalten; 
es ist wohl nicht zu kühn, daraus, dass seitdem Nichts mehr von 
ihm erschienen ist, zu schliessen, dass er sein letztes Werk und damit 
das Jahr 1710 nicht lange überlebt hat. Von seinen letzten Lebens- 
jahren ist Nichts bekannt; wir wissen nur aus der Chir. curiosa 
S. 728, dass er 1692 an einer schweren Ischias erkrankte, in der er 
sich unter Zustimmung und im Beysein der Herren Dr. Preuss, 
Pauli, Tralles, Hanen und Hörnern von Herrn Dietrich 
Meyern, vornehmen Chirurgen und Aeltisten allhier mehrere Male 
eine Moxa setzen liess; der Schmertzen liess auch bald darauf gantz 
nach, die eine Brandwunde zwang ihn aber, noch 5 Wochen das Bette 
zu hüten. Der Erfolg scheint auch kein dauernder gewesen zu sein; 
in der Vorrede zur Chir. curiosa spricht er von „sorglichen schmertz- 
hafften und zum Theil lange anhaltenden Krankheiten", die er zu 
überstehen gehabt habe, und in der Vorrede zu seinen Observ. erzählt 
er, dass er sich in jener Zeit (gegen 1690) „immer kräncklich und 
elend an malo Ischiadico (Hüfft-Wehe) befunden habe." Dass die 
zur Moxa benutzte indianische Wolle keine gewöhnliche Wolle, sondern 
eine zugerichtete von einem Kraute sey, darzu hat uns das „Smi- 
croscopium" nicht wenig geholffen (Chir. cur. S. 722). In den spä- 
teren, bedeutend erweiterten Ausgaben des Lorbeerkranzes (1692, 
1705, 1722) heisst es das „penetrante Augenglas, das Semicrosco- 
pium"; in der letzten Ausgabe (1722) das „Microscopium." Es ist 
interessant, dass auch Purmann schon so gut über diese neue Er- 
findung unterrichtet war, die aus der Mitte des 17. Jahrhunderts 
stammte, während die ersten massgebenden Untersuchungen Leeuwen- 
hoeck's erst 1685 (Arcana naturae ope microscopii detecta, Leyden 



— 101 — 

1685), spcäter 1695 und 1719 veröffentlicht waren. (S. Löffler's Vor- 
lesungen über die geschichtliehe Entwickelung der Lehre von den 
Bacterien, Leipzig 1887). — Lebrigens spricht auch Gehema in der 
Observ. IX (1686!) von der Erfindung des „Curiosus naturalium rerum 
perscrutator Lovvenhoekkius." Gehema berichtet dort über Wür- 
mer und sagt : Hominem non ex ovo, sed ex verraiculo ortum ducere, 
microscopiorum ope oculisque attonite cernimus. L. infinitum ver- 
miura numerum, non tantum in spermate, sed etiam in ipso post con- 
ceptionem utero unum vel alterum vermiculum observavit, de die in 
diera grandescentem. stupenda animaliura primordial Divini 
Opificis inenodabile artificium! Homo vermis, per totum vitae suae 
curiculum vermiculatur, ut principii sui semper sit immeraor et qui 
vermis nascitur, post mortem in verminm escam redigitur!" üebrigens 
miiss doch schon früher Etwas über das Mikroskop bekannt gewesen 
sein, da in Mercklin's Lindenius Renovatus (1. c.) sich eine „Dissert. 
de usu microscopii in naturali Scientia et Anatorae, ad virum summi 
nominis D. Theod. Conringium. Consiliarium et Archiatr. Brunsvico- 
Lünburgium, von Frid. Schraderus, Göttingen 1681" verzeichnet ist. 
Gehema äussert sich auch in der Schrift „Die beste Zeit-Vertreib", 
Bremen 1689, über die herrlichen Observationes des berühmten Hol- 
länders Anthonii Leuwenhoek's^). 

Purmann war ohne eigentlich wissenschaftliche Bildung; er war, 
wie alle seine Berufs- und Mittels-, d. h. Ziinftgenossen, Lehrling, 
Geselle und Obergeselle gewesen und dann Compagnie-Feldscheercr 
geworden. Als er sein berühmtes Werk, den Lorbeerkranz im Jahre 
1684 herausgab, sagt er noch in der Vorrede: „Ich muss zwar ge- 
stehen, dass wenn ich betrachte, wie hoch es itziger Zeit mit unserer 
Mutter-Sprache kommen, ich mich fast scheuen muss, diesen Tractat 
in die gelahrte Welt auszusenden". Er fühlte sich also auch darin 
nicht sicher; tröstete sich aber damit, dass er ja nicht für gelehrte 
Leute, sondern für Wundärzte schreibe, welchen heutigen Tages am 
besten damit gedient, dass man aufrichtig und schlechterdings weg 
redet, damit es ein jeder verstehen möge. Wie er seine Kenntnisse 
erwarb, kann man aus den Rathschlägen erkennen, die er Anderen 
ertheilt; er wird nicht müde, den „Nachwuchs" zu ernstem, wissen- 
schaftlichem Arbeiten, zum fleissigen Studium der Anatomie und be- 
deutender chirurgischer Werke, zur Theilnahme und aufmerksamen 
Beobachtung der Thätigkeit erfahrener Chirurgen zu ermahnen. Die 



1) Damit haben wir 3 verschiedene Schreibweisen dieses Namens: Lieuwen- 
hoelc (S, 74). Lovvenhoekkius und Leuwenhoek. Richtig ist: ,,Leeuwenhoeck". 



10t> - 

beste ScIiuJe für die praktische Ausbildung ist der Krieg, und 1^. ist 
sehr schleciit auf die zu sprechen, die es nicht zugeben wollen. „Es 
ist nicht genug, dass man viel unnöthig Geplauder davon machet, 
komme erst selbst in den Krieg und strecke die Nasen in das Feld, 
du wirst viel anderes davon judiciren." 

Pur mann stand allerdings, wie E. Richter (1. c. S. 691) sagt, 
auf den Schultej'n von AVürtz; aber fast ebenso oft bezieht er sich 
auf Ambroise Pare, auf Fabriz v. IPilden, Severinus, Vigo, 
Muralt, Skultetus, Blegni u. A. In den Observationes zählt er 
28 Autores auf, die er darin citirt habe. Gründer sagt von ihm, 
dass er von liippocrates bis Jungken nicht bald einen Schriftsteller 
durchzustudiren und zu benutzen vergessen habe. So sehr er aber 
auch diese Männer rühmt, so oft er auch den Hippocrates, Galen, 
Celsus, Avicenna u. A. zu Worte kommen lässt, so energisch und 
derb wettert er gegen den blinden Autoritätsglauben. „Amicus Plato, 
araicus Socrates; magis amica veritas", sagt Guy de Chauliac; 
selbst sehen, selbst erfahren, bei Misserfolgen nicht gleich erlahmen, 
auch in vetzwei feiten Fällen nicht gleich die Flinte in's Korn werfen, 
da Gott und die Natur oft noch helfen, wenn der Mensch es für un- 
möglich hält — fast wörtlich, wie Ambroise Pare — das sind einige 
von den allgemeinen Sätzen, die man oft bei Purmann findet. Er 
war offenbar ein glücklicher Operateur; wenn man auch annehmen 
wollte, dass er nur auserlesene Beobachtungen veröffentlicht hat, so 
findet sich doch darin so manche schwere Verletzung, so manche 
schwere, eingreifende Operation mit glücklichem Verlauf, dass man 
sich wohl erklären kann, wie auch viele Kranke aus fernen Gegenden 
zu ihm kamen. Als ßreslauer Stadtarzt hatte er, wie es scheint, 
eine „Privatklinik" in seinem Hause; er berichtet seJir oft, dass er 
Kranke in seiner AVohnung operirt und behandelt habe. — Zu be- 
wundern ist auch, dass er bei den vielen Feldzügen, Schlachten und 
Belagerungen, bei den Gewaltmärschen kreuz und quer durch ganz 
Deutschland, auf denen er die Armee des Grossen Kurfürsten be- 
gleitete, immer noch Zeit fand, seine Beobachtungen zu notiren. 

Von kriegschirurgischem Interesse sind besonders seine Ansichten 
über die Behandlung von Verletzungen. Zuerst wird die Um- 
gebung von Blut und Schmutz gereinigt, die Haare entfernt. Ist eine 
genaue üebersicht nicht anders möglich, dann wird eine ausgiebige 
Erweiterung vorgenommen und alle Fremdkörper, aber nur, wenn es 
ohne langes Suchen geschehen kann, herausgebracht; sonst legt er 
Wicken oder Meissel ein, bis es die Eiterung besorgt hat. Erst dann 
— wir würden sagen bei guter Granulation und geringer Secretion — 



— 103 — 

werden die AVundräjider durch ein Pflaster einander genähert und 
schliesslich eine zu starlie Xarbenbildung durch Zink und Bleipflaster 
verhindert. Vor Fetten und allen Schmierereien warnt er ausdrück- 
lich an vielen Stellen. Die Heilung ohne Eiterung war ihm wohl be- 
kannt. Das Kap. I des zweiten Theiles seiner Chirurg, curiosa trägt 
die üeberschrift: „Ob denn die "Wunden-Cur nothwendig nach der 
Alten Manir und Weise, vermittelst der Suppuration und Ereyterung 
durch Pflaster, Salben, Cataplasm., Ueberschläge, Oehl und Balsamen 
müssen geheilet: und ob sie nicht, ohne alle diese Schmierereien, 
durch andere Artzney-Mittel, ohne den geringsten Eyter, in viel 
kürtzerer Zeit können beständig curiret werden?" In den Feldzügen 
folgte P. noch allezeit der alten Methode: durch teutsche, englische 
und französische Chirurgen wurde er belehrt und suchte später in 
Breslau womöglich immer die Heilung ohne Eiterung zu erzielen. 
Zu dieser geschwinden Wunden-Cur giebt er verschiedene Wundwässer 
an, die ihm Horch mitgetheilt hatte, und die aus aromatischen 
Kräutern durch Abkochen mit AVein hergestellt wurden; bei oberfläch- 
lichen Wunden wurde ein Wundpulver aufgestreut, das ähnlich zu- 
sammengesetzt war. Darauf kam ein mit dem Wundwasser fleissig 
angefeuchteter Verband, der erst nach 2, 3 Tagen oder noch später 
gewechselt wurde. Die Hauptsache war wohl, dass vorher Alles von 
Blut und Unrath gereinigt und tüchtig mit dem warmen AVundwasser 
oder mit warmem AVein ausgewaschen war. AA^ir sahen auch, dass 
bei dem Gebrauch der Waffensalbe die AAamde die ganze Zeit über 
nur rein gehalten, nicht berührt, sondern nur täglich mit einem reinen 
Häderlein belegt werden sollte (Chir. curiosa, p. 697). 

Bei Blutungen unterscheidet P. 3 Grade; leichtere werden durch 
Auflegen eines städtischen Pulvers, schwerere durch Cauterisiren, 
noch schw^erere durch perkutane ümstechung beider Enden gestillt. 
Seinen Standpunkt in der Behandlimg der Schusswunden haben wir 
in den ..Historischen Untersuchungen- beschrieben; die A'ergiftungs- 
lehre erklärt er für eine alte Fabel und beweist ihre Unrichtigkeit in 
ähnlicher AVeise, wie A. Pare. Seine Behandlung der Schusswunden 
war, wie auch H. Fischer in seiner Kriegschirurgie betont, im All- 
gemeinen der von Gersdorf imd Braunschweig geübten ähnlich'). 
Fremdkörper wurden entfernt, wenn es mit leichten Eingrifl'en mög- 
lich war. Dass Kugeln ohne Schaden einheilen, hat er oft erlebt. 
Gelenk- und Knochenschüsse behandelt er wie offene Brüche mit 



^) Genaueres darüber bringt Wolzendorff in seinen ,, Beiträgen zur Ge- 
schichte der Kriea-schirurofie". Deutsche med. Wochenschrift, 1892. Xo. 23. 



— 104 — 

Pflastern und Schiencnverbändeii. Audi hiiM'bci warnt er vor zu 
eifrigem Sondiren iiiid Suchen. 

Abi^osehen von al]gemeiner('n Bemerkuiigen, die den Anfang 
bilden oder hier und da eingefügt sind, ist in allen chirurgischen 
Werken P.'s die Eintheilung in Kopf, Rumpf und Gliedmassen durch- 
geführt. Den Scliädel Verletzungen widmet er immer eine ganz 
ausführliche Besprechung und schickt, wie auch in den anderen Ka- 
piteln, eine kurze Beschreibung der Anatomie vorauf, in der er sich 
bis auf den feineren Bau des Gehirns den Lehren des Vesalius an- 
schliesst. Die Schädelbrüche theilt er in einfache und kompli- 
zirte. Dass die Tabula int. ohne VerJetzung der externa brechen 
kann, ist ihm bekannt; ebenso kannte er die Brüche der Basis und 
die indirekten Brüche. Bei der Therapie verweist er wieder auf die 
Lehren zahlreicher alter und neuer Autoren, besonders auf Fabriz. ab 
Aquapendente, Scultctus und Würtz und erörtert dabei besonders die 
Lidicationen zur Trepanation, die er 40 Mal ausführte i). Er hält 
sie für angezeigt bei ßlutextravasaten zwischen Hirnschale und Dura, 
bei Eindrücken des Schädelknochens und bei Splitterbrüchen, jeden- 
falls immer, wenn Druckerscheinungen vorhanden sind. Als solche 
bezeichnet P. : Erbrechen, Blutungen aus den Ohren, Bewusstlosigkeit, 
Krämpfe. In unleidlichen Plaupt-Schmertzen, in der fallenden Sucht 
(Epilepsia), Unsinnigkeit (Mania), Schwindel (Vertigo) und dergleichen 
darf man trepaniren, wenn es „lange Zeit gewäret; denn alsofort 
rauss man nicht zu so schweren Mitteln greifen". 

Während des Trepanirens werden mit einer Röhre die Knochen- 
späne weggeblasen; dadurch soll sich auch die Dura leichter vom 
Knochen ablösen. Grosse Trepankronen wendet P. nicht an; er em- 
pfiehlt die s. Z. in Augsburg und Nürnberg verfertigten, deren Achse 
mit einem Getriebe in einer kupfernen Kugel verschlossen war, so- 
dass man nur die Kurbel und die Spitze der Krone sehen konnte. 
(Lorbeerkranz, Ausgabe von 1692, S. 82.) 

Die Rhinoplastik machte P. nach Tagliakozzi's Vorschriften, 
hält es aber doch für bequemer, den Ersatz von einem Anderen zu 
nehmen. Die von van Helmont u. A. berichteten räthselhaften Ge- 
schichten vom Magnetismus und der Sympathie zwischen der neuen 
Nase und dem früheren Besitzer der dazu genommenen Haut, wo- 
durch z. B. die künstliche Nase abfiel, als jener Mann starb, erklärt 
P. für Märchen. Er bildete künstliche Vorderzähne aus Elfen- 



') Lorbeerkranz, S. 55: „Ob ich gleich bei 40 trepaniren müssen". 



— 105 — 

bein und befestigte sie sorgfältig mit Silberdraht an ihre Nachbaren. 
Bei der Raniila verwirft er das Caiiterium; er incidirt, entleert und 
bringt den Saci\ zur Verödung. Nasenpolypen entfernte er in 
3 Fällen; 1 mal mit einem glühenden Draht, sonst mit der Zange; 
an die Trennungsstelle brachte er nachher eine „austrocknende" Salbe 
mit Bleiglätte, Kampfer oder Hydrarg. praecip., die er auch anwandte, 
um die Gewächse ohne Operation zum Schrumpfen zu bringen. 3 mal 
entfernte er auch Polypen aus dem äusseren Gehörgang mit dem 
Unterbindungsinstrument von Fabriz. v. Hilden (einer Art Schiingen- 
träger). Bei der Staaroperation (Reclination) stach er, während 
das Auge durch eine einfache Sperrvorrichtung offen gehalten wurde, 
eine runde Nadel einige Linien von der Hornhaut entfernt ein und 
drückte durch hebelnde und drehende Bewegungen die Linse nach 
hinten, hielt sie auch mit der Nadel in dieser Stellung eine Zeit lang 
fest. Er erwähnt (s. o.) eine Reihe guter Erfolge. Das Pterygium, 
das er nicht genau vom Pannus und Staphylom trennt, wächst nach 
ihm immer aus dem inneren Augenwinkel hervor und ist am besten 
mit einem hakenförmigen Messer zu operiren. Um ein Chalazion 
bequem schneiden zu können, spannt er das betr. Lid über einem 
spatelartigen Instrument stark an. Werden gewöhnliche künstliche 
Augen nicht vertragen, dann sollen sie (aus Blech mit Leder ge- 
füttert) an einer Prothese, die wie eine Brille am Ohre zu befestigen 
war, getragen werden. — Die Tracheotomie machte er nach 
Fabriz. ab Aquapendente; die Luftröhre wurde durch einen Längs- 
schnitt freigelegt, unterhalb des 3. Knorpels quer, um den Knorpel 
nicht zu verletzen, geöffnet und ein kurzes etwas krumm gebogenes 
Röhrlein eingelegt (Lorbeerkr. p. 302, Chir, cur. p. 94). — Die 
Furcht vor dem Brustschnitt, der Thoracocentese, die er z. B. vor 
Stettin und Stralsund 30 mal ausführte, ist nach seiner Ansicht schon 
deshalb unbegründet, weil er so oft penetrirende Brustwunden beob- 
achtete, bei denen die Lebensgeister nicht entflohen, der Lufteintritt 
in den Brustraum nicht zu tödtlichen Complicationen führte. Den 
Hautschnitt macht er recht im mittleren Theil der Seiten zwischen 
6. und 7. Rippe mit einem scharfen, den durch die Muskeln und die 
Pleura mit einem stumpfen, vorn runden Messer. Die Durchbohrung 
einer Rippe, schon damals empfohlen, weil die Canüle besser sitze 
(im Jahre 1895 wieder erfunden) wird von P. verworfen, ebenso die 
Operation des Empyems mit Aetzmitteln. Auch bei Eitersäcken 
in der Lunge soll Brusthöhle undAbscess zugleich geöffnet werden^ 
Ausspülungen sind möglichst zu vermeiden, da sie sehr schaden 
können. In die Oeffnung wird eine bleierne oder silberne Röhre ge- 



— 106 — • 

steckt, die aber iiiclit Jünger .sein mirss, als dass sie „knapp biss in 
den bohlen Leib gehe". Auch Röhren von Elfenbein benutzte er; sie 
waren immer mit Vorrichtungen gegen das Hineiuschlüpfen versehen. 
(Lorbeerkr. II, Chir. Observ. p. 448, Chir. cur. p. 308.) — Der 
Brustkrebs ist nur mit dem Messer, womöglich mit einem Schnitt 
zu operiren, nachdem die Geschwulst an der Basis mit langen Nadeln 
durchstochen und hinter denselben abgebunden ist. Rippen und 
Achseldrüsen müssen aber noch frei sein. — Bei Hernien warnt P. 
vor Aetzmitteln und vor dem Glüheisen; er versucht Pflaster und 
Bruchbänder, diese sind an der Pelotte mit einer federnden Spange 
versehen. Die Herniotomie macht er ohne Castration durch Abbinden 
des nicht geöffneten Bruchsackes nach Reposition des Inhalts; zur 
Ligatur empfiehlt er den Golddraht. — Die Paracentese bei hart- 
näckiger Bauchwassersucht macbt er mit dem Troikart seitlich vo]i 
der Linea alba, 3 — 4 Querfinger unter dem Nabel; durch den Nabel 
nur, wenn dieser stark vorgetrieben ist, und dann mit einem Messer, 
1 Querfinger tief; die eingelegte Canüle darf nicht zu lange liegen 
bleiben. D"en Kaiserschnitt machte P. 2 mal an eben gestorbenen 
Frauen; beide Kinder lebten, aber eines starb nach wenigen Athem- 
zügen. An der Lebenden machte er diese Operation nach seinen 
Observat. (p. 179) 4 mal; in Thamm im Elsass, in Hervorden, da er 
im Quartier gelegen, in Halberstadt, „als er 8 Jahre dort wohnete" 
(er war nur 5 Jahre dort, s. o.) mit dem berühmten Herrn D. Mey- 
bäum (Meibom) aus Helmstaedt und im J. 1692 in Breslau; in dem 
letzten Falle blieb das Kind am Leben, die Mutter starb nach acht 
Tagen, im vorletzten blieben Mutter und Kind am Leben, von den 
beiden anderen giebt P. keine genaueren Nachrichten. Er machte 
dazu einen ca. 5" längen Schnitt an der Aussenseite des rechten oder 
linken Rectus (Chir. cur. II, 361). — Bei der Besprechung der Darm- 
naht spottet er über die sog. Ameisennaht. Bekanntlich sollen dabei 
grosse Ameisen an die dicht zusammengelegten Wundränder ge- 
halten vi'erden, bis sie sich festbeissen; dann schneidet man den 
Körper ab, der Kopf bleibt als Naht sitzen. Abulcasis lernte es 
von Empirikern, de Vigo hielt diese Naht für vergessen, Guy de 
Chauliac erklärte sie für Possen, Bertaplagia (de vulneribus p. 273) 
empfahl sie wieder für die dünnen Därme. P. empfiehlt die Naht 
mit Seide oder Saiten von Hammeldarm, entweder nach Art der 
Kürschner, oder die umschlungene Naht oder endlich die der Schustern- 
Laschen. Röhren bei der Naht in den Darm einzulegen, hält er für 
überflüssig (Lorbeerkr. 1722, II, Gap. VII, Feldscheerkunst II). — - 
Bei der Hvdrocele bevorzugt er die Incision statt der Function; oft 



— 107 — 

ist bei alten Hyclroccleii der Hoden degenerirt und mtiss mit entfernt 
werden, obgleich "Wunden nnd Verlust derselben sehr gefährlich sind; 
bei Sarcocele räth P. nur dann zur Castration, wenn wirklich der 
Testikel degenerirt gefunden wird: sonst „soll er aus der kranken 
Umgebung herausgeschält werden". Bei der Castration wird eine 
Ligatur um den oberen Theil des Funiculus gelegt. — Die Ampu- 
tation machte er im Gesunden; er verfuhr dabei noch wie Pare; 
die Haut wurde stark nach oben gezogen und das Glied oberhalb der 
Amputationsstelie fest umschnürt, auch in einer, am ßettpfosten ein- 
geschrobenen Gabel befestigt (Abbildung in der Chir. cur. zu p. 657, 
wo allerdings schon gesägt wird, ehe die Weichtheile durchschnitten 
sind). Nach der Absetzung werden die Weichtheile schnell durch ein 
paar Nähte und mit Heftpflasterstreifen über dem Stumpf zusammen- 
gezogen, nachdem nöthigenfalls einige grössere Gefässe mit dem Glüh- 
eisen kauterisirt sind. Gewöhnlich reicht der Bovist und andere 
Blutstillungsmittel (Eierklar, Tischlerleim, Gummi u. s. w.) aus. Dar- 
über kommt die angefeuchtete Rind- oder Schweinsblase, die durch 
Binden angedrückt wird. Dass bei einer Unterschenkel-Amputation 
das Glüheisen nicht immer nöthig war, beweist ein Fall, den P. im 
October 1675 zu Soyst in Westphalen (s. o.) operirte. Der Kapitän 
von Baehr war dabei, die Feldscheerer Paulofsky und Ramphtun 
assistirten; das Blut „stand gleichsam in continenti". Es hatte sich 
um Brand des Fusses nach Schussfractur über den Knöcheln gehandelt; 
der Fall verlief günstig. Dass P. die Umhüllung mit der Schweins- 
blase (nach Fabriz v. Hilden) nicht immer brauchte, beweist die 
Observ. LXXX. (p. 453), wo er fürchtete, dass die Entfernung des 
komplizirten Verbandes bei eintretender Nachblutung zu lange dauern 
könnte. P. macht noch keinen Lappenschnitt und übt auch die ihm 
sonst bei Gefässverletzungen geläufige Umstechung und Unterknüpfung 
bei der Amputation nicht aus. (Beides finden wir schon bei Heister, 
Ausg. von 1724 und 1739.) 

Noch zwei interessante Leistungen Pur mann 's sind zu be- 
sprechen: Die Transfusion und die Exstirpation der Aneu- 
rysmen. 

Das Cap. XVI. der Chir. cur. (Ausg. v. 1699) hat die Ueber- 
schrift: „Anmerckungen über die Chirurgiam Infusoriam et 
Transfusoriam, und warum solche nicht besser in aestim 
kommen?" P. verweist freilich hier mehrfach auf eine Besprechung 
desselben Gegenstandes in seinem Lorbeerkranz (Kap. 31 u. 32); in 
meinem Exemplar (1684) ist aber nichts darüber zu finden; auch in 
den Observat. Chirurg. (1710) nicht. P. kennt den Prioritätsstreit 



— lOS — 

zwischen Mayor (Kiel) und Elshnitz (Berlin), die Beide über die 
Chirurgia infus oria resp. Clysmatica Nova im Jahre 1664 ge- 
sehrieben hatten; ebenso kennt er die Arbeiten Et tmüll er 's (Leipzig), 
der AVren (Oxford), Clarke (London), Mayor, Fracassati, Els- 
holtz und Hoffmann, in der Reihenfolge hingestellt, wie sie an 
dieser Erfindung betheiligt waren ^). P. hat 1679 und 1680 in Hal- 
berstadt die Infusion von Medikamenten in die Venen 3 mal bei Epi- 
lepsie gemacht und sah 2 mal bald, 1 mal nach mehrfachen Wieder- 
holungen Heilung eintreten. Auch an ihm selbst wurde es 2 mal 
probirT, 1 mal 1670 in Cüstrin zur Vertreibung der Krätze mit sehr 
üblen Wirkungen (aus einem Versehen), und 1 mal in Anklam gegen 
das Fieber („Cardebenedickten Wasser") mit gutem Erfolg. Die Chir- 
urgia transfusoria, und zwar die direkte Uebertragung von Lamm- 
blut, nachdem dem Patienten sein eigenes „Geblüthe grössten Theils 
abgezapfet", hat P. einmal mit Erfolg bei Aussatz gemacht. Aber 
die Infusion und die Transfusion haben sich nicht recht einbürgern 
können; wie P. glaubt, weil ihre Erfinder und ersten Lobredner, die 
oben genannrten Aerzte. alle gar zeitig gestorben sind-). Von den 
Pariser Versuchen (Dionis), die Mercklin erwähnt (s. u.), scheint 
P. keine Kenntniss gehabt zu haben. — In der Ausgabe von 1692 
— die von 1705 war mir nicht zugänglich; die von 1722 enthält 
noch die Vorrede von 1692 und AVidraungsgedichte von demselben 
Jahr, ist also wahrscheinlich nicht von P. verfasst, vielleicht nur 
ein Nachdruck — tritt P. schon entschiedener auf; er erzählt 
(S. 969), dass 2 Soldaten vom Goltzischen Regiment und 1 Fischer 
viel schlimmer danach geworden seien und sich in Jahr und Tag 
kaum von ihrer Schaf-Melancholey erholen konnten. 

ij Vergl. hierzu die Arbeit über ,,Blutüberleituiigen" im Sanitätsbericht über 
die Deutscheu Heere im Kriege gegen Frankreich 1870/71. Bd. III. S. 342 und 
Beilagen dazu S. 174*. — Eine der ersten genaueren Mittheilungen über die 
Transfusion in der Mitte des 17. .lahrhunderts findet sich in Lamzwe erde's 
Chirurgiae Promptuarium, Amstelodami, 1672. 

-) Ich kann es mir nicht versagen, hier eine kleine Schrift von Georg 
Abraham Mercklin, Nürnberg 1679, zu erwähnen. Der Titel lautet: Tractatio 
med. curiosa de ortu et occasu transfusionis sanguinis, qua haec, quae fit e bruto 
in brutum, a foro Medice penitus eliminatur: illa, quae e bruto in hominem 
peragitur, refutatur; et ista, quae ex homine in hominem exercetur. 
ad experientiae examen relegatur. Viel weiter sind wir, nach manchem hef- 
tigen Streit, manchem jähen Wechsel in der wissenschaftlichen und praktischen 
Beurtheilung der Transfusion, auch heute noch nicht. Und wie ist zeitweise auf 
diesem Gebiete gearbeitet! Verf. konnte in dem genannten Beitrag zum ,,Kriegs- 
Sanitätsbericht" von 1859 bis 1891 fast 500 Arbeiten über dieses Thema zu- 
sammenstellen. 



— 1Ö9 — - 

„Die Anevi'isinata zü schneiden und zu curii'en, sind viele Ope- 
rationes", schreibt P. in der Chir. cur. (S. 612); dabey ich aber 
einem jeden seinen Willen lasse. Mir behaget diese, so ich kurtz 
vorher gemeldet, weil sie mir dreymahl glücklich angegangen". Die 
von ihm empfohlene und 3 mal mit gutem Erfolge ausgeführte Me- 
thode ist die Exstirpation des Aneurysma, zugleich die älteste 
und neueste Art, diese Geschwülste zu operiren. AVir wissen aus 
Aetius (Tetrabibl. IV. sermo 2), dass Antyllus seine Operation, 
die Spaltung nach doppelter Unterbindung, an Stelle der „alten" 
Methode des Philagrius, der den Sack herauspräparirte, empfahl. 
Da diese Operation eine grössere Wundhöhle schaffte, auch viel 
schwieriger, als die Spaltung war, wurde sie bald vergessen, und wir 
können bis auf unsere Zeit nur von de la Vaugyon (Traite des 
Operations, p. 265), Platner (Institut, chir. ration., p. 436) und — 
Purmann, dem Regimentsfeldscheerer, sagen, dass sie diese, neuer- 
dings unbedingt als die beste und rationellste angesehene Operations- 
methode empfohlen und ausgeführt haben. Sprengel sagt freilich 
von ihr: „Diese wirklich grausame Methode hat nie viel Beyfall ge- 
funden": ähnliche ürtheile Hessen sich in grosser Zahl aus alten und 
auch aus neueren Lehrbüchern zusammenstellen. Um so mehr ist es 
anzuerkennen, dass Purmann in Fällen, in denen die milderen 
Mittel, namentlich die Kompression, nicht wirkten, diese radikale 
Entfernung der Geschwulst ausgeführt hat. Wir dürfen ihn wohl 
wieder selbst sprechen lassen: „Im Fall ihr aber sehet, dass es da- 
mit nicht angehen wil, und die Gefahr wird grösser, so ist kein an- 
derer Rath, als dass ihr den Ober- und (Jnter-Theil der Arterie, so- 
viel es seyn kann und der Orth es zulasset, entblöset, und daselbst 
beyde Oerther, ober und unter dem Anevrismate, doppelt mit einem 
4 fachen seydenen faden unterstechet und feste bindet, damit ihr an 
beyden Seiten zwischen dem Binden die Arteriam durchschneiden 
und also das Anevrisma herausnehmen könnet." 

P. beschreibt in der Chir. cur. (p. 612) ein auf diese Weise 
von ihm 1680 in Halberstadt, „neben Herr Krausen, Chirurgo zu 
Quedlinburg", operirtes und in 4 Wochen geheiltes sehr grosses 
Aneurysma in der Ellenbeuge (nach Aderlass) und in den Chir. Ob- 
servat. (p. 309) ein nach Luxatio humeri mit Bruch des Schlüssel- 
beins aufgetretenes Aneurysma der Art. axillaris, das er 1696 in 
Breslau auf dieselbe Weise operirte und in 8 Wochen heilen sah. In 
dem zuletzt genannten Falle hatte er vor der Incision über und unter 
dem Aneurysma je 2 Gürtel mit Schrauben zur Kompression der 
Gefässe angelegt und bei der Unterknüpfung den Faden nicht nur 



— HO — 

um, sondern 1 mal auch durch die Arteric hindurchgcführt. Die 
Fäden werden lang gelassen, sie lösen sich zu rechter Zeit schon ab; 
sie vorher abzuschneiden, würde sehr gefährlich sein. Die Wunde 
bekommt einen einfachen Verband aus „Fleisch-zeugenden "-Mitteln, 
dem sogen. Ulmischen oder anderen Wund-Wässern, bis es wieder ge- 
lieilet und die Enden der Pulssadern sich verkrochen und mit Fleisch 
bedecket haben. 

Neben reichem theoretischen Wissen stand P. eine ganz bedeu- 
tende praktische Erfahrung zur Seite; wir sahen, wie oft er schwere 
operative Eingriffe mit Glück ausführte, wie er z. B. weit über 100 
schwere Schussverletzungen behandelte; ausserdem bezeugen seine 
Berichte und Jilathschläge über einzelne Operationen, dass er ein 
Meister der Technik war und bei jedem Schnitt streng anatomisch 
vorging. Den Werth anatomischer Studien für den Chirurgen betont 
er immer wieder mit grossem Nachdruck; fast ebenso oft wiederholt 
er die Ermahnung, tüchtige „Authores", fleissig zu studiren und jede 
Gelegenheit zur praktischen Weiterbildung zu benutzen („und dieses 
alles muss man in der Jugend uiid nicht im Alter lernen: Im Kriege 
hat man sonderliche Gelegenheit darzu"). In allen 3 Punkten kann 
er als Muster, als Erster seiner Berufsgenossen aufgestellt werden. 
Man vergleiche nur mit seinen Werken die anderer Aerzte jener Zeit; 
z. B. Jungken 's Chir. manualis. Nürnberg. 1700. 2. Aufl. J. 
verwarf die Rhinoplastik als Unsinn und operirte die Aneurysmen 
noch in sehr unvollkommener Weise; er wird allerdings als Physicus 
Francofurtensis kaum selbst Hand angelegt haben. Pur mann wurde 
erst durch L. Heister in manchen Punkten übertreffen. Dass er 
auch ein pflichtgetreuer, aufopferungsfähiger Arzt und Mensch war, 
hat er immer, besonders aber in Halberstadt zu den Zeiten der „bösen 
Contagion und Pest" bewiesen. 

Eine ausführliche Lebensbeschreibung Pnrraann's existirte bis- 
her, soviel ich weiss, noch nicht; in der Mehrzahl der chirurgischen 
Geschichtswerke wird er nur kurz erwähnt imd nicht genügend, nicht 
nach Verdienst gewürdigt. Er ist von den Ohurbranden burgischen 
Feldscheerern nicht nur der Erste, der uns überhaupt näher bekannt 
wurde, sondern in jener Zeit sicher auch der Bedeutendste und ragt 
über seine, wie wir sahen, wenig geachteten Standesgenossen durch 
seinen Fleiss, seine Kenntnisse, seine chirurgischen Leistungen weit 
hervor. Purmann hat es deshalb wohl verdient, dass seine An- 
.sichten, sein Leben und Wirken, das noch dazu in eine der wichtig- 
sten Perioden der vaterländischen Geschichte fällt, in eingehendster 
Weise dargestellt wurde. Eine kurze Schilderung der Kämpfe des 



— 111 — 

Churbrandcnburgischen Heeres war nöthig, weil ohne sie die Thätig- 
keit Purmann's, der innerhalb kurzer Zeit bald in Strassburg, bald 
in Coburg, Minden, Halberstadt, Anklam, Stralsund u. s. w. thätig 
war. der mit seinem Regiment fast allgegenwärtig zu sein schien, 
gar nicht übersichtlich zu beschreiben gewesen wäre. 

AVir besitzen von Purmann folgende Wei'ke: 

1. Der aufrichtige und erfahrene Pestbarbier, d. i. eine 
ausführliche und grundrichtige Beschreibung, wie man nicht allein 
alle Arten der Geschwulsten, Pestbeulen, Carbunkel, Drüsen, 
Pfefferkörner etc. nach deren Ursachen recht erkennen und unter- 
scheiden, sondern auch ohne Zufälle glücklich und geschwind 
curiren können. Halberstadt 1683, Frankfurt u. Leipzig 1700, 
Leipzig 1705. 1715 und 1721. 

2. Anweisung, pestilenzialische Drüsen zu kennen und zu 
kuriren. Leipzig 1686. (Eine „Pestanweisung" gab er auf 
Befehl der Regierung im Jahre 1680 heraus.) 

3. Der rechte und wahrhaftige Feldscheerer, oder die wahre 
Feldscheerskunst, Halberstadt 1680, 1682, 1690 (aus dieser 

. stammt das nebenstehende Titelbild). 1693 u. 1697: Frankf. u. 
Leipzig 1705 (unter etwas geändertem Titeli, Jena 1715. 1721 
und 1738. Diese letzte Ausgabe, in der auch der Pestbarbierer 
u. a. m. aufgenommen wurde, ist ein Nachdruck, durch eine 
Vorrede des Verlegers eingeleitet. Auch die beiden vorher- 
gehenden sind erst nach dem Tode P.'s erschienen. In Kestner's 
Bibl. med. findet sich (S. 686) schon aus dem J. 1680 Feld- 
scheerer und Pest-Barbirer korabinirt und eine (6tej Ausgabe \ on 
1708 (Frankf. u. Leipzig), sowie ein Nachdruck (ebenda) von 
1715 erwähnt. 

4. Neu herausgegebener chirurgischer J_.orbeerkranz oder 
Wund-Artzney, Halberstadt 1684 („in dem so hoch beglückten 
Sieges-Jahre der Christenheit", Niederlage der Türken vor Wien, 
1683); weitere Ausgaben: Halberstadt 1685, Frankfurt 1692, 
Breslau 1705. — Grosser und ganz neu gewundener Lorbeer- 
kranz. Frankfurt und Leipzig 1722. 

5. Chirurgia curiosa, Frankfurt 1694. Frankfurr und Leipzig 
1699, 1716 und 1739. 

6. 25 sonder- und wunderbahre Schusswunden-Curen, vor denen 
Belagerungen von Wolgast u. s. w. geschehen. Breslau 1687. 

7. Fünfzig sonder- und wunderbare Schusswundenkuren; 
vor diesen Anno 1687 nur die Helffte beschrieben, irzo aber 



- 112 — 

iiiU'h vielen Nöthiguiigeii vollends herausgegeben. Frankfurt i\nfl 
Leipzig 1693, 1703, Breslau 1707, Leipzig 1713. 

8. Curiöse chirurgische Observ'ationes. Frankfurt u. Leipzig 
1710. 

i). Ausführlicher ünlerrichi und Anweisung, wie die Sali- 
vationscur nach allen Umsfänden und Vortheilen auf's Beste 
und Sicherste vorzunehmen, damit der gebührende Nutzen und 
die gewünschte Hülf^ darauf folgen möge. Vermehrte Ausgabe, 
Frankfurt u. Leipzig 1700 1), 1708. (Erste Ausgabe 1691, s. u.) 
In L. Heister's: Bibliotheca chirurgica (Institut., Amsterd. 
1739) finden wir noch angegeben: 

10. Grosse Wundartzney h. e. Chirurgia magna, Francof. 1692 
und 1705. (P. erinnert selbst an dieses Werk; so steht im 
Feldscheer (1738, s. o.) im Gap. XI S. 41: „Gehet dem geneigten 
Leser noch etwas ab, kann er in meiner Grossen Wundartzney 
S. I ferner nachlesen, oder er gedulde sich, bis meine Chirurgia 
curiosa herauskommt" ; und das steht noch in einer Ausgabe von 
1738', während die Chir. cur. schon 1699 erschien. Eine andere 
Notiz scheint sogar noch aus der ersten Ausgabe des Feld- 
scheerers (1680) zu stammen. In dem „Vorberichte" sagt er 
zum Schluss: „Sollte aber wider Willen etwas seyn vergessen 
worden und denselben abgehen, so wird meine Grosse Chi- 
rurgie, welche schon soweit fertig (dass sie nur eines Durch- 
blätterns nöthig) dir vollkommen Vergnügung geben." Goelicke 
spricht in seiner Historia Chirurgiae von einer „Chirurgia vera" 
Purmann's; es zeigt sich aber, dass er damit den Wahrhaf- 
tigen Feldscheer meint. Matthiae (S. 875) nennt den Lorbeer- 
kranz: „Laureum fertum chirurgicum, i. e. Chirurgia magna". 
Auch Kestner nennt in seiner ßibi. med. (S. 686) unter F. 's 
Chirurg. Werken zuerst die „Grosse Wund-Artzeney", Frankfurt 
1692 und 1705. 

11. Felds cheerer und Pestbar bierer, h. e. Chirurgus verus et 
pestilenzialis. Frankfurt 1715. 

Dem vorstehenden Verzeichniss müssen wir noch einige Bemer- 
kungen anfügen. 



^) Die erste Ausgabe dieses von P. oft erwähnten ,,Tractätieins"' habe 
ich nicht auffinden können. Im Lovbeerliranz (1722, Cap. Vl[) findet sieh die Be- 
merkung: ,,Ich habe zvvar Anno 1691 ein absonderliches Tractätlein von der 
Frantzosen und Salivations-Cur drucken lassen". 



— 113 — 

Der „rechte und wahrhaftige Feldscheer" von 1690 wird 
als „andere Ausfertigung" bezeichnet; er war um den Fcldkastcn 
vermehrt („da im Gegentheil ein Feldscheerer, welcher einen guten und 
wohl versehenen Feldkasten hat und das Seinige in acht nimmt, ge- 
liebet, geehrt und auch bei anderen Regimentern gesuchet wird"). 
P. widmete ihn dem „Edlen und Kunst- wohlerfahrenen Herrn Andreas 
Horch, Sehr berühmten Chirurgo und Regiments-Feldscheerer bey der 
Chur-Branden burgischen Leib Gvardi zu Fuss in Berlin." In der Vor- 
rede erzählt er, dass die erste ^Ausgabe vor 10 Jahren in Druck ge- 
geben sei, als er noch zu Stralsund und in Chur-Brandenburgischen 
Kriegsdiensten gewesen war; das muss aber noch 1678 gewesen sein, 
denn 1679 war er schon in Halberstadt (s. o.). Inzwischen war das 
Werk in 4 Sprachen übersetzt. Zur zweiten Ausgabe wurde P. 
auch beim Feldscheerer durch den „unverschämten Nachdruck zu 
München 1682 gleichsam mit den Haaren darzu gezogen." Bei diesem 
Nachdruck war nui" der Titel geändert („Der vollkommene Wund- 
Artzt") und die Vorrede fortgelassen. Nach dem Vorberichte zum 
5. Abschnitt, der den Feldkasten enthält, ist dieser Nachdruck erst 
1687 erschienen und P. von seinem Freunde Horch zugeschickt. 
Der Feldscheerer „hatte schon die unverdiente Ehre genossen, nun drey- 
mal wieder deutsch (also Alles Nachdruck) und auch in 4 ausslän- 
dischen Sprachen gedruckt und gesetzet zu sein." 

Die Chirurgia curiosa von 1716 ist ein einfacher Nachdruck, 
mit derselben Vorrede, sogar derselben Seitenzahl, wie bei der Aus- 
gabe von 1699. 

Interessant sind auch die Schicksale des Lorbeerkranzes. Die 
erste Ausgabe erschien 1684; die zweite, von P. selbst herausgegebene 
1692; jene hatte 86, diese 127 Kapitel und eine andere Vorrede, an 
deren Schluss er sagt: „E. Hoch-Adl. Gestr. geruhen solch mein Vor- 
nehmen, wie das erste mahl, also auch jetzund, in Gnaden zu 
empfinden." Ebenso: „welche Abtheilungen ich gleich der vorigen 
Edition Anno 1684 in Augusto gedruckt." Auch zu dieser 2. Aus- 
gabe war er durch einen Nachdruck des alten und ersten Lorbeer- 
kranzes in Nürnberg getrieben. — Die. Ausgabe von 1722 ist mit 
seinem Bilde geschmückt, das die Jahreszahl 1691 trägt, und durch 
ein Widmungsgedicht von Horch vom Jahre 1692, als dieser 62, 
Pur mann 42 Jahre alt war, ausgezeichnet. Auch die Vorrede zu 
dieser Ausgabe von 1722 stammt aus dem Jahi'e 1692. Auf dem 
Titel der ersten Ausgabe (1684) steht: „Alles auss eigner Erfahrung 
in I. Churfl. Durchl. zu Brandenb. 12 Jährigen Kriegs-Diensten erfahren, 
gebraucht und probiret." Das fehlt in der von 1722, in der es 

Veröffentl. aus dpin Gebiete des Milit.-Sanifätsw. 13, Heft, o 



— 114 — 

bcisst: „/um andern mahl vcrmelirf herausgegeben, wobey zuglcicli 
uiiterschicclenc nierk-würdige Casus, so in hiesiger Praxi und Spitälern 
vorgefallen, sammt deren Curen, kürtzlich, doch ausführlich mit- 
beschrieben werden." — Nach Gründer sollen 13 Aufl. und mehrere 
Nachdrücke des Lorbeerkranzes existiren; wir vermuthen auf Grund 
vorstehender Untersuchungen, dass die von 1705 die letzte, von P. 
selbst redigirte Ausgabe war, dass sie sich aber wenig oder gar nicht 
von der gründlichen, ganz umgearbeiteten Ausgabe von 1692 unter- 
schied. Es ist nicht zu leugnen, dass der „Feldscheerer" die Grund- 
lage dieser Arbeiten war; der „Lorbeerkranz" war die erste Erweite- 
rung und Verbesserung desselben und die „Chirurgia curiosa" wieder 
eine neue Bearbeitung des „Lorbeerkranzes." Trotzdem haben sich 
diese Arbeiten viele Jahre lang in immer neuen Ausgaben neben 
einander gehalten. 



IIL Lorenz Heister. 

Ein Zeitgenosse von Purmann und Gehema, dessen Wirksam- 
keit aber erst da einsetzt, wo die Nachrichten über jene beiden ver- 
schwinden, ein sehr gelehrter, vielseitiger Mann von Europäischem 
Ruf, von ausserordentlichem Einfluss auf das Lehren und Lernen 
der Heilkunde, besonders der Anatomie, Chirurgie und Botanik im 
18. Jahrhundert, war Laurentius Heister. Als Fr. Börner seine 
„Nachrichten von den vornehmsten Lebensumständen und Schriften 
jetzt lebender berühmter Aerzte und Naturforscher" schrieb, im Jahre 
1749, durfte darin auch die Biographie Heister' s nicht fehlen. 
Börner sagt aber selbst, dass dieses die 5. Lebensbeschreibung 
des grossen Arztes und Chirurgen sei, der damals im 66. Lebens- 
jahre stand. 

J. C. W. Moehsen (1. c. S. 27) sagt von ihm, dass ausser dem 
Paracelsus kein Arzt so oft in Kupfer gestochen worden sei, als 
der berühmte Heister. 

In allen grösseren Werken über die Geschichte der Heilkunde, 
in jeder Sammlung von Biographien, jedem Gelehrten-Lexikon und 
schliesslich auch in dem oft zitirten Werke von G. Fischer finden 
sich ausführliche Nachrichten über ihn. Sie lassen sich alle zurück- 
führen auf den erst:en Biographen Hei ster 's, auf den D. Christian 
Polycarpus Leporin, der im Jahre 1725, als Heister, 42 Jahre 



— 115 — 

alt, seit 5 Jahren in HcJmstädt wirkte, seinen „Ausführlichen Be- 
richt vom Leben und Schrifften des durch gantz Europam berühmten 
Herrn D. Laurentii Heisteri, Allen, die von wahrer Gelehrsam- 
keit Profession machen, sonderlich denen Herren Medicis zum Dienst 
publiciret" herausgab. Auf diesen Quedlinburger Medicus werden wir 
uns berufen und auf Manches, was Heister selbst von sich erzählt. 
Da hierbei keine bisher unbekannten Leistungen, sondern nur Be- 
kanntes zu berichten ist, soll es in aller Kürze geschehen, um so 
mehr, als Heister nur in 3 Sommer-Feldzügen, 1707, 1708 und 
1709, bei der alliirten Armee im Kriege gegen Frankreich eine kurze, 
allerdings sehr intensive feldärztliche und chirurgische Thätigkeit ent- 
wickelte. Den hohen Werth dieser Thätigkeit für den Arzt betont er 
bei jeder Gelegenheit, erzählt, dass er sich geraume Zeit in Hospi- 
tälern und im Felde aufgehalten habe, und dass er besonders die 
grosse und absolute Noth wendigkeit der Chirurgie am besten in ge- 
fährlichen Verwundungen, sonderlich bei Feldschlachten und Belage- 
rungen erkannt habe, da „gar viele brave Officiers und Soldaten mehr 
sterben müssten, wenn die Chirurgie nicht wäre, welche durch diese 
erhalten und dem Tode oft wieder aus dem Rachen gerissen würden, 
welche auch mit desto grösserem Muth und Courage den Feinden 
entgegen gehen, dieweil sie von ihren zu erwartenden Wunden durch 
die Chirurgie wiederum curiret zu werden "gute Hoffnung haben". So 
schon in der ersten Ausgabe seiner Chirurgie (1718) und in allen 
späteren, auch in der 1739 erschienenen lateinischen Ausgabe, die er 
den „Praepondentibus foederati Belgii Ordinibus" widmet. Widmung 
und Vorrede an den Lectorem benevolum enthalten ausserdem werth- 
volle eigne Mittheilungen Heister's über seinen Bildungsgang und 
seinen Lebenslauf. 

Aus den „Wahrnehmungen" (s. u.), die mit der Schulzeit an- 
fangen und streng chronologisch geordnet sind, könnte man eine 
ziemlich vollständige Selbstbiographie zusammenstellen. 

H. war am 19. Nov. 1683 als Sohn eines wohlhabenden Gast- 
wirts und Weinhändlers in Frankfurt a. M. geboren, besuchte vom 
9. bis zum 19. Lebensjahr das Gymnasium seiner Vaterstadt, wo er 
in den letzten Jahren nicht nur, wie Leporin erzählt, eifrig dichtete, 
sondern von 1700 an, als er in seinem 17. Jahre die Lust bekam. 
Medizin zu studiren, nebenbei fleissig in Verheyen's Anatomie las 
und keine Gelegenheit versäumte, sich Operationen anzusehen. Er 
erzählt in den „Wahrnehmungen", dass zur Oster- und Herbst-Messe 
herumreisende Aerzte und Operateurs, worunter auch der damals sehr 
berühmte Eisenbart gewesen, oft in seinem Elternhause gewohnt 

8* 



— 1 1 (3 — 

liätren so dass er sie Iciclit kennen lernen und bei ihrer Tliätigkoir 
beobachten konnte. Bruch-. Staar- und Blasensteinoperationen, Ge- 
wächs- und Hasenscharten-Kuren unternahm damals kein einziger 
Mcdicns oder Chirurgus in Frankfurt. — H. sah öfter, wie Eisen- 
bart bei der Bruchoperation und bei der Operation der Hydrocele 
den Hoden mit fortnahm. H. nennt das eine überflüssige Verstümme- 
lung, wenn er auch später sah, dass die so Operirten Kinder er- 
zeugten „und zwar der eine sehr viele". 

1702 ging er zur Universität nach Giessen, wo er hei Mo eller, 
bei dem er auch Avohnte, einen „ganzen Cursum medicum" hörte. 
Als dieser 1703 nach AVetzlar als Medicus Ordinarius (Kaiserl. 
Kammer-Medicus) berufen wurde, folgte ihm Heister und wurde 
noch 3 Jahre von ihm unterrichtet, bis er die Institutiones Medicae, 
die x\natomie. Chemie, Botanik, Chirurgie, Materia medica absolvirt 
und die nöthige Uebung in der Krankenbehandlung, auch, wie Leporin 
sag-t, in der ..Ipsa Manuductione ad Lectum Aegrorum", sich ange- 
eignet hatte. Da er in Wetzlar bei einem Apotheker wohnte, übte 
er sich auch in der Zubereitung von Arzneimitteln, in chemischen 
und mit besonderem Eifer in botanischen Arbeiten (s. die 13. Wahr- 
nehmung). Cm seine anatomischen Kenntnisse zu vermehren, fuhr er 
jedes Mal nach Giessen, wenn der dortige Anatom, Barthold, eine 
Section vornahm. Auf Moeller"s Rath ging er im Mai 1706 nach 
Holland, und zwar nach Amsterdam, weil Anatomie und Chirurgie 
hier am besten gelehrt wurden. Er besuchte hauptsächlich die 
Demonstrationen von Ruysch (s. die 15. Wahrnehmung), dessen ana- 
tomische Sammlung später von Peter dem Grossen für 30 000 Gulden 
angekauft wurde^), hörte aber auch bei Commelin, Conerding, 
Verduyn, Bortel und Bau. Der Winter 1706/7 war fleissigen 
anatomischen Studien gewidmet: Ruysch, von dem H. sag-t: „qui 
me ui lilium amabat"^), stellte ihm seine Anatomiekammer und das 
ganze Material des grossen Hospitals in Amsterdam zur Verfügung. 
Hier legte H. den Grund zu seinem später berühmt gewordenen Com- 
pendium anatomicum. — Im Juni 1707 ging er zur alliirten Armee 
nach ßrabant und brachte den ganzen Sommer in den Kriegslaza- 



1) Nach Gründer (1. c. p. 412) wurde eine zweite, von R. mit Hülfe seiner 
Tochter angelegte Sammlung nach seinem Tode vom Könige August von Polen 
für 20,000 Gulden angekauft und d6r Universität Wittenberg geschenkt. Ruysch 
wurde übrigens 92 J. alt (1638 bis 1731). 

-) Wir folgen hier hauptsächlich den Xachrichten, die H. selbst in der Vor- 
rede zu seiner Chirurgie, besonders in Widmung und Vorrede zu der lateinischen 
Ausgabe (1739) gegeben hat. 



— 117 — 

rethen, besonders in Brüssel zu, um die „curationes et actiones 
chirurgorum castrensium praecipuorum , tarn Gerraanorum, quam 
Anglorum atque Belgarura" kennen zu lernen. Schon als Student in 
Wetzlar hatte H. sich mit grossem Eifer der Wartung und Pflege 
mehrerer schwerer Kopfverletzungen angenommen und räth allen 
jungen Aerzten, soviel wie möglich unter der Leitung geschickter 
Männer zu sehen und zu beobachten, nicht nur die Operation und 
den ersten Verband, sondern auch den ganzen Verlauf. Ihm habe das 
sehr viel Nutzen gebracht, da er „im Jahre 1707, 1708 und 1709 
Selbsten als Feld-Arzt, in die Niederlanden bey dermahligem sehr 
schwerem Kriege daselbst gegen die Franzosen mit zu Felde gienge'". 
(Chir. Wahrnehm., S. 13 u. 58; eine ganze Reihe von diesen Wahr- 
nehmungen, die sich auch auf innere Krankheiten beziehen, stammt 
aus den 3 Feldzügen.) Im folgenden Winter ging er nach Leiden, 
um bei Bidloo, Albinus, Boerhave u. A. zu studiren (Chir. Wahr- 
nehm., S. 74); hier lernte er auch das Glasschleifen und „Microsco- 
pia zu machen" (Leporin); mathematische und physikalische Studien 
hatte er schon früher in Giessen und Wetzlar, besonders auch in 
Amsterdam, bei Hemsterhuys, getrieben. Im Sommer 1708, 
nachdem er vorher in Hardewyk unter Almeloven als Doktor 
proraovirt hatte („De tunica choroidea oculi"), ging er wieder zur 
Armee und war bei mehreren Belagerungen und Gefechten (z. B. 
Oudenarde, Wynendal (s. Wahrnehm., S. 82), als Chirurg thätig. 
Der Winter wurde in Amsterdam zugebracht: jetzt ertheilte H. aber 
mit Zustimmung und Unterstützung seines alten Lehrers Ruysch 
selbst anatomischen Unterricht und hielt Collegia Chirurgica in 
deutscher, lateinischer und französischer Sprache. Aber im Sommer 
1709 trieb es ihn wieder ins Feldlager,' „ut uberius atque uberius in 
arte chirurgica et medica usu nie perficerem"; dieses Mal war er auf 
Empfehlung von Ruysch als Holländischer Medicus nosocomii 
castrensis angestellt (s. Wahrnehm., S. 106 ff.), wirkte bei der Be- 
lagerung von Dornick (Tournay), wo er die Abhandlung Bris- 
seau's über den Staar (Wahrnehm., S. 203) kennen lernte: ferner 
in Oudenarde und bei Mons, das von den Verbündeten unter 
Eugen und Marlborough belagert wurde. Die Versuche der fran- 
zösischen Armee, diese Belagerung zu verhindern, führten zu den 
blutigen Kämpfen bei Malplaquet, in denen die siegreichen alliirten 
Truppen 5000 Verwundete hatten. Diese wurden nach Brüssel ge- 
bracht und hier von dem Holländischen General - Chirurgen de 
Quavre, von Heister u. A. in Behandlung genommen; H. führte 
hier selbständig eine grosse Zahl schwerer Operationen haud infeli- 



— HS — 

eiter aus, hatte aiicJi oft Gclci^enhcit, Sektinnoii zu inaehen. Bei 
einer solchen (s. AVahrnehm., S. 139) fand er nun zum ersten Male 
die Meinung Brissaud's und Maitre Jean's, dass der Staar kein 
„Häutchen" im Auge, sondern die getrübte Linse sei, bestätigt; das 
„Häutchen" behielt nur noch Geltung für den sogenannten Kapsel- 
staar. Bekanntlich gerieth er Jiierüber in einen langen Streit mit 
dem berühmten Pariser Okulisten Woolhouse^j. — Als das Heer 
Winterquartiere bezog und die Mehrzahl der Verwundeten geheilt, der 
Rest „denen Herrn Regimentsfeld-Scherern gewönlichermassen über- 
geben war" (Leporin), ging H. nach Amsterdam zurück und nahm 
seine Vorlesungen und Demonstrationen wieder auf. In den Brüsseler 
Lazarethen hatte ihn ein junger Medicus aus Nürnberg, Dr. König, 
kennen gelernt und raacdite ihm den Voi'schlag, sich um die erledigte 
Professur für Anatomie, Chirurgie und Botanik in Altorf zu be- 
werben. Heister ging darauf ein, indem er, wie Leporin sagt, 
„nach reiffer üeberlegung eine gewisse und ruhigere Bedienung einer 
unruhigem ungewissern, auch gar vieler Gefahr und Strapazzen unter- 
wortfnen Feld -Leben vorzuziehen für rathsamer hielt." Demnach 
scheint es, als habe er sich, so lange er in Holland Avar, für den 
Fall eines Krieges verpilichtet, wieder als Feldarzt einzutreten (s. d. 
86. Wahrnehm.). 

Mit der Cebcrsiedelung nach xVltorf im J. 1710 — vorher war 
H. noch 4 Monate in England und besuchte London, Cambridge 
und Oxford^) — ist die feldärztliche Thätigkeit Heister's zu Ende. 
Er hatte in den 3 Feldzügen, die er zuerst als Volontair, später als 
Feldarzt mitgemacht hatte („primo ultra, postea vero sub vestris 
signis et stipendiis") nicht nur seine anatomischen und chirurgischen 
Kenntnisse erweitert und seine Erfahrungen, auch in inneren Krank- 
heiten, bereichert, sondern, was er als besonders werthvoll bezeichnet, 
sich durch die vielfache üebung jene Ruhe und Sicherheit im Operiren 
und bei der Beurtheilung und Behandlung schwerer A^erletzungen an- 
geeignet, ohne die eine erspriessliche chirurgische Thätigkeit nicht 
denkbar ist. 

Im Dec. 1710 hielt H., der kaum 27jährige, seine Antrittsrede 
„De Hypothesium Medicarum Fallacia et Pernicie", ein bei der da- 
mahgen System-AVirthschaft gewiss zeitgemässes Thema. Seine Vor- 
träge wurden zuerst von den Studenten nachgeschrieben; da das viel 



^) S. die 118. Wahrnehmung. — Seine Thätigkeit nach der Schlacht bei 
Oudcnardc beschreibt H. in der 50. Wahrnehmung (S. 83). 
-) Wahrnehmungen S. 158 ff. 



— 119 — 

Mühe und Zeit erforderte, da es ausserdem an einem neueren Lehr- 
bnche fehlte, ging Heister an die Herausgabe seiner „Chirurgie", 
die 1718 zum ersten Mal, 1719, 1724, 1731, 1739, 1743 (Nürnberg, 
4. Aufl.), 1745, 1747 und 1748 und a]s „Neue Auflage" 1770, 1779 und 
Amsterdam 1793 nach H.'s Tode — also in 12 Ausgaben — erschien, 
in die Italienische (1765), Französische (1750), Englische (1 748j, Hollän- 
dische (1741), Spanische (1747) und (1739) Lateinische Sprache (Venedig 
1740 u. 2. Aufl. Amsterd. 1750) übersetzt wurde und, wie G. Fischer 
mittheilt, nach 120 Jahren, 1838, noch officielles „Vorlesebuch" in 
Wien war. Benjamin Bell bezeichnete es als das erste vollstän- 
dige System der Wundarzneikunst; Justamond (1. c. S. 92) schreibt 
noch 1789: Auch können beträchtliche Vortheile aus dem Lesen 
teutscher Schriften gezogen werden, von denen man ohnehin nie 
Uebersetznngen zu sehen bekommt. Unser bestes und nützlichstes 
AYerk von der AVundarzneikunst wurde in dieser Sprache 1718 her- 
ausgegeben, nämlich das vortrefi'liche Buch von Lorenz Heistern . ., 
davon nur eines in dieser Art vorhanden ist". Von den zahl- 
reichen übrigen Werken H.'s — es sind ungefähr 200 — inter- 
essiren uns hauptsächlich sein Compendium anatomicum (1717, 
1719, 1727, 1732; — 6. Ausgabe Wien 1761; englisch 1722, la- 
teinisch 1723, französisch 1724, 1725) und eine Reihe von Arbeiten 
und unter H.'s Leitung gearbeitete Dissertationen über verschiedene, 
damals streitige Fragen; so mehrere über den Staar, über die Drüsen, 
über die x^nel'sche Behandlung der Thränenleiden , über die (von 
Bianchi geleugnete) Valvula colli), (ij^er die Frage, ob der Blutkreis- 
lauf schon den Alten (Euripides) bekannt gewesen sei u. s. w. Eine 
grosse Zahl von interessanten Mittheilungen und Erfahrungen findet 
sich in den Ephemerides Acad. Caesar. Naturae Curiosorum, in den 
Bresslauischen Sammlungen, in den Annalen der Academia Julia 
(Helmstaedt). Die grosse Mehrzahl dieser Arbeiten fällt in die Altorfer 
Zeit; sie machten seinen Namen überall bekannt und halfen seinen 
Ansichten, wenn auch oft erst nach einigen Kämpfen, zu allgemeiner 
Anerkennung. Das gilt besonders von seinem Lehrbuch, für das 
ausserdem ein dringendes Bedürfniss vorlag. Purmann's Lorbeer- 
kranz w^ar allerdings 1715 und 1722 noch einmal verlegt; wir haben 
aber gesehen, dass diese späten Ausgaben nicht mehr von P. besorgt, 
wahrscheinlich einfache Nachdrucke der Ausgabe von 1692 waren, — 
und die genügten zu Heister 's Zeiten nicht mehr. Dort die naive 
Grobheit und der fürchterliche Hexen- und Aberglauben trotz sonst 



') Die Bauhin'sche Klappe, s. Wahrnehm. S. 917. 



— 120 _ 

klarer vei-iiüiii'tiiicr Aiiscliaiiuiii;cii l)ci einem Manne, dei- sein AVissen 
und Können sich mühsaiii liatle ziisaraniensuchen müssen; hier der 
vielseitig gebildete, liebenswürdige Gelehrte, dem von Jugend auf alle 
Mittel zur Verfügung standen, seinen Wissenstrieb zu liefriedigen, und 
der nur aus Interesse für die Anatomie sich mehr der cJiii'urgisclien 
Thätigkeit zuwandte, dabei aber in allen Gebieten der Naturwissen- 
schaften zu Hause war und nie aufhörte, sich für physikalische, che- 
mische, botanische Studien zu interessiren, der eine Bibliothek von 
über 12000 Schriften — darunter über 6000 grössere AVerke (s. u.) 
— besass; — da musste wohl der Lorbeerkranz Purmann 's ver- 
schwinden, als Heister's Chirurgie erschien. 

In Altorf wirkte H. 10 Jahre; 1720 (s. Wahjnehm. S. 976) 
folgte er einem Rufe nach Helmstaedt und blieb dieser Universität 
treu, obgleich zahh-eiche Versuche gemacht wurden, ihn durch die 
vortheilhaftesten. ehrenvollsten Auerbietungen für andere Lehrstätten 
zu gewinnen (z. B. für Petersburg, Göttingen, AVürzburg, Kiel, 
Rostock). Seineu Zeitgenossen imponirte es am meisten, dass er, 
der gelehrte Medicus, die chirurgischen Operationen, auch die 
schwersten, nicht nur kannte und darüber sprechen konnte, sondern 
aucii mit eigener Hand ausführte. Er pflegte denn auch seinen Zu- 
hörern zu sagen, dass es wohl möglich sei, bei dem nöthigen Fleiss 
die ganze Chirurgie und Medizin so zu studiren, dass man beide aus- 
üben könne. Le porin hebt noch als ganz besonders merkwürdig 
hervor, dass H. alle diese Kenntnisse und Fähigkeil en sich erworben 
habe, ohne jemals in Paris gewesen zu seiji. 

Heister war, wie schon erwähnt, einer der ersten, die öffentlich 
gegen den Lnfug der umherziehenden Steinschneider, Bruchschneider 
und Oculisten aul'trat und sich bemühte, durch möglichst genaue Be- 
schreibung in seinem Lehrbuche diese Operationen zum Gemeingut 
der Aerzte zu machen. 

In Helmstaedt besorgte Heister die zahlreichen neuen Aus- 
gaben seiner Werke, aus denen hervorgeht, dass er unablässig bemüht 
war, die Fortschritte der AVissenschaft in der ganzen zivilisirten AA'elt 
zu verfolgen; so die Ausgaben des Compendium anatomicum, dessen 
2. Ausgabe 1721 von Maxim. Lentner, Studios. Chirurg, in Breslau, 
und 1736 durch Gabr. Friedr. Glauder, in's Deutsche übersetzt 
wurde. Auch in Wien waren 2 deutsche Uebersetzungen erschienen, 1733 
und 1770. Die 5. (lateinischcj Ausgabe, 17-11 in Nürnberg erschienen, 
enthält eine AVidmung an Alorgagni; auch eine französische L^eber- 
setzung kam noch 1753, eine englische 1752, eine lateinische in Altorf 
1745 und eine deutsche in Nürnberg 17-45 heraus (Haude-Spener, 



— 121 — 

Catal. uni,(,'i-.s., Berlin 1753), ferner die seines Lehrbuches (s. o.), seiner 
Uebersetzung der Chirurgie oder chirurgische Operationes des Peter 
Dionis (Augsb. 1722): auch gab er verschiedene botanische Werke 
heraus, in denen er sich allerdings gegen Linne's System ablehnend 
verhielt^). Im J. 1745 erschien auch in Helmstaedt ein Compen- 
dium Institutionum sive Fundamentorum Medicinae, cui adjecta est 
methodus de studio medici optime instituendo et absolvendo, una cum 
scriptoribus medicinae studioso hodie maxirae necessariis (erste Aus- 
gabe 1736; Amsterdam 1742 [bei Haude u. Spener]; Born er sagt: 
„Und weiss ich fast zu Vorlesungen kein besser Buch vorzuschlagen"); 
ferner: Compendium Medicinae Practicae, cui pracmissa est dissertatio 
de Medicinae Mechanicae praestantia, Amstelod. u. Helmstedt 1745; 
in deutscher Uebersetzung: „Prakt. mediz. Handbuch u. s. w., weitere 
Aufl. Leipzig 1749, Nürnberg 1766; in holländ. Uebersetzung 1741; 
Leipzig 1751 (Haude u. Spener 1. c). In der Bibliothek des Braun- 
schweigischen Colleg. anat. chir. (1856) ist die Ausgabe von 1745 und 
von dem Corapend. Instit. eine von 1746 (Heimst.) und eine von 1745 
vorhanden. Die „Kleine Chirurgie, oder Handbuch der Wundarzney, 
Nürnberg 1747, 1767; Helmstaedt 1755, Wien 1787; endlich seine 
1753 zuerst erschienenen „Medizinisch chirurgisch anatomischen Wahr- 
nehmungen", die er also im Alter von 70 Jahren veröffentli(?hte-). — 
Heister starb i. J. 1758 auf einer Konsultationsreise in Bornum, 
75 Jahre alt. Er war Herzogl. Braunschweig-Lüneburgischer Hofrath 
und Leibmedicus. und der hohen Schule zu Helmstaedt vorderster 
Lehrer (wie es im Titel zur Kleinen Chirurgie heisst) und Mitglied 
der Kaiserl. Akademie der Naturforscher, der Londoner und Berliner 
Akaderaieen. — „Ein Greis von Klugheit, Erfahrung, Gottesfurcht 
und Verdiensten, aber ein Jüngling im Umgange und menschlichen 
Leben", wurde er in der Grabrede genannt (G. Fischer). Sein einziger 



^) Systema plantarum genuale ex frucLificatione cui annectuntur regulae 
ejusdem de nominibus plantarum a cel. Linnaei longe diversa. Heimst. 1748. 

^) „Geschrieben in Helmstaedt, den 19. September 1753, da ich eben mein 
siebenzigstes .Jahr, gesund zurück geleget, und mein ein und siebenzigstes, bey 
noch recht guten Leibes- und Gemüths-Kräften glücklich angefangen habe" 
(Schluss der Vorrede). Der 1. Band enthält 680, der 2. Band, nach H.'s Tode 
von Cappel im .Jahre 1770 herausgegeben, 510 „Wahrnehmungen". In diesem 
2. Bande fehlen die biographischen Notizen und die sonstigen oft sehr interessan- 
ten Nachträge und Bemerkungen H.'s zu den einzelnen Fällen. Auch dieses Werk 
(I. Theil) ist 1755 in englischer Sprache erschienen. — H. lieferte auch eine Vor- 
rede zu einem „Anatomisch- Chirurg. Lexikon, das 1753 in Berlin herauskam, und 
eine Uebersetzung von de Vilar's vollständ. Einleitung in die Chirurgie in 
5 Theileu, 1763 (also nach seinem Tode) erschienen. 



122 

Sohn. Elias Friedrich, der 1732 unter des Vaters Dekanat mit 
einer Disserr. ,,de foliorum utilitate in constituendis plantarum geiie- 
ribus'^ promovirte, der, wie wir sahen, auch in Berlin unter Senff 
sTiulirt hatte und über alles Neue dem Vater Bericht erstattete, dessen 
Ruhm, wie Börner sagt, eben zu reifen anfing, wurde ihm durch 
einen fri.ihzeitigen Tod entrissen. Im Catal. univers. von Haude und 
Spener (s.o.) finden wir von E. Fr. Heister noch angeführt: -Oratio 
de hortorum academicorum utilitate, Heimst. 1737; De arte gymna- 
stica nova, Heimst. iJahr'?); Dissert. de Feste Heimst. 1744. Ja, 
in diesem Katalog ist schon aus dem Jahre 1720 (da war er noch 
ein Knabe» und noch aus 1788 (da war er schon seit 40 Jahren todt) 
je 1 Schrift angeführt: jene, de Cataracta glaucomate et amaurosi, 
Altorf. wird dem Vater zugehören; von wem die zweite: De principum 
cura circa sanitatem subditorum, Heimst., stammt, ist unklar. 

Für die Beurtheilung mancher medizinischer und chirurgischer 
Fragen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war Hei st er 's 
Standpunkt maassgebend; wir geben desshalb aus seinen Werken eine 
kurze Zusammenstellung darüber. 

Das allzukühne und allzuhäufige Trepanireii i^Solingen u. A.) 
verwarf er; er hielt diese Operation für sehr gefährlich, weil die 
Mehrzahl der Operirten an ihr zu Grunde gingen; sie sollte nur bei 
Kopfverletzungen und deren Folgen gemacht werden. Aus den „A^ahr- 
nehmungen- geht hervor, dass H. die Trepanation bei extraduralen 
Blutungen recht oft mit bestem Erfolge gemacht hat. Er macht auch 
darauf aufmerksam, dass ein übler Ausgang selten der Operation, 
viel häufiger der Schwere der Verletztmg, besonders der Verletzung 
des Gehirns, zuzuschreiben sei. Nimmt der Knochen daljei ein dunk- 
leres, bläuliches Aussehen an, dann ist der Trepan fast tief genug. 
Stark gespannte Dura ist einzuschneiden, um Extravasate herauszu- 
lassen. — Seine Verdienste um die Kenntniss der Katarakt, um 
die Einführung der Anel'schen Methode der Behandlung von Krank- 
heiten der Thränenkanäle^). sowie eine Reihe anatomische)' Ent- 
deckungen (s. Leporin) haben wir schon erwähnt. — Die Enu- 
cleatio bulbi machte er von einer kleinen medialen Oeffntmg aus 
mit einem stark gebogenen Messer, wie Fabr. v. Hilden. Das 
Gerstenkorn soll zur Vermeidung von Narben an der Innenseite 
geöffnet werden. — Merkwürdigerweise glaubte er nicht an die 
Rhinoplastik (vergl. Purmann), und hielt das Anheilen ganz ab- 
geschlagener Nasenspitzen für unmöglich; das Beste ist in diesen 



1; Wahrnelmi. S. 6S9ff. 



— 123 — 

Fällen seiner Ansicht nach eine silberne odei' hölzerne Prothese. 
Aus der lateinischen Ausgabe (1739, p. 663) geht allerdings hervor, 
dass er seine Ansicht darüber später geändert hat; er führt mehrere 
Beisj)iele angeheilter Nasenspitzen an und meint von der Rhinoplastik 
des vir clarissimus, Tagliacotius, nur, dass neuere Erfahrungen da- 
rüber fehlten. Hochsitzende Nasenpolypen drehte er mit einer ge- 
fensterten Zange ab. — Die Hasenscharte operirte er auch bei 
kleinen, 6 bis 8 Wochen alten Kindern (s. z. B. De labiis leporinis. 
Heimst. 1744, und die Kl. Chirurgie, S. 280); die Lippen wurden dabei 
durch hölzerne „Moraillen" zusammengezogen, lange Nadeln mit einem 
Nadelhalter durch die Wundränder gestossen und durch die umschlungene 
Naht befestigt. Die Ranula soll, wenn es irgend geht, mit dem Sack 
exstirpirt werden, sonst wie Purmann. Während dieser und Fab.riz. 
von Hilden und wohl alle Chirurgen jener Zeit bei der Tracheotomie 
die grösste Gefahr in der Verletzung der Knorpel sahen und darum 
die Trachea mit einem Querschnitt öffneten, fürchtete Heister die 
Durchschneidung des Knorpels nicht mehr; in 1 Falle durchschnitt 
er 4 Ringe, um eine Morchel aus der Luftröhre zu entfernen. Er 
hatte sich überzeugt, dass auch Knorpelwunden heilen können (s. 
Wahrn., S. 147 und 1028). — Der Brustkrebs ist nach H. am 
sichersten mit dem Messer zu heilen; die Geschwulst wird stark von 
der Brustwand abgezogeji und womöglich mit einem Messerzuge ab- 
getrennt; es schadet nichts, wenn auch grosse Stücke des Brust- 
muskels dabei mit entfernt werden. Zu Gunsten des „Cito" erwähnt 
er noch ein Instrument, das eine gewisse xAehnlichkeit mit dem Messer 
einer Häckselmaschine hat, und mit dem dieses Abtrennen noch 
leichter sein soll. — Die Trepanation des Brustbeins bei Eiterung 
im Mediastinum verglich H. mit der Schädeltrepanation; jedenfalls 
sei sie nicht so gefährlich als diese. Bei Caries räumte er energisch 
alles Kranke aus (das spätere Evidement). — Beim Empyem legte 
er die Pleura durch die Incision frei und stiess dann einen Troikart 
in die Brusthöhle ein; empfahl aber noch mehr das schichtweise 
Durchtrennen aller Weichtheile im Zwischenrippenraume mit dem 
Messer; nachher wurde eine silberne Röhre eingelegt. — Kleinere 
Darm wunden liess er unberührt, grössere vereinigte er durch die 
Kürschnernaht; war der Darm ganz durclitrennt, dann nähte er das 
zentrale Stück in die Wunde ein, die durch eine Wiecke im unteren 
Winkel offen gehalten wurde. Bei Bauchwassersucht stach er 
(nach Palfyn) einen dünnen Troikart in der Mitte zwischen Nabel 
und Spina sup. ant. ein; er wusste, dass man Alles mit einem Male 
ablassen kann, zog es aber vor, die Punktion alle 3, 4 Tage zu 



— 124 — 

wiederliolen. Uebrigens war er der Moiiuing. man könne auch bei 
T}Tiipanie die Paracentese machen. — Seine Ansichten über Ader- 
lass finden sich u. A. in der Arbeit: De venaesectionum abusu 
apud gallos, Heirast. 1750. — Von den verschiedenen Methoden 
des Steinschnittes würde er die Sectio alta für die beste erklären, 
wenn erst „eine gewisse Methode wird erfunden werden, diese Wunden 
sonderlich bei grossen Steinen sieher und wohl zu heilen i).- — Bei 
der Hydrocele empfahl er sowohl die Punktion, als die Inzision und 
das Haarseil (de Hydrocele, Heimst. ITdt-l. — Zu Anfang war er noch 
der Ansicht (Purraann), dass die Sarkocele auf mid um den Hoden 
wachse: als er aber gesehen hatte, dass dieser immer selbst dege- 
nerirt war, empfahl er die Kastration, so lange der Samenstrang 
noch nicht mit erkrankt war (s. Wahrnehm.. S. 121!. — Die Fistula 
ani spaltete er mit Messer oder Scheere auf einem „hohlen .Sucher^. 

— Für die Behandlung des Gibbus gab er die erste bekannte 
Maschine an, ein eisernes Kreuz. Instit. IL Tab. XXIV. Fig. 5.) 

— Bei den Schusswunden musste durch grosse und tiefe Ein- 
schnitte die Entfernung aller "widernatürlichen Dinge ermöglicht wer- 
den (Wahrnehm., S. 84); war eine grosse Schlagader verletzt, dann 
wurde alsbald ein Tourniquet angelegt, die Arterie aufgesucht und 
unterbunden: ging das nicht, dann musste das Glied abgenommen 
werden. Xur, wenn man der Kugel gar nicht beikommen kann, 
wenn sie z. B. in der „Hohligkeit des Leibes" steckt, lässt man sie 
darin, indem „dergleichen oft viele Jahre ohne Schaden und Be- 
schwerung getragen worden". — Bei den Amputationen verwandte 
er grosse Sorgfalt auf die Unterbindung der Gefässe; die Exartikula- 
tion hielt er für sehr gefährlich; beschrieb aber eine sehr interessante, 
von le Dran ausgeführte Exarticulatio humeri (Ausgabe von 1718, 
S. 445). Auch die Fleischlappen, die Verduyn eingeführt hatte, 
schienen ihm von zweifelhaftem Werth; die Methode des Botalli, 
ein Glied wie mit einem Schlage durch ein Fallbeil zu amputiren, 
verwarf er ganz und gar wegen der Knochensplitterung. 

Sehr grossen Werth legte H. auf gute und dienliche (und zahl- 
reiche) Instrumente, so dass er sie in seinen chirurgischen Kolle- 
giis allezeit zeigte und ihren Gebrauch und die Vorzüge vor den alten 
Instrumenten erklärte. In Amsterdam liess er viele seiner Instru- 
mente machen; hier war ein .sehr geschickter „Messerschmied und 



^) Später äusserte sich H. noch günstiger über die Sectio alta; vergl. die 
„Wahrnehmungen" S. 575. Im .Jahre 1745 schrieb er: De lithotomiae Celsianae 
praestantia et usu. Heimst. 



— 125 — 

Instramentcnmacher", bei dem auch Raii seine anatomischen und 
chirurgischen Instrumente verfertigen Hess (31. Wahrnehm.). Nach 
den Abbildungen sind sie wenigstens frei von überflüssigen Verzie- 
rungen, wie sie z. B. bei Ambroise Pare abgebildet sind, und von 
denen Cornelius von Solingen schon sagt: „Die unnütze Zier- 
rathen, als welches nur Rustnester seyn, wie auch das Ausstechen, 
hasse und meide ich als die Pestilenz^)". — Wie H. sein Lehrbuch 
als einen Leitfaden ansah, nach dem ein sonst gut unterrichteter 
Chirurg auch schwere Operationen ausführen könne, so dass diese 
den Händen der uraherwandernden Quacksalber entzogen wären, so 
wendete er sich auch später mit grossem Eifer gegen die Bruch- 
schneider und ihre Methoden, ebenso gegen die Staarstecher, z. B. 
den berühmten Taylor. Heister zog in Gotha, Nürnberg, 
Frankfurt a. M., Rostock und Braunschweig, wo dieser 
„fameuse sogenannte Ritter Taylor" in den Jahren 1750, 51 u. 52 
viele hundert Staaroperationen gemacht hatte, Erkundigungen ein und 
fand, dass fast alle Operirten blind geblieben waren. Er war übrigens 
auch mit seinen eigenen Erfolgen sehr unzufrieden und erzählt von 
seinem Lehrer Rau, dass er aus demselben Grunde die Operation 
schliesslich ganz aufgegeben und seit 1703 keinen Staar mehr operirt 
(reclinirt) habe. Ob Taylor schon früher (vor 1750) wirkte, ist 
zweifelhaft; vielleicht ist die Jahreszahl falsch, wenn in Hei st er 's 
Liste auch ein Bericht seines Sohnes Elias Friedrich vom Jahre 
1736, „Nachricht wegen D. Taylor", sich findet. 1750 lebte H. 
junior nicht mehr. — Er eiferte gegen den Missbrauch des Alkohols, 
der nur in den Apotheken verkauft werden solle, und suchte in einer 
langen Reihe von Abhandlungen nachzuweisen, dass man in der 
wunderbaren Einrichtung des menschlichen Körpers, der Feinheit und 
Zweckmässigkeit der Funktion und Struktur seiner einzelnen Theile 
das Wirken der göttlichen Kraft erkennen müsse. — Unermüdlich 
kämpfte er gegen den Missbrauch, Frauen, die kurz vor oder während 
der Entbindung gestorben waren, zu beerdigen, ohne den Versuch zu 
machen, durch den Kaiserschnitt das oft noch lebende Kind zu retten. 
(S. Wahrnehm., S. 992: „Quem non servasti, si potuisti, illum occi- 
disti"). Heister war, wie schon seine oben erwähnte Antrittsrede 



1) Gründer, 1. c. p. 413. — Dass Heister übevllüssige Instrumente nicht 
liebte, sieht man z. B. aus der „125. Wahrnehmung" (S. 222): „Ich halte mit 
denen geschicktesten Wund-Aerzten dafür, dass bei einer jeden wundarzigen Ver- 
richtung die Art, welche mit wenigen und einfachen Werkzeugen gut kann ver- 
richtet werden derjenigen vorzuziehen sey, welche mit einer grossen und schwer 
anzustellenden Geräthschaft muss verrichtet werden." 



— 12(^ — 

in Aliorf beweist, kein Freund von medizinisrhcii Systemen, (:i('neral- 
lehren und Prinzipien, die bei seinen gelehrten Zeitgenossen eine so 
verliängnissvollc Herrschaft ausübten; er war zu wahrheitsliebend, um 
seine Beobachtungen irgend einem System .^anzupassen", und hatte 
zu viele Erfahrungen gesammelt, um nicht zu wissen, dass alle diese 
Svsteme nur künstliche, durch die zahlreichen Ausnahmen verwirrende, 
für die Mehrzahl der Aerzte jede eigene Forschung verhindernde 
Phantasiegebilde waren. In Wahrheit VA^ar er, wie aus der Vorrede 
zum „Praktisch medizinischen Handbucli" herA ergeht, ein überzeugter 
Gegner des Stahl'schen Animismus und neigte mehr dem mechani- 
schen Systeme und dem Grundsatze zu, nur das zu glauben, was er 
gesehen hatte; Thatsachen, Erfahrungen sollten an Stelle der un- 
fruchtbaren Hypothesen treten. 

Von seinen zahlreichen Schülern linden wir viele später in an- 
gesehenen Stellungen als bekannte und beliebte Practici und Leib- 
ärzte (s. Born er). In weiteren Kreisen bekannt waren wohl nur 
Werlhof, Mauchard und Gericke; ersterer Grossbritannischer und 
Braunschweig-Lüneburgischer Leibarzt in Hannover, der zweite Wür- 
tembergscher Leibarzt und Professor in Tübingen; Gericke war 
später Professor in Altorf. 

Nach Heister 's Tode wurde sein ganzer wissenschaftlicher Be- 
sitz auktionirt und zu dem Zwecke ein riesiger Katalog von nahezu 
600 Seiten ausgearbeitet — leider wenig übersichtlich, z. B. die 
Bücher nach Grösse und Format geordnet. Wir sehen aber doch 
soviel daraus, dass er 6388 Bücher, 1744 Portraits und andere Ab- 
bildungen, 470 besonders ausgezeichnete chirurgische und 51 physi- 
kalische und mathematische Instrumente besass. Die Auktion fand, 
wie auf dem Titel dieses „Apparatus librorum nee non instrumento- 
rum chirurgicorum Laurentii Heisteri" verkündigt wird, am 3. Januar 
et sequ. Ao 1760 statt. — Uebrigens hat H. selbst ein Yerzeichniss 
seiner Werke herausgegeben: „Laur. Heisteri designatio scriptorum 
suorum. Heimst. 1750. Nach seinem Tode erschien: „Ehren- 
gedächtniss und Leben des sei. Heister. Helmstaedt 1759. 



— 127 — 

Nicht lange nach der Schlacht bei Scnncf, jedenfalls nach 1675 
hatte, wie wir sahen, der Rittmeister von Geheraa seinen Abschied 
genommen und war in seinen alten Jahren noch Studiosus Medicinae 
geworden, er promovirte i. J. 1678. Wenige Jahre nach ihm, 1679, 
verliess auch Purmann die Armee. In den nun folgenden 20 Jahren 
wissen wir Nichts von bedeutenderen Feldcärzten oder Chirurgen; nicht 
als ob besonders friedliche Zeiten ihre Thätigkeit zu sehr eingeschränkt 
hätten — Krieg war damals immer und überall, dafür sorgten schon 
die Türken und Franzosen. Dass 1683 bei der Belagerung von Wien 
französische Ingenieure dem türkischen Heere zugetheilt waren, ist 
bekannt; als die Türken unter kräftiger Mithülfe Brandenburgischer 
Truppen geschlagen waren und die Zeit günstig gewesen wäre, die 
Franzosen aus den geraubten deutschen Landestheilen wieder zu ver- 
jagen, trat der Einiluss Roms dazwischen, das bei Ludwig XIV. die 
Unterstützung der Türken übersah, weil er so energisch gegen die 
Evangelischen auftrat. Die Aufhebung des Edikts von Nantes hatte 
der Grosse Kurfürst durch das Potsdamer Edikt (1685) beantwortet 
und dadurch 15000 (nach Friedrich dem Grossen 20000) Refugies in 
seinen Landen Unterkunft gewährt, hatte durch w^eise finanzielle Mass- 
regeln und durch die Verlegung der Garnisonen in die Städte (1684) 
den Wohlstand befördert und dabei doch eine stets schlagfertige Armee 
geschaffen. So zogen 1686 wieder 7500 Brandenburger nach Ungarn 
als Hülfsvölker gegen die Türken, und noch kurz vor seinem Tode 
zog der Kurfürst grössere Truppenmassen im Cleveschen zusammen, 
um dem Prinzen von Oranien bei seiner Landung in England den 
Rücken zu decken. Der Grosse Kurfürst starb am 9. Mai 1688; was 
er in strenger und harter Pflichterfüllung in einem Leben voller Mühe 
und Arbeit seinem Lande geleistet hat, ist in der Geschichte ver- 
ewigt; wie er für das Wohl seiner Unterthanen und besonders seiner 
Soldaten bemüht war, haben wir darzustellen versucht. Der von ihm 
selbst bestimmte Text seiner Leichenpredigt war: „Ich habe einen 
guten Kampf gekämpft." — Die erste Regierungszeit seines Nachfolgers, 
Friedrich 's des Dritten, war ganz von dem Bestreben beherrscht, 
dem Brandenburgisch-Preussischen Staate durch Aufrichtung der Kö- 
niglichen Würde grössere Achtung, Glanz und Selbstständigkeit zu 
verschaffen. Dazu war es nöthig, dass der deutsche Kaiser keinen 
Widerspruch erhob, und diese halbe Zustimmung war wieder nicht 
ohne grosse Opfer zu erreichen. So kämpfte Kurfürst Friedrich im 
Jahre 1689 mit 30000 Mann gegen Ludwig XIV. am Rhein und in 
Holland, unterstützte 1690 den Kaiser in Italien und schickte ihm 



— 12« — 

in (lel^•^elbcn Zeit 6000 Mann zur Hülle nach Uniiarn. Trot/dem 
(lauerte es noch 10 Jahre, bis der Kurfürst am 18. Januar 1701 sich 
als Friedrich I.. König in Preussen die Krone auf's Haupt 
setzen konnte^). Der Krieg war dieses Mal erst 1697 durch den 
Kongress zu Ryswick beendet und hatte eine ganze Reihe von Be- 
lagerungen und Gefechten zur Folge gehabt. Die Brandenburger hatten 
am Rhein die französischen Truppen zurückgetrieben, viele Städte, 
u. a. Bonn, wieder erobert; die anderen Verbündeten Avaren zu Wasser 
und zu Lande von Ludwig's Generalen geschlagen. 

Bei der Belagerung und dem Sturm auf Bonn (1689) waren 
ausführliche Vorschriften für die Fortschaffung und Unterbringung der 
Verwundeten gegeben; fast alle Feldscheerer mussten auf der grossen 
Batterie stehen, um die Blessirten zu empfangen, und von der Reserve 
wurden 100 Mann kommandirt, um die Blessirten wegzutragen. Bei 
der Kapitulation wurde bestimmt, dass ^lie nicht transportfähigen 
Kranken und Verwundeten bis zu ihrer Genesung in Bonn behandelt 
und verpflegt werden sollten -j. 

Auch -als der Krieg gegen Lmlwig XIV. nach kurzer Pause 
(1701) in den Niederlanden unter Marlborough und in lalien unter 
dem Prinzen Eugen wieder ausbrach und Schlacht auf Schlacht 
folgte, waren 30000 Mann unter dem Fürsten Leopold von Anhalt 
bei der verbündeten Armee; sie hatten einen grossen Antheil an den 
Siegen bei Höchstedt (1704), Turin il706j. Oudenarde (1708) und 
Malplaquet (1709), wo der Kronprinz Friedrich Wilhelm selbst 
betheiligt war. Das waren zum Theil sehr blutige Kämpfe; aber von 
Einzelheiten, von AVundbehandlung und Resultaten derselben, von den 
Leistungen der Feldärzte und Feldscheerer ist uns wenig berichtet. 
Wir Arissen nur aus Heister's ^Sotizen, dass er in Oudenarde und 
Brüssel häufig auch mit den Regiments -Feldscheerern gemeinsam 
arbeitete, dass er ihre Methoden fleissig beobachtete und eingestand, 
viel von ihnen gelernt zu haben. Freilich wai- er auf die niederen 
Chargen recht schlecht zu sprechen. — 

Einige in den Ephemerides verstreute interessante Beobach- 
tungen, z. B. von Horch; einige Erinnerungen von Hütter. der 
18 Jahre lano- in des wohllöbl. fränkischen Kreises Diensten als 



') In der Berlinischen Monatschrift vom März 1787 wird mitgetheilt, dass 
nun auch die Römischen Päbste deO ehemals von ihnen bestrittenen Preussischen 
Königstitel anerkannt hätten. Im Römischen Staatslialender von 1786 hiess der 
König von Preussen noch „Marchese von Brandenburg". Vergl. dazu auch Geiger, 
1. c. p. 74. 

-) V. Richthofen, 1. c. 




Aus Hütter's ,,50 Chirurg. Observationes" (1718). 



— 129 — 

Feldschcorer stand (Woltzendorff, 1. c), seine „50 chirurg. Obser- 
vationen" aber erst 1718 herausgab, könnten für diese Zeit an- 
geführt werden; im Allgemeinen sind die reichen Erfahrungen der 
Feldärzte und Chirurgen jener Zeit nicht bekannt geworden; die mehr- 
fach erwcähnte, immer wiederkehrende Scheu vor Veröffentlichungen, 
und die unaufliörliche angestrengte Thätigkeit in den zahlreichen 
Schlachten und Belagerungen bei häufigem Wechsel des Kriegs- 
schauplatzes hat eine ruhige Sammlung und wissenschaftliche Ver- 
werthung des Beobachteten und Geleisteten unmöglich gemacht. — 
Wir sind desshalb bei den folgenden Lebensbeschreibungen nicht in 
der Lage, über nennenswerthe ärztliche Leistungen zu berichten, ob- 
gleich auf solche zu schliessen ist aus der Thätigkeit, der Stellung 
und Achtung, die sich diese Männer erworben hatten. 

Wir beginnen mit Brandhorst, dem ersten Feldscheerer, der die 
AVürde eines Generalchirurgus bei der Königlichen Leibgarde bekleidete, 
später Hofrath und Mitglied des Collegium medico-chirurgicum wurde i). 



IV. Johann Conrad Friedrich ßrandhorst 

war 1694 zu Cleve als zweiter Sohn des Hofraths Brandhorst geboren. 
Leber seine Eltern und seine Erziehung in den ersten Jugendjahren ist 
wenig bekannt; es wird nur berichtet, dass König Friedrich L auf den 
Besichtigungsreisen seiner Besitzungen am Rhein häufig im Brand- 
horst 'sehen Hause zu Cleve abstieg und hier an dem munteren auf- 
geweckten Wesen der beiden Knaben Gefallen fand. Er versprach 
dem Vater, für Erziehung und Fortkommen der Söhne zu sorgen (Auf- 
zeichnungen des Generalarztes Schmucker, der einer von B. 's Nach- 
folgern war). Schmucker erzählt auch, dass Brandhorst im 
Jahre 1711 zum Regimentsfeldscheerer des Grenadier-Garde-Infanterie- 
Regiments No. 6 ernannt sei, und zwar auf ausdrücklichen Wunsch 



^) Es ist deshalb wohl nicht zutreffend, wenn Pagel in seinem interessanten 
Werke: „Die Entwickelung der Medizin in Berlin" (Wiesbaden 1897) ihn als „sehr 
unbedeutend" bezeichnet. 

Einen grossen Theil unserer Lebensbeschreibung Brandhorst's hat Stabs- 
arzt Coste dem Familien- Archiv der Familie Brandhorst-Satzkorn ent- 
nommen. Auch Oberstabsarzt Stech ow, Prediger Scholtz und besonders der 
jetzige Besitzer von Satzkorn, Herr v. Brandhorst-Satzkorn, haben mich durch 
werthvolle Mittheilungen unterstützt. — In dem „Biographischen Lexikon" 1884 
und der „Biographie med." 1821 ist Brandhorst nicht erwähnt. 

Yeröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 13. Heft. a 



— 130 — 

des Xronpriii/eii Friedrich AVilhcIni, der Clicf dieses Reiziraents 
war. AVir sahen in der Einleitung, dass damit eine Art von „Be- 
stallung" verbunden war, in der die Verdienste und Kenntnisse B.'s 
anerkannt und er ermahnt Avurde, sie zum Besten der Kranken eifrig 
und sorgfältig anzuwenden. — Bei wem er in der Lehre gewesen 
war, ob und wo er etwa studirt hat, ist unbekannt; wir wissen nur, 
dass er und sein älterer Bruder, Joh. Heinrich, der später Kammer- 
diener Friedrich AVilhelm's I. war und 1762 in Berlin als Königl. 
Ober-Kastellan starb, auf Königl. Kosten in Berlin erzogen waren. 
Dieser ältere Bruder wird auch bei Küster und König unter den Königl. 
Bedienten aufgeführt. — Im Jahre 1715 begleitete Brandhorst. sein 
Regiment nach Pommern, bezog mit ihm das Lager vor Stral- 
sund und nahm Theil an den siegreichen Kämpfen gegen die Schweden 
unter Karl XII. (Einnahme von Wo 1 gast, der Peeneraünder Schanze, 
der Inseln Usedom und Rügen und schljpsslich auch Stralsunds). 

In diesem Feldzuge, der 11 Monate uäuerte, waren bei dem Heere 
Friedrich-AYilhelm's I. auch 3 Feldmedici angestellt: der Leibmedicus 
Gundelsheim, Dr. Henrici und Dr. Bergemann (A. L. Richter S. 293). 
König berichtet (IV, S. 361, 372 u. 380), dass der Feldzug Summa 
Summarum 4,377,923 Rthl. 15 Gr. und 10 Pf. gekostet habe; davon 
entfallen auf die Feld- Apotheke 12,311 Rthl. 5 Gr. 10 Pf., auf das 
Lazareth 20,125 Rthl. 9 Gr. 7 Pf. Das Lazareth war zu Grypswalde 
und Stettin etablirt; der Stabsfeldscheer Gasse bohm bekam, solange 
er im Lazareth gewesen, ä 18 Rthl. monatlich Zulage. Die Feld- 
medici bekamen zur Equipage 200 Rthl.; ihre Besoldungen für die 
Zeit betrugen 600 Rthl. (in Summa). Als Gesammtverlust an Men- 
schen wird „angeschlagen, pro 36 Bataillons, so zu Felde gewesen, oder 
180 Compagnien, jede durch die Banc an Abgang 25 Mann, macht in Sa. 
4500 :\Iann" (für deren Wiederersatz 225,000 Rthl., pro Mann 50 Rthl. 
veranschlagt werden). Der Staabsfeldtscheer Cassebaum (offenbar 
Cassebohm) bekam als „Königl. Bedienter" eine Zulage von 120 Rthl. 

Im J. 1716 wurde Brand hörst zugleich mit den Regiments- 
feldscheerern Bouness und Cassebohm nach Paris geschickt, um 
sich hier weiter in der Chirurgie auszubilden. Der König scheute 
keine Kosten, sondern bezahlte nach Vortrag des Ministers v. Cnyp- 
hausen unter dem 2. Juli 1717 die für damalige Zeiten recht an- 
sehnlichen Honorare; so 300 Rthl. für das Bruch- und Steinschnei- 
den, ebensoviel für das Accouchiren, für die Anatomie 150 und für 
die übrigen Operationen 30 Rthl. Ausserdem erhielt jeder der drei 
Chirurgen eine tägliche Beihülfe von 36 Sous. Brandhorst wurde 
während dieser Reise als Regimentsfeldscheerer des Grossen Grena- 




Brandhorst. 



/ 



— 131 — 

dier-Gardc-Regiiuents nach Brandenburg a. H. versetzt. — AVie er 
nach seiner Rückkehr im Jahre 1719, als er unter Anerkennung 
seiner treuen und fleissigen Dienste, seiner Erfahrung und seiner 
wissenschaftlichen Kenntnisse zum Leibchirurgus des Königs ernannt 
war, diesen von einer schweren Krankheit durch eine wie es scheint 
recht einfache Operation (Incision einer Phlegmone) befreite, haben 
wir in der Einleitung berichtet^). Brandhorst hatte dem König 
offen und in Widerspruch mit den gelehrten Professoren und Leib- 
ärzten die Gefahr seines Zustandes geschildert und ihm schliesslich 
zugerufen: „Jetzt oder nie, Majestät". Der König — so berichtet 
Müchler — fasste ihn darauf scharf ins Auge und bedeutete ihn, 
dass er mit Kopf und Kragen dafür hassen müsse, falls die Operation 
misslinge. Brandhorst, seiner Sache sicher, operirte, und der 
König war gerettet. Zum Dank dafür ernannte er ihn in Gegenwart 
seiner Generale und der nicht gerade freundlich angeredeten Aerzte 
zum Doctor doctissimus, illustris nostri temporis Aesculapius, indem 
er ihm den eigenen Hut aufsetzte und ihm einen Ring, den er bisher 
selbst getragen, an den Finger steckte. Nach anderen i\Iittheilungen 
soll die lateinische Widmung die Inschrift des Ringes gewesen sein. 
(Briefliche Mittheilung des jetzigen Besitzers von Satzkorn. Vergl. 
auch Schickert, 1. c. S. 3 Anm.). Wie in der Einleitung schon 
erwähnt wurde, war Br. von Friedrich Wilhelm I. bald nach seinem 
Regierungsantritt zum Generalchirurgus bei der Königlichen Leibgarde 
ernannt, oder, wie sein jüngster Sohn, der Kriegsrath Br., in einem 
noch vorhandenen Briefe vom Jahre 1769 sagt, zum „Cliirurgien Ge- 
neral de l'armee Prussienne". Gleichzeitig wurde ihm die hohe Ehre 
zu Theil, zum Tabakskollegium befohlen zu werden. Im Jahre 1734 
wurde Br. Hofrath und Mitglied des Obercollegii medici. — Dass er 
zu den bekanntesten Berliner Chirurgen jener Zeit gehörte, geht aus 
einer Stelle in Moehsen's „Beschreibung einer Berlinischen Medaillen- 
Sammlung" (1773, S. 414) hervor. Der spätere Schwedische Ar- 
chiater H. von Schützencranz war 1737 nach Berlin geschickt, 
um sich in der theoretischen und praktischen Chirurgie noch mehr 
zu üben. Er wohnte bei Schaarschmidt, hörte viele CoUegia und 
„der Herr Hofrath Eller und die Herren Brandhorst, Holzen- 



1) Yergi. dazu A. L. Richter, 1. c. und Müchler's Anekdoten-Almanacli. 
1812. S. 435. — Nach Aufzeichnungen in den Familien-Papieren von Brandhorst- 
Satzlvorn ist er allerdings schon i. J. 1715 (am 19. April) zam Leib-Chirurgus er- 
nannt. — In den Etats pro Trinitatis 1716/17 bis 1740/41 ist er mit einem Gehalt 
von 1000 rth. aufgeführt. — Nach denselben Aufzeichnungen fand diese eigen- 
thümliche Art der Promotion im Stadtschlosse zu Potsdam erst 1732 statt. 



9* 



— 132 — 

(Inrf. Pallas, und Binger („Hofchinirg" s. S. Sohaarschmidt) iiahmon 
ilni zuweilen in besonderen Fällen mit zu ihren Kranken". Der 
General-Chirurgus Brandhorst erhielt auch von des Königs Majestät 
die Erlaubniss, den schwedischen Arzt als Extra-Pensionair in der 
Charite aufnehmen zu lassen. 1739 wurden Brandhorst und Eller 
von Friedrich Wilhelm 1. beauftragt, einen Plan zur Erweiterung der 
Charite auszuarbeiten. Einer der bedeutendsten Feldchirurgen und Lehrer 
am Colleg. med. chir., Hanckel, hatte seine Beförderung Brandhorst 
zu verdanken, der seinen Fleiss und sein Talent richtig erkannt hatte. 
H. war damals Kompagnie-Feldscheer beim Kleist'schen Regiment. 

Auch das Privatleben unseres Generalchirurgen ist interessant 
genug, um hier kurz geschildert zu werden. 

Brand hör st war mit Charlotta Loysa Greinert, Tochter des Erbherrn 
Andreas Friedrich Greinert zu Klei n- Behnitz im Kreise West-PIavel- 
land, und dessen Ehefrau Anna Magdalene geb. Neumeister, vermählt. 
Dieser Ehe entstauimten 7 Kinder (6 Söhne und 1 Tochter), von denen die 
3 Aeltesten in Brandenburg geboren sind. In dem Geburts- und Taufregister 
der St. Paulildrche daselbst sind als Pathen der König, die Königin und der 
Kronprinz verzeichnet. Von dem Schwiegervater erbte B. das Pamiliengut 
Behnitz. — Auch sonst war er mit Glücksgütern reich gesegnet, die er nicht 
zum geringsten Theil der Huld des Königs verdankte. In Potsdam gehörte ihm 
das Haus am Kanal No. 26; bei Berlin die Güter Osdorf, Giesendorf und 
Lichterfelde. Nach einer Kabinetsordre vom 22. November 1733 schenkte ihm 
der König (was er bei seinen Beamten oft that) die Baumaterialien, die er auf 
seinen Gütern brauchte. Ausserdem hatte er ihm 1731 den durch das Aussterben 
der Familie von Falcke erledigten Rittersitz Satzkorn (Sotzker) versprochen 
und angewiesen, wofür er oben genannte 3 Besitzungen dem Lieutenant v. Kraut 
abtreten musste. Als die Wittwe des letzten Lehnsherrn Schwierigkeiten machte, 
mussten die Kommissarien v. Proben und v. Hausburg auf Befehl des Königs 
energisch für die Rechte Brandhorst's eintreten, so dass dieser die Besitzung 
am 5. .luni 1735 übernehmen konnte. Als Brand bor st auch den Rittersitz des 
Cuno von Hünicke in Satzkorn erstehen wollte, und dieser, um nicht an 
einen Bürgerlichen zu verkaufen, eine zu hohe Summe forderte, erstand der König 
das Gut für Brandhorst imd liess es von der Churmärkischen Landschaft mit 
einer Hypothek belasten. Das war die erste Belehnung eines Bürgerlichen mit 
einem Rittersitze in der Mark. — Ueber das Ceremoniel der Uebergabe, die am 
12. September 1739 stattfand, berichtet die Chronik: 

,,His Omnibus peractis hat der Herr Käufer dem alten Gebrauch nach ein 
Stückchen Holz von dem Stiel an der Hausthür abgeschnitten, den Schlüssel aus 
der Stubenthür, indem an der Hausthür keiner gewesen, ausgezogen und wieder 
eingestossen, ein Stück Erde vor dem Hause genommen, das auf dem Feuerherd 
gewesene Feuer ausgemacht und das Holz wieder angezündet, welches als Sigma 
ergriffener Possession zu achten." 

Die vier Unterthanen, die auf dem Gute als Bauern waren, schwuren am 
30. September 1739 dem Hofrath Brand hör st als ,, ihrem nunmehrigen Obrig- 
keit-, Lehns- und Gerichts-Herren" den Eid. und der König beleJinte ihn feierlich 



— 133 — 

am 14. April 1740 zu Berlin: Er liatte ilim ein neues Herrenhaus gesclienkt, 
dessen Bau er persönlich leitete. 

Kurz darauf, noch im April 1740, erkrankte der König sciiwer. 
Brandliorst eilte an sein Lager; doch war dies sein letzter Besuch. 
Am 1. Mai starb er in Potsdam plötzlich und unerwartet am Schlag- 
lluss. (Nach den Farailienpapieren starb er in seinem Hause in Pots- 
dam, jetzt ..am Kanal 26'-, nach der Heimkehr von diesem Kranken- 
besuch bei seinem Herrn.) Der König war tief ergriffen von der 
Todesnachricht und soll, in banger Almuiig des eigenen nahen 
Endes, ausgerufen haben: ...Jetzt werde auch ich bald sterben^- ^j. 
Brandliorst wurde auf seinem Gute Satzkorn im Kirchengewölbe, 
das er sich selbst gebaut hatte, beigesetzt; sein Grabstein ist nicht 
mehr erhalten. Das Gut ist im Besitze der Familie Brandhorst- 
Satzkorn geblieben 2). 

Aus dem Nachlasse B ran dhorst's sind Jiiir folgende interessante 
Personalnotizen zur A^erfüiiuna- o-estellt: 



1725. 



1726. 



Liste der Pensionairs Chirurgiens 

in der Ordnuno-, wie sie a-ekommen : 



A° 1724. .T. 



Dieckmann. 
-AI. H. Heydert. 

— Xieser. 

— Schiott. 

— Fritsch. 

— Henninger. 

— Heiser. 

— Fränkert. 
J. W. Cronreich. 
A. AV. Schulte. 
P. W. Soode. 

E. Geisler. 

A. Pröbisch. 
C. L. Schuhmann. 
J. B. Mertz. 

H. Weilig. 

J. Frenkel. 



17 37 

Sindt noch folgende Regimentsfeldschcr 
gestorben. 
Zu Spando j Cassebohm Succedit Grone. 

t Cl. Köllner „ Alt. 
Be\'m Leib 
Pvegiment 
(javall. y Walter „ „ jan. Geisler. 



In Berlin 



Senf 



In Halber- 
stadt y Buch hörn 



Xeubauer. 
Luhm. 



fDiese Liste steht auf einem besonderen 
Blatte und scheint von ßr. selbst geführt zu 
sein; auf der die Pensionair-Chirurgeu aufzäh- 
lenden Liste steht unten rechts der Name: 

Wilsenack.) 



^) Eigentlich drückte er sich sehr viel derber aus. — Friedrich Wilhelm I. 
starb am 30. Mai, 4 Wochen später, als Brandhorst. 

-) In Baldinger's oft citirter Introductio ist eine Dissert. von Frid. Brand- 
horst: Historia febris castrensis petechialis epidemicae, Leiden 1746, angeführt; 
dies war der 2. Sohn des Generalchirurgen, der 1718 zu Brandenburg geboren war, 
von 1738 an in Halle und Leiden studirt hatte und 1778 zu Havelberg als Kreis- 
Physikns der Priegnitz starb. Er besass den berühmten Doctor-Pung des Vaters : 
der Pving ist jetzt nicht mehr vorhanden. — Bei Küster finden wir noch einen 



— 134 — 



1727. 


.1. C. Lachmann. 




C. .1. Walther. 




.J. Stäbichen. 




J. G. Kormann. 




C. Wagner. 


1728. 


— Creutz. 




— Leistenias. 




.T. H. Ehrlinck. 




H. B. Schumacher. 




.T. D. Ileinricli. 


1729. 


— Mischel. 


1732. 


— Sode. 




L. Pafort. 




■J. .1. Behrens. 


\7?,B. 


.J. Ct. Holdorff. 




J. Neyen. 




P.W. Aly. 




F. Mund, f 1737 Neye Suec. 


17;-54. 


C. P. Pistor. 


1735. 


,J. A. Grone. 




S. A. Lumme. 




— Heddaeus, Wilsenaclc. 




P. G. Mix, Succed. Novibnner. 


1736. 


— Heine. 


1737. 


— Neye. 




— Lange, 


Anno 1 


737 Henckel. 



j Diese sind nach paris im .Tunio 1737 
' geschickt und an dessen Stelle 
Anno 1737 — Praetorins. 

— Muller. 
Anno 1737 im Aug. Kasotz, pro Mix. 
Anno 1738 im Majo Keil, pro Heddaeus. 
Anno 1739 im \ Stebcher, pro Pistor. 

Anno 1739 August j Böhmer, pro Wilsenack 
Anno 1739 im Dec. Gramer pour Neyen. 



Friedrich Wilhelm Brandhorst, Secretarius und später Ganzlei-Director der 
Kriegs- und Domänen-Kammer. Die Söhne hatten alle auf Königliche Kosten stu- 
dirt. Vormund der minorennen Kinder war Schmucker. 




Holtzendorff. 



135 



Y. Ernst Conrad Holtzendorff. 

Neben Braiidhorst stand in der Armee Friedrich Wilholm'sl. 
als Generalchirurgus Ernst Conrad Holtzendorff. Während jener 
aber nur den Titel hatte, der s. Z. älteren nnd verdienten ßegiments- 
feldscheerern, besonders der Garde, nicht selten verliehen wurde (s. o. 
Horch, den Pagel auch als Leibchirurgen des Gossen Kurfürsten 
anführt^)), war Holtzendorff der erste Organisator, der erste wirk- 
liche technische Leiter des Preuss. Militär-Medizinalwescns. Der An- 
fang der Dienstzeit beider Männer fäJlt noch in die Regierungszeit 
Fried rieh's 1. 

Der Grosse Kurfürst nnterliiclt eine Armee von 29 800 31ann, 
Friedrich 1. liess es ungefähr bei dieser Zahl (30000, nur zeitweise 
bis 40000); Friedrich AVilhelm 1. brachte die Armee auf 89000, 
nach König 76000, und Friedrich der Grosse auf 218000 Mann 
(im Kriegsfalle). Im Jahre 1705, also z. Z. des gewaltigen Krieges 
gegen Ludwig XIV., bestand die Armee Friedrich's I. aus 15 In- 
fanterie-, 10 Reiter- und 6 Dragoner-Regimentern; nur G von diesen 
Regimentern hatten Regimentsfeldscheerer! Man war vor- 
sichtiger bei der Besetzung dieser Stellen; hatte aber dadurch bei 
dem Stande der Chirurgie jener Zeit die grössten Schwierigkeiten, 
tüchtige und erfahrene Männer dafür zu linden. Die vorhandenen 
Regimentsfeldscheerer. die übrigens von jetzt ab ihr Unterpersonal 
selbst prüften und annahmen, werden oft genug mehrere Regimenter 
zu versehen gehabt haben — ein neuer Grund, der sie hinderte, ihre 
Erfahrungen und Leistungen aufzuzeichnen und wissenschaftlich zu 
verwerthen. AVar das Regiment auf verschiedene Garnisonen ver- 
theilt, dann musste der Regimentsfeldscheerer diese fleissig besuchen, 
sobald besondere Krankheitsfälle vorlagen. Die Behandlung der 
„grossen Kerle" Friedrich Wilhelm's I., die bei dem AVerbesystem 



^) Andreas Horch, der Freund Purmann's, war ein Enkel des Martin 
Weise, des Leibarztes dreier Kurfürsten; Christian Horch, der Sohn, von 
dessen Fleiss Pur mann in der Widmung des „Feldsclieerer's" spricht, trar wieder 
der Grossvater des berühmten Moehsen (s. Pagel, I. c. p. 36 und Meier otto, 
Beitrag zur Geschichte J. C. Möhsen's, Berlin 1799, besonders die Anmerkung am 
Schluss). — Börner berichtet in der Biographie Christ. Horch's (s. u.), dass 
dieser von Friedrich lU. im J. 1693 zum „Oberchirurgen" ernannt und ihm die 
Aufsicht über alle Pegimentsfeldscheerer und Wundärzte aufgetragen sei. Diese 
Aufsicht kann nicht massgebend gewesen sein, da Annahme, Bestrafan£>- und Ent- 
lassung der Feldscheerer damals noch dem Commandeur zustand. 



— 136 — 

ein beträchtliches Kapital repräsentirten, miisste, wie auch Schmucker 
noch erzählt, mit der grössten Sorgfalt geschehen; fast unglaublich 
erscheint es aber, dass, wenn einer dieser Soldaten dennoch starb, 
der ihn behandelnde Regimentsfeldscheerer eine sich nach den Anwerbe- 
kosten eines solchen Ausländers richtende Arreststrafe, der Kompagnie- 
feldscheer aber „Fuchtel erhielt" (v. Richthofen 1. c. S. 81). Das ist 
ebenso unbegreiflich und anderen Massnahmen und Bestimmungen 
Friedrich's I. nicht entsprechend, wie die Ernennung des Scharf- 
richters Coblentz zum Hofmedicus und die ihm ertheilte Konzession, 
Beinbrüche zu heilen. (S. z. B. G. Küster 1. c. IV. S. 98). Dabei hatte 
Friedrich I. das Medizinaledikt seines Vaters vom Jahre 1685 (s. Ein- 
leitung) bestätigt, und 1693 eine neue Medizinal- und Apotheker- 
ordnung erlassen, auch für Gesundhfitsbeamte in der Provinz gesorgt 
(Physici), die dem Medizinalkollegium unterstellt waren und ihm Be- 
richt erstatten mussten. (Preuss, I.e. S. 12.) — In jener Zeit fand man 
Nichts dabei. Küster (1. c. S. 313) berichtet, dass der Scharfrichter 
Müller, ein Vorgänger von Coblentz, wie der Oberjägermeister von 
Oppeln versicherte, nicht nur ein guter Scharfrichter, sondern auch 
ein guter Arzt war. Coblentz selbst wurde, als er als Scharfrichter 
abdankte, Hof- (nicht Leib-) Medicus, „weil er in der Arznei sonder- 
liche Wissenschaft hatte." 

Unter Friedrich Wilhelm L, dem „sorgsamsten Hüter des 
Friedens", kam es ausser dem erwähnten Feldzug gegen Karl XII. 
nicht mehr zum Kriege, obgleich der Soldatenkönig seine Armee stets 
schlagfertig erhielt. Dass aber alle seine Regierungsakte „unter dem 
Gesichtswinkel des Militärischen" zu betrachten sind, dass er quasi 
unfreiwillig der Begründer der wissenschaftlichen Medizin für Berlin 
geworden sei durch die Gründung der Anatomiekammer, des Colleg. 
medico-chirurgicum, des Ober-Colleg. Sanitatis u. s. w., wie Pagel 
sagt, wird ausser vielem Anderen, das unter seiner Regierung in Ver- 
waltung und Gesetzgebung geschaffen ist, durch das grossartige, in 
unserer Einleitung besprochene Edikt vom Jahre 1725 widerlegt. 
Auch die Aufnahme und Ansiedelung der ihrer Religion wegen von 
Haus und Hof vertriebenen Salzburger, die Bestimmungen über die 
bessere „Conservation der Unterthanen", die Befreiung der Bauern vom 
Frohndienst, zuerst auf den Königi. Domänen u. s. w., dürften kaum 
rein militärische Gründe gehabt haben, auch waren es nicht Feld- 
scheerer, die er zuerst nach Paris zu ihrer weiteren Ausbildung 
schickte, sondern „Medicin Studirende" aus Halle; erst nach ihnen 
kamen Bouness, ßrandhorst und Cassebohm an die Reihe. Eine sehr 
gute Darstellung der nicht militärischen Thätigkeit des Soldatenkönigs 



— 137 — 

hat König in seinem oft citirten „Versuch einer historischen Schilderung 
der Residenzstadt Berlin'-, 1796, gegeben. Wir verweisen dafür auch 
auf Bern er 's Geschichte des PreussiscJien Staates, müssen aber auch 
diesem Autor widersprechen, wenn er behauptet (S. 316), dass Fried- 
rich Wilhelm I. aus der Akademie der Wissenschaften, die mehr 
ein Prunk für den Hof, als eine Stätte wahrer Bildung geworden war, 
ein Institut zur Vorbereitung für die Aerzte der Armee gemacht 
habe — damit hat die Akademie direkt wohl nie zu thun gehabt, 
wenn auch der verdiente General chirurgus Holtzendorff im J. 1724 
(oder 1716? s. Preuss) vom Könige zum Mitgiiede der Societät er- 
nannt wurde. — ■ Freilich musste sie jetzt mehr praktischen Zwecken 
dienen (A. C.-O. v. 15. May u. 14. August 1717 u. 14. Dec. 1723; 
vergi. auch König, 1. c. IV, S. 21 u. 58); ein Theil der Einkünfte 
aus dem Kalender-Privilegium musste zur Einrichtung der Anatomie- 
kammer und später auch der des OoUegium medico-chirurgicum ver- 
wendet werden. Preuss (1. c. S. 13) erzählt, dass Holtzendorff, 
der desshalb in regem Briefwechsel mit dem Prediger Jablonski 
stand, durch diese Vorschläge die Societät der Wissenschaften vor 
dem Untergange gerettet habe. — üebrigens war Holtzendorff nach 
den Mittheilungen von Preuss (1. c. Beilage B zu S. 15) schon seit 
1716 ]\[itglied der Societät; in demselben Jahre wurde er Leib- 
medicus, Generalchirurgus und Direktor der Chirurgie. 

Alles, was die Stiftung dieser „Societas Scientiarura" betrifft, 
nur nicht das, was die Königin Sophie Charlotte dafür gethan 
hatte, ist in einer Schrift enthalten, welche ohne Autornamen im 
Jahre 1711 unter folgendem Titel erschien: 

Kurze Erzehlung, welchergestalt von Sr. Königl. Maj. in Preussen Friede- 
rich dem 1. in dero Hauptsitz Berlin die Societaet der Wissenschaften oder zu 
mehrer Aufnahme des gelehrten Wesens abzielende Gesellschaft gestiftet -worden 
und wie dieselbe zu ihrer völligen Xiedersetzung gediehen. Mit Beifügung des 
Stiftungs-Briefs, der Einrichtungsgesetze derer bey der Niedersetzung gehaltenen 
Reden, und des Catalogi Membrorum Societatis. 

Berlin, Verlegts .Jos. Christoph Papen, Königl. privil. Avie auch der .Societät 
Buchhändler und Factor. 

1. Einleit. Kurze Erzehlung von der Stifft- und Einsetzung der König- 
lichen Preuss. Sog. d. Wischenschaften. (Schon 1700 Societas Scientia- 
rum, von diesem .J. ist auch der Stifftungsbrief. Unkosten durch Kalender- 
machen gedecht) Ihre Arbeiten wurden benannt: Miscellauea Soc. Scient. 
ad incrementum Scient. Leibniz war Praeses, v. Printzen Protector, die 
einzelneu Abtheilungen hatten Directoren, z.B. die Physik.-med. Abthei- 
lung den D. Krug von Nieda (Nidda), Kgl. Geh. Rath u. 1. Leib Med.) 
II. Stiftungsbrief, 11. Juli 1700. (Friedrich III. noch als Markgraf und 
Kurfürst.) 



— 138 — 

in. Endliche Einriebt, d. Kön. Preuss. Soc. d. Wissenschaften. (Genaue 
Instruction 1710.) 

IV. Anrede des Protectors v. Printzen bey d. Inauguration 19. I. 1711. 

V. AntxAort d. Vice-Praes. Jahlonski. 

VI. Stiftungs-Müntze u. lat. Gedicht. 
VIl. Deutsches Gedicht von B. Xeukirch. 

MJl. Catalogus membrorum von 1700 — 1711. 

Weiteres über die Geschichte der Academie findet sich bei Xicolai, 1. c. 
n. p. 701 und Mümmler (s. u.). 

Interessant ist die Unsicherheit der Mitgliederlisten, wie sie von verschie- 
denen Autoren gegeben werden. In Kathie f 's Geschichte jetztlebender Gelehr- 
ten (Zelle 1741), Theil III, wird vom -I. 1739 Holtzendorff „erster Leib- und 
Kriegschirurgus und Generaldirector der Wundärzte", und Hofrath Friedr. Wilh. 
(nicht Christoph) Horch unter den Mitgliedern genannt, Eller nicht. Dieser 
fehlt bei Rathlef (IV. Th. 1742) auch üi dem Verzeichuiss der Professoren am 
Colleg. raedico-chirurgicum. Umgekehr* • wird Eller von Götten im „Jetzt- 
lebenden gelehrten Europa" als Mitglied der Societät im -lahre 173.5 aufgeführt, 
Holtzendorff und Horch aber nicht erwähnt. Dasselbe ist der Fall in Strodt- 
mann's Geschichte jetztlebender Gelehrten, der Fortsetzung des Rathlef'schen 
Werkes, im Jahre 1745. 

Der Ca-talogus Membrorum zählt mit dem Präsidenten Leibniz 
lOu ]\Iitglieder auf, die in den ersten 10 Jahren der Societät angehört 
haben: unter diesen befinden -ich 20 Aerzte, von denen nur 5 in 
Berlin wohnten. Wir haben schon er^yähnt, dass Gehema. den 
Jöcher in seinem Gelehrten-Lexikon als „Fiscalis heraldicus'- der 
Societät aufführt, in dieser Liste nicht verzeichnet ist, ja dass dieser 
Titel iu der ganzen Institution nicht vorkommt, und dass dieser end- 
lose Irrthum auf den Titel: „Fiscalis des armes", Wappenfiscal, zu- 
rückzuführen ist, den G. als Mitglied des Ober-Heroldsamtes hatte. 

Eine kurze Beschreibung des Ursprungs der Akademie der Wissen- 
schaften an dieser Stelle war nöthig, weil eine vom Könige zur Hebung 
aller wissenschaftlichen Bestrebungen in seinen Landen gegTÜndete 
Vereinigung von gelehrten Männern, unter denen auch viele Aerzte 
waren, eine schwerwiegende und gewiss zur Geltung gekommene 
Stimme bei jenen Einrichtungen hatte, die für Berlin noch ein Jahr- 
hundert lang die Universität ersetzen mussten. So wurde das auf 
Holtzendorff's Vorschlag genehmigte Theatrum anatomicum 1713 
(s. 0.) von dem Leibmedicus Spener, der Mitglied der Societät war, 
in dem Gebäude derselben eingerichtet. Auch bei der näheren Ein- 
richtung des Theatrum anatomicum 1719 und bei seiner Erweite- 
rung zum Collegium medico-chirurg. 1724, die auf Holtzendorff's 
Betreiben geschahen und die durch einen Theil der Einnahmen der 
Societät erhalten wurden, haben Mitglieder der Societät mitgewirkt. 
Euer und Stahl, die das berühmte Mcdizinaledikt von 1725 aus- 



— 139 — 

arbeiteten, wurden beide Mitglieder derselben. Aber als treibende 
Kraft bei allen die Besserung der Kenntnisse, die Erhöhung der 
Leistungen und die Hebung der Stellung des militärärztlichen Per- 
sonals bezweckenden Einrichtungen unter Friedrich Wilhelm 1. 
finden wir immer wieder den Regiments feldscheerer, späteren General- 
chirurgen Holtzendorff. Keiner hat das so offen und neidlos an- 
erkannt, als Holtzendorff's „interner College", der Leibarzt und 
Cleneral-Feldmedicus Eller^). Am Schlüsse der Beschreibung des 
Charite-Krankenhauses sagt er: 

„Diese und dergleichen so nützlich als nöthige Veranstaltungen waren die 
Früchte einer reiffen Ueberlegung des, vordem in so vielen Feld-Zügen sowohl 
in- als ausserhalb Teutschland, als Regiments-Feldscheer sich habilitirten und 
nunmehro um die Aufnahme der Medicinischen und Chirurgischen Wissenschaften 
so sehr verdienten Königl. Leib- und General-Chirurgi Herrn D. Holtzendorff's, 
als welcher, da Er bereits durch Formirang des Plans, zu Errichtung des bey 
allen gescheuten Menschen vollkommen Beyfall findenden Collegii Medico-Chirur- 
gici, sich allen diesen Studiis zugethanen, unendlich verpflichtet, hierdurch aber- 
mahlen neue Proben an den Tag legte, wie seine unermüdete Fürsorge beständig 
dahin abziele, dass diese, dem gemeinen Wesen so zuträgliche Wissenschaften 
immer mehr ausgeübet und verbessert -werden möchten, wodurch sein Andenken 
bey denen Nachkommen unverloschen bleiben wird, sowie es bei allen vernünfftigen 
anitzo Hochachtung erwecket." Also ist es ein Irrthum, wenn es in der Eloge 
de M. Ell er 1761 heisst, dass dieser Anregung und Plan zur Charite ge- 
liefert habe. 

Ernst Conrad Holtzendorff entstammt dem alten Gesclilechte 
von lioltzendorff, und zwar der sogen. Artillerielinie, deren Be- 
gründer sein Vater Ernst H. war. Dieser, am 5. März 1655 zu 
Colbatz in Pommern oeboren, war. zuerst Rüstmeister; nach der im 



^) In seinen „Nützlich und auserlesenen medicinischen Anmerkungen", 1730. 
Das Exemplar der Bibliothek der Kaiser Wilhelms-Akademie ist nach den In- 
schriften zuerst im Besitze J. C. Moehsen's, dann in dem Theden's und 
Voeltzke's gewesen. Am Schlüsse der oben citirten Stelle hat Theden bei 
dem Namen Holtzendorff hinzugeschrieben: „Gesegnet sey die Asche dieses 
würdigen Mannes! Dr. Theden." 

Ell er lieferte auch für die von Mischel besorgte deutsche Uebersetzung 
der Garengeot'schen „Abhandlung von den Instrumenten der Chirurgie", eine 
sehr gelehrte Einleitung „über Ursprung und Erfindung der Instrumente", von 
D. Jo. Theod. Eller, Kön. Pr. Feld-Medico, des Ober-Col. Med. Decano und Pro- 
fessore beym Kön. Coli. Med. Chirurgico. Berlin u. Potsd. 1729. Diese Einleitung 
ist Holtzendorff gewidmet „hochberühmten Med. Doct., Sr. Königl. Majest. in 
Preussen hochbestellten Leib- und General-Chirurgo von der Königlichen Armee 
und Directori von allen Chirurgis in Sr. Majestät Landen, ersten Pvegiments- 
Chirurgo von dero Leib-Regiment zu Fuss, des Obercollegii Medici, auch Societät 
der Wissenschaften hochansehnlichem Mitglied, meinem insonders hochgebietenden 
und hochzuverehrenden Herrn und Patron". 



— 140 — 

AYestehor der St. Petrikirche zu Berlin bcfiiullirjien Grabsclirifi (s. u.) 
seit 1684 in Diensten des Grossen Kurfürsten nnd später des Königs 
Friedrich I. und Friedrich AVilhelm 1.: zunächst als Hof-.Marstall- 
Kommissarius und seit 1724 als Hofrath und Bürgermeister (Präsident) 
von Berlin. Als solcher war er in damaliger Zeit Beamter des Königs 
und nicht von den Bürgern gewählt. G. Küster (V, S. 429) sagt von 
ihm: E. H., Königi. Rüstschreiber und Hof-Marstal-Kommissarius, 
erhielt per Rescriptum vom 21. Dec. ej. a. (1710), dass er nach 
Brün sieben 's Absterben als Bürgermeister mit dessen Gehalt intro- 
duciret werden solte, schwur den 23. Dec. und starb 1726 (Br. war 
1724 gestorben). Das von K. abgebildete AVappen derer v. H. ist 
ein 4fach getheilter Schild mit Querbalken. Auf dem Helm ein von 
einer Schlange umwundener Pfeil.' der auch in den beiden halben 
Feldern des Wappens diagonal gestellt sich findet. Im Jahre 1685 
vermählte er sich mit Elisabeth Smytka, die einem alten Böhmischen 
Geschlechte entsprossen. Aus dieser Ehe stammen 4 Söhne; Ernst 
Conrad, der spätere Leibchirurg, war der zweite von ihnen. Die 
3Iutter starb schon im Jahre 1714. der Vater erst am 16. August 
1726 nach langen schweren Leiden ini Aller von 71 Jahren. Die 
erwähnte Grabsehrift hat folgenden AVnrtlaut: 

Hier ruhet ein redliclier Manu, ein frommer Christ und ein treuer Diener 
der we3iand Hoch Edelgeborene Herr Ernst Holtzendorf Königlich Preussischer 
Hofrath und Hof-Marstall Commissarius auch Bürgemeister der Residentz Stadt 
Berlin gebohren zu Colbatz in Pommern den 5. Märt 1655; Die meiste Zeit seines 
Lebens hat er von 1684 au in Diensten Sr. itzo regirenden Majestät und dero 
glaubwürdigsten Vorfahren zugebracht. Bis er endlich nach einer langNvierigen 
Krankheit in festem Glauben und Vertrauen an seinen Erlöser am 16. August 172(i 
sanft und seelig entschlafen. 

Am 17. Juni 1685 verheN'ratete er sich an Frauen Elisabeth Smytka, ent- 
sprossen aus einem alten Böhmischen Geschlecht, so ihm bereits am 17. Juni 1714 
in die Ewigkeit vorausgegangen. Aus dieser vergnügten und gesegneten Ehe hat 
derselbe erzeuget 4 Söhne, die alle schon bei seinem Leben wohl versorget ge- 
Avesen sind 

Heinrich Wilhelmen *■ 

Ernsten Conraden 

Otto Carln 

Friedrich Casimirn 
von denen er die Freude gehabt, noch 6 Enkel zu sehen. Welche allerseits zur 
Bezeugung ihrer Liebe und Betrübniss ihm dieses Grabmahl aufgerichtet sein An- 
denken aber beständig im Herzen tragen Der den Herrn .Jesum aufervvecket hat, 
wird uns auch auferwecken durch Jesum. 

2 ad Corinth c. 4. v. 14. 

Ueber die Kindheit, die erste Erziehung und den Bildungsgang von 
Ernst Conrad Holtzendorff sind keine näheren Nachrichten überliefert. 



— Ul — 

Aus der Faniilicii^iosrliichtc geht ausser der eben erwähnten Geschichte 
der Eltern nur hervor, dass Ernst Conrad am 27. September 1688 
in Berlin geboren ist. Im Jahre 1706 (also im Alter von 18 Jahren) 
marschirte er als Eegimentsfeldscheerer der Garde mit nach Brabant 
und reiste 1707 durch Italien über Wien, A'enedig und Turin, dann 
durch die Schweiz über Solothurn nach Paris. Wie lange er für diese 
Reisen brauchte, wissen wir nicht, können aber aus der Dauer an- 
derer wissenschaftlicher Reisen in jener Zeit schiiessen, dass er 2 Jahre, 
also bis 1709, unterwegs war. Er wird dann seine Stelle als „simpler 
Regimentsfeldscheerer" (wie Pagel sagt) wieder übernommen haben. 
Dass er dieses Amt zur vollsten Zufriedenheit versah, dass er nament- 
lich das Vertrauen Friedrich Wilhelm's I. besass, geht klar und 
deutlich daraus hervor, dass dieser ihn, den 28jährigen, im Jahre 1716 
zum Generalchirurgus, gleichzeitig zum Leibchirurgus und zum Direktor 
sämmtlicher Chirurgen in den Preussischen Landen ernanute, damit 
er die auf seinen Antrag bewilligten Neuerungen nun auch selbst 
ein- und durchführen konnte. Nebenbei war er aber Eegiments- 
feldscheerer beim Regimente des Königs (in Brandenburg) geblieben. 
Dieser erkrankte im J. 1719 schwer und lebensgefährlich während eines 
Aufenthaltes in Brandenburg und wurde, als die übrigen Aerzte schon 
das Schlimmste befürchteten, von Holtzendorff, wie PöUnitz er- 
zählt, durch ein Brechmittel gerettet i). Eine Verschlimmerung des 
Leidens war, wie es scheint, eingetreten, weil der König sich ge- 
zwungen sah, gegen seine beiden Günstlinge, Leopold von Anhalt und 
Grumbkow, schroff aufzutreten. 

Als er erkranlvte. berief er die Königin zu sich nach Brandenburg und kün- 
digte ihr sein Testament an, nach welchem sie im Falle des Ablebens des Königs 
zur Regentin ernannt war. Anhalt und Grumbkow, die davon gehört hatten, suchten 
Frau von Blaspiel, die einzige Dame, die die Königin begleitet hatte, zu bestim- 
men, dass sie die Königin zur Aufnahme beider Günstlinge in den R,egentschafts- 
rath überrede. Der König erfuhr davon und Hess Beide, als sie um eine Audienz 
baten, abweisen. In der folgenden Nacht trat die Verschlimmerung ein, aufweiche 
das Emeticum einen so wohlthätigen»Einfluss ausübte. 

Wir sehen daraus, dass der König im J. 1719 zwei Mal ernstlich 
krank war; denn die Phlegmone, von der ihn Brandhorst befreite, 
war in demselben Jahre (nach anderen Naclirichten allerdings erst 
1732) aufgetreten; beide Male hatten ihm Männer geholfen, die schon 
seit vielen Jahren sein volles Vertrauen besassen. Sollte dieser Um- 



1) Vehse, Geschichte des Preussischen Hofes, I. S. 330; König, Versuch 
einer Historischen Schilderung Berlin's. 1796, IV, S. 82, und Wichart Holtzen- 
dorff 's Geschichte der Familie Holtzendorff (s. u.). 



— 142 — 

siaiui niclil dazu Ijei.izetraiicn liabcii, dass cv die \ oi'schlägc und l-*länc 
Holtzcndorff's mit ganz besonderem AVohhvollen betrachtete und 
in kurzer Folge jene zahlreichen Einrichtungen schuf, die nicht nur 
den Anfang einer wissenschaftlichen, theoretischen und praktischen 
Erziehung des militärärztlichen Nachwuchses, z. Th. durch die Schaf- 
fung des Institutes der Pensionärchirnrgen , nicht nur den Anfang 
einer ärztlichen Oberaufsicht über die Militärärzte und die Einführung 
regelrechter Prüfungen vor der Ernennung bezweckten und verwirk- 
lichten — alle die tüchtigen Kriegschirurgen Friedrich's des Grossen, 
bis auf Bilguer, stammten aus dieser „Schule" — , sondern auch für 
die ärztliche Wissenschaft im Allgemeinen von grösster Bedeutung 
waren. Hier wurde, wie in der Einleitung schon hervorgehoben ist, 
durch Holtzendorff praktisch bewiesen, dass eine Vereinigung der 
Medizin und Chirurgie sehr wohl möglich sei. Seiner regen Fürsorge 
für das Charite-Krankenhaus, über das er die besondere Aufsicht 
hatte 1), sind gewiss auch z. Th. die oben erwähnten reichen Zu- 
wendungen zu danken, die der König und viele hochstehende Persön- 
lichkeiten, 2. B. die Generalfeldmarschälle von AVartensleben und 
von Arnim, der Anstalt zu Theil werden Hessen (s. u.). 

Im Jahre 1716 (s. o.) wurde Holtzendorff zum Mitglied der 
Königl. Societät der Wissenschaften, durch A. C.-O. vom 13. Juli 1725 
auch zum Mitgliede des Collegium med., das damals zum Ober-Colleg. 
med. wurde (s. Medic.-Edict, S. 40, Küster III, S. 475), ernannt, 
1728 zum Dechanten des Hochstiftes Liibecke bei Minden. Unter 
den „Königl. Preuss. Bedienten" vom Jahre 1723 bei König IV, 2, 
S. 62 ist H. als Regimentsfeldscheer mit einem Gnadengehalt (wohl 
Zulage) von 120 Rthlr. p. a. verzeichnet; in einer Liste vom J. 1727 
(S. 68), wo die Neujahrsgeschenke des Königs notirt sind, wird er 
als „Generalfeldchirurgus" aufgeführt. Beim Ausbruch des 1. Schlesi- 
schen Krieges, nach einer Mittheilung von König im Militärischen 
Pantheon-) in Ungnade gefallen, verliess er, 53 Jahre alt, den Dienst 
und zog sich auf sein Rittergut Colbitz zurück, wo er im J. 1751 
starb. Er war seit 1713 vermählt mit Barbara Cecille de Senne- 
ville, die er 1706 während des Feldzugs in Brabant kennen gelernt 
hatte; sie starb schon nach 9 Jahren in Glienicke bei Potsdam. 



^) „und lässt mit höchstrühmlichen Eyfer keine Gelegenheit aus den Händen, 
wo Er zur Aufnahme und Erhaltung dieses, von Ihm zuerst angegebenen nütz- 
lichen Werclcs etwas beytragen kan". (Eller, 1. c. p. 16.) 

-) Dass H. noch mit in's Feld gerückt war, beweist eine Stelle aus der 
Schrift zur .Jubelfeier Theden's von J. C. A. Meyer. Berlin 1787. Theden 
war mit dem Regiment von Buddenbrok aasmarschirt und wurde dem Regi- 
ments-Lazareth in Strehlen zugetheiU. In dem dortigen Lager lernte er den 



— 143 — 

Snin einziger Sohn, der später unter Friedrich dem Grossen be- 
rüiimt gewordene Generalinspector der gesamraten Artillerie, Ernst 
Conrad von Holtzendorff (1714—1785), war am 21. Januar 1767 
von Neuem in den Adelstand erhoben. 

Da es in Friedenszeiten einen Generalstabsfeldmedicus nicht gab, 
sondern diese Stelle, wie wir in der Einleitung berichteten, erst beim 
Ausbruch eines Krieges geschaffen wurde, so war bis 1724 (s. u.) 
thatsächlich Holtzendorff der verantwortliche Leiter des ganzen 
Armee-Sanitäts-Wesens unter Friedrich Wilhelm I. Er hat als 
solcher eine ganze Reihe von Verbesserungen eingeführt, die für seine 
Zeit als grossartige Fortschritte begrüsst wurden, lange Zeit unver- 
ändert blieben und schliesslich, als es nach 70 Jahren, am Ende des 
18. Jahrhunderts, gelang, wieder einen tüchtigen Schritt vorwärts zu 
thun, da waren es die von Holtzendorff herrührenden Institutionen, 
die gleichsam als Grundstock für die neuen grösseren und besseren 
Einrichtungen dienten. Nach Mursinna's „Geschichte der Preussi- 
schen Chirurgie im 18. Jahrhundert" (Rede zum Stiftungsfeste der 
Pepiniere 1804) ist nicht nur die Stiftung der Anatomiekammer 1718 
und des CoUegii, sondern auch die Genehmigung Messens chaftlicher 
Reisen verschiedener Regimentsfeldscheerer auf die „ unter thänigste 
Vorstellung" des Generalchirurgen Holtzendorff geschehen. „Folg- 
lich hat dieser Wundarzt ein vorzügliches A^erdienst um die Beför- 
derung der Chirurgie in unseren Staaten. Wohl der Monarchie, welche 
sich eines solchen Mannes erfreuen kann!" 

Die mit seiner Stellung verbundene organisatorische, prüfende und 
kontrolirende Thätigkeit machte ihm eine ausgedehnte praktisch-chirur- 
gische Beschäftigung unmöglich ; wie sehr er aber die Fortschritte der 
Wissenschaft verfolgte, und darauf hielt, dass sie auch von den ihm 
unterstellten Fachgenossen beachtet wurden, beweist manche zufällige 
Bemerkung in verschiedenen chirurgischen Schriften jener Zeit. Seine 
Fürsorge für das Charite-Krankenhaus wurde schon erwähnt; bezeich- 
nend ist auch, dass er den „vor Kurzem (1719) in England mit gutem 
Erfolge ausgeführten hohen Blasenschnitt" von dem Regimentsfeld- 
scheerer und Professor Senff bei der ersten Gelegenheit wiederholt 
wünschte^), und dass er, als es geschah, von Potsdam herüberkam 



Leibmedicus Schaarschmidt, denGeneral-Chüurgus Holtzendorff und dessen 
nachmaligen Nachfolger Bouness kennen (1. c. p. 28). Auch Schmucker er- 
zählt in seinen Wahrnehm. (II, 505) von dem „damahligen General-Chirurgus, 
Herrn Holtzendorff", der mit ihm nach der Schlacht bei Mollwitz (1741) den 
verwundeten Fähndrich von Sasse besuchte. 

^) Ell er, 1. c. p. 109: ,,Der Königl. Leib- und General-Chirurgus H. Dr. 
Holtzendorff, welcher bereits eine geraume Zeit zuvor diese Art zu operiren 



— 144 — 

und bei der Opoi'atioii zugogen war. ]']in Zeichen der Zeit und ihrer 
Leichtgläubigkeit war es, dass H. einen ihm erzählten Fall von so- 
genannter Selhstaniputation (durch Abschnüren) glaubte und ihn 
Schaarschraidt mittheilte, der ihn dann veröffentlichte. — In den 
]\Iiscellan. Beroiinens. ad increraentum scientiarum, den Arbeiten der 
Sozietät der Wissenschaften (1710, 1727, 1734, 1737, 1740, 1743, 
im Ganzen 7 Bände, 2 in 1727)i) finden wir von E. C. Holtzen- 
dorff nur eine Mittheilung aus dem Jahre 1727: Observatio practico- 
chirnrgica de inflammatione oculi cum carie orbitae; er warnt darin 
vor zu energischen Maassregeln; sein Kranker, ein 24 Jahre alter 
Mann, wurde nach mehrfachen Incisionen und nach Entfernung der 
nekrotischen Partien, aber erst, .-als sie gelöst waren, geheilt. 

In dem mehrfach erwähnten ,, Grossen Vollständigen Universal-Lexikon" ist 
die Rede von einem adelichen Geschlecht in Meissen, von Holtzendorft, 
oder ITolczindorff, Holtdorp, Holzendorff; ,, andere machen es zu Mär- 
kischer Ankunft, dessen Stammhaus Holtzeudorff in der Mittelmarck gelegen" ; 
sie seien 926 von Heinrich dem Vogler gegen die Wenden geschickt, und der 
erste, der sich bekannt gemachet, sei Bruno gewesen, ,,so an 933 der Schlacht 
bey Merseburg wieder die Hunnen beygewohnet und sich hervorgethan hat". 
Jener Linie gehörte damals: Stolpenhagen, Seydow, Falkenberg, Jagow, Pretschen, 
Dröschkau bei Mühlberg, Wittmannsdorff, Calmen, Ochsensaal, Thalwitz, Bunitz, 
Kutten, Bärnstein, Baruth und Kunersdorf. — Obgleich die Geschichte dieser 
Linie bis ca. 1725 fortgeführt ist, obgleich eine ganze Reihe dieser H.'s in chur- 
brandenburgischen Diensten aufgeführt werden, wird die Linie, der der General- 
chirurg H. entstammt, in dem Lexikon gar nicht erwähnt. — Ausführlich ist die 
Familiengeschichte beschrieben in: Wichart von Holtzeudorff, Die Holtzeu- 
dorff 's in der Mark Brandenburg und Kursachsen. Berlin 1876. Danach hatten 
Vorfahren des Generalchirurgen, nachdem sie im 30jährigen Kriege vollständig 
verarmt waren, den Adel niedergelegt. — Der I. Band von Börner's Nachrichten 
ist einem Reichsgrafen Holtzendorf gewidmet. — In Küster' s xlltem und 
Neuem Berlin, III, 268, wird ein Christian Moriz Holzendorf als Cammer- 
Fourier Friedrich des L, Ordens- Herold des Schwarzen Adler -Ordens, auf- 
geführt, und bei König ein Canzelist Holtzendorff unter den Beamten der 
Geheimen Canzelei Friedrich Wilhelms I. im .Jahre 1723 (mit 300 Rthlr. Gehalt), 
sowie bei dem General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domainen-Directorium ein Kriegs- 



bey uns vollführt zu sehen wünschte, beehrte uns mit seiner Gegenwart." — • 
Senff machte damals, wie E. berichtet, die Sectio alta in 3 Fällen; 2 genasen, 
der 3., bei dem ein zackiger (Oxal-) Stein zu tiefen und zahlreichen Geschwüren 
geführt hatte, starb 22 Tage nach der Operation. — Kein Tampon, kein Verweil- 
katheter; alle 2 Stunden Verbandwechsel, dabei jedes Mal kurze Zeit Bauchlage. 
Eller hält (S. 194) den ,, Geschickten Chirurgus und Regiments-Feldscheer" 
Pröbisch in Königsberg für den Ersten, der damals in Deutschland die Sectio 
alta ausführte (1726; s. u.). 

^) 1781 erschien in Gotha eine deutsche Uebersetzung: Physikalische und 
Medizinische Abhandlungen der Königl. Akad. der Wissenschaften von Dr. Müm- 
ier. — Die Einleitung enthält die Geschichte der Societät und Akademie. 




Eller. 



— 145 — 

Rath und Secr. H., „arbeitet mit bey der Yerptlegung" (mit 600 Kthlr. Gehalt). 
— In dem 1774 erschienenen 1. Theile der Vermischten chirurg. Schriften von 
.1. L. Schmucker wird S. 237 auch ein Regimentschirurgus Holzendorf in 
Cüstrin genannt, ein Lieutenant Ho Itzendorff überreichte bei der Jubelfeier zu 
Theden's fünfzigjährigem Dienstjubiläum ein auf Theden's langjährige Wirk- 
samkeit beim Artilleriekorps bezügliches Gedicht. 

Wir sehen in Holtzendorff den hochangesehenen, viel erfahrenen 
Mann, der das Vertrauen seines Königs in vollem Maasse besass und 
von* diesem Vertrauen einen so guten, nur dem allgemeinen Interesse 
dienenden Gebrauch machte, dass seine Zeitgenossen ihm Alle, ohne 
Ausnahme, Lob und Anerkennung zollten. Auch die spätere For- 
schung hat Nichts ergeben, was diese Anerkennung irgendwie ver- 
kleinern könnte; sie hat im Gegentheil noch Manches zu Tage ge- 
fördert, was die Leistungen dieses unseres ersten militärärztlichen 
„Chefs" noch grösser erscheinen lässt. 



VI. Joh. Theodor Eller. 

Im Jahre 1724, als Holtzendorff schon 8 Jahre der Direktor 
aller Chirurgen in Preussischen Landen, und besonders der nur dem 
Könige verantwortliche Leiter des Heeres-Sanitätswesens war, wurde 
von Friedrich Wilhelm I. auch für die Medici in der Armee ein 
oberster Arzt, der Feklmedicus, spätere General-Stabs-Feldmedicus 
und Leibarzt Eller, ernannt, der zugleich als Professor am Colle- 
gium meclico-chirurgicum unterrichtete, viele medizinische Gutachten 
und mit Stahl das schon oft erwähnte Medizinal-Edikt vom Jahre 
1725 ausarbeitete. Eller war ein sehr gelehrter und vielseitiger 
Mann, der besonders durch chemische Kenntnisse unter seinen Zeit- 
genossen hervorragte. Wir haben dafür keinen Geringeren als Ge- 
währsmann anzuführen, als Friedrich den Grossen, der in seinen 
„Memoires pour servir ä TLIistoire de Brandebourg, imprimes pour la 
satisfaction du Public" 1750 (p. 84), nachdem er den Verfall der 
Akademie der Wissenschaften während der Regierungszeit seines 
Vaters beklagt hat, Medizin und „Chymie" davon ausnimmt: 

„Pott, Margraff et Eller, combinoient et decompo- 
soient la matiere, et eclairoient le Monde par ieurs decou- 
vertes; et les Anatomistes obtinrent un Theatre pour Ieurs 
dissections publiques, qui devint une Ecole florissante de 
Chirurgie." 

Verött'entl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 13. Heft. JQ 



— 146 — 

Aiioh in einem Briefe an H. von Camas (s. Jost, 1. c. S. 627) 
schreibt Friedrioh d. Gr. im Jahre 1739: „Wenn die Geschicldich- 
keit des Arztes mir die Gesundheit wieder verschaffen kann, so darf 
ich hoffen, sie wieder zu erlangen: denn El 1er ist ein geschickter 
Mann." Ungefähr aus derselben Zeit stammen die Briefe Friedrich's 
des Grossen an Ell er selbst, in denen er sich für die Nachrichten 
über das Befinden des schwer kranken Königs bedankt und das un- 
bedingte Vertrauen zu der' Sorgfalt und ärztlichen Kunst EUer's aus- 
drückt. Demgegenüber will es wenig bedeuten, wenn er ihm einmal 
vorwirft, er habe eine Krankheit (die des H. von Keyserling) nicht 
früh genug als ernst erkannt und dcmgemäss behandelt. 

Wir nannten Eller auch schon in der Einleitung unter den 
Aerzten, die durch längeren Aufenthalt in tlolland und Frankreich 
ganz besonders ihre chirurgischen Kenntnisse und Fähigkeiten zu er- 
gänzen suchten. Die langjährige Thätigkeit in der Charite, wo er 
allen grösseren Operationen seines chirurgischen Kollegen, des Prof. 
und Regiments feldscheerers Senff, beiwohnte, l;)ewa]irte ihn vor dem 
sonst unver-meidlichen, allmählichen Verschwinden dieser mühsam und 
mit vielen Kosten gesammelten Kenntnisse. Er schrieb sogar ein 
vollständiges Lehrbuch der Chirargie, das allerdings erst nach seinem 
Tode herausgegeben wurde (s. u.); sein erstes Werk, die „Nützlichen 
und auserlesenen medicinischen und chirurgischen Anmerkungen" i) 
ist zum grössten Theile chirurgischen Betrachtungen und chirurgischer 
Kasuistik gewidmet, während die anderen Arbeiten mehr die inneren 
Krankheiten und daneben physiologische, chemische und entwicklungs- 
geschichtliche Fragen behandeln. Hier und da lieferte er auch inter- 
essante Beiträge zur Geschichte der Chirurgie. Er war, wie Marg- 
graf, Neumann, Pott u. A., ein überzeugter i\.nhänger des 
Stahl'schen x4nimismus, folgte aber in seinen Vorlesungen über Pa- 
thologie auch den Lehren Fr. Hofraann's und Boerhave's. Die 
Therapie suchte er zu vereinfachen und von den komplizirten Mitteln 
zu befreien. Die Eller'schen Gichttropfen (Liqu. anod. raineral. 
Hoffmanni und Liqu. Cornu cervi succinatus) haben sich noch lange 
in Gebrauch erhalten. Baidinger, der fast 20 Jahre nach dem 
Tode Eller's sein Buch über die Krankheiten einer Armee schrieb, 
zitirt ihn noch als Autorität bei der Besprechung der Soldatenfieber 
(S. 291), ebenso Bilguer 1791 in der „Anmerkung zu den Erinne- 
rungen" etc. (s. u.). — Sehr merkwürdig ist in Eller's „Abhand- 



^) Berlin 1730; bei Nicolai und in der BiogT. med. (IV, 25) wird noch 
eine Ausgabe von 1740 erwähnt, die aber nirgends zu finden ist (s. u.). 



— U7 — 

lungcii" die genaue Kenntniss und der fachmännische Gebrauch von 
Ausdrücken und Bezeichnungen aus dem Gebiete der Bergbau- und 
Hüttenkunde, die er so vollständig kaum dem Umgange mit Berg- 
beamten, sondern nur eigenem Sehen, eigenen praktischen Studien in 
Bergwerken verdanken kann (s. z. B. S. 311). Er schrieb auch das 
„Gazophylacium, seu catalogus rerum mineralium et metallicarum", 
Bernburg 1723. — Seine im GoUeg. med. chir. von 1726 bis 1734 
gehaltenen Vorträge wurden unter dem Titel: „Physiologia et Patho- 
logia medica seu Philosophia corporis humani sani et morbosi" von 
Zimmermann übersetzt in 2 Bänden herausgegeben (zuerst Schnee- 
berg 1748; in 3. Auflage zu Altenburg 1770). Ell er hat das Buch 
nie anerkannt (s. Andreae, Chronik der Aerzte des Reg. -Bezirks 
Magdeburg). — Hall er erwähnt (Bibl. chirurg., Bern 1775) noch aus 
den Mise. Berolin., IVa. 1733 von Eller: Ficus ex papillis albican- 
tibus congestus, feliciter resectus. — Oalculus vesicae membrana 
obvolutus in ureteris transitu haerens, a lithotomo quodam evulsus, 
bono eventu. — Oalculus etiam felleus membrana tectus. — Den 
2. Bericht Ell er 's über die Charite vom Jahre 1740 (s. u.) erwähnt 
Ha 11 er nicht; in dem A^erzeichniss von Büchern bei Hau de und 
Spener, Berlin 1753, steht er unter dem Titel: „Anmerkungen von 
Krankheiten und verrichteten Operationen in dem Lazareth zur 
Charite in Berlin". Mit Karte. Berlin 1740; auch Mensel zitirt ihn 
in seinem Lexikon der 1750 bis 1800 gestorbenen Schriftsteller. — 
Von den historischen Arbeiten Ell er 's ist die über den Steinschnitt in 
seinem ersten Werke, den „Nützlichen und auserlesenen Anmerkun- 
gen", unserem ersten Charite-Bericht, und die Einleitung zu der Ueber- 
setzung Garengeot's über „den Ursprung und die Erfindung der 
Instrumente" am ausführlichsten M. Die „physikalisch-Chymisch-Medi- 
cinischen Abhandlungen", die nach seinem Tode aus den Gedenk- 
schriften der königi. Akademie der Wissenschaften herausgezogen und 
übersetzt wurden von Carl Abraham Gerhard (1764)-) beginnen 
mit einer Arbeit über die Scheidung des Goldes vom Silber durch 
die Präcipitation (1747), welche man die trockene Scheidung nennt. 
Ein Goldschmied in Quedlinburg, Pfannenschmidt, hatte sie von 
ungefähr entdeckt; sein Sohn, der ein Arzt war, verbesserte das Ver- 



1) Wir finden bei Garengeot auch einen Zungenspatel mit Kinnhaken ab- 
gebildet, wie er vor einigen Jahren zum gleichzeitigen Emporziehen von Zunge und 
Kiefer empfohlen wurde. Welchen Zwecken das Instrument damals diente, ausser 
zum Festhalten und Niederdrücken der Zunge, konnte ich nicht ausfindig machen. 

^) Vergl. auch die lateinischen Verhandl. der Societät: Miscellanea Bero- 
linensia 1710 — 1743, und Mümler's deutsche Uebers. 

10* 



— 148 — 

fahroii, so dass, besonders nach Goslar, wo goldhaltiges Silber ge- 
wonnen wird, von allen Gegenden Material gebracht wurde, um diese 
zwey Metalle scheiden zu lassen. Die näheren Erläuterungen (36 Ss.) 
lassen es doch noch recht komplizirt erscheinen. Dann folgen Ab- 
handlungen von der Fruchtbarkeit der Erde überhaupt (1749), von 
der Vegetation der Saamen, der Pflanzen und Bäume (1752), eine 
anatomische Erklärung des Ursprungs und der Bildung der Ueber- 
bcine (1746), die „man ein Aneurysma (Anenoysma ist wohl Druck- 
fehler) der Sennenscheide" nennen könnte; ferner der Bericht über 
eine schwere Schädelverletzung mit günstigem Verlauf (1752); der 
Bericht war 1752 dem Könige von der Domainen-Kammer des Her- 
zogthuras Cleve übersandt und •Friedrich d. Gr. schickte ihn an das 
Oollegium medicum. 

Ell er fügt der Beschreibung des Falles interessante historische 
Notizen über die Behandlung der Schädelverletzungen, über einen nach der 
Schlacht bei Zorndorf selbstbeobachteten, und über einen von dem „da- 
maligen geschickten Oberchirurgus, anitzt aber als Regimentsfeldscheer 
schon verstorbenen Herrn Krug besorgten "Fall hinzu. Nun folgen Bemer- 
kungen über den Schall, die Stimme und den Gesang, die Beschreibung 
einer einäugigen Missgeburt (1754); Erfahrungen, wie flüssige Körper 
Jahre lang in luftleerem Raum vor der Fäulniss bewahrt werden können 
(1751); eine Methode, den Weg eines Schiffes zur See auszumessen, 
wenn man keine astronomischen Wahrnehmungen zu Hülfe nimmt; 
Erfahrungen über das menschliche Blut (1751); eine Abhandlung über 
die Elemente, dass „Feuer und Wasser die einzigen Dinge sind, die 
eigentlich den Namen der Elemente verdienen" (1746); eine Unter- 
suchung von der Erzeugung der Steine im menschlichen Körper (1755) 
(erklärt einen in einem Bauchabscess gefundenen Stein für einen 
Gallenstein); ferner von der Natur und den Eigenschaften des ge- 
meinen Wassers (1750); von der Einbildungskraft schwangerer Frauen 
(nicht ganz ablehnend); Versuch über die Bildung der Körper über- 
haupt (1748); über den Ursprung und die Erzeugung der Metalle 
(1753) („es hat mir bey dieser Untersuchung nicht wenig geholfen, 
dass ich in meiner Jugend den Vortheil gehabt, mit Bergleuten um- 
zugehen, sie an vielen Orten Deutschlands in den Höhlen der Berge 
arbeiten zu sehen" u. s. w. Die Schöpfungsgeschichte erwähnt die 
Metalle nicht, weil sie damals noch nicht existirten, sich vielmehr 
erst später allmählich bildeten); von der Auflösung der Salze in ge- 
meinem Wasser (1750); von der Erzeugung eines mit einer Haut um- 
gebenen und eingeschlossenen Blasensteins (1755); und endlich Unter- 
suchungen über den vorgegebenen gefährlichen Gebrauch des Kupfer- 



— 149 — 

geschirrs in unseren Küchen (1754); E. stellt diese Gefahr vollständig 
in Abrede. Aus den Miscell. Berolin. Bd. II, S. 377 u. 381, fügen 
wir noch hinzu: Observatio de ingenti Marisca seu Sycosi intra Sinum 
pudoris enata, und: Calculi Vesicae membrana cincti vel inclusi gene- 
ratio, theoretice illustrata et practice comprobata. Dieser Fall, bei 
dem Pallas die Operation unternahm, aber nicht zu Ende führen 
konnte, sowie mehrere andere sind auch in Sonderabdrücken er- 
schienen und ^Yerden von Ell er bei Gelegenheit anderer Mittheilungen 
mehrfach- erwähnt (s. o.). — Nach seinem Tode erschienen ausser der 
oben erwähnten Chirurgie noch die: „Observationes med. pract. de 
cog-noscendis et curandis morbis, praesertim acutis", Königsberg und 
Leipzig 1762, Amsterdam u. Genf 1766, französ. Uebers. Paris 1774, 
und: „Ausübende Arzneiwissenschaft, oder praktische Anweisung zu 
der gründlichen Erkenntniss und Kur aller innerlichen Krankheiten." 
Berlin und Stralsund 1767 und 1777. 

Wir sehen aus dieser Zusammenstellung von iVrbeiten, die da- 
mals sicher auf der Höhe der AVissenschaft standen, dass Eller ein 
sehj vielseitiger und fleissiger Gelehrter war, und dass es wohl nicht 
ganz richtig ist, wenn Geiger (1. c. S. 551) seine schriftstellerische 
Thätigkeit als gering bezeichnet. Freilich war seine Bedeutung als 
Leibarzt, als Feldarzt, als Praktiker, als Lehrer in der Charite und 
am CoUegium medico-chirurgicum, und als Miturheber des Medicinal- 
Edikts von 1725, in dem u. A. Staatsprüfungen für xAerzte und 
Wundärzte vorgeschrieben waren, die in Preussen Praxis ausüben 
wollten, von grösserem Umfange und grösserer AVichtigkeit. 

Joh. Theod. Eller war am 26. Nov. 1689 in Pötzkau in Anhalt 
geboren; sein Vater, der Amtmann Jobst Herrmann E., früher in Han- 
noverschen Mihtärdiensten, nannte sich E. von Brockhusen. Joh. Theod. 
besuchte die Schule (Gymnasium?) zu Quedlinburg und 1709 die Uni- 
versität in Jena, um Jura zu studiren. Dieses Studium vertauschte 
er, durch Hamberger's Vorlesungen über Physik gewonnen, mit 
dem der Naturwissenschaften und ging 1711 nach Halle, wo damals 
Stahl lehrte, dessen Anhänger er auch später blieb. In seinen 
Schriften spricht er w^enig oder gar nicht über den kurzen Aufenthalt 
in Halle. Er ging 1712 von hier nach Holland, zuerst nach Leyden, 
dann nach Amsterdam zu Rau und mit diesem, als Bidloo starb, 
zurück nach Leyden, wo er Prosector und Assistent Rau"s w'urde. 
Er rühmt (Anmerk. S. 207) dessen „grosse Geschicklichkeit und noble 
Verwegenheit", a. a. 0. auch seine „edle Dreistigkeit." Dass er es 
so lange bei diesem Manne aushielt, ist um so mehr zu bewundern, 
als wir von Heister u. A. wissen, dass Rau zwar ein geschickter, 



aber <elir unliebenswürdiger und unzuverJässiger Mann war (Leporin 
1. c. S. 12, ßörner I. S. 307). An E.'s Aufenthalt in Paris erinnert 
nur eine Stelle in den „Anmerkungen" (s. w.); von Amsterdam und 
Leyden und „seinem fünfjährigen Lehrer in der Zergliederungs- und 
Wundarzneikunst" spricht er sehr oft (Abhandl. S. 389). Hier pro- 
movirte er auch 1716 mit einer Dissertatio inauguralis de liene. 
Eller weiss sich annoch wohl zu entsinnen, als er sich bey dem 
vortrefflichen Anatomico und Operatore chirui'giae Herrn Professore 
Rau aufhielt, einen Cancrum Mammarum gesehen zu haben, der 
einem später beobachteten Tumori Mescnterii sehr ähnlich war (An- 
merk. S. 150). Im Jahre 1713 sah er im Gasthuis (Lazareth) zu 
Amsterdam einen stark erweiterifen, mit Eiter gefüllten Ureter (S. 182). 
Er l)eobachtete hier (S. 195) etliche 100 Steinoperationen bei Rau, 
der damals auch die vielen vom Fröre Jaques bei dieser Operation 
begangenen Fehler nachwies und nach seiner eigenen Methode in 
15 Jahren fast bey die 2000 Personen vom !3te)n befreite. Freilich 
erzählt Ell er einige Seiten weiter (S. 206), dass er in Zeit von 
5 Jahren mehr als 200 von ihm schneiden sah, „wobei ich Assistente 
gewesen und wovon ich verschiedene hernachmahlen in der Cur 
tractiret" 1). — Yiid früher als 1713 kann Eller nicht nach Leyden 
(zum 2. Mal) gekommen sein; er war damals 24 Jahre alt und hatte 
schon Jura und Medizin studirt. Da er 1719 in London (Anmerk. 
S. 194) und 1721 Anhalt-Bern burgischer Leibarzt und Physicus war. 
bleibt, die 5 Jahre bei Rau, also bis 1717 oder 1718, eingerechnet, 
höchstens 1 Jahr für Paris übrig (Anmerk. S. 244), entweder kurz 
vor oder kurz nach dem Aufenthalt in London, wo er 15 Monate, 
bis Januar 1721, geblieben war. Im AVinter 1723/C4 hielt er den 
Armeechirurgen in Magdeburg Vorträge über Anatomie. — Ehe er 
über Strassburg nach Frankreich ging, bereiste er Sachsen und den 
Harz und trieb hier mit grossem Eifer mineralogische und „chyraische" 
Studien in Berg- und Hüttenwerken. — In Bern bürg (Observat. 
S. 149) machte er die Blatternimpfung, die erst 1721 durch Lady 
Montague in England eingeführte Inoculation, an einem 8 Jahre alten 
Mädchen. AVahrscheinlich hatte er das Verfahren kurz vorher in 
London kennen gelernt. Ms war nicht ungefährlich und hat trotz 
vieler Empfehlungen (La Condamine, Maria Theresia, Friedrich d. Gr., 



^) Vergi. auch die ,, Abhandlungen" S. 389 u. 392. — Nach der auch sonst 
historisch nicht ganz zuverlässigen Eloge de M. Eller, 1761, ist E. nur bis 171G 
bei Pvau gewesen. Er selbst spricht von seinem 5jährigen Aufenhalt bei ihm, 
1711 ging er aber erst nach Halle, 1712 nach Leyden und in demselben .Jahre 
nach Amsterdam. 



^ 151 — 

Katharina v. Russland, s. „Blattern und Schutzpockenimpfung", Berlin 
1896) in Deutschland nie recht Fuss fassen können. Jedenfalls gehört die 
Eller'sche zu den ersten, in Deutschland ausgeführten Inoculationen. 

Im Februar 172-i nach Berlin berufen, wurde er (s. o.) zum 
Hofrath, Feldmedicus, Lehrer der Anatomie, Professor und Beisitzer 
an dem neugegründeten Collegiura medico-chirurgicum und zum Arzt 
des grossen Friedrich-Hospitals ernannt. Seine Thätigkeit als xArzt 
und Lehrer an der Charite, seine Mitwirkung an dem Medizinaledikt 
von 1725, das er mit seinem alten Lehrer Stahl, der inzwischen 
(1716) an Hoffmann's Stelle nach Berlin gekommen Avar, ausarbeitete, 
haben wir schon mehrfach erwähnt. 

Eller blieb 36 Jahre, bis zu seinem Tode, in Berlin. AVie ermitHoff- 
maun und Horch 1734 den schwerkranken, an Podagra und Wassersucht 
JeidendenKönig behandelte, wie dieser nach seiner Genesung sich dankbar 
erzeigte und u. A. der Charite 100000 Thlr. schenkte, wurde ebenfalls 
schon erwähnt. Eller war auch zugegen, als Friedrich Wilhelm L am 
31. Mai 1740 seinen Leiden erlag. Er war seit 1735 der erste Preussische 
„Generalstabsfeldmedicus" und hatte als solcher die Kontrole über die 
Feld- und Garnisonmedici, auch eine Art Oberaufsicht über clieLazarethe, 
zusammen mit Holtzendorff, soweit von einer Aufsicht unter den 
damaligen Verhältnissen, wo die Lazarethe unter Leitung von Offizieren 
standen, überhaupt die Rede sein kann. In der in der Einleitung 
mitgetheilten Instruktion vom 23. April 1734, die als das erste Fei d- 
Lazareth-Rcglement angesehen werden kann, war der Hauptmann 
V. Langeier als Lazareth-Inspektor und Wetzel als Lazareth-Kom- 
missarius verpflichtet, über Utensilien, Verbandgegenstände, Verpflegung, 
Medikamente den K. Hofrath Dr. Eller und Generalchirurg Holtzen- 
dorff zu Rathe zu ziehen. Bei diesen hatten sich auch die Recon- 
valescenten zu melden, um weitere A'erhaltungsmassregeln zu erhalten. 
Für den ersten und zweiten Schlesischen Krieg stellte Eller als ärzt- 
licher Leiter des Feldlazarethwesens mit dem ersten Feldstabsmedicus 
Lesser den Etat auf. Leber sein.e ärztliche Thätigkeit im Felde hat 
er ]Sichts geschrieben. Desto fleissiger war er in den nun folgenden 
12 Friedensjahren. Noch unter Friedrich Wilhelm L, 1725, zum Mit- 
glied, 1735 zum Direktor der physikalischen Klasse der Societät der 
Wissenschaften ernannt, machte er 1743 ihre Reorganisation und Um- 
wandlung zur Akademie mit und betheiligte sich, ^vie wir gezeigt 
haben, bis 1756, also wenige Jahre vor seinem Tode, sehr eifrig an 
den Arbeiten der Gesellschaft. Dass er in stetem Kampfe mit dem 
Chemiker Pott stand, der auch Mitglied der Societät und Akademie 
war. ist nicht zu verwundem, da dieser streitbare Herr, wie aus der 



— 15-2 — 

Liste seiner Schriften bei Bönier - Baidinger hervorgeht, auch mit 
dem ßergrath v. Jiisti, dem Chemiker Marggraf n. A. auf dem 
Kriegsfusse lebte (z. B. Untersuchung der wahren Ursachen, warum 
J. F. Pott seine Animadversiones wider dessen (Eller's) Erfahrnng 
gerichtet, Berlin 1756). Ell er schreibt immer ruhig und sachlich: 
wenn er eine widerstrebende Meinung zu bekämpfen bat, wird er nie, 
wie es damcils sonst wohl üblich war, ausfallend grob. Das ist um 
so mehr zu verwundern, als am Schlüsse der Eloge, des Nachrufes 
der Akademie der Wissenschaften (Berlin 1761), seinem Jähzorn die 
Schuld einiger Zerwürfnisse in der Gesellschaft zugeschrieben wird. 
Im Uebrigen werden hier seinex Verdienste um die Akademie, der er, 
bei Elofe und bei Friedrich Wilhelm L beliebt und angesehen, von 
grösstem Nutzen war, voll anerkannt. Mitglied der Kaiserl. Leopoldi- 
nischen Akademie der Naturforscher war er seit 1738. Ausserdem 
wurde er zuerst als Mitglied, seit 1755 als Vorsitzender des Ober- 
Collegium Medicum, dem auch Christ. Horch und Cothenius an- 
gehörten, gewiss oft in Anspruch genommen. Man kann es wohl ver- 
stehen, wenn er schon im J. 1730 in der Vorrede zu seinen „An- 
merkungen" darüber klagt, dass er „in seiner Function wegen der 
ausserordentlich vielen Geschäfte gleichsam überladen sei." Dass er 
in hohem Ansehen stand, geht u. A. daraus hervor, dass Henckel 
ihm die 3. Sammlung medic. und chirurg. Anmerkungen (1748; die 
erste erschien 1747, die letzte, 6te, 1751), zu denen viele andere 
Militärchirurgen beitrugen, widmete, und dass verschiedene Aerzte 
oder Chirurgen ihm ihre Arbeiten vor der Veröffentlichung vorlegten 
und um seinen Rath und sein üiibeil baten. Auch der sehr beschäf- 
tigte und geschickte Regimentsfeldschecrer Pröbisrh, der zuerst in 
Königsberg, später in Berlin thätig war, hatte ihm versprochen, seine 
reichen Erfahrungen zu sammeln und ihm zur Bearbeitung und Publi- 
kation zu überlassen; Eller bedauert, dass Pröbisch diese Absicht 
nicht ausgeführt hat^). .1742 hielt er auch wieder Vorträge über 
Anatomie-. Im J. 1755, also im Alter von 66 Jahren, wurde er Ge- 
heimrath (Börner u. A. sagen dafür „Geheimbderath") und Direktor 
des Colleg. medic. chirurg. — Er gehörte zu den angesehensten Leib- 
ärzten Friedrich AVilhelm's I. und Friedrich's des Grossen. Letzterer 
verlieh ihm, wahrscheinlich um seine Thätigkeit in der Charite zu 
unterstützen, Sitz und Stimme im Armen-Direktorium, unter dessen 
Oberleitung dieses Krankenhaus damals stand. Die folgende, in den 
Charite- Akten befindliche A. C.-O. wurde zu dem Zweck erlassen: 



^) Das scheint später wenigstens z. Th. doch noch geschehen zu sein (s. u.). 



— 153 — 

Copiä. 

Von Gottes Gnaden Friedrich König in Preussen, Marggraf zu 
Brandenburg des heil. Römisclien Reiclis Ertz-Kämmerer und Chur- 
fürst p. p. Ünsern gUcädigen Gruss zu vor Unser Rath und Lieber 
Getreuer. Ihr ersehet aus dem copeylichen Beyschluss, aus was 
Ursachen wir nöthig gefunden, dass Unser Hofrath und erster Leib 
Medicus Dr. Eller, bey hiesigen Armen Directorio votum et sessionem 
habe, und befehlen Euch allergnädigst, denselben gehörig zu intro- 
duciren und zu seinen Verrichtungen anzuweisen. Sind Euch mit 
Gnaden gewogen. Geben 

Berlin, den 20'«" Januar 1741. 

. Friedrich. 

An 

den Würklichen Geheimen Etatsministre 

von Brandt umb den Hofrath Dr. Eller 

bey dem Armen Directorio als ein membrum 

cum voto et sessione zu introduciren. 

Als Eller 1724 nach Berlin kam, war er seit 3 Jahren ver- 
heirathet mit Kath. Elisab. Burckhard, die 1751 starb. Die Kinder 
aus dieser Ehe waren früh gestorben. Ell er verheirathete sich 1753, 
also 64 Jahre alt, zum zweiten Male, und zwar mit tienriette Kathar. 
Rese. Nachkommen von ihm sollen noch in Schleswig-Holstein 
leben. 1) Von seiner anstrengenden amtlichen und wissenschaftlichen 
Arbeit erholte er sich in seinem „Landhause'; vor dem Köpenicker 
Thore, dem früheren Louysenhof, damals bekannt unter dem Namen: 
„EUer's Meierei"; es war ein Haus mit einem Garten (vielleicht an 
der Spree gelegen), die der Herr Hofrath „vortreffhch verbessert hat". 
So ist es uns durch Küster in seinem oft citirten „Alt- und Neu- 
Berliu" (Abth. 3) überliefert. Sein Haus in der Stadt, wo er seine 
Bibliothek, seine werthvollen Sammlungen, Instrumente u. s. w. auf- 
bewahrte, lag „medio der Friedrichstrasse auf dem Werder". Für die 
1 Jahr nach seinem Tode vorgenommene Auction dieser Sammlungen 
wurde (wie ungefähr um dieselbe Zeit bei Laur. Heister) ein Katalog 
angefertigt; er war 300 Seiten stark. 

Eller starb, 71 Jahre alt, nach kurzer Krankheit an „einer 
heftigen Colica" am 13. Sept. 1760; seine Nachfolger in der Charite 
waren bis zum Ende des Jahrhunderts Sam. Schaarschraidt, 



1) A. Nicol. Harzen-Miiller in der Wochenschrift der „Bär", Jahrg. 1898, 
wo auch über die Vorfahren Eller 's, über seine Beziehungen zu Friedrich dem 
Grossen, über seinen Tod. seinen Nachlass manches Interessante mitgetheilt wird. 



— 104 — 

31 uz eil und Seile. — Der Akademie der Wisseuscliarten hatte er 
ein Legat vermacht, von dem alle 4 Jahi'e 50 Dukaten für eine Preis- 
aufgabe verwendet werden sollten (Nicolai, 11, S. 707, Anni.). In 
Moelisen's „Catalogus iconum potissimorum clarissimorum medicorum 
et eoriim, qui artem medicam excoluerunt" (1771) werden 3 ver- 
schiedene Bilder von Eller erwähnt: eins wai' von dem berühmten 
Pesne 1740 gemalt, auf einem der anderen steht: 1689 — 1760 (zwei 
davon besitzt die Kaiser-Wilhelms-Akademiej. 

Eller und Senff kamen zum Unterricht und zur Leitung der 
Krankenbehandlung wöchentlic 's "2 mal zur Charite: in der Zwischen- 
zeit wurden die Krankeji von den Pensionair-Chirurgen besorgt. Auch 
wenn Senff dienstlieh verhindert, z. B. einmal „mit dem Corps der 
Königlichen Gens d'Armes ausmarschiret war'- (Eller, S. 253"), ver- 
trat ihn der erste Chirurg vom Charite-Lazareth. Der Unterricht war 
klinisch, d. h. die einzelnen Fälle wurden in Gegenwart der Zuhörer 
untersucht, Verlauf und Behandlung eingehend besprochen. Wöchent- 
lich 2 mal (je 2 Stunden) war nicht viel; dass man nicht öfter kam, 
das wird auch noch viel später durch die — zu grosse Entfernung 
der Charite von der Stadt erklärt. Noch 1789 klagte der Geheim- 
rath Fritze (nicht zu verwechseln mit dem Feldmedicus Fr.) dar- 
über, dass durch die übermässige Entlegenheit des Charite-Lazareths 
ihm und seinen Zuhörern am neu gegründeten klinischen Institut un- 
übersteigliche Hindernisse in den AVeg gelegt seien i). Nach der Ver- 
legung des Instituts in ein Haus neben dem Joachimsthal'schen Gym- 
nasium waren freilich auch nur 2 Nachmittage für den klinischen 
Unterricht bestimmt; hier wurden in einem Jahre 76 (!) Kranke be- 
handelt. Bekanntlich wurde die Anstalt später unter Bartels (1828) 
wieder in die Charite zurückverlegt. 

Von der gemeinsamen Arbeit mit Senff sprach £11 er noch viele 
Jahre später gern, als Senff längst gestorben war; er wird nicht 
müde, seine Geschicklichkeit, seine anatomischen Kenntnisse und seine 
„Resolution und hardiesse" zu rühmen. Leider ist aber auch Ell er 
der Einzige, der uns über diesen Chirurgen etwas mehr als eine kurze 
Erwähnung giebt. 



^) .Joli. Friedr. Fritze, Xachrielu von einem neu errichteten klinischen In- 
stitute- beim Königl. Colleg. med. chir., Berlin 1789, und Annalen des klinischen 
Institutes zu Berlin, 1. u. 2. Heft, Berlin 1791 und 1792 (diese Annalen reichen 
bis 1795). — A. C. 0. vom 15. December 1789. — Uebrigens war, wie wir aus 
Schmucker's Wabrnehm. wissen, auch dieser Fritze, aber schon im sieben- 
jährigen Kriege, als Stabsmedicus im Felde gewesen. 




Bouness. 



-- 155 — 

Der Nachfolger Holtzendorffs AA'ar J. H. Bouness. AVir 
wissen nur, dass er 1716 auf 2 Jahre nach Paris geschickt war, und 
dass für ihn, weil er sich durch besonderen Fleiss hervorgethan hattC; 
bei Woolhouse, „dem stärksten Lehrer", für 1000 Livres ein be- 
sonderer Kursus in der Augenheilkunde belegt wurde. Er wird 1719 
wieder zurückgekehrt sein und seine Funktionen als Regiraentsfeld- 
scheerer wieder übernommen haben. Während der Regierungszeit 
Friedrich Wilheliri's I. hören Avir weiter Nichts von ihm: bei der Er- 
richtung des Colleg. mcdico-chirurgic, der Gründung der Charite und 
später bis zum ersten Schlesischen Kriege wird sein Xame nicht ge- 
nannt. In diesem Kriege war er schon Generalchirarg und Avurde 
als solcher von Friedrich dem Grossen nach der Schiacht bei 
Hohenf riedberg mit dem Leibraedicus, Hofrath Lessner, 50 La- 
zarethchirurgen und der König!. Feldapotheke nach Striegau ge- 
schickt, um dort die Behandlung der zahlreichen österreichischen und 
sächsischen Verwundeten zu übernehmen. Er stand damals noch 
unter Holtzendorff; beide AA'aren im Feldlazareth zu Strehlen, avo 
Theden (s. u.) als Regimentsfeldscheerer Avirkte. Holtzendorff 
nahm während oder kurz nach dem ersten Schlesischen Kriege seinen 
Abschied und Bouness übernahm seine Stelle. Nach A. L. Richter 
(1. c. p. 20) ist er erst 17-17 als erster Generalchirurg angestellt und 
hatte, Avie sein Vorgänger, die Vorschläge für Anstellung und Ent- 
lassung aller Regimentsfeldscheerer zu machen. Allerdings existirt 
schon vom 10. Aug. 1746 eine A. C. 0. (Preuss, Urkundenbuch V, 
S. 86), in der Bouness aufgefordert Avird, an Stelle eines entlassenen 
Regimentsfeld scheerers „ein recht tüchtiges Subjectum" vorzuschlagen^). 
In den nun folgenden 10 Friedensjahren scheint er besonders mit der 
Aufsicht über die am Colleg. medico-chirurgicum studirenden Pensionair- 
Chirurgen betraut goAvesen zu sein. Die früher regelmässig 2 Mal im Jahr 
abgehaltenen Prüfungen derselben waren allmählich A^ernachlässigt; 
Friedrich der Grosse führte sie wieder ein (A.C.O. vom 10. Juli 1750) 
und bestimmte später sogar, dass die Prüfungen unter Bouness' Aufsicht 
alle 3 Monate abgehalten Averden sollten (A. C. 0. vom 18. April 1754). 
In den siebenjährigen Krieg zog Bouness noch mit; auch Bilguer 
erwähnt ihn unter den fürtrefflichsten Männern, die im Jahre 1757 
vergebens gegen den nach der Schlacht bei Prag so häufigen Tetanus 
ankämpften. Er starb aber schon 1758. Nach ihm war der Leibarzt 
Cothenius Leiter des ganzen Militärsanitätswesens und hafte auch 
die Vorschläge für die Anstellung der Regimentsfeldscheerer zu machen. 

Es ist auffallend, dass über Bouness, der 1716 schon Regi- 



1) A. L. Richter 1. c. S. 20. 



— 156 — 

mentsfeldscheerer und bis zu seinem Tode. 1758, im Dienst war, 
also mindestens 45 Jahi'e. und davon 17 als Generalcliirurg gedient 
hat, so wenig Xaelirichten aufzulinden sind. Pveiiss erwähnt ihn 
imr als den Nachfolger Holtzendorffs; Theden, der in der Ein- 
leitung zu seinem „Unterricht lur Unterwundärzte'' viel von Hol tz en- 
do r ff und Schmucker spricht, erwähnt ihn überhaupt nicht: ebenso 
Mursinna in seinen historischen Reden bei verschiedenen Stiftungs- 
feiern der medizinisch-chirurgischen Pcpiniere. Nur der Stabsfeld- 
prediger Küster spricht in dem schon erwähnten „Bruchstück seines 
Campagnelebens im siebenjlthrigen Kriege" (2. Aufl., Berlin 1791) 
rühmend von ihm, indem er sagt, dass Bouness tmd Bilguer unter 
den Chirurgen hochgeschätzt gewesen wären. Sonst habe ich ver- 
gebens in den zahh-eichen grösseren und kleineren Sammelwerken, 
von der „Deutschen Biographie'" bis zu Joe eher' s Gelehrtenlexikon, 
bei Baidinger, Schmucker,, Theden, Bilguer, Börner, Kestner 
und vielen anderen in dieser Arbeit mehrfach citirten Autoren auf 
den Namen Bouness gefahndet i). Es ist, als ob er zwischen seinem 
Vorgänger 'und seinem Nachfolger, zwischen Holtzendorff und 
Schmucker versunken wäre. Und doch muss er ein tüchtiger Mann 
gew-esen sein, da er die unter Friedrich dem Grossen gewiss 
nicht leichte Stelle des ersten Generalchirurgcn so lange ausfüllte. 

Als Nachfolger schlug Cothenius noch in der Meldung des 
Todes von B. an den König den Regimeutsfeldscheerer Bilguer vor, 
weil dieser in Friedenszeiten bei dem Colleg. medico-chirurg. in Berlin 
Collegia chirurgica halten könnte, wozu er alle Fähigkeit hätte. Der 
König ernannte aber Schmucker zum 1. und Bilguer zum 2. Ge- 
neralchirurgen. Von 1765 an hatte Schmucker auch wieder die 
Personalien der Peusionairchirurgen und Regimeutsfeldscheerer zu 
verwalten (A. L. Richter). Dass er seine Beförderung jenem räthsel- 
haften Pulver (s. u.) zu verdanken gehabt hätte, wie König meint, 
ist sehr unwahrscheinlich. — Uebrigens wird Bouness auch von 
König und G. Küster, die sich in dem letzten Theile ihrer Arbeiten 
gerade mit der Zeit Friedrich's des Grossen beschäftigen, nicht erwähnt. 
Nur in einem Adresskalender vom J. 1750 fand ich ihn; er wohnte 
an der Gertraudten-Brücke im Hause des Brauers Lindemann. 



^) Auch in S. Schaarschmidt's mediz.-cbirurg. Berlinischen wöchentlichen 
Xaclirichten (1739—1746), die zahlreiche Beiträge von Regimentsfeldscheerern, 
z. B. von Henckel, Berends, Pallas, Pistor, Schmucker u. A. enthalten, fand sich 
nichts von Bouness. — Theden erzählt, dass er in Meissen in Gegenwart des Königl. 
Generalchirurgus „Bonn esse" mehrere Amputationen (ohne Ligatur) ausgeführt 
habe iSchaarschmidt, V, S.379). 




Senff. 



157 



Gabriel Senff 

lernen wir erst kennen, als er schon Regimentsfeldschecrer bei dem 
Corps de Gens d'armes, nach König (1. c. IV, S. 39 u. 127) dem 
„angesehensten Regiment der ganzen Armee", Professor am Colleg. med. 
Chirurg., Lehrer der Chirurgie, sowie Leiter der chirurgischen Abthei- 
lung des Charite-Kranlienhauses geworden war („als welcher in accu- 
rater Vollfiihrung der allerschweresten und kühnlichsten Chirurgischen 
Operationen alle behörige Geschicklichkeit besitzet", Ell er). Dass 
man ihm diese wichtigen 7\emter an Instituten, die sich der ganz be- 
sonderen Fürsorge des Monarchen erfreuten, anvertraute, ist ein Be- 
weis dafür, in welchem Ansehen er damals stand. Der Ruf seiner 
Kenntnisse und seiner Geschicklichkeit galt aber auch ausserhalb 
Preussens; sonst würde Heister ihm nicht seinen Sohn zur weiteren 
Ausbildung in der Chirurgie anvertraut haben. Ein besonderes Ka- 
pitel in den Institutiones (1739, p. 985) handelt: de Senfii methodo 
laterali; Heister sagt darin: 

„Speciatim vero hie adhuc proponam et describam, quid 
Senff ins, chirurgus regius Berolinensis, ibidemque chirurgiae 
publicus nuper in splendide nosocomio regio charitatis Professor 
atque operationum chirurgicarum demonstrator dexterrimus, sed 
proh dolor! haud pridera in magnum chirurgiae detrimentum 
defunctus, hac in re fecerit et quomodo ille lateralem sectionem 
feliciter quoque saepius instituerit. Haec vero ex relatione fdii 
mei hie addo, utpote qui per magnam partem anni 1735 et 
1736 Berolini degit, atque in arte chirurgica ejus quoque infor- 
matione ac manuductione usus est." 

Die nun beschriebene Methode unterscheidet sich nur wenig von 
der Rau's und Cheselden's; Senff nahm einen catheterem sulca- 
tum ex argento confectum; dieses silberne Itinerarium war dünner 
und stärker gebogen, als die sonst dabei üblichen Instrumente. An 
einer anderen Stelle (S. 1039, i\.nm.) berichtet Heister jun., Senff 
habe im Jahre 1735 bei einem Manne einen Blasenstein entfernt, in 
dem eine Kornähre gefunden sei. Wie diese in die Blase gelangt 
war, blieb unklar; der Kranke „wusste Nichts davon", gab aber später, 
als er genesen war, zu, dass er sie sich selbst 3 Jahre vorher in die 
Harnröhre geschoben habe (Schaarschmidt Bd. I.). Das sind die Stellen, 
in denen Heister sich über Senff äussert; wenn wir dazu noch die 
„Nützlichen Anmerkungen" Ell er 's und Schaarschmidt's „Nach- 
richten" nehmen, dann sind unsere Quellen erschöpft; Senff, der bis zu 



— 158 — 

seinem Tode (1738, nach Küster 1737), also 12 Jahre hing, als erster 
Chirurg an der Charite und zwar als Lehrer und Operateur einen grossen 
Ruf hatte, dessen Lehrmethode, Kenntnisse und Geschicklichkeit von 
seinen Zeitgenossen allgemein anerkannt wurden, hat selbst Nichts ge- 
schriehen, Nichts über seine Erfahrungen und Erlebnisse veröffentlicht. 
Auch in den bekannten Sammlungen von Biographien wird er nur ganz 
kurz, in der neuesten, dem Biographischen Lexikon hervorragender 
Aerzte von Wernich und Hirsch (1884) und in den Vorläufern dieses 
Werkes, z. B. dem Dictionaire des sciences med., Biographie med., Paris 
1821, in Kestner's Gelehrten-Lexikon (1740), Joecher's Allgcm. und 
compendiösem Lexikon und vielen ähnlichen Sammelwerken überhaupt 
nicht erwähnt. M ursin na (s. o.) sagt von „Senft" nur, dass er der 
erste öffentlicJie Lehrer der Chirurgie am Colleg. med. chirurg. ge- 
wesen sei, die AVissenschaft vorzüglich in Frankreich studirt und sich 
durch Fleiss und Talent schöne Kenntnisse erworben habe. Von 
seinen directen Nachfolgern, Barteknecht und Neubauer, ist wenig 
bekannt. Der erstere, von Küster Otto Casimir Barfknecht und 
Barfeknecht, Hofrath und Leibmedikus genannt, starb schon 1739. Von 
Letzterem finden sich meJirere Beiträge in Schaarschmidt's „Nachrichten". 
JEller berichtet über einige in den ersten Jahren von Senff aus- 
geführte Operationen; so war die Sectio alta im Jahre 1719 von 
Douglas in London wieder empfohlen und gemacht. 1726 führte 
sie in Deutschland zuerst Pröbisch, der „geschickte Chirurg und 
Regimentsfeldscheerer des löbl. Hollstein'schen Regiments zu Königs- 
berg in Preussen" in mehreren Fällen mit Glück aus.i) Eller er- 
zählt weiter: „Bey so bewandten Umständen wolten wir auch allhier 
in Berlin nicht die letzten seyn, diese Art von Steinschneiden zu 
untersuchen, absonderlich, da unter den in unserem Charite-Jjazareth 
aufgenommenen Kranken sich zuweilen Calculosi befinden. Herr 
Senff, der bishero Verschiedene nach dem Grand appareil mit vieler 
Geschicklichkeit operirt, auch, soweit diese Art von Operiren an- 
schlägt, glücklich verfahren, war selber begierig, Gelegenheit zu be- 
kommen, diese Methode zu bewerkstelligen, wozu ich ihn öfters an- 
mahnte, um so viel mehr, da ich Anno 1719 in J^ondon Gelegenheit 
gehabt, diese Operation mit Success verwirklicht zu sehen." Auch 
Holtzendorff interessirte sich, wie schon erwähnt, sehr dafür. Ob 



1) Pröbisch kam später zur Garde nach Potsdam; in der Einleitung 
wurde schon erwcähnt, dass er, „der würdige Greis", auch bei der von Schmucker 
und The den an dem Hofrath Zimmermann ausgeführten Herniotomie zugezogen 
war. Bald nach seiner Versetzung wurde er auch zum wirklichen Leibarzt Friedr, 
4. Grossen ernannt. Er starb 1778 in Berlin (s. u.). 



— 159 — 

Senff nach diesen ersten, nicht ungünstig verlaufenden Vorsuchen 
(s. 0.) die Sectio alta noch öfter gemacht hat, ist unbekannt. Heister, 
der noch 1718 in seinem Lehrbuche befürchtet, dass die ßlasen-Bauch- 
wunde gar zu schwer zu heilen sei, empfiehlt in einer Dissertation 
vom Jahre 1728 und in den späteren Ausgaben seiner Institutiones 
die Sectio alta sehr warm. Vielleicht darf an dieser Stelle erwähnt 
werden, dass 50 Jahre später Peter Camper den merkwürdigen Vor- 
schlag der Sectio alta in 2 Zeiten machte; der Schnitt wurde ge- 
macht, das Heraustreiben des Steines aber der Natur überlassen i). 
Eller hielt den hohen Steinschnitt für viel leichter und einfacher, als 
die übrigen Methoden. Später hat Senff die Sectio lateralis vorge- 
zogen. S. Schaarschmidt berichtet darüber in seinen Berlinischen 
Nachrichten vom J. 1738: „Unter den vielen Personen, die der nun- 
mehro selige Herr Prof. Senff, dessen frühzeitigen Tod Jedermann 
bedauert, mid dem selbst der Neid das Lob nicht hat nehmen können, 
dass er insonderheit zum Operateur gleichsam gemacht gewesen, mit 
einem mehrentheils glücklichem Erfolge am Blasenstein geschnitten, 
sind drey Exempel in den Berlinischen Zeitungen No. 122 des 1735. 
Jahres mit folgenden Worten angeführt." (Es handelt sich um 3 Fälle 
von Sectio lateralis, die Senff zuletzt bevorzugt habe.) 

Von anderen, in Ell er 's Bericht mitgetheilten Operationen 
sind noch 4 Herniotomien zu nennen, bei denen Eller von 
der Operationsmethode leider nicht spricht; Herr Prof. Senff hat 
diese höchst mühsame und gefährliche Operation aber jedesmal mit 
solcher Geschicklichkeit und so accurat verrichtet, dass alle 4 Kranken 
in wenig IVochen geheilt waren. AVeiter folgt eine partielle Castra- 
tion (wahrscheinlich bei Tuberculose des Nebenhodens), viele Para- 
centesen des Unterleibs, hartnäckige Ulcera cruris, die also von 
jeher in der Charite nichts Seltenes waren ^j; ein grosser Abscess 
in den Bauchdecken, ein grosser, z. Th. zerfallener Netztumor, 
ein Abscess in der Herzmuskulatur, ein Abscess am Blasen- 
halse, einer bei Blasenstein, am Perineum, ein Fall von Nieren- 
steinen. Die vielen Amputationen, Depositiones Cataractae, 
Ophthalmien, Thränenleiden, Fistulae ani u. s. w. werden nur 
kurz erwähnt. 2 Fälle von Brustkrebs wurden mit Entfernung der 
Achseldrüsen operirt (S. 48). Trotz grosser Geschicklichkeit und 
Akkuratesse traten Recidive in der Narbe auf. Auch nach Entfernuno- 



1) Taschenbuch für Wundärzte. 1783. S. 121. 

^) Der spätere Generalstabsarzt Wiebel schrieb als Dissertation (Erlangen 
1795): ,,Analecta quaedam de ulceribus pedum vetustis", wohl eine Erinnerung 
an seine Thätigkeit als Pensionär in der Charite. 



— 160 — 

eines Tumors am Oberschenkel zeigten sich bakl neue Geschwülste. 
Ein „Krebsschaden" im Gesicht heilte nach verschiedenen äusseren 
und inneren Mitteln, leider versagten diese aber in anderen Fällen. 
Bei der Operation der Bubonen v^ird darauf aufmerksam gemacht, 
dass hinter dein Bubo eine Hernie liegen kann. Zur Operation 
der Gesässfistel hatte Senff ein besonderes Fistelmesser, und 
für Aneurysmen ein neues Compressorium angegeben. — An 
dem neuen Krankenhause hatte Senff auch wohl öfter zu tadeln; 
wenigstens finden wir in den Charite-Akten eine A. C. 0. vom Jahre 
1736, in der dem Major von Kalkstein befohlen wird, die Unord- 
nungen und Mängel in der Oharite, über die der Regimentsfeldscheerer 
Senff geklagt habe, genau zu untersuchen, „damit das Werk nach 
seiner Stiftung beständig auf gutem- Fuss erhalten bleibe." 

Die schon erwähnte, von Ell er und Senff auf ihren Abtheilun- 
gen in der Charite geübte Art des Unterrichts mrd fast 50 Jahre 
später von Schmucker noch rühmend erwähnt i). Er beschreibt die 
schweren Schäden, die ein schlechter Unterricht mit sich bringt und 
preist sein. Schicksal, das ihn in seiner Jugend „in bessere Hände 
verfallen liess. Der Geheimte Rath Ell er, ein Mann, dem die Arzney- 
kunst von mehr als einer Seite wichtige Bereicherungen verdankt, 
und dessen Schriften auf immer seinen Nahmen der Vergessenheit 
entreissen werden, nebst den Herren Buddeus und Senf, dama- 
lige Professoren des Königlichen Collegii zu Berlin, waren die 
Lehrer meiner Jugend." Eller und Senff unterrichteten in der Cha- 
rite am Krankenbette selbst und besprachen in Gegenwart der jungen 
Schüler die Natur, die verwickelten Zufälle, Kennzeichen und Aus- 
gang der Krankheiten. Das ist, sagt Schmucker, unstreitig die 
einzige Art, gute praktische Aerzte zu ziehen. Wer diese praktische 
Ausbildung nicht gehabt hat, wird nachher am Krankenbette durch 
eine Menge von Dingen verwirrt, von denen in seinem Kompendium 
kein Wort steht. — Das waren immerhin Anfänge einer klinischen und 
praktischen Ausbildung-), und wenn G. Fischer Alles, was damals 
in Berlin in der Chirurgie geleistet wurde, als „Barbierchirurgie" be- 
zeichnet, so ist das doch nur dann zutreffend, wenn dieselbe Beur- 
theilung der ganzen Deutschen Chirurgie in der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts zu Theil wird. Dafür liefert Fischer selbst eine 
grosse Zahl von Belegen. 



1) CMrarg. Wahrnehm. 1774, I. Theil, Vorrede. 

-) Es ist wunderbar, dass es 100 Jahre und länger hei diesen ,, Anlangen" 
blieb; vergl. darüber die Rede von Bergmann' s vom 27. .Jan. 1893: ,,Die Ent- 
wicklung des chiruro-. Unterrichts in Preussen." Berlin 189o. 



— 161 — 

Seil ff .-soll seine chirurgische Ausbilduna' hauptsächlich in Paris 
erhalten haben; ob er zu den auf iStaalskosten dorthin geschickten 
Feldscheerern gehörte (s. o.) ist nicht festzustellen. Ebensowenig weiss 
man, bei welchen Truppentheilen, in welchen Garnisonen er vorher 
war, und ob er dasselbe unstäte AVanderleben zu führen gezwungen 
war, wie alles, was damals zum churbranden burgischen und etwas 
später zum preussischeu Heere gehörte, dessen Regimenter, wie wir 
sahen, bald an der Ostsee, bald in Oberitalien, in Cngarn, am Rhein 
und in Holland kämpften. 



Vlll. Christoph Horch. 

Ein sehr gutes und in seltener Vollständigkeit erhaltenes Bild 
dieses Wanderlebens, zugleich aber auch das einer tüchtigen, für jene 
Zeit jedenfalls mustergültigen Ausbildung in der Medizin und Chirur- 
gie besitzen wir in der Lebensgeschichte von Christoph Horch, 
einem der Leibärzte Friedrichs L und Friedrich Wilhelms I. Er war 
der Sohn des Andreas Horcli, des Freundes ynd Gevatters von 
Purmann, des langjährigen Regiments feldscheerers der „Leib-Guarda, 
der auch bei den besten Kennern chirurgischer Geschicklichkeit, einem 
Joh. von Muralt, Elsholtz u. xV. in hohem Ansehen stand" (Börner). 
Die Mutter des Christoph Horch war eine Nichte von Martin 
Weise, der dreier Kurfürsten Leibarzt gewesen war^). Li der Wid- 
mung des Feldscheerers an Andreas Horch rühmt Purmann schon 
den Fleiss und das Talent des Sohnes.' Dieser, 1667 iu Berlin ge- 
boren, hatte zuerst bei seinem Vater Chirurgie getrieben, dann 1684 
in Königsberg 3 Jahre Medizin studirt und ging (1687) auf 1 Jahr 
nach Breslau, um sich bei Pur mann in chirurgischen Operationen 
zu üben. In Königsberg hatte er, kaum "20 Jahre alt, eine philo- 
sophische Abhandlung über das System des Cartesius veröffentlicht. 
Von Breslau ging er nach Bern zur weiteren Ausbildung, begleitete 
1690 als Feldarzt die Schweizerischen Truppen nach Italien, 1 Jahr 
später die Württembergischen Truppen als Feldarzt und Leibarzt des 
Herzogs. Im Jahre 1692 promovirte er in Padua, kehrte, da sein 



^) Dass .1. G. Moehsen der Grosssohn von Chr. Horch war, ist schon oben 
erwähnt. Von M. stammt auch diese Biographie; sie war im X. Bande von 
Strodtmaun's Geschichte jetztlebender Gelehrten enthalten und wurde von 
Börner benutzt. 

Veröffentl. aus dem Gebiete des llilit.-Sanitätsw. 13. Heft. i i 



— 162 — 

Vater slarb, nach Berlin zurück, wurde Jiier Mitglied des Collegium 
medicum und Mitglied der Kaiserl. Leopoldin. Academie der Natur- 
forscher. In demselben Jahre finden wir ihn als Feld- und Lazarcth- 
Medicus in Brabant unter dem Generalfeldmarschall von Flemming; 
am Ende des Krieges hatte er ein Lazareth in Lüttich. Im Jahre 
1693 als Oberchirurg mit der Aufsicht über alle Regimentsfeldscheerer 
und Wundärzte betraut i), behielt er auch im Frieden sein Gehalt bei, 
wurde 1696 Churfürstlicher Hofmedicus, reiste mit dem Kronprinzen 
Friedrich Wilhelm nach Holland, wnrde Leibmedicus desselben 
und begleitete ihn auch 1700 zu den Krönungsfeierlichkeiten nach 
Königsberg. 1703 wurde er Hofrath und Leibarzt Friedrichs 1. (zu- 
sammen mit Krug von Nidda, Gundelsheim, Joh. Jac. Weiss 
und Hoffmann). Er blieb auch Leibarzt unter Friedrich Wil- 
helm L und behandelte ihn noch 1734 mit Hoffmann und Eller 
an einer schweren Krankheit. Als Born er Horch's Biographie, der 
diese Angaben zum grössten Theil entnommen sind, schrieb, war 
Horch 84 Jahre alt; er starb 1754 im Alter von 87 Jahren. — 
Es ist zu bedauern, dass Christoph Horch uns nicht, wie sein 
chirurgischer Lehrmeister Pur mann, von seinen reichen und viel- 
seitigen Erfahrungen mehr mitgetheilt hat; wir besitzen von ihm nur 
eine Uebersetzung der „Praxis medico-chirurgica rationalis cum de- 
cadibus observationum quatuor" von Joh. Muys (samt einem Ge- 
spräche zwischen Podalirio und Philiatro, Frankf. 1688, Berlin 
1698; s. Hall er 's Bibl. chir. 1. 465), und einige Arbeiten in der 
oben genannten Akademie 2). Ein Bild von Chr. Horch befindet 
sich in der von J. C. W. Moehsen dem verehrten Grossvater am 
5. November 1746 gewidmeten Dissertatio epistolica prima (über die 
medicin. Manuscripte in der Kgl. Bibliothek). Horch wird darin be- 
zeichnet als „Med., Phil, et Chir. D., Boruss. Regis Consil. int. et 
archiater, Colleg. med. supremi seu CoUeg. sanitatis et acad. nat. 
cur. sodalis." 



1) Näheres ist über diese ,, Aufsicht" nicht bel<annt; durch Instruktion ge- 
regelt wurde sie erst bei Holtzendorff (s. o.). 

-) Eph. Nat. Cur. Dec. III, 1695: Vuln. sclopetar. curatum, quo abdomen 
trajiciebatur. — Tumor congenitus frontis feliciter resectus. — Intestinum ileon in 
nuper nato confervens post 22 diem funestum. 




Cothenius. 



— 163 



IX. Christian Andreas Cothenius 

war 1708 in Anklam geboren. Sein Vater, der in Holland studirt 
hatte und lange Zeit Schwedischer Eegimentschirurgus gewesen war, 
hatte sich in Anklam als Pest-Arzt grosse Verdienste erworben. C. 
besuchte die Schule in Anklam, Stettin und Stralsund, und ging 1728 
nach Halle, wo er in nähere Beziehungen zu Fr. Ho ff mann trat. 
Im Jahre 1732 promovirte er mit einer Dissertation: De purpura 
scorbutica praegresso haemorrhoidum fluxu nimis, machte dann in 
Berlin die vorgeschriebenen Prüfungen durch und wurde 1738, auf 
Empfehlung Hoff mann 's, Stadtphysikus in Havelberg, Bürgermeister 
und Hofrath; 1740 bekam er das Landphysikat für die Priegnitz. 
Hier war seine ärztliclie Thätigkeit eine sehr ausgedehnte und ange- 
strengte; sein praktisches Leben war, wie Moehseii sagt, ein be- 
ständiges Reisen, indem er von einem vornehmen Kranken zum an- 
dern gerufen wurde, in der Altmark, im Magdebnrgischen, im Mecklen- 
burgischen, von Adel und Landständen und den vornehmsten Offi- 
zieren der verschiedenen Garnisonen. 1743 wurde er Leibmedicus 
der Herzoglichen Familien in Strelitz und Mirow, musste aber dabei 
in seinem Amte bleiben. Friedrich der Grosse ernannte ihn 1748 
zum Hofmedicus, Medicus des Grossen Waisenhauses in Potsdam und 
Kreisphysikus des Kreises Teltow und Zauch. Auch in dieser 
Stellung musste er viele Konsultationsreisen unternehmen. 1751 
wurde er Leibarzt Friedrich's des Grosseii und 2. Dekan des 
Obercollegium medicum, 2. Director des Colleg. med. chirurg., Mit- 
glied des Ober-CoUegium Sanitatis und Generalfeldstabsmedicus; das 
Gehalt der zuletzt genannten Stelle wurde erst geschaffen, indem die 
Stelle des Leibmedicus Horch nicht wieder besetzt wurde (s. o.)^). 
C. wurde der Nachfolger Eller 's, dei-, beim Beginn des 7jährigen 
Krieges 67 Jahre alt, nicht mehr mit ins Feld gegangen und 3 Jahre 
später gestorben war; seine Stellung war aber eine andere; Ell er 
und Holtzendorff (später ßouness) hatten gleiche Funktionen, der 
eine den Aerzten, der andere den Chirurgen gegenüber, Cothenius, 
der 1757 auch Geheimer Rath wurde, war Direktor aller medizinisch- 



1) Rede, dem Andenken des Herrn Geheimen Raths Cothenius in der 
öft'entlichen Versammlung der K. Akademie der Wissenschaften zu Berlin den 
29. .Januar 1789 gewidmet von .J. G. W. Moehsen. — Vergi. den Brief an Bal- 
dinger (Anhang) und Baidinger, Von den Krankheiten einer Armee, Langen- 
salza 1765 und dessen Dissertatio de militum morbis, inprimis exercitus Regis 
Prussiae, Gott. 1763. 

11* 



— 164 — 

chirurgischen Angelegenheiten in den Königlichen Landen; der zweite 
Fcldarzt, bis 1763 Ludolf, dann von Zinnendorf, war sein Ver- 
treter. Die Generalchirnrgi hatten wohl die Aufsicht über das „chir- 
urgische Wesen", aber der erste und zweite Arzt von der Armee be- 
suchten die Lazarethe der i\.erzte und AVundärzte, so oft sie es für 
nöthig hielten. Bei den täglichen Konferenzen in den Lazarcthen, 
die von 11 — 12 Uhr abgehalten wurden, und wo über die Krank- 
heiten. Ab- und Zugang u. s. w. berichtet wurde, war „der dirigi- 
rende Arzt, der Generalchirurgus, die Aerzte und Wundärzte, der 
Direktor, die Oekonomiebedienten u. s. w\" (Baidinger) zugegen. 
Diese Konferenzen hatte Cothenius eingerichtet; er hatte auch eine 
allgemeine Instruktion für die Heilmethoden in allen Feldlazarethen 
erlassen, damit die Wundärzte einen Leitfaden hätten, wonach sie 
sich richten könnten. Die höheren Chargen bekamen ihre Instruktion 
darüber, was und wie sie unterrichten sollten. Baidinger wurde 
von dem Herrn Geheimerath Cothenius, „seinem gütigen Gönner", 
beauftragt, den Wundärzten die Kurmethode in den Feldlazarethen 
zu erkläreii und bekam zugleich einige geschriebene Bogen, die er 
wirklich mehr denn einmal „unentgeldlich (!) zu seinem grössten Ver- 
gnügen" so erklärte, dass den Wundärzten die Anfangsgründe der 
Pathologie und Praxis nicht fremd bleiben konnten. B. demonstrirte 
auch mehrere Male das Skelett und verschiedene Arzneimittel. Dabei 
hatte er auch oft Stabs- und Oberwundärzte zu Zuhörern. Auch 
Bilguer und Theden (Baidinger schreibt Theeden) hielten den 
AVundärzten öffentliche Vorlesungen. Eine weitere Neuerung war die 
Einrichtung von Laboratorien in den Lazarethen, in denen die zu- 
sammengesetzten Medikamente von Feldapothekern zubereitet wurden. 
Innerlich Kranke und Verwundete wurden in verschiedenen Lazarethen 
untergebracht, dort von aufsehenden Feldärzten, hier von aufsehenden 
Wundärzten (Staabs- und Ober-Wundärzten und Pensionärchirurgen) 
behandelt; der niedere ärztliche Dienst (fast wie der unserer heutigen 
Lazarethgehülfen) wurde bei Beiden von den Armee-AVundärzten, den 
ins Lazareth kommandirten Kompagnie-Feldscheerern, versehen. Da 
war Vieles zu tadeln^); Brocklesby nannte die deutschen Lazarethe 
und i\.erzte nachlässig und ungeschickt. Obgleich man den AVerth 
der Eeinhchkeit und guter Luft immer betonte, häufte man Kranke 
und A^erwundete oft in schrecklicher AA^'eise zusammen, so dass weder 
Räuchcrungen, noch The den 'sehe A'entilatoren von Nutzen waren; 
und nur, wenn der erste Arzt ein Lazareth besichtigte, griff Alles zu 



') Genaueres bei E. Richter, G. Fischer und ßaldinger. 



— 165 — 

den Besen und Räucherpfannen; aber, sobald er weg war, hörte auch 
die Reinlichkeit wieder auf. Die niederen Aerzte waren saumselig, 
' oder konnten ihren Befehlen, da Alles maschinenmässig ging, nicht 
den nöthigen Nachdruck geben (Baidinger). Auch die vielen Reisen, 
die Cothenius und der zweite Arzt in der Armee unternahmen, um 
die Lazarethe zu revidiren, konnten wenig helfen, da das ärztliche 
Personal auf Alles, was nicht die medizinische oder chirurgische Be- 
handlung betraf, keinen Einfluss hatte i). Daran konnte auch Cothe- 
nius Nichts ändern, obgleich er das volle A-^ ertrauen Friedrich's 
des Grossen besass. Dieser hatte mit Recht keine sehr gute Mei- 
nung von den Aerzten seiner Zeit und würde schwerlich einer Er- 
weiterung ihrer Machtbefugnisse zugestimmt haben. — Im Jahre 1763 
kam ein neues Hof-Apothekenregiement heraus. Zur Aufrechterhal- 
tung der Hofapotheke wurde eine besondere Kommission ernannt, zu 
der Cothenius und der Präsident der Ober-Rechenkammer autorisirt 
waren (Küster, IV, S. 214). Cothenius besuchte aber auch die 
Apotheken in der Provinz; das sehen wir aus der Lebensbeschrei- 
bung von Becker, Senator und Assessor des Collegii med. provin- 
cialis in Magdeburg (Elwert's Nachrichten, S. 26). Er war mit 
Cothenius bekannt, und da diesem „Becker's und Gallisch's in 
Leipzig seine Preise anständig waren", so hatten sie die Lieferung der 
in Sachsen stehenden Preussischen Armeen. Becker war auch be- 
theiligt bei der Lieferung für die Gefangenen (einige Tausend) in 
Magdeburg, wovon die Apotheker-Rechnung manchen Monat zwölf- 
hundert Reichsthaler betrug. Er hatte täglich 18 Personen in Arbeit. 
Im Jahre 1762 hatte er die Ehre des Besuchs von beiden Leibärzten, 
Herrn Geheimen Rath Cothenius und Herrn Hofrath Lesser. Der 
Besuch galt allerdings, wie B. meint, der Neubesetzung der Hof- 
apotheke in Berlin. 

Cothenius blieb nach dem Feldzug noch 5 Jahre in Potsdam 
und siedelte im Jahre 1768 nach Berlin über; er wohnte in dem be- 
kannten Ephraim 'sehen Hause in der Nähe des Mühlendammes; 
seine Bibliothek und sein auserlesenes Naturalienkabinet werden von 
Nicolai (II, S. 782) unter den Sehenswürdigkeiten Berlins aufgeführt. 
Er war seit Ell er 's Tode Direktor des Obercollegii medici, des Colleg. 
med. chirnrgici, seit 1751 Mitglied der Berliner Akademie, v/o er 



^) Im ,J. 1762 musste Bai ding er auf Befehl des Prinzen Heinrich die La- 
zarethe der 2. Armee besichtigen; er wurde dabei schwer krank, wie er glaubt, 
weil er ,,die Dünste der Eiterung verschluckt habe". Behandelt wurde er vom 
Stabswundarzt Heinrici, dessen Sorgfalt und Geschicklichkeit er gar nicht genug 
rühmen kann. 



— l(1(l — 

aber erst nach dem siebenjährii^en Kneife (1765) /um ersten ]\fäle 
erschien nnd in lateinischer Sprache einen Vortrag hielt, der in den 
„Memoires" betitelt ist: Sur les preservatifs les plus efficaces 
contre la petite veröle. Im Jahre 1768 legte er der Akademie 
eine Abhandlung vor über die Nothwendigkeit einer thierärzt- 
lichen Schule und die Art ihrer Einrichtung; 1770 über Thier- 
arzneikunde; 1775 die Beschreibung eines sehr seltenen Krank- 
heitsfalles: man fand in einer weiblichen Leiche eine grosse Menge 
grosser und kleiner Nadeln in den Eingeweiden. — Obgleich er seit 
1783 vollständig erblindet war, fuhr er doch mit Hülfe jüngerer 
Aerzte fort, sich wissenschaftlich zu beschäftigen, berichtete 1783 
über die AVerke von Samailowitz, und in demselben Jahre über 
Versuche mit der rothen Chinarinde und die chemische Unter- 
suchung derselben; 1784 über verschiedene, der Akademie einge- 
sandte medizinische Arbeiten; 1785 über eine Schrift von Jacqui- 
nelle über das Oedem (Hydropisie) der weiblichen Geschlechts- 
organe; 1786 über B an au 's Beobachtungen verschiedener, gegen 
faulige, bösartige Fieber empfohlener Mittel. Er wurde später zum 
Ehrenmitgliede der Akademie ernannt. Mitglied der Kaiser!. Leo- 
poldin. Akademie der Naturforscher war er schon seit dem Jahre 
1743; Adjunkt wurde er 1750, Direktor und damit des H. R. E. 
Edler und Pfalzgraf, Kaiserlicher Rath und Leibmedicus, im Jahre 
1770. Dieser Akademie schickte er 1746 eine grosse Abhandlung 
ein über seine Beobachtungen der Jjues bovina im Kreise Priegnitz, 
mit Vorschlägcji zur Verhütung und Heilung dieser Krankheit. — 
Von einem Beschreiber Berlins, der sonst an der Residenz herzlich 
wenig zu loben weiss, wird noch im Jahi'e 1785 unter den „be- 
rühmten Aerzten" Cothenius genannt (Geiger, 1. c. S. 552); die 
anderen waren: Sclimucker, Voitus, Seile, Theden, Walther. 

Seit 1779 war er auch Mitglied der Societe ro3^ale de medecine 
in Paris. Sein „Ruhm in der gelehrten Welt, seine vielen Verdienste 
um die Preussische Feld-Medizin und Chirurgie, seine Beliebtheit in 
der Residenz als praktischer Medicus" wird sogar von dem (ano- 
nymen) Verfasser der sonst recht rücksichtslosen „Büsten berlinscher 
Gelehrten und Künstler", Leipzig, 1787, voll anerkannt. A. Schaar- 
schmidt widmete ihm 1750 seine Anatomischen Anmerkungen, 
welche „bei Gelegenheit der wohlverdienten Erhöhung Herrn D. Co- 
thenii nebst schuldigen Glückwünschen" dargelegt werden; Theden 
den 2. Theil seines Unterrichts für Unterwundärzte bey Armeen 
„seinem verehrungswürdigen Gönner; vom ersten Offizier an bis zum 
letzten, sowohl für Unteroffiziere als Gemeine, den Knecht nicht aus- 



— 167 — 

genommen, sorgen Sie. Sie haben unseren Lazareth-Anstalten die 
gehörige Ordnung gegeben." 

Cothenius starb nach kurzer Krankheit, bis zuletzt wissen- 
schaftlich und praktisch, soweit es seine Blindheit gestattete, thätig, 
von Hoch und Niedrig geachtet, 81 Jahre alt, am 5. Januar 1789. 
— Der Akademie der Wissenschaften hatte er 1000 Rthlr. vermacht; 
von den Zinsen sollte alle 2 Jahre eine von der Akademie aufgege- 
bene Arbeit über Haushaltung, Ackerbau oder Gärtnerkunst prämiirt 
werden. Ausserdem vermachte er ihr die vollständigen Acta Erudi- 
tornm Lipsiensia. Der Kaiserl. Leopoldinischen Akademie vermachte 
er ebenfalls 1000 Rthlr.; von den Zinsen sollte eine Medaille ge- 
prägt und alle 2 Jahre für die beste medizinisch-praktische, von dem 
Direktor der Akademie aufgegebene Arbeit verliehen werden. Für 
verschiedene wohlthätige Zwecke hatte er noch mehr als 2000 Rthh\ 
ausgesetzt. 

Cothenius hatte während des siebenjährigen Krieges als „General- 
feldstabsarzt" sämmtlicher Armeen Friedrich's des Grossen eine sehr 
wichtige einflussreiche Stellung. Durch eine ausgedehnte praktische 
Thätigkeit geschult, hatte er gewiss schon lange den schwächsten 
Punkt des Kriegsheilwesens, die mangelhafte Ausbildung des niederen 
Sanitätspersonals erkannt und suchte nach Kräften zu bessern und zu 
helfen. Zu dem Zwecke erliess er schon zu Anfang des Krieges für 
die Aerzte und Wundärzte kurze Vorschriften und Anleitungen zur 
Heilmethode in sämmtlichen Feldlazarethen. Nach Baldinger's Mei- 
nung sollten dadurch die Aerzte bei einer Menge von Krankheiten 
einige ErJeichterung und die Wundärzte einen Leitfaden haben, wor- 
nach sie sich richten könnten; auch wurde es für vortheilhaft er- 
achtet, dass eine fast durchgehends ähnliche Heilmethode möchte 
beobachtet werden. Diese Vorschriften mussten öfters verändert 
werden, ,,nachdem die Umstände es erforderten." Bei dem ganz un- 
sicheren Zustande der Heilkunde jener Zeit konnten sie auch nur 
vorübergehende Gültigkeit haben ; ausserdem hatten sie gewiss den 
Nachtheil aller schematischen Vorschi'iften, dass nun erst recht alles 
eigene Nachdenken aufhörte; trotzdem waren sie damals nothwendig 
und wurden, bei der anerkannten Autorität des Chefs, auch gewissen- 
haft befolgt. Baidinger macht auf zwei andere Uebelstände dieser 
Verordnungen aufmerksam; ernennt keinen Namen, meint aber, auch 
der Beste könne irren. Der erste Arzt verspricht sich zuweilen die 
beste Wirkung von einer Vorschrift (S. 34); das trifft nicht zu. Wer 
will es entdecken, d. h. wer will dagegen nun öffentlich auftreten, 



— 168 — 

„wenn der Gesetzgeber despotisch denkt niid handelt?" Wer will 
hier die Wahrheit sagen, wenn ihn dafür nur Verfolgungen erwarten? 
Das war der eine Fehler diese. Methode; der andere war der, dass 
auch solche „Feldscheers, die man wegen ihrer Tummheit bey der 
Armee wohl nnr zu Krankenwärtern gebraucht", sich später für er- 
fahrene Aerzte ausgeben, wenn sie nur „Swieten's oder Cothenius' 
Eecepte besitzen und auf's Gerathewohl verschreiben können." — 
üebrigens sagt auch Bilguer in seiner Abhandlung von der Ver- 
meidung des Ablösens der menschlichen Glieder, Berlin 1761 (s. u.) 
am Schlüsse der Vorrede, dass die in der Abhandlung befindlichen 
Arzneiformeln alle „Sr. Königl. Majestät Geheimden Rath, ersten Leib- 
arzt, General-Stabs-Medicum der Königl. Armeen, aller unserer Feld- 
Lazarether Directeur u. s. w. des Herrn Herrn Doctor Cothenius Wohl- 
geboren" zum Verfasser haben und nach deroselben Vorschrift in 
misern Feld-Lazarethern allgemein im Gebrauch sind. Aus der Vor- 
rede zu Bilguer's Anweisung zur ausübenden Wundarzneikunst (1763) 
geht sogar hervor, dass die Wundärzte in ihren Schriften diese offi- 
ziellen Recepte nicht ohne Erlaubniss des Generalstabsmedicus ver- 
öffentlichen durften^). "Wenn dabei die übrigen Anstalten, „die man 
bei einer Armee trifft", um sie gesund zu erhalten, nicht genügend 
berücksichtigt wurden, so dass fast 20 Jahre später Fritze noch sein 
Verdammungsurtheil über das Preussische Kriegsheilwesen aussprechen 
und wohl begründen konnte, so trifft die Schuld nicht Cothenius. Ein 
Einfluss des ärztlichen Personals auf Alles, was über die rein medizinische 
und chirurgische f^ehandlung hinausging, existirtc, wie wir schon be- 
tonten, nicht; der Arzt kam nur ganz ausnahmsweise in die Lage, vor- 
beugende oder hygienische Massregeln empfehlen, oder gar durchführen 
zu können. Der Preussische Soldat von der Infanterie hatte, wie Bai- 
ding er berichtet, auf dem Marsche oft mehr als 65 Pfd. zu tragen. 
Ausser Montur und Seitengew'ehr das Schiessgewehr, die Patronen- 
tasche mit einer guten Anzahl Patronen, seinen Tornister mit Wäsche 
und Kleinigkeiten, ehien Sack von Linnen, in dem er sein Brod hatte, 
auf der Brust eine Feldflasche mit Wasser; und „nicht selten ladet 
man ihm noch Zeltpflöcke, Handbeil und dergleichen Geräthschaften 
auf." Nach gewaltigen Strapazen war er, ohne Mantel, oft Nachts 
allen Unbilden der Witterung ausgesetzt. Dazu kam die durch keine 
Belehrung gehemmte Unvorsichtigkeit, der Wechsel zwischen LTn- 

^) Cothenius giebt über diese Dinge selbst genaue Auskunft in einem 
Briefe, den er 1788 an Baidinger schrieb, und den dieser im 3. Stücli des 
14. Bandes seines Neuen Magazins mittheilt. Wir werden später auf diesen inter- 
essanten Brief zurücld-ommen. 



— 169 — 

mässigkeit und grössten Entbehrungen und schliesslich die Unsicher- 
heit der Aerzte in der Beurtheihing, Verhütung und Behandlung 
innerer, besonders ansteckender Krankheiten — da ist es nicht zu 
verwundern, wenn der Gesundheitszustand ein sehr trauriger war. 
Baidinger beobachtete als eigentliche Soldatenkrankheiten im sieben- 
jährigen Kriege am häufigsten „ein Fieber-, den Scorbut, die 
Dysenterie, den faulen Durchfall und die bösartige Krätze: 
an dieser litt er selbst viele Monate und glaubt, dass ihr kaum Einer 
in der ganzen Armee entgangen sei. Er giebt keine Statistik; aus 
seiner Bcschreibmig kann man aber schliessen, dass der Verlauf dieser 
Krankheiten durchschnittlich ein sehr bösartiger war. Cothenius wird 
oft von ihm citirt; bei der Behandlung des Scorbuts, der Krätze, der 
faulen Fieber und — der AVürmer habe er, weil das die antiseptische 
Kraft der Chinarinde ungemein erhöhe, dieselbe mit einem Zusätze 
von Kampher verordnet i); einzelne Kecepte nennt Baidinger nicht: 
aber der Rhabarber, die Ipecacuanha, und die stärksten Antiseptica, 
die peru\äanische Rinde, die Serpentarie, der Kampher, das Hirsch- 
hornsalz, der Essig, die Vitriolsäure, diese wirksamsten Mittel gegen 
die Feldkrankheiten, sind von den berühmten Aerzten der Armeen, 
Pringle, van Swieten, von Wolter, Hautesierk, Cothenius 
und Ludolf") aufgenommen. Von der grossen Zahl der „Pestessige" 
hält Baidinger die einfache Mischung von Essig und Kampher, wie sie 
Swieten, Cothenius und Hautesierk im Felde eingeführt haben, 
für das Beste. Ein pulvis vulnerarius internus Oothenii bestand aus 
Conchae, Salpeter und Chinarinde; eine Ptisana mundificans Cothenii, 
Balsam. Mastiches C, ein komplizirtes Decoct mit Chinarinde, eine 
Tinktur gegen die Dysenterie nach Cothenius' Vorschrift u. s.w. werden ge- 
nannt. Baidinger spricht oft nur von „unseren Formeln, unserem Thee" 
u. s. w. ; damit werden wohl die von Cothenius eingeführten und 
angeordneten Recepte gemeint sein. Die Feldapotheke Friedrich 's 
des Grossen im siebenjährigen Kriege war jedenfalls von Cothenius 
zusammengestellt; sie enthielt, wie wir G. Fischer"; entnehmen, in 
einem grossen, mit Messing ausgelegten Schrank eine Menge von 
Purgantien (Rhabarber, Jalappe, Aloe, Bittersalz, Seignettesalz u. a.), 
Brechmittel, Ipecacuanha, Brechweinstein (sehr geschätzt bei der Ruhr), 
ferner Hirschhorngeist, Karapher, Moschus, Spiessglanzeisenmittel, Opium 
und, wie nicht anders zu erwarten, eine Menge jetzt ganz veralteter 



^) Baidinger S. 248: Spec. Antiscorb., Elix. Antiscorb. und Pulv. Anti- 
scorb. Cothenii. 

-) Ludolf war zweiter Armee-Arzt und zeitweise Vertreter von Cothenius. 
3j 1. c. p. 310. 



— 170 — 

Mittel. Zu chirurgischen Zwecken befanden sich darin viel Blei- 
zucker, viel Sublimat, peruvia/.ischei- Balsam (dessen Verwendung bei 
der Krätze damals ganz unbekannt war), diM- Balsam von Mekka, 
weisser Bernstein u. s. w. Die Hälfte dieser 1758 nach dem L eher- 
fall bei Hochkirch aufgefundenen Feldapnlljcke war. wie Fischer 
berichtet, leer. — Dass unter Cothenius auch wieder Haupt- und 
Feldlazarethe eingerichtet wurden, wo und wie sie in Wirksamkeit traten, 
wurde in der Einleitung schon erwähnt. AVeini man bei Baidinger 
die Beschreibungen einzelner Fazarcthe, z. B. derjenigen in Witten- 
berg oder Torgau, liest, wird man leicht in der langen Eeihe der 
angeführten Missstäude, unter denen das Durcheinander verscliiedener 
Krankheiten, die unglaubliche l eberfüllung der Krankenzimmer eine 
grosse Rolle spielen, die AVirkung der oft gerügten, nicht sachkun- 
digen Leitung erkennen. Daran wurde auch später ]Slchts geändert, 
obgleich nach weiteren 15 Jahi-en die Erfahrungen im Bayerischen 
Erb folgekriege wieder ebenso schlimme waren; auch in der Instruk- 
tion von 1781 waren die Aerzte von der Lazarethleitung und von 
der Durchführung rein h3'gienischer Massregeln so gut wie ausge- 
schlossen. Die sonst guten Bestrebungen, für frische Luft zu sorgen, 
oder die verdorbene Luft durch Räucherungen zu -verbessern-, konnten 
dabei nur wenig nützen. Wenn Fritze alle diese Dinge schonungslos 
verötfentlichte. wenn er mittheilte, wie gross der Unterschied in der 
Sterblichkeit der Preussischen und der Sächsischen Truppen (s. o.) 
gewesen sei, und was iVlles dafür verantwortlich gemacht werden 
müsse, so finden sich diese einzelnen Schäden doch auch schon bei 
Baidinger, allerdings in seinem Buche zerstreut und oft nicht mit 
der nöthigen Energie und Entrüstung hervorgehoben. 

Es ist sehr zu bedauern, dass über die Schlesischen Kriege, über 
den siebenjährigen und Bayerischen Erbfolgekrieg so wenig Nach- 
richten von den Armeekrankheiten existiren. Baidinger und Fritze 
sind die einzigen, die bei uns ausführlich darüber geschrieben haben; 
aber der erstere giebt gar keine Zahlen, keine Resultate — diese 
hätte nur die Armeeleitung auf Grund der regelmässigen Berichte 
liefern können — und Fritze hatte nur den letztgenannten kurzen 
Feldzuö- mitsemacht und konnte auch nur über diesen berichten. 




Schmucker. 



— 171 



X. Joh. Leberecht Schmucker. 

Zu Allfang des ersten Schlesischen Krieges war Holtzendorf f 
noch mit ins Feld gezogen; ob er den Strapazen nicht mehr ge- 
wachsen war, ob er in Ungnade fiel, ist ungewiss; aber noch während 
dieses zweijährigen Feldzuges wurde Bouiiess erster Geiieralchirurg. 
Die starke Vermehrung des Heeres unter Friedrich dem Grossen 
hatte zur Folge, dass noch ein 2. und später ein 3. Generalchirurg 
ernannt wurde. Die 2. Stelle wurde dem Regiraentsfeldscheerer Joh. 
Leberecht Schmucker übertragen, die 3. Bilguer'). 

In der Lebensbeschreibung Eller's wurde berichtet, wie 
Schmucker sich dankbar dieses Mannes und anderer Lehrer seiner 
Jugend, Senff und Buddaeus, erinnert; er gehörte also zu den 
Feldscheerern, die im Colleg. med. chirurg. ihre theoretische, in der 
Charite ihre praktische Ausbildung erhalten hatten. 1712 war er 
geboren-). Das ist aber auch Alles, was wir über sein früheres 
Leben und seineu Bildungsgang wissen. Wir finden ihn dann als 
Kompagnie-Feldscheerer der grossen Grenadier-Garde und in der von 
Brand hörst geführten Liste (s. o.) als Königl. Pensionair, der mit 
Henckel im Juni 1737 anf 2 Jahre nach Paris geschickt wurde 3). 
Hier schloss er sich besonders dem als Lehrer und Operateur gleich 
berühmten Le Dran an, bei dem er auch schwierige Fälle selbst- 
ständig untersuchen, im grossen Auditorium operiren und (auf eigene 
Kosten) bis zur Genesung behandeln musste; z. B. einen Fall von 
Blascnstein, der in 4 Wochen geheilt war (Wahrn. 11 382). Le Dran 
hielt seine Schüler überhaupt zur Selbständigkeit an, schärfte ihnen 
die alte Vorschrift Guy de Chauliac's ein, nicht auf Autoritäten 
zu schwören, sondern selbst die Augen offen zu halten: Amicus 
Plato, amicus Socrates; magis amica veritas. — Seine übrigen Jjehrer 
in Paris, von denen er mit der grössten Hochachtung spricht, waren 



^) Nach Bouness' Tode, 1758, wurde Schmucker 1., Bilguer 2. und Theden 
3. Generalcliimrg. Als Schmucker 1786 starb, wurde Theden 1., Bilguer 
blieb 2. und Voitus wurde 3.; für den letzteren, der schon 1787 starb, Ixat 
Mursinna ein. 1796 starb Bilguer; für ihn wurde Mursinna 2. Gen. Chir., 
3. wurde Goercke, und 1 Jahr später, als Theden starb, blieb Mursinna 2. 
und Goercke wurde 1. Gen. Chir. 

-) 1712—1786; Sprengel hat irrthümlich 1715 bis 1785 angegeben. 

3) s. die Vorrede zu den Chirurg. Wahrnehm., Bd. L, 1774, der auch die 
folgenden Daten zum grössten Theil entnommen sind. 



— . 172 — 

Petit. Moi-and, St. Yves, Hniieanid, ßiiddeau, Andoiiille, 
Giierrin, Astouc. Die grossen Pariser Hospitäler, das Hotel Dieu 
und die Charite, wurden fleissii;' besucht und die zahlreichen Krank- 
heitsfälle und Operationen aufmerksam und mit dem kritischen Yer- 
ständniss eines theoretisch und praktisch gut geschulten Chirurgen 
beobachtet. Das beweisen u. A. die zahlreichen, in Schmucker's 
Schriften verstreuten Erinnerungen an jene Zeit (z. B. Wahrnehm. 11, 
S. 380 und T. Band, S. 494). 

Als Schm. 1739 aus Paris zurückkam, wurde er Regiments- 
feldscheerer des Sydow'schen Infanterie-Regiments; Friedrich der 
Grosse übergab ihm „hernach allergnädigst Höchst Dero Garde- 
Regiment und zuletzt die Chii'ui-gische Ober-Aufsicht bey Dero ge- 
sammten Armee". 

Schm. führt weiter an, dass er in 11 Feldzügen eine unzählige 
Anzahl der allerverschiedensten Krankheiten beobachtet, in allen un- 
klaren Todesfällen im Beisein der Untergebenen die Sektion ausge- 
führt habe. Dann fand er entweder „was wir erwartet hatten", oder 
entdeckte Krankheitsursachen, die er und kein Mensch ohne die 
Sektion errathen haben würde. Dass er sich weiter als den un- 
eigennützigen, stillen "Wohlthäter der Kranken und Elenden schildert, 
der nicht nur schwere Operationen ohne Bezahlung ausführte, son- 
dern die Kranken auch mit allen Nothwendigkeiten des Lebens ver- 
sorgte^), das ist allerdings, wie G. Fischer richtig bemerkt, etwas 
starke Selbstberäucherung. Bessei' klingt es schon, wenn er (Wahr- 
nehm. I, S. 440) sagt, dass er von jeher allen seinen Untergebenen 
auf das Nachdrücklichste eingeprägt habe, Soldaten und Arme mit 
allem Fleiss, Genauigkeit und Gelindigkeit zu behandeln, um sie so 
früh als möglich daran zu gewöhnen, die Pflichten der Menschlich- 
keit ohne Eigennutz und ohne schädliche Gewinnsucht auszuüben. 
Man muss wohl dabei berücksichtigen, dass eine schwülstige, em- 
pfindsame, in allgemeiner Menschenliebe und Opferwilligkeit schwel- 



^) Die genannte Vorrede, S. 36; Wahrn. II. S. 390, wo er erzählt, dass er 
i. J. 1739 — also kurz nach der Rückkehr aus Paris — einen 14jährigen Knaben, 
der an Blasenstein litt, in sein Regimentslazareth aufgenommen und hier mit 
Glück operirt habe; ebenso verfuhr er mit einem 9 .lahre alten Knaben, den er 
17 .lahre später als kräftigen Kanonier wiedersah. Am meisten Mühe machte ihm 
die gleiche Operation bei einem 4Yo Jahre alten Knaben. In einem auf Ansuchen 
seines werthen Freundes und Kollegen The den operirten Falle fanden sich zwei 
Steine, von denen der eine in einem Divertikel der Blase lag. — Im Ganzen 
machte Schm. 12 Lithotomien bei Männern nach le Dran's Methode. (Wahrn, 
II. S. 4.35 und Schaars ch mi dt 1. c. V. Theil.) 



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!Koemgtrr€ii£.erfter öeneralchimrg'tu . 

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— 173 — 

gondc Aüsdrucksweise schon damals Mode war: „Möchten doch aJle 
Aerzte die Wollust empfinden, Wohlthäter ihrer Nebengeschöpfe zu 
seyn" — u. s. w. Das ist gewiss richtig und schön, man darf es 
nur nicht selbst sagen! An dieser Stelle ist auch eine andere, 
in den Schriften unserer Chirurgen — aber auch anderer Autoren 
jener Zeit — immer wiederkehrende Eigenthümlichkeit zu erwähnen: 
Sie sind fast alle Schriftsteller wider AYillen; der eitle Ruhm, Autor 
zu sein, reizt sie nicht: ein Arzt kann dem menschlichen Geschlechte 
auch Dienste leisten, ohne Autor zu sein und ohne das oft er- 
schlichene Lob der Journalisten. Aber die einsichtsvollen Freunde 
lassen nicht nach; der Praktikus mag wollen oder nicht, er muss 
seine Beobachtungen der Oeffentlichkeit übergeben. So war es schon 
bei Purmann, so war es bei Schmucker, Bilguer, Theden und 
vielen Anderen. Damit in Verbindung stehen dann die Erklärungen, 
dass man keine Zeit gehabt habe, das Material besser zu sichten 
und grössere Sorglalt auf die Schreibart zu verwenden. Das war gar 
nicht so schlimm, wenn man andere Schriften jener Zeit — einzelne 
Koryphäen ausgenommen — daraufhin durchsieht. Da herrscht eine 
wilde Orthographie, die oft nur durch willkürliche Reformbestrebun- 
gen erklärt werden kann; wir nennen als Beispiel nur des fleissigen 
und hochgebildeten Yoitus Reden an die jungen Wundärzte, in denen 
u. A. von einer „Ban zum Rum" die Rede ist. Allerdings machten 
sich einige Kritiker gerade darüber her, wie der boshafte Tode in 
Kopenhagen, dessen Urtheile schon damals, z. B. in dem Taschen- 
buch für deutsche Wundärzte (1783) für wenig maassgebend er- 
achtet wurden^). 

Schmucker stand, als er aus Paris zurückkam, sicher in dem 
Rufe emes geschickten Operateurs; in dem Jahre 1739 sind eine 
grosse Zahl von Operationen von ihm ausgeführt, Steinschnitte, Bruch- 
schnitte u. a. m., zu denen er von namhaften anderen Aerzten, auch 
von Theden, aufgefordert war. Auch seine erste Beobachtung des 
Bisses toller Hunde machte er in diesem Jahre (Wahrn. II, S. 544). 
Dem sofort ins Lazareth gebrachten Musquetier wurden Strümpfe 
und Stiefel ausgezogen und verbrannt, die Wunde am Unterschenkel 
mit lauem Wasser ausgewaschen, durch tiefe Einschnitte erweitert, 
in die nachher Spanischfliegenpulver eingerieben wurde. Das gab 



1) Diese Krittken erscliienen als ,,MedicinisGh-chirurg. Bibliothek" in Kopen- 
hagen. Im Taschenbuch für deutsche Wundäizte (1783, S. 149) wird Tode als 
kritischer Lustiffmacher und Possenreisser bezeichnet. 



— 174 — 

nachher eine grosse faule Wunde, die erst nach 4 Wochcji heilte; 
ausserdem wurde fleissig abgeführt. Der Manu blieb gesund. 

In derselben Zeit war er in Vertretung Holtzendorff's damit 
beauftragt, die Pensionairs und Unterchirurgen für die Charite aus- 
zuwählen. 

Während des ersten Schlesischen Krieges ^) war er noch Regi- 
mentsfeldscheerer des Sydow'schen Regiments. Als am Tage nach 
der Schlacht bei Mollwitz alle Verwundeten nach der Stadt Ohlau 
ins Lazarcth gebracht wurden, musste Schm. auf Königliche Ordre 
sich ebenfalls dorthin begeben (Wahrn. 11, S. 503). Noch im Jahre 
1751 musste er einem 10 Jahre vorher bei Mollwitz verwundeten 
Grenadier von der ersten Garde ein Eisenstück aus der rechten J_.ende 
herausschneiden, weil es heftige Schmerzen verursachte. „Da Ihre 
Majestät diesen Menschen sehr gut kannten; so musste ich dieses 
Stück Eisen vorzeigen, und Sie haben es auch aufbehalten" (Wahr- 
nehm. II, S. 40). Im Jahre 1744 stand er bei dem Blankensee'schen 
Regimente (W. II, S. 5). Nach der Schlacht bei Kesselsdorf 
in Meissen 'thätig, kehrte er nach Friedensschluss in seine frühere 
Stellung und nach Berlin zurück. 1746 war er beim Dohna'schen 
Regiment. Schaarschmidt nennt ihn den geschickten, fleissigen, 
mit vollem Ruhm hier practisirenden Regimentsfeldscheer dieses 
Hochlöbl. Regiments. Zur Garde kam er erst 1749; er erzählt 
(Wahrnehm. IL S. 157), dass Ihre Majestät ihn im Jenner d. J. 
von Berlin nach Potsdam genommen und ihm die Kranken Dero 
Leibgarde anvertrauet hätten. Weiter geht aus S. 545 hervor, 
dass er noch 1753 bei der Garde stand. Die Feldscheerer bei 
der Garde bekamen besondere Zulagen, waren besser gekleidet 
und hatten damals und noch sehr lange nachher viel bessere Aus- 
sichten, vorwärts zu kommen, als ihre Kameraden von der Linie; 
nur sie konnten Pensionairs und nach der Ausbildujig am Collegium 
und der Charite Regimentsfeldscheerer werden. Als Schm. Kom- 
pagniefeldscheerer bei der Garde war (bis 1737), mussten freilich 
dafür „diese Leuthe, die wegen ihrer ausserordentlichen Grösse und 
Schönheit von des Höchstseligen Königes Majestät besonders ge- 
schätzt wurden, mit aller nur möglichen Treue, Fleiss und Sorgfalt 
behandelt werden". (Vorrede zu den Wahrnehm., S. 29.) Unter 



^) Walirnehm. I. 539, Öchussvevletzung- des Oberkiefers aus dem J. 1742; 
auch in H. Fischer's Kriegschirurgie erwähnt. (S. auch Schaarschmidt 1. c. 
V, S. 340.) 



— 175 — 

Friedrich dem Gr. wird diese Schätzung nicht mehr ebenso gross 
gewesen sein. 

Schmucker sclieute den Kugelregen nicht, wenn es galt, Hilfe 
zu bringen: es wurde schon erwähnt, dass er bei zwei Gelegenlieiten 
nicht unbedeutend dabei verletzt wurde. Wir lassen ihn selbst be- 
richten (Wakrnehra. I, S. 552 u. 104): 

ich selbst habe es erfahren, mit welchen Beschwerlichkeiten Wunden dieses 
Theils verknüpft sind, wenn der Knochen auch nicht zerbrochen ist. Denn ich 
bekam den neun und zwanzigsten September 1745 in der Schlacht bei Soor, da 
ich einen Officier, einen meiner besten Freunde, welcher durch den Arm geschossen 
worden, verband, einen Musketenschuss durch den fleischigten Theil des Kinnes 
mit Berührung des Knochens, so dass die Kugel drey quer linger breit unter dem 
Kinne wieder herausgieng. Das Regiment, bey welchem ich mich befand, musste 
einen Berg, welchen der Feind mit sechs Kanonen besetzt hatte, die vielen 
Schaden anrichteten, ersteigen. Kaum hatte ich diese Wunde empfangen, und 
wollte mich wieder zurück begeben, so bekam ich auf der linken Seite des Halses, 
in der Gegend des Musculi Sternomastoidei durch die Halsbinde von neuem einen 
Schuss, und diese Kugel musste auf der Mitte der Scapula herausgeschnitten 
werden ... 

Und sodann erzählt Schm.: 

Den sechsten May 1761 bekam ich zu Ende der Prager Bataille auf dem 
Ideinen Augenwinkel der linken Seite, gerade auf dem Rande der Orbita. einen 
matten Flinten-Schuss, nach welchem ich sogleich vom Pferde fiel und einige 
Minuten sinnlos lag. Es entstand an diesem Orte sogleich eine Geschwulst von 
der Grösse eines Eyes; vier Tage lang schnatibte und spuckte ich Blut und hatte 
während der Zeit die heftigsten Schmerzen. Meine vielen Geschäfte erlaubten 
mii- nicht, die gehörige Sorgfalt vor unch selbst anzuwenden, und wer die A er- 
richtungen kennt, welche einem General-Chirurgus nach einer vorgefallenen Schlacht 
obliegen, der wird mich gewiss bedauern . . . 

Im siebenjährigen Kriege war Schmucker erster Generalchirurg 
und folgte der Armee des Königs (Bilgucr war zweiter und Theden 
interimistischer General chirurg) ; gleichzeitig wurde er Direktor der 
chirurgischen militärischen Feldhospitäler. Es ist wohl in das Gebiet 
der Fabel zu verweisen, dass er nur desshalb Generalchirurg geworden 
sei, weil er ein in Frankreich erfundenes Ptilver verfertigt habe, bei 
dessen Gebrauch ein 3Iensch 8 und mehr Tage ohne weitere Nahrungs- 
mittel sich erhalten sollte. Man soll auch praktische Versuche (ein 
Offizier und drei Grenadiere; damit angestellt haben, die günstig aus- 
fielen. Das Pulver wurde desshalb in grossen Mengen für die Armee 
hergestellt, nachher aber wenig gebraucht i;. In den grossen Schlachten 



1) So erzählt König in seinem Versuch einer historischen Schilderung Ber- 
lin"s 1798. 5. Theil. 1. Heft. S. 172. ~ Atich Buch holz erwähnt es im Histo- 



— 17(i — 

lind BclugcfLingen — ci' war bei denen von Prag, Schvvcidnitz, Olmütz 
und Dresden — war die Menge der Verwundeten so gross, dass er 
sie niclit alle genau beobachten konnte; auch konnten sie oft erst so 
spät in's Lazareth gebracht werden, dass sie lur operative Eingriffe, 
besonders für die Amputation, schon zu erschöpft waren. Auf dem 
Schlachtfelde konnten nur Wenige verbunden werden; dass es ge- 
schah, beweisen u. A. die „Wahrnehmungen" Bd. I, S. 533 und 535, 
und die eigenen Verwundungen. Schmu cker's. Eine ganze Reihe 
von Mittheilungen von Schmucker, Bilguer, Theden u. a. Chi- 
rurgen beziehen sich auf die einzehien Schlachten, Belagerungen und 
Gefechte; in den ersten Schlesischen Kriegen, bei Mollwitz und 
Czaslau; bei Prag, Hohenfriedberg, Soor und Kesselsdorf, 
konnte Schm. nur einzelne besonders interessante Fälle genauer be- 
obachten und beschreiben. Erst im siebenjährigen Kriege hatte er 
Gelegenheit, eine bestimmte Gruppe von Verletzten, die Kopfverletzton, 
von den anderen zu trennen, besonders sorgfältig zu beobachten und, 
wie wir sehen werden, für Wissenschaft und Praxis in für jene Zeit 
mustergiltiger Weise zu verwerthen. 

Zu Anfang des Krieges, 1756, legte Schmucker für die Armee, 
die unter dem Befehl des Generalfeldmarschalls Grafen von Schwerin 
aus Schlesien in Böhmen einrückte, ein Feldlazareth in Gl atz an-). 
Dann kam die blutige Schlacht bei Prag, die Niederlage bei Kollin, 
mit einem Verluste von 13000 Mann (darunter 326 Offiziere; von dem 
Garde-Regiment waren nur 250 übrig): Schmucker hatte hier u. A. 
den Kapitän v. Goerne an einem Brustschuss glücklich behandelt; 
bei Leuthen, wo er sein Lazareth in Neumarck hatte (Wahrehm, II, 
S. 258 und 509); in Breslau, im folgenden Jahre bei Schweidnitz, 
Olmütz, Z'orndorf (30000 Russen f); bei Hochkirch (Verlust der 
Preussen 10000 Mann); 1759 bei Knnersdorf (8000 f, 15000 ver- 
wundet, 3000 gefangen) : in dem „schrecklichen und unnützen "VVinter- 
feldzug von 1759/60, nach dem es schien, als solle der 5-Millioncn- 
staat den vereinigten 90-Millionenstaaten unterliegen" (Preuss) wer- 
den die vorhandenen ärztlichen Kräfte auch bei äusserster Anstrengung 
jedes Einzelnen oft genug unzureichend gewesen sein. Im August 
1760 in der Schlacht bei Liegnitz fand er seinen Freund Goerne 



risch-genealog. Kalender für 1825 in einer „Geschichte von Berlin und Potsdam 
unter der Regierung Friedrichs des Grossen". — In Schmuck er 's Schriften ist 
keine Andeutung über dieses wunderthätige Pulver, das an das Kauen der Cola- 
Blätter bei den Indianern erinnert, zu finden. 

^) Wahrnehm. I. S. 361. Bei Lowositz und Pirna scheint Schm. nicht selbst 
praktisch thätig gewesen zu sein. 



— 177 — 

wieder mit 11 Wunden, darunter 7 zum Theil scliweren Kopfwunden: 
er wurde gelieilt und war nachher Oberst und Intendant von der 
Armee'). Schmucker bericlitet weiter, dass nach glücklich er- 
folgtem Siege sogleich auf dem Schlachtfelde Victoria geschossen 
wurde, und dass er von des Kiniigs Majestät den Befehl bekam, alle 
Verwundeten sogleich verbinden zu lassen und auf Wagen zu bringen, 
weil die Armee an diesem Tage noch 3 Meilen marschiren müsse. 
Dieses war ein schwerer Auftrag; aber er musste vollzogen werden. 
In kaum 2 Stunden waren alle Proviant-, Park- und ßrodwagen, die 
sich bei der Armee befanden, mit den Schwerverwundeten beladen; 
die Leichtverwundeten musstcn nebenher marschiren. Es blieben aber 
noch 500, mehren theils an den oberen Gliedmassen Verwundete übrig. 
Durch Vermittelung des ersten Königl. Generaladjutanten v. Kruse- 
marck, durch welchen Schm. alle Königl. Ordres bekam, erreichte 
er es, dass ein Regiment Dragoner absass und die Pferde, auf die 
die Verwundeten gesetzt waren, führte. Am "d. Tage kam dieser 
originelle Sanitätszug in Breslau an. „Vielleicht kann diese kleine 
Anekdote Einem oder dem Anderen nützlich sein." 

Wir liönneii nocli mehrere Beispiele dafür nennen, wie Schm. sich bei dem 
Transport A^on Verwundeten zu helfen wusste. Ein Kapitain von Wedel, dem 
eine Kanonenkugel den Fuss zerschmettert hatte, musste sofort in einer Kutsche 
weitertransportirt und am ntächsten Tage a. 0. d. W. ampntirt werden. Die 
Armee brach auf, und der König befahl, den üperirten weiter zu bringen. Schm. 
liess an einem Feldbette zween Bäume befestigen, dass es durch zwey Pferde ge- 
tragen werden l^onntc, und liess über dasselbe Bügeldecken legen. So gieng es 
die ganze Nacht' hindurch in einer bergigten Gegend, Umstände, die den üblen 
Ausgang (y am 10. Tage) wohl erklärten. — Bei der Belagerung von Schweidnitz 
erlitt der Kapitain v. Pvüitz einen offenen Bruch beider Unterschenkel. Aus- 
giebiges Debridement, Verband mit warm gemachtem Spiritus. Nach 6 Wochen 
wurden alle Verwundeten in die eroberte Festung gebracht. Schm. liess dafür 
wieder ein Feldbette mit starken Seiten-Bäumen herrichten, so dass die ganze 
Maschine bequem von zwey Parkpferden getragen werden konnte. Auf dieselbe 
Weise wurde der Kranke 7 Wochen später von Schweidnitz nach Breslau geschafft. 
Die ganze Kur dauerte 2 .Jahre, aber dieser Herr konnte nachher nicht allein 
gehen, sondern auch tanzen und reiten. (Wahrnehm. II, 523). — In. Striegau 
wurden alle Verwundeten in einer Kirche untergebracht; bei der Belagerung von 
Schweidnitz, wo das Lazareth in Neudorf errichtet war, ling es an, in den 
grossen Scheunen zu kalt zu' werden. Schm. liess einen massiven Schafstall 
reinigen, woran 20 Menschen über S Tage lang zu thun hatten; dann wurde eine 
Pveihe von Fenstern darin ana-ebracht. und alle Kranken bezeugten ihre Zufrieden- 



1) Wahrnehm. 1. S. 345 if. Ebenda beiindet sich der Bericht über die Fort- 
schaffung von 500 Leichtverwundeten auf Dragonerpferden. 

Veröffentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 13. Heft. 10 



— 178 — 

heil lind Vergnüg-en iilier diese Veränderung. (Einleitung zum 1. Bande der 
Walirnehiii. Vergl. auch I, S. 404.) 

Im NoY. 1760 war die Schlacht b«! Torgau; hier war die Be- 
sorgung der Verwundeten durch Kälte und Nässe selii' erschwert; in 
demselben Jahre waren bei Dresden 1478 Todte und Verwundete; 
(bei Torgau waren 12000 Oesterreicher und 10000 Preussen todt 
oder verwundet). Das Letzte, worüber Schmucker ausführlich be- 
richtet, sind seine Erfahrungen bei der Belagerung von Schweidnitz 
durch die Oesterreicher, bei deren Beginn (1761) er das Unglück 
hatte, mit seinem ganzen Lazareth gefangen zu werden (Wahrnehm. II, 
S. 135). Nach 5 Tagen wurde er auf Parole entlassen. Die Preussische 
Belagerung (1762), die mit der Wiedereroberung von Schweidnitz 
endigte, fing am 4. August 1762 an, und bei dieser etablirte Schm. 
sein berühmtes Belagerungslazareth. Auf den übrigen Schlachtfeldern 
des siebenjcährigen Krieges, besonders da, wo die Armee des Prinzen 
Heinrich kämpfte, wirkten Bilguer und Theden. 

Der Krieg war zu Ende, der Frieden zu Hubertusburg ge- 
schlossen. -Preussen hatte 190000 Soldaten und 33000 Einwohner 
verloren, in 16 Schlachten gekämpft und 8 Hauptniederlagen erlitten; 
die Oesterreicher hatten 140000 Mann, die Franzosen 200000, die 
Engländer und ihre Verbündeten 160000, Schweden 25000, das 
Reichsheer 20000, die Russen 120000 Mann verloren. Friedrich 
der Grosse kehrte als Sieger zurück, aber nicht als Triumphator; 
den Festlichkeiten, dem feierlichen Einzug ging er aus dem Wege. 
Sein erster Besuch galt seinem alten schwerkranken Lehrer Duhani). _ 
Die Leistungen seiner Feldärzte und Kriegschirurgen in den zahl- 
reichen Schlachten wurden von ihm voll anerkannt; sein Tadel, seine 
Unzufriedenheit über die mangelhafte Ausführung seiner Befehle galt 
Armecverwaltungen und Behörden, auf welche die Acrzte damals keinen 
Einfluss hatten, deren Thätigkeit auch von ihnen scharf verurtheilt 
wurde. Die gehässigen Angriffe des früheren Generals von Warnery, 
und die unglaublichen, von Gift und Galle strotzenden Schmähungen, 
die ein wahrscheinlich österreichischer Anonymus i. J. 1790 erscheinen 
liess^), sind längst der verdienten Vergessenheit anheimgefallen, ob- 
gleich ein Thcil derselben noch i. J. 1867 (2. Aufl.) von Onno Klopp 
wieder vorgebracht wurde. J. D. E. Preuss berichtet 1833 (Friedrich 



.i)Preuss, Erinnerungen an Friedrich den Grossen in Bez.ug auf seine 
Armee. Berlin 1854. Vergl. König's histor. Schilderung. 1786. Bd. V. — Nach 
Buchholz (1. c. p. 148) hat dieser Besuch schon 1745 stattgefunden. 

2) Lexikon aller Anstössigkeiten und Prahlereyen, welche in den sogen. 
Schrii'len Friedrich des Grossen vorkommen. Leipzig 1790. — Vergl. dazu u. A. 



— 179 — 

d. Gr., Bd. II, S. 378), dass Warn er y 's Vcrläunidiiiigcn schon im 
Jahre ihrer Veröffentlichung (1788) von Baldingcr, später von Hörn 
und Theden zurückgewiesen seien. Baldinger's Schrift ist von 
Archenholtz aufgenommen. Auch der Feldprediger Küster und Co- 
thenius weisen die Angriffe W.'s energisch zurück^). 

Schmucker, der Königl. Preussische Erste Generalchlrurgus von 
der Armee, kehrte reich an Erfahrungen und Erfolgen als berühm- 
tester Chirurg in Deutschland zurück; auch Männer, wie leichter in 
Göttingen, erkannten nachher sein Wissen und seine Geschicklichkeit 
öffentlich an. Neben einer ausgedehnten praktischen Thätigkeit sorgte 
er in seiner amtlichen Stellung für die bessere Ausbildung der Feld- 
scheerer; auf seine Vorstellung wurde 1777 die Zahl der Pensionäre 
von 9 auf 12 erhöht; später auf 16, wodurch die französischen 
Pensionairs, von denen Poirier einer der letzten war, ersetzt 
wurden. 

Seine schriftstellerische Thätigkeit begann Schmucker, 
abgesehen von einzelnen Beiträgen für die mediz. und chirurg. Berlini- 
schen wöchentlichen Nachrichten (1739 — 48) von Schaarschmidt, 
im Alter von 62 Jahren; im J. 1774 erschien (Berlin u. Stettin) der 
erste und zweite Band seiner „Chirurgischen Wahrnehmungen"; 
die 2. Auflage wurde 1789, also 3 Jahre nach seinem Tode, heraus- 
gegeben. Unter dem Titel: „Wahrnehmungen aus der Wundarznei- 
kunst" erschien 1792/93 in Frankenthal ein einfacher Nachdruck der 
letzten Auflage. 

Im J. 1774 kam auch der erste Band seiner „Vermischten 
chirurgischen Schriften", dem 1779 der zweite und 1782 der 
dritte Band folgte, heraus; in ZAveiter Auflage wurde 1785 und 1786, 
also kurz vor seinem Tode, nur der erste und zweite Band fertig. 

Den Inhalt des ersten Theiles der Wahrnehmungen, die 
Hall er in der Bibl. chir. II, S. 588, als egregium opus bezeichnet, 
bilden fast ausschliesslich Fälle von Kopfverletzung, die Schm. in 
dem Belagerungslazareth zu Neudorf vor Schweidnitz 1762 be- 
obachtet hatte. In der Einleitung schildert er das Lazareth, die Art 
der Vertheilung der Kranken, die für den ärztlichen Dienst getroffenen 
Bestimmungen, die Listenführung u. s. w. Hier hatte er zum ersten 



G. l^'isclier, Knorr und G. Jost, Gesammelte Werke Friedrichs des Grossen, 
sowie Preuss, Geschichte des Friedr. Wilh. -Instituts, Berlin 1819 und v. Richt- 
hof en, 1. S. 77, wo auch Baidinger und Theden citirt werden. 

1) Der bereits Seite 168 erwähnte, von Baldinger mitgetheilte Brief des 
Cothenius ist hinten als Anhang abgedruckt, 

12* 



— 180 — 

I\Ial Gclciionhcit iiiul geiiügoiuh^ Miilfe. um ueiuiur l>cf)hacliiun,i;oii an- 
ziistcJlcii. Die Ocffniing seiner zwölf ersten an Haupt-AVunden ver- 
storbenen Kranken brachte ihn auf den Gedanken, kalte Fonien- 
tationen anzuwenden, „welche er hernach in der Folge beständig 
nützlich nnd wirksam fand." In frischen Fällen konnte dadurch 
nicht selten die Trepanation vermieden werden. Schm. würde am 
liebsten Eis genommen haben; es war aber nicht zu beschaffen. Das 
Wasser wurde mit AVeinessig und Salmiak vermischt und an einem 
kalten Orte aufbewahrt. Den Kopfverletzten wurden auch bei an- 
scheinend geringen Verletzungen die Haare abrasirt, die Wunden 
erweitert und verbunden ; darüber kam ein dicker, in die kalte Fo- 
mentation eingetauchter, den ganzen Kopf deckender Frieslappen. 
Diese Umschläge mussten auch nach der Trepanation, die nach Schm. 
immer noch sehr häufig, z. B. auch bei Hiebwunden, nöthig war, fort- 
gesetzt werden. Für den A'erband selbst wurde sein Liquor me- 
ningum (Schusswasser, Balsam. Comraendatoris mid Rosenhonig) ge- 
braucht. Dieses „Baume de Commandeur" bestand allein aus 11 Sub- ' 
stanzen. Seine Erklärung der Wirkung dieser Umschläge steht natür- 
lich nach heutigen Begriffen auf schwachen Füssen; ebenso die der 
Häufigkeit von „A^ereiterungen der Leber" bei Kopfverletzungen (S. 159). 
Ausser den 12 Todesfällen berichtet Schm. in diesem ersten Theile 
noch über 26 z. Th. recht schwere Kopfverletzungen, die durch Tre- 
panation geheilt wurden, auch über einen Fall von heftigem, anhal- 
tendem Kopfschmerz an einer umschriebenen Stelle, bei dem nach der 
Trepanation, obgleich nichts Krankhaftes gefunden war, doch eine 
Jahre lang bestehende Heilung eintrat. Am Schluss kommen dann 
noch einige Fälle, bei denen er sein „gewöhnliches Augenwasser" mit 
grossem Nutzen gebraucht hatte: er hielt es geheim und sucht diese 
„Geheimnisskrämerei" mit vieler Mühe zu erklären und zu ent- 
schuldigen: 

Es stärkt nicht allein die Angen, sondern heilt and zertheilt auch die 
Flecken, welche oftmahls nach Entzündungen in der durchsichtigen Hornhaut zu- 
rückbleiben. Ich weiss nicht, ob man es einem Arzte eben verdenken kann, wenn 
er ein solches Mittel, von dessen Würkung er durch viele glückliche Proben über- 
zeugt ist, vor sich behält. Wäre das Publicum billiger gegen die Aerzte gesinnt, 
so würde ein jeder rechtschaffene Mann eine solche Zurückhaltung unbillig finden. 

Unterdessen habe ich noch das Bevspiel anderer grosser Aerzte vor mir 

(S. 515). 

Der zweite Theil der Chirurgischen AVahrnehmungen handelt 
von den Verwundungen und Krankheiten der Brust, des Unterleibes 
und der übrigen Gliedmassen, und besteht aus 50 Beobachtungen; in 



— 181 — 

der Einleitung betont Sohmucker, dass nach seinen Versnclien der 
Schierling beim F(rebs ohne Nutzen sei; er weist auf seine Me- 
thode der Bruchoperation (Abbinden hoch oben, Abschneiden des 
Bruchsackes nach sorgfältiger Ablösung vom Funiculus), auf Flurand's 
(Fleurant's) Methode des Blasenstichs vom Mastdarm aus, die auch 
von Bouness und Theden empfohlen war, auf den Steinschnitt nach 
Ic Dran und seine Vorzüge hin und erklärt, dass er eine besondere 
Abhandlung über die Amputation schreiben werde. Dieselbe bildet 
den Anfang der „Vermischten chirurgischen Schriften." Man 
ist seiner Meinung nach mit der Verwerfung der Amputation zu weit 
gegangen; wenn auch einige französische Wundärzte diese Operation 
zu unvorsichtig und in Fällen, wo sie gar nicht nöthig war, aus- 
geübt haben ; wenn es auch oft gelingt, schwier verletzte Glieder zu 
erhalten, wie Schra. selbst durch mehrere mitgetheilte Fälle (z. B. 
S. 506 u. 524) beweist, so bleiben doch noch genug Fälle übrig, in 
denen sie das einzige Mittel ist, den Verletzten am Leben zu er- 
halten. — Vier durchbohrende Brustschüsse mit Ausgang in 
Heilung trotz Lungenverletzung geben ihm Gelegenheit, Prognose und 
Behandlung, auch der Komplikationen, wie des Emphysems u. s. w., 
zu besprechen. Die Verbände sind schnell anzulegen, damit die Luft 
nicht an die Wunde kommt; das Zimmer muss — auch bei der 
Thoracocentese — warm sein: Kopf-, Brust- und Bauchwunden, wie 
auch die mit zerschmetterten Gliedern, lässt Schm. nie ohne Kohlen- 
feuer verbinden; ähnlicii verfuhren auch Theden und Bilguer. Da- 
durch sollte auch die Luft verdünnt werden. Li der Herstellung der 
nöthigen grossen Plumaceaux mussten schon die jungen Chirurg! in 
der hiesigen Königl. Charite, aber auch ihre vorgesetzten Pensionair- 
Cliirurgi, und im Felde alle Untergebenen Schmucker's sich eine 
grosse Fertigkeit aneignen. — Pistor theilt eine interessante Schuss- 
vcrletzung des Unterleibes durch 2 Kugeln, eine eiserne und eine 
bleierne, mit, von denen die erstere erst nach 16 Jahren Beschwerden 
machte und entfernt wurde. — 2 Lanzenstiche im Hypochondrium 
mit Netzvorfall heilten glatt. — Die übrigen Beobachtungen beziehen 
sich auf die Operation des Brustkrebses, für den Schm. ein beson- 
deres Instrument, den „chirurgischen Pfriem" bevorzugte, der Hernien, 
der Hydrocele, des Steinschnittes, ferner auf verschiedene Schussfracturen 
und zum Schluss auf eine Reihe von theils von ihm selbst, theils von 
anderen Aerzten mitgetheilten Fällen vom „tollen Hundebiss und der 
Wasserscheu." 

Die „A^ ermischten chirurgischen Schriften" bestehen, ähnlich wie 
unsere heutigen zwaneiosen Hefte und. bis auf das regelmässige Er- 



— 182 — 

scheinen, wie unsere Zeitsehriucn. aus einer Reihe von Beiträgen des 
Herausgebers und anderer Chirurgen, von denen die grosse Mehrzahl 
als Regimentsfeldscheerer in persönlichem und dienstlichem Vcrhältniss 
zu Schmucker stand. Dieser wollte dadurch unter den Wundärzten 
unserer ArDiee eine nähere Vereinigung stiften, um sie aufzufordern, 
mit ihm das Ihrige zur Ausbreitung der Chinirgie in unserem Vater- 
lande beyzutragen. Er fängt selbst an mit einer Untersuchung über 
die Abnehmung der Glieder, die schon oben erwähnt wurde, und mit 
einer Abhandlung über die Blutige!: dann kommt J. A. Theeden. 
dritter Generalchirurgus des Königs, mit einer Beschreibung seiner 
Maschine (Schienenverband) zur Heilung der Brüche des Oberschenkels. 
Von den übrigen 52 Beiträgen des ersten Bandes, die fast nur aus 
kurzen Krankengeschichten bestehen, ist noch von Bingert eine 
Heniia epigastrica nach Stoss, Xetzvereiterung , Laparotomie, ein 
Degenstich durch den Leib mit spontan heilenden Kothfisteln, von 
Conradi eine durch einen Stein entstandene Kothfistel, ein Mastdarm- 
polyp, zwei geheilte Gelenkwunden (Nutzen des kalten Wassers), von 
Schumacher eine Hüftluxation. von Engel ein Fall von Gangrän 
der Genitalien, eine schwere Schussverletzung des Hinterkopfes, ein 
Fall von Gehirntumor (Steatom) links zwischen Dura und Pia. bei 
der Sektion gefunden: von AVurm eine Trepanation bei extraduralem 
Hämatom, von Köhler eine Hiruerschütteruug mit üblem Ausgang, 
der, wie der Herausgeber hinzufügt, durch die Anwendung warmer 
Umschläge verschuldet ist; von Ramdohr, Bergchirurgus zu Zeller- 
felde^), ein Schädelschuss, bei dem die Kugel durch einen Sinus 
frontalis in"s Gehirn eingedrungen war; Tod nach -1 ]\Ionaten, Sektion: 
ferner einige Fälle von Wirbelluxation von Seil in und Rüdiger, bei 
denen theils durch Extension und Druck, theils durch Druck allein 
Heilung erzielt wurde, von Spornzer eine Schusswunde durch beide 
Lungen mit Zerschmetterung der Scapula (es war nur die linke Lunge 
durchbohrt . ein von Bloch mitgetheilter Fall von Verschlucken zahl- 
reicher Glas- und Eisenstücke, Haarnadeln, Knöpfe, Schnallen, Nägel, 
Stecknadeln und Tabacksöl. Im Laufe eines halben Jahres gingen 
157 Glasstücke, 102 Stecknadeln, 150 Nägel u. a. m. mit dem Stuhl- 
gange ab. Köhler berichtet ferner über eine Infusion von Brechweinstein- 
lösung in eine Armvene bei Erstickungsgefahr durch ein im Oesophagus 



^') R. ist bekannt durch seine Dannnaht. Den obigen Fall behandelte er 
1759 als Regimentschirurgus des Lackner sehen Regiments in einer Afifaire unweit 
Münster: er spricht hier von seinem fliegenden Lazareth. in das der schwer 
verwundete Husar gebracht wurde. 



— 183 — 

festgeklemmtes Fleiscbstück. Nach Y2 Stunde Erbrechen, welches so 
heftig wurde, dass das Stück 8 Fuss weit wegHog. Dieselbe Art 
kasnistischer Mittheilungen enthält auch der 2. und 3. Band: wir 
können, ohne zu weitschweifig zn werden, nur noch hhiweisen auf 
eine schwere Herniotomie und einige schwere Kopfverletzungen von 
Schmucker, mehrere Mittheilangen von Ollenroth (Stichverletzung 
der Lunge, des Herzbeutels und der Herzspitze; Nutzen des Kalk- 
wassers bei Nephritis und Cystitis u. a. m.), von Hörn (Missbrauch 
des Aderlassens bei forcirten Märschen oder bey heissen und schwülen 
Tagen) 1), von Völker (Bauchschuss und Abgang der Kngel mit dem 
Stuhlgang), von Budcus (Nutzen der Amputation bei entkräfteten 
Kranken), von Seilin (Heilung eines grossen Kropfes, der in Eiterung 
übergegangen war), von Völker (Schädlichkeit des Branntweins) u. s.w. 
Viele dieser Mittheilungen, auch noch im letzten Bande, werden durch 
angefügte Bemerkungen Schmucker's erläutert und von ihm durch 
selbst beobachtete ähnliche Fälle erweitert; manche darunter haben 
heute jeden Werth verloren; aber viele sind berühmt geworden und 
geblieben bis auf unsere Zeit. In der Biographie medicale heisst es 
von Schmucker's Werken: „II serait ä desirer cpie nos chirurgiens 
les consultassent quelquesfois." 

Die chirurgischen Rathschläge Schmucker's waren die Früchte 
seiner reichen Erfahrungen; er hat zwar grossen Respekt vor der 
Theorie, vor den Hypothesen, die er für sehr nützlich und nothwendig 
hält; aber ein Quentchen Erfahrung überwieget allemal viele Pfunde 
glänzender Theorie, und ein planer Vortrag wird eher begriffen, als 
eine ausgeputzte Theorie, die vor dem Krankenbette nichts hilft-). 
Das passte. schlecht in eine Zeit, in der die Philosophie und ihre 
Systeme die ganze Wissenschaft beherrschten. Mursinn a sagt dess- 
halb auch 1804 in seiner Geschichte der Preussischen Chirurgie, es 
habe Schmucker an philosophischen und ächten medizinischen Kennt- 
nissen gefehlt, daher auch durch ihn nur die Operativ- Chirurgie 
verbessert und bereichert worden sei. Die grossen Verdienste 
Schmucker's um die Behandlung der Kopfverletzten, besonders 
durch die Einführung der kalten Umschläge, wurden schon erwähnt. 



^) Beobachtung aus dem Feldzuge 1760. Der König hatte befohlen, alle 
Wagen aus der Umgegend zusammenzubringen, um die umgefallenen Soldaten 
fortzuschaffen: allein wegen der Menge wollte dieses doch nicht zureichen. Man 
erzählte damals, dass wir bei diesem Marsche 300 Mann (durch Hitzschlag) ver- 
loren hätten; das hält Hörn allerdings für übertrieben. 

-) Aus dem 1782, als Schm. 70 .Jahre alt war, erschienenen o. Bande der 
Vermischten chir. Schriften. 



— 184 — 

Ein AiKiurysiiia nach Aclerlass heilte er dmcli doppelt c l^nterbindung 
und Durchschneid ung (AVahrn. II, 8. 490), sah eine Schnittwunde der 
Speiseröhre heilen, ein fast ganz abgetrenntes Stück der Nase wieder 
anwachsen (Wahr. I, S. 533); Blutungen aus der Art. intercostalis 
stillte er durch Taraponade; entstand trotzdem Haemothorax, dann 
empfahl er, ähnlich wie A. G. Richter (Anfangsgründe der W. A., IV), 
die Paracentese H. ü. — Bei grossen Hydrocelen wurde, auch wenn 
die Radikaloperation beabsichtigt wai-, erst punktirt, bei Ascites in 
einzelnen Fällen selir oft, 50 — 70 Mal in mehreren Jahi'en das Wasser 
abgelassen. — Von seinen Steinoperationen war schon die Rede; die 
Operation „ä deux teras",. wovon die Franzosen viel Wesens machen, 
hält er für überflüssig; ja, ein Fall, in dem er dazu genöthigt war, 
(Verra. Schrift III) verlief tödtlich. Er beobachtete auch Blasen- 
steine nach Schussverletzungen, deren Kern eine Gewehrkugel oder 
ein anderer Fremdkörper war (Wahrn. II, S. 369). Sonst entstehen 
Blasensteine aus kleinen Nierensteinen. Die Zertrümmerung des 
Steines von der Dammwunde aus war Schm. wohl bekannt. — Bei 
der Castration unterband er den Samenstrang in toto; er sah nie 
Convulsionen danach eintreten und hielt dieses Verfahren desshalb 
für besser, als die Tamponade nach Theden. Auch Mursinn a 
glaubte nicht, dass die Unterbindung des ganzen Saraenstranges ge- 
fährlich sei; er machte sie 64 Mal und sah 2 Mal Trismus darauf 
folgen 1). — Beim Brustkrebs hilft nur das Messer; den Schierling 
u. a. Arzneimittel versuchte er Anfangs oft und lange, fand aber, dass 
sie alle nur schädlich waren. Sichere Kennzeichen dafür, ob ein 
Tumor Krebs sei, oder nicht, giebt es nicht; Schm. glaubte beob- 
achtet zu haben, dass Kranke mit Krebsgeschwülsten die Operation 
nicht mehr vertrügen, wenn sie an Entzündung der Lidränder litten; 
dann war die Krankheit keine örtliche mehr (Wahrn. II, S. 121 u. 140). 
Der Brustkrebs giebt ihm Gelegenheit, gegen die Schnürbrüste ä la 
Pompadour bei Männern und AVeibern und gegen andere Mode-Narr- 
heiten mit grosser Energie zu Felde zu ziehen; die Schnürbrüste hält 
er für eine der Ursachen des Brustkrebses-). 

Seine Ansichten über die Amputation wurden schon erwähnt; er 
nimmt darin eine vermittelnde Stellung ein. Die Exartikulation im 



^) Die Furcht vor der Ligatur des Samenstrangs, wegen der Gefalir des Te- 
tanus, der häufigen Complikation der Castration hei Pferden (daher eine Zeit lang 
l'origine equine du tet.) hat sich auch nach Entdeckung des T. -Bacillus noch 
lange erhalten. 

-) Vergl. auch die Erklärung über die Entstehung des Skirrhus im Taschen- 
buch für Deutsche Wundärzte. 1783. S. 61 u. 87. 



— 185 — 

Ellenbogen und Kniegelenk hielt er für falsch, weil die Bedeckung 
nur mit Haut nicht genügend sei; die Exarticulatio humeri und 
femoris iiess er gelten; letztere zog er Anfangs sogar der hohen 
Amputation vor; später überzeugte er sich, anch dui'ch Versuche an 
Leichen, von der grossen Schwierigkeit dieses Eingriffs und nannte 
sie die grausamste Operation in der ganzen Chirurgie (Verm. chir. 
Schriften. I. p. 48). Für die Blutstillung bei der Amputation bevor- 
zugte er bei grösseren Arterien die Zange, weil man mit ihr das Ge- 
fäss besser isoliren könne, als bei der Umstechung; bei kleineren Ge- 
fässen genügt die Tamponade, am besten mit Agaricus, was erst 
1744 in dem zweiten Kriege bei unserer Armee eingeführt wurde. 
Schmucker erzählt, dass er die Tamponade als Blutstillungsmittel 
bei Operationen im Jahre 1741 durch den Stadtchirurgen von 
Schweidnitz, Namens Peterwitz kennen gelernt habe; auch sein 
Kollege, Herr Theeden, habe es dort zuerst gesehen, und seitdem 
sei es bei uns allgemein eingeführt und durch die Verwendung des 
Agaricus noch verbessert^). Bei Schussfracturen des Oberschenkels 
ist nach Schm. die Amputation in und dicht über der Mitte zu em- 
pfehlen, von der in der Nähe des Knies ist abzurathen. Unterhalb 
des Tourniquet's schnürt er den Oberschenkel noch einmal mit einem 
Bande fest ein und macht dann einen mehrzeitigen Cirkelschnitt; die 
Muskeln werden durch ein gespaltenes Stück Pergament noch einmal 
kräftig zurückgezogen und der Knochen durchsägt. 

Schm. benutzte ein Sichelmesser für den Weich theilschnitt, nahm 
es aber kleiner, als sonst damals üblich war. Auch die Säge and 
andere Instrumente Iiess er kleiner und einfacher, ohne jede über- 
flüssige Verzierung anfertigen, sodass sie bequem in einem leicht zu 
transportirenden Besteck verpackt werden konnten. — Sallaba be- 
hauptet in Bai ding er 's Neuem Magazin für iVerzte, Bd. XIV, 1. Stück, 
p. 60, Schmucker hielte die Amputatio femoris über der Mitte 
immer für tödtlich. Dass irgend ein anderer Wundarzt Schmucker 
aus Erfahrung widersprechen könne, glaubt Sallaba nicht; folglich 
werde man den Kranken lieber seinem Schicksale überlassen, als über 
der Mitte des Schenkels zu amputiren. 

Am besten wäre es, gleich auf dem Schlachtfelde zu amputiren; 
Abreissungen der Glieder durch grobes Geschütz heilen oft auffallend 
gut, weil die Soldaten in der Schlacht noch gesund sind — nach- 
her in den Lazarethen ist das anders. Freilich ist es im Felde ein 



^) Vennisclite clnr. Schriften. I. S. 61. — Bei der Amputatio mammae rieth 
Schill., wie Theden, die Blutung durch Schwanimcomj^ression zu stillen. 



— 18(5 — 

sehr betrübter Umstand, dass man die Verwuiuleteii iiacli einer Feld- 
schlacht nicht gleich unter die Pläiide bekommt; es vergehen oft 
4, 6 Tage, bei Prag z. B. 8 Tage, ehe die letzten Verwundeten in's 
Lazareth gebracht wurden. Dann waren sie fast alle durch den 
Transport, Entzündung, Schmerzen und Fieber so entkräftet, dass 
eine Operation nicht mehr vorgenommen werden konnte. 

Von dem Einheilen der Gewehrkugeln meint Schmucker, dass 
sie in anderen Theilen des Körpers (nur nicht in der Schädelhöhle) 
viele Jahre ohne sonderliche Schmei'zen sich aufhalten können, wenn 
sie keine nervichten Theile berühren M. Er berichtet weiter, dass er 
drey General-Lieutenants von der Armee kenne, die mit kleinen 
Kugeln in den Unterleib geschossen waren, und wo die Kugeln ver- 
muthlich in dem Fette liegen müssen, weil sie diesen Herren fast gar 
keine Unbequemlichkeiten verui'sachten. Viele andere werden noch in 
der Armee dienen, welche noch bis itzt Kugeln in ihrem Körper her- 
umtragen. Zuweilen muss man nach langen Jahren noch an die Ent- 
fernung gehen, weil die Kugel dann noch Entzündung erregen kann. 

Die berühmteste Operation Schmuckers, die Herniotomie an 
dem Hofrath Zimmermann aus Hannover im Jahre 1771, haben wir 
in der Einleitung schon beschrieben. 

Als der geheilte Patient von Friedrich dem Grossen em- 
pfangen wurde, war Schmucker zugegen, nachdem der König sich 
schon vorher von ihm über die Operation und den Verlauf nach der- 
selben hatte berichten lassen. 

Um das schädliche Weitertransportiren frisch Verwundeter zu ver- 
meiden, schlägt Schmucker in seiner Untersuchung über die Ab- 
nehmung der Glieder (p. 55) schon Verträge zwischen den Krieg 
führenden Mächten vor zur Sicherheit der Lazarethc und ihres Perso- 
nals. Das war freilich schon öfter geschehen; im 17. Jahrhundert 
ein Mal zwischen Frankreich und Spanien, 1743 zwischen dem Grafen 
Stair und dem Herzog v. Noailles, wie Pringle und nach ihm 
Baidinger berichten-). Im Allgemeinen waren aber diese ersten 
Spuren der Genfer Convention selten. Die Aerzte und die Lazarethe 
mit ihrem ganzen Material wurden vom Feinde aufgehoben, wenn sie 
nicht rechtzeitig benachrichtigt waren. Konnten sie fliehen, dann traf 
die transportablen Kranken der ganze Nachtheil eines überhasteten 



1) Wahruehm. I. S. 311 und II. S. 43. 

-) Vgl. Gurlt's Geschichte der freiwill. Krankenpflege; ferner G. Fischer, 
1. c. p. 352 u. 355, Baidinger, 1. c. p. 26 u. 113, Uetteroth zu Scharffen- 
berg. Zur Geschichte der Heilliunde. Berlin 1875. 




Bil^uer. 



— 187 — 

Transportes: wurden sie gefang:en, dann wechselte gewöhnlich das 
ganze Personal und damit auch die Behandlung. Die Aerzte und 
Wundärzte mussten, nachdem sie ausgelöst waren, sich ihre ganze 
Ausrüstung an Medikamenten, Instrumenten u. s. w. neu beschaffen 
und konnten erst nach längerer Zeit ihre alten Stellungen und Arbeiten 
wieder aufnehmen. Grössere Lazarethe waren sehr schwer zu etabliren 
und mussten entweder stark gesichert werden, oder so liegen, dass 
sie leicht aufgehoben und verlegt werden konnten. 

Es ist wahr, sagt Baidinger, dass die öftere Transportirung 
dem Kranken schädlich ist, sowohl zu Wasser als zu Lande, da aber 
die Menschenliebe noch nicht so hoch gestiegen ist, dass die Feld- 
lazareths sichere Freystellen wären, so ist der Transport unver- 
meidlich. 

Schmucker behielt Kraft tmd Frische bis in sein hohes Alter; 
noch kurz vor seinem Tode arbeitete er an der zweiten Auflage der 
Vermischten chirurgischen Schriften. Er starb, 74 Jahre alt, am 
5. März 1786, nur wenige Monate vor seinem Königlichen Herrn, den 
er in 11 Feldzügen und in fast allen Schlachten des siebenjährigen 
Krieges begleitet hatte. 



XI. Ml. Ulrich von Bilguer 

wurde am 1. Mai 1720 in Chur, Graubünden, als Sohn des Chirurgen 
und Zunftmeisters Joh. Lucius Bilger geboren. Er besuchte das 
Gymnasium seiner Vaterstadt und vom 17. Jahre an die Universität 
zu Basel, wo er 1 Jahr blieb und sich besonders dem s. Z. berühmten 
Arzte Zwinger anschloss. Im Jahre 1738 ging er nach Strassburg, 
wo er bei dem Demonstrator der Anatomie, Vacjuin, wohnte und 
3 Jahre hindurch alle Theile der Arzneikunst studirte, auch in der 
späteren Zeit seines Studiums in den dortigen Lazarethen vielfach 
praktisch thätig war. Da er die Chirurgie mit besonderer Vorliebe 
trieb, Hess er sich ordnungsmässig in die Zahl der Strassburger 
Wundärzte aufnehmen und praktizirte eine Zeit lang als Chirurg, 
ging aber, um sich weiter in dieser Kunst zu vervollkommnen, bald 
nach Paris. Lange kann er hier nicht gewesen sein, denn er folgte 
schon 1741 einem Ruf als Regimentsfeld scheerer (Chirurgien-Major) 
des Reiter-Regiments Herzogin von Württemberg, nachdem er in Tü- 
bingen von Mauchart, Hoffmann, Backmeister, Bauer und 



— 188 — 

SimoH exaniinirt Avar. Als dioscs Ee.iiiment der Preussiselieii Armee 
einverleibt Avurde (1742), inusstc Bilguer in Berlin sicli iiocli einmal 
von Eller, Schaarsclimidt nnd Lesser prüfen lassen. Seine Kriegs- 
thätigkeit beginnt mit dem 2. Schlesischcn Kriege. Nach der Schlacht 
bei Kesselsdorf 1745 hatten Pröbisch und ßilguer in Meissen 
die Behandlung der Kranken und Verwundeten zu beaufsichtigen und 
alle wichtigen Operationen zu besorgen^). Während dieser Zeit war 
er zum Gessler'schen (später Schmettow'schen) Kürassier-Regiment 
versetzt und besonders noch in Prag, Breslau und Dresden im 
Felde und in den Lazarethcji thätig. Bei KcsseJsdorf waren 
3158 verwundete Preussen und wohl eben so viele Sachsen zu ver- 
sorgen. Nach dem Friedensschlüsse blieb er im Dienst und wurde 
1758, als Bouness starb, zweiter Generah?hirurg (Schmucker wurde 
erster). Im siebenjälirigen Kriege gehörte er zur Armee des Prinzen 
Heinrich, besorgte die Lazarethe in Liegnitz, Jan er und Stricgau, 
bei der Belagerung von Scliwcidnitz und nacli der Sclilacht bei 
Kunersdorf die zahlreichen nach Küstrin und Stettin transpor- 
tirten Verwundeten. Nacli der Schlacht bei Rossbach hatte er die 
verwundeten Franzosen und kurz darauf in Breslau die in der Schlacht 
bei Leuthen Verwundeten zu versorgen: in dieser Schlacht waren es 
allein 6000 Oesterreicher (s. o.), bei Kunersdorf 15000 Preussen, 
Russen und Oesterreiclier^). Auch nach der Schlacht bei Torgau 
war B. thätig; hier hatten die Oesterrciclier 12000, die Preussen 
10000 Todte und Verwundete (s. o.). Noch während des Krieges, der ihm 
Anregung und Matci'ial dazu reichlich gegeben hatte, schrieb er, wie 
er in der Vorrede sagt, aus dem Stegreif, auf einem vierwöchentlichen 
Marsch in der grössten Unruhe, seine Dissertation, die ihn in Icurzer 
Zeit berühmt machte, die, wie G. Fischer sagt, eine von den wenigen 
Raketen war, welche die deutsche Chirurgie im 18. Jahrhundert auf- 
steigen liess. — Es war die „Dissertatio de amputatione 
raembrorum carissime administranda aut quasi abi'oganda", 
Halle, 1761. B. veröffentlichte in demselben Jahre eine deutsche 



^) Siehe die Vorrede zu der xlnweisung für Feldwundärzte. 1783. Auch 
Schmucker war hier thätig (s. o.). 

-) E. Richter, 1. c. und H. Frölich, Ueber Meuschenverlust im Kriege. 
Oesterr. mil. ärztl. Zeitschr. 1888. — B. war auf die Erfolge in den Lazarethen 
stolz;, er sagt in der Einleit. zur ., Erinnerung für die Bemerkungen" etc., dass 
man im 7jährigen Kriege Wunden geheilt habe, die noch vor 50 Jahren für un- 
heilbar gehalten wurden. Trotzdem habe sich gezeigt, dass auf die Bildung der 
Wundärzte mehr verwendet werden müsse. Die Vorschläge The den 's seien bis- 
her leider fromme Wünsche geblieben. 



— 189 — 

Uebcrsctziiiig, die in Rci'lin und eine, die in Frankfurt und Leipzig 
erschien (2. Aufl. 1767). Tissot übersetzte sie 1764 in's Franzö- 
sische unter dem Titel: Sur l'inutilite de l'amputation des niembres, 
par Mr. Bilguer; traduite et augmentee de quelques remarques par 
Mr. Tissot. In demselben Jahre erschien eine englische; 1781 in 
Nymwegen eine holländische und 1782 von J^opez de Vega in 
Madrid eine spanische Uebersetzung. Das war eine Ehre, die seit 
Hei st er 's Zeiten keiner deutschen wissenschaftlichen Arbeit zu Theil 
geworden war. B. Hess darin fast keine von den damals herrschenden 
Anzeigen zur Amputation, auch nicht die Schussverletzungen der Ge- 
lenke, gelten, erst der vollendete, trotz multipler Einschnitte auf- 
tretende Brand sollte dazu berechtigen: dann wurden die Haupt- 
gefässe im Gesunden vor der Amputation unterbimden (s. die Ein- 
leitung). Dieser extreme Standpunkt, der ihn aber doch zum „Vater 
unserer konservativen Chirurgie" für alle Zeiten gemacht hat, rief 
eine grosse Zahl von Gegenschriften hervor. Von seinen Kriegs- 
gefährten Schmucker und The den wurde ihm allerdings im all- 
gemeinen zugestimmt; doch wollten sie in der Verwerfung der Am- 
putation nicht so weit gehen, wie er^). Schmucker hatte in Paris 
1738 gesehen, wie beide Oberschenkel wegen einfacher Fractur am- 
putirt wurden, die französischen Wundärzte hatten das „dutzendweise 
Abschneiden von Armen und Beinen", wie Friedrich der Grosse 
sich ausdrückte, in die Preussischen Lazarethe mitgebracht; dass die 
von Bilguer auf Grund grosser Erfahrung dagegen eingeleitete Ee- 
action wieder etwas zu weit ging, war natürlich. Gefässverletzungen, 
Knochenzerschmetterungen, Caries sollten an sich noch keine Gründe 
zur Amputation sein; zu dieser war man, wie schon erwähnt, nach 
ß. nur dann berechtigt, wenn ein Glied gar nicht mehr zu erhalten 
war2). Die Einzigen, die rückhaltlos für ihn eintraten, waren Tissot, 
•Mehee, Portal und Kirckland; namentlich die Zustimmung des 
Letzteren in seinen „Thoughts on amputation", London 1786, war 
für die Verbreitung der neuen Lehre von grossem Werthe. Ein 
eifriger Vertheidiger Bilguer's war der Dänische Landesphysikus in 
Süderditraarschen, Dr. Salchow, der in seinen „Chirurg. Beobach- 
tungen" 3. Auflage, Leipzig 1791 (die erste war 1761 erschienen), 
mehrere Beispiele „zur Bestätigung der Wahrheit der von dem Herrn 



1) S. Spreng-el, Geschichte der Chü\, Schmucker, Vermischte Schriften, 
Bd. I, S. 10, Gurlt, S. 18. 

2) Vergi. Gurlt, 1. c. S. 19tT. — Die Dissertation und mehrere andere 
Schriften Bilguer's werden ausführlich von A. v. Haller in seiner Bibl. chir. 
II, p. 474 besprochen. 



— 190 — 

Dr. Bilgiicr angegebenen iinnöthigen Ampiitatioii" aiifülirt. Er nennt 
B. den unstreitig grossesten Wundarzt unserer Zeit. — Nach Bal- 
dinger heilte auch Benj. Gooch „fast ebenso wie Herr Bilguer." 
Ebenso betrachtete üesault die Amputation nur für das äusserste 
Hilfsmittel (G. Fischer ]. c. S. 267). ß. selbst führt den Dionis 
an, nach dem diese Operation vielmehr von einem Fleischhauer, als 
von einem Wundarzte verrichtet werden sollte! In der Vorrede zu 
der Schrift über Faulfieber und Ruhr (s. u.) spricht er von Neid und 
Missgunst in Berlin, von seichten irrigen Begriffen schwacher stumpfer 
Geister, die seinen Vorschlägen über die Amputation widersprachen, 
bis der grosse englische Wundarzt Kirckland auf seine Seite trat und 
die Gegner verstummten. „Ein inneres aus edlen Trieben hervor- 
sprossendes Vergnügen!-'' Benjamin Bell blieb dabei, bei schweren 
Knochenverletzungen, Aneurysma, Gliedschwamm und kaltem Brand zu 
amputiren; Percivai Pott, der im 2. Theile seiner Chirurgischen 
Werke Bilguer's Arbeit besprach, gab zu, dass es im Allgemeinen 
segensreicher, wenn auch schwieriger sei, die Amputation zu ver- 
meiden, Hess aber doch dieselben Anzeigen dafür gelten, wie B. Bell. 
Auch Moraud und de la Martini ere empfahlen die Amputation 
bei grösseren Verletzungen und Zersclimetterungeji; auch, wenn ein 
Glied ganz abgerissen sei, sollte man sie vornehmen, weil sonst die 
Schusswunde brandig werden würde (für diese Fälle stand Schmucker 
auf Bilguer's Seite). Noch abweisender äusserte sich Dav. von 
Geescher, für den die Amputation nur bei heftiger Enzündung ver- 
boten war. Das war ungefähr auch der Standpunkt, den die Aca- 
demie de Chirurgie und Faure, Breville und Boucher 1754 ver- 
treten hatten. 

Es bleibt trotz dieser Widersprüche ein grosses Verdienst Bil- 
guer's, das zu häufige Abnehmen der Glieder, besonders nach 
Schussfrakturen, eingeschränkt zu haben. Er selbst berichtet (§ 27), 
dass er nach der Schlacht bei Torgau von 6618 Schwerverwun- 
deten nur 653 verloren, aber 5557 vollständig geheilt, und 408 als 
Invalide (195 Halb-, 213 Ganzinvalide) entlassen habe. Von den 
Gestorbenen seien auch nur 408 an den Folgen schwerer Verletzungen 
der Gliedmaassen gestorben. B. glaubt versichern zu dürfen, dass 
in dem siebenjährigen Kriege von den wegen schwerer Verletzungen 
zu rechter Zeit und auf die behörige Weise Amputirten „kaum Einer 
oder der Andere beym Leben erhalten worden ist". Nach Boucher 
kam von 3 Amputirten nur einer mit dem Leben davon; 165, deren 
zerschmetterte Glieder man nicht abgenommen hatte, blieben alle am 
Leben. So glücklich sei er selbst, sagt Bilguer, freilich nicht ge- 



— 191 — 

weson. — Bei Schussbriichen des Oberscjienkels in der Mitte oder 
noch höher will B. lieber exartikuliren, als die hohe Amputation 
machen, weil der Knochen gewöhnlicli doch bis ins Gelenk gespalten 
ist. Die Resultate werden durch den Mangel an Reinlichkeit, der 
gesunden Luft, der zuträglichen Kost und der nöthigen Betten, sowie 
dadurch so sehr verschlechtert, dass zu häufig Transporte und AVechsel 
in der Person des hehandelnden Arztes vorgenommen werden. — Im 
März 1761 befanden sich noch 300 Schwerverwundete in Torgau, die 
nicht amputirt waren, und voraussichtlich alle zur Heilung gebracht 
wurden (S. 232 der deutschen Ausgabe). B. behandelte (s. S. 302) 
auch den Prinzen Heinrich, dem eine Flintenkugel die Knochen des 
Mittelfusses zerschmettert hatte, mit langen und tiefen Einschnitten; 
der Fuss blieb erhalten. — Die deutsche Ausgabe dieser Schrift über 
die Amputation ist „denen unter den Fahnen Friedrich des Grossen, 
Königes in Preussen fechtenden, und ob schon verwundeten, doch 
nicht überwundenen Kriegsmännern überreicht, und zwar denen 
Höheren in gebührender Ehrfurcht, denen üebrigen mit freundschaft- 
lichem Herzen". — Eine natürliche Folge dieser konservirenden Me- 
thode war die häufige Ausführung partieller Resektionen, für die der 
Regimentsfeldscheerer Kühler eine grosse Zahl verschieden geformter 
Sägen angegeben hatte (s. u.). 

Von grossem Interesse sind die Aeusserungen Baldinger's über 
Bilguer, weil er ihn genau kannte, oft operiren sah und, wie aus 
seinen „Krankheiten einer Armee" vielfach zu ersehen ist, auch seine 
wissenschaftlichen Leistungen voll anerkannte. Er nennt ihn schon 
„verschiedener Akademien Mitglied"; wirklich hatten in dem auf seine 
Promotion folgenden Jahre die König!. Societät der Wissenschaften 
zu Göttingen, die Kaiserl. Leopoldinische Akademie der Naturforscher 
zu Wien, und die Chnrmainzisehe gelehrte Gesellschaft zu Erfurt 
ihn zum Mitglied ernannt; 1762 wurde er zu Wittenberg Magister 
der Philosophie. Baidinger, der Schmucker nicht kannte, weil 
dieser bei der Armee des Königs selbst, er aber mit Bilguer und 
Theden (B. schreibt Theeden) bei der Armee des Prinzen Hein- 
rich thätig war, glaubt, dass alle drei gleiche Posten gehabt hätten, 
und dass Bilguer „die erste Stelle dermalen bekleidet habe"i). 
Dann beschreibt er die Lazarethe zu Torgau und Wittenberg, 
welche wieder leicht auf dem Wasserwege nach Magdeburg eva- 



1) Bilguer war aber zweiter, Schmucker erster, und Theden dritter Ge- 
neralchirurg während des siebenjährigen Krieges, wenigstens seit 1758, seit 
Bouness' Tode. 



— 192 — 

kiiircH konnten. In Torgau und Lei pzig war J]i lyu er sehr bcschäi- 
tigt; im Winter 1762 hielt er (wie auch die anderen Gencrah:hirurgen) 
seinen Wundärzten täglich „unentgeltlich" Vorträge, aus denen später 
die „Anweisung zur ausübenden Wandarzneikunst in Feld- 
lazarethen"^), mit einer Widmung an den Prinzen Heinrich, entstand. 
Der gelehrte Baldlnger sagt über die Amputation, dass Herrn 
Doctor Bilguer, der die Kennzeichen des bevorstehenden Brandes 
vollständig angegeben hatte, die Ehre vorbehalten gewesen sei, aus 
der weitläufigsten Praxi durch die Erfahrung, und nicht durch blosse 
Demonstration zu erweisen, dass man sowohl bey brandigen Gliedern, 
als auch in anderen schweren Fäüeii, die Amputation nicht nöthig 
habe und die zerschmetterten und brandigen Glieder erhalten könne-). 
Eine Lehre, die unserem Jahrhundert zur Ehre gereicht und den all- 
gemeinen Beifall gelehrter Kunstrichter erhalten hat! Man verhütet 
alle Folgen des Brandes, der Fäulniss bey zerschmetterten Gliedern, 
wenn man frühzeitig die gehöi'igen Einschnitte vornimmt und bey 
dem inneren Gebrauch der Peruvianischen Rinde äusserlich diejenigen 
Fomentationen anwendet, welche Herr Bilguer in seinem Buch von 
der nicht nothwendigen Abnehmung der Glieder, aus der Erfahrung 
als vorzüglich wirksam angepriesen hat. Bilguer, von dem Bal- 
dinger so oft spricht, erwähnt diesen in seinen Schriften gar nicht; 
auch von Schmucker und The den finden wir nicht viel mehr, als 
eine Erwähnung in der Vorrede zu der Anweisung für Feldwundärzte, 
(1783), wo er sie beide als berühmte und überaus geschickte Wund- 
ärzte bezeichnet, die den ersten Rang unter allen grossen Wundärzten 
mit Recht behaupten. Theden's schon 1774 erschienene Unterwei- 
sung für Unterwundärzte der Armee erwähnt er nicht, obgleich er 
ihn a, a. 0. seinen theuersten Freu]Kl nennt. In der Erinnerung zu 
den Bemerkungen etc." (s. u.) nennt B. seine Kollegen Schmucker, 
Theden und Mursinna unter den grossen Entdeckern in „unserem 
Zeitalter". — Brüggemann erzählt 3), dass eine nichtswürdige Ver- 
leumdung ihm geheime Beweggründe seines Urtheils (über die Am- 



1) Glogau und Leipzig 1763 in 8 (Vorrede, 868 Seiten und Register), Glogau 
1784 in 8. Ebenda 1793, französische üebers. 1764. 

-) Soweit ging Bilguer bekanntlich nicht. In der „Bemerkung zur Erinne- 
rung etc." 1791, S. 43 Anm. erzählt er selbst, dass er in dem letzten Kriege eine 
Amputation wegen Sphacelus mit glücldichem Erfolge ausgeführt habe. 

3) Biographie der Aerzte. Aus dem Französischen, mit einigen Zusätzen. 
von Aug. Ferd. Brüggemann, M. D. Halberstadt, 1829. — Bilguer hatte sich, 
wenigstens' in späteren Jahren, überhaupt keiner allgemeinen Beliebtheit zu 
erfreuen; man höre nur die kui'ze, aber boshafte Notiz über ihn in den ,,Büsten 



— 193 

putation) untergelegt habe; doch sei diese Behauptung so albern, dass 
sie kaum eine Anführung verdiene. 

Kurz nach Friedensschluss. noch im Jahre 1763, erschien sein 
d rittes Werk : Chi r u r g i s c h e Wa h r n e li m ii n ge n . w e 1 c he meistens 
während des letzten Krieges in den königl. preussischen 
Feldlazarethen von verschiedenen Wundärzten aufgenommen und 
gesammelt sind, mit einigen hinzugesetzten Erkäuterungen und etlichen 
Kupfern. Berlin 1763. Frankfurt, Leipzig 1768. Engl. London 1764. 
Es ist Friedrich dem Grossen gewidmet und enthält auch mehrere 
Beiträge von The den, dem .Jiebwerthesten Collegen und theuersten 
Freund", mit dem BiJguei- im letzten Kriegsjahre nach dem Siege 
bei Freiberg in den Lazarethen von Torgau und Leipzig wieder zu- 
sammen gewirkt hatte. Von den übrigen Mitarbeitern nennen wir 
den von Baidinger sehr hochgeschätzten Henrici, ferner Bud- 
daeus. May, Bayer, Conradi. — Ausser verschiedenen chirurgi- 
schen Abhandlungen, die er der Leopoldinischen Akademie der Xatur- 
forscher, den Jahrbüchern der Göttinger und Erfurter Akademie ein- 
sandte, veröffentlichte er noch Nachrichten an das Publicum 
in Absicht der Hypochondrie. Kopenhagen 1767. Das Buch 
ist dem Flügeladjutanten Quintns Icilius gewidmet und enthält ausser 
der Vorrede von 70 Seiten, auf denen der Werth der ]\Iedizin für 
das Yolkswohl und die Wichtigkeit einer geordneten Sanitätspolizei 
gründlich erörtert wird, eine Sammlung von Aussprüchen bekannter 
Aerzte über jenen lialij kranken, halb gesunden Zustand, „die hypo- 
chondrische und hysterische Krankheit, oder das Nerven-hypochon- 
drische und hysterische Uebel" auf 936 engbedruckten Seiten. Eine 
2. Auflage hat das Buch nicht erlebt. 



Berlinscher Gelehrten und Künstler mit Devisen" B. 1787 (der A'erf. war 
kein Arzt). Xach der Devise: ,,Qtiid miser egi, quid volui" kommen B.'s Titel, 
einige Werke und dann folgendes: ,,Ein Mann, der auch die Bestandtheile des 
Rheinweins gut kennt, sowie er sich auch auf den böhmischen Ochsenhandel ver- 
stand, und die Prager Tischlerarbeit zu schätzen wusste, deren speculative Vor- 
theile jedoch durch die Gerechtigkeitsliebe des kommaudireuden Prinzen miss- 
glückten, und ihn noch das Pvetourporto kosteten. Da er nicht das Vergnügen 
hatte, in dem letzten Kriege eine Schlacht zu erleben, und an 8000 Blessirten 
seine chirurgischen Talente zu zeigen (ein menschlicher "Wunsch eines Arztes und 
brandenburgischen Patrioten, wenn er nicht etwa Feinde meinte) begonnen seine 
Compagnie-Feldscheers eine Fehde mit den Wittenberger Studenten, welcher er 
denn aber doch durch Zureden und Complimente ein Ende machte und sich beim 
Tivat der jubelnden Bursche für einen Caesar im Triumphwagen hielt." Das ist, 
wie gesagt, oft'enbar Nichts, als boshafter Klatsch: beweist aber, dass er persön- 
lich nicht überall beliebt war. 

VeiüiFentl. aus dem Gebiete des lIiIit.-.Sauitätsw. 13. Heft. ig 



— 194 — 

Zahlreiche eigene Beobachtungen, besonders die schwere Kopf- 
^■erletznng eines von Friedrich dem Grossen sehr geschätzten Offi- 
ziers und die mehrere Male von der Pariser Akademie der Chir- 
m'gie gestellte Preisaufgabe über die Theorie des Contre-coup bei 
Kopfverletzungen veranlassten ihn, die „Medicinisch - chirurgi- 
schen Fragen, welche die Verletzung der Hirnschale be- 
treffen", herauszugeben (nebst einem Versuch zur Beantwortung der 
xAiufgabe: die Theorie von den Contrafissuren in den Verletzungen 
des Kopfes, und die praktischen Folgen, welche man daraus ziehen 
kann, zu bestimmen. Berlin 1771. Dem Geh. Cabinets-Rath von 
Coeper gewidmet). 

Er besprach in diesem Werke hauptsächlich die Diagnose der 
subcutanen Fracturen, Fissuren, Extravasate und ihre Behandlung und 
trat dabei mit Wärme für die Trepanation ein, die sehr nothwendig 
und nützlich, während die Amputation sehr oft unnöthig und unnütz- 
lich sei. Kopfverletzte wurden damals, wenn es irgend ging, von 
anderen Verwundeten und Kranken getrennt (Schmucker) und mit 
besonderer Sorgfalt behandelt. Bilguer und seine Kriegsgefährten 
Schmucker und Theden trepanirten viel und möglichst früh, nicht 
nur am Stirn- und Seitenwandbein, sondern auch am Occiput; die 
Dura wurde, wenn man ein Extravasat unter ihr vermuthete, aus- 
giebig geöfi"net (Wahrnehm. L). Einmal fand B. eine Gewehrkugel im 
Sinus frontalis. Bei einer Eiteransammlung im Becken legte B. am 
Steissbein (wohl am unteren Theil des Kreuzbeins) mit dem Trepan 
2 Gegenöffnungen an (Praktische Anweisung p. 135). — Das viele 
Drücken und Sondiren an den AVunden wird von B. scharf getadelt. 

— Bei Speichelfisteln wird mit Lapide infernali stark geätzt, und 
wenn das nicht hilft, ein Troikar durchgestossen bis in die Mundhöhle 
und dieser neue Kanal mit Bleiröhren offen gehalten (Ebenda p. 35). 
Bei Dünndarmresectionen machte er die Ramdohr'sche Invagination 
mit Befestigung an der Bauch wunde; das sollte am Dickdarm nur 
mit einem durch das Gekröse gezogenen Faden geschehen. Bei der 
Castration räth B., um Convulsionen zu vermeiden, die Unterbindung 
des Samenstrangs erst zu machen, wenn die Nerven beiseite geschoben 
waren, was Heister nicht für möglich gehalten hatte (Wahrnehm.). 

— Eingeklemmte Hernien sollen möglichst früh operirt werden. — 
Blutungen aus grossen Gefässen stillt er durch Unterbindung, aus 
kleinen durch Tamponade. Der Nutzen allgemeiner, auch perma- 
nenter Bäder, allerdings häufig mit allerlei „antiseptischen" Zusätzen, 
wird von B. bei jeder Gelegenheit betont. 



— 195 — 

Im Bayerischen Erbfolgekriege (1778) stand er wieder bei der 
Armee des Prinzen Heinrich und ging mit ihr nach Sachsen und 
Böhmen. Die traurigen Gesundheits Verhältnisse der preussischen, 
dieses Mal mit der sächsischen verbündeten Armee sind durch 
Fritze 's Schrift (s. Einleitung) bekannt geworden. Die enorme 
Sterblichkeit des Preussischen Corps an Ruhr und Typhus, im Taschen- 
buche für Wundärzte 1) auf Witterung und andere Umstände, von 
Bilguer selbst hauptsächlich auf die geringe Erfahrung und Aufmerk- 
samkeit der Oelionomiedirektion zurückgeführt, veranlasste ihn zur 
Herausgabe der Schrift: Versuche und Erfahrungen über die 
Faulfieber und Piuhren; dem häufigen Sterben bey den Armeen 
und in den Feldlazarethen liünftighin Grenzen zu setzen. Berlin, 
1782 (dem Kriegs minister von der Schulen bürg gewidmet). Er 
rühmte darin den Gebrauch des Weins und die Bäder aus Kamillen- 
Aufgu SS, Eichenrinde und Salpeter; empfahl aber auch mit grossem 
Nachdruck die Verbesserung der Luft, die Errichtung leichter und 
luftiger, aus Brettern zusammengeschlagener Häuser (p. 93), deren 
Nutzen auch Brock lesby erkannt hatte, und stimmte dem Letz- 
teren bei, der gefordert hatte, dass die Macht des iVrztes und 
auch des Wundarztes im Feldlazarethe soviel gelten sollte, als 
diejenige des obersten Befehlshabers im Lager! 

Im Jahre 1783 gab Bilguer noch den ersten, die Schusswunden 
behandelnden Theil einer Praktischen Anweisung für Feldwund- 
ärzte, mit angehängtem Dispensatorium in Berlin heraus^) und end- 
licli, als 71 jähriger Mann, die dem „gütigsten und wohlthätigsten 



1) Altenburg, 1783, S. 42. 

-) Hier nemit er seine Titel: ,,der Weltweissheit, Arzneygelahrtheit und 
Wundarzneyknnst Doctor: Sr. Königlichen Majestät von Preussen und be}^ dero 
Armeen bestallter General-Chirurgus ; Ihro Königi. Majestät der regierenden Kö- 
nigin Leib Wundarzt ; der Römiscli-Kaiserl. Academie der Naturforscher ; der Königi. 
Grossbritannisch-Göttingischen und der Kurmaynzischen Societät der Wissen- 
schaften Mitglied und Correspondenten." Mit Widmung an den General-Lieut. 
von Möllendorf. Man kann dieses Buch auch als eine erweiterte xluflage der 1763 
erschienenen Anweisung zur ausübenden Wundarzneykunst im Feldlazarethe (s. o.) 
ansehen. — Uebrigens hätte der Versuch, energisch in den Schlendrian und in 
die Unordnung bei der Lazarethverwaltung einzugreifen, unserem Bilguer bei- 
nahe — Festungshaft eingebracht. Das geht aus einem bei Richthofen 
(I, S. 61) mitgetheilten Schreiben Friedrichs des Grossen aus dem Lager bei 
Schätzt ar, den 21. Sept. 1778, hervor. Er hatte sich erdreustet, über das 
Feldlazareth sich einer unumschränkten Herrschaft anzumassen, hatte sich 
selbst in Oekonomie- und Gassen -Sachen gemenget — das sollte streng gerügt 
werden ! 

13* 



— 19(1 — 

^Monarchen, nieinem allergiiädigsten König und Herrn Frier! rieh 
Wiliielra n." gewidmete „Erinnerung für die Bemerkungen zur 
ErAveiteruiig der medicinischen mid chirurgischen Erkennt- 
nis s; nebst einer Abhandlung vom Hundskrampfe (Spasmus cynicus) 
bei Wunden", Berlin, 1791. 

Dieses AVerk enthält eine Menge interessanter Notizen, ist aber 
wie man nach dem Titel schon fürchten muss, noch schwieriger zu 
lesen, als die Nachrichten über die Hypochondrie. Schmucker und 
Theden schreiben viel klarer. Bilguer, der doch akademische Bil- 
dung hatte, ist oft kaum zu verstehen, oft wieder merkwürdig einfach. 
So glaubt er sicher, dass unsere Nachkommen tausend Sachen aus- 
führen werden, an die wir jetzt nicht einmal dächten; in den ersten 
Anfängen der Wundarzneikunst hätte man wohl nicht geglaubt, dass 
Wunden, die von Pulver und ßley entstehen, heilen können; die Ur- 
sache ist, dass sie dazumalen gänzlich unbekannt waren. — 
üebrigens muss, wie wir heute sagen würden, die Erde in Böhmen 
besonders reich an Tetanus-Bacillen sein. Wie H. Fischer in seiner 
Kriegs Chirurgie mittheilt, wurde dort auch nach den Schlachten von 
1866 auffallend häufig Tetanus beobachtet. 

Er empfiehlt gegen den nach Schlachten so häufigen Spasmus 
cynicus, an dem z. B. nach der Schlacht bei Prag (1757), obgleich 
die fürtrefflichsten geübten Männer wie Cothenius, Ludolf, Bouness, 
Schmucker u. A. zu helfen suchten, einige Tausend leicht Verwun- 
dete starben, tiefe und grosse Einschnitte, um die Spannung zu be- 
seitigen, und erweichende Umschläge, sowie innerlich Oel und kleine 
Gaben von Mohnsaft. Dasselbe in der „Anweisung" p. 42; wo es 
„einige Hundert" sind. 

Seit 1763 war Bilguer Leibarzt der Königin; 1794 erhielt er 
• vom Kaiser das Adelsdiplom und starb am 6. April 1796, im Alter 
von 76 Jahren, nach 55jähriger Dienstzeit. Er hatte 12 Feidzüge, 
3 als Kegimentsfeldscheerer, 9 als Generalchirurgus mitgemacht. So 
wird überall angegeben; er selbst sagt (1783) in der Vorrede zu der 
Anweisung für Feldwundärzte: „Da ich nun die Könighch Preussischen 
siegreichen Armeen Friedrich des Grossen in Zehen Feldzügen, in 
sieben als General-Chirurgus und in dreyen als Regimentsfeldscheer 
zu begleiten die Ehre gehabt". (A. a. 0. spricht B. selbst von 12 
Feldzügen). 

In den letzten 10 Jahren war er wenig hervorgetreten; schon in 
der Einleitung zu dem Taschenbuch für Wundärzte vom Jahre 1783, 
wo Richter, Theden, Schmucker, Pallas und Voitus als Aerzto 
genanni worden, auf die jeder üeutsclie mit Ehrfurcht und Entzücken 



— 197 — 

blickt, wird BiJgucr iiiclit genannt, obgleicli in clcniselboji Hefte 
seine Lebensbeschreibung steht. — Als Seh Juncker 1786 starb, 
rückte nicht ßilguer in seine Stelle, sondern Thedeii wurde erster, 
Bilguer blieb zweiter, Yoitus wurde dritter Generalchirurgus. 

Mnrsinna sagt von ihm in der Geschichte der Prenssischeii 
Chirurgie im 18. Jahrhundert, Berlin, 1804, er habe mehr Gelehrsam- 
keit und überhaupt richtigere Erkenntnis« der AVahrheit und Wissen- 
schaft gehabt (als Schmucker), aber Avenig Fleiss und Stetigkeit; er 
sei desshalb zuletzt in der neueren verbesserten Chirurgie sehr zurück- 
geblieben und habe also weniger zur Verbesserung dersellien ])eige- 
tragen, als man erwartet liatte. „Indessen hat er sich dadurch ein 
ewiges Denkmal gestiftet, dass er die Ursachen zur Absetzung der 
Glieder einschränkte." 

Die „lästige gezwitngene Müsse kaim ich nicht vertragen", sagt 
Bilguer 1791. h]r wollte noch thätig sein; fünfzig Jahre königliche 
Militairdicnstc und zwölf beigewohnte Feldzüge hätten seinen Körper 
nicht sttmijDf gemacht; er hesässe noch alle Leibes- und Seeleid^räfte, 
den Dienst eifrig vorzustellen, wenn er dazu von seinem alier- 
gnädigsten König aufgefordert werde. Das scheint freilich niclit mehr 
geschehen zu sein. 

Von Bilguer's Privatleben wissen wir wenig oder Nichts; aus 
einzelnen Stellen, z. B. in den Nachrichten über die Hypochondrie, 
könnte man schliessen, dass er verheiratet war. Genaueres ist nicht 
bekannt. — Es ist auch auffallend, dass weder sein öOjähriges Dienst- 
jirbilämn (1791) noch sein 70. Geburtstag (1790) besonders gefeiert 
wurde — wenigstens ist Nichts darüber veröffentlicht. Wir sahen, 
dass es bei Schmucker ähnlich war und werden sehen, dass nur 
„Vater Theden" in diesen Tagen unter allgemeiner Theilnahme ge- 
feiert wurde. 



198 



XII. Johann Anton Christian Theden.O 

Thcden wurde am 13. September 1714 in Stein beck bei 
Wismar geboren, als sein Vater Philipp Th. 69, seine Mutter Sophia 
Polchow, eines Lehrers Tochter, 40 Jahre alt war; wie er selbst be- 
richtet (s. u.), war er das elfte Kind dieser Ehe. Die Familie, früher 
wohlhabend, war durch Krieg und Brand gänzlich verarmt. Als Th. drei 
Jahre alt war, starb sein Vater; die Mutter lebte mit ihrer Kinder- 
schaar von der Unterstützung mitleidiger Verwandter und Freunde. 
Die älteren Geschwister mussten in Dienst oder zu Handwerkern in 
die Lehre gehen; dasselbe war bei unserem Th. der Fall. Er war 
bis auf Masern im 8. und Pocken im 12. Jjcbensjahre gesund, be- 
suchte in ßützow die Schule vom 9. bis zum 13. Jahre, wo er als 
Diener und Schreiber zu einem Sekretair der Herzogin von Mecklen- 
burg kam. Nach 4 Jahren verliess er diesen Dienst, versuchte eine 
Zeit lang, bei einem älteren Bruder das Schneiderhandwerk zu er- 
lernen, wnsste es aber durchzusetzen, dass er 1731 bei dem Stadt- 
chirurgus Schmidt in die I^ehre kam. 1734 ging er als Geselle 



^) Bilguer hiess eigentlich Bilger, The den soll eigentlich The de ge- 
Iieissen haben. Die Widmung seines ,, Unterrichts" an den Gen.-Lieut. v. Meier 
(1774) unterschreibt er: .J. C. A. The de; auf dem Titelblatte stellt: The den. 
Auch das Sendschreiben an Richter in Göttingen, 1777, ist von dem König!. 
Preuss. General-Chirurgus The de sowohl am Titelblatte, wie am Schluss ge- 
zeichnet. Bai ding er, der viel mit ihm zusammen war, schreibt stets: Theeden, 
ebenso Schmucker, sein A' orgesetzter, an mehreren Stellen (s. o.). Im Taschen- 
buch fiir Deutsche Wundärzte (1783 und 1785) heisst er bald Thede. bald 
The den (s. S. 105, 132 und 133); auch Schaarschmidt bringt 1746 Mittheilungen 
des „geschickten und tleissigen Pensionär-Chirurgus Thede". Sogar auf einer der 
.lubiläums-Medaillen (s. Mayer) steht: Thede. — Er selbst hat an den o Stellen, 
an denen ich die eigenhändige Unterschrift fand, in Eller's Anmerkungen (2) 
und der Widmung eines Gedichtes an Goercke i. J. 1796 (in Büchern aus der 
Kaiser Wilhelms- Akademie), immer deutlich: The den geschrieben. Die zuletzt 
genannte Widmung ist nicht leicht zu entziffern, aber Th. war auch 82 Jahre alt, 
als er sie schrieb. 

Für die vorstehende Biographie ist u. A. die .lubiläumsschrift von .1. G. A. 
Mayer, Berlin 1787, das Taschenbuch für Deutsche Wundärzte (s. o.), die 
,, Büsten Berlinscher Gelehrten", Leipzig 1787, Elwert's Nachrichten, Hildesh. 
1799, viele Stellen aus Theden's Schriften, besonders das 7. Cap. des 3. Theils 
seiner ,, Neuen Bemerkungen", 1795, wo er recht ausführliche Mittheilungen über 
seinen Lebenslauf macht, benutzt. Sprengel lässt ihn statt von 1714—1797, 
von 1712—1791 leben. 




Thsden. 



— 199 — 

nach Rostock. Er hatte, wie er selbst sagt, in seiner Lehrzeit 
herzlich wenig gelernt. In Rostock hörte er ein anatomisches Kol- 
legium über Heister's Lehrbuch und siedelte 1735 (nach Mayer 
Anfang 1736'i nach Hamburg über, wo er sich das daselbst übhche 
Theetrinken so stark angewöhnte, dass er jeden Tag, Morgens und 
Nachmittags, jedesmal noch über zwey Quart des vermaledeyeten 
Theewassers mit einem guten Theil 31ilch gcnoss. Das bekam ihm 
schlecht: und da ihm auch andere Dinge, die „daselbst üblich waren ••, 
bedenklich wurden, ging er im folgenden Jahre nach Lübeck und 
fuhr mit dem ersten segelfertigen Schiff, das er traf, nach Dan zig. 
Wenige Wochen später trat er in Riesen bürg l;)ci dem ßuddenbrock- 
schen Kürassier - Regiment als Eskadron - Ciiirurgus in Preussische 
Dienste. Sein Regimentschirurgus Heise bereitete fast alle xVrzneien 
selbst; Theden hatte deshalb Gelegenheit, sich im Laboratorium, der 
Medizin-Kammer und auf dem Kräuter-Boden fleissig zu beschäftigen 
und den Grund zu seinen praktischen Kenntnissen in der Zubereitung 
von Arzneien zu legen. Diese Arbeit brachte ihn auch wohl über 
seine hypochondrischen An^vandlungcn. in denen er oft versucht war, 
sich ins AAasser zu stürzen, Jiinwcg. Auf seine allgemeine Bildung 
war besonders der Verkehr mit einem Prediger Wendland und 
einem Kornet seines Regiments, von Studnitz, von grossem Ein- 
fluss. • — Schon im Jahre 1739 sollte Th., von dem Friedricli Wil- 
helm I. bei einer Besichtigung des Regiments gesagt hatte: „Der 
Junge gefäUt mir-, nach Berlin kommen und Pensionair-ChirurgTis 
werden; sein Regimentsfeldscheerer wusste es aber auf 1 Jahr zu ver- 
schieben. Da starb der König, und von der Berufung Theden"s war 
nicht mehr die Rede bis zum Jahre 174:5. 

Im ersten Schlesischen Krieg war er im Lazareth zu Streiilen 
(er selbst spricht von Striegau) thätig und lernte dort den da- 
maligen Leibmedicus Schaarschmidt, den General - Chirurgus 
Holtzendorff und dessen Nachfolger Bouness kennen. Bei der 
Pflege von Fl('ckiiel)eiliranken wurde er angesteckt und, da die Armee 
weiter marschirte, ^on seinem damaligen Rittmeister, dem späteren 
General- Lieutenant von Mai er als Schwerkranker nach Breslau ge- 
schickt. Bald wieder genesen, ging er zum Regiment zurück und 
mit ihm in die Winterquartiere nach Bülimen. besorgte im Frühjahr 
1742 nach der Schlacht bei Czaslau die Yerwundeten im Lazareth 
zu Kutten berg, wo er zum ersten Mal Trismus und Tetanus beob- 
achtete^). In Schweidnitz, wohin er die Leiche des Majors 



^) Als Uiitorwmularzt; s. Neue Bemerlc. 2. Theil, S. 38, wo er auch 



— 200 — 

von Buddcn brock begleitet hatte, lorjitc er die Wasscrkui' des 
Dr. Hahn kennen, dessen Gruiidsätzc er sich zu eigen machte und 
sowohl hei sich selbst, als auch bei anderen genau befolgte. Dem 
tleissigen Wassertrinken schreibt er es zu, dass er seit seinem 
48. Jahre nie krank war und ein so hohes Alter erreichte. Er lernte 
hier aber auch, wie Mayer an einer andei'en Stelle erzählt, den 
Wundarzt Peterwitz kennen, der die Gefässunterbindung durch die 
Kompression ersetzte, „und dieses gab schon damahls seiner eigenen 
Meinung über die Absetzung der Glieder ein grösseres Gewicht". 

Tlieden selbst erwälint die Begegnung mit Peter witz uuv in dem Bei- 
trage zu Scliaarschmidt's Nachrichten (Bd. V.); er stellt es später immer so 
dar, als sei er selbststäudig auf diesen Gedanken gekommen und könne sich 
deshalb vielleicht rühmen, der Erste gewesen zu sein, der das Unterbinden 
der Pulsadern glücklich abgeschaltet hat (Einleitung zum 1. Theil der Neuen Be- 
merkungen). Schmucker erzählt aber, dass sie Beide diese Methode in Schweid- 
nitz kennen gelernt hätten, üebrigens verwarf Petit schon im .J. 17.39 die Unter- 
bindung und suchte sie durch die Tamponade zn ersetzen. 

Nach Friedensschluss meldete sich Theden für die Stelle des 
Regimentsfeldscheerers beim Hollstein'schen Regiment in Burg; aber ein 
Anderer wurde ihm vorgezogen und der Kommandeur v. Polster 
wollte ihn seiner Grösse wegen mit Gewalt zum Füsilier machen. 
Es gelang ihm nur durch schleunige Flucht sich dieser Auszeichnung 
zu entziehen.^) In Berlin nahm ihn Samuel Schaarschmidt, der 
ihn in Strehlen kennen gelernt hatte, freundlich auf, beschäftigte 
ihn in seiner Praxis (vielleicht als „Patientengeselle", wie man das 
nach Elwert's Nachrichten wohl nannte) und sorgte dafür, dass er 
in seinen Studien vorwärts kam. Als nach 2 Jahren der zweite 
Schlesische Krieg ausbrach, 174:4, wurde Theden Regimentsfeld- 
scheerer der drei Grenadier-Bataillone v. Geist, Graf v. Finken- 
stein und V. Biela. Nach der Schlacht bei Hohenfriedberg waren 
in Striegau 7000 verwundete Oesterreicher zu behandeln; da gab 
es viele Amputationen, und Th. machte dabei, wie er oft erzählt, 



wähnt, dass viele Verwundete in Folge von üeberfüllung der Zimmer und un- 
genügender Reinlichkeit gestorben wären. Auch wassten seine Vorgesetzten nicht 
recht mit dem Trepan umzugehen. 

1) Er erzählt (Neue Bemerk., I, S. 127), dass sich .Jemand als Rekrut meldete, 
obgleich er fieberte, eitrigen Auswurf und frische Lues hatte ; der Mann war aber 
5 Fuss .9 Zoll gross und wurde desshalb eingestellt. Üebrigens wollte derselbe 
gern Soldat werden, um — sich auskuriren zu lassen. Dieselbe Absicht führte 
einen an alten Unterschenkelgeschwüren leidenden 23 J. alten Mann dem Soldaten- 
stando zu, wie Jasser in Schmucker's chirurg. Schriften, Bd. 111, S. 138, er- 
zälilt. Er wurde eingestellt, denn er hatte 5 Fuss 11 Zoll! 



— 201 — 

seine ersten praktischen Erfahrungen mit der Blutstillung durcli Tam- 
ponadc, ohne Unterbindung. Bei dem Rückmarsch aus Böhmen hatte 
er seine ganze Ausrüstung zum ersten Male \'erloren. Noch während 
seiner Thätigkeit in Strehlen (Striegau) bekam er auf Bouness' Em- 
pfehlung die Stelle eines Pensionair-Chirurgus, auf die er also 6 Jahre 
hatte warten müssen. Im J. 1745^) kam er nach Berlin und stu- 
dirte hauptsächlich unter Buddaeus, Ludolf, Neumann und 
Schaarschmidt. Er arbeitete Tag und Nacht beym Thee und 
Tabakrauchen mit äusserstem Eifer in der Anatomie „von faulenden 
Theilen der Leichname in seiner Stube umgeben" und brachte es zu 
einer so grossen Fertigkeit, dass ihm der berühmte Leibmedicus 
Vogel in Göttingen für 50 Rthl. von seinen Augenpräparaten abkaufte. 
Freilich war er seit langen Jahren scho]i von ructibus und Schwindel 
geplagt, bei diesem Leben äusserst elend und einem Schatten gleich 
geworden. 

Im Alter von 34 Jahren, im J. 1748 wurde er Regimentsfeld- 
scheerer des Alt-Treskow'schen Infanterie-Regiments in Stettin, und 
im Jahre darauf verheirathete er sich mit der Tochter seines früheren 
Wohlthäters, des Stadtsecretairs Engel in Bützow; sie starb nach 
29 Jahren; von ihren 4 Kindern waren 2 Söhne früh gestorben, eine 
Tochter an den Geheimrath Mayer, eine an den Major im Feld- 
Artillerie-Gorps Hartman n verheirathet. Später heirathete The den 
eine jüngere Schwester seiner ersten Frau. 

Während seines Aufenthaltes in Stettin hatte er eine ausge- 
dehnte Praxis und arbeitete, wie aus zahlreichen Stellen seiner Mit- 
theilungen hervorgeht, sehr viel mit dem Prof. Rhades, einem be- 
rühmten Stettiner Arzte, zusammen. 

Im J. 1756 begleitete er sein Regiment nach Böhmen und war 
nach der Schlacht bei Prag in dem Lazareth zu Kloster Margarethen 
thätig, wo ihn Cothenius kennen lernte und ihm den Auftrag gab, 
während des Winters in Breslau den Lazarethfeldscheerern Unterricht 
in der Chirurgie zu ertheilen. Im Frühjahr 1757 hielt er sich in 
Zittau auf (Neue Bem. I, S. 102). Nach der Schlacht bei Leuthen 
(1757), auf dem Wege zum Lazareth in Neumarck, wurde er von 
österreichischen Husaren gefangen und verlor zum zweiten Mal seine 
Feldequipage, Arznei und Instrumente, uiid als er, im nächsten Früh- 
jahr ausgewechselt, mit seinem Regiment nach Hochkirch ging, ver- 
lor er sie hier bei dem bekannten Ueberfall zum dritten Mal. Fried- 



1) Nach den Neuen Bemerk., Theil I, S. 47, hat er noch 1746 in Meissen 
eine Amputatio femoris gemacht. 



— 202 — 

rieb (1. Gr.. der ihn am Krankenlager des Generals v. Geist ge- 
sehen nnd angesprochen hatte, liess ihm zum Zeichen seiner Zufrieden- 
heit 300 EtU. wegen des erlittenen Verlustes auszahlen, gab ihm freie 
3Iedicin zur nächsten Campagne und ernannte ihn im nächsten Jahre 
(1758) auf Vorschlag von Cothenius zum dritten (interimistischen) 
Generalchirurgus der Armee. Er hatte besonders die Aufsicht über 
die Lazarethe in Pommern und über die Wundärzte der in Pommern 
unter dem General-Lieutenant Grafen von Dohna stehenden Armee. 
Diese marschirte im Sommer 1759 nach Polen, und Theden, der 
ihr folgen wollte, wurde auf der Reise von Kosaken gefangen und 
hätte seine Ausrüstung zum vierten Male verloren, wenn die Russen 
ihm nicht Alles, „keine Kleinigkeit ausgenommen-, wieder zur Ver- 
fügung gestellt hätten. Er war dafür in der bis zum Jahresende 
dauernden Gefangenschaft in Posen sehr thätig und half mit seinen 
Kenntnissen und Fähigkeiten, wo er konnte. Die x\nstrengTingen des 
Krieges nnd der Kummer über dreimalige Gefangenschaft und Verlust 
der kostspieligen Ausrüstung hatten ihn aber so angegriffen, dass er 
zu seiner alten Hypochondrie mit Schwindelgefühl noch intermittiren- 
den Puls und Verdunkelungen des Gesichtsfeldes bekam, und glaubte, 
,,sehi Ende sey ^orhandeir-. Damm entschloss er sich, als er, gegen 
Weihnachten ausgewechselt, nach Stettin zurückkehrte, am Xeujahrs- 
tage 1760 alles warme Getränke bey Seite zu setzen, und dagegen 
Morgens, Xachmittags mul Abends ein Berliner Quart Wasser zu 
trinken und dabey nur auf den Mittag zu essen, und bey der Nacht- 
zeit nur zwey Gläser Wein zu trinken. Später trank er manchen 
Tag sechs bis sieben Quart Wasser und glaubt, dadurch alle Gicht- 
materie, aUe Hypochondrie weggespült zu haben, so dass er in seinem 
81. Jahre munter und vergnügter sei, als in seinem 50sten, ob er 
gleich in einem Gewühl von mehreren und wichtigeren Geschäften 
lebte. 

Nach der Schlacht bei Torgau (1760) wurde Theden zum 
Herzog Eugen von AVürtemberg nach Schwedt gerufen, den er schon 
einmal wegen einer AVunde am Euss behandelt hatte. Auf der Reise 
warf der Postillon um, und Theden brach sich den linken Oberarm, 
eine Handbreit über dem Ellenbogengelenk. Er musste wieder nach 
Berlin zurückkehren, wo ihn Henckel in 6 AVochen sehr geschickt 
heilte. Nachdem er dann in Rostock den Herzog Eugen mit Er- 
folg behandelt hatte, ging er zu seinem Lazareth nach Stettin zurück. 
Im J. 1761 befand er sich in Rostock (Neue Bemerk. III, S. 60). 
1762 wurde das Stettiner Lazareth aufgehoben und Theden nach 
Torgau geschickt, w^o es, wie auch Baidinger erzählt, sehr viel 



— 203 — 

Arbeit gab^); hier war eins der vornehmsten Feldlazareths, das von 
der Armee nicht zu nahe und nicht zu weit entfernt war; ein Maga- 
zin, die Feldbäckerei und die Kasse befanden sich dort, so dass die 
Kranken durcli die leeren Proviant- und Magazinwagen leicht nach 
dem Lazareth gebracht werden konnten. Wegen der Kasse und des 
Magazins war Torgau gedeckt, das Lazareth deshalb in grösserer 
Sicherheit; ausserdem war die Elbe bequem, das Lazareth zu Wasser 
nach Wittenberg und Magdeburg zu senden. 

Nach dem Friedensschluss kehrte Theden nach Stettin zurück 
und wirkte hier, bis er 1768 nach Berlin versetzt wurde, um neben 
seinen Pflichten als 3. Generalchirurg, die im Frieden wohl gering 
waren, die Stelle eines Regiments-Feldscheerers des sämratlichen Ar- 
tillerie-Corps zu versehen, ein Amt, das er fast 30 Jahre lang, bis 
zu seinem Tode, verwaltet hat. Dass er im J. 1771 bei der Hernio- 
tomie, die Schmucker an Dr. Zimmermann ausführte, behülflich 
war, ist mehrfach erwähnt; 1773 ernannte ihn die Kaiserl. i^-kademie 
der IS! at urforscher zu ihrem Mitgliede. Im J. 1774 zog er sich bei 
der Operation einer Mastdarmfistel eine Infection am rechten Zeige- 
finger zu, die trotz einer von Voitus gemachten Incision zu Drüsen- 
schwellung am Ellenbogen führte. Energische Eiswasserumschläge 
beseitigten Schmerz und Entzündung in wenigen Tagen 2). — Kurz 
vor dem Bayerischen Erbfolgekriege, 1778, behandelte er Friedrich 
den Grossen an einem Abscess am Schenkel und stellte ihn in kurzer 
Zeit wieder her, begleitete ihn dann in den Krieg, in dem bekanntlich 
sehr wenig Verletzungen, aber eine grosse Menge von schweren In- 
fectionskrankheiten zu behandeln waren. 

Als Schmucker 1786 starb, ernannte Friedrich der Grosse noch 
kurz vor seinem Tode Theden zum ersten Generalchirurgus in der 
Armee; Bilguer, der schon lange die zweite Stelle bekleidete, wurde 
dabei übergangen. Man muss aber berücksichtigen, dass er 6 Jahre 
Jünger und auch später in den Dienst getreten war als Theden. 

Friedrich Wilhelm IL, der als Kronprinz von Theden 2 mal 
in gefährlichen Krankheiten behandelt war, ernannte ihn noch 1786 
zum Mitgliede des Königl. Ober-Collegium medicum. 

Im J. 1787, im Alter von 73 Jahren, feierte Vater Theden, 



^) „Ich habe die Herrn Generalchh-urgos, Bilgver und Theeden, in dem 
Feldlazareth zu Torgau die wichtigsten Operationen selbst verrichten sehen. Sie 
corrigirten die Wundärzte freundschaftlich, nur bisvA^eilen führten sie das Bistouri 
selbst". (Krankheiten einer Armee S. 16.) 

2) Neue Bemerk., Theil II, S. 23G. 



— 204 — 

wie ei' allgemein gciiamil wurde, sein öOjähi'ige.s Airilsjiibilüiim. Gc- 
heimrath Mayer, einer seiner Schwiegersöhne, hat im Anschhiss an eine 
kurze Biographie Theden's, die in El wert 's „Nachrichten" ziemlich 
wörtlich abgedruckt ist, diese grossartige Feier beschrieben. Sie 
dauerte 4 Tage und zeigte, wie beliebt The den bei Hoch und Niedrig 
war. Da erschienen: Verschiedene Jubiläums-Medaillen, ein Kupfer- 
stich von Chodowiecky, ein von der medizinischen Fakultät zu 
Frankfurt a. 0. ausgestelltes Diplom als Doctor med. et chir., die 
Glückwünsche des Hofes — der Kronprinz und Prinz Ludwig waren 
an einem der Tage zum Gartenfest erschienen — die des Feld- 
Artilleriecorps und seiner Wundärzte, der medizijiischen Collegien, ein 
von den General- und Regimentschirurgen veranstaltetes, von Bilguer 
geleitetes Festmahl, ein von den Wundärzten der Garnison und von 
Studirenden dargebrachter Fackelzug, ferner eine grossartige Feier 
in der Freimaurerloge zu den drei Weltkugeln, der The den seit 1742 
als hochangesehenes Mitglied angehörte^), die Glückwünsche vieler 
auswärtiger Logen, der Mittwochs-Gesellschaft, des Montagsclubs, eine 
grosse Zahl dichterischer Zuschriften, darunter eine von Mursinna 
und mehrere, die der Jubilar sofort in Reimen erwiderte, wie er auch 
am ersten Tage mit seiner Familie einen Ehrentanz mit der Munter- 
keit eines Jünglings tanzte; ferner einige Gedichte, die ihn an seine 
alten Gönner, Cothenius und Schaarschmidt, erinnerten und eine 
Ode von Gedike mit dem schönen Verse: 

„Nahst Du einst spät, o Tod, dem frommen Greise, 

So führ ihn nicht den rauhen AVeg 

Der Schmerzen; küsse Du die schöne Seele leise 

Aus ihrer Hülle weg!" — 

The den lebte noch 10 Jahre in angestrengter Thätigkeit; er 
versah beim Artillerieregiment den regimentsärztlichen Dienst, leitete 
das Lazareth dieses Truppentheils, das seiner guten Einrichtungen 
wegen berühmt war, arbeitete 1787 mit Fritze das neue Lazareth- 
regiement aus, machte 1787, 1788 und 1790 und im Juni 1795 als 
erster Generalchirurgus verschiedene Vorschläge, um eine bessere Aus- 
bildung des militärärztlichen Nachwuchses möglich zu machen-) und 
schrieb 1795, als 81jähriger Greis, den 3. Band seiner „Neuen Be- 



1) In den Räumen dieser Loge, die damals in ihrem bei Mon-Bijou belegenen 
Garten feierte, hängt noch jetzt Theden's Bild in Lebensgrösse. Auch von 
Cothenius befindet sich hier ein lebensgrosses Portrait. 

2) Diese der Kosten wegen nicht durchgeführten Pläne sind in der Einleitung 
besprochen. 



— 205 — 

raerkungen und Erfahi-uiigen", den er dem Könige widmete als die 
letzte gelehrte Arbeit, die er zum Besten der Wissenschaft dem Druck 
selbst übergeben könne. — Er war inzwischen noch von der Dänischen 
Akademie der Chirurgie und von der Helvetischen naturforschenden 
Gesellschaft zum Mitgiiede ernannt worden. In der Berliner Akademie 
der Wissenschaften hatte er einmal „als Gast" über seine Versuche 
mit dem elastischen Harz, dessen Auflösung in Naphtha Vitrioli, und 
der Herstellung von Kathetern und anderen Maschinen daraus ^) Vor- 
trag gehalten. 

Am 1. Sept. 1796, dem ersten Stiftungstage der von Gocrcke 
oingerichten „Königl. Preussischen Militairisch-Chirurgischen Pflanz- 
Schule", war auch der 82jährige Theden zugegen-). Er hatte für 
die Feier ein Gedicht verfasst, das wohl hier Platz finden darf: 

Nicht mehr vom fernen Seine-Strande 
erhält die deutsche Chirurgie 
der Wahrheit Licht, das fremde Kunst ibr lieh; 
jetzt schimmert sie im thetiren Vaterlande, 
der Menschheit segenreiche Kunst, 
durch weiser Männer thätiges Bestreben 
und edler Fürsten milde Gunst, 
und schützt voll Klugheit Menschenleben! 

Sie heilt die Wunden, die das Schwerdt 
des Krieges schlägt, übt Menschenliebe, 
und ihre Priester sind geehrt, 

wenn sie, wie Goercke, voll mitleidsreicher Triebe, 
sich ihrer Kunst mit heissem Eifer weyhn, 
und sich des süssen Lohnes freun, 
auch für die künftige Welt noch Schüler zu erziehen, 
die sich mit strengem Fleiss bemühen, 
ganz ihres Lehrers werth zu seyn. 



^) Neue Bemerk, und Erfahr., 2. Theil, S. 143, und das Sendschreiben an 
A. G. Richter. Es entspricht der damals ühliclien Redeweise, wenn Theden 
dabei sagt: ,,Es hat noch niemand ein so nützliches Werkzeug von dieser Art be- 
kannt gemacht, deswegen schmeichle ich mir, den gnädigen Beyfall einer hoch- 
erleuchteten Akademie zu erlangen. Diese einzige Belohnung ist mir wünscliens- 
werth, und sie allein kann mich antreiben, mehrere Versuche mit diesem anzu- 
stellen und davon fernere Nachricht zu geben." 

^) Vergl. auch Preuss, Geschichte des Institutes, S. 86. 



— 206 — 

Ihr alio)-. die Ihr jctzT der Lclireii 
des besten Mannes Euch erfreut, 
^Yidmet Eure ganze Lebenszeit 
dem Eleiss, der Menschenlieb' und Thätigkeit, 
die Kunst, der Ihr Euch jetzo weiht, 
durch tausend gute Werke hoch zu ehren, 
und trocknet spät der Menschheit Jamraerzähren, 
durch Eifer und Geschicklichkeit, 
dass unsere Wissenschaft stets hoch und höher steige, 
und ich. ein Greis von drei und achtzig Jahr, 
dann meines Hauptes silbergraues Haar 
niii frohem Muth zttm Grabe neige. 

Das mir vorliegende Exemplar aus der Bibliothek dieser Pflanz- 
schule, unserer Kaiser Wilhelms-Akademie, trägt Thedcn's eigen- 
händige, aber fast unleserliche Widmung an Goercke: 
„Edler, guter Menschenfreund, 
Nimm, was hier der Freund dir bringet, 
Nimm's! Denn es ist treu gemeint. 
Was mein redlichs Herz Dir singet. 
Die Feier des Stiftungstages der von mich seit dem ausmarsch nacli 
Schlesien gewünschten und durch Sie Zustande gebrachten Pepiniere zeigte mir 
überzeugend, mit welcher Bravour und Eifer Sie bester Freund! selbige be- 
arbeiteten. Diess bewegte mein gantzes Herz so, dass ich die Empfindungen 
darüber in diess Gedicht fliessen lies: und heule hör' ich noch zu meiner innigsten 
Freude zwe\' Reden, welche mich so wie der Vortrag überzeugen, dass diese An- 
stalt die heilsamste und nützlichste, sowohl für die Militair-Chirurgie, alss dem 
ganzen Staate unseres geliebten Königs werden wird. — bester edler Freund! 
fahren Sie mit ihrem eifrigen Bemühen fort un,d erwerben sich die Krohne des 
Verdienstes um die Chirurgie, zu welcher ich nur den Entwurf machen konnte 
und lieben Sie ferner ihren zwar alten, doch redlichen Freund 

Berlin, den 22. October 1796. J. C. A. Theden." 

East genau ein .Jahr später, am 21. Oktober 1797, starb Vater 
Theden. bis zuletzt thätig, nach (30jähriger Dienstzeit im Alter von 
83 Jahren. Er hat von dem Dreigestirn Schmucker, Bilguer, 
Theden das höchste Alter und — den höchsten Euhm erreicht. 
Seine Berufsgenossen im weitesten Sinne, nicht allein die Militär- 
Chirurgen, begleiteten ihn und seine Leistungen und Erfindungen mit 
fast allgemeinem, ungetheiltem Beifall. Der kritische Mursinna sagt, 
er habe zwar weniger Gelehrsamkeit, aber mehr Erfahrung (als 
Bilguer) gehabt: was ihm an Talent und Erziehung abging, habe er 
durch seinen eisernen Eleiss in seinen 60 Dienstjahren ersetzt und 
sei ewig thätig, wissbegierig und wirksam gewesen. Dadurch habe 



— 207 — 

4 

er sicli einen Schatz echter Erfahrungen gesammelt und noch in 
seinem hohen Alter die Medizin mid Chirurgie bereichert. — ' Der 
öfter erwähnte, den Aerzten nicht sehr wohlgesinnte Verfasser der 
„Büsten Berlinscher Gelehrten und Künstler" macht bei Theden 
(und bei Seile) eine Ausnahme; unter der Devise: 

„Er setzt der Kriege Grau'n durch weise Heilkunst Schranken 
Und stützt Verwundete, die schon zum Grabe sanken" 
stellt er ihn geradezu als Muster, als Ausnahme unter den Aerzten 
seiner Zeit hin. — A. G. Richter in Göttingen widmete ihm den 
4. Band seiner „Chirurgischen Bibliothek"; der bekannte Eegiments- 
feldscheerer Ollenroth seine Schrift über die Unterwundärzte (s. o.). 
Das Taschenbuch für Deutsche Wundärzte spricht nur in Ausdrücken 
höchster Verehrung von ihm. — Am Schlüsse seiner „Schilderung 
eines Wundarztes", einer den Studirenden des Colleg. med. chir. im 
Jahre 1787 gehaltenen Rede, sagt Mursinna von ihm (wärmer, als 
17 Jahre später, s. o.): 

„Gott erhalte uns diesen verehrungswürdigen Greis noch lange zur Stütze, 
zum Vorbilde und zur Aufmunterung und kröne sein Alter mit Gesundheit und 
Glückseligkeit! — Dieser verehrungswürdige Mann, gleich gross an ächten chirur- 
gischen Wissenschaften und an Herzensgüte und Mensclienliebe, hat es durch sein 
langes ehren- und ruhmvolles Leben bewiesen, was ein rechtschaffener Mann, was 
ein guter Wundarzt der leidenden Menschheit leisten kann." 

Fürst Blücher, der 1814 und 1816 der Stiftungsfeier der 
Pepiniere beiwohnte und jedesmal Gelegenheit nahm, die Leistungen 
der Preussischen Militärärzte in den voraufgegangenen Kriegen 
rühmend hervorzuheben, blieb vor The den 's Bildniss stehen und 
sagte: „Auch er war ein tüchtiger Mann; ich kenne ihn wohl, er hat 
auch mich unter seinen Händen gehabt im siebenjährigen Kriege, als 
mir ein Schuss durch das Bein ging."^) 

Albrecht v. li aller, der in seiner Bibl. chir. (II, p. 569) 
mehrere Schriften Theden 's bespricht, nennt ihn: „Chirurgus Bero- 
linensis, vir plurima expertus". 

Als Schriftsteller trat Theden erst im Alter von 57 Jahren, 
nachdem er 34 Jahre gedient hatte, auf; natürlich unter den üblichen 
Entschuldigungen und Erklärungen. Männer von Einsicht hatten es 
ihm zur Pflicht gemacht, seine Beobachtungen mitzutheilen — darunter 
Zimmermann in Hannover und Rhades in Stettin. Seinen ersten 
Arbeiten war dann mehr Ehre erwiesen, als er selbst je nach seiner 
Erziehung, Schulwissenschaft und Bildung zum Arzte hoffen konnte. 



1) Preuss, 1. c. S. 113. 



— 208 — 

Tm Jahre 1782. mit dem 2. Bande seiner „Neuen ]]emerkun£:en" 
wollte er seine Autorschaft beschliessen : ,,so wird Lob und TadeJ 
desto gleichgültiger sein'-^i. Wir sahen, dass er noch 13 Jahre sj^äter 
den 3. Band herausgab und nun zum letztenmal von dem ihm immer 
verehrungswürdig gewesenen Publikum, von seinen theuren Freunden 
und auch von seinen, dennoch von ilim geliebten Feinden, dankbar 
i^bschied nahm. 

Sein erstes Werk, dem König gewidmet, war der erste Band der 
„Neuen Bemerkungen und Erfahrungen zur Bereicherung der 
AVundarzneykunst und Medicin", Berlin und Stettin 1771; er 
crscliien 1776 in 2., und, zugleich mit der ersten Ausgabe des 
2. Bandes, 1782, in 3. Aufjage. Als der 3. Band im Jahre 1795 
herausgegeben wurde, waren auch Abdrücke des 1. und 2. Bandes, 
also in 4., resp. 2. Ausgabe, erforderlich. — Die erste Ausgabe des 
1. Bandes war mit einem Titelkupfer geschmückt, das Th. von seinem 
Freunde J. C. Moehsen bekommen hatte; es stellt die Scene dar, 
wie Democedes die Geschenke des Darius zurückweist; die anderen 
Bände und -Ausgaben sind ohne dieses Titelbild. — ■ Die erste Aus- 
gabe des 2. Bandes (1782) widmet Theden seinem verehrungswür- 
digsten Freunde Schmucker, der ihm während seiner Studien viel- 
fach behülflich gewesen war, und dem er das Verdienst zuschreibt, 
eine Pflanzschule aus jungen fähigen Köpfen errichtet zu haben, die 
besten und würdigsten, die sich am meisten gebildet, aus diesen 
herauszuziehen, sie weiter zu befördern und endlich mit ihnen die 
Armee als mit würdigen Regiments-Chirurgis, zu versehen. Th. wird 
damit die von Schmucker durchgesetzte Erweiterung des Pensionair- 
Instituts im Jahre 1777 gemeint haben. 

Sein zweites Werk, der „Unterricht für die Unterwundärzte 
bey Armeeen, besonders bey dem Königlich Preussischen 
Artilleriecorps", waT aus Vorlegungen entstanden, die er seinen 
Untergebenen liielt, und musste von Allen, die er anstellte, sorgfältig 
studirt werden. Den ersten Theil widmete er dem General-Lieutenant 
von Maier, seinem Lebensretter (s. o.) und den zweiten dem General- 
Stabs- Jledicus Cothenius, dem Manne, der „unerkauft mein Gönner 
geworden; dem ich es zu verdanken hatte, dass Se. König!. Majestät 
die Stelle eines Generalchirurgus mir anvertrauten; dadurch ward ich 



^) Das Taschenbuch füi Deutsche Wundärzte, 1783, sagt dazu: ,,Aus wah- 
rem Gefühl und dankbaren Empfindungen werden Deutschlands Wundärzte wün- 
schen, dass die Drohung des würdigen Greises, mit diesem zweiten Bande seine 
Autorschaft zu beschliesssn. unerfüllt bleibe." 



— 209 — 

den Bcs(^liwerlichkeite]i der FeJdzüge entzogen. Dadurch haben Sie 
mir das Leben erhalten"^). Beide Widmungen sind „J. C. A. Thedc" 
unterschrieben. — Die \'orrede zu diesem „Unterricht" ist dadurch 
wichtig und interessant, dass Thedeii in ihr eine auf die eigenen 
Erlebnisse und langjährigen Erfahrungen begründete Darstellung des 
elenden Standes der AVundärzte seiner Zeit, ihrer Vorbildung, ihrer 
Fähigkeiten und Kenntnisse, und im Anschluss daran ausführliche 
Vorschläge zur Beseitigung dieser Uebelstände (i. J. 1774!) giebt. Als 
Einleitung des Werkes folgt dann eine Darstellung des „Zustandes 
der Wundarzneykunst unter der Preussischen Armee, besonders zu 
Berlin." Die Regimentswundärzte machen ihre geschickten Compagnie- 
Wundärzte dem ersten General-Chirurgus, welche Stelle gegenwärtig 
der vortreffliche Herr Schmucker bekleidet, bekannt, welcher sie 
alsdann unter die Königliche Garden versetzet. Aus diesen 
werden, wenn eine Pensionair-Stelle ledig wird, Sr. Majestät die ge- 
schicktesten und ältesten vorgeschlagen, und hierauf werden sie unter 
die Pensionairs aufgenommen. Sie werden auf Königliche Kosten 
unterhalten und unterrichtet und rücken später als Regiments-Wund- 
ärzte wieder in die Armee ein; diese Stellen sind anderen Wundärzten 
nur ausnahmsweise zugänglich, wenn sie im Felde gedient, ihren 
Cursus und die Examina mit Auszeichnung absolvirt haben. The den 
beschreibt dann den Unterricht und die regelmässigen Prüfungen der 
Pensionärs, die Ausbildung der 6 in der Charite thätigen Feldscheerer, 
die vorher die theoretischen Collegia schon gehört haben müssen und 
nach 1 Jahr zu ihren Regimentern zurückkehren. Bei guter Führung 
können sie später als Pensionärs zum Collegium und zur Charite 
zurückkehren und ihre Studien vollenden. Die Oberaufsicht über 
diese i\nstalten, deren Gründung durch Holtzendorff auch Theden 
erwähnt, hatte damals Cothenius, die Pensionärs standen aber 
speciell unter Schmucker. Geht die Armee zu Felde, dann geben 
alle mit bis auf einen, der in der Charite zurückbleiben muss. Die 
Thätigkeit der verschiedenen Feld- und Wundärzte in den Lazarethen 
haben wir bei der Lebensbeschreibung von Cothenius besprochen: 
die Notizen Theden 's decken sich hier mit denen Baldingcr's. 
Er schliesst mit den Worten: „Wenn diesem allen nach dem Willen 



^) Cothenius hatte Theden zuerst dazu ermuntert, eine Anleitung für 
Unterwundärzte zu schreiben. — Die erste Ausgabe des ,, Unterrichts" erschien 
1774 bey Friedrich Nicolai, Buchhändler unter der Stechbahn: die zweite 1778, 
die dritte 1782 und die letzte 1783. (Nach Mayer kam die 2. Ausg. 1779, die 3. 
1782 heraus: im Katalou' der Kaiser Wilhelms-Alcademie steht eine 2. Aus«-, von 
1781 verzeichnet.) 

Veröffeiitl. aus dem Gebiete des Milit.-.Sanitätsvv. 13. Heft. ]^j. 



— 210 — 

des Köniiis in aller Slreiige nachgelebet Avürdo. so hätte man in unseren 
Ländern eben nicht nöthig, über gar schleclite Wundärzte zu klagen." 

Die in dem Buche gelehrte Physiologie, Pathologie, Anatomie 
und Chirurgie entspricht dem Stande des AVissens jener Zeit; Haller, 
Zimmermann, Tissot, Henckel, Pallas u. A. sind dabei zu 
Rathe gezogen. — Im Jahre 1782 erschien von Schräge in Amster- 
dam eine holländische üebersetzung: Genees- and heelkundig under- 
WYS etc., vermehrt durch Vorschriften für Schiffsärzte. 

Im Jahre 1777 veröffentlichte The den sein „Sendschreiben an 
den berühmten Herrn Professor Richter in Göttingen, die neu er- 
fundenen Catheter aus der Resina Elastica betreffend" i). Er be- 
schreibt darin, ähnlich, wie in dem Vortrage vor der Ivönigi. Akademie 
der AVissenschaften in Berlin, die mühsame Zubereitung der elastischen 
Catheter u. s. w., und erklärt sich bereit, jedes einzelne Stück für 
„6 Rthlr. in Conventionsgelde oder den Louisd'or zu 5 Rthlr. gerechnet, 
alle 4 Stück zusammen aber für 3 Louisd'or zu lassen." Er hatte auch 
schon elastische Kanüh?n für den Luftröhrenschnitt daraus hergestellt. 

Im Jahre 1782 verfasste The den die Vorrede zu Lewison's 
Beschreibung der Londonschen medizinischen Praxis, den deutschen 
Aerzten vorgelegt (Berlin, bei Nicolai) und ein Schreiben an den 
Herausgeber des Frankfurter medic. AVochenblattes. 

In Bilguer's Wahrnehmungen, in Schmucker's vermischten 
Chirurg. Schriften finden sich mehrere Beiträge von Theden. Be- 
rühmt war s. Z. die Beschreibung einer sehr einfachen Maschine zur 
Heilung der Brüche des oberen Schenkels, die er auch später in 
seine „Neuen Bemerkungen" aufnahm 2). 

Im Jahre 1795 schrieb Theden noch einen offenen Brief über die 
Preussischen Feldlazarethe. Ein Physicus Böttcher hatte ein 1790/91 
in Bischoff stein etablirtes Lazareth und besonders den Regiments- 
chirurgus Balk öffentlich angegriffen. Dieser wies in einer kleinen 
Schrift: „Rechtfertigung der Lazarethanstalten in Preussen" u. s. w., 
Berlin, 1796, nach, dass Böttcher ganz ungenügend und falsch 
oricntirt gewesen war. Theden bestätigt die Richtigkeit der Zahlen 
und übrigen Angaben seines Untergebenen und nimmt ihn kräftig in 
Schutz. Der Brief, vom 3. Oktober 1795 datirt, ist der Schrift 



^'i Hier heisst er wieder, sowohl auf dem Titelblatte, als auch am Schluss: 
The de. 

-) Vergl. auch das Taschenbuch für Deutsche Wundärzte 1783. wo einig-e 
Ideine Abweichungen von Theden ' s Schienen angegeben werden. Hier lindet 
sich auch die Notiz, dass Piklcel in Würzburg ebenfalls elastische Katheter 
;i 6 llthl. fabrizire; dieselben sollten sich aber leicht abnutzen. 



— 211 — 

Balk's vorgedruckt. — Auch sonst war The den üeni zu helfen 
bereit: die nach vollendeter Ausbildung in Berlin zu ihren Regimentern 
gehenden Wundärzte hatten die Erlaubniss, in schwierigen Fällen an 
ihn zu schreiben und ihn um seinen Rath zu bitten. 

Theden hat eine Reihe von Verbesserungen in die chirurgische 
Technik eingeführt, die z. Th. noch heute ihren Werth besitzen. Wenn er 
selbst ihnen eine zu allgemeine Gültigkeit und Wirksamkeit zuschrieb, 
so ist das wolil zu entschuldigen; die Zeit hat diesen Fehler beseitigt. 

Betrachten wir zuerst die Einwicklung der Glieder. Die 
Verletzungen der Art. brachialis beim Aderlass waren damals ziem- 
lich häufig; die operative Beseitigung der Folgen dieser Verletzung 
durch doppelte Unterbindung und Durchschneidung wurde ebenfalls 
nicht selten ausgeführt, galt aber doch für schwierig und nicht unbe- 
denklich. Die methodische Einwicklung des ganzen Gliedes von der 
Peripherie her, mit direkter Kompression des zuführenden Theiles 
durch eine schmale Rolle, genügte in der Mehrzahl dieser Fälle, um 
Heilung herbeizuführen. — Der Nutzen der Einwicklungen bei Varicen, 
die Theden übrigens in einem Falle vorher durch Schnitt entleerte, 
und bei „alten Beinschäden - ist auch heute noch anerkannt. Es war 
ihm bekannt, dass eine trocken angelegte Binde sich noch mehr zu- 
sammenzieht, wenn sie nachher angefeuchtet wird. Bei Panaritien. 
bei denen er die „Zertheilungsversuche" nicht über den 3. Tag aus- 
dehnt, machte er die Incision selbst in das Periost ohne sonderlichen 
Schmerz, nachdem er vorher Finger, Hand und Vorderarm etwas fest 
eingewickelt hatte ^). 

Seine Arquebusade (oder Schusswassen, der er eine fast unfehlbare 
AVirkung bei den verschiedensten Verletzungen zuschrieb, hielt Theden 
geheim. Er suchte das zu vertheidigen, itnd seine Freunde unterstützten 
ihn dabei. Voitus, dem die Thatsache bei seinem Vorgesetzten offenbar 
sehr peinlich war (s. o.) gab zu, dass man ein 3Iittel geheim halten 
dürfe, um es dadurch, dass es unbekannt bleibt, in grössere Auf- 
nahme zu bringen. Auch Sehmucker hielt ja sein Augenwasser ge- 
heim; überhaupt muss die Versuchung, eigene, besonders wirksame 
„Mittel" zu erfinden, für Aerzte, die sich ihre Medikamente häufig 
selbst zubereiteten, sehr gross gewesen sein. 



1) Theden machte auch die mteressante Beobachtung, dass bei Wasser- 
sucht die innerlichen Medikamente viel besser wirkten, wenn vorher die oedema- 
tösen Glieder nach seiner Methode eingewickelt waren. — Uebrigens wurde die 
Theden'sche Einwicklung von Desault in Frankreich eingeführt (G. Fischer. 1. c. 
S. 267). 

U* 



— 212 — 

Er halle zwar die Bereituii.ii „griisstenihei].*^" in luigiifv's Waliv- 
uchmungen mirgetheilt, beliielt aber eine Verbesserung derselben für 
sich: erst in dem 2. Thcile seiner „Neuen Bemerkungen" tlieilt er in 
der Vorrede mit, dass dasjenige, was er Sauerampferwasser genannt 
habe, Weinessig sei. Es war ein Geraisch von Spiritus. Essig, Zucker 
und verdünnter Schwefelsäure; Th. ennahnt oft zur Vorsicht bei Ver- 
wendung dieses Allheilmittels, weil es auch ätzende Eigenschaften be- 
sässe. Es wurde bei offenen und subcutanen Verletzungen gebraucht, 
auch bei Verbrennungen sollte es ausgezeichnete Dienste leisten; lange 
ehe er Goulard's Schriften kannte, versetzte er seine Arquebusadc 
schon mit Bleimitteln und verordnete sie am häufigsten kalt, nachdem 
er sich überzeugt hatte, dass das heisse Fomentiren, besonders bei 
Schusswunden, mehr Schaden als Xutzeji stifte, „welches aucli unser 
würdiger erster Königl. Generalchirurgus, Herr Schmucker, zum 
öfteren bemerket hat. den ich hiermit öffentlich ersuche, uns mit der 
Bekanntmachung seiner vortrefflichen Beobachtungen bald zu er- 
freuen" i). Von dieser Arquebusade ist allerdings nichts übrig geblieben, 
als der Xäme, wenn auch Weingeist und Weinessig noch vielfach 
bei Verletzungen und Entzündungen gebraucht werden. 

Die Wirkungen des kalten AVassers bei äusserlicher Anwen- 
dung, z. B. beim Fieber in Form von kalten Abwaschungen und Ein- 
wickelungen -). ebenso bei eingeklemmten Hernien, Entzündungen 
u. s. w., mehr aber noch den Nutzen des reichlichen Wassertrinkens 
hatte Th. 1742 während des Aufenthaltes in Schlesien bei Dr. Hahn 
kennen gelernt und, wie wir sahen, auch an sich selbst erfahren. 
(Dr Joh. Sigm. Hahn, Unterricht von Krafft und AVürkung des frischen 
Wassers in die Leiber des Menschen, Breslau, 1743). AVinter- 
nitz hat eine frühere Schrift von Joh. Hahn, die wunderbare Heil- 
kraft des frischen AA^'assers (1737) im J. 1898 neu herausgegeben.! Er 
nahm seit der Zeit die vielgeschmähten AA'asserdoctoren in Schutz 
und handelte nach den A'orschriften dieses ärztlichen A'orläufers von 
Priessnitz; freilich ..um denen aus Neid entspringenden bösen Nach- 



1) Sie erschienen (s. o.) 1774. also 3 .Jahre später. 

2) Neue Bemerlv., I, S. 134: In bösartigen Fiebern, wo der Puls sinliend 
war, und der Tod so zu sagen auf der Zunge sass. Hess ich kaltes A\''asser über 
den Unterleib und das Scrotum mit Compressen überschlagen, die Brüst, Arme. 
Füsse, auch das Gesicht waschen, die gewaschenen Theile gut abtrocknen und 
den Patienten gut zudecken. — Die klugen Weiber verbieten die Pvose nicht zu 
netzen, und wer darf es wagen, diesen zu widersprechen? Aber ich habe bei 
einigen die ro.senhaften Entzündungen mit Auflegung des kalten Wassoi^ narh 
vorausgegangenen Aderlässen in drcy bis vier Tagen hergestellt. 



— 213 — 

reden zu entgehen", nicht so getrost und allg(Mnein, wie Hahn 
selbst. 

Um die Nachtlieile der oft unvermeidlichen starken Belegung der 
Krankenzimmer, auf die auch Pringle und Brocklesby aufmerk- 
sam gemacht hatten, zu mildern, Hess The den eine besondere Art 
der Ventilation einrichten, bei der durch eine hölzerne Röhre am 
Fussboden die frische Luft in's Zimmer trat, während die schlechte 
und verdorbene durch einen im oberen AA^inkcl der Decke angebrachten 
Trichter austreten sollte '). 

Diese Methode wurde auch in Oesterreich ofliciell eingeführt; wir 
finden ihre Wirksamkeit von ßaldinger in seinen „Krankh(Mten einer 
x4rmee" (p. 29) bestätigt. Die lästigen und die Luft nur verändern- 
den, aber nicht bessernden Räucherungen wurden, freilich nicht ül)er- 
all, aufgegeben. 

Die Verdienste Theden's um die Herstellung elastischer 
Katheter, um die Einführung der Bleipräparate, der der Form 
des Beines nachgebildeten Hohlschiene aus Nusshaumholz für die 
Behandlung der Oberschenkelbrüche sind schon erwähnt. Viel Werth 
legte er auf die von ihm selbst hergestellte neue Spiessglanz- 
tinctur, die z. B. bei Tumoren eine ganz besondere auflösende Kraft 
haben sollte 2). üebrigens führte er in der Behandlung der Lues, trotz 
seiner günstigen Erfahrungen mit Sublimat und anderen Quecksilber- 
salzen das von dem 1757 verstorbenen Sächsischen Generalstabsarzt 
Zittmann angegebene Decoct bei uns ein. Nach Gründer hatt,e 
Theden es durch Pro bisch, dem Zittmann davon Mittheilung ge- 
macht hatte, kennen gelernt. 

Bei Gelenksteifigkeit liess er hauptsächlicJi Tropfbäder ge- 
brauchen; die Tropfen mussten aber aus beträchtlicher Höhe herab- 
fallen, zu welchem Zwecke die Maschine, d. h. der Behälter mit 
Flüssigkeit z. B. 4 Stock lioch angebracht wurde. „Bei dem Brunnen 
zu Ronneburg ist eine -45 Fuss hoch vorhanden", in Torgau.drei 
Stock unter dem Dache in freier Luft. Eine gelähmte Kranke sass 
auf dem Feuerheerd, und der Apparat hieng ol)en im Schornstein. 
Th. hatte oft Ankylosen nach Kriegsverletzungen zu Ijehandeln und 
glaubt, viele davon durch die Tropf bäder geheilt zu haben. 

Eine „Neuerung", auf die er das grösste Gewicht legte, war die 
schon erwähnte Ersetzung der Arterien-Unterbindung durch die Tam- 



1) Neue Bemerk., I. S. 148, im Cap. über die Mundklemme oder dem tetano. 

2) Ebenda, LT, ,S. 184. Vergi. auch das .Jahrbuch für Deutsche \Yund- 



ärzte 1782. 



— 214 — 

ponaclc. Vielleiohr war er schon durch .seinen Freund und Lehrer 
Scbaarselimidt , der den Verschluss der Gelasse, z. ß. nach Ampu- 
tationen, durch ein Blutgerinnsel annahm, vorbereitet, als er 1742 
die Methode des Schweidnitzer Chirurgen Peterwitz kennen lernte. 
Erst 3 Jahre später fand er nacli den blutigeji Kämpfen des zweiten 
Schlesischen Krieges Gelegeidieit, sie in grösserem Maasse anzuwenden, 
und war so sicher von ihrer Wirksamkeit überzeugt, dass er Nadel 
und Faden zum Umstechen, besonders aber die vermaledeyte Arterien- 
zange, an die er nur mit Schaudern denken kann, ganz verbannte 
und Amputationen, Geschwulstexstirpationen, Castrationen u. s. w. 
ohne Unterbindung, nur mit der Tamponade ausführte. Auch in der 
Charite hat er nach geendigtem zweyten Kriege diese Operation ver- 
richtet^). Er scheute sich nicht, diese methodische Kompression auch 
bei der Amputatio femoris anzuwenden. Es war eine äusserst müh- 
same und langwierige Procedur: 6, 8 bis 24 Stunden, Tag und Nacht 
musste der tamponirte Gefässstumpf vom Gehülfen comprimirt werden, 
mid doch hatte Th. „zween Fälle, wo eine Verblutung nach der Tam- 
ponade erfolgt ist". Natürlich war jede schnelle Heilung oder gar 
erste Vereinigung dabei ausgeschlossen: im Gegentheil, die Resultate 
waren, allerdings auch aus anderen Ursachen, sehr mangelhaft. „Unter 
vielen, die an den Schenkeln amputirt worden, sind nur zween er- 
halten". Bei einem 60 Jahre alten Tambour fand sich bei der Am- 
putation die Arterie verkalkt: hier steckte Th. eine Wicke in dieselbe 
hinein und verhinderte die Verblutung. Der Kranke starb nach einiger 
Zeit an unerwarteten Komplikationen. — In zwei Fällen von Ver- 
letzung der Rippenschlagader wurde diese ganz durchschnitten und 
mit einem Tampon stark zurückgeschoben; die Blutung stand. — 
Baidinger (p. 254) berührt die Frage der Blutungen nur kurz; 
nach seiner Meinung sind „die Tampons von dem Herrn General- 
chirurgus Bilguer und Theeden so nützlich allgemein eingeführt, 
dass diese Herren beynahe die Ehre der Erfindung verdienen. Ob- 
gleich das Unterbinden der Schlagadern eine höchst sichere 
und ganz unschädliche Sache ist, wie wir jetzt ganz gewiss 
wissen, so ist doch in vielen Fällen die Blutstillung durcli den Druck 
und durch Tampons vorzuziehen." An dem Irrthum der ausschliess- 
lichen Anwendung dieser „unblutigen Blutstillungsmittel" hat Thedcn 
50 Jahre lang — so lange er lebte — festgehalten. 



1) Tlieden sagt 1782, im 2. Bande der Neuen Bemerk. S. 247, dass „in un- 
seren berlinsclien Schulen die Nadel und Faden, mithin auch die Arterienzange, 
abo-escliafi"! sind": das ist offenbar auf seinen Einfluss zurückzuführen. 



— 215 -^ 

Achnlicli wie Schmucker, vielleicht noch energischer iiiicl cin- 
gelieiidcr, trat er für eine Vereinfachung dos chirurgischen Hand- 
werkszeugs, speciell der Instrumente, ein. Cornelius von Solingen 
hatte schon gegen die vielen, mit überÜüssigen Zierrathen („Rust- 
nestern") geschmückten Instrumente gewettert; durch Fabr. von 
Hilden und Laur. Heister waren aber eine grosse Zahl derselben 
beschrieben und abgebildet, die vielleicht in grossen Instituten inter- 
essant und nützlich, aber für den täglichen Gebrauch des praktischen, 
namentlich des Feldchirurgen, vollständig überflüssig wareu. Theden 
tritt für eine gründliche Reform und \ ereinlachung des Instrumen- 
tariums ein: verwii-ft die Scheeren, weil sie nicht glatt schneiden, 
sondern kneifen ^j, nur die Cooper'sche lässt er gelten, indem man 
wildes Fleisch damit aus dem Grunde wegnehmen kann. Wenn er 
an die famose Arterienzange denkt, schaudert ihm noch die Haut. 
Seitdem man so glücklich ist, das Bluten der Pulsadern ohne Unter- 
bindung zu stillen, seitdem ist auch deren Gebrauch ziemlich aus der 
Mode gekommen. — Eine Reihe von Zangen und Haken, namentlich 
bei der Amputatio mammae, sind überflüssig und schädlich; man 
soll den Ki'cbs nicht verletzen, um die darin entlialtenen 
Säfte nicht in die Wunde zu bringen, und mit den genannten 
Instrumenten ist das nicht zu vermeiden. Die Specula oris, uteri et 
ani, das Bistouri herniaire und die Flügelsonde, alle besonderen In- 
strumente zum Ausziehen der Kugeln, eine Menge verschieden ge- 
formter Cauterisireisen, Elevatorien, Tire-fonds und Haken bei der 
Trepanation, Compressorien bei Aneurysmen, ein besonderes Syringo- 
toni für die Fistula ani u. a. m. sind nach ihm theils überflüssig, 
theils schädlich. 

Bei der Behandlung der Schusswunden tritt Theden, 
ähnlich wie Bilguer und Schmucker, Anfangs noch mit Wärme 
für die Erweiterung ein, die womöglich schon auf dem Schlachtfelde 
geschehen soll. Durchschossene Muskeln wurden quer durchschnitten, 
um den Kanal freizulegen. Die Reaktion gegen dieses eingreifende 
Verfahren kam noch zu Lebzeiten Theden's, der später die Anzeigen 
zu diesem ausgiebigen Debridement bedeutend einschränkte; Hunt er 
verwarf die Erweiterung überhaupt. 

Die Bleimittel, die er in seinem Korps von 6000 Mann sehr 



1) Im 1. Theil der Neuen Bemerk, findet sich freilich manches Beispiel, wo 
er sie selber g-ebraucht hat. 



— '216 -" 

häiilig bi'aiieluo. hält er fiii' sehr iiiil/licli. und ^vilns(:•lll, dass man 
(leren Gebrauch nicht aus Kapilzc unteidassc 'j. 

Die Trepanation hielt Tii. für sehr nützlich und nothwendig, 
empfahl aber bei Kindern, die dünne und ziemlich weiche Schädel- 
decke mit Glas abzuschaben. In den Xeuen Bemerk, ist eine ganze 
Reihe von interessanten Schädelverletzungen, die theils von ihm selbst, 
theils von Anderen fz. B. Pröbisch, I, S. 73) trepanirt waren, mir- 
getheilt. 

Ein besonderes Kapitel widmet Th. „dem Trepaniren anderer 
Theile, als des Granu", besonders bei Caries. 

Einen Nasenpolypen unterband er mit cineni besonderen 
Schiingenträger liinter dem Gaumensegel, dessen Spaltung er ver- 
wirft; die Blutung stillte er ebenso, wie Bellocq. nur rialim er statt 
dos besonderen Röhrchens ein AVachsbougie. 

Bei der Radikalkur der Hydrocele folgte er Pröbisch, der 
am abhängigsten Punkte öffnete, entleerte und durch eingeschobene 
Bourdonnets die Eiterung unterhielt: das Haarseil und die Excision 
der Tunica fanden seinen Beifall nicht. 

Bei der Totalunterbindung des Samenstrangs zur Castra- 
tion fürchtete er den Zustand, der als Krämpfe. Lähmung, Epilepsie 
bezeichnet, wohl Tetanus gewesen ist. Diese durch das ätiologische 
Dunkel über Tetanus zu erklärende Furclit spukte vor Kurzem auch 
bei uns noch, obgleich man jetzt wissen sollte, dass die Ligatur 
allein dabei ganz unschuldig ist. Derselben Meinung waren damals 
schon, wie oben erwähnt. Schmucker und Mursinna. — Th. machte 
die Castration 11 mal ohne Misserfolg. 

Die Mundklemme, den Tetanus, seu spasmus maxillae inferioris, 
also den Trismus lernte er zuerst im Lazareth zu Kuttenberg kennen. 
Theden bemerkte, dass dieser Krampf sich nicht in denen Zimmern 
äusserte, in welche man täglich fiische und reine Luft fülirete. 
Das brachte ihn auf seine einfache \'entilation durch Zug- 
röhren. 

Bei eingeklemmten Brüchen versuchte er Klystiere mit kaltem 
Wasser und Essig, und machte, wie Schmucker, energisch Eis- 



ij Bilguer war dagegen: in seiner letzten Schrift, der Einnerung für die 
Bemerkungen zur Erweiterung u. s. w., 1791, sagt er am Schluss der Vorrede: 
„Noch muss ich, obwohl es in einer Vorrede nicht recht schicklich, die Wund- 
ärzte bei den Feld lazareth en pflichtmässig ermahnen, den so allgemeinen schäd- 
lichen Gebrauch der Bleymittel einzuschränken, sie sind nicht nur unwirksam bei 
den meisten Fällen, sondern sie geben auch, insonderheit bei offenen Schäden, 
die nächste Ui'sach zu einem unveriuuthetcn tödliclien Ausüano-. unfrhlbar ab." 



— 217 — 

umschlage; die Operation verrichtete er selten mit Excision des 
Bruchsackes (Schmucker), imd nie mit Abschnüren des Bruch- 
sackhalses: er reponirte den Inhalt, skarifizirte den Annulus und 
überliess das üebrige der Schwärung. An dem abgoschiiiltenen Netz 
wurde Nichts unterbunden. 

Bemerkenswerth ist ferner: Eine mit Erfolg operirte Gelenkmaus 
im" Knie^), eine ohne Amputation, zu welcher TJi. und Schmucker 
einen vermittelnden Standpunkt einnehmen, geheilte schwere Schuss- 
verletzung des Kniegelenks ; ein merkwürdiger Sektionsbefnnd 7 Jahre 
nach einer spontan geheilten Durchschneidung des Qiierdarms mit 
Abtrennung eines Stücks der Leber: Die Lumina waren durch einen 
kurzen Kanal verbunden, den das übergewachsene Netz gebildet hatte; 
die Leberwunde war kaum aufzufinden. 

Den St ein schnitt hat Th. nie gemacht, obgleich sein Freund 
Pro bisch ihn mit den Methoden, besonders der Sectio alta, bekannt 
gemacht hatte; auch den Blasenstich über der Symphyse führte er 
nie aus, desto häufiger aber ujkI mit bestem Erfolge die Punktion 
vom Mastdarm aus mit dem Fleurant'schen Troikar. 

Trotz des, wie Th. selbst sagt, starken Gefühles von Neid, das 
ihn von Jugend auf beherrschte, scheint sein Verhältniss zu dem zwei 
Jahre älteren Schmucker doch ein recht gutes gewesen zu sein; er 
musste allerdings bei der Ziramermann'schen Operation die Zurück- 
weisung seiner Arkebusade erleben und meinte deshalb, mit derselben 
würde die Heilung schneller erfolgt sein; man findet aber in seinen 
Werken sehr häufig erwähnt, dass er seinen erfahrenen Freund 
in schwierigen Fällen zugezogen hat. Auch der alte Pro bisch 
wurde oft von ihm um Eath gefragt. 

Von dem, was The den im Interesse des Heilpersonals der 
Armee, namentlich der Feldscheerer, that, ist in der Einleitung schon 
die Rede gewesen. Schon 1787 wollte er das Badergewerbe aus- 
schliessen und einen anderen Bildungsgang einführen. 1790 wurde 
auf sein Betreiben der Name „Feldscheer" abgeschafft und in „Chir- 
urg" umgewandelt (der Name: Regimentsarzt kam erst 1815 auf). 
Noch 1797 trat unter ihm die Verbindung der Pepiniere mit der 
Charite ein; das 9. halbe Jahr — seit 1802 ein ganzes Jahr) sollten 
die Eleven zur praktischen Ausbildung in die Charite geschickt wer- 



1) Ein zweiter Fall betraf einen geschickten Regimentsfeldscheerer, der sich 
selbst eine Gelenkmaus aus dem Knie schnitt und nach 2 Tagen wieder Dienst 
that. Der dritte Fall verlief angiücklich; der Kranke starb, ohne Zufälle an der 
Wunde, an einem malignösen Fieber. (Neue Bemerk., I, S. ]00.) 



— 218 — 

den. l'-r nahivi auch regen Aiithcil an der l'.rriclitung des klinischen 
Institutes an der Charite; Fritze sagt in seinen Xachricliten il780) 
darüber: ,,Ura diesem sichtbaren Mangel abzuhelfen, ist jetzt, vor- 
züglich durch die Bemühungen des würdigen und verdienstvollen 
Chefs der medicinischen Anstalten, des Oberkonsistorialpräsidenten 
H. Freiherrn von Hagen und durch den thätigen Ratli des auch um 
die preussische Arzneikunst verdienten General-Chirurgus The den, 
ein klinisches Institut errichtet worden.'- 

Als ein Beweis seiner Fürsorge für das Wohl seiner Untergebe- 
nen ist auch zu erwähnen, dass er und ]\lursinna 1790 mit den 
übrigen Berliner Regimentschirurgen eine Privatpensionskasse 
gründeten, zu der 1796 aucli eine Kasse für die Bataillonschirurgen 
hinzukam. Theden war Vorsteher, Goercke Rechnungsführer. 
Diese Kassen wurden 1801 von Goercke bedeutend verbessert. 



XIII. Henckel, Pröbiscli, Pistor, Jasser, Voitus u. A. 

Aus den Lebensbeschreibungen der drei grossen Preussischen 
Generalchirurgen geht ohne Zweifel hervor, dass das wissenschaftliche 
Leben unter den Chirurgen im 18. Jahrhundert, soweit davon bei dem 
Stande unserer AVissenschaft überhaupt die Rede sein konnte, lange 
nicht so darniederlag, wie das vielfach angenommen wird. In Schaar- 
schmidt's Nachrichten, Schraucker's AVahrnehmungen und vermisch- 
ten Chirurg. Schriften, in Biigu er 's Wahrnehmungen. Theden's Neuen 
Bemerkungen und Erfahrungen finden wir eine grosse Zahl vonRegiments- 
feldscheerern als Mitarbeiter. Aber auch in den von Henckel, Loder, 
Muzell, V. Siebold, A. G.Richter, Baidinger, Mursinna, Arne- 
mann und Hufeland herausgegebenen Zeitschriften, im Tagebuch für 
Deutsche AVundärzte u. a. m. finden wir viele Mittheilungen von ihnen. 
Und wenn es in der Mehrzahl nur einfache Krankengeschichten waren, 
so ist das für Jene Zeit nur zu loben; denn für wissenschaftliche Er- 
klärungen, die man heutzutage überhaupt lesen könnte, waren die 
ätiologischen und pathologisch-anatomischen Anschauungen und Kennt- 
nisse auch bei den gelehrten ilerzten jener Zeit doch gar zu gering! 
Man versuche es nur, Bilguer zu lesen, wenn er den einfachen Prak- 
tiker ausgezogen hat und philosophisch und gelehrt wird ; man studirc 
Eller 's, Bai ding er 's und anderer Koryphäen AVerke und halte die 
einfachen Kranken£eschichten der Feldscheerer dagegen — ich glaube. 



— 211) — 

mancher wird den letzteren den Vorzug geben und linden, dass viele 
von diesen einfaehcn Beobachtnngen noch heute einen praktischen 
Werth besitzen. 

Den genannten Sannnelwei'ken nahe verwandt ist die „Chirur- 
gische Geschichte" von Leberecht Ehregott Schneider, Wundarzt in 
Mittweida, die, nur eigene Beobachtungen enthaltend, von 1762 bis 
1788 in 12 Bänden erschien. Der Verfasser hatte, nach praktischer 
und theoretischer Ausbildung, verschiedene Jahre bei der Armee und 
in Hospitälern, wie auch nunmehr 30 Jahre im Oivilstande die prak- 
tische Wundarzneikunst ausgeübt. 

Von den bekannteren Churbrandenburgischen und Preussischen 
Kriegschirurgen waren aus dem Feldscheer-Stande hervorgegangen: 
Purmann, Horch sen., Brandhorst, Holtzendorff, Senff, 
Pröbisch, S. Schaarschmidt, Pallas, Schmucker, Theden, 
Henckel, Voitus, Roloff, Mursinna, Goercke und Wiebel — 
eine stattliche Reihe verdienter Männer, die man um so höher achten 
muss, je mehr sie sich emporgearbeitet haben, je grösser die Schwie- 
rigkeiten waren, die sich dem verachteten ßarbiergesellen, der die 
Lücken seiner Bildung und seiner Kenntnisse mit aller Kraft aus- 
zufüllen bestrebt war, entgegenstellten. 

Und nun vergleiche man das, was die oben genannten Männer 
und viele ihrer nicht so bekannt gewordenen Berufsgenossen geleistet 
haben, nicht mit unserer Zeit — das wäre ungerecht — aber mit 
der Zeit der Befreiungskriege und den ersten Jahrzehnten unseres 
Jahrhunderts! Es dauerte doch recht lange, bis die neue Art der 
Annahme und Ausbildung unserer Feldärzte soweit gewirkt und ge- 
nutzt hatte, dass sie als solche mit ihren Leistungen wieder so an 
die Oeffentlichkeit treten konnten, wie es ihre gering geachteten Vor- 
gänger gethan hatten. Wir kehren zu diesen noch einmal zurück, 
um auch einige der weniger Berühmten, die sich mit dem Dreigestirn 
Schmucker, Bilguer, Theden nicht messen können, kennen zu 
lernen. 

Mit Schmucker im gleichen Alter (1712 geboren) war Jo- 
achim Friedrich Henckel. Bei seinem Vater, der Stadtrichter, 
Postmeister und Wundarzt in Preuss. Plolland war, erhielt er die 
erste ikusbildung und ging dann nach Königsberg und Danzig und 
1731 nach Berlin, wo er im Oolleg. med. chir. studirte und in der 
Charite unter Senff und Eller thätig war. 3 Jahre war er Kom- 
pagniefeldscheerer beim Kleist'schen Regiment, bis er von Brand- 
horst zur Garde versetzt und 2 Jahre später Pensionair wurde. Als 
solcher reiste er auf Köniül. Kosten 1737 über Holland nach Paris, 



— 220 — 

arbeitete dort luuiptsäi'lilicli Ijci Ic Di'an, )Sl. Yves und Ferrein, und 
wurde bei seiner Rückkehr Regimentsfeldscheerer des Leibregiments. 
Als solcher behandelte er Friedrich AVilhclm I. in seiner letzten 
Krankheit und war bei der Einbalsainirung zugegen. Er machte den 
ersten und zweiten Schlesischen Krieg mit, zuletzt beim Corps der 
Gensd'armes, wirkte u. a. in den Schlachten bei Striegau (Hohen- 
friedberg) uud Soor und wurde nach dem Frieden Oberwundarzt der 
Charite und 1771 Professor der Chirurgie. Als solcher hielt er viel 
besuchte Verbandkurse und chirurgische Vorlesungen, was er, aller- 
dings nicht ohne Anfeindungen, privatim schon zwisclien dem 1. und 
2. Schlesischen Kriege gethan hatte. 174:4 promovirtc er in Frank- 
furt a. 0. Im J. 1756 erschien seine, hauptsächlich auf die Ban- 
dagenlehre von ßass (Halle i^) gegründete „Anweisung zum ver- 
besserten Chirurg. Verbände"; 1767 in 2., 1771) in 3. uud 1790 
(als Abdruck) in 4. Ausgabe. Ausserdem gab lienckel 1747 seine 
Medicinischcn und chirurgischen Anmerkungen heraus, von 
denen bis 1751 sechs Sammlungen mit Beiträgen verschiedener x4.erzte 
und Feldscheerer erschienen, und die bis 1763 fortgeführt wurden: 
im J. 1751 die Anmerkungen von widernatürlichen Geburthen 
zur Verbesserung der Hebaramenkunst: 1769 und 1772: Neue 
raedic. -Chirurg. Anmerkungen und 1779, kurz vor seinem Tode 
(1780): Medicinische und chirurgische Beobachtungen und 
Abhandlungen. Seine „Anmerkungen'- wurden schon im J. 1747 
(Berlin) von einem „Liebhaber der Wahrheit" heftig angegriffen; seine 
in 3 Bänden 1763, 1770 bis 1776 erschienene Abhandlung von 
den chirurgischen Operationen wurde von A. G. Richter un- 
günstig kritisirt, wofür er von Flenckel einen groben Brief bekam 
(G. Fischer, S. 190 u. 236). Inzwischen hatte H. 1759 auch eine 
Abhandlung von Beinbrüchen und Verrenkungen geschrieben. 
— 1760 machte er als Erster in Deutschland den Kaiserschnitt in 
der Linea alba mit Erfolg. 

Henckel war Dr. med. et chir., Professor der Chirurgie und 
Geburtshülfe, 1. Chirurg an der Charite, Arzt („und Operator" steht 
unter seinem Bilde) des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, Mitglied der 



^) Aus der Bandagenlehre von Bass war die Henckel's hervorgegangen. 
Diese wurde 1802 von Stark und 1829 von Dieffenbach vermehrt und ver- 
bessert herausgegeben; Bass hatte nach Verduc (1703) gearbeitet. Berühmter 
war s. Z. noch der „Erläuterte Nuck" von Heinr. Bass, eine Uebersetzung der 
„Chirurgischen Handgriffe" des Leydener Professors mit zahlreichen Anmerkungen 
und einer sehr interessanten Vorrede von Friedrich Hoffmann. (Halle im 
3Iai>'(leburgischen 1728.) 



— 221 — 

Berliner Akademie der Wissenschaften, der Kaiser!. Leopoldin. Aka- 
demie mid schon seit 1750 der Pariser Academie de Chirurgie. — 
Seine grosse Instrumentensammlung ging nach seinem Tode in den 
Besitz des Colleg. med. chir. über; es existirt darüber ein Katalog 
von A. Schaarschmidt aus dem J. 1750. — Mursinn a sagt, seine 
Zuhörer hätten bei ihm viel gehört, aber wenig gelernt, weil es ihm an 
der richtigen Urtheilskraft fehlte, das Gute vom Schlechten abzusondern. 

Sein litterarischer Gegner A. G. Richter sagte nach Henckel's 
Tode von ihm: „Er war ein thätiger, geübter und gelehrter prakti- 
scher Wundarzt, ein Mann voll Erfahrung, Belesenheit und Eifer für 
die Wissenschaft, der ungeachtet des Mangels einiger schriftstellerischer 
Talente sich um die Deutsche Wundarzneikunst sehr verdient ge- 
macht hat." 

Mit welcher Hochachtung Purmann von seinem 20 Jahre älteren 
Freunde, dem Regimentschirurgen Horch, dem Vater des Christoph 
Horch, spricht, wie er ihn als den geschickten, erfahrenen Arzt und 
Chirurgen schildert, dem er manchen guten Rath, manche nützliche 
Anregimg zu verdanken hatte, ist in Purmann's Lebensgeschichte 
erwähnt. Auch einige Feld- und Berufsgenossen Purmann's, die 
ihm halfen, so gut er ihnen oft assistirte, wurden dabei genannt. So 
der Regimentsfeldscheerer Rumphtun, der 1671 eine Exarticulatio 
cubiti machte, eine Operation, die Ambroise Pare 1536 ausgeführt 
hatte, die aber später in Misskredit gerieth. Beyer machte, wie bei 
Bilguer zu finden ist. 1762 eine, wenn auch atypische tlandgelenks- 
resection. In seiner Schrift über die Amputationen erzählt Bilguer, 
dass der „bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinz von Preussen Infanterie 
stehende geschickte, erfahrene und unermüdete Regimentsfeldscheerer" 
Herr Köhler sich wie in anderen Stücken so auch noch besonders 
darin um die Wundarzney gar sehr verdient gemacht, da er theils 
hierzu schickliche Sägen (sc. zur Resection) angegeben, theils selbst 
verfertiget und mit den glücklichsten Erfolgen unter Anderem auch 
den Gebrauch davon gemacht, dass er mit solchen kleinen Sägen bey 
verschiedenen Umständen sogar grosse Knochen-Umkreise von der 
Hirnschale abgesägt. Ueber den erfolgreichen Versuch desselben 
Chirurgen, durch eine Infusion von Brechweinstein in die Vena basi- 
lica einen im Oesophagus festgeklemmten Fleischklumpen nach aussen 
zu befördern, wurde schon berichtet. 

Von dem alten Pro bisch, der (s. o. die Liste bei Brandhorst) als 
Pensionair-Chirurg, wie Kluge sagt, des schnelleren Avancements 
wegen, nicht in der Charite angestellt gewesen war, aber den Kranken- 
besuchen und Operationen beigewohnt hatte, und der als Regiments- 



222 

c'liirui'g in Königsberg zuerst in Deutschland die Sectio alta mit 
bestem Erfolge in mehreren Fällen ausführte^), der spcäter zur Garde 
nach Potsdam und Berlin kam. Leibarzt wurde und unter seinen 
Berufsgenossen in höchster Achtung stand, war schon mehrfach die 
Rede. Auch Schmucker und The den versäumten es in schwierigen 
Fällen, Avie aus zahlreichen Stellen ihrer Schriften hervorgeht, nie, 
den Rath dieses geschickten und erfahrenen Mannes einzuholen. 
Mursinn a sagt von ihm, dass er sein ganzes Leben der Wissen- 
schaft und der Menschenliebe gewidmet habe und gleich gross als 
Mensch und als Arzt gewesen sei. Er starb 1787 in hohem Alter, 
„von allen Edlen geliebt und nach seinem Tode beweint". 

Eine ähnliche Stellung scheint der Regiraentsfeldscheerer Carl 
Philipp Pistor eingenommen zu haben. Er war 1737, als 
Schmucker nach Paris ging, zur Armee nach Ungarn geschickt, um 
die dortigen Lazarethe kennen zu lernen und kriegschirurgische Be- 
obachtungen zu machen. Später lieferte er manchen Beitrag zu 
Bilguer's und Schmucker 's Sammelwerken; Bilguer erzählt in 
der oben erwähnten Schrift (S. 301), der Obristwachtmeister von 
Rothkirch und der Rittmeister von Krockow, beide durch das 
Schultergelenk geschossen, seien der erste von „dem geschickten und 
erfahrenen Manne, meinem gar sehr guten Freund, den Regiments- 
feldscheerer Herrn Pistor", und der andere von Bilguer selbst in 
elf Monaten geheilt. — Pistor wird in Seyffart's Geschichte des 
Prinz Friedrich von Braunschweig Infanterie-Regiments, bei dem er 
stand, als sehr geschickter Chirurg gerühmt. Er starb 82 Jahre alt, 
im Jahre 1781. 

Auch Ollenroth wurde, schon als Verfasser einer sehr ideal ge- 
haltenen Schritt für die ünterwundärzte genannt. Dass er auch ein 
guter Praktiker war, beweisen seine Arbeiten in Seh muck er 's ver- 
mischten chirurgischen Schriften; er gab ein Listrum ent an zum Aus- 
ziehen fremder Körper aus der Speiseröhre, machte die Paracentese 
der Brust mit Eintreiben warmer Dämpfe, gab bei Nephritis und 
Cystitis die Mischung von Kalkwasser mit Milch, beobachtete einen 
Fall von Herzbeutelwunde und einen von zweimaligem Steinschnitt 
an demselben Patienten. 

Der Regimentswundarzt Evers verbesserte die Brasdor'sche 



1) W. H. Pröbisch, Vom Steinsclinitt über dem Ossi pubis. Königs- 
berg 1727. — Schaarschmidt theilt im L Bde. der ,, Nachrichten" die schwie- 
rige, aber mit gutem Erfolg von Pröbisch ausgeführte Operation eines Anus 
imperforatus mit. 4 Zoll tief musste incidirt werden ; nachher Einlegen eines 
Bleirohrs. 



— 228 — 

Binde zum Schlüsselbeinbruch und gab für die Fontanellen eine einfache 
Methode an (kleinesBlasenpflaster und dann die Erbsen, s. Taschenbuch für 
DeutscheWundärzte 1783). Ebenda wird die von dem Regimentswundarzt 
Kühn in Brandenburg erfundene Maschine beschrieben, deren man 
sich statt eines Pferdes bedienen kann; durch eine Kurbel in Be- 
wegung gesetzt, ahmte sie die Bewegung des Trabes nach. Sie sollte 
namentlich bei Hypochondrie mid Leibesverstopfung nützlich sein. 
Also ein wenig schwedische Heilgymnastik von einem Regiments- 
wundarzt des vorigen Jahrhunderts! (Von Tissot's Werk über die 
medizinisch-chirurgische Gymnastik war 1782 in Leipzig eine üeber- 
setzung erschienen.) 

Der Vorgänger Henckel's in der Charite, Prof. S. Pallas 
(1694 — 1770), hatte lange als Regimentswundarzt mit grossem Bei- 
fall gedient (Mursinna) imd war 1741 Professor und Ober-AVundarzt 
der Charite (s. u. Seite 256). Er schrieb eine „Anleitung zur 
praktischen Chirurgie", Berlin und Stralsund 1763, 2. Ausg. 
1770; sein Sohn A. F. Pallas, ein Schüler Haller's, gab (Berlin 
1764) eine Chirurgie oder Abhandlung von äusserlichen 
Krankheiten (2. Ausg. 1776) heraus. Von. S.Pallas stammt noch 
aus dem Jahre 1770 (Berlin und Stralsund) eine Praktische An- 
leitung, die Knochenkrankheiten zu heilen. Sein 2. Sohn, 
Peter Simon Pallas, trat in russische Dienste und hat als Reisender 
und Naturforscher Ausgezeichnetes geleistet. Berühmt, und von 
Nicolai (II, S. 827) unter den Sehenswürdigkeiten Berlins aufgeführt, 
war seine ausgezeichnete Bibliothek und die yortreffliche Sammlung 
chirurgischer Listrumente, von den besten Meistern in London, Paris 
und Berlin. — 

Von dem Regimentsfeldscheerer Jasser, der zuerst 1776 in 
Schmucker 's vermischten chirurgischen Schriften (III, S. 113 — 125) 
auftritt und 1796 von Balk in seiner oben erwähnten Rechtferti- 
gungsschrift als Generalchirurg in Heilsberg genannt wird — mehr 
wissen wir von ihm nicht — , stammen zwei wichtige Neuerungen, 
von denen sich allerdings später herausgestellt hat, dass auch sie 
schon einmal dagewesen waren. Zu Jasser 's Zeit galten sie für 
neu, so dass man die Behandlung der Krätze mit Schwefel die 
Jasser'sche Methode und die Anbohrung des Warzenfortsatzes 
bei Ohrenleiden die Jasser'sche Operation nannte. Jasser hatte bei 
einem seit langer Zeit an Ohrenfluss und Kopfschmerzen leidenden 
Soldaten an der schmerzhaften und fluktuirenden Gegend des Warzen- 
fortsatzes eine Incision gemacht und fand an dem Knochen hier eine 
kleine Fistel, Zu seiner Verwunderung kam hier eingespritzte Flüssig- 



— 224 — 

keil, /MV Nase wieder heraus. Diese Kommunikation, von der sich 
J asser durch weitere Versuche überzeugte, war schon Valsalva be- 
kannt nnd die Trepanation des Warzenfortsatzes war schon 1773 
von J. L. Petit beschrieben. Beides war aber in Vergessenheit ge- 
rathen, und Jasser hat das Verdienst, die oft lebensrettende Ope- 
ration in Deutschland zuei'st gemacht und eingeführt zu haben ^). — 
Aehnlich ist es mit seiner Methode, die Krätze zu behandehi. AVir 
sahen, dass Abraham a Gehema schon mit bestem Erfolge gegen 
dieses Leiden Schwefelsalben und grüne Seife anwandte. Vielleicht 
hatte er diese Therapie von Bontekoe, dem brandenburgischen Leib- 
arzt des Grossen Kurfürsten; denn ein anderer Leibarzt, Timaeus 
a Güldenklee, hatte sie, wie G. Fischer mittheilt, zuerst em- 
pfohlen. Die Ansichten Gehema's über die Aetiologie der Krätze 
(Observ. 6 der 1. Decade) und über die Wirkungsart des Schwefels 
dabei finden sich in folgenden Sätzen: 

Bey der Krätze braucht nicht das gautze Greblüte inficiret sein ; auch ein 
ganz gesunder Mensch kann sie bekommen. Sie entsteht aber darauss, dass ein 
gewisses F-ermentum, oder vielmehr menstruum, in denen unter den poris 
der Haut sich befindlichen glandulis verborgen lieget, welches die particulas 
salinas von den anderen p*articulis präcipitiret und kann dieses leichtlich 
aus dem Geschmack der auss diesen kleinen Blätterlein fliessenden Feuchtig- 
keit verspüret werden. Derowegen darf man nur dieses fremde Salz aus den Poris 
vertreiben. Helmontius erzählet, wie er einsmahls mit der Krätze sei behafftet 
gewesen, hätten 2 Medici ihn mit Aderlässen und Furgiren vergeblich misshandelt. 
— Nun möchte jemand fragen, warumb man bey diesem affectu gemeiniglich 
sich des Schwefels bediene. (Folgt eine Erklärung aus dem Acido et Aleali; der 
Mercurius, und insonderheit der weisse l^räcipitat, mit Fett vermischt heilen eben- 
falls die Krätze.) — Ein Zeitgenosse Gehema's und gleich ihm Anhänger von 
Descartes, Sylvius und Bontekoe, Herr Heydentryck Overkamp nennt 
in seinem „Neuen Gebäude der Chirurgie" (Uebers. Zeitz 1689) als Ursache der 
Krätze ein subtiles acidum, das sich wahrscheinlich auch nach übermässigem Ge- 
nuss unreifen Obstes bildet. Auch er empfiehlt den Schwefel in verschiedenen 
Zusammensetzungen . 

Damals (1686) wurde also der Schwefel „gemeiniglich" bei der 
Krätze gebraucht; es ist ganz unverständlich, dass diese Anwendung 
wieder vollkommen vergessen wurde, bis 1778 während der Campagne 
ein pretissischer Regimentschirurg in heller Verzweiflung darüber, dass 
er schon 260 Krätzkranke beim Regiment hatte, dass täglich neue 
zukaraep und er immer noch keine Geheilten zurückschicken konnte, 
seiner Wirthinn, der Wittwe eines Adeptus, die zuweilen des Abends 



^) .1. sagt selbst: ,, Vielleicht ist der Vorfall, den ich hier beschrieben habe, 
keine neue Entdeckung, ob er gleich für mich ganz neu ist. Ich gestehe, dass 
ich Vieles nicht gelesen, was die älteren Wundärzte geschrieben haben." 



. — 225 — 

zu ihm kam, die Ursache seines Kummers nannte. Diese Wittwe hatte 
noch das Rezept der Salbe, mit der ihr seliger Adeptus manchen 
Krätzkranken geheilt hatte, die venerische Krätze ausgenomen, welche 
mit dem Mercurio behandelt werden müsse. Die Salbe wurde frei- 
lich nur in die hohle Hand eingerieben, Morgens und Abends eine 
Haselnuss gross; die Kranken werden wohl selbst durch Kratzen und 
Reiben für die weitere Verbreitung über den Körper gesqrgt haben. 
Jedenfalls konnte Jasser in kurzer Zeit seine Soldaten gesund wieder 
zum Dienst schicken. Schmucker nennt die Einreibung mit Schwefel- 
salbe in der Besprechung des Jasser'schen Artikels die gewöhnliche 
Kur der Bauern auf dem Lande, die auch er schon lange angewendet 
habe; er und sein Freund und Kollege The den zögen jetzt die ein- 
fachere Methode Jasser 's vor. The den giebt auch in seinem 
„Unterricht" (II, S. 22ß und am Schluss) eine Vorschrift für dieses 
Unguentum contra Scabiem. — Ein Bauer und seine Frau, die ihr 
5 jähriges Kind wegen Krätze so energisch mit Schwefel traktirt 
hatten, dass es nach einer Stunde starb, wurden zu 14tägigem Ge- 
fängniss verurtheilt. (Baldinger's Neues Magazin, Bd. XIV, 2. Stück, 
S. 119; ebenda, Bd. VI, werden von Dr. VVaitz, Physikus in Hers- 
feld, und von Bergrath Bucholz in Weimar sehr gute Erfolge mit 
der Jasser'schen Salbe mitgetheilt.) 

Wenn Schmucker und Theden diese Behandlungsart wirklich 
schon lange geübt und von ihren Untergebenen hätten üben lassen, 
dann wäre es undenkbar, dass die Krätze in der Armee, z. B. im 
siebenjährigen Kriege, diese unheimliche Ausdehnung hätte gewinnen 
können. Sie war so verbreitet, dass Baidinger eine direkte An- 
steckung, die er sonst zugiebt, für alle Fälle nicht annehmen zu 
können glaubt. Es kam ja fast Niemand aus dem Lazareth, der 
nicht seine Krätze erlitten hatte! Ja, es blieb fast Niemand bei der 
Armee von ihr verschont, er sei Offizier, Arzt oder Wundarzt! 

Und nun lese man Baldinger's eigene Krankengeschichte; wie 
dieser gelehrte und vielgeübte Medicus 1762 die Krätze bekam und 
zeitweise unter furchtbaren Qualen, mit Borken und Geschwüren be- 
deckt, sich ein volles Jahr hinschleppte, bis er endlich geheilt war! 
Er war dabei auf seine Kur, die in Seifenbädern, Ungt. alb. cum 
Camphora, Chinarinde auf die Geschwüre bestand, noch stolz; man 
hatte ihm (nach Ludolf) zu Quecksilber und Antimon gerathen, er 
nahm es aber nicht und sagte: „Ich habe meinen Feind auch ohne 
diese Arzneien besiegt." Die Krätze muss auch kurz nach dem 
siebenjährigen Kriege noch sehr häufig gewesen sein: Fr o wein schrieb 
(Duisburg 1764) darüber: De scabie post superatum bellum epidemica. 

Veröifentl. aus dem Gebiete des Milit.-Sanitätsw. 13. Heft. ]^^ 



— 226 — 

Einer einfachen und verständigen Auffassung der Krankheit waren 
die verschrobenen Ansichten der Medizin im Wege; eine „verborgene 
Krätze" Ivonnte alles Mögliche verursachen; z. ß. Stupor und Melan- 
cholie. Darauf hin hatte der berühmte Muzell, Leibarzt und erster 
Arzt an der Charite im Jahre 1754 bei diesen Krankheiten die 
Krätze eingeimpft und die gewünschten Erfolge damit erreicht. 
Sehr gefährlich konnte auch ein „Zurücktreten" der Krätze werden; 
man suchte sie auf alle mögliche Weise, z. B. durch Electricität (!) 
wieder hervorzurufen; sie gehöre zu den Krankheiten, die nicht durch 
krä-ftige Mittel geheilt werden dürften (Raymond, Avignon, 1757). 

Baidinger selbst tadelt Pringle, weil dieser bei der Krätze 
die Ansteckung durch Effluvia, wie bei den bösartigen Fiebern, nicht 
zugeben will, sondern nur die durch Berührung. Vielleicht wäre man 
leichter zu einer richtigen Auffassung und Behandlung gekommen, 
wenn man die Mittheilungen von Bonomo und Cestoni (1683), 
(s. G. Fischer, p. 381, auch Bohrend in Eulenburg's Real- 
Encycl.) und Leeuwenhoeck richtig gewürdigt hätte. Aber, wie 
stand es -damit? Bai ding er meint, die Leeuwenhoeck 'sehen 
Hautfresser könnten unmöglich alle die verschiedenen Formen der 
Krätze — B. führt nach einer Wiener Dissertation vom Jahre 1760 
deren einige 20 auf — hervorbringen, und desshalb sei es durchaus 
falsch, die Krätze nur mit Schmiersalbe heilen zu wollen. Pringle 
hatte diese Ansicht und ebenso Brocklesby (Beob. über Feldkrankh. 
p. 191) und Linnaeus (Dissertat. Upsala, 1771; er empfiehlt So- 
lanum Dulcasmara dagegen). Auch in den Würzburger Annalen, 
Jahrg. IL p. 136 sagt Thomann von ihr, esse morbum localem, 
und behandelt mit Seife und Hydrarg. praecip. album. Für die ört- 
liche Behandlung treten noch ein: Hildebrandt, Göttingen 1796, 
Dissert. de methodo scabiei vera medendi und Schack in Mur- 
sinna's Journal für Chirurgie, IL, während Vogel in Göttingen, 
allerdings noch 1765 Dubia quaedam contra acrium linimentorum 
sulfureorum in scabie usum veröffentlicht hatte. 

Die früheren Notizen über die Krätzmilben sind unsicher; 
so die von Avenzoar, ferner die der heiligen Hildegard im 
12. Jahrhundert, die sie „Suren" nannte, wovon der Ausdruck 
„Säuren graben", d. h. Milben mit der Nadel entfernen, stammen 
soll. Das wurde auch von A. Pare beschrieben, der die Behandlung 
mit Salben und Dekokten empfahl. — In Deutschland lieferte Ett- 
müller die ersten Abbildungen. Später und noch im Anfang dieses 
Jahrhunderts galt eine Auffindung der Milben für ein ganz besonderes 
Kujiststück (Bohrend, 1. c.). 



— 227 

The den sagt in seinem „Unterricht" nur. dass man die Krank- 
heit entweder durch Ansteckung oder durch unreine Säfte, auch durch 
verdorbene Nahrungsmittel bekomme; viele seien der Meinung, dass 
sie von Würmern entstehe, welche die Haut zerfressen. Die Soldaten 
mussten wöchentlich 2 Mal baden; ausserdem bekamen die Krätzigen 
Seife zum Waschen ausgeliefert (Baidinger) und nahmen innerlich 
Hydrargyrum und Spiessgianzarzneien, auch ein Pulvis antiscorbuticus 
Cothenii. 

Schmucker giebt zu, dass die Geschwüre bei der Krätze, wie 
Leeuwenhoeck gezeigt habe, voll von kleinen Thiergens seien, aber 
sie entständen erst secundär, ähnlich wie die Maden in unreinen 
Wunden. 

Obgleich dann 1786 Wich mann in Hannover die Krätzmilbe 
mit Sicherheit als Ursache des Leidens von Neuem nachgewiesen 
hatte (vergl. auch Bücking's Sendschreiben an ihn über die Aetio- 
logie der Krätze, Stendal, 1791), meinte doch der Geheimrath Fritze 
in den Annalen des klinischen Institutes (1791, p. 69), die Krätze 
sei immer früher da, als diese Thierchen, denen sie einen bequemen 
Aufenthalt darbietet. Man brauche gar nicht erst zu diesen kleinen 
Ungeheuern seine Zuflucht zu nehmen, um sich die Aetiologie der 
Krätze zu erleichtern (!). 

Ganz ähnlich urtheilt E. Hörn in seinem 1806 erschienenen 
Handbuch der medicinischen Chirurgie. 

Ja 1834 meinte Blasius noch, die Milbe sei das Produkt, nicht 
die Ursache der Krankheit. 

Kurz darauf (1844) giebt C. Haasis in seiner Dissertation unter 
dem Präsidium von W. von Rapp eine genaue Beschreibung der 
Krätzmilbe und ihrer Wirksamkeit. 

Wir haben uns bei der Krätze und ihrer, durch Jasser 
wenigstens wieder in Fluss gebrachten, örtlichen Behandlung etwas 
lange aufgehalten. Es gieht aber kaum ein besseres Beispiel für den 
lähmenden Einfluss, den der philosophische Systemzopf der Medizin 
auf die Entwicklung einer vernünftigen Anschauung über das Wesen 
einer Krankheit und ihrer einfachsten Heilung ausgeübt hat, als die 
Schicksale der Krätzmilbe und ihrer Bekämpfung. Der durch reiche 
Erfahrungen geschärfte und durch Systeme weniger irregeleitete Blick 
einiger Preussischen Feldchirurgen entdeckte nicht nur die AVirkungen 
örtlicher Mittel, sondern auch die Ursache dieser Wirkung. S ch m u c k e r 
sagt, dass er mit der Schwefelsalbe Pringle 's alle krätzigen Theile 
habe einschmieren und einreiben lassen, indem die darinn sich 
aufhaltende Thiergens durch die Salbe in den offnen 

15* 



— 228 — 

Pusiuln getödtet werden, weil sie das Fett und Schwefel 
nicht vertragen können. 

Von den übrigen bei Schmucker mitgetheiiten Beobachtungen 
Jasser's nennen wir noch die einer mehrfachen Bauchverletzung 
bei einem Selbstmörder: Ein faustgrosses Stück Leber und ein 
Theil des Netzes war vorgefallen, Beides wurde nach ca. 18 Stunden, 
eher kam der Kranke nicht in Behandlung, abgebunden und abge- 
schnitten. Der Kranke genas, und als er seinen Helfer nach 2 Jahren 
wiedersah, rief er ihm in springendem Gange zu, er möge ihm sein 
Stück Leber wiedergeben, welches er sich im Nachtquartier braten 
wollte. Es war nicht die geringste Anlage einer Hernia ventralis zu 
entdecken. — Auch eine geheilte Schnittwunde des Larynx und 
Pharynx durch das Ligam. thyreohyoideum ist bemerkenswerth; 
Schmucker macht im Anschluss daran auf den Werth der Nähr- 
klystiere aufmerksam. 

Ein Mann, der sich, wie wenige seiner Berufsgenossen, durch 
Energie und- unermüdlichen Fleiss emporgearbeitet, der schon früh die 
Anerkennung des Göttinger Schiedsrichters A. G. Eichter erworben 
hatte, aber im kräftigen Mannesalter starb, ehe er seine Fähigkeiten 
und Kenntnisse an grösseren Aufgaben zeigen konnte, war J. C.F. Voitus, 
Professor der Chirurgie bey dem Königlichen Collegio medico-chirur- 
gico; Oberwundarzt in dem öffentlichen Krankenhause der Charite (in 
beidem Nachfolger von Henckel) und Regimentswundarzt bey dem 
Regiment von Woldeck, seit 1786 auch 3. Generalchirurgus der 
Armee. Trotz der Kürze seiner Wirkungszeit hatte er sich allgemeiner 
Achtung zu erfreuen und wurde an Pflichttreue, Arbeitskraft und 
idealer Auffassung seines Berufes von seinen Zeitgenossen geradezu 
als Muster hingestellt. 

Voitus hat nicht viel geschrieben; „bis jetzt hielt ich mein 
Wissen noch nicht so hoch, meine Erfahrungen, die doch wohl schon 
zwanzig Jahre dauern, noch nicht unentbehrlich", schreibt er 1779, als 
er, 38 Jahre alt, als Lehrer an das Collegium med. chir., dem er seine 
Ausbildung verdankte, berufen wurde. Die Rede über die Geistes- 
fähigkeiten, Kenntnisse und Eigenschaften eines guten Wund- 
arztes, die er bei Gelegenheit seiner Einführung in dieses Amt durch 
Gothenius und Schmucker hielt, und eine zweite Ansprache, mit 
der er 1 Jahr später seine Vorlesungen eröffnete, über die sittlichen 
Eigenschaften des Wundarztes, das ist Alles, was er veröffent- 
licht hat. Diese beiden Reden zeigen ihn als dankbaren Schüler und 
als eifrigen Lelirer, der sich hohe, ideale Ziele gesteckt hatte. In der 




Voitus. 



— 229 — 

Furcht, diese Ziele nicht erreichen zu können, hatte er sogar ge- 
schwankt, ob er den ehrenvollen Ruf annehmen sollte, und nur das 
dringendste Zureden seiner Freunde konnte ihn dazu bewegen. Dann 
hat er sein Lehramt aber zum Nutzen seiner Schüler und zur Ehre 
der Chirurgie mit dem grössten und leider seiner Gesundheit nach- 
theiligen Eifer fortgesetzt (Seile). Er hatte, wie schon erwähnt 
wurde, eine originelle Orthographie; „Leren und ermanen, mer 
kan ich niclit" mag als weiteres Beispiel dafür dienen. Für eine 
höhere Werthschätzung der Chirurgie und ihrer Vertreter bei besserer 
i\.usbildung der letzteren trat er mit grosser Wärme ein: Nie- 
mand kann etwas Gründliches in der Chirurgie leisten, ohne den 
ganzen Zusammenhang der medizinischen AVissenschaften begriffen zu 
haben. Freilich, wenn auch der Arzt mehr Chirurgie und der Wund- 
arzt mehr innere Medizin lernen soll, als bisher, so hält V. doch eine 
vollständige Vereinigung beider Theile der Heilkunst für schwierig, 
weil ihr Umfang in Rücksicht auf die unendlichen Gattungen von 
Krankheiten „zu gros für einen Man ist".^) 

Die praktischen Leistungen Voitus' müssen nach den Aeusse- 
rungen seiner Zeitgenossen hervorragend gewesen sein. Wenn irgendwo 
die berühmtesten Aerzte Berlin's aus jener Zeit genannt werden, 
fehlt er nicht unter ihnen: so erwähnt ihn Nicolai in seiner Be- 
schreibung von Berlin und Potsdam (1786); in einer „Characteristik 
von Berlin, Stimme eines Cosmopoliten in der Wüste", Berlin, 1785 
(von Geiger citirt, L p. 52), werden als tüchtige Aerzte Schmucker, 
Cothenius, Voitus, Seile, Theden und Walther genannt. „Die 
üebrigen sind Fahrende und Gehende; jene haben viel, diese haben 
weniger Patienten zur Grube befördert." 

Goercke sagt von ihm (handschriftlich zu seiner Festschrift im 
Jahre 1817), er sei ihm im Leben als Lehrer und wahrer Freund sehr 
nützlich gewesen, weshalb ihn G. auch „bis zum letzten Tage — nicht 
vom Sterbebette verlassen habe". In derselben Weise lobt ihn der 
bekannte Leibarzt Friedrichs des Grossen, Dr. Seile, der ihm 
in der Berlinischen Monatsschrift 1787 (drittes Stück, März) einen 
ehrenden Nachruf widmet, in dem auch genauere Nachrichten über 
sein Leben enthalten sind. 



^) Interessant ist auch Strodtmann's Aeussevung über diese Frage (I. c. 
X. Bd.) bei der Lebensbeschreibung Chr. Horch 's: ,, Seitdem man die Medizin 
und Chirurgie zu verbinden angefangen, ist manche Wunde nicht mehr vor töd- 
lich gehalten worden und Mancher beim Leben geblieben, dem man sonst recht 
methodisch würde auf den Kirchliof eeholfen haben." 



— 230 — 

Auch Mursinua, der Nachfolger von V., spricht in seinen oft 
citirten, geschichtlichen Vorträgen von ihm nur mit der grössten 
Anerkennung und Hochachtung. Er sei die Zierde der studirenden 
Jugend und das Orakel seiner Kunstgenossen bis an seinen Tod ge- 
wesen, der ein grosser Verlust für die Menschheit und Wissenschaft war. 

Yoitus war 1741 als Sohn eines Schulrectors zu Genthin 
geboren und hatte in seinem 8. Jahre schon lateinische und griechische 
Autoren gelesen. Später wurde er in Berlin Kompagniefeldscheerer 
und musste mit den grössten Entbehrungen kämpfen, um seine Weiter- 
bildung durchzuführen; zwei Drittheile seines Tractaments verwandte 
er z. B. auf Erlernung von Sprachen. Durch Dr. Brück mann, der 
ihn in der Mathematik unterrichtete, und Prof. AVolff, „dessen philo- 
sophische und präcise Lehrart gerade den Bedürfnissen seines Geistes 
entsprach", wurde er bekannt, und alle Lehrer und Physiker nahmen 
ihn mit Vergnügen unentgeltlich als Schüler an. Durch Fürsprache 
Schmu cker's wurde er Pensionair und pries sich glücklich, dass die 
Vorsehung und weise Regenten Anstalten getroffen hatten, die seine 
Wünsche befriedigen konnten. So oft er einer Vorlesung beigewohnt, 
wurde sein Eifer, sich zum brauchbaren Gliede des Staates zu bilden, 
verdoppelt (in der Rede an die jungen Wundärzte). 1773, also im Alter 
von 32 Jahren, wurde er Regimentsfeldscheerer des Alt-Woldeck'schen 
Regiments, und 1 Jahr später schickte ihn Friedrich der Grosse 
auf Muzell's Vorschlag nach Paris, um neue Methoden, besonders 
zu Operationen der Mastdarmfisteln, zu lernen. Ausserdem benutzte 
V. seinen Aufenthalt in Paris dazu, sich in der Geburtshülfe weiter 
auszubilden. 

Als He n ekel 1779 starb, trat Voitus als Lehrer der Chirurgie 
und Oberwundarzt der Charite an seine Stelle. Er war von Muzell 
und Schmucker warm empfohlen, wie aus einer bei den Charite- 
Akten befindlichen Eingabe des Ministers von Zedlitz zu ersehen ist. 
Es heisst darin, dass die Stelle eines Professors am Colleg. chirurg. 
und die damit verbundene Stelle des Oberchirurgus der Charite „mit 
einer Besoldung von nur 260 Rthl." vakant sei, und dass Voitus 
dazu von den beiden Genannten in Vorschlag gebracht werde. Ob- 
gleich Friedrich der Grosse an den Rand schrieb: „Ich bin im Felde 
nicht von ihm zufrieden geAvesen; aber der von Steinkeller' s Regi- 
ment ist guht", bestätigie er die Wahl schliesslich doch. Voitus 
betrat den Ort, an dem er selbst nach Verlauf des siebenjährigen 
Krieges als eifriger, lernbegieriger Schüler zuerst in die Wissenschaft 
eingeführt war, wieder mit der noch schöneren Aussicht, dem Staate 



— 231 — 

ähnliche nützliche Glieder bilden zu sollen. Das ist ihm eine hohe 
Aufgabe, und, wenn man den Worten Seile's glauben darf, hat 
Voitus sie in schönster Weise gelöst: „lange noch wird sein An- 
denken die wohlthcätigsten Einflüsse auf seine Kuustverwandten haben". 
Seine Laufbahn war kurz; eine grosse Praxis, täglich 2—3 Stunden 
Vorlesungen und ein angestrengtes Studium ohne Ruhepause, dazu 
eine Reihe von Erkrankungen und Unglücksfällen ruinirten seinen ro- 
busten Körper, sodass er im Jahre 1787, nachdem er die Würde eines 
Generalchirurgus kaum 1 Jahr innegehabt hatte, 46 Jahre alt. einem 
„entzündlich-gallichten Fieber", an dem ihn Seile behandelt hatte, 
erlag. 

Voitus konnte sich mit vollem Rechte seinen Zuhöreru als ein 
vorleuchtendes Beispiel dafür nennen, wie sie sich trotz der Hinder- 
nisse, die ihnen im Wege standen, zu einer gründlichen Erkenntniss 
in ihrer Kunst durcharbeiten sollten, „die ihnen dann um so rühm- 
licher werden musste, je mer sie ihr eigen Werk war und je weniger 
ihre äusserlichen Verhältnisse dazu beigetragen". 

Von den bekannten Chirurgen im übrigen Deutschland haben nur 
wenige als Armeewundärzte gewirkt; die Mehrzahl wird bei allem 
Eifer und trotz der Aussicht in den zahlreichen Feldzügen viel lernen 
und leisten zu können, dui'ch die traurige Stellung ihrer Militärcollegen 
abgeschreckt sein. Wir können eigentlich nur zwei namhaft machen, 
Carl Caspar von Siebold und seinen Schüler Brünninghausen. 
Der erstere, 1736 in Niedecken geboren, hatte die Schule in Cöln be- 
sucht, dann 2 Jahre bei seinem Vater, einem Wundarzte, gelernt und 
trat 1757 während des siebenjährigen Krieges bei der französischen 
Armee als Wundarzt ein. Nach 3 Jahren nahm er seinen Abschied 
und giog nach Würzburg, das er, einen längeren Aufenthalt in Frank- 
reich und England (1763 — 1766) ausgenommen, nicht wieder verliess. 
Als Henckel 1779 gestorben war, wurde Siebold an seine Stelle 
als Professor und Ober -Wundarzt der Charite nach Berlin berufen, 
nahm aber den Ruf nicht an. Er wurde Leibarzt, Hofrath und Ge- 
heimer Rath des Fürstbischofs von Würzburg, entfaltete eine gross- 
artige und vielseitige Thätigkeit, in der er später durch seine Söhne 
unterstützt wurde. Sein Hauptwerk war das „Chirurgische Tagebuch" 
(1792); er führte in Deutschland zuerst die Symphyseotomie mit Glück 
aus. Der Missbrauch des Sondirens frischer AVunden wurde auch von 
ihm scharf getadelt. Die chirurgische Klinik in Würz bürg war von 
ihm gegründet; man nannte ihn den besten Lehrer der Chirurgie in 



— 232 — 

Deutschland. Er starb 1807 und hiiiterliess 4 Söhne, die als Aerzte, 
Chirurgen und Geburtshelfer Bedeutendes geleistet liaben. Sogar ein 
weibliches Mitglied dieser Familie that sich als Geburtshelferin her- 
vor; sie wurde bei der Geburt der Königin Victoria im Jahre 1819 
nach England gerufen. 

Der AVürz burgische General-Stabs Chirurg, Professor and Ober- 
Landeswundarzt Brünninghausen ist bekannt durch seine „Gemein- 
nützigen Untersuchungen über die Brüche, den Gebrauch der Brach- 
bänder" etc. (Würzburg 1811); er empfahl Lederschienen für die Be- 
handlung von Fracturen, eine neue Klumpfussmaschine und einen 
künstlichen Fuss nach der Amputatio cruris. Er betonte die Wichtig- 
keit der Elevation vor den Theden 'sehen Einwicklungen, schrieb 
über die Behandlung der Seh enkelhals brüche, insbesondere eine neue 
Methode, dieselben ohne Hinken zu heilen (Würzburg 1789), über den 
Bruch des Schlüsselbeines (1791), über die Exstirpation der Balg- 
geschwülste am Halse, nebst einem Anhang über eine verbesserte 
Geburts-Zauge (1805; diese Zange hatte er schon 1802 beschrieben), 
ferner mit P-ickel, der, wie schon erwähnt, auch elastische Katheter 
fabrizirte, den „Chirurgischen Apparat, oder Verzeichniss einer Samm- 
lung von chirurgischen Apparaten, Instrumenten, Bandagen und Ma- 
schinen" (Erlangen 1801) und in Loder's Journal (Bd. HI, 1800) 
„Etwas über den Verband der Nabelbrüche bei Erwachsenen und 
Kindern". 

Der Hannoversche General-Stabschirurg E. Wreden gab schon 
1722 die Collectanea chirurgica, mit Beiträgen hannoverscher Feld- 
scheerer heraus, von denen besonders durch Georg I. mehrere zur 
weiteren Ausbildung nach Paris oder London geschickt waren; ausser- 
dem verfasste er einen „Chirurgischen Feldkasten" (ebenfalls 1722). 
Der Zellerfelder Bergchirurg Ramdohr, bekannt durch seine Methode 
der Vereinigung resecirter Darmenden, war ebenfalls Feldscheerer in 
der hannoverschen Armee gewesen; er und der Regimentschirurgus 
Ewers in Hannover, der übrigens auch eine Zeit lang in Berlin stu- 
dirt hatte, waren Mitarbeiter an Schmucker's „Vermischten chirur- 
gischen Schriften". Später lieferte Göttingen der hannoverschen Armee 
eine Reihe tüchtiger Wundärzte; der Sohn von A. G. Richter, der 
in Berlin studirt hatte, machte den Feldzug 1813 mit und war diri- 
girender Arzt der Lazarethe in Torgau, veröffentlichte .auch einen 
Bericht- über seine dortigen Beobachtungen (1814). 

Zwei Männer, die allerdings schon vor Gründung der chirurgischen 
Pepiniere als Feldchirurgen sich grosse Verdienste erworben hatten. 



— 233 — 

deren Hauptthätigkeit aber der darauf folgenden Zeit angehört, Mur- 
sinn a und Goercke, können auch nur bei einer Darstellung dieser 
für den Preussischen Staat und alle seine Einrichtungen, auch für die 
genannte Anstalt oft so verhängnissvollen Zeit genügend gewürdigt 
werden. — 

Den Zustand der medicinischen und chirurgischen Wissenschaft, 
die Ausbildung, die Leistungen und die Stellung ihrer Vertreter, spe- 
ciell der Armeeärzte und Feldscheerer im 17. und 18. Jahrhundert 
durch eine möglichst sorgfältige, überall wo es ging, nach den ersten 
und ältesten Quellen bearbeitete Sammlung von Lebensbildern dieser 
Männer anschaulich und ausführlich zu schildern und zwar bis zm' 
Gründung der Pepiniere, unsrer heutigen Kaiser Wilhelms Akademie — 
war die Absicht vorstehender Arbeit. Dabei war eine kurze Dar- 
stellung der Zeiten, in denen jene Männer lebten, der Ereignisse, bei 
denen sie hauptsächlich thätig waren, nicht zu vermeiden. Sehr 
viele, ja die meisten von ihnen, waren aus dem Feldscheererstande 
hervorgegangen und verdankten ihre x^usbildung jenen Einrichtun- 
gen, die der „Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm 1. in exercitus 
populicjue salutem, ciAium hospitumque commodum, wie es in der 
Inscriptio der Anatomiekammer heisst, in's Leben gerufen hatte, be- 
sonders dem Colleg. med. chirurg. und dem Charite-Krankenhause. 
Die Gründung und Wirksamkeit jener ärztlichen, d. h. medizinischen 
und chirurgischen Unterrichtsbehörde, des Vorgängers der Universität 
und der militärärztlichen Bildungsanstalten, ist in der Einleitung aus- 
führlich beschrieben; auch von der Charite ist dort und hauptsächlich 
bei der Lebensbeschreibunc Ell er 's die Rede gewesen. 



— 234 



XIV. 

Bei dof grossen AVichtigkeit, welche die Charit e von Anfang an 
für die praktische Ausbildung der Aerzto des Heeres gehabt hat und 
zum Theil auch heute noch hat, würde unsere Arbeit unvollständig 
sein ohne den Versuch einer 

Aktenmässigen Darstellung der (Miidiing und ersten 
Entwicklung der Königi. Oliarite. 

Das alte Berlin war mit ]\Iauern, Thürmeii und Wallgräben um- 
geben, von denen nach N. und NW. das Spandauer, das neue und 
das Jägerthor auf die Landstrasse mündeten. Nach einer Karte von 
1723 lag noch „fern von Berlin", das auf dieser Seite ungefähr mit 
der heutigeu Schlossbrücke und der Burgstrasse aufhörte, — dann 
kam die Spändauer Vorstadt — ein kleines Gebäude am Schönhauser 
Kanal, innerhalb der Oranienburger Landwehr, mit der Bezeichnung: 
„Spinnhaus". Rings herum Sand oder Ackerland; das südliche 
Spreeufer mit den Anfängen der Dorotheenstadt war mit dieser ein- 
samen Gegend nur durch eine kleine „Laufbrücke" verbunden. 

Nach einer Karte von 1737 1) lag das Spandauer Thor ungefähr 
in der Gegend des heutigen Stadtbahnhofs Börse, das neue Thor 
vor der Schlossbrücke (damals „Hundebrücke"), so dass ungefähr 
von der Königswache ab die Strasse „Unter den Linden" ausserhalb 
der Stadtmauer lag: das Jägerthor dort, wo Jäger- und Oberwall- 
strasse zusammentreffen. 

AVeit ausserhalb dieser alten Stadtmauer lagen die sogenannten 
Landwehren, auf dem genannten Plan grosse Bretterzäune bis auf 
die Gegend des Bi-andenburger Thores, wo eine einfache Mauer die 
„Dorotheenstadt" gegen den Thiergarten abschloss. Dieser Zaun ist 
auch sehr anschaulich dargestellt und bezeichnet in einem kleinen, 
ebenfalls der Berliner Städtischen Bibliothek entnommenen Plan, auf 
dem besonders die Felder ausserhalb der Landwehren nach N. zu 
bezeichnet und für die Maulbeerplantagen eingetheilt sind. Das „Ge- 
richte" mit dem Galgen und die Scharfrichterei liegen hier ausser- 
halb der Hamburger Landwehr. An diesen Aussen- oder Landwehren 
sind eine Reihe anderer Thore angebracht: das Schönhauser, Rosen- 



^) Aus der hiesigen Städtischen Bibliothek. 







Berlin NW. im Jahre 1737. 
(Nach einem Plane in der Stadt. Bibliothek.) 

clinang; U Spanrfauor Vorstadt, H3 CltariW, D Dovotheeiistadt 



>l 



— 235 — 

thaler, Hamburger, Oranienburger und das Brandcidjurgcr Thor — 
immer nur ]S\ und NW. berücksichtigt. 

Von dem Oranienburger Thor zieht sich die Landwehr nach 
Westen hin, geht über den „Fluss Pankow" (Küster) fort bis an 
einen Kanal, der kurz vor der Thiergarten-Brücke f^jetzigen Uiiterbaum- 
brücke) von der Spree ausgeht und, damals schiffbar, nach NW. hinter 
dem Invalidenhause vorbei nach Schönhausen führte. 

In dem Winkel zwischen diesem Kanal und der Oranienburger 
Landwehr, also von der Stadt Berlin damals wirklich recht weit ent- 
fernt, war im Jahre 1710 .,vor dem Spandauer Thor", wie Küster 
sagt, ein sogenanntes Arbeits- oder Spinnhaas errichtet für diejeni- 
gen, die „sich durch übles Verhalten eine Züchtigung und mehr Ein- 
schränkung zugezogen". Auch ward in eben dieser Gegend wegen 
der in der Uckermark grassirenden Pest ein grosses Gebäude atifge- 
richtet; beide sollen nach Küster für die Charite verwendet sein. 
Das scheint ein Irrthum zu sein. In dem Plane von 1723 steht an 
dieser einsamen Stelle nur ein Haus, das ..Spinnhauss" genannt. 
Kluge und Marc[uardt\!, die genau die Akten des Polizei-Präsi- 
diums und des Armen - Direktoriums ^nedergeben, berichten, dass 
König Friedrich I. im Jahre 1710 wegen der Pest dort auf seine 
Kosten ein Haus von Fachwerk im Quadrat von 2 Etagen ttnd an 
allen vier Ecken mit Pavillons (Thürmchen) versehen, anlegen liess. 
Da aber die Pest nicht nach Berlin kam, so wurde dies Haus zu 
einem Spinn- und Arbeitshause für starke, gesunde, aufgehobene, 
müssige Bettler gebraucht, und zugleich auch zu einem Garnison- 
lazareth destinirt. Die Regimenter benutzten es aber nicht, weil die 
kranken Soldaten in diesem Hause nicht die entsprechende Pflege 
und Beköstigung bekommen konnten. Vielleicht hat hierbei auch die 
weite Entfernung von der Stadt und die Schwierigkeit der Verbindung 
mitgewirkt. Sehen wir uns die Pläne von 1723, auch noch den von 
1737, daraufhin an. Wer aus der Gegend des 31olkenmarktes oder 
der Burgstrasse, den zunächst gelegenen Theilen der Stadt, zur Cha- 
rite wollte, ging über die Hundebrücke, dann über den AVallgrabeu 
(Gegend der Singakademie) durch das Neue Thor die Linden hinunter 
bis zur Friedrichstrasse (damals „Alten" Friedrichstrasse); hier kam 
rechts die Mittel- und dann die „Letzte" Strasse (heute Dorotheeu- 
strasse); dahinter war nur noch der Katzensteig-) (heute Georgen- 



1) Bruchstücke zu einer Darstellung der Charite, was sie war, wurde und 
werden sollte, zusammengetragen im Jahre 1829. Manuscript von über 950 Seiten- 
in der Registratur der Charite. 

2) Aus Alt Berlin von Schwebcl. 1891. 



— 236 — 

Strasse). Dann kamen Wiesen und Aeckcr vor und hinter der Weiden- 
dammer Brücke bis zur Oranienburger Landwelir, wo die Ruppiner 
Strasse (Chausseestrasse) anfing. Auf der ganzen Strecke ist nur hier 
und da ein einzelnes Haus verzeichnet. Dann ging es an der Innen- 
seite der Landwehr entlang über die Panke bis zur Charite (Kom- 
munikation). Von der Weidendammer Brücke konnte man auch links 
die „Dammstrasse" am Spreeufer entlang gehen, bis kurz vor der 
Thiergartenbrücke sich der Schönhauser Kanal abzweigte, der ja, wie 
wir sahen, unmittelbar vor der Charite vorbeizog; das ist auch auf 
dem, dem Eller'schen Berichte beigegebenen Situationsplan sehr 
deutlich verzeichnet. Dem Hause schräg gegenüber findet sich ein 
Weinberg und weiterhin, in der Gegend des jetzigen Alexander-Ufers, 
eine etwas unheimliche Nachbarschaft, Pulvermühlen und Pulver- 
magazine mit einer Kanonier- Wacht. Nach Küster (IV, S. 316) be- 
fand sich 400 Schritte ausserhalb der Oranienburger Landwehr noch 
lange Zeit die Scharfrichterei (s. o.) und daneben ein Sumpf, das 
„Luderloch" genannt. 

Aus den in der Registratur des Königl. Charite-Krankenhauses 
befindlichen 

„Acta des Königlichen Armen- Directorii, die Stiftung 
des Maison de Charite an der Oranienburger Land- 
wehre betreffend, XIII No. 1, 1725", 
auf welche auch Preuss verweist, geht hervor, dass der König die 
zum Garnison] azareth bestimmten Gebäude nicht ohne Weiteres hergab. 
Die erste Eingabe des Elatsministers von Katsch, in der er den 
Vorschlag macht, an Stelle der Almosen den Armen Aufenthalt und 
Verpflegung in einer Anstalt zu geben und dazu jenes zum Soldaten- 
lazareth destinirte grosse Llospital zu nehmen, ist vom Könige (s. u.) 
mit der Randbemerkung versehen: „Dieses Hauss hört noch meinem 
Regiment, soll mit solchen Possen mir nit ärgern." Diese Eingabe 
ist vom 5. September 1725: 

Ich bin diesen Nachmittag mit dem Armen Directorio auf hiesigem 
Rathhause zusammen gewesen, und ist von besserer regulirung des 
Armen AVesens gesprochen. 

ich erinnere mich von geraumer Zeit her, dass Ew. Königl. Mayt. 
mehr Gefallen gehabt, die Armen zu speisen, als die Almosen an Gelde 
auszutheilen, weil durch das letztere mehr böses als gutes gestiftet wird, 
bey der Speisung aber kann man recht vergewissert seyn, dass es 
solche Leuthe würklich gemessen, welche dessen bedürftig seynd. ich 
habe es aus der Erfahrung bey der mir Anvertraueten Obsicht des 
hiesigen Grossen Hospitals, darin jetzt an die 600 Kinder unter halten 
werden, die nicht so viel kosten als die jährlichen Almosen. 



— 237 — 

Das Armen Directoriiira hat es auch begriffen, und ist damit 
einig, das forthin anstatt das Geld austheilen welches monathlich 
über 400 Thlr. austraget, ein solches Hospital anzulegen, darin 2 bis 
300 Menschen des Tages essen und ihr Lager haben können. 

Ew. Königl. Mayt. haben zwardt zu Erbauung dergleichen Hauses 
auf der Friedrichsstadt Materialien an Holz und Steinen mildtreich 
geschenket, aber der Bau wird Zeit und Kosten erfordern. Solten 
Ew. Königl. Mayt. das vormahlige Grosse Hospital an der Oranien- 
burgschen Landtwehr, welches zum Soldaten Lazareth destinirt, doch 
wie ich höre, von denen Regimentern nicht gebraucht wird, darzu 
Allergnädigst überlassen wollen, würde das Armen Directorium von 
stunde an darin zur Speisung und logirung derer Armen Anstalt 
machen können. Ew. Königl. Mayt. menagirten die auf mehr als 
1500 Thlr. accordirte Baumaterialien, und die dazu erforderte Bau- 
Kosten könnten zu Meubles an Betten, Decken und anderen nöthigen 
Hauss Geräthen angewendet werden; das Hauss würde in baulichen 
Würden erhalten, und zu dem Platz auf der Friederichsstadt würden 
sich schon Käufer finden, die solche zu bauen annehmen. 

Vor die Garnison könnten ein paar Stuben zu ihren Kranken 
vorbehalten bleiben, und diese würden sodann desto besser durch 
Essen wie sonsten darin verpflegt werden können, als welches bis- 
hero die einzige raison gewesen, warumb die Regimenter dieses La- 
zareths sich nicht bedienen können und wollen. 

Wann Ew. Königl. Mayt. solches zu Allergnädigsten AVohlgefallen 
gereicht, und dass Sie dieses Hauss darzu überlassen wollen, werde ich 
mit dem Armen Directorio vor die weitere Einrichtung sorgen helfen. 

Berlin, den 5. September 1725. 

gez. Katsch. 
(Randbemerkung.) 

Dieses Hauss hört noch meinem Regiment, soll mit solchen 
Possen mir nit ärgern. Fr. W. 

Im September 1726 reichte der Chirurgus Christian Gott- 
fried Habermass seine Vorschläge ein, die darauf hinzielten, ohne 
grosse Unkosten ein Lazareth zu schaffen, in dem das im Collegio 
med. chir. theoretisch Gelernte auch praktisch geübt werden könnte, 
was sonsten mit Grossen Kosten in fremden Ländern geschehen. Er 
bittet, eine Kommission zu ernennen, für die er den Minister von 
Katsch, den Geheimrath Piper, Doctor und Professor Ellert und 
General-Chirurgum Holszendorff vorschlägt. Diese sollten seine A^or- 
schläge examiniren. x4m Schluss bittet er, ihm die Einrichtung dieses 
Werkes anzubefehlen, damit die Professores gar nicht in ihrer eigent- 
lichen Thätigkeit gestört würden. — Der Brief ist folgender: 

Dass original habe hier Von an Se. Königl. Majstt. unterthänigst 
eingesandt, und darauf die Commission an des Herrn von Katschens 
Excellenz ergangen. 



— 238 — 

Allcrdurchlauchtigster Grossmägtigster König 
Aller Gnädigster Herr 

Ew. Königl. Majstt haben zur Aufnahme und excolirung der Me- 
dizin und hauptsächlich der Chirurgie verschiedene vortreffliche An- 
stalten gemacht, so dass in ansehung der Collegiorum meines aller- 
unterthänigstens Ermessens nicht leicht etwas zu verbessern seyn 
dürfte, weilen aber jedoch zur Erreichung Ew. Königl. Majistt. aller- 
gnädigsten Intention und zu perfectionirung dieses Werks ein dient- 
liches Lazareth welches der Grund, der Chirurgie volkommen zu er- 
lernen, nöthig seyn dürfte. Ew\ Königl. Majestt. auch bereits die dazu 
erforderte Professores Bestellet, damit alhier dasjenige erlernt werden 
könne, w^as sonsten mit Grossen kosten in Fremden Ländern ge- 
schehen müsse. So nehmen mit Ew. Königl. Majestt. x\.llergnädigsten 
Erlaubniss die allerunterthänigste Freyheit, deroselben vorzutragen 
wie ich einige practicabeln und so wenig zum nachtheil Ew. Königl. 
Majestt. Landen und Untertahnen als zu beschwerung dero Cassen 
abziehlende vorschlage zu thun vermeine, wie nicht allein zu einrich- 
tung und Unterhaltung dieses Lazareth Jährlich anfänglich wenigstens 
5000 Thlr. (Nuhnmehro trägt der Vorgeschlagene Fonds Jährlich Wohl 
mehr, alss angegebener massen. noch einmal so Viel) wo nicht noch 
ein mehreres einkommen, und ins künftige noch einmahl so ^iel in 
Vorschlag zu Bringen, sondern also auch angeordnet werden könne, 
dass es mit Gottes Beistandt. und Ew. Königl. Majestt. AUergnädigsten 
Hülfe in wehnig Jahren den Parisischen wo nicht zuvorthun, doch 
gleich kommen mösQ. Lnd damit Ew. Königl. ^lajestt. sowohl wegen 
des Fonds als auch ohn" massgeblich vorzuschlagender Einrichtung 
Gründliche nachrichten erhalten mögen; Als Bitte allerunterthänigst 
eine Commission zu verordnen und darzu unter Direction dero AVürkl. 
Geheimbten Etats und Krieges Ministers des von Katsch, als Chefs vom 
Armen Directorio, dero Geheimbten Rath Piper, weil er vom Erbau 
und Einrichtung der Hospitäler gute Wissenschaft und erfahrung hat, 
auch dem Doctor und Professor EUert und General Chirurgum Holszen- 
dorff zu ernennen und ihnen aufzugeben, dass sie meine allerunter- 
thänigste vorschlage hören, alles wohl exameniren und so dann allen 
Pflichtraässigen Bericht abstatten sollen, ich zweifele in allerunter- 
thänigkeit nicht, Ew. Königl. Majestt. werden wann meine vorschlage 
gegründet gefunden werden, in allerhöchsten Gnaden geruhen, mir 
weiter die einrichtung dieses AVerks an zu Befehlen, weilensolches die 
zu denen Operationen Bestellte Professores nur distrahiren dürfte und 
selbige so zu Besagten Operationen womit mich gar nicht Mehliren 
werde, so^^el mehr sich appliciren könten. Ich Ersterbe mit allcr- 
unterthänigster Treue und Devotion. 

Berlin, im September 1726. 

AUerdurchlauchtigster Grossmächtigster König 
Allergnädigster HErr 

Ew. Königl. Majstt. 

Allerunterthänigster 
Christian Gottfried Habermass, 
Chirurgus. 



— 239 — 

Von diesen Vorschlägen und von der Kommission verlautet dann 
Nichts mehr; v^ir wissen- aus den Akten nur, dass ein reger Brief- 
wechsel zwischen dem Minister v. Katsch in Berlin und dem General- 
chirurgus Holtzendorff in Potsdam bestand, mid dass dieser dem 
Könige alle das Lazareth betreffenden Eingaben vortrug — auch 
dazu die geeigneten Stunden abwartete und dann gewöhnlicli eine zu- 
stimmende Antwort nach Berlin gelangen lassen konnte. Schon am 
18. November 1726, also recht früh, wenn es auf die Arbeit der 
Kommission hm geschehen ist, erliess Friedrich Wilhelm I. die 
bekannte Kabinetsordre, von der sich in den Akten eine Copia be- 
findet: 

Copia. 

Nachdem S. K. M. in Preussen ü. A. G. H. in Gnaden erlaubet, 
dass in dem Garnisons Lazareth vor dem Spandauer Thor vor Berlin 
auch ein Bürger-Lazareth angeleget werden soll, jedoch dass ein Theil 
von gedachtem Lazareth Vor die Garnison ledig bleibe alss dass Sie 
solches dero Würkl. Geh. Etats-Ministre von Katsch, umb sich dar- 
nach zu achten und das gehörige zu Veranstalten hierdurch in Gnaden 
richten. 

Es sollen auch die Kranken darin sowohl Soldaten als Bürger 
von dem Dr. Eller und Rgts. Feldscherer Senff tractirt werden und 
soll jederzeit ein Feldscherer von denen 8 Königi. Chirurgis-Pensionairs 
darin Beständig wohnen und Monatlich nebst frey Essen und Quartier 
8 Rthlr. Tractament geniessen. 

Potsdam, den 18. November 1726. 

Ordre. Fr. Wilhelm. 

An den von Katsch. 

Das Haus wurde für den von Katsch bezeichneten Zweck 
und zugleich zu einem Lazareth bestimmt; die Krankenbehandlung 
zwei Professoren des Colleg. med. chirurg. übertragen, unter denen 
„einer von den 8 Pensionair-Chirurgis" im Hause selbst wirkte. 

Das Armendirectorium trat nun zusammen, ernannte Haber- 
mass zum Oeconomen, beschloss die Eröffnung des Hospitals zum 
1. Januar 1727 und traf Bestimmungen für die „Seelensorge" der 
darin Aufgenommenen : 

Ext r actus 
ProtocoUi sessionis in pleno vom 4. Dezember 1726. 
Das Königi. Rescript vom 18. November 1726 ist im Armen- 
Directorio verlesen kraft dessen Seine Königi. Majestaet allergnädigst 
resolviret: Das vormahlige Garnison Lazareth vor dem Spandauer 
Thor nunmehr zu einem gemeinsamen Lazareth sowohl vor Soldaten 
als bürgerschaft zu declariren, dalier deliberiret worden, wie nun 
dessen Einrichtung nützlich und fruchtbarlich zu machen sey. AVcil 



— 240 — 

CS nun hauptsächlich und zuvorderst auf einen guten Oeconomen an- 
kommen wird, dar/AI sich ein gewesener Chirurgus mid Bürger dieser 
Stadt Nahmens Habermass angegeben mid sich zugleich zu nütz- 
lichen Vorschlägen offeriret; so ist man darüber einig worden, dass 
einige aus dem Armen Directorio Deputirte nebst Herrn Geheimen 
Rath Pipern mit dem Chirurgo Habermass die Einrichtung wegen 
der Oeconomie machen sollen, so dass der Anfang den 1. Januar 1727 
damit gemacht werden könnte. 

Wenn dieses geschehen, wird eine Absonderung der Armen ge- 
macht, welche dahin gebracht und gespeist werden sollen. Die nicht 
herein wollen, denen werden ihre Allmosen eingezogen, mit der Be- 
deutung, falls sie betteln gehen und darauf betroffen würden, sollten 
sie ins Spandowsche Spinnhaus gebracht werden. Die Betten haben, 
müssen sie mit herein bringen, für die anderen werden welche an- 
geschafft. 

Künftig soll auch in dem Lazareth Gelegenheit vor kleine Kinder 
und ihre Warts-Frauen gemacht werden, dass sie darin wohnen und 
gespeiset werden können. Für die Seelensorge der darin befindlichen 
Armen, wird ein Studiosus Theolog. angenommen, der im Hause 
wohnen und mit dem Oeconora speisen soll, und dabey versprechen 
wenn er 2 oder 3 Jahre darin gewesen er Beförderung zu einer guten 
Pfarre zu gewarten habe. 

Die Mittel zur Unterhaltung werden aus der Armen Gasse ge- 
nommen. 

Eine Art Vernehmung des Bürgers und Chirurgus Habermass, 
die sich auch in den Acten befindet, ist insofern interessant, als die 
Vorschläge des letzteren sich nur auf Verwaltung und Oeconomie, 
nicht auf die innere Einrichtung oder gar auf den Jjohr- und Lern- 
zweck des Hospitals beziehen. 

Actum den 7. Dezember 1726. 
Es erschien auf erfordern, der Chirurgus Christian Gottfried 
Habermass, und Vernommen, was Er für Vorschläge thun wolle, 
wie das Werk wegen des Lazareths einzurichten. Jlle: Er Könne nicht 
eher Vorschläge thun, bis man ihm sage, wie es einzurichten, und 
wieviel Leute ihm hinein zugeben. Das erste würde seyn, dass die 
Reparation des Hauses geschehe, und solchem nach die Bettenvor- 
räthe auch nöthiges Küchen- und andere Geräthe angeschaft würde, 
hernach wolte Er nach der Zahl der Personen, so man dahin thun 
würde, auch wegen anzuschaffenden Vorraths näher sich erklähren. 
Es müsste auch erst ausgemacht werden, wie es einzurichten, ob es 
als ein Hospital oder als ein Lazareth einzurichten, denn die Ver- 
pflegung müsste für die Hospitalirer anders, als für Kranke einge- 
richtet werden, es weiten auch die bey dem Lazareth für die Kranken 
ganz anders allemahl disponiren, als man sonst thun Könte. Er ver- 
meint wegen Verschiedenen Verbesserungen fürzuschlagen, welches 
sich bey der Einrichtung des Werks näher finden wird, da an sich 



— 241 — 

selbst solches wohl practicabel. Besonders erinnert Er, dass wie an 
andern Orten in den ÄVirthshäusern, anch Barbierstuben, Armenbüchsen 
angehangen werden Konten, worin die Frembden, bloss nach belieben, 
etwas oder auch nichts geben Konten, welches doch wie andere Orten, 
also auch hier etwas beytragen dürfte. Bei Künftigen fortgang der 
Sache würde Er zeigen, dass Er der Sache nützlieh seyn wolle. 

Es ist ihm aufgegeben ein Ueberschlag zu machen, was Er zu 
100 Personen nöthig war sobald möglich, auch darunter auf 50 Kranke. 

gez. Schlüter. 

Sehr bald zeigen sich in den Akten auch die 4 unter dem Pen- 
sion air-Chirurgus stehenden, zur praktischen Ausbildung der Charitc 
überwiesenen „Feldscheergesellen". 

Es muss deshalb vorläufig zweifelhaft bleiben, ob die Einrichtung 
der Charite als Unterrichtsanstalt auf die Vorschläge von Haber- 
mas s zurückzuführen ist — der in den Akten befindliche Brief allein 
kann das nicht beweisen ■ — oder ob es, wie Eller behauptet, ein 
Verdienst des Generalchirurgus Holtzendorff war. Vielleicht war 
auch der Etats-Minister von Katsch dabei betheiligt. Eller hatte 
die Gründung der Charite selbst erlebt, war lange Jahre dirigirender 
Arzt der inneren Abtheilung; vm: dürfen deshalb seinen ^littheilungen 
über ihre Entstehung und erste Einrichtung wohl unbedingt Glauben 
schenken. Dann drängt sich aber dieser Widerspruch zwischen ihm 
und der grossen Mehrzahl deijenigen auf. die später über denselben 
Gegenstand geschrieben haben. Eller sagt (S. 13): „die Inspection 
bekam Herr Christian Gottfried Habermass, Chirurgus aus dem 
hiesigen Amte der Cliirurgorum . welchem ausser der Aufsicht über- 
haupt zu Erhaltung benöthigter Ordnung im Hause, auch die Speisung 
aller hierselbst aufgenommenen Armen und Kranken anbefohlen wurde. 
und hat derselbe bis hierher mit rühmlichem Fleisse fortgefahren, die 
gemachten Veranstaltungen nicht allein zu unterhalten, sondern auch in 
vielen Stücken zu erleichtern-. — Dass Habermass später zu grossem 
Einiluss gelangte, dass sein Sohn und Xachfolger. der Kammerrath H. 
1778 die "Wahl eines dirigirenden Arztes nach seinem AVunsche durc-h- 
zusetzten wusste, ist wohl möglich. 

Eller, der Miterlebtes schildert, und der auch die Art der 
Commandirung, die Thätigkeic. die Pflichten der der Charite über- 
wiesenen „in Königl. Pension stehenden Chirurg! " genau be- 
schreibt, sagt an mehreren Stellen ausdrücklich, dass Gründung, Ein- 
richtung dieses Krankenhauses und seine Beziehungen zur xA.rmee „die 
Früchte einer reiffen üeberlegung" Holtzendorff's gewesen sind. 
Nicolai, der in seiner Beschreibung der Königlichen Residenzstädte 
Berlin und Potsdam (1786, Bd. II, S. 631) das Verdienst von Haber-_ 

Veiöffenü. aus dein Gebiete des ililit.-Sanitätsw. 13. Heft. jg 



— 242 — 

mass /iicrsl erwähnt, i^icbt keine Quelle dafür an. Er war über- 
haupt über diese Dinge nicht gut unterrichtet; nach ihm hatten zuerst 
Eller und Senff und später Holtzendorff die Besorgung der 
Kranken (bei Pagel wiederholt). Ob er Eller's Werk von 1730 be- 
nutzt hat, ist unsicher; er erwähnt nur eine Schrift Eller's von 1740 
unter dem Titel: „Anmerkungen von Krankheiten und Operationen im 
Lazarethe der Charite''^). Nach Nicolai bringt die Notiz über 
Habermass auch Formey in dem Versuch einer medicinischen To- 
pographie von Berlin (1796), Preuss in der Geschichte des Friedrich 
Wilhelms-Institutes (1819; er giebt die Akten des Armendirectoriums 
als Quelle an), die oben erwähnte Arbeit von Kluge und Marquardt 
von 1828, auf der eine spätere Mittheilung von Esse im 1. Bande 
der Annalen des Charite-Krankenhauses zu Berlin (1850) beruht, ferner 
H. Wollheim in seinem „Versuch einer medicinischen Topographie 
und Statistik von Berlin" (1844) und die von Guttstadt verfasste 
Festschrift zur 59. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte, 
Berlin 1886; die Darstellung der Charite folgt darin genau der Esse- 
schen Mittheilung. — Küster, der in seinem „Alten und neuen 
Berlin", Bd. JII, S. 90, eine ausführliche Beschreibung der Charite- 
Einrichtungen giebt (1756), erwähnt Nichts davon, berichtet aber, 
wie Eller, dass der Königl. Leib- und General-Chirurgus D. Holtzen- 
dorff die besondere Aufsicht gehabt, dieses ganze Werk der Charite 
zuerst angegeben, auch den Plan des von dem hochseligen König be- 
stätigten Collegii Medico-Chirurgici formirt habe. — Nach Küster 
(IV, S. 219) wurde übrigens im Jahre 1726 der Amtschirurg Christian 
Gottfried Habermass auch als „Pestchirurg" vereidigt. 

Schon im December 1726 ermahnte der Minister den künftigen 
Inspector zur Eile, damit ja Alles am 1. Januar 1727 zur Aufnahme 
der Kranken und Pfleglinge, die aus den anderen Hospitälern der 
Charite zugewiesen werden sollten, fertig sei: 

Dem Chirurgo Habermass wird hierdurch, als Künftig Inspector 
des neuen Hospitals und Lazareths anbefohlen, ohne den geringsten 
Zeit- Verlust zu sorgen, dass die nöthige reparationes in Besagten 
Hospital absonderlich in den Stuben so zuerst bewohnt werden sollen. 
Vorgenommen die erforderten Bett-Stellen, Pritschen, Tische und 

^) Diese Schrift Eller's, die auch bei Richthofen (I, S. 16), ferner im 
AUgem. Bücher-Lexikon von Heinsius, in einem Katalog von Hau de und 
Spener von 1753, in Meusel's Lexikon der 1750 — 1800 gestorbenen Schrift- 
steller erwähnt wird, scheint verschwunden zu sein. Es giebt, glaube ich, keine 
grössere Bibliothek in ganz Deutschland, bei der ich nicht angefragt hätte. Der 
Bericht von 1730 Avar sehr häufig vertreten, dieser von 1740 nirgends (s. o.). 



— 243 — 

Schemel Verfertigt, auch alles was gleich Anfangs bey Einrichtung 
dieses Hospitals und Lazareths unumbgänglich A^orhanden seyn muss, 
angeschaft werden möge, allermassen d. 1. Jan. Künltigen Jahres 
ohnfehlbar die armen aus den andern Hospitälern in das neue ge- 
bracht werden sollen. Der Künftige Hauss-Vater Müller soll ihm 
hierbey Hülfreiche Hand leisten, und Kann Er ihm solches anzeigen 
auch eine bequehme Stube zur Wohnung anweisen, damit alles desto 
schleuniger zum Stande gebracht werde. Wie Er dann auch selbst 
die vor den Inspector aptirte Wohnung einnehmen Kann, auf dass 
Er soviel öffter draussen sey, und das nöthige besorgen Kann. 
Berlin, d. 10. Dez. 1726. 

Das scheint nicht ganz glatt gegangen zu sein; in den Akten 
befindet sich der Entwurf eines Briefes von Habermass an den Mi- 
nister, in dem er sich darüber beklagt, dass die Armendirection ihm 
kein Greld vorschiessen wolle, weil sie über die Vorräthe pro De- 
cember (1726) schon verfügt habe. Dass das neue Lazareth im 
früheren „Sbinnhause", wie es Habermass hier nennt, in der ersten 
Zeit — wie zuweilen auch später — in Geldverlegenheit gerieth, beweisen 
ausser diesen Akten auch mehrere Aeusserungen Eller's in seinem 
Berichte von 1730. Aach die beiden folgenden Eingaben an den 
König deuten darauf hin : 

1. Ew. Königl. Majcst. haben allergnädigst befohlen, dass das neue 
Plospital und Lazareth vorm Spandoschen Thore, sobaldt möglich ein- 
gerichtet werden solle; weil nun zu Unterhaltung der dahin zu brin- 
genden Leuthe es an Brot-Korn fehlet, der hiesige Majistrat aber 
auf dem Stadt-Magazin etliche hundert Wispel Roggen vorräthig hat, 
welches ohne dem durch den Wurmfrass abgang leidet, wenn es nicht 
verbraucht und dagegen anders angeschafft wird; So stelle Ew. König!. 
Majest. allerunterthänigst anheim, ob deroselben allergnädigst gefällig 
zu verordnen, dass der Oommendant und Magistrat von solchem Vor- 
rath biss zwanzig Wispel Vorschiessen solle, welche künftigen Herbst 
durch frisch Getreide von der Armen-Casse ersetzt werden können. 

Berlin, den 17. Dez. 1726. 
(Randbemerkung) 

Ist vor baare Bezahlung. 

F. W. 

2. Ew. Kgl. Maj. haben mir allergnädigst zugegeben, dass zu Ein- 
richtung des vor dem Spandoschen Thor belegenen neuen Lazareths 
und Armenhauses schon vor einiger Zeit 500 Thlr. bezahlt worden, 
und bei dem Oberst-Lieutenant von Derschau Vorräthig lag. Ob inm 
diese 500 Thlr. zu Anschaffung der nöthigen Betten und anderen 
Nothwendigkeit in besagtem Lazareth hergegeben werden sollen, be- 
ruht auf E. K. M. allergnädigsten resolution. 

d. 30. Jan. 1727. 

16* 



— 244 — 

Die zVktcn enthalten dann Einiges aus dem Briefwechsel zwischen 
dem Minister Katsch und Holtzeiidorff, aus dem hervorgeht, wie 
eifrig der letztere für die neue Anstalt wirkte, und wie wohlwollend 
seine Berichte und Vorschläge von dem Könige angenommen wurden. 

Der erste lauge Brief von Katsch an Holtzendorff ist als 
eigenhändiges Concept den Akten beigefügt; die Handschrift ist aber 
absolut nicht zu entziffern; man kann nur erkennen, dass er vom 
2. Februar 1727 stammt. Von Holtzendorff sind folgende zwei 
Briefe vorhanden: 

Hoch Wohl Gebohrener Herr, 
Hoch Gebiethender Herr Geheimbtr Etaats Ministre, 
Euer Excellence berichte hiermit gehorsahmst, wie dass ich dero 
Brief, welchen Sie höchstbeliebigst an mich gelangen lassen, Ihro 
Majestät vorgelesen; so ge^^^ss ein sehr Gnädiges Vergnügen über das 
aufnehmen des Neuen Lazareths oder Charite, bezeigt, auch dabey 
sagt; Wenn der H. v. Katsch lebendig bleibt, so wirdt er gewiss ein 
schön Lazareth aufrichten. Ich will meines theils Ihm auch möglichst 
in seinem Christlichen Dessein secundiren. Ja ich Kann wohl mit 
Wahrheit sagen, dass Ihro Majestät recht touchiert über das Gebeth 
undt Glückwündtsche so die Leuthe für Ihro Majestät thun. 

W^as die 580 Thlr. anbetrifft, so der Herr Oberst-Lieutenant 
V. Derschau noch in Händen hält, geben Ihro Majestät Zur antwort. 
dass ich Euer Excellence nur schreiben möchte, ^^^e Ihro Majestät 
den Herrn Oberstlieutenant v. Dersehau albereit mündlich befohlen 
diese 580 Thaler an Euer Excellence, Zu aufrichtuug der meublen in 
der Charite, auszuzahlen, wesshalb Königl. iVssignation von nöthen 
wäre. 

Solte nun der Hr. Oberstlieutenant Zu seiner Sicherheit, dass 
Geldt nicht ohne Königl. Assignation wollen abfolgen lassen, so bitte 
mir von Euer Excellence Höchstbeliebige Nachricht aus, damit ich 
solches Ihro ]\Iajestät wäderumb unterthänigst hinterbringen Kann. 

Ich recommendire mich undt meine geringe Familie in Euer Ex- 
cellence hohen Protection undt hochgeneigter Wohlgewogenheit, der 
ich lebenslang mit gehorsahmsten Respect ersterbe 

Euer Excellence 

Meines Hoch Gebiethenden Hrn. Geheimbten Etaats 

Ministres 

Ganz gehorsahmster Diener 
Holtzendorff. 
Potsdam, d. 5. Februar 1727. 

Hoch Wohl Gebohrener Herr, 
Hoch Gebiethender Herr Geheimbtr Etaats 3Iinistre, 

Hoher Gönner, 
Euer Excellence danke gantz gehorsahmst für die höchstbeliebige 
communication dero Rapports an Ihro Majestät, von der Charite, ich 



— 245 — 

habe auch sofort nach dero hohen verlangen Gelegenheit genommen, 
mit Ihro Majestät ausführlich von allen zu sprechen, welche zu allen 
Puncten sich Gnädigst und willig erzeigten, stelle also in Euer Ex- 
cellence hohen Gefallen, ob Sie morgen oder übermorgen den Rapport 
Zu Ihro Majestät AUergnädigsten Resolution anher" senden wollen, 
meinestheils werde nicht ermangeln, soviel in meinen geringen Ver- 
mögen, Ihro Majestät von diesen Christlichen und löblichen Werk er- 
innerung Zu thun; und wann ich nach Berlin komme, bey Euer Ex- 
cellenz meine gehorsahrae aufwartung machen, der ich 'mich nebst 
meiner geringen Familie in dero hohe Wohlgewogenheit recommendire, 
und mit gehorsahmsten Respect ersterbe 

Euer Excellence 

Meines Hoch Gebiethenden Hrn. Geheimbtr Etaats. 

Ministres 

Gantz gehorsahmster Diener 
Holtzendorff. 
Potsdam, d. 9. Märtz 1727. 

Darauf folgen wieder mehrere eigenhändige Schriftstücke von 
Katsch aus dem März 1727, die aber ebenso wenig zu entziffern 
sind, wie sein Brief an Holtzendorff. Wahrscheinlich handelt es 
sich um jene Mittheilungen, die Kluge und Marquardt erwähnen, 
und in denen Katsch über den guten Fortgang der Einrichtungen 
berichtet, u. A. auch betont, dass insonderheit die Garnison mit den 
Medicis und Chirurgis daran profitire, jene, dass die Soldaten, welche 
mit schweren Krankheiten behaftet, guteVerpflegung und Wartung finden, 
diese, dass sie ihre Profession und Kuren recht exerciren können (s. u.). 

Die folgenden zwei Aktenstücke beweisen, dass sich schon im 
Jahre 1727 die jS"othwendigkeit eines Neubaues, einer Yergrösserung 
der Anstalt herausstellte, dass der König dazu die Bau-Materialien 
und 200 Rthli-. geschenkt und die Erlaubniss gegeben hatte, eine 
Kollekte in der Stadt vorzunehmen, um die Baugelder zusammenzu- 
bringen. Ausserdem geht daraus hervor, dass damals 300 Menschen 
täglich in der Charite verpflegt wurden. (Nach Eller war auch an 
der Charite-Pforte eine Armcnhüchsc aufgestellt): 

Seine Königl. Majestät in Preussen, Unser allergnädigster Herr 
haben dem hiesigen Armen Directorio und Deputirten des Armen 
Wesens dieser Residenzien Allergnädigst concediret, dass dieselbe 
mittelst eines besonderen Buches zum Behuff und Fortsetzung des 
nöthigen Baues, sowohl einer Capelle, worin der ordentliche Gottes- 
dienst gehalten, als auch anderer bedürfenden Haushaltungs Gebäude, 
an Bau- und Darr-Haus, sambt Kellern, grösseren Küche, Speise- 
Saal nebst AVasch- und Backhaus bey dem Hospital und Lazareth la 
Charite, einen frevwilliacn Bevtrae in hiessioen Residenzien collieii'cn 



— 246 — 

und sambleii mögen, gestallt Sr. Königl. Majest. zum beibringen 
dieses nützlichen Werks, da bereits über 300 Menschen täglich ge- 
speiset, auch viele kranke beyra Lazareth curiret werden, aus Christ- 
mildesten Herzen nicht nur alle 13au-Materialien an Holz, Steinen 
und Kalk Allergnädigst und ohne Bezahlung geschenket, sondern 
auch zu denen Bau-Kosten 200 Thlr. baar geben und reichen lassen. 

Also ist sothane Concession dergestalt zu verfassen, dass sie 
dem Gollecten Buche vorangeschrieben oder beygeheftet werden 
können. Weichergestallt aber diese CoUigirung anzustellen, solches 
überlassen Sr. Königl. Majest. dem Armen Directorio. 

Signatum Berlin, d. 6. Juni 1727. 
Concession vor das hiessige Armen-Directorium, 
dass in hiessigen Residenzen ein freywilliger 
Beytrag zum Behuff derer Baukosten des 
Hospitals und Lazareths la Charite gesammelt 
werden möge. 

Ew. Königl. Majest. haben mir mündlich durch dero General 
Chirurgum wissen lassen, dass in hiessigen Residenzien ein freywilliger 
Beytrag zum Behuff der Baukosten der Charite möge gesammelt 
werden. 

Wann aber hierzu Ew. Königl. Majest. Allergnädigst Special 
Ordre nöthig, ohne welche sich niemandt unterstehen wird, etwas zu 
samblen noch zum beytrag accommodiren. So habe bis zur Aller- 
gnädigstenVollziehung hirbey dergleichen Ordre expediren lassen, ge- 
stallt es ohnumbgänglich nöthig, dass der Bau bald angefangen werde, 
wofern das Guthe Werk wie es angefangen bestehen soll, ich zweifle 
auch nicht, weil Ew. König]. Majest. Selbst den Anfang Christmildest 
gemacht, und nicht allein alle Bau Materialien, sondern auch zu Bau- 
Kosten 200 Thlr. geschenket, es werden sich viele vor die Armuth 
mitleydige Herzen dadurch zum Beytrag bewegen lassen. 

Berlin, den 7. Juni 1727. 

gez. V. Katsch. 

Sehr interessant ist der folgende Bericht von Katsch aus dem 
März 1727, in dem er den Besuch des Grafen von Wartensleben 
und dessen Schenkung, sowie den Vorschlag Ell er 's, mit der Charite 
eine Entbindungsanstalt, vielleicht auch ein Findelhaus zu verbinden, 
erwähnt. Wie die Randbemerkung des Königs beweist, war dieser 
damit vollständig einverstanden. Das Projekt eines Findelhauses kam, 
wohl der Kosten wegen, nicht zur Ausführung: 

Ich bin diesen Morgen mit dem General Feld-Marschall dem 
Grafen von Wartensleben in dem Neuen Hospital und Lazareth la 
Charite gewesen, derselbe hat die gute Anstalten da in so Kurzer 
Zeit auf 280 Menschen bereits täglich gespeiset und satt gemacht 
werden, auch ihre nothdürftige Lager-Stellen und warme Stuben haben 
gar sehr bewundert und sich zum Mitleiden bewegen lassen, dass er 



— 247 — 

nicht allein einen ziemlichen Platz der Gegend zum Hospital abge- 
treten, sondern auch zu einer in der Nähe gelegenen Wiese gleiche 
Hofnung gemacht, welches zwar alles von der Stadt Grund und 
Boden, doch hat es derselbe auf seine Kosten planiren und zurecht 
machen lassen. 

Als auch dem Feld Marschall die gute Anstalten des Lazareths 
an Betten vor die Kranken gezeiget worden hat er noch absonder- 
liche Mildigkeit versprochen in Summa ich sehe, dass Gott diese von 
Ew. Königl. Majest. Mildigkeit herfliesende heilsame Institution und 
Einrichtung merklich segnet wie dann verschiedene gathertzige Ge- 
müter eine ziemliche Anzahl gemachter Betten vor das Lazareth fre}^- 
willig gelieffert und werden denen noch mehrere folgen. 

Von der guten Einrichtung des Lazareths werden insonderheit 
die Garnison mit denen medicis und Chirurgis profitiren, jene dass 
die Soldaten welche mit schweren und nicht gemeinen Krankheiten 
behaftet darin gute Verpflegung und Wartung finden und diese dass 
sie ihre profession und Curen recht exerciren können. 

Der Doctor Ellert besucht das Lazareth fleissig und war Heute 
auch gegenwärtig, da er dann wohl heilsamiich erinnerte welcher ge- 
stalt es höchst nöthig seyn würde, eine Stube in den Hospital zu 
praepariren, darin alle liederliclie Weibes-Stückor in der Stadt, welche 
schwanger, und die nicht ein Bund Stroh zu ihrer Accouchirung 
hätten, wodurch bey der Geburt viele unschuldige Kinder, theils aus 
solchem Mangel, theils durch die unverständige Weyse Mütter ver- 
wahrloset, wo nicht gar ums Leben kämen entweder durch gütliche 
oder scharfe Mittel zusammengebracht würden, darin zu accuchiren 
welches insonderheit auch den guten Effekt haben könnte, dass die 
unverständigen Weyse Mütter zugleich unterrichtet. 

Euer Königl. Majest. haben nun wegen Fundirung eines Fünd- 
lingshauses vor die uneheliche Kinder sich allergnädigst erklärt wo- 
mit ich auch jetzo in der Arbeit bin dieses würde dazu eine praepa- 
ration seyn, und wenn es Ew. Königl. Majest. gut finden will ich mit 
dem Armen Directorio und Magistrat mich darüber zusammen und 
Vorschläge thun. 

Berlin, den 8. Märtz 1727. 

(gez.) von Katsch. 
(Randbemerkung des Königs): 

Sehr gut. Soll Project machen wegen 
Fündlingskinder Soll schreiben wie es in 
Nürnberg ist, wie die ganze Disposition ist 
da kann man hier machen, was sich hier 
schickt. F. W. 

Wie Ell er raittheilt, war trotz der Kollekte und trotz zahl- 
reicher Geschenke, die in den ersten 3 Jahren 1280 Rthlr. 15 Slbgr. 
6 Pf. betrugen, darunter 1000 Rthlr. von dem General v. Arnim, 
die pekuniäre Lage der Anstalt so unsicher, dass eines Tages kein 
Groschen mehr in Cassa vorhanden war. Da fanden si(>h ganz im- 



— 248 — 

vermuthet an diesem Tage in der Armenbüchse an der Pforte, die 
sonst täglich einige Thaler enthielt, 50 Rthlr. in Gold. Um dieser 
Unsicherheit abzuhelfen, wurden auf den Vorschlag von Habermass 
durch A. C. 0. vom 4. April 1733 die für Geburts- und Lehrbriefe 
von den Gewerken zu zahlenden Gebühren der Charite überwiesen 
und die Haupt-Charite-Kasse zur Verwaltung der Einkünfte gegründet. 
Habermass war, wie die Akten des Armen-Directorii beweisen, 
unermüdlich und erfolgreich thätig, Gewerke und Zünfte aufzuspüren, 
die sich jener Abgabe bisher entzogen hatten, und brachte- dadurch 
eine regelmässige jährliche Einnahme von mehr als 19 000 Reichs- 
thalern, die bei der Aufhebung der Zünfte durch einen Staats- 
beitrag ersetzt wurde, zusammen. Die von Anfang an spärlichen, 
unregelmässigen Zuschüsse der Armen-Verwaltung hatten, wie schon 
erwähnt wurde, oft nicht ausgereicht. Die Unabhängigkeit der Cha- 
rite in Geldangelegenheiten machte bald darauf einen grossen Fort- 
schritt. Friedrich Wilhelm 1. war im Jahre 1734 schwer er- 
krankt. Hoffraann, Eller und Christoph Horch behandelten 
ihn. Ueber 'seine Genesung war der König so erfreut, dass er die 
Aerzte reich beschenkte, der Sozietät der Wissenschaften freundlicher 
gesinnt wurde und grosse Summen für Armenhäuser, Hospitäler und 
Schulen stiftete^). Darunter befand sich auch die Charite, der er 
laut A. C. 0. vom 31. Januar 1735 ein Kapital von 100 000 Rthlr. 
überwies, damit noch 200 Kranke mehr aufgenommen werden 
könnten : 

Copia. 

Seine Königl. Majest. in Preussen Unser allergnädigster Herr 
haben dem Geheimt Rath von Lücke Ordre gegeben, dass Er die 
100/m Thlr. so Sie zum Fond bey der Charite zu Unterhaltung 200 
Personen allergnädigst geschenket; aus dem neuen Thresor bezahlen 
soll, und befehlen demnach Dero wirkl. Geheimten Etats Ministre 
von Viebahn hierdurch in Gnaden, solche nebst den übrigen Directoren 
der Charite in Empfang zu nehmen, und Sorge zu tragen, dass sel- 
bige a 5 pro Cent untergebracht; und von den einkommenden 
5000 rtl. Interesse jährlich 200 Personen mehr erhalten werden; wie 
Sie dann deshalb eine besondere Donation haben ausfertigen lassen, 
deren Lihalt jederzeit beobachtet werden soll. 

Berlin, den 31ten Januar 1735. 

Friedrich Wilhelm. 



1) König, 1. c. IV, S. 251 u. 257; vergl. auch S. 155 u. 156. Die übrigen 
Stiftungen sind bei Eller, Küster, Nicolai, Kluge und Marquardt, Esse 
und Guttstadt aufgezählt. 



— 249 — 

(Ordre an den Würklichen Geheimten Etats Ministre von Vie- 
bahn, dass Er diejenigen 100/m rtl. so Se. Königl. Majest. der Cha- 
rite geschenket, von dem von Lücke nebst den übrigen Directoren 
der Charite in Empfang nehmen, und solche a 5 pro Cent sicher 
untergebracht, und von denen einkoramenden 5000 rtl. Interesse 
jährlich 200 Personen mehr unterhalten werden sollen.) 

Copia. 

Euer Excellentz habe ich hierdurch gehorsamst melden sollen, 
dass heute Nachmittag um 3 Uhr die 100/m Thlr. aus dem Thresor 
bezahlt werden sollen und zwar an Ducaten. 
Berlin, den 31ten Januar 1735. 

(gez.) Boden. 

Ich werde um 3 Uhr bei dem Herrn Barth auf der General 
Domainen Gasse seyn nebst den Herrn von Lucken, die Donation 
kommt auch hierbey. 

Durch eine besondere Donations-Ürkunde wurde die Bestimmung 
dieses Kapitals feierlich bestätigt und für immer festgelegt; mit 
schwerem Fluch und Unsegen wird der bedroht, der Kapital oder 
Zinsen zu irgend einem anderen Zwecke gebrauchen sollte; er wird 
sich dadurch „gewiss die ewige Verdammniss über den Hals ziehen." 
Eine Kopie dieser interessanten Urkunde befindet sich bei den Akten: 

Copia. 

Nachdem Sr. Königl. Majest. in Preussen p. Unser Allergnädig- 
ster Herr, aus besonderen Trieb Mitleiden und Erbarmen gegen arme. 
Kranke nothleidende und hülflose Menschen bewogen worden, den 
Fond bey der Charite allhier zu Berlin zu vermehren, damit noch 
mehr dergleichen armer, Kranke, nothleidende Menschen darin unter- 
halten werden können; so haben Sie allergnädigst resolviret, dazu 
ein Capital von Hundert Tausend Thlr, zu schenken, welches auf 
ewig und als eisernes dabey verbleiben und auf gewisse liegende 
Gründe und Güther sicher untergebracht werden soll, und weil dieses 
Capital jährlich an Interesse 5 pro Cent, Fünf Tausend Thlr. trägt, 
sollen davon jährlich noch zwey Hundert Personen mehr unterhalten 
werden, über diejenige Anzahl, so nach dem bisherigen Fond erhalten 
werden, oder hätten erhalten werden können. 

Und gleich wie höchst gedachte Seine Königl. Majestaet dieses 
Capital der Hundert Tausend Thlr. auf dem heutigen Dato sofort 
an den würklichen Geheimen Etats Ministre von Viebahn und übrige 
Directores und Vorsteher dieser Charite haben baar auszahlen lassen; 
also schenken und widmen Sie dasselbe hierdurch und in Kraft dieses 
von jetzo an beständig und unwiederruflich zu obigen behuf und 
wollen allergnädigst, dass dieses Capital und die davon jährlich 
fallenden Interessen und Einkünfte niemahls zu einem andern Ge- 
brauch als zum Unterhalt solcher armen. Kranken und nothleidendcn 



— 250 — 

Menschen angewendet werde, wie Sie dann dahero einen scliwcven 
Fluch und Unsegen hierdurch darauf geJeget liaben wollen, wenn je- 
mand unternehmen wolle dieses Capital und die davon jährlich ein- 
kommenden Zinsen anders anzuwenden, als Dero allergnädigste In- 
tention und Willens-Meinung ist. Es sollen auch diejenigen, welchen 
die iVufsicht und administration der Charite und des dazu destinirtcn 
Fonds auch deren Einkünfte und Oekonomie bey derselben jederzeit 
anvertraut ist, sorgfältig dahin sehen, dass mit diesem Capital wohl 
hausgehalten, dasselbe auf liegende Gründe und Güther sicher unter- 
gebracht, und überall Semer Königl. Majest. allergnädigsten Intention 
gemäss damit umgegangen und verfahren werde, widrigen Falls der 
Fluch und Unsegen Sie gleichfalls treffen wird und Sie vor Gott an 
jenem grossen Gerichts-Tagc dermahleinst davon Rechenschaft geben 
sollen. 

Es sind auch Sr. Königl. Majestaet gewiss versichert, dass wo- 
fern dieses Capitals und die davon einkommenden Interessen, auf eine 
andere Art, als wozu Sie es destiniret haben verwendet, und dadurch 
so viel armen und nothleidenden Menschen ihr nothdürftiger Unter- 
halt und Hülfe entzogen und gleichsam das Leben abgeschnitten 
werden sollte, dieselben oder diejenigen, so daran Schuld sind vor 
Gottes Richterstuhl anklagen, und diese sich dadurch gewiss die 
ewige Verdamniss über den Hals ziehen und zu Wege bringen wer- 
den; dahero Sie des vesten Vertrauens leben, es werde ein jeder 
dieses wohl zu Herzen fassen, und sich dergestalt dabey bezeigen, 
wie es vor Gott, Seiner Königl. Majest. und Dero ganzen Königl. 
Posteritaet zu verantworten ist und dagegen den Segen von Gott ge- 
wiss erwarten. 

Gegeben Berlin, den -Slten Januar 1735. 

(L. S.) Friedrich Wilhelm. 

Donation 
über 100/m Thl. Capital So Seine Königl. 
Majestät der hiesigen Charite geschenkt, 
dass von denen daeinkommenden 5/m Thl. 
Interesse, jährlich noch 200 Menschen 
mehr darin unterhalten werden sollen. 

Die Aufnahme kranker Soldaten geschah schon damals nur aus- 
nahmsweise; die Truppentheile hatten ihre eignen Lazarethe, von 
denen später einige, wie z. ß. das des Artillerie-Corps unter Theden 
ihrer vortrefflichen Einrichtungen wegen berühmt waren. Auch von 
der Bestimmung (A. C. 0. vom 14. September 1736), dass in der 
Charite „an die Zwantzig Mann" von der Garnison, wenn sie in 
solchem Stande sind, dass keine Besserung noch Gesundheit zu hoffen 
ist, verpflegt werden sollen, wird nur selten Gebrauch gemacht sein. 
Ein eigenes Zimmer war dafür vorhanden. 

Im December 1736 befahl der König die Aufstellung einer Dienst- 



— 251 — 

Ordnung („Fundation und Reglement"), die im März 1737 als ausführliche 
Instruction für das gesammte Personal, sowohl des eigentlichen Laza- 
reths, als auch des Hospitals erschien i). Dadurch, dass mit der Anstalt 
eine Bäckerei, eine Brauerei mit starken gemauerten Gewölben (unter 
dem nordwestlichen Flügel des jetzigen Hauptgebäudes), eine Meierei 
und ein grosser Gemüsegarten (das vom Grafen Wartenberg ge- 
schenkte Grundstück) verbunden war, wurde die Verwaltung sehr 
complicirt; diese Einrichtungen wurden denn auch mit der Zeit eine 
nach der anderen aufgegeben, zuletzt wohl die Brauerei, nach Esse 
ungefähr im Jahre 1837. 

Nach König wurden in der Charite (innerhalb der Barriere längst 
den Pallisaden umb die Stadt, also innerhalb der früheren „Land- 
wehren") auch die ersten Versuche mit dem Anpflanzen der Kartoffeln 
gemacht. Das desshalb an den König gerichtete Gesuch „im Behuff 
der zu verpflantzenden Erd-Nüsse zum Nutzen des Maison de la Cha- 
rite" ist unterschrieben von von Mehder und Goch. Mit dem be- 
rühmten Botaniker Gleditsch zusammen machte Habermass auch 
in den für diesen Zweck gewiss sehr geeigneten Sandflächen in der 
Umgebung der Charite Versuche, den Flugsand durch Anpflanzungen 
allmählich zu fixiren und später zu kultiviren. Einen in der Nähe 
gelegenen „Weinberg" bepflanzte er mit Maulbeerbäumen und zahlte 
an die Stadt 5 Rthl. Pacht dafür. — Nach Preuss (Friedrich d. Gr. 
Bd. II, S. 191) hat Friedrich Wilhelm I. der Charite zum Anbau von 
Kartoffeln ein Stück Land geschenkt. Uebrigens beschreibt der 
Leibarzt Elsholtz, der Director des Botanischen Gartens unter dem 
Grossen Kurfürsten, schon 1651 die Kartoffel unter den Küchen- 
gewächsen. 

Die Hospitanten waren im Erdgeschoss, die Kranken im ersten 
Stock untergebracht; die „Salivationskammer" und die Abtheilung 
für Syphilitische befand sich in einem, noch 1728 dem westlichen 
Flügel aufgesetzten 3. Stockwerk. Zu Anfang waren viel mehr 
Llospitaliten, als Kranke; aber schon 1736 war das A'^erhältniss, wie 
aus einer von Habermass im Januar dieses Jahres aufgestellten 
Liste (s. Kluge und Marquardt) hervorgeht, umgekehrt; auf 196 
Hospitanten (84 M., 112 W.) kamen 252 Kranke. Wenige Jahre 
später, 1739, richtete Habermass eine Eingabe an die Behörde, 
in der er über Platzmangel klagte und Vorschläge zur Abhilfe machte. 



1) In den Charite - Akten ausführlich mitgetheilt. — Für das Interesse 
Friedrich Wilhelm's I. ist auch die oben bei der Biographie von Senff er- 
wähnte A. C. 0. vom J. 1736 bezeichnend. 



— -2 5-2 — 

Darauf erfolgte am 11. Juni 1739 eine A. C. 0., in der schon die 
NotliAvendigkeit der erst 17-18 wirklich durchgeführten vollständigen 
Trennujig der Charitekasse von der Armenkasse ausgesprochen, ferner 
eine Kommission, zu der auch Eller und Brandhorst gehörten, 
eingesetzt, um den Plan zu einer besseren Einrichtung des ganzen 
Wesens der Charite auszuarbeiten. Für die Erweiterung verwarf der 
König die Aufsetzung eines Stockwerks und hielt es für besser, ein 
neues Gebäude aufzurichten, wozu er auch die Materialien schenken 
wollte, „damit die Leute nicht so enge zusammen liegen". 

Co2)ia. 

Friedrich Wilhelm, König etc. 
Unsern etc. Nachdem wir auf die Abschrift hirbeyliegende Vor- 
stellung des Inspectoris Habermaas, wegen Verbesserung der Charite 
in Gnaden resohiret, dsss die Charite-Casse gäntzl. von dem übrigen 
Armen-Wesen separiret, und die von Uns nach Unserer schweren 
Krankheit dazu geschenkten 100/m Rthl. nebst denen Einkünften von 
denen Lehr- und Geburts-Briefen, bloss die Charite zum ^Nutzen und 
Versorgung der Leute verbleiben, dabey auch verstattet werden soll, 
dass in sub A. angeschlossene specificirte Professiones, gleichfalls die 
Lehr-Briefe zum Nutzen der Charite-Casse, in Unsern Landen wie 
die übrigen Zünfte nehmen und bezahlen müssen, zu welchem Ende 
wir die in Abschrift hirbeygefüg-te Verordnung an sämtl. Kr. u. Dom. 
kanimern bereits ergehen lassen; wobey wir allergn. wollen, dass die 
Geheimte Käthe v. Piper und Reichhelm, neb.st dem Hof-Rath und 
ersten Leib Medico Eller, auch Hof-Rath und Leib-Chirurgo Brand- 
horst sich zusammen thun, und einen Plan von einer besseren Ein- 
richtung des gantzen Wesens der Charite machen sollen; Als fügen 
wir Euch solches hierdurch in Gnaden zu wissen, mit allergnädigsten 
Befehl, wegen der vorbenandten Commissarien das nöthige forder- 
samst zu verfügen, und dahin zu sehen, dass alles, was zu Erreichung 
des hirunter von Uns intendirenden Zwecks erfordert wird, völlig und 
ohne Difficultäten zum Stande gebracht werde. 

Anlangend die nöthigen Gebäude, so bey der Charite noch zu 
bauen sind: So halten Wir für besser, an statt der vorgeschlagenen 
Aufsetzung eines Stockwerks auf die eine Seite, lieber ein gantz 
neues besonder Haus aufzuführen, damit die Leute nicht so enge zu- 
sammen liegen, wozu Wir auch die Materialien schenken wollen. 
Ihr habt also davon einen Pertinenten Riss und pliichtmässigen An- 
schlag fertigen zu lassen und solche zu unserer Approbation forder- 
samst einzusenden. Seynd Gegeben Berlin, den 11. Junii 1739. 

An 
den würkl. etc. von Brand 
und den etc. von Reichenbach. 



— 253 — 

Ueber die Aufnahme der Kranken, ihre Bekleidung, ihre Lagcr- 
stellen, ihre Beköstigung, die Beschaffung der Medikamente u. s. w. 
enthält Ell er 's Bericht ausführliche Angaben. 

Die Aufnahme der Kranken war" Anfangs den beiden Aerzten. 
Eller und Senff, überlassen; im Jahre 1737 wurde aber in der 
eben erwähnten Instruction schon die Armendirection, resp. der Ober- 
inspector damit beauftragt. Für die Aerzte musste das zu Unzuträg- 
lichkeiten führen; es scheint, als ob Eller desshalb bei Friedrich 
dem Grossen die Einführung des alten Modus beantragt hätte; das 
ist wenigstens der Sinn der ersten, die Charite betreffenden A. C. 0- 
des Königs vom 4. November 1740: 

Nachdem Seine Königliche Majestät im Preussen, Unser all er- 
gnädigster Herr, vernommen, wie dass bey dem Lazareth der Charite 
zu Berlin sich verschiedene Unordnungen ereignen wollen, deren Ab- 
stellung um so nöthiger ist, damit die Kranken darunter nicht leyden, 
noch versäumet werden mögen; Als befehlen und wollen höchst- 
dieselbe hierdurch aller gnädigst dass, 1. so wie es bisher geschehen 
also auch noch ferner, keine anderen Kranken in dem Charite Laza- 
reth aufgenommen werden sollen, als welche von dem Medice Schar- 
schmidt und dem Professor Pallas examinirt und mit Receptions 
Scheinen versehen werden. Die übrigen so nur bloss Invaliden seynd, 
sollen nach dem Hospital der Charite verwiesen werden. 2. soll kein 
Kranker aus dem Charite Lazareth gelassen werden bevor gedachter 
Medicus Scharschmidt nebst dem p. Pallas solchen nicht vor ge- 
sund declariren können. 3. soll ihnen auch die Bestellung derer 
Krankenwärter lediglich überlassen bleiben, wie denn auch 4, das 
Armen Directorium sowohl als auch der Lispector Habermaas sich 
in Sachen welche die Kranken und deren Cur angehen, sich nicht 
weiter meliren muss, auch sie deshalb mit den Pensionair Chirurgo 
der Hebammen, und mit den übrigen in der Charite sich aufhaltenden 
Feldscherer, sich nichts mehr zu thun machen, sondern diese lediglich 
von vorerwehnten Dctr. Scharschmidt und dem p. Pallas reci- 
piret und in Eyd und Pflicht genommen, bedürfen denfalls aber dimit- 
tiret werden sollen. Nechstdem soll auch 5tens der Inspector Hab er - 
maass gehalten seyn, denen im Charite Lazareth befindlichen Kranken 
diejenigen Victu allen zu reichen, welche nach ihren Umständen von 
den Doctor Scharschmidt und den Professore Pallas vor dienlich 
erachtet und verordnet werden, welche jedoch nicht kostbarer seyn 
müssen, als solches die zur Unterhaltung derer Kranken im Charite 
Lazareth, ausgesetzte Revenues ertragen und bestreiten können; ge- 
stalten denn 6tens nur erwehnter Doctor Scharschmidt und der 
p. Pallas sich niemahlen von Sachen meliren noch zu befangen haben, 
welche die Oeconomische Verfassung und Verpflegung der Charite be- 
treffen. Mehr höchstgedachte Sr. Königl. Majestät befehlen demnach 
dem Armen Directorio zu Berlin, hierdurch so gnädig, als ernstlich 



— 254 — 

sieh nach vorsiehendcn allen gehorsamst zu achten, auch das erforder- 
liche deshalb gebührend zu verfügen. 
Rheinsberg den 4. November 1740. 

An . Friedrich. 

das Armen Directorium zu Berlin Wegen 
Abstellung einiger bey den Lazareth der 
Charite eingerissenen Unordnungen, und 
wie es darunter hinführ gehalten werden 



soll. 



b^ 



Dem Inspectori in der Charite, Habermaass, wird hierbey ab- 
schriftlich communicirt, was zu abhelfung der seith einiger Zeit in 
der Charite sich geäusserten Unordnungen, an den Professorem Chir- 
urgiae Pallas rescribiret worden, mit allergnädigsten Befehl, sich hier 
nach gleichfals .allergehorsamst zu achten, und möglichsten Fleisses 
dahin zu sehen, dass aller Schade und Nachtheil bey der Charite ab- 
gewand, alle Streitigkeiten verhindert werden, und ein jeder seiner 
Obliegenheit gebührend leisten möge. Und wann absonderlich die 
Chirurgi seinen Erinnerungen nicht folgen wollen, muss er solches so- 
gleich an das Armen Directorium, zu dessen weitheren Veranlassung, 
berichten, ausser in den Fällen wo periculum in mora ist, da er zu 
Abwendung' der anscheinenden Gefahr das Nötige Verfügen und nach- 
her davon berichten kan. 

Signatum Berlin den 13ten Janurwy 1741. 

Auf Sr. Königl. Majest. aller gnädigsten Spezial Befehl. 
Kappe, Gotter, Marschall, Arnim. 

Da scheint aber die andere Partei schnell ihren ganzen Einfluss 
aufgeboten zu haben, um diese ihr unbequemen Bestimmungen wieder 
rückgängig zu machen; denn schon am 13. Januar 1741 erscheint 
eine neue A. C. ü., in der überall das Gegentheil der ersten befohlen 
wird. Die Aerzte haben mit der x4ufnahme fast Nichts mehr zu 
thun, die Machtbefugnisse der Verwaltung werden bedeutend gegen 
früher erweitert. Diese letzte A. C. Ü. ist an Pallas, damaligen 
Professor und Chirurgen an der Charite, die erste war an das xVrmen- 
directorium gerichtet. Als Arzt wird auch hier nicht mehr Eller, der 
laut A. C. 0. von 1741 Mitglied des Armendirectoriums war, sondern 
S c h a a r s c h m i d t genannt. 

Friedrich, König in Preussen etc. 
Lnseru etc. Wir haben auf ergangene Kabinets Ordres von 
Fnser allerhöchsten Person, durch die dazu Verordnete Commission 
mit Ünsern Hof-Rath und ersten Leib Medico D. Eller überlegen 
lassen, wie folgender in hiessiger Charite eingerissenen Unordnungen 
abgeholfen und Künftig den angegebenen Excessen Vorgebeuget werden 
Könne, und darauf allergnädigst resolviret, dass 

X. obgleich Unser hiessiges Armen Directorium, sich mit den 



— 255 — 

innerlichen und äusscrliclien euren an sich selbst der im La- 
zareth der Charite befindlichen Kranken nicht Meliren wird; 
Es jedoch ferner, wie von Errichtung der Charite an. geschehen, 
die Direction und aufsieht über die gantze Charite folglich auch 
über das Lazareth, behalten solle, damit es darin die gehörige 
Ordnung besorgen, einen jeden zu seiner Schuldigkeit anweisen, 
und dahin sehen Könne, dass so wenig jemand ohne Noth oder 
der nicht dahin gehöret ins Lazareth genommen, als zu lang 
darin behalten, oder Versäumet, noch auch an Medicin, Essen, 
Trinken oder sonst etwas Verquistet, Verdorben oder gar ge- 
stohlen werde. Zu dem Ende es auch 

2. alle Receptions Befehle nach wie vor erth eilen soll, damit es 
den Zustand der ins Lazareth zu bringenden Persohnen vor- 
hero gründlich untersuchen lassen und Verhindern Könne, das 
Keiner, als der nach hiessigen Verfassungen dahin gehöret reci- 
piret und andere welche nothwendig dahin zu bringen, der 
Platz proscripiret werde. Und ob gleich 

3. dem daselbst bestelleten Medice und Professori Ghirur. auch 
zwar erlaubt seyn soll, einige Patienten ins Lazareth (doch 
nicht ins Hospital) zu senden; So müssen doch die Receptions 
Scheine, auss ob angeführten Ulirsachen vom Armen Directorio 
mit unterschrieben, und ohne dessen Unterschrift Keiner an- 
genommen werden, wofern nicht etwan periculum in mora bei 
den Patienten sein solte, als dann er zwar reeipiret, doch 

■ nachhero dem Armen Directorio umb das nöthig gefundene 
annoch zu Veranlassen, davon Berieht abgestattet werden soll. 

4. Weil ausser den Würklichen euren, alles was im Lazareth zu 
besorgen, zur Oeeonomischen Einrichtung gehört; so Können 
und sollen gar Keine Bedienthe im Lazareth vom Medice und 
Professore Chirurg, angenommen oder abgeschaffet werden, son- 
dern da dieselben hauptsächlich mit zur Ordnung, aufsieht und 
Reinlichkeit daselbst gebrauchet werden müssen; So sollen auch 
selbige wie andere Haussgesinde von dem Inspectore daselbst 
allein angenommen, und wann Sie nicht das, was ihnen ob- 
lieget gebührend A-" errichten , von selbigen abgeschaffet werden. 
Und da 

5. Keiner von unserii Räthen des Armen Direetorii die in solchem 
tiause, wie die Charite ist, so höchst nöthige beständige auf- 
sieht über alle und alles haben Kan, der bestellete Mediens 
und Professor Chirurg, auch nur dann und wann einige Stunden 
sich daselbt, aufhalten; So soll ferner, wie von anfang der 
Charite an gesehen, der Lispeetor daselbst über alle und alles 
nomine des Armen Direetorii die Aufsicht führen, und alle so 
im Hause sein, seinen Erinnerungen folgen, oder seinen Be- 
fehlen gehorsahmen, und w^ann das nicht gesehiehet, ist Er 
schuldig solches zu remedirung so gleich dem Armen Directorio 
pflichtmässig zu berichten, wesshalb an ihn besonderer Befehl 
ergangen ist. 

6. Damit die Ordnung so viel besser befördert, die Reinlichkeit 



— 256 — 

besorget, Feuersgefahr aber und alle Unordnung und Schaden 
Verhindert werden Könne; So lieget dem HaussVater in der 
Charite ob, das gantze Hauss, alle Stuben auch das Lazareth 
Täglich fleissig, auch noch des Abends späthe zu Visitiren, und 
so bald Er etwas schädliches siehet oder merket, so er nicht 
gleich selbst reraediren Kau, dem Inspectori damit er die 
Sache abthun oder dem Armen Directorio berichten Könne, an- 
zuzeigen, dahero Keiner den HaussVater in seinem Ambte Ver- 
hindern muss. 
Wir Befehlen dir solchemnach hiermit allergnädigst dich nicht 
allein vor dich selbst hiernach allergehorsamst zu achten, sondern 
auch die unter dir stehende nehmlich denen Pensionair Chirurgum 
und Feldschers gesellen darnach zu instruiren, und werden wir ehe- 
stens vor die gantze Charite und alle darinn befindliche Bedienthe, 
eine ausführliche Instruction zu dessen besserer Achtung expediren, 
die Vorgegangene Excesse aber gehörig untersuchen und darauf ge- 
bührend bestrafen lassen. 

Berlin, den 13. Januar 1741. 

An 
den Professorem Chirurgiae 
•Pallas. 

Esse meint noch 1850 — auch noch \äel später galt diese 
Meinung ^ dass ein Arzt bei der Aufnahme, ja sogar bei der Be- 
stimmung, welcher Abtheilung ein Kranker zuzuführen sei, ganz über- 
flüssig wäre; das könne jeder Laie. Da ist es nicht zu verwundern, 
wenn mehr als 100 Jahre früher ähnliche Anschauungen geherrscht 
haben. 

Der oben erwähnte, von Friedrich Wilhelm I. 1 Jahr vor 
seinem Tode gebilligte Erweiterungsbau der Charite wurde in den 
nun folgenden Kriegsjahren vergessen; ja, es dauerte noch 40 Jahre, 
bis unter thätiger Mitwirkung von Seile, Voitus und Theden der 
Plan des erweiterten Charite-Gebäudes festgestellt und am 3. August 
1785 der Grundstein zur heutigen „Alten Charite" gelegt wurde, wie 
König (V, 1) sagt, zu einem „Erweiterungsbau einer Anstalt, die für 
die Residenz so nützlich als nöthig war, indem die Zahl der Kranken 
sich Jahr aus Jahr ein vermehrte." Die beiden Seitenflügel kamen 
zuerst mit den schmalen dunklen Korridoren in der Mitte; sie waren 
1797 fertig; bei dem Umbau des Mittelgebäudes, der 1800 fertig 
wurde, ist es der Einsicht and dem Eifer Goercke 's zu danken, dass 
hier nur auf einer Seite der Korridore Krankenzimmer liegen, während 
die andere Seite frei nach dem Garten hinaussieht. Im Jahre 1797 
konnte endlich auch die dem Lehr- und Lernzweck der Anstalt nur 
hinderliche Verbindung mit dem Hospital, dem Siechenhause, aufge- 



— 257 — 

hoben werden: dieses wurde nach dem von der früheren Tabaks- 
Administration verlassenen Gebäude an der Inselbrücke verlegt. 

Der Umstand, dass der schon 1737 für nothwendig gehaltene 
Erweiterungsbau erst so spät begonnen wurde, ist sicher nicht dem 
Mangel an Interesse für die Anstalt zuzuschreiben. Friedrich der 
Grosse hatte ihr ein jährliches Holzdeputat geschenkt, das Ver- 
raächtniss des Kamraerherrn von Grapendorf durch A. C. ü. vom 
24. Juli 1746 bestätigt und zu den damit der Charite zufallenden 
80000 Rthl. noch 40000 Rthl. selbst zugelegt, damit von der Summe 
das Amt Priborn in Schlesien für die Charite gekauft werden konnte. 
Die Einnahmen aus diesem Gute mussten allerdings zum Theil noch 
30 Jahre lang an die Invalidenkasse zum Unterhalt der 1746 noch 
lebenden 982 Invaliden bis zu deren Absterben abgeliefert werden. 

Die Eeihe der dirigirenden Aerzte wurde 1727 durch Eller und 
Senff eröffnet. Auf Eller folgte 1741 S. Schaarschmidt, der die 
Kranken wöchentlich nur einmal und dann kaum eine Stunde lang 
besuchte; er w^irde deshalb, nachdem dies dem König gemeldet war, 
1744 durch Muzell ersetzt. Diesem folgte 1776 sein Sohn, und 
1778 bis 1800 Seile, der bekannte Leibarzt Friedrichs des Grossen. 
Ueber das „Klinische Institut", das als 2. innere Abtheilung unter 
Geheimrath Fritze gegründet, sich eine Zeit lang in der Heiligen 
Geiststrasse befand, bald aber wieder in die Charite zurückverlegt 
wurde, ist bei der Lebensbeschreibung von Eller (S. 154) berichtet. ■ — 
Auf Senff folgte 1737 Barteknecht (bei Küster: Barfknecht) und 
Neubauer, der eine neue Instruction und 260 Rthl. Gehalt bekam; 
beide haben nach Mursinna gleichzeitig gewirkt; Barteknecht lehrte 
medicinische Chirurgie and Geburtshülfe, die bisher ganz vernach- 
lässigt worden war, und Xeubauer in der Manual- und instrumen- 
talen Chirurgie. — Senff war 1737, Neubauer 1739 gestorben. 
Auf ihn folgte 1740 Pallas, 1770 Henckel, 1776 Yoitus und 
1778 Mursinna. 

Bei der immer zunehmenden Frequenz des „Accouchements" 
wurde es nöthig, einen besonderen Arzt neben dem Chirurgen, und 
zwar als Lehrer für die Hebammen, zu bestellen. So wirkte neben 
Pallas seit 1769 Meckel. Dieses eigen thümliche Verhältniss des 
Hebammenlehrers zu dem die Geburten selbst ■ oder durch seinen 
Pensionair-Chirurgen leitenden Chirurgen gab natürlich zu zahlreichen 
Streitigkeiten Veranlassung, die uns in dem Manuscript von Kluge 
und Marquardt (1829) getreulich aufgezählt sind. Von 1779 an 
trat Hagen an ^leckel's Stelle, und in den Kriegen mit der fran- 

Yeröffeiitl. aus dem Gel)iete des Milit.-Sanitätsw. 13. Heft. i'j 



— 258 — 

zösischen Republik, wenn Mursinna in's Feld und Seile zur Be- 
sichtigung der Lazarethe abgereist waren, besorgte regelmässig Zenker 
die innere, die äussere Station und die Entbindungsanstalt. Sehr 
viele Klagen und Beschwerden gab es zu Henckel's Zeiten, der von 
1770 bis 1776 Chirurg und Accoucheur war. Einmal fragte er z. B. 
beim Armen-Directorium an, wie er es wohl machen solle, zur Charite 
zu kommen, wenn seine Hülfe dort zur Nachtzeit nöthig würde. 
Henckel war übrigens von Cothenius mit einer sehr ausführlichen 
Instruction angestellt. An Instructionen fehlte es überhaupt nicht; 
für jeden Dienstzweig, für jeden Rang, für jede ärztliche und für jede 
Verwaltungsstelle wurden zuerst 1737 und später noch oft die ans- 
führlichsten Instructionen erlassen. Dabei blieb es im üebrigen hübsch 
beim Alten. Die Bauten waren dieselben von 1726 bis 1785. Schon 
1736, also kurz nach der ersten Vermehrung der Lagerstellen (s. o.), 
war das Haus überfüllt. Ein Antrag auf Erweiterung blieb ohne 
Folgen. Dann kamen die Kriegsjahre. Auch 1771 konnte anderer 
Ausgäben wegen noch Nichts für die Charite geschehen, ebenso 1780 
und 1782 und 1783, wo ein Theil des Gebäudes einzufallen drohte. 
Endlich, im J. 1785, nach einem ausführlichen Bericht von Seile 
und Voitus (der Bericht musste lange gelegen haben, denn Voitus 
war 1778 gestorben), wurde unter grosser Feierlichkeit der Grund- 
stein gelegt. Damals waren 478 Hospitaliten und 386 Kranke, also 
864 Personen im Hause. Zuerst wurde der nördliche Flügel gebaut, 
1794 der südliche, gegen Seile's Vorschläge mit Mittelkorridor. 1800 
war der Umbau des Mittelhauses (Corps de logis) fertig. Hier wurden 
die Zimmer nur auf einer Seite des hellen Korridors angelegt. (Die 
Mitwirkung Goercke's dabei erwähnen Kluge und Marquardt nicht.) 
Im Mittelbau wohnte der „2. Charite- Arzt", damals Geh. Rath Fritze. 
Schon 1785 hatte sich Theden erboten, aus eigenem Antriebe, theils 
auf eigene Kosten, theils mit Beihülfe mehrerer Menschenfreunde, seine 
Ventilation in. den Krankenzimmern einzurichten. Später fand man, 
dass sie einen zu heftigen Zug veranlasse; deshalb wurden die 
Go er cke 'sehen Ventilatoren, die aus einem Schieber im unteren 
Theile der Stubenthür und einer Blechbüchse in einem der obersten 
Fensterflügel bestanden, angebracht und „mit Nutzen gebraucht". 
Auf Zugöfen musste man, um Brennmaterial zu sparen, verzichten. 
Seile hatte 1789 eine Wasserleitung beantragt; die Bauverständigen 
verwarfen diesen Vorschlag, weil dadurch im ganzen Hause eine 
grosse Nässe verbreitet werden würde. 

Der ökonomische Leiter, der Inspektor (seit 1743 Oberinspektor) 
Habermass wohnte in einem kleinen, mitten im Hofe stehenden 



— 259 — 

Hause; nach der Instruktion von 1737 durfte er als „ehemaliger 
Kiinstgenosse", ohne sich in die Kuren selber zu mischen, bei den 
Operationen zugegen sein, nöthigenfalls auch assistiren. Er starb 
1755; sein Sohn folgte ihm im Amte, und als dieser 1772 starb, der 
zweite Sohn, der aber 1782 entlassen wurde. Dann folgten Oel- 
schläger, Felgentreu, Fielitz und 1818 Marquardt. 

Die Bestimmung der Charite, eine praktische Lehranstalt 
für die Aerzte des Heeres zu sein, wurde im vorigen Jahrhundert 
wiederholt angegriffen. So wurde von Ortheim er im Jahre 1770 
betont, dass die Städte gute Chirurgen noch nöthiger hätten, als 
die Armee, und dass deshalb auch Civilärzte angestellt werden 
sollten. Es blieb aber bei der ersten Bestimmung; sie wurde in 
allen späteren Cabinets-Ordres (14. April 1743, 7. August 1776, bei 
der Organisation der Pepiniere 1797, bei der Errichtung der medi- 
zinisch-chirurgischen Akademie für das Militär 1811) aufrecht er- 
halten. Kluge und Marquardt (S. 954 des Manuscripts) sagen 
selbst, dass Preussen als Militärstaat eine besondere praktische Schule 
für seine Militärärzte nöthig habe, und dass deshalb in der Charite 
nach Friedrich Wilhelms I. Befehl ausschliesslich Militärärzte in der 
Hospitalpraxis ausgebildet werden sollten. Dazu gehörte die Kenntniss 
des Lazarethwesens, der Verwaltung, Verpflegung und Hygiene, dazu 
gehörte die durch ausführliche Instruktionen für die einzelnen Dienst- 
chargen geregelte Thätigkeit. Der klinische Unterricht war für 
alle Mediziner; er scheint aber in den ersten Jahrzehnten, ja bis in 
die 70er Jahre hinein, wenig benutzt worden zu sein. Im Jahre 1770 
erliess das Armen-Direktorium ein Avertissement im Berliner Intelli- 
genzzettel und in den privilegirten Berliner Zeitungen, — und zwar 
mehrere Male — in dem dem Publice mitgetheilt wurde, dass das 
Colleg. med. chir. jedesmal einen Tag vorher in einem der Collegia 
mittheilen werde, wenn am nächsten Tage eine Operation stattfände. 
Nachher wurde es herkömmlich, dass alle Operationen, die einen 
Aufschub duldeten, am Mittwoch und Sonnabend zwischen 11 und 
12 Uhr Vormittags von dem Professor oder dem Pensionär-Chirurgen 
gemacht wurden. Der Lehrer gab dabei die nöthigen Erklärungen 
und Anweisungen — also Alles noch wie zu Eller's und Senff's 
Zeiten. (Nach dem Memorio storio-critico des Guis. Monlevanto 
vom Jahre 1827, das Kluge und Marquardt erwähnen, hat 
Bottini in Padua 1578 zuerst Unterricht am Krankenbett ertheilt. 
und klinische Sektionen gemacht.) — Pflege und Wartung der Kranken, 
Reinlichkeit und Ordnung im Ha.use scheinen am Ende des vorigen 
Jahrhunderts zuweilen recht mangelhaft gewesen zu sein; das geht 

17* 



— 260 — 

z. B. aus der Beschwerde des Kandidaten Moritz: „Treue Erzählung 
meiner gehabten Schicksale in Berliii, vor und nach der Aufnahme 
in die Charite. Berlin 1800", sowie aus der viel sachlicher gehaltenen 
Schrift des Predigers Prahmer: „Einige Worte über die Berlinische 
Charite, zur Ikherzigung aller Menschenfreunde. Berlin 1798" hervor. 
Unter den dirigirenden Aerzten wirkte Anfangs ein im Hause 
wohnender Pensionär-Chirurgus, immer der tüchtigste von den im 
Colleg. med. chirurg. in Medizin und Chirurgie ausgebildeten 
Chirurgen; schon in den ersten Jahren wurden ihm 4 Feldscheer- 
gesellcn beigegeben; zwei Inlcänder, die freie Kost, Stube, Bett und 
Licht bekamen, und zwei fremde, die zur Charite-Kasse jährlich 
56 Rthlr,, 50 für Essen, 6 für Wohnung, bezahlen mussten (Eller). 
Sie wohnten zwischen den Krankenstuben, standen sowohl unter dem 
Pensionär-Chirurgen, wie unter dem Inspektor, und hatten ausser der 
Krankenwartung und Pflege das ganze Personal wöchentlich einmal 
— zu rasiren. Sie wurden, wenigstens seit 1735 (Brandhorst- 
Schmucker), vom General-Chirurgus ausgewählt, und von der ilrmen- 
direktion, der Verwaltung, vereidigt. Die Zahl der Pensionär-Chirurgen 
wurde 1770 (Schmucker) auf 2, die der Gesellen auf 6 erhöht; letztere 
mussten aber ihre theoretischen Studien vollendet haben. 

So blieb es bis zur Gründung der Pepiniere; 1797 kam zu den 
Pensionär-Chirurgen noch ein Stabschirurgus von diesem Institut; 
ausserdem mussten die Eleven das 9. Semester (später ein ganzes 
Jahr) als Subchirurgen zu ihrer praktischen Ausbildung in der Charite 
zubringen. Ihre Zahl stieg bald auf 19 und ist so viele Jahre lang 
geblieben. — Mit der Gründung unserer „Pflanzschule" wurde da- 
durch die Verbindung der Charite mit den Armee-Aerzten, hauptsäch- 
lich wieder durch die Bemühungen Goercke's, neu bestätigt und 
befestigt; eine Einrichtung, die sich ganz besonders bewährte, als 
bei der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht die Versorgung der 
Armee mit tüchtigen Aerzten eine unabweisbare Nothwendigkeit ge- 
worden war. 

Es ist interessant, auch die Entwickelung der niederen Dienst- 
chargen an der Charite zu verfolgen. Dabei werden allerdings einige 
Wiederholungen nicht zu vermeiden sein. Die Feldscheergesellen, die 
vom Armen-Direktorium mit Zuziehung und unter Aufsicht des 
Generalchirurgus angestellt wurden, waren von Letzterem in Eid und 
Pflicht genommen, dieses erst nach der A. C. 0. vom 14. April 1743 
(s. 0.). Viele Jahre waren es 4, oft auch nur 1 bis 3. Im Jahre 
1769 beantragte ein getaufter Jude seine Anstellung als Charite- 



— 261 — 

Chirurg und wurde ausnahmsweise angestellt, um dadurch in seiner 
guten Meinung vom Christenthum noch mehr bestärkt zu werden. 
Eine Besserung der Lage der Charite- Chirurgen trat erst ein, als 
Theden 1786 dem Armen -Direktorium mittheilte, dass kein schon 
gebildeter Chirurg sich für diesen Dienst hergeben wolle, weil er bei 
schwerer Arbeit gar kein Gehalt bezöge, ja event. noch 50 Rthlr. 
Kostgeld bezahlen müsse. Darauf wurde das Kostgeld beseitigt, die 
Zahl der Stellen auf 8 erhöht und die Bestimmung aufgehoben, nach 
welcher Jeder, der nicht barbieren wollte, monatlich 18 Ggr. zahlen 
musste. 

Die Pensionär-Chirurgen, deren Komraandirung vom General- 
chirurgen dem Armen-Direktorium angezeigt, und die dann von diesem 
vereidigt wurden, sollten in Gemeinschaft mit dem Inspektor ein 
wachsames Auge auf die Feldscheergesellen haben; sie hatten die 
Arzneien, die chirurgischen Instrumente und Bandagen in Verwahrung, 
hatten das Eingeben der Arzneien und das Verbinden zu überwachen, 
ebenso das Anschreiben der Diät. Der Pensionär-Chirurg auf dem 
Accouchement musste die Weiber in der Geburt selbst bedienen und 
durfte nicht leiden, dass „sich die Weiberstücker unter einander die 
Kinder holen". Ausserdem hatten sie die Kranken Journale zu führen 
und die Obduktionsprotokolle auszustellen. Wie schon öfter erwähnt, 
machte der Professor wichtige Operationen selbst oder Hess sie in seiner 
Gegenwart von dem Pensionär-Chirurgen ausführen. Am 1. Nov. 1797 
komraandirte Goercke den ersten Stabschirurgus von der Pepiniere 
in die Charite; er hatte dieselben Funktionen wie die Pensionär- 
Chirurgen. 

Für die einsame Lage der Charite in jener Zeit sind die „Be- 
merkungen eines Reisenden durch die königl. preussischen Staaten", 
Aitenburg 1779, bezeichnend; er beschreibt, wie er nach den Zelten 
im Thiergarten gefahren sei, die Aussicht sei dort majestätisch und 
prächtig. Zur Rechten erblickte man das äusserste Ende Berlins, 
den sog. Unterbaum; das Invalidenhaus schimmert durch das Gebüsch 
hindurch, und die Charite ragt über die grossen Eichen her- 
vor. Freilich will der Reisende von den Zelten aus auch Spandau 
und Charlottenburg gesehen haben. — 

Die Gründung der Charite war nach Ei 1er 's Darstellung das 
Verdienst eines preussischen Generalchirurgen; wir haben gesehen, 
dass auch in den schwersten Zeiten, trotz aller Hindernisse, die Leiter 
des preussischen Sanitätswesens unermüdlich thätig gewesen sind, 
diese praktische Schule der Armee-Aerzte zu unterstützen und 
leistungsfähie; zu erhalten. 



— 262 — 

Ucbor die späteren Scliieksalc der Charile. ihren YeiTall in den 
Zeiten der Notli im Anfange dieses Jahrhunderts, ilire aümähliehe 
Wiederaufrichtung; besonders unter Rust's energischer Leitung, und 
über ihre weiteren Fortsehritte bis 1850 verweisen wir auf Esse's 
Mittheilungen. 

Die weitere Entwickelung der Anstalt und die unermüdliche, 
erfolgreiche Thätigkeit der Nachfolger Esse's, des ärztlichen Direk- 
tors, Generalarztes Dr. Mehlhauson, und des Verwaltungsdirektors, 
Geheimraths Spinola, hat der Erstere im X\I1I. Jahrgange der 
Charite - Annalen in seinen „Erinnerungsblättern zum 25jährigen 
Jubiläum Bernhard Spinola's" eingehend besprochen. Wie sie sich 
in der neuesten Zeit entwickelt hat, wie gerade jetzt eine nach 
modernen, mustergültigen Grundsätzen geplante Neugestaltung durch- 
geführt wird, das hat der jetzige ärztliche Direktor der Charite, Herr 
Generalarzt Dr. Seh aper, im XXII. Jahrgange der Charite-Annalen 
unter Beifügung der Baupläne in klarer und übersichtlicher Weise 
beschildert. 



Anhang. 



Der 80 Jahre alte und seit 5 Jahren erblindete General -Feld- 
medicLis Cothenius hatte von Warnery's Verläumdangen Friedrich's 
des Grossen und von der Vertheidiguugssehrift ßaldiuger's gehört. 
Er schrieb darauf an diesen einen Brief, in dem er nicht nur seinen 
seit 2 Jahren verstorbenen Herrn kräftig in Schutz nimmt, sondern 
auch eine Reihe von Vorwürfen, die ihm selbst gemacht waren, zu- 
rückweist. Der Brief, den Baidinger im 14. Bande des „Neuen 
Magazin's für ilerzte" veröffenthcht, ist so interessant, dass wir ihn 
hier wörtlich wiedergeben: 

„Ich habe die rühmliche Vertheidigung, welche Ew. etc. für des 
hochsei. Königs Maj. auf eine so nachdrückliche Art unternommen, 
mit vielem Vergnügen gelesen. Da Sie selbst ein Feldarzt waren, so 
konnte auch Niemand mit mehrerer Kenntniss der Sache, als Ew. etc. 
davon urtheilen. 

Der hochsei. König hat sich niemals davon in Privat- und zum 
Theil vertraulichen Gesprächen gegen mich das geringste geäussert, 
und vielmehr versprochen, dass Er für die Invaliden zu seiner Zeit 
auf das kräftigste sorgen wolle; ich sollte ihnen nur guten Muth ein- 
sprechen. 

Sollten dergleichen unmenschliche Ordres an die Lazarethe er- 
gangen seyn, so hätte ich, als Generalstaabsmedikus der sämmtlichen 
königl. preussischen Armeen solche nothwendig erhalten müssen. 

Was nun aber die Einrichtung der preussischen Feldlazarethe be- 
trifft, so weiss ich nicht, ob ein vernünftiger Mensch glauben könne, 
dass solche, unter solchen Umständen, da an 7000 Kranke und 
Blessirte, sowohl von Freunden als Feinden, mussten in einer mittel- 
mässigen Stadt untergebracht werden, wohl besser wären einzurichten 
gewesen, als es das preussische in Torgau war. Wo der Verfasser 
oder Ankläger etwa in einem Kranken- oder Blessirtenzimmer sich 
wirklich aufgehalten, und er den üblen Geruch nicht hat ertragen 
können; so müsstc es in einem solchen gewesen seyn, avo Durch- 
fälle, Ruhr und kalter Brand gewüthet haben. Aber auch in diesen 
ein- oder zwey Zimmern ist täglich vielmal geräuchert, und, wo es 



— 264 — 

möglich war, Zugofen anzubringen, ein beständiges Feuer, zur Reini- 
gung der Luft unterhalten worden. — — Ich gieng alle Lazarethe 
einzeln durch, untersuchte eines jeden Krankheit insbesondre, gab 
darauf der Krankheit den Xamen. verordnete die anzuwendenden 
Mittel, und zeigte an. warum diese, und nicht andre .Mittel statt haben 
könnten. Dieses alles dictirte ich jedem La/yirethfcldscheer, dem eine 
gewisse Anzahl Kranke unter der Direction des Feldarztes anvertrauet 
waren, in die Feder. 

Solches geschähe Morgens und Abends. Ich ersuchte die Feld- 
ärzte, meinem ßeyspiele zu folgen, und es geschähe auch. Gegen 
Mittag kamen alle Feldärzte, nebst den Vorgesetzten der Lazaretli- 
ökonomie in ein Zimmer zusammen. Ein jeder Feldarzt gab Rechen- 
schaft von seinem Verfahren bey Kranken, und es wurde niemals nach 
einem allgemeinen Leisten verfahren. Man wich so oft, als es die 
einzelnen Cmstände erforderten, von dieser allgemeinen Methode ab, 
und so oft die Krankheiten in diesem Jahre von denjenigen abwichen, 
welche das vorige Jahr im Schwange gegangen. Auch wurde den 
Aufsehern bey der Oekonomie zugleich aufgegeben, auf was Art man 
bey Äustheilung der Nahrungsmittel für die Patienten sorgen solle. 
Es hat niemals an guten Lagerstätten, an Fleisch und Brühen, an 
Essig, an Tisanen, Kräuterthee, noch an äusserlichen Mitteln. Hand- 
reichung, und gewissenhafter Ausübimg, sowohl der 3Iedicin, als 
Chirurgie gefehlt, und Se. königi. Maj. haben mir Dero gnädigsten 
Bevfall vielfältig, sow^ohl mündlich, als schriftlich gegeben, auch nie- 
mals einige Reprochen gemacht, sondern mir die ganze Direktion 
über die Feldlazarethe Ihrer Armee überlassen, und sind während 
dem siebenjährigen Kriege über 220000 Kranke und ßlessirte gesund 
aus dem Lazareth gegangen, worüber die Listen annoch in meiner 
Verwahrung sind, auch vermuthlich bey dem verstorbenen General- 
ehirurgo, Schmucker, vorhanden seyn werden. Se. königi. Maj. 
gaben mir auch Dero Zufriedenheit dadurch zu erkennen, dass Sie 
mir das Patent Dero geh. Raths auf einem gratis Bogen mit einem 
überaus gnädigen Schreiben, worinne Sie die treuen Dienste, welche 
ich bey den Feldlazarethen bewiesen, allergnädigst anerkannt, zu- 
schickten. — — Es wäre thöricht, den Feldlazarethen eine Methode, 
wie die Kranken und Blessirten für beständig sollen behandelt werden, 
vorzuschreiben, sintemal die Methoden sich nach den dermaligen 
Krankheiten, Klima und Jahreszeiten richten müssen. Auch kann 
man den Kranken nicht allezeit den nöthigen Raum und die Bequem- 
lichkeit verschaffen. Xach der Bataille von Leuthen waren in Bresslau 
unter den Preussen und gefangenen Oesterreichern 9000 Kranke und 
Blessirte. Die vielen und blutigen Bataillen und die Kantonirimgen. 
auch das frühe und späte Kampiren, verschaffen den Aerzten und 
Wundärzten beständige Arbeit. Es blieb fast kein Winkel übrig, wo 
man nicht Kranke hinlegen musste. Das Resultat von allem war, 
dass mir und dem GeneralcMrurgo Theden anbefohlen wurde, eine 
neue Lazarethordnung aufzusetzen. — — 

Um wieder auf unsern grossen Friedrich zu kommen, so will 
ein Jeder Denselben durch und durch gekannt haben. Wenige sind, 



— 265 — 

die in ihren Lebens- und Charakterbeschreibungen Ihn ereriindet 
haben, wenige schildern Ihn nach seiner wahren Innern Gestalt. Die 
Eloge du Eoi de Prusse des Herrn Guiberts, und die wenigen 
Bogen, welche der unvergleichliche Graf von Herzberg bey der 
Akademie der AYissen Schäften abgelesen, machen dem grossen Könige, 
so wie ihren Verfassern, die gebührende Ehre. So muss man auch 
dem Herausgeber des Briefwechsels zwischen dem Könige und dem 
geh. Rath von Suhm, wie auch zwischen dem Könige und dem 
General von Fouque, vielen Dank wissen, weil man daraus die 
Wissbegierde, den feinen Witz, den seltenen Scharfsinn, und einen 
Verstand, vieles mit einem Male zu übersehen antrifft. Andre suchen 
vielmehr sich, als den grossen Mann zu erheben. Man könnte 
manchem nachsagen, dass sie nur ihrer Eigenliehe ein Opfer bringen, 
Satyren untermengen, Kleinigkeiten bemerken, und Ihm von einem 
schmuzigen Bette und zerrissenen Hemde bis auf den Nachtstuhl 
nachspüren wollen. Sie schreiben Anekdoten, deren sie sich schämen 
sollten, und welche von Leuten, die hinter den Stühlen stehn, und 
die Sachen, welche gesprochen worden, unrecht aufgefangen, in der 
Vorkammer bekannt gemacht, und von da mit Zusätzen in den Wirths- 
häusern oder lustigen Zusammenkünften verbreitet worden. Ein an- 
derer schrieb nach einer verdienten Bestrafung in vollem Unmuth 
mehr auf, als die Ehrfurcht und die wohlverdiente Züchtigung hätte 
erlauben sollen. 

Bey so mancherley Gegenständen, bey so vielen Widersprechun- 
gen, fürchterlichen, unangenehmen Aussichten, konnte der Monarch 
Avohl nicht allemal frölichen Muths seyn. Es musste hin und wieder 
auch wohl etwas Unmuth mit unterlaufen. 

Vom Jahre 1748 an, von welcher Zeit ich die Gnade hatte, die 
Stelle des ersten Leibarztes zu bekleiden, war dessen Gesundheits- 
zustand durch viele Beschwerden sehr oft unterbrochen. Im erwähnten 
Jahre waren Se. Majestät von einer Verstopfung der Eingeweide des 
Unterleibes beschwert, welche, wo ich nicht irre, Ueberbleibsel eines 
sechs Jahr zuvor ausgestandenen hartnäckigen Quartanfiebers war, 
wo bey annoch ein gichtischer Erbstoff in dem zähen Geblüt einge- 
wickelt w^ar, welche bey so gestalten körperlichen Umständen, bey 
Personen, die sich nicht Mühe geben, über sich selbst die Herrschaft 
zu gewinnen, und gleichwohl die höchste Gewalt in Händen haben, 
die widrigsten und verderblichsten Folgen nach sich ziehen, und doch 
von diesem grossen Manne unterdrückt wurden; so bewundere ich 
den grossen Mann, welcher bey so vielen moralischen und körper- 
lichen Widerwärtigkeiten, da Er bald Anfälle von gichtischen Krämpfen, 
bald von wirkhchen intermittirenden Fiebern, dreymal in Seinem 
Leben von zurückgetretenem Podagra mit einem Entzündungsfieber 
begleitet, kämpfen musste, dennoch immer der vorzüglich grosse 
Mann blieb, und von Seinen wohl überdachten Grundsätzen niemals 
abwich, und wenn etwas verdorben zu seyn schien, alles wieder in 
das rechte Geleis zu bringen w^usste. Und wenn unter diesen Um- 
ständen nicht alles nach eines Jeden Geschmack eingerichtet war, 
oder einige Menschlichkeiten begangen worden, so war doch seine 



— 266 — 

Grösse so überwiegend, und seine königlichen Tugenden so ausge- 
breitet, dass es ein Verbrechen seyn muss, alle Kleinigkeiten, die in 
Seinem ruhmvollen Leben vorgefallen, auf eine hämische Art auszu- 
spüren, auf eine lächerliche Art vorzustellen, und mit vielfarbigen 
Lügen auszuschmücken. 

Lii Jahre 1748 konnte ich den König kaum bereden, dass er 
dieses Jahr überleben würde. Ich verordnete Demselben, da Er schon 
der vielfältig gebrauchten Kuren überdrüssig geworden, den Egerschen 
Brunnen unter der strengsten Diät, und mit der gewissen Versiche- 
rung der Gesundheit. Ich hielt Wort, und der Monarch gab mir 
mehr als auf eine Art Proben der Erkenntlichkeit, und bediente sich 
seit der Zeit alle Jahr des Egerschen Wassers. 

Genug von diesem allen. Dero Freundschaft giebt mir die Er- 
laubniss, mein Herz gegen Sie auszuschütten. 

Leben Sie wohl, werthester Freund, und nehmen die erneuerte 
Versicherung derjenigen frcundschaftsvoUen Hochachtung von mir an, 
mit welcher ich lebenslang beharre 
Ew. etc. 
Berlin, 
den 14. Jun. 1788. 

ganz ergebenster Freund und Diener 
Cothenius. 



Diesen Brief schrieb der verewigte Cothenius an mich, als ich 
im St. 17. meines Journals wider Warneri geschrieben hatte, welcher 
Aufsatz auch in des Hrn. von Archenholz neuen Litt, und Völker- 
kunde 1788, Junius, S. 468 u. f. zu lesen ist. 

Baldineer. 



Li der Einleitung wurde erwähnt, dass die Stellen der Garnison- 
Medici unter Friedrich Wilhelm L oft „im Nebenamte" verwaltet 
wurden. Dass sie auch ohne Gehalt versehen werden mussten, geht 
aus folgender, im Geh. Archiv des Kriegsministeriums aufbewahrten 
Bestallung hervor: 

Nachdem Seine Königliche Majestät in Preussen unser allergnä- 
digster Herr, auf allerunterthänigstes Ansuchen Daniel Schultzen's, 
Medicinae Dodoris, und Vorzeygung derer von der Medicnüschen 
Facultät zu Franckfurth an der Oder, von seiner Capacität, erudition 
und Tüchtigkeit, auch von verschiedenen particulieren seiner guten 
Curen halber, vorgezeigeten schriftlichen Gezeichnusse, in Gnaden 
resolviret, demselben das Praedicat Dero Garnisons Medici zu ge- 
dachten Franckfurth beyzulegen; 



— 267 — 

Alss thnn Sie solches auch hiermitt und Krafft dieses, Patents^ 
also und dergestaith, dass allerhöchstgedachter Seiner Königlichen 
Majestätt. Er zuforderst getreu, holdt und gewärtig sein, Dero Nutzen 
und Bestes überall suchen und befordern, Schaden und Nachtheil aber 
nach eussersten Vermögen, verhüten, warnen und abwenden helffen, 
bey vorfallenden Krankheiten die Patienten von gedachter Garnison, 
welche sich seiner Hülffe anvertrauen, seinem bestem Wissen und 
Verstände nach, ohne Entgeld bedienen, zu ihrer Genesung alle co7i- 
venahle und nöthige Mitteil undt Artzneyen anwenden, auch sonst 
ohne jemandes Behinderung bey andern seinen Praxin treiben, aber 
auf erfordern, sich vor dem hiesigen Colleg/o medico gestellen, und 
fals dasselbe seiner Capacität halber nicht etwa bereits der Gnüge 
versichert, dessen Examini sich zu unterwerfTen, und in übrigen allen 
sich also wie einem tüchtigen und erfahrenem Oarnisons Medico ge- 
bühret, und wohl anstehet, sich aufführen und betragen solle. Dann 
hingegen allerhöchstgedachte Seine Königliche Majestätt In bey dieser 
fimdion, undt allen ihnen dahero comjjetyrenäen praerogativen und 
Gerechtsahmen allergnädigst schützen wollen. Es muss aber derselbe 
dafür kein Tractament fordern, sondern sich mit seinem Praxi bey 
anderen ausser der Garnison, begnügen. Des zu ührkund haben 
Seine Königliche Majestätt dieses Patent eigenhändig unterschrieben, 
und mit Dero Gnaden-Siegell bedrucken lassen. So geschehen und 
Gegeben Berlin den 3. April 1717. 

gez. 

Friedrich Wilhelm. 

Garnisons Medici Patent zu 

Franckfurth an dei- Oder, vor 

Daniel Schultsen, jedoch ohne 

Gehalt. 

Im Anschluss daran erfolgt am 5. April 1716 die „Nodificatio" 
an den General-Major von Dechen, damit dieser „bey dortiger 
Garnison gehörig bekannt mache", dass dem etc. Schnitzen „das 
Praedicat Unseres Garnisons Medici beygelegt sei". 

Interessant ist auch folgendes Gesuch: 

All erdurchlauchtigster, Grossmächtigster 
König 

Allergnädigster König und Herr, 
Ich bin resolviret mich mit meiner Familie und A-^ermögen in 
Ew. Königl. Mäyst. Lande und zwar nacher Magdeburg zubegeben, 
daselbst mich possessioniret zu machen und ex propriis zuleben; 
Wann Ich nun meine itzige Bedienung ohne Anzeigung einer zuläng- 
lichen Ursache nicht füglich niederzulegen weiss ; So stelle Ew. Königl. 
Mäyst. allergnädigsten Gefallen anheim, ob Sie geruhen wollen, zu 
Bewerckstelligung meines Vorhabens mir das Praedicat Ew. König!. 
Mäyst. Raths und Regierungs oder Guarnisons Medici allergnädigst 



— 268 — 

beyziilegen, und solche ßestallung als eine Yocation einrichten zu 
lassen. Ich werde in tieffster devotion dafür ersterben 
Allerdurchlauchtigster, Grossmächtigster 

König 
Allcrgnädigster König und Herr 
Ew. Königl. Mäyst 

allerunterthänigster Knecht 
Weissenfeis Engelherth Andreas Otto Dr. 

den 13. Febr. 1721. . Fürstl. Sachs. Meissener Rath, Stadt und 

Landt Physicus. 

Schon am 27. Februar 1721 erfolgt als Bescheid die Bestallung 
des Dr. Otto als Rath und Regierungs-Medicus zu Magdeburg; er 
soll besonders sich „Unsrer Regierungs- und anderer in Magdeburg 
befindlicher Bedienter" sorgfältig annehmen. Die Garnisonarztthätig- 
keit wird darin nicht erwähnt ■ — Gehalt auch nicht. 

Auch die Bestallung für einen Garnisonchirurgen befindet 
sich in den Akten des Geh. Archivs des Kriegsministeriums; Gehalt 
bekam er ebensowenig, wie der Garnisonmedicus. 

Nachdem Seine Königliche Majestät in Preussen, Unser Alier- 
gnädigster König und Herr, der Nothdurfft befinden, bey Dero Vestung 
Lipstadt Einen Oarnisons Chirurgum^ wozu Ihro der bey den Lot- 
tiimb^schen und Anhalt Zerbsf sehen Regimentern gestandene, nachher 
aber und anjetzo bey des Oeneral- Major von Rader'' s Comjxignie 
stehende Feldtscheerer, Johan Daniel Salgo wegen Seiner Geschick- 
lichkeit und erlangten Wissenschafften angerühmet worden, allergnä- 
digst zu bestellen und anzunehmen. Als haben Sie denselben zu 
solcher Function ernandt und In zum Garnisons Chirurgo in be 
besagter Vestung allergnädigst bestellet und angenommen. Thun des 
auch hiermit und in Krafft dieses also und dergestalth, dass aller- 
höchstgedachter Seiner Königlichen Mayestätt derselbe zuforderst ge- 
treu, hold und gehorsamb seyn, Nutzen und Bestes wissen, Schaden 
aber und Nachtheii Vei'hüten und waren, der Garnison und denen 
darin befindtlichen Soldaten erfordernden fals fleissig und unverdrossen 
auffwarten, auff gute und tüchtige Medicamenta sich legen, die sich 
angebende Kranken bey Tag und Nacht, ohne Ansehen der Persohn 
bedienen, und Sich also, wie es Seine Pflichten erfordern und einem 
erfahrenen Chirurgo gebühret, verhalten und bezeigen solle. Dahin- 
gegen mehr allerhöchstgedachte Seine Königliche Mayestätt Ihn als 
Dero Oarnisons Chirurgimi zu Lipstadt bey dieser Function, welche 
Er jedoch ohne Gehalt zu versehen, allergnädigst schützen und main- 
teniren wollen. Des zu Uhrkundt haben Seine Königliche Mayestätt 
dieses Eigenhändig unterschrieben und mit Dero Insiegel bedrucken 
lassen. So geschehen und Gegeben 

Berlin den 25. November 1722. 

Gez. 
Friedrich Wilhelm. 



— 269 — 

Am 26. Dezember 1722 erfolgt laut A. C. 0. an den General- 
Major von Rynsch, die Ernennung des „bisherigen Feklschcrer, bcy 
ünsers Freundlich geliebten Sohnes, des Cron-Printzens Liebden, 
Compagnie, Philipp Carl Firmond wegen Seiner vieljährigen treu- 
geleisteten Diensten, zum G'c^'•?^ison St aabs - Feld sehe erer zu 
Cüstrin, in Kriewitsen's Platz." Gehalt wird nicht erwähnt; Firmond 
soll Alles gereicht werden, was sein Vorgänger „davon zu gemessen" 
hatte. 



Gedruckt bei L. Scliuiuacher in Berlin. 



Verlag von August Hirschwald in Berlin 

(durch alle Buchhandlungen zu beziehen). 

Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Militär-Sanitätswesens. Herausgegeben 
von der Medicinal-Abtheilung des Königl. preuss. Kriegsministeriuras. 

1. Heft. Historische Untersuchungen über das Einheilen und Wandern von 
Gewehrkugeln von Stabsarzt Prof. Dr. A. Köhler, gr. 8. 1892. 80 Pf. — 

2. Heft. Ueberdie kriegschirurgische Bedeutung der neuen Geschosse 
von Geh. Ober-Med.-ßath Prof. Dr. von Bardeleben, gr. 8. 1892. 60 Pf. 

— 3. Heft. Ueber Feldflaschen und Kochgeschirre aus Aluminium 
bearb. von Stabsarzt Dr. Plagge und Chemiker G. Lebbiu. gr. 8. 1893. 2 M. 40. 

— 4. Heft. Epidemische Erkrankungen an acutem Exanthem mit 
typhösem Character in der Garnison Cosel von Oberstabsarzt Dr. 
Schulte. 1893. gr. 8. 80 Pf. — 5. Heft. Die Methoden der Fleisch- 
conservirung von Stabsarzt Dr. Plagge und Unterarzt Dr. Trapp. 1893. 
gr. 8. 3 M. — 6. Heft. Ueber Verbrennung des Mundes, Schlundes, 
der Speiseröhre und des Magens. Behandlung der Verbrennung und ihrer 
Folgezustände von Stabsarzt Dr. Thiele. 1893. gr. 8. 1 M. 60. — 7. Heft. Das 
Sanitäts"wesen auf der Weltausstellung zu Chicago. Bearbeitet von 
Generalarzt Dr. C. Grossheira. 1893. gr. 8. Mit 92 Abbildungen. 4 M. 80. 

— 8. Heft. Die Cholera-Erkrankungen in der Armee 1892 — 93 und die 
gegen die Ausbreitung und Verhütung der Cholera in der Armee getroffenen 
Massnahmen bearbeitet von Stabsarzt Dr. Scbumburg. gr. 8. Mit 2 Text- 
abbildungen und 1 Karte. 1894. 2 M. — 9. Heft. Untersuchungen über 
Wasserfilter von Oberstabsarzt Dr. Plagge, gr. 8. Mit 37 Abbildungen. 
1895. 5 M. — 10. Heft. Versuche zur Feststellung der Verwcrth- 
barkeit Röntgen'scher Strahlen für medicinisch-chirurgische Zwecke an- 
gestellt im Verein mit der physikalisch-technischen ßeichsanstalt und mitgetheilt 
von der Medicinal- Abth eilung des Königl. preuss. Kriegsministeriums, gr. 8. 
Mit 23 Abbildungen. 1896. 6 M. — 11. Heft. Ueber die sogenannten 
„Gehverbände" unter besonderer Berücksichtigung ilirer etwaigen Verwendung 
im Kriege von Stabsarzt Dr. Co st e. 1897. 2 M. — 12. Heft. Untersuchungen 
über das Soldatenbrot von Oberstabsarzt Dr. Plagge und Chemiker Dr. 
Lebbin. 1897. 12 M. 



Ueber die Wirkung^ und krieg-schirurg-isehe Bedeutung 
der neuen Handfeuerwaffen. 

Im Auftrage Seiner Excellenz des Herrn Kriegsministers bearbeitet von der 
Medicinal-Abtheilung des Königlich Preussischen Kriegsministeriums. 
1894. gr. 8. 510 Seiten. Mit 59 Abbildungen im Text und 1 Atlas mit 17 Folio- 
tafeln in Photogravüre. Preis: 50 Mark. 

In dieser wichtigen amtlichen Publication wird über die mit modernen Ge- 
wehren von der Medicinal-Abtheilung des Preussischen Kriegsministeriums angestellten 
sehr zahlreichen Schiessversuche berichtet. Dieselben sind in einem Umfange vor- 
genommen, wie sie nur von staatlicher Seite ausgeführt werden können, und 
erschöpfen in vollständigster Weise die in kriegschirurgischer Beziehung gestellten 
F??i:geu über die Wirkung der neuen Handfeuerwaffen, geben aber auch in vieler 
Beziehung für andere Gebiete der Chirurgie neue Anregungen und Hinweise. Der 
Atlas enthält 17 vortrefflich in Photogravure ausgeführte, wcrthvolle und noch mit 
besonderen Erklärungen versehene Tafeln. 

Der Verlagshandlung ist jetzt der Vertrieb dieser amtlichen Publciation frei- 
gegeben worden mit der Maassgabe, dass das Werk zu wissenschaftlichen Zwecken 
benutzt und bei wissenschaftlichen Arbeiten und Vorlesungen verwerthet und er- 
wähnt werden darf, dass jedoch Mittheilungen aus demselben an die öffentliche 
Tagespresse nicht gemacht werden. Interessenten, welche unter dieser Bedingung 
die Anschaffung des Werkes wünschen, werden ersucht, gefl. die Bestellungen mit 
Namensunterschrift und genauer Adressenangabe einsenden zu wollen. 



Gedruckt bei L. Schumacher in Berlin. 



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