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Full text of "Die Kriegswaffen in ihren geschichtlichen Entwickelungen"

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DIE 

KRIEGSWAFFEN 

IN IHREN 

GESCHICHTLICHEN ENTWICKELÜNGEN 

VON Dl 

\l I I STEN ZEITEN BIS AUF DIE GEGENWART 



EINE 

EtfCYKLOPÄDIE DER WAFFEMTODE 

AUGUST DEMMIN 



VIERTE AUFLAGE 



MIT ÜBER 4500 ABBILDUNGEN VON WA! 
UND AUSRÜSTUNGEN SOWIE ÜBER 650 MARKEN VON WAFFENSCHMIEDEN. 



LEIPZIG 

P. FRIESENHAHN 
1893. 






Alle Rechte, auch die der Überfetzungen vorbehalten. 



s. 


23- 


s. 


32. 


s. 


45- 


s. 


79- 


5. 


83- 


S. 


359- 


S. 


830. 


S. 


842. 


s. 


873. 



Notwendige Berichtigungen. 

Z. 32 Knochenleim ftatt Knochenbein. 

Z. 29 Copis ftatt acinaces. 

Z. 20 Länge ftatt Läge. 

Z. 20 Rofsftirne ftatt Rofsftein. 

Z. 15 Palia, deutfcher Dill (v. Diele?). 

Anmerkung. VII— X. Jahrh. ftatt XII— X. Jahrh. 

Z. 4. hinzuzufügen: Kochly und Rüstow. 

Z. 8. Haufchild ftatt Abwehrfchild. 

Anmerkung. Cluny- ftatt Glanz-Mufeum. 




«6455« 



Druck von August Pries in Leipzig. 



oU^4*r < 



Inhalt. 



■ itung 

der Gcfchichte der 

ffen und Turniere . . 

II. Waffen vorgefchicht- 

licher Zeit.be fonders ge- 

fpaltene und gefchliffene 

Steinwaffen 

III. Antike Waffen ans den fo- 
genannten Bronze» und 
E ifenzeitaltern . . . 

Waffen der Hindu . . 

Amerikanifche Waffen 

Affyrifche, perfifche, mon 
golifche , chinefifche , ja 
panifche Waffen . . . 

tifche und phönicifche 
Waffen in Bronze u. Eifen 

Griechifche, fcythifche und 
etruskifche Waffen . . . 

Kömifche , famnitifche und 
ilacifche Waffen, fowie die 
verfchiedener römifcher 
Verbündeten, aus Bronze 
und Eifen 

IV. Byzantinifche oder oft- 
römifche Bewaffnung . . 

V. Waffen d. fogen. barba- 
rifcben Völker d. Abend- 
landes aus d. Zeitalter d. 
Bronze. Kelten, (?) Ger- 
manen, Gallier, Nieder- 

bretonen 

Germanifche Bronzewaffen . 

Kelto-gallifche, niederbreto- 

nifche etc. Bronzewaffen . 



Seite Seile 

i P.ritifche Bronzewaffen . . 307 

Skandinavische Bronzewaffen 310 
20 Bronzewaffen aus Ungarn, 

dem römifchen Pannnnia 
oder der abendländifchen 
dacifchen Provinz . . .315 
1 34 Brontewaffen verfchiedener 

Länder 31S 

VI. Waffen aus der fogenann- 
143 ten erden Eifenzeit abend- 
ländifcher Völker. Ger- 
154 mancn, Dänen, Skandina- 
vier etc. 320 

VII. Wallen dei chriftlichen 
158 Mittelalters (476 — 1453 , d. 

Rückgriffs (1453 — 1600) und 
178 des 16. u. 17. Jahrhunderts 352 

VIII. Der Schienenharnifch in 
188 allen feinen Einzelheiten 

mit Ausfchlufs des Helms 
v. Mittelalter ab ... . 470 

IX. Der Helm 491 

X. Der Schild 552 

222 IX. Panzerhemden u. Stück- 
panzer (Küraffe) .... 577 
2S4 XII. Die Armzeuge oder Arm- 
fchienen u. der Eifenarm 
Fahnenträger) 600 

XIII. Der Kampf- oder Har- 
nifchh andfchuh .... 604 

XIV. Beinfchienen und Fufsbe- 

288 kleidung 611 

291 XV. Der Sporn 617 

XVI Die P terderüftung vom An- 
300 fange des Mittelalters ab 626 



IV 



Inhalt. 



Seite 

XVII. Der Sattel 635 

XVIII. Der Steigbügel . . . 648 
XIX. DerZaum,dieGebiffe, 

das Gefchirr .... 657 
XX. HufbefchlagundHuf- 

eifen 665 

XXI. Die Fahne 677 

XXII. Die Kriegstonwerk- 
zeuge. Das Feldfpiel 696 
XXIII. Das Schwert, das 
Krumm- oder Senfen- 
fchwert u. der Säbel . 710 



XXIV. 
XXV. 
XXVI. 

xxvn. 

XXVIII. 

XXK. 

XXX. 

XXXI. 

XXXII. 

XXXIII. 

XXXIV. 

XXXV. 

XXXVI. 

XXXVII. 

XXXVIII. 

XXXIX. 
XL. 

XLI. 



XLII. 
XLIII. 



Der Dolch 757 

DerSpeer 773 

Die Kriegskeule und 
der Streitkolben . . 784 
Der Morgenftern . . 789 
Der Kriegsflegel . . 792 
Die Kriegsfenfe. . . 797 

Die Sichel 799 

Die Gläfe 802 

Die Kriegshippe . . 805 
Der Streithammer . 808 
Die Streitaxt .... 814 
Die Hellebarde . . . 824 
Die Korfeke .... 827 
Die Partifane . . . 829 
Das Bajonett .... 831 
DasSponton. . . . 834 
Die Sturmgabel. . . 836 
Verfchiedene Waffen, 
Jagd- u. Kriegsgeräte 839 
Die Kriegsmafchinen, 
Kriegshunde u. d. m. 
Sattelräder .... 846 
Die Schleuder u. d. m. 875 
Das Blasrohr .... 878 
Bogen, Pfeile, Köcher 
u. d. m. ... . . 880 



Seite 
XLIV. Die Armbruft ... 895 
XLV. Die Brand- und Pul- 
verfeuerwaffen . . 912 
XLVI. DieWindbüchfe und 

das Luftgewehr . . 975 
XLVII. Waffen, Kreuze und 
Zeichen der Femge- 
richte 977 

XLVIII. Die Kunft des Waf- 
fen- und Büchfen- 
fchmiedes .... 981 
XLIX. Monogramme, Namen 
undMarken der Waf- 
fenfchmiede . . . 997 

A. Ruffifche Waffen . 997 

B. Deutfche „ . 998 

C. Italienifche ,, .1021 

D. Spanifche „ . 1028 

E. Franzöfifche „ . 1039 

F. Englifche „ . 1043 

G. Schweizer ,, . 1044 
H. Flamländifche und 

holländifche Waffen 1050 
I. Norwegifche und 

dänifche Waffen 1052 
K. Poln. u. ruff. ,, 1052 
L. Ungarifche ,, 1052 
M. Schwedifche „ 1052 
N. Morgenland „ 1053 
O. Monogramme und 

Signaturen . . .1056 
L. Ratfchläge und Vor- 
fchriften für Waffen- 

fammler !C58 

Namen- und Sachre- 

gifter 1061 

Alphabetifches Ver- 
zeichnis aller Waf- 
fenfchmiede . . . 1094 



EINLEITUNG. 



Alles, was geeignet ift, das Intereffe der Altertums- und Ge- 
fchichts-Forfchcr, der Männer des Kriegswefens, der Künftler und 
Kunftfreunde hinfichtlich der bei den verfchiedenen Völkern gebräuch- 
lichen Bewaffnung und ihrer im Laufe der Jahrhunderte allmählich 
fortfchreitenden Entwickelung zu erwecken, ift in dem erften Ab- 
fchoitt diefes Buches, in dem der Gefchichte der Waffen, zufammen- 
gedrängt worden. Einzelne Auszüge aus derfelben findet der Lefer 
in längerer oder kürzerer Wiederholung am Anfang der verfchiedenen 
Unterabteilungen, was ihn der Mühe überhebt, jedesmal das ganze 
Buch zu durchblättern, wenn er irgend einen Abfchnitt desfelben 
nachzulefen wünfcht .Außerdem noch in dem oben benannten 
Teile die gefchichtliche Entwickelung jeder einzelnen Waffengattung 
vollftändiger zu geben, erfchien um fo weniger nötig, als davon in 
befonderen Abfchnitten die Rede ift, welche die Befchreibung der 
Waffen in zeitgemäßer Eolge enthalten. Für ein Buch, das die Be- 
ftimmung hat, dem Fachmann, jedem Gebildeten fowohl als auch 
dem Sammler als Führer und wiffenfchaftliche Encyklopädie zu dienen, 
möchte das oben angedeutete Syftem wohl das richtigfte fein; denn 
die hier und da vorkommenden Wiederholungen, welche es unver- 
meidlich macht, tragen doch auch wiederum zur Erleichterung des 
Studiums bei. 

Ein befonderer Abfchnitt befchreibt außerdem den Entwickelungs- 
gang in der Waffenfchmiedekunft und giebt di^ Monogramme von 
Werken alter Waffenfchmiede wie auch deren Namenszeichnungen 
an, foweit fie überhaupt bekannt find. Ein anderer Abfchnitt fpricht 
von den Waffen und Buchftabenfolgen, welche bei den Gerichtshöfen 
der Freifchöffen in Gebrauch waren. Das ganze Werk befteht aus 
fechs Hauptteilen, von denen die wichtigften über die Waffen des 
Altertums, des Mittelalters, des Rückgriffs (Renaiffance), des 16. und 
17. Jahrhunderts handeln. 

Dem min, Waffenkunde. 3. Aufl. 1 



n Einleitung. 

Der Verfaffer, welcher seit vielen Jahren alle Mufeen und Zeug- 
häufer Europas und die wichtigsten Sammlungen von Kunstfreunden 
befuchte, hat an authentifchem Stoff fo viel zeichnen und zufam- 
mentragen können, daß er von der Berückfichtigung der einfchlä- 
gigen Litteratur meiSt abfehen konnte. Bezüglich der nicht mehr 
vorhandenen Waffen fall er fich auf das Studium von alten Hand- 
fchriften, Buchmalereien, auf Denk- und Geldmünzen, auf Stempeln 
und der auf Sonstigen Denkmalen vorkommenden Nachbildungen an 
gevviefen, wo die Bildnerei meift ziemlich genaue, nur in feltenen 
Fällen zweifelhafte Formen überliefert hat. 

Die erfte, 1869, in drei Sprachen erfchienene Auflage diefes 
erften encyklopädifchen Handbuches der Waffenkunde iSt feitdem, 
fchon in der zweiten 1886 erfchienenen und mehr noch in diefer 
dritten Auflage, befonders durch fortgefetzte Reifen des Verfaffers, 
ununterbrochen in Text und Abbildungen vervollkommnet und be- 
reichert worden. 

Trotz des unfere Zeit beherrfchenden Gefchmacks an gefittungs- 
gefchichtlichen Forfchungen, welcher eine wahre Flut von einzel- 
zweigigen und lokalgefchichtlichen Abhandlungen, wie von fonftigen 
wichtigeren Arbeiten hervorgerufen hat, erfchien doch bis dahin wie 
heute auch, weder in Frankreich, noch in Deutfchland, noch anderswo 
ein fonftiges vollftändiges Werk über die alte Waffenfchmiedekunft. 
Und doch dürfte es kaum eine für den Künftler und Gefchichts- 
forfcher fowie für den WehrStand weniger entbehrliche Wiffenfchaft 
geben als die, welche befähigt, beim erften Anblick eines Schwer- 
tes, Helms oder Schildes den Zeitabschnitt und das Volk festzustellen, 
welchem der Mann, der diefe Waffen getragen, angehört hat. 

Die Unficherheit auf diefem Gebiete hatte zu zahlreichen 
Irrungen Anlaß gegeben, die nach und nach das Bürgerrecht erwarben 
und auf folche Weife zur Verewigung gefchichtlicher Irrtümer bei- 
trugen. Die fchlechte Anordnung einer großen Anzahl von Mufeen 
und Zeughäufern mußte vor allem die Verbreitung folcher volkstüm- 
lichen Irrtümer befördern; fie haben fich allmählich in geschichtliche 
Abhandlungen und in faft alle Handbücher eingeschlichen, find an 
Bildnereien, auf Staffelei- und Wandmalereien zu fehen und verwan- 
deln felbft Pinakotheken und Glyptotheken oft in Lehranftalten für 
Zeitverftöße. Mehrere diefer Waffenfammlungen wiefen Stücke auf, 
bei denen die angemerkten Zeitbestimmungen um Jahrhunderte über die 
wahre Urfprungszeit hinausgingen. Befonders häufig traf und trifft man 



Einleitung. ■? 

noch folche Irrtümer in den fchweizerifchen Mufeen und Zeughäufern 
an. Da giebt es z. B. eine Unzahl von Degen, die Karl dem Kühnen 
angehört haben fallen, deren Formen jedoch auf den erften Blick 
das Ende des 16. und fogar des 17. Jahrhunderts verraten; des- 
gleichen Rüftungen aus denfelben Zeitaltern, die der Schlacht bei 
Sempach zugefchrieben wurden. Das Gymnafium in Murten zeigte 
Harnifche aus dem 17. Jahrhundert, die den in der Schlacht ge- 
töteten Burgundern abgenommen wurden», als im Jahre 1476 der 
<fchreckliche> Herzog unter den Mauern der Stadt feine Ehre verlor, 
nachdem er bei Granfon feine Schätze eingebüßt hatte. Eine andere 
Rültung, deren Helm mit Schirm und Sturmbändern, deren lange Krebfe, 
fowie die Form der Bruftplatten ebenfalls das 1 7. Jahrhundert kenn- 
zeichnen, wurde dem Adrian von Bubenberg, dem tapfern Anführer 
der 1500 Berner, welche Murten zehn Tage lang gegen die Artillerie 
Karls des Kühnen verteidigten, beigelegt. In dem Zeughaufe zu 
Solothurn waren die unrichtigen Bezeichnungen auch fehr zahlreich; 
denn alle Perfonen der berühmten, nach einer Zeichnung Diftelis 
aufgel teilten Gruppe, welche die durch den ehrwürdigen Nie. von 
der Flüe bewirkte Verformung der Eidgenoffen auf dem Landtage 
von Stanz darftellen foll, find mit Rüftungen aus dem 16. und 17. 
Jahrhundert bekleidet. 

Der viel bewunderte, aber moderne eiferne Schild, den man 
Philipp dem Guten beilegt (14I9), der Rundfchilde ungeachtet., mit 
denen die in Relief gearbeiteten Ritter bewaffnet find und der in der 
Schweiz fogar in Kupfer geftochen und, von einer gelehrten Abhand- 
lung begleitet, veröffentlicht wurde, galt dort für eine koftbare Reliquie 
des Mittelalters; diefelbe Ehre widerfuhr einem Bruftharnifch der 
franzöfifchen Kavallerie des erften Kaiferreichs, an dem ein unge- 
gefchickter Waffenfchmied in plumper Manier zwei Stellen als Frauen- 
brüfte herausgetrieben hat. Der Händler, der die beiden genannten 
Stücke an das Zeughaus verkaufte und der felbft in Solothurn wohnte, 
mag mitunter wohl noch recht herzlich über feinen wohlgelungenen 
Handel ins Fäuftchen gelacht haben. 

In der Züricher Rüftkammer galten die gewölbten Bruftharnifche 
halbgerippter Rüftungen für Frauenküraffe, als ob der Frauenbufen 
fich am unteren Teile der Bruft befände. 

Selbft in England, das doch wegen feiner archäologifchen For- 
fchungen in gutem Anfehen fleht, hielt die Waffenfammlung des Lon- 
doner Towers an einer großen Anzahl ganz willkürlicher Bezeich- 



a Einleitung. 

nungen feit, bevor John Hewett das Unrichtige derfelben in feinem 
kritifchen Verzeichniffe nachgewiefen. Dr. Meyrick, welcher in betreff 
alter Waffen lange Zeit für einen Born der Weisheit galt, hatte bei 
der Einrichtung jenes Mufeums, wie bei der Abfaffung des Verzeich- 
niffes feiner berühmten Sammlung in der Zeitbestimmung Fehler be- 
gangen, die zuweilen um mehrere Jahrhunderte von der Richtigkeit 
abwichen. 

In der Armeria zu Madrid find die irrigen Angaben fo beträcht- 
lich, daß die Tagzeichnungen fich fogar um vier- bis fünfhundert 
Jahre von der Urfprungszeit der Stücke entfernen, und folche groben 
Fehler find felbft in den Text übergegangen, welcher die veröffent- 
lichte bildliche Darftellung diefer Waffen begleitet. Auch im Zeug- 
haus zu Venedig wird eine dem Ende des 16. Jahrhunderts ange- 
hörige Rüftung Erasmo da Maroni, genannt Gattamelata, (1438) 
zugefchrieben. 

Das gelehrte Deutfchland ift nicht minder reich an derartigen 
Irrungen. Für das Ambrafer Mufeum in Wien hatte Schrenck von 
Notzing fchon 1601 eine lateinifche Befchreibung herausgegeben, 
die von Engelbert Mofes van Campenhouten ins Deutfche überfetzt 
und von zahlreichen Stichen, einer willkürlicher als der andere, be- 
gleitet wurde. Noch zu diefer Stunde enthält die Ambrafer Samm- 
lung eine Rüftung aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, die dem römi- 
fchen Könige Albert beigelegt wird, obwohl diefer fchon 14 10 ftarb. 
Im Zeughaufe zu Wien konnte der Kunftfreund fich das Vergnügen 
machen, Gliedermänner in Rüftungen aus dem Anfange des 17. Jahr- 
hunderts mit einander fechten zu fehen; der Vorgefetzte erklärte 
ihm jedoch, daß jene « Germanen vorftellen, welche gegen Römer 
kämpfen». — Auch hatte er Gelegenheit, im Dresdener Mufeum eine 
Rüitung mit Helm aus dem 17. Jahrhundert zu bewundern, die dem 
Könige Eduard IV. von England beigelegt wurde, der indes fchon im 
Jahre 1484 nicht mehr regierte. Ehe v. Hefner-Alteneck zum Di- 
rektor des bayerifchen National-Mufeums in München ernannt worden 
war, wurde dafelbft der Ringkragen eines Kollers von Büffelleder 
aus dem dreißigjährigen Kriege, als zu dem Gamboifon oder dem 
mit Rüfthofen und Rüftftrümpfen verfehenen Waffenwamms aus dem 
14. Jahrhundert gehörig, aufgeteilt. 

Das Mufeum in Kaffel bewahrte unter feinen antiken» Waffen 
einen Morian und einen Birnenheini, beide, das läßt fich nicht leugnen, 
tüchtig verroftet, nichts defto weniger aber von den antiken Truppen 



Einleitung. r 

des 1 7. Jahrhunderts herrührend. Im braunfehweigfehen Stadt-Mufeum 
war ein ähnlicher, gleichfalls aufs fchönfte verrofteter Morian mit dem 
Merkzeichen 12. Jahrhundert» verfehen und die Sammlung des 
Herzogs von Braunfchweig im Schlöffe Blankenburg wies einen 
Zweihänder vom 15. Jahrhundert auf, den Heinrich der Löwe (t i 195) 
geführt haben foll! Eine ähnliche 7 Fuß lange Waffe und ein dazu 
gehöriger Schild wird zu Weftminfter Eduard III. (1327 — 1377) zu ~ 
gefchrieben! Es wäre leicht, hier noch eine beträchtliche Anzahl 
folcher Irrtümer anzuführen, die auf Rechnung italienifcher oder fran- 
zöfifcher Mufeen kommen; doch mag das Gefagte genügen. Alle 
diefe Zeitverftöße hatten ohne Ausnahme ihren Weg in die Litteratur 
gefunden. Sieht man doch fogar in einer mit Stichen verfehenen Ab- 
fchreiberei (Armes et armures par Lacombe, Hachette, 1868), den 
Harnifch vom Ende der Regierung Heinrichs IV. (f 16 10) als 
Rüftung Karls des Kühnen (j 1477) bezeichnet, — Birnenhelme als 
Morian, große Keffelhauben vom 14. Jahrhundert, als Mezail (was 
einfach die Augenöffnung und den Stirnteil eines Helmes bezeichnet) 
figurieren, ja die Franziska — zweifchneidige Streitaxt der Franken 
— als Verteidigungswaffe — das Fauftrohr des 1 7. Jahrhunderts, 
als Petrinal, die Hellebarde Parti fane, die Guifarme als Fau- 
chard, den Sponton und die Partifane aber Hellebarden an- 
geführt. 

Das Streben, gefchichtliche Merkwürdigkeiten aufzeigen zu 
können, mag wohl manches Mufeum verlockt haben, für die von 
ihm bewahrten Gegenftände Urfprungsdaten oder Titel anzunehmen 
oder anfertigen zu laffen, die, nachdem die Überlieferung fich 
diefelben angeeignet, zu wahren Evangelien für die Kuftoden und 
die große Menge geworden find, bei welcher der gröbfte Un- 
finn fich ja am leichterten fortpflanzt. Wann endlich wird man an- 
fangen zu begreifen, daß eine fchöne Bildner-, Maler-, Punzirarbeit 
oder jedes andere künftlerifche Erzeugnis nur zweier Titel bedarf, 
die der Kenner in der Ausführung und in der Phyfiognomie des 
Zeitabschnittes entdeckt, welcher letzterer ihm der altertümliche 
Stempel offenbart, der faft mit der gotifchen Kunfl: verfchwand und 
deffen Gepräge weder auf den Erzeugniffen der folgenden Jahrhun- 
derte, alfo auch nicht auf den der Antike nachgebildeten Werken 
zu finden ift? Solche oft fo gewagten und falfchen Bezeichnungen 
dienen zu weiter nichts, als daß fie Sammler und Konfervatoren 
in Mißachtung bringen. 



(5 Einleitung. 

Die Irrtümer, denen man fchon häufig genug in der chrono- 
logifchen Einteilung und in den Beftimmungen der Entftehungszeit der 
Waffen begegnet, werden noch zahlreicher, wenn es fich um den 
Verfertiger und die Nationalität handelt. Waffenfchmiede ohne alles 
Verdienft, die Methufalems Alter hätten erreichen muffen, wenn fie 
nur die Hälfte deffen, was ihnen zugefchrieben wird, gefchaffen hätten, 
werden auf Körten der wirklichen Künftler herausgeftrichen, die 
Meiflerwerke der letzteren aber unter der Benennung eines begün- 
ftigten Arbeiters angeführt, der das ihm gewährte Lob zumeift einer 
übertriebenen Vaterlandsliebe des Autors verdankt, was doch Män- 
nern nicht geziemt, deren Aufgabe es ift, gefchichtlicher Wahrheit 
Bahn zu brechen, die auf bildnerifchen, von der Parteilichkeit der 
Chroniften unbeeinflußten Urkunden fußt. 

Dennoch bleibt es wahr und traurig zugleich, daß — mögen 
die archäologifchen Forfcher noch fo fehr den Staub der Jahrhun- 
derte aufwirbeln und mit dem Beweis in der Hand alle diefe un- 
freiwilligen Irrtümer, all diefe kindifche Tafchenfpielerei dem Auge 
darlegen — die Maffe der Kompilatoren unbeirrt fortfährt, Bücher 
mit Hilfe von Büchern zu machen und ftets von neuem wieder ab- 
zufchreiben, was fchon vordem von Vater auf Sohn ganz kritiklos 
abgefchrieben worden war. 



Während italienifche Erzeugniffe gewöhnlich in den Sammlungen 
von keramifchen Gegenftänden und Mofaiken, franzöfifche in den 
Sammlungen befchmelzter Metallwaren und von Prachtmöbeln vor- 
herrfchen, find die Schätze der Waffenfammlungen aller Orten ihrem 
größeren Beftande nach deutfchen Urfprungs. Es giebt kein Land, 
wo die Waffenfchmiedekunft fo verbreitet gewefen wäre, wie in 
Deutfchland, oder wo man die Anfertigung von Schienrüftungen, 
deren Platten fogar die Beine der Pferde bedeckten, in folcher Voll- 
endung betrieben hätte. Die zahlreichen Hauptftädte und fürftlichen 
Refidenzen, fowie auch die bedeutendsten freien Reichsftädte haben 
während des Mittelalters und der Zeit des Rückgriffs (Renaiflance) 
dem Künftler ein weites Feld geöffnet und es ihm möglich gemacht, 
feine Phantafiethätigkeit auf Prunkwaffen zu richten, deren koftbare 
Arbeit ihm häufig mit Golde aufgewogen wurde, und zwar oft von ein- 
fachen Patriziern, wie den Fuggern und anderen reichen Kaufherren, 
die zu diefer Zeit mit dem Degen ebenfo gut wie mit der Elle und 
dem Geldfack umzugehen wußten. 



Einleitung. 7 

Trotz der Monogramme, welche auf den fchönen Büchfen, Schwer- 
tern, Helmen und Panzern vermerkt find, trotz der Zeichnungen der 
Figuren und Verzierungen, welche die deutfehe Schule anzeigen, 
wurden doch die Mehrzahl diefer Waffen in vielen Verzeichniffen und 
Veröffentlichungen als italienifche Erzeugniffe aufgeführt. Als ob 
Italien, das Vaterland der Antonio Picinino, Andrea da Ferrara, 
Ventura Cani, Lazarino Caminazzi, Colombo, Badile, Francino, 
Ebfutto, Berfelli, Henifolo, Giocatane und vieler anderer berühmter 
Waffenfchmiede, der Verherrlichung durch Schmuggelware und des 
Schmuckes fremder Federn bedürfte. 

Aus dem Abfchnitt, welcher die YVaffenfchmiedekunft be- 
handelt, wird man erfehen können, wie wenig die Verfaffer folcher 
Schriften fich auf der Höhe der Kunitkritik und der neuen archäo- 
logifchen Entdeckungen zu erhalten wußten; für fie waren die 
Rillhingen, welche in München und Augsburg für die Könige von 
Frankreich angefertigt wurden, nach wie vor italienifche Rüftungen 
geblieben, fo gut wie clie , welche Peter Pah, Wulff, Kolmann 
und Peter (Pedro) in denfelben Städten ausführten, in ihren Augen 
fpanifchen Urfprungs blieben. Ebenfo wenig nahmen fie Notiz davon, 
daß Seufenhofer von Innsbruck mit der Anfertigung der Waffen 
für die Söhne Franz' I. beauftragt wurde; eine prachtvolle Arbeit, 
tue auch wieder ihre italienifche Bezeichnung erhalten mußte. In 
Deutfchland war fqlche Mißachtung der nationalen Kunft befonders 
in die öffentlichen Sammlungen gedrungen. Denn als der Verfaffer 
während des Abfchluffes der erften Auflage diefes Buches in dem 
Dresdener Mufeum mehrere fchöne, italienifchen Meiftern zugefchrie- 
bene Rüftungen als das unbeftreitbare Werk deutfeher Waffenfchmiede 
erkannte, wurde ihm nur mit Achfelzucken und ungläubigem Lächeln 
geantwortet. Heutzutage beftreitet man dies nicht mehr; man weiß, 
daß diefe Waffen zum Teil durch denfelben Kellermann von Augs- 
burg ausgeführt worden find, dem man eine einzige Rüftung mit 
14000 Thlr. bezahlte. Die berühmte Rüftung im Dresdener Mufeum, 
deren getriebene Arbeit die Thaten des Herkules darfteilt, ift gleich- 
falls ein deutfehes Werk. 

Man vergleiche nur die Rüftung Heinrichs II. im Louvre mit 
den von Hefner-Alteneck unter ausgefchoflenen Blättern des königl. 
Kupferftichkabinetts entdeckten und photographifch veröffentlichten 
Zeichnungen, welche die Maler Schwarz, van Achen, Brockberger 
und Johann Milich für die Münchener W'erkftätten entwarfen und die 



3 Einleitung. 

in dem Kupferftichkabinett diefer Stadt aufbewahrt werden, — man 
wird daran, wie auch an dem Schilde der Ambrafer Sammlung, von 
dem eine Nachbildung nach Frankreich gekommen war, eine bis- 
weilen fogar fklavifch-genaue Ausführung jener Modelle rinden. Die 
in dem kaiferlichen Arfenal zu Wien, fowie in der Ambrafer Samm- 
lung aufgeftellten Rüftungen zeigen befonders, was die deutfche 
Waffenfchmiedekunft zu leiften vermochte. Die Taufchierarbeiten 
laffen fogar bezüglich ihrer Gediegenheit ähnliche in Spanien aus- 
geführte weit hinter fich, und die getriebene Arbeit ift der Italiens 
völlig ebenbürtig. Was die Formen der Rüftung angeht, fo find fie 
immer edel und glücklich gewählt. 

Das Feuergewehr, mehr noch als die blanke Waffe und die 
Schienenrüftung verdankt feine wefentlichen Verbefferungen den deut- 
fchen Waffenfchmieden, welche die Windbüchfe 1560, den Büchfen- 
lauf (canon raye) 1440, nach anderen 1500, die Radfchloßflinte 
1508, den Stecher (double detente) 1543 und den eifernen Lade- 
ftock 1698 erfunden haben. Seitdem ift 1827 noch das Zündnadel- 
gewehr hinzugekommen. 

Da der archäologifche Charakter und die Eigentümlichkeit des 
in diefer Schrift behandelten Stoffes leicht zu unfruchtbaren Abschwei- 
fungen und zur Anwendung einer Zunftfprache führen könnte, welche 
nur allzu häufig dazu dienen muß, den Mangel wirklicher Kenntniffe 
und völlig verdauter Studien zu verdecken, fo fchien es geraten, fo 
viel wie möglich Anmerkungen zu vermeiden und nur Namen, die 
jeder ohne langes Suchen verftehen kann, für die Bezeichnung der- 
jenigen Gegenftände zu gebrauchen, die in den franzöfifchen , eng- 
lifchen und deutfchen Ausgaben diefes Werkes vorkommen. Der 
Verfaffer hat indes nicht unterlaffen können, gewiffenhaft die Quellen 
anzugeben — mögen diefe nun Denkmale, Handfchriften oder noch 
vorhandene Waffen fein — , wo er gefchöpft hat, um damit dem Lefer 
ein Mittel der Kontrolle und Leitfäden für Fachftudien an die Hand 
geben. In den gleichzeitig in franzöfifcher und englifcher Sprache 
erfcheinenden Ausgaben diefes Werkes ift dasfelbe Syftem als das 
geeignetfte im Auge behalten worden. 



Bevor wir zur Sache felbft übergehen, möchte es zweckmäßig 
fein, einen Blick auf die verfchiedenen größeren Sammlungen zu 
werfen, um aus deren Entftehung und Ausbildung klar zu machen, 



Einleitung. o 

auf welche Weife die Liebhaberei für alte Waffen fich in Europa 
feit den Tagen des Rückgriffs (Renaiffance) entwickelt hat. 

Die eriten Zufammenftellungen von Rüftkammern als Samm- 
lungen, die alfo nicht zum Gebrauch dienen follten, fcheinen nicht 
weiter als bis zum 16. oder bis zum Ende des 15. Jahrhundert - 
zurückzugehen. 

Man weiß aus dem im Jahre 1848, von Lerome de Lincy ver- 
öffentlichten, in der Ribliotheque des Charte s herausgegebenen 
Verzeichnis, daß Ludwig XII. im Jahre 1502 ein Waffenkabinett zu 
Ainboife errichtet hatte. Das berühmte Mufeum hiftorifcher 
Waffen in Dresden, eines der reichften in Europa, verdankt feinen 
Urfprung Heinrich dem Frommen. Auguft L, welcher 33 Jahre hin- 
durch rammelte (1553 — 1586), ift jedoch der wahre Gründer des 
jetzigen Mufeums, das aus fech/i^ taufend Stücken befteht und befon- 
ders reich an Schwertern ift; indes gehen nur wenige Waffen und 
Rüftungen über das 15. Jahrhundert hinaus. 

M. Reibifch hat aus diefer Sammlung bereits in Dresden 1825 
heftweife eine: Auswahl merkwürdiger Gegenftände aus der königl. 
fachf. Rüftkammer» mit vielen Abbildungen veröffentlicht. Seitdem 
find ferner verschiedene kiinftlerifch ausgeführte Waffen des Mufeums 
in Lichtdruck erfchienen. 

Der Marfchall Strozzi (f 1558) hinterließ ein Waffenkabinett, 
welches drei Säle einnahm und worüber Brantome ziemlich ausfuhr- 
lich berichtet hat: 

«Si le Mareachal Strozzy estoit exquis en belle bibliotheque, il l'estoit bien 
int en armurerie et en beau cabinet d'armes; car il en avoit une grande salle et 
deox chunbres, que j'ay veues autrefois ä Rome, en son palasis in Burgo; et ses 
armes estoient de toutes sortes, tant ä cheval qu'ä pied, ä la frangoise, espagnole, 
ttalienne, allemande, hongroise, et ä la bohemienne; bref, de plusieurs autres nations 
chrestiennes; comrae aussi ä la turquesque, moresque, arabesque et sauvage. Mai», 
ce qui estoit le plus beau ä voir, c'estoient les armes, ä l'antique mode, des anciens 
soldats et legionnaires rnmains. Tout cela estoit si beau, qu'on ne sgavoit que plus 
admirer, ou les armes, ou la curiosite du personnage qui les avoit lä mises. Et, pour 
plus orner le tout, il y avoit un cabinet ä part remply de toutes sortes d'engins de 
guerre, de machines, d'eschelles, de ponts, de fortifications, d'artifices et d'instruments ; 
bref, de toutes inventions de guerre, pour offenser et defendre ; et le tout fait et repre- 
sente de bois si au naif et au vray , qu'il n'y avoit lä qu'ä prendre le patron sur le 
naturel, et s'en servir au besoin. j'ay veu depuis tous ces cabinets ä Lyon, oü M. 
Strozzy dernier, son tils, les fit transporter, pour n'avoir este conservez si curieusement. 
comme je les avois veus ä Rome. Aussi je les vis lä tout gastetz et brouillez, dont 
;'en eus du deuil au cccur; et c'en est un tres-grand dommage; car ils valoient beau- 
coup, et un roy ne Test eust sceu trop achepter; mais M. Strozzy brouilla et vendit 



IO Einleitung. 

tout; ce que je lui remunstray un jour; car il laissoit teile choss pour cent escus, qui 
en valoit plus de mille. Et, entr'autres choses rares que j'y ay remarque, il y avoit 
une rondelle de coque de tortue marine, si grande qu'elle eust couvert le plus grand 
homme qui fut, depuis la teste jusques aux pieds; et si dure, qu'une arquebuse l'eust 
mal-aisement pu percer de loin, et pourtant peu pesante. II y avoit aussi deux queues 
de chevaux marins, les plus belies, les plus longues, les plus espaisses, et les plus 
blanches que je vis jamais. J'auray possible este trop long et fascheux a parier de 
ce cabinet d'armes; mais certes, si je m'eusse voulu amuser ä en raconter des parti- 
cularitez, Ton y eust trouve du plaisir a les lire.» 

Die fchöne Ambra fer Sammlung jetzt zu Wien, in dem 
Schlöffe Belvedere, enthält auch nur auserlefene Stücke. Sie wurde 
im Jahre 1570 von dem Erzherzoge Ferdinand L, dem Gemahl der 
fchönen Philippine Weifer von Augsburg, in feinem Schlöffe Ambras 
bei Innsbruck angelegt, wo der Fürft 500 vollftändige Rüftungen und 
eine bedeutende Anzahl Angriffswaffen und Harnifche vereinigt hatte. 
Von diefem auch aus Kuriofitäten und Kunftgegenftänden beftehenden 
Kabinett ift der kleinere Teil in Ambras zurückgeblieben, während 
der größere mit der Waffenfammlung in Wien vereinigt wurde; sie 
enthielt unter andern: 900 gefchichtliche Abbildungen von freilich 
nur geringem künftlerifchen Werte; Sammlungen von 2500 Medaillen 
und Münzen und mehreren taufend Kupferftichen ; ferner eine Biblio- 
thek von 4000 gedruckten Bänden und 500 Handfchriften, worunter 
fich die drei berühmten Bände mit Aquarellen von Glockenthon be- 
finden. Letztere weifen genaue Abbildungen von Rüftungen und 
Waffen auf aus den drei Zeughäufern des Kaifers Maximilian, die 
vordem ein Ganzes bildeten, das feinesgleichen fuchte. Der größte 
Teil der Sammlung, von welcher nur zehn fchöne Rüftungen von 
den Franzofen als Kriegsbeute weggenommen waren, ift im Jahre 
1806 nach Wien gebracht worden. Die erfte Befchreibung diefer 
Schätze wurde, wie fchon bemerkt, im 17. Jahrhundert von Jakob 
Schrenck von Notzing in lateinifcher Sprache herausgegeben und 
trotz ihres geringen Wertes von Engelbert Mofes van Campenhouten 
ins Deutfche übertragen. Der Kuftos des Autikenkabinetts in W T ien, 
Baron von Sacken, hat ein neues Werk im Jahre 1 862 herausgegeben, 
in welchem die merkwürdigften Stücke der Sammlung photographicrt 
find. Außerdem befitzt Wien die berühmte kaiferliche Sammlung 
im Artillerie-Arfenal und eine andere im Stadt-Zeughaufe 1 ). 



') In neuerer Zeit ift die kaiferliche Waffenfammlung in das neue kunfthiHn- 
rifche Hof-Mufeum übergebracht worden, wo fie nun mit der Ambrafer Samm- 
lung vereinigt ein Ganzes suamacht. Im Arfenal ift dafür ein Heeres-Mu ("cum ge- 



Einleitung. I i 

Das großartige Gebäude des kaiserlichen Artillerie- Arfenals 
zu Wien, ein Werk Theophil Hanfens und eine fchöne architekto- 
nische Schöpfung der Neuzeit, erhebt fich in impofanten Maffen neben 
dem Bahnhofe der Südbahn. Seine Räumlichkeiteu umfchließen eine 
der reichften Sammlungen Europas, die aus den Waffenkabinetten 
der erften öfterreichiSchcn Kaifer herrührt und mehr als 700 Num- 
mern zählt. 

Ein von Qu. v. Leitner in W T ien 1866 und 1870 herausgegebenes 
Werk: «Waffenfammlung des öfterreichifchen Kaiferhaufes im k. k. 
Artillerie -Arfenal-Mufeum zu Wien . Mit 61 Taf. Fol. giebt die 
Beschreibung davon. 

Das früher in einem unscheinbaren, im Jahre 1732 aufgeführten 
Gebäude befindliche Zeughaus der Stadt Wien flammt aus dem 
1 5. Jahrhundert her und enthält nur wenig Schöne Rüftungen, dahin- 
gegen 40 SetzSchilde (pavois) aus dem 15. Jahrhundert und eine 
Menge Hieb- und Stoßwaffen. Dort ift auch der Kopf des Groß- 
veziers Muftapha zu Sehen, jenes Ungeheuers, dem der Sultan die 
Seidene Schnur überSchickte, als er im Jahre 1683 eine Niederlage 
unter den Mauern Wiens erlitten hatte. Die beften Stücke diefes 
MuSeums, dem es an aller und jeder Einteilung fehlte, das dafür aber 
einen Überfluß an wahrhaft lächerlichen Bezeichnungen hatte, find in 
Nachahmung der burgundifchen Rüftungen mit Schwarzer Farbe 
überpinSelt. 

Die erfte Erwähnung einer Waffenfammlung im Tower von 
London findet fich in der Aufnahme vom Jahre 1 547 un d in einer 
Verfügung aus dem Jahre 1578 vor. Paul Hentzner, ein deutfcher 
ReiSender, Spricht ebenSalls Schon im Jahre 1598 von den Schönen 
Waffen im Tower, obgleich dieSe damals eher ein Zeughaus als ein 
MuSeum bildeten. Mit dem eigentlichen Kern der Sammlung wurde 
indes im Jahre 1630 in Greenwich begonnen, und aus dem, was die 
Plünderungen während der Bürgerkriege übrig gelafSen hatten, ging 
gegen Ende des 17. Jahrhunderts die jetzige- Galerie hervor, die ihre 
Spätere SyftematiSche Ordnung dem Dr. Meyrick verdankt. Seit dem 
Jahre 1820 find die Sammlungen durch Ankäufe von Zeit zu Zeit 
vermehrt worden, bei dem Brande vom Jahre 1841 haben fie nur 
wenige Kanonen eingebüßt, die das Feuer gänzlich vernichtet hatte. 

bildet worden. Die Wiener Zeughaus-Rüftkammer befindet fich gegenwärtig als 
«Waffe nmufe um » der Stadt Wien im Rathaufe, wo darüber ein Verzeichnis der 
1500 Nummern mit Abbildungen von Schmied- und Plattnerzeichen hergeftellt worden ift. 



1 2 Einleitung. 

Ein Konfervator ift nicht da, doch hat der Archäolog John Hewett 
inzwifchen ein amtliches Verzeichnis des Arfenals heraus- 
gegeben, das zwanzig Rubriken enthält; vorhanden find: 13 Num- 
mern für die antiken Waffen, 40 für die antiken Waffen der Steinzeit, 
120 für die Bronzeperiode und 25 für das Eifenalter; ferner an 
Stücken, die in die Zeit vom Beginn des Mittelalters bis auf unfere 
Tage fallen, ungefähr 5700 Nummern. Das Ganze macht eine Samm- 
lung von vielleicht 5800 Gegenftänden aus, unter denen das Morgen- 
land befonders gut vertreten ift Bereits im 18. Jahrhundert ift durch 
«Fr. Grofe, treatise on ancient armour and weapont; 49 pl. 4. 
London 1786» ein Band über die im Tower befindlichen Waffen 
und Rüftungen veröffentlicht worden. Außer diefer im Tower auf- 
geftellten Sammlung ift noch die von Llewelyn Meyrick zu 
Goodrich-Court (Herefordshire, fpäter im Kenfington-Mufeum) als eine 
der vollftändigften zu erwähnen. Von dem Gründer diefer berühmten 
Sammlung find folgende zwei Werke erfchienen: «Meyrick, S. R., 
ongraved illustrations of ancient arms and armour; a series of 1 54 
etchings of the collection at Goodrich-Court, Herefordshire; engraved 
by Skelton, 2 v. m. Portr. London 1854» und: «Meyrick, S. R., 
a critical inquiry ints ancient armour äs it existed in Europa parti- 
culary in Great Britain from the norman conquest to the reign of 
King Charles II. 80 pl. London I842.» Die erfte Auflage tag- 
zeichnet felbft von 1824. 

Zu Uplands, bei Fareham, Hampshire, befindet fich die aus 
512 Nummern beftehende fchöne Sammlung John Beardmore, 
M. A., deren illuftriertes Verzeichnis 1844 zu London bei W. Boone 
erfchienen ift. 

Das Zeughaus in Berlin, welches einige gefchichtliche 
Rüftungen der Kurfürften befaß, war arm an alten Waffen. Es 
beftand zum größten Teile aus Feuerftein- und Schlagfchloß (Per- 
kuffions)- Gewehren, fowie aus Fahnen und Standarten, die Preußen 
in feinen Kriegen eroberte, und befindet fich in dem fchönen von Neh- 
ring errichteten Gebäude, dem die Schlüterfchen Masken fterbender 
Krieger eine europäifche Berühmtheit verliehen haben. Gegenwärtig 
ift die Sammlung fehr vermehrt worden, befonders durch die des 
Prinzen Karl und bildet eine Abteilung der «Ruhmeshalle». Das 
Schloß Monbijou in Berlin enthielt eine größere Anzahl gefchicht- 
licher Waffen und Rüftungen ; leider gebrach es durchweg an Raum, um 
zweckmäßig aufgeteilt und chronologisfch geordnet werden zu können. 



Einleitung. I ■* 

Der Urfprung des Artillerie-Mufeums in Paris reicht bis 
1788 zurück. Anfänglich war eine Sammlung von Waffen und Ma- 
schinen angelegt worden, die man am 14. Juli 1789 plünderte. 
Im Jahre 1795 jedoch wurde dies Mufeum im Dominikaner-(Jako- 
biner-)Klofter St. Thomas d'Aquin wieder hergeftellt und 1799 durch 
die berühmte Sammlung des Zeughaufes in Straßburg, 1804 durch 
die Galerie der Herzöge von Bouillon bereichert, welche diefelbe ehe- 
mals in Sedan angelegt hatten. Bei einer abermaligen Plünderung 
im Jahre 1830 verlor das Mufeum nur einen geringen Teil feiner 
Schätze, die ihm nach den Julitagen faft alle zurückgegeben wurden. 
Im Jahre 1852 kamen zwanzig der wertvollften und fchönften Stücke 
aus dem Artillerie-Mufeum in den Louvre; doch machte eine kaifer- 
liche Verordnung diefen Verluft infofern wieder gut, als fie die Über- 
führung kultbarer Waffen aus der Bibliothek in das Artillerie-Mufeum 
anbefahl. Seitdem ift das Mufeum durch viele fchöne Gefchenke aufs 
neue bereichert geworden, unter denen die des Kaifers Napoleon III. 
und die des Baron des Mazis befonders hervorzuheben find. Es fteht 
heute — im Hotel des Invalides — als eine der vollftändigften und 
reichften Sammlungen da; denn die treffliche Anordnung des verdor- 
benen Konservators Penguilly l'Haridon läßt nur wenig zu wünfchen 
übrig. 50 Nummern waren von ihm darin für Waffen aus der Stein- 
pcriode, 150 für Waffen der Bronzezeit und des Altertums, 30 Num- 
mern für die des Eifenalters, 1970 Nummern für die Waffen und 
Rüftungen aus dem Mittelalter, des Rückgriffs (Renaiffance) und 
aus dem 17. und 18. Jahrhundert verzeichnet; ferner 3000 für mor- 
genländifche und neuzeitige Waffen, für Feuerfchlünde, Mafchinen 
und andere Gegenwände, im ganzen 5200 mit Sorgfalt verzeichnete 
Nummern. 

Eine andere alte und wichtige Sammlung bietet die der 
Grafen von Erbach, im Schloß Erbach in Heffen-Darmftadt bei 
Heppenheim. Sie ift gegen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahr- 
hunderts von dem Grafen Franz, einem leidenfchaftlichen Sammler, 
angelegt worden und enthält 460 Angriffs- und Verteidigungs-, fowie 
620 Feuerwaffen und einige hundert andere aus der Stein-, Bronze- 
und Eifenzeit, antiken, keltifchen und germanifchen Urfprungs. Graf 
Eberhard, ein Enkel des Gründers, hat das Verzeichnis felbft 
redigiert. 

Die Armeria in Turin, welche durch den König Karl Albert 
im Jahre 1833 gegründet und von dem Grafen Vittorio Seyffel d'Aix 



j t Einleitung. 

im Jahre 1840 1 ) katalogifiert worden ift, zählt 1554 Nummern alt- und 
neuzeitiger Waffen, unter denen eine beträchtliche Anzahl feltener 
und kunftvoller Verteidigungswaffen vorkommen. (Neuerdings ftellen- 
weife durch eine Feuersbrunft zerftört.) 

Auch das National-Mufeum (Bargello) zu Florenz, das Mu- 
feum Correr in Venedig und das Mufeum Poldi-Pezzoli in 
Mailand enthalten fchone, reiche und merkwürdige Angriffswaffen 
und Rüftftücke. 

Das Mufeum in Sigmaringen ift gleichfalls eine neuere Schö- 
pfung, zu welcher nicht früher als im Jahre 1842 der erfte Grund 
gelegt worden ift. In des Verfaffers «Guide artistique pour l'Alle- 
magne» befindet fich ein Kapitel, das in Kürze die Befchreibung der 
zahlreichen Sammlungen giebt, welche der Fürft von Hohenzollern 
in feiner Refidenz vereinigte und die feitdem noch bedeutend ver- 
mehrt worden find durch Ankauf der Sammlung des Barons von 
Mayenfifch, des verftorbenen fürftlichen Intendanten der fchönen 
Künfte in Sigmaringen. Der das Amt eines Bibliothekars und Kon- 
fervators verwaltende Dr. v. Lehnert hat ein chronologifches Ver- 
zeichnis nach Folgen abgefaßt und viele, auf photographifchem Wege 
gewonnene Abbildungen der merkwürdigften Gegenftände veröffent- 
licht. Die Sammlung der Waffen und Rüftungen enthält mehr als 
3000 Stücke, von denen manche in künftlerifcher und gefchichtlicher 
Beziehung fehr wertvoll find. Das Gebäude, das der Fürft im englifch- 
gotilchen Stil nach dem Plane Krügers aus Düffeldorf errichten ließ, 
bietet fchöne Verhältniffe und ift feines Inhaltes würdig. Die Fresken 
des Prof. Müller aus Düffeldorf lohnen allein fchon eine Reife nach Sig- 
maringen, das außerdem Mufeen für alle Zweige des Wiffens, mit 
Ausnahme von phyfikalifchen Inftrumenten und naturgefchichtlichen 
Gegenftänden, befitzt. Über diefes Mufeum befteht ein mit vorzüglichen 
Stichen ausgeftattetes Werk, herausgegeben von Hefner-Alteneck' 2 ). 

Das bayerifche National-Mufeum, fchon jetzt eines der 
reichften an Kunftgegenftänden der Gotik und des Rückgriffs (Re- 
naiffance) ift erft im Jahre 1853 durch den König Maximilian II. ge- 
gründet worden. Es umfaßt 50 Säle in den drei Stockwerken eines 
ausgedehnten Gebäudes. Der unermüdlichen Thätigkeit des verftor- 



') «Anneria antica e moderna di S. M. Carlo Alberto. C. io tav. Torino 1840» 
von Seyffel, d'Aix. 

2 ) Die Kunftkammer S. K. H. des Fürften Karl Anton von Hohenzollern- 
Sigmaringen. München, Bruckmann. 1866 ff. 



Einleitung. ?c 

benen Barons von Aretin und den gründlichen Kenntniffen des nun- 
mehr im Ruhertand befindlichen Direktors, von Hefner-Alteneck, ver- 
dankt Deutfchland die fo rafch bewirkte AnSammlung diefer Schätze, 
zu denen mehr als taufend alte Waffen und Rüftungen gehören. 
Die beträchtliche Anzahl und der künftlerifche und geschichtliche 
Wert der meiften ausgefeilten Gegenftände erheben das bayerifche 
National-Mufeum zu einer Anftalt erften Ranges diefer Art. 

München befitzt auch noch im Städtifchen Zeughaus die 
Sammlung von alten Zunftwaffen, vom 14. Jahrhundert ab, eine Stif- 
tung, die erlt feit 1866 befteht. Alles darin ift in chronologischer 
Folge gruppirt, um die, fo zu fagen, nach Zeitabschnitten hergeftellte 
bürgerliche Bewaffnung anfchaulich zu machen, deren letzte Vertreter 
dein Ende des 30jährigen Krieges angehören. Diefes Zeughaus, über 
deffen Beftände der Konservator Kafpar Braun im Jahre 1866 einen 
Notizen-Katalog herausgegeben, enthält im ganzen 1400 alte 
Waffen und Rüftungen für Mann und Roß. 

Auch das germanifche National-Mufeum in Nürnberg be- 
gann lehr reich an alten Waffenftücken , befonders an Feuerwaffen, 
zu werden, als es noch neuerdings (1889) die bisher auf Schloß 
Feiftritz angekaufte Waffenfammlung des Fürften Sulkowski erwarb, 
wodurch der Waffenreichtum des Mufeums befonders Stark ange- 
schwollen ift und man wieder zu vielen Nürnberger Rüftftücken ge- 
langt, welche abhanden gekommen waren. 

Die in- dem 1865 — 1872 durch Bockmüller ausgeführten Ge- 
bäude der «Vereinigten großherzoglichen Sammlungen» zu 
Karlsruhe (Saal IV) vorhandenen alten Waffen, befonders türkifche, 
worunter Kriegsbeuten des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden 
(1655 — 1707), Fahnen, Pferderüftungen , und außer Waffen aus der 
alten badifchen Rüftkammer, Sowie griechifcher-etrurifcher Stücke, 
bilden jetzt auch eine Schöne Sammlung. 

Das Mufeum zu Darm Stadt, gegründet von dem im Jahre 
1 830 verstorbenen Großherzog Ludwig L, enthält 620 Nummern ver- 
schiedener Waffen, worunter 9 Ganz- und 50 Halb-Rüftungen, 7 Schil- 
der, 55 Helme, 170 Feuerwaffen, 75 Schwerter und Säbel, 73 Dolche, 
Lanzen, Hellebarden, Streithämmer und 10 Armbrüfte. 

Die im Schlöffe Eltz im Mofelthal befindliche Sammlung ift zwar 
nicht fehr zahlreich, aber doch intereffant. 

Auch die Sammlung des Grafen v. Hachenburg, auf Schloß 
Hachenburg (Wefterwald), enthält Schöne, belangreiche, befonders 



j 6 Einleitung. 

Jagdwaffenftücke , welche vom Mittelalter ab bis zur Neuzeit haupt- 
fachlich Familienerinnerungen vertreten. 

Die auf Schloß Braunfels (K. Wetzlar) befindliche Sammlung 
ift noch bedeutender wie die Hachenburgs. Befonders intereffant find 
hier die jetzt feiten gewordenen Granatgewehre hervorzuheben. 

Eine im Rathaufe zu Emden befindliche Rüftkammer ift reich 
an Waffen und Harnifchen aus der Zeit des 30jährigen Krieges, be- 
fitzt aber keine altzeitigen Rüftzeuge. 

Im Bergfchloffe Mürau, eine Stunde von Müglitz bei Hohen- 
ftadt in Mähren, befindet fich eine größtenteils aus Feuerwaffen, 
namentlich türkifchen (bedeutend vermehrt durch Beuteftücke aus 
Leopold I. zweitem Türkenkriege), beftehende Waffenfammlung, wor- 
über Prof. Karl Leihner vom deutfchen Staatsgymnafium zu Krem- 
fier, die 1691 ftattgefundene Aufnahme 1 ) im «Programm» des Gym- 
nafiums (Kremfier 1889) veröffentlicht hat. Nach Volny war die 
Mürauer Waffenfammlung — welche der Cardinal -Fürftbifchof jetzt 
in einem Saal des Schloffes zu Chropin hat aufft eilen laffen — 
«neben einer zu Vöttau im Znaimer Kreife, die bedeutendfte im 
Lande». Einige der wertvolleren Stücke davon befinden fich im 
Schlöffe zu Kremfier. 

Bedeutend auch ift die berühmte Sammlung des Herrn Theo- 
dor Blell in Tüngen bei Wormditt in Oftpreußen (feitdem 
zu Lichterfelde bei Berlin). Bujack Altpreußifche Monatsfchrift Tl. II, 
Königsberg 1873) hat fie befchrieben; es find 11 00 Stück Waffen aller 
Gattungen und Zeiten. 

Die Waffenfammlung zu Koburg ift neuerer Bildung, aber be- 
reits fehr reich an fchönen Stücken. 

Eine ebenfalls aus neuerer Zeit herrührende bedeutende Sammlung 
ift die des Herrn Zschille zu Großenhain in Sachfen, diefelbe ent- 
hält bereits zahlreiche Nummern, worunter fehr koftbare Stücke, be- 
fonders vom 15. und 16. Jahrhundert; weiterhin davon verfchiedene 
in Abbildungen. 

Die Waffenfammlung im Frankfurter Archiv-Mufeum ift reich 
an Rüftungen. Daffelbe ift ein Vermächtnis des Herrn Alexander 
Feiner und noch durch ein anderes, aus Feuerwaffen beftehendes von 
Kahlo, vermehrt. 

') «Inventarium über das Ober- und untere Zaig-Haus des Fttrftl. Bifchofflichen 
»lmütz 011 Schloss Mino. Befchrieben den 9. Aprilis 1691.» 



Einleitung. ] j 

Als befonders vollrtändig und reich ausgestattet muß auch das 
Zeughaus (Landhaus) zu Graz hier genannt werden, wofelbft fich 
die vollftändige Bewaffnung vom 15. Jahrhundert für 1000 Mann 
befindet, fowie 

die neuere Waffenfanimlung auf Schloß Ambras — (welche 
nicht mit der urfprünglichen, jetzt in Wien befindlichen zu 
verwechfeln ift) — und wo ebenfalls intereffante Stücke vorhanden find. 

Eine von dem 1884 verdorbenen Klingenfchmied Robert Röhrig 
in Solingen zufammengebrachte Sammlung, befonders von Schwertern 
und Säbeln, welche namentlich für das Markenftudium Intereffantes 
bietet, ift jetzt in den Befitz des Herrn von Lilienthal in Elber- 
h-ld übergegangen. (Verzeichnis vom Verfaffer.) 

Im Schlöffe Oftcrftein bei Gera befindet fich ein Rültfaal und 
eine intereßante Waffenfammlung. 

In Stuttgart befitzt ferner das Altertums-Mufeum gute 
Waffenmicke, fo wie dergleichen die Sammlungen von Berthold zu 
I iresden und von Meyer zu Meersburg. 

Der König von Schweden, Karl XV., hat auch ein Kabinett 
alter Waffen gegründet, deffen vorzüglichfte Stücke aus der Samm- 
lung Soldinska in Nürnberg herrühren und im Jahre 1856 erworben 
wurden. Es find darin mehr als iooo Nummern enthalten, unter 
welchen viele morgenländifche und eine anfehnliche Zahl abendlän- 
difcher Waffen des 1 7. Jahrhunderts hervorzuheben find. Eine Reihe 
von Abbildungen aus diefer fchönen Sammlung ift bei Lahure in 
Paris erfchienen. 

Das vom Kaifer Napoleon III. gegründete Waffenkabinett, 
welches fich jetzt im Schlöffe Pierrefonds befindet, kann als eins der 
reichften, befonders an fchönen deutfehen Tournierrüftungen aus der 
beften Zeit gelten. Nach dem ebenfalls von Penguilly-l'Haridon 
herausgegebenen Verzeichnis enthält es 525 alte W r affen und Rü- 
ftungen und vier Kriegsmafchinen, deren zwei, Bailiften (Euthytona), 
fälfchlich Katapulte genannt, zum Schleudern von Pfeilen dienten und 
nach den Angaben der griechifchen Autoren Hiero und Philo, die 
zur Zeit der Nachfolger Alexanders und des Vitruvius lebten, wieder- 
hergeftellt wurden. Die beiden anderen find Katapulte (Palintonae), 
welche ebenfalls nach der Beschreibung Hieros angefertigt find; alle 
vier befinden fich jetzt in dem Mufeum zu St. Germain. Photo- 
graphifche Abbildungen aus diefer Sammlung, von Chevalier, die bei 
Claye 1867 erfchienen, find nicht in den Handel gekommen. 

Dem min, Waffenkunde. 3. Aufl. 2 



jg Einleitung. 

Eine fchüne Sammlung alter Waffen und Rüftungen jüngeren 
Urfprungs, nur aus Prachtffücken begehend, war auch die des Sena- 
tors Grafen v. Nieuwerkerke in Paris, nunmehr im Befitz eines 
Amerikaners. Dies Kabinett, das fich im Louvre befand und durch- 
weg au.; auserlefenen Gegenftänden beftand, hatte fchon mehr als 
330 Nummern aufzuweifen, mit deren Katalogifierung Herr von Beau- 
mont befchäftigt war. 

Auch einer mehr für den Handel zufammengebrachten Sammlung, 
die des Händlers Spitzer's zu Paris, welche leider viel zweifelhafte 
Stücke enthält, muß hier Erwähnung gefchehen. 

Noch fei ferner des Mufeums von Chartres gedacht, welches 
eine gute Sammlung alter Waffen befitzt; unter andern auch die 
Philipp IV., dem Schönen (1285 — 13 14), zugefchriebene Rüftung, 
wovon allerdings nur der Keffelhelm maßgebend für die Zeit ift, 
da das (teilweife moderne) Panzerhemd verfchiedenen Zeiträumen 
angehört. 

Für das Studium der Waffen aus Stein und Bronze, der primi- 
tiven wie der antiken, find die Mufeen in Mainz, Wiesbaden, 
Berlin, Kopenhagen, Schwerin, Sigmaringen, St. Germain 
und die ethnographifche Sammlung Criftys in London vor allem 
zu empfehlen. 

Jeder Kunftfreund kennt die Waffenmufeen von Madrid 1 ) und 
von Tzarskoe-Selo in Petersburg 2 ), deren merkwürdigfte Gegen- 
ftände in lithographifchen und photographifchen Abbildungen er- 
fchienen find; aber bis auf den heutigen Tag fehlen in unferer Litte- 
ratur alle Angaben über die Gründung und Entwickelung diefer Mu- 
feen, wie auch derjenigen von Venedig und Malta. 

Die Zeughäufer der Schweizer Kantone reichen zwar bis 
zu den erften Kriegen der Eidgenoffenfchaft hinauf, doch gehen nur 
wenige der vorhandenen Gegenftände über das Ende des 15. Jahr- 
hunderts zurück, und es läßt fich eigentlich nur von den Städten 
Bern, Zürich, Genf, Solothurn und Luzern behaupten, daß fie eine 
Sammlung alter Waffen befitzen. Murten und Liesthal find in diefer 

') Darüber: «A. jubinal. La Armeria real ou Collection des princip: piees 
de la Galerie d'Armes anciennes de Madrid. 2 v. avec 123 planches. Paris 1840.» 
Ein Werk voller Zeitverflöfse. 

L. Laurent zu Madrid hat feitdem eine höchft belangreiche Anzahl von Folio- 
Photographien der Armeria herausgegeben. 

'-) Worüber ein bedeutendes illuftriertes Werk etfehieoen ift. 



Einleitung. ig 

Beziehung weniger reich und die anderen kantonalen Hauptftädte 
haben faft nichts mehr von ihren Rüftungen und Angriffswaffen 
aufzuweisen. 

Holland befitzt kein Mufeum alter Waffen und auch nichts der- 
gleichen in leinen Zeughäufern; von den fpärlichen Privatfammlungen 
find nur zwei, nämlich die des Baron Bogaert van Heeswyk, auf 
feinem Schlöffe nahe bei Herzogenbufch, und die des verdorbenen 
Malers Krüfemann, der Erwähnung wert. Letztere ift jetzt Eigen- 
tum der arrhäologifchen Gefellfchaft in Amfterdam. 

Die Sammlung alter Waffen in Brüffel ift ziemlich umfangreich 
und befindet fich im Mufeum der Porte de Hai. 

\ußer den bereits angeführten Mufeen erften Ranges und groben 
Sammlungen beliehen noch verfchiedene auch wichtige Sammlungen, 
die im Verlaufe diefer Schrift häufig angeführt find. Rechnet man 
hierzu noch alle in Bildung begriffenen, fo läßt fich wohl behaupten, 
daß die Liebhaberei für Waffen heutzutage kaum hinter derjenigen 
für keramifche Erzeugniffe zurückgeht. 



I 

Abriss der Geschichte der Waffen. 

Zu allen Zeiten, für die Urvölker fchon als auch mehr noch für 
die gefitteten Nationen, war ftets die Bewaffnungsfrage von großer 
Wichtigkeit. Der ohne Verteidigungsmittel erfchaffene Menfch fah 
fich gezwungen, Werkzeuge zu erfinden, die ihn in den Stand fetzten, 
die Angriffe der wilden Mitbewohner des Erdballs, denen die fchaffende 
Kraft als Erfatz für die mangelnde Vernunft natürliche Vertei- 
digungsmittel (Klauen, Zähne etc.) verliehen hatte, — abzuwehren. 
Später ift diefe, urfprünglich allein zur Vernichtung dienende, Waffe 
einer der mächtigften Hebel der Gefittung und ihr Sicherungsmittel 
geworden. Die Vervollkommnung der Mordw r erkzeuge mußte fchließ- 
lich der Einficht den Platz des Fauftrechts verfchaffen, da ja in neuerer 
Zeit felbft der unerfättlichfte Eroberer ein fich felbft unbewußter 
Pionier der Gefittung ift. Hat nicht das Schießpulver der Buchdrucker- 
kunft und der Reformation den Weg bahnen und den Stillftand und 
Rückgang der geiftigen Entwickelung verhindern muffen, indem es 
den vorgefchrittenen Völkern, der Barbarei gegenüber, zu Hilfe kam? 
Der menfchliche Geift erfand in ihm ein Mittel, dem Übergewicht 
der rohen Maffen zu widerftehen und diefe niederzuhalten! Ein wie 
großes und beklagenswertes Übel der Krieg auch fein mag, die ftete 
Vervollkommnung der Waffe wird man deshalb doch nicht beklagen 
dürfen; denn obfchon fie jenen zeitweife noch mörderifcher macht, 
befchränkt fie doch auch wiederum feine Dauer und läßt ihn auf 
diefe Weife weniger unheilvoll für die Menfchheit werden. 

Von den älteften der uns bekannten Kulturländer, Indien und 
Amerika, ift es wohl der -letztgenannte Erdteil, auf deffen Boden die 
frühefte Spur einer in ihrer Form vollendeten Verteidigungswaffe 
zurückgeblieben ift. Es ift dies nämlich ein Helm, der die Figur 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 2 I 

einer Flachbildnerei in Palenke fchmückt, einem Indianerdorf, dem 
Überreft der Stadt Kulhuacan, die vielleicht über 3500 Jahre alt 
ift und einen Umfang von mehr als dreißig Kilometern bildete. 

Neuerdings hat man in Amerika Baurefte von Städten entdeckt, 
die felbit über ioooojahr hinaufreichen, alfo älter als alles derartig 
Bekanntes in anderen Weltteilen find. 

Um fich ein genaueres Bild von dem allmählichen Fortfehritt, 
den die Anfertigung der Waffen bei den verfchiedenen Völkern 
erfuhr, machen zu können, fowie von den Übergängen und Yerwandt- 
fchaften, die in den Formen hervortreten, muß man zunächft vier be- 
fthnmte Klaffen unterfcheiden, nämlich: Waffen aus \ -orgefchichtlicher 
Zeit, der Epoche des Knochens und Holzes, des rohen, in Bruch- 
flächen gehauenen und des gefchliffenen Steines; — Waffen aus der 
f( »genannten Bronzezeit, in welche Kateg« »He auch die heute bekannteren 
Erzeugniffe der Alten, der Germanen, der Skandinavier, Bretonen, 
Kelten (?) Gallier und anderer fallen; — Waffen aus der fogenannten 
Kifenzeit, befonders die der Merowinger und erften Karlinger, d. h. 
der Zeit des zu Ende gehenden Altertums und des frühen Mittel- 
alters; — und fchließlich die Waffen des Mittelalters, des Rückgriffe 
(Renaiffancezeit) und des 17. und 18. Jahrhunderts. 

Wenn auch hier ein Bronzealter angenommen wird, fo foll damit 
nicht etwa getagt fein, daß der Gebrauch des Eifens in jener Zeit 
unbekannt war, fondern nur, daß bei Anfertigung von Werkzeugen 
und Waffen, ibgar fchneidenden, die Bronze weit häufiger als das 
Eifen in Anwendung kam. Eifenbarren in Keil- oder Hackenform 
und fonftiger fchmiedeiferne Gegenftände, die im affyrifchen Mufeum 
des Louvre aufbewahrt werden, noch mehr jedoch das Fragment 
eines affyrifchen Panzerhemdes aus Stahl und die Eifenklammer 
der egyptifchen Pyramide, im britifchen Mufeum, beweifen, daß die 
Ägypter taufende von Jahren und die Affyrer im 10. Jahrhundert 
v. Chr. diefes Metall ebenfo gut wie die fpäteren Ägypter kannten. 

Ohne nötig zu haben bis Tubalkain hinauf zu fteigen, kann 
man doch Kap. 28 des Buches Hiob, welches etwa ycer Jahre 
v. Chr. geschrieben fein mag, der darin gefchehenen Erwähnung des 
Eifens wegen anführen. 

Schah-Ham eh (das Blut der Könige) fagt: «Djemfchid (fabel- 
hafter König, dem die Gründung von Perfepolis zugefchrieben wird), 
regierte 700 Jahre (?), erweichte das Eifen und gab ihm die Form 
des Helmes, der Speerfpitzen, der Stückpanzer, der Ringpanzer etc. » 



22 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

Dreißig Stellen in der Iliade und Odyffee (vom 10. Jahrhundert 
v. Chr.), worin das Eifen als «das fchwer zu bearbeitende Metall» 
angeführt wird, bezeugen, daß es den Griechen gleichfalls früh fchon 
bekannt war. Später hatte Troja felbft eiferne Münzen. Übrigens ift 
die Bronze eine Mifchung von Metallen (im Grimmfchen Wörterbuche, 
wenig zutreffend, Meffing, fr. laiton, welches viel mehr Zink ent- 
hält, genannt), wie fie ähnlich oder als Erfatzmittel in der Natur 
nicht vorkommt und die der Menfch, je nach Zeit und Ort, bald 
aus Kupfer und Zinn, bald aus Kupfer, Zinn, Blei, Antimonium etc. 1 ] 
fich bereiten mußte. Selbftverftändlich fetzt dies eine Kenntnis der 
Zufammenfchmelzung voraus; denn während das reine Kupfer un- 
mittelbar durch den Hammer verarbeitet werden kann, ift die Bronze 
erft dem Guß zu unterwerfen. Das Roheifen ift aber nur von dem 
verbundenen Kohlenftoff größten Teiles zu trennen, um fchmiedbar 
zu werden; dies gefchieht durch vermehrte Zuführung atmofphäri- 
fchen Sauerftoffes, welcher den Kohlenftoff verbrennt und den zur 
Verarbeitung nötigen hohen Hitzegrad hervorbringt, was fogar den 
Kaffern nicht unbekannt; fie bedienen fich zur Zuleitung des Sauer- 
ftoffes der Schläuche. Da die Bereitung des Schmiedeeifens nur 
einen höheren Hitzegrad verlangt, welcher durch einen Strom atmo- 
fphärifchen Sauerftoffes leicht erreicht werden kann, fo ift es ein- 
leuchtend, daß die Bronze notwendig der Anwendung des Eifens 
nachfolgen mußte; denn diefes läßt fich auch ohne vollftändige 
Schmelzung bearbeiten. 

Erde, Holz, Knochen, Hörn, Tierhäute und Steine, die allerorten 
auf dem Erdball anzutreffen find, waren alfo die Stoffe, welche der 
Menfch urfprünglich zur Herftellung der ihm notwendigen Geräte 
und Waffen benutzte. Die Anwendung des Steines bei Verfertigung 
diefer Dinge reicht überall bis in die Kindheit der Völker zurück, 



*) Den Verfuchen des Verfaffers nach ift die fchneidige Härte der Bronze bei 
den Alten durch Beimifchung von Phosphor und durch Hämmern erlangt worden. 
Dr. Grofs hat im Neuenburger See (Schweiz) ein Schwert von Bronze gefunden, welchem 
felbft Eifen teile beigemifcht find. Verfchiedene im Norden Deutschlands aus Grä- 
bern (lammende Bronzewaffen bieten 85 Teile Kupfer und 15 Teile Zinn. 

Wie man aus Homers Dichtungen erfieht, kannten die Griechen im 10. Jahr- 
hundert v. Chr. noch nicht die Mittel, um der Bronze die ihr fpäter beigebrachte 
Widerftandsfähigkeit zu geben. Verfchiedentlich ift dies durch die Iliade f •llgeftellt. 
So zerfpringt das Schwert des Menelaus auf dem Helme des Paris und deffen Wurf- 
fpiefs biegt fich beim Anprall am Schild feines Feindes (G. III.). Auf Agamemnon« 
Schild biegt fich Kphidemas' Speer «wie Blei auf Silber» (G. XI.) u. dergl. 111. 



Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 



23 



und noch heutigen Tages befleht die Bewaffnung des Wilden aus 
den nämlichen kunftlofen Naturprodukten. Ja, es giebt fogar Länder, 
deren Bewohner, ungeachtet ihnen die Bearbeitung und Anwendung 
der Metalle zu anderen Zwecken wohl bekannt war, noch lange Zeit 
an der Verwendung des Steines für Angriffswaffen fefthielten. So 
gefchah es in Amerika vor der letzten Wieder-Entdeckung diefes 
Erdteils durch Kolumbus. Der Feuerftein, der Chalcedon, der Ser- 
pentin und vor allem der zerbrechliche fchwarze Obfidian, aus dem 
der Inka feine Spiegel zu fchneiden pflegte, wurden zur Anfertigung 
der Klingen von Speeren, Schwertern und Pfeilen, der Kriegsäxte 
und Meffer verwendet; nur Werkzeuge machte man dort aus Kupfer 
oder Bronze. 

In Europa reichen die fteinernen Waffen bis ins höchfte Altertum 
zurück und find ein Beweis mehr dafür, daß der Menfch fchon wäh- 
rend des dritten geologischen Zeitalters exiftiert haben muffe. Diefe 
Annahme ifl noch wefentlich unterftützt worden durch die Auffindung 
der in I lorn eingegrabenen Zeichnungen des Maftodon oder Mammut, 
fowie durch zahlreiche Knochen von Höhlenbären, welche, vermengt 
mit Beilen aus Feuerftein, in plutonifchen Erdfchichten aufgefunden 
wurden. Doch muß eine forgfältige Prüfung jener vertieften Zeich- 
nung erft den Verdacht von Fälfchungen befeitigt haben, ehe die 
Erörterung diefer Hypothefe ernftlich vorzunehmen ift. Auch genügt 
es nicht, daß diefe Knochen in alluvialen Diluvialfchichten ge- 
funden wurden, die Verwerfungen erlitten haben können, wie das die 
beweglichen Anhäufungen» ( «Depots -Meubles») darthun, fo ge- 
nannt, weil fie aus Stoffen und Gegenftänden verfchiedener Zeiten 
zufammengefetzt find. 

Der unverrückte, aufgelchwemmte alpige Grund — Diluvium 
alpium — enthält keine organischen Stoffe im Zuftande des Glutins- 
Offins Bertandteil, welches den nicht verfeinerten (foffilen) 
Knochen kennzeichnet. Alle aus Knochen dargeftellten Werkzeuge 
und Waffen, welche noch folches Knochenbein (Offin-Glutin) 
in fich fchließt und von angefchwemmtem Grunde (Alluvium) 
kommen, fowie alle aus Kiefelft einen gemachten Werkzeuge und 
Waffen, deren Abfchleifung nicht das Ergebnis eines Natur- 
prozeffes ift, reichen nicht bis zur Zeit der großen Wafferumwäl- 
zung hinauf, wo — fo wie jetzt noch am Meeresftrande — die Ab- 
rundung der Kiefelfteine durch das Rollen der Wogen bewerk- 
stelligt worden irt. 



24 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



Mahudel, im Jahre 1734, und Mercali waren die erften, welche 
in den bis dahin allgemein als Blitzfteine angefehenen und fo be- 
nannten roh behauenen Steinen, Waffen des vorfintflutlichen Menfchen 
erkannten. Die fpärlich aufgefundenen Dolche, Bolzen u. dergl. m. 
aus Renntiergeweihen, flammen von denfelben Diluvialmenfchen, 
befonders von den Höhlenbewohnern, darunter in Europa (Frankreich 
und Deutfchland), ab. 

Es würde unmöglich fein, das Vorgangsrecht eines Volkes vor 
dem andern hinfichtlich der erften Anfertigung diefer Gegenftände 
feftftellen zu wollen, da fie überall vorkommen. In Frankreich find von 
nur in Bruchflächen gefpaltene (ungefchliffene) Feuerfteinwaffen 
mit Knochen von Renntieren und foffilen Knochen vermengt, ge- 
funden worden, die einen wie die andern von Menfchenhand be- 
arbeitet und als Stiel dem Steine angepaßt, der flets die Schneide 
bildet, und deffen Bearbeitung ohne metallene Inftrumente und ätzende 
Säuren fich nur durch die geringe Schwierigkeit erklären läßt, mit 
der der frifch aus den Steinbrüchen geholte und den Ein- 
flüffen der Luft noch nicht ausgefetzte Feuerftein fich in 
langen Bruchflächen teilen läßt. Genaue Grenzlinien zwifchen den 
fogenannten Zeitaltern des rohen und des gefchliffenen Steines und 
felbft zwifchen der Stein- und der Bronzezeit laffen fich mit ebenfo 
geringer Sicherheit feftftellen wie alles, was auf die mehr oder weniger 
vorgefchichtlichen Zeiten Bezug hat. Beide Erzeugniffe, ja alle drei, 
find mit einander vermengt aufgefunden worden, was auf Übergangs- 
zeiten hindeutet. Die auf dem Gräberfelde zu Hallftatt bei Ifchl 1 ), wo 
über 1000 Gräber geöffnet worden find, ftattgefundenen Ausgrabungen 
haben fteinerne, bronzene, eiferne, ja felbft mit Bronze verzierte 
eiferne Waffen und Werkzeuge zu Tage gefördert, welche teil weife 
in einem und demfelben Grabe beifammen lagen. Die Küchenabfalle 
(Kjökkenmöddings) Dänemarks wie die in den Pfahlbauten der Schweiz, 
Savoyens, des Großherzogtums Baden, Mecklenburgs (Wismar u. a.) 
u. dergl. m. 2 ) gefundenen Gegenftände können, obwohl fie alle im 
aufgefchwemmten Erdreich (Alluvium) gefunden worden find, doch 



] ) Wieder von einigen Gelehrten den unfindbaren Kelten (!!) zugefcbrieben. 

-) Der Einbaum (aus einem Haumftamme gezimmertes Boot) in Eichenholz, 
welcher in den Wähnen unter Torflagern gefunden worden und im Kölner Mufeum auf- 
bewahrt ilt. ebenfo wie neun bei Mainz aufgedeckte Pfahle berechtigen anzunehmen, 
dafs auch im deutfchrn Rheine Pfahlbauten beilanden haben. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



25 



ßtenteils mit Beftimmtheit dem fogenannten Zeitalter des reinen 
Steines zuerkannt werden, wo die Waffen und Gerätfchaften noch 
keine Spur von Metall aufweifen, während die Pfahlbauten bei No- 
ceto, zu Caftiana, bei Parma und in Pefchiera dem des fogenannten 
Bronzealters entfprechenden Zeiträume angehören. 

Von allen Steinwaffen der Urzeit find es befonders die in Däne- 
mark gefundenen und jetzt in Deutfchland häufig nachgemachten, 
welche die meifte Vollendung zeigen; fie fcheinen, feltfam genug, an- 
zudeuten , daß die Gefittung dazumal mehr im Norden wie in den 
mittleren Teilen Europas vorgefchritten war. Es ift indes wohl zu 
berückfichtigen, daß diefe in aufgefchwemmten Schichten 1 ) gefun- 
denen Waffen jünger lind als die der Höhlen und der Ablagerungen 
der Diluvial- oder Quartär-Schichten. 2 ) 

Die gefchliffenen Stein waffen beftehen zumeift aus Serpentin - 
Granit, einem Stein von geringer Härte, wenngleich härter als der 
Serpentin. Außerdem finden fich Waffen aus Chalcedon, Bafalt, 
Jafpis und Nephrit in verfchiedenen Farben. Der in der Auvergne 
fo häufig vorkommende Jadac, ehedem zur Anfertigung von Amu- 
letten gegen Rückgratkrankheiten benutzt, weshalb er auch Nephrit 
Nierenftein) genannt ilt, wurde ebenfalls zu Waffen und Werkzeugen 
Verwandt Vermutlich waren die Talismane oder Siegerfteine der 
fkandinavifchen Sögur (Sagas) nichts anderes als Serpentin. Bei 
den keilförmigen Stückchen, die zu klein find, um als Waffe oder 
Werkzeug gedient zu haben, fcheint das häufig am breiten Teil vor- 
kommende Loch, das Öhr der Schnur zu fein, an welcher man den 
Talisman um den Hals trug. Im Norden find diefe Steine ftets 
grün, eine Farbe, die für die teutonifchen Völker etwas Sym- 
pathifches und Symbolifches gehabt haben muß, da fie fich fpäterhin 
vorherrfchend in ihren Schmelzarbeiten und Buchmalereien wieder- 
findet, während das Blau fich in den gleichen Erzeugniffen gallifchen 
und franzöfifchen Urfprungs befonders bemerkbar macht. 

Die Amulette in Hammerform, ja einige Hämmer felbft, waren 
dem Donner- und Kriegsgotte Thor geheiligt. Die fogenannten 
Donnerkeile oder Teufelsfinger, welche befonders häufig im Lehm 



a ) Anfchwemmungen und Ablagerungen vermitteln des WafTers. «Recente- 
alluvium». 

'-) Ablagerungen der Eiszejt des jüngften der neuern Zeit vorangegangenen 

Abfchnittes. 



2(5 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

der Mark Brandenburg gefunden werden, find aber verfeinerte Blem- 
niten, alfo keine menfchlichen Erzeugniffe. 

Die Vorzeit des klaffifchen Altertums fcheint überall, wie bereits 
angeführt, gleichzeitig Waffen aus Stein, Bronze und Eifen gekannt 
zu haben, denn die Mufeen in London und Berlin enthalten mehrere 
fehr alte Stücke ägyptifchen und affyrifchen Urfprungs. 

Die Waffen aus Bronze werden ebenfo häufig im Norden wie 
auf klaffifchem Boden gefunden. Vielleicht find davon dem Abend- 
lande durch orientalifche Völker zugeführt worden, da fich die Waffen 
der fogenannten Bronzezeit unter einander mehr ähneln als diejenigen 
der andern Zeitalter. Auch begegnen, in den fkandinavifchen Sagas, 
die Eroberer den noch auf fteinerne Waffen angewiefenen Völkern 
mit Geringfehätzung und nennen fie «Erdteufel». Selbft nachdem 
Cäfar Gallien erobert hatte, hörte der Gebrauch der Bronzewaffen 
in diefem Lande noch nicht vollftändig auf und es läßt fich wohl be- 
haupten, daß zu den Erfolgen der Franken das Übergewicht der 
eifern en Waffen ebenfo beitrug, wie es vordem die Siege der Römer 
da begünftigt hatte. 

Wenn Tacitus (54 — 134 n. Chr.) über die Germanen in feiner 
Germania (al. 6) folgendes fchreibt: «Nicht einmal Eifen (?) ver- 
arbeiten fie, wie dies aus der allgemeinen Art ihrer Waffen hervor- 
geht. Wenige haben Schwerter oder größere Lanzen; fie führen nur 
Speere oder, nach ihrer eigenen Benennung, Framen mit einem 
knappen und kurzen Eifen (?). Mit diefer nämlichen Waffe kämpfen 
fie fowohl in der Ferne wie im Handgemenge», fo zeigt dies fowohl 
Widerfpruch wie große Oberflächlichkeit des römifchen Schriftstellers, 
da ja in vielen Mufeen Mengen folcher und anderartiger germani- 
fcher Eifenwaffen, aber gar keine gallifchen Eifenwafffen aus 
diefer Zeit vorhanden find, was auch wieder die echte germanifche 
Schwäche verfchiedener deutfeher Altertumsforfcher für Zufchrei- 
bungen von deutfehen Erzeugniffen an die unfindbaren Kelten feit- 
11 eilt; Mengen davon muffen ja immer wieder als keltische Erzeug- 
niffe gelten. 

Tacitus, welcher keine Kelten anführt und die Germanen als 
Urbewohner bezeichnet, muß dabei eingeftehen, daß der von 
den Römern gegen die Germanen bereits feit 210 Jahren ge- 
führte Krieg diefelben immer noch nicht unterworfen hatte. Nicht 
die Funier>i fchreibt er, «nicht die Samnier, nicht Spanien und Gallien, 
felbft nicht die Parther haben uns fo widerftanden. Schärfer freilich 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



27 



als Arfaces' (f 254 n. Chr.) königliche Macht ift die Freiheit der 
Germanen. Sie, die den Carlo und Scaurus Aurelius und Servilius 
Cäpio, auch M. Manlius fchlugen oder zu Gefangenen machten, haben 
fünf konfularifche Heere dem römifchen Volke zugleich, den Varus 
und unter ihm drei Legionen selbft dem Cäfar entriffen. — Capus 
Cäfars gewaltige Drohungen find zum Spott geworden, als die Ger- 
manen der Legionen Standlager erftürmten und felbft nach Gallien 
griffen; in der nächften Zeit find fie mehr vom Triumph als in der 
Schlacht befiegt worden.» 

Bei der fchon fo vorgerückten Ausrültung der Römer konnte 
die Tapferkeit der Germanen allein nicht zu folchcn Ergebniffen 
führen, ihre Bewaffnung mußte auch fchon eine bedeutend ver- 
befferte fein. 

Um nun die europäifchen Waffen aus diefen Zeiträumen, deren 
Erzeugnilie fich fo ähnlich fehen und zwifchen denen fo häufig Über- 
gangsperioden auftreten, chronologifch ordnen zu können, muß man 
vor allem die Anlage und Ausstattung der verfchiedenen Gräber 
kennen. 

Die alterten haben als Mitgaben weder Stein- oder Thongebilde, 
noch Metallgegenltände; nur folche aus Holz, Knochen, Ge- 
weihen oder Tierzähnen. — Die hierbei feiten aufgefundenen 
Skelette find meift in hockender Stellung beerdigt und haben mehr 
flache Schädel. Sehr erhabene, von mehr oder weniger riefigen 
Steinen (fr. Dolmen, engl. Cremlech, dän. Strendyfer) umgebene und 
überragte Grabhügel (Hünengräber), deren gewöhnlich mit Stein- 
platten gelchloffene Höhlung keine verbrannten Knochen und 
nur fteinerne Waffen enthält, können als fehr alte Gräber angefehen 
werden. 

Eine zweite Kategorie kennzeichnet fich meiftens durch einen 
weniger erhöhten Grabhügel, durch das Fehlen großer Stein- 
blöcke , wie durch eine aus rohen Steinen , von geringem Um- 
fange, kunftlos dargeftellte Höhlung (die Kegelgräber im Norden 
Deutschlands) ; ferner durch die Urne, welche auf Verbrennung 1 ) 

') Wenn Tacitus in feiner Germania (al. 27) allein von Leichenverbrennung 
berichtet, fo beweift dies keineswegs, dafs, wie bei den Römern, teilweife auch fchon 
bei verfchiedenen deutfehen Stämmen das Begraben der Leichen ftattfand. 

Bei den Sachfen allein war die Leichenverbrennung felbft noch im 8. Jahrhun- 
dert fo allgemein gebräuchlich, dafs Karl d. Gr. diefelbe, fowie das Htt gelbedecken 
der Gräber, bei Todesftrafe den Sachfen verbot (Capitulare paderbrunnense, 785). 



23 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

der Leichen hindeutet. Hier findet man gewöhnlich bronzene Er- 
zeugniffe, auch wohl Gegenftände aus Gold und Bern ft ein, aber 
weder Eifen noch Silber. 

Die noch weniger erhöhten Gräber, die faft gänzlich aus 
Erde be flehen, gehören dem dritten Zeitabfchnitte an, wo die Ver- 
brennung wieder wegfallt und ftatt ihrer die Beerdigung aufs neue 
eintritt, wo auch die Grabfelder nicht feiten von Norden nach Süden 
liegende Friedhöfe bilden. Diefe Gräber enthalten auch Gegenftände 
aus Eifen, Silber und Glas. 

Sofern es fich um Waffen aus dem Altertum handelt, find vor 
allem die Denkmale der Ägypter, Affyrer, Perfer und Inder in Be- 
tracht zu ziehen. Die Bibel, welche Tubal-Kain als den erften der Metall- 
bearbeitung kundigen Menfchen anführt, enthält befonders eine Stelle 
(Samuel, 17), welche die jüdifche und philifläifche Bewaffnung kennen 
lehrt: «Ein Mann ging hervor aus dem Lager der Philifter, Goliath 
mit Namen, der trug einen Helm, einen Schuppenpanzer, Beinfchienen 
und einen Spieß, alles von Erz.» In ähnlicher Weife ift der jüdifche 
König Saul mit ehernem Helm und Panzer gerüftet. Das Musee 
judaique im Louvre bietet nichts als einige in Bethlehem gefundene 
Bruchftücke von drei- und vierkantigen nur glattgefpaltenen , nicht 
gefchliffenen Mefferklingen aus Feuerftein, wovon 
hier verkleinert eine Durchmeffer-Abbildung. Die 
erften Spuren eines fchon geordneten Kriegswefens 
finden fich in der Gefchichte Ägyptens vor, man erfieht hier, daß be- 
reits Sefoftris, 2275 v. Chr., ein wohl eingefchultes Heer befaß. 

Bei wenigen Völkern des alten Morgenlandes ift man aber über 
die Bewaffnung genauer unterrichtet, wie bei den Affyrern. Die 
umfänglichen, von dem reichften Erfolg gekrönten Ausgrabungen der 
letzten vier Decennien auf den Trümmerftätten am Euphrat und Tigris 
haben einen überrafchenden Einblick eröffnet in entlegene Zeiten, 
die bis dahin vor unfer Auge mit dem Staub und Schutt der Jahr- 
taufende tief überfchüttet, durch die Trugbilder der Sagen von Ninus 




Teilweife fcheint fich die Cremation bis ins 13. Jahrhundert in Deutfchland erhalten 
zu haben, da der deutfche Orden 1249 fich veranlafst fah, gegen die Leichenverbren- 
nung aufzutreten. 

Xu bemerken ift noch, dafs die Ausftattungen von Beigaben — Wallen. 
Gefäfse, Schmuck u. dergl. m. — , welche noch bis Ende des Merovingifchen 
Z>- i tabfchnitts bei den Franken überall in den Gräbern gebräuchlich waren, durch- 
aus nicht mehr in der Karlingifchen Epoche ftattfanden. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



29 



und Semiramis, von Sardanapal und Arbaces bis zur Unkenntlickeit 
getrübt waren. Das Britifche Mufeum und das Louvre, die Samm- 
lungen zh Berlin, München und Zürich befitzen, teils im Original, 
teils im Abguß, zahlreiche Denkmale aus Babylonien und noch mehr 
aus Affyrien, insbefondere eine Menge von den Flachbildnereien, mit 
welchen die kriegsluftigen Könige die Wände ihrer weiten Paläfte 
in Niniveh zur Verherrlichung ihrer Thaten, am liebften ihrer Feld- 
züge und Eroberungen, zu fchmücken pflegten. Dem darfteilenden 
Bilde tritt für den Leichtgläubigen das erklärende Wort (?) zur Seite. 
Dir fchwierige Schrift will man entziffert haben, ja nunmehr Herr- 
fcher und Ereignifle feftftellen, die bis zu 2800 und felbfl 3800 
v. Chr hinaufreichen. 1 ) Und nicht bloß Babylonien und Affyrien find 
fo aus ihrem Grabe neu erftanden, auch auf die Gefchichte aller 
umliegenden Völker, fo der Meder und Perfer im Often, der Syrer 
und Kleinafiaten im Werten, fallen vielfach merkwürdige Streif- 
lichter. (?) 

Niniveh war, wie wir jetzt willen wollen, nichts anderes als 
eine Kolonie von Babylon — diefes vielleicht 2500, jenes um 1900 
v. Chr. gegründet — , und fo wäre denn auch die gefamte Kultur 
und insbefondere die Bewaffnung hier wie dort ganz diefelbe gewefen. 

Die Affyrer mögen alfo ein vollkommen geordnetes Heerwefen 
gelteilt haben, wohl gegliedert in verfchiedene Abteilungen, wohl 
gerüftet mit Waffen zu Schutz und Trutz. Die Schwerbewaffneten 
trugen einen kegelförmigen Spitzhelm mit Sturmbändern, manchmal 
auch mit Schiebplatten, oder eine zum Helm umgeformte Eifenkappe 
mit hohem Kamm; ferner einen Waffenrock aus Leder, wohl aus 
Büffelhaut, mit Stahlplatten auf der Bruft, oder einen gefteppten 
Rock mit eifernen oder bronzenen Schuppen. Reichte der Rock 
nur bis zum Knie, fo fchloffen fich Schuppenhofen und Schnürftiefel 
an ihn an. Der Schild war rund oder oval, manchmal bis zur Halb- 
kreisform gewölbt, aus Leder oder Metall, wohl auch aus Holz ge- 
fertigt. Als Angriffswaffen dienten der kurze Speer, das gerade oder 
gekrümmte Schwert, das an einem Wehrgehenke auf der linken 
Seite hing, der reich verzierte Dolch im Gürtel, oft auch die 
Streitaxt oder der Streitkolben mit eifernen Spitzen. Das 
leichte Fußvolk, die Bogenfchützen und Schleuderer, hatten einen 



') S. Über den Zweifel dieler Keilfchrift- Entzifferung die Bemerkung S. 69 in 
des Verfaffers «Encyklopädie des Beaux-arts plaftiques e'.c.» 



oq Abrifs der Gcfchichte der Waffen. 

einfacheren Helm oder auch nur eine lederne oder metallene Stirn- 
binde, wie fpäter manchmal auch wohl die fränkifchen Krieger. In 
der Schlacht bilden die Schwerbewaffneten das erfte und zweite Glied 
in knieender oder etwas gebückter Stellung, damit die Bogenfchützen 
und hinter diefen noch die Schleuderer, über die Vormänner hinweg- 
fchießen konnten. 

Eine weitere Abteilung des Heeres waren die Streitwagen- 
kämpfer, die Bogen, Speer und Streitaxt führten, und zu denen auch 
der König und die Anführer gehörten. In der Regel läuft neben 
dem reich gefchirrten Zweigefpann noch ein Erfatzpferd her. Auf 
dem zweirädrigen Wagen flehen meift drei Männer: der Wagen- 
lenker, der Bogenfchütze und der Schildträger, alle mit Panzerhemden, 
die nur die Arme freilaffen, und mit Schuppenbeinkleidern verfehen. 
Zuweilen ift auch das Pferd vom Kopfe bis zum Schwanz durch 
einen vollftändigen Lederpanzer gefchützt. — Endlich war noch zahl- 
reiche Reiterei vorhanden, die einen langen Speer oder den Bogen* 
feiten einen Schild, dafür aber ein kurzes Mafchenpanzerhemd mit 
Hinterfchurz trugen. Sattel und Sporen fehlten anfänglich, und Steig- 
bügel kannten die Alten überhaupt nicht. 

Vielfach find auf den affyrifchen Flachbildnereien Belagerungen 
dargeftellt. Neben Einfchließungswällen und Minen werden vor allem 
die Sturmböcke mit dickem eifernen Knopf oder speerförmiger Spitze 
angewendet; fie befinden fich in vierrädrigen, mit Fellen auch Flecht- 
werk bedeckten Wagengeftellen oder im unteren Stockwerk eines 
beweglichen hölzernen Turmes, und werden oft auf einem fchief auf- 
gefchütteten Damm herangefchoben. Weiter fieht man Mafchinen 
zum Schleudern von Wurfgefchoffen, um Breche in die Mauern zu 
legen oder die Verteidiger von weitem zu treffen, alfo Bailiften 
und Katapulten, deren Erfindung den Affyrern zugefchrieben wird. 
In der Form weichen diefe Mafchinen von den griechifchen und r<>- 
mifchen wenig ab. Die Belagerten fuchen mit Pfeilen, Steinen und 
Feuerbränden fich zu wehren, oder auch den Sturmbock mit Ketten 
oder Seilen aufzufangen. Bei dem Sturm auf die Feftung klimmen 
die Schwerbewaffneten, das Schwert an der Seite, in der Linken den 
Schild, in der Rechten den Speer, auf Leitern, während die Bogen- 
fchützen unter dem Schutz von mannshohen Schilden mit gekrümmter 
Spitze oder mit einer Art Dach, einen Pfeilregen gegen die Feinde 
auf der Mauer entfenden. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. -i I 

Wie Babylonier und Affyrier fich in ihrer kriegerifchen Rüftung 
nicht von einander unterschieden haben, obwohl die weitere Ausbil- 
dung des Heerwefens den letzteren zukommt, fo werden auch me- 
difche und perfifche Bewaffnung in allem Wefentlichen gleich 
gewefen fein. Doch befitzt man über jene gar keine monumentale 
Darrtellungen, über diele nur wenig Flachbildnereien, namentlich zu 
Perfepolis, der von Darius Hyftafpis (521 — 485) gegründeten und 
von feinen Nachfolgern vergrößerten Burg und Grabrtätte der Acha- 
meniden (558 — 330); aber auch darunter keine kriegerifchen Scenen, 
fondern nur feierliche Aufzüge von Bewaffneten bei Hofe. Der 
Perfer führt da neben dem Schwert und dem breiten Dolchmeffer 
den kurzen Speer, die Streitaxt oder die Schleuder, am hüufigrten 
aber den Bogen. An die Stelle der Kappe, die faft die Form des 
Faltenhuts der franzöfifchen Magiftratsperfonen hatte, trat im Laufe 
der Zeit der metallene Helm mit Feder- oder Roßhaarbufch, Sturm- 
band, über einander gelegten Schiebplatten, vielleicht auch mit be- 
weglichem Vilier. Der Waffenrock, wie die Hofe aus Leder, wurde 
immer mehr mit eifernen Schuppen bedeckt oder durch Brurtplatten 
verwahrt. Darüber zogen die Großen ein Purpurgewand an. Der 
ovale oder auch länglich viereckige Schild war aus Flechtwerk, mit 
Leder überzogen. Mit Vorliebe fochten die Perfer zu Pferd, nach 
dem Vorgang der Meder, deren Land die Heimat der edelften Roffe 
war. Die Reiterei trug entweder eine fchwere Rüftung oder einen 
leichten Schuppenpanzer. Auch die Pferde waren oft durch Stirn- 
und Brurtplatten oder durch eine vollftändige Lederdecke gefchützt. 
1 >er König kämpfte nach alter Sitte, die ebenfo in Affyrien, wie in 
Syrien und Ägypten beftand, meift vom Streitwagen herab, den 
Bogen in der Hand, im vollen Schmuck. Die Perfer find vielleicht 
auch die Erfinder des Senfen- oder Sichel wagens, bei dem an der 
Spitze der Deichfei, mitunter auch am Wagenkarten, immer aber an 
der Achfe, fcharfe, fichelförmige Eilen angebracht waren. Auch die 
zahlreichen Mithrasdenkmale , welche den Gott in phrygifcher Mütze 
oder Glockenhelm nach etruskifcher Form und mit kurzem Dolch 
zeigen, wollte man fchon zu Rekonftruktionen altperfifcher Bewaffnung 
benutzen; allein diefelben (lammen aus viel fpäterer Zeit, meift erft 
aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. — Unter den Neu-Perfern, den 
Arfaciden (250 v. Chr. — 226 n. Chr.) und SalTaniden (226 — 651) 
war die fchwere Reiterei felbft berühmt Der befiederte Stahl- 
helm mit Vifier, der Kettenpanzer von Kopf bis zu Fuß, der kleine 



32 



Abrifs der Gefchichte der Walten. 



Schild, der eingelegte Speer, Gefchirr und Panzerung der Rolfe, alles 
erinnert da an die Rittergeftalten ausgangs des Mittelalters. Ein ge- 
wölbter Bronzehelm der Saffanidenzeit (im Britifchen Mufeum) hat 
viele Ähnlichkeit mit dem deutfehen Glockenhelm des 10. Jahr- 
hunderts. 

Was die Ausrüstung der von den Indern, AlTyrern, Perfern wie 
fpäter von den Griechen und Römern im Kriege benutzten Ele- 
fanten anbelangt, fo ift Sicheres darüber nicht vorhanden. Die 
Form des Turmes, welcher das Hauptausrüftungsftück der Kriegs- 
elefanten war, mag einigermaßen bekannt fein, aber die plaftifchen 
Darftellungen deffelben an oftindifchen Tempeln find noch nicht auf- 
genommen und außer ihnen hat kein Denkmal eine Darftellung des- 
felben überliefert. («S. weiteres darüber S. 439 im Handbuch der 
bildenden und gewerblichen Kunft» des Verfaffers — Leipzig, bei 
K. Scholtze, fowie « Armandie», His. Mil. des Elephants. Paris 1843). 



Seit der Eroberung des Landes durch die Araber (651) unter 
mohammedanifchen und mongolifchen Herrfchern nimmt die neuper- 
fifche Bewaffnung einen mufelmännifchen Charakter an. Während 
der Regierung der Dynaftie der Sophis (1501 — 1736) haben die per- 
fifchen Waffen kaum in den Formen gewechfelt und gleichen fich 
alle. Die Buchmalereien einer von Anfang des 17. Jahrhunderts 
tagzeichnenden Abfchrift des Sahah Nameh (Heldenbuch), das den 
Dichter Firdufi (999) zum Verfaffer hat und fich in der Bibliothek 
zu München befindet, zeigen diefelben Formen der Helme und die- 
felben Waffen, welche man heute noch in Perfien findet. Von dorther 
ift auch der türkifche Krummfäbel zu uns gekommen, deffen fran- 
zöfifcher Name (eimiterre) aus dem perfifchen chimichir oder 
chimchir abgeleitet wurde; in Deutfchland nannte man diefe Waffe 
auch wohl Seymitar. Der römifche Krummfäbel (acinaces), ein 
Urahne des deutfehen Säbels, der fchon bei den Daciern und 
am linken Ufer des Rheins im 4. Jahrhundert bekannt war, wurde 
in dem übrigen Mittel -Europa nach dem erften Kreuzzuge ein- 
geführt 

Ohne weitere Berückfichtigung des mythifchen Altertums, in 
welches die Hindu ihren Urfprung und ihre Gefchichte verlegen. 
möchte es doch wohl zuläffig fein, die erfle bekannte Dynaftie ihrer 
Könige, der mehre, nur aus den Niederfchlägen ihrer poetifchen Litte- 
ratur einigermaßen bekannte Gefittungs-Zeitabfchnitte vorausgingen, 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



33 



ins Jahr 1500 v. Chr. zu verfetzen. Es ifl zu beklagen, daß die 
englifchen Statthalter, welche in Indien auf einander folgten, nicht 
mehr von den zahlreichen und großartigen Überreften einer alten 
Gefittung gefammelt haben, mit denen der Boden noch jetzt bedeckt 
ift. Die wenigen in dem Britifchen und dem South-Kenfington-Mu- 
feum aufbewahrten Bildwerke find unzulänglich, und weder das Louvre- 
noch das Berliner Mufeum befitzen etwas von diefen fonderbaren ge- 
drehten und gewundenen Figuren im Gefchmack der kirchlichen 
Bildwerke der Rococozeit vom Ende des 17. und Anfang des 18. 
Jahrhunderts. Keins der altindifchen Denkmale und Baurefte reicht 
aber über die Zeit des Buddhismus, dem 542 v. Chr. geftorbenen 
vierten Buddha, wenn nicht felbft nur bis 250 v. Chr., der Regie- 
rungszeit des Königs Afoka, hinauf. Es find demnach keine Denk- 
male vorhanden, die dem Studium über die Bewaffnung der alten 
Inder zur Grundlage dienen könnten. Im South -Kenfington -Mufeum 
ausliegende Photographien einer Anzahl Baurefte von Tempeln, 
Palälten und in Granit gehauenen Denkfteinen, zeigen, daß die Inder 
ihre Kriegsthaten nicht auf Bauwerken zu verherrlichen pflegten. 
Unter den Bildnereien find es nur die wenigen Steine von Ben- 
januggur, die Hunguls, welche kriegerifche Scenen zur Darftellung 
bringen, und diefe reichen auch, mit einer Ausnahme nur, nicht weiter, 
als bis zu dem der erften Hälfte des chriftlichen Mittelalters ungefähr 
entfprechenden Zeiträume. In Indien felbft find wohl öfters (wie zu 
Ellora) Götterkämpfe, aber äußerft feiten menfehliche Kriegsauftritte 
dargeltellt worden. Solche finden fich nur zu Sanchi in Central- 
indien. Es find Flachbildnereien, welche die Portale eines Tope, 
d. h. buddhiftifchen Grabhügels fchmücken, die aber auch nur 
wenige Jahrhunderte hinaufreichen. 

Der Vorwurf ftellt die Belagerung einer Stadt dar, mit Zügen 
von Fußvolk und auf Roß und Elefant reitenden Anführern. Pfeile 
und Steine find hier die Wurfgefchoffe. 

Außerdem befitzt man faft nur noch, im Mufeum zu Perufcha- 
pura-Pofchara, die weiterhin, im Abfchnitte der Hindu-Bewaffnung 
abgebildete Gruppe, welche fehr verworren Krieger ohne Helme 
und in Schuppenpanzer darfteilt. Bekannt ift fonft, daß die alten 
Inder, außer dem Bogen, auch Wurfkeulen und YVurffchei- 
ben, wie folche heute noch die Siks, als Gefchoffe handhabten, 
fowie mit fechs Mann befetzte Streitwagen im Kriegsgebrauch 
hatten. 

Dem min, Waffenkunde. 3. Aufl. 3 



34 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



Die Figuren des oben befchriebenen Topes Hellen feft, daß die 
Bewaffnung der Hindu fich bezüglich ihrer Angriffswaffen wenig ge- 
ändert hat; nur mit dem Helme ift eine gründliche Änderung vor- 
gegangen feit dem Anfange des 14. Jahrhunderts unferer Zeitrech- 
nung, als der arabifche Gefchmack anfing, eine Rückwirkung auf 
diejenigen Elemente auszuüben, die ihm felbft zuvor eine andere 
Richtung gegeben hatten. Was Java anbelangt, fo vermag allein das 
fchöne Standbild der Kriegsgöttin im Berliner Mufeum, des Schwertes 
wegen, einen fchwachen Anhalt für die ehemalige Bewaffnung der 
altzeitigen Bewohner diefer Infel zu geben. 

Obfchon Ägypten chronologifch vor Babylon einzureihen ift, 
fo nimmt das Land in der Gefchichte der Waffen doch eine fo 
untergeordnete Stellung ein, daß es geraten erfchien, die affyrifche 
Waffe vorgehen zu laffen. 

Ägypten, deffen Bewohner fich von Haufe aus mehr dem Acker- 
bau und den Wiffenfchaften als dem Kriegsleben zuneigten, weift in 
feinen Denkmalen viel weniger kriegerifche Scenen als die der Affyrer 
auf, namentlich in den Zeiten des alten Reiches (4000 — 2200 v. Chr.). 
Indeffen reichen die Flachbildnereien von Theben und anderen Orten 
im Verein mit den Waffen, die im Original in den Mufeen zu Paris, 
London, Berlin u. f. w. aufbewahrt werden, immerhin aus, um eine 
ziemlich genaue Vorftellung von dem ägyptifchen Kriegswefen zu 
gewinnen. Man fieht das Fußvolk bei Trompeten- und Trommel- 
klang mit verfchiedenen Feldzeichen in vortrefflicher Ordnung einher- 
marfchieren. Die Schwerbewaffneten, oft in eine Phalanx zufammen- 
gedrängt, führen Speer, Streitaxt, Schwert oder Dolch und großen 
Schild; die Bogenfchützen, denen die Schleuderer zur Seite flehen, 
find noch mit Beil, Sichelfchwert oder hölzerner Wurfkeule nebfl 
kleinem Schild verfehen. Seit den glänzenden Tagen der 18. und 
19. Dynaftie (1600 — 1300 v. Chr.), unter denen das Pferd überhaupt 
erft genannt wird, bilden die Wagenkämpfer, den König an ihrer 
Spitze, den erlefenften Teil des Heeres. Die zweiräderigen Wagen 
find von vortrefflicher Arbeit und mit mancherlei Zierat gefchmückt. 
Das edle Gefpann trägt reiches Gefchirr, öfters Decke und wallenden 
Federbufch. Nach dem Xenophon zugefchriebenen .not i.t.i/ 
(Kap. II, A 9 — 1 1) fchützten die Ägypter um 400 v. Chr. ihre Wagen- 
pferde mit doppelten gefteppten Decken, die an Kopf und Hals noch 
mit Metall befetzt waren. Dagegen kommen Reiter auf Denkmalen nur 
äußerft feiten vor. Auch im Feftungsbau waren die Ägypter bewandert. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



35 



Betrachtet man die einzelnen Waffen näher, fo ift fichtlich der 
Speer zum Stoß wie zum Wurf gebraucht worden. Die Schwert- 
klingen beftehen, wie die in blauer Farbe auf Wandgemälden ab- 
gebildeten zeigen, in der Regel aus Eifen. Ein zweifchneidiger 
Dolch aus Bronze im Berliner Mufeum mag in hohes Altertum 
zurückreichen, während die wenigen Dolche aus demfelben Metall 
im Louvre durch ihre Form auf griechifchen Urfprung hinzudeuten 
fcheinen, wiewohl fie in Ägypten gefunden wurden. Die Schwert- 
feheide umgiebt gewöhnlich nur die nach vorn zu gekehrte Seite 
des Schwertes; an die Stelle der gekrümmten Wurfkeule trat fpäter 
die gerade, eiferne Stabkeule, am oberen Ende mit Metallkugel, am 
unteren mit einem Haken zum Handfchutz (oder zum Faffen der 
Waffe des Gegners?) verfehen. Eine andere eigentümliche Waffe ift 
das lern, eine Keulenftreitaxt mit gekrümmter Schneide, welcher eine 
oben hinzugefügte Kugel zugleich die Wucht einer Keule gab. Der 
Bogen ift manchmal fo groß, daß der Schütze beim Spannen das 
eine Ende mit dem Fuß auf dem Boden fefthalten muß, um das 
andere mit der Hand niederzudrücken. Die Pfeile beftehen aus Rohr 
und haben eine Gabel zum Auffetzen auf die Sehne; die Spitze ift 
aus Elfen oder Erz, wohl auch aus Stein. Der Schild, der öfters 
fall Manneshöhe hat, unten viereckig, oben abgerundet, ift mit einem 
durch einen Deckel verfchließbaren Loch verfehen, um den Feind, 
ohne fich felbft bloß zu ftellen, beobachten zu können. Zum Kopf- 
fchutz dient bei dem Könige ein hoher Helm, mit der Königs- 
fchlange geziert; fonft in der Regel eine anliegende Kappe aus Leder 
oder Filz, oder auch einfach eine Zeughaube mit öder ohne Trod- 
deln, die mit der Schellenkappe des Narren im Mittelalter oder 
mit dem Helm des indifchen Hungul Ähnlichkeit hat. 1 ) Den Leib 
deckt ein Lederpanzer, oft mit breiten Metallbändern. Der König trägt 
ein Panzerhemd aus buntfarbigen Metallfchuppen. Priffe d'Avesnes 
in feinen ägyptifchen Denkmalen giebt die Zeichnung eines folchen, 
das nach der Infchrift auf einer der Bronzefchuppen die, 20 — 25 cm 
meffen, aus der Zeit der 18. Dynaftie (ca. 1400 v. Chr.) ftammt. Das 
Panzerhemd aus Krokodilshaut im Belvedere zu Wien mag auch fehr 
alt fein. Arm- und Beinfchienen aus Erz find ein Vorzug des Königs 



x ) Im Mufeum zu Leyden befindet lieh ein deutfeher Helm aus dem 12. Jahr- 
hundert, welcher irrtümlich da den Ägyptern zugefchrieben ift und auf eines Mummen- 
haupte (!) gefunden fein füll. 

3* 



36 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



und feiner vornehmften Krieger. Auf einem Relief zu Theben trägt 
ein verwundeter Krieger eine Art Kapuze, ohne daß man jedoch 
angeben kann, ob diefes Stück zu der kriegerifchen Rüftung oder 
zu der gewöhnlichen Kleidung gehörte. 



Von den alten Arabern ift hinfichtlieh ihrer Ausrüftung fall: 
gar nichts bekannt. Man weiß nur, daß bis zu Mohammeds Regie- 
rung Pferde faft gar nicht vorhanden waren und das Kamel, welches 
gänzlich das Pferd erfetzte, gemeinlich zwei Bogenfchützen trug. 
Hinfichtlieh der fpäteren arabifchen Waffen, ift der Lefer aufs Re- 
gifter vervviefen. 



Obfchon die Chinefen ihrer Gefchichte ein noch viel unwahr- 
fcheinlicheres Alter als die Oftindier der ihrigen zufchreiben, aber 
doch wohl den Anfpruch erheben können, daß ihre Gefittung zu den 
älteften gehört, fo bieten ihre Waffen, obfchon nicht recht künft- 
lerifch behandelt, für den Sammler und Altertumsforfcher 
wenig Reiz, ebenfo wie die Japans, deffen Gefchichte erft mit dem 
Jahre 667 v. Chr. beginnt und wo von den bis jetzt 122 fich fol- 
genden «Mikados» der erfte 585 v. Chr. zur Herrfchaft gelangt. 

Wie überall faft im Morgenlande, zeigen fich die Formen der 
chinefifchen und japanifchen Waffen unverändert Jahrhunderte hin- 
durch, weshalb alle folche Waffen von viel geringerem Intereffe als 
die europäifchen find, wo wechfelnder Formenreichtum dem Studium 
kriegerifcher Ausrüftungen gefchichtlicher, ja felbft vorgefchichtlicher 
Zeitabschnitte ein weites Feld darbietet. Es wäre deshalb über- 
flüffig, diefe wie alle andere folche orientalifchen Waffen (indifchen, 
türkifchen u. dergl. m.) im befonderen Abfchnitte zu behandeln. Jede 
Gattung davon befindet fich in den Sonderabfchnitten der Waffen- 
arten chronologisch eingereiht und im Verzeichnis angeführt. 



Was die Bewaffnung der Phönicier betrifft, fo haben Nach- 
grabungen in den Trümmern ihrer Städte felbft keine Ergebniffe 
geliefert. Doch ift aus ägyptifchen Denkmalen bekannt, daß die 
Syrer fchon im 16. Jahrhundert einem Pharao u. a. Kriegswagen, 
Rüftungen, Helme und Streitäxte als Tribut abzuliefern hatten. Ferner 
find auf Infein des ägyptifchen Meeres und in den neuerfchloffenen Grä- 
bern von Mykenä phönieifche Waffen aus Kupfer und Erz gefunden 
worden. Kadmos, der niythifche Gründer der phönieifchen Nieder- 
laffung in Theben, galt den Griechen ja felbft als Erfinder der ehernen 



Abrifs der Gefchichte der Waffctf. 



37 



Rüftung. Feft fleht jedenfalls, daß die Phönicier die Metalle, welche 
die Bergwerke in der Heimat und in der Fremde ihnen lieferten, 



Phönicifcher Helm mit fturmbandför- 
migen Nackenfchutzftäben , fowie einem 
Knopfbiigel als Glockenverftärkung. 
Nach einem alten phönicifchen Ton- 
tiefäße. 



vortrefflich zu bearbeiten verbanden. — Auch auf der fchon früher 
(13. Jahrh.) von ihnen befetzten Infel Cypern, die befonders viel 
Kupfer (daher cuprum benannt) darbot, ift durch neuere Ausgra- 
bungen eine reiche Ausbeute an phönicifchen Arbeiten gewonnen 
worden. Indeffen fcheint die weiterhin abgebildete Thonfigur der Zeit 
nicht aus der phönicifchen, fondern der perfifchen Herrfchaft (feit 
525 v. Chr.) zu ftammen. 




Etrurien, Griechenland und Rom haben glücklicherweife genug 
Waffen hinterlaflen, an denen fich die Werkweife in der Hauptform 
wie in der Ausführung der einzelnen Teile offenbart, und befonders 
von den Zeiten an, wo diefe Länder blühten, laßt fich ihre Gefchichte 
der Waffen nach den zahlreichen in Mufeen aufbewahrten Stücken 
aller Art begründen und verfolgen. Was aber fcythifche, fowie 
famnitifche Waffen anbelangt, ift nichts Beftimmtes feftzuft eilen. 
(S. im Spezialablchnitt der griechifchen Waffen, weiteres darüber.) 

Da die Kriegskunft oder Heerführungskunde (Strategie) ebenfo 
wie die Kunft und die Kunde der Truppenaufftellung (Taktik) und 
die Kampf- und Gefechtslehre (Machetik), ja felbft das Berechnen 
der Heeresftärke (Stratarithmetik), auch die Kriegslagerkunde 
(Stratopedie) und die Kriegsübungen (Armiludiae) bei den Grie- 
chen wie bei den Römern bereits über eine vollftändige Kriegslitteratur 
(Strato graphie) verfügten, fo bleibt es fchwer erklärlich, daß nichts 
Befonderes und Vollftändigeres hinfichtlich der Ausrüftungsftücke in 



38 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



allen ihren Einzelheiten von den Alten hinterlalTen worden ift und 
deshalb alles darauf Bezughabende hier und da aufgelefen werden muß. 
Die Angriffs- und Verteidigungswaffen der Griechen in der ho- 
merifchen Zeit (ioco J. v. Chr.) beftanden alle aus Bronze, obgleich 
das Eifen, wie bereits angeführt, lange fchon bekannt war. Die Vertei- 
digungsrüftung zeigt den Helm von Erz mit Roßfchweif, den Stückpanzer 
(ö-coga!;), beflehend aus Bruft- und Rückenfchild (jeder Teil aus einem 
Stück gegoffen oder gefchmiedet) oder auch den Panzer mit Schieb- 
platten, die nach Art der Dachziegel geformt waren und wo auch noch 
Panzerflügel {7trtvQvyeg) vorkommen; ferner den großen konvexrunden 
Schild oder den kleinen Schild leichter Truppen, den pelta (/re/.Tij) 
(beide mit einem, wie auch und häufiger mit zwei Trägern, d. h. 
ein Hand- und ein Armbügel, fowie mit einer Schildfeffel (rekauojr), 
an welcher der Schild über der linken Schulter getragen wurde.) 
Es fcheint, daß die Schildfeffel auch anfänglich als Handhabe diente, 
da Herodot (500 v. Chr.) die Erfindung der Schildhandgriffe feinen 
Landsleuten, den Karern, zufchreibt. Knemiden oder Bein- 
fchienen vervollkommneten die Rüftung. Angriffswaffen waren: Hieb- 
und Stoßfehwert mit gerader Klinge, anfangs kurz und breit, fpäter lang, 
zweifchneidig mit fcharfer Spitze und einer Scheide von viereckiger 
Form, ftets zuerft an der rechten Seite, in jüngfter Zeit an der 
linken 1 ) hängen, fowie das Parazonion, ein kurzer, breiter Dolch, 
eine Art Ochfenzunge, der an der linken Seite getragen wurde. — 
Der Speer von 11 — 15 Fuß Länge mit breiter, langer und fcharfer 
Schneide, gegen die Öfe zu abgerundet, in der Mitte mit einer Kante, 
diente gleichzeitig zum Wurf und Stoß. — Der eigentliche YVurffpieß, 
eine Art von langem Pfeile, hatte ein Amen tum, einen Wurfriemen. 
Die Griechen hatten damals keine Reiterei, es fehlte ihnen fogar an 
einem Ausdrucke, der die Handlung des Reitens wiedergab; es mag darin 
die Urfache liegen, daß auch die franzöfifche Sprache kein Hauptwort 
kennt, um das Reiten im allgemeinen zu bezeichnen.-j Seibit in der 

') Da Homer nirgends erwähnt, auf welcher Seite feiner Zeit (io. Jahrhundert) 
das Schwert getragen wurde und auch aus dem fpäteren noch fogenannten theroi- 
fchen Zeitabschnitte» der drei folgenden Jahrhunderte (9., 8. und 7.) Vafen- 
bilder mit Mcnfchcngeftalten gar nicht angefertigt worden find, fo ift Sielt 
darüber erft durch Vafenbilder vom 6. Jahrhundert bekannt, wo das Schwert links, 
fpäter aber, wie bei den Römern, und auch wie früher bereits bei den Griechen, an 
der rechten Seite hing. 

*) Ifonter ft. cheval, ou chevaacher, im Fr., aber reiten im allgemeinen, 
f«> als auf Efeln, Kamelen u. a. m., kann man nur durch «monter» ausdrücken, da 



AlinTs der Gefchicht«.- der Waffen. ■sq. 

lliade, wo das Wort für Reiter fleht (z. B. XI. Gefang, da, wo Aga- 
memnon den Pifander von feinem Streitwagen ftürzt), find nicht fowohl 
Reiter als Wagenkämpfer gemeint. Die Wagen waren gewöhnlich 
zweiräderig, «über der Deichfei befeftigt am Pedare» u. f. w. — «Die 
zwei Pferde zogen den Wagen mittels an der Deichfei (ogv^tog) be- 
feftigter Iochs (rOQvyöv), fpäter am Kummet nanu u.a.m. — 

S. Jlias XVI. Gefang. Indeffen fpricht Homer, wie fein jüngerer Zeit- 
genoffe Hefiod, auch von auf Pferden ftreitenden Amazonen und von 
den aus Roß und Mann zufammengefetzten Centauren; Priamus und 
Sarpedon hatten ja die Amazonen bekämpft, ferner kommt im XI. Gef. 
der Ilias eine Stelle vor, wo es heißt, daß «Reiter — Reiter töteten», 
und daß die «dröhnenden Fußtritte ihrer RolTe eine ungeheuere Staub- 
wolke aufwirbelten , — aber auch dies fcheint nur eine Bildform zu 
fein, da Agamemnon alles vom Streitwagen herab tötet. Was nun 
eine Reiterei , d. h. eine Abteilung berittener Krieger anbelangt, 
fo gefchicht in Homers Dichtungen nirgends davon auch nur die 
-rringfle Erwähnung, aber auf dem Nereidendenkmal (der jüngeren 
attifchen kunftfchuler) ift ein verwundeter, vom Pferde herabhängender 
Krieger dargeftellt. In noch fpäterer Zeit, um 400 v. Chr. (nach 
anderen aber um 700 v. Chr.). fügten die Griechen indeffen ihren 
Heerkörpern außer der Wagenreiterei die Pferdereiterei fowie 
Schleuderer -Abteilungen hinzu. Der Pfeilbogen war bereits, fowohl 
bei den Griechen wie bei den Trojanern, Zeitens Homers, eingeführt, 
von erfteren galten die Kreter als befonders gewandte Schützen. 
Im IV. Gefang 105. f. d. Iliade wird der Bogen des Pandaros als 
aus 16 Palmen (4 Fuß) langen Hörnern einer wilden Ziege 
dargeftellter gefchildert, wovon eins der Enden beim Abfchießen auf 
dem Erdboden geftützt ift und wozu Pandaros einen bereits be- 
fiederten Pfeil aus dem Köcher zieht. Diefer Bogen hatte alfo 
8 Fuß Länge. 

Zu Homers Zeiten warf man auch noch große Steine nur mittels 
der Hände, fchoß aber wie gefagt mit Pfeilen, — gefchickte Schleu- 



chevaucher allein für Pferde reiten anwendbar ift. Das Berliner Mufeum befitzt 
eine Vafe von Orviedeto, wo Pferde mit leitenden, aber nicht mit reitenden 
Kriegern abgebildet find. Auf folchen Vafenbildern fpäterer Zeit, fo unter andern 
auf einer archäifchen Hydra der Sammlung des Prinzen Vidoni (fchwarze Figuren auf 
gelbem Grunde 500 — 400 v. Chr.) find fchon Pferdereiter dargeftellt, häufiger aber 
kommen felbft auf .Vafen diefer Zeit Stierreiter vor. Auch Amazonen zu Pferde trifft 
man häufig in folchen Abbildungen an (fiehe weiteres hierüber im Abfchnitt d. gr. Waffen. 



40 



Abriß der Gcfchichte der Waffen. 



derer gab es noch nicht. In der Ilias (XIII. Gefang) wird ein 
einziges mal diefe Waffenart erwähnt: «Die Lokrer zogen mit 
Bogen allein aus und mit Schleuder». Die weiter hinten abgebildeten 
Eicheln [ßdXftveg) oder Schleuderbleie gehören alfo fpäteren Zeiten an. 

Aeneias (4. Jahrh. v. Chr.), der altzeitigfte griechifche Kriegs- 
fchriftfteller, fpricht im 29. Abichnitt feiner «Verteidigung der Städte* 
von Linnenpanzer, von aus «Weidenruten geflochtenen Helmen 
und Schilden mit ledernen und hölzernen Handhaben». 

Afklepiodotos hat u. a. Nachfolgendes über die griechifche 
Heereseinrichtung und Bewaffnung hinterlaffen : «Die Hopliten oder 
Schwerbewaffneten hatten große Schilde, Panzer, Beinfchienen und 
lange Spieße makedonischer Art» (alfo fehr lange). «Die «Peltaften 
oder Pfilen», die Leichtbewaffneten, hatten weder Beinfchienen 
noch Panzer, kleineren Schild (Pelta) und kürzeren Spieß, aber auch 
Wurffpieße, Schleuder und Pfeilbogen.» 

Die Reiterei beftand aus drei verfchiedenen Abteilungen: den 
Nahekämpfern, wovon Mann und Roß völlig geharnifcht, wo der 
Spieß lang und der Schild lang und viereckig war; den Fern- 
kämpfern, den Tarantinern, die aus Bogenfchützen und Skythen 
beftanden, und den Mittelkämpfern einer leichten Reiterei (Ela- 
phroi). Die makedonifchen Schilde waren von Erz, ein wenig hohl und 
hatten acht Spannen im Durchmeffer, die Spieße 10 — 12 Ellen Länge. 

Mit Ceryx (xf t Qvt) bezeichnet man den Herold oder Auffeher den 
Fetialis und die Legati der Römer). Derfelbe war durch das Tragen 
eines Steckens (xrjQiXfiov, caduceus) kenntlich. 



Griechifcher Herold (Ceryx, KTJQvEf) 
in einer panzerartigen Bekleidung 
und einer Koptbedeckung (arkadi- 
fcher Hut?), mit breitem Schirm, 
der den Eifenhüten des Mittelalters 
ähnelt und auch wohl aus Metall 
(Bronze) zu fein fcheint. In der Hand 
hält der Herold den fein Amt be 
zeichnenden Stecken. — Nach einem 
im Louvre befindlichen Vafenbilde, 




Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



41 



Der öffentliche Ausrufer, welcher mit Trompetenton Verkün- 
digungen kundgab, hieß aber auch Ceryx. 

Aelianus berichtet ferner, daß die Pfilen oder leichtbewaff- 
neten Fußkämpfer doch flatt des Panzers, Koller trugen und daß zu 
der damaligen fchweren Rüftung Helme oder arkadifche Hüte (?), 
Beinfchienen und Schuppen- oder Eifenketten-Panzer ge- 
hörten. Was unter arkadifchem Hute verltanden wird, ift nirgends 
zu finden. Wahrfcheinlich aber war dies auch ein Helm. 

Schon von 401 v. Chr. ab waren bei den Griechen durch auslän- 
dische angeworbene Fernkämpfer Truppen gebildet worden, welche 
mit Bogen und Schleudern, aber ohne jegliche Schutzrüftung kämpften, 
und deshalb den Namen Gymneten (Nackte) trugen. 

Vom griechischen Ge fchützwefen find noch vorhandene Exem- 
plare nirgends bekannt und die von Köchly und Rüftow, nach Heron 
(100 v. Chr.) und Philon (150 v. Chr.) zufammengeftellten Wieder- 
gaben mehr oder minder hypothefifch. Außer dem armbruftartigen 
Handbailiften oder Gaftrapheten, welcher weiterhin abgebildet ift, 
beftanden die bei den Griechen aus um 400 v. Chr. vorkommenden 
Gefchützen, in Katapulten oder Pfeilgefchützen und in Lithobolen 
oder winkelfpannenden Stein werfen. 

Die etrurifche Bewaffnung, welche hier zum Teil der fpäter- 
griechifchen vorangestellt werden follte, zeigt in dem erften Zeit- 
abfehnitte phönieifche Einwirkung, wurde jedoch in der Folge von 
Griechenland beeinflußt, das feit der Gründung zahlreicher Ansie- 
delungen in Italien (vom 8. Jahrhundert an) zu Etrurien in naher 
Beziehung ftand. Später verliert die etrurifche Bewaffnung ihren 
Sondercharakter und geht völlig in der römifchen auf. 

Über die etrurifche Ausrüstung ift man durch einige VaSenbilder 
und Gräberfunde unterrichtet. Sie beftand aus Helm, Bruft- und 
Rückenpanzer, BeinSchienen , Rund- oder LangSchild. Die Etrusker 
führten bereits das Pilum, wie ein Fundftück aus einem Grabe aus 
Vulci beweift. 

DieSe Bewaffnung zeigt auffallende Ähnlichkeit mit der römi- 
fchen zur Zeit des Servius Tullius (um 550 v. Chr.). ^Später 
jedoch findet man, mit der fortschreitenden Entwicklung der 
römiSchen Kriegskunft, auch da eine der größeren Beweglichkeit 
der einzelnen Heeresbeftandteile entsprechende Umwandlung der 
Bewaffnung. Der Thorax der Königszeit wurde bei dem Fuß- 
volke für alle Zeiten durch die Lorica (Leder- oder Ketten- 



4? 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



panzer) verdrängt. Die Reiterei, in frühefter Zeit der Kern des 
Heeres, trug damals jedenfalls die ehernen Bruft- und Rückenpanzer; 
fpäter jedoch, nachdem ihr Charakter, als der einer adeligen Ritter- 
kafte immer mehr fchwand, nahm auch fie eine leichtere Bewaffnung 
an, bis zu Polybios' Zeit (geb. 202 v. Chr.) die fchvvere griechifche 
Rüftung wieder in Gebrauch kam.» Unter Chalkafpiden verftand 
man mit Erzfchildern bewaffnete Krieger. 

Die Kenntnis der römifchen Bewaffnung ift zum Teil Werken 
von alten Schriftftellern zu entnehmen, zum Teil aus bildlichen Dar- 
rtellungen zu fchöpfen, welche fich auf Triumphbögen, Ehrenfäulen 
Italiens und auf den weniger reichen, aber fehr zuverläffigen Grab- 
denkmalen finden. In den Mufeen und Sammlungen ift verhältnismäßig 
wenig von römifchen Waffen vorhanden und diefe find meift fchlecht 
erhalten. Die römifchen Gräber enthalten zwar Geräte jeder Art, 
aber keine Waffen. Die Römer gaben dem Krieger die Attribute 
feines Standes nicht ins Grab mit. 

Für früh-römifche Waffen bieten faft nur die etruskifchen Vafen- 
bilder Anhaltspunkte, da anzunehmen ift, daß die Ausrüftung der 
Römer mit den diefen umgebenden Völkern Italiens übereinftim- 
mend war. 

Die erften ficheren Nachrichten über die Ausrüftung der bis 
5000 Mann ftarken Legionen findet man in den Schriften des Po- 
lybios, der etwa um das Jahr 160 v. Chr. darüber fchreibt. 

Das römifche Heer diefer fpäteren Zeit, welches in geregelten 
Abteilungen (Manipeln) aufgeftellt wurde, fetzte fich zufammen aus 
Schwerbewaffneten (Hopliten), Leichtbewaffneten (Veliten) und 
Reiterei. Die erfte Gattung beftand aus den Principes, Hastati 
und Triarii. Sie waren alle gleichmäßig bewaffnet mit ehernem 
Helm, der mit Kamm und Federn gefchmückt war, Scutum (Lang- 
fchild), Beinfchienen (Ocrae), Pilum und Gladius (kurzes Schwert). 
Die Principes trugen den Ringpanzer, die übrigen aber nur eine 
eherne Bruftplatte von mäßiger Größe. Die Triarier führten ftatt 
der Hafta (Speer mit kleiner Klinge) auch das Pilum (Wurffpeer 
mit langer Eifenklinge). Die Veliten hatten ebenfalls das kurze 
Schwert, ferner die Parma [ndqfirfl einen leichten runden Schild, 
leichte Wurffpeere und fpäter eine helmartige Kappe aus Leder 
(Pileatus). Von den Reitern berichtet Polybios nur, daß ihre Be- 
waffnung der der Griechen ähnlich fei. Die Veliten, ein leichtes 
Fußvolk, wurden aus den Jüngften und Unbemitteltften des Volkes 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



43 



gehoben und bildeten bei jeder Legion von 6000 eine Abteilung 
von 1200. — Den Namen Velites trugen in Frankreich auch unter 
Napoleon, welcher bekanntlich alles Römifche nachgeäfft hat, leichte 
Truppen. 

Accenfi militari hießen urfprünglich die überzähligen Truppen, 
beftimmt, um die durch den Tod in den Legionen verurfachten 
Lücken auszufüllen. Später bildete man aber damit befondere Ko- 
horten, die zu der levis armatura oder zu den leichtbewaffneten 
den letzten Zug, hinter den Rorarii (Nachhut) bildenden Truppen 
gehörten, welche faft ohne Waffen nur zum Steinwerfen benutzt 
wurden (pugnis et lapidibus depugnubant). Siehe davon auf 
der Trajanus-Säule. 

Claffiarii hießen die für Schiffskämpfe gedrillten Truppen 
(Marine -Soldaten), worunter aber auch die nautae (Matrofen) und 
remiges (Ruderer) inbegriffen waren. 

Sagittarii, Fußbogenfchützen und sagittarii equites, be- 
rittene Bogenfchützen waren römifche Hilfstruppen, worunter auch 
Germanen, von fehr mangelhafter Bewaffnung. (Siehe die Antonius- 
Säule.) 

Man nannte die, mit Lebensmitteln, Waffen und fonftigem per- 
fönlichem Gepäck (sarcina) beladenen Truppen Impediti, im 
I icgenfatze zu den Expediti, den leichtbewaffneten Hilfstruppen, 
velites, (fr. tirailleurs) und den fchwerbewaffneten Legionares, 
welche beide ohne Gepäck marfchierten. Als auch letztere unter 
Marius (f 86 v. Chr.) ihr Gepäck tragen mußten, nannte das Volk 
fie muH Mariani (Mariusfehe Maulefel). 

Parmatus hieß der mit dem Rundfchild, der parma, verfehene 
Reiter, wie auch die damit Bewaffneten des leichten Fußvolks. 

Während der Kaiferzeit trugen die Schwerbewaffneten Helm, 
Panzer, Scutum, Beinfchienen (oereae), Gladius, Dolch (pugio) und 
Pilum; nach Vegetius auch eine Anzahl von Wurfpfeilen (plumbati), 
welche an der Innenfeite des Schildes getragen wurden. Die Reiter, 
welche nach nur römifcher Art ausgerüftet waren, hatten Helm, 
(lorica), Panzer, Schwert (spata), Schild, denContus (einen Speer, 
welcher oben und unten mit Spitzen verfehen war) und den Köcher 
(pharetra) mit mehreren Wurffpießen. Auch Streitkolben, mit 
Stacheln verfehen (clavae), werden als eine Waffe der römifchen 
Reiter erwähnt. 



44 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



Die Leichtbewaffneten trugen Helm, das kurze Schwert (Gla- 
dius), Schild, Wurffpeer (tragulaer) und zum Teil den Panzer. 

Nur bei den fremden Hilfstruppen war auch der Bogen (arcus), 
in ausgeftreckter (Patulus)-Form, wo zwei Hörner ähnliche Stücke 
vereinigt find, im Gebrauch. Mehr halbzirkelförmige Bogen (Si- 
nuofus- oder Sinuatus-Form), wie bei den Griechen kamen aber 
auch bei den römifchen Hilfstruppen vor, nur manchmal die fcy- 
thifche Form. (Siehe dazu weiterhin Abbildungen, fo wie die eines 
Bogenfchützen der Hilfstruppen im Mufeum zu Mainz vorhandenen 
Cippus.) Die fremden Bogenfchützen zu Pferde hießen Hippo- 
toxotae. 

Der römifche Helm beftand oft aus Leder mit Metallbefchlag 
(diefe Art ift bei den alten Schriftftellern meift mit galea bezeich- 
net), wenn aus Metall hieß er caffis (ccqxvq). Urfprünglich war das 
Material Erz; unter Camillus (ca. 350 v. Chr.) wurde der Eifenhelm 
eingeführt, welcher jedoch allezeit nur den Kerntruppen zugeteilt 
war. Cataetix hieß ein anderer, ein ganz niedriger, aber den Kopf 
umfchließender Lederhelm. Die Form des Metallhelmes näherte 
fich dem alten griechifchen; er ift mit Nackenfchutz , Sturm bändern 
und einem Stirnfchild verfehen; das letzte ift nach oben gerichtet 
und dient zum Schutze der von oben kommenden Schwerthiebe. Die 
Reiterhelme zeichnen fich oft durch ftarke Rippen und Runzeln aus, 
welche wie Locken geordnet waren. Diefe Rippen vermehrten die 
Widerftandsfähigkeit des Helms bedeutend, deren Zier (Apex) oft 
mit Haarbufch (crifta) verfehen war. Die hörnerartige, corniculum 
genannte Zier, ähnlich den griechifchen Antennen, war eine den 
Mutigen bewilligte Auszeichnung. 

Die lorica (#w£crif), der Panzer, war bei den Römern vielartig 
und fehr namenreich. Urfprünglich nur aus Leder, an den Achfeln, 
fowie an dem unteren Ende gemeinlich in eine oder mehre Reihen 
von Streifen auslaufend, welche letztere von den griechifchen Panzer- 
flügeln abftammten. Dazu kamen zwei Schulterfchutze , ebenfalls 
von Leder. 

Die lorica ha m ata 1 ) war der Ringpanzer. 

Die lorica fegmentata, der Schienenpanzer, wo die Schienen 
meift wagerecht den Leib umfchloffen. 

') Die Römer kannten fpäter auch fchon die Doppelmafche, mit welcher 
die Ringbrünnen des Mittelalters gebildet lind, wir dies der im Wiesbadener MuC-uin 
befindliche Gtirtel wohl f.flfltllt. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



45 



Lorica certa und hamis concerta, fowie lorica squamata 
und lorica plumata waren alle Benennungen des Schuppenpanzers. 

Die lorica fegmentata (neulateinifche Bezeichnung), von der 
kein Exemplar bis auf uns gekommen ift, war ganz eigenartig dar- 
geftellt und aus zwei Hauptteilen, wie der Stückpanzer für Brult- 
und Rücken beftehend. Beide Stücke waren vorn durch Schnallen, 
auf dem Rücken mit Scharnieren verbunden. Um den Rücken liefen 
fünf bis fechs ebenfalls mit Scharnieren verfehene Bänder, welche 
vorn geknüpft wurden. 

Über oder unter der Lorica trugen die römifchen Soldaten 
das Cingulum, ein breiter, faft ftets mit Metall befchlagener Hüften- 
gürtel, wovon ein fchurzartiges Riemenwerk — gleichzeitig ein Schutz 
und ein Abzeichen — von vier bis fechs Streifen, welches ebenfalls mit 
Metallftücken von verfchiedener Form und Art verfehen ift, herabhing. 

Der Gl ad i us, das kurze Schwert, hat eine breite, zweifchnei- 
dige an der Spitze veritärkte aber kurze Klinge mit kräftigem Griffe, 
der gewöhnlich aus Holz beftand. Pugio hieß bei den Römern der 
vorn getragene, clunaculum, ein auf dem Rücken getragener Dolch, 
wie letzterer auf der Trajan-Säule abgebildet ift. Die Reiterei führte 
Schwerter von größerer Läge (Spata). 

Nach Polybios wurde das Schwert, befonders von den Legio- 
narii equites 1 ) rechts getragen. Jofephus berichtet daflelbe von 
den Reitern, dagegen hatte nach feiner Angabe das Fußvolk im erften 
Jahrhundert das Schwert links und den Dolch rechts. 

Das Pilum, welches, wie oben erwähnt, fchon bei den Etruskern 
im Gebrauch war, beltand aus einer langen Eifenftange mit geftählter 
Spitze, welche mit dem hölzernen Schafte gleicher Länge fehr feft 
verbunden war. Jeder Teil hatte (nach Polybios) 4 1 /,, Fuß und die 
ganze Waffe alfo 9 Fuß Länge. Es gab kleine und große Pila. 
Der Schwerbewaffnete führte deren zwei, ein fchweres und ein leichtes. 
Die Waffe hat, fo lange fie im Gebrauch war, manche Veränderungen 
erfahren, welche fich aber nur auf die Art der Verbindung des Eifens 
mit dem Holze, auf Länge und Gewicht bezieht; ihr Handgriff bietet 
ähnliches mit dem Turnierfpeer des Mittelalters. 

Über die Form der Hafta und des Contus (Reiterfpeer) hat 
man keine deutlichen Überlieferungen. Die Fundftücke, welche da- 



J ) Leichte aus dreihundert Mann beziehende Reiter-Abteilung, wovon immer eine 

jeder Legion beigegeben war. 



46 



Abrifs der Gcfchichte der Waffen. 



von vorhanden find, fowie einige Reliefs, geben keine deutliche 
Auskunft. Der Contus war fchon der griechifche Reiterfpeer zu 
Alexanders Zeit. 

Die Wurfpfeile (plumbati, auch Matiobarbuli) des Vegetius 
find durch ein Fundftück im Wiesbadener Mufeum vertreten. Das- 
selbe weift eine kurze mit Widerhaken verfehene Spitze auf, unter- 
halb welcher ein Bleigewicht befeftigt ifl. Dadurch wird die Wucht 
des Wurfes verftärkt. Das Schaftende der Wurfpfeile war indeffen 
gefiedert. 

Das Scutum (O-VQwg), ein vier Fuß hoher Schild, hatte ge- 
krümmte Form, wahrfcheinlich fchon zur Zeit des Polybios. Dieie 
Waffe beftand aus zwei Lagen Holz, welche auf einander geleimt 
waren, um dauernd ihre Krümmung zu behalten. Das Holz w r ar mit 
Fell oder Leder überzogen und gewann durch Metallbefchlag (Rand 
und Mittelrippe) bedeutend an Fertigkeit. Auch fehlte dem Schilde 
nicht der verfchiedenartigfte Metallfchmuck. Ehe das Scutum aufkam, 
war der Clipeus (dortig) (ein größerer Rundfchild) gebräuchlich, der 
aber fpäter verdrängt wurde. An feine Stelle trat der bereits oben 
erwähnte kleine Rundfchild, Parma genannt. Es gab auch noch 
eine fechseckige Schildform, welche auf rheinifchen Grabfteinen 
vorkommt und Cetra hieß der von Riemen angefertigte kleine Rund- 
fchild, deffen fich aber wohl nur die Afrikaner, Spanier und alten Bretonen 
bedienten. Die runde (?) fchottifche Tartfche foll davon abftammen. 

Beinfchienen (ocreae) waren in der frühen wie in der Verfall- 
zeit gebräuchlich, alfo auch während der Blütezeit der römifchen 
Herrfchaft üblich. (Siehe weiterhin die Abbildung des Centurio 
Feftus.) 

La galiga, ein gefchloffener, mit Nägeln befchlagener Schuh 
(clavus caligaris), welcher mittelft den Spann und die Knöchel 
bedeckende Riemen befeftigt wurde, war die gemeinliche Fuß- 
bekleidung der römifchen Soldaten, Centurionen, aber nicht die 
der höheren Offiziere. (Siehe die Abbildung des Feldzeichen - 
trägers — Signifer) — Da aber auch Legionare (fiehe das Grab- 
denkmal des Valerius Coispus im Mufeum zu Mainz) und darunter 
Adlerträger — (aquilifer) — (fiehe das Grabdenkmal im Mainzer 
Mufeum) mit einfachen Soleae, d. h. mit fandalenartigen, aus Rie- 

') Bei den noch vorhandenen Denkmalen hat diefer Schild aber niemals folche 
Länge und mifst gemeinlich nicht mehr denn drei Fuss. 



Abrifs der »Gefchichte der Waffen. aj 

menwerk beliebenden Fußbekleidungen angetroffen werden, fo fcheinen 
diefelben Veränderungen unterworfen gewefen zu fein. 

Die Bewaffnung der römifchen Cirkus- Fechter (gladiatores, 
von gladius, Schwert) war eine von der militärifchen faft gänzlich 
verfchiedene und rührte mehr unmittelbar von der etrurifchen her. 

In Etrurien hatten ja diefe fcheußlichen Kämpfe unfprünglich bei 
Leichenfeiern an Stelle von Menfchenopfern ftattgefunden. 

Das erfte römifche Schaufpiel eines Gladiatorenkampfes fand zu 
Rom 264 v. Chr. statt. 

Unter dem wachfenden EinflulTe des Chriftentums ist die Gla- 
diatura (CirkusFechtkunft) erft anfangs des V. Jahrh. ausser Brauch 
gekommen. 

Die Gladiatoren waren in Scharen (familiae) eingeteilt und 
wurden durch verfchiedene größere Städte in dazu errichteten An- 
stalten (ludi gladiatorii) von Unternehmern, Auffehern, (lanistae) 
— welche gleichzeitig die Lehrer waren und deren Gehalt Gladia- 
torium hieß, — in ffrenger Manneszucht gehalten; sie beftanden 
aus Schwer- und Leichtbewaffneten. Zu den erfteren gehörten 
die Gegenkämpfer der Retiarii, die Secutores, deren Bewaffnung 
aus Panzer, auch dem hopliten-förmigen Helm, großem viereckigem 
Schilde und langem Dolch beftand — die Samis und Sam- 
niten mit auf beiden Seiten durch Flügel (pennae) gefchloffenen 
Helmen, mit dem Scuta, geradem Schilde, auch Beinfchienen (oerae) 
und einem rechtarmigen Schutz (manica). Ihre Gegner waren die 
ähnlich bewaffneten Procatores; — ebenfalls von Kopf bis zu 
Fuß gerüftet, Hoplomachi (auch nach dem Keltifchen (?) «Crup- 
pellarii> genannt), und die Eques, d. h. die berittenen Gladiatoren- 
Mirmiliones mit gallifchen Helmen, die Thraces oder Parmulari, 
bildeten den Übergang von fchwer- zu leichtbewaffneten Gladiatoren. 
Letztere hatten offene Helme, den kleinen viereckigen Schild (parma 
threeidia) und die rechte Armberge; ihre Angriffswaffe war ein 
gekrümmtes, Sica genanntes Dolch meffer. 

Die leichtbewaffneten Fechter bestanden aus den Retiarii 
ohne Schutz -Rüffung, mit dreizackiger Gabel (Fuscina tridens) 
und dem Jaculum, einem Fangnetz (rete); — aus den Laque- 
tores, die sich nur von den Retiarii dadurch unterfchieden, daß 
fie ftatt des Jaculum oder Netzes, ein Lasso, die Wurffchlinge 
(laques), führten. 



48 Abrifs der Gefchichte der Wallen. 

Man nannte Catervarii (im Gegensatze zu den Ordinarii oder 
angelernten Gladiatoren) alle ungedrillten Fechter, welche in Scharen 
kämpften; Dimachaeri, die in beiden Hände Schwerter Führenden, 
Postulaticii alle Überzähligen, welche zur Mittagszeit die Müden 
erfetzten und Suppofititii, die an der Stelle Erfchlagener zu 
Tretenden. 

Der Bestiarius war ein untergeordneter Gladiator, für den 
Venatio, d. h. den Tierkampf. 

Unter Arenarii begriff man alle und jede Art von Cirkus- 
Fechtern, und Rueliarius wurde der abgedankte Gladiator benannt. 

Den Impressario, welcher grosse Cirkus- Darftellungen veran- 
staltete, nannte man Munerarius, und Spoliarium hieß man die 
Totenkammer, wo der erfchlagene Fechter entkleidet wurde. 

Pugil {nvmqs) hieß der Fauftkämpfer (in pugillatu cestare — 
als Fauftkämpfer auftreten), welcher ganz nackt kämpfte und nur 
die Unterarme mit auf Lederftreifen befeftigten Metall -Kügelchen 
(caesti) umwickelt hatte, was den Fauftampf viel blutiger machte. 
(S. weitere Einzelheiten über die römische Bewaffnung in dem Sonder- 
abschnitt darüber). 

Die Naumachiae (v. gr. naus, Schiff, und mache, combat 
icciuayja), Schiffs- oder Seegefechtsspiele, welche in den gleich- 
namigen dazu eingerichteten künstlichen Wafferbecken ftattfanden, 
können gewiffermaßen auch zu den Gladiatoren -Vorftellungen ge- 
rechnet werden. (S. Suet. Tib. 72; Tit. 7.) 

Die Römer befaßen Kriegsmafchinen wie die Griechen. Außer 
dem Senfenwagen (?), der aus Perfien ftammt, wandten fie auch 
die Widder an, die fchon im alten Teftament, im XXI. Kap. 22 V. 
des Hefekiel (599 v. Chr.) erwähnt find, wo es heißt, daß «der König 
von Babylon feine Böcke führen laffe wider die Mauern von Jcrufalem . 

Im allgemeinen bezeichneten die Alten den Sturmbock (Widder) 
mit Aries. (Siehe die Abdildung davon.) 

Unter den Sturmmafchinen find vor allem zwei Arten hervor- 
zuheben: die Katapulte (Tormentum), welche große Pfeile (trifat) 
oder Speere, auch wohl Brandpfeile fchleuderten, die Bailifte 1 ), deren 
Wurfgefchoffe ftärkeren Umfangs, befonders mächtige Steine waren. 

J ) Seibit in Deutfchland hatten die Römer Balliften-Niederlagen, fo unter andern 
in Boppart a. Rh. (Baliftari Bondobricae). 

S. im Abfchnitte «Die Kriegunafchineo oder Mafchinengefchütie » all<- Einzeln 
heften ftoei di«- römifchen. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



49 



Manche diefcr (-refchoffe hatten die Geftalt der an beiden Enden 
zugefpitzten Barren und trugen zuweilen in Griechenland, wie .die 
Schleuder Eicheln (ßdkavog) die Infchrift JEEAI (empfange), was durch 
mehrere bei den Ausgrabungen gefundene Exemplare aus Blei er- 
wiefen ift Die Griechen nannten die Katapulte mit wagerechter 
Schußlinie Euthytona und die Katapulte mit Bogenwurf Pal in- 
terna. 

Es gab auch eine Art Schwingmafchine, den Tolleno, mit 
zwei Körben, die dazu diente, die Krieger in die belagerten Plätze 
zu verfetzen. Rhodios fpricht ferner in feinem .not Ttoksfuxfjg 
/./i/s etc. (Athen, 1868) von einer tragbaren Katapulte oder 
Bailifte, einer der Armbruft unferes Mittelalters gleichenden Waffe, 
deren Belchreibung und Bezeichnung er nach byzantinilchen Hand- 
fchriften giebt; indes läßt fich doch bezweifeln, ob diefe Art von 
Armbruft — die Rhodios Gaftraphetes (f. weiterhin die Abbildung) 
nennt, weil der Armbruftfchütze fie gegen feinen Leib ftemmen 
mußte — bis zu den älteren Zeiten der Griechen zurückgehe, 
obwohl allerdings in den Zeiten der Seleuciden Handbailiften 
(auch Skorpione genannt) vorkommen. (S. d. Ablchnitt Kriegs- 
mafchinen.) 

Zwei wenig bekannte Denkmale im Mufeum zu Puy bekunden 
auch, daß bei den Römern fchon eine Art Armbruft in Gebrauch 
war, deren Namen, Arcubalista und Manubalista, Flavius Vegetius 
Renatus, ein lateinifcher militärilcher Schriftfteller vom Ende des 
4. Jahrh. n. Chr., in feinem dem Kaifer Valentinianus zugeeigneten 
De re milit.» (II, 15, IV, 22) bereits anführt. Die erfte diefer 
Flachbildnereien, welche beide weiterhin abgebildet find, befindet 
fich auf einer zu Polignac-sur-Loire, 183 1 gefundenen Grabmal-Säule 
(Cippus); die andere auf einem in römifcher Villa ausgegrabenen 
Friefe. 

Aus der Einleitung ist es dem Leier bekannt, daß mehrere diefer 
Mafchinen, die von Hero, Philo und Vitruv befchrieben und von ihnen 
Catapulta euthytona, Catapulta oxybetes und Catapulta 
scorpio genannt wurden, für die Sammlung Napoleons III. wieder- 
hergeftellt worden waren. Sie befinden fich jetzt im Mufeum zu 
St. (Termain. Was den Polyfpaft oder die Krähe des Archime- 
des anbetrifft, ein Inftrument, das ganze Schiffe in die Höhe hob 
und zertrümmerte, fo ift es nicht näher bekannt geworden; indes 
läßt fich wohl annehmen, daß es ein mit Haken . versehener Krahn 

Dem min, Waffenkunde. 3. Aufl. * 



5o 



Abrifs der Gefchichte der Waffen, 



war, und auch dazu diente, den Kopf des Widders zu fallen, deilen zum 
Rollen eingerichtete Verdeckung Schildkröte genannt wurde. Rho- 
dios hat ferner in feinem intereffanten Werke auseinandergefetzt, daß 
feine Vorfahren, die Griechen, fogar Explofionsmafchinen , eine An 
Kanonen mit komprimierter Luft befaßen,, welche wahricheinlich wie 
unfere Windbüchfen eingerichtet waren. 

Sambuca hieß die Sturmleiter (fiehe Feftus s v.; veg. mil. 
IV, 21.) 

Bronzene, mehr oder weniger nach phönizifchen oder griechi- 
fchen Muftern angefertigte Waffen find in den Gräbern faft aller der 
europäifchen Völker gefunden worden, welche die Römer Barbaren 
nannten; jedoch find die Waffen des fkandinavifchen Kontinents, 
d. i. Dänemarks und Nordweftdeutfchlands, gleich den dänifchen aus 
der Steinzeit, vollkommener als die Waffen der anderen nördlichen 
Länder und liehen fogar den griechifchen und römifchen wenig nach. 
Die in den Mufeen von Kopenhagen und London aufbewahrten 
Exemplare, in letzterem den angelfächfifchen und britifchen Erzeug- 
niffen eingereiht, zeigen deutlich, mit welcher Kunft jene Völker da- 
mals fchon das Metall zu bearbeiten verftanden und die Verschieden- 
heit der Lokalformen widerfpricht der Anficht «der Einfuhr derfelben 
von Etrurien». Die Verteidigungswaffen des fkandinavifchen Kriegers 
fcheinen der runde oder längliche Schild, der Panzer und der Helm 
gewefen zu fein. Die großen Kopfreifen geben aber der Vermutung 
Raum, daß die Helme nur von den Anführern getragen wurden, wie 
das bei den Franken und überhaupt bei den Germanen, sowie bei 
den Galliern, allgemein der Fall war. Der bronzene Helm mit 
Hörnern, welcher in der Themfe gefunden wurde und fich jetzt im Bri- 
tifchen Mufeum unter den nationalen Waffen befindet, möchte wohl 
dänifchen Urfprungs fein, fo gut wie der neben ihm aufgeteilte 
Schild. 

Ein im Thorberger Moor in Schleswig aufgefundener Larven 
Helm von Silber, dem 3. Jahrhundert n. Chr. angehörig (fiehe weiter- 
hin die Abbildung) gehört zu diefen Anführer-Helmen. 

Was nun die kelto-gallifchen und niederbretonifchen Waffen aus 
Bronze angeht, fo verwickelt fich die Frage noch mehr. Es wäre 
fchwierig, wenn nicht gar unausführbar, für die auf franzöfifchem 
Boden gefundenen Itreng unterfchiedene Kategorien feftzuftellen. 
Alles erfchelnt dabei unficher. Selbft die meißeiförmigen Keltel 
jedenfalls Klingen des Javelot (Wurffpeeres) , welche fich durch 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



51 



ihre gerade, mit beweglichen oder fetten Ringen, auch Lappen 1 ) 
verfehene, zur Befeftigung des Wurf-Riemens (Amentum) dienende 
Tülle auszeichnen, find ebenfo oft in Rußland als in Frankreich, Italien, 
Deutichland und England gefunden worden, was die Unmöglichkeit 
einer genauen Einteilung hinreichend beweift. Die keltifchen (?) 
Völkerichaften waren überall und beffer nirgends. 

Zu der Bewaffnung des Galliers 2 ), welche noch zu Cäfars Zeit, 
felbft bezüglich der Schwerter und anderer Angriffs waffen, nur aus 
Bronze hergeftellt wurde, gehören konifche, lehr fpitze Helme, wie 
deren im Mufeum zu Rouen und zu Falaise zu fehen find, jedoch 
wahrfcheinlich nur von den Anführern, den Brennen, getragen 
wurden. Ganz ficher läßt fich indes die Form diefer Waffe nicht 
feftftellen, weil ganz ähnliche Stücke auch in Polen und im Inn in 
Bayern gefunden worden find. Im Bayrifchen Nationalmufeum kommt 
diefe Waffe unter der Bezeichnung ungarifcher oder avarifcher 
Helm vor. Der Panzer foll, wie bei den Römern, aus zwei ganzen 
Stücken beftanden haben, wie folche in dem Artilleriemufeum zu 
Paris, in dem von St. Germain und im Louvre zu fehen find. Die 
Verteidigungsrüftung wurde durch den Schild vervollftändigt. Die 
Bildnereien des Sarkophags in der Vigna Ammendola und die Flach- 
bildnereien des Triumphbogens zu Orange zeigen diefen Schild unter 
zwei verfchiedenen Formen, die eine im Oval, die andere im läng- 
lichen Viereck und in der Mitte breiter als an den Enden. Die An- 
griffswaffen waren fpäter: die Streitaxt in ihren verfchiedenen Ge- 
ftalten, zu denen man auch den fchon erwähnten Kelt zu rechnen 
pflegt, den ich jedoch ausschließlich nur für die Klinge eines Wurf- 
fpeeres halte; befonders aber das Schwert in feinen Abarten, fei es 
das kurze griechifche, fei es das dreifchneidige ohne Scheide, wie 
eine Flachbildnerei auf dem Sockel der Melpomene im Louvre es 
darrteilt; endlich der Wurffpeer (Javelot, der germanifche Ger) 
als Stoß- und Wurfwaffen und der Bogen. Auf den aus Pergamos 
flammenden Gallierftandbildern (circa 230 v. Chr.) fieht man den 



') Die Kelte (von Keltis, Meifsel) bieteu zwei Hauptabteilungen: Hohlkelte 
und Schaftkelte. Letztere, d. dän. Paalstave, haben gemeinlich nur Lappen 
zum Befeftigen an den Stielen, erflere hingegen haben dazu Tüllen und find hohl. 
Ringe oder Öfen für die Riemenbefeftigung fo wohl wie für das Amentum kommen 
faft nur bei den Hohlkelten vor. 

'-) S. weiterhin die vom Verfaffer nach der in diefem Werke abgebildeten Fund- 
ftücke zufammengeftellte Ausrüftung des gallifchen Kriegers. 

4* 



52 



Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 



großen fechseckigen Schild und das kurze breite Schwert mit 
Scheide. Die gallifche Eber -Standarte, welche fich auf einem Bas- 
relief des Triumphbogens zu Orange befindet, deutet durch ihre Form 
den Einfluß an, welchen die römifche Bewaffnung fchließlich auf die 
der Gallier ausgeübt hatte. Im Mufeum zu Prag befindet fich ein 
lblches Feldzeichen aus Bronze, das in Böhmen gefunden worden ilt. 

Über die germanifchen Waffen der fogenannten Bronze- 
zeit 1 ) herrfcht eine ebenfo große Ungewißheit, wie über die der 
Gallier. Die zahlreichen, auf dem Gräberfelde zu Hallftadt in Ober- 
öfterreich angeftellten Ausgrabungen, bei denen mehr als taufend 
germanifche Gräber geöffnet worden find, haben diefe Ungewißheit 
noch vermehrt. Steinerne, bronzene und eiferne Waffen fanden fich 
hier in buntem Gemifch. Die Helme, welche in diefen Grabftätten 
gefunden wurden, gleichen durchaus denjenigen mit doppeltem Kamme 
im Mufeum zu St. Germain, welche gewöhnlich den Etruskern und 
Umbriern, von einigen auch fogar den Kelten (?) zugefchrieben 
werden. Ein anderer aber ift in Spiralform aus dickem Draht her- 
geftellt. 

Faft in allen britifchen Waffen, die in den Mufeen Englands 
ausgeftellt find, erkennt man die dänifchen Formen wieder, und bei 
den Waffenfunden zu Hallftadt fehlte der Kelt niemals. Das kurze 
Schwert erinnert überall an das griechifche (Eupog), den kurzen 
Gladius, deffen eigentümliche Form bei dem fkandinavifchen fowohl 
als auch bei dem germanifchen wiederkehrt. Was gewöhnlich kel- 
tifches Schwert genannt wird, ift eine Bezeichnung, die ebenfo völlig 
unbeftimmt und ungenügend ift, wie die diefes Volkes ielbft. 

Alle in Rußland und Ungarn gefundenen Bronzewaffen folcher 
entlegenen Zeiten beftehen faft ausfchließlich in Streitäxten und 
Speerbefchlägen, worunter mehrere ruffifche fich durch Widderköpfe 
auszeichnen. \ 

Diejenige Periode, welche fehr unpaffend als «Zeitalter des 
Eifens» bezeichnet wird, follte folgerichtig mit dem Ende des fünften 
Jahrhunderts, d. h. mit dem Untergange des abendländifchen Reiches 
aufhören; indes wird fie häufig verlängert, mitunter fogar bis an das 
Ende der Regierungszeit der Karlinger, was allerdings fehr bequem, 
aber um fo weniger richtig ift. Unbedingt muß die Epoche, welche 



') Siehe weiterhin die vom Verfaffer nach den in diefen] Wirk.' abgebildeten 
Fundftücken zufammengeftcllte Ausrüstung dts Germanen der Bronzezeit. 



Abrifs der Gcfchichte der Waffen. 



53 



der Herrfchaft des Rittertums vorausgeht, das 7. und 8. Jahrhundert, 
als Ende des fogenannten Eifenalters angefehen werden. 

Es ift bereits bemerkt worden, wie das Eifen zwar zu allen 
Zeiten bekannt war, jedoch im höheren Altertume hinter der leichter 
zu bearbeitenden Bronze zurückftand, und daß auch fpäterhin feine 
immer allgemeinere Verwendung- für die Anfertigung von Angriffs- 
und Verteidigungswaffen die Bronze nicht ganz aus dem Gebrauche 
verdrängen konnte. Die Römer hatten frühzeitig den Vorzug der 
eifernen Waffen vor den bronzenen begriffen, weshalb fie denn auch 
bald das letztere Metall nur noch zur Anfertigung ihrer Verteidigungs- 
waffen benutzten. Es ift hier nochmals zu wiederholen, daß der rö- 
mifche Soldat im Jahre 202 v. Chr. keine bronzenen Angriffswaffen 
mehr führte, und es ift anzunehmen, daß im zweiten punifchen Kriege 
die neue Waffe nicht wenig zu den Siegen der Römer über die 
Karthager beitrug. Die wenigen eifernen Waffen, welche in den 
gallifchen Gräbern und hauptlächlich auf den catalaunilchen Feldern 
(bei Chalons, Departement der Marne), mit Waffen aus Bronze ver- 
mifcht, aufgefunden und im Mufeum von St. Germain aufgeftellt 
worden find, fcheinen mehr germanifchen Urfprungs zu fein, da 
fie den in Tiefenau und Neuchätel in der Schweiz gefundenen Schwer- 
tern, die man den wegen ihrer Eifenarbeiten fo gepriefenen Bur- 
gundern zufchreiben kann, in vieler Beziehung gleichen. Das im 
Jahre 450 durch die fyftematifchen Metzeleien der Römer verwüftete 
Helvetien wurde um das Jahr 500 durch die Burgunder, die fich des 
Weftens bemächtigten, durch die Alemannen, die den ganzen Strich, 
der noch heute von der deutfchen Zunge beherrfcht wird, einnahmen, 
und durch die Oftgoten, die fich im Süden niederließen, wo vornehm- 
lich italienifch, franzöfifch und romanifch gefprochen wird, wieder be- 
völkert. Die Burgunder waren ftark und groß, die lange Angel ihrer 
Schwerter deutet auf große Hände. Eine Axt und zwei eiferne 
Lanzenbefchläge, die bei dem Dorfe Onswala (Bara-Schonen) in der 
Schweiz gefunden wurden, beweifen ebenfalls durch ihre abweichenden 
Formen, daß fie einem anderen Volke als dem gallifchen und fränki- 
fchen und darum vielleicht auch dem burgundifchen angehört haben. 

Die Bewaffnung der Völker germanifchen Stammes der Bronze- 
zeit ift zum großen Teil unbekannt; was man darüber weiß, befchränkt 
fich einzig darauf, daß Speer (der Ger im Altdeutfchen *), Axt oder 

*) Oder Gehr, wovon German, Germanen (?) S. Angon, Framea, 
Javeline, Javelet, Trajula, Jacula und Inculatu n. 



54 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



Hammer und Schwert zu ihren Lieblingswaffen gehörten, und daß 
fie viereckige Schilde, von 8 Fuß Höhe bei 2 Fuß Breite, aus ge- 
flochtenen und mit Tierhaut überzogenen Weiden, mit grellen, nament- 
lich roten und weißen Farben bemalt hatten. Diefe Schilde wurden 
fpäterhin durch andere runde Schilde aus Lindenholz mit einer eifernen 
Randeinfaffung und Nabel erfetzt; es find viele folcher eifernen Ge- 
rippe von runden Schilden mit ftark vorfpringendem Nabel gefunden 
worden, eine Form, die bei den fränkifchen Stämmen in befon- 
derer Gunft geftanden zu haben fcheint; — fie waren ebenfalls von 
Lindenholz und mit mehreren Lederlagen bedeckt. 1 ) In Sigma- 
ringen, Bayern, Heffen, Schlefien, England und Dänemark find ganz 
diefelben Schilde in Gebrauch gewefen. Alanen und Goten führten, 
nach einem römifchen Diptychon, um 500 n. Chr., einen fünf- 
oder fechseckigen Schild. Die Streitaxt der nordgermanifchen 
Stämme weicht in ihrer Form von der anderer germanifchen Stämme 
des Südens ab. Die Franziska (f. w. h.) der Eroberer Galliens 
findet fich nirgends in Mitteldeutfchland, wo überall die fächfifche 
breite Axtform vorherrfchte. Bronzefpangen , welche einen Brult- 
panzer bildeten, find im Germanifchen Mufeum zu Nürnberg vor- 
handen und das einzige bekannte Uberbleibfel eines germanifchen 
Eifenpanzers aus diefen Zeiten wird im Mufeum von Zürich auf- 
bewahrt; es ift auf dem Landftriche gefunden worden, wo ehemals 
die Alamannen wohnten, und eine fehr merkwürdige aus kleinen 
Schuppen beftehende Arbeit Die im 5. Jahrhundert faft fchon 
verfchwundenen Quaden waren allem Anfcheine nach von den Sueven 
diejenigen, welche damals Rüftungen aus Hörn befaßen, ebenfo wie 
die aus dem Kaukafus flammenden fcythifchen Alanen mit ihren 
ungeheueren Speeren und Rüftungen aus Hornplättchen und die 
Finnen mit ihren Knochenpanzern. Vom 8. Jahrhundert ift ein 
Derbyfhire in germanifch-fächfifcher Helmegeftell gefunden worden, 



') «Kund ihm war es, dafs Holz ihm nimmer helfen mochte, die Linde gegen 
die Lohe.» (Beowulflied vom VIII. Jahrh.) 

«Deckend fich gegen den Schufs mit fiebcnfältigcm Schilde» (v. 733). 

«Und nun fuhr durch den hölzernen Schild, überzogen mit Rindshaut •> 
(v. 776). 

«Aber die Deckhaut hielt das »erbrochene Holz Zufammen» (v. 1035) v. (Walth.-r 
von Aquitanien). 

Die Skandinavier nannten den Lindenholzfchild einfach: «Linde», den Speer 
Afkrr» und Olren aus Ulme und Eiche gefertigten Bogen «Alma». 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. :r 

welches mit Hornplatten bedeckt war. (Siehe die Abbildung davon 
im Abfchnitte der Helme.) 

Hinfichtlich folches frühen Hornfchutzes hat der Dichter-Kom- 
pilator der Nibelungen das vom Drachenblute erzeugte «Gehörnen» 
(«Hurnin, des fnidet in kein Wappen») wohl von einer früher ge- 
bräuchlichen Hornrüftung bei den Burgundern bildlich, wie Homer 
hinfichtlich Achilles, gebraucht, d. h. wie diefer um die eine Stelle, 
wo die Rüftung Blößen ließ, feine Erzählung gedreht; auch hat er 
wohl die bereits fertige Fabel nachgefchrieben. Der verwundbare 
Punkt befand fich beim «gehörnten Siegfried* zwifchen den 
Schulterblättern, wo das Panzerhemd anfänglich zufammengefchnürt 
wurde, alfo an der Stelle, welche am wenigften gefchützt war. 
Der Euhemerismus 1 ) iit demnach wohl die Grundlage hinfichtlich 
beider Fabeln. Daß aber auch bei den Sachfen Hornfchutze ge- 
bräuchlich waren, kann durch den bei Bentygrange (Derbyfhire) ge- 
fundenen Hornhelm als feltgeltellt angenommen werden. (Siehe auch 
v. 1464 des Beowulfliedes.) 

Was ferner für die Exiitenz folcher Ausrufungen fpricht, ift 
die Anführung des Chroniften , daß : 1 1 1 5 vor Köln im Heere 
Heinrichs V. eine Schar mit undurchdringlichen < Hornharnifchen » vor- 
handenwar («Loricis corneis ferro impenetrabilibus » — Pantal. 
ehr. Wurdt. Colon, ehr. St. Pant, 915). 

Schuppenpanzer, auch von gebranntem Leder, corium», wie 
boltriftum» benannt, kommen, befonders in England, bis zum 
13. Jahrhundert vor, und da die Übergangsrüftung von der großen 
Ketten- oder Mafchenbrünne zur eifernen Schienenrüftung aus leder- 
nen oder hörnernen Schienen beftand, fo mögen derartige Har- 
nifche felbft wohl noch am Ende des 13. Jahrhunderts und anfangs 
des 14. Jahrhunderts ftellenweife im Gebrauch gewefen fein. 

Auf römifchen Denkmalen fieht man germanifche Schleuderer 
das Gefecht eröffnen, öfters auch germanifche Reiter. Eine Szene 
der Trajansfäule zeigt die Erftürmung eines Kartells an der Donau 
oder Theiß durch Fußvolk mit Bogen, Schild, Keule und Sturmbock, 
fowie durch germanifche Reiter, die famt ihren Pferden voll- 
ständige Schuppenpanzer tragen. 



J ) Die Doktrin des Euhemeros, eines griechifchen Philofophen, welcher lehrt, 
dafs alle Götter nichts als vergötterte Menfchen find — fowie dafs alles Fabelhafte 
in der Götterlehre immer auf etwas Wirklichem geftützt ift. 



56 



Abrifs der'Gefchichte der Waffen. 



Die Bewaffnung der Franken ift von allen Stämmen der ger- 
manifchen Völkerfamilie die am meiften bekannte; den Befchreibungen 
einiger Schriftfteller (Sidonius Apollinärius , und 450 unferer Zeit- 
rechnung, Procopius, Agathias, Gregorius v. Tours etc.) und den 
zahlreichen Nachforfchungen in den merowingifchen Grabfeldern ift 
es zu verdanken, daß die Bewaffnung des gewaltigen fränkifchen 
Kriegers faft vollftändig wieder hergeftellt werden kann. 1 ) Seine 
Verteidigungsrüftung beftand, wie die der Germanen diefer Zeit über- 
haupt, aus einem Schilde, der klein, rund, gewölbt und auf Eifen- 
geftell aus Lindenholz angefertigt, etwa nur 50 — 55 cm im Durchmeffer 
hatte. Obfchon der gemeine Krieger, deffen Kopf oft zum Teil ge- 
fchoren war und der, ähnlich wie der Chinefe, den Reft feiner («um 
Furcht zu erregen») rotgefärbten Haare geflochten, aber über der 
Stirn aufeinander gelegt trug, fchon in diefer eigentümlichen Kopf- 
ausrüftung einen Schutz gegen Schwertftreiche befaß, fo war ihm 
der Helmfchutz nicht unbekannt und befonders bei den Anfuhrern 
überall verbreitet. Wenn Tacitus (1. Jahrhundert n. Chr.) in den 
Annalen, II. 14, fagt: «Non loricam germano, non galeam» (weder 
Panzer noch Helm) und i. Germ. c. 6. — «Vix uni alterive caffis 
aut galea» — fo beweift das nur feine Oberflächlichkeit. Die alterten 
germanifchen Helme aus der fogenannten Bronzezeit fcheinen, wie 
der weiterhin abgebildete, aus fchneckenartig gewundenem dicken 
Draht, ebenfo wie der Bruftpanzer und der Armfchutz, beftanden zu 
haben, wohingegen in der fogenannten Eifenzeit der Plattenpanzer 
und als Kopffchutz der Eifenkreuzhelm auftritt. Mit folchem 
Eifenkreuzhelm bewaffnete germanifche Leibwachen Trajans 
zeigt bereits deffen Siegesfäule (2. Jahrhundert n. Chr.) und ein 
folches Helmgeftell aus Bronze (Britifches Mufeum), wahrscheinlich 
angelfächfifcher Herkunft, ift zu Leckhampton-Hill gefunden worden. 
In dem Lex. Franc. Ripuar. (Fränkifch-niederlothringifches Gefetz 
v. 511 bis 534) T. XXXVI, § 11, ift ferner von diefen Eifenkreuzen 
die Rede. Andere Helmformen waren indeffen bei den Franken 
auch im Gebrauche, da bekanntlich Clotar II. (584) und Dagobert 
(622) behelmt gefchildert werden. Im Beowulflied (Specht), diefer 
alten angellachfifchen Dichtung, welche im 8. Jahrhundert umge- 
dichtet worden ift, lieft man (398): «So kommt nur unter den Kampf- 



') Siehe die weiterhin vom VerfaflVr nach mich vorhandenen Stücken zufaiiiiix-n- 
geflellto. 



Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 



57 



helmen> etc. — (407) «Da mit Helmen ging der Harte* etc. — fowie 
.andere derartige Stellen noch. Die Kimbern im nördlichen Deutfch- 
land waren aber noch vollftändiger bewaffnet, weil die Bearbeitung 
des Eifens bei ihnen, wie bei den Burgundern, fchon auf einer vor- 
gerückteren Stufe ftand; fie trugen wirkliche Helme. Hundert Jahre 
v. Chr. hatten diefe Kimbern eine dreißigtaufend Mann zählende Rei- 
terei, bei der die «Rüftungen mit Tierfiguren verziert waren und die 
hutförmigen Helme und die Panzer aus Eifen beftanden . 

Wie weit die Franken auch in der Bearbeitung des Eifens alle, 
besonders die Römer, überflügelt hatten, davon geben ihre mit Silber- 
verzierungen, d. h. taufe liierte ei ferne Waffen und Schmuckgegen- 
Itände Zeugnis. Diefe Werkweife, welche fowohl den Griechen wie 
den Römern gänzlich unbekannt war und aus Indien von den Vor- 
fahren diefer Germanen in Germanien eingeführt worden zu fein 
fcheint, war anderswo in Europa unbekannt. 

Der Franken Angriffswaffen, vollftändiger als ihre Schutzrültun- 
gen, waren erltlich das 80 cm meffende dünne, fpitze, doppelfchnei- 
dige Schwert (Spata), der 45 — 55 cm lange Skramafax 1 ), engl, auch 
Kneif, genanntes Dolchmeffer, der 10 — 25 cm lange Sax (Seäx, 
Safas, auch Achat), ein Meiler, letztere drei links, erfteres rechts 
am Hüftengürtel getragen. Man hat den Skramafax mit Angeln, 
d. h. Handgriffen von unverhältnismäßiger Länge, gefunden, wovon 
eine im Züricher Zeughaufe, über 22 cm, andere im Mufeum zu Sig- 
maringen felblt 25 cm meffen, was anfänglich zur Anficht Anlaß gab, 
diefe Waffen für ein Werkzeug der Holzbearbeitung zu halten, weil 
die fo langen Angeln das Anfaffen mit beiden Händen erlaubten. 
Der Skramafax ift aber eine Waffe der Saxen, wovon der Volks- 
name der Sachfen abgeleitet wird und als Langfax, manchmal 
als Seh Wertbezeichnung vorkommt. (S. Eckessahs Dietrich von 
Bern.) Der urfprügliche Sahs war indeffen wie der kürzere fpätere 
Skramafaxus (nach Gregor von Tours) wohl immer nur einfehnei- 
dig, alfo nicht das zweifchneidige Schwert (die Spata): 
«Ihr zur Seite liegt der Seelberaubte 
Von Sahs wunden fiech. Mit dem Schwerte nicht er 
Auf keiner Weife wund ward.» 



*) Siehe Skramafaxus (bei Gregor v. Tours, 6. Jahrhundert), fowie in den 
Chroniken — Skrama — entweder von gr. fkamma, abgegrenzter Kampfplatz für 
Athleten, oder von fkarfan, fcheren, wovon auch Schere. Auch in den Gefta 
(Thaten) Francorum wird diefe Waffe Skramafaxus genannt. 




58 



Abrifs der Gcfchichte der Waffen. 



(Greg. 4, 51 u. G. F. 35. Wiglafs Erzählung vom Tode des Helden.) 
<Den Sahs fie nahm, den braunen Knief, die breite Klinge.» (Do.^ 
Ein fernerer Beweis, daß der einfchneidige Sax in diefer langgriffigen 
Form ficher eine Waffe und kein Werkzeug war, fowie daß derfelbe 
auch wohl meift zweihändig gehandhabt wurde, geht aus nachfol- 
gender Schilderung Math. Paris (Hist. Angl. Proelium apud Bovines) 
hervor: «Ipse Otto cum gladio quem tenebat ad modium sicae 
(conteau, Meffer) ex una parte acutum (alfo einfch neidig) hostibus 
ictus impertabiles hinc inde junctis manibus (alfo zweihändige 
Führung) quascunque attingebat, vel attonitos reddebat, vel sessores 
cum ipsis solo tenus prosternebat». Diefes einfchneidige Dolch- 
meffer trug der Franke immer, ftets ift er, in den Gräbern der 
Krieger, ihrem langen Sax (der Spata) beigegeben. Der Skramafax 
mit einfchneidiger Klinge, welcher bei allen Völkern germanifcher 
Abkunft in Gebrauch gewefen zu fein fcheint, da das Mufeum 
in Kopenhagen fo gut wie die meiften Mufeen Deutfchlands und 
der Schweiz folche befitzen, war fpitz, mit Blutrinnen, um fein 
Gewicht zu verringern. Penguilly l'Haridon hat diefe Waffe in ge- 
lungener Weife für das Artillerie-Mufeum in Paris herftellen laufen. 
Pfeil und Bogen wurden zumeift nur auf der Jagd gebraucht. Der 
Angon (Wurffpieß) oder das Pilum mit der mit Widerhaken 1 ) 
verfehenen Spitze, mit langem eifernen Schaft, der Geer, ge- 
nannte Stoß- und Haufpeer, und die Franziska genannte Streitaxt, 
vervollftändigten die Bewaffnung. Der Angon diente dazu, dem 
Feinde den Schild, in welchen fich diefe Waffe tief einbohrte, zu 
entreißen. Der Franke griff alsdann feinen Gegner mit dem Schwerte 
oder mit der Franziska an, einer eigentümlichen Axt mit einer 
Schneide (nicht mit zwei, wie einige Kompilatoren es anderen nach- 
gefchrieben haben); auch warf er diefe Axt wohl nach dem Schild 
des Feindes, wenn das Pilum oder der Angon fein Ziel verfehlt hatte. 2 ) 
Das im Louvre aufbewahrte Schwert Childerichs I., 457 — 481, 



*) Welcher bei dem römifchcn Pilum erft in ganz letzter Zeit vorkommt. 

2 ) Von den germanifchen Trachten ift fehr wenig bekannt. Hinfichtlich der 
dcutfchen Frauen berichtet Tacitus (Amor. I, 3 — 43) faft nur, dafs fie die link.- Bruft 
und beide Arme unbedeckt hatten. — Einige Alterüunsforfcher (u. a. Gottling — 1836) 
glauben mit Unrecht, dafs ein in der Loggia de Lanzii (Halle) zu Florenz befind« 
liebes und unter dem Namen «Göttin des Schweigens» bekanntes Standbild Thus- 
nelda vorftelle und aus der Lebzeit derfelben tagzeichnet, da bei diefer Figur ebenfalls 
die linke Bruft und die Anne nackt dargeftellt find u. dergl. m. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



59 



kann durch feine fchlechte Wiederherftellung nur Irrtum verbreiten. 
Der Knauf, der ans obere Angelende des Schwertes gehört, ift an 
deffen unteren Teil gefetzt worden, fo daß er die Abwehrftange 
verdoppelt, wodurch das Schwert eine geradezu unmögliche Form 
erhält. Für das Studium der Bewaffnung in Frankreich gegen das 
Ende der Merowinger (481 — 752) und zu Anfang der karlingifchen 
Zeit (750 — 911) ift nur wenig vorhanden, befonders aus letzterer, da 
in diefen Gräbern nicht mehr Mitgaben gefunden wurden, oder 
doch lehr feiten nur, ganz ausnahmsweife und allein im Norden, in 
den Suevengräbern, u. a. auch an dem Begräbnisplatz bei Immen- 
ftadt im Ditmarfchen, unter den Beigaben Silberdonare von Karl dem 
Großen vorhanden waren. Das diefem Kaifer zugefchriebene Schwert 
nebft Sporen ift faft alles, was noch von Grabmitgaben diefer Zeit 
bekannt ift. Der elfenbeinerne Deckel vom Antiphonarium des 
heil. Gregorius aus dem Ende des 8. Jahrhunderts ift auch wohl 
römifchen Urfprungs und rührt wahrfcheinlich von einem Diptychon 
her. Nicht früher als unter der Regierung Karls des Kahlen findet 
man in deffen illuftrierter Bibel einige Anhaltspunkte, und noch dazu 
erfcheinen diefe wenig ficher, vielmehr als ein Produkt künftlerifcher 
Phantafie, das nur mit großer Vorficht aufgenommen werden darf. 
Der König ift darin auf feinem Throne fitzend dargeftellt, von Wachen 
umgeben, die faft römifche Kleidungen und lederne Panzerriemen 
wie die Prätorianer haben; während eine Flachbildnerei der Kirche 
St. Julien in Brioude (Haute -Loire), welches in das 7. oder 8. Jahr- 
hundert (?) fällt, den Krieger im Mafchenpanzerhemde und. mit ko- 
nifchem Helme zeigt, und die Weffobrunner Handfchrift in München 
vom Jahre 810 einen Helm mit Nackenfchutz und einen Schild mit 
Nabel aufweift. Jener fonderbare Anzug der Garden Karls des Kahlen 
ftimmt nicht überein mit der Ausfage des Mönches von St. Gallen, 
der gegen Ende des 9. Jahrhunderts fchrieb, daß Karl der Große 
und feine Krieger fchon buchftäblich mit Eifen bedeckt gewefen 
wären; daß der Kaifer einen ei fernen Helm und Bruftharnifch ge- 
habt, feine Arme mit eifernen Schienen, feine Schenkel mit eifer- 
nen Schuppen bewaffnet und das Schienbein mit Eifenfchienen be- 
deckt gewefen wäre, daß überdies fein Pferd von Kopf bis zu Fuß 
in Eifen gefleckt hätte. 

Diefes Zeugnis erhält feine Beftätigung durch die Gefetze des 
Monarchen felbft, die feinen Mannfchaften die Armfchienen (ar- 
millae), den Helm, den Schild und die Schienen als Beinfchutz 



(5o Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

vorfchreiben. Obgleich nun der Codex aureus evangel. des Klo- 
fters von St. Emmeran in Regensburg, der ficher um 870 gefchrieben 
worden ift, in der Tracht einiger Kriegsleute an römifche Formen, 
ähnlich denen der angeführten Bibel und des Codex aureus von 
St. Gallen, erinnert, fo ift es doch nicht anzunehmen, daß die unter 
Karl dem Großen fchon fo furchtbare Bewaffnung in folchem Grade 
unter der Regierung Karls II. follte zurückgegangen fei. Die Leg es 
Longobardorum des 9. Jahrhunderts in der Bibliothek in Stuttgart 
fcheinen diefe Zweifel zu beftätigen; denn der lombardifche König 
trägt eine lange germanifche Tartfche, welche man erft in der Be- 
waffnung des 14. Jahrhunderts wiederfindet, und die Flachbildnerei 
des aus dem 9. Jahrhundert herrührenden Reliquienkaftens in der 
Schatzkammer von St. Moriz in der Schweiz ftellt den Krieger in 
vollftändigem Mafchenpanzerhemde dar. Die fchon vorgefchrittene 
Bewaffnung unter Karl dem Großen wird aber auch und befonders 
faßlich durch deffen im Parifer Medaillenkabinett aufbewahrte Schach- 
figuren (fiehe weiterhin die Abbildungen davon) feftgeftellt. Der Fuß- 
kämpfer trägt da fchon eine Art Keffelhaube, eine Schuppenpelerine 
und einen dreiviertel mannshohen herzförmigen Schild und der Reiter 
felbft fchon die Keffelbarthaube. 

Weiterhin ift keine gefchichtliche noch archäologifche Spur mehr 
zu entdecken, wenn man nicht das Martyrologium, eine in der- 
felben Bibliothek vorhandene Handfchrift, und die Biblia sacra, 
welche fich gleichfalls als Manul kript in der National-Bibliothek zu 
Paris befindet, beide aus dem 10. Jahrhundert flammend, hinzu- 
rechnen will. Der deutfche Ritter tritt darin fchon mit derfelben 
militärifchen Ausrüftung auf, wie der normannifche auf dem vom 
Ende des 11. Jahrhunderts herrührenden Teppich von Bayeux. 

Die Dürftigkeit der auf diefen Stoff einfchlägigen Urkunden aus 
dem karlingifchen Zeitabfchnitt (687 — 987) macht für die folgende 
Zeit der Kreuzzüge (1096 — 1270) einer größeren Fülle urkundlicher 
Nachrichten Platz. 

Eine angelfächfifche Handfchrift des Britifchen Mufeums, die 
Psychomachia, und Prudentius aus dem 10. Jahrhundert zeigt 
den Kriegsmann noch ohne Mafchenpanzerhemd und mit dem 
Glockenhelm, in der Art, wie diefe Verteidigungswaffe in der be- 
reits angeführten Biblia sacra vorkommt, während ein anderes 
angelfächfifches Manufkript, Aelfric, aus dem II. Jahrhundert den 
Ritter im Mafchenpanzerhemde und mit einem Helme von fonder- 






Abrifs der Gefchichte der Waffen. (5l 

barer Form, ohne Nafenfchutz vorführt; und das Martyrolog.ium der 
Stuttgarter Bibliothek fchon einen konifchen Helm mit Nafenfchutz 
aufweiit. Für den Altertumsforfcher hat der Aelfric noch befonderes 
Intereffe wegen des Studiums der verfchiedenen Schwertformen, 
deren jede, fozufagen, das Zeichen ihrer Zeit trägt, infofern es ihm 
itets wichtig fein wird, das Jahrhundert mit Genauigkeit nach der 
Länge und der Übereinftimmung von Klingen und Stichblättern zu 
beftimmen. In den Illuftrationen diefer Handfchrift kommen Schwerter 
mit dreiteiligen Knäufen am Gefäß vor, diefelben, mit denen auch 
die Krieger der Biblia sacra bewaffnet find. In einer in der 
Düffeldorfer Bibliothek bewahrten Handfchrift aus dem n. Jahrh., 
welches die Klagelieder Jeremiae und die Apocalypse enthält, 
trägt der deutfche Ritter das kleine Panzerhemd (haubert) mit 
langen Ärmeln, das wie die Rüfthofen und Rüftftrümpfe gemafcht 
iit, dazu die kleine Keffelhaube (bacinet) und den langen konvexen, 
oben vierkantigen und nach unten zugefpitzten Schild. Eine folche 
Rüftung trägt auch das Standbild eines der Gründer des Domes von 
Naumburg aus derfelben Zeit — nur mit dem Unterfchiede, daß 
der Schild die Form des in Frankreich normannifch genannten 
Schildes zeigt; — außerdem ift fie noch auf einer im 12. Jahrh. 
ausgeführten Bildnerei am Thore von Heimburg in Ofterreich, nahe 
der ungarifchen Grenze, zu fehen. Die Krieger der Mitra von Seli- 
genthal in Bayern, auf welcher das Martyrium des heiligen Stephan 
und des Erzbifchofs Becket von Canterbury dargeftellt ift, find mit 
gewölbten Helmen verfehen, jedoch hoch wie Zuckerhüte. Eine an 
der Bafilika von Zürich befindliche Flachbildnerei, den Herzog Burck- 
hard darftellend. aus dem 1 1 . Jahrhundert, erinnert in der Form* des 
Helmes und Schwertes wieder an die Waffenbilder des Stuttgarter 
Martyrologiums. Ein kleines Standbild von gelbem Kupfer aus 
dem 10. Jahrh. (Sammlung des Grafen v. Neuwerkerke) ift ebenfalls 
äußerft wertvoll für das Studium der Helme, infofern der Nafen- 
fchutz des konifchen Helmes, welchen der Krieger trägt, durch die 
Breite des unteren Teils von den übrigen Nafenfchutzen diefer Zeit 
abweicht. Ein kurz nach der Unterjochung Englands durch Wilhelm 
den Eroberer (1066) ausgeführte Bayeuxer Teppich enthält in feiner 
merkwürdigen Arbeit fchätzenswerte Urkunden für die Gefchichte 
der normannifchen Waffen im 1 1 . Jahrhundert. Der konifche Helm 
der Flachbildnerei von Brioude kommt auf dem Teppich vor, aber 
gewöhnlich mit dem unbeweglichen Nafenfchutz, wie er in dem 



52 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

deutschen Martyrologium des 10. Jahrh. zu fehen ift. Heinrich I. 
von England (noo — 1 1 3 5 ) und der König von Schottland, Alexan- 
der I. (1107 — 1128), find beide auf ihren Siegeln mit denfelben ko- 
nifchen Helmen, die in Frankreich normannifch heißen, dargeftellt, 
und erft gegen Ende des 12. Jahrhunderts erfcheint in England der 
Glockenhelm, wie ihn das Siegel des Königs Richard Löwenherz 
zeigt (11 89 — 1199), während dieler felbe Helm in Deutfchland fchon 
gegen das 9. Jahrh. in Gebrauch war. (Vergleiche die Weffobrunner 
Handfchrift und den Reliquienkaften von St. Moriz.) Die unter 
Heinrich dem Löwen (f 1 195) im Dome zu Braunfchweig ausge- 
führten Wandmalereien zeigen jedoch noch Ritter mit dem konifchen 
Helme neben anderen, die bereits mit dem Topfhelme (heaume) 
bedeckt find. 

Im 10. Jahrh. war auch bei dem fächfifchen Heere, unter Hein- 
rich I. (919 der erfle deutfehe König fächfifchen Stammes), ein fo- 
genannter Heuhut, d. h. ein Strohhut als Kopfbedeckung eingeführt 
worden, mit der 30000 Mann, Anführer und gemeine Krieger, ftatt 
des Helmes verfehen waren. Ob diefe «Strohhüte von breiter Form*, 
eine Art nationaler Eigentümlichkeit, genügend die aus fefteren 
Stoffen angefertigten Eifenkreuze und Helme hinfichtlich des Schutzes 
erfetzen konnten, kann nicht feftgeftellt werden, da näheres darüber 
nicht bekannt ift. 1 ) Viel fpäter tauchten auch bei den Ruffen 
baumwollene Filzhüte auf Eifengeftelle (Schapki oumashnyja) 
auf, womit viele Krieger behelmt waren. 

Gegen Ende des 10. und am Anfange des 1 1. Jahrh. trug der Ritter 
ein langes Waffenkleid, den Haubert (großes Panzerhemd, Haubert, 
v. deutfehen Halsberg, altdeutfeh: brunne, — brunnica abgeleitet), 
welches gewöhnlich bis an das Knie reichte, deffen Ärmel jedoch 
im Anfange nur bis zum Ellbogen gingen und erft fpäter verlängert 
wurden. Eine Art Kapuze, Camail genannt, bedeckte Kopf und 
Nacken dergeftalt, daß nur ein kleiner Teil des Gerichts entblößt 
blieb. Diefer Haubert, eine Art Kittel, war aus Leder oder aus 
Leinwand gemacht, auf welche Stoffe entweder ftarke Ringe von 
gefchmiedetem Eifen neben einander aufgenäht, oder Ketten in die 
Länge oder Breite, oder auch Metallplatten verfchiedener Art, die 



') Kaiser Otto d. Gr. (936 — 973) drohte den Franzofen, «foviel Strohhüte 
vor Paris zu führen als fie niemals gefeheo hätten», was zu der Annahme berechtigt, 
dafs folche Kopfbedeckungen auch von diefes Kaifers niederfächfifchem FufsvoDce, 
aber wohl nur im Sommer, Allgemein getragen wurden. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 6^ 

oft die Gertalt von Schuppen hatten, befeftigt waren. Die Tapete 
von Bayeux ftellt Wilhelm den Eroberer fchon mit langen Rüft- 
hofen (Brünhofen) dar, die wie der Haubert mit Ringen befetzt find : 
jedoch find dort noch die Beine der Ritter, ähnlich denen der angel- 
fächfifchen Krieger, mit Riemen (femoraliae) bewickelt. Die fchon 
erwähnte Bildsäule eines der Gründer des Doms von Naumburg zeigt 
ebenfalls lange Rüfthofen, fowie die unter Heinrich dem Löwen 
gefchlagenen Münzen. 

Der normannifche Haubert war damals eine Art von enganlie- 
gender Jacke mit daran fitzenden Rüfthofen und beftand aus einem 
einzigen Stücke, das den Körper wie ein Tricot vom Hälfe bis zur 
Kniefcheibe und bis zum Ellbogen bedeckte. Der lofe Camail 
(Helmbrünne oder Kettenkapuze) befchützte den Nacken, einen 
Teil des Gerichts und des Kopfes, welcher außerdem noch bei den 
Normannen mit dem konifchen Helm mit langem Nafenfchirm und 
zuweilen auch noch mit Nackenfchutz verfehen war. 

Das Panzerhemd (Brunne — brogne, im Franz.) zeigt häufig 
ein Gitterwerk von Lederftreifen in regelmäßigen Rauten aufgefetzt. 
Die Kreuzungspunkte waren mit fehr dicken, neben einander auf- 
genähten Ringen oder mit vernieteten Nagelköpfen befetzt, zwei 
Arten, die in den Zeichnungen der Manufkripte fehr leicht zu ver- 
wechfeln find. Das echte und gute Panzerhemd beftand aus meh- 
reren Lagen gepolfterten und gefteppten Zeuges, über welche jenes 
Gitterwerk gelegt war. Es giebt aber auch Panzerhemden, die gänz- 
lich aus Schuppen beliehen, und Brunnen oder Bmnikas, deren Gitter- 
werk weder mit Nagelköpfen noch mit Ringen befetzt ift. Die 
Schuppenpanzerhemden diefes Zeitraums, Jazerans oder Korazims 
benannt, find fehr feiten oder vielleicht gar nicht mehr vorhanden. 
Das ältefte, was ich in Handfchriften des Mittelalters gefunden habe, 
ift eine Art Jacke mit dachziegelförmigen Schuppen, mit der ein 
Ritter in dem Codex aureus des 9. Jahrhunderts von St. Gallen 
bekleidet ift. Es dürfen jedoch Jazerans diefer Art nicht mit ähn- 
lichen der nachfolgenden Zeiten verwechfelt werden, von denen ein 
gefchichtliches Exemplar, das, welches der König Sobieski im Jahre 
1629 vor Wien getragen hat, im Mufeum zu Dresden befindlich ift. 
Es fcheint auch, daß die Brünnen mit ziegeiförmigen Schuppen im 
Norden nicht feiten waren, weil die Magdeburger Heller von 11 50 
und 1160, fowie mehrere andere deutfehe Heller aus derfelben Zeit 
fie im Bilde haben. 



6 4 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



Die Weleslavfche Handfchrift in der Bibliothek des Fürften Lob 
kowitz zu Raudnitz hilft darzuthun, daß die Leibrüftung in Böhmen 
zur Zeit des 13. Jahrhunderts nicht fehr vorgefchritten war, indes 
find darin fchon die Schnabelfchuhe, die große Keffelhaube und der 
kleine Schild zu fehen, der fich gleichfalls in den Buchmalereien eines 
wertvollen Manufkripts aus demfelben Zeitalter, der deutfehen, von 
Heinrich von Veldeke verfaßten Aneide, in der Bibliothek zu Berlin, 
vorfindet. In der letzteren Handfchrift find die Schlachtroffe felblt 
fchon mit gegitterten, mit Nagelköpfen oder Ringen befetzten Decken 
behängt und die Ritter mit dem Topf heim, den der Helmfchmuck 
ziert, verfehen, was in diefem Zeitabfchnitt feiten vorkommt. Die 
deutfehe Handfchrift Triftan und Ifolde, aus dem 13. Jahrhundert, in 
der Bibliothek zu München, ift auch in diefer Beziehung nicht weniger 
merkwürdig; Ritter erfcheinen darin fchon mit Beinfchienen und mit 
Eifenfchnabelfchuhen. 

- Bei den Normannen wurde die Schutzrüftung durch einen Schild 
vervollftändigt, der gewöhnlich herzförmig, d.h. oben rund und unten 
fpitz war und die Hüfte, zuweilen fogar auch die Schulter des Krie- 
gers überragte. Der angelfächfifche Schild war noch rund und 
gewölbt wie bei den Franken und wie der Rundfchild des 15. Jahr- 
hunderts. Die Angriffswaffen beftanden in dem Schwerte mit gerad- 
kreuziger Abwehrftange, in dem Streitkolben, der Streitaxt mit langem 
oder kurzem Schaft und in den mannshohen Speeren, wo am Ende 
zuweilen ein kleiner Wimpel flatterte. Schleuder und Bogen waren 
die Schußwaffen. Die Helme der Bogenfchützen zeigen fich ge- 
meiniglich ohne Nafenfchutz. 

Alle Panzerhemden (Brünnen) können demnach eingeteilt wer- 
den: in beringelte, die aus flachen, neben einander aufgenähten 
Ringen angefertigt wurden; bekettete, von ovalen, ineinander 
greifenden Ringen gemacht, und in befchildete, d. h. folche, die 
aus rautenförmigen Stücken und aus dachziegelförmigen Schuppen 
dargeftellt waren. 

Das eigentliche Mafchenpanzerhemd , von dem irrigerweife an- 
genommen wird, daß es erft infolge der Kreuzzüge aus dem Orient 
gekommen fei, war in Mitteleuropa fchon durch die Römer und im 
Norden fchon vor dem II. Jahrhundert bekannt; in Tiefenau find 
Fragmente gefunden worden, die aus Ringen von 5 Millimeter im 
Durchfchnitt beftehen, vortrefflich gearbeitet und ficher um einige 
Jahrhunderte früher als die Kreuzzüge entftanden find. Lieft man 



Abrifs der Gcfchichtc der Waffen. 65 

doch auch im Heldengedichte Gudrun: daß Hemig feine Brünne 
in den Schild gleiten ließ ; und weiterhin, daß feine Kleider mit 
dem Rolle feines Hauberts bedeckt waren . Das im 1 1 . Jahrhundert 
gefchriebene Rät fei Aldhelm fpricht auch von diefer «aus Metall, 
ohne Hilfe irgend eines Gewebes gebildeten Lorica» (Panzer- 
hemd), eine Stelle, die deutlich genug das eigentliche Mafchen- 
panzerhemd bezeichnet, desgleichen eine andere im Roman de 
Ron, der nach der normannifchen Eroberung gefchrieben wurde. 
Diefes felbe Panzerhemd ift es, von dem die byzantinifche Prinzeffin 
Anna Comnena (1083 — 1148) in ihren Denkfchriften fagt: «daß es 
einzig aus genieteten Stahlringen gemacht, damals noch in Byzanz 1 ) 
unbekannt gewefen fei und nur allein von den Männern des Nordens 
getragen würde . Ferner erwähnt noch ein Mönch von Noirmoutiers, 
der zur Zeit Ludwigs VII. (1137 — 11 80) lebte, folch Mafchenpanzer- 
hemd aus Anbafs, bei der Befchreibung der Waffen Gottfrieds von 
der Normandie. 

Im 11. Jahrhundert, ausnahmsweife auch früher fchon, taucht 
das wallende Waffenhemde oder der Waffenrock von Zeug (fr. 
hoqueton) auf, welcher über der Brünne getragen wurde und nicht 
mit dem fpäteren eigentlichen Rüfhvaffenrock (fr. cotte d'armes, 
poln. litenka), noch mit dem Lendner von Leder zu verwechfeln ift. 

Das gegitterte Panzerhemd fowohl, wie auch der beringelte 
Haubert waren pfeilfeft, aber viel zu fchwer und vermochten den 
Stoßwaffen, befonders dem Speere, wenig Widerftand zu leiften. Daher 
wurden fie denn auch nach und nach abgefchafft. Anfang des 13. 
Jahrhunderts trugen die wohlhabenderen Ritter faft alle fchon oder 
noch Mafchenpanzerhemden, die jedoch ebenfowenig ftoßfeft waren. 
Erft die Kunlt des Drahtziehens (1306 von Rudolf von Nürenberg 
erfunden?) ermöglichte es, daß im 14. Jahrhundert auch der weniger 
bemittelte Kriegsmann fich ein folches anfehaffen konnte. Die ge- 
fchmiedeten Ringe, anfangs Stück für Stück angefertigt und jeder 
vernietet, hatten den Preis der Mafchenpanzerhemden zu fehr in die 
Höhe getrieben, um der kleinen Ritterfchaft und den gemeinen Kriegs- 
leuten den Gebrauch derfelben bis dahin zu geftatten. In der Schlacht 
bei Bouvines (12 14) findet man die Bewaffnung fchon bedeutend ver- 
vollkommnet: Rüfthofen, Panzerhemden mit Camails (Ketten- 



*) Die Römer hatten indeffen bereits genietete Mafchenpanzer und kannten wohl 
auch fchon das Drahtziehen. 

Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. S 



(56 Abrifs der Gcfchichtc der Waffen. 

kapuzen) und Ärmel befanden fämtlich aus Mafchen, die dermaßen 
eng mit einander verbunden waren, daß der Dolch, die tückifche 
Mifericordia oder der Panzerbrecher, keine Stelle fanden zum 
eindringen. Um den niedergeworfenen Gegner zu töten, mußte man 
ihn erfchlagen. 

Während der Regierung Ludwigs des Heiligen (1226 — 1270) 
wurde die vollftändige Mafchenrüftung allgemein von den wohl- 
habenden Edelleuten in Frankreich und Italien getragen. Ohne 
Futter, auf beiden Seiten gleich, fchloß fie fich wie ein Hemd dem 
Körper an, und wurde über einer Bekleidung von Leder oder ge- 
ftepptem Zeuge angelegt: dem Gamboifon, Gambifon oder Gani- 
befon. Diefer machte auch die längfte Zeit die einzige Verteidigungs- 
rüftung der Fußfoldaten in Frankreich aus, wo die Bewaffnung des 
gemeinen Söldners zur Zeit des Mittelalters mangelhaft war, weil die 
Städte weder die Unabhängigkeit noch den Reichtum der großen fla- 
mändifchen, deutfehen und italienifchen Städte befaßen, um ein Korps 
regelrecht bewaffneter Bürgerfoldaten bilden zu können. Der Gam- 
boifon findet fich auch im 16. Jahrhundert wieder, wo er meiftens aus 
mit Schnürlöchern verfehenem Leinenzeuge beftand. Außer der Brünne 
erfcheint noch, wahrfcheinlich anfangs des 13. Jahrhunderts, eine zweite 
Schutzrüftung, welche die Ritter über der Brünne trugen und Platte 
genannt wurde, für deren Anfertigung in Frankreich Soiffons 1 ) be- 
rühmt gewefen zu fein fcheint. Die Platte blieb etwa von 1230 bis 
1350 im Gebrauch. Sie war von Leder, mit herunterlaufenden eifernen 
Schienen, und inwendig mit Leinwand gefüttert. An der Außenfeite 
erblickte man die oft verzinkten Köpfe der Nägel (fr. clous, boul- 
lons, barres), mit denen die Eifenfchienen unter dem Leder (ver- 
mittelft Nieten) befeftigt waren. (Siehe die Holzftandbilder v. 1350 
im Bamberger Dom.) Alte Platten im Original find nirgends vor- 
handen, das fälfehlich mit diefem Namen im Darmftädter Kabinetts- 
mufeum bezeichnete Rüftftück ift eine Brigantine vom 15. Jahrhun- 
dert. (Siehe im Abfchnitt der «vollftändigen Bewaffnung des Mittel- 
alters» weiter unten die Abbildung der wahren Platte.) 

Viele folcher Platten waren auch äußerlich unter den Nietnägeln 
oft mit Sammet, ja felbft Goldbrokat überzogen. Es ift aimi- 
nehmen, daß die Stahl fchienen fich auch wohl kreuzten oder auch 



') S. Parzival v. Wolfram von Eicheiibach, v. 261: «Von Soissons war die 
Harnifchplatte». Im leihen Verfe kommt auch «Harfenier» (Wattenkappc) vor. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen 



6/ 



Sich dachziegelartig deckten und daß die Platten auf dem Rücken 
zuge Schnürt (nie gehakt) wurden (wie Siegfrieds Panzer von Hom- 
fchuppen, wo der fchutzlofe Schnürplatz dem Meuchelmörder Hagen 
mitteilt Anklebens eines Lindenblattes bezeichnet war). Gemeinlich 
ift die Platte deshalb in Inventarien als Paar angeführt, auch manch- 
mal als Leibchen mit und ohne Schöße bezeichnet. Solche 
Platten werden, wie fchon bemerkt, in Sammlungen oft mit der 
Brigantine vom 15. Jahrhundert verwechfelt; ebenfo ein Panzer in 
anfchließender Leibchenform, wo fich deckende Schuppen und 
nicht Schienen den Schutz bilden. Es giebt Brigantinen, die auch 
von außen Nieten auf Sammet wie die Platten zeigen. Brigan- 
tinen erfchienen fpäter und find nie über Brünnen getragen worden. 
Dir alterten Platten waren ohne Gräte, d. h. ohne Kante in der 
Mitte des Vorderteils und aus fchmäleren Schienen mit klei- 
neren Nägelköpfen hergestellt, fo daß fie mehr den Brigantinen 
des 15. Jahrhunderts ähnelten. Später wurden die Schienen breiter, 
die Nagelköpfe dicker und weniger zahlreich, wie die Platten 
des weiterhin abgebildeten Standbildes der Holzflachbildnerei im 
Dome zu Bamberg (1370) und des Reiterstandbildes des heil. Georg 
im Hofe des Prager Schloffes (1373) deutlich zeigen. 



Bruchltück einer Platten-Eifenfchiene in 
natürlicher Größe vom 14. Jahrhundert, 
aus der 1 399 zerstörten Burg Tannenberg. 



Von diefer altzeitigen 1 ) Platte Sprechen folgende Stellen: 

«Eine Platte meifterlich befchlagen: 
«Solde fie zu Streite hau getragen 
«Her Wigdez's der kann man 
«Do er den argen Wurme ghetan 
«Durch Larien willen erfluk 
«Sie were meift erlich genuk 
«Gemecht von riehen Pieken.» 

(Ritter Johann von Michelsug beim Turnier v. Paris, 1280.) 

ls vero, qui idem allodium vel decem mansos emerit, debet 
ratione ejusdem allodii cum armatura, quae Plata vulgariter dicitur 
et aliis avibus armis» etc. 




') Zu den fpäteren Platten- Arte n kann man auch die angeführte Brigan- 
tine oder Panzerjacke t fovvie andere ähnliche Riiftungen zählen; die Nagelköpfe find 
da aber viel kleiner und viel zahlreicher. 

5* 



6g Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 

(«Privilegium Calmense primum» des Hochmeifters deutschen 
Ordens Hermann von Salza — 1233.) 

Diefe Stelle hat Bezug auf die halbfchwere Reiterei, der 
leichten war zur Schutzrüftung nur eine Brünne gegeben, wohingegen 
die fchwere von Kopf zu Fuß (plenis armis) beruftet wurde. 

«Da weren die Waffen und viel Jahre devor als wie hernach 
geschrieben fleht: Ein jeglicher guter Mann: Fürften, Grafen, Herren, 
Ritter und Edelknechte, die weren ge wärmet in Platten, auch die 
Bürger mit Waffenröcken darüber, wohl zu ftürmen und ftreiten mit 
Schößen und Leibchen, welche zu den Platten gehören» etc. 
— (Limburger Chronik von 1330.) 

«In diefer Zeit vergingen die Platten — die Ritter u. a. 
führten nur Schuppen, Panzer» etc. — (Limburger Chronik von 1350.) 

«Da gingen die weftphälifchen Lendner 1 ) an». — (Limburger 
Chronik 1370.) 

«In ganzen blech und ir geleich (Gelenk) blieben ungefcheitelt, 
«Uz ftahel wol gehertet waren fi gemacht.» 

(Konrad v. Würzburg, Troj. 28. a.i 

«Pour faire et forger la garnison de deux paires de plätes, 
dont les unes sont couvertes de veluyau asure, et les autres 

a ) Die Chronik fpricht hier von dem zuerft in England unter Eduard III. (1327 
bis 1377) aufgekommenen Lendner (fr. cote-hardie) ein eng anliegender bis über die 
Hüften reichender und ganz faltenlofer Waffenrock aus dickem Büffelleder, welcher ge- 
meinlich über dem Mafchenpanzerhemd getragen wurde. Nur zum Zierat dienend, 
wurden folche Lendner aber auch aus Seide oder Sammet angefertigt und ungerüftet 
getragen, ja fogar zuletzt von Frauen. Da wo bei der Platte nicht die Nagelköpfe 
zu fehen find, ift es fchwer, in Abbildungen diefelben von dem oft auch kürzeren 
Lendner zu unterfcheiden. Eine dritte Art bildete der erft im 1 1. Jahrhundert aufgetauchte 
wallende Zeugwaffenrock (fr. hoqueton, auch auqueton, engl, cotte-armour), 
welcher gleich den heutigen Staubmänteln als Überwurf diente. Es beflanden alfo 
aufser der Platte noch der «Lendner und der Waffenrock oder das Waffen- 
hemd», als äufsere, über der Rüftung getragene Gewänder. 

Im fpäteren Mittelalter trugen in Frankreich die Krieger auch oft bei nächtlichen. 
Camifades (vom lat. Camifa, Hemd) genannten Überfällen weifse Hemden («camifas») 
über den Harnifchcn, um fich in der Finfternis gegenfeitig zu erkennen. Von diefen 
Camifadcn ift der Name Camifard abgeleitet, welcher den nach dem Widerruf de* 
N anter Ediktes (1685) die Waffen ergreifenden Proteftanten der Cevennen und der Lo- 
zere gegeben worden ift. Gambifon hiefs eine gemeinlich gepolftertc Art Lendner, 
welcher unter dem Panzerhemde oder unter der Schicnenrüftung getragen ward. Es 
foll aber auch Gambifons gegeben haben, dir man wie den Lendner und dea Ho- 
queton über der Schutzrüflung trug. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



6 9 



de veluyau vert ou ore de broderies; pour les deux paires, six 
milliers de clous, dont les trais milliers sont air crousant, et les autres 

sont » (alfo nur die Köpfe der Nietnägel waren verziert). — 

(Comptes de l'argenterie des Etienne de la Fontaine von 1352.) 

Une piece et une aune et demi de cendal vermeil de 
fors, en graine, pour faire cotes ä plates > etc. — (Comptes de 
l'argenterie wie oben.) 

Une plate neuve couverte de samit vermeil» etc. — (Inven- 
taire de Louis Hüten, 13 16.) 

«VI paire de plates febles, dont IV nulle value.» — (Inventaire 
du chateau a Dover, 1361.) 

I peire de plates covertes de vert velvet. — Inventaire des 
effets des Humphrey de Bohun. 

«Une peire de plates couvertz d'un drap dor; une paire coau- 
verty de rouge samyt.» Inventaire du Tresor de 1330 (Nottingham 
Castle). 

Zum Zweikampfe zwilchen William v. Douglas und Thomas 
v. Erfhyn werden beiderfeitig «unum par de platis» angelchafft. 

Do leit ich einen Halfpexc an, 

Veft en ftarc, lieht, wel getan, 
Dorüber eine blaten gut.» 

(Ulr. v. Lichtst. 450, 18.) 
«Er fnort ein blaten drobe 
Dui was ge&iten (gefchnürt)» etc. 

(Konrad v. Würzburg. Troj. 370. 8.) 
«Som wol ben armed in cn Haburgoun, 
In a bright brcst plat and a gypoun. 
And som wold have a payre plates large.» 

(«Knigtes Fall» — Chaucer — f 1400.) 

« Als es 1392 galt, den Hof zu Wilka einzunehmen, mußte der 
Stadt Görlitz Plattner, Platten, Panzer, Hantfehken Eifenhüte 
und Hauben anfertigen» (Alte oberlaufitzer Gefchütze von Dr. Mofchkau). 

Befonders war die Platte in Turnieren notwendig, wo die 
Brünne wohl gegen Schläge, aber nicht gegen den Speerftoß fchützte. 

Ferner trug der Ritter noch beim Turnieren, wahrfcheinlich 
aber nur über der Platte und erft im 13. Jahrhundert, die Bruft- 
jplatte oder das Stahlftück (fr. la piece d'aeier, auch pectoral 
und mamilliere, engl, brest plate) 1 ), wovon auch kein Original 



J ) S. S. 68 Chaucers «Knigtes Tall». «Leur lances percerent la piece d'aeier, 
les plates et toutes les armures jusqu'au chair.» — Frossart, description du combat 
entre Tristan de Boyes et Miles de Weisd., 1382. 



~o Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

mehr vorhanden ift, wie diefelbe auf den angeführten Holzbildnereien 
ebenfalls dargeftellt ift; diefelbe reichte nur von den Schultern bis 
zum Nabel. Ein kleiner Dreifpitz-Schild (fr. petit ecu) im 13., die 
Tartfche im 14. Jahrhundert dienten ferner dazu, die Lanzenftöße 
abzuwenden oder aufzufangen; der Topf heim fchützte das Haupt. 
Das Streitroß, welches fpäter ebenfalls von Kopf zu Füßen mit Eifen 
bedeckt war, zeigt fich um diefe Zeit noch ohne Schutzrüftung, 
aber der Sattel davon mit fehr hoher Rückenlehne, damit der 
Reiter, welcher, ganz nach dem Kopf des Pferdes zu gebückt, feinen 
Gegner anritt, nicht fo leicht heruntergeftochen werden konnte. Es 
ift notorifch, daß damals noch keine Bruftharnifche oder Stück panzer 
aus einem Eifenftücke (fr. cuirasse), aber doch Ichon Rüfthaken 
im Gebrauch waren, welche an der Schulter befeftigt wurden. 

Die Schienenrüftung (im Mittelalter ohne den Helm Hurnifch, 
fr. harnais, engl, harneß), eine Bezeichnung, die aber auch 
mehr dem Panzer allein beigelegt wird, anfangs teilweife aus 
Leder 1 ), fpäter erft aus Stahl angefertigt, geht, der verbreiteten 
Meinung entgegen, in Deutfchland viel weiter zurück als in Italien, 
wo fie erft im 14. Jahrhundert auftaucht, während deutfche Hand- 
fchriften des 13. Jahrhunderts fchon den Krieger in diefer neuen 
Rüftung und mit dem Topf heim (fr. he au nie) bewaffnet darft eilen. 

Über dem Panzerhemd trug der Ritter oft, wie bereits angeführt, 
eine Art Kittel ohne Ärmel, aus leichterem Stoff gemacht und 
Waffenhemd (fr. hoqueton, nicht zu verwechfeln mit dem Lendner 
von fchwerem Leder, in Form ähnlich der Platte) genannt, der bis 
an die Kniefcheibe reichte und worauf fich das Wappen und andere 
Merkzeichen geflickt befanden. Diefes Kleidungsftück war zumeift 
das Werk der Burgfrau. Der große Haubert oder weiße Hau- 
bert (die ganze Brünne, die vollfländige Mafchenrüftung, welche 
anzulegen in Frankreich nur allein die Ritter berechtigt waren, und 
die 25 — 30 Pfund wog), beftand aus Rüfthofen und langem Waffen- 
rock mit Kettenkapuze und Ärmeln, welche in der letzten Zeit die 
Arme und Hände in eine Art von Futteral hüllten, das zuweilen nur 

*) Ende des 13. Jahrhunderts wurde zur Verflärkung des Mafchenfchtttzes zuerft. 
gefottencs Lcder (fr. cuir, bouilli) benutzt, welches oft mit Metallbuckeln, d. h. 
mit grofsen runden, unten vernieteten Nagelköpfen, befchlagcn war. Die wohl zuerfl 
erfchienenen bärtigen ledernen Beinfchienen hieben Lcrfen, auch Lederfen (fr. cui- 
Der Name Cuiraaae im Fr, für Stückpanxer rührt ebenfall« von diesem für 
KUftuugen angewendeten Stoff her. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



71 



den Daumen, der ebenfalls mit Mafchen bedeckt war, frei ließ. Unter 
diefem Haubert trugen die Ritter, wie fchon bemerkt, auf der Bruft 
noch eine große eiferne Platte. Solchergestalt war damals die all- 
gemeinübliche Waffentracht der franzöfifchen Ritter fchaft. Die Flü- 
gelchen, Wappenfchildchen oder Schulterflügel, Plättchen, 
die an den Schulterblättern der Mafchenpanzerhemden und der bald 
außer Gebrauch gekommenen Leder- oder HornplattenrüStungen be- 
feftigt wurden, waren eine Art mehr oder weniger hoher, oftmals 
auch ovaler Wappen fchilde, wie fie an dem Standbilde Rudolf von 
HierSteins (13 18) im Dome zu Bafel zu fehen find. Diefe Flügelchen 
(fr. ailettes) trugen gleich dem Schilde die Wappen der Ritter, 
indes find fie nur etwa fünfzig Jahre im Gebrauch gewefen (1280 
bis 1330. (S. die verfchiedenen Abbildungen weiterhin.) Gemeinlich 
waren diefelben hochitehend und konnten deshalb nicht zum Schutze 
der Schultern dienen, wie dies von einigen angenommen wird. Die 
Epäuletten» follen davon abftammen. Mufeifon hießen die eifernen 
Verftärkungen, womit die Mafchenrüitung an Armen und Beinen zu- 
weilen verfehen waren, aber auch die Verstärkungen der engen 
Wamsärmel der Söldner im 14. und 15. Jahrhundert. (S. weiterhin 
die Abbildung.) 

Die kleine Keffelhaube (bacinet, vom keltifchen bac (r), 
auch Hirnkappe (fr. cerveliere) genannt, die mit der großen 
Keffelhaube, welche vom 13. bis zum Anfange des 15. Jahrhun- 
derts im Gebrauch war, nicht verwechfelt werden darf, wurde eben- 
fowohl über als unter der Kettenkapuze oder Ringhaube oder 
Helmbrünne (fr. camail) getragen; doch bedeckte auch fie nicht 
den Kopf zunächit, vielmehr gefchah dies durch eine gepoliterte 
Zeugmütze, Wattenkappe, «Härfenier» (fr. auch chaperon) ge- 
nannt, die vermittelst Riemen an die Mafchenkappe befeStigt wurde. 
Über dieSer dreifachen Kopfbedeckung wurde dann noch während 
des ernStlichen Kampfes wie des Turniers der Topfhelm (fr. heaume) 
getragen, ein umfangreicher Helm, welcher in der erSten Zeit keinen 
Kamm hatte und den der Ritter, wenn er zu Pferde reiSte, an den 
Sattel feStzuhaken pflegte. Der lange, unten gefpitzte, oben abgerun- 
dete Schild vervollständigte diefe Schutzwaffen. Später behielt man 
fogar noch die große Keffelhaube unter dem Topfhelme bei, der nun 
noch weiter geworden war. Das kleine Panzerhemd (fr. hau- 
ber geon) wurde in Frankreich nur von Schildknappen und Bogen- 
fchützen getragen; man nannte es auch wohl Jacke (fr. jaque) und 



72 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts war dasfelbe im Gebrauch. 
Im allgemeinen ift es fchwer zu erkennen, welcher Zeit ein altes 
Panzerhemd angehört, da alle auf diefelbe Weife mit vernieteten 
Mafchen (fr. ä grains d'orge), gemacht worden find. Es ift jedoch 
anzunehmen, daß die größere Schwere des Ringes auch fein höheres 
Alter anzeigt. Die doppelte Mafche, für deren Anfertigung im 
13. Jahrhundert ganz befonders Chambly (Oife) berühmt war, zeigt, 
den alten Schriftftellern zufolge, ftets vier aufeinander gelegte und 
verbundene Ringe. Viele diefer Mafchenpanzerhemden, denen man 
heutigen Tages begegnet, find nachgemacht, was der Kunftfreund 
an der mangelnden Vernietung erkennt. Die Panzerhemden der 
Perfer und Tfcherkeffen werden indes noch jetzt teils mit vernieteten 
Ringen, teils ohne Vernietung der Ringe angefertigt. Bezüglich der 
Brigantinen (italienifche Panzerjacken) ift zu bemerken, daß diefelben 
nicht über das 15. Jahrhundert hinausgehen, zu welcher Zeit fie be- 
fonders in Italien im Gebrauche waren. Häufig wird die Brigantine 
in der einfchlägigen Litteratur mit den Korazins oder gar mit der 
Platte oder felber mit dem Haubert verwechfelt. Zu jener Zeit 
wurde die Brigantine von den Bogenfchützen zu Pferde oder von 
wenig bemittelten Edelleuten getragen. Übrigens gab es auch Bri- 
gantinen, wo die Außenfeite, wie früher bei der Platte, mit Seiden- 
fammet bedeckt war. In diefer Weife wurde fie in Italien häufig, 
felbft in Friedenszeiten, als eine bei den Patriziern und Adligen be- 
liebte Tracht, an Stelle des ausgepolfterten Wamfes gebraucht; fie 
gewährte Schutz gegen den Dolch des Banditen. Auch Karl der 
Kühne pflegte fie zu tragen. Die Brigantine beftand gewöhnlich aus 
kleinen länglichen und rechtwinkligen Platten, die einander zur Hälfte 
bedeckten und auf den Stoff genietet waren. In verfchiedenen Mufeen 
find fie mit der Rückfeite, die Schuppen nach außen, ausgefeilt, 
was unrichtig ift, weil die Rundung der Platten darauf hindeutet, 
daß die Brigantine mit dem Eifenwerk gefüttert war und über 
dem gewöhnlichen Wams getragen wurde. 

Das Schwert, welches während diefer verfchiedenen Zeiträume 
eine rechtwinklige Parierftange hatte, und der Speer bildeten die 
hauptfächlichften Angriffswaffen. 

Nachdem gegen Ende des 13. Jahrhunderts das Panzerhemd 
verkürzt und demfelben Bein- und Armfchienen von Stahl oder ge- 
fottenem Leder beigefügt worden waren, erfuhr die Bewaffnung 
überall eine gründliche Umgestaltung zu Ende des 14. Jahrhunderts. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



73 



Um diefe Zeit bürgert fich die deutfche Rüftung, die mehr oder 
weniger vollitändig aus Stahlplatten gebildet war und Schienen- 
rüftung (fr. armure ä plates, fpan. armadura de punta en 
blanco, d. h. von leichtem Eifen, engl, plate armour) genannt 
wird, allgemein ein. Diefe Rüftung, befonders in ihrer vollkommenen 
Ausbildung, geht im Norden viel weiter zurück als in Italien und 
Frankreich, wo die Übergangsepoche bis zur Regierung Philipps VI. 
(1328 — 50), unter welchem es noch keine vollftändige Schienenrüftung 
gab, dauert. Triftan und Ifolde, die fchon erwähnte deutfche Hand- 
Ichrift, zeigt die Ritter in Schienenrüftung, mit Topfhelmen verfehen 
und auf völlig geharnifchten Roffen. Daß aber die burgundifche 
Bewaffnung noch weit weniger vorgefchritten war, beweifen die Buch- 
malereien einer burgundifchen Handfchrift in der Bibliothek des Ar- 
lenals zu Paris, einer römifchen Gefchichte, die für den Herzog von 
Burgund von Johann Ohnefurcht (1404 — 1419) gefchrieben fein foll, 
aber eher dem Ende des 15. Jahrhunderts anzugehören fcheint. 
Diefe Kleinmalereien dienten mir auch zur Betätigung deffen, was 
ich früher fchon in den fchweizerifchen Zeughäufern zu bemerken 
Gelegenheit hatte, daß nämlich die fchwarze Farbe in den zur 
burgundifchen und fardinifchen Bewaffnung gehörigen Stücken 
vorherrfcht, während die öfterreichifchen Rüftungen zumeift aus 
blankem Stahl befanden. 

Schwarz angeftrichenes Eifenzeug, refp. Ausrufungen, wurde 
aber auch von der fich im Schmalkaldifchen Kriege (1546 — 1547) 
eigentümlichen neuen, unter dem Namen Deutfche Reiter aus- 
gebildeten Heerhaufen getragen, weshalb man diefe leichte Reiterei 
oft einfach als die Schwarzen bezeichnete. Sie hießen auch, wegen 
ihrer geringeren Pferde als die für die Ky risser und Lanzierer 
verwendeten, «Ringerpferde». Ihre Ausrüftungj beftand in einem, 
Hundekappe genannten Eifenhut, dem leichten, Cor feiet ge- 
nannten ei fernen Stückpanzer, oder dem Lederkoller mit eiferner 
Halsberge (Koller- oder Ringkragen). Ihre Angriffswaffen waren das 
Fauftrohr (Reiterpiftole mit Radfchloß) und das Schwert. Als fran- 
zöfifche Söldner — fowohl die unter den Guifen (1576 — 1596) ge- 
bildeten Heerhaufen gegen die Hugenotten, wie auch und mehr noch 
als Söldner diefer gegen die Katholiken — hießen folche, meift aus 
armen deutfchen Edelleuten begehenden Reiter: «Reitres». 

Ringerpferde (ringe Pferde) wurden übrigens auch im 
16. Jahrhundert alle fchlecht berittenen leichten Reiter, welche die 



ja Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

Ritter, außer den fchwerer gerüiteten Knappen oder Reifigen, 
mit ins Feld führten, genannt. Aus folchen Ringpferden bildete 
Kaifer Karl V. befondere Kompagnien, welche fpäter, ihrer fchwarzen 
Panzer wegen, wie fchon angeführt, fchwarze Reiter, im 17. Jahr- 
hundert aber Karabiniere, auch Arkebufiere genannt wurden. 

Die Bezeichnung einer vollftändigen Rüftung (fr. armure), 
mit Ausnahme des Helms, durch Harnifch (fr. harnais) taucht erft 
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf. 

Die Schien enrüftung war über ein Jahrhundert lang nur teil- 
weife artikuliert, d. h. mit beweglichen Gliedern verleben; 
erft im 15. Jahrhundert erfcheint die ganzgegliederte. Das Grabmal 
Jacopo Cavalli (f 1384) zu Venedig zeigt, daß die teilweife geglie- 
derte Schienenrüftung Ende des 14. Jahrhunderts fich auch fchon in 
Italien verbreitet hatte. 

Als das Mafchenpanzerhemd durch die neue Rüftung verdrängt 
worden war, hatte auch das Unterkleid eine Änderung erfahren. 
Ein Wams ohne Ärmel, aber mit Rüfthofen und Strümpfen dazu, 
bildeten die Bekleidung, welche den aus einem Stücke gemachten 
Knabenanzügen unferer Tage fehr ähnlich fah. Das Ganze war ge- 
wöhnlich aus Leinwand gemacht, leicht gepolftert und unter dem 
Bruftfchilde, neben der Kniefcheibe und der Kniekehle auch an dem 
Armgelenk mit Mafchen befetzt, um den Körper an den Stellen zu 
befchützen, wo die Mängel der Rüftung dem Schwerte und dem 
kleinen dreifchneidigen Dolche, den man Panzerbrecher (fr. mi- 
sericorde) nannte, Spielraum geben konnten. Das einzige Exem- 
plar eines folchen Anzuges, das bis auf uns gekommen ift, befindet 
fich vollständig und faft unverfehrt im bayerifchen Nationalmufeuni 
zu München. Das Gewicht eines vollftändigen Schienen -Harnifch 
(ohne den Helm) war 20 — 26 kg, der Helm 2 — 4 kg, ein Panzer- 
hemd 4 — 7 kg, der Schild 3 — 6 kg u. f. w. Man kann annehmen, 
daß die Gefamtrüftung eines Ritters 32 — 46 kg betrug, welche aber 
gemeinlich vollständig nur kurze Zeit auf ihm laftete. 

Es ift hier der Platz, den noch vielfach festgehaltenen Irrtum zu 
berichtigen, als ob die Männer aus der Zeit des Rittertums hinficht- 
lich ihres Wuchfes und ihrer Körperbildung denen der Jetztzeit über- 
legen gewefen wären; gerade das Gegenteil! Die Rültungen vom 
14. bis 16. Jahrhundert find zu enge, als daß fie von ltarkgebauten 
Männern der Gegenwart getragen werden könnten. Die Verfuche, 
welche ich zu diefem Zwecke in deutfchen, franzöfifchen und eng- 



Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 



75 






liichen Zeughäufern anftellen ließ, haben vollftändig beftätigt, was 
ich fchon in anderen Sammlungen beobachtet hatte. Die größere 
Muskelentwickelung der heutigen Gefchlechter findet befonders in 
dem Bau der Beine und Waden ihren Ausdruck; für eine Wade des 
19. Jahrhunderts ift es faft unmöglich, in eine Rüftung des Mittelalters 
oder des Rückgriffs hineinzukommen. Das gegenwärtige Gefchlecht 
ift auch viel dickköpfiger geworden, da es feiten nur einen Helm 
des Mittelalters aufzufetzen vermag. 

Während des 15. und 16. Jahrhunderts haben die Formen der 
Schienenrüftung große Änderungen erlitten. Je nach Zeit und Land 
fpiegelt fich in ihnen faft immer die Mode der bürgerlichen Tracht 
wider; fie deuten auch die Umgeftaltungen an, welche die ver- 
änderte Kampfweife und die Erfindung der tragbaren Feuergewehre 
notwendig herbeiführen mußten. Während der größeren Hälfte des 
15. Jahrhunderts ift die Rüftung noch gotifch in allen ihren Teilen; 
alles ift übereinftimmend, die Formen des Schwertes und Bruftpanzers 
bieten die fchönften Typen deffen dar, was je in diefer Art ge- 
macht worden ift. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts und zu An- 
fang des 16. erfcheint die Form des Bruftpanzers oft gewölbt, die 
Ränder (fr. passegardes) find übermäßig groß, die gegliederten 
Schenkel fchienen zeigen eine größere Ausdehnung; die ganze Rüftung 
verliert fchon an Reinheit ihrer Linien und an Ausdruck des Ernftes 
und der Kraft. 

Die gerippte, auch maximilianifche oder mailändifche 
Rüftung ift die vollkommenfte, wenn nicht die fchönfte von allen, 
und eine deutfche Erfindung. Sie bezeichnet den Zeitraum des 
«letzten Ritters», denn fchon der Panzer aus der Regierungszeit 
Heinrichs II. von Frankreich (1547 — 59), der das enganliegende 
Wams nachahmt, hat nichts Männliches mehr. Auffallender aber 
noch ift diefer Verfall an den Panzern aus der Zeit der Mignons, 
hier ahmt die Erbfenfchote, genannt Vorderküraß, den Buckel 
des Polichinells nach. Die Rüftung gerät immer mehr ins Groteske. 
Der Bruftpanzer verkleinert fich und wird flacher; das lange Bein- 
zeug, Krebfe genannt, welche an Stelle der Schenkelfchienen ge- 
treten find, heben die Hüften noch mehr hervor und verwandeln den 
Menlchen in einen Dekapoden. Fernerhin erfetzen die hohen Stiefel 
und die Housseaux, eine Art Stiefel-Gamafchen, fchon unter Hein- 
rich IV. die Beinfchienen; weit mehr aber noch verkümmert die 
Rüftung unter Ludwig XIV. Mit ihrer Schwere hatte fie auch ihren 



-1$ 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



Charakter eingebüßt und macht bald gänzlich dem Leder Platz. In 
Deutfchland wie in Frankreich trat zur Zeit des dreißigjährigen Krieges 
der Koller mit feinem großen Ring- oder Halskragen an die Stelle 
des Panzers, der nur noch als eine Spezialwaffe getragen wurde. 

Um das über die Rüftungen des Mittelalters und des Rückgriffs 
(Renaiffance) Angeführte zeitfolgend kurz zu faffen, fei hier noch be- 
merkt, daß die Brünne allein bis Ende des 12. Jahrhunderts, die 
Brünne mit der Platte währenddes 13. Jahrhunderts, die Schiene n- 
rüftung im 14., 15. und 16. Jahrhundert anfänglich in Leder, bald 
aber aus Eifen im Gebrauch war. 

Von 1530 — 1580 war auch eine leichtere, alleggiate, engl, 
allecrete, genannte Art Harnifche, befonders für Söldner, nament- 
lich der fchweizerifchen, im Gebrauch. 

Was die Beurteilung und Klaffifizierung von Rüftungen an- 
belangt, fo ift es bei jedem Stück möglich, die Zeit der Anfertigung 
desfelben vermittelft des Gepräges feftzuftellen, das ihm die Zeit des 
Urfprungs aufgedrückt, wie dies bei der bürgerlichen Tracht auch 
nicht anders der Fall ift. Der konifche Helm, in Frankreich «nor- 
männifch» genannt, dem man fchon auf vielen Denkmalen des 10. Jahr- 
hunderts begegnet; der Topf heim (fr. heaume), nach englifcher 
Form mit Nafenfchirm, nach deutfcher Form mit feftem Sturz im 

12. und 13. Jahrhundert; der Topfhelm mit Helmzier vom 13. 
bis 15. Jahrhundert; die kleine Keffelhaube oder Hirnkappe, die 
unter dem Topfhelm getragen wurde; die große Keffelhaube des 

13. und 14. Jahrhunderts; die Schale oder der Schallern (Salade 
auch celata veneiano) des 15. Jahrhunderts; die Eifenhüte und 
Eifenkappen, deren erfte Spuren fchon in den Handfchriften des 
10. und 11. Jahrhunderts gefunden werden 1 ); die zahlreichen Milch- 
arten des Burgunderhelms oder die Pickelhaube (fr. bour- 
guignote, auch casquetel) mit dem Sturz- oder Vifierhelme, 
auch Helmlin genannt (fr. arm et), des 16. bis 17. Jahrhunderts «ce 
dernier mot de l'armurier en fait de casque»; desgleichen der Morian 
und der Birnen heim, welche gewöhnlich nur vom Fußvolke ge- 
tragen wurden: alle find dazu geeignet, die Urfprungszeit einer 
Rüftung feftzuftellen. 

Eine ungleich wichtigere Rolle als bei den Alten hat der Schild 



*) Auch fchon in der Bewaffnung der römifch<-n Gladiatoren, f. die Abbildung 
davon weiterhin. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 77 

bei den nördlichen Völkern gefpielt, wo er ibgar die Schöpfung 
einer eigentümlichen, der klaffifchen völlig entgegengefetzten Kunft 
veranlaßte. Auf dem germanifchen Schilde find auch die erften 
plaftifchen Kundgebungen des Feudalgeiftes und der Urfprung der 
Wappen zu fachen. Wenn Tacitus, der in dem erften Jahrhundert 
unferer Zeitrechnung fchrieb, fagt (De moribus Germanorum), 
daß die Deutfchen ihre Schilde mit fchönen Farben und auf ver- 
fchiedene Weife bemalten, fo verftand er eben nicht, daß diefe Male- 
reien gewiffermaßen Hieroglyphen waren, welche die glänzenden 
Waffen thaten des Anführers, dem der Schild angehörte, zur Dar- 
ftellung brachten. Der Brauch, ihre Waffenthaten durch das Bild 
auf dem Schilde zu veranfchaulichen, war bei den Germanen fo ver- 
breitet, daß fogar die altdeutfchen Wörter Schilderer, fchildern 
(für Maler, malen) von Schild abzuleiten find. Diefe Heldenthaten 
wurden auf dem Schilde abgebildet und zwar entweder unter der 
Form der Waffe, mit deren Hilfe fie vollbracht worden waren, oder 
derjenigen des Feindes oder befiegten Ungeheuers. Während der 
Lebenszeit des Helden blieben fie fein Wahrzeichen und bildeten fo 
die erften Wappen. Diefe waren anfangs nicht erblich, weil der 
Sohn kein Recht auf dL- Auszeichnung des väterlichen Schildes hatte. 
Ihm lag es ob, das Recht, feinen Schild zu bemalen, erft durch 
die eigene rühmliche That zu erwerben, und er blieb bis dahin, wie 
Virgil fagt, Parma inglorius alba. 

Vom 10. Jahrhundert an, wo in Deutfchland die Turniere 
Ichon landesüblich waren, beginnt auch das Wappen der ganzen 
Familie, der ganzen Linie gemeinfchaftlich anzugehören und fchließ- 
lich erblich zu werden. Um nun die Kontrolle über den neuen 
Adel zu ermöglichen, wurde zu Anfang diefes Zeitraums, alfo lange 
vor den Kreuzzügen, der Brauch eingeführt, daß der Ritter an der 
Schranke des Turniers Helm und Schild niederlegen mußte; die 
Herolde erhielten dadurch den Beweis, daß der Träger diefer Waffen 
das Recht hatte, zu turnieren. Zu Anfang der Kreuzzüge im 
1 1 . Jahrhundert hatte faft ganz Europa fchon diefe Wahrzeichen 
angenommen, und feitdem haben die Wappen und die heraldifche 
Kunft nicht aufgehört unter den chriftlichen Völkern und felbft bei 
den Mauren Spaniens zu herrfchen. Etwas fpäter nahmen die Adeligen 
die Gewohnheit an, den Namen ihrer Schlöffer und Landgüter ihrem 
Familiennamen beizufügen, was die Teilung (Divifion) in den Fa- 
milienwappen zur Folge hatte. 



78 



Abrifs der Gefchichte der Waffen, 



Die Normannen und wahrfcheinlicli felbft fchon die Franken 
haben frühzeitig den Gebrauch der Wappen nach Frankreich ge- 
bracht; die Schilde der normannifchen Ritter waren alle mit aben- 
teuerlichen Tieren etc. bemalt, was nichts anderes als das gewöhn- 
liche Wappen bedeutete. 

Der Schild ift diejenige Verteidigungswaffe, die am meiften in 
ihren Formen gewechfelt hat. Der keltifche (?), germanifche, fkan- 
dinavifche, bretonifche Schild mit Nabel; der viereckige germanifche 
aus Weidengeflecht aus den vor merowingifchen Zeiten; der mero- 
wingifche, karlingifche, angelfächfifche Rundfchild; der lange bemalte 
Schild des 10. und 1 1 . Jahrhunderts, in Frankreich normännifcher Schild 
genannt; der dreieckige Schild derfelben Epoche; der kleine Drei- 
fpitz (petit ecu) des 12. und 13. Jahrhunderts; der deutfche Setz- 
fchild 1 ); der Waffenmantel; der Rundfchild des 15. und 16. Jahr- 
hunderts; der Fauftfchild, die kleine Tartfche — fie alle find auf- 
einander gefolgt und bieten den Studien ein weites Feld. 

Auch der Fechthandfchuh zeigt die Urfprungszeit an. Der 
frühefte, der vom 12. und 13. Jahrhundert, war anfangs nur eine Art 
von Mafchenfack, welcher durch das äußerfte Ende des Armeis am 
Panzerhemde gebildet wurde. Im 13. Jahrhundert fieht man fchon 
den eigentlichen Handfchuh mit getrennten Fingern. Im 15. 
Jahrhundert wird er durch den Faufthandfchuh erfetzt. Von 
Schienen gebildet, die in der Richtung der Haupteinteilung der Hand 
angebracht find, ift er an der Rüftung der Jungfrau von Orleans zu 
fehen; und von ihm fagt Bayard: «Ce que gantelet gagne, gorgerin 
le mange» (was der Handfchuh errungen, wird von der Kehle 
Verfehlungen). Das Aufkommen der Piftole um die Mitte des 
16. Jahrunderts ftellte die getrennten Finger am Handfchuh 
wieder her. 

Die Fußbekleidung aus Eifenplatten, Eifenfchuhe (fr. sole- 
retg oder pedieux), erfcheinen überall im 14. Jahrhundert und im 
Norden fchon im 12. und 13. Jahrhundert, als die Mafchenftrümpfe 
durch Beinfchienen erfetzt wurden. Die Form des Eifenfchuhes be- 
zeichnet ebenfalls die Zeit einer Rüftung. Anfangs lanzettförmig, 
verlängerte fich feine Spitze bald fo weit, daß er die abenteuerlichen 
Schnabelfchuhe nachahmte. Vom Jahre 1420 — 1470 ift der go- 



') Paveschcur oder Pavesicux hiefs im Franz.: der mit diefem Schilde 
(Pavois) Bewaffnete. Pavesade die fliegende Verfchanzung eines Schiffes u. a. m. 



Abrifs drr '(iefchichte der Waffen. 



79 



tifche Spitzbogen, von 1470 — 1550 der Holzfchuh und der 
Bärenfuß, und nach 1570 der Entenfchnabel vorherrfchend; je- 
doch erfordern die Übergangsepochen große Vorficht. Gegen Ende 
des 17. Jahrhunderts hatten die Reiterftiefel (fr. housseaux) und 
die Stiefel überhaupt die Eifenfchuhe und Beinfchienen gänzlich ver- 
drängt. Übrigens kann die Form der fogenannten Schnabel fchuhe 
bei der Zeitbellimmung einer Rüftung nur da maßgebend fein, wo man 
wegen ihrer Nationalität außer Zweifel ift; denn die Einführung dieler 
Mode war in den verfchiedenen Ländern verfchieden. In Frankreich 
war fie von 1360 — 1420 herrfchend, während die öfterreichifchen 
Ritter fchon in der Schlacht bei Morgarten (1319) die langen Enden 
ihrer Eifenfchuhe abfehnitten, nachdem fie vom Pferde geftiegen 
waren. Heinrich IL, König von England (11 54 — 11 89), verbarg 
feine ungeftalteten Füße in Schnabel fchuhen. 

Wahrfcheinlich ilt es, daß der Urfprung diefer Mode aus Un- 
garn herrührt. 

Die Schutzrüftungen des Pferdes find ebenfogut wie die des 
Mannes dem Einfluffe der Mode unterworfen gewefen; denn die maxi- 
milianifche Rippung des Panzers findet fich wieder auf dem Brulf- 
panzer oder Vordergebüge, dem Stirnblech oder der Roß- 
ftein, den Flankenftücken oder Neben-Vordergebüge, dem 
Hinterzeuge oder Hintergebüge und der Schwanzdecke in 
der Ausrüftung des Roffes. Die ältefte diefer Rüftungen, die ich 
auffinden konnte, zeigt fich auf einem unter Heinrich dem Löwen 
(t 1 195) gefchlagenen Heller, wo das Pferd des Herzogs mit Gitter- 
werk von Nagelköpfen bedeckt ift; einer fehr ähnlichen begegnet 
man in den Zeichnungen der deutfehen Aneide, jener fchon früher 
erwähnten Handfchrift aus dem 13. Jahrhundert. 

Der Sporn, ohne Rad, mit geradem Hals ändert fich erft 
im 11. Jahrhundert, wo er anfängt, fich in fanfter Neigung zu 
erheben, während im 13. Jahrhundert der Spornhals gebrochen oder 
wellenförmig anfteigt. 

Das Sporn rad erfcheint im 14. Jahrhundert und zwar am häu- 
figften mit acht Spitzen. Im 15. Jahrhundert verlängert fich der 
Spornhals über alles Maß bis gegen das 16. Jahrhundert, wo die 
künftlerifche Phantafie ihn fchließlich in ein Spielzeug verwandelt. Der 
Bügel des Sporns, rund bis zum 13. Jahrhundert, weil die mit dem 
Mafchenftrumpf bekleideten Füße immer rund waren, wird vom 
14. Jahrhundert ab fpitzwinklig, da die Schienen des Beinfchutzes 



8o Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 

der nunmehrigen Schienenrüftung der Füße eine fpitzwinklige 
Form haben. 

Der Sattel zeigt vielfach abwechfelnde Formen, befonders der 
Turnierfattel. Am leitenden ift der berühmte deutfehe Sattel 
aus Holz (13. und 14. Jahrhundert), auf welchem der mit der Lanze 
Ausfallende fich nur ftehend erhalten konnte. 

Eine lange Reihe bilden die verfchiedenen Formen des Schwer- 
tes; da ift das Rappier — ein Duell- und Fechtdegen, welcher nicht 
über die erfte Hälfte des 16. Jahrhunderts hinausgeht, zu welcher 
Zeit, unter Karl V., die moderne Fechtkunft (fr. escrime vom 
Deutfchen «fchirmen») in Aufnahme kam; — ferner die alte Clay- 
more (eine fchottifche Waffe), die keinen Korb hatte (wie man 
dies oft fälfchlich behauptet), der Seymitar (eulter-venatorius 
der Römer) und der Säbel (Copis der Römer?), der fchon bei 
den Daciern zur Zeit Trajans im Gebrauch war; — der Yatagan, 
Khandjar, Fliffat und Koukris. Sie bieten ebenfo viele Ab- 
weichungen dar, wie das DolchmelTer, der Dolch, das Stilett, 
der Khouthar und der Cris. Der Speer, die Kolbe, der Mor- 
genftern, die Senfe, Sichel, die Hippe, der Streithammer, 
der Flegel, die Streitaxt, die Hellebarde, die Partifane. 
das Sponton, die Korfeke, die Kriegsgabel und der Flinten- 
fpeer (Bajonnett) gewähren dem Studium ein ebenfo reiches 
Material, wie die Schleuder, der Schleuderftock, der Bogen, 
die Armbruft und das Blasrohr. 

Es ift nicht außer acht zu lallen, daß vom 14. Jahrhundert bis 
zum Ende des 16. die Ritter, insbefondere die franzöfifchen, eine 
auch in England, Deutfchland und Italien verbreitete Sitte hatten, 
zu Fuß zu kämpfen, wie das in der Schlacht bei Crecy 1346 gefchah. 
Diefe Abweichung von dem traditionellen Herkommen der Ritter- 
fchaft hat zu einer eigentümlichen Art von Rüftung geführt, die be- 
fonders unter Karl VII. (c. 1445) üblich war; das kaiferliche Artillerie- 
Mufeum in Wien befitzt die beiden fchönften Exemplare derfelben, 
welche aus der Ambrafer Sammlung herftammen, aber, wie mir 
fcheint, nie benutzt worden und für den Gebrauch völlig ungeeignet 
find. Ich glaube nicht, daß es möglich ift, fich in Rüftungen mit 
doppelten Gelenken zu bewegen. Es würde für die Gefchichte der 
Waffen von großem Intereffe fein, wenn die Direktionen der Muleen 
einige Verfuche in diefer Beziehung anitellen laffen wollten. 

Seit Ende des 14. Jahrhunderts, zur Zeit der Einrichtung 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. g I 

regelter Kampffpiele oder Turniere, besonders der Renn- 
ftechen (fr. j out es), machte fich das Bedürfnis fühlbar, den Kopf 
gegen die furchtbaren Stöße des fchweren Speeres zu fchützen, der 
fpäterhin zu einer Art Balken anfchwoll (f. die Ambraser Sammlung) 
und an dem Panzer wie an einem Schraubstocke befestigt wurde. 
Der Topfhelm, diefer ungeheuerliche Kopffchutz, welcher damals 
Kettenkapuze und Keffelhaube zugleich bedeckte, wurde bald noch 
vermitteln Schrauben und Ketten an der Rüftung befeftigt. Die 
älteften noch erhaltenen Exemplare diel er umfangreichen Kopf- 
bedeckung find englifcher Herkunft. 

Der Urfprung diefer Kampffpiele ift bei den Germanen zu fuchen, 
von welchen fchon Tacitus (Germania 24) fagt, daß «folche fonft 
nirgends bekannte Spiele immer derfelben Art in allen ihren Zu- 
fammenkünften vorgenommen werden. Daß da junge nackte Leute 
fich fpringend in Mitte drohender Schwerter und Speere werfen und 
fo ein kühnes, durch Gewohnheit zur Kunft gewordenes Schaufpiel 
ohne jeden Entgelt ausführen». Aus diefen Spielen find ficherlich 
die fpäteren, Turniere genannten Waffengänge hervorgegangen, wo- 
von Nidhard, Neffe Karls d. Gr., welcher 844 (Leb. III.) fchrieb, fchon 
erzählt, wie die Edlen Ludwigs d. Gr. und die feines Bruders Karl in 
zwei gleichen Truppen fich in Waffenfpielen bekämpften, und wie 
beide Fürften felber daran teilnahmen. Durch die Franken wurden Tur- 
niere in Frankreich und von da durch die Normannen in England, 
ebenfo wie durch die Weftgoten in Spanien eingeführt, wo unter 
Karl d. Gr., 811, alfo drei Jahre vor deffen Tode, in Barcelona 
eines der erften bedeutenden Turniere abgehalten worden ift. 

Gemeiniglich wird die Einführung der noch weniger geregelten 
Turniere in die Gewohnheiten des Rittertums gegen das 12. Jahr- 
hundert gefetzt; indes gehen die doch fchon teilweife organifierten, 
wenn auch noch nicht ganz nach Satzungen geregelten Waffenfpiele 
weit vor diefe Zeit zurück. Solche haben, wie bereits bemerkt, fchon 
im 9. Jahrhundert, befonders in Deutfchland, ftattgefunden, ein Um- 
ftand, der es zur Genüge erklärt, daß die Anfertigung der Rüftungen 
hier mit fo großer Meifterfchaft betrieben wurde. 

Die Gefchichte hat ungefähr 183 regelmäßige Turniere ver- 
zeichnet, ungerechnet die beträchtliche Anzahl kleiner Waffengänge. 
Die wichtigften derfelben, die vom 9. Jahrhundert bis Anfang des 
13. Jahrhunderts ftattfanden und faft fämtlich in Deutfchland abge- 
halten wurden, find : im Jahre 811 Turnier zu Barcelona bei Ge- 

Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 6 



32 Abrifs der Gelchichte der Waffen. 

legenheit der Krönung des Grafen Linofre; im Jahre 842 zu Straß- 
burg unter Karl dem Kahlen; 925 zu Regensburg unter Heinrich dem 
Vogelfteller; 932 zu Mägdeburg unter demfelben Fürften; 938 zu 
Speier unter Otto L; 942 zu Rothenburg unter Konrad von Franken; 
948 zu Konftanz unter Ludwig von Schwaben; 968 zu Merfeburg 
an der Saale; 996 zu Braun fchweig; 1019 zu Trier unter Heinrich IL; 
1029 gleichfalls zu Trier; 1042 zu Halle unter Heinrich III. ; 1080 zu 
Augsburg unter Hermann von Schwaben; 11 18 und 11 19 zu Göt- 
tingen; im Jahre 1148 zu Lüttich unter Theodor von Holland, in 
Anwefenheit von 14 Fürften und Herzögen, 91 Grafen, 84 Baronen, 
133 Rittern und 300 anderen Edelleuten; 1165 zu Zürich unter dem 
Herzoge Weif von Bayern; 11 74 in Beaucaire unter Heinrich IL von 
England; im Jahre 1234 in Corbie in der Picardie, wo Floris IV., 
Graf von Holland, getötet wurde; 1240 zu Neuß bei Köln, wo 60 
Ritter auf dem Platze blieben und 1274 zu Chalons, wo auch der 
König Eduard von England mit englifchen Rittern turnierte und 
ebenfalls eine Anzahl der Stecher getötet wurden. Beim fcharfen 
Turnier des Grafen v. Katzenellnbogen, 1403 zu Darmftadt, blieben 
auch 26 Ritter auf dem Platze. 

1392 fand ein großes Turnier bei Schaffhaufen ftatt. Eins der 
berühmteften fpäteren Turniere war das vom Camp du Drap d'or, 
1 5 20, unter Franz I. 

Die verfchiedenen Arten der Turniere beftanden, befonders in 
Frankreich, in: 1. den Zweikämpfen (fr. Combats singuliers), 
d. h. dem paarweifen Stechrennen, dem Tjote (v. fr. Joutes, altfr. 
joustes). Deutfchland hatte aber auch noch das Nachturnieren, 
wo mit ungefährlichen Speeren und Schwertern geftritten wurde, 
Turniere, die ebenfalls J utes hießen; 2. in den Buhuren 1 ) (fr. quadril- 
les, ital. quadriglia), wo häufen weife gekämpft wurde (auch ital. bo- 
gordo, altfr. bouhourt); 3. in den Schlachtfpielen (fr. trepignüc, 
und 4. in den Burgturnieren (fr. castilles). In Frankreich gab man 
auch den Namen Behourt oder Bohourd einem Kampffpiel, wo 
ein befestigter Ort angegriffen und verteidigt wurde, was alfo den 
Castilles .ähnlich war. Bei Trampelkämpfen (fr. trepigncs 
ging alles wüft durcheinander. 

In «Maximilians Triumph» kommen elf Gruppen, eine jede von 

l j «Da ward mit freudigen Sitten, künftlich Buhurt geritten» (cEidegaft». V. 
623 im Parzival und Titurel von Wolfram von Efchenbach). 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



83 



fünf Rittern, vor, die für elf verfchiedene Turnierarten die Vertreter 
find: Welfchgefteclr, Hochenzweggeftech (mit an der rechten 
Bruft befindlichem Schilde); Teutfchgeftech; Welfchrennen mit 
den Murneten (kleine Schilde links?); Geftech mit Painharnafch; 
Gefchifftrennen (wo die Tartfchen bei Berührung in Stücke flie- 
gen); Püntrennen (wo die Tartfchen über den Kopf wegfpringen) ; 
Pfannenrennen (Roftrennen (?), mit Rofte auf der Bruft); Scheiben- 
rennen (mit runden Scheiben auf der Bruft.); Schweifrennen (?) und 
Velt-(Felt-)Rennen. — Hans Schwenkeis 1544 herausgegebenes 
«Wappcnmeifterbuch» führt nur acht verfchiedene Arten Tur- 
niere an: Deutfehes Geftech; Rennen feft angezogen; Rennen 
unter dem Bund; Gefchweiftrennen; Feld- und Kampfren- 
nen; Welfches Geftech; — Kampf (zu Fuß). 

Das Zweikampf-Stechrennen (fr. joute) wurde mit «Stechen über 
die Palia» bezeichnet, wenn beim Rennen die Kämpfer, durch eine 
Plankenfchranke voneinander getrennt, fich anrannten. Die Ablei- 
tung diefer Benennung bleibt unbeftimmt, da Palia Kampfpreis heißt; 
wohl eher kann fie von Baglio, Querbalken, abftammen. 

Palia genanntes 
Zweikampf-Stech- 
rennen, wo die Rei- 
ter fich, durch eine 
Planken- Schranke 
getrennt, anren- 
nen. Nach einem 
Kupferftich vom 
16. Jahrhund, der 
Samml. Firmin- 
Didot — «König 
Heinrich II. vom 
Grafen Montgo- 
mery verwundet . 
Beim Vor- oder dem Rechten Turniere waren Kolben im 
Gebrauche, beim Nachturnier, dem Jouten (fr. jouxtes — joutes, 
auch combats de la table ronde), ftritt man mit gebrochenen 
Speeren und gemeinlich ftumpfen, courtoises, auch gracieuses 
genannten Schwertern. 

Verfchiedentlich ift angenommen worden, daß zweikämpfige 
Stech rennen erft in fpäterer Zeit eingeführt wären, ein Irrtum, 

6* 




3a Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

welcher fchon durch die Heldenfagen widerlegt ift, da ja überall hier 
bereits Speerrennen zwifchen nur immer zwei Kämpfern, auch außer 
den Turnieren, zu den ritterlichen Abenteuern gehörten. Der den 
Alten durchaus unbekannte Ehren- oder Beleidigungs-Zweikampf, das 
Duell, fcheint überhaupt germanifchen Urfprungs zu fein. 

Die Quadrillen oder Buhurten wurden anfänglich nur durch 
vier Ritter ausgeführt, was die Benennung erklärt. Die letzte Qua- 
drille hat 1662 unter Ludwig XIV. zu Paris auf dem Platze ftatt- 
gefunden, welcher davon heute noch den Namen (Place du ca- 
roussel) trägt. Quintaines, auch Cuitaine hieß das Puppenftechen, 
wodurch junge Leute im Speerftechen unterwiefen wurden. Das sog. 
Karuffel (fr. caroussel, v. it. carosello), welches drei verfchie- 
dene Arten: «Kopfrennen», «Ringrennen» oder «Ringftechen» 
und «Quintanrennen» begriff, und von Heinrich IV. und Lud- 
wig XIII. von Italien in Frankreich eingeführt wurde, auch im 18. 
Jahrhundert noch an den meiften europäifchen Höfen an der Stelle 
der Turniere ftattfand, wurde bereits auch fchon im 16. Jahrhundert 
in Deutfchland betrieben. Eine Befchreibung von folchen zu Dresden 
1588 abgehaltenen Ringrennen befindet fich in mehreren Büchern. 
In einer Aufnahme von 1599 der «Ruft- und Sattelkammer von Max 
Függer» kommen «Spieße zum Ringelrennen» vor. Die in den fran- 
zöfifchen Turnieren meift gebräuchlichen ftumpfen Schwerter nannte 
man im Franzöfifchen courtoises, auch gracieuses, die ernft- 
licheren Waffen aber: armes äoutrance. Turnierfpeere, welche ge- 
meinlich 15 Fuß oder 5 Meter lang waren, gab es, befonders in 
Frankreich, vier Arten: gebrochene Speere (fr. lances brisees), 
— welche, halb eingefägt, beim Stoße leicht am Ende knickten; — 
hohle Speere (fr. lances creuses), die ebenfo leicht zerbrachen; 
ftumpfe Speere (fr. lances gracieuses ou courtoises — 
auch mornees und frettees genannt), deren Eifen, ftatt der Spitze 
eine Frette oder Morne genannte Art Ring, hatten und ferner die 
Todeskampffpeere (fr. lances ä outrance, auch lances emou- 
lues, d. h. fcharf gefchliffen), wo das «Kerbeifen» fpitz war. Es ift 
hier zu bemerken, daß aber, wie oft fälfchlich angenommen wird, 
Gottesgerichtskämpfe nie bei Turnieren vorkamen. Man hatte 
auch Roftftechen, wo der Kämpfer mit unbefchütztem Haupte 
rannte, und wo ein auf der Bruft befeftigtes viereckiges Stahlftück, 
Roft genannt, mit der Speerfpitze abgeftoßen werden mußte. Dies 
Rennen war fo gefährlich, daß, dem «Triumph des Kaifers Maxi- 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



85 




Abbildung des Ringrennens, 
eine der drei Arten des Kar uff eis, 
welches 1596 zu Kopenhagen ftatt- 
gefunden hat. Das Spiel fand, wie 
man fieht, hier durch ungerüftete 
Reiter ftatt und der zu ftechende 
Ring hing unter einer Krone. — 
Nach einem Stiche aus der Zeit. 



milian; nach, immer ein offener Sarg dabei in den Schranken auf- 
gehellt wurde. Statt der Speere find auch vier Meter lange zwei- 
händige Schwerter, dieRennpanzerftecher, im Gebrauch gewefen, 
deren Klingen dünn, drei- oder zweifchneidig, alfo ähnlich den Rapier- 
klingen, waren. (S. Sammlung Zfchille.) Die Befchläge der oben 
angeführten ftumpfen Speere (fr. lances courtoises) wurden, 
wenn fie auch nicht die ringförmigen, fondern zwei ebenfalls ftumpfe. 



g5 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

aber hakenförmige Umlagen hatten, wie die fpitzhakenförmigen doch 
auch rocs und rochets genannt. Bis Ende des 14. Jahrhunderts, 
wo das Mafchenpanzerhemd , meift ohne Bruftfchild oder Stahl- 
ftück und ohne Platte, überwiegend war, beftand der haken- 
förmige ftumpfe Befchlag, von da ab aber bis Ende des 15. Jahr- 
hunderts in kurzen ftumpfen Spitzen. (S. darüber in den Abbildungen 
des Abfchnittes der Speere.) 

Auf den deutschen, gemeinlich ernfteren Turnieren, wo die 
Rüftungen räch fchwerer waren, gab es Speere wie Balken, deren 
Dicke oft 1 5 Zentimeter überftieg. (S. die noch vorhandenen in der 
Ambrafer Sammlung, fowie die Abbildungen davon in Lucas Cranachs 
Turnieren, bei Barts Nr. 124 — 125.) Eine der älteften franzöfifchen 
Turnierordnungen ift die Gottfrieds v. Reuilly (f 1068), auch 
das «Traite sur l'habillement des tourneyeurs» von Antonie de la 
Salle ift älter wie die deutschen Turnierbücher, es tagzeichnet von 
1458. Von deutfchen Büchern über Turnierwefen befitzt man: Wann 
vnnd vmb welicher vrfachen willen das löblich Ritterfpiel » , Augs- 
burg 1518; Rüxners Turnierbuch in erfter Auflage von 1530, in 
zweiter von 1532 und in dritter mit Holzfchnitten Joft Ammans von 
1566; Bartholomäus Clamorinus, Turnierbüchlein — ein Auszug 
des Rüxnerfchen Werkes, 1549 zu Bintz in Brabant, 1565 zu Wien 
und 1 590 zu Dresden erfchienen. Rüxner giebt die Befchreibung von 
nur 36 Turnieren (Stechen), wovon das erfte zu «Meydburg an dem 
Werd» (?) und das letzte zu Worms ftattgefunden hat, — ferner 
viele «Ritterfpiele> und «Fußturniere». Hinfichtlich der Kampffpiele 
des 15. Jahrhunderts, die gemeinlich auch nicht immer weniger blutig 
wie die etwas fpäteren abliefen und zur Stärkung der kriegerifchen 
Eigenfchaften beitrugen, haben oben angeführter Antoine de la Salle 
und eingehender noch Rene d'Anjou, König von Neapel und Si- 
zilien (f 1480), alle Einzelheiten, fowohl die der Gebräuche, wie die 
der Bewaffnung in den Turnieren in Frankreich befchrieben. Unter 
Maximilian I. «Freydals 1 ) Turnierbuch > vom Ende des 15. Jahrhun- 
derts («Rennenftechen», «Turnieren» und «Kämpfen») giebt auch 
von den ritterlichen Thaten in Wort und Bild Kunde. In dem be- 
reits angeführten «Wappenmeifterbuclr von Hans Schwenkel 
find die Turniere Herzog Wilhelm IV. von Bayern (1510 — 1545) 
dargeftellt (zu München 181 7 — 1828 gedruckt). Ferner befitzt man 

') Vom Ende des 15. Jahrhunderts, 1882 zu Wien herausgegeben vom Grafen 
Cniiinvill und Goirin von Leitner. Es find darin 64 Turniere befchrieben. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



87 



das Turnierbuch des Herzogs Heinrich des Mittleren von Braun - 
fchweig-Lüneburg (1468 — 1532), die Turnierbücher des Kurfürften 
Johann des Beftändigen von Sachfen, die Heilbrunner Tur- 
nierordnung von 1485, Würsungs: Von wann das ritterfpiel des 
turniers erdacht und geubet von 151g; Rüxners Urfprung des 
Turniers» von 1530; das Turnierbuch von Grüneberger, ein an- 
deres von Max Walther von 1477 — J 4^9; Siegmund von Geb- 
fattel, Befchreibung von fünf Turnieren; die Schönbartbücher 
der Rennen Nürnberger Gefchlechter und noch einige andere ge- 
druckte Turnierbücher mit Turnierregeln u. dergl. m. 

Vom Ende des 15. Jahrhunderts ab waren die Turniere aber 
doch auch häufig nicht mehr fo ernftliche Waffenübungen und Kampf- 
fpiele wie die früheren und viel weniger geeignet, ritterliche Künfte 
und kriegerifchen Mut zu verbreiten. Es gab Turniere, wo die Ritter 
felbft Blafen mit rotem Wein füllen und unter der Rüftung verbergen 
ließen, um dielelben, beim Kämpfen in den Schranken, heimlich auf- 
zurechen, und die Damen glauben zu machen, daß die Edlen ihr Blut 
für fie fließen ließen. Unter anderem fand diele Lächerlichkeit auf 
dem Turnier zu Onolzbach, dem jetzigen Ansbach, bei des Polen- 
königs Kafimir Hochzeit ftatt. 




Ritter vom 12. Jahrhundert im Stechrennen. Das Pferd des 
einen ift vollftändig mit dem «Gelieger» (fr. housse) vom Kopfe 



88 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



bis zum Schwänze behängt. Die Schilde find herzförmig, wie die- 
selben fo klein fonft feiten im 12. Jahrhundert vorkommen und die 
bewimpelten Speere find noch dünn und ohne Handfaß, Schwebeftoß- 
oder Brechfeheibe der lpäteren Turnierfpeere. Auch die mit Ring- 
hauben und Fäuftlingen verfehenen Brünnen find noch nicht durch 
Stahlftücke oder Bruftfchild gegen die Speerftöße verftärkt. Die 
kegelförmigen Helme, mit Nafenfchutz nur, find auch noch weit von 
den fpäteren Topfhelmen verfchieden. Nach Petri d'Ebulos «Carmen 
de Bello Siculo inter Henricum VI. Imp. et Tancredum» aus der 
Berner Bibliothek (cod. 120) von Fürst Hohenlohe veröffentlicht. 




Ts?m*m A\m 



v 



Zwei ftechende Ritter vom 15. Jahrhundert in Schienenrüftungen 
mit großen Stech- oder Topfhelmen, fowie daran befeftigter Barthaube. 
Die Turniertartfchen find mit Ausfchnitt, die Speere dreifpitzig, alfo 
keine ganz ftumpfen Speere, und mit Brechfeheiben verfehen. Die 
fpitzen Schnabeleifenfchuhe find mit fpitzbügligen, langhalfigen Rad- 
fporen befchlagen, die Pferde haben nur einen Bruftfchutz (fr. hours . 
— Nach dem melufinifchen Kodex von 1468 im germanifchen Mu- 
feum zu Nürnberg. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



8 9 




Buhurten(fr. qua- 
drille), Turnier, 

wo — haufenweife 
gekämpft wurde. 
Nach einem v. Ver- 
faffer in der «His- 
toire des Peinstres » 
etc. veröffentlichten 
Aquarell H. Burgk- 
maiers(f 15 59). Son- 
derbarerweife tra- 
gen die Ritter hier 

Gitterkolben- 
Turnierhelme m. 
phantaftifch. Zierat 
oder Kleinodien und 
Barthauben. Die 
Beine find nur durch 
d. Pferdebruflfchutz 
(hours)fowie durch 
an den Hours be- 
festigte «Diech- 
linge» gefchützt. 
Die Gelieger der 

Roffe (herabhän- 
gende Zierdecken 
(fr. housse) find 
meiftunverziert, nur 
bei dem einen Ritter 
m. geftreift. Mufter. 
Intereffant find auch 
die deutlich darge- 
ftellten Hufeifen. 



90 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 




Kolbenturnier, Bruchftück nach der Zeichnung einer Handfchrift 
von 1441 im germanifchen Mufeum zu Nürnberg. Die . Helme mit 
Barthauben find hier ebenfalls, wie bei der vorhergehenden Abbildung, 
nur gegittert, alfo keine eigentlichen Kolbenhelme, aber auch mit 
Kleinodien oder Helmzieren verfehen. Die Pferde tragen Roß- 
ltirnen und Hours, einer der Streitenden hat einen hoch aufzei- 
genden Sattelfchutz. 



Die Turniere waren oft fo morde rifch, daß bis zu 60 Perfonen 
in einem einzigen Waffengange umkamen. Trotz dem im 9. Jahr- 
hundert von dem Papfle Eugen II. und fpäter von verfchiedenen feiner 
Nachfolger gegen diefe blutigen Spiele (torneamenta) gefchleuderten 
Anathema verbreiteten fie fich mehr und mehr, und als nach Rück- 
kehr der erften Kreuzfahrer der Gebrauch der erblichen Wappen 
allgemeine Annahme gefunden, nahmen durch Einfuhrung eines Intal- 



Abrifs der 'Gefchichte der Waffen. Ol 

difchen, fehr verwickelten Gefetzbuches und eines ftrengen Reglements 
diefe kriegerischen Übungen fogar einen übertriebenen ritterlichen 
Charakter an, der in der Provence an poetifche Begeifterung ftreifte. 
Auf den Turnieren, wo Grieswartel 1 ), fpäter Jufticirer (fr. 
juges de camp) genannt, welche die Kämpfer in den Grenzen 
der Spiele hielten, den Erfolg feftftellten und wo dem Herolde 2 ) 
(nach Vorbild der griechifchen y.r'jQvxeg — und der römifchen fetiales), 
wohl allein oblag, die Wappen zu befc hauen und das Turnierrecht 
feftzuftellen , wurden zu Friedenszeiten ebenfoviele, wenn nicht noch 
mehr Perfonen zu Rittern gefchlagen, als in Kriegszeiten auf dem 
Schlachtfelde, und im Verlauf diefer prunkvollen Fefte fchloß fich 
mancher adlige Ehebund. Dem jungen Landedelmann, der die meifte 
Zeit mit Jagen in der Nähe feines feften Schloffes zubrachte und 
gewöhnlich auf Keifen oder in undurchdringlichen Wäldern häufte, 
bot fich kaum eine andere Gelegenheit, mit adligen Frauen und Edel- 
fräulein zufammenzutreffen, und diefe ermangelten dann auch nicht, 
ihre Reize ins rechte Licht zu ftellen. Sie waren oft derartig mit 
Flitterftaat gefchmückt und in fo glänzende Stoffe gekleidet, daß die 
fchweren Schranken und Tribünen ein bunter Blumenkranz zu krönen 
fchien. War aber der Augenblick gekommen, wo «die Schönfte der 
Schönen» — die Königin des Tages — die Preife unter die Sieger 
austeilte, und hatten fich die Frauen und Jungfrauen von ihren Sitzen 
erhoben, dann durchliefen die Blicke der Ritter jene bunte Reihen, 
um fich eine Tänzerin auszuwählen, welche der Tänzer dann auch 
häufig zur Gattin erkor. Viele Edelleute ftürzten fich, um bei folchen 
Feften ihre Nebenbuhler durch Pracht der Rüftungen und des Ge- 
folges zu verdunkeln, in Schulden und gerieten in Stricke der gelben 
Hüte. 

Als nach einem zu Paris, am Thore St. Antoine, im Jahre 1559 ftatt- 
gefundenen Turniere Heinrich IL, der dabei von dem Grafen Montgomery 



n ) Grieswartel werden aber oft auch mit Maintenatoren bezeichnet. Diefe 
hatten gemeinlich jeder drei Patrinen und forderten auch zum Kampfe heraus. Es 
waren wohl auch diefe letzteren, welche den Rittern den Speer «einlegten», d. h. auf 
den vorderen und unter den hinteren Rüfthaken legten, was dem fo fchwer Gerüfteten 
oft allein unmöglich wurde. Zu obigem Turnierperfonal gehörten ferner noch Rüft- 
meifter und Turnierknechte. 

2 ) Es gab ferner Wappenkönige, die den höchften Grad unter den Herolden 
bekleideten und von denfelben gewählt wurden. 

S. auch die Heroldswiffenschaft von Bart, de Saxoferato von 1350. 



Q2 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

erhaltenen Wunde erlegen war, gerieten die Turniere in Frankreich faft 
fchon außer Brauch, und als auch Karl IX. 1571 auf einem andern Tur- 
nier vom Herzog von Guife verwundet worden war, hatten folche Spiele 
ihr Ende erreicht, wurden aber durch die Caroussels erfetzt, welche, 
wie oben angeführt, aus drei Spielen beftanden: 1. Kopfrennen, 
2. Ringrennen, 3. Quintanrennen oder Faquinrennen (v. it. 
fachin o, v. lat. faciculus, Strohband). Wenn beim erften nur 
Köpfe als Ziele dienten, waren es hier ganze Holzfiguren, wonach 
geftoßen wurde. Davon «courre le faquin» und «brider le faquin». 

Älter noch wie die blutigen Turnierkämpfe waren die Gottes- 
kampfurteile (Ordalien), wo der Fußkämpfer Campio genannt 
wurde. 

Die Turniere wurden in Deutfchland gewöhnlich in drei ftreng 
gefchiedene Gattungen eingeteilt: das eigentliche Turnier oder 
Rennen, das Stechen und das Fußturnier. Diefe Abteilungen 
find felbft wieder in achtzehn Unterabteilungen gebracht worden. Doch 
darf man es damit nicht fo ftreng nehmen, da dies den Sitten des 
Mittelalters nicht entfpricht; denn während der Dauer folcher Ergötz- 
lichkeiten wurden die Grenzen weit weniger beachtet, als dies von 
den Büchermachern des 16. Jahrhunderts gefchah, deren Einbildungs- 
kraft ja auch nicht weniger fruchtbar in Erfindung von Kriegs- 
mafchinen gewefen ift. 

Die Turnierrüftung oder das Stechzug (fr. armure ä jou- 
tes, engl, jousting-armour), von der einige Schriftfteller meinen, 
daß fie leichter als die Kriegsrüftung gewefen fei, war im Gegenteil 
viel fchwerer und die deutfchen und flamändifchen noch viel fchwerer 
als die franzöfifchen. Alle diefe fchönen Rüftungen aus blankem 
Stahl, welche fich durch Reinheit und Strenge ihrer Linien, fowie 
durch ihre Größenverhältniffe auszeichnen, waren von fo außerordent- 
licher Schwere, daß der Mann notwendig ihrem Gewicht erlegen 
wäre, der fie länger als eine Stunde hätte tragen wollen. Das Fuß- 
turnier und das Rennen (Kampf zu Pferde mit dem Speere) waren 
ftets auf den Turnieren verbunden, da der Ritter oft zu -Fuß und in 
derfeiben Rüftung den Kampf fortfetzte, nachdem er von dem Gegner 
aus dem Sattel gehoben und zu Boden geworfen worden war. Die 
für das Fußturnier befonders angefertigten Waffen find fehr feiten 
und Zeichnungen aus jener Zeit (dem 15. Jahrhundert), welche in 
dem Maximiliansmufeum zu Augsburg aufbewahrt werden, laffen er- 
kennen, daß felbft in den Turnieren, wo man fich mit dem hölzernen 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



93 



Kolben fchlug (Kolbenturnier), weder der Kolben (fr. massette), 
noch der Roll- oder Gitterhelm ausfchließlich gebraucht wurden, 
da in dem Handgemenge Ritter mit dem gewöhnlichen Topfhelm 
erfcheinen, deren Schwerter an dem Bruftfchilde vermitteln Ketten 
befeftigt find, während andere fich des weniger gefährlichen hölzernen 
Kolbens bedienen. In den franzöfifchen Turnieren des 15. Jahrhun- 
derts waren auch die Schwerter fchneid- und fpitzenlos; eine Art 
ausgekehlte ftumpfe und kurze Eifenftange bildete die Schneide. 1 ) 

Einer Aufnahme der Ambrafer Sammlung von 1596 nach, waren: 
«die Harnifche (d. h. die vollständigen Rüftungen, aber ohne Helm) 
weiß (d. h. blank) oder gefärbt (d. h. blau oder braun im Feuer 
angelaufen, fchwarz (angeftrichen wie die gewöhnlichen burgundifchen), 
fchwarz-weiß (fchwarz mit weißen Streifen angeftrichen), mit Sam- 
met überzogen (wie u. a. die Brigantinen), geriffelt (d. h. gerippt, 
fr. cannele, alfo die fogenannten maximilianifchen oder mailändifchen), 
mit Malergold bemalt, die Orte (Spitzen) von durchfchlagenem 
Eifen oder Meffing (durchbrochen, fr. ä jour), geftempft, hohl- 
gefchliffen (getrieben) und befchmelzt». 

Für die Schilder gab es Mouven, d. h. Überzüge, was im Ab- 
fchnitt der Schilder angeführt ift. 

Hinfichtlich der Schutzrüftungen der Streitroffe, befonders beim 
Turnier, fo kennt man aus dem 12. Jahrhundert fchon, nach der 
Wandmalerei der Painted Chamber von Weftminfter , einen Ritter, 
deffen Roß überall, nur Ohren, Maul und Füße ausgenommen, in 
Kettenrüftung gehüllt ift. In «Roumans d' Alexander», vom 12. Jahr- 
hundert (Parifer National -Bibliothek), befindet fich die Abbildung 
eines ebenfalls fo vollftändig ausgerüsteten Roffes. Auch in Spanien 
wurden die Schlachtrofle bereits im 14. Jahrhundert vollftändig ge- 
panzert, wie dies aus einem Befehle Don Alonfo XL (1338) hervor- 
geht. Indeffen waren in den früheren Turnieren die Roffe meift 
noch ohne Schutzrüftungen, aber vom Kopfe bis zum Schwänze mit 
lang herabwallendem Zeug, den Wappendecken oder Geliegern 
(fr. housse), behangen, fowie dies Seite 87 das abgebildete Rennen 
vom 12. Jahrhundert darftellt, wo die Roffe noch ohne Schutzrüftung 
find. Solche Behänge, welche fich bis in die letzten Zeiten der 
Turniere, auch oft zufammen mit den Schutzrüftungen, erhielten, 



*) Von den im Abfchnitte der Schwerter abgebildeten Turnierfchwertern 
und Turnierkolben des 15. Jahrh. find noch vorhandene Exemplare unbekannt. 



Q4 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

nahmen im Laufe des 16. Jahrhunderts bedeutend an Umfang ab, 
befonders als in den fpäteren Turnieren die Roffe den Bruftpolfter 
(fr. hours) und lelbft auch, wie weiterhin Abbildungen zeigen, voll- 
ftändige, felbft die Füße bedeckende, gelenkige Schienenrüftungen er- 
hielten und wo auch am Hälfe faft immer Schellen angebracht waren. 

Das Gelieger, diefe auf dem Rücken liegende Wappendecke, au- 
der nicht allein Wappen, fondern auch andere Figuren und andere Ver- 
zierungen aufgenäht oder geflickt wurden, reicht vor dem allgemeinen 
Gebrauch der Turnierpferderüftung bis anfangs der erften Hälfte des 
Mittelalters hinauf, wo es befonders häufig, vom 1 1 . Jahrhundert ab, 
auch auf Siegeln vorkommt, wovon unter andern das König Otto- 
kars von Böhmen (1261 — 1268) eine befonders reiche Wappendecke, 
die überall mit Sternen befäet, auch zwei verfchiedene Wappen, fich 
dreimal wiederholend, auf Hals und Rückenftück hat. Viel reicher 
noch giebt die manefifche Handfchrift vom 13. Jahrhundert das Ge- 
lieger des «Siegers im Turnier». In der «Vie et miracles de 
St. Louis», Handfchrift von 1300, trägt der König den Zeugwaffen- 
kittel (fr. hoqueton) und das Pferd das Gelieger, welch beide, fo- 
wohl wie der Schild, ein Dreifpitz, überall mit Lilien befäet find 
Während des 14. und 15. Jahrhunderts kommt die Wappendecke 
viel feltener vor, ausgenommen in Polen, wo das Gelieger bis ins 
18. Jahrhundert hinein gebräuchlich und immer fehr reich war. 

Die in den letzten Zeiten der Turniere dem Pferde aufgebür- 
dete Schutzrüftung hatte an Schwere fo zugenommen, daß die Tiere 
nur fehr kurze Zeit folche aus Eifenplatten beftehenden Panzer, fowie 
die ebenfo gediegenen Harnifche ihrer Reiter zu tragen ver 
mochten Ende des 16., mehr noch anfangs des 17. Jahrhunderts, 
tauchte, befonders auch bei den regelmäßigen Bewaffnungen, na- 
mentlich bei den Arkebufiern, an Stelle der Panzer und Decken ein 
lang vom Rücken des Roffes herabhängendes, aus Lederftreifen be- 
ftehendes Gefchirr auf, wie dies im 4. Abfchnitt (Mittelalter) ein dort 
abgebildeter Arkebufier nach Joft Amnions Kunftbüchlein darfteilt. 

Im Morgenlande findet man die Pferdefchutzrüftung auch im 
16. Jahrhundert ftark verbreitet (fiehe dies unter Abbildungen im Ab- 
fchnitt der perfifchen Waffen, fo das Roß von Djahir-el-Chin- Mo- 
hammed, genannt Babur (f 1530), dem Nachfolger Tamerlans und des 
perfifchen Kriegers aus dem Schah-Named (1580 — 1600) in der 
Münchener Bibliothek. Bei den Chinefen kommen folche Pferdeaus- 
rüftungen noch viel häufiger vor. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 95 

1 

Die Ausrüstungen des Ritters bildeten zwei Hauptarten: Kampf- 
und Turnierharnifche» Letztere, das fogenannte Turnierzeug», 
beftand feiner Zeit wieder aus zwei Hauptklaffen, den «Renn- und 
Stechzeugen . Benennungen alter Aufnahmen nach gehörte ge- 
meinlich zu erfteren* «der Rennhut, der Rennbart, die Bruft mit 
Vorder- und Hinterhaken, das Sattelblech, die Schulterbänder, der 
Rücken mit Schwänzel, das Magenblech mit Bauchringen und die 
Rennhofen, gefchobene Achfelftücke mit Flügeln, Ober- und Unter- 
arme mit Kacheln und Brechrand, eine fteife Hentze für den linken 
Ann, fowie für links auch noch eine runde Achfelfcheibe». — 
Das Stech zeug beftand gewöhnlich aus: «dem Stechhelm mit 
Hinterfchraube, der Bruft mit Vorderrüft- und Hinterhaken, dem 
Sattelblech, den Schulterbändern, dem Rücken mit Schwänzel, 
den Achfelltücken mit Hinterflügeln, dem Ober- und Unterarm mit 
Ellbogenkacheln und Vorderarmblech, dem rechten Armzeuge mit 
hohem Brechrande, dem linken Armzeuge mit fteifer Hentze und 
dem Magenblech und Bauchreifen mit Schößen . 

Wie das Turnier war auch die eigentliche Fechtkunft nach 
Regeln für Stoß-, Hieb- und Krumfehwert (nl. scherma, it. scher- 
mire, fp. esgrima, fr. escrime, alle v. deutfeh. fchirmen abgeleitet, 
engl, fencing) den Alten unbekannt, denn der Römer: ars pug- 
nandi, ars gladii, ars gladiatora et armorum entfprechen fämt. 
lieh nicht dem, was man als neuzeitige Fechtkunft bezeichnet, welche 
fich eigentlich wohl erft unter Karl V. (15 16 — 1506) in Spanien 
herausgebildet hat. Von Spanien ging diefe neue Kunft nach Italien 
über, wo diefelbe von da aus während zweier Jahrhunderte faft ganz 
Europa die gefchickteften Fechtmeifter liefert. Seit Heinrich II. 
(1547 — 1559) begannen indeffen fchon franzöfifche Fechtmeifter fehr 
ftark mit den italienifchen wettzubewerben und unter Ludwig XIII. 
(1610 — 1643) war felbft die Stoß- und Hiebfechtkunft, wo die 
Auslage (fr. garde), der Ausfall (botte), die Retirade (re- 
traite), die Paffade (passe) und die Menfur (mesure), auch die 
Finten (feintes) Hauptgrundlagen bilden, eine durchaus franzöfifche 
geworden. Wieder aber gab hier wohl die deutfehe Litteratur die 
älteften Lehrbücher über diefe Kunft: Meyer 1570, J. Suter; in Frank- 
reich G. Thibault, der Akademiker Anvers 1628; — Danet, Paris 
1766; — De Laboessiere 1818; — Lafaugere 1837; — Grisier et 
Chatelain, fowie in Deutfchland wieder neuerer Zeit: v. Pöllnitz, Hal- 
berftadt 1825; — Lings, Berlin 1863; — Lübeck, Frankfurt 1869 



g(5 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

— und Montag, Leipzig 1882. Außerdem noch mehrere Anleitungen 
über Bajonettfechten. 

Die überall dazu verwandten Waffen waren und find noch, zum 
Hiebfechten: das Rapier oder der Fechtfchulfchläger, zum Stoß das 
Florett (fr. fleuret) oder der Fechtfchulftoßdegen mit und ohne 
Knöpfchen (fleuret-mouchete und demouchete) am Orte. Früher 
gehörten noch dazu die linke Hand (fr. la main gauche), ein Dolch 
mit einfacher oder auch dreiteiliger Klinge, fowie die runden, eckigen 
und wellenförmigen Faufttartfchen, alle für die linke Hand zur Ab- 
wehr (fr. parade) dienend. 

Die gotifche Bewaffnung, germanifchen Urfprungs, verbreitete fich 
mit großer Schnelligkeit überall, wo der Geift des Rittertums fich 
entwickelt hatte. Man begegnet ihr in England, Frankreich, Spanien, 
und felbft auf dem klaffifchen Boden Italiens; doch hat er überall 
Veränderungen erleiden muffen, je nach den Sitten und dem Ge- 
fchmack der verfchiedenen Völker. In Italien ift die Bewaffnung 
ftets ohne charakteriftifchen Stil und mangelhaft geblieben, obgleich 
fie in der Zeichnung und Einzelausführüng der Verzierungen fich 
fehr vorgefchritten zeigt. Die dortigen Künftler ftanden zu fehr 
unter dem Einfluß klaffifcher Rückerinnerungen, als daß es ihnen 
möglich gewefen wäre, fich von dem antiken Stile loszumachen und 
fich mit einem anderen völlig neuen zu befreunden, der große Strenge 
und gänzliches Vergeffen der Vergangenheit erforderte. Ebenfo ent- 
ging es ihnen, was die neue Kampfart an Änderungen hinfichtlich 
der Schutzwaffen notwendig gemacht hatte. 

In Spanien gab der Einfall der Mauren weit eher den Antrieb 
zur Vervollkommnung der Waffenfchmiedekunft diefes Landes, als 
daß er deren Verfall befchleunigt hätte, wie einige Schriftfteller un- 
richtigerweife annehmen; denn der Rückgang der fpanifchen Bewaff- 
nung wird erft nach Vertreibung der Mauern aus Granada (1492) 
fichtbar; und wenn auch bezüglich einiger Specialitäten die Wendung 
kurzzeitig günftig war, welche die fpanifchen Künftler zu der Ein- 
fachheit und dem großen Stil der Gotik zurückführte, fo war doch 
diefe Periode nur von kurzer Dauer, da unter dem Einfluß der italieni- 
fchen Schule, befonders während der Regierung Karls V., ein gänz- 
licher Verfall eintrat. Nur die Malerei verftand es, fich von diefem 
fremden und fchlecht verdauten Einfluß wieder frei zu machen und 
Meifterwerke voll Originalität und Geifteskraft zu fchaffen. — 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. qj 

Die Ende des 15. Jahrhunderts und während des ganzen 16. Jahr- 
hunderts berüchtigten deutfchen Landsknechte, deren Haufenbil- 
dung Kaifer Maximilian L (f 15 19) zuzufchreiben ift, hatten keine 
regelrechte Bewaffnung. Jeder Angeworbene mußte aber Speer, 
Schwert, BruftfUickpanzer und Pickelhaube (Burgunderhelm) 
mitbringen. Obfchon die Formen diefer Waffen nicht vorgefchrieben 
waren, fo ftellten fie fich doch gemeinlich ziemlich gleichförmig her- 
aus und die Kleidung, wenn auch beliebig, ebenfalls. (S. für die 
Speere den Langfpieß und für die Schwerter die Lansquenette 
Abbildungen in den beiden Spezialabfchnitten.) Die Länge der 
Speere diefer Söldner, welche, abgefehen von den Janitfcharen, 
das erfte geordnete Fußvolk des neuen Zeitabfchnittes bildeten, 
war 7 — 8 Meter, alfo 2 — 3 Meter länger als der Speer der 
Schweizer, mit welchen fie aber, teilweife, den Zweihänder, 
d. h. das lange zweihändige, oft in der Klinge geflammte Schwert, 
gemein hatten. Die große Länge diefes Speeres hielt man damals 
für wirkungsvoller in den zum Angriff gebildeten «Vierecken » und 
für den, zur Abwehr mit «Stirn nach allen Seiten», gebräuchlichen 
Igel» der Schlachtftellung des «hellen Haufens». Gegen Ende des 
16. Jahrhunderts war fchon die Hälfte jeder, immer aus 400 Lands- 
knechten begehenden «Fähnlein», mit Feuergewehren, meift Ratfchloß- 
Arkebufen, bewaffnet. 

Die morgenländifchen Waffen heutiger Zeitrechnung haben feit 
Jahrhunderten nur wenig in ihrer Form gewechselt; fie find faft ganz 
fo geblieben, wie die Völker des Altertums fie kannten. Hand- 
fchriften, befonders die fchon erwähnte in der Bibliothek zu München 
bewahrte Kopie des Schah-Nameh (Königsbuches), beweifen u. a. 
durch ihre Illuftrationen, daß die perfifche Bewaffnung bereits im 
16. Jahrhundert war, was fie noch heute ift. 

In der japanifchen und chinefifchen Ausrüftung ift noch weit 
weniger Änderung zu Tage getreten; denn wenn auch die Tracht 
in Zeiträumen, welche um drei bis vier Jahrhunderte auseinander 
liegen, Umwandlung erfahren hat, fo ift die Form der Waffen doch 
faft gänzlich die alte geblieben. Alle aus den letzten Kriegen her- 
rührenden Säbel, Kriegsgabeln, Piken, Degen, ja felbft Panzer und 
Helme im Artilleriemufeum zu Paris, zeigen fich durchaus denen 
im Tower zu London aufgeftellten, aus früheren Jahrhunderten, 
ähnlich. 

Die Kriegsmafchinen, die Artillerie der i\lten, Katapulte, 

Dem min, Waffenkunde. 3. Aufl. n 



9 8 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



Bailiften, Wippen, Widder u. a. m. 1 ), find aus dem Altertum ins 
Mittelalter übergegangen, welches indes nur wenig daran geändert 
hat. Buchmalereien jenes Zeitabfchnittes laffen es erkennen, daß die 
Einrichtung folcher Geftelle ungefähr diefelbe war. Daß diefe Kriegs- 
mafchinen auch wirklich fo beftanden haben, ift u. a. aufs neue be- 
ftätigt worden durch die unter dem Schutte des Schloffes Ruffikon 
in der Schweiz aufgefundenen Trümmer von im 13. Jahrhundert durch 
Feuer zerftörte Bailiften. Im Antikenkabinett von Zürich werden 
diefe Trümmer nebft einer Menge von ftarken Pfeilfpitzen aufbewahrt. 
Die Bibliothek des Fürften von Waldburg -Wolfegg befitzt eine 
Handfchrift aus dem 15. Jahrhundert mit Zeichnungen von Zeitblom, 
unter denen auch die Katapulte, das tormentum der Römer — 
die franzöfifche onagre — fich vorfindet, jedoch in verändertem Bau 
und derjenigen ähnlich, welche man in dem Recueil d'anciens 
poetes frangais,'in der k. Bibliothek zu Paris, abgebildet findet. 
Die Archive von Mons aus dem Jahre 1406 fprechen ebenfalls von 
folchen alten Kriegsmafchinen, doch find die Spuren eines Polyfpaft 
nirgends zu finden. Außer diefen Wurfmafchinen foll das Mittelalter 
noch eine Menge andere eigener Erfindung befeffen haben, die bei 
Belagerungen und zum Schutze des Feldlagers thätig waren, wie 
dies in den fchon erwähnten Aquarellen von Nicolaus Glockenthon 
(1505), welche die Abbildung der in den Zeughäufern des Kaifers 
Maximilian aufgehäuften Waffen geben , zu fehen ift. Zwei Samm- 
lungen von Zeichnungen aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts, 
ebenfalls in der Ambrafer Sammlung , zeigen den neuen Erfindungen 
ähnliche Taucherapparate. Grund ift indes anzunehmen, das wirk- 
liche Vorhandenfein aller jener phantaftifchen Formen zu mißtrauen, an 
denen die Handfchriften und andere litterarifche Erfcheinungen des 
fpäten Mittelalters und der Zeit des Rückgriffs fo reich find. Wie heute 
noch, fo find auch damals die von der Einbildungskraft hervorgebrachten 
Zerftörungswaffen meiftenteils Entwürfe geblieben. Geht man nun zu 
den Handfeuer- und Handfchußwaffen über, fo finden fich im Alter- 
tum zuerft die Schleuder (gr. fkiandone, lat. funda), der Bogen 
und der Schleuderftock (lat. fustibalus, fr. fustibale), welcher, 
Vag. Mait. III., 14 nach, 1,20 m lang, und wo die Schleuder in der 
Mitte des mit beiden Händen zu gebrauchenden Stockes befeftigt war. 
Römifche damit bewaffnete Hilfstruppen hießen «Fundibalatores». 



') Sieh« den Abfchnitt «Kriegsinafchimim. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



99 



Die Armbruft, welche Rhodios in der Gaftrafete der Griechen 
wiederzuerkennen glaubt, und die den Römern nicht unbekannt war 
(f. die Abbildung weiterhin), ja welche Ammianus Marcellinus (v. 
4. Jahrh. n. Chr.) felbft fchon die Goten fuhren läßt, fcheint erft 
wieder Ende des 10. Jahrhunderts, aber nur anfänglich in Mittel- 
europa, aufgenommen worden zu fein. Wie hätten fonft der Prinzeffin 
Anna Comnena (1083 — 1148) diefe Waffen unbekannt bleiben können? 
Die Prinzeffin fagt wörtlich: «eine Tzagra ift ein Bogen, den wir 
nicht kannten» etc. 

Die Schleuder und der ihr verwandte Schleuderftock — diefe 
an einen Schaft gebundene Schleuder — kommen fogar noch im 
1 6. Jahrhundert vor, wo man fie zum Werfen glühender Kugeln und 
Granaten benutzte, wie die oben angeführten Zeichnungen Glocken- 
thons nachweifen. 

Der Bogen ift bei den Völkern germanifchen Stammes kaum 
anders als auf der Jagd gebraucht worden; Franken, Sachfen, Ale- 
mannen, Burgunder, Kelten (?), Cherusker, Markomannen u. a. führten 
ihn ungern im Kriege, als eine knabenhafte und tückifche Waffe, und 
pflegten^ ihm die Wurfftreitaxt und den Wurffpieß, die germa- 
nifche Frama, den Speer (Ger) als Wurf- und Schußwaffen, vorzuziehen. 
Nur als römifche Hilfstruppen der Römer mögen die Germanen ver- 
pflichtet gewefen fein, auch im Kriege Bogen und Pfeil zu handhaben, 
wie dies eine Flachbildnerei der Trajansfäule feftzuftellen fcheint. 
Gregor von Tours fp rieht indeffen auch von im Jahre 388 n. Chr. fich 
ausgezeichnet habenden fränkifchen Pfeilfchützen -Abteilungen. 

Auf dem Teppich von Bayeux find Normannen mit dem Bogen 
bewaffnet dargeftellt und man weiß, daß fie in der Schlacht bei 
Haftings von diefer Waffe Gebrauch gemacht haben. Die Deutfchen 
jedoch fchenkten, wie gefagt, den Schußwaffen vor Erfcheinung der 
Armbruft nur geringe Beachtung. Der Bogen der Normannen war 
klein, ungefähr einen Meter groß. Dagegen maß der Bogen des feit 
dem 13. Jahrhundert fo berühmten englifchen Bogenfchützen faft 
zwei Meter; feine Länge richtete fich nach der Größe des Mannes, 
dem er genau angepaßt zu werden pflegte, und zwar der Art, 
daß man, bei ausgeftreckten Armen, von dem Ende des einen Mittel- 
fingers bis zu demjenigen des anderen das Maß nahm. Der englifche 
Bogenfchütze hatte eine fo außerordentliche Gefchicklichkeit im 
Schießen erlangt, daß er zwölf Pfeile in einer Minute abfenden konnte 

und dabei feiten fein Ziel verfehlte. 

7 * 



jOO Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

Der italienifche Bogen, zumeift aus Stahl, war, wie der deutfche 
Bogen, nur anderthalb Meter lang. Die englifchen Pfeile maßen 
90 Centimeter. 

Im 12. Jahrhundert trug der Bogenfchütze zwei Behälter: der 
eine, der Köcher (altfr. couin, nfr. careois, im alten Englifchen 
Guiver, 1 ) enthielt die Pfeile (fr. fleches, vom deutfchen Flitz, 
welche nach den Chroniken von St. Denis damals Pilles und Sayettes 
benannt wurden), der andere, Archais 2 ) geheißen, war für den Bogen 
beftimmt. Die Spitzen der Pfeile wechselten in der Form; manche 
glichen denen der Armbruflbolzen (fr. carrels, carreaux), die 
zwei-, drei-, fogar vierkantig und auch mit Widerhaken (fr. Fleches- 
barbues) gleich den antiken Pfeilen verfehen waren. Es gab außer- 
dem wie Korkzieher gewundene Spitzen, Keltfpitzen und Halbmond- 
ipitzen (Lunas); diefe letzteren dienten dazu, die Kniekehlen der 
Menfchen und Pferde zu durchfchneiden. 

Die von Anna Comnena mit dem Namen Tzagra bezeichnete 
Armbruft wird von Wilhelm von Tyrus zur Zeit des erften Kreuzzuges 
erwähnt (1097). Unter Ludwig VI., dem Dicken (1108 — 1 1 37), war 
fie in Frankreich fchon fehr verbreitet. Ein Kanon des zweiten, 1139 
abgehaltenen, Konzils verbietet die Anwendung derfelben unter — 
Chriften, wohlverstanden, während er es gutheißt, Ungläubige und 
Ketzer damit ums Leben zu bringen. Richard Löwenherz (1189 
bis 1199) ließ jedoch des Breves ungeachtet, das PapSt Innocenz III. 
dagegen erlaSSen hatte, in England ^\.rmbruStSchützen in Seine Truppen 
eintreten. Philipp AuguSt (11 80 — 1223) Schuf in Frankreich die erSten 
ArmbruStSchützen -Kompagnien zu Fuß und zu PSerde, deren Wich- 
tigkeit So Sehr zunahm, daß ihr Anführer 'den Titel eines Großmeisters 
der ArmbruStSchützen führte und nach dem Generalfeldmarfchall von 
Frankreich den erften Rang einnahm. ErSt 15 15 wurde dieSes Amt 
mit dem des Großmeisters der Artillerie vereinigt. 

Die VerSaSSung (charte) Theobalds, Grafen von Champagne, 
aus dem Jahre 1222 Sagt: «Chacun de la commune de Vitre aura 
XX livres, aura aubeleste en son ostel et quarriaux etc.» In 
der Chronik von St. Denis werden die ArmbruStSchützen gleichfalls 
erwähnt. Die erften in den Malereien jener Zeit vorkommenden Ab- 
bildungen Solcher Schützen Sind diejenigen, welche eine angelfächfiSche 



1 ) Der Pharetra (<puQtTQa) der Alten. 

2 ) Corytus {xutQVToq) 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 10 1 

Handfchrift aus dem 1 1. Jahrhundert, im Britifchen Mufeum enthält, 
ferner die unter Heinrich dem Löwen (f 1 195) im Dom zu Braun- 
fchweig und die in der Kapelle von St. Johann zu Gent im 13. Jahr- 
hundert ausgeführten Wandmalereien. 

Die kaiferliche Bibel vom 10. Jahrhundert (F. von St. Germain, 
lat. 303) zeigt eine Geifenfußarmbruft. (Siehe im Abfchnitt: Die 
Armbruft.) 

Es ift bekannt, daß Boleslav, Herzog von Schweidnitz, fchon im 
Jahre 1286 das Armbruftfchießen einführte, welches kurz darauf auch 
in Nürnberg und Augsburg Hingang fand. In Frankreich, wo Karl VII. 
die Anpflanzung von Eibenbäumen auf allen Kirchhöfen 
der Normandie für Anfertigung diefer Waffe vorgefchrieben 
hatte, verdrängte ihr Gebrauch den Bogen gänzlich, den die Eng- 
länder jedoch bis ans Ende der Regierungszeit Elifabeths (1558 — 
1603) beibehielten. Die Bogenfchützen waren dort ohne Ausnahme 
mit Brigantinen (italienifchen kurzen Panzerhemden) und Helmen 
bewaffnet. Der Bogen fieberte ihnen noch lange das Übergewicht 
im Schießen über das franzöfifche Heer, defien Armbruftfchützen 
kaum mit zwei, drei BolzenfchülTen auf zwölf Pfeilfchüffe antworten 
konnten. Außerdem machte der Regen die Armbruftfehne fchlaff 
und beraubte lie der Kraft, während die Sehne des Bogens leicht 
gegen Feuchtigkeit gefchützt werden konnte. Diefem Übelftand 
war es auch teilweife zuzufchreiben, daß die Schlacht bei Crecy 
(1346) verloren ging, weil nämlich die franzöfifchen Armbruftfchützen 
kaum im ftande waren, die ficheren Pfeilfchüffe der englifchen Bogen- 
fchützen zu erwidern. Als aber im Jahre 1356, infolge einer aber- 
maligen Niederlage bei Poitiers, die Mängel der Armbruft von neuem 
fich herausgeftellt hatten, wurden auch in Frankreich wieder Bogen- 
fchützenkorps eingeführt, die es bald zu einer fo großen Gefchick- 
lichkeit brachten, daß fie der Adel, dem fie gefährlich fchienen, auf- 
löfen ließ. Im Jahre 1627, bei der Belagerung von Larochelle, 
befanden fich fogar noch englifche Bogenfchützen im Solde Richelieus 
welche den Angriff auf die Infel Re mitmachten. 

Die Armbruft, welche eine Lieblingswaffe in Deutfchland geworden 
war, erhielt da in mehrfacher Hinficht Verbefferungen. In Frank- 
reich hörte ihr Gebrauch im 17. Jahrhundert vollftändig auf. Arm- 
bruftfehützen- Heerhaufen verfchwanden fortan gänzlich. Die Arm- 
brüfte der Reiterei waren leichter als die des Fußvolks und ließen 
lieh mit Hilfe eines einfachen Spanners (Haken), andere mittelft des 



102 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

Geifenfußes anziehen; die Spannwinde (fr. cric ä manivelle, 
auch cranequin genannt), die dazu diente, die Waffe des Fußvolks 
fchußfertig zu machen, verfchaffte diefen Armbruftfchützen den Namen 
Cranequeniers. Der Chronift Monftrelet (1390 — 1453) nennt fie 
indes Petaudiers und Bibaudiers. 

Es giebt acht verfchiedene Arten Armbrüfte. Diefe find: 

Die Hakenarmbruft (fr. arbalete ä crochet), die einfachste 
Art, welche mittelfl eines lofen Hakens, wenn nicht allein mit der 
Fauft, gefpannt wurde. Gemeinlich war diefelbe auch mit einem 
Steigbügel verfehen. 

Die Geifenfußarmbruft (fr. ä pied de biche), eine Waffe 
flir die Reiterei. 

Die Kurbel- oder Windenarmbruft, mit Spannwinde (fr. 
crunequin). 

Die Flafchenzugarmbruft (fr. arbalete ä tour, auch de 
passot), fehr zweckmäßig bei Belagerungen und beim Scheiben- 
fchießen. Mit diefer Armbruft waren die Genfer Armbruftfchützen 
in der Schlacht bei Azincourt (141 5) bewaffnet. 

Die deutfche oder Zahnradarmbruft(fr. rouet d'engrenage). 

Die Stein- oder Kugelarmbruft (fr. arbalete ä galets) 
des 16. Jahrhunderts, welche ihren Namen von den kleinen runden 
Steinen hat, die fie fchleuderte, fowie Kugeln von Blei oder ge- 
branntem Kiefelthon an Stelle der Bolzenpfeile (fr. carreaux de 
fie che). Bei etwas größerem Kaliber nannte man diefe Armbruft 
Balefter. 

Die Lauf- oder Rinnenarmbruft (fr. arbalete ä baguette), 
eine fchwerfällige Waffe und ohne Kraft, aus Ludwigs XIV. 
Zeiten. 

Endlich die chinefifche Armbrufl, mit einem Auszug ver- 
fehen, der vermittelft eines Handfpanners auf den Schaft gleitet und 
zwanzigmal, wie ein Repetiergewehr feine Ladungen, einen neuen 
Pfeil liefert. 

Mit Ausnahme der durch Stein- oder Kugelarmbruft gefchlcu- 
derten Gefchoffe wurden die übrigen Bolzen (fr. carrels oder 
carreaux) genannt, welcher Name von der gewöhnlich vierkan- 
tigen Form des die Spitze umgebenden Eifens herrührte. Der 
Drehpfeil (fr. vireton) war ein mit Holz- oder Lederflügeln an der 
Achfe verfehener drehender Bolzen. Der fchlagende, matra 
nannte Bolzen endete mit einer runden Scheibe oder Linfe, welche 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. IO3 

tötete, indem fie niederfchlug, und war eher ein Jagd- als ein Kriegs- 
gefchoß. Man bediente fich folcher Schlagbolzen zur Erlegung des 
Wildes, deren Bälge unverfehrt und ohne Blutflecke erhalten bleiben 
follten. 

Kommt man nun zu den Pulverfeuerwaffen 1 ), wovon der Ge- 
brauch in Europa nicht über das 14. Jahrhundert zurückgeht, fo 
drängen fich hier fehr verwickelte Fragen auf. 

Das Schießpulver ift den Chinefen viel früher bekannt ge- 
wefen. Es hat aber für eine mönchifche Erfindung gegolten; und 
zwar wird von den Einen Berthold Schwarz im Klofter zu Frei- 
burg im Breisgau (c. 1350), von Anderen Konftantin Amalzen, 
nach dritter Verfion endlich ein englifcher Mönch, namens Roger 
Bacon, welcher im 13. Jahrhundert (12 14 — 1294) lebte, als Erfinder 
bezeichnet. Gleichwohl fcheinen es die keltifchen (?) und die klaffi- 
fchen Völker doch auch bereits gekannt zu haben. 

■Die durch die Bemühungen des Dr. Keller fozufagen wieder- 
hergeftellten See- oder Pfahlbauten in der Schweiz, enthalten 
häufig Brandkugeln mit einer Mifchung, welche diejenige des 
Schießpulvers fein könnte. Bezeichnungen wie: Shet-ä-gene 
(Hunderttöter) und Agenaster (Feuergewehr?) der heiligen Bücher 
Indiens, fowie die alten Kriegsmafchinen, vermittelft w r elcher, nach 
Diocaffius, Caligula den Donner und das Feuer des Himmels nach- 
ahmte, berechtigen ebenfalls dazu, das Vorhandenfein des Schieß- 
pulvers fchon in damaliger Zeit anzunehmen, was Voffius (liber 
observationum) auch in einer Befchreibung des Julius Africanus, 
der um das Jahr 22 1 unferer Zeitrechnung lebte, zu erkennen meint. 

Der ferner im Mittelalter gebrauchte Brandpfeil, die Falarica 
der Römer, von dem Gregor v. Tours glaubt, daß er keltifchen (?) 
Urfprungs fei, enthielt wahrfcheinlich ein Präparat aus ähnlichen 
Stoffen, wie die zur Herftellung des Schießpulvers dienenden. 

Während der Belagerung Konftantinopels (669 — 676) teilte der 
Grieche Kallinikos aus Helispolis dem Kaifer Conftantinus IV. Pogo- 
natus das Geheimnis der Zubereitung des griechifchen Feuers 2 ) 



x ) Die Schutzpatronin der Artilleriflen ift St. Barbara, wie St. Georg der 
von Reitern, St. Gereon vom Fufsvolke, befonders der Anführer davon, St. Se- 
baftian der von Pfeilfchützen , St. Bonaventura von Wagenftreitern und St. Toh. 
v. Nepomuk der von Brückenfchlägern (Po n toniers). 

-) Bei den alten Griechen verwendete man (fiehe Acieias vom 4. Jahrh. v. Chr.) 
Effig zum Löfchen folcher Eeuer. 



104 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



mit, die er in drei verfchiedenen Weifen bei den Arabern kennen 
gelernt hatte, und deren eine dem heutigen Schießpulver fehr ähn- 
lich gewefen zu fein fcheint. 

Die Beftandteile, aus denen es angefertigt wurde, follen Salpeter, 
Schwefel, gemifcht mit Naphtha, Erdharz und Pech gewefen fein, eine 
Mifchung, die gegen den Feind teils flüffig, teils in Kugeln geformt, 
in Anwendung kam. 

Die Feuergewehre, deren fich, nach Higiacus, die Araber im 
Jahre 690 vor Mekka bedienten, laffen vermuten, daß der Islam 
feine erfte Verbreitung nicht allein durch das Schwert, fondern auch 
mit Hilfe des Schießpulvers gefunden hat, deffen Zubereitung wahr- 
scheinlich den Arabern aus Indien überliefert worden ift, da fie den 
Salpeter Thely-Sini, d. h. indifcher oder chinefifcher Schnee, heißen, 
wie die Perfer ihn Nemek-Tschini, indifches oder chinefifches Salz, 
nennen. Aeneas aber, der zur Zeit Philipps von Makedonien (4. Jahrh. 
v. Chr.) lebte, giebt fchon folgende Vorfchrift für Zubereitung -eines 
ähnlichen Kriegsbrandftoffes : « Um ein Feuer darzuftellen, welches fich 
durch nichts löfchen läßt, nehme man Pech, Schwefel, Werg, Weih- 
rauchkörner und Abfälle harzigen Holzes, woraus Fackeln angefer- 
tigt werden, und mache Bälle aus diefer Mifchung.» — Nach Graecus 
(10. Jahrhundert) hätte das griechifche Feuer aus Schwefel, Weinftein, 
Leim, Pech, Salpeter und Gummi beftanden, wohingegen Valturius 
dasfelbe aus Holzkohle, Salpeter, Schwefel, Pech, «brennendes Waffer», 
Myrrhe und Kamphor zubereiten will. Für das «brennende Waffer» 
giebt es folgende Vorfchrift: pulverifierter Schwefel, Weinftein, Koch- 
falz und alter Wein. Nach Gorarey wurde in chinefifchen, 618 v. 
Chr. unter der Herrfchaft des Taigoff verfaßten Schriften eine 
Feuerwaffe großen Kalibers erwähnt, mit der Infchrift: «Ich 
fchleudere den Tod auf Verräter und Zerftörung dem Aufruhr zu. 
Liefern nicht auch die Schießfeharten in der 250 Jahre vor unferer 
Zeitrechnung gebauten chinefifchen Mauer den Beweis, daß die Chi- 
nefen bereits zu diefer Zeit die Gefchützkunft kannten? Diefe Schieß- 
feharten find am Ende mit runden Löchern für die gegen das Zu- 
rückprallen von Gefchützen angewendeten Drehringe verleben. 
Auch Hauptmann Ufano hat in feiner Erzählung feftgeftellt, daß König 
Vitey (85 v. Chr.) gegen die Tataren in Pegu Kanonen in Anwen- 
dung brachte. Ferner weiß man, daß Conftantin V., genannt Co- 
pronymus (der Schmutzige), zwifchen 741 und 775 n. Chr. mit Ka- 
nonen gegen die Sarazenen vorgegangen ift. Der Liber ignium ad 



Abrifs der Gefchichte der "Waffen. 



I05 



comparendos hostes des Marcus Graecus (846 n. Chr.) giebt fchon 
deutlich die Vorfchrift zur Bereitung des Pulvers an und beweift, 
daß der Verfaffer fogar die Rakete kannte; fein Rezept fpricht unter 
anderem von fechs Teilen Salpeter, zwei Teilen Schwefel und zwei 
Teilen Kohle. Im Jahre 941 verbrennen die Griechen einen großen 
Teil der Flotte des Zaren Igor « mit Feuer, das aus Rohren geftoßen 
wurde». — 1073 greift der König Salomon von Ungarn Belgrad «mit 
Feuerrohren an» und 1085 haben die Tunifer «Mafchinen» auf ihren 
Schiffen, woraus «donnernd Feuer gefchleudert wird» und die Araber 
werfenden 1147 «Feuerrohre gegen Liffabon». Die regelmäßige An- 
wendung des Schießpulvers in dem Kriege zwifchen den Tataren 
und Chinefen, 1232, fowie bei der Belagerung von Sevilla, 1247, ^ 
nachgewiefen, und die in der Schrift: De mirabilibus mundi 
des Bifchofs Albertus Magnus von Regensburg (+ 1280) gegebene 
Zufammenfetzung des Pulvers fowohl, als auch die der Rakete ge- 
mattet die Angabe beftimmter Daten. Albertus Magnus berichtet 




Pulverftampfe, nach einer 
vom Artillerie - Hauptmann 
C. Schneider veröffentlichten 
Handzeichnung vom ^.Jahr- 
hundert. 



auch dabei, daß die Caftilier bereits folche Raketen 1 247 vor Sevilla 
gebraucht hätten. In demfelben Zeitabfchnitte, im Jahre 1241, foll 
der Sieg der Tataren bei Liegnitz in Schienen befonders durch das 
von ihnen angewendete Kanonenfeuer herbeigeführt worden fein. 
Eine weiterhin nochmals angeführte Handfchrift vom Jahre 1290 
(«Xedjm -Eddin- Hassan -Alrammaks Traktat vom Reiterkampf und 
von den Kriegsmafchinen», Parifer Nat.-Bibl.) giebt auch fchon eine 



jOÖ Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

Menge von arabifchen Kriegsfeuerwerkerei - Geft eilen. Selbft in Ruß- 
land ward bereits 1389 das grobe Gefchütz eingeführt. 

Das Schießpulver (v. lat. pulvis pyrius, it. polvere to- 
nante, fr. poudre ä canon, mittelalterliches Deutfeh wie heute 
noch holländifch, Kraut), eine Mifchung von Salpeter, Holzkohle und 
Schwefel, wurde bis zur Zeit der großen franzöfifchen Staatsumwäl- 
zung auf naffem, — von da ab aber auf trockenem Wege mit An- 
wendung von Trommeln dargeftellt, und in fechs verfchiedenen Arten 
angefertigt. Es giebt Kiefel-, grobkörniges, Pellet-, prismati- 
fches, braunes und Spreng- oder Minenpulver. In Europa be- 
ftand das ältefte Pulver aus einer Staubmaffe; das gekörnte 
reicht nicht über 1429 hinauf. Im 15. Jahrhundert hatte man bereits 
drei Sorten von Schießpulver: «Mehl-, Knollen- und Lospulver». 

Die Darftellung der Schießbaumwolle (fr. coton fulminant) 
ift 1846 gleichzeitig von Schönbein in Bafel und Böttger in Frank- 
furt a. M. veröffentlicht worden, nachdem vorher Bracounot fowie Pe- 
louze ähnliche Wirkungen der Salpeterfäure auf Papier beobachtet 
hatten. 

Das kein Salpeter enthaltende rauchlofe und wenig knallende 
Pulver (Pikrinpulver — von pikrinfaurem Kali, Kalifalpeter, Kohle), 
welches um 1888 in Frankreich vom Ingenieur Vi eille erfunden, ift 
auch feit 1889 in Deutfchland eingeführt worden. 

Bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts fcheint die Waffe, welche 
man Feuergewehr nannte, in Europa nur dazu gedient zu haben, 
Feuer in die belagerten Plätze zu werfen und die Mafchinen der Be- 
lagerer in Brand zu . Hecken , aber nicht zum Schleudern von Ge- 
fchoffen aus Stein, Blei oder Eifen; und erft von diefer Zeit an 
beginnt die eigentliche Gefchichte der Gefchütze (v. altdeutfeh. 
gefeuzze) oder Pulverfeuergewehre, alfo auch der eigentlichen Ar- 
tillerie (mittelalterlich Artolorey, v. fr. artillerie, it. artigleria, 
abgel. entweder v. lat. arcus und telum oder von ars tolle ndi, 
wenn nicht v. ital. arte und tirare), obwohl man aber auch vor 
der Anwendung des Schießpulvers das Kriegsmafchinen-Gefchützwefen 
mit Artillerie bezeichnete. 

Die erften Artilleriefchulen find von den Venetianern 1506 
und von Karl V. 15 13 (zu Burgos) gegründet worden. Die 
erften Artillerie-Regimenter hatte Frankreich um 167 1 unter 
Ludwig XIV. und die erften reitenden Artillerie-Regimenter 
von 1759 ab Friedrich der Große. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



10/ 



Vor Anwendung des Schießpulvers hing der Erfolg des Krieges, 
mehr wie fpäter, von der phyfifchen Leiftungsfahigkeit der Truppen, 
wie von dem ftrategifchen Verftändnis ihrer Anführer und der Furia 
der Kämpfenden ab; denn der Befehlshaber mochte noch fo gefchickt 
manövrieren, die Entfcheidung erfolgte doch immer erft aus einem 
Kampfe Mann gegen Mann — ein erbittertes fchreckliches Ringen, 
wie es in den modernen Kriegen, der Anwendung furchtbaren 
Zerftörungsmittel wegen, feltener vorkommt. 

Seitdem des Gefchützes Verwendung die Grundlage des Krieges um- 
geftaltet hatte, änderten auch die Schlachten gänzlich ihren Charakter. 

Man begann nicht mehr mit Angriffen, bei denen, nach kurzem 
Pfeil- oder Bogenfchießen, die Kämpfenden mit der blanken Waffe 
in der Hand fich fofort aufeinanderftürzten. Man fing damit an, 
fich von weitem mittelst Pulvers aufzureiben, wo alles durch 
explodierende oder mechanifche Kräfte geworfen wurde und erft 
gegen Ende des Treffens, wenn es galt, entweder einen Platz zu 
nehmen oder zu behaupten, von deffen Befitz der Gewinn der Schlacht 
abhing, wurde der Kampf mit blanker Waffe notwendig, um die 
Entfcheidung des Tages herbeizuführen. Das Schießpulver, deffen 
Körnung, wie fchon angeführt, erft feit 1429 bekannt ift, hat ebenfo 
mächtig wie die Buchdruckerkunft dazu beigetragen, die neu errungene 
Gefittung vor dem Gefchicke zu bewahren, welchem die Kultur der 
von der Erde faft verfchwundenen älteren Völker anheimgefallen ift. 

Um fyftematifch zu verfahren, muß man die Feuergewehre in 
zwei Hauptabteilungen fcheiden, in Feuergewehre groben Kalibers 
(Kanonen etc.) und in tragbare oder Handfeuergewehre. 

Übereinftimmend mit der Überlieferung ift anzunehmen, daß 
im Mittelalter der Zufall den Gedanken hervorrief, das Pulver anzu- 
wenden, um damit Körper durch ein Metallrohr zu fchleudern. Es 
ereignete fich wahrfcheinlich, daß jemand, der ein Gemifch von Sal- 
peter, Schwefel und Kohle in einem Mörfer zerfließ, fich plötzlich 
infolge der dadurch bewirkten Explofion famt feiner Mörferkeule 
zurückgeworfen fah. Es wird daher diefer felbe Hausmörfer 
gewefen fein, aus dem man den erden Feuermörfer herge- 
ftellt hat, indem man ein kleines Loch an dem Ende desfelben 
anbrachte, durch welches man das Feuer, ohne fich felbft zu gefährden, 
hineinbringen konnte. Der Mörfer kann demnach als die erfte Form 
der europäifchen groben Feuerwaffen angefehen werden. Bald 
nach Erfcheinuno- davon machte man fchon Steinböller oder Mörfer 



JOS Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

mit Hilfe gefchmiedeter Eifenftäbe, die wie die Dauben eines Faffes 
aneinander gefügt und durch Reifen verbunden waren. Den größten 
Feuerfchlund diefer älteften Art befitzt wohl das Zeughaus in Wien; 
derfelbe hat no cm im Durchmeffer bei 250 cm Länge. Die erfte 
eigentliche Kanone (eine Bezeichnung, die von Kanne abzuleiten 
ift), gleichfalls aus gefchmiedetem Eifen und gewöhnlich mit dem 
Namen Bombarde, Donnerbüchfe bezeichnet, war noch einMörfer, 
aber mit einer Öffnung an beiden Enden. Die Ladung wurde in 
das untere Ende (Bodenftück, fr. culasse) gebracht, diefe 
Öffnung durch, mittelft eines hölzernen Hammers eingetriebene 
Metall- oder Holzkeile verfchloffen,. So die ältefte Art der Her- 
ftellung einer Kanone; fie war in Deutfchland noch im 16. Jahr- 
hundert, wiewohl in verbeffertem Zuftande, in Gebrauch. Darauf 
folgte das Gefchütz mit beweglicher Ladebüchfe, eine Kanone, die 
damals aus dem Flug (fr. volee) und der Zündkammer (fr. chambre 
ä feu) beftand und Veuglaire, deutfch Vogler (Vogelfteller), hieß, 
und endlich die Kanonen mit Vorder- (durch die Mündung eingebrachter) 
Ladung. Auf die gefchmiedeten Kanonen folgten fpäter gegoffene. 

Will man den mehr oder weniger phantaftifchen Urkunden und 
Zeichnungen der Schriftfteller des 15. und 16. Jahrhunderts folgen, fo 
würde die Erfcheinung der Donnerbüchfen (fr. bombardes) oder 
der an beiden Enden offenen Kanonen nach der Veuglaire 
zu fetzen fein, w r elch letztere aus zwei Teilen befteht und 
durch die bewegliche Ladebüchfe, Zündkammer genannt, 
geladen wird; indes beweifen die noch vorhandenen Exemplare, 
deren Urfprung und Anfertigungszeit bekannt find, daß der Veugler 
viel jünger als die Donnerbüchfe ift. 

Was den Holzmörfer anbelangt, deffen man fich im Mittel- 
alter bediente, und wovon ein gleichzeitiger Bericht und genaue Er- 
klärungen darüber nicht vorhanden find, fo ift vorauszufetzen, daß 
es ausgehöhlte Linden- und Birke nbaumftämme waren, welche 
außen mit eifernen Reifen und innen mit Bleifütterung verfehen wurden. 
Eine kleine Metallröhre diente als Zündloch. 

Hinfichtlich der Holzkanone lieft man in der kleinen Witten- 
berger Chronik von 1730, daß «eine Holzkanone 1 ) den aufrührerifchen 



*) Biringuccio erwähnt auch die Holzkanone und bcfchreibt diefelbi- als aus zwei 
zufamincngefügten Teilen Xufsbaumholz und mit Eifen gefüttert, fowie mit eifernen 
Reifen verfehen. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



IO9 



Bauern, welche den Erzbifchof Matthäus Lang in Salzburg einge- 
fchloffen hatten und diefe Stadt 1525 belagerten, bei Raftadt ab- 
genommen worden ift». Wie fpäter die Schweden, follen diefe Bauern 
auch bereits Lederkanonen gehabt haben. Auch befitzen europäifche 
Mufeen, fowohl von Chinefen und Japanern wie von Javanern, 
fehr alte Hinterladerkanonen (z.B. das Marinemufeum imLouvre); 
namentlich ift hier ein javanifcher Vogler (Veuglaire) vom Jahre 1270 
(1370) im Darmftädter Mufeum (S. Nro. I. im Abfchnitt Kanonen) 
hervorzuheben. 

Weitere Erwähnungen diefer neuen Feuer- Pul verwarfen flam- 
men aus dem Jahre 1301, wo die Stadt Amberg einen großen 
Feuerfchlund hatte anfertigen laffen und Brescia mit Arke- 
bufenfeuer (?) überfchüttet wurde. Es dauerte übrigens geraume 
Zeit, bis alle alten Kriegsmafchinen völlig verdrängt wurden, da die- 
felben noch bis ans Ende des Mittelalters bei Belagerungen ihre Rolle 
fpielten. Im Jahre 1 3 1 3 hatte die Stadt Gent ebenfalls fchon Stein - 
böller, und es fcheint auch, als habe Eduard III. diefe neuen Waffen 
aus Flandern kommen laffen, um fie gegen die Schotten zu ge- 
brauchen (i 327). 

Im Jahre 1324 gewährt die Republik Florenz den Prioren, den 
Gonfalonieren und dem Rat der Zwölf das Recht zur Ernennung 
zweier Beamten, die den Auftrag erhielten, eiferne Kugeln und 
Metallkanonen zum Schutze der Schlöffer und Dörfer der Republik 
anfertigen zu laffen. Daß die Steinkugeln neben den Blei- und 
Eifengefchoffen fich noch lange erhielten, geht aus den, auf der 1 399 
zerftörten Fefte Tannenberg ausgegrabenen Steinkugeln von 1 bis 
2 1 /» Fuß Durchmeffer, hervor, Kugeln, die wahrscheinlich durch die 
Frankfurter < dulle griet» gefchleudert worden find. 

Wenige Jahre nach der oben erwähnten Ernennung, 1328, ver- 
fügte der deutfehe Ritterorden, im Norden Deutfchlands, fchon über 
große Kanonen, von denen er während feiner Kriege in Preußen 
und Litauen Gebrauch machte. Um diefe Zeit fingen auch die 
freien Städte in Deutfchland an, fich mit Gefchützen zu verfehen. 

Die Gefchichte liefert den Nachweis, daß bei den Belagerungen 
von Puy-Guillem und Cambray durch Eduard III. im Jahre 1339 die 
Kanone ebenfogut ihre Rolle gefpielt hat, als in der Schlacht bei 
Crecy im Jahre 1346, von welcher noch Abbildungen der damals 
von den Engländern gebrauchten Kanonen vorhanden find. 

Nach einer Stelle in Petrarcas Schrift: «Deremediis utriusque 



I IO Abrifs der Gefchichto der Waffen. 

fortunae» (ca. 1360) gab es damals in Italien fchon Kanonen. Es 
ift mir unbekannt, ob die kleinen hölzernen, aus dicken mit Leder 
überzogenen Dauben gemachten Kanonen im Arfenal zu Genua bis 
in diefe Zeit zurückreichen, oder ob fie nicht vielmehr dem Zeit- 
abfchnitte der fchwedifchen Lederkanonen aus dem dreißigjährigen 
Kriege angehören. 

Bei der Belagerung von Dresden, 1401, «ift in der Laufitz der 
Krieg zum erften Male mit Büchfenpulver geführt worden». (Alte 
oberlaufitzer Gefchütze v. Dr. Mafchkau.) Daß aber in der Oberlaufitz, 
bei Liegnitz, bereits 1241 die Tartaren mit Gefchütz vorgingen, ift 
weiter oben bemerkt worden. 

Im Jahre 1388 fertigte Ulrich Grünwald zu Nürnberg eine 
Kriemhild genannte große Büchfe, die 500 Gulden koftete und 
auf 1000 Schritte eine fechs Fuß ftarke Mauer durchfchlug. Der 
Transport verlangte 12 Pferde für das Rohr, 16 zu den Block- 
wiegen (Geftell, fr. 1 afette), 4 für den Haspel (Winderad), 6 für 
den Schirm und 20 für 15 Steinkugeln, wovon jeder Wagen 
nur 3 laden konnte. Die Pulverladung erforderte für jeden Schuß 
14 Pfund. 

Im Jahre 1428 ließen die Engländer fünfzehn Hinterlader vor 
Orleans fpielen. 

Die erfte Erwähnung der Anwendung von Schießpulver in 
Frankreich befindet fich in einem Rechenkammerbuche («Registre 
de la cour des comptes de Paris») vom Jahre 1338, wo Summen für 
das von «Puy-Guillem im Agenois» verbrauchte Kanonenpulver an- 
geführt werden. Für Öfterreich fcheint die frühefte Erwähnung 
des Gebrauchs von Mörfern die Nachricht zu fein, daß Herzog 
Albert 1390 eine ungeheuer große Steinkugel auf Schloß Leon- 
ftein werfen ließ. 

Als der Vorderlader den Hinterlader mit der beweglichen Lade- 
büchfe erfetzt hatte, gefchah die Einbringung der Ladung anfangs 
vermittelft eines Stückladers (fr. chargette) aus Kupfer, der in 
dem bereits angeführten, aus dem 1 6. Jahrhundert herrührenden Werke 
Frondsbergs dargeftellt ift, und von welchem das Zeughaus in Solo- 
thurn ein Exemplar befitzt. Zwifchen der Pulver- und der Kugelladung, 
anfangs von Stein, und kurzweg Stein, fr. pierre, genannt, befand 
fich der aus Holz beftehende Pfropfen. In erfter Zeit wurde das 
Feuer vermittelft einer brennenden Kohle oder eines glühenden Eifens 
an das Stück gebracht; fpäter erft bediente man fich des an 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. III 

einem Schaft befindlichen Zünders (der Lunte). Die fich während 
der Ladung fenkenden Schirm dächer (hölzerne Verkleidungen) 
hatten den Zweck, dem Kanonier oder Konftabel und feinen Hilfs- 
mann (fr. Servant) Schutz zu gewähren. In Tournay machte im 
Jahre 1346 ein gewiffer Piers den erften Verfuch mit langen und 
fpitzen Gefchoffen, die als Vorläufer unferer jetzigen konifchen Wurf- 
gefchoffe betrachtet werden können. Die erften Bleikugeln 1 ) find 
nach der thüringifchen Chronik durch Rothe von der Artillerie des 
Herzogs von Braunfchweig im Jahre 1365 angewandt worden. Diefe 
neue Art Gefchoffe wurde einige Zeit fpäter, nebft einer großen An- 
zahl eiferner Kanonen, von deutfchen Fabrikanten den Venetianern 
geliefert, die fie auch mit Erfolg bei der Belagerung von Claudia- 
Foffa benutzten. 

Gegen 1400 trat an die Stelle der Bleikugel die eiferne. Eine 
Handfchrift des 16. Jahrhunderts, die in der Ambrafer Samm- 
lung aufbewahrt wird, enthält unter anderen Zeichnungen auch die 
eines Kanoniers, der damit befchäftigt ift, feinen Hinterlader mit 
glühenden Kugeln zu bedienen. Diefe Handfchrift, fowie eine an- 
dere der Sammlung Hauslaub in Wien, zeigt ferner, auf welche 
Weife die kleinen Sprengtonnen bei den Belagerungen zu jener 
Zeit gebraucht wurden. 

Brandkugeln tagzeichnen aber fchon vom Jahre 1400 und 
Leuchtkugeln von 1450. Sprengkugeln foll zuerft Malatefta von 
Rimini um 1430 angewendet haben. Der Hagel- oder Igelfchuß 
ift auch fchon um 1450 bekannt gewefen. 

Die Bombe (Brand- und Sprengkugeln oder Bomben), deren 
Aushöhlung mit Pulver u. a. gefüllt ift und die mittelft eines Zün- 
ders (fr. fusee) aufpufft (explodiert), fcheint in Italien und nicht, wie 
man gemeiniglich annimmt, in Holland erfunden zu fein. Bereits 1376 
follen die Venetianer folche Gefchoffe bei der Belagerung von Jadra 
angewendet haben, nach anderen wäre oben angeführter Sigismondon 
Malatesta, Fürft von Rimini, der Erfinder, aber erft im Jahre 1457. 
Sicher ift, daß Bomben bei der Belagerung von Mezieres 1521 ge- 
braucht und 1588 während des Flandrifchen Krieges verbeffert worden 
find. Die Bombe ift mit einem konifchen, Tülle (fr. goulot) benannten 
Zündloch verfehen, worin der Zünder liegt; außerdem hat dies Ge- 
fchoß zwei Henkel (fr. mentonnets) von 8, 10 und 12 cm Diameter. 

1 ) Bleikugeln wurden auch fchon bei den Alten als Ferngefchoffe, befonders für 
Schleudern, verwendet. 



112 



Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 



Das Gewicht wechfelt zwifchen 20 bis 90 kg. Paixans verwen- 
dete 1832 bei der Belagerung von Antwerpen folche Gefchoffe von 
500 kg. Die Leuchtbombe (fr. Bombe lumineuse) diente, wie 
die Rakete, zur Beleuchtung. Ketten-, Gepaarte- und Stangen- 
oder Achfenkugeln (f. Nr. 62, 63 und 64 im Abfchnitt: «Kanone») 
kommen auch fchon im 16. Jahrhundert vor. 

In der Schweiz fand die Einführung des Pulverfeuergefchützes 
viel fpäter ftatt; Bafel ließ die erften Kanonen im Jahre 1 371 , Bern 
im Jahre 141 3 gießen. 

Schon in der Schlacht bei Rhodos, im Jahre 1372, gaben die 
franzöfifchen Schiffe «Caronaden». 

Von Verwendung der Bronze für den Guß der Feuerfchlünde 
und Benutzung eiferner oder bleierner Hohlkugeln ift erft im Jahre 
1378 bei Gelegenheit der dreißig von dem Gießer Ar au zu Augs- 
burg gegoffenen Stücke die Rede. Bei der Einnahme der Bergfefte 
Wyschehrad bei Prag, 1420, fielen Ziska die vier erften nach Böhmen 
gekommenen Kanonen in die Hände. 

Der Kanonenguß aus Bronze geht in Italien nicht weiter als bis 
gegen 1470 zurück. Die Zapfen (fr. tourillons), welche dazu 
dienen, die Kanone zu tragen, im Gleichgewicht zu halten, ihren 
Rückprall auf das Geftell (fr. affut) zu verhindern und den Prell er 1 ) 
überflüffig zu machen, kommen fchon Mitte des 15. Jahrhunderts in 
Deutfchland vor, doch weiß man nicht, von wem zuerft diefe Ver- 
befferung, welche an Wichtigkeit alles übertrifft, was bis dahin in der 
Gefchützanfertigung geleiftet wurde, eingeführt worden ift; durch fie 
wurde zuerft ein ficheres und leichtes Richten des Gefchützes in ver- 
tikaler 2 ) Richtung ermöglicht. 

Karls des Kühnen Artillerie hatte noch keine Zapfen. Die bei 
Murten, 1476, genommenen, im Artilleriemufeum zu Paris und im 
Gymnafium zu Murten aufbewahrten Stücke, fowie alle, welche bei 
Grandfon und bei Nancy erbeutet wurden und in Laufanne und 
Neuenburg vorhanden find, haben keine Zapfen. 

In Rußland wurde die Kanone im Jahre 1389 eingeführt; und 
die Taboriten, die Rächer des Joh. Huß, bedienten fich fchon im 
Jahre 1434 der Haubitzen (fr. obusiers), ein tfchechifch verunftal- 
teter Name für Haupt büchfe (Große Kanone). 



') Auch der Achtundzwanzig -Pfünder (fr. piece de vingt-huit) wird «Preller» 
genannt. 

-) Man nennt «Vertikalfeuer» auch «Wurffeuer», die in hohen Bogen geworfenen. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



113 



Die Scala librorum, ein von Hartmann in Nürnberg im Jahre 
1440 erfundenes, in ganz Deutfchland eingeführtes Kalibermaß war 
der Vorläufer aller vier Büchfenweiten- Kaliber von 6, 12, 24 und 
40, welche nach Vorgang des berühmten Gießers Karls V., Georg 
Löfler in Augsburg, allgemein in Aufnahme kamen. Diefem Zeit- 
räume gehört auch die gegoffene Kugel an, welche eine Umwäl- 
zung in dem Gefchützwefen hervorrufen mußte. 

Hinfichtlich der Pulverminen, denen im Mittelalter die Brän- 
derminen vorangingen, nimmt man gewöhnlich an, daß fie zum 
erften Male bei der Belagerung von Neapel durch den fpanifchen 
General Gonzalez de Cordova im Jahre 1530 angewendet worden 
find, obwohl Vannoccio Biringuccio fie dem italienifchen Ingenieur 
Francesco di Giorgio zufchreibt. 

Minen- und Gegenminengraben waren aber auch fchon bei 
den altzeitigen Griechen im Gebrauche. (S. C. XXXVII. von der 
Verteidigung der Städte des Aenias vom 4. Jahrhundert v. Chr.) 

Die vorübergehende oder dauernde Zufammenftellung mehrerer 
Gefchütze und die für folche Zufammenftellung aus dem Franzöfifchen 
ltammende Bezeichnung «Batterie» (v. fr. battre, fchlagen) trat 
auch erft fpäter auf. Man unterfcheidet Platz- und Belagerungs- 
Batterien (B. de place et de siege), Feld-Batterien (B. de 
campagne) und fchwimmende Batterien (B. flottantes), welch 
letztere anfänglich auf Flößen oder auf aneinander gekoppelten 
Schiffsgefäßen , wie in dem niederländifchen Befreiungskriege, ange- 
bracht wurden. Im 19. Jahrhundert traten an die Stelle folcher 
fchwimmenden Batterien flachgehende Kanonenboote und feit 1855 
Panzerfchiffe. Den Namen Batterie behält zwar die hinter Stein, 
Eifen u. dergl. m. ausgeführte feftere Verfchanzung befindliche Ge- 
fchützaufftellung, befteht aber für folche im Feldkriege nur flüchtig 
durch Erdaufwürfe gedeckte in den Bezeichnungen Gefchützplace- 
ment und Gefchützfchnitt. Die Benennungen: unmittelbare 
(B. directe), kreuzende (B. croisees), beftreichende (B. d'en- 
filade), Rück- (B. de revers), Flanken- (B. de cote), Schräg- 
(B. en echarpe oder de bricole), ftreichende (B. rasante) 
Batterien u. dergl. m. haben Bezug nur auf die verfchiedenen 
Aufftellungen. 

Neuerdings, 1887, hat man Schuhmanns Panzerketten für 
Feldbefeftigungen im Kriegswefen eingeführt. 

Die auf Balken oder gezimmerten Kaften unbeweglich befeftigten 

De mm in, Waffenkunde. 3. Aufl. g 



114 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



Feuerfchlünde wurden gegen 1492 auf Geftelle (Lafetten, fr. 
affuts) mit Rädern gefetzt und nach und nach mit Windzeug und 
Protzkaften (fr. train 1 ) ausgerüftet. Gegen Ende des 14. Jahrhun- 
derts begann man auch die alten mit Lanzen gefpickten und zur 
Verteidigung des Lagers beftimmten Wagen mit kleinen in Holz 
eingefugten Kanonen zu verfehen; fie erhielten den Namen Ribau- 
dequins (ribaud, Hilfsfchütz) und mußten befonders gegen die Über- 
fälle der Reiterei dienen. Solche, gewöhnlich auf zwei Rädern 
ruhenden Geftelle finden fich ebenfalls in Nie. Glockenthons Zeich- 
nungen vor, die derfelbe 1505 nach den damals noch in den Zeug- 
häufern Kaifer Maximilians vorhandenen Stücken ausführte. In der 
Aufnahme von 1691 einer Waffenfammlung des Schloffes Mürau in 
Mähren heißen die Wagen, womit Stücke an ihre Plätze gebracht 
werden, «Bereitswagen». 

Es ift fehr fchwierig, wenn nicht gar unausführbar, alle Arten diefer 
Feuerfchlünde genau nach den zu ihrer Zeit gebräuchlichen Namen 
in Klaffen zu ordnen, da fehr oft diefelbe Waffengattung in jeder 
größern Stadt anders bezeichnet wurde. Es gab Rotfchlangen (ser- 
pentines), Feldfchlangen (couleuvrines), Halbfeldfchlangen 
(demi-couleuvrines), Falkaunen oder Falkhähne (faueons), 
Falkonetten (faueonneaux) und Tarasbüchfen. Es gab Mörfer, 
Böller oder Roller, welche wie die Steinböller auf Wagen beför- 
dert wurden. Passe-volants, Bafilisken, Spiralen, auch Pom- 
mer 2 ) genannt, Bombarden, Wurfkeffel, Veuglairen, Kar- 
taunen und Pierriers (Steinböller), Mulets ä feu, find noch mehrere 
diefer unbeftimmten, in Frankreich üblichen Bezeichnungen. Früher 
nannte man da auch Cavaline den Zweipfünder auf Galeeren und 
Cavelot, fowohl eine Art eiferner Kanone, wie eine Art Wallbüchfe. 



1 ) Der zweiräderige Vorderwagen eines verfahrbaren Gcfchützes heifst Pr> 
(fr. avant-train) und das beim Schiefsen notwendige Abhängen desfelben vom Ge- 
ftell oder der Lafette (fr. affuts, v. ml. fusta, Baum) wird mit Abprotzen» 
fnwie das Wiederanhängen mit Aufprotzen bezeichnet. Was die Protzen im all- 
gemeinen anbelangt, fo giebt es Feld-, Belagerungs- , Feftungs-, Wall-, Kafematten-» 
fowie Sattel- und Kaftcnprotzen. Die Protzke tte (fr. chaine de l'avant-train) dient 
als Sicherheits-Vcrbindung. 

Mit Sattelwagen (fr. Porte-corps, auch chariot ä canun) bezeichnet man 
einen zur Überführung fchwerer Gefchützrohre, deren Geftelle nicht als Führwerk ein- 
gerichtet find, beftimmten Wagen. 

*) Pommer hiefs aber ferner ein Tunwerkzeug, das Hochhurn (Hautbois, Bom« 
barde im Fr.). 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



HS 



Im 16., noch mehr im 17. Jahrhundert, wurden die Feuer fchlünde 
großen Kalibers viel mit Namen, fowie mit gereimten und unge- 
reimten Infchriften gegoffen. Ziegler hat davon in den Zeughäufern 
Deutfchlands allein über 200 veröffentlicht. (Alte Gefchützinfchriften 
Berlin 1886.) S. hierüber Sonftiges im Abfchnitte der Pulverfeuer- 
waffen großen Kalibers. 

Das Orgelgefchütz (fr. orgue ä Serpentins), auch Rot- 
fchlange genannt, bertand aus einer großen Anzahl Kanonen kleinen 
Kalibers, welche durch die Mündung oder von hinten geladen wurden. 
Ihre Läufe, die entweder nacheinander oder alle mit einemmal abge- 
feuert wurden, flecken bis zur Mündung in einem Geftell von Zimmer- 
werk oder Metall. In Deutfchland führten fie den Namen Toten- 
orgel, welche Bezeichnung Weigel (1698) bezüglich des Zeughaufes 
zu Nürnberg zu dem Ausfpruch veranlaßte: «daß es dort Orgeln mit 
dreiunddreißig Pfeifen gäbe, auf denen der Tod feine Tänze fpiele». 

Leonard Fronsperger nennt diefe Waffe auch in feinem 1575 
erfchienenen Werke « Gefchrey-Gefchütz», — fowie «Hagel- 
Gefchütz». — Manchmal waren an beiden Seiten des Bockes der 
Länge nach oder auch an deffen Stirnfeite, Spieße angebracht, die 
weit über die Laufmündungen, zur Verteidigung bei Angriffen, 
hervorragten. 

Espignole hieß ein auch aus Flintenläufen zufammengefetztes 
Gefchütz. Eines der alterten Orgelgefchütze l ) aus den erften Jahren 
des 15. Jahrhunderts befindet fich im Mufeum zu Sigmaringen. Es 
wird von vorn geladen und befteht aus kleinen fchmiedeeifernen Ka- 
nonen, die in plumper Manier in eine Art Baumftamm eingefügt find 
und auf zwei Blockrädern (ohne Speiche und Felge) ruhen. Eine andere, 
um 1505 von Glockenthon gezeichnete Art Totentanzorgel, die 
lieh in den Zeughäufern des Kaifers Maximilian vorfand, hat vierzig 
Läufe von viereckiger Form, die, vortrefflich untereinander ver- 
bunden, auf einem Feldftückgeftell mit hohen Rädern ruhen. Ein 
drittes Exemplar aus dem 17. Jahrhundert von 42 Läufen und der- 
artig gefaßt, daß fie ein Dreieck bilden und fechs aufeinander folgende 
Salven liefern, wird im Mufeum zu Solothurn aufbewahrt. Nach den 
Etudes sur l'artillerie, die Napoleon III. 2 ) im Jahre 1846 heraus- 



1 ) In neuerer Zeit auch Mitrailleuse und Ku gel fp ritze genannt. 

2 ) tjber die wieder von Napoleon III. unter dem Namen «Mitrailleuses» im 
franzöfifchen Heere angeführten Orgelgefchütze, fowie über derartige fpätere ver- 
fchiedener Konftruktion, fiehe den Abfchnitt: «Die Pulverfeuerwaffen.». 



j jg Abriß der Gefchichte der WaffeH, 

gegeben, fcheint es, daß es Orgeln diefer Art gegeben hat, die an 
140 Schüffe auf einmal abfeuerten. 

Die Schweden hatten in dem dreißigjährigen Kriege lederne, mit 
gelbem Kupfer oder Meffing gefütterte Kanonen, von denen die im 
Parifer Artilleriemufeum, in der Sammlung des Königs von Schweden, 
in Berlin und Hamburg aufbewahrten Exemplare zwei Meter lang 
find. Ein Seil, welches um das innere dünne Kupferrohr gewickelt 
ift, trennt diefes von dem Lederüberzuge. Diefe Feuerfchlünde 
hatten nur eine mittlere Tragweite und konnten nicht mehr als ein 
Viertel der gewöhnlichen Ladung aushalten. Sie wurden nach der 
Schlacht bei Leipzig befeitigt, weil fie fich zuletzt wegen übermäßiger 
Erhitzung von felbft entluden. An ihre Stelle trat ein Gefchütz, das 
von den Fachmännern das fchwedifche genannt wurde, eine Waffe, 
die in mehreren Punkten von derjenigen der öfterreichifchen Armee 
abwich. Sie war von dem Grafen von Hamilton in Vorfchlag ge- 
bracht worden. Das Arfenal in Zürich weift eine ähnliche Gattung 
Kanonen auf. Nur ift zur Füllung zwifchen dem Meffingrohr und 
dem Lederüberzuge hier nicht ein Seil, fondern eine dicke Lage 
Kalk verwendet. Mehrere fchmiedeeiferne Reifen, welche um das 
Rohr gelegt find, vermehren feine Widerftandsfähigkeit. Das geringe 
Gewicht diefer Waffe machte diefelbe zur Anwendung in fo gebir- 
gigen Gegenden wie die Schweiz fehr geeignet; fie konnte auf dem 
Rücken eines Mannes bequem transportiert werden. Die Länge diefer 
Kanone beträgt 2,30 m; fie ift mit Zapfen (wie die fchwedifchen 
Kanonen) und mit einem Pfannendeckel mit Scharnier verfehen. 

Das Sprengftück, Sprengmörfer oder Petarde (fr. petard) 
ift eine kleine kurze Kanone, deren man fich bis Ende des 1 8. Jahr- 
hunderts bediente, um Feftungsthore zu fprengen. Es hatte gemei- 
niglich 40 cm Länge und 20 cm Durchmeffer. Die Ladung beftand 
aus Pulver und Erde; eine dicke Rolle wurde an das zu erbrechende 
Thor genagelt, fo daß die Petarde horizontal lag. Jetzt ift das Pulver 
durch Schießbaumwolle und Nitroglycerin-Präparate beim Freifprengen 
erfetzt. Zu der Zeit Montecuculis (1608 — 1680) war dies Spreng- 
ftück bereits im Gebrauch — man hatte Thor-, Ketten-, Pa- 
liffaden-, Gitter-, Fallgatter- und Minenpetarden. (S. Com- 
mentarii bell. Raimundi Principis Montecuccoli. Fol. Viennae 171 8.) 
Obfchon die Bombe die Petarde heute erfetzt hat, fo bedient man 
fich dennoch derfelben manchmal, wie u. a. 1841 in Canton, wo 
die Engländer das Nordthor damit fprengten. 



Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 



117 



I linfichtlich der Granaten 1 ) (fr. grenade, it. granata) ift zu be- 
merken, daß ihre erfte Erfcheinung auf das Jahr 1536 zurückzuführen 
ift, während der Gebrauch des Sprengftückes, Sprengmörfer der 
Petarde (fr. petard 2 ), deren Erfindung den Ungarn zugefchrieben 
wird, erft aus dem Jahre 1579 herrührt. Shrapnels (nach dem 
Erfinder, j 1825) find Kartätfehgranat -Hohlgefchoffe mit Bleikugel- 
Füllungen neuzeitiger Erfindung. 

Die fchon um 1600 vorkommende Hagelkugel war ein Vor- 
läufer des Shrapnels oder der Granatenkartätfche. 

Die Kartätfchenladung (fr. tire ä mitraille), unter welcher 
man im allgemeinen alle aus Eifenftücken oder kleineren Kugeln 
(fr. biscaiens) beltehende Ladungen von Feuerwaffen großen Ka- 
libers (Kanonen, Haubitzen) verfteht, welche aber nur für nahes 
Schießen wirkfam ift. Kartätfchenfeuer foll zuerft im 16. Jahrhundert 
bei der Schlacht von Marignan, bei Verona, nach anderen 1620 unter 
Guftav Adolf angewendet worden fein. 

Unter Kartätfeh gefchützen (früher Schrotbüchfen) verfteht 
man im allgemeinen fowohl Orgelgefchütze (Mitrailleusen), Re- 
petiergefchütze, Infanteriekanonen (fr. ä balles) und der- 
gleichen mehr Gefchütze für Kleinladungen. 

Solche gegenwärtig von der Artillerie angewendeten Gefchoffe 
beliehen alfo aus Granaten (ein mit Pulver gefülltes und mit Zünder 
verfehenes Hohlgefchoß, welches Perkuffions-, Spreng- und Brand- 
wirkung ausübt), Brandgranaten, Shrapnels und Kartätfchen. 

Langgranaten heißen die von doppelter Länge, Brandgra- 
naten, wenn diefelben Brandfalz enthalten. Handgranaten heißen 
die kleineren Kalibers, welche im 17. und 18. Jahrhundert mit der 
Hand gefchleudert wurden (wovon: Grenadier). Doppel wand- und 
Ringgranaten find befonders für bewegliche Ziele von großer 
Wirkung. 

Die früheren englifchen Sigmentgranaten waren ftatt mit. 
Bleikugeln, mit Eifenlfücken gefüllte Shrapnels. 

Diefe Sprengftückpetarde ift nicht mit dem Schlagfch wärmer 
der Feuerwerkpetarde (fr. le petard), noch mit dem Kanonen- 
fehl a? zu verwechfeln. 



•6 



*) Handgranaten kommen felbft fchon 1500 vor. 

-) Mit Petard wird aber auch der Schlachtfchwärmer und der Frofch (Luft- 
ieuerwork) im Franzöfifchcn bezeichnet. 



j j 8 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

In neuerer Zeit hat man auch elektrifche Lichtkugeln und 
•ganz kürzlich erft (1890) in Rußland leuchtende Kanonenkugeln 
•erfunden, letztere hauptfächlich zum Auf klärungsdienft im Seekriege. 
Auch foll d/efe Kugel beim Anprall im Zerplatzen verheerend wirken, 
ja das ganze angefchlagene Schiff in Brand fetzen. 

Die zu ,den Leuchtgefchoffen gehörende Rakete (fr. Raquette, 
v. ital. rochetta, auch fusee) ift ein aus Eifenhülfen auffteigende 
Feuerwerkskörper; lanternes de piece nennt der Franzofe die 
Feuerleger oder Zündlichter, lanternes ä gargousse die 
Stückpatronenhülfen und lanternes ä mitraille die Kartät- 
fchenbüchfen. Von Zeit zu Zeit Sterne werfende, zu den Funken- 
feuern gehörende Raketen heißen im Franzöfifchen lances ä feu, 
und aus in Bleihydrate getränktem Holz-Zündftäbe für Kanonen 
Lances. 

Serpentofe (fr. Serpenteau) ift auch nicht allein der Name 
■des im Zickzack abbrennenden, Schwärmer genannten Funkenfeuers, 
fbndern auch des mit kleinen Stachelgranaten gefpickten eifernen 
Reifens, welcher früher zum Werfen auf Wallbrüchen (fr. B rech es) 
•diente. 

Mit Feu er topf (fr. Pot ä feu) bezeichnet man den offenen Be- 
hälter, welcher mit Schwärmern und Leuchtkugeln angefüllt, Licht- 
garben auswirft. Im allgemeinen find die Feuerwerkskörper in Flam- 
men- und Funkenfeuer einzuteilen. Paßkugel hieß früher die dem 
Kaliber eines Gefchützes angepaßte Kugel im Gegenfatze zu den 
Ideinen Kaliberkugeln. In der Aufnahme von 1691 der Waffen- 
fammlung des Bergfchloffes Mürau in Mähren kommen eiferne Ringe 
und Ausschnitte in Brettern von gleicher Größe der Gefchützmün- 
•dungen zum Anpaffen von Kugeln für diefelben unter der Be- 
nennung Kugellehr vor. Mordfchläge hießen mit Pulver ge- 
füllte kupferne oder eiferne Gefäße mit Bleikugeln und Zünder, 
die, abgefchoffen, oder an der Oberfläche des Bodens vergraben, 
beim Anftoß aufpufften. Taufkeffel nannte man mit heißflam- 
migem Pech, zum Eintauchen von Feuerkugeln gefüllte Keffel. 
Löfer hießen die eifernen oder beinernen Stifte zum Anzünden einer 
Feuerkugel. 

Preußen hat auch feit 1889 die Grufonfchen, vom Oberft 
Schumann (f 1880) erfundenen Panzergeftelle (Pänzerlafetten, 
auch Panzertürme genannt) für Rohre von 3,7 und 5,3 cm Durch- 
meffer (Kaliber), befonders für fchnell anzulegende Schützengräben 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



II 9 



in Anwendung gebracht. Das Innere folcher, mit drehbarem Panzer- 
dach hergeftellten Türmchen — wo aus den Gefchützen Kartätfchen- 
und Shrapnelfeuer in Entfernungen von 3- bis 6000 m abgegeben 
werden kann — gewährt Raum für zwei Mann, die vierzig Schüffe 
in der Minute feuern können. Hundertundfechzig Patronen und fon- 
ftiger Schießbedarf befindet fich in einem aus Wellblech hergeftellten 
Vorraum. 

Hauptmann Chapel in Frankreich hat auch 1889 neue Ge- 
fchoffe erfunden, die, ähnlich den «Bumerangs» der Auftralier, Rück- 
wirkungen haben follen, fo daß man damit felbft hinter Panzer- 
fchanzen liegende Truppen rückwärts treffen kann. 

Es ift hier der Platz, zu bemerken, daß die Luftfeuerwerks- 
kunft oder die Luftfeuerwerkerei (fr. pyrotechnie — v. gr. 
.ii'n Feuer) und rfy,vi l (Kunft) — eine Bezeichnung, die aber auch für 
die Kriegs feuerwerkerei angewendet wird) fchon frühzeitig in 
China gepflegt wurde, daß diefelbe indeffen in Europa mehr neuzeitigen 
und italienifchen Urfprungs zu fein fcheint. Über die frühmorgen- 
ländifche Kriegsfeuerwerkerei hat befonders Fave in feinen: 
«Etudes sur le passe et l'avenir de l'artillerie», — Paris 1862, 
viel aus alten Schriften zufammengetragen. Die Orientalen hatten 
fchon Pulverglaskugeln mit Schlagröhren, eiferne Keffelbomben und 
dergl. m. (f. Ned. - Ed. -Hassan Abrammaks Traktat von 1290). Viele 
andere noch folcher Kriegsfeuerwerksgefchütze, fo die Madfaas', ge- 
nannten mörferförmigen Holzbüchfen, die Feuerfpeere, die Feuer- 
kolben und dergl. m. bereits in « Schems-Eddin-Mohammed 1320» 
(Handfchrift zu Petersburg) und in einem arab. Manufkript der Parifer 
Bibliothek abgebildet, und fämtlich auf Tafel 30 des Atlaffes vom 
«Handbuch einer Gefchichte des Kriegswefens Max Jahns» zufam- 
men und teil weife auch hier wiedergegeben, zeigen, daß fchon im 
13. und 14. Jahrhundert, befonders bei den Arabern, die Kriegsfeuer- 
werkskunft bedeutend vorgefchritten war. Was nun die europäifchen 
Luftfeuerwerke (fr. feux d'artifice) anbelangt, fo ift das 1379 
zu Vicenza, beim Friedensfeft abgebrannte, als das ältefte bekannt. 
Auch faft alle namhaften Luftfeuerwerker flammten aus Italien, wo 
die berühmten Ruggieri, wovon der erfte P. Ruggieri, Ludwig XV., 
und der Sohn Ruggieris, Napoleon I. Luftfeuerwerker waren. Zu den 
älteftbekannten in Deutschland abgebrannten Luftfeuerwerken zählt 
das 15 19 von Jakob Fugger in Augsburg zur Feier der Wahl Karl V. 
als römifcher König veranftaltete. Befonders wird ein unter Lud- 



120 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



wig XIV. zu Verfailles am i. Juli 1664 beim Aachener Friedens- 
fchluß gegebenes Feuerwerk als das bis dahin großartigfte gerühmt. 
Die Luftfeuerwerker (fr. artificiers) des Königs trugen damals 
die hier nach Abraham Boffe dargeftellte Tracht. Im älteren Ge- 
fchützwefen hießen Feuerwerker auch die zur Bedienung der Böller, 
Mörfer Angeftellten, welche mit den Büchfenmeiftern die erfte 
Klaffe der Artilleriften ausmachten. Gegenwärtig bezeichnet man 
mit Feuerwerker da nur noch den höheren Unteroffizier. 

«Les elements de Pyrotechnie par Ruggieri», — «Les 
nouveaux recherches sur les feu d'artifice par F. M. Char- 
tier» und der «Manuel de l'artificier par Vergnaud» find 
wohl die älteften und bekannteften Werke, welche über Luftfeuerwerk 
handeln. 




Luftfeuerwerker 

(franzöfifch: artificier) 

Ludwig des XIV. 



Im Mittelalter hießen Feldfchützen die heutigen Artilleriften 
oder Bediener von Feldgefchützen, Feuerwerker die Böllerbediener 
und Büchfenmeifter die Handhaber der Mauerbruchgefchütze 
größten Kalibers. 

Der gezogene Lauf der Handfeuerwaffe, eine deutfche Erfin- 
dung vom Ende des 15. Jahrhunderts, ift etwas fpäter auch auf 
Gefchütze großen Kalibers angewendet worden, wie es die deutfche 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. I 2 I 

Kanone des 16. Jahrhunderts im Mufeum zu Haag, die eiferne Ka- 
none mit dreizehn gewundenen Zügen, aus dem Jahre 1661, im Zeug- 
haus zu Berlin, fowie die aus Eifen gefchmiedete mit acht geraden 
Zügen, aus dem Jahre 1694, in Nürnberg beweifen. Erft fpäter 
wurde dem gezogenen Laufe für fchweres Gefchütz eine ernftliche 
Beachtung zu teil, feitdem der Engländer Benjamin Rubens (Mit- 
glied der königlichen Gefellfchaft in London, geb. 1707) ihn zum 
Gegenftand feiner mathematifchen Studien genommen. Die moderne 
Gefchützkunft hat fozufagen eine Erneuerung erfahren durch die im 
Jahre 1822 veröffentlichten Arbeiten Paxians', durch die Leiftungen 
Armftrongs und durch die außerordentlichen Fortfehritte, welche 
Krupp in der Anfertigung von Kanonen aus Gußftahl ins Leben 
gerufen. Eine 1867 in Paris ausgeftellte Kanone von Krupp wog 
taufend Centner und wurde von hinten mit einem gleichfalls aus 
Gußitahl beftehenden, 1 1 Centner wiegenden Gefchoß geladen. 

Die kurze Schiffskanone (fr. Caronade), früher gemeinig- 
lich aus Eifen, ift kürzer als die gewöhnliche Kanone und ohne 
Wulft (fr. bourrelet), d. h. Reif um die Mündung, fowie ohne Ge- 
fims (fr. inoulure). Ihre Ladung fteigt bis zu Kugeln von 30 kg und 
verlangt wenig Pulver; ihre Kaliber find: 12, 18, 24 und 36. Dies 
Gefchoß ift 1774 in Carron bei Stirling (Schottland) erfunden und 
zuerft 1779 in der englifchen Marine angewendet worden. Die früher 
von Eilen und feitdem von Bronze angefertigten Pulverfeuergefchütze 
großen Kalibers find, befonders in Deutfchland, durch Gußftahl- 
gefchütze verdrängt worden. Jahrelange Verfuche haben erwiefen, 
daß der Gußftahl eine i J / 2 mal größere Widerstandsfähigkeit gegen 
das Rohreifen als die Bronze bietet. 

Die erfte tragbare oder Handfeuerwaffe, oder der Übergang 
dazu, mag wohl die Armbruft mit dem daraus gefchleuderten 
Raketenbolzen gewefen fein, wovon u. a. in der zweiten Hälfte 
des 14. Jahrhunderts große Beftände im Zeughaus von Bologna 
vorhanden waren. 

Die tragbaren Feuerwaffen unterfchieden fich in Europa in der 
erften Zeit der Anwendung des Schießpulvers noch nicht ftreng von 
Gefchützftücken großen Kalibers. Erft gegen Mitte des 14. Jahr- 
hunderts ftößt man auf die erften Spuren von Handgewehren, 
und es fcheint, als ob die Flamänder den Gebrauch davon kannten, 
bevor diefelben noch anderswo Verbreitung gefunden. Die Stadt 
Lüttich machte fchon mehrere Verfuche in Anfertigung kleiner Hand- 



122 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

kanonen, der fogenannten Knallbüchfen, die in Perugia im Jahre 
1364, in Padua im Jahre 1386 und in der Schweiz im Jahre 1392 
in Aufnahme kamen, auch im Jahre 1382 in der Schlacht bei Roofe- 
becke, und im Jahre 1383 bei der Belagerung von Trosky in Litauen 
ihre Rolle fpielten. In den Urkunden von Bologna von 1 399 kommt 
diefe Waffe unter dem Namen sclopo vor, wovon escopette 
(Stutzen) abzuleiten ift. Solche Knallbüchsen beftanden aus einem 
eifernen Rohr mit, gleichzeitig als Handhabe dienenden, am hinteren 
Ende eingefchobenem eifernen Stielverfchluß. 

Diefe kleine Hand-Pulverfeuerwaffe diente fchon im Jahre 141 4 bei 
Arrasdazu, Bleikugeln zu fchleudern, ebenfo auch bei der Belagerung 
von Bonifacio in Korfika (1420), wo folche Kugeln die Rüftungen 
durchbohrten. In den Jahren 1429 und 1430 wurde die neue Waffe 
beim Scheibenfchießen in Nürnberg und Augsburg gebraucht, und 
dann auch bei der Reiterei, wie der von Paulus Sanctinus angewandte 
Ausdruck Eques scoppetarius darthut. 

Die fortwährenden Änderungen in der Anfertigung der verfchie- 
denen tragbaren Waffen, die feit dem Aufkommen der Handkanonen 
erfunden wurden, haben zu noch viel zahlreicheren Benennungen 
Anlaß gegeben, als es bei dem Feuergewehre großen Kalibers der 
Fall war. Indeffen laffen fie fich mit ftrenger Berückfichtigung ihres 
Mechanismus auf dreizehn verfchiedene Arten zurückführen: 

Die Handfeuerwaffe aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, die 
Arkebufe (v. lat. arcus, Bogen und dem it. bugio, durchbohrt, 
oder dem altd. Büffe, Büchfe), eine plumpe Waffe von Schmiede- 
eifen, auf einem Stück rohen Holzes befeffigt und nicht zum Anlegen 
geeignet. Das Zündloch, das anfangs oben auf der Kanone an- 
gebracht war, ift zuweilen mit einem Zündlochdeckel mit Zapfen oder 
Scharnier verfehen, der zum Schutze gegen Feuchtigkeit dient. 
Einige Zeit nach dem Erfcheinen diefes Feuergewehrs, von welchem 
fich noch unter den bereits erwähnten Glockenthonfchen Aquarellen 
vier Exemplare abgebildet finden, die an den vier Ecken eines Brettes 
befefligt, von dem Schützen vermitteln einer Lunte abgefeuert werden, 
wurde das Zündloch an der rechten Seite des Rohrs angebracht. 
Diefe Feuerwaffe ward häufig von zwei Leuten bedient. Von klei- 
nerem Umfange und zum Gebrauch des Reiters beftimmt, führte fie 
in Frankreich den Namen petrinal, nach dem alten fpanifchen 
Worte pedernal (Feuerftück), oder vielleicht auch, weil man fie beim 
Abfeuern gegen den Panzer (plaftron, d. h. Vorderpanzer) ttemmte. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



123 



Die zum Anlegen eingerichtete Handfeuerwaffe aus dem 
14. Jahrhundert; fie unterfcheidet fich von der vorhergehenden durch 
eine Art von grob gearbeitetem Kolben. Das Zündloch ift gewöhn- 
lich an der rechten Seite der Kanone. Alle diefe Waffen haben 
lofe Lunten. 

Die Handkanone mit Hahn (fr. ä Serpentin) oder Drachen 
ohne Feder und ohne Drücker, gegen 1424 erfunden. Die Lunte 
wurde von da an mit dem Gewehr verbunden und an den Hahn 
befeftigt. War diefe Waffe beffer gearbeitet, wurde fie auch wohl 
Feldfchlange '(fr. couleuvrine ä main) oder auch gleich der 
vorhergehenden Bruftrohr (fr. petrinal, poitrinal) genannt, fofern 
fie einen Kolben hatte, um gegen den Panzer geftemmt werden 
zu können. 

Die Handkanone mit Hahn, ohne Feder, aber mit 
Drücker, zum Anlegen eingerichtet und fchon von größerer Treff- 
fähigkeit. 

Der Haken (Hakbuffe, fr. haquebuse oder Handkanone mit 
Haken) mit Hahn, Feder und Drücker, aus der zweiten Hälfte 
des 15. Jahrhunderts. Dies ift eine fchon vervollkommnete Waffe 
und der Urahne unferes modernen Gewehrs. Ihr Rohr hatte un- 
gefähr ein Meter Länge. 

Der Doppelhaken oder die doppelte Hakbuffe, Feuer- 
gewehr mit doppeltem Hahn oder Haken. Sie diente gewöhnlich 
zur Verteidigung der Wälle und hatte eine Länge von ein bis zwei 
Metern, fowie zwölflötige Kugeln. Das Schloß unterfchied fich von 
demjenigen der einfachen Hakbuffe dadurch, daß es zwei Hähne 
hatte, die in entgegengefetzter Richtung niederfchlugen. Häufig 
wurde fie durch einen mit feinen Enden durch eiferne Spitzen oder 
Räder verfehenen Fuß (im Franz. fourquine) getragen. Alle diefe 
Waffen hatten weder Vifier noch Korn und fchleuderten eiferne, 
bleierne oder eiferne mit Blei umgebene Kugeln. 

Die deutfehe oder Radfchloßbüchfe, im Jahre 15 15 zu 
Nürnberg erfunden. Sie zeichnet fich durch ihr Radfchloß aus, 
welches gewöhnlich aus zwölf Stücken befteht. Die Zündung wurde 
durch Eifen- oder Schwefelkies 1 ) bewirkt. Ein Stahlrad dient 



*) Eine chemifche Verbindung von Eifen und Schwefel, welche bei höherer 
Temperatur unter Feuererfcheinung (Vernalfäure) oxydiert, wurde bereits von den 
Römern zur Erzeugung von Feuer verwendet. Römifche Patrouillen führten es zu 
diefem Zwecke mit fich. 



124 



Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 



als Wärmeerzeuger; durch Reibung werden abgeriffene Stückchen 
des Kiefes ins Glühen und zum Verbrennen gebracht, wodurch fich 
die Ladung entzündet. Bei dem fpäter eingeführten Steinfchloß- 
gewehr erfetzt der härtere Feuerftein den Stahl, während diefer 
felbft an Stelle des Schwefelkiefes tritt und nun das Material für die 
Funken liefert. Das Steinfchloßgewehr hat einen federnden Hahn 
(Schnapphahn), der aber fchon vor der Anwendung des Feuerfteins 
in Gebrauch war. (S. weiter hinten.) 

Die Radfchloßbüchfe vermochte jedoch nie die . LuntenhakbulTe 
gänzlich zu verdrängen, da deren Mechanismus einfacher, folider und 
ficherer war; denn während des Kampfes zerbröckelte der Schwefel- 
kies häufig und nötigte das Gewehr zum Schweigen. 

Das Mufeum in Dresden befitzt eine kleine Handfeuerwaffe von 
28 cm Länge und mit einem Kaliber von 12 cm aus dem Anfange 
des 16. Jahrhunderts, welche wohl der Erfindung des Rades voraus- 
gegangen und der erfte Antrieb dazu gewefen fein mag. Eine 
Rafpel bewirkt das Funkenfprühen vermöge ihrer Reibung gegen 
den Schwefelkies, fobald fie mittels des Schloffes zurückgezogen 
wird. Man fah fälfchlich in diefer Waffe lange Zeit die erfte von 
dem deutfchen Mönche Berthold Schwarz (ca. 1330) erfundene Feuer- 
waffe. In der Kompilations - Litteratur wird diefe Handkanone vom 
16. Jahrhundert jetzt noch häufig als das erfte Feuerhandgewehr 
und mit dem Namen Mönchsbüchfe bezeichnet. 

Die Muskete, deren Bau und Mechanismus mit denen der Ar- 
kebufe (f. u.) übereinftimmend find, ift ebenfalls entweder mit Lunte 
oder mit Rad zu entladen und unterfcheidet fich nur durch ihr Ka- 
liber von der Arkebufe; Ladung und Gefchoß der Muskete 1 ) haben 
das doppelte im Umfange. Ihr größeres Gewicht macht die An- 
wendung einer Stützgabel (fr. fourquine), wie beim Doppel- 
haken, erforderlich. 

Die franzöfifche Muskete vom Jahre 1694 hatte gewöhnlich, 
nach St. Remy, ein Kaliber von 20 Bleikugeln auf das Pfund; fie 
maß 3 Fuß 8 Zoll Rohrlänge und mit Schaft 5 Fuß. 

Die Arkebufe oder Muskete mit gezogenem Lauf und 



') In Preufsen, wo die Luntenmuskete Musquet, deren Stützgabel der Für« 
quet, der Ladeftock Ladeftecken und die Lunte der Lunten hiefs, enthielt das 
Musketier-Kommando 36 Hauptgriffe nach ebenfoviel Kommandos, und das 
Pikini er -Kommando zehn Handhabungen. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 12 5 

mit Kugeln, die durch den hölzernen Hammer eingetrieben 
wurden. Der in Deutfchland, nach einigen in Leipzig 1498, nach 
anderen in Wien durch Kafpar Zollner erfundene gezogene Lauf 
wurde erft im Jahre 1793 bei der franzöfifchen Armee für die Ver- 
failler Karabine eingeführt. 

Die Schnapphahnmuskete (fr. ä chenappan, mit Stahl und 
Schwefelkies) zeigt durch ihren Namen den deutfchen Urfprung ihrer 
Erfindung an, welche in die Mitte des 16. Jahrhunderts fallt. In der 
großherzoglichen Sammlung auf Ettersburg bei Weimar befindet fich 
ein folches Grcwthr, welches die Jahreszahl 1540 trägt und es ift 
auch bekannt, daß der Kaminerherr v. Norwich gelegentlich einer 
dem Büchfenmacher Henri Radoe im Jahre 1588 gemachten Zahlung 
erwähnt, daß letzterer an einer Piftole das Radfchloß in ein Schnapp- 
hahnfchloß umgeändert habe. Der Name Chenappan (Schnapp- 
hahn) wurde in Frankreich bald darauf den mit diefer neuen Arke- 
bufe bewaffneten Banditen gegeben. Auch wurden die Mikelets der 
Pyrenäen, die Ludwig XIII. unter die Regimenter fleckte, und die 
letzten Überrede der Waldenfer, welche die religiöfe Unduldfamkeji 
dem I Land werke der Landftreicher und Schmuggler zugeführt hatte, 
Schnapphähne genannt. Die Schnapphahnbatterie, welche immer 
noch vermitteln des Schwefelkiefes ihre Dienfte verrichtete, kann als 
Vorläufer der franzöfifchen Batterie mit Feuerftein angefehen werden. 
Fart alle orientalifchen Waffen und befonders die türkifchen Gewehre 
find feit diefer Zeit mit Schnapphähnen verfehen. Man hatte auch 
fogen. «fpanifche und holländifche Schnapphahnfchlöffer>. 
Erfteres beftand aus 9, letzteres aus 14 Teilen. Im gefchichtlichen 
Mufeum zu Dresden befinden fich drei Piftolen mit den 14 teiligen 
Schnapphahnfchlöfiern, welche die Jahreszahlen 1598, 161 1 und 
161 5 tragen. 

Die franzöfifche Steinfchloßflinte (fr. fusil ä batterie 
frangaife ä silex), mit Feuerftein und Stahl, ift aller Wahrfchein- 
lichkeit nach in Frankreich gegen 1640 erfunden worden. Sie wird 
Fü fi Herrn uskete genannt, wenn das Bajonett eine Dille hat; eine 
Erfindung, die fälfchlich dem englifchen General Mackay (1691) zu- 
gefchrieben wird. Sie ift bei der franzöfifchen Armee durch Vauban 
eingeführt worden. Die Dille geftattete den Schuß, während das 
Bajonett auf dem Lauf blieb. Vorher hatte das Bajonett einen Stiel 
und war, da diefer in den Lauf beim Angriff mit der blanken 
Waffe erft befeftigt werden mußte, von nur geringem Nutzen. 



1 26 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

Hinzuzufügen ift hier noch das Tromblon, die Donner- oder 
Streibüchfe, Mousqueten oder Musketen, die Stutzbüchfe 
und Fufillette, die kleine Rakete genannt wurde. 

Italienifche Schriftfteller haben ihrem Vaterlande die Erfindung 
der Flinte (fusil) zufchreiben wollen, weil der franzöfifche Name fusil 
vom italienifchen focile (abgeleitet von dem lateinifchen focus) 
herzukommen fcheint. Da aber das Wort fusil in Frankreich fchon 
in den Jagdverordnungen aus dem Jahre 151 5, alfo faft 150 Jahre 
vor der Zeit, wo das Radfchloß durch das Feuerfteinfchloß er fetzt 
wurde, erfcheint, fo läßt fich wohl annehmen, daß der Name fusil 
fich damals auf die Arkebufen alten Syftems bezogt Als Beleg für 
meine obige Angabe, daß die Erfindung der Flinten fpieße oder 
Bajonettdille mit Unrecht dem englifchen General Mackay (im 
Jahre 1691) zugefchrieben worden ift, möge die Bemerkung dienen, 
daß in der Culemannfchen Sammlung 1 ) eine Radarkebufe aus dem 
16. Jahrhundert befitzt, an der das lange Bajonett, deffen Klinge 
gleich als Krätzer dient, mit einer Dille verfehen ift. (S. den 
Abfchnitt über Flintenfpieße oder Bajonettes.) 

Die Veränderung, welche das Gewehrfchloß durch die Feuer- 
fteinzündung erlitt, war eine wesentliche, trat jedoch weder -plötzlich 
noch radikal auf, weil ihr das Schnapphahn fchloß, das fchon einen 
federnden Hahn hatte, vorausgegangen war. Bei der franzöfifchen 
Batterie erfetzte der Feuerftein den Stahl, während diefer nun ftatt 
des bröckeligen Schwefelkiefes als Funkengeber diente. Der Feuer- 
ftein wurde in den Schnabel des Hahns geklemmt und fchlug gegen 
das Metall. 

Vauban erfand auch eine Flinte mit Doppel feuer, der Arke- 
bufe mit Doppelzündung und Rad entfprechend, damit für den Fall, 
daß die Batterie verfagen füllte, ein Luntenhahn das Feuer an den 
Zündftoff führen könnte. Die alte Luntenmuskete wurde in der fran- 
zöfifchen Armee erft gegen 1700 vollftändig durch das neue Stein- 
fchloßgewehr erfetzt. 

Fürft Leopold I. von Anhalt-Deflau, der Organifator der preußi- 
fchen Infanterie, führte im Jahre 1698 den ei fernen Ladeftock 
für die Bewaffnung feiner Truppen ein, und diefe Verbefferung trug 
zum Sieg bei Mollwitz 1 741 wesentlich bei. 

Die Patrone (fr. Cartouche), d. h. die von einem Behälter 

') Seit deffen Tode befindet fich die Sammlung im Befitzc der Stadt Hannover. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



127 



umfchloffene, fertige Ladung des Feuergewehrs, fcheint zum erftenmal 
in Spanien gegen das Jahr 1569 in Anwendung gebracht worden 
zu fein; in Frankreich wurde fie im Jahre 1644 zu gleicher Zeit mit 
der Patrontafche angenommen, die Guftav Adolf gegen 1630 
zuerft eingeführt hatte. 

Der Karabiner ift eine Waffe mit gezogenem 1 ), gewöhnlich 
kürzerem Lauf und für die Reiterei beftimmt; jedoch nennt man 
Karabiner auch alle fonftigen Kriegsfeuergewehre, welche mit ge- 
zogenem Rohr verfehen find. 

Die Streubüchfe (fr. mousquet-tonnerre oder -tromblon) 
hatte ein weites Rohr und eine Mündung in Trompetenform; fie 
fchleuderte 10 — 12 Kugeln auf einmal. 

Stutzen nennt man in Tirol ein kurzläufiges Kugelgewehr. 

Granatgewehr hieß die Waffe, mit welcher im 18. Jahrhun- 
dert Handgranaten gefchoffen wurden. Der Lauf war kurz und weit. 
Oft ftand noch damit nebenan ein gewöhnlicher Gewehrlauf in Ver- 
bindung. Die neuzeitigen Granatgewehre für Sprengftoffe find feit 
der Konvention von 1868 unterfagt. 

Die Piftole oder das Fauftrohr, auch Puffer genannt, diefe 
verkleinerte Arkebule und Flinte, deren Name nach den einen 
vom deutfehen «Fäuftlein», nach anderen von dem italienifchen 
pistallo, Knopf, Zierat (nicht von der Stadt Piftoja) herrührt, fcheint 
aus Perugia zu flammen, wo fchon im Jahre 1364 diefe Fauftpuffer, 
eine Palma lang, angefertigt wurden. 

Das Terzerol (fr. coup de poing pistolet de poche) ift 
eine kleine Tafchenpiftole, wahrfcheinlich italienifchen Urfprungs. 

Das Perkuffions- oder Piftongewehr, wohl beffer Schlag- 
rohrgewehr, deffen Erfindung falfchlich dem englifchen Kapitän 
Ferguffon, Kommandanten eines heffifchen Regiments im amerikani- 
fchen Kriege (1776 — 1783), zugefchrieben wird, flammt erft aus dem 
Jahre 1807, zu welcher Zeit fein wirklicher Erfinder, der fchottifche 
Waffen fchmied Forfyth, ein Patent auf das Piftongewehr nahm. 

Die erften chemifchen Unterfuchungen, welche die Zufammen- 
fetzung explodierender Zündftoffe (entzündliche Ammoniakfalze, nicht 
mit Knallfalz zu verwechfeln) betreffen, fcheint Pierre Bouldure 
im Jahre 1699 angeftellt zu haben. Nikolas Lemery fetzte diefe 
Unterfuchungen im Jahre 171 2 weiter fort. Bayon, ein armer 



*) Drall beifst die Zugwendung eines gezogenen Feuerrohres. 



J28 Abrifs der Gefchichte der Waffen. 

Apotheker unter Ludwig XV., fcheint im Jahre 1764 das Knall- 
queckfilber dargeftellt zu haben, deffen Erfindung iälfchlich Ho- 
ward zugefchrieben wird. Es ift dies eine Mifchung aus Kohlen-, 
Stick- und Sauerftoff und Queckfilber. Im Jahre 1800 fetzte Ho- 
ward auch das erfte explodierende Schießpulver aus Knall- 
queckfilber und Salpeter zufammen, eine fehr geeignete Mifchung 
zum Erfatz des Zündpulvers. Lieb ig und Gav-Luffac haben fo- 
dann im Jahre 1824 die Knallpräparate analyfiert Die Erfindung 
der explodierenden Verbindung von Salmiak, Gold, Silber oder Pia- 
tina, desgleichen die des chlorfauren Kali, konzentrierter Salzfäure 
(kali oxymuriaticum), welche zwifchen 1785 — 1787 erfolgten, ift den 
Fourcroy, Vauquelin und Berthollet zu verdanken. 

Im Jahre 1808 wurde das Gewehr Forfyths, durch den Waffen- 
fchmied Pauly umgeändert, in Frankreich eingeführt. Auch ift noch 
das Perkuffionsgewehr des Engländers Jofeph Eggs zu erwähnen, 
infofern es denfelben Waffenfchmied 1 8t 8 zur Erfindung des Zünd- 
hütchens (fr. capsule) veranlaßte, welche von Beilot 1820 in 
Frankreich eingeführt wurde. Es ift dies ein kleiner kupferner Cy- 
linder, der an einer Seite offen, an der anderen gefchloffen und mit 
Zündftoff gefüllt ift. Im Jahre 1826 fand fodann Delvigne ein 
Mittel, die Kugel in den gezogenen Lauf des Karabiners ohne Hilfe 
des Hammers und auf eine Weife einzuzwängen, daß die Nachteile 
der vor ihm verfuchten Syfteme vermieden wurden 1 ). 

Der Stecher 2 ), fehr unrichtig im Franzöfifchen double de- 
tente, engl, trigger of precision genannt, ein finnreicher Mecha- 
nismus, welcher den Zweck hat, die durch das Losfchnellen des ge- 
wöhnlichen Drückers hervorgebrachte Bewegung faft unmerklich zu 
machen, ift im Jahre 1543 von einem Waffenfchmied in München 
erfunden worden. Diefe Vorrichtung bildet kein Syftem für fich, 
fondern nur eine Verbefferung, die den meiften Karabinern angepaßt 
werden kann und mit der faft alle alten deutfchen Präzifionswaffen 
vom 16. bis zum 18. Jahrhundert verfehen find. Es giebt von 
folchen Stechern: «Nadelfchneller» (Wiener), «Rückfchneller» 
(franzöfifch) und «Abzugsfeh neiler». 

Wie angeführt, ift das Radfchloß zu jeder Zeit fehr wenig 



*) Das Mufeum Porte de Hai in Brüffel befitzt Gewehrkugeln aus gebranntem 
Thon mit Bleiüberzug. 

2 ) Nicht mit dem von Ydle 1855 erfundenen Stechfchlofs zu verwechfeln. 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



129 



im Kriege gebraucht worden; hingegen wurde es als Jagd- und 
Luxusgewehr allgemein verwendet und hat erft dem Schlagrohr- 
gewehr Platz gemacht. 

Die Arkebufe und die Muskete mit Lunte und Rad find zwei 
Gattungen, die, um es nochmals zu wiederholen, weder in ihrem 
Mechanismus noch in der Form, fondern lediglich im Kaliber von- 
einander abweichen; fie dienten zur Bewaffnung der regulären Feld- 
truppen. 

Die Hakenfchützen waren mit großen Pulverhörnern, mit 
Zündkrautflafchen, mit mehreren Ellen Luntendocht und mit 
einem Kugelfack verfehen. Die Musketiere hatten außer dem 
Pfühl und Degen ein mit hölzernen Kapfein (Pulvermaßen) ver- 
fehenes Wehrgehänge, das Pulverhorn, einen Kugelfack, Lunte 
und Luntenkap fei (fr. couvre-meche); letztere, ein aus Kupfer 
beftehendes Gehäufe, wurde von den Holländern erfunden und ift 
faft gleichbedeutend mit der Luntenkapfel der Grenadiere im 
18. Jahrhundert. 

Die tragbaren Feuergewehre, welche von hinten geladen 
werden, ebenfo diejenigen mit mehreren Läufen und fogar die 
Gewehre mit Drehpuffer (Revolver) gehen bis zum Anfange 
des 16. Jahrhunderts und felbft bis zum Ende des 1 5. l ) Jahrhunderts 
zurück; fie fcheinen deutfchen Urfprungs zu fein. Das Parifer Ar- 
tilleriemufeum befitzt eine deutfche Arkebufe mit Rad aus dem 
16. Jahrhundert, die von hinten, und eine andere ebenfalls aus dem 
16. Jahrhundert, an welcher das Scharnierrohr vermitteln fingerhut- 
artiger beweglicher Hülfe geladen wird, ein Syftem, das in neuerer 
Zeit wieder Aufnahme gefunden hat. 

Wie beim Feuergewehr großen Kalibers ift übrigens dem Hinter- 
laderfyftem auch bei dem Handfeuergewehr das Vorderladerfyftem 
vorangegangen. 

Die Amüfette des Marfchalls von Sachfen (1696 — 1750), 
im Artilleriemufeum zu Paris, ift ebenfalls ein Hinterlader. Waffen 
diefer Art findet man noch im Tower zu London, in den Mufeen 
zu Dresden und Sigmaringen und im kaiferlichen Arfenal zu Wien. 
Das Mufeum in Sigmaringen befitzt eine deutfche Büchfe des 
16. Jahrhunderts mit Drehpuffer zu fieben Schüffen und eine deutfche 
Flinte des 1 8. Jahrhunderts zu vier Schüffen. Das Parifer Artillerie- 



*) Ein folcher dreiläufiger Drehpuffer im Zeughaufe zu Venedig. 
Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 



130 



Abrifs der Gefchichtc der Waffen. 



mufeum enthält fogar ein Exemplar diefer Waffengattung, woran 
(ich noch ein Luntenfchloß befindet. 

In neuerer Zeit find es in Frankreich Paul}' im Jahre 1808, 
Leroy im Jahre 1813 und noch fpäter Lepage, Gaftine-Renette 
und Lefaucheux (1830 — 1852) gewefen, die verfchiedene Syfteme 
von Hinterladungs-Schlagrohrgewehren erfunden haben. Das Syftem 
Lefaucheux ift allein, und zwar bei den meiften Jagdgewehren in An- 
wendung geblieben, nachdem es durch Grevelot eine fehr bedeu- 
tende Verbefferung hinfichtlich der Anfertigung der Zündkapfeln 
erfahren hatte. Eine ältere Erfindung ift auch das Drehpuffer- 
oder Revolvergewehr oder die Flinte mit Kuliffe oder mit nicht 
drehbarer Repetition. Diefe Waffe kann mehrere Ladungen auf ein- 
mal aufnehmen, welche hintereinander liegen und fchnell nachein- 
ander abgefeuert werden können. Das Mufeum in Sigmaringen be- 
fitzt ein altes Kuliffengewehr folcher Gattung, womit fechs Schliffe 
hintereinander gegeben werden können. 

Das Flaubert fc he Hinterladergewehr (in Rußland Monte - 
Chrifto -Gewehr genannt) ift auch fehr verbreitet, befonders für die 
Vogeljagd. Ferner die Delvignefche Büchfe mit Perkuffionsfchloß 
(1838). 

Seitdem man in Amerika angefangen hat, Zündkapfeln anzu- 
fertigen (Metallpatronen), ift das Revolvergewehr in diefem Lande 
wieder in Aufnahme gekommen, wo Spencer und Winchefter 
verfchiedene Syfteme erfonnen haben. 

Der Piftolen-Revolver (v. engl, revolv, rollen, weit drehend) 
oder die Repetitionspiftole, beffer Drehpuffer, kam 181 5 aufs neue 
in Gebrauch durch den Waffen fchmied Lenormand in Paris, der 
eine folche Waffe mit fünf Schüffen anfertigte. Bald darauf folgte 
der Revolver Devisme mit fieben Schüffen und der Revolver Her- 
mann zu Lüttich, die Piftole Mariette mit vierundzwanzig Schüffen 
und endlich im Jahre 1835 der Revolver Colt, der befte von allen, 
deffen Syftem bei folchen Waffen in Anwendung geblieben ift. Das 
germanifche Mufeum zu Nürnberg befitzt einen Drehpuffer oder 
Drehung vom 1 7. Jahrhundert. Derfelbe hat acht Ladungen, welche 
aber mit der Hand gedreht werden muffen, und einen Luntenhahn. 

Das fogenannte, 1844 vom Oberft Thoavenin erfundene Dorn- 
gewehr hat eine Büchfen-Konftruktion, wo ein cylindrokonifches 
Gefchoß auf dem am Boden der Seele angebrachten Stahlcylinder 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



131 



eingetrieben wird. Dies Gewehr ift von dem Expanfionsgefchoß 
nach Minie verdrängt worden. 

Die 1849 vom Kapitän Minie, nach ihm Mini ege wehr ge- 
nannte Waffe mit Expanfionsgefchoß, ift feinerfeits wieder 1866 
durch den Hinterlader verdrängt worden. 

Nach diefer Befchreibung oder Aufzählung der verfchiedenen 
Syfteme von Feuergewehren bleibt nur noch übrig, von dem be- 
rühmten hinten geladenen Zündnadelgewehr zu fprechen. 

Der Erfinder, Johann Nikolas Dreyfe, in Sömmerda bei Erfurt 
1787 geboren und 1868 geftorben, ftellte das erfte Zündnadelgewehr 
im Jahre 1827, nach fiebzehnjährigen Verfuchen her, und erhielt im 
Jahre 1828 ein Patent für feine Zündfeder und feine Zündfpiegel- 
patronen. Dies Gewehr, deffen erftes endgiltiges Modell um das 
Jahr 1841 in Preußen angenommen wurde, hatte mancherlei Um- 
änderungen erfahren, denn erft 1836 wurde daraus ein Hinterlader. 
Seitdem hat jedes Volk fein Zündnadelgewehr geliefert und fich be- 
müht, eine Waffe zu erfinden, die felbft noch derjenigen überlegen fei, 
welche in dem Kriege von 1866 fo überrafchende und furchtbare 
Refultate erzielt hatte. Es hält fchwer zu beftimmen, welcher von 
diefen Verbefferungen die Palme gebührt. 

Die hervorragendften unter folchen, alle dem Dreyfe fchen Syftem 
angehörenden oder fich demfelben anfchließenden Waffen find in 
neuefter Zeit außer dem Chaffepot: das Gras-Gewehr (Fusil M./74), 
in Frankreich für Infanterie und Jäger an der Stelle des Chaffepots 
angenommen; das B er dan -Gewehr Nr. 2 eines gleichnamigen ameri- 
kanifchen Generals, deffen Nr. 3 mit Cylinderverfchluß (18 — 20 Schuß 
in der Minute), auch feit 1871 in Rußland Eingang gefunden hat; 
das Martini -Henry -Gewehr der englifchen Infanterie, ebenfalls mit 
Cylinderverfchluß; das V et terli -Gewehr, eine auch in Italien adop- 
tierte Repetierwaffe der Schweizer Infanterie; das Beaumont-Gewehr 
mit Cylinderverfchluß (16 gezielte Schüffe in der Minute), das feinen 
Namen von dem dies Syftem exploitierenden Maftrichter Kaufmann 
trägt und bei der holländifchen Infanterie als Waffe eingeführt ift; 
das norwegifche Magazin-Krag-Petterfon-Gewehr, welches aber 
fchon wieder dem Jarmann-Gewehr hat weichen muffen; die ba- 
difche, nach dem Hinterlader -Syftem Terrys konftruierte Jäger - 
büchfe, die feit der Einführung des preußifchen Zündnadelgewehrs 
in Baden ebenfalls fchon außer Gebrauch gekommen ift. Verfchie- 
dene andere Zündnadelgewehre figurierten noch in einem fogenannten 



132 



Abrifs der Gefchichte der Waffen. 



Wettbewerb-Schießverfuche in Spandau bei Berlin am 7. September 
1868. Als Ergebnis diefes vergleichenden Schießens mit den da- 
maligen Mufternadelgewehren der verfchiedenen Heere 
ftellte fich nach dem amtlichen Bericht folgendes heraus: das preußifche 
Zündnadelgewehr kann in einer Minute 12 Schüffe abgeben, das 
Chaffepot (Frankreich) 11, das Snider-Gewehr (England) 10, der Pea- 
body (Schweiz) 13, das Gewehr Wänzl (Ofterreich) 10, das Gewehr 
Werndl (derfelbe Staat) 12, das Gewehr Werder (Bayern) 12, das 
Gewehr Berdan-Carle 14, das Remingtongewehr (Dänemark) 14 und 
das Repetitionsgewehr von Henry Winchefter (Nordamerika) 19. Das 
Modell Winchefter ift in letzte Linie zu ftellen; es hatte auf 19 Schüffe 
nur 1 1 Treffer. Von dem bei ähnlichen Verfuchen im April 1 869 
auch zu Spandau, geprüften Magenhoefer-Gewehr, welches 26 
Schuß in der Minute und fehr wenig Abfprung haben, alfo alle oben 
genannten Waffen übertreffen follte, fcheint fpäter nicht mehr die 
Rede gewefen zu fein. Seit 1877 find diefe Milliarden koftenden 
Gewehrbeftände in Preußen wie fpäter in Bayern durch das Mau fer- 
gewehr erfetzt worden, Es hat den Namen von feinem durch die 
Gebrüder Maufer zu Oberndorf in Württemberg erfundenen Cylinder- 
verfchluß.. 

Gegenwärtig ift man wieder auf ein Repetierfyftem gekom- 
men, welches aber fo umgearbeitet ift, daß es jeden Mann in die 
Lage fetzt, 10 Schuß hintereinander abzugeben. Der Vorrat davon 
foll 1 500000 erreichen. Befonders thätig in der Anfertigung diefer 
Gewehre war die Fabrik auf der Niederftaat bei Danzig. Den 
Werken der Gebrüder Maufer in Oberndorf, W. Löwe in Berlin, 
dem Gußftahl werke in Witten ift neuerdings von der türkifchen 
Regierung die Anfertigung von 500000 Gewehren übertragen worden. 
Das neue Lebel -Gewehr der Franzofen, deffen Befchreibung im 
Abfchnitt der Handfeuerwaffen gegeben ift, hat ein acht Patronen 
enthaltendes Magazin und eine auf 2000 Meter berechnete Einteilung 
am Vifier. Gegenwärtig befitzt die deutfche Infanterie in dem neuen 
Gewehr 88 eine Waffe, deren Leiftungsfähigkeit noch alle vorher- 
gehend befchriebenen übertreffen und 7570 in der Durchfchlags- 
kraft der des Maufergewehrs überlegen fein und auch in der Anfangs- 
geschwindigkeit des Gefchoffes das Lebelgewehr hinter fich lallen 
foll. Der Vifierfchuß geht bis zu 250 Meter, der Fernfchuß bis 
zu 1000 Meter. Im Jahre 1885 hat die Metallpatronenfabrik Lorenz 
zu Karlsruhe Bleigefchoffe mit Stahlhüllen erfunden. Die 



Abrifs der Gefchichte der Waffen, 



133 



Durchfchlagskraft diefer Gefchoffe hat fich als außerordentlich 
bewährt 

Zeitfolgig find die Zündnadelgewehre aufzureihen: Dreyfe, 
Chaffepot (Frankr.), Snider (Engl.), Wänzl (Öfterr.), Peabody 
(Engl.), Remington (Amerika), Spenzer (1. Repetier -Karabiner 
Amerika), Werder (Bayern), Martini-Henry (Engl.), Werndl 
(Öfterr.) 1871, Vetterli 1870 (Ital.), Maufer 1871 (Öfterr.), Berdan 
1871 (Rußl.), Beaumont 1871 (Niederl.) und Jarmann (Schweiz). 

Repetier- oder Magazingewehre: Spenzer, Lee, Hotchkin, 
Dreyfe. 



II. 

Waffen vorgeschichtlicher Zeit, 

besonders gespaltene und geschliffene Steinwaffen. 

i. Waffen aus gespaltenem Stein. 

Wie bereits angeführt (f. S. 22), mußten notwendigerweife Erde, 
Holz, Tierhäute, Geweihe, Knochen 1 ) und vor allem die über 
den ganzen Erdball verbreiteten Steine die erften Stoffe bilden, 
welche der Menfch zur Anfertigung feiner Waffen und Werkzeuge 
benutzte; eine allgemeine Gefchichte, die von der Bewaffnung der 
verfchiedenen Völker handelt, hat daher auch mit diefen älteften 
Erzeugniffen zu beginnen. Wie ferner bereits bemerkt wurde, gingen 
die rohen Steinwaffen mit natürlichen Bruchflächen den aus gefchliffenem 
Stein gefertigten voraus. Es giebt allerdings auch Waffen, welche 
weder den rohen Zuftand der erften, noch den geglätteten der andern 
aufweifen, die zwar glatt, aber nicht gefchliffen find. Sie gehören 
Übergangsperioden an, deren Anfangszeit je nach den Ländern wech- 
felt. In Frankreich ift der Verfuch gemacht worden, folche Erzeug- 
niffe in drei Klaffen zu zwängen, nämlich die des erften Vorkommens, 
befonders der in Höhlen gefundenen, die aus der Zeit des Vor- 
handenfeins des Renntiers in Frankreich und diejenigen der Dolmen 
(keltifchen [?] Grabhügel). Indes läßt folche Einteilung viel zu wün- 
fchen übrig, infofern diefe Zeiträume bei der fortfchreitenden Ent- 
wickelung der Gefittung mitunter bedeutend voneinander abweichen, 
fogar bei Völkern derfelben Abkunft und derfelben Raffe. 



') Die aus Hörn oder Knochen, befonders von den Höhlenbewohnern herrührende 
Waffen bieten nur Unbedeutendes. 



Gefpaltene Steimvaffen. i ? C 

Stücke folcher fteinernen, das Bild des Maftodon tragenden 
Waffen, die, mit Knochen vermengt, in einer Höhle Perigords auf- 
gefunden find, könnten wohl ein Beweis mehr für das Dafein des 
Menfchen während des dritten geologifchen Zeitraums fein, wenn die 
hier eingegrabenen Zeichnungen zuvor mikrofkopifchen Unterfuchungen 
unterworfen würden, um jeden Verdacht eines Betruges zu befeitigen. 
Jedoch ift es nicht hinreichend erwiefen, daß derartige Knochen nicht 
aus durcheinander geworfenen Alluvial- und Diluvialfchichten, welche 
Erfchütterungen erlitten haben können, herrühren, wie folches die «be- 
weglichen Anhäufungen» (Depot-Meubles) erkennen laffen, die fo 
genannt werden, weil fie aus Stoffen und Gegenftänden verfchiedener 
Perioden zu fammengefetzt find. Das alpinifche, nicht bewegte Diluvium 
enthält keinen organifchen Stoff im Zuftand des Knochenleims 1 ), einer 
Subftanz, welche den nicht foffilen Knochen kennzeichnet, fo 
daß alfo jedes Alluvium, welches den geringften Knochen mit 
Knochenleim birgt, ficher jünger ift als die große, Sintflut genannte 
Erdumwälzung. 

Viele aus Stein geformte Waffen und Werkzeuge laffen auch 
durch ein ficheres Zeichen erkennen, daß fie nicht über die fogenannte 
Sintflut hinausgehen. Sie beliehen nämlich aus Kiefelfteinen, die ihre 
runde Form und Glätte allein durch gegenfeitiges Abfchleifen erhalten 
haben, wie dies noch heute durch die gegen den Strand rollenden 
Meereswogen ftattfindet. Was die Anfertigung der Waffen aus Bruch- 
ftein ohne Metallv.erkzeug oder ätzende Säuren anbelangt, fo ift die- 
felbe durch die Leichtigkeit zu erklären, mit welcher der frifch aus 
Steinbrüchen hervorgeholte Feuerftein fich nach feinen Bruchflächen 
teilen läßt, bevor er dem Einfluß der Luft ausgefetzt ift. 

i. Babylonifche Pfeilfpitze aus Feuer- 
ftein von 6 cm Länge aus der Zeit der 
Gründung von Babylon (2640 v. Chr.). — 
Berliner Mufeum. 

2. Agyptifches Meffer aus Feuerftein 
von 1 5 cm L. — Berliner Mufeum. 

3. Agyptifches Meffer aus Feuerftein 
von 15 cm L. — Berliner Mufeum. 




1 Glutin, — Ossein. 



136 



Waffen vorgefchichtlicher Zeit. 




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10 





4. Ägyptifche Speerklinge aus Feuer- 
ftein von 15 cm L., die, wie eine Menge 
für die Anfertigung von Waffen und Werk- 
zeugen beftimmt, Feuerfteinfplitter zu Sarbut- 
el-Chadem (Sinaihalbinfel) gefunden worden 
find. Britifches Mufeum. 

5. Germanifche Streitaxt aus Bafalt von 
18 cm L., bei Linz in Öfterreich gefunden. 

— Mufeum zu Sigmaringen. 

6. Keil aus Serpentin von 16 cm L., 
bei Linz in Ofterreich gefunden. — Mufeum 
in Sigmaringen. 

7. Germanifche Speerklinge (od. Meißel 1 ) 
aus Feuerftein von 18 cm L., bei Balingen 
gefunden. — Mufeum zu Sigmaringen. 

8. Germanifches Beil aus Feuerftein von 
1 2 cm L., auf Rügen gefunden. — Berliner 
Mufeum. 

9. Germanifches Meffer aus Feuerftein 
von 12 cm L. — Berliner Mufeum. 

10. Germanifche Speerfpitze. 

11. Doppelfichel- Streitaxt in geglätte- 
tem Stein, eine Waffe, welche aus der 
Übergangszeit des gefpaltenen zu der des 
polierten Steines ftammt. Sie hat 14 cm 
Länge und ift in Lüneburg gefunden worden. 

— Mufeum der Stadt Hannover. 

12. Kelto(?)-gallifche Streitaxt aus gel- 
bem Feuerftein, «pain de beurre» (Stück 
Butter) genannt. Sie ift 25 cm lang 
und bei Preffigny-le-Grand (Indre-et-Loire) 
gefunden worden. S. den Moniteur, Journ. 
universel de l'Empire, vom 18. Mai 1865. 

— Sammlung des Verfaffers. 



*) Der dänifche Palftave. 



< refpakene Steinwaffen. 



137 




14 



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19 




43 

RaiiwiMttv'''' 1 '''^**^^ 



1 3. Kelto (r)-gallifches Melier aus gelbem 
Feuerftein von 12 cm L., desfelben Ur- 
fprungs wie Nr. 12. — Sammlung des Ver- 
faffers. 

1 4. Kelto (r)-gallifches Meiler aus gelbem 
Feuerftein von 7 1 /,, cm L., desfelben Ur- 
fprungs wie Nr. 12 und 13. — Sammlung 
des Verfaffers. 

15. Helvetifcher Dolch aus Feuerftein 
von 12 cm, bei Estavayer im Neufchäteler 
See gefunden. — Mufeum in Freiburg. 

16. Britifche Pfeilfpitze aus Feuerftein 
von 6 cm. Sie kann einem Zeiträume an- 
gehören, welcher der Ankunft der Phöniker 
vorausgeht. — Sammlung Llewelyn-Meyrick 
in Godrich-Court. 

17. Irländifche Pfeilfpitze mit Wider- 
haken aus weißlichem Feuerftein von 14 cm. 

— Sammlung Crifty in London. 

1 8. Britifcher Keil oder Beil aus weiß- 
lichem Feuerftein von 14 cm. Er ift in 
Cisbury-Camp bei Suffex gefunden worden. 

— Sammlung Crifty in London. 

19. Iberifcher oder hifpanifcher Dolch 
aus Feuerftein von 14 cm, in Gibraltar ge- 
funden. — Sammlung Crifty in London. 

20. Böhmifches Mefler aus Feuerftein 
von 14 cm. — Mufeum in Prag. 

21. Dänifche Streitaxt aus Feuerftein 
von 27 cm (auf dänifch Kiler af Flint). 

— Mufeum von Kopenhagen. 

22. Dänifche Axt aus Feuerftein von 
14 cm. — Mufeum von Kopenhagen. 

23. Dänifche Klinge oder Speerfpitze 
(Lansespits af Flint) aus Feuerftein von 
18 cm; fie ift fpitz, wie eine Stahlwaffe. — 
Mufeum zu Kopenhagen. 






133 



Waffen vorgefchichtlicher Zeit. 



24. 



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26 




38 



29 



_ <fl iijiiüti 



24. Dänifche Speerklinge aus Feuerftein 
von 22 cm, weniger fpitz als die vorher- 
gehende, jedoch ebenfo gefchickt gearbeitet. 
— Mufeum in Kopenhagen. 

25. Dänifcher Dolch aus Feuerftein von 
29 cm (Dolk af Flint), auf bewunderungs- 
würdige Weife gearbeitet. — Mufeum in 
Kopenhagen. 

26. Dänifcher Dolch mit Griffknopf von 
34 cm, ausgezeichnet fchöne Arbeit. — 
Mufeum in Kopenhagen. 

27. Dänifche Säbelaxt aus Feuerftein 
von 38 cm, fehr fchöne Arbeit. — Mufeum 
in Kopenhagen. 

28. Zwei dänifche Pfeilfpitzen mit Wider- 
haken aus Feuerftein von 3 cm (Piles- 
pftser af Flint). — Mufeum in Kopen- 
hagen. 

29. Lange dänifche Pfeilfpitze ohne 
Widerhaken aus Feuerftein von 18 cm. — 
Mufeum in Kopenhagen. 



2. Geschliffene Steinwaffen. 



Jene fchönen aus gefpaltenen Steinen, d. h. nur vermitteln Ab- 
schlags dargeftellten Waffen, die an Feinheit der Arbeit alle ge- 
fchliffenen Steinwaffen der zweiten Periode anderer Länder übertreffen, 
begründen die Annahme, daß die Gefittungs-Zeitabfchnitte Dänemarks 
denen der übrigen germanifchen und gallifchen Völker nicht ent- 
fprechen, und daß in diefem Lande der Stein noch verarbeitet wurde, 
als die benachbarten Völker fich zu gleichem Zwecke bereits der 
Bronze bedienten. Die angefchwemmten (Alluvial)-Schichten, welche 
in den fogenannten Kjökkenmöddings (Küchenabfällen) anfehnliche 
Mengen diefer Waffen enthielten, fcheinen anzudeuten, daß die An- 
fertigung derfelben in eine fpätere Zeit fällt als die alterten der 
fchweizerifchen, badifchen und favoyifchen Pfahlbauten, welche keinen 
Gegenftand aus Metall enthalten, und daß fie andererfeits wahrfchein- 



Gefchliffene Stein waffen. 



139 



lieh über die Pfahlbauten von Noceto, Caltiana und Pefchiera der 
Bronzeperiode nicht hinausreichen. 

Selbft unter Rückfichtnahme auf die mehr oder weniger rafche 
Gefittungsentwickelung in jedem Lande hält es Schwer, den Vorgang 
eines Volkes vor dem andern bezüglich der Anfertigung diefer 
alterten Waffen zu beftimmen. Nur Vorausfetzungen laflen fich 
aufstellen, wo alle Gefchichte in Dunkel gehüllt ift, und wo die 
Ergebniffe neuer Nachgrabungen von Zeit zu Zeit das wieder um- 
flößen, was frühere Funde feftgeftellt hatten. Auch in England 1 
find diefe Waffen einzig nur in angeschwemmten Schichten gefunden 
worden; aber die fchon im vorigen Abfchnitt erwähnten Stücke der 
Sammlung Criftys in London, die entweder aus rohem oder gefpal- 
tenem Feuerftein angefertigt wurden, könnten wohl über den vierten 
geologifchen Zeitabfchnitt hinausgehen. Da die neuzeitigen Waffen 
der wilden Völkerfchaften in dem Rahmen diefes Werkes nur teil- 
weife Raum finden können, fo haben auch deren fteinerne Waffen, 
felbft die aus früheren Zeiten, unberückfichtigt bleiben muffen, was 
um fo eher berechtigt ift, als die Wilden noch heutigen Tages in 
derselben Weife ihre Waffen anfertigen, wie dies vor Jahrhunderten 
ftattSand. Bezüglich Mexikos hat der Verfaffer jedoch eine Ausnahme 
gemacht, da die in Abbildung gegebenen Waffen heutigen Tages 
nicht mehr im Gebrauche find. 

Es ift ebenfo Schwierig, genaue Grenzen zu ziehen zwifchen den 
Zeiträumen, in denen die Völker fich der rohen Steinwaffen bedienten, 
und denjenigen, die fchon Waffen aus gefchliffenem Stein oder aus 
Bronze aufzuweisen haben, weil beide, Selbft auch alle drei Erzeug- 
nisse, vermengt aufgefunden worden find. 

Die auf dem Gräberfelde zu Hallftadt ftattgefundenen Nach- 
grabungen haben fogar den Beweis geliefert, daß auch das Eifen 
Schon, wenn nicht felbft früher in Deutschland bekannt war, als noch 
der Stein und die Bronze größtenteils zur Anfertigung der Schnei- 
denden Waffen verwendet wurden. Der Lefer wird in dem Abfchnitt 
über die Erzeugniffe des Sogenannten EiSenzeitalters Abbildungen 



*) Etwas Erftaunliches, wenn man es wirklich annehmen könnte, wäre der im 
II. Jahrhundert in England noch beftehende Gebrauch von Steinwaffen. Wilhelm 
von Poitiers berichtet nämlich, dafs in der Schlacht von Haftings folche Waffen ge- 
handhabt worden feien: «Jactant Angli cuspides et diversorum generum tela, saevis- 
simas quoque secures et lignis imposita saxa. » 



34- 



j iQ Waffen vorgefchichtlicher Zeit. 

finden, welche in den Gräbern zu Hallftadt, neben Waffen aus Stein 
und Bronze aufgefundene eiferne Speerbefchläge darfteilen. 

30 30. Germanifcher Keil, Amulett oder Talisman, 

jc-a aus Serpentin, 4 cm. — Sammlung des Verfaffers. 

31. Germanifches Beil, Serpentin, 22 cm, in Geifen- 

. heim bei Mainz gefunden. — Sammlung Crifty in 

'= aSI « London. 

32 32. Germanifche Doppelaxt, grünlicher Streich- 

oder Probierftein, 1 5 cm, bei Hildesheim gefunden. — 
Sammlung Crifty in London. 

33. Germanifche Hammeraxt, Granit, 15 cm, in 
Mecklenburg gefunden. — Sammlung Crifty, London. 

34. Germanifche Hammeraxt, Serpentin, 15 cm 
lang, in Kaufbeuren gefunden. — Bayerifches National- 
Mufeum in München. 

35 35. Germanifches Beil, Serpentin, 15 cm, gefunden 

zu Enns bei Linz mit Waffen aus Bronze und Eifen. 
— Mufeum Franzisco-Carolinum zu Linz. 

36. Bruchftück einer germanilchen Streit- 
axt, Serpentin, 19 cm, gefunden mit Bronze- 
und Eifenwaffen in den Gräbern von Hal- 
ftadt. — Antikenmufeum zu Wien. 
37 ^ 37. Britifche Doppelaxt, Bafalt, 11 cm. 

— Sammlung Crifty, London. 
36 38. Großes kelto(?)-gallifches Beil, Ja- 

däique (Nierenftein), 38 cm. — Mufeum in 
Vannes. 
3^ 39- Kleines kelto (?) -germanifches Beil, 

Lj Granit-Serpentin, 8 cm, im Nivernais ge- 

funden. — Sammlung des Verfaffers. 

40. Kelto (r)-fchweizerifche Axt, Serpen- 
^ <^& tin, in Hirfchhorn gefaßt und mit hölzernem 
- , ** tiJ rT &*&» m einem fchweizerifchen Pfahlbau ge- 
funden. — Mufeum in Zürich. 

41. Kelto (?) -fchweizerifche Axt, Serpen- 
tin, an einem langen Heft von Holz befefligt, 
bei Rotenhaufen gefunden. — Muf. in Zürich. 




3G 




Ciä ^M^;^^ 




Gefchliffene Steinwaffen. 



141 





42. Dänifche Axt, Bafalt. von 13 cm 
Länge. — Mufeum in Kopenhagen. 

43. Dänifcher Streithammer. Bafalt, 
von 12 cm Länge. — Muf. in Kopenhagen. 

44. Dänifche Streitaxt mit 2 Schneiden, 
Bafalt, von 21 cm Länge. — Mufeum in 
Kopenhagen. 

45. Dänifche Doppelaxt, Bafalt, von 
12 cm Länge. — Mufeum in Kopenhagen. 

46. Dänifche Doppelaxt, Bafalt, von 
2 1 cm Länge. 

47. Dänifcher Axthammer, Miölner ge- 
nannt, Bafalt, von 22 cm Länge, in einem 
Grabe an der Küfte Schottlands gefunden. 
Der Miölner in noch ausgefprochener Ham- 
merform ift das Attribut des fkandinavifchen 
Gottes Thor. In den Sagas wird feiner oft 
erwähnt. — Sammlung Llewelyn-Meyrick. 

48. Iberifches oder hifpanifches Beil 
aus Bafalt, von 18 cm Länge. — Samm- 
lung Crifty, London. 

49. Überrefte einer ungarifchen Streit- 
axt aus Bafalt, von 18 cm Länge. — Samm- 
lung Crifty, London. 

50. Ruffifcher Streithammer mit Tier- 
kopf aus fchwarzem Stein, von 28 cm L. 
— Mufeum von St. Petersburg. Abguß im 
Mufeum zu St. Germain. 



5 1 . Mexikanifches Schwert v 
zehn Schneiden aus fchwarzem 
hat 60 cm. Länge. 



15. Jahrhundert aus Eifenholz, mit 
Obfidian 1 ) verfehen. Diefe Waffe 



*) Der Obfidian ift ein vulkanifches Produkt von fchwärzlicher ins Grüne fpielender 
Farbe, ein fchmelzähnlicher Stoff und der feinden Schleifung fähig, aus welchem die 
Inkas (Peru) ihre Spiegel und die Priefter des Huitzilopochtli ihren Schmuck zu fchneiden 
pflegten. Der Obfidian ift jedoch nicht der einzige Stein, den die alten Amerikaner 
zur Anfertigung ihrer fchneidenden Waffen gebrauchten, fie benutzten auch den Feuer- 
ftein, den Chalcedon und den Serpentin. 



142 



Waffen vorgefchichtlichcr Zeit. 




52. Mexikanifches Schwert von 120 cm 
Länge aus Eifenholz und fchwarzem Obfi- 
dian. — Mufeum in Berlin. 

53. Mexikan. Speerklinge des 15. Jahr- 
hunderts aus fchwarzem Obfidian, auf einem 
hölzernen Schaft befeftigt. 

55 





55- 



54. Uralter mexikan. Porphyrkeulenkopf 
mit fogenanntem Diamantfchnitt. — Samm- 
lung Boban in Paris. — (S. weiterhin die 
mexikanischen Metallwaffen und im Ab- 
fchnitt der Sporen die der abgebildeten 
Meßfeheide. 
Zwei Kriegsfchlägel in eingelegtem Holze aus der Inkazeit 



Perus (949— ! 533-) 



III. 

Antike Waffen aus den sogenannten Bronze- 
und Eisen -Zeitaltern. 



Hindu, amerikanische, ägyptische, babylonische und assyrische Waffen; 
medische, alt- und neupersische, mongolische, chinesische, japanische und 
arabisch-maurische Waffen; griechische und etrurische, römische 
und samnitische wie skythische Waffen. 



Die Umgeftaltung in der Bewaffnung bei den alten morgen- 
ländifchen Völkern ift in dem gefchichlichen Abfchnitt S. 28 bis 49 
entwickelt worden, und wie es fcheint, haben weit eher die Chaldäer 
und AlVyrer die Anfertigungsweife ihrer Waffen den älteren Ägyp- 
tern und felbft den Griechen mitgeteilt, als daß die Ägypter fie von 
jenen entlehnt hätten. 

Wir haben gefehen, daß Eifen fowohl als Bronze ohne Unterfchied 
fogar im hohen Altertum für die Anfertigung der Angriffs- und Schutz- 
waffen gebraucht wurden, daß alfo die Feftftellung eines wirklichen 
Zeitalters der Bronze und des Eifens unzuläffig ifl. Wenn dem- 
ungeachtet diefe Einteilung in dem Abfchnitt, der von den Waffen 
der nördlichen Völker handelt, beibehalten wurde, fo gefchah dies 
nur in der Befürchtung, daß eine der Sache mehr entfprechende 
Anordnung die einmal gewohnten Anfchauungen verwirren könnte. 

Der Verfaffer hat indes, indem er die üblichen Bezeichnungen 
beibehielt, feinen Vorbehalt gemacht und erklärt, wie jene Klaffi- 
fizierung zu verftehen fei. 

Aus Indien, Amerika, Ägypten, Affyrien und Perfien find wenige 
Waffen und Rüftungen im Original, ebenfo wenige Urkunden darüber 
bis auf uns gekommen; die Gefchichte der kriegerifchen Ausrüftung 
diefer Länder kann faft nur an ihren Denkmalen fludiert werden. 



144 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltem. 

Reicher find die Mufeen an griechifchen und römifchen Waffen, was 
erlaubt, die Umgeftaltung in der Bewaffnung auf dem klaffifchen 
Boden während einer Reihe von mehreren Jahrhunderten genauer zu 
verfolgen. 

Nach oder wohl vor den Rüftungen der Hindu und Ägypter 
kommen der Zeitfolge gemäß die amerikanifchen Waffen, weil alles 
dafür fpricht, daß die untergegangene Gefittung des alten Amerika 
fogar derjenigen eines großen Teils von Indien, ja felbft der Ägypter 
vorausging und daß fie ficher älter war als die Kultur der Länder, 
welche wir mit dem Namen der klaffifchen zu bezeichnen pflegen. 

Wenn Indien hier an die Spitze geftellt worden ift, fo hat damit 
nur der überall eingeführte Gebrauch gefchont werden follen. 

Die amerikanifchen Thongebilde (Terrakotten) aus den heroifchen 
Zeiten, zu welchen auch einige palankifche und mitlaifche Erzeug- 
niffe zu rechnen find, zeigen, felbft im Zuftande künftlerifchen Verfalls, 
in welch hohem Grade diefes Volk, deffen Schatten nicht einmal 
mehr auf den Blättern der Gefchichte an uns vorüberzieht, die Kunft 
zu pflegen verftand und die Reinheit der Linien, die künfüiche An- 
ordnungen der Verzierungen zu wahren wußte, wie folche an den 
ägyptifchen, affyrifchen und griechifchen Erzeugniffen fich wieder- 
finden. 

Der Louvre befitzt eine diefer alten Töpferarbeiten von jenfeits 
des Meeres, die in ihrer Zeichnung an die Verzierungen der etrurifchen 
Vafen und an die klaffifche Mythologie erinnert; es ift ein Herkules, 
der feinen Gegner zu Boden wirft Auch giebt es eine Anzahl ameri- 
kanifcher Terrakotten, deren Mäanderverzierungen (greques) gleich- 
falls aus früherer Zeit tagzeichnen als die entfprechenden in Griechen- 
land. Je weiter die Urfprungszeit zurückliegt, defto mehr nähern fie 
fich der Vollendung der griechifchen Kunft, fo daß die neueren ftets 
die weniger künftlerifchen find, eine Wahrnehmung, welche dazu be- 
rechtigt, auf das Vorhandenfein einer alten, im Verfall begriffenen 
Kunftübung zu fchließen, deren Blütezeit viele Jahrtaufend vor Chrifti 
Geburt hinaufreichen mag. Hat man nicht erft letztlich Baurefte von 
Städten in Amerika entdeckt, die über zehntaufend Jahre v. Chr. 
hinausreichen, alfo felbft älter wie die älteften chinefifchen find? 



Waffen der Hindu. 



145 



Waffen der Hindu. 

(S. 33 über die altindifche Bewaffnung.) 

Aus den alten Kulturländern Oflindiens, deren Gefchichte (?) bis 
nahe an das dritte Jahrtaufend vor Chrifti Geburt hinaufreicht, ift 
bisher noch keine Spur von den damaligen Waffen aufgefunden 
worden. Die wenigen hier unten abgebildeten altzeitigen Figuren 
zeigen, daß bei den Hindu die Befchaffenheit der Angriffswafifen fafl 
nicht gewechfelt hat, und daß nur der Helm einer gründlichen Um- 
änderung, die vom 14. bis zum 15. Jahrhundert unferer Zeitrechnung 
ftattgefunden hat, unterzogen wurde, wie der Lefer aus dem von den 
abendländifchen Waffen des chriftlichen Mittelalters handelnden Ab- 
fchnitt erfehen wird. Die Kernwaffen der alten Inder waren der 
Bogen (dhanus im Sanskrit), die Wurfkeule und die Wurffcheibe. 
Erfterer zeigt fich fo vorherrfchend, daß nach ihm die ganze Kriegs- 
kunft als «dhanusveda» — Bogenkunde, bezeichnet wurde. Auch 
der Streitwagen fpielte hier feine bedeutende Rolle-, er foll immer mit 
6 Kriegern: 2 Schwergerüfteten, 2 Bognern und 2 Roßlenkern mit 
Wurffpeeren, befetzt gewefen fein. Dies alles kennt man aber nur 
aus Texten; Denkmale mit Abbildungen davon find unbekannt. Außer 
den Streitwagen hatten fpäter die Inder noch bewehrte Elefanten 
zum Angriff der feindlichen gefchloffenen Heereskörper. Diefe, auch 
von den Griechen feit dem indifchen Feldzuge Alexanders im make- 
donifchen Heere eingeführten Riefentiere wurden fpäter von den 
Arabern, feitdem Indien in den Kreis der mohammedanifchen Herr- 
fchaft gezogen war, (1000 n. Chr.) im Kriege benutzt. — Aus vor- 
chriftlicher Zeit ift, felbft in Abbildung, gar nichts Indifches vorhanden, 
was über den hier behandelten Gegenftand Auffchluß geben könnte. 



A. Indifche Krieger aus dem 
1. Jahrh. chriftlicher Zeitrechnung. 
Die Schutzrüftungen beliehen aus 
kurzärmlichen Schuppen - Panzer- 
hemden und die Angriffs- oder 
Trutzwaffen aus keulenartigen 
Speeren und geraden, breiten, fehr 
kurzen Schwertern. Helme find 
nicht vorhanden. 




Dem min, Waffenkunde. 3. Aufl. 



146 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltera. 




Arabifcher Krieger des Altertums, nach 
Layards Ninive und Babylon. 

Die Bewaffnung befteht hier noch allein aus 
einer Helmkappe, einem Leder wams und aus 
Pfeil und Bogen mit Pfeilköcher, an deffen unterem 
Ende jedoch auch noch der Kopf eines Streit- 
kolbens hervorzuragen fcheint. 



Münze des Indo- und fkythifchen Königs Vasa 
Deva vom 2. oder 3. Jahrh. n. Chr. Die Rüftung 
befteht hier in Kettenpanzerhemd, langem geraden 
Schwerte und der Lanze. Ob die Kopfbedeckung 
der Helm war, ift nicht feftzuftellen. 




Indoskythen vom 13. Jahr- 
hundert n. Chr. Da diefelben 
nach einer Mofaikarbeit diefer 
Zeit zu St. Markus in Ve- 
nedig kopiert find, fo ift die 
Sicherheit diefer Tracht und 
Bewaffnung nicht feftzuftellen. 



Waffen- der Hindu und Araber. 



147 




B. Arabifche Schleudermafchine 
aus der zweiten Hälfte des I3.jahrh. 
— Nach Egertons Handbook of 
indian arms. 




C. Do. Do. 




D. Arabifches Feuergefchoß aus 
der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. 
_£> — Nach Egertons Handbook of 
indian arms. (S. die Abbildungen 
-£> anderer derartiger arabifcher Feuer- 
gefchoffe vor den Pulverfeuerwaffen, 
fovvie S. 119. 




E. Altindifche Waffen 
nach Abbildungen auf den Topes 
von Sanchi (50 — 100 n. Chr.) 
und Udayagiri (400 n. Chr.). 
Die Mehrzahl diefer Waffen hat 
Verwandtfchaft mit den ägyp- 
tischen. 



14$ 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




Spanifcher Araber oder Maure, deffen 
Bewaffnung noch allein in der doppelten 
Ledertartfche (wie das im Artillerie-Mufeum 
zu Paris befindliche Exemplar vom 15. Jahrh.) 
und dem feymitar förmigen aber doch 
geradelaufenden einfchneidigen Schwert 
befteht. — Nach Jones and Gury Alhambra. 




Polygarifche (Südindiiche) 
Rüftung, welche perfifchen Ein- 
fluß erkennen läßt. Außer dem 
Mafchen- Panzerhemde mit langen 
Ärmeln beliehen die Schutzwaffen- 
ftücke noch in Armfchienen, Bruli- 
platte und Glockenhelm mit daran- 
hängendem ringhaubenartigen Kopf- 
und Nackenfchutz, welcher nur einen 
Teil des Gerichtes unbedeckt läßt. 
Speer und Säbel eine Art Sey- 
mitar mit kantigem breiten Ort 
find die Angriffswaffen. 



Waffen der Hindu. 



149 





1. Hindu -Krieger, nach den Granit- 
Denkfteinen v. Benjanuggur, von denen 
das Kenfington -Mufeum phot. Abbild, 
befitzt. Diefe Denkmale flammen wahr- 
fcheinlich aus einer unferem Mittelalter 
entfprechenden Zeit. 1 ) 

2. Hindu -Streitaxt, nach einer indi- 
fchen Bildnerei der Stadt Saitron in 
Rujpootana (von ums Jahr 1 100 unferer 
Zeitrechnung). — Kenfington - Mufeum 
zu London. 

3. Hindu -Säbel, nach einer Flach- 
bildnerei von Benjanuggur und von dem 
Denkmale von HulToman. 

4. Javanefifches Schwert, nach der 
Kriegsgöttin im Berliner Mufeum. 



5. Indifches Doppel-Speer-Eilen vom 
6. Jahrhundert. — Artillerie -Mufeum 
zu Paris. 



6. Indifcher Stahl- 
helm von Bhotan — 
Indifches Mufeum zu 
London. 




J ) Wie man bemerken wird, befindet (ich das Schwert, wie bei den fpäteren 
Griechen und den früheren Römern, an der rechten Seite, wohingegen die Affyrer, 
die alten Griechen und die modernen Völker dasfelbe an der linken trugen. 

Die nach einer Photographie ausgeführte Zeichnung ift von der Gegenfeite 
genommen, fo dafs die Kämpfenden unrichtigerweife die Angriffswaffe mit der linken 
Hand führen. 



i5o 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




"«r"" 



7. Khamiti-Helm 
aus der Provinz As- 
samdes Indifch-Brit- 
tifchen Reiches. — 
Indifches Mufeum zu 
London. 




8. Indifcher Ei- 
fenhut von Lahore, 
welcher wohl perfi- 
fchen Urfprungs fein 
mag. Neuzeitiges 
Erzeugnis. — Indi- 
fches Mufeum zu 
London. 



Nachfolgende Rüftftücke aus der Regierungszeit Akbars, des 
Großmoguls und Kaifers von Hindoftan von 1526 ab, find nach der 
Handfchrift: «Ain-i-Akbard» ebenfo wie die indifchen Benennungen 
kopiert. 




4. G'HÜG IiWAII. 



5. U DA NAH. 



7. kant'hah SOBHA. 



6. ru.vKi. 



3 



8. ANOlKK'llAir. 



15. TARKAMI. 




17. KAMAN. 



I I. QASHQAH. 



Waffen der Hindu. 



151 



dPÜ 



^ 



12. 13. 14. BHELHETAH 21. 

TSCHEHOUTA. BARCH AH. KATARAll. 




18. 







26. JAMDHAR 27. JAMDHAR. 32. JAMDHAR 

DOÜLICANEH. SEHLICANEH. 



1 c 2 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 






25. GUrTI KARO. 



2». KHAPWAH. 29. JIIANBWAH. 




Ö 




30. NARSING MOTH. 31. HANK. 



23. CHAQU. 



24. II. All.. 



<t>= 




22. TARANGALAH. 



0= 




33. ZAGHNOL. 



<0= 




34. TABAR-ZAOHNOI 




35. SHVSHBUR. 



Waffen der Hindu. 



153 



die 



I Hefe Waffen giebt die Handfchrift koloriert. 
Verdeutfchung der indifchen Bezeichnungen. 



Hier nachfolgend 



Schild. 

do. 
Pferdepanzer. 
Kettenhemd. 



6. Rohrfchild. 

7. Kehl- oder Xackenfchutz. 

8. Waffenrock. 

9. do. mit Nacken fchutz. 

10. Kettenpanzerhemd. 

1 1. Roßftirne. 
Speer. 
W'urffpeer. 
Speer. 
Pfeilköcher. 
Gerader Bogen. 
Gekrümmter Bogen. 
Seymitar. 



1 2 
13 

'S 
16 

17 

IS 




19. Schwert. 

20. do. 

21. Dolch. 

22. Streitaxt. 

23. KlappStreitmeffer. 

24. Flegel. 

25. Dolchmeffer. 

26. Zungendolch (Khuttar). 

27. Dolchmeffer (perfifche Form). 

28. do. do. 

29. ' do. (Vishnu.) perf. Form. 

30. do. 

3 1 . do. (perfifche Form). 

32. Dreizungendolch (Khattar). 

33. Spitzaxt. 

34. Doppelaxt. 

35. Kugelkolben. 



Sivaji (v. 17. Jahrh.) 
auf dem Marfch. — 
Nach einer Handfchrift- 
Buchmalerei in der Na- 
tionalbibliothek zu Paris. 
Befonders bemerkens- 
wert find hier die klei- 
nen Rundfchilde mit 
einem Handfaß , der 
Schwertgriff Sivajis, 
deffen nur aus Schnur 
beftehende Steigbügel 
und rundes behängtes 
Feldzeichen. 

(S. die fchon mehr 
neuperfifche Rüftung 
Djahiv - el-chin-kohemed 
v. 16. Jahrhundert). 



] ca Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

Siehe weiteres über die gegenwärtigen Waffen der verfchie- 
denen Provinzen des Britifch-Indifchen Reiches im Sonderabfchnitte 
der Helme, der Handfeuergewehre und der verfchiedenen Jagd- 
und Kriegsgeräte. 



Amerikanische Waffen. 

In dem gefchichtlichen Abfchnitt ift bereits bemerkt worden, 
daß die Völker Amerikas fich erst spät der Bronze und niemals des 
Eifens zur Anfertigung ihrer Angriffswaffen bedient und die europäischen 
Eroberer bei ihrer Ankunft die Herrfchaft des reinen Steines für 
alles, was fchneidende Waffe war, dort vorgefunden haben. Schutz- 
waffen wurden aus Bronze, Gold, Perlmutter, Hörn, Holz und Tier- 
haut dargeftellt; es find Spuren verfchiedener Waffen aufgefunden 
worden, deren Urfprung fich ins höchfte Altertum verliert. Dazu 
gehört der weiter hin abgebildete, einer Flachbildnerei aus Stuck 
in den Baureften von der Stadt Palanke 1 ) entnommene Helm. 
Palanke, von 30 Kilometer Umfang, liegt in dem Staate Chiapa im 
füdlichen Teile von Mexiko. Hier ift auch die Wiege der früheften, 
jetzt verfchwundenen amerikanifchen Gefittung zu fuchen, die, wenn 
nicht noch älter, doch wahrfcheinlich der Kulturepoche der Hindu, 
wenn nicht der Ägypter felbft, gleichzeitig war. Der Helm auf dem Bas- 
relief von Xochicalco ift jünger, gehört aber immerhin einem achtung- 
gebietenden Altertume an, nämlich einer Zeit, zu der das Pferd, 
welches erft fpäter durch Seefahrer eingeführt \vurde, noch un- 
bekannt war. Da die amerikanifchen Waffen aus der Periode, welche 
dem chriftlichen Mittelalter entfpricht, unbedeutend und wenig zahl- 
reich find, fo konnten fie füglich an das Ende des die geglätteten 
Steinwaffen behandelnden Abfchnittes geftellt werden, aber nicht 
dahin, wo die Waffen aus einem früheren Zeiträume als die der 
merowingifchen behandelt find. Diefe amerikanifchen Waffen der 
Steinzeit beftehen gewöhnlich aus Holz, mit Schneiden von Obfidian. 
Die alten Azteken hatten auch Atlatl genannte Wurfbretter zum 
Schleudern der Wurffpeere. 



') Palanke, oder beffer Culhuacan, oder Huchuctlapatl'an ift erfl im Jahre 1787 
durch Antonio del Rio und Jof£ Alonzo Calderon entdeckt worden. 



Amerikanifche Waffen. 



155 




1. Amerikanifcher Helm, nach einer 
Flachbildnerei von Palanke. Die in dem 
Werke von Waldeck erwähnte Figur diefes 
Basreliefs ift fitzend, das linke Bein unter 
den Körper gefchoben, dargeftellt, wie man 
den Gott Buddha oder den Fo der Chi- 
nefen oftmals abgebildet findet. 




2. Mexikanifcher Helm, nach einer 
Flachbildnerei aus hohem Altertum zu 
Xochicalco, Provinz Cuernaraca in Mexiko. 




3. Zwei mexikanische Helme, nach 
einer im Befitz des verdorbenen v. Wal- 
deck befindlichen mexikanischen Handfchrift, 
welche aus dem Anfange des 1 5 . Jahrhun- 
derts unferer Zeitrechnung herrührt und die 
Eroberung Ascapufalas befchreibt. 




4. Mexikanifcher Helm aus maffi- 
vem Golde, mit Federn verziert, aus dem 
15. Jahrhundert. Er machte einen Teil 
der königlichen Rüftung aus, die in Mexiko 
durch Feuersbrunft zerftört worden ift. 




5. Mexikanifcher Helm aus Leder, Holz, 
Leopardenfell und Federn , vom 1 5 . Jahr- 
hundert. Handfchrift. 






j c6 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

£ 6. Mexikanifcher Helm aus Holz und 

Federn, vom 15. Jahrhundert. Handfchrift. 



7. Mexikanifcher Panzer aus Schuppen 
von Perlmutter (Jazeran oder Korazin), 
vom 15. Jahrhundert. Diefe fchöne Schutz- 
waffe war ein Teil jener königlichen Rüftung, 
deren auf der vorigen Seite abgebildeter 
Helm aus maffivem Golde beftand; fie ift 
ebenfalls bei der Feuersbrunft zerftört 
worden. 






8. Mexikanifcher Rundfahnenfchild, von 
60 cm im Durchmeffer, aus Gold und Silber 
und an feinem unteren Teile mit Federn 
verziert. 1 ) Er gehörte zu derfelben könig- 
lichen Rüftung des 15. Jahrhunderts, die in 
Mexiko zerftört wurde. Was die hiero- 
glyphifchen Verzierungen bedeuteten, hat 
noch nicht entziffert werden können. 




9. Mexikanifcher Rundfahnenfchild, von 
60 cm im Durchmeffer, ganz aus Leder 
und mit einer Hieroglyphe geziert, durch 
welche bei den alten Mexikanern die Ziffer 
100 bezeichnet wurde. Hier bedeutet fie 
alfo wohl, daß der Schild einem Centurio 
oder einem 100 Mann befehligenden Haupt- 
mann angehört hat. 



') Diefe fahnenartige Austattung findet man auch an altgriechifchen Schildern. 
(S. weiter hin die Abbildungen davon, sowie ferner im Abfchnitt der Fahnen.) 



Amerikanifche Waffen. 



157 




10. Mexikanisches Feldzeichen, Standarte 
von Gold, aus dem 15. Jahrhundert, 30 cm 
lang, mit einer Heufchrecke (chapouline) auf 
der Spitze. 

1 1 . Mexikanifches Feldzeichen aus dem 
1 5 . Jahrhundert, von Gold, mit einem Adler- 
kopfe in natürlicher Größe an der Spitze. 

Im naturgefchichtlichen Mufeum zu Wien 
befindet fich das durch Cortez erbeutete Feld- 
zeichen von Federn des mexikanifchen Königs 
Montezuma. (S. im Abfchnitt «Die Fahne».) 
(S. Nr. 10 im Abfchnitt Steigbügel, den 
mexikanifchen vom 16. Jahrhundert.) 

Bezüglich einiger Angriffswaffen aus Holz 
und aus Obfidian ift das Ende des die geglät- 
teten Steinwaffen behandelnden Abfchnittes 
(S. 142) nachzufeilen. 




i2. Amerikanifche Bronze-Streitaxt vom 15. Jahrhundert. 
Nach Giliss Expedition. 




13. Do. 




14. Do. 




15. Inka - Holzhelm und Inka -Streit- 
kolben von 1526 nach Xerez. 



I r S Antike Wallen aus den fogenannten Bronze- und Eifon-Zeitaltern. 

Assyrifche und persifche, mongolifche, chinesifche und 
japanifche Waffen. 

Die Gefchichte der Bewaffnung der Babylonier und Affyrer, 
Meder und Perfer ift S. 28 — 33 im Abriß gegeben. Es ist da gezeigt 
worden, wie das Eifen fowohl als die Bronze in diefen Gegenden fchon 
im 10. Jahrhundert v. Chr. verwendet wurden, wie es die Eifenbarren 
und einige andere aus Eifen gemachte Geräte, die im Louvre 
aufbewahrt werden, nebft dem Bruchftück des Mafchenpanzerhemdes 
aus Stahl im Britifchen Mufeum beweifen. Obfchon die Gefchichte 
Ägyptens viel weiter hinaufreicht, wie die Babyloniens, fo ift doch 
hinfichtlich der ägyptifchen Bewaffnung meift nur aus fpäterer Zeit 
und fehr .wenig Stoff vorhanden, weshalb hier den affyrifchen und 
altperfifchen Waffen der Vorrang gegeben worden ift. Was Perfien 
anbelangt, fo werden noch immer, genau nach altzeitigen Muftern, 
befonders die reich taufchierten Rüftftücke des neueren Zeitabfchnittes 1 ) 
der Dynaftie der Sophis (1501 — 1730), wie Helme, Armzeuge und 
Schilde, aber nicht zum Gebrauche, fondern nur zur Ausfuhr, für 
Altertumshändler, in Perfien fehr kunftgerecht angefertigt und im 
Handel für altzeitig ausgegeben. 

Die mongolifche Bewaffnung zeigt in allen Teilen eine 
Verwandtfchaft oder Nachahmung der mittelalterlich - perfifchen, 
obfchon feit der Eroberung Perfiens durch die Araber (651) 
unter mohammedanifchen und mongolifchen Herrfchern auch der 
mufelmännifche Einfluß, aber fehr unbedeutend nur, fich kennbar 
macht. Was die chinefifchen und japanifchen Waffen betrifft, fo 
find diefelben, wie faft alles in China und Japan, unveränderlich, 
viele Jahrhunderte hindurch, bis heute, abgefehen von der Hand- 
feuerwaffe, in Form und Anwendung geblieben. Hinfichtlich der An- 
griffswaffen diefer beiden Länder ift der Lefer auf die verfchiedenen 
Sonderabfchnitte derfelben verwiefen. Das chinefifche Heerwefen der 
Neuzeit tagzeichnet übrigens erft von der 1647 ftattgefundenen 
Eroberung des Reiches durch die Mandfchu. 

Auch von der Bewaffnung der älteften Bewohner Arabiens 
(v. d. Perfern Arabiftan genannt), d. h. der füdweftlichften großen 
Halbinfel Afiens, die fich Söhne Sems nannten, ift faft gar nichts 
bekannt, wenig auch nur von Waffen der alten Mauren der Barbarei. 
Die Araber, welche von 710 n. Chr. Spanien eroberten und teilweife 



*) S. Nr. 16 im Abfchnitt der Helme und auch hier in diefem Kapitel 



Affyrifche und perfifche, mongolifche, chinefifche und japanifche Watten. j rg 



aus Mauren beftanden, haben auch aus den erften Zeiten der dor- 
tigen Überflutung wenig Anhaltspunkte hinfichtlich ihrer Ausrüftung 
hinterlaffen. Später hatten fie viel den Abendländern in Schutz- 
und Trutzwaffen entlehnt, ebenfo wie deren ritterlichen Gebräuche, 
fo daß auch hier nichts Beftimmtes feftzuftellen ift. 

Affyrifche Flachbild- 
nerei; mit Speeren ver- 
fehene Reiter auf der 
Jagd. Die ftatt des Sat- 
tels vorhandene Decke 
— wenn nicht Reitkiffen 
ist vermitteln eines Bruft- 
riemens gehalten. Die 
Zäume haben Stirn- 
rieme und Trenfenge- 
biffe. Einer der Reiter 
trägt außer dem Speer 
einen länglichen Schild, auch eine Art Helm, wohingegen der 
andere als Schutzwaffen nur Beinfchienen aufweift. (7. Jhrh. v. Chr.:) 





Affyrifcher Streitwagen. Pferde mit Panzerdecken; Krieger in 
vollftändiger Kettenrüftung mit Schwert, Schild, Pfeil und Bogen. 
Ein metallener Köcher mit Streitaxt hängt am Wagenkaften. — 
Flachbildnerei von Nimrud bei Ninive. — (10. Jahrhundert v. Chr.?) 



i6o 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




Alabafter-Flach- 
bildnerei (nach 
Monuments de 
Ninive, decouverts 
et decrits par P. 
E. Botta, mesurcs 
et dessines par M. 
E. Flandin, ouvra- 
ge publie par ordre 
du gouvernement, 
Paris 1 849/50, 5 B. 

in Folio) aus dem Palafte Khorfabads (Bärenftadt), auch Khurufta- 
bad (Schakalftadt) genannt, welcher 711 v. Chr. vom König Sargon 
gegründet worden ift, um den damals in Trümmern liegenden Palaft 
Ninives zu erfetzen. 

Die Schutzvvaffen beftehen aus Kegel- und Glocken -Helmen, 
Schuppenpanzern mit Achfelfchutz und aus Beinfchienen. Der 
Reiter hat außerdem noch gefchuppte Rüfthofen und Ober- 
armfchutze, einer der Krieger auch den Rundfchild. Angriffs- 
waffen bilden der Speer, der Bogen und die Kriegsgeißel mit 
Kugel am Riemenende. Von rechts getragenen Schwertern 

fehen auch bei allen die 
Scheidenfpitzen her- 
vor Der Reiter, deiTen 
Pferd eine Schutzdecke 
-1 trägt, hat noch außer 
dem Pfeil- den Bo- 
genköcher, sowie 
einen Speer. 

Affyrifche Mauer- 
fchläger (lat. t e r e b r a) 
mit Schutz wänden (lat. 
plutoi) in Schildkrö- 
tenart (testudo ari- 
taria, auch Musculi). 
Angreifer wie Vertei- 
diger kämpfen mit Pfeil 
und Bogen und find 




Affyrifche und pcrfifche, mongolifchc, chinefifche und japanifche Waffen. x (5 1 





die erfteren auch mit Spitzhelmen und viereckigen Schilden verfehen. 
— Flachbildnerei im Britifchen Mufeum (7. Jahrh. v. Chr.?). 



1 . Affyrifch-babyloni- 
fcher Bogenfchütze, im 
Waffenrock, mit Bein- 
schienen und der Stirn- 
binde an Stelle des Helms. 
Flachbildnerei aus dem 
7. Jahrhundert v. Chr. — 
Louvre. 

2. Krieger des affy- 
rifchen Fußvolkes, be- 
waffnet mit dem Panzer- 
hemd, dem Helm mit 

Helmfchmuck, einem Rundfchilde und dem 
Speer. Auch die Beinfchienen fehlen nicht. 
Flachbildnerei aus der Regierungszeit Sardana- 
pals VI. oder Affurbanipals (668 — 626 v. Chr.). 



3. Affyrifcher Krieger, ohne Beinfchienen, 
Wild bekämpfend. — Flachbildnerei von 
Khorfabad, aus der Regierungszeit des Sargon. 
(8. Jahrhundert v. Chr.) Britifches Mufeum. 



4. Krieger des affyrifchen Heeres aus der 
Zeit des Sanherib (705 — 681 v. Chr.). Nach 
einer Flachbildnerei im Britifchen Mufeum. 
Die Form des konifchen Helmes nähert fich 
derjenigen des famnitifchen (flehe der Abfchnitt 
über die römifchen und famnitifchen Waffen), 
das Panzerhemd und die Rüftthofen fcheinen 
aus Mafchen zu beftehen, der Schild ift rund 
auch ftark gewölbt und fo hoch, daß er als 
Stütze dienen kann. 
3- Aufl- 11 




Waffenkunde 



IÖ2 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltem. 




4 a. Affyrifche Bogenfchützen mit fpitzen 
Helmen und armlofen Waffenröcken, deren 
Rücken- und Bruftteile gepanzert find. Ein 
nur teilweife fichtbarer Bogen fcheint die 
griechifche sinuosus- oder sinuatus- 
Form zu haben. Der hintere Krieger er- 
hebt zum Schutze den runden nur mit einer 
Handhabe verfehenen Schild. — Flachbild- 
nerei von Ninive, diefer, den Büchern Mofes 
nach, von Aflur, Sems Sohn 1268 v. Chr., 
nach Diodorus (1 Jhrh. v. Chr.) aber von Ninus 
(2000 v. Chr.) gegründeten Hauptftadt 
AlTyriens. 




5. Altperfifcher Bogenfchütze, nach einer 
Flachbildnerei von Perfepolis, der Hauptftadt von 
Perfis (Fürs) und der ganzen perfifchen Monarchie 
(feit 515 v. Chr.). Das lange Panzerhemd, wahr- 
fcheinlich aus Büffelhaut, fallt bis zum Knöchel 
herab. Die Kopfbedeckung in Tiara-Form hat mit 
einem Helme nichts gemein, fcheint jeooch eine 
Arbeit aus Metall zu fein. Der Bogenfchütze trägt 
das Schwert an der linken Seite, während rechts 
oft ein breites Dolchmeffer hängt. 




6. Altperfifcher Krieger, nach einer Flach- 
bildnerei von" Perfepolis, deffen Abguß fich im Bri- 
tifchen Mufeum befindet. Der Schild, von Stütz- 
höhe, ift ftark gewölbt oder halbkreisrund, der Helm, 
mit Sturmbändern und Nackenfchutz aus einem Stück, 
weicht durchaus von den auf fonftigen Flachbild- 
nereien befindlichen affyrifchen Helmen ab. 



Affyrifche und perfifche, mongolifche, chinefifche und japanifche Waffen. j(5"j 




6 a. Affyrifcher Helm. Nach einer Flachbildnerei von 
Babilon. — Britifches Mufeum. 



6 b. Affyrifcher Bronzehelm eines Fußvolksführers. 
— Privat-Befitz. 




7. Babylonifche Hammer-Streitaxt aus 
Bronze, 19 cm lang, in Babylon gefunden 
— Britifches Mufeum. 

8. Affyrifche Doppel -Streitaxt, wahr- 
fcheinlich aus Eifen, nach einer Flachbild- 
nerei (Kujjundfchik-Ninive). 

9. Affyrifche einfache Streitaxt, wahr- 
fcheinlich aus Eifen, nach einer Flachbild- 
nerei (Kujjundfchik-Ninive). 

10. Aflyrifche einfache Streitaxt, mit 
der auch die Köcher der auf Wagen käm- 
pfenden Krieger verfehen waren. Nach 
einem Flachbildnerei-Abguß im Louvre. 




1 1 . Babylonifcher Dolch aus Bronze. — 
Britifches Mufeum. 

1 2. Affyrifcher Dolch aus Bronze. — Louvre 
und Berliner Mufeum. 

1 3. Affyrifcher Dolch mit Hippopotamos- 
kopf, wahrfcheinlich aus Bronze, nach der 
Flachbildnerei zu Nimrud, aus dem 10. Jahrh. 
v. Chr. Louvre-Mufeum. 

14. Affyrifcher Dolch aus Bronze. Berliner 
Mufeum. 



% 



I (5 < Antike Waffen aus den foge nannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

15. Affyrifches Schwert aus Bronze, nach 
der Flachbildnerei von Khorfabad, aus der 
Regierungszeit des Königs Sargon (722 bis 
705 v. Chr.). 

16. Affyrifches Schwert. Flachbildnerei 
aus der Regierungszeit Sardanapals III., Affur- 
nazirpals, ca. 860. Palaft zu Ninive. — Im 
Berliner Mufeum und im Louvre. 

17 und 18. Perfifches (?) Schwert mit 
feiner Scheide, nach einer antiken Gruppe: 
Mithra einen Stier opfernd 1 ). (S. Rom: von 
De la Chauffee.) 

1 9. Perfifches 
$1 5 ° J* Schwert. — Abguß 
\) einer Flachbildnerei 

aus Perfepolis. Im 
l) Britifchen Mufeum 
und im Louvre. 

20. Affyrifche 
Speerklinge. — Flach- 
bildnerei des Palastes 
zu Ninive; 7. Jahrh. 
v. Chr., aus der Re- 
gierungszeit Sardana- 
pals VI. — Im Briti- 
fchen Museum und 
im Louvre. 

21. Affyrifcher Speer. Der Schaft 
hat Mannslänge und ein Gegengewicht 
am Ende. — Flachbildnerei. 

22. Affyrifche Harpe (Sichelmesser). 
Flachbildnerei. Eine ähnliche Waffe aus Eifen ift zu Päftum in Luca- 
nien gefunden worden und wird im Artilleriemufeum zu Paris auf- 
bewahrt. (S. auch die römifchen Waffen u. d. ägyptifchen Skiop.) 

23. Medischer Bogen. — Flachbildnerei. 

24. Medischer Köchermit daran befeftigtem Fangfeil.— Flachbildnerei. 




UR7 



1) Mithra, ckr Sohn des Berges Ulbordi : nach der perfifchen Mythologie des 
Zend-Avefta, aus deffen Überreden man die Lehren Zoroafters entnehmen kann. Die 
Zeitbcftimmungen für die Lebzeit diefes Mannes, Schöpfers des Magierkultus, oder 






Affyrische und perfifche, mongolifche, chinefifche und japanische Waffen. 165 




IS 






25. Affyrifcher Helm aus Bronze, dessen 
Echtheit beglaubigt ift. — Britisches Mufeum. 
Die konifche Form diefes Helms findet fich bei 
den Kelten und Galliern, fowie im chriftlichen 
Mittelalter wieder, befonders hei den Normannen. 
Vergl. auch im Abfchnitt über die römifchen 
Waffen den famnitischen Helm. 

26. Affyrifcher Helm aus Eifen, aus Kuj- 
jundfchik flammend. Diefes für die Gefchichte 
der Waffen fehr wertvolle Stück beweift den 
Gebrauch des Eifens zu einer Zeit, welche die 
Bronzeperiode der Alten genannt wird. — Briti- 
shes Museum. Ein ganz ähnlicher Helm, jedoch 
aus Bronze und den Germanen zugefchrieben, 
findet fich in der Klemmfchen Sammlung zu 
Dresden. 

27. Affyrifcher Reiterhelm, wahrfcheinlich 
aus Bronze, nach einer Flachbildnerei des Palaftes 
Sardanapals II. (affur-ban-kabal), aus dem 7. Jahrh. 
v. Chr. — Louvre-Mufeum- — Diefer Helm ift 
intereflant wegen feiner Sturmbänder. 

28. Helm eines Kriegers des affyrifchen 
Fußvolkes, wahrfcheinlich aus Bronze, nach einer 
Flachbildnerei vom Palaft Sardanapals VI. zu 
Ninive. (7. Jahrhundert v. Chr.) — Louvre- 

Mufeum. 

g9 29. Stirnbinde ohne Boden 

und mit Sturmbändern oder 
Ohrklappen, wahrfcheinlich 
aus Metall, wenn nicht aus 
Leder und mit Metall be- 
fetzt. Diefer Kopffchutz der affyrifchen Bogen- 
fchützen deckte nur den Mittelteil des Kopfes 




vielmehr des Parfentums, fchwanken zwischen dem 2. und dem 7. Jahrh. v. Chr. 
Der Mithra, nach welchem diefe Waffen kopiert find, gehört fchwerlich einer Zeit an, 
in der die alten Parfen fich noch der Zendfprache bedienten. Im Mufeum zu Wies- 
baden befindet fich eine grosse in der Nähe der Stadt ausgegrabene Mithragruppe 
der Römer (4. Jahrhundert n. Chr.?). Die Gruppe, welcher obiges Schwert ganz 
römischer Form entnommen ist, wird wohl auch römische Anfertigung sein. 



i66 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




und erinnert an die des fränkifchen Kriegers. — 
Flachbildnerei im Britifchen, im Louvre- und im 
Berliner Museum. 

30. Kegelförmiger Helm ohne Sturmbänder, 
wahrfcheinlich aus Bronze, den die Bogenfchützen 
und auch wohl die Reiter trugen. Nach einer 
Flachbildnerei des 10. Jahrhunderts v. Chr. — 
Louvre-Mufeum. 




31. Zwei affyrifche Helme, wahrschein- 
lich aus Bronze, nach Flachbildnerei. Die 
erfte Form, mit Helmfchmuck in zwei 
Spitzen, ift von den Griechen nachgeahmt 
worden und fcheint aus der alten ameri- 
kanifchen Kulturepoche herzuftammen. 

32. Kamm eines affyrifchen Helmes 
jjjjhv aus Bronze. - Britifches Mufeum. 



32 a. Affyrifcher lederner Kegelhelm 
mit Metallftreifen-Verftärkung und beweg- 
lichen Sturmbändern oder Ohrenfchutz. — 
Nach Bonomis Ninive. 



33. Perfifcher Helm nach einer Gruppe, 
die Mithras, einen Stier opfernd, dar- 
ftellt. (S. o. S. 31 und 164.) Aber wohl 
römifch. 



34. Helm oder kriegerifche Kopf- 
bedeckung (Tiara?) eines perfifchen Anführers, 
nach einer Flachbildnerei im Britifchen 
Mufeum. Diefer Kopffchutz, welcher gleich- 
falls aus Metall zu fein fcheint, wurde auch 
im Kriege getragen. 



Affyrifche und perfifche, mongolifche, chinefische und japanische Waffen. \(jr 





35. Hohe Tiara-förmige Faltenmütze 
in Federbildung eines perfifchen Bogen- 
fchützen, nach einer Flachbildnerei zu Perfe- 
polis (ca. 500 v. Chr.). Abguß davon im 
Britifchen Mufeum. Die Bemerkung zu der 
vorhergehenden Nr. gilt auch für diefe. 

36. Perfifcher Helm mit Schienen, 
wahrscheinlich aus Bronze, nach einer perfi- 
fchen Flachbildnerei (Abguß im Britifchen 
Mufeum). Diefe Waffe ift infofern intereffant, 
als fie fchon die Idee des Schienenhelmes,, 
wie man ihn im 16. Jahrhundert antrifft, 
hervortreten läßt. 

37. Perfifcher Helm mit breiten Sturm- 
bändern nnd Nackenfchutz, nach einer Flach- 
bildnerei, wovon Abgülie im Louvre und 
im Britifchen Mufeum. (Auch für diefe Nr. 
gilt die Bemerkung zu den vorigen.) 





38. Perfifcher Helm aus der Regie- 
rungszeit der Saffaniden (226 — 651 n. Chr.). 
Eine im Britifchen Mufeum befindliche 
Bronzewaffe. 

39. Babylonifcher 
gewölbter Rund- 
fchild in Stützhöhe. 
Britifch. Mufeum. 

40. Affyrifcher Schild. Flachbildnerei. 



41. Perfifcher Schild (in einer dem 

römifchen ancile ähnlichen Form mit Vifier. 

Flachbildnerei. 

J 42. Perfifcher Schild, nach dem pom- 

, pejanifchen Mofaik, welches die Schlacht 

I zwifchen Darius und Alexander darftellt. — 

Mufeum zu Neapel. 



i68 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifenzeitaltem. 



43 



^ 



i 



*+. 




£z=f 




43. Affyrifcher Setzfchild. Flachbikl- 
nerei aus dem 7. Jahrh. v. Chr., der Regie- 
rungszeit Sardanapals VI. — Louvre. 

44. Affyrifcher Setzfchild, in Stütz- 
höhe nach einer Flachbildnerei, welche die 
Belagerung einer Stadt durch Affurnazirpal 

ca. 860) darftellt. — Britifches Mufeum. 
Eine andere Flachbildnerei zeigt ein manns- 
hohes oben abgerundetes Setzfchild, welches 
ein Krieger zur Deckung des neben ihm 
fchießenden Bogners aufrecht hält. 

Perfifcher Reiter in 
Maschen- oder Ketten- 
Panzerhemd, mit Stech- 
helm , kleinem runden 
Schilde, Pfeil -Köcher und 
Speer. Die Rüftung des 
Pferdes befteht aus ver- 
einigtem Kopfftück, Brust- 
und Mähnenschutz. Ob- 
fchon dem 4. Jahrhundert 
n. Chr. angehörend, hat 
die ganze Ausrüftung et- 
was viel Neuzeitigeres. 
Nach einer Sapor II. (Saffa- 
nide — 309 — 379) bei Tag-Boftan (Albiftan?), in der 
Nähe des Berges Bifatun oder Behiftan bei Kir- 
manfehuhan (Medien) darftellenden Felfen-Sculptur. 
Diefe Bildnerei hat bereits einen gänzlich ab- 
weichenden Charakter von der Sapor I. in Seha- 
pour, bei Kazeroun, im 3. Jahrh. n. Chr. errichteten 
Flachbildnerei. (Nach »Ker Porter, Travels in 
Georgia, Perfia, Armenien«. T. II. PI. 62.) 

Altperfifcher Krieger, wahrfcheinlich 
von der Leibgarde, den Doryp hören, deren 
Tracht die der perfifchen Könige ähnliche war. 
Die Bewaffnung befteht aus Speer und krummen 
Bogen (der griechischen sinuofus- oder sinua- 
tus-Form) mit Pfeilköcher, von welchem ein Fang- 




Affyrifche und perfifche, mongolifche, chinefifche und japanifche Waffen. 169 



seil herabhängt. — Flachbildnerei vom Palaft zu Perfepolis, heut 
Tschehil oder Tschil-Minar, d. h. der vierzig Säulen, der von Ale- 
xander (330 v. Chr.) teilweife niedergebrannten Hauptftadt des alten 
Perfiens. Die Satrapae hatten diefelbe Tracht. 




Flachbildnerei von Nakefch-i-Ruftam bei Perfepolis, welches die 
Übergabe der K i d a r i s (Herrfchaftszeichen) durch Ardafchire d e n e r f t e n 
Saffaniden an Schapur I. (240 n. Chr.) darfteilt. Hinfichtlich der 
Schutz- und Trutzwaffen der Neu-Perfer find hier nur die Helmkappe 
mit Nackenfchutz und Sturmbänder und das gebogene Schwert hervor- 
zuheben, da die beiden Fürften und deren Pferde ohne Rüftung er- 
fcheinen. Intereffant find die Zäume, Bruft- und Schwanzriemen mit 
Rofetten der Buckeln. 

Neuperfifche 
Flachbildnerei, 
Reiter aus der 

Saffanidenzeit 
(226-652) dar- 
ftellend. Ganz 

eigentümlich 
ift hier der 
Helm mit den 
drei fruchtför- 
migen Spitzen, 
fowie das mit 




I 70 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

fünf derfelben Frucht behängte Feldzeichen. Ovaler Schild, 
Speere und Pfeil koch er machen die zu erkennende fonftige Be- 
waffnung aus, da von den Leibrüftungen (?) nur Oberarmringe hervor- 
treten. Weder Sattel, Steigbügel noch Sporen. 




Getriebene Silberarbeit (Monumenti inediti d'all inftituto di corref- 
pondenza) , welche einen König der Neu-Perferzeit, wahrfchein- 
lich einen Saffaniden (226 — 652 n. Chr.) vorteilt. Höchft inter- 
effant ift die Form des Bogens mit den beidendigen großen Krümm- 
ungen und der ungewöhnlichen Springkraft, fowie den windflügel- 
förmigen Enden. Die Schutzrüftung an Mann und Roß ift fehr reich. 
Letzteres hat felbft Bruft- und Beinfchutz aber weder Steigbügel 
noch Sporen. 



Affyrifche und perfifche, mongolifche, chinefifche und japanifche Waffen. \1 \ 




Kämpfender König, nach der getriebenen, wahrfcheinlich arabi- 
fchen, Arbeit eines filbernen Kärtchens, dem Stile nach, vom 12. Jh., 
n. Chr., wenn nicht früher. Mit darin enthaltener Erde vom Tempel zu 
Jerufalem, nach Polen gebracht, ift der jetzt mit dem Blute des 
heiligen Stanislaus getränkten Erde angefüllte Behälter auf der Kanzel 
in der Kirche zu Krakau aufbewahrt. Das Arabisch-Kufifche 
rundum, eine Schrift, welche im 10. Jahrhundert außer allgemeinen 
Gebrauch geriet und durch das Nesehi verdrängt wurde, fagt: 
»Der König ift für das Reich, was das Waffer für die Weide ift.« 
An drei Stellen diefer Schrift befindet fich das griechifche, 
gleicharmige Kreuz eingeprägt, von einer Form alfo, wie die von 
dem Deutfchherrenorden der »Brüder des Marienhofpitals zu Jeru- 
falem »angenommene nachdem derfelbe, 1190, zum Ritterorden er- 
hoben war. Das Ordenskreuz, deffen vier gleichlange Arme an den 
Spitzen Lilien darftellen, hatte im Mittelpunkt-Schilde den Reichs- 
adler. — Die Bewaffnung der oben abgebildeten Gruppe zeigt außer 
den Speeren, dem ovalen mit Palmenverzierung bedeckten Schilde 
und den Ringpanzern, einen kegelförmigen Spangenhelm, 
wie derfelbe, meift aber niedriger und manchmal gewölbt, im Abend- 
lande bereits in der Bronzezeit und bis ins XIII Jahrhundert hinein 
vorkommt. Es fcheint fich hier wohl mehr um eine neuperfifche 
als um eine arabifche Ausrüftung zu handeln. 



172 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




Affyrifcher Rundfchild mit kegelförmigen, zum Stoß 
dienenden Buckeln, wovon der in der Mitte einen Löwen- 
kopf darfteilt. — Nach Goffe. 




45. Waffenrock der affyrifchen Reiterei, 
mit Hinterfchurz, wahrfcheinlich aus Metall- 
platten, die auf eine Tierhaut genäht find. 
Basrelief im Britifchen Mufeum, wofelbft auch 
Fragmente eines affyrifchen Panzerhemdes aus 
gehärtetem Stahl. 



Teil eines aus viereckigen aufge- 
nieteten Plättchen beftehenden perfi- 
fchen Panzerhemdes, nach der Mofaik: 
»Darius in der Schlacht bei Iffos« (333 
v. Chr.). Ob aber diefe Schutzrüftung, 
welcher man noch im Mittelalter be- 
gegnet (S. den weiterhin abgebildeten Siegelring Childerichs I. 
[457 — 481 n. Chr.]), durch den altzeitigen JMofaiker getreu nachge- 
ahmt ift, bleibt zweifelhaft. 





46. Affyrifcher Widder. Flachbildnerei im Palafte 
zu Nimrud. 



Affyrifche und perfifche, mongolische, chinefifche und japanifche Waffen. j y ■> 





Mit Schild, Speer und Seymitar (ein- 
fchneidiges Krummfehwert) bewaffnete 
chinefifche Fußkämpfer. — Nach der 
Malerei einer Hahrfprüngigen (craquele) 
altzeitigen chinefifchen Porzellanvafe. 

Neuzeitige Mandschurische Aus- 
rüftung, wo die Schutzwaffen aus einem 
Halb-Stückpanzer mit Achfelftücken und 
einem Helm beftehen, welcher letzterer 
mit dem Helme des Kaifers von China 
(S. No. I87 im Abfchnitt der Helme) 
Ähnlichkeit hat. Die Angriffswaffen be- 
ftehen aus dem Krummfehwert, dem Bogen 
und Pfeilen. Ein altzeitiger chinefifcher 
Harnifch oder eine Abbildung davon ift 
dem Verfaffer nirgends bekannt. Selbft 
die Mufeen zu London, Paris, Wien und 
Berlin befitzen kein derartiges Exemplar. 
(S. im Abfchnitt der Helme Nr. 186 und 
18 7, der Schwerter den Seymitar No. 89, 
der Säbel Nr. 91 und 92; — im Abfchnitt 
der Streitäxte Nr. 31, der Speere Nr. 32, 
der Armbrüfte Nr. 20 und der Hackbuffe 
Nr. 19.) 



•74 



Antike Waffen aus den fogenanntcn Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




Japanifcher Preisfechter, deffen 
den ganzen Körper, mit Ausnahme 
der Beine und Füße, bedeckende Rüft- 
ung aus fchienenartig angereihten und 
aufgenieteten Plättchen hergeftellt ift. 
Der glocken-, kappenförmige Helm 
ift mit Nackenfchutz, Augenfchirm, 
Sturmbändern , Seitenhörnern und 
einem Vorkopfzierat verfehen. Hohe 
Kampfhandfchuhe fchützen Hand und 
Unterarm. Das etwas gekrümmte 
Schwert zeichnet fich durch einen 
fehr langen Handgriff aus und ift 
ftumpfortig. S. weiter über japanifche 
Waffen in den Abfchnitten: »Schwert« 
und » Helm « . 



Djahir-el-chis Mohammed, genannt Babur (der Tiger), Nach- 
folger Tarn erl ans und Gründer des Mohamedanifchen Herfcher- 
ftammes (1526), der Großen Moguls, welcher Ende des 18. Jahrh. 
erlofchen ift. Diefer Kaifer und König von Oftindien mit der Haupt- 
ftadt Delhi, deffen Sprache, Sitten und Rüftung perfifch waren, 
ftarb 1530. Die hier nach einer indifchen Malerei vom XVI. Jahrh. 
(Sam. Didot) gegebene Ausrüftung, hat demnach in allen Teilen den 
rein perfifchen Charakter. Der Speer ift beid endig befchlagen, 
oben d. lat. cuspis, unten fpiculum), das Schwert mit gradliniger 



Affyrifche und perfifche, mongolifchc, chinefifche und japanifche Waffen. ] 7 c 




Quer- Abwehrftange , die Schuhe find fchnabelförmig, der Helm hat 
langen Nackenfchutz, der Harnifch ift tonnenförmig und mit eigen- 
tümlich geformtem Lendenfchutz. Der Vorderteil der vollftändigen 
Pferderültung fcheint ausfchließlich gefchient zu fein. Pfeilköcher, 
Sattel mit Steigbügeln, aber keine Sporen. 



Vollständige perfifche Reiterbewaffnung. Die Angriffswaffen 
find der (bei den Römern mit cuspis und spiculum benannte, 
doppeltbefchlagene Speer, auch eine Waffe der Sarmaten), fowie 
Pfeile und Bogen im Köcher. Der Krieger trägt den Spitzhelm mit 
Nackenfchutz und das Mafchenpanzerhemd und Waffenrock über 
die Brünne; das Pferd ift mit einer Rüftung aus Eifenfchienen be- 
deckt, die durch Kettchen mit einander verbunden find. — Nach 



i;6 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




einer mit 215, um das Jahr 1600 angefertigten Buchmalerei aus- 
geftatteten Handfchrift in der Münchener Bibliothek. Es ift dies 
die Kopie des Schah -Nameh (Heldenbuches), von dem Dichter 
Firdufi, der unter der Regierung des Ghasnawiden Mahmud lebte. 



Krieger neuerer Zeit von Irak-Ad- 
fchemi oder Adjemi (d. h. Barbarenland), 
perfifche Provinz, welche aus dem 
größten Teile des alten Mediens befteht. 
Kleiner runder Schild, Glockenhelm, perfi- 
fcher Säbel und beftachelter Streitkolben 
find die alleinigen Schutz- und Trutzwaffen, 
da die fonftige Bekleidung kein Schutz- 
Rüftzeug bietet. — Aloph. gal. royale de 
coftumes. — 




Affyrifche und perfifche, mongolifche, chinefifche und japanifche Waffen. j -- 




Perfifche Rülhing vom iS.Jahrh., fo wie 
diefelbe noch heute für die Ausfuhr des 
•Kuriofitätenhandels in Perfien angefertigt wird. 
— Mufeum Zarkoe Selo zu Petersburg. — 
(S. auch in den Abfchnitten »Helm« und 
Schwert.) 




Affyrifcher Krieger in vollftändiger 
Ausrüftung auf dem Kellek fchwimmend. 
— Nach Layard. — Kelleks heißen auch 
in Perfien die, auf dem Euphrat und dem 
Tigris, von aufgeblafenen Schläuchen ge- 
tragenen Flöße. 








Affyrifche Feldzeichen. — Nach Goffe. 



Obige drei letzte Abbildungen gehören auf Seite 172. Ferner ift zu bemerken, 
dafs den hier vorhergehend behandelten altindifchen, amerikanifchen, perfi- 
fchen, chinefifchen und japanifchen Waffen, bequemeren Überblicks wegen 
verfchiedene aus fpäteren Zeitabfchnitten hinzugefügt worden find. 



i 



Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 



] 78 'Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



Ägyptische und phönicische Waffen 
in Bronze und Eisen. 
Kein Volk und Reich, felbft China nicht, kann mit dem Beginne 
einer teihveife fall urkundlichen Gefchichte in ein fo hohes Alter- 
tum hinaufreichen, wie Ägypten. Volle drei Jahrtaufende vor den 
erften, noch halb barbarifchen Anfängen der griechifchen Kultur er- 
öffnet der erfte gefchichtlich bekannte König, Menes, die lange Reihe 
der Hunderte von Pharaonen. Das alte Reich umfaßt 12 Dynaftien, 
die etwa von 4000 — 2200 v. Chr. anzu fetzen find und in This, 
Memphis, Theben und anderen Städten hof lagerten; es ift die Zeit 
der 3 großen Pyramiden, des Mörisfees und des Labyrinths. Dann 
folgt die fünfhundertjährige Fremdherrfchaft der afiatifchen Hyklbs 
(2200 — 1700), bis der 17. Dynaftie die Befreiung des Landes gelingt, 
und damit das neue Reich, das 10 Herrfcherftämme zählt (1700 — 525), 
beginnt. Die thatkräftigen davon der 18. und 19. Dynaftie (1600 
bis 1300), dort die Tutmes und Amenophis, hier die beiden, von 
den Griechen in dem Namen Sefoftris verfchmolzenen Könige Seti I. 
und Ramfes IL, unternehmen zahlreiche Kriegszüge, die allerdings 
von den Infchriften felbft und noch mehr von der fpäteren Über- 
lieferung ftark übertrieben werden. Seit diefer Zeit politifchen Auf- 
fchwungs und kriegerifchen Glanzes werden auf den Wänden der 
Tempel und Gräber die Darftellungen von Kämpfen und Schlachten, 
welche in den Bauten des alten Reiches nur fpärlich vertreten find, 
häufiger, wenn auch immer noch nicht fo zahlreich, wie in den 
affyrifchen Paläften. Außer den Schlachtgemälden, die meift in 
einer eigentümlichen Hohl-Flachbildnerei (basrelief en creux) ausge- 
führt find, befitzt man aber auch noch verfchiedene Waffen im 
Original. Die Denkmale der Pharaonen des alten Reiches zeigen 
fall gar keine anfchauliche Kriegsdarftellungen, wovon erft auf den 
zu Ben-Harfon, aus der 12. Manethonifchen Herrfcherfamilie (2380 bis 
21 67?) herrührenden Gräbern vorkommen. Daß die Ägypter Streit- 
wagen hatten, ift befonders durch die weiterhin gegebene Flach- 
bildnerei von Ibfambul (Abu-Simbel) aus den von Ramfes II (1388 bis 
22 v. Chr.) gegründeten Felfentempeln feftgeftellt. Auch die gegen 
Ramfes kämpfenden Cheliter find auf Streitwagen dargeftellt. Im 
Mufeum zu Florenz will man felbft einen noch wohl erhalteuen 
ägyptifchen aus Birkenholz angefertigten Streitwagen befitzen. 



Ägyptifche und phönicifche Waffen in Bronze und Eifen. I 70 

Die wenigen ägyptifchen Werkzeuge und Waffen aus Eifen, 
welche in den Mufeen zu Paris, Berlin und London aufbewahrt 
werden und ficher bis in das höchfte Altertum hinaufreichen, f teilen 
es außer Zweifel, daß diefes Metall in Ägypten wie in 
AlTyrien gleichzeitig mit der Bronze in Gebrauch war. Die 
Kompilation verbreitet immer noch diefen fchon lange vom Verfalller 
widerlegten Irrtum des Nichtvorhandenfeins eiferner Werkzeuge und 
Waffen bei den alten Ägyptern und Affyrern. Alles, was an An 
griffswaffen, aus der Steinzeit herftammend, gefunden worden ift, 
befteht, wie der diefe Waffen behandelnde Abfchnitt dargelegt hat, 
in einigen Pfeilfpitzen, einigen Meffern und Speerklingen aus ge- 
fpaltenem Feuerftein, welche in den Mufeen von Berlin und London 
aufbewahrt werden. Die Pfeilfpitzen find in Babylon felbft gefunden 
worden und fcheinen nicht über die Gründung diefer Stadt zurück- 
zugehen. Außerdem befitzt das Britifche Mufeum einige für die 
Anfertigung von fchneidenden Waffen beftimmte Feuerftein fplitter, 
welche von Sarbut-el-Chadem herrühren. Der im Altertums-Muleum 
zu Leiden aufbewahrte Helm von Eifenblech (S. No. 20 B, Ab- 
fchnitt der Helme), welcher einer wohl aus der Luft gegriffenen 
Überlieferung nach von einem Mumien-Haupt herrühren foll, ift 
nicht ägyptifch; er gehört dem 12. Jahrh. n. Chr. an. 

Das für die Wiederherftellung der ägyptifchen Bewaffnung 
intereffantefte Stück ift ein aus dachziegelförmig über einander 
liegenden Schiebplatten beftehendes Panzerhemd, von welchem Priffe 
d'Avesnes in feinem Werke eine Abbildung giebt, weil es auf Grund 
der auf eine der Bronzefchuppen gravierten Infchrift die Zeit (c. 1500 
v. Chr.) beftimmt feftzuftellen erlaubt. Mehrere von demfelben Alter- 
tumsforfcher abgebildete Angriffswatien haben zu feltfame Formen, 
als daß fich der Zweck derfelben erklären ließe. (S. auch S. 34 u. 35.) 

Daß die Ägypter außer dem Wurffpeer, Pfeilköcher, Schleudern 
und Schleuderftöcken, auch Wurfleinen (laffo) mit Kugeln an den 
Enden als Fernwaffen handhabten, ift auch durch Denkmale feft- 
geftellt. 

Was die phönicifche Ausrüftung anbelangt, (f. S. 36 und 37), 
fo muß ich mich hier auf die S. 186 abgebildete Thonfigur aus 
Cypern befchränken, welche aber auch die Bewaffnung der Ägypter, 
Affyrer oder Perfer darftellen kann, da alle diefe Völker Cypern 
beherrfcht haben. Außerdem ift S. 37 noch ein phönicifcher Helm 
und S. 188 eine Belagerung abgebildet. 



iSo Antike Waffen aus den fogenannteii ümnze- und Eifen-Zeitalurn. 

1 

I. Ägyptifcher Kämpfer, nach einer 
Wandmalerei zu Theben. Die Kopf- 
bedeckungen find von feltfamer Form 
und die Angriffswaffen beftehen nur aus 
Speeren und Pfeilen. 



2. Agyptifche Krieger, nach einer 
Flachbildnerei zu Theben. Außer dem 
Schilde mit Vifier fcheinen diefe Männer 
bloß mit dem Skiop oder Khop, dem 
Sichelfchwert, bewaffnet zu fein. (Siehe 
weiteres darüber unten Nr. 19, S. 185.) 





Drei agyptifche Krieger, deren Ausrüftung von den hier 
vorhergehend dargeftellten abweicht. Die Helme, wovon der des 
dritten Streiters, — welcher Schienenpanzer nnd Achfelftücke hat — 
Nacken und Ohren gänzlich bedeckt, find ganz verfchiedenförmig. 
Die Schilde haben alle hier nur eine Handhabe, das abwehrftangen- 
lofe Schwert hat nichts vom Khob (Sichelfchwert) und die Dolche 
gleichen dem griechifchen Paracenium. Der links flehende Krieger 
trägt fein Rundfchild an einer Schildfeffel auf dem Rücken. — Flach- 



Ägyptifche und phönicifche Waffen in Bronze und Eifen. 



1S1 



bildnerei der Mauer des Palaftes zu Theben 1 ) (Medijnet-Alou) — nach 
Jomard und Balzac — welche unter dem Konfulate über die Ägyp- 
tifche Expedition fchrieben, aber diefer damaligen Strömung noch alles 
Archäologifche verfchönerten und den griechifchen und römifchen 
Anftrich gaben, was hier befonders ins Auge fpringend ift. 




Ägypter eine Burg der Kheta in Mefopotamien ftürmend, Flach- 
bildnerei vom 6. Jahrh. v. Chr. (?). Die Schilde der Belagerer find 
meift mit Vifieren (Gucklöchern) verfehen, Speere, Schwerter ohne 
Stichblätter oder Abwehrftangen, Kolben und Bogen die Angriffswaffen. 



') Zeit der Gründung unbekannt. Im 6. Jahrh. n. Chr. von Cambyses erobert, 
geplündert durch Polemeus VII. (117 — 107 v. Chr.). Theben ift faft gänzlich von 
Gallus 28 v. Chr. zerftört worden und bildet heute 5 Dörfer. 



182 



Antike Waffen aus den fogenanntcn Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



Eigentümlich ftellen fich am Fuße der Burg die Schutzgeftelle 
heraus, worunter ftreitende Krieger dargeftellt find. Von den Waffen 
der Belagerten zeigt die Bildnerei nur Bögen und lange Speere. — Nach 
Rofellinis: »Monumenti dell Egitto e della Nubia« 9. B. Pifa 1832. 



Ramfes II. nach einer Flach- 
bildnerei der von diefem 
Könige (1388 — 22 v. Chr) 
gegründete Tempel im Felfen 
Abu-Simbel (Isambul). Am 
Streitwagen find zwei Köcher 
angebracht und der vom 
Könige gehandhabte Bogen 
hat über 8 / 4 Mannshöhe-Länge. 




von dem hier unten abgebildeten der 



Die Form diefes ägyptifchen 
Streitwagens ift bedeutend 
Chetier abweichend. 




Gegen Ramfes II (1388 — 22 v. Chr.) auf Streitwagen kämpfende 
Chetiter, vom nordifchen Reiche der Cheta, deren Pferd hier mit 
Panzer- oder Steppdecke und ftembefetztem Mähnenfchutz dargeftellt ift. 



Agyptifche und phönicifche Waffen in Bronze und Eifen. 



Die Bewaffnung der Krieger befteht nur aus Speeren und einem 
Schilde mit nur einem Handgriffe. Der Zweck des runden Loches 
auf der linken Seite am Streitwagen ift fchwer zu beftimmen. — 
Flachbildnerei von Abu-Simbel (Ibfambul) vom 14. Jahrh. v. Chr. — 



Agyptifcher Behent, eine Art Helm (?) nach dem 
Kopfe eines von Belzani bei Karnak (Theben) ausge- 
grabenen Granit-Riefenftandbildes (König Thotmes III. (?) 
Diefer Kopffchutz (?) läßt Ohren und Geficht unbedeckt, 
fchließt aber Nacken und Kinn vollkommen ein. — 
Britifches Mufeum. 











Agyptifcher Königlicher Kriegs- 
helm in drei Anflehten dargeftellt. 
— Turiner Mufeum. 



3. Agyptifches Mafchenpanzerhemd, 
nach dem Werke Denons. Unter den 
Zeichnungen von Priffe d'Avesnes be- 
findet fich auch die Abbildung eines 
ägyptifchen Panzerhemdes aus Bronze- 
fchuppen, deren jede 20 mm Breite bei 
3 5 mm Höhe hat. Eine diefer Schuppen 
trägt eine Infchrift, der zufolge die An- 
fertigung in die Zeit der 18. Dynaftie 
(ca. 1500 v. Chr.) fällt. 

4. Agyptifches Panzerhemd aus 
Krokodilshaut. — Agyptifches Mufeum 
des Belvedere zu Wien. 

5. Agyptifcher Schild mitVifier, nach 
Denon. Das fchon erwähnte Basrelif 
von Theben zeigt einen ähnlichen Schild, 
jedoch von ovaler Form. 



Zackenfchild mit Vifier aus der Zeit der zwölften 
Dynaftie (2200 v. Chr.?) — Nach Wilkinfons »Manners etc. 
of the anciento Egyptians«. 




l8A Antik« Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 





6. Degenbrecher oder Stabkeule mit 
Handfchutz, nach dem Werke Denons 
abgebildet. 



7a und 7 b. Ägyptifche Köcher, id. 

8. Ägyptifches Keulenbeil, Tem ge- 
nannt, id. 

9. Ägyptifches Schwert, id. 

10. Agyptifcher Krummfäbel. id. 

11. Agyptifcher Wurffpieß.- id. 

1 2a. Agyptifcher Schleuderftock (lat. 
Fuftibalus). id. 

12 b. Ägyptifche Schleuder nach 
Denon. 

13. Unbekannte Waffe, id. 

14. Unbekannte Waffe, id. 

I4 1 - Agyptifcher Grad-Bogen eines 
gemeinen Kriegers. — Nach Wilkenfon. 

I4 n - Agyptifcher gekrümmter 
^T*^ Bogen eines Anführers. — Nach 
Rofellini. 

I4 111 - Agyptifcher Pfeil mit 
Steinfpitze in Keilform. 
T4 1V - Agyptifcher, reich ver- 
zierter Pfeilköcher. — Nach Rofellini. 

15. Beil, (Skiop?) nach einer Flach- 
bildnerei von Theben. 



Ägyptifche und phönicifche Waffen in Bronze und Eifen. 



I8 5 




77 

fco 




16. Kriegs-Geißel oder Skorpion. 
Die Größe diefer Waffen hat nicht 

angegeben werden können, jedoch 
fcheinen fie eine Länge von 60 bis 65 cm 
gehabt zu haben. 

Wahrfcheinlich waren fie aus Bronze 
oder Eifen gefertigt. 

17. Agyptifcher Keil oder Beil aus 
Bronze, 10 cm lang. — Mufeum zu Berlin. 

18. Agyptifches Meffer oder Speer- 
klinge aus Eifen, 15 cm lang. — Mufeum 
zu Berlin. 

19. Skiop, oder Khap, agyptifches 
Sichelfchwert oder Schleuderfichel aus 
Eifen, 15 cm lang. — Mufeum zu Berlin. 
Im Britifchen Mufeum ift es etwas größer 

fehen auf dem Relief der Schlacht 
Setis I. (1400 v.Chr.) gegen die Tehennu 
in Libyen. 

20. Ägyptifche Speerklinge aus 
Bronze, 26 cm lang. — Louvre. 

21. Agyptifcher Dolch aus Bronze, 
26 cm lang. Der Handgriff ift von mit 
Bronze belegtem Holze. — Britifches 
Mufeum. 

22 Kleine ägyptifche Streitaxt aus 
Bronze, 12 cm lang, die vermittelft 
Riemen an einem hölzernen Stiel von 
38 cm befeftigt ift. — Britifches Mufeum. 

23. Kleine ägyptifche Streitaxt aus 
Bronze, 1 1 cm lang, an einem hölzernen 
Stiel von 40 cm befeftigt. — Louvre. 

23 a. Tem genannte Doppel-Mond- 
fichel-Streitaxt, eine Waffe, die nur 
bei den alten Ägyptern vorkommt. 

23 b. Ägyptifche Stabkeule mit 
Handfchutz. 

23 c. Ägyptifche Mondfichel- 
förmisre Streitaxt. 



I 86 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



26 a 




24. Dolchmeffer aus Bronze, 34 cm lang. — 
Louvre. Diefe Waffe hat jedoch griechifchen 
Charakter. (Parafenium). 

25. Agyptifcher Dolch aus Bronze, 28 cm 
lang, in Theben aufgefunden und in dem Werke 
von Priffe d'Avesnes abgebildet. Der Handgriff 
ift aus Hörn. 

26. Agyptifcher Dolch aus Bronze, 30 cm 
lang, mit feiner Scheide. Der Griff, mit korb- 
förmigem, die Hand bedeckendem Stichblatte, 
ift aus Elfenbein, mit bronzenen, vergoldeten 
Nagelköpfen befetzt. 

26 a. Agyptifcher Dolch. Klinge aus Bronze. 
Das die Hand bedeckende korbartige Stichblatt 
und die Hülfe des Griffes find von mit Silber 
und Gold bekleidetem Cedernholz. Fundort: 
Grab der Königin Aah-Hotep (1800 v. Chr.?) zu 
Qurnat bei Theben. — Mufeum zu Bulak. 

26b. Agyptifcher Dolch ohne Abwehrftange. 
Dreiköpfiger Knauf. Klinge von Gold mit Hiero- 
glyphen. Der Cedernholzgriff ift mit roten und 
blauen Glasflüssen (Schmelzer) eingelegt. Fundort: 
Qurnat bei Theben. — Mufeum zu Bulak. 

27. Kleine ägyptifche Streitaxt 1 ) aus Eifen, 
10 cm. — Louvre. 

28. Kleine ägyptifche Streitaxt aus Eifen, 
18 cm. — Louvre. 

29. Ägyptifche Speerfpitze aus Eifen, 12 cm. 
— Louvre. 

30. Ägyptifche Wurffpeerfpitze, Keltform, aus 
Eifen, 12 cm. — Louvre. 

31. Cyprifche Speerfpitze aus Bronze, 20 cm, 
welche auf der In fei Cypern gefunden und den 
Ägyptern zuzufchreiben ift. 

Die Seitenkrümmung am entgegengefetzten 
Ende der Spitze giebt diefer Waffe etwas 
Modernes und Wildes, was bei keiner anderen 

i) Diefe Streitaxtfonn, welche das Anbinden an einen Holzftiel erfordert, war 
den Ägyptern eigen und fonft nirgends bei den Alten im Gebrauch. 





Ägyptifche und phönrcifche Waffen in Bronze und Eifen. 



I8 7 



ägyptifchen Waffe angetroffen wird. (S. Archaeologia etc. des archäo- 
logifchen Vereins zu London — v. J. 1877.) 

32. Kleines Standbild eines Kriegers in gebranntem unglafierten 
Thon, ebenfalls auf der Infel Cypern 1 ) gefunden und in der oben 
angeführten Archaeologia« veröffentlicht. Der Helm hat hier mehr 
die perfifche als die ägyptifche Form, ebenfo der Schild, was be- 
rechtigen könnte, diefe Thonarbeit der Zeit der perfifchen Herrfchaft 
auf der Infel zuzu Ichreiben. 

Figur eines Schardana, d. h. eines 
Officiers der Leibgarde Ramfca 11. 
(1250 v. Chr.), Flachbildnerei des 
Felfentempels beilfambul am HnkenXil- 
ufer Nubiens. Die Bewaffnung hat den 
ausgefprochenen Homer-griechifchen 
Charakter; fie befteht außer dem von 
Schulterblättern getragenen Panzer 
undLendenfchurze aus einem gerippten 
Glockenhelm mit fehr großer, kugel- 
förmiger Helmzier, dem zweibüg- 
lichen Rundfchilde [ndQfirj) und einem 
breiten fpitz zulaufenden Schwerte 
ohne Stichblatt. — Arme und Füße 
find in diefer »Barabra-Ausrüftung 
mit ägyptifchen Anklängen 
ohne Schutzftücke. — Die aus Klein- 
afien flammenden Sardanae waren 
Fremden-Legionaire im ägyptifchen 
Heere. — Flachbildnerei von Ibfambul. 

Krieger der Philiftaer, wahrfchein- 
lich von den Hilfsvölkern der Ägypter, 
da die ganze Ausrüftung der des hier 
vorhergehend abgebildeten Shardana 
gleicht, der Rundfchild aber nur ein- 
büglich, ift, d. h. nur einen Handgriff 
hat und die Bewaffneten auch Stoß- und 
Wurffpeere tragen. — Nach Wilkinfon. 




i) S. S. 37 den phönicifchen Helm. 



1 88 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltem. 



Phönicifche Krieger vor einer Feftung. Die Ausrufungen haben 
viel Griechifches, zeigen aber nur Helm, Panzer Schild und Speer, fo- 

wie Pfeil und Bogen. 
Die zu Homers 
Zeiten bei den Grie- 
chen noch nicht ein- 
geführte Reiterei, hat 
hier Lendenfchutz in 
hofenartiger Form. 
Nach einer phönici- 
fchen Silberfchale des 
6. Jahrh. v. Chr. — alfo 
vor der ägyptifchen 

Eroberung — von Amathunt flammend. 

(Nach Cernola-Sterns Cypern). 




Gleiches Schickfal hatte 



Griechifche, fcythifche, etruskifche, 
famnitifche u. a. Waffen. 

Von den Samniten, demumbrifch-fabel- 
lifchen Stamme, welche im 5. und 4. Jahrh. 
v. Chr. für die Städte Groß-Griechen- 
lands, wie für die Siciliens Mengen von 
Söldnern ftellten, find die Waffen gemein- 
lich fchwer von denen der Griechen, 
und ebenfo fchwer von denen der 
Etrusker zu unter- 
fcheiden. Das von 
letzteren benannte 
Volturnum, wurde 
ja teils 424 v. Chr. 
von den Samniten 
erobert, welche ihm 
den Namen Capua 
beilegten und 343 
dem römifchenStaate 
einverleibten, 
das griechifche Cumä. In den Kämpfen 



gegen die Römer, während des heroifchen Zeitabi chnittes der 



Griechifche, fcythifche, efcruskifchc, famnitifchc u. a. Waffen. I 8q 

Republik, waren mit den Samniten die ihnen verwandten Sabiner, 
Peligner, Marfer, Saffinaten u. a. m. , ebenfo die mitver- 
bundenen Etrusker, ja felbft verfchiedene Staaten Griechen- 
lands (die der Apulier, Salentiner u. a. m.) verbündet. Im Jahre 
82 v. Chr., nach dem Siege Sullas, hatten die Samniter aufgehört 
einen eigenen Volksftamm zu bilden. Aller diefer Umftände wegen 
fand eine folche Vermifchung und gegenfeitige Nachahmung in der 
Kriegsausrüftung ftatt, daß hier fchwer genaue Abgrenzungen ange- 
nommenwerden können. — Von noch erhaltenen Waffen derScythen, 
welche bekanntlich von 624 — 596 ganz Kleinafien unter ihrer Bot- 
mäßigkeit hielten, ift, der Kenntnis des Verfaffers nach, felbft gar 
nichts mehr vorhanden. Die weiterhin abgebildeten famnitifchen 
Krieger find Vafenbildern entnommen. Um den Lefer der Mühe 
weiteren Nachfchlagens zu überheben, fei hier das bereits in dem 
gefchichtlichen Abfchnitt (S. 37 — 42) über die griechifche, etrurifche 
u. d. m. Waffen gefagte abgekürzt teilweife wiederholt. Die griechi- 
fchen Angriffs- und Schutzwaffen aus der Zeit Homers (10. Jahrh. 
v. Chr.), teilweife auch viel fpäter noch bei den Hopliten oder ftark 
bewaffneten, wie bei den Peltaften 1 ), oder leichten Truppen, beftanden 
in dem Stückpanzer [ßtuQag) zufammengeftellt aus Vor- und Rücken- 
fchild, welcher ungefähr 8 ko wog, dem Helme, welcher bei Homer 
unter fehr verschiedenen Bezeichnungen vorkommt, aber wovon der 
ganz vollftändige, d. h. vierfchirmige (mit Stirnfchirm, qjvXog\ Nacken- 
fchutz; Sturmbänder oder Backenfchirme, (pvlog, und Nafenfchutz, 
n<fi)ä(fhK, hieß und i l /„ ko wog); — den Beinfchienen oder Knemiden 
{JSvqiiig) mit der Crepida {Xqrptig] zur Befchuhung, und dem runden 
Schilde (ndguri), welcher fpäter oval und noch fpäter wieder rund 
erfcheint, auch einen Schildnabel (uuüojl) und eine Schildfeffel 
(reXiniür) hatte. 2 ) 

Der große fchwere Clipeus oder Clipeum war wie fpäter auch 
bei den Römern die Waffe des fchweren Fußvolkes und die Parma 
{7taQf.n1]) ein leichter lederner Rundfchild eine der griechifchen und 
römifchen Veliten. Der Sturz- oder Vifierhelm war befonders bei 
den Lakedämoniern in Gebrauch. Es gab auch Schuppenpanzer 



*) Hetären (Freunde, Waffenbrüder) hiefsen, nur in Macedonien, die einge- 
borenen Krieger zu Rofs und zu Fufs, und Pagetären, die welche als die eigent- 
lichen Waffengefährten der Könige galten. 

'-) Lat. balteus. Im 7. G. der Iliade beschreibt Homer den Schild des Ajax 
als »mit sieben häutigen Fellen des Büffels und einer achten Lage Bronze« bedeckt. 



I QO Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifenzeitaltern. 

{8w(Hxl;XenidiitT0Q). Die Helme hatten gemeinlich einen Kamm [köcpog . 
Der Leibgurt (i'wori^) war befchlagen. Auch von einer Mitra ge- 
nannten Kopfbinde ift bei Homer die Rede, deren Name in neuerer 
Zeit der Bifchofsmütze gegeben wurde. Spätere Panzer hatten ferner 
zum Schutz des Unterleibes »Panzerflügel« (tjlSQvyeg); fowie dar- 
unter noch ledernen Schurtz (£w//a). 

Diefe Schutz warfen beftanden meid: aus bronzenen, obfchon das 
Eifen, wie bereits angeführt, den Griechen bekannt war und felbft 
Zinn 1 ) bei den Waffenfchmieden Verwendung fand. Die ganze 
Schutzrüftung hies Öt'jQae. 

Hinfichtlich der* Befchuhung ift nichts Sicheres feftzuftellen. Im 
heroifchen Zeitalter (Zeiten Homers — bis 6. Jahrh. v. Chr.) fcheint 
der griechische Krieger barfüßig gegangen zu fein, fo wie ihn noch die 
älteften Vafenbilder mit Menfchengeftalten (7. — 6. Jahrh.) darftellen. 
In fpäteren Abbildungen find die Füße mit dicken Sohlen vermittelst 
Schnürriemens befchuht. Diefe yorptig — bei den Römern Crepidae, 
auch Soleae genannte Sandale hatte einen platten Riemen (amen- 
tum) und Schnürlöcher, äyxvkr}, lat: anfa crepida. Die verfchie- 
denen griechifchen Fußbekleidungen waren fpäter: Die Sandale, 
welche die Männer trugen; die Perfika, welche von den Frauen 
und befonders von den Kurtifanen getragen wurde; die Krepide, 
das eifenbefchlagene Fußwerk der Philofophen und Soldaten, 
das den Fuß nicht ganz bedeckte, und die Garbatine, die Fuß- 
bekleidung der Bauern. Außerdem gab es noch den Kothurn und 
den Halbftiefel. Der erftere diente als Fußbekleidung der tragifchen 
Schaufpieler, um fie größer erfcheinen zu laffen, wenn fie Helden- 
rollen gaben. Die Riemen, an den Sohlen befeftigt, welche meiftens 
aus Kork waren, gingen verfchmälernd über den Fuß, wie bei den 
heutigen Schlittfchuhen, und zwifchen den beiden großen Zehen hin- 
durch u. f. w. Dies war auch die Fußbekleidung der Könige 
und die der reichen Leute. Der Halbftiefel war befonders bei den 
komifchen Schaufpielern in Gebrauch. Es war eine Art von Schnür- 
ftiefelchen, das gewöhnlich über den Fußknöchel ging. Eine antike 
Diana im Mufeum Pio Clementino und zahlreiche andere antike 
Statuen find mit Halbftiefeln bekleidet. 



') S. Iliade XVII, wo die Rede von den durch Vulkan hergeftelltcn zinnernen 
Kneinidcn die Rede ift. 



Griechifche, fcythifche, etruskifche, fanmitifche u. a. Waffen. 



IQI 




Spartanifcher Krieger im Stück - Panzer 
(8co£tt£) mit Beinfchienen \.\'iijii^) und Helm 
mit breiten Sturmbändern und hoher Zier. 
Der Panzer zeigt ausgetriebene Brufhvarzen 
und Nabel. — Bronze-Figur bei Sparta ge- 
funden, nach den Mitteilungen des arch. Inst, 
in Athen. 



Etruskifcher Krieger, nach einer Bronze- 
Figur zu Florenz (S. Micoli Arch. Muf. tv. 39.) 
Der Panzer (&öijpa£ — Thorax) gleicht dem fpäte- 
ren römifchen Schuppenpanzer (SutQasXeTtauilog . 
ift aber viel kürzer und hat Schulter- 
fchutze. Lenden und Füße find nackt, 
nur vom Knie bis zum Knöchel 
fchützen verzierte Beinfchienen oder 
Knemiden [Xvtf/ug, lat. ocrae). 
Auf dem mit einem Sturze (?) d. 
h. Vifier und Ohrenfpitzen (aufge- 
klappte Sturmbänder — itaqayu- 
ttic) verfehenen Helme befindet fich 
der fafl nur in Dambrettmufter bei 
etruskifchen Helmen vorkommende 
Kamm (/.otfog — Apex). Befonders 
bezeichnend ift der runde gewölbte 
etruskifche Schild, welcher, wegen der 
Sichtbarkeit der Finger, als mit zwei 
Handhaben bezeichnet werden kann. 
Die einzige Angriffswaffe fcheint ein 
Speer gewefen zu fein. 



192 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




Thefeus, unbefchuhet, im 
Panzer, einer Art lorica, 
alfo kein Stückpanzer ((-tojoceii). 
Die Seitenteile find ge- 
fchuppt, nach Art der 
fquamata, der Vorderteil 
aber ift von oben nach 
unten, (alfo nicht wie die 
lorica hamata) gefchient 
und hat Panzer flügel (7ct£q- 
Svysg) 1 über Lendenfchurz 
(£töva). Angeknöpfte Achfel- 
ftücke und Vorderfchurz ver- 
vollfländigen diefe Rüftung. 
— Nach der rotgelben Malerei 
auf fchwarzem Grunde eines 
(vulcentifchen r) C rater {y.Qa- 
rrß) v. 5 — 7. Zeitabfchnitt, 
alfo v. 600—400 v. Chr. (S. 
S. 46 der 5. Keramirk. Studie 
des Verfaffers. — Sammlung 
Palagi zu Mailand. 



ov« 



Diomedes (?) welcher dem, die Leiche des Achilles tragenden 
Afias folgt. Unbefchuht, außer Helm [xÖQvg) und Beinfchienen 
[Xw]fU$) trägt diefer Krieger einen großen runden Schild (ttuoii^) 
mit dem daraufgemalten Dreibein (triquetra), 2 wohingegen auf den 



*) Die Chalyber hatten Panzerflügel von Hanffeilen. 

-) Später erfcheint das Dreibein als Wappen Alt-Siciliens, weil es feiner drei- 
eckigen Geftalt wegen Triquatrus hiefs. Das ehemalige »Vereinigte Königreich 
beider Sicilien« oder Neapel, bis 1860 felbftändig, welches in das Gebiet dieffeits 



Griechifche, fcythifche, etruskifche, famnitifche u. a. Waffen. 



193 




Schilden der anderen 
Krieger andere Sym- 
bole (Medufenhaupt, 
Anker u. a.) darge- 
ftellt find, ebenfo wie 
im Mittelalter die 
Wappen. Die Tri- 
quetra ift auch auf 
dem Rundfchilde 
eines Kämpfers vom 
Vafenbilde den » Tod 
des Antilochos« dar- 
ftellend, befindlich 
(Millingen, Anc. Mon. 
I, T. 4). — Nach der 
fchwarzen Malerei auf 
ziegel - rot - gelbem 
Grunde eines La- 
ge na (layrjvog) der 
gegenwärtig in Mün- 
chen befindlichen 
Sammlung Candelori. 



der Meerenge (Neapel im 
eigentlichen Sinne) und 
das jenfeits derfelben ge- 
legene (Infel Sicilien) 
zerfiel, hat auch nur vor 
1 130 — 94 n.Chr. unternor- 
männifcher Herrfchaft, von 
1266 — 1282 unter der des Haufes Anjou geftanden. Infolge deffen trägt das 
Wappen Neapels das normännifche Rofs mit dem Dreibein (Alt-Siciliens wegen), 
fowie die Lilien des Haufes Anjou. Eigentümlicher Weise kommt aber das Dreibein 
nicht in dem allgemeinem, fehr verwickelten Wappen des vereinigten Königreiches 
vor, fondern nur auf den Briefmarken deffelben von 1857 — 1860. Die einer am Fufse 
des Taurus und am Fluffe Ceftros gelegene Pifidianiften-Stadt Kleinafiens, Selge, zu- 
gefchriebenen Münzen zeigen ferner neben einem Speerwerfer, das Triquetra. Selge 
blieb bekanntlich lange unabhängig und wurde erft von den Römern unterwoifen. 
Aufser den angegebenen beiden Figuren trägt diefe Münze noch: ESTFEJIIY. Mit 
Triquetra bezeichnet man aber auch eine aus drei Kreisbogen gebildete myftifche 
Figur, welche in romanifchen Kirchen vorkommt. 



Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 



13 



IQ4 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




Krieger nach einem Vafenbilde des Ariftonophos (Mon. dell' Inst 
IX. T. XV), wo das auf dem großen Rundfchilde (tkxq/xi]) mit 
Vifierausfchnitt des Hopliten befindliche Schiidaeichen einen Stier- 
kopf, wie das der vorherigen Abbildung ein Dreibein darfteilt. Der- 
artige Schildzeichen kommen fchon bei den Griechen zu Homers 
Zeit vor. Bei den Athenern war es die Eule, bei den Thebanern 
der Sphinx, bei den Sikoniern das - und bei den Lakedämoniern das 
A (lambda A, X). Neun gewappnete im uTtliTrjg ÖQOftog marfchierende 
Krieger eines von Gerhard (A. V. 4. 258) veröffentlichten Vafen- 
bildes haben jeder ein anderes Zeichen auf ihren großen Rundfchilden 
(Vogel, Antilope, Menfchen- wie Tigerkopf, Verzierungs-Figuren ver- 
fchiedener Art). 

So ift auch u. a. in einer Vafenmalerei Hektor abgebildet, auf 
deffen Rundfchild fich die mehrmal gekrönte Schlange befindet. 
Auf dem Schilde des Achilles, Vafenbild, den Kampf um feine 
Waffen darftellend, ift das Wahrzeichen eine Art Dreifuß mit zwei 
oben angebrachten Ringen. 



Griechifches Bronze - Standbild des Mars, wo die Form des 
Schuppenpanzers mit überhängenden Schulterblättern als Rücken- 
verftärkung, die eines Helmes mit hoher Zier und Stirnfchirm, 



Griechifche, skythifche, etruskifche, famnitifche u. a. Waffen. 



195 




((pdlog), die Einlegung der reich ver- 
zierten Beinfchienen (xvrjftig), fowie 
die zwei Handgriffe des Rundfchildes 
insgefamt befonders deutlich ausge- 
führt find. Der Schuppenpanzer 
(&i<jQag~ X€7iiötüTog) flammt aus der 
nach-homerifchen Zeit. — Britifches 
Mufeum. 



Scythifche 1 ) (oder nach Herodot Scolotifche) Krieger, deren 
Schutzwaffen aus Helm (%6(>vg), Panzer (kein 9wqa^), d. h. kein Stück- 
panzer, fondern dem k€7tiaiüTog) und aus dem Vorderfchutz beftehen. 
Vom Helme hängen lange Streifen als Sturmbänder und Hals- und 
Nackenfchutz (?) herab. Der eine diefer Krieger hat auch an Armen 
und Beinen mit Ringe verftärkte Leder fchutze 2 ). Beide find 

a ) Bekanntlich hatten die Scythen 624 — 596 v. Chr. Klein-Afien unterworfen. 

'-) Auf einem Vafenbilde (Opferung troifcher Jünglinge durch Achilles) find die 
phrygifche Mützen tragenden Troianer in einer, diefer scythifchen ähnlichen Tracht, 
alfo als bracatii (Hofentragende) dargeftellt. Hose von Hals zum Fufs (bracatus 
totum corpus). 

13* 



196 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



unbefchuhet und fchildlos, ebenfo, .wie der unten abgebildete 
Scythe. Die Angriffswaffen beftehen aus dem fcythifchen Pfeil- 
bogen 1 ) und einem kurzen Schwerte ohne Stichblatt. — Nach 
der rotgelben Malerei auf fchwarzem Grunde einer valkenifchen (?) 
Schale (Calix oder Kylix — xvktQ v. 5. bis 7. Zeitabfchnitte 
(600 — 400 v. Chr.) S. S. 46 der 5. Keramik-Studie des Verfaffers. 
— Mufeum zu Berlin. 




U^, — 



Scy thifcher 
(nach Herodot S c o- 
1 o t i f c h e r) Krieger, 
deffen Schutzwaffen 
- allein aus Panzer, 
Vorderfchutz, 
Helm mit Helm- 
zier (xwvog) und 
Sturmbändern, fo- 
wie aus Bein- und 
Armfchutzen be- 
ftehen. Er ift unbe- 
fchuhet Seine An- 
griffswaffe fcheint 
eine kleine Ham- 
mer-Streitaxt, wenn 
nicht wohl eher der 
Streithammer zu 



fein, welchen man bei den Alten fonft nur, wie auch die Streitaxt, 
in den Händen von Amazonen 1 ) abgebildet findet. Gleich dem 
auf vorherftehender Seite dargeftellten Scythen hat diefer Krieger 
weder Lanze noch Schild und den bracatus totum corpus. — 
Nach der Malerei einer Schale (Calix oder Kylix, y.v'/.l'$) v. 5. bis 
6. Zeitabfchnitte, alfo 600 bis 400 v. Chr. (S. S. 116, 5. Keramik- 
Studie des Verfaffers). — Mufeum zu Berlin. 



') In der Jliade Homers (10. Jahrh.) haben Priam und der Grofsvater Sarpedons 
gegen damit bewaffnete Amazonen gekämpft. 



Griechifche, skythifche, etruskifche, famnitifche u. a. Waffen. 



197 




Afiatifcher Krieger mit Rundfchild, Bein- 
fchienen und aus gegitterten Spangen beftehender 
Panzer und Vorder- und Hinterfchutz, fowie dem 
griechifchen Helm mit Nackenfchutz und Helm- 
fchmuck als Schutzwafifen. Die Angriffswafifen 
beftehen aus einem Speere mit Doppel fpitze, 
wie er nur fehr feiten vorkommt und dem 
innerlich der Klinge fchneidendenFalx, welcher 
als der Ahne des abendländifchen Senfen- oder 
Krummfehwertes, aber nicht des an der 
äußeren Krümmung fchneidigen Säbels und 
dem folchen ähnlichen Copis angefehen werden 
kann. 




Griechifche Kämpfer nach einem im Louvre befindlichen, rot- 
braun auf fchwarzem Grund ausgeführten Vafenbilde aus dem 5. Jahrh. 
v. Chr. Die Schutzwaffen beftehen aus dem fog. klaffifchen Helme 



IQ8 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

(avkwTtig) mit hohem Schwanzkamme, vollftändigem Gefichtsfchutz, 
vollftändigem Panzer (ßtoga!-), Beinfchienen (y.rr;/nt'g) und ovalem hohl- 
gewölbten Schilde mit drei Arm- und Handgriffen. Die Schilde 
find an der Langfeite durch ovale Einfchnitte durchbrochen (böotifche 
Schilde). Der ganz runde griechifche (dorifche oder argivifche) 
Schild hat gewöhnlich nur zwei Handhaben. Außer dem Speere 
{fyx°S> fpäter öoqv), mit welcher die Krieger fich behämpfen, fieht 
man noch eine zweite Angriffswaffe, das an einem über die Schulter 
gehenden Tragbande (Teka^tiov) hängende kurze (höchftens 50 cm 
meffende) doppelfchneidige Schwert (^irpog) mit spitzem Ort und 
Handgriff mit Abwehrftange. Die einfchneidige, an der fcharfen Seite 
leicht gekrümmte Waffe nannte man (.iä%aiQa (Meffer), deffen fich be- 
fonders die Spartaner bedienten (f. Homer). Arme und Füße find nackt. 
Da die Schwerter hier auf der linken Seite des Kriegers herab- 
hängen, fo ift dies ein Beweis mehr, ebenfo wie die Formen der 
Helme und Schilde, des hohen Alters der Vafe. 




Kampf um den Leichnam Achills. Aus einem chalkidifchen 
Vafenbild. (Böotien). Die Schutzwaffen beftehen aus den fogenannten 
klaffifchen altgriechifchen Helmen mit hohen Helmzieren, den avh : > iu, 
welcher das Geficht gänzlich bedeckte (»galeis abfcondunt ora«), 
vollftändigem Panzer (VwQct!;), Beinfchienen (y.vrj/.iig) und ovalen hohl- 
gewölbten Schilden mit zwei Handhaben. Als Angriffswaffen fieht 
man Schwerter, Bogen (ßiög töi-ov), Pfeilköcher, Speere, wovon der 
eine ftatt der Spitze ein Hakebeil -artiges Eifen hat, in Form der 
breiten am Orte ftumpfeckigen chinefifchen Seymitare, wie solche 
auch, befonders während des 15. Jahrh. in Deutfchland verbreitet 
waren, — alfo dem altrömifchen Jagdmeffer (culter venatorius), 



Griechifche, scythifche, ejruskifche, famnitifche u. a. Waffen. 



199 



fowie auch der römifchen Machera — i-iäyaiQa — dem von Ifid. 
(orig. XVIII, 6, 2) angeführten einfchneidigen Krummfehwert ähnlich. 
Nach der Malerei einer chalkifchen (Chalkis auf der Infel Euböa) 
Vafe wahrfcheinlich vom 5. Jh. v. Chr., wo der Vorwurf felbftver- 
ftändlich nur einem Cyklifchen Dichter entnommen fein kann. 1 ) 




Griechifcher Kämpfer nach einem Vafenbilde v. 5. Jahrh. v. Chr. (?) 
Glockenhelm mit Nackenfchutz, Sturmbändern und Zier (löcpog) 
eine Art Xöcpog. Der mit Schulterblättern und Flügeln [Ttrevysq, 
herabhängende Metallftreifen zum Schutz des Unterleibes) verfehene 
Stückpanzer ift über ledernen Schurz (|e5/ia) angelegt und der zwei- 
händige Rundfchild ohne Vifierausfchnitt zeigt eine Schildfessel 
(reXaittüv). Unter den Beinfchienen befinden fich bereits Schnürfohlen, 
xq^tiiq, die fpäteren römifchen crepidae, auch Soleae, welche nicht 
mit dem Sandalium (oavöd'Avov, advöaXov) eine Art Frauenfchuh, 
wie dies häufig gefchieht, im Namen zu verwechfeln find. Das wohl 
noch zu diefer Zeit an der linken Seite getragene Schwert fehlt 
und die breite Speerfpitze ift dreikantig. 

*) Wovon Hefiod (IX. Jh.), Peifondros v.Camiros, Panyafis v. Samos (V. Jh.) die bedeu- 
tendften waren, welche Homer folgten und dieTroja-Sagenvervollftändigten. Dieser Kampf 
um Achills Leichnam mag aber wohl eher nach Arktinos' v. Milet Gedichte dargeftellt sein. 



200 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




Zwei griechifche 
Krieger (Patrok- 
los und Achilles) 
nach dem inne- 
ren Bilde der 
Sofiasfchale aus 
Vulci (3. Jahrh. 
v. Chr.). — 
Mufeum zu Ber- 
lin. Es zeigt fich 
hier in allen 
Einzelheiten der 

Schuppen- 
panzer (ßioqui- 
XercidioTÖg) mit 
hängenden Ach- 
felftücken und 

Vorder- und 

Hinterfchutz;ein 

ebenfalls be- 

fchuppter Helm (y.ÖQvg) mit Nackenfchutz , aufgeklappten Sturm- 
bändern {cpaXctQa) und Helmzier (xwvog); ein Streitkolben {y.OQvviq, 
f. Homer, II. VII, 141) und einen Bogen-Köcher, den yiogtrog (der 
Pfeilköcher hiess (paQirqa). Die unbefchützten Füße haben foleae in 
der einfachften Form. 

Hopliten- oder Schwerbewaffneten- Aus- 
rufung, nach einem Vafenbilde vom V. oder 
IV. Jh. v. Chr. Der » vollständige« d. h. 
»vierfchirmige« Helm (reTQccfpaXog) hat auf 
dem Kamm (xvfißaxog) einen befiederten Helm- 
fchmuck(xwj'Oj,*), der Stückpanzer (8oj(xx1;) keine 
Flügel {7tzeqvyeg, d. h. herabhängende Metall- 
flreifen zum Schutze des Unterleibes u. d. m.), 
wohl aber eine Art ledernen Schurz (£ajjjua); 
der ovale böotifche Schild zeigt Vifier-Ein- 
fchnitte, einen Armträger und einen ganz am 
Ende befindlichen Handgriff. Eine Schildfeffel 
(t€)m/.u6v) zum Aufhängen des Schildes über 
die Schulter ist nicht vorhanden. Die Spitze 




Griechifche, fcythifche, etruskifche, famnitifche u. a. Waffen. 



201 



des Speeres ift blattförmig, die hervorragende Scheidefpitze des an 
der linken Seite hängenden Schwertes breit und abgerundet. Die 
Füße find unbefchuht, aber die Beine durch Schienen (y.vr^tig) ge- 
fchützt. 



Krieger-Figur von der 
Hekatengruppe (der Göttin 
des nächtlichen Mondlichtes), 
einer Flachbildnerei vonPer- 
gamos, auch Pergamon ge- 
nannt, der Hauptftadt Mysiens 
(i. nördlichen Kleinasien), ge- 
gründet 280 v. Chr. Diese 
im Museum zu Berlin befind- 
liche Skulptur, welche aus der 
Regierungszeit des Attalos II. 
(157 v. Chr.) oder von der 
des Eumenos IL (198 v. Chr.) 
tagzeichnet, figuriert hier be- 
sonders der Form der links 
hängenden Schwertfeheide 
und des runden mit zwei 

Handhaben verfehenen 
Schildes wegen (s. weiterhin 
die Abb. d. Schilde). 

In der Ilias wird auch die Burg von Troja Pergamos geheißen. 

Die Athene-Gruppe desfelben Fundortes und derfelben Zeit zeigt 
ein ganz ähnlichen Rundfchild mit ebenfalls zwei Handhaben. 




Nicht alle in Mufeen und Sammlungen vorhandenen griechifchen 
Helme find im Gebrauch gewefen. Die in fehr dünner Bronze 
ausgeführten Stücke flammen aus Gräbern und wurden eigens dazu, 
— wie fpäter auch manchmal im Mittelalter — für äußere Grab- 
denkmale oder Grabfchmuck, angefertigt; ihre Dünne beweift, daß 
fie nicht im Kriege hätten dienen können. 



Die griechifchen Angriffswaffen waren das damals an der 
linken, etwas fpäter an der rechten Seite getragene Hieb- und 
Stoßfehwert (|/gpog), mit gerader, zweifchneidiger, fehr kurzer, quer- 



202 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

ftanglofer, aber fpitzer Klinge und aus der viereckig geformten 
Scheide; der Speer {öogv, — bei Homer tyyog, — welcher bei 
der fpäteren Reiterei Alexanders contus — xovrog hieß), von u bis 
12 Fuß Länge und breiter, langer, nach der Dille zu abgerundeter 
Spitze («'//";) mit einer hervorragenden Kante; der Wurffpieß oder 
der Javelot, die Javeline (lat. Jaculum, fr. Javelot) mit feinem 
amentum (»TÖ^t/na rav ccxovtuüi'* genannten, zum Zurückziehen 
oder zum Werfen dienende Riemen, eine Art langer Pfeil, den die 
Kämpfenden fchleuderten und den man bei Römern und Germanen 
wiederfindet. — Der amentum diefer auch zum Stoß dienende 
»Hasta amentata,« war, wie die hier beigefügte Abbildung zeigt, 
a a^.^ aus langen Riemen b erteilend, 

1== J^ ^ =a^ ^> - wohingegen der ansatus eines 

*-~ ^^ anderen, hasta ansata genann- 

ten Speeres, wie derfelbe hier nebenftehend dargeftellt ift, nur ein Hand- 
f^y griff (no du s) war. Dasamen- 

"tum wurde fpäter felbft fo 
verlängert, daß es nach der Schleuderung oder dem Stoß des Speeres 
zum wieder an fich ziehen deffelben dienen konnte. Es war alsdann 
an den Oefen oder Ringen des Hohlkeltes befeftigt, damit diefer 
wenig feft fitzende Befchlag des Speeres fich nicht von der Stange 
loslöfte. (S. d. Abbildung der Gallier und Germanen.) Außerdem 
noch der griechifche Pfeilbogen d. h. in der gekrümmt -offenen 
oder Sinus- {yMnog) Form (S. d. röm. Waffen, Nr. 51) mit Pfeilen 
(röBeviia, öiarog, log — lat. fagitta) und dem breit-doppelfchneidigen 
Dolchmeffer {rcaga^ioviov) dem Parazonium. 

Hinfichtlich des Stoßfpeeres und des Wurffpeeres ift hier 
wohl die geeignete Stelle, darüber im allgemeinen ausführlich ein- 
zugehen, da für diefe Waffen fehr verfchiedene Benennungen be- 
ftehen, die oft nichts Begrenztes haben. 



Angon (fr., v. lat. uncus Haken), eine Art Halbfpeer, deflen 
Eifen Widerhaken hatte und eine fränkifche, von den Franken 
Framea genannte Waffe gewefen fein foll. Agathias II (6. Jahrh.) 
fagt, daß, fobald der Franke fein Angon geworfen und damit den 
Schild des Feindes durchdrungen hat, vorfpringt, den Schaft des 
geworfenen Speeres mit dem Fuße niedertritt und fo den Schild 
des Gegners herabzieht, um alsdann den nun Deckungslofen mit der 



Griechifche, scythifche, etruskksche, famnitifche u. a. Waffen. 203 

Frunciska oder mit dem Ger genannten Stoßfpeere zu töten. Im 
Franzöfifchen wird auch der Mufchel haken, das an beiden Enden 
mit Widerhaken verfehene Eifen zum Hervorziehen von Weichtieren 
aus Felsgrund, Angon de peche genannt. (S. im Abfchnitte der 
^riegsmafchinen den Angon catapaliftique.) 

Contus (xovrög), ein Reiterfpeer, gleich der macedonifchen 
lariffa, war aber weniger lang. Er war von der griechifchen und 
ler römifchen Reiterei angenommen, diente indessen auch auf der Jagd. 
Falarica, eine, fowohl im Kriege, wie auf der Jagd gebräuchl- 
iche Art Schleuderfpeer. Sie war fehr lang und hatte unter drei- 
kantiger Spitze eine fchwere Bleikugel. 

Falarica von Sagantus, wovon es mit 3 Fuß langen Eifen- 
fpitzen (Vergl. Aen. G. 705. 34, 14, II.) gab, war ein mit Brennftoff, 
'ech und Werg u. dgl. m., verfehener Brandpfeil und wurde ver- 
littelft Mafchinen geworfen. 

Obige Framea, ein Stoß- und Wurffpeer der Germanen, wahr- 
fcheinlich anfänglich mit breiter keltförmiger Spitze. 

Ger oder Gehr, Stoß-, auch wohl manchmal Wurffpeer der 
rermanen, wovon der Name Germane abgeleitet wird. 

Hasta {tyyo±), im allgemeinen ein römifcher Speer, deffen Schaft 

{uu'/.tvov) gemeinlich, gleich den der mittelalterlichen Speere von 

tfchenholz war und ein dreikantiges Eifen {X6yz$ hatte. Die hasta 

velitaris für leicht bewaffnetes Fußvolk und die hasta amentata 

(s. S. 202), d. h. mit Riemen, waren davon Abarten (S. S. 47, 1 75 u. 177). 

Javeline oder Javelot (s. weiter oben). 

Inculatum war ebenfalls der Name des Wurffpießes und Ion che 
las fpitze Eifen daran. 

Lancea, wohl ähnlich dem oben angeführten Speer der Griechen 
'.öy/.r), wovon aber weder eine autentifche Abbildung und ganz und gar 
cein Exemplar mehr vorhanden ift. Die Lancea fcheint mit dem 
"ontus Ähnlichkeit gehabt zu haben, diente indeffen fowohl zum 
>toß wie zum Wurf und hatte einen Nodus genannten Riemen. 

Pilum (vaaug), die bekannte 2 Meter lange National- Waffe des 
römifchen Fußvolkes, welche oben aus einer 1 m 20 cm langen eifernen 
>tange (f. Nr. 41, die röm. Waffen) und einem Holzfchaft beftand 
No. 1 2 d. Legionär), an welchen der zwifchen Wulfte befindliche Hand- 
griff faft diefelbe Form wie an den Turnierfpeeren des Mittelalters hatte. 
Sariffa (aaqiooa), der 5 — 6 Meter lange Speer der macedoni- 
fchen Phalanx. (Die Speere der deut. Landsknechte maßen 7 — 8 m.) 



204- Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltcrn. 

Spiculum {aavQLoxr t o, ov(Ua%OQ, ütvqu!-), ein 3 1 /,» Fuß langer 
Speer, war fpäter gleichbedeutend mit Pilum, bezeichnet aber an- 
fänglich auch nur den dicken Teil eines Speerfchaftes . ibwie den 
Widerhaken eines Pfeiles. 

Von diefer den Griechen unbekannten römifchen Waffe ift kein 
vollfländiges Exemplar mehr vorhanden, denn das im Mufeum zu 
Kiel befindliche ift fränkifcher Herkunft. Das fränkifche Pilum war 
dem römifchen ähnlich, nur mit dem Unterfchiede, daß die Spitze 
Widerhaken (lat. adunca oder hamata) zeigte, welche unter 
Auguftus auch von den Römern follen angenommen (?) fein. (S. 58 
und S. 201 die Angabe des Agathias hinfichtlich des Zweckes der 
Widerhaken des Angon, und des kleinen Pilums mit Widerhaken, 
was wohl auch auf das fränkifche große Pilum anzuwenden ift.) Das 
hier vorher angeführte Spiculum war das unter Hadrian (117 bis 
138 n. Chr.) einen halben Fuß verkürzte Pilum. Cäfar erwähnt auch 
ein Mauerpilum (pilum murale), wohl wahrfcheinlich das vonPolybios 
angeführte, 9 Fuß lange. 

Trajula oder Jacula, kleiner Wurffpieß des leichten römifchen 
Fußvolkes, der Veliten. Auch eine Art Wurfgefchoß der Kriegs- 
mafchine, wurde Trajula, und wie das Wurfnetz der Gladiatoren, 
Jaculum genannt. 

Veruculum (ößsUoxog) hiess der kleinfte der beiden vom römi- 
fchen Fußvolke getragenen Wurffpeere. Der Befchlag daran unter- 
fchied fich vom Verutum durch feine dreikantige Spitze. Das Veru- 
culum maß 3 Fuß, die Spitze davon 5 Zoll. 

Verutum oder veru (aavviov), ein fehr fpitzer kleiner Wurf- 
fpeer, welchen das römifche Fußvolk von den Samniten entlehnt 
hatte. Das Eifen daran war lang und rund, wie der Bratfpieß, deffen 
Namen er trug. 

Hinfichtlich der fchon bei den Griechen vorkommenden Fahnen- 
Schilde find imAbfchnitte der Fahnen davon Abbildungen gegeben. 

Obfchon die Griechen anfangs keine Reiterei hatten, fo 
kannten fie doch das Reiten, ja daffelbe muß fchon zu Homers 
Zeiten kunftartig zur Ausbildung gelangt fein. 1 ) 

*) Dies geht aus Ilias XV. 679 ff. hervor. — Drei Stellen des Homer beweifen, 
dafs die alten Griechen zu reiten verftanden: Odyffee V, 371 : avtUQ 'Oövoaevq 
ufi(f ivl öovquti ßaive, xt?.%9-' wg "tctcov llavvwv „er klammerte fich mit den 
Fiifsen um einen Holzbalken wie einer, der dahinjagt, ein Kunftreiterpferd." 
Ilias X, 513: xtt(t7iu?.i(i(DQ 6" "mtatv intßrjatTO »er (Diomedes) befleigt das eine der 
Roffe« (cf. 499). Das andere Rofs befteigt Odyfieus, was zwar nicht gefagt ift, aber 



Griechifche, scythifche, etruskifche, famnitifche u. a. Waffen. 



205 



Der Bogen (ßide, tü£oi>) war zu Homers Zeiten eine Lieblings- 
wafife der Anführer und Fürften felbft, — fpäter wurden damit nur 
die leichten und die Hilfstruppen bewaffnet und in noch fpäteren 
Zeiten (400 v. Chr.) fügten fie ihren Heeresabteilungen noch die 
Schleuderer und Reiter hinzu. 

Die Spartaner follen ftatt des geraden Schwertes Krumm - 
fchwerter oder Säbel (f-idyaiga) getragen haben, wovon wahrfcheinlich 
der fpätere Copis (Hurtig) abftammt. 

Seit dem indifchen Feldzuge Alexanders wurden auch bewehrte 
und beturmte Elephanten im Macedonifchen Heere eingeführt. 

Griechen wie Römer kannten damals weder Sattel noch Steig- 
bügel; fie faßen auf einem Kiffen (ephippium). Die erfte Erwähnung 
des Sattels gefchieht unter Theodofius im 4. Jahrhundert n. Chr., 
wo eine Vorfchrift das Gewicht desfelben für Poftpferde auf 30 kg 
als Maximum beftimmt. 

Bezüglich der etrurifchen und famnitifchen Waffen ift noch zu 
bemerken, daß fie fich in drei Unterabteilungen ordnen laffen, nämlich 
in die, welche unter phönicifchem Einfluß (afiatifche Waffen) ent- 
standen find und fogar älter als die griechifche Gefittung zu fein 
fcheinen; in diejenigen, welche aus der Zeit der griechifchen An- 
fiedelung flammen, und endlich in diejenigen, welche nicht weiter 
als bis zur latinifchen Epoche, kurze Zeit vor der Eroberung Etru- 
riens durch die Römer zurückgehen. 

Die griechifchen Waffen haben mit den etrurifchen zufammen 
behandelt werden muffen, da aus der frühen Periode von den letz- 
teren wenig mehr vorhanden ift und es daher unzuläffig gewefen 
wäre, fie getrennt vorzuführen. 



I. Griechifche Kämpfer, nach einer 
bemalten Vafe, im Louvre. Die Krieger 
tragen Helm mit Kamm, Panzer und 
Schild, aber nur der eine Knemiden. 
Speer und Schwert bilden ihre Angriffs- 
waffen. 



aus dem Verfe 541 xcd {>' 01 ßhv xaxtßrjaav (f. S. 38) inl yßöra, xol 8h yaQtvrtq 
hervorgeht. Ilias XV 679 ff.: „oig tf 3 or' ävijQ 'mnoiai x£hjn%eiv ei el6(öq" »fo 
wie ein Mann, der fich auf Kunflreiterei verfteht u. f. w.c Das Reiten wurde alfo 
entweder als Kunft, oder im Notfalle geübt. 




20Ö Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 





2. Griechifcher Helm, kataityx genannt, 
wahrscheinlich von Leder und aus dem 
8. Jahrhundert v. Chr. herrührend, nach 
einem Bronzeftandbildchen des Diomedes. 
Diefer Helm hat keinen Kamm, aber Sturm- 
bänder und fcheint die ältefte Form zu 
kennzeichnen. 



3. Etrurifcher Helm aus Bronze und 
dem erften Zeitabfchnitt zugefchrieben. — 
C. 1 im Artillerie-Mufeum zu Paris. — Es ift 
jedoch ein ähnlicher Helm auf dem ger- 
manifchen Gräberfelde zu Hallftadt gefunden 
worden, deffen Grabftätten nicht weiter 
als bis zum Anfang unferer Zeitrechnung 
zurückgehen. 




4. Etrurifcher Helm aus Bronze, im 
Louvre aufbewahrt. Er wird gleichfalls 
den archaifchen Zeiten zugefchrieben. Ahn- 
liche Exemplare befinden fich noch im 
Artillerie-Mufeum zu Paris (C. 2), in den 
Mufeen zu Berlin, Turin (Nr. 340), Mainz 
(Nr. 380), im Tower zu London und in 
der Samml. Zschille. 




5. Helm aus Bronze, den Umbriern 1 ) 
zugefchrieben, im Mufeum zu St. Germain. 
Ein ähnliches in den germanifchen Gräbern 
von Hallftadt gefundenes Exemplar befindet 
fich in dem Antiken-Kabinet zu Wien und 
ein anderes, zu Steingaden in Bayern ge- 
fundenes, im Mufeum zu Augsburg. 



l ) Die Umbrier waren ein mächtiges Volk in Mittelitalien, dann durch die 
Kelten und andere Stämme befchränkt. Der Meinung einiger moderner Gefchichts- 
fchreiber entgegen wird wohl diefes Volk weniger alt als das etrurifche gewefen fi-in. 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



207 




6. Etrurifcher Bronzehelm mit An- 
tennen (nach antennae — Schiffsrahen) 
einer hörnerförmigen Zier. Exemplare im 
Louvre-Mufeum, in Mainz, Karlsruhe und 
Parifer Artillerie-Mufeum , fowie im Parifer 
Medaillen-Kabinet, wo diefer Hefm Gold- 
verzierungen hat. 

7. Etrurifcher archaifcher Bronzehelm 
7 mit darauf figuriertem Vifier, ähnlich dem 

beweglichen Vifiere der Helme des chrift- 
lichen Mittelalters. 




8. Griechischer Bronzehelm 
fchriften. — Britifches Mufeum. 



mit In- 




9. Griechifcher Bronzehelm eines Ho- 
pliten 1 ), nach einem antiken Standbilde. 
Ahnliche Exemplare befinden fich in den 
Zeughäufern zu Turin (Nr. 341), Berlin, 
Mainz, Goodrich-Court, Sammlung Witgen- 
ftein, früher in Walluf am Rhein, Mufeum 
zu Karlsruhe und in dem Artilleriemufeum 
zu Paris. Ein derartiger Helm im Britifchen 
Mufeum ift mit griechifchen Infchriften ver- 
fehen. Die venezianischen Keffelhauben 
des 15. Jahrhunderts ftreben die Form diefer 
Waffe an. Ein ähnlicher Helm ift auch in 
Steingaden bei Hohenfchwangau in Bayern 
gefunden worden. (Mufeum zu Augsburg.) 

9 a. Griechifcher Helm nach einer Marmor- 
Flachbildnerei des Apollo-Tempels zu Phiga- 
leia in Arcadien, Kämpfe zwifchen Griechen 
und Amazonen darftellend. — Britifches 
Mufeum. 



x ) Soldat der regulären, vollftändig bewaffneten 
Truppe, nach dem griechifchen hoplon, Verteidigungs- 
waffe. 



208 



Griechifche, scythifche, ctruskifche, famnitifche u. a. Waffen. 








I o. Griechifcher Bronzehelm mit Stachel - 
Antennen im Zeughaus zu Turin. (S. den 
Helm Nr. 6.) 

11. Griechifcher, das Geficht gänzlich 
bedeckender Bronzehelm (av/LiÖTtig) im 
Mufeum zu Mainz und Karlsruhe. Ein 
bewunderungswürdiges Stück, wo die ge- 
triebene Arbeit zwei kämpfende Stiere 
darfteilt. Er ift oben mit Antennen 
(tTtvxQiov) und einem Federbufchhalter 
verfehen. Sammlung Zfchille ähnliches 
Exemplar. 

12. Altgriechifcher Helm der Heroen- 
zeit, nach einer bemalten etrurifchen Vafe 
im Louvre. Es ift dies die Form des 
griechifchen Helmes, die man als die vor- 
zugsweife klaffifche bezeichnen kann und 
an einer großen Anzahl von Bildwerken 
wiederfindet, wovon aber kein Exemplar 
bis auf uns gekommen ift. Der Helm- 
fchmuck (yxövpg) fcheint eine Befiederung 
(crifta) von Pferdehaar zu haben. 1 ) 

13. In Tirol gefundener Bronzehelm mit 
Gravierungen, wahrfcheinlich etrurifch. 

14. Etrurifcher, in Apulien gefundener 
Bronzehelm mit Sturmbändern (Wangen- 
klappen, TictQayva&ig, jugulae oder buccu- 
lae) und Stirnfchirm — tpälog. — Mufeum 
zu Karlsruhe. (S. den ähnlichen römifchen 
Helm: Nr. 11.) 



') Die vollftändigften griechifchen 1 j i Ko. wiegen- 
der Helme waren die Vierfch innigen (reXQCKpcikoq). 



Griechifche, fcythifche, etrurifche, famnitifche u. a. Waffen. 



209 




15. Etrurifcher, in Etrurien gefundener 
Bronzehelm mit greifförmigen Sturmbän- 
dern (jtaQayafrlg). — Mufeum zu Karlsruhe. 

16. Etrurifcher, in Etrurien gefundener 
Bronzehelm ohne Sturmbänder und wahr- 
fcheinlich aus archaifcher Zeit flammend. 
— Mufeum zu Karlsruhe. 






17. Altgriechifcher Helm der Heroen- 
zeit, nach den Malereien einer fogenannten 
etrurifchen Vafe im Louvre- Mufeum; die 
Form ift feiten und äußerft kunftvoll. Der 
Helmfchmuck xcövog, welcher eine Art 
Adler darftellt, fcheint mit Roßhaaren Xog>og 
verziert zu fein. 

18. Altgriechifcher Helm, 
nach einem antiken Stand- 
bilde. Der Helmfchmuck 
(xcövog) ift mit bürftenartig 
geftutztem Kamm (Xo<pog) 
von Roßhaaren befetzt und 
die Glocke mit reichen 

Verzierungen in getriebener Arbeit bedeckt. 

Kann auch römifch fein. 

18a. Griechifcher Helm mit Nacken- 
fchutz,(praesidium cervi eis?) nach einem 
Riefenftandbildkopf der Athene. Außer 
der Helmzier befinden fich auf beiden Seiten 
die der Göttin geweihte Eule. — Briti- 
fches Mufeum. 

19. Griechifcher Helmfchmuck (xeovog 
— apex) aus'Bronze, in einem Grabe gefun- 
den. — C. 13, Artillerie-Mufeum zu Paris. 
Man vergleiche, wegen ähnlicher Bildung, 
den affyrifchen Helm unter Nr. 32, S. 166. 



Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 



14 



2IO 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




20. Griechifcher Helm aus Bronze, mit 
Nackenfchutz. H. 6 Artillerie-Mufeum zu 
Paris. — Diefer Helm fcheint einem Reiter 
aus der Zeit des Verfalls angehört zu haben. 
(S. Nr. 30 der römifchen(?) Helme.) 



21. Griechifcher Bronzehelm mit Sturm- 
bändern jtaQayad-ig aus Bronze. — C. 8 
Artillerie-Mufeum zu Paris. 



22. Griechifcher Reiterhelm aus Bronze, 
mit Nackenfchutz und Helmzierträger — 
xwvog. — H. 1 Artillerie-Mufeum zu Paris. 
Diefer Helm gehört der Verfallzeit an. 



22. Bis. Griechifcher zu Lokri, in Unter- 
italien gefundene vierschirmiger {xEXQaffa- 
loq) Bronzehelm. Die Sturmbänder haben 
die Geftalt eines Widderkopfes. 



22. Ter. Griechifcher Bronze- 
helm in Glockenform mit Verftär- 
kungsbügel — Fundort Olympia. 



Griechifche, fcythifche, etrurifche, famnitifche u. a. Waffen. 



211 



23. Bruftplatte l ) eines etrurifchen 
Stückpanzers — yva/Lo&coQag oder &coq?]s 
aus einem einzigen getriebenen Stücke 
beftehend, deren Flachbildnerei die 
Teile des menfchlichen Oberkörpers 
ausgeprägt darfteilt. Sie flammt aus 
einem etrurifchen Grabe und befindet 
fich im Mufeum zu Karlsruhe. — Das 
Artillerie-Mufeum zu Paris befitzt einen 
Abguß derfelben. C. 17. Ähnliche find 
in einem Grabe zu Paeftum gefunden 
worden. 

24. Vollftändiger griechifcherStück- 
panzer &a)Qr]t- altgr. yvaXov, aus Bronze x ), 
aus einem Grabe bei Neapel. 

24. Bis. yvaZa — ffyi&cogaxtov — 
xccQÖiogivXa!- — pectorale Bruftplatte 
eines griechifchen Stückpanzers (-d-coQr]^) 
mit 3 Buckeln, welcher wohl ohne 
Rückenplatte getragen worden ift. Diefe 
Schutzwafife hat Ähnlichkeit mit den 
perfifchen, mehr noch mit den türki- 
fchen Janitfcharen-Panzern v. XVI. bis 
XVII. n. Chr., welche weiterhin im Ab- 
fchnitt der Panzer abgebildet find. — 
Mufeum zu Karlsruhe. 

2$. ipslliov oder tyeliov — Bra- 
chiale, armilla militaris, bronzener, 
griechifcher (?) Waffenärmel, wie man 
denfelben auch bei Völkern der nordi- 
fchen Gegenden, aber meift da aus 
Draht und in Schlangenwindung antrifft 
(f. d. germanifchen und dänifchen weiter 
hin abgebildeten) — Sammlung von 
Bonftetten bei Bern. 



! ) Mit pectorale — ?]fit9-a)(>äxiov, xaQÖiO(pv)M§, yvaXov — bezeichnete man 
ine Unterfchied die Bruft- wie die Rückenplatte. 

14* 




212 



Antike Waffen aus der fogenannten Bronze- und Eisen-Zeitaltern. 




26.GriechifcherSoldaten-(Hopliten)- 
gürtel ^coOzjjQ — [ilxQa, cingulum mit 
Schließvorrichtung negovr) — xÖQJtrj — 
kvrtj, fibula, bei äußerlich fichtbaren 
Schnallenzungen — acusti, fr. ardil- 
lonszona £cov7] — hies bei den Griechen 
der obigen ähnliche aber den Panzer mit 
dem Schurz — ^riofia — verbindende 
Gürtel. Nr. 372 im Mufeum zu Mainz. 
27. jiaQfi?; — parma, gewölbter, 
gewöhnlich 3 bis 4V2 Fuß im Durch- 
fchnitt meffender und oft 30 Pfund 
wiegender, etrurifcher, bronzener Rund- 
fchild, alfo kleiner wie der aojvig — 
clipeum. Aus einem Grabe. Die getrie- 
benen und cifelirten Verzierungen der 
Kreislinien bieten eine merkwürdige 
Arbeit, afiatifch-phönicifchen Charak- 
ters, welcher darauf hinweift, daß diefe 
Waffe der erften etrurifchen Periode an- 
gehört. Im Britifchen Mufeum; ein Ab- 
guß unter Nr. G. 9, im Artillerie-Mufeum 
zu Paris. 

28. jiaQfir] — parmula (?) ein noch 
kleinerer, etrurifcher nur 30 cm durch- 
meffender Rundfchild aus Bronze und 
von der innern Seite mit feiner nur 
einen Handhabe dargeftellt, Mufeum zu 
Mainz. Das Artillerie-Mufeum zu Paris 
befitzt einen Abguß desfelben unter der 
Nr. C. 22. 

29. Griechifcher Schildnabel {o(i(paX6g 
— umbo) 1 ); mißt 25 mm und ift in der 
Umgegend von Mainz gefunden worden, 
in welcher Stadt er auch aufbewahrt 



') Der griechifche oder etrurifche Rundfchild "hatte gewöhnlich zwei, manchmal 
felbft drei Handhaben; die eine im Mittelpunkte war für den Arm, die andere, am Rande, 
für die Hand beftimmt. Aufserdem war er mit einem Riemenbande, der Scliildfeffel 



Griechifche. scythifche, etrurifche, famnitifche u. a. Waffen. 



213 




wird. Das Artillerie-Mufeum zu Paris befitzt einen Abguß davon 

unter der Nummer C. 22. 

Peltasta — jisXraOt^g — d. h. mit der pelta — jciXrrj — 

dem halbmond- oder mondfichelförmigem Schilde Bewaffneter. Auch 

hier find zwei Bügel, einer 
29 Bis. für den Arm, der andere 
für die Hand. Ersterer be- 
findet fich im Mittelpunkte 
des Schildes. Der Speer ift 
an jedem Ende beschlagen, 
alfo oben mit dem ai%[ir], 
cuspis, und unten mit 

dem Speerfchuh cavQmrrjg — spiculum der Römer. Nach einem 

athenischen Vasenbilde. — (Skyphos — Gxv<pog — Henkelkump.) 

30. Bronzene xvijfjtg, Beinfchiene 
(ocrea der Römer) eines griechifchen 
Reiters, 45 cm lang. C. 22 im Parifer 
Artillerie-Mufeum. Der hintere Teil 
des Beines blieb hier fchutzlos. Ein 
mit folchen Knemiden Gerüfteter hieß 
ocreatus — svxv7](/lg (S. Homer.) 
Bei den Griechen foll es aber auch 
Doppel-Knemiden gegeben haben, 
die fowohl die Wade wie den Vorderteil 
des Beines fchützten und wozu auch 
wohl ftatt der Bronze Zinn verwendet 
wurde. (S. 196 Homer.) Dem Verfaffer 
ift aber keine Abbildung diefer Doppel- 
Knemiden bekannt. 

31. Andere bronzene Knemide 
eines etrurifchen Reiters, 50 cm lang. 




(reXa/x(6v — f. S. 199) verfehen, um über den Rücken gehängt werden zu können. Bei 
den ovalen Schilden trifft man oft die drei Handhaben an (f. S. 197). Clipeus und 
clipeum (dorne;) war der befonders für das fpätere Fufsvolk geeignete Rundfchild, 
welcher auch unter Servius bei den Römern mehr allgemein in Gebrauch kam. Der 
ältefte griechifche wie der hier abgebildete etrurifche Schild hatte anfänglich nur einen 
Handgriff, wie auch die Schilde aller faft morgenländifchen Völker. Allmählich erft 
fand der mit zwei und felbft mit drei Bügeln verfehene Schild, welchen die Griechen 
den Karern zufchreiben, Verbreitung. Vom VI. Jh. ab war der zweibüglige Schild in 
allen griechifchen Staaten im Gebrauch. 



214 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



Mufeum zu Karlsruhe. Das Mufeum zu Mainz befitzt eine ähn- 
liche und das Parifer Artillerie-Mufeum einen Abguß unter Nr. C. 16. 
Die unbeweglichen Kniefcheiben ftellen Löwenköpfe dar. Das Bein 
blieb an feiner hintern Seite auch hier ungefchützt. 



32. Etrurifcher Pferdebruftharnifch 
aus Bronze (lat. antilena aenea (?). 
In den Mufeen zu Karlsruhe und Mainz, 
Abguß Nr. C. 15 im Parifer Artillerie- 
Mufeum. 

33. Etrurifches Pferdeftirnblech (nl. 
camus, auch, wie der Zaum, frenum, 
fr. chanfrein) aus Bronze. — Mufeum zu 
Karlsruhe, Mainz und Abguß Nr. C. 18 
im Parifer Artillerie-Mufeum. Die Num- 
mern 31, 32 und 33 fcheinen derfelben 
Mannes- und Pferderüftung angehört 
zu haben. 

33 Bis. Griechifcher Pferde- 
zaum — yalivoq — frenum — mit 
Stirnblech (nl. camus recte 
frenum, fr. chanfrein) und dem 
auf der Stirne aufgerichteten Haar- 
büfchel (lat. cirrus in vertice). 
Der Bruftriemen (lat. antilena) 
trägt hier einen Zeugbehang. 



34. Slfpog (poetifch aog), kurzes 
fpitzortiges griechifches Schwert 
ohne Stichblatt mit plattem Griff 
(xcöxr), Xdßrji) aus Bronze, 47 cm, 
Nr. 348, Mufeum zu Mainz. 



Das einfchneidige noch kürzere (ftäxcuQa — machaera) griechi- 
sche Schlachtmeffer war dem S. 173 abgebildeten chinefifchen 
Seymitar, welcher auch als griechifche Speerklinge (f. S. 196) 
figurirt, eben so wie dem römischen culter venatorius ähnlich. 
Vom fiaxcuQO, dem spartanischen Säbel, welcher wie der römische 







Griechifche, fcythifche, etfurifche, famnitifche u. a. Waffen. 



215 




c o p i s — Tiöjtig und der spätere morgen- 
wie abendländische Säbel auch die 
Schneide (acies) an der äusseren und 
nicht wie der ensis falcatus (S. Ovid. 
Mel.I, 718, IV, 726) und wie die supina 
der Thraces (Gladiatoren) an der inne- 
ren Krümmung hatte, f. die Abbildung 
weiterhin.) 

35. OJtd&t], längeres griechifches 
fpitzortiges Schwert ohne Stichblatt aus 
Bronze, 78 cm lang, C. 18 im Artillerie- 
Mufeum zu Paris. 

36 a und b. Sogenanntes gallo-grie- 
chifches Bronze -Schwert mit fpitzem 
Ort und ohne Stichblatt, 60 cm lang 
mit feiner gleichfalls aus Bronze be- 
ftehenden Scheide ({-Kpo-d-rixi]), im Arron- 
diffement d'Uzes gefunden. — B. 19 im 
Artillerie-Mufeum zu Paris. 

Alle diefe nicht langen Schwerter 
(!-i<po&fixri) find mit Griffen {xcöjirj) ohne 
Abwehrstange ixvcbötnv) und mit spitzen 
Orten (mucro) versehen. Mit mucro 
wird auch oft im Lat. das vollständige 
3 8 Schwert bezeichnet. 

37. Bladformige Wurf - Pfeilfpitze 
aus Bronze [al'/^ii]) wahrfcheinlich grie- 
chifcher Herkunft, in einer Torfgrube 
bei Abbeville (Somme) gefunden. — 
B. 23 im Parifer Artillerie-Mufeum. Im 
Mufeum zu Mainz eine gleiche Pfeil- 
fpitze unter Nr. 349. 

38. Antiker Dolch aus Bronze, 
jcaga^mviov — parazonium genannt 
gleichermaßen bei den Griechen und 
Römern (als Waffe der Centurionen) 
im Gebrauch, welcher nicht mit der 



2i6 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

(iä%cuQa — der Machera noch mit der §/(po§, der ligula, einem 
kleinen Schwerte der retiarii zu verwechfeln ift. Diefes parazonium 
mißt 42 cm. Das römifche Parazonium hat auf beiden Seiten der 
Klinge Blutrinnen, was weder das griechifche noch das germanifche, 
d. h. die fogenannte Ochsenzunge aufweift. Die Secespita, ein 
Opfermeffer hatte diefelbe Form. — Artillerie-Mufeum zu Paris. 

38 1. Spätgriechifches Schwert §l<poq — poetifch ccoq — mit 
ftumpfortiger Scheide xoXeog und kurze^querer Abwehrftange 3it£qv§. 

31. II. Kurzes, fpitzortiges, griechifches Schwert mit einfeitig 
gebogenem Knauf. — Vafenbild. 

38 III. Einfeitig fchneidendes fpartanifches Schwert, fiaxaiga, 
welches wie der römifche cop.s zu den Vorfahren des Säbels ge- 
hört, da es wie diefer die Schneide auf der äußeren Krümmung 
und nicht, wie das Krumm- oder Senfenfchwert, auf der inneren 
Krümmung hat. 

38iv 38 IV. Xi<poq — poetifch aoQ — grie- 

chifches Schwert, welches mit feiner quer- 
liegenden Abwehrftange (xvcbömv, jitsqv^ 

— mora) wie mit der Klinge (lamina) 
ganz und gar in einer Scheide (xoXeoc, 
gipo&rjxr] — vagina) und umwundener Griff 

— xmjcrj eingefchloffen wurde. So artige 
Scheiden kommen bei anderen Völkern 
nicht vor. 

39. Griechifches (?) Beil aus Bronze. — Berliner Museum. 

40. Griechifcher oder etrurifcher Kopf einer Keulenwaffe oder 
eines Streitkolben (xoqvvt), lat. clava), mit ftachligen Spitzen, in dem 
ehemaligen Königreich Neapel gefunden. '■ — Mufeen zu Berlin, St 
Germain und Artillerie-Mufeum zu Paris. (S. S. 200 den Streit- 
kolben.) 

41. Griechifcher Sporn aus Bronze, in dem ehemaligen König- 
reich Neapel gefunden. — Artillerie-Mufeum zu Paris. 

42. Antiker Sporn (lat. calcar — calx) aus Bronze mit nicht 
nur einem Stachel — calcis aculeus — fondern mit zwei eigen- 
tümlich von einander abgebogenen). Wohl griechifch. Radsporen 
waren weder den Griechen noch den Römern bekannt. — 
Artillerie-Mufeum zu Paris. Wahrfcheinlich wurde der Sporn bei 
den Griechen nur am linken Fuss getragen. 




Griechifche. fcythifche, etrurifche. famnitifche u. a. Waffen. 



217 



« 2 Bis - 42. Bis. Ringkeule {qxxXayyeq 

lp und tpaZayyia — phalangae oder 

palangae). Nach dem in einem 

Grabe Paeftums gefundenen Exemplar, wie es auch die darinnen 

aufgedeckte Malerei des griechifchen Reiters zeigt. 

43. Langftielige Amazonen-Streitaxt (jitZexvq, lat. securis) 
nach den Malereien einer gr.-etr. Schale (Calix), eines Crater 
(xQarr/Q) und eines Stamnos, letzterer im Britifchen Mufeum. Alle 
aus dem Zeiträume von 500 — 400 v. Ch. — Scythen find auf Vafen- 

bildern derselben Zeitperiode 
mit ganz gleichen Streitäxten 
versehen. (S. S. 196. IV.) Es 
ift dies eine Waffe, die man 
eben nirgends in den Händen von Griechen abgebildet findet, alfo 
auch nur bei Völkerfchaften im Gebrauch war, mit welchen die 
Griechen Krieg führten. 

Man findet eine andere Form von Streitaxt auf der Trajans- 
fäule (f. weiterhin), da aber in den Händen römischer Krieger, bei 
welchen diefe Waffe zu dem accinctus, d. h. der vollftändigen Aus- 
rüftung zu gehören fcheint. Die' at~ivr) — ßovjtlrjB,, Tvxog? ascia 
griechifche (?) einfeitige Bronzeaxt war keine eigentliche öiöroftog 
— bipennis d. h. Kriegsftreitaxt. 

43. Bis. Kurzftieliger Streitham- 
mer (malleus, öfpvga) in Papagei- 
Schnabel-Form, welchen man nur in 
den Händen von Amazonen und 
Scythen antrifft. — Nach einemVafen- 
bilde (f. weiterhin über Amazonen). 

44. (ictGTiB, etc. — flagrum fimbriatum, Streit- 
geißel, nach einer etrurifchen Vafe. (S. S. 185 den 
ägyptifchen Skorpion.) 

45. Griechifcher Springftein (äXrriQeq — halte- 
res) in Olympia gefunden und in Berlin aufbewahrt. 1 ) 

46. Harpe (ctQjtrj), deffen Widerhaken Hamus 
(Dornenftachel) hieß. Jupiter, Herkules, Merkur und 



43 Bis. 




J ) Solche Turngewichte von Stein oder Blei, mit und ohne Haken waren auch zu 
lilitärübungen in Gebrauch. Der fchwerfle davon wird von Juvenal (I. Jh. n. Ch.) 
„maffa graves" genannt. Auch die Springftangen hatten denfelben Namen. 



218 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eisen-Zeitaltern. 



* 6 vor allem Perseus *) führten nach der antiken My- 

thologie diefe Waffe. — Nach einer pompejanifchen 
Wandmalerei. 

47. Hoplit (Schwerbewaffneter ?), re- 
gulärer Soldat, der mit einem Schild in 
Dreiblattform bewehrt ift; nach der 
Abhandlung von Rhodios, jcEQljtoXef/ixTJg 
Tfyvrjg, Athen 1868. Diefer Soldat ist 
intereffant wegen feines etrurifch ge- 
formten Helmes und der einem Epheu- 
blatt ähnlichen Schildform. (S. Pelta.) 

48. ©coQaS, ZejiidcoTog' 2 ) = lorica 
squamae, Schuppenpanzer, welcher, — 
obwohl der Trajanssäule (114 n. Ch.) 
entnommen, alfo römifch, doch hier 
unter den griechifchen eingereiht worden 
ift, da, wie die Abbildung S. 200 zeigt, 
diefe Schutzrüftung bereits in ganz 
gleicher Art bei den Griechen im 3. Jh. 
v. Ch. gebräuchlich war. Das kurze 
Schwert — §lg>og — gladius ift auf der 
rechten Seite an einem Schulter- Wehr- 
gehänge — reXaficöv — balteus be- 
feftigt, gehört also nicht mehr der hero- 
ifchen Zeit an. 

49. Eichel (ßdZavog, lat. glans), Gefchoß (telum) der griechi- 
fchen Katapulte, das Wort JESAI (empfange) tragend. 

Eine ähnliche im Parifer Artillerie-Mufeum. Griechen und Römer 
hatten auch folche Bleigefchoffe, glandes gen., für Schleuderer. 
Eines davon in Italien gefunden (Sigmaringer Mufeum) trägt die 
Legionsnummer LXV. — Andere im Mufeum zu St. Germain. 

„Fir", auch „Feri" (firmiter, mit Kraft fchleudern, „Roma" 
(„frappe Rome") sind andere auf folchen Eicheln römifcher Abkunft 
aufgelefene Infchriften. 

50. Griechischer Spannhaken oder Fingerhalter (fr. doigtier 




') Auf einer Marmorflachbildnerei im Mufeum zu Neapel, Perfeus und Andromeda 
darflellend, ift ebenfalls eine folche Waffe abgebildet. 

*) Von Ximöeq — Fifchfchuppe. Diefer Panzer ift auch noch auf der Trajans- 
Säule abgebildet. Bei Homer kommt er unter der Bezeichnung yaiüv (pohtwxö- vor. 



Griechifche, fcythifche, etrurifche. famnitische u. a. Waffen. 



2I9 




oder crochet pour tendre) aus Bronze, 9 cm lang, welcher zum 
Spannen der Bogen diente. — Medaillen-Kabinett zu Paris. 

51. Gaftraphetes oder Handbailifte, tragbare Waffe, der 
Armbruft des Mittelalters ähnlich, aber größer (nach dem Werke von 
Rhodios, welcher fie nach byzantinifchen Urkunden (? wohl eher nach 

Heron und Philon) hergeftellt hat. (S. wei- 
teres darüber S. 41—49.) Indes bleibt es fehr 
zweifelhaft, ob folch eine tragbare Bailifte 
oder Armbruft je bei den Griechen des 
Altertums beftanden hat. 

Die Manuballifta der Römer (S. Veg. 
Mil. II, 15, IV, 22), welche derselbe Autor 
von dem „Manuballiftratus" handhaben 
läßt, fcheint ebenfalls bereits ähnlich der 
fpäteren Armbruft gewefen zu sein. 

AuchRüstowu.Köchly:„Gefchichtedes 
griech. Kriegswefens", Aarau 1852 — geben 
von obiger Gaftrapheta oder Bauch- 
spanner eine ganz ähnliche Abbildung als 
„Mittelgattung zwischen grobem Gefchütz und kleinem Ferngewehr", 
'erner kann auch wohl der von Veget. Mil. IV, 22; — Ammian XV, 
[II und Vitruv. X, 1, 3 angeführte GxoQJtiog — öxoqjcIcdv. — scorpio, 
ils Vorläufer der mittelalterlichen Armbruft angefehen werden. 

52. Widder (xQiög — aries, fr. belier) unter feiner Schildkröte 
(xelvg 1 ) — teftudo, fr. blinde roulante), f. b. Vitruv. teftudo 

irietaria, X, 13, 2 u. 15 u. 16; Caes. B. G. V. 43 u. 52, fowie die 
Abbildung auf dem Triumphbogen des Septimus Severus (193 — 211 
n. Ch.) und i. d. Werke von Rhodios; f. ferner im nächften Abfchnitt 

d. römifchen Waffen das von Schildern 
der Krieger gebildete, auch teftudo 
benannte Stürm-Dach. 

Was die von Vitruvius ausführlich 
befchriebene catapulta — xarajtekzr/g 
— anbetrifft, welche die Griechen wahrfcheinlich auch fchon gekannt 
haben mögen, fo ift diefelbe nicht weniger als fechsmal auf der 
'rajanstäule (114 n. Ch.) abgebildet. (S. weiteres im Abfchnitt 
iriegsmafchinen u. S. 172, No. 46 den affyrifchen Widder. 

*) Ob diefer den Römern bekannte verdeckte Widder fo auch fchon bei den 
Griechen im Gebrauch war, ift aber wohl nicht feftzuftellen. 




220 Antike Waffen aus der fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



52 Bis. 




52. Bis. Griechifcher Streitwagen (aQfia — oder rä agfiara) 
heroifcher Zeit, mit einer Achse (agcov) und 2 Rädern {rgoyol). 
Das Rad ift hier kein Blockrad (xvxXcofia — tympanum) mehr, 
fondern das Speichenrad (tqoxo? — xvxZoq — rota radiata) mit 
Nabe (xvörj — modiolus), Felgen (Itvg), Speichen (äxtl^; — radius 

— xvrjfir], radii) und Reifen (orbis oder cantus), hat aber nur 
vier Speichen, wo hingegen die Räder des römifchen im Vatikan 
befindlichen Rennwagens (f. die Abbildung davon weiterhin) zwölf 

Speichen hatten. Der römifche Wagen- 
ftuhl hatte auch nicht das hier am griechi- 
fchen Karten — 6i<pQ0S — befindliche offene 
Geländer, welches indeffen auch nicht 
immer bei dem griechifchen vorkommt. 
Die Deichsel (qv/ioq) und die daran be- 
feftigten Joche (C,vyöv) fehlen. (S. Homer, 
II. 5. 338 u. 20. 392.) Diese Abbildung ift 
nach der Malerei einer zu Saticola (heute 
St. Agatha) gefundenen Vase dargeftellt, 
alfo aus fehr fpäter heroifcher Zeit, da bis 
zu Homers Zeiten hinausreichende bemalte Vafen nicht vorhanden 
find noch beftanden haben. 

Der Streitwagen (aQfia, lat. mit dem Keltifchen effedum be- 
zeichnet; fr. char de guerre) ebenso wie der Circus-Rennwagen 
(lat. carrus, auch currus — curro, fr. char de course), welche 
beide zweirädrig und hinten zum Einfteigen eingerichtet, sollen, 
Virgil nach, vom Könige Athens Erichthonius (1593 — 1559 v. Ch.), 
nach anderen von Triptolem, König von Eleufis oder Trochilus, 
ja felbft von der Pallas oder von Neptun erfunden fein. Bei den 
Aegyptern reichen aber wohl die Streitwagen bis ins 17. Jh. v. Ch. 
hinauf. Es gab, befonders für den Circus, die von 2 nebeneinander 
gefpannten Pferden gezogene, biga — gvvcoqLq — oder bijugus 

— bijugis; — die mit 3 Pferden befpannte Trija, wo zwei Pferde 
vermittelft der eigentlichen biga — ein Querholz — an der Deichfei 
(temo, QVftoi) und das dritte, das Riemenpferd (jtccQijoQog; — osiqo- 
<poQog — equus funalis, fr. cheval de vol£e) an der Leine (sim- 
plici vinculo — copula) zogen; — die quadriga — t£&quhcov 
aQfia — für 4 — die sejugae oder sejugis für 6 und die 
septijuga für 7 an der copula ziehende Pferde. Zwei Pferde, 
die jugales, zogen vermittelft einer über die Rücken liegenden 



Griechifche, fcythifche, etrurifche, famnitifche u. a. Waffen. 221 

stratera bei der quadriga an der Deichsel, zwei, die Riemenpferde, 
die funalis, wovon das rechte mit dexter jugalis — ^vyiog — das 
linke sinifter oder laevus funalis bezeichnet wurde, an der Leine 
(copula). Der EinÜbungsplatz für alle diefe Rennwagen hieß tri- 
garium und der Wagenlenker agitator, häufiger noch auriga — 
rjvioxog — auriga {fjvLoyog) hieß der Lenker im allgemeinen und 
der einer quadriga aber quadrigarius. 

Streit- oder Kriegswagen waren, wie in Griechenland (f. 
S. 39), aber viel früher fchon (f. oben) bei den Aegyptern (f. S. 182 
die Abbildungen der von Ramfes II. — 1388 — 22 v. Ch.) so wie bei 
den Affyriern (f. S. 159 die Streitwagen v. 10. Jh. v. Ch., f. auch 
S. 30, 31 u. 34) und bei den Persern im Gebrauch. Oben angeführte 
Bezeichnung aQfia, „Streitwagen", war die des heroifchen Zeitab- 
fchnittes. Im Vatikan befindet fich wohl der einzig noch bis heute 
erhaltene currus mit fefter Achse (axis — agcov), alfo nicht wie das 
Plauftrum — üfiaga — mit an den Rädern feftfitzender und mit 
diefen in Zapfenmuttern der Nabe {yyöri — modiolus) fich drehen- 
der Achse (axis rotarum). 

Senfenwagen (agfia ÖQejtavrj(poQog — currus falcatus, fr. char 
ä faux oder char ä faucilles) fcheinen nur im femitifchen Orient 
und bei den Galliern oder Kelten (Schlacht bei Sentium, 295 v. Ch. 
u. a.), bei den Belgiern, fowie bei den Völkern des füdlichen Bri- 
tannien neben den gewöhnlichen Streitwagen in Gebrauch gewefen zu 
fein. Senfenförmige Klingen an Deichfei- und Achsenenden dienten 
bei diefen auf keinem Denkmal oder durch fonftige Abbildungen, 
fondern nur durch Ueberlieferungen uns bekannten corvinus ge- 
nanntes Senfenwagen zur Niedermetzelung der Feinde. (S. auch 
weiteres im Abfchnitte der römifchen Waffen, fowie im Abfchnitte 
„Tragbare oder Handfeuerwaffen" den mittelalterlichen Streit- 
wagen mit Sichelachsen (fr. ribaudequin). 

In den Homerifchen Schlachtbildern kämpften die Helden, d. h. 
Anführer fowohl der Griechen wie der Trojaner der Maffe des 
Fußvolkes voran auf mit zwei, auch mit vier Roffen befpannten 
Wagen, wo außer dem Kämpfer noch der Wagenlenker im Karten 
(öitpQog) ftand. Seit dem Auftreten der Dorier (Spartaner u. a. m.) 
verfchwand bei den Griechen der Streitwagen vom Schlachtfelde 
und findet nur noch feine Verwendung wie bei den Römern in den 
agones, den Wettkämpfen ftatt, wo das Wagenrennen einen Haupt- 
teil der gymnaftifchen Vorftellungen ausmachte. Die großen Olym- 



222 Antike Waffen aus den fogenannten Kronze- und Eisen-Zeitaltern. 

pien wurden erft unter Theodofins, 396 n. Ch. gänzlich aufgehoben. 
Bei den Scythen waren aus den Schlachtwagen Wohnungwagen 
geworden, weshalb diefe, fonft nirgends anfäffigen, hamaxobier 
genannt wurden. 

Schließlich mag hier noch die von Homer, alfo v. XI. J. n. Ch. 
gegebene Befchreibung der Ausrüftung des Atriden figuriren: 

Bronzene mit filbernen Agraffen verfehene Beinfchienen; mit 
10 ftahlblauen, 12 goldenen und 20 zinnernen Rippen verfehener 
Panzer; ein von Goldknöpfchen blinkendes Schwert in Silberfcheide 
an Goldgehänge; ein von 10 Bronzerippen eingefaßtes und 20 
Zinnbuckel bedeckter Schild; den vierkeglichen (?) Helm mit flattern- 
dem Pferdehaar etc. 



Römifche, famnitifche, dacifche l ) Waffen aus Bronze und Eifen. 
Waffen verfchiedener römifcher Verbündeter. 

[Rom. Könige der Gründung Roms v. 753 v. Chr. ab; Republik v. 509 und Kaifer v. 
31 v. Chr. bis 476 n. Chr.] 

Wie in dem vorhergehendem Abfchnitt, welcher von der Be- 
waffnung der Griechen handelt, findet fich auch hier nachfolgend 
eine befondere den Abbildungen fich anfchließende Überficht der 
bereits S. 42 — 50 behandelten Ausrüftung des römifchen Volkes und 
einiger ihm dienftbarer Stämme. 

Von der etrurifchen Bewaffnung in der frühen Zeit ift zunächft 
zu fagen, daß diefelbe fich unter phönicifchem und griechifchem 
Einfluffe entwickelt hatte. Man vermag aber nicht, das Dunkel zu 
durchdringen, welches über der Gefchichte der altitalifchen Be- 
völkerung laftet. Nur wenige Fundftücke aus etrurifchen Gräbern 
und einige Vafenbilder geben über die Ausrüftung der Ureinwohner 
Italiens Kunde. Die älteften Fundftücke von Schutz- und An- 
griffswaffen (arma — tela) find einige Helme von einfacherGlocken- 
form ; hier und da zeigen fich auch fchon Sturmbänder. Der Schild 
der Etrusker ift rund und gewölbt. Sie führten den Speer und 
wahrfcheinlich auch fchon das Pilum 2 ). Auf Vafenbildern Etruriens 
findet man denjenigen der Römer in der fervianifchen Zeit fehr 
ähnliche Ausrüftungen. Eine Bronzeftandbild in Florenz zeigt den voll- 

') Dacifche Waffen find nur durch die Trajansfäule bekannt. 
l ) vaaog — fchwerer Stofsfpeer. In Vulci fand man unter altetruskifchen Waffen 
den eifernen Teil eines Pilums (Muf. Gregor, pl. 21, Nr. 6). 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 22 2 

ftändig gerüfteten tuskifchen Krieger fpäterer Zeit Man fieht da 
den bebufchten Helm mit Stirn- und Backenfchutz, den Schuppen- 
panzer mit befonderen Schulterftücken, Speer, Rundfchild und Bein- 
fchienen. Bereits v. IV. Jahrh. ab, wo Etrurien beginnt langfamer 
Hand in Rom aufzugehen l ) fängt auch die Gleichmäßigkeit der 
etrurifchen und römifchen Bewaffnung an. 

Beftimmter, wenn auch nicht überall lückenlos und unzweifel- 
haft find die Angaben über die römifche Bewaffnung, welche man 
teils aus alten Schriftftellern, teils aus Darftellungen römifcher Sol- 
daten auf Triumphbogen, Grabdenkmalen u. f. w. fchöpfen muß. 
Den Brauch der germanifchen Völker, bis Ende des merowingifchen 
Zeitabfchnittes, Waffen in das Grab des Kriegers zu legen, übten 
die Römer nicht. Es ift begreiflich, daß man deshalb nur weniger 
und minder gut erhaltene Rüftftücke befitzt. Aber wenn man auch 
hierauf Bedacht nehmen muß, fo erfcheint dennoch die Zahl der 
Waffenfunde felbft fo gering, daß fie in gar keinem Verhältnis zu 
der ungeheuren Ausdehnung des ehemaligen römifchen Reiches und 
zu der großen Anzahl von Schlachten fteht, welche die Römer 
lieferten. Jedes einzelne Stück ift deshalb befonders fehr wichtig, 
weil es ermöglicht, die oftmals recht ungenaue Darftellung der 
Waffen des römifchen Kriegers auf den prunkvollen Denkmalen 
römifchen Ruhmes zu kontrolieren. Viel genauer und zuverläffiger 
find dagegen die Grabmale mit Darftellungen einzelner Krieger, von 
denen fehr viele diesfeits der Alpen, befonders am Rhein gefunden 
wurden. Auf diefen Denkmalen begegnet man einer genauen, nicht 
durch künftlerifche Rückfichten verfchönerten Wiedergabe der ein- 
zelnen Rüftftücke. 

Die dritte Quelle, welche Kunde über römifche Waffen giebt, 
die fchriftliche Überlieferung, ift nicht viel mehr befriedigend, be- 
fonders hinfichtlich der erften Zeit. Für die mittlere Vergangen- 
heit ift man meift auf die Angaben des Polybios befchränkt, der 
im 2. Jahrhundert vor Chr. die Schutz- und Angriffswaffen feiner 
Zeit befchreibt. Später fließen die Quellen reichlicher; nichtsdefto- 
weniger bleibt noch manche wichtige Frage ungelöft 2 ). 

1 ) Im Jahre 395 v. Ch. hat Rom nach zehnjähriger Belagerung Veii (jetzt Ifola 
Farnefe) eingenommen und 283 v. Ch. alle etrurifchen Lucumonier unter feine Bot- 
mäfsigkeit gebracht. Im Jahre IV des Kaiferreiches bildete ganz Etrurien eine römifche 
Provinz (Tuscia). 

2 ) Aeneias (4. Jh. v. Ch.), T. Arianus (109 v. Ch.), Asklepiodotos (f. S. 40), Aelianus; 
Onofander (1. Jh. n. Ch.), Polyaenus (2. Jh. n. Ch.). Polybius (210—124 v. Ch.), C. Elianus 



224 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

Was zunächft den Stoff, aus welchem die Römer ihre Waffen 
fertigten, angeht, fo ift es fehr wahrfcheinlich, daß fie, gleich den 
Griechen und Etruskern, anfangs nur die Bronze verwendeten; je- 
doch kam zur Zeit des Polybios dies Metall nur noch bei Helmen, 
Bruftfchilden und anderen Schutzwaffen in Anwendung; die An- 
griffswaffen, alfo die Wurf-, Hieb-, Schneide- und Stoßwaffen, waren 
alle fchon ganz oder teilweife ausEifen oder Stahl *) wie in Germanien, 
als man fich in Gallien noch immer der Bronze bediente. 

Der Schwerpunkt des römifchen Heeres lag zu der Königs- 
zeit in der Reiterei. Ihre Zahl betrug zwar nur ein Zehntel des 
Fußvolkes, allein fie waren die am bellen gerüfteten, die der auser- 
lefenften Krieger. Zur Zeit des Servius Tullius 578 — 534 v. Chr. 
änderte fich jedoch mit der ganzen Staatsverfaffung auch die Ein- 
richtung des Heerwefens. Das Volk wurde in fünf Klaffen einge- 
teilt. Die Angehörigen der erften Klaffen kämpften in den vorderften 
Reihen und waren am vollftändigften bewaffnet, Hoplomachus 
ojrXofidxog — vom ,Kopf bis zum Fuß' bewaffnet), namentlich mit 
Helm 2 ), Panzer 3 ), ehernem Rundfchild undBeinichienen, dazu trugen 
fie den Speer (hasta viel kürzer als die lancea der griechifchen 
Reiterei unter Alexander d. Gr. v. IV. Jahrh.) und das Schwert 4 ). 



(3. Jh. n. Ch.) und der Kaifer Leon (4. Jh. n. Ch.) bei den Griechen; A. Plautus (227 — 184 
v. Chr), Philo (um 150 v. Ch.) für Kriegsmaschinen, C. T. Varro (116 — 26 v. Ch,), Hero 
(um 100 v. Ch.) für Kriegsmafchinen, J. Caefar (100 — 44 v. Ch.), T. P. Vitruvius, (unter 
Caefar und Auguftus), T. Livius (59—19 v. Ch.), S. P. Sifenna (77 v. Ch.), Feflus (3—47 
n. Ch.), L. I. C. Salluftius, Crifpus (86—38 v. Ch.), Frontinus (40-106), C. Tacitus 
(55 — 1 17) für Kriegsmafchinen, H. Modeflinus (3. Jh. n. Ch.), F. Vegetius (4. Jh. n. Ch.), 
ja felbft die Dichter A. Plautus (227—184 v. Ch.) und P. T. Varro (82—37 v. Ch. „De 
bello Sequanico") find hier zu benutzen (f. hinfichtlich des Mangels wiffenfchaftlicher 
Anhaltspunkte über die Bewaffnungen S. 37). Eine Hopletik, armorum fcientia, d. 
h. Waffenkunde aus diefen Zeitabfchnitten ift nicht vorhanden. 

') Bei den Griechen, die ebenfalls den Stahl verarbeiteten, gab man den Namen 
adamas, ccöd/xa: (unbezwinglich) dem myftifchen „Götterftahl". 

2 ) Galea, Lederhelm, Caffis, Metallhelm. 

3 ) Lorica, der Lederpanzer, Lorica segmentata, der gefchiente Lederpanzer, 
Squamata, auch lorica certa und hamis concerta, der Schuppenpanzer und 
lorica hamata, der Ringpanzer (f. weiteres S. 44 u. 45). 

*) Das urfprüngliche römifche Schwert ift wohl der Ensis, welcher von Virgil 
und Livius als Waffe der Heroen gepriefen wird. Wahrfcheinlich war es einfehneidig, 
lang und ähnlich wie das der Gallier, weshalb der Ensis — $l<pog — zuweilen auch 
das gallifche Schwert genannt wird. Das kurze zweifchneidige , mit verftärkter Spitze 
verfehene Schwert, welches unter dem Namen Gladius die römifche Nationalwaffe 
wird, nahmen die Römer — laut Jahns, „Gefch. des Kriegswefens", Leipzig 1880 — 
nach der Schlacht bei Cannä (216 v. Ch.) von den Phöniciern, — laut Polybios (210 — 227 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 22 5 

Die zweite Klaffe entbehrte den Panzer und trug ftatt des Rund- 
fchildes(clipeus)den Langfchild (sc u tum), welcher in der Kaiferzeit 
mit nur einer Handhabe vorkommen foll, was zweifelhaft ift. Die 
dritte trug keine Beinfchienen, und die vierte befaß nur das Scutum 
als Schutzwaffe. Diefe und die letzte Klaffe, die rorarii, waren 
nur noch mit Schleuder und Wurffpieß bewehrt und beftimmt, den 
Kampf einzuleiten. Dazu kam noch die Reiterei, in welcher, der 
Koften wegen, nur reiche Leute dienen konnten, obwohl Servius 
Tullius fie allen Klaffen zugänglich gemacht hatte, während fie früher 
nur ein Vorrecht der erften Klaffen war. 

Während der republikanifchen Zeit (509 v. C. bis 31 n. C.) 
ändert fich die Organifation des Heeres. An Stelle der Aufftellung 
in ununterbrochener Reihe (Phalanx) tritt die Manipularflellung J ). 
Das Fußvolkheer wies vier verfchiedene Waffengattungen auf: 
Hastati (von dem fo benannten Speer), Principes, Triarii und 
Velites. 

Hastati, Principes und Triarii faßt man unter der Bezeich- 
nung Schwerbewaffnete zufammen. Sie trugen den Metallhelm (von 
Erz oder Eifen, cassis) mit hoher Helmzierde (crista, iuba). Die 
Hastati trugen auch bereits merkwürdigerweife unter der Republik 
armlofe, nur bis zur Hüfte reichende Panzerhemden von Ketten- 



v. Ch.) aber von den Spaniern oder Keltiberiern an — und blieb auch immer noch 
neben der von der Hüfte bis zur Erde reichenden, langen Späth a im Gebrauch, welche 
letztere erft im 2. Jh. auftritt, wo fie unter Hadrian (117— 138 n. Ch.) eingeführt worden 
war. Der Gladius (wovon Gladiator) hatte auch als Richtfehwert die Liktorenaxt, 
(securis), welche aus dem auf der linken Schulter der Liktoren ruhenden Bündel 
Ruthen (fasces) hervorragte — erfetzt. 

l ) Manipuli, fo nach ihrem Feldzeichen, dem manipulus oder maniplus 
{ÖQÜyna, äfiaXXa, ovloq), anfänglich aus einem auf langer Stange getragenen Heu- 
bündel, wovon der Name manipulus) genannt. Diefe kleinen Scharen waren Jahns 
nach aus etwa acht Mann Stirn und acht Mann Tiefe zufammengefetzt. Tacitus und 
Virgil berechnen den manipulus als von principes (Schwerbewaffnete der dritten 
Abteilung einer Legion — legio, stratopedon), — von hastati (Schwerbewaffnete 
der zweiten Abteilung der Legion) — fowie von velites (leicht bewaffnete Plänkler) 
— je aus 120 Mann, wo hingegen der manipulus von triarii oder von pilani (d. h. 
der mit dem Pilum Schwerbewaffneten der dritten Schlachtlinie) aus nur 60 Mann be- 
ftvhend. Den neuzeitigen Heereseinteilungen nach entfpricht die 5000 Mann ftarke 
Legion — dem Regiment, die 500 Mann ftarke Cohorte (cohors) — dem Bataillon 
und der 60 Mann zählende Manipulus einer Kompagnie. Ein 36 Mann zählender 
Haufe hiefs turma. Später schwollen die Legionen bis zu iooooan und die mani- 
puli wurden in zwei Centurien und sechs Decurien (10 Mann) eingeteilt, wo von 
letzteren der Befehlshaber decanus, der von 10 Reitern aber decurio hiefs. 
Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 15 



226 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

gewebe {aXvöu — molli lorica catena) wie dies die von der 
Trajansfäule entnommenen und am Conftantinusbogen angebrachten 
Marmorbildnereien, welche berittene hastati darftellen, deutlich 
zeigen. Auf der Marcus-Aurelius-(Antonius)fäule zu Rom find auch 
ganz ähnlich gerüftete aber unberittene hastati abgebildet. Die 
Centurionen und höheren Führer trugen als Helmzier drei rote 
oder fchwarze Federn, fpäter auch gefärbte Roßhaarkämme l ) (juba, 
equina crista) am Helme. Die fernere Bewaffnung der drei ge- 
nannten Kriegerklaffen beftand in dem Lang- oder Setzfchilde 
(scutum), der gewöhnlich gewölbt und viereckig und aus Holz, 
Leder und Metallbefchlag war. Er hatte vier Fuß Länge und dritt- 
halb Fuß Breite und Handgriffe. Eine Schiene (ocrea) am rechten 
Beine, aus feiner elaftifcher Bronze oder aus Leder, das Cingulum 
und die Lorica vervollftändigten die Schutzwaffen. Die Angriffs- 
waffen beftanden in dem langen, fchweren Stoßfpeer (hasta) oder 
dem Pilum, in dem fogenannten fpanifchen Schwert (gladius 
hispaniensis), welches kurz, ftark, zweifcheidig war und an dem 
Wehrgehenk (balteus) an der rechten, feiten an der linken Seite 
hing, und von den Römern als ,fpanifche' oder ,keltiberifche' Klinge 
Zeitens Hannibals angenommen worden war. 

Der Ensis unterfcheidet fich vom kurzen Hieb- und Stoi.l- 
fchwerte, dem Gladius (welcher auch als Richtfehwert dient, und 
fo benutzt wurde), daß er länger und mehr zum Hieb geeignet war. 
Nicht mit dem Schilde äusgerüftete Hauptleute aber trugen 
gemeiniglich das Schwert nur an der linken Seite am cinetorium 
(alfo nicht am balteus, dem Wehrgeh an g), fo u. a. auch die Kon- 
fuln und die Tribunen. Der Centurio (exarovraQ/^g) ift indeffen 
immer mit dem gladius am balteus an der rechten Seite darge- 
ftellt (u. a. auf der Trajansfäule). 

Die an beiden Enden befchlagenen Speere, welche befonders 
auch heute noch, bei den morgenländifchen Völkern, namentlich bei 
den Perfern (S. 175 u. 176) früher fchon im Gebrauch waren, kommen 
auch bei den Griechen (f. S. 213 den Peltaften) und Römern vor, 
wo die obere Eifenfpitze cufpis aix/irj, die untere, der Speerfchuh, 
fpiculum — GavQcorrjQ — genannt wurde. Der Ort, d. h. die Spitze 



l ) Die Rüftung des Centurio fcheint gewählter gewefen zu fein, als die des ge- 
meinen Haftatus. Sein Bruftharnifch hatt<- Schulterbleche und fchützte die Hüften. 
Auch erfcheint er oft mit einer Menge militärifcher Auszeichnungen von Silber, fog. 
Phaleren, gefchmückt, wie fie weiterhin abgebildet find. 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 227 

eines Schwertes hieß mucro. Hafta pura hieß der bei den Römern 
als kriegerifche Auszeichnung verliehene Speer ohne allen Eifen- 
befchlag, alfo eine Art langer fpießlofer Stecken. 

Die Velites oder Leichtbewaffneten führten fieben dünne Wurf- 
fpieße (trajulae? oder jaculae *), deren Eifenfpitze eine Palme 
lang war, außerdem den Gladius mit einem meift aus Holz ange- 
fertigten Griff (capulus) in einer ledernen metallbefchlagenen 
Scheide (vagina) und einen leichten Schild (parma 2 ) von ca. 3 
Fuß Durchmeffer, der bald rund, bald auch oval war. Endlich 
trugen fie noch zum Teil den Lederhelm (galea), von Wolfshaut (?). 

Die Schleuderer {Ofpsvöovtjtai, funditores) jener Zeit führten 
die achäifche Wurfwaffe. Die Verwendung der Schleuder, welche 
bei den Tuskern fchon im Gebrauch war, kam erft nach dem zweiten 
punifchen Kriege (219 — 202 v. Ch.) bei den Römern zur Annahme. 
Außer den bleiernen Eicheln bedienten fich die römifchen Schleu- 
derer auch bleierner Kugeln, an welchen kurze Pfeile (martiobar- 
bulus?) befeftigt waren. (S. die Abb. weiter hin.) Wahrfcheinlich 
werden dies wohl Abkömmlinge der von den Kriegern Perseus', 
Königs von Makedonien (179 — 160 v. Ch.) für Schleudern als Wurf- 
gefchoffe angewandten 1 Fuss langen mit 3 Holz-Flügelchen ver- 
fehenen Bolzen, welche ceftrofphendone — xe6TQOG<pevö6vr] 
hießen, gewefen fein. Diefe Wurfgefchoffe trugen oft Infchriften. 
Man fchleuderte aber auch Kiefel (lapis miffilis). — Sagitarii 
auch arcuarii nannte man die Bogner und ferentarii die nur 
mit den Händen Steine werfenden der levis armatura. 

Das fchon bei den Affyriern gebräuchliche Fangfeil (lat. laqueus, 
der laffo, v. span. lazo) findet fich nicht unter den r.ömifchen An- 
griffswaffen, wohl aber das Wurfnetz (wie die Schleuder funda auch 
jaculum genannt), indeffen nur für Gladiatorenkämpfe. 

Auch die Stockfchleuder, den fuftibulus, findet man bei den 
Lömern eingeführt, da, unter Trajan (f 117 n. Ch.), damit ausgerüftete 
fundibulatores genannte leicht Bewaffnete dem Heere eingereiht 
^aren. Mit fuftibulus bezeichnet man aber auch -»größere, der 
Salliftenart angehörige Schleudermafchinen. 



J ) Der Speer der Leichtbewaffneten kommt auch unter dem Namen hafta veli- 
taris vor. Die Griechen hielten ihn für eine Erfindung der Etrusker; er war leicht 
id mit dünnerem Befchlag. 

2 ) Mit diefem Schilde waren auch Gladiatoren bewaffnet. Die Parma erfcheint 
Stelle des vom Scutum verdrängten gröfseren Clipeus. 

15* 



228 Antike Waffen aus den fogenannteu Bronze? und Eifen-Zeitaltern. 

Außer den Funditores gab es auch in der Kaiserzeit 4 Fuß 
lange Schleuderftöcke (fuftibuli) handhabende Stockfchleuderer 
(fuftibulatores oder fundibulatores). Schleuderer und Stock- 
fchleuderer trafen noch mit ziemlicher Sicherheit ihr Ziel auf 600 
Fuß Entfernung. Sagittarii auch arquites, hießen die Bogener. 

Die Reiterei hatte lederne Schilde (cetra), einen ledernen Bruft- 
panzer und an beiden Beinen lederne Schienen. Die Schilde waren 
bald, wie das Scutum (&vq£Ös), viereckig geformt, bald auch oval 
In fpäterer Zeit erfcheinen auch der eherne Stückpanzer und eherne 
Helme bei den Reitern. Zur Zeit des Polybios (210 v. Ch.) kam 
die fchwere griechifche Rüftung wieder in Gebrauch. Als Angriffs- 
waflfen führte man Speere mit zwei Spitzen (conti *), lange Schwerter 
(spathae) und einen Köcher mit Wurffpießen 2 ). Auch Streitkolben 
mit Stacheln kommen als Trutzwaffe der Reiter vor. Es gab weder 
Steigbügel noch Sättel 3 ), letztere wurden durch wollene Decken 
oder Kiffen (ephippia) erfetzt. Die Pferde hatten keine Hufeifen; 
es wurden ihnen bei Krankheiten oder auf fchlechtem Boden Sohlen 
aus Geflecht oder Eifen (foleae, ferreae) mittels Riemen angelegt 4 ) 
und Pferdefandalen (fr. hippofandales . 

Es ift wohl nicht überfiüffig, hier einige Worte noch über die 



') Ähnlich der makedonifchen Sariffa, aber kürzer wie der zweifpitzige Speer 
der Sarmaten. 

2 ) Cornus hiefs der aus Kornelkirfchbaumholz angefertigte Wurffpiefs. 

3 ) Ein Sattel (sella equeftris) befindet fich indeffen auf der Theodofifchen Säule 
fowie auf den am Rhein gefundenen Denkmalen, welche alfo aus der Kaiferzeit 
herrühren. Es fcheint, dafs die Römer den Gebrauch des Sattels erft fpät, gegen das 
4. Jahrhundert von den nordifchen Völkern angenommen haben. Zonares, ein in diefer 
Zeit lebender Schriftfteller, ift der erfte, welcher einen eigentlichen Sattel gelegentlich 
der Befchreibung des 340 n. Ch. von Conftans feinem Bruder Conftantin gelieferten 
Gefechts erwähnt. Da eine Verordnung des Kaifers Theodofius vom Jahre 385 den- 
jenigen, welche fich Poftpferde bedienen, verbietet, Sättel von 60 Pfund überfchreitendem 
Gewicht in Anwendung zu bringen, fo ift erwiefen, dafs im 4. Jahrh. die Sättel bei den 
Römern fchon allgemein gebräuchlich waren. Da aber einer Wandmalerei Herculanums 
(79 n. Ch. verfchüttet) bereits ein Maultier mit Packfattel (sella bajulatoria) ab- 
gebildet ift (f. darüber Cod. Aurel. Acut. I, 11; — Veget. Vet. III, 59), fo tauchen Zweifel 
auf, ob der Pferdereitfattel (sella equeftris) nicht fchon früher als im 4. Jahrh. n. Ch. 
bei den Römern im Gebrauch war. Griechen wie Römer ritten anfangs entweder auf 
dem Felle oder auf einem darüber gelegten Kiffen (ephippium). Die Bezeichnung Se- 
dilia (von sedile, Sitz), womit einige Archäologen, u. a. Vazarius, — ihrer Meinung 
nach in richtigem Latein — den Sattel benennen, ift unbegründet. 

*) Da die älteften Hufeifen in Deutfchland gefunden wurden, fo rührt diefer Be- 
fchlag wohl von den Franken her. Das in Frankreich gefundene Maulefelhufeifen ift 
eine Nachahmung. (S. den Abfchnitt Hufeifen.) 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 22Q 

Fußbekleidung der römifchen Soldaten hinzuzufügen, obwohl diefe 
nicht eigentlich zu den Waffen gerechnet werden kann. Stiefeln in 
unferem Sinne kannten fie nicht. Die Caligae der Soldaten waren 
mit einem bis zur Wade reichenden Riemengeflecht verfehen und 
an der Sohle mit ftarken Nägeln befchlagen. Außerdem trugen die 
Krieger auch Sandalen (soleae). 

In der Kaiserzeit (v. 31 n. Ch. ab) endlich gewinnt das römifche 
Heer ein ganz anderes Ausfehen, befonders wird es durch die ver- 
fchiedenen Arten der Hilfstruppen (auxilia).bunt und mannigfaltig. 
Unter Auxiliaren verftand man alle Truppengattungen, welche in 
den Provinzen ftanden *), ohne Unterfchied, ob es Römer oder Fremde 
waren. Alarii hießen die Bundeshilfstruppen. Diebefiegten Völker- 
fchaften, welche den Römern dienftbar und kriegspflichtig geworden, 
behielten meift ihre nationale Bewaffnung bei. Außer den Legionen 
und Auxiliaren beftand das kaiferliche Heer noch aus der Garde 
(Prätorianer), den Gemeinde- und Provinzialmilizen, den Fabri 2 ) 
und den Claffiarii 3 ). Flachbildnereicn der Trajansfäule zeigen 
deutlich, daß die Bewaffnung der einzelnen Truppenabteilungen des 
römifchen Heeres ebenfo fehr von einander abwich wie diejenige 
unferer neuzeitigen Heere. 

Die frühere Tüchtigkeit des römifchen Heeres verliert fich in 
der Kaiferzeit. Es wird immer mehr zum Söldnerheer, das fich fo 
nach und nach verfchlechtert, da nur noch die ungebildeten Schichten 
am Dienfte beteiligt find. Die alte Kraft, die Tapferkeit, die Be- 
reitwilligkeit, Kriegsermüdungen zu ertragen, verfchwinden. Die Sol- 
daten verweichlicht das Wohlleben, welches ihnen durch die fort- 
währenden reichen Gefchenke der Kaifer ermöglicht wird. Man 
will keine fchweren Waffen mehr tragen: die Helme werden immer 
leichter und fchließlich, wie Vegetius (Ende des IV. Jh. n. Ch.) be- 
richtet, durch die Pilei, leichte Filzkappen erfetzt. Überhaupt 
zeigt fich die lebhaftefte Abneigung gegen fchwere Schutzwaffen. 
Infolgedeffen mußten auch die Angriffswaffen Veränderung erleiden; 
das altberühmte Schwert, Gladius, wird verlängert und nimmt 
den Namen Spatha an 4 ). Das Pilum, früher eine außerordentlich 



*) Mit Ausnahme der Legionen, welche fich zeitweilig dafelbft befanden. 

2 ) Handwerker, Zimmerleute, Schmiede, alfo etwa unseren Pionieren eutfprechend. 

3 ) Die Flottenmannfchaften. 

*) Unter Hadrian (117— 138 n. Ch.) 



2?o Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

wuchtige Waffe *) , wird erleichtert und tritt als Spiculum 2 ) oder 
als noch leichteres Vericulum 3 ) auf. Ferner erfcheinen in der 
Kaiferzeit Speere mit Wurfriemen (amen tum), unter dem Namen 
Lanceae; mit diefer Waffe griff man auf Griechenland zurück, wo- 
felbft fie von den Peltaften geführt worden war 4 ). Der Verfall des 
romifchen Heeres wird befonders deutlich durch die Wiedereinfüh- 
rung der Phalanxftellung und durch den Umftand, daß der alte 
Speer zu Zeiten das ungleich wirkfamere Pilum verdrängen konnte. 
Endlich fei noch der fchon erwähnten Wurfpfeile (plumbati oder 
martiobarbuli) gedacht. In der fpäteften Zeit taugt nur noch 
die Reiterei zum Angriffe, da fie gut bewaffnet und gefchult 
war. Die Fußfoldaten murren beftändig gegen die Schutzwaffen, 
legen die Panzer (cataphractae 5 ) und Helme (galeae) ab und 
werden fchließlich ganz unbrauchbar. (Über Fahnen und Feldzeichen 
f. den Spezialabfchnitt dafür.) 

Teilweife mag hier noch wiederholt werden (f. d. Anmerkung 
S. 225), daß unter ber Republik (509 — 31) der kleinfte von 2 cen- 
turionen befehligte und aus 120 Mann (alfo weniger als der 300. 
Teil einer 5000 zählenden Legion) beftehende Heeresabteilung — 
bei welcher anfänglich pilani, d. h. Pilumträger, fpäter aber 
auch Triarii, von der dritten Abteilung der Legion ftanden — 
Manipel hieß. 

Impeditus hieß der belaftete Soldat und mit acinatus be- 
zeichnete man den bewaffneten, d. h. unter feiner Ausrüftung bereit 
flehenden Krieger, mit mil es non acinatus den abgerüfteten und mit 
expeditus den leicht bewaffneten, fowie die velites und rorarii. 
Phaleratus hieß der mit phalerae — diefen reichen, den Etru- 
riern entlehnten Auszeichnungen gefchmückt. Tribuni militares 
waren im Range über die centuriones fowie über die legati; 
eine Art antiker Stabsoffiziere, fetiales hießen alle, die an fremde 



') Cäfar erwähnt ein pilum murale (Mauerpilum), welches der Befchreibung des 
Polybios entfprechen könnte. Demnach wäre es neun Fufs lang gewefen. 

*) Von Vegetius befchrieben. Es war einen halben Fufs kürzer als das gewöhn- 
liche Pilum, hatte auch nur ein ca. 21 cm langes, dreikantiges Eifen und nicht wie das 
fränkifche I'ilum eine Spitze mit Widerhaken. 

3 ) Diefe Waffe wird auch Verutum genannt. 

*) In der bekannten die Schlacht von Iffus darftellenden Mosaik zu Pompeji ift 
Alexander mit folcher lancea (Aoy^Jf) bewaffnet. 

5 ) Cataphractae (xata<pQäxzt]g) nennt Vegetius alle Arten von Panzern des 
romifchen Fufsvolkes. 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 231 

Volker gefandten Herolde. Das vom fetialis getragene Stabsfinn- 
bild des Friedens hieß caduceus. Bei Kriegserklärung wurde 
letzteres durch den Wurffpeer (jaculum) erfetzt. Einen ähnlichen 
Stecken trug aber auch während der Schlacht jeder vor dem Adler- 
feldzeichen fchreitende centurio. 

Mit fpeculatores bezeichnet man nicht allein die Plänkler 
fowie die Kundfchafter; man gab auch während der Kaiferherrfchaft 
(v. 31 v.Chr. ab) diefen Namen den mit Speeren bewaffneten Kriegern 
der Leibgarde des Kaifers, welche vor ihm herfchritten, wie dies 
Tacitus und andere, auch Abbildungen davon auf der Trajansfäule 
bekunden. 

Evocati nennt man die ausgedienten (veterani), fich aber 
wieder aufs neue verpflichtenden legionari, welche auf Grabdenk- 
malen gewöhnlich mit dem Schwerte im Gürtel und einem Wein- 
rebenftock (vitis) in der rechten Hand abgebildet find, welcher 
letzterer darauf hinweift, daß ein evocatus den Rang der Centu- 
rionen hatte. 

Emeriti hießen die ganz ausgedienten (20 Jahre Dienft für 
Legionäre und 16 Jahre für Prätorianer). 

Die coactores waren die gegen die Überläufer beordneten 
Zugfchließer: die Kundfchafter hießen antecessores und die Ein- 
rufer zum Kriegsdienst conquisitores. 

1. Römifcher Soldat, Hilfsfoldat (Velit), nach einem im Rhein 
gefundenen und im Mufeum zu Mainz aufbewahrten Grabfteine; 
ein Abguß davon im Artillerie-Mufeum zu Paris. Diefer Krieger 
ift bewaffnet mit zwei langen Wurffpießen von Mannshöhe, dem 
hier ausnahmsweife bei Gemeinen an der linken Seite am Hüft- 
gürtel (cingulum) getragenen langen Schwerte (spatha) und dem 
links davon herabhängendem Dolch oder Dolchmeffer (pugis oder 
parazonium) unter dem Hüftwehrgehenk der hier vierriemig, 
über den Lendenfchurz (campeftre, auch cinctus bei den Gladia- 
toren und Amazonen) herabfallende Gemächtefchutz (praefidium 
mentulae?). (S. über letzteres die Anmerkung bei Nr. 12.) 

Das Mufeum zu Wiesbaden befitzt einen ähnlichen Leichenftein 
(LICAIUS • SERI • F ■ MILES ■ I-X ■ CHO. I. u. f. w.) 5 wo der ab- 
gebildete Legionär, aber theilweife wie der weiterhin — No. 12 — 
dargeftellte ausgerüftet ift, mit Ausnahme, daß hier, ftatt des Pilums, 
ebenfalls zwei dünne lange Speere mit fpitzblättrigen oder zungen- 



2 22 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

förmigen Eifen in der rechten Hand befindlich find und der Schwert- 
gürtel (cingulum) wie der im Mittelalter (von 1320 — 1420) fchräg 
über dem Bauche laufende, Dupfing genannte, dargeftellt ift. Auch 
hier fcheinen die Füße gänzlich nackt, unbefchuht, ja fandalenlos. 

2. Römifcher Krieger der regelmäßigen Truppe (Haftatus *) — 
Lanzenträger — vom Rücken aus gefehen. Er ift abgebildet nach 
einer Flachbildnerei der Trajansfäule, die Trajan drei Jahre vor 
feinem Tode, im J. 114 n. Chr., errichten ließ und welche haupt- 
fächlich feine Waffenthaten in den Kriegen von 100 — 103 gegen die 
Dacier zur Darftellung bringt, welche mit der Eroberung des Tra- 
janifchen Dacien (Moldau, Walachei, Transfilvanien und der Nord- 
often von Ungarn) endeten. Der Panzer ift gefchient, alfo eine 
Lorica segmentata, beftand aus den vermittelft dreifingerbreiten 
Schienen dargeftellten Bruft- (pectorale), Rücken- (yvaZov:) und 
Schulterblätter- (humeralia) Schutz. Der Helm von Metall (xoqvc, 
caffis) hat als Zier einen Ring. 

Die Griechen wandten das Wort yvalov ebenfo für die Bruft- 
wie für die Rückenplatte an. Die Römer fcheinen für letztere keine 
befondere Benennung gehabt zu haben, bezeichneten auch oft den 
ganzen Panzer mit pectorale. 

Der aus Stahlfchienen (laminae) gebildete Panzer (alfo eine 
lorica segmentata) mit gefchobenen Achfelftücken, wie ihn in der 
Kaiferzeit wohl nur die gemeinen Legionäre und nie die Anführer 
trugen, hat auch einen, aber hier dreiriemigen, Gemächtefchutz (?) 
— (S. darüber weiteres bei Nr. 12 die Anmerkung.) 

Die bei den Römern während der Kaiferzeit (f. d. Trajans- u. 
d. Antoninsfäule) gebräuchlichen Panzer der damit ausgerüsteten, 
loricati genannten Krieger waren die 

lorica squamae — &coQa$ Xsütiömtoj, — der Schuppenpanzer 
(Trajansfäule); 

lorica plumata — federförmiger Schuppenpanzer (Trajans- 
bogen); 

lorica serta oder hamis conserta — vernieteter Schuppen- 
panzer, wo die Metallfchuppen nicht aufgenäht, fondern unterein- 
ander vernietet waren; 

lorica segmentata — Schienenpanzer (f. oben); 

') Truppe der legionarii. Die foger.annten haftati derfelben regulären Truppe 
find gewöhnlich nicht, wie diefer legionarius mit Schienenpanzer, fondern in Kettenpanzer 
abgebildet (molli lorica — catena). 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 25 3 

molli lorica catena — &cqq(x% IvccOidooroq — Kettenpanzer 
(f. die der haftati); 




Die lorica lintea — &c6q(x!; Uvsog — kann nicht zu den eigent- 
lichen Schutzpanzern gezählt werden, da man damit ein aus in 
Effig getränkten Stoffen hergeftelltes jackenartiges Kleidungsstück 
bezeichnete. 



224 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

Die legionarii find auf den Denkmalen v. i. Jh. n. Ch. (Trajan- 
u. Septimus Severus-Bogen, Trajan- u. Antoninsfäulen u. a. m.) alle 
wie diefer hier ausgerüftet, wo hingegen Grabdenkmale am Rhein 
diefelben anders darftellen. (S. Nr. 12.) 

3. Nr. 2 von vorn gefehen. 

4. Römifcher Reiter, nach der Trajansfäule. Er trägt die Squa- 
mata, oder die aus Metallketten gemachte Jacke, eine Art Mafchen- 
panzerhemd (wie die auf demfelben Denkmale abgebildeten hastati), 
den ovalen Schild, den Helm (cassis?) mit Ring und Sturmbändern 
(bucculae) und das Schwert ohne Abwehrftange an der rechten 
Seite. 

5. Kopf eines römifchen Legionärs, nach der Trajansfäule. Der 
Helm mit Sturmbändern hat eine Helmzier (crista). 

6. Kopf eines Haftatus (Speerträger), nach der Trajansfäule. 

7. und 8. Desgleichen, ebendaher. 

9. Panzer eines römifchen Centurio, eines phaleratus v. 56cm 
Höhe, mit neun filbernen Phaleren (militärifchen Auszeichnungen) 
gefchmückt, Eigentum Kaifer Wilhelm I. v.Deutfchland. Das Artillerie- 
Mufeum zu Paris befitzt den Abguß davon. Der Centurio vom durch 
die Germanen aufgeriebenen Heere des Varus, welcher auf einem 
im Mufeum zu Mainz, fowie der in der Varusfchlacht gefallene 
Manius Caelius auf feinem Grabdenkmal im Mufeum zu Bonn, be- 
findlichen Grabfteine dargeftellt ift, trägt einen gleichen Panzer. 

10. Bronzefchuppen eines Squamata oder lorica serta, auch 
hamis conserta genannten, römifchen Schuppenpanzers, gezeichnet 
nach denen, welche in Wiflisburg in der Schweiz gefunden worden 
find. Wiflisburg war das alte Aventicum, die fchon zu den Zeiten 
Julius Cäfars bekannte Hauptftadt der römifchen Schweiz (Mufeum 
von Wiflisburg). Der Verfaffer befitzt in feiner Sammlung mehrere 
andere Trümmer römifcher Waffen, die aus denfelben Nachgrabungen 
in Aventicum herrühren. 

1 1. Römifcher Helm aus Bronze von 24/22 cm, auf dem Schlacht- 
felde von Cannä ausgegraben und dem Papflc Clemens XIV. von 
dem Vorfteher eines Auguftinerklofters als Gefchenk überreicht. 
Diefe Waffe ift fpäter, man weiß nicht wie, ins Schloß Erbach in 
Heffen-Darmftadt gekommen. Nr. 379 Mufeum zu Mainz und Nr. 
D. 1 Artillerie-Mufeum zu Paris find ähnliche Helme (f. d. etrurifchen 
Helm Nr. 14). 



Rönrifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



235 




12 Bis. 



11. Bis. Römifcher Stück- oder 
Plattenpanzer nach dem römifchen Stand- 
bilde des Kaifers „Auguftus als Feldherr", 
im Brazzio Nuovo des Vatikan. Solche 
eherne Feldherrnpanzer, dem chiton 
chalkochiton) griechifcher Art ähnlich, 
mit getriebenen Bildwerken und Schulter- 
blättern (humeralia) rindet man häufig 
auf kleinen Standbildern, fo auf einem 
des Caracallus (2. Jh. n. Ch.) im Museo 
Burbonico. 

12 Bis. Römifcher Schildträger(scutatus) nach derTrajans- 
fäule. Diefer Krieger ift mit dem Schienenpanzer (lorica segmen- 
tata), beftehend aus Bruft- und Schulterfchienen gerüftet. Der 

Helm ift der gewöhnlich 
bei den römifchen Speer- 
trägern gebräuchliche, nie- 
drige von Leder, galea ge- 
nannte mit einer einfachen 
Öfe als Zier (crista) und 
Sturmbändern (bucculae, 
jtaQaya&lS) Schild d. scu- 
tum) &vQ6og, von 20 cm 
Höhe und 20 cm Breite 
mit einer Schutzwaffe die 
hier fichtlich zwei Hand- 
haben (ansäe) und der auf 
der rechten Seite am Wehr- 
gehenk (balteus) getrage- 
ne Dolch (pugio 1 ) Ab- 
wehrftange hat. Die Beine 
find ohne Schutz (cerae), 
die Fußbekleidungen ein- 
fache soleae mit Schnür- 
riemen bis über die Knöchel. 
12. Ter. Ein Impeditus, d. h. ein fein perfonliches Gepäck 

*) Clunaculum hiefs der auf dem Rücken getragene (quia ad clunes dependet) 
grofse Dolch, wie man ihn auf der Trajansfäule abgebildet findet. (S. Aul. Gell. X, 25; 
Isidor. Orig. XVIII, 6, 6.) 




2^6 Antike Waffen ans den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

(sarcina) tragender römifcher Soldat, deffen Schnurrbart feine nicht 
römifche Nationalität anzeigt. Diefe perfönliche Beladung ift erft 
v. Marius (119 — 86) in dem römifchen Heere eingeführt worden, 
weshalb man folche Krieger mit dem Spottnamen: ,Muli mariani ') 
marianifche Maulefel' — bezeichnete. Expediti nennt man von den 
Veliten, d. h. von den leichten Truppen, die, deren Gepäck (im- 
pedimenta) auf Wagen nachfolgt. Der abgebildete Impeditus . 
trägt den fchweren gefchienten Panzer (lorica segmentata), den 
gewölbten, viereckigen Schild (scutum), Küchengerät u. d. m. auf 
einer Stange. Der Helm (cassis?) hängt ihm von der rechten 

Schulter' herab. Die Beine find 
fchutzlos, die Fußbekleidungen 
(Soleae) mit Schnürriemen. — 
Nach der Trajansfäule. 

Hastatus auch (lancearius), 
ein mit Speer von lanzettenförmigcr 
Spitze (lanceolatus) und ovalem 
Schilde Bewaffneter des fchweren 
römifchen Fußvolkes, im Ketten- 
panzer (molli lorica catena), mit 
dem einfachen Helm (cassis) und 
dem kurzen, auf der rechten 
Seite am Schulterwehrgehän^c 
(balteus) getragenen Schwert(gla- 
dius). Die Kopfbedeckung fcheint 
der niedrige Lederhelm (catae- 
tise) zu fein. Die Füße find mit 
Sandalen (soleae), welche durch 
Schürrieme (corrigiaeoder amen- 
ta) vermittelst Schnüröfen (ansäe) 
befeftigt wurden, — bekleidet. — 
Trajansfäule (v. 114 n. Chr.) 

Legionarius nach der Trajan- 
fäule (114 n. Chr.). Runder, nie- 
driger, wahrfcheinlich lederner 
Glockenhelm(cataetise)mitSturm- 

') Marianifcher Efel wurde aber auch das aus einer gabelförmigen Stange, einem 
Brett und einem Kiemen gebildete Traggeitell felbft genannt. Den unter reinem Küflzeug 
befindlichen Krieger bezeichnet man mit accinetus und den welcher Waffen wie KüfUing 








Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



237 



bändern (bucculae) ohne Vifier (projectura) und ohne Zier (ap ex). 
Schienenpanzer (lorica segmentata), d. h. ein von Stahlfchienen 
(laminae) gebildeter, mit ebenfalls gefchienten Schulterklappen und 
mit dreiriemigem Gemächtefchutz (s. darüber S. 239). Das kurze 
Schwert (gladius) am Schulterwehrgehänge (balteus) auf der 
rechten Seite und mit dem gewölbten viereckigen Thürfchilde 
(scutum). Die auf der Antoninsfäule (Mark-Aurel — v. 161 — 180 
n. Chr.) dargeftellten berittenen Legionäre (legionarii equites) 
haben diefelbe Ausrüftung. 

Wie die Abbildung Nr. 12 S. 238 zeigt war die Ausrüftung der 
am Rhein flehenden Legionen wahrfcheinlich im allgemeinen viel 
leichter. 



Berittener römifcher Legionär (eques legionarius) nach der 
aufdem Kapitol errichteten Mark-Aurel- (Antoninus, 138 — 161 n.Chr.) 
faule. Die legionarii equites waren in den hundert Pferde zählen- 
den Reiterabteilungen jeder Legion einbegriffen. Die Ausrüftung 

diefcs Kriegers war eine fo 
fchwere, wie die der fchwer 
bewaffneten hastati , diefes 
mit Speeren bewaffneten 
Fußvolkes. Der mit ge- 
fchienten Achfelftücken 
verlehene gefchiente Panzer 
— (lorica segmentata, 
d. h. ein geftähltcr) — hat 
hier den auf das Gemachte 
hinabfallenden fünfteiligen Riemenfchutz(kriegerifches Abzeichen), 
welcher bei den S. 238 und S. 240 abgebildeten hastatus nur drei- 
teilig und bei einem anderen dargeftellten Legionär fechsteilig ift. 
Der Metallhelm (cassis) zeigt die Helmzier (ap ex) auch den Augen- 
fchirm {(pvlvi), das Pferd, deffen untere Teile von anderen Vorwürfen 
auf der Säule bedeckt find, den monile, einen oberen Halsriemen, 
den balteus, einen gefchmückten Brufthalsg.ürtel und Hinterzeug 
(postilena). Weder Steigbügel noch Sattel, ftatt deffen nur das 
ephippium genannte Deckenkiffen. 



r h ? 



abgelegt hatte, um Arbeiten zu verrichten, mit non accinetus, und mit holomachus, 
onho{iü%og, den vollftändig von Kopf zu Fufs ausgerüfteten. 



238 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



12. Vollrundes Standbild eines romifchen Legionärs, wofür das 
im Wiesbadener Mufeum befindliche Grabdenkmal des Legionärs l ) 
Valerius Crifpus 2 ) als Grundlage gedient hat und vom Stand- 
bildner Scholl in Mainz für das dortige Mufeum ausgeführt worden 

ift 3 ). DieRüftungdiefes romifchen 
Soldaten zeigt denLederpanzer 
(lorica) mit Schulterklappen 
und die lorica lintea, d. h. 
die römifche leinene Jacke. In 
der linken Hand den Im 20cm 
langen und 80 cm breiten nur hier 
halbcylinderförmigen Schild 
(scutum) mit feiner hier wohl 
einzigen Handhabe (ansa) 
unter dem Buckel (umbo). In 
der rechten Hand der fchwere 
mit Eisenftange und ver- 
ftärktem Schafte verfehene 
Wurffpietö (pilum) 4 ), deffen 
Spitze keinen Widerhaken zeigt. 
Der Metallhelm (galea oder 
cassis — XOQvg) mit Helmzier 
(crista) und Wangen- oder 
Sturmbändern (bucculae). Das 
Schwert (gladius) mit Hand- 
griff (capulum) ohne Abwehr- 
ftange (mora) und in einfacher 
Scheide (vagina) auf der rech- 
ten Seite am Bandelier (bal- 
teus).Der metallbefchlagene 




,) Die berittenen Legionäre, wovon immer dreihundert in jeder der romifchen 
I>egion angehörigen Reiterabteilung befindlich waren, hiefsen legionarii equites und 
trugen gemeiniglich die lorica certa, den Schienenpanzer. 

2 ) C(aius) Valerius G(aii) f(ilius) Berta, Menenia (tribu) Crispus, mil(es) leg(ionis) 
VIII Aug(ustae) an(norum) XL stip(endiorum) XXI f(raler) f(aciendum) c(uravit). 

3 ) Abgüffe davon aus Gips in Lebensgröfse zum I'reife von 300 M. und kleine, 
etwa 35 cm hohe ä 30 Mk. liefert das Mufeum zu Mainz. 

*) Obfchon die Römer bereits unter Auguftus den fränkifchen Widerhaken 
(hamata oder adunca) für das Pilum follen angenommen haben (?), fo ift dennoch 
ein folcher an diefer Waffe hier nicht vorhanden. 



Römifche, famnitifche dacifche Waffen. 2 39 

Gürtel oder das Hüftwehrgehenk (cingulum militare 
oder cinctorium) mit fechsteiligem herabfallenden Riemen- 
fchurz (militärifches Abzeichen) 1 ). Die Füße find nicht wie 
die des dargeftellten Crifpus mit Halbftiefeln (caligae), fondern 
mit Sandalen (soleae) bekleidet, ähnlich wie die im Mainzer 
Mufeum aufbewahrten, welche den Römern (?) zugefchrieben werden. 
Lenden- und Armfchutz (bracae) von Leder. Die Schenkel (fe- 
mora), von den Hüften bis zu den Knieen find mit der femi- 
nalia oder femoralia, der kurzen Hofe bedeckt, welche unten 
zenienartig ausgefchnitten ift. 

Auf dem Grabftein fcheinen die Füße nackt, da fowohl die 
Schnürriemen (amenta oder corrigiae) wie die Schnüröfen (ansäe) 
und felbft die Sohlen (soleae), die Sandalen durch Verwitterung 
des Sandfteins ganz und gar nicht mehr fichtbar find, falls diefelben 
beftanden haben. 

Der Armfchutz (brach ialia) wie der Lendenfchutz (femoralia), 
der Oberlendenfchutz (lumbi) unter welchen letzteren die (femo- 
ralia) die kürzen nur die Unterlenden (femora) bedeckenden 
Höfen hervorfehen, waren alle von Leder. 

Die ganze Ausrüftung ift hier durchaus anders und viel leichter 
wie die auf den Trajan- und Septimus-Severbogen, fowie auf den 
Trajan- und Antoninsfäulen (v.2. Jahrh.n. Chr.) abgebildeten legionarii. 

13. Ein römifcher Feldzeichenträger (signifer), nach dem bei 
lonn gefundenen und im Mufeum dafelbft aulbewahrten Grabdenk- 
lal des Pintaius 2 ). Über der Tunica trägt diefer Krieger die 



l ) Diefe am Cingulum befeftigten, meid befchlagenen Riemen die fonfl fad nur 
an dem unter dem Kaiferreich vom gemeinen Legionär getragenen Stahlfchienenpanzer, 
der lorica segmentata, befonders auf der Trajansfäule angetroffen werden (f. die 
vorhergehenden Abbildungen Nr. I, 2 u. 3) und von 3 bis 6 abwechfelnd vorkommen, 
lögen, weil nicht allein zum Schutze des Gemachtes (praefi diu m mentulae ?) da fie 
ft nur bis über die Mitte des Bauches hängen , gedient haben und begriffsverwandt 
lit den auf Ärmeln genähten galons oder chevrons im jetzigen franzöfifchen Heere 
gewefen fein. Wahrfcheinlich bezeichneten fie die Dienflzeit, die Zahl der vom Träger 
mitgemachten Schlachten, Feldzüge oder dergleichen. Eine lateinifche Benennung diefer 
Riemen Ift nicht bekannt, aber diefelben mögen wohl von den griechifchen Panzer- 
lüge In — TCXtQvyeq — , die rund um den Leib herabhingen (f. S. 192) abftammen. 
^uf der Trajansfäule trifft man man bei den Abbildungen der legionarii immer nur 
reiriemige Gemächtevorhänge an. 

a ) „Pintaius Pedilici f, astur transmontanus castello Intercatia, signifer Coh. V. astu- 
anno XXX etc." 



240 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



Lorica hamata und wieder darüber das Lederwams. Am Gürtel 
befindet fich ein vierteiliger metallener Riemenfchurtz (Panzerflügel 
der Griechen (?). Über dem Helm (galea oder cassis?) mit Sturm- 
bändern (bueculae) ein Tierfell 1 ). Schwert (gladius) hier auf 

der linken und Dolch (pugio 2 ) 
auf der rechten Seite. In der 
rechten Hand das Signum mit 
Lorbeerkranz, der Querftange 
und zwei hängenden Eicheln, 
darunter der Adler (aquila) mit 
demFulmen (Blitz), fowie Mond- 
ficheln (lunatus). Am unteren 
Ende der Stange ein Haken 
zum Tragen auf der Schulter. 
Sandalenartige Halbftiefel (cali- 
gae). Ein einziger Leibgürtel 
(cingulum militare oder cin- 
ctorium) für Dolch und Schwert 
(letzteres ohne Abwehrftange 
mora), mit dem vierteiligen 
Riemenfchurz. 

13. Bis. Römifcher Feld- 
zeichenträger (sign if er) aus der 
Kaiferzeit, nach einem bei Mainz 
aufgefundenen und im dortigen 
Mufeum aufbewahrten Grabdenk- 
mal des Lucius Fauftus. Über 
dem Schuppenpanzer (lorica 
serta oder hamis conserta), 
d. h. aus fchuppenförmigen Plätt- 
chen, welcher die Arme faft bis 
zum Ellenbogen bedeckt und 







') Omnes autem signani vel signiferi, quamvis pedites, loricas minores aeeipiebant 
et galeas ad terrorem hostium ursinis pellibus teetas." Veget. II, XVI. — Diefer Hdm 
mit darüber gezogener Tierkopfhaut — galea pellibus teeta, welcher befonders 
bei den Fahnen- oder Feldzeichenträgern in Gebrauch war (f. Veget. Mil. II, 16), ift 
auch auf der Trajansfäule abgebildet. 

2 ) Der kleinere auf dem Rücken getragene Dolch hiefs Clunaculum (f. auf der 
Trajansfäule). 






Römifche, fammtifche, dacifche Waffen. 



24I 



woraus unten ebenfo gepanzerte Höfen (bracae sertae) herunter- 
reichen, fieht man das Lederwams mit weiten Achfeldecken. Am 
befchlagenen Leibgürtel (cingulum militare oder cinctorium) 

mit zwei Schnallen (fibulae) 

13 Bis. ^ ' 

und deren herabfallender vier- 
riemiger Schurz, einem Ab- 
zeichen, — rechts das kurze 
Schwert (gladius hispa- 
niensis) ohne Abwehrftange 
(mora) in Scheide (vagina). 
Das Bandelier oder Schulter- 
wehrgehenk (balteus) trägt 
den linkfeitigen Dolch (pugio) 
kann aber auch wohl zum 

Aufhängen des ovalen 
Schildes (wofür in diefer 
Form der lateinifche Name 
nicht bekannt ift) gedient 
haben. Der Schild hat nur 
eine, äußerlich von dem Mit- 
telpunktsbuckel gefchützte 
Handhabe. Gefchnürte, die 
Zehen nichtbedeckendeHalb- 
fliefel. Larvenhelm(cassis) 
in vollftändiger Gefichtsform 
mit Ohrbildungen und Bän- 
»i~p //* / \* dem aber ohne Kamm (ap ex) 

\J ~^ f^ y ^€^ > \s-*=^- noch Federbufch (crista). 

Das aus fechs Scheiben, einer 
mit Kranz verzierten Spitze 

jnd reichem ornamentalen Fuße gebildete Feldzeichen (sign um) 

hat gerade die Länge des signifer. 

Das römifche Kompagniefeldzeichen hieß manipulus 
und hatte die hier dargeftellte Handform. Zuerft foll eine 
an Stangen befeftigte Handvoll Heu den römifchen Truppen 
als Feldzeichen gedient haben und diefer fpätere Manipulus 
davon abgeleitet fein. 




Dem min, Waffenkunde. 3 Aufl. 



16 



242 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



14. Römifcher Adlerträger (aquilifer) 1 ), nach einem bei 
Mainz gefundenen und im Mainzer Mufeum vorhandenen Grabdenk- 
mal des Mufius 2 ), in hoch erhabener Arbeit. Diefer Krieger ift 
hier mit dem Ringpanzer (lorica hamata) unter einem beriemten 
und befchlagenen Lederwams mit Phalerae (Schmuckplatten), 

welches letztere (das Leder- 
koller) der Vorläufer der mit- 
< c\J^ y^Ä^t telalterlichen Platte zu fein 

fcheint, fowie mit der unter 
dem Ringpanzer hervorlugen- 
den Tunica bekleidet. In 
der mit einem Armbande 
(armilla) gezierten Rechten 
(auf der Zeichnung hier ver- 
geffen) das Legionsfeldzei- 
chen (signum,aquila),deffen 
Adler Blitzftrahlen Jupiters 
(fulgura) in den Fängen halt. 
Außer dem Schwert (gladius 
hispaniensis) ohne Abwehr- 
ftange an der rechten Seite in 
der linken Hand den ovalen 
Schild, welcher in diefer fpäten 
Zeit wenig mehr im Gebrauch 
war, von deffen Buckel Blitze 
fpringen. Die Füße find nicht 
wie die des vorher abgebil- 
deten Kriegers mit Halbftiefeln (caligae), fondern mit Sandalen 
(soleae) bekleidet. 

Centurio (f. darüber S. 244) aus der Zeit des Trajanus (98 — 117 
n. Chr.). Wie bei dem der abgebildeten altzeitigeren Cen- 
turionen ift der Panzer mit Schuppen bedeckt (d. Squamata) 
und in der rechten Hand der Züchtigungsftab (vitis) ein Reb- 
ftock befindlich. Der Metallhelm (cassis) mit Sturmbändern 




') Wenn das Feldzeichen mit dem Bilde des Kaifers gefchmiiekt war, hiefsen die 
Träger davon imaginarii. Den berittenen Regiments-Standartenträger (des Vcx illum) 
nannte man vexillarius. 

2 ) „Cn. Musius T. f. Gal. Veleias an. XXXII stip. XV aquilifer etc." 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



243 



(bucculae) trägt als Kamm (apex) eine lange herabwallende Feder 
auf der Helmzier (crista). Das von der rechten Seite, am Wehr- 
gehenk (balteus) getragene kurze Schwert (gladius) ift faft fo kurz 
hier wie der römifche Dolch (pugio) und ohne Abwehrftange (mora). 
Die Beinfchienen (ocrae) find nicht mehr hoch hinaufreichend und 

verziert wie bei den nachftehend 
abgebildeten Centurio älterer Zeit. 
Nach einer Flachbildnerei des Traja- 
nusbogens, welche gegenwärtig im 
Conftantinbogen untergebracht ift. 

Zwei Praetoriani der Hausgarde 
der römifchen Kaifer, welche durch Au- 
guftus, nach dem Vorbilde der c o h o r s 
praetoriana, errichtet und durch Con- 
ftantinus aufgelöft wurde. Sie trugen 
Schuppenpanzer (squamatae), Me- 
tallhelme (cassis) mit Sturmbändern 
(bucculae) und Kamm (apex), an 
der rechten Seite das Kurzfehwert 





[ladius) am Hüftwehrgehenk (cingulüm) und am linken Arme 
den ovalen Schild wie der hierüberftehend abgebildete Signifer. Die 
Füße find mit Halbftiefel (caligae) bekleidet. Ein auf der Trajans- 
fäule dargeftellter Praetorianer ift weniger reich ausgerüftet und trägt 

inen einfachen Glockenhelm. — Flachbildnerei im Louvre-Mufeum. 

16* 



2 \A Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

Ouintus Publicus Festus. 
Leg. XI. 
Centurio {txarovtäQyric). 
d. h. Offizier, welcher im 
Range unter dem Tribun, der 
ihn ernannt hätte, ftand. Er 
befehligte hundert Mann, die 
Centurie und fein Porten 
auf dem Schlachtfelde war 
vor dem Adlerträger (aqui- 
lifer). Das hauptfächlichfte 
Rangerkennungszeichen be- 
ftand in dem Stabe (vitis) 
deffen er fich bediente, um 

die ihm untergeordneten 
Soldaten zu züchtigen. Der 
Schuppenpanzer (Squamata 
oder lorica serta, auch 
hamis conserta) ift mit 
Phaleren geziert, die Bein- 
fchienen (ocreae) find der- 
artige, wie diefelben von den 
römifchen Soldaten dererften 
Zeit getragen wurden, und 
die Füße mit HalbfHefel 
(caligae) bekleidet. Er hält 
den vitis in der rechten 
Hand, auf dem linken Arme 

die Abolla (kurzer Mantel). — Nach der Flachbildnerei feines 

Grabes. — 

Eine für altzeitig römifch gehaltene, Drufus(f 9 n.Chr.), vorftellen 
follende Steinbildnerei. 

Sie diene hier nur als Mufter der fo häufig, felbft heut immer 
wieder auftretenden archäologifchen Unwiffenheit von nur Buch- 
gelehrten. 

Wagner ')giebtdiefe Abbildung, noch 1842, als «eins der fchönften 

') Handbuch der vorzüglichften, in Deutfchland entdeckten Altertümer aus h<id- 
nifcher Zeit", 2 Bde. mit 145 Tafeln. Weimar 1842. V.l. Mainz, S. 411, V. II, Abb. 5. 







Römifche, famnrtifche, dacifche Waffen. 



245 



Denkmäler aus Römerzeit und als das im. VIII. Jahrh. n. Chr. dem 
Drusus geftiftete Bildnis, wie es, bis zum Jahre 1688 auf einer: 
«In Memoriam Drusi Germanici» unterfchriebenen Steintafel an der 
Mauer des Zollhaufes am Rheinufer zu Mainz beftand, ehe es 

von den Franzofen zer- 
trümmert worden ifU. 
Der Herr «Superinten- 
dent» ein Kompilator 
reinften Waffers, wird 
wohl diefe Zufchrei- 
bung prüfungslos der 
im Anfange diefes Jahr- 
hunderts erfchienenen 
Gefchichte der Stadt 
Mainz von Fuchs ent- 
nommen haben, in wel- 
cher fich ebenfalls eine 
Abbildung des «an- 
tiken» Drufus befindet. 
Wenn das Abbild 
wirklich beftanden hat, 
fo kann es nur in der 
Rückgriffszeit des XVI. 
Jahrhunderts angefer- 
tigt fein, und der Stil 
des Ganzen wie auch 
die Einzelheiten davon 
laffen hier auf den 
erften Blick das Wider- 
finnige der altrömi- 
fchen Zulchreibung er- 
kennen. Die dem Bauch 
nach griechifcher Art 
angepaßte loricae 
(yvaZo&coQag) aus getriebenem Metall, der fiebenzüngige, dabei kurze 
und rundum hängende Riemenfchurz, der in römifcher Bewaffnung 
nicht vorkommende, ganz gerade Jagdfpeer, die bis zur Hälfte 
der Wade hinaufreichenden Riemen der Sandalen (soleae) mit 
fehlender Befeftigung an den Zehen, das flatt des Helmes an- 




246 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



gebrachte Fell mit Widderhörnern (galea pellibus tecta) der 
viel zu lange Mantel (paludamentum), ähnlich dem griechifchen 
chlamydion (s. die auf der Trajansfäule) u. d. m. dienen, ebenfo 
wie die ganze Auffaffung, befonders die des Gefichtes, das Neuzeitige 
fofort ins Auge fpringen zu laffen. 

15. Römifches Reitzeug eines Eques singularis J ), nachdem 
Grabftein des Silius 2 ), gefunden in Rheinheffen und aufbewahrt im 
Mufeum zu Mainz. Das Denkmal ift befonders des Sattels (sella 

equestris) wegen 
intereffant, welcher 
den älteren Römern 
wie den Griechen 
unbekannt war und 
wohl erft unter dem 
Kaiferreich, befon- 
ders auf Denkmalen 
am Rhein,vorkommt, 
wo er wahrfcheinlich 
von den Germanen 
entnommen worden 
ift. Steigbügel aber 
fcheinen die Römer 
niemals in Anwen- 
dung gebracht zu 
haben. Das Gefchirr 
diefes Sattelpferdes 
(celes) — {xiXrj^ 
welches auf der Stirn herabhängende Haarbüfchel (capronae) hat, 
— (in der Höhe aufgerichtet bezeichnet man diefelben mit cirrus 
in vertice) — zeigt auch außer dem Zaum (frenum) mit Zügel 
(habenae) und Gebiß (oreae) einen mit phalerae gefchmückten 
Bruftriemen (antilena) und einen ebenfalls -mit Phaleren gezierten 
After- oder Schwanzriemen (postilena), fowie den Bauch- oder 
Sattelgurt (cingulum). Das Pferd ift hier ohne zugeftutzten Schwanz 
(cauda equina) und ohne die fchon im römifchen Heere übliche 
Brandmarke (character) — xaQaxzrjQ — Name der auch, ebenfo wie 




') S. A. Müller, die Grabfteine der Equites singulares. Ph. XL. 

2) „Silius Attonis f. Equ. Alae Picen. an. XLV. stip. XXIV h. f. e." 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



247 



cauter oder cauterium, dem dazu dienenden Brandeifen gegeben 
war) dargeftellt. 

Bei den Römern ritten die Frauen fchon wie heut auf einer 
Seite und nicht rittlings, d.h. mit gefpreizten Beinen, wie dies fchon 
aus den Ausdrücken «muliebriter equitare» und «equo insidere» 
hervorgeht. Steigbügel waren den Römern immer noch unbekannt. 
Die Bezeichnung derfelben mit Strepae, Strivarium oder Stra- 
parium ift Mönchslatein wovon das franzöfifche Etrier abftammt. 
Agminalis, sc. equus hieß das mit Schilden und Helmen der 




römifchen Krieger beladene Saumpferd, wie es auf der Trajansfäule 

abgebildet ift. 

16. Römifcher Reiter, nach einem bei Bonn gefundenen und da- 

felbft im Mufeum befindlichen Grabdenkmal des Marius 1 ). In 
ler linken Hand des Reiters der fechseckige Schild. Über der 
\inica der Lederkoller mit 12 Schmuckftücken (phalerae.) An den 



') „C(aius) Marius L(ucii) f(ilius) Vol(tinia tribu) Lucio Augusti Eques leg(ionis) 
annor(um) XXX stip(endiorum) XV h(ic) s(itus) e^st) Sex(tus) Sempronius pater fa- 
cien, (dum) curavit. 



248 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




FüUen Halbftiefel (caligae). Hier erfcheint das Pferd ohneSattel — nur 
ein dickes Kiffen (ephippium). Der Reiter ift ohne Helm und Schwert. 

17. Bruftbild eines Bogeners 
(Sagittarius) der römifchen Hilfs- 
truppen, nach dem bei Mainz gefun- 
denen und im dortigen Mufeum auf- 
bewahrten Grabdenkmale des Moni- 
mus. Unter der Paenula (veftimenta 
claufa), einer Art Kittel mit Kapuze 
(cucullus), fieht der Spitzenfaum 
einer Tunica hervor. Die ganze 
Bewaffnung befteht nur aus drei lang- 
fchaftigen mit vierkantigen Spitzen 
befchlagenen Pfeilen und dem Bogen 
(arcus), in der Patulus-Form, welcher 
bei den Römern allein eine Waffe der 
Hilfstruppen war. (S. S. 42 — 50.) 

17. Bis. Römifcher berittener Bogner, alfo von den eques sa- 
gittarius, einer Truppe, welche größtenteils aus fremden Hilfs- 
truppen beftanden, jedoch während des Kaiferreiches (31 — 476) auch 

aus inländifchen Mann- 
fchaften gebildet (f. Tac. 
ann. II, 16) und bei den 
Makedoniern fchon einge- 
führt war, wo folche Krie- 
ger mit Hippotoxota — 
IjtJcoro^oTijg — bezeichnet 
wurden. Derhier nach einer 
auf demKapitol MarkAurel 
(Antoninus, 138 — 161 n. 
Chr.) errichteten Säule abge- 
bildete Bogner hat Panzer 
(lorica). Metallhelm (caf- 
fis) mit Helmzier (apex), 
kurzes Schwert (gladius) 
an der rechten Seite und 
den gekrümmten Bogen (infinuofus- oder sinuatus-Form.) Das 
Pferd trägt den monile, einen Oberhalsriemen, denBalteus, den mit 



17 Bis. 




Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



249 




Schmuck behängten Brusthalsgurt und Hinterzeug (poftilena). 
Weder Steigbügel, Sporen, noch Sattel, ftatt deffen nur die Decken- 
kiffen (ephippium). 

18. Cataphractus, Soldat von der fchweren perfifchen, parthi- 
fchen und famnitifchen Reiterei; römifche Hilfstruppen, welche 
, 8 ebenfo wie ihre Pferde, gänzlich mit 
Schuppen-Schutzrüftungen von Leder 
und Büffelhorn von Kopf zu Fuß (a 
capite ad calcem; — holomachus — 
ojilo(id%og) bedeckt waren. (Serv. ad. Virg. 
Aen. XI. 770. ! ) Diefe Reiterei beftand fchon 
bei den Griechen, aber erft von der Zeit 
Alexanders des Großen ab. Ihre Angriffs- 
waffen waren allein Speer und Schwert, 
manchmal auch der Wurffpieß. Später bil- 
dete man damit Scharen von 60 Mann, ile (Knäuel) benannt. — 

Nach der Theodofifchen Säule zu Konftantinopel (4. Jahrh.). 

,8 1. Die numidifchen Reiter ritten 

ohne Zaum (f. Liv. XXI, 44 und Virg. 
Aen. IV, 41 und die römifchen Hilfs- 
truppen auf der Trajansfäule.) Der 
gänzlich ohne Sattel reitende hieß 
ephippiatus. 

181. Secutor(f.S. 47und48 über 
Gladiatoren im allgemeinen), fchwer 
bewaffneter Gladiator mit hoplitenför- 
migem, ganz gefchloffenem Helm, 
Panzer, großem, viereckigem Schilde, 
Beinfchiene am linken Fuß und 
langem Dolche. — Standbild des unter 
Caracalla berühmten Gladiatoren Ba- 
ton. — Bafis im Pälazzo Doria in Rom. 




l ) Solche Reiter wurden auch einfach mit gepanzert, xazucpyaxroq (f. Sali., 
Tac. u. Dav.) fowie mit loricatus eques, bei den Galliern mit cruppellarii be- 
zeichnet. Sie waren auch mit eisernen Schuppen wie die eines Krokodils bedeckt. 
Auf der Trajansfäule befindet sich ein ganz in derfelben Art dargeftellter Sarmat. 
Obige Benennung wird auch von Sisenna (77 v. Ch.) dem fchwer ausgerüfteten un- 
berittenen Krieger beigelegt. 



2C0 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

18IL Samis oder Samnit und Thrax oder Threx (Thra- 
cier), Gladiatoren, welche wie die Murmiliones mit dem galli- 
fchen Helm, aber auch mit dem Scutum genannten Schilde, Bein- 



1 > 




18 II Bis. 



fchiene (ocreae) und einem rechtarmigen Schutz (manica — 7.uqIc) 
bewaffnet waren. Die Samniten hatten als Angriffswaffe den langen 
Dolch, die Thraces oder Parmularii aber das gekrümmte, Sica 
genannte Dolchmeffer oder wie der hier abge* 
bildete, eine hakenförmige Waffe, deren 
Namen unbekannt ift. 

18 II. Bis. Thrax, thracifcher Gladiator, 
deffen Benennung von feiner thracifchen Bewaff- 
nung herrührt. Er trug den thracifchen hut- 
förmigen Helm, den kleinen viereckigen Schild, 
den Teftus oder Parma thraecidica (in der 
Form des Scutum, aber kleiner) und das ge- 
krümmte Dolchmeffer (Sica '), fonft aber keine 
weitere Schutzrüftung und als alleinige Beklei- 
dung den campestre oder cinctus. — Nach 
einer antiken Lampe in gebranntem Thone. 



•) Die» Dolchmeffer hat nicht die Form des römifchen Jagdmeffers (cultor vena- 
torius — &TjQiofitaZT]s), wie dasfelbe häufig auf Flachbildnereien (f. S. 252 Nr. 18 VII) 
vorkommt. Ein in der „Histoire des Romains" von Duruy abgebildeter, mit Helm, 




Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



251 



1 8 III. Gladiator zu Pferde (Eques) 
bewaffnet mit dem runden ehernen Schilde 
(clipeus), der Stoßlanze (hafta) mit drei- 
kantigem Eifen, dem Ringpanzer (lorica 
hamata) oder wohl beffer dem aus Ketten 
beftehenden jackenartigen Panzer (Squa- 
mata) und dem einfachen (gallischen?) 
Glockenhelme mit breitem Schirme, einer 
Art von Metallhut. — Die Bewaffnung 
war alfo der berittener Legionäre fehr 
ähnlich. — Nach eine Flachbildneri des 
Grabes der Navoleia Tyche zu Pompeji. 

18 IV. Retia- 
rius, leicht bewaff- 
neter Gladiator, mit 
einfachem Glocken- 
helm und linker 
Armberge. Seine 
einzige Angriffswaffe 
ift die dreizackige 
Gabel (furcina tri- 
dens), hier mit ge- 
krümmtem, 
fchlangenförmi- 
gem Stiel ausge- 
ftattet. Das von den 
Retiarii auch gehand- 
habte jaculum oder 

Fangnetz (rete), 

bietet diefe Bronze 

von Esbarres nicht. 

Die Laqueatores 

iterfcheiden fich von den Retiarii, daß fie anftatt des Fangnetzes 

inen Lazo hatten. 

18 v. Retiarius, d. h. mit dem Fangnetz (rete) beworfner 
Secutor — Gladiator. — Nach einer antiken Mofaik. — 

Schild und Beinfchienen gerüfteter Gladiator hat dasfelbe Meffer als Angriffswaffe. Die 
Beftiarii (f. 18 II S. 252) führten gemeinlich den Seymitar in der Form des 
culter venatorius. 




252 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



18 VI. Venator (ß-rjQio t uccxf]?) oder Beftiarius, untergeordneter 
Gladiator für den Venatio, d. h. Tierkampf, auf einem Cippus zu 





--J5— 



18 VII. 



Parma. Der Beftiarius ift hier mit Beinfchienen und Panzer ge- 
rüftet und hält in der rechten Hand den Lazo (laqueüs), in der 
linken den mit aufrechtftehenden Widerhaken am Eifen (Spicu- 
um Xöyyji) befchlagenen Spieß. 

18 VII. Kämpfende 
Venatores aus frühe- 
rem Zeitabfchnitte, wo 
die Bewaffnung folcher 
Beftiarii noch vollftän- 
diger war: Helm mit 
Sturmbändern und Zier 
ovaler und runderSchild, 

etwas gekrümmten 
Seymitar 1 ) aber doch 
keinen Armfchutz. Der 
Schild des einen ift die 
parma — thraecidica 
oder das kleine scu- 
tum, der des andern ein 
ovaler. — Flachbildn 

Palaft Orsini zu Rom. — 
') Ganz ähnlich dem culter venatorius. 




Römifche, famnrtifche, dacifche Waffen. 2%X 

Zu dem S. 47 u. 48, über die, von den etruskifchen Leichen- 
fpielen abftammenden Gladiatorenkämpfer und Gladiatoren (v. 
Gladius, kurzes Schwert) bereits Angeführten, ift hiernoch folgendes 
hinzufügen: Ceroma hieß die Ölmifchung, womit die Gladiatoren- 
ringer fich den Körper einrieben. Die gut gerüfteten Murmillones 
(Secutorii) hatten gewöhnlich einen Fifch (piscis) zur Helmzier, 
weil ihre ohne Schutzrüftung kämpfenden Gegner die retiarii, außer 
der dreizackigen Gabel (fuscina, — tridens) mit dem Fangnetze 
(rete, auch wie die Schleuder funda und jaculum genannt) be- 
wehrt waren, wo fie den Murmillo «wie einen Fifch» zu fangen 
fuchten. — Es beftanden auch, was befonders die Flachbildnerei 
des Grabdenkmals von Navoleia Tyche zu Pompeji zeigt, berittene 
Gladiatoren, die gleichden meridiani mit mittelgroßen Rundfchilden 
und den breitkrämpigen Helmen, fowie mit den Schutzrüftungen der 
leichten Legionäre und mit Speeren von dreikantigen Eifenfpitzen 
verfehen waren. Später gab es auch Laquearii genannte Gladia- 
toren, welche außer den Gladius ein Wurffeil (den fpäteren fpa- 
nifchen Lazo) führten. Laterarii hießendie in Haufen gegeneinander 
kämpfende Gladiatoren. Andabatae wurden (nach Hieron) die 
mit verbundenen Augen, oder mit das Geficht bedeckendem Helme 
ohne Augenöffnung kämpfenden Gladiatoren genannt, wo hingegen 
der Sprachkundige Turnebe (15 12 — 1565), welcher befonders Cicero, 
Varro, Horaz, Plinius, Aefchylos, Sophokles u. d m. bearbeitet 
hat, damit römifche nach Beendigung der Circusrennen auftretende 
Ringer bezeichnet. 

Buftuarius wurde der — am angezündeten Scheiterhaufen 
(rogus — jtvQa), oder am noch nicht brennenden (pyra) — den 
Todeskampf ausführende Gladiator genannt. 

Mit Lanifta bezeichnet man den Einüber der Gladitoren. Der 
nach dreijährigem Dienft frei gewordene Gladiator erhielt bei feinem 
Austritte einen Rudis, das ftockförmige Holzfehwert und einen 
Palmenzweig von Silber (palma). Rudis hieß aber auch das 
Fechtrapier, beffer ein mit Knauf verfehener Stock von Holz zum 
Einüben der Rekruten (tirones — im Gegenfatz zu dem vetus 

Imiles, veteranus.) 
Erft im 5. Jahrh. n. Chr. find die Gladiatorenkämpfe gänzlich 
abgefchafft worden. 
Das von den Griechen abftammende Pancratium — jcayxQd- 
tiov — , mehr ein turnerifches Ringen als Schlagen, — fand ohne 



254 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



die Kampihandfchuhe (Caestus = Ifjdvrsc) des Boxers (pugil — 
ütvxrrjq, f. weiterhin) ftatt. Die während der Republik und des Kaifer- 
tums ftark betriebene Box- oder Schlagkunft (pugilatio, pugi- 
latus) war auch von den Etruskern und Römern den Griechen ent- 
nommen worden. Julius Caefar hatte ferner in Rom eine Nach- 
ahmung des jcvQQlyji — Pyrrhica, des griechifchen Waffentanzes 
in Schutzrüftung mit Schild fo wie mit Speeren und Schwertern — ein- 
geführt. Ob auch die beiden ütaXrj, xäZaidf/a — Lucta — ge- 
nannten Ringkämpfe, welche nicht mit dem oben angeführten Pan- 

cratium zu verwechfeln find und wo beim 
Stehkampfe — jtccfa] 6q&i] nach dem Nieder- 
werfen des einen oder der beiden Ringer 
nicht mehr — bei dem anderen, dem 
Erdkampfe — äkivörjoic — aber noch nach 
dem Niederwurfe fortgerungen wurde — 
in Rom eingeführt worden — ift nicht feft- 
zuftellen. 

Desultor — fisraßär^g — aficpuixog 

— hieß der im Circus auftretende Kunft- 
reiter, wie davon in einer Flachbildnerei im 
Mufeum zu Verona dargeftellt ift. 

1 8 VIII. — Fauftkämpfer (pugil. jtvxTiyg 

— in pugillatu certare — als Boxer auf- 
tretend), deren Unterarme allein mit auf 
Lederftreifen befeftigten Metallkügelchen 
(caesti)gerüftetfind. — Statue im PalaftAlbani 
zu Rom. — Ein ähnliches Standbild befin- 
det fich in der Villa Borghefe. 

19. Bei Wiflisburg (Aventicum) in der 
Schweiz gefundene Schuppen (Xejciösg, squa- 
mae:) eines römifchen Panzers der Squa- 
mata, oder lorica serta auch hamis con- 
serta, — in halber Größe abgebildet. — Samm- 
lung Bonftetten in Eichbühl bei Thun. (S. 
Nr. 10 S. 233). 
Eine Wandmalerei zu Pompeji bietet einen folchen Panzer, wo 
die Schuppen von Bein immer oben aneinander in ihren Seiten- 
löchern mit Eifendraht verbunden find und jede Reihe davon 
(hami) dachziegelförmig eine die andere zur Hälfte überdeckt. 







»9 




Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



255 




20. Römifches Hüftwehrgehänge 
oder Gürtel (cingulum), nach einem im 
Wiesbadener Mufeum befindlichen 
Denkmale. 




21. Samnitifcher, in Ifernia, dem 
alten Samnium, gefundener Helm aus 
Bronze. Diefe Waffe der Sammlung 
Erbach reicht vielleicht bis in den 
zweiten famnitifchen Krieg hinauf (326 
— 204 v. Chr.). Ein vergoldeter japane- 
fifcher Helm, deffen Form ähnlich ift, 
befindet fich im Artillerie-Mufeum zu 
Paris. (S. d. ähnlichen japanifchen 
Helm und Abhandlung der Helme 
Nr. 134). 



22 und 23. Zwei römifche Helme, 
nach der Trajansfäule. Nr. 25 gleichtdem 
nach der Theodofiusfäule abgebildeten 
Helme in dem Abfchnitt, welcher die 
Waffen aus dem Zeitalter des Eifens 
behandelt. 




221. Römifcher Metallhelm (cas- 
sis) eines Centurionen mit hoher Helm- 
zier (crista; iuba) und Federkamm 
(ap ex) *), fowie Sturmbänder (b u ecu 1 a- 
— jcagayva&iq) nach einer am Trajans- 
bogen befindlich gewefenen aber jetzt 
im Konftantinifchen Triumphbogen, 
beim Koloffeum angebrachten Gruppe. 



2 ) Ein an der Helmzier oder an Helmen ohne Kamm angebrachtes Hörnchen dient 
Auszeichnung für gute Führung und hiefs Comic ulum. 



256 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




24. Römifcher Helm, von 32 cm Höhe 
aus Eifen mit Bronze befchlagen, der den 
Zeiten des Verfalls des römifchen Reiches ent- 
flammt. D. 29 im Artillerie-Mufeum zu Paris 
und Parifer Antikenkabinett. Es ift dies eine 
der merkwürdigften Waffen jener Zeit. Das 
Geficht wird fafl ganz durch eine Art Charnier- 
maske (Vifier, vehiculum) bedeckt. 




241. Eiferner römifcher Helm (cassis) 
ohne Zier, aber mit beweglichem nur finger- 
breitem Sturz. Charnierfturmbänder (bucculae) 
und Nackenfchutz (praesidium cervicis). 
Fundort der Rhein bei Mainz. — Mufeum zu 
Worms. — 



24 11. 




24 IL Römifcher Bronzehelm (cassis), 
ohne Helmzier, aber mit beweglichem doppel- 
ten Kinnfchutz oder beffer Charnierfturmband 
(bucculae); gefunden in einem Grabe zu 
Paeftum. 




24 III. Römifcher Bronzehelm mit Wangen- 
Nacken- und Ohrenfchutz; auf det Glocke eines 
einfachen conusals Zier. Fundort Niederbiber. 
— Sammlung Neuwied. 



Römifche, famnjtifche, dacifche Waffen. 



257 




25. Römifcher Gladiatorenhelm von 
Bronze, aus der Sammlung Pourtales, 
Mufeum zu St. Germain. Das Geficht 
wird faft vollftändig von dem unbeweg- 
lichen Vifier mit runden Lochen bedeckt. 
Eine ähnliche Form von Helmen taucht 
im 16. Jahrh. unferer Zeitrechnung wieder 
auf. 

25. Bis. Zwei reich verzierte Gladiatorenhelme in Bronze aus 
Pompeji. — Mufeum zu Neapel. 








26. Helm eines romifchen Gladiators (eines Secutor, d. h. 
Verfolger). Der Secutor kämpfte in voller Rüftung gegen den nur 
mit Gabel (fuscina) und Fangnetz (rete) bewaffneten Re- 
tiarius (d. h. Netzkämpfer), welcher keinerlei Schutzwaffe 
trug. Der Helm ftammt von dem Grabmale des Gladi- 
ators Baton (unter Caracalla berühmt). Auf dem Epi- 
taph eines anderen Gladiators, Namens Urbicus, 
welcher ebenfalls als Secutor großen Rufes genoß, findet 
fich ein ähnlicher Helm. 
Die Helme der Meridiani (ergänze «gladiatores», alfo Mit- 
tagskämpfer, weil fie nur um diefe Zeit auftraten) fo wie die der 
Gladiatoren zu Pferde waren einfache Glockenhelme ohne Gefichts- 
fchutz. Die Meridiani hatten nur noch das Sehwert als Angriffs- 
waffe. Ähnliche Helme trugen die Thraces (sing. Thrax oder 
Thraex, fo wegen ihrer thracifchen Bewaffnung genannt), welche 
außerdem noch die parma und die sica (einen krummen Dolch) 
führten; ähnlich bewehrt waren die fogenannten Samnites, welche 

Iaber die vollftändigfte Bewaffnung hatten. 
Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 17 



2 5 8 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




261. Bronzene Unterarmberge (Brachiale) 
jiEQißQaxioviov eines Gladiators. Die Ringe 
dienten zur Befefligung mittels Riemen (amenta). 
— Fundort Pompeji. — Manica — XSiQi? — 
hieß die Schutzrüftung des rechten Armes der 
Gladiatoren. 




26 II. Bronzene Beinfchiene (ocrea, xv?jfilg) 
eines Gladiatoren. Die Ringe (annuli) dien- 
ten zur Befefligung mit den Schnürriemen 
(amenta); mit ocreatus, xslq'is, bezeichnete 
man den mit ocreae gerüfteten Krieger. — 
Fundort Pompeji. — 



26 in. Caestus — v. caedere, fchlagen, (tfiävrsg, fivQfi?)^, 
— fr. ceste). Mit Bleinägeln befetzter Fauftkämpfer- (pugil, — 
jcvxrijg) Handfchuh für den Pugilatio.den von Griechen, 
Etruskern und Römern (befonders unter der Republik 
und in der Kaiferzeit) beliebten Fauftkampfe. Um fich 
Schläfen und Ohren gegen die Schläge des Caestus zu 
fchützen, trugen die Kämpfer eine 
Amphotide genannte kleine Kappe. 
(S. Vergil: Aeneis B. V. der Kampf 
zwifchen Entellus und Dares:) — Cae- 
stus hieß aber auch der von Venus 
getragene Gurt. 
Nach einem anderen antiken Standbilde. 




26 IV 




26 IV. Caestus. 




27. Römifcher Bronzehelm. — Mufeum Poldi- 
Pezzoli in Mailand. 



Römifche, famnitifjche, dacifche Waffen. 



259 






28. Römifcher, bei Ofterburken im 
Herzogtum Baden gefundener Helm aus 
Bronze. 

29. Römifcher (?) Beerdigungshelm (?) 
mit Nackenfchutz, aus Bronze, welcher 
im Holfteinifchen gefunden worden ift. 
(S. die griechifchen Helme mit Nacken- 
fchutz.) 

30. Römifcher Helm mit Sturz oder 
Vifier (vehiculum), nach einem im 
Wiesbadener Mufeum aufbewahrten und 
bei Wiesbaden gefundenen römifchen 
Grabdenkmale. Die Infchrift giebt zu 
erkennen, daß es dem Dolanus, einem 
Ritter aus der 4. Kohorte der Thracier 
errichtet worden war. 



30.1. Römifcher Bronzehelm (cassis) 
mit beweglichem Sturz oder Vifier (vehi- 
culum), Kinn- Ohren- und Nacken- 
fchutz fowie mit Zier (crifta) in ablaufen- 
der Kreuzform. Fundort Friedberg — 
Mufeum zu Darmftadt. — 



30. II. Römifcher Bronzehelm (cas- 
sis) mit Weißmetallüberzug. Derfelbe 
ift ohne Sturz (vehiculum), aber mit 
einer den größten Teil des Gefichtes 
bedeckenden unbeweglichen Larve (per- 
sona immobilis). Die Helmzier (crista) 
mit Adlerfchnabel hat die Form der 
griechifchen Xo<poq. Fundort Heddern- 
heim bei Frankfurt. Mufeum zu Frank- 
furt a/M. 

17* 



2^0 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

3° m 



30 III. Römifcher Soldaten- 
helm in Bronze aus der Kaifer- 
zeit, gefunden beim Dorfe 
Schaan (Fürftentum Lichten- 
ftein). Auf der halbkugelför- 
migen Glocke mit Augen- und 
Nackenfchirm und breiten, die 
Backen bedeckenden Sturm- 
bändern (19 30 gr. Gewicht) be- 
findet fich folgende Infchrift: 
P. Cavidius . . Felix . . Petroni. 




30 IV 




30 IV. Römifcher Larvenhelm (cassis) 
mit vollftändiger Gefichtsform und Ohren- 
bildung. Nach dem im Mainzer Mufeum be- 
findlichen, dort nahebei gefundenen Grab- 
denkmal des Feldzeichenträgers Lucius Fau- 
ftus aus der Kaiferzeit. Diefer Helm hat 
weder Kamm (apex) noch Federbufch 
(crista\ aber einen figurirten Augenfchirm. 




30 V. Römifcher, den Kopf gänzlich ein- 
fchließender Metallhelm, an deffen Sturmbän- 
dern vollftändige Ohrbildungen hervorragen, wo 
das Geficht aber ohne Schutz ift. Ein Kamm 
(apex) ift nicht vorhanden, aber wohl ein Feder- 
bufch (crista). Nach dem bei Wiesbaden ge- 
fundenen und dort im Mufeum aufbewahrten 
Grabdenkmal des Legionärs C. Valerius Crispus 
aus der Kaiferzeit. 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



26l 




br 



30 VI. Spangenhelm (oder Eifenkreuz?) der 
germanifchen Leibwache Trajans nach deffen 
Siegesfäule zu Rom 114 n. Ch. — f. weiterhin 
den britifchen Spangenhelm und den germani- 
fchen in den folgenden Abfchnitten. Über 
folche Eifenkreuze f. auch das 511 — 534 n. 
Chr. abgefaßte Gefetz der ripuarifchen (nieder- 
lothringifchen) Franken T. XXXVI. B. 11. 

31. Römifcher Gefichtslarvenhelm in fchön patiniertem l ) Erz, 
mit Sturz oder Vifier (vehiculum) gefunden zu Wildberg in Württem- 
berg. — Mufeum zu Stuttgart. — 

Auch das Mufeum zu Wiesbaden 
befitzt zwei fichtlich nach Abgüffen 
auf Gefichtern getriebene Larven; die 
noch daran befindlichen Scharniere 
^„ laffen vermuten, daß diefe Masken 
Helmftücke find. 







32. Scu tum, halbcylinderförmiger 1 m 20 cm langer, 80 cm 
breiter, römifcher Schild, welcher beim Fußvolk den großen runden 
und den Parma clipeus erfetzt hatte. — Nach dem im Wies- 
badener Mufeum befindlichen Denkmale. — Dies scu tum war auch 
der Schild faft aller Gladiatoren, aber beim Thrax, d. h. 
dem thraeifchen Kämpfer, fchmäler und kürzer, trug auch 
den Namen Parma thraeeidica. Dieser Scu tum war auch 
aus mit Tuch bezogenem Holz, äußerlich mit Leder über- 
zogen und die Ränder in Metall. Jede Legion hatte ihre 
Schilde verfchieden artig bemalt, auch mit fymbolifchen 
Figuren ausgeftattet (f. a. Blitze, Blumengewinde, be- 
flügelte Blitze w. d. S. 242, u. d. m.). Der mit diefer Wehr 
verfehene Krieger hieß Scutatus. Das S cu tum (v. öxvrog Leder, 
gr.&vgeog), das fogenannteThürfchild von mit Leinwand überzogenem 
Doppelbred mit Eifenrand, 4 Fuß lang, 2*/ 2 Fuß breit, foll fchon 
unter Camillus, im Vejenter Kriege (396 n. Chr.), den erzenen Rund- 
fchild clipeus (altl. clupeus, auch clipeum) erfetzt haben. 




J ) Der jetzt mit Patina bezeichnete, meid hellgrüne, durch Verhalb fäuerung ge- 
bildete Überzug alter Bronzen, befonders von künftlerifchen Waffen und Standbildchen, 
hiefs damals bei den Römern aerugo (v. aes Erz.) Plinius und Juvenalis nennen diefen 
aes corinthium, d. h. diefes oxidierte Erz nie anders. 



2Ö2 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



Sonderbarer Weife hieß bei den Römern das dem scutum ganz 
gleichförmige, nur kleinere Schild der secutores und der Thraces 
genannten Gladiatoren parma thraecidica (bei Martialis i. Jahrh. 
n. Chr. pumilionis scutum), obfchon die eigentliche 3 Fuß durch- 
meffende parma der velites und der equites (Reiterei) rund war. 

32 Bis. 



32. Bis. Beim Berennen 
fefter Plätze, vermittelst der 
Thürfchilde (scutum) gebil- 
detes, und nach der Widder- 
bedeckung, wiediefe testudo, 
%iXvq — Schildkröte genanntes 
Sturmdach. Nach der Antoni- 
nusfäule (138 — 161 n. Chr.), wo 
der Angriff einer germanifchen 
Verfchanzung dargeftellt ift. 




33. Innere Seite eines römifchen ovalen (clipeus ex longo 
rotundus ovatus) Schildes (der Name unbekannt) mit einem 
einzigen Griffe in der Buckelhöhlung. Nach einer Steinbildnerei 
im Johanneum zu Graz, welche aus Sachau flammt. 

Der Velitenfchild war die runde parma. Es kommen auch 
fechseckige Schilde auf römifchen Grabdenkmalen vor. S. darüber 

Von ovalen Schilden, womit die classiarii 
(ejtißdzai) — wie die für den Schiffskampf eingeübten 
Krieger benannt wurden f. die im Scheffer' fchen Mil. 
nav. in Adland veröffentlichte Flachbildnerei — 
gerüftet waren und womit aber auch auf dem Triumph- 
bogen zu Orange (v. 1. Jahrh. n. Chr.) Römer und Gallier, 
fo wie auf der Trajansfäule (114 n. Chr.) vorkommen, wo 
rorarii damit bewaffnet, auch der Adlerträger eines Grabdenkmales 
im Mainzer Mufeum (f. die Abbildung S. 242) damit verfehen find, 
findet man faft fonft nur Erwähnung bei Homer (afi^pißgorij — jioötj- 
VBXt'jg). So förmige Schilde mit Ausfchnitten waren ferner die 
boötifchen (f. S. 198). Am feltenften kommen bei den Alten 
fechseckige Schilde, vor wie ein folches das im Bonner Mufeum 




Römifche, famni'tifche, dacifche Waffen. 263 

befindliche Reiterdenkmal zeigt (f. S. 247). Im allgemeinen findet 
man fonft nur bei den Alten die fieben verfchieden hier nach- 
ftehend bezeichneten Schilde. 

Der viereckige gewölbte Thürfchild (öxvrog oder ti-vgeog) der 
große scutum. 

Der kleinere, dem scutum ganz gleichförmige Gladiatoren- 
fchild — die parma thraecidica. 

Der große runde clipeus oder clipeum (aöjtig), womit be- 
fonders das fchwer bewaffnete Fußvolk der Griechen und bei den 
Römern zur Zeit des Servius (6. Jahrh. v. Chr.) die Krieger der 
erften Klaffe bewehrt waren. Diefer gewölbte Schild hatte eine 
Größe, welche vom Hälfe bis zur Wade reichte, er war entweder 
von Bronze oder von übereinander liegenden Rindshäuten angefer- 
tigt. Wenn aus durchflochtenen Streifen hieß er clipeus textus. 

Der kleine runde clipeus (altl. clupeus, jtaQ/irj), wozu auch der 
clipeus Phidiae, der von Phidias für Minerva angefertigte gehört. 

Die ebenfalls runde parma von ungefähr 3 Fuß Durchmeffer 
der römifchen velites und equites, welche wohl mit dem kleinen 
clipeus identifch war. 

Die kleine mondfichelförmige pelta [jiiXxij), gewöhnlich leicht 
und aus denfelben Stoffen wie die cetra angefertigt, womit befon- 
ders die Amazonen dargeftellt find. 

Die kleine runde afrikanifche, von Fellen hergeftellte cetra, 
mit welcher fich Spanier und Bretonen befchirmten. 

Die Träger folcher Schilde wurden nach den Formen davon, 
mit scutatus, clipeatus — äöJiiötxpoQog, parmatus, peltatus 
oder peltasta, — jieZzaöTTJg (peltata, wovon Amazone) und 
cetratus bezeichet. Der clipeatus chlamyde hatte ftatt des 
Schildes als Schutz den linken Arm mit der chlamys — (xZctfivg), 
einer Art theffalifchen Mantel bedeckt. Bei den Griechen gab es 
auch wie bei den Altamerikanern Schutzdecken oderbeffer Fahnen - 
fchild — Xaiörjiov. 

33 Bis. Ancile (nicht von äyxv/liov, fondern von ancilis auf bei- 
den Seiten eingefchnitten) der geigenförmige heiligeSchild, welcher 
im 8. Jahrh. n. Chr. unter Numa vom Himmel gefallen fein follte 



l j Ein S. 218 abgebildetes epheublattförmiges Schild kann wohl unter der peltae 
igereiht werden. 



264 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



und mit nachgeahmten 1 1 anderen — 
um den echten vor Entwendung zu 
fchützen — als Heiligtum von den 
salii genannten 12 Prieftern aufbe- 
wahrt wurde. Der Name an eile wird 
auchpoetifchjedemkleinen, länglichen 
Schild gegeben. — Nach einer Me- 
daille von Auguftus. — 

Irrtümlich ift oft die in Homer 
vorkommende Aegis (wovon abge- 
leitet Aegide) mit Schild überfetzt. 
Dies Wort bezeichnet aber anfänglich 
bei den Griechen das Ziegenfell (äiylq), 
fowie das damit hergeftellte, auf der 
linken Schulter getragene Mäntelchen 
(f. d. Standbild der Minerva im Mu- 
feum zu Neapel), fpäter die verzier- 
ten Stückpanzer der makedonifchen 
Könige und anderer Großen. 

Der hier abgebildete, geigenför- 
mige an eile, war in diefer Art wohl 
nicht im Kriegsgebrauch und unter 
Aegis (aiylc), was alfo eine Zie- 
genhaut bezeichnet, verftand man im 
poetifchen Sinne ein, wie die hier 
eben angeführte chlamys, fchützend 
auf die linke Schulter geworfenes 
Fell oder auch einen kleinen Schup- 
penpanzer, beide befonders bei Stand- 
bildern der Minerva vorkommend. 

34. Römifcher Helm, in Pompeji 
gefunden. — Artillerie-Mufeum zu 
Paris. 

35. Dacifcher Säbel, nach der 
Trajansfäule. Das Volk der Dacier 
bewohnte die jetzigen Donaufürften- 
tümer, Siebenbürgen und das nord- 
öflliche Ungarn. Sie kämpften ent- 
blößten Hauptes und führten als einzige Schutzwaffe den Schild. * 





Römifche, fammtifche, dacifche Waffen. 265 

36. Römifche (?) Angonfpitze aus Eifen. — Collegio Romano 
in Rom. 

37. und 38. Römifches Dolchmeffer (parazonium) — xaga^co- 
vlov), aus Eifen, 27 cm lang; mit feiner Scheide aus Bronze. Ein 
Abguß diefer in Deutfchland gefundenen Waffe befindet fich 
unter D. 20 im Artillerie-Mufeum zu Paris. Bei den Römern wurde 
das Parazonium, befonders von den höheren Offizieren und den 
Tribunen, mehr zur Auszeichnung denn als Gebrauchswaffe am Wehr- 
gehänge (cinctoriunf) links feitig getragen. Ein prächtiges römi- 
fches bei Köln ausgegrabenes Parazonium des Mufeum zu Wiesbaden 
zeigt durch die reiche Ausfchmückung feiner Scheide vermittelst 
Schmelz- und Glaseinlagen, daß diefe Waffe durch fränkifche 
Arbeiter angefertigt worden ift. 

Der acinaces — äxivcocijs — der Medier, Scythen und 
Perfer war ein ganz gerader Dolch. Cluden hieß der Schaufpieler- 
dolch, deffen Klinge, wie heute noch, in den Griff zurückfpringt. 

37 Bis. Graphium (yQa<piov), eiferner 22 cm langer, fichwieein 
Tafchenmeffer zufammenklappender Schreibftift für Wachstafeln, 
welcher Sueton und Seneca nach, auch oft als Dolch gedient haben foll. 
Sueton (C. 35) fchreibt, daß der Kaifer Claudius (10 — 49 n. Chr.) 
jedem «Comitor auch librarius», der zu ihm kam, vorher die- 
fen gefährlichen Stichel abnehmen ließ. — Ein in Rom ausge- 
grabenes in auf- und zugeklappter Stellung abgebildetes Exem- 
plar. — 

39. Eifenfpitze eines römifchen Wurffpießes, 15 cm lang. Mufeum 
zu Mainz. 

40. Eifenfpitze eines römifchen Lanceolatus-förmiges (nl. d. h., 
ein an beiden Enden fpitz zulaufendes Blatt) Wurffpießeifen (cu- 
spis oder lonche gr.) 28 cm lang. Mufeum zu Mainz. 

41. Eifen von einem römifchen Pilum. Dasfelbe ift wie alle 
anderen auf römifchen Grabmalen (f. S. 238.) ohne Wider- 
haken (hamata oder adunca). Von der Regierungszeit Auguftus 
ab foll (?) der Meinung einiger Archäologen nach, von den Römern 
der Widerhaken des germanifchen (fränkifchen) Pilum angenommen 
worden und ein folches Exemplar im Mufeum zu Kiel vorhanden 
fein. Letzteres wird aber wohl von germanifchen Kriegern ab- 
ftammen. Die Länge des Eifens eines Pilums betrug gewöhnlich 
1 m 20 cm und die des Holzfchaftes 80 — 100 cm, fo daß die ganze 
Länge der Waffe fich über 2 m herausftellt (f. S. 45). 



266 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



42. Römifches Sichelmeffer aus Bronze, in Irland gefunden. 
Tower zu London. 



42 Ter. 



42 Bis. 



*D 



42. Bis. Römifches Krumm- oder Senfen- 
fchwert — Ensis falcatus oder hamatus, wie 
es häufig in den Händen Merkurs und Perfeus' 
vorkommt. Gleich den Senfenschwertern des Mit- 
telalters befindet fich die Schneide an der inne- 
ren Krümmung, wo hingegen diefelbe beim 
Säbel an der äußeren Krümmung liegt. (S. S. 250 
den thracifchen Dolch und das hier folgende 
Sichelmeffer.) 

42. Ter. Säbelförmiges Hiebfehwert 
(xojtig — Copis) welches irrtümlich oft mit dem 
Seymitar und dem Yatagan verwechfelt wird. Es 
ift dies wohl Ahne aller Säbel, da es, wie diefes 
die Schneide (acies) an der äußeren Krümmung 
hat, wo hingegen beim Ensis falcatus und 

deren Abkömmling, dem Krumm- oder Senfenfch werte die Schneide 
an der inneren Krümmung angebracht ift. (S. auch S. 149 den 
Hindufäbel.) 

43. Römifches Sichelmeffer oder auch wohl 
Hippe (Falx, — arboraria et silvatica, fr. 
serpe und serpette) von Eifen, aus den Nach- 
grabungen zu Päftum an den Küften Lucaniens. 
C. 2 im Artillerie-Mufeum zu Paris. (S. den 
afiatifchen Krieger S. 197.) Auch die Supina 
das krumme und in der inneren Krümmung 
fchneidigeDolchmefferderThraces bei den Gla- 
diatoren (S. 250) ift von dem falx abzuleiten. 
Mit dem falx Bewaffnete hießen falciferi. 

Diefer, als Kriegswaffe, in verlängerter, nur 
oben gekrümmter Form auftretende, alsdann aber ensis falcatus 
und ensis hamatus genannte Falx hatte felbftverftändlich die 
Schneide (acies), wie das fpätere Krumm- und Senfenfchwert 
in der inneren Krümmung, was ihn befondersvom Copis, der fäbel- 
förm igen Waffe, welcher die Schneide an der äußeren Krümmung 
hatte, auszeichnete. Aus den Nachgrabungen zu Päftum an den 
Küften Lucaniens herrührend. C. 2 im Artillerie-Mufeum zu Paris. 




Römifche, famrtttifche, dacifche Waffen. 



267 




Diefe Waffe, die auch auf affyrifchen Skulpturen angetroffen 
wird, ift nicht die Harpe, die agjcrj oder der Seymitar der Grie- 
chen, vielmehr eine mit fcharfem Haken verfehene Art Dufack, 
in Sichelform, mit der man den Merkur Argus tötend und Perfeus 
der Medufa das Haupt abfchneidend darfteilte: auch findet man 
diefe Waffe, wie bereits angegeben, in den Händen der römifchen 
Gladiatoren. 

44. Vier verfchiedene römifche Schilde, peltae 
(jcsXrai^) genannt, welche von Flechtwerk hergeftellt, 
mit Leder überzogen und an den Rändern mit Metall 

befchlagen wurden. 

Oaa^-^ _^_ Befonders waren die 

iCprC^yfPS^Cj^ afiatifchen Hilfstrup- 

pen damit bewaffnet, 
auch die Amazonen 
fieht man mit folchen 
Schilden abgebildet. 
Die Pelta der Thra- 
cier war etwas cylin- 
derformig wie das 
Scutum. Wenn mondfichelförmig, wie der hier letzt abgebildete, 
wurde er luna genannt. 

44. Bis. Rüftftücke einer Amazone 2 ) nach dem Sarkophage des 
Kapitol-Mufeums zu Rom: Wurfpfeilköcher (pharetra) mit Wurf- 
pfeilen (jaculum oder javelot) und die zweifchneidige Streitaxt 
(bipennis) als Angriffswaffen, der Helm (cassis) mit Kamm (crista) 
und der Schild in Peltaform, welche alfo nicht immer ganz die- 
felbe und befonders an den vier Spitzen verfchiebend war. 




') S. d. Abbildung des griechifchen Peltasta. 

2 ) Amazones — ApiaCfüv — mythifche, fcythifche Kriegerinnen, deren Name von 
m£o? abgeleitet ift; man glaubte, dafs fie fich, leichterer Waffenhandhabung wegen, 
die linke (nach andern die rechte) Bruft wegbrannten, weshalb Amazonen faft immer 
nur mit entblöfster rechter und bedeckter linken Bruft dargeftellt find. Da Männer nicht 
im Staate der Amazonen geduldet fein follten, fo läfst man fie immer hinfichtlich ihrer 
Fortpflanzung, zwei Monate bei den Gargareern (gargaren s es) zubringen, an welche 
fie auch die erzeugten Knaben zurückfchickten und nur die Mädchen behielten. Oft 
find die Amozonen in bis zum Hals hinanreichenden Hemdhofen, bracatus totum 
corpus — dargeftellt und die Bewaffnung befteht in folchen Abbildungen der Phan- 
tafie gewöhnlich aus einem Helm mit Zier, aus dem pelta genannten eigentümlich 
ausgemalten Schild, einem kurzen Schwert und der bipennis — öiozofioq genannten 
Doppelaxt, die aber ftatt zweifchneidig auch manchmal mit einer Schneide und 



268 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 




47 48 




45. Römifcher Rundfchild, parma (jcäQfirj) ge- 
nannter, drei Fuß im Durchmeffer, eine Schutzwafife 
der Veliten oder leichten Truppen fowie der Rei- 
terei. Das Gerippe davon war gewöhnlich aus Eifen. 



46. Schulterfchutz der Gladiatoren, nach einem 
Standbilde. 



47. Pfeil mit Widerhaken und Bleikugel (sa- 
gittahamata 1 ) oder adunca). Wahrfcheinlich für 
Schleuderer. Die Martiobarbuli find diefer Waffe 
ähnlich, mehr wohl noch die griechifchen cestro- 
sphendone. 

48. Eifenfpitze mit Widerhaken (uncus) eines 
römifchen Speeres oder eines Pfeiles (spiculum oder 
sagitta h am ata), nach dem Triumphbogen des 
Conftantin. 

49. Wurfpfeil, eine Art Pilum (falarica?), viel- 
leicht der Martiobarbulus (des Vegetius); nach 
einem in Aquila gefundenen Marmordenkmale. 
Mora hieß das Quereifen des hier rechts abgebil- 
deten Speeres, welcher zur Jagd diente 
(venaculum). Das Jagdmeffer, eine den 
Perfern und Ägyptern entlehnte Waffe hieß 
Machaerophorus undMachaerium dasMefferder 
Fifcher, beide unten an der Klinge in eckiger Seymi- 
tarform, wohl der Machaera ((idxaiQa) (f. Jid, Orig. 
XVIII, 6, 2) ähnlich, welche von den Griechen zur 
Zeit Homers außer dem Schwert getragen wurde 
und womit fie befonders erlegtes Wild zerftückelten. 




einer Spitze afoujj — cuspis — dargeftellt ift. Bogen und Pfeile vervollftändigen die 
Ausrüftung der Amazonen, welche auch beritten abgebildet worden find, wo fie alsdann 
den Speer handhaben. Im allgemeinen ward jeder mit der Doppelaxt Bewaffnete 
bipennifer genannt. Wie die männl. Seythen (S. 195 u. 196) find auch die Amer 
oft mit tigerartig geftreiften Höfen dargeftellt. 

Aufser den Amazonen gab man auch die Doppelaxt einigen anderen Perfönlichkeiten 
fo u. a. dem Lycurgus, König von Thracien, dem Sohn Jupiters und der Kalisto, dem 
arcas u. d. m. 

') Hamatus, hakig; ad uncus hakenförmig einwärts gekrümmt. 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



269 



Q = ^^^^^ = S> 



o 




50. Römifcher und griechifcher Bogen (arcus, in fehr altem 
Latein arquus, ßwg, rot-ov) in der Patulus-Form (ausgeftreckt), 
welcher, bei den Griechen, während der 
heroifchen Zeit nur, bei den Römern aber 
im Kriege, allein den Hilfstruppen diente. 
Befonders hatte der mittelfl zweier Tierhör- 
ner dargeftellte und cornus — xigaq — ge- 
nannte Bogen die hier gegebene Patulus-Form. Der Bogenanfertiger 
hieß arcularius. 

51. Bogen in der griechifchen, d. h. in 
der gekrümmten Sinus-Form (sinuosus oder 
sinuatusauch Artemisbogen ßioq, to£ov). 
Homer fpricht im IV. G. d. Iliade von «mit 
Hörnern einer wilden Ziege angefertigten 
Bogen, des Pandoros Waffe, die gefpannt 
einen Zirkel bildete». Oft wird Herkules 
damit dargeftellt. 

52. Scythifcher Bogen (arcus scythi- 
cus. S. weiter über Pfeil und Bogen in dem 
Abfchnitt darüber.) 

52. Bis. Dierömifchen Schützen hatten gemeiniglich folche Bogen- 
köcher (corytus) und Pfeilköcher (pharetraqpa^e'rpa), welcher letz- 
terer bei den Alten an drei verfchiedenen Stellen getragen wurde : auf 
den linken Hüften, hinter der rechten Schulter und auf dem Rücken 
über den Hüften. Man begegnet aber auch auf Vafenbildern und 
Flachbildnereien Köchern, die Bogen und Pfeile zufam- 
men enthalten wie der hier, Nr. 52 Bis nach einem gefchnit- 
tenen Stein abgebildet zeigt. Ein köchertragender hieß 
Pharetratus und der berittene Bogenfchütze sagitta- 
rius eques, auch hippotoxota — ijcjcoro^ozfjg.) Letz- 
tere Bezeichnung wird befonders, fowohl für die beritte- 
nen fcythifchen, wie für die perfifchen berittenen Bog- 
ner (f. Herodot IX. 49) in den bei den Griechen errichteten 
Reitertruppen (f. Ariftoph. Av. 1179) fowie bei der Reiterei 
der Römer während der Kaiferzeit, alfo noch fpäter, angewendet. 
Solche Hippotoxotae find auf der Mark-Aurelfäule abgebildet. 

Lim römifchen Heere gab es Bogner (sagittarii oder arquites, 
letztere Benennung vom alten arquus Bogen) zu Fuß und zu 




270 



Antike Waffen aus dem fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



52 Ter. 



&4 



Pferde (eques sagittarius). Hippotoxotae nannte man alfo die 
berittenen Bogner der leichten römifchen Reiterei, fowie die der fremden 
Völker. Der Pfeil (sagitta, rot-evfia) wenn mit Widerhaken, hieß 
sagittahamata(v. hamus Angelhaken) oder auch sagitta adunca 
(v. uncus) und der am Pfeil befindliche Federbart ala. Mit arundo 
bezeichnet man einen aus Rohr angefertigten Pfeil der Ägypter, 
der Orientalen und der Griechen, wie derfelbe heute noch, — be- 
fonders bei den Zwergvölkern Afrikas (wohl die mythifchen pyg- 
maei — «Fäuftlinge» der Alten) — im Gebrauch ift, und arcite- 
nens nannte man den «Bogenführenden« (Apollo, Diana u. d. m.), 
tela die Gefchoffe im allgemeinen. 

52 Ter. RömifchesBognerfpannarmband(manica — 
XMQiQ) für den linken Arm, welcher von der Hand bis 
zum Ellenbogen reicht, weshalb der Bogner keinen 
Schild benutzen konnte (f. Veg. Mil. 1, 20.) — Nach 
der Trajansfaule (114 n. Chr.). 

53. Armbruft (arcuballista? — manu- 
balifta?) mit Pfeilköcher (pharetra), nach 
der Flachbildnerei einer bei Polignac-fur- 
Loire 1831 gefundenen und im Mufeum 
zu Puy aulbewahrten Grabmalhalbfäule 
ä§jfj|C^) (cippus). Wahrfcheinlich ift dies hier die 
Manuballista des Manuballistratus 
von der Veg. berichtet (f. da auch 
den Gastraphetes und ferner den Son- 
derabfchnitt: «Die Armbruft- oder 
Rufte»). 



54. Armbruft nach dem in 
römifcher Villa, nahe bei Puy, 
ausgegrabenen Fries, eine Flach- 
bildnerei des Col. Ince-Blum- 
dall und welche ebenfalls dem 
Mufeum zu Puy angehört. 




Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



271 




54. I Römifcher Mauerbohrer (terebra), nach Wefcher. 




54. II Römifcher Widder oder Sturmbock (aries auf Rädern, 
nach Wefcher (f. S. 219 den griechifchen). 




~^zr 



54. in Römifche Schildkröte (testudo). Nach Wefcher. 

54. IV Römifche Schildkröte mit darunter aufgehängtem Widder. 




2^2 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

Nach Welcher, (f. im Abfchnitt «Kriegsmafchinen oder Mafchi- 
nengefchütze das weitere hierüber). 

54. V Onager (v. gr. 
54 v- ovayQov, wilder Efel) ein 

vom III. Jahrh. ab geführ- 
tes Wurfgefchütz ähnlich 
der Ballista , alfo zum 
ftark gekrümmten Bogen- 
Schleudern von Steinen und 
Kugeln dienlich. Rekon- 
ftruiert des nach Ammianus 
Marcellinus (IV. Jahrh.) in 
allen Einzelheiten eingehen- 
der Befchreibung. 
55. Römifche 4 — 5 cm große Steinkugeln für Schleuderer. Die- 
felben befinden fich im Mufeum zu Wiesbaden und nahe bei dem 
dortigen Ciniftra des Castrum gefunden. 
55 56 Wie bei den Griechen waren auch bei den 

(Römern Schleuderbleie im Gebrauch, welche 
mit Infchriften gegoffen oder geftempelt wurden, 
worauf fich befonders viele Legionsftempel 
befanden. (S. S. 218.) 

56. Römifcher kurzer Dolch (pugio, syxsi- 
qIoiov) in Bronze, Waffe der römifchen höheren Offiziere, welche 
an der linken Seite ohne Scheide getragen wurde. — Mufeum zu 
Neapel. 

57. Römifche einfchneidige Streitaxt (jtilexvg, a^lvrj, securis). 
Eine Waffe die auch aus dem Bündel Ruten (fasces) hervorragte, 
welches die römifchen Liktoren auf der linken Schulter trugen und 
bei Siegesaufzügen fasces laureati genannt wurden (f. S. 217 
die der Amazonen). Securis hieß aber auch die mondfichelförmige 
Schneide am Rebmeffer der Winzer (lat. ? — fr. serpette. S. da- 
rüber die Handfchrift von Columella), fowie die Hacke oder der 
Karft. 

57 Bis. 57. Bis. Römifche Doppelftreitaxt (Bipen- 

nis). Mit diefer Waffe verfehene Krieger hie- 
ßen Bipenniferi. Befonders findet man aber 
auch damit bewaffnete Amazonen abgebildet. 





Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 273 

58. Krummer Dolch der Thracier (sica), nach der Säule des 
Antonius und einem im Mainzer Mufeum befindlichen Grabdenkmal 

wo der unter dem Pferde des Römers hinge- 

57 ftreckte Befiegte eine folche Waffe führt. 

58 59. Spitze eines kleinen römifchen Wurf- 
fpießes (vericulum, oßeAlöxog), welchen die Fuß- 
foldaten der regulären Truppe trugen. 

59. Bis. Sparum oder Sparus von Virgil agrestis sparus ge- 
nannte, volkstümliche lange Stangenwaffe, deren Holzfchaft(hastile) 
mit einer eifernen Spitze und Haken (in modum pedi recurvum) 
befchlagen und befonders auf dem Lande verbreitet war und fo- 

wohl als Jagd- wie als Kriegswaffe dient. 
Der Sparum hat etwas Ähnlichkeit mit 



' ""*" "' I "" 7 7 ' der fpätern Hellebarde. — Nach einer 

Flachbildnerei der Samm. Ince-Blundell. 
Das Sparum oder der Spar u seine viel bei dem römifchen Land- 
volke gebräuchliche Waffe, ebenfo wie die Harpe mit Haken, 
zeigt fich auch dem Roßfehinder des Mittelalters fehr ähnlich. Das 
Sparum hatte einen Holzfchaft, war in keiner Zeit die Waffe regel- 
mäßiger Heerkörper, fondern nur der plötzlichen Aufgebote. Obige 
Abbildung ift nach einer Flachbildnerei der Samm. Ince-Blundell dar- 
geftellt, wo fie aber als Jagdwaffe dient, wie dies durch Varro. ap. 
non. 1. c. auch bereits feftgeftellt ift. 
60 

60. Römifche vierftachliche (stilus caecus) Fuß- 
angel (murex ferreus). 

(S. S. 275, Nr. 68 die tribulus.) 

61. Römifches zweifchneidiges (amphitomifches fr. ä double 
tranchant) 66 cm langes, dem griechifchen £,L(poq — gladius 1 ) des 
ligula ähnliches, (wegen feiner Zungendegenform genanntes) Schwert 




*) Das (Xen. Symp. II. 11; und v. Plato Symp. p. 190) als in der Form des 
Schwertlilienblattes bezeichnete Schwert wird auch wohl der Gladius gewefen fein. Das 
Henkerfchwert (gladius carnifex), welches die Henkeraxt (securis c arnifex) erfetzt 
hatte, war eben fo kurz wie das Hieb- und Stechfehwert, des kriegsgebräuchlichen Gladius. 
Das ensis genannte Hiebfehwert war länger wie der Gladius, aber wohl nicht fo 
lang wie die ftumpfortige Spatha. Dem Verfaffer ift noch kein vorhandenes. authentisches 
Exemplar der längeren römifchen Hiebfehwerte, dem ensis und der fpata bekannt. 
Ensiculus hiefs das Kinderfchwert. 

Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. l8 



274 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



mit fpitzem Ort (mucro) kurzem Griff (capulus) und kurzer Ab- 
wehrquerftange (mora 1 ) mit Bronze befchlagen 2 ). 

62. Römifches ligula genanntes 64cm 
langes Schwert aus Eifen mit ebenfalls kur- 
zer Abwehrftange (mora) und fpitzem Ort 
(mucro). 

63. Römifches Schwert aus Eifen, 56 
cm, bei Bingen gefunden. — Sammlung 
Sollen. 

64. Römifche eiferne Schwertklinge 
(lamina gladii) mit fpitzem Ort (mucro) 
und dickem, rundem, in diefer Form bei den 
römifchen Schwertern fehr feltenen Knauf 
(bulla capulii?) Samm. Sollen. 

65. Römifche Schwertklinge aus Eifen, 
48 cm, bei Mainz gefunden. D. 14 im Artil- 
lerie-Mufeum zu Paris. (S. das vollftändige 
kurze Schwert (gladius) mit Scheide 
(vagina) und Griff (capulus) auf der Ab- 
bildung S. 238 des Legionärs, S. 241 des 
Feldzeichenträgers und S. 242 des Adler- 
trägers, fowie die des Dolches (pugio auch 
parazonium) S. 240. Der S. 233 Nr. 1 
abgebildete Velit oder Hilfsfoldat fcheint 
mit dem langen Schwert (fpat ha) bewaffnet 
zu fein. 

65. III Acinaces (dxiäxrjg) kurzer brei- 
ter und gradklingiger Dolch der Medier, 
Perfer und Scythen, welcher bei den römi- 
fchen Hilfstruppen vorkommt. — Nach einer 
Flachbildnerei v. Perfepolis. 

Accinaces werden oft irrtümlich 
krumme Dolchmeffer genannt, auch damit 
felbft der Copis(f.S.266)bezeichnet, welcher, 




') Mora wird aber auch eine fpartanifche Heeresabteilung genannt. 

2 ) Eine bei Mainz im Jahre 1848 ausgegrabene und dem Britifchen Mufeum an- 
gehörende Scheide ift mit dem Bildnis des Auguftus und einer Darfteilung des Tiberius, 
der dem Kaifer die Statue der Viktoria überreicht, verziert. 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



275 



wie die dacifche Waffe (f. S. 264), doch dem fpäteren Säbel ähnlich 
ift und wo die fanft gekrümmte Klinge (lamina leniter curvata), 
gleich dem Säbel ihre Schneide (acies) an der äußeren und nicht 
wie das Krumm- oder Senfenfchwert, — wozu auch der enfis fal- 
catus (f. S. 266) und die kleinere Sica (f. S. 250) gehören, an der 
inneren Krümmung hat. 




65. Romifcher Sporn (calcar) aus Bronze 
in der Salburg bei Homburg gefunden. 

67. Romifcher Sporn (calcar) aus Eifen. 
Wahrfcheinlich wurde bei den Römern wie bei 
den Griechen der Sporn nur am linken Fuße 
getragen. Sporen mit Rädern waren den Rö- 
mern unbekannt und der Stachel (calcis äcu- 
leus) immer kurz. — D. 43 im Artillerie-Mu- 
feum zu Paris. 



67 Bis. 




67. Bis. Römifche Sporen. 



67 Ter. 




[»■■ U li I 



67. Ter. Spornbefeftigung nach der Mat- 
teifchen Amazone im Vatikan. 



68. Römifche Fußangel aus Eifen (hamus 
ferreus; Tribulus mit 3 Spitzen an beiden 
Seiten). — Artillerie-Mufeum zu Paris. Vier- 
fpitzige Fußangeln wurden murex ferreus 
genannt. (S. S. 272, Nr. 60 d. stilus caecus.) 

18* 



276 



Antike Waffen aus der fogenannten Bronze- und Eifen- Zeitaltern. 



69 




69. Römifches in Nufium gefunde- 
nes Wirkeifen (boutoir auch paroir im 
Franz.) in Bronze für Huffchmiede. Ein 
folches Werkzeug im Mufeum zu Wies- 
baden hat die Form eines Pferdes. 




70. Mafchenlage, der genietete Ringe eines am 
Rhein gefundenen und im Mufeum zu Wiesbaden 
aufbewahrten Gürtels. (S. S. 236 den bereits im 
Kettenpanzer — (molli lorica catena) darge- 
ftellten hastatus oder lancarius der Trajans- 
fäule (147 n. Chr.). 




71. Römifcher eiferrier Pferdefchuh (solea 
ferrea, fr. hipposandale) i ), den man an das 
Dickbein des Pferdes vermittelst eines an dem 
Haken des Eifens befindlichen Riemen befeftigte. — 
D. 12 im Artillerie-Mufeum zu Paris, auch in den 
Mufeen zu Wiflisburg (Aventicum) in der Schweiz 
und zu Linz in Ofterreich, in welchen Ländern 
diefe Eifen aufgefunden worden find. Solea 
sparta hieß der Schuh von Geflecht, und solea 
argentea (f. Sued. nero 30) von Silber. 



Bei Viel-Evreux ift ein folcher Pferdefchuh ausgegraben wor- 
den, welcher irrtümlich mit dem auch bei den Römern gebräuch- 
lichen Hemmfchuh (sufflamen, fr. chien, sabot auch enrayure) 
verwechfelt worden ift. 




72. Römifcher, bei Saint-Saen gefundener 
Pferdefchuh. 



') S. den Abfchnitt Über NagelhufVifen. 



Römifche, famnitifche, dacifche Waffen. 



277 




73 Bis. 




73. Bei Hamm gefundener und den 
Römern (?) zugefchriebener Vorder- 
Pferdefchuh mit 5 Bindlöchern. 



73. Bis. Römifcher Pferdefchuh, 
wohl ein Winterhufeifen, gefunden 1887 in 
der römischen Poftftation Ofterftätten bei 
Ulm. — Sammlung des Ulmer Kunft- und 
Altertumsvereins. — Ein ähnliches Exemplar 
im Mufeum zu Darmftadt. 

Römifche Nagelhufeifen find nicht 
bekannt. 



J^> 




7 r, 



74. Römifche Spornriemen, nach einer 
Amazone des Vatikan, deren linker Fuß allein 
befpornt ift. 

75. Römifcher Sattel (sella equestris) 
mit Sattelknopf (fulcr um auch adiones) v. 
4. Jahrh. n. Chr. — Säule des Theodofius. 




j6. Römifches Reitkiffen (ephippium) 
mit Hinterzeug (postilena), und Bruftriemen 
(antilena) nach einer im Mufeum zu Mainz 
befindlichen Grab-Bildnerei. Sagma hieß 
der Saumfattel, sagum, auch stragulum, 
und die Unterfatteldecke. 
Mit agminalis, auch dorsuarius bezeichneten die Römer 
is beladene Kriegs-Packpferd. 

Außer diefem Reitkiffen gab es bei den Römern noch größere, 
stragulum (ejtloXijfia) genannte, fowie für den fpäteren Reitfattel 
(sella equestris), Unterdecken von zufammengenähten Stoffen 



278 Antike Waffen aus den fogei annten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

(conto — xtvxQWV — , auch sagum), ferner lederne Panzerdecken 
(scordiscum). Der gewöhnliche Packfattel hieß sella bajula- 
toria. (v. bajulatorius und bajulus — Packträger), der hölzerne 
für den dorsarius oder dosuarius, d. h. dem Packpferde und Pack- 
efel, sagma (odyfia, fr. bat) und ein anderer nur für zwei Körbe 
dienender clitellae (xav&rXia). Mit dorsualia bezeichnete man 
die ungefähr 20 cm breite Rücken -Prunkbinde des Pferdes (auch 
der Opfertiere). Agminalis, dorsuarius, sagmarius) und sar- 
cinalis oder sarcinarius find die verfchiedenen für Heeres-Pack- 
pferde gebrauchten Benennungen, wo antilena den Bruftriemen 
und postilena (vjcovqic) den Schwanzriemen des Packfattels und 
cingula den Bauchuntergurt, wie den oft über das ephippium 
der sagma befeftigten Obergurt (fr. surfait de sangle) bezeich- 
nete. Tenia hieß das Kummet, copula der Ziehftrang, mittelft 
welchen die Packwagen, vbefonders der unter der Kaiferherrfchaft 
für Kriegerfortfchaffung gebräuchliche Leiterwagen, der cursus 
clabularis von Pferden gezogen wurden. 

Es ift hier der Platz für die Aufteilung noch nachfolgender Be- 
nennungen: Fulcrum — Sattelknopf, — cingula — Sattelgurt, 
— lorum — Zügel-Gefchirrriemen im allgemeinen, — frenum — 
vollftändiger Zaum, — frontale — Stirnriem, — habenae — 
Zügel, — Oreae — Gebiß, — balteus — monile — Oberpferde- 
hals-Schmuckkette, welche monile lunatum genannt wurde, 
wenn die Schmuckftücke mondfichelförmig waren, — capistrum 
auch habena der Halfter, — fiscella der Maulkorb. Mit infre- 
natus bezeichnete man fowohl das zaumlofe Pferd, als auch den 
ohne Zaum reitenden (eques infrenatus), wie dies befonders in Nu- 
midien ftattfand und wovon die Trajanssäule (114 n.Chr.) Zeugnis 
giebt. Eques curtus wurde das Pferd mit abgeftutztem Schwanz 
(d. heutige «englisirte»), alfo ohne den langen Schwanz (cauda 
equina) genannt. Character auch cauter fowie cauterium hieß 
die Brandmarke, cauterius aber das' Hanggeftell zum Schwe- 
benlaffen des Pferdes bei Beinbruch, den der römifche Tierarzt ' 
(equarius) geheilt haben foll (?). Circumcisorium wurde das 
Aderlaßmeffer des Tierarztes genannt, welcher auch oft beim Ader- 
laffen die Bremfe (postomis oder prostomis, fr. morailles auch 
torchenez) anwendete, ein Werkzeug, das aber nicht, wie irrtüm- 
lich, auch von dem S. 296 Nr. 69 abgebildeten Wirkeifen, ange- 
nommen wird, zum Hufbefchlag dient, da derfelbe erft fpäter durch 



Römifche, fanurftifche, dacifche Waffen. 



279 



76 Bis. 



die Germanen bei den Römern eingeführt wurde. Die Abbil- 
dung einer folchen Bremfe ift auf einer im füdlichen Frankreich 
gefundenen römifchen Flachbildnerei vorhanden. Daß bei den 
Römern auch der Pferdemaulkorb (fiscella, — (pityoq) fchon im 
Gebrauch war, ift ebenfalls durch eine Abdildung davon auf der 
Theodofiusfäule erwiefen. 

76. Bis. Römifcher vollftändiger 
Zaum (lat. frenum und fraenum — 
yahroq — ) auf dem 2 Fuß 6 Zoll 
großen vergoldeten, hierabgebildeten 
Pferdekopf, — wahrfcheinlich ein 
Feldzeichen. Fundort die Wertag bei 
Augsburg. Auf der Theodofiusfäule 
befindet fich die Abbildung eines fo 
gezäumten Pferdes, welches außerdem 
noch mit einem Maulkorbe (lat. Fis- 
cella, fr. muserolle) verfehen ift. 

Beim Bruft-Pferdegefchirr der 
Zugpferde (helcium, fp. lat.), und 
dem Kummet (taenia fr. collet, 
auch bourlet), und dem Ochfen- 
kummet (jugium) war der Zaun 
meift in gleicher Art. 




76 11. 




76. II. Aus Brettern und Latten 
angefertigter römifcher Packfattel (lat. 
sagma,auchsellabajulatoria);nach 
einer Pompejanifchen Wandmalerei. 
Postilena war wie fchon angeführt, 
der Name des Schwanzriemens (fr. 
croupiere) und antilena der des 
Bruftriemens an allen diefen Sätteln, 
beide dienten, das Vor- und Hinter- 
rutfchen zu verhindern. Cingula war 
die Benennung des Gurtes (fr. sangle). 
Die Satteldecke (türk.u.fr.chabraque) 
hieß centoundscordiscum(fr.capa- 
racon) die Schutzpferdedecke, stra- 
gulum aber die Überdecke. 



28o 



Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 



7 6 in. 




76 v. 





j6. 111. Römifches Trenfengebiß 
(gr.yaXivoq, lat. Oreae, fr. bride). Mit 
Capistrum, auch habenae (fr. li- 
con) bezeichneten die Römer den 
Halfter. 

j6. iv. Altrömifches oder etru- 
d^ rifches Kandaren- oder Stangen- 
gebiß mit Flügeln, in Bronze. Fund- 
ort Bologna. 

j6. V. Römifcher Circus-Renn- 
wagen (currus) — nach dem im Va- 
tikan befindlichen Exemplar — (f. 
alles weitere über Streit- und Renn- 
wagen S. 220). 

JJ. Römifche Reiterftandarte 
(vexillum, örjfisTov). S. Tertul. Apol. 
16. S. weiteres über die römifchen 
Feldzeichen und Fahnen im Ab- 
fchnitte der Fahnen, fowie S. 282 die 
Hilfstruppenftandarte, auch S. 240, 
241 u. 242. 

78. Capulus, Griff (176mm lang) 
mit Knauf (bulla) und Abwehrflange 
(mora) eines römifchen Schwertes 
(gladius), gefunden im Nydamer 
Moor. — Mufeum zu Kiel. 

79. Römifches, dem Tiberius zu- 
gefchriebenesSchwert (gladius) mitab- 
gebrochenem Griff (capulus), Länge 
der Klinge (lamina) 575 mm, Ort 
(mucro gladii) fpitz, verzierte 
Scheide (vagina), in Metall und mit 
vier Ringen (annuli) fürs Wehrge- 
häng (balteus). Bei Mainz gefunden. 
— British Mufeum. — 



I 
i 



Römifche, famnitifche. dacifche Waffen. 



28l 




80. Signum, oder römifches Kohor- 
tenfeldzeichen, (Cohors, der zehnte Teil 
einer Legion, welcher drei Manipuli 
oder fechs Centuriae enthielt 1 ) aus 
Bronze, in Kleinafien gefunden. Es ift 
dies ein prachtvolles Stück, das un- 
zweifelhaft aus den Händen eines grie- 
chifchen Künftlers hervorgegangen ift. 
— D. 3 im Artillerie-Mufeum zu Paris. 



81. Dolch (pugio) oder kurzes 
Schwert aus Bronze (fchmäler wie das 
Parazonium und mehr in der ligula- 
Form), aus dem Pfahlbau von Pefchiera. 
Antiken-Kabinett zu Wien. 



Si 



7 





82. Einfache Streitaxt aus Bronze, 
in dem vormaligen Königreich Neapel 
gefunden. Die Form deutet auf eine 
Waffe und nicht auf ein Werkzeug. — 
B. 36 im Artillerie-Mufeum zu Paris. 



83. Einfache Streitaxt aus Bronze, 
gleichfalls auf neapolitanifchem Boden 
gefunden. — B. 37 im Artillerie-Mufeum 
zu Paris. Die beiden letzteren Waffen 
könnten wohl in eine frühere Zeit hin- 
aufreichen. 



*) Unter signa militari a verftand man fowohl das Adlerfeldzeichen (aquila) 
sr ganzen Legion, wie die verfchiedenen Feldzeichen aller Manipuli und Cohorten. 



282 Antike Waffen aus den fogenannten Bronze- und Eifen-Zeitaltern. 

84 85 




84. Stachel-Streitkolben (Römifcher?) clava. 
(?) Artillerie-Mufeum zu Paris. 



85. Stachel-Streitkolben (Römifcher?) clava 



?) — Artillerie-Mufeum zu Paris. 



86. Dickftachliger Strertkolbeu (Römifcher?) 
clava (?). — Mufeum zu Salzburg. In einer 
antiken Wandmalerei der Villa Albani fieht man 
Mars mit folcher clava bewaffnet. 



87. Nach der Geftaltung des Kaspifchen 
Meeres (caspium mare od. Hyrcanum mare), 
Sicilis genannte Lanzenfpitze (f. Plinius H. N. 
IV. VI, 15), wie diefelbe auch auf der Trajans- 
fäule zweimal abgebildet ift. — Ausgrabung von 
Pompeji. — 




$8. Reiterftandarte (vexillum), mit langer 
Stange und in gallifcher breiter Form, mit Speer- 
und Trompetenbündeln gekreuzt, ein Feldzeichen 
germanifcher Hilfstruppen. (S. die römifche 
fchmälere Standarte No. 77, S. 280.) — Silber- 
münzen von Drufus dem älteren (f 9 v. Chr.) — 



Bezüglich der komplizierten Kriegsmafchinen, wovon im erften 
Abfchnitt, fowie in dem dafür weiterhin befonders eingerichteten die 
Rede ift, mag hier noch bemerkt werden, daß keine derfelben mehr 
befteht. Die S. 2ij, 212 und im Abfchnitte der Kriegsmafchienen 
abgebildeten, darunter felbft die Aries, Katapulten (wovon auf 



Römifche, famnftifche, dacifche Waffen. 



283 



der Trajansfäule) und Bailiften haben nur nach Urkunden herge- 
ftellt werden können, bieten alfo nichts Sicheres. Urfprünglich war 
der Widder ein von den Stürmenden getragener einfacher Balken 
mit Bronze- oder Eifenbefchlag an der Spitze, fpäter erft wurde 
derfelbe zwifchen zwei Stützen aufgehängt und endlich mit Rädern 
und Schutzdach verfehen (f. den Triumphbogen des Septimus Se- 
verus). Diefer Widder und die ihn faft immer begleitende Sturm- 
leiter, welche wie alle fonftigen Leitern, auch scalae hieß, find wohl 
die älteften Kriegsmafchinen. 



IV. 
Byzantinifche oder oftrömifche Bewaffnung. 



Obschon wohl nur die Bewaffnung im Byzantinischen Reiche 
(395 — 1453) während der erften Jahrhunderte eine reine Abart der 
römifchen war, fo ift es doch geraten, die Einzelheiten davon hier 
in diefem Abfchnitte befonders zufammengeftellt folgen zu laffen 
und diefelbe felbft bis zum XII. Jh. nicht in den Abfchnitt des 
Mittelalters einzureihen. 

Was übrigens von der byzantinifchen oder romäifchen, d. h. der 
oftrömifchen Ausrüftung bekannt ift, bietet nur fehr Unvollkommenes 
und wenig Eigenartiges, — dies felbft noch bis in die fpäteren Jahr- 
hunderte hinein. Der römifche Charakter ift hier überall anhänglich 
geblieben, namentlich bei dem Schuppenpanzer, der lorica serta 
oder hamis conserta (&cogag Zemöcorog) wie dies eine hier nach- 
folgende Abbildung vom VII. Jh. zeigt. 

Der Beschreibung Ammianus Marcellinus (330 — 400 n. Ch. nach 
follen aber doch auch bereits die morgenländifchen Ringbrünnen 
in die byzantinifche Ausrüftung eingeführt worden sein, wohingegen 
Paulus Silentarius nur von den Waffen der „Hausmannfchaft" den 
Schild erwähnt, wobei er diefelbe eine „befchildete Schar" nennt, 
wie dies auch die hier folgende Abbildung vom VI. Jh. — nach 
einer Mosaik der S. Vitale zu Ravenna — beftätigt. Die Bewaff- 
nung befteht hier allein aus dem Lang- oder Stoßfpeer und dem 
ovalen Schilde mit Chrifti Monogramm. Da bei den anderen, faft 
nur mit dem Bogen bewehrten Kriegern diefe Stoßwaffe nicht vor- 
kommt, nannte man die Hofgarden öoQvtpoQoi. 

Im X. Jh. trat bei den Byzantinern die herzförmige, im XI. Jh. 
die längere fogenannte normännifche Schildform auf, aber auch der 




Byzantinifche (oftrömifche oder romäifch) Waffen. 



285 



kleine Rundfchild fcheint im IX. Jh. ebenfo wie das Schwert all- 
gemeinere Aufnahme gefunden zu haben. 

Wohl nur vom IX. — XI. Jh. überwog in der romäifchen Be- 
waffnung der morgenländifche Einfluß, da in diefem Zeitabfchnitt 
mehr morgenländifche aus viereckigen Plättchen dargeftellte Panzer 
(fo wie ihn Childerich I., v. V. Jh., auf feinem Siegelring trägt) 
ohne die den Unterleib bedeckenden Panzerflügel (jcrsQvyeg) der 
Griechen und Römer, — fowie Höfen und große Schaftfliefel auf- 
kamen. Auch den römifchen Helm erfetzte ein viel flacherer und 
mit Nackenfchutz verfehener. Streitaxt, langer Speer und Bogen 
bildeten nun die Angriffswaffen. Was die Zufchreibung der Arm- 
bruft in der byzantinifchen Bewaffnung anbetrifft, so beruht dies 
auf Irrtum, da ja Anna Komnena (1083 — 1148) von solcher als eine 
den Byzantinern noch „unbekannte Waffe" spricht. 

Die byzantinifchen Belagerungsgeftelle waren auch fämtlich 
denen der Griechen und Römer entnommen. 

1. Romäifches, d. h. byzantini- 
fches ftumpfortiges Schwert mit kur- 
zer gerader Abwehrflange, vom X. Jh. — 
Schmelzmalerei in der MünchenerSchloß- 
Kapelle. 

2. do. do. 

3. Byzantinifcher Stoßfpeer 
mit geflammter breiter Klinge, vom 
X. Jh. — Schmelzmalerei in der Münche- 
ner Schloß-Kapelle. 

4. Byzantinifcher herzförmiger 
Schild mitSchildfeffel (rsXafiov) vom 
X. Jh. — Schmelzmalerei in der Münche- 
ner Schloß-Kapelle. 

5. do. do. 

6. Byzantinifcher halbrunder und 
eckiger Schild, vom X.Jh. — Schmelzma- 
lerei in der Münchener Schloß-Kapelle. 

7. Byzantinifcher niedriger 
Glockenhelm (cataulis) mitNacken- 
fchutz vom X. Jh. — Schmelzmalerei 
in der Münchener Schloß-Kapelle. 




286 



Byzantinifche oder Oftrömifche Bewaffnung. 



8. Byzantinifcher Plättchen-Pan- 
zer vom IX. Jh., ähnlich dem weiterhin 
abgebildeten des Childerich I. vom V. 
Jh. in morgenländifcher Art. — Mono- 
logium in der vatikanifehen Bibliothek. 

9. do. do. — Psalterium zu Paris. 

Byzantinifche Ehrengarde des Justinians (500), deren hier helm- 
los dargeftellte Bewaffnung nur aus dem ovalen Schilde mit Chrifti 
Monogramm und dem breiteisigen Speere besteht, da die am Hals 







getragenen Ringe nur zum Schmuck dienten und fonftige wirkliche 
Schutzrüftftücke nicht vorhanden sind. — Mosaik von San Vitale 
zu Ravenna. 

Byzantinifcher Krieger ') nach einer Elfenbein-Flachbildnerei 



•) Der Beschreibung Ammianus Marcellinus (330— 400 n. Chr.) nach (6,8) war bei 
den Byzantinern im IV. Jahrh. bereits die morgenländifche Mafchen- oder Ketten- 
Brünne eingeführt. Die Mehrzahl der Krieger hatte faft nur als ausfchliefsliche Waffe 
den Bogen, die Garde aber den Speer, weshalb diefelben 6oQV<pOQOi genannt wurden. 



Ryzantinifche (oftrömifche oder romäifche) Waffen. 



287 



vom VII. Jh. Der Panzer ift hier aus runden klei- 
nen Buckeln zu fam mengefetzt und der Vorderfchurz 
befteht aus beschlagenem Riemenzeug, ebenfo wie 
der linke Oberarmfchutz. Unterarme und Beine 
find fchutzlos, letztere nur mit Riemengeflecht ver- 
teilen. Der ovale Schild ift befonders klein. Die 
ganze Ausrüftung hat noch den römifchen Charak- 
ter. — Domfchatz zu Aachen. 

Byzantinifcher Leibwächter vom XI. oder 
XII. Jh. Der fpitz zulaufende Helm mit Sturmbän- 
dern und Helmfchmuck fcheint von Leder mit Metall- 
geflellunterlage und das Panzerhemd fchuppen- 
artig zu fein. Das ftumpfortige Schwert mit der 
Spitze zugeneigter Querftange (vom XIII. Jahrh.) 
hat die abendländifche Form, ebenfo wie der lange 
normannenartige, herzförmige Schild T ) mit 
Verzierungsfchmuck. — Nach der Mosaik der Mar- 
kuskirche zu Venedig. 

Später, hefonders vom VI. Jahrh. ab, erfcheinen auch die afiatifchen, aus mit Knöpfchen 
oder Buckeln befetzten Erzplatten beftehenden Schutzrüftungen (t,aßa:-?.OQixiov). Im 
ganzen hatte aber die Ausrüftung immer noch römifche Anklänge, obfchon auch dabei 
Höfen und hohe Stiefel auftreten. Aufser den runden und ovalen Schilden er- 
fcheinen auch dem Abendlande entlehnte herzförmige, mit wappenartigen Verzierungen 
oder Schmuck. Zu diefer Zeit tritt das abendländifche Schwert mit dumpfem Orte, 
neben der makedonifchen Lanze und der Streitaxt auf. Aufser dem Bogen 
werden noch: XQixvQia, QixxÜQia, ßctQÖixia u. a. genannte Wurfwaffen unbekannt 
gebliebener Art, von Leo Diakonus (XI. Jahrh.), angeführt, welcher auch von breiten 
Sätteln mit Steigbügeln fpricht. 

') Einen ganz ähnlichen Schild hält der Gründer (IX. Jahrh.) des Naumburger 
Doms, deffen Standbild weiterhin abgebildet ift. 




V. 



Waffen der fogenannten barbarifchen Völker des 

Abendlandes aus dem Zeitalter der Bronze. Kelten (?), 

Germanen, Gallier, Niederbretonen u. a. m. 



Die hinterlaffenen Waffen der keltifchen (?) Völker, welche 
einen anfehnlichen Teil Mitteleuropas und fogar einige Striche 
im Norden davon follen inne gehabt haben, find nur fchwer 
von denen anderer gleichzeitiger oder wenig jüngerer Raffen zu 
unterfcheiden. 

Galater oder Gallier und Kelten werden häufig mit einander 
verwechselt, ja felbft die Germanen werden zuweilen unter jene 
Bezeichnungen einbegriffen. Die irifchen wie die weifchen foge- 
nannten, fpäter als Gallier bezeichneten Kelten waren auch Ger- 
manen und was die turanifch- oder ural-altaifchen Völker anbetrifft 
so ift ihr Einfluß auf den Germanismus ohne Bedeutung geblieben. 
Wo das Dunkel der Vorzeit fo wenig gelichtet ift, möchte es ge- 
wagt fein , fcharfe Grenzen für die Waffen aus dem fogenannten 
Zeitalter der Bronze zu ziehen; angemeffener ift es demnach, bei 
diefen Erzeugniffen keine ethnographifchen Unterfchiede zu machen, 
zumal da man genötigt ift, die Bezeichnungen mit einander zu ver- 
taufchen, fobald es fich um vorgefchichtliche Zeiten handelt. 

Nichts beweift felbft, daß die Urbewohner Germaniens nicht 
Germanier, fondean die unfindbaren Kelten gewefen feien. - 

Die fogenannten keltifchen (?) Erzeugniffe würden fich niemals 
befonders ordnen laffen: — das fkandinavifche, germanifche und 
gallifche Element zeigt fich überall vermengt, und wenn man verfucht 
hat, die in den fich angrenzenden Ländern entdeckten Gräber alle 



Bronzewaffen der fogenannten barbarifchen Völker etc. 



289 



auf Raffen von ganz verfchiedener Abkunft zurückzuführen, fo haben 
fie durch neuere Entdeckungen beftändig Widerfpruch erfahren 
muffen. Befonders find Kelten (?) und Gallier fchwer von einander 
zu fondern. 

Claideb hieß da das lange zweifchneidige Schwert, welches 
mit dem Gladius hispaniensis, mit dem Gaifa genannten Speer, 
dem Saunium, einer Art Pilum, dem Lankie, einem leichten Wurf- 
fpeer, dem Stückpanzer und dem bereits mit Schmuck verfehenen 
Helme (f. Plat. u. Strabon) die Bewaffnung ausmachte. 

Der Verfaffer ift deshalb bloß darauf bedacht gewefen, die 
Waffen nach ihrer verfchiedenen Herkunft zu fondern und fie den 
einzelnen Ländern, je nach den darin geredeten Sprachen zuzuteilen, 
fo daß die Bronzewaffen, mögen fie nun kelto(?)-gallifchen, kelto(?)- 
germanifchen, kelto(?)-britifchen oder fkandinavifchen Urfprungs fein 
oder aber unferer Zeitrechnung entflammen, bis zum fogenannten 
Eifenzeitalter, fämtlich zufammengefaßt und der Reihe nach be- 
fchrieben worden find. Der ei ferne Kelt (eine plattfchneidige 
Wurffpeerfpitze) des bayerifchen Nationalmufeums in München, die 
fteinernen Beile und die langen eifernen, dem Kelt ähnlichen 
Lanzenklingen, die mit einer Menge Waffen und vielen Schmuck- 
fachen aus Gold und Bronze auf dem Gräberfelde bei .Hallftatt 
nahe bei Ifchl gefunden wurden, geben den augenfcheinlichen Be- 
weis dafür, daß die Bezeichnung „keltifch" fowohl, als auch das 
ftrenge Auseinanderhalten eines Stein-, Bronze- und Eifenzeitalters 
nicht ftatthaft ift. Die Nachgrabungen auf diefem Begräbnisplatze, 
wo mehr als taufend Gräber geöffnet worden find, haben gezeigt, 
daß der Stein nicht nur gleichzeitig mit der Bronze und dem Eifen 
verwendet wurde, fondern auch, daß das Eifen fchon damals zur 
Anfertigung von Klingen und die Bronze zur Herftellung von 
Schwertgriffen diente, wie folches heutigen Tages noch gefchieht. 

Das Antikenkabinett zu Wien befitzt eine fehr große Menge 
von Werkzeugen, Waffen und Schmuckgegenftänden, die man fämt- 
lich den Durchforschungen jenes weit eher germanifchen Be- 
gräbnisplatzes verdankt; auch Herr Az in Linz befitzt verfchiedene 
dahin gehörige und bemerkenswerte Stücke. Da diefe Ausgrabungen 
in von Sackens „Grabfeld von Hallftadt, 1868" hinlänglich be- 
fchrieben worden find, fo war es überflüffig, darauf hier noch näher 
einzugehen. 

Dem min, Warenkunde. 3. Aufl. 19 



2go Bronzewaffen der fogenannten barbarifchen Völker etc. 

Es ift kein Bildwerk jener Zeit vorhanden *), nach welchem der 
germanifche Krieger in feiner ganzen Ausrüftung dargeftcllt 
werden könnte, auch hat feine Bewaffnung je nach dem Stamme 
gewechfelt. Der weiterhin vom Verfaffer dargeftellte Germane aus 
fogenannter Bronzezeit, — wie der ebenfalls von ihm fozufagen re- 
ftaurirte Gallier — haben deshalb meift nur möglichft wahrheits- 
getreu nach den hier abgebildeten einzelnen Fundftücken in voller 
Ausrüftung gegeben werden können. Der Schild des Nordgermanen 
im allgemeinen und befonders während der fogenannten Bronzezeit, 
war gewöhnlich viereckig, fehr groß, häufig mit Kupferbefchlägen 
und ohne Nabel, während die fränkifchen Gräber aus dem Ende 
der fogenannten Eifenzeit (merowingifche Periode) nur kleine runde, 
mit vorfpringendem Nabel verfehene Schilde ans Licht gefördert 
haben, die fich, merkwürdigerweife, in Bronze bei den Dänen unter 
den Gegenftänden der Bronzezeit und vielleicht auch bei den an- 
deren Skandinaviern und den Bretonen wiederfinden. Der Zeitraum 
in welchem bei den Skandinaviern und Bretonen Bronze zur An- 
fertigung der Waffen verwendet wurde, entfpricht vermutlich ganz 
der Eifenzeit bei den Germanen und Galliern. Aus dem folgenden 
Abfchnitt, welcher von den Waffen aus der fogenannten Eifenzeit 
handelt, wird der Lefer erfehen, daß auch die Form der Streitäxte 
bei den Franken von denjenigen der Sachfen verfchieden war. 

Genügende Anhaltspunkte für die Feftftellung des germani- 
fchen Kriegers im Norden und während des 3. Jahrhunderts 
n. Chr., alfo in der fogenannten Eifenzeit, bieten befonders die im 
Thonberger Moor, Torffchichten Holfteins gefundenen Waffen, wahr- 
fcheinlich diejenigen eines Anführers, welche weiterhin abgebildet 
find. Die kurze Brünne in genieteten Mafchen und der runde 
Schild, wie bei den Franken, nur größer, fprechen von damaligen 
fchon bedeutenden Fortfehritten der germanifchen Gewerbethätigkeit. 

Was die Ausrüftung der Germanen im allgemeinen während 
der fogenannten Bronzezeit und die der Franken, aus ungeiähr 
gleicher Zeit des abgebildeten holfteinifchen Kriegers (III. Jahrh.) 
anbelangt, fo hat der Verfaffer weiterhin beide faft lediglich nur 
nach vorhandenen Waffen ganz ficher bekannten Urfprunges voll- 
ftändig zufammengeftellt. 

') Abgefehen von nur oberflächlich etwas feflftellenden Einftechungen der auf dem 
Grabfelde bei Ilallftadt gefundenen ehernen Schwertfeheide, wovon weiterhin einer der 
Reiter abgebildet ift. 



Bronzewaffen der fogenannten barbarifchen Völker etc. 



29I 



Die kunftreichften Waffen , — worunter befonders die filber- 
taufchierten eifernen — welche man von den altgermanifchen befitzt, 
find die der Franken, ein Name, der erft feit dem Siege Chlodo- 
wigs über die Alamannen (496 n. Ch.) den deutfchen Stämmen — 
befonders den Katten, Chatten oder Sueven — welche das mittlere 
Rheinufer, den mittlem und untern Neckar und die Maingegenden 
bewohnten, gegeben wurde. 






Germanifche Bronzewaffen. 

1. Germanifcher (oder wohl etrus- 
kifcher?) Helm aus Bronze, gef. in einem 
der Gräber von Hallftadt in [Öfterreich. 
Diefer Helm mit doppeltem Kamme hat 
große Ähnlichkeit mit einem im Mufeum 
von St. Germain (f. Nr. 5, S. 160) befind- 
lichen, der den Etruskern oder den Um- 
briern zugefchrieben wird. — Antikenkabi- 
nett zu Wien. 

2. Germanifcher Helm aus Bronze, 
ebenfalls aus den Gräbern von Hallflatt — 
Antikenkabinett zu Wien. 

Diefe beiden Helme könnten jedoch 
wohl aus Italien flammen. 

3. Germanifcher Helm in konifcher 
Form aus Bronze, von 18 l / a zu 19 cm zu 
Britfeh bei Pforten in Sachfen gefunden 
und in der Klemmfchen Sammlung zu 
Dresden aufbewahrt. Es ift dies ein 
wichtiges Stück, feiten in feiner Art, deffen 
Form den affyrifchen Helmen im Brit. Mu- 
feum gleicht. 

4. Germanifche Spiralfeder- Armberge *) 



') S. S. 211 die griechifche Unterarmberge (nsQißQCtxiovtov) — und S. 258 die 

icht durchbrochene Brachiale der Gladiatoren. Die armilla (epiXXiov) der Meder, 

Perfer und Gallier, welche auch bei den Römern als Belohnungsgabe für Krieger diente, 

war zwar auch um den Arm gewunden, aber nur drei oder viermal und wie d. törquis 

brachialis, ein Armband alfo kein Armfchutz. 

19* 



292 



Germanifche Bronzewaffen. 




aus Bronze, in Winnsbach bei Linz in Öfter- 
reich gefunden und im Mufeum zu Linz auf- 
bewahrt. Ähnliche Exemplare wurden in 
Dänemark gefunden (f. Mufeum zu Kopen- 
hagen, Sammlung Rofenberg im Germani- 
fchen Mufeum zu Nürnberg — in Lüneburg 
gefunden). Auch in Ungarn find folche Rüft- 
ärmel von über 35 cm Länge gefunden 
worden S. Nr. 2, Tafel 36 in Hampels Alter- 
tümern. 

4. Bis. Germanifcher bronzener 
fchneckenförmig gewundener Span- 
gen- oder Drahthelm mit Helmzier und 
Nafenberge, 20/30 cm. Der gewundene (torse), 
10 mm dicke, fiebenmal den Kopf fchnecken- 
artig einfchließende Strang hat, die fchlangen- 
köpfige Helmzier und den fchlangenfchwän- 
zigen Nafenfchutz inbegriffen, 4 Meter Länge. 
Diefer aus der fogenannten vorrömifchen 
Bronzezeit flammende Helm, welcher nur 
über einer gepolfterten Lederkappe oder einem Bärenfelle, refp. 
Kopf diefes Thieres getragen werden konnte, ift bei Ottmachau 
an der Neiffe, einer kleinen Stadt Preußifch-Schlefiens, Regierungs- 
bezirk Oppeln, gefunden worden und ftammt von den mächtigen 
oftgermanifchen Lygiern oder Lugiern her, welche feit dem 
IL Jahrh. aus der Gefchichte verfchwunden find. 

Auf der Nafenberge befinden fich eingeftochene Strich- und 
Punktverzierungen. Der ganze merkwürdig gut erhaltene Helm 
bietet .eine große Spannkraft und ift überall mit fchöner ins Grüne 

fpielender Patina bedeckt. 

s . "Es ift dies das bis 

jetzt einzige bekannte 
Exemplar jenes, nachArt 
der germanifchen und 
fkandinavifchen Spiral- 
armberge angefertigten 
Spiralhelmes. Samml. 
Zfchille in Großenhain. 

5. Bronzene mit ein- 




Germanifche Bronzewaffen. 



^93 



geftochenen Verzierungen bedeckte Kniekachel mit Bändern 
einer germanifchen Schutzrüftung, welche mit dem dazu ge- 
hörigen Kopffchmuck oder Stirnfchutz zu Althaldensleben 
bei Magdeburg gefunden und nach England verkauft wurde. 




s'/, 




Vom. Hinten. 




5. l / 4 . Aus fiebenzehn 30 cm langen in der 
Mitte breiteren, Bronzefchienen oder Spangen 
beftehender germanifcher Bruftpanzer. 
Diefe an den Enden abwärts gebogenen Spangen 
waren wahrfcheinlich auf Leder befefligt. (S. 
S. 292, Nr. 4 Bis den Lygierhelm.) Fundort 
Schwaben. — Sammlung Rofenberg im Germa- 
nifchen Mufeum zu Nürnberg. 



5. V 2 . Germanifche, aus offenen, 15 cm 
Durchfchnitt habenden Bronzeringen beflehende 
Beinfchutze, welche wahrfcheinlich auf Le- 
derunterlagen aufgenäht, getragen wurden (f. 
S. 292, Nr. 4 Bis, den Lygierhelm). Fundort: 
Südweftdeutfchland. — Sammlung Rofenberg 
im Germanifchen Mufeum zu Nürnberg. 



5. Germanifche Armberge aus Bronze, in 
dem Fürftentum Hohenzollern gefunden und im 
Mufeum zu Sigmaringen aufbewahrt. Ein glei- 
ches Exemplar befindet fich im Maximilians- 
Mufeum zu Augsburg. Diefer, obfchon undurch- 
brochene Armfchutz, gleicht entfernt dem 
griechifchen (S. 211, Nr. 25). 



6. Germanifcher oder flavifcher, bei Pforten 
(Niederlaufitz) gefundener konifcher Bronze- 
helm. — Sammlung Drove. Bronzehelme in 
derfelben Form wie diefer hier find auch in 



294 



Germanifche Bronzewaffen. 




Ungarn gefunden worden und befinden fich im 
Mufeum zu B6k6s-Gyula. S. die Abbildung 
davon im Abfchnitt der ungarifchen Waffen 
aus der Bronzezeit. Ein folcher Stahlhelm 
indifcher Herkunft befindet fich im Indifchen 
Mufeum zu London. (S. S. 149.) (S. weiterhin 
die ähnlich fpitzen gallifchen fowie auch die 
angelfächfifchen Helme, ferner Nr. 3, S. 291 den 
Helm der Klemmfchen Sammlung.) 




7. Germanifcher (?) bei Graz gefundener 
Bronzehelm. Von demfelben Ort flammt ein 
kleiner, bronzener Kultuswagen mit Figuren. — 
Mufeum zu Graz. 



8. Germanifcher oder flavifcher, bei Dob- 
bertin im Mecklenburgifchen gefundener Bronze- 
helm. — Mufeum zu Schwerin. (S. Nr. 3 u. 6.) 




9. Germanifcher bei Kreuznach gefundener 
Bronzehelm. — Mufeum zu Mainz. 




10. Im Paß Lueg ausgegrabener und im 
Salzburger Mufeum, wo derfelbe aufbewahrt ift, 
den unfindbaren Kelten zugefchriebener Bronze- 
helm mit gntriebenen Sturmbändern. 



Germanlfche Bronzewaffen. 



295 



10 Bis. 



10. Bis. Keltifcher (?) oder germanifcher Bronzehelm mit 
fpitzer Glocke und Schirm, auf welchem nachfolgende abgepaufte 
Infchrift mit ftumpfer Punze eingetragen ift. 
Diefer mit einem ganz ähnlichen zwifchen Mar- 
burg und Radkeroburg in Steiermark gefunde- 
nen Helm befindet fich im Mufeum zu Wien, 
wo er als etrurifche Schutzwafife angefehen 
wird, obfchon nie fonftwo folche Helmform 
bei den Etruskern und Römern vorkommt. 
Unter den griechifchen Helmen hat der S. 149, 
Nr. 4 abgebildete einige Ähnlichkeit damit. 






00H\/^L 



Die Infchriften von Mommfen als nordifch-etruskifch gelefen 
(Firaku. Ousi. Iarsifoi) wird von Jacques Guillemaud für gal- 
lifch (?) gehaltn. Der Verfaffer hält fie aber für eine Abart Runen- 
fchrift, da der Helm feiner Form nach nicht als etrurifch^angefehen 
werden kann. 

12 11. Germanifche Speerfpitze mit 

Öfe, in Bronze, bei Hallftein gefun- 
den. — Mufeum zu Kiel. 

12. Bruchftück eines großen vier- 
eckigen germanifchen Schildes *) aus 
Holz mit Bronze überzogen, gefun- 
den in einem Grabe bei Waldhaufen. 
Das bayerifche Nationalmufeum be- 
fitzt Bruchftücke von germanifchen 
Panzern, deren kupferne Verzierun- 
gen viel Ähnlichkeit mit denjenigen 
diefes Schildes haben. 

12. Germanifcher Schild, 8 Fuß 
lang, 2 Fuß breit, id. 

') Die Gröfse und die Form diefes Schil- 
des beweifen, dafs fie lange vor der römifchen 
Herrfchaft im Gebrauch waren, denn die ger- 
manifchen Schilde aus der Eifenzeit. die foge- 
nannten fränkifchen find rund und auf eifernem 
Geftell mit Nabel. 




296 



Germanifche Bronzewaffen. 



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SVP J '"V^ 



Im 





*3m?ar<a£r*r^^iaz*r*>yg-A 




14. Germanifche Gerklinge oder 
-fpitze, in Keltform und mit Öfe 1 ), 13 cm 
lang, gefunden auf dem Gräberfelde von 
Hallftadt. — Sammlung Az in Linz. 

15. Germanifche Gerfpitze (fog. 
Kelt), in Stade gefunden. — Mufeum 
zu Hannover. 

16. Germanifche Gerfpitze in Kelt- 
form, 10 cm lang, gefunden imFürftentum 
Hohenzollern und im Mufeum zu Sig- 
maringen aufbewahrt. 

17. Germanifche Gerfpitze in Kelt- 
form, 15 cm lang. id. 

18. Germanifche Gerfpitze, 16 cm 
lang. id. 

19. Sieben germanifche Pfeilfpit- 
zen. id. 

20. Germanifche Streitaxt aus Bronze, 
25 cm lang, in der Pfalz gefunden, und 
im bayerifchen Nationalmufeum zu Mün- 
chen aufbewahrt. 

21. Germanifche Gerklinge (?) fog. 
Kelt aus Bronze, 20 cm lang. Die abeffi- 
nifchen Lanzen find noch heute an ihren 
unteren Teilen mit diefen Spateln ver- 
fehen. (S. das Kapitel über die Speere.) 
— Kaffeier Mufeum. 

22. GermanifcheGerklinge(?). (Auch 
hierfür gilt die. Bemerkung zur vorigen 
Nummer.) — Mufeen zu Kaffel u. Er- 
bach. 

23. Kleine germanifche Streitaxt aus 
Bronze, 30 cm lang, gefunden in dem 
Gräberfelde von Hallftatt. Diefes Stück 
gleicht, was die Verzierungen betrifft, 
vielmehr den dänifchen Waffen, — An- 
tikenkabinett zu Wien. 



>) Keltis — Meifsel. im Dänifchen Paalftave. Die öfe diente den Riemen 
(imeDtum), womit der Wurffpeer zurück geholt wurde, zu befeftigen. 






Germanifchfi Bronzewaffen. 



2 9 7 



a$ 26 



28 




24. Germanifcher Doppelkriegs- 
hammer aus Bronze, 40 — 47 cm lang, in 
Thüringen gefunden. Jeder der neun 
eingeftochenen Ringe ift mittelft fechs 
Linien dargeftellt. Die Verzierungen 
diefesStücks erinnern, wie die der vorigen 
Nummer, an dänifche Arbeit. — Samm- 
lung Klemm in Dresden. 

25 — 28. Vier germanifche 
Dolchmeffer, wovon 25 in der 
einfchneidigen Saxform, und 
die anderen in der zweifchneidi- 
gen Parazonium- oder Ochfen- 
zungenform. — Mufeum zu Sig- 
maringen. 

29. Germanifches ftichblatt- 
lofes Schwert, 66 cm lang, bei 
Augsburg gefunden. Die mit 
Löchern zum Vernieten ver- 
fehene Platte der Angel deutet 
darauf hin, daß der Griff mit 
Knochen, Holz, Hörn oder Me- 
tall belegt war. — Mufeum zu 
Sigmaringen. 

30. Germanifches gänzlich 
aus Bronze angefertigtes 
Schwert, 55 cm lang. Der 
Knauf ftellt einen Adler vor 
und der Handgriff ift ohne Quer- 
Abwehrftange noch Stichblatt 
— Kaffeier Mufeum. 

31. Germanifches ftichblatt- 
lofes Schwert aus Bronze, 75 cm 
lang, wie fie in den Gräbern 
von Hallftatt gefunden worden 
find: mit Knauf und Griff aus 
Knochen und Bronze oder 
auch vollftändig aus Knochen. 



298 



Germanifche Bronzewaffen. 



Die Orte find nicht fcharf zugefpitzt. — 
tikenkabinett zu Wien. 



An- 



32. Kurzes germanifches Schwert aus Bronze. 
Die Form weicht hier wefentlich von der des 
griechifchen Parazonions ab. — Mufeum zu Han- 
nover. 



33. Germanifche Lanzenfpitze aus Bronze > 
in Hallftitt gefunden. — Antikenkabinett zu 
Wien. 1 







34. Gußform aus Bronze. 
Kiel und Stockholm. 



— Mufeen zu 



Krieger nach der getriebenen Arbeit auf einem der goldenen 
Krüge des Fundes von Nagy-Szent-Miklos, Ungarn (Toron- 

taler Komitat), dem fogenann- 
ten «Schatze Attilas», welcher 
Herrfchern der Gepiden vom 
V. Jahrh. n. Chr., nach andern 
der Sarmaten angehört haben 
foll, einem Volke, das bereits 
im III. Jahrh. im örtlichen Un- 
garn anfäffig war und während 
der Hunnenherrfchaft (in Europa 
IV — V. Jahrh.) Siebenbürgen 
befaß. Der Charakter der meift 
griechifchen Buchftaben der 
Infchriften deutet auf das IV. 
Jahrh. und die Verzierungen fo- 
wie die Pferdeart auf morgen- 




Germanifche Bronzewaffen. 



299 



ländifchen, befonders perfifchen Einfluß. Der Reiter ohne Steig- 
bügel ift im vollftändigen Ringpanzerhemd mit Ringhaube, die 
Unterarme und Beine außerdem noch mit Schienen und der Kopf 
mit einem fpitz zulaufenden, wenig hohen Schienenhelm, fowie mit 
einem doppelzipflig-gewimpelten Speere verfehen. Sein gefangener 
oder getöteter Feind ift im gegitterten und benagelten (fr. treil- 
liss£) Panzerhemd dargeftellt. Der oben angeführte Helm hat 
große Ähnlichkeit mit dem Helme auf einer im Gräberfelde zu 
Hallftadt gefundenen Schwertfeheide (f. die Abbildung weiterhin) 
ja felbft mehr noch mit den von Kriegern im Codex Aureus von 
St. Gallen v. VIII. oder IX. Jahrh. (Abbildung weiterhin). 




Eine nach hier vorhergehend abgebildeten, noch vorhandenen 



30o 



Gallifche Bronzewaffen. 



Bronzewaffen vom Verfaffer zufammengeftellte Ausrufung des ger- 
manifchen Kriegers der fogenannten vorchriftlichen Bronze- 
zeit. Die Waffenftücke beftehen in auf Leder befeftigten Unter- 
armbergen (f. Ähnliches bei den Griechen und bei den Dänen) 
und dem ebenfalls auf Leder gefchäfteten Helm mit Nafenfchutz, — 
beide aus fchneckenwindigem Draht (f. Nr. 4 Bis, S. 292), — in 
Bruft- und mit Kniekacheln verfehenem Beinfchutz von gebogenen 
Spangen (f. Nr. 5 ^4 » S. 293), — in dem mit breiter Keltfpitze und 
Zugriemen 1 ) (amentum) verfehenen Speere (Ger) und aus am 
Hüftengürtel rechts fteckendem, 15 — 20 cm langem, Sax genanntem 
Meffer und dem 40 — 50 cm langen, Skramafax (oder Langfax, 
auch Kneif) genannten Senfen- oder Krummfehwert, fowie dem 
links getragenen fpitzortigem Schwerte ohne Stichblatt, Quer- 
oder Abwehrftange, — ferner in dem langhalfigen Doppelftreit- 
hammer und einem großen länglich gebogenen viereckigen 8 Fuß 
hohen, 2 Fuß breiten Holzfchilde mit Bronzebefchlägen. Die hier 
beiderfeitig abgebildeten Armfchutze mögen wohl nur für den rech- 
ten Arm beftanden haben, da der linke genügend durch den Schild 
gefchützt war, auch folche Schutzwaffen nirgends paarweife gefunden 
worden find. Über den Spangenbeinfchutz find die Lenden mit 
Riemen (femoralia) umwunden. 



Kelto-gallifche, gallifche, niederbretonifche etc. Waffen 
aus Bronze. 

Wie bereits angeführt, ift eine ftrenge Einteilung der auf fran- 
zöfifchem Boden gefundenen .Waffen aus Bronze nicht zuläffig. 
Der Kelt, die Frameaklinge, für welchen die zur Befeftigung am 
Schafte, oder auch für die Wurfleine (amentum) dienenden Ringe 
fo charakteriftifch find, ift felbft in Rußland gefunden worden. 
Gallifche Waffen, zur Zeit Cäfars noch, waren faft alle von Bronze. 

Die Bronzefchwerte (claideb) der fogenannten alten Kelten 
(?) follen ftumpfortig und auch ohne Abwehrftangen gewefen fein; 

') Die Öfen folcher keltförmigen Speerbefchläge waren nicht, wie oft angenommen 
wird, zum Anbinden am Holze, fondern zum Befeftigen der Zugriemen beftimmt, welche, 
falls der Speer durch Stofs oder Wurf fich in das Schild oder eine andere Schutzwaffe 
des Feindes feftgefetzt hatte, den Schaft wieder herauszuziehen, was bei einer äufseren 
mangelhaften Befeftigung der Spitze nicht allein vermittelft des Zurückziel ens der Stange 
thunlich war, da fich dabei der Schaft vom Befchlage leicht loslöste. 



Gallifche Bronzewaffen. 3OI 

erft fpäter follen die nun Gallier benannten Kelten (?) das fpanifche 
fpitzortige Schwert (Gladius hispaniensis) angenommen haben. 
Auch follen die Kelten, außerdem mit einer meißeiförmigen Bronze- 
fpitze mit Öfen zum Wurfriemen befchlagenen Wurffpeer, einen 
Stoßfpeer (Gaisa) geführt haben. Alle dicfe Waffen waren noch, 
wie bereits angeführt, aus Bronze. Diodorus' (I.Jahrh. v. Chr.) Angabe 
über die künftliche Zubereitung eiferner Waffen bei den Kelten ift 

I durch keinen Fund beftätigt. 
Es ift fchon an anderer Stelle darauf hingewiefen (f. S. 23) 
worden, wie das Studium von Anlage und Ausftattung der ver- 
fchiedenen Gräber zur klaren Kenntnis und zeitfolgigen Ordnung 
der abendländifchen Waffen aus den vorgefchichtlichen Abfchnitten 
erforderlich ift, infofern die Erzeugniffe der verfchiedenen Völker 
fich in den Urzeiten mehr als in allen anderen gleichen und die 
Übergangszeiten, an welchen kein Mangel ift, weniger deutlich her- 
vortreten. Die fehr erhabenen, von mehr oder weniger Riefenftei- 
nen umgebenen oder überragten Hügel (Dolmen), deren Höhlungen 
gewöhnlich durch Steinplatten belegt find und nur Knochen nebft 
gemeinlich fteinernen Waffen enthalten, können als fehr alte Gräber 
angefehen werden. Die zweite Klaffe kennzeichnet fich in den 
meiften Fällen durch einen weniger erhöhten Hügel (Kegel), durch 
das Fehlen großer Steinblöcke, durch eine Grabhöhle, die von rohen, 
kunftlos auf einander gehäuften Steinen geringen Umfangs gebildet 
ift, und durch die Urne, welche auf Verbrennung der Leichen 

» hinweift. Diefe Begräbnisftätten enthalten gewöhnlich bronzene Er- 
zeugniffe folcher Art, wie die in diefem Abfchnitt behandelten. 
Die hier nachfolgend abgebildeten Bronzehelme, welche, — 
mit Ausnahme Nr. 1 vom Triumphbogen zu Orange, — in Frank- 
reich, wo diefelben gefunden worden find, den Galliern zugefchrie- 
ben werden, mögen wohl nur — wie bei den Germanen, — von 
»den in Gallien Brennen genannten x^nführern getragen worden fein. 
s 1. Helm aus Bronze, von 27 cm 

. a Höhe in Frankreich den Kelto-Galliern 

A M zugefc rieben. — Mufeum zu Rouen. 

il\ // Vfc. — Ähnliches Exemplar in Pofen, ein 

s*T \ \ s ^k, anderes in Bayern gefunden. Diefer 

letztere Helm gilt im bayerifchen Na- 
tionalmufeum für eine ungarifche oder 
avarifche Waffe. — Das Mufeum zu 




1 



302 



i Bis. 




i Ter. 






Gallifche Bronzewaffen. 

Falaife befitzt 6 folche Helme, und das 
Mainzer Mufeum einen ähnlichen. 

I. Bis. Bronzehelm, welcher von 
Cuperly flammt und in der «Double 
sepulture etc.» Eduard Fourdrigniers 
(Paris 1878 et Tours") den Galliern zu- 
geschrieben wird. Die Form diefes Hel- 
mes hat viel Übereinftimmung mit ähn- 
lichen affyrifchen und etrurischen Hel- 
men. 

1. Ter. In der «George Aleit» ge- 
fundener und den Galliern zugefchrie- 
bener Bronzehelm. 

1 in. Gallifcher (?) Helm mit 
großer ringförmiger Zier, Sturmbändern 
(Wangenklappen), Augenfchirm und 
zwei Hörnern (die römifche cornicu- 
lum genannte Helmzier). Die Form 
läßt aber vermuten, daß der römifche 
Künftler hier wohl mehr feiner Phantafie 
Spielraum gegeben, als treu nachgebildet 
hat. — Nach dem Triumphbogen zu 
Orange (v. I. Jahrh. n. Chr.) 

2. Zwei Helme aus Bronze im Mu- 
feum zu Saint Germain den Kelto (?) 
-Galliern zugefchrieben. Die Form ift 
die der affyrifchen Helme und des zu 
Britfeh gefundenen und in der Samm- 
lung Klemm zu Dresden aufbewahrten 
germanifchen (?) Helmes. 

3. Kelto -gallifcher (?) Panzer 
aus Bronze, in einem Felde bei Grenoble 
gefunden. — B. 16 im Artillerie-Mufeum 
zu Paris. Ähnliche in den Mufeen des 
Louvre und zu Saint Germain. 






Gallifche Bronzewaffen. 



303 










CXD 



4. Kelto (?) -gallifches (?) 
Rundfchildnabelgeftell aus Bronze, 
deffen Formen fich denjenigen der 
eifernen an den fränkifchen Schil- 
den nähern; nur ift nicht zu erklären, 
weshalb die Leifte oben angebracht 
ift *). — Mufeum zu St. Germain. 

5. Gallifcher Schild, nach 
dem Bildwerk am Sarkophag der 
Vigna Amendola. 

6. Gallifcher Schild, nach 
einem Basrelief des Triumphbogens 
von Orange. 

7. Signum, oder gallifches 
Feldzeichen mit Eber, nach einer 
FlachbildnereidesBogenszuOrange. 
Ein ganz ähnliches Feldzeichen aus 
Bronze, von 13 cm Hohe, ift in 
Böhmen gefunden worden und wird 
im Nationalmufeum zu Prag auf- 
bewahrt. (S. das germanifche 
Helmgeftell mit Eber, Nr. 1, A im 
Abfchnitt der Helme.) 

8. Gallifches Schwert, nach 
einer an dem Sockel der Melpo- 
mene im Louvre befindlichen Flach- 
bildnerei. 

9. Kelto (?) -gallifches Schwert 
aus Bronze, 45 cm lang, in der 
Seine bei Paris gefunden. — B. 7 
im Artillerie-Mufeum zu Paris. 

10. Kelt mit Öfen oder kelto (?) 
-gallifche Speerfpitze aus Bronze, 
1 1 cm lang, deren Typus für einen 
der älteften gehalten wird. — Artil- 
lerie-Mufeum zu Paris. 



') Wohl ein Irrtum des Reftaurateurs. Diefe Rundfchilde hatten, wie mehrere 
römifche Schildarten, nur einen unter dem Nabel befindlichen Handgriff. 



304 



Gallifche Bronzewaflfen. 



ii. Speerfpitze oder Kelt mit 
Lappen. — Artillerie -Mufeum zu 
Paris. 

12. Streitaxt. — Louvre. 

13. Pfeilfpitze. — Louvre. 

14. Javelotfpitze mit Öfe, Kelt 
genannt, 9 cm lang. — Sammlung 
des Verfaffers. 

15. Javelot- oder Ger (?) mit 
Öfenfpitze, Kelt genannt, 15 cm lang. 

— B. 20 im Artillerie-Mufeum zu 
Paris. 

16. Kleine Streitaxt, 13 cm lang. 

— B. 34 im Artillerie-Mufeum zu 
Paris. 

17. Speerklinge. — Louvre-Mu- 
feum. 

18 u. 19. Gallifche Pferde- 
gebißftücke in Bronze, welche 
Desor fowie LongpeVier fälfchlich 
für Amulette gehalten haben. Ganz 
diefelbe Art ift bei Gergovie gefun- 
den worden, wo Vercingetorix die 
Römer befiegte. 

19 7 2 . Trenfen- 

Pferdegebiß in Bronze 
aus den Pfahlbauten (?) 
von Moringen im Bieler- 
fee — (lat. Petinesca?). 
Der Abfland der Quer- 
ftangen voneinander ift 
nur 9 cm, ,'was auf fehr 
kleine Pferde fchließen 
läßt. Der Gebrauch folcher Gebißform mit Triangel ift nach einer 
Flachbildnerei von Ninive 1 ) feftgeftellt. 




') Nach Rawlinson's »The five great Monarchies of the ancient eastern World« 
I. 41 h 1 u- 5- 



Gallifche Bronzewaffen. 



305 




19V4. Keltifches (?) — gallifches Kan- 
daren- oder Stangengebiß. Mufeum zu St. 
Germain. 




20. Gallifcher 1 ) Schild nach dem gal- 
lifchen Standbilde im Mufeum Calvet zu 
Avignon. Die Länge diefer Waffe reicht vom 
Sattel bis zur Bruft des Reiters, und man er- 
kennt das Nr. 4, S. 303 abgebildete bron- 
zene Nabelgeftell, hier aber in mehrkantiger 
Form. Diefer Schild beftätigt die Richtig- 
keit eines ähnlichen (f. Nr. 5, S. 303) nach 
dem Sarkophage der Vigna Amendola ab- 
gebildeten. (S. auch S. 247, den eckigen römi- 
fchen Reiterfchild). 



Eine nach den vorhergehend abgebildeten, noch vorhandenen 
gallifchen Bronzewaffen vom Verfaffer zufammengeftellte Ausrüftung 
des faft immer mit Armfchmuck prangenden gallifchen Krie- 
gers während der römifchen Befetzung Galliens, wo alfo Waffen- 
ftücke der Gallier noch aus Bronze beftanden. Über den Stück- 
panzer, welcher bei Grenoble ausgegraben irr, tauchen indeffen 
Zweifel auf, ob derfelbe wirklich ein gallifcher fei, wo hingegen der 
hohe fpitze Helm mehr Sicherheit bietet, da ähnlich geformte an 
mehreren Orten gefunden worden find. Der Helm mag aber wohl 
nur durch die bei den Galliern „Brennen" genannten Anführer 
getragen worden fein. Die Form des Schildes, meift oval, mit 
oben und unten abgefchnittenen Teilen, konnte auch nur nach 
Denkmalen feftgeftellt werden, da kein Exemplar davon aufgefunden 
ift. Das Schwert (Claideb) und vielleicht der Stoßfpeer (Gaifa) 



l ) Um 500 n. Chr. f ollen, einem römifchen Diptychon nach, Alanen und Goten 
fünf- und fechseckige Schilde geführt haben. 

Dem min, Waffenkunde. 3. Aufl. 20 



306 



Gallifche Bronzewaffen. 



mit platter Meißel- (Kelt-) Spitze mögen wohl die einzigen An- 
griffswaffen gewefen fein, wozu lpäter noch eine den Franken ent- 
lehnte, aber weniger lange Streitaxt wie die Francisca kam. Der 
meißelartige Befchlag des Speeres, der Hohlkelt, hatte Öfen zur 




Befeftigung des Zugriemens (amentum). — S. darüber S. 202 und die 
Anmerkung S. 296. Die Unterarme waren nackt und die Beine nicht, 
wie meift bei den Germanen mit Riemen (femoralia) über leinene 
Höfen umwunden, fondern entweder auch nackt oder mit Höfen, den 
gallifchen braies (braccae) ohne Wickelriemen bedeckt, wie dies 



Britifche ßronzewaffen. 307 

befonders eine Flachbildnerei auf der Nordftirn feite des Triumph- 
bogens zu Orange (v. I. Jh. n. Ch.) zeigt, wo aber auch die Helme 
der Gallier nicht mehr fpitz, fondern glockenförmig gleich den römi- 
fchen Helmen dargeftellt find und kein einziger gallifcher Krieger 
bepanzert vorkommt. Sohlenlofe gefchnürte Fellumhüllungen bil- 
deten die Fußbekleidungen. 

Daß die Mehrzahl der Bronzewaffen in Gallien felbft angefertigt 
wurden und nicht durch den Handel vom Auslande eingeführt worden 
find, ift durch viele aufgefundene Gußwerkftätten feftgeftellt. 



Britifche Bronzewaffen. 

Diefe Waffen find feiten, und es hält fchwer, mit einiger Sicher- 
heit deren Urfprung und Alter feflzufetzen. Mehrere Stücke, die 
als britifche Erzeugniffe in den englifchen Mufeen aufbewahrt werden, 
laffen Zweifel. Der Hörnerhelm z. B. Nr. 1 , S. 308J fo wie der 
Schild daneben, auch der lange Schild in der Sammlung zu Goo- 
drich-Court, könnten fehr wohl dänifchen Urfprungs fein 1 ). 

Das Zeitalter der Bronze in England, das die britifche Kom- 
miffion für die Gefchichte der Arbeit auf der Weltausstellung in 
Paris im Jahre 1867 als «zweite, dem römifchen Einfall vorher- 
gehende Epoche» bezeichnet, kann nicht in diefer Weife begrenzt 
werden, weil die anfänglich allgemein übliche Anwendung der Bronze 
zu Angriffswaffen in England unter Römerherrfchaft nicht aufgehört 
und fogar teilweife bis zu den Zeiten der Einfälle der Sachfen (5. 
Jahrhundert) und Angeln (6. Jahrhundert) noch fortgedauert hat 2 ). 

Die Ausrüftung der Britannier war, Cäfars Angaben nach, be- 
fonders reich an Kriegswagen mit eifernen Sicheln und Haken. 
Das Heer des Kaffibelanus zählt nach feiner Niederlage noch 4000 
folcher »couini» genannter Wagen. Gallier und Belgier follen 
auch Senfen wagen (f. S. 220) im Kriege angewendet haben. 

Vergleicht man die dänifchen Schilde, Kriegshörner und felbft 
die Schwerter, die Speerklingen fowie die Streitäxte aus Bronze, im 
Mufeum zu Kopenhagen mit den Altertümern derfelben Gattung, 

*) In der Einleitung des über germanifche Waffen handelnden Abfchnittes ift an- 
geführt worden, dafs der Gebrauch von Bronze bei Anfertigung der Waffen in Skandi- 
navien hinfichtlich der Zeit demjenigen des Eifens in Deutfchland entfpricht. 

2 ) S. über den Gebrauch von Steinwaffen in England, felbft noch während 
des 11. Jahrh., S. 138. 

20* 



3o8 



Britifche Bronzewaffen. 



welche in England unter den britifchen Erzeugniffen aufgeführt find, 
fo findet man, daß die meiften hinfichtlich der Anfertigung und 
des Gefchmacks einen gemeinfamen Grundzug haben, den ihnen 
der Zufall oder der Nachahmungtrieb allein nicht zu verleihen ver- 
mochte. Es ift wohl daher anzunehmen, daß viele diefer Waffen 
entweder in Skandinavien felbft oder auch in den Küftenländem 
Norddeutfchlands angefertigt und daß fie alfo erft fpäter den Infein 
durch die normannifchen Freibeuter (Nordmannen oder Nordmänner) 
zugeführt wurden, die niemals die Küften des Landes zu verwüften 
aufhörten, deffen vollftändige Eroberung erft ihren Enkeln im Jahre 
1066 gelang, alfo von den Wikingern (v. VIII— XI JahrhJ keine 
Rede mehr fein konnte. 

Die Ausrüftung der Angelfachfen, von welcher weiterhin,', be- 
fonders nach dem Teppich von Bayeux Abbildungen gegeben find, 
beftand meiftenteils in dem gegitterten (treillissee) oder benagelten 
Plättchenpanzerhemde, dem Glockenhelrne und dem Rundfchilde. 
Speer und eine Art gebogener Langfachs mit Abwehrftange, fowie 
die faft hier damals nur vorkommende Streit- oder Palaxt mit fehr 
langem Stiel waren die Angriffswaffen, eine Ausrüftung die von 
der fogenannten normannifchen (f. ebenfalls den Teppich von 
Bayeux) wenig und befonders nur hinfichtlich des Schildes abweicht. 



1. Hörnerhelm aus Bronze, in der 
Themfe gefunden und im Britifchen Mu- 
feum aufbewahrt. Getriebene Arbeit, 
an einigen Stellen mit gefärbtem Maftix 
belegt, welcher dem Schmelz (Email) 
ähnelt. 




2. Kreuzhelm oder Helmgeftelt 
aus Bronze J ) zu Leckhamtons-Hill ge- 
funden. — British Mufeum. — 



') Das »Eifenkreuz« als Kopffchutz, wovon in den Lex. Franc. Ribuar, til. 
XXXVI, § 11, die Rede ift, wird wohl diefelbe Form gehabt haben. S. den ganz 
ähnlichen Kopffchutz der germanifchen Leibwache Trajans auf der 1 1 7 n. Chr. errichteten 
Trajansfäule, S. 261 und den Helm des germanifchen Anführers von Thorsberger Moor. 



Britifche Bronzewaffen. 



309 





3. Bronzener, runder Schild (f. den 
römifchen clipeus) — • Sammlung Lle- 
welyn-Meyrick. — 

4. Getriebene eingelegte Arbeit aus 
vergoldeter Bronze, Teil eines breto- 
nifchen Schildes, Ysgwyd genannt, 
deffen ganze Form an den gallifchen Schild 
erinnert. Gefunden im Fluffe Witham — 
Sammlung Llewelyn-Meyrick. S. die'Be- 
merkung S. 308 bezüglich der Überein- 
ftimmung des Gefchmaks in der An- 
fertigung folcher Schutzwaffen mit in 
Dänemark gefundenen. — Mufeum von 
Kopenhagen. — 

Aus der Stelle in der Einleitung, wo 
von deutfchen Waffen die Rede ift, wird 
der Lefer erfehen haben, daß die Anwen- 
dung des Metalls bei Anfertigung von 
Waffen in Skandinavien fpäter als bei 
den Germanen und Galliern ftattfand. 

5. Schwert aus Bronze ohne Parier- 
ftange oder Stichblatt; es gleicht völlig 
den germanifchen, gallifchen und fkan- 
dinavifchen Waffen und könnte fehr 
wohl ein dänifches fein. — Tower zu 
London, 63. — Mehrere ähnliche Schwer- 
ter im Britifchen Mufeum. 

6. Schwertklinge aus Bronze, 
Gwaewfon genannt. — Samml. Llewe- 
lyn-Meyrick. 

7. Schwertklinge aus Bronze, in Ir- 
land gefunden, id. 



3io 



Skandinavische Bronzewaffen. 



8. Irifches Kriegshorn Stuic ge- 
nannt. — Sammlung Llewelyn-Meyrick. 

9. Axt aus Bronze. — Britifches 
Mufeum. 

10. Framea- oder Javelotklinge, 
Kelt genannt, aus Bronze, mit Öfe und 
Ring. id. 

Die Mufeen zu London befitzen 
eine große Anzahl von folchen Klingen, 
Streitäxten , Schwertern , Dolchen, 
Speer- und Pfeilfpitzen, deren Formen 
fich in keiner Weife von denen der 
feftländifchen Waffen aus derfelben 
Zeit unterfcheiden, ein Umftand, wel- 
cher den Verfaffer abhielt, jene unter 

die britifchen Waffen einzureihen. (S. das darauf Bezügliche in der 

Einleitung diefes Abfchnitts.) 




Skandinavifche Bronzewaffen. 

Skandinavifche Bronzewaffen des Feftlandes (Dänemark) find, 
wie die der Franken, gleich den fteinernen desfelben Volkes, den 
W'affen der anderen fogenannten barbarifchen Völker überlegen und 
ftehen fogar denen der Griechen und Römer nichts nach. Dies 
erklärt fich fehr einfach, wenn man mit dem Verfaffer diefes Werkes 
annimmt, daß die Epoche der Verwendung der Bronze in Däne- 
mark fpäter und zwar gleichzeitig mit der des Eifens bei den 
Germanen und Galliern eintrat. (Siehe die Bemerkung in der Ein- 
leitung des von den germanifchen Bronzewaffen handelnden Ab- 
fchnitte?, fowie auch S. 50 und 52). 

Die befonders von Mainz aus verbreitete Annahme, daß folche 
Bronzewaffen etruskifchen Urfprungs feien, ift durchaus hinfällig, da 
derartige Bronzewaffen und die dazu verwendeten Gußformen faft 
überall in fehr verfchiedenen Geftaltungen angetroffen werden und 
demnach die lokalen Anfertigungen unumftößlich feftgeftellt find. 

Die im Mufeum von Kopenhagen autbewahrten Stücke, deren 
Abbildung weiterhin erfolgt, zeigen, mit welcher Kunft das Metall 
dort bearbeitet worden ift. Die Schutzrüftung des fkandinavifchen 
Kriegers fcheint damals einzig nur der runde oder längliche Schild, 



Skandinavifche Bronzewaffen. 



311 



der Panzer und der Helm gewefen zu fein, obfchon keine vollftän- 
dige Waffe der letzteren Gattung im Mufeum von Kopenhagen 
vorhanden ift und gefundene Kopfreifen (f. Nr. 2 hier unten 
und weiterhin) der Vermutung Raum geben, daß, wie auch bei 
den Franken, und anderen germanifchen Völkerfchaften, (f. den 
Spiralhelm S. 292) Helme mehr nur von den Anführern getragen 
wurden. Ein im vorigen Abfchnitt (S. 308) abgebildeter Hörnerhelm 
könnte wohl dänifchen Urfprungs fein. Der Gebrauch der Stein- und 
Bronzewaffen fcheint, wie bereits bemerkt, in Skandinavien länger 
als anderswo in Europa beftanden zu haben, da Worfaae fich ver- 
anlaßt gefehen hat, in feinem mit Abbildungen verfehenen Ver- 
zeichnis des Kopenhagener Mufeums als Erzeugnis der Eifenzeit 
(nach anderen dänifchen Archäologen einer zweiten Eifenzeit) auf- 
zuführen, was fonft dem Mittelalter und felbft einem fehr vor- 
geschrittenen Mittelalter angehört, denn es kommen darin fogar 
Schwerter aus dem 13. und 14. Jahrhundert vor. 




1. Dänifcher Helmfchmuck (?) aus 
verzierter Bronze, von 22 cm Höhe (H j el m- 
prydelse auf dänifch), im Mufeum zu 
Kopenhagen. Diefer fonderbare Helm- 
fchmuk hat die Form eines Leuchters. 



2. Kopfbinde, eine Art Helm von 
12 cm Höhe, aus graviertem und getrie- 
benem Kupfer oder Bronze. — Mufeum 
zu Kopenhagen. 



3. Runder dänifcher Schild aus Bronze 
(Bronceskjold auf dänifch), 56 cm im 
Durchmeffer, mit einem Mittel- und drei 
Randnabeln. — Mufeum zu Kopenhagen. 




Skandinavifche Bronzewaffen. 



4. Ovaler dänifcher Schild aus 
Bronze, 46 cm lang, von der inneren 
Seite gefehen. Die Außenfeite ift diefer 
inneren ganz ähnlich. Die Nabelhöhlung 
diente zur Anbringung des hier nur 
einen Handgriffes ohne Armring. — 
Mufeum zu Kopenhagen. 




5. Platte eines runden dänifchen 
Schildes aus Bronze, 44 cm im Durch- 
meffer, mit fpitzem Nabel und reicher 
Verzierung. — Mufeum zu Kopenhagen. 




6. Runder dänifcher Schild aus 
Bronze, 54 cm im Durchmeffer mit run- 
dem Nabel und mit Nagelköpfen ver- 
ziert. — Mufeum zu Kopenhagen. 



7. Dänifche fchlangengewundene 
Armberge aus Bronze, 30 cm lang. — 
Mufeum zu Kopenhagen. S. diefelbe 
Gattung in dem von den germanifchen 
Bronzewaffen handelnden Abfchnitt (f. 
S. 292). 




8. Dänifche Armberge aus Bronze, 
15 cm lang. — Mufeum zu Kopenhagen 
(f. S. 211 die griechifche und 293 die 
germanifche). 



Skandinavifche Bronzewaffen. 



313 




^J%ä l!M^mzzBZT> 




9. Dänifche Armberge aus Bronze, 
18 cm lang, mit Medaillen gefchmückt. 
— Mufeum zu Kopenhagen. 

10. Dänifche Javelot- oder Fra- 
mea(?)klinge aus Bronze, 9cm lang. (Kelt 
mit Öfe) Mufeum zu Kopenhagen. 

1 1 . Dänifche Pfeilfpitze aus Bronze, 
6 cm lang. — Mufeum zu Kopenhagen. 

12. Dänifche Pfeilfpitze aus Bronze, 

15 cm lang. — Mufeum zu Kopenhagen. 

13. Dänifche Streitaxt aus Bronze, 

16 cm lang. — Mufeum zu Kopen- 
hagen. 

14. Dänifche Streitaxt aus Bronze, 
24 cm lang. — Mufeum zu Kopen- 
hagen. 

15. Dänifche Streitaxt aus Bronze, 
44 cm lang. — Mufeum zu Kopen- 
hagen. 

16. Dänifches Meffer aus Bronze, 
16 cm lang. — Mufeum zu Kopen- 
hagen. 

17. Dänifche Framea- oder Javelot- 
(Wurtfpeer)-klinge aus Bronze, 27 cm 
lang, mit einem Überrede ihres Schaf- 
tes. — Mufeum zu Kopenhagen. 

18. Dänifche Speerklinge aus 
Bronze, 30 cm lang. — Mufeum zu 
Kopenhagen. 

19. Dänifcher Dolch aus Bronze, 
30 cm lang. — Mufeum zu Kopenhagen. 

20. Dänifcher Dolch aus Bronze, 
21 cm lang. — Mufeum zu Kopenhagen. 

21. Dänifcher Dolch aus Bronze, 
21 cm lang. — Mufeum zu Kopenhagen. 



314 



Skandinavifche Bronzewaffen. 



-5 





22. Danifches Schwert ohne Ab- 
wehrftange oder Stichblatt, aus Bronze, 
90 cm lang. Eine merkwürdige Arbeit, 
wie fie ähnlicher Art in den germani- 
fchen Gräbern angetroffen wird. — Mu- 
. j 3 feum zu Kopenhagen. 



23. Danifches Schwert ohne Abwehr- 
ftange oder Stichblatt, aus Bronze, 85 cm 
lang. — Mufeum zu Kopenhagen. 



24. Kriegshorn aus Bronze, 128 cm 
lang. — Mufeum zu Kopenhagen. 



25. Schwedifches gebrochenes Ge- 
biß in Bronze aus der fogenannten 
Bronzezeit. — Hiftorifches Mufeum in 
Stockholm Nr. 7994. 

Das Mufeum zu Kopenhagen befitzt 
aus der Bronzezeit mehr als 200 merk- 
würdige Gegenftände, unter welchen 
außer den hier abgebildeten noch an- 
zuführen find: ein Schwert mit lederner 
Scheide, Dolche und Meffer von felt- 
famen Formen, Kopfreifen (f. S. 511 
u. f. w.) und Thongefäße; unter letzte- 
ren find die Hausurnen fehr wertvoll 
für die Beftimmung der Urfprungszeiten, 
da die Verbrennung der Toten ftatt 
ihrer Beerdigung nur in einem gewiffen 
Zeitabfchnitte in ^Dänemark ftattgefun- 
den hat. 



Ungarifche Bronzewaffen. 



315 



Bronzewaffen, aus Ungarn, dem römifchen Pannonia, der 
abendländifchen dacifchen Provinz, 

v n Daciern(?)> Quaden(?) oder Goten (?), den Bewohnern Ungarns vor der 894 flatt- 
gefundenen Einwanderung der Magyaren. 




1. Gußform für Speer- 
fpitzen aus Sandftein '/a 
Größe. — Mufeum zu Wien. 



2. Zwei Speerfpitzen 
oder Meißel (?) mit Tüllen 
in 2 / 5 Größe. 



3. Kelt, d. h. Wurf- 
tfpeerfpitze, - 5 'Größe. 
Schatz von Poroszlo. 



4. Kelt mit fefter Tülle 
2/ 5 Größe. 




3i6 



Ungarifche Bronzewaffen. 




5. Schwert in l / 2 Größe. — 
Sammlung Dillesz in Ungarn. 

6. Speerfpitze in i l 2 Größe. — 
Mufeum in Zürich. 

7. Streithammer 2 / 3 Größe. — 
Sammlung Huxtable in Ungarn. 

8. Streithammer 2 / 5 Größe. — 
Mufeum zu Zürich. 

9. Ungarifcher Glockenhelm 
in V2 Größe. — Mufeum in Bekes 
Gyula. 

Ganz gleiche Helme befinden 
fich in der Sammlung Klemm, 
(Fundort Pforten, Niederlaufitz) 
und im Mufeum zu Schwerin 
(Fundort Dobbertin im Mecklen- 
burgifchen) f. die Abbildung da 
von S. 294. 



Ungarifche Bronzewaffen. 



3'7 



10. Achfenkapfel in */i Größe Fund von Komjäsh, K. Lipto. 

11. Kelt — Streitaxt in. 3 / 5 Größe. Gefunden bei Komäron. 

12. Kelt — Streitaxt in 2 / 5 Größe. Nach dem Archäologen Közl. 

13. Doppelarmiger Streithammer, deffen Arme hohl find. Schatz 
von Felso-Balogh, C. Gömar. 

Diefe ungarifchen Waffenfiücke find fämtlich Jofeph Hampels 

«Altertümer der Bronzezeit in 
Ungarn» entnommen, wo auch 
in Ungarn gefundene bronzene, 
kleine Wagen, welche Opfer- 
becken trugen , fowie viele 
Pferdegebiffe und Zierbehänge 
abgebildet find. Das Mufeum 
zu Liverpool befitzt bronzene, 
zu, Aboz, K. Saros gefundene, 
60 cm im Durchmeffer meffende 
Speichenwagenräder. 




•5 1 8 Bronzewaffen verfchiedener Länder. 

Ein Beweis, daß auch in Ungarn, wie in Skandinavien und Ger- 
manien, diefe Bronzewaffen nicht durch den Handel eingeführt, 
fondern angefertigt worden find, liefern die über 50x3 Stück Guß- 
klumpen, Waffen aller Art, Spiralen, Fragmente, Gefäße u. d. m , 
welche auf den Gußwerkftätten von Borjas, K. Torontal, Bodrog- 
Keresztur, K. Zemplin, — Bozsök, K. Baranya; — Lazarpatak, K. 
Bereg; — Sajo-Gömör, K. Gömör; — Domahida, K. Szatmär und 
Uj-Szöny, K. Komärom, gefunden worden find. 



Bronzewaffen verfchiedener Länder. 



rrae^C 






p 



1. Framea- oder Angon-(Wurffpeer)- 
klinge aus Bronze, Kelt genannt, in der 
Schweiz gefunden und im Genfer Mufeum 
aufbewahrt. 
* 2. Frameaklinge aus Bronze, in der 
Schweiz gefunden und im Genfer Mufeum 
aufbewahrt. 

3. Kleine fchweizerifche Streitaxt aus 
Bronze. — Genfer Mufeum. 

4. Streitaxt oder Speerklinge aus 
Bronze, 17 cm lang. — Mufeum zu Lau- 
fanne. 

5. Hammerftreitaxt aus Bronze, ge- 
funden zu Lieli bei Oberwil, nicht weit 
von Bremgarten in der Schweiz, und im 
Mufeum zu Zürich aufbewahrt. 

6. Kleine Streitaxt aus Bronze, in 
Rußland gefunden. — Abguß im Mufeum 
zu St. Germain. 

7. Meffer mit Widderkopf aus Bronze 
24 cm lang, in Sibirien gefunden. — 
Sammlung Klemm in Dresden. 

8 und 9. Zwei Angon- oder Framea- 
fpitzen mit Öfen aus Bronze, Kelte g< 
nannt, in Rußland gefunden. — Sammlung 
Oziersky. — Abgüffe im Mufeum zu St. 
Germain. 



Bronzewaffen Verfchiedener Länder. 



319 



Ausgrabungen, die in den Gouvernements Minsk und Wladimir, 
fowie auch in Sibirien vergenommen wurden, haben zur Ent- 
deckung einer großen Anzahl Werkzeuge und Waffen aus dem 
Zeitalter des rohen und polierten oder vielmehr gefchliffenen Steines 
geführt. Viele von diefen Stücken find in der Sammlung Oziersky 
in Petersburg aufbewahrt. 

10. Hammerftreitaxt aus Bronze, in Un- 
garn gefunden. — Abguß im Mufeum zu St. 
Germain. 

11. Speerfpitze aus Bronze, 20 cm lang, 
in Böhmen gefunden. — Nationalmufeum 
zu Prag. 

12. Bei Königgrätz gefundener böhmi- 
fcher Bronzedolch. Nach den «Grundzügen 
der böhmifchen Altertumskunde» von 
Wocel. 

13. Böhmifche Bronzeftreitaxt. 





VI. 

Waffen aus der fogenannten erften Eisenzeit 1 ) abend- 

ländifcher Völker. — Germanen, Gallier, Dänen, 

Skandinavier u. a. m. 

Die fogenannte Eifenzeit in England, welche die Kommiffion 
der britifchen Abteilung für die Gefchichte der Arbeit auf der 
Weltausftellung zu Paris im Jahre 1867 als „dritte Epoche", nämlich 
als diejenige der Römerherrfchaft bezeichnet hatte, beginnt erft hun- 
dert Jahre vor dem Einfalle der Sachfen; denn das bloße Bekannt- 
fein mit der eifernen Waffe begründet noch nicht die Herrfchaft 
derfelben. Der Gebrauch der bronzenen Angriffswaffen hat fich auf 
den britifchen Infein und in Skandinavien weit länger erhalten als 
in dem übrigen Europa, ein Umftand, aus welchem fich zum Teil 
die rafche Unterjochung Großbritanniens im fünften Jahrhundert 
erklären läßt. Die eifernen Waffen der Römer, Sachfen, Franken, 
Burgunder und anderer germanifcher Stämme haben überall wefent- 
lich zur Befiegung folcher Völker beigetragen, deren Schneidewaffen 
noch aus Bronze beftanden. Das fchlecht bewaffnete Gallien wurde 
von den Römern (welche die Gallia transalpina fchon feit 121 
v. Ch. gänzlich befaßen) erobert, während es ihnen niemals gelang, 
Germanien 1 ), wo die Franken, befonders v. 3. Jh. n. Ch. ab, wohl 
die hervorragendfte Stellung einnahmen, zu bezwingen und wo die 
römifchen Legionen fortdauernd Niederlagen zu erleiden hatten. 2 ) 






') Wozu felbflverfländlich auch aus diefer Periode (lammende Bronzewaffen ein- 
zureihen find. S. S. 56. 

*) Die von den Römern unterworfenen germanifchen Landftriche waren fo wenig 
bedeutend, dafs fie als dioecesis (SiolxrjOiq) 1 und 2, d. h. als germanifcher Be- 
zirk der Gallia transalpina zugefchlagen wurden. 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 32 1 

Der Zeitabfchnitt, welchen man, dem getroffenen Übereinkommen 
gemäß, unter dem allgemeinen Ausdruck Eifenzeit begreift, müßte 
folgerichtigerweife mit dem Ende des 5. Jahrhunderts, mit dem Falle 
des abendländifchen Kaiferreichs abgefchloffen werden; man hat ihn 
jedoch viel weiter ausgedehnt, fogar bis zum Ende der Karlinger- 
herrfchaft (987), ein Syftem, das trotz feiner Mangelhaftigkeit hier 
zum Teil beibehalten werden mußte, wenn in der zeitfolgigen Ein- 
teilung Unordnung verhütet und die Schwierigkeiten des Auffuchens 
nicht noch mehr vermehrt werden füllten, da ja viele Mufeen eine 
große Anzahl Waffen, die dem Mittelalter angehören, unter die Er- 
zeugniffe des mit dem Namen Eifenperiode belegten Zeitabschnitts 
eingereiht haben. 

Aus der Einleitung geht hervor, daß Eifen zwar überall und 
zu jederZeit bekannt war, aber die allgemeine Verwendung des- 
felben zur Verfertigung von Schutz- und Trutzwaffen erft auf die 
der Bronze folgte. Die Römer hatten frühzeitig den Vorzug der 
eifernen Angriffswaffen vor den bronzenen anerkannt, weshalb denn 
auch das letztere Metall von ihnen feitdem nur zur Herftellung von 
Schutzwaffen gebraucht wurde. Im Jahre 202 v. Chr. führte der rö- 
mifche Soldat fchon keine bronzenen Angriffswaffen mehr, und es 
ift einleuchtend, daß im zweiten punifchen Kriege die beffere Be- 
waffnung mit zum Siege der Römer über die Karthager beitrug. 
Die wenigen eifernen Waffen, die gemifcht mit bronzenen in galli- 
fchen Gräbern 1 ) gefunden wurden, wie z. B. die auf den katalauni- 
fchen Feldern (Departement der Marne) gefammelten und im Mufeum 
zu St. Germain aufbewahrten Exemplare, fcheinen viel eher germa- 
nifchen Urfprungs zu fein, da fie den in der Schweiz zu Tiefenau 
und Neuenburg gefundenen Schwertern außerordentlich ähneln. 
Weiterhin find von folchen Waffen Abbildungen gegeben, die der 
Verfaffer den in der Bearbeitung des Eifens fo berühmten Burgun- 
dern zufchreibt. Helvetien, das im J. 450 infolge der syftematifchen 
Metzeleien der Römer faft zur Einöde geworden war, wurde gegen 

') Wenn Tacitus behauptet, dafs die Gallier fich fo in der Eifenarbeit aus- 
zeichneten, dafs fie felbft nach Italien Schuppenpanzer, Senfen u. d. m. verfandten, fo 
ift dies durchaus nicht ftichhaltig. 

Die in der Aeneis Vergils (1. Jahrh. n. Chr.) cateja genannte ellenlange fchwere 
mit Nägeln befchlagene Wurfkeule, welche oft irrtümlich mit dem in Auftralien als 
Parkan vorkommenden Bumerang wilder Völker verwechfelt wird, ift felber noch 
von Ifidor (4. Jahr, v., 6. und 7. Jahrh. n. Chr.) als eine Waffe der Gallier (?) an- 
geführt worden. 



' 



De mm in, Waffenkunde. 3. Aufl. 



322 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



500 wieder bevölkert und zwar zunächfl durch die Burgunder, 
deren Heerhaufen fich des Weftens bemächtigten, ferner durch die 
Alamannen, welche die Landftrecken einnahmen, die noch jetzt von 
der deutfchen Zunge beherrfcht werden, und durch die Oftgoten, 
die fich im Süden, in den Teilen niederließen, wo heute italienifch, 
franzöfifch und romanifch gefprochen wird. 

Die Burgunder gehörten einem großen und ftarken Gefchlechte 
an; die lange Angel ihrer Schwerter deutet auf eine breite und 
große Hand. Die Streitaxt und die beiden eifernen Speerklingen 
welche bei dem Dorfe Onswala (Bara-Schonen) in der Schweiz ge- 
funden wurden (f. weiter unten die Zeichnung), laffen ebenfalls an 
der abweichenden Form erkennen, daß fie einem anderen Volke als 
den Franken, wahrfcheinlich eben auch den Burgundern angehört 
haben. 

Bretonifche Schwerter waren fpäter übertrieben lang, und fogar 
länger noch als die Schwerter der Kimbern und Markomannen. 

Form und Charakter der meiften dänifchen (fkandinavifchen) 
Waffen, die im Mufeum zu Kopenhagen, als einer fog. Eifenzeit an- 
gehörig, eingeordnet find, tragen fchon die Zeichen des Mittelalters 
an fich, und nichts berechtigt dazu, fie dem eigentlichen Zeitalter 
des Eifens zuzuweifen, welches mit dem Ende des 5. Jahrhunderts, 
mit dem Falle des abendländifchen Kaiferreichs (476), als abge- 
fchloffen betrachtet werden muß. 

Übrigens find viele diefer Waffen, befonders die Schwerter in 
echtem und falfchem Damaft, deutfchen Urfprungs, d. h. Ergebniffe 
der Wikinger- (VIII. — IX. Jh.) Plünderungen. (S. weiteres darüber im 
Abfchnitt der Marken der deutfchen Waffenfchmiede.) Schon Karl 
der Kahle (840 — 877) verbot ja, Waffen an Normannen zu verkaufen, 
was berechtigt anzunehmen, daß die Anfertigung der eifernen Waffen 
in Skandinavien noch nicht fehr vorgefchritten war. 

Wie in England, fo hat auch in Dänemark die Herrfchaft des 
Eifens erft fpät begonnen und ift nur um ein weniges dem Mittel- 
alter vorausgegangen, deffen Gepräge germanifchen Charakters von 
da ab den Waffen und fonftigen Altertümern aufgedrückt ift. 

Die Bewaffnung des Kriegers hat bei den zahlreichen Zweigen 
der großen germanifchen Völkerfamilie wenig Änderung erfahren. 
Überall find als Angriffswaffen befonders beliebt der Skrama- 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 323 

fax *) — eine Art Senfenfchvvert, mit ausgekehlter Klinge und einer 
einzigen Schneide — , die Framea, d.h. der Wurffpeer und das Ger, 
derStoßfpeer, welcher letztere die Form des römifchen Pilums hatte 
oder annahm, aber mit Widerhaken, was bei den römifchen erft in 
fpäterer Kaiferzeit vorkommt, und das lange Schwert ohne Abwehr- 
ftange und Stichblatt, die nach Gullielmus Pugliefe und Nicetas 
Choniates in der Hand des Teutonen 2 ) fo furchtbare Spatha oder 
der Enfis. Der Sax war ein kleineres, wie der Skramafax, ein- 
fchneidiges Meffer (f. S. 58 u. 32). 

Das nicht feiten mit dem in Runenfchrift eingegrabenen Namen 
feines Eigentümers bezeichnete große Schwert hat eine wichtige 
Rolle in dem Leben diefer Völker gefpielt, welche ihren durch vor- 
zügliche Harte berühmten Waffen Eigennamen beizulegen pflegten. 
So unter anderen: der Mi mung Wielands; der Balmung Siegfrieds; 
die Durndart oder Durnadal Rolands; der vergiftete Hrunting 
(Beowulf); der Dainleif Hagens, des Vaters der Gudrun; derTry- 
fing, die Waffe des Swafrlamis; der Miftelftein, der 2400 Männer 
vernichtete; die Skeop Liufiogi und Hwittin-gi, aus der däni- 
fchen Gefchichte des Saxo Grammaticus; die Joyeufe Karls des 
Großen; der Almace des Turpin; der Alte der Oliviers; der 
Chlaritel Englirs; die Preciofa des Königs Poligan; die Joyeufe 
Oraniens; der Mal Rothers; der Calibarn des Königs Artus und 
der englifche Querfteinbeis Hakons, der wie fein Name andeutet, 
wirklich Steine zerbiß, da er mit einem Hiebe den ungeheuren Mühl- 
ftein entzwei fchlug; der Dan isleif König Hognis von Südfchweden, 
die Balifade Rüdigers (Rafender Roland); der Eckefahs oder 
Sahs Dietrichs von Bern; die Fineguerre Gerards v. Nevers; der 
Floberge Bejous; die Florence des Fier de Bras; der Freifant 
und der Brinnig Hildebrands; der Fusberta Reinholds (Rafender 
Roland); der Hauteclaire Pippins; der Lovi Biarkos; die Mer- 
veilleufe Doolins von Mainz; der Mulagir oder Murgall oder 



t) Siehe die Etymologie diefes Wortes S. 57. Dar Skramafax fcheint fich bis 
fpät erhalten zu haben, da in Eckhard I „Waltharius manu fortis" v. X. Jh. noch 
davon die Rede ift: 

Gürtet die Hüfte links mit doppelfchneidigem Schwerte 
Und nach pannonifchem Brauche die rechte zugleich mit dem zweiten, 
Welches mit einer Seite nur fchlägt die tödlichen Wunden. 
2 ) Die in Deutfchland gefundenen Schwerter meffen gewöhnlich 90—95 cm und 
haben eine abgerundete Spitze, während das auf gallifchem Boden gefundene fränkifche 
Schwert gewöhnlich 70—75 cm m'fst und einen fpitzeren Ort hat. 



-«24. Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 

Minnene Ganelons; der Nagelring Heimes; die Serracine Bruna- 

mons; der Recuit Alexanders; die Wasce oder Wafche Walters 

von Spanien; der Weifung oder Wolfung von Biterwolf und deffen 

Sohn Dietlieb; endlich der Tyrfing der gewaltigen nordifchen Saga, 

auf deffen breiter Klinge in Runen eingegraben ftand: 

„Draw me not, except in fray 
Drawn I pierce, and piercing slay" 

muß hier erwähnt werden (f. im Abfchnitt der Schwerter die Namen 

der Schwerter Mohammeds). 

Durch Grabfunde, befonders den Mittelrhein entlang, ift die 
Bewaffnung der Franken die einzige unter den germanifchen Stäm- 
men, welche einigermaßen vom Anfange der fogenannten Eifenzeit 
feftgeftellt werden kann. Diefer Volksftamm hatte bekanntlich nach 
der Schlacht von Zülpich (496 n. Ch.) da die anfäffigen Alamanen, 
welche ihrerfeits bereits im III. Jh. n. Ch. die Römer vertrieben, 
zurückgeworfen. Der Franke war mit dem Ger genannten Stoß- 
fpeer, welcher die Form des römifchen Pilum angenommen, aber 
hier mit Widerhaken verfehen, und dem Framea genannten breit- 
eifigen Wurffpeer, einem zweifchneidigen Schwert, einem einfchnei- 
digen Dolch- oder Haumeffer, dem Skramafax, dem kleinen Sax 
genannten Meffer, dem langgefchweiften Wurfbeil, der Franziska 
und einem runden mit Buckel und Handfaß verfehenen Schilde be- 
waffnet. Auch Helme wurden, wie bereits angeführt, von Anführern 
getragen, da ja u. a. bekanntlich Chlotar IL (v. 584) und Dagobert 
(v. 622 ab) behelmt waren. Wahrfcheinlich beftanden die meiften 
germanifchen Helme diefer fogenannten Eifenzeit anfänglich aus 
den Eifenkreuzen, wovon in der Lex Franc. Ripuar. (511 — 536) 
T. XXXVI, § 11 die Rede ift. S. darüber S. 56, fowie 261 — auch 
Nr. ia im Abfchnitt der Helme folche Helmgeftelle. 

Die Germanen, befonders der fränkifche Stamm, waren auch 
die einzigen unter den Europäern, welche das Taufchieren von 
Silber in Eifen kannten und betrieben, wie die von ihnen 
hinterlaffenen herrlichen Arbeiten, befonders an Pferdegefchirren 
und Gürtelfchnallen beweifen. Griechen wie Römern fcheint diefe 
Kunft gänzlich fremd gewefen zu fein; nichts derartiges ift von ihnen 
bekannt. Da folche Taufchierarbeit aber in Perfien, mehr noch in 
Indien, felbft in den älteften Zeiten, betrieben wurde, fo ift anzu- 
nehmen, daß diefe Werkweife eine Überlieferung der germanifchen 
Vorfahren, der Indogermanen war. Daß diefe filbertaufchierten 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 325 

Arbeiten der Merowinger (Franken) und nicht der Karlinger Zeit 
angehören, ift feftgeftellt, da in den Gräbern des letzteren Zeitab- 
fchnittes keine Beigaben oder Ausftattungen mehr vorkommen. 

Eigentümlich ift, daß das Schwert und der Degen im Norden 
fächlichen und männlichen Gefchlechts ift, während ihn der Südländer 
dem weiblichen Gefchlecht zuteilt. Diefe Waffe, die unter den 
Merowingern viel kürzer als zur Zeit der Ritterherrfchaft war, fpielt 
eine wefentliche Rolle bei jener Frevelthat Chlotars II. (v. 615), 
den die Gefchichte anklagt, daß er alle befiegten Sachfen, Männer, 
Frauen und Kinder, die die Höhe feines Degens überragten, habe 
umbringen laffen. Der Skramafax, obwohl der Name durchaus 
fächfifch ift und von diefem Sax der Name der Sachfen abgeleitet 
wird, ift kaum in einem fächfifchen Grabe, wie überhaupt nicht in 
den Gräbern Norddeutfchlands angetroffen worden. Es fcheint, als ob 
diefe Waffe vorzugsweife bei den burgundifchen, alamannifchen und 
fränkifchen Stämmen eingebürgert gewefen fei. Was die Streitäxte 
der Sachfen anbelangt, fo waren diefelben kürzer und breitfehnei- 
diger als die der Franken. 

Die je nach den germanifchen Stämmen in ihren Formen ab- 
weichenden Äxte, unter denen die Franziska der letzten Eroberer 
Galliens eine der bekannteften ift, bildeten die für die germanifchen 
Völker am meiften charakteriftifche Waffe; diefe Äxte finden fich 
fowohl in Skandinavien, als auch in Großbritannien wieder, wohin 
fie von Dänen und Sachfen gebracht worden waren. 

Die Irländer bezogen auch fchon, Geraldus Cambrenfis (Girald 
Barry f 1220) nach, ihre Äxte von Norwegen, ebenfo wie König 
Knut der Große (1014 — 1036) noch. Bei den Wikingern war die 
Axt wohl die altzeitigfte Angriffswaffe. 

Für das Studium der Bewaffnung aller diefer fogenannten bar- 
barifchen Völker find fehr wenige Urkunden vorhanden, und diefe 
haben überdem nur auf die Franken Bezug. Alles, was fich an 
authentifchen Waffen aus dem Ende der Merowingerherrfchaft noch 
vorfindet, ift die Franziska und das Schwert Childerichs I., die im 
Louvre aufbewahrt werden. Das Karl dem Großen zugeichriebene 
Schwert nebft Sporen bilden wahrfcheinlicherweife die einzigen 
authentifchen Waffen, die aus den erften Zeiten der Karlinger 
noch übrig find. 

Wikinger-Schwerter aus der karlingifchen Zeit find indeffen in 




326 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



Norwegen und Schweden gefunden worden (Mufeum zu Bergen u. a.) 
wovon weiterhin die Abbildungen und Marken. 

Die Handfchriften, deren Malereien immerhin einige Auskunft 
geben könnten, gehen bis zur Regierungszeit Karls des Kahlen 
(840 — 877) zurück. Jedoch find die Buchmalereien der Bibel diefes 
Königs wenig zuverläffig und fcheinen lediglich das Produkt künft- 
lerifcher Phantafie zu fein, infofern fie den auf einem Throne fitzen- 
den König von Wachen umgeben darftellen, die geradezu römifches 
Koftüm tragen ; die ledernen Panzerriemen und die übrigen Stücke 
gleichen fo ziemlich der Ausrüftung der Prätorianer. Der Codex 
Aureus zu St. Gallen, der Deckel des Antiphonariums St. 
Gregors, die Leges Longobardorum der Stuttgarter Bibliothek, 
die Weffobrunner Handfchrift der Bibliothek zu München von 
810, die Flachbildnerei der Kirche St. Julien in Brioude und einige 
andere Urkunden und Denkmale flehen übrigens mit den Abbil- 
bildungen der Bibel im Widerfpruch. 

An Bildnereien, welche zur Feftftellung der karlingifchen 
Bewaffnung dienen können, find außer dem Becher der Kirche 
zu Brioude (Haute-Loire) noch Karls des Großen im Parifer Me- 
daillenkabinett aufbewahrte Schachfiguren vorhanden. Davon weiter- 
hin abgebildete Fußvolk- und Reiterfiguren ftellen feft, daß die 
Bewaffnung bereits eine weit vorgefchrittene war. 

Späterhin ift weder eine gefchichtliche noch archäologifche Spur 
mehr zu entdecken, bis hundert Jahre nachher das Martyriolo- 
gium aus dem 10. Jahrhundert, eine Handfchrift der Stuttgarter 
Bibliothek, fowie auch die Flachbildnerei des Reliquienkaftens 
der Schatzkammer von St. Moritz aus dem 9. Jahrhundert den 
Krieger in derfelben Bewaffnung zeigt, wie die Bayeuxer Tapete 
aus dem Ende des II. Jahrhunderts. 

Den Befchreibungen einiger Schriftfteller (Sidonius Apollinaris. 
gegen 450 unferer Zeitrechnung; Procop, Agathias, Gregor von 
Tours u. a.), fowie den in den merowingifchen Begräbnisplätzen 
vorgenommenen Nachgrabungen ift es zu verdanken, daß man den- 
noch imftande ift, die ehemalige Bewaffnung der Franken faft voll- 
ftändig wieder herzuftellen. Wie bei der Mehrzahl der anderen 
germanifchen Stämme derfelben Zeit, beftand auch bei ihnen die 
Schutzrüftung nur aus dem kleinen runden, konvexen Schild 
mit Nabel, von 50 cm Durchmeffer, der aus Holz gemacht und mit 
Haut überzogen war. Es find aber doch auch einige Helme und 



Waffen aus der Elfenzeit der abendländifchen Völker. 



327 



Panzer 1 ) gefunden worden. Der gemeine Krieger hatte einen Teil 
feines Kopfes, wie der Chinefe, kahl gefchoren; den Überreft feines 
grellrot gefärbten Haares trug er geflochten auf dem Stirnteile über 
einander gelegt, fo daß auf diefe Weife eine Art den Helm erfetzen- 
der Kopfbedeckung gebildet wurde, die gewöhnlich mit einer Leder- 
binde umgeben oder mit dem Eifenkreuze 2 ) bedeckt war. Seine 
Angriffswaffen beftanden, wie fchon angeführt, aus dem Ger ge- 
nannten Stoßfpeere, welcher dem Pilum der Römer glich, aber 
Widerhaken hatte, was bei diefem erft in der Kaiferzeit nachgeahmt 
worden war; dem Framea genannten Wurffpeere (dem altzeitigen 
jaculum, fr. javelot), welcher anfangs die ohne Grund mit Kelt 
bezeichnete breitfchneidige Spitze hatte, der länglich geformten 
Franziska benannten Streitaxt, dem Schwert 3 ) ohne Abwehr- 
ftange, dem langen einfchneidigen vom Langfax abftammenden 
Skramafax genannten Senfenfchwert und dem Sax, einem kleinen 
Meffer fowie dem Bogen, welcher letztere aber meift nur zur Jagd 
dient, da Franziska und Framea die eigentlichen Kriegswurf- 
waffen waren (f. S. 54 — 59). 

1. Germanifche Frameaklinge aus 
Eifen und mit Ring und Zapfen, Kelt 
genannt, 28 cm lang. — Nationalmufeum 
zu München. 

2. Germanifche Frameaklinge mit 
Tülle aus Eifen, 28 cm lang, mit dem Über- 
reft der Schaftfpitze, 10 cm lang, in einem 
der Gräber von Hallftadt gefunden. — 
Sammlung Az in Linz. 

3. Germanifche Frameaklinge aus 
Eifen mit Lappen, 28 cm lang, id. 

4. Germanifche Frameaklinge mit 
Querfpitzen aus Eifen, 28 cm lang. — 
Ein anderes Exemplar derfelben Herkunft 




SEsmssat^ 




') U. a. ein alemannifcher, S. 251 die Abbildung davon. 

2 ) Wohl der altzeitigfte germanifche Helm. 

3 ) In germanifchen fowie auch in fkandinavifchen Gräbern find Schwerter gefunden 
worden, deren Klingen zufammengedreht waren. Sollte dies nicht eine Anfpielung auf 
die beendigte Laufbahn ihrer Träger gewefen fein? Eine diefer Klingen ift weiterhin 
abgebildet. Man glaubt aber auch, dafs folche Zufammenbiegungen nur deshalb ftatt- 
fanden, um die Klinge zur Vermeidung der Grabberaubung unbrauchbar zu machen. 



328 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 






befindet fich im Antikenkabinett zu 
Wien, ein drittes, in Lüneburg ge- 
funden, im Mufeum zu Hannover. 

5. Germanifche Frameaklinge 
mit Tülle aus Eifen, 28 cm lang, aus 
dem Gräberfelde von Hallftadt her- 
rührend. — Sammlung Az in Linz. 

6. Germanifche Frameaklinge 
mit Tülle aus Eifen; es befindet fich 
daran ein Ring, wie an den Speer- 
klingen, die man Kelt nennt, fie 
mißt 36 cm und rührt aus den Grä- 
bern von Hallftadt her. — Antiken- 
kabinett zu Wien. 

7. Kleines germanifches Schwert, 
40 cm lang, mit eiferner Klinge und 
bronzenem Griff, ebenfalls in den 
Gräbern von Hallftadt gefunden. — 
Antikenkabinett zu Wien. 

8. Germanifches Sax 1 ) genanntes 
einfchneidiges Kriegsmeffer aus 
Eifen, 36 cm lang, in einem Grabe in 
Bayern gefunden. Diefe Waffe hat 
faft die Form des Parazonium. — 
Mufeum zu Sigmaringen. 

9. Germanifches Sax oder 
Achat genanntes kleines Kriegs- 
meffer aus Eifen, 34 cm lang, in 
Ringenbach gefunden. — Mufeum 
zu Sigmaringen. 



l ) Solche Meffer, die bedeutend kleiner find wie die gemeinlich 50—60 cm langen 
Skramafaxen werden mit dem Namen Sax bezeichnet und kommen auch von Bronze 
ror. In der Rofenbergfchen Sammlung (Germanifches Mufeum zu Nürnberg) befindet 
fich ein folcher 24 cm meffender Bronze-Sax mit durchbrochenem Griff, welcher zu Unter- 
frieden in Franken gefunden worden ift. Andere folcher Sax verfchiedener Länge flammen 
aus dem Friedhofe von Bellicau in der Schweiz, aus Selzen am Rhein u. d. m. S. weiteres 
S. 57 n. 58. 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



329 



10. Germanifches Sax oder Achat ge- 
nanntes Kriegsmeffer aus Eifen, 28 cm 
lang. — Bayer. Nation almufeum zu Mün- 
chen. 

11. Kurzes Senfenfchwert oder fränki- 
fche Semifpatha aus Eifen, Skramafax 
genannt. Diefe Waffe hat nur eine Schneide 
mit Auskehlungen, die durch Fugen (Blut- 
rinnen) an dem Rücken hervorgebracht 
find. Einfchließlich der Angel mißt fie 
62 cm und ift bei Chälons gefunden wor- 
den. — Nr- E. 19 im Artillerie-Mufeum zu 
Paris. 

Die bedeutende Länge, welche die 
Angeln (Griffe) der in der Schweiz und 
Deutfchland gefundenen Skramafaxe 
haben (15 bis 25 cm), hat Dr. Keller in 
Zürich auf die Vermutung gebracht, daß 
es keine Waffe, fondern ein für zwei Hände 
beftimmtes Hackmeffer zur Bearbeitung 
des Holzes fei. Dies ift jedoch nicht fo, 
es ift der wirkliche Skramafax der Franken 
und anderer germanifcher Völkerfchaften. 
da diefe Waffe häufig in den Gräbern der 
Krieger neben dem langen Schwerte ge- 
funden worden ift. 

12. Eiferner Skramafax, 46 cm lang, 
in der Schweiz gefunden. — Sammlung 
des Verfaffers. Einer diefer aus Mannheim 
herrührenden Skramafaxen befindet fich 
im Tower zu London, T £ T . Auch das 
Mufeum zu Genf befitzt folche Waffen, 
die in einem Grabe zu Bellecau (Kanton 
Waadt) gefunden worden find. Im Mufeum 
zu Laufanne andere, deren Angeln (Hand- 
haben) 15 cm meffen und auf die burgun- 
difche Raffe zu deuten fcheinen. Ein 
Skramafax des Mufeums zu Wiflisburg, 
der in diefer Stadt felbft ausgegraben 



330 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



wurde, könnte leicht ins dritte Jahrhun- 
dert hinaufreichen, da im Jahre 264 die 
Alamannen in dies Land eindrangen und 
Aventicum von Grund aus zerftörten. 
Auch in Grüningen - Windifch ift eine 
folche Waffe gefunden, die im Mufeum 
zu Zürich autbewahrt wird; die Angel 
derfelben mißt 22 cm. Ein in Hohen- 
zollern gefundenes Exemplar befitzt das 
Mufeum zu Sigmaringen; der 25 cm 
meffende Griff ift aus Kupfer und mit 
einer hölzernen Hülfe verfehen, die mit 
Leinwand und Lederriemen bewickelt ift; 
die Klinge mißt 40 cm, was im ganzen 
'65 cm ausmacht. Ein am Rhein bei 
Bingen gefundenes Skramafax in des 
Verfaffers Sammlung mißt — Klinge 34, 
Angel 24 cm. 

13. Skramafax aus Eifen, deffen 
Klinge 38 cm und deffen Angel 22 cm 
mißt. Diefe zu Wulflingen gefundene 
und im Mufeum zu Sigmaringen aufbe- 
wahrte Waffe zeichnet fich vor anderen 
derfelben Gattung dadurch aus, daß fie 
am Oberteil der Scheide mit einem 
kleinen Meffer (dem Sax) verfehen ift. 

14. Germanifches Schwert aus Eifen, 
94 cm lang, deffen Klingenfpitze (Ort) 
abgerundet wie die römifche Spatha und 
in Langeneslingen gefunden ift. — Mu- 
feum zu Sigmaringen. Ahnliche Schwerter, unter denen einige 
über einen Meter lang waren, find im Begräbnisplatz zu Selzen bei 
Nierftein gefunden worden, wo infolge von Nachgrabungen achtund- 
zwanzig Gräber aufgedeckt wurden, die fämtlich Skelette enthielten; 
und zwar lagen in manchen, neben diefen langen Schwertern, noch 
Streitäxte fächfifcher und fränkifcher Form. (S. S. 336 u. 
337 beide Formen.) 

14. Bis. Eifernes germanifches Schwert von 95 cm Länge 
und 5 cm Breite ohne Abwehrftange und mit fpitzem Ort. Der 




Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



331 



H 



ti 



ebenfalls eiferne Griff mit eifernem Knauf mißt 16 cm — die Klinge 
alfo 77 cm. Da in demfelben Grabe zu Andernach unter den 
fonftigen Funden fich auch eine Streitaxt in fächfifcher Form 
(alfo keine Franziska) befand, fo kann dies Schwert wohl einem 
fächfifchen Krieger zugefchrieben werden. — Germanifches Mufeum 
zu Nürnberg. 

Der Codex Aureus von St. Gallen, aus d. 8. Jahrh., fowie 
viele angelfächfifche Handfchriften des 9. bis II. Jahrhunderts zei- 
gen diefelbe nicht fpitze Schwertform in ihren Kleinmalereien. 

15. Fränkifches Schwert aus der Zeit der 
Merowinger, 73 cm lang, mit fcharfem Ort, in 
der Mofel gefunden. — E. 14 im Artillerie- 
Mufeum zu Paris. Ähnliche Schwerter find den 
Gräbern von Fronftetten entnommen worden. 

16. Schwert ohne Abwehrftange oder 
Stichblatt aus dem Grabe Childerichs I. (457 — 481), 
das im Louvre aufbewahrt wird. Bei der Schäf- 
tung diefer merowingifchen Waffe hat ein Ver- 
fehen ftattgefunden. Von dem mit ihrer Wieder- 
herftellung beauftragten Waffenfchmiede ift. das 
Stichblatt vermitteln des Knopfes verdoppelt 
worden. Diefer Knauf muß nämlich am Ende 
der Hülfe fitzen, wie man es in Handfchriften 
und auch hier bei der Zeichnung Nr. 17 ange- 
geben findet. Derfelbe Irrtum ift im Artillerie- 
Mufeum bezüglich einer fränkifchen Spatha 
begangen worden. Im Medaillenkabinett zu 
Paris befindet fich der Abguß eines ähnlichen, 
vielleicht derfelben Epoche angehörenden 
Schwertes, deffen Totallänge 90 cm ift und 
vom Schlachtfelde bei Pouan, Departement der 
Aube herrührt. Das Stichblatt diefes Schwertes 

t 1 H geht kaum über die fehr breite und fpitze Klinge 

hinaus. 




17. Merowingifches Schwertgefäß, 
handfchriftlichen Urkunden. 



nach 



18. Knauf eines Schwertes, gleichfalls dem 
Childerich zugefchrieben. 



332 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



19. Germanifcher Schwertgrifif, bei 
Peiting in Bayern gefunden. 

20. Germanifches oder flavifches, 
am Orte (Spitze) eckiges Schwert aus 
dem 6. Jahrhundert, nach der Flachbild- 
nerei eines Diptychon, welches fich in der 
Schatzkammer des Domes zu Halberftadt 
befindet. Die außerordentliche Länge des 
Griffes erinnert an die in der Schweiz ge- 
fundenen burgundifchen Schwerter. (Siehe 
die folgende Nr. 21.) 

Es fei hier nochmals wiederholt, was 
bereits im gefchichtlichen Abfchnitte über 
die Wortableitung der fonderbaren, Skra- 
mafax genannten Waffe angegeben ift. 
Sax heißt fo viel als Stutzfäbel oder 
Meffer; fcrama läßt fich ableiten von 
fcramma, ein abgegrenzter Kampfplatz 
für griechifche Kämpfer, oder auch von 
scarsan (fcheren), woraus das Hauptwort 
Schere abzuleiten ift. Skramafax, Zwei- 
kampfmeffer oder Schermeffer. Mit Lang- 
fax wurde das noch längere einfchneidige 
Schwert bezeichnet, wie mit Sax oder 
Achat das einfchneidige Meffer. 

21. Burgundifches Schwert ohne 
Stichblatt aus Eifen, 98 cm lang, ein- 
fchließlich der Angel, die fehr lang ift 
und auf ein kräftiges Gefchlecht mit brei- 
ten Händen hinweift. Das Artillerie-Mu- 

feum zu Paris befitzt unter D. Nr. 42 die Abgüffe von elf fol- 
chen zu Tiefenau in der Schweiz auf einem Schlachtfelde gefunde- 
nen Schwertern, die in dem Werke Troyons abgebildet find, wo 
fie jedoch nicht unter den Waffen der Pfahlbauten hätten 
aufgeführt werden follen. Das Mufeum zu St. Germain befitzt 
ähnliche Schwerter, die im See von Neufchätel gefunden worden 
find und die Sammlung Zfchille ein in Niederbayern gefundenes. 
22. Germanifcher Dolch aus der Zeit der Merowinger, 42 cm 




Waffen aus der Evfenzeit der abendländischen Völker. 
24 Bis. 



333 




lang, in einem Grabe zu Hettingen 
gefunden und im Mufeum zu Sig- 
maringen aufbewahrt. 

23. Germanifcher Dolch aus 
der Zeit der Merowinger, 41 cm lang, 
zu Rothenlachen gefunden und im 
Mufeum zu Sigmaringen aufbewahrt. 
Diefe Form ift über 800 Jahre bei- 
behalten worden, denn fie kommt 
noch im 15. Jahrhundert vor. 

24. Germanifches Schwert 
ohne Stichblatt aus Eifen, 85 cm 
lang, aus den Gräbern von Hallftadt 
herrührend. — Antikenkabinett zu 
Wien. (S. bezüglich der Klingen- 
fpitze die Bronzewaffen und die 
römifche Spatha). 

24. Bis. Germanifches eifer- 
nes Meffer (Sax?) mit bronzenem 
Griff und Scheide (Klinge 18 cm, 
Griff 10 cm.) aus fpätfränkifcher d. h. 
aus merowingifcher Zeit (418 — 752). 
Fundort zwifchen Innsbruck und 
Meran. — Sammlung Zfchille. 

25. Germanifches Dolch- 
meffer (Sax?), 33 cm lang, aus 
der Zeit der Merowinger, in einem 
Grabe bei Sigmaringen gefunden 
und im Mufeum dafelbft aufbe- 
wahrt. Ein wegen der Form felte- 
nes Exemplar; ein ähnliches befin- 
det fich im bayerifchen National- 
mufeum zu München. 



334 




vCiv 



Waffen aus der Etfenzeit der abendländifchen Völker. 

25 I und II. Speereifen, 40 cm, 
deren Form bereits auf das Mittelalter 
hinweift, obfchon diefe Waffe in einem 
Pfahlbau der Schweiz, bei Les Tenes, von 
Desor gefunden worden fein foll. 

25 III. Fränkifche eiferne Waffe mit 
Ring zum Anhängen, in der Form des 
Säbelhackmeffers vom XV. Jahrh., aus 
einem Grabe bei Gau-Allgesheim. — Mu- 
feum zu Mainz. 

25 IV. In einem germanifchen Grabe 
gefundene eiferne Speerenfpitze. — 
Mufeum zu Wiesbaden. 

25 V. Germanifches 2 / 3 m langes 
Schwert, deffen Grift mit doppeltem 
Stichblatt, aber nur 8 3 / 4 cm mißt, alfo 
eine fehr kleine Hand bekundet' Der 
Form des Griffes, befonders der dreilap- 
pigen Abwehrftangen nach wäre die Waffe 
dem 13. Jahrhundert zuzufchreiben. 
Statt der gewöhnlich folchen Degen eige- 
nen Blutrinne hat hier die Klinge eine 
Kante. Das Schwert foll zufammenge- 
dreht in einer Afchenurne (?) eines 
Grabes der Eifenzeit bei Guffefeld in der 
Altmark mit Glasperlen gefunden worden 
fein. S. darüber S. 165. «Mitteilungen 
des Thüringer Altertumsvereins», den 
Auffatz von Förftemann. Halle 1835. V. 
II C. L. P. 108. und die Anmerkung hier 

S. 327- 

26. Sechs verfchiedene germanifche 
Pfeilfpitzen aus Eifen, Zeitalter der 
Merowinger. — Mufeum zu Sigmaringen. 

27. Zwei vergiftete Pfeilfpitzen ii 
natürlicher Größe. — Mufeum zu Sigma- 
ringen. 




Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



335 



~*%$mm»^^~ 




32 Bis. 3 2 Ter, 




32 I". 





28. Zwei germanifche Wurf- 
pfeilfpitzen im Fürftentum Hohen- 
zollern gefunden und im Mufeum 
zu Sigmaringen aufbewahrt. 

29. Fränkifches Stoßfpeer- 
oder Gereifen in der römifchen 
Pilumform aber mit Widerha- 
ken, welches von den Römern unter 
dem Kaiferreiche angenommen wor- 
den fein foll. — E. 23 Artillerie- 
Mufeum zu Paris. 

30. Späteres fränkifches Wurf- 
fpeer- oder Frameaeifen, wel- 
ches nicht mehr die Form des fo- 
genannten Kelts, fowie die des 
noch fpäteren Ahlfpeereifens hat 
— E. 7. Artillerie-Mufeum zu Paris. 

31. Wie Nr. 30. Es ift 39 cm 
lang und in einem Grabe zu Selzen 
(Heden) gefunden. 

32. Burgundifches Wurf- 
fpeer- oder Frameaeifen, 34 cm 
lang, in dem Dorfe Onswala (Bara- 
Schonen) in der Schweiz gefunden 
und im Mufeum zu Lund in Schwe- 
den aufbewahrt. Ein ähnliches, 
nur etwas kürzeres Eifen ift in 
dem Grabe Childerichs I. (457 bis 
481) gefunden worden und befindet 
fich im Louvre. 

32. Bis. Fränkifches Speereifen 
mit nach der Spitze gekehrtem 
Widerhaken (lat. m o ra), aus einem 
Frankengrabe bei Andernach. 

32. Ter. Fränkifche (?) Senfen- 
waffe mit Haken. Fund bei Mert- 
loch. Germanifches Mufeum zu 
Nürnberg. 

32. III. Fränkifches fpäteres aus 



336 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



den Gräbern von Beffungen flammendes Framea- oder Wurffpeer- 
eifen, deffen Doppelhakenfpitzen nicht, — wie die römifche 
Mora und das davon abflammende Speereifen, 32 Bis. hier vorher- 
gehend — nach der Spitze, fondern nach der Stange geneigt find. 
— Großherzogliches Privatkabinett zu Darmftadt. 

32 IV. Germanifches Silber taufchirtes 
Framea- oder Wurffpeereifen mit Runen- 
zeichen, aus einem gehügelten Verbren- 
nungsgrabe vom IV. Jahrh. in Granowko bei 
Liffa, Provinz Pofen. Abbildung */ 4 natür- 
licher Größe. Die darauf befindlichen Zei- 
chen find nicht zu entziffern. 

33. Überreft eines germanifchen (ala- 
mannifchen?) Bogens aus Holz, in einem 
Pfahlbau der Schweiz gefunden. Diefer Teil 
mißt 105 cm, was für den ganzen Bogen fafl 
2,30 m ausmachen würde. 

33 a. Germanifche Streitaxt, fäch- 
fifche Form, in dem fränkifchen Begräb- 
nisplatz zu Selzen (Heffen) gefunden, wo- 
felbft Lindenfchmit im Jahre 1848 achtund- 
zwanzig Gräber unterfuchte. Die Refultate 
diefer Nachforfchungen find von ihm ver- 
öffentlicht worden. — Mufeum zu Mainz. 

Ein ganz ähnliches, in einem Grabe zu 
Andernach gefunden, befindet fich im Ger- 
manifchen Mufeum zu Nürnberg. 

34. Germanifcher Bogen aus der 
Regierungszeit der Merowinger, in einem 
Grabe am Lupfen bei Overflucht gefunden. 
Er ift von Eibenholz und mißt 1,70 m. 

34 a. Germanifche Streitaxt, fäch- 
fifche Form, 16 cm lang, im Departement 
der Mofel gefunden. — E. 5 im Artillerie- 
Mufeum zu Paris. 

35. Germanifche Streitaxt, fäch- 
fifche Form, 24 cm lang. — Mufeum zu 
St. Germain und Sigmaringen. Sammlung 
Zfchille. 





35 




Waffen aus der,Eifenzeit der abendländischen Völker. 



337 










H 



36. Alamannifche Streitaxt, fäch- 
fifche Form, in der Schweiz gefunden. 
Antikenkabinett zu Zürich. 

37. Angelfächfifche Streitaxt, ganz 
ähnlich der fächfifchen, in der Themfe ge- 
funden. T ^ r im Tower zu London. 

38 u. 39. Alamannifche Streitaxt aus dem 
Ende der Merowingerherrfchaft. — Mufeum 
zu Sigmaringen. 

40. Germanifche Streitaxt, 16 cm 
.lang. — Mufeum zu München. 

41. Kleine germanifche Streitaxt, zu 
SchHeben in Sachfen gefunden. — Samm- 
lung Klemm in Dresden. 

42. Streitaxt, allem Anfcheine nach eine 
britifche (pole-axe), die in der Themfe 
gefunden wurde. — y^- im Tower zu Lon- 
don. 

43. Burgundifche Streitaxt, ähnlich der 
Franziska, 42 cm lang, zu Onswala (Bara 
Schonen) in der Schweiz gefunden. — Mu- 
feum zu Lund in Schweden. 

44. Fränkifche Streitaxt, Franziska ge- 
nannt, gefunden zu Envermeu, Artillerie- 
Mufeum zu Paris. Andere bei Augsburg 
(Mufeum zu Augsburg); zu Selzen in Heffen 
(Mufeum zu Mainz); in Hohenzollern (Mu- 
feum zu Sigmaringen) gefunden. Ein 
Exemplar diefer Axt, das fich im Tower- 
Mufeum zu London befindet, wird dort 
taper-axe genannt. Das Louvre befitzt 
die Franziska Childerichs I. Andere in der 
Sammlung des Verfaffers. 



44 a. Komplizirtere Franziska, Gips- 
abguß im Muf. zu Mainz. 

Dem min, Waffenkunde. 3 Aufl. • 22 




338 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 
44 Bis. 



44. Bis. Abart der Franziska, Wurf- 
axt, wahrfcheinlich vom 7 — 8. Jahrh., 
welche zu Kaltenengers gefunden und 
im Germanifchen Mufeum zu Nürnberg 
aufbewahrt ift. 





44 "• 




44 I. Germanifche eiferne, bei La Tene 
in der Weftfchweiz von Deffor gefundene 
Hammerftreitaxt. 

44 II. Germanifche eiferne bei La 
Tene gefundene hammerlofe Streitaxt 
mit offener keltenartige Tülle. 

44 "I- 




K 




44 in. Germanifche eiferne grade hammerlofe Streitaxt 
von La Tene in der Weftfchweiz. 

45. Eifernes Rundfchildnabelge- 
ftell eines fränkifchen Schildes 1 ), gefun- 
den zu Londinieres und von dem Abbe 
Cochet befchrieben. Ähnliche Schild- 
nabelgeftelle, aus Nachgrabungen im Für- 
ftentume Hohenzollern herrührend, werden 
im Mufeum zu Sigmaringen aufbewahrt. 

') Diefe Schildform fcheint auch bei den Sachfen im Gebrauch gewefen und felbfl 
von diefem germanifchen Stamme bis ins 14. Jahrh. beibehalten worden zu fein. Man 
lieft im „Sachfenfpiegel" (mit Abbildungen verfehene Handfchrift der Wolfenbütrler 
Bibliothek), „dafs diefer aus Holz und Leder beftehende Schild einen eifernen Buckel 
hatte". Gleiches findet man im Kampfgedicht der Nürnberger Burggrafen (Jungen, 
Miscell. I. 177), „auch Schilde wie die der Franken". Die fächfifchen wie die angel- 
föchfifchen Rundfchilde (f. Nr. 50 u. 51, S. 339 ebenfo wie die dänifchen Schilde der 




Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



339 






46. Fränkifcher Rundfchild, 
gewölbt, von 50 cm Durchmeffer, aus 
Holz mit Haut überzogen und mit eifer- 
nem Schildnabel von 17 cm Durchmeffer. 
Nach einem wieder hergeftellten und im 
Artillerie-Mufeum zu Paris befindlichen 
Schilde gezeichnet. 

47. Angelfächfifcher Rund- 
fchildnabel (fr. ombilic), aus Eifen, 
in Lincolnfhire gefunden und in der 
Sammlung zu Goodrich Court aufbewahrt 

48. Germanifcher (fränkifcher) 
Schildnabel aus Eifen, in Selzen 
(Heffen) gefunden. Ähnliche in dem 
Mufeum zu Mainz, Wiesbaden, fowie in 
des Verfaffers Sammlungen. 

49. Germanifcher Schildnabel 
aus Eifen, wie fie in Bayern gefunden 
find und im Maximilian-Mufeum zu 
Augsburg aufbewahrt werden. 

Mehrere Schildnabel diefer felben 
Form, dem Darmftädter und dem baye- 
rifchen Nationalmufeum in München an- 
gehörend, find in Gräbern gefunden 
worden, welche bis in das 6. Jahrh. 
hinaufreichen. 

50. Angelfächfifcher Schil]dna- 
bel aus Eifen. 

51. Germanifcher (fach fif eher?) 
Schildnabel aus Eifen, zu Grofchno- 
witz (Oppeln) gefunden und im Mufeum 
zu Berlin aufbewahrt. Ein ähnlicher, in 
Lüneburg gefundener Schildnabel ge- 
hört dem Mufeum zu Hannover an. — 
Nr. 492 im Mufeum zu Kopenhagen 

erften Eifenzeit (f. Nr. 9, S. 344) hatten gemeinlich einen fpitzen trichterförmigen Nabel, 
alle aber auch, wie einige römifche Schildarten, nur einen, unter dem Nabel befind- 
lichen Handgriff. 

22* 






340 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 





5 a Bis 




52 Ter 




52 in. 



0^ 



53 



HU- 




n 



*4f 



y 




findet man diefelbe Gattung von Waffen- 
bruchftücken. 

52. Germanifche Schildnabel aus 
^> Eifen, im Mufeum zu Sigmaringen auf- 
bewahrt. 

52. Bis. Eiferner langobardifcher 
Rundfchildnabel mit aufgenieteter 
Bronzeverzierung aus einem langobar- 
difchen Grabe zu Mailand (von 526 — 
788?). Die Form folcher langobardi- 
fcher Schilde war alfo gleich den der 
Franken und hatte, wie diefe und mehrere 
römifche Schildarten, nur einen unter de m 
Nabel befindlichen Handgriff. — Germa- 
nifches Mufeum zu Nürnberg. 

52. Ter. Germanifcher eiferner äuße- 
rer Schildbefchlag (ftatt des gewöhn- 
lichen runden Buckels), von Deffor bei 
LaTene in der Weftfchweiz gefunden. 

52 III. Germanifche eiferne Schild- 
handhabe, bei La Tene, in der Weft- 
fchweiz von Deffor gefunden. 

Es ift dies die einzige bis jetzt ge- 
fundene Handhabe folcher germanifcher 
Schilde. 

53. Bruchftück eines eifernen, in der 
Schweiz gefundenen Panzers l ), der wahr- 
fcheinlich von den Alamannen her- 
rührt, die im 3. Jahrh. das Land befetz- 
ten. — Antikenkabinett zu Zürich. Die- 
fes koftbare Unikum befteht aus län g- 
lichen Platten, die untereinander v er- 
nietet find. (S. S. 293 den germanifch en 
bronzenen Panzer.) 

54. Germanifch er Sporn aus Eifen, 



•) Es ift dies der einzige bis jetzt bekannte germanifche Panzer, könnte aber auch 
wohl ein römifcher fein. Diefes Rüftftück hat auch wegen feiner herunterlaufender Schienen 
Ähnlichkeit mit der von 1230 — 1390 über der Brünne getragenen Platte (f. S. 66—69). 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



341 





aus der Zeit der Merowinger. — 
Mufeum zu Sigmaringen. Da die 
Sporen aus diefer Zeit nie paar- 
weife gefunden worden find, fo ift 
anzunehmen, daß auch hier — 
wie bei den Griechen und Römern 
— der Sporn nur an einem Fuße 
getragen wurde. 

55. Germanifches Trenfen- 
gebiß aus Eifen, aus der Zeit der 
Merowinger. — Mufeum zu Sig- 
maringen. 

56. Germanifches Trenfen- 
gebiß aus Eifen, der Zeit der Me- 
rowinger angehörend. — Mufeum 
zu Sigmaringen. 

57 und 58. Gallifche Kan- 
daren- (Stangen) und Trenfen- 
Pferdegebiffe aus Eifen, bei Ger- 
govia, unweit des Schlachtfeldes 
gefunden, wo Vercingetorix die 
Römer fchlug. (Sammlung Char- 
veet in Grenoble). 

59. Germanifches eifernes 
Trenfengebiß von La Tene in 
der weftlichen Schweiz. 

1. Dänifches Krumm- oder 
Senfenfchwert aus Eifen, ein- 
fchneidig, 90 cm lang, in mit 
dem Skramafax übereinftimmen- 
der Form, Nr. 496 Mufeum zu 
Kopenhagen. 

2. Dänifches Schwert aus 
Eifen, 108 cm lang; das Gefäß 
gleicht in der Form feines Stich- 
blattes und Knaufes dem Gefäße 
des fränkifchen Schwertes aus der 
Zeit der Merowinger. Nr. 493 
im Mufeum zu Kopenhagen. 




342 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



f 



l 



4 Bis. 



3. Dänifches Schwert aus Eifen, 107 
cm lang. Die zvveifchneidige, breit auch aus- 
gekehlte Klinge hat keine fcharfe Spitze und 
erfcheint faft abgerundet, wie bei dem alt- 
germanifchen Schwert. — Nr. 494 im Mu- 
M jf 'iülü) ^" eum zu Kopenhagen. 



Ter. 




4. Dänifches Schwert aus Eifen, 
107 cm lang. Der Knauf ift dreiteilig, wie 
bei den Schwertern, die in der angelfäch- 
fifchen, aus dem 11. Jahrhundert herrühren- 
den Handfchrift Aelfrics im Britifchen 
Mufeum dargeftellt find; auch ift hier fchon 
das Stichblatt oder die Abwehrftange, 
obfchon wenig entwickelt, auch vorhanden. 
— Ein ähnliches Schwert in der Sammlung 
des Grafen Nieuwerkerke. Sobald der Knauf 
mit fünf gerundeten Anfätzen (Loben) an 
Stelle der drei verfehen ift und die beiden 
äußeren Enden der Quer-Abwehrftange ein 
wenig gegen den Ort (Spitze) geneigt find, 
gehört das Schwert dem 13. Jahrhundert an. 
(S. im Abfchnitt über die Schwerter des Mit- 
telalters ein folches im Mufeum zu Mün- 
chen.) Das Schwert in der Sammlung des 
Grafen Nieuwerkerke hat auch fünf Loben, 
jedoch find die äußeren Enden der Abwehr- 
ftange nicht gebogen. 

4. Bis. Dänifches eifernes Krumm- oder 
Senfenfchwert, 60 cm lang, im Mufeum zu 
Kopenhagen, aus einem Feuerbeftattungs- 
grabe der Infel Bornholm. 

4. Ter. do. 6b cm. Länge, id. 

S. S. 266 das römifche, Falx genannte 
Senfenfchwert, fowie die fpäterenfdes Mittel- 
alters, worunter mit Runeninfchriften. 






Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



343 



4Y2. Wikinger eifernes Damaftfchwert, 
65 cm lang, mit Infchrift. Die Anfertigung da- 
von wird deutschen Klingenfchmieden zuge- 
schrieben. Der Handgriff (10 cm) und die 
Abwehrftange find fehr kurz, der Knauf aber 
entwickelt und der Ort nicht fpitz. — Mufeum 
zu Bergen in Norwegen. 



4 1 j. Wikinger eifernes Damaftfchwert, 
85 cm lang, mit Marke; wie Nr. 4V2, mit Aus- 
nahme des Knaufes, welcher fünflappig ift. — 
Mufeum zu Bergen. 



4 1 / 8 . Eiferner Knauf, 8 cm breit, eines 
Wikinger Schwertes mit fkandinavifchen Ver- 
zierungen und 20 roten eingelaffenen Steinen. 
— Mufeum zu Bergen. 




(S. im Abfchnitte des Verzeichniffes deut- 
fcher Waffenfchmiede 14 auf Wikinger Schwer- 
tern befindliche Marken und Infchriften und 
hinfichtlich der Bereitung des Damaftftahls 
den Abfchnitt: Die Kunft des Waffen- 
und Büchfenfchmiedes.) 




5. Dänifcher Sporn aus Bronze. — 
Mufeum zu Kopenhagen. 



344 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



6. Dänifcher Steigbügel aus Bronze, 
21 cm lang. — Mufeum zu Kopenhagen. 

y. Dänifcher Steigbügel aus Bronze, 
mit Silber eingelegt, 24 cm lang. — Mufeum 
zu Kopenhagen. Uneingelegte im Kieler 
Mufeum. 

8. Dänifcher Steigbügel aus Bronze. 
38 cm lang. — Mufeum zu Kopenhagen. 

Faft alle diefe Gegenftände gehören 
dem chriftlichen Mittelalter an und find mit 
Unrecht in dem Mufeum fowohl als auch in 
dem Kataloge Worfaees unter den Erzeug- 
niffen einer fogenannten zweiten Eifen- 
periode aufgeführt. 

9. Dänifcher, einer früheren Zeit an- 
gehöriger, eiferner Rundfchildnabel oder 
Schildbuckel (fr. ombilic), 12/12 cm, wel- 
cher den Mittelpunkt des runden, 1 m im D. 
meffenden, Schildes bildete. Die lange trich- 
terförmige ^Spitze unterfcheidet ihn von dem 
fpäteren fränkifchen, welcher gemeinlich 
oben abgerundet (f. S. 339) oder weniger 
fpitz ift. (S. den fpäteren angelfächfifchen 
Nr. 50 und den fpäteren fächfifchen No. 51, 
S. 339)- — Aus einem Feuerbeftattungsgrabe 
der Infel Bornholm. Mufeum zu Kopenhagen. 

Nebenftehender Helm und Panzerhemd, wahrfcheinlich aus 
Leder und Eifen, find nach der Theodofiusfäule in Konftantinopel 2 ) 
abgebildet. Da diefe Waffen durchaus nichts Römifches haben, fo 




') Aus Gräbern der in Dänemark und Schweden als „zweite Eifenperiode" (frühes 
Mittelalter von 490— 700) bezeichneten Zeit find, ebenfalls auf der Infel Bornholm, ganz 
abgerundete, fpitzenlofe Schildnabel, noch platter wie No. 48. S. 339, ausgegraben 
worden, welche fich ebenfalls im Mufeum zu Kopenhagen befinden. 

2 ) Konftantinopel, fchon vorher Refidenz des Kaifers Konftantin (330), wurde zur 
Zeit der Teilung des römifchen Reiches die Hauptftadt des morgenländifchen Kaifer- 
reichs und 1204 von den Kreuzfahrern und 1453 von den Türken genommen. Der 
römifche Kaifer Theodofius I., der Grofse genannt, wurde 346 geboren und ftarb im 
Jahre 395. 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



345 



läßt fich annehmen, daß fie Schutzrüftungen bundesgenöffifcher 
Krieger oder barbarifcher Söldner darftellen. (S. die perfifchen 
Reiterhelme.) 

Diefes Panzerhemd hat in der That nichts von dem, was die 
antiken Waffen kennzeichnet; auch ift es von zu fonderbarer Form, 
um ohne weiteres einer beftimmten Zeit oder Völkerfchaft Jzuge- 
fchrieben werden zu können. 

1 









I bis 3. Germanifcher Bronzedolch aus der fog. Eifenzeit. 
Die Arbeit fchließt (ich der ähnlicher dänifcher Waffen an. Der Ver- 



346 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



zierungsftil, ja felbft die Form erinnert an griechifche Erzeugniffe. 

— Bei Altenburg unweit Quedlinburg (Harz) ausgegraben und im 
Rathaufe zu Quedlinburg aufbewahrt. 

4. Bei Dalle (Seine Inferieure) gefundener fränkifcher Sporn 
aus Bronze, 11 — 14 cm. 

5. Spitze eines germanifchen Wurffpießes aus Bronze, aus 
der Periode diefes Metalles oder der Eifenzeit. — Mufeum zu Kiel. 

6 u. 7. Germanifche Schwertfcheide-Ortbänder aus Bronze. 

— Mufeum zu Mainz. 

8 I. Germanifcher Streithammer aus Bronze, aus dem An- 
fange der fogenannten Eifenzeit, von einigen Archäologen Schwert- 
fäbel (?), ja felbft „Königftäbe" genannt und als Symbole des 
Kriegsgottes Ziu angefehen und zwar befonders deshalb, weil diefe 
Waße hohl gearbeitet ift. Da aber die fogenannten Kelte, fowie 
andere Waffen aus derfelben Zeit ebenfalls hohl find, fo wird diefe 
Anficht hinfällig. Wahrfcheinlich war das Innere mit einer harten, 
eingefchmolzenen Maffe angefüllt, welche die Zeit hat verfchwinden 
laffen. — In einem Grabe bei Ofterberg unweit Walsleben gefunden 
in der Sammlung Erbach-Erbach aufbewahrt. Im Mansfeldifchen 
find ähnliche gefunden worden. 

8 II. Dasfelbe im Mufeum 
zu Kiel. 

9. Eifernes Schwert ohne 
Stichblatt aus einem Grabe bei 
Roftok in Böhmen. — Sammlung 
Pachel. 

10. Streitaxt, 18 cm lang, 
in filbertaufchiertem Eifen, aus 
einem Grabe bei Mammen, 12 km 
von Viborg (Dänemark), welche 
wahrfcheinlich dem VIII. Jh. an- 
gehört Die Form diefer Axt ift 
weder die der fränkifchen Fran- 
ziska (f. Nr. 44, S. 248), noch die 
der alamannifchen und angelfäch- 
fifchen (f. Nr. 36 u. 39, S. 337), hat 
aber Ähnlichkeit mit einer in der 
Themfe gefundenen (f. No. 42, 
S. 337). Die eingetriebenen Ver- 




Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



347 



zierungen mit ihren inneren Punkten haben einen ausgefprochenen 
fkandinavifchen Charakter. — Mufeum zu Kopenhagen. 

II. Vollftändiger fränkifcher Gürtelbefchlag, beftehend aus 
der Schnalle, dem Riemenende und den viereckigen Agraffen, alles 




in filbertaufchiertem Eifen mit zehn kupfernen vergoldeten 
Nagelköpfen. Die eingelegten Silberverzierungen bilden Flechtwerk. 
Aus einem Grabe v. IV. Jh. des fränkifchen Leichenfeldes zu Cobern 
an der Mofel, hinter Koblenz. — Sammlung des Verfaffers. 

Ger manifc her Krieger aus der vorchriftlichen (?), fogenannten 
Eifenzeit. Der, wahrfcheinlich aus auf Leder befeftigten viereckigen 
Erzplättchen mit Kreuzchen beftehende Panzer (gegittert oder treil- 
lissel) mit rundum laufenden Faltenfchurz (ähnlich den Panzerflügeln 

der Griechen) für den 
Unterleib, ift dem auf 
einem weiterhin abge- 
bildeten Siegelringe 
Childerichs I. (457 bis 
481) dargeftellten, faft 
gleich. Ein bereits auch 
fchon hier vorhandener 
Glockenhelm hat Rand- 
verftärkung, aber weder 

Sturmbänder noch 
Nacken- wie Nafen- 
fchutz; die Beine zeigen einen mit Riemen befeftigten Schutz, 
wenn nicht nur mit Riemen (femoralia) bewundene Höfen. Ein 
kurzes, etwas ftumpfortiges, wahrfcheinlich Bronzefchwert hängt 
unter dem linken. Arm, dies, mit dem langen Stoßfpeer, deffen 
Spitze nicht mehr durch den fogenannten Kelt gebildet ift, 
machen die Angriffswaffen aus. Auch dem Pferde fcheinen die 
Beine mit Riemen befeftigte Schutzftücke verfehen und der Zaum 
vom Gebiß ab, auf jeder Seite mit drei großen runden Scheiben 
verziert oder gefchützt zu fein. Befonders eigentümlich und den 
germanifchen Gebräuchen widerfprechend erfcheint die Stutzung des 





34» 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



Roßfchweifes. Steigbügel find nicht vorhanden. — Nach den Ein- 
ftechungen einer bronzenen Schwertfeheide vom bekannten Gräber- 
felde bei Hallftadt, am See gleichen Namens, im Salzkammergut, 
unweit Ifchl. 




t ^ 

Eine nach den hier vorhergehend abgebildeten Eifenwaffen vom 
Verfaffer zufammengeftellte Ausrüftung des germanifchen 
Kriegers im allgemeinen, des Franken der fogenannten Eifen- 
zeit oder beffer hier des vor- oder früh-merowingifchen Zeit- 
abschnittes im befonderen. Das Eifenkreuz 1 ) als Kopffchutz (wo- 

l ) S. im Abrchnitt d. „Bogen" das noch im X. Jh. gebräuchliche Helmeifen- 
kreuz fowie (S. 261) das bereits von der germanifchen Leibwache Trajans (auf der 
1140. Ch. errichteten Siegesfäule) getragene, welches in dem 911—934 abgefafsten Ge- 
fetee der ripuarifchen (niederlothringifchen) Franken, T. XXXVI, § II, angeführt ift. 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 349 

von in der von 511 — 534 abgefaßten Lex Franc. Ripuar. t. XXXVI, 
§ 11 die Rede, hier aber nach einem zu Leckhampton-Hill gefun- 
denen bronzenen dargeftellt ift), — der in der weftlichen Schweiz 
gefundene Bruftpanzer, — der 50 cm Durchmeffer habende Rund- 
feh ild von Lindenholz und Leder mit eifernem Untergeftell und 
Buckel, worunter die einzige auch für den Arm weit genug dar- 
geftellte Handhabe, bilden die Schutzrüftung. Die Angri ff swaffen 
find das gemeinlich 70 — 95 cm meffende Schwert (Spatha) mit 
kurzer querer Abwehrftange und nicht fpitzem Ort, — der 50 — 6b 
cm lange Skramafax, ein einfehneidiges Senfenfchwert mit fehr 
langer Angel, — der 15 — 30 cm lange Sax^ ein ebenfalls ein- 
fehneidiges Handmeffer, — die Franziska, eine länglich gebogene 
Hammerwurfffreitaxt, — der Ger (pilum), ein langer Stoßfpeer mit 
langem breitem Eifen, ähnlich dem römifchen Pilum mit feinem von 
den Römern erft in der fpäteren Kaiferzeit dafür angenommenen 
Widerhaken und dem Wurffpeer, die germanifche Framea. Das 
Schwert wurde an der rechten Seite, Skramafax und Sax an der linken 
Seite indem oft mitfilbertaufchiertenEifenftücken befchlagenen Hüft- 
gürtel getragen. Nach Sagathias IL, v. VI. Jh., hatten die Franken 
auch noch kleinere, 1 i j A m lange, Frameen, Wurffpeere oder An - 
gone (ayycov) mit Widerhaken, die hinter dem Rundfchilde ge- 
tragen wurden, wo diefelben fei bflverftänd lieh in irgend einer Art 
befeftigt fein mußten. Exemplare find aber davon bis jetzt nicht 
aufgefunden worden, denn die fo mit Widerhaken verfehenen Eifen 
aus Frankengräbern find Oberteile des germanifchen Pilums oder 
größerer Wurffpeere. Die Framea(Aliger, Atzger, auchSchäff- 
lin fpäter genannt) diente, Tacitus nach, dem Germanen im Hand- 
gemenge auch wohl als Stoßwaffe. Die Beine und die Arme waren 
fchutzlos, da die leinenen Höfen nur mit Riemen (femoralia) um- 
wunden wurden. Wie [die Gallier trugen auch die Franken meift 
nur den Knebelbart. 



I 



1. Darfteilung eines germanifchen Anführers Schleswig-Hol- 
fteins aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., wie dasfelbe von J. Meftorf 
(„Die vaterländifchen Altertümer Schleswig-Holfteins") nach Fund- 
ftücken aus dem Thorsberger Moor (Kieler Mufeum) gegeben 



S. ferner S. 308 das bronzene Helmkreuz fowie Nr. ia Ab. d. Helme. Im angelfächfifchen 
Beöwulfliede, welches urfprünglich weit hinter dasVIII.Jh. zurückreicht, heifst es auch (398) : 
„So kommt nun unter den Kampfhelmen etc." und (407): „Damit Helmen gingen etc." 



35° 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 




ift. Ein Larvenhelm von Silber J ), deffen Gefichtskreis nur Mund, 
Nafe und Augen unbefchützt läßt. (S. das Helmgeftell aus Bronze 
von Leckhampton-Hill u. Nr. 30 IV, S. 261 d. röm. Larvenhelm) Eine 
eiferne mit Spangen edlen Metalls gefchloffene Ringbrünne (Ifer 
Katze) und einem Sporn. Ein aus Holz angefertigter Rundfchiid 
mit Metallbefchlägen; Große wie der der Franken. Ein langes bur- 
gundifch-deutfchesSchwert ohneSpitze und Abwehrftange, ähn- 
lich den in Hallftatt gefundenen. Gürtel- und Bruftplattenzierate in 

') Wagner („Handbuch d. in Deutfchland entdeckten Altertümer", Weimar 1842, 
S. 97, Abb. 62) giebt auch die Abbildung eines folchen Helmgefielles „von goldähnlichem 
Rofleifen-Metall", welches in einem germanifchen Hügelgrabe (Leichenverbrennung) bei 
Auffee in Baiern gefunden wurde. 



Waffen aus der Eifenzeit der abendländifchen Völker. 



351 



bewunderungswürdiger Arbeit. Sandalen in zierlicher Schlitzung. 
Kleid und Unterbrünne (Gambeffon) von Wollftofif. Was dem Ver- 
faffer in der Bewaffnung diefes deutschen Heerführers (?) unrichtig er- 
fcheint, ift Pfeil und Bogen, welche bei den Germanen nur zur Jagd 
dienten. Sicherlich waren auch die Schleswig-Holfteiner mit Wurf- 
fpeeren verfehen. 1 ) 

2. Sporen. 

3. Abbildung der Mafchen der Ringbrünne in natürlicher Größe. 



t) Gregor von Tours fpricht indeffen von (ich im Jahre 388 n. Ch. ausgezeichnet 
habenden fränkifchen Pfeilfchützenabteilungen. Auch kämpften in der Schlacht zwifchen 
Chlodowich und Alarich beiderfeitig Bogner mit. 




VII. 

Waffen des christlichen Mittelalters (476 — 1453), des 

Rückgriffs (Renaiffance, 1453 — 1600) und des 

17. und 18. Jahrhundert. 

Byzantiner 395—1483. — Mittelalter 476—1453. — Mero- 
winger 418 — 752. — Karlinger 715—987. — Capetinger 987 — 
1328. — Pulverfeuerwaffen groben Kalibers (Mörfer, Kanonen) 
traten, mehr allgemein, in Europa anfangs des 14. Jh. auf. — Das Er- 
fcheinen der längeren tragbaren oder Hand-Pulverfeuerwaffen 
fand um 1450 ftatt und das der erften kurzen tragbaren Feuer- 
waffen (Fauftröhren,Piftolen)um 1460. — Der Rückgriff schließt 
das 15. u. 16. Jh. in fich. — Maximilian I., 1493 — 1519 (Landsknechte, 
„Weiß Kunig" u. d. m.) — Guftav Adolf, 1611— 1632. — Fried- 
rich der Große 1740 — 1786. 

In der gefchichtlichen Einleitung diefes Werkes ift die nach und 
nach fortfchreitende Entwickelung und Vervollkommnung der Waffen 
dargelegt. Wenn es da mitunter nur Vorausfetzungen fein konnten, 
welche den Waffenbefchreibungen zu Grunde gelegt find, foweit es 
fich um das klaffifche Altertum und die vorgefchichtlichen Völker 
handelt, fo konnte doch die Waffengefchichte des Mittelalters (V. — 
XV. Jh.) für zwei Drittel wenigftens, auf noch vorhandene Stücke 
geftützt werden. Von den Merowingem (418 — 752), d. h. aus dem 
letzten Zeitabfchnitte der eigentlichen Frankenherrfchaft, ebenfo wie 
von den Byzantinern oder Romaern (395 — 1453) ift aber auch nur 
Unbeftimmtes und felbft aus der karlingifchen Zeit nichts Vollkomme- 
nes feftzuftellen. Von da, dem X. Jh. ab, läßt fich aber Schritt vor 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



353 



Schritt die allmäliche Umwandlung der Schutzwaffen verfolgen, bei 
denen eine Änderung ftets früher zu Tage tritt, als bei den Angriffs- 
waffen zu Hieb und Stoß. Sarwat, Wiegewandt, Wiegeserwe 
fpäter Rüftung und in der zweiten Hälfte des 16. Jh. Harnafch 
— Harnifch (fr. bis zur Zeit Ludwig XIV.. armure, engl, armour 
und harness, sp. u. it. armadura) waren die Bezeichnungen für 
vollftändige Schutzausrüftungen. Über fünf Jahrhunderte hat die 
Brünne (fr. ha über t) ihren Platz behauptet, und erft nachdem die 
Platte 1 ) als über der Brünne getragene Verftärkungsrüftung und da- 
mit die Übergangsrüftung, teil weife aus eifernen oder ledernen 
Schienen beftehend, aufgekommen war, konnten folche Brünnen durch 
eine vollftändige Metallfchienenrüftung verdrängt werden. Diefer Ab- 
fchnitt wird, nachdem er dem Auge des Lefers die vollftändigen 
Rüftungen der verfchiedenen Perioden vorgeführt hat, eine Sonder- 
gefchichte jeder Art von Waffen geben, bei welcher die Abbildung 
felbft des geringften Einzelftücks ebenfo lehrreich ift wie der Wort- 
laut. Was die gefchichtliche Entwickelung im allgemeinen anbe- 
trifft, fo ift der Lefer auf den Abriß der Gefchichte der Waffen 
(S. 20 — 133) verwiefen. 

Childerichs I. (459 — 481) Siegelring, aus 
feinem Grabe zu Doornick, wo diefer Fran- 
kenkönig im — aus wahrfcheinlich auf Leder 
befeftigten viereckigen Plättchen (fog. 
gegitterten, fr. treillissee) beftehenden 
— Panzerhemde mit dem Speere bewaff- 
net dargeftellt ift. 




Kämpfende, nach dem Elfenbeindeckel des Antiphonariums 
St. Gregors, einer Handfchrift aus dem 8. Jahrh., die in der Biblio- 
thek von St. Gallen in der Schweiz aufbewahrt wird. 

Allerdings trägt diefes Bildwerk in mancher Hinficht noch by- 
zantinifchen und fogar römifchen Charakter und könnte wohl von 
einem Diptychon herrühren. 

Die Form der Schilde ift jedoch nicht römifch und die Art 
von Mofeshörnern , welche man auf den Köpfen der Krieger be- 
merkt, erinnert an die Kopffchutzwaffen der nordifchen Völker. 



J ) Im Titurel werden die in Heffen angefertigten Platten hoch gerühmt. 
Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 23 



354 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



H 





Die beiden Streiter tragen keinen Bart; ihre einzige Schutzwaffe 
ift der Schild, die AngrififswafFe das kurze Schwert und die Lanze. 
Am Schilde befindet fich nur7ein Griff wie an manchem römifchen. 

Schwert und Schild Karls 
des Kahlen (f 877) nach der 
Buchmalerei einer Bibel, 
welche fich in der Kirche St. 
Califlo zu Rom befindet. Der 
Rundfchild ift nabellos und 
gewölbt. Der Handgriff mit 
Stichblatt des Schwertes mit 
ftumpfem Ort fcheint aber 
ein Phantafieftück des Malers, da drei kleine Abwehrftangen die 
Faffung der Hand unmöglich machen. 

Zwei Kämpfende, nach einem 
Mofaik im Dom zu Cremona, die für 
Thefeus und den Minotaurus gehal- 
ten werden. 

Die Bewaffnung befteht allein in 
Rundfchild und Schwert, deren 
Klinge noch die rein römifche Form 
zeigt, wie diefelbe weiter oben abge- 
bildet ift, mit Ausnahme der hier 
fchon verlängerten Stichblätter oder 
Querabwehrftangen. Der Schild, fowie deffen Verzierung hat aber 




Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



355 



nichts Römifches mehr und die Hörner des Thefeus gleichen 
denen der auf der vorhergehenden Seite abgebildeten Figuren vom 
Antiphonarium. 







Merowingifcher Ritter, nach einem dem 8. Jahrhundert zuge- 
fchriebenen Basrelief der Kirche St. Julien in Brioude (Haute-Loire). 
Der Krieger ift mit der kleinen Brünne, d. h. der Panzerjacke, 
aber aus Schuppen beftehend, bekleidet, welche Jazerans oder 
Korazins genannt wird. (S. die Erklärung im Kapitel über die 
Panzerhemden und Stückpanzer.) Diefe kleine Brünne zeigt fich 
mit daran haftender Helmbrünne, d. h. der Kapuze mit Kinn- und 
Nackenfchutz in Mafchenwerk. Rüfthofen und Rüftftrümpfe trägt 
er nicht, jedoch Ärmel, die den Arm bis zur Fauft bedecken. Der 
Helm ift konifch, wie der in Frankreich als normannifch be- 
zeichnete des ii. Jahrhunderts; indes fehlt noch der Nafenfchutz. 
Der allgemeine Charakter diefer Bewaffnung paßt mehr auf das 10. 
oder das u. Jahrhundert, fo daß der Verfaffer die Tagzeichnung 
hier nur unter Vorbehalt zu geben vermag. Hinfichtlich der Steig- 
bügel, welche nur aus Steigbügelriemen (fr. etrivieres) zu 
beftehen fcheinen, f. den Sonderabfchnitt dafür. 

Auf feinem großen ovalen Schilde fchlafender Krieger, welcher 
bereits Vorderbeinfchienen, aber fonft keine Schutzwaffen aufweift. 
Die einzige Angriffswaffe ift der mit dreieckigem Eifen befchlagene 

23* 



356 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Speer.- — Nach einer Handfchrift v. 8. Jahrh. in der Bibliothek zu 
Wolfenbüttel. 





Zwei Krieger höheren Standes nach einer Porphyrbildfäule v. 
VIII. oder IX. Jh. in der Markuskirche zu Venedig. Der Tracht 
und der Ausrüftung nach können diefe Krieger nicht unter den 
Byzantinern eingereiht werden. Die Panzer mit Armfchutz und 
Lendenfchurz find teilweife gefchient und bebuckelt, die Helme 
ganz flach, ohne Nafenfchutz noch Sturmbänder, die Schwerter breit, 

ftumpfortig und 
die Handgriffe da- 
ran zweihändig 
und mit Adler- 
köpfen verziert. 

i. Deutfcher 
Krieger aus dem 
Anfange des 9. 
Jahrhunderts, nach 
einer Miniatur der 

Weffobrunner 
Handfchrift v. J. 
810, in der Mün- 
chener Bibliothek. 
Diefernurmitdem 
Speere Bewaffnete 
trägt keinen Bart; 




Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



357 



er führt als Schutzwaffe den runden Schild mit fpitzem Nabel und 
hat einen gewölbten Glockenhelm. Das Quereifen des Speeres nach 
Art der antiken morae erfcheint hier fehr frühzeitig für das Mittelalter. 
2. Lombardifcher König nach den Leges Longobardorum des 
9. Jahrhunderts in der Bibliothek zu Stuttgart. Wegen des eckig- 
länglichen und konvexen (dem römifchen scutum ähnlichen) Schildes 
intereflante Buchmalerei; — eine Form, die fich in der langen 
deutfchen Tartfche des 14. Jahrhunderts wiederfindet. 




Reiter (Saul) und Fußvolk, nach den Buchmalereien des in St. 
Gallen aufbewahrten Codex aureus, aus dem 8. oder 9. Jahrhundert. 
Der Reiter und einer der Fußfoldaten tragen Kinn- und Schnurr- 






358 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 




bart. Der niedrige glockenförmige Helm mit übersehendem Rand, 
das kleine Schuppenpanzerhemd ohne Handfchuhe, der Speer mit 
Quereifen des Reiters, fowie der runde Nabelfchild und die ftumpf- 
ortigen Schwerter ohne Stichblatt der letzteren find alfo für die Zeit 
bezeichnend. 



Karlingifcher Krieger (782—987) nach der 
Bibel von St. Paul und St. Califto zu Rom. Inter- 
effant ift hier der mit gewaltigen Sturmbändern 
verfehene Helm und der merowingifche Nabelrund- 
fchild.- 



Karlingifcher Krieger aus der Zeit Karl des Großen (768 — 877) 

nach einer diefem Kaifer an- 
gehört habenden Schachfpiel- 
figuren im Parifer Medaillen- 
kabinett '). Früher im 
Schatze zu St. Denis. — 
Befonders eigentümlichifthier 
die Form der gewaltigen 
Keffelhaube, welche das ganze 
Geficht bedeckt und einen 
Nafenfchutz hat. Der Schnitt 
des Schildes ift faft normän- 
nifch, die Lorica, d. h. der 
Panzer, fowie der Schulter- 
kragen (fr. c lavin) beftehen 
aus Schuppenreihen. Das 
Schwert mit kleinem runden 
Stichblatt hat keine Quer- 
oder Abwehrftange. 




>) Van der Linde, Verfaffer einer Gefchichte des Schachfpiels, erklärt das elfen- 
beinerne Schachfpiel, welches der Kalif Harun-Rafchid Karl dem Grofsen gefchenkt 
haben foll, für ungefchichtlich. Die archäologifchen Beweife dafür bleibt v. d. L. 
aber fchuldig. 

Das Alter diefer 16 Schachfiguren wird, teilweife mit Unrecht, teilweife mit Recht, 
angezweifelt. Mersan wie auch Pottier und Chambouillet wollen, befonders der koni- 
fchen Helmform wegen, diefe Figuren nur bis zur Anfertigungszeit der Teppiche von 
Bayeux (1100) hinaufreichen laffen, was aber nicht ftichhaltig ift. da ja fo geformte 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



359 







Karlingifcher Reiter unter Karl 
dem Großen (768 — 877), nach des 
Kaifers Schachfpielfiguren im Me- 
daillenkabinett zu Paris (f. die An- 
merkung auf der vorhergehenden 
Seite). Die Keffelhaube ift hier mit 
der Barthaube vereinigt, die Brünne 
oder Lorica gefchuppt und der 
Schild in der fpäteren normänni- 
fchen Mandelform, aber viel kleiner. 
Der Sattel fcheint ohne Rückenlehne 
zu fein und die bereits vorhandenen 
Steigbügel find dreieckig. 



Krieger nach dem Codex aureus zu St. Gallen vom 8. oder 9. 

Jahrh. (Toddes Pompe- 
/\£^Ujts> jus). Schuppenpan- 

zerhemden. — Beine 
mit Lederriemen 
(femoralia), Kopf- 
bedeckungen niedrig- 
kegelförmig — fpitz; 
— wahrfcheinlich wohl 
eine Abart der fchon in 
dem 511 — 534 abge- 
faßten Gefetze der 
ripuarifchen (nieder- 
lothringifchen) Fran- 

Helme fchon in merowingifcher Zeit auftreten (f. u. a die S. 355 abgebildete Flach- 
bildnerei zu Brioude v. VIII. Jh.) 

Van der Lindens Anficht (Gefchichte der Schachfpiele, Berlin 1874, S. 32) hin- 
fichtlich einer diefer, einen Elefanten mit Männern darfteilenden Figur, welche fichtlich 
nicht urfprünglich zum Spiele gehörte, ift allem Anfchein nach begründeter, weil eine 
hier in arabifch-Kufifch befindliche Infchrift („gemacht v. Joseph aus dem Stamme Ba- 
hull") durchaus keinen Beweis für die Anfertigung der Figur v. XII.— X. Jahrhundert, 
wo fürs Arabifche die kufifche Schrift herrfchte, liefert. Kufifch ift ja teilweife viel 
fpäter noch im Gebrauch geblieben. 




360 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



ken, T. XXXVI, § u, angeführten rundbogigen Eifenkreuz- 
helme 1 ). — Großer nach unten fpitz zulaufender Schild. — 
Knebelfpeere (d. h. mit unter dem Eifen befindlicher Quer- 
ftange). 

n. S Krieger aus der «Cleopatra, C. Vivis», 

^^^ $4* Handfchrift vom 9. Jahrh. in der Cotton- 

bücherei. Die Helme, obwohl ohne Nafen- 
fchutz, find bereits fpitz-konifch, die Schilde 
aber find rund und mit Buckel. Die Schwer- 
ter find lang, fpitzortig und mit kurzen gra- 
den Abwehrftangen. 

Krieger nach einem Pfalterium vom 9. 
Jahrh. Bibliothek zu Stuttgart. Die Brünne 
ift hier langärmlig und fcheint gefchuppt (f. 
Nr. 5 im Abfchnitt Panzerhemden), der Helm 
bereits Salade, d. h. Schallern- oder fchalen- 
formig und der Schild oben oval, unten fpitz 
zulaufend, fcheint in der Mitte grätenartig 
zu fein. Die Schnabelfchuhe, welche gemein- 
lich auch fpäter vorkommen, find befonders 
beachtungswert. Auch das Quereifen des 
Speeres (la. mora) weift mehr auf das 11. 
wie auf das 10. Jahrh. hin, obfehon dies auch 
fchon im 9. Jahrh. vorkommt (f. S. 262). 

Krieger vom 9. Jahrh. Lange bis über die Kniee gehende 
Schuppenbrünne, deren Ärmel nur den Oberarm bedeckt. Ein 
glockenförmiger Helm (Eifenkreuzhelm? f. S. 261 und 308) 
ohne Schirm und Nafenfchutz bedeckt teilweife die Helmbrünne 
(Kapuze mit Barthaube in Maschen). Außer dem langen ftumpf- 
ortigen Schwert mit nach dem Ort gebogener kurzer Abwehrftange, 
wie diefelben gemeinlich erft im XIII. Jh. vorkommen, beftehen die 
Angriffswaffen in Speer und Streitkolben, welch letzterer nur von 
ganz roher Art zu fein fcheint. — Nach der im XIII. Jh. ausgeführten 
Kopie einer Handfchrift v. 816. — National-Bibliothek zu Paris. 

') S. S. 261, wo mit einem folchen Kopfschutz die germanifche Leibwache Trajans 
auf deffen Siegesfäule abgebildet ift u. S. 308 das Bronzekreuzhelmgeftell v. Leckhamptmi- 
Hill, fowie S. 350 das Helmgeftell des fchleswig-holfteinifchen Kriegers. 




Waffen des chriflüchen Mittelalters etc. 



361 



1. Deutfcher Ritter aus 
dem 10. Jahrhundert. Er trägt 
den konifchen Helm mit Na- 
fenfchutz, die Helmbrünne 
(Kapuze) und die große 
Brünne (Panzerhemd), mit 
langen Ärmeln aber ohne 
Handfchuhe. Nach dem Mar- 
tyriologium, einerHandfchrift 
aus dem 10. Jahrh., in der 
Stuttgarter Bibliothek. 

2. Ritter im großen Ma- 
fchenhaubert (Brünne) 
mit kurzen Ärmeln und mit 
Helmbrünne, ohne Helm, 
nach der Flachbildnerei eines 
Reliquienkaftens aus getrie- 
benem Silber, von dem Ende 

des 9. Jahrhunderts. — Klofterfchatz von St Moritz, im Kanton 
Wallis in der Schweiz. Diefe Ritter find bartlos. Ihre Schwerter 
haben Stichblätter. Hände find unbedeckt. 






3. Krieger aus dem 10. Jahrhundert, der Figur nachgebildet, die 



362 



Waffen das chriftlichen Mittelalters etc. 




fich auf einem diefer Zeit angehörigen Kupferdeckel 
in der Sammlung des Grafen Nieuwerkerke befindet. 
Der konifche Helm zeichnet fich durch die Form feines 
in dem untern Teile fehr breiten Nafenfchutzes und 
die Sturmbänder aus. Das Schwert ift fpitz, das lange 
Mafchenpanzerhemd hat noch nicht die zur norman- 
nifchen Rüftung des II. Jahrhunderts gehörigen FuU- 
riemen und Rüfthofen. Der lange herzförmige foge- 
nannte normannifche Schild ift unten fpitz und mit 
einem Nabel verfehen. 




1. Angelfächfifche Krieger nach dem Prudentius Pfychomachia 
u. f. w., einer angelfächfichen Handfchrift des 10. Jahrhunderts in 
der Bibliothek des Britifchen Mufeums. Die ganze Schutzrüftung 
befteht in dem runden Schild mit Nabel und einem Glockenhelm, 
welchem man fpäter noch auf dem Siegel des Königs Richard Löwen- 
herz begegnet (i 1 57 — 1 173). Die Speereifen find breit entwickelt. 
Über der Mafchenbrünne trägt einer der Krieger bereits den fonft 
nur erft im XI. Jh. auftauchenden wallenden Waffenrock von Zeug 
(fr. hoqueton). 

2. Ritter vom 10. Jahrhundert (?), nach einer Handfchrift aus 
diefer Zeit, der Biblia sacra, in der Nationalbibliothek zu Paris. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



363 



Diefe Kleinmalerei ift merkwürdig wegen der Form des Schwert- 
knopfes, der dreilappig ift, wie in dem Aelfric, einer angelfächfifchen 
Handfchrift des Britifchen Mufeums, des Stichblattes und des Schildes 
wegen, des kleinen Dreifpitz (petit Ecu), der befonders unter der 
Regierung Ludwigs des Heiligen (1228 — 1270) im Gebrauch war. 
Diefelbe Form des Sattels mit hoher Rücklehne findet fich auch 
auf dem Teppich von Bayeux vom Ende des 1 I.Jahrhunderts wieder. 
Der glockenförmige Helm ohne Nafenfchurz zeigt eine kreuzförmige 
Wulftverftärkung. 





1. Herzog Burkhard v. Schwaben (965), Flachbildnerei in der 
Bafilika der Stadt Zürich, die gegen Ende des El. Jahrhunderts an 
Stelle der im Jahre 1078 abgebrannten Kirche erbaut wurde. Der 
Schild hat die normannifche Form, ift aber kleiner. Helm und 
Schwert erinnern an die in dem fchon erwähnten Martyrologium 
des 10. Jahrhunderts der Stuttgarter Bibliothek vorkommenden. 

2. Angelfächfifcher Krieger, nach den Kleinmalereien einer angel- 
fächfifchen, in der Bibliothek des Britifchen Mufeums aufbewahrten 
Handfchrift, des Aelfric, von dem Ende des 11. Jahrhunderts. Der 
runde Schild mit Nabel hat mit dem länglichen, unten fpitzen nor- 
mannifchen anderen Schilde nichts gemein und der Helm weicht 
von allen fonft vorkommenden Helmformen ab. 




3^4 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 




Rüftzeug aus dem X. Jh., worunter der runde mit fpitzem Nabel 
verfehene Schild und das germanifch-fachfifche Helm geftell oder 
das Eifenkreuz J ), ähnlich dem bei Benty-Gronge (Derbyfhire) ge- 
fundenen v. VIII. Jh., auch die Schuppenbrünne hervorzuheben 
find. Das Pferd ift bauchgurtlos und der Reiter ohne Steigbügel. 
— Nach der Buchmalerei eines Pfalteriums v. X. Jh. in der Biblio- 
thek zu Stuttgart. 





i. Angelfächfifcher Ritter oder König, nach der auf der vorigen 
Seite erwähnten Handfchrift, dem Aelfric, aus dem u. Jahrhundert. 



') S. S. 261 und 308. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



365 



Dasfelbe Schwert und derfelbe runde Schild mit Nabel. Die Brünne 
ift geringt und auch ohne Rüftftrümpfe. Zu beachten ift, daß der 
Angelfachfe einen Kinnbart trägt. 

2. Franzöfifcher Ritter nach einer Flachbildnerei des Klofters 
St. Aubin in Angers. Konifcher Helm mit Nafenfchutz, herzförmiger 
Schild, die germanifche Framea (Speer) und der große gegitterte 
oder benagelte Haubert (Brünne) mit langen Ärmeln und Ring- 
haube, fowie unter dem Spitzhelm mit Nafenfchutz die Helm- 
brünne. Der Schild zeigt Malerei, wahrfcheinlich ein perfön- 
liches Wappen. 




1. Normannifcher Ritter aus dem 1 1. Jahrhundert in großer ge- 
gitterter (treillissee) Brünne, mit Ärmeln und dazu gehörigen 
Rüfthofen und -ftrümpfen nebft Ringhaube. Diefe Figur wird für 
Wilhelm den Eroberer gehalten, weil bei ihr allein auch die Beine 
wie der übrige Körper bewaffnet find. Der konifche Helm mit 
Nafenberge weicht von denen der anderen Ritter nicht ab. — Teppich 
von Bayeux. 

2. Normannifcher Ritter, ohne Helm, nur mit der Ringhaube 
bedeckt kämpfend. Die Bewaffnung ift diefelbe und intereffant für 
das Studium des langen Schildes, des noch ohne Rückenlehne dar- 



3<56 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



geftellten Sattels, der Trenfe und des Fähnchens, mit welchem die 
Lanze verfehen ift. — Teppich von Bayeux. 

Skandinavifcher Krieger in gegitterter und benagelter kurzer 
Brünne (v. 8. — n. Jh.?), nach einem doppelt fo großen bronzenen 
Fundftück. — Mufeum zu Kopenhagen. 





i. Skandinavifcher Ritter, vom Ende des II. oder dem Anfang 
des 12. Jahrhunderts, nach dem Holzfchnitzwerk einer isländifchen 
Kirchenthür, die im Mufeum zu Kopenhagen aufbewahrt wird. Die 
Bewaffnung ift merkwürdig wegen des kegelförmigen Helms mit Nafen- 
und Nackenfchutz und wegen des kleinen dreieckigen Schildes und des 
Schwertes in Säbelform, das der Ritter nebft dem Schilde über der 
rechten Schulter, erfteres an der Schildfeffel (fr. guige) trägt. 
Über die wahrfcheinlich aus Mafchenwerk beftehende Brünne hat 
der Krieger den im XI. Jh. auftauchenden wallenden Wafifenrock von 
Zeug (fr. hoqueton) gezogen (f. S. 68). Für diefe Tracht bietet 
diefe Holzfchnitzerei eines der älteft bekannten Denkmale. 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



367 



2. Der Graf von Barcelona, Don Ramon Berengar IV. (1140), 
nach einem Siegel. Der kegelförmige Helm ift mit Nafenberge ver- 
fehen. Der übrige Teil der Rüftung fcheint in einer Brünne mit 
dazu gehörigen Rüfthofen und -ftrümpfen und der Ringhaube, alles 
aus Mafchen angefertigt, zu beftehen. Der lange Schild zeigt fich 
auf einem der Siegel mit Wappen, auf dem andern mit Rinnen 
verziert. Die Lanze ift befähndelt, das Pferd fattellos. 



ZZ? 




1. Normannifcher Ritter aus dem II, Jahrhundert im großen 
gegitterten (treillisse) Haubert mit Ärmeln und dazu gehörigen 
Lendenhofen nebft Ringhaube oder Helmbrünne unter dem kegel- 
förmigen Spitzhelm mit Nafenfchutz. Die Beine find mit Riemen 
(femoralia) umwunden. Der Schild hat Schulterhöhe. Kampf- 
handfchuhe find nicht vorhanden. — Teppich von Bayeux. 

2. Angelfächfifcher Ritter, durch feinen runden Nabelfchild 
kenntlich, im übrigen weicht jedoch diefe Schutzrüftung nicht von 
der der Normannen ab. Das Schwert hat eine fehr lange Klinge 
mit geraden Abwehrftangen und einen einfachen Knauf. Die Hände 
find ohne Kampfhandfchuhe. — Teppich von Bayeux. 




368 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 





1. Skandinavifcher(?) Krieger v. 13. Jh. (?) in gegitterter und be- 
nagelter Brünne mit befonders kleinem Rundfchilde. Das. Schwert 
hat eine gerade, ganz kurze Abwehrftange. Befonders eigentümlich 
für den Zeitabfchnitt ift hier das da fonft, außer Frankreich (f. d. 
rondachers), nicht mehr vorkommende Rundfchild. — Beinerne 
10 cm große Schachfigur im Mufeum zu Kopenhagen. 

2. Kämpfende Krieger. — Speere, fpitzortige kurze Schwerter, 
konifche Helme, lange vollftändige Brünnen und Rundfchilde in 
Form der angelfächfifchen (f. den Teppich von Bayeux v. II. Jh., 
fowie die fränkifchen Rundfchilde) bilden die Ausrüftung, wo das 
in diefem Zeitabfchnitt nicht mehr vorkommende Rundfchild Zweifel 
über die richtige Zeitangabe auftauchen läßt. — Brettftein im Mu- 
feum zu Bafel. 

1. Krieger aus dem Ende des 12. Jahrhunderts, nach den Sticke- 
reien auf der Mitra des Klofters Seligenthai bei Landshut in Bayern, 
die Marter des heiligen Stephan (997) und des Erzbifchofs Thomas 
Becket von Canterbury (St. Thomas ~ 1170) darfteilend. — National- 
mufeum zu München. Befonders ift hier die hohe eigentümliche 
Helmform zu berückfichtigen. 

2. Deutfcher Ritter, nach einer Steinbildnerei aus dem 12. Jahr- 
hundert, an dem Thore von Heimburg in Ofterreich. Die Brünne 
mit anfchließenden Ärmeln und Ringhaube oder Helmbrünne 
fcheint aus eifenbefchuppten Lederftreifen zu beftehen und von un- 
bekannter Art zu fein. Die vollftändig gewölbte Helmglocke läßt den 
Unterfchied zwifchen deutfchen und normannifchen Schutzwaffen 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



369 




deutlich hervortreten. Die Armfchienen mit Achfelftücken und Ell- 
bogenkacheln, welche den Hinterarm befchützen, find auch beson- 
ders charakteriftisch für diefe Zeit. 
Die Schwertklinge in der Hand des 
Standbildes fcheint zerbrochen zu 
fein, fo daß deren Form nicht zu er- 
kennen ift. Sie gleicht dem daci- 
fchen Säbel. 



3. Wikinger v. 11. Jh., mit fpitz- 
ortigem Schwert, kurzem Handgriff 
und kurzer gerader Abwehrftange, 
kurzem normannifchen Schilde und 
dem konifchen Helme mit Nacken- 
und Nafenfchutz, Waffenftücke, die 
denen auf dem Teppiche von Bayeux 
ähneln, mit dem Unterfchiede nur, 
daß da die Schwerter nicht fo fpitz- 
ortig vorkommen. — Nach einer 
fkandinavifchen Holzfchnitzerei vom 
Portale der Hylleftad-Kirche. 
24 




Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 



370 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Schwedifcher Ritter, wahrfcheinlich vom Ende des II. oder 12. 

Jahrhunderts, nach dem auf einem Reliquienfchrein (in Geftalt einer 

Kirche) aus Holz und befchmelztem Kupfer dargeftellten. — Aus 

der Kirche von Spänga in Upland. 

Die lange Mafchenbrünne mit Ärmeln, Höfen und Ringhaube, 

aber ohne Fäuftlinge, der fchulterhohe Schild fowie der kegel- 
förmige niedrige Helm, aber hier 
ohne Nafenberge, erinnern an die 
normannifche Ritterrüftung des Tep- 
pichs von Bayeux aus dem 11. Jahr- 
hundert (f. S. 365V 





3. Friedrich Barbaroffa (1 152 — 
1190) im Mafchenpanzerhemd mit 
anfchließenden Ärmeln, Lenden- 
und Rüfthofen, langem dreieckigen 
Schilde und Standarte. Das Pferd 
hat Vorderfchutz und Satteldecke. 
Hohlmünze (Brakteat) aus der 
Regierungszeit des Kaifers im 
Münzkabinett zu Berlin. 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



37* 




Engliicher Krieger vom XII. Jahrh. in 
vollftändiger Lederrüftung (corium bulitum. 
fr. cuir bouilli). Nur der Helm und die Helm- 
brünne find hier von Eifen. Die einzige An- 
griflfswaffe ift die Streitaxt kurzen Stiels — 
weder Schild noch Schwert. 





1. Ludwig VII., der jüngere (1137 — 1180), nach feinem Siegel. 
Das Mafchenpanzerhemd ift mit Rüfthofen und -flrümpfen, Ring- 
haube oder Helmbrünne und änfchließenden Ärmeln, aber nicht 
mit Fäuftlingen verfehen. Auf dem runden Glockenhelm (ohne 
Nafenfchutz) befindet fich als Helmfchmuck ein Kreuz; der herz- 
förmige Schild weicht von dem normannifchen Schilde bedeutend ab. 

24* 




372 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



2. Deutfcher Ritter, nach den Wandmalereien im Dome zu 
Braunfchweig, die unter Heinrich dem Löwen, geft. 1195, ausgeführt 
wurden. Die Bewaffnung ift intereffant wegen des an die römifche 
Squamata erinnernden Schuppenpanzerhemdes und des noch 
kegelförmigen Helmes mit Nafenfchutz, wegen des außerordentlich 
breiten herzförmigen und konvexen Schildes, des zweilappigen 
Schwertknopfes und des eigentümlichen Beinfchutzes. 

(S. auf S. 379 die Bewaffnung Richard Löwenherz' [1186 — 99], 
welche, der Ordnung gemäß, hier flehen müßte.) 

Die Abbildung auf der folgenden Seite ftellt böhmifche oder 
deutfche Ritter vor, nach einer in der Bibliothek des Prinzen von 
Lobkowitz zu Raudnitz in Böhmen aufbewahrten Handfchrift des 
Weleslaw aus dem 12. Jahrhundert. 

Der zweiten Gruppe voraus reitet ein Anführer, deffen Bewaff- 
nung derjenigen der folgenden -Ritter ähnelt und bei welcher man 
fchon die große Keffelhaube bemerkt, einen Helm, der gewöhn- 
lich dem 14. Jahrhundert zugefchrieben wird. Die Ringhaube oder 
Helmbrünne ift mit der Brünne vereinigt. 

Alle Brünnen mit langen anfchließenden Ärmeln mit Rüfthofen 
und -ftrümpfen find augenfcheinlich geringt. (Siehe die Erklärung 
in dem die Panzerhemden und Panzer behandelnden Abfchnitt.) 

Die Keffelhauben fcheinen nicht aus einem Stück gemacht zu 
fein, fo viel fich nach der mit Nagelköpfen verfehenen Vernietung 
urteilen läßt, welche die fpitze Glocke in zwei Hälften teilt. 

Mehrere Ritter tragen über dem Panzerhemde den wallenden 
Waffenrock von Zeug (fr. hoqueton). 

Die Schwerter find mit geraden Abwehrftangen und nicht fehr 
fpitz, doch zeigen die Sättel fchon eine erhöhte Rücklehne; die 
Füße find entweder mit Schnabel- oder doch, fehr fpitzen Schuhen 
bekleidet und in Steigbügeln. 

Das für die Gefchichte der Schutzwaffen wichtigfte Stück diefer 
durch ihre Feinheit und gewiffenhafte Genauigkeit bewundernswerten 
Buchmalerei ift der Eifenhut mit breitem Rand und fpitzer, 
der Keffelhaube gleichender Glocke. Von Helmen diefer Art ift ein 
Exemplar bekannt (Germanifches Mufeum zu Nürnberg). Die Eifen- 
hüte des 14. und 15. Jh., welche man fonft in Sammlungen antrifft, 
haben keine fo fpitzen Glocken. 

Nur die beiden Anführer tragen Kinnbärte, und die mit Wappen 
verzierten herzförmigen Schilde gleichen in ihrer Form demjenigen 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 373 

Ludwigs VII. (1 137 — 1180), der auf S. 371 dargeftellt ift Die oberen 
Lendenteile, die untere Vorderfeite der Beine und die Füße haben 
Mafchenfchutz. 




Böhmifchen Schriften v. XV. Jh. nach waren die gebräuchlichen 
Waffen in Böhmen und Mähren Schwerter (meci), Stoßfpeere 
(kopi), Wurffpeere (ostipi), Streithämmer (palcaty), Halle- 



374 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



barden (sudici) und Kriegsflegeln (cepy). Auch fchon Arm- 
brüfte (samostrely), Handfeuerröhre (rucnice), fowie Haken- 




büchfen (hakownice). Von den Schutzwaffen wird auch als fehr 
wichtig das Setzfchild oder die eigentliche Setztartfche (die 
pawezy) erwähnt. 



Waffen des christlichen Mittelalters etc. 



375 



J. Trocznow, d. h. Johan Ziska's (1360 — 1424) Lieblingswaffe foll 
der Streitkolben gewefen fein, welcher auch überfein Grabdenk- 
mal zu Czaslau aufgehängt wurde. 

Im Abfchnitt X, die Panzer, befindet fich ferner die Abbildung 
von Ziskas Mafchenpanzerhemd nach einem alten Gemälde in der 
Genfer Bibliothek. 

Die zu der Bewaffnung der Huffiten gehörende Armbruft (sa- 
mostrely) wurde von denfelben Kuse genannt. 

3. Krieger des 12. Jahrhunderts. Die Bewaffnung befteht aus 
der großen Mafchenbrünne (grand oder blanc haubert) mit kurzen 
Ärmeln und Mafchenhaube unter einem Eifenhute von fehr feltener 
Form. Nur die oberen Lenden, die untere Vorderfeite der Beine 
und die Füße zeigen Mafchenfchutz. Über der Brünne ein ärmel- 
lofes Zeugwaffenhemd (hoqueton). Der Schild ift noch größer als 
der fpäter erfcheinende Petit Ecu oder der Dreifpitz vom 13. Jahr- 
hundert. Die Angriffswaffen beftehen allein in Speer und einer Art 
Keule oder des Seymitar. — Aus dem Album des Architekten 
Villard de Homecourt vom 13. Jahrhundert, welcher die Figur 
wahrfcheinlich nach eine Kleinmalerei des 12. Jahrhunderts wieder- 
gegeben haben wird. 

1. Deutfcher Waffenfchmied, den Topfhelm fchmiedend, nach 
einem in der Bibliothek zu Berlin aufbewahrten Manufkripte (der 
deutfchen An ei de von Heinrich v. Veldecke). Das am Fuße des 
Amboß liegende, jedoch ungenau kopierte Panzerhemd erfcheint in 
der Originalzeichnung gegittert und mit Nagelköpfen befetzt, wenn 
es nicht etwa geringt ift. Der Topfhelm hat ein feftes Vifier und 
einen flachen Boden. 

2. Deutfcher Ritter in Turnierrüftung, nach derfelben Handfchrift. 
Der Topfhelm hat fchon den Helmfchmuck, der Schild ift der So- 
genannte Dreifpitz (petit Ecu), wie er zur Zeit Ludwigs des Heiligen 
allgemein getragen wurde, aber hier herzförmig. Die Rüftung fcheint 
fchon aus Schienen, wahrfcheinlich von Leder zu beftehen, fo viel 
fich nach den Arm-, Schenkel- und Beinfchienen und den Eifen- 
fchnabelfchuhen urteilen läßt, die alle, wie deutlich zu fehen, nicht 
mehr in Mafchen find. Die fchon vollftändige Rüftung des Pferdes 
(keine Parfche, fr. housse), gleich dem zu den Füßen des Amboß 
liegenden Panzerhemd gegittert und mit Nagelköpfen befetzt oder 
geringt, wird aber wohl nur ein Gelieger gewefen fein. Das Zeug- 
waffenhemd (fr. hoqueton) mit feinen langen Schößen, welches der 



376 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 




Ritter über der Rüftung trägt, ähnelt ganz einem modernen Leibrock 
und findet fich auch an der holländischen, auf S. 380 dargestellten 
Figur derfelben Epoche. 



<&** 



3. Kniekachel einer Schienenrüftung des 
14. Jahrhunderts aus einem Werke der Wolfen- 
büttler Bibliothek. 

4. Ganzes Armzeug, ebendaher. 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



377 



Franz öfifcher Turnierritter von 1300, deffen Mafchenpanzer- 
hemd durch keinen Bruftfchild, aber durch rein- und Armfchienen 

mit Kacheln verftärkt ift. Die 
Flügelchen, Wappen fchild- 
chen oder Wappenplatten 
(fr. ailettes) fcheinen hier 
vielleicht auch mit beftimmt, die 
Schultern zu fchützen (?). Der 
wallende Waffenrock von Zeug 
(hoqueton) hängt über der 
Rüftung. Der Schild hat die 
Form des Dreifpitz (petit Ecu), 
ift aber größer und gewölbt 
Der Sattel gehört zu denen, 
worin die Ritter noch flehend 
ihren Speer brachen. DerTopf- 
ftechhelm ift von einer kugel- 
förmigen Zier gekrönt. Das 
Pferd ift mit dem Gelieger 
(fr. housse) bedeckt — Nach 
einer franzöfifchen Handfchrift 
vom Anfange des XIV. Jahrhunderts. 

1. Deutfche Bewaffnung aus dem 13. Jahrhundert, deren Cha- 
rakter aber noch an das II. erinnert, nach dem Standbilde eines 
der Gründer des Naumburger Domes. Der Helm gleicht faft dem- 
jenigen des Codex aureus von St. Gallen. Herzförmiger Lang- 
fchild in Schulterhöhe mit Wappen; große Brünne. Schwert 
mit fpitzem Ort. Hände ohne Fäuftlinge. Sonderbarerweife ift das 
linke Bein ohne Schutz. Kinn mit Vollbart. Einen ganz dem hier 
ähnlichen Schild zeigt auch der S. 287 abgebildete byzantinifche 
Leibwächter vom XII. Jh. 

Zwei dem Naumburger Standbilde ähnliche, den Dom zu Verona 
fchmückende Standbilder (Roland und Olivier?) fcheinen von dem- 
felben Künftler ausgeführt zu fein. 

2. Deutfcher Ritter aus dem 11. Jahrhundert. Glockenhelm mit 
Nafenfchutz. Faft mannshoher gewölbter, unten fpitz, oben breit 
abgefchnittener Schild. Langes ftumpfortiges Schwert mit kurzer 
Abwehrftange, bewimpelter Speer, Helmbrünne, Brünne mit langen 
Ärmeln, Mafchenrüfthofen und Rüftftrümpfen. Der lange Schild ift 





378 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 





hier vermitteln der Schildfeffel (fr. guige) über der Schulter 
hängend. — Nach einer Handfchrift der Düffeldorfer Bibliothek, 
welche die Klagelieder des Jeremias und die Apokalypfe enthält. 

DeutfcherRitterim Mafchenpanzerhemd, der großenBrünne 
ohne Fäuftlinge und Glockenhelme mit Nafenfchutz, welcher hier 

noch eine Querfchiene aufweift. Be- 
langreich find auch der halbrunde, 
gebogene, lange, unten zugefpitzte 
Schild, die fchon hohe Sattellehne, die 
ausgefchnittene Sattelunterdecke, fowie 
der die Fußfpitzen bedeckende Steig- 
bügel. — Nach den Kleinmalereien 
der Handfchrift „Rolandslied des Pfaf- 
fen Conrad" vom Ende des XII. Jh. 
in der Univerfitätsbibliothek zu Hei- 
lfltfVu "ferUC lawnktttt delberg. 




Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



379 




Richard I. Löwenherz (1189— 99) 1 ), nach einem Siegel. Das 
Mafchenpanzerhemd hat Fäuftlinge (Hentzen), anfchließende Ärmel 
und Ringhaube oder Helmbrünne, aber keine Lendenrüfthofen. Die 
gleichfalls aus Mafchen angefertigten Rüftftrümpfe reichen nur bis 
zum Knie und in dem Schild fieht man fchon einen Vorläufer des 
kleinen Dreifpitz vom 13. Jahrhundert. Der Glockenhelm nordger- 
manifchen Urfprungs hat den konifchen, franko-normannifchen Helm 
erfetzt, jedoch fcheint er in erhöhter Form und erinnert an die 
Helme der Seligenthaler Stickerei, die gleichfalls aus der zweiten 
Hälfte des 12. Jahrhunderts flammt. 

1. Deutfche Ritter inSchienenrüftung mit gefchientem Arm- 
und Beinzeug und gefchienten Eifenfchnabelfchuhen. Auf dem 
Haupte der Stechhelm, über der Rüftung das Zeugwaffenhemd 
(fr. hoqueton). Das Pferd trägt die Parfche, d. h. den ganzen 
Körper bedeckenden Zeugbehang (fr. housse). — Deutfehes Manu- 
fkript Triftan und Ifolde (im 13. Jahrhundert von Gottfried von 
Straßburg verfaßt), in der königlichen Bibliothek zu Berlin aufbe- 
wahrt. Die Schilde find hier größer wie der kleine Dreifpitz (peti* 
Ecu) aus derfelben Zeit. 



! ) Diefer Holzfchnitt, der, gemäfs der für diefes Werk in Anwendung gebrachten 
Ordnung auf Seite 372 hätte gefetzt werden follen, konnte aus typographifchen Gründen 
erft hier feinen Platz finden. 



38o 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 




2. Bronzene Reiterfigur vom Ende des 13. Jahrhunderts; Vorder- 
und Rückfeite. (Sammlung Six in Amfterdam.) Diefer holländifche 
Ritter im Mafchenpanzerhemd mit anfchließenden Ärmeln, Schenkel- 
und Beinfchutz mit Schienen, letztere wahrfcheinlich von Leder, 
bietet mit den langen Schößen feines wallenden Waffenrocks von 
Zeug (hoqueton) und der eigentümlichen Form des Topfhelms, 
auf dem eine unverhältnismäßig große Helmzier (wahrfcheinlich von 
Leder oder Pappe, nur für Turniere) angebracht ift, eine groteske 
Erfcheinung. 

3. Belgifche Rüftung des 13. Jahrhunderts, nach einem kleinen 
zerbrochenen Standbilde in gebranntem Thon und gelber Bleiglafur, 
von 38 cm Höhe, beim „Marcne* Vendredi" zu Gent 1864 gefunden. 
Der Stechhelm hat platten Boden, wie die englifchen Helme aus 
dem Anfang des 14. Jahrhunderts im Tower zu London (f. den Ab- 
fchnitt der Helme), aber der Schild ähnelt den in der Wandmalerei 
im Dome zu Braunfchweig unter Heinrich dem Löwen (f 1 195) 
dargeftellten. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



38l 





Englifcher Ritter aus der zwei- 
ten Hälfte des I3-Jahrh., nach einem 
Grabmale des Sirjohan d'Aubernoun 
in der Kirche von Stoke d'Abernon 
(Surrey). Nach Schultz. 

Die Rüftung befteht aus dem 
vollftändigen Mafchenpanzer- 
hemd mit Rüfthofen, -ftrümpfen, 
enganfchließenden Armein und Kra- 
genringhaube oder Helmbrünne. 
Die Sporen find einfpitzig geflammt. 
Auch die Kniee zeigen bereits 
Schutzkacheln. Das wohl 1 m 25 cm 
lange und fpitze Schwert ift mit 
kurzer Angel oderGriff dickem Knauf 
und einer an beiden Enden gegen 
den Ort zu gebogenen Abwehrquerftange verfehen; dasfelbe hängt 
bereits in einem den Römern fchon bekannten Hüftwehrgehenk (fr. 
boudrier de hanche), welches im Mittelalter Du p fing hieß und 
gewöhnlich erft von 1320 an, und um 1420 nicht mehr, vorkommt. 




3 8 2 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 




Der kleine Schild, Dreifpitz (petit Ecu) ift beiderfeitig gebalkt und 
der kurze, dünne Speer gewimpelt. Schulterriemen tragen den über- 
dies noch gegürteten wallenden Zeugwaffenrock oder -hemd (fr. 
hoqueto n). 

Betender franzöfifcher Ritter aus der Mitte des XIII. Jahrh. 
Mafchenpanzerhemd mit daran fitzender Ringhaube ohne Helm, 

Fäuftlingen, Höfen und Strümpfen. 
Befonders intereffant find die Schulter- 
flügel oder Schulterwappenfchildchen 
(fr. ailettes, f. S. 70) wegen des darauf 
befindlichen Lilienkreuzes, welches auf 
einen Kreuzritter Ludwigs IX. hinweift. 
Auch die runde Form der Spornbügel 
— fpäter bei den Schienenrüftungen 
fpitz winklig — ift zu beachten, eben- 
fo wie der wallende Zeugwaffenrock 
(fr. hoqueton). — Nach einem Reli- 
quiarium der Sammlung Arendel zu 
Paris. 

Turnierrennender Ritter vom Ende des XIII. Jh. Auf dem 
Topfftechhelm zeigt die fchöne Helmzier daffelbe Wappen wie 

der i Dreifpitz 
(petit ecu). Die 
ganze Figur des 
Ritters ift mit 
dem wallenden 
Zeugwaffenrock 
(fr. hoqueton) 
fo bedeckt, daß 
von der darunter 
befindlichen Rü- 
ftung nichts ficht- 
bar bleibt. Auch 
das Roß hat vom 
Kopf bis zum 
Schwanz den Ge- 
lieger (fr. hous- 

se)d.h. eine Zeugdecke und keinen Panzerfchutz. DieSpeere(fr. rocs 
auch rochets) find hier nicht mit ftumpfen (rochets courtois), 




Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



383 



fondern mit drei fcharfen Spitzen befchlagen. — Aus dem Baldui- 
neum nach Frft. Hohenlohe. • 

5. Franzöfifcher Waffenfchmied, einen Topfhelm fchmiedend. 
— Nach einer Kleinmalerei der Handfchrift „Romans d'Alixandre" 
vom Ende des XIII. Jh. in der Nationalbibliothek zu Paris. 





4. Deutfcher Ritter vom Anfange des XIII. Jh. Mafchenpanzer- 

hemd oder Brünne mit Helmbrünne oder Ringhaube, — Ärmeln 

mit Fäuftlingen (fingerlofe Handfchuhe), — Rüfthofen mit Strümpfen 

.ohne Sporen, — dreieckiger Schild, viel größer wie der Dreifpitz 

oder petit Ecu, — breites Schwert mit ftumpfem Orte, mit Ortband 

und ohne Querftange, — Topfhelm und wallender Zeugwaffenrock 

(fr. hoqueton) über der Brünne (f. S. 68). — Nach einer Bildnerei 

von 1220 im Kapellchen zum heiligen Grabe des Domes zu Konftanz. 

Diether III., Graf zu Katzenelnbogen (f 1276) ift auf feinem aus 

Sandftein gehauenen Grabdenkmal zu Klofter Eberbach (feit 1830 in 

der Burg des Parkes zu Bibrich-Mosbach) ganz in ähnlichem Mafchen- 

panzerhemd mit Helmbrünne und daumenlofen Fäuftlingen dargeftellt 

1. Franzöfifcher Ritter des 13. Jahrhunderts, nach einer kleinen, 

10 cm langen, in Kupfer befchmelzten (champleve) Hochbildnerei 



3 8 4 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



der Sammlung des Grafen Nieuwerkerke. Es ift abwechfelnd in 
blauen, citronen- und orangegelben Farbentönen emailliert und ver- 
goldet. Die Querftange des Schwertes 
mit ihren gegen den Ort zu geneigten 
Enden, der Topfhelm mit feiner Helm- 
zier, die mit dem wallenden Wafien- 
rock von Zeug (hoqueton) bedeckte 
Rüftung und die Decke, der Gelieger 
(fr. housse), welche das Pferd gänz- 
lich behängt, alles dies ift dem ^.Jahr- 
hundert gemäß. 

2. Franzöfifcher Ritter aus dem 

13. Jahrhundert (Pferd mit Gelieger), 
nach einer Schmelzarbeit (cham- 
pleve) jener Zeit (Leuchter). Befon- 
ders ift hier die breite Form des klei- 
nen Schildes hervorzuheben. — Samm- 
lung des Grafen von Nieuwerkerke. 

3. Franzöfifcher König aus dem 

14. Jahrhundert (?), nach der gepreßten 
und cifelierten Arbeit eines Leder- 
koffers jener Zeit, in der Sammlung 
des Grafen von Nieuwerkerke. Die 
daran befindlichen franzöfifchen In- 
fchriften in gotifchen Minuskeln weifen 
eine fpätere Zeit auf als das Jahr 1360. 
Über der Figur fleht: CHARLES. LE. 
GRAND. Die Rüftung ift eine voll- 
kommene Schienenrüftung, die Eifen- 

fchuhe haben Schnäbel und die Handfchuhe getrennte Finger. Der 
Hinterteil des Pferdes ift gerüftet und das Schwert zeigt dem Ort 
zugebogene Querftangen. 




Drei fchwedifche fchildlofe Krieger, wahrfcheinlich aus dem 
13. Jahrhundert oder dem frühen Mittelalter (das man in Schweden 
die „neuere Eifenzeit" nennt), nach in Schweden gefundenen und 
im Mufeum zu Stockholm aufbewahrten Bronzeplatten in Flach- 
bildnerei. Diefe Figuren find hoch intereffant wegen der kurzen 
Schwerter (in Form des römifchen Gladius) mit ftumpfem Ort 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



385 



und faft ohne Querftange; wegen der gewaltigen Spießbefchläge, 
wovon einer mit Schwerknöpfen belaftet ift; vor allem aber wegen 
m >oe>-<j^ «v der zwei Helmfor- 

men. Der dritte 
Krieger fcheint 
über der Riem- 
brünne eine voll- 
ftändige Tierhaut 
zu tragen. Befon- 
ders der Schwert- 
formen wegen 
könnten diefe Aus- 
rüstungen auch wohl einer bedeutend früheren Zeit angehören. 

» 






m in i 11 , Waffenkunde. 3. Aufl 



386 



Waffen des christlichen Mittelalters etc. 



Krieger (fchwedifche?) vom Ende des 12. Jahrhunderts, nach 
Wandmalereien aus diefer Zeit in einer Kirche romanifchen Stils 
in Schweden. Man fieht hier den runden Glocken- neben dem 
kegelförmigen Helm und den fchulterhohen, herzförmigen Schild 
normännifcher Form. Brünne mit Ringhaube, Höfen und Ärmeln. 
Langes Schwert mit Querftange und fpitzem Ort. Schnabelförmige 

Fußbekleidung in halbrunden Steigbügeln. 

Waffenrock (hoqueton) über der Brünne. 






1. Ritter nach einer vor 1235 ausge- 
führten Bildnerei in der Krypta des Domes 
zu Brandenburg. Der Stech- oder Topf- 
helm (heaume de joute) hat ein Vifier 
in dreieckiger Schildform und bedeckt die 
Ringhaube oder Helmbrünne (camail). 
Eine Bruftplatte (pectoral mamillier) 
ift über Waffenrock und Brünne befeftigt, 
aber eine Platte ift nicht vorhanden. Die 
runde Form des kleinen Schildes wird fei- 
ten fonftwo im 13. Jahrhundert angetroffen, 
wo faft überall der „Dreifpitz" im Ge- 
brauch war. 

2. u. 3. Zwei deutfche Ritter vom 
13. Jahrhundert nach dem Speculum 
humanum im Mufeum zu Köln. 

Die Bewaffnung bietet viel Intereffan- 
tes hier. Erftlich der Topf heim mit Hör- 
nerzier (Nr. 2) und die große Keffel- 
haube (Nr. 3) Der kleine Dreifpitz (petit 
ecu) trägt ein Wappen. Beide Mafchen- 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



387 



brünnen find vollftändig mit Fäuftlingen, auch bereits mit Lend- 
nern bedeckt. Die kleinen Schilde, Dreifpitze zeigen verfchiedene 
Wappen; das Schwert (Nr. 3) hat nach der Klingenfpite zu geneigte 
Ouerftangen. Der Ritter Nr. 2 fcheint fchon eine Platte mit Schößen 
über die Brünne zu tragen. 

Einer der Mörder von Tkomas Becket, 
nach der englifchen Handfchrift ohne Jahres- 
zahl, welche Strutt veröffentlicht hat. Die 
Bewaffnung befteht noch allein aus der Ma- 
fchenbrünne mit Mafchenkapuze ohne 
Helm, fo wie Richard Löwenherz auf einem 
Siegel (f. S. 379), aber mit hohem Helm ab- 
gebildet ift, obfchon der kleine dreieckige 
Schild, der Dreifpitz (petit ecu), fowie die 
breite fpitze Schwertklinge das 13. Jahrhun- 
dert anzeigen. Die Beine find umwickelt 
(femoralia). 

Krieger nach der Kleinmalerei einer 
Handfchrift „Visiones Sanctae Hildegar- 
dis" in der Bibliothek zu Wiesbaden, wo 
diefelbe dem 12. Jahrhundert zugefchrieben 
wird, während fie nach der Meinung des Ver- 
faffers wohl dem Ende des 13. Jahrhunderts 
angehören mag. Die gotifchen Minuskeln fo- 
wie der Charakter der Figuren berechtigen 
zu diefer Zeitbeftimmung. 

Die Bewaffnung befteht noch aus der 
großen Mafchenbrunne mit langen 
engen Armein aber ohne Beinfchutz oder 
Helmbrünne in der Art des Manufkriptes 
vom 11. Jahrhundert zu Düffeldorf (f. S. 378.) 
Der kegelförmige Helm ift ohneNafenfchutz; 
der lange Schild, oben breit, unten fpitz und von zweidrittel Man- 
neslänge, fowie das kurze Schwert fprechen ebenfo für das 11. oder 
L12. Jahrhundert. Der Speer hat einen Widerhaken. 
Schenkgeher (Donateur) im mit W T appenfchilden verzierten, 
ärmellofen Zeugwaffenkittel oder -hemde (fr. hoqueton) 
mit geteilten Schößen und an den Schultern befeftigten aufrecht 
25* 




388 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 




flehenden Wappenfchildchen (ailet- 
tes) — welches das mit Armein ver- 
feheneKettenpanzerhemd fall überall 
fichtbar läßt Unter letzterem zeigt fich 
außerdem noch eine vollftändige Schie- 
nenrüftung mit Arm- und Beinzeug. 
Diefe Abbildung einer Handfchrift v. 
XIV. Jahrh., in der Bücherei zu Cam- 
bray, entnommen, ift befonders interef- 
fant wegen der Stellung der Wappen- 
fchildchen, da diefelbe die Anficht des 
Verfaffers, — daß folche «ailettes» 
nicht als Achfelfchutz gedient haben 
können — , wiederum beftätigt. 




Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



389 



Italienifche Ritter aus dem 14. Jahrhundert, nach einer mit Holz- 
formen aus freier Hand l ) in roten und fchwarzen Ölfarben be- 
druckten Leinwand, im Befitz des Herrn Odet in Sitten. Die An- 
führer find mit herzförmigen, gebogenen Schilden und Topfhelmen 
bewaffnet, während die übrigen Ritter die gerippte Keffelhaube 
tragen, von der fich kein Exemplar mehr vorfindet. Alle haben 
fchon gefchientes Beinzeug mit Kniekacheln, dagegen als Leib- 
rüftung noch den Mafchen- Haubert, welcher zu diefer Zeit in 
Deutfchland bereits außer Gebrauch war, fowie allem Anfchein nach 
auch darüber Platten, wenn nicht Lendner. 




Italienifche Ritter aus dem 14. Jahrhundert, nach derlelben Lein- 
wand, welcher auch die Zeichnung der vorhergehenden Seite ent- 
nommen ift. Die ungerippte Keffelhaube ift bemerkenswert wegen 

J ) Dr. Keller, der die Fakfimiles herausgegeben hat, verwechfelte diefe fchon den 
alten Mexikanern bekannte Art von Handdruck mit dem eigentlichen Holzfchnittdruck, 
zu deffen Ausführung eine Preffe nötig ift. 






39° 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



ihres Augenfchirms, einer Art Vifier, das den Schirmen der moder- 
nen Käppis gleicht und der Vorläufer des Augenfchirms des Bur- 
gunderhelms im 15. Jahrhundert gewefen zu fein fcheint. Dem Tur- 
nierfpeere fehlen hier die gewöhnlich daran angebrachte eiferne 
Scheibe und der Handgriff. Die gotifchen Majuskeln, die von 1200 
— 1360 in Gebrauch waren, find auch wohl ein Beweis, daß die Lein- 
wand nicht nach dem 
14. Jahrhundert entftan- 
den fein kann. 

Schlafende Krieger 
in langärmligen und be- 
hoften Mafchenbrünnen. 
Die Schallernhelme wei- 
fen auf das 14. Jahrhun- 
dert, die Schilde auf das 
13. hin, obfchon das 
Schwert mit einer der 
Spitze nur wenig zuge- 
kehrte Abwehrftange dar- 
geflellt ifl. 

Von dem Grabe 
Chrifli 'in einer Seiten- 
kapelle des Domes zu 
Konftanz, die wahr- 
fcheinlich im 14. Jahr- 
hundert eingerichtet 
worden ifl. 

Deutfche Söldner 
v. XIV. Jahrh., nach 
einem durch Hefner- 
Alteneck veröffentlichten 
Altarbilde von Schwä- 
bifch Hall. Eifenhut 
mit hoher aufgeftülpter 
Krempe, Spangenhelm 
oder Helmgeflell (f. 
Nr. 261, 308, 350, 396) 
vor allem aber die 




Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



391 



Mußeifen benannten, aus Eifenftäben dargeftellten Oberarmberge 
mit Schulterftangen (?) find hier befonders hervorzuheben, da diefe 
Mußeifen in der Limburger Chronik (1330 — 1380), fowie in dem 
großen Ämterbuche des deutfchen Ordens (1387 — 1396) unter obigem 
unerklärlichem Namen befonderer Erwähnung gefchieht. Intereffant 
ift auch die herzförmige Tartfche mit ihren zwei Vifieren, fowie die 
untere ausgezackte Kettenbrünne des links abgebildeten Söldners. 





Flämifcher Krieger der Artevelde- Landwehr v. XIV. Jahrh.; 
Steinbildnerei vom Beffroi zu Gent, gegenwärtig da in der Baurefte 
von St. Bavon. Die kleine Keffelhaube ift hier mit einer Schie- 
nen- oder Plattenhelmbrünne und die Ärmel find mit Schienen, 
Kacheln, — die Schultern mit Schutzplatten verfehen. Die ganze 

IAusrüftung zeigt fchon bedeutende Fortfehritte gegenüber der da- 
mals bereits verfchwindenden großen Mafchenbrünne. Der unter 
dem Schilde hervorragende Schwertfcheideort ift breit und fpitzlos. 



39 2 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 







Dänifcher Ritter aus dem 14. Jahrhundert, deffen Rüftung wegen 
ihres gegitterten Vorder- und Hinterfchurzes, in Form von Sattel- 
lehnen *), welche das Mafchenpanzerhemd bedecken, merkwürdig 
ift. Der Ritter trägt noch den deutfchen Topf heim des 13. Jahr- 
hunderts. — Nach einem Urceus in Bronze, 30 cm hoch, im Mu- 
feum zu Kopenhagen. (Aquamanile, womit oft falfchlich diefe 
Art Kanne bezeichnet wird, ift der Name des dazu gehörigen 
Beckens.) 

Englifche Ritter vom Anfange des XIV. Jahrh. Die Ausrüftungen 
beliehen hier in — über Kettenpanzerhemden mit Kragen- 
ringhauben oder Camails — getragenen Stückpanzern, aus 
Eifenhüten und vollftändigen Schnabelfchuh-Schienen- 
rüftungen mit Armzeug und Meufeln, Dielingen mit Kniekacheln 
und Beinfchienen. Der Schild ein Dreifpitz, ift aber fchon größer 



>) Vielleicht auch Sattelstücke? 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



393 



wie des «Petit Ecu» vom XIII. Von den Schwertern zeigt das 
an der Seite hängende auch noch die nach dem Orte zu geneigten 
Querftangen v. XIII. Jahrh. Die Schurze find mit Schellen be- 
hängt (f. die nachfolgende Abbildung). Erzbifchöfliches Siegel von 
Canterbury mit dem Vorwurf der Ermordung Thomas Beckets im 
Jahre 1170. — Staatsarchiv in Berlin. 





Ritter vom Anfange des XIV. Jahrh., Zeitabfchnitt, wel- 
cher befonders durch die Form der fpitz über die Helmbrünne 
geftülpten Keffelhaube, den nach dem Orte geneigten Querftan- 
gen des Schwertes, den Schnabelfchuhen, den nur unten ge- 
fingerten Handfchuhen und vor allem durch das über die Ketten- 
brünne getragene Stahlftück feftgeftellt ift. Das intereffantefte 
aber an diefer Rüftung find die am Gürtel befeftigten Schellen 
(fr. grelots), welche nicht allein ein Teil der damaligen Herzöge 
von Cleve um 138 1 (f. die Abbildung des Martinus im Abfchnitte 
der Schwerter) ausmacht, fondern im XIV. und Anfang des XV. 
Jahrh. auch anderweitig zur Ausfchmückung der Gürtel von Rittern 
und Frauen dienten. (S. die vorhergehende Abbildung, wo englifche 
Ritter felbft Schellen an den Schurzen tragen). 






394 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



Vollftändige polnifche Rüftung des Großfürften von Litauen, 
Kiejstut, Prinz v. Troki vom XIV. Jahrh., welcher fo unglück- 
lich gegen den Deutfchen Orden ftritt. Die fchon gänzlich aus 
Schienen dargeftellte Rüftung hat einen befonderen Charakter 
wegen der breit ausgedehnten Lenden- 
fchürze und des Schulterüberwurfs, wel- 
cher die Widerftandsfähigkeit des Harnifchs 
da verdoppelt. Auch die mit Schirmrän- 
dern verfehene Keffelhaube ift von unge- 
wöhnlicher Form. Der Schild ift bereits 
größer wie der kleine Dreifpitz (petit — 
ecu). Die Querftangen des überaus langen und 
breiten Schwertes find noch, wie die vom XIII. 
Jahrh., dem Orte zugeneigt und die Radfporen 
fehr langhälfig. 

Von der altpolnifchen, refp. flavifchen 
Bewaffnung vor Boleslaw Chrobry (des Tap- 
feren — 992 — 1025) weiß man nur, ;daß der 
hölzerne Bogen (lucca — , luczke) mit Pfeilen 
(streta, — strzala), dasMeffer (noz), der von 
diefem abdämmende Säbel (nozna) und auch 
fchon das Schwert (miecz), der Wurffpeer, fowie der längere Speer 
(Kop, — Kopiaj im Gebrauch waren. Die fpäteren Ausrüftungen 
find den deutfchen verwandt, ja felbft fehr ähnlich, inbegriffen des 
Litenka genannten Zeugwaffenrocks, des fr. hoquetön. S. auch 
im Abfchnitt «Helm». 




Deutfcher Ritter aus dem Anfange des 14. Jahrhunderts, fchon 
mit gefchientem Beinfchutz, Kniekacheln und mitEifenfchna- 
belfchuhen gerüftet. Den Topfhclm ziert eine Feder und der Schild 
ift größer als der Dreifpitz (petit ecu) des 13. Jahrhrhunderts. 
Der über die Rüftung getragene Waffenrock (hoquetön) ift fehr kurz 
und gegürtet. — Handfchrift 2,576 in der kaiferlichen Bibliothek zu 
Wien: Historia sacra et profana etc. 



1. Neuenburger Ritter mit Helm und Helmbrünne oder Ring- 
haube und mit Lendner in der Tracht von 1372, zu welcher Zeit 
das Grabmal des Grafen Ludwig in der Stiftskirche zu Neufchätel 
ausgeführt wurde. Die Figur ftellt Rudolf II. dar (f 1 196). 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



395 




2. Rüftung eines 
Neuenburger Rit- 
ters. Diefelbe ift nach 
der genauen Darftel- 
lung auf dem Grab- 
denkmal gezeichnet, 
das dem Grafen 
Berthold errichtet 
wurde und bald nach 
feinem Tode (f 1258) 
ausgeführt worden 
fein foll. Es find hier 
fchon Beinfchienen 
aus Eifenblech zu be- 
merken, der Schild 
ift jedoch faft noch 
der Dreifpitz (petit 
6cu). Der Hüftgürtel, 



396 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 




Dupsing, aber, welcher in diefer Form faft nirgends vor dem 

14. Jahrhundert vorkommt, beweift wohl, daf3 die Bildnerei nicht 

dem 13. Jahrhundert angehört. 

Wandmalerei in der Painted Chamber zu Weftminfter, v. XIII 

Jh., welche hier wegen der Form 
des durchbrochenen Helm- 
geftelles gegeben ift. Die Form 
des Schildes (dreifpitzig, Petit 
ecu), ftellt ficher die' Zeit feft. 
Sämtliche Krieger haben vollftän- 
dige Panzerhemden mit Ringhau- 
ben und Fäuftlingen, fowie einige 
davon kegelförmige Helme mit 
und ohne Nafenberge. Intereffant 

ift hier auch das einfchneidige fäbelförmige Schwert. 



Philippe von Rouvre, Herzog von 
Burgund, nach feinem Infiegel vom 
Jahre 1361, welches Damay (Coftumes 
d'apres les sceaux, 1880) veröffentlicht 
hat. Befonders ift hier die über der 
Brünne getragene Platte, nicht Lend- 
ner, der mit Zier (Eule und Flügel) 
verfehene Topfhelm belangreich, ob- 
fchon nicht feftzuftellen ift, ob diefe 
Helmzier von Metall (f. Ab. Helm 
Nr. 40 und 41) war. Angekettetes 
Schwert und Petit 6c u Pferd gerüftet 




Spanifcher Ritter vom Ende des 14. oder vom Anfange des 
15. Jahrhunderts; er trägt noch das Panzerhemd mit der Ring- 
haube ohne Helm. Schwert mit dem Orte zugekehrter Querftange. 
Nach dem Bruchftück einer Bildnerei in der Alhambra. Diefes Bas- 
relief ift mit einer Infchrift in kleinen gotifchen Lettern (Minuskeln 
umgeben, wie fie nicht vor 1360 gebräuchlich waren '). 



') In einigen Handfchriften kommen Minuskeln doch fchon anfangs des XIII. Jh. vor. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



397 



r& SJislWWv M 




1. Bewaffneter Gildemann mit großer Brünne und Waffenrock 
von Gent (Belgien). Nach einer Wandmalerei des 14. Jahrhunderts. 
Intereffant find Schwert, Helmbrünne und Helm. Letzterer ift die 
große Keffelhaub e mit Nackenfchutz und einem beweglichen 
Sturz oder Vifier, welches man gewöhnlich nur bei Helmen des 
16. Jahrhunders antrifft 1 ). Das Schwert hat eine nach der Klingen- 
fpitze zu gebogene Abwehrftange, wie diefelbe befonders im 13. 
Jahrhundert vorkommt. 

2. Deutfcher Ritter von 1350, fowie derfelbe in Holz im Dom 
zu Bamberg dargeftellt ift, Über der Mafchenbrünne mit gefinger- 
ten Handfchuhen liegt die Platte mit ehernen Nagelköpfen. Außer- 
dem ift die Bruft noch gegen Lanzenftöße durch eine Bruftplatte 
oder Stahlftück gefchützt, an welchem mittels Ketten Dolch und 

I Schwert befeftigt find. Der Hüftfchwertgürtel oder die Hüft- 
kuppel, (altd. Dupfing) welche im Mittelalter von 1320 — 1420 
14. J 



l ) S. im Abfchnitt der Helme noch andere derartige Keffelhauben mit Sturz vom 
14- Jahrhundert. 



398 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



getragen wurde, die bereits im 13. Jahrhundert exiftirende große 
Keffelhaube und vor allem die Platte (f. S. 66— 69) mit Schulter- 
ftück find für die Zeit charakteriftifch, ebenfo die ausgefch'nittene 







Tartfche. Die Keffelhaube ift hier mit Mafchenhalsfchutz 
verfehen. Der Beinfchutz mit Nagelköpfen befät geht nur bis 
über die Kniee und die Kampfhandfchuhe find gefingert 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



399 



ähnlich wie diejenigen auf dem Denkmale Günthers von Schwarz- 
burg, von 1352, im Dom zu Frankfurt a/M. In faft ganz gleicher 
Ausrüftung ift eine Holzfigur v. 1370 im Dom zu Bamberg dar- 
geftellt 

Kaifer Ludwig der Bayer (1314 — 1347), lebensgroße rote Sand- 
fteinflachbildnerei von den zinnenförmigen Giebelfkulpturen des v. 
1314 — 13 17 erbauten Kaufhaufes zu Mainz, welche, nach dem 18 12 

erfolgten Abbruche, im 
Mainzer Mufeum aufbe- 
wahrt find. Der Kaifer ift 
dargeftellt in vollftän- 
digerKetten- oderMa- 
fch enrü flu ng mit Helm - 
brünne oder Ring- 
haube unter der klei- 
nen Keffelhaube; vom 
Ende des XIII. Jh. (welche 
hier mit Kamm und einem 
kronenförmigen Schirm 
verfehen ift), Faufthand- 
fchuhärmel und Bein- 
fchutzoderRinghofen, 
an welchen letzteren be- 
fonders die fchon vor- 
handenen Kniekacheln 
intereffant find. Die 
Brünne ift nicht mit 
einem Lendner noch Waf- 
fenhemd, fondern mit der 
Platte (f. S. 66—68) be- 
deckt, wie dies aus den da- 
ran befeftigten Dolch- und 
Schwertkettenfeffeln her- 
vorgeht, welche nur an 
einer der Schienen befeftigt fein können. Um die mit Achfelfchutz 
erfehene Platte hängt rundum ein Zeugfchurtz. Der kleine Dreifpitz 
(petit ecu) zeigt den Reichsadler, nur hinter dem Rücken des Kaifers 
ragt ein Stechhelm mit einer gewaltigen He Im zier hervor. Die 
rechte Hand hält den Turnierfpeer. Das Dolchmeffer (f. Nr. 







400 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



7 im Abfchnitt der Dolche) hat die einfache gotifche Form, und 
das Schwert mit gerader Querftange ift ungewöhnlich lang (f. Nr. 12 
im Ablchnitt der Schwerter). Die rundbüglichen Sporen haben 
fehr kurze Hälfe aber fehr grofse zwölffpitzige Räder (f. Nr. 16 I 
im Abfchnitt der Sporen). 

Grabdenkmal des Mar- 
fchalls von Waldeck, -f- 1364 in 
der Pfarrkirche zuLorch a R. 
Außer der Ringbrünne 
zeigt die Schutzrüftung Arm-, 
Bein- und Lenden fchie- 
nen mit befonders kleinen 
Knie- und Ellenbogenkacheln. 
Das über der Brünne getra- 
gene Gewand fcheint eine 
Platte alfo kein Lendner zu 
fein, da ja die daran genietete 
Kette den von der linken 
Schulter herabhängenden 
Stechhelm hält. Die an der 
Brünne befindliche Ring- 
haube ift mit der kleinen 
Keffelhaubebedeckt,welche 
unter dem Topf- oder Stech- 
helm getragen wurde. Das 
fpitzortige lange Schwert ift 
mit nur ganz kurzer Ouer- 
ftange verfehen und auch der 
Dolch am Hüftengürtel 
befeftigt. Wie die Platte, 
zeigt der an beiden Seiten 
gewölbte Dreifpitz (Schild) 
als Wappen Adlerflügel. Be- 
fonders eigentümlich ift die Lederriemenbewickelung der halb- 
fchnabelförmigen Eifenfchuhe. 

Graf Adolf von Naffau L, f 11 34. Grabdenkmal fpäter in der 
Abtei Eberbach (geftiftet 11 34) nach dem Tode des Grafen Philipp 
des Älteren (f 1479) im heffifchen Befitz. Befonders feiten vor- 
kommend ift die hier am Schurz aus Ringen beftehende Platte, 




'Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



40I 



welche allem Anfchein nach in den oberen Teilen aus Schienen be- 
liehen mufste, worauf die Schwert- und Dolchketten genietet waren. 
Arme, Lenden und Füße find befchient, haben aber doch noch 
unter der^Befchienung Ringfchutz. — Nach „Lorch und Wifperthal' k . 

Handfchriftzeichnungen im Staatsarchiv 
zu Wiesbaden. (Genealogia oder Stamm- 
regifter der durchlauchtigften Fürften 
etc. des Haufes Naffau, durch Heinrich 
Dorfen, mahlern von Altenweilnau 
1632.) 

Reiterftandbild des h. Georg im 




Hofe des Schloffes zu Prag, v. Jahre 1373. Auf dem vollftändigen 
Mafchenpanzerhemde mitRinghaube,Rüfthofen, Strümpfen 
und gefingerten Handfchuhen find durch Knie kacheln verbun- 
dene Beinfchienen (Dielinge) gefchnallt, die Mafchenärmel aber nur 
mit Meufel (Ellenbogenkacheln) und Schulterfchilden (keine 
Wappenplatten) verftärkt. Die Handfchuhe find gefingert wie die 



Dem min, Waffenkunde. 3. Aufl. 



26 



402 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



(Nr. i, ab. Handfchuh) Günthers v. Schwarzburg (1352). Das belang- 
reichfte von der ganzen Ausrüftung ift aber der Panzer, welchen 
man für eine mit Stückpanzer überzogene Platte halten könnte, 
da der Rüfthacken und die getriebenen Verzierungen den Küraß be- 
kunden, wo hingegen die Nagelköpfe des Vorderfchurzes auf die 
Platte hin weifen. Es ift dies, soartig vereinigt, das einzige be- 
kannte Plattenrüftftück. 

Vollftändige deutfche Rüftung vom 
1 5. Jahrh. Fuß- und Armfchienen mitNa- 
gelköpfen, großen Knie- und Ellenbogen- 
kacheln und gefingerten Handfchuhen. 
Eine Keffelhaube mit beweglichen 
Sturze. Ring- oder Kettenpanzer- 
hemd mit Halsberge, darüber eine 
lange Platte mit Nagelköpfen. Nach 
den Buchmale- 
reien der Hand- 
fchrift des Wil- 
helm von Oranse 
(1387) in der Am- 
braser Sammlung 
zu Wien. 

Franzöfi- 
fcher Ritter v. 
Ende des 14. 
Jahrh. Von deffen 
Harnifch ift befon- 
ders die über das 
Mafchenpanzer- 
hemd hinten zu- 
gefchnallte aus 
langen Quer- 
fchi enen dargeftellte Platte(?) belangreich, da die Platten gewöhn- 
lich hinten zugefchnürt wurden. Die Helmbrünne ift unten fehr 
breit. — Nach den „Merveilles du Monde", Handfchrift in der Natio- 
nalbibliothek zu Paris. 





Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



4O5 




Englifche Ausrüftung v. 14. 
Jahrh. Die Figur ftellt den Schwar- 
zen Prinzen Edward von Wales, 
Fürft v. Aquitanien vor. Der über 

die Helmbrünne geftülpte 
Glockenhelm gleicht fchon,befon- 
ders des Nackenfchutzes wegen, den 
Schallern v. 15. Jahrh. DerSchwert- 
griff mit faft gerader Abwehr- 
ftange ift der Zeit gemäß, aber die 
nach dem Orte gebogene Querftange 
des Dolches hat noch den Charakter 
des 13. Jahrh. Der über die Brünne 
getragene Lendner (keine 'Platte) 
ift mit Lilien geziert, die Bruft fchützt 
ein Bruftfchild auch Stahlftück 
und[ Bruftplatte genannt. 




Bewaffnung eines deutfchen Ritters a. d. Mitte d. i^Jahrh. 
St. Georg darftellend, nach einer Buchmalerei und Handfchrift aus 
der Zeit. Von Cleve, gegenwärtig im Wiesbadener Archiv. Intereffant 



26* 



404 



Waffen des chrifUichen Mittelalters etc. 



ift die Platte (wenn nicht Lendner) von Leder, welche eigent- 
lich doch nur dem 14. Jahrh. angehört, fowie die ebenfalls dem 14. 
Jahrh. angehörige große, fpitze Keffelhaube, hier mit Vifier, was 
Zweifel auftauchen läßt, ob die Entftehung der Handfchrift nicht ein 
Jahrhundert früher angefetzt werden muß. 

Spanifcher Ritter nach einer Wandmalerei 
im Gerichtsfaale der Alhambra, wahrfcheinlich 
vom Ende des 14. Jahrhunderts, wie der Hüft- 
gürtel anzuzeigen fcheint, welcher von 1320 — 
1420 im Gebrauch war. Die Darftellung ift 
bemerkenswert wegen der über der Brünne 
getragenen Platte und des Vifiers an der 
großen Keffelhaube, ferner wegen der ausge- 
fchnittenen herzförmigen Tartfche (targe a 
bouche), die man auch während des 14. Jahr- 
hunderts in Deutfchland, befonders bei Tur- 
nieren, antrifft. 





1. Burgundifcher Ritter, nach den Buchmalereien einer für 
den Herzog von Burgund, Johann den Unerfchrockcnen (1404 — 1419), 
verfaßten römifchen Gefchichte. Die Handfchrift wird in der Biblio- 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



405 



thek des Parifer Arfenals aufbewahrt. Wie man fieht, beftand die 
Rüftung noch aus dem Mafchenhaubert mit zurückgefchlagener 
Helmbrünne und Fäuftlingen und einer Art fpitzglöckigen Schale 
oder Schaller. Der kleine Dreifpitz (petit ecu), gleichfalls aus 
dem 13. Jahrhundert, ift auf dem Rücken des Ritters vermitteln der 
Schildfeffel aufgehängt. 

2. Krieger mit Schallerhelm, der hinter dem Setzfchilde die kleine 
Handkanone abfchießt, nach einer Handfchrift des 15. Jahrhunderts. 




406 Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 

Spanifche Krieger, nach einer gegen Ende des 14. Jahrhunderts 
in der Kathedrale zu Mondonedo ausgeführten Wandmalerei, welche 
den Bethlehemitifchen Kindermord darfteilt. Mehrere Schwerter 
find fchon mit dem Efelshuf 1 ), andere mit gerader Abwehrftange 
und die Keffelhauben mit beweglichen Kinnftücken verfehen; 
das gegitterte Panzerhemd bedeckt eine Art Brigantine. Die Schrift 
auf dem großen fcutumförmigen Schilde des einen Soldaten ift noch 
in großen gotifchen Buchftaben (Majuskeln), während die unter der 
Tafel befindliche Schrift fchon die kleinen Buchftaben (Minuskeln) 
zeigt, welche nicht vor 1360 in Gebrauch waren 2 ). Die Beine aller 
diefer Krieger, fowie auch deren Vorderarme find unbewehrt, die 
Panzerhemden kurz und reichen nicht einmal bis auf das Knie, 
auch die Füße haben keine Eifen- oder Waffenfchuhe. Überhaupt 
ift die ganze Bewaffnung noch fehr mangelhaft für jene Zeit (2. 
Hälfte oder Ende des 14. Jahrhunderts) und fleht hinter der eng- 
lifchen, franzöfifchen und deutfchen Bewaffnung derfelben Periode 
weit zurück; wo hingegen die Efelhufe der Schwerter, wie bereits 
bemerkt, anderswo viel fpäter auftauchen. 

1. Italienifche Rüftung vom Ende des 14. Jahrhunderts, nach 
dem in Venedig befindlichen Grabdenkmal Jacopo Cavalli's, der im 
Jahre 1384 ftarb und deffen Steinbild von Paolo di Jacomello delle 
Maffegne ausgeführt wurde. 

2. Italienifche Rüftung vom Ende des 15. Jahrhunderts, Reiter- 
ftandbild Bartolomeo Colleoni's zu Venedig, die im Jahre 1495, nach 
Andrea Verrocchio, von Aleffandro Leopardo vollendet wurde. 
Diefer Harnifch ift bemerkenswert wegen der ungeheuren Schulter- 
fchilde, die weder mit dem Armzeuge, noch mit dem Rücken-, 
noch auch mit dem Bruftfchilde verbunden find, zwifchen welchen 
Stücken das Mafchenpanzerhemdes auf einer ziemlich breiten Fläche 
fichtbar wird. Der Panzer fowohl, als auch die Schale ohne Vifier 
bieten einen fehr mangelhaften Schutz, fo daß diefe Rüftung den 
deutfchen, franzöfifchen und englifchen Rüftungen jener Zeit um 
vieles nachfteht, fonft aber höchft künftlerifche Formen aufweift. 



') Man bezeichnet mit dem Namen Efelhuf das zweite untere Stichblatt, welches 
vor dem Abfatz der Klinge nach der Spitze zu vorfpringt. Gewöhnlich kommt der 
Efelhuf erfl von der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts an vor. 

7 ) Nur in einigen Handfchriften kommen Minuskeln fchon Anfangs des 13. Jh. vor. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



407 



Krieger im italienifchen Harnifch, aus einer, am herzoglichen 
Palaft zu Venedig befindlichen, Salomos Urteil darftellenden Flach- 
bildnerei vom 15. Jahrh. Der Stückpanzer ift hier durch befchla- 
gene Schulter- und Bruftriemen getragen. Vom Vorderfchurz fteigt 



WY 





eine dreifpitzförmige Verftärkung bis zum Nabel auf; das Armzeug 
mit Ellbogenkacheln ift vollftändig gefchoben und hat am rechten 
Arm eine runde Achfelhöhlfcheibe. Auch das Beinzeug mit Knie- 
kachel ift gänzlich gefchient, ebenfo find die Eifenfchuhe gefchoben. 



408 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Marmorftandbild eines italienifchen Ritters, Werk Donatellos 
(1383 — 1466). Die Rüftung, wahrfcheinlich aus der Mitte des I5.jahrh. 
ift gänzlich gefchient mit nicht mehr fpitzen Schnabel-Fußbeklei- 
dungen und der lange unten fpitze Schild hat eine feiten vorkom- 
mende Form. — Im Oratorium d'or von S. Michele zu Florenz. — 








Franzöfifcher Ritter vom Ende des 14. Jahrh. oder anfangs 
des 15. Unter der Keffelhaube mit beweglichem Sturz (Vifier) 
die Helmbrünne oder Ringhaube mit daran befeftigter Hais- 
und Schulterberge, ein Mafchenwerk, fowie gefingerte Kampf hand- 
fchuhe. Befonders intereffant ift hier der aus viereckigen Plättchen 
mit Nagelköpfen und Lederunterlage beftehende, nur bis an die 
Armhöhle reichende Panzer, welcher auch wohl zu den Platten ge- 
hört haben kann, da der Vorder- und Hinterfchurz damit verbun- 
den zu fein fcheint. — Handfchrift Tite. Live in der Nationalbiblio- 
thek zu Paris, ausgeführt von 1390 — 1405. — 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



4O9 



Englifche Schienenrüftung vom Ende des 14. oder vom An- 
fang des 15. Jahrhunderts. Nach einer Handfchrift aus jener Zeit, 
welche 1782 durch Strutt veröffentlicht worden ift. Die Figur ftellt 
den Earl (Grafen) Thomas Montacute (1380 — 1440) vor. Befonders 
beachtenswert ift an der Rüftung der breitfchienige Vorderfchurz, 
und die eigentümliche Form des den ganzen Hinterteil bedeckenden 
ausgezackten Schutzes, ferner die nur unten gefingerten Kampf- 
handfchuhe und die lange eiferne Streitaxt, eine Waffe, welche 
kein Mufeum befitzt l ). 





Schwedifcher oder deutfcher Ritter des 15. Jahrhunderts, nach 
einer Wandmalerei in der Kirche Amenharads in Schweden. Die 
deutfche, ausgefchnittene Turniertartfche, die fpitze Form des Fuß- 

') Pole-axer oder Pfahlaxt? S. d. Einleitung im Abfchn. Streitaxt. 




4io 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



fchutzes fowie die eigenartige Form der Kniekacheln find alle obi- 
ger Zeitbeftimmung nicht entgegen, wohl aber das Lanzeneifen, 
welches dem 13. oder 14. Jahrhundert angehört. 





1. Das in faft halbrunder Steinbildnerei ausgeführte Grab- 
denkmal des Grafen JohannHI. v. Katzenelnbogen *), f 1444, 
früher in der 11 34 gegründeten Abtei Eberbach, welcher nach dem 
Tode Philipps d. Älteren (1479) m heffifchen Befitz gelangte. Diefe 
lebensgroße Skulptur — fowie fünf andere ähnliche Grabdenkmale 
noch (d. Dieter IV f 1226, Eberhard I, f 1342 Philipp d. Jüngeren, 



>) Man hat diefen Namen einen lateinifchen Urfprung: Cattimelibocus, d. h. 
Melibocus der Hatten, anhaften wollen, was .felbftverftändlich nicht ernftlich zu nehmen 
ift. Die Baurefte vom Stammfchloffe des mit dem letzten Grafen Philipp 1479 er» 
lofchenen Qefchlechts liegt beim Flecken Katzenelnbogen im Unter-Lahnkreife. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



411 



t l 4$?>i Johann II. v. Naffau und Saarbrücken, f 1472, und Philipp 
d. Ä.) alle lebensgroße gerüftete Ritter, befinden fich feit 1808 in 
der Mauer einer «Burg» getauften Spielerei des Parkes Biebrich- 
Mosbach eingelaffen. Die vollftändige Schienenrüftung mit Rüft- 
haken am Panzer, Schienenachfelftück, ausgezacktem Vorderfchurz 
und halbgefingerten Kampfhandfchuhen hat keine Achfelhöhlen- 
fcheiben. Die große Keffelhaube ift mit beweglichen Schar- 
nierfturz und noch mit einer Helmbrünne gänzlich bedeckt. 
Schwert und Dolch find, etwas Seltenes, ohne Abwehrftange, und 
der Griff des erfteren ift zweihändig. Der Turnierfpeer hat eigen- 
tümlicherweife den Handgriff ganz am unteren Ende. 

2. Grabdenkmal Philipp des Älteren von Katzenelnbogen 
(f 1479), ebenfalls von Eberbach und gegenwärtig in Biebrich-Mos- 
bach. Hier zeigt die vollftändige Schienenrüftung runde Palmett- 
achfelhöhlfcheiben, fingerlofe Handfchuhe, Schwert mit Abwehr- 
ftange und zweihändigem Griff, einem dünnen Speere mit breiten 
dreikantigen Eifen und als Kopffchutz bereits den Schallern (Sa- 
lade) mit Barthaube. 




Holländifche Rüftung vom 15. Jahrh., 
nach dem 1652 durch Brand zerftörten 
Standbilde des Herzogs Philipp des Guten 
(1419 — 1467). Es fcheint hier viel Phantafti- 
fches beigegeben zu fein. Intereffant find 
die Achfelftücke, der ausgefchnittene Stück- 
panzer und der Schurz mit feinen herab- 
hängenden Kugeln, wenn nicht Schellen. (S. 
S. 393-) 



412 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 





Holländifche Rüftung, in Rück- und Vorderanficht, aus dem 
15. Jahrhundert, nach dem kleinen Bronzeftandbilde Wilhelms VI. 
(1404 — 14 17). Sie rührt von einem Geländer in dem Saale des 
alten Rathaufes von Amfterdam her, worin der Rat feine Sitzungen 
hielt, und befindet fich jetzt in der Amfterdamer Altertümer-Samm- 
lung. Auffallend ift diefe Rüftung wegen der übermäßig großen 
Knieftücke und die pelzartige Kopfbedeckung. Der auf dem Rücken 
zugefchnallte und über ein Panzerhemd getragene Stückpanzer 
mit Vorder- Hinterfchurzen und Armfchutze hat nichts von 
einer Platte, welche faft immer vermittelft auf Querfchienen mit 
Nagelköpfen befeftigten Leders hergeftellt war, auch gemeinlich 
nicht hinten zugefchnallt, fondern zugefchnürt wurde und mit dem 
Schurze ein Stück bildete. Die Kampfhandfchuhe find gefingert, 
und unter den Kniekacheln bemerkt man Ringfchutz. Statt der 
Lendenkrebfe hängen zwei nach unten oval zulaufende Platten 
vom Vorderfchurz herab. 



vC r afien des chriftlichen Mittelalters etc. 



413 







Gotifche Rüftung von blan- 
kem Stahl, aus dem 15. Jahrhun- 
dert, mit einer Art Topfhelm, 
der mit runder Glocke und Schar- 
niervifier verfehen ift; fie wird dem 
im Jahre 1476 verftorbenen Fried- 
rich I. von der Pfalz zugefchrieben. 
— Ambrafer Sammlung zu Wien. 



(Eine ähnliche, in derfelben 
Sammlung aufbewahrte Rüftung 
foll Friedrich dem Katholifchen 
angehört haben.) 

Diefer Harnifch verrät auf den 
erften Blick die Mitta des 15. Jahr- 
hunderts durch die befondereForm 
der Krebfe, der fingerlofen 
Kampfhandfchuhe und der langen 
Enden feiner Eifenfchuhe, von 
denen neben dem linken Fuße eine 
Abbildung beigefügt ift. Der 
Kopffchutz hat bereits den Charak- 
ter des Vifierhelmes und fcheint 
neuzeitiger als die übrigen Teile 
der Rüftune. 




4H 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



Englifche Rüftung nach dem Denkmale Richard Beauchamps, 
Earl von Warwik vom Jahre 1439. Diefe Schienenrüftung hat eigen- 
tümlich entwickelte Achfelftücke (eng. shoulder-plate) und mit 
dem Stückpanzer eng verbundenem, aus gefchobenen Schienen be- 
ftehendem Hinterfchurz. Die Ellbogenkacheln find ebenfalls breit, 
die Kniekacheln beiderfeitig hoch und 8förmig und der Vorder- 
fchutz hat Krebfe. 





Deutfche Schienenrüftung vom 15. Jahrh. nach dem Grabdenk- 
male zu Weilburg des Grafen Johann II. von Naffau-Saarbrücken, 
f 1472. Inder: aGenealogia oder Stammregifter der durchlauchtigen 
Fürften des etc. des Haufes Naffau, durch Heinrich Dorfen, Mahlern 
von Altenweilnau (1632»). Handfchriftzeichnungcn im Staatsarchiv 
zu Wiesbaden. Diefer Harnifch hat viel Regelrechtes und Stil- 
volles, auch bietet der eifenhutförmige Helm mit Stirnverzierung 
Seltenes. 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 415 

Deutfeh e Rüftung des 15. Jahrhunderts, nach F. Vegetius 
von L. Hohenwang ins Deutfche überfetzt. — Wolfenbüttler Bib- 
liothek. 




, 



Der, Ritter zeigt fich hier als Taucher dargeftellt. Die fchöne 
otifche Rüftung mit gewölbtem Stückpanzer ift vollftändig. Der 
Helm allein mit feiner fpitzen Glocke fcheint befonders für Taucher 

Kefertigt zu fein. 



4i6 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 




Deutfche Be- 
waffnung des 15. 
Jahrh., nach derdeut- 
fchen Legende: «Rit- 
ter Peter Diemringer 
v.Staufenberg» (1480 
bis 1482) von Martin 
Schott in Straßburg. 
— Bibliothek 7.11 
Wolfenbüttel. Man 
fieht hier den Schal- 
lernhelm, breite Hüf- 
tenftücke und innen 
gefingerte Hand- 
fchuhe. Die Tur- 
nierlanze ift befäh- 
nelt und das Pferd 
mit Hintergefchirr 
verfehen. 

Deutfche Schie- 
nenrüftung für Mann 
und Roß aus der 
Mitte des 15. Jahrh. 
Nürnberger Arbeit. 
Der Stückpanzer, 
hier ohne Rüflhaken, 
hat die edle gotifche, 
Form ebenfo wie 

die gefingerten 
Kampfhandfchuhe, 
die Meufeln (Ellen- 
bogenkacheln), Ach- 
felhöhlfcheiben und 
Eifenfchnabel- 
fchuhe. Der aus 
Schienen beftehende 
Vorderfchurz ift in 
höchft feltener hofen- 
artigerForm und der 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



417 




ganze Harnifch über ein mit Ringhaube 
verfehenem Kettenpanzerhemde getra- 
gen. Die „Schale" oder „Schallern" hat 
vorn einen „Schembart" oder „Bart- 
haube". Das Pferd trägt, wie der Reiter, 
unter der blanken gekrümmten Eifen- 
rüftung .inbegriffen eine Roßftirne mit 
Augenöffnungen, den voll- 
ftändigen Kettenpanzer. ■ — 
Frühere Sammlung des Gra- 
fen Nieuwerkerke zu Paris. 

Kaifer Maximilian I. 
(1459 — 15 19) im Jahre 1480, 
nach einem im Zeughaufe 
zu Wien befindlichen Ge- 
mälde auf Leinwand. Die 
Rüftung für Mann und Roß 
befteht aus blankem Stahl. Den Kopf des Monarchen bedeckt eine 
Pelzmütze. Der Vorhelm oder Kinnftück, auch Barthaube genannt 

(fr.' nfentoniere, vo- 
^V^>. lantpieceim Engl.) ift 

ö/t'J^ mit rotem Sa'mt über- 

zogen. Die Rüftung des 
Pferdes ift, abgefehen 
von den Beinen, eine 
vollftändige. 

Deutfche Schienen- 
rüftung für Roß und 
Mann aus dem 15. Jahr- 
hundert, nach einem in * 
der Wolfenbüttler Bi- 
bliothek befindlichen 
Aquarell diefer Zeit 
Befonders merkwürdig 
ift die Pferderüftung 
ihrer Fußgelenkftücke 
wegen. Auf dem 1480 
ausgeführten und im 
27 




4i8 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Wiener Zeughaus aufbewahrten, vorftehendem Bilde Meifter Al- 
brechts, des Wafifenfchmiedes Maximilians, find Reiter und Pferd in 
ähnlicher Weife gerüftet, nur daß die Beine des Pferdes da un- 
befchützt bleiben. 




Reiter- und Pferderüftung Maximilian I. (geb. 1495, geft. 1519) 
zugefchrieben. Die Schenkel- und Beinfchienen, das Armzeug und 
die Eifenfchuhe gehören nicht der urfprünglichen Rüftung, fondern 
dem fpäteren 16. Jahrhundert an. Die Schale hat ein bewegliches Vifier 
und ein gefchientes Kinnftück, d. h. den Vor heim oder die Bart- 
haube. Die getriebene Rüftung des Roßes ift befonders reich und 
vollftändig. — Ambrafer Sammlung. — Der Graf Nieuwerkerke be- 
faß eine ähnliche, in Nürnberg erworbene Rüftung für Roß und 
Reiter. 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



419 




Vollftändige Stechturnierrüftung für Mann und Roß, welche für 
letzteres aber nur aus ftarkem Leder hergeftellt ift („das Roß mit 
ainer liderein tehek".) Nach dem Triumphzug Maximilians I. 
(1493 — 15 19), welcher v. Dürer, Schäuflein, Springinklee u. a. nach 
Angabe Treytszsaurweins, Sekretär des Kaifers 15 12, in Holzfchnitten 
ausgeführt worden ift. Hier ift die Roßftirne blind und das Vor- 
dergebüge mit großen Buckeln geziert. 



1. Gotifch-deutfche Rüftung aus der erften Hälfte des 15. Jahr- 
hundert, dem Sigismund von Tirol zugefchrieben. — Ambrafer 
Sammlung zu Wien. Diefe Rüftung mit Schallern oder Schale 
und Vorhelm, oder Kinnftück (Barthaube) ift unvollftändig; die Krebfe 

I fehlen daran. 



2. Schöne gotifche Rüftung mit Schallernhelm, aus der erften 
Hälfte des 15. Jahrhunderts, aus blankem Stahl. Sie gehört dem 

27* 



420 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 




Mufeum zu Sigmaringen an und wird dort dem Grafen Eitel Frie- 
drich I. von Hohenzollern aus dem 15. Jahrhundert zugefchrieben. 
Der Schallern ift mit Vorhelm oder Kinnftück oder Barthaube 
verfehen. Diefe beiden Rüftungen zu Wien und Sigmaringen find 
einander fehr ähnlich, ebenfo die der Sammlung Zfchielle. 

St. Victor in fchön gotifcher, getriebener Rippenrüftung vom 
Ende des 15. Jahrh. Der Helm, — Schale oder Schallern (fr. 
Salade) — diefes mehrfarbig bemalten Holzftandbildes ift befonders 
wegen feines beweglichen, feiten an Schallern vorkommenden 
Vifiers intereffant. Der Stückpanzer mit Kinnftück oder Barthaube 
Vorder- und Hinterfchurz zeigt dasfelbe ftilvolle, gotifche Ge- 
triebe, wie die Ellenbogenkacheln der vollständigen Armbergen und 
die Meufeln zwifchen Dielinge und Beinfchienen. Nur am Ende 
gefingerte Kampfhandfchuhe, oben befchiente und wo nur der 
Daumen gänzlich gelöft ift. Der gehöhlte Tarzenfchild ohne Lanzen- 
ausfchnitt hat einen unten zugefpitzten Ausläufer und die Schuhe 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



421 



find eigentümlicher Weife nicht mehr in der niedrigen Spitzbogen-, 
fondern in der anfangs des 19. Jahrh. angenommenen Halbholz- 
fchuhform, was berechtigt, die Anfertigungszeit diefes Standbildes 
den letzten Jahren des 15. Jahrh. zuzufchreiben. Mufeum zu Wies- 
baden. 






Grabdenkmal des Johann von Efchbach, Schultheiß f 15 13, 
(gemeißelt neben feine Hausfrau Anna v. Roßau f 1493), in der 
Pfaarkirche zu Lorch a/R. Die Ausrüftung, welche, dem Zeit- 
abfchnitt gemäß vollftändig ift (Schale oder Schallern, getriebene 
Halsberge mit verlängertem Kinnftück und Vifier, fowie der 
vollftändigeSchienenharnifch), hat im Sattelkolben, welcher 



422 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



fich auch in den Händen anderer Ritter noch auf Lorchner Grab- 
denkmalen befindet (Johann von Breitenbach f 1515 u. a. m.) etwas 
Ungewöhnliches, ebenfo wie am Grabdenkmal Philipp Hicken von 
Lorch, -j 1517, in derfelben Kirche, die Hellebarde. 

Ganz eigentümlich ift ferner der Schwertgriff ohne Quer- 
itange. Die oben anfchwellende Scheide davon fcheint aber auf 
ein rundes Stichblatt hinzuweifen. 




Deutfcher gotifcher Harnifch aus der 2. Hälfte des i5.Jahrh. 
Bezeichnend für den Zeitabfchnitt find hier befonders die fchön 
geformten Achfelhöhlfcheiben, der Grätenpanzer mit feiner 
Mafchenhalsberge, der gefchiente kurze, in der Achfelhöhl- 
fcheibe gleicher Form gehaltene Vorderfchurz, die damit über- 
ein ftimm enden Kniekacheln, fowie der Faufthandfchuh mit 
nur gelöstem Daumen und die Schnabeleifenfchuhe. Die aus- 
gehöhlte Stechtartfche zeigt das Banner der Grafen Merode (wenn 
nicht der Stadt Trier). Das ungewöhnlich lange Schwert mit ftumpfem 
Orte hat eine diefem zugebogene Querftange. — St. Georg nach 
einer Kirchenfenfterglasmalerei (vitrail Nr. 53 des Verzeichniffes) 
der 1887 verweigerten freiherrlich von Zwierleinfchen Sammlung zu 
Geifenheim. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



423 



Gotifch-deutfche Stechturnierrüftung, aus der zweiten Hälfte 
des 15. Jahrhunderts, von blankem Stahl, merkwürdig wegen der 
großen Achfelhöhlfchilde, der Turniertartfche und des Topfhelms. — 
Ambrafer Sammlung zu Wien. Napoleon III. befaß drei ähnliche 
Rüftungen und eine vierte befindet fich im Befitze des Grafen 
Nieuwerkerke. Nr. G. 115 im Parifer Artillerie-Mufeum bezeichnet 
eine Rüftung derfelben Gattuug, aus den erften Jahren des 16. Jahr- 
hunderts. 




Gotifch-deutfche Stechturnierrüftung oder Stechzeugin blankem 
Stahl vom Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrh. Der Topf heim 
mit Vorhelm ift ähnlich dem der vorhergehenden Abbildung, die 
runden Achfelfchilde find hier kleiner und mit fpitzen Buckeln 




424 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 




verfehen, die Turniertartfche zeigt 
lang herabhängende Feffeln und 
ift fo befeftigt, daß der linke, unbe- 
wegliche Stecharmhandfchuh, die 
fogenannte Turniertatze fichtbar ift. 
— Artillerie-Mufeum zu Paris. 




Deutfche Stechturnierrüftung, aus dem Ende des 15. oder aus 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



425 



den erften Jahren des 16. Jahrhunderts, von blankem Stahl, 82 Pfd. 
wiegend. Bemerkenswert ift die fchöne Schale oder Schallern- 
helm — deren Rippen auf das Ende des 15. Jahrhunderts hin- 
weifen — , die große Turniertartfche mit Barthaube, für das Renn- 
oder Stechturnier, und der riefige Hinterrüfthaken (queue), welcher 
für das Unterlegen des Hinterfchafr.es vom Speer diente. — Am- 
brafer Sammlung. Die gefchienten Krebfe find lang und bilden 

mit dem Vorderfchurz ein Stück. 
— Im Artillerie-Mufeum zu Paris 
befindet fich unter Nr. G. 1 16 eine 
ähnliche Rüftung. 

Deutfeh -gotifche Stechtur- 
nierrüftung aus der zweiten Hälfte 
des 15. Jahrhunders, von blankem 
Stahl. Sie zeichnet fich durch 
ihren Topfhelm, ihr Turnierarm- 
zeug des linken Arms (Tatze) 
und durch den Beinfchild aus, 
welcher dazu diente, das rechte 
Bein vor einer Quetfchung an 
der (Palia, f. S. 83) Schranke zu 
fchützen. 

Diefe Rüftung, welche Maxi- 
milian dem Erften (geftorben 15 19) 
zu gefchrieben wird, ift in Augs- 
burg angefertigt worden und be- 
findet fich im kaiferlichen Arfenal 
zu Wien. Eine ähnliche in der 
Sammlung Zfchille. 

Die Ellbogenkacheln haben 
noch einen fehr ausgeprägt goti- 
fchen Charakter, und über den 
großen Krebfen befindet fich 
ein gefchienter und zum Teil ge- 
rippter Vorderfchurz. — Eine 
fchöne und zierliche Rüftung aus 
guter Zeit. 




A2Ö Waffen des chrifUichen Mittelalters etc. 

Deutfche, halbgotifche Stechturnierrüftung von blankem Stahl 
aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. Helm (Schale) mit Kamm, 
Vifierfchnitt und Barthaube oder Vorhelm (auch Kinnftück genannt). 



Reich verzierter Stückpanzer mit Rüfthaken für die Turnierlanze 
Cylinderförmiger Vorderfchurz in Schiebfchienen; beiderfeitige, reich 
gearbeitete Turnierlendenplatten und Stehfattel mit Schutzfchild 
für das Gemachte. Artillerie-Mufeum zu Paris. 

Deutfche Halbftechturnierrüftung Maximilians I. (H93 — 
15 19) von 68 Pfd. Schwere. Diegefchobenen Achfelftücke find mit run- 
den Scheiben zum Schutze der Achfeihöhlen, die linke Zügelhand mit 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 427 

{chwerer Tatze, die Bruftplatte mit fchwerem Vorder- und Hinter 
(queue)-rüfthaken, die Armzeuge mit verftärkten Ellenbogenkacheln 
verfehen. Der Stechhelm hat rechts Luftlöcher mit Gitterform und 
ift an drei Stellen mit dem anhängenden Halsfchutz auf dem Bruft- 
fchilde angefchraubt. — Artillerie-Mufeum zu Wien. — 




Italienifche Turnierrüftung, teilweife aus dem 15. und teilweife 
aus dem 16. Jahrh. Diefer Harnifch wird Ferdinand dem Katho- 
lifchen zu gefchrieben. — Armeria Real zu Madrid. — 

Schöne gotifche Rüftung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts, von hinten gefehen; fie zeigt den Stechtopfhelm, wie er 
an dem Rückenschilde durch ein starkes Stück mit Scharnier be- 




428 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 




feftigt ift. Der Rüfthaken und die Schulterfchilde find übermäßig 
groß, dagegen ift der Hinterfchurz zu klein, um das Mafchen- 
panzerhemd entbehrlich zu machen. 

Deutfche Rüftung aus dem Ende des 15. oder dem Anfange 
des 16. Jahrhunderts, mit Vorhelm oder Barthaube, zwei fehr 
breiten Krebfen und dem Grätenbruftfchild. 

Das Schwert gehört dem Ende des 16. oder Anfang des 1 /.Jahr- 
hunderts an. Der Helm mit Kamm und mit beweglichem, vermitteln 
eines auf der Glocke befindlichen Zapfens fich niederfchlagendem 
Vifier ift noch nicht der eigentliche Vifierhelm, jedoch eine Uber- 
gangsform von der Schale zu jenem. 

Die Eifenfchuhe in Enten fch nabelform, die Ellbogenkacheln 
und die Knieftücke von kleinem Umfange, fowie die Form der 
Schulterfchilde und gefingerten Kampfhandfchuhe weifen deutlich 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



429 



auf die Zeit der Anfertigung diefer Rüftung hin. Das Schwertlift 
fpäteren Urfprungs wie die korbförmige = efelshufartige = Ab- 
wehrftange feftftellt. — Kaiferliches Arfenal zu Wien. 




Deutfche Rüftung nach dem Fifchkaften zu Ulm, Steinbildnerei 
von Jörg Syrlin (1482). Die Schale hat eine kleine Helmzier, die 
Handfchuhe find gefingert und die Eifenfchuhe faft noch fo zuge- 
fpitzt, aber gefchnäbelt, wie im 14. Jahrhundert. Das Ganze bietet 




430 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



eins der ftilvollften Rüftzeuge vom Ende der Gotik. Auch die 
Formen der Streitaxt und der Stechtartfche find intereffant. 




Gerippte deutfche Rüftung, gewöhnlich als Maximilianifche oder 
Mailändifche bezeichnet, vom Ende des 15. Jahrhunderts (arm uro 
cannelöe; eng. fluted armour). Der Stückpanzer ift gewölbt, 
und ohne Bruftgräte, die Schulterblätter find noch zierlich un( 
mit rundem Scheibenfchutze aber ohne Ränder (passe-gardes), 
Armzeug und Schenkelfchutz find gerippt, die Beinfchienen glatt; 
die Eifenfchuhe in Entenfchnabelform. Gerippter Helm mit breiter 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 

Sturz und gefingerte Kampfhandfchuhe. 
zu Wien. 



431 
Artillerie - Mufeum 



Deut fc he Rüftung in noch gotifchem Stile, obfchon vom 
Anfange des 16. Jahrhunderts. Sowohl die Fingerhandfchuhe (s. die 
gerippten, No. 9, im Abfchn. Handfchuhe der getriebene Stück- 
panzer mit Lanzenhaken, die außergewöhnlich fchweren Ellbogen- 
kacheln, der Mafchengliedfchirm, die Form der Halsberge wie auch 
die Schulterfchildränder (passe-gardes) und die außergewöhnliche 




"Länge des SchwerthandgrifFs zeigen alle eine Übergangsarbeit an. 
Die Fäuftlinge find quergefchient. » 

Nach den im Mufeum Schöngauer zu Colmar befindlichen 
Medaillon von Kehlheimer Stein, 14 c. D., vom Jahr 1522. Die 
Flachbildnerei bietet das Kniebild des Pfalzgrafen zu Rhein Philipp 
(^^ — !548) in feinem neunzehnten Lebensjahre und trägt die 
Marke des Bildners Johann Daher (S) 1 ), oft fälfchlich Dallinger 
zugefchrieben. 



*) S. den Rapport Nr. 2 von 1S87 der „Societe Schöngauer* zu Colmar, vom 
Vorfitzenden Herrn Fleifchhauer. 






432 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Gerippte deutfche Rüftung, gewöhnlich als Maximilianifch 
oder Mailändifch bezeichnet, aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts 

(armure cannel6e; fluted ar- 
mour). 

Der Stückpanzer ift gewölbt, 
der Bruftfchild daran ohne Gräte 
und die fehr entwickelten Schulter- 
fchilde mit hohen Rändern verfehen 
(ä passe-gardes). 

Die Schenkelfchienen und das 
Hinterarmzeug find gerippt, wie der 
übrige Teil der Rüftung; das Vor- 
derarmzeug aber und die Beinfchie- 
nen glatt. 

Die breiten Eifenfchuhe in 
Bärenklauenform zeigen an, daß 
die Rüftung jedenfalls fchon dem 
16. Jahrhundert angehört. 

Ein folcher, in der Sammlung 
des Verfaffers befindlicher Harnifch, 
an welchem die Form, der Eifen- 
fchuhe die zweite Hälfte des ^.Jahr- 
hunderts bekundet, zeigt einen Helm, 
wo das menfchliche Geficht nicht 
nachgebildet ift, aber 12 kleine Spal- 
ten zum Sehen und Atemholen hat. 
Der Kampfhandfchuh der hier abge- 
bildeten Rüftung, ift nur an dem 
vorderen Teile der Hand gefingert, 
wohingegen die Rüftung im Befitz 
des Verfaffers ungefingerte Hand- 
fchuhe hat. — Kaiferliches Arfenal 
zu Wien. — Zwei ähnliche Harnifche 
in der Sammlung Zfchille (f. am 
Ende des Abfchnittes »Die Rüftung 
in ihren Einzelheiten«, f. Abbildungen von Vorder- und Hinteranficht 
einer folchen gerippten Rüftung in vollftändiger Bezeichnung aller 
Einzeltheile). 




Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



433 



Gerippte Halbrüftung des Herzogs Heinrich von Braunfchweig 
(1542). Der rote gepolfterte Waffenrock ift gefchlitzt. Diefe Halb- 




ftung befteht aus Panzer, Halsberge, Mafchenhaube, Lenden- 
fchienen und gefchuppten Faufthandfchuhen. Außer dem langen 

Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 28 



Dem 



434 



Waffen des chriülichen Mittelalters etc. 



Schwerte hängt mit vom Gürtel ein Panzerbrecher (Dolch) ohne 
Stichblatt. 




Deutfche Rüftung für 
Fußkämpfer von blankem Stahl, 
in Facetten gefchliffen, aus dem 
Jahre 15 15, der Zeit der Thron- 
befteigung Franz' I. Die Zeit- 
angabe ift auf der rechten Fauft 
eingravirt. — Artillerie-Mufeum 
zu Paris. Das Verzeichnis (G. 
1 17) führt diefe Rüftung als aus 
der Galerie von Sedan herrüh- 
rend an, während man in Wien 
ficher ift, daß fie der Ambrafer 
Sammlung angehört habe. Die 
Rüftung mit Baufchärmeln (f. 
S. 435) in der Ambrafer Samm- 
lung, welche mit eben folche 
Facetten zeigt, ift offenbar aus 
derfelben Werkftatt hervorge- 
gangen. 

Diefer durchweg artikulierte 
undgefchienteHarnifch,bedeckt 
den Körper vollftändig, fo daß 
er nirgendwo Blößen giebt, die 
eine Vervollftändigung durch 
Mafchenwerk nötig machte. Zu 
beachten ift die Form des Glied- 
fchirms, welche mit der im fol- 
genden Abfchnitte (die Rüftung 
in ihren Einzelteilen) abgebildet, 
vom Ende des 16. Jahrhunderts, 
wenig Ähnlichkeit hat. 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



435 



Deutfche Stahlrüftung mit Baufchärmeln und in Facetten ge- 
fchliffen, aus der erften Hälfte des 16. Jahrhunderts. Diefer fchöne 
Harnifch, welcher Wilhelm v. Rogendorf, einem Hauptmann, der im 
Jahre 1529, an der Verteidigung Wiens gegen die Türken teilnahm 
und 1541 flarb, angehört hat, läßt, obfchon die Beinfchienen fehlen, 




ein für den Kampf zu Fuß beftimmtes Rüftzeug erkennen; alles 
weift darauf hin, daß es einen gemeinfamen Urfprung mit der 
Rüftung im Artillerie-Mufeum zu Paris habe, deren Abbildung (ich 
auf vorhergehender Seite befindet. — Ambrafer Sammlung. — Eine 
gleiche Rüftung im Tower zu London. 

28* 




436 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 




Rückfeite der vorigen Rüftung. Man wird bemerken, daß der 
gefchiente Hinterfchurz vollftändig der zwei Seiten vorher abge- 
bildeten Rüftung gleicht, welche im Artillerie-Mufeum zu Paris 
falfchlich als italienifche bezeichnet ift. — Ambrafer Sammlung. 

Deutfeh e Rüftung in blankem Stahl, mit Facetten fehl iflf, aus 
dem Jahre 1526. Der Panzer ift zur Hälfte gewölbt und trägt den 
zum Monogramm verfchlungenen Namenszug S. L. Krebfe und 
Vorderfchurz bilden die dazu gehörigen Stücke; die Schulterfchitde 
find noch mit Rändern (passe-gardes) verfehen. An dem Helm ift 
das doppelte bewegliche Vifier befonders merkwürdig. 

Die Eifenfchuhe in Form von Holzfchuhen oder Bärenklauen 
und die Beinfchienen find gflatt und könnten wohl einer anderen 






Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



437 




Rüftung angehört haben. Die unbedeckte Stelle zwifchen den 
Krebfen und dem unteren Teile des Vorderfchurzes wird durch 
Mafchenwerk gefchützt, welches fich bis auf den Hinterfchurz er- 
ftreckt. — Kaiferliches Arfenal zu Wien. 



Italienifche noch mit Schulterrändern (passe-gardes) verfehene 
Vollrüftung des 16. Jahrhunderts. Die Krebfe des Vorderfchurzes 




438 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 




find hier in der Breite 
fehr entwickelt und die 
Form der Eifenfchuhe 
noch gleich denen der 
deutfehen Rüftungen des 
15. Jahrhunderts. Die Ab- 
bildung flellt Jacopo di 
San Severino (15 16 ver- 
giftet) dar, deffen Abbild 
auf dem in Neapel in der 
Kirche San Severino 
von dem Bildner Gio- 
vanni Merliano da 
Nola aus geführten 
Denkmal befindlich ift. 



Italienifche Halb- 
rüftung aus der erften 
Hälfte des 16. Jahrhun- 
derts, in der Art der im 
1 5. Jahrhundert gebräuch- 
lichen Brigantinen und 
der früheren Platten, 
aber ohne Nägelköpfe. 
Sie wird dem Herzoge 
v. Urbino (1538) zuge- 
fchrieben. — Ambrafer 
Sammlung in Wien. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



439 



Reich eingelegte oder taufchirte Rüftung aus der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts; diefelbe ift in Nürnberg angefertigt 
und befindet fich im kaiferlichen Arfenal zu Wien. Der mit dem 
Stückpanzer durch die Barthaube und die Halsberge verbundene 
Vifierhelm bietet, da das Ganze hermetifch fchließt, dem Schwerte 
keinen Angriffspunkt dar. 




«vT \ 



Reich taufchirte Rüftung, Nürnberger Arbeit, aus der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts. — Kaiferliches Arfenal zu Wien. — 
Der linke Arm ift mit dem großen Turnierarmfchutz verfehen. 
Der Vifierhelm, welcher überall hermetifch gefchloffen und durch 
eine Halsberge mit dem Panzer verbunden ift, gewährt der Schwert- 
fpitze keinen Angriffspunkt. 



44° 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Deutfche Rüftung aus blankem Stahl mit eingeftochenen und 
taufchirten Verzierungen bedeckt, aus der zweiten Hälfte des 16. 
Jahrhunderts. Der Stückpanzer ift bereits verlängert, dafür find die 
Krebfe um fo kleiner geworden. 




Der Vorhelm (haute-piece; engl, volant piece) ift rechts 
mit einem Rand (passe-gardes) verfehen und auf den gegräteten 
Bruftfchild angefchraubt. Die Kampfhandfchuhe find vollftändig 
gefingert, die Ellbogenkacheln wenig entwickelt. Die kurzen Krebfe 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



441 



und die fehr kurzen Schenkelfchienen, fowie der Mangel eines ge- 
fchienten Vorderfchurzes machen einen Mafchenfchurz zur Deckung 
des Unterleibes, teilweife auch der Oberfchenkel nötig. Die Rechte 
hält einen Reiterftreithammer, den fogenannte Papagai. — Kaiser- 
liches Arfenal zu Wien. 




Holzflachbild des Gereon der thebaifchen Legion zu Köln 
f 286 mit den h. Gregorius u. a. m. Derfelbe ift in der Rittertracht 
der Mitte des 16. Jahrh. dargeftellt. Die Schienenrüftung mit 
Ejifenfchuhen in Bärenklauform, der verzierte getriebene 
Stükpanzer mit der Mafchenhalsberge u. a. m. find in allen 
diefen Teilen durch den Tiroler Bildner des 16. Jahrh. fachkundig 
wiedergegeben. Die längliche, durch ein Kreuz in vier ornamen- 




44* 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



tale Felder geteilte Stechtartfche mit Ausfchnitt, auf welcher 
des Ritters linke Hand ruht, das flatt des Helmes dargeftellte Barett 
und der über den Schultern hängende faltenreiche Mantel, ebenfo 
wie der Ansdruck des Gefichtes diefer buntfarbigen und teil weife 
vergoldeten Holzbildnerei tragen den Stempel von Künftlerhänden. 
Sammlung des Verfaffers. 




Blechharnifch in übernatürlicher Größe, Wetterfahne eines 
Turmes der Luzerner Befeftigungen. Nach dem Fußrüftungs- oder 
Reifrockartigen Schurz zu urteilen, wird diefe Figur wohl dem 16. 
Jahrhundert angehören. Die fonderbare Form des Helmes könnte 
freilich auf eine frühere Zeit fchließen laffen. Der lange Schurz 
bezeichnet eine für den Fußkampf beftimmte Rüftung. 



Deutfeh er Tonnen- oder Reifrockharnifch aus der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhundert, welcher dem Erzherzog Ferdinand, 
Grafen von Tirol angehört haben foll. Die kleinen eingeftochenen 
Verzierungen ftellen Adler vor. Diefe Rüftung war für den Kampf 
zu Fuß beftimmt; da der Rock jedoch geteilt werden konnte, muß 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



443 



fie auch zum Reiten benutzbar gewefen fein. Der Vifierhelm, der 
Panzer mit Gräte und fehr langer Taille, die großen runden Achfel- 




höhlfcheiben und die Holzfchuh- oder Bärenklauenform derEifen- 
fchuhe kennzeichnen deutlich die Zeit der Anfertigung diefes Har- 
nifchs. — Ambrafer Sammlung. 



444 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Oberft der deutfchen oder Schweizer Fußlandsknechte, deffen 
gerippte Halsrüftung mit Ringkragen die Zeit des Kaifers Maxi- 
milians, «des letzten Ritters», bekundet. Das Gefäß des Schwertes 
ift auch hier das bei den Landsknechten allgemein gebräuchliche, 
ftatt der Hellebarde aber trägt der Oberft einen breitfpitzigen 




Speer. — Nach H. Holbeins Federzeichnung, im Kupferftichkabinett 
zu Dresden. — 

Jeder deutsche Landsknecht, deflen Kleidung nach Belieben 
fein konnte, hatte fich feine Waffenftücke, nämlich Speer, Schwert, 
Bruftftückpanzer und Pickelhaube, fpäter auch wohl noch das 
Pulverfeuergewehr, felbft anzufchafifen. Der Landsknecht des 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 445 

fogenannten «erften Blattes», meiftenteils aus Adeligen, Patrizier- 
föhnen und angefehenen Bürgerlichen zufammengefetzt, mußten 
aber Pickelhaube oder Helm, Ringkragen, vollftändigen Bruft- 
und Rückenftückpanzer, Panzerärmel, Beinfchienen und 
Schurz, alfo eine vollftändige Rüftung befitzen. Hierzu gehört 
Schwert, Hellebarde oderLangfpeer, oderftattfolchenStangen- 
waffen, die Hakenbüchfe mit allem Zubehör und Schießbedarf. 
Bei diefem erften Blatt (Prima plana) zählte jedes Fähnlein 
nur hundert Mann, obfchon ein ganzes Regiment Landsknechte zu 
weilen aus zehntaufend beftand. Unter Maximilian I. kam auch 
fchon bei den Landsknechten die Arkeley, d.h. die Artillerie zur 
Geltung. Man führte befonders lange Kanonen und ungeftaltete 
Böller. Die Rondartfchiere mit ihren Rundfchildern und kurzen 
Schwertern hatten, nach fpanifchem Vorbilde, die Aufgabe, in die 
fich darbietenden Lücken der feindlichen Haufen zu dringen, und 
die mit den Zweihändern bewaffneten Schwertfechter, die ent- 
gegengeftreckten feindlichen Speere mitteilt Schwingens in weitem 
Bogen mit ihren Bi händern, — öfter aber noch indem fie drehend 
denfelben auf die rechte Hüfte geftützt, mit nur einer, hinter 
dem oberen Abwehrhaken angelegten Hand, rechts und links 
fuchtelten, — auseinander zu fchlagen und fo Gaffen zum Ein- 
dringen der Rondartfchiere zu bilden. Diefe Schwertfechter 
gingen deshalb gemeinlich mit den Rondartfchieren ihren Speer- 
haufen voran. Die Bihänder dienten aber auch befonders zu 
Mauerverteidigungen, wo diefe gewaltigen Schwerter in oben er- 
wähnter Art gegen die feindlichen Hellebarden und Speere des 
auf Leitern aufklimmenden Feindes gehandhabt wurden. Die fo- 
genannten Läufer, — anfänglich Armbruftler, feit 1507 aber 
Hakeniere und Musketiere, befanden fich ebenfalls außerhalb 
des feften Verbandes der Speerhaufen. (S. hinfichtlich der «Fähn- 
driche» und Fahnen der Landsknechte den Abfchnitt «Die 
Fahne» und für das «Spiel» den Abfchnitt «Feldfpiele».) 




446 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Rüftung aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Augsburger 
Arbeit. Diefelbe ift mit reichen Verzierungen in getriebener Arbeit 
überdeckt, welche an Zeichnungen der Maler Schwarz, van Achen, 
Brockburger und Milich im Kupferftichkabinett zu München er- 
innern. — Kaiferliches Artillerie-Mufeum zu Wien. 




Deutfche, gefchiente Halbrüftung aus blankem Stahl und der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts angehörig. Auf dem Bruft- 
fchilde ift der Name des Ritters, der fie trug: ADAM GALL 
(geft. 1574), eingegraben. Kaiferliches Arfenal zu Wien. 

Solche Art Harnifche waren mehr in Spanien und in Italien 
als in Deutfchland im Gebrauch. Die vielen Knöpfe und der 
Mangel des Rüfthakens geben ihr eine Ähnlichkeit mit den Ruft- 



Waffen des chri filichen Mittelalters etc. 



447 






zeugen des 17. Jahrhun- 
derts, befonders den un- 
garischen, an welchen die 
Krebfe mit den Schen- 
kelfchienen verbunden 
waren und die deshalb 
Krebsharnifche genannt 
wurden. 



Halbrüftung eines 
Landsknechtes, ihrer 
Form nach aus dem An- 
fange des 16. Jahrh., wie 
die Atzung auf den Bruft- 
platten: «zwei Lands- 
knechte in Pluderhofen» 
es auch beftätigt. Nürn- 
berger Arbeit, wo der 
Vorderfchurz mit kur- 
zen Krebfen und die 
Schultern mit hohen 
Rändern (passe-gar- 
des), das rechte Arm- 
zeug außer der großen 
Ellenbogenkachel 
mit einer runden 
Scheibe zum Schutze 
der Achfeihöhle verfehen 
find. Um dem Hals befin- 
den fich Stauchen, d.h. 
runde Halsfchiebfchie- 
nen. — Artillerie-Mufeum 
zu Wien. 



448 



Waffen des chri filichen Mittelalters etc. 



Spanifche Schienenrüftung, dem Herzog Alba (1508 — 1582) 
zugefchrieben. Die Kampfhandfchuhe find gefingert, der Vifierhelm, 
eine Art Burgunderhaube, läßt zu wünfchen übrig, da er zu viel 
Blöße zwifchen dem Kinnftück oder Barthaube und dem Augcn- 
fchirm gab. Auf dem Bruftfchilde befindet fich das Bild eines 
betenden Ritters eingeftochen. — Ambrafer Sammlung zu Wien. 

Auch für diefe Rüftung gilt die auf der vorigen Seite befind- 
liche Bemerkung. 




Italienifche Rüftung aus Stahl, mit Silbertaufchierungen, vom 
Ende des 16. Jahrhunderts. Man glaubt, daß fie dem Herzog Alexan- 
der Farnefe von Parma (f 1592) angehört habe. Die Rüftung ift 
prachtvoll und von großer Feinheit, der Bruftfchild auch mit Gräte 
und Rüfthaken verfehen. Die Lücke zwifchen den Krebfen und 
der Mangel eines gefchienten Vorderfchurzes erheifcht den Ge- 
brauch eines Mafchenfchurzcs. — Kaiferliches Arfenal zu Wien. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



449 



Deutfche Rüftung vom Ende des 16. Jahrhunderts, in reicher 
getriebener Arbeit, als Werk Münchener oder Augsburger Plattner 
bekundet. Kaifer Rudolf II. (1572 bis 1612) foll der Eigentümer diefer 
Rüftung gewefen fein. Das Schwert deutet durch die Form feines 

Stichblattes mit Efelhuf auf den 
Anfang des 17. Jahrhunderts. 

Die bedeutende Ausbildung der 
Schulterfchilde und Ellbogen- 
kacheln, die Form des Vifierhelms, 
die Entenfchnabeleifenfchuhe, 
der Mangel eines gefchienten Vor- 
derfchurzes, fowie die Form des 
Panzers ohne Rüfthaken find Merk- 





male für die Zeit der Anfertigung diefes fchonen Harnifchs. — 
Ambrafer Sammlung zu Wien. 



Italienifche Prunkhalbrüftung, welche Ferdinand II. (1678 — 
1637) angehört haben foll. Schöne getriebene und ausgeftochene 
Arbeit. Helm mit beweglichem Sturz, Sturmbändern und Nacken- 
fchutz; Panzer mit Gräte und fehr weiten Armhöhlungen. Ge- 

Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 2g 




450 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



fchienter Achfelfchutz. Wahrfcheinlich vom 17. Jahrh. — Ambrafer 
Sammlung zu Wien. 




Deutfcher Landsknecht ') aus der zweiten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts* in gerippter Halbrüftung mit dem bekannten eigentüm- 
lichen Landsknechtfehwert und einer Hellebarde. Oben zeigt fich 

') Die fchweizer Söldner zeichneten fich befonders durch von ihnen gehandhahtc 
Zweihänder fowie durch lange Lederhand fchuhe von anderen folchen Söldnern aus, 
weshalb es in einem Liede der deutfehen Landsknechte heifst: 

Das Geld woll'n wir verfchlemmen, 

Das der Schweizer um Handfchuh giebt. 
(S. auch S. 444 über deren Fechtweife.) 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



451 



unter dem Panzer ein Teil des kurzen Mafchenpanzerhemdes. — 
Nach den Holzfchnitten Peter Flötners. — 

Polnifcher Ritter vom 16. (?) Jahrhundert. Unter der reichen 
Schienen- und Schuppenrüftung fcheint fich eine vollftändige 
Mafchenbrünne zu befinden. Der Glockenhelm mit Nafen- und 
Nackenfchutz und ohne Sturmbänder ift auch ohne Zier. Streit- 
kolben und langes fpitzortiges Schwert mit breiten Abwehr- 
ftangen find die An griffe warfen. — Mufeum zu Tfarskoe Selo. — 




Die Bewaffnung der Polen beftand urfprünglich wie bei allen 
Weftflaven aus dem lucca auch luczka benannten hölzernen 
Bogen, einem Meffer (Noz), fpäter dem Säbel (Nozna) und Wurf- 
fpeeren, die ebenfo wie die Pfeile Strela hießen; Schwerter und 
Stoßfpeere kamen fpäter hinzu. Erft unter Boleslaw Chrobry 
(der Tapfre) wurde fo die Bewaffnung vervollftändigt, welche, von 
da ab bis Ende des 15. Jahrhunderts fich faft in nichts von der 
deutfchen unterfchied, anfangs des 16. Jahrhunderts aber einen mehr 
nationalen Charakter annahm. (S. die Rüftung S. 394). 

29* 




452 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Sehr beliebt waren auch die Reiter- oder Sattelftreitkolben in 
Form des hier oben abgebildeten, befonders bei der fchweren Adels- 
reiterei, derSzlachta, die man als gepanzert »pancirni« (beiden 
Litauern »poligorcia) bezeichnet und wo Mann und Roß voll- 
ftändig gerüftet und mit Schutzpanzer bedeckt waren. 

Ruffifche Strelitzeh (ruff. Strjelcy, d. h. Schütze) Rüftung 
diefer in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichteten, und 
1698 durch Peter d. Gr. aufgelöften Hausmannfchaft (Leibgarde). 

Der ganze Körper ift hier mit der 
Mafchenrüftung bedeckt. Die Brünne 
gehört da zu den fogenannten 
orientalifchen Spiegel rüftungen 
(ruff. Sercelo); der Wowoden, 
kann aber auch zu den mit Platten 
benagelten (ruff. Bachterez) Brün- 
nen gehören, da Unterarme, Lenden 
und Kniefcheiben noch mit Schienen 
gefchützt find. Die Ringhaube 
zeigt tiefen Nackenfchutz. Außer 
dem langen nicht fehr krummen 
Säbel (Scablja) befteht die Haupt- 
angriffswaffe in der altruffifchen 
Fußftreitaxt auf langem Schaft 
mit fehr langem Eifen, fehr ähnlich 
der ruff. Berdyfche, für Reiter, 
welche aber da kurzftielig war und in 
einer Form, wie fie in andern Län- 
dern nicht vorkommt. Irrtümlicher 
Weife hat Violet le Duc diefe Stre- 
litzenaxt dem 13. Jahrhundert zuge- 
fchrieben. 

Die altzeitig- ruffifchen Rüft- 
ftücke waren das Ringpanzer- 
hemd (panzyr, dosspechi, Koltfchatyje), wovon es drei 
Klaffen hinfichtlich der Feinheit gab, oder die mit den mit Platten be- 
deckten Brünnen (Bachterez); die Spiegelrüftung derWoewoden. 
Der vollftändige Schienenharnifch hieß Kiriß. Es gab Schelon 
genannte Helme, mit fehr breitem Nafenfchutz, Spitzhelme(Kolpak), 
Eifenkappen (Missjurka), dreieckige baumwollene Filzhüte mit 




Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



453 



Eifengeftell (Schapki oumashnyja) und Schilde (Sechtschity), 
Rundfchild (Kalkan), befonders die rotledernen Hochfchilde mit 
bunten Bildern von Heiligen. Die Angriffswaffen waren das Schwert 
(Metfeh), der Säbel (Scablja), die Keule (Palizy), der Streit- 
hammer (Tschekan), die Schlagkugel (Kisten), die Fußftreitaxt 
(Berchyvhi), der Beilftock (Topor), der Speer (Kopje), der 
Wurffpeer (Ssuliza) und die Strelitzenaxt auf langem Stiele, 
ferner eine Brussja (Balken?) und eine andere Klewy (Zange?) 
genannte Waffe, auch der Osslopy (Knüppel?) und der Morgenftern 
(Kurdi), auch Meffer wurden hinten im Stiefel getragen (f. weiteres 
in den Abfchnitten: Panzer, Helm und Schwert u. f. w.) 




Getriebene und geftochene italienifche Prunkhalbrüftung 
(Helm mit Backenfchutz, Sturmbändern und Sturz, Grätenftück- 
panzer mit Halsberge und Achfelftücken auf Kettenhemde), welche 



454 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Kaifer Ferdinand II. (1619— 1637) angehört haben foll. Die getrie- 
benen Vorwürfe des Vorderpanzers (Bruftflück, pectorale) ftellen 
Thaten des Herkules und der Helmfturz eine phantaftifche wilde 
Thierfratze vor. — Ambrafer Sammlung zu Wien. 

Italienifche Prunkrüftung (nach der Form des Panzers v. Ende 
des 16. Jahrhunderts) in reich getriebener Arbeit, angeblich von 
Giovanni da Bologna (1524— 1608) gefertigt, was aber nicht 
anzunehmen ift, da Giovanni Standbildner war und niemals Eifen 
getrieben hat. — Mufeum Bargello zu Florenz. 




Italienifche getriebene Prunkrüftung vom Ende des 16. Jahr 
hunderts, wie befonders die fchon verlängerten Krebfe es anzeigen. 

Ausgetriebene viereckige Köpfe in Diemarsfacettenfchnitt geben 
dem Ganzen etwas ungemein Fremdartiges. Der Kopffchutz befteht 
aus einer hutförmigen Burgunderkappe mit breitem Hakenfchutz. — 
Muleum Bargello zu Florenz. 






Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



455 



Hauptmann des Fußvolks beim Einzug Heinrich II. in Lyon, 
1549. Diefe Prunkrüftung befteht aus einem Schuppen- 
panzerhemde, worüber der Stückpanzer ebenfo wie der Mo- 
rian und das krumme fäbelartige Schwert reiche Gravierung zeigt. 
Der Speer hat an beiden Enden Eifen. — Livre de Portraiture 
par Jean Cousin. 1593. 





Eine fälfchlich Kaifer KarlV. (1500 — 1558) zugefchriebene Halb- 
rüftung (?). Diefe eigentümlichen Rüftftücke gehören dem 17. Jahr- 
hundert an und beftehen aus einem fpitzglöckigen Spangen- oder 
Rofthelm und herzförmiger Bruft- und Rückenplatte mit Achfel- 
ftücken, alles gefchient. Diefe Halbrüftung ift bereits fo befchränkt, 
daß fie als ein Übergangharnifch zum Koller des 17. Jahrhunderts 
anzufehen ift. — Armeria zu Madrid. 



456 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



Vollftändige Rüftung in franzöfifch-italienifchem Gefchmack, 
aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts, nach der Skizze des 
holländifchen Bildners Peter de Witt (Peter Candide, 1548— 1628), 
Schöpfer des Grabdenkmals Herzog Albrechts V. von Bayern, f 1 570, 
in der Metropolitankirche zu München. Der Helm mit hoher Zier 
ift ein Phantafieftück nach antiken Vorwürfen. 




Elfäffifche vollftändige Rüftung nach Wendel Ditterlins Ent- 
wurf zu einem Grabdenkmal, aus feinem Architektenbuch von 1 594. 
Diefe Rüftung ift aber nicht in allen ihren Theilen zeitberechtigt. 
Vifierhelm mit Barthaube oder Kinnftück gehören der Mitte des 
16. Jahrhunderts und der Stückpanzer mit Gänfebauchgräte den 
letzten Jahren davon, die Krebfe oder Schenkelfchienen fowie die 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



457 



Schnabeleifenfchuhe aber dem 15. Jahrhundert an. Das Ganze kann 
alfo nur als eine mangelhafte Malerdarftellung gelten. 



„Arkebufier-Reiter" aus dem 
Zeitabfchnitt von 1580— 1590. Das 
lange Schwert, die Arkebufe und 
Piftolen bilden die Trutzwafifen, Stück- 
panzer, kurze Mafchenbrünne und 
Oberarm- und Achfelfchutz das übrige 
Rüftzeug. Intereffant ift das lang 
herabhängende Pferdegefchirr. — 
Nach Joft Amman's Kunftbüchlein. — 





Holland ifcher Reiter aus dem Unabhängigkeitskriege, der 
Zeit der Statthalterfchaft Heinrich Friedrichs (1625 — 1647), nach 




453 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



einem Fayencegemälde von Ter Himpelen von Delft. Dasfelbe 
ftellt den berühmten Kampf vor Herzogenbufch, auf der Heide von 
Lekkerbetge, zwifchen den Holländern und den Spaniern dar, erftere 
von dem normannifchen Hauptmann Br6aute, letztere von dem 
Lieutenant Abrahami befehligt. Die Rüftung ift noch vollständig 
und mit Hinterfchurz verfehen. Merkwürdig ift es, daß hier fchon 
Gewehre und Piftolen mit Fcuerfteinbatterie zu fehen find. — 
Sammlung des Verfaffers. Weitere Einzelheiten s. S. 841 der dritten 
Auflage des Verfaffers Encyclopedie ceramique monogrammique. 




D e u t f c h e Rüftung vom 1 7. Jahrhundert, dem Erzherzog Leopold, 
nachherigem Kaifer von Deutfchland zugefchrieben, welcher im 
Jahre 1658 auf den Thron gelangte und 1705 ftarb. — Ambrafer 
Sammlung zu Wien. Eine ähnliche Rüftung im Louvre foll Lud- 
wig XIII., 1618 bis 1643, zugehört haben und mehrere andere 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



459 



Rüftungen diefer Art im Artillerie-Mufeum zu Paris rühren aus den 
Regierungsjahren Ludwig XIV., 1643 bis 17 15, her. Die Perücken- 
zeit der Anfertigung diefes unfchönen Harnifches ift übrigens leicht 
erkennbar an den unverhältnismäßig großen Schulterfchilden, dem 
verkleinerten Bruftfchilde und den langen Krebsfüßen, die an 
Stelle des Vorderfchurzes und der eigentlichen Krebfe getreten find. 




Vollftändige Pappenheimer Küraffierausrüftung vom 
dreißigjährigen Kriege (16 18 — 1648). Der Stückpanzer ift kurz 
und mit Gräte. Vorder- und Lendenfchutz vereinigt bilden die 
fogenannten, aus Schiebfchienen beftehenden Krebfe. Der Vifier- 
helm hat vollftändige Halsberge und niedrigen Kamm. Die Beine 




4Ö0 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



vom Knie ab find ohne Schutzrüftung und ftecken in Stiefeln. — 
Nach der „Kriegskunft zu Pferdt" von Wallhaufen. Frankfurt a M. 1616. 
— „Ein Gedenkblatt von Wallenftein" von 1634, den Grabftein mit 
Wallenftein darftellend, zeigt eine ganz gleiche Ausrüftung. S. auch 
Nr. 128 Abfchn. Helm, die Pappenheimer Kappe, benannt 
burgundifche Eifenkappe. 




Un'garifche Mafchen- und Schienenbewaffnung vom Ende 
des 16. oder Anfange des 17. Jahrhunderts. Auf dem Rundfchilde 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 461 

(Kalkan), ift eine Malerei, welche eine Armbruft darfteilt. Die 
ganze Bewaffnung hat viel Orientalifches, befonders die Schenkel- 
fchienen, auch die vermitteln Ringe aneinandergefügten Kniekacheln, 
wie folche in Perfien gebräuchlich. Der Helm, eine fehr niedrige 
Glocke mit Ringhaube fchützt auch Stirn und Wangen. Diefe Rüftung 
ift wohl perfifchen Urfprungs. Die ungarifche Reiterei foll indeffen 
fämtlich mit Panzerhemden ausgerüftet gewefen fein. Das Ganze 
erfcheint anmutig — malerifch. — Kaiferliches Arfenal zu Wien. 

Ammianus Marcellinus (390 n. Chr.) berichtet, dass der Hunne 
nur mit einem platten Helme gerüftet war und alles übrige noch 
aus zufammengenähten Bocksfellen beftand, dass seine Pfeile mit 
Knochen fpitzen verfehen waren, dass er im Handgemenge mit 
dem Schwert in der Rechten und einem Strang (Schlinge) in der 
Linken, zum Umwickeln des Feindes, kämpfte 1 ). 

Attila (434 — 453) fowie andere hunnifche Heerführer follen aber 
auch als Lieblingswaffe den Kriegsflegel (?) in Form einer 
neunftrangigen Geifsel geführt haben (f. weiter darüber im Ab- 
fchnitt XXVII.) 

Die altungarifche Bewaffnung bis zum 10. Jahrhundert beftand 
aber im allgemeinen, was die Angriffs waffen anbelangt, doch nur 
in dem Fokofchen, einem in Spitzen oder Kugeln auslaufenden 
Streithammer, dem Csäkänys- Streithaken, dem Buzegänys oder 
Puzalikans-Streitkolben (wovon weiterhin die Abbildungen) und 
dem hörnernen Bogen mit kleinen Pfeilen. Erft unter dem heiligen 
Stephan, im II. Jahrhundert, foll das Schwert bei den Magyaren 
eingeführt worden zu fein, was aber Ammians Schilderung doch 
widerfpricht. 

Vorwürfen eines bei Sz. Miklos im Torenthaler Komitate aus- 
gegrabenen goldenen Trinkgefäfses 1 ) vom 4. oder 5. Jahrhundert (?) 
nach, wovon die Abbildung S. 298, kann aber nicht, wie es oft 
gefchieht, zu den ungarifchen Ausrüftungen gezählt werden, wo 
hingegen die hiernach folgende vom 16. Jahrh. (von «Maximilians 
Triumphzug») nicht erwähnt ift. 



*) S. „Der Goldfund von Nagy-Szent-Miklos etc." von Jofeph Hampel, Budapeft 
1886, fowie weiteres im Abfchnitt Helme. 



462 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



Ungarifcher, reich taufchirter Harnifch, deutfche Arbeit aus 
dem Anfange des 17 Jahrhunderts, befonders charakteriftifch durch 
die Form des Helmes und Schildes. Der Streitkolben, den man 




der Figur in die rechte Hand gegeben, ift eine Waffe, welche 
wohl zu der Zeit, aus der diefe Rüftung ftammt, nicht mehr in 
Gebrauch war. Es fcheint, als ob diefe Halbrüftung über einen 
Koller getragen wurde, welche an diejenigen der Schweden im 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



463 



dreißigjährigen Kriege erinnert. Säbel in orientalifcher Form. — 
Kaiferliches Arfenal zu Wien (f. die Anmerkung auf S. 461). 

Mongolifches Panzerhemd mit bis zum Ellbogen herabgehenden 
Achfelftücken und getriebenen vollftändigen Armzeugen, deren 
handfchuhförmige Handbedeckungen fingerlos find. Zwei Schilde 
verstärken den Bruftfchutz. Der mit Spitze, Hörnchen Nafenfchutz 
und Brünne verfehene flache Glockenhelm hat auch ein die Stirn 
bedeckendes Kettengewebe. Die beiden Patronentafchen ftellen feft, 
daß diefe Ausrüftung nicht vor die Zeit der Anwendung des 
Schießpulvers hinaufreicht; wahrfcheinlich gehört fie felbft nur 
dem 17. bis 18. Jahrhundert an. — Parifer Artillerie-Mufeum. 





Ungarifcher Ritter (?) nach dem „Triumphzug Maximilians" 
vom Anfange des 16. Jahrhunderts (Nr. 188), wo fünf ganz gleich 
fo Gekleidete und fo Bewaffnete abgebildet find mit der Bemerkung: 
„follen haben ungarifche Pafefen und Eifenkolben" (die langen 
Tartfchen und die Buzagany genannten Fauft- oder Sattelkolben). 
Unter dem Waffenrock fieht man das Schuppenpanzerhemd. Helme 
fcheinen damals im allgemeinen bei den Ungarn nicht getragen 




464 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



worden zu fein, ebenfowenig wie Schwerter oder Säbel und Speere, 
(f. die Anmerkung auf S. 461). 

Italienifcher Hakenfchütze (Arkebusier) mit Radfchloßpiftole 
und Holzhülfenpatronen, Anfang des 15. Jahrh. Die Schutzwaffen 
beftehen aus Stückpanzer, Morian, fowie einer kurzen Mafchenpanzer- 
jacke mit Ärmel. 




Deutfcher Reiter vom Ende des 16. Jahrh. im Schienenhalb- 
harnifch mit Radfchloßpiftole. Die Burgunderkappe ift gefchient 
und mit Wangen- und Nackenfchutz. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



465 



Italienifcher Reiter vom Ende des 16. Jahrhundert ohne Har- 
nifch und mit Radfchloi3piftole. 




Lanzenträger (Pikenier) vom Jahre 1635. Stückpanzer, fowie 
der kurze getriebene Vorderfchurz und Krebfe, haben hier noch den 
Charakter diefer Schutzwafifen vom Ende des 16. Jahrh. 

Musketier vom Jahre 1603. Pulverhorn, Schießbedarffack und 
Gabel, fowie die Form des Stückpanzers weifen noch auf das Ende 
des 16. Jahrhunderts hin. 




Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 



466 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 





Stückpanzer mit Grätenbruftfchild, 
Helm mit Sturmbändern und Stirn- und 
Nackenfchutz, eine Art burgunder Helm- 
kappe. Reich taufchierte und gravierte Waffen 
vom Ende des 17. oder vom Anfange des 
18. Jahrhunderts. Kaiferliches Arfenal zu 
Wien. 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



467 



1. Deutfcher Fußfoldat aus der erften Hälfte des 17. Jahrhunderts. 
Die Schutzwaffen beftehen aus Stückpanzer mit krebsartigem Vor- 
derfchurz und Hinterfchurz, fowie dem Morian mit kleinem Kamm 
und plattem Schirm. Speer oder Pike und Schwert bilden die 
Angriffswaffen. 




2. Deutfcher Musketier des 17. Jahrhunderts. Er trägt den 
Birnenmorian, ein Helm mit kleinem Kamm, eine Lunten- 
muskete 1 ), einen mit Holzhülfenpatronen verfehenes Bandelier und 
den langen Degen. Jakob von Wallhaufen, der Stadt Danzig 
Obrift giebt in feiner, vor dem dreißigjährigen Kriege erfchienenen 
«Kriegskunft» — hundertunddreiundvierzig Tempos für die 
Musketiere. 

*) S. die Anmerkung S. "124. 




30* 



468 



Waffen des chrifllichen Mittelalters etc. 



Franzöfifches Fußvolk um 1630. Die Schutzrüftung befteht hier 
aus dem Stückpanzer mit Gänfebauchgräte (fr. cosse de pois) 
und daran befeftigtem Vorderfchutz (fr. braconniere), welcher 




krebsartig gefchient nur den Bauch bedeckt, und einen morian- 
förmigen Helm mit plattem Schirm und niedrigem Kamm. Trutz- 
waffen: langer Stoßdegen und Pike. — Nach Jean de S. Igny, 
Zeichner und Maler geb. zu Rouen um 1600, f zu Paris um 1655. — 



Waffen des chriftlichen Mittelalters etc. 



469 




Deutfcher Füülier des 18. Jahrhundert nach dem Buche: Der 
«Vollkommene teutfche Soldat» *) von Friedrich von Flemming 
1726. Befonders bemerkenswert find hier die Form des Bajonetts, 
das kleine am Gürtel befeftigte Zündpulverfäckchen und der lange 
Degen. 




') Soldat ift weder v. lat. solidarius oder v. mtl. noch v. ita. abzuleiten, wie 
dies die Diktionäre falfchlich angeben, fondern von der Bezeichnung Soudoyers, den 
Ribauds. Söldnern Philipp IL August (i 180—1223). Da bei der allgemeinen Wehr- 
pflicht die gegenwärtigen Heere nicht mehr aus Söldnern beliehen, fo ift die Bezeich- 
nung Soldat für den Wehrmann jetzt durchaus unpaffend. 



VIII. 

Der Schienenharnifch in allen feinen Einzelteilen, 
mit Ausfchlufs des Helms, vom Mittelalter ab. 



Die Platte (f. S. 66—69), — nicht zu verwechfeln mit der Bruft- 
platte oder dem Stahlftück (f. S. 69), welche vor dem Auftauchen 
der Schienenrüftung über die Brünne oder Kettenrüftung getragen 
aber durch den Stückpanzer unnötig wurde, — bildet keinen Teil 
mehr vom Schienenharnifch und gehört demnach nicht hierher. 

Aus dem gefchichtlichen Abfchnitt und der Einleitung in dem 
vorliegenden ift erfichtlich, in welcher Weife die Bewaffnung, vom 
Beginn des Mittelalters an, eine fortdauernde Umgeftaltung zu er- 
leiden hatte. Die in allen Teilen vervollkommnete Schienenrüftung, 
welche ihren einzelnen Teilen nach in dem Folgenden ausführlich 
befchrieben wird, gehört dem Ende des 15. und dem Anfange des 
16. Jahrhunderts an. Abgefehen von dem Helme, der während 
diefes Zeitraums ftets als ein Stück für fich angefehen wurde, find 
ihre Beftandteile:) 

Die Halsberge (franz. colletin, hausse-col, engl, neck- 
collar), der den ganzen Harnifch trug und, wenn er nur aus einem 
einzigen Stück mit langen JSchulterfchilden beftand, im 16. Jahrhundert 
im Englifchen allecret genannt wurde. Halsberge, eigentlich 
«Albere» (alles bergend) und wovon Haubert abgeleitet ift, wird 
aber auch im Mittelalter die ganze von Fuß zu Kopf den Körper 
bedeckende Brünne oder das Panzerhemd genannt. 



* Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 

Die Halsberge darf man nicht mit dem darüber angebrachten 
Kehlftück (franz. gorgerin, engl, gorget) verwechfeln, welches 
ebenfalls aus mehreren Schienen gebildet war. 

Mit Halsberg, halbere, haubert, hauberk wurde alfo 
auch oft „alles vom Helm bis zu den Knien Bergendes", demnach das 
ganze Panzerhemd bezeichnet. So nannte man in Frankreich fief 
de haubert das Lehn, deffen Inhaber verpflichtet war, dem König, 
mit dem Rechte des Tragens eines vollftändigen Panzerhemdes, im 
Kriege Folge zu leiften. Auch mit haubergeon bezeichnet man 
im Franz. das Kettenpanzerhemd (maille ä maille se fait le 
haubergeon). 

Der Stückpanzer vom Kelt: (?) pantex (franz. cuirasse, engl, 
cuirass, ital. panciera, fpan. cota) beftand aus der Bruftplatte 
(altd. HarnifchbruÄ, franz. plastron, engl, breast-plate), die, 
häufig mit einer das Bruftftück von oben nach unten in der Mitte 
teilenden Linie, der Gräte (franz. tabule, engl, salient ridge 
oder tapul) verfehen, die Bruft bedeckte, und der Rückenplatte 
(franz. dossiere, engl, back-plate). 

Maldasures, im Franz. die Panzerpolfter. 

Der Vorderrüfthaken (franz. arret oder faucre, engl, lance- 
rest), welcher an der linken Seite der Bruftplatte hervorragte und zur 
Befeftigung der Lanze diente, auch mit Scharnier verfehen war. 

Der Rücken- oder Hinterrüfthaken, die queue, unter 
welchem beim Rennen der hintere Theil des Speerschaftes wegging, 
während derfelbe vorn auf dem kürzeren Haken aufgelegt wurde. 

Die kleinen Schienen (franz. petites plaques oder lames 
d'aisselles, engl, small-plates). 

Die Achfelftücke (franz. öpaulieres, engl.shoulder-plates) 
mit oder ohne hohe Ränder (franz. passe-gardes, engl, pass- 
gards). 

Die runden Achfelhöhlfcheiben (franz. rondelles de 
plastron, engl, arms-rondels), zum Schutz der Achfelhohlen 
dienend, deren Gebrauch nicht über die Mitte des 15. Jahrhunderts 
zurückgeht und mit dem Ende des 16. Jahrhunderts aufhört. 

Der Vorderfchurz (franz. braconniere, engl, great bra- 
yette), welcher den Unterleib bedeckte und gewöhnlich aus Stahl- 
fchienen beftand und an den Krebfen endigte. 

Der Gliedfchirm (franz. brayette) auch Latz genannt (vom 
lat. latus, — Latus dare — beim Gefecht Blöße geben), welcher 



472 Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 

den Phallus nachbildete und den ein übertriebenes englifches An- 
ftandsgefühl von allen im Tower zu London bewahrten Rüftungen 
verbannt hat. 

Die Krebfe oder Schenkelfchienen (franz. tassettes, engl, 
tassettes, auch large tuiles) beftimmt, den Oberfchenkel zu 
fchüt/.en; vermittelft Riemen waren fie an dem Vorderfchurz be- 
feftigt. Einige deutfche Schriftfteller nennen indes auch unrichtig 
die ganze, aus Schienen hergeftellte Rüftung Krebs (franz. lames, 
auch taces, engl, almaine rivets) und bezeichnen mit dem Namen 
halber Krebs oder Krebsfuß den unteren Teil der gefchienten 
und mit langem Schenkelfchutz verfehenen Rüftung, aus dem Ende 
des 16. und dem Anfange des 17. Jahrhunderts. (Goethe im Götz 
von Berlichingen begeht denfelben Irrtum.) 

Auch Foucher, der gegen Ende des 16. Jahrhunderts fchrieb, 
fagt, daß die gänzlich gefchienten Rüftungen in Frankreich 
mit ecrevisses bezeichnet wurden. Diefelbe Art Rüftung nannte 
man in England a suit of splints. 

Der Hinterfchurz (franz. garde-reins, engl, articulated 
culot), aus Schienen wie der Vorderfchurz gebildet. 

Das vollftändige Arm zeug oder die Armfchienen (franz. u. 
engl, brassards, ital. braciale, fpan. braceral) von dem Vor- und 
Hinterarmzeug gebildet, das durch die Meufeln oder Ellbogen- 
kacheln (franz. cubitieres, engl, elbow-pieces) mit einander 
verbunden war. 

Die Schenkelfchienen, Dielingen oder Dichlingen (fran- 
zöfifch und englifch cuissards), welche vor 1500 nur den Vorder- 
fchenkel bedeckten. 

Die Knieftücke oder Kniekacheln, auch Meufeln genannt, 
(franz. genoullieres und boucles, engl, knee-caps). 

Die Beinfchienen (franz. greves oder jambieres doubles, 
engl, graeves), die vor 1500 auch nur das Vorderbein bedeckten. 

Die Ruft- oder Eifenfchuhe (franz. solerets oder pedieu x 
engl, sollerets oder goads) mit fpitzem Haken im 11. Jahrhundert, 
mit Schnabel (ä la poulaine) vom Anfange des 12. bis zur 
Mitte des 14., mit Lanzettbogen oder Halbfchnabel von 
1350— 1470, und aufs neue mit Schnabel im 15. Jahrhundert, aber, 
auch mit Kleeblattbogen von 1440 — 1470, Halbholzfchuh- 
oder Halbbärenklauenform gegen 1485, Holzfchuhform oder 
Bärenklaue von 1490— 1560 und mit Entenfchnabel gegen 1585. 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 473 

Die Kampfhandfchuhe l ) (franz. gantelets, engl, gauntlets) 
mit getrennten Fingern, Fingerhandfchuhe oder gefingerte 
Tatze (franz. a doigts separes, engl, articulated gauntlets) 
im 14. Jahrhundert, Faufthandfchuhe (altd. Hentze, franz. moufle 
oder miton, engl, inarticulated gauntlets) im 15. Jahrhundert, 
und wiederum mit getrennten Fingern im 16. Jahrhundert. 

Der hirfchlederne und mit Schuppen befetzte Kampfhand- 
chuh des 17. Jahrhunderts, auch Schuppenhand fchuh genannt 
(engl, gloves armed with scales). 

Der kleine Bruftfchild (franz. epauliere-garde-bras ä 
passe-gardes, englifch shoulder-gart with passegard.) 

Der große Bruftfchild, auch Scharfrenntartfche (franz. 
manteau d' armes, engl, tilting-breast-shild), entweder einfach 
oder auch mit Vorhelm oder Barthaube (fr. haute-piece, engl, 
yolant pice) mit oder ohne Vifier, mit Vorhelm und mit Arm- 
zeug; dies alles war jedoch meift nur bei Waffe nfpielen in Gebrauch. 

Die Flügelchen, Wappenplatten oder Wappenfchild- 
chen (f. S. 377, 382 und 388), welche nur Ende des 13. und An- 
fang des 14. Jahrh. (1280— 1390) vorkommen (f. S. 70) und an den 
Schultern meift aufrecht ftehend getragen wurden, dienten wohl 
gemeinlich nur, um das Wappen zu zeigen und nicht als Schulter- 
fchutz wie dies auch wohl angenommen wird, da diefelben manch- 
mal, aber feiten nur auf den Schultern liegend vorkommen (f. 
S- 377) un d wovon man felbft den Urfprung der neuzeitigen 
Epaulette ableiten will. 

Die Turnierlendenplatte (franz. grand cuissard de joute, 
en gl- great tilting-cuissard.) 

Die Brech- oder Schwebe fcheibe (franz. rondelledelance. 
engl, round lance-plate). 

Alle dem Helm zur Verftärkung dienenden Stüeke, die fämtlich 
in diefem Abfchnitte abgebildet find, waren: 

Der oben genannte Vorhelm auch Barthaube, fowie ganzes 
Kinnftück genannt (franz. haute piece, englifch volant piece). 

Das halbe Kinnftück (franz. demi-mentonniere mobile, 
engl, half mentonniere und 

1 ) S. auch den „Eifenarm" für Fahnenträger fowie die linkärmige „Tatzen" für 
Stechturniere. S. S. 424. 



474 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



der Kinnhelm oder die eigentliche Barthaube (franz. men- 
tonniere mobile, engl, great mentonniere). 

Es gab auch Rüftungen mit Knöpfchen, (altfr. brocetes). 

Die Rüftung vom Anfange des 16. Jahrhunderts zeigt häufig 
fchöne rippenartige Auskehlungen; es ist dies die fogenannte 
Maximilianifche gerippte oder auch mailändifche Rüftung, 
(fr. armure cannelee), welche in der zweiten Hälfte desfelben 
Jahrhunderts häufig durch kunftvoll eingeftochene Zeichnungen, 
geätzt oder mit der Nadel ausgeführt, geziert ift. 1 ) Als gegen Ende 
des 16. Jahrhunderts die Rüftung den höchften Grad ihrer Voll- 
endung erreicht hatte, dabei aber nur noch unzureichenden Schutz 
gegen die Feuerwaffe zu gewähren vermochte, geriet fie zufehends 
in Verfall, bis fie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts völlig 
außer Gebrauch kam. Nachdem die Krebfe durch die unförmlichen 
Schenkelfchienen 2 ) erfetzt worden waren, trat das letzte Stadium 
ihres Verfalls ein, wo weder noch Schenkelfchienen und bald auch 
kein Armzeug mehr benutzt wurden; der Stückpanzer (Küraß) 
allein erhielt fich bis zuletzt und auch dann nur als Spezialwaffe 
für die Küraffiere. Der Koller (franzöfifch buffletin, englifch 
buff-coat oder jerkir), über welchem noch eine leichte Hals- 
berge (fr. colletin, hausse col, engl, neck-collar) getragen wurde, 
nahm feitdem an Stelle der Rüftung ein, deren Beinfchutz und 
Eifenfchuhe durch Reitftiefeln erfetzt wurden. 

Ehe man jedoch bei der Halbrüftung anlangte, waren häßliche, 
die Mode der Wämfer widerfpiegelnde Bruftplatten die Vorläufer 
des vollftändigen Verfalls des Harnifch gewefen. Die Bruftftücke 
ahmten den Polichinelbuckel der Regierungszeit Heinrichs III. nach; 
bald nachher unter der Regierung Ludwigs XIII. bekamen fie platte 
Formen; die langen Schenkelfchienen (longues ^crevisses) folgten 
ihnen zu Anfang der Regierung Ludwigs XIV. 

Bezüglich der mit Ätzungen (d. h. Radirungen von Wohlgemuth, 
1434 — 1 519, wenn nicht von feinem Schüler Dürer, 1471 — 1528, er- 
funden) verzierten Rüftungen ift zu bemerken , daß fie fehr feiten 
bis ins 15. Jahrhundert hinaufreichen, da die Echtheit aller nur durch 



') Im Germanifchen Mufeum zu Nürnberg ein Harnifch v. 1500- -1520, worauf 
bereits Verzierungen geätzt find. (Samml. Sulkowski ) 

2 ) Das Zeughaus zu Zürich befitzt gerippte Rüftungen mit gewölbtem Bruftfchilde, 
an denen die Krebfe fchon durch diefe langen Schenkelfchienen (von einigen Schrift- 
ftellern ebenfalls Krebfe genannt) erfetzt find. 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



475 



Vorausfetzungen den Arabern des n. Jahrhunderts zugefchriebenen 
nicht erwiefen ift. Von dem zweiten Drittel des chriftlichen Mittel- 
alters an wurde zwar fchon zur Verzierung des Schwertes der Grab- 
ftichel angewendet, doch ift alles daran, was über das 15. Jahrhundert 
hinausgeht, von geringem künftlerifchen Wert. 

Gegenwärtig hat die Fälfchung, befonders in Venedig, das Atzen 
auch ftark benutzt, um den Nichtkennern mit ihren maffenweis im 
Kunfthandel eingefchmuggelten nachgeahmten Rüftungen hinters 
Licht zu führen. 

Eines fehr feiten angetroffenen Rüftftückes des 14. Jahrhunderts, 
wovon dem Verfaffer kein auf uns gekommenes Exemplar bekannt 
ift, muß hier noch Erwähnung gefchehen Es ift dies der Mußeifen 
genannte aus Eifenftäben hergeftellte Oberarmfchutz von Söldnern, 
deffen in der Limburger Chronik (1330 — 1350), fowie in dem großen 
Ämterbuch des deutfchen Ordens (1387 — 1396) Erwähnung gefchieht 
(f. die Abbildung S. 391 fowie weiterhin.) 




I. Halsberge auch Ringkragen 
(franz. colletin, haus'se-col, engl, neck- 
collar*), welche den ganzen Harnifch 
trug. Die Schiebfchienen des Halfes 
hießen Stauchen. 



1 a. Desgleichen. (S. das darüber be- 
merkte S. 470 und 471.) 



2. Bruftplatte, Vorderteil des Stück- 
panzers (franz. plaftron, engl, breaft- 
plate). Die Kante, welche den Bruft- 
fchild in der Mitte von oben nach unten 
teilt, wird Gräte (franz. tabule, engl, 
falient ridge oder tapul) genannt. An 
der rechten Seite fitzt der bewegliche, 
dem Speere als Unterlage dienende Vor- 
derrüfthaken (franz. faucre, engl, lance- 
rest). 



47 6 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 





3. Rückenplatte x franz. dossiere, 
engl, back-platte) des Stückpanzers. — 
Ambrafer Sammlung. 



4. Achfelftück (franz. öpauliere, engl, 
fhoulder-plate) von einer gerippten 
Rüftung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts. — Sammlung des Verfaffers. 
Bei nicht gerippten Rüftungen sind die 
Achfelftücke gemeinlich teilweife ge- 
fchoben. 



5. Runde Achfelhöhlfcheibe (franz. 
rondelle de plastron, engl, arm-ron- 
del) einer gerippten Rüftung aus dem 
Ende des 15. Jahrhunderts. 



6. Runde Achfelhöhlfcheibe einer 
gotifchen Rüftung aus dem 15. Jahrhundert. 



7. Runde Achfelhöhlfcheibe, 
größer als die vorige, von einer Rüftung 
aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. 



8. Runde Achfelhöhlfcheibe, 26cm 
im Durchmeffer, die mit kupfernen Nagel- 
köpfen verziert ift und einer Rüftung vom 
Ende des 16. Jahrhunderts in der Ambrafer 
Sammlung angehört. Bei Turnierrüftungen 
vom Ende des 15. und vom Anfange des 
16. Jahrhunderts findet man jedoch auch 
runde Achfelhöhlfcheiben von gleicher 
Umfange. 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



477 



9. Halsberge 1 ) (franz. garde - collet) 
mit dazu gehörigen Achfelftücken vom 
Ende des 16. Jahrhunderts. In England 
wurde eine folehergeftaltzufammengefetztes 
Stück alecret genannt. Ahnliche Achfel- 
ftück-Halsberge unter Nr.G. 256 im Artille- 
rie-Mufeum zu Paris. (S. S. j6 Allegate.) 

Man trifft das auf Infiegeln häufig vor- 
kommende hier abgebildete Halsge- 
fchmeide auch manchmal an Halsbergen 
an. Es ift der von Ludwig, Herzog von 
Orleans, Bruder Karls VI. (f 1685) geftiftete 
„Stachelfchweinsorden" (ordre du 
camail ou du porc-epic). 

10. Vorderfchurz (franz. bracon- 
niere, engl, great-brayette) einer goti- 
fchen Rüftung aus dem 15. Jahrhundert, 
im kaiferlichen Arfenal zu Wien. Diefer 
Vorderfchurz wurde flets durch zwei große 
dachziegelförmige Krebfe, welche die 
Schenkel bedeckten, vervollftändigt. 

11. Vorderfchurz einer aus gravierter 
und getriebener Arbeit beftehenden Rüftung 
vom Ende des 15. Jahrhunderts oder vom 
Anfange des 16., die für den Kampf zu 
Fuß beftimmt war. Die Form folchen 
Vorderfchurzes machte die Krebfe über- 
flüffig. 

12. Krebs 2 ) oder Schenkelfchiene 
(franz. und engl, tassette lames, taces, 
auch almaine aivets), in Dachziegel- 
form von einer Rüftung aus dem ^.Jahr- 
hundert. — Artillerie-Mufeum zu Paris. 



') Nicht zu verwechfeln mit Halsberg (fr. halbere, hauberk), d. h. „Alles 
vom Helm bis zum Knie bedeckende"', alfo das vollftändige Panzerhemd. 

2 ) Während des 15. Jahrhunderts beftanden die Krebfe. wie Nr. 12, gewöhnlich aus 
einem Stücke; fpäter nahmen fie eine abgerundete Form an, und im 16. Jahrhundert 
waren fie meiftens kleiner und gegliedert, im 17. unförmig lang und gefchient. (S. S. 472.) 




478 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 





13. Kleiner gefchienter oder ge- 
fchobener auch geftauchter Krebs 
aus dem 16. oder dem Ende des 15. Jahr- 
hunderts. 



14. Vorderfchurzkrebs von unge- 
wöhnlicher Größe, faft die beiden Schen- 
kel wie eine Freimaurerfchürze bedeckend; 
derfelbe gehört einer Franz dem I. (f 1547) 
zugefchriebenen Rüftung an. 



15. Gliedfchirm auch Latz (v. lat. 
latus) genannt, praesidium mentulae 
franz. brayette, engl, small-brayette a 
l'antique) einer Rüftung aus dem 16. 
Jahrhundert. Diefe Form von Gliedfchir- 
men war nur von 1526 bis um 1576 ge- 
bräuchlich. 1 ) 



16. Gliedfchirm einer Rüftung aus 
dem 16. Jahrhundert. — Nr. G. 119. im 
Artillerie-Mufeum in Paris. — Häufig find 
auch die Gliedfchirme von Kettengewebe. 



17. Hinterfchurz (franz. garde- 
reins, engl, articulated culot) einer 
Rüftung vom Ende des 15. Jahrhunderts-) 



') Der an einer von aus nicht zufammengehörigen 
Stücken geformten Rüftung der Samml. Sulkowski im 
Germ. Mufeum zu Nürnberg befindliche Gliedfchirm 
mit fchnurrbärtigem Mannskopf ift gefälfcht. 

2) Hinterfchurz und Vorderfchurz zufammen nenn 
man im Altfranzöfifchen hoquine oder houquine 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



479 



18. Gefchobener Hinterfchurz 
einer gotifchen Rüftung in der ge- 
fchmackvollften Form des 15. Jahrhun- 
derts. 




19. Hinterfchurz einer gerippten, 
fogenannten Maximilianifchen Rüftung, 
aus der letzten Zeit des 15. oder dem 
Anfange des 16. Jahrhunderts. 



20. Zwei gefchobene Hinter- 
fchurze von Rüftungen aus dem 17. 
Jahrhundert. Der kleinere gehört zu 
einer Rüftung aus der Regierungszeit 
Ludwigs XIV., die im Artillerie-Mu- 
feum zu Paris aufbewahrt wird. 



21. Ganzes Armzeug (franz. und 
engl, brassard complet, ital. bra- 
ciale, span. braceral). Es befteht aus 
dem Vorder- und Hinterarmfchutz, 
beide Teile find durch die Meufel oder 
Ellbogenkachel (franz. cubitiere 
engl, elbow-piece) mit einander ver- 
bunden. Die Form der Ellbogenkachel 
hat oft gewechfelt. Mehr abgerundet ift 
fie im 15. Jahrhundert und zuweilen 
auch mit Flügelfpitzen verfehen und 
gefchient; im 16. Jahrhundert ift fie 
kleiner. Der Unter- oder Vorderarm - 
fchutz wird auch Armröhre (fr. canon) 
genannt. 



48o 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 




22. Dieling oder Schenkel- 
zeug (franz. und engl, cuissard mit 
Knieftück 1 ) oder Kniekachel, (franz. 
genoulliere oder boucle, engl, knee- 
cap) und Beinfchiene (franz. greve 
oder jambiere, engl, graeve). Sie ift 
entweder einfach oder doppelt und mit 
Scharnieren verfehen; letztere Art weift 
auf einen jüngeren Zeitabfchnitt als das 
Jahr 1500 hin. Die lederne Beinfchienen 
vom 14. Jahrh. hießen Lerfen auch 
Lederfen. 



23. Beinfchiene mit Kniekachel 
und Eifenfchuh (franz. so ler et oder 
pedieu, engl, solleret). Der Eifen- 
fchuh hat hier den fogenannten Enten- 
fchnabel vom Ende des 16. Jahrhun- 
derts. 



24. Kampfhandfchuh oder ge- 
fingerte Handtatze (franz. gantelet 
ä doigts separes, engl, articulated 
gauntlet). Derfelbe hat getrennte Fin- 
ger und gehört einer Rüftung aus der 
Mitte des 12. Jahrhunderts an 2 ). 



25. KleinerSchulterfchild (franz. 
epauliere-garde-bras oder grande 
garde, engl, shoulder-gard) bei den 
Turnieren fchon gegen Ende des ^.Jahr- 
hunderts in Gebrauch. 



') S. die Kniekachel v. XIV. Jh. S. 376, Nr. 3. 

s ) S. die linkshändige Stechtumiertatze S. 425 u. 427. 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



48l 




26. Achfelflück oder Schulterfchild 
mit Brechrand (franz. epauliere-garde- 
bras ä passe-garde, engl, shoulder- 
gard with passe-gard). 



27. Turnierfchulterfchild (franz. 
grande epauliere, garde-bras) oder 
grande garde, engl, great-tilting shoul- 
der-gard). 



27. Bis. Meufelfchulterfchild für 
den linken Arm einer deutfchen Rüftung 
aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts. — 
G. 10. im Artillerie-Mufeum zu Paris. 



28. Großer Turnierbruftfchild *), 
auch Scharfrenntartfche (franz. manteau 
d'armes, engl, tilting-breast-shild) aus 
Eifen und reich graviert, deutfche Arbeit 
einer Turnierrüftung aus dem Anfange des 
16. Jahrhunderts. 



29. Großer Bruftfchild mit Kinn- 
fchutz oder Schembart (franz. manteau 
d'armes ä mentonniere, engl, tilting 
breast shild with mentonniere) nach 
dem Turnierbuche des Herzogs Wilhelm IV. 
von Bayern (15 10—1545). 

Die Bruftfchilde find nicht mit den Bruftplatten oder den Stahlftücken 
(fr. piece d'acier) (f. S. 69) zu verwechfeln. 

Dem min, Waffenkunde. 3 Aufl. 31 







482 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 





30. Großer Bruftfchild 
mitSchembart und mit dazu 
gehörigem Helm. — Desfelben 
Urfprungs wie Nr. 29. 

31. Ebenfo. 

32. Großer Bruftfchild 
mit Schembart von einer 
Turnierrüftung aus dem An- 
fange des 16. Jahrhunderts. 
Er ift von dickem, mit Lein- 
wand überzogenem Holz und 
fchwarz angeftrichen. — Am- 
brafer Sammlung. 



33.Tartfche mit Schem- 
bart und Sehfchnitt (Vi- 
fier.) Diefe Verftärkung der 
Turnierrüftung, die den Vor- 
derteil des Helmes faft ganz 
bedeckt und eine Art Vifier 
bildet, ift älter als die vor- 
hergehenden Schembartbruft- 

fchilde und nach dem 
Triumph Maximilians ge- 
zeichnet, einem gegen 15 17 
ausgeführten Kupferftich. 
34. Großer deutfcher Schembartbruftfchild nebft daran 
fitzendem Vorhelm mit Lanzenträgerfchraube (Rüfthaken). Der 
fchon durch den Vorhelm, Barthaube, Kinnftück (franz. haute 
piece, engl, volant piece), an den er angefchraubt, gefchützte 
Helm ift außerdem an der Rückenplatte des Stückpanzers durch die 
Rennhutfchraube (franz. crete-öchelle) befeftigt. Die Lanzen- 
trägerfchraube diente zur Befeftigung oder Unterftützung diefes 
Bruftfchildes, fowie auch zum Aufhängen der im Turniere er- 
haltenen Preife und zum Feftlegen der Lanze. Auch foll der Ritter 
mitunter einen Apfel darauf gefleckt haben, um damit dem Gegner 
einen Zielpunkt zu geben. — Dresdener Mufeum. (G. 124, Nach- 
ahmung deffelben im Artillerie- Mufeum zu Paris.) 




I 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



433 



34. Bis. Reich gepunzte Barthaube oder Kinnftück (men- 
tonniere) von 1540, welche mit einem offenen oder vifierlofen 
Helm getragen wird. — Sammlung Beardmore — Uplands — 
Hampshire. 

35. Schembartbruftfchild wiejNr. 34, aber ohne den Helm und 
die Rennhutfchraube. 



34 Bis. 






36. Turnierlendenplatte (franz. grand cuissard de joute 
engl, great tilting cuissard) aus dem Anfange des 16. Jahrhun- 
derts von einer fogenannten Maximilianifchen Rüftung. G. 114 im 
Artillerie-Mufeum zu Paris. 

37. Turnierlendenplatte einer Maximilianifchen Rüftung aus 
dem Anfange des 16. Jahrhunderts. — G. 115 im Artillerie-Mufeum 
zu Paris. 

38. Deutfche Verdoppelungsbeinfchiene (altd. Dilge), 
auch Streiflatfche *) beim Turnier gebraucht, vom Ende des 



] ) S. das Stechen über den Dill oder über die Palia, S. 83. 



31' 



Der Hamifch in allen feinen Einzelteilen etc. 






A>1. 






15. Jahrhunderts. Diefelbe wurde noch 
über dem Beinfchutz der Rüftung ge- 
tragen, um das Bein beim Anprall an 
die Schranken zu fchützen. — Kaiferliches 
Arfenal zu Wien. 



39. Turnierlendenplatte aus 
dem Anfange des 16. Jahrhunderts. — 
Sammlung des Grafen Nieuwerkerke. 



40. Stoß-Brech- oderSchwebe- 
fcheibe (franzöfifchrondelledelance, 
auch rondelle couvre-mains, engl, 
round lance-plate), befonders für 
Turnierfpeere, aus dem Ende des 15. 
Jahrhunderts. — Artillerie-Mufeum zu 
Paris. 



.41. Stoß- Brech- oder Schwebe- 
fcheibe aus dem 16. Jahrhundert. Mu- 
feum zu Dresden. 



42. Stoß- Brech- oderSchwebe- 
fcheibe aus dem 16. Jahrhundert. — 
Sammlung Llewelyn-Meyrick. 



43. Stoß-Brech- oder Schwebe- 
fcheibe aus dem 16. Jahrhundert. — 
Sammlung Llewelyn-Meyrick. 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



485 




44. Ruft haken mit Scharnier (franz. 
fautre, faucre 1 ) oder arret de lance, 
engl, lance-rest) aus der Mitte des 16. 
Jahrhunderts. — Mufeum zu Dresden. 



45. Zwei Arten von Rüfthaken aus 
dem Ende des 16. Jahrhunderts. — Mu- 
feum zu Dresden. 

Außer diefen Vorderrüflhaken 
gab es auch noch gewaltig größere Hin- 
terrüfthaken (franz. queue) zum Auf- 
legen des Speerendes (f. S. 424). 



46. Rennhutfchraube. — Mufeum 
zu Dresden. Vergl. Nr. 34. 



47. Lanzenträgerfchraube und 
Bruftfchildträger. — Mufeum zu Dresden. 

Vergl. Nr. 34. 



47. Bis. Stechhelm mit Barthaube 
und Rennhutfchraube. 



48. Vorhelm (franz. haute piece, 
auch mentonniere, engl. volant 
piece). Mufeum zu Dresden. 

') Der Name faucre taucht erft im XIV. Jh. auf, vorher nannte man ihn fautre: 
„chacun a mis lance sous fautre" (Vers 1242 von ,,Li Roumans de Coucy 1 ' — vom 
XIII. Jahrhundert. 

Rüfthaken waren auch fchon im Gebrauche, als die Ritter noch mit dem Mafchen- 
panzerhemd und ohne Stückpanzer rannten. — Der Rüfthaken wurde da an der rechten 
Schulter, vielleicht auch an dem Stahlftück oder der Bruftplatte (pectoral — 
mamilliere) (f. S. 69. 393, 394 und 398) befeftigt. 




4 86 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 





49. Vorhelm nebft Bruftfchild 
mttAchfelftück undEllbogenkachel 
von einer Turnierrüftung aus dem Ende 
des 15. Jahrhunderts. — Sammlung Renn6 
in Konftanz. 

50. Große Barthaube oder Vor- 
helm (franz. haute mentonniere). — 
Sammlung Nieuwerkerke. 

51. Vorhelm. — Sammlung Lle- 
welyn-Meyrik. 

52. Gefchobene Barthaube oder 
Vorhelm (franz. mentonniere oder 
haute piecelam^e ä gorgerin, engl, 
lamed mentonniere), deutfche Arbeit, 
gegen Ende des 15. Jahrhunderts in 
Gebrauch, zu welcher Zeit fie mit der 
Schale oder Schaller getragen wurde. 
— Sammlung des Grafen Nieuwerkerke. 

53. HalbeBarthaube (franz.demi- 
mentonniere, engl, half menton- 
niere) aus dem Ende des 15. Jahrhun- 
derts. 

54.I. Wappenplatte, Schulter- 
flügel oder Wappenfchildchen, 
Flügelchen (franz. ailette), welche, 
während der Übergangsperiode, auf der 
Schulter zwifchen dem Panzerhemde und 
der Rüftung mit Lederfchieben oder auf 
der einfachen Brünne, etwa einige 50 
Jahre lang in Gebrauch war (1280 — 1330). 
An dem Standbilde Rudolfs v. Hierftein 
(geft. 13 18) am Dom zu Bafel fieht man 
eine folche; auch auf den Schultern platt 
liegende werden angetroffen 1 ). 



') Man will davon die heutigen Epauletten ab- 
leiten, glaubt auch, dafs folche Schildchen als Achfel- 
fchutz gedient haben, was aber beides unannehmbar 
ift. S. die Abbildung S. 377, 382 und 388, fowie 
den Text S. 71. 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



487 





54. IL Andere Form diefer 
Wappenplatten aus derfelben Zeit. 



55. Bruftplatte zum Gefchift- 
fcheibenrennen einer deutfchen 
Turnierrüftung aus der erften Hälfte 
des 16. Jahrhunderts. Der Mecha- 
nismus diefer Spielerei, von der nur 
noch zwei Exemplare vorhanden 
find (in der Ambrafer Sammlung und 
im Artillerie-Mufeum zu Paris), war 
fo eingerichtet, daß die Stücke da- 
von in die Luft flogen, fobald der 
Gegner mit feiner Lanzenfpitze auf 
die durch ein durchbrochenes Herz 
bezeichnete Mitte traf. Es war dies auch der Gebrauch in einem 
von den acht verfchiedenartigen Rennen des Kaifers Maximilian 
(f. S. 82 bis 92). 

1. Vifierhelm (arm et). 

2. Sturz oder Vifier (visiere oder vue). 

3. Halsberge (colletin oder hausse-col). 

4. und 5. Achfelftück mit Rand (epauliere ä passe-garde.) 

6. und 8. Armzeug für Ober- und Unterarm (brassards pour 
avant et arriere-bras). 

7. Ellbogenkacheln (cubitieres). 
9. Kampfhandfchuh (gantelets). 

10. Vorderftückpanzer (plastron de la cuirasse). 

11. Vorderfchurz (braconniere). 

12. Krebfe (tassettes). 

13. Latz oder Gliedfchirm (brayette) in Stahlmafchen. 

14. Schenkelfchiene oder Dielinge (cuissards). 

15. Unterdielinge (cuissards inferieurs). 

16. Kniekacheln (genouillieres oder boucles). 

17. Beinfchienen (greves oder tumelieres, auch jambieres). 

18. Eifenfchuhe (solerets oder pedieux). 




488 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



19. Schwert mit nach dem Orte geneigter Abwehrftange, (wie 
die vom 13. Jahrh.) 

Vordere Anficht mit allen Einzelbezeichnungen einer gerippten 




deutfchen Maximiliansrüftung genannter Harnifch vom 16. Jahrh. — 
Nach der 1870 erfchienenen «Encyclopedie des arts plastiques» des 
Verfaffers. — 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 



489 



1. Vifierhelm (arm et). 

2. Sturz oder Vifier (visiere oder visiere). 

3. Halsberge (colletin oder hausse-col). 

4. Verlängerung der Halsberge (alongement du colletin). 




8. Ränder des Achfelftückes (passe- gar des). 

6. Achfelftücke (epaulieres). 

7. Hinterfchulterfchild (grandes gardes). 

8. Hinterftückpanzer (dossiere de la cuirasse.) 



Der Harnifch in allen feinen Einzelteilen etc. 

9. Oberarmzeug (brassards de l'arriere bras). 

10. Ellbogenkacheln (cubitieres). 

11. und 12. Hinterfchurz (garde-reins). 

13. Stahlmafchenunterfchutz (mailies). 

14. Kampfhandfchuhe (gantelets). 

15. Dielinge (cuissards). 

16. Kniekacheln (boucles). 

17. und 18. Beinfchienen (greves. 

19. Eifenfchuhe (solerets oder pedieux). 

20. Schwert (epöe). 

Hintere Anficht des auf vorhergehender Seite befindlichen 
Harnifch. — Nach der 1870 erfchienenen «Encyclopedie des arts 
plastiques» des Verfaffers. — 



IX. 
Der Helm. 



koQvq, fpäter xQavog, der arkadifche avAcöjtig, der vierfchirmige 
TETQaqaXoQ, lat. galea fo wie der niedrigere cataetix oder catae- 
tica war von Leder, cassis von Metall, nlat. cassium, franz. 
casque von lat. cassis, oder vom Keltifchen (?) cas, Karten oder 
ked von cead, Kopf; engl, kask auch helmet, ital. elmo und 
celata, fpan. yelmed, yelmo, auch celada. 

Die gewöhnlich fte Form davon ift die mit runder Glocke (franz. 
timbre) mit oderohne Sturmbänder <päXaQCt,\at. bucculae, franz. 
jugulaire, auch mentonniere, engl, jugular, mit oder ohneNafen- 
(praefidium nasus) und Nackenfchutz (praefidium cervicis) mit oder 
ohne Helmzierde oder Helmfchmuck (xcovoq, lat. apex, franz. 
cimier, fpan. cimera, engl, crest), mit oder ohneBusch, von Federn 
oder Pferdehaaren (Zotpog, lat. crista, franz. aigrette u. panache, 
ital. pennachio, fpan. pennacho, engl, bush), mit oder ohne 
Schirmrand [giccAoq, auch oxEq>dvrj, lat. projectura), mit oder ohne 
Visier oder Sturz (yelöov, lat. auch projectura). Im altd. be- 
zeichnet man auch dem Helm mit Grim , wovon Ifegrim — 
Eifenhelm. 

Es ift bereits angeführt worden, in welchen Formen die antiken 
Helme und die Helme der fogenannten barbarifchen Völker aus 
der Bronze- und Eifenzeit vorkommen, von letzteren nur wenig 
Arten, worunter der Hörnerhelm, das Eifenkreuz — f. S. 308 — 
der im British Mufeum den Bretonen zugefchriebene aber wohl 
fkandinavifche, fo wie die konifchen der Gallier (?) und der germa- 
nifch-lygifche Spiralhelm S. 292. Ähnliche Helme wie das oben ange- 
führte Eifenkreuz kommen auch bereits bei den Römern vor (f. S.261). 




492 



Der Helm. 



Die alterten Kopffchutzbedeckungen der Germanen der fpäteren 
fogenannten Eifenzeit, befonders bei den fränkifchen Stämmen, war 
wohl das oben angeführte Eifenkreuz, welches in dem, S. 511 — 534 
abgefaßten Gefetze der ripuarifchen (niederlothringifchen) Franken 
angeführt und S. 261, 308, 348 und 359 abgebildet ift; das auf der 
Trajansfäule vom 2. Jahrhundert nach Chr. von der germanifchen 
Leibwache (S. 261), ift wohl eins der alterten. 

Der franko-normännifche Helm vom 1 i.Jahrh. in Kegel- (konifcher) 
Form zeigt einen unbeweglichen, mehrere Finger breiten Nafen- 
fchutz oder Schemenbart (franz. und engl, nasal), einen Be- 
ftandteil, der zur Wehr der Nafe diente und über diefelbe abwärts 
hinunter reichte. Diefer Helm wurde bereits über der Ringhaube 
oder Helmbrünne (franz. camail, engl, mail-capuchin) getragen, 
deren metallenes, meift aus Ketten oder Mafchen gefertigtes Ge- 
webe häufig die Verlängerung, eine Art Kapuze, des Hauberts oder 
Panzerhemdes bildete. 

Der ebenfalls mit feftem Nafenberge verfehene Helm der nord- 
germanifchen Stämme hatte damals, den Handfchriften zufolge, eine 
gewölbte Glocke und etwas fpäter Sturmbänder und beweglichen 
Nackenfchutz, wie er unter Nr. 20 im Abfchn. der Helme nach 
einem im Artillerie-Mufeum zu Paris aufbewahrten Exemplare dar- 
geftellt ift; die Geftalt diefes Helmes nahm mitunter eine über- 
mäßige Höhe an, wie aus der unter Nr. 17. abgebildeten Seligen- 
thaler Stickerei hervorgeht. 

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts erfcheinen fchon die erften 
topfförmigen Helme (franz. heaume, ital. elmo, fpan. yelmo, 
engl, pothelm), von denen das Parifer Artillerie-Mufeum gleichfalls 
ein Exemplar unter Nr. H. 1 befitzt, welches weiterhin unter den 
Abbildungen (Nr. 28) vorkommen wird. Diefer Helm zeigt eine 
Übergangsform, die noch den Nafenfchutz bewahrt hat. 

Der echte Topf heim (heaume) geht nicht über das Ende des 
13. oder den Anfang des 14. Jahrhunderts hinauf. Um diefelbe 
Zeit oder wenige Jahre fpäter tritt diefe Helmgattung mit Helmzier 
(auch Helmfchmuck und Helmkleinod genannt, altfr. cimier, 
fpäter lambrequin 1 ) auf, denn mehrere Ritter in der deutfchen 



') An den Holmen, befonders an den Topfhelmen des XIII. Jh. herabhängende 
Bänder find keine Helmdecken (lambrequins), fondern Wedel (fr. volets) genannt«- 
Kiemen zum Aufbinden, d.h. zum Befeftigen des Helmes unter dem Kinn, alfo eine 
Art von Sturmbändern. Das Helmkleinod beftand aus der Frauengabe. 



Der Helm. 



493 



An ei de von Heinrich v. Veldeke, einer in der königlichen Bibliothek 
zu Berlin aufbewahrten Handfchrift des 13. Jahrhunderts, find fchon mit 
Helmzierde 1 ) (nicht Kleinoden) von abenteuerlicher Form dargeftellt. 
Solche Zierden befanden aber nun aus beweglichen Stücken von 
Holz, Leder oder Pappe, die allein beim Turnier angefteckt wurden. 
Diefer Toplhelm war der dicke, gewöhnlich mit flacher Glocke 
dargeftellte Helm, welcher am Sattel hing und nur in den Turnieren 
und während der Schlacht getragen wurde. Reiherbüfche oder 
fonftige Befiederung (Z6(poq, lat. crista, franz. aigrette auch pa- 
nache, fpan. garzota und pennacho, ital. penne d'airone, engl, 
bush of feathers) kommen aber erft im 15. und 16. Jahrhundert, 
befonders bei Turnieren vor. Die (nicht vermitteln eines xylo- 
graphifchen Verfahrens, fondern mittels Handdruckes hergeftellte) 
Tapete aus der Mitte des 14. Jahrhunderts , im Befitz des Herrn 
Odet in Sitten, zeigt, daß auch in Italien der Topf heim im Kriege 
fowohl als bei den Turnieren gebraucht wurde. Er bedeckte die 
mit der gepolfterten Haube gefütterte Mafchenkapuze, d. h. Ring- 
haube oder Helmbrünne, welche gemeinlich Hals und Schultern 
umfchloß, und worüber dann noch der Ritter den kleineren leichten 
Helm diefer Periode, die klein eKeffelhaube (franz. petitbacinet 2 ), 
engl, small bassinet) genannt, zu fetzen pflegte. Diefer Helm hatte 
nur fehr fchmale Sehfchnitte (taillades im Franz.), d. h. Öffnungen 
für die Augen. Unter der Ringhaube wurde noch ein geftöpfter 
Härfenier, (franz. chaperon), genannt Wattenkappe, getragen, 
die vermittelst Riemen an der Ringhaube befeftigt war. 

Zuweilen erfchien der Ritter entweder bloß mit der Helmbrünne 
oder mit der kleinen Keffelhaube, am häufigften jedoch trug er die 
beiden Schutzbedeckungen zufammen unter dem ungeheuren Topf- 
helme. Kleine Keffelhaube nannte man auch den fpitzen Helm 
von orientalifcher Form , welcher dem Kopfe eng anliegend , wie 
eine Kappe getragen wurde; diefelbe ift jedoch nicht zu verwechfeln 
mit der großen Keffelhaube, franz. barbute, des 14. Jahrhunderts, 
einer Schutzwaffe von ähnlicher Form, die indes auch die Wangen 
und den Nacken bedeckte und häufig ein bewegliches Vifier hatte, 



1 ) Es ift zu wiederholen, dafs man mit Kleinod im altd. nicht die eigentliche 
Helmzier, fondern die an Helm, Schild oder Speer befeftigte Frauengabe bezeichnete. 

2 ) Bacinet, abgeleitet vom keltifchen bac (?), bateau, im barbarifchen Latein 
bacinatum. 




494 



Der Helm. 



das fich gewöhnlich vermittelft eines Scharniers an der linken Seite 
öffnete und zuweilen gegen die Spitze der Glocke auffchlug. In 
einer böhmifchen Handfchrift aus dem 13. Jahrhundert find, wie man 
bereits gefehen hat, fchon Ritter mit diefer großen Keffelhaube 
bewaffnet, dargeftellt. Im 14. Jahrhundert war der Stechtopfhelm 
(franz. grand heaume de joute, engl, tilting pothelm), der 
18 — 20 Pfund wog, weit mehr bei den Turnieren als im Kriege im 
Gebrauch, wo er durch den Kriegstopfhelm, der nur 6 — 10 Pfund 
wog, und befonders durch die fchon erwähnte fpitze große Keffel- 
haube, auch wohl Beckenhaube genannt (fr. bacinet aber auch 
barbute), erfetzt wurde, unter welcher der Ritter noch eine Zeit- 
lang die Mafchenkopfbedeckung, die Helmbrünne beibehielt. Der 
Gebrauch der großen Keffelhaube hörte mit dem Anfange des 15. 
Jahrhunderts völlig auf, um welche Zeit die Schale (falade), ein 
Helm deutfchen Urfprungs, wie fchon der Name andeutet, auftritt, 
den die alten deutfchen Schriftfteller auch Schaller nannten. 
Diefe Schale mit Schweif oder Nackenfchutz, deren Namen man 
unrichtig von celada (verfteckt) ableiten will, zeigte fich anfangs 
mit fefter Lichtöffnung und "bald nachher mit beweglichen Vifieren, 
die fo kurz waren, daß fie nicht über die Nafenfpitze reichten und 
das Kinnftück, Vorhelm oder Barthaube (baviere, haute 
p i e c e etc.), welches auf den oberen Theil des Bruftfchildes gefchraubt 
wurde, um den Hals, das Kinn und den Mund zu fchützen, unent- 
behrlich machten. 

Der Eifenhut (franz. chapel, capel de fer, hanapier und 
chapeau d'armes, engl, iron hat, fpan. cervellera, capellina), 
ein Helm, der weder Vifier noch Nackenfchutz hatte, aber mit breiten 
Rändern verfehen war, und die Eifenkappe (franz. pot en tete, 
engl, scull cap) gehen bis ins 12. oder 13. Jahrhundert znrück, 
find auch noch im 17. anzutreffen. 

Schwarz angeftrichene Eifenhüte, Hundekappen genannt, 
hatten befonders bei den fogenannten Deutfchen Reitern in der 
Zeit des Schmalkaldifchen Krieges (1546—47) und darauf (f. S. 73) 
den Vifierhelm erfetzt. 

Eine Art folcher Eifenhüte aber mit gebogener Krampe und 
wohl eigentlich nur die mit darin angebrachtem Gefichts- oder Augen- 
Einfchnitt, hieß in Frankreich „Chapel de Montauban". Wahr- 
fcheinlich bezeichnet dies wohl eher den Turnier-Topffchalenhelm 
(f. Nr. 60 oder Nr. 87). 



Der Helm. 



495 



Hinfichtlich der Sogenannten Heu-d. h. Strohhüte der Sachfen 
im 10. Jahrhundert und der baumwollenen Filzhüte auf Eifen- 
geftell der Ruffen fpäterer Zeit, heute als Kopffchutz dienend, f. S.62. 

Die orientalifchen und ruffifchen etc. Helme diefer Perio- 
den, wie auch diejenigen neuzeitigerer Abftammung haben wenig 
Änderungen erfahren und zum großen Teil die Eiform und den 
beweglichen Nafenfchutz beibehalten. 

Der Burgunderhelm (franz. bourguignote, engl, burgonet) 
flammt aus dem Ende des 15. Jahrhunderts; feine Glocke (franz. 
timbre, engl, bell) ift gewölbt und mit einem Kamm (franz. crete, 
engl, crest) verfehen ; er zeichnet fich aus durch feinen Augen- 
fchirm (franz. a van ce, engl, helmet-shade), feine Sturmbänder 
oder Wangenklappen (franz. oreilleres, engl, cheek- pieces) 
und feinen Nackenfchutz (franz. couvre-nuque, engl, neck- 
guard). Der Präfident Faucher, der gegen Ende des 16. Jahrhun- 
derts fchrieb, verwechfelt den Burgunderhelm mit dem Vifierhelm, 
wenn er fagt: „Ces heaumes ont mieux repr^sente - la teste d'un 
homme, ils furent nomm£s bourguignotes , possible a cause des 
Bcurguignons inventeurs." 

Der Vifierhelm oder Sturzhelm auch Helmlin genannt 
(franz. armet, engl, helmet), welchen Faucher, wie eben bemerkt, 
für den Burgunderhelm hielt, ift der vollkommenfte Helm. Er reicht, 
wie jener, gewönlich nur bis in die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts 
hinauf 1 ) und ift gleicherweife noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts 
in Gebrauch. Der ganze vordere Teil desfelben wurde im Fran- 
zöfifchen m^zail genannt, die Glocke oder der obere Teil war 
gewölbt, das Vifier oder der Sturz mit dem Nafenberge und dem 
Helmfenfter beweglich und fchlug gegen den Kamm vermittelft 
eines Zapfens (Helmrofe) auf. Das Kinnftück (franz. menton- 
niere oder baviere, engl, beaver) gleich der Halsberge (franz. 
gorgerin, engl, georget) dazu beftimmt, die untere Seite des Ge- 
richts zu fchützen, beide gefchient, bildeten die dazu gehörigen 
Stücke. 

Außer diefen fall überall verbreiteten Helmen, die fozufagen 
die Typen der verfchiedenen Zeitabfchnitte des Rittertums bilden, 

l ) S indeffen einen folchen Helm v. XIV. Jahrh. S. 378 u. v. XIII. Jahrh. S.413, 
fowie die Keffelhauben mit Sturz v. XIV. Jahrh. Nr. 25 I und 54 A bis F., 386, fo- 
wie die Schale mit Vifier Nr. 61 und 62. 



496 



Der Helm. 



beftand noch eine große Menge anderer Arten Helme, die den 
Bogenfchützen und Fußfoldaten als Schutzwaffe dienten. Unter 
anderem: 

Der Morian oder Sturmhut, auch Sturmhaube (franz. und 
engl, morion), 1 ) ein Helm fpanifchen Urfprungs, deffen Name von 
morro (runder Körper) abzuleiten ift; Vifier, Nafenberge, Halsberge 
und Nackenfchutz befitzt er nicht, dagegen einen hohen Kamm, der 
mitunter die halbe Höhe des Helms hat, fowie Ränder die über 
dem Geficht und dem Nackenfchutz in Spitzen auslaufen, derart, 
daß fie, im Profil gefehen, einen Halbmond bilden. 

Der Birnenhelm (franz. cabasset, vielleicht von calabasse 
herkommend, engl, pear-kask) hat den Namen von feiner birnen- 
ähnlichen Form und ift mit dem Morian verwandt. Ohne Vifier, 
Halsberge, Nackenfchutz und Kamm, aber mit Schirm und fpitz 
zulaufend, wie eine Birne, deren Stengel das kurze Ende des Helm- 
fchmucks bildet, wurde diefer Helm gleich dem Morian von den 
Reitern und Fußfoldaten , befonders in Frankreich und in Italien, 
bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts getragen. Der mit einer unge- 
heuren Lilie von getriebener Arbeit verzierte Morian befindet fich 
auch in vielen Zeughäufern Deutfchlands, befonders in Ofterreich 
und Bayern , wo er von der Gemeindebewaffnung aus dem Ende 
des Mittelalters herrührt. Diefe Lilie fteht jedoch in keiner Be- 
ziehung zu dem Wappen der franzöfifchen Könige, ift vielmehr das 
Symbol der heiligen Jungfrau , deren Bild viele Büchfenfchützen- 
und Hellebardierkorps für ihre Bürgerfahnen angenommen hatten. 

Die in Deutfchland fehr verbreitete Pickelhaube, ein gemeiner 
Burgunderhelm (franz. armet und bourguignote-commune, 
engl, soldier-burgonete) auch Burgunderkappe ohne Kamm, 
war der Helm der Knappen, d. h. der im Dienfte der Burgherren 
flehenden Mannfchaftund zuweilen auch derjenige ärmerer Ritter, der 
Landsknechte und der leichten Reiterei, befonders der Pappenheimer 
(Pappenheimer Kappen). Solche gemeinlich nur aus dünnem 
Eifenblech gefchmiedete Helme waren in Nord- und Mitteldeutfch- 
land gewöhnlich blank, in Süddeutfchland aber, befonders in Ofter- 
reich, eben fo wie die fonftigen Stücke der Halb- und Ganzrüftungen 
burgundifcher Form, teilweife oder gänzlich gefchwärzt. Ge- 



') Diefen Namen trug auch eine frühere Kriegsftrafe (Kolbenftöfse auf den Hintern). 



Der Helm. 



497 



fchwärzte Harnifche trifft man übrigens faft nur im burgundifchen 
Stile und höchft feiten im Norden an. 

Soartige Helme ohne Kamm, werden Burgunderkappen 
genannt. Diefe Art Burgunderkappen find in Schriften aus der 
Zeit des dreißigjährigen Krieges auch häufig mit den Namen 
«Pappenheimer Kappen» und Krebsfchwanz bezeichnet, 
(f. Nr. 128 eine folche Kappe mit beweglichem Nafenfchutz). 

Es wird ferner, aber wohl nicht erwiefen, angenommen, daß die 
im Altdeutfchen vorkommende Beggelhübe (Beckenhaube) mit 
diefer fpäteren Pickelhaube übereinftimmend war, ebenfo wie die 
mit Hundekappen im dreißigjährigen Kriege bezeichneten Kopf- 
bedeckungen, welche aber vielleicht zu den Eifenhüten gehörten. 

Der fchon erwähnte Eifenhut mit Krampen (franz. chapeau 
d'armes oder de fer, chapel, capel de fer, auch hanapier, 
chapel de Montauban, engl, iron-hat), der bis ins 13. Jahrhun- 
dert hinaufreicht, wie aus der bömifchen Handfchrift des Boleslaw 
in der Bibliothek des Fürften Lobkowitz zu Raudnitz hervorgeht, 
hatte ebenfalls weder Sturz noch Kamm. Im 17. Jahrhundert gab 
es Eifenhüte von einer der kleinen Keffelhaube ähnlichen Form, 
wo der Sturz (Vifier, franz. visiere) gewöhnlich in einem beweg- 
lichen Nafenberge beftand. Der Eifenhut, im Gewicht von 20 Pfd. 
von Auguft dem Starken (1670 — 1733) im Kriege getragen und im 
Dresdener Müfeum aufbewahrt (No. 10 1), gehört zu diefer Gattung, 
während der 25 Pfund fchwere Eifenhut (No. 100), den der große 
Kurfürft in der Schlacht bei Fehrbellin im Jahre 1675 trug, wie 
ein Schäferhut, eine runde Glocke mit breitem Rande hat. Die 
Kopfbedeckung der von Ludwig XIV. (1643 — I 7 I 5) gehaltenen 
Hausmannfchaft zu Fuß war ein Hut mit flacher kantiger Glocke 
und beweglichem Nafenfchutz (f. Nr. 114). 

Die eigentliche Eifenkappe (franz. pot-en-tete, engl, scull- 
cap), die fehr. fchwer und dick war, diente befonders im 16. und 
17. Jahrhundert bei Belagerungen (Nr. 97). Der Name Eifenkappe 
wird indeß auch den leichteren Eifenhüten gegeben, womit unter 
anderen die Fußfoldaten Cromwells bewaffnet waren. 

Die eifernen Kappengeftelle dienten im 17. und 18. Jahr- 
hundert als Futterboden der Hüte; das Mufeum in Monbijou zu 
Berlin befitzt fogar ein dreieckiges Geftell für Dreimafter (Nr. in). 

Was die fchönen Helme vom 16. Jahrhundert, welche antike 
Formen nachahmen, anbetrifft, fo find fie mehr Prunkwaffen als 

Demrain, Waffenkunde. 3. Aufl. 3 2 




49« 



Der Helm. 



Kriegs- und Turnierhelme gewefen; ihr archäologifcher, aber nicht 
ihr Kunftwert ift gering. Sie find zumeift von deutfcher, italienifcher 
oder fpanifcher Arbeit und bilden den Hauptfehatz der Privat- 
fammlungen. 

Man begegnet auch fowohl antiken wie mittelalterlichen Helmen 
von dünnem Blech, welche gegen Hieb und Stich keinen Schutz 
bieten konnten, folche Exemplaredienten als Grabverzierungen, 
fowie auch als Mitgaben. Die hier nachfolgende Abbildung trä^t 
dazu bei, dies feftzuftellen (f. auch Nr. 36). 




Begräbnisabbildung von 1441 nach einem aus diefem Jahre 
herrührenden Codex, Nr. 998 der Bibliothek des Germanifchen 
Mufeums. Der die Bahre krönende Stechhelm mit Zier ift mit feiner 
Barthaube ganz der Zeit gemäß. 

Was die mit den Namen «Heuhüte», wahrfcheinlich aus 
Stroh angefertigten Kopfbedeckungen im fächfifchen Heere unter 
Heinrich I. (919 — 936), anlangt, fo ift Näheres darüber nicht bekannt 
(f. S. 62), ebenfo wenig über die viel fpäter bei den Ruffen einge- 
führten Filzhüte mit Eifengeftell (Schapki oumashnyja). 

Der Schako oder Chaco im allgemeinen, hat, wie der Drei- 
mafter (franz. tricorne), den Helm erft im 18. Jahrh. erfetzt und 
foll deutfcher Abkunft fein (?). Der faft bis zur Größe einer Mütze 
zufammengefchrumpfte, Kepi (arab.) genannte kleine Schako, reicht 
nur bis zur Zeit der Befetzung Algeriens (1830) durch die Franzofen, 
deren Truppen allein anfangs in Afrika, feitdem aber auch in Europa 
wie viele andere dortige Heere, damit ausgestattet worden find. 



Der Helm. 



499 



Kaipak — auch Kolpak und Colpack (türk. und ungar.) 
ift weder der Name eines Helmes noch der eines Schakos, fondern 
der Hufarenpelzmütze, die ruffifch Schapka heißt. 

Die in der deutfchen Heraldik angenommenen Helmformen find 
folgendevier-.Topf-oderKübelhelm (heaume); Stehhelm (grand 
heaume); Kolbenturnierhelm (grand heaume pour tournois 
ä massettes) und der Spangen- oder Rofthelm. 

Die erften drei Arten bezeichnet man als ge fehl offene, die 
letzteren als offene Helme. 

In der franzöfifchen Heraldik hat man 12 Formen: 



I. Casque ferme ä joute 



VII. Casque Comte 



II. 




i> 


ouvert ä tournois VIII 


III. 




•i 


Duc IX 


IV. 




1» 


Empereur X. 


V. 




>» 


Prince XI. 


VI. 




»> 


Marquis XII. 


2. 


3- 


7- 


und 8. find gleich den g 


helmen. 







Baron 

Noble de graces 

d'Anoblis 

Batards. 

a eimier. 



1. Germanifcher Helm aus dem 8. 
oder 9. Jahrhundert, aus Bronze oder Eifen, 
nach dem Codex aureus, einer in der 
Bibliothek zu St. Gallen aufbewahrten 
Handfchrift. 

1 a. Germanifch-fächfifches Helmge- 
ftell aus Eifen, wahrfcheinlich dem 8. Jahr- 
hundert entftammend. Es war mit Horn- 
platten bedeckt (f. darüber S. 54 und 55). 
Auf dem rechten Ohrfchutz (Sturmbande) 
ein filbernes Kreuz und als Helmzier ein 
kleiner Eber *) aus Eifen. Diefer Helm ift 
bei Benty-Grange (Derbyfhire) gefunden 
worden. (S. auch S. 261, 308 und 364 die 
Eifenkreuze). 

2. Karlingifcher Helm mit Kamm 

') S. Beowulf: „Das Schwein allgülden, der Eber eifenhart". — „Geziert mit dem 
Zeichen des Fro (Eber), wie ihn in fernen Tagen der Waffenfchmied hämmerte und mit 

t Schweinsbildern verzierte, dafs ihn weder Barten noch Beile anbeifsen konnten/' — S. 
303. Nr. 7 den Eber auch als gallifches Feldzeichen. 
32 * 




500 



Der Helm. 








vom 9. Jahrhundert, aus Bronze oder Eifen, 
nach dem Chronicon des Ademar in der 
Staatsbibliothek zu Paris. 



3. Karlingifcher Helm mit Kamm vom 
9 Jahrhundert, aus Bronze oder Eifen, nach 
der Bibel Karls des Kahlen, im Louvre. 



4. Deutfcher eiferner Helm mit Kamm 
aus dem 10. Jahrhundert, nach dem Pfalte- 
rium, einer in der Bibliothek zu Stuttgart 
aufbewahrten Handfchrift. Siehe diefelbe 
Form unter den griechifchen und japanefi- 
fchen Helmen. 



5. Deutfcher halbkegelförmiger Helm 
mit Nafenberge, in Frankreich normannifcher 
Helm genannt, nach dem Martyrologium, 
einer Handfchrift aus dem 10. Jahrhundert 
in der Bibliothek zu Stuttgart. 



5. Bis. Spitzer fchwedifcher Facetten- 
helm vom 10. Jahrh. — Mufeum zu Kopen- 
hagen. — 



6. Kegelförmiger Helm mit Nafenfchutz 
und Sturmbändern, deffen Nafenberge in dem 
unteren Teile breiter ift, nach einer Figur aus 
dem 10. Jahrhundert. — Sammlung des Gra- 
fen v. Nieuwerkerke. 






Der Helm. 



501 




7. Antik römifch geformter Helm mit 
Kamm und Sturmbändern nach einem lebens- 
großen Bruftbilde in getriebenem Silber, aus 
dem 10. Jahrhundert. — Schatzkammer von 
St. Moritz, im Kanton Wallis. 



8. Helm mit feftem Nafenfchutz, aus 
Eifen und mit Silber eingelegt, der dem im 
Jahre 935 erfchlagenen heil. Wenzeslaus an- 
gehört haben foll. — Dom zu Prag. 



9. Deutfcher Helm mit runder Glocke, 
aus Eifen, nach einer Buchmalerei der 
Biblia sacra des 10. Jahrhunderts in der 
Staatsbibliothek zu Paris und nach dem 
gleichzeitigen Prudentius im Britifchen 
Mufeum. Ein folcher Helm ift auch auf der 
Haupthür der Kirche zu Groffen bei Gießen 
dargeftellt. 




10. Deutfcher Helm aus Eifen mit run- 
der Glocke und fefter Nafenberge, aus dem 
11. Jahrhundert, nach einer im Befitz von 
Hefener- Alten eck befindlichen Handfchrift 
jener Zeit. Diefelbe Helmform kommt auch 
in den Kleinmalereien des Jeremias etc., 
aus dem 11. Jahrhundert in der Bibliothek 
zu Darmftadt, vor. 



1 1. Anglo-fächfifcher Helm mit Nacken- 
fchutz, nach demÄlfric, einer in der Biblio- 
thek des Britifchen Mufeums befindlichen 
Handfchrift aus dem 10. Jahrhundert. 




502 



Der Helm. 








12. Spitzkegelförmiger, normannifcher Helm 
mit Nafenberge und Nackenfchutz. Wilhelm der 
Eroberer ift damit auf dem Teppich von Bayeux 
bewaffnet. Diefelbe Helmform kommt auch in 
dem fchon erwähnten Alfric vor. 

13. Spitzkegelförmiger, deutfcher mit Nafen- 
berge, über dem Camail oder Helmbrünne, der 
Ringhaube getragener Helm, nach der bron- 
zenen Flachbildnerei des Taufbeckens im Dome 
zu Hildesheim, einem Werke des heiligen Bern- 
ward, 11. Jahrhundert. Man findet diefelbe Helm- 
form in den Wandmalereien des Domes zu Braun- 
fchweig wieder, die unter Heinrich dem Löwen 
(geftorben 1 195) ausgeführt wurden. 

14. Angelfächfifcher topfförmiger Helm mit 
fefter Nafenberge, vom Ende des 12. Jahrhun- 
derts, nach einer Kleinmalerei der Harlan Rolle, 
Bibliothek des Britifchen Mufeums. 

15. Ruffifcher Helm mit kleiner Nafenberge, 
Sturmbändern und langem Nackenfchutz, aus 
ziegeiförmigen Eifenfchuppen, in St. Petersburg, 
wo er aufbewahrt ift, dem 11. Jahrhundert zuge- 
fchrieben. 

16. Spitz-kegelförmiger Helm aus Eifen, mit 
kleiner fefter Nafenberge, aus dem 11. Jahrhun- 
dert, in Mähren gefunden. — Ambrafer Sammlung. 



17- 




Deutfcher hoher Glockenhelm mit 
Nafenfchutz aus dem 12. Jahr- 
hundert, nach den Stickereien 
der Mitra des Klofters Seligen- 
thal. — Nationalmufeum zu 
München. Ludwig VII. (1 137 — 
11 80) und Richard Löwenherz 
find auf ihren Siegeln mit die- 
fer felben Art Helme cUirge- 
ftellt. 



Der Helm. 



503 



17. Bis. Eiferner Kronenhelm aus dem 12. Jahrhundert, Heinrich 
dem Löwen, Herzog von Braunfchweig (geft. 1195) zugefchrieben. 
Die eiferne Glocke hat als Verzierung 6 Reifen, nebft einem ver- 
goldeten und gravierten Helmfchmuck aus Kupfer und einer gleich- 
falls aus vergoldetem Kupfer getriebenen Stirnbinde, die, als Haupt- 
zierde, einen Löwen darftellt. — Sammlung des Barons Zu-Rhein 
in Würzburg, in die er aus der Sammlung der Herzogin v. Berry 
überging. Abguß im Mufeurri zu Darmftadt. Man will auch diefen 
Helm dem 10. Jahrhundert zufchreiben, weil 
das Geftell eines angelfächfifchen Bronzehel- 
mes fowie die Form des im Prager Dom- 
fchatze dem Wenzel zugefchriebenen Helmes 
ähnlich find (f. auch den Helm der Wand- 
malerei zu Weftminfter vom 13. Jahrhun- 
dert abgebildet). 





18. Kupferner Helm mit griechifchem 
Kreuz und drei eingebohrten Löchern, aus 
dem Ende des 12. Jahrhunderts. — In der 
Saone aufgefunden und im Artillerie-Mufeum 
zu Paris aufbewahrt. 

19. Deutfcher Glockenhelm mit Nacken- 
fchutz, aus dem 12. Jahrhundert, nach einer 
Wandmalerei im Dome zu Braunfchweig, 
die unter Heinrich dem Löwen (geft. 1 195) 
ausgeführt wurde. 

20. Deutfcher eiferner Glockenhelm aus 
dem 12. Jahrhundert mit fefter Nafenberge 
Wangenklappen und beweglichem Nacken- 
fchutz. In der Somme aufgefunden. — 
Parifer Artillerie-Mufeum. 

20. Bis. Eiferner Glockenhelm mit Schar- 
nierfturmbändern und durch Nagelköpfe 
befeftigten Verftärkungen. Diefes im Alter- 
tumsmufeum zu Leiden befindliche Rüftftück, 
wo es fälfchlich den Ägyptern (!) zugefchrie- 
ben wird, gehört allem Anfchein nach dem 



504 



Der Helm. 



20 Bis. 




S7 




'2 



12. Jahrhundert n. Chr. an. Überlieferungen gemäß, foll der Helm 
auf einem Mumienkopfe (!) gefunden fein, was ganz und gar nicht 
zuläffig ift und die irrtümliche Zufchreibung 
welche M. C. Lehmans in feiner Ausgabe 
„Ägyptifche Denkmale" aufrecht erhält 
noch mehr herausftellt. Nirgends hat man 
bei Mumien folche Rüftftücke gefunden und 
die ägyptifchen Helme waren fpitzförmige. 
Wenn diefe Waffe wirklich aus dem Morgen- 
lande ftammt, fo kann fie da wohl nur von 
einem deutfchen oder franzöfifchen Krieger 
des letzten Kreuzzuges herrühren. 

21. Bronzener Helm mit Nackenfchutz, 
wahrfcheinlich aus dem 12., wenn nicht fchon 
aus dem 10. Jahrhundert flammend, da er 
im Lech, nahe dem Schlachtfelde gefunden 
wurde, wo der heilige Ulrich an der Spitze 
feiner Schar zur Niederlage Attilas beitrug. 
— Maximilian-Mufeum zu Augsburg. Es 
giebt aber auch ganz ähnliche römifche 
Helme (Worms, Darmftadt u. a.). 

22. Deutfcher Helm mit daranfitzendem 
Kinnftück und einem Mezail mit offenem 
Vifier, aus dem 13. Jahrhundert, nach der 
deutfchen Handfchrift Trift an und Ifolde 
von Gottfried v. Straßburg. — Bibliothek 
zu München. 

23. Franzöfifche Ringhaube oder Helm- 
brünne (franz. camail 1 ) fpan. anular-ca- 
pello) aus genietetem Mafchenwerk, dem 
13. Jahrh. angehörend, in einem Grabe zu 
Epernelle (Cote d'or) gefunden. — H. 7 im 
Artillerie-Mufeum zu Paris. 

24. Kleine deutfche Keffelhaube aus 
dem 13. Jahrhundert. Sie wurde, wie hier 
dargeftellt, über der vollftändigen, d. h. der 
bis auf die Bruft, außer dem Geficht, alles 






') Name, welcher auch der Helmdecke gegeben wird. 



Der Helm. 



505 




w 



96 




9? 





2 9 





umfchließenden Ringhaube oder Helm- 
brünne, auch Kettenkapuze genannt 
(franz. camail), und unter dem hier nicht ab- 
gebildeten Topfhelme getragen. — Aus einem 
Grabe jener Zeit. 

25. Kleine, wahrfcheinlich 
franzöfifche Keffelhaube aus 
dem 13. Jahrhundert. Sie hat 
einen Nackenfchutz aus Mafchen und eine 
fefte, abgebrochene Nafenberge, der letz- 
ten Spur diefes Nafenfchutzes der Helme aus 
dem 10. und 1 1. Jahrhundert. — H. 18 im Ar- 
tillerie-Mufeum zu Paris. 

25 1. Kleine belgifche Keffelhaube mit 
Sturz, nach einer Wandmalerei vom 14. Jahr- 
hundert, St. Georg vorftellend. — Gent. 

26. Deutfcher Topfhelm, auch Faß- 
helm, Stülphelm, Kübel heim, Stechhelm 
und Helmfaß 1 ), aus dem 12. Jahrhundert, 
nach den Wandmalereien im Dome zu Braun« 
fchweig, die unter Heinrich dem Löwen (geft. 
1195) ausgeführt wurden. 

2j. Desgleichen. 

Dies find die alterten Mufter, die der Ver- 
faffer von derartigen Helmen, welche über der 
kleinen Keffelhaube getragen zu werden 
pflegten, kennt. 

28. Englifcher fpitzer Topfhelm von 
primitiver Form, noch mit Nafenberge, (ähn- 
lich dem des Hopliten heims) vom Ende des 
12. Jahrhunderts und aus gefchwärztem Eifen, 
42 cm hoch. — . Im Artillerie-Mufeum zu 
Paris. 

29. Englifcher platter Topf heim von 
primitiver Form, ebenfalls vom Ende des 



! ) Inder Heraldik Kübelhelm genannt (fr. he aume, 
engl, pothelm). 



506 



Der Helm. 



12 Jahrhunderts. — Tower zu London. (Diefelbe Bemerkung wie 
für Nr. 28). 

29. Bis. Topfhelm vom 12. Jahrh. mit angefchraubtem Gefichts- 
fchutz und dem Bruchftück einer Helmbrünne. Die Tracht diefes 
fchmalen Helmes ift unerklärlich, derfelbe mag deshalb wohl nur 
als Grabdenkmal in der Kirche zu Norfolk, woher er flammt, ge- 
dient haben. — Alexandra-Palaft. — 

30. Topf heim der Bogener zu Fuß und zu Pferde, aus dem 
13. Jahrhundert; nach dem Chronicon Colmariense vom Jahre 1298. 

29 Bis. 

u 







31. Englifcher Topf heim aus dem 13. Jahrhundert, wahrfchein- 
lich der neue Helm, von dem die eidgenöffifchen Chroniften der 
Schlacht bei Bouvines (1214) fprechen. Der deutfche Topfhelm 
des 13. Jahrhunderts der Braunfchweiger Wandmalerei ift indes 
fchon viel vollkommener. — Artillerie-Mufeum zu Paris. 

31 I. Deutfcher Topf heim mitNackenfchutz nach der deutfchen 
Äneide, Handfchrift vom 13. Jahrh. in der Bibliothek zu Berlin. 

32. Topfhelm oder großer englifcher Helm in der Sammlung 
Parham, der er angehört, dem 12. Jahrhundert zugefchrieben, vom 
Verfaffer jedoch für ein gefälfchtes Produkt gehalten, da diefe 
unmögliche Form in keiner Handfchrift anzutreffen ift. 

33. Deutfcher Topfhelm vom Anfange des 13. Jahrhunderts, 
nach Triftan und Ifolde in der Bibliothek zu München. 



Der Helm. 



507 



33 Bis. 




33 Ter. 








33. Bis. Franzöfifcher Topf heim vom 
13. Jahrh, nach einem Infiegel des Coucher 
von Joigny (121 1). 

33. Ter. Franzöfifcher Topfhelm vom 

13. Jahrh., nach einem Infiegel des Matieu 
von Beauvois aus dem Jahre 1260. 

34. Eiferner Topfhelm aus dem ^.Jahr- 
hundert, mit farbigen Malereien verziert. — 
Sammlung des Grafen Nieuwerkerke. 

35. Deutfcher Topfhelm aus dem Ende 
des 13. Jahrhunders, nach einer Miniatur der 
in der Staatsbibliothek zu Paris aufbewahr- 
ten Handfchrift Manessis 1 ), wo diefe Buch- 
malerei den im Jahre 1298 erfolgten Tod 
Albrechts v. Heigerloch, eines Minnefingers 
aus dem Stamme der Hohenzollern, darfteilt. 

36. Topfhelm, im Mufeum zu Prag, 
wofelbfl man ihn dem Ende des 13. Jahr- 
hunderts zufchreibt. Er ift aus ungemein 
dünnem Schwarzblech gemacht und fcheint 
eher das Produkt eines Fälfchers, wenn nicht 
eine Grab Verzierung zu fein (f. S. 498). 

37. Deutfcher Topf heim aus dem 

14. Jahrhundert, neben den weiterhin darge- 
ftellten Keffelhauben unter dem Schutte des 
im 14. Jahrhundert zerftörten Schloffes Tan- 
nenburg gefunden. — Nr. 579 im Mufeum 
zu Kopenhagen hat viel Ähnlichkeit mit die- 
fem Helme, ebenfo ein anderer im Mufeum 
Francisco-Carolinum zu Linz und ein auf dem 
Grabmale des fchwarzen Prinzen zu Canter- 
bury befindlicher Helm. 



*) Ein durch Rüdiger Maneffe von Maneeg bei Zürich 
im XIII. Jahrh. gefammelter Codex von Gedichten 138 
deutfcher Minnesinger u. a. m. „Die gefungen hant nu 
zemale find C und XXXIII. 1 ' (Jetzt wieder in Heidelberg.) 



508 



Der Helm. 





38. Englifcher Topfhelm mit Schar- 
nierhelmfenfter, aus dem Anfange des 14. 
Jahrhunderts. — Tower zu London. 

39. Deutfcher Topfhelm aus dem Ende 
des 14. Jahrhunderts. — Artillerie-Mufeum 
zu Paris. 

40. Deutfcher Topfhelm mit Helm- 
zier aus dem 13. Jahrhundert, nach der 
deutfchen Äneide von Heinrich v. Vel- 
deke. — Bibliothek zu Berlin. 

41. Desgleichen. 

Diefe und Nr. 33 Ter. find die alterten 
Topfhelme mit Helmzier (nicht «Klein- 
od», im Altd. Ziemier auch Zimi erde, vom 
franz. cimier, lat. apex — xcövog, fpan. 
cimera), die der Verfaffer kennt. Man 
war bisher der Meinung, daß die Helmzier 
wahrfcheinlich um die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts für die Topfhelme angenommen 
worden und die erften Schutzwaffen diefer 
Gattung nicht über das Ende des 13. Jahr- 
hunderts hinauszufetzen feien; die Topf- 
helme jedoch, welche nach den im 12. Jahr- 
hundert im Braunfchweiger Dome ausge- 
führten Wandmalereien unter Nr. 26 und 27 
gegeben wurden, fowie die eben erwähnten 
mit Helmzier verfehenen Helme können zur 
Widerlegung diefer Anficht dienen. 

Diefe Helmzier fcheint aber auch ge- 
wöhnlich nur aus Holz, Leder, ja felbft aus 
Pappe gewefen zu fein, da man diefelbe bloß 
bei Turnieren anfteckte. Jedenfalls wurde 
fie nie im Kriege getragen. Deshalb find 
die auf gefchichtlichen Bildern aus der erften 
Hälfte des 19. Jahrhunderts, befonders von 
Cornelius', Kaulbachs u. a.hinterlaflenen Dar- 
ftellungen von Helmflügeln u. d. m. auf Krie^s- 
rüftungen durchaus unbegründet. 






Der Helm. 



5O9 





42. Großer Topfhelm mit Helmzier, 
nach dem Grabmal des im Jahre 1349 zu 
Frankfurt vergifteten Günthers v. Schwarz- 
burg im Dome dafelbft, wo es 1352 in rotem 
Steine ausgeführt wurde. 



43. Groß« Stech- oder Topfhelm, 
in blankem Eifen, mit Helmzier, aus dem 
Ende des 14. Jahrhunderts. Der Fuß der 
Helmzier befleht aus dachziegelförmigen 
Schuppen; der Mezail oder Helmge- 
f i cht steil ift unbeweglich. Wahrfcheinlich 
ift die Helmzier unvollftändig und zeigte 
ehemals einen heraldifchen Kopf oder irgend 
ein anderes Bild. — H. 3 im Artillerie-Mu- 
feum zu Paris. 



44. Großer englifcher Topf- oder 
Stechhelm, aus gefchwärztem Eifen, mit 
hölzerner Helmzier, aus dem Anfange des 
15. Jahrhunderts. — H. 4 im Artillerie-Mu- 
feum zu Paris. 




45. Großer deutfcher oder englifcher 
Topf- oder Stechhelm aus dem 15. Jahr- 
hundert. Das Scharnierhelmfenfter und die 
Halsberge find noch an dem Vorhelme fo 
eingerichtet, daß fie an den Panzer ge- 
fchraubt werden können. — Artillerie-Mu- 
feum zu Paris. 




5'0 



Uer Helm. 



45 Bis. 




u 







45. Bis. Großer deutfcher Topf- oder 
Stechhelm vom Ende des 14. Jahrhunderts. 
Die Glocke ift rund und hinten mit fpitzem 
Nackenfchutze. Das Scharnierhelmfenfter hat 
an der unteren Spitze einen kreuzförmigen 
Durchfchlag, welcher zum Einhaken der Helm- 
kette diente. 



46. Großer englifcher Topf- oder Stech- 
helm vom Ende des 15. Jahrhunderts; von 
blankem Eifen, mit Halsberge. — Tower zu 
London. 



47. Großer deutfcher Topf- oder Stech - 
heim vom Ende des 15. Jahrhunderts ; aus 
blankem Eifen , mit Halsberge , einem in 
Münchener Mufeum befindlichen Exemplare 
ähnlich. — H. 6 im Artillerie - Mufeum zu 
Paris. 



47. a. Deutfcher großer Topf heim mit 
Nackenfchutz des 14. Jahrhunderts aus dem 
Sachfenfpiegel. — Bibliothek zu Wolfenbüttel. 



48. Großer Topf- oder Stechhelm, Maxi- 
milian I. (geft. 15 19) zugefchrieben. — K. k. 
Zeughaus zu Wien. Ein ähnlicher zu Klingen- 
berg in Böhmen gefundener Helm wird im 
Mufeum zu Prag aufbewahrt und ein dritter 
im Mufeum zu Berlin. Ferner zu Erbach und 
in der Samml. Zfchille. Diefe Form hat fich, 
wenn auch mit einigen Abänderungen bis in 
die Mitte des 16. Jahrhunderts erhalten. 



Der Helm. 



511 



49. Deutfcher Kriegstopfhelm aus 
blankem Eifen, mit runder Glocke, Schar- 
niervifier und unbeweglicher Halsberge. 
Er flammt aus dem 15. Jahrhundert und 
gehört zu einer vollftändigen, im Zeug- 
haus zu Bern befindlichen Rüftung. 

50. Deutfcher Kolbenturnier- 
helm 1 } von 50 cm. .Hohe, aus dem 15. 
Jahrhundert. Der hintere Teil der aus 
Eifen gefchmiedeten Glocke ift mit einem 
Leinwandgewebeüberzogen, auf welchem 
noch die gemalten Wappen der Frei- 
herren Späth und einige Spuren von Ver- 
goldung zu unterfcheiden find. Oben auf 
der Glocke befindet fich ein Überreft 
der Helmzier (lat. apex, franz. cimier, 
fpan. cimera, engl, crest), welche wahr- 
fcheinlich in einer nicht fehr hohen runden 
Hülfe beftanden hat, die zum Eindecken 
der Feder refp. Reiherbufches (franz. 
panache auch aigrette und lat. crista) 
diente. — Mufeum zu Sigmaringen. Eine 
ähnlicher in der Sammlung £fchille. 

5 1 . Deutfcher Kolbenturnierhelm 
aus dem 15. Jahrhundert, der dem bei 
Biberach getöteten Grafen v. Efendorf 
angehörte. — Jetzt im Befitze des Grafen 
von Wilczek in Wien. 

Die große Keffelhaube, auch wohl 
Beckenhaube benannt (grand bacinet, 
franz., auch barbute) erfchien in der 
2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Von eiförmiger zugefpitzter Form hat 
fie anfangs weder Vifier noch Nafenberge, dagegen ift fie gemeinlich 
mit Ringnägeln zum Anheften des Mafchenwerkes verfehen, welches 
die Stelle des Vifiers und des Nackenfchutzes vertrat. 

*) Die Kolbe und das Schwert wurden gleichzeitig in diefen Turnieren ange- 
wendet, die zugleich Waffengänge zu Fufs und Reiterturniere waren. S. die Abbildung 
der Kolben und dumpfen Turnierfchwerter in den Abfchnitten der Schwerter und 
Streitkolben. 







512 



Der Helm. 



51. Bis. Deutfcher Kolbenturnierhelm mit Kamm und fefter 
Halsberge, vom 16. Jahrhundert. 

51. I. Spangen- oder Rofthelm vom 15. Jahrhundert, fo wie 
derfelbe auch fpäter noch in der Wappenkunde als „offener Helm" 
gebräuchlich war. 

51. II. Spangen- oder Rofthelm vom 16. Jahrhundert, fo wie 
derfelbe auch noch fpäter in der Wappenkunde als „offener Helm" 
vorkommt. 

51 Bis. 




51 11. 





52. Böhmifche Keffelhaube, nach der böhmifchen Handfchrift 
des Boleslaw aus dem 13. Jahrhundert in der Bibliothek des Fürften 
Lobkowitz zu Raudnitz in Böhmen. 

53. Deutfche Keffelhaube aus dem 13. Jahrhundert. Sie milit 
28 cm Breite bei 22 cm Höhe und befindet fich im Mufeum zu Berlin. 



I 



Der Helm. 



513 



Eine derartige mit runder Glocke (alfo anlehnend an den 
Hoplitenhelm und die venetianifche Schale), vom An- 
fange des 14. Jahrhunderts im Germanifchen Mufeum zu Nürnberg. 
54. 54. Deutfche Keffelhaube vom Ende des 

13. Jahrhunderts, unter dem Schutte des im 

14. Jahrhundert eingeäfcherten Schloffes Tan- 
nenburg gefunden, von welchem Hefner v. 
Alteneck eine Abbildung herausgegeben hat. 
Ähnliche Exemplare in der Sammlung Zfchille. 

55. Franzöfifche oder italienifche 1 ) Keffel- 
haube aus dem 14. Jahrhundert, mit 12 dicken, 
mit viereckigen Löchern verfehenen Ringnägeln 
befetzt, die zur Aufnahme der Stangen, auf 
welche die Mafchen gefchoben wurden, dienten. 
Diefer Helm flammt aus der Sammlung des 
Grafen Thun zu Val di Non und ift fpäter in 
die des Grafen von Nieuwerkerke übergegan- 
gen. Ein ähnliches Stück im Mufeum zu 
Wiesbaden. 




A. u. B. Große deutfche Keffelhaube, fchon mit beweglichem 
Scharnierklappfturz (Vifier, franz. visiere). Die Löcher dienten zur 
Befestigung der Ringe des Nackenfchutzes. Diefes Rüftftück wurde 
aber auch, gleich der kleinen Keffelhaube unter dem großen Stech- 
helm getragen, wie es das Grabdenkmal 
Eberhards I, Graf v.Katzenellnbogen, f 1 3 1 2, 
früher in der Abtei Eberftein, jetzt in der 
fogenannten Burg des Parkes Biebrich- 
Mosbach, wo auch die oben abgebildete 
Keffelhaube nach anderen Denkmalen der Katzenellnbogner ent- 
nommen find — feftftellen. Nach einer Handfchrift des Grafen v. 
Katzenellnbogen in der Abtei von Eberftein (f. S. 410). 

C. Große deutfche Keffelhaube mit Helmbrünne nach einem 
kleinen Holzftandbilde v. 1350 im Dom zu Bamberg. 





l ) Eher wohl italienifch. Die Form des Nackenfchutzes erinnert an die celata 
veneziana des 15. Jahrhunderts, welche vom griechifchen Hoplitenhelm abdämmt. 
(S. 207 u. weiterhin Nr. 72). 

Demmin, Waffenkunde 3. Aufl. 33 




5^4 



Der Helm. 



D. Große deutfche Keffelhaube mit beweglichem Sturz (Vifier) 
vom 14. Jahrhundert nach der Hochbildnerei eines Grabmals in 
der Kirche St Caftor zu Koblenz. 

E. Große Keffelhaube mit beweglichem Sturz (Vifier) und 
der darunter getragenen Helmbrünne aus dem 14. Jahrhundert. — 
Wandmalerei in der Alhambra. 

F. Große Keffelhaube mit beweglichem Sturz und Helm- 
brünne nach einem Wandgemälde in Gent vom 14. Jahrhundert, 
welche St. Georg darftellt 

E - 






56 Bis. 





^T-tf 



56. Große deutfche Keffelhaube aus gefchwärztem Eifen, 
vom 14. Jahrhundert, mit beweglichem Klappfturz. Die Vifierklappe 
fchlägt gegen die Glocke auf. 22 dicke mit eckigen Löchern ver- 
fehene Ringnägel dienten zur Aufnahme der Stange, auf welche 
die Ringe des Kehle und Nacken deckenden Mafchenwerks ge- 
reiht waren. Wegen diefer Vifrerform wurden folche Helme auch 
Hundegugel genannt — Sammlung v. Hefner-Alteneck. 

56. Bis. Große franzöfifche Keffelhaube vom 14. Jahrhundert 
Hier bieten eine bewegliche Nafenberge fowie Ringnägel mit der 
daran auf Stangen befeftigten Helmbrünne eigentümliche Formen. 
— Nach Violet Le Duc. 



Der Helm. 



515 




57. Große englifche Keffelhaube 
aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Der 
Sturz fchlägt vermitteln eines Zapfens 
auf, wie an den Vifierhelmen des 16. 
Jahrhunderts. Diefe Art Helme find 
Hundegugel benannt. Ein Überbleibfel 
von dem gemafchten Nackenfchutz ift 
daran fichtbar. 

58. Große Keffelhaube mit Schar- 
niervifier, aus dem 14. Jahrhundert oder 
Anfang des 15. — Tower zu London, 
Artillerie-Mufeum zu Paris, Sammlung 
des Grafen von Nieuwerkerke und Wiener 
Zeughaus. Diefe Helme, auch Hunde- 
gugel genannt, find aus blankem Stahl; 
die aus einem Stücke beftehende eiför- 
mige Glocke ift oben fpitz und der weit 
vortretende Sturz gewährt einen freien 
Raum, um das Atemholen zu erleichtern. 

58. a. Große englifche Keffelhaube 
mit Scharniervifier und feftfitzender Hals- 
berge aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. 
— Tower zu London und Sammlung 
v. Renne zu Konftanz. Diefer Helm ift in 
mancher Beziehung dem vorhergehen- 
den ähnlich. 



59. Eifenhelm, wahrfcheinlich ita- 
lienifch und dem Mittelalter angehörig. 
— Mufeum Poldi-Pezzoli zu Mailand. 




Die Schalen oder Schallern (franz. und engl, salades), 
welche im 15. Jahrhundert die Keffelhauben verdrängten, kennzeich- 
nen fich befonders durch ihren Nackenfchutz und haben Ähn- 

33* 



r 1 5 Der Helm. 

lichkeit mit den Eifenhüten. Diefe Schale wurde gewöhnlich mit 
dem Kinnftück getragen , das mit der Halsberge oft aus einem 
Stücke oder Barthaube, auch Vorhelm (franz. haute piece, fowie 
baviere, engl, mentonniere) gemacht war. Schräg auf den Kopf 
gefetzt, befand fich die für das Licht beftimmte Spalte gerade vor 
den Augen. 

Eine zweite Art von Schallern find ohne Augenfpalten und 
laffen befonders den unteren Teil des Gefichts ganz ohne Schutz. 
In diefe Gattung kann man auch den venetianifchen Schallern 
bringen. 

60. Deutfche Turniertopfhelmfchale 
aus dem 14. Jahrhundert. Sie hat einen 
Kamm und ein feftes Vifier und wurde 
wagerecht auf dem Kopfe getragen. — 
Artillerie-Mufeum zu Paris. Sammlung 
Zfchille. — Ein in Frankreich genannter 
„Chapel de Montauban" hatte wahr- 
fcheinlich diefe Form. 





61. Deutfche Schale mit Augen- 
fchnitt und Barthaube, (franz. baviere) 
aus dem 15. Jahrhundert. — Sammlung 
des Königs von Schweden, Karls XV. 
und Sammlung Zfchille. 

62. Deutfche Schale mit fefter 
Nafenberge aus dem 15. Jahrhundert. 
— Sammlung Renne" in Konftanz. 

63. Deutfche Schale aus gefchwärz- 
tem Eifen mit beweglichem Zapfenflurz 
aus dem 15. Jahrhundert. Sie flammt aus 
dem Schlöffe Ort in Bayern und mußte 
fchräg mit dem Kinnftück getragen 
werden. — Tower zu London. Ein ähn- 
liches Stück, welches aus der Sammlung 
des Grafen v. Thun in Val di Non her- 
rührt, enthielt die Sammlung Spengel in 
München. 



Der Helm. 



517 



63. Bis 








63. Bis. Italienifcher, bemal- 
ter Schallern des Grafen v. Ga- 
jazzo (f 1487). Diefer Helm foll 
die Arbeit des Plattners Anto- 
nio da Miffaglia, um 1480, fein. — 



63.1. Deutfche Schale mit Gräte oder 
Kamm (ä tabule), nach einem Bildwerke 
von 1440 am Rathaufe zu Regensburg. 



64. Schale mit feftem Sturz in Mu- 
fchelform und einem feltfam geformten 
eckigen Kinnftück, fowie mit einer Hals- 
berge, aus dem 15. Jahrhundert. — Samm- 
lung; Zfchille zu Großenhain. 



65. Schale mit Vifier und beweg- 
lichem Nackenfchutz aus dem 15. Jahr- 
hundert. Sie mußte gleich der vorher- 
gehenden fchräg auf dem Kopfe getragen 
werden. Der Nackenfchutz ift ein ange- 
fetztes, nur kurzes Stück. — Mufeum zu 
Prag und Sammlung Zfchille. 



66. Schale mit Kamm aus dem 15. 
Jahrhundert, von der Infel Rhodos flam- 
mend. Diefer Helm mit Scheinvifier und 
angefetztem Nackenftück fchützte das 
Geficht nicht und gewährte nur mangel- 
hafte Deckung. Die Arbeit daran deutet 
auf italienifchen Urfprung. 



5i8 



Der Helm. 




67. Deutfche Kriegsfchale oder 
Schallern (franz. salade) nach dem 
Standbild des Herzogs Wilhelm des 
Jüngern von Braunfchweig, einem im 
Jahre 1494 ausgeführten Bildwerke, ge- 
zeichnet. Sie hat feften Sturz, beweg- 
liches Kinnftück und Halsberge — Han- 
növerifch-Münden bei Kaffel. 



68. Deutfche Kriegsfchale aus 
dem 15. Jahrhundert, mit fpitzer Glocke 
und einer fehr feltenen Art von Schar- 
nierfturz. Die kleine Zeichnung giebt 
ihre Vorderanficht. — Gefchichtliches 
Mufeum im Schlöffe Monbijou zu Berlin. 





69. Diefelbe, mit einem durch die 
Halsberge verlängerten Kinnftück, eben- 
falls im Schlöffe Monbijou. Ohne Kinn- 
ftück im Mufeum de la Porte de Hai 
zu Brüffel. 



70. Gerippte flachrunde Schale 
mit Augenfchirm, nach des Verfaffers 
Meinung aus dem 16. Jahrhundert und 
von der Infel Rhodos herrührend. — 
Artillerie-Mufeum zu Paris, wofelbft fie 
dem 15. Jahrhundert zugefchrieben wird. 
Die Form des Augenfchirms und die 
Rippen berechtigen dazu, fie in die 
erfte Hälfte des 16. Jahrhunderts, zu 
welcher Zeit diefe Art Schirme fehr 
verbreitet waren, zu fetzen. Vergl. 
Nr. 125, Burgunderhelm. 



Der Helm. 



519 



71. Englifche Schale, die im Tower zu London, wo fie auf- 
bewahrt wird, als dem 15. Jahrhundert angehörig gilt, deren eigen- 
tümliche Form mich jedoch veranlaßt, diefelbe für ein Werk der 
Fälfchung zu halten. 

72. Venetianifche Schale 1 ) (celata veneziana) mit Nafenfchutz, 
aus der erften Hälfte des 15. Jahrhunderts. — Sammlungen Llewe- 
lyn-Meyrick zu Goodrich-Court; Renne in Konftanz; Nieuwerkerke 
zu Paris, und im Tower zu London. 

73. Venetianifche Schale mit kleiner Helmzier und ohne Nafen- 
berge, aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Der Nacken- 






H.a 




74- .B 



fchutz diefes Helmes ift ausgedehnter als am vorhergehenden Helme. 
— Sammlung Llewelyn-Meyrick. 

74. Venetianifche Bogen fchützenfchale mit Kamm, ohne 
Nafenberge, aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. — H. 22 
im Artillerie-Mufeum zu Paris und im Tower zu London. 

74. a. Italienifche Schale aus der zweiten Hälfte des ^.Jahr- 
hunderts, nach den in weißem Marmor ausgeführten Flachbildnereien 
des Triumphbogens Alphons V., Königs von Aragonien, welche 
feinen Siegeseinzug zu Neapel im Jahre 1443 darfteilen. 

74. b. Italienifche Schale mit Scheinvifier. Ebendalelbft 

') Diefe Waffe nähert fich in der Form dem griechifchen Hoplitenhelm (f. S. 
207), von dem fie hergeleitet zu fein fcheint, doch hatte jener keinen Nafenfchutz wie 
Nr. 73 hier. Die Spitze auf dem Vorderteil, das eine Art Nafenberge bildet, findet fich 
auch nicht mehr in den celati veneziani der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. 
(S. hier Nr. 74c.) 



520 



Der Helm. 



74 C 







74. c. Italienifche fpeciell venetianifche 
27 cm hohe, 25 cm durchmeffende Schale 
aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. 
Da fich der Durchmeffer hier viel bedeuten- 
der als der gewöhnliche Kopfdurchmeffer 
herausstellt, fo ift diefes Rüftftück nach Art 
der Topfhelme über einer Ringhaube ge- 
tragen worden, was auch aus dem unbeweg- 
lichen, fich faft berührenden Wangenfchutz 
hervorgeht. Die Ahnen folcher Schalen waren 
die griechischen Hoplitenhelme. (S. S. 207.) 
Sammlung E. Kahlbauer zu Stuttgart und 
Zfchille zu Großenhain. 

74. d. Venetianifche Prunkfchale oder 
Schallern vom Anfange, wenn nicht von Mitte 
des 15. Jahrhunderts. Diefelbe hat roten 
Samtüberzug und vergoldete Bronzever- 
zierungen. Eine gleiche Helmform, aber 
glatt, ohne alle Ornamente, hatten noch im 
16. Jahrhundert die Helme 'der Leibwache 
der Dogen. — Münchner National-Mufeum. 




Der Eifenhut, das Eifenhutge ftell und 
die Eifenkappe. 

75. Flachrunder Eifenhut (franz. cha- 
pel, hanapier u. chapeau d'armes, engl, 
iron-hat) aus dem 12. Jahrhundert, nach 
den im Dome zu Braunfchweig unter Hein- 
rich dem Löwen (f 1 195) ausgeführten Wand- 
malereien. 

76. Spitzer Eifenhut, nach der böh- 
mifchen Handfchrift des Weleslaw, aus dem 
13. Jahrhundert. (Ein ähnlicher im Germani- 
fchen Mufeum.) S ferner die im Abfchnitt 
der Bogener. 

76. I. Englifche, durchbrochene Eifen- 
kappe, welche von einem berittenen Krieger 
über der Ringhaube (camail) getragen, auf 



76 ii. 






n 





Der Helm. 52 I 

der im 13. Jahrhundert in der „Painter Cham- 
ber" zu Weftminfter ausgeführten Wand- 
malerei dargeftellt ift. 

76. IL Spitzer Eifenhut mit großer 
Drachenhelmzier vom 13. Jahrhundert (?) 
in der Armeria Real zu Madrid, wo derfelbe 
als Helm des Königs Jakob I. von Ara- 
gonien (1206 — 1276) figurirt, was aber Zwei- 
fel auftauchen läßt. 

77. Eifenkappe 1 ) (franz. calotte 
d'armes, engl, scull-cap), nach der deut- 
fchen Äneide von Heinrich v. Veldeke, 
einer Handfchrift aus dem 13. Jahrhundert, 
in der Bibliothek zu Berlin. 

78. Flachrunder Eifenhut, nach einer 
Miniatur der Maneffifchen Handfchrift 2 ) 
aus dem 13. Jahrhundert, den Tod Albrechts 
v. Heigerloch, des Minnefängers aus dem 
Stamme der Hohenzollern, darfteilend. — 
Staatsbibliothek zu Paris. — Solche Eifen- 
hüte mit herabgebogenen Krampen 
heißen in Frankreich Chapel de Mon- 
tauban. S. S. 367. 

79. Hoher kegelförmiger Eifenhut 
vom Ende des 14. Jahrhunderts, nach einer 
in der Michaeliskirche zu Schwäbifch-Hall 
befindlichen, von Hefner von Alteneck 
herausgegebenen Malerei. 

80. Hochrunder Eifenhut, vom 14. 
Jahrhundert. 

80. 1. Spitznabelförmiger Eifenhut. 
Sachfenfpiegel. — Bibliothek zu Wolfen- 
büttel. 



') Unterfcheidet fich von dem Eifenhut durch die Abwefenheit des Randes oder 
der runden Krampe. 

2 ) S. auch Nr. 35. 



522 




8t Bis. 




81 Ter. 




Der Helm. 

80. II. Spitzer Eifenhut mit aus- 
gefchweiften Krampen nach einem 
Holzfchnitte vom Schluß des 14. Jahr- 
hunderts im Germanifchen Mufeum 
zu Nürnberg. 

81. Runder Eifenhut, vom 
Ende des 14. Jahrhunderts, nach der- 
felben Malerei in Schwäbifch-Hal 1 
von welcher Nr. 79 u. 80 flammen. 

81. Bis. Eifenhut (wenn nicht 
Helm mit Helmzier) des Grafen von 
Eftampe, Richard von Bretagne nach 
deffen Infiegel vom Jahre 1427. 

81. Ter. Gefchweifter Eifenhut 
nach einem Gemälde vom Ende des 
14. Jahrhunderts „Betlehemitifcher 
Kindermord.' 1 — Germanifches Mu- 
feum zu Nürnberg. 

82. Buckeiförmiger Eifenhut 
nach einer Konftanzer, in der Biblio- 
thek zu Prag aufbewahrten Hand- 
fchrift, aus dem Jahre 1435. 





83. Buckeiförmiger Eifenhut, 
aus dem 15. Jahrhundert. — Mufeum 
zu Kopenhagen und Sammlung von 
Hefner-Alteneck in München. 

83. Bis. Spanifcher Eifenhut 
mit Sturmbändern, die fonft gemein- 
lich nicht an Eifenhüten vorkommen; 
dies Kopfrüftzeug wird dem Kardinal 
Ximenes (1490) zugefchrieben. — Ar- 
meria real, Madrid. 



Der Helm. 



523 



84. Hochrunder Eifenhut aus dem 15. Jahrhundert. — Hand- 
fchrlft der Sammlung des Ritters v. Hauslaub in Wien. Ein ähn- 
licher im Mufeum zu Kopenhagen. 

84. Bis. Birnenförmiger Eifenhut von der Mitte des 15. Jahr- 
hunderts. Diefe eigentümliche Form mit drei Spitzen, wovon die 
eine die Nafenberge bildet, kommt höchft feiten vor. >— Nach der 
Handfchrift: „Miroir hiftorial' 4 (143c— 1460) Nationalbibliothek 
zu Paris. 

85. Eiförmige Eifenkappe (franz. pot-en-tete, engl, scull- 
cap) mit Kinnftück, aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Handfchrift 

83 Bis. 





84 Bis. 






der Sammlung Hauslaub in Wien und Wandmalereien der Kathe- 
drale von Mondonedo in Spanien. Die Form, welche die Maler 
diefer Schutzwaffe dem unteren Teile gegeben haben, läßt vermuten, 
daß fie hinten aus Stücken beftehen mußte, die vermittelft eines 
Scharniers oder Zapfens beweglich waren, um fo das Hineinbringen 
des Kopfes, den fie hermetifch einfchließt, zu ermöglichen. 

86. Eifenkappe mit feften fturmbänderartigen Ohrenklappen, 
nach einer Handfchrift des 15. Jahrhunderts. — Sammlung Hauslaub 
in Wien. 




524 



Der Helm. 



87. Eifenhutfchale mit Vifier (Chapel de Montauban? 
S. Nr. 60, Nr. 516) in Schalenart, nach den Aquarellen Glocken- 
thons von 1504, welche die Waffen der Zeughäufer des Kaifers 
Maximilian I. darftellen. — Ambrafer Sammlung. 

88. Flacher Eifenhut. Ebenda. 

89. Eifenkappengeftell id. Diefer Schutz hat wahrfchein- 
lich bei Belagerungen gedient, wo derfelbe wie der Topfhelm über 
einem gewöhnlichen Helme getragen wurde. 








90. Deutfcher Eifenhut vom Ende des 15. Jahrhunderts, nach 
einem Abguß im Germanifchen Mufeum zu Nürnberg. Die Form 
ift faft ganz übereinftimmend mit der des Eifenhutes Nr. 83 aus 
der Sammlung von Hefner-Alteneck in München und hat gleich 
diefem eine aus einem Stück gehämmerte Glocke. 

91. Eifenhut vom 15. Jahrhundert, runde Glocke mit niedrigem 
Kamm und doppelter Reihe von Nagelköpfen. Ein gekröntes A. 
als Schmiedemarke. — Sammlung Ulmann in München. 

92. Eifenhut des in der Schlacht bei Kappel im Jahre 1531 
getöteten Reformators Zwingli. — Zeughaus zu Zürich. 



Der Helm. 



525 



93. Eifenhut aus dem Ende des 15. 
Jahrhunderts. Die Hauptrofette von durch- 
brochenem Kupfer ftellt das burgundifche 
Kreuz vor. — Sammlung Renne in Kon- 
ftanz. Ein ähnliches Exemplar, jedoch 
ohne das Kreuz, enthielt die Sammlung 
Spengel in München. 

94. Eifenhut, nach dem im Anfang 
des 16. Jahrhunderts in Augsburg heraus- 
gegebenen Teuer dank. 

95. Deutfcher Eifenhut aus dem 16. 
Jahrhundert, aber mit drei gewundenen 
Kämmen befetzt und mit Ohrenfchutz 
verfehen. Diefer Helm ift mit rotem 
Samt überzogen und diente vorzugs- 

weife auf Jagden. — Sammlung Spengel, von Hefner- Alteneck in 
München, wo das Zeughaus einen ähnlichen Helm, der mit rotem 
und fchwarzem Tuche überzogen fo die Farben der Stadt aufweift. 
Andere Exemplare Sammlung Ambras und Schloß Lauenburg. 
Ein ähnlicher Helm der Sammlung von Mazis, im Artillerie-Mufeum 
zu Paris, wird dem Könige Heinrich IV. (1589— 1610) zugefchrieben, 
deffen Namensanfangsbuchftaben und Abbild auf demfelben ge- 
ftochen find. Die daran befindlichen Kämme bedecken Trophäen 
und andere Gegenftände in geftochener und getriebener Arbeit. 
Ein anderes ähnliches Exemplar in der Sammlung Zfchille. 





96. Ganz runder Eifenhut mit Wangen- 
klappen aus dem 16. Jahrhundert. — Münche- 
ner Zeughaus. 



96. Bis. Franzöfifcher Eifenhut aus der 
Hugenottenzeit (1674). Die gerippte Glocke 
mit fpitzem Knopf ift, ebenfo wie der breite 
runde Schirm, mit drei Nagelköpfen verfehen. 
— Sammlung Ulmann in München. 



526 



Der Helm. 





97. Ganz runder Eifenhut, bei 
Belagerungen gebräuchlich, aus dem 
17. Jahrhundert. — H. 154. im Artillerie- 
Mufeum zu Paris. 



98. Eifenhut mit Stangennafen- 
berge Karls I., König von England 
(1625 — 1649). Fr trägt das Zeichen des 



Wafifenfchmiedes 
Warwick. 



A. B. O. 



- Schloß 



99. Runder Eifenhut aus dem 16. 
Jahrhundert. — Sammlung Az in Linz. 

100. Runder Eifenhut mit Feder- 
bufchträger, 25 Pfund fchwer; er mißt 
40 cm Breite bei 30 cm Höhe und hat 
dem großen Kurfürften von Branden- 
burg angehört, der ihn in der Schlacht 
bei Fehrbellin trug (1675). — Mufeum 
zu Berlin. 

101. Eifenkappe mit Schirm; der 
obere Teil durchbrochen, 20 Pfund 
fchwer. Diefer Helm hat Auguft dem 
Starken (1670 bis 1733) angehört. — 
Mufeum zu Dresden. 

102. Deutfche Eifenkappe mit 
Schirm und Stangennafenberge, vom 
Ende des 17. Jahrhunderts. Der lange 
Nackenfchutz ift aus Mafchen angefer- 
tigt und die Eifenkappe äußerlich mit 
grauer Leinwand überzogen. — Mufeum 
zu Dresden. 



Der Helm 



527 



102. Bis. Italienische Eifen- oder Hirnkappe (segretta in 
testa) mit Stacheln und breiten Sturmbändern, aus der zweiten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts. 

103. Eifenkappe aus dem 17. Jahrhundert; das Eifen ift fehr 
dick und der Oberteil durchbrochen. — Berliner Zeughaus. 

104. Eifenkappe aus dachziegelförmig fich bedeckenden 
Schuppen, nach einer Zeichnung Holbeins aus dem 16. Jahrhundert. — 
Öfterreichifches Mufeum zu Wien. 



102 Bis. 





;») 




105 Bis. 




105. Waffenkappe aus dachziegelförmig fich teilweis bedecken- 
den blanken Stahlfchuppen, mit beweglicher Nafenberge, Sturm- 
bändern oder Wangenklappen und Nackenfchutz; der Federbufch- 
träger und mehrere andere Stücke find aus vergoldetem Kupfer. 
Sie wurde von Johann Sobiesky, dem Könige von Polen, im Jahre 
1683 vor Wien getragen. — Mufeum zu Dresden. 

105 Bis. Deutfche eiferne Prunkhelmkappe mit Elfenbeinfchup- 
pen vom 17. Jahrhundert. Sturmbänder und Zier find ebenfalls von 






528 



Der Helm. 








'«2 




Elfenbein; letztere, einen Dauphin dar- 
fteilend, trägt die Lilien (fleur de lis) — 
Krone. — Sammlung Pichler zu Gratz. 

106. Eifenkappengeftell 1 ) aus dem 
17. Jahrhundeit. — Mufeum zu Prag. 

107. Desgleichen. Ebenda. 

108. Eifenkappengeftell, das zur 
innern Ausftaffierung der Waffenhüte fran- 
zöfifcher Carabiniers gegen 1680 gebraucht 
wurde. — Artillerie-Mufeum zu Paris. 

109. Eifenkappengeftell aus dem 
17. Jahrhundert zur innern Ansftaffierung 
der Waffenhüte. 

Alle diefe durchbrochenen Eifen- 
kappen gehören fchon dem Zeitabfchnitt 
an, in welchem der Helm durch den Hut, 
deffen innern Schutz fie bildeten, erfetzt 
war. 

110. Deutfche Eifenkappe zur in- 
nern Ausftaffierung eines Waffenhutes, 
aus dem 17. Jahrhundert. — Kaiferliches 
Arfenal zu Wien. 

in. Eifengeftell für dieinnere Aus- 
ftaffierung eines Dreimafters, aus dem 
17. Jahrhundert. — Gefchichtliches Mu- 
feum im Schlöffe Monbijou zu Berlin. 



112. Spitzer Eifenhut, wahrfchein 
lieh italienifchen Urfprungs, aus dem 17. 
Jahrhundert. Er hat Sturmbänder und 
mit kupfernen Nagelköpfen verziert. 
Kaiferliches Arfenal zu Wien. 



') Eiferne Geftelle für Soldatenhüte wurden allgemein mit casqu et bezeichnet 



17. 

et 



Der Helm. 



529 



113. Deutfcher Stacheleifenhut, der nach den Angaben im 
Stadtzeughaus zu Wien , wo er aufbewahrt wird , bei Erftürmung 
fefter Schlöffer und Städte benutzt wurde und deshalb mit breiten 
Rändern verfehen war, die Kopf und Schultern vor den fiedenden 
Flüffigkeiten fchützten, deren fieh die Belagerten zur Verteidigung 
bedienten. Der Verfaffer ift jedoch der Meinung, daß diefer Helm, 
deffen Eifenfpitzen durchaus zwecklos find, nur bei öffentlichen 
Feftlichkeilen, beim Einzug von Fürften und dergl., getragen wurde. 

114. Eifenhut mit Stangennafenfchutz, von den franzöfifchen 
Fußfoldaten zur Zeit Ludwigs XIV. (1643 — 17 15) getragen. — H. 
152 im Artillerie-Mufeum zu Paris. 






115. Der Burgunderhelm auch Burgunderkappe (franz. 
bourguignote, engl, casquetel fo wie burgonet), und Pickel- 
haube 1 ) genannt, aus dem 16. Jahrhundert. Diefe Art Helme 
zeichneten fich durch ihren Kamm (franz. crete, engl, crest), ihren 
Schirm (franz. avance, engl, shade), ihre Sturmbänder oder 
Wangenklappen (franz. oreilleres, engl, cheekpieces) und 
ihren Nackenfchutz (franz. couvre-nuque, engl, neckguard) aus. 

116. Burgunderhelm aus dem 16. Jahrhundert, mit Halsberge 
und Barthaube, die ihm einige Ähnlichkeit mit dem Sturzhelme 
geben. (S. weiter hin.) — H. 35. im Pariser Artillerie-Mufeum. 

117. Burgunderhelm aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. 



') Unter diefen Namen damals allgem. in Deutfchland verbreitet, f. S. 496 das 
darüber Angeführte. 

De mm in, Waffenkunde. 3. Aufl. 34 



530 



Der I lehn. 



Auch für diefe Nummer gilt die Bemerkung der vorhergehenden. 
— Zeughaus zu Solothurn. 

118. Burgunderhelm des 1 6. Jahrhunderts, aus der Samm- 
lung im Schlöffe Laxenburg herrührend. — Kaiferliches Zeughaus 
zu Wien. 

119. Burgunderhelm mit Halsberge, Barthaube und beweg- 
lichen Sturmbändern oder Wangenklappen. Sehöne deutfehe Ar- 
beit in eingeftochenem Eifen, aus dem 16. Jahrhundert. — Ambrafer 
Sammlung. 







121 Bis. 




120. Deutfcher Burgunderhelm nach den „Befchreibungen 
fürftlicher Hochzeiten etc." von Wirzig (Wien 1571), — Ge- 
werbe-Mufeum zu Wien. 

121. Deutfcher Keffelburgunderhelm aus dem 16. Jahrhun- 
dert, der fich durch feine fpitze und kammlofe Birnenglocke aus- 
zeichnet. — Sammlung Az in Linz. 

121. Bis. Deutfcher Keffelburgunderhelm mit Krebsnacken- 
fchutzwie derfelbe inden Abbildungendes„Theatrum Europaeum" 
von Merian (1593, f 1690) fo wie in S. L. Gottfrieds Chronik 
(Frankfurt a. M. XVII Jahrh.) überall vorkommt, alfo im dreiUig- 
jährigen Kriege fehr verbreitet gewefen zu fein fcheint. 



Der Helm. 



531 




122. Burgunderhelm von prachtvoller italienifcher Arbeit in 
getriebenem Eifen, aus dem 16. Jahrhundert, im kaiferlichen Zeug- 
hause zu Wien, aus dem Schlöffe Laxenburg ftammend. Überhaupt 
das fchönfte Stück, das von diefer Art vorhanden ift. — Der Vor- 
ftand des Mufeums hat eine fehr gelungene photographifche Nach- 
bildung davon herausgegeben. 

123. Burgunderhelm aus dem 17. 
Jahrhundert. — Tower zu London. 



124. Burgunderbirnenhelm in ge- 
fchwärztem Eifen, aus dem Anfange des 
17. Jahrhunderts, mit Augenfchirm, Wan- 
genklappen und Nackenfchutz, aber ohne 
Kamm. Die fpitze Glocke hat die Form 
eines Flafchenkürbiffes. — Zeughaus zu 
Genf. 

34* 




532 



Der Helm. 



125. Eiferner Burgunderhelm mit Kamm, derfelbe diente bei 
Belagerungen, ift fehr fchwer und ftammt aus dem Ende des 17. 
Jahrhunderts. — Augenfchirm und Nackenfchutz find flach geformt. 
H. j6 im Parifer Artillerie-Mufeum. 

125. Bis. Abartburgunderhelm mit Kamm, Halsberge, voll- 
ftändigen Wangen- und Nackenfchutz, fowie drei Eifenftäben als 
Vifier, ein Rüftftück vom dreißigjährigen Kriege (161 8 — 1648.) — 
Mufeum Tfarskoe-Selo. 





126. Deutfche Burgunderkappe, mit rotem Samt überzogen 
und ohne Kamm *), vom Anfange des 17. Jahrhunderts; — Welfen- 
Mufeum in Hannover. 

126. Bis. Burgunderkappe, ohne Kamm, aus dem Ende des 
17. Jahrhunderts. Der Augenfchirm ift mit Stangennafenfchutz in 
Form eines geteilten Hufeifens verfehen und der Nackenfchutz ge- 
fchient. — Tower zu Eondon. 



') Die Burgunderkappe unterfcheidet fich befonders von dem Burgunder- 
helm, dafs fie kammlos id. 






Der Helm. 



533 




128 Bis. 




127. Polnifche Burgunderkappe 
mit Stangennafenberge, aber ohne Kamm, 
aus dem 17. Jahrhundert. Solche Helme 
mit der fächerartigen Verzierung auf bei- 
den Seiten der Glocke gleichen den Hel- 
men der fogen. geflügelten Reiter 
(Jazda Skrzydlata) Sobieskys. — Mu- 
feum zu Dresden. 

128. Burgundereifenkappe, mit 
beweglicher Nafenberge und gefchien- 
tem Nackenfchutz, fo wie breiten Sturm- 
bändern, zuchetto oder Zischägge 
genannt, ein urfprünglich aus Ungarn 
flammender Helm, der dort unter dem 
Namen Dschyckse bekannt ift. — Nr.311 
im königlichen Arfenal zu Turin. 

Meift ohne den verflellbaren Nafen- 
fchutz und oft mit gerippter Glocke sind 
wohl diefe Art Helme auch als „Pappen- 
heimer Kappen", fowie Krebs- 
feh wänze (aus der Zeit des dreißigjährigen 
Krieges) bekannt. (S. indeffen S. 496.) 

128. Bis. Niedriger gerippter 
Glockenhelm mit Geficht- und Nacken- 
fchirm aus der Zeit des dreißigjährigen 
Krieges (1618 — 1648). Diefe andere Art 
„Pappenheimer Kappe" (?) war eben fo ver- 
breitet wie der fogenannte Krebsfchwanz. 
— Sammlung de Leuw in Düffeldorf. 

129. Burgunderkappe ohneKamm, 
mit Wangenklappen , gefchientem Nafen- 
fchutz, Nafenbergvifier und Federbufch- 
träger, aus der Mitte des 17. Jahrhun- 
derts. Diefer im Solothurner Zeughaus 
aufbewahrte Helm wird dort irriger- 
weife als aus dem Befitz Vengis (1540) 
flammend bezeichnet; er ift in gravirtem 
Eifen und mit kupfernen Nägeln verziert. 

130. Burgunderkappe ohneKamm 



534 



Der Helm. 





mit wangenklappartigen Sturmbändern 
und längerem gefchienten Nackenfchutz; 
(dem fogenannten Krebsfchwanz); fie 
wird dem im Jahre 1662 geftorbenen Gra- 
fen Ferdinand Karl von Tirol zuge- 
fchrieben. — Ambrafer Sammlung. 

131. Deutfcher Burgunderhelm mit 
Kamm, aus dem 17. Jahrhundert. Er hat 
eine fefte Nafen- und Halsberge; fein 
Vorderteil gleicht dem der Vifierhelme 
mit Barthaube. — H. 56 im Artillerie-Mu- 
feum zu Paris. 

130. I. Eifenhelm 
(franz.?) vom Ende des 17. 
Jahrhunderts. — Armeria 
zu Madrid. (S. Nr. 121. 
S. 403). 

132. Burgunderhelm oder Kappe, 
aus dem 17. Jahrhundert, mit gefchientem 
Halsfchutz, in der Sammlung Llewelyn- 
Meyrick aufbewahrt, wo er für ein Er- 
zeugnis des 15. Jahrhunderts angefehen 
wird. Der hier in Rückanficht dargeftellte 
Helm ift wegen der zwei Reihen rippen- 
artiger Verzierungen bemerkenswert. 

133. Englifcher Burgunderhelm 
oder Kappe, mit Schirm und Krebs- 
fchwanz aus dem 17. Jahrhundert, im 
Mufeum zu Dresden, wo er irrigerweife 
Eduard IV. (1461 — 1483) zugefchrieben 
wird. Der Überlieferung zufolge hätte 
er früher der Waffenfammlung im Tower 
zu London angehört und wäre Johann 
Georg IV. von Wilhelm III. zum Ge- 
fchenk gemacht worden. Der Augen- 
fchirm, der gefchiente Nackenfchutz und 
die in vergoldeten Nägeln beftehenden 
Verzierungen fowohl, als auch das 



Der Helm. 



535 







137 Bis. 




FHtterwerk der Helmzier und des Feder- 
trägers verraten auf den erften Blick die 
Anfertigungszeit (Mitte des 17. Jahrhun- 
derts). 

134. Morian, Sturmhut, auch 
Sturmhaube (franz. und engl, morion), 
aus dem 16. Jahrhundert. Diefer italie- 
nifche, aus dem Genfer Zeughaus herrüh- 
rende Fußvolkhelm hat dem favoyifchen 
Hauptmanne Chaffardin Branaulieu ange- 
hört, der unter den Mauern der Stadt Genf, 
die er überfallen wollte, feinen Tod fand. 
Die Waffe ift reich mit Grabftichelarbeit 
verziert und fehr fauber ausgeführt. — 
Sammlung des Verfaffers. 

135. Franzöfifcher Fußfoldatenmo- 
rian in mehr birnenhelmiger (cabasset) 
Form, aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. 
Er ift ebenfalls mit Grabftichelarbeit ver- 
ziert. — Tower zu London. 

136. Deutfcher Morian aus dem 
Ende des 16. Jahrhunderts. Die getriebene 
Lilie, welche folche von der Bürgerwehr 
der Stadt München getragenen Helme ver- 
ziert, ift ein Symbol der Jungfrau Maria 
und fteht in keinem Zusammenhange mit 
dem Wappen der Könige von Frankreich. 
— Zeughaus zu München, kaiferliches 
Arfenal zu Wien und Sammlung des Ver- 
faffers. 

137. Deutfcher Morian, nach den 
„Befchreibungen fürftlicherHochzei- 
ten" von Wirzig (Wien 1571). — Gewerbe- 
Mufeum zu Wien. 

137. Bis. Desgleichen. 

Der Morian, welcher zu der dem 
Könige Heinrich IV. zugefchriebenen 
Rüftung im Louvre gehört, ift ein wenig 



536 



Der Helm. 




139 Bis. 




höher und feine fchmaleren Ränder haben 
abgeftutzte Ecken. 

138. Deutfeh er Morian aus dem 16. 
Jahrhundert. Er hat eine wenig gebräuch- 
liche Form. — Münchner Zeughaus. 

139. Deutfcher Morian aus dem 
Ende des 16. Jahrhunders im Mufeum zu 
Braunfchweig, wo er fälfehlich dem 12. 
Jahrhundert zugefchrieben wird. Die 
ftarke Schraube auf dem Kamme giebt 
ihm eine von den gewöhnlichen Morianen 
abweichende Form. 

139. Bis, Zwei franzöfifche Fußvolk- 
moriane mit plattem Schirm undftarkem 
Kamm aus der erften Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts. — Nach Jean de S. Igny, Zeich- 
ner und Maler geb. zu Rouen um 1600, 
f zu Paris um 1655. 

140. Birnenhelm (franz. cabasset, 
engl, pear-kask) aus dem 16. Jahrhundert, 
aus reich eingeftochenem Eifen und mit 
Federbufchträger. — Sammlung des Gra- 
fen v. Nieuwerkerke. 

141. Deutfcher Birnenhelm mit 
Sturmbändern, Wangenklappen, aus einge- 
ftochenem Eifen, vom 16. Jahrhundert. 
Diefelbe Form, jedoch mit anderen Rän- 
dern war in Frankreich und Italien fehr 
verbreitet. — Münchener Zeughaus. 

Im Zeughaufe zu Zürich befindet fich 
ein gravierter und vergoldeter Birnenheini 
mit der dazu gehörigen Halsberge von 
hohem künftlerifchem Werte. Derfelbe 
rührt von dem Anführer des Bauernauf- 
ftandes im Jahre 1653, Nikolaus Leuen- 
berger, her, welcher ihn wahrfcheinlich 
beim Plündern erbeutet hatte. 



Der Helm. 



537 





142. Italienifcher Fußvolkbirnen- 
helm, vom \6. Jahrhundert, aus ge- 
triebenem, geprägtem und mit Gold ein- 
gelegtem Eifen. Die prachtvolle Arbeit 
ftellt den Perfeus dar, wie er die An- 
dromedabe freit. — H. 100 im Artillerie- 
Mufeum zu Paris. 



143. Italienifcher Fußvolkbirnen- 
helm, aus dem 16. Jahrhundert, mit Grab- 
ftichelarbeit reich verziert. — Tower zu 
London. 



144. Deutfcher Birnenhelm aus ge- 
fchwärztem Eifen, mit Federbufchträger, 
aus dem 16. Jahrhundert. Diefer Helm 
hat keine anderen Verzierungen als die 
kupfernen Nagelrofetten. — Sammlung 
des Grafen v. Nieuwerkerke. 



145. Italienifcher Birnenhelm aus ge- 
triebenem Eifen, eine fehr fchöne Arbeit 
aus dem 16. Jahrhundert. 



145. I. II. Birnenhelm mit Halb- 
kamm und Sturmbändern von hinten und 
von der Seite abgebildet. Aus dem 17. 
Jahrhundert, nach der „Kriegskunft zu 
Fuß" von Wallhaufen. — Bibliothek zu 
Wolfenbüttel. 



Der Sturz- oder Vifierhelm fo 
wie fonftige verfchiedenförmige 
Helme. 




146 Bis. 




Der Helm. 

146. Vifier- oder Sturzhelm auch 
Helmlin genannt, (franz. armet, engl, hel- 
met) aus der zweiten Hälfte des 1 S.Jahrhun- 
derts 1 ). Der Sturzhelm ift der vollkom- 
menfte Helm und befteht aus der von dem 
Kamme überragten Glocke, dem Vifier, 
Nafenfchutz und Helmfenfter, welche 
Teile zufammen Helmgefichtsteil im Franz. 
Mezail genannt wurden, und dem Kinn- 
fchutz. — H. 28 im Artillerie-Mufeum zu 
Paris. 



146. Bis. Hintere Anficht eines italieni- 
fchen Sturz- oder Vifierhelms mit daran- 
hängenden Teilen der Helmbrünne, vom 
Ende des 15. Jahrh., ein Helm höchft felte- 
ner Art wegen der aufklappenden Seiten- 
teile, welche vermittelft einer großen 
Schraube im Nacken befeftigt wurden. — 
Armeria reale zu Turin. — 



147. Eiferner Narrengefichtshelm 
aus dem 16. Jahrhundert, mit natürlichen 
Widderhörnern; er gehört zu der Rüftung 
des. Hofnarren Heinrichs VIII. (1509 — 1547). 
— Tower zu London. 



147. Bis. Hofnarrengefichtshelm vom 16. Jahrhundert. Er ift 
mit Schellen- und Widderhörnern verfehen, fcheint für einen fehr 
kleinen Kopf beftimmt gewefen zu fein, zeigt auch Vergoldung und 
Spuren von Farben. Sammlung Zfchille. 



J ) S. die Vorgänger folcher Helme mit Sturz S. 505, 513, 514 u. 539. Es gab 
auch konifch geftaltete Schembarthelme, welche beim Schembartlaufen oder 
-fpielen der füddeutfchen Städte, befonders in Nürnberg vorkamen. Diefe grofsen 
Faftnachtsmaskenaufzüge (Schembart von althochd. Scema, mittelhochd. Sehern, 
d. h. Larve — Schönbart, alfo Gefichtslarve mit Bart) begannen in Nürnberg 1350. 
Das letzte Laufen wurde da 1539 abgehalten. In Tirol kamen Schönbartfpiele noch im 
19. Jahrh. vor. 






Der Helm. 



539 



147 B's. 




149 a. 






148. Sturzhelm mit Halsfchutz und Federfchmuck, aus dem 
16. Jahrhundert, nach dem Weißkunig. 

149. Lederner Sturzhelm mit Verzierungen bedeckt, die 
mittelft eines Buchvergoldereifens hervorgebracht find. Der untere 
Teil des Mezails fehlt, ebenfo auch der Sturz. — Genfer Zeughaus. 
Es ift dies die einzige Waffe diefer Gattung, die dem Verfaffer be- 
kannt ift. 

149. a. Sturzhelm oder Helmlin mit runder Glocke, deffen 
Vifier mit Kinnfchutz und Helmfenfter vermittelft eines Zapfens 
gegen den Kamm fich auffchlägt und auch das dazu gehörige ge- 
fchiente Kinnftück (franz. mentonniere, engl, beaver) zeigt. Die 
Wappenplatten (ailettes) auf den Schultern weifen auf das 
Ende des 13. Jahrhunderts hin, wo in der Übergangsperiode 
zwifchen Panzerhemd und Lederfchienenrüftung der Gebrauch folcher 






540 



Der Helm. 



Schildchen etwa 50 Jahre währte. Da der Sturzhelm erft in der 
zweiten Hälfte des 15. Jahrh. in allgemeinen Gebrauch kam, fo 
ift diefes auf einer Elfenbeinkapfel im Darmftädter Mufeum ab- 
gebildete Exemplar von Intereffe für die Gefchichte der Waffen. 
(Abbildung nach Fürft Hohenlohe.) S. auch die Vifierhelme vom 
14. Jahrhundert S. 505, 513 und 514. 

150. Sturzhelm oder Helmlin mit 
gerippter Glocke und Zapfenvifier in Tier- 
kopfform, von einer Maximilianifchen 
Rüftung. Deutfche Arbeit aus der erften 
Hälfte des 16. Jahrhunderts. — Kaiferliches 
Zeughaus zu Wien. Ein ähnliches Stück 
befindet fich in der Sammlung des Verfaffers. 



150. Bis. Entwurf eines vom Kaifer 
Maximilian um 15 10 ausgefonnenen Sturz- 
oder Vifierhelmes mit anhängender Bart- 
haube. 




151. Deutfcher Sturzhelm in Trichter- 
form vom 16. Jahrhundert, nach dem 
aTriumph Maximilians» des Burckmair, 
aus dem Jahre 15 17. Das Zapfenvifier bietet 
in feinem untern Teile einen Adlerfchnabel. 



151. Bis. Zweiteiliger franzöfifcher 
Sturzhelm aus der zweiten Hälfte des 
16. Jahrhunderts. Die beiden Teile, Vorder- 
und Hinterhelm, haben die daran befeftigte 
Halsberge. Nach einem hölzernen Stand- 
bilde, welches einen Schenkgeber (donateur), 
wahrfcheinlich den h. Florian in voller 
Rüftung, darftellt. — Sammlung des Ver- 
faffers. 



Der Helm. 



54i 




152. Sturzhelm mit Zapfenvifier und 
Barthaube, eine deutfche Arbeit aus der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts; reich 
graviert und eingelegt. Kaiferliches Zeug- 
haus zu Wien. 




153. Sturzhelm mit Zapfenvifier und 
Barthaube, eine Arbeit aus der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts. Diefer Helm 
ift mit Grabftichelarbeit reich verziert. — 
Kaiferliches Zeughaus zu Wien. 




154. Sturzhelm mit Kinnftück aus dem 
Ende des 16. Jahrhunderts. Die getriebene 
Arbeit der Glocke ftellt eine Art Seetier 
dar; das Vifier ift gegittert. — Armeria zu 
Madrid. 







155. Italienifcher Sturzhelm mit Kinn- 
ftück aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. 
Ein in allen Teilen prächtig gearbeitetes 
Stück. — Artillerie-Mufeum zu Paris. 



542 



Der Helm. 



155. I. Sturzhelm mit Vogelfchnabel vom 16. Jahrhundert. — 
Porte de Hai zu Brüffel. 

156. Italienifcher Helm, antiker Form, caschetto genannt, aus 
dem 16. Jahrhundert, in getriebenem Eifen gepunzt und taufchiert. 
Ein prachtvolles Stück. — H. 131 im Artillerie-Mufeum zu Paris. 




1571- 





157. Italienifcher Helm, antiker Form, einem Burgunderhelm 
aus der Mitte des 16. Jahrhunderts entfprechend. — Artillerie- 
Mufeum zu Paris unter Nr. H. 129 verzeichnet. 

157. T. Venetianifche Sturmkappe mit Nackenfchutz, Kamm 
und Sturmbändern, aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunders. In 
getriebenem, gebräuntem Eifen mit Vergoldung. — Armeria reale 7A\ 
Turin. 

157. Bis. Italienifcher Prunkhelm, in antiker Form, mit Vogel- 
helmzier, vom 16. Jahrhundert. — Museo Bargello in Florenz. 






Der Helm. 



543 




157. Ter. Italienifcher Prunkbir- 
nenhelm mit Drachenzier und Fratzen- 
nafenfchutz. Derfelbe foll dem 
Könige Frangois I. von Frankreich 
(f 15 14) angehört haben. — Mufeum 
Bargello zu Florenz. 



158. Ruffifcher (?) Helm, antiker Form, 
mit Gefichtsmaske (Schelom?), allem An- 
fchein nach eine italienifche Arbeit. — 
Mufeum zu Tfarskoe-Selo bei Petersburg. 

159. Schweizerifcher Sturzhelm mit 
Halsfchutz aus dem Anfange des 17. Jahr- 
hunderts, in poliertem Eifen, von der Reiter- 
kompagnie der Stadt Genf. — Genfer Zeug- 
haus. 

160. Deutfcher Sturzhelm in poliertem 
Eifen, aus der erften Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts. Das Vifier ift in Gefichtsform 
eines Mannes mit Schnurrbart. — Sammlung 
Llewelyn-Meyrick. 

161. Eiferner Türkenhelm mit be- 
weglichem Nafenfchutz und eingelegtem 
Gold, aus dem 15. Jahrhundert; er gehörte 
Bajazetll. (715 12) an. — H. 173 im Artillerie- 
Mufeum zu Paris. 

162. Türkifcher Spitzhelm aus dem 
15. Jahrhundert, in Rhodus gefunden. — 
H. 180 im Artillerie-Mufeum zu Paris. 



544 



Der Helm. 



162. Bis. Altzeitiger türkifcher Spitzhelm mit Nafenfchutz, von 
Konftantinopel. (S. den dazu gehörigen Panzer Nr. 56 im Abfchn. 
Panzer). — Sammlung Beardmore — Uplands — Hampshire. — 

163. Albanefifcher, dem Fürften Georg Caftriota Skanderbeg, 
geft. 1467, zugefchriebener Helm. Der Geißkopf und die Ver- 
zierungen find aus Kupfer. — Ambrafer Sammlung. 

164. Türkifcher Helm vom 16. Jahrhunderts, der dem Seras- 
kier Solimans angehört hat. Diefe Waffe ift mit Stangennafen- 
fchutz, Wangenklappen und Nackenfchutz verfehen. — Sammlung 
Llewelyn-Meyrick. 



162 Bis. 







165. Eiferner Helm mit kupfernen Nägeln, wie ihn Johann 
Ziska auf einem Gemälde in der Genfer Bibliothek trägt. Es ift 
ungewiß, ob der Maler diefen Helm nach einer Zeichnung aus 
jener Zeit kopiert hat, oder ob derfelbe ein Phantafieerzeugnis ift 1 ). 

166. Perfifcher Helm mit Stangennafenberge und Nacken- 
fchutz, nach einer mit Buchmalereien ausgeftatteten Handfchrift des 
Schah-Nameh oder Heldenbuches von Firdufi, die um das Jahr 



') Ziska (der Einäugige), das Oberhaupt der Huffiten oder Taboriten, geb. 1360, 
geft. 1424, verlor fein letztes Auge im Jahre 1421. Das Scharnier, welches amlh-line 
bemerkbar ift, bedeckt die Höhle des rechten Auges, welches Ziska fchon als Knabe 
verloren hatte. 



Der Helm. 



545 






ttff 




170 Bis. 




1600 angefertigt wurde und fich jetzt in der 
Münchener Bibliothek befindet 1 ). 



167. Mongolifcher Helm, mit Stangen- 
nafen- und Kettennackenfchutz, wahrfcheinlich 
aus dem 15. Jahrhundert. — G. 138 im Artillerie- 
Mufeum zu Paris. 



168. Indifcher Helm aus Delhi; die Stan- 
gennafenberge ift beweglich und der Nacken- 
fchutz aus kleinen Platten zufammengefetzt. 
So ähnliche perfifch-arabifche Helme heißen 
Rockftuhl. 



169. Eiferner mongolifcher Helm, mit 
Gold eingelegt und mit beweglicher Stangen- 
nafenberge und Nackenfchutz verfehen, auf dem 
Schlachtfelde der Kulikower Ebene (1380) ge- 
funden. — Mufeum Tfarskoe-Selo bei St. Peters- 
burg. 



170. Ruffifcher Helm (Kolpak) mit 
beweglichem Stangennafenfchutz und Wangen- 
klappen, aus dem 1 5. Jahrhundert. Die reichen 
Verzierungen find von vergoldetem Kupfer. 
— 176 im Artillerie-Mufeum zu Paris. 



170. Bis. Ruffifcher Spitzhelm 
(Kolpak) in Schraubenform ohne Nafen-, Hais- 
und Ohrenfchutz. 

I 1 ) S. S. 168, 175, 176 u. 177 andere Waffen der Neu-Perfer (Iran. — Arfai- 
den oder Parther 255 — 428; der Saflaniden 428 — 652; der Araber 652 — 1499 und der 
Sophis 1499 -1736). 
" " ' 



546 



Der Helm. 



171. Ruffifcher Helm, (Kolpak), mit beweglicher Stangen- 
nafenberge, Wangenklappen und fehr ausgedehntem Nackenfchutz. 
— Mufeum Tsarskoe-Selo bei Petersburg. 

172. Ungarifcher konifcher Zifchägge (?) genannter Helm mit 
beweglicher Stangennafenberge, Wangenklappen und Nackenfchutz 
aus dem 16. Jahrhundert, getragen von dem ungarifchen Helden 
Zriny, der im Jahre 1566 unter den Trümmern der Feftung Sigeth 
fein Ende fand. — Ambrafer Sammlung. 



172 Bis 



m 








172. Bis. Ungarifche „Zifchägge" genannte Helmkappe mit 
beweglichem Nafenfchutz, Nackenfchutz und breiten Sturmbändern. 
Alles gerippt und eingeftochen , fo wie mit Edelfteinen geziert. 
Vom Ende des 16. Jahrhunderts. Wird als Karl III. von Loth- 
ringen (1540— 1608) angehörig angefehen. 

173. Italienifcher, eine Art Burgunderhelm, mit Halsfchutz, 
von Kardinal Sforza-Pallavicino (f 1667) herrührend. — Mufeum 
Tfarskoe-Selo bei Petersburg. 

174. Helmkappe mit beweglicher Stangen-Nafenberge, Wangen- 
klappen und Nackenfchutz-Kehlftück aus fehr dickem Eifen, graviert, 
vergoldet, auch mit Mufchelwerk und vergoldeten Nagelköpfen ver- 
ziert, vom Anfange des 17. Jahrhunderts. Die Schraube der Nafen- 
berge hat die Form einer Lilie. — Solothurner Zeughaus. 

175. Savoyifcher Vifierhelm aus gefchwärztem Eifen, mitBs 
haube und Halsfchutz, vom Anfange des 17. Jahrhunderts; er wurde 



Der Helm. 



547 





176 Bis. 





einem Krieger von der Truppe des Bra- 
naulieu-Chaffardin, welcher (1602) unter 
den Mauern Genfs feinen Tod fand, abge- 
nommen. — Genfer Zeughaus. 

175. Bis. Beflügelter Sturz- oder 
Vifiergefichtshelm vom 16. Jahrhun- 
dert; wahrfcheinlich polnifchen Ur- 
fprungs. — Armeria reale zu Turin. 

176. Polnifche Pickelhaube mit 
Flügeln, aus dem 17. Jahrhundert, mit 
dem die unter Sobiesky dienenden Trup- 
pen, die fog. geflügelten Reiter (Jazda 
Skrzydlata) genannt, bewaffnet waren. 
(Siehe auch Nr. 127, Seite 533.) — Mufeum 
Tfarskoe-Selo bei Petersburg. 

176. Bis. Polnifche Pickelhaube mit 
Flügeln. Die Verzierungen find geätzt und 
vergoldet. Aus dem Ende des 16. Jahr- 
hundert. — Mufeum zu Tfarskoe-Selo. 

177. Franzöfifcher Soldatenhelm 
unter Heinrich IV. Er ift mit einem 
Augenfchirm verfehen und hat ringsum 
eiferne Stäbe. — Tower zu London und 
Porte de Hai in Brüffel. 



178. Deutfcher Turnierhelm vom 
Anfange des 17. Jahrhunderts. Diefe wie 
eine Schale oder Schallern des 15. Jahr- 
hunderts geformte Waffe hat Kamm, 
Nackenfchutz und Schraube; letztere ift 
beftimmt, den Bruftfchild mit feinem 
Kinnftück feftzufchrauben. — H. 135 im 
Artillerie-Mufeum zu Paris. 

35* 



54 8 



Der Helm. 




179. Vi fi er heim vom Anfange des 17. 
Jahrhunderts. Diefe Waffe gleicht der oben 
erwähnten favoyifchen Nr. 175, fowie dem Helme 
Nr. 159. — Tower zu London. 



179 Bis. 




179. Bis. Vifierhelm, runde Glocke mit 
Kamm und Nackenfchutz, wie derfelbe den 
Abbildungen des „Theatrum Europaeum" 
von Merian (1593 — 1690) fo wie in S. L. Gott- 
frieds Chronik" (Frankfurt 17. Jahrhundert) 
überall vorkommt, alfo im dreißigjährigen 
Kriege fehr verbreitet gewefen zu fein fcheint. 




180. Indifcher Helm, mit beweglichem 
Nafenfchutz, Wangenklappen und Nackenfchutz; 
fehr reich gearbeitet und mit Edelfteinen ver- 
ziert. — Mufeum Tfarskoe-Selo bei Petersburg. 




181. Polygarifcher (Süd-Hinduftan) Helm, 
mit fefter Nafenberge, Wangenklappen und fehr 
ausgedehntem Nackenbergcamail. — Sammlung 
Llewelyn-Meyrick. 



Der Helm 



549 





183 Bis. 




7<*4 




182. Mahrattifcher (Hinduftan) Helm. Diefe 
mit einer langen, beweglichen, fonderbar geform- 
ten Stangennafenberge ausgeftattete Waffe hat 
auch einen Mafchenfchutz , der in allen Teilen 
fehr entwickelt ift, den Kopf vollftändig um- 
fchließt und in Form eines Schweifes bis auf 
die Hüften reicht. 



182. 1. Indifcher Helm mit verftellbarem 
Nafenfchutz und einem fünfzackigen Nacken- und 
Kopffchutz in Eifen mit kupferdurchwebter 
Mafchenarbeit. Diefelbe Art Helme finden fich 
auch bei den örtlichen Slaven (RufTen), wo .fie 
Mifurka hießen. 



183. Mit Schirm und Helmzier- oder Feder- 
bufchträger verfehener mongolifcher Helm; eine 
fehr fchöne, durch eingelegte Arbeit reich ver- 
zierte Schutzwaffe. — Mufeum Tfarskoe-Selo 
bei Petersburg. 



183. Bis. Mongolifcher platter Helm mit 
breiten Sturmbändern und Helmbrünne. — Mu- 
feum Tfarskoe-Selo. 



184. Japanifcher Helm mit Nackenfchutz, 
aus der kaiferlichen Bibliothek herrührend. — 
183 im Artillerie-Mufeum zu Paris. Ein famni- 
tifcher bronzener Helm, im Mufeum zu Erbach, 
hat in feiner Form viel Ähnlichkeit mit diefer 
Waffe. (S. S. 255, Nr. 21). 



55° 



Der Helm. 



185. Japanifcher Helm aus lackirtem Eifen, wie fie noch jetzt 
in Gebrauch find. Er ift mit Stangennafenberge, Nackenfchutz und 
einer Larve verfehen, die das Geficht vollftändig fchützt. — G. 140 
im Artillerie-Mufeum zu Paris. (S. S. 174, den japanifchen Harnifch). 

186. Chinefifcher konifcher Helm mit Schirm. — Tower zu 
London. 

187. Goldener und mit koftbaren Steinen befetzter Helm, der 
dem Kaifer von China angehört hat; eine zu Peking im Jahre 
1860 erbeutete Waffe. — G. 142 im Artillerie-Mufeum zu Paris. 








Augenfcheinlich ift die Form der chinefifchen und japanifchen 
Helme Jahrhunderte hindurch diefelbe geblieben, weswegen diefe 
Waffen auch von viel geringerem Intereffe find als die europäifchen, 
deren Formenreichtum dem Studium der kriegerifchen Ausrüftung 
in den verfchiedenen gefchichtlichen Zeitabfchnitten ein weites Feld 
eröffnet. (S. S. 173 die chinefifche Rüftung.) 

188. Altchinefifcher Helm. 

189. Desgleichen. 

190. Ganz aus Federn angefertigter Helm, klaffifcher Form, von 







Der Helm. 



55i 



einem der früheren Häuptlinge der auftralifchen Sandwichsinfeln. 
— Nach Keller-Leutzinger. 

190. Bis. Runder niedriger Glockenhelm mit Nafenfchutz und 
Kettennackenfchutz von Nordweft-Indien der englifchen Befitzun- 
gen. — Indifches Mufeum zu London. 

191. Desgleichen. 



190 Bis. 





192. Spitzhutfö'rmiger Helm mit Reifen und Mondfichelver- 
zierungen von Nordweft-Indien der englifchen Befitzungen. — In- 
difches Mufeum zu London. 

193. Sechskantiger Helm mit vollftändigem Gefichts- und 
Nackenfchutz aus Kettengewebe. Sindifch-Indifches (Bombai) Rüft- 
zeug. — Indifches Mufeum zu London. 



X. 
Der Schild 1 ). 



Diefe Schutzwaffe hies anfangs Scild (gr. oieXrrj für den großen 
convexen, auch döjciq u. f. w.; lat. als Schirm im allgemeinen, fowie 
der Thürfchild scutum d-vQs6g- : clipeus aonig der länglich runde; 
parma TtaQfit], der ganz runde; pelta der halbmondförmige; cetra 
ein kleiner aus Geflecht gebildeter runder; franz. bouclier, welcher 
nicht vom deutfchen Buckel oder dem mit Nabel verfehenen Buckler 
genannten Rundfchild, nicht nach dem Keltifchen (?)mit dem deutfchen 
Leder zufammengefetzten bau bedecken, fondern von neul. buccu- 
larium abzuleiten ift; engl, shield, buckler; ital. scudo, rotella, 
targa; fpan. escudo, broquel der kleine Rundfchild und adarga 
die Tartfche). — S.S. 262 — 264 weiteres über die römifchen Schilde. — 

Die Handhabung des Schildes findet vermittelfi: eins, zweier, 
ja felbft dreier Schildhenkel oder Griffe (franz. enarmes — 
von gr. Ivagiuo^a) — ich paffe an — auch poigne* de bouclier) ftatt 

Die älteflen griechifchen wie die etrurifchen Schilde hatten nur 
einen Handgriff fo wie die Schilde faft aller morgenländifchen 
Völker. Almählich erft fand der mit zwei Bügeln verfehene Schild, 
welchen die Griechen den Karern zufchrieben und entnahmen, Ver- 
breitung. Vom 6. Jahrhundert v. Ch. ab waren folche zweibügliche 
Schilde in allen griechifchen Heerkörpern eingeführt. Es fcheint 
auch, daß anfänglich die weiter unten angeführte Schildfeffel vor 
Herodot (500 v. Chr.) gleichzeitig als einzige Handhabe diente. 

') Schild heifst auch im Kriegswefcn bei einer Kaiematte die vordere Abfchluf 
mauer mit Schiefsfcharten. 



Der Schild. cc? 

Bei den ovalen griechifchen Schilden trifft man felbft dre 
Handhaben, abgefehen von der Schildfeffel an, auch find diefelben 
häufig mit Vifierausfchnitten verfehen. 

Der befonders bei größeren Schilden des Mittelalters zum 
Aufhängen über die linke Schulter dienende Riemen, die Schild- 
feffel (schildevezzel — Nibelungen 415, xEXaficov, lat. balteus 
franz. guige oder guiche) befand fichauch an griechifchen Schilden. 
Mit obigem Worte enarmes wurde früher in Frankreich aber auch 
oft das ganze Schild bezeichnet. 

Der hervorragende Mittelpunkt, befonders bei Rundfchilden, 
hieß Buckel auch Nabel (ofirpakog, lat. umbo, franz. ombilic). 

Unter den verfchiedenen antiken Schilden muffen hier wie- 
derum die der klaffifchen Mythologie genannt werden. 

Aegide (v. gr. dfg , Ziege; — alyig — Ziegenfell, welches 
auch — fo der Pallas — als Mantel diente; lat. aegis) heißt bei 
Homer der von Hephästos gefchmiedete Schild, welchen bei ihm 
ebenfo wohl Zeus wie Athene und Apollo führt und von Jupiter 
m Zorn gefchüttelt wird. Aegide hieß ebenfalls der von Jupiter 
einer Tochter Minerva (Athene, Pallas) gegebene Schild mit dem 
Medufenhaupt. 

Auch find Göttern geweihte Schilde von Griechen und Römern 
in Tempeln aufgehängt worden. Der erfte römifche davon wurde 
vom Decemvir Appius Claudius (491 v. Chr.) in Rom geftiftet. 

An eile (ayxvZwv) hieß ein, der Überlieferung nach vom 
Himmel gefallener im Palaft des Numa gefundener Bronzefchild in 
Geigenform (f. S. 267 die Abbildung). 

Der große gewölbte Rundfchild des griechifchen Fußvolkes, der 
Clipeus (dojclg) fo wie der ähnliche jiaQfir] und der kleinere Pelta 
{jitkrif) genannte, meift in Mondfichelform, alsdann mit luna be- 
zeichnet, welcher, wie der Cetra, gewöhnlich aus Holz oder Weiden- 
geflecht dargeftellt war, kamen im griechifchen Heere vor. Der Pelta 
war auch der Schild der Amazonen. Der Cetra war ein kleiner 
Rundfchild, wohl mehr nur der Afrikaner, Spanier und alten 
Bretonen (S. Varro, auch Tacitus), worunter verfchiedene aus Riemen 
geflochtene beftanden. Der damit Bewaffnete hieß Cetratus. Die 
fchottifche Tartfche foll von der Cetra abftammen. 

Bei den Römern hatte auch der scutum (d-vgeog) ein gewölbter 
länglich-viereckiger, 4 Fuß hoher Schild, den anfänglich gebräuch- 
lichen clipeus erfetzt. Die Reiterei trug aber teilweife immer Rund- 



554 Der Schild. 

fchilde und der Velit, befonders die Parma (jcaQfi?]), den großen 
Rundfchild, weshalb er beritten Parmatus genannt wurde. Die 
Parma thredica war der Rundfchild thracifcher Gladiatoren. Auch 
kommt der Name Tergum für Lederfchild vor, wovon man die 
mittelalterliche Tartfche (franz. targe, fpan. adarga, ital. targa, 
engl, targe, target) ableiten will, obfchon diefer Schild vom 
arabifchen Dardy — Tafche — flammt. Chalkaspiden hießen 
bei den Römern die mit Erzfchilden Bewaffneten. Außer diefen 
Schilden kommen fchon, fowohl bei den Griechen (f. die Abbildung 
davon im Abfchnitt aFahnen»), wie bei den Altamerikanern (f. 
S. 156, Nr. 8 und 9) Fahnenfchilde vor. 

Die älteüen Schilde der Völker germanifcher Raffen, fowie 
Franken, Alamannen, Sachfen, Burgunder u. d. m., waren groß, 
viereckig, (f. S. 295 die Abbildung) von Holz, meid: Lindenholz 
(f. die Anmerkung S. 54) mit Weidengeflecht und Bronzebefchlag, 
fpäter mit Rindshaut überzogen, während der fogenannten Eifenzeit 
aber rund und mit Schildbuckel in der Mitte, dem Nabel, welcher 
den Ausläufer des Eifengeftelles bildete (f. Nr. 45 S. 338). Die Decke 
war gemeinlich aus mehrlagigen Rindshäuten hergeftellt und mit 
phantaftifchen Geftalten bemalt. 

Der zu St. Gallen aufbewahrte Deckel von dem Antiphonarium 
des heiligen Gregors, angeblich vom Ende des 8. Jahrhunderts, ftellt 
zwar auch Kämpfer dar, die kleine viereckige, mit fpitzen Nabeln 
verfehene Schilde führen; indeffen erinnert die Arbeit fo gänzlich 
an die Antike, daß die Deckel wohl von einem Diptychon herrühren 
können. Die S. 358, nach einer Schachfpielfigur Karl d. Großen 
(768—877) abgebildete Karlingfche Krieger hat einen herzförmigen, 
faft mannshohen Schild, ähnlich dem fpäteren normannifchen, 
vom 11. Jahrhundert, auf dem Bayeuxer Teppich abgebildeten (f. 
S. 365). Die Leges Longobardorum, eine Handfchrift aus dem 
9. Jahrhundert, ftellen den König mit einer langen deutfchen Tartfche 
(abkünftig von dem römifchen scutum) dar. Diefe Form wird 
felbft noch manchmal im 14. Jahrhundert angetroffen. Der Codex 
aureus evangelicus aus dem 9. Jahrhundert, fowie die Weffo- 
brunner Handfchrift aus derfelben Zeit, zeigen wieder den Rundfchild 
mit Nabel der fich noch in der Pfychomachia des Prudentius 
in dem Pfalterium des 10. Jahrhunders im Britifchen Mufeum, in 
der Bibliothek zu Stuttgart und auf dem aus dem 11. Jahrhundert 
flammenden Teppich von Bayeux wiederfindet. Ein auf letzterem 



Der Schild. 



555 



in Form eines länglichen Herzens und zuweilen in Manneshöhe 
vorkommender Schild erfcheint als die Waffe des Normannen, der 
Rundfchild dagegen als diejenige des Angelfachfen. Diefer lange 
Schild wird deshalb auch in Frankreich als normannifcher Schild 
bezeichnet. (S. S. 367). 

Während alfo nach des Prudentius Pfychomachia des 10. 
Jahrhunderts noch angelfächfifche Krieger mit dem Nabelrundfchild 
bewaffnet find, findet man dagegen in der Biblia sacra, einer in 
der Reichsbibliothek zu Paris dem 10. Jahrhundert zugefchriebenen 
Handfchrift, fchon den kleinen Dreifpitz, Petit ecu, eine Schild- 
form, die nur während der Zeit Ludwigs des Heiligen (1226— 1270) 
allgemein in Gebrauch war. 

Der Herzog Burckhard von Schwaben (965) ift im Münfler zu 
Zürich mit einem Schilde dargeftellt, welcher an die normannifchen 
auf dem fchon erwähnten Teppiche von Bayeux, erinnert, und die- 
felbe Gattung Schilde findet fich in den Händen eines Ritters auf 
einer Flachbildnerei des Klofters von St. Aubain zu Angers und an 
dem Standbilde eines der Gründer des Naumburger Domes aus 
dem 11. Jahrhundert wieder. Der Graf von Barcelona, Don Ramon 
Berengar IV. (1162), trägt auf feinem Siegel diefelbe Art Schilde, 
die fich auch auf den unter Heinrich dem Löwen, (geft. 1 195) aus- 
geführten Wandmalereien im Braunfchweiger Dom wiederfindet. 
An diefen großen Schilden waren immer zwei Handgriffe (enarmes) 
während, wie oben angeführt, die antiken Schilde meift, aber nicht 
immer, nur einen Griff hatten. Außerdem waren die längeren Schilde 
mit einem Riemen, einer Schildfeffel, verfehen, welcher dazu diente, 
fie über die linke Schulter, die Spitze nach hinten gerichtet, zu 
hängen. 

Die alterten diefer germanifchen Schilde, die großen viereckigen 
nämlich, von denen keiner unverfehrt bis auf uns gekommen ift, 
fcheinen an der Innenfeite ausgepolftert, das Ganze durch einen 
eifernen Befchlag verftärkt, bemalt und wie fchon bei den Griechen 
mit bizarren Figuren verziert gewefen zu fein; der Gebrauch 
perfönlicher Wappen ift auf diefe Weife entftanden, wie S. yy, 
im gefchichtlichen Abfchnitt nachgewiefen ift. Mehrere Überrefte 
folcher Schilde finden fich in dem von den Waffen der Eifenperiode 
handelnden Kapitel dargeftellt, ebenfo auch der runde Schild der 
Franken. 



556 Der Schild. 

Der Petit ecu oder kleine Dreifpitz erfcheint in Frankreich 
im 13. Jahrhundert unter der Regierung Ludwigs des Heiligen; er 
war ebenfo hoch als breit. Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahr- 
hunderts hatte man aber auch, in den örtlichen Provinzen Frank- 
reichs, ftatt des Dreifpitzes, kleine Rundfchilde wie dies eine Flach- 
bildnerei an dem Dome von Angouleme zeigt. In Frankreich wurde 
auch der Rundfchild, deffen Träger rondachers hießen, im Mittel- 
alter fowohl vom Fußvolk wie von der Reiterei getragen, und fpäter 
waren die Fauftrundtartfchen, fowie die viereckigen Fauft- 
tartfchen viel bei Fechtübungen in Gebrauch. Der Schild, deffen 
man fich zu diefer Zeit in Deutfchland bediente, war fchon größer, 
wie folches an dem in der Vicenzkirche zu Breslau errichteten 
Grabdenkmale des Herzogs Heinrich II. (geft. 1241) erfichtlich ift. 
Es war der fogenannte «Rheinifche Schild» mit oben abge- 
rundeten Spitzen. Im 13. Jahrhundert hing man auch manchmal 
Schellen an die Schilde (f. das Eckenliet 33, 1). Der englifche Schild 
aus der Mitte des 14. Jahrhunderts gleicht noch dem kleinen Drei- 
fpitz und mißt nur zwei Fuß. Auf ihn folgt der nicht überall ge- 
bräuchliche erfte Fauftfchild, deffen Größe i 1 ^ Fuß nicht über- 
fchreitet und der fich bis ins 16. Jahrhundert erhalten hat, wo er 
im Triumphzug Maximilians Pugkler genannt wird. 

Die Schilde, welche auch dem Dreifpitz vorangingen, waren 
herzförmig und gemeinlich von Stützhöhe (f. hiernach die Abbil- 
dung Nr. 10). Der Setzfchild *), deutfchen Urfprungs, in welchem 
die urfprüngliche Form des alterten germanifchen Schildes wieder- 
kehrt, oben ein wenig oval und unten eckig, erfcheint gegen das 
14. Jahrhundert. Die lange hölzerne oder lederne Tartfche 2 ) 
desfelben Jahrhunderts ift leicht von der kleinen Tartfche des 15. 
Jahrhunderts, die ausgebaucht ift, fowie die kleine Turniertartfche 
mit Ausfchnitt (f. Nr. 33 und 37) zu unterfcheiden. Setztartfchen 
(f. Nr. 25) fchützten den ganzen Körper. 

Während des 16. Jahrhunderts, wo in Deutfchland, als anderswo 
der Schild faft gar nicht mehr in Gebrauch war, begegnet man indes 
ihm doch, wohl allein nur noch in ganz kleinem Maße, bei Stech- 



') Jedoch fchon bei den Babyloniern im Gebrauch. 

2 ) Tarasse hiefs auch der grofse Setzfchild, welcher den ganzen Körper verbarg. 

Tartfche oder Targe, lat. targum, franz. targe, engl, target, alle aus dem 
arabifchen dardy und tarcha. Noch heute heifst in Toulon und Marfeille der Schild, 
mit dem der Matrofe in den Seekampffpielen bewaffnet ift, targe. 



Der Schild. 



557 



rennen, wo die Form wiederum der eines Herzens, indes oben mit 
drei Spitzen, ift. Derfelben Zeit, fowie dem Ende des ^.Jahrhun- 
derts gehören alfo die Turnierbruftfchilde im allgemeinen, fo- 
wie die Rundfchilde, Fauftfchilde (franz. rondelle ä poing, 
auch pavoisienne, engl, fist shield) und kleinen Haken- 
tartfchen an, aufweichen man bereits künftlerifche Ausführung 
antrifft. Die meiften italienifchen cifelierten und getriebenen Rund- 
fchilde fcheinen nicht für den Kampf beftimmte, fondern Prunk- 
waffen gewefen zu fein. 

Im 16. und 17. Jahrhundert waren auch die kleineren Fauft- 
oder Handtartfchen wie die kleinen runden Fauftfchilde, 
als Abwehren für die linke Hand, ebenfo wie die linke Hand ge- 
nannten Dolche, — für die Fechtkunft wieder allgemein im Ge- 
brauch gekommen. 

Rundfchilde fchweren Kalibers dienten aber auch im Kriege, 
während des 15., 16. und 17. Jahrhunderts. Zwanzig folche im 
Zeughaus von Luzern und 85 im Zeughaus zu Gratz legen davon 
Zeugnis ab. Letztere wiegen zwanzig bis fünfzig Pfund und ftammen 
von den durch die Landfchaft 1610 angekauften „90 fchußfreien 
Rundtartfchen". Diefe Schilde waren für die erften Reihen der 
Angreifenden beftimmt. 

Es gab auch im Mittelalter und anfangs der Rückgriffszeit 
Schildmoven (v. fr. mouve?) genannte Überzüge zur Schonung der 
gemalten Wappen. 

Die Anficht, daß folche Hüllen auch beim Einritt in die Turnier- 
fchranken auf dem Schilde behalten und erft nach fiegreich beendigtem 
Rennen davon entfernt wurden, ift nicht berechtigt; bekanntlich 
mußte ja das Wappen vor dem Einritte erft durch die Turnier- 
vögte geprüft werden, um die „Turnierberechtiger" feftzuftellen. 

In Rußland hatte man mit bunten Heiligenbildern bemalte 
Holzfchilde von rotem Leder, welche Stjagi hießen, fo wieTartchi 
genannte Schilde mit Augenfchnitten zum Durchfehen. 

Hirifichtlich der auf vorhergehender Seite angeführten Schilde 
mit Schellen (grelots) ift zu bemerken, daß diefelben auch noch 
im fpätern Mittelalter bei Turnieren vorkommen. S. ferner S. 395 die 
Schellen an Rüftgürtel und Vorderfchurz fowie im Abfchnitte der 
Schwerter den mit Schellen verfehenen Dupfing des heil. Martinus. 



558 



Der Schild. 






3 'CD & 







1. Orientalifcher (P) 1 ) Schild nach der 
Theodofiusfäule (4. Jahrhundert). 

Diefe ovale Form war aber auch bei 
den Römern im Gebrauch (S. 262) 2 ). 

2. Viereckiger gewölbter Schild mit 
fpitzem Nabel, nach dem Antiphonarium 
von St. Gallen aus dem 8. Jahrhundert. 

3. Rundfchild mit fpitzem Nabel, vom 
5.— 11. Jahrhundert, auch fchon früher bei 
den Franken in Gebrauch; nach der Weffo- 
brunner Handfchrift vom Jahre 810, dem 
Codex aureus evangelicus St. Emmerans 
vom Jahre 870, dem Codex aureus des 9. 
Jahrhunderts, der Handfchrift Pfycho- 
machia des Prudentius vom 10. Jahrhun- 
dert, dem Älfric und dem Teppich von 
Bayeux (Sachfenfchild) etc. 

4. Lombardifch-deutfche halb walzen- 
förmige Schildtartfche aus dem Q.Jahr- 
hundert, nach den Leges Longobardorum. 
Ähnlich dem römifchen Scutum (S.S.261). 

5. Schild aus dem 10. Jahrhundert, in 
Frankreich normannifcher Schild ge- 
nannt, nach einem Standbildchen der 
Sammlung des Grafen von Nieuwerkerke. 

5V 2 . Byzantinifcher herzförmiger 
Schild mit Schildfeffel zum Aufhängen an 
der Schulter , vom 10. Jahrhundert, nach 
Schmelzmalereien in der Münchener Schloß- 
kapelle. 

6. Deutfcher Schild vom 11. Jahrhun- 
dert, nach dem mehrfach erwähnten Buche 
der Düffeldorfer Bibliothek, welches die 
Klagelieder des Jeremias und die Apoka- 



') Die Halbmonde können nicht mohammedanifche Abzeichen fein, da Mohammed 
erft 570 unferer Zeitrechnung geboren ift. 

2 ) Was die antiken Schilde anbelangt, fiehe in den Abfchnitten für ägyptifche, 
affyrifche, griechifche und römifche Waffen die Abbildungen. 



Der Schild. 



559 



lypfe enthält. Es unterfcheidet fich von dem vorhergehenden Nr. 5 
durch die gradlinige obere Form. 

7. Normannifcher, faft mannshoher Schild, nach den Stickereien 
des Teppichs von Bayeux. 

8. Der normannifche Schild von der Kehrfeite, wo die Hand- 
griffe (enarmes) und die Schildfeffel (guige) fichtbar find. 

8*! 2 . Normannifcher Schild, welchen der Reiter, gleichzeitig mit 
dem Zügel vermöge einer Fauft handhabt. 






9. Kleiner deutfcher Herzfchild, wahrfcheinlich nur 45 cm hoch, 
aus dem 12. Jahrhundert, nach einer Goldmünze mit dem Bilde 
Heinrichs des Löwen. 1 ) 

10. Deutfcher gewölbter Schild , ungefähr 80 cm hoch , oben 
nicht abgerundet; nach den im Braunfchweiger Dome unter Hein- 
rich dem Löwen (1 139—81) ausgeführten Wandmalereien. 

11. Deutfcher 60 cm hoher Schild, nach denfelben Wandge- 
mälden. 

11. I. Zwei hohe Schilde vom 13. Jahrhundert, nach einem 
Bildwerk in der Krypta des Domes zu Brandenburg. 

x ) In derartiger Form mögen wohl die S. 560 Nr. 12 angeführten fogenannten «Rheini- 
fchen Schilde» gewefen fein. 



56o 



Der Schild. 






14 Bis. 




''6 



12. Schild aus dem 12. Jahrhundert, 52 cm 
breit und 74 cm hoch, nach einem Grab- 
fteine im Klofter Steinbach, gegenwärtig in 
der Kapelle des Schloffes Erbach. Der fo- 
genannte Rheinifche Schild vom 13. Jahrh. 
hatte diefelbe Größe. 

13. Deutfcher dreieckiger Schild, nach 
der Hand fchrift Triftan und Ifolde aus dem 
13. Jahrhundert. Nach einer Handfchrift in 
der Bibliothek zu Paris findet fich diefe 
Schildform noch in der burgundifchen Bewaff- 
nung des 15. Jahrhunderts wieder. Diefer 
Schild ift wenig größer als der Petit ecu 
oder kleine Dreifpitz. 

14. Kleiner Dreifpitz (Petit ecu), 
unter der Regierung Ludwigs des Heiligen 
(1226 — 1270) in Gebrauch, aber auch damals 
außer Frankreich überall verbreitet. 

14. Bis. Flügeiförmiger Reiter fchild 
aus leichtem Holze mit Schweinsleder über- 
zogen. Er mißt 64: 127 cm und flammt aus 
dem Rathaufe zu Klagenfurt. — 13. Jahrhun- 
dert. — Sammlung Zfchille. 

15. Halbwalzenförmige Tartfche in 
der Form des römifchen Scutum, aber mit 
großem Nabel, aus dem 13. Jahrhundert, nach 
einer im Britifchen Mufeum befindlichen 
Kleinmalerei jener Zeit. Diefe Tartfche, 
ohne den Nabel, findet fich in der Bewaff- 
nung des 15. Jahrhunderts wieder, wie ein in 
demfelben Mufeum aufbewahrtes Exemplar 
beweift. Siehe auch Nr. 4, lombardifche 
Tartfche ohne Nabel des 9. Jahrhunderts, auf 
Seite 356. 



Der Schild. 



561 



15 Bii 





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9? 






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Dem min, Waffenkunde. 3. Auf! 



15. Bis. Franz. Turnierfchild mit drei 
Buckeln. — Handfchrift: «Le Miroir 
historial» aus der Mitte des 14. Jahr- 
hunderts. — National-Bibliothek zu Paris. 

15. B. Deutfche herzförmige 
Tartfche mit Vifieren, vom Ende des 
14. Jahrhunderts, nach einem in der 
Michaeliskirche in Schwäbifch-Hall be- 
findlichen Gemälde (f. S. 391). 

16. Deutfche Tartfche mit Aus- 
fchnitt und Vifieren, vom Ende des 14. 
Jahrhunderts. — Dom zu Regensburg. 
(S. Nr. 33 v. 15. Jahrh.). 

17. Desgleichen ohne Ausfchnitt. 

18. Spanifche Tartfche, vom Ende 
des 14. Jahrhunderts, nach einer im Dome 
zu Mondonedo befindlichen, den beth- 
lehemitifchen Kindermord darftellenden 
Wandmalerei. (S. S. 405.) 

18 I. Spanifch-mufelmanifche Dop- 
peltartfche vom 14. Jahrhundert, 
Wandmalerei im Gerichtsfaale der Al- 
hambra. 

19. Deutfcher manneshoher Schild 
aus dem Codex des Fechtmeifters Tol- 
hofer, vom 15. Jahrhundert. Diefer 
Schild wurde bei dem Gottesurteil (Zwei- 
kampf) gebraucht. 

20. Spanifchcr Schild mit Nabel 
nach einer Miniatur vom Jahre 1480. 

21. Schild nach einem Holzfchnitt 
a. d. 15. Jahrhundert. — Kupferftich- 
kabinett zu München. 

22. Hifpanifch-mufelmanifche Dop- 
peltartfche vom 15. Jahrhundert. Das 
Parifer Artillerie-Mufeum befitzt ein 
gleiches Stück aus Leder. (S. auch 
No. 18 1.) 

36 



562 



Der Schild. 



22. Bis. Kleiner englifcher Schild, welcher unter der Regierung 
Heinrich VI. von England, f 1470, hinten am Hals hängend, getragen 
wurde. — Sammlung Beardmore-Uplands-Hampshire. 

23. Deutfcher Schild, nach dem anfangs des 16. Jahrhundert 
in Augsburg herausgegebenen Teuerdank. 

24. Stahlfchild aus dem 16. Jahrhundert, 58 cm hoch, mit zwei 
vertieften Wappen verziert, und ringsum mit dicken eckigen Schrau- 
benköpfen befetzt. — Gefchichtliches Mufeum im Schlöffe Monbijou 
zu Berlin. 



32 Bis. 






25. Deutfche von innen und außen dargeftellte Sturmwand, 
Setztartfche oder Setzfchild mit Vifieren, 1 ) 126 cm breit und 
188 cm hoch, vom 15. Jahrhundert; aus Holz und mit Haut über- 
zogen, auch rot und gelb bemalt. Die Spitzen und der innere Be 
fchlag find von Eifen. — Mufeum zu Sigmaringen. 

26. Deutfche Sturmwand oder Setztartfche mit großem 



') In altdeutfehen Zeugliften auch Custodier genannt. — Diefe Setztartfche hiefs 
im ital. pavese, altfranz. pave fpäter pavois. 



Der Schild. 



563 






51 




30 Bis. 




Vifier, 110 — 180 cm hoch, aus dem ^.Jahr- 
hundert, Holz mit Haut überzogen. Die 
Malerei ftellt das Wappen der Stadt Ra- 
vensburg in Schwarz auf weißem Grunde 
dar. — Zeughaus zu Berlin. 



27. Deutfche Sturmwand aus dem 
I5jahrhundert. — Li imArtillerie-Mufeum 
zu Paris ; auch in der Porte de Hai zu 
Brüffel. 



28U.29. Schweizerifche Sturmwand 
mit großem Vifier 180 cm hoch, vom Ende 
des 15. Jahrhunderts. — Zeughaus zu Bern. 



30. Deutfche Sturmwand oder Setz- 
tartfche, vom 15. Jahrhundert 65 cm breit 
und 1 1 cm hoch, aus dem alten Zeughaus 
zu Enns (Ofterreich) herrührend. Die 
darauf befindliche Malerei ftellt den 
heiligen Georg dar. — Sammlung Az in 
Linz. Wertvolles Stück wegen feiner guten 
Erhaltung und trefflichen Malerei. Eine 
faft ganz ähnliche Setztartfche ift noch das 
Eigentum der Gemeinde Enns. 



30. Bis. Deutfche Tartfche in Sturm- 
wandform, 85 cm hoch, Holz und mit 
gotifcher Infchrift, aus der Mitte des 15. 
Jahrhunderts. — Sammlung Beardmore — 
Uplands — Hampshire. 

36* 



5<54 



Der Schild. 










31. Deutfche oder fchweizerifche 
Tartfche, 48 cm breit und 100 cm hoch 
Holz mit Haut überzogen. Sie ift kleiner 
als die Sturmwand, unten abgerundet und 
mit einer eifernen Spitze verfehen. Diefe 
Waffe hat wahrfcheinlich Bogenfchützen 
gedient. — Zeughaus zu Bern. 

32. Dreiteiliggewölbte, deutfche 
Tartfche, von mit Haut überzogenem 
Holz, aus dem 15. Jahrh. — Mufeum zu 
Sigmaringen. 

33. Deutfche Turniertartfche mit 
Ausfchnitt vom Ende des 15. Jahrhun- 
derts, Seiten-, Vorder- und Rückanficht. 
Sie ift aus Holz und Haut, mit Malereien 
verziert und hat einem Landgrafen von 
Thüringen angehört. — Elifabethkirche zu 
Marburg. (S. No. 16 die v. 14. Jahrh.) 

34. Deutfche Turniertartfche aus 
dem 15. Jahrhundert, von Holz und Leder, 
mit Malereien verziert. — Tower zu Lon- 
don. 

35. Deutfche wellenförmig gebo- 
gene Tartfche aus dem 15. Jahrhundert, 
aus Holz und Leder angefertigt, 63 cm 
hoch. — Artillerie-Mufeum zu Paris. 

36. Deutfche Turniertartfche mit 
Ausfchnitt aus dem 15. Jahrhundert, von 
Holz und Leder, 35 cm breit, 55 cm 
hoch. — Artillerie-Mufeum zu Paris. 

37. Deutfche Turniertartfche vom 15. 
Jahrhundert, aus Holz und Leder, mit 
Infchrift und farbiger Darfteilung eines 
Turniers, wobei, verfchiedene Gegenftände, 
vom archäologifchen Gefichtspunkte aus, 
befonders die Helme der Ritter, Beachtung 
verdienen. — Artillerie-Mufeum zu Paris. 



Der Schild. 



565 



37.Bis. Franzöfifche hohlrunde Stechtartfche mit Lederflechten, 
wodurch diefelbe am Harnifch befeftigt wurde, vom Ende des 15. 
Jahrhunderts. Ein anderes ledernes Flechtwerk, ebenfalls unter der 
Tartfche am Stückpanzer befeftigt, diente zur Stütze des Armes. 

38. Deutfche Tartfche, aus Holz und Leder, bemalt und mit 
Silber belegt, nach den Aquarellen Glockenthons, welche Waffen 
und Rüftungen der Zeughäufer Maximilians I. darftellen und im 
Anfange des 16. Jahrhunderts ausgeführt wurden. — Ambrafer 
Sammlung in Wien. 

37 1;is - 





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38. a. Hufitentartfche vom 15. Jahrhundert, nach einer 
Malerei in der St. Lorenzkirche zu Nürnberg. Eine ganz ähnliche 
mit langer Stoßklinge befindet fich auch in den Zeugbüchern Maxi- 
milian I. abgebildet. 

39. Ganz mit Silber belegte Tierkopftartfche, ibd. 
39 I. Nabeltartfche mit Schwert. 

40. Bemalte und mit Silber belegte Pf eiltartfche (St. Lorenz 
zu Nürnberg). 

41. Bemalte und vergoldete Vifiertartfche dafelbft. 

42. Kleine gewölbte, wahrfcheinlich fpanifche Tartfche, aus 
dem 16. Jahrhundert. — Armeria zu Madrid. 

43. Deutfche gewölbte Tartfche aus dem 16. Jahrhundert, 



566 



Der Schild. 



80 cm breit und 90 cm hoch. Holz und Gewebe, mit Malereien. Cluny- 
Mufeum in Paris. 

44. Gewölbte Maurifche Tartfche mit Mondfichel. — Armeria 
zu Madrid. 




46 Bis. 





45. Hifpanifch -maurifche Tartfche (adarga) vom Ende des 
16. Jahrhunderts, ganz aus gefchmeidigem Leder: 75 cm breit und 
95 cm hoch. — Artillerie-Mufeum zu Paris. (S. auch Nr. 18.) 



Der Schild. 567 

46. Deutfchcr Rundfchild mit Kampfhandfchuh und La- 
terne, aus dem 15. Jahrhundert; er diente bei nächtlichen Kämpfen. 
— I. 35 im Artillerie Mufeum zu Paris. Das Hamburger Zeughaus 
befitzt ebenfalls einen ähnlichen Rundfchild mit Laterne, jedoch 
ohne Kampfhandfchuh. (Siehe auch den Fauftfchild Nr. 61). 

46. Bis. Italienifcher Rundfchild mit Laterne, Degen- 
brecher, Stoßfehwert und Klingenfangring vom 16. Jahrhun- 
dert (Wien). — Im Germanifchen Mufeum zu Nürnberg befindet 
fich eine ähnliche Laternentartfche vom 15. Jahrhundert. 

47. Italienifcher Rundfchild aus dem 15. Jahrhundert aus Holz 
und Leder und mit mehrfarbigen Malereien bedeckt. Im Zeug- 
haufe zu Gratz befinden fich 85 ähnliche Rundfchilde und das 
Luzerner Zeughaus befitzt 21 folcher von Frifchhans Theilig in 
der Schlacht bei Giornico, im Jahre 1478, eroberten Schilde. Die 
Verzierung des hier abgebildeten Schildes ftellt das Wappen 
des erften Herzogs von Meiland, Gian Galeazzo Visconti (f 1402), 
dar, deffen Namenszug mit Krone gleichfalls darauf zu fehen ift. 
Ahnliche Exemplare Sammlung Zfchille. (S. S. 557 über folche 
Rundfchilde im allgemeinen. 

48. Deutfcher Nabelrund fchild vom Ende des 15. Jahrhun- 
derts, nach den früher erwähnten Aquarellen Glockenthons. — Am- 
brafer Sammlung. 

49. Englifcher Rundfchild vom Anfange des 16. Jahrhunderts. 
Diefe 45 cm im Durchmeffer haltende Waffe ift aus Eifen und mit 
einem kleinen Handluntenfeuerrohre verfehen, einer Art Veu- 
glaire, welche vermittelft beweglicher Büchfe geladen wird. Der 
Tower zu London befitzt 25 Stück folcher Schilde, deren fchon in 
der unter Eduard VI. (1547) ftattgefundenen Aufnahme Erwähnung 
gefchieht. 

50. Fauftfchild 1 ), Degenbrecher mit Armzeug in Eifen, aus 
einem Stück gemacht. — Artillerie-Mufeum zu Paris und kaifer- 
liches Arfenal zu Wien. 

') Der gewöhnliche Fauftfchild ift viel kleiner wie der hier vorher abgebildete 
Rundfchild. S. auch S. 445 über die Landsknecht-Rondartfchiere. 



568 



Der Schild. 



51. Italienifcher Gefichtsfchild aus dem 16. Jahrhundert, wel- 
cher nur zum Prunk gedient zu haben fcheint. Er befteht aus einem 
einzigen getriebenen Stücke. — ^Mufeum zu Turin. 





52. Rundfchild mit Vifier und Einfchnitt eines Fußfol- 
daten in gefchwärztem Stahl, 2 Fuß breit und I V2 Fuß hoch, aus 
dem 16. Jahrhundert. Diefer 12 Pfund wiegende Schild hat Vifier 
und Spalte, um den Degen durchzulaffen. Sammlung Llewelyn- 
Meyrick in GoodrichCourt. 



Der Schild. 



569 





57 



53. Italienifcher Schwert fchild, 70cm 
hoch; ausfchließlich des 50 cm langen 
Schwertes; vom 16. Jahrhundert. Die neben- 
ftehende Zeichnung giebt die Rückfeite. — 
Mufeum zu Dresden. 

54. Deutfcher Herzfchild; 50 cm hoch 
und 60 breit; aus gefchwärztem Eifen vom 
16. Jahrhundert. Der Schild ift in der Mitte 
ausgebaucht und mit Gräte. — Sammlung 
im Schlöffe Löwenburg auf der Wilhelms- 
höhe bei Kaffel. 

55. Deutfcher Fauftfchild (rondelle 
ä poing; engl, fist shield) aus dem 16. 
Jahrhundert, nach Holzfchnitten jener Zeit 
im Kupferftichkabinett zu München. 

55. I. Deutfcher Fauftfchild vom 14. 
Jahrhundert. — Sachfenfpiegel, Bibliothek zu 
Wolfenbüttel. 

56. Englischer Fauftfchild (fpan. bro- 
quel) aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, 
fogenannte Pavoifienne, nur 1 */ 4 Fuß im 
Durchmeffer. Nach dem Schnitzwerke eines 
Kammes aus jener Zeit. 

57. Deutfcher Fauftfchild, nur 30 cm 
im Durchmeffer haltend, vom Ende des 15. 
Jahrhunderts. — Städtifches Zeughaus zu 
München. 



58. Fauftfchild mit einem Haken (De- 
genbrecher); er mißt 27 cm im Durchmeffer 
und gehört dem Ende des 15. Jahrhunderts 
an. — Sammlung Llewelyn-Meyrick. 

59. Stählerner Fauftfchild; 25 cm im Durchmeffer, vom Ende 
des 15. Jahrhunderts; wird dem Grafen von Richmond (Heinrich 
VII. König von England im Jahre 1485) zugefchrieben. — I. 5 im 
Artillerie-Mufeum zu Paris. 





570 



Der Schild. 



60. Türkifcher Fauftfchild mit Vifier, von Eifen aus dem 16. 
Jahrhundert, 30 cm im Durchmeffer, mit einem Monogramm, welches 
den Namen Allah bedeutet, und einem Stempelzeichen, das man 
auf vielen aus dem Zeughaufe Mahmuds II. herrührenden Waffen 
vorfindet. — Gefchichtliches Mufeum im Schlöffe Monbijou zu 
Berlin. Ein ähnliches Stück befindet fich im Erbacher Mufeum. 

61. Deutfcher eiferner Fauftfchild von 35 cm Durchmeffer, 
mit Spitze und Laterne für nächtliche Kämpfe. — Welfen-Mufeum 
in Hannover. (Siehe den Laternenrundfchild Nr. 46. etc.) 





62. Deutfcher Fauftfchild aus dem 16. Jahrhundert, nach dem 
„Triumph Maximilians" von Hans Burckmair (1517)- 

6$. Fauftfchild aus Elenshorn mit eifernem Wappen fchild- 
chen; 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. — I. 4. im Artillerie-Mufeum 
zu Paris. 

64. Kleine deutfche Tartsche mit Armzeug, aus dem 16. 
Jahrhundert. — Von einem Grafen von Henneberg herrührend; fie 
wird jetzt in Meiningen aufbewahrt. 

65. Kleine deutfche Tartfche mit Armzeug; aus dem 16. 
Jahrhundert. — Mufeum zu Turin. 



Der Schild. 



571 



66. Kleine deutfche Tartfche mit Degenbrecher u. Kampf- 
han dfchuh, aus dem 16. Jahrhundert. — Gefchichtliches Mufeum 
im Schlöffe Monbijou zu Berlin. 

6y. Kleine deutfehe Faufttartfche mit Degenbrecherhaken; 
nur 20 cm breit. — Sammlung Llewelyn-Meyrick. Diefer Schild 
ift von beiden Seiten dargeftellt. Ein ähnliches Exemplar in der 
Sammlung des Grafen v. Nieuwerkerke. 





68. Kleine deutfche Faufttartfche, von der Rückfeite gefehen; 
vom Ende des 15. Jahrhunderts. — Gefchichtliches Mufeum im 
Schlöffe Monbijou zu Berlin. 

69. Kleine deutfche Faufttartfche 1 ) mit Degenbrecherhaken, 
vom Ende des 15. Jahrhunderts. — Mufeum zu Erbach und Porte 
de Hai in Brüffel. 

70. Gewölbter Schild von Nordweft-Indien der englifchen Be- 
fitzungen. — Indifches Mufeum zu London. 



') Diefe Faufttartfchen fowie die kleinen runden Fauftfchilde waren im 16. u. 
17. Jahrh. wieder als Linke Hand in der Fechtkunft im Gebrauch. 



572 



Der Schild. 




Deutfcher Prunkfchild aus dem 1 6. Jahrhundert, Augsburger 
Arbeit. Die getriebenen Verzierungen find von großer Feinheit, 
Medaillons, gut gezeichnete Bruftbilder und Trophäen enthaltend. 
Der Fransenbefatz ift mit Schraubenmuttern befeftigt und die Kehr- 
feite des Schildes gepolftert. — Ambrafer Sammlung in Wien. 

Italienifcher Prunkfchild, 56 cm. diam., in getriebenem, ge- 
punztem und theilweife vergoldetem Eifen, vom 16. Jahrhundert mit 
der Namenszeichnung: „Geergeus de Ghisys Mantua. F. A. 
M. D. L. III", wohl das fchönfte italienifche Erzeugnis diefer Art 
in Eifen. Es ift kein anderer derartiger Gegenftand aus der Zeit 
des Rückgriffs bekannt, wo der Stil reiner gehalten und die Einzel- 
heiten prächtiger ausgeführt find. Die Abbildung kann felbftver- 
ftändlich nicht die Feinheit, befonders des Gepunzten wiedergeben. 
— In der 1870 zu Paris verfteigerten Sammlung. San-Donato, Nr. 
631 des Verzeichnisses. 

Deutfcher Prunkfchild aus dem 16. Jahrhundert, wahrfchein- 
lich Augsburger Arbeit. Die Verzierungen diefes fehr fchön getrie- 
benen Rundfchildes weifen auf die letzten Jahre des 16., wenn nicht 
auf den Anfang des 17. Jahrhunderts hin und die Trophäen erinnern 
an Verzierungen franzöfifcher Künftler aus der Regierungszeit Hein- 
richs IV. — Ambrafer Sammlung in Wien. 



Der Schild. 



573 





574 



Der Schild. 




Deutfcher Prunkfchild, in getriebenem Eifen , (Ambrafer 
Sammlung) aus dem 16. Jahrhundert; foll dem Kaifer Karl V. an- 
gehört haben. Diefe Schutzwafle, in ihrer Art eines der fchönften 
Werke deutfcher Kunft, ift verfchiedene Male nachgeahmt und die 






Der Schild. 



575 



Kopie fehr teuer an Liebhaber verkauft worden, welche das Origi- 
nal nicht gefehen hatten. Eine diefer Fälfchungen befindet fich in 
Frankreich (gegenwärtig im Parifer Artillerie-Mufeum), wo es als ita- 
lienifches Kunftwerk erften Ranges von dem verftorbenen Baron de 
Mazis angekauft worden ift. Die nebenftehende Skizze vermag nur 
fehr unvollkommen alle künftlerifchen Schönheiten des Meifterwerkes 
wiederzugeben. 

Wie bereits bemerkt, waren Waffen diefer Art nicht für den 
Krieg beftimmt, fondern wurden nur bei Feftlichkeiten getragen, wo 
die Großen der damaligen Zeit in Pracht und künftlerifcher Voll- 
endung ihrer Rüftungen mit einander wetteiferten. 




576 Der Schild. 

Befonders ftand Italien in der ganzen Zeit des Rückgriffs durch 
Leiftungen diefer Art in hohem Anfehen, und feine berühmteften 
Künftler lieferten nicht bloß die Entwürfe zu folchen Prachtwaffen, 
fondern legten fogar bei der Ausführung felbft Hand an. 

Deutfcher, fehr forgfältig ausgeführter Prunkfchild in getrie- 
benem Eifen aus dem 16. Jahrhundert. Die Verzierungsart kann 
als charakteriftifch für die Vorwurfsweife deutfcher Stecher jener 
Zeit gelten. — Kaiferliche Sammlung zu Wien. 



XI. 

Panzerhemden und Stückpanzer (Küraffe). 

Haubert oder beringte, bekettete, befchildete undbenagelte Brünnen 
oder Panzerhemden. — Schuppen- und Mafchenpanzerhemden. — 
Platten. — Italienifche Panzerjacken (Brigantinen). — Geöhrte 
Zeugunterpanzer (Gambesons). — Bifchofskragen oder Mafchen- 
pelerinen. — Stückpanzer (Küraffe). — Koller etc. 



Die Gefchichte der allmählichen Umgeftaltung der Rüftung 
während des Mittelalters, des Rückgriffs, des 17. und 18. Jahrhun- 
derts, ift ebenfo wie in der Einleitung S. 44 und 45 die Befchreibung 
und die Benennungen der verfchiedenartigen römifchen Panzer, be- 
reits im zweiten Abfchnitt diefes Buches behandelt worden; es 
bleibt hier noch übrig, die verfchiedenen Gattungen folcher Rüft- 
ftücke genauer zu beftimmen. 

Das Panzerhemd (fr. cotte vom deutfchen Kutte, fpan. 
malla auch lorica und brunica fowie certinia, ital. giaco di 
maglia), welches der Leder- und Stahlrüftung voranging, wurde 
auch im Franz. haubert, engl, hauberk von der deutfchen 
Halsberge fowie in Deutfchland Brünne 1 ), auchBrunica genannt. 
Der kleine Haubert, das kleine Panzerhemd, fpäterhin die Rüftung 
des Schildknappen und wenig bemittelten Edelmanns, war, wie der 
Codex aureus zu St. Gallen beweift, im 8. Jahrhundert von allen 
Rittern getragen. Diefer Haubert bildete eine Art Schuppen- 
jacke, die nicht über die Hüften reichte und deren wenig an- 



l ) Altdeutfeh, wovon Brun(e)hilde, die gepanzerte Kriegsgöttin, fowie der 
Name Bruno (der Gepanzerte). 

Demmin, Waffenkunde. 3. Aufl. 37 



C78 Panzerhemden und Stückpanzer. 

fchließende Ärmel etwas unterhalb des Ellbogens endeten. Der 
groß e oder weiße Haubert, das lange Panzerhemd, in Kittelform 
und mit Kapuze oder Ringhaube, (franz. camail), ging anfangs 
nur bis über das Knie und die wenig anfchließenden Ärmel, das 
Armzeug oder die Armberge, hörten etwas unterhalb des Ell- 
bogens auf; in folcher Weife rindet fich dies Waffenkleid im Martyro- 
logium, einer in der Stuttgarter Bibliothek befindlichen Handfchrift 
vom 10. Jahrhundert, und im Älfric, einem angelfächfifchen Manu- 
fkript des i I.Jahrhunderts, in der Bibliothek desBritifchen Mufeums, 
dargeftellt. Was die Bewaffnung des deutfchen Ritters in der 
ebenfalls dem u. Jahrhundert angehörigen Handfchrift der Düffel- 
dorfer Bibliothek, welche den Jeremias und die Apokalypfe ent- 
hält, anbelangt, fo ift die Ausbildung derfelben um fünfzig Jahre 
allen fonftigen aus jener Zeit bekannten Rüftungen voraus; denn 
nach der Seligenthaler Mitra und dem Teppich von Bayeux, die 
beide demfelben Jahrhundert angehören, war die große Brünne, 
welche jene Handfchrift fchon mit langen Ärmeln und getrennten 
Rüfthofen und Rüftftrümpfen darfteilt, noch eng wie ein Tricot 
anfchließend, mit daran feft fitzen den Rüfthofen und kurzen Armein. 
Die Schutzrüftung, welche in der erwähnten Jeremiashandfchrift 
vorkommt, erfcheint in England, Frankreich und Spanien erft im 
12. Jahrhundert, wie dies auf den Siegeln Richards I. Löwenherz 
(i 189 — 1 199), Ludwigs VII. des jüngeren (1 1 37— 1 180) und des 
Grafen von Barcelona, Don Ramon Berengars IV. (1131 — 1162) 
dargeftellt ift. 

Diefer Haubert, diefe Brünne oder Panzerhemd wurde 
vor und während der allgemeinen Anwendung des Mafchenwerks •) 
auf verfchiedene Weife von gepolftertem Stoffe oder dickem Leder 
angefertigt. Die ältefte Art bei den germanifchen Völkern, jedoch 
wohl nach fchon vorheriger Anwendung von Schutzftücken aus 
Bronzedraht (f. S. 292, 293 u. 299), ift wahrfcheinlich die beringte 
(franz. annelee, engl, ringed) Brünne (la broigne im Franz.), bei 
welchem der Schutz in Metallringen beftand, die flach, einer neben 
dem andern, aufgenäht wurden. Schon im Rolandsliede gefchieht 
Erwähnung der Broigne: «Helmes lacies e vestues lor bronies» 
(CCXXII). Das bekettete (franz. rustree, engl, rustred) Panzer- 

') S. S. 236 u. 276 die fchon bei den Römern gebräuchlichen Panzerheraden von 
Kittengewebe der hastati und unter der Republik. 



Panzerhemden und Stückpanzer. £7g 

hemd hatte an Stelle der einfachen und runden Ringe ovale und 
flache Ringe, die zur Hälfte immer einer den andern bedeckten. 

Das Schildpanzerhemd (franz. maclee, engl, macled) war 
mit kleinen Metallplatten in Rautenform befetzt. 

Das gegitterte oder benagelte (franz. treillissee, engl, 
trelliced) Panzerhemd beftand aus Metallplättchen ') oder 
aus Lederftreifen, die auf das Zeug oder die Lederhaut netzartig 
aufgefetzt waren; jedes auf diefe Weife gebildete Viereck oder jede 
Raute trug einen vernieteten Nagelkopf. 

Jazeran oder Korazin 2 ) nannte man die große Brünne, welche 
wie der oben erwähnte kleine Haubert des 8. Jahrhunderts, ge- 
fchuppt, d. h. mit Schuppen befetzt (lat. lorica serta oder hamis 
conserta; franzöfifch imbriqueoder £caille, englifch scaled) war. 
Das Mafchen- oder Kettenpanzerhemd (aXvöig, latein. molli 
lorica catena — f. d. griechifchen S. 200, wenn nicht gefchuppt? 
— ftwQaf- XejTiöcQzog, — franz. cotte de mailies, engl, chain-mail 
haubert, dän. eiferkotze) beftand ganz aus Mafchen, meift von 
Eifen, und hatte weder Stoff noch Lederfutter, auch keine Kehrfeite; 
ein Metallgewebe, das wie ein Hemd angelegt wurde und deffen 
Ringe Stück für Stück vernietet waren, was man Gerftenkornver- 
nietung (grains d'orge) nannte. 

Es giebt zwei Arten diefes Mafchenwerks; die einfache und 
die doppelte Mafche, für deren Anfertigung Chambly (Oife) Ruf 
hatte. Die doppelte wie die einfache Mafche weift ftets auf jeden 
Ring vier andere mit ihm verbundene auf. 

Diefes Mafchenpanzerhemd reicht in Deutfchland weiter als nur 
bis zu der Zeit der Kreuzzüge zurück, wie es der Schlendrian der 
Kompilatoren noch immer nachfchreibt. Nicht die Kreuzfahrer find 
es, die dasfelbe bei der Rückkehr von Jerufalem in ihr Heimatland 
eingeführt haben; das Mafchenpanzerhemd war hier fchon lange 
vor dem 11. Jahrhundert verbreitet. Die byzantinifche Prinzeffin 
Anna Comnena kannte es nur als die Tracht der aus dem Norden 
gekommenen Ritter. (S. ihre Denkwürdigkeiten.) 

So wurden u. a. auch in den Reihengräbern bei Dürkheim 



') Solche gegitterte (treillissee) oder benagelte Plättchenpanzerhemden 
mögen wohl morgenländifchen Urrprungs fein und gehören zu den älteften in der euro- 
päifchen Bewaffnung (f. S. 347, 353, 366 u. 368, fowie die byzantinifchen Panzer S. 286}. 

2 ) Ein Name, der wahrfcheinlich von Khorafan, der nordöftlichen Provinz Perfiens, 
abzuleiten ift. 

37* 




r8o Panzerhemden und Stückpanzer. 

Stücke von Meffingpanzergeflecht gefunden, wo die Einlage aus 
Leder befleht und darauf mitteilt einer aus Graphit und kohlenfaurem 
Kalk begehenden Maffe auf beiden Seiten das Meffinggewebe ge- 
kittet, und über diefem noch Wollenftoff angebracht ift. Jetzt wird 
in der Technik derfelbe Kitt angewendet, der aus Graphit, Ochfen- 
blut und gebranntem Kalk befteht. 

Die hier abgebildeten genieteten Eifen- 
mafchen, 8 mm dick, von einer kleinen 
deutfchen Brünne aus dem 13. Jahrh., find zu 
Thorsberg im Holfteinifchen gefunden worden). 
(S. S. 276 die römifche Eifenmafche, fowie S. 236 
die römifchen Kettenpanzer. 

Das Mafchenpanzerhemd wird immer noch von den Indiern, 
Perfern, Chinefen, Japanern, Mongolen, Mahratten, Polygaren, Tfcher- 
keffen und andern getragen; die Mafchen find aber da oft ohne 
Vernietung, gleich den der gefälfchten Parifer Panzerhemden. Es 
giebt indes auch perfifche und tfcherkeffifche Panzerhemden mit 
Vernietung. 

Platte, (wovon noch vorhandene nicht bekannt find), hieß ein 
aus von oben nach unten laufenden Schienen beftehender, mit 
Nagelköpfen auf Leder genieteter Panzer, welcher meift, nach Art 
der Lendner, bis über die Lenden reichte, mit Leinen gefüttert 
und etwa nur von 1230 bis 1350 im Gebrauch war, weil er nur über 
die Brünne zur Verftärkung getragen wurde, ebenfo wie die Bruft- 
platte oder das Stahlftück (f. über beide S. 66 — 69, 340, 398, 400; 
401 u. d. m.) Es ift bis jetzt auch kein auf uns gekommenes Exem- 
plar eines Stahlftückes bekannt. — 

Die Panzerjacke war eine Art kurze Brünne, die nicht über 
die Hüften reichte, und wie der weiße oder große Haubert auf 
verfchiedene Weife angefertigt wurde. 

Die italienifche Panzerjacke oder Brigantine (franz. bri- 
gantine, engl, brigandine-jacket) ift aus kleinen Metallfchilden 
gefertigt, in der Art der fchild- oder dachziegelförmig gefchuppten 
Panzerhemden; diefe Schildchen find auf der inneren Seite des 
Stoffes und zwar derartig genietet, daß diezumeiftaus (mit Leinwand 
gefüttertem) Samt beftehende Außenfeite nichts als eine Unzahl kleiner 
aus kupfernen Nagelköpfen gebildeter Vernietungen zeigt, während 
der eigentliche Harnifch, nach innen gewendet, an den Körper fich 



Panzerhemden und Stückpanzer. 58 1 

anlegt. Die Brigantine, in Italien befonders während des 15. Jahr- 
hunderts in Gebrauch, war auch die Lieblingsbekleidung Karls des 
Kühnen. 

Unter Gambefon oder geöhrtem Unterpanzer verftand 
man eine Art Wams ohne Ärmel, das über und über mit Schnür- 
löchern bedeckt und aus Leder oder Leinwand gefertigt war. Der 
Gambefon oder Gambifon mit daran fitzenden Rüflhofen und 
Rüftftrümpfen, welcher im I4.jahrhundert unter denfrüheftenSchie- 
nenrüflungen getragen wurde und von dem ein einziges Exemplar 
nur (im bayerifchen National -Mufeum zu München) bekannt ift, 
beftand gleichfalls aus leicht gefüttertem Leder oder Leinen; Bruft- 
fchild, Vorderfchurz und die Seiten der Kniefcheiben waren dabei 
mit Eifenmafchen verfehen, um den Körper auch an den fch wachen 
Stellen der Rüftung zu fchützen. 

Der Bifchofskragen, auch Mafchenpelerine, wurde häufig 
über dem Panzer getragen und war befonders in Italien im 15. Jahr- 
hundert in Gebrauch. Eine der im Parifer Medaillen-Kabinett auf- 
bewahrte Schachfpielfiguren Karl des Großen (f 877) zeigt aber 
auch fchon den Karlingifchen Krieger mit Schuppenpelerine. 
(S. die Abbildung S. 358.) 

Die auf der vorhergehende Seite bereits erwähnte Platte, welche 
der Schienenrüftung vorausging und zur Verftärkung des Mafchen- 
panzerhemdes. worüber fie getragen wurde, diente, befteht aus unter 
dem Lederüberzug neben einander herunter laufenden Eifen- 
fchienen, welche vermittelft Niete, wovon gemeinlich die Köpfe auf 
der äußeren Seite desLederwamfes fichtbar hervortreten, befeftigt find. 

Der Stückpanzer, Plattenpanzer oder Küraß aus dem 
italienifchen corazza, von dem lateinifchen corium, Leder, weil 
die erften römifchen Stückpanzer wahrfcheinlich aus Leder ange- 
fertigt waren (franz. cuirasse) befteht aus zwei Teilen: der Bruft- 
fchild (franz. plastron, auch pectoral-mammeliere, engl, 
breast-platte), welche der Bruft zum Schutze dient, und der 
Rückenplatte (franz. dossiere, auch humeral musquin, engl, 
back-platte), welche den Rücken fchützt. — Gräte (franz. tabule, 
engl, centre-ridge, salient-ridge, tapul) nennt man die Linie, 
welche oft den Bruftfchild in der Mitte von oben nach unten teilt. 

Man nannte auch wohl Semi-Lorica den Hals- oder nur 
Bruftpanzer. 




582 Panzerhemden und Stückpanzer. 

Mit Carrelet (der eigentliche Name des dünnen dreifchneidi- 
gen Degen), häufiger aber noch mit Halecret, bezeichnet man im 
Altfranzöfifchen den kleinen aus Eifen gefchmiedeten Stückpanzer, 
welcher im 15. und 16. Jahrhundert im Gebrauch war. Die Benenn- 
ung Halecret kommt u. a. verfchiedene Male in den „Contes de 
la reine de Navare" (Marguerite de Valois, 1492 — 1549) vor. 

Cuirassine hieß im Altfranzöfifchen der kurze, nur wie der 
Frauenfchnürleib, bis unter die Schultern reichende Stückpanzer. 

Rücken- und Bruftfchild wurden gewöhnlich durch Riemen ver- 
bunden, die über Schultern und Halsberge reichten. Der Zufchnitt 
des Stückpanzers gewährt , wie derjenige der übrigen Theile der 
Rüflung , felbft mehr noch , einen Anhaltspunkt für die Zeitbe- 
ftimmung. Die gotifchen Bruftfchilde fowohl als auch diejenigen 
aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts find bisweilen fcharfkantig, 
gewölbt und halb gewölbt; im allgemeinen richtet fich ihre Form 
nach der Kleidertracht der Zeit. 

Die Allegrate (franz. wie der obige carrelet, halcret ge- 
nannt, engl, allecrete) gehört auch zu den Panzern, foll aber ein 
nur ganz leichter aus Eifenblech und mit anhängenden Mafchenkreb- 
fen verfehener gewefen fein, welcher von 1520 bis um 1570 bei den 
leicht bewaffneten Söldnern, befonders den Schweizer Landsknechten 
verbreitet war. Genaueres darüber ift dem Verfaffer nicht bekannt. 
Wahrfcheinlich trug diefen Namen der nur die Bruft und den Ober- 
leib bedeckende Panzer ohne Rückenfchild, wie man ihn oft in alten 
Stichen und Zeichnungen als Landsknechtsrüftftück dargeftellt fin- 
det und wo derfelbe aus querlaufenden Eifenfchienen zu beftehen 
fcheint (oder -die S. 477 abgebildete Halsberge?). 

Ausführliche Erläuterungen über die Umgeftaltung aller folcher 
Schutzwaffenftücke findet man in dem gefchichtlichen Abfchnitt, 
fowie auch in dem Kapitel, welches die vollftändige Rüftung in 
allen ihren Einzelheiten behandelt. — Die Zeichnungen, welche hier 
dargeftellt find, geben in zeitfolgiger Aufftellung alle Arten Panzer- 
jacken, Panzerhemden, Panzer und Stückpanzer, wie fie bis 
zur Zeit ihrer Abfchaffung (1620 — 166b) auf einander folgten um 
dann durch die gewöhnlich aus Elenshaut angefertigten und mit 
großem Ringkragen oder Halsberge aus bronzirtem Eifen verfehenen 
Koller (franz. buffletin, engl, buff-coat, auch jeskir) erfetzt 
zu werden. 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



583 



1. Stück eines Ringpanzerhemdes, (franz. broigne), 1 ) das 
aus flachen , neben einander auf gepolfterte Leinwand oder auf 
Leder genähten Ringen zufammengefetzt war. 

Diefe Gattung und die folgenden find in den Buchmalereien 
oft kaum von einander zu unterfcheiden. (Vgl. die unter Nr. 4 
folgende Zeichnung.) 





flffliWütw 




2. Stück eines Kettenpanzerhemdes; hier find die flachen 
Ringe oval und bedecken einander zur Hälfte. 

Diefe Art, bei welcher die Ringe nicht ineinander verfchlungene 
Ketten bilden, fcheint oft in den Kleinmalereien aus wirklichen 
Ketten zu beftehen. 

3. Stück eines Schildpanzerhemdes (franz. maclee). Die 
Rüftung befteht aus kleinen Metallplatten in Rautenform, welche 
ebenfalls auf eine Unterlage von Zeug öder Leder genäht find und 
zuweilen einander zur Hälfte bedecken. 



l ) Hewitt giebt die Abbildung eines elfenbeinernen Reiterftandbildchens vom 14. 
Jahrhundert, wo die Brünne fowie die Parfche des Pferdes mit Lederftreifen auf 
welcher Ringe genäht find, Verftärkungen erhalten. 



5 8 4 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



4. Mufter des gegitterten und benagelten Panzerhemdes 
(franz. treillissee.) (Diefe ebenfalls aus gepolfterter Leinwand oder 
Leder hergeftellte Schutzwaffe ift mit dicken, gitterartig aufgefetzten 
Lederftreifen verfehen, in der Mitte jeder Raute fitzt ein vernieteter 
Nagelkopf. 

Es hält fchwer, diefe Art in den Kleinmalereien von dem Ring- 
panzerhemd zu unterfcheiden, da folche benagelte Hemden mit 
(wie hier) aber auch ohne die Schienenftreifen anfangs des 9. Jahr- 
hunderts vorkommen. (S. Nr. 9). 

5. Probe des gefchuppten oder 
beziegelten Panzerhemdes (d. Qc6q<xc 
ZEJuöwTog, lorica squamae der alten 
Griechen, S. S. 177 und 201 , franz. 
öcaillee fowie fuilee), auch Jazeran 
und Korazin genannt, deffen Verklei- 
dung aus Metall fc huppen befteht, die 
nach Art der Dachziegel reihenweife auf 
gepolflerte Leinwand oder auf Leder 
genäht wurden und fich teilweife deckten. 

Solche Schutzrüftungen waren auch 
bei den Affyrern im Gebrauch r ). 





6. Probe des genieteten Ketten- 
oder Mafchengewebes. (Molli lorica 
catena der Römer, f. S. 236.) Ein fol- 
ches nur aus Metallmafchen angefertigtes 
Mafchenpanzerhemd hat keine Fütterung. 
Die Außen- und Innenfeite find einander völlig gleich. 

Das Ungenietete ift dem Genieteten lehr ähnlich, nur daß die 
Nietftellen fehlen. 

Das Mafchenpanzerhemd (franz. cotte de mailies) war anfangs 
des 12. Jahrhunderts allgemein. 

7. Kleines Panzerhemd oder kleine Brünne (jacque des 



') Magdeburger Heller aus den Jahren 1 150 und 1160, fowie einige ältere deutfche 
Heller zeigen Panzerhemden, an denen man deutlich die Dachziegelformlage unterfchoidet, 
welche aus gröfseren Schuppen gebildet, auch an den Hauberten der Kitter auf den im 




Panzerhemden und Stückpanzer. 



585 



8. Jahrhunderts, aus dachziegelförmig über einander gelegten Schup- 
pen, eine Art Waffenkleid, das auch unter dem Namen Jazeran 
oder Korazin bekannt war. — Codex aureus aus dem 9. Jahrh. 
von St. Gallen. 

8. Benagelter großer oder weißer Haubert, oder Brünne 
oder ganzes Panzerhemd, mit daranfitzender Ringhaube oder 
Kettenkapuze und kurzen Ärmeln. Nach dem Martyrologium, einer 
Handfchrift aus dem 10. Jahrhundert in der Stuttgarter Bibliothek. 






9. Normannifcher gegitterter großer oder weißer Hau- 
bert, eine Brünne aus dem n. Jahrhundert, mit lofer Kettenhaube 
und kurzen Ärmeln. Teppich von Bayeux. 

10. Ruffifche kurze Brünne, welche von Wladimir Staritza dem 
Großen (herrfchtev.973— 1015) getragen worden ift. Die Eifenmafchen 



11. Jahrhundert ausgeführten Wandmalereien im Braunfchweiger Dom zu erkennen ift. 
Die ältefte bekannte Brünne mit ziegeiförmigen Schuppen ift die oben dargeftellte des 
Codex aureus von St. Gallen, aus der Zeit zwifchen dem 8. und 9. Jahrhundert. Die 
Brünne auf Childerichs I. (447 — 481) Siegelringe (f. S. 353) fcheint gegittert, wenn 
nicht befchildet (franz. macle) wie Nr. 3 und 8 hier. 



586 



Panzerheraden und Stückpanzer. 



find hier mit Mengen viereckiger Plättchen verftärkt. welche 
alle Kreuze zeigen. 

11. Deutfche Brünne aus dem 1 1. Jahrhundert mit daran- 
fitzender Ringhaube, Rüfthofen und Rüftftrümpfen , nach 
der mehrfach erwähnten Handfchrift : „Klagelieder des Jeremias 
und Apokalypfe," in der Düffeldorfer Bibliothek. 

12. Gambefon oder Gambifon, geöhrter leinener Unter- 
panzer, eine Waffenjacke aus dem 16. Jahrhundert, von durch- 
flochener und nach Art der Schnürlöcher ausgenähter Leinwand. 
Der Gambefon wurde meiftens unter dem Stückpanzer getragen. — 
Cluny-Mufeum in Paris und Sammlung Renne in Konftanz. 





12 Bis. 





12. Bis. Franzöfifcher über der Brünne getragener, aus Leder- 
riemen geflochtener Oberpanzer (franz. Gambifon tresl£) vom 
Ende des 14. Jahrhunderts. Franzöfifche Handfchrift: „Tite-Live" 
von 1395. — National-Bibliothek zu Paris. 

13. Gambefon oder Gambifon (fpan. gambax — velmez — 
perpunte) aus dem 14. Jahrhundert, mit daranfitzenden Rüfthofen 
und Strümpfen. Er ift aus gepolfterter Leinwand gefertigt und 
auf der Bruftplatte, am Vorderfchurze und an beiden Seiten der 
Kniefcheiben mit eifernem Mafchengewebe befetzt. Das einzige 

') In Frankreich wurden folche Gambifons (gambeson, wambison, gambais, gam- 
.baisen) verfchiedener Art, während des 12., 13. und 14 Jahrhunderts, fowohl über wie 
auch unter der Brünne getragen. 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



587 



bekannte Exemplar, nach welchem diefe Zeichnung angefertigt ift, 
befindet fjch im National-Mufeum zu München. 

13. I. Bruftplatte oder Stahlftück (franz. plaftron, — pec- 
toral mammeliere auch piece d'acier) in Eifen , welche vom 
13. bis 14. Jahrhundert über der Platte und Brünne getragen wurde. 
(S. S. 398.) 

Die Ketten dienten zur Befeftigung von Schwert und Dolch. 

13. II. Hintere Anficht der vom Verfaffer reftaurirten hier in- 
nererfeits dargeftellten Platte, einer von 1230 — 1350 über die 
Brünne, zur Verftärkung gegen Speerftöße, oft auch gleichzeitig 
mit den Bruftfchilde oder Stahlftücke, getragenen Schutzwaffe. 




(S. S. 6g.) Neben jeder der breiten herablaufenden Eifenfchienen 
befindet fich ein fchmaler, der mit kleinen, wie die breite mit großen 
Nietnagelköpfen , unter dem lendnerförmigen Lederüberzug be- 
feftigt ift, fo daß äußerlich die Platte nichts von den Schienen, fon- 
dern allein die Nietnagelköpfe, oft aber auch felbft diefe nicht 
zeigt, da es auch Platten gab, welche doppelten Lederüberzug hatten. 
Gemeinlich wurden die Platten auf dem Rücken zugefchnürt. 
Ein S. 251 abgebildeter germanifeher (?) Panzer der fogenannten 
Eifenzeit hat wegen feiner ebenfalls herablaufenden Schienen Ähn- 
lichkeit mit der mittelalterlichen Platte, wovon kein Exemplar mehr 
vorhanden ift. 



588 



Panzerheraden und Stückpanzer. 





14. Venetianifche Mafchenpele- 
rine 1 ) auch Bifchofskragen genannt, 
mit der die Dogen bewehrt waren. Die- 
felbe wurde auch in Deutfchland im 15. 
und 16. Jahrhundert getragen. — Samm- 
lung Renne" in Konftanz. (Das Exemplar 
flammt aus dem Dresdener Mufeum.) 

^. ,^ z 14. I. Halsbergebruft- 

\W$ft ftück (wahrfcheinlich mit 

Achfel und Rückenftück), 

eines deutfchen Ritters von 1365. — Nach 

Ausgrabungen in der Tannenburg, von 

Hefner-Alteneck. 

15. Mafchenhalsberge mit Ärmeln 
aus dem 15. Jahrhundert. — Dresdener 
Mufeum. 

16. Italienifche Panzerjacke oder 
Brigantine 2 ) aus dem 15. Jahrhundert. 
Die dreilappigen mit Lilien bezeichneten 
Schuppen (Nr. 17) find dachziegelförmig 
aufgefetzt und unter das Samtwams ge- 
nietet, deffen Innenfeite fie bilden. — 
Darmftädter Mufeum. 

17. Dreiblättrige Schuppe der eben- 
genannten Brigantine, in nahezu natür- 
licher Größe. 

18. Brigantinenfchuppen, mit 
Stempel, einen Löwen vorteilend, aus 
der Sammlung des Verfaffers. 

Viele Mufeen haben folche Brigan- 
tinen mit ihrer Kehrfeite aufgeftellt. Der 
Irrtum rührt daher, daß die Konfervato- 
ren der Meinung gewefen find, der Stoff, 
Samt oder Leinen, muffe dem Körper 
zugewendet gewefen fein. Die Biegung 
der Schuppen weift jedoch daraufhin, daß 



•) Clavin auch colletin hiefs im Franz. ein ähnlicher Bruft- und Halsfchutz. 
2 ) Nicht zu verwechfeln mit der Platte (f. darüber S. 69 u. 587). 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



589 



diefe Rüftung anders getragen wurde. Jene irrige Auffaffung hat 
fich in die Mufeen zu Dresden, in das Cluny-Mufeum zu Paris und 
in die Ambrafer Sammlung eingefchlichen. 

19. Brigant inenbruftplatte aus dem 15. Jahrhundert, aus 
kleinen Stahlplatten zufammengefetzt. Sie ift im Cluny-Mufeum, 
ebenfalls mit der Kehrfeite nach außen, wie fie hier gezeichnet, aus- 
eeftellt. 








20. Brigantine aus dem 15. Jahrhundert, aus kleinen Stahlplatten 
zufammengefetzt und im Artillerie-Mufeum zu Paris unter Nr. 127, 
wiederum mit der Kehrfeite nach außen geftellt. — In den Mufeen 
zu München und Sigmaringen find ähnliche Exemplare. 

21. Brigantine aus dem 15. Jahrhundert, aus dreiblättrigen, 
zur Hälfte einander bedeckenden Schuppen zufammengefetzt. Diefes 
Exemplar ift wegen feines Vorderfchurzes bemerkenswert, der einen 
Teil der Schenkel, von den Hüften an, umgiebt. — Mufeum zu 
Dresden. Die Ambrafer Sammlung befitzt eine ähnliche Brigantine. 
In beiden Mufeen find wieder die Kehrfeiten nach außen gewendet. 

22. Rüftjacke aus dachziegelförmigen Stahlfcheiben mit Hals- 
berge und Mafchenarmzeug, aus dem 15. Jahrhundert. Die 



590 



Fanzerhemden und Stückpanzer. 



Schuppen diefer Rüftung find nicht, wie die der Brigantinen, auf 
den Stoff, fondern unter einander vernietet. Diefe Jacke hat wie 
ein Mafchenpanzerhemd, weder Zeug- noch Lederfutter. — Samm- 
lung Erbach in Erbach. 




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1} 



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23. Schuppen obiger Jacke, in halber natürlicher Größe. 

24. Mafchenpanzerjacke, dem Johann Ziska (geft. 1424) zu- 
gefchrieben, auf einem alten, wahrfcheinlich nach Zeichnungen aus 
jener Zeit gemalten und in der Genfer Bibliothek aufbewahrten 



Panzerhemden und Stiickpanzer. 



591 



Bilde. Jacke und Bruftplatte find aus Eifen, die Mafchen der Hals- 
berge und die Wülfte dagegen aus Kupfer. 

25. Rüftung aus Stahlfcheiben, nach einer perfifchen, um 1600 
angefertigten Handfchrift. Diefe Kopie des Schah-Nameh oder 
Heldenbuches, ift mit 215 prächtigen Miniaturen ausgeftattet und 
befindet fich in der Bibliothek zu München. 

26. Perfifche Mafchenbrünne mit Ärmeln und Rüfthofen 
nach derfelben Handfchrift. 

27. Geglättete Stahlfchuppe in beinahe natürlicher Größe von 
der Jazeran, d. h. der dachziegelförmig gefchuppten Rüftung So- 
biesky (1674 — 1696), die im Mufeum zu Dresden aufbewahrt wird. 
Eine große Anzahl diefer Schuppen ift mit vergoldeten und darauf 
feftgenieteten Kupferkreuzen verziert. — S. im die Helme be- 
treffenden Abfchnitte die zu diefer Rüftung gehörige Eifenkappe. 

28. Mongolifches Panzerhemd mit Stahlfpiegeln vom An- 
fange des 18. Jahrhunderts. Die Mafchen find ohne Vernietung. — 

59 G. 138 im Artillerie-Mufeum zu Paris. 



29. Polygarifches Mafchenpan- 
zerhemd. — Sammlung Llewelyn-Mey- 
rick in Goodrich-Court. 




Für diefe Rüftung find die Spitzen, 
welche von dem Halskragen herabgehen, 
charakteriftifch. 




ja§ptf>- 



30. Indifches (?) Panzerhemd — 
Sammlung Llewelyn-Meyrick. Der 
flehende Halskragen und die viereckigen 
Plättchen fcheinen auf einen nicht fehr 
alten Urfprung zu deuten. 



59 2 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



31. Indifches Rüftzeug aus Rhinozerosfell 1 ). Dlefe Rüftung, die 
mit damaszierten Scheiben befetzt ift, hat einen fehr neuzeitigen und 
wenig gefälligen Charakter. Das Artillerie-Mufeum zu Paris befitzt einige 
ähnliche morgenländifche Rüftzeuge. — Sammlung Llewelyn-Meyrick. 

31. Bis. Sindifch-Indifches (Bombay) Rüftzeug in Schienen, 
Schuppen und Kettengewebe. — Indifches Mufeum zu London. 

3 ^ 





32. Sarazenifches Mafchenpanzerhemd, aus dem 16. Jahr- 
hundert. An feinem hintern hier fichtbaren Teile ift es mit einer 
Art einfacher und unten gezackter Ringhaube verfehen, die zu- 
gleich als Schulterfchutz und als Camail dient. Diefe im 
Artillerie-Mufeum zu Paris befindliche Rüftung ift kurz und reicht 
nur wenig über die Hüften hinab. 

33. Gotifcher Gräten-Stückpanzer oder Grätenküraf.5 (franz. 
Cuirasse) mit Vorderrüfthaken (franz. faucre, — S. S. 424 u. 427 
den Hinterrüfthaken, franz. queue), aus dem 15. Jahrhundert. — 
Ambrafer Sammlung und Sammlung Zfchille zu Großenhain. Diefe 
Form ift überhaupt die fchönfte, die es giebt. 



') Nach dem Meyrickfchen Kataloge werden zu Mandavie, am Golf von Cutch, 
dergleichen Rüftungen angefertigt. Die Panzer sowie die runden Schilde follen dort 
aus den in Öl gefottenen Häuten der Rhinocerofle und Büffel hergestellt sein. 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



593 



34. Gotifcher Stückpanzer aus dem 15. Jahrhundert, ohne 
Rüfthaken, mit gefchientem Vorderfchurz. — Zeughaus in Zürich. 

35. Grätenftückpanzer aus dem 15. Jahrhundert; er ift aus 
fehr fchwerem Eifen und mit rotem, durch eiferne Nagelköpfe 
befeftigten Samt überzogen. — Bayerifches National-Mufeum zu 
München. 

36. Gotifcher Stückpanzer ohne Gräte, vollftändig gewölbt 
und von einer deutfchen Rüftung vom Ende des 15. Jahrhunderts 
flammend. Nach den im Jahre 1505 ausgeführten Zeichnungen 
Glockenthons. — Ambrafer Sammlung. 








37. Halbgewölbter Stückpanzer ohneGräte, von einer deutfchen 
Rüftung, vom Ende des 15. Jahrhunderts, aus getriebenem Eifen. — 
Sammlung Llewelyn-Meyrick. 

38. Halbgewölbter Stückpanzer ohne Gräte, mit Vorder- 
rüfthaken, von einer deutfchen, fogen. Maximilianifchen, ge- 
rippten oder Mailändifchen Rüftung vom Ende des 15. Jahr- 
hunderts. Der fehr große Vorderfchurz von gefälliger Form endigt 
nicht in Krebfen, wie das fehr häufig bei diefen Rüftungen vor- 
kommt. Panzer und Vorderfchutz find hier vereint. — Arfenal zu 
Wien und Sammlung Zfchille. 

39. Halbgewölbter Stückpanzer ohne Gräte, von einer deutfchen 
Rüftung von dem Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts. — 

Dem min, Waffenkunde. 3. Aufl. 38 



594 



Panzerhemden und Stuckpanzer. 



G. 5 im Artillerie-Mufeum zu Paris und Sammlung des Grafen von 
Nieuwerkerke. 

40. Halbgewölbter Stückpanzer mit Gräte und Vorderfchurz 
aus der erften Hälfte des 16. Jahrhunderts, von einer deutfchen 
Rüftung, die dem Landgrafen Philipp dem Großmütigen, geft. 1567 
angehört hat. 

-tfllQg. 42 1 






41. Halbgewölbter Stückpanzer mit Gräte und Rüfthaken aus 
der erften Hälfte des 16. Jahrhunderts, von der Rüftung eines 
Ritters vom Orden des heiligen Georg. — Sammlung Llewelyn- 
Meyrick. 

42. Stückpanzer mit Rüfthaken ohne Gräte, einer deutfchen 
Rüftung, von der Mitte des 16. Jahrhunderts. — Sammlung des 
Grafen von Nieuwerkerke und im Stadtzeughaus zu Wien, wo viele 
folche von der Bürgerwehr herrührende und mit der Jahreszahl 1 546 
bezeichnete Rüftungen aufbewahrt find. 

42. 1. und II. Stückpanzer (curasse. — Breast and backplate in 



Panzerhemden und Stiickpanzer. 



595 





11 








one) vom Jahre 1580, deffen aus zwei 
Teilen beftehender Vorderfchild (42 I) fich 
wie eine Wefte öffnet, deffen Hinterfchild 
(42 II) aber aus drei durch Scharnier ver- 
bundenen Teilen befteht. — Sammlung 
Beardmore — Uplands — Hampshire. — 



43. Grätenftückpanzer einer Nürn- 
bergifchen Rüftung aus dem Jahre 1570 1 ). 
Kaiferliches Arfenal in Wien und Samm- 
lung Zfchille. 



44. Italienifcher Grätenftückpan- 
zer mit eingeftochener Arbeit, vom Ende 
des 16. Jahrhunderts. — Ambrafer 
Sammlung. 



45. Gefchienter Stückpanzer mit fo- 
genannter Gänfebauchgräte (franz. cosse 
de pois, engl, pease-cod), vom Endeder 
Regierungszeit Heinrichs III. (f 1589). 

Im Gratzer Zeughaus, wo fich eine 
Menge folcher gefchienter Panzer befin- 
den, find diefelben alle als «ungarifche 
Küraffe» bezeichnet. 



46. Stückpanzer mit Gänfebauchgräte 
und langen Krebsfchenkelfchienen 
an Stelle der Krebfe. — Regierungszeit 
Ludwigs XIII. (1610— 1643). 



l ) Der Panzer, welcher einer im Louvre dem 
König Heinrich IV. von Frankreich zugefchriebenen 
Rüftung angehört, ifl ähnlich geformt; fein Vorder- 
fchurz befteht aber aus drei breiten Schienen. 

38* 



596 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



47. Italienifcher Stückpanzer mit Knöpfen und mit Gänfe- 
bauchgräte. Ende des 16. Jahrhunderts. — Sammlung des Grafen 
von Nieuwerkerke und Sammlung Soeter in Augsburg. (S. Nr. 49 
den fchwedifchen Stückpanzer.) 

47. Bis. Stückpanzer mit Halsberge. Hier befteht die Bruft- 
platte aus zwei Stücken und ifl zum Auseinanderklappen eingerichtet. 
Diefes Rüftftück wird einem Turnierharnifch Don Juan von Öfter- 
reich (1575) zugefchrieben und foll italienifche Arbeit fein. 

48 49 Bis. 




48. Eiferne gravierte Halbrüftung, mit vergoldeten Nägeln, aus 
der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts, im Zeughaus zu Solothurn, 
wo fie irrigerweife dem Vengli (1550) zugefchrieben wird. 

49. Gefchienter Stückpanzer eines deutfchen Reiters, aus der 
Mitte des 17. Jahrhunderts. Einige Schriftfteller nennen diefe voll- 
ftändig aus Schienen zu fam mengefetzte Rüftung irrtümlicherweife 
Krebfe (öcrevisses, f. S. 472). 

49. Bis. Aus 12 Schienen beftehender Vorderftückpanzer vom 
17. Jahrhundert. In England nannte man diefe Schutzwaffe Splints. — 
Sammlung Beardmore — Uplands — Hampshire. 

49. I. und II. Vor- und Hinterftückpanzer aus Eifen und 
mit Knöpfen, fchwedifcher Herkunft (ca. 1618— 1640). — Mufeum 
zu Überlingen. 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



597 



50. Koller oder Büffelkoller auch Büffelwams (franz. 
buffletin, engl, buff-coat oder jerkir) von Elensleder, aus der 
Zeit des dreißigjährigen Krieges. — G. 162 im Artillerie-Mufeum 
zu Paris. Das kaiferliche Arfenal in Wien befitzt einen folchen 
Koller, den Guftav Adolf in der Schlacht bei Lützen, wo er fiel, 
getragen hat. Solche ärmellofe Wämfer hießen auch im Franz. 
colletins, und mit collet de büffle bezeichnete man fernerden 
büffelledernen Wams mit langen Schößen und Ärmeln, welchen 
früher in der franzöfifchen Kavalerte getragen wurde. 





51. Halsberge, Bruftkoller oder Ringkragen J ) (franz. 
haussecol auch gorgerin, engl, gorget auch gorgin, fpan. gola, 
ital. gorgieraj aus bronziertem Stahl zu dem Koller Nr. 50 gehörig, 
die altzeitigere Halsberge — franz. garde-collet. (S.auch Nr.9, S.477.) 

52. Küraffier-Koller mit Ärmeln, von dem Jahre 1650. Im 
Zeughaus zu Zürich ähnliche Koller von Truppen dieser Stadt aus 
dem 17. Jahrhundert flammend. Diefelben find mit großen ver- 
goldeten, kupfernen Agraffen befetzt. 

52 Bis. Halsberge, 15 :20 cm, aus dickem, durchbrochenem, blan- 
kem Stahl mit oben am Hälfe vorgebogenen, ausgezackten Kanten, 
vom 17. Jahrhundert für Büffelkoller und wahrfcheinlich öfterreichi- 
fcher Herkunft. 



') Wovon die bei den gegenwärtigen Militärausrüftungen gebräuchlichen Bruft- 
fchildchen abstammen. 



59 8 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



52 Ter. Ungewöhnlich große Leibgürtelplatte, 15:18 cm, welche 
zu obiger Halsberge gehört, ebenfalls in dickem, durchbrochenem, 
blankem Stahl, wo der Durchbruch den Doppelreichsadler darftellt. 
Beide Stücke im Befitz des Fräuleins Goldfchmidt v. Ulm. 

52 v 2 . Arabifcher dem Könige v. Kairevan (f 1565) zugefchrie- 
bener Panzer. Es foll die Arbeit des Waffen fchmiedes Ali fein. 



52 Ter. 




s» 1 /« 





53. Perfifcher Lederftückpanzer mit damaszierten Platten 
wahrfcheinlich aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Diefe innen ge- 
pufferte Waffe gleicht fehr den folgenden Jan itfcharen- Panzern 1 ) 
— Sammlung Llewelyn-Meyrick. 

54. Janitfcharen 2 )-Panzer aus dem 16. Jahrhundert. — G. 134 
im Artillerie-Mufeum zu Paris. Diefe Waffe ift mit dem neben 



') S. einen von ähnlicher Form als griechifchen im Mufeum zu Karlsruhe, ab- 
gebildet S. 211. 

2 ) Die Janitfcharen (verunstaltet aus dem türkifchen ieni tschieri d. h. neue 
Soldaten) bildeten die Miliz der türkifchen Infanterie, die im Jahre 1362 durch Murad I. 
gefchaffen, 1826 aufgelöft und faft vollftändig niedergemetzelt wurde. Janitfcharen und 
Landsknechte machten die ersten stehenden Heere der Feudalzeit aus, da die „Bri 
bagons" (14. Jahrhundert), die „grandes Compagnies", die , Armagnacs'' ur 
die „Francs-Archers" (1448) in Frankreich, sowie die „Condottieri" in Italier 

\ 



Panzerhemden und Stückpanzer. 



599 



No. 53 befindlichen Zeichen verfehen, mit welchem die Türken den 
Namen Allah ausdrücken. (Vergl. die diefes Zeichen betreffende 
Bemerkung unter den Schilden No. 60.) 

55. Janitfcharen-Panzer aus dem 17. Jahrhundert. — G. 133 
im Artillerie- Mufeum zu Paris. Die Bemerkung zu den vorher- 
gehenden Nummern 53 und 54 gilt auch für diefe. 




mßmmm:^ 




56. Altzeitiger türkifcher Panzer mit Schulter- und Rücken- 
ftücken aus Konftantinopel. — Sammlung Beardmore. — Uplands- 
Hampshire. 

57. Schienenpanzer der Bornuer (Bornu, Negerreich des 
Sudan in Mittelafrika). Die Arbeit an diefer Schutzrüftung ift, hin- 
fichtlich des doch noch wenig vorgerückten Gefittungsftandpunktes 
von Bornu, bewunderungswürdig. 



alle viel späteren Zeitabschnitten angehören. Die Kopfbedeckung der Janitscharen war 
nicht der Helm, noch der Turban, sondern eine runde huthohe weisse Filz mutze 
(Bork) mit daraus herabhängendem Ärmel und weissem Musselinschleier; fie rührte 
vom Sultan Murad I. her, welcher den Ärmel seines weissen Filzrockes segnend auf 
das Haupt eines der Befehlshaber dieser Miliz gelegt hatte. Die Mütze der Hauptleute 
war zipflig spitz, in Form der heutigen Nachtmützen und mit einem Sgurzis-Federbusch 
versehen. Die Angriffswaffen der Janitfcharen waren Säbel und Bogen, wo hingegen 
die der Spahis (die von den Timarioten und Zaims, Inhaber der Kriegerlehen 
geftellte Reiterei, — alles Europäer) langes gerades Schwert und Speer. Aus Säbel, 
Bogen und Streitaxt, fowie dem Wurffpiefs (djerid) beftanden die Waffen der Anatolier. 



XII. 

Die Armzeuge oder Armfchienen und die Eifenarme 

(F ahnenträger). 



Das eigentliche Armzeug (lat. manuela und manica — S. 
Front ad. M. Caes. Ep. IV. 3; — braciale d. Vorderarmfchuz, franz. 
brassards, engl, brassard auch armlet, ital. braciale, fpan. 
braceral, armadura del braccio) machte bei den Alten zwar 
keinen feften Beftandteil ihrer Bewaffnung aus, demungeachtet findet 
fich aber bei ihnen fowohl als auch bei den fogenannten barbari- 
fchen Völkern der Bronzeperiode ein fpiralfederartiger Arm- 
feh utz vor, von welchem bereits im Vorhergehenden Abbildungen 
gegeben find. In der Frühzeit des Mittelalters, als die Schienen- 
rüftung noch nicht erfunden war, wurden die Panzerhemden oder 
Brünnen oft mit Ärmeln angefertigt (Armfchutz mit Mafchenfauft- 
handfehuh), die fpäter aus gefottenem Leder beftanden, welche als- 
dann wieder durch Stahlfchienen erfetzt wurden. Es gab einfache, 
doppelte und vollftändige Armfchienen, mit welch letzteren die 
Rüftung des Unter- und Oberarms durch die Ellbogenkacheln ver- 
bunden war. Die großen, Tatzen genannten Turnierarmberge mit daran 
fitzendem, nicht gefingertem Kampfhandfchuh vom Ende des 15. 
und aus dem Verlauf des 16. Jahrhunderts waren nur für den linken 
Arm beftimmt. Man bediente fich ihrer gewöhnlich an Stelle des 
Turnierbruftfchildes. Auch die Form und Größe der Kacheln und 
Schulterfchilde können zur Beftimmung der Zeit eines ganzen Arm- 
zeuges beitragen, das, gewöhnlich mit Scharnieren verfehen, den 
Arm an allen Teilen fchützte. 

Man kennt auch fogenannte „Eifenarme" (f. Mufeen Sigmarin- 
gen, München und Poldi-Pezzoli-Manfoni in Mailand), welche oft 



Die Armzeuge oder Armfchienen und die Eifenarme. 



601 



Götz von Berlichingen zugefchrieben werden, was aber Myftifikatio- 
nen find. Diefe maffiven Armhandfchuhe täufchten den Gegner 
und dienten fo dazu, die Hand des Fahnenträgers zu fchützen. 
(S. im Abfchnitt „verfchiedenes Kriegsgerät", die Abbildung davon, 
fo wie die des echten künftlichen Eifenarmes Götz' von Berlichingen, 
welcher zu Jagftfeld im Württembergifchen aufbewahrt ift.) 

I. Armfchutz eines Panzerhemdes oder Brünne mit 
Mafchenfäuftlingen oder Hentzen (franz. brassard-ä-moufle en 
mailles, engl, mitten oder inarticulated gauntlet of mail, 
fpan. manguilla, ital. guanto di catene) f. d. Armzeug vom 14. 
Jahrhundert S. 376. 

1 Bis. 





2 Bis. 




1. Bis. Vom Verfaffer rekonftruierte, Mußeifen benannte, aus 
Eisenftäben dargeftellte Oberarmberge mit Schulterftangen (?) 
vom 14. Jahrhundert (f. die S. 391 abgebildete Figur eines Altar- 
bildes von Hall. Noch vorhandene Exemplare folcher Rüftzeuge 
find nicht bekannt. Im felben 14. Jahrhundert follen auch Muß- 
eifen für Beinfchutz beftanden haben. 

Mit dünneren Mußeifen wurden ferner die engeren Ärmel des 
Söldnerwainfes im 15. Jahrhundert benäht. 

2. Gotifches vollftändiges Armzeug mit Meufeln oder Ell- 
bogenkacheln. Oberarm und Kampf handfchuh, nach einem Grab- 
denkmal in Oxfordshire, vom Jahre 1469. Die Kacheln haben eine 
ungewöhnliche Größe. 

2. Bis. Über das Mafchenpanzerhemd befeftigt, Ober- undUnter- 
armfchienen mit runden Ellbogenkacheln oder Meufeln (franz. cubi- 



602 



Die Armzeuge oder Armfchienen und die Eifenarme. 



tieres) und gleich geraden runden Achfelhöhlfcheiben. Vom 13. 
Jahrhundert. — Nach dem Grabdenkmale des Ritters Baion in der 
Kirche zu Charlefton. 

3. Gotifches Armzeug mit Achfelftück, Ellbogenkacheln für 
Ober-, Vorder- und Hinterarm, aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. 

4. Desgleichen. 





5. Vollftändiges Armzeug, das wie die vorigen den Vorder- 
und Hinterarm fchützt. Es ift mit getriebenen Wülften verziert 
die ebenfo wie die Form der Ellbogenkacheln auf das Ende des 15 
und den Anfang des 16. Jahrhunderts hinweifen; diefe Art Rüftungen 
waren gleichzeitig mit den gerippten, fogenannten Maximilianifchen 
oder mailändifchen Rüftungen im Gebrauch. 

6. Arm zeug, mit Ellbogenkachel und Oberarm, von einer 
gerippten, fogenannten Maximilianrüftung, aus dem Ende des 15. 
oder dem Anfang des 16. Jahrhunderts. 

7. Arm berge oder Armzeug mit Ellbogenkachel und Oberarm 
vom Ende des 16. Jahrhunderts. 



Die Ärmzeuge oder Armfchienen und die Eifenarme. 



603 




8. Unter- oder Vorderarmberge, 
bei der die Hinterarmplatte mit acht vier- 
eckigen Löchern durchbohrt ift. — Samm- 
lung Spengel in München. 

9. Deutfch-gotifche Armfchiene oder 
Turniertatze (f. S. 425 und 427) mit 
ungefingertem Kampfhandfchuh für den 
linken Arm vom Anfang des 16. Jahr- 
hunderts. 

10. Deutfche Turnierarmfchiene oder 
Turniertatze (f. S. 425 und 427) mit un- 
gefingertem Kampfhandfchuh für den lin- 
ken Arm, vom Anfang des 16. Jahrhun- 
derts. 



11. Aus viereckigen, in Reihen aneinander befeftigten Plättchen 
dargeftelltes Ober- und Unterarmzeug. Die Ellbogenkachel bedeckt 




dabei hier äuf3erlich gänzlich fo den Ellbogen, wie beim Beinzeug 
das Knieftück die Kniefcheibe. — Nach dem Mufterbuche eines 
Waffenfchmiedes um 1550. Thunfche Bücherei im Schlöffe zu 
Tetfchen. 




XIII. 
Der Kampf- oder Harnifchhandfchuh. 

Die Form des Kampfhandfchuhes oder der gefingerten 
Handtatze (jtvxrrjg caestus, der Kampfhandfchuh des römifchen 
Boxers — pugil, neulat. wantus, chirotera ferri, franz. gant d'ar- 
mes, ital. guanto di combattimento, fpan. guantode combata, 
engl, articulated gauntlet), die außer der Hand noch einen Teil 
des Vorderarms bedeckte, ift ebenfo wie die Form der Eifen- oder 
Waffenfchuhe von Wichtigkeit für die Klaffifizirung einer Rüftung, 
fofern beide zahlreiche Umgeftaltungen erlitten haben. Es fcheint 
feftgeftellt, daß der Gebrauch des eigentlichen Kampfhandfchuhes 
nur bis zum Ende des 13. Jahrhunderts zurückgeht. Das Martyro- 
logium, des Prudentius Pfychomachia, die Biblia facra, der 
Alfric, die Handfchrift Jeremias und Apokalypfe, die Stickerei 
der Seligenthaler Mitra, der Teppich von Bayeux, alle diefe fchon 
wiederholt angeführten, aus dem 9. bis 1 1. Jahrhundert flammenden 
Urkunden flellen die Bewaffneten mit unbedeckter Hand dar; doch 
zeigt das Siegel von Richard Löwenherz (1 189 — 1199) die Hand des 
Königs fchon mit einer Mafchenbedeckung, dem Mafchen- 
fäuftling, die vermittelft einer fackartigen Verlängerung des Ärmels 
einen Fauflhandfchuh (franz. brassard ä moufle. engl, inarticu- 
lated gauntlet of mail) bildete, an dem nur der Daumen zu- 
weilen abgetrennt erfcheint. Ein Ritter, der in den Illuftrationen 
der deutfchen Äneide von Heinrich von Veldeke, aus dem 13. 
Jahrhundert, im Topfhelm mit Helmzier und auf feinem Roffe mit 
geringter oder gegitteter Panzerdecke dargeftellt ift, hat die Hand 
ebenfalls fchon oder noch mit mit dem Mafchenfaufthandfchuh, 



- Der Kampf- oder Harnifchhandfchuh. 6CX 

einer Verlängerung der Ärmel feines Panzerhemdes, das gegittert, 
wenn nicht fchon gefchient zu fein fcheint, bedeckt. Gegen Ende 
des 13. Jahrhunderts kommen auch fchon mit Fifchbein belegte 
Kampfhandfchuhe vor (f. Guiart II, 4654 und 9369). 

Der erfte eigentliche Kampfhandfchuh hatte getrennte Finger 
und war mit Schuppen, Scheiben oder anderen dachziegelförmig 
über einander gelegten Eifenplättchen überzogen; der Oberteil der 
Hand wurde von einer Metall- oder Lederdecke gefchützt, wie aus 
der Darfteilung auf dem Grabfteine Günthers von Schwarzburg im 
Dome zu Frankfurt a/M. erfichtlich ift. Auch erfcheint diefer Kampf- 
handfchuh auf der aus dem 14. Jahrhundert flammenden bedruckten 
italienifchen Leinwand der Sammlung Odets in Sitten. Die in der 
Bibliothek des Parifer Arfenals aufbewahrten Buchmalereien der 
Handfchrift einer römifchenGefchichte, welche wahrfcheinlich im An- 
fange des 15. Jahrhunderts für den Herzog von Burgund angefertigt 
wurde, ftellen die Hände fämtlicher Krieger noch mit Fäuftlingen 
bedeckt dar, d. h. mit einer Umhüllung, die aus der fackartigen Ver- 
längerung des Mafchenärmels befteht, was beweift, wie weit die bur- 
gundifche Bewaffnung fich noch im Rückftand befand. 

Der Fäuftling oder Faufthandfchuh, altd. Hentze (franz. 
miton oder moufle, span. manguilla, engl, mitten oder inarti- 
culated gauntlet), mit ungetrennten Fingern, aber mit Stahl- 
fchienen, die nur in der Richtung der Hauptgliederungen der 
Hand angelegt find, erfcheint im 15. Jahrhundert. 1 ) Die Rüftung 
der Jungfrau von Orleans (im Kataloge von Dezeft), eines kleinen 
Bronzeftandbildes, die Wilhelms IV. zu Amfterdam (1404 — 1417) und 
der in der Ambrafer Sammlung zu Wien aufbewahrte Harnifch des 
Pfalzgrafen Friedrich I. (1439 — x 47^) beweifen, daß der Faufthand- 
fchuh in der erften Hälfte des 15. Jahrhunderts überall im Gebrauch 
war; doch ift es der gefingerte Kampfhandfchuh, auf den das Lieb- 
lingsdiktum Bayards fich bezieht: „Ce que gantelet gagne, gorgerin 
le mange" (was der Handfchuh erringt, die Kehle verfchlingt), fowie 
auch die Redensarten „den Handfchuh hinwerfen" und „den Hand- 
fchuh aufheben" etc. 

Es find indeffen gotifche Rüftungen aus den erften Jahrzehnten 
des 15. Jahrhunderts mit gefingerten Handfchuhen vorhanden, wie 

') In der Aufgebotsordnung des Markgrafen Albrecht Achilles von 1478 heisst es 
aber noch : „Sollen die Wappenhandschuhe von Tuch, Barchent oder Leder und aussen 
über die Hände mit Ringhar nasch überzogen sein." 






(5o6 Der Kampf- oder Harnifchhandfchuh. 

das Mufeum zu Sigmaringen folche aufweift, während eine große 
Anzahl Harnifche aus der zweiten Hälfte des 15 Jahrhunderts und 
dem Anfange des 16. Jahrhundert, befonders Turnierrüftungen, mit 
Faufthandfchuhen verfehen find. — (S. die Harnifche Maximilians I. 
[1493 — 15 19] in der Ambrafer Sammlung und im k. k. Arfenal zu 
Wien.) 

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts, nicht erft um die Mitte des 
16., zur Zeit des Erfcheinens der Piftole, wie gewiffe Kompilatoren 
behaupten, findet der gefingerte Kampf handfchuh fchon allge- 
meine Verbreitung; faft alle gerippten Rüftungen haben jedoch 
noch ungefingerte. Die Kampfhandfchuhe mit getrennten Fingern 
an denen gemeinlich der Zeigefinger fünfzehn, der Ringfinger sech- 
zehn und der Mittelfinger zweiundzwanzig Schienen oder Schuppen 
hatte, während der Teil, welcher die Oberhand fchützte, nur aus drei 
oder vier Schienen zufammengefetzt ift, waren damals eine Zeitlang 
neben den Faufthandfchuhen in Gebrauch, die bald daranf völlig ver- 
fchwanden. Manche der erfteren find auch mit einer Zapfen fchraube 
verfehen, vermittelft deren die gefchloffene Hand an dem Schwert- 
knauf oder dem Knauf des Kriegshammers befeftigt werden konnte; 
das kaiferl. Arfenal in Wien befitzt ein merkwürdiges Mufter diefer 
Gattung, welches zu der Karl V. zugefchriebenen Rüftung gehört. 

Verfchiedene diefer Kampfhandfchuhe haben auch Druckknöpfe, 
mit auf der entgegengesetzten Seite befindlichem Scharniere, zum 
Offnen und Schließen beim Ab- und Anlegen; andere zeigen an 
ihrem oberen Teil nagelknopfähnliche Verzierungen, deren Zweck 
unbekannt ift. Die zuweilen zum Schutze der Knöchel angebrachten 
Buckel oder Stacheln hießen gads, auch gadlings. 

Der linke unbewegliche Stechhandfchuh, die fogenannte 
Tatze, für Turnierrüftungen, teilweise auch ein Arm zeug (f. S. 
603) gehört der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an. Außer- 
dem find noch der Turnierbruftfchildhandfchuh, der Schwert- 
handfchuh und der Kampfhandfchuh für die Bärenjagd 
bekannt; alle gehören der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
an. Der letzte gefingerte Kampfhandfchuh wurde bald durch den 
hirfchledernen Manfchettenhandfchuh, wie er zur Zeit des dreißig- 
jährigen Krieges im Gebrauch war, erfetzt. (S. S. 450 die Anmer- 
kung über die langen ledernen Handfchuhe der fchweizer Söldner.) 

Auf den Grabdenkmalen englifcher Könige vom 12. Jahrhun- 
dert kommen, wie bei der hohen Geiftlichkeit, mit auf der Rücken- 



Der Kampf- oder Harnifchhandfchuh. 



607 



handfläche von großen Edelfteinen befetzte Handfchuhe vor, deren 
Erhöhungen manchmal in den Kampfhandfchuhen ausgeprägt ins 
Auge fallen. 

In England erhielten fich jedoch auch während eines Teiles des 
17. Jahrhunderts noch lederne, mit Schuppen befetzte Kampf hand- 
fchuhe (gloves armed with seales), von denen die Sammlung 
Llcwelyn-Meyrick ein Exemplar befitzt. 

(S. auch im vorhergehenden Abfchnitt das über die fogenannten 
„Eifenarme" Bemerkte.) 

A - A. GefingerterKampfhandfchuh 

mitBuckelbefchlägen und wahrfchein- 
lich eifernem Mafchenwerk. — Nach der 
Manufer Apokalypfe von 1290, in der 
Nationalbibliothek zu Paris. 




AB. 




B. Gefingerter Schuppenkampf- 
handfchuh nach dem Grabdenkmal 
Richards von Burlinthorpe (-J- um 13 10). 




1. Gefingerter Kampfhan dfchuh, 
nach dem Denkmal Günthers von Schwarz- 
burg, vom Jahre 1352. ') 



t 1 /, 




I*L. Gefingerter Kampfhandfchuh 
nach dem Grabdenkmal eines der Eresby 
(-J- um 1410) in der Spielsbykirche zu 
Lincolnfhire. 




2. Gefchienter Fäuftling oder 
Faufthandfchuh (altd. Hentze, franz. 
miton) aus dem 15. Jahrhundert. Der 
Daumen allein ift gelöft. 



!) S. S. 601, No. 1 den Brün nen-Fäuftling. 



6o8 



Der Kampf- oder Hamifchhandfchuh. 



2* rl . Durchbrochene Hentze oder fingerlofer Kampf handfchuh 
von um 1480, und einem Harnifch Kaifer Maximilians I. zugefchrie- 
ben. — 

3. Gefchienter Fäuftling oder Faufthandfchuh, auf dem 
die Finger angegeben find, aus der zweiten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts. 

4. Gefchienter Fäuftling oder Faufthandfchuh aus dem 
16. Jahrhundert. 






5. Desgleichen. — Sammlung des Barons de Mazis im Artillerie- 
Mufeum zu Paris. 

6. Gotifcher Kampfhandfchuh aus der erflen Hälfte de 
15. Jahrhunderts. 

7. Gefingerter Kampfhandfchuh aus dem 16. Jahrhundert, 
der fich vermitteln eines Seh rauben zapfen s fchließt. Er ge- 
hört einer Rüftung im kaiferlichen Arfenal zu Wien an. 

8. Gotifcher gefingerter Handfchuh von der Mitte des 
Jahrhunderts. 



Der Kampf- oder Harnifchhandfchuh. 



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9. Gerippter Faufthandfchuh einer Maximilianrüftung aus der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 1 ). — Sammlung des Verfaffers. 

9^2. Deutfcher Brigantinenhandfchuh, 16. Jahrhundert nach 
italienifcher Art, d. h. aus — auf Kettengewebeunterlage — zu- 
fammengereihten Plättchen dargeftellter gefingerter Kampfhand- 
fchuh. — 







10. Gerippter gefingerter Handfchuh einer Maximilianrüftung 
vom Anfange des 16. Jahrhunderts. 

11. Deutfcher Reiterhand fchuh (Pikenierhandfchuh) mit bis 
an den Ellbogen hinaufreichender Stulpe, vom Anfange des 17. Jahr- 
hunderts. 



12. Englifcher Fäuftling, gefchuppter Kampfhandfchuh 
vom 17. Jahrhundert, aus Hirfchleder, mit Schuppen befetzt. 

13. Linker eiferner Handfchuh für die Bärenjagd. Er |ift 
mit Stacheln und zwei fägeförmig ausgezahnten Dolchmeffern be- 
wehrt. — Ambrafer Sammlung. 

*) Die gerippten Rüftungen vom Anfange des 16. Jahrhunderts find gewöhnlich 
mit gefingerten Kampfhandfchuhen und mit Eifenfchuhen in Holzfchuh- oder Bärenfufs- 
form verfehen. (S. No. n u. 13 in dem von den Eifenfchuhen handelnden Abfchnitt). 
De mm in, Waffenkunde. 3. Aufl. 39 




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Der Kampf- oder Harnifchhandfchuh. 

Eine Waffe, die fehr feiten angetroffen 
wird und wahrfcheinlich rein lokal war. 



14. Eiferner deutfcher Jagd- oder 
Kampfhandfchuh für die linke Hand mit 
kleiner Tartfche und langem Schwerte. Die- 
fer Handfchuh, aus dem 16. Jahrhundert, 
fcheint ebenfalls für die Bärenjagd beftimmt 
gewefen zu fein. — Ambrafer Sammlung. 
Seltene Stücke; fcheinen wohl wenig und 
nur im Norden verbreitet gewefen zu fein. 



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14. Fäuftling mit Armfchiene, ein Rüft- 
ftück der Nordweft-Indier der englifchen Be- 
fitzungen. — Indifches Mufeum zu London. 

16. do. do. 



XIV. 

Beinfchienen und Fufsbekleidung. 

(Jambieres et chaussures.) 

Riemen- (femoralia), Ketten- und Mafchenftrümpfe. — Bein- 
fchienen. — Eifen- oder Waffenfchuhe. — Reiter- und 
Kamafchenftiefel. 

Greves ou jambieres. — Bas de chausses lanieres et mailles. — Chaus- 
sures en fer dites solerets et pedieux. — Bottes de guerre et housseaux.) 

Alle Handfchriften vom 8. bis zum 10. Jahrhundert zeigen den 
Krieger ohne Beinfchienen und Kettenftrümpfe, und wenn die Beine 
auch nicht immer ohne allen Schutz find, fo befteht diefer doch 
gemeinlich nur aus umgewickelten ledernen Riemen (femoralia) 
Sogar auf dem Teppich von Bayeux, der indeffen nicht über das 
Ende des u. Jahrhunderts hinaufreicht, find nur die Beine Wilhelms 
des Eroberers bewehrt, während keiner feiner Ritter Mafchenftrümpfe 
oder einen andern Beinfchutz als Riemen trägt. Vom i I.Jahrhundert 
an treten die Rüfthofen und Rüftftrümpfe und die, wie es fcheint, 
mit denfelben aus einem Stücke angefertigten Fußbekleidungen faft 
immer aus Eifenmalchen auf. 

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts kamen in Frankreich die 
erften Beinfchienen (xvTjfdg, — lat. ocreae, franz. tumelieres 
auch greves, fpan. esquinela, ital. steca, engl, tasses) die Knie- 
ftücke oder Kniekacheln 1 ) (franz. boucles oder poulaines, 
engl, knee-caps) und die Dielinge oder Schenkelfchienen 



1 ) S. die vom 13. u. 14. Jahrhundert S. 376, 377, 381 u. 388. 

39 : 



6l2 Beinfchienen und Fufsbekleidungen. 

(engl, und franz. cuissots und cuissards) in Gebrauch, anfangs 
aus gefottenem Leder (Lersen franz. cuiries), fpäter aus Eifen 
und Stahl angefertigt. In Deutfchland dagegen erfcheinen Bein- 
fchienen fchon mit dem Ende des n. Jahrhunderts, wie dies ein 
Denkmal zu Merseburg beweift. 

Anfangs war es wohl nur der vordere Teil des Beines, der 
durch die mit Riemen auf dem Mafchenrüftftrumpf befeftigte Schiene 
gefchützt wurde. Das im Jahre 1347 errichtete Grabmal Sir Hugh 
Haftings fcheint darzuthun, daß um diefe Zeit der englifche Ritter 
noch Höfen und Beinfchutz aus Mafchengewebe trug, während das 
Merfeburger Denkmal aus dem 1 1. Jahrhundert, die in der Berliner 
Bibliothek befindlichen Buchmalereien einer Handfchrift aus dem 
13. Jahrhundert und der Lancelot du Lac vom Jahre 1360 fchon 
Schienenrüftung darftellen. Diefe wurden wohl in Deutfchland und 
in der Schweiz zuerft eingeführt, da nächft dem Merfeburger Denkmal 
und der Berliner Handfchrift aus dem 13. Jahrhundert das Grabmal 
des im Jahre 1258 geftorbenen Berthold (zu Neuenburg) das ältefte 
Denkmal ift, auf dem man diefe neue Rüftung findet. 

Die gefchienten oder gegliederten Eifenfchuhe (franzöfifch 
p^dieux, englifch solerets und goads) fcheinen nicht über das 
12. Jahrhundert hinaufzureichen. Die Fußbekleidung, mit der Rudolf 
von Schwaben auf feinem Denkmale vom Jahre 1080 in dem Merfe- 
burger Dom bewehrt ift, zeigt noch keine derartige Fußbekleidung. 
Der erfte bekannte Eifenfchuh ift fpitz und nähert fich dem 
Schnabelfchuh (Schiffsfchnabel), von dem irrtümlicherweife an- 
genommen wird, daß er nur dem 15. Jahrhundert angehöre. 

Ein unwiderlegbarer Beweis dafür, daß diefe Mode fchon im 

12. Jahrhundert herrfchte, findet fich in folgender Stelle der Denk- 
würdigkeiten der byzantinifchen Prinzeffin Anna Comnena (1083 — 
1148): oDer Franke ift furchtbar, wenn er zu Roß fitzt; fobald er 
aber herunterfällt, erfcheint der Reiter nicht mehr derfelbe, denn 
fchwerfällig durch feinen Schild und die langen Eifenfchuhe, 
die ihn am Gehen hindern, ift es leicht, ihn zum Gefangenen zu 
machen.» Die deutfche Handfchrift aTriftan und Ifolde» aus dem 

13. Jahrhundert zeigt die Ritter auch fchon in Schnabelfchuhen, 
einer Mode, die aus Ungarn, wo fie im 13. Jahrhundert allgemein 
herrfchte, ver