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Full text of "Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover"

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Harvard University Library 

Bought firom the 

ARTHUR TRACY CABOT 
BEQUEST 

For the Purchase of 

Books on Fine Arts 




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UNSTDENKMÄLER 



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DER PROVINZ 



HANNOVER. 



HERAUSGEGEBEN 

IM AUFTRAGE DER PROVINZIAL- KOMMISSION ZUR ERFORSCHUNG UND 

ERHALTUNG DER DENKMÄLER IN DER PROVINZ HANNOVER 

VOH 

Dr. PHIL. CARL WOLFF, 

STADTBAÜBATH. 



III. REGIERUNGSBEZIRK LÜNEBURG. 



1. KREISE BÜRGDORF UND FALLINGBOSTEL. 



MIT 2 TAFELN UND 62 TEXTABBILDUNGEN. 



IIAN.NOVKII. 
SELBSTVERLAG DER PROVINZIALVERWALTUNG. 

THEODOR SCHÜLZES BUCHHAKDLUNG. 

1902. 



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UNIVCRSITY 
UBRARY 



Hof buchdruckerei Gebrüder Jänecke, Hannover. 



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Burg-dorf und Falling'bostel 

Unter der Leitung des Herausgebers bearbeitet von 
Heinrich Fischer und Dr. Fritz Traugott Schulz. 



Vorwort. 




^ie Bearbeitung der vorliegenden Lieferung erfolgte unter der Leitung des 
^^^^^ Unterzeichneten durch den Architekten Heinrich Fischer, welcher mit 
der Anfertigung der Denkmälerbeschreibungen beschäftigt wurde und nach 
dessen Abgang durch Dr. Fritz Traugott Schulz, z. Z. Assistent am Germa- 
nischen Museum in Nürnberg, welcher den geschichtlichen Theil, die beiden 
Einleitungen und die Zusammenstellung der Litteratur und Quellen übernahm 
und die Beschreibungen ergänzte. Die Benutzung der Archive wurde durch 
das freundliche Entgegenkommen des Vorstandes des Königlichen Staatsarchivs, 
Geheimen Archivraths Dr. Doebner und des Archiv- Assistenten Dr. Fink, 
sowie des Vorstandes des Stadtarchivs in Hannover, Stadtarchivars Dr. Jürgens, 
welcher ausserdem auf manche bemerkenswerthe Nachricht aufmerksam machte, 
wesentlich erleichtert. Auch konnten einige Mittheilungen des Architekten 
R. Philipp Bromme über die Kapelle in Immensen und die Kirche in 
Stellichte, des, Grafen von der Schulenburg-Wolfsburg auf Haus Rethmar 
über Rethmar und des Geheimen Bauraths Schuster über Ahlden verwerthet 
werden. Femer hatten der Amtsrichter E. v. Bennigsen in Syke seine 
geschichtlichen Notizen und der Geheime Rath Doebner das Register zum 
achten Bande seines Urkundenbuches, soweit es fertig gedruckt war, bereit- 
willigst zur Verfügung gestellt. 

Die Aufnahmen sind in der Hauptsache durch den Architekten Fischer, 

einige derselben durch Dr. Schulz angefertigt. Der Architekt Bromme lieferte 

in dankenswerther Weise die Aufnahmen Fig. 51 und 53 — 59, die Architekten 

Echtermeyer und Franz A. Krüger Fig. 42—44, Pastor Junker in 

^Schwarmstedt Fig. 45—48, Pastor ü hl hörn in Ricklingen Fig. 14, 15, 17 und 19, 




-tHg IV 8^ 

Architekt Wendebourg Fig. 12 und 20 und die Firma Henning & Andres 
Fig. 66. Zu Fig. 16 konnte eine Aufnahme des Ereisbauinspektors Schlöbcke 
benutzt werden. 

Die Verzeichnisse wurden von dem Regierungsbaumeister Siebern 
aufgestellt, welcher sich in Gemeinschaft mit dem Bibliothekar Dr. Thimme 
auch an der Korrektur des Werkes betheiligte. 

Den Druck besorgte die Hofbuchdruckerei von Gebrüder Jänccke, 
die Herstellung der Lichtdrucktafeln die Eunstanstalt von G. Alpers jr., die 
Druckstöcke der Textabbildungen die Eunstanstalt von L. Hemmer, sämmtlich 
in Hannover. 

Allen, welche zum Gelingen des Werkes beigetragen haben, sei auch 
an dieser Stelle der herzlichste Dank ausgesprochen. 



Hannover, 20. September 1902. 



Carl Wolff. 



Ortsverzeichniss. 



(Auf den stärker gedmckten Seiten ist der Ort im Zusammenhang behandelt.) 



Seite 

Abbensen 5 

Ahlden . . 105, 114, 117, 120, 122, 128, 133, 

134, 138, 142, 148, 181 

AWten 6, 46 

Aligse 21, 52 

Alt-Schwarmstedt 148 

Bässen 106 

Bennemühlen 11, 13, 73 

Bergen 106 

Bierde 111 

Bilm 12, 46 

Bissendorf 11, 13, 16, 27, 32, 73 

Böhme 111 

Bokholt 148 

Bothmer 113, 164 

Braunschweig 71, 81 

Bremen 165 

Breiingen 16, 27, 32, 75 

Buchholz 13, 148 

Burgdorf (Kreis) 1 

Burgdorf 7, 18, 33, 52, 59, 76, 78, 79, 90, 99 
Burgwedel 23, 27, 90 

Celle 1, 114, 121, 144 

Dolgen 31, 34, 88 

Dollbergen 148, 32 

Dorfmark 106, 114, 122, 142, 181 

Dfishom ... .106, 111, 117, 122, 142 

Eddesse 90 

£demi8sen 90 

Eiekeloh 106, 118 

Eickenrode 90 

Eilte 120 

Elze 32, 90 

Engensen 21, 33, 99 

Eseringen 19 



Essel 
Evern 



Seite 
148 

• • • • V*; ö«/ 



Fallingbostel (Kreis) 101 

Fallingbostel 106, 121, 171 

Fuhrberg 27, 36 

Gailhof 13 

Garvesen 19 

Gilgen 34 

Gilten 106, 123, 141, 164, 166, 167 

Glashof 166 

Göttingen 81 

Gretenberg 31, 88 

Gross-Burgwedel 25, 36 

Gross-Grindau 148 

Gross-Horst 59 

Hademsdorf 119 

Haimar 30, 31, 34, 39, 71, 88 

Hainhaus 13 

Hameln 134, 135 

Hänigsen 37 

Hannover 1, 20, 81, 148 

Harber 42 

Heessel 18 

Helen 106 

Hellendorf 11, 13, 73 

Heisdorf 5, 13 

Hermborg lOG 

Heselingen 19 

Hildesheim . . 1, 46, 54, 70, 78, 79, 87, 88, 

94, 97, 164 

Hodenhagen 127, 128 

Hohenhameln 39, 43, 90 

Horst 7, 59 

Höver 45, 46 

Hoya 144, 155, 164 



-tHg VI 8^ 



Seite 

Hudemühlen 127 

Hussen 106 

Ickhorst 13 

Jeversen 148 

Usede 90 

Uten 6, 9, 12, 23, 45, 46 

ImmenBen 21, 52, 95 

Isernhagen 27, 53 

Kirchboitzen 119, 132 

Kirchhorst 7, 21, 27, 59, 90 

Kirchrode 9 

Kirchwahlingen 111, 133, 168 

Klein-Burgwedel 26, 27 

Lehrte • . . . 31, 70, 88 

Lindage 90 

Loccnm 5 

Lohne 59 

Lübbecke 107 

Lühnde 6, 39, 45, 70, 80, 87 

Lüneburg 71, 144, 145 

Mandelsloh . 5, 16, 17, 73, 75, 123, 141, 164 

Mariensee 13, 123, 141, 164 

Markeldorp 148 

Maspe 13 

Mehmm 90 

Meinerdingen 137, 166, 122, 106 

Meinersen 23, 37, 99 

Meilendorf 13, 27, 72 

Minden . . . 54^ 79, 105, 106, 122, 128, 128, 

138, 144, 146, 155, 166 
Mohlmühlen 13 

Negenbom 75 

Neuen -Warmbüchen 27 

Neustadt 13, 106, 141 

Neustadt a. R. 164 

Niederstöcken 141 

Norddrebber 141 

Northeim 81 

Obershagen 76 

Oedingen 19 

Oelerse 77 

Oldhorst 27 

Ostenholz 141 

Otze 78 

Peine 90 



Seite 
Quedlinburg 166 

Ramlingen 79 

Rethem 144 

Rethmar 



Scherenbostel 13 

Schlage 13 

Schmedenstedt 27 

Schomsteinhagen 76 

Schwarmessen 106 

Schwarmstedt 27, 148, 113, 164 

Schwüblingsen 85, 90 

Sehnde 31, 87 

Sievershausen . . 13, 21, 22, 24, 27, 32, 33, 

52, 59, 77, 85, 89, 94, 97, 99 

Soltau 106, 114, 122, 154 

Sommerbostel 13 

Steimke 166 

Steinwedel 21, 52, 71, 90, 94 

Stelle 7, 21, 59 

Stellichte 154, 170 

Steterburg 87 

Stöcken 147 

Suderbruch 163 

Südwinsen 148 

Thönse 33, 21, 99 

Twenge 13 

Uetze 37, 90, 97 

Verden 138, 144, 154, 171 

Vöhrum 90 

Wahlingen 146 

Wahlnigsen 106 

Walsrode . 106, 119, 122, 123, 138, 155, 164 

Wellingsen 19 

Wennebostel 13 

Wense 180 

Wettmar 21, 27, 33, 90, 99 

Wichendorf 13 

Wienhausen 32, 33, 43, 77, 85, 90 

Winsen 106, 148 

Wipshausen 90 

Wistendorp 106 

Wolterdingen 138 

Woltingerode 87 

Wunstorf 5, 105, 106 

Zeven 133 



^*ö 






Verzeichniss der Abbildungen. 



Pignr 
1 
2 
3 
4 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 
29-30 
31 
32 
33 
34 

a5 

36 
37 
38 
39 
40 
41 



Der Kreis Burgdorf 

Kapelle in Änderten; Grundriss 

Kirche in Bissendorf 

Tj 71 n Grabmal 

Kirche in Gross-Burgwedel; Grabstein 

Kirche in Harber; Schallöflfnungen 

„ „ „ Altarlenchter 

Kirche in Uten; Altar . . 

^ y, ^ Gedenktafel 

Kirche in Isernhagen; Fenster 

„ „ ^ Taufstein 

Kirche in Kirchhorst; oberer Grundriss vor der Wieder- 
herstellung 

J^ -n V Vorhalle 

n .^ „ Wand- und Deckenmalereien. . 

„ „ „ Chor vor der Wiederherstellung 
n v n Grabstein 

n 7) n Grabmal 

„ „ alte ThUr 

Herrenhaus in Rethmar; Thür 

Kapelle in Schwüblingsen; Crucifixus 

Kirche in Sievershausen; Thür 

Der Kreis Fallingbostel 

Kirche in Ahlden; Altarleuchter 

Schloss in Ahlden; Hofseite 

Kapelle in Böhme; Grundriss 

Kirche in Dorfmark; TaufgefUss 

Kirche in DU shorn; Figurengruppen 

Kirche in Gilten; Fenster 

n T) n Altarleuchter 

Kirche in Hudemlihlen 

Kirche in Kirchwahlingen; Thür 

n n n Altarleuchter 

Kirche in Meinerdingen; Grundriss 

V 77 71 

n V n Zinnvase 

Kirche in Ostenholz; Grundriss 

„ „ „ Südseite 

Schloss in Kethem; Konsole ^ . . . 



Seite 
2 
9 

14 
15 
29 
43 
44 
48 
51 
56 
58 

60 

61 

62 

63 

64 

65 

66 

68 

69 

84 

86 

93 

102 

108 

110 

112 

116 

118 

124 

125 

129 

135 

136 

138 

189 

140 

142 

143 

147 



Tafel 



-^ VIII 8^ 



Figur Seite 

42—44 Kirche in Schwarmstedt; Längenschnitt, Querschnitt, 

Grundriss 149 

4o „ „ „ Altar '. 

46 — 48 „ ^ Yi Grabmale und Crucifixus. . . 151 

49 Kirche in Stelliehte; Grundriss vor der Wiederherstellung 156 

50 n n ri Nordseite 157 

51 „ „ „ Thürlaibung der Südseite 158 

52 „ „ „ Fenster 158 

53 — 57 „ ^ „ HolzfUUungen der Chorschrankc . . 159 

58—59 1, n n Grabmäler 162 

(50 — 62 7) rt T) Orgel, Taufbecken und Kanzel . . 

63 Kirche in Walsrode; Westseite 172 

64 n n n Glockeninschrift 173 

65 Kloster in Walsrode 175 

66 „ „ „ Glasmalereien 177 



Tafel 



I 



II 






Sachverzeichniss. 



(Die stärker gedmckten Seiten 
Altäre 5, 7, 14, 28, 87, 88, 41, 45, 41, 58, 
57, 63, 74, 77, 78, 83, 86, 88, 98, 96, 
112, 115, 117, 125, 180, 136, 141, 142, 
150, 160, 174, 181. 

Alt*rkanzeln 14, 41, 45, 49, 74, 83, 96, 
112, 130, 141, 142. 

Altarleuchter 11, 14, 38, 42, 44, 49, 53, 
63, 71, 74, 77, 78, 80, 93, 96, IM, 112, 
115, 117, 122, 125, 130, 136, 140, 141, 
143, 150, 160, 174. 

Altarwand 173. 

Amtshänser Bissendorf 13, Burgdorf 18, 
Gross-Burgwedel 25, Rethem 147. 

Armenhaus Burgdorf 18f 

Becher 49. 

Bildwerke 80, 117, 175. 

Chorschranken 159. 

Chronostichon 94. 

Ciborien 49, 63, 109, 117, 125, 130, 143, 160. 

Crücifixe 63, 71, 77, 86, 109, 130, 151, 176. 
Dachreiter 7, 12, 32, 34, 37, 38, 45, 75, 

77, 79, 86, 113, 130, 176. 
Denkmal 120. 
Elle 70. 

Emporen 7, 10, 12, 14, ,24, 27, 38, 41, 45, 
50, 82, 88, 96, 122, 125, 130, 140, 142, 
150, 181. 

Emporenbrtistung 65. 

ErbbegräbnisB 53, 82, 134. • 

Gedenktafeln 15, 126, 130, 160, 173. 

Gemälde 7, 28, 46, 50, 80, 94, 109, 115, 
118, 151, 161, 176. 

Gerichtsgebäude Rethem 144. 

GJasgemälde 78, 80, 131, 140, 164, 176. 

Glocken 7, 11, 12, 15, 17, 28, 31, 37, 38, 
42, 44, 46, 50, 57, 65, 71, 74, 78, 83, 88, 
96, 115, 120, 122, 126, 151, 161, 174. 
Glockenstnhl 57. 



beziehen sich auf Abbildungen.) 
Glockenthürme 115, 122. 

Goldschmiedzeichen 30, 49, 50, 51, 63, 
69, 70, 109, 140, 143, 150, 153. 

Gräben 12, 25, 111, 121. 

Grabgewölbe 120, 159. 

Grabkapelle Eickeloh 119. 

Grabmäler und Grabsteine 15, 16, 17, 
18, 24, 25, 28, 29, 38, 42, 44, 50, 57, 65, 
66, 67, 68, 71, 72, 83, 89, 96, 99, 109 
118, 126, 131, 132, 136, 152, 153, 160, 
162, 164, 174, 176, 181. 

Gruft 112, 113, 117, ISa 

Herrenhäuser BennemUhlenll,Rethmar 80, 
Uetze 97, Böhme 111, Eilte 120, Stel- 
lichte 154. 

Kannen 29, 38, 44, 50, 109, 132. 

Kanzeln 7, 11, 39, 53, 57, 80, 88, 118, 126, 
137, 153, 162, 182. 

Kapellen Abbensen 5, Ahlten 6, Alten- 
WarmbUchen 7, Änderten 8, Arpke 11, 
Bilm 12, Dolgen 80, Dollbergen 32, 
Elze 32, Engensen 33, Evem 34, Fuhr- 
berg 36, Höver 45, Immensen 52, Negen- 
bom 75, Oelerse 77, Otze 78, Ram- 
lingen 79, Schwüblingsen 85^ Böhme 111, 
Bothmer 113, Norddrebber 141 , Wense 180. 

Kelche 16, 29, 45, 51, 57, 69, 72, 74, 84, 
109, 115, 118, 120, 123, 126, 132, 133, 
137, 140, 143, 153, 163, 164. 

Kirchen Bissendorf 13, Breiingen 16, 
Burgdorf 18, Gross-Burgwedel 25, 
Hänigsen 37, Haimar 39, Harber 42, 
Uten 46, Isemhagen 53, Kirchhorst 59, 
Lehrte 70, Meilendorf 72, Obershagen 76, 
Rethmar 80, Sehnde 87, Sievershausen 89, 
Steinwedel 94> Uetze 97, Wettmar 99, 
Ahlden 105, Dorfmark 114, Düshom 117, 
Eickelohll8, Fallingbostell21, Gilten 123, 
HudemUhlen 127, Kirchboitzen 132, Kirch- 



-^ X H- 



wahlingen 138, Meinerdingen 137, Osten- 
holz 141, Schwarmstedt 148, Stellichte 154, 
Suderbruch 163, Walsrode 164. 

Kirchenstühle 159. 

Kirchthürme 14, 24, 27, 33, 41, 43, 49, 56, 

63, 71, 82, 88, 93, 96, 108, 125, 136, 140, 

142, 150, 159, 173. 

Klöster Mariensee 9, 123, 141, 164, Steter- 
burg 87, Woltingerode 87, zur Sülte 88, 
Bartholomäuskloster in Hildesheim 88, 
Michaeliskloster in Hildesheim 88, 94, 97, 
Zeven 133, St. Martini in Minden 141, 
Moritzkloster auf dem Werder bei 
Minden 148, Walsrode 164, Wienhausen 
32, 33, 48, 77, 85, 90. 

Kl oster chor Walsrode 164. 

Kronleuchter 140. 

Maasswerk 43, 55, 62, 130, 174. 

Orgeln 24, 51, 109, 125, 154, 163. 

Paramente 108, 150. 

Patronatsstuhl 70. 

Rathhaus Walsrode 164. 

Beliqnienschrein 176. 

Bittergut Ahlten 6. 

Sakristeien 125, 135, 150. 

Sarg 85. 



Schloss Ahlden 105. 
Schränke 137, 177. 
Siegel 57, 140, 177, 180. 
Sonnenuhren 30, 55, 142, 150. 
Taufbecken aus Holz 42, 143, 163, aus 
MetaU 30, 51, 74» 116, 120, 132. 

Taufengel 70, 140. 

Tauf steine 5, 7, 39, 57, 89, 96, 123, 137, 

140, 154. 
Thür 70. 
Thurm 127. 
Triumphkreuz 30. 
Uhr 178. 
Vasen 140. 
Wand- und Deckenmalereien 30, 64. 

Wappen 15, 17, 28, 42, 44, 47, 49, 50, 51, 
57, 58, 63, 65, 69, 71, 78, 80, 82, 83, 85, 
96, 99, 109, 110, 118, 114, 120, 125, 126, 
181, 132, 136, 137, 140, 147, 151, 152, 
153, 154, 158, 160, 161, 162, 163, 164, 
174, 175, 176, 177, 178, 180, 181, 182. 

Wetterfahne 53. 

Wohnhaus 53.12 _. 

Zifferblätter 154. 

Zinngiesserzeichen 49, 57, 71. 



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Künstlerverzeichniss. 



Adam, Dietrich (Goldschmied), 148. 

Anthoni, Assmns (französischer Gärtner- 
meister), 108. 

B, N (N. B.) (Bildhauer), 58. 

Bamewitz (Bildhauer), 66. 

Bartels, Daniel (Bildhauer), 60. 

Bartels, Heinrich Conrad (Bildschnitzer), 169. 

Becker, C. A. (Glockengiesser), 65, %. 

Becker, Peter August (Glockengiesser), 55. 

Behrens, Hans (Maler), 54. 

Behrens, M., Johann (Maler), 40. 

Bock (Glockengiesser), 11. 

Brfiggemann (Maler), 80. 

BrUggemann (Bildschnitzer), 168. 

Campenius, Adolphus (Orgelbauer), 169. 

Gasten, Hans (Orgelbauer), 22. 

Christ, Hans (Architekt), 22. 

Cordes (Tischlermeister), 53. 

Damm, H. L. (Glockengiesser), 28, 65, 71, 151. 

Diisterdich (Glasermeister), 53. 

Dreier, Cord (Bildschnitzer), 169. 

Flegel, Just, Ludwig (Zinngiesser), 49. 

Gerd (Architekt), 148. 

Getelde, Hans (Maler), 91. 

Havtsch, Johann Christoph (Glocken- 
giesser) 115. 

Hawer, Henning (Maler), 81. 

Heyde, Kord van der (Glockengiesser), 138. 

Höyer, Anton (Bildhauer), %. 

Hoyer, J. B. (Bildhauer), 89. 

Hüsemann (Orgelbauer), 41. 

Jäger, Henning (Maler), 95. 

Kahlen, H. (Stückgiesser), 22. 

Keusser, Justus (Orgelbauer), 149. 

Keyser, Justus (Orgelbauer), 169. 

Knust, Berend (Bathsmaurermeister), 169. 

Körber, Jakob (Glockengiesser), 95. 



Lampen, M. Henni (Glockengiesser), 89, 95. 

Lippold (Kgl. Festungsmaurermeister), 95. 

Mare, M. Märten de (Orgelbauer) 163. 

Mathias (Goldschmied), 77. 

Meier, Johann (Glockengiesser), 38, 55, 57, 
79, 120. 

Meuten, Diderich (Glockengiesser), 42. 

Meyfeld, Just Andreas (Glockengiesser), 38. 

N., H. (H. N.) (Bildhauer), 15. 

Ochsenkopf, Heinrich (Bildschnitzer), 81. 

Olpke, M. Johann (Maler), 52. 

Ossenkopf, M. Cnrt (Bildschnitzer), 40, 54. 

Pelckinck, Hans (Glockengiesser), 53. 

Rade, Hermann und Caspar y. (Maler), 168. 

Riedeweg, M. Thomas (Glockengiesser), 23, 
44, 50, 54, 122, 123, 149, 174. 

Ritterhof, Conrad (Bildhauer und Maler), 170. 

S. J. G. (J. G. S.) (Bildhauer), 115. 

Schultz (Maler), 47. 

Siegfried, Ludolf (Glockengiesser), 40, 47, 
50, 151. 

Strauss (Ingenieur), 108. 

Symon, Thomas (Glockengiesser), 168. 

Thies, Franz Jürgen (Klempnermeister), 23. 

Uhle, Hans Jakob (Bildhauer), 66. 

Yick (Landbaumeister), 166. 

Vos, M., Pawel (Glockengiesser), 71. 

W., H. (H. W.) (Bildhauer), 83. 

Weidemann, Joh. Heinr. Christ. (Glocken- 
giesser), 17, 38, 44, 54, 74, 176. 

Wiegel, Jonas (Orgelbauer), 47. 

Wilhelm, Hans (Maler), 81. 

WUbbers, J. (Zinngiesser), 23. 

Wulff (Goldschmied), 54. 

Ziegner, M. Johann Georg (Glocken- 
giesser), 37. 

Zuberbier, Johann Andreas (Orgelbauer), 95. 




Der Kreis Burgfdorf. 




Einleitung. 




^er Ejreis Burgdorf wird im Westen vom Regierungsbezirk Hannover, im 
Süden und Südosten vom Regierangsbezirk Hildesheim, im Nordosten 
vom Kreis Gelle und im Norden vom Kreis Fallingbostel begrenzt. 
Er ist 837,82 qkm gross und setzt sich aus zwei Stadtgemeinden, 81 Land- 
gemeinden und zwei selbständigen Gutsbezirken zusammen. Der Boden, welcher 
die Merkmale der Lüneburger Heide trägt, ist, abgesehen von kleineren Er- 
hebungen im Süden, Osten und namentlich im Nordwesten, flach. Bei Bissen- 
dorf, Burgdorf und Uten trifft man auf Ejreideschichten. Reichere Waldungen 
finden sich bei Ahlten, zwischen Burgdorf und Uetze, sowie im Nordwesten. 
Moore giebt es bei Alten -Warmbüchen, Oldhorst, nördlich von Wettmar und 
in der Gegend von Meilendorf. Bewässert wird der Kreis von der Fuhse, Aue 
und Wietze mit ihren Zuflüssen. Die Zahl der dem niedersächsischen Stamme 
angehörenden Bewohner beläuft sich auf rund 36000. Sie treiben in erster 
Linie Viehzucht und Ackerbau und handeln mit den Erzeugnissen ihrer Thätig- 
keit. Ziegeleien finden sich an vielen Orten; auch sind einzelne Zuckerfabriken 
imd Cementfabriken vorhanden. Windmühlen sind über das ganze Land hin 
zerstreut. Als Hauptverkehrswege dienen die Chausseen Hannover-Walsrode 
und Hannover-Celle, sowie die in Fig. 1 angegebenen Landstrassen. Folgende 
Eisenbahnlinien durchschneiden den Kreis: Hannover - Lehrte - Hildesheim, 
Hannover -Lehrte -Braunschweig, Hanno ver - Oebisfelde, Hannover - Uelzen und 
Hannover -Soltau. Eine Aussenstrecke der elektrischen Bahn verbindet die an 
der Landstrasse Hannover-Haimar belegenen Orte mit einander. 

Der Kreis ist im ehemaligen Fürstenthum Lüneburg und nur zum kleinen 
Theil im Fürstenthum Galenberg belegen. Zu letzterem gehört nur der den 
Gemeinden Uten und Bilm bei der Theilung zugefallene Antheil am sogenannten 
Eisenwinkel vom Bezirke des alten Amtes Hannover. Der Kreis theilt die 
wechselreichen Geschicke des Fürstenthums, die nur in schwachen Umrissen 
angedeutet sein mögen : Im Jahre 1235 erhielt Otto das Kind das neu begründete 
Herzogthum Braunschweig - Lüneburg als erbliches Reichslehen und wurde 



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Reichsfurst. Seine Söhne Albrecht und Johann theilten 1267 die Lande: Johann 
erhielt das Herzogthum Lüneburg und die Stadt Hannover^ Albrecht das Herzog- 
thum Braunschweig sowie Galenberg und Göttingen. Diese Theilung begründete 
die Trennung der Lande Braunschweig und Lüneburg. Als Johanns Enkel, 
Wilhelm von Lüneburg, ohne Söhne starb, entbrannte über die Nachfolge der 
grosse Lüneburgische Erbfolgekrieg zwischen Magnus Torquatus und Albrecht 
von Sachsen. Die mannigfachen Zwistigkeiten fanden ihren Abschluss durch 

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KREIS 



CELLE 



NEUSTADT 




HANNOVER 



KREIS 
U1LDE5HEIM 



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Flg. 1. Der Kreis Bargdorf. 

die Theilung vom Jahre 1409: Bernhard erhielt das Braunschweigische, Heinrich 
das Lüneburgische Land. Bei einer weiteren Theilung im Jahre 1428 wählte 
dann Bernhard den Lüneburgischen Theil. Unter seinen Nachkommen ist Ernst 
der Bekenner als eifriger Vorkämpfer der Reformation bekannt. Seine Enkel, 
die Söhne Wilhelms, beschlossen 1610 zu Gelle die Untheilbarkeit des Fürsten- 
thums Lüneburg. Herzog Georg, 1641 gestorben, bestimmte in seinem Testament 
die Theilung von Lüneburg und Calenberg. Georg Ludwig, 1714 auf den eng- 
lischen Thron berufen, vereinigte durch seine Heirath mit Dorothea von Gelle 
die sämmtlichen weifischen Lande. 



Eine Sonderstellung innerhalb des Kreises nimmt das sogenannte «grosse 
Freie" ein, welches die Ortschaften Ahlten, Änderten, Höver, Bilm, Uten, Lehrte, 
Sehnde, Gretenberg, Rethmar, Evem, Dolgen, Haimar, Harber und Klein- 
Lopke umfasst. Die Freien sind ein Rest der gemeinen Freien, deren Rechte 
die Freiheit der Person und des Eigenthums zum Kern hatten. 1248 übergab 
Graf Heinrich von Lauenrode die „comitia major" gegen eine jährliche Rente 
von 20 Mark an Otto das Kind. Die weifische Herrschaft befestigte sich hier 
seit der Mitte des XIV. Jahrhunderts. Im Vertrage zu Minden, 1512, erhielt 
Heinrich der Mittlere von Lüneburg die Freien vor dem Walde, und seitdem 
gehören sie endgültig zu Lüneburg. 

Die Ortschaften gehören in ihrem grösseren Theil der Hildesheimschen 
Diöcese an. Was jedoch westlich der Wietze, welche im Allgemeinen als die 
Grenze angesehen werden darf, belegen ist, gehörte ehedem zum Mindener 
Archidiakonat Mandelsloh im Loingau. Von den übrigen zu Hildesheim 
gerechneten Orten gehören die nördlichen dem Pagus Flutwide, die südlichen 
dem Pagus Hastfala an. Beide Gaue stossen zwischen Aligse und Lehrte 
zusammen. 

Hervorragende Kunstwerke hat der Kreis nicht aufzuweisen, doch bietet 
er eine Fülle von interessanten Gegenständen der kirchlichen Kleinkunst. Dass 
auch hier die Kunst ehedem gepflegt wurde, das geht aus den geschichtlichen 
Nachrichten zur Genüge hervor. Doch haben die Fehden zu Beginn des 
XV. und XVI. Jahrhunderts, besonders aber der dreissigjährige Krieg das ihrige 
gethan, um sie in ihrem Aufblühen niederzutreten. Die romanische Zeit wird 
durch einen Crucifixus zu Kirchhorst sowie einen Thurm in Ilten vertreten. 
Spätgothische Kirchen sind in Gross-Burgwedel, Isemhagen, Kirchhorst und Meilen- 
dorf, letztere mit der Zahl 1497, erhalten. Kapellen aus dieser Zeit finden sich 
an vielen Orten; die zu Höver trägt die Jahreszahl 1494. Bemerkenswerth ist 
der mit Scharten versehene Kirchthurm zu Gross-Burgwedel. Einfache Herrenhäuser 
werden an einigen Orten angetroffen. Von den Altären steht neben einigen 
aus der spätgothischen Zeit der zu Ilten vom Jahre 1724 obenan. Ein Altar- 
leuchter mit der Jahreszahl 1556 ist in Harber vorhanden, andere zeigen viel- 
fach gothische AufiTassung. Spätgothische Crucifixe haben Oelerse und Schwüb- 
lingen aufzuweisen. An Glocken ist ein grosser Reichthum vorhanden; eine zu 
Gross-Burgwedel zeigt Formen des XIV. Jahrhunderts, eine andere zu Otze 
die Zahl 1461; weitere gehören dem XVI. und namentlich dem XVIII. Jahr- 
hundert an. Schöne Grabsteine sind in Gross-Burgwedel, Kirchhorst und Lehrte 
vorhanden. Die Meister Barnewitz und Hoyer haben besonders gute Stücke 
geliefert. Spätgothische Wandmalereien sind in Gross-Burgwedel gefunden 
worden und ähnliche in Kirchhorst erneuert in ihrer vollen Pracht zu sehen. 




1* 



Abbensen. 

Kapelle. 

Litte rat nr: Doebner III, Nachträge; Janicke; von Hodenberg, Calenberger 
ürknndenbnch III; Sudendorf; Wippennann, Bnkkigan; Manecke II; Mithoff, Kunst- 
denkmale lY; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Holscher, Beschreibung des Bisthums 
Minden; Grütter, Amtsvogteien im Fürstenthum Lüneburg, Hannov. GeschichtsbL, 3. Jahrg.; 
Schulz, Bissendorf, ebendort, 4. Jahrg. 



Abbensen, seit Alters Filial zu Heistorf, gehörte ehedem mit diesem Geschichte, 
zum Mindener Archidiakonat Mandelsloh im Loingau. Es war der Amtsvogtei 
Bissendorf zugetheilt. Im Jahre 1287 resignieren der Ritter Hildemar von 
Oberg und der Edelherr Eonrad von Amheim dem Mindener Bischof Volquin 
zu Gunsten des Klosters Loccum den Zehnten in «Abbenhusen*. In seiner 
heutigen Namensform taucht der Ort 1353 und in einem Einnahmeverzeichniss 
des Schlosses Celle aus den Jahren 1381/82 auf. 1353 erklärt Ritter Johann 
Pickard, dass nach seinem Tode seine Güter, darunter ,en hof to Abbensen', 
dem Herzog Wilhelm von Braunschweig und Lüneburg, seinen Erben oder 
Nachfolgern anheimfallen solle. 

Nach des Canonicus Jordan Güterverzeichniss der Abtei Wunstorf, 
welches zwischen 1376 und 1379 abgefasst sein wird, gehörte zur Abtei ,De 
hof to Abbensen Is En echte hof jn den Bordung wolt". 1472 thun die Testa- 
mentarien des Magnus Lauenrode, Propstes zu Mariensee, kund, dass das Kloster 
von des Testators Nachlasse disponiertermassen den Zehnten zu Abbensen, 
worauf 100 Gulden stehen, wieder lösen solle. 

Die einfache, mit abgeschrägten Ecken im Osten versehene, mit Sattel- Beschreibung. 
dach überdeckte FachwerkkapeUe hat eine gerade geputzte Decke mit vor- 
stehenden Balken und Holzkonsolen an den Seitenwänden. Auf der Südseite 
liegt die halbkreisförmig geschlossene Eingangsthür mit der Jahreszahl 1665 
im Sturz. Die kleinen Fenster haben rechteckige Form. 

Auf dem mit einer Steinplatte abgedeckten, gemauerten Altar steht Altar. 
ein spätgothisches, farbig behandeltes, stark verwahrlostes Schnitzwerk mit dem 
Gekreuzigten im Mittelsdirein. 

Ein einfacher gothischer Taufstein ist aus Sandstein gearbeitet. Tanfstein. 



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Geschichte. 



A h 1 1 e n. 

Kapelle. 

Litteratur: Sudendorf; Doebner VI; Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim ; 
Manecke II; von Hodenberg, LUneburger Lehnregister; Regenten-Sahl 16d8; Böttger, 
Diöcesan- und Gau-Grenzen; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Heise, die Freien; Weber, 
die Freien bei Hannover 1898; ttithoff, Kunstdenkmale lY; Kniep, die Freien vor dem 
Walde, Hanno V. GeschichtsbL, 3. Jahrg. 

Quellen: Urkunden desKgl. Staatsarchivs zu Hannover; Stadtarchiv zu Hannover, 
Redecker, historische CoUectanea; Yerzeichniss der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896. 



Beschreibung. 



Das im grossen Freien belegene Dorf, ehemals mit Uten, wohin es 
noch heute eingepfarrt ist, zum Archidiakonat Lühnde und zum Gau Hastfala 
gehörig, begegnet in der älteren Zeit meist in der Form «Alten* ; so zwischen 
1220 und 1240 in dem ältesten Exemplar des Lehnsregisters des Luthard von 
Meinersen (ein anderes Exemplar aus der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts 
schreibt dafür „Altem"), im Jahre 1359; in der Descriptio bonorum prae- 
positurae Hildensemensis ecclesiae tempore Nicolai (de Huet) praeposili vom 
Jahre 1382 und im Jahre 1428. 1491 lautet es .Altenn*. Bei der 1360 vom 
Herzog Wilhelm vorgenommenen Neubelehnung erhielt Wulver von Reden 
,de vogedie to Alten". Die Gebrüder Martin und Dietrich von Alten bekamen 
,To Alten . IX . morgere vnde . I . wort . de vorlenet se*. 1458 wird es 
durch Herzog Bernhard in Asche gelegt. Die Kapelle war zu Beginn des 
XVI. Jahrhunderts bereits vorhanden. 1500 verkauft Wulbrand von Reden dem 
Herzog Heinrich von Braunschweig und Lüneburg Obrigkeit und Gericht ,in 
vnde buten dem dorpe Alten • • • • in dem karspel tho Dten belegen*. 1530 und 
1541 wird der Hildesheimsche Domherr Arnold Freitag als «Obedienciarius der 
Obediencien Alten* (Althen, Altenn) bezeichnet. Nach dem Visitationsprotokoll 
vom Jahre 1543 gehörten zur »Vpkumpst des pastors tho Uten* 30 Morgen 
Landes „vor Althen*; und in der zubehörigen Klage heisst es: »VI gülden X sz 
in veer Jaren nhagebleuen veertide gelt jn Uten, Billem, Höuerde vnd Althen, 
dat mi vorentholden wert mit jtliken Schincken*. Als Patrone werden die 1647 
ausgestorbenen Herren von Rutenberg genannt. Die Folgen des dreissigjährigen 
Kri^es machten sich auch bezüglich der Kapelle fühlbar. Der Dtener Pastor 
von Broitzem schreibt nämlich Folgendes: , Gleich wie bei Antretung meiner 
unwürdigen Bedienung [14. Mai 1648] alle B^pellen in einem elenden Zustande 
gefunden, also absonderlich diese Ahltische; sie ist mehr einem Viehestall, als 
Gotteshause ähnlich gewesen*. 

Das Rittergut zu Ahlten wurde von Stats Schlüter in den Jahren 1580 
und 1582 gegründet. Herzog Ernst 11. von Lüneburg hat 1593 dem Gute alle 
adeligen Freiheiten, Gerechtigkeiten und Immunitäten ertheilt. 

Die massive, durch das halbe Achteck im Osten geschlossene, geputzte 
gothische Kapelle mit gerader Bretterdecke trägt im Westen einen viereckigen 



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Dachreiter. Die drei Chorfenster und die Fenster der Nordseite zeigen innen 
spitzbogig geschlossene Nischen und aussen geraden Sturz. Die in einer Spitz- 
bogennische liegende Eingangsthür und zwei flachbogige Fenster sind an der 
Südseite angebracht. Zu beiden Seiten der Thüre sind inwendig im Mauerwerk 
die Oeffnungen für das Querholz noch vorhanden. Oben am westlichen Giebel 
sind zwei Steine mit Kreuzen eingemauert. Hölzerne Emporen befinden sich 
an der West- und theilweise an der Süd- und Nordseite. Bemerkenswerth sind 
die tauförmigen Verzierungen an den Tragbalken der südlichen Empore. Auf 
den beiden Ständern an den Längsseiten ist die Zahl 21 zu lesen. 

Der gemauerte Altartisch ist mit Platte und Schräge in Sandstein Altar, 
abgedeckt. 

Die Kanzel enthält auf den Füllungen die auf Holz gemalten Brustbilder Gemälde, 
des ,S. Philippvs, S. Petrvs, S. Bartholomaevs, S. Andreas, S. Simon" und 
,S. Johannes*. Darunter befindet sich an der Altarwand eine Darstellung des 
Abendmahls und oben Gott Vater in den Wolken. Die Gemälde dürften noch 
dem XV. Jahrhundert angehören. 

Eine im Jahre 1563 gegossene, 52 cm im Durchmesser grosse Glocke Glocke, 
trägt am Halse eine Inschrift, darunter einen gothischen Omamentstreifen und 
am Rande fönf herumlaufende scharfkantige Erhöhungen. 

Ein schöner, farbig behandelter, 1,14 m hoher und 0,78 m im Durch- Taufstein. 
messer grosser Taufstein aus Sandstein trägt auf dem runden profilierten Fusse 
die Jahreszahl 1613. Auf dem sechseckigen, mit Akanthusblättem und Figuren 
verzierten Schaft liegt ein ebensolches Becken, welches mit Sprüchen aus 
Markus 10, Johannes 3 und Matthaeus 28 und den Darstellungen der Anbetung, 
Jesu als Einderfreundes und der Taufe im Jordan geschmückt ist. 



Alten-Warmbüchen. 

KapeUe. 

Litteratnr: LUntzel, die ältere Diöcesc Hildesheim ; Sudendorf; Origines 
Guelficae; Gmpen, Origines et Antiquitates Hanoverenses; Urkundenbuch der Stadt 
Hannover; Manecke II; von Hodenberg, LUneburger Lehnregister; Regenten-Sahl 1698; 
Böttger, Diöcesan- und Gau -Grenzen; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Uhlhom, die 
Kirche in Kirchhorst und ihre Kunstdenkmälcr, Zeitschr. d. bist. Ver. f. Nieders. 1899; 
Neues Vaterl. Archiv 1823. 

Quellen: Akte des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



Im Jahre 1329 lösten sich Horst, Stelle und Alten- Warmbüchen um 
zwei Mark reinen Silbers von der Kirche zu Burgdorf los, bauten die Kapelle in 
Horst zur Kirche um und weihten sie dem heiligen Nikolaus. Seitdem ist das 
Dorf nach Kirchhorst eingepfarrt. Es war ehedem einer der Grenzorte des 



Pagus Flutwide gegen den Pagus Hastfala. Sämmtliche Höfe zu Alten- Warm- 
buchen waren zuvor Lehnshöfe derer von Alten. Aus einem Schreiben vom 
Jahre 1664 ersehen wir, dass die Alten- Warmbüchener darum bitten, mit einer 
Reparation der vor dem Dorf stehenden Kapelle verschont zu werden. Dieselbe 
sei, so heisst es darin, «vor Zeiten** ,ad cultum sacnun". erbaut, aber mit 
Einführung der Reformation verlassen und «wüste* geworden, «indem aus dem 
Dorfif bald einer dies der ander das hingenommen*. Es wird daher von Celle 
aus angeordnet^ dass der Schullehrer des Sonntags Nachmittags mit den 
Kindern in der KapeUe ein «examen catecheticum* anstellen und mit ihnen 
singen und beten solle, wozu auch die Alten kommen möchten. Jeden vierten 
Sonntag sollten sie jedoch zur Horster Mutterkirche gehen. Die Kapelle wird 
zu diesem Zweck auf das Nothdürftigste ausgebessert, 1803 jedoch mit Ausnahme 
der Glocke dem Halbhöfner Hans Henning Wöhler als Meistbietendem für 
96 rthlr. verkauft. Seitdem als Wohnhaus benutzt, hat sie mannigfache 
Aenderungen erfahren. 

Die durch das halbe Achteck im Osten geschlossene, aus Ort- und 
Backsteinen errichtete Kapelle hat 12,8 m äussere Länge und 6^8 m Breite. 
Der profilierte Ghorbogen und das mit vortretenden Bimstabrippen versehene 
Chorgewölbe sind noch erhalten. Auf der Nordseite liegt eine flachbogige 
Eingangsthür in einer einen halben Stein tiefen, den einfachen Viertelstab 
zeigenden Spitzbogennische. Sämmtliche Fenster sind flachbogig geschlossen. 



Änderten. 

KapeUe. 

Litteratnr: LUntzel, die ältere Diöcese Hildesheim ; Janicke; Leibniz, Scriptores 
reram BrnnsTicensium ; Sudendorf; von Hodenberg, Marienroder Urkundenbnch ; derselbe, 
Lttneburger Lehnregister; Urknndenbuch der Stadt Hannover; Doebner I und VI; 
Manecke II; Mithoif, Kunstdenkmale I und IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Weber, 
die Freien bei Hannover 1898; Kniep, die Freien vor dem Walde, Hannov. Geschichtsbl., 
8. Jahrg.; Kayser, Kirchenvisitationen 1897 ; Regenten-Sahl 1698; Holscher, Beschreibung 
des Bisthums Minden; Förstemann, Ortsnamen; Böttcher, Geschichte des Kirchspiels Kirch- 
rode. — Ueber die Familie siehe von Meding, Nachrichten von adelichen Wapen 11, und 
die einschlägigen Register. 

Quellen: Urkunde des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



Geschichte. Das zum grossen Freien gehörige Dorf blickt auf ein hohes Alter 

zurück. Wie Lüntzel und nach ihm Weber anm'mmt, ist es identisch mit dem 
»Ondertunum*, welches in der um 990 aufgesetzten, aber nur in einem Schrift- 
stück des XI. Jahrhunderts vorliegenden Aufzeichnung über die auf Befehl 
Ottos n. festgestellten Grenzen zwischen Ostfalen und Engem und die Grenzen 
zwischen den Bisthümern Hildesheim und Minden vorkommt. In dem genannten 






Grenzprotokoll erscheint unter den Zeugen «Bernhard Bidonis filius de Onder- 
tunum". Nach dem «Ghronicon episcoporum Hildeshemensium' verpfändet 
der Bischof Eonrad II., 1221—1246, dem Lippold von Escherde ein Vorwerk 
in , Änderten". Diese Namensform wird von nun an die übliche. 1291 ver- 
kaufen die Gebrüder Ludolf und Burchard von Gramme dem Erlöster Marien- 
rode ,tres mansos sitos in Änderten et medietatem decime totius ville Änderten 
et vnum molendinum jbidem cum omnj jure jn villa et extra villam**, welche 
Güter sie vom Hildesheimschen Bischof Siegfried zu Lehen trugen. 1298 ver- 
kauft der Ritter Dietrich von Alten demselben Kloster «quatuor mansos cum 
decimis eorum in Änderten sitos cum duabus areis et edifitijs in eisdem con- 
structis", welche er vom Mindener Bischof Ludolf zu Lehen getragen hatte, 
und genehmigt 1301 den Tausch von zwei Hausstellen zu ,Anderthen" zwischen 
dem Kloster und dem Heinrich Siegering, Bürger zu «Änderten". Im Lehns- 
register des Bisthums Minden zwischen 1304 und 1320 begegnet die Form 
»Thandertam*. 1348 verkauft das Kloster Marienrode dem -ÄJtare St. Johannis 
in der Kreuzkirche zu Hannover zwei Höfe in »Änderten*. Bei der im 
Jahre 1360 vom Herzog Wilhelm vorgenommenen Neubelehnung erhielten die 
Gebrüder Martin und Dietrich von Alten ,to Änderten. IL houe de vorlenet se*. 
1661 wüthete ein grosser Brand, welcher mitten durch das Dorf ging und alle 
dortigen Höfe in Asche legte. 




r>w 0^ 9 f t J * f » f * 9 ^t 



Flg. 2 Kapelle in Änderten; Gmndriss. 



Die Kapelle war dem Pfründenverzeichniss zu Folge bereits 1534 vor- 
handen. Der Ort war ursprünglich nach Uten eingepfarrt; laut Visitations- 
protokoll von 1543 hatten die Bewohner von Änderten das Vierzeitengeld an 
den Geistlichen von Uten zu zahlen, wie es denn auch Thatsache ist, dass die 
Elapellenrechnungen seit 1554 vom Iltener Pfarrer geführt worden sind. 
1597 jedoch war die Kapelle bereits Filial zu Kirchrode. Noch 1662 wurde 
vom Amtsvogt OsthoflF die ursprüngliche Zugehörigkeit zum Iltener Erchspiel 
wieder herzustellen versucht; und der Iltener Pastor Joachim von Broitzem, 
1648—1683, schreibt, dass er auf Befehl des Hochfürstlichen Gonsistorii daselbst 
in der Kapelle gottesdienstliche Handlungen vorgenommen habe. Bei der 
grossen Feuersbrunst im Jahre 1661 brannte das Innere der Kapelle aus. Sie 

2 



-^ 10 8^ 



Beschreibung^. 



wurde 1663 wieder ausgebaut und von Neuem eingeweiht. 1670 wird Änderten 
in den Freien mit einer Kapelle als Filial von Earchrode angegeben, wohin es 
noch heute gehört. Nach Manecke (1858) ist das Dorf zwar nach Eirchrode ein- 
gepfarrt, doch ist der Prediger zu Uten perpetuus Oeconomus des Eapellen-Aerarii. 

Nach dem Dorfe ist ein Hannoversches Patriziergeschlecht, welches 
1596 die Bestätigung seines alten Adels erwirkt hat, benannt. 

Die in gothischen Formen errichtete, einfache Backsteinkapelle mit 
flacher Decke (Fig. 2) hat im Jahre 1884 einen neuen Westthurm erhalten. 
An den äusseren Flächen des alten Mauerwerkes befinden sich glasierte Ziegel. 
Die Langseiten werden durch je drei Strebepfeiler mit Pultdächern gestützt. Die 
spitzbogig überwölbte Eingangsthüre im Westgiebel — jetzt Durcligang vom Thurm 
zur Kapelle — zeigt den viermal zurückgesetzten Viertelstab. Drei sehr 
beschädigte Ghorfenster und eine Nische im Inneren des Chores sind mit dem Spitz- 
bogen geschlossen und haben, wie die flachbogige Nische an der Aussenseite der 
Ostwand, als Einfassung einen doppelten Viertelstab. Letzterer ist auch an 
der Nord- und Ostseite als Theil des Hauptgesimses erhalten. Zwei rechteckige 
Fenster befinden sich an der Südseite. Auf einem Holzständer an der Südwand 
im Inneren ist die Jahreszahl 1661 und aussen auf einem Eckquader die Inschrift: 

1663 
M. H. F. AD. 
angebracht. 

Emporen sind an der West- und Nordseite vorhanden. 



A p p k e. 



Kapelle. 

Litteratnr: Doebner VI und VIT; Sudendorf; Ltintzel, die ältere Diöcese 
Hildesheim; Manecke II; Mithoff, Knnstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; 
Fromme, kleine Chronik der Primariatpfarre zu Sievershausen 1889; Weber, die Freien 
bei Hannover 1898; Regenten - Sahl 1698; Böttger, Diöcesan- und Gau-Grenzen; Eayeer, 
Kirchenvisitationen 1897. 

Quellen: Urkunden und Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



Geschichte. 



Das nach Sievershausen eingepfarrte Dorf, welches ehedem zu den 
Grenzorten des Pagus Flutwide gegen den Pagus Hastfala gehörte, begegnet 
in der älteren Zeit meist als »Arbeke*, so in den Jahren 1382, 1406, 1448, 
1462 und 1466. Daneben findet sich 1459 die Form ,Erbeke«. 1487 erklärt 
der Herzog Wilhelm von Braunschweig und Lüneburg, dass Otraven von Bervelde 



-^ 11 8^ 

«dem hilgen cruce to Arebke* ein «kotbleck* daselbst und ein Pfund Wachs 
von einer Wiese «to ewigen tyden by dem godesz huse to bliuen'' gegeben 
habe. 1555 wurde das erste «Arbsche Capellen-Register'^ angelegt. In der 
.Dtgaue'' der Sievershäuser Kirche vom Jahre 1574 sind verzeichnet: «Utgegeuen 
VI. fl vnd in mattier, to Notwendiger buwung der Cappellen*, in der «Uthgaue** 
för die Jahre 1582 bis 1590: »Vor de Bonen to leggende In de Cappellenn. 
II fl. 15 grossen*, «Item I fl. vor venster to flickende In der Cappellen*. 
1595 besassen die Herren von Rutenberg den Zehnten in unserem Dorfe. 
1622 wurde das Eapellenärar beraubt. 1666 übertrug der Superintendent 
gelegentlich der Revision das Auf- und Zuschliessen der Kapelle, welches bis 
dahin vom Kuhhirten besorgt wurde, dem Schullehrer. 

Die alte Kapelle wurde in den Jahren 1857—1859 durch ein neues 
Bauwerk aus Backsteinen nach dem Entwürfe Hases ersetzt. 

Zwei Altarleuchter zeigen die gothische Auffassung. Der Körper ruht Altarleuchter. 
auf drei Füssen. Der walzenförmige Schaft wird in der Mitte durch einen 
Knauf getheilt. 

Die 50 cm im Durchmesser grosse Glocke trägt in der Inschrift den Glocke. 
Namen Maria sowie den Namen des Glockengiessers Bock und zeigt das Hochbild 
der Maria mit dem Kinde in flammenstrahlender Mandorla. 

Die schlichte Altarkanzel ist in den Formen des Zopfstils gehalten. Kanzel. 



Bennemühlen. 

Herrenhaus. 

Litte ratur: Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim; Manecke II; von Hoden- 
berg, Lüneburger Urkundenbucb XV; Zeitschr. d. bist. Ver. f. Niedere. 1885; GrUtter, 
Amtsvoigteien im Filrstentbum Lüneburg, Hannov. Geschicbtsbl., 3. Jabrg.; Schulz, Bissen- 
dorf, ebendort, 4. Jahrg.; Böttger, DiOcesan- und Gau -Grenzen. 



Das nach Bissendorf eingepfarrte, im Mindener Loingau belegene Dorf 
enthält einen (adelig freien landtagsfähigen) Hof der Familie von Bothmer. 
Diesen besass zuvor ein im XV. Jahrhundert im Füirstenthum Lüneburg blähendes 
adeliges Geschlecht von Bendemühlen, welches sich , zweifelsohne' (Manecke) 
nach dem Ort benannte. 1513 genehmigt der Herzog Heinrich zu Braunschweig 
und Lünebui-g^ dass die Vettern Ludolf und Melchior von Campen auf ihre 
Lehnguter zu Mellendorf, Hellendorf und Bennemühlen 1500 Rh. Gulden auf- 
nehmen. Der Zehnte von diesem Dorfe gehörte denen von Bobers. Der Ort 
war der Amtsvogtei Bissendorf zugetheilt. 

Das einfache, aus Fachwerk errichtete Rittergut trägt auf der Setz- 
schwelle des zum Theil erneuerten Nordflügels die Inschrift: ,Zur Erhaltung 

2* 



-*^ 12 8^ 

der Güter und beim ewigen Andencken erbauet ANNO 1733 von den Hoch- 
wollgebohrnen Herrn Obristen* sowie weiter darunter die Worte «Augast 
Christian Friderich von Bothmer' und ist von einem zum grössten Theil noch 
erhaltenen Graben umgeben. Der südwestliche Theil, das eigentliche Herren- 
haus, ist später angebaut und trägt einen hölzernen Dachreiter mit Uhr. 



Geschichte. 



Beschreibung. 



Glocke. 



Bilm. 

KapeUe. 

Litteratur: Doebner I und II; Sudendorf; LUntzel, die ältere Diöcese Hildes- 
heim; Manecke II; Mithoff, Kunstdenkmale IV; Weber, die Freien bei Hannover 1898; 
Kniep, die Freien vor dem Walde, Hannov. Geschichtsbl., 3. Jahrg.; Regenten-Sahl 1698; 
Kayser, Kirchenvisitationen 1897. 

Quellen: Yerzeichniss der kirchlichen Kunstdenkmäler von 18%; Schulchronik 
in Bilm; Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



Das im grossen Freien und im Gau Hastfala belegene, seit Alters 
nach nten eingepfarrte Dorf begegnet 1333 als «Billem", in welcher Form 
es 1382, 1406 («Byllem") und 1438 wiederkehrt. Daneben findet sich die 
Schreibweise „Billum". 1359 überweist der Bischof Heinrich von Hildeshehn 
dem Kapitel St. Grucis eine Hufe «in campis ville Billum'* („Byllum") und 
verleiht ihm das Obereigenthum über vier weitere Hufen daselbst. Auch ein 
Schreiben des Dompropstes Nikolaus Hud vom Jahre 1382 redet von dem 
campus , ville Billum". In der Klage des Iltener Pfarrers vom Jahre 1543 
lesen wir: .VI gülden X sz in veer Jaren nhagebleuen veertide gelt jn Jlten, 
Billem, Höuerde vnd Althen, dat mi vorentholden wert mit jtliken Schincken*. 

Nach dem Ort ist eine im XIV. und XV. Jahrhundert vorkommende 
Bürgerfamilie in Hildesheim benannt, von der ein Herbort als in Hannover 
ans&ssig erwähnt wird. 

Die rechteckige, aussen 12,50 m lange und 7,35 m breite, aus Bruch- 
steinen erbaute, geputzte, gothische Kapelle mit geputzter Balkendecke hat auf 
dem Satteldach einen viereckigen Dachreiter und zum Theil flachbogige, zum 
Theil schlitzförmige Fenster. Der Sockel zeigt an allen Seiten des Gebäudes eine 
grosse Schräge. Die spitzbogige, an der Südseite liegende Eingangsthür hat in den 
beiden Bogenstücken den alten Fasen noch erhalten. Die Kanzelthür stammt 
aus dem XVII. Jahrhundert, eine Empore befindet sich an der Westseite. Im 
Wetterhahn steht die Jahreszahl 1681. 

Die Glocke trägt die Lapidarinschrift: 

Christofer Hortenbarch 

me fecit 

Anno.Dmi 1578. 

Kichert Olers 
Engelke Engelken. 



-►4 13 8-»- 

Bissendorf. 

Kirche. Amtshaas. 

Litte ratur: Sadendorf; Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim; Wippennann, 
Bükkigau; Spilcker, Geschichte der Grafen von Wölpe; Holscher, Beschreibung des Bis- 
thnms Minden; von Hodenberg, Lüneburger Urkundenbuch XY; derselbe, Pagus Flutwide, 
Lenthe^s Archiv VI; derselbe, Lüneburger Lehnregister; Manecke II; Kayser, Kirchen- 
visitationen 1897; Mithoff, Kunstdenkmale lY; derselbe, Kirchenbeschreibungen; BOttger, 
Diöcesan- und Gau-Grenzen ; von Bennigsen, Beitrag zur Feststellung der Diöcesangrenzen, 
Zeitschr. d. bist Yer. f. Nieders. 186B; GrÜtter, Amtsvogteien im Fürstenthum Lüneburg 
und der Loingau, Hanno v. GeschichtsbL, 3. Jahrg; Graeven, Messkelch und Patene aus 
Bissendorf, ebendort, 4. Jahrg.; Schulz, Bissendorf, ebendaselbst. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Mittheilungen des 
Pastors Nutzhom zu Bissendorf; Yerzeichniss der kirchlichen Kunstdenkmäler von 18%; 
Grtttterseber Nachlass im Stadtarchiv zu Hannover. 



Nach Grupen gehörte Bissendorf mit Bennemühlen, Gailhof> Hellendorf, Geschichte. 
Sommerbostel, Ickhorst, Scherenbostel, Buchholz, Wennebostel, Wichendorf, 
zwei Höfen von Mellendorf, Mohlmühle, Schlage, Hainhaus, Maspe und Twenge 
zum Hildesheimschen Banne Sievershausen. Während Böttger und Bennigsen 
ebenfalls die Zugehörigkeit zu Hildesheim vertreten, fand Lüntzel jene Vertheilung 
der Parochieen zweifelhaft. Bestimmter wie Lüntzel drückt sich bereits 
Wippermann aus. Und dann heisst es in einem Yerzeichniss der zur Corveischen 
Präpositur gehörigen Güter: «in dioecesi Mindensi in parochia Mandelsloh". Es 
folgen sodann mehrere als Mindensch nachgewiesene Parochieen: Mariensee, 
Neustadt, Heistorf, und dann lesen wir: «in parochia Bissendorpe in villa 
Scheremborstelle*. Bissendorf kann demnach nur als zum Mindener Archidiakonat 
Mandelsloh zubehörig und im Loingau belegen aufgefasst werden, welche 
Ansicht auch Holscher und von Hodenberg theilen. Das im Jahre 1295 erwähnte, 
in der Diöcese Hildesheim belegene «Biscopiustorpe* darf mit unserem Ort 
nicht in Zusammenhang gebracht werden. Bei der im Jahre 1360 durch den 
Herzog Wilhelm vorgenommenen Neubelehnung erhielt Johann von Mandelsloh, 
Hermann Sohn: «den tegheden to Biscopinghedorpe vnde dat andere dat dar 
to hört, darsulues twene houe. vnde en kot*. Am 21. Juli 1393 schreiben 
die «Zateslude to Honouere'* den «Zatesluden to Luneborgh*^, dass sie mit den 
Satesleuten der Umgegend von Hannover («in vsen Jeghenen**) sowie mit den 
Rittern und Knappen aus Veranlassung dessen, was ihnen von den Herzögen 
geschieht, am 25. Juli Morgens «to Bispingdorpe" eine Zusammenkunft veran- 
stalten wollen, welche auch thatsächlich stattfand. Im XV. Jahrhundert kommt 
der Ort theils als «Bissendorpe* theils als «Bispendorppe" vor. In den Fehden, 
welche in den Jahren 1457—1459 zwischen dem Herzog Bernhard in Gemeinschaft 
mit dem Verdener Bischof Johann gegen den Herzog Wilhelm von Braun- 
schweig -Wolfenbüttel stattfanden, wurde er mit Feuer und Schwert verwüstet 
(GrÜtter). Im Jahre 1487 wird Henning Dedeken als «plebanus* genannt. 
1523 war Diderich von Bothmer Pfarrer, 1534 Brun van Wulle, 1543 Albertus. 



H^ 14 g-*- 

Die jetzige Kirche wurde mit AusDahme ihres Westthurmes im Jahre 1768 
massiv erbaut 

Das Amtshaus diente ehedem als Jagdablagerhaus der Cellescheo Herzöge. 
BeschreibQDg. Die Kirche besteht aus Westthurm und Schiff (Fig. 3)- 

Schiff. Das rechteckige mit Sandsteinsockel, Eckquadem, hßlzemem Haupt- 

gesims und Flachbogenfenstem in Sandsteineinfassungen versehene, massive 
Schiff von 26,3 m äusserer Länge und 12,3 m Breite hat ein im Osten 
abgewalmtes Pfannendach. Der innere, im östlichen Theile um eine Stufe 
erhöhte und auf mehreren Seiten mit Emporen versehene Raum wird durch 
eine gerade geputzte Decke, welche mit der Hohlkehle zur Wand übergeht, 
abgeschlossen. 



Der fast quadratische, zum grössten Tfaeil aus Ortsteinen errichtete 
Thurm hat flachbogige Oeffnungen und eine ebensolche, mit glatten Sand- 
steingewänden eingefasste Westthür. Ein halbkreisförmig QberwAlbter Durch- 
gang verbindet Thurm und Schiff. 

Die hölzerne, aus dem XVin. Jahrhundert stammende Altarwand mit 
eingebauter Kanzel erhebt sich hinter einem gemauerten Tisch. Zwei seithche 
glatte Säulen tragen ein verkröpftes Gebälk. 

Zwei aus dem XVII. Jahrhundert herräfarende schöne Altarleuchter aus 
Bronze haben die Inschriflen: 

Georgivs ■ Marreck Ambts Voget H ■ Leopoldvs ■ Collen ■ Pastor: zv 
Bissendorf. 
und 

Hans • Volcker • Wolder • Oldenbostel ■ K. G. zv Bissendorf. 



-w§ 15 S* 

Leop. Cöllenius war 1617—1652 Pastor. 

Am Scbulfaause ist eine Gedenktafel aus Stein aufgerichtet, welche Gedenktafel, 
in der Mitte ein Haus und daneben das Brustbild einer männlichen und einer 
weiblichen Figur mit je einem Wappen enthält; darunter ist zu lesen: 

Cvrdt von Bestenborstel ■ Tnd Calharina von Weihe • haben diese 
Schvle, Got ZV den Ehren ■ avf ihre eigen Vnkosten • gestiftet vnd 
erbavwen lassen, Anno dm 1603. 
In diesen Stein ist das Meisterzeichen H. N. eingemeisselt. 
Die 55 cm im Durchmesser grosse Glocke — jetzt ausser Gebrauch — Glocke, 
bat zwischen Riemchen über einem Omamentstreifen die Inschrift in gothischen 
Kleinbuchstaben : 

Anno ■ ^ ■ m ■ d ■ xl 



Fig. *. Klrclia in Blwendoif ; Grabmal 

Auf dem in die äussere Südwand eingelassenen, aus Sandstein gearbeiteten Gr&bmäler. 
Grabmale (Fig. 4) ist in der Mitte der Gekreuzigte, und es sind darunter eine 
knieende mfinnliche und eine knieende weibliche Figur, sowie auf jeder Seite 
vier Wappen zu sehen. Die Umschrift in Lapidaren lautet: 

Anno • 1 ■ 6 • 2 ■ 1 ■ den ■ 23 ■ Aprilis ■ ist ■ der • edler vnd ehmvester • 

Cordt ■ V. Bestcnbostel ■ in ■ Got ■ selig ■ entslapen. 

Ao ■ 1610 ■ den • 21 ■ Febrv ■ ist ■ de • edle ■ vnd • vieldvget- 

same • Catarina ■ v • Weihe ■ Cort ■ v ■ Bestenbostels • eli w ■ 

in ■ Got ■ selig ■ entslapen. 
Im untern Theile stehen zwei Bibelsprüche. 



Grabstein. 



Kelch. 



Amtshftus. 



-^ 16 8^ 

Der schöne, farbig behandelte, fast ganz durch eine Holzwand verdeckte 
Grabstein des 1652 gestorbenen Pastors Cölle (Cöllenius) ist innen in die 
Nordwand des Schiffs eingemauert. Derselbe zeigt in einer Bogenniscbe eine 
stehende männliche Figur im Priestergewande. 

Ein kleiner, silbervergoldeter, die spätgothiscbe Form zeigender Kelch 
wird als Eigenthum der Gemeinde im Eestner-Museum zu Hannover aufbewahrt. 
Der Sechsblattfuss trägt einen aufgehefteten Grucifixus und ein aufgeheftetes 
silbernes Schild mit eingraviertem Lamm und Baum. Auf der unteren 
Seite ist in gothischen Kleinbuchstaben die Inschrift «Hans Bick dedit'' sowie 
als Beschauzeichen ein Löwe und als Meisterzeichen ein G angebracht. Auf 
den Zapfen des mit gothischem Maasswerk verzierten Knaufes sowie auf der 
Handhabe ist in Grossbuchstaben je der Name Jhesus zu sehen. Der Becher, 
imten kugelförmig, geht in die Trichterform über. Die silbervergoldete Patene 
zeigt ein eingraviertes Kreuz. 

Das aus Fachwerk errichtete Amtshaus lässt unter der Tünche ver- 
schiedene Schnitzarbeiten erkennen. 



Breiingen. 



Kirche. 

Litteratur: Sudendorf; Janicke; Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim ^ Wipper- 
mann, Bukkigau; von Hodenberg, LUnebnrger Urkundenbnch XY; derselbe, Ltinebnrger 
Lehnregister; derselbe, Pagus Flutwide, Lenthe^s Archiv VI; Maneeke II; von Bennigsen, 
Beitrag zur Feststellung der Diöcesangrenzen, Zeitsehr. d. hist. Yer. f. Nieders. 1863; 
Fiedeler, geschichtliche Notizen über Mandelslohs Vorzeit, ebendort 1857 ; Böttger, Diöcesan- 
und Gau-Grenzen; Bertram, Geschichte des Bisthums Hildesheim; Holscher, Beschreibung 
des Bisthums Minden; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Mithoff, Kunstdenkmale lY; der- 
selbe, Kirchenbeschreibungen; FOrstemann, Ortsnamen; Grütter, der Loingau und Amts- 
vogteien im Fttrstenthum Lüneburg, Hannov. Geschichtsbl., 3. Jahrg. 

Quellen: Urkunde und Akte des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Yerzeichniss 
der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896; Kirchenbuch zu Breiingen; dasselbe, mit 
Zusätzen von Müller; beides in der Pfarrregistratur. 



Geschichte. 



Breiingen blickt auf ein hohes Alter zurück. Es ist nämlich nicht 
unwahrscheinlich, dass es mit dem „Bredanlagu" in einem Schriftstück des 
XI. Jahrhunderts identisch ist, welches die Grenzen zwischen Ostfalen und 
Engem sowie die Grenzen zwischen den Bisthümem Hildesheim und Minden 
angiebt, wie sie auf Geheiss König Ottos II. um 990 festgestellt wurden. Es gehörte 
ehedem zum Mindener Archidiakonat Mandelsloh und war im Loingau belegen. 
In weltlicher Beziehung war es der Amtsvogtei Bissendorf zugetheilt. Bei der 
im Jahre 1360 vom Herzog Wilhelm vorgenommenen Neubelehnung eiiiielt 
Johann von Reize „to Bredelege . I , kot".' In dem Verzeichniss der Geller Schloss- 
einnahmen vom 12. November 1381 bis 31. Mai 1382 kommt der Ort als 



-^ 17 H- 

„Bredelge* vor. 1385 empfängt Gerhard von Bothmer vom Mindener Bischof 
Otto »theyen Houe to Bredelaghe* zu Lehen mid 1391 „den Tegheden to 
Bredeleghe vp dem wede*. 1385 bekommt femer »Dyderich Runteshorn den 
thegheden to Bredeleghe*. 1407 war „Hinryk kercher to Bredelaghe*. Eine 
Urkmide vom 9. September 1438, betreffend eine Memorienstiflmig des Dechanten 
Heinrich Notberg zu Mandelsloh, bringt unseren Ort in kirchlicher Hinsicht zu 
Mandelsloh in Beziehung. Der Genannte stiftet in seinem Testament eine ewige 
Messe sowie drei Gedächtnisse und Memorien. Bezüglich derselben heisst es: 
«De ersten schal me don in der kerken tho Mandeslo des achten dages Godes 
lichammen, des avendes mit vigilie und des vrigdage morgens mit zelemissen. 
Dartho scholen sin twe heren, de dar resideren, und der kerken Helstorpe, 
Bredelinge und Buren kerkheren.* Auch sollten deren Küster zugegen sein. 
In einer Celler Urkunde vom Jahre 1473 ist von dem Kirchspiel zu »Bredelage* 
die Rede. 1479 war Johann Gharbordes »karckher to Bredelingh*, und noch 
1487 befand er sich (»Johann Gherbordus*") zu »Bredelage'' als Kirchherr im 
Amte. Nach einer Urkunde des Jahres 1482 sollte der Kirchherr zu »Bredelage* 
den dritten Schlüssel zu der »olderkisten* bei sich haben, und keiner von den 
Aelterleuten sie zuschliessen in dessen Abwesenheit, und so auch auf der 
anderen Seite. 1483 besass die Kirche nocli keinen Chor. 1487 hören wir 
von einem Briefe, welcher mit «der kerken Bredelage ingesegle*^ besiegelt war. 

Johann van Teckelnborch, 1534 Pastor, 1580 gestorben, war der erste 
lutherische Prediger im Orte. Zur Zeit des Pastors Hinrich Nieman (1649 — 1670) 
ist die .schlechte'' Kanzel durch eine neue ersetzt worden und eine neue Uhr 
sowie ein neuer silbervergoldeter Kelch, welcher über 40 rthlr. gekostet, 
angeschafft worden. Während des Krieges hatte sich die Gemeinde mit einem 
»schlechten* Kelch behelfen müssen, da ihr die beiden silbervergoldeten Kelche 
1620 gestohlen waren. Zu des Nachfolgers Michael Müllers Zeiten, 1711 gestorben, 
kam 1695 aus freiwilligen Beiträgen eine neue Orgel in die Kirche. 

Da sich die alte Kirche als zu klein erwies, entschloss sich die Gemeinde 
1847 zum Bau eines neuen Gotteshauses, welcher in den Jahren 1848/49 aus. 
geführt wurde. Der 1827 erbaute Westthurm wurde beibehalten. 

Die 1,03 m im Durchmesser grosse Glocke hat zwischen Ornament- Beschreibung, 
streifen am Halse die zweizeilige Lapidarinschrift: Glocke. 

Ich • ruffe • die • Läbendigen • zur • Busse : 
Und • die • Todten • zur • Ruhe : 

Am Glockenrande ist zwischen einem Omamentstreifen in Lapidaren 
zu lesen: 

Johann • Heinrich • Christoffer • Weidemann • goss • mich • Hannover • 
Anno • 1772 • 

Das bemerkenswerthe, aus Sandstein gearbeitete^ farbig behandelte, mit Grabmal, 
figürlichem Beiwerk und Fruchtgehängen reich ausgestattete Grabmal des im 
Jahre 1711 zu Breiingen verstorbenen Pastors Michael Müller ist innen in die 
Westwand des Schiffes eingelassen. In der Bekrönung sieht man St. Georg 
mit dem Drachen, darunter zwei Wappen, Zahnrad und ein von drei Messern 

3 



-^ 18 H- 



Grabstein. 



durchbohrtes Herz, im oberen Theile unter dem Gekreuzigten die Familie des 
Verstorbenen. Der untere Theil enthält in einer von drei Engelsköpfen 
begleiteten Umrahmung die Grabinschrift. 

Auf dem alten Kirchhof steht ein einfacher Grabstein aus dem Anfang 
des XIX. Jahrhunderts. 



Geschichte. 



Burgdorf. 

Kirche. Amtshans. Armenhaus. 

Litteratur: Origines Gnelficae; Leibniz, Scriptores rerum Brunsvicensinm 
Merian^ Pfeffinger, Historie 11-, (Koch) Versuch einer pragmatischen Geschichte 1764 
Bünting) Chronik 1584; Rehtmeier, Chronik; Grupen, Origines et Antiquitates Hanoverenses 
Braunschweigische Anzeigen 1751; Hannoversches Magazin 1825; Regenten - Sahi 1698 
Neues vateri. Archiv 1823; Vaterl. Archiv 1844; Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim 
derselbe, Geschichte der Diöcese und Stadt Hildesheim II; Sudendorf; Doebner I — ^VII 
Meinardus, Urkundenbuch des Stiftes und der Stadt Hameln 1887 ; Urkundenbuch der Stadt 
Hannover; von Hodenberg, Pagus Flutwide, Lenthe's Archiv VI; Bertram, Geschichte des 
Bisthums Hildesheim; Manecke II; Havemann; Meyer, die Provinz Hannover 1888; Mithoff, 
Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; 
Meyer, Rede unter freiem Himmel zu Burgdorf nebst Beschreibung des Brandes 1809; 
Böttger, Diöcesan- und Gau-Grenzen; Braunschweigisches Magazin 1900; Uhlhom, die Kirche 
in Kirchhorst und ihre Kunstdenkmäler, Zeitschr. d. hist. Ver. f. Nieders. 1899; Fromme, 
kleine Chronik der Primariatpfarre zu Sie vershausen ; Weber, die Freien bei Hannover 1898; 
Schulz, Bissendorf, Hann. Geschichtsbl. 4. Jahrg.; Meyer, die Kirche zu Burgdorf und die 
Gründung der Sekundariatpfarrc daselbst, ebendort; zwei Pläne des Ortes bewahrt die 
Bibliothek des hist. Ver. f. Nieders. auf, siehe Katalog; eine Ansicht giebt Merlan. 

Quellen: Urkunden und Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; GrUtterscher 
Nachlass im Stadtarchiv ebendort 



Die Kreisstadt Burgdorf an der Aue, welche die Alt- und Neustadt 
sondert, blickt auf ein hohes Alter und eine wechselreiche Geschichte zurück, 
hat aber theils durch Kriege, theils durch Brände derart zu leiden gehabt; dass 
von den früheren Kunstschätzen und Denkmälern so gut wie nichts auf unsere 
Zeit gekommen ist. Der Ort hat früher eine grosse Bedeutung gehabt; denn 
nicht nur haben hier des öfteren die Geschlechts- oder Familientage des Gesammt- 
hauses Braunschweig-Lüneburg stattgefunden, sondern es war auch ehedem eine 
überaus grosse Anzahl von Dörfern dorthin eingepfarrt. Wie der Name besagt, 
hat sich der Ort im Anschluss an eine Burg gebildet. Welches diese Bui^ war, 
ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, da drei Burgen in der Nähe gelegen haben 
sollen, die eine an der Aue unweit der Depenauer Mühle, die andere beim Dorfe 
Heessel und eine dritte an einer nicht näher anzugebenden Stelle des linken 
Aueufers. Im Jahre 1226 waren die Brüder Lippold und Dietrich von Escherde 
Vögte zu Elze imd Burgdorf und theilweise Besitzer des Schlosses Depenau. 
Otto I., Bischof von Hildesheim, 1260—1279, kaufte von Lippold von Escherde 
für 40 Pfund die Vogtei in Burgdorf „nach der Haide* (advocatiam in Borg- 
dorpe versus Miricam, castrum Borchdorp). 1299 bekundet Konrad von Salder, 



-*^ 19 8^ 

dass er vom Uildesheimer Bischof Siei^ried die Mühle zu Burgdorf (Molendinum 
in Borchdorpe) gekauft und zu Lehen erhalten hat. 1341 in den Fasten kommt 
ein Gogreve von »Borchtorp* (Borchtorpe) vor. Die Namensform lautet im 
XIV. Jahrhundert im Allgemeinen »Borchtorpe*. 1403 scheint Burgdorf bereits eine 
städtische oder stadtähnliche Verfassung besessen zu haben ; denn ein Schreiben der 
Consules Hildensemenses von diesem Jahre ist «An den rad to Borchtorpe unde 
dem meygere* gerichtet. 1412 waren die Hildesheimschen Bürgermeister Ludeke 
Broyger und Ludeleff van Harlsem „mit unsem heren van Hildensem to daghe .... 
to Borchtorpe*. 1414 finden wir Albert von Mollem und Ludelfif von Herlsem „to 
Borchtorpe • • • mit unsem hern • • tighen de herteghen umme dat Humborgessche 
land*. In der zwischen dem Herzog Bernhard und dem Bischof Johann von Hildes- 
heim 1420 ausgebrochenen Fehde spielt der Ort eine grosse Rolle. Der Streit 
wurde nach der 1421 erfolgten Einnahme der Veste Grohnde durch Vermittelung 
des Erzbischofs Dietrich von Köln dahin beigelegt, dass die weifischen Fürsten das 
während der Fehde gegen das Stift von ihnen erbaute Schloss Burgdorf nebst 
dem Dorfe mit allen dazu gehörigen Gütern gegen eine Entschädigung behielten. 
An dem Schloss wurde bereits 1421 gebaut; in der Hildesheimschen Stadt- 
rechnung findet sich unter den Aufzeichnungen dieses Jahres die Notiz: „Cord 
Gottingh unde de hovetman mit den deneren to Goslar vordan, do men Borgh- 
awe (nach Doebner unser Ort) buwede, 80 p. 6^ s.* Ausserdem erfahren 
wir aus derselben, dass Burgdorf in Brand gesteckt (do men Borchtorpe 
ghebrant hadde) und geplündert wurde; denn es heisst: „Van der name, de 
to Borchtorpe ghehalt wart. 37 p. 6^ s.* und „Erovert van der buete van 
Borchtorpe 12^^ s." Wenn wir den Akten Glauben schenken dürfen, wurde 
das Schloss an der Stelle, an welcher früher die Pfarre gestanden, erbaut. Herzog 
Otto von der Heide erweiterte den Ort, besonders als sich die Einwohner der 
im Kriege zerstörten benachbarten Dörfer Eseringen, Garvesen, Wellingsen, 
Hetelingen und Oedingsen auf seine Veranlassung zum Theil daselbst nieder- 
liessen. 1433 führte er das Schloss von Neuem auf und umgab es mit Wall 
und Graben. Die Ausfahrt erfolgte über zwei Brücken, von welchen die eine 
über den Arm der Aue, die andere über den Graben führte. Der Ort wurde 
über die Hälfte vergrössert sowie mit Wall und Graben versehen. Er erhielt 
drei Thore: das Celler, Hannoversche und Braunschweigsche. Auch bestimmte 
Otto die Richtung der Strassen. 1423 hören wir von dem Vogt zu „Borchtorppe", 
ebenso 1449; 1426 war es Hans Eock. 1425 verspricht der Hildesheimsche 
Bischof Magnus, die Zerstörung des von den Herzögen von Braunschweig 
und Lüneburg „in praeterita gwerra* errichteten, befestigten Ortes (for- 
talicium) „Borchtorpe in merica* erstreben zu wollen. Das Gleiche stellt 1472 
der Bischof Henning und 1562 der Bischof Burchard in Aussicht. 1427 ver- 
pflichten sich die Herzöge Wilhelm und Heinrich von Braunschweig und Lüne- 
burg, sich innerhalb der nächsten sechs Jahre mit dem Bischof Magnus und 
dem Hildesheimschen Stift über »Borchtorpe uppe der Auwe" zu vergleichen, 
anderenfalls aber demselben nach Ablauf derselben 2000 Gulden zu zahlen. 
La der Hildesheimschen „Utghave" vom Jahre 1429 findet sich die Notiz: »Gegeven 
unsem heren to hulpe darto, dat me dat slot to Borchtorpe bybrak, hundert g. 

3* 



-^ 20 8^ 

negen g. veyr s. gerekent vor 114^^ p. 3 s/ In diesem Jahre gestatten die 
Herzöge Bernhard, Otto, Friedrich, Wilhehn und Heinrich den Städten Braun- 
schweig, Lüneburg und Hannover, das Schloss «Borchow*" auf den Grund nieder- 
zureissen, Thürme, Bollwerke, Planken, Zäune und Gräben wegzuräumen und 
die Gräben zuwerfen zu lassen. Als im Jahre 1441 die Herzöge Otto und 
Heinrich Land und Leute ihrem Vetter Heinrich für 200 Mark Silber verschreiben, 
wird vBorchtorppe" mit aufgeführt. 1466 gelangten die von Marenholz auf dem 
Wege der Pfandschaft in den Besitz des Schlosses. Die Namensform lautet im 
XV. Jahrhundert meist »Borchtorpe". 

In der Hildesheimschen Stiftsfehde wurde der Ort 1519 von den Herzögen 
Erich dem Aelteren von Calenberg und Heinrich dem Jüngeren von Braun- 
schwdg belagert, geplündert und sammt dem Schloss in Asche gelegt Die 
Stadt erholte sich bald wieder. Jenseits der Aue entstand die Neustadt, und 
diesseits wurde der Wächterstieg bebaut. 1547 musste die Stadt an Erich von 
Galenberg 1000 Gulden Brandschatzung zahlen. 1553 zog der Markgraf Albrecht 
von Brandenburg am Tage vor der Schlacht bei Sievershausen durch Burgdorf. 
1591 hielt sich Dorothea, Elerzogin zu Braunschweig und Lüneburg, in Burgdorf 
auf, woselbst sie von der Markgräfin von Brandenburg besucht wurde. 

Besonders arg hatte die Stadt im XVII. Jahrhundert zu leiden. Zu 
Anfang desselben wurde sie von einer verheerenden Pest heimgesucht. 1626 hatte 
sie den ersten Sturm der Pappenheimschen Truppen auszuhalten. 1632 erschien 
Pappenheim zum zweiten Mal. Obwohl sie eine Eriegskontribution von 
12438 Thaler an denselben zahlte, wurde sie von der Brandfackel nicht 
verschont. Der Lüneburgische Oberst von Wurmb wurde vor den Thoren 
geschlagen und selbst gefangen. Das Schlossgebäude wurde eingeäschert, die 
Stadt ausgeplündert. 1641 wurde Burgdorf während der Belagerung von Wolfen- 
büttel vom kaiserlichen Oberst Heister eingenommen. 1642 liess der Herzog 
Friedrich durch den Hauptmann von Wurmb statt des niedergebrannten 
Schlosses ein neues Ablagergebäude aufführen und 1648 seinen Namen und 
sein Wappen ^vom Hause" anbringen. 1650 liess der Herzog Christian Ludwig 
an der Ostseite von Norden nach Süden ein Küchen- und Brauhaus als Flügel 
daran setzen. Letzteres wurde in neuerer Zeit ausgebaut. 1658 wurden durch 
eine Feuersbrunst gegen 140 Häuser in Asche gelegt. 1685 wurde das Amtshaus 
neu gebaut und 1714 erweitert. 

1710 befand sich das Schloss in keinem guten Zustande; die Brücke 
vor demselben war «fast impassable' geworden, die Mauer unter der Brücke, 
welche das Gewölbe zur Einfahrt des Schlosses mit unterstützte, eingestürzt 
Die Fensterrahmen waren zum grössten Theil verfault und vom Winde heraus- 
geworfen. Das Gebäude «überhalb Thors*, durch welches die Einfahrt zum 
Amt stattfand, drohte Niedersturz. 1750 erfahren wir Näheres über die Ablager- 
gebäude, welche dem Landdrosten als Wohnung dienen und auf Pfeilern im 
Wasser stehen, über das Amtshaus, worin der Amtmann wohnt, und über die 
zum Vorwerk gehörigen Gebäude. Sämmtliche Gebäude sind Fach werkbauten. 

Was an Denkmälern etwa noch vorhanden war, fand seinen Untergang 
in den Flammen des grossen Brandes vom 25. Juni 1809, welcher einen scharfen 



-i^ 21 8^ 

Emschnitt in die Entwickelung des Ortes machte. Nur 82 Häuser blieben von 
283 übrig. Das «einzige* Schlossgebäude blieb verschont, obwohl das Feuer 
dasselbe viermal ergriffen hatte. Sämmtliche Nebengebäude des Amtes, das 
erst vor Kurzem neugebaute Rathhaus, die Kirche, zum Theil der Kirchthurm, 
die Superintendenten-, Organisten- und Küsterwohnung, die Schule imd des 
zweiten Predigers Wohnung sanken in Trümmer. Und dabei hatte die Stadt 
noch vor dem Brand sechs Jahre lang unter französischer Einquartierung zu 
leiden gehabt, 1823 wurde abermals ein ansehnlicher Theil der eben ent- 
standenen Stadt eingeäschert. 

Als Pfandinhaber begegnen ausser den bereits genannten von Marenholz 
von 1473 — 1536 die von Dagevörde, von denen als letzter Heinrich das Amt 
inne hatte. Das Geschlecht ist vor 1616 im Mannesstamm erloschen. Von da 
ab ist die Reihe der Pfandinhaber, welche zugleich als Hauptmänner bestellt 
waren, bekannt. Der letzte war Friedrich Schenk von Winterstedt, 1659 gestorben. 
Von dessen Wittwe Agnese von der Schulenburg löste 1666 der Herzog Georg 
Wilhelm zu Celle das Amt um 16 000 rthb:. ein. 1667 wurde es Heinrich 
Redecker, 1673 dem Amtmann Henning Kaufmann verpachtet. 

Das Geschlecht derer von Burgdorf, von denen sich aus früher Zeit 
Adelhardus de Burchtorpe 1154, Amoldus de Burchtorp 1187, Alardus de 
Borchtorp 1218, Alardus de Borchtorpe 1292 urkundlich nachweisen lassen, 
ist aller Wahrscheinlichkeit gemäss nach dem Burgdorf bei Schiaden benannt. 

In Burgdorf, welches im Hildesheimschen Pagus Flutwide belegen war 
und zum Archidiakonat Sievershausen gehörte, hat schon im XIII. Jahrhimdert 
ein Gotteshaus bestanden. Am 8. Juli 1295 giebt der Officialis curiae Hilden- 
semensis neben anderen auch dem Pfarrer zu .Borchdorpe'' den Befehl, die 
geschärfte Exkommunikation des Hildesheimschen Rathes durch die ihm unter- 
gebenen Pfarrer verkündigen zu lassen. Die Pfarre hatte ehedem eine überaus 
grosse Ausdehnung; denn es waren früher 21, vielleicht sogar 26 Ortschaften dahin 
eingepfarrt. Kein Wunder, wenn daher Lüntzel die Vermuthung nicht unbegründet 
findet, dass ehemals ein Archidiakonat auf Burgdorf geruht und seine Umgebung 
mit jenen 21 Dörfern ein Land gebildet hat. 1306 begegnet unter den Zeugen 
einer Urkunde des Bartholomaeistiftes zu Hildesheim ein Johannes plebanus in 
Burchtorpe neben einem Thidericus plebanus in Rethmere und einem Thidericus 
plebanus in Stenwede. 1307 lösen sich Wetmar, Thönse imd Engensen, 
1329 Kirchhorst, Stelle und Alten-Warmbüchen, 1355, vielleicht schon vor 1302, 
Inunensen, Steinwedel und Aligse von der Burgdorfer Pfarre los. 1329 war 
Henricus plebanus in Borchdorpe. 1330 verkaufen Hugo, Johann, Ludolf, 
Dietrich und Rembert von Escherde der Kirche zu Burgdorf für neun Mark reinen 
Silbers einen Meierhof zu Sorgensen. Die Kapelle der Maria Magdalena, von 
denen von Escherde zu Depenau erbaut, war 1454 noch vorhanden. 1464 wird 
Helmold Molen als Pfarrer genannt. 1465 war Helmold Kolshorn Kirchherr 
zu Borchtorpe uppe der heyde. Aus Urkunden der Jahre 1488, 1499 und 1500 
ersehen wir, dass die Parochialkirche den heiligen Pancratius zum Schutzpatron 
hatte, und dass ein Altar in derselben dem Leichnam Christi geweiht war. 



HH« 22 8-5- 

1512 wurde neben der Pfarre eine Kaplanei begründet, deren Patronat 
in den Händen der Bürger geblieben ist. Sie wurde 1538 neu begründet. Schon 
1526 war ein evangelischer Prediger, Ludolf Müller mit Namen, in Burgdorf an- 
gestellt. Er starb 1564. Das Visitationsprotokoll vom Jahre 1543 giebt genaue 
Auskunft über die „vpkumpst des pastors tho Borchtorpp*", die »vpkumpst des 
Capellans tho Borchtorpe " , die „vpkumpst des kosters tho Borchtorp'' und die 
„vpkuropst der kercken tho Borchtorp'*. Damals waren folgende Kapellen im 
Kirchspiel belegen »vnd an dat husz Borchtorp gelecht*: ,1 Capelle tho Otze. 
1 Capelle tho Ramlingesze (Ramlingen). 1 Capelle tho Dachmisse, is afgebroken. 
1 Capelle Marie Magdalene, ock afgebroken (schon 1534) vnd doch de guder 
dusser Gapellen bi dat hus Borchtorp gelecht •*. Hier in Burgdorf verlebte die 
Prinzessin Magdalene, eine Tochter Herzog Emst's des Bekenners, die letzten 
Tage ihres Lebens. Sie kehrte nach dem vor dem 1. Oktober 1566 erfolgten 
Tode ihres Gemahls, des Grafen Arnold IlL von Bentheim - Steinfurt, in die 
Heimath zurück imd liess sich 1583 in Burgdorf nieder, woselbst sie am 
3. Juni 1586 starb. Sie wurde vor dem Altar der Stadtkirche beigesetzt. Sie 
liess auf dem neu angelegten Kirchhof vor dem Hannoverschen Thore eine 
Kapelle bauen, welche den Namen Magdalenenkapelle erhielt und 1815 ab- 
gebrochen wurde. Aus derselben stammt angeblich der obere Theil eines der 
ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts angehörenden, mit meist alttestamentlichen 
Darstellungen verzierten Taufsteins, welcher sich jetzt im Provinzialmuseum 
befindet. Das ansehnliche Epitaph, welches ihr Neffe und ihr Bruder, die 
Herzöge Ernst und Heinrich, ihr 1595 in der Kirche aufrichten Hessen (siehe 
Braunschweigisches Magazin 1900), ist bei dem grossen Brande vom Jahre 1809 
den Flammen zum Opfer gefallen. 1592 schliessen der Pfarrer Johann Möller 
(Müller), der Kaplan Ludolf Bolte, der Amtmann Niclas Wenigel, sowie 
Bürgermeister und Rath zu „Burgtorff* mit dem „kunstreichen* Meister Hans 
Christ aus Braunschweig bezüglich des Wiederaufbaues des eingestürzten 
Glockenthurmes einen Kontrakt ab. Darnach soll derselbe das Fundament auf 
der Stelle des alten anlegen, aber dasselbe drei Fuss breiter machen. Ferner 
soll er über der Thüre oben an das Wappen Herzog Wilhelms zu Braunschweig 
und Lüneburg (unsers Gnädigen Fürsten undt Herrn), unten an eines ehrbaren 
Raths Wappen und zwischen beiden die Jahreszahl, Tageszeit und Anfang des 
Gebäudes setzen. 1601 war das Mauerwerk bis auf die Spitze fertig, und erhält 
der « kunstreiche '^ Meister Claus Möller in Dorne den Auftrag, eine solche 
100 Schuh hoch, inwendig mit einer Stube und Kammer, zu bauen. Die Kirche 
zu Sievershausen gab nach der Ausgabe derselben 1597 „denen von Borch- 
törpffe 20 fl. zubehueff ihres gebet erten Thurmbs*. 

1612 wird eine vom Orgelbauer Hans Casten aus Braunschweig für 
300 Thaler gebaute Orgel aufgestellt. Vom Pastor Gustav Molanus, 1686-1694, 
heisst es, dass er nicht allein die Burgdorfer Kirche „Bey nahe gantzNeu gebauet, 
und in einen so Lüstren Stand, als sie jetzo ist, gesetzet'', sondern dass er 
auch viele Kirchen in der damals sehr ausgedehnten Inspektion ganz neu erbaut 
habe. 1702 erhält der fürstlich Cellische Stückgiesser H. Kahlen den Auftrag, 
aus der alten zerborstenen Uhrglocke eine neue zu giessen, was in demselben 



-^ 23 8^ 

Jahre auch geschieht. 1735 wird dem Thomas Riedeweg zu Hamiover auf- 
getragen, die alte zerborstene Glocke umzugiessen und kleiner zu machen, damit sie 
der anderen gleich sei und mit ihr harmoniere. Sie solle ein Chronostichon, welches 
die Jahreszahl 1735 in sich fasst, erhalten. 1747 wird eine neue Prieche «unter 
der Orgel" angelegt, 1754 eine solche durch Ludolph Mohwinckel «südwärts 
von Ost in West*. 1757 fertigt der Elempnermeister Franz Jürgen Thies zwei 
messingene Kelche und zwei Oblatenteller für 4 Thaler 6 Mariengroschen. 
1760 werden die den Einsturz drohenden Pilare und die Mauer an der grossen 
Kirchthür repariert sowie ein neues «Angebäude so zur Befestigung und Ver- 
Schliessung der Kirche von aussen gereichet, wo durch die Treppe zum Herr- 
schaffllichen Kirchen Stuhl gehet", angelegt. 1775 liefert der Zinngiesser 
J. Wübbers zu Hannover eine zinnerne Flasche zur Taufe. Das Inventar vom 
Jahre 1791 nennt an silbernen Geräthen: einen grossen vergoldeten Kelch, 
eine inwendig vergoldete Kanne, zwei Oblatenschachteln, zwei kleine Kelche, 
eine Weinflasche, drei Teller; an messingenen: zwei grosse und zwei «mittel- 
massige" Altarleuchter, einen Dreifuss mit zwei Leuchterarmen, «so auf der 
Kanzel [in der Frühpredigt] gebraucht wird", ein Taufbecken, drei grosse Kron- 
leuchter, einen alten Kelch mit Patene, letztere ausser Gebrauch. 1795 werden 
die umgefallenen und beschädigten Engelsfiguren vor dem Chor wiederher- 
gestellt. 1799 verfertigt der Uhrmacher C. H. Bussmann aus Wettmar eine 
neue Thurmuhr. 

Wie für den Ort, so sollte auch für die Kirche der Brand vom 
Jahre 1809 verhängnissvoll werden. Sie brannte sammt dem «schönen" Thurm 
nieder. Orgel, Thurmuhr sowie das aus zwei grossen und zwei kleinen Glocken 
bestehende Geläute gingen mit zu Grunde. Die Kirche wurde zunächst ohne 
Thurm aufgebaut und 1815 vollendet. Der Bau eines neuen Thurmes wurde 
erst 1850 beschlossen. Das alte Mauerwerk vnirde, soweit es nicht der Brand 
vernichtet hatte, benutzt. 1816 wurden, da die Kirche zu wenig Licht und 
Luftzug hatte, sechs neue Dachfenster angelegt. Die Rechnung vom Jahre 1814 
nennt ein Taufbecken von Blech sowie zwei grosse Altarleuchter von Zinn. 
1815 wird ein neues Taufbecken für 9 rthlr. 22 Groschen 5 Pfennig aus 
Braunscliweig gekauft, eine neue Orgel gebaut und vom Glockengiesser Damm 
zu Hildesheim eine neue Glocke gegossen, 1816 eine neue Thurmuhr vom 
Uhrmacher Bussmann zu Wettmar geliefert. 1810 wurde ein Kirchensiegel für 
die Superintendentur, 1819 ein solches für den Diakonen angeschafft. Neuer- 
dings ist die Kirche durch den Architekten Wiener auf der Ostseite mit einem 
grossen Dacherker und mit je einem Treppenvorbau in der Mitte der Langseiten 
versehen worden. Femer sind auf der Ostseite zwei rechteckige gekuppelte 
Fenster angeordnet worden. Mithoff erwähnt noch eine Viertelstundenglocke 
mit der Jahreszahl 1500. 

Es erübrigt, noch einige Worte über die Prediger zu sagen. Der Nach- 
folger des oben genannten Ludolf Müller war Johann Müller, 1564^1595. 
Diesem war schon im Jahre 1565 Caspar Fricke als erster Prediger vorgesetzt, 
welcher 1575 zum Superintendenten über alle Pfarren in den Aemtern Burgdorf, 
Burgwedel, Uten und Meinersen erhoben wurde. Sein Grabmal war noch 1740 



-^ 24 8^ 



Beschreibnng. 

Kirche. 
Schiff. 



Thurin. 



Orgel. 
Grabsteine. 



in der Kirche am Chor zu sehen. Als Johann C!hristoph Cläre 1724 Super- 
intendent wurde, wurden zwölf Pfarren abgezweigt und die Inspektion Sievers- 
hausen daraus gebildet. Die Reihenfolge der Prediger ist bekannt. Noch jetzt 
besitzt die Burgdorfer Pfarre eine verhältnissmässig grosse Ausdehnung. 

Die Kirche besteht aus Schiff und Westthunn. 

Das als Saalkirche ausgebildete, rechteckige, massive, geputzte Schiff 
zeigt einen schlichten Sandsteinsockel, Eckquadereinfassung sowie ein hölzernes 
Hauptgesims und trägt ein im Osten abgewalmtes, auf den Langseiten mit je 
drei im Flachbogen geschlossenen Dachgauben belebtes Dach. Die geputzte, 
von den durchgehenden Emporenständem getragene Holzdecke ist über den 
Seitenemporen flach gehalten, über dem Hauptraum aber im Korbbogen 
geschlossen. Je sechs hohe, halbkreisförmig geschlossene Fenster mit Sand- 
steingewänden befinden sich auf den Langseiten. Auf der Ostseite ist zu 
beiden Seiten der im geschichtlichen Theil erwähnten neueren Fenster je ein 
rundbogig geschlossenes Fenster mit darunter liegender rechteckiger Thür vor- 
handen, lieber den Thüren befinden sich Inschriften, aus welchen das Jahr des 
Brandes 1809 und des Baues 1813 hervorgehen. Emporen sind an der Nord-, 
Süd- und Westseite zu sehen. Der östliche Theil des Schiffes ist um zwei 
Stufen erhöht. 

Der massive, geputzte, fast quadratische, nach oben zweimal abgesetzte 
Thurm mit profiliertem Sandsteinquadersockel bewahrt die alten, zwischen 
1592 und 1601 aufgeführten Umfassungsmauern und ist 1851 restauriert. Auf 
der Westseite ist eine mit glatten Sandsteingewänden und geradem Sturz 
versehene Thür vorhanden; auf allen Seiten sind schmale, halbkreisförmig 
geschlossene, zum Theil gekuppelte Oefihungen zu sehen. Das Hauptgesims 
wird von Konsolen getragen. Das beschieferte, geschweifte Dach trägt eine 
achteckige offene Laterne mit schlanker beschieferter Spitze. 

Die reich behandelte Orgel zeigt die Formen des Empirestiles. 

Auf dem Kirchhofe sind acht bemerkenswerthe Grabsteine aufgerichtet. 

Der Grabstein des 1618 geborenen und 1683 gestorbenen Hans Hinrich 
zeigt in seinem oberen Theile unter einer Barockbekrönung mit einem Engels- 
kopf Christus am Kreuz und darunter links den Gatten mit den drei Söhnen 
und rechts die Gattin Anna Hilfers mit der Tochter. 

Der Grabstein des 1656 geborenen und 1703 gestorbenen M. Hans 
Hinrich Fasser, Bürgers und Töpfers zu Burgdorf, zeigt im oberen Theile 
unter einer schlichten Spätbarockbekrönung mit Muschel und Engelskopf den 
Gekreuzigten, darunter links den Gatten mit den beiden Söhnen und redits die 
Gattin Ilse Haferkost mit zwei Töchtern; eine dritte liegt im Leichengewande 
im Sarge. 

Auf dem Grabstein des 1649 geborenen und 1713 gestorbenen Hans 
Fricke aus Beinhom sind unter dem Gekreuzigten links der Gatte mit drei 
Söhnen, rechts die beiden Frauen und drei Töchter zu sehen. 

lieber der von gutem Rokokoomament umrahmten Inschrift auf dem 
Grabstein des 1727 geborenen und 1752 gestorbenen Hans Colshom halten zwei 
Engel ein Schild mit den Worten: »Die Grone der Ehren*. 



HH« 25 8^ 

Gates Rokokoornament weist ebenfalls der mit einem Engelskopf in 
der Bekrönmig versehene Grabstein des 1665 geborenen mid 1753 gestorbenen 
Eirchenvorstehers Henning Kracken auf. Einfach behandelt ist der Grabstein 
des 1785 gestorbenen Johann Friederich Krull und der dem XVIII. Jahrhundert 
angehörende Grabstein der Familie Plass. Ein anderer Grabstein des XVIII. Jahr- 
hunderts trägt jetzt eine neuere Inschrift. 

Das Grabmal des 1751 geborenen und 1810 gestorbenen Johann Friedrich Grabmal, 
von Ompteda, Drosten und Beamten zu Burgdorf, auf dem Kirchhof trägt auf 
massivem Postament eine Vase. 

Das aus dem XVII. Jahrhundert stammende Amtshaus, auch Schloss Amtshans. 
genannt, trägt ein steiles Dach mit vielen Gauben. Es ist ein grosses, recht- 
eckiges Gebäude aus Fachwerk mit einem Flügelanbau auf der Ostseite. Auf 
dem massiven Untergeschoss erhebt sich mit vorragenden Balkenköpfen das 
Erdgeschoss und über diesem ebenfalls mit vorragenden Balkenköpfen das 
Obergeschoss. Der Schlossgraben ist noch zum Theil vorhanden. 

Das im Jahre 1660 durch den Superintendenten Käseberg neu begründete, Annenhaiis. 
vor dem Hannoverschen Thore aus Fachwerk errichtete, schlichte Armenhaus 
enthält in dem oberen Eckgefach des Ostgiebels an der Strassenseite ein 
farbig behandeltes Sandsteinrelief, welches die Geschichte vom reichen Mann 
und armen Lazarus darstellt. Ersterer sitzt mit vier Freunden und einer 
weiblichen Person, welche einer der Männer umfasst hält, an einer reich- 
besetzten Tafel, der letztere dagegen, über und über mit Geschwüren bedeckt, 
mit zum Gebet erhobenen Händen rechts seitwärts davon am Boden. Zwei 
Hunde belecken seine Geschwüre. Rechts oben erscheinen Abraham und 
Lazarus vom Strahlenglanze umgeben über den. Wolken, daneben in gleicher 
Höhe In einem Flammenbündel der Reiche jammernd. Die dreizeilige, von 
beschwingten Engelsköpfen gehaltene Unterschrift lautet: 

Lazarus Werd ich genannt. Wie ich Muste hunger leiden Bey des 
reichen mannes freuden. So leb hie mit leerer band Brich . du 
Ghriste, mir dein brodt, Gott hilft wieder in der noth. 
Auf der Setzschwelle des ersten Stockwerkes darüber steht zu lesen : 
Wohl Dem, Der Barmherzig Ist, Erstreuet Aus ündt Gibt den 
Armen, seine Gerechtigkeit bleibet Ewiglich, Sein Hörn Wird Erhöhet 
Mit Ehren Psalm .... 



Gross-BurgAvedel. 

Kirche. Amtshans. 

Litteratur: Sudendorf; Grnpen, Origines et Antiquitates Hanoverenses ; Lüntzel, 
die ältere Diöcese Hildesheim; Urkundenbuch der Stadt Hannover; Manecke II; Regenten- 
Sahl 1698; Doebner VI und VII; von Hodenberg, Pagus Flutwide, Lenthe's Archiv VI; 
Havemann; Bertram, .Geschichte des Bisthums Hildesheim; Kayser, Kirchenvisitationen 
1897; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden; Mithofif, Kunstdcnkmale IV; derselbe, 

4 



-^ 26 8^ 

Kirchenbeschreibungen ; Warnecke, Nachrichten zur Vorgeschichte des Kirchspiels Isem- 
hagen 1890; Keimers, alte Wand- und Deckenmalereien in der Provinz Hannover, Denkmal- 
pflege 1900 und Hannoversche Geschichtsbl., 3. Jahrg.; Uhlhom, die Kirche in Kirchhorst 
und ihre Kunstdenkmäler, Zeitschr. d. bist. Ver. f. Nieders. 1899; Weber, die Freien bei 
Hannover 1898. 

Quellen: Urkunden und Akten des Staatsarchivs zu Hannover; Urkunde vom 
Jahre 1489 und Grütterscher Nachlass im Stadtarchiv zu Hannover; Yerzeichniss der kirch- 
lichen Kunstdenkmäler von 18%. 



Geschichte. l^^r Name des in älterer Zeit als «Borchwede^ erscheinenden Ortes 

deutet auf den Zusammenhang mit einer Burg hin. Nachrichten über dieselbe 
liegen nicht vor. Nur berichtet Manecke: «Von einem festen Schlosse, das 
hier gestanden haben soll, heisst es in den Jahrbüchern der Stadt Hannover 
beim Jahr 1426, dass die Feste Burgwedel auf Befehl der Herzöge von Braun- 
schweig-Lüneburg von den Bürgern zu Braunschweig, Lüneburg und Hannover 
heruntergerissen sei^. Dagegen wird über den Ort Bestimmtes berichtet. 
1324 bekundet Bodo von Homburg, Domscholaster zu Hildesheim^ dass dem 
Herzoge Otto von Braunschweig und Lüneburg sowie dessen Söhnen der Wieder- 
kauf des dem Bischöfe Otto und dem Stifte verkauften Dorfes «to groten 
Borchwede" gestattet sei. In dem gleichen Jahre wird die «Grafschaft des 
Moors von Gr. Borchwede* erwähnt. Von Klein-Burgwedel hören wir zwischen 
1330 und 1352; darnach hatte «Her Dideric van Alten Lutteken-Borchwede ane 
twene hove unde den tegeden darsulves* von den Herzögen Otto und Wilhelm 
zu Lehen. 1353 erklärt Ritter Johann Pickard, dass nach seinem Tode der ihm 
gehörige Zehnte zu «Borchwede" dem Herzog Wilhelm, dessen Erben oder Nach- 
folgern anheimfallen solle. 1371 verpfändet der Herzog Magnus mehreren seiner 
Räthe die Grafschaft zu «Borchwede*. 

In der Klageschrift des Bischofs Johann von Hildesheim wider die 
Herzöge Bernhard imd Heinrich vom 23. Juni 1406 ist von den herzoglichen 
Vögten und Männern «vte der graueschop to Borchwedele^ die Rede. In den 
Hildesheimschen Stadtrechnungen heisst es 1422: «Erovert van der Name to 
Borchwedele 5 p. 8 s." und weiter: «De hovetman mit den deneren unde endeil 
unser borghere vordan to Peyne, do men Borchwedele brande, 10^ p.* Aus 
einer Hildesheimschen Stadturkunde vom Jahre 1460 erfahren wir, dass sich 
die «undersaten in deme karspel to Borch wedelte*^ im Bann befinden. 1489 schlägt 
der Herzog Heinrich der Mittlere als Patronatsherr dem Theoderich von Schulen- 
burg, Archidiakon in der Hildesheimschen Kirche «banni Smedenstede eins in 
hac parte officiali", für die Pfarrkirche des Ortes (ville) „Borchwede* nach dem 
Tode des früheren Lehnsbesitzers Johannes Houemester den Gerhard von Zerssen, 
Propst in Walsrode, als Lehnsträger vor. 

1509 wird des Vogtes von «Borchwedell« gedacht und 1512 (Lüntzel 1572) 
von den armen «Undersaten ute der Graveschaflfl Borchwedel* gesprochen. 
In der Hildesheimschen Stiftsfehde wurde Burgwedel am Pfingsttage 1519 von 
den Herzögen Heinrich dem Jüngeren von Braunschweig und Erich dem Aelteren 
von Calenberg eingeäschert. Im Jahre 1543 gehörten zur »Vogedie Borchwedel* : 



i 



•-t-8 27 8^ 

Borchwedel [Burgwedel], Isemhagen, Wethmer [Weltmar], Bissendorpe [Bissen- 
dorf], Mellingendorpe [Mellendorf], Breiinge [Breiingen], Thor hörst [Eirchhorst] 
und Swarmstede [Schwarmstedt]. Ursprünglich umfasste dieselbe nur die 
Kirchspiele Isemhagen, Burgwedel und Wettmar. Ein Schreiben vom Jahre 1568 
redet von einem Gericht in der Vogtei »Burgwedell*. Im Frühling 1671 traf 
Rudolph August auf Betrieb seines Bruders Anton Ulrich mit den Fürsten des 
Gellischen Hauses in Bui^wedel zusammen, um die Mittel zur Unterwerfung 
Braunschweigs zu berathen und mit den Vettern im Voraus die ihm verbleibende 
Hoheit an der Stadt und die dagegen zu leistenden Entschädigungen zu verein- 
baren. 1676 wird eine neue Kanzel angefertigt und 1733 das Dach des Eirch- 
thurms einer grösseren Ausbesserung unterzogen. 

Nach Grupen gehörte der Ort mit Klein-Burgwedel, Fuhrberg (nach 
Holscher nebst der Mohrmühle), Neuenwarmbüchen (nach Holscher nebst der 
Hesterholzmühle), Oldhorst sowie dem Landgute und Vorwerk Lohne zum 
Bann Sievershausen im Pagus Flutwide, mithin zur Diöcese Hildesheim. Noch 
jetzt sind diese dahin eingepfarrt. Auffallend aber ist es, dass es in der oben 
angezogenen Urkunde vom Jahre 1489 zum Bann Schmedenstedt gezählt wird. 

Ehedem befanden sich hier nach Manecke zwei «adelich freie*^ Höfef 
Den einen besassen die Tietz, genannt Schlüter, aus der Grafschaft Nassau 
gebürtig, der andere gehörte den Herren von Eltz im Hildesheimschen. 1718 wurde 
letzterer nach Absterben des Obristlieutenants und Amtsvogts Ludolf Henning 
von Eltz (siehe unten Grabmal) auf die von Reinbold vererbt, welche ihn bis 
1807 besessen haben. 

Die Kirche besteht aus dem Schiff mit zwei rechteckigen Anbauten am Beschreibung. 
Mitteljoch, einer Sakristei auf der Südseite und einem Westthurme. 

Das im Chor durch das halbe Achteck geschlossene, geputzte, massive Chor. 
Schiff ist mit Ausnahme des westlichen Joches, dessen Wölbung fehlt, von 8chiff. 
Kreuzgewölben mit Bimstabrippen überspannt. Der Triumphbogen zeigt auf 
der Chorseite den doppelt zurückgesetzten spätgothischen Viertelstab, während 
die andere Ecke scharfkantig ausgeführt ist. Die drei Joche werden durch 
spitzbogige Gurtbögen von rechteckigem Querschnitte getrennt. Zwei rechteckige, 
mit geputzten Decken versehene Anbauten liegen auf der Süd- und Nordseite. 
Der Ausbau an der Nordseite hat eine spitzbogige Thür, über derselben die 
Jahreszahl 1880, der an der Südseite eine halbkreisförmig geschlossene mit 
Kämpfer, deren Sandsteingewände die Renaissanceprofile zeigen. Eine spitz- 
bogige, gefaste Thür liegt auf der Nordseite des Schiffes. Mit Ausnahme des 
mit Sandsteingewänden in Renaissanceformen eingefassten Sakristeifensters sind 
die Fenster spitzbogig geschlossen; zwei Chorfenster lassen das alte Profil — 
den doppelt zurückgesetzten Viertelstab — unter dem Putze noch erkennen. 
Vier an den Chorecken und je zwei an den Langseiten angeordnete Strebe- 
pfeiler sind theil weise nach oben abgesetzt und mit Pfannen gedeckt. Alle 
Seiten sind durch Emporen verbaut. Auf dem Putze des Kreuzgewölbes im 
Mitteljoch ist die Jahreszahl 1639 sichtbar. 

Der viereckige, aus Eisensteinen und Findlingen erbaute Thurm hat Thuma. 
dieselbe Breite wie das Schiff und ist mit einem sehr schlanken achteckigen, 

4* 



->^ 28 8^ 



Altar. 



Gemälde. 



Glocke. 



Grabmal. 



Grabsteine. 



bescbieferten Helm bedeckt. Die Schallöfihungen sind mit geknickten Flach- 
bögen überwölbt und mit Backsteinen eingefasst; sie haben aussen spät- 
gothische Profile und innen den doppelt zurückgesetzten Viertelstab. Der Sockel 
bildet eine einfache Schräge. Interessant sind die auf allen Seiten des Thurmes 
in mehreren Geschossen unregelmässig übereinander angebrachten, zum Theil 
In schräger Richtung angelegten, schmalen, rechteckigen, nach hinten erweiterten 
Schartenöfihungen mit einem Querholz ungefähr in der Mauermitte. Eine flach- 
bogige Eingangsthür, welche im Inneren die Oeffnungen zur Aufnahme des schweren 
Balkenverschlusses zeigt, liegt auf der Südseite. Unten im Inneren lassen sich 
die Widerlager zum Kreuzgewölbe noch erkennen. An der äusseren Westseite 
des Thurmes ist unter einer Verdachung ein stark beschädigtes, aus dem XVI. Jahr- 
hundert herrührendes Sandsteinrelief mit dem Gekreuzigten zwischen Maria und 
Johannes zu sehen. 

Die mit zwei glatten Säulen und verkröpftem Gebälk ausgestattete 
Altarwand zeigt die Formen des späten Barock ; auf der Rückseite befindet sich 
die Jahreszahl 1690. 

In der Sakristei hängt das Oelbild eines Pfarrers; in der linken oberen 

Ecke ist zu lesen: 

Natus Aö 1634 d. 16 Januar. 

Eine 1,25 m im Durchmesser grosse schöne Glocke, ohne Inschrift, hat 
am Halse vier über Kreuz geknotete Schnüre. Auf dem Mantel sind der 
Gekreuzigte mit hochgezogenen Beinen in der Form des XIV. Jahrhunderts, 
Petrus, Paulus und ein Bischof erhaben dargestellt ; zwischen diesen Hochbildem 
ist je ein Brakteat angebracht. Der Glockenstuhl trägt die Inschrift: 

an • • dny • m ccccc l x i • 
Im südlichen Anbau hängt ein hölzernes Grabmal mit dem Wappen 
der Familie v. Eltz in den Formen des mit Regence gemischten späten Barock; 
die Unterschrift lautet: 

Herr Obrist Lieutenant und Amtsvoigt 
zu . Burgwedel : 
Ludolfh Henning von Eltz, auss altem Stam ensprossen Hat stets 
mit Recht, den Ruhm des Redlichen, genossen Als Ghriste, Krieges- 
mann, und Ambts- Voigt, bis ans Ende Die Erd bewahrt den Leib 
Die Seele Gottes Hände. 

„. ,, . r gebohren im Jahre, 1649 . den 15. Junii . 
' gestorben im Jahre 1718, den . 10 Maii . 
Ebendort ist ein sehr schön gearbeiteter, farbig behandelter Grabstein 
(Fig. 5) aufgestellt; in einer halbkreisförmig überdeckten Nische steht der Ver- 
storbene im Harnisch, umgeben von Helm, Handschuhen, Waffenstücken und 
Siegeszeichen mannigfacher Art. Oben befinden sich zwei Wappen, bezeichnet: 
»Lvdolf V. Eltz" und „Anna Zigemeier*. Auf einem Felde oberhalb der 
Nische steht: 

In dieser weldt ist nichts den Mvhe Angst vnd unruhe Aber ich 
weis das mein Erlöser . Jesus Christus lebet und in ihme wirdt meine 
Sehle Ruhe habenn. 



i 



Die unterste Zeile der Lapidarumschrift wird vom Fussboden verdeckt; 
die freie Inschrift lautet: 

Der emrester fThmetuuer vnd manhafter Lvdolf von Eltz Frrstl : 
Bravnschw : LmebTTgischer bestalter Harptman vnd Ambtsvoig . . 

ti^ zwischen 2. vnd 3. Vhren in Got sehlig 

endschlaffen seines Alters 67. Jahr. 



KIrebe In Grau-Bargvsdel ; OrabsUln. 



Auf dem Kirchhofe stehen fOnf Grabsteine der Familie t. Alten aus 
der Zeit um die Wende des XVIII. Jahrhunderts. la die äussere Ostwand der 
Kirche ist der beschädigte Theil eines Grabsteins eingelassen, auf welchem der 
Gekreuzigte und darunter eine knieende weibliche Figur zu sehen sind. 

Eine silberrergoldete Eanne ist in den Formen der Mitte des XVm. Jahr- Kanne, 
bonderts ausgeführt. 

Ein silberrergoldeter Eelcb mit rundem Fusse und Patene hat auf dem Kelch. 
Becher ein Wappen mit der Umschrift: .Heinrich von Dassell Ritmeister . 1722". 



Sonnenuhr. 



Taufbecken. 



->^ 30 8^ 

Unter dem Fusse sind zwei Zeichen^ das springende Pferd und die Buchstaben 
JPM, angebracht. 

Eine Sonnenuhr auf einer Sandsteinplatte ist auf der Südseite des 
Schiffes angebracht. 

Das einfache, silberne Taufbecken trägt unter dem Boden als Zeichen 
das springende Pferd und ein Zeichen, m welchem die Buchstaben S E L 
erkennbar sind, sowie die Inschrift: 

H . K . C . A . 1734 . 

Triumphkreuz. Im südlichen Anbau ist jetzt das farbig behandelte, aus Holz geschnitzte 

Renaissance-Triumphkreuz, noch auf dem alten Balken stehend, untergebracht. 
Der 1,25 m hohe Gekreuzigte ist von Maria und Johannes umgeben. 

Wand- Von den alten Malereien auf dem Chorgewölbe sind augenblicklich 

maiereien, einzelne Theile freigelegt (Krönung der Maria, Paulus und Ornamente), welche, 
soweit sich erkennen lässt, den Malereien in Kirchhorst ähnlich sind und dem 
XV. Jahrhundert angehören. 

Das Amtshaus ist ein einfaches, zweigeschossiges Fachwerkgebäude 
ohne Inschriften auf massivem Sockel mit einem an den Schmalseiten 
abgewalmten Dach. 



Amtshaus. 



D o 1 g e n. 



Kapelle. 

Litteratur: Origines Guelficae; Sudendorf; Volger, Urkunden der Bischöfe von 
Hildesheim ; Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim; Doebner II, IV und VII; von Hodenberg, 
Marienroder Urkundenbuch; Urkundenbuch der Stadt Braunschweig; Hassel und Bege, 
Beschreibung der FürstenthUmer WolfenbUttel und Blankenburg II; Kayser, Kirchen- 
visitationen 1897 ; Maneckell; Mithoff, Kunstdenkmale IV; Weber, die Freien bei Hannover 
1898; Heise, die Freien; Kniep, die Freien vor dem Walde, Hann. Geschichtsbl., 3. Jahrg. 

Quellen: Kirchenbuch zu Haimar; Designatio corporis bonorum von der Kirche 
zu Haimar und denen dazu gehörigen beyden Capellen Dollgen und Evem, 17S4 aufgesetzt 



Geschichte. 



Das zum grossen Freien gehörige und nach Haimar eingepfarrte Dorf 
lässt sich mit Sicherheit erst für das Jahr 1400 nachweisen. Zwar kommt ein 
Ort von gleicher Namensform bereits früher urkundlich vor. Doch ist dies 
nicht der unsrige. Aus einem Schreiben des Hildesheimschen Raths vom 
Jahre 1400 an die Herzöge Bernhard und Heinrich erfahren wir, dass deren 
Vögte und Diener Burchard van Gramme und Ringelwole mit ihren Helfern 
mehreren seiner Mitbürger »toDolghen, toEveren unde to Retmer* Vieh geraubt 
haben. Später wechselt die Namensform. 1430 finden wir die Hildesheimschen 



-^ 31 8^ 

Bürger Heinrich und Hans Galle mit 14^ Hufen Landes und | des Zehnten zu 
^Dollingen" von Äschwin von Salder^ weiland Burchards Sohn, belehnt. 
1441 kommt die Namensform «Doligen'^ und um 1460 «Dalgen' vor. 1534 wird 
als j,verus Pastor von Heymer* angegeben »Hinricus Eynem, itzunth prawsth tho 
Demeborch, als Caplan her Johan Kün alleyne*^, der auch die .Capelle tho 
Doluen" versah. 1543 begegnet der Ort als »Dollinge*. 1578 beschweren sich 
die Dörfer Lehrte, Sehnde, Dolgen, Haimar und Gretenberg gegen Uebergriffe des 
Bodo und Hans von Rutenberg. Das Gericht zu Dolgen war zwischen den Lüne- 
burgischen Fürsten und den Herren von Rutenberg getheilt, wie ein Gerichts- 
protokoll vom 14. Oktober 1631 beweist. Später wurde der Antheil derer von 
Rutenberg an den Geheimen Eammerrath von Bülow in Hannover verliehen, 
welcher denselben 1650 für ein Fuder Korn an Celle wieder abtrat. Konrad 
Steuerwald, 1630 — 1679 Pastor zu Haimar, schreibt in der Pfarrchronik: »Die 
Gapelle zu Dolgen hat eine feine hellklingende glocken, vnd einen seiger, • • • • 
item einen Altar aber ohne zierath*. Femer sagt er, sie sei alt, habe aber 
Besserung nöthig und sei «sub Papatu dedicirt in memorlam sanctae Margarethae*. 
Aus des Pfarrers Nebershausen's Notizen ist ersichtlich, dass die Kapellen zu 
Dolgen und Evern bis 1699 weder Stühle noch Beichtstuhl hatten. Er führte 
darin die Quartalsgottesdienste ein. Am 10. Juli 1696 hielt er die erste Kapellen- 
predigt zu Dolgen. Die Designatio corporis bonorum vom Jahre 1734 sagt über 
die Kapelle folgendes: .Das Gebäude der Capelle ist lang im lichten 38 Fuss, 
breit im lichten 19 Fuss, es ist aber sehr baufällig, und hat eine starke reparation 

nöthig. Die Capelle hat eine Kleine Haube, in welcher die Glocke hänget. 

Es findet sich auch eine Schlag-ühr in selbiger*. Sie wurde 1884 mit Gement 
verputzt und inwendig ausgebessert. 

Der einfache, aussen und innen verputzte, im Grundriss rechteckige Beschreibung. 
Fachwerkbau von 11,5 m äusserer Länge und 6,4 m Breite ist mit einer 
muldenförmig gewölbten, geputzten Bretterdecke überspannt und enthält eine 
rechteckige Thür mit Holzgewänden und einfache rechteckige Fenster. Das 
flachbogige Fenster der massiven Westseite stammt sammt dieser aus dem 
Jahre 1899. Die das Dach tragenden Balken stehen an den Langseiten über. 
Das mit Pfannen behängte, an der Ostscite mit Mönchen und Nonnen eingedeckte 
Walmdach trägt auf der westlichen Hälfte einen quadratischen, mit kleinen 
Schallöffnungen versehenen Dachreiter. Im Glockenbalken ist die Jahreszahl 
1660, in der Wetterfahne die Jahreszahl 1792, an der Südseite in einer Gaube 
die Uhr angebracht. 

Die 58 cm im Durchmesser grosse Glocke war der Lischrift gemäss der Glocke. 
Ursula geweiht und 1534 gefertigt. 



-^ 32 8^ 



Geschichte. 



Beschreibung. 



Dollbepgen. 



Kapelle. 

Litteratur: Sndendorf; von Hodenberg, Calenberger Urkundenbuch V ; derselbe, 
Ltinebnrger Urkundenbuch XV; derselbe, Lüneburger Lebnregister; derselbe, Pagus 
Flutwide, Lenthe^s Archiv VI; Regenten -Sahl 1698; Doebner I; Janicke; Lttntzel, die 
ältere Diöcese Hildesheim; Manecke II; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Mithoff, Kunst- 
denkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Fromme, kleine Chronik der Primariat- 
pfarre zu Sievershausen 1889. 

Quellen: Urkunde des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



lieber das nach Sievershausen eingepfarrte Dorf liegen nur spärliche 
Nachrichten vor. Ob das Geschlecht derer von Dolberge (Dolberke, Dolbere) 
mit unserem Orte im Zusammenhang steht, lässt sich nicht mit Bestimmtheit 
sagen. In dem älteren Zehnt-, Geld- und Fruchtregister des Klosters Wienhausen 
aus dem Ende des XIII. Jahrhunderts wird unser Ort als ^Dolberghe' auf- 
geführt und vom Glossist des XIV. Jahrhunderts zu »Mey* gerechnet. 1360 erhielt 
Johann von Garsenbüttel bei der vom Herzog Wilhelm vorgenommenen Neu- 
belehnung das Burglehen zu Meinersen mit neun Hufen und drei Hütten zu 
vDolberge'' zu Lehen. In einer Urkunde des Stiftes Wienhausen vom Jahre 1505 
ist von einer Wiese, ,vffe dem Schermbeke twischen Olerse vnnd Dolberge" 
gelegen, die Rede. 1632 musste der Unsicherheit wegen der Gottesdienst statt 
in Sievershausen in Dollbergen abgehalten werden. 1746 am 4. August wurden 
bei einem plötzlich sich entladenden Gewitter in der Kapelle filnf Menschen 
vom Blitz erschlagen. 

Die schlichte, mit dreiseitigem Chorschluss im Osten versehene und 
durch eine muldenförmige Decke im Iimeren abgeschlossene Fachwerkkapelle 
von 14,1 m äusserer Länge und 8,2 m Breite hat rechteckige Fenster. Die 
Thüren an der West- und an der Südseite haben flachbogig ausgeschnittenen 
Sturz. Der viereckige Dachreiter hat ein Satteldach und die Wetterfahne die 
Jahreszahl 1783. 



Elze. 

Kapelle. 

Litteratur: Sndendorf; Lttntzel, die ältere DiOcese Hildesheim; Manecke II; 
Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden; Zeitschr. 
d. hist Ver. f Nieders. 1864 und 1867; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchen- 
beschreibungen; von Hodenberg, LUneburger Lehnregister; GrUtter, Loingau, Hannov. 
Geschichtsbl., 2. Jahrgang. 

Das nach Breiingen eingepfarrte Dorf gehörte ehedem mit diesen^, 
zur Diöcese Minden und zum Loingau. £s war der Amtsvogtei Bissendorf zu- 
geordnet. Zwischen 1330 und 1352 bekam Gerbert van Elsensenne von den 
Herzögen Otto und Wilhelm einen Hof »to Elsensen*" zu Lehen. 1360 erhielten 



-^ 33 8^ 

Kurt von Mandelsloh eine Hufe ^to Elsensen'', Johann von Mandelsloh «to Elzensen 
enen hof, nach Manecke « Moorhof * genannt, Johann von Reize einen Hof und 
zwei Kothen und Gebhard von Bothmer einen halben Hof daselbst. 1385 erhält 
Gerhard von Bothmer vom Mindener Bischof Otto einen Hof «to Elsenhtisen'^ 
zu Lehen. 

Da die Kapelle, wie auch die Brelinger Kirche, im Mindener Archi- 
diakonats- und Pfarrregister nicht genannt wird, so wird zu Elze vor dem 
späten Mittelalter kein Gotteshaus bestanden haben. Jedenfalls war zu Anfang 
des XVIL Jahrhunderts daselbst eine Kapelle vorhanden, deren viereckiger, 
hölzerner Glockenthurm, von einem Zeltdach bedeckt, noch heute steht. 1849 wurde 
ein neues Schiff in Fachwerk angebaut. 

Den dortigen adelig freien, landtagsfähigen Hof erhielten nach denen 
von Bünau die Gapellini, genannt von Stechinelli, 1705 zu Reichsfreiherren 
von Wickenburg, 1790 zu Reichsgrafen erhoben, zu Besitz. 



Engensen. 

Kapelle. 

Litteratur: Janicke; Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim; Sndendorf; 
Gmpen, Origines et Antiqnitates Hanoverenses; Regenten-Sahl 1698; Manecke II; von 
Hodenberg, Pagos Flutwide, Lenthe's Archiv VI; Böttger, Diöcesan- und Gau-Grenzen; 
Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden; Mithoff, 
Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Neues Vaterl. Archiv 1823. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



Ob das heute nach Wettmar eingepfarrte Dorf mit dem «Eddinkhusen*' Geschichte. 
in der Bestfttigungsurkunde des St. Michaelisklosters vom Jahre 1022 identisch ist, 
darüber gehen die Ansichten auseinander. Es heisst in der betreffenden Urkunde: 
9 in pago Fiutwidde in prefectura Thammonis : Alenhusen, Eddinkhusen, Scel- 
hiisen, Wendelingeroth, Hardeshem, Utisson, Siradisson, Scheplice, Waditlagun*". 
Der Umstand, dass es als im Gau Flutwide belegen aufgeführt wird, spricht für 
unseren Ort. Im Jahre 1278 überträgt der Bischof Otto von Hildesheim dem 
Kloster Wienhausen den Zehnten in «Engese', welchen dieses von Johann von 
Qffenhusen und Walther von Osbemshusen gekauft hatte. Der Ort gehörte mit 
Wettmar und Thönse zum Bann Sievershausen. Sie waren anfangs nach Burgdorf 
eingepfarrt, kauften sich aber von dort 1307 um 50 Pfund Hildesheimscher 
Münze los und bauten eine dem heiligen Magnus geweihte Kirche zu Wettmar. 
1361 lautet die Namensförm „Enghese", 1382 .Enghese* und „Enghesen''. 
Izn Landsteuerverzeichniss wird 1534 als Pastor zu Wettmar Gert Polde genannt, 
welcher ausser der Pfarrkirche die Kapellen zu »Furberge* (Fuhrberg) und 



5 



Beschreibung. 



HHg 34 8^ 

Engensen zu bedienen hatte. Der Freihof daselbst gehörte ehedem denen von 
Dankwerth, später den Hetzer. 

In der aus Ortsteinen und Findlingen erbauten Kapelle von 9,5 m 
äusserer Länge und 6,5 m Breite befindet sich jetzt die Schule. Das Bauweit 
wird auf der Ostseite durch drei Seiten des Achtecks geschlossen und enthält 
hier einen viereckigen Dachreiter mit beschiefertem Helm. Die auf der Südseite 
liegende spitzbogige Eingangsthür zeigt den neunmal zurückgesetzten Viertelstab 
aus Backsteinen; je ein halber Stein ist dreimal gegliedert. Sämmtliche Fenster 
sind spitzbogig und mit Backsteinen eingefasst. An den Ghorfenstem ist ein 
dreimal zurückgesetzter Viertelstab erhalten. 



Geschichte. 



Evern. 

KapeUe. 

Litteratur: Doebner I, II und V; Janicke; Sudendorf; LUntzel, die ältere 
Diöcese Hildesheim; derselbe, Geschichte der Diöcese und Stadt Hildesheim I; Urkunden- 
bnch der Stadt Lüneburg I; Lauenstein, diplomatische Historie des Bisthnms Hildesheim 1740; 
Manecke II; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Mithoff, Kunstdenkmale IV; Weber, die 
Freien bei Hannover 1898; Feise, Capellen -Weihe au Evem 1852; Bertram, Geschichte 
des Bisthnms Hildesheim I; Heise, die Freien; Kniep, die Freien vor dem Walde, Hann. 
Geschichtsbl., 3. Jahrg. 

Quellen: Urkunden und Akte des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Kirchenbuch 
im Pfarrarchiv zu Haimar; Register von 1652—1730, ebendort; Designatio corporis 
Bonorum von der Kirche zu Haimar und denen dazu gehörigen beiden Kapellen Dolgen 
und Evem, 1734 aufgesetzt, ebendort; Kapellenrechnungen in Evem. 



Das nach Haimar eingepfarrte und zum grossen Freien gehörige Dorf, 
welches ehedem dem Bann J^ühnde im Pagus Hastfala zugezahlt war, nimmt 
durch seine Geschichte eine bemerkenswerthe Stellung ein. Schon im Jahre 1117 
hat daselbst eine Kirche bestanden. Am 11. Mai dieses Jahres giebt der Graf 
Adalbert zu Haimar mit Zustimmung seines Sohnes Bertold dem Pfarrer 
Adalbert in Lühnde 24 Morgen mit einer Hausstelle in „Schutellobeke* (wüst 
bei Gross- und Elein-Lopke), wozu er ausserdem „in usum sacerdotis predicti 
Adelberti* eine Mark Silber fügt, dazu, dass ein Dörfchen, ^Eberen* mit 
Namen, von der Mutterkirche in Lühnde abgetrennt werde und dieser nur 
noch das Synodalrecht zustehe, während es sich aber nicht weigern dürfe, so 
oft die Nothwendigkeit es erheische, der Mutterkirche zur Herstellung der 
Gebäude und zur Anschaffung des Kirchenschmuckes sowie anderen nothwendigen 
Ausgaben eine Beihülfe zu geben. Die Kirche zu Evern (redemptam ecclesiam) 
verwaltete der Priester Eberhard. Dieses Gotteshaus zu Evem war ursprünglich 
die Parochialkirche des Kirchspiels Haimar, welches ausser Haimar und Evern 
noch Dolgen und das wüste Gilgen umfasste. Doch muss die Verlegung der 



Parochialkirche nach Haimar sehr früh erfolgt sein, da fortan nur noch Geist- 
liche von Haimar genannt werden. Zwischen 1220 und 1240 begegnet der 
Ort als jiEuerringe'^. Das Dorf bildete ursprünglich einen Theil des grossen 
Allodialbesitzes der Grafen von Wernigerode in und um Haimar. Diese hatten 
es denen von Salder zu Lehen gegeben. 

Am 20. Juni 1386 wird bekundet, dass der Ritter Gebhard von Salder 
die Erklärung abgegeben habe, er habe das Dorf ^to Eueren'^ und den Zehnten 
daselbst mit allem Zubehör und der Gerichtsbarkeit an den Dompropst und 
das Domkapitel zu Hildesheim verkauft. Die Einwilligung der Oberlehnsherren, 
der Grafen von Wernigerode, erfolgte im gleichen Jahre. Von nun an waren 
die Dompröpste wie die Landesherren in Evem. Sie besassen dort selbst einen 
freien Hof, auf welchen sie als Golonus ihren Vogt setzten. 

Streitigkeiten zwischen dem Dompropst und dem eigentlichen Landes- 
herm wurden durch den Vergleich vom 16. Dezember 1621 beigelegt. Dem- 
zufolge sollte der Herzog die landesfdürstliche Obrigkeit über das Dorf behalten, 
dagegen der Dompropst auch in Zukunft als «unmittelbarer Gerichtsherr und 
Obrigkeit '^ anerkannt werden. 

1664 wird berichtet, dass vor der Kapelle zu Evem das Wappen des 
Landesherm angebracht sei. Pastor Steuerwald in Haimar (1630—1679) schreibt: 
«Die Capelle zu Evem hat nunmehr auch eine bessere Glocken, vnd einen seiger 
gezeuget, • • • auch einen Altar aber ohne zierath*. Sie sei alt, habe aber 
Besserung nöthig und sei «sub Papatu dedicirt in memoriam Sancti Georgü'^. 
Aus den Notizen des Pastors Nebershausen ersehen wir, dass die Kapellen zu 
Dolgen imd Evem bis 1699 weder Stühle noch Beichtstuhl hatten. Er führte 
die Quartalsgottesdienste darin ein. Am 19. Juni 1696 hat er die erste Kapellen- 
predigt zu Evem gehalten. 1715 hatte die Kapelle unter einem heftigen Sturm 
zu leiden. 1717 schenkte Philipp Adam zu Eltz einen Taufstein, welcher 
vormals in der Kirche zu Rethmar gestanden, in die Kapelle zu Evem. 
1723 wurde sie neu gebaut. Die Designatio corporis Bonomm vom Jahre 1734 
besagt: .Das Gebäude der Capelle ist lang im lichten 38 Fuss, breit im lichten 
20 Fuss, es ist gegenwärtig in einem recht guten Stande, denn es ISö : 1723 
von Grund auf erst neu gebauet. • • • • Auf der Capelle befindet sich eine Kleine 
Spitze, in welcher die Glocke hänget, eine Schlag-Uhr ist auch vorhanden'^. 
Femer besitze sie zwei zinneme Leuchter. 1825 wurde das Dorf von einem 
schweren Brande heimgesucht. 42 Wohnhäuser und 40 Nebengebäude sanken 
in Trümmer; die Schule und auch die Kapelle wurden ein Raub der Flammen, 
nur die äusseren Mauem blieben von letzterer stehen. Die neue Kapelle wurde 
am 21. September 1852 geweiht. 

In welcher Beziehung das Geschlecht derer von Evem zu unserem Orte 
steht, lässt sich nicht mit Bestimmtheit entscheiden. 

Von der einfachen, aus Bmchsteinen erbauten Kapelle sind nur die Beschreibung. 
Umfassungsmauem älteren Urspmngs. Im Jahre 1851 erhielt das Bauwerk ein 
im Osten abgewalmtes und mit Pfannen gedecktes Satteldach sowie einen 
beschieferten viereckigen Dachreiter im Westen. Die Kapelle bildet im Grundriss 
ein Rechteck von 12,4 m Länge und 7,7 m Breite. In der Süd- und 

5* 



Nordwand sind je zwei mit glatten Sandsteingewänden und geradem Sturz 
eingefasste Fenster angeordnet. Eine mit dem Eorbbogen geschlossene Eingangs- 
thür im Westgiebel hat Sandsteineinfassung sowie vortretenden Kämpfer und 
Schlussstein; die Inschrift auf dem letzteren lautet: 

Reno 

vatvm 

Anno 

1723 
Sämmtliche Ecken sind in Quadermauerwerk aufgeführt. 



Fuhrberg. 

KapeUe. 

Litteratur: Sudendorf; von Hodenberg, Lünebnrger Urkundenbnch XV; derselbe, 
Pagas Flutwide, Lenthe^s Archiv VI; Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim; Mithoff, 
Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Manecke II-; Kayser, Kirchen- 
visitationen 1897; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden; Regenten-Sahl 1698; von 
Bennigsen, Beitrag zur Feststellung der Diöcesangrenzen, Zeitschr. d. bist. Ver. f. Nieders. 1863 ; 
Böttger, Diöcesan- und Gau-Grenzen; Grütter, Loingau, Hannov. Geschichtsbl., 3. Jahrg. 

Quellen: Akte des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Verzeichniss der kirchlichen 
Kunstdenkmäler von 1896. 



Geschichte. Das zum Kirchspiel Gross-Burgwedel gehörige Dorf war ehedem einer 

der Grenzorte des Hildesheimschen Pagus Flutwide gegen den Mindenschen 
Loingau. Im Jahre 1323 verkaufen Hugo und Johannes von Escherde mit 
Einwilligung ihrer Erben dem Walsroder Propst Heinrich für 20 Mark Bremischen 
Silbers und Gewichtes ihr Landgut (villa) in „Wurberghen* (Wrberghen), „que 
et duuelshus dicitur*'. Zwei 1377 aufgestellte Verzeichnisse über den Schaden, 
welchen der Herzog Otto von Braunschweig und dessen Leute dem Herzog 
Albrecht von Sachsen und Lüneburg sowie dessen Unterthanen während der 
Sühne und des Friedens zugefügt, berichten auch von Räubereien .Tho deme 
Vurberge" (Vurberge). Im Landsteuerverzeichniss von 1534 wird Gert Polde, 
Pastor zu Wettmar, genannt, welcher ausser der Pfarrkirche die Kapellen zu 
^Furberge^ und Engensen zu bedienen hatte. Am 7. Februar 1768 beschloss die 
Gemeinde «bevorstehenden Sommer vor die hiesige alte, Baufällige Cappelle eine 
neue zu bauen". Die alte Kapelle stand an der Seite des Dorfes nahe an des 
Einwohners Brehling Hofe, von einem kleinen Kirchhof umgeben. 1769 am 
1. Adventssonntag wurde zum ersten Mal in der neuen, mitten im Dorfe 
errichteten Kapelle Gottesdienst gehalten. 



HHg 37 8^ 

Die einfache, mit Backsteinen ausgemauerte Fachwerkkapelle hat ein Beschreibung. 
Satteldach mit halben Walmen und einen viereckigen Dachreiter in der Mitte. 
Eine geputzte, bogenförmig gekrümmte Holzdecke schliesst den Innenraum ab. 
Die Fenster sind rechteckig. 

Der mit einer Sandsteinplatte abgedeckte, gemauerte Altar hat eine -A.ltar. 
hölzerne Altarwand mit gewundenen Säulen. Zwei übereinander befindliche, 
auf Holz gemalte Bilder stellen das Abendmahl und die Kreuzigung dar. Auf 
der Wand steht die Inschrift: 

Otto Johann Frese F • B • L • Wolbestalter Oberförster zvm Fvhrberge 
dieses Altahr verehret 

und seitlich davon: „Anno • 1687 '^. 

Die 61 cm im Durchmesser grosse Glocke ist von M. Johann Georg Ziegner Glocke, 
im Jahre 1761 in Hannover gegossen. 



Hänigsen. 



Kirche. 

Litteratnr: Sudendorf; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchen- 
beschreibungen; Manecke II; von Hodenberg, Pagus Flutwide, Lenthe's Archiv VI; 
derselbe, Lüneburger Lehnregister; Regenten-Sahl 1698; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; 
Weber, die Freien bei Hannover 1898; Meyer, die älteste Kirchenrechnung von Hänigsen, 
Hann. Geschicbtsbl., 3. Jahrg., 209 ff. 

Quellen: Urkunden und Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Verzeichniss 
der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896. 



Das ehedem zum Amt Meinersen und zur Vogtei Uetze gehörige Dorf Geschichte. 
begegnet bereits in der ersten Hälfte des Xill. Jahrhunderts. Nach dem zwischen 
1220 und 1240 niedergeschriebenen Theil des Lehnsregisters des edelen Herrn 
Luthard von Meinersen trugen Lippold von Escherde und sein Bruder 20 Hufen 
und zwei Mühlen in »Henighusen*. zu Lehen. Auch von der Kirche ist früh die 
Rede. Nach dem ums Jahr 1274 aufgestellten Lehnsregister der edelen Herren 
Luthard und Burchard von Meinersen hatte »Dominus . Jo . de Escerte . 
ecclesiam. Heninghusen et . IUI . curias ibidem . et duas dimidias decimas" 
zu Lehen. In dem älteren Zehnt-, Geld- und Fruchtregister des Klosters Wien- 
hausen aus dem Ende des XIII. Jahrhunderts wird der Ort als »Henigghesen* 
aufgeführt und vom Glossist des XIV. Jahrhunderts zu ,Mey* gerechnet. 
1453 war Heinrich Heymberch Kirchherr zu »Hennigessen*. 1555 erhält die 
Kirche einen Predigtstuhl. Nach der »ütgaue** der Sievershäuser Kirche 
vom Jahre 1561 bekommt ein Hans von Henningensen 10 Gulden 3 Groschen 
dafür, dass er das Gestühl daselbst gefertigt. 1564 wird dem Pastor ein 
Gulden ,vor den seiger tho stellende" gegeben und 1565 dem Pastor „vp 



-<^ 38 H- 



Beschreibung. 



Altar. 



Altarleuchter. 



Glocken. 



Grabstein. 



Kanne. 



dem Obergeshagenn'^ ein Thaler «vor sine wege ynd arbeyth dat he tho 
vns kam do wy nenen pastor haddenn'^. 1578 wird eine dicke Mauer aus der 
Kirche .wechgehowen'^ ; es werden neue Stühle gemacht und zwei neue 
Priechen angelegt. 1591 bekam die Kirche eine neue Taufe. 1605 heisst es in 
der Kirchenrechnung: «3 g. vor S. Peter, zu flicken; 6 g. einem gegeben so 
denselbigen vom Thurm geholet rndt wider auffgebracht''. 1648 wurde das 
Dorf eingeäschert, wobei auch das Gotteshaus «ruiniret vndt verdorbenn* 
wurde. Der entstandene Schaden wurde 1659 wieder ausgebessert. Pfingsten 
1693 wurde das Dorf abermals von einer Feuersbrunst heimgesucht. 1742 
wurde mit des Glockengiessers Just Andreas Meyfeld nachgelassener ^ttwe 
Dse Dorothea wegen Umgiessung der geborstenen Glocke ein Kontrakt geschlossen. 
1756 wurde der Thurm, namentlich an der Westseite, ausgebessert. 1817 
wütete abermals ein Brand. 1854 wurde eine Orgel angeschafft, deren die 
Kirche bislang entbehrte. In der Notitia ecclesiast. duc. Lyneburg. p . 217 
heisst es nach Kayser: «Patroni sunt Bortfeldii sive Hanensei [Nachtrag: hodie 
von Gram] Habet Heiningsen et curias Geeze (Krätze) et Altmerdingen'^. Noch 
heute sind die von Gramm Patronatsherren. Im Uebrigen verweisen wir auf 
die nach Abschluss der vorliegenden Arbeit erschienene Geschichte des Kirch- 
spiels Hftnigsen von Pastor Meyer. Siehe Hann. Geschichtsbl., 4. Jahrg.; 430. 

Erwähnt seien noch die von Henyngessen, welche von denen von 
Meinersen den halben Zehnten zu Dachtmissen zu Lehen hatten. 

Das aus Ortsteinen eii)aute Schiff hat flachbogige Fenster und in den 
Langseiten zwei gegenOberliegende Thüren mit gefasten Sandsteingewänden und 
geradem Sturz. Drei gekuppelte, spitzbogige Fenster mit Hohlkehlprofil befinden 
sich in der Ostwand. Eine gewölbte Bretterdecke überspannt das im östlichen 
Theil um eine Stufe erhöhte Schiff. Hölzerne Emporen sind auf der West- 
und Nordseite angebracht. 

Der viereckige, westliche Dachreiter mit achteckigem, beschiefertem Helm 
hat flachbogige Schallöffhungen. 

Auf dem mit einer Sandsteinplatte abgedeckten, massiven Tisch steht 
das Mittelstück eines Schnitzaltares, welches die Kreuzigung Christi darstellt. 

Zwei Altarleuchter aus Bronze haben nach gothischer Art einen 
walzenförmigen Schaft mit drei Füssen und drei Knäufen. 

Die 1,06 m im Durchmesser grosse Glocke trägt unter einem Ornament- 
streifen am Halse eine sechszeilige und auf der gegenüberliegenden Seite eine 
fiin&eflige Lapidar-Inschrift. Am Glockenrande sind der Meister Johann Heinrich 
Ghristoffer Weidemann aus Hannover und die Jahreszahl 1743 angegeben. 

Die kleinere 1,00 m im Durchmesser grosse Glocke ist 1787 von 
J. Meier in Gelle gegossen. 

Die Schlagglocke trägt nach Angabe in der Inschrift die Jahreszahl 1649. 

Auf dem Kirchhofe steht ein schlichter Grabstein aus dem Ende des 
XVm. Jahrhunderts. 

Eine Kanne aus Zinn hat auf dem Deckel die Bezeichnung: 

AE VE 
1759 



-^ 39 8^ 

Unter dem Anstrich der einfachen hölzernen Kanzel ist die Jahreszahl Kanzel. 
1723 zu lesen. 

Im P&rrgarten liegt em stark beschädigter Taufstein mit dec Umschrift : Tanfstem. 
Godt maket yns salich dorch dat Badt der Wedergebordt . ad Tit. 3. 



H a i m a r. 

Kirche. 

Litteratur: Janicke; Doebner II, V und VI; Lttntzel, die ältere Diöcese 
Hildesheim; Urknndenbnch der Stadt Hannover; Manecke ü; von Hodenberg, Pagus Flut- 
wide, Lenthe'B Archiv VI; Regenten-Sahll6d8; Böttger, Diöcesan- und Gau-Grenzen; Kayser, 
Kirchenvisitationen 1897; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; 
Weber, die Freien bei Hannover 1898; Zeitschr. d. Harzver., Jahrg. 4; Bertram, Geschichte 
des Bisthums Hildesheim I ; Kniep, die Freien vor dem Walde, Hann. Geschichtsbl., 8. Jahrg. 

Quellen: Buch der Kirche zu Haimar in den Freien, 1669 angelegt und bis 
1894 fortgeführt; Verzeichniss der Prediger, Patrone u. s. w., 1782 angelegt; Register von 
1652 — 1780; Designatio corporis Bonorum von der Kirche zu Haimar und denen dazu 
gehörigen beiden Kapellen Dolgen und Evem, 1784 aufgesetzt; Beilagen zu dem Corpus 
bonorum der Parochie Haimar von 1833; sänmiliich im Pfarrarchiv zu Haimar; Verzeichniss 
der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896; Beschreibung der Kirchen und Kapellen im 
Kgr. Hannover, Band 8, 1861 angefertigt, in der BibL d. bist. Ver. f. Nieders. 



Das im grossen Freien belegene Dorf gehörte ehedem zum Pagus Geschichte 
Hastfala und zum Archidiakonat Hohenhameln. Hier sassen, dem Kirchenbuch 
zu Folge, vor Alters die Herren von Barmeke. Die erste Nachricht Qber den 
Ort bringt eine Urkunde vom Jahre 1117. Am 11. Mai dieses Jahres gab der 
yComes Adelbertus de villa Heymbere'^ mit Zustimmung seines Sohnes Bertold 
dem Pfarrer Adalbert zu Lühnde 24 Morgen mit einer Hausstelle in «Schutellobeke* 
sowie eine Mark Silber zur Loslösung des Dörfchens «Eberen'^ (Evem, siehe 
dieses) von der Mutterkirche in Lühnde. Dieser Graf «Adelbertus'^ ist, wie Bode 
nachgewiesen hat, der älteste, bekannte Stammvater der Grafen von Wernigerode 
und der Erbauer der Burg Wernigerode. Die reichen Besitzungen der Wemigeröder 
Grafen im grossen Freien und dessen Nachbarschaft rOhren von ihm her. 
Das Gotteshaus zu Evem war ursprünglich die Parochialkirche des Kirchspiels 
Haimar. Die Verlegung derselben nach Haimar ist bald darnach erfolgt, da 
fortan nur noch Geistliche von Haimar genannt werden. Am 7. Mfirz 1160 
bestätigt der Bischof Bruno dem Godehardikloster unter anderem eine demselben 
geschenkte Hufe in «Heimbere*. 1204 bezeugt der Bischof Hartbert, dass der 
«Willehelmus presbyter de Heinbere'^ dem Andreasstifte »pro remedio anime sue'^ 
42 Mark zum Erwerb von Gütern übereignet hat. Ein Priester Hermann zu 
Haimar kommt 1256 (Hermannus de Heimbere sacerdos), 1257 (dominus 
Hennannus de Hembere sacerdos) sowie 1259 (Hermannus sacerdos in Hembere) 
und ein .Conradus plebanus in Heymbere*" in einer Urkunde vom 14. Mai 1325 vor. 



-5^ 40 §•*- 

Das 1669 angelegte Kirchenbuch sieht in der auf der Marienglocke an- 
gebrachten Bischofsfigur einen Herrn von Rutenberg, «sintemahl einer von 
Rautenberg soll sub Papatu Bischoff des Stiffls Hildesheirab gewesen sein, auch 
die von Rautenbeige droben in ihrem wapen eine rote mitram Episcopalem 
fuhren, wie in den fenstem in der Kirchen, vnd auf der pfarr zu sehen". 
Unter dem Bild ist das Rutenbergsche Wappen angebracht. Zu Beginn des 
XVL Jahrhunderts nahm der Ort wesentlich an Grösse zu, da sich die Ein- 
wohner des in der Hildesheimschen Stiftsfehde (1519) verwüsteten und nieder- 
gebrannten Dorfes Gilgen oder Ilgen daselbst ansiedelten. 1598 und 1599 
wurden zwei neue Glocken für 262 Thaler 18 Groschen gefertigt. 

1625 zerschmetterte der Blitz den Thurm vollständig, üeber die Kirche 
und deren Geräthe berichtet das Inventarium Ecclesiasticum des Ejrchenbuchs. 
Pastor Steuerwald II, 1630—1679, schreibt darin, er habe bei seiner Ankunft 
an Kirchengeräthen drei Messgewänder, darunter ein mit Bildern gesticktes, drei 
Kelche, zwei Alben und den Zierrath des Aliars vorgefunden. Als nun 1631/3 
und in den folgenden Jahren der Krieg in diesen Landen überhand genommen 
habe, da sei die Kirche wiederholt gestürmt und geplündert und die Mess- 
gewänder, die Alben, der Zierrath des Altars und die beiden kleineren Kelche 
geraubt worden. Der dritte grosse, silbervergoldete Kelch mit silberner Patene, 
woran ein vergoldetes Zeichen, wäre in Braunschweig verwahrt gewesen und 
noch vorhanden. Als damals vorhanden zählt er femer noch auf eine 
zinnernen Krankenkelch mit Patene, eine zinnerne Kanne, zwei Leuchter aus 
Messing, einGefäss .von grapen guthe, gleich einem runden eimer, in welchem 
der Küster das wasser in die tauffe treget'', drei feine, gut klingende Glocken, 
ein grosses und starkes Uhrwerk, einen Altarkasten und Gotteskasten »mit 
eisern vnd schlossern wol verwahret*. Der weithin sichtbare, weisse Thurm 
habe ein sehr dickes und starkes Gemäuer und drei Böden. Die Kirche sei 
„sub Papatu dedicirt in memoriam Sancti Udalrici*^, dessen Bildniss mit einem 
grossen Christel auf der Brust in den Kriegsjahren weggekommen sei. Sie sei 
für das Volk aus den drei eingepfarrten Dörfern geräumig genug, der Chor 
gewölbt, mit genügend Fenstern versehen, aussen an den Ecken mit starken 
Pfeilern von Stein gegen Wind und Wetter geschützt, habe starke Balken mit 
doppeltem Boden, dazwischen die Balken liegen, sowie starkes Sparrwerk mit 
einem guten Dache. 1653 erhielt die Kirche neue Fenster mit Wappenscheiben, 
worin die Wappen des Superintendenten zu Burgdorf, des Amtsvogts zu Uten, 
der Patrone, des Rittmeisters Hans Störr und seines Sohnes Doktor Störr; es 
wurden die beiden alten Glocken und die zinnerne Taufe durch Ludolf Siegfried, 
Bürger und Rothgiesser zu Hannover, umgegossen. 1658 wurde die grosse 
Glocke gebessert, 1660 ein neuer Leuteboden angelegt und der Chor durch 
M. Johann Behrens aus Peine bemahlt; und zwar erhielt der Meister «für die 
zwölflf Apostell vnd Salvatoren, für das mahlwerck oben am gewölbe, vmb die 
Fenster, vnd unten die gardienen, Pastors beide gestühlte, Juraten, Schulmeisters 
vnd der Pastörschen gestühlte, item für das vergülden an der tauffe unten an 
dem Zinnen '^ 53 Thaler. M. Curt Ossenkopf, Bildschnitzer in Hildesheim, lieferte 
einen neuen Altar und Predigtstuhl. 1661 wurden das Dach und die Pfeiler 



um die Kirche gebessert sowie letztere auswendig geweisst, 1662 der Thurm 
geweisst sowie Kessel, Kreuz und Hahn vergoldet und .vermahlt*. 1671 sudite 
dne Feuersbninst den Ort heim. 1699 wurde das vom Sturm verbogene 
Wetterkreuz wieder aufgerichtet. 1702 wütete abermals ein Brand. 1722 wurde 
eine kleine Orgel geschenkt. 1730 beklagte sich die Gemeinde, dass die Kirche 
zu eng wäre und ein Neubau erforderlich sei. Die Designatio corporis Bonorum 
vom Jahre 1734 giebt die Maasse des Gotteshauses an. Es hatte in der Länge 
im Lichten 88 Fuss, in der Breite auf dem Chor im Lichten 20 und in dem 
andern Theile 25 Fuss. Es wird als in gutem Stande befindlich bezeichnet. Die 
Kirche besass damals drei gute Glocken, zwei silbervergoldete Kelche, einen 
silbervergoldeten Oblatenteller, eine von »Grap* gemachte und mit Leder über- 
zogene Oblatenschachtel, eine zinnerne Weinkanne und zwei Leuchter aus 
Messing. 1748 wurde das alte Wetterkreuz durch ein neues ersetzt. 1753 schenkte 
der Patron Philipp Adam von Hardenberg einen grossen silbernen, inwendig 
vergoldeten Kelch mit vergoldeter Patene. Im Jahre 1784 wurde die alte 
Kirche, da sie sich für die Gemeinde als zu klein erwies, abgerissen. Die beiden 
kleinen Glocken wurden, da die grössere geborsten war, nach Hannover gebracht, 
um aus beiden eine giessen zu lassen. Das neue Gotteshaus wurde 1788 geweiht. 
1805 fertigte der Orgelbauer Hüsemann in Braunschweig eine neue Orgel. 
1821 hatte der Ort durch Brand zu leiden. 1833 besass die 1785 neu gebaute 
Kirche zwei fast gleich grosse Glocken, drei silberne, ganz vergoldete Kelche, 
einen vergoldeten Oblatenteller aus Messing, zwei grosse Altarleuchter aus 
Messing, zwei zinnerne Teller für dieselben und einen kleinen Kasten mit 
zinnernem Kelch, Oblatenkapsel, Oblatenteller und Weinflasche. 

Das Patronatsrecht, welches an dem adeligen Hof zu Rethmar haftet, 
übten anfangs die Grafen von Wernigerode aus. Von diesen erhielten es die 
Herren von Rutenberg zu Lehen, welche 1647 ausstarben. Es folgten bis 
1727 die von Eltz, dann die von Hardenberg, und seit 1771 die von dem 
Busche. Jetzt ist der Graf v. d. Schulenburg- Wolfsburg Patron. 

Die auf Sandsteinsockel errichtete Kirche besteht aus Schiff und Westthurm. Beschreibung. 

Das einfache, rechteckige, massive, weissgeputzte Schiff von 28,2 m Schiff, 
äusserer Länge und 13,8 ra äusserer Breite hat Eckquadern, hölzernes Haupt- 
gesims und auf den Langseiten je sechs flachbogig geschlossene Fenster mit 
Sandsteingewänden und in der Mitte je eine flachbogig geschlossene Thür mit 
der Jahreszahl 1785. Das Schiff wird von einer geputzten Schaldecke, welche 
mit grosser Hohlkehle zur Wand überleitet, überspannt und zeigt hölzerne 
Emporen auf allen Seiten. Das Satteldach ist im Osten abgewalmt. 

Der drei Stockwerke hohe, quadratische, geputzte Thurm zeigt Sand- Thurm. 
Steinsockel, Eckquadern und hölzernes Hauptgesims. Er enthält flachbogige 
Oeffoungen und Kreisfenster und ausserdem auf der Westseite eine flachbogig 
geschlossene Thür. Die Oefltaungen haben sämmtlich Sandsteingewände und 
Schlusssteine. Der viereckige Helm ist mit Biberschwänzen eingedeckt. 

Die hölzerne, aus einem höheren Mittelbau und zwei rundbogigen, mit Altar. 
Thüren versehenen Seitentheilen bestehende Altarwand mit eingebauter Kanzel Kanzel. 

6 



-t-8 42 8^ 



Altarleuchter. 



Glocken. 



stammt aus der Zeit der Erbaumig der Kirche. Im Aufbau ist die aufgeschlagme 
Biblia sacra zu sehen. 

Die beiden Altarleuchter aus Bronze in spätgothischer AufiEassung mit 
drei Füssen und einem walzenförmigen, durch einen Knauf getheilten Schaft 
waren nach dem Kirchenbuch 1632 vorhanden. 

Eine schöne gothische Glocke von 1,23 m Durchmesser und tadellosem 
Guss trägt am Halse zwischen zwei Omamentstreifen in gothischen Kleinbuch- 
staben die Inschrift: 

© Anno dm m • cccccvui dar bi ghoedt Härmen Koster my vocor maria. 

Auf der einen Seite des Mantels ist das Hochbild der Maria mit dem 
Jesuskinde in der flammenden Mandorla, auf der anderen das Hochbild eines 
Bischöfe mit dem Stabe und darunter das Rutenbergsche Wappen zu sehen. 

Die zweite Glocke, ebenfalls von 1,23 m Durchmesser, zeigt zwischen 
zwei schönen Omamentstreifen am Halse die Lapidarinschrift: 

• Anno 1621 • Arendt von Wobersnaw • F • B • Obristr vnd Raht 
mich in die Ehre Gottes gegeben hadt. 
Auf der Mitte der einen Seite des Mantels befinden sich zwei erhabene 
Wappen mit der Umschrift: 

Arendt • von • Wobersnaw • Obrister. 
und 

Lvcia von • Bordtfeldt • S • F • H. 

Auf der anderen Seite sehen wir das Hochbild des Paulus mit dem 

Schwert und der Bezeichnung: 

Pavlvs. 

Ausserdem sind die vier Evangelisten mit ihren Sinnbildern dargestellL 

Unter dem Omamentstreifen am Rande der 1623 gegossenen Glocke 
ist der Meister Diderich Menten vermerkt. 

Auf dem alten Kirchhofe befinden sich mehrere Grabdenkmäler aus der 
denkmaer. Zeit um 1800. 

Taufbecken. Ein schön geschnitztes, auf drei Füssen ruhendes, hölzernes Taufbecken 

rührt aus dem Ende des XVIII. Jahrhunderts her. 



Grab- 



H a r b e r. 



Kirche. 



Litteratur: Leibniz, Scriptores remm Bmnsvicensinm ; Janicke; Sndendorf; 
Doebner I, II, III, V, VI und YII; Urkundenbuch der Stadt Hannover; Lüntzel, die 
ältere Diöcese Hildesheim; Regenten-Sahl 1698; Manecke II; von Hodenberg, Pagns Flut- 
Wide, Lenthe^s Archiv VI; derselbe, Lttneburger Lehnregister; Mithoff, Kunstdenkmale IV; 
derselbe, Kirchenbeschreibungen; Kay ser, Kirchen Visitationen 1897 Weber, die Freien bei 



-HS 43 H- 

Hannover 1888; Heise, die Freien; Kniep, die Freien vor dem Walde, Hann. Oeschichtsbl., 
3. Jahrg.; Schutze, GeacfaichtlicheB aas dem LUnebnrgiaoheo, 1877- 

Qaellen: Urknnden des Kgl. StAstsarchivB za HannoTer; VeraeichnisB der Urch- 
licben RnnstdenkmUer von 18d6. 

Das im groseen Freien bel^^ene und ehedem wahrscheinlicb zur Geschichte. 
Vogtei Hohenbameln gehörige Dorf hat bereits im Hittelalter ein Gotteshaus 
gehabt. Es war der heiligen Katharina geweiht. Der Ort selbst war wohl 

schon im XII. Jafarhondert vorhanden. 

Nach dem Liber donationum ecclesiae c~'- -; . i^^- -^ ~L ^2ZSl r^'' ~ "^ ' I Zi^ 

Hilde^emensi factarum schenkte ~ ' "" 

(Reinaldus Coloniensis Archiepiscopus 

frater noster ■ • • ■ cum Praepositurae 

nostrae fungeretur ofBcio', 1140—1161, 

dem von ihm erbauten Hospital unter 

anderem vier Hufen in «Herlbere*. Es 

ist nicht ausgeschlossen, dass dieses 

mit dem heutigen Harber identisch ist. 

Das Dorf stand in einem besonderen 

Abhfingigkeitsverhfiltniss zum Kloster 

Wienhausen, welches bereits am 1255 

daselbst begötert war. 1379 war Hilde- . 

brand Pfarrer zu, Hertbere". DieOrts- 

Daehrichten nennen als ersten Pastoren, 

den man nach der Reformation zu nennen 

weiss, Chr. Ludolphus Eöbler 1567. 

Der dreissigjfihrige Krieg verschonte 

auch Harber nicht. 1631 waren die 

Kaiserlichen daselbst, töteten dreissig 

der Einwohner, zündeten den Ort an ^^^ Kirch. i= H«b.r; flch^6ffnnng.n. 

drei Stellen an und belf^erten das 

Gotteshaus, in welches ein Tbeil der Einwohner geflüchtet war. Noch 1861 

zeigte die sehr starke, eichene, mit dickem Eisen beschlagene ThOr die Spuren 

der an ihr verübten GewalUhfitig^eÜ 

Zu der Familie derer tod Harber ist zu bemerken, dass ein Luhtbertus 
(Lrtbertus) de Hertbere als Zenge in einer Urkunde des Bisdiob Si^rfried vom 
Jahre 1230 sowie als Zeuge in der die beiden Freien betreffenden Urkunde 
des Bischofs Konrad vom 17. Februar 1236 vorkommt. 

Das Schiff der Kirche, welches bei Mithoff beechrieben ist, wurde in 
neuerer Zeit abgebrochen und durch einen Backsteinbau ersetzt. Der Thurm 
blieb bestehen. 

Der durch eine flachbogige Thüröffnung mit dem Schiff verbundene Beschreibung, 
rechteckige, massive lliunn hat scharfkantig behauene Ecksteine und einen Thnrm. 
achteck^en Helm. Der Sandsteinsockel zeigt eine grosse Schräge und das 
Hauptgesims eine von der Mauer übei^ende Hohlk^e mit Platte, hi jeder 

6» 



H>^ 44 8^ 



^ 



Altarleuchter. 



Glocken. 



Grabsteine. 



Kanne. 



Altarievte 



Seite sind zwei spitzbogige, gekuppelte Schallöffnungen mit einfacher Fase und 
stark vorspringenden Nasen sichtbar (Fig. 6) ; bei den westlichen ist der Tfaeilungs- 
pfosten nicht mehr vorhanden. Ein einfaches Fenster an der Südseite hat 
dieselbe Ausführung. 

Zwei gleichgeartete, 23 cm hohe Altarleuchter sind in der Fig. 7 wieder- 
gegeben. Auf einem derselben ist die Jahreszahl 1556 angebracht. 

Die 1,29 m Im Durchmesser grosse Glocke enthält am Halse zwischen 
Riemchen und zwei Ornamentstreifen die Lapidarinschrift: 

Friderich Lvdewig Avgvst von dem Bvssche • Oberhauptmann • 

Otto Benjamin Lasivs • Svpperintendent • 

Johann Joachim Nahrstedt • Pastor • 

Lvdolph Heinrich Bvsse-Kvster vnd Schvlmeister • 

Gegenüber auf der anderen Seite: 
Hennig Weickopf • \ 

Johann Heinrich Bleckwen • ' 

Hennig Christian Bleckwen • Voigt • 
Barnstorf Hennig Woltorf • Bavrmeister • 

Am Gfdc^enrande ist von einem 
Omamentstreifen unterbrochen zu lesen: 
Joh : Heinr : Christ : Weidemann • goss mich 
• Hannover • 1767 • 

Die kleinere Glocke von 1,12 m 
Durchmesser hat am Halse zwischen zwei 
Omamentstreifen die Lapidarinschrift: 
Otto Nahrsted Pastor 

Darunter ist auf derselben Seite 
in der Mitte zu lesen: 

Melchior Bruclihorgen : Vogt 
Wolbert Weinkopf \ 
Harman Bühren ( 



Kirchenjuraten 




Flg. 7. Kirche in Harber ; Altarleaditer. 



Die Inschrift am Rande lautet: 
M : Thomas Rideweg gos mich in Hannover 

Anno 1717. 

Der Grabstein des 1726 gestorbenen Vogts Barnstorff Köhler steht auf 
dem Kirchhofe. Oben sind zwei Wappen, darunter der Gekreuzigte und die 
Familie des Verstorbenen zu sehen. Auf einem länglich runden, mit Ornamenten 
umgebenen Felde befindet sich eine Inschrift. Der Grabstein des Bruno Heinrich 
Woltorf, geb. 1605, zeigt in einer von Engeln begleiteten Bogennische zwei 
knieende Figuren, eine männliche und eine weibliche, und darüber den 
Gekreuzigten. Die Inschrift ist stark verwittert. 

Die einfache Zinnkanne trägt auf dem Deckel die Inschrift: 

• Hans • Carl • 

• Brüchhagen • 
• 1 • 7 • 3 • 8 • 



-<^ 45 8^ 

Ein silbervergoldeter Kelch zeigt auf dem sechstheiligen Fasse einen Kelch, 
aufgehefteten Cruzifixus und die Inschrift: 

• Bruno • Heinrich • Woltorp • Altannann • Anna • Haarstrick s e H F Ao 1667 
Unter dem Fusse steht: 

• J • Ericus • Nohrius • Past • z • H • 

Eine silbervergoldete Patene enthält die Umschrift: 

• Tiele • Dorrtemann • Elisabeth • Bokelmanns • s • e • H • F • 



H ö V e p. 

KapeUe. 

Litte ratur: Doebner II — VII; Sudendorf; Urkundenbuch der Stadt Hannover; 
Yon Hodenberg, Marienroder Urkundenbuch; derselbe, Lüneburger Lehnregister; Janicke; 
Lfintzel, die ältere Diöcese Hildesheim; Grupen, Origines et Antiquitates Hanoverenses; 
Regenten - Sah] 1698; Manecke II; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Mithoff, Kunst- 
denkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen ; Weber, die Freien bei Hannover 1898; 
Kniep, die Freien vor dem Walde, Hann. Geschichtsbl., 3. Jahrg. 

Quellen: Verzeichniss der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896. 



Das im grossen Freien belegene Dorf ist von Alters her nach Uten Geschichte, 
eingepfarrt, mit welchem es ehedem zum Archidiakonat Lühnde und demgemäss 
zum Pagus Hastfala gehörte. 1360 erhalten Martin und Dietrich von Alten vom 
Herzog Wilhelm drei Hufen ,to Houedem** zu Lehen. Gegen Ende des 
XIV. Jahrhunderts, besonders aber im XV. Jahrhundert wird der Ort wiederholt 
als Versammlungs- und Gerichtsstätte genannt. 1595 besassen die von Ruten- 
berg einen Meierhof und den Antheilzehnten in Höver als von den Voreltern 
ererbte Lehngüter. 

Die massive, im Osten durch das halbe Achteck geschlossene, aussen Beschreibung, 
geputzte Kapelle trägt auf dem westlichen Ende des Daches einen viereckigen, 
auf den Seiten mit Steinplatten behängten Dachreiter, welcher mit einem 
beschieferten Helm bedeckt ist. Ueber der spitzbogigen, am Sandsteingewände 
mit einfacher Fase versehenen Eingangsthüre an der Südseite ist in gothischen 
Kleinbuchstaben die Jahreszahl 1494 eingemeisselt. 

Drei spitzbogig geschlossene Fenster, von welchen das mittlere zugemauert 
ist, sind in den drei Chorseiten angebracht, je ein flachbogiges mit Schlussstein 
▼ersehenes Fenster auf den beiden Langseiten. Die gerade Balkendecke ist 
geputzt. Eine Empore befindet sich auf der Westseite. 

Der gemauerte Altar ist mit einer überstehenden, abgeschrägten Stein- Altar, 
platte bedeckt. Die hölzerne Altarwand mit eingebauter Kanzel stammt nach 
einem über der Kanzelthür befindlichen Schriftstück aus dem Anfange des 
XIX. Jahrhunderts. 



Gemälde. 



Glocke. 



-^ 46 8^ 

Drei bemalte Füllungen — - wahrscheinlich ein Stück Emporenbrüstung — 
aus dem Jahre 1658 zeigen die Geburt, die Kreuzigung und die Auferstehung 
Christi. Sie sind im Innern an der Nordseite angebracht. 

Die 51 cm im Durchmesser grosse Glocke trägt keine Inschrift, doch 
zeigen die vier glatten vortretenden Streifen am Halse und das Profil am 
Glockenrand die zur Zeit der Entstehung der Kapelle übliche Form. 



Greschichte. 



Uten. 

Kirche. 

Litte ratur: Origines Gnelficae; Sudendorf; Doebner VI; LUntzel, die ältere 
Diöcese Hildesheim; Begenten-Sahl 1698; Manecke II; von Hodenbei^, Pagas Flntwide, 
Lenthe^s Archiv VI; Bertram, Geschichte des Bisthnms Hildesheim; BOttger, DiOcesan- 
und Gau-Grenzen; Mithoff, Knnstdenkmale lY; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Kayser, 
Kirchenvisitationen 1897 ; Weber, die Freien bei Hannover 1898; Heise, die Freien; Kniep, 
die Freien vor dem Walde, Hann. Geschichtsbl., 3. Jahrg.; Heraldische Mittheilnngen, 
herausgegeben vom Verein „Zum Kleeblatt^ in Hannover, YIII. Jahrg., 1897. 

Ueber die Familie von Uten siehe die Register zu Sudendorf; Doebner II — VIII; 
zum Walsroder und Hoyer Urkdb.; Urkdb. der Stadt Hannover; zum Urkdb. des Stiftes 
und der Stadt Hameln; der Stadt Lüneburg II; zum Lüneburger Lehnregister; zu 
Havemantf; zu Pfeffingers Historie I und III; zu Köcher, Geschichte von Hannover und 
Braunschweig 1648—1714, 1. Theil; zu von Hake, Geschichte der Familie v. Hake; siehe 
femer Grupen, Origines et Antiquitates Hanoverenses, mit Wappenabb. auf S. 63, 66 
und 880; Hefner, neues Wappenbuch des blühenden Adels, 1862, sowie das Personen- 
register zu Manecke. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Kirchenchronik in 
Uten; Yerzeichniss der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896. 



Das Dorf Hten, welches als Vorort des in^ssen Freien eine Sonder- 
stellung einnimmt^ gehörte mit den noch heute dorthin eingepfarrten Dörfern 
Ahlten, Bilm und Höver ehedem zum Archidiakonat Lühnde und war im Grau 
Hastfala belegen. Im Jahre 1240 erklärt der Herzog Otto von Braunschweig, 
dass er von Konrad von Dorstadt drei Hufen in ^Iltene* erhalten habe. Hier 
besass der Hildesheimsche Bischof einen sogenannten «Salhof. Es ist der 
heutige Ziegenmeyershof. 1299 übertrug der Bischof Siegfried II. dieses «allodium* 
zu „nten" (,Ylten') dem Konrad von Salder, dessen Gemahlin Hille und Erben 
fQr 60 Mark Silber zu Lehen. 1406 ist von dem .kerspele to Uten*" sowie 
von dem «Ganpelde to Iltem' die Rede. 1423 heisst es in den Hildesheimschen 
Stadtrechnungen : „Dammanne vor gant mit der vorsten breve an ore voghede 
to Uten, to Borchtorpe unde to der Nyenstad 5 s**. Als das Goding auf dem 
Hassel bei Lühnde einging, wurde das Freiending nach Dten verlegt, wahr- 
scheinlich gegen Ende des XV. Jahrhunderts. Lühnde blieb Hildesheimisch. Im 
Jahre 1501 war Barlold Schemergen Vogt, der erste Vogt in den Freien, tb&c 



-^ 47 ij^ 

welchen sichere Kunde kommt. Der erste evangelische Prediger war Johann 
Hertens, welcher vielleicht 1534 nach Dten kam. 1565 schreibt der Küster: 
,Ock js hire eyn Szeygher by myne tyt ghetuget, ouer derhaluen göre nichtes 
by den denst gheledit*. 1595 besassen die von Rutenberg einen Meierhof 
in nten. 

Im XVII. Jahrhundert ging das Freiending allmählich in das Land- 
gericht über, welches unter dem Vorsitz des fürstlichen Grossvogts zweimal 
jährlich in Gegenwart der Freien gehalten wurde. Der erste Amtsvogt, welcher 
seinen Wohnsitz in dem Amtsvogteigebäude nahm, war Wilhelm Schlüter, 
1611 — 1619. Dasselbe lag an der Stelle des jetzigen Amtshauses, südlich von der 
Kirche. Die Schrecken des dreissigjährigen Krieges machten sich auch in Ilten 
fiM>ar. Im Jahre 1626 beschaffte die Gemeinde ein Kännchen, einen Kelch und 
Altarleuchter aus Zinn; das goldene Geräth hatten im Jahre vorher Tillys 
Schaaren geraubt. 1629 bekommt der Höver Schmied 1 fl. 16 gr., weil er die 
im Kri^ zerschlagene ^Altarkaste' wieder gemacht. 1635 erhielt die Kirche 
fünf neue Fenster. 1641 wurde sie von den Schweden geplündert und das Dorf 
zur Hälfte niedergebrannt, darunter auch das Pfarrhaus. Eine besonders eifrige 
Tbätigkeit entfaltete der Pfarrer Joachim von Broitzem, 1648—1683. Er 
veranlasste den Bau einer Orgel. Dieselbe wurde 1652 durch den Meister Jonas 
Wi^el aus Braunschweig an Ort und Stelle gebaut und kostete nebst drei 
Priechen rund 700 Thaler. 1660 liess er die noch vorhandene grosse Glocke 
durch den Meister Ludolf Siegfried, fürstlichen Stückgiesser zu Celle, im Pfarr- 
garten umgiessen. Der Umguss kostete 198 Thaler. 1661 beschenkte der 
Amtsvogt Georg Konrad Osthof, 1660—1674, den Altar mit zwei grünen, von 
Laken überzogenen Bänken sowie zwei grünen Laken von gewässertem Tafft 
mit schönen goldenen Fransen. Besonders reich wurde die Kirche im 
XVm. Jahrhundert bedacht. Der erste Bülow auf Haus Ahlten, 1711—1744, 
der Oberforst- und Jägermeister Carl Jakob von Bülow, schenkte ihr den 
silbervprgoldeten Abendmahlskelch. Am 31. Oktober 1722 wurde der Grund- 
stein zum heutigen Gotteshause gelegt; der alte Thurm blieb bestehen. Bei 
dem Neubau sind 1724 die Grabgewölbe mehrerer Amtsvögte und anderer 
Notabein, »als die alte Kirche ausgeräumt und darauf niedergerissen wurde, 
soviel in der Eile geschehen können, mit Erde ausgefüllt und bedecket worden*. 
In dem gleichen Jahre wurde die Orgel durch eine neue ersetzt sowie ein 
neuer Altar gebaut. 1725 schenkte der Amtsvogt Hans Otto Freiherr von 
Bülow, 1691—1725, der Kirche die Abendmahlskanne und die Hostiendose. 
1731 schmückte der Maler Schultz aus Hildesheira die Decke und Emporen für 
113 Thaler mit Gemälden. Im gleichen Jahre verehrte der Amtsvogt und 
Oberhauptmann Wilhelm Johann von Reden, 1725—1751, das schwere, silber- 
vergoldete Taufbecken. Zu seinen Zeiten wurde das Amtshaus, ein massives, 
schlossartiges Gebäude, erbaut. Es trägt die Jahreszahl 1738 und eine steinerne, 
allerdings entstellte Nachbildung des Wappens der Freien. Das ursprüngliche 
Wappen ist vom Verein »Zum Kleeblatt* in Hannover heraldisch festgestellt: ,1m 
rothen Schilde em aufrechter blaugezungter und blaubewehrter goldener (gelber) 
Löwe. Auf dem Schilde ein Helm, der als Kleinod eine hohe goldene Blätterkrone 



trägt. Die Helmdecke ist aussen roth und innen golden (geib)'. 1738 wurde der 
zinaeime Becher gefertigt. Bei dem Einfall der Franzosen 1757 waren die Kostbar- 
keiten der Kirche vermauert. 



Flg. B. KItub« In UMn; Altftr. 

Von dieäem Dorf hat sich die Familie derer von Uten benannt, welche 

zu den ältesten Geschlechtem der Kalenbergschen Ritterschaft gehOrt. Als ni 

frühest vorkommend wird Ulrich genannt in einer zwischen 1225 und 1247 

ausgestellten Urkunde, dann 1234 und 1259. 

Beachreibnng. Die Kirche besteht aus einem SchiEF und einem Westtbunn. Das in 

Schiff. Bruchsteinmauerwerk errichtete, mit Eckquadern eingefasste, rediteckige, als 



->^ 49 8^ 

Saalkirche ausgebildete Schiff hat einen abgeschrägten Sandsteinsockel, eine 
bogenförmige, geputzte Holzdecke und in der Nord- und Südwand je vier mit 
Schlusssteinen versehene, halbkreisförmig geschlossene Fenster. Zwei gegen- 
äberliegende, in diesen Seiten befindliche Eingangsthüren mit vorspringendem 
Sockel und Kämpfer tragen im Schlussstein die Inschrift «Anno 1723*'; über 
den Thüren zeigt sich je ein rundes Fenster. Der im Osten mit drei Seiten 
des Sechsecks geschlossene, um eine Stufe erhöhte und als Chor benutzte Theil 
des Sdiiffes wird durch drei Rundbogenfenster erleuchtet; unter dem mittleren 
Fenster befindet sich noch ein Eingang. Sämmtliche Oeffhungen sind mit 
glatten Sandsteingewänden eingefasst. 

Der rechteckige, aussen 4,50 m breite und 8,35 m lange Westthurm ist Thurm. 
in Quadermauerwerk ausgeführt und hat einen achteckigen beschieferten Helm. 
In der Westseite liegt die spitzbogige, mit gefasten Sandsteingewänden ein- 
gefasste Thür. Bemerkenswerth sind die gekuppelten, rundbogigen romanischen 
Schallöffhungen, von denen zwei an der Nordseite und eine an der Südseite 
erhalten sind. Die Säulchen haben Basen ohne Eckblatt, Würfelkapitäl und 
Sattelsteine. Im imteren Theile des Thurmes sind drei Schlitzfenster erhalten. 
Oben an der Westseite kragt das Mauerwerk über und wird durch eine 
Sandsteinhohlkehle unterstützt. 

In den reichgeschnitzten, mit figürlichem Schmuck versehenen, hölzernen Altar. 
Barockaltar aus dem Jahre 1724 (Fig. 8) ist die Kanzel eingebaut. Die Vorder- Kanzel. 
Seite der letzteren trägt die Darstellungen von Petrus, Moses und Paulus. Ueber 
dem Altartische ist in einer Nische das heilige Abendmahl geschnitzt aufgestellt. 
Zwei ki*äftige gewundene Säulen mit Laubgewinden tragen das verkröpfte 
Gebälk mit der Bekrönung. Die beiden über der Kanzel befindlichen* Wappen 
enthalten die Unterschriften: 

Johann Frantz Agnese Dorothea 

Schmidt Meinerings 

Seitlich befinden sich die vier Evangelisten mit ihren Sinnbildern und 
zwei Durchgänge mit Thüren und schönem Schnitzwerk. Der Altar ist weiss 
und vergoldet. Oben sehen wir den Auferstandenen mit der Siegesfahne. Das 
Ganze ist ein prächtiges Beispiel des späten kräftigen Barock mit einzelnen 
R^encemotiven. 

Ein Gemälde an der Kanzelrückwand zeigt Jesus als Knaben im Tempel, 
ein anderes in der Bekrönuiig die Kreuzigung; beide Gemälde sind auf 
Leinwand gemalt. 

Zwei schwere Barock-Altarleuchter aus Messing sind 44 cm hoch. Altarleuchter. 

Ein Becher aus Zinn in lebendiger Form, mit vielen Namen trägt im Becher. 
Deckel und unter dem Fusse je zwei Zeichen mit der Jahreszahl 1725 und 
den Namen Just Ludwig Flegel. 

Eine silbervergoldete Dose ist mit dem Bülowschen Wappen versehen Ciborium. 
und der Inschrift: 

H.O.F.V.B. 
Auf der unteren Seite stehen zwei Zeichen, das springende Pferd mit 
der 2^ahl 12 darunter und die Buchstaben J . P . M . 

7 



-^ 50 g^ 

Gemälde. ' Die Himmelfahrt Christi ist an der Decke dargestellt. 38 Getnälde 

befinden sich an den Emporen der West-, Süd- und Nordseitß mid zeigen 
Darstellmigen aus der Geschichte des neuen Testaments. 

Glocken. Eine 1,26 m im Durchmesser grosse Glocke trägt zwischen zwei 

Ornamentstreifen am Halse die Inschrift: 

Psalm . C V I . y . XLVIII . Gelobet sey der Herr • der Gott Israel • von 
Ewigkeit in Ewigkeit • vndt • alles Volck spreche : Amen . Halleluia . 

Auf der Mitte der einen Seite ist zu lesen : 

Im Jahre nach vnsers Erlösers Gebvrt • M • DG • LX • Haben zv Gottes 
Ehren vndt Befoderung ihrer Seeligkeit die sämbtlichen Eingepfarreten 
des Kirchspiels Uten diese Glocken vmbgiessen lassen. 

lieber dieser Inschrift befindet sich ein erhabener geflügelter Engels- 
kopf. Auf der anderen Seite sind die Namen der Vorstandsmitglieder angebracht : 

H • Joachim von Bröitzem Pastor • 

Hans Kracke • Jasper Engelke • 

Stephan Bartels • Hinrich Kracke • 

Samptliche Juraten- 

Darüber steht ein gekröntes, verschlungenes C.L., von drei Engels- 
köpfen eingefasst, und am Glockenrand die einzeilige Inschrift : ,Lvdolf Siegfriedt 
gössen Anno Christi: 1660 im Monat • Jvlio ." 

Die kleinere Glocke von 1,05 m Durchmesser zeigt am Halse zwischen 
zwei Omamentstreifen die einzeilige Inschrift: 

M : Thomas Rideweg goss mich in Hannover Anno 1725. 

Auf der Mitte der einen Seite findet sich die Inschrift: 

H.F.Prilop.P.T.Past 

und auf der Mitte der anderen Seite: 

Heinrich Rogge 

Hans Joachim Wehler 

Ernst Warmbolt 

Valentin Füllekraus. 

Am Glockenrande steht die einzeilige Inschrift: 

Ich mus den Lebenden zum Gottes Dienste klingen und auch weni 
leichen sind die Klage Lieder singen. 

Sämmtliche Buchstaben sind Lapidare. 

Grabmal Die in Empireformen ausgeführte Gedenktafel (Fig. 9) aus dem Jahre 1804 

ist zum Andenken an den Amtmann Georg Christoph Noodt und dessen Gemahlin 
Anne Lucie Juliane geb. Klapperott gefertigt und in die westliche Thurmwand 
eingemauert. 
Kanne. Eine Kanne aus Silber, vergoldet, hat auf dem Deckel das Bülowsche 

Wappen und an den Seiten die Bezeichnung: 

Anno H F V B 1725. 

Unter dem Fuss sehen wir als Zeichen ein Kleeblatt und die Buch- 
staben H J B (?). 



• '*'io J^X ••* 

Auf dem Fusse eines Kelches ist ein erhabener Grucifixus und ein Kelche. 
Wappen mit der Umschrift 

Carl Jakob • T • Bühlaw von Hause Ahlten. 
ausbracht. 

Er trägt als Zeichen ein springendes Pferd mit der Zahl 12 und die 
Buchstaben J . G . 6 . 




Ä^i|»AV4VirA 



Flg. 9. Kirche In Uten; OedenktafeL 

Der zweite (grössere) Kelch zeigt theilweise geriefelten Knauf und unter 
dem Fusse die Inschrift: .59 Loht mit der Patein*. 

Kelche und Patenen sind aus Silber hergestellt und vergoldet. 

Die Orgel stammt aus dem Jahre 1724. Orgel. 

Das inwendig vergoldete, silberne Taufbecken hat auf der Unterseite Taafbecken. 
«ein Wappen mit der Bezeichnung : 

C.F.v.R. 
1731. 
und darunter als Zeichen ein springendes Pferd mit der Zahl 12 und die 
zusammengezogenen Buchstaben MB. 



7* 



-1-8 52 i^ 



Immensen. 

Kapelle. 

Litteratnr: Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim; Kegenten-Sahl, 1698; 
Manecke II ; von Hodenberg, Pagus Flutwide, Lenthe^s Archiv VI; Mithoff, Kunstdenkmale lY; 
Neues Vaterl. Archiv 1823; Braunschw. Anzeigen 1751; Böttger, Diöcesan- und Gau- 
Grenzen; Bertram, Geschichte des Bisthums Hildesheim I; Kayser, Eirchenvi8itationenl897; 
Heise, die Freien, Zeitschr. d. hist. Ver. f. Nieders. 1856; Weber, die Freien bei Hannover 1898; 
Uhlhom, die Kirche in Kirchhorst und ihre Kunstdenkmäler, Zeitschr. d. hist Ver. für 
Nieders. 1899. 

Quellen: -Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Kapellenrechnungen im 
Schulhause. 



Geschichte. Immensen, woselbst vormals die Grafen von Wernigerode begütert 

waren, gehörte ehedem mit Steinwedel, wohin es noch heute eingepfarrt ist, 
zmn Archidiakonat Sievershausen und zum Gau Flutwide. Im Jahre 1341 
verkaufen die von Escherde denen von Gadenstedt das Dorf Immensen. 
1355 trennten sich Immensen, Steinwedel und Aligse von Burgdorf, zahlten 
3^ Mark löthigen Silbers und weihten die neue ^rche den Heiligen Nikolaus 
und Petrus. Die Zahl 1355 ist Jedoch mit Vorsicht aufzunehmen, da die Kirche 
zu Steinwedel bereits 1302 und ein »Tldericus plebanus in Stenwede* 1307 
genannt werden. Ein Gotteshaus besass der Ort bereits zu Beginn des XV. Jahr- 
hunderts; denn 1414 wurde »nach Ausweisung des Ecksteins^ der hinterste 
Theil der Kirche angebaut. Ob dies dieselbe alte Kapelle (von Holz?) ist, 
welche einem Aktenstück zufolge bereits vor 1526 gestanden und in den 
Jahren 1769/70 durch einen Neubau ersetzt wurde, sei dahingestellt. 1655 wurde 
die Kapelle dem Kunstmaler M. Johann Olpke aus Solshausen für 60 Gulden 
verdingt, »dieselbe aufs Künstlichste mit schönen Historien von Oelfarben zu 
vermählen*. 1671 verehrte Henni Hampenfrawe in Aligse (Alesze) den zinnernen 
Napf zum Taufstein. 1675 wurde ein kleiner Krankenkelch geschenkt, 1686 der 
Kommunionskelch gegen einen grösseren mit Hinzuzahlung von vier Gulden 
einem Groschen vertauscht und 1691 eine zinnerne Weinflasche für einen Gulden 
einen Groschen gekauft. Ein Inventar der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts 
zählt an Geräthen auf: zwei grosse messingene Altarleuchter, von Ludeke Henke 
zu Burgdorf geschenkt, drei weissleinene und ein buntes Altarlaken, zwei Kelche 
verschiedener Grösse mit Patenen, einen Krankenkelch mit Patene, zwei zinnerne 
Weinflaschen verschiedener Grösse, einen Klingelbeutel, sowie auf dem Thurm 
zwei Glocken, eine grosse und eine kleine, nebst der „Seigerglocke*'. In den 
Jahren 1769/70 erfolgte dann der Neubau, welcher 1771 geweiht wurde. Die 
Kosten des Neubaus ; von der Kapellenkasse getragen, beliefen sich auf 
1540 rthlr. 20 Groschen. Die Uhr der alten Kapelle .wurde in die neue verlegt. 
Grundriss, Aufriss und Querschnitt der Kapelle sind noch vorhanden. Vor der 
Wiederherstellung 1900 war der alte Theil der Kapelle 15 m lang und 8,30 m 



->^ 53 g^ 

breit, einschiffig, rechteckig mit einfachem Sockel, hölzernem Renaissance- 
Hauptgesims und Eckquadem versehen und hatte eine auf Holz geputzte flach- 
bogige Decke, auf der Nordseite und auf der Südseite drei flachbogig geschlossene 
Fenster mit massiven Gewänden. Der Eingang lag im Westen : Emporen befanden 
sich an den Langseitea-und der Westseite. Das Satteldach trug einen jv£stlichen 
bescfaieferten Dachreiter mit geschweifter Spitze und Wetterfahne. 1771 lieferte 
der Tischlermeister Cordes für 74 rthhr. 24 Groschen einen neuen Altar mit 
Kanzel. Der Glasermeister Düsterdich erhielt für , Vermahlung und Uebergüldung'' 
des Altars 38 rthhr. 12 Groschen. 1785 wurde die vom lÜirmacher Bussmann 
aus Wettmar für 85 rthhr. gelieferte Uhr aufgestellt. Das Inventar von 1789 
zählt an Geräthen auf: einen silbernen Kelch, zwei kupferne Leuchter, ein 
blaues und ein weisses Laken. 1824 wurden vier Dachfenster angelegt. Die 
Kapelle erhielt vor etwa 30 Jahren durch C. W. Hase einen halbkreisförmig 
geschlossenen Chor in romanischen Formen und wurde im Jahre 1900 durch 
Professor E. Mohrmann durch Anbau eines zweiten Schiffes und eines Thurmes 
zur Kirche umgewandelt. 

Das Patronatsrecht übten bis in das Ende des XIX. Jahrhunderts die 
von Gadenstedt zu Gadenstedt im Kreis Peine. 

Der 1771 vom Tischlermeister Cordes angefertigte Altar besteht aus Altar, 
einem Hauptrahmen, welcher von zwei glatten Säulen begleitet wird. Der mit 
Schnitzwerk ausgefüllte Giebel trägt in der durchbrochenen Spitze einen gleich- 
zeit^n Crucifixus. 

Die beiden Altarleuchter aus Messing zeigen gothische Auffassung. Der Altarleuchter. 
walzenförmige Schaft ruht auf drei Füssen und wird in der Mitte durch einen 
Knauf getheilt. 

Die 57 cm im Durchmesser grosse Glocke trägt zwischen zwei Ornament- Glocke, 
streifen am Halse die einzeilige Inschrift: «Anno 1557 Jar do goth mich Hans 
Pelckinck in Hildensheim das ist war*. Auf dem alten 1900 entfernten Glocken- 
stuhl befand sich die Jahreszahl 1769. 

Darunter befinden sich vier runde Siegel. 

Die schmucklose Altarkanzel, welche einem neueren Oelgemälde hat E^anzel. 
Platz machen müssen, wird im Schulhause aufbewahrt. 

Ebendort befindet sich die alte Wetterfahne mit der Jahreszahl 1769. Wetterfahne. 



Isepnhagen. 

Kirche. ErhhegrähnlBs. Wohnhaus. 

Litteratur: Doebner III und VII; Sudendorf II, III, V und X; Wippennann, 
Bukki-Gau 1859; von Hodenberg, Lüneburger Lehnregister; derselbe, Pagus Flutwide, 
Lenthe*8 AtcMt VI; Havemann; Manecke II; von Bennigsen, Beitrag zur Feststellung der 
DiGcesangrenzen, Zeitschr. d. hist Ver. f. Niedere. 1863; Regenten - Sahl 1698; Kayser^ 
KiTchenvisitationenl897; Bertram, Geschichte des Bisthums Hildesheim I; Böttger, DiOcesan- 



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4md£^au-QreföeQ(! HnliiKh^ Q^schveEbimi^ dksfBiBthumsrMindeA*^ Mithoff^ Kunstdiettkmale lY^ 
.^eraelbe, Kirchen^^chreibai]^0ii ; ]^9fnecke) ^ Nachrichten ^ ^ur V org^sthichte d^s Kircbspißlß 

Qu ^11^,1^: Akten d^s Kgl. St9^t^arc)iiv8 z.u Hajiiio,yer;|' Verzeichnis^ der kifch- 
liche^ 'Künstäenkniäler von 1^9^. . ,.V ,„ * ,"!'^ ~ • 



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Geschichte. . : r ' jsemha^en^} 'östlich^ der Wietze lifil 'Pagus f^lutwid^ i)eleitpe^i "^^ ehedem 
eioftr der 6ireni:orte;^dei3 Btethüsofs Hildesheiin^ gegen d^'Bisthum Mindeii. Das 
Dorfi^t seiner LäQj^i^v^en in^tS^ Bauerschaften getkeiltV von welken die 
Eircher Bau^ischaft dels GoUöshaifö' enthält j hi der Fairster Bauerschaft befaiid 
sieh ^näohüManecke v^^hiicüb' einfFt^ehst^^ 'UlM^2i^hMflr^^ der Laiff^ereck ttnd 

Tlot Er&ffimng^ des' Harzies^Ualsoi vordeii^rRegierungs^^ilitie Vo^l^ (t 93^j 

ein ..berühiÜtet lEisensteiabrueb.-'^ Seri^Ort, wo niall vor' Zeiten^ daä> -Eisen 
jDehandeUilund' die Brändtiütte gestanden hat, ih^st ;die Bi^i^Hde^. Dfe 
Kirche ist isiun! Theil aus dem dort gewonneneti ^ Rias^^eiäetlst^ib aufgeführt^ 
und auch der Name des Ortes wird damit zusammenhänget!; Im JäÜke 1353 
'örkläiirdeeL Ritter. TöHana^PiökaiiJäfiiäassi^ Mn gehörige Zehnte^ »vppe deme 
Ysemehaghene*' nach seinem Tod^d^ Uerz<^Wiltitdft^vbb'Bräld9yhW und 
. lainebürg uhd däsisen ^beir oider NaxMölgerh anhlähify[4n ^ölte, und 1358l)ekundet 
Dietrich SdiÜette^^Kä^^enmeister dei Letiterön^^^öili diesem den »Meygk'h'of ^^pe 
demi^rsernehagUenfel^auf iLeb^29stt eibaltieii .zu haben/ AW erster lutherischer 
Prediger wird 1534 Hinrick Traphagen genannt. Das noch gültige Kttiehensiegcä 
\ ml! deraiahreszkhll5Ö7(trägt\da6^i]d der Mariärlntit^^^ wacher die 

Kirche. gewieMi*ar.U • ' 'v; Um i-.- .' Li-' '..'ti l'.in L ■.:; t.i;' -..lir* :-[nv/ 

1654 wird ,bey verrichter Kirchennvisitation '^ verordnet, dass die^iobeiSte 
; Prittch€roSier:;^'Bohrkirche'^,dasieJi[vnMtz,^3miät^^ 
dieFüntersteriPi^che ^al>er erweitotuddii.ifaiSftirlichier'' gebaut wtkHk, iäödäss'die 
StäilideVonifaiÄteQ erhöht ^irördltti^ damit' ilifier öbet^^ den ^atide^^^^ die ß^ 
I hinab sehen könne. Femer solle die 6emeinde^^Läl^'j%tadt deisä vnaiisebnlichenn 

] altenn* ein neues Crucifix anfertigen ItfSileili '46b5 iKmrde^ile Mauet^'zwischen 

! \. der Sakristei und: dem rLeichtlaus&^iz6r^£rw)^to^^ w^enommen. 

I 1660 findet sich m der Jldsgttb^I die Notiz t'^lM«. VVyfE'des'goHsi^hmtd^ gese^n 

' . dem iteäi.vom^el<äXöLGtold^) *czaMet^. ^^^M^ ,ge- 

^ hauenen Steinen übersetzt*^ und mit vollständig neuem Gestühl ausgestattet 

^ 1672 schenken der wohlhabende Gamhändler Heinrich Wismer und Margarethe 

Behrens den Altar. Cordt Ochsenkopf hat ihn gefertigt (sculpsit), Hans Behrens 
' bemalt (pinxit). Das Ältargemälde, darstellend die Grablegung Christi, ist 1819 

i gemalt. Die von der Ilse Wedekinci 1690 gestiftete, inwendig ganz, aussen zum 

Theil vergoldete Kanne ' wurde «ammt Oblatendose und vergoldetem, durch- 
brochenem Löffel 1784 gestohlen. . Wahrscheinlich 1703 wurde auf der Südseite 
die Sakristei angefugt. Die 705 erbaute, 1749 und 1777 gebesserte Orgel, welche 
\ ursprünglich an der Nprdseite lag, erhielt 1820 ihren J€/lrigen Platz. 1715 goss 

M. Thomas Riedeweg in Hannover die eine der grossen Glocken um, ein abermaliger 
Umguss fand 1750 durch den G^ockengiesser Jofa. Henr. Gust. Weidemann statt. 
1751 barst die grössere, von Riedeweg 1721 gegossene Glocke. Sie wurde 1753 von 



-H; 55 iH- 

(tohann Meyc^r in Gelle umgegossen. 1777 wurde die kleine geborstene Glocke durch 
Peter August Becker aus Hannover umgegossen und 1861/62 abermals vom Glocken-» 
giesser Dr^er in lindem 1765 wurde eine Tbürmuhr angeschafiFt.^ Das Corpus 
bonorum vom Jahre 1776 giebt uns Aufschiuss über den damaligen Zustand der 
Kirche: Der kleine Chor war gewölbt, dias übrige Gebäude mit Balken über«^ 
zogen und unterwärts mit Dielen bekleidet. Eine schadhafte Orgiel war an der 
Seite aufgestellt, der starke Thurm: aus Eisensteinen aufgeführt Es waren . 
zwei grosse Glockea und eine Uhrgloeke vorhanden sowie eine kleine Glocke, 
am das .Signal'^ zum Anfang des Gottesdienstes zu geben, ferner eine Schläguhr. 
Die Kirche besass ein altes Siegel mit einem Marienbild, welches unter die 
flhestilluhgen gedHickt "würde. An Geräthen werden genannt : ein grossier 
silbervergoldeter Kelch mit vor Kurzem vergrössertem Pokal, ein kleinerer 
ebensolcher Kelch, ein kleiner ebensolcher Krankenkelch mit einer kleinen 
silbervergoldeten Oblatenschachtel, eine grosse silberne Oblatenschachtel, eine 
.ansehnliche' silberne, inwendig ganz, . auswendig etwas vergoldete Altarkanne, 
zwei wohl ausgearbeitete englische Altarleuchter von Zinn, zwei messingene 
Altarleuchter nebst zwei Armleuchtern, eine messingene Lichterkrone, ein 
grosses zinnernes Becken, ein kleines messingenes Becken zum Taufstein und 
mehrere alte, nicht mehr gebrauchte Altargeräthe von Zinn. Ein weiterer Kelch 
nebst Oblatendose und Teller zur Sakramentsaustheilung wurde 1819 angeschafEt. 

Die aus Ortsteinen erbaute Kirche besteht aus Chor mit einem Beschreibung. 
Erweiterungsbau im Norden und Sakristei im Süden, Schiff und Westthurm. 

Das rechteckige, geputzte Schiff von 14,9 m äusserer Länge und 11,2m Chor. 
Breite wird durch einen kräftigen, spätgothisch gegliederten Triumphbogen mit Schiff, 
dem aussen 7,2 m langen und 9,4 m breiten Chor verbunden. Das Schiff wird Sakristei. 
im Innern durch eine bogenförmige, geputzte Bretterdecke, der Chor durch ein 
Kreuzgewölbe mit Hohlkehlrippen abgeschlossen. An der südlichen Chorseite 
sind die beiden, zur Aufnahme der Rippen dienenden Eckkonsolen noch erhalten. 
Auf der Nordseite des Schiffes ist eine spitzbogige, gothische, mit Bimstab 
profilierte Eingangsthür mit rechteckig herumgeführtem, gothischem Gesims 
angeordnet. Ebendort befinden sich drei mit Pultdächern abgedeckte Strebe- 
pfeiler. Vier ähnlich behandelte Strebepfeiler stützen die Südwand und zwei 
^weitere, diagonal gestellte die östlichen Chorecken. Auf allen Seiten sind 
hölzerne Emporen angebracht. Die ältesten Fenster sind spitzbogig und lassen 
<lie Ansätze des in Sandstein gehauenen spätgothischen Maasswerks, welches in 
der äusseren Mauerflucht lag, noch deutlich erkennen. Einige kleinere Fenster 
sind theils geradlinig, theils flachbogig geschlossen. Der Sockel zeigt eine 
grosse Fase aus Sandstein. Die steilen gothischen Ostgiebel von Schiff und 
Chor tragen je einen Sandsteinknauf. In der Spitze des Chorgiebels ist eine 
Dreipassöffnung zu sehen. Auf einem Strebepfeiler der Südseite sind noch 
Theile einer in die Quaderung eingeritzten Sonnenuhr erhalten. Eine weitere, 
auf einer Simdsteinplatte angebrachte Sonnenuhr trägt die Bezeichnung: 

Anno 1[8]06 
J. F. W. 
F. A. Z. 



— « 56 S«- 

Der massive Erweiterungsbau auf der Nordseite bt mit dem Chor durch 
eine halbkreisförmig geschlossene Oeffimi^ veri)unden und hat eine spitzbogige 
Eingangsthür, deren jetzt geputzte grosse Schräge die alten Profile verdeckt 
Zwei gekuppelte, profilierte Fenster mit Sandsteingewftnden sind in Fig. 10 
wiedergegeben. Die auf der sQdlichen Chorseite angebaute Sakristei ist ein 
schlichter Fachwerkbau aus dem XVm. Jahrhundert. 

Der rechteckige, geputzte Thurm von 9,4 m äusserer Länge und 11,2 m 
Breite trägt einen in das Achteck übergeführten, mit Mönchen und Nonnen 
gedeckten Helm. Auf den vier Seiten sind oben grosse spitzbogige Oeffnungen, 
welche innen und aussen den dreinjal zurückgesetzten, aus Backstein gearbeiteten 
Viertelstab zeigen, angebracht. In derselben liegen vertieft je zwei kleinere 



Flg. 10. Klrdia In iMmtusea; PensUr. 

spitzbogige, gekuppelte Oeffbungen und darüber eine runde, an einer Seite 
tüdbrunde Oefihung, sämmtlich in roher Ausführung. Unten sind mehrere 
rechteckige, schmale Oef&iimgen, von welchen einzelne mit dem Kleeblattbc^^en 
geschlossen sind, sichtbar. Die spitzbogige Thür auf der Nordseite veii>irgt 
unter der jetzt geputzten grossen Schräge die alten Profile. In die Westwand 
sind vier gothische Ereuzsteine eingelassen. 

Im untern Theile der Ostwand ist inwendig eine spitzbogige, tiefe Nische 
vorhanden; auch sind hier die Widerlager zu einem Kreuzgewölbe bemeiUwr. 
Zwei Blocktreppen, von denen eine mit genagelten, die andere mit au^edollten, 
dreieckigen Stufen versehen ist, befinden sich auf dem Glockenboden. 



-o!8 57 8^ 

Der gemauerte Altar trägt die sehlichte hölzerne Altarwand in Barock- Altar, 
formen mit dem aus dem Jahre 1819 stammenden Altargemälde, welches die 
Grablegung darstellt. 

Eine 1,37 m im Durchmesser grosse Glocke hat zwischen zwei Ornament- Glocke, 
streifen am Halse eine einzeilige Inschrift. Auf der Mitte der einen Seite ist 
zu lesen: 

Andacht . Traver . Noth vnd Frevden . 

Zeich ich an mit meinem Schall . 
Gott! Yersvsse bittres Leiden, 
Wen ma mich hört . vberall . 

Die Mitte der anderen Seite trägt die Namen der damals amtierenden 
Personen sowie die Jahreszahl 1753. Am Rande ist der Giesser Johann Meyer 
aus Celle vermerkt. 

Eine Lapidarinschrifl auf dem Holme des Glockenstuhles lautet: Glockenstnhl 

M.Lindeman.So oft ich hör den Glockenschlag das ich mein Ende 
1716 betrachten mach. 

An der Südseite des Schiffes ist der schöne Grabstein des 1669 Gral)8teine. 
gestorbenen Wöhler Wöhlers aufgerichtet; um. drei Wappen in der Mitte 
gruppiert sich eine vielzellige Inschrift. 

Der Grabstein des Jordan Witte auf dem Kirchhofe zeigt in der Bekrönung 
den Gekreuzigten und darunter eine betende männliche Figur; der Verstorbene 
wurde, wie die Grabinschrift erzählt, am 29. November 1633 zur Mittagszeit 
in der Hausthür seines Nachbars stehend von einem Soldaten ohne irgend 
welche Ursache erschossen. 

Einige einfache Grabsteine aus späterer Zeit sind ebenfalls auf dem 
Kirchhofe aufgestellt; jedoch ist es unverkennbar, dass zu einzelnen Steinen 
ältere Platten verwandt wurden, da dieselben in der Bekrönung die Formen 
des XVII. Jahrhunderts aufweisen. 

Die einfache, zum Theil erneuerte Kanzel zeigt die Formgebung der Kanzel. 
Spätrenaissance. 

Ein silbervergoldeter Kelch mit Patene zur Krankenkommunion hat auf Kelch, 
dem runden Fusse die Lapidarinschrift: ,Hans Hanebut 1695''. 

Ein weiterer zinnerner Kelch mit Sechsblattfuss, kugelförmigem Knauf 
und oben geschweiftem Becher trägt unter dem Fuss ein Zeichen (Engel). Die 
Patene mit der Jahreszahl 1750 hat ebenfalls ein Zeichen auf der Unterseite. 

Das runde, mit der Jahreszahl 1587 versehene ESrchensiegel ist heute Siegel, 
noch im Gebrauch; es hat in der Mitte Maria mit dem Jesuskinde und die 
Lapidarumschrift : .Provisor • eccles . in • Isemhagen*. 

Der schöne, sechseckige, 1,04 m hohe, in neuerer Zeit ausgebesserte Tanfstein 
Taufstein (Fig. 11), dessen Schaft von drei Engeln in tragender Stellung ver- 
ziert ist, zeigt auf den Feldern des Beckens die vier Evangelisten mit ihren 
Sinnbildern, die Taufe des Herrn durch Johannes imd ein Wappen mit der 

Bezeichnung : 

Anno 1654 

Anna Halberstat. 

8 



■■ i-i- Die Fortsetzung der Schrift auf dem anderen Felde lautet:' 
' ' - ■■" ^ ' ' • "''Tonies Greten.W. ' 

Oben auf dem Becken. steht: .NB". 
). ' " ' . Das massive Erbbegräbniss der Familie Von Hattorf aus dem Ende, des 
Xviir. Jahrhunderts, vor der Westseite des Thiirmes gel^n, ist in neuerer 
Zeit ausgebessert. In die ThQrt)ekr&nung ist daS' Wappen der Familie eiti- 
gelassen. 



Fig. II. Kirche In iMmhaseii; T*u(U«iD. 



Äp einem Fachwerkhaus, dem ehemaligen Pfarrwittwenhause, neben 
der Kirche n^t, äberge;etztem Obergeschoss und Giebel bemerkt man einen 
Spruch auf der Setzschwelle, zwischen d^a Balkenköpfen starke Füllhölzer und 
über fler Rundbogenthür die Laptdarinschrift :. ,M. D. Depken . Anno . 1691'. 
Im Innern ist eine schöne Treppe in kräftigen Barockfomien mit gewundenen 
I)o.(;ken erhalten. 



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. Litteratur: Ltj^tzol, dJQ ^Itjere Di^e^e^r JÜWßsheipi; Regepten - Sahl 1698; 
Manec'ke II; ^er1^a,m, Geschient^ des Biathiima ^i^ilesiieim'l;. Kayäer, "^^irchenvisitationeu 
1897; Böttger, IMöcesai-^uid'Öati-Gr^zeti; SÖhifei<4^^^ landwirtÄsibäftiiche BeBchreibtinf^ 
der Dorfdchafi Kirchborst, Neues HAimoy. Mkigäri^in ' 1807 ; Neb^ vatetk • At^bi^ 1828^, 
Wolff, ,alte: WaQdmülefeien in .der ÜCii^be yw ^ttkhoxity Denkmülp^oge I; 'Waiäiecke, 
Nachrichten,|Z^r Yorjge^clfifhte des Elirchspiels Isemha^u 18|^; Mithoff,' Konstdenk^ 
male IV; derselbe, Kirchepbes^hreib.i;ngen ', Ram^oh^, jiiri^tisch^ ^fthrungeu.ÜI; vou 
Hodenb'erg, Paguß Flut^vta^, LenUie^s ArcJii^'Yl; derselbß, Calenb^^er jlTrliundeiibucli V; 
ühlhom, diV^Kirche iii^ÖrfctfWrst und ihte' KunstÄeiiSmäler; ^etteöhr/'ä. bist VeJr. ftt* 
»ieders., 1899: ^ ' '' • iv; •:. .^Z [r- [ tj j:I ^'10/ 'Y hrri-^^rr-r^'-iu / '.T - '. 

Quellen: Uf ku^)l des Kgl. SUatüiäi^cbiivs zu Hannover'; 1 Verzeiehniss der' kfrek^ 
liehen Kün8tdQnkniSJei:nröÄ;]1896,:' .. 'i \ i ! ■■ \-' - .1 



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Kirchhorst gehörte ehedem mit Gross-Horst, Alten- Warmbüchen, Stelle Geschichte, 
und Lohne (Ziegelei), welche sämmtlich noch heute dorthin eingepfarrt sind, zum 
Archidiakonat Sievershausen und war im Pagus Flutwide belegen. Von Alters 
sind die Herren von Gramm Patrone. Vermuthlich hat der Ort bereits 
im Xn. Jahrhundert ein Gotteshaus besessen. Dasselbe hatte in der 
Mitte der Westseite eine Thür; geradlinigen AbscMuss im Osten, eine gerade 
Balkendecke und in der Nord- und Südwand je drei ungefähr zwei Meter 
über dem Füssboden vbefindliche kleine Fenster. Im Jahre 1329 lösten sich 
die Dörfer Horst, jetzt kirchhorst und Grosshorst, Stelle und Alteh-Warmbüchen 
von Burgdor^ los, zahlten dem heiligen Pankratius zwei Mark reinen Silbers 
und bauten zu Horst ein eigenes Gotteshaus, welches sie dem St. Nicolaus 
weihten. Die äussere -Veranlassung zur Lostrennüng gaben die Herren 
von Gramm, indem sie zwei durch Aussterben ihnen zugefallene Höfe in der 
Horst, welche vermuthlich vormals das Rittergut Horst bildeten, zur Dotation 
der Kirche, Pfarre imd Küsterei schenkten. Nach erfolgter Lostrennung wurde 
die vorhandene Kapelle zu einer Kirche ausgebaut. Es wurde der Ghor angefügt. 
Die Aussenw&nde deß Sphiffes wurden um etwa 1 m erhöht« das 3chiff selbst 
mit drei Kreuzgewölben geschlossen, die ursprünglichen, kleinen Fenster in 
grosse, gothische Fenster umgewandelt und mit Backstein-Maasswerk versehen. 

Fj*' '"'f r,i-- 

Die Reformation^ wrfr um '5540 waht*^cJSemlich ächon eingeführt^ der - ei:ste 
lutherische Prediger' 'war Bartoläüs Poipp^.' 1588 wurde oer kleine silberne 
Krankenkelch furf- 4 rthlr. 5 Groschen gtekäüff[ 1589 eine -KanzeFgaautf /Sie 
stand auf dem JSiltat' de*^ Sti^ ' Nicolaus am Triumphbogen.-^ D^-j4tzig6 hölzerne 
Thurm wird 1594 erwähnt und 1608 eine zinnerne WeinKanne für 1 Gulden 
8 GroscheI^angeschäfft^ ' ^' ^ • 

Dei"'*dreissigjähHi?e Eri^g mit seinem Unheil ging^ch än'Erchhorst 
nicht sptorlos v^iräber; -Ifa/ Jahre 1626 raubten die Kaiserlichen die *1 622 gekaufte, 
mit dem biscli^ich förstlich^n Bilde geschmückte Kirchenbibelj nahmen die AÜar^ 
lichter niit foi^t üiid ei4)rächen den Kirchfenblock. Von der 'Kirche ist in diteem 

8* 



Jahre als einer .zerbrochenen* die Rede. 1632 plQnderte das .Pappenheimbsche 
EriegsToli* die Kirche, erbrach den Eircbenblock und zerschlug das Haasswerk 
der Fenster und die Glasmalereien. Holz vom Kirchthurm ward zum Feuer 
benutzt. 1641 plünderten .die Schwedischen aus dem Lager für Wolffenhöttel* 
abermals die Kirche. Die Einwohner flohen im Herbat dieses Jahres nach Hanoorer. 
1661 wurden die Wandmalereien überweisst und 1662 emfache weisse 
Fenster statt der im Kriege zertrümmerten bunten eingesetzt. 1664 wurde 
eine neue Prieche an der Nordwand des Schiffes angelegt. Beim Umbau 
der Kirche fand sie als Wandtäfelung in der Sakristei Verwendung. Ein 
Tischlermeister aus Bui^orf hatte sie gefertigt. In den Jahren 1676 bis 
1678 wurden Steinplatten in den Gängen und auf dem Chore gel^ft, sowie 
ein neuer Beichtstuhl auf diesem gebaut. 1678 wurde der Chorraum bis an 
die Triumphbogenwand voi^erückt und erhöht, sowie der Altar mit einem 
neuen Altarblatt au^estattet. Es ist von Andreas Cortnum, Bürger, Ratbsherr 
und Knochenhauer -Amtsmeister in Hannover, und dessen EhefVau Cathaiina 



Flg. It. Kirch« 1d KlrchhorBt; obarer Orandrlu vor der WledsrhantelloDB. 

geb. Düsterhof gestiftet. Die Schnitzarbeiten stammen von dem Haimoveiscfaen 
Bildhauer Daniel Bartels. Die Seitentheile gingen 1774 bei der Umgestaltung 
des Altars verloren. 1679 wurde die Kanzel abgerissen, der Altar des 
St. Nicolaus beseitigt, von der Pastorin Falkenhagen, geb. Bokelmann, der 
Taufengel verehrt imd die im unteren Ende der Kirche nach Westen stehende 
Taufe entfernt 1678/79 wurde das Gestühl im Schiff gebaut. 1774 wurde 
eine kleine altgekaufte Oi^l aufgestellt. Um Platz für dieselbe zu gewinnen, 
wurde durch den Chor eine Prieche angelegt. Von dem Cortniunschen Altar- 
blatt blieb nur der mittlere Theil mit der Auferstehung erhalten, welcher aber 
auch zugleich als Stütze für die darüber befindliche Prieche dienen mossite. 



-*^ 61 S«- 

Das südliche Ghorfenster wurde erweitert, die nördliche Chorwand nach der 
Sakristei hin durchbrochen und hinter dem Altar eine Thfir zum Aufgang auf 
die Prieche geschaffen. 1775 eiiiieltea die Eirchhorster einen ansehnlichen 
Theil von dem hinter ihren Mooren liegenden, herrschaftlichen Moore zum 
E^enthum. 1836 wurde eine neue Orgel auf der Westprieche angelegt, 
das mittlere Gewölbe des SchifTes als hindernd, Licht und Platz raubend 
at^brochen, das von Crammsche Epitaph dick mit Oelfarbe übermalt und die 



Flg. 13. Kirche In Klrchhorat; Vocball«, 

andere H&lFle der nördlichen Ghorwand über der Sakristeithür durchbrochen. 
1898 fand dann eine gründliche Renovierung namentlich der inneren Kirche 
durch den Architekten Wendebout^ und den Maler Ebeling statt, und steht 
dieselbe jetzt in herrlichem Schmucke da. 

Die Kirche (Fig. 12) besteht aus Schiff, Chor mit angebauter Sakristei BeBchreibang. 
im Norden, einer Vorhalle im Süden und einem Westthurm. 

Das rechteckige, aus Feldsteinen erbaute Schiff hat im Osten einen mit Chor, 
dem halben Achteck geschlossenen, in spätgothischen Formen aus Backsteinen Sctuff. 
errichteten Chor. Die drei Kreuzgewölbe aus Backsteinen, welche das Schiff Anbaaten. 
überdecken, werden durch zwei spitzbogige Gurtbögen von rechteckigem Quer- 



schnitt getrennt; ;^ Btammen jedoch' 4ie .beideii, westlk^e^' Joche von der 
1898 erfQlgtGQ Wiederherstellung her- DieiTOT^henc|eDRipi«n zeägengothisdies 
BinistiibiH;«9I..upd ruhen mit. den, Qurtap auf Sand^teinkpnsoleii. Def um 
eine Stufe erbölite Chor wiid .durch diß I}fljfle.^e.ines rechteckigep Kreuzgewölbe 
und fü^f Kappen d^s (^orßcbli^sea Oberdßcktr . der, spitzbogige, rechteckige 
Gurtbogen, ^dcher beide trepnt, ;^Otzt< sich:.9uf mn^n Pfeiler yon demselb^ 



Fle. 14. Kirche tn Klrchhorst', Wuid- nud DeckenmUereten. 

Querschnitt Die Bimstabrippen setzen sich hier auf gemauerte, runde Back- 
steindienste auf. Der spitzbogige Triumphbogen ist reich .gegliedert. An den 
spitzl)DgJgen, auch < am SchiS mit Backsteinen eingefas^Hi tmd mit Maa^swerk 
versehenen Fenstern' herrscht der Bund- und Viertelqtab vor. Das Backstein- 
maasswerk aller Fenster ist neu und mit Ausnahme des Ostfeo^rs nach einem 
tüten, zugemauerten, im Chor befindlichen letzthin eingerichtet. Die aus Ort- 
steinen mit untermischten Findlingen ohne Verband an die Nordseite des 
Chores angefügte Sakristei ist durdi eine flachbögige Thüir mit demselben ver- 
bunden. Eine Eingangsthür und ein spitzbi^iges Fenster mit Backstemmaass- 
wcrk liegen auf der Ostseite. In der äusseren Nordwand befindet sich ein 
rechteckiger Stein mit eiqem erhabenen, grossen und fünf klemen Kreuzen. . 



■*^ 63 g->~ 

Die aq die Södseite des Schiffes angefO^e Vorhalle' (fig^ ]3) ist ein - 
spätgothischer Backsteinbau init Staffelgiebel und geputzten BI«idnischei);>,in - 
räier Rundbogetuiische. liegt die fl^chbogige EingangsthÜr, an welcher der alte, 
gotfaische Ring wieder angebracht ist. Das Torberrscbjende Profil i^t ,der, 
dreiipai zurückgeset^e Viertelstab. 

Der überaus einfache, viereckige, hölzerne, mit Steinplatten behängte Thnnn. 
Thorm trfigt einen viej^ckigen beschieferten Helm. 

Der gemauerte, romanische Altar ist mit Platte und Schrfige aus Altar. 
Sandstein abgedeckt. Der alte hölzerne Ältaraufsatz, welcher von Andreas 
Cortnvm und dessen Eheftau Catharina Dvsterhof gesUflet wurde, hängt jetzt 
in der Sakristei; derselbe ist in Barockformen mit gewundenen S&ulen hergestellt 
und enthalt als Hauptbild den Gekreuzi^en mit dem Stiller, darunter das heilige 
Abendmahl, oben die Auferstehung und die Himmelfahrt. In der Bekrönung 
ist die Jahreszahl 1678, darunter sind die Wappen der Stifter angebracht. 



Tlg. IS, Kfrcha in Klrchhont; Wmnd- und J>«ck«ninBlcreleD. ' 

Die beiden kupfernen Altarleuchter haben nach gothischer Art drei Aitarfeuchter. 
FOsse und einen walzenförmigen Schaft mit einem Knauf in der Mitte. 

Die schUchtgehaltene, silberne Oblatendose trftgt auf der unteren Seite Ciborium. 
die Inschrift: ,A • L ■ Elapperott Past; Zur Horst C - D • Klapperotten • geb: 
Wehnnannen Aö: 1731-' sowie als Zeichen ein Kleeblatt und einen verschlungenen 
Namen, beide auf vertieftem Grunde. 

Ein aus Elichenholz geschnitzter, romanischer Cniciflxus, dessen Efirper Crucifixas. 
eine Höhe von 1,3S m hat, ist leider stark beschädigt; derselbe ist aus einem 
Stücke geschnitzt; die Arme sind aus zwei g^enCLberliegenden, waagerecht 
gewachsenen Aesten gearbeitet. Derselbe gehört der Mitte des XU. Jahrhunderte 
an und wird jetzt in der Sakristei aufbewahrt. 



-*S 64 g«^ 

Alte Decken- Alle, wohl aus der ersten Hfilfle des XV. Jahrhunderts herrührende 

-^^*?^"i^Wand- und Gewölbemalereien sind nach der Freilegung mit grossem Ver- 

*"'™' stfindniss*! wiederhergestellt; dieselben sind mit Casein- bezw. Temperafarben 

auf den Putz der Gewölbe und Wände oder das Backsleinmauerwerk aufgetragen, 

nachdem der Grund mit einem Lokaltone überlegt war. In der mittleren 



Flg. 18. Kirche In Klrchhont; Chor vor der WiederticntellanB.' 

GewOlbekappe des Chores Ober dem Altar ist Christus. Maria krönend, dargestellt 
In der gegenüberliegend»! Stichkappe ist der heilige Nikolaus im bischöflichen 
Ornate mit dem Hirtenstabe in der Linken und segnend erhobener Rechten zu 
sehen; rechts knieen in betender Stellung der Patron von Gramm und links 
seine drei Söhne. In den rechts an die Krönung Mariae sich anschliessenden 
Kappen sind paarweise einander gegenfkberstehend Johannes, Jacobus der 
Aeltere, Matthäus und Bartholomäus dargestellt; links davon folgen Paulus, 
Petrus, Jacobus der Jüngere und Judas Thaddäus. Die übrigen Apostel und 
einige Heilige sind an den Wänden zu sehen. Das Rankenwerk der Flächen 



'^ flott gezeichnet (vers^. Fig. 14 und 15; Fig. 16 zeigt den Zustand des Chors 
^Tor der Wiederbersteilaog')- I<n Schiff zeigen ^ch die Gem&lde des Christophorus 
""ut dem Jesusknaben und des St. Georg, welcher den Drachen tötet, sämmt- 
tiche Figuren sind mit scharfen Umrissen gezeichnet. 

Die 1664 gefertigte Emporenbrüstung dient jetzt als Vertäfeluug der Emporen- 
Sakristei. brttBtmig. 

Die 1,13 m im Durchmesser grosse Glocke hat zwischen zwei Ornament- Glocke, 
pfeifen am Halse die Lapidarinschnft: 

Gegossen von C ■ Ä ■ Becker und H ■ L ■ Damm in Hildesheim. 

Auf der Mitte einer Seite steht die dräizeilige Inschrift: 

. Bey Gott ist kein Ding unmöglich ■ 

G - H ■ Kuhlemann Pastor 

■ Kirchspiel Horst 1816 - 



Flg. II. Kircbe In Klrchhor 



Ein einfacher Grabstein, mnen in die Nische der Ostwand eingeUssen, 
trägt ein erhabenes, gothisches Kreuz ohne jede Bezeichnung. 

Auf dem Kirchhof befinden sich 17 meist gut erhaltene und bemerkens- 
werthe Grabsteine. Der Grabstein des Pastors Bemhardus Bokelman, 



gestorben 1615, und seiner Gattin Margreta Poppen, gestorben 1621, zeigt in 
seinem obo^n Tbeile unter zwei sich berührenden Banken Christus am Kreuz, 
darunter die knieende Familie, links zwei Männer und einen Knaben, rechte 
vier Frauen, und je ein Wappenschild zu beiden Seiten. 

Zwei der zweiten H&lfte des XVII. Jahrhunderts angehörende Grabsteine 
zeigen ebenfalls in ihrem oberen Theile den Gekreuzigten und darunter stehend 
die Familie oder das Ehepaar, im unteren 
unter einem Engelskopf mit grossen Schwin- 
gen eine Lapidarinschrift in schöner Barock- 
umrahmung. Es sind dies der Grabstan 
des Pastors Berhardus Bokelman, gestorben 
1676, mit zwei oben angebrachten Wappen 
und der des Berendt Deneken zur Horst, 
gestorben 1680, mit der Bezeichnung des 
Künstlers H^ (Hans Jakob Uhle in Han- 
nover) und dem Datum der Anfertigung 1681 
(Fig. 17). 

Aus dem Ende des XVIL Jahrhunderts 
stammen zwei interessante Kindei^rabsteine, 
der eines Mädchens und eines Knaben, auf 
denen ein E^gel das Kind umfasst, um es 
zum Himmel hinauf zu fithren; auf letzterem 
ist neben der Gruppe ein kleiner schmaler 
Crucifixus angebracht. 

Zwei Grabsteine mit Barockomament 
zeigen den Entschlafenen in ganzer, fast 
leben^p*osser Figur, den Hut unter dem 
Arm, in der Hand die Handschuhe. Der 
eine der beiden ist dem Hans Greten aus 
der Alten Warmbüchen, gestorben 1734, ge- 
setzt; der Verstorbene hält in der Rechten 
eine Rose. 

Von besonderem Interesse sind die 
15. .s. Ki,.i. » iii,a,bo„.i o,.w.... ^^ij^^ ^^^ Bildhauer Baniewilz gefertigten 
Grabsteine. Der Grabstein des Cordt 
Rudolph Rfineke in Stelle, gestorben 1737, zeigt den Verstorbenen in ganzer 
Figur, Hut und Handschuhe ip der Linken, die Rechte im Busen. Der 
Grabstein des Hanns Heinrich Rahlwes {Fig. 18) war ursprünglich farbig 
behandelt und ist letzthin neu bemalt worden. In seinem oberen Theile 
ist Jakobs Traum von der Himmelsleiter dai^estellt. In den Wolken 
erscheint in einer Strahlenglorie auf einem dreieckigen Schilde der Name 
Gottes in hebräischer Schrift. (Das Hebräische ist nicht ganz richtig.) 
Der untere Theil enthält, von hübschem Rokokomuschelwerk umrahmt, die 
Inschrift: 



-«-8 67 8^ 

Hier ruhet in Gott, 

der Jungeselle 

Hanns Heinrich Rahlwes 

ist gebohren A : 1736. d : 20. Junij • sein 

Vater ist, Heinrich Rahlwes. 

seine Mutter war, 

Margaretha Könige. 

er ist gestorben, 1758. d:5. 

MsBrtz Alt 21. 

Jahr 8. Monat 

Auf der Rückseite steht folgende Inschrift: 

Grab Schriflft. 
Hiob. 14. C:V:1. 2. 
Der Mensch vom Weibe gebohren, lebet 
kurtze zeit, und ist voller Unruhe. 
Stehet auf wie eine Blume, und 
fället ab; Fleucht wie ein Schatten, 
und bleibet nicht. 

Gutte nacht ihr meine Freunde; All ihr 
meine lieben. Alle die ihr um mich weinet, 
Lasset euch nicht Betrüben, Diessen 
abtrit den ich thue. In die Erde Nieder, 
Schauet die Sonne gehet zur Ruhe; 
Kommt doch Moi^en wieder. 

Darunter Muschel werk im Flachrelief. 

Der kleine, mit Barockomament verzierte Grabstein des Garolus Henricus 
Elapperott trägt unter einer Krone in emer Umrahmung die Lapidarinschrift: 

Carolo Henrico 
Klapperott 
Optimse indolis ac • magnse spei 
Filiolo ad maiora Aö 1736 d : 17 Ap : 
Nato ad maxima ad coelestia 
Aö 1739. d: 14 Feb: mortis 
PrsBmatur» beneficio promoto 

MHP.F. 
Moestissimi parentes 
A. L. Klapperott 
Past. Horstensis 
A. C. D. Wehrmannen. 

Auf dem kleinen, mit Rokokoornament verzierten Grabstein des 1751 
geborenen und 1752 gestorbenen Peter Brandes in der Grot Horst ist das Kind 
in ganzer Figur mit Blumen in den über dem Leib gefalteten Händen dargestellt. 

Der grosse Grabstein des 1756 gestorbenen Pastors Anton Ludolph Klapprot 
zeigt schönes, mit Blumen untermischtes Rokokoomament. Die Lapidarinschrift 

9* 



des oberen Theiles ist auf einer Erhöhung in Gestalt eines Tuches angebracht, 
welches von einem Ei^I gehalten wird. 

Auf einem der Mitte des XVm. Jahibunderts angehörenden Grabstein 
sehen wir einen Knaben und ein Mädchen, welche ein Engel zum Himmel 
emporfOhrt. Der Grabstein der 1766 gestorbenen Dsabey Volckmers ist vom 
Bildhauer J. Völcke gefertigt und zeigt oben den Auferstandenen Ober den Wolken. 



Flg. 19. Klrclie tn Klrebhont; OribmaL 



Drei Grabsteine aus dem Anfang des XIX. Jahrhunderts mit charak- 
teristischer Bekrönimg sind einfach gehalten. Es sind die Grabsteine des 
Barthold Heinrich Grethe, unten bezeichnet .A. W. B. 1808.*, der des Jürgen 
Heinric Kracke, Schullehrers zu Altwarmbücben, gestorben 1818, und der des 
Joban Heinrich Cahmann. 

Die grosse, nur mit einer Lapidarinschrifl bedeckte, mftchtige Grabplatte 
des August Christoph Gottlieb Hoflrnann gehört dem XVIU. Jahrhundert an. 

Das sehr schöne, farbig behandelte Renaissance-Grabmal der Familie 
T. Gramm (Fig. 19) ist aus Holz gefertigt und an der inneren Nordseite des Chores 
aufhängt. In der Bekrönung steht: ,Fatvm mmdi*. Darunter bemerken wir 
zwei Wappen mit der Bezeichnung t. Gramme und v. Veitheim, sowie die Jahres- 



zahl 1579. Das Haaptbild zeigt zwei betende männliche Figuren — v. Cratnm, 
Vater und Sohn — und die Gemahlin des ersteren, eine geborene t. Veltheim, 
Darüber befindet sich zwischen zwei SAulen das Bild der heiligen Dreieinigkeit. 
Zwischen beiden Bildern ist zu lesen: ,Patroni . eccle^e . huius*. Die noch 
vorhandenen Wappen sind bezeichnet: 

V. Schleinitz. v. Rautenberg. 

T. Heimbui^. v. Rheden. 

T. Moeochliausen. v. Harenholz. 

V. Heringen. t. Moenchhausen. 

V. StuUCTheim. v. Schulenburg. 



ng. XI. Ktrob« In KiTCbborst; ■ItiThflr. 

Ein silberner, inwendig vei^oldeter, 21,4 cm hober Kelch mit fünffach Kelche. 
getheiltem, reich profiliertem Fuss zeigt gewundene, vertiefte Unienverzierungen 
und trägt oben an dem glatten, halbkugelfönnigen Becher mit geschweiftem 
Rande die aus eingestochenen Punkten bestehende Inschrift: 
Voltmer Vollmers : Ilsabe . Vollmers. 
Gbr : Ebelings . Ao. 1770 : . 
Am Rande des Kusses ist als Zeichen ein Kleeblatt, darunter die Zahl 19, 
femer ein C und in rechteckiger Vertiefung der Name Schmidt zu sehen. 

Die zubeh6rige silberne Patene tragt auf der Rückseite die aus ein- 
gestochenen Punkten bestehende Inschrift: 

,V ■ Vollmers : • I : Vollmers • Gbr : Eblings : ■ Ao. 1770'. 
Der kleinere, 14,2 cm hohe, silberne Kelch, dessen Becher Irichter- 
fOrmie ist, trägt auf den Zapfen des kugeligen, mit moasswerkähnlichen 



-<^ 70 8-*- 

Verzierungen versehenen Wulstes den Namen Ihesvs in Lapidaren. Auf einem 
Blatte des sechstheiligen Fusses mit vertikalem, schön verziertem Rande sind 
die Buchstaben B. H. und das Gewicht verzeichnet. 

Der 16 cm hohe, silbervergoldete Kelch mit zubehöriger Patene hat 
einen glatten, runden Fuss mit gebuckeltem, vertikalem Rande, runden Schaft, 
kugeligen Wulst mit Maasswerkverzierungen und sechs runden Zapfen, sowie 
emen Becher, welcher aus der Halbkugel in die Trichterform übergeht. 

Die Patene hat ein Weihekreuz auf schraffiertem Grunde und in der 
Vertiefung einen eingeritzten grossen Vierpass. 

Patronatsstnhl. Der aus dem XVII. Jahrhundert stammende, mit Holzgittem und Fratzen 

versehene Patronatsstnhl ist jetzt zu einem Paramentenschrank eingerichtet. 

Taufengel. Ein in Barockformen gehaltener, bemalter Taufengel mit einer Messing- 

muschel in der Rechten hängt in einer Ecke der Sakristei. 

Tbür. Der Durchgang von der Vorhalle zum Schiff wird durch die alte, 

eichene Thür (Fig. 20) verschlossen, welche mit starkem Eisenbeschlage und 
Nägeln reich versehen ist. Sie ist mit fünf Bändern besetzt, von welchen das 
oberste und unterste mit vertieften Linien in einfacher Weise verziert sind. Auf 

Elle, der Rückseite ist die alte eiserne Normalelle angebracht. 



Lehrte. 

Kirche. 

Litteratur: Doebner I — ^V und VII-, Janicke; Sudendorf; Lüntzel, die ältere 
Diöcese Hildesheim; Regenten -Sahl 16d8; Manecke II; von Hodenberg, Pagus Flutwide, 
Lenthe's Archiv VI; Bertram, Geschichte des Bisthums Hildesheim I; Böttger, Diöcesan- 
und Gau-Grenzen; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Mithoff, Kunstdenkmale lY; derselbe, 
Eirchenbeschreibungen; Weber, die Freien bei Hannover 1898; Heise, die Freien; daselbst 
eine Wiedergabe des Grabsteins des Bartheld Molsen; Kniep, die Freien vor dem Walde, 
Hann. Geschichtsbl., 8. Jahrg. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Kirchenbuch zuHaimar. 



Geschichte. Der im grossen Freien belegene Ort, welcher am 1. April 1898 Stadt- 

rechte erlangte, gehörte ehedem zum Archidiakonat Lühnde im Pagus Hastfiala. 
Er war einer der Grenzorte des letzteren gegen den Pagus Flutwide. Nach 
der Bestätigungsurkunde der Besitzungen und Privilegien des Bartholomäus- 
stiftes von Seiten Bischof Bemhard's vom 13. October 1147 übereignete Odelricus 
canonicus sancte Crucis ,ad utiUtatem fratrum^ .in Lereht decimam viUe*. 
Das Patronatsrecht über die Kirche in .Leerthen' (»Leerthe') stand seit Alters dem 
Michaeliskloster in Hildesheim zu und wurde 1302 vom Bischof Siegfried aus- 
drücklich anerkannt, welcher sich zugleich im genannten Jahre aller Ansprüche 



I 



I HHg 71 8^ 

I 

bezüglich derselben begiebt. Im Jahre 1352 löst der Hildesheimsche Bischof 
Heinrich die Bürger von .Lerethe* aus dem Parochialverbande der Kirche in 
yStenwede' und bestimmt, dass die Kapelle zu «Lerethe'' «pro se sit beneficium 
et ecclesia parrochialis specialemque Rectorem habeat*. 1366 erklärt der Bischof 
Gerhard von Hildesheim, dass er auf Bitten des Herzogs Wilhelm von Braun- 
schweig und Lüneburg die «Capellam in villa Leerthe • • • ab ecclesia sua matrice 
in Stenwede* eximiert, dieselbe ,a jure parrochiali spirituali quo eidem ecclesie 
in Stenwede et eins Rectori astricta fuerat' befreit imd ihr selbst Parochial- 
rechte verliehen habe (.vt ipsa. Ecclesia in Leerthe per se parrochia existat')* 
Doch solle sie eine Rekognitionsgebühr von vier Schilling Hildesheimscher 
Pfennige an den Pfarrer in «Stenwede* alljährlich zu Michaelis bezahlen. 
1604 gab die Kirche zu Haimar zum Bau des Thurmes zu Lehrte 16 rthlr. 

Die 1815 neu ausgebaute und anfangs der achtziger Jahre zur Schule Beschreibnng. 
Yt)llständig umgeänderte Kirche besteht aus Schiff, Chor und Westthurm. 

Das rechteckige Schiff und der rechteckige schmalere Chor sind aus Ort- Schiff, 
steinen erbaut ; der Sockel und das Gesims zeigen noch die alte steile Hohlkehle. Chor. 

Der fast quadratische, aus Ort- und Bruchsteinen erbaute Westthurm Thurm. 
mit Backsteinsockel hat im Korbbogen geschlossene Schallöffhungen, auf der 
Westseite eine flachbogige Eingangsthür und einen ins Achteck übergeführten, 
schlanken, beschieferten Helm. 

Zwei hohe Zinnleuchter der neuen Kirche zeigen am Fuss in recht- Altarlenchter. 
eckiger Umrahmung die Inschrift: ,1 H A Wubbers Hofzinngiesser' und in 
länglich runder Umrahmung einen Engel mit Waage und Palme und der Umschrift: 
,J H A Wubbers Hannover 1775.* 

Ein kleiner zinnerner Crucifixus des XVL Jahrhunderts auf neuem Cmcifixus. 
Kreuz steht auf dem Altar der neuen Kirche und ist aus der alten entnommen. 

Die 1,07 m im Durchmesser grosse, stark beschädigte Glocke trägt Glocken, 
den Namen des Pastors August Ehrhart und zwischen zwei Omamentstreifen 
am Halse die Lapidarinschrifl : 

Gegossen von H-L-Damm* in Hildesheim Anno 1814. 

Die andere 1,01 im Durchmesser grosse Glocke wurde im Jahre 1638 
durch M. Pawel Vos in Lüneburg gegossen. Sie trägt am Halse unter zwei 
Omamentstreifen zwischen riemenmrtigen Erhöhungen eine zweizeilige, unsaubere, 
stark verwischte Inschrift, aus welcher das Entstehungsjahr und der Name des 
Giessers hervorgehen. 

Besonders bemerkenswerth sind fünf schöne, neuerdings aufgebesserte Grabsteine. 
Grabsteine. 

Der Grabstein des 1668 gestorbenen Hinrich Kracken zeigt in seinem 
ober^i Theile den Gekreuzigten, darunter links den Gatten, rechts die Gattin, 
im Hintergrunde eine Stadt und im unteren Theile unter einem beschwingten 
Engelskopf eine Lapidarinschrift in guter Barockumrahmung. 

Ein zweiter Grabstein ist der 1679 gestorbenen Dorothea Stiers gesetzt. 
Im oberen Theile ist in der Mitte der Gekreuzigte zu sehen, links das 
Wappen des Mannes und darunter er selbst mit den drei Söhnen, rechts das 



-^ 72 »^ 

Wappen der Frau und darunter sie selbst mit den fünf Töchtern. Der untere 
Theil trägt unter einem Engelskopf mit grossen Schwingen eine Lapidarinschrift 
in Barockumrahmung. 

Von Interesse ist der für die kriegerische Tracht der Freien bezeichnende 
Grabstein des Bartheld Molsen. Unter einer Spätbarockbekrönung sehen wir 
einen Mann in fast voller Lebensgrösse, mit wallenden Locken, die Rechte 
im Busen, den Hut unter dem linken Arm, in der Hand die Handschuhe, an 
der Seite den Degen. Darunter steht die Lapidarinschrift: 

Aö 1680 ist Bartheld Molsen zu Lehrte auff diese Welt gebohren seyn 
Vater ist Oswald Molsen die Mutter Anna Eilers und Ao 1709 den 
15 Septemb im Herrn sehlig entsghlaffen seines Alters 29 Jahr dessen 
Seel ruhet in Gott. 

Der Grabstein des Osewaldt Molsen, geboren 1655 und 1712 gestorben, 
zeigt in der Barockbekrönung einen Spruch und das Lamm, auf dem 
Stuhle sitzend. In der Mitte sehen wir den Gekreuzigten, darunter die 
ßieben Söhne und vier Töchter und das in Leichengewänder gehüllte Ehepaar 
in Särgen liegend. Unter zwei beschwingten Engelsköpfen ist in schöner 
Barockumrahmung eine Lapidarinschrift eingemeisselt. 

Der fünfte Grabstein ist dem Heinrich MoUsen, Eirchenvorsteher zu 
Lehrte, 1755 gestorben, gewidn^et. Im oberen Theile sehen wir imter einem 
schwebenden Engel, welcher die Posaune bläst, links den Gatten und die fünf 
Söhne, sämmtlich die Rechte im Busen, unter dem linken Arm den Hut und 
in der Hand die Handschuhe, rechts die Gattin mit den beiden Töchtern. 

Kelche. Von den beiden silbervergoldeten Kelchen zeigt der grössere mit 

trichterförmigem Becher auf dem sechstheiligen Fusse die aufgeheftete Kreuzigung 
und am untersten Gliede des Fusses einen senkrechten, von Vierpässen durch- 
brochenen Rand. Der kugelige Wulst trägt Maasswerk und auf den sechs 
Zapfen in gothischen Kleinbuchstaben die Inschrift: .ihesus". Am oberen 
Theile des Schaftes ist .help got^, am unteren «maria' zu lesen. 

Der kleinere Kelch zeigt auf den sechs grün emaillierten Schildchen des 
mit Maasswerk versehenen kugeligen Knaufes in gothischen Kleinbuchstaben 
den Namen Jhesvs und auf dem runden Fusse einen Crucifixus auf eingraviertem 
Kreuz und daneben in vertieften Linien einen betenden Mönch. Der Becher 
geht aus der Halbkugel in die Trichterform über, der Schaft ist rund. Eine 
silbervergoldete Patene mit Weihekreuz auf schrafiiertem Grunde. 



Mellendopf. 

Kirche. 

Litteratur: Sudendorf; Doebner VI; LUntzel, die ältere Diöcese HildeBheim ; 
von Hodenberg, Lüneburger Urkundenbuch V ; derselbe, Lllneburger Lehnregister; Wipper- 
mann, Bakki-Gau; Manecke II; Holseher, Beschreibung des Bisthums Minden; Btfttger, 



-^ 73 8^ 

DiOcesan* und Gau-Grenzen; Schulz, Bissendorf, Hannor. Geächichtsbl., 4. Jahrg.; Kayser, 
Kirchenvisitationen 1897; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirehenbeschreibungen; 
Zeitschr. d. hist Yer. f. Niedere. 1885; GrUtter, der Loingau, Hannov. GeschichtsbL, 8. Jahrg. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; GrUtterscher Kachlass 
im Stadtarchiv ebendort; Pfarmachrichten zu Mellendorf. 



Der Kirchort Mellendorf westlich der Wietze gehörte seiner Lage nach Geschichte. 
ehedem zum Mindener Archidiakonat Mandelsloh und war im Loingau belegen. 
Er ist ohne eingepfarrte Ortschaften und hat vormals wahrscheinlich zur 
Parochie Bissendorf, wohin noch bis in die neuere Zeit zwei Höfe eingepfarrt 
wareUf gehört. Den Pfarmachrichten zu Folge ist die Kirche zu Melendorp, 
Mellhigendorpe, bis dahin Filial zu Bissendorf, von einem kinderlos verstorbenen 
Herrn von Melliendorf als Pfarrkirche gegründet worden. Bei den in der 
Zeit von 1330 bis 1352 von den Herzögen Otto und Wilhelm vorgenommenen 
Belehnungen erhielten Heinrich (?) und Johann von Escherde »twe scok mäste 
?an dem meger houe to Melinghedorpe*" und Reiner von Escherde »den 
meyerhof to Melinghedorpe mit dem kerclene darsulues**. 1360 bekam Ludolf 
Campe vom Herzog Wilhelm ,den tegheden to Melinghedorpe '• 1487 war 
Johannes Lindemann Viceplebanus in »Melliendorppe*. Das Güter- und Renten- 
verzeichniss der Kirche zu »Melliendorppe'' vom Jahre 1529 nennt an Gütern 
folgende: ,Item dat hoghe altare [dem St. Georg geweiht] myt der kledie 
11 kelcke de en vorguldet dat ander ein klein sulueren / / Ein Munstrancie X VIU 
golden wert noch 1 is sodenmissinck / / Ein oltgulden stucker / / noch ein bunt 
siden is thoreten vnde ander alt tugh is samtlick bisloten Ein Hantuert [gemeint 
ist wohl Hantwerk] // Marien Rock itlicke spanghen dar vppe mit der krönen 
vnde der anderen hilghen Glenodia sin besloten / / II luchter 11 clene klocken / / 
Item noch II altare gheblotet vnde bighelecht vnde der luchthe bighelecht / / Vp 
dem thome II klocken vnde Ein clene klocke^. 1628 wird eine Uhrglocke für 
79 Gulden angeschafft, 1640 eine Uhr für 55 rthlr. 22 Mgr. Der Pastor 
Bruno Henstorff; 1634—1657, l&sst eine grosse Glocke giessen. Eine bereits 
Tor dieser vorhandene, grosse Glocke war zur Erlegung einer Brandschatzung 
nach Wienhausen gekommen. 1661 wird eine Prieche, 1714 die Sakristei und 
1715 der Altar nebst Kanzel gebaut. Ein Inventar vom Jahre 1773 nennt von 
Geräthen unter anderem zwei metallene Leuchter, ein Grucifix, einen silber- 
vergoldeten Kelch mit Patene, einen kleinen zinnernen Kelch mit Patene, eine 
zinnerne Giesskanne, eine zinnerne Oblatenschachtel und eine kleine zinnerne 
Flasche zur Krankenkommunion. 1833 wurde zum ersten Mal eine altgekaufte 
Orgel gespielt, 1834 das Gestühl renoviert und vermalt, sowie der Thurm neu 
gegründet, um 1894 durch einen Neubau ersetzt zu werden. Nach Manecke 
gehörte der Zehnte von diesem Dorfe, von Bennemühlen und Hellendorf denen 
Ton Bobers. 

Die alte Altardecke, welche Mithoff beschreibt, und der hölzerne Tauf- 
engel sind nicht mehr vorhanden. 

Die Kirche besteht aus Schiff mit Sakristei im Osten, Chor und neuerem Beschreibung. 
Westthurm. 

10 



Altar. 



Altarleuchter. 



-^ 74 «•<- 

Schiff. Das aus Ort* und Backsteinen erbaute, mit hölzernem Hauptgesims ver- 

^^^^' sehene Schiff ist im Osten durch das halbe Achteck geschlossen. An den 
Ghorecken befinden sich Tier, an der Nordseite drei und an der S&dseite sechs 
Strebepfeiler. In einen derselben ist die Jahreszahl MCGCGXGVII eingemeisselt. 
Das Innere wird durch drei rechteckige Kreuzgewölbe aus Backsteinen und 
durch das Ghorgewölbe, sämmtlich mit rundem Schlussstein, abgeschlossen; die 
Rippen zeigen das Bimstabprofil. Zwischen den beiden westlichen Gewölben 
befindet sich ein breiter Bogen. In der Südwand liegt die jetzt zugemauerte, 
spitzbogige Eingangsthör. Die Fenster in den Langseiten und im Chor sind 
im Wesentlichen ebenfalls spitzbogig; vollständig unberührt von späteren 
Aenderungen sind jedoch nur die Ghorfenster geblieben, welche aussen feine, spät- 
gothische Profile und innen den doppelt zurückgesetzten ^ertelstab haben. Die 
im Osten angebaute, mit abgeschrägten Ecken versehene Sakristei ist aus Fachwerk 
errichtet und trägt über der Thür die Inschrift: «Anno 1714". 

Auf dem massiven, mit Platte und Schräge aus Sandstein abgedeckten 
Altar erhebt sich die hölzerne Altarwand mit eingebauter Kanzel zwischen zwei 
Säulen mit verkröpftem Gebälk. Sie trägt die Merkmale des Regencestiles in 
schöner Ausführung. 

Zwei gleichgrosse, auf drei Füssen ruhende, 0,28 cm hohe Altarleuchter 
aus Bronze zeigen gothische Auffassung und haben einen walzenförmigen 
Schaft mit rundem Knaufe. Sie tragen oben die Lapidarinschriften: 

Diese beiden • Levchter • hat • Albert . Thies • vnd Dorotia • Svrings • der • 

Kirchen • zv • Melliendorf • vorehrt • zvm • Gedechtnvs • 

und 

H • Brvno • Honstorp • Pastor • zv • Melliendorf • Hans Wichmans • vnd • 

Jvrgen Beschenbostel Kirchen • Juraten • zv Melliendorf* 

Die 1^02 m im Durchmesser grosse Glocke hat am Halse zwischen 
Riemchen und unter einem Omamentstreifen die Lapidarinschrift : 

Komt • last uns anbeten • und • knien • und • niderfallen • F • H • 

darunter als Hochbild einen Mann, welcher die Harfe spielt. 

In der Mitte sind zwei vierzeilige Inschriften angebracht, in welcher 
Vogt, Pastor, Küster und Juraten angegeben sind. In der Unterbrechung eines 
Omamentstreifens am Rande ist zu lesen: 

Joh • Heinr • Christ • Weidemann • goss mich • Hannover • 1765 • 

Ein Kelch aus Zinn hat am Becher eine Inschrift mit der Jahreszahl 1739« 

Das einfache Taufbecken aus Messing von 0,29 m oberem Durchmesser 
stammt laut Inschrift aus dem Jahre 1638. 



Glocke. 



Kelch. 
Taufbecken. 






•<-l 75 8«- 



Negenbopn. 

Kapelle. 

Litteratnr: Origines Guelficae; Treuer, GeBchlechts- Historie der Herren 
von Münchhaasen, Anhang; Sndendorf; Doebner II, Personenregister nnd Y, Register; 
von Hodenberg, Calenberger Urkundenbnch I; derselbe, Archiv des EJosters Walsrode; 
derselbe, Pagus Flutwide, Lenthe's Archiv VI; Urknndenbach der Stadt Hannover; Lüntzel, 
die ältere DiOcese Hildesheim; Grupen, Origines et Antiqnitates Hanoverenses; Bertram, 
Geschichte des Bisthnms Hildesheim I; Manecke II; Holscher, Beschreibung des Bisthums 
Minden; Böttger, Diöcesan- und Gan-Grenzen; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; von Ben- 
nigsen, Beitrag zur Feststellung der DiOcesangrenzen, Zeitschr. d. bist. Ver. f. Kieders. 1863; 
ebendort 1857; Hithoff, Kunstdenkmale lY; derselbe, Kirchenbeschreibungen. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Grütterscher Nachlass 
im Stadtarchiv ebendort; Aufzeichnungen bei den Kapellenrechnungen in Negenbom; 
Pfarmachrichten zu Meilendorf. 



Das im Loingau belegene, zum Mindener Archidiakonat Mandelsloh Geschichte. 
gehörige Dorf ist nach Breiingen eingepfarrt. Im Yerzeichniss der Celler 
Schlosseinnahmen vom 12. November 1381 bis zum 31. Mai 1382 begegnet es als 
«N^enbome*. Als Asche von Mandelsloh und seine Brüder am 6. Mai 1493 
den Liebfrauenaltar in der BCirche zu Mandelsloh stiften, begaben sie ihn unter 
Anderem mit «XXIIII gülden van dem samtgude to Negenbom und in der 
Surser molen, dat steit von dem Schwentzer*". Zur Zeit des Pastors Michael 
Müller, 1670 — 1711, wurde die Kapelle, welche «viel ihar lang wüst und baw- 
Mig gestanden, und fast bey Menschen-gedencken der Gottesdienst nicht darin 
verrichtet*, «wieder gebessert und in zimblichen stand gebracht". Dies wird 
im Jahre 1696 geschehen sein. 

Bezüglich der wahrscheinlich nach unserem Ort benannten Familie sei 
bemerkt, dass ein Johannes de Negenbumen in einem Yerzeichniss von Adligen 
1297 genannt wird. 

Die im Jahre 1696 erneuerte, aussen 5,7 m breite und 14,2 m lange, Beschreibung, 
im Osten mit grossen abgeschrägten Ecken versehene Fachwerkskapelle ist von 
einem Pfannendache mit westlichem Dachreiter bedeckt. In der in neuerer Zeit 
errichteten massiven Westwand liegt die Eingangsthür. Die Fenster sind 
rechteckig. Der Innenraum wird durch eine gerade, geputzte Decke mit 
vorstehenden Balken und Holzkonsolen an den Seitenwänden abgeschlossen. 



10» 



-<«8 76 H- 



Obershagen. 

Kirche. 

Litteratur: Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim; Manecke II; Regenten- 
Sahl 1698; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Nenes vaterl. Archiv 1823; Havemann I; 
Hodenbergj Ltineburger Lehnregister; derselbe, Pagns Flntwide, Lenthe's Archiv VI; 
Mithoffy Kunstdenkmale IV ; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Gmpen, Origines Germaniae IL 

Quellen: Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



Geschichte. VY ie aus den vorhandenen Nachrichten hervorzugehen scheint, ist das 

heutige, an der Aue gelegene Kirchdorf Obershagen um die Mitte des XIV. Jahr- 
hunderts an die Stelle des sammt seiner Kirche vom Erdboden verschwundenen 
Ortes Schomsteinshagen, welcher zwischen Dachtmissen und Hetelingen gelegen 
haben mag, getreten. Ein Herr von Oberg soll der Erbauer gewesen sein. 
Das nach Burgdorf eingepfarrte Dorf Sehomsteinshagen erhielt 1249 eine dem 
heiligen Nikolaus geweihte Kirche. Die Gebrüder WuUbrand und Berthold 
von Reden schenkten ihr 1307 20 Mark Bremischen Silbers, und die Aebtissin 
von Quedlinburg bereicherte sie mit Dachtmisser Gütern. Bei den zwischen 
1330 und 1352 vorgenommenen Belehnungen der Herzöge Otto und Wilhelm 
erhielten Heinrich (?) und Johann von Escherde »de vogedie Bedingerdorpe vnde 
Scorstenhagen*'. Femer bekam Reiner von Escherde ,to dem Obergeshagen dat 
kerclen*. Von nun an schwindet der Name Schomsteinshagen. Bei der 1360 vom 
Herzog Wilhelm vorgenommenen Neubelehnung erhielt Lippold von Escherde 
,dat dorp Obergheshagen*. 1496 wurde Barteides Prediger. Aus dem Vokation&- 
brief desselben ist ersichtlich, dass ihn die Aebtissin von Quedlinburg zur 
Kapellanei von Dachtmissen bemfen, und der dortige Kaplan die Officia eines 
Predigers von Obershagen mit versehen hat. Infolge der Reformation trat 
eine Aendemng ein. Das liegende Gut der Kapelle wurde zum fürstlichen 
Domanio geschlagen, das Einkommen an Zinsgefällen aber zum Theil dem 
Prediger zu Obershagen zugewiesen. Ein interessantes Verhältniss ei^eben die 
Aufzeichnungen in der ,,vthgaue'' der Kirche „tho Henyngsenn''; 1554 lesen 
vnr daselbst: „2 grossen vnd 1 wittenn dem pastori thom Obergeshagen' ; 
1565: „Dem pastori vp dem Obergeshagenn gegeuen einen daler vor sine 
wege vnd arbeyth dat he tho vns kam do wy neuen pastor haddenn* ; 1572: 
9 Dem pastor vp dem Obergeshagen VII kordtlinck so ome jarliches geboren* 
und 1575: ,2 Mariengrossen vnd 2 gosler dem pastori thom Obergeshagen 
so ome jarliches gehören". 1598 wird eine Glocke angeschafft. Die vor dem 
jetzigen, 1843 auf den alten Sockelmauern neu erbauten Gotteshause vorhanden 
gewesene Kirche trug die Jahreszahl 1661. 1737 wurde der Kirchthurm einer 
grösseren Ausbesserung unterzogen. Die Kosten betrugen rund 82 Thaler. 
Das Corpus bonorum vom Jahre 1811 nennt an Geräthen: 2 Altarleuchter, 
1 Kmg, 1 grossen und 1 kleinen Kelch, 1 grossen und 1 kleinen Oblaten- 



-^ 77 8^ 

teller, 1 Taufbecken, 1 Oblatenschachtel, 1 Flasche, sämmtlich von Zinn, und 
1 Eüngebeutel von rothem Plüsch mit messingenem Glöckchen, wozu das 
Corpus bonorum vom Jahre 1812 noch hinzufügt : 1 Altarumhang von geblümtem 
.Gros de Tour', einen anderen von weissem Leinen sowie den Eanzelumhang 
von rothem Bombassin mit weissen Fransen. 1812 barst die grüsste der Glocken. 
1815 wurde ein Eirchensiegel angeschafft und 1817 ein grosser silberner 
Kelch mit Patene, 41 (36) Loth schwer, vom Gold- und Silberarbeiter Mathae 
(Matthias) in Hannover gefertigt. 1821 wurde der für sich gesondert stehende 
Thurm gebessert und 1839 die Kirche geweisst. 

Zwei 19 cm hohe Altarleuchter aus Messing zeigen nach gothischer Art Altarleuchter. 
einen Knauf in der Mitte des walzenförmigen Schaftes. 



O e 1 e p s e. 

KapeUe. 

Litteratur: Regenten - Sahl 1698; LUntzel, die ältere DiOcese Hildesheim; 
Manecke II; Kayser, Eirchenvisitationen 1897; von Hodenberg, Pagus Flutwide, Lenthe's 
Archiv VI; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Yerzeichniss der kirch- 
lichen Kunstdenkmäler von 1896. 

Das nach Sievershausen eingepfarrte Dorf begegnet in dem älteren Geschichte. 
Zehnt-, Geld- und Fruchtregister des EHosters Wienhausen vom Ende des 
Xm. Jahrhunderts als «Olerdessen' und wird daselbst vom Glossist des 

XIV. Jahrhunderts zu «Mey" gerechnet. In einer Urkunde vom Jahre 1505 ist 
von einer Wiese, ,vffe dem Schermbeke twischen Olerse vnnd Dolberge' 
gelegen, die Rede. 1534 wird die Kapelle zu ,01res* genannt. 1773 wurde 
die jetzige erbaut. 

Die aussen 10,3 m lange und 6,6 m breite, mit einer Bruchsteinmauer Beschreibung. 

auf der Westseite versehene, geputzte Fachwerkkapelle mit gerader geputzter 

Holzdecke und vorstehenden Balken ist im Osten durch das halbe Achteck 

geschlossen. Auf dem westlichen Ende des hier abgewalmten Pfannendaches 

erhebt sich der mit Satteldach überdeckte Dachreiter. In dem Riegel der 

Eingangsthür an der SQdseite ist die Jahreszahl 1773 eingeschnitten; ausserdem 

befindet sich die Inschrift: 

Anno 1801 

in schwarzer Farbe oben an der sfidwestlichen Ecke der Mauer. Die Fenster 

sind flachbogig. 

Der aus dem Ende des XV. Jahrhunderts stammende, farbig behandelte, Altarschrein, 
geschnitzte Altarschrein zeigt im Mittelstück Christus vor erhöhtem Kreuze stehend, 
darunter zwei betende Figuren und seitlich davon eine Gruppe. In den beiden 
Flügehi sind die Figuren der zwölf Apostel zu sehen. 

Ein bemalter, hölzerner Grucifixus stammt aus dem Ende des Crucifixus. 

XV. Jahrhunderts. 



-*4 78 «-1- 



Otze. 

Kapelle. 

Litteratur: Sudendorf; von Hodenberg, Lünebnrger Lehnregister; Lttntzel, die 
ältere Diöcese Hildesheim; Regenten-Sahl 1698; Manecke II; Eayser, Kirchenvisitationen 
1897; Neues vaterl. Archiv 1823 und 1824; Mithoff, Kunstdenkmale IV. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Verzeichniss der kirch- 
lichen Kunstdenkmäler von 18%. 



Geschichte. 



Beschreibung. 



Altar. 



Altarleuchter. 



Glasmalereien. 



Glocken. 



Das Dorf Otze ist seit Alters nach Burgdorf eingepfarrt. Bei den 
zwischen 1330 und 1352 vorgenommenen Belehnimgen der Herzöge Otto und 
Wilhelm erhielt Johann von Solvelde »to Ottessen enen meyger vnde de molen*. 
1338 verpfänden die genannten Herzöge dem Kloster Ebstorf »to Otessen twene 
houe*. 1339 verkauft Johann von Solvelde dem Werner von Otbemshusen 
und dem Henning von Marenholz den Meierhof und die Mühle «to OteSsen*, 
reserviert aber den Herzögen Otto und Wilhelm das Recht des Wiederkaufe. 
Im Jahre 1418 belehnt der Abt Heinrich vom St. Michaeliskloster zu Hildesheim 
den Henning Cordes zu «Otze" mit 42 Morgen Land, 6 Wiesen und 2 Hufen 
in dem Dorf und auf dem Feld zu «Otze''. Das Visitationsprotokoll vom 
Jahre 1543 besagt, die Kapelle zu Otze sei «belegen im kaspelde Borchtorp vnd 
an dat husz Borchtorp gelecht''. 

Die durch das ha,lbe Achteck im Osten geschlossene Backsteinkapelle 
hat eine bemalte, mit spätgothischen Maasswerkschnitzereien versehene, gerade 
Holzdecke. Die Fenster sind flach- oder spitzbogig geschlossen. Die in einer 
Spitzbogennische liegende flachbogige Eingangsthür ist auf der Nordseite an- 
geordnet. Unter dem Fenster der Ostwand ist aussen eine flache, rechteckige Nische 
sichtbar. Das Mauerwerk ist mit glasierten Köpfen untermischt, auch bestehen 
die Schrägen in den Chorfenstem aus Glasuren. Ein Theil der Ostabwalmung 
ist mit Mönchen und Nonnen, die übrige Dachfläche mit Pfannen gedeckt. 

Auf dem massiven Altartisch steht der einfache, mit drei Kielbögen 
und spätgothischem Maasswerk verzierte Flügelaltar mit drei Figuren, darunter 
Christus und Maria. 

Zwei Altarleuchter aus Messing haben einen walzenförmigen Schaft nach 
gothischer Art. 

Drei kleine, länglich runde Glasmalereien sind in die Bleiverglasung der 
Fenster eingesetzt; auf der ersten ist ein Wappen mit der Unterschrift: 

Johan Schvltze • 1645 

auf den beiden anderen sind Petrus und Andreas zu sehen. Ausserdem ist noch 
eine Malerei — Christus am Kreuze — vorhanden. 

In dem mit etwa 50 cm Zwischenraum vor der Mitte der Westwand 
errichteten hölzernen, mit Mönchen und Nonnen gedeckten, viereckigen Glocken- 



-^ 79 8^ 

thurm hängen zwei Glocken. Die erste mit einem Durchmesser von 82 cm 
trägt zwischen zwei Omamentstreifen am Halse die Lapidarinschrift: 

Lobet den • Herrn mit hellen Cymbeln • Lobet ihn mit wohl- 
klingenden Cymbeln. 

Auf der Mitte der einen Seite ist zu lesen: 

Johann Meyer Eönigl. 
Stück Gieser in Gelle 
goss mich. 1763. 

Die gegenüberliegende Inschrift lautet: 

Singet Gott! Lobsinget seinem Nahmen 
Machet Bahn dem der da sanft herfäret 
Er heisset Herr! Und freuet euch vor ihm. 

Sämmtliche Buchstaben sind Lapidare. An einzelnen Stellen sind 
Omamentstücke mit figürlichen Darstellungen angebracht. 

Die kleinere, 79 cm im Durchmesser grosse Glocke hat in gothischen 
Kleinbuchstaben am Halse zwischen zwei Riemchen eine zweizeilige Inschrift 
mit der Jahreszahl 1461. 

Ramlingen. 

KapeUe. 

Litteratur: Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim-, Manecke 11; Begenten- 
Sahl 1698 ; Kayser, Kirchenvisitationen 1897 ; von Bennigsen, DiöcesangreHzen, Zeitschr. des 
hiBt Ter. f. Nieders. 1863; Mithoff, Kunstdenkmale IV. 

Quellen: Urkunde des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Verzeichniss der kirch- 
lichen Ktinstdenkmäler von 1896; Schul chronik in Ramlingen. 



Ramlingen, auch Rammeln, war ehedem einer der Grenzorte der Geschichte. 
Diöcese Hildesheim gegen die Diöcese Minden und ist seit Alters nach Burgdorf 
eingepfarrt. Eine Urkunde vom Jahre 1509 handelt von einem Vertrag zwischen 
den Herzog Heinrich dem Jüngeren, denen von Dagevorde und sämmtlichen 
Einwohnern des Dorfes «Ramling tho Borchtorp tobehorich*. Das Visitations- 
protokoll vom Jahre 1543 besagt, die Kapelle «tho Ramlingesze* sei i, belegen 
im kaspelde Borchtorp vnd an dat husz Borchtorp gelecht'. «Der Dorfzehnte 
gehört denen von Lüneburg zu Waatlingen.'' [Manecke.] 

Die durch das halbe Sechseck im Osten geschlossene, einfache Fach- Beschreibung. 

werkkapelle von 12,5 m äusserer Länge und 6,3 m Breite hat ein im Westen 

abgewalmtes Dach mit viereckigem Dachreiter im Westen. Die glatte Bretter-^ 

decke ruht an den Seiten auf schlichten Holzkonsolen. Eingangsthür und 

Fenster sind rechteckig. Ueber der Tliür befindet sich auf einer besonderen 

Tafel die Inschrift: 

Kommt lasst euch den 

Herren lehren. 

Anno 1698. 



Altarleuchter. 



Bildwerke. 



Gemälde. 



Glasmalerei. 



Kanzel. 



-^ 80 X^ 

Die beiden Altarleuchter haben nach gothischer Art drei Fasse und 
einen walzenförmigen Schaft mit drei Knäufen. 

Drei aus Holz geschnitzte Bildwerke werden hinter dem Altar auf- 
bewahrt. Das erste, eine handwerksmässig gearbeitete Heiligenfigur mit einem 
Buch in der Linken^ stammt aus dem Anfang des XV. Jahrhunderts, das zweite, 
Maria mit dem Leichnam Christi, sowie eine leidlich gefertigte Bischofsfigur 
mit fehlenden Armen aus dem Anfang des XVI. Jahrhunderts. 

Ein Oelgemälde, 26,5 cm breit und 35,5 cm hoch, zeigt Christus am 
Kreuz mit der klagenden Mutter. Auf der Rückseite steht der Name des 
Künstlers Brüggemann und darunter auf dem Holzrahmen die Jahreszahl 1782. 

Eine Glasmalerei ist in ein Fenster der Nordseite eingesetzt. Sie enthält 
Wappen imd Namen des fürstlich Braunschw. Lüneburgischen Amtmanns zu 
Burgdorf H. Philip Günter Rimpau. 

Die über dem Altar stehende Kanzel gehört dem XVII. Jahrhundert an. 



R e t h m a p. 

Kirche. Herrenhaus. 

Litteratur: Doebner I, II, V und VI; Janicke; Sudendorf; Lüntzel, die 
ältere Diöcese Hildesheim; Manecke II; Regenten - Sahl 1698; von Hodenberg, Ltine- 
burger Lehnregister; Böttger, DiOcesan- und Gau -Grenzen; Nolte, die Salzburger in 
Rethmar, Zeitschr. d. bist Yer. f. Nieders. 1876; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; 
Bertram, Geschichte des Bisthums Hildesheim I; Havemann; Mithoff, Kunstdenkmale IV; 
derselbe, Kirchenbeschreibungen; Weber, die Freien bei Hannover 1898; Heise, die Freien; 
Heraldische Mittheilungen 1897; von Orgies- Rutenberg, Geschichte der von Rutenberg und 
von Orgies gen. Rutenberg, Dohlen 1899. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Yerzeichniss der kirch- 
lichen Kunstdenkm&ler von 1896; Kirchenrechnungen zu Rethmar; Pfarmachrichten ; 
Geschichtliche Notizen des Herrn Grafen von der Schulenburg- Wolfsburg. 



Geschichte. 



Das im grossen Freien belegene Dorf gehörte vormals zum Archi- 
dlakonat Lühnde (»De banno Luende'') und zum Pagus Hastfala. Bereits das 
Ende des XII. Jahrhunderts bringt sichere Kunde von dem Vorhandensein des Ortes. 
Am Schluss des Güterverzeichnisses der Obedienz Ludengers aus dieser Zeit 
lesen wir nämlich: «Mansi duo, unus in Huiringe, I solidus, alter in Rethmeer** 
1306 ist ein „Thidericus plebanus in Rethmere' (sacerdos) Zeuge; es ist 
vielleicht derselbe Thidericus, welcher 1311 ebenfalls als „plebanus in Retmere* 
aufgeführt wird. Im Jahre 1332 verpflichten sich Siegfried von Rutenberg und 
seine Söhne Siegfried und Hildemar nebst anderen Rittern und Knappen dem 
Hildesheimschen Rath zu gegenseitigem Beistand auf 20 Jahre. Sie standen mit 
diesem auf Seiten des vom Papst Johann XXII. als Gegenbischof aufgestellten 
Erich, eines Sohnes des Grafen Adolf von Schaumburg. Sie machten sich 
hierdurch dem Bischof Heinrich und den Herzögen Otto und Wilhelm arg 



-^ 91 ^ 

verhasst. Dieselben berannten 1332 das feste Haus zu Rethmar, müssten jedoch 
unverrichteter Sache wieder abziehen. Am 15. September des genannten Jahres 
gelobt der Bischof Heinrich, dem Herzog Otto, seinem Vetter, während der 
nächsten anderthalb Jahre dreimal vier Wochen lang mit 50 Mannen und 
nöthigen Falls mit seiner ganzen Macht Kriegshülfe zu leisten und ihm zugefügten 
Schaden zu ersetzen, jedoch „ane den schaden de vor Retmere scach . van der 
stunde dat it berant wart wente dat men van dennen ret*. Ferner gelobt er: 
„Dat hus to Retmere dat schulle we vh willen breken vn vsem vedderen helpen 
weren igt dar yenigman weder buwen wolde binnen der tid dat de breue vn 
Yse deghedlnghe wäret", also das Schloss um jeden Preis zu brechen und 
dessen Wiederaufbau zu hindern. Gemäss einer Urkunde vom Jahre 1361 wird 
eine Schenkung von 5 Hufen und 3 Kothöfeii «an dem Velde gheleghen des 
dorpes to Retmere" „to dem Altäre der juncvrowen sente Caterinen in der 
kerken to Retmere' seitens der von Rutenberg durch den Lehnsherrn Grafen 
Johann von Spiegelberg genehmigt und zugleich bestimmt, dass dieselben »des 
altares un des lenes und ore Erwen schullen ewigliken un immermer rechte 
len Herren wesen". Die Urkunde befindet sich seit 1864 im Thurmknopfe. 
In einer Urkunde vom Jahre 1540 wird unter den castellis (kleiner befestigter 
Ort, kleine Burg), welche die Herzöge Erich und Heinrich von Braunschweig 
und die Städte Braunschweig, Hannover, Northeim und Göttingen zur Zeit des 
Bischofs Johann dem Stifte entzogen und mit Gewalt genommen haben, auch 
.Retmer" genannt. 

Der erste lutherische Prediger war der Inschrift seines Grabsteines 
gemäss Johannes Schrader aus Göttingen, 1586—1638. 

1615 reinigt und bessert der Uhrmacher von Hildesheim den »seiger*. 
1618 werden die Fenster theils neu gemacht, theils ausgeflickt; den „seiger" 
brachte man nach Peine zum Ausbessern. 1619 wird eine neue zinnerne Kanne 
auf den Altar für 24 Groschen beschafiTt. 

1628 hören wir in den Kirchenrechnungen von vielen Beschädi- 
gungen der Kirche; unter Anderem werden 2 fl. 10 Gr. für zwei zinnerne 
Kelche mit Patenen bezahlt; ferner 2 fl. um die 'Kirchenfenster wieder zu 
flicken, 1629 1 Thlr. 9 Gr. für einen neuen Kelch, da der alte geraubt, und 
2| Thlr. für zwei neue Altarleuchter; auch wurden Kirche und Thurm neu 
gedeckt und vielleicht auch eine neue Taufe gefertigt. 1632 wird der von den 
Kriegsleuten zerschlagene Seiger geflickt. 

1647 wurde die Kirche vor dem Gewölbe und Taufstein gepflastert 
sowie 1648 die Orgel gebessert. 1651 erhält der Maler Henning Hawer 
aus Hildesheim für den neuen Altar, für den er bereits Geld empfangen, 
noch weiter 30 rthlr. und Heinrich Ochsenkopf, Bildschnitzer ebendaher, 
zu dem bereits Erhaltenen noch 15 rthlr. 1649 schmückt der Braun- 
schweigische Meister Hans Wilhelm eine Prieche mit den 16 Ruten- 
bergischen Urahnenwappen und vermalt Henning Hawer den Predigtstuhl. 
1655 bekonnnt Heinrich Ochsenkopf für den neuen Taufdeckel 27 Gulden und 
Henning Hawer ebensoviel. 1657 wird die Kirche gründlich ausgebessert und 
1659 der Beichtstuhl und das Pult auf dem Chor niedriger gemacht. In 

11 



-^ 82 8^ 



Beschreibung. 



Schiff. 



letzterem Jahre vermalt Hemiing Hawer die Kirche «mit passions midt andern 
Historien auch dem jüngsten Gericht undt sonsten Künstlich^. 1663 erhält 
dieselbe neues Gestühl. 1716 lässt Philipp Adam zu Eltz eine neue Spitze auf 
die Kirche setzen, 1717 schenkt er einen Taufstein aus der Kirche in die 
Kapelle zu Evem. In diesem Jahre wurde der Thurm imd 1724 die Kirche 
umgebaut. Die bogenförmige Holzdecke, der Altar und die Sakristei stammen 
aus dem Jahre 1774. Der nördlichen CEhorseite wurde gegen Ende des 
XVII. Jahrhunderts die Krypta Eltziana angefügt. Hier in Rethmar haben die 
1731 aus ihrer Heimath vertriebenen Salzburger ein kurzes Refugium gehabt 
Der damalige Gutsherr wollte sie für den Anbau seines Landes benutzen, doch 
nahmen die Hörigen des Gutes ihr Anrecht auf Gutsarbeit in Anspruch. Der 
Entscheid des Oberappellationsgerichtes zu Gelle lautete ungünstig ßa die Salz- 
burger, und so mussten sie 1735 den Ort wieder verlassen. Ein Theil des 
Dorfes erhielt nach ihnen den Namen «die Salzburg'*. 

Das Patronat ruht seit Alters auf dem Hause Rethmar, welches nach 
Heise landtagsfähig und von Steuern befreit war. Es besass ein eigenes 
Patrimonialgericht über das Gut und die zu Rethmar wohnenden Junkerleute. 
Bis zu ihrem Aussterben im Jahre 1647 waren die Herren von Rutenberg 
Patrone. 

Die Kirche besteht aus Chor, Schiff und Westthurm und hat einen 
Anbau auf der Nordseite. 

Das rechteckige Schiff imd der durch das halbe Achteck geschlossene, 
Chor, schmalere Chor sind aus Bruchsteinen erbaut und haben hölzernes Haupt- 
gesims. Durch eine gewölbte, geputzte Holzdecke wird das Innere der einfachen, 
durch Flachbogenfenster erleuchteten Saalkirche abgeschlossen; Wand und 
Decke sind durch ein Holzgesims getrennt. Eine mit glatten SandsteingeWänden 
eingefasste Thüre befindet sich auf der Nordseite; im geraden Sturz ist die 

Inschrift eingemeisselt: 

Anno • 1724. 

An die Nordseite des Schiffes ist das Erbbegräbniss der Familie Ernst 
angebaut mit der Jahreszahl 1861 am Eingangsthor. 

In der Kirche ist an der Nordseite ein jetzt zugemauerter, mit Sandstein- 
gewänden und Kämpfern versehener Eingang zum vorgenannten Raum sichtbar 
und trägt im Schlussstein die Inschrift: 

Grypta, 
Eltziana. 

Hölzerne Emporen sind an der West- und Nordseite angebracht Im 
Inneren an der Südseite ist ein runder Stein eingemauert mit dem Wappen 
der Familie v. Rutenbei^ und der Umschrift in gothischen Kleinbuchstaben: 

Anno • domini • m • cccc • Ixi. 

Zu bemerken ist noch ein aussen eingemauertes Mordkreuz an der 
Nordseite und ein runder Stein mit dem Rutenbergschen Wappen an der 
Westseite. 

Der aus Bruchsteinen erbaute, fast quadratische Westthurm von rund 
5,5 m Seitenlänge trägt in der Wetterfahne die Jahreszahl 1717 und wird von 



Thunn. 



-^ 83 8^ 

einem achteckigen, in seinen unteren Theilen geschwungenen und durch ein 
Gesims unterbrochenen^ beschieferten Helm bedeckt. Unten im Thurm liegt 
das Grabgewölbe der Familie von Rutenberg. Auf der S&d- und Nordseite ist 
je eine rondbogige Schallöffiiung angeordnet. 

Altar und Kanzel sind aus Holz gearbeitet und mit einander verbunden. Altar. 
Sie stammen aus dem XVIII. Jahrhundert. Die Altarwand zeigt zwei seitliche Kanzel. 
Durchgänge. 

Eine Glocke ohne Inschrift von 79 cm Durchmesser trägt am Halse Glocke, 
zwei doppelte glatte Riemchen. 

An der Thurmwand im Schiff ist der sehr schöne und gut erhaltene Grabsteine. 
Grabstein des Bode von Rautenberge aufgerichtet. Auf demselben ist in einer 
breiten Nische die Gestalt des Verstorbenen in der Rüstung sichtbar. Sechzehn 
Wappen sind oberhalb und zu beiden Seiten angebracht und in Lapidarschrift, 
wie folgt, bezeichnet: 

V. Rvtenberg v. Adelevessen 

V. Bartensie v. Salder 

V. Swich V. Bovente 

V. d. Asseb v. Steinb 

V. Botmer v. Elven 

V. d. Schvl V. Velthem 

V. Krame v. Bodenhv 

V. Hoym v. Havs 

Die Umschrift in lateinischer Schrift lautet: 

Ano Chri 1597 am 21. Septemb: abents zwisschen 5*vnd 6 vhren, 

Jst der Edler vnd Ehrnühester Bode von Rautenberge in dem Herrn 

selig entshlaffen, welcher tag des 64. Jhars S. E. gebürtstag gewesen. 

vnd ruhet alhie in Grott. 

Ein Grabstein mit dem Meisterzeichen H W ist in die westliche Aussenwand 

desThurmes eingelassen; er ist derjenige der im Jahre 1611 gestorbenen Jungfrau 

Margaretsi Elisabeth von Rvtenberg und hat an den Ecken die Wappen der 

V. Rutenberg v. Velthem 

V. Steinberg v. Salder. 

Ein verwitterter Stein mit der Figur eines Enieenden vor dem 
Gekreuzigten und dem Wappen der von Vechelde auf derselben Seite des 
Tburmes hat das gleiche Meisterzeichen. Die Jahreszahl 1618 steht in der 
unteren linken Ecke und ist ausserdem in einzelnen grösseren Buchstaben der 
Au&chrift enthalten; die Letztere lautet, so weit sie lesbar ist: 

Je hoher die Noth. Je naher ist Got. 
Beatis manibus 

Pietate probitate et doctrina or- 
natissimi viri juvenis Dn: Alber: 
ti de Vecheld dantiscani patri 

u. candidati • nobilissimo 

de Rautenberg et c: olim ab 

archivis fldelissimi 

11* 



->4 84 S«- 

Ein schßner, silbervergoldeter, 27 cm hoher Kelch mit dem Eltz'schen 
Wappen auf dem Sechsblattfuss wird von dem Patron aufbewahrt. Er trggt 
als Zeichen den sprin^nden Löwen und die Inschrift P. H., sowie auf der 
unleren Seite des Fusses die Angabe: ,■ 1 MÄRZ 86 ANNO ■ 1706 •• 



Fig. XI. Herrenhaas In Betbmar; Tbüre. 

E^n innen vergoldeter, silberner Kelch hat die Lapidarinscbrift : 

Den Fleissigen Einwohnern 

zu Rethmar 

Andenken 

Der Gemeinheitstheilung 

von 1812 

von 

der Landwirthschaftlichen 

Gesellschaft 

zu Celle. 




->^ 85 8^ 

Das Ernst'sche Erbbegräbniss enthält den mit vielen Wappen, guten Sarg. 
Ornamenten und interessantem Crueifix ausgestatteten Sarg des Philipp Adam, 
Herrn zu Eltz, 21. Oktober 1727 gestorben. 

Ein einfaches Taufbecken aus Messing trägt auf dem Rande die TanfschUsscl. 
Inschrift in Lapidaren: 

H • Johan • Bvntten • Ilse Sanders • 1 • 6 • 4 • 7 • 
Das einfache, in Hufeisenform mit Mansardendächem erbaute Herren- Herrenhaus, 
haus zeigt ausser den beiden Eingängen keine Eunstform; über der nördlichen 
Eingangsthür sind in der Bekrönung die Wappen der Familien von Hardenberg 
und von Steinberg angebracht. Links sind die Buchstaben P • A • V • H und 
rechts • D • L • V • S eingemeisselt. Ueber der Regenceverdachung steht die 
Jahreszahl 1735. 

Die nach dem Hofe liegende Eingangsthür hat in der Bekrönung das 
Wappen der Familie von Eltz und daneben die Buchstaben P A E — H Z E 
sowie die Jahreszahl 1710. 

Das Nebengebäude ist älteren Ursprungs, hat mit profilierten Sandstein- 
gewänden — in welchen die Hohlkehle vorherrscht — eingefasste, gekuppelte 
Fenster. Die Gewände und die Bekrönung der Thür sind mit figürlichen 
Darstellungen geschmückt (Fig. 21). Zwei Wappen, diejenigen der Familien 
von Rutenberg und von Steinberg, sind in der Bekrönung untergebracht und, 
wie folgt, bezeichnet: 

B O : V : R V : 1 • 5 • 7 • 5 • Cat : V : Steinberg • sein ehliche Hvsfraw. 
An einem Nebengebäude ist ein Stein eingemauert mit dem Ruten- 
bergschen und Veltheimschen Wappen und der Lapidar-Inschrift: 

1613 am Ostertage ist dis Vorwerck in den Grvnd abgebrand. vnd 
in demselbigen Jare wider angevangen zv bavwen. 
Unten stehen die Namen: 

Bartolt von Margareta 

Rvtenberg von Veltem. 



Schwüblingsen. 

Kapelle. 

Litteratnr: LUntzel, die ältere DiÜceseHildcsheim; Maneckell; von Ilodcnberg 
Pagns Flutwide, Lenthe'ß Archiv VI; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Mithoff, Kunst- 
denkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Fromme, kleine Chronik der Primariat- 
pfarre zu Sievershausen 1889. 

Das nach Sievershausen eingepfarrte Dorf begegnet in dem älteren Geschichte. 
Zehnt-, Geld- und Fruchtregister des Klosters Wienhausen vom Ende des 

XIII. Jahrhunderts als »Swibbelinghe" und wird daselbst vom Glossist des 

XIV. Jahrhunderts zu ,Mey" gerechnet. Eine vom Kloster Wienhausen am 



[ 



23. ]uni 1305 ausgestellte Urkunde besagt, dass das Dorf mit allen Gerechtsamen 
und AufkQnflen an das Kloster gefallen sei und dieses dafür dem Priester zu 
SieTersbausen und seinem Glöckner gewisse jähriidie Einkünfte zukommen lassen 
werde. 1634 wird die Kapelle zu .Schwübling' genannt. 



Flg. i». Kapelle In SchirftbllDKHD ; Craclflina. 

Die Fachwerkkapelle hat einen mit Satteldach versehenen Dachreiter 
im Westen, rechteckige Fenster, eine Eingangstbür in der Westseite und eine 
glatte Bretterdecke. 

Der aus dem XV. Jahrhundert stammende Schnitzaltar ist reich mit 
Farbe und Gold behandelt. Im Mittelschrein steht die Figur der Anna Selbdritt ; auf 
jeder Seite daneben beSnden sich Gruppen mit Darstellungen aus der Geschichte 
Christi. Die beiden Flügel zeigen im Ganzen zwölf geschnitzte Figuren. 

Ein etwa 50 cm grosser, vergoldeter, hölzerner, gut erhaltener Crucifiiua 
stammt aus dem XV. Jahrhundert (Fig. 22). 



-^ 87 8^ 



' S e h n d e. 

Kirche. 

Litteratur: Leil)niz, ScriptoreB renun BransvicenBinm; Janicke; Doebner I, II, 
ni und VII; Sudendorf; Urkundenloach der Stadt Hannover; ürkundenbuch der Stadt 
Braunschweig; Yolger, Urkunden der Bischöfe von Hildesheim; LUntzel, die ältere Diöcese 
HUdesheim; Regenten -Sahl 1698; Manecke II; von Hodenberg, LUneburger Lehnregister; 
Bertram, Geschichte des Bisthums Hildesheim I; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Böttger, 
Diöcesan- und Gau-Grenzen ; Hithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; 
Heise, die Freien; Weber, die Freien bei Hannover 1898. 

Quellen: Ürkundenbuch des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Stadtarchiv zu 
Hannover, Redecker; Kirchenchronik in Sehnde; Yerzeichniss der kirchlichen Kunst- 
denkmäler von 18%. 



Das im grossen Freien belegene Dorf gehörte ehedem zmn Pfarrbezirk Geschichte, 
der Kirche zu Lähnde. Wie aus der am 13. Oktober 1147 vom Bischof 
Bernhard ausgestellten Bestätigungsurkunde der Besitzungen und Privilegien 
des Bartholomäusstiftes hervorgeht, hätte der Odelricus canonicus sancte Grucis 
demselben ,ad utilitatem fratrum* ,in Senethe viginti quatuor iugera cum 
una area* geschenkt. 1187 übereignet Frederundis, Wittwe Berthold's von 
Schartfeldi dem Kloster Steterburg 4 Hufen mit einem Hofe in Sehnde. Als 
der Bischof Bemo 1191 dem Propst Gerhard von Steterburg den Besitz der 
von ihm (de novo conquisita) für sein Kloster erworbenen Güter bestätigt und 
ihm die Vogtei über dieselben übertrftgt, werden «Senethe tres mansi* und 
«dedma in Senethe* genannt. Die Parochie wurde im Jahre 1207 gegründet. 
Am 8. Mai 1207 giebt der Bischof Hartbert bekannt, dass die Sehnder zur 
bequemeren Verriditung des Grottesdienstes die von ihnen gebaute Kapelle von 
der Mutterkirche in Lühnde getrennt haben, jedoch ausbenommen das Synodal- 
recht und nothwendige Bauten. Für die Auflösung des kirchlichen Verbandes 
überweisen sie der Mutterkirche 2 Mark Silber und eine Hufe, von welcher 
2 Solidi zu den Lichtem derselben verwandt werden sollten. Der Propst Hiddo 
zur Sülte und sein Nachfolger Bernhard gaben ihre Zustimmung. Unter den 
Zeugen erschemt Volbemus sacerdos de Seynede. Am 6. Oktober 1216 
bestätigt der Papst Honorius III. dem Kloster Wöltingerode unter Anderem «in 
Senede tres mansos*. In dem um 1250 aufgestellten Lehnsregister des Klosters 
Steterburg heisst es: ,,Senedhe una curia et dicima super curiam. filii Florini 
habent et filius Gonstin habet quosdam agros'. 

1274 bestätigt der Papst Gregor X. der Kirche St. Bartholomaei zu 
Hildesheim die «ecclesias de Lülene, de Lobeke, de maiori Sehnede et de Hotzenem 
cum Omnibus pertinentiis earunden*". Am 26. November 1298 bezeugt der 
Graf Gerhard von Hallermund die Erklärung der Bürger von «Senedhe' («Sende"), 
dass sie weder das Recht, die E[irche «in uilla Sende" zu übertragen, noch das 
Prfisentationsrecht an derselben besitzen und dasselbe auch nicht dem Herzog; 
von Lüneburg übertragen haben, so dass sie irgend eine Belästigung vom 



-^ 88 8^ 



Beschreibung. 
Schiff. 



Thnrm. 



Altar. 



Glocke. 



Kloster zur SüIte deshalb erleiden könnten. 1448 und am Ambrosiustage 1449 
bestätigt der Bischof Magnus von Hildesheim dem Bartholomäuskloster das 
Patronatsrecht über die Kirche in Sehnde (,Senede*). 

Zur Reformationszeit eignete die Landesherrschaft sich das Patronats- 
recht an. Im Jahre 1578 beschweien sich die Dörfer Lehrte, Sehnde, Dolgen, 
Haimar und Gretenberg gegen Uebergriffe des Bodo und Hans von Rutenberg. 
1625 brannte der Fachwerkoberbau des Kirchthurms ab, wobei auch das Geläute 
zerschmolzen wurde. Die Wiederherstellung erfolgte 1626 — 1655. Der jetzige 
massive Thurm ward 1640 (Inschrift am Holm des Glockensluhls) vollendet. 
1737 wurde die jetzige Kirche an den älteren Thurm angebaut, wozu 1300 Thaler 
geliehen werden mussten, welche in Theilzahlungen wieder abgetragen wurden. 
1842 erfolgte dann die Ablösung des Zehnten, welcher aus Sehnde an das 
Michaeliskloster zu Hildesheim entrichtet werden musste. 

Ein Johann von Sehnde (servus) begegnet zuerst 1204 in einer Urkunde 
Bischof Harlbert's. 

Die Kirche besteht aus Schiff, Wesllhurm und Sakristei. 

Das auf einem Sandsteinsockel aus Bruchsteinen erbaute Schiff mit 
Holzgesims ist als Saalkirche ausgebildet und wird durch eine geputzte, aus 
Holz hergestellte, gewölbte Decke nach oben abgeschlossen. Gemalte Ornamente, 
welche sich auf den Füllungen der hölzernen Emporen an der West-, Süd- 
und Nordseite vorfanden, sind später wieder aufgefrischt. Das mit seiner 
Längsachse von Süden nach Norden gerichtete Schiff hat mit Sandsteinquadem 
eingefasste Ecken und ist mit seiner Längsseite an den älteren Thurm angebaut. 
Auf jeder Seite sind zwei flachbogige und in der Süd- und Nordwand je ein 
länglich rundes Fenster über den Eingangsthüren angebracht. Die im Osten 
angebaute Sakristei hat eine Eingangsthür, welche im Sturz die Jahreszahl 1737 
trägt. Sämmtliche Fenster und Thüren sind mit glatten Sandsteingewänden 
eingefasst. 

Der massive, aus Bruchsteinen erbaute, mit einem hohen, achteckigen 
Helme bedeckte und mit korbbogig geschlossenen Schallöffnungen versehene, 
viereckige Westthurm hat in etwa vier Meter Höhe einen sockelartigen Absatz; 
der letztere wird durch einen, neben der flachbogigen Eingangsthür auf der 
Westseite stehenden Strebepfeiler gestützt. Ein spitzbogiger Durchgang nach 
dem Schiff ist jetzt vermauert. Die Gewölb^linien sind im Inneren des Thurmes 
noch sichtbar. 

Der unter Benutzung einiger älteren Figuren hergestellte neue Altar 
steht in der Mitte der östlichen Längswand; mit ihm ist die Kanzel vereinigt. 

Die aus dem Jahre 1653 herrührende schöne Glocke von 1,01 m Dureh- 
messer trägt zwischen zwei Omamentstreifen am Halse die Lapidarinschrift: 

venite ad nyptias qvia parata svnt omnia. Matth. 22. 
Als Schluss ist ein Kopf angebracht. Die bischrift auf der einen Seite 
der Glocke lautet: 

Altarlevte Bvsso Nettelrots 
Dieterich Rikelman 



-^ 89 8^ 

Zu beiden Seiten beflnden sich zwei Blumen und darunter drei kleine 
Köpfe. In der Mitte der anderen Seite ist zu lesen: 

Joachimus Mvller Pastor 

Anno Pastoratvs. 28. 

Zu beiden Seiten sind wiederum zwei Blumen angebracht, darunter ein 

erhabener, schöner Crucifixus mit flatterndem Lendentuche, von drei Köpfen 

umgeben. Am Glockenrand steht zwischen zwei Köpfen die Inschrift: 

Anno MDCLIII gos mich M. Hcnni Lampen in Hildesheim. 

Hinter dem Altar im Inneren der Kirche ist ein gut gearbeiteter Grab- Grabsteine, 
stein eingemauert, auf welchem der Pastor Jochim Mvller, gestorben am 
4. Dezember 1655, ein Buch in der linken Hand haltend, dargestellt ist. Ein 
einfacherer Grabstein der Sophia Dorothea Müller, gestorben 1732, steht in der 
äusseren, westlichen Thurmwand. Der Stein des Hinrich Breithaur auf dem 
Kirchhofe, gestorben 1725, zeigt in einer von zwei gewundenen Säulen seitlich 
begrenzten Bogennische eine männliche Figur mit einem Knaben und eine 
weibliche mit einem Mädchen zu den Seiten des Gekreuzigten. Der Grabstein 
des Junggesellen Henning Boden zeigt die Figur des im Jahre 1753 Verstorbenen. 
Der Stein ist auf der Seite bezeichnet: Hoyer. Ein kleiner Grabstein mit dem 
Bilde der 1746 Verstorbenen ist einem kleinen Mädchen gewidmet. Der Grab- 
stein des 1752 gestorbenen Junggesellen Anthon Klünder zeigt den Verstorbenen 
in ganzer Figur. Die Grabsteine des 1746 gestorbenen Ludolf Jürgen Rust und 
des Gasten Hapken (XVIIl. Jahrhundert) enthalten Darstellungen des Gekreuzigten 
mit den Familien und die Bezeichnung J. B. Hoyer und Hoyer. Ein weiterer 
Grabstein des XVIII. Jahrhunderts enthält eine Darstellung des Gekreuzigten. 
Verschiedene stark verwitterte Steine lassen die Schrift nur noch schwach 
erkennen. 

Das mit beflügelten Engelsköpfen verzierte Becken eines Taufsteins von Taufstein. 
0,59 m oberem Durchmesser wird jetzt im Pfarrgarten aufbewahrt. Der obere 
Band trägt die Inschrift: „Lasset die Kindlein zv mir komen vnnd w[eh]ret 

inen nicht Denn solcher Ist Das reich Gottes*. Die übrige Inschrift ist durch - 

Moos verdeckt, jedoch die Jahreszahl 1593 wohl zu erkennen. 



Sievershausen. 

Kirche. 

Litteratur: Rethmeicr, Chronika II; BUnting, Chronika II ; Pfcffinger, Historie I; 
Doebner II und III; Sudendorf; Vogell, Geschlechts-Geschichte der von Schwicheldt 
1823, Urkundensammlung; LUntzei, die ältere Diöcese Hildesheim; Manecke II; Regenten- 
Sahl 1698; Havemann, neues vaterl. Archiv 1824 und 1828; Zeitschr. d. hist. Ver. 
f. Nieders. 1853 und 1858; Böttger, Diöcesan- und Gau-(irenzen; Ännalen der Braun- 
gchweig-Lüneburgischen Churlandc VI; Schulze, Geschichtliches aus dem Llineburgschen 
1877 ; von Hodenberg, Pagus Flutwide, Lenthe's Archiv VI; von Hake, Geschichte der Familie 
von Hake; Bertram, Geschichte des Bisthums Hildesheim I; Kayser, Kirchenvisitationen 

12 



-^ 90 8^ 

1897; Mithoff, Eunstdenkmale lY; derselbe, Kirchenbeschreibnngen; Fromme, kleine 
Chronik der Primariatpfarre zu Sievershausen 1889; Weber, die Freien bei Hannover 1898; 
Schulz, Bissendorf, Hannoversche Geschichtsbl. 4. Jahrg.; Förstemann, Ortsnamen; Meyer, 
die Provinz Hannover 1888; Görges, Vaterländische Geschichten und Denkwürdigkeiten TL 

Quellen: Urkunden und Akten des Egl. Staatsarchivs zu Hannover; Yerzeichniss 
der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896; Stadtarchiv zu Hannover, Redecker. 



Geschichte. öievershausen, jetzt Sitz einer Superintendentur, war ehedem Archi- 

diakonatskircbe und im Gau Flutwide belegen. Zu ihrem Bann gehörten 
Sievershausen, üetze, Rindage oder Lindage (wüst); Burgdorf, Steinwedel, 
Eirchhorst, Wettmar, Edemissen, Eickenrode, Eddesse und vielleicht Burgwedel. 
Die Gefälle aus den Kirchspielen Eltze, Wipshausen, Eddesse, Eickenrode, 
Edemissen, Vöhrum, Mehrum und Hohenhameln lassen aber auf eine ehemals 
noch grössere Ausdehnung des Taufkirchenbezirks schliessen. 

In einer etwa zwischen 1243 und 1246 geschriebenen Urkunde ist 
Henricus sacerdos de Syuerdishusen Zeuge. Am 8. JuU 1295 giebt der «OfBcialis 
curiaeHildensemensis*' neben Anderen auch dem Pfarrer zu „Siverdeshusen* auf, 
die geschärfte Exkommunikation des Hildesheimschen Rathes durch die ihm 
untergebenen Pfarrer verkündigen zu lassen. 1296 ist «Arnoldus dictus Woltmann 
plebanus in Siuerdeshusen* Zeuge. Eine Urkunde des Klosters Wienhausen vom 
23. Juni 1305 besagt, dass, nachdem das Dorf Schwüblingsen mit allen Gerecht- 
samen und Aufkünften an das Kloster gefallen sei, dieses dem Priester zu 
Sievershausen und seinem Glöckner gewisse jährliche Einkünfte zukommen lassen 
werde; auch werde das Kloster nach wie vor das Aerar der Sievershäuser 
Kirche unterstützen. 1349 verpfänden Günther und Huner von Bartensieben 
denen von Schwicheldt ,dat Dorp to Syverdeshusen voghedige vn alle dat we 
dar hebbet mid alleme rechte vn mid aller slachte nud*. Bei dem 1428 auf 
30 Jahre abgeschlossenen Erbvergleich der Brüder Brand, Kurt des Aelteren, 
Heinrich, Heinrichs Sohn und Kurt des Jüngeren erhalten Brand und der ältere 
Kurt unter Anderem ^dat Dorp to Ziverdeshusen mit gerichte vnde vogedye 
vnde mit alleme rechte*. Aus einer Urkunde vom Jahre 1520 geht hervor, 
dass Aschwin von Schwicheldt und sein Sohn Barthbld die Dörfer «lutken 
Ilsede* und ^Siverdeshusen* geplündert haben. 

Der erste lutherische Prediger war Johannes Harden, vormals Amtmann 
zu Peine; er wird 1534 genannt und ist 1554 ge&torben. 1539 verkaufen die 
Söhne Aschwins von Schwicheldt ihren Vettern unter Anderem ,de helffle der 
twier Dorpe lutken Ilsede vnd Sivershusen mit aller gerechticheit an gerichte 
vngerichte Vogedie acker tegeden holten grase watere vnd weyde nichtes vth- 
bescheden zusampt dem kerklene". 1555 haben die Beamten von Meinersen 
und Uetze die Kirchenkasse revidiert. Damals wurde die erste Sievershäuser 
Kirchenrechnung, betitelt „Rekenschoflf der Olderlüde der Kerken tho Siuers- 
hausen* angelegt. 1556 wird ein Kelch für 6 Gulden 1 Ort gemacht und eine 
kleine Weinflasche für 1 Ort gekauft. 1558 wird den Aelterleuten der Kelch 
gestohlen, 1562 eine Weinflasche für 13 Groschen gekauft; 1567 werden 
18 Groschen für ein grünseidenes Tuch zu einem neuen Messgewand (»aluen') 



-►4 91 fr»- 

bezahlt, 1569 15 Groschen «vor Einen Eelck wedder tho makende' und 

2 Groschen für eine Oblatenbüchse, 1570 21 Gulden den ,segers vnd timmer- 
luden, so bi orer egen kost, de Prichen [2] macheden, vnd dat Eine liekhusz 
(Halle vor der Kirche) buweden'; 1572 11 Gulden für einen sübemen, zu 
Braunschweig gemachten Kelch. 1573 legt Hans Hanneker »Hwe bonen' vp der 
Kercken* an. 1575 wurde das Kirchspiel der Burgdorfer Superintendentur 
untergeordnet. 1579 verehrte «der dicke Büring, Molitor in der nien Molen* 
den ersten Gotteskasten und Henichen Hoyer (Höper) einen Klingebeutel. Die 
vUtgaue" von 1581 enthält zwei Abrechnungen, welche überschrieben sind: 
,De Kercke Siuershusen tho buwende gekostet, wi folget .Ao 81 (1581).' und 
gleich darauf «De Bonne In der.Kerkenn, Ao 81 (1581) gebuwet kostet wi 
folget*. In der »üthgaue* fttr die Jahre 1582—1590 lesen wir: .De Timmerlude 
hebben gearbeide In der kerken, vnd dar In gebuwet, 11 vnderslege dar de 
bone vppe licht vnd I prichen . . . .' 1585 wurde «de dope' umgesetzt, und es 
wurden zwei «kelekdoke* für einen halben Gulden gekauft. 1589 erhält der Maler- 
meister Haus Getelde 60 Gulden. 1596 wird ein zerbrochener Kelch neu 
«auszpolirt* und 1598 eine Thür vor dem Predigtstuhl angelegt. 1632 musste 
der Gottesdienst der Unsicherheit wegen im benachbarten Dollbergen abgehalten 
werden. 1641 um Pfingsten wurde der Ort von schwedischem Kriegsvolk über- 
fallen; viele Bewohner wurden getötet, der Gotteskasten beraubt, das Getreide 
verdorben und die Felder verwüstet. Wer mit dem Leben davon kam, liess 
seine Habe im Stich und floh. Im Jahre 1688 wurde die dem heiligen Martin 
geweihte Kirche an der Südseite um 13 Fuss in der Breite erweitert. Der 
Anbau wurde an die Südseite des Thurmes angelehnt. Zugleich wurde eine 

3 bis 4 Fuss betragende Erhöhung vorgenommen. Mehrere Jahre darnach erhielt 
die Kirche ihre erste Orgel. 1691 wurde das Gotteshaus erbrochen und der 
Altargeräthe beraubt. Trotz des kurz voraufgegangenen Umbaus vermochte die 
Kirche, wie eine 1706 durch Einschneiden kassierte Urkunde ausweist, dem 
Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig und Lüneburg im Jahre 1697 550 Thaler 
vorzustrecken. Kurz vor dem Tode des Joachim Elias Fricke, 1696—1723, 
vnirde in Sievershausen eine Superintendentur errichtet und Fricke zum Super- 
intendenten ernannt. Dieser machte sich um die Ausstattung des Inneren der 
Kirche sehr verdient. Er schenkte derselben eine silbervergoldete Hostiendose, 
einen kleinen, silbervergoldeten Abendmahlskelch, einen Klingebeutel und anderes 
mehr. 1814 wurde eine zweite Predigerstelle geschaffen. 1819 fand abermals 
eine Vergrösserung des Kirchengebäudes statt. Sie bestand in einer Verlängerung 
nach Osten. Die Kosten wurden theils aus dem Kirchenärar, theils durch eine 
doppelte Kirchenvorrathskollekte und endlich durch einen Zuschuss von 600 rthlr. 
auis dem Vermögen der Kapelle zu Arpke aufgebracht. Die innere Ausstattung 
vnirde eine völlig andere. Es wurden eine neue Kanzel, ein neuer Altar und 
eine neue Orgel aufgestellt. Die Kanzel, bisher an der Nordseite der Kirche, 
wurde nun über dem Altar an die Altarwand geheftet; der Taufstein, bislang 
vom auf dem C!hore stehend, wurde entfernt und letzterer auf beiden Seiten 
mit Kirchenstühlen besetzt. Die Orgel, welche ihren Platz an der Südseite der 
Kirche, der Kanzel gegenüber, gehabt, wurde an die Westseite unter den Thurm 

12» 



-^ 92 8^ 



Beschreibung. 
Schiff. 



verlegt. Die Leichensteine der Pastöre und ihrer Angehörigen fanden als Tritl- 
und Pflastersteine Verwendung. Zu den Zeiten des Superintendenten Johann 
Andreas Freytag, 1854 — 1876, wurde das Innere der Kirche neu vermalt, die 
jetzige Thurmspitze gebaut, sowie eine neue Thürmuhr und eine Schlagglocke 
angeschafft, endlich 1877 ein neuer Glockenstuhl gebaut. 

Hier, zwischen Sievershausen und Arpke, fand am 9. Juli 1553 »auff 
grauer heidt im freyen feldt" die berühmte Sievershäuser Schlacht statt 
Markgraf Albrecht von Brandenburg-Kulmbach focht gegen den Churiursten 
Moritz von Sachsen, auf dessen Seite Herzog Heinrich der Jüngere von Braun- 
schweig- Wolfenbüttel mit seinen Söhnen Philipp Magnus und Karl Victor, sowie 
Herzog Friedrich von Lüneburg, Herzog Ernsts Sohn, kämpften. Der Markgraf 
wurde geschlagen, doch war der Sieg theuer erkauft. Philipp Magnus und Karl 
Victor fielen im Kampf. Der Ghurfürst Moritz starb zwei Tage nach der Schlacht, 
Herzog Friedrich elf Tage darnach. 4038 Mann bedeckten tot die Wahlstatt; 
4 Fürsten, 9 Grafen, 300 vom Adel (darunter Just Hake) lagen auf beiden 
Seiten erschlagen. Des Churfürsten Eingeweide wurden unter dem Taufstein 
in der Kirche eingesenkt, der Körper in der Domkirche zu Freiberg in Sachsen 
bestattet. Neun Gefallene vom Adel wurden in der Kirche begraben. Der 
Pastor Vincentius Harden dichtete ein Lied auf die Schlacht, der Pastor 
Conrad Breiger, ein wohlhabender Mann, wird das Bild haben anfertigen lassen. 
Es ist von einem tüchtigen Maler gefertigt. Links im Vordergrunde ist Arpke 
angedeutet, rechts sieht man die Kirche und einige Häuser von Sievershausen. 
Dazwischen wüthet der Kampf. In der Mitte des Vordergrundes ficht Karl Victor; 
sein Bruder Philipp Magnus liegt tot am Boden; Friedrich von Lüneburg sinkt 
tötlich getroffen vom Pferde. Das Gemälde hing früher rechts von der Kirchthür 
an der Südseite des Schiffes. 1819 wurde es hinter der Kanzel an der Mauer 
aufgehängt. 1825 und 1853 wurde es vom Schmutz gesäubert. 

Die Kirche besteht aus dem Schiff, einer kleinen Sakristei im Osten und 
einem Westthurm. 

Das als Saalkirche ausgebildete, mit einer geputzten, bogenförmigen 
Holzdecke überspannte, massive Schiff hat hölzerne Emporen an der Süd-, 
Nord- und Westseite und ist im östlichen Theile um eine Stufe erhöht. Fenster 
und Thüren sind geradlinig geschlossen, die Strebepfeiler mit Sandsteinplatten 
abgedeckt. Das im Osten abgewalmte Satteldach hat Pfannendeckung. Die 
ganze Kirche ist aussen geputzt. Drei Inschrifttafeln sind aussen in die Süd- 
wand eingelassen; diejenige an der östlichen Ecke lautet: 

Vergrössert 

und 

neu ausgebauet 

1819 

V. During, Drost 

Walbaum, Superintend 

Thöri Pastor 

Plate und Niewerth 

Juraten. 



-*-g 93 »-*- 

Auf der mittleren ist zu lesen: 

De slacht • twisken • MavriÜo -H-v. C-z-S-H-H-z-B-v-L- vnd 
Alberto ■ Marcbgrav z ■ N • Twisken Arpke vnd Sivershavsen den 
IX Jvli ■ Anno ■ 1553 ■ gescehen. 
Die westliche Tafel ist über der mit einer Hohlkehle profilierten, Spitz- 
bergen Thür eingemauert. Diese ThAre führt in einen Raum, durch welchen 
das Schiff, sowie auch der Thurm betreten werden kann. In die Tafel ist die 
Inschrift eingenieissett: 



-^ D-O-M. 


'i P-Q Suo ChrisUano 


sub 


Ser . ""> Regimine 


t Georg II Gvilielmi 


Ducis Bruns ■ et ■ Lüneb 


Aedes haec 


1 Denuo exstruda 


Opus ctirante 


Guslavo Molano 


Superint 



et 
M ■ Johanne Valenkamp 
MD-GXXCVIÜ- 
Der viereckige, massive, an der Tharm. 
nordwestlichen Ecke stehende, auf der 
Siüd- und Ostseite eingebaute Thurm 
hat in neuerer Zeit einen Backstein- 
aufbau erhalten. Innen in der Ostwand 
ist eine grosse, jetzt zugemauerte, mit 
Sandsleinen überwölbte, halbkreis- 
förmige OefTnung sichtbar. Eine mit 
vortretenden Kämpfersteinen — Platte 
und Wulst — versehene, in einer 
halbkreisfürmigen Bogennische liegende. 
Flg. SS. Kirch« In Bi6TM.h»u«Di Thür. Aachbogig Überwölbte Thür befindet 
sich in der südlichen Thurmwand 
(Fig. 23). West-, Süd- und Nordseite haben je zwei spilzbogige, hoblgekehlle 
Schallöffnungen. 

Die in den Formen des Klassizismus ausgeführte hölzerne Altarwand Altar. 
mit zwei seitlichen Durchgängen stammt aus dem Anfange des X(X. Jahrhunderts. 

Zwei schwere Altarleuchter aus Bronze haben Inschriften am Fusse und Altarlcnchter. 
einen walzenförmigen Schalt. 

Die Inschrift des ersten lautet: 

D Zv • der • Ehre ■ Gottes - hat ■ Hinrich ■ Altena ■ diese ■ Levchter • in • 
die • Kirche ■ zv ■ Sivershvsen ■ verehrt ■ Anno 1 - 6 ■ 28 ■ 
Die Inschrift des zweiten Leuchters nennt denselben Stifter. 



-'1 



I 



-•-8 94 g^ 

Gemälde. Das auf Holz angefertigte Gemälde der Schlacht bei Sievershausen hat 

folgende Ueb^rschrift: 

Die 

Schlachtung für 

Sievershausen gehalten, 

Anno Quisti, 1553 : d. 9 Julii. 

Darunter befindet sich eine Erklärung der Standorte der Streitenden. 

Die Unterschrift lautet: 

I Sic Sigfridhusi pugnatum est acriter olim, 

Annos nosse LIbet Dat tibi penta Meter 

Gadmeam hanc dixis pugnam : Victoribus illa 

Scilicet et victis exitiosa fuit: 

I Ensifer elector globulo Mairitius actus 

I Huius in aediculae viscera misit humum. 

\ Magne Philippe et Garole victor et o Friderice 

ßrunonum et Lunae sanguis avite ducum, 

Vos hanc heroo decorastis sanguine arenam 

Vobiscumque pari sorte novem comites 

Trecentum cum quinquaginta nobilis ortus 

Sed de plebe cadunt milia qiiiinque virum 

Marchiadum Albertus, vivus sed victus abivit 

Pluribus exque suis triste valere dedit. 

i Gonr: Breiger P.S. 

In der zweiten Zeile geben die grossen Buchstaben als Zahlen betrachtet 

zusammen die Jahreszahl 1553. 



f 



S t (B i n w^ e d e L 

Kirche. 

Litteratnr: Doebner I; Sudendorf; Lüntzel, die ältere DiOcese Hildesheim; 
Begenten - Sahl 1698; Braunschweigische Anzeigen 1751; Manecke II; Havemann; 
Bertram, Geschichte des Bisthnms Hildesheim I; von Hodenberg, Pagos Flutwide, Lenthe's 
Archiv VI; BOttger, Diöcesan- und Gau -Grenzen; Eayser, Kirchenvisitationen 1897; 
Mithoff, Kunstdenkmale lY; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Neues vaterl. Archiv 1828; 
Uhlhom, die Kirche in Kirchhorst und ihre Kunstdenkmäler, Zeitschr. d. hist Yer. ftir 
Nieders. 1899. 

Quellen: Urkunden und Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Pfarrbuch 
in Steinwedel; Yerzeichniss der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896. 



Geschichte. Das an der Aue belegene Dorf gehörte ehedem zum Archidiakonat 

Sievershausen und zum Pagus Flutwide. Das Patronatsrecht übte bis zu seiner 
Aufhebung das Michaeliskloster zu Hildesheim aus. Diesem stand auch die 
halbe Untervogtei zu, und es liess alle Jahre vor des Klosters Hofe ein Gericht 



j 



-•-8 95 «H^- 

haltea Nach Böttger kommt der Ort bereits 1022 vor. Es war dahin vormals 
die der heiligen Maria Magdalena gewidmete Kapelle, welche zur Burg der 
1282 ausgestorbenen Edlen Herren von Depenau gehörte, eingepfarrt. Das 
Patronat derselben stand ebenfalls dem Kloster zu. Die Emkünfte der Kapelle 
wurden «bey der Ruinirung' zur Steinwedeischen Kirche geschlagen. In dem 
Güterverzeichm'ss des Klosters aus dem XIV. Jahrhundert heisst es : .Beneficium 
altaris s. M. M. in Depenaw et spectat ad ecclesiam in Steenwedel". 1302 erklärt der 
Bischof Siegfried von Hildesheim, dass er den zwischen ihm und dem Abt des 
Ifichaelisklosters wegen des Patronatsrechtes über die Kirche in ^Eveningherode* 
(Everode) bei Winzenburg bestehenden Streit dahin beigelegt habe, dass der Abt 
und der Konvent des Klosters auf dieses Recht gegen Uebertragung des Patronats- 
rechtes über dieKuxhe zu «Stenwede* zu des Bischofs Gunsten verzichten. 1306 
verkaufen die Gebrüder Ekbert und Hermann, genannt von Wolfenbüttel («dicti 
de Wlflebutle*), dem Kloster das Dorf — «proprietatem ville cuiusdam dicte 
Stenwede*. In diesem und dem darauf folgenden Jahre begegnet Dietrich als 
«plebanus in Stenwede*. Bereits 1320 werden Gross- und Klein-Sleinwedei 
unterschieden. 1352 löst der Bischof Heinrich die Kapelle in «Lerethe* aus dem 
Parochialverbande der Earche in «Stenwede* (siehe Lehrte). Der Ueberlieferung zu 
Folge trennten sich im Jahre 1355 Immensen (siehe dieses), Stemwedel und Aligse 
von Burgdorf, gaben für die Goncession 3 halbe Mark löthigen Silbers und 
bauten ihre Kirche zu Stemwedel. Zu ihren Schutzpatronen wählten sie die 
Heiligen Nicoläus und Petrus. Da die Kirche aber bereits 1302 genannt wird, 
so kann die Zahl 1355 nur mit Vorbehalt aufgenommen werden. 1494 wurde 
einem Aktenstück zu Folge das vor der 1627 zerstörten Kirche bestehende 
Gotteshaus gebaut und dem Apostel Petrus geweiht. Dass sich diese Notiz 
nur auf einen Umbau oder Neubau der früheren Kirche (siehe oben) beziehen 
kann, dürfte aus den angeführten Nachrichten zur Genüge hervorgehen. 

1543 werden im Visitationsprotokoll aufgefiUirt: .Glenodia : III Silb. 
kilcfae mit den patenen vorgult. 1 Miszegewand mit seiner zubehörung*. 
1627 wurde die Slirche von den Soldaten Tilly's in Brand gesteckt und in Asche 
gelegt. 1662 wurde sie wieder aufgebaut, doch blieb der Thurm baufällig. 
Die Zahl 1662 befindet sich sowohl in der alten Wetterfahne^ welche früher 
auf dem Thurme stand, als auch an diesem selbst im Thürsturz. 1651 schenkten 
die Aelterleute der Immensener Kapelle der Kirche zu Steinwedel auf Bitten des 
Pastors zum Deckel über dem Predigtstuhl 18 Gulden .wiewol er das Geldt 
nimmermehr werth ist*. 1656 wurde durch «Hennig Lampe und Jacob Körber 
in Hildesheim ' eine Glocke gegossen. Das neugebaute Gotteshaus war sehr klein, 
etwa zwanzig Fuss breit und vierundvierzig Fuss bis an den Thurm lang und hatte 
nur vier Fenster. 1751 wurde das Schiff abgerissen und in den Jahren 1752/53 vom 
KgL Festungs-Mauermeister Lippold zu Hannover neu gebaut ; der Thurm wurde 
beibehalten. Der Altar mit eingebauter Kanzel nebst Schalldeckel zum neuen 
Gotteshause wurde vom Tischlermeister Rühring und dem Mahler Henning 
Jäger aus Gelle verfertigt. Es wurde der Altar in der Neuenh&user Kirche vor 

• 

Gelle zum Modell genommen. 1753 wurde die Kirche geweiht. 1768 lieferte 
der Orgelbauer Johann Andreas Zuberbier aus Hannover, thätig in Obem-Kirchen, 



-^ 96 8^ 



Beschreibung. 
Schiff. 



Thurm. 



Altar. 
Kanzel. 



Altarleuchter. 
Glocke. 

Grabmal. 



Grabsteine. 



Taufstein. 



eine neue Otgel. In einer Akte vom Jahre 1831 wird die Kirche zu Steinwedel 
als unvermögend, dagegen die Kapelle zu Immensen als sehr bemittelt hingestellt. 

Das Bauwerk besteht aus Schiff und Westthurm. 

Das mit gefastem Sandsteinsockel, Eckquadern und hölzernem Haupt- 
gesims versehene, geputzte Schiff hat ein im Osten abgewalmtes Satteldach. 
Das Innere ist als Saalkirche ausgebildet und durch eine bogenförmige, geputzte 
Holzdecke abgeschlossen, in welche auf jeder Langseite drei Dachgauben 
einschneiden. Einfache Emporen aus Holz befinden sich auf der West- und 
theilweise auf der Süd- und Nordseite. Zehn mit glatten Sandsteingewänden 
eingefasste, rechteckige Fenster und zwei halbkreisförmig überwölbte Eingangs- 
thüren mit vortretenden Sockel-, Kämpfer- und Schlusssteinen sind in den 
beiden Langseiten angeordnet. Eine kleinere Eingangsthür an der Ostseite 
hat dieselbe Construction. In der Wetterfahne auf dem Schiff steht die Inschrift: 

A. F. 

1662. 

Der geputzte, viereckige, massive Thurm ist durch eine mit gefastem 

Sandsteingewände eingefasste Thür im Westen zugänglich; im geraden Sturz 

ist zu lesen: 

Renovalum. Aö. MDCLXII. 

Einige kleinere Fenster auf der Süd- und Nordseite zeigen dieselbe 
Ausführung wie die Eingangsthür. Innen in der Ostwand ist eine grosse, jetzt 
zugemauerte, spitzbogige Oeffnung sichtbar. 

Altarwand und Kanzel sind mit einander verbunden und stammen aus 
der Mitte des XVIII. Jahrhunderts. Der Aufbau des Altars besteht aus zwei 
seitlichen, glatten Säulen, welche ein verkröpftes Gebälk tragen. Auf dem 
Schalldeckel ist ein Crucifixus angebracht. 

Zwei schöne Altarleuchter aus Bronze zeigen die spätgothische Auffassung. 

Die 1,11 m im Durchmesser grosse Glocke ist von G. A. Becker im 
Jahre 1802 in Hildesheim gegossen. 

Das einfache Grabmal des Andreas Francke und seiner Gemahlin 
Elisabetha Artmans, gestorben 1689; ist aussen in die Ostwand des Schififes 
eingemauert. Ueber der Inschrift sind die beiden Wappen, seitwärts davon 
Ornamente und darunter zwei Bibelsprüche angebracht. 

« 

Von den Grabsteinen stehen derjenige der Dorothea Elisabeth Dohrs, 
geboren 1737, und derjenige des Barteidt Köneckeir, gestorben 1740, auf dem 
alten Kirchhofe; der Grabstein der Geese Buchholtz, gestorben 1725, und ihres 
Mannes, des Küsters Johannes Götting, gestorben 1734, ist in die Ostwand des 
Schiffes eingelassen und von dem Meister Anton Höyer verfertigt. 

Ein im Pfarrgarten aufgestelltes, mit Ornamenten verziertes Taufbecken 
aus Sandstein ruht auf einem sechseckigen, mit Köpfen versehenen Schaft und 
hat die Inschrift: 

Wer gelvbt vnd sich tavfen let sol d durch sei • wer Anno 1636. 



-•-8 97 8«^- 

U e t z e. 

Kirche. Herrenhans. 

Litteratnr: Origines Guelficae; Meriaa; Janicke; Doebner III; von Hoden- 
bergy Calenberger Urkundenbuch VI; derselbe, Hoyer Urkandenbuch; derselbe, LUne- 
bnrger Lehnregister; derselbe, Pagns Flutwlde, Lenthe^s Archiv VI; Sudendorf; Vogell, 
Geschlechtsgeschichte der von Schwicheldt 1828, Urkundensammlung; Gmpen, Origines 
et Antiqnitates Hanoverenses; Urkundenbuch der Stadt Hannover; Lttntzel, die ältere- 
DiOcese Hildesheim; Begenten-Sahl 1698; Havemann; Maneckell; Bertram, Geschichte des 
Bisthums Hildesheim I; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Schulze, Geschichtliches aus dem 
Lttneburgischen ; Böttger, DiOcesan- und Gau-Grenzen; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, 
Kirehenbeschreibungen; Lütkemann, Uetze 1898; Zeitschr. d. bist Yer. f. Nieders. 1864. 

Ueber die Familie siehe von Meding, Nachrichten von adelichen Wapen I und 
die einschlägigen Begister. 

Quellen: Urkunden und Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



Uetze gehörte vormals zum Archidiakonat Sievershausen und zum Geschichte. 
Pägus Flutwide. Es ist an der Fuhse belegen, welche den Vorort »der Damm' 
genannt, vom eigentlichen Orte trennt. Gemäss einer dem Anfange des 
Xn. Jahrhunderts angehörenden Urkunde hatte das Michaeliskloster Besitzungen 
(predia) in «Utisson', belegen «in pago Flutwidde in prefectura Thammonis*. 
Ein Gotteshaus muss hier schon frQh bestanden haben. In einer am 15. August 
1215 zu Brocke! ausgestellten Urkunde des Bischofs Hartbert ist ein «Conradus 
sacerdos de Uttessem' Zeuge. Der Ort hat seinen Namen von dem Gute derer 
von Uttensen, welche nebst dem Gute das Dorf mit den Niedergerichten, 
Zehnten und dem Pfarrpatronat vom Hildesheimschen Stift zu Lehen trugen 
und auch die Stifter der Kirche gewesen sein werden. Der ftltest Bekannte 
dieses Geschlechtes dürfte der Ministeriale Erewicus de Utissen oder Harwicus 
de Vtesseim sein, welcher 1203 zweimal in Urkunden begegnet. Auch 1218 kommt 
ein Herwicus de Uttensen und zwar im Gefolge Kaiser Otto's IV. vor. Die Besitzer 
des Gutes wechselten mehrfach, bis Herzog August dasselbe 1636 den 1625 vom 
Kaiser Ferdinand geadelten Herren von Lüneburg vermachte. Die Gutsherren waren 
zugleich Patrone. 1331 ist «Johannes plebanus in Utze* Zeuge. 1357 erhalten 
Heinrich und Hans von Schwicheldt vom Bischof Heinrich ,den meyerhoff to 
Ytze enem hoff darsulves de os los ward van hem Frederike Reghem' zu 
Lehen. 1434 erklfirt Herwich van Ytze, Sohn Herwich's, vom Bischof Magnus 
den ySedelhoff to Ytze mit allen synen tobehoringen den tegeden vnde ok dat 
kerklen to Ytze' als Lehen empfangen zu haben. 1480 giebt Hartmann von 
HQdenqrm, Bürger zu Braunschweig, kund, dass er und seine Gattin Hflborch 
«eyne wisch in de karken to Ytze* nach ihrem Tode gegeben haben und zwar- 
Gott, Haria. und St. Johannes. 1482 überlassm Jasper von Uetze, Hartwig's 
Sohn, und seine Gattin Margaretha den Dorfzehnten mit Einwilligung des Bischofs 
Berthold fKr 1000 Gulden an Heinrich, Otto und Lambert von Dageförde 
wiederkAuflich,. und diese haben ihn 1487 an Ernst von Bothmer für eine 
gleiche Summe abgetreten, welch letzterer' 1491 ausserdem noch den halben 

18 



-^ 98 8^ 

Gogräfenbof von Jasper kaufte. 1503 aber hat Heinrich der Jüngere den 
Heinrich Haverbier mit diesen Gütern belehnt. 1515 wurde der Ort von einem 
schweren Brandunglück betroffen; 88 Gebäude, darunter 44 Wohnhäuser, sanken 
in Trümmer. 1545 wurde der Ort bis auf vier Häuser eingeäschert. 1550 vnirden 
Schiff und Thurm neu eingedeckt. 1553 werden zwei zinnerne Weinflaschen 
für zweieinhalb Gulden acht Mariengroschen gekauft. Dieses Jahr sollte für die 
Kirche sehr verhängnissvoll werden. Sie wurde von den Knechten Herz(% 
Heinrich's von Braunschweig »Do de slacht vor Syuershusen geschacgh' 
„gebracken vnde berouet*, die Altarkiste erbrochen und die Kelche sowie der 
übrige Inhalt geraubt. 1554 lassen , Vincenzius Klumper phemer^ und die Aelter- 
leute Tyle Sandtman und Hans Wreden für fünf Gulden einen Kelch sowie eine 
Schale, «dar men mede tho den krancken ghet', für einen halben Gulden einen 
Ort, beides „van Gontrofyn' machen. In diesem Jahre war Jürgen Schrader 
Vogt zu üetze; er starb 1563. Der Vogteibezirk umfasste die Kirchspiele üetze, 
Hänigsen und Sievershausen. 1562 wurde ein »Szeyerhus* (Glockenthurm) 
gebaut. Der „Seyer" (Schlaguhr) kam 1563 nach üetze und kostete 52^ Gulden 

1 Mariengroschen. 1565 finden wir 25 Mariengroschen verzeichnet »vor eynen 
Essschen bluck tho snidende tho den predyckstole* ; 1568 „1 daller vor de 
stole vp dat khor vor de langen vnde hynder de dopke vnde an der wandt". 
Im gleichen Jahre wurde eine neue Prieche gebaut, welche mit Schnitzereien 
versehen wurde. Ferner wurden ausgegeben 25 Mariengroschen »vor dat venster 
tho houwen dorch de muren vnde wedder tho slychten*. 1585 werden Gewölbe 
angelegt. 1586 brannte der halbe Ort sammt dem Vogteigebäude nieder. Nach 
der Ausgabe vom Jahre 1613 hatte die Kirche zwei Glocken. 1615 verehrt 
Heinrich Salder einen sammeten Klingebeutel mit einem silbernen Glöcklein. 
1617 wurde der Thurm ausgebessert, wozu 1000 breite Dachsteine verwendet 
wurden. 1626 raffte die Pest 366 Menschen dahin; durch eine Feuersbrunst 
wurden 5 Häuser zerstört. 1657 wurde ein neuer Thurm gebaut. 1687 bittet 
die Gemeinde um Holz zum Bau ihres Kirchthurmes, welcher einen gänzlichen 
Niederfall drohe, da die Mauer von oben nach unten mittendurch gebrochen 
sei. Am 9. April 1695 wurde der Ort Marktflecken. 

Das Jahr 1734 bringt eme Beschreibung des Gotteshauses, welche bei 
Lütkemann wiedergegeben ist. 

1782 sujGbte abermals ein Brandunglück den Ort heim. 17 Wohnhäuser 
fielen den Flammen zur Beute. 1816 genehmigt das K]gl. Kabinetsministerium 
den Bau einer neuen Orgel. 1837 wurde ein neues Gotteshaus nach dem Plan 
des Baumeisters Hellner gebaut. Das Gewölbe der Familie von Hasthausen, 
von welcher die Kirche eiü L^at besass, wurde nach dem Abbruch der Kirche 
repariert. Der massive Thurm der alten Kirche wurde beibehalten und 
restauriert. Doch sollte dieses Gotteshaus keinen langen Bestand haben. Am 
21. April 1863 brach ein furchtbares Brandunglück über den Ort herein. Die 
Kirche, 84 Wohngebäude und 25 Nebengebäude, darunter die Pfarre und 

2 Schulhäuser, brannten nieder. Der Kirchthurm stürzte in sich zusanmien. 
Eine kleine silbervergoldete Kanne mit der Inschrift ^Hildebrandt Von Saliern 1655* 
und ein , kleiner silberner Kelch mit dem Namen und Wappen Friedrich's von 



-^ 99 8^ 

Lüneburg kamen bei dem Brande mit dem übrigen Inhalt um. Die jetzige 
Kirche wurde mit Benutzung der stehengebliebenen Seitenmauem nach dem 
Plane Hase's gebaut und 1867 geweiht. 

üetze hat bis 1852 zum Amt Meinersen gehört, um erst dann dem 
Amte Burgdorf zugetheilt zu werden. 

• In die südliche Aussenwand ist ein Wappenstein über dem Eingange Kirche, 
zum Grabgewölbe eingelassen, welcher die Bezeichnung trägt: 

Agnesa Juliana von Lüneburgen. 

Das einfache, jetzt geputzte, aus Fachwerk errichtete Herrenhaus bietet Herrenhaus, 
nichts Bemerkenswerthes. 



We 1 1 m a ?• 

Kirche. 

Litteratar: Sudendorf; Urknndenbuch der Stadt Hannover; LUntzel, die ältere 
Diöcese Hildesheim; Regenten -Sah! 1698; Manecke II; von Hodenberg, Pagus Fiutwide, 
Lenthe^s Archiv VI; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Böttger, Diöcesan- und Gau- 
Grenzen; Bertram, Geschichte des Bisthums Hildesheim I; Holscher, Beschreibung des 
Bisthums Minden; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; von Ben- 
nigsen, Diöcesangrenzen , Zeitschr. d. hist. Ver. f. Nieders. 1863; Uhlhorn, die Kirche in 
Kirchhorst und ihre Kunstdenkmftler, ebendort 1899; Neues vaterl. Archiv 1823, 331. 

Quellen: Urkunde und Akte des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



\T ettraar gehörte vormals zum Archidiakonat Sievershausen und ist 
im Pagus Flutwide belegen. Nach Böttger kommt es bereits 1022 als , Wethmer" 
vor. In dem älteren Zehnt-, Geld- und Fruchtregister des Klosters Wienhausen 
vom Ende des XHI. Jahrhunderts findet sich der Ort als «Wetemere'', vom 
Glossist des XIV. Jahrhunderts zu ,Broch oder Borch' gerechnet. 1307 am 
St. Katharinentage kauften sich die Dorfschaften Wettmar, Thönse und Engensen 
um 50 Pfund Hildesheimscher Münze von der Kirche zu Burgdorf los und 
erbauten sich eine dem heiligen Magnus geweihte Kirche zu Wettmar. 1361 verkauft 
Aschwin von Alten »to Wetemer enen hof*. Am 24. Juni 1850 brannte das 
Dorf zur Hälfte nieder, wobei auch die Kirche und der Thurm ein Raub der 
Flammen wurden. Der neue Bau wurde nach Hase*s Entwurf 1855 vollendet. 

1365 b^egnet ,ver Alheyd Ekhardes wedewe van Wetmere*. Ein 
Echardus de Wetemere wurde nach dem Bürgerbuche 1327 oder 1332 Bürger 
zu Hannover. 

Auf dem Kirchhofe befindet sich ein beschädigter Grabstein der 1672 Grabstein. 
gestorbenen Geese Behren. In einer Bogexuaische ist Christus über den Wolken 
mit erhobener Rechten und der Weltkugel in der Linken dargestellt, darunter 
die Familie. 



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13* 



J 



Der Kreis Pallingbostel. 




Einleitung. 




^er Kreis Fallingbostel, ein TheO der Lüneburger Haide, wird im Westen 
von den Regierungsbezirken Hannover und Stade^ im Norden und Nord- 
osten vom Kreis Soltau, im Osten vom Kreis Celle und im Süden vom 
Kreis Burgdorf begrenzt. Er ist 983,02 qkm gross und setzt sich aus 91 Land- 
gemeinden, unter denen sich zwei StAdte, zwei Flecken und zwei selbständige 
Gutsbezirke befinden^ zusammen. Er ist im Süden, der Marsch- und Brucb- 
gegend, eben und flach, im Norden ht^elig, überall quellenreich und mit 
grösseren und kleineren Wftldem reichlich versehen. Das Ackerland ist 
grösstentheils lehmhaltig. Torfmoore sind allerorts vorhanden; genaimt sei nur 
das grosse Moor im Südosten. Wiesenanlagen grösseren Umfangs sind in 
neuerer Zeit namentlich an der Böhme entstanden. Die Hauptflüsse sind die 
AQer und Leine, welche sich bei Eickeloh vereinigen. Das Bett derselben hat 
im Laufe der Jahrhunderte vielfach Aenderungen erfahren. Die Aller nimmt 
die Meisse und die Böhme auf. Die Bevölkerung, deren IZahl sich auf rund 
30000 beläuft, ist im Allgemeinen niedersächsischen Ursprunges; doch ist hier 
und dort eine Vermischung mit anderen Stämmen, namentlich Wenden, 
bemerkbar. Der wichtigste Erwerbszweig ist der Ackerbau. Die Viehzucht ist 
in gutem Stande. An Fabriken sind Gerbereien, Ziegeleien, Dampfsägemühlen 
und in der Nähe von Walsrode und Fallingbostel Pulvermühlen vorhanden. 
Windmühlen wei^den namentlich im Süden angetroffen. Als Hauptverkehrswege 
dienen die Chausseen Walsrode -Verden, Wiüsrode- Hannover und Walsrode- 
Soltau, sowie die in Fig. 24 angegebenen Landstrassen. Die einzige Eisen- 
bahnlinie, welche den Kreis durchschneidet, ist die Strecke Hannover-Soltau, 
von welcher die Strecke Walsrode -Visselhövede abzweigt 

Der Kreis ist im ehemaligen Fürstenthum Lüneburg belegen, dessen 
Schicksale er in gleicher Weise wie der Kreis Burgdorf theilt. Nur die bis 1859 
zum Amt Neustadt am Rübenberge gehörigen Gemeinden Nienhagen, Nord- 
drebber, Suderbruch und von der Gemeinde Gross-Grindau das Dorf Klein- 
Grindau liegen im früheren Fürstenthum Calenberg. 



-^ 102 8^ 

In kirchlicher Hinsicht gehörte der Kreis zur Diöcese Minden; nur bei 
Stellichte greift er in das Bisthum Verden hinüber. Von den in Betracht 
kommenden Ortschaften sind Gilten, Suderbruch und Norddrebber im Archi- 
diakonat Mandelsloh, die übrigen im Archidiakonat Ahlden belegen. Der Gau, 
welchem der Kreis zugetheilt war, führt den Namen Loingau. 



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Flg. 24. Kreis FallingbosteL 



Der Kreis, welcher der landschaftlichen Reize nicht entbehrt, hat an 
Kunstdenkmälem nicht viel aufzuweisen. Aus der romanischen Zeit hat nur 
der Thurm in Kirchwahlingen dem Sturm der Zeiten getrotzt. Reicher ist die 
gothische Zeit vertreten, in welcher mehrere Gotteshäuser gebaut wurden 
Von späteren Kirchen ist die in Stellichte vom Jahre 1610 wegen ihrer fast 
vollständig noch erhaltenen inneren Ausstattung besonders bemerkenswerth. 
Bei den Kirchen in Dorfmark und Fallingbostel steht der Thurm in einiger 
Entfernung von der Kirche. Herrenhäuser werden an vielen Orten angetroffen. 



-^ 103 8^ 

Berähmt ist namentlich wegen seiner Geschichte das Schloss zu Ahlden. Reste 
Yon froheren Burgen finden sich bei Ahlden, Bierde und Hudemühlen. Ältar- 
leuchter sind aus den Jahren 1594, 1640 und 1722 erhalten; vielfach ist die 
gothische Form vertreten. Zwei Cruciflxe in Walsrode imd in Hudemühlen 
stammen aus dem XV. Jahrhundert. Aeltere Glocken sind reichlich vorhanden. 
Die zu Gilten kann noch der romanischen Zeit angehören; die Marienglocke in 
der Walsroder Stadtkirche ist 1437 gegossen. Gute Grabsteine finden wir in 
Eirchwahlingen und in Walsrode vortreffliche Glasmalereien aus dem Ende 
des XV. Jahrhunderts. Die Kirche zu Düshom bewahrt zwei Figurengruppen 
aus der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts auf. Erwähnt sei noch das Tauf- 
gefäss in Dorfmark vom Jahre 1465. 




Ahlden. 

Kirche. Scbloss. 

Litteratur: Origines Guelficae; Leibniz, Scriptores renim Bransvicensium ; 
von Hodenberg, Lttneburger Urkundenbuch XV; derselbe, Hodenberger Urkundenbnch; 
derselbe, Hoyer Urkundenbuch; derselbe, Calenberger Urkundenbuch V; derselbe, Lttne- 
bnrger Lehnregister; Sudendorf; Urkundenbuch der Stadt Lüneburg II; Doebner II; 
Meinardus, Urkundenbuch des Stiftes und der Stadt Hameln; Urkundenbuch der Stadt 
Braunschweig II; Lüntzel, die &ltere Diöcese Hildesheim; Yogell, Geschlechtsgeschichte 
der Herten Behr; Merian; Manecke; Begenten-Sahl 1698; Pfeffinger, Historie II; Meding, 
Nachrichten von adelichen Wappen I; Neues Hannoversches Magazin 1806 und 1810; 
Zeitschr. d. bist Yer. f. Nieders. 1867 und 1885; Spilcker, Geschichte der Grafen y. Wölpe; 
Koch, pragmatische Geschichte des Hauses Braunschweig und Lüneburg 1764; Wipper- 
mann, Bukki-Gau; Havemann; Kayser, Kirchenvisitationen 1897 ; Böttger, DiOcesan- und 
Gau-Grenzen; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden; Görges, Yaterl&ndische Ge- 
schichten und Denkwürdigkeiten der Vorzeit II; Mithoff, Kunstdenkmale I 145 und lY; 
derselbe, Kirchenbeschreibnngen ; Grütter, Arbeiten über den Loingau, Hannoy. Ge- 
schichtsbl., 3. Jahrg. 

Quellen: Urkunden und Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover ; GrUtter^scher 
Nachläse im Stadtarchiv daselbst 

Der Flecken Ahlden lag Yonnals hart an der Aller, bis diese sich 1618 Geschichte, 
ein neues Bett suchte. Der alte Lauf f&hrt jetzt den Namen .alte Leine*. 
Der Bischof Siward, 1120—1140, überlfisst im Jahre 1140 der Nonne Rasmoda 
in Wunstorf unter Anderem auch einen Theil der Einkünfte aus seinen Gütern 
in .Alethen*. Auch besass er einen bedeutenden Haupthof (curtis, curia) da- 
selbst. Der Edelherr Mirabilis beschenkte die Mindener Kirche um 1160 mit 
weiteren Gütern in ,Alden', um 1188 erwarb der Bischof Detmar noch 16 Hufen 
daselbst, vereinigte dann seine in und um Ahlden belegenen Güter und übertrug 
gegen Zahlung jährlicher Einkünfte das Amt eines villicus der Familie Yon 
Ahlden. Daneben verpfändete er ihr den Haupthof selbst. Von diesem 1762 
im Mannesstamme erloschenen und namentlich in den Aemtem Ahlden und 
Rethem begüterten Geschlecht kommen Rottherus de Althen et filius eins 
Hartmannus bereits 1198 urkundlich vor. Am 25. Mai 1285 verkauft dei; 
Bischof Volquin aus Geldnoth den Gebrüdem von Ahlden die Einkünfte, welche 
sie ihm für das Amt des villicus zu zahlen hatten und belehnt sie mit diesen 
und dem Haupthofe. Nach dem Lehnsregister des Bischofs Gottfried, 
1304—1824, war Konrad von Amheim mit der bischöflichen Vogtei in Ahlden 
belehnt. Doch werden bereits in demselben Verzeichniss die Herren von Ahlden 
als bischöfliche Lehnsträger der Vogtei aufgeführt; auch trugen sie seit 1870 
das den Herzögen von Sachsen -Lauenburg zustehende Gogericht daselbst zu 

14 



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-^ 106 8^ 

Lehen. In den Fehden von 1457—1459 wurde der Ort mit Feuer und Schwert 
verwüstet. 1543 umfasste das Amt .tho Olden" die Kirchspiele »Eckel" 
(Eickeloh), .Gilthen« (Gilten) und .Olden« (Ahlden). 1592 uberlftsst Herzog 
Ernst von Braunschweig und Lüneburg dem Drosten zu Ahlden, Friedrich von 
Bothmer, das Amt Ahlden auf Lebenszeit. 1620 ist Johann Behr Drost daselbst. 
1632 wurde der Flecken von Pappenheim und TQly «aussgebrandf. 1683 wurde 
der ganze Ort durch Nachlässigkeit des Häxthausischen Gesindes vom Feuer 
^verzehref^. Am 20. April 1715 wurden 98 Gebäude durch eine Feuersbrunst 
in Asche gelegt. 

Ahlden war ehedem der Sitz eines zum Bisthum Minden gehörigen 
Archidiakonats. Zu ihm zählten 1632 folgende, namentlich aufgeführte Kirchen : 
Alden, Schwarmessen, Nienstadt, Bässen, Wahlnigen, Vollingborstell, Dorpe- 
marck, Duszhome, Bergen, Winsen, Helen, Wistendorp, Meinerdingi Soltaw, 
Hermborg, Bussen und Walsrode. Es umfasste demgemäss die nördliche 
Hälfte des Loingaues. Neustadt gehörte zwar ursprünglich zum Archidiakonat 
Mandelsloh, dodi wurden 1280 die Synodalrechte über die Kirche zu Neustadt 
dem Archidiakon in Ahlden übertragen, der zugleich Domherr in Minden war. 
Eine Zeitlang war das Ahldener Archidiakonat mit dem Wunstorfschen ver- 
bimden. Von 1263 bis 1279 war z. B. Amoldus de Schinna Archidiakon in 
Ahlden und in Wunstorf, desgleichen Gyso Vosz 1291—1309. 1412 war 
Hinrick Kercher tho Alden eyn vorwarer des bannes der Costerye tho Minden. 

Die Kirche in Ahlden war Johannes dem Täufer gewidmet. 1200 und 
1202 wird Ludolfus als Priester genannt und 1241 Johannes als plebanus. 
1296 trennte sich das Dorf Eickeloh ab und gründete eine eigene Pfarre. Nach 
einem um 1370 geschriebenen Lehnsregister war «dat ganse Kerspel to Alden* 
Lehen der Grafen von Hoya. Im XVIL und XVXII. Jahrhundert ist die Wals- 
roder Superintendentur dreimal mit der Pfarre verbunden gewesen. 1715 wurde 
die Kirche durch Brand zerstört, aber bald danach wieder aufgebaut. In der 
Kirche befand sich über der Thür des Amtsstuhles ein Fenster mit den 
Wappen des Johann Behr und seiner Gemahlin Marie von Bothmer vom 
Jahre 1612, in welchem sie auch eine silberne Giesskanne mit ihren Wappen 
und den Bezeichnungen ,J. B.* und ^M. v. B." schenkten. 1751 wird ein in 
der südlichen Kirchenmauer befestigtes Epitaph des Friedrich von Bothmer, 
geboren 1544, gestorben 1610, erwähnt, welches mit dem Böthmerschen 
Wappen «ausgezieret*^ war. In der Sakristei, unter welcher sich das Haxt- 
hausische Erbbegräbniss befand, war das Epitaph des 1690 gestorbenen Arnold 
Ludwig Haxthausen angebracht imd mit dem Wappen der Familie ^ausgezieret*. 
Ausserdem befand sich in der Kirche an der Nordseite ein hölzernes, mit 
schwarzem Sammet überzogenes Monument mit dem Wappen derer von Haxt- 
hausen. Die Pfarrstelle sowie die Priesterstelle an dem St. Nicolaus-Altar hatte 
ehedem der Archidiakon zu besetzen. 

In der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts hat auf kurze Zeit auch 
ein Kloster in Ahlden bestanden. Der Archidiakon Amoldus de Schinna und 
der Pfarrpriester Reinold Reimers (1261—1274), welch' Letzterer der erste 
Dechant an demselben wurde, hatten es begründet. Der Bischof Otto von 



-^ 107 8^ 

Minden gab am 29. März 1274 seine Bestätigung. 1280 jedoch wurde das 
Kloster nach Neustadt am Rübenberge und 1295 von dort nach Lübbecke bei 
Minden verlegt. Der St. Nicolaus-Altar war bei der Gründung des Klosters 
eingegangen. 

Ahlden gegenüber an der Aller, der jetzigen alten Leine^ lag vormals 
die Veste Bunkenburg. In einer Urkunde vom 15. Mai 1310 nennt sich Ritter 
Johann von Escherde Vogt in Bunkenburg — «Aduocatus in Bunckenborgh". 
In einer Urkunde vom 25. November des gleichen Jahres erscheinen die Ritter 
Heinrich von Hodenberg und Konrad von Fulda an der Spitze der Burgmänner 
zu Bunkenburg — «castrenses in Bunkenborg*^. Femer heisst es in den um 
1340 geschriebenen Bückener Annalen: ,Do buweden se den Hodenhagen 
nicht ferne von de Allere bouen der Buckenburg*. Vermuthlich wurde die 
Bunkenburg schon im Laufe des XIV. Jahrhunderts zerstört. In den bekannten 
Urkunden des XV. Jahrhunderts , in welcher die fürstlichen Schlösser im 
Lüneburgischen aufgeführt werden, wird ihrer nicht mehr gedacht. Zu Beginn 
des XVn. Jahrhunderts soll Herzog Christian die letzten Reste abgebrochen imd 
zum Ausbau des Schlosses verwandt haben. Jetzt ist nur noch ein Theil des 
früheren Walles vorhanden. 

Am 13. Mai 1344 geloben die Gebrüder Ludolf, Lambert und Otto von 

Alden, ,De Kemenaden • de dar Buwet is in vsen hof in Deme Dorpe to Alden. 

ane tenerleye vortoch vnde wedd^ersprake" zu brechen, sobald die Herzöge 

Otto und Wilhelm von Braunschweig und Lüneburg es fordern. Zu Beginn 

des XV. Jahrhunderts hat Herzog Heinrich von Lüneburg ihnen das Schloss 

mit Gewalt genommen, es ihnen aber gegen das Versprechen, daraus keine 

Fehde oder Räuberei anzufangen, 1414 wieder überlassen. 1422 erklären die 

Herzöge Wilhelm und Heinrich von Braunschweig, bei den Herzögen Otto und 

Friedrich keine Forderungen «vme Alden willen" zu stellen. Eryke van Alden 

soll sein Besitzthum wiedererhalten «vthgesecht de woninghe to Alden dar 

schal he nicht buwen*^. 1431 wurde denen von Ahlden ihr Schloss abermals 

und zwar diesmal auf immer genommen. Das Gogericht, der Haupthof mit 

dem Schlosse, sowie das Obereigenthum der bischöflichen Leute und Güter 

wurden in herzogliches Eigenthum umgewandelt und denen von Ahlden ihre 

Güter bis auf Böhme, Fulde und Campen entzogen. Während seiner Fehde 

mit den Herzögen Wilhelm und Heinrich von Braunschweig (um 1431) behauptete 

der Bischof das »castmm Aelden non sine maximis expensis et damnis*. 

1433 wird es von dem Herzog Bernhard und dessen Söhnen Otto und Friedrich 

in dem Vertrage, welchen sie mit dem Herzog Heinrich schlössen, unter den 

derzeit verpfändeten landesherrlichen Schlössern mit aufgeführt. In der Hildes- 

heimschen Stiftsfehde wurde das Schloss 1519 dem Herzog Heinrich dem 

JtLDgeren vom Herzog Erich zu Calenberg genommen. Von den erhaltenen 

Baur^stern ist eines überschrieben: „Dasz Newe Hausz zw Aldenn. A. 49 

[1549] zw bauwenn ahngefangenn". 1573 wurde das Vorwerk mit Schilfrohr, 

1574 «nd 1575 mit Stroh eingedeckt. Ein Bauregister aus der zweiten Hälfte 

des XVI. Jahrhunderts nennt an Gebäuden des Schlosses folgende: das Eorn- 

haus im «knickhe*^, das .vorwerck**, den „ Schaff koffenn*, die Scheune beim 



-^ 108 8^ 



»kraudtgarten'*, die Scheune beim Steinwege und die Scheune .ober der 
Brack*. Einen Theil des Schlosses hat Herzog Christian 1613 durch seinen 
Drosten Johann Behr «gantz new von grund auff bawen lassen*. Er «ist ins 
geyierdte mit vielen schoenen giebeln gebawet mit einem tieffen Wassergraben 
ynd Walle auch noch einem ausswendigen Graben vmbgeben*. Im dreissig- 
jährigen Kriege ist das Schloss «als eine Landes - Festung' von kaiserlichen 
Völkern besetzt gewesen, welche es gegen 800 Mann dänischer Belagerer mit 
Erfolg vertheidigten. 1694 wurde der Ingenieur Strauss vom Herzog Georg 
Wilhehn nach Ahlden geschickt behuf «Palicadirung* des fürstlichen Schlosses. 
In diesem Gebäude vertrauerte die unglückliche 
Prinzessin Sophia Dorothea nach ihrer 1695 er- 
folgten Verbannung ihr Leben und starb hier am 
13. November 1726. 

Sie schenkte der Kirche zwei silberne 
Altarleuchter, ein Ciborium^ einen Kelch, eine 
Kanne, die Altar- imd Kanzelbekleidung und 
stiftete die Orgel. Sie hatte sich auch einen 
eigenen Kirchenstuhl bauen lassen, doch durfte 
sie das Gotteshaus nicht besuchen. 

1700 wird ein französischer Gärtner- 
Meister Assmus Anthoni genannt, . welcher sich 
zu Ahlden aufgehalten und den Garten allda 
gebauet hat*^. 

1788 erfuhr das Schloss im Inneren 
mehrere Veränderungen, indem es zu einer Woh- 
nung für den Drosten eingerichtet und zugleich 
die PfÖrtnerwohnung, die Amtsstuben und das 
Gefängniss hineingelegt wurden. 

Von der in den Jahren 1846 bis 1848 
neugebauten Kirche erweist sich nur der Thurm 
und zwar in seinem grösseren unteren Theile als 
alt. Er ist besonders auf seiner Ost- imd Nord- 
seite aus überaus rohem Mauerwerk hergestellt. 
Auf allen Seiten sind unregelmässig vertheilte, recht- 
eckige, nach innen sich in Form von Scharten erweiternde Oefihungen an- 
gebracht. Ein spitzbogig überwölbter Durchgang befindet sich als einzige Oeffnung 
auf der Ostseite. 

Zwei Altarleuchter aus Messing von 35,7 cm Höhe zeigen nach gothischer 
Art einen reich profilierten, runden Fuss und einen mit drei Knäufen ver- 
sehenen, walzenförmigen Schaft. 

Die beiden anderen schönen, silbernen Leuchter ohne Zeichen tragen 
auf dem runden Fusse eine Krone und darunter die Inschrift .S D 1722* (Fig. 25). 
Sie sind ein Geschenk der Prinzessin Sophia Dorothea. 
AI tar-n. Kanzel- Die rothdamastseidene , mit Goldborde besetzte Altar- und Kanzel- 

bekleidung. bekleidung ist ebenfalls von der Sophia Dorothea geschenkt. 



Beschreibang. 
Kirche. 




Fig. 2Ö. 
Kirche in Ahlden; Altarlenchter. 



Altarlenchter. 



-<-g 109 8^ 

Das silbervergoldete Ciborium trägt unter einer Krone die gleiche Giboriom. 
Inschrift wie die Leuchter und als Zeichen das springende Pferd mit darunter 
befindlicher 12 und die Buchstaben J G S* (?). 

In der Sakristei befindet sich ein gut gearbeiteter Crucifixus in farbiger Crncifixns. 
Behandlung von rund 1 m Höhe aus dem XVIII. Jahrhundert, 

Ebendort ist ein schlecht erhaltenes Oelbild mit einer Darstellung des Gemälde. 
Abendmahles aus dem Anfang des XVIII. Jahrhunderts aufgehängt. 

In dem erwähnten Durchgange des Thurmes steht das mächtige Grabmale. 
Hauptstück eines mit zahlreichen Wappen geschmückten Sandsteingrabmals 
des 1690 gestorbenen Amoldus Lydovicus De Haxthausen. 

Der obere Theil vielleicht desselben Grabmales mit einer verstümmelten 
Darstellung des Gekreuzigten mit Jerusalem im Hintergrunde befindet sich 
im oberen Theile der inneren Ostwand des Thurmes. An Wappen sind 
folgende sichtbar: 

v: Werder. v: Bothmer. D: Fresen. 

v: Heimbrock. v: Hasberge. v: Zerssen. 

v: Landesberge. Der Klover. D: Rehbocke, 

v: Mandelslo. v: Warpe. v: Boldessem. 

Auf dem alten Kirchhofe steht das Grabmal des Bernhard Gottfried 
Spindler, weiland Predigers zu Ahlden, 1814 gestorben. 

Eine 0,16 m hohe, silbervergoldete Kanne zeigt imter einer Krone die Kanne. 
Inschrift ,17 S. D 22" und die gleichen Zeichen wie das Ciborium. 

Eine andere 0,13 m hohe, silbervergoldete, aus dem XVIII. Jahrhundert 
stammende Kanne trägt als Zeichen eine Rose und die Buchstaben DB. 

ESn 0,25 m hoher, silbervergoldeter Kelch von 0,13 m oberem Durch- Kelch, 
messer hat auf dem Fuss einen aufgehefteten Crucifixus, am Becher unter 
emer Krone die Inschrift 

S. D. 
1722. 
und die gleichen Zeichen wie das Ciborium. 

Die 1721 von der Sophia Dorothea gestiftete Orgel ist 1847 erneuert. Orgel. 
Das Schloss oder Amtshaus zeigt im Grundriss die Hufeisenform. Der SchloBs. 
frühere Wall ist ganz, der Graben nur zum Theil noch erhalten. 

Das mit hohem Satteldach versehene Hauptgebäude hat ein Erdgeschoss 
in Backstein. Das in Fachwerk ausgeführte Obergeschoss trägt unter der Vor- 
kragung sowie unter dem Dach in den Formen der Renaissance farbig 
behandeltes Schnitzwerk. Die Giebel sind mehrfach übergesetzt. Der Nord- 
giebel zeigt unter den Vorkragungen gleiches Schnitzwerk. Oben ist unter 
einem Stern die 2^ahl 1613 zu sehen, lieber der Durchfahrt befindet sich ein 
in Sandstein gearbeitetes, von den Figuren der Pietas und Justitia seitlich 
begleitetes Wappen mit folgender Unterschrift: 

Von Gottes Gnaden Christian erwehl* 
ter Bischof des Stifts Minden Hertzock 
zue Bravnschweigk vnd Leuneburgk. 

Anno 1613. 






-*4 110 g-H 

Der südliche d6r beiden in Fachwerk ausgeführten, zweigeschossigen 
Hofflügel hat aaf der Hofseite gut geschnitzte Konsolen mit tauförmigem Wulst 
und trägt auf den FöDhölzem und der Setzschwelle des oberen Stockweiles 
reiches Schnitzwerk. An den unteren Enden der Stiele ist FScherschinuck 
angebracht (Fig. 26). In einer der FOllui^n des oberen Stockwerkes befindet 



Fig. iE. Bchlo» In Abidenj Horseite. 

sich das mit Gold und Farbe behandelte Braunschweig-Lüneburgische Wappen 
mit folgender Unterschrift: 

Von Götz Bischoff Wilhelm 

der Jvnger Hertzoge zv Brvn 

ssweig vnd LTuebvrch • 

Darunter ist auf der Setzschwelle zu lesen: 

Anno Domini 

m ccccc 1 XI IX 1579- 



-»4 111 8^ 

B i e r d e. 

Litteratnr: Hadenberg, Hodenberger Urknndenbiich; derselbe, Lttnebnrger 
Urknndenbuch XY; derselbe, Hoyer Urkundenbuch ; derselbe, Lttnebnrger Lebnregister, 
Lenthe^s Archiv IX; Sndendorf, Urknndenbnch der Stadt Lüneburg I; Spilcker, Geschichte 
der Grafen von Wölpe; Pfeffinger, Historie I; Manecke II; Holscher, Beschreibung des 
Bisthnms Minden; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Mithoff, Knnstdenkmale IV; derselbe, 
Kirehenbeschreibungen ; Grütter, Arbeiten über den Loingau, Hannov. Geschichtsbl., 
3. Jahrgang. 

In den Jahren 1258 und 1259 stellt der Herzog Albert von Braun- 
schweig in yBirdhen' bezw. yBirethe*^ Urkunden aus. 1267 war Conradus de 
Hemwide advocatus in Birede. 1282 werden Alverich und Gebhard Schucke 
als Burgmänner daselbst genannt. Das Schloss wird, wie Grütter vermuthet, 
1289 seinen Untergang gefunden haben. 

Das landtagsfähige Gut daselbst mit dem Gräflich Hoyer Zehnten 
besassen bis zu ihrem Aussterben 1798 die Herren von Fulde, dann Graf von 
Oeynhausen und schliesslich bis zu ihrem Aussterben die von Ende. 

Am Ende des XIV. Jahrhunderts wird der Ort als zum Earchspiel 
Düshom gehörig, 1489 aber als in der Parochie „Aelden* belegen bezeichnet. 
Bezüglich der dem hefligen Vitus geweihten Kapelle sagt Mithoff in seinen 
Kirchenbeschreibungen: «Verfallenes hölzernes Gebäude, zum Abbruch bestimmt*^. 

Die frühere Veste kennzeichnet sich noch heute als ein zum Theil mit 
Bäumen bestandener und mit den Resten von zwei Gräben und zwei Wällen 
umgebener Platz in der Bierder Koppel, nahe der Aller und südlich vom Orte. 



Böhme. 

KapeUe. Herrenhaus. 

Litteratnr: Hodenberg, Hodenberger Urknndenbnch; derselbe, LUnebnrger 
Urknndenbnch XV; derselbe, Hoyer Urknndenbnch; derselbe, Lttnebnrger Lehnregister, 
Lenthe^s Archiv IX; Sndendorf; Vogell, Geschlechtsgeschichte der vonBehr; Manecke II; 
Holscher, Beschreibnng des Bisthnms Minden, Zeitschr. f. westfftl. Gesch. n. Alterthnmsk., 
Band 34; Mithoff, Knnstdenkmale IV. 

Quellen: Urkunde des Kgl. Staatsarchivs zn Hannover; GrUtterscher.Nachlass 
im Stadtarchiv. 



JjBS am gleichnamigen Flusse belegene Dorf ist nach Kirchwahlingen Geschichte., 
eingepforrt. Zwischen 1830 und 1352 erhielt Godeko Tomey .den tegeden tor 
Bomene' von den Herzögen Otto und Wilhelm zu Lehen. Femer wird der 
Ort im Jahre 1407 und 1408 genannt. 1562 lautet die Namensform .Bome*. 
1613 begegnet Joachim von Ahlden zur Beume Erbgesessen^ 



-^ 112 8^ 

Die Kapelle wurde 1715 von dem Geheimen Rath von Hatlorf erbaut 
und 1716 vom Superintendenten Müller zu Schwarmstedt eingeweiht. 

In Böhme haben ehedem zwei adelig freie landtagsfähige Höfe bestanden, 
der eine war Schaumburgsches, der andere Hildesheimsches Lehen; ihre Be- 
sitzer haben öfter gewechselt. 




'""'-' \ \ \ \ i 1 i 1 1 J 

Flg. 87. Kapelle in BOhme; Onmdriss. 

BeBchreibung. Die massive, geputzte, aus der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts 

Kapelle, stammende Kapelle ist innen rund, aussen achteckig und mit einem Mansarden- 
dache bedeckt (Fig. 27). Der Innenraum wird durch ein geputztes, auf einem 
Gesimse ruhendes Brettergewölbe in Kuppelform, welches durch gezogene 
Profile gut .gegliedert ist, abgeschlossen. Der rechteckige Vorbau im Westen 
mit der Eingangsthür ist an der Vorderseite mit Hausteinen verblendet und 
mit einer Freitreppe versehen; von hier aus ist auch die imter der Kapelle 
befindliche Gruft der Familie von Amswaldt zugänglich. Die Fenster des Vor- 
baues sind rechteckig, die übrigen halbkreisförmig geschlossen und in ebensolchen 
Nischen angeordnet. Sämmtliche Fenster haben glatte Sandsteingewände. 

Der von zwei seitlichen Säulen begrenzte, hölzerne Altar stammt aus 
der Zeit der Erbauung der Kapelle und enthält noch den Schalldeckel der früher 
eingebaut gewesenen Kanzel, 

Zwei zinnemei auf drei Füssen ruhende Altarleuchter sind in Barock* 
formen gehalten. 

Die hölzerne Kanzel steht jetzt an einem Pfeiler der Südseite. 

Das einfache, auf hohem, massivem Sockel in Fachwerk und zwei Ge- 
schossen errichtete, rechteckige Herrenhaus trägt ein Mansardendach« . Auf der 
Südseite ist eine Freitreppe vorhanden. Das. Gebäude rührt aus der ersten 
Hälfte des XVIII. Jahrhunderts her. . Am Hofeingange . stehen yior Backstein^, 
pfeiler mit Sandsteinsockel und Bekrönung; die. beiden mitUeren traget 



Altar. 



Altarleuchter. 

Kanzel. 
Herrenhaus. 



113 

Insehriften mit den Namen des .Johann Philipp von Hattorf" und der .Sophie 
Dorothee von Hattorf gebohrne Groten aus dem Hause Sdinega' sowie die 
Jahreszahl 1731. 



B o t h m e p. 

KapeUe. Henrwihaiis. 

Litteratnr: Origines Gnelficae; Hodenberg, Hodenberger ürkundenbuch; der- 
selbe, floyer Ürkundenbuch; derselbe, Calenberger Ürkundenbuch III und V; derselbe, 
Verdener Gesehichtsquellen; derselbe, Lttneburger Lehnregister, Lenthe^s Archiv IX; 
Doebner VI; Sndendorf; Yogell, Geschlechtsgeschichte der Herren Behr; Spilcker, Geschichte 
der Grafen von Wölpe; Pfeffinger, Historie II; Regenten -Sahl 1698; LUntzel, die ältere 
Diöcese Hildesheim; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden, Zeitschr. f. westflU. 
Gesch. n. Alterthumsk., Band 84; Eayser, Kirchenvisitation 1897; Manecke II; Meding, 
Nachrichten von adelichen Wapen I; Mithoff, Eunstdenkmale IV. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



Das an der Leine belegene Dorf ist nach Schwarmstedt eingepfarrt. Geschichte. 
Nach demselben hat sich ein noch heute blühendes, 1696 vom Kaiser Leopold 
in den Freiherrenstand erhobenes Geschlecht benannt, von welchem ein Ulrich 
(de Botmer, Botmere, Botmare, Bothmare) zwischen 1181 und 1185 sowie in . 
den Jahren 1187 und 1196 urkundlich begegnet. 1728 hören wir von dem 
adeligen Gute des Christian Behr in Bothmer. 

Die nur f&r die adeligen Höfe der Herren von Bothmer bestimmte, im 
Jahre 1610 der Inschrift gemäss erbaute Kapelle wurde 1822 mit Schwarmstedt 
vereinigt, ging bald darauf aber ein und dient gegenwärtig als Speicher. 

Das 1596 gebaute Herrenhaus war ehedem mit Dacherkem, der 
Treppenthurm mit hoher Spitze und das Gutsgehöft mit Zugbrücke und Graben 
versehen. 

Die rechteckige, mit einer Gruft versehene Kapelle ist aus Backsteinen Beschreibung, 
erbaut, hat hölzernes Hauptgesims und trägt einen viereckigen, hölzernen Dach* Kapelle, 
rdter im Westen; Auf der Nordseite sind drei und auf der Südseite vier zum 
TheSL arg verfallene Strebepfeiler angeordnet. Die Fenster , sowie die im 
Süden liegende Eingangsthür sind mit Korbbögen geschlossen. Ein aus Sand- 
stein gut gearbeitetes Wappen über dem Eingange hat die Lapidarunterschrift: 

Yä Gottes Gnade Conradt 
van Bothmar • Apt vndt Her 
vam Havse zv S. ]&Gchael in Lvnae 
bvrch. Aö salvtis nostrae • 1610. 

Das in Renaissanceformen errichtete rechteckige Herrenhaus aus Fach- Herrenhaus. 
weriL mit massivem Westgiebel besteht aus Erd- und Obergeschoss; letzteres 
ist vorgesetzt und hat zwischen den Balkenköpfen ein gut erhaltenes Zahn- 
schnittgesims aus Holz mit geschnitztem Eierstab imd einer Inschrifti welche 

15 



-^ 114 8^ 

an der Südseite durch eine Bretterverschalung verdeckt wird. Der Backstein- 
giebel mit angebautem, achteckigem Treppenthurm ist wie dieser mehrfach 
durch Sandsteingesimse g^liedert; die Ecken haben Quadereinfassung. Drei 
kleine Sandsteinfiguren^ von denen eine die Mitte bekrönt, eine andere in einer 
spitzbogigen Nische untergebracht ist, sind auf dem Giebel vertheilt. In dem 
mit Pfannen gedeckten Thurm befindet sich eine aus Sandstein gearbeitete 
Wendeltreppe. Bei den meistens zugemauerten Oeffnungen herrscht der Korb- 
bogen vor. Die Sandsteinthür am Thurm hat Renaissanceformen und die 
Inschrift: ,• Ghristvs • spes • nra •*; Darüber das Bothmersche Wappen mit der 
Jahreszahl 1596 imd als Bekrönung Christus mit der Weltkugel. 



Dopfmark. 

Kirche. 

Litteratnr: von Hodenberg, LUnebnrger Urknndenbuch VII und XV; Snden- 
dorf; Regenten - Sahl 1698; Manecke II; Wippermann, Beschreibung des Bnkki- Gaues; 
Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Böttger, Diöcesan- und Gau -Grenzen; Holscher, 
Beschreibung des Bisthums Minden; Freudenthal, Heidefahrten; Mithoff, Kunstdenkmale IV; 
derselbe, Kirchenbeschreibungen ; Grütter, Arbeiten über den Loingau, Hannov. GeschichtsbL 
in den Jahrgängen 2—4. 

Quellen: Verzeichniss der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896. 



Geschichte. Das an der Böhme belegene Kirchdorf Dorfmark gehörte ehedem zum 

Archidiakonat Ahlden im Loingau und bildete vormals mit seinem ; ausgedehnten 
Kirchspiel eine eigene Vogtei. Im April des Jahres 1006 übertrug der König 
Heinrich IL seinem Kapellan Dietrich neben Anderem ^in pago • • Lainga curtem 
quae vocatur Thormarca*. 

Der Ort wird dann in den Jahren 1270; 1288 und 1329 genannt. 

1378 wurde in Dorfmark Goding und Holting abgehalten. Auch hat 
daselbst ein Schloss gestanden. In einem Verzeichniss der Ausgaben und Ein- 
nahmen auf Schloss Celle vom 12. November 1381 bis 31. Mai 1382 lesen wir 
nämlich: «Dit is dat ik Vricke voged op hebbe genomen, van mynes heren 
wegen van LuneC vn des Voghedes w^en tho Tzelle, dat. op dem.e Slothe to 
Dorfmarke is vordaen*. Auch hören wir von den .hof luden to Dorfmarke' und 
den Kirchspielleuten, sowie von dem «Kerspel to Dorpmarke". Dorfmark hatte 
damals Stadtrechte, die aber erloschen, als Soltau 1388 damit begabt wurde. 
1475 erscheint «der Cord van der Metzen Kerkhare tho Dorpmarke". 

Der adelig freie landtagsfähige Hof in Dorfmark kam von denen von 
Jettebruch, welche 1701 oder 1703 ausstarben, an^die von der Wense, weiche 
auch Patronatsherren wurden. 
Beschreibung. Die mit dreiseitigem, um zwei Stufen erhöhtejn , Cho]:schlusse und 

Schiff, hölzernem Hauptgesimse versehene, aus Bruchsteinen errichtete, aussen neuer- 
dings mit Putz gequaderte Saalkirche hat eine kleine Sakristei im Norden sowie 



-^ 115 8^ 

eine bogenförmige, geputzte, auf einem Wandgesims ruhende Schaldecke. Das 
Dach ist im Westen zur Hälfte abgewalmt. Die Wetterfahne enthält die Inschrift: 

Gebaut 
A 1708. 
Mit Ausnahme von zwei kleineren, flachbogigen Fenstern in der West- 
wand sind sämmtliche Fenster und Thüren halbkreisförmig geschlossen. Neue, 
gut durchgebildete Emporen sind auf der West-, Nord- und Südseite angeordnet 
und laufen im Osten gegen einen triumphbogenartig, m Holz ausgebildeten 
neueren Abschluss zwischen Chor und Schiff, lieber der östlichen ThOr der 
Nordwand befindet sich eine Inschrift mit der Jahreszahl der Erbauung 1708. 
Der viereckige, auf der Nordseite in einiger Entfernung von der Kirche 
freistehende, mit einem Zeltdach versehene hölzerne Glockenthurm hat in der 
Wetterfahne die Inschrift: 

J.M 
J.H.M 
1.7.5.1 
Die Aussenseiten desselben sind mit Brettern benagelt. 
Die spätgothische, mit Gold und Farbe behandelte Altarwand ist von Altar. 
Hase wiederhergestellt und ergänzt. Der Plan für die Ergänzung ist noch 
vorhanden. Sie enthält im Hauptfelde den Gekreuzigten zwischen den Schachern. 
Am Fusse des Kreuzes sind mehrere Berittene, die um den Mantel würfelnden 
Kriegsknechte und eine Gruppe mit Maria zu sehen. Seitlich vom Mitteltheil 
haben je drei Felder Platz gefunden. Die vier oberen grösseren Felder ent- 
halten: Christus vor dem Hohenpriester^ die Kreuztragung, die Abnahme vom 
Kreuz und den Heiland in der Vorhölle, welche als geöflheter Rachen dargestellt 
ist. Die beiden kleineren Felder zeigen die Brustbilder der zwölf Apostel. Die 
Gruppe unter dem Miltelschrein stellt Christus betend am Oelberg dar mit den 
schlafenden Jüngern, während in der Bekrönung die Auferstehung dargestellt ist. 

Zwei 37 cm hohe einfache Altarleuchter haben einen walzenförmigen Altarlenchter. 
Schaft mit Knauf und drei Füsse in gothischer Auffassung. 

Das Oelgemälde des 1649 gestorbenen Pastors Johannes Wezelius hängt Gemälde, 
an der Nordwand im Chor. 

Die 1,18 m im Durchmesser haltende Glocke von schlechtem Guss trägt Glocke, 
die Lapidarinschrifl: 

Dvrchs Fever flos ich 
Johann Christoph Havtsch 
avs Lvnebvrch gosz mich 
anno 1765 den 14 Avgvst, 
Die Mitte der Rückseite weist eine fünfzehnzeilige Inschrift auf. 
Auf dem Kirchhofe liegt ein zerbrochener Grabstein aus dem Ende des Grabstein. 
XVII. Jahrhunderts mit der Bezeichnung des Meisters J. G. S. 

Ein silbervergoldeter Kelch mit sanft geschweiftem Becher trägt auf Kelch. 
! dem sechstheiligen Fusse einen Crucifixus. Auf den sechs viereckigen Schildchen 

des Knaufes sowie darüber und darunter am sechseckigen Stiel ist jedesmal zu 
lesen: .Jhesvs*. 

15* 



[ 



Das schöne, rtmde Tauf^f&ss aus Messing wird von vier stehenden, 
männlichen Figuren getragen. Das Becken ist 51 cm, mit Figur«! 97 cm hoch, 
bei 83 cm oberem und 64 cm unterem Durchmesser {Fig. 28). 



PIk. SS, Kirche in DorTmark; TanfgefKu. 

Am oberen Rande steht in gothischer Schritl: 
Neyn • mynsche ■ hyr ■ up • erden ■ 
mach - ane • de • dope • sellcb • werden • 
De • dope - den • raynschen ■ also • vor • clart ■ 
Dat ■ he - to ■ godde . wort • varet . 
Die Schrift schliesst mit einem Drachen. Die Inschrift in der Hitte lautet : 
Anno - domyn; • mylesymo - cccc ■ in ■ 
dem ■ vyf ■ vnde ■ sestigesten • iare • 
wart • dusse • dope ■ goten • dat • is - 
war . 



->4 117 1^ 

D ü 8 h o r n. 

Kirche. 

Litteratur: Sndendorf; Hodenberg, LUneburger Urknndenbuch XV; derselbe, 
Hodenberger Urknndenbuch; derselbe, Hoyer Urknndenbuch; derselbe, Calenberger 
Urknndenbuch VI; derselbe, Verdener Geschichtsquellen; Lüntzel, die ältere Diöcese 
HildeBheim; Begenten-Sahl 1698; Pfannkuche, ältere Geschichte des Bisthums Verden; 
Wippermann, Beschreibung des Bukki-Gaues; Manecke II; Böttger, Diücesan- und Gau- 
Grenzen; Eayser, Kirchenvisitation 1897; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden; 
Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Grtttter, Arbeiten über den 
Loingau, Hannov. Geschichtsbl., 2. und 3. Jahrg. 

Quellen: Urkunde des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; GrUtterscher Nachlass 
im Stadtarchiv ebendaselbst 



Das ehedem zum Mindener Archidiakonat Ahlden im Loingau gehörige Geschichte. 
Kirchdorf hat frOh ein Grotteshaus besessen. In einer zwischen 1223 und 1235 
ausgestellten Mindener Urkunde kommt ein Gerhardus sacerdos de Dushome 
und m weiteren Mindener Urkunden der Jahre 1250 und 1252, sowie in einer 
Urkunde Hermanns von Hodenberg aus dem Jahre 1255 ein Burchard als 
Pfarrer in Dushome bezw. Duzhom vor. 1275 begegnen Hermannus et 
Volcqwardus Gberhardus in Dushome vicarii. 1321 erwirbt der Pfarrer Johannes 
namens seiner Kirche von Albert ProYesting dessen Mindenschen Lehnhof und 
Kothe im Orte. Von dem .Eerspelde to Diishora* ist in einem Verzeichniss 
der zum Schloss Gelle gehörenden Hebungen aus den letzten Jahrzehnten des 
XIV. Jahrhimderts die Rede. In den Fehden der Jahre 1457—59 wurde der 
Ort mit Feuer und Schwert verwüstet. 1824 suchte ein grosser Brand den Ort 
heim. 1843 erfolgte der Umbau der Kirche. 1851 wüthete abermals eine 
Feuersbrunst. 

Das massive Schiff mit flacher, geputzter Holzdecke und einem im Beschreibung. 
Westen halb abgewalmten Dach hat im Süden eine rechteckige Sakristei mit 
darunter befindlicher Gruft und einen durch f&nf ungleich grosse Seiten 
gebildeten C!hor. 

Der aus Backsteinen gemauerte Altartisch hat auf der Nord- und Süd- Altar. 
sdte je zwei flachbogig geschlossene, gothisch profilirte Nischen. 

Zwei 40 cm hohe Altarleuchter aus Bronze haben einen walzenförmigen Altarleiichter. 
Schaft mit drei Knäufen in gothischer Auffassung. 

Zwei schöne, aus Holz geschnitzte, ehemals zu einer Ereuzigungs- Bildwerke. 
darstellung gehörige Figurengruppen, von denen die eine die zusammenbrechende 
Maria zeigt, sind in den Figuren 29 und 30 wiedergegeben. Sie erweisen sich als 
eine gute Arbeit aus der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts. 

Eine einfache, silberne Dose trägt unter einer Krone die Bezeichnung: Ciborium. 

DLB 

J. J.R 

1690. 



-t-g 118 i-»- 

In der Sakristei hfingl das auf Holz gemalte Bildniss eines Pfarrers mit 
der Inschrift: 

Hennii^s Thomas 

Anno 1616. Aetatis, 

svae 35. 

14 jetzt als Einfriedigung am Kirchhofe au^estellte Grabsteine enthalten 

zum Theil die ganzen Figuren der Verstorhenen und räbren aus dem XVII. und 

XVm. Jahrhundert her. 



E^K. n und 30. Kirche In DÜBbom; FiKurenBTDppan. 

Kanzel. Eine gut geschnitzte Renaissancekanzel wird jetzt als Lesepult benutzt. 

Kelch. Der einfache, silberrergoldete Eelch hat auf dem runden Fusse den 

Gekreuzigten zwischen Maria und Johannes und die Lapidarinschrift: 
In • die • Kirchen ■ zt • Düshom Anno : 1650. 



Eickeloh. 

Grobfcitpelle, Kirche. 

LitterntDr: Von Hodenberg, UodenbergerUrkundenbucfa; derselbe, LUnebnrger 
Urkundcnbuch XV-, derselbe, LUneburger LehnregiBter, Lenthe'a Archiv IX; Sndendorf; 
Spilcker, Geschichte der Grafen von Wülpe; Uegenten-Saibl ]698; Hanecke II; Holscher, 



-^ 119 8^ 

BeschreibuDg des Bisthoms Minden; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Wippermann, 
Beschreibnng des Bnkki-Gaues; Pratje^ Altes und Neues X, 261; Mithoff^ KunstdenkpialelV; 
derselbe, Kirchenbeschreibnngen; Grtttter, Loingau, Hannov. Geschichtsbl., 3. Jahrg. 

Quellen: Grtttterscher Nachlass im Stadtarchiv zu Hannover. 



Das Kirchdorf Eickeloh begegnet bereits in der ersten Hälfte des Geschichte: 
Xni. Jahrhunderts. Im Jahre 1237 erwirbt Hermann von Hodenberg vom 
Kloster Walsrode durch Tausch sechs Hufen daselbst, von denen zwei der 
Gräfin Sophie von Osterburg gehört hatten. Hierdurch kam das Dorf bis auf 
einen Hof ganz in die Hände der Herren von Hodenberg. Am 6. Oktober 1295 
verkauft das nach Läbbecke verlegte, ehemalige Ahldener Kloster dem Ritter 
Herbord von Mandelsloh neben Anderem den grossen und kleinen Zehnten zu 
Eickeloh. 1296 stifteten Heinrich von Hodenberg, seine Gemahlin Hedwig, 
sowie seine Söhne Hermann und Heinrich die Kirche («Basilica') zu Eickeloh 
für die ihnen fast ganz gehörigen und bis dahin nach Ahlden eingepfarrten 
Dörfer Eickeloh und Hademstorf, da die Ahldener Pfarrkirche durch die Aller 
von diesen getrennt war, die Bewohner bei nassen Zeiten nicht hinüberkommen 
konnten und, virie die Urkunde sagt, es sich selbst ereignete, dass einige auf 
dem Wege zur Kirche in den Fluthen der Aller umgekommen waren. Die von 
Hodenberg beschenkten sie reichlich. Der Mindener Bischof gab seine Zustimmung 
und setzte zugleich die näheren Verhältnisse der neuen Kirche fest. Es wurden 
ihr alle Eingesessenen zwischen Aller und Meisse zugeordnet; sie erhielt eine 
selbständige Stellung als Pfarrkirche, musste aber der Ahldener Mutterkirche 
jährlich zu Michaelis eine Geldabgabe (»septem fertones bremensis argentj)' 
zahlen; im übrigen blieb sie dem Archidiakon in Ahlden unterworfen und 
sollten die Eingepfarrten zur Synode nach Ahlden gehen. Das Patronat vmrde 
auf ewige Zeiten den Stiftern zugesichert, welche den ausgewählten Pfarrer dem 
Ahldener Archidiakon präsentiren sollten. Bei den zwischen 1330 und 1352 
von den Herzögen Otto und Wilhelm vorgenommenen Belehnungen erhielten 
«De riddere van Hodenberge' «dat dorp al to Ekle . ane enen hof zu Lehen. 
1489 wird «Eklo* als in der Parochie «Botzem* (Kirchboitzen) belegen be- 
zeichnet. 1776 wurde eine alte geborstene Glocke umgegossen. Die alte, wohl 
noch im Wesentlichen den 1296 aufgeführten Bau zeigende Kirche dient jetzt 
den Freiherren von Hodenberg als Familienbegräbniss; statt ihrer wurde ein 
neues Grotteshaus gebaut und am 19. Dezember 1868 geweiht. 

Von dem früheren Herrenhause des adelig freien landtagsfähigen Hofes 
derer von Hodenberg ist heute nur noch ein Platz an der Aller in der Eicke- 
loher Marsch zu sehen, welcher mit Wall und Graben umgeben ist und die 
Burg genannt wird. 

Das Schiif der gothischen, im Grundriss rechteckigen, mit massivem Beschreibung. 
Hauptgesiros versehenen und in Backstein ausgeführten Grabkapelle wird durch örabkapelle. 
eine massive Wand/ welche in der Mitte eine grosse, halbkreisförmig 
geschlossene Oeifnung und zu beiden Seiten je einen fiachbogigen Durchgang 
aufweist, von dem* erhöhten Chor getrennt. Der letztere, ein rechteckiger 
Raun>/ wird von einem Kreuzgewölbe mit rechteckigen Rippen überspannt. 



-^ 120 8^ 

. Der Ostgiebel ist durch spitzbogige Blendnischen g^liedert; darunter befinden 

• sich zwei spitzbogigCt gekuppelte Fenster mit darfiberliegender, runder Oeffiiung 

in einer zweimal zurückgesetzten Nische. Die Eingangsthür und drei kleine 

Fenster in" der Südseite zeigen den Spitzbogen. 

Kirche. Die 1 m im Durchmesser grosse Glocke hat zwischen zwei Omamait- 

Glocke. streifen am Halse die Lapidarinschrift: 

, Soli Deo gloria. 

Am Rande ist unter einem Ornamentstreifen zu lesen: 

Johann Meyer in Gelle • 
herrscha£ftl : Stück- u. Glocken 
Gieser goss mich 1776. 
Kelch. Ein silbervergoldeter Kelch hat auf dem sechslheiligen Fusse einei 

aufgelegten Grucifixus mit der Jahreszahl 1664. Daneben sind zwei Wappen 
zu sehen, deren Umschriften lautend 

Avgvstvs • Friederich • von • HodeiAerg • 
und 

Anna • Dorothea -von • örtzen • 
Auf dem Knaufe steht: Jhesvs. 
Taufbecken. Das aus Messing gearbeitete, alte Taufbecken hat auf dem Boden eine 

sehr beschädigte Inschrift und eine Darstellung des Sündenfalls. 



Eilte. 

Denkmal, Grabgewölbe, Henrenhaiui. 

Litteratur: Hodenberg , Hodenberger Urkundenbneh ; derselbe, Lttnebnrger 
Urknndenbnch XV; derselbe, Galenberger Urknndenbnch V; derselbe, Hoyer Urkunden- 
bnch; derselbe, LUnebnrger Lehnregister, Lenthe^s Archiv IX; Urknndenbnch der Stadt 
Lüneburg II nnd III; Sndendorf; Meinardns, Urknndenbnch des Stiftes nnd der Stadt 
Hameln; Manecke II; Spiloker, Geschichte der Grafen von Wölpe; Regenten-Sahl IGdS; 
Vogell, Geschlechtsgeschiohte der Herren Behr; Holsoher, Beschreibung des Bisthoms 
Minden, Zeitschr. f. westf&l. Gesch. n. Alterthnmsk., Band 88 nnd 84; Kayser, Kirchen- 
Visitationen 1897 ; Mithoff, Knnstdenkmale IV; Meding, Nachrichten von adelichen Wapen L 

Quellen: Schulchronik su Eilte; Urkunden des Kgl. Staatsarchivs su Hannover; 
Grütterscher Nachlass im Stadtarchiv ebendaselbst 



Geschichte. 



D(ia n{^<A Ahlden eingepfarrte Dorf ist an der Aller belegen. Graf 
Burchard von Wölpe stellte 1267 »apud villam Elethe in ripa Allere** und 
1268 ,in Rypa Allere prope Elthe* Urkunden aus: Zwischen 1330 und 1352 
erhielt Eylerd van Alden von den Herzögen Otto und Wilhelm dit-'Haus »to 
Elthe' zu Lehen. Bei der 1360 vom Herzog Wilhelm vorgenommenen Neu- 
belehnung bekamen «Alle de van Alden . . . To Elten I. hof ', Henric van 
Hodenberge ,n. houe to Elte' und Johan van Bordesie ,To Elten ü. hone 



-^ 121 H- 

vnde Uli. cot*. Um 1368 wurde Albert van Botmere mit einer Hufe Landes 
yto Elte' belehnt. 1495 erklart Bartbold von Mandelsloh, dass er mit Ein- 
willigung des Herzogs Heinrich dem Heinrich von Dagef&rde und Dietrich 
Olemann, Bürgermeister zu Celle, den .tegeden to Elte luttick vnd grot', 
welcher zur Burg (Borch) Alden gehört, verpf&ndct habe; er verpflichtet sich, 
wenn der Herzog oder dessen Erben die Burg «Alden* wieder von ihm «loszen 
vnde fryhenn', seinerseits den genannten Zehnten wieder einzulösen. 1567 über- 
geben die Herzöge Heinrich und Wilhelm «die jüngere' dem Balthasar Klammer 
9 vor eine widerstattung' eine Hofslelle im Dorf .Elthen*, welche zum Hause 
Ahlden gehört, zujr Bebauung. 1620 erbaute sich der Grossvogt Balthasar 
Klammer eine Hauskapelle zu Eilte, welche er auch dotirle. Nadi dem Erb- 
register des Amtes Ahlden vom Jahre 1667 hatten die von Honstedt das 
Patronat inne. 1813 brannte die Kapelle sammt dem Herrenhause nieder. 
Nur das letztere wurde wieder aufgebaut. 

Der adelig freie landtagsfSliige Hof un Orte war ehedem das Stamm- 
haus der nach demselben benannten Familie von Eilte. Die Familie erlosch 
1560 mit Dietrich von Eilte, worauf das Gut an den Kanzler Klammer, von 
dessen Enkel 1685 an die von Honstedt kam. 

Dem 1793 zu Mons gestorbenen Georg Wilh. von Honstedt {st auf dem Denkmal. 
Wall nahe dem Herrenhause ein Denkmal gesetzt. Dasselbe trägt als Bekrönung 
eine Vase. 

Von der Kapelle ist nichts weiter als ein mit Erde bedecktes Grab- Grabgewölbe, 
gewölbe übrig geblieben. 

Das rechteckige, mit neueren Anbauten versehene, einstöckige Herren- Herrenhaup. 
haus ist im Anfange des XIX. Jahrhunderts in Fachwerk auf einem hohen, 
massiven Sockel errichtet In der Mitte der Vorder- und Hinterseite sind zwei 
Giebel ausgebaut. Die Schmalseiten zeigen den halben Walm. Der alte 
Wassergraben ist noch vollständig erhalten. 



FallingbosteL 

Kirche. 

Litteratnr: Janicke ; Sndendorf ; von Hodenberg, Hodenberger Urknndenbuch . 

derselbe, LUneburger Urkundenbuch XV; derselbe, Hoyer Urknndenbach ; Urkundenbnch 

der Stadt Lüneburg I; Lttntzel, die ältere DiOcese Hildesheim; Regenten-Sahl 1698; 

Wippennann, Bukki-Gan; Spilcker, Geschichte der Grafen von Wölpe; Böttger, DiOcesan- 

nnd Gan-Grenzen; Manecke II; Kayser, KirchenviBitationen 1897; Holscher, Beschreibung 

\ des Bisthams Minden; Frendenthali Haidcfahrtcn I; Mithoff, Knnstdenkmale IV; derselbe, 

I Kirehenbeschreibnngen ; Jürgens, ein Amtsbach des Klosters Walsrode, Hannov. 

I Gescfaichtsbl., 2. Jahrg.; Grütter, Arbeiten über den Loingan, ebendort, a Jahrg. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Gftttterscher Nachlass 
im Stadtarehiv ebendaselbst 

16 



-^ 122 8^ 



Geschichte. 



Beschreibung. 



Altarlenchter. 



Glocken. 



Das Kirchdorf Fallingbostel am Westufer der Böhme, in landschaft- 
licher Beziehung der am schönsten belegene Ort ' des Böhmethaies, gehörte 
ehedem zum Archidiakonat Ahlden im Loingau. Er rechnet zu den Ältesten 
des Landes, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass es mit dem .Vastullnge- 
burstalle' in dem aus dem XI. Jahrhundert stammenden Schriftstück identisch 
ist, welches die um 990 auf Befehl Otto's II. festgestellten Grenzen zwischen 
Ostfalen und Engem sowie zwischen den Bisthümern Hildesheim und Minden 
angiebt. Zur Zeit des Mindener Bischofs Werner, 1153—1170, schenkte der 
Edelherr Mirabilis der Mindener Kirche Güter in «Vastelmgeburstolde*. 
1293 wird die Parochie «Valingeborstle* genannt. Der Ort kommt dann 1295, 
1306, 1337 und 1338 vor. 1339 hören wir von Hermannus de Ottenstene 
sacerdos quondam plebanus in Valingeborstelde. 1344 war Conradus plebanus 
de Vallingeborstel. 1378/79 ist von dem »rychte van Valingborstele* die Rede. 
1402 und 1407 hören wir von dem Vogt Frederik Stalknecht zu FaUingbostel. 
Zur Vogtei Fallingbostel gehörten 1543 Düszhom, Meinerdingk, Dorpmarcke und 
Valligenborstell. 1549 wurde der alte .Bargfrede' (Amtslagerbuch) an der 
Böhme gebaut. Femer wurde 1595 »daß rechte Vogtey - Wohnhauß darin das 
Vorwerk mit begriffen ist nebenst dem Herrn -Hauß'^ (Amtslagerbuch) neu 
erbaut. Der Vogt Lade erhielt 1552 den «Diestelhof* vor Fallingbostel, den 
Zehnten von dem von ihm bewohnten Hofe und die Deilinger Höfe für einen 
Jahreszins auf Lebenszeit eingethan. Nach ihm wurde zwischen 1552 und 1595 
die Amtsvogtei errichtet und mit einem adeligen Amtsvogt besetzt. 1757 wurde 
die Amtsvogtei Soltau mit der Fallingbostelschen vereinigt und 1835 auch das 
Klosteramt Walsrode. Sie wurde 1852 aufgehoben. 1774 wurde ein neues 
Amtshaus gebaut. Am 9. Januar 1784 brannten das Amts-, Prediger- und 
Schulhaus sowie 24 Häuser nieder. 1829/30 wurde die alte Kirche durch einen 
Neubau ersetzt. Soweit der von Mithoff auf Tafel I gegebene Grundriss 
erkennen lässt, war sie eine gothische Kirche mit dreiseitig geschlossenem Chor, 
rechteckiger Sakristei im Nordosten und rundem älteren Westthurm. 

Die neue, massive, innen und aussen geputzte, im Osten und Westen 
drdseitig geschlossene, einfache Saalkirche hat je fOnf Rundbogenfenster auf 
den Langseiten und drei gleiche Fenster in jedem Schluss. Je eine Tbiir 
befindet sich in der Mitte im Norden, Osten, Süden und Westen. Das Bauwerk 
ist mit Holzgesims und Pfannendach abgeschlossen. Die geputzte Holzdecke 
bt in der Mitte gewölbt und über den seitlichen Emporen, deren Stützen die 
Decke tragen, flach. Eine einfache Orgel steht im Westen, eine hölzerne 
Altarwand mit Kanzel im Osten. Der in einiger Entfernung von der Kirche 
stehende hölzerne, viereckige Glockenthurm zeigt in der Wetterfahne die 
Jahreszahl 1793. 

Zwei 35 cm hohe, frühgothische Altarleuchter aus Bronze zeigen einen 
walzenförmigen Schaft mit drei ringförmigen Knäufen. Die drei Fasse slad 
als plumpe Thiergestalten ausgebildet. 

Die beiden 1,35 m und 1,13 m im Durchmesser grossen Glocken sind 
von M. Thomas Rideweg im Jahre 1719 in Hannover gegossen; sie tragen 



-^ 123 H- 

zwischen zwei Omamentstreifen am Halse den Namen des Giessers und an 
verschiedenen Stellen Engelsköpfe. 

Der silbervergoldetef 17,6 cm hohe Kelch hat trichterförmigen Becher, Kelch. 
kugeligen, mit Maasswerk verzierten Knauf und einen runden Fuss mit auf- 
geheftetem Grucifixus. Der Schaft trägt Worte in gothischen Kleinbuchstaben, 
deren Zusammenhang nicht deutlich ist. Es ist eine Arbeit des XV. Jahrhunderts. 

Ein stark beschädigter, einfacher Taufstein mit rundem Becken und Tanfstein. 
achteckigem Fuss wird jetzt im Pfarrgarten aufbewahrt. Er wird der gothischen 
Zeit entstammien. 



Güten. 

Kirche. 

Litteratnr: Von Hodenberg, HodenbergerUrknndenbnch; derselbe, LUnebnrger 
Urknndenbnch V nnd XV; derselbe, Calenberger Urknndenbuch V: derselbe, Hoyer 
Urknndenbuch; derselbe, LUnebnrger Lehnregister; Sndendorf; Urknndenbnch der Stadt 
Lflnebnrg II; Pfeffinger, Historie I nnd II; Manecke II; Regenten -Sahl 1698; Spilcker, 
Geschichte der Grafen von WOlpe; Vogell, Geschlechtsgeschichte der Herren Behr; 
derselbe, Geschlechtsgeschichte derer von Schwicheldt; von Meding, Nachrichten von 
adelichen Wapen I; Wippennann, Beschreibnng des Bnkki-Ganes; BOttger, DiOcesan- nnd 
Gan-Grenzen ; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Holscher, Beschreibnng des Bisthnms 
Minden; Mithoff, Knnstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibnngrn ; Katalog der Bibl. 
d. hist. Yer. f. Nieders., Heft 1; Grütter, Arbeiten über den Loingan, Hannov. Ge- 
schichtsbl., 2. Jahrg. 

Quellen: Verzeichniss der kirchlichen Knnstdenkmäler von 1896; Kirchen- 
rechnnngen in Güten; Urkunden nnd Akten des Kgl. Staatsarchivs zn Hannover; 
Grtttterseher Nachlass im Stadtarchiv ebendaselbst 



Das ehedem zum Archidiakonat Mandelsloh im Mindenschen Loingau Geschichte, 
gehörige Kirchdorf begegnet bereits 1242 als selbst&ndige Parochie. Am 
10. August dieses Jahres verkauft Hermann Hodo dem Kloster Mariensee den 
.indaginem sitam in parrochia Ghiltene (Geltene) iuxta aliam indaginem que 
Yocatur Grawithe' (jetzt Grewjede) mit dem Zehnten und allem Zubehör. 
1265 wird Luderus de Ghiltene unter den ecclesiarum rectores aufgeführt. 
Kirche und Pfarre werden mit ihren Grundstöcken als Mindensches Lehngut 
bezeichnet. Am 10. März 1314 verkauft Hermann von Hodenberg dem Kloster 
Walsrode die ihm zustehende Hälfte an dem Dorfe « Ghiltene' und überlässt 
demselben seinen Antheil am Patronatsrecht ober die Kirche daselbst. 1319 ver- 
sichern Propsty Priorin und Convent zu Walsrode dem Heinrich von Hodenberg, 
welcher ihnen bei der durch Ableben des Pfarrers Heinrich entstandenen 
Pfarrvakanz der Giltener Kirche deren Besetzung durch den Walsroder Kapellan 
Bernhard «de Stenlage' zugestanden hat, dass er diese Pfarrstelle bei der 

16* 



TJF-- 



Beaclireibang. 
Schiff. 
Chor. 



-t-( 124 fr*- 

DftchstfolgfendeD Vakanz allein besetzen solle. Am 29. April 1330 schenkt 
Henrich von Hodenberg dem Kloster die ihm zustehende andere Hälfte des 
Patronats Aber die Kirche zu .Ghilten Mindensis dioecesis*. 1337 bekommen 
die von Schlepegrell vom Kloster Walsrode das Patronat. 1594 werden zehn 
Grosehen für den Draht, welcher den Kneppel zur Schla^locke führt, aus- 
g^^eben; femer 13 Groschen für den Riemen zur Glocke, von Bremen gebMcht, 
sowie sechs Groschen für das Seil zur Glocke. 169Ö wird ein Stundenglas für 
den Predigtstuhl angeschafft; es werden 12 Fenster im Thunn gemacht und 
drei Thaler weniger ein Ort für SttUde und Bänke ausgegeben. 1598 Ondeo 
wir sechs Groschen für einen Riemen in die kleine Glocke verzeichnet. 1602 wird 

der Predigtstuht gebessert, 1603 
der Thurm neu gemacht und 
geflickt, sowie 1604 das Hess- 
gewand dreimal geOickt. 1666/67 
wird der Thurm zum Theil neu 
gedeckt sowie der Hahn gebessert 
und 1669/70 die Kirchenubr 
reparirt. 1685/86 folgte eine 
abermalige £3ndeckung und Aus- 
besserung des Thurmes. 1768 er- 
halten die Tischler für die an- 
gefertigte Kanzel noch neun rthlr. 
SO Groschen. 1769 werden für 
eine neue .Unie* zum Au&deh^ 
des Engels 13 Mariengrosdien 
vier Pfenn^ bezahlt. 1775 wird 
eine ThürüSnung durch die 
Thunnmauer gebrochen, 1780 ein 
neuer Fussboden in der Sakristei 
gelegt, 1781 die Kirche inwendig 
und auswendig geweisst und 
gestrichen sowie das Dach ge- 
bessert. 1782 wird auf da- Nord- 
und Südseite je ein Fenster 
durchgebrochen, um für die 
westliche Querpriedte mehr Licht zu schaffen. 1797 finden wir eine neue Uhr- 
scbeibe verzeichnet. Die vorhandene Kirche ist dem heiligen Paulus gewdht; 
das Schiff wurde 1766 neu gebaut und 1849 die Thurmspitze erneuert. 

In Güten bestanden drei adelig freie landlagsfähige Höfe. Zwei dtr- 
selben brachten die von Bothmer im XV. Jahriiundert durch Kauf an sich. Der 
dritte ist das Stammhaus derer von Güten. Von dieser nach dem Ort benannten 
Familie kommt ein Eckehardus de Gilten 1271 vor. Sie starb 1775 aus. 

Die Kirche besteht aus Schiff, Chor mit Sakristei im Norden und Westtbrirm. 

Das Schiff ist in Fachwerk errichtet und mit hölzernem Hauptgesims 

versehen. Der schmälere €3ior ist aus Ort- and Backstein«! erbaut und hat 



Tlg. 11. Kirche In OUten; Fsniter. 



-^ 125 8^ 



dreiseitigen Schluss. Die geputzte Schaldecke ist aber den Seitenemporen flach 
gehalten, zwischen denselben aber tonnenf&rmig gewölbt Der flach gehaltene 
Theil wird im Schiff von den durchgehenden Emporenstftndem, im Chor von 
besonderen S&ulen getragen. Der alte, zum grössten Theil noch erhaltene 
Fttssboden im Schiff ist mit kleinen Kieselsteinen gepflastert , welche zu 
Ornamenten zusammengesetzt sind. Im C3ior sind nodi drei alte Fenster in 
der Form der Fig. 31 erhalten. Ausserdem ist hier an der äusseren Nordseite 
ein zugemauertes, spitzbogiges, durch die vorgebaute Sakristei zum Theil ver- 
decktes Fenster sichtbar. Zwei weitere, vormals vorhandene Oeffnungen der 
Nordseite lassen sich im Inneren noch erkennen. Die Hehrzahl der Licht- 
Öffnungen ist flachbogig geschlossen, ebenso die beiden Eingangsthüren an der 

Südseite; diejenige im Chor ist mit profiliertem 
Sandsteingewände eingefasst und trägt folgende In- 
schrift: «Cordt Rodenbörch • Cordt • Peters- 1 •5-56*. 

Die Sakristei, von einem Kreuzgewölbe mit Sakristei. 
Bimstabrippen und rundem Schlussstein überdeckt, 
ist der älteren Nordseite des Chores vorgebaut und 
zeigt einen Backsteingiebel, durch spitzbogige Blend- 
nischen gegliedert. Die Eingangsthür an der Ostseite 
ist mit dem flachen Spitzbogen, die Verbindungsthür 
nach dem Chor mit einem Halbkreisbogen geschlossen. 
Die Nordwand enthält zwischen zwei Steinkugeln 
einen Wappenstein mit folgender Umschrift in 
gothischen Kleinbuchstaben : «Anno . Mcccc 1 xxxxii . 
Henninch . v& . Ghilten . dem got • ghenedich • sy.' 
Die Fensternischen sind innen und aussen spitzbogig 
sowie zweimal gegliedert. 

Der viereckige Westthurm ist unten aus Ort- Thurm. 
steinen, oben aus Backsteinen erbaut, zf igt als Sockel 
eine grosse Fase, in halber Höhe einep Absatz und 
trägt einen achteckigen Helm. Die Oeffnungen sind 
bis auf zwei kleine rechteckige Schlitzfenster flach- 
bogig geschlossen und mit Backsteinen ausgemauert 
Eine Nbche in der Westseite enthält eine stark ver- 
witterte, dem XIV. Jahrhundert angehörende Darstellung der ' Kreuzigung. 
Darunter befindet sich unter einer gothisch profilierten Verdachung ein ein- 
gelassener Stein mit einem Wappen und der Unterschrift in gothischen Klein- 
buchstaben: 

Henningh von Güten de olde mccccc vn XVIII. 
Die Altarwand mit Orgel stammt aus dem Jahr^ 1820. Altar. 

Die beiden 40 cm hohen Altarleuchter aus Messing (Fig. 32) tragen die Altarleuchter. 
Bezeichnung: «Hannen • Borstling • zv Gilten • Ao • 1 • 6 • 40.' 

Eine schön getriebene, ovale, silberne Oblatendose trägt auf dem Boden ciborion. 
die Inschrift: 

A. J. V L. W. V. G. Aö. 1704. 




lig.Si. 
Kircbe In OUton; Altarlenchter 



->« 126 8^ 



Gedenktafel. 



Glocke. 



Grabstein. 



Kanzel. 
Kelche. 



Die kleinere, theilweise vergoldete, silberne, runde Oblatendose zeigt 
einen aufgelegten Cruciflxus und innen das von Bothmersche Wappen sowie 
die Buchstaben «J. v. J3/ 

In die äussere Ostwand des Chores ist eine in Renaissanceformen gut 
gearbeitete Gedenktafel aus Sandstein eingelassen. Unter der von zwei Pfeilern 
getragenen Giebelverdachung ist in einer im Eorbbogen geschlossenen Nische 
der Gekreuzigte mit Maria und Johannes zu sehen. Darunter befinden sich 
zwei Wappen mit der Unterschrift: 
Cordt von Bothmer • Dorethea von Rheden • C • V • B • eliche Havsfrawe selige. 
Darunter lesen wir: ■ 

Godt dem Almechtigen zvn 
Eheren sich vnd den Seinen avch der 
gantzen Gemeine zvm Besten 
hat Obgemelter • C • V • B • diesen 
newen Chor av£f spine 
Bekostvng bawen lassen 
anno Dni 
1595. 
Zu den Seiten der Verdachung liegen zwei Engel, von welchen der 
eine einen Totenkopf, der andere eine Sanduhr hält; den oberen Abschluss 
bildet eine Frauengestalt. 

Die 95 cm im Durchmesser grosse Glocke hat Oehre von kreisförmigem 
Querschnitt und eine aufgelegte Schnur über dem Schlagringe. Der Mantel 
zeigt durch je zwei vertiefte Linien hergestellte, in ungleichmässigen Abständen 
von oben nach unten laufende Streifen, welche durch ebensolche Streifen unter- 
einander ohne bestimmten Grundsatz verbunden sind. Der Guss ist fehlerhaft. 
Von der aus gothischen Kleinbuchstaben bestehenden Umschrift des 
stark abgetretenen Grabsteins eines Geistlichen in der Eingangsthür zum Schiff 

ist nur noch ein Theil zu lesen: «Anno . domi . m in vigilia bti Jacobi 

apli obiit dns Gherardvsi . Ghilte . ple/ 

Die Kanzel stammt aus der Zeit der Erbauung des Schiffs. 
Der grosse, silbervergoldete Kelch mit eingraviertem Wappen am Becher 
hat folgende Inschrift: 
Christian, von Güten, Erb-Herr, auf Gilten und Wrestädt • d 16^ Aug: 1770. 
An der Kirche geschenckt, da der vorige von dieser Familie gestohlen worden. 

Gott bewahre femer dafür. 
Auf der dazugehörigen Patene ist derselbe Stifter mit seinem Wappen 
vermerkt. 

Ein zweiter Kelch mit Patene aus demselben Metall trägt ein Doppel- 
wappen am Becher unjji die Umschrift: 

E. A. V. Bothmer. J. E. v. Sebo. 1770. 



j 



-♦«8 127 g-t- 

Hudemühlen. 

Kirche. 

Litteratur: Von Hodenberg, Hodenberger Urkundenbuch ; derselbe, LUnebnrger 
Urkandenbach XV; derselbe, LUneburger Lehnregister; Urkundenbuch der Stadt Lüne- 
burg UI; Doebner VI; Sudendorf; Merlan; Pfeffinger, Historie II; Regenten-Sahl 1698; 
Ifanecke II; Neues vaterl. Archiv 1824; Ejiyser, Kirchenvisitationen 1897; Holscher, 
Beschreibung des Bisthums Minden; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchen- 
beschreibungen; Zeitschr. d. tust Ver. f. Nieders. 1864» 368 f.; GrUtter, Loingau, Hannov. 
Geschichtsbl. 3. Jahrg. 

Quellen: Urkunden und Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover ; Grütterscher 
Nachlass im Stadtarchiv ebendaselbst; Kirchenbuch im Pfarrarchiv. 



Die Geschichte des Fleckens und der Burggemeinde Hudemühlen Geschichte. 
knüpft an die Zerstörung der Veste Hodenhagen an, welche die danach sich 
benennenden Herren von Hodenhagen, späteren Freiherren von Hodenberg, 
erbauten« Die Veste wird 1244 zum ersten Male genannt. Sie lag an der 
Bremer Heerstrasse, eine halbe Stunde ostwärts vom heutigen Hudemühlen an 
der Meisse im niedrigen und sumpfigen Bruche, welche Lage hauptsächlich zu 
ihrem Schutze dienen sollte. Neben der Burg sind des öfteren Pfähle in der 
Meisse gefunden worden; dies lässt darauf schliessen, dass hier ehedem eine 
Mühle, durch deren Stau die Umg^end der Burg unter Wasser gesetzt werden 
konnte, und eine Brücke, welche den Uebergang der Heerstrasse über die 
Meisse vermittelte, vorhanden waren. Die Veste war ehedem mit Wall und 
Graben umgeben. Jetzt findet man nur noch geringe Spuren alten Gemäuers 
auf dem mit Bäumen bestandenen Platze. Neben Anderem sind die Fundamente 
eines starken Thurmes von 37 Fuss äusserem Durchmesser und mit neun Fuss 
starken Mauern gefunden worden. Westlich vom Haupthof, ebenfalls an der 
Meisse, befand sich ein von einem Graben umgebener Vorhof, und dort hat 
die Mühle, anscheinend auch eine Schmiede gestanden. Der Landschafts- 
direktor Wilhelm von Hodenberg hat in dem Urkundenbuch seines Geschlechts 
eine Skizze der vorgefundenen Reste gegeben, und der Senior der Familie 
Friedrich von Hodenberg liess 1866 einen Denkstein auf dem alten Burgplatz 
errichten. Auf der Veste befand sich auch eine Kapelle. 1253 kommt ein 
Eghardus sacerdos Capellanus noster in einer Urkunde Hermann's III. von 
Hodenberg, welche «in Hodenhachenn' ausgestellt idt, als Zeuge vor. Am 
12. Juni 1289 übertrugen Heinrich I. von Hodenhagen und seine Söhne dem 
Herzog Albert von Sachsen und dessen Bruderssöhnen , den Herzögen von 
Sachsen -Lauenburg, ihre Veste Hodenhagen zu rechtmässigem Lehen. Bald 
darauf, als Albert nach Lauenburg zurückgekehrt war, zog er gegen den 
Hodenhagen und zwang Heinrich, ihm denselben zu unterwerfen, was am 
27. August des Jahres geschah. Die Veste wurde abgebrochen, um nicht wieder 
aufgebaut zu werden. In den Urkunden geschieht ihrer nicht mehr Er- 
wähnung, und die Herren von Hodenhagen nennen sich seitdem Edelherren 
von Hodenberg. 



-^ 128 8^ 

Nach der Zerstörung des Hodenhagen^s scheinen sie ihren Wohnsitz 
zunächst zwischen diesem und dem heutigen Hudemühlen und erst später an 
letzterem Orte selbst gewählt zu haben. Die früher beim Hodenhagen befind- 
liche Mühle wurde vermuthlich zunächst an die Stelle des heutigen Hudemühlen 
verlegt und wird darauf Hermann, als der erste Wohnsitz aufgegeben wurde, 
bei dieser Mühle einen neuen Sitz, die spätere Burg, erbaut haben. Zugleich 
fand eine Verl^^g der Bremer Heerstrasse vom Hodenhagen weg in der 
Richtung auf Hudemühlen statt. Neben dem neuen Sitze siedelten sich 
sogenannte kleine Leute an, welche dem Flecken zum Damme oder zur Hude 
seine Entstehung gaben, welcher schon zu Anfang des XV. Jahrhunderts bestand, 

1360 empfing Lutherd van Hodenberge vom Herzog Wilhelm «den hof 
tor Hodenmolen* zu Lehen. Dieser Ausdruck deutete den Wohnsitz an. Als 
solcher wird Hudemühlen auch in dem um 1377 abgefassten Wunstorfer Güter- 
verzeichniss bezeichnet. 

Um 1422 erscheinen Marquard von Hodenberg und seine Gemahlin 
Heilewig Elencke als Schenkgeber eines noch erhaltenen Kelches mit Patene 
aus vergoldetem Silber. Die 1422 erfolgte Freisprechung von dem weg&k 
Landfriedensbruches über Marquard verhängten Banne wird die Veranlassung 
zur Schenkung gegeben halben. Der Kelch wurde 1843 aus dem Nachlaas des 
letzten Herrn Schenk von Winterstedt zu Scfawachhausen zurückgekauft. 

Am 27. Juli 1424 vergleichen sich der Kirchherr zu Ahlden Richard 
Oldebuck sammt seinen Kirchspielleuten auf der einen und die Herren von 
Hodenberg auf der anderen Seite «van der Gapellen, wegen, de gebuwet is bj 
de Hudemolen in dat Kerspel to Eklo': Die Kapelle soll hinfort Filial der Sarche 
zu Ahlden sein; die Herren von Hodenberg haben das Recht, einen ihnen 
genehmen fronünen Priester für die Kapelle einzusetzen, welcher aber dem 
Ahldener Pfarrer unterstellt ist; derselbe soll die Handlungen eines Pfarr- 
geistlichen verrichten, wenn die Hudemühlener durch Unbilden der Witterung 
oder Kriegsgefahr veriiindert sind, nach Ahlden zu kommen, dagegen den 
Herren von Hodenberg und ihren Angehörigen zu Diensten stehen, so oft sie 
dessen begehren. Dieser Vergleich, sowie die Dotierung der Kapelle von Seiten 
der Familie von Hodenberg mit der Curie zum Kampe, einer Curie zu 
Hademstorf und der kleinen Buchhorst wurde im darauf folgenden Jahre vom 
Mindener Bischof Wulbrand bestätigt. Die Kapelle, welche zuvor ein «alt ver- 
fallenes' Bethäuslein war, wurde 1424 von den Herren von Hodenberg erneuert 
und 1426 der heiligen Jungfrau und dem Apostel Thomas geweiht Noch heute 
bildet die Burggemeinde die eigentliche, selbständige Ku*chengemeindey während 
der Flecken nach Ahlden eingepfarrt ist. Wie vor Alters sind noch heute die 
Herren von Hodenberg Patrone. 

1429 verpfändet Thomas von Hodenberg den Herzögen Bernhard, Otto 
und Friedrich .de helfte des houes to der Hudemölen*. Deshalb wird «Hude- 
molen' 1433 unter den «Sloten wekbelden vnde dorpem' aufgeführt, an 
welchen jene Herzöge «Pandescoppen' hatten. 1439 erklären die Herzöge Otto 
und Friedrich, dem Marquard und Segeband von Hodenberg den ihnen von 
Thomas von Hodenberg verpfändeten ,deel der Hudemolen mit erer to 



bdiorin^* g^eo Zahlung von 400000 Mark Lüneburgisdier Geldwäbrung 
zurückgebeu zu wollen. Als Burg wird Rudemühlen zuerst 1448 genannt. Die 
Befestigung war jedoch «eher schon vorher erfolgt. Ihre spätere stattliche 
ÄusfQIuiiag erhielt die Bui^ aber erst zu Anfang des XVI. Jahrhunderts. 
1469 ordnet der Herzog Otto an, dass die Herren von Hodenbei^ den in der 
Erteile aufgerichteten Tau&tein wieder entfernen sollen; der EJipellan soll hin- 
fort nur mit j^nwilligung des Ähldener Pfarrers und als ein Kapellan der 
Ahldener Kirche Tauf handlungen Tomehmen. 



Flg. U. Kirche In Hiiil«müU«ii. 

iSne Ansicht des Schlosses giebt Herian und bemerkt: ,Auff dem 
Hause seyn drey Adeliche Wohnungen fast in einem Triangel gelegen md ist 
dasselbe mit Wall vnd Graben verwahret*. Von den adeligen Höfen wird nach 
Hanecke der eine Obristen-, der andere Eammeijunkers- und der dritte 
Lientenantshof genannt. Hanecke sah von dem Scbloss noch den Wall und 
das Pfarrhaus. Jetzt ist nur noch der erhöhte Platz mit dem noch zum Theil 
erhaltenen Graben zu sehen. Am 29. Juli 1767 Qbet^ebt der Pastor Friedrich 
Wilhelm Klockenhring .wegen besorgen der Eriegs-Gefahr* dem Siegfried 
Wilhelm von Hodenberg einen grossen silhervergoldeten Kelch, eine silber- 
vergoldete Weinflasche, eine silberne Oblatenschachtel und einen silbervergoldeten 



•Hl 



Beschreibung. 
Schiflf. 



Altarkanzel. 



• i 



Altarleuchter. 



Ciborium. 



CmcifixuB. 



Gedenktafel. 



-«^ ISO >>- 

Deckel auf 'dem Oblatenteller : zur '. Aufbewahrung (E[ircheiibuch). 1 768 lassen 
die von Hod^nberg ^ihre hiesige alte und sehr baufällige Kirdie grossen Theils 
abbrechen^ und durch den Zimmermeister Joachim Gämpeii aus.Eick^öh und 
den Mauermeister Lindig aus Soltau «von neuen erbauen und vergrössem*. 
1769 wurde der Gottesdienst in derselben wieder eröffnet urid von' den Herren 
von Hodenberg der noch vorhandene Altar mit daran befindlichem Predigt- 
stuhl geschenkt. - ;i.' .; .. 

Die Kirche besteht aus dem Schiff mit östlicher Sakristei üifd. einer iin 
Norden angebauten, rechteckigen, zugemauerten Gruft der Herren von Hodenberg. 

Das massive, im Osten durch das halbe Achteck geschlossene Schiff 
hat hölzernes Hauptgesims und über dem Westgiebel einen viereckigen geputzten 
Dachreiter aus Fachwerk (Fig. 33). Von den spitzbogigen Fenstern mit zwei 
nasenbesetzten, spitzbogigen Theilungsbögen in dem spätgothischen Sandstein- 
masswerk sind drei noch im Chor erhalten. Die Laibungen sind mit Back- 
steinen eingefasst und zeigen aussen den doppelt zurückgesetzten Viertelstab. 
Die übrigen Fenster, sowie die Eingangsthür auf der Westseite sind flachbogig. 
In der Nordseite befindet sich ein zugemauertes, gothisches Fenster und eine 
innen sichtbare, spitzbogige Thürnische. Auf der Nord-, West- und Südseite 
sind Emporen angeordnet. Der gewölbte Chor wird durch einen halbkreis- 
förmigen Triumphbogen von dem durch eine geputzte, bogenförmige Bretter- 
decke überspannten Schiffe getrennt. Die Gewölberippen aus Backstein ruhen 
auf kleinen Pfeilern. An den Chorecken und zum Theil an der Südseite des 
Schiffes sind mit Pfannen abgedeckte Strebepfeiler angebracht. 

Hinter dem gemauerten Altare erhebt sich bis dicht unter das Chor- 
gewölbe die in Rokokoformen ausgeführte, 1769 von den Herren von Hoden- 
berg geschenkte, stattliche, hölzerne Altarwand mit eingebauter Kanzel. Den 
Hauptrahmen mit segmentförmiger Bekrönung begleiten zwei glatte, auf hohen 
Sockeln stehende, korinthische Säulen mit verkröpftem Gebälk. Ueber der Kanzel 
schwebt der heilige Geist in den Wolken in Gestalt einer Taube. Im segment- 
förmigen Giebel ist das Auge Gottes sichtbar. 

Zwei 36 cm hohe Altarleuchter aus Messing gehören dem Anfang des 
XVIII. Jahrhunderts an. 

Das silberne, runde Ciborium trägt auf seinem Deckel den heiligen 
Geist in Gestalt einer Taube, darunter den Gekreuzigten und die Lapidar- 
umschrift: „Hoc • est • corpvs • mevm • qvod • pro • vobis • datvr • in • remissionem • 
peccatorvm**; femer die Worte: „H • G • V • C • W • Marqvardt • v • Hoden- 
barch - Cristofers • Sohn • 1605 •« 

Ein farbig behandelter, dem Ende des XV. Jahrhunderts angehörender 
Grucifixus hängt an der östlichen Wand unter der Decke des Schiffs. 

Neben der Eingangsthür ist eine aus Sandstein gearbeitete Gedenktafel 
eingelassen, welche folgende Inschrift trägt: 

Mit den Beystand Gottes 

ist diese Kirche vergrosert 

von. 

Siegf -Wilhelm • Adam Ferdi 



-<-8 131 8^ 

nand • vnd Wemer Anthon 

Friedrich • Gevettem • von Ho 

denberg • vnte Direction 

Siegfried Wilhelms Sohn 

Joachim Lvdewig Avgyst 

von Hodenberg • 

Erbauet den • 20 • July 

Anno • 1768. 

Adam Lindig • M • Meister. 

In die Chorfenster sind kleine bemalte Glasscheiben, welche Wappen Glasmalerei. 

enthalten, eingesetzt; sie haben die Bezeichnungen: 

1. Cristoffer • v. Hvdenbarg 1587, 

2. Lefin • van Hodenberch Christoflfer • seligen • Sohn • 1598 •, 

3. Adelheit • von Hodenberch Ortgiesen s. Dochter • Lefin • van 
Hodenberch elicke • Hvsfrow •, 

4. das Wappen der Elisabeth v. Hodenberg, geborenen v. Marenholz 
mit der Jahreszahl 1632 und 

5. das Marenholzsche Wappen. 

Ausserdem sind eine aus dem Jahre 1587 stammende Auferstehung 
und auf zwei weiteren, kleinen, runden Scheiben je ein Evangelist daselbst 
zu sehen. 

Ein schönes, grosses, farbig behandeltes, an der Nordwand angebrachtes Grabmal. 
Sandsteingrabmal ist von einem Giebel bekrönt, in welchem Gott Vater zwischen 
den Wolken mit der Weltkugel sichtbar ist. Die halbrund geschlossene Nische 
darunter zeigt in der Mitte den Gekreuzigten und zu den Seiten die Sprüche: 
I. Joh : 2. Dat Blvdt Jesv u. s. w. und Ephe. L Christvs heft vns erlSset u. s. w. 
Unter dem Kreuze knieen zwei weibliche und eine männliche Figur in betender 
Stellung. Am Sockel steht die Inschrift: 

Ao • 3ni • 1 • 5 • 95 • de • 8 • Jvlii • starf de erbar vnd 
ehmtveste, Ordtgise vä" Hvdeberch • d • G • g • 
Ao • dm • 1 • 5 • 95 • de • 18 • Jvlii • slarf, de edle vnd 
emdogetrike Vrovwe Madlena va Bötmer • d • G • g • 
Ganz unten ist zu lesen: 

Ao • 1 -5- 77 - Is dvsce Gedechtenisce gemak: 
üeber der Bogennische befindet sich der Vers: »Also heft Got de Welt 
gelevet u. s. w.". Die angebrachten 16 Wappen sind der Reihenfolge nach 
wie folgt bezeichnet: 

V. Hvdenb. v. Botmer. 

V. Sporken. v. Glvbete. 

V. Mvnchvs. v. Cersen. 

V. Hitsker. v. Otterste. 

V. Elencke. v. Mandels. 

V. Langle. v. Sertwit. 

V. Alden. v. Svrcen. 

V. Davorde. v. Platen. 

17* 



-^ 132 8^ 

Grabsteine. Ein farbig behandelter Grabstein ist im Innern des Chors an der Nord- 

seite aufgestellt. Derselbe zeigt einen Ritter und eine weibliche Gestalt in 
betender Stellung. Von den beiden Wappen ist das eine das Hodenbergsche. 
Die zum Theil verdeckte Inschrift lautet: 

„Anno • dm • 1542 • am • dage 

am • midweke • na • E^dii • starf • 
mar • qwart • vi hodebarge • god der 
almechtige • si em gnedich.*^ 
Weitere, jedoch meist verdeckte Grabsteine liegen im Fussboden 
des Chores. 
Kanne. Eine einfache, sechseckige, zinnerne Kanne hat die Jahreszahl 1659. 

Auf einem, aus Silber gearbeiteten, sechseckigen, als Weinflasche 
dienenden Gefässe mit Deckel sind die Vornamen der drei Stifter ,C. S., LW. 
und J C aus dem Geschlechte Hodenberg vermerkt; femer sieht man das 
Hodenbergsche Wappen und die Jahreszahl 1695. 
Kelche. Ein schöner, silbervergoldeter, um 1422 verehrter Kelch (s. Geschichte) 

mit gothischem Becher und Masswerk am Knaufe hat einen dreieckigen Fuss, 
dessen Seiten eine halbkreisförmige Ausbuchtung zeigen. Am Knaufe steht in 
Kleinbuchstaben der Name „i«h-e-c*v-s-'. Auf dem Fusse befinden 
sich das Hodenbergsche und Klenckesche Wappen. 

Die dazu gehörige Patene hat einen vertieft gearbeiteten Vierpass und 
die Bezeichnung in gothischen Kleinbuchstaben: ,,Marqvardh • de • Hvdenberghe- 
Heylewich • vxcor • eiy". 

Der andere schöne Kelch aus demselben Metall hat gothischen Becher, 
späthgothisches Masswerk und sechs viereckige Zapfen mit dem Namen 
J-h-e-s«v-s am Knaufe, sowie auf dem Sechsblattfusse einen Cracifixus 
in aufgelegter Arbeit; daneben sieht man auf der einen Seite den heiligen 
Antonius und das Wappen der v. Hodenberg, auf der anderen den heiligen 
Georg und das Wappen der v. Münchhausen. 
Taufbecken. Auf dem Boden des aus Messing getriebenen Taufbeckens ist eine 

Darstellung des Pelikans mit seinen Jungen angebracht. 
Wappen. Neben dem Eingange im Westen ist das Hodenbergsche Wappen , in 

Sandstein gearbeitet, zu sehen; es hat die Jahreszahl 1598 und die Bezeichnung 
in Lapidaren: 

Die von 
Hodenberg. 
Auf einer Holztafel im Innern sind fünf Bronceplatten befestigt; die 
mittlere enthält das Wappen derer v. Hodenberg. 



Kirchboitzen. 

Kirche. 

Litteratur: Hodenberg, Hodenberger Ürkundenbuch ; derselbe, LUnebnrger 
Urkundenbuch XV; Meinardus, ürkundenbuch des Stiftes und der Stadt Hameln; Suden- 
dorf; Spilcker, Geschichte der Grafen von Wölpe; Manecke II; Regenten - Sahl 1698; 



-^ 133 8^ 

B(Sttger, DiOceBan- und Gau - Grenzen ; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Holscher, Be- 
schreibung des Bisthums Mind«n, Zeitschr. f. westf. Gesch. u. Alterthumsk., Band 33 u. 34; 
Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen ; Grlitter, Arbeiten über den 
Loingau, Hannov. GeschichtsbL, 2. und 3. Jahrg. 

Quellen: Grütterscher Nachlass im Stadtarchiv zu Hannover. 



Das zum Archidiakonat Ahlden gehörige Kirchdorf wird bereits 1203 Geschichte. 
genannt. 1226 bestätigt der Erzbischof Gerhard zu Bremen dem Kloster Zeven 
die demselben verliehenen Privilegien und Güter, darunter auch „ Botsem . cum 

medietate ecclesie **. 1276 begegnet der sacerdos Johannes de Botsem. 

1342 kommt der plebanus Ludolfus in Bötzem vor. Das Pfründenverzeichniss 
von 1034 erwähnt „eine Gapelle tho Olden Boetzem binnen dem Dorpe und 
eine Capelle tho Kerckbotzem; ist de Parkercke**. 1625 kam der Brüggemannsche 
Altar aus Walsrode in die Kirche (vergl. Walsrode). Am 2. September 1724 
^^Ihete, einer Inschrift der grösseren Glocke zu Folge, eine Feuersbrunst, 
^reiche auch den Kirchthurm ergriff und das Geläute vernichtete. 1742 wurde 
die Kirche auf zwei Drittel von Westen her erneuert und um 1861 das Schiff 
und der obere Theil des Thurmes neu gebaut. 

Von der alten Kirche ist nur die untere Hälfte des viereckigen West- Thurm. 
thurmes erhalten, welche auf der Nordseite zwei jetzt zugemauerte, rechteckige, 
schlitzartige Oeffhungen enthält und aus Findlingen erbaut ist. 

Die 1,17 m im Durchmesser grosse Glocke hat zwischen zwei Ornament- Glocken. 
streifen am Halse die Inschrift: 

M: Thomas Rideweg goss mich in Hannover. 

In der Mitte und am Rande befmdet sich je eine zweizeilige Inschrift. 
Die letztere enthält das Jahr des Gusses 1725, sowie die im geschichtlichen 
Theil gegebene Nachricht 

Die kleinere, 92 cm im Durchmesser grosse Glocke trägt zwischen zwei 
Omamentstreifen am Halse die Inschrift: 

«M: Thomas Rideweg goss mich in Hannover Anno 1725.*' 

Ausserdem ist in der Mitte eine dreizeilige und am Rande eine einzeilige 
Inschrift angebracht. Sämmtliche Buchstaben sind Lapidare. 

Unter dem Sechsblattfuss des einfachen, silbervergoldeten Kelches sind Kelche. 
die Namen der Stifter und als Zeitangabe die Zahl 1730 angegeben. 

Ein zweiter Kelch aus demselben Metall, welcher auf seinem runden 
Fusse einen aufgelegten Grucifixus zeigt, ist in den Formen des XVin. Jahr- 
hunderts gehalten. 



KipchTxrahlingen. 

Skirche. 

Litteratnr: Von Hodenberg, LUneburger Urkundenbuch XV; derselbe, Hoyer 
Urknndenbnch; derselbe, Hodenberger Urknndenbuch ; derselbe, Lüneburger Lehnregister; 
MeiAftrdiiB, Urknndenbach des Stiftes und der Stadt Hameln ; Vogell, Geschlechtsgeschichte 



-^ IM %^ 

der Herren Behr; Sndendorf; Manecke II; Regenten-Sahl 1698 ; Wippermunn, Beschreibung 
des Bukki-Gaues; ßöttger, DiOcesan- und Gau-Grenzen; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; 
Holscher, Beschreibung des Bisthnms Minden; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, 
Kirchenbeschreibungen; Grütter, Arbeiten über den Loingau, Hannov. Geschichtsbl., 
3. Jahrg. und Stiftung des Klosters Walsrode durch den Grafen Walo, Walsrode 1886. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Verzeichniss der 
kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896; Kirchenrechnungen und Pfarmachrichten in Kirch- 
wahlingen; Grlltterscher Nachlass im Stadtarchiv zu Hannover. 



Geschichte. Das ehedem zum Ärchidiakonat Ählden gehörige Dorf besitzt eine 

Kirche, welche dem heiligen Kreuze geweiht war. Hier hat bereits in romanischen 
Zeiten ein Gotteshaus bestanden, dessen wuchtiger Thurm in seinem grösseren 
Theile die Jahrhunderte überdauert hat. Nach einer zwischen 1237 und 1247 
geschriebenen Aufzeichnung hatte der Schultheisse zu Hameln vom dortigen 
Propste neben Anderem „jus suum in bonis Walige et Himelendorpe" zu 
Lehen. Femer heisst es dort: „tale jus, sicut scultetus habuit in curia Walie, 
concessit villico'*. 1265 wird Albertus de Walie unter den ecclesiarum rectores 
aufgeführt. Zwischen 1330 und 1352 erhielt „Her Roder van der Etzene beyder 
dorpe to Walige" von den Herzögen Otto und Wilhelm zu Lehen. 1360 empfing 
«Hilmer van der Ecenden tegeden to Kerualinge. den tegeden to Olden Walge** 
zu Lehen. Nach der Zerstörung der Bunkenburg verlegten die Burgmänner 
den Sitz ihres Gerichtes nach Kirchwahlingen. 1392 hören wir von dem 
„gherichte to Walye**. 1434 erkennen die Herzöge Otto und Friedrich dem 
Dietrich Rotermund und Erben ihre Schuld von 50 Lübecker Mark in ihrem 
Meierhof „to Waly" an. 1445 belehnt der Hameler Propst Graf Ludolf von 
Spiegelberg den Dietrich Rotermund und dessen Erben mit dem Meierhof «to 
Walinge ''. Dem genannten Propst stand 1454 auch das CoUaturrecht über die 
Kirche zu Walie zu, dem Archidiakon zu Ahlden aber die Einführung. 1459 er- 
klärt der Kirchherr zu Walie „Her Otte Vulle" sowie die Aelterleute, dass 
Werner Behre und seine Gattin Sydeke zum Bau des Chores („tho dem Khore 
to huwende"") 50 gute rheinische Gulden in Gold zur Ehre der heiligen fünf 
Wunden, unserer lieben Frau und des heiligen Kreuzes gegeben haben, wofür 
ihm und seiner Gattin jährlich fünf Messen und. Vigilien mit fünf Priestern in 
der Kapelle zu Rethem gehalten werden sollen. Diese Summe hatten die Vor- 
steher des heiligen Kreuzes zu Walige 1465 zum ^gebuwe vnde nutt des 
hilligen Cruces" verwandt. 1699 wurde der Thurm, nachdem in der Weihnachts- 
nacht 1698 die Spitze heruntergeweht war, um 18 Fuss niedriger gemacht. 
1701 wurde das romanische Portal auf der Westseite des Thurmes zugemauert 
und in demselben ein Erbbegräbniss der von Hedemann angelegt. 1730 Hess 
Katharina Dorothea Behr das Erbbegräbniss ihrer Familie erneuern. 1742 zer- 
störte ein Brand die Thurmspitze und den angrenzenden Theil des Kirchen- 
daches, welche deshalb einer Neuerung unterzogen werden mussten. Der Thurm 
wurde um weitere 18 Fuss verkürzt. 1747 wurden die beiden Glocken gegossen. 
1783 kam ein neuer Altar an die Stelle des 1513 gefertigten in die Eurche, 
welcher 140 Thaler kostete. Ausserdem wurde die Kanzel ausgebessert und 



-4 135 S-»- 

dem Altar ähnlich bemalt. 1842 stürzte das Choi^wölbe ein und wurde duich 
eine geputzte Holzdecke ersetzt. Am 10. April 1901 schlug der Blitz in den 
KirchtburiD und brannte denselben aus, wobei auch das Geläute zu Grunde 
^Dg. Hier befanden sich nach Manecke zwei freie schriflsässige, aber nicht 
landtagsfähige Höfe. Das Patranat tlbte 1454 Graf Ludotf von Spiegelherg, 
Propst des S. Bonifatius-Stiftes zu Hameln, später die Landesherrschaft, welche 
es'i dem Johann Philipp von Hattorf auf Böhme iJberliess. Dieser legte es za 
dem .Gute in Böhme. 

Die Kirche besteht aus Schiff, Chor, Sakristei rnid Westthurm. Beschreibung. 

Das durch einen breiten, spitzbogigen, unprofilierten Triumphbogen mit Schiff und 
dem Chore verbundene Schiff ist aus Eisensteinen, Backsteinen und Findlingen " 

erbaut. Es wird von zwei gothischen 

Kreuzgewölben aus Backsteinen mit .'J. " 

Eimstabrippen und glatten, runden — 

Schlusssteinen überspannt. EUn halb- ^ 

kretsl&rmiger, ungegliederter GuHbogen 

trennt die beiden Joche. Die Rippen ,~ . 

■werden von Sandsteinkonsolen, welche ^ 

auch im Chor noch erhalten sind, unter- ^ . 

stützt. Der letztere ist im Osten durch "^ . 

das halbe Zehneck geschlossen, in Back- ™ 

steinmauerwerk errichtet und hat jetzt -^■ 

eine geputzte Holzdecke. Eine Fläche T. 

über dem Chore ist mit Mönchen und f* ' 

Nonnen, das übrige Dach mit Pfannen '" 

gedeckt. Sechs pultdachförmig ab- I. 

gedeckte Strebepfeiler stützen die Chor- ": 

ecken, drei die Nord- und fünf die 
Südseite des Schiffes. Die niedrigen 

Fenster im Schiff schliessen mit un- .^ : 

regelmässig gearbeiteten, flachen Bl^^en, 

die Chorfenster, bei denen das Rund- ^ : 

und das Viertelstabprofil vorherrscht, '-^' 

sind flachbogig geschlossen und sitzen 

^ : , . , , , ™ . Fl«, M. Kirche in Kirtliwahllngen i TUüre. 

IQ bpitzbogennischen. In den 1 nür- 
Ttegel des in Fachwerk ausgeführten, 

gc^enannten Brauthauses ist die Jahreszahl 1764 eingeschnitten ; dasselbe wurde 
vor die spitzbogige Eingangsthür in der Nordseite gesetzt. Auf derselben Seite 
liegt in einer spitzbogigen Nische mit Rundstabeinfassung ein flachbogiger Eingang, 
dessen alte Holzthür noch erhalten ist (Fig. 34). In die Emporen an der West-, 
Iford- und theilweise Südseite ist ein Stück Renaissancebrüstung eingebaut. An 
^inem einfach gehaltenen Kirchenstuhte ist zu lesen: „U B M 1777". In den 
Chorwänden sind mehrere rundbogige und flachbogige Nischen angebracht. 

Die in Fachwerk ausgeführte Sakristei auf der Südseite ist durch eine SukriBtei. 
flachbogige, mit dem Rundstabe profilierte Thür mit der Kirche verbunden. 



-** 136 !-t- 

Der schwere, aus lageriiafl bearbeiteten Findlingen und einzelnen Eisen- 
steinen auf abgeschrägtem Sockel errichtete, romanische Westthurm hat 10,1 m 
Süssere Länge und 9,9 m Breite. Eine 0,90 m im Liebten breite, überwölbte 
Thurmtreppe fährt in dem 2,3 m starken Hauerwerk der SQd- und Westsäte 
nach dem Glocbenstuhl. Auf den drei freien Seiten des Thurmes ist je eine 
in einer Rundbogennische liegende, romanische Schallöffnung mit zwei Tlieilui^s- 
säulen angeordnet Der zugemauerte, romanische Eingai^; mit darüber befind- 
lichem, in tiefer, schräger Laibung liegendem Ereisfenster im Westen, die 
Relhemerthür genannt, verschliesst die Gruft der 
Familie t. Hedemann. Ausserdem sind mehrere 
rechteckige Schlitzfenster |und eine Vierpassöffnung 
auf den Seiten zu sehen. 

Die Altarwand stammt aus, dem Jahre 1783. 
Zwei seitliche, glatte Säulen tragen ein verkröpftes 
Gebälk mit segmentfflrmigem, oberem Abschluss. 
Unten ist das Abendmahl auf Holz, darüber Chiisti 
Auferstehung auf Leinwand gemalt. 

Ein 39 cm hoher, gothisdier Altarleuchter 
aus Hesüng trägt auf dem Fuss zwei länglich 
runde Schildchen mit je einem Wappen und den 
Bezeichnungen: .Arendt • t - Honnslede — Drost- 
z • Nienborch und Margreta • t • Elte*. Auf beiden 
Schildchen ist die Zahl 1594 vermerkt (Fig. 35). 
Ausserdem sind noch zwei 3ö cm hohe, gothische 
Altarleuchter mit zwei Knäufen am walzenförmigen 
Schaft vorhanden. 

Ein hölzernes, geschnitztes, farb^ be- 
handeltes Grabmal an der Südseite im Chor enthält 
in der Mitte mehrere Familienwappen, kriegerische 
Sinnbilder und das Wappen des 1726 verstorbenen 
Obersten Bodo Ludwig v. Tomey, Auf dem 
länglich runden Felde unter der Inschrift sind 
14 gemalte Wappen angebracht. 

Ein Grabstein zeigt in einer Bogennische den Gekreuzigten zwischen 
einem in Brustbildern daifrestellten, betenden Ehepaare und folgende von zwei 
Pilastem eingefosste Lapidarinschrift: 

, Anno den ist der edle vnd ehmveste Arendt • von - Honstede, 

in Gott den Hemn entschlafen dem Got gnedig sei, vmb Christi Jbesv 
wiellen amenn". 

,Anno • 1 ■ 5 • 6 • 9 • am Tage cantate, ist die edle vnd woltvgentsame 
Margreta von • Elten ■ Arendt • von Honstede eliche Havs&aw in Got den 
Hern entschlafen der Gott gnedig se vmb Christi Jhesv willen amen*. 

Neben der Schrift sehen wir vier Wappen mit der Bezdc^ung: 
D. V, Honstede. D. v. Elten. 

D. V. Hom. D. V. Zerzen. 




i • 
-^ 137 H- 

Ausllerdem ist an dem Steine ein Meisterteichen angebracht, welches 
die Buchstaben Y, 6, H und E erkennen lässt. 

Ein räderer Grabstein an der inneren Sftdwand des SchiflFes zeigt in 
einer Bogednische ron den Ahnenwappen umgeben einen Ritter und eine 
Edclfrau knj^eQd unter dem Gekreuzigten. Darüber stehen in schrfig gestellten 
Lapidaren die Worte: »Also heft Godt de Werlt gelevet u. s. w.** und darunter: 
,Anno 15... ist er edle vnde emreste Ernst van Alden in Godt den Hern 
entalapen dem godt gnedich si*. 

Eine weitere Inschrift in gerade gestellten Lapidaren lautet: 

„Anno 1574 den 5 Avgysti ist de edle erbare vnde voldvgentsame 
Anna van Hi(denbarge Ems van Alden elige Hvsfrvwe in Godt vor- 
stolrven der seien Godt gnedich sL" 

Der Grabstein des 1424 gestorbenen Ortgis Behr mit dem zubehörigen 
Wappen ist im Chor aufgestellt. 

Ein weiterer Stein wird jetzt durch den Holzfussboden des Chores 
verdeckt. Nach MithoflF lautet die Inschrift: 

,anno dn? mccclxiii achte dage na lichtmessen starf eilhard . . • aide . . •". 

Der Grtibstein des 1683 gestorbenen Cord Erich Bartels auf dem Kirch- 
hofe zeigt <fen Verstorbenen in ganzer Figur und einen geflügelten Engelskopf 
in der BekrÖnimg. 

Die einfache, hölzerne Kanzel mit Säulchen an den Ecken und Kanzel. 
Renaissancegesimse hat ih den FOllungen und am Schalldeckel Formen aus dem 
Ende des XVIII. Jahrhunderts. 

Der silbervergoldete Kelch mit Patene hat auf dem sechstheiligen Fusse Kelch. 
ein Wappen mit der Lapidarinschrift: . Christian Ofner le-SQ**" und dem 
gegenüber die Buchstaben I H S. Auf den viereckigen Zapfen des Knaufes ist 
der Name jlle^vs zu lesen. 

In die Mauer des Chores ist ein zierliches, von zwei Fialen begleitetes, Schränkchen. 
roth bemaltes, gothisches Holzschrftnkchen eingesetzt von 95 cm Höhe und 
63 cm Breite. Auf der Thür desselben ist in Malerei eine von zwei Engeln 
gehaltene Monstranz dargestellt, von einem Schriftband mit den Worten: 
,o vere digna hostia'' umgeben. Das Ganze ist eine Arbeit des XV. Jahrhunderts. 

Ein gothischer, aus Sandstein gearbeiteter, zum Theil neu hergestellter Tauf stein. 
Taufstein trägt auf dem sechseckigen, mit vier S&ulchen ausgestatteten Fuss 
ein halbkugelf&rmiges Becken voa 90 cm Durchmesser. Das Becken ist am 
Rande mit aufgelegtem Blattwerk versehen. 



Meinerdingen, 

Kirohe« 

Litteratnr; Von Hodenberg, LUnebnrger Urkundenbuch XV; derselbe, Hoden- 
berger ürknndenbnch; derselbe, LUnebnrger Lehnregister; Sndendorf; Pratje, Altes nnd 
Neues VII und IX; Maneeke II; Regenten -Sahl 16d8; Wippermann, Beschreibung des 

18 



-<-8 138 S^ 

Bukki-OaneB; Eayser, Barchenvisitationen 1897; Böttger, Didctsan- ^nnd Gaä-Qrenzen ; 
Holschcr, BeBchreibung des BiethnmB Minden; Preudenthal, Heidefahrten; Mithoff, Knofft- 
^enkmale IV; derselbe, Kirch cnbeBcbreibnngQn; Grllttcr, Arbeiten Über den Loingan, 
HannoT. Geschicbtsbl., 3^ Jahrg.; Jürgens)' ein Amtsbnch des' Klosiers '(f'alsrode, ebeu- 
dort, 2. Jahrg. ' , '."''. 

Quellen: ' Orlttterscher Nachbisa im Stadtarchiv zu ITannover; Kirchcnbacfa 
im Pfarrurchiv. ' 



Das Dorf Meinerdingen gehörte mit seiner dem heiligen Gwrg geweihten 
Kirche vormals zum Bisthum Verden, wurde aber später gegen 'Wolterdingen 
an idas Fürstentimm Lüneburg abgetreten und kam so ß.a das Hindener Archi- 
diakonat Ahlden. 1251 b^egnet Johannes plebanus de l^eyderdinge. Am 
2. Dezember 1269 schenken die Edelherren 'Wedekind und Ludinger Gebrüder 
und ihr Vetter Johann von Garrssenbüttel dem Kloster 'Walsrode für die Auf- 
nahme von Wedekind's Tochter in das Kloster die Kirche zu Meyderdinghe, 



Flg. se, Kirche In UalnerdlnK^n; Gnuidrias 



und der Mindener Bischof Gottfried übertrug dieselbe am 6. Oktober 1307 dem 
gedachten Kloster. Von dem ,kerspelde to Meynerdinghe" ist gegen Ende des 
XIV. Jahrhunderts die Rede. Auf einer 1855 umgegossenen Glocke befand sich' 
das Bild des Schutzheiligen. Es war der Inschrift zu Folge eine Marienglocke,- 
1507 von Kord van der Heyde gegossen. 1517 erklären Otto und Herbord von 
Ahlden, Gebrüder, Söhne Kurts, dass ihre verstorbene Mutter dem Gotteshause 
einen Kelch verkauft habe, welchen sie von ihrem Schinuck und Silber- 
geschmeide habe machen lassen. 1648 verehrte Lükke Hermann! einen Kelch. 
1653 wurde der Altar erneuert. Das 1663 begonnene Kirchenbuch nennt an 
Geräthen neben Anderen folgende: einen silbernen, innen vei^ldeten Kelch, 
einen 1699 für 14 Mgr. gekauften, zinnernen Erankenkeleh, emen kleinen 
zinnernen Kelch vom Jahre 1586, welcher 1699 dem Kanngiesser unter Hinzu- 
bezahlung von 26 Mgr. gegen einen neuen Kelch, einen Teller und eine Flasche 
g^eben wurde; eine zinnerne Weinflasche von 1590; eine hölzerne Hostiendose; 



-«« 139 8^ 

zwei messibgene Altarleuchter; einen Taufstein; einen alten kleinen Beutel, 
woran Christus am KreuK zwischen Maria und Johannes u. A* m. 1705 wurde 
die grosse steinerne Taufe vom Chor vor dem Altar weggenommen. 1720 ver- 
ehrte der Pastor Johann Christoph Cläre bei seinem Al)gang nach Bui^dorf 
einen silbernen, innen vergoldeten Krankenkeldi. 1745 wurde die Kirche innen 
geweisst. 1768 schenkte Dietrich Friedrich Dammann, Bü^r und Brauer in 
Hamburg, einen neuen Altar und liess den TauTengel neu vermalen und 
vergolden; auch schenkte er ein Bild, das Kreuz Christi darstellend. Sein 
Halbbruder H. Jungen Peter Meyer liess zur gleichen Zeit die Kanzel neu 
vermalen. 

Die Kirche, welche der gothischen Zeit angehört, besteht aus Schiff, Beschreibung. 
Chor, Westthurm, einer angebauten Sakristei im Süden und einer Vorhalle 
im Norden. 



■ptg, 57. Klrcho In MetnerdlnBsn. 

Das unten aus Feldsteinen, oben aus Backsteinen erbaute, mit dem 
schmaleren Chor durch einen spitzbogtgen, ungegliederten Triumphbogen ver- 
bundene, aussen und innen geputzte Schiff (Fig. 36 und 37) wird von zwei 
Fechteckigen Kreuzgewölben aus Backsteinen überspannt. Die Gewölbe haben 
ebenso wie das Chorgewölbe scharf vorgezogene Grate. Der Chorgiebel wird 
durch Blendnischen gegliedert. Drei pultdachförmig abgedeckte Strebepfeiler 
aus Backsteinen stützen die östlichen Ecken des Chors und die südwestliche 
Ecke des Schiffs. Die Fenster sind, abgesehen von einigen neueren, eintheilig 
und spitzbogig; in zweien an der Südseite sind die vorgezogenen Nasen im 
Bogen noch erhalten. In der Nordseite liegt eine gefaste, spitzbogige Eingangs- 
thür mit einer Vorhalle. In der Westwand befindet sich eine grosse, spitzbogige 
Oeffnung und in der Nordwand eine flachbogige Nische. Der rechteckige, 

18» 



-^ 140 8^ 



Altarlenchter. 



GUumuderei. 



i^ 



schmalere Chor ist um eine Stufe erhöht« Emporen mit gut profilierten Kopf- 
bftndem sind auf der West- und Südseite angeordnet. 
Thnnii. Der hölzerne, quadratische, aussen mit Bohlen verkleidete Westthnnn 

ist durch einen kleinen Zwischent)au mit dem Schiffe verbunden und trägt 
einen viereckigen Helm. 

Zwei 56 cm hohe Altarleuchter aus Messing zeigen nach gothischer Art 
einen walzenförmigen, mit drei Knäufen versehenen Schaft und ruhen auf je 
drei Füssen. 

Zwei kleine, länglich runde, mit Wappen versehene Glasgemälde in 
einem Fenster der Südseite haben die Lapidarunterschriften: 

lletl,e • Marshalck • vxor • selige • 
und 

Andreas • v Mandelslo o a s s 1623. 

Auf einem Glasgemälde in einem anderen Fenster derselben Seite ist 
der Auferstandene sichtbar; die Bezeichnung lautet: 

Anneke • to • Vtzing 

Der Godt gnedich si. 

Kelch. Ein kleiner, silbervergoldeter Kelch 

mit zubehöriger Patene trägt auf dem 

runden Fusse die Jahreszahl 1720 und die 

Buchstaben IFM. 

Die Lapidarinschrift des oben mit 
dem Doppeladler geschmückten Bronze- 
kronleuchters lautet: «Andreas • Lvdewjg • 
Tränier — Anna • Elisabet • Tränier • 
gebome • Lvdersen • 1733.'' 
Siegel. Das runde Kirchensiegel zei^t den 

St Georg als Drachentöter. In der Um- 
schrift ist zu lesen: «Sänct • Gregörivs*. 
Der in Weiss und Gold gehaltene, 
hölzerne, ausser Gebrauch befindliche Tauf- 
engel hängt unten im Thurm. Die mit 

Zinn ausgelegte Muschel, welche er früher Fig. SS. Kirche in Meinerdingen; Zinnvmse. 

in der Hand hielt, trägt die Inschrift: 

«Hans Friedrich Moritz 1729', femer als Zeichen eine Rose und einen geflügelten 

Engel mit Pahne und der Zahl 1707. 

Der 0,44 m hohe Fuss des einfachen achteckigen Taufsteins steht bei 
der Kirche. Das 83 cm im Durchmesser grosse Becken befindet sich m VorbrQck 
bei Walsrode. 
Vasen. In die beiden Zinnvasen sind die Namen der Stifter und die Jahres- 

zahlen 1702 und 1728 eingraviert (Fig. 38). 



Kronleuchter. 



Tanfengel. 




Taufstein. 



-*^ 141 8«^ 

Nopddrebber. 

Kapelle. 

Litteratnr: Von Hodenberg, Calenberger Urknndenbaeli V; derselbe, LUne- 
bnrger Lehnregister; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Orlitter, Loingaiii Hannoy. 
GrescfaichtebL, 2. Jahig. 

Quellen: YerzeicbniBB der kirchlichen Knnstdenkmller yon 1896; Kapellen- 
rechnungen von Korddrebber in Güten. 



Das westlich der Leine im ehemaligen Archidiakonat Bfandelsloh Oeachichte. 
gel^ene, bis 1869 zmn Amt Neustadt gezählte Dorf gehört jetzt zur Pfarre 
Güten. Am 10. Juli 1033 bestätigte der Kaiser KonlnSid ü. die Schenkungen 
für das neu gestiftete Kloster St. Martini in Minden, darunter Güter in pago 
Loinga im ' Dorfe »Triburin', nach Grütter dem jetzigen Norddrebber. 
Am 4. Dezember 1251 schenkte der Graf Konrad von Wölpe dem Kloster 
Mariensee das Obereigenthum von Gütern in «Northtreueice" und in ,Suttreuera', 
liirelche seiq Vasall Albert von Schwarmstedt dem Kloster verkauft hat Nach 
dem Visitatiitasprotokoll vom Jahre 1543 erhielt der Pfarrer von Niedernstöcken 
jährlich einen Gulden aus der Kapelle »Nordreber, das er bisweilen dahin gehe 
Tnd predige*. 1690 gehörte die Kapelle ziff Parochie Gilten. 

Die Kapelle stammt mit ihrer ganzen Einrichtung aus der Mitte des Beschreibung. 
XVIIL Jahrhunderts. 

Die rechteckige, auf einem Backsteinsockel errichtete Fachwerkkapelle 
von 12,5 m äusserer Länge und 7,10 m Breite hat ein im Osten abgewalmtes 
Satteldach und einen Glockenstuhl im Westen. Das Innere wird durch eine 
bogenförmig gekrümmte, geputzte Holzdecke abgeschlossen. Die auf der Süd- 
seite liegende Eingangsthür und sämmtliche Fenster sind mit geradem Sturz 
versehen. 

Vor einer Sakristeithür ist auf einer Schwelle die Inschrift: «Anno 1757" 
zu lesen. 

Die mit der Kanzel verbundene, schlicht gehaltene Altarwand steht auf Altar, 
einem gemauerten Tisch. Kamel. 

Zwei hölzerne Altarleuchter in Barockformen zeigen einen ge- AltarlenchtHr. 
wmidenen Schaft. 



Ostenholz. 

Kirche. 

Liitteratur: Sndendorf; von Hodenberg, Lttnebnrger Urkundenbnch XV; der- 
selbe, Hodenberger Urknndenbnch ; Manecke II; Meyer, die Provinz Hannover; Holscher, 
Beschreibung des Bisthnms Minden; Mithoff, Knnstdenkmale IV; derselbe, Kirchen- 
beschreibnngen ; Wippermann, Bnkki-Gau; Grütter, Arbeiten über den Loingan, Hannov. 
Geschichtsbl., 8. Jahrg. 

Quellen: Urknnde des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover. 



H>*8 142 8^ 



Geschichte. 



Beschreibung. 
Schiff. 



Ostenholz, jetzt Kirchdorf, ist innerhalb des Archidiakonats Ahlden im 
Mindener Loingau belegen. Im Jahre 1360 erhielt Heinrich von Hodenberg 
vcnn Herzog Wilhelm zu Braunschw6ig und Lüneburg . einen Hof ,to Osterholte" 
zu Lehen. Der Ort wird im Jahre 1381/82 zum Kirchspiel Dorfmark gerechnet. 
1489 wird das Dorf zur Parochie Düshorn gezählt, wohin es bis 1711 gehört hat 

Die Kirche besteht aus Schiff und Westthurm. 

Das auf massivem Sockel in Fachwerk errichtete Schiff hat schlichte, 
rechteckige Fenster, hölzernes Hauptgesims und ist im Osten durch das halbe 
Z^hneck geschlossen (Fig.- 39 und 40).» In den Langseiten liegt je eine Eingangs- 




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Fig. 31). Ktrehe In Oätcnholz; Grundrisi^. 



ITiurm. 



Altar. 



thür. lieber der Thor an der Südseite hängt eine Holztafel mit dem Vers 
Matth: 11, 28 und der Zeitangabe ,den 15*«E October 1724*. Hierüber befindet 
sich auf einer Uolztafel eine Spnnenuhr mit dem Spruch: 

Mit euch, o Freunde werd ich mich 

Von Sonn zu Sonnen schwingen. 

Mit euch dem Welten Schöpfer Dank« 

Und Preis und Ehre singen. 

Unten stehen die Worte: „Von etlichen Wohlthätigen Gliedern der 
Gemeine zu Ostenholz angeschafft 1781 '. 

Ueber den hölzernen Emporen an der West-, Nord- und Südseite 
ist die geputzte Holzdecke flach gehalten und zwischen denselben tonnen- 
förmijf gewölbt. 

Der Thulm ist unten quadratisch, oben achteckig und mit Brettern 
verschalt. Der Helm trägt in der Wetterfahne die Jahreszahl 1724. 

Die hölzerne, mit Weiss und Gold behandelte Altarwand zeigt eine von 
zwei glatten Säulen getragene, segmentförmige Bekrönung. Die eingebaute Kanzel 
ist mit gutem Ornament und Engelsköpfen verziert. Der Schalldeckel zeigt 



-»4 143 »-»- 

iHusch^tfelffc und'hoeh oben den Gekreuzigten. ' Unten steht- 2u den Seiteil des 
'Eanzelfiisses : ... 

Christoph Winkehnann.' 
Adelheit Catharine Köning. 
Anno - 1725. 
und der Vers 1. Cor. 11. 28. 

Zwei 33 cm hohe Altarleuehter aus Messing zeigen die Formen der Aitarleuchter. 
ersten Hälfte des XVllI. JahrbuQderts. ~ 

Auf einer 10,6 cm langen und 3,5 cm hohen, silbernen, zum Theil Ciborium. 
vei^oldelen Oblatendose sind die Namen der Stifter Hans Chrisloffer Maller und 
Anna Dorothea Müllers, sowie die Jahreszahl 1726 auf dem Deckel vermerkt. Die 
untere Seite trägt als Zeichen das springende Pferd mit darunter befindlicher 12 
und die Buchstaben I C S. 



FIk. W. KJrcb« in Oiitaohalz; SQdtiaite. 

Der 1726 angefertigte, 21,5 cm hohe, silbervergoldcte Kelch mit Kolcho. 
zubehöriger Patene zeigt auf dem runden, profitierten Fusse die Spuren eines 
aufgehefteten Grudfixus und hat feinen Becher mit leicht geschweiftem Rand, 
sowie dieselben Zeichen wie das Ciborium, 

Der andere, fast gleich grosse und ähnlich gearbeitete Kelch trägt auf 
der Patene die Inschrift: ,E. H. v. D. 1780." und hat als Zeichen das 
springende Pferd mit darunter befindlicher 12 und nicht mehr erkennbare 
Buclistaben {L V E N?). 

Das mit Weiss und Gold behandelte, zugleich als i Lesepult benutzte Taufbecken. 
Taufbecken hat auf einem einfachen Sockel einen viereckigen Fuss mit leicht 



-^ 144 «H- 

geschwungenem Becken. Das Ganze ist mit Engelsköpfen mid Fruchtgehängen 
verziert. Auf dem Rande des Beckens stehen die Worte: ,Cord Eoenlng 
Maria Elisabeth Boeschen. Ao 1725*. 



R e t h e m. 

Gebäude auf dem Schlosshofe; Gerichtsgehttnde. 

Litteratnr: Merian; von Hodenberg, LUnebnrger Uvkundenbach XY; derselbe, 
Hodenberger Urkundenbnch ; derselbe, Hey er Urkandenbnch; derselbe, Galenberger 
UrkundenbuchVI; derselbe, Lüneburger Lehnregister; DoebnerlV; Sudendorf; Urkunden- 
buch der Stadt Lüneburg II und III; Urkundenbuch der Stadt Hannover; Vogell, Geschlechts- 
geschichte der Herren Behr; Manecke II; Regenten-Sahl 1698; Wippermann, Bukkigan; 
Havemann; Pfeffinger, Historie II; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Spilcker, Geschichte 
der Grafen von Wölpe; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden; Böttger, Diöcesan- 
und Gau-Grenien; Neues Hannov. Magazin 1810; Görges, Vaterland. Geschichten und 
Denkwürdigkeiten; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Zeitschr. 
d. bist. Ver. f. Nieders. 1878, 49 ff.; Grütter, Arbeiten über den Loiügau, Hannov. 
Geschichtsbl., 3. und 4. Jahrg. 

Quellen: Akten und Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Grtttterscher 
Kachlass im Stadtarchiv ebendasellüst 



Geschichte. Die am Zusammenfluss von Alpe und Aller belegene Stadt war vor- 

mals einer der Grenzorte des Bisthums Minden gegen das Bislhum Verden. 
Zwar wird der OH urkundlich erst 1239 (in seiner heutigen Namensform) 
genannt, doch kommt ein Conradus de Rethem bereits 1216 vor. 

Um 1270 erhielt Amoldus de Daum von den Grafen von Hoya .in 
Rethim 4. mansos quos habuit Bemhardus de Rothe miles, Item ibidem sex 
mansos, quos habuit Conradus miles et frater suns** zu Lehen. Der Zehnte 
stand 1273 der Mindensr Kirche zu. 1313 verkaufen die Herren von Hoden- 
berg ihre Besitzungen in Rethem dem Grafen von Hoya. 1367 wird Rethem 
unter die Lünebur^^schen «wicbelde" gerechnet. 1371 befand sich der Magistrat 
des Ortes unter denen, welche vom Kaiser in die Rdichsacht erklärt worden« 
weil sie im Lüneburg- Sächsischen Erbfolgekriege zu den Braunschweigischen 
Herzögen gehalten. 1372 und 1373 wird das Gericht zu Celle und Rethem 
genannt. 1382 wird der Ort als Stadt aufgeführt. Am 13. Juli dieses Jahres 
erklären Burchard von Lutter, Johann von Escherte, Henning und Ludolf Knigge 
sowie Hermann Frese, dass die Herzöge Wenzlaus und Albrecht von Sachsen 
und Lüneburg ihnen bis zum 22. März 1383 „Rethem hus vn stat gans* in der 
Weise verpfändet haben, dass sie daselbst Vögte der Herzöge sein sollen. Bei 
der 1407 von den Gebrüdem von Behr vorgenommenen Erbtheilung bekam 
Ortgis neben Anderem «ene koten vppe dem Kerkhoue to Rethem* und den 
dritten Theil an dem Hofe ta Rethem. Im dreissigjährigen Kriege hat die 



/ 



-<^ 145 8^ 

Stadt viel ausstehen müssen. 1653 wurden Dach und Sparrenwerk des Amts» 
hauses als allzu hoch und steil niedriger gemacht. Am 18. Oktober 1704 
brannten 114 Wohnhäuser und 39 Nebengebäude nieder. Im siebenjährigen 
Kriege hat der Ort wiedenmi arg gelitten ; vom 24. August 1757 bis 21. Februar 1758 
ist er von Einquartierung nie frei gewesen. Wie bereits zu Merians Zeit theilt 
sich das Städtlein in die Bürgerei, Amtsvorburg und Junkcrnvorburg. Das 
Siegel des Magistrats zeigt einen Löwen, welcher aufrecht steht und den Rachen 
auf^)errty sowie die Umschrift: Signeta Rethen 1634. Die Amtsvorburg stand 
früher unter der Jurisdiktion des Amtes; die Junkernvorbuig und die Buten- 
thorsche Acht, zu welcher die Stellen vor dem Thore gehörten, standen unter 
dem Bunkenburger Junkemgericht zu Wahlingen. Auf der Amtsvorburg stehen 
die Grebäude des ehemaligen Amtes Rethem. In der Junkemvorburg lagen 
12 adelige Burgmannssitze, welche nach Manecke in folgender Weise vertheilt 
sind: Die von Schlepegrell zwei, die von Tomey zwei, die von Behr zwei, die 
von Uten einen, die von Spörken einen, die von Möller einen, die von Bothmer 
einen, die von Duve zwei. Ausser dem Zugange über die Allerbrücke sind das 
Celler- oder Heinholzerthor sowie das Mühlenthor vorhanden. Ein grosser 
Brand verheerte am 3. Juni 1834 den grössten Theil des Ortes. / 

1311 hören wir von dem Hauptmann (capitaneus) und den Burgmännem 
(castellani) zu Rethem. Am 13. März 1314 wird die Burg selbst genannt. Sie 
gehörte vermuthlich den Herren von Rethem. 1316 gestatten die auf dem 
Schloss wohnenden Gebrüder Johann und Dethard von Riden dem Herzoge 
Otto, einige Häuser in Bierde und Campe wieder einzulösen, sobald sie nicht 
mehr ,in Castro Rethem* wohnen werden. 1350 wird Ludolf Havekhorst als 
früherer herzoglicher Vogt zu Celle und Rethem bezeichnet. 1357 nimmt der 
Herzog Wilhelm den Grafen Gerhard von Schauenburg auf sechs Jahre in seinen 
Dienst und Schutz. Geräth der Herzog in einen Krieg, so verpflichtet sich der 
Graf, ihm 20 Gewaffnete in dessen Schloss ^tho der Nyenstad eder tho Rethem' 
zu stellen und ihm im Nothfall mit seiner ganzen Macht zu helfen.. Damals 
war also der Herzog zu Braunschweig und Lüneburg Inhaber , des Schlosses. 
1371 verpfändet der Herzog Magnus dasselbe dem Bischof Heinrich von Verden, 
dem Domkapitel daselbst sowie mehreren Rittern, und gestattet ihnen: «Ok 
moget se In Rethem • an • steynwerke • vorbuwen hundert lodyghe mark 
Brunswikescher wichte vnde witte." Der Verpfändung seitens der Herzöge 
Wenzlaus und Albrecht im Jahre 1382 ist oben bereits gedacht. Die vom Vogt 
Ludeke Juncher zu Celle für die Zeit vom 23. November 1382 bis 8. November 1383 
gefäbrle Rechnung über Ausgaben auf dem Schloss Rethem erwähnt mehrere 
Gegenstände zu dem «groten stenwerk*"; dasselbe wird eingedeckt, auch sind 
Zimmerleute dabei beschäftigt, und femer wird ein Tau zur Winde desselben 
angeschafft. 1388 wird Rethem unter den der Stadt Lüneburg von der Landes- 
herrschaft verpfändeten Schlössern genannt. Erstere hatte in den Jahren 1386 
bis 1389 Lambers von Alden, Ludeke von der Hecktlinge und Ortgis Kienkok 
nacheinander als Drosten daselbst bestellt. 1389 nehmen Ortgis und Gerhard 
Kienkok das Schloss vom Rathe der Stadt Lüneburg in Pfandschaft. 
1392 erklärt Ortgis Elencke, mit dem ihm gehörigen Sclilosse Rethem nimmer 

19 






->« 146 8^ 

den Herzögen behülf lieh sein zu wollen, um ein Mitglied der Säte zu schädigen, 
vielmehr, wenn letzteres gekränkt werde, sich mit seinem Schlosse auf die 
Seite der Satesleute gegen seinen Lehnsherrn stellen zu wollen. 1394 beschuldigen 
die Satesleute die Herzöge Bernhard und Heinrich, dass sie das Schloss, welches 
sie von den bei der Aufrichtung der Säte erhaltenen 50000 Mark von der Stadt 
Lünebui^ eingelöst haben, an Leut;e, welche der Säte nicht angehören, verpfändet 
haben. Sie ersuchen daher die Herzöge, das Schloss wieder einzulösen oder die 
Leute zu veranlassen, die Säte ebenfalls zu beschwören. 1400 verschreiben 
dieselben Herzöge der Herzogin Sophie, Gemahlin Heinrichs, Schloss, Haus und 
Stadt Rethem zum Leibgedinge. 1405 verpfänden sie das Schloss der Adelheid, 
Wittwe des Ortgis Elencke, und deren Söhnen. Sophie erhält als Ersatz das 
Schloss Celle. 1426 wurde es von den Herzögen Otto und Friedrich wiederum 
an Lüneburg verpfändet, welches zunächst bis 1504 im Besitz desselben blieb. 
Bis 1455 hat diese Stadt 2000 Lübecksche Mark an Baukosten für Rethem 
verwandt. 1471 belehnte Friedrich der Aeltere die von Ahlden „mit enem 
Borchlehne und veer Hove Landes bynnen und vor Rethem belegen", 
1475 wurde das Schloss zwar von dem Afterpfandträger des Rathes Johann 
von Oppershausen wieder eingelöst, jedoch noch in demselben Jahre dem 
Dietrich von Mandelslo und Dietrich von Ahlden verpfändet. Als Pfandinhaber 
der Stadt werden genannt: Roleff von Botmer 1487—1491, Diederick von Alden 
1492—1496, Ruleff von Hudenberg 1499 und Hinrick Bere 1504. Bald darnach 
scheint das Schloss vom Landesherm eingelöst worden zu sein. 1519 wurde 
dasselbe in der Hildesheimschen Stiftsfehde vom Herzog Erich von Galenberg 
dem Herzog Heinrich von Lüneburg genommen. Doch ist dieser bald darauf 
wieder in den Besitz des Schlosses gelangt und verpfändete es abermals an die 
Stadt Lüneburg. Es kommen Hinrick von Saldern 1520, Lippold von Stocken 1523, 
Cord von Ahlden 1539 und Hermann Schütte als städtische Pfandbesitzer vor. 
Kurze Zeit darauf hatte Bruno von Bothmer Rethem inne. 1544 — 1559 war 
Dietrich von Mandelsloh städtischer Drost, 1559 — 1567 Jobst von Münchhausen. 
1571 jedoch war Jürgen von der Wense fürstlicher Drost in Rethem; dieses 
war also wieder eingelöst. Als Burgmänner zu Rethem werden genannt: Die 
von Bücken, von Behr, von Tomey und von Ahlden; femer waren es die von 
Bamebrock, von Hälsingen, von Schlepegrell, von Honstedt, anscheinend auch 
die von Ride, von Eitzen, Haverber und von Fulde; später die von Bothmer 
und von Elencke. 

Bezüglich des an der Stelle des alten Schlosses errichteten Amtshauses 
sagt Merian: „Das Hauss ist ein altes Gebaew ins gevierdte auffgerichtet vnd 
in vier Stockwercken bestehend deren eins fast hoch ist vnd sehr dicke Mauren 
biss an das Dach hat. Ist aber bey diesem Kriegswesen sehr ruinieret.* 

1407 ist von dem „Eerkhoue to Rethem^ die Rede. Rethem besass 
anfangs nur eine Kapelle, welche Filial zu Wahlingen war. Am 17. Dezember 1454 
genehmigt der Mindener Bischof Albert, dass Werner Behr und dessen Gemahlin 
Sydeke einen Altar in capella sancte Marie virginis in suburbio Rethem in 
parochia Walie nostre dioecesis in laudem et honorem sancte et individue 
trinitatis patris filii et spiritus sancti et ejus matris gloriose virginis Marie et 



-«-8 147 ^1- 

sancti Georgii martiris de noslro ac venerabilium virorum dominorum nobilis 

Ludolfi comitis de Speyg^elberch prepo^U ecclede sancti Bonifacii Hamelensis 

antedicti diocesis ad quem collatio parochialis ecclesie in Walie nee non AlberU 

Weygewynt Tbesauraü et Archidiaconi in Alden in ecclesia Hindensi ad quem 

eiusdem ecclesie in Walie institutio dinoscitur pertinere ac domini Ottonls de 

Vtillen ejusdem ecclesie rectoris consensu asserto et volunlate gründen und mit 

Gütern zu Stöcken, Alten -Wabltngen und mit einer Geldrente dotieren und 

Oberträgt der Familie das Patronatsrecbt der neubegründeten Vikarie. Ueber 

das von demselben Bebr der Eircbe zu Wablingen gemachte Geschenk von 

50 Gulden siehe Kirchwahlingen. Durch die Reformation ymide die Kapelle 

zu einer eigenen Pfarrkirche erhoben. Das Amts-Erbregisler vom Jahre 1609 

bezeichnet dieselbe als reparaturbedürftig; sie sei an sich nur klein, von einem 

Lüneburgiscben Herzog durch Anl)aoung des 

Chores vergr&ssert worden; sie sei von Steinen 

gebaut und habe einen platten hölzernen Altar. 

In den Jahren 1697—1699 wurde die Kirche 

einer Reparatur unterzogen. Die Kosten beliefen 

sich auf 1305 Tbaler 18 Mariengroschen. Nach 

einem Aktenstück des Jahres 1756 war die 

Kirche 90 Fuss lang und 35 Fuss breit. 1765 

wurde an der Kirche abermals eine grössere 

Reparatur vorgenommen; die Kosten betn^en 

rund 722 Reidisthaler. Im Frühling 1828 stürzte 

die schon lange baufällige Kirche ein. 1837 begann ^ ^^ ^^_ ,„ ^^^^^. ^^^^^,, 

der Neutrau, nachdem ein Theil der Grundmauer 

schon vorher gelegt war. Am 3. Februar 1839 wurde die neue Kirche geweiht 

(Mittbeilung von Pastor Fabricius), 

Das schlichte, aus Fachwerk mit massivem Sockel und Mansardendach Bescbreibung. 
errichtete, frühere Amtshaus, jetzt Eigenthum des Herrn von Behr in Hoya, AmtshauB. 
zeigt vor der Eintiittsslufe die Jahreszahl 1733. 

Auf dem zubebörigen Hofe, dem früheren Schlosshofe, stehen noch die 
alten Stallui^en. Die nadi der Hofseite liegende Wand ist aus Fachwerk mit 
starken Stfindeni hergestellt. Das Dach wird von Holzkonsolen (Fig. 41) 
getragen. Die Aussenwfinde sind aus Backstein hergestellt. Auch ist ein Theil 
der alten Mauer noch erhalten. 

Das frühere Gerichtsgebäude hat ein massives Erdgeschoss und ein Gerichta- 
Obergeschoss aus Fachwerk. Das an den Schmalseiten zur Hälfte abgewalmte gcbäudc. 
Dach bt mit breiten Gauben belebt. Die flachbogige Eingangsthür und die 
einfiachen, recbteck^^n, in der äusseren Mauerflucht des Erdgeschosses liegenden 
Fenster werden von SandsteingewAnden eingefasst. Oben im Giebel des in der 
Hitte der Torderseite eingebauten Dacberkers steht die Jahreszahl 1792. 

In die Aussenwand eines Hauses auf der Junkemstrasse ist das von Wappen. 
Schepegrellsche Wappen mit der Bezeichnung ,A. F. V. S.' eingelassen. 




-t-8 148 8^ 

Sch^w^armstedt. 

Kirche. 

Litteratur: von Hodenberg, Calenberger Urkundenbuch V; derselbe, Lüne- 
burger Urkundenbuch V und XV; derselbe, Hodenberger Urkundenbuch; derselbe, Hoyer 
Urkundenbuch; derselbe, Lüneburger Lehnregister; Sudendorf; Urkundenbuch der Stadt 
Hannover; Begenten-Sahl 1698; Lüntzel, die ältere Diöcese Hildesheim; Spilcker, Geschichte 
der Grafen von Wölpe; Manecke II; Wippennann, Bukkigau; Böttger, Diöcesan- und 
Gau -Grenzen; Eayser, Kirchenvisitationen 1897; Holscher, Beschreibung des Bisthnms 
Minden; Mithoff, Kunstdenkmale IV; derselbe, Kirchenbeschreibungen; Grütter, Arbeiten 
über den Loingau, Hannov. Geschichtsbl., 3. Jahrg. 

Quellen: Yerzeichniss der kirchlichen Kunstdenkmäler von 18%; Kirchenbücher 
und Kirchenrechnungen in Schwarmstedt; Urkunden des hist. Yer. f. Nieders., siehe 
Katalog, Heft 1. 



Geschichte. Das frühere, zum Archidiakonat Ahlden gehörige Dorf besitzt eine dem 

Siegel gemäss dem heiligen Laurent ius geweihte Kirche aus gothischer Zeit. 
Zwischen 1153 und 1170 schenkte der Edelherr Mirabilis dem Moritzkloster 
auf dem Werder bei Minden neben Anderem die Kirche in i,Swarmenstidde*, 
und der Papst Lucius bestätigte zwischen 1181 und 1185 diese Schenkung. 
1221 wird ein Hartwigus de Swarmstede unter den sacerdotes aufgeführt, und 
1251 war Gerhardus sacerdos de Swarmsten. Um 1300 wird die .Parochia 
Swarmstede" gensmnt. Am 6. Juli 1345 leiht der Rath zu Hannover von 
Hartbert von Gramm, Pleban in Schwarmstedt, ein Kapital. Bei den 1360 vom 
Herzog Wilhelm vorgenommenen Neubelehnungen bekam Heiir. van Hademe- 
storpe den Meierhof ,|to Swarmsten'^. Dieses Gut besass die Familie noch im 
XVII. Jahrhundert; später erscheinen die von Lenthe als Inhaber desselben. 
1361 wird Olricus de Swarmstede unter den presbiteri genannt. 1368 begegnet 
Euerd Beere van Suarmsten. Im Hebungsregister des Vogtes zu Gelle aus den 
Jahren 1378/79 wird der Ort unter Winsen mit aufgeführt, wohin er vielleicht 
damals gehörte (Grütter). Am 1. Mai 1385 verpfänden die Herzöge Wenzlaus 
und Albrecht von Sachsen und Lüneburg den Gebrüdern Brand und Ludwig 
von dem Hus Zins und Rente ,in deme Swarmestedeschen Kerspelde* zu Gross- 
Grindau, Essel, Buchholz, Jeversen, Südwinsen, Alt * Schwarmstedt und «to 
Swarmesteden*. 1489 werden folgende Orte als zur Parochie Swarmsten 
gehörig bezeichnet: Ezele, Bokholt, Markeldorp, Olden Swarmstede und Grinde w. 
1597 wurde ein Altarlaken von Lüneburg für vier Thaler gekauft. 1598 wurde 
eine Thür, wohl die nach Westen führende an der Sakristei, zugemauert. 
Ausserdem wurde in diesem Jahre das Gestühl gebaut, wobei die Zimmerleute 
Henning Nochwer, Arendt Hardeke und Johann Rust thätig waren. 1602 erhält 
der Meister Gerd 14 Thaler dafür, dass er rund umher die Kirche befestigt und 
das Dach ausgebessert hat. 1604 wurde das Uhrwerk ausgebessert und 1608 
die Kanzel geschenkt. 1655 wurde ein Kelch gebessert, eine neue Zinnflasche 
auf den Altar gekauft und vom Goldschmied Dietrich Adam in Celle ein neuer 



-0^ 149 »->- 

silberner Kelch für rund 34 rthlr. geliefert, 1665 fertigte Jastus Keusser, 
Bürger und Orgelroacher zu Celle, eine Oi^el von 11 Stimmen für 160 rthlr. 
1668 wird der grosse Kelch vei^ldet und 1695 eine Glocke umgegossen. 

1791 oiaaai Thnmno RioHi^ivPff _hi>eta1lpr R\fif\ und privilegirter glockeU giessef 

xhe wird augenblicklich nach 



P""-^*'"''^. 



nover, der Altar, Crucifixus, 
r ebendort renoviert, 
freie landtagsfShige Höfe, von 
li und die SchlQter einen inne 
Js denen von Ha vertier gehört. 



-WS 150 g-t- 

Von der nach dem Ort benannten, früh erloschenen Familie kommt ein 
Ritter Albert von Schwarmstedt 1233, 1237, 1242, 1251 und 1259 tbeils im 
Gefolge Herraann's m. von Hodenberg, theils als Vasall K 
Wölpe vor. 

Die gothische Kirche besteht aus ScbifT, Chor, Sakristei und 

reibnng. Die dreischiffige, aus Backsteinen erbaute, geputzte 

Schiff. ^Fig, 42—44) wird durch einen spitzbt^igen Triumphbogen, von ( 
Cbor. gt„fg erhöhten , durch das halbe Ächteck geschlossenen, sctuD 
getrennt. Leider wird die .innere Wirkung durch die auf allen 
gebauten, hölzernen Emporen stark beeinträchtigt. Das breiter 
und die schmaleren Seitenschiffe haben vier Joche, deren äv 
19,9 m beträgt. Die voi-tretenden Hohlkehlrippen der Kreuzgewfilb 
stumpf auf die mit schlichten Sockeln versehenen, quadratischen 
aus Backstein und mit einfach profilierten Ecken, während sie an 
von Eonsolen getragen werden. Der Chor wird ausser dem eigen« 
stabrippen versehenen Gewölbe noch durch ein halbes Ereuzgewöll 
kehlrippen, welches sich mit seinem Scheitel gegen den Triumpl] 
überspannt; in den Ecken des Chorschlusses sind Reste von mm 
vorhanden. Die spateren flachbogigcn Kirchenfenster befinden 
alten spitzbogigen, aussen und innen gothisch proßlierten Oeffr 
altes, ursprüngliches, jedoch vermauertes Fenster auf der Nordseit« 
zeigt drei schmale, gekuppelte, im Kleeblattbogen geschlosseue 
einer Spitzbogennische. Zwei Vorbauten mit Eiagangslhüren si 
Westseite neben dem Thunne angeordnet. Die Strebepfeiler sim 
Steinplatten abgedeckt. An einem derselben an der Südseite bt ein 
vom Jahre 1771 erhalten. Der Eingang zur Orgelempore führt 
Anbau auf der Ostseite. 

akristei. Die Sakristei auf der Nordseite hat ein Kreuzgewölbe mit Bi 

und ist mit dem Chor durch eine flachbogige Thür, welche de 
Viertelstab aufweist, verbunden. 
Tbnno. Der viereckige, im Putz gequaderte, aus Ortsteinen anfgel 

thurm trägt einen achteckigen, beschieferten Helm und zeigt e 
Hauptgesims, sowie zwei flachboglge Schaltöffnungen auf jeder Seil 
Altar. Ein mit Farbe und Gold behandeltes, spätgothisches Mitti 

Flügelaltars (Fig. 45) enthält Masswerkschnitzereien und in der Mi 
vier Figuren Maria mit dem Kinde von Flammenstrahlen umgeben, 

irdccke. Eine schwarze, seidene Decke mit Silberkante und zwei sil 

Wappen ist bezeichnet: 



G. L. V. L. 



E. D. H. L. V. 

54. 



Altarleuchter. Zwei 36 cm hohe, schwere, gothische Altarleuchler aus Mi 

einen walzenförmigen Schaft mit einem Knaufe in der Mitte and y 
Zwei silberne Altarleuchter von 1821 sind 55 cm hoch. 



-*^ 151 8-K 

Eine silberne, innea vergoldete, runde Oblatendose von 10,6 m Durch- 
messer trägt zwei unter einer Krone vereinigte Wappen und die Unterschrift: 
,Ar>. 1714*. Auf dem Boden sind die Buchstaben vermerkt: 
A. L. V. E. 
S. M. V. B. 
Von Zeichen ist nur das spiingende Pferd erkennbar. 
Der hölzerne, 1,60 m hohe Crucifixus (F^. 47) gehört dem XVI. Jahr- 
hundert an. 



Das Brustbild des Pastors Johann Christoph Heideman wird von einem Gemälde, 
schön geschnitzten Barockrahmen eingefasst. Ein anderes Gemälde stellt den 
1814 gestorbenen Superintendenten Arnold Anton Bacmeister dar. 

Auf einer umrahmten Holztafel ist das Wappen der v. Bothmer 
zu sehen. 

Eine 1,39 m im Durchmesser grosse Glocke hat zwischen zwei Ornament- Glocken, 
streifen am Halse eine dreizeilige, auf der Mitte einer Seite eine siebenzeilige 
und gegenüberliegend wiederum eine dreizeilige Inscbrifl. Eine Nachricht am 
Rande besagt, dass Lvdolf Siegfried von Hannover im Jahre 11)57 die Glocke in 
Schwannstedt goss. H. L. Damm in Hildesheim verfert^te 11:119 die kleinere 
Glocke von 1,23 m Durchmesser. 



-<-8 152 8^ 

Grabmale. Ein schönes, steinernes, renoviertes Grabmal ist innen in die Nordost- 

wand des Schiffes eingelassen. In dem von zwei Pfeilern begrenzten Haupt- 
felde knieen, durch den Gekreuzigten getrennt, auf der einen Seite der Vat^ 
mit acht Söhnen und auf der anderen die Mutter mit fünf Töchtern. Den 
Hintergrund füllt eine Ansicht von Jerusalem. Hierüber sind in einer Reihe 
acht und auf den beiden Pfeilern je zwei Wappen zu sehen. Dieselben tragen 
folgende Bezeichnungen: von Svirssen, von Holttorp, von der Wensse, von 
Easzenbrock, die Eniggen, die Friedach, von Staf borst, von Extrem, von 
Mandcslo, die Rebocke, von Qverhm, von Dvmstorp. Ueber dem Hauptfelde 
ist folgende Lapidarinschrift angebracht: 

Dyse Worde hat Johan van Bothmar in 

sinem lesten geredet: Here 

Jhesv Christ warer Minsch vnd Got 

de dv ledest Marter Angs vnd 

Spot vor mi am Crvze ock endlick star- 

vest vnd mi dines Vaders Hvld 

E]rwarvest ick bidde dorch bitter Liden 

din dv woldes mi Svnder gnedich sin 

Wen ick nv kome in Stervensnot vnd 

ringen werde mit dem Dodt. 

Unter den männlichen Figuren ist zu lesen: 

Im • Jare • 1586 • is • Johan • van • Both- 
mar • den • 7 • Janvary • sines 
Alters • 85 • Jhar • selichlichen • in • 
Godt • entslaffen. 

Johan • van • Bothmar • der • Vader: Johan • 
Lippolr • Ems. 

Gehcrdr • Frederich • Otto • Cvrdt • Levin: 
sin • Sons. 

Daneben unter den weiblichen: 

Im • . . . . Ilse van dem • Werder die 
Moder. 

Helena • Ilse Anna 

Dorothea Anna irhe • Dochter. 

Ganz unten aber: 

Job: 19: Yck wet dat min Erloser levet u. s. w. 

In einer Bogennische der Bekrönung ist der Auferstandene, die Mächte 
der Finstemiss überwindend, dargestellt. Daneben befinden sich auf jeder Seile 
zwei Wappen, bezeichnet von Bothmar, v. d. Werder, von Zerszen, von Has- 
perge. Das Brustbild des seine Arme ausbreitenden Heilandes bildet den 
oberen Abschluss. Die Nische des Auferstandenen hat die Umschrift: Ich bin 
der • Avferstehvn • vnd • das • Leben • wer • an • mich • glvbet • der • wirt • 
lebe, ob • er • glich stvrbe • Johan • am XI. 



-<-8 153 8^ 

Auf dem Fries darüber stehen die Worte: 

So • jemandt • min • Wort • wert • hol- 
den • de • wert 

den • Dodt • nicht • sehen • ewichlick: 
Joh • am • 8. 

Das Grabmal des im Jahre 1607 gestorbenen Superintendenten Collenius 
ist aus Holz gearbeitet und enthält zwei Säulchen und verkröpftes Gebälk. In 
der Mitte steht der Qekreuzigte zwischen den Schachern auf Holz gemalt, 
darunter eine Figurengruppe. Unten sehen wir die männlichen und weiblichen 
Mitglieder der Familie. 

Ausserdem sind noch drei weitere, aus Holz gefertigte Grabmale vor- 
handen. Eines derselben (Fig. 48) in Renaissanceformen zeigt direkt auf die 
hölzerne Rückwand gemalt den Gekreuzigten und darunter den Vater mit vier 
Söhnen und die Mutter mit fünf Töchtern. Oben steht der Spruch in Lapidaren: 
Das Blvt Jhesv Christi des jSons Gottes, reiniget vns von allen vnseren Svnden • 
und unten: Also hat Gott die Welt geliebet u. s. w. 

Ein weiteres, farbig behandeltes Grabmal mit der Jahreszahl 1643 stellt 
den Gekreuzigten, auf Leinwand gemalt, zwischen einer männlichen und einer 
weiblichen Figur in knieender Stellung dar und trägt die Unterschrift: 

Her Jesv in dine Hende befehle 
Ick mine Sele, du Getrvwcr 
Got dv hefst mi erlöset. 

Das kleine Barockgrabmal (Fig. 46) des Hans Ernst v. Bothmer, 
gestorben am 25. September 1678, ist mit Schnitzereien versehen und bemalt. 
Zwei vortretende Säulchen tragen ein Gebälk und als Bekrönung das 
V. Bothmersche Wappen. 

Die geschnitzte, mit Säulen verzierte, hölzerne Renaissancekanzel mit Kanzel. 
Schalldeckel trägt ein Wappen und die Bezeichnung: ^Herr Conradt von Bothmer, 
Abt vndt Herr vom Havs zu S. Michael in Lvnebvrch f. f. anno Domini 1608. * 
Der Foss ist neu. Am Fries der Kanzel steht die Inschrift aus Matth. 7: «Es 
werden nit alle die zv mir sagen'' u. s. w. und die Jahreszahl 1608. 

Ein silbervergoldetor, dem XVI. Jahrhundert angehöriger, 0,28 m hoher Kelche. 
Kelch mit zubehöriger Patene hat Renaissancebecher, Sechsblattfuss und an den 
vortretenden Zapfen des Knaufs die Buchstaben: „J. E. S. V. S. f.* 

Der andere, fast gleiche, silbervergoldete, ebenfalls aus dem XVI. Jahr- 
hundert stammende, 0,29 cm hohe Kelch mit zubehöriger Patene trägt auf den 
sechs vortretenden Zapfen am Knaufe den Namen .Jehsvs* sowie auf dem 
sechstheiligen Fusse einen Grucifixus und den heiligen Laurentius in aufgelegter 
Arbeit und als Zeichen ein D. 

Ein kleinerer Kelch mit einem Grucifixus auf dem Sechsblattfusse hat 
an seinem Becher zwei Wappen und die Bezeichnungen: ^Ivo von Bothmer'^ 
und ^Elisabeth • Agnesa '• v • Hodenberg'', am Knauf jedoch nur fönf viereckige 
Zapfen mit den Buchstaben «J. E. S. V. S''. Nach dem Kirchenbuche lebte Ivo 
von Bothmer 1618—1682 und seine Gemahlin starb am 19. Oktober 1685. 

20 



Orgel. 



Tanfstein. 



Zifferblätter. 



-^ 154 8^ 

Die hinter dem Altartisch sich erbebende Orgel zeigt die Formen des 
XVni. Jahrhunderts und Darstellungen . der Himmelfahrt und des Abendmahls. 

Das einfache, sechseckige Becken des Taufsteins ruht auf neuem Fussc. 
Dasselbe hat an einer Seite ein Wappen und die . Umschrifl; : „Ernest von 
Hademstorf Anno 1528**. 

Auf dem Eirchenboden liegen zwei hölzerne Zifferblätter, eins mit 
der Zahl 1585. 



Geschichte. 



Stelliehte. 

Kirche; Herrenhaiis. 

Litte ratur: Origines Guelficae; Merian; Sudendorf; von Hodenberg, LUnebnrger 
Urkundenbuch XV; derselbe, Hoyer Urkundenbuch ; derselbe, Hodenberger Ürknnden- 
buch; derselbe, Verdener Geschichtsquellen; Vogell, Geschlechtsgeschichte ;der Herren 
Behr; Manecke II; Regenten - Sah! 1698; Meding, Nachrichten von adelichen Wapen I, 
Böttger, Diöcesan- und Gau -Grenzen; Zeitschr. d. hist. Ver. f. Nieders. 1858; Spilcker; 
Geschichte der Grafen von Wölpe; Havemann; Wippermann, Bukkig'au; Freudenthal, 
Heidefahrten; Holscher, Geschichte des Bisthums Minden; Mithoff, Knnstdenkmale IV^ 
derselbe, Kirchenbeschreibungen ; GrUtter, Arbeiten über den Loingau, Hannov. Geschichtsbl., 
2. und 3. Jahrg.; Jürgens, ein Amtsbuch des Klosters Walsrode, ebendort, 2. Jahrg. 

Quellen: Urkunden des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Grütterscher Nachlass 
im Stadtarchiv ebendaselbst. 



Das Dorf Stellichte kommt bereits 1069 als „Steinlaga'* vor und zwar 
in der Urkunde, in welcher die Aebtissin Adelheid von Quedlinburg das Gehöft 
Soltau unter den Schutz des Herzogs Magnus Billung von Sachsen stellt. Die 
Einwohner sollen, wenn der Herzog auf seinen Reisen den Ort berührt, ihm 
mit Wagen und Pferden dienen und sein Reisegepäck „de Salto we in AUendorp 
vel Steinlaga sine Vdecsineburstalde'* befördern. In späteren Urkunden wird 
es Stenlage, Stellage oder Stelleghe genannt; bereits vor 1302 waren die Grafen 
von Hoya vom Herzoge Otto mit einem Hofe zu „Stenlage'' belehnt worden. 
Hier in Stellichte hart am Landesgebiet des Verdenschen Bischofs stand vormals 
eine Grenzveste der Lüneburgischen Herzöge. Im Jahre 1405 beschweren sich 
Rath und Stadt Lüneburg, dass die Herzöge Heinrich und Bernhard „dat Slot 
eder veste to Steighede "^ haben „nye buwen^ lassen; und in Urkunden des 
Jahres 1409 spricht der Herzog Heinrich von „vnse Slot Stelleghe'' und .vnse 
slod Stellage*. 1427 wurde das Schloss «Stellege'' sammt zwei Höfen daselbst 
seitens der Herzöge Bernhard und Wilhelm dem Bischof und dem Stifte zu 
Verden neben vielem Anderen verpfändet. 1470 gestattet der Herzog Ö(to dem 
Heinrich Behr, das „Slott Stelgede dat dem Stiebte to Verden pandes steyt" 
nach vorher erfolgter Pfandaufkündigung seinerseits einzulösen. Danach soll er 
es von ihm zu einem erblichen Lehngut empfangen, und er und seine Erben 
mögen dasselbe ^na orer bequemicheit In HoUwergk muren Begrauen vnd 



-<-8 155 8^ 

Beplanken", doch solle das Schloss ihm jederzeit offen stehen. Die Uebergabe 
erfolgte im darauffolgenden Jahre. Zugleich kam das mit dem Schloss ver- 
bundene adelige Gericht Stellichte, welches früher der Familie von Schlepegrell 
gehörte, in den Besitz der Herren von Behr. Es ivurde 1852 aufgehoben. 
1493 belehnt der Herzog Heinrich den Ulrich Behr «mit der veste vnd horch 
to Stelgede*. Nach einer von Dietrich Behr, Ulrichs Sohn, 1567 veranlassten 
Au£zeichnung hatten dieser und sein Bruder Heinrich, Landdrost zu Hoya, zu 
.Stelligt, Hoya vnd Huszlem* über 10000 Thaler verbaut. 1704 Hess Johann 
Georg Wilhelm Behr das alte massive Schloss, welches vorhin etwas weiter als 
jetzt auf dem Burgplatze zurückstand und bei Merian wiedergegeben ist, 
abbrechen und baute das neue Wohnhaus nahe am Schlossgraben, welcher 
dasselbe von dem Vorhof und von den Vorwerksgebäuden trennt. Ein Theil 
der alten Keller der vormaligen Burg ist wieder benutzt, das Uebrige aber 
verschüttet. 

1475 gestattet Reymbertus Sindorp, des Mindenschen Bischofs General- 
Vikar und -Offizial in geistlichen und weltlichen Angelegenheiten, dem Heinrich 
and Johann Behr „famulis nostre diocesis*^ auf ihrem Wohnsitz (habitatione) zu 
«Stelgede' durch einen geeigneten Presbyter .in altari portatili temporibus 
debitis' Messe lesen zu lassen. Femer erlaubt der Verdener Bischof Berthold 
im Jahre 1479, dass Heinrich Behr, famulus seiner Diöcese, .in laudem et 
honorem omnipotentis Dei beateqqe deigenetricis virginis Marie ac beatorum 
Georgii et Christofori marlirum et sancli Jodoci confessoris'^ am gegenüber 
liegenden Ufer der Lehre .ante et prope habitationem suam Stellige in loco 
nostre diocesis* eine Kapelle errichte. 

Das Schloss gehörte, als auf dem linken Ufer der Lehre belegen, zur 
Diöcese Minden, die auf dem durch den Bach vom Schlosse getrennten Platz 
errichtete Kapelle dagegen zum Verdener Boden; doch wurde sie durch eine 
besondere Vergünstigung des Bischofs mit Genehmigung des Visselhöveder Pfarrers, 
in dessen Sprengel der Platz lag, von der Verdener Kirche eximiert. 1574 be- 
stimmt Dietrich Behr in seinem Testament, dass die von ihm gebaute Kirche 
zu Stellichte von seinen Söhnen und Nachkommen .in bauwlichen wesen'' 
unterhalten werden solle. Femer fügt er zu den bereits von seinem Bruder 
Heinrich zur Ehre Gottes gegebenen 1000 Thalem noch weitere 1000 Thaler, 
welche zinsbar angelegt werden sollen. Von den mindestens 100 Thaler betragen 
sollenden Zinsen soll ein gelehrter Mann, der zu Stellichte ein Pastor sein 
könne, besoldet und unterhalten werden. Derselbe solle in der Woche dreimal 
in der Kapelle predigen, und was einem Pastor gebühre, thun. 1610 Hess 
Dietrich Behr die kleine Kapelle abbrechen und statt ihrer eine grössere 
erbauen, wie dies zwei rechts und links von der Orgel hängende Inschrifttafeln 
darthun (vergl. Beschreibung). 

1643 liess Johann Friedrich Behr eine Glocke giessen^ 1702 wurde die 
bis dahin nach Walsrode gehörige Kirche zur Pfarrkirche erhoben. 1704 baute 
Johann Georg Wilhelm Behr ausserhalb am Thurme der Kirche ein neues 
Begrdbnissgewölbe und hoch ein zweites ausserhalb an der Südseite. Um die 
Mitte des XVIII. Jahrhunderts wurde das Dorf auf Ansuchen der Herren von Behr 

20* 



-t^ 156 S-1- 

in allen geistlichen Dingen nach Stellichte gelegt, jedoch mit dem Vorbehalt, 
dass die Eingesessenen nach wie vor alle Lasten, Bau- und Reparaturkosten 
unverändert tragen müssten. 

Erwähnt sei noch, dass ein dominus Bemardus de Stenlage 1319 als 
Kapellan des Klosters Walsrode begegnet. 

Eine im Jahre 1901 in dem Thunnknauf untergebrachte Urkunde giebt 
davon Nachricht, wie in diesem Jahre die fast noch unberührte Kirche unter 
Schonung der erhaltbaren, alten Heile und genauer Anpassung der neu herzu- 
stellenden an die vorhandenen Kunstformen durch den Professor Karl Mohrmann 
aus Hannover wiederhergestellt wurde. Das Aussenmauerwerk wurde sorgfältig 
ausgebessert und an den gerissenen Stellen verankert, die beiden Weststrebe- 
pfeiler wurden vergrössert, die Sandsteintheile nachgearbeitet oder erneuert. 



Flg. M. Kllclis In Btelllchta; Onuidttw vor der Wled«rbentsllaaK 1901. 

Dachkonstruktion und Dachdeckung wurden ausgebessert, die Thunnspitze 
erhielt eine Kupferverkleidung und eine neue Eisenspitze mit Wetterfahne und 
Blitzableiter; alle Theile der Thurmspitze sind den alten Formen genau nach- 
gebildet. ]fa alten Tburmknauf wurde nichts gefunden. 

Altar, Kanzel, Patronatsgestühl, Taufhecken, Chorscbränke, Gedenktafdn 
ond Grabmäler, Orgel und Orgelempore und Holzdecke sind in den reichen 
Holzschnitzereien sorg^tig wiederhergestellt, die Malereien aufgefrischt und 
ergänzt worden, die zum grossen Theil wurmstichige Decke ist durch einm 
Doppelboden von oben befestigt. Die Holzfenster sind in der alten Foroa 
erneuert, sechs Fenster mit dem vorhandenen Antikglas verglast, drei Fenster 
mit einfacher (nicht vorhandener) farbiger Glasmalerei versehen. Der einfarbqre 
Wandanstrich ist dem ersten Anstrich entsprechend wiederhergestellt. Der 
Fussboden ist erneuert. Die glasierten Chorfliesen sind den alten nachgebildet, 
die noch brauchbaren, alten Chorfliesen sind im Thurm verl^t. Die ursprüi^lkh 



-t-§ 157 S«- 

angelegten, später aber zi^ebauten Wandgänge sind oeben dem Bfittelgang bei 
dem Gestühl wieder eingerichtetf das Gestühl und der PEarrsland dem alten 
nachgebildet. 

Neu hergestellt sind folgende Gegenstände, die nach vorhandenen nach- 
gebildet werden konnten: Chorstufen aus Granit, Chorstufenbrüstungen, Altar- 
brOstungen, gestickte Altar- und Kanzelbekleidungen, ein Crucifiz, Lederpolsterung 
im Patronat^estOhl und im Pfarrsfand, vier äussere ThQren und ein Windfang 
mit den Beschlägen, zwei Tafeln zur Erinnerung an die Wiederherstellung, 
zwei Nümmertafein, ein Opferstock im Tburm, zwei Holzdecken, eine Treppe 
und die Bälgekammerverkleidung. 



Flg. so. Kirche In BCalUchta; Nordsslte. 

Bei dieser Wiederherstellung bal sich als wahrscheinlich et^ben, dass 
die allen Kapellenmauern bei dem Bau der Kirche im Anfang des XVII. Jahr- 
hunderts etwa 5 m hoch beibehalten sind und nur etwa 2 m hoch neues 
Mauerwerk hergestellt worden ist. Der Thurm dagegen ist um 1610 neu auf- 
geführt. Die Thurmform ist nicht mehr genau die alte von 1610. Unter dem 
Kupfergeäms fand sich ein profiliertes, farbig bemaltes, verwittertes Holzgesims, 
dessen Wiederherstellung wegen der ßist völligen Verstümmelung nicht möglich 
war. Am Gestühl fand sich die Jahreszahl 1611. Die Wiederherstellung wurde 
im Februar 1901 b^onnen und im Oktober 1901 beendet-, als Bauleiter war 
unter Professor Hohrmann der Architekt R. Ph.Bromme thätig. 



-^ 158 H- 

Beschreibnog. Die im AnGange des XVII. Jahrhunderts in den Formen der Renaissance 

und des begionendeti Barock erbaute Kirche ist mit ihrer fast vollständig 

erhaltenen und einheitlich durchgefahrten, inneren Ausstattung ein gutes Beispiel 

der um 1600 errichteten Gotteshäuser, Dem wenig ansprechenden Aeusseren 

steht eine vorzügliche Innenwirkimg gegenäber, indem hier die reich geschnitzten 

Stücke der Einrichtung von den einfach gehaltenen, weissen Wänden und der 

bescheidenen Holzdecke sich vortheilhaft abheben. 

Schiff. Die Kirche besteht aus SchifT und Westthurm und enthält zwei Grab- 

Cbor. gewölbe. Das in Backsteinraauerwerk mit Sandsteinsockel und hölzernem 

Hauptgesims erbaute 

Schiff (Rg. 49 und 50) rjT, , ..-,.' ' , . , , y 
ist im Osten dreiseitig ■-' ' ' ' ^~^ ■ ' 

geschlossen. Pultdach- ' 

förmig abgedeckte 
Strebepfeiler befinden 
sich an den Langseiten 
des Schiffes und am 
Chor. Der Innenraum 
der Saalkirche wird 
durch eine gerade,' farbig 
behandelte Holzdecke 
abgeschlossen; die letz- 
lere ist durch Leisten in 
rechteckige, in der Mitte 
durch vergoldete Ro- 
setten oder geflügelte 
Engelsköpfe ausgezeich- 
nete Füllungen getheilt, 
welche wiederum in 
kleinere Felder von ver- 
schiedener Form zerl^ 
werden. Unter derDecke 

bildet ein zierlichesHolz- 

, gesims mit Zahnschnitt 

und Konsolen den Ueber- 
gang zur Wand. Die in 
der Südseite lie- 
gende Eingangs- 

li (ü Ih ""T»«!: thür, in Barock- '^^ '^-'■-> > ^^fi > > >' i i l U * 

formen ausSand- 

Vig. 51. Ktrche In Btelllchta; -tain rraophaitof Flg. bt. Kirche Id Btellichte; 

ThörUlbang der Bödthür. ^'^'" gearoeiiei, Fenster. 

hat eine mit 
Flachomament gezierte Laibung (Fig. 51) und ein von zwei glatten Säulen 
getragenes Gebälk, dessen durchbrochene, mit Figuren geschmückte Verdachung 
das V. Behrsche Wappen zeigt; in seitlichen Nischen sind die Apostel Petrus 



und Paulus zu sehen. Die zweitheili^en, nindbogigen Fenster mit Sandstein- 
gew&nden sitzen in halbkreisförmig geschlossenen, abgefasten Backstetnnischen 
{Fig. 53). Der um Tier Stufen erhöhte, als Chor ausgebildete östliche Theil 
des Schiffes wird durch 
eine reiche, in Holz aus- 
^(ührte Brüstung mit 
grossem Eielbc^ndurch- 
gang von dem Schiff 
getrennt; einige Holz- 
füllungen der Chor- 
schranke sind in Fig. 53 
bis 57 wiedergegeben. 
Diese eigenartige Einrieb- 
tong, welche in der Er- 
innerung an den mittel- 
alterlichen Lettner und 
Triumphbogen entstand, 
ist wohl das interessan- 
teste Stück des Gebäudes. 
An der Westseite des 
Schiffes zu beiden Seiten 
des Thurmes ist je 
eine Gruft angelegt. Ein 
grösseres Grabgewölbe 
liegt im Chor vor dem 
AUar, zwei kleinere be- 
finden sich im Schiff vor 
den Chorstufen und hinter 
dem Eingang zur Kirche. 
Die im Chor au^estellten, 
für den Patron bestimmten 
Stühle, welcheanderRück- 
wand halbkreisförmig ge- 
schlossene Fällungen und 
E^lasterstellangen auf- 
weisen, haben eine mit 
Säulen verzierte Brüstung. 
Einfacheres Gestühl be- 
findet sich im Schiff und 
hinter dem Altar der 
Pfarrstand. 

Der durch eine halbkreisförmige Oeffnung mit dem Schiffe verbundene Thm 
viereckige Westthurm aus Backsteinmauerwerk hat Sandsteiiisockel und flach- 
bt^ig überwölbte Schallöffnungen und Fenster mit hohem Stich. Das flaclio 
Zeltdach und der untere viereckige Theil des Aufbaues haben Schieferdeckung; 




hh8 160 8^ 



Altar. 



Altarlcnchter. 



Ciborien. 



Gedenktafeln. 



die mehrfach gegliederte Spitze ist mit Kupfer bekleidet. Unterhalb derselben 
sind Tier Wasserspeier über Eck angebracht; die Wetterfahne enthftlt die 
Jahreszahl 1614. Am miteren Theile des Thurmes befindet sich auf der West- 
seite in geschmiedeten Zahlen die Zeitangabe 1608. Der schöne Westeingang 
ist von einem Sandsteingewände in Renaissanceformen eingeEasst 

Die hölzerne, in ihren Abtheilungen mit Gemülden ausgestattete Altar- 
wand trägt auf der Predella eine Darstellung des Abendmahles und seitwärts 
die Einsetzungsworte, im Hauptfelde eine Darstellung der Kreuzigung und auf 
dem Gesimse zwei Figuren mit Wappenschilden, deren Bezeichnung lautet: 
»Johan Behr 1610*" und „Maria v. Bothmer 1610^ Der Altar enthält seitlich 
zwei Säulen und wird von einem durchbrochenen Giebel bekrönt. 

Zwei 31 cm hohe Altarleuchter aus Messing haben einen walzenförmigen 
Schaft mit mehreren scharf profilierten Knäufen. 

Ein schön gearbeiteter, silberner Oblatenbehälter in Buchform ist mit 

Kette und Ring zum Anhängen eingerichtet. Auf der äusseren Seite des Deckels 

steht in lapidaren: 

Zv . Gottes . Ehr 

machen • lies Johan • Bher 

Dann folgt das Behrsche Wappen und darunter die Inschrift: 

In • die • Stellichter • Kirch, 

• 1 • 5 • 9 • • 

Im Innern sehen wir einen eingravierten Grucifixus zwischen den 

Inschriften : 

»Avgvslinvs accipite • hoc • in • pane qvod • pependet • in crvcc*. 

und: 

«Chrysostomvs sensvs • fallere potest • verba • Christi • fallere • non • 

possvnt.* 

Eine andere, einfache, runde, silberne Oblatcndose mit Goldrändern 

enthält die Namen: 

G : D : W :. Behrn :• 

• :• H : Behrn •:• 

•:• 1743 •:• 

Die Inschrift auf der Tafel rechts von der Orgel lautet: 

,Aö Christi. 1450, Henricvs Behr Henr. fil. Wem. nep. Wer. pron. 
sacellvm hie voto pio primvs p. aetate cadvcvm Thcodoricvs Behr 
Joan. fil. Theod. nep. Vir. pron. Henr. abnep. dirvi novvmq fvndilvs 
praesenti forma opere suptvoso in honorem, individvae trinitatis f. f. 
ario Christi 1610.« 
Die Inschrift links von der Orgel lautet: 

«Durch Gottes segen hülff vnd raht 

Mich Diettrich Behr erbauwet hat 

Als Tausend iahr nach Christi gburtl 

Sechshundert Zehn geschriben wurtt 

Der Herr nach sein verheisen thuc 

Das Abrahamss segen vff ihn ruhe.' 



-^ 161 8^ 

Die Zahl 1450 ist, wie oben zu ersehen, unrichtig, auch die Angabe 
der Voreltern fehlerhaft 

An der Südwand hängt ein grosses, stark zerstörtes Gemälde im halb- Gemälde, 
kreisförmigen Rahmen, welches die Himmelfahrt darstellt. 

Die im Jahre 1621 gegossene Glocke hat 99 cm Durchmesser und unter Glocke, 
dem Omamentstreifen am Halse eine Lapidarinschrift und zwei Wappen. 

Eine Holztafel stellt auf einem länglich runden, von acht Wappen Grabmäler. 
umgebenen Felde die Auferstehung der Todten dar und hat die Umschrift: 

.Spricht der Herr: Ich wil ewere Gräber auflhü, u. s. w. Ezech. 37.** 

• 

Die Unterschrift lautet: 

»Der weiland Wol Edler gestrenger vnd Vester Frantz Joachim 
Spörke auf Moltzen vndt Emendorf Erbgesessen, ist in diese Welt 
gebohf alss man geschriben 1600. Achte tage vor Martiny vndt von 
dieser Welt gescheiden • Zv Stellichte den 27. February . 1637, seines 
Alters gewesen 36 • Jahr • 3 • Monat vnd • 14 • Tage." 

« 

Die Wappen sind bezeichnet: D. Sporken, D. Behren, D. Sporken, 
D. V. Dagevord, v. d. Wense, D. v. Heinbrock, D. v. Munnichhausen, D. v. Berge. 

Ein schönes, grosses, mit Figuren und Säulen geschmücktes, hölzernes 
Grabmal enthält folgende Inschrift: 

Theodoricvs Behr 
Joan - fil: Theod: nep: Vir: pron: 

sibi 

nato 

4. Decembr: ao. Christi 1575. hör. 9. vesper: 

jam. denato 

2. Decembr. ao. Chpsti. 1632. hör. 6. vespert: 

aetatis. 57. demtis. 2. dieb. et. 3 hör. 

et dehvmatv. 

8. Janvarii. ao: Christi. 1633: 

nee non. 

Dvlciss: conivgib: 
Elisae Magdal: Dorotheae 

Botmariae Assebvrgiae 

obiit 
6. Jan. äo. 1607 vesp. 

vixit 
an. 23. m. 10. d. 21. 

Mortalitatis. 

monvmentvm 

aetemitatis 

memoriam 

viws. P. 

21 



Darunter steht auf einem kleinen Feld(>: 
Ossa vestra 
germinabvnt. 
Esa. 66. 
und ganz unten: 

Äiio 
Christiano 
■ M ■ D G ■ XV . 
Die Grabmäler des im Jahre 1700 gestorbenen Friedrich Behr und des 
1664 gestorbenen Johann Behr sind in Fig. 58 und 59 wiedenregebeD. 



Flg. »I und GS. Klrclio in SIelllchte; GrabniHler. 

Innen an der Ghorwand ist ein Grabstein aufgerichtet, • welcher in 
erhabener Arbeit einen betenden Ritter in einer Bogennische und folgende 
Lapidarumschrift zeigt; 

»Aiio ■ 1585 ■ den • 13 ■ Novembris den ■ Abendt vmb - 8 ■ Vhr • ist 

der ■ gestrenge • edle ■ vnd • enivheste - Vlridi ■ Behr ■ in Godt • 

sehglich ■ entsclilafen." 

Zwischen der Inschrift sind acht Wappen sichtbar. 

Die schöne, aus Holz geschnitzte Kanzel an der Nordseite des Schiffes, 

deren Ecken mit Säulen besetzt sind, ist vom Chor aus zugänglicli {Fig. 62). 

Am oberen Rande steht in Lapidaren; .EvangeUvm virtvs dei in saivtem öni 



I 

I 



J 



-^ 163 8^ 

credeli*; am unteren Rande: .Verbvm Domini manet in aeteravm". Die In- 
schrift am Bande des reich gearbeiteten, kronenartig ausgebildeten Schall- 
deckels lautet: 

yAd legem ad testimöivm' 
und 

,2. Petri. 1. Wihr haben ein festes prophetisches Wort, vnd ihr 
th^ wol das ihr dar avf achtet.* 

Ein silbervergoldeter, spätgothischer Kelch hat auf dem Sechsblattfusse Kelch, 
einen aufgelegten Grucifixus. Auf den sechs vortretenden viereckigen Zapfen 
am roasswerkverzierten Knauf ist zu lesen: j^Jhesvs', darüber am sechseckigen 
Stiel derselbe Name und unter dem Knaufe: , Maria 6*. 

Die mit kunstvoll geschnitztem Gehäuse ausgestattete Orgel (Fig. 60) Orgel. 
hat die mit ^Dieterich Behr* und „Dorothea • B • y • d • Assebürgk bezeichneten 
Wappen und die Inschrift: ,Anno domini 1.6.1.0", sowie ganz unten den 
Namen des Meisters M • Märten • de • Mare • Orgelmacher. 

Das äusserst reich aus Holz geschnitzte Taufbecken ist viereckig und Taufbecken. 
mit abgestumpften Ecken versehen. Dasselbe hat als Umschrift: „Galat. 3. 
Wie viel vnser getavffett sein, die haben Christvm angezogen.*, und auf vier 
Felder vertheilt: ,Eph. 4. Ein Herr — ein Glaub, ein Taüffe — ein Gott vnd 
Vater* u. s. w. Die Taufschale besteht aus Messing; im Boden desselben sind * 
Adam und Eva in getriebener Arbeit dargestellt; Der Deckel des Taufbeckens 
ist kronenartig aufgebaut. Das Ganze ruht auf vier Füssen. Das Becken ist 
in Fig. 61 dargestellt ; im Hintergrunde sieht man den hölzernen Ghorabschluss 
und einen Pfeiler des oben genannten Durchgangsbogens. 

Ueber der Thür des in neuerer Zeit vollständig umgebauten Herren- Herrenhaus, 
hauses befinden sich zwei Wappen mit der Bezeichnung: „ Johann Georg 
Wilhelm Behr*^ und »Charlotte Justine von Nettelhorsten'', dazwischen die 
Jahreszahl 1703. Der Burggraben ist unversehrt erhalten. Ueber einem alten 
Eellerfenster steht (unter der neueren Bretterverkleidung) die Inschrift 

«Olrick Behr 1585\ 



Suderbruch. 

Kirche. 

Litteratnr: Sudendorf; Hodenberg, Calenberger Urkundenbuch V; Spilcker 
Geschichte der Grafen von Wülpe; Wippermann, Bukkigau; Büttger, Diöcesan- und Gau- 
Grenzen; Kayser, Kirchenvisitationen 1897; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden, 
Zeitschr. f. westf. Gesch. u. Alterthumsk., Band 34; Mithoff, Kunstdenkmale I; derselbe, 
Kirchenbeschreibungen. 

Quellen: Urkunde nnd Akte des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Verzeichniss 
der kirchlichen Kunstdenkmäler von 1896. 

21* 



Geschichte. 



Ohismalerei. 



Grabstein. 



Kelch. 



-'-S 164 g^ 

Suderbruch gehörte bis zum Jahre 1859 zum Amt Neustadt am Rüben- 
berge und ist im ehemaligen Fürstenthum Calenberg belegen. Der catalogus 
parochiarum vom Jahre 1632 rechnet das Dorf als , Sunderborg' zum Archi- 
diakonat Mandelsloh. Die frühere Kirche war der heiligen Catharina geweiht. 
1240 schenkte der Mindener Bischof Wilhelm dem Kloster Mariensee das 
Obereigenthum über den Zehnten in „Suderbroke*" bezw. Sutherbroke, welchen 
ihm der frühere Lehnsträger Graf Konrad von Wölpe resigniert hatte. Am 
6. Januar 1320 verpfänden der Herzog Otto und seine Söhne dem Grafen 
Günther von Kefemberg, dem Bischof Otto von Hildesheim, den Grafen Otto 
von Hoya und Siegfried von Regenstein die Schlösser Neustadt und Wölpe 
nebst Zubehör, ausbenommen neben Anderem «dat Suderbruch'' (Suderbrok). 
1341 war Willehelmus rector ecclesiae in Suderbroke. Auch werden in diesem 
Jahre die Kirchen Vorsteher in « Suderbrocke ' genannt. 1543 besass die Kirche 
zu .Surbrock*' einen Kelch und zwei Messgewänder. 1851 wurde das bisherige, 
in Fach werk errichtete Gotteshaus abgebrochen, um einem Neubau Platz zu 
machen, welcher 1853 vollendet wurde. Bis 1869 hat der Ort zur Inspektion 
Neustadt am Rübenberge gehört und wurde dann der Inspektion Schwarmstedt 
zugetheilt. Das Patronat hat sich bisher stets in den Händen der Besitzer der 
von Bothmerschen Güter in Bothmer, Güten und Schwarmstedt befunden. 

Ein aus der alten Kirche herübergenommenes kleines Glasgemälde zeigt 
das Wappen der von Bothmer. 

Der Grabstein des 1705 gestorbenen Pastors Johannes Meyer liegt auf 
dem Kirchhofe. Auf der Mitte des Steins ist ein Oelbaum sichtbar. 

Ein silberner, theilweise vergoldeter Kelch hat einen aufgelegten Cruci- 
fixus auf dem runden Fusse; er zeigt die im XVIII. Jahrhundert übliche Form. 



Wa 1 s p o d e. 

Kirche; Klosterchor; Kloster; Bathhaiis. 

Litteratur: Origines Guelficae; Leibniz, Bcriptores reram Brunsvicensiuin ; 
Merlan; Rethmeier, Chronik; Pfeffinger, Historie I; von Hodenberg, Lüneburger Urkunden- 
buch V und XV; derselbe, Hodenberger Urkundenbuch; derselbe, Hoyer Urkundenbach; 
derselbe, Yerdener Geschichtsquellen; Urkundenbuch der Stadt Braunschweig II; Suden- 
dorf; Urkundenbuch der Stadt Lüneburg I und III; Urkundenbuch des Stiftes und der 
Stadt Hameln; Yogell, Geschlechtsgeschichte der Herren Behr; Grütter, der Loingan, alt- 
deutsches Recht und Gericht im Loingau, Markgenossenschaften und Holzgerichte im Loin- 
gau, yolksthümliche Ueberlieferungen im Loingau, Hannov. Geschichtsbl., 2. Jahrg.; der- 
selbe, Amtvoigteien im Fürstenthum Lüneburg, Aemter und Gerichte im Fttrstenthnm 
Lüneburg, ebendort, 3. Jahrg.; derselbe, Stiftung des Klosters Walsrode 1886; Jürgens, 
eine Arbeit über den Loin-Gau, ein Amtsbuch des Klosters Walsrode, Hannov. Geschichtsbl., 
2. Jahrg.; Spilcker, Geschichte der Grafen von Wölpe; derselbe, Neues vaterl. Archiv 1825; 
Regenten - Sahl 16d8; Manecke II; Wippermann, Bukkigau; Böttger, Diöcesan- und Gau- 
Grenzen; Holscher, Beschreibung des Bisthums Minden* Havemann; Kayser, Kirchen- 



-^ 165 8^ 

yisitationen 1897; Freudenthal, Heidefahrten; Görges, vaterländische Geschichten und 
Denkwürdigkeiten III; MithofT, Kunstdenkmale lY; derselbe, Kirchenbeschreibungen; 
Bettinghaus, zur Heimathskunde des Lüneburger Landes; Neues Hannov. Magazin, 1810,295; 
Doebner, des Bildschnitzers und Malers Hans Brüggemann Geburtsort, Repertorium für 
Kunstwissenschaft, 1901. 

Quellen: Urkunden und Akten des Kgl. Staatsarchivs zu Hannover; Grtttterscher 
Nachlass im Stadtarchiv zu Hannover; Stadtarchiv zu Waisrode, No. 18 Akte No. 1. 



Zwischen der ersten Erwähnung des Klosters und der frühesten Nach- Geschichte, 
rieht über den Ort liegen fast volle 400 Jahre. Es ist daher anzunehmen, dass 
sich die am Zusammenschluss von Fulde und Böhme gelegene Stadt aus kleinen 
Verhältnissen heraus innerhalb dieser Zeit entwickelt hat und ihre Entstehung 
der geistlichen Stiftung verdankt. 

Um*s Jahr 1361 oder 1366 geschieht der Stadt, welche damals noch 
Dorf war, zum ersten Mal Erwähnung. Zu jener Zeit wurde in der Streitsache 
zwischen dem Bremer Erzbischof und dem Herzog Magnus dem Frommen über 
die Wahl seines Sohnes Albrecht zum Erzbischof von Bremen zu Waisrode eine 
Zusammenkunft festgesetzt, welche auch stattfand, aber zu keinem Ergebniss 
führte. Während des bald darauf ausbrechenden Erbfolgekrieges. 1369—1389, 
hatte der «Ort sehr zu leiden. Um 1377 wurde er von Mannen der von Veitheim 
vom Schlosse Gif hom überfallen und ausgeraubt. Während der Feindseligkeiten 
der von Behr, von Mandelsloh, von Elencke und Weyhe, welche in das Erzstifl 
Bremen eingefallen waren, wurde der Ort 1381 durch die Erzbischöflichen unter 
dem Stiftsvogt von Langwedel, Friedrich Schulte, in Asche gelegt. 

1383 erhielt der Ort von den Herzögen Wenzlaus und Albrecht Stadt- 
rechte, welche 1450 bestätigt wurden, und die Erlaubniss, das neue Weichbild 
zu befestigen. Aus der Urkunde geht hervor, dass bereits damals ein Rath und 
ein stadtähnliche Verfassung vorhanden waren. Die Bürger erhalten Braun- 
schweigisches Recht in der Weise, wie die Bürger zu Gelle es hatten. Auch 
bestimmten die Herzöge, dass das Goding und Holting fortan draussen vor der 
Brücke abgehalten werden sollen. 

1392 wird in dem Verzeichniss der zur Säte gehörigen Schlösser und 
Weichbilder auch das Weichbild Waisrode genannt. In den Jahren 1457 — 1459 
erlitt auch Waisrode allerlei Drangsale. Am 25. Januar 1486 verordnete der 
Herzog Heinrich der Mittlere der Stadt einen steten, festen, ewigen, bleibenden 
Rath, welcher aus zwei Bürgermeistern und sechs Rathmännem bestand. 

1626 fiel das Tillysche Volk unvermuthet in die Stadt. Die Langestrasse 
wurde von einem Thor zum anderen abgebrannt und die Stadt selbst aus- 
geplündert. 120 Wohnhäuser, darunter auch das Rathhaus, sanken in Asche. 
1660 wurde es wieder aufgebaut. 

Am 12. Dezember 1747 suchte ein furchtbarer Sturm den Ort heim, 
wobei nicht nur grosser Schaden an Gebäuden angerichtet wurde, sondern auch 
viele eine völlige Zerstörung erfuhren. Bei dem grossen Brande am 6. Juli 1757 
sanken 226 Wohnhäuser mit den Nebengebäuden in Asche. Auch das Rathhaus 
wurde abermals ein Raub der Flammen. 1760 wurde es nach den Plänen des 



HHg 166 8^ 

Landbaumeisters Vick wieder aufgebaut. Am 10. Februar 1795 riss die 
angesehwollene Böhme die eben neuerbaute steinerne Brücke in die Fluthen. 

Am 12. März 1850 brach abermals eine Feuersbrunst über die Stadt 
herein. In den Jahren 1852— -1860 wurde das Rathhaus vergrössert und 
umgebaut. Thore waren von jeher vier vorhanden : das Hagenthor, das Brückenthor, 
das Langestrasse- oder Bremerthor, sowie das Moor- oder Rotenbui^er Thor. 
Sie waren mit Zugbrücken und Schlagbäumen versehen und enthielten Wacht- 
Stuben für die Mannschaften. 

Das allgemeine Landgericht für das Land; sowie das besondere für die 
Bürger fanden auf dem Klosterhofe statt. 1282 begegnet ein Halto de Wals- 
rode als Zeuge, und 1289 werden Hermannus, Johannes, Hinricus et Halcus 
fratres dicti de Walsrode genannt. 

Am östlichen Ende der Stadt, durch den früheren Kirchhof von dieser 
getrennt, liegt das uralte, einst Johannes dem Täufer und der Jungfrau Maria 
geweihte, nur für Nonnen bestimmte Kloster von der Regel des heiligen 
Benedict. Fromme Sagen umwehen auch hier die frühe Gründung des Klosters. 
Nur eine Nachricht dringt erhellend in das bestehende Dunkel: Am 7. Mai 986 
schenkte König Otto, als nachmaliger Kaiser Otto IIL, auf Bitten der Aebtissin 
Mechthild zu Quedlinburg und des Grafen Wale dem Kloster „Rode", welches 
dieser und seine Gemahlin Odelint zur Ehre Gotte «nouiter* gebaut hatten, das 
von ihm bis dahin dem Grafen Wale zur lehnbaren Nutzung überlassene Dorf 
„Zitowe**, ,in pago Zirimudis dicto et in comitatu Geronis Gomitis' belegen. 
Das Kloster bestand also bereits, und zwar war es kurz vor dem angegebenen 
Zeitpunkt gegründet worden. Wir werden daher wohl nicht fehl gehen, wenn 
wir, Grütter's Ausführungen uns anschliessend, das Jahr 969, vielleicht das 
Jahr 968 als Stiflungsjahr ansehen. Der erste Ort, welcher dem neugegründeten 
Kloster geschenkt wurde, ,Zitowe", erhielt als Schenkung des Stifters den 
Namen »Walestorpe*, jetzt Wohlsdorf im anhaltschen Amte Köthen an der 
Ziethe, wie das Kloster als seine Stiftung »Walesroth* genannt ist. 

1176 erwarb das Kloster die Kirdie zu Walsrode, welche nach einer 
Urkunde vom Jahre 1197 Johannes dem Täufer gewidmet war. 1251 wird 
Euerhardus Capellanus de Walsrode genannt. Am 29. November 1255 schenkt 
der Mindener Bischof Wedekind, zu dessen Diöcese das Kloster gehörte, diesem 
das Obereigen thum des Zehnten zu »Walesrode". Am 2. Dezember 1269 
schenken die Edelherren von Garssenbültel dem Kloster die Kirche zu 
Meinerdingen. Diese Schenkung wurde im Jahre 1307 vom Mindener Bischof 
Gottfried vervollständigt, indem er die Kirche ausdrücklich dem Kloster als nahe 
bei demselben belegen übertrug, mit dem vollen Rechte sowohl weltlichem wie 
geistlichem, um durch den Propst oder dessen Kapellane die kirchlichen 
Sakramente dort verwalten zu lassen. 1293 wird die Parochie Walsrode 
genannt. 1310 erwarb das Kloster von den Herren von Hodenberg durch Kauf 
die Dörfer Steimke und Glashof sowie Lehen und Patronat über die Kirche zu 
Steimke. Am 10. März 1314 verkaufte Hermann von Hodenberg dem Kloster 
die ihm zustehende Hälfte des Dorfes Gilten und übertrug demselben zugleich 
seinen Antheil am Patronat über die dortige Kirche. Die andere Hälfte des 



-^ 167 8^ 

Patronats schenkte ani 29. April 1330 Heinrich von Hodenberg in dankbarem 
Andenken an die ihm und seiner Gemahlin verliehene Brüderschaft und an die 
ihm auf dem KlosterkircI;ihof eingeräumten Begräbnissplätze. Im Jahre 1337 
schliessen Propst, Priorin und Konvent mit Konrad Haverber i;nd den Gevettem 
von Schlepegrell über die von dem Geschlechte derer von Schlepegrell her- 
gegebenen Güter des Altars St. Nicolai zu Walsrode einen Vergleich, in welchem 
dem Propst und Konvent die Besetzung des Altars mit einem Kapellan ein- 
geräumt wu-d imd die Familie von Schlepegrell das Patronat über die Kirche 
zu Güten erhält. Die Eingriffe der im Jahre 1383 mit Stadtrechten versehenen 
Büi^er in die Rechte des Klosters veranlassten die Herzöge Wenzlaus und 
Bernhard, am 30. November 1386 einen Schutzbrief zu erlassen, welcher dem 
Kloster alle Rechte und Privilegien in der Stadt bestätigte. 1390 wird eine 
.Capella Corporis Jhesu Christi'' genannt, nach Grütter eine Grabkapelle in dem 
neben der Aebtissinwohnung stehenden Gebäude, welche zum Theil noch 
erhalten ist und jetzt als Wagenremise und Komlager dient. 1396 scheint das 
Kloster durch Mannen der Stadt Lüneburg geplündert und gebrandschatzt, 
worden zu sein. 

„Des mydwekensz in den pinKsten** des Jahres 1482 traf das Kloster 
das Unglück, mit der Kirche in Folge eines Blitzschlages durch Feuer verheert 
zu werden, wobei alle Möbel sowie sämmtliche Briefschaften und Privilegien 
bis auf die Kopiare und einige wenige Originale vernichtet wurden. Dem Ein- 
fluss des Propstes Gerhard von Zerssen, welcher zugleich herzoglicher Kanzler 
zu Celle war, wird es zuzuschreiben sein, dass sich Herzog Heinrich ^der Mittlere 
des Klosterbaues annahm und dem Kloster 1486 gegen die Uebergriffe der 
Stadt seinen Schutz angedeihen Hess. Und Heinrich wiederum wusste 1496 den 
Kurfürsten Johann von Brandenburg zu veranlassen, dass für den Wiederaufbau 
des Klosters in dessen Landen eine Kollekte veranstaltet wurde. 1489 werden 
als zur Parochie Walsrode gehörig aufgezählt: Vtzingh, dat vorwerk, Gresebeke, 
Vulle, Syuerdingh, Odestmgh, Westerharlingh, Iddesingh, Ebbingh, Benfeit, 
Nunningh, Borch, Cordingh, Huntzingh und Jerningh. Am 4. April 1490 wird 
eine ewige, täglich „vor dem Altar belegen in dat Norden vor dem Chore in 
unser Kerken to Walsrode gebeten der van Hudenberge altar" zu haltende 
Messe gestiftet. Am 31. März 1496 wird der Sonntag nach Johannis des 
Täufers Geburt zum Weihefeste des Hauptaltars der nach dem Brande wieder 
aufgebauten Parochialkirche des Klosters zu Walsrode bestimmt. Die Zer- 
störung der Kirche durch den Brand vom Jahre 1482 war keine vollständige 
gewesen. Nur das Kirchendach, der Thurm und das letzte östliche Gewölbe 
waren beschädigt. Auch scheinen die Umfassungsmauern den Brand überdauert 
zu haben. 

Die Kirche bestand nach Mithoff, welcher Grundriss und Querschnitt 
abbildet, aus einem im Lichten 26,65 m langen und 13,14 m breiten Langhause 
und einem an der Nordseite um 2,05 m in der Breite eingezogenen, im Osten 
funfseitig gestalteten und im Lichten 11,83 m langen Chor. Das Langhaus 
war durch vier Säulen mit schwachen Kämpfern in zwei gleich breite Schiffe 
getheilt und mit überhöhten kuppelartigen Gewölben zwischen halbrunden 



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Längs- und Quergurten überdeckt. Das eingestürzte Chorgewölbe war durch 
eine einfache Holzdecke ersetzt worden. Die Kirche enthielt ein Begräbniss- 
gewölbe. Auch der yormals neben der Kirche an der Klosterseite gelegene 
Kreuzgang war in älterer Zeit ganz mit Begräbnissgewölben ausgefüUt. Unter 
Anderem hatten die Herren von Hodenberg zu Hudemühlen dort ein besonderes 
Erbbegräbniss. 

Am 23. August 1506 wird das Einweihungsfest des Hauptaltares von 
Sonntag nach des heiligen Johannes Enthauptung auf Sonntag nach Johannis 
des Täufers und des Hodenberger Altares Symonis et Judae von Sonntag nach 
Jacobi auf Sonntag vor Maria -Magdalena verlegt. Im Jahre 1518 trat das 
Kloster in die Brüderschaft des Hospitals St. Spiritus in Saxia de Urbe ein. 
Am 5. August 1523 schliessen Propst^ Rath und Aelterleute mit dem Meister 
Hans Brüggemann — wie Doebner im Repertorium für Kunstwissenschaflf 
1901, nachweist, in Walsrode geboren — einen Vertrag: er soll für den Früh- 
messen-Altar ein Altarblatt fertigen, im Haupttheile die Himmelfahrt Mariae 
mit den 12 Aposteln, in den beiden Flügeln und dem Fusse den Patron 
St. Johannes den Täufer sammt den anderen Patronen, welche sie begehren 
werden, enthalten. Mit der Vergütung von 55 Gulden erklärt sich Brüggemann 
auch für den Fall einverstanden, dass Sachverständige nach Vollendung der 
Arbeit deren Werth höher einschätzen sollten, da er als Walsroder Kind geboren 
sei und seine Eltern dort begraben habe. Auf der Rückseite der von Doebner 
mitgetheilten Urkunde steht von zwei verschiedenen Händen XVII. und 
XVIII. Jahrhunderts geschrieben: «Fürschriebung des Altares Anno 1523*" und 
, Diese Taffei ist nachgehends nach Kirchboizen zum Altar verkauffet''. Diese 
Tafel kam 1625 nach Boitzen in die Kirche; in Kirchboitzen, dessen Kirche 
1861 neu gebaut wurde, ist der Altar jedoch nicht mehr vorhanden. Ein 
Kirchensiegel vom Jahre 1527, das einzig erhaltene aus der Zeit vor der 
Reformation, zeigt das Bild der Jungfrau Maria mit dem Christkinde. Das 
Kirchensiegel, wie es seit der Reformation gebraucht wird, zeigt Johannes den 
Täufer. Die Reformation wurde 1528 eingeführt. Der erste lutherische Prediger 
war Henning Kelp, 1528 — 1575. Mit der Reformation kam auch die Super- 
intendentur nach Walsrode. 1532 werden ein grosses vergoldetes Kreuz, ein 
vergoldetes Sakramentshaus, vier silberne Ampeln^ zwei kleine silberne Kreuze, 
füuf Kelche mit Patenen und zwei kleine silberne Röhre genannt. Diese 
Kleinodien sind jetzt nicht mehr vorhanden. 1573 wurde die Kirche gedeckt, 
1575 der Altar auf dem Chore von Caspar und Hermann vom Rade vermalt. 
In dem gleichen Jahre wurde die Orgel umgelegt. Die genannten Maler 
schmückten die Decke mit Gemälden, darstellend die Dreieinigkeit; Gott Vater 
und Sohn thronen nebeneinander in den Wolken, die Füsse auf den Erdball 
als Schemel gestellt, während über ihnen der heilige Geist in Gestalt einer 
Taube erscheint. 1583 wurde die Orgel ausgebessert und 1598 ein neuer 
Predigtstuhl gefertigt. 

Im Jahre 1600 wurde der Thurm, welcher zuvor mit „Spondack* 
bedeckt war, gebessert und mit Kupfer belegt, sowie der Knopf von neuem 
vergoldet. 1621 goss Thomas Symon, ein Glockengiesser aus Lothringen, die 



-^ 169 8^ 

damals grösste Glocke um. 1625 erhielt der Orgelmacher Adolphus Campenius 
zu Hannover den Auftrag, die Orgel zu erneuern und chormässig zu stimmen. 
1626 wurden Kirche und Kloster von den Schaaren Tilly's geplündert, auch 
wurden die Güter des Klosters gegen Vermachung eines Deputats eingezogen 
und der fürstlichen Kammer überlassen. Die Aebtissin Salome Daldorf, 
1620—1631, verehrte einen vergoldeten Abendmahlskelch zum Klosteraltar. 
1633 wird die Kirche als baufällig bezeichnet und 1639 drohte das ganze 
Kirchengebäude auseinander zu weichen, Uhr und Glocke wurden aus dem 
Thurm entfernt. Da die Orgel in den Kriegszeiten arg gelitten hatte, so ward 
dem erwähnten Campenius 1639 abermals der Auftrag zu Theil; dieselbe zu 
bessern. Doch ging derselbe in der Ausführung schlecht und betrügerisch zu 
Werke. 1647 nahm darum Justus Keyser eine weitere Ausbesserung vor. 
1640 legte Berend Knust, Rathsmauermeister zu Bremen, für 234 rthlr. sieben 
grosse Pfeiler an die Kirche und reparierte dieselbe auch sonst. In demselben 
Jahre liess Peter Stratemann auf seine Kosten eine Uhr auf den Thurm setzen. 
1644 wird gesagt, dass die hohe, unumgängliche Nothdurft erfordere, dass der 
grosse, unten an der Kirche stehende Thurm abgetragen werde. 1648 schenkte 
der Amtmann Carolus Dieterichs einen silbervergoldeten Kelch mit Patene. 
1659 musste der verfallene Thurm abgenommen werden. Statt seiner wurde 
ein niedriger Thurm auf dem Kirchhof gebaut^ in welchem man die Glocken 
aufhing. 1672 umgab man den Altar auf dem Chore mit einem Gitterwerk; 
die Säulen und Knöpfe hatte Cord Dreier gefertigt. 1677 verehrten Barthold 
Gerber, Kanonengiesser, und seine Gattin Adelheid Magdalena Schillings eine 
zinnerne Weinkanne. 1684 wurde das Dach über dem Chor neu aufgebaut. 
1687 fertigten der Meister Karl Pi'öschen und sein ältester Sohn Henning in 
Walsrode auf Kosten der Elisabeth Twieten, Wittwe des Bürgermeisters Christoffer 
Schillings, einen Beichtstuhl mit ihrem und ihres Gatten Wappen. 1690 schenkte 
Edna Juliana von Damm eine silberne Kapsel oder Schachtel. 1691 wird von 
dem Fürstlich Braunschweig-Lüneburgischen Hofrichter Werner Hermann Spörken 
in Vorschlag gebracht und f&r gut angesehen, dass die alten zum Theil bau- 
und niederfälligen Klostergebäude abgetragen und dafür ein Gebäude aufgeführt 
würde, worin sämmtliche 12 Konventualinnen wohnen könnten. 1693 gründete 
und begabte Rudolph von Hodenberg einen Altar an der Nordwand. Ein 
zwischen 1693 und 1695 angefertigter Auszug aus dem Corpus bonorum erwähnt 
einen alten, aus gegossenem Glockengut gefertigten Taufstein ohne Jahreszahl 
mit den erhabenen Darstellungen der Empfängniss, der Geburt, der Gefangen- 
nehmung, der Geisselung, der Ausführung, der Kreuzigung, des Begräbnisses, 
des Grabes Christi mit der Erscheinung der Engel und Besuchung der Weiber, 
der Auferstehung, der Offenbarung und Himmelfahrt Christi. Der Deckel war 
1656 von Salome Kokes verehrt worden. 1695 schenkte Gesche Schnitze, 
Wittwe des Hans Meier, ein grosses ausgetriebenes und ein kleines messingenes 
Becken. In den Jahren 1699/1700 wurde die Kirche geweisst. 

1702 wurde die hart an der Mauer belegene Kanzel etwas vorgerückt 
und mit den vier Evangelisten, Kragsteinen und anderem Zierrath geschmückt. 
Das Schnitzwerk fertigte Heinrich Conrad Bartels in Celle. Als bei dem 

22 



-^ 170 8^ 

neunwöchigen Trauergeläute aus Anlass des 1705 erfolgten Ablebens des Herzogs 
Georg Wilhelm zu Celle die kleine Klosterglocke zersprang, liess sie die Aebtissin 
von Stolzenbui^ auf ihre Kosten durch eine neue ersetzen. 1705 wurde femer 
eine gründliche Ausbesserung der Orgel vorgenommen. 1706 schenkten die 
Kinder des weiland Diakons Dietrich Günther eine silberne, inwendig vergoldete 
Kanne. 1710 lieferte der Bildhauer und Maler Conrad Ritterhoff, wohnhaft zu 
Smoke bezw. Thedinghausen, einen neuen Kanzeldeckel. 1717 befiehlt Herzog 
Georg, dass mit dem Abbruch des alten und der Erbauung des neuen Kloster- 
gebäudes der Anfang gemacht werde, was 1719 geschah. An Stelle des alten 
zweistöckigen Wohnhauses entstand der .lange Gang'', welcher 1720 bezogen 
wurde und für sechs Konventualinnen eingerichtet war. 1729 wurde ein neues 
Wasch- und Brauhaus sowie eine neue Klostermauer zu bauen begonnen. Das 
Inventar vom Jahre 1730 nennt an Gebäuden zum Kloster gehörig: 

1) Das Aebtissinhaus, welches aber wegen vollständigen Verfalles nicht 
bewohnbar sei, 

2) das neue Klostergebäude oder Konventualinnenhaus, von sechs Kon- 
ventualinnen bewohnt, 

3) einen alten Stall oder Wohnhaus (Grabkapelle?), welchen die Aebtissin 
hn Gebrauch habe, 

4) die Holz-y Torf- und Wagenscheuer, worin die Konventualinnen ihre 
Feuerung aufheben, 

5) das alte Wasch- und Brauhaus, »welches neue gebauet wird und ietzo 
abgebrochen ist*. 

Ausserdem standen auf des Klosters Grund und Boden noch sieben Privat- 
gebäude. 

1737 wurde das Klosterthor renoviert, 1745 liess der Oberamtmann 
Philipp von Hagen den alten Hochaltar durch einen auf seine Kosten gefertigten 
ersetzen. Um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts wurde das Dorf Stellichte auf 
Ansuchen des Herrn von Behr in allen geistlichen Dingen nach Stellichte gelegt, 
jedoch mit dem Vorbehalt, dass die Eingesessenen nach wie vor alle Lasten, 
Bau- und Reparaturkosten unverändert tragen müssten. 1775 wurde der Thurm 
des Klosterthores ganz und letzteres bis aufs Mauerwerk heruntergenommen 
und von Neuem wieder aufgeführt. 1786 wurde der auf dem Kirchhof stehende 
Glockenthurm vom Jahre 1659 beseitigt und auf Kosten der Stadt- und Land- 
gemeinde der jetzt noch stehende Kirchthurm aufgeführt. 

Besonders unruhige Tage sollte das Kloster in der Franzosenzeit sehen. 
In den Jahren 1812/13 wurden die bei der Aufhebung des EJosters geraubten, 
meist zu geistlichen Zwecken bestimmten Effekten sammt dem Mobiliar durch 
den französischen Receveur Lehmann öffentlich verkauft. Nur wenige fanden 
sich, bewogen durch private Vorstellungen des Landraths und Klosterkommissairs 
von der Wense, sowie durch seine Aufforderung in dem 50. Stück der Hannover- 
schen Anzeigen vom Jahre 1814, bereit, einen Theil des an sich gebrachten 
Klostereigenthums zurückzugeben. Namentlich war der Chor seiner zum Gottes- 
dienst nothwendigen Geräthe beraubt worden. Erst 1814 konnten die Damen 



-^ 171 8^ 

in's Kloster zurückkehren. Um einen grösseren Raum für die Gemeinde zu 
schaffen, wurde 1817 der Bau einer neuen Prieche genehmigt. Am 18. August 1835 
wurde dann endlich auch das EHosterarat aufgehoben, und damit schwand der 
letzte Schimmer einstiger Grösse. 1845 wurde der theilweise Umbau der Kirche 
beschlossen. Als aber der Konsistorialbaumeister Hcllner den Vorschlag machte, eine 
ganz neue Kirche zu bauen, trat man dem bei. Der Neubau wurde 1847 in Angriff 
genommen und währte bis zum Jahre 1850. Der Thurm und der Klosterchor 
wurden beibehalten. Der letztere war vor dem Neubau mit der Stadtkirche 
durch eine grosse Oeffnung verbunden, vor welcher die Damen in ihrer Kirche 
erhöhte, durch Vorhänge nach Belieben abzuschliessende Sitze hatten. Dies 
wurde bei dem Neubau geändert. Die nördliche Klosterchor\vand wurde neu 
hergestellt, durch zwei Durchgänge mit der Stadtkirche verbunden und mit 
Fenstern versehen. Die somit für sich abgeschlossene Klosterkirche wird jetzt 
nur bei der Wahl und Einführung der Aebtissinnen und der Einführung der 
Ghanoinessen, sowie bei der Feier des Abendmahls und den Begräbnissen ' 
benutzt. Um am Gottesdienst der Gemeinde Theil nehmen zu können, müssen 
die Damen jetzt durch ihre Kirche hindurch in die Hauptkirche gehen, wo ihnen 
ein bevorzugter Kirchenstuhl auf dem Chore eingeräumt ist. 

Ueber die Vogt ei erfahren wir in den auf uns gekommenen Nachrichten 
erst 1228 Näheres. In diesem Jahre belehnt Graf Iso von Wölpe, Bischof zu 
Verden, auf Bitten der verwittweten Herzogin Helene von Lüneburg deren Sohn 
mit der Vogtei »Walesrothe*, welche dieser jedoch wiederum dem Sohne 
Bernhards von Wölpe als Lehen übertragen solle. 1237 erwählen Propst und 
Konvent, «multis malorum insultibus compulsi'', den Herzog Otto von Braun- 
schweig und dessen Söhne zu «Tutores Dominos et defensores'^. 1386 erhält 
der Herzog Wenzlaus von Sachsen und Lüneburg von der Verdener Kirche die 
Vogtei zu Walsrode. 

An der Spitze der Verwaltung des Klosters stand anfangs ein Propst 
für die weltlichen und eme Priorin für die geistlichen Angelegenheiten. Am 
22. Juli 1529 aber Hess sich der Herzog Ernst vom Propst Johann Wichmann 
die Administration und Verwaltung des Klosters abtreten und ernannte ihn zum 
Vorsteher und Verweser desselben. Eine Zeit lang hat Wichmann dem Kloster 
in dieser Eigenschaft noch vorgestanden. Dann traten fürstliche Amtmänner 
an seine Stelle und eine Domina an die der Priorin. Neben der Domina wird 
1614 eine Priorin und vom Jahre 1495 bis 1655 eine Subpriorin genannt. 
Seit 1704 werden Klosterkommissaire von der Ritterschaft bestellt. Von 1734 
an wird die Domina Aebtissin genannt. 1835 wurde das Amt aufgehoben und 
mit der Amtsvogtei Fallingbostel verbunden. 

Ueber die inneren Verhältnisse des Klosters sei Folgendes bemerkt: 
Am 12. Juli 1399 wurde wegen der althergebrachten «annua pensio* der 
.seculares puelle in eodem monasterio ciun ceteris monialibus commorantes*^ 
ein geschärfter Befehl erlassen. Am 23. Mai 1475 erliess der Herzog Friedrich 
der Aeltere die Vorschrift, dass das Kloster verschlossen bleiben und der Propst 
dasselbe vor jedem Thore von aussen und die Priorin von innen zuschliessen' 
und einen bestellen solle, welcher diejenigen ein- und auszulassen habe, welche 

22* 



-^ 172 $*■ 

eine Eriauboiss vom Propste und der Priorin halten. Ferner bestimmte er, 
dass alle Klosterdameo im .Remter* essen, stets zmn Chore geben mid das 
Kloster nicht zum Besuche ihrer Freunde auf acht Tage verlassen sollen. Die 
Zahl der statt der or^rünglichen .vii^nes de online sancti Benedict! abbatis* 
dort Torhandenen .canonicae Reguläres* ist vor 1483 auf 24 edle Kloster- 
jui^rauen and nicht vom Adel angegeben. Kurz vor Ostern 1482 stellte Amia 
von Nassau, Herzogin zu Braunscbweig und Lüneburg die strenge Regel des 



Fig. W. Kirche in WslBtode; Waslaelte. 

Benedictinerordens wieder her und schaffte die canonicae reguläres ab. 
1494 hatte sich die Zahl der Mitglieder auf mehr als 80 erhöht. 1518 waren 
ausser der Priorin 31 Elosterschwestem, 5 Novizen und 20 Laiensdiwestem, 
1625 34 Choigungfrauen und 16 Konverse vorhanden. 1691 befanden sich mit 
der Domina 12 Konventualinnen im Kloster, von denen fünf im Elostergebfiude 
wohnten, während die übrigen ihre eigenen erkauften oder erbauten Hauser 
hatten. 1699 bestimmte der Herzog Georg Wilhelm von Celle, dass die Stellen 
im Kloster künftig für die Töchter der adeligen Landsassen des Ffirstenthums 



-^ 173 8^ 

Lüneburg allein verbleiben sollten, eine Bestimmung, welche durch Georg 
Ludwig 1711 eine Erneuerung erfuhr. Das Kloster besteht xur Zeit als welt- 
liches Fräuleinstift. 

Der yiereddge, in der unteren Hälfte aus Findlingen mit Eckquader- Beschreibung. 
einfassung, in der oberen aus theilweise ausgemauertem, aussen mit Schindeln l^irche. 
bekleidetem Fachwerk errichtete Westthurra der Stadtkirche zeigt hölzernes ^"^™- 
Hauptgesims und einfache Oeffnungen (Fig. 63). Im Inneren des unteren 
Theiles ist auf der Nord- und Südseite je ein korbbogig geschlossenes zu- 
gemauertes Fenster zu sehen. Ein ebenso geschlossenes Fenster mit Sandstein- 
gewände ist über der flachbogigen Eingangsthür an der Westseite angebracht. 
Darüber steht auf einem Quader die Inschrift: «Anno 1786". Dieselbe Jahres- 
zahl ist in der Wetterfahne enthalten, während ein hölzernes Zifferblatt auf der 
Westseite die Zahl 1787 aufweist. Der mit Kupfer belegte Helm geht in 
geschwungener Linie in's Achteck über und trägt eine achteckige offene Laterne. 




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Flg. 64. Kirche In Walsrode; GlockenlnBchrtft. 





Auf der oberen Westprieche der Stadtkirche steht eine nicht mehr Altarwand. 
benutzte Altarwand in ausgeprägten Regenceformen aus dem Jahre 1745 
(siehe Geschichte). 

Auf. der darunter befindlichen Priecbe hängt an der Thunnwand eine Gedenktafel. 
1659 aus Holz gefertigte Tafel. Dieselbe zeigt oben eine Darstellung der 
Kreuzigung mit Jerusalem im Hintergrunde unter schwer bewölktem Himmel, 
von reichbehandeltem Barockomament umrahmt. Die darunter befindliche In- 
schrift feiert das «Ehrengedächtnis'' der ersten drei lutherischen Prediger: 

1. des Henning Eelp, 1498 geboren, derselbe führte 1528 die lutherische 
Lehre ein und dankte 1575 ab, 

2. des Jacobus Kelp, seines Sohnes und Nachfolgers, 1540 geboren^ 
1606 gestorben, 

3. des Joan Kelp^ seinem Vater 1603 beigeordnet, 1576 geboren und 
1659 gestorben. 

Ganz unten befindet sich der Spruch 1. Corinth. 16, 13. 



-^ 174 8^ 



Glocken. 



Grabmale. 



Rlostercfaor. 



Altar. 



Altarleuchter. 



Die 1,40 m im Durchmesser grosse Glocke trägt am Halse zwischen 
Riemchen, deren unterstes schönes Blattwerk zeigt, eine zweizeilige Inschrift in 
gothischen Kleinbuchstaben (Fig. 64), enthaltend die Jahreszahl 1437 und den 
Namen der Glocke ,,Maria". Auf dem Mantel ist das Hochbild der Maria mit 
dem Kinde und die Umschrift «santa> Maria", auf der gegenüberliegenden Seite 
das Hochbild des Johannes mit dem Lamme und die Bezeichnung ,,sante • Johanes' 
angebracht. Der Rand weist als Verzierung einen mit Äkanthusblättem um- 
wundenen Stab auf. 

Die andere, 1,17 m im Durchmesser haltende Glocke ist der Lapidar- 
inschrift am Halse gemäss 1727 von M. Thomas Rideweg in Hannover grossen. 
Am Rande stehen die Worte: „Gott rufiEl durchs Wortes Schall bis an der 
Welt ihr Ende mein Thon rühr aller Hertz das sich zu Gott stets wende.* Auf 
dem Mantel ist eine vierzeilige Inschrift angebracht. 

Im Inneren der Kirche befinden sich an der Ostwand des Thurmes zwei 
eingemauerte Grabmale in Sandstein, den Verstorbenen in lebensgrosser Figur 
zeigend. Das erste ist dem Pastor Primarius Gabriel Meier, gestorben 1679, 
gewidmet, das zweite dem Rvdolphvs Lodeman, Pastor Primarius und Super- 
intendent, 1714 gestorben. Beide Grabmale zeigen gute Ausführung und trafen 
fein gearbeitete Bekrönungen. 

Der in Backstein errichtete, rechteckige, höher liegende Klosterchor fügt 
sich an die Südseite der Stadtkirche an (Fig. 65). Eine schlichte Bretterdecke, 
welche mit Fruchtgehängen, Muschelwerk und anderem Zierrath in den Formen 
der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts bemalt ist, schliesst den Innenraum 
ab. Das Dach ist abgewalmt und trägt im Westen einen mit Kupfer belegten 
Dachreiter. Von den durchgehends spitzbogigen Fenstern ist das mittlere, grosse 
der Ostseite dreitheilig und zeigt wie die beiden zweitheiligen der Südseite 
Backsteinmasswerk. Die Wetterfahne enthält die Jahreszahl 1775. 

Der an der Südseite stehende, in Regenceformen aus Holz geschnitzle 
Aebtissinsitz trägt ein Wappen mit der Bezeichnung: «Anna Elisabeth von 
Luttermann angenommen Ostern 1751.* 

Die hölzerne, in Regenceformen gehaltene Altarwand trägt ein ver- 
kröpftes, von zwei Säulen getragenes Gebälk, auf welchem zwei Engelsfiguren 
angebracht sind. Unten befinden sich drei Wappen mit den Bezeichnungen: 

1. Dorothea Eleonora von Ompteda. 

zur Conventualin angenommen den 6. October. 1741. 

2. Ilse Gatharina von Ahlden. 

zur Conventualin angenommen den 24 Decemb. 1742. 

3. Helena Frederica Hinriette von Wallmo.den. 

zur Conventualin angenommen den 25 Septem: 1743. 

Die seitlichen, aus Rankenwerk gebildeten Endigungen enthalten je eine 
länglich runde Inschrifttafel mit je einem Spruch aus Johannes. Die Bekrönung 
zeigt von Wolken umgeben auf einem dreieckigen Schilde den Namen Jehovah 
in hebräischer Schrift. 

Zwei 0,44 cm hohe Altarleuchter aus Messing zeigen nach gothischer 
Art einen walzenförmigen Schaft mit drei Knäufen. 



-*-i 175 S->- 

lo einer Nische der Südwand über dem Sitze der Aebtissin steht auf Bildwerke, 
einem mit Vierpässen geschmückten Sockel das mit Ausnahme der Füsse aus 
anem Stück Eichenholz geschnitzte Bild des Klosterstiflers in blauem Gewände 
und rothem Hantel. Die Rechte hält ein Schwert mit herumgewundenem 
Tr^emen, die Linke ein Kirchenmodell. Das Ganze zeigt die au^eprSgten 
Formen der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts. 



Fig. Ci. Kloster In W&Urods. 

Unter dem Bilde ist eine Tafel mit einem Wappen und folgender 
Lapidarinschrift angebracht: 

Illustris princeps Walo de Ahnbolt, 

Comes in Ascania ■ Dominus in Bemborg 

fundator huius monastery 

anno 986. 

Ein kleines, aus einem Stück Holz geschnitztes, bemaltes und theilweise 

vergoldetes Bildwerk auf dem Altar stellt das heilige Abendmahl dar. 



-^ 176 8->- 

Cracifixns. Ein an den Händen beschädigter, auf dem Boden des sogenannten 

langen Ganges aufbewahrter, hölzerner Crucifixus von 1,80 m Höhe hängt an 
einem Kreuze, welches die aufgemalte Jahreszahl 1693 trägt. Das ursprüngliche 
natürliche Haar fehlt jetzt. Der höchst interessante Körper gehört in die zweite 
Hälfte des XV. Jahrhunderts. 

Gemälde. An der Südwand hängen neben mehreren neueren die Oelgemälde 

folgender Aebtissinnen : 

Dorothea Magdalena von Stoltzenberg, gestorben 1737. 

Christiana Veronica von Pvfendorflf, gestorben 1765. 

Dorothea Eleonora von Ompteda, gestorben 1775. 

Sophie Anne Dorotee von Hinvber, gestorben 1803. 

Auch hängt dort eine auf Holz gemalte, schlecht erhaltene Darstellung 
von Christi Gebet am Oelberge, anscheinend dem XVIII. Jahrhundert angehörend. 

Glasmalereien. Die Fenster der Ostwand enthalten beachtenswerthe, dem Ende des 

XV. Jahrhunderts angehörende, zum Theil erneuerte Glasgemälde. Dieselben 
bilden den Hauptschmuck des Chores. In dem mittleren grossen Fenster sehen 
wir den Gekreuzigten zwischen Maria und Johannes, in dem kleineren zur Linken 
Johannes den Täufer mit dem Lamm, in dem gleich grossen zur Rechten einen 
Abt mit dem Krummstab unter einem reichbehandelten Baldachin mit der 
Unterschrift : 

«Santvs bendicktvs. Mcccclxxxni Jar.' 

In die beiden Fenster der Südseite sind 16 Wappenscheiben von An- 
gehörigen des Klosters, grössere Scheiben mit bildlichen Darstellungen, darunter 
eine mit der Jahreszahl 1490 (Fig. 66) und ein kleines rundes Glasbild eingesetzt ; 
letzteres zeigt einen Engel, wie er eine Jungfrau davon abhält, sich in das 
unten fliessende Wasser hinabzustürzen. In den kreisförmigen Oeffnungen des 
Masswerks sind ein Städtewappen (Thor mit drei Thürmen und schreitendem 
Löwen), sowie Gott Vater in den Wolken zu sehen. 

Glocken. Im Dachreiter über dem Klosterchor hängen zwei Glocken mit fein- 

gearbeiteten Ornamenten. Die eine, 0,58 cm im Durchmesser grosse Glocke ist 
1643 auf Kosten des Johann Friedrich Behr (siehe Geschichte) gemacht. Die 
andere, 0,65 cm im Durchmesser grosse Glocke wurde 1743 von Christoph 
Weidemann gegossen. 

Grabsteine. E^lf stark verwitterte, dem XVII. und XVIII. Jahrhundert entstammende, 

mit Wappen versehene Grabsteine werden auf dem Klosterkirchhof aufbewahrt. 
Die Sandsteinpfosten am Eingang desselben tragen als Bekrönung grosse Kugeln 
mit der Jahreszahl 1751. 

Reliquien- Ein kleines, zweiflügeliges Reliquienschränkchen an der Nordwand ist 

schrank, mit gothischen Verzierungen versehen und enthält zwei, der ersten Hälfte des 
Xiy. Jahrhunderts angehörende Figuren, Christus mit geöffneten Malen und der 
Siegesfahne dem ungläubigen Thomas erscheinend. Die Reliquien sind in 
kleinen, viereckigen Kästchen untergebracht, welche die entsprechenden Namen 
tragen und schachbrettförmig angeordnet sind. 



-*4 177 g-t- 

föl riafacber Sdirank zeigt in der Bekrönung ein geschnitztes Wappen Schrank, 
mit der BexskimxiDg: .JnUaiie Wilhehnine fViderique von Bothmer zur Conven- 
tnalin angenommen UichaeU 1772.' 



Plg. «t. KloMer in WkliTode; GUimktsreL 

Das Elostersieget toh spitzovaler Form zeigt den mit zottigem Felle 
bekleideteD nnd mit einer MAtze bedeckten Johannes, wie er, in der eriiobenen 
Rechten einen Krug in on^^estürzter Lage haltend, Christus tauft, welcher, die 
Rechte zum Sefen eilioben, bis zur Hälfte des Leibes im Jordan steht. 

I^ UmschrUt lautet: ,f S Honasterü • in • Walsrode f *. 



-Ng 178 8^ 



Stickerei. 



Uhr. 



Wappen. 



Eine durch Streifen von roihem Sammet unterbrochene Altardecke zeigt 
in guter Stickerei und in den Formen des XVI. Jahrhunderts den Gekreuzigten 
zwischen Maria und Johannes. 

Das Uhrgehäuse an der Westwand zeigt auf den drei freien Seiten je 
ein in Holz geschnitztes Wappen mit den Bezeichnungen: 

«Anne Justine von Wersebe aufgenomen Michaeli 1780*, 

„Eleonore Louise Friederique Leopoldine von Dreves angenommen 

Michaelii 1790» 

und in der Mitte der Vorderseite: 

«Henriette Eleonora Friderica von Pufendorf zur Conventualin 
angenommen Michaeli 1768 "• 

Das letzte Wappen ist auch mit der gleichen Beseichnung auf eine 
Füllung der Vorderseite gemalt. 

Eine hölzerne, mit Weiss und Gold behandelte Tafel enthält 16 runde, 
auf Blech gemalte Wappen von Aebtissinnen. Das Ganze wird durch das 
geschnitzte Wappen der von Uslar bekrönt. Die unter letzterem befindlicfaey 
aus Lapidaren bestehende Inschrift lautet: 

Anne Sophie Dorothea von Uslar 

in diesem adlichen Kloster zur 

Conventualin angenomen Michaeli 1777. 

Darunter steht auf der Tafel selbst: 

Nach der Reformation Lutheri sindt 

im Kloster 

Walsrode nacheinander als Domina 

oder Abbatissinnen 

gefolget 

Die Unterschriften der einzelnen Wappen lauten: 



1- 


Anna Behr. 


7. Anna Magdalena . 




Gestorben 1548. 


von Jettebnwii. 


2. 


Anna von Weihe. 


Erwählet 1631, 


3. 


nsabe Surborg. 


Gestorben 1656. 


4. 


Giessel Klencke. 


8. Magdalena Klencke 




Erwählet 1574 


Erwählet 1656. 




Gestorben 1615. 


Gestorben d. 20. Dec: 1671. 




Alt 74 Jahr. 


Alt 71 Jahr. 


5. 


Elisabeth von Ehlte. 


9. Friderique von Fulda. 




Erwählet 1615. 


Erwählet 1672. 




Gestorben 1620. 


Gestorben d. 26 Oct: 1689. 


6. 


Solome von Daldorf. 


10. Margaretha Elisabeth 




Erwählet 1620. 


von Estorf. 


Gestorben d. U. Jun. 1631. 


Erwählet d. H. Dec: 1689. 




Alt 81 Jahr. 


Gestorben 1692. 



-n8 179 «H^- 



11. Dorothea Magdalena 

von Stoltzenberg. 

Erwählet d. 21. Jun: 1692. 

Confirmiret u. beeidiget 

d. 5. Juli. 1692. 

Gestorben d. 8. Nov: 1737 

Alt 90 Jahr. 

12. Christiana Veronica 

von Pufendorf. 

Erwählet d. 18. Jan: 1738. 

Confirmiret u. beeidiget 

d. 30 Jan: 1738. 

Gestorben 1765. d. 21 Feb: 

Alt 75 Jahr. 

13. Dorothea Eleonora 

von Ompteda. 

Erwählet d. 21. Mart: 1765 

Confirmiret u. beeidiget 

d. 3. Apr: 1765. 

Gestorben 1775. d. 8 Jan: 

Alt 68 Jahr. 



14. Sophie Anne 
Dorothea von Hinüber 

Erwählet d. 21. Febr: 1775. 

Confirmiret u. beeidiget 

d. 14 Mart: 1775. 

Gestorben den2^ Julii. 1804 

Alt 73 Jahr. 

15. Henriette Christine 
Eleonore Friderike 

von Pufendorf. 

Erwählet und beeidiget 

den 28*?5 Februar 1806 

Gestorben den 31 Oct:'1832. 

Alt 82 Jahr. 

16. Louise Caroline 

Marschalck. 

Erwählet u. beeidiget 

den 12*?H Decemb: 1832. 

Gestorben den 29 Sept: 1862 

Alt 72 Jahr. 



Auf einer anderen Holztafel sind die Wappen auf länglich runde 
PorzeDanschilder gemalt und tragen die Bezeichnungen: 

17. Caroline Louise 18. Therese von Plato 

von Düring Erwählt Erwählt, d^ 23:: Mai, 1871. 

d. 14« Novs 1862, bestätigt Bestätigt, und, beeidigt, 

und, beeidigt, d:: 30= Dec« 1862. d= 27= JuU 1871. 

Gestorben, d= 3= April 1871 Gestorben, d= 18= März 1899 

Alt, 66, Jahr. Alt, 77, Jahr. 

Ausserdem sind noch die aus Holz geschnitzten Einzelwappen der 
.I&dewig Sophie Caroline von Gadenstedt, aufgenomm^i 1777", und der 
Aebtissin Sophie Anne Dorothea von Hinüber mit der Jahreszahl 1776 vorhanden. 

Den Mittelpunkt des Klosters bildet der sich an den Elosterchor Kloster. 
anfugende, den Klosterkirchhof einschliessende sogenannte lange Gang, bestehend 
aus einem einstöckigen Ost- und Südflügel (siehe Fig. 65). Das Dach ist mit 
zahlreichen Gauben belebt. Das Gebäude enthält sechs Wohnungen und ein 
Gastzimmer. Im Osten stehen die Aebtissinwohnung und drei Nebengebäude, 
von denen das neben der ersteren belegene mit der 1390 genannten Kapelle 
(siehe Geschichte) identisch sein dürfte. Es wird jetzt durch eine Fachwerkwand 
in zwei Theile getrennt und zeigt innen eine grosse Anzahl zugemauerter Fenster, 
welche im Flachbogen, einmal im Spitzbogen geschlossen sind. Auch sind 
mehrere Spitzbogennischen an den Wänden angebracht. Der wahrscheinlich 
als Grabgewölbe dienende Keller wurde durch flachbogige Oeffnungen erhellt. 

23* 



HHi 180 g^ 

Die Ostwand zeigt jetzt zwei neuere Durchfahrten. Dieses, sowie das daneben 
stehende Gebäude sind nicht mehr im Besitz des Klosters. 

Im Süden befinden sich 

1. Der Remter, auch Speisehaus genannt, 1475 erwähnt. Das aus 
Backsteinen errichtete Erdgeschoss ist älter als das aus FachweriL 
bestehende und mit übergesetzten, verschalten Giebeln versehene 
Obergeschoss. Es dient als Wohnung für eine Dame. 

2. Das Brauhaus, 1730 gebaut, jetzt als Wohnung für den Wärter 
dienend. 

3. Ein Wohnhaus mit übergesetzten Giebeln. Den Raum unter den 
Vorkragungen füllen abgerundete starke Bohlen. 

Im Westen steht das von Bothmersche Wohnhaus mit übergesetzten 
Giebeln. Es dient als Wohnung für zwei Damen und zeigt auf der Rückseite 
das von Bothmersche Wappen. 

Die Sandsteinpfosten des nordwestlichen Eingangsthores zum Kloster 
werden von zwei Vasen bekrönt, an deren Fuss sich die Zahl 1780 befindet. 

RAthhaus. Das einfach gehaltene, auf massivem Sockel in Fachwerk errichtete, an 

den Schauseiten in Putz gequaderte Rathhaus hat hölzernes Hauptgesims und 
ein abgewalmtes Dach. Der schlanke, zierlich geschwungene Helm des sechs- 
eckigen, liurchbrochenen, mit Schindeln behängten Dachreiters ist mit Kupfer- 
blech gedeckt. In der Wetterfahne stehen die Zahlen 1383 und 1897. Das 
Ganze zeigt abgesehen von dem im XIX. Jahrhundert erfolgten Erweiterungsbau 
im Norden (siehe Geschichte) die Formen der Mitte des XVIII. Jahrhunderts, 

Siegel. Auf dem Rathhause wird eine Anzahl von Siegeln aufbewahrt, unter 

denen wir das alte Stadtsiegel und folgende mit Jahreszahl versehenen auf!Qhren: 

Siegel des Krameramtes zu Walsrode 1674, 

, des Bäckeramtes zu Walsrode 1741, 

, des Amtes Rethem und Walsrode 1744, 

j, der Schloss-, Huf- und Nagelschmiede in Walsrode 1762, 

9 des Glaseramtes zu Walsrode 1789, 

• des Tischleramtes zu Walsrode 1794. 



We n s e. 

Kapelle. 

Litteratur: Merian; von Hodenberg, Lünebnrger Urknndenbnch XV; derselbe, 
LUncbnrger Lehnregister, Lenthe's Archiv IX; Manecke II; Holscher, BeBchreibnne^ des 
Bisthums Minden; Freudenthal, Heidefahrten; Mithoff, Kunstdenkmale lY. Ueber die Familie 



J 



-Ng 181 1^ 

•iehe Medisg, Nachrichten yon adeliehen Wapen I; Havemann; Pfeffinger, Historie II; 
Hodenberg, Hoyer ürknndenbnch; YogeU, Geschlechtsgeschichte der Herren Behr; Snden- 
dorf ; Hefiter, Wappenbnch. 



In dem innerhalb des Archidiakonats Ählden belegenen, nach Dorfmark Geschichte. 
dngq>farrten Dorfe befindet sich auf dem adeligen Hofe eine im Jahre 1869 
erneuerte Kapelle, in welcher der Pfarrer aus Dorfinark alle vier Wochen 
Gottesdienst zu halten hat. Zwischen 1330 und 13^2 erhielt Johan van Wense 
von den Herzögen Otto und Wilhelm .twene houe to Wense' zu Lehen. Hier 
stand zuvor das Stammhaus der Familie von der Wense, von welchem Merian 
dne Ansicht giebt und Folgendes bemerkt: ,Ist bey diesem Kriegswesen 
angezuendet vnd das beste gebaeuwe davon eingeaeschert worden/ Es ging 
also im dreissigjährigen Kriege in Feuer auf. Jetzt ist nur noch der Platz, wo 
es ehedem stand, und der Graben, welcher es umgab, zu erkennen. 1673 wurde 
der KapeDe die Kanzel verehrt und 1674 der Altar gefertigt, welcher 1869 
erneuert wurde. 

Die im Grundriss rechteckige, mit einer bemalten, bogenförmig gekrfimmten Kapelle. 
Bretterdecke versehene Kapelle von 17,3 m äusserer Länge und 9,3 m Breite Beschreibung, 
wurde nach einer Inschrift im Jahre 1869 erneuert. Die Ghorecken werden 
durch zwei, die Nord-, Süd- und Ostseite durch je einen Strebepfeiler gestützt, 
unter dem um vier Stufen eriiöhten, östlichen Theile liegt das Grabgewölbe der 
Familie von der Wense. Emporen sind auf der Westseite und theilweise auf 
der Süd- und Nordseite angebracht. Die Vorderseite des Ghorgestfihls zeigt 
in den Füllungen die bildlichen Darstellungen der Propheten. 

Der aus Holz geschnitzte, 1674 gefertigte und 1869 ausgebesserte Altar Altar, 
wird von zwei glatten Säulen begleitet und ist farbig behandelt Auf der 
Predella befindet sich eine Darstellung des Abendmahls, darüber der Gekreuzigte 
zwischen Maria und Johannes und im oberen Theile die Auferstehung. 

Das in die äussere Südwand eingelassene, aus Sandstein gearbeitete, Grabmale, 
jedoch beschädigte Grabmal des 1572 gestorbenen Georg von der Wense zeigt 
(len Verstorbenen in der Rüstung und betend in einer Bogennische. Ausserdem 
sind noch acht Wappen sichtbar. ESne ähnliche Ausfilhrung hat das Grabmal 
der Hadalena von der litt, der THttwe des Jürgen v, d. Wense. 

Zwei einfache, rechteckige Sandsteinplatten in der äusseren Westseite 
mit je acht Wappen sind der 1637 gestorbenen Dorotheen v. d. Wense, geborenen 
V. Altmanshoven und dem 1641 gestorbenen Wilhelm v. d. Wense zum Andenken 
gesetzt 

Das schöne, aus Holz geschnitzte, bemalte Epitaphium des Friderich 
Wilhelm v. d. Wense wurde im Jahre 1695 in Halberstadt angefertigt. Es 
enthält in der Mitte den Gekreuzigten mit zwei männlichen und einer weiblichen 
Figur in knieender SteDung. Der rechteckige Rahmen wird aus aneinander 
gereihten Wappen gebildet, deren Hauptwappen die der Familien v. d. Wense 
und V. Amelvnisen sind. Die äussere freie Endigung zeigt schweres und volles 
Ornament, in welchem oben und unten eine Inschrifltafel angebracht ist. 



-Hg 182 8^ 

Kftnsel. Die farbig behacfdelte, höherae Kanzel, deren Ecken mit S&ulen besetzt 

sind, zeigt an der Vorderseite das v. d. Wensesche Wappen und darunter die 
Jahreszahl M . D C . L XX m. Am oberen Rande steht: 

»Fürchte Gott vnd halte seine 6el)ot*» 

Der Schalldeckel gehört derselben Zeit an, die Umschrift lautet: 

,Luc X . V XX Vni Seelig • sind • die • das • Wort • Gottes • hören • vnd bewaren*. 

Das geschnitzte Eanzelgelftnder setzt sich auch als Brüstung zwischen Chor und 
Schiflf fort 







\ 



i 



DIE 



HANNOVER.^ 



HERAUSGEGEBEN 

IM AUPTKAGE DER PROVINZIAL-KOMMISSION ZUR ERFORSCHUNG UND 

ERHALTUNG DER DENKMÄLER IN DER PROVINZ HANNOVER 

VOK 

Dr. PHIL. CARL WOLFF, 

8TADTBADRAT. 



III. REGIERUNGSBEZIRK LÜNEBURG. 

2. UND 3. STADT LÜNEBURG. 



BEARBEITET VON 
FRANZ KRCGRR, UND I)R. WII.HKLM RRI.MECKE, 

ARCHITKKT BTADTAOCHIVAB. 

MIT Xll TAFELN UND 190 TEXTABBILDÜNGEW. 



HANNOVER. 

SELBSTVERLAG DER PROVINZIALVERWALTUNG. 

THEODOR SCHUI-ZES BUCHHANDLUNG. 

1906. 

HKXTT S UND 4S J>E» 0£:S.A.M.XlVE:RKiaS. 



l^ 



yyo^, 



HARVARD 

UNIVERSITY 

LIBRARY 



Berichtignngen. 

Seite 61 Zeile 5 von unten lies: Lüne mit Adendorf, Thomasburg, Reinstorf mit Wendhansen, 

Neetze usw. 
„ 71 „ 12 „ „ „ schon im 15. Jahrhundert (statt im 16. Jahrhundert). 
„ 78 „ 19 lies: 1857 (statt 1865). 
„ 137 gehören Zeile 3 und 4 vor Zeile 1 und 2. 

n 174 Zeile 6 fiige hinzu: Das Konventssiegel fuhrt einen betenden Mönch in knieender 

Haltung unter einer Verkündigung Maria ; Umschrift: „S. COVET' 

1 HILGHEDALE PMüSTTES ORDIS'.'' 

„ 427 n 15 von unten lies: Salzwedel (statt Stendal). 



Hofbnchdmckerei Gebrüder Jänecke, flannover. 



Vor^wort. 




|er Arbeitsplan für die Aufnahme der Kunstdenkmäler in der Provinz 
--^> Hannover ist bereits im ersten Heft des Gesamtwerkes ausführlich mit- 
geteilt worden. Nach demselben sollen vorchristliche Denkmäler nur Aufnahme 
finden, wenn ihre Bedeutung eine solche ist, daß sie im Rahmen dieser Arbeit 
nicht entbehrt werden können. Angaben über Lage, Größe, Natur, Bevölkerungs- 
verhältnisse, über ethnographische und frühere poUtische und kirchliche Zustände, 
über Handel und Verkehr, Straßen und Wege sowie über das Kunsthandwerk 
sollen in der Einleitung möglichst beschränkt und stets nur soweit gegeben 
werden, als sie zum Verständnis der Denkmäler unerläßlich sind. Es bleibt 
vorbehalten, derartige zusammenhängende, die ganze Provinz betreffende An- 
gaben im Schlußbande des Werkes zu machen. Alle Denkmäler werden auf- 
genommen, welche dauernd in der Provinz vorhanden sind, gleichviel in welchem 
Besitze sie sich befinden. Die Beschreibung erfolgt auf Grund der geschicht- 
lichen Angaben imd der technischen und stilistischen Merkmale in mögUchst 
knapper Form; Mitteilungen über diesen Rahmen hinaus sowie Eingehen auf 
wissenschaftliche Streitfragen werden vermieden. Inschriften werden nicht 
sämtlich, aber in möglichst großer Zahl gegeben. Das Bauernhaus ist von der 
Bearbeitung ausgenommen. Unser Denkmälerverzeichnis soll umfassende 
wissenschaftUche Untersuchungen vermeiden, nur dasjenige geben, was auf 
Grund örtlicher Untersuchung und des Quellenstudiums als feststehend zu be- 
trachten ist, es soll eine Sammelstelle der kunstgeschichtlichen QueUen und eine 
Grundlage für weitere Arbeiten bilden und femer geeignet sein, Material zu 
Uefem zu einer umfassenden, aUgemeinen deutschen Kunstgeschichte. 

Nun beansprucht das alte Lüneburg mit seinen vielen Kunstdenkmälern 
unter den Städten der Provinz Hannover eine besondere Beachtung. Bei der 
Fülle und Bedeutimg des hier vorhandenen Stoffes war es geboten, die Denk- 
mäler und ihre Geschichte so eingehend zu behandeln, wie es der Arbeitsplan 
irgend zuließ, ähnlich wie dies bei der Aufnahme der Denkmäler in Goslar im 






-o*8 IV 8^ 

zweiten und dritten Heft geschehen ist In dankenswerter Weise hat die Stadt 
Lüneburg einen Zuschuß zu den Herstellungskosten gegeben, so daß es möglich 
war, eine würdige und vornehme Veröffentlichung zustande zu bringen. 

Wie seinerzeit in Goslar, so ist es auch hier gelungen, zwei mit der 
Geschichte und den Denkmälern der Stadt vertraute Bearbeiter, die Herren 
Stadtarchivar Dr. Wilhelm Reinecke und Architekt Franz Krüger, beide 
in Lüneburg, zu gewinnen. Dr. Reinecke hat die Einleitimg, die Geschichte der 
Denkmäler, das Ortsverzeichnis und das Künstlerverzeichnis, Krüger alle Be- 
schreibungen, ferner den Abschnitt Wohnhäuser und Straßen und die übrigen 
Verzeichnisse geliefert. Die Figuren 1—3 sind nach alten Stichen des 
Lüneburger Museums, Figur 40 nach einer alten Zeichnung im Archiv, 
Figur 139 nach einer Aufnahme des Architekten Wilhelm Matthies in 
Bardowiek, die Figuren 62, 67, 69, 79, 81, 89—94 und 102 nach Aufnahmen 
des verstorbenen Photographen Lühr in Lüneburg wiedergegeben. Die zeichne- 
rischen Aufnahmen und die Aufnahme zu Figur i^5 hat Architekt Krüger, die 
übrigen photographischen Aufnahmen Photograph Riege in Lüneburg geliefert. 

Die Druckstöcke hat die Kunstanstalt L. Hemmer in Hannover, die Licht- 
drucktafeln die Kunstanstalt G. Alpers jun. in Hannover, den Druck die Hof- 
buchdruckerei von Gebrüder Jänecke in Hannover besorgt. 

Da es mir bei meiner jetzigen Stellung in der Stadtverwaltung von 
Hannover zu meinem großen Bedauern wegen umfangreicher Dienstgeschäfte 
nicht möglich ist, mich den Kunstdenkmälem im einzelnen noch weiter zu 
widmen, so trete ich mit dieser Lieferung von der Herausgabe und Bearbeitung 
des Werkes zurück, an welchem ich mit besonderer Liebe und Hingabe seit 
dem Jahre 1899 tätig gewesen bin. Allen, welche mit mir gemeinsam im 
Interesse unserer Denkmäler, ihrer Auf Zeichnung und Pflege gearbeitet haben, sage 
ich an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank mit dem Wunsche, daß das be- 
gonnene Werk rüstig fortschreiten und glücklich zu Ende geführt werden möge. 
Als Mitglied der Provinzialkommission zur Erforschung und Erhaltung der 
Denkmäler in der Provinz Hannover sowie des für die Herausgabe des Buches 
eingesetzten besonderen Ausschusses ist es mir zu meiner Freude noch vergönnt, 
mit dem schönen Unternehmen auch femer in Verbindung zu bleiben. 

Hannover, 20. Jimi 1906. 

Carl Wolff. 



Inhaltsverzeichni s. 



Seite 

Eiiileitang 1 

I. Kirchen, Kapellen und Stiftmi^n. 

Die Michaoliskirche 23 

Die Cyriakakirche 58 

Die Johanniskirche 61 

Die Lambertikirche 124 

Die Nikolaikirche 131 

Die Marienkirche und das Barfüßer- 

kloster 159 

Das Kloster Heiligental 170 

Die Gamisonkirche 174 

Die Ratskapelle zum heiligen Geist 175 

Fricdhofskapellen 176 

Das Hospital zum heiligen Geist bei 

der Sülze 182 

Der Lange Hof 187 

Der Gral und sonstige Stiftungen . 188 

U- Weltliche Bauwerke. 

Das herzogliche Schloß 195 

Das Rathaus 197 

Andere städtische Bauwerke. . . . 297 

Kaufhaus und Kran ..... 298 



Seite 

Das Glockenhaus 303 

Der ehemalige Schütting 306 

Das Kalandshaus 307 

Die Garlopenwohnungen 307 

Das ehemalige Wandhaus und das 
Stadtgefängnis 310 

Die drei Mühlen 311 

Der sogen. Abts Wasserturm . . . 316 

Die Saline 317 

lU. Wohnhftiiaer und Straften .... 320 

Die Steinbauten 322 

Giebelhäuser 327 

Reihenhäuser 361 

Backsteinbauten im 18. Jahrhundert 373 

Fachwerkhäuser 379 

Haustüren 418 

Zimmertüren 420 

Sonstige Denkmäler 420 

Brunnen 426 

Denkmäler in öffentlichen Samm- 
lungen 427 

IV. Die Befestigung 431 



-.-i. 




Ortsverzeichnis. 



Seite 

Adenbruch 69 

Adendorf 61, 180 

Altena 137, 310 

Amsterdam 78 

Anklam 17 

Antwerpen 78 

Arendsee in der Mark 179 

Artlenbnrg 34 

Avendorf 34 

Ayignon 66 

Bardengan 15, 61 

Bardewik 2, 5, 24 f., 26, 59, 61, 64 f., 133 f., 
160, 179, 194, 198, 219, 275, 431, 434 

Basel 14, 37 

Beetzendorf 61 

Bergen 27 

Berlin 22, 256, 290, 427, 430 

Bleckede 34, 61, 135 

BOhmsholz 183 

Boltersen 34 

Braunschweig 3, 5, 12, 17, 26, 36, 41, 159, 

199, 212 f. 

Bredenwlsch 192 

Bremen .... 12, 38, 159, 161, 164, 430 
Bueckenberg, Bnkenborg (BUckeburg) 164, 343 

Bütlingen 34 

Bursfelde 37 

Celle 4, 30, 38, 41, 161, 197, 428 

Dänemark 11, 40, 65 

Dahlenbnrg 27 

Dandorf 212 

Diepholz 128 

Dierkshausen 162 

Difltorf 178 

Dithmarschen 125, 220 

Dömitz 222 

Drage 84 

Dresden 219, 427 

Bberhertz 104, 358, 429 

Ebstorf 29, 178, 276 

Elbe 34, 222 



Heite 

Elbmündung, Departement der .... 166 

Embsen 61 

England 40 

Erfurt 164 

Fallingbostel 34 

Fliegenberg 34 

Fosselde 212 

Gerdau 27 

Göttingen 206 

Goslar 159 

Gottorp 112 

Halberstadt 162 

Hamburg 12 f., 22, 29, 35, 41, 72 f., 74, 77 f., 

80, 83, 123, 135, 137, J42, 159 f., 161, 163, 

165, 201, 210f., 212, 217, 219, 222, 255, 

298 f., 306, 332, 369, 427, 429 f. 

Hannover 12, 42, 60, 55 f., 80, 83, 129, 137 f., 

141, 196, 219, 298, 427. 

Harburg 15, 164 

Hasenburg 434 

Havelberg 164 

Haverbeck 162 

Heiligental 171, 173 

Helmstedt 299 

Herzogenbusch 78 

Hildesheim 37, 64, 159, 161 

Hittbergen 27 

Holland 137, 153 

Holstein 164, 221 

Hoopte 34 

Hoya 128 

Husum 164 

Isenhagen 178 

Island 210 

Italien 26, 161 

Kampen 42, 153 

Kircbgellersen 162, 171 

Kirchwerder 34 

Köln a. Rh 24, 59 



-^ vn 8^ 



Seite 

Kopenhagen 219, 427 

Kreitenkule 33 

Leipiig. 209, 222 

Lesekp 221 

Levoste 9 

Lindonberg 124 

Lübeck 11 f., 17, 35, 38, 41, 59, 63, 72, 77 f., 
80 f., 103, 132 f., 161, 165, 199, 201 f., 206, 

212, 221 f., 313 

Lüne 10, 14, 26, 28 f., 61, 65, 136, 161, 171 f., 

178, 192, 198, 276, 311, 316, 327, 422 

Luhe 221 

Luthmenhof 32 

Magdeburg 60, 69, 165 

Mainz 37 

Mecklenburg 3, 132, 184, 222 

Medingen 29, 34 f., 172, 178, 275 

Meißen 5 

Melbeck 182 

Modestorf 2, 61 f., 63 f., 160, 17 J, 202, 432 
Mölln 222 

Nahrendorf 27 

Neetze 35, 61 

Nicolaihof 134 

N'iederdeutschland 159, 161, 182 

Norwegen 24 

Nürnberg 15 

Oberdeutschland 182 

Obermarschacht 34 

Ochtmissen 32, 177, 434 

Oedeme 180 

Oldenbrügge, Goh 61 

Oldenstadt 34 f., 178 

Oldesloe 3 

Osnabrück 35 

Palästina 26 

Paris (164), 166, 196 

Passau . . . * 162 

Philippsburg 104 

Quedlinburg 24 

Eatzeburg 27, 3;'), 63, 221 

Reinfeld 63 f., 65, 178 

Reinstorf 61 

Reppenstedt 434 

Ricklingen 30 



Beite 

Rom 59, 64, 179, 200 

Rotenburg 179 

Rote Schleuse 434 

Sachsen 159, 161, 164 

Salzwedel 219, 427 

Sankt Dionys 137 

Schaale 12, 221 

Schamebeck .... 29, 132, 134 178 f., 388 

Schnellenberg 42, 434 

Schwerin 11, 63 427 

Seeve 35 

Siebelingsborstel 171 

Siebeneichen 164 

Sigmaringen 219, 427 

Soest 218 

Soltau 34, 434 

Stade 159 

Stadthagen 65 

Stecknitzkanal 12 

Stendal 44 

Stockte 34 

Stralsund 17 

Tespe 34 

Thomasburg 61 

Tiergarten . 183 

Tostedt 34 

Uelzen 29, 35, 38, 68, 171, 429 

Ungarn 25 

Veerßen 27 

Velpke 299 

(Venedig) 209 

Verden 23 f., 25, 28, 35 f., 37 f., 60 f., 62 f., 
64, 66, 68, 72, 126, 131, 160 f., 162, 171 f., 

179 f., 202, 818 
Vögelsen 434 

Wendhausen 61 

Wichmannsburg 35 

Wienbausen 178, 219 

Winsen a. d. Aller 9 

Winsen a. d. Luhe . . 34, 160 f., 171, 222 

Wismar 12, 222 

Wittenberg 4 

Zeltberg 171 

Zerbst 202 

Zollenspieker 221 f 




Verzeichnis der Abbildungen. 



1 Lüneburg um 1580 

2 — 3 Lüneburg nach Brnn-Hohenberg (1574) und Merian. 

(Nach 1650) 

4 Siegel der Stadt Lüneburg 

5 Michaeliskirche; Grundriß 

6 — 7 „ Südseite und Querschnitt 

8 „ Backsteinglieder 

9 „ Nordseite 

10 „ Blick ins Mittelschiff 

11 „ Kanzel 

12 Johanniskirche; Grundriß 

13 — 14 ^ Südseite und Querschnitt 

15 „ Blick vom Sande auf den Turm 

16 „ Turmgiebel 

17—18 „ Friese am Chor 

19 „ Fries im Chor 

20 „ Blick ins Mittelschiff 

21 „ Hauptaltar 

22 ^ Altar im nördlichen Seitenschiff 

23 „ Altar im südlichen Seitenschiff 

24 „ Altarleuchter 

25 „ Chorgestühl, Teil 

26—27 „ Wange vom Chorgestühl 

28 n Grabmal des Fabian Ludich 

29 „ Grabmal Hartwig Stöterogges 

30 ^ Grabmal Nikolaus Stöterogges 

31 „ Grabmal Lüdolfs von Dassel 

32 „ Kronleuchter im Chor 

33—34 7) Marienleuchter, Ansicht und Grundriß . . . 

35 r) Kronleuchter im südlichen Seitenschiff. . . 

36—37 n Schränke in der Sakristei. Teile 

38 n Taufkessel 

39 „ Taufstein. . . , 

40 Lambertikirche; Grundriß 

41 Nikolaikirche; Grundriß 

42 ri Pfeilergrundriß 

43 „ Querschnitt 

44 r» Blick ins Mittelschiff 

45 n Krypta 



Seite 



16 

43 
44-45 

46 

48 
50—51 

53 

79 
80-81 

84 

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87 

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94 

96 

97 

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101 
102 
106 
108 
109 
• 111 
116 
117—118 
119 
120 
122 
123 
126 
140 
143 
144 
144-145 
145 



Tafel 
I 

n 



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IV 



VI 



vn 



04 IX «H- 



Fignr 

46 

47 

48 
49—50 
51-53 

54 

55 

56 

57 
58-59 

60 

61 

62 

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65-66 

67 

68 

69 

70 

71 

72 
7a-78 

79 

80 

81 

82 

83 
84r-85 

86 

87 

88 
89-90 

91 

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93 

94 

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96 

97 

98 

99 
100 
101 
102 



Nikolaikirche; Eingang zur Krypta 

„ TUrgitter 

n Grabmal des Heinrich Yiskule 

r, Gemälde im Chor 

„ Stickereien 

Giebel der Stadtbibliothek (ehemaliges Franziskaner- 
Kloster) 

Ehemaliges Franziskaner-Kloster; Grundriß, Schnitte und 

Schlußsteine 

Architektur im Hofe des ehemaligen Franziskaner- 
Klosters 

Stift St Benedikt 

Dachreiter vom Heiligengeist-Hospital; Gesamtansicht 

und Einzelheiten 

Stift Boter Hahn; Rotehahnstraßc 14—19 

Rathaus; Grundriß in Höhe der Laube 

^ Blick in die Laube 

j^ Querschnitt durch die Laube 

n Querschnitt durch die Säle 

y, Fenster und Kapitellornamente in der Laube .... 

,, Wandmalerei in der Laube 

y, TUr zum alten Archiv 

n Wandschrank in der Laube 

jy Fußboden in der Laube 

J^ Teil vom Ratsstuhl in der Laube 

y, Glasmalerei in der Laube 

jy Grundriß. Ansichten und Decke der Körkammer 

„ Altes Archiv 

^ Ansicht vom Markte 

r, Gitter in der Halle am Ochsenmarkte 

,, Grundriß des Obergeschosses am Markte 

^ Blick in den Fürstensaal 

^ Kamine im FUrstensaal 

r, Wandverkleidung im Fiirstensaal 

,, Kronleuchter im FUrstensaal 

n Wandverkleidung im Vorzimmer der Ilatsstubc . . . 

r) Friese in der großen Batsstube 

„ Bekrönnng der vorderen Bankwange in der großen 
Ratsstube 

7, Die Justitia an der Tür zur Laube in der großen 
Ratsstube 

„ TUr zum Vorzimmer in der großen Ratsstube. . . . 

„ Stutze der Tür Figur 93 

<n Tür zur Sülfmeister-Körkammer 

7, Tür in der großen Kommissionsstube 

^ Wandverkleidung im Standesamt 

„ Kamin in der Sülfmeister-Körkammer 

yy Decke in der Sülfmeister-Körkammer 

„ Giebel des Kämmereigebäudes 

f, Ansicht vom Marienplatz 

yy Ratssilber 



Seite 

146 

147 

149 
151—152 
156—158 

167 

168 

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181 

185—186 

193 
210-211 
216—217 

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229 

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284 
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289 
292 



Tafel 



VHI 
IX 



->^ X JH- 



Flgor 

103 

104 

105 

106 

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108 

109 

110 

lila 

111b 

112 

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137 

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149 

150 

151 
152—153 

154 



:;l 



Stuckdecke 



Kran und Kaufhaus 

Kaufhaus; Giebel an der LUnerstraße 

„ Ostseite 

Kran 

Glockenhaus; Ansicht und Grundriß 

„ Querschnitt 

Reitende Dienerstraße 9—17; (Garlopenhäuser) 

„ „9; Medaillon 

Ratsmllhle; Ansicht und Grundriß 

„ Querschnitt 

Lüner Mühle; Ostseite 

Wasserturm der Abtskunst 

Saline; Querschnitt durch das Siedehaus Nr. 7 . . 

Am Sande 49; Grundriß und Schnitte 

Auf dem Kauf 9 

r, V Ti 9; Portal 

Am Berge 35; Hofgiebel 

n r) 3o; 

n D ob 

An der Münze 8; Giebel 

Am Berge 5; Giebel 

Grapengießerstraße 45; Giebelprofil 

^ 45; Kamin 

An der Münze 7 

Am Sande 53; Giebel 

„ „ 49; Giebel 

r, ri 8? Haustür 

„ „ 46; Giebel 

An der Münze 4 

Große Bäckerstraße 9; Portal 

„ „ 30; Portal 

Grapengießerstraße 3; Treppe 

15 

Am Markte 5; Stuckdecke 

Salzstraße 19; Giebel 

Lünertorstraße 4 

Am Sande 1 

Am Ochsenmarkt 1; Giebel 

„ „ 1; Portal 

Untere Schrangenstraße 4 

Am Sande 31; Haustür 

r, ^ 31; Zimmerdecke 

Bardowickerstraße 32 

Am Berge 37; Portal 

„ „ 37; Hofarchitektur 

Grapengießerstraße 7; Hofarchitektnr 

Am Berge 37; Fensterpfosten 

Graalstraße 1; Wappen 

Lünerstraße 21 

An der Münze 8A und B; Ansicht und Teilzeiclmungen 
Neue Sülze 8 



Seite 

299 

300 

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365 

365 

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367 

368 
370—371 

372 



T 



Tafel 



XI 



->« XI «•<- 



Figur 

155 Schröderstraße 16 

156 Am Berge 27; Portal 

1Ö7— 158 Pfarrhäuser der Johanniskirche; Ansicht und Grundriß . 

159 Untere neue Torstraße 1 

160 „„ „ 19; Portal 

161 Salzstraße 28 

162 Große Bäckerstraße 15; Flügelbau 

163 ^ „ 15; Giebel 

164 „ ri 15; Schrank in der Diele 

165 Hinter der Bardowickcr Mauer 7 

166 „ „ „ „8; TUrsturz 

167 j) j) T» til2 

168 Banmstraße 3 

169 Am Berge 13; Fachwerk in der Durchfahrt 

170 Grapengießerstraße 13 

171 „ 45; FlUgelbau im Hofe 

172 n 45; Fensterpfosten 

173—174 Am Kreideberg 7; Ansicht, Grundriß, Schnitt. , 

175 Lünerstraße 5; Hintergebäude 

176 Bei der Nikolaikirche 3 

177 Untere Ohlingerstraße 8; Giebel 

178 „ V 40 

179 Papenstraße 1; TUrsturz 

180 Salzbrückerstraße 53A— 63; Neuer Hof 

181 Am Sande 31; Hintergebäude 

182 Untere Schrangenstraße 9 

183 Obere Schrangenstraße 5 

184—185 Im Wendischen dorf 3; (Viskulenhof) Grundriß und Ansicht 

186 Am Werder 6 

187 Auf dem Meere 14; Schwelle 

188 „„ „ 17; Schwelle 

189—191 Am Sande 40, 41 und Am Berge 15; Dacherker 

192 Am Berge 18; Dacherker 

193 Große Bäckerstraße 2; Dacherker 

194 Am Berge 15; Haustilr 

195 Katzenstraße 2; Haustür 

196 Auf dem Meere 14; Haustür 

197 „ „ „ 17; Haustür 

198 Schröderstraße 7; Haustor. 

199 Im Wendischendorf 5; Haustür 

200 „ „ 23; Haustür 

201 Graalstraße lA; Zimmertür 

202 Neue Sülze 27; Portal 

203 „ n 27; Wandverkleidung 

204 Brunnenbecken am Sande 

205 Blick auf den Bardowicker Wall 



Seite 

378 

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420 

423 

424 

426 

433 



Tafel 



XU 



--^l^' 



Sachverzeichnis. 



(Die stärker gedruckten Seiten beziehen sich auf Abbildungen.) 



Altäre 25, 27, 28, 40, 41, 44, 50, 55, 56, 57, 

58, 60, 70, 71, 77, 93—99, 125, 132 f., 141, 

148, 163, 175, 177, 191, 428 f. 
Altarleuchter 51, 99, 277 f. 
Aquamanile s. Gießgefäße. 
Bauhof 305. 

Befestigung 60, 318, 432 f 
Beischläge 209, 216, 231, 340, 425, 428. 
Bildwerke 52, 56f, 91, 123, 130f., 149f.,191, 

218, 258, 286, 290 f, 318, 425. 
Brunnen 426. 

Burg 1, 2, 4, 5, 24, 26, 174, 195 f. 
Bücher 56, 76, 123, 158. 
Bürgereidkästen 277, 290 f. 
Dacherker 279, 392, 413 f. 
Dachreiter 182, 185, 258. 
Denkmäler 8f., 42, 45, 47, 51f., 91, 103—113, 

128, 150, 154, 170, 175, 313, 318. 
Eisenarbeiten 42, 56, 147, 178, 246 f. 
Emporen 146. 
Friedhöfe 60. 
Friedhofskap eilen; Gertrudenkapelle 176 f., 

Antoniikapelle 177 f., Kapelle auf dem 

Neuen Friedhofe 178. 
Friese 86, 87f., 91, 143f., 147, 228, 279, 287-, 

305 f. 
Fußböden 232, 235, 241, 260, 278. 
Gemälde 42,51,77,95,99,130,148, 150f., 158, 

217, 220 f., 252 f., 257 f., 259,262, 272 f., 429. 
Gießgefäße 295. 

Gilden 18, 19, 60, 76, 125, 132, 176. 
Gitter s. Eisenarbeiten. 
Glasgemälde 80, 81, 102,132,141,215, 232 f., 

238, 283, 287. 
Glocken 27, 42, 51, 68 f, 103, 137, 153, 187, 

201, 303. 
Gotteskasten 154. 
Grabsteine 45, 51, 52, 113f., 142, 155. 



Gruft 24, 25, 27 f., 30, 44 f., 51, 133, 145. 

Hanse 12, 13. 

Hausmarken 114, 389, 394, 400. 

Häuser; Glockenhaus 21, 303 f., Garlopen- 
wohnungen 307 f., Kaufhaus 21, 298 f., 
Kaiandhaus 307, Münze 369, Prediger- 
häuser 376, 400, Eatsapotheke 343, Scharf- 
richterhaus 328, Schütting 306 f., Wand- 
haus 310. 

Altenbrückertorstraße (6) 414. — Auf 
der Altstadt (5) 343, 409, (8) 380, (12) 421, 
(16) 421, (32) 358, (35) 409, (40, 41, 42) 361, 
(43) 331, 340, 380, (44) 343, (46) 421, (52) 
380. — Apothekenstraße (5) 415, (10) 409. 

- Große Bäckerstraße (2) 9, 416, (5) 332, 
(6) 358, 409, (7) 374, 421, (9) 343, (10) 340, 
(12) 340, (13) 340, 421, (14) 417, (15) 331, 
380, (18) 358, 383, (19) 385, (20) 385, (24) 
385, (26) 331, 361, (27, 28) 421, (30) 345. 

— Kleine Bäckerstraße (4) 420, 421, (11) 
421, (14) 421. — Hinter der Bardowicker 
Mauer (7) 385, (8) 386, (9) 409, (12) 388. — 
Bardowickerstraße (8) 347, (9) 347, (29), 
421, (32) 362. — Baumstraße (1) 415, 
(3) 388. — Am Berge (5) 332, (7) 347, (8) 

421, (13) 389, (15) 414, 419, (18) 416 (25) 
390, (27) 374, (33) 409, (35) 331, (36) 421, 
(37) 179, 364, (40) 421, (44) 347, (46) 421, 
(51) 421. — An den Brodbänken (6) 347, 
(8) 340, (10) 421. — Burmesterstraße (10) 
409. — Conventstraße (2) 421. — Glocken- 
straße (1, 2) 366, (5, 6, 7) 409. — Graal- 
straße (1) 366, 421, (1 A) 201. — Im 
Grimm 32. — Grapengießerstraße (2) 361, 
(3) 347, (4) 411, 421, (5) 340, 390, (7) 373, 

422, (9) 422, (11) 422, (12) 392, (13) 392, 
(14) 411, (15) 347, (17) 348, (27, 28) 348, 
(30) 411, (38) 422, (45) 332, 392, (46) 422. — 



-*^ xin 8^ 



HHuser; Auf dem Harz (4,5,6) 411.— Heiligen- 
geiststraße (7)367, (8) 367, (10) 358, (12) 422, 
(20) 367, (27) 358, (34) 348, (39) 348, (40) 
348, (41)348, (40)411. — Bei der Johannis- 
kirche (2, 3, 4) 376, (13) 358. — Katzen- 
straße (2) 419. — Auf dem Kauf (1) 411, 
(9) 327, (13) 349, (14) 422, (17) 342, (19) 
422, (Eckhaus) 422. — Kaufhausstraße 
(1) 349. - Koltmannstraße (9 A, 9B) 411. — 
Am Kreideberge (7) 394. — LUnerstraße 

(3) 352, 411, (5) 394, (7) 421, (8) 422, (9) 
369, (13) 422. — LUnertorstraße (1) a52, 

(4) 352, (21) 369. - Marienplatz (1) 422 - 
Am Markte (2) 422, (5) 349. — Auf dem 
Meere (12) 422, (13) 350, (14) 411, 419, 
(17) 411, 419, (21) 369, (27) 422, (35) 422, 
(36) 340. — Bei der Michaeliskirche (4) 
350, (7) 350. — An der Münze (4) 342, 
(7) 333, 342, (8) 331, (8A u. B) 369, (15) 
354. — Neue Straße (7) 411, (11) 414, 
(IIA) 414, (13—23) 422. — Neue SUlze 
(6) 373, (11) 422, (22) 397, (26) 370, (27) 
422, (30) 424, (31) 397, (32) 397, (33) 425, 
(36) 425. - Obere Neuetorstraße (1) 377, 
(19) 377. — Bei der Nikolaikirche (3) 397. - 
Am Ochsenmarkte (1) 354. — Obere Oh- 
lingerstraße (10) 399, (13) 399. — Untere 
Ohlingerstraße (7) 399, (8) 399, (13) 425, 
(28) 415, (40) 400. - Papenstraße (1) 400. 

— Reitende Dienerstraße (5) 400, (7) 310, 
(9—17) 307 f. — Ritterstraße (4) 411. — 
Rosenstraße (5) 415, (10) 327. — Rote- 
hahnstraße (6) 370, (7) 374, (14—19 Roter 
Hahn) 192 f (20) 400. — Rotestraße (1) 
4J5, (6) 371. — Salzbrückerstraßc (24) 
400, (42) 412, (53A-63) 400, (65) 425. — 
Salzstraße (an den Vierorten) (15) 412, 
(17) 373, 400, (18) 401, (19) 350, (28) 371. 

— Salzstraße (am Wasser) (2) 401, (3) 
371. — Am Sande (1) 352, (2) 354, (4)414, 
(6 u. 7) a50, 412, (8) 337, 342, (12) 358, 
(13) 350, (15) 342, (16) 358, (20) 350, 401, 
(27) 414, (30) 401, (31) 359, 401, (36) 340, 
(40) 413, (41) 414, (46) 340, (48) 361, (49) 
324, 335, (50) 329, 402, (53) 22, 333, 342. — 
Schlägertwiete (5C)403, (6)403. — Obere 
Schrangenatraße (2) 412, (5) 404, (12) 350. — 
Untere Schrangenstraße (Ecke) 373, (4) 
356, (7) 412, (9) 404, (13) 358, (15) 425, 
(17) 425. — Schröderstraße (4) 404, (6) 
425, (7) 420, (12) 404, (16) 373. - Schul- 
straße (2) 425. — Am Stintmarkt (4) 425. — 
In der Techt 403. — Im Timpen (1) 412. — 
Viskulenhof 406. — Wandfärberstraße 



(4) 425, (6) 406, (7) 406. — Im Wendischen- 
dorfe (3) 406, (5) 420, (23) 406, 420, (27) 
342. — Am Werder (6) 406, 426. — Am 
Wüstenort (2) 408, (6) 426, (11 u. 12) 412. 

Heizungen 199, 222, 235, 337. 

Hospitäler; St. Benedikt 26, 180-182, zum 
I gr. heiligen Geist 182—187, Gotteshäuser 

' 192, Graal 188—191, der lange Hof 187 f. 

Roter Hahn 192—194, Nikolaihof 194, 
Lazarett in der breiten Wiese 191 f. 

Hostiendosen 52, 114, 274, 276 f. 

Kaland 19, 66, 307. 

Kamine 235, 241, 247, 249 f, 256, 258, 278, 
286, 332 f, 402, 425, 429. 

Kannen 55, 123, 276. 

Kanäle 12. 

Kanzeln 41, 42, 52, 78, 130, 141. 

Kapellen; Annenkapclle 67, 133, Antoni- oder 
Krämerkapelle 70, Allerheiligenkapelle 
66 f, 133, Barbarachor 67 f, Bartholomäus- 
kapelle 67, Cecilienkapelle 70, Dreifaltig- 
keitskapellc 67, 133, Dreikönigckapelle 67, 
Elisabethkapelle 66 f., Erasmikapelle 68, 
Fronleichnamkapelle (Laffertsche Ka- 
pelle) 70, 90, (irablegungskapelle 68, 
Jakobikapelle 26, Johanniskapelle (Dassel- 
sche Kapelle) 67, 92, Kaldaunenkapelle 58, 
Lange Kapelle 58, Leonhardikapelle 70, 
Marienkapelle 67, 133, Nikolaikapelle (van 
der Mölenkapelle) 66 f., 93, Ratskapelle 
zum heiligen Geist 175 f., 198, St. Ursula- 
kapelle (Kapelle der elftausend Jungfrauen) 
9, 67, Witzendorf kapeile 70. 

Kelche 40, 54, 74 f., 114 f., 155, 275 f. 

Kirchen; Cyriakskirche 20, 28, 58-61, Gar- 
nisonkirche 174 f., Johann iskirche 9, 15, 
61-123, Lambertikirche 21i 124-131,147, 
153, Marienkirche (BarfUßcrkirche) 154, 
159—170, Michaeliskirche 28—58, Nikolai- 
kirche 20, 21, 131—159. 

Kirchengestuhl 72, 77, 81, 92, 100 f., 119, 
150, 153. 

Kirchturme 29, 31, 44, 49f., 59, 68f., 72f., 
86, 91 f., 127, 183, 136 f., 139, 148. 

Klosterhöfc 178—180. 

Klöster; BarfUßerkloster 20, 154, 159-170, 
Benediktinerkloster 2, 4, 20 f., Franzis- 
kanerkloster s. BarfUßerkloster, Kloster 
Heiligental 20, 21, 170—174, Kloster LUne 
26, Kloster Scharnebek 134. 

Kran 301 f. 

Kreuzgänge 30, 381. 

Kronleuchter 54, 115 f., 130, 241, 255f., 278. 

Kruzifixe 51. 55, 123, 150, 276. 



-^ XIV 8^ 



Krypta 8. Graft. 

Landwehr 434. 

LichtpntzBchere 277. 

Löffel 297. 

Maßwerk 89, 91 f., 93, 143, 226, 241, 252. 

Monstranz 275. 

Museen; Lüneburg 9, 18, 42, 47, 50, 57, 158, 

159, 187, 191, 427 f. — Hannover 42, 50, 

55f ., 255. — Berlin 430. — Hamburg 430. — 

Bremen 430. 
Mühlen 88, 35. 89, 311 f. 
Münzen 277. 

Orgeln 42, 46, 54f., 78, 80, 119f., 130, 142. 
Paramente 121, 155 f., 274. 
Pokale 291f. 

Rathaus 21, 175, 197—297. 
Ratssilber 13, 17, 21, 223, 256, 290—297, 430. 
Reliquienbehälter 27, 41, 55f., 121f., 274. 
Rüstzeug 208. 
Saline 2, 3, lOf., 13f., 16f., 32, 124, 317f., 

430. 
Särge 42, 145. 
Schloß 195—197. 

Schalen 277, 291 f.; s. auch Waschbecken. 
Schränke 119, 187, 215, 230f., 246f., 383, 

425, 428 f. 
Schulen 12, 31 f., 58, 63. 
Schüsseln s. Schalen. 
Siegel 16, 22, 39 f., 162, 174. 
Silberschatz s. Ratssilber. 
Stifte s. Hospitäler. 



Stickereien 216 f., 241, 243, 273, 388 8. auch 

Paramente. 
Taufbecken 27,42,61, 77 f., 122f., 141, 158. 
Tische 232, 241. 
Treppen 145, 170, 197, 260, 327, 329, S47, 

350, 356, 421, 422. 
Türen 57, 170, 207, 228 f., 241, 247, 255, 262, 

264 f., 279 f., 282, 284, 287, 290, 327, 331, 

338, 342, 350, 352, 359 f., 366, 368, 374, 

418 f., 421, 429. 
Türklopfer 47, 338, 352. 
Trinkhorn 291. 
Uhren 73, 119, 187. 
Valvationstabellen 277. 
Waschbecken 236, 295 f. 
Wälle s. Befestigungen. 
Wandleuchter 119, 154 f., 252, 256, 262. 
Wand- und Deckenmalereien 9, 81, 91, 

216 f., 221, 228, 236 f., 247, 249, 255, 257, 

262 f., 286, 350, 366, 421, 422. 
Wappen 17, 41, 51 f., 54, 57, 81, 90, 92 f., iXi, 

98, 102 f., 122, 151, 153 f, 157, 235, 238, 

241, 262, 279, 290 f, 309, 330, 345, SfA, 

362, 367, 370, 401, 403, 424. 
Wasserleitungen 316. 
Wasserturm 316. 

Webereien s. Stickereien und Paramente. 
Wein kann en s. Kannen. 
Wendeltreppen 50, 91f., 144, 164, 235, 247, 

260, 280, 331, 352, 358, 368, 388, 421, 429. 
Ziegeleien 29, 30, 69, 164, 198, 209. 




Künstlerverzeichnis. 



A. C. B., GoldschmiedsBtempel 55. 

Ambrosins, EiBBenmacher 217. 

Amman, Jost, Maler 219. 

Andreaszen, Joan, Baumeister 210. 

Andresz (Andreas), Snitker 203, 215 f. 

Anger, Organist 80. 

Augnstin, Snitker 164 f. 

Bach, Johann Sebastian 78. 

Barchmann, Sivert, Grapengießer 122, 129. 

Barchmann (Bargmann), Valentin, Glocken- 
gießer 154, 310. 

Benc (Benhe), Henning, Snitker 130, 212. 

Benthem, Johan van, Steinhauer 164. 

Berigel, Michael, Orgelbauer 80. 

Betemann, Bertram, Glockengießer 69. 

Blekesche, die, Malerin 215. 

Böhm, Georg, Organist 78, 80. 

Bonn, Otto Heinrich von, Oberlandbau- 
me ister 49. 

Borchmann, Oberbaumeister 196. 

Borne, Lucas upm, Maler 209. 

Borne, Peter up dem, Maler 209, 218, 263. 

Brandt, J. H., Maler 300. 

Bremer, Hinrik, Mauermeister 29. 

Brillo, Bildhauer 142. 

Broning, Johann, Mauermeister 29. 

Brugenatz, Wamike, Snitker 77. 

Brullo, M., Bildhauer 154. 

Brnnswik, Konrad van, Zimmermeister 176. 

Bubeling, Meister Kaspar, Orgelbauer 130. 

Buckendal, Johann, Snitker 77. 

Burmester, Maler 42, 223, 257 f. 

Burmester, Evert, Sohn Warnekes, Snitker 77. 

Burmester, Joachim, Maler 297 f. 

Burmester (Buermester), Wameke, Snitker 
77, 100, 164 f., 216, 223, 283. 

Glasen, Mauermeister 376. 

Clauws, Mester, Steinhauer 209, 222. 

Clovestene, Maler 204. 

C'oler, Märten, Steinhauer 77, 209, 210, 343. 

Cord, Meister, Kissenmacher 217. 

Crotogino, Joseph, Baumeister 31. 

Grusen, Frau Olrik, Kissen Wirkerin 216. 

Debo, Bauinspektör 138. 

Dehnicke, Johann, Schwerdtfeger u. Kupfer- 
stecher 300. 

D. J. K., KUnstlermarke 54. 

Dirick, Kupferdecker 73. 



Ditmer, der braune. Malergesell 255. 

Dorszen, Johan, Maler 216. 

Dropa siehe Tropa. 

Elers, Hans, Snitker, 164. 

Ellenbarch, Jochim, Snitker 164. 

Eptzenrad, Hans, Maler 204. 

Fabel, Hans, Kistenmaker 77. 

Fischbach, Maler 228. 

Frese (Friesze), Daniel, Maler 21, 73, 81, 95, 

130, 210 f., 212, 217 f., 220 ff., 282, 246, 

255, 262 f., 272, 286. 
Gar(ven), Albert, Snitker 77. 
Gerd siehe Suttmeier. 
G. F. K., Goldschmiedsstempel 115. 
Gronouw, Glaser 205. 
Gronouw, Hans, Glasmaler 141. 
Gronouw, Hinrik, Glasmaler 203. 
Häseler, Johann Philipp, Stadtbaumeister 

100, 128, 130, 299. 
Hagen, Hans van dem, Glaser 202. 
Haue, Gerd, Maler 78, 81, 165, 216. 
Hans,Meister,Malerod.Gold8chläger77,148,207 
Hans, Meister, Steinhauer 73. 
Harbord, Jürgen, Snitker 77. 
Hartig, Gelbgießer 54. 
Hartmann, Hugo Friedrich, Maler 224. 
Hartwig, Caspar, Snitker 78. 
Hase, C. W., Baurat 138 f., 142. 
Heemskerk, Märten van, Maler 219. 
Heineke(n), Andreas, Glockengießer 69, 

103, 154. 
Helfreich, Philipp, Kupferdecker 211. 
Helfrich, Hans, Kupferdecker 221. 
Hermen, Mester, Zinngießer 72. 
11. G. K., Goldschmiedsstempel 114, 123. 
H. H. S., Glockengießer 69. 
Hinrick, Mester, Molemester 207, 302. 
Hoen, Bartelt, Glasewerker 164. 
Hoiers (Hoigers), Dirick, Orgelmacher 80, 

163, 165. 
Holste, Stadtbaumeister 74, 138, 235. 
Hom, Plans, Maler 77. 
H. P., Architekt 178. 
H. P., Orgelbauer 120. 
Jacob, Meister, Snitker 76, 78. 
Jacop, Meister, Uhrmacher 73. 
Jagouw, Gort, Maler 163, 207, 217. 
Jagow, Jochim, Maler 81, 165. 



-^ XVI 8-^ 



Johansen, Jasper, Orgelmacher 78, 80. 
Kampen, Hinrick van, Glockengießer 69, 

103, 137, 154, 166. 
Kampf, Stadtbaiimeister 139. 
Kiltenhof (Kyltenhoff), Hans, Maler 206, 216 f. 
Kleimann, Arnold, Glockengießer 103. 
Klinghe, Gerd, Glockengießer 69, 103, 129, 1 54. 
Knöt, Jacob, Snitker 215. 
Köler siehe Coler. 
Krumradt, Liitke, Snitker 216. 
Laflfert, Hans, Goldschmied 291. 
Lange, Evert, Snitker 164. 
Langelo, Liitke, Maler 255. 
Levenstede, Hinrik, Maler 173. 
Malz, Heinrich, Snitker 78. 
Man, Matz, Orgelmacher 80. 
Märten, Maler 216. 

Märten, Meister, siehe Coler und Rose. 
Martens, Peter, Baumeister 210. 
Maske, Stadtbaumeister 138. 
Meiger, Hans, Grapengießer 77, 154. 
Merten, Zimmermann 206. 
Meshusen, Hans, Maler 207. 
Meyer, E., Hoforgelbauer 80. 
Moller, Clawes, Ingenieur 316. 
Molmester siehe Hinrick. 
Münster, Dietrich von, Glockengießer 69. 
Niegehoff, Clav es, Orgelbauer 78. 
Niegehoff, Hinrik, Orgelbauer 78. 
N. M., Goldschmiedsstempel 54. 
Ohmes, Hermann, Maler 205. 
Olrichs, Hans, Wappenstecher 73. 
Olricus (Ulricus), Meister, Glockengießer 

27, 42, 61, 141, 158. 
Omes, Hinrik, Maler 217. 
Paris (Paries), Hinrich von, Mauermeister 

164, 210. 
Penz, Maler 219. 

Perinetti, Jacob, Stuckateur, 196. 
Petersen, Andreves, Snitker 77. 
Planerd, Johan, Baumeister 81. 
Polman, Berendt, Snitker 208. 
Rapup, Christoffer, Snitker 77. 
Rechten, Nicolaus, Orgelbauer 80. 
Reimers (Reymers), Hinrik, Maler 206 f., 215. 
Reinstorf, Hans, Mauermeister 29. 
Rembrandt 153. 
Ripe, Lorenz, Mauermann 209. 
Ripe, Paul, Ratsmauermann 208 f. 
Roggenbuck, Christoph, Steinhauer 222. 
Roese, Lutke, Zimmermann 164. 
Rose (Roesze), Märten, Ratszimmermann 

164, 208 f. 
Roose, Dieric, Glockengießer 137. 



RoBsi, Domeniko Antonio, Mauermeister 196. 

Ruest, Frans van der, Deckenmacber 217. 

Rüge, Hans, Schlosser 247, 261. 

Sceidel, Hermen, Tischler 215. 

Schaper, Hans, Snitker 215. 

Schnaase, C, Baumeister 133. 

Schröder, Eduard, Maler 223. 

Schröder, F. N., Uhrmacher 187. 

Schröder, Hans, Maler und Bildhauer 130, 

210 f., 212. 
Schultz, Georg, Stadtbaumeister 213, 243 f., 247. 
Scoeuweshuesen, Hinrich, Bildhauer 164. 
Servest, Peter van, Mauermann 202. 
Smedeken, Andreas, Orgelbauer 142. 
Smedt, Christoffer, Snitker 77. 
Snitteker (Snytker), Cord, Snitker 72, 205. 
Soest, Albert von, Bildensnider 21, 51 f., 

105, 110, 112, 164 f., 218 ff., 264 f., 266, 

268, 270, 272, 427, 429. 
Solls, Virgil, Maler 219. 
Soltau, Maler 427. 
Sonnin, E. G., Baumeister 74, 135, 142, 310, 

317, 376. 
Spetzler, Stadtbaumeister 74, 83, 137, 178. 
Stapel, Glaser 206. 
Steffens, Johannes, Organist 78. 
Stehn, Georg, Lautenspieler 163. 
Stein, Georg, Orgelbauer 142. 
Stelwagen, Friedrich 80. 
Stern, Buchdrucker 158. 
Suttmeier, Gerd, Snitker (Gerd de Snitker) 

21, 110, 163, 215 f., 218, 220, 264 f., 266. 
Testorpe, Swibert, Maler 217. 
Teygeler, Dytmar, Maurer 199. 
THP., Goldschmiedsstempel 52. 
Tonnies, Kupferdecker 164. 
Tostede, Diderik, Schlosser 215. 
Tropa (Dropa), Mathias, Orgelbauer 42, 54, 80. 
Tyle, Maler 77. 

Tyle, Meister, Kunstschlosser 203. 
Ulricus siehe Olricus. 
Voß, Johann, Glockengießer 69, 103. 
Voß, Paul, Glockengießer 69, 103, 129, 137, 

163 f., 177. 
Vredis, Jodocus, Bildner 428. 
Wille, Goldschmied 115. 
Winter, Peter, Glasewerker 207, 209. 
Wou, Gerhard von, Glockengießer 42, 51, 

129, 153. 
Wulbrandt, Ludewig, Kircbentiscbler 81. 
Wulf, Albert, Steinhauer 209. 
Wulf, Gerd, Glaser 204. 
Ziegner, Johann Christian, Glockengießer 

103, 129, 154, 178, 187, 191. 



Einleitung. 



Literatur: U. F. C. Manecke, y,Kurze Beschreibung und Geschichte der Stadt 
Lüneburg^, 1816| mit guter Obersicht der älteren Literatur (Neudruck des Werkes in desselben 
Verfassers ^Topographisch- historische Beschreibungen der Städte, Aemter und adelichen 
Gerichte im FQrstenthum Lüneburg^, 1858, S. 1—114); Jürgens, „Geschichte der Stadt Lüneburg^ 
Hannover 1891, mit Literaturverzeichnis fQr die Zwischenzeit und Quellennachweis S. 116 ff. ; 
Görges, „Geschichte der Stadt Lüneburg^ (Führer durch Lüneburg und Umgebung, neueste 
Auflage 1905). Im übrigen wird für die Angabe der Quellen und Literatur auf die nach- 
folgenden baugeschichtlichen Einführungen verwiesen. 

Die Stadt Lüneburg (öS® 15' n. Br., 10 • 25' ösÜ. L. v. Gr.) liegt 17,25 m (Marktplatz) 
aber dem Meeresspiegel an der schiffbaren Ilmenau, einem linken Nebenflusse der Elbe, der etwa 
18 km oberhalb Hamburgs in den Strom einmündet Knotenpunkt der Bahnlinien Hamburg-Frank- 
fiirt a. M. und Berlin-Bremerhafen, Ausgangsstation der Bahnen nach Lübeck und Bleckede. 
Lüneburg ist Sitz einer Königlichen Regierung, deren Verwaltungsbezirk mit den Grenzen der 
früheren Landdrostei bzw. des ehemaligen Fürstentums zusammenfällt, eines Landratsamts fUr 
den Landkreis Lüneburg, eines Landgerichts, einer Eisenbahn -Betriebsinspektion und einer 
Landesbauinspektion; Standort des 2. Hannoverschen Dragoner-Regiments Nr. 16; Provinzial- 
Heil- und Pflege-Anstalt; Solbadeanstalt Kirchen: 3 evangelische, 1 katholische, 1 Synagoge. 
Schulen: Johanneum (Gymnasium und Realgymnasium), Schullehrerseminar, Präparanden- 
anstalt, Höhere Mädchenschule mit Lehrerinnenseminar, Mittelschule, Heiligengeistschule I, 
n, m. Schule der römisch-katholischen Gemeinde, der israelitischen Gemeinde, Handelsschule, 
Gewerbliche Fortbildungsschule, Landwirtschaftliche Kreiswinterschule, Provinzial-Hufbeschlag- 
Lehrschmiede. Einwohnerzahl am 1. Dezember 1900: 24693, davon evangelisch 28603, 
katholisch 873, Juden 130, nach dem vorläufigen Ergebnis der Volkszählung am 1. Dezember 1905: 
26554 Einwohner 




^er Name Lüneburg (älteste Schreibweise „Luniburc", „Lhiuniburg"), in Geschichte, 
seiner Stammsilbe noch nicht hinreichend erklärt, sagt ims zuverlässig 
das eine, daß die Stadt gleich vielen blühenden Gemeinwesen, deutschen 
und außerdeutschen, einer Burg ihre Entstehung verdankt. Der „Kalkberg", 
der diese Burg trug, ist noch in seiner jetzigen Trünunergestalt ein Natur- 
denkmal vornehmster Axt. Aus den mächtigen Ablagerungen einer jüngeren 
Gletscherwelt, aus denen die ganze norddeutsche Tiefebene sich aufgebaut hat, 
ragt seine Zechsteinkuppe als Stück des Urgebirges der Landschaft, ein 
gewachsenes Monimient, empor. Seit streitbare Männer ihn erschauten, muß 
der Ealkberg mit seinen jähen Hängen einen Zufluchtsort für kriegerische Tage 

1 



geboten haben, und wenn die Sage seine Höhe mit der Verehrung eines Götzen- 
bildes in Zusammenhang bringt, so hören wir daraus einen Nachklang alt- 
germanischer Zeit, der uns verrät, daß der Berg auch als vorchristliche Kult- 
stätte Bedeutung hatte. 

Die Erbauung der Lüneburg, eines festen Schlosses auf dem Platze der 
alten, bis dahin vermutlich nicht ständig bewohnten Volksburg, wird Hermann 
Billung zugeschrieben, der als Markgraf und Herzog von Sachsen auf dem 
Kalkberge seinen Herrensitz nahm und in unmittelbarer Nähe, noch innerhalb 
der Burgmauern, ein Benediktinerkloster zu Ehren des Erzengels Michael 
gründete. Die älteste Urkunde des Klosterarchivs, vom 13. August 956, nennt 
zum ersten Male den Namen Lüneburg und ist für die Anfänge der Stadt auch 
in anderer Hinsicht bemerkenswert. Auf Fürbitte des Markgrafen gibt König 
Otto L dem jungen Kloster seine Huld zu erkennen, indem er ihm den Zoll bei 
der Lüneburg, „der aus den Salinen gewonnen werde", zum Geschenk macht 

Siedelung imd Sülze, in ihrer Geschichte kaum zu trennen, zeigen sich 
schon bei ihrer ersten Begegnung miteinander vereint. Die Zechsteinbildung, 
wie sie im Kalkberge zutage tritt, setzt sich in unterirdischen großen Stein- 
salzlagem fort, und ihnen entspringt eine starke Solquelle, deren Ausbeute, mehr 
oder weniger kundig, gewiß schon manches Jahrhundert im Schwange war, 
bevor der Salzzoll vom Könige verschenkt wurde. Die Burg mit ihrem Schutze 
und die Sülze mit ihrem Gewinn — zwei treffliche Lebensbedingungen für eine 
aufstrebende Bevölkerung, deren Machtbereich freilich mit Naturnotwendigkeit 
bis zu der wichtigen Wasserstraße, der nahen Ilmenau (Elmenouwe), nach Osten 
vorgeschoben werden mußte. Eine alte Gohbrücke überspannte den Fluß, dort 
lag auch eine größere Ansiedelung, der Ort Modestorpe, seit Errichtung des 
Bistums Verden Stätte einer Taufkirche und eines Archidiakonates. Die Ver- 
schmelzung Lüneburgs mit Modestorf vollzog sich, wie wir glauben dürfen, 
alsbald nach der Zerstörung Bardewiks durch Heinrich den Löwen (1189), wie 
denn der Untergang dieses älteren, angesehenen Handelsplatzes Lüneburg von 
einer allzu nahe wohnenden, imbequemen Nebenbuhlerin befreite. 

Die jenem Ereignisse voraufgehende Überlieferung ist für die Geschichte 
der Stadt wenig ergiebig. Die Billunger Herzöge, vielfach als Herzöge von 
Lüneburg bezeichnet, büeben ihrem Hochsitz auf dem Kalkberge bis über den 
Tod hinaus getreu und ließen sich in der Klosterkirche von St Michael beisetzen; 
während ihrer Lebenszeit hatten sie und ihre weifischen Nachfolger um das 
angestammte Schloß manch heißen Strauß zu bestehen. Das Ilmenaugebiet 
bildete die Grenze zwischen den Sachsen und Wenden und mußte* schon deshalb 
beständig feindlichen Überfalls gewärtig sein, und nicht minder gefährlich als die 
Bedrohungen von dieser Seite war ein Anschlag König Heinrich IV., dem es im 
Juli 1071 gelang, die Lüneburg, obschon nur für wenige Wochen, mit einem 
Aufgebote auserlesener schwäbischer Ritter zu besetzen. Aus den Jahren 1134 
und 35 wird berichtet, daß Kaiser Lothar wiederholt in Lüneburg weilte; nicht 
lange darauf eroberte Albrecht der Bär im Kampfe gegen die Weifen das 
Sachsenland, indem er sich ebenfalls des Gastrums auf dem Kalkberge, von 
dessen Besitz die Herrschaft Lüneburg abhing, vorübergehend bemächtigte (1139). 



->4 3 8^ 

Heinrich des Löwen lange Regiemngszeit hatte für die Entfaltung der 
Stadt, wo der Herzog mit Vorliebe Hof hielt und die Großen des Landes um 
sich versammelte, unschätzbare Bedeutimg, ging doch die Fürsorge des Fürsten 
soweit, daß er die Schließung einer Saline in Oldesloe durchsetzte, weil die 
Lüneburger sich über deren Konkurrenz bei ihm beklagt hatten. Jüngere Chronisten 
sagen geradezu, daß Lüneburg erst durch den großen Weifenherzog aus einem 
Dorfe zur Stadt erhoben worden sei, eine Behauptung, die zwar den Tatsachen 
keineswegs entspricht, denn schon im Jahre 959 wird Lüneburg urkundlich eine 
Stadt genannt, und in gleich zuverlässiger Weise erzählt Thietmar von Merseburg 
zum Jahre 1013 von einem gewaltigen Erdrutsch, der „die Stadt" heimgesucht habe. 

Es ist bekannt, daß Herzog Heinrich nach der Zertrümmerung seiner 
Herrschaft durch Friedrich Barbarossa auf seine Eigengüter beschränkt wurde 
und Kaiser Friedrich U. in einem Reichslehnsbriefe von 1235 eben diese Allode, 
das Castrum Lüneburg und die Stadt Braunschweig, mit dem gesamten Zubehör 
an Land und Leuten zu einem Herzogtum verschmolz. Eine Teilung des Territoriums 
trat im Jahre 1267 ein, und Lüneburg war fortan die Hauptstadt eines besonderen, 
gleichnamigen Fürstentums. Die Herzöge residierten im alten Billungerschlosse 
auf dem Kalkberge, und die Stadt hatte nur Nutzen davon, denn wie Otto das Kind 
war der ganze Alt-Lüneburgische Zweig des Weifenhauses städtefreundlich. Eine 
lange Reihe herzoglicher Verf assungs- und Handelsprivilegien förderte die Selbst- 
verwaltung der Gemeinde und ihren Wohlstand, und die Schrecknisse des Pestjahres 
1350 wurden unter dem „gar gnädigen Regimente" Wilhelm des Edlen schnell 
verwunden. Bezeichnend dafür ist es, daß die Zahl der Neubürger in den drei 
nächstfolgenden Jahren eine in drei Jahrhunderten einzig dastehende Höhe erreicht 
hat. Nur zu bald sollte die friedUche Entwicklung der Stadt ein Ende nehmen. 
Herzog Wilhelm starb auf der Lüneburg im November 1369 ohne männUchen 
Nachwuchs. Er hatte zu seinem Mitregenten und Nachfolger den Junker Magnus 
aus der braunschweigischen Linie seines Geschlechts ernannt und durch diese 
Anordnung die Ansprüche seines Tochtersohnes Albrecht von Sachsen- Wittenberg 
mißachtet, obgleich dieser von seinen Oheimen, den Kurfürsten Rudolf und Wenzel, 
vor allem aber von Karl IV. imterstützt wurde. Die Bürgerschaft Lüneburgs hatte 
dem Braunschweiger gehuldigt, nicht aus Nachgiebigkeit, sondern im vollen 
Bewußtsein ihrer für die Erbfolge ausschlaggebenden Haltung nur gegen schwer- 
wiegende Zugeständnisse. Alle die teuer erkauften Privilegien, die die Grund- 
lage bildeten für das Emporblühen der Stadt, mußte Magnus anerkennen imd 
bestätigen. Aber schon in den ersten Monaten des neuen Regiments kam es 
zwischen Magnus und dem Lüneburger Rat zum Konflikt. Der Herzog hatte in 
einer Fehde mit Mecklenburg den kürzeren gezogen und wollte sich am Lüne- 
burger Salinbesitz mecklenburgischer Prälaten schadlos halten. Dazu versagte 
der Rat, der die Verantwortung für das Sülzwesen längst zu seinen wichtigsten 
ObUegenheiten zählte, die Einwilligung, habe doch Magnus selber es verbrieft, 
daß jedermanns Gut auf der Saline unangefochten bleiben solle. Der Herzog 
dachte den Eigenwillen seiner Untertanen bald zu brechen imd war in seinen 
Maßnahmen weder zaghaft noch wählerisch. Nach einem vergeblichen Versuche, 
die Stadtgemeinde gegen ihre Obrigkeit aufzuhetzen, und einem mißlungenen 

1* 



Anschlage auf einige Mitglieder des Rates forderte er zur Beschwichtigung seines 
Unmutes ein ungeheures Sühnegeld. Darauf zwang er den Rat, die Schlüssel zu den 
Toren und Türmen der Stadt herauszugeben, imd besetzte diese Werke so lange, bis 
im August 1370 Rat imd Bürgerschaft auf alle in den letzten Jahren von ihm 
imd Herzog Wilhelm erwirkten Freiheiten und Gerechtigkeiten förmlich ver- 
zichteten. Das schirmende Kalkbergschloß wandelte Magnus in eine Zwingveste 
um. Er nahm eine starke Besatzung auf, beschaffte Wurfgeschütze und Kriegs- 
maschinen, ließ das Burgtor schließen und nutzte sogar den Giebel der Kloster- 
kirche zu einem Angriffswerk, indem er Erker für Geschosse imd Armbrüste 
daran anbretchte. 

Eins war nach solchen Vorgängen gewiß: gelang es Magnus, sich gegen 
die Ansprüche der Sachsen -Wittenberger in seiner Herrschaft zu behaupten, so 
war es lun die gesunde Fortentwicklung der Stadt Lüneburg vorerst geschehen. 

Während nun der Rat darauf denken mußte, die Teilzahlungen des 
Sühnegeldes beizubringen, kamen verschärfte Erlasse des Kaisers mit der 
Mahnung, dem Braunschweiger Herzoge, der den sächsischen Fürsten wider- 
rechtlich ihr Land vorenthalte, zu entsagen imd vielmehr Letzteren, als den 
rechten und natürlichen Erbherren, zu huldigen. Die kaiserlichen Mandate 
trafen den Rat in der empfänglichsten Stimmung. Herzog Magnus hatte seine 
Gewalt mißbraucht; die Entwindung der städtischen Gerechtsame konnte leicht 
als offener Treubruch aufgefaßt werden, der die Stadt ihrerseits aller Ver- 
pflichtungen gegen den tyrannischen Herrn enthob. Um ganz sicher zu gehen, 
hielten die Ratmannen eine Umfrage bei rechtsverständigen Herren und Marmen; 
erst als die Antworten dahin lauteten, die Lüneburger möchten auf des Kaisers 
Gebot mit Ehre imd mit Recht den Herzog Magnus verlassen, tat der Rat unter 
kluger Benutzung von Zeit und Umständen den entscheidenden Schritt Er 
sandte eine Botschaft an die Schützlinge des Kaisers und knüpfte Verhandlungen 
darüber an, wie Jene sich zu den Privilegien der Stadt stellen würden, wenn 
ihnen die Herrschaft Lüneburg zufalle. Das Entgegenkommen der sächsischen 
Herzöge war außerordentlich groß und zeigt am deutlichsten, wie hoch sie die 
Stellungnahme der Landeshauptstadt für die bevorstehenden Kämpfe um die 
Erbfolge einschätzten. Unter den Zugeständnissen, die am 6. Januar 1371 in 
Wittenberg urkundlich festgelegt wurden, und die eine neue Epoche in der 
Geschichte der Stadt bezeichnen, befand sich die „besondere Gnade^', daß das 
Haus und die Burg zu Lüneburg von Rat und Bürgerschaft gebrochen und auf 
dem Kalkberge in ewigen Zeiten keinerlei Bau oder Wohnung wieder errichtet 
werden dürfe. 

Wie ernst es mit diesem Vorhaben gemeint war, erwies sich wenige 
Wochen später. Am 31. Januar schickte der Lüneburger Rat an Magnus, der 
sich in Celle aufhielt, einen Absagebrief. Am folgenden Abend, dem Abend 
vor Lichtmeß, pflegte die Einwohnerschaft Lüneburgs die Vesperandacht in der 
Michaeliskirche zu besuchen, weil dort zu Ehren des Reinigungsfestes Maria 
reiche Ablaßverleihungen zu gewinnen waren. In diesem Jahre nun ordnete 
der Rat an, daß in der Schar der Frauen und Jungfrauen, als Mägde ver- 
kleidet, bewaffnete junge Burschen einhergehen, und daß sich gleichzeitig die 



-*^ 5 8^ 

Bürger unauffällig zu zweien oder dreien einfinden sollten, mit voller Rüstung 
unter ihren weiten Mänteln. Eine kleine Gruppe erhielt den Auftrag, unter 
irgend einem Vorwand an der oberen Schloßpforte Einlaß zu erbitten, den 
Pförtner sogleich niederzumachen und, verstärkt durch die nachdrängende wehr- 
hafte Menge, die Burg zu besetzen. Die List gelang. Das oberste Haus wurde 
schnell besetzt, der Schloßhauptmann erschlagen und die Besatzung entwaffnet 
Nach Erzählung des Chronisten kam in der Nacht darauf ein Bote des Herzogs 
Magnus am f\iße des Kalkberges an. Er machte sich durch Zuruf bemerkbar, 
um den Burghauptmann vor einem Überfall der Lüneburger zu warnen imd 
ihm für den nächsten Tag Entsatz anzukündigen. Aber die höhnende Antwort 
gab ein Bürgerposten mit Steinwurf und Büchsenschuß. Da schrie der Bote 
klagend auf „o wehe, o wehe, vorlaren is de crone der herschop van Luneburch" ! 

Der Einnahme des Schlosses folgte unverzüglich die Zerstörung bis auf 
den Grund, und für Herzog Magnus bedeutete der Verlust der Landeskrone in 
der Tat den Verlust seiner Liineburger Herrschaft Aber langwierige Kämpfe 
waren zu bestehen, ehe das Fürstentum ziun Frieden gelangte. Der Braunschweiger 
gab keinen Augenblick die Hoffnung auf, die abtrünnige Hauptstadt wieder- 
zugewinnen. Nach Verlust des KaJkberges zog er sich in sein Stammland 
zurück, um hinreichende Streitkräfte zu sammeln, indes Herzog Albrecht seinen 
dauernden Aufenthalt in Lüneburg nahm und dort seitens der Büi^erschaft 
tatkräftige Hülfe fand. Die Geldmittel des jungen Fürsten waren nur gering, 
und die ganze Last des Krieges fiel eigentlich der Stadt allein zu. Wenn es 
galt, Bundesgenossen zu werben, Söldnertruppen zu mieten, Besatzungs- 
mannschaften auszurüsten und zu verpflegen: immer mußte der Lüneburger 
Rat aushelfen, und die städtischen Finanzen haben unter den Folgen dieser 
übergroßen Inanspruchnahme lange Jahrzehnte schwer geütten. 

Magnus sorgte dafür, daß er nicht vergessen wurde. Eine Abteilung 
seines Heeres drang am 22. März bis in die nächste Nähe Lüneburgs vor und 
brannte fast das ganze Bardewik nieder, und daß man sogar nach dem Abschlüsse 
eines Waffenstillstandes, der bis ziun Martinsfeste dauern sollte, vor seinen 
Anschlägen auf der Hut sein mußte, bewies die Gefangennahme einer Kriegs- 
schar von 60 Mann, die im Dienste Lüneburgs gekämpft hatte und an 
Braunschweig vorüber in ihre Heimat Meißen zurückkehren wollte. 

Am 13. Oktober erheß Karl IV. gegen Herzog Magnus die Reichsacht, 
und schon waren Truppen ausgerüstet, um unter kaiserlichem Banner gegen den 
Geächteten vorzurücken. Schmerzhcher als je mußte der Herzog in dieser 
Notlage den Verlust Lüneburgs empfinden. Wie, wenn es ihm glückte, die 
wohl befestigte Stadt im Versehens wieder in seine Gewalt zu bringen! Der 
Herzog von Sachsen hatte sich entfernt, vielleicht war die Stadt wegen der 
Waffenruhe ohnehin weniger geschützt, ein kecker Gewaltstreich mochte, wenn 
überhaupt, gerade jetzt gelingen. Es ist nicht überUefert, von wem der Flau, 
Lüneburg nächtlicher Weile zu überrumpeln, ausgegangen ist Magnus nahm 
persönlich an dem Abenteuer nicht teil. Daß aber die Vorbereitung und Durch- 
führung des wohlbedachten Unternehmens nur mit seiner stillschweigenden oder 
ausdrücklichen Billigung erfolgen konnte, unterliegt keinem Zweifel. Der Bruch 



-^6 8^ 

des Waff enstiUstandes ist nicht eben hart zu beurteilen. Die Lüneburger Bürger- 
schaft steckte wegen der Niederreißung des Michaelisklosters, das mit der 
Herzogsburg ein gleiches Geschick hatte teilen müssen, im Kirchenbanne, und 
diese Erwägung hätte auch ängstliche Gewissen beruhigt 

Es war in der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober, am Kalendertage 
der Heüigen Ursula und der Elftausend Jungfrauen, als ein Korps von 6 bis 800 
gewappneten Rittern und Knechten sich in der Niederung zwischen Kalkberg 
und SiÜze, im Westen der Stadt, zusammenfand. Alle die Reisigen waren Anhänger 
des Herzogs Magnus, viele aus den vornehmsten Adelsgeschlechtem des Landes. 
Die Stadt war durch Wälle befestigt, aber gerade in der Mitte zwischen Kalk- 
berg und Sülze, wo ein kleiner Bach, die Gumma genannt, in die Stadt ein- 
mündet, scheint der Wallgürtel, auch in späterer Zeit noch, durch einen Ein- 
schnitt unterbrochen gewesen zu sein. Am Festungsturm Fredeke gelang es dem 
Feinde, Leitern an die Stadtmauer zu legen, und die ganze Schar kam über die 
Befestigung hinweg glücklich in die Stadt hinein. Der Cbeifall war sehr behut- 
sam ins Werk gesetzt, dennoch konnte er um so weniger ganz imbemerkt bleiben, 
als die Lünebinrger vom Bischof von Minden gewarnt waren. Die ersten, die 
sich dem Feinde entgegenstellten, waren Mitglieder des Rates; sie hatten ver- 
mutlich selber auf der Wacht gestanden. An ihrer Seite kämpften die wenigen 
Bürger, die schnell genug herbeieilen konnten, und unmittelbar da, wo die 
„instiginge", das Einsteigen, geschehen war, fand das erste heftige Scharmützel 
statt Es fielen auf städtischer Seite der Ratmann Clawes Garlop, ein Sülf- 
meister und ein Bürger. Ihrer Übermacht vertrauend drangen die Ritter nun- 
mehr in das Innere der Stadt vor, dem Rathause entgegen. Der Weg ging die 
Salzbrückerstraße hinauf, durch die Techt, eine Strecke auf der Altstadt, dann 
auf dem Meere hinab bis an den Marienplatz. Aber je lauter der Waffenlarm 
erscholl, lun so schneller verbreitete sich die Schreckenskunde von der Über- 
listung der Stadt, um so stärker wurde die eiligst zusammengeraffte kämpfende 
Bürgerschar. Der Feind konnte nicht unaufhaltsam vorrücken, vielmehr kam 
es an mehreren Stellen des bezeichneten Weges zu hitzigen Gefechten. An der 
Kapelle des Benediktstiftes wurde der Ratmann Gheverd van der Molen getötet 
beim St. Jürgensblock auf der Altstadt fielen ein SüUmeister und zwei Bürger, 
und nun hatten auch die Herzoglichen ihre ersten schweren Verluste. Inzwischen 
hatte sich ein Fähnlein rüstiger Bürger imter dem Stadthauptmann Ulrich von 
Maltitz, gen. von Weißenburg, auf dem Neuenmarkte geordnet aufgestellt und 
warf sich den Anstürmenden entgegen, beim Zusammenstoß nahe der Lieb- 
frauenkirche wiurde Bürgermeister Hinrik van der Molen tötlich am Kopfe 
verwundet 

Nun begann der Morgen zu grauen — die Nacht war sehr düster gewesen — 
und der Feind wurde auf dem Meere ein gut Stück zurückgedrängt. Doch die 
Bürger hatten Unglück. Es galt, den Wachtposten auf der Stadtmauer eiligst 
einen Befehl zu überbringen, und Bürgermeister Hinrik Viscule machte sich 
persönlich auf, den gefährlichen Gang zu wagen. Vermutlich wollte er den 
kürzesten Weg durch die Untere Ohlingerstraße nehmen, er geriet jedoch in die 
Hände des Feindes, wurde erkannt und erbarmungslos niedergestochen. Einem 



-^7 8^ 

erneuten Vorstoße des Gegners mußte die Bürgerschaft weichen, der Tod 
80 vieler ihrer angesehensten Vertreter mochte eine Entmutigimg hervorrufen; 
als es lichter Tag wurde, waren die Herzoglichen siegreich bis auf den Markt- 
platz gelangt. 

Der nächste Akt des blutigen Dramas ist in seinem Verlaufe nicht völlig 
klar. Am meisten Wahrscheinlichkeit hat folgende Überlieferung für sich. Der 
herzogliche Hauptmann, Siegfried von Saldem, springt auf eine der Fischbänke 
und fordert die Bürger auf, die Schlüssel ziun Rathaus und zu den Toren abzu- 
liefern, um weiteres unnützes Blutvergießen zu vermeiden. Der Befehlshaber 
der bürgerlichen Streitkräfte stellt sich, als ob er bereitwillig auf diesen Vor- 
schlag eingehe und die Mahnung zum Frieden bei den Seinen befürworte. Man 
laßt die Waffen ruhen und Ulrich von Weißenbinrg reitet zwischen den Parteien 
hin und her, anscheinend eifrig bemüht, die Ergebung der Stadt zu vermitteln, 
in Wirklichkeit nur, um Zeit zu gewinnen. Denn während die Ritter die Türen 
zum wohlgefüllten Weinkeller der Stadt aufbrechen und mancher seinen Durst 
im Übermaße stillt, ordnen sich auf dem Sande die Bürger zu neuem Kampfe, 
und es wird ein schlauer Plan eingefädelt, wie man mit Benutzung der Straßen- 
züge die Eindringlinge am sichersten überwältigen kann. Als die Vorbereitungen 
erledigt, die Bürger zur Fortsetzung des Waffenganges bereit sind, verkündet 
Ulrich dem übertölpelten Feinde: von Ergebung könne nun nicht mehr die Rede 
sein, erst wolle man sich ordentlich raufen — und schon rückt von den Brod- 
bänken herauf die städtische Streitmacht an. So begann auf dem Marktplatze 
ein neues Kampfgetümmel. Der wackere Weißenburg fiel nach verzweifelter 
Gegenwehr als einer der Ersten, aber auch die Herzoglichen verloren mehrere 
ihrer Führer. Ob ihre Widerstandskraft wirklich durch Trunkenheit geschwächt 
war, genug, daß die Bürger die Oberhand bekamen und ihre Widersacher in die 
Bäckerstraße hineindrängten. Hier sausten von allen Seiten Steine und sonstige 
Wurfgeschosse aus den Fenstern hernieder, denn auch die Frauen wollten sich 
in ihrer Weise an der Wahrung der städtischen Freiheit beteiligen. 

Auf dem Sande blieben die Feinde eine Weile ungestört. Sie kühlten 
ihr Mütchen, indem sie etliche Häuser aufbrachen und plünderten, andere in 
Brand steckten. Da trat unversehens eine Verwirrung ein, vermutlich weil die 
Bürger von verschiedenen Seiten her ihren Angriff wieder aufnahmen, und als 
der Ruf erscholl, das Rote Tor sei offen, suchten die Herzoglichen schleunigst 
jenen Ausweg zu erreichen. Die Streiter teilten sich, die einen entwichen durch 
die Rote Straße, die anderen liefen die Hl. Geiststraße hinauf. Diese wurden am 
Hl. Geistkirchhofe zum Stehen gebracht, und es bheben der Hauptmann 
Siegfried von Saldem und sein Sohn Johann, viele wurden gefangen. Erstere 
kamen nicht besser weg. Das vermeintlich offene Rote Tor war durch den Rat 
wohl verwahrt, und die Geängstigten nahmen nun in wilder Flucht ihren Weg 
an der Stadtmauer entlang in der Richtung auf das Sülztor und den Platz der 
Instiginge. Während die verfolgenden Bürger den Fliehenden hart auf der 
Ferse blieben, marschierte von St. Lamberti her eine bewaffnete Menge heran, 
vom und im Rücken also drohte das Verderben. Zum Überfluß war die fortan 
sogenannte Ritterstraße am oberen Ende auf Anordnung des Rates von dem 



-^8 8^ 

Sülzvolke besetzt und mit Wagen fest verbarrikadiert Weitaus die meisten der 
Herzoglichen fielen beim nunmehrigen Entscheidungskampfe, der Bannerherr 
Heiniich von Homburg wurde gefangen genommen. Auch von der Bürgerschaft 
mußte noch mancher den Tod für die Vaterstadt sterben, u. a. am Turme 
„Van baven" der Ratmann Heinrich vom Sande. 

Der Sieg gehörte den Lüneburgem, und nicht ein einziger von den Ein- 
gestiegenen soll entschlüpft sein. Im ganzen wurden auf der feindlichen Seite 
54 Tote, 522 Gefangene gezählt, Verluste, denen gegenüber die Zahl der gefallenen 
Lüneburger nicht allzu erheblich war; immerhin werden fünf Angehörige adliger 
Geschlechter genannt, die für die Dauer des Krieges in den Sold der Stadt 
getreten waren, der Heldentod zweier Bürgermeister imd dreier Ratmannen wurde 
bereits erwähnt, außerdem starben nach einer im Stadtarchiv erhaltenen gleich- 
zeitigen Liste 22 „gute Bürger". 

Die Leichen der Herzoglichen sollen drei Tage lang unbestattet geblieben 
sein, dann wurden sie in zwei Massengräbern an der Südseite des Johannis- 
kirchturms beigesetzt Von den Gefangenen wurden alle, die auf einer Liste 
des Rates als Straßenräuber vermerkt waren, auf dem Marktplatze hingerichtet 
Heinrich von Homburg erhielt im Februar 1372 seine Freiheit zurück, die große 
Mehrzahl der Gefangenen erst beim Friedensschlüsse im Herbst des folgenden 
Jahres. 

Wir haben die beiden großen Ereignisse von 1371, den Fall des Weifen- 
schlosses und die stürmischen Vorgänge der Ursulanacht, an dieser Stelle ein- 
gehender behandelt, weniger deshalb, weil die doppelte Katastrophe für den 
Verlauf des Erbfolgekrieges und die fernere Landesgeschichte von hoher Be- 
deutung geworden ist, auch nicht, weil der Ruhm Lüneburgs und die Kunde 
von dem mannhaften Verhalten der Bürgerschaft sich weit über die Grenzen 
des Fürstentums hinaus verbreiten mußte, vielmehr in der Erwägung, daß die 
Kenntnis der Waffentaten jener Zeit für das Verständnis einer ganzen Gruppe 
von Kunstdenkmälem der Stadt unerläßlich ist. 

Der Opfermut der in der Ursulanacht gefallenen Bürger verlangte, daß 
man ihr Andenken späteren Geschlechtem in dankbarer Ehrung überlieferte. 
Die vornehmsten Toten, die beiden Bürgermeister und die drei Ratmannen, 
erhielten daher, jeder an dem Platze, wo er von Feindeshand bezwungen war, 
einen würdigen Denkstein. Am Turme Fredeke wurde das Bildnis des Klaus 
Garlop in Stein gehauen an der Stadtmauer angebracht Die Hand des 
Dajgestellten trug eine zerbrochene Fahne; eine lateinische Inschrift bedeutete: 
„Im Jahre des Herrn 1371 ist an dieser Stelle Herr Nicolaus Garlop getötet: 
seine Seele ruhe in Frieden!" Das obere Eckhaus der Unteren Ohlingerstraße 
am Meere wurde durch einen hohen Stein geschmückt, der z. Zt in der Nicolai- 
kirche angebracht ist und das Bild eines in einer Nische knieenden Mannes 
darstellt (Fig. 48) ; darunter standen die Worte, ebenfalls lateinisch: „Im Jahre 1371 in 
der Nacht der elftausend Jungfrauen ist Heinrich Viscule hier von den Feinden 
niedergestoßen. Jesu, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner!" Ein entsprechendes 
Denkmal zierte die Mauer des Langen Hofes und fraglos auch die übrigen im 
Laufe der Darstellung bezeichneten Orte. Die Wappenschilder der gefallenen 



j 



Bürgermeister und Ratsherren wurden in der Hauptkirche der Stadt am nord- 
östhchen Pfeiler des Chors angebracht, in ihrer Nähe die erbeuteten Fahnen 
und andere Siegeszeichen. In der Verlängerung der nördlichen Seitenschiffe zu 
St. Johannis wurde eine große Kapelle angebaut zu Ehren der Hl. Ursula imd 
der elftausend Jungfrauen, deren hülfreicher Mitwirkung man den Sieg vom 
21. Oktober wesentiich zuschrieb. Derselbe Tag wurde zu einem Gedenkfeste 
der Stadt erhoben. In allen Gotteshäusern Lüneburgs sollte hinfort alljährlich 
für die Gefallenen gebetet und von den Predigtstühlen herab auf die hohe 
Bedeutung des Tages hingewiesen werden; reiche Spenden flössen aus den 
Mitteln der Sülfmeister, der Kämmereikasse und privaten Stiftungen zusammen, 
um am Ursulatage zur Erinnerung an die Rettung Lüneburgs unter die 
Geistlichkeit, unter Arme und Kjanke verteilt zu werden. Hauptmomente der 
stürmischen Zeit wurden im Bilde festgehalten. Das Lüneburger Museum besitzt 
eine Bilderchronik des 16. Jahrhunderts, welche die Ereignisse von Herzog 
Wilhelms Tod bis zur Instiginge auf sieben Folioblättem farbig darstellt. Das 
Kostüm der handelnden Personen, der Maßstab, die ganze Auffassung des Künstlers 
deutet auf ältere Vorlagen, und es ist eine plausible Vermutung des jüngst ver- 
storbenen Dr. Graeven, daß diese Vorlagen in Wandgemälden zu suchen sind, die ehe- 
mals einen Saal des Rathauses geschmückt haben. Von den Deckengemälden der 
Rathauslaube aus dem 15. Jahrhundert zeigt das eine noch jetzt, wie Herzog Magnus 
aus der Hand des Lüneburger Boten den Absagebrief entgegennimmt. Eine in Holz 
geschnitzte Figur an einem Giebel der Großen Bäckerstraße dankt der Sage, 
die den Kern der geschichÜichen Begebenheiten bald mit einem reizvollen 
Phantasiegewande umspann, ihren Ursprung; sie verewigt das Bild des tapferen 
Bäckers, der in der Ursulanacht 22 Feinde erschlug. Auf dem Johanniskirchhofe, 
wo die beiden schon erwähnten Massengräber gegraben wurden, befand sich 
bis ins 19. Jahrhundert hinein ein großer Leichenstein, auf dem nebeneinander 
22 Striche eingemeißelt waren. Man hat die Zeichen vielfach mit der Zahl der 
vom Bäcker Erschlagenen in Verbindung gebracht, wahrscheinlicher ist es, daß 
sie ein Denkmal an die 22 „guten Bürger" bildeten. 

Elindrucksvoller als die geschriebene Überlieferung geben alle diese Er- 
innerungszeichen kimd, daß die Bürgerschaft die Abwehr der herzoglichen 
Tyrannei als ihren Freiheitskrieg auffaßte — der Kampf um die Erbfolge des 
Fürstentums Lüneburg bedeutet für die Stadtgeschichte ihre Heldenzeit. 

Die Fehde zwischen Magnus und den sächsischen Herzogen setzte sich 
nach dem mißlimgenen Überfall Lüneburgs fort, aber Magnus gewann Haupt- 
stadt und Herrschaft nicht zurück. Er fiel im Treffen bei Leveste von 
der Hand eines Grafen von Schauenburg, der mit Lüneburger Gelde zu Albrechts 
Bundesgenossen gewonnen war. Darauf kam ein Ausgleich zustande, wonach 
das Land abwechselnd von den sachsen-wittenbergischen und den braunschwei- 
gischen Fürsten regiert werden sollte. Albrecht heiratete die Witwe des Herzogs 
Magnus. Später begann die Fehde von neuem und wurde nimmehr zugunsten 
der Weifen entschieden; Lüneburg jedoch verstand es trotz seiner Niederlage 
in der Schlacht bei Winsen a. d. Aller (1388), die mit Blut und Gut erstrittene 

Selbständigkeit zu behaupten und zu festigen. 

2 



->4 10 8^ 

Die Tage der friedlichen Entwicklung kamen freilich nicht wieder. 
„Wie das Rebhuhn unter dem Habicht", um den Vergleich eines Chronisten zu 
gebrauchen, so mußte die edle Stadt Lüneburg vor Herzog Magnus, seinen 
Kindern und Kindeskindem auf der Hut sein, und der große Streit, den die 
Stadt im fünfzehnten Jahrhimdert durchzukämpfen hatte, der sogenannte 
Pralatenkrieg, ging in seinen Ursachen bis auf die Anfänge des Erbfolge- 
krieges zurück. 

Wir erinnern uns, daß der Rat die Einziehung von Sülzgut mecklen- 
burgischer Prälaten verhindert und dadurch den Zomesausbruch des Herzogs 
Magnus heraufbeschworen hatte. So war der nachfolgende Freiheitskampf ge- 
wissermaßen eine Verteidigimg der Saline gewesen, und alle Geldopfer, die 
fernerhin für die Erweiterung der städtischen Gerechtsame, zumal den Ausbau 
der Handelsprivilegien, für den Schutz des Gemeinwesens durch verstärkte Be- 
festigungsanlagen, für Geschütze und Söldner, für Pfandschaften und Darlehen 
an die Herzöge, für die kostspielige Teilnahme an einem Hansekriege und für 
andere kriegerische Verwicklungen gebracht werden mußten, kamen mittelbar 
oder unmittelbar dem heimischen Salzverkehr zugute. In gerechter Würdigung 
solcher Sachlage steuerten die Sülzprälaten — unter diesem Titel wurden die 
zahlreichen geistlichen Salinbegüterten zusammengefaßt — wiederholt erhebliche 
Teilsummen ihres Reingewinnes zu den Ausgaben der Stadt bei; das hinderte 
jedoch nicht, daß Lünebinrgs Schuldenlast um 1450 auf rund 600000 lüb. Mark, mehr 
als 2 V2 Millionen Mark heutigen Geldes, anwuchs. Der Rat sah aus diesem auf 
die Dauer unhaltbaren Zustande keinen anderen Ausweg als die erhöhte Be- 
steuerung der Sülzbegüterten, die sich im Jahre 1445 verpflichten sollten, die 
volle Hälfte ihrer Einkünfte, zunächst auf vier Jahre, zur Deckung der Stadt- 
schulden abzuführen. Vielleicht wäre auch diesem Begehren willfahrt, wenn 
nicht der Propst von Lüne, Dietrich Schaper, der als vormaliger Ratssekretar 
von Lüneburg in dem Rufe stand, mit den Angelegenheiten der Stadt wohl 
vertraut zu sein, gegen die Forderungen des Rates Stellung genommen und. 
durch ungerechte Anschuldigungen die Mehrzahl der Sülzprälaten auf seine Seite 
gebracht hätte. Als der Rat nicht säumte, gegen Schaper und seine Anhänger 
vorzugehen, wurde der Propst nur um so feindseliger, und er verstand es, sich am 
römischen Hofe Bundesgenossen zu erwerben. Ein Prozeßverfahren, das von 
dort aus gegen den Rat eingeleitet wurde, führte im Jahre 1452 zur Verhängimg 
des Kirchenbanns, und die Gesandtschaften, welche die betroffene Stadtobrigkeit 
zu ihrer Rechtfertigung und zur Berufung an den päpstlichen Stuhl ausschickte, 
erfuhren dort die schnödeste Abweisung. Nun griff auch der Rat zu einem Zwangs- 
mittel, indem er die Salingüter der unfügsamen Prälaten bis auf weiteres einzog und 
im übrigen gegen die Entscheidung des Papstes an ein künftiges allgemeines 
Konzil appellierte. Da wurde im Herbst 1454 an vielen Orten des Herzogtums 
und in den benachbarten Hansestädten eine Bulle Papst Nicolaus V. ange- 
schlagen, die das Verhalten des Rates bedingungslos verurteilte, den Bann 
erneuerte und der Lüneburger Bürgerschaft aufgab, innerhalb 30 Tagen die 
bisherigen Ratmannen ihres Amtes zu entsetzen. Es fehlte in Lüneburg jener 
Zeit nicht an unzufriedenen Elementen. Ein Teil der Ratsmitglieder war 



-<^ 11 8^ 

unbeliebt, die erwähnte Kassation des Sülzgutes wurde vielfach mißbilligt, die 
Einstellung alles kirchlichen Lebens schreckte die Gläubigen, auch gab es Ehr- 
geizige, die einen Sitz im Ratsstuhle oder gar eine Umgestaltung des Stadt- 
regiments im demokratischen Sinne erstrebten. So kam es nach dem Beispiel, 
das Lübeck einige Jahrzehnte zuvor gegeben hatte, zunächst zur Bildung eines 
aus 60 Mitgliedern bestehenden Bürgerausschusses, einige Wochen darauf, am 
23. November 1454, zur Abdankung des alten und Einsetzung eines neuen Rates. 
Die persönUche Freiheit der bisherigen Ratmannen und die Unantastbarkeit 
ihres Vermögens wurde trotz eidlicher Versprechungen nicht respektiert, alle 
Abgedankten mußten Einlager halten und die vier Bürgermeister in das Ge- 
fängnis w^andem; einer von ihnen, Johannes Springintgud, erfuhr eine so schlechte 
Behandlung, daß er nach vierteljährlicher Haft in dem nach ihm benannten 
Turme verschied. 

Die Amtszeit des neuen Rates, der sich in keiner Hinsicht vor dem alten 
hervortat, vielmehr die Position der Stadt durch finanzielle Zugeständnisse an 
den Herzog und beständige Rücksicht auf die Prälaten noch mehr schwächte, 
dauerte nur zwei Jahre. Dann war das Vertrauen der Bürgerschaft erschöpft. 
Auf ein kaiserhches Mandat gestützt, zwang die Gemeinde unter Mitwirkung 
der zmneist interessierten Hansestädte den neuen Rat, die Privilegien der Stadt 
und die Torschlüssel herauszugeben, und der alte Rat wurde feierlich in sein 
Amt wieder eingeführt Der Prälatenkrieg war damit noch nicht erloschen. 
Zv^ar gelang es dem Bischof von Verden am 1. August 1457, eine sog. Sülz- 
konkordie aufzustellen, nach welcher die Salingüter entweder durch eine einmalige 
namhafte Zahlung für alle Zeiten von der Inanspruchnahme durch den Rat 
befreit oder bis zur etwaigen Ablösung mit einer entsprechenden jährlichen 
Abgabe belastet wurden, aber es dauerte lange Jahre, bis alle Sülzprälaten sich 
dieser Vereinbarung unterwarfen. Die Sache des alten Rates konnte erst als 
gewonnen gelten, als im Dezember 1462 durch König Christian I. von Dänemark 
sowie die Bischöfe von Lübeck und Schwerin ein Schiedsspruch verkündet wurde, 
der den zähe verfochtenen Standpunkt der Stadtobrigkeit billigte. Nun erst 
wurden die Ratmannen auch aus dem Kirchenbanne, der inzwischen so oft 
erneuert und widerrufen war, daß er seine Wirkung gänzlich eingebüßt hatte, 
förmhch gelöst. 

Lünebiurg war auf der Höhe seiner Entwicklung angelangt Unter dem 
bewährten Regiment des alten patrizischen Rates gewann die Stadt, zumal in 
den letzten Regierungsjahren des greisen Herzogs Friedrich (f 1478) und in den 
nächstfolgenden Jahrzehnten, als Heinrich der Mittlere noch nicht zum Manne 
herangereift war, eine solche Unabhängigkeit, daß die nominell fortbestehende 
herzogliche Hoheit kaum mehr in Betracht kam. 

Rat und Bürgerschaft leisteten ihren fürstlichen Herrn erst dann die 
Huldigung, wenn die Privilegien der Stadt von neuem anerkannt waren. Dank 
diesen Privilegien besaß Lüneburg gegen eine jährliche Abschlagszahlung Exemtion 
von den Landessteuern, eine ausgedehnte Zollfreiheit im ganzen Fürstentum, 
wichtige Vorrechte für den Salzvertrieb und das einkömmliche Stapelrecht; der 
Rat versah die hohe und niedere Gerichtsbarkeit, sorgte für den Ausbau des 

2* 



-^ 12 8^ 

bedeutsamen Lüneburger Stadtrechts, übte die Münzhoheit, schloß Bündnisse 
und Vertrage mit auswärtigen Mächten und sicherte sich den Rückhalt einer 
achtbaren miUtärischen Macht, die zum Teil aus der wehrfähigen Bürgerschaft 
bestand, ziun Teil aus Söldnern imter berufsmäßigen EaupÜeuten. Im Bunde 
der Hansestädte nahm Lüneburg den Platz ein, den es durch seine Geschichte, 
seine Lage, seine weit reichenden Handelsbeziehimgen und seinen Wohlstand 
verdiente. Vom Kalkberge aus wai* die erste Eroberung der slawischen Lande 
durch Hermann Billung ausgegangen; ebendort hatte Heinrich der Löwe einen 
Mittelpunkt seiner Macht, als er jene Gebiete für alle Zeiten dem Deutschtum 
einfügte und damit die Vorbedingung schuf für die Existenz und das Gedeihen 
der Ostseestädte. Lüneburg, mit der Elbe und Nordsee durch eine schiffbare 
Wasserstraße von jeher unmittelbar verbunden, stand seit Eröffnung des Steknitz- 
kanals (1395) in direkter Wasserverbindung auch mit Lübeck imd der Ostsee; 
und als die Benutzung dieser Straße allerlei Unzuträglichkeiten zeitigte, waren 
die Lüneburger kühn und hartnäckig genug zur Anlange \md Unterhaltung der 
Schaalf ahrt, eines für die Holzzufuhr der Saline unentbehrlichen Kanals von der 
Elbe bis in den mecklenburgischen Schaalsee, imd an Lüneburg lag es nicht, 
daß dieser Kanal sein Endziel Wismar niemals erreichte. Die unmittelbaren 
Handelsbeziehungen zu dem Vorort der Hanse, zu den anderen wendischen 
Städten imd zu Hamburg ergaben als natürliche Folge, daß Lüneburg mit dieser 
Städtegruppe beständige und nahe Fühlung hielt, die zumal in den Münzvertragen 
von großem praktischen Wert war; andrerseits sah sich die Stadt territorial 
mehr auf Braunschweig und Hannover angewiesen, und auch dieses Verhältnis 
wurde wiederholt durch Sonderbündnisse, unter Zuziehung der anderen sog. 
„overheideschen'' Städte, bekräftigt So wurde Lüneburg das berufene Bindeglied 
zwischen den wendischen Seestädten und den sächsischen Binnenstädten des 
Hansebundes, ein Moment, das in der Geschichte der Hanse oft und deutlich 
hervortritt. Der Salzhandel Lüneburgs ist für die Betätigung des Hansebundes 
von erheblicher Bedeutung gewesen. Die Wohlhabenheit der Stadt zeigte sich 
darin, daß Lüneburg in gleicher Höhe wie Bremen und Braunschweig zu den 
Auflagen des Bundes beizusteuern hatte. 

Der politischen und wirtschaftlichen Stellung der Stadt nach Beendigung 
des Prälatenkrieges entsprach die Regsamkeit ihres geistigen Lebens. War das 
Gymnasium Johanneum schon 1406 gegründet, so plante man zwei Menschen- 
alter später die Errichtung einer Universität in Lüneburg, und am 8. August 
1471 verlieh der Kaiser Rat und Bürgern in Anerkennung ihres wissenschaft- 
lichen Strebens die Gnade, eine juristische Fakultät zu begründen mit dem Rechte, 
Promotionen vorzunehmen. Leider schweigen sich die Quellen darüber aus, an 
welcher K3ippe das Unternehmen in letzter Stunde noch scheiterte. Lüneburg 
ist die einzige Stadt der Braunschweig-Lüneburgischen Lande, die schon im 
fünfzehnten Jahrhundert eine Druckerei in ihren Mauern hatte. 

Im sechzehnten Jahrhundert, als die Machtfülle der weltlichen Fürsten 
auch im Lande Lüneburg erstarkte, bUeben schwere Konflikte zwischen den 
Herzögen imd ihrer übermächtigen Hauptstadt nicht aus. Dank der treuen 
Stütze, die der Rat wie von alters an der Bürgerschaft besaß, gelang es jedoch, 



H>nJ 13 8^ 

wenn auch nur unter großen Geldopfem, die Privilegien der Stadt nicht nur 
aufrecht zu erhalten, sondern durch die käufliche Erwerbung der heizoglichen 
Vogtei (1576) noch zu erweitem. Eine vorübergehende Trübung des guten 
Einvernehmens zwischen Rat und Bürgerschaft hatte die Reformationsbewegung 
im Gefolge, die sich im ganzen doch ohne nachhaltige Störungen, insbesondere 
ohne Schwächung der eigenartigen kirchlichen Selbständigkeit der Stadt, vollzog. * 
Die evangelische Lehre gelangte zum Siege im Jahre 1530; an der maßvollen 
Überleitung der alten in die neuen Verhältnisse gebührt ein großes Verdienst 
Urbanus Rhegius, dem Verfasser der Lünebiu:gischen Kirchenordnung. 

Zweifellos ist „das glänzendste Jahrhundert der Welt" die glänzendste 
Periode auch in der Vergangenheit Lüneburgs gewesen. Aber der Boden, der 
auf allen Gebieten wirtschaftlichen Lebens das üppigste Wachstum erzeugte, 
ließ an Fruchtbarkeit doch schon bedenklich nach, lange bevor der dreißigjährige 
ICrieg seinen verheerenden Gang antrat. Während die heimische Fürstengewalt 
inuner kräftiger emporstieg, ging es mit dem hansischen Städtebunde allmählich 
aber unaufhaltsam abwärts, und schlimmer als die Verschiebung des Welthandels 
niachte sich der Umstand fühlbar, daß die Sülze, die Hauptquelle des Wohl- 
standes der Stadt, infolge verschärfter Konkurrenz, nicht minder der Teuerung 
des Brennmaterials und mancher anderen Umstände nicht imstande war, ihre 
Leistungen auf der alten Höhe zu behaupten. Wieder geriet die Stadt in 
Schulden, die aus den laufenden Mitteln nicht zu bestreiten waren, die Bürger- 
schaft mußte mehrfach mit außerordentlicher Beihülfe einspringen, und wieder 
erwachte eine Afißstimmung gegen das Ratsregiment, gegen dessen aristokratische 
Zusammensetzung eben vor Ausbruch des großen Krieges eine lebhafte Agitation 
anhub. Die nächste Folge war eine Ei^änzung des Rates durch fünf bürgerliche 
Mitglieder im Jahre 1619, und der regierende Herzog war bei der Neugestaltung 
der Dinge mit seiner Vermittlung, die seinen Einfluß nur stärken konnte, gern 
und gleich zur Hand gewesen. 

Von den Schrecknissen des dreißigjährigen Krieges ist Lüneburg nicht 
verschont geblieben. Die Stadt galt als wohl befestigt, der Zufluß einer zahl- 
reichen schutzsuchenden Landbevölkerung hatte jedoch den Ausbruch der Pest 
zur Folge, die in kaum drei Jahren, von 1625 — 27, sechs- bis achttausend 
Menschen dahinraffte. Der Handel stockte, zumal das Salz fand so geringen 
Absatz, daß von den 54 Siedehäusem der Saline zeitweise nur 15 im Betrieb 
waren; das Land ringsum wurde weit und breit verwüstet, die Lieferung von 
Proviant an kaiserliche und antikaiserliche Truppen wollte nicht aufhören, 
namhafte monatliche Kontributionen in bar, vom Dezember 1627 — 36 allein 
an Tilly 118000 Taler, schwächten das Vermögen der Bürgerschaft auf das 
äußerste. Als im Jahre 1636 Sturm imd Plünderung durch ein schwedisches 
Belagerungsheer mit 34000 Talern abgekauft werden mußten, reichten die vor- 
handenen Barmittel nicht mehr aus; Gold, Silber und Geschmeide wurden ein- 
gesammelt, und ein Teil des Ratssüberschatzes für 4500 Taler nach Hamburg 
verkauft. . Folgenschwerer jedoch als all dieses Ungemach wurde die Aufnahme 
einer schwedischen Besatzung am 14. August des letztgenannten Jahres. Nach 
allem was voraufgegangen war, mußte sie der Stadtobrigkeit als unabwendbar 



->*8 14 g^ 

erscheinen, dennoch gab sie den Anlaß, daß die Mehrheit der Bürgerschaft, die 
wie schon bemerkt dem gewiß nicht mehr einwandsfreien patrizischen Regiment 
unmutig gegenüberstand, sich vom Rate lossagte und den Herzog geradezu auf- 
forderte, in die Angelegenheiten der Stadt abermals einzugreifen. Am 7. September 
1637 kapitulierte die schwedische Besatzung des Kalkberges unter dem Obersten 
* Stammer vor den Truppen des Herzogs Georg, am 13. Dezember desselben Jahres 
wurde das Ratskollegium nach einer Untersuchung seiner bisherigen Tätigkeit 
des Amtes enthoben. Zwar erfolgte am 21. Mai 1639 die Wiedereinsetzung, da 
der Interimsrat, ganz wie im Prälatenkriege, es nicht vermocht hatte, der 
wachsenden Zerrüttung des städtischen Haushalts abzuhelfen, aber der Rezeß, 
der an jenem Tage von den beiden Herzögen Friedrich und Georg im Kloster 
Lüne ausgefertigt und von der Stadt anerkannt wurde, bedeutete nichts weniger 
als den endgültigen Sturz der hergebrachten Stadtverfassung und die Preisgabe 
der privilegierten Sonderstellung Lüneburgs, der „angestammten uralten Erb- 
und Landstadt", wie sie von den Herzögen fortan mit Recht genannt werden 
konnte. Von den neun Artikeln des R^ezesses, die sich sämtlich mehr oder weniger zu- 
gunsten der fürstlichen Landeshoheit aussprechen, ist für die Ohnmacht des Rates 
am bezeichnendsten der fünfte, nach welchem der Kalkberg, da er „vorhin nicht 
gebührlich verwahret", der Stadt, die sich seit der Zerstörung des Weifenschlosses 
in seinem Besitz behauptet hatte, wieder genommen wurde und in die Hand 
der Herzöge zurückkehrte, zu dem ausgesprochenen Zweck, ihn zu befestigen. 

In der Tat, Lüneburg hat sich als selbständige politische Macht nicht 
ferner betätigen können, die äußere Geschichte der Stadt fällt weiterhin zusammen 
mit der des Fürstentums. In wirtschaftlicher Beziehung hatte das Gemeinwesen 
am Ausgang des dreißigjährigen Krieges keineswegs den tiefsten Stand erreicht. 
Mit der Ausbeute der Saline ging es, teils mit, teils ohne Verschulden der Be- 
teiligten, immer weiter bergab, bis im Jahre 1799 eine Umgestaltung des gesamten 
veralteten Betriebes von Grund aus vorgenommen wurde. Lüneburg behielt im 
18. Jahrhundert und in den ersten Dezennien des neunzehnten größere Bedeutung 
nur als Stapelplatz und durch ein ausgebildetes Speditionswesen. Eine der Haupt- 
handelsstraßen vom Norden in das innere Deutschland führte über Lüneburg. 
Die Waren erreichten die Stadt auf dem Wasserwege, um von hier aus auf 
Frachtwagen weiterbefördert zu werden, und manch einträglicher Gewinn ergab 
sich aus diesem mehr oder weniger lebhaften Durchgangsverkehr, der in der Periode 
zwischen den Friedensschlüssen zu Basel und Luneville, imoi die Wende des 
18. Jahrhunderts, einen letzten achtbaren Aufschwung nahm. Das deutlichste 
Bild von dem Rückgang des wirtschaftlichen Lebens seit Beginn des dreißig- 
jährigen Krieges gewähren die Bevölkerungsziffern. Im Jahre 1620 hatte Lüne- 
burg nach Jürgens 14000 Einwohner, 1680 nur noch 11000; im siebenjährigen 
Kriege, der der Stadt nebst anderen Drangsalen eine mehrmonatliche Besetzung 
durch die Franzosen unter dem Herzog von Richelieu brachte (1757), ging die 
Zahl von 9400 auf 8500 zurück, und von den 2148 Wohnhäusern standen am 
Ausgange des Krieges 243 leer. 

Kaum begann die Einwohnerschaft, sich von den „hochbeschwerlichen, 
nahrlosen" Zeiten etwas zu erholen, als das Jahrzehnt der französischen Fremd- 



-*4 15 8^ 

herrschait die kargen Hülfsmittel der Stadt völlig aussog. Um so jubelnder 
wurde das verhaßte IJoch abgeschüttelt, als die Preußen und Russen zur Be- 
freiung herannahten. In den Straßen Lüneburgs und vor den Toren der Stadt 
erstritten die Verbündeten am 2. April 1813 ihren ersten glorreichen Sieg. 

In der unvergleichlichen modernen Entwicklung der deutschen Städte, 
wie sie im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts eingesetzt hat, ist 
Lüneburg nicht zurückgeblieben, obgleich seine Bevölkerung kein so rapides 
Wachstum aufweist wie etwa im benachbarten Harburg. Die Einwohnerzahl 
betrug im Jahre 1815 rund 11000, um 1860 war der Stand von 1620 wieder 
erreicht, 1880 fanden sich 19000 Seelen, und am 1. Dezember 1905 wird die 
Zahl 26 000 überschritten sein. Den veränderten Verkehrsverhältnissen hat 
Lüneburg sich sehr glücklich angepaßt, denn im großen Eisenbahnnetz bildet 
die Stadt einen wichtigen Knotenpunkt, wahrend die Ilmenau als Wasserstraße 
ihren Wert behalten hat — 

Versuchen wir, mit wenigen Strichen auch.die inneren Zustände der Stadt innere 
bis zum Beginne ihres Verfalls zu kennzeichnen. Zustände. 

Die Einwohnerschaft war nach ihrer überwiegenden Mehrheit von Haus 
aus langobardisch-sächsischer Abkunft, und die heimatliche Landschaft, zumal 
das umliegende Gebiet des Bardengaues, lieferte in erster Linie auch die Ein- 
wanderer, die im 13. und 14. Jahrhundert das Lüneburger Bürgerrecht erwarben 
imd in der Stadt ansässig wurden. Der Kern der Bevölkerung, die Bürgerschaft, 
gliederte sich in ihren oberen Schichten in drei Stände, die Sülfmeister, die Brauer 
und die Kagelbrüder. Die Sülfmeister, d. h. die Eigentümer oder die Besieder 
der Sülzpfannen, bildeten das Patriziat der Stadt und vermieden es, sich mit den 
anderen Ständen zu vermischen. Noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts wurden 
Lüneburg und Nürnberg als die einzigen deutschen Städte gerühmt, in welchen 
die „virginitas patriciae dignitatis" sich ungeschwächt erhalten habe. Die Sülf- 
meister hatten einen entsprechenden Vorrang vor ihren Mitbürgern dadurch, daß 
der Besitz von Sülzgut oder die Besiedung einer Sülzpfanne seit Anbeginn der 
Lüneburger Stadtverfassung die Vorbedingung für die Ratsfähigkeit war. Die 
Besetzung der Ratsstellen, deren Zahl in der älteren Zeit schwankte, seit etwa 
1300 die 24 m'cht mehr überstieg, geschah durch Kooptation auf Lebenszeit. 
Das Ratskollegium mit vier Bürgermeistern an der Spitze war das Organ der 
Stadtgemeinde für alle Zweige der Verwaltung, eingeschlossen die Gesetzgebung, 
die obere imd niedere Rechtssprechung, die militärische Führung mit der Für- 
sorge für die Sicherheit der Stadt, die Vertretung der Gemeinde nach außen hin. 
Die ungemein vielseitigen Geschäfte wurden in der Weise geführt, daß je zwei 
Ratmannen für einen bestimmten Zweig der Verwaltung abgeordnet wurden. 
Beispielsweise gab es im Jahre 1386 je zwei Kämmerer, Richter, Weinherren, 
Bierherren, Vorsteher für den Gästeschoß, für den Marstall, für das Bauamt und 
das Ziegelhaus, für den Pram und die Holzhude, für die Hospitäler, für die 
Kirchen von St. Johannis und St. Cyriak, für die Weide, für das Badewesen, 
außerdem je zwei Ratmannen als Beigeordnete der zwölf Innungen. Die 
Ämter wurden alljährlich neu besetzt. Zwölf Ratmannen pflegten in den 
Urkunden aufgeführt zu werden, die durch das Stadtsiegel beglaubigt 



wurden;*) es waren die „consules actu regeotes", die jeweilig regiereodea Rat- 
mannen unter zwei regierenden Bürgermeistern, deren einer daa Wort fährte. 
Waren die Befugnisse der Stadtobrigkeit in der ältesten Periode durch den herzog- 
Uchen Vogt beschränkt, so kam die Amtsgewalt des Rates in der Blütezeit der 
Stadt, als im zielbewußten Streben ein fürstliches Hoheitsrecht nach dem andereo 
erworben war, einer völlig unabhängigen Regierung gleich. Aus der Reihe der 
Sülimeister wurden naturgemäß auch die höheren Beamten der Saline gewählt, 
der oberste unter ihnen, der Sodmeister, und die mit polizeilichen Befugnissen 
ausgestatteten Barmeister, insbesondere Vorsteher des Hauses, in welchem die 
Sulzpfannen gegossen wurden. 

Ihrer beherrschenden Stellung entsprechend, genossen die Salzjunker 
nach außen hin wie innerhalb der Stadtgemeinde eines hohen Ansehens, und 
die Bürgerschaft schenkte ihrer Obrigkeit volles Vertrauen. Wiederholte 
Versuche der Fürsten, gegen den Rat Stimmung zu machen, schlugen fehl So 
heißt es im Jahre 1436 in einem Antwortschreiben der Qilden und Einwohner 
an die Herzöge Otto und Friedrich: „Wir habmi unsem ehrhchen Rat, der sich 
um sotane Sachen zu bekümmern pQegt und uns gleich wie sich selbst schützt 
... So ist es zur Zeit unsrer Vorfahren gebalten, und Lüneburg hat dabei 
bislang mit Gottes Hülfe seinen Bestand gehabt" Ein gegen den Rat gerichteter 
Beschwerdebrief Heinrich des Mittleren (1517) an die Werke, Qilden und ganze 
Gemeine von Lüneburg wurde uneröffnet dem Rate übergeben, bei dem sie, 

*) Das Stadtsiegel wurde nm 1250 erneuert, ohne dafi wesentliche Verlnderongei» 
der Zeichnung vorgenommen würen; wir sehen in beiden Siegelbildero und anch im Stadt- 



Flg. 1. Dai Blegal der 8Udt LDneboTK- 

sekret ein dreitUrmiges Stadttor mit dem Wappenschild des FUratentnms LUnebni^ 
offenen Torbogen. 



-^ n %^ 

die Adressaten, „als ihrem Haupte in der Stadt mit Leib und Gut zu bleiben 
gedächten." Von Aufstanden und Unruhen, wie sie Braunschweig, Anklam, 
Stralsimd, Lübeck und andere Hansestädte schon im 14. Jahrhundert heim- 
suchten, blieb Lüneburg bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts ganz verschont, 
UQd als der Prälatenstreit mit der Niederlage der Aufrührer endete, saßen die 
Patrizier fester im Sattel als je zuvor. Der Einfluß der Sülfmeister wurde 
erhöht durch ihren Reichtum. Der Anteil an der Ausbeute der Saline vererbte 
sich von Geschlecht zu Geschlecht imd sicherte dem Inhaber eine feste Ein- 
nahme, die bedeutend war, so lange die wertvollen Handelsprivilegien der Stadt 
Gültigkeit behielten. Eine Ansprache, die einer der hervorragendsten Lüneburger 
Burgermeister, Nikolaus Stoketo, im Jahre 1484 an den herzogUchen Kanzler 
und seine Rate richtete, gibt davon Zeugnis. Der Bürgermeister weist stolz 
darauf hin, daß hierzulande die Städte ein gut Teil kraftvoller seien als 
etwa im inneren Deutschland; durch Gottes Gnade gäbe es in Lüneburg über 
30 namhafte Bürger, deren jeder eines Grafen Gut besitze; damit lasse sich zur 
Not schon etwas ausrichten. Daß die alten Ratsgeschlechter, wenn das Wohl 
oder Wehe der Stadt es erheischte, sich unbedenklich zu schweren persönlichen 
Opfern bereit fanden und durchweg ausgezeichnet waren durch einen hohen 
gemeinnützigen Sinn, ließe sich durch zahlreiche Beispiele bis in die Zeit der 
deutschen Freiheitskriege hinein belegen. — Es erscheint nur natürUch, daß, wo so- 
viel Wohlhabenheit herrschte, auch die Pflege der Kunst tatkräftige Förderung 
fand. Der weitberühmte Lüneburger Ratssilberschatz besteht in der Hauptsache 
aus Geschenken, welche die Stadt von ihren Patriziern erhalten hat, imd wir 
wissen, daß es imter den Lüneburger Goldschmieden nicht an Meistern fehlte, 
die imstande waren, derartige Aufträge mit vollendeter Kunst auszuführen. Die 
Wappenschilder der ehemaligen Ratsfamilien begegnen in den Straßen der 
Stadt vielerorts noch heute, und das Äußere und Innere ihrer Wohnhäuser läßt 
noch jetzt erkennen, wie feinsinnig sie sich auf das Leben und leben lassen 
verstanden haben. Die Söhne dieser Häuser erhielten nsich dem Besuch der 
lateinischen Schule und der Universität den Abschluß ihrer Erziehung auf 
großen Auslandsreisen, der beste Schutz der künftigen Machthaber gegen jede 
Kirchturmspohtik. Die Sülfmeister hielten sich dem Adel gleich und vsrurden 
als EdeUeute anerkannt; Eheschließungen mit den altadeUgen Geschlechtern 
des Landes waren nichts Seltenes. Ein kaiserliches Adelsdiplom holten erst die 
jüngeren Familien ein, ziuneist im 17. Jahrhundert. Rittermäßig war auch das 
äußere Auftreten der Salzjunker. Sie übten sich in Waffendienst und Turnieren, 
und niemand vnnrde in den Kreis der Sülfmeister aufgenommen, der nicht zuvor 
die Kope geführt hatte. Der Tag der Kopefahrt in der Fastnachtszeit war das 
vornehmste Belustigungsfest der Stadt. In langem Festzuge mit Musikanten, 
Spaßmachern, allegorischen Gestalten und allerhand Mummenschanz ritten die 
prächtig gekleideten Sülfmeister durch die Straßen, in ihrer Mitte der neue 
Sülfmeister auf einem feurigen Hengst, der vor ein mit Steinen gefülltes Faß, 
die sog. Kope, gespannt war imd offenbar nur durch einen gewiegten Reiter im 
Zaum gehalten werden konnte. Auf einem freien Platze der Saline war ein 
mächtiger Holzstoß errichtet; hier wurde das Faß unter dem Jubel des Sülz- 

3 



-^ 18 H- 

Volkes verbrannt, dann begaben sich die Herren als Gäste ihres jungen Genossen 
zum üppigen Einführungsmahl. Die letzte Kopefahrt, in einem gleichzeitigen 
Aquarell des Lüneburger Museums dargestellt, hat im Jahre 1629 stattgefunden. 

Viele der alten Ratsgeschlechter sind schon im 15. Jahrhundert im 
Mannesstamme ausgestorben, die Hoyer, Dicke, Abbenborg, Grabow, Springintgud, 
Sodmester, Hout, von Braunschweig, von Erpensen, von Sankenstede; andere 
folgten im 16., zumal um die Mitte des Jahrhunderts, nach, als wollten sie den 
Niedergang der Stadt nicht mehr erleben: die ScheUepeper, Lange, Viscule, 
Gaxlop, van der Molen; im 17. Jahrhundert erloschen die Familien Schomaker, 
Düsterhop, Semmelbecker, im 19. Jahrhundert die Töbing und Stöterogge, und 
bis zur Gegenwart haben sich von den ehemaligen Patrizierfamilien nur erhalten 
die von Brömbse, von Dassel, von Döring, von Laffert und von Witzendorff. 
Anzeichen des Verfalls, Verschwendung, Übermut imd Ausschweifungen, be- 
gannen erst gegen Ausgang des 16. Jahrhunderts unter den Sülzjimkem sich 
breit zu machen, wie es zu gehen pflegt, gerade dann, als die Vermögensver- 
hältnisse mit den überspannten Lebensansprüchen nicht mehr Schritt hielten. 
Es war der Anfang vom Ende, aber auch dieses noch ist bezeichnend dafür, 
was der Patrizierstand für Lüneburg geleistet hat: mit dem Sturz des aristokra- 
tischeUiRegiments war auch die Freiheit und Selbständigkeit der Stadt unwieder- 
bringlich dahin. 

Im Vergleich zu den Sülfmeistern hatten die Brauer und Kagelbrüder 
nur geringe Bedeutung. In wichtigen Angelegenheiten, zumal bei den außer- 
ordentUchen Geldbewilligungen, konnte der Rat nicht umhin, die Bürgerschaft 
um ihre Meinung zu befragen, und wiederholt kam es zur Bildimg von mehr 
oder weniger langlebigen Bürgerausschüssen. Wir haben Grund anzunehmen, 
daß solche Ausschüsse sich vorzugsweise und seit dem ausgehenden 16. Jalir- 
hundert wohl ausschließlich zusammensetzten aus Mitgliedern des w^ohlhabenden 
Brauerkollegiums und aus Kagelbrüdem — diese so genannt nach ihrer Kapnze, 
ihres Zeichens Kaufleute im weiteren Sinne. Sprecher der Bürgerschaft war um 
1580 der Chronist Jürgen Hammenstede, der Ältermann der Brauergilde. 

Merkwürdig genug hatten die übrigen Güden und Zünfte in Lüneburg 
keinerlei Anspruch auf Teilnahme an der Stadtverwaltung, bis sie durch den 
Rezeß von 1639 als vierter Stand anerkannt wurden und nunmehr ihre Vei^ 
treter zur Mitberatung wichtiger städtischer Angelegenheiten abordneten. Es wäie 
sehr verfehlt, daraus den Schluß zu ziehen, daß Handwerk und Gewerbe im 
mittelalterlichen Lüneburg geringere Bedeutung gehabt hätten als in Städten 
mit demokratischer Verfassung. Eher ist das Gegenteil der Fall. Die Be- 
tätigung der Berufsgenossenschaften war auf ihrem eigensten Gebiete vielleicht 
mn so wirksamer, je weniger sie durch poUtische Ränke gestört wurde. Wie 
Lüneburgs Zunfturkunden in ihrer reichen Mannigfaltigkeit beweisen, war das 
Zunftwesen daselbst vom 13. bis ins 17. Jahrhundert außerordentlich entwickelt.*) 
Als die ersten hatten sich die Krämer, Hoken, Bäcker, Pelzer, Schuster, 



*) Vcrgl. Bodemaniiy Die älteren Zunfturkunden der Stadt Lüneburg (Quellen und 
Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, Band I), Hannover 1883. 



->^ 19 8^ 

Knochenhauer, Gerber, Schmiede, Kannengießer, Weber und Schröder zu einer 

Innung zusammengeschlossen; hinzu kamen die Goldschmiede, die Riemen- 

Schneider und Beutler, die Tischler, die Maler und die Glaser. Letztere drei 

Gewerke waren lange Zeit in einer gemeinsamen Innung vereinigt, 1524 trennten 

sich von den |Tischlem oder Kuntormakem die Maler und Glaser, und diese 

wiederum lösten ihren Bund im Jahre 1595. Nur die Mitglieder einer Innung 

hatten das Recht, Waren zur Schau auszulegen. Zu Ämtern oder Gilden waren 

außer den Brauern und Kagelbrüdem die Bader, Gewandschneider, Garbrater, 

Böttcher, die Schiffer (Böter- und Eichenschiffer, Enterlöper und Haberführer), 

Barbiere, Seiler, Hutmacher, Zimmerleute, Maurer, Rotgießer, endlich die 

Stell- imd Rademacher zusammengetreten. Mit den gewerblichen Interessen 

waren die religiösen Bedürfnisse eng verknüpft. Alle diese Genossenschaften 

hatten bis zur Reformation ihren Schutzheiligen und zu dessen Verehrung 

einen eigenen Altar, wenn nicht eine besondere Kapelle in einer der 

Stadtkirchen. 

Von den rein geistlichen Brüderschaften war die vornehmste imd reichste 
der Kaland, der regelmäßige Andachtsübungen in der Johanniskirche abhielt, 
daneben aber eine rege Geselligkeit im nahen Kalandshause pflegte. Der Kaland läßt 
sich bis ins 13. Jahrhundert zurück verfolgen, seine Auflösung geschah 1532. 

Die Stadtobrigkeit, kraft ihres Bestätigungs- und Aufsichtsrechtes jeder- 
zeit befugt, in die Wirksamkeit der einzelnen Korporationen einzugreifen, 
verstand es, eine Harmonie herzustellen zwischen genossenschaftlicher Freiheit 
und staatlicher Einheit. In wirtschaftlicher Beziehung ließ sich der Rat eben- 
sosehr die Sorge für die Lebensfähigkeit der Produzenten angelegen sein wie 
das Wohl der Käufer und Konsumenten. Charakteristisch in letzterer Hinsicht 
sind die Artikel der ZunfferoUen über die Meisterprüfungen, wovon einige Bei- 
spiele hier am Platze sind. Wer (seit 1400) in das Werk der Goldschmiede 
Aufnahme finden wollte, mußte drei Meisterstücke unter Aufsicht anfertigen, 
1) einen durchbrochenen goldenen Pingerring mit Drachenköpfen, 2) ein Paar 
eingelegte („amlegerte") Dolchringe mit Schwibbogen und Tierchen darin, 3) eine 
eingelegte Verlobungsspange mit eingegrabener Schrift. Auch vom Maler wurden 
drei Meisterstücke verlangt (1595): erstiich eine hölzerne Schüssel aus geputztem 
Golde, zum anderen eine in Ölfarbe auf eine Tafel gemalte „histori", fünf Quartir 
hoch und eine Elle breit, zum dritten eine Landschaft von Wasserfarben, 
anderthalb Ellen breit und eine Elle hoch. Ein angehender Maurermeister wurde 
von den Bauherren geprüft; er mußte mit dem nötigsten Hülfspersonal persönlich 
einen neuen Giebel aufführen, ein Kellergewölbe ziehen, eine Kammer auf- 
mauem oder etliche Gewölbe schließen (1570). Wer sich als Tischler (snitker) 
selbständig machen wollte, hatte im Hause des Ältermannes aus eigenem Holze 
ebenfalls drei „Stücke Werkes" herzustellen, nämlich ein viertüriges Schapp mit 
doppelten Fugen, in der Mitte eine auf beiden Seiten gefaßte Klappe für Schenk- 
geschirr („schenkeschyve"), ein durchgezogenes Gesims („dorgetagen wyntberch'') 
mit Distellaub beschnitzt und eine mit Füßen versehene Truhe (1498). Was 
an solchen Arbeiten erhalten ist, zeugt am besten von der hohen technischen 

Ausbildung der alten Lüneburger Innungsmeister. 

3* 



-^ 20 H- 

Wichtig für die Unabhängigkeit und Sicherheit der Stadt war die Pflicht 
der Zünfte, für die Verteidigung der Wälle und Mauern und erforderlichenfalls 
für den Schutz der Straßen einzutreten. 

Das Büd, das wir uns von der Einwohnerschaft der vorreformatorischen 
Städte zu machen haben, gewinnt seine eigenartige Färbung durch das starke 
Kontingent der Geistlichkeit, deren Vertreter nicht zu den Bürgern gehörteiL 
Ihre Zahl war auch in Lüneburg recht erheblich. An den Kirchen und KapeUen 
neben dem Hauptgeistlichen die große Schar der Vikare und Benefiziaten, dazu 
an Ordensgeistlichen die Benediktiner von Sankt Michaelis, die Barfüßer des 
Liebfrauenklosters und die Prämonstratenser vom Kloster Heiligental. Die Be- 
deutung der Ritterfamilien, die gleichfalls außerhalb der Bürgerschaft standen, 
trat nach der Zerstörung des Kalkbergschlosses stark zurück; lebhaftere Be- 
ziehungen des Landadels zur Stadt ergaben sich erst nach Umwandlung des 
Michaelisklosters in eine Ritterakademie (1655). — 
Denkmäler. Nichts ist geeignet, die einzelnen Epochen in der Entwicklung Lüneburgs 

besser zu illustrieren als die im nachfolgenden versuchte Geschichte der hervor- 
ragendsten Baudenkmäler der Stadt. 

Der ersten großen Blütezeit, dem 14. Jahrhundert, entstammt das Gottes- 
haus von St. Johannis mit seinem weit über die Heide hinwegschauenden Turm. 
Die Kirche schHeßt den größten Platz der Stadt, den Sand, im Osten ab und 
ist bis auf den heutigen Tag der beredteste Ausdruck für den Bürgerstolz und die 
Kraft der Generation, die in der Straßenschlacht von 1371 für die Freiheit der 
Vaterstadt ihr Blut vergoß. Hinter St. Johannis, als der Hauptpfarrkirche, war 
die Bedeutung der ältesten Pfarrkirche St. Cyriak am Fuße des KaJkberges schon 
vor Ausbruch des Erbfolgekrieges so sehr zurückgetreten, daß ihre Preisgabe 
nach der Zerstörung der Herzogsburg offenbar kein sonderliches Opfer darstellte. 
Längst hatte sich das Schwergewicht Lüneburgs nach der Ilmenau verschoben. 
In der Nähe des Neumarktes wurde in der ersten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts die Nicolaikirche erbaut, auch sie nach einem höchst imposanten Bau- 
plan, der freilich niemals auch nur annähernd zur Ausführung gelangt ist Die 
Vorwehen des Prälatenkrieges mußten sich für das Fortschreiten des Baues um 
so hemmender fühlbar machen, als in eben jener Zeit auch das Michaeliskloster 
samt der zugehörigen Kirche unter opferwilliger Mitwirkung der Bürgerschaft 
von Grund aus neu erstand. Von der Eigenart Lüneburgs als der Salzstadt und 
der beherrschenden Stellung des Salzwerkes in ihrem Wirtschaftsleben zeugte die 
Lambertikirche, die zur Saline in den engsten Beziehungen stand und deren 
Turm im 15. Jahrhundert in gleicher Höhe wie der von St Johannis 
emporragte. 

Sehen wir von den Kapellen ab, so sind andere städtische Gotteshäuser 
fernerhin nicht entstanden. Da^ erklärt sich zimi Teil durch die ungewöhnliche 
Ausdehnung der Johanniskirche, zum Teil gewiß auch dadurch, daß der Pralaten- 
krieg eben gegen die Geistlichkeit bis hinauf zum Papst durchgefochten werden 
mußte. Als der Sieg endlich errungen war, säumte man nicht, dem Bürgermeister 
Springintgud zu St. Johannis ein ehrenreiches Begräbnis zu sichern und über 
seiner Ruhestatt eüie prunkvolle Kapelle zu errichten, aber der Monumentalbau^ 



-^ 21 8^ 

der diese Periode städtischen Aufschwungs recht eigentlich zum Ausdruck bringt, 
ist nicht eine Kirche, sondern ein Profanbau, das Rathaus der Stadt. In der 
Ratslaube mit dem kleinen Archivgewölbe und der Alten Kanzlei, in der Kör- 
kammer, dem Furstensaal, im Kämmereigiebel und auch im Büchsen- oder 
Glockenhause sind uns die Denkmäler der Zeit von etwa 1460 — 1500 überliefert, 
und welche Pergamenturkunde wüßte uns so anschaulich den Geist und das 
hohe künstlerische Vermögen des damals blühenden Geschlechtes vor Augen 
zu führen! 

Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts hat den Renaissancemittelbau 
des Rathauses mit der Großen Ratsstube Gerd Suttmeiers und Meister 
Alberts von Soest nebst den allegorischen Gemälden Daniel Frese's geschaffen, 
und wie haben Auftraggeber und Künstler es verstanden, auch in diesem einzigen 
Räume ihrem Wohlvermögen, ihrem vollendeten technischen Können, ihrem feinen 
Kunstgeschmack ein bleibendes Denkmal zu setzen! 

Die letzte bauliche Leistung der Stadt vor dem großen Kriege war die 
Wiederherstellung der gotischen Rathausfassade mit ihren „fünf Türmen", d. h. 
einem mittleren Glockenturm und je zwei seithchen Fialen, wie alte Lüneburger 
Stadtansichten sie uns vorführen. Naich hundert Jahren bedurfte die Fassade 
einer abermaUgen Emeuenmg, die nach VoUendung des benachbarten, von 
Georg Wilhelm für die Herzogin Eleonore d'Olbreuse erbauten Schlosses in An- 
griff genommen und in den Formen, wie sie imganzen bis heute erhalten sind, 
im Jalire 1720 fertiggestellt wurde. Gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts ist 
das Kaufhaus entstanden, da es sich als notwendig erwies, für den zunehmenden 
Durchgangsverkehr weitere Lagerräume zu schaffen, als das alte Kaufhaus sie 
bieten konnte; für die Zeit bis zur Vollendung des Baues sollte das einstöckige 
Außenkaufhaus südlich der Warburg dienen. Zu anderen Neubauten fehlte 
den beiden Jahrhunderten des Niederganges das Bedürfnis, mangelten noch mehr 
die Mittel. Nicht einmal daß man die von den Vätern ererbten Bauwerke vor 
dem Verderben schützen konnte. Im Jahre 1801 wurde die Kirche des Prämon- 
stratenserklosters Heiligental auf Abbruch verkauft, 1818 die zum ehemahgen 
Franziskanerkloster gehörige Marienkirche niedergelegt; im Jahre 1839 ver- 
schleuderte man die wertvolle Rüstkammer als altes Eisen, 1860 verkaufte der 
Magistrat die Lambertikirche ebenfalls auf Abbruch, und das nämliche Schicksal 
drohte fast imabwendbar auch der Nicolaikirche. Der letzte beklagenswerte 
Schritt auf dieser Bahn war die Veräußerung des bis dahin durch alle Fährnisse 
glücklich geretteten Ratssilberschatzes, dem keine andere Stadt des deutschen 
Vaterlandes Gleichwertiges an die Seite zu setzen hatte. Nach einem ein- 
heUigen Ratsbeschlusse vom 5. November 1476 sollte keines der zur Ehre der 
Stadt dem Rate geschenkten Kleinodien von Silberwerk jemals wieder ver- 
äußert, verschenkt oder weggegeben werden, vielmehr sollten alle Stücke zu 
ewigen Zeiten auf dem Rathause bleiben, es wäre denn, daß der Rat imd die 
Stadt durch die äußerste Not gezwungen würde, sie anzugreifen. Zweifellos 
würde dieser Beschluß auch nach vier Jahrhunderten noch respektiert sein, 
wenn man ihn maßgebenden Orts gekannt hätte. Bedauerlicherweise war mit 
den Bauwerken der Stadt auch das Stadtarchiv in Verwahrlosimg geraten und 



-^ 22 8^ 

niemand war da, der als Hüter der axchivalischen Schätze jenen Ratsbeschluß 
seiner Vergessenheit entziehen und ihn für die Erhaltung auch des Silberschatzes 
hätte geltend machen können. Der im Jahre 1850 durch das Verdienst 
W. F. Volgers gegründete Altertumsverein hatte nach kurzer lobenswerter Wirk- 
samkeit sein Arbeitsfeld brach liegen lassen, als sein Gründer die lange be- 
wahrte geistige Spannkraft unter der Last des Alters allmählich doch einbüßte, 
und der Museumsverein für das Fürstentum Lüneburg konstituierte sich erst am 
4. Februar 1878, vier Jahre nachdem die Ratskleinodien in das Berliner Museum 
für Kunst imd Gewerbe überführt waren. 

Kein so vollständiges Bild des Auf- und Absteigens der Stadtgeschichte ge- 
währen Lüneburgs Privatbauten. Nur wenige Bürgerhäuser mit rein gotischer 
Fafisade sind erhalten, imd eines der ältesten imter ihnen, Am Sande 53, ist streng 
genommen als städtisches Gebäude zu bezeichnen, da es ursprünglich als einer 
der drei von Ratswegen verpachteten Hamburger Bierkeller diente. Die an- 
sehnlichsten Privatbauten Lüneburgs entstammen dem zweiten und dritten 
Viertel des 16. Jahrhunderts, und das ist ebenso bezeichnend wie die Tatsache, 
daß auch in der Folgezeit, bis in den dreißigjährigen Krieg hinein, und wiederum 
in der Zeit von etwa 1740 bis 1800 noch manches ansehnliche Bürgerhaus 
entstanden ist. Wir ersehen daraus die Bestätigung dafür, daß der Wohlstand 
Lüneburgs seine höchste Blüte im 16. Jahrhundert erreichte, seitdem be- 
trächtlich abnahm, aber nach einem Aufschwung im 18. Jahrhimdert erst unter 
dem Druck der Fremdherrschaft ganz dahinschwand. 

Seit Gründung des Museumsvereins ist auch in der an Kunstaltertümem 
immer noch reichen Heidestadt für die Denkmalpflege viel geschehen. Davon 
zeugt das im Jahre 1891 eröffnete Museumsgebäude mit den reichen Sammlungen 
des Museumsvereins, dem im Januar 1904 unter dem Vorsitz des Oberbürger- 
meisters ein zweiter Verein an die Seite getreten ist, mit der besonderen Auf- 
gabe, die Baudenkmäler der Stadt zu schützen. Nach Wiederbesetzung der seit 
dem Tode des verdienten Lüneburger Geschichtsforschers Johann Heinrich 
Büttner (1746) nicht mehr fachmännisch versehenen Stelle eines Stadtarchivars 
ist 1899 auf dem Boden des ältesten Gebäudes der Rathausgruppe, unter 
Schonung des ältesten Mauerwerkes der Stadt, ein neues Archivgebäude errichtet 
Es birgt neben etwa 20000 Originalurkunden und einem beträchtlichen Bestand 
an Akten, Stadtbüchem imd kostbaren Handschriften, u. a. die Münzstempel 
der Stadt, die Siegelstempel der Innungen und, was hier zumeist interessiert, 
eine bemerkenswerte Fülle von Zeichnungen imd Plänen zu baulichen und 
anderen Kunstwerken aus Lüneburgs Vergangenheit. Manch neuen zuverlässigen 
Anhaltspimkt hat das Archiv zu den nachfolgenden geschichtlichen Einführungen 
gegeben, aber zu reich fließt der Born, als daß wir erwarten dürften, ihn ganz 
erschöpft zu haben. Jedes Jahr der fortschreitenden Ordnungsarbeiten wird 
ergänzenden Aufschluß bringen — das sei vorweg gesagt, ehe wir das zusammen- 
fassen, was die Forschung zurzeit mitteilen kann. 



I. Kirchen, Kapellen und 

Stiftungen. 



Die Michaeliskirche. 



Quellen: Chronicon Sancti Michaelis Luneburgensis ed. Weiland, Monumenta 
Germaniae, Scriptores XXm. 391 — 99 ; Chronicon Lnneburgicum vemacula Saxonum inferiornm 
dialecto ed. Leibniz, SS. Brunsvicensia illu^tr. ni. 172 ff. ; de fnndatione qvaniDdam Saxoniae 
ecclesiarnm (ib. I. 260 f.); Necrologium monasterii Sancti Michaelis ed. Wedekind, Noten zu 
einigen Geschichtschreibern des deutschen Mittelalters lEL 1 ff. (vergl. daselbst I. 403 ff., 
n. 267 ff.) ; Johannis Buschii libri IV. de reformatione monasteriomm complurium per Saxo- 
niam (Leibniz, 1. c. in. 852 ff.) ; LUneburger Urkundenbuch, herausgegeben von W. y. Hoden- 
berg, 7. Abt, Urkundenbuch des Klosters St. Michaelis zu Lüneburg (bis 1500); Gebhardi, 
Collectanea (Kön. Bibl. zu Hannover) Bd. I, V, VI u. a.; Sudendorf, Urkundenbuch zur 
Geschichte der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg, 10 Bände, 1859 ff. 

Literatur: Bertram, Das evangelische Lüneburg oder Kirchen-Historie der Stadt 
Lüneburg (1719); Gebbardi, J. L. L., Dissertatio secularis de re literaria coenobii 
S. Michaelis (1755) ; Gebhardi, L. A., Kurze Geschichte des Klosters St Michaelis in Lüneburg 
(verfaßt 1771, veröffentlicht 1857); Manecke, U. F. C, Kurze Beschreibung ... § 3 bzw. 
Topographisch-historische Beschreibungen S. 8 ff. (daselbst in den Anmerkungen ausführlicher 
Nachweis über die ältere Literatur); Wedekind, Noten I. 224 ff., U. 60 ff., 286 ff., 326 ff.); 
V. Weyhe-Eimke, Die Achte des Klosters St Michaelis zu Lüneburg (1862); Volger, Die 
Kirchen in Lüneburg (Lüneburger Johannisblatt 1857 bzw. Lün. Blätter S. 115 ff.) ; Wrede, 
Einführung der Reformation im Lüneburgischen (1887) S. 146 ff.; Mithoff, Kunstdenkmale 
und Altertümer im Hannoverschen (1871), IV. 157 ff.; Görges, Die Schulen des Michaelis- 
klosters in Lüneburg, I. Die Ritterakademie, U. Die Michaelisschule (Jahresberichte des 
Johanneums zu Lüneburg 1901 u. 2); Hosmann, Sigismund, Fürtreffliches Denck-Mahl der 
Göttlichen Regierung, bewiesen an der . . . GtUdenen Tafel ... (5. Aufl. 1718); Graeven, 
Die drei ältesten Handschriften im Michaeliskloster zu Lüneburg (Zeitschrift des Historischen 
Vereins für Niedersachsen 1901, S. 276 ff.); derselbe, Heinrichs des Löwen siebenarmige 
Leuchter (ib. 1902, S. 449 ff.). 

Die Geschichte der aus einer Klosteranlage hervorgegangenen Michaelis- Geschichte, 
kirche läßt sich von der vielbewegten Geschichte dieses Klosters nicht trennen. 

Um 950 entstanden, ist das Michaeliskloster eine Gründung Hermann 
Billungs und seines Bruders Amelung, Bischofs von Verden. Es lag auf dem 



->^ 24 «-- 

Kalkberge, unterhalb der herzoglichen Burg, mit dieser durch eine besondere 
Befestigung geschützt. Nach alter Überlieferung ist der Stiftung des Michaelis- 
klosters eine ähnliche Stiftung voraufgegangen, denn schon der Ludolfinger 
Otto, Vater König Heinrich I., soll im Jahre 906, gemeinsam mit Bischof 
Wikbert von Verden aus Wittekinds Stamm, „auf dem Berge von Lüneburg" 
ein Kloster für Wühelmiten, sog. „witte papen" des Augustinerordens, errichtet 
haben. 

Hermann Billung sicherte der jungen Gründung die wertvolle Gönnerschaft 
des sächsischen Königs- imd Kaiserhauses. Die älteste Urkimde mit dem 
Namen Lüneburg enthält eine Schenkung Otto L für das zu Ehren des Heiligen 
Michael erbaute Kloster: die dort dem Herrn dienenden Kleriker erlangen zum 
Seelenheil des Königs und der Königin freie Verfügung über den Lüneburger 
Salzzoll (956). Wenige Jahre später (959 April 9) zog der König das gesamte 
Eigengut eines aufsässigen Großen ein — Höfe, Häuser, Hörige, Land und 
Äcker, Wiesen und Weiden, Wald und Gewässer — und schenkte alles „dem 
Heiligen Michael und seiner in Lüneburg erbauten Kirche^', welch letztere in 
ihrer Urgestalt damals also schon bestanden haben muß. Zwei andere 
Schenkungsurkunden Ottos sind aus seiner Kaiserzeit, beide vom 1. Oktober 965 
und bis auf den entscheidenden Satz fast wörtlich gleichlautend. In der einen 
gewährt der Herrscher „den Brüdern in Lüneburg, die Gott und dem Heiligen 
Michael dienen", den fünften Teil des Marktzolls daselbst, in der anderen den 
zehnten Teil seiner Zollerträge aus Münze und allen anderen Nutzungen in 
Bardewik. Endlich verfügte Otto (967), daß auch die Hälfte vom Nachlaß de« 
Grafen Wichmann, eines Neffen Hermann Billungs, dem Kloster in Lüneburg 
zufallen solle. 

Als Erbauer des Klosters wollte Herzog Hermann auch darin begraben 
werden. Es geschah nach Überfühnmg seiner Leiche aus Quedlinburg „in 
medio monasterio", richtig verstanden „mitten in der Klosterkirche", wo er 
mitsamt seüier Gemahlin HUdegard ehrenvoll beigesetzt wurde. Seinem Beispiele 
sind sämtliche Nachfolger billungschen Stamms und mit wenigen Ausnahmen 
auch die Lüneburger Herzöge aus weifischem imd sächsischem Geschlecht 
gefolgt, St. Michaelis zu Lüneburg wurde für ein halbes Jahrtausend das 
Mausoleum des regierenden Herzogshauses. 

Was Hermann Billung begonnen, baute sein Sohn Benno (973 — 1011) 
mit gleichem Eifer aus, nicht aber ist die Ansicht stichhaltig, daß Er erst das 
Michaehskloster begründet habe. Diese Ansicht stützt sich vomehmUch auf die 
dem Vorstehenden in keiner Weise widersprechende Erzählung des Chronisten, 
daß Herzog Bernhard es war, der aus dem Panthaleonskloster in Köln a. Rh. 
einen frommen Mann mit Namen Lüder als Abt berief und damit die Ordens- 
regel des Hl. Benedikt zur Einführung brachte. Herzog Bennos Beisetzung 
erfolgte in der Krypta vor dem Marienaltar, neben ihm ruhte sein Bruder, Graf 
Lüder. Bernhard IL (t 1059) fand vor dem Kreuzaltar seine letzte Ruhestätte; 
mitten in der Klosterkirche wurde Herzog Ordulf (f 1071) mit seiner Gemahlin 
Wulfhilt, einer Tochter Olav des Heiligen von Norwegen, beigesetzt, und auch 
der letzte männliche Sproß billungischen Geschlechts, Magnus (f 1106), nebst 



-«-8 25 8^ 

seiner Witwe, Sophie von Ungarn. Einige der lateinischen Grab- und Denk- 
inschriften, insbesondere die auf Herzog Hermann und seine beiden Sohne, sind 
uns im Wortlaut überliefert*) 

Merkwürdig spät erst soll die Einweihimg der Klosterkirche geschehen 
sein, nämlich mehr als hundert Jahre nach erfolgter Stiftung. Man wird jedoch 
annehmen müssen, daß uns der Weiheakt nur für ein jüngeres, vermutUch 
erweitertes Gotteshaus überliefert worden ist, das an Stelle eines älteren erbaut 
wurde; erscheint es doch wenig glaubhaft, daß die Weihe deshalb so lange 
versagt geblieben sei, weil Hermann Bülung im Kirchenbanne gestorben war. 
Die ünterkirche, die am 12. März 1048, zur Amtszeit des Abtes Albuin, eingeweiht 
wurde, sollte zu Ehren der Dreifaltigkeit und des Heihgen Kreuzes dienen; 
außer dem Hochaltar für die Jungfrau Maria wird ein Gregor- und Ambrosius- 
altar an der Südseite, ein Gecilienaltar an der Nordseite erwähnt. Nach 
acht Sommern, am 1. Oktober 1055, vollzog Bischof Sigibert von Verden die 
Weihe der oberen Kirche, wieder zu Ehren der Dreifaltigkeit, des heiligen Kreuzes 
imd der Jungfrau Maria, Namenspatron aber und Schirmherr des Hochaltars 
blieb der Erzengel Michael, der „Fürst der himmlischen Heerschar", dem die 
Apostel Petrus und Paulus und der erste Märtyrer, Sankt Stephanus, als Patrone 
des Altars rechts vom Hochaltar bzw. des Nordaltars zur Seite gestellt wurden. 
Im Verein mit der BiQungischen Herzogsburg hielt das Kloster die östliche 
Grenzwacht für das Deutschtum und Christentum, da war gewiß nicht ohne 
tiefere Bedeutung derjenige zimi obersten Schutzheiligen gewählt, dessen Bild 
den Kriegern derzeit als Siegesbanner vorangetragen wurde. Ein vierter oben 
schon erwähnter Altar wurde zu Ehren des heiligen Kreuzes und des 
EvangeUsten Johannes geweiht. 

Hören wir von den Königen fränkischen Stammes nicht, daß sie für das 
Benediktinerkloster in Lüneburg irgend ein Interesse gezeigt hätten, so erfreute 
sich die Billungerstiftung der besonderen Gunst Kaiser Lothars von Supphnburg. 
Als dieser im Mai 1134 mit Tochter und Schwiegersohn in Lüneburg weilte, 
besuchte er auch den Abt Anno und bestätigte die Verleihung vom zehnten Teil 
des Markt- und Münzzolls zu Bardewik. Beim nächstjährigen Besuche gewährte 
er dem Abt, der seinen Herrscher bald darauf nach Italien begleitete, bedeutsame 
Vergünstigungen, um dadurch „mannigfaltigen Nöten" der Lüneburger Kirche 
abzuhelfen. Zahlreiche Abteilehen waren in die Hände von Freien gelangt; der 
Kaiser gab sie dem Kloster zurück mit der Anheimgabe, daß künftig kein Abt 
irgend ein Benefizium an einen Nichtministerialen verleihen dürfe (Bestätigung 
Otto des Kindes 1225). Die Pflichten und Ansprüche des Klostervogts wurden 
genau umgrenzt; er hatte dreimal jährlich zu Gericht zu sitzen, und unter keinen 
Umständen sollte ein Untervogt ihn vertreten, wohl aber wurde er angewiesen, 
auf Wunsch des Abtes einen genehmen Sendboten zu ernennen, um nach An- 
ordnung des Prälaten der Familia des Klosters Recht zu verschaffen. Kloster- 
leute soUten weder mit Einquartierung noch mit Auflagen, Beden oder Gespann- 
dienst belastet werden, die Ministerialen des Klosters, deren Schar sich aus den 



*) Wedekind, Noten lU, 107 ff. 



->^ 26 8^ 

angesehensten Geschlechtem von Stadt und Land zusammensetzte, desselben 
freien Rechts genießen, wie des Kaisers eigene Ministerialen. 

Verursachte die Elroberung Lüneburgs durch Albrecht den Bäxen dem 
Kloster keine nennenswerte Einbuße, so konnte es nicht ausbleiben, daß die 
große Zeit Heinrich des Löwen der frommen Stiftung auf dem Kalkberge manchen 
Gewinn brachte. Von den Äbten jener Periode finden wir namentlich Marquard 
(1158—70) sehr häufig in der Umgebung des Herzogs, auch wenn dieser nicht, wie 
er es damals mit Vorliebe tat, in Lüneburg Hof hielt. Abt Bertold nahm an 
der Pilgerfahrt Heinrichs nach Palästina teil und fand unterwegs seinen Tod. 
Auf Geschenke des Herzogs werden wir noch zurückkommen. Die Bestätigung 
des Markt- und Münzzolls von Bardewik, die der Herzog vom Kaiser Friedrich 
erwirkte (1172), verlor mit der Zerstörung der alten Handelsstadt (1189) unerwartet 
schnell ihre Bedeutung, ein Verlust, der sich doppelt fühlbar machte, weil die 
Bestätigung statt eines Zehntels der Zollerträge ein Fünftel überwiesen hatte. 
Auf ein Aufblühen des Klosters deutet die Erbauimg einer Kapelle nahe der 
Herzogsburg, die am 13. Dezember 1157 durch den Verdener Bischof, ebenfalls 
zu Ehren der Hl. Dreifaltigkeit und der Jimgfrau Maria, unter dem Namen 
Jacobikapelle geweiht wurde, jedoch der besonderen Verehrung des Ordensstifters, 
des Hl. Benedikt, vorbehalten war. Ein Hospital zum Hl. Benedikt soll schon 
drei Jahrzehnte früher gestiftet sein, imd es ist zu vermuten, daß die Kapelle 
mit dem Hospital verbunden wurde. Auch die Gründung des Klosters der Bene- 
diktinerinnen in Lüne erheischt an dieser Stelle eine Erwähnimg, da sie von 
einem Mönch des Michaelisklosters ausging und von den Äbten, zumal den beiden 
letztgenannten, tatkräftig gefördert wurde. Die Lüner Pröpste wurden bis 
zum Jahre 1270 dem Mönchskonvent von St. Michaelis entnommen, ein Aus- 
druck der Abhängigkeit, in welcher das Nonnenkloster ein Jahrhundert hindurch 
verharrte. In jene Periode gehört auch die Weihe eines Apostelaltars, der auf 
persönliches Verwenden Herzog Heinrichs errichtet und am 20. Juni 1179 geweiht 
wurde, endlich die am nächsten Tage folgende Einweihung einer vom Kloster 
abhängigen Marien- und Johanniskapelle auf dem Kalkberge, wohl einer Burg- 
kapelle, über die sonstige Nachrichten nicht vorliegen. 

Von den Söhnen Heinrich des Löwen erhielt Wilhelm das Allodium 
Lüneburg, und das enge Verhältnis des Fürstenhauses zum Schloß und Kloster 
auf dem Kalkberge, das durch des Vaters lange Abwesenheit und seine Bei- 
setzung im Dom zu Braimschweig gelockert zu werden drohte, war damit wieder- 
hergestellt Durch Wilhelms Vermittlung erneuerte Papst Innocens IIL dem Abte 
von St. Michaelis die Befugnis, Gewänder für den Gottesdienst einzusegnen und 
an hohen Festtagen eine Bischofsmütze, die Infula, zu tragen (1205), ein Vorrecht, 
das die Lüneburger Äbte schon früher besessen aber durch die Mißgunst einer 
ungenannten regierenden Frau verloren h^^tten. Wilhelms Begräbnis erfolgte 
nach altem Brauch mitten in der Klosterkirche (1213). Deren romanische Gestalt 
bewährte sich nicht als sonderlich lebenskräftig. Wie die Schenkung einer Salzrent« 
durch Herzog Johann (f 1277) und die Ablaßbriefe zahlreicher Erzbischöfe 
und Bischöfe von 1280/86 bekunden, waren die Klostergebäude damals schon 
in hohem Maße emeuerungsbedürftig. Die Herstellung, mehr ein Neubau von 



-^ 27 8^ 

Grund aus, wurde unter den Auspizien Herzog Otto des Strengen und seiner Gemahlin 
Mechtild von Bayern in Angriff genommen, wie der Chronist sagt „nicht ohne 
große Anstrengungen und Ausgaben des Abtes und seiner Mönche, mit den 
frommen Gaben von Rittern und Knappen und anderen guten Menschen'^ Um 
den Bau in den gewünschten Verhältnissen diu:chführen zu können, wurde im 
Jahre 1301 durch eine Ablaßverheißung des Bischofs von Ratzeburg noch einmal 
die öffentliche Mildtätigkeit aufgerufen und Bonifaz VIII. inkorporierte dem 
Kloster zur Erhöhung seiner Einkünfte die Pfarrkirchen zu Bergen, Dahlenburg, 
Gerdau, Hittbergen, Nahrendorf und Veersen (1302). 

Im Oktober 1303 war die Krypta („sive capella") unter dem Chore so weit 
gediehen, daß sie eingeweiht werden konnte. Sie enthielt drei Altäre und wurde 
der Jungfrau Maria gewidmet; der Mittelaltar umschloß die heiligsten Reliquien 
des Klosters, unter anderem Haar und Stücke vom Gewand Maria; der zweite 
und dritte Altar .gehörte allen heiligen Jungfrauen bzw. allen Bischöfen imd 
Bekennern. Die Weihe der Oberkirche begann am 18. September 1305 und 
nahm drei Tage in Anspruch. Am ersten wurde das Kirchengebäude und der 
Hochaltar geweiht, zu Ehren des Hl. Michael, an den beiden nächsten Tagen 
die übrigen acht Altäre. Das Fest der Kirchweihe büeb auch fernerhin dem 
Remigiustage (Oktober 1) vorbehalten, an welchem das alte Kloster im Jahre 1055 
seine Weihe empfangen hatte; seither hatte sich die kirchliche Feier mit dem 
großen Lüneburger Michaelismarkte zu fest verknüpft, als daß man auf die 
Vorteile einer solchen Verbindung hätte verzichten mögen. 

Die neue Michaeliskirche sollte gar nur zwei Menschenalter den Kalk- 
bei^ zieren. Der kriegerische Ausbruch des in der Einleitung dargelegten Erb- 
folgestreites führte nicht nur zur Beseitigung der herzoglichen Burg (1371 Februar 1), 
sondern auch zur Abtragung des Benediktinerklosters, war doch die hochgelegene 
Klosterkirche zu einer offenkimdigen Gefahr für die Sicherheit der Stadt dadurch 
geworden, daß Herzog Magnus sich nicht scheute, den Giebel des Gotteshauses 
zu durchbrechen, ihn mit Erkern zu versehen und diese durch Geschütze und 
Armbrüste für den Angriff herzurichten. Wurde aber das Herzogsschloß als 
Zwingburg nach Kriegsrecht zerstört, so erfolgte die Entfernung des Klosters 
zweifellos weniger gewaltsam. Schon wochenlang vor der Einnahme des Kalk- 
berges bestand auf selten der Bürgerschaft der Plan, den Mönchen von der 
Burg im Innern der Stadt einen Bauplatz für ein neues Münster anzuweisen, 
und ob nun der derzeitige Abt, Johann von Schlepegrell, sich mit der Verlegung 
des Klosters sogleich aussöhnte oder nicht, gewiß ist, daß ihm Zeit genug 
gelassen wurde, wertvolle Mobilien und den gesamten Klosterschatz in Sicher- 
heit zu bringen. Eine Glocke vom Jahre 1325, die Meister Olricus gegossen 
hatte, ein hervorragendes Stück mittelalterlichen Erzgusses, wurde herunter- 
genommen imd später im neuen Kirchturm wieder aufgehängt; das Taufgefäß 
desselben Meisters wurde ebenfalls gerettet,*) auch wird ausdrücklich berichtet, 
daß die Kleinodien des Klosters, zumal die Reliquien in ihren kostbaren Behältern 
und andere für den Gottesdienst gebrauchte Prunkstücke, femer die Rechts- 



*) Mithoff gibt 8, 165 nach Gebhardi eine Abbildung nnd Beschreibung der Döpe. 

4* 



■^ 28 H- 

Urkunden, Privilegien, Briefe, Bücher und sonstige Wertobjekte in gute Obhut 
genommen wurden. Schwerlich hätte man es auch gewagt, den Frieden der 
Fürstengruft durch rohe Gewalttat zu stören. Die fürstlichen Gebeine wurden 
mit großem Kirchengepränge in feierücher Prozession in die nahe Gyriakskirche 
überführt, um dort bis zur Vollendung der neuen Michaeliskirche ihren Platz zu 
behalten, und der Zeitpunkt, an welchem die Überführung von statten ging, ist 
vielsagend genug: es war um Mitte Juni, ja erst am Laurentiustage, dem 
10. August, soll die letzte Messe auf dem Kalkberge gelesen sein — die Ab- 
tragung der Bauhchkeiten hatte also Monate gedauert, und die Nachricht, daß 
das Kloster am 1. Februar zugleich mit der Burg demoliert worden sei, ist 
unhaltbar. 

Immerhin mußten sich Abt imd Konvent mehrere Jahre hindurch ohne 
ein eigenes Heim behelfen. Sie fanden Unterkunft im verwandten Ordenskloster 
zu Lüne und in Lüneburger Bürgerhäusern. Erst am 25. November 1373 hatte 
sich der Sturm des Krieges soweit beruhigt, daß die Herzöge Albrecht und 
Wenzel von Sachsen- Lüneburg, im Namen auch der Braunschweiger Herzöge 
Friedrich und Bernhard, und wie sich versteht im vollen Einvernehmen mit Rat 
und Bürgerschaft von Lüneburg, die förmliche Übertragung eines neuen Bau- 
geländes vornehmen konnten. Der neue Bauplatz hieß „die hohle Eiche" (de 
hole Eek) und lag innerhalb der neuen Stadtmauern unweit der alten Bloster- 
siedelung östlich am Fuße des Kalkberges; er wurde dem Benediktinerkonvent 
abgaben- und lastenfrei unwiderruflich ausgeantwortet, und seitens der Herzöge 
wurde eine Bausumme von 100 Mark reinen Silbers hinzugefügt; zugleich erhielt 
das Kloster alle den Herzögen als Patronen der Gyriakskirche gebUebenen Rechte 
als Ersatz für die verlorene Schloßgemeinde. 

Mit der Beschwichtigung kirchlicher Bedenken, vielleicht auch mit dem 
Entwurf der Baupläne und Beschaffung des Baumaterials vergingen abermals 
mehrere Jahre; erst am 14. Juli 1376 vollzog Bischof Heinrich von Verden die 
feierUche Grundsteinlegung. Drei Jahre später war die Kxypta vollendet, die 
man mit ihren drei Altären dem Muster der alten Kluft nachbildete. Von der 
größeren Krypta wird schon 1394 eine kleinere unter der Sakristei gelegene 
Krypta mit einem Marienaltar unterschieden, bald auch eine Abtskapelle imter 
dem Hochaltar (1412); ihre Entstehung ist w^ohl dem Bedürfnis nach mehreren 
Sakristeien zuzuschreiben, da die Kluft bis zur Fertigstellung der oberen Kirche 
von den Mönchen als eigentliches Gotteshaus benutzt wurde. Der Einzug in 
die Klostergebäude geschah im Sommer 1388. Von der oberen Kirche wurde 
zunächst die vordere, nach Osten liegende Hälfte in Angriff genommen und 
deren Einweihung mit dem Hochaltar und einem Marienaltar auf dem Chor 
am 10. August 1390 ausgeführt. Das offizielle Kirch weihfest behielt seine 
Verbindung mit dem Michaelismarkte, es soUte tauch fernerhin zw^ar nicht am 
1. Oktober, wohl aber am ersten Sonntage nach Michaelis, also einem annähernd 
gleichen Termine, begangen werden (Erlaß des Verdener Bischofs von 1408 
September 13). Nach einer Pause von 19 Jahren erst wiu'de der Bau fortgesetzt 
und nun in einem Dezennium zu Ende gebracht; am Tage der Oberführung des 
Hl. Benedikt, am 11. Juli 1418, stand das Gotteshaus bis auf den Turm 



->^ 29 8^ 

vollendet da. In den nächsten hundert Jahren wurde die Kirche durch zahl- 
reiche Kapellen mit neuen Altären mannigfach ausgestaltet, in welcher Weise, 
darüber gibt der 6. Band der Gebhardischen Sammlungen manchen, hier zu 
weit führenden Aufschluß. Über die Leitung und technische Ausführung des 
Baues liegen nur dürftige Angaben vor. Am 12. März 1379 nahm der Kloster- 
konvent einen gewissen Hinrik Bremer als Maurermeister an,*) der seine Be- 
zahlung vom „Baumeister^' des Klosters empfing, einem der Kapitularen. 
L. A. Gebhardi weiß mitzuteilen, daß der Lüneburger Rat (1376) die Bau- 
ausführung übernommen, zwei Ratmannen, Henrich Sothmeister und Brand 
von Zerstede, zu Aufsehern ernannt und zur Herstellung der Steine den Ziegelhof 
vor dem Altenbrücker Tore angelegt habe, Nachrichten, die nicht genügend 
verbürgt und an sich unwahrscheinlich sind. Es gibt urkundliche Belege dafür, 
daß das Einvernehmen zwischen dem Klosterkonvent und dem Rate in den 
nächsten Jahrzehnten nach Wegräumung des alten Klosters keineswegs ungestört 
war, die Verstimmung der durch den Gewaltakt der Bürgerschaft angeblich um 
30000 Goldgulden geschädigten Mönche mochte doch nachhaltiger wirken, und 
gerade der Neubau gab Anlaß genug zu allerlei Konflikten. Am 16. und 
17. Oktober 1406 wurde unter Vermittlung der Äbte von Uelzen und Schamebeck, 
des Hamburger Dekans Werner Miles sowie der Pröpste von Ebstorf, Lüne 
und Medingen Friede geschlossen. Bürgermeister und Ratmannen verpflichteten 
sich, an erster Stelle die Portführung des Klosterbaues nach bester Möglichkeit 
zu fördern, während Abt und Konvent ihrer Bautätigkeit zugunsten eines 
Anfsichtsrechts der Stadtobrigkeit allerlei Beschränkungen auferlegten. Das 
Kloster war jenerzeit noch nicht völlig ummauert, aus den Vertragsartikeln 
ergibt sich, das der Rat auf der Ummauenmg bestand. Insbesondere nach 
Osten hin, wo das Baugelände durch Ankäufe noch erweitert wurde, hielt der 
Rat eine Mauer für wünschenswert, damit aus den Wohnhäusern der Mönche 
keine Wege in die Stadt führten, und auch nach Norden wurde, wie es scheint, 
nicht die kleinste Pforte genehmigt. Nach Süden hin lagen an der Straße 
Klosterhäuser und Buden, die an Bürger vermietet wurden, diese wiederum 
durften keinen Ausgang nach dem Kloster hin behalten, und die Fenster der 
Rückfront mußten mit Gittern versehen werden, die ein Durchsteigen ausschlössen. 
Allen zum Hauptbau des Klosters und zur Mauer nötigen Kalk versprach der 
Rat brechen zu lassen und kostenfrei abzugeben. 

Die Erbauung des groß angelegten, aber unvollendet gebUebenen Turmes 
war ein Werk eines der ausgezeichnetsten Äbte des Klosters, Balduins von 
Wenden (1419—41), seit 1434 zugleich Erzbischof s von Bremen. Am 21. Mai 1430 
schlössen Abt, Prior, Küster und Kämmerer mit dem Bürger Hans Reinstorf 
einen Vertrag ab, worin dem Letztgenannten unter Mitwirkung des Bürgers 
Johann Broning die Oberaufsicht beim Bau des Glockenturmes übertragen wurde, 
und durch zahlreiche Leibrentenverträge jenes sowie des nächstfolgenden Jahres 
wurden nahmhafte Barmittel für den Bau beschafft Die Anlage eines be- 



*) £inen „Bremere, lapicida^ erwähnt das älteste Stadtbuch z. J. 1346, ein Hinrick B. 
tritt als BUrge auf 1383. 



-<-8 30 iK- 

souderen Ziegelhofes für die baulichen Bedürfnisse des Klosters, des sogenannten 
Abtsziegelhofs, fällt in jene Zeit. 

Der ganze Gebäudekomplex scheint von vornherein in denselben großen 
Verhältnissen angelegt zu sein, wie sie noch heute zu erkennen sind. Von 
einzelnen Häusern werden neben der Abtskurie (aestuarium 1395) erwähnt ein 
besonders eingefriedigter Prioratshof (1432), die Wohnxmg des Küsters und 
Schatzmeisters (1449), ein Schlafhaus für die gemeinsam wohnenden Mönche 
(1412), Baderäume (Bademeister 1412, Wasserleitung 1442). Die Klostergebäude 
schlössen sich an die Nordseite der Kirche an, und zwar in zwei Flügeln, die 
durch ein Quergebäude rechtwinklig verbunden waren; in der Mitte lag der 
IQosterfriedhof , rings vom Kreuzgang eingefaßt. Die Gesamtkosten der Anlage 
müssen sehr beträchtlich gewesen sein, und es ist wohl außer Frage, daß die 
Stadt wesentlich dazu beisteuerte. Die freiwillige Gebefreudigkeit war durch 
päpstUche Ablaßbriefe vom April 1379 imd Mai 1400 angefeuert; durch besonders 
reiche Gaben zeichneten sich aus die Mutter des Abtes Ulrich von Berfelde, 
die einen Altar stiftete (1390), Johann Steenberg, ein Geistlicher, der 100 Mark 
in Gold zum Bau des Turmes spendete (1430 März), ein Knappe, Henning von 
Noberdenhusen (f 1441), der 90 Mark aussetzte zur Herstellung eines Estrichs 
(pavimentum) in der Kirche. 

Unverändert erhielt sich dasIQoster die Gunst des herzoglichen Hauses. 
Auch die Herzöge von Sachsen-Lüneburg, Ktuiürst Albrecht (gest vor Eick- 
lingen 1385) mit seiner Gemahlin, Katharine von Anhalt, und Kurfürst Wenzel 
(t 1388) wurden nach ihrem Tode aus dem Kriegslager in die Gruft von 
St Michaelis überführt. Die Herzöge Bernd und Hinrik bestätigten alle von 
ihren Vorfahren, die im Münster von St. Michael „ore bigraf ghekoren" hätten, 
dem Kloster erteilten Privilegien (1389 Februar 5), und Herzog Bernd erwählte 
gleichzeitig in urkundlicher Form sein eigenes Grab im Michaeliskloster, „wo 
seine liebe Mutter, seine Hausfrau und deren Eltern beigesetzt seien". Von 
Bernhards Söhnen erwies sich .Herzog Otto (f 1446) als ein besonderer Gönner 
des Klosters, er sowie seine Neffen Bernhard IL (f 1464) imd Otto (f 1471) 
wurden mit ihren Frauen ebenfalls zu St. Michaelis bestattet; sein Bruder, 
Herzog Friedrich der Fromme (f 1478), war der erste, der seine Grabstätte in 
Celle wählte und damit die Lüneburger Fürstengruft außer Gebrauch setzte. 

Erst in der Reformationszeit geriet das Kloster, das dem Eindringen der 
lutherischen Lehre zimächst zähen Widerstand leistete, in einen schweren 
Konflikt mit dem regierenden Herzoge, ja in große Gefahr, mit zahlreichen 
anderen Erlöstem des Landes dem Schicksal der Säkularisation zu verfallen. 
Gefahr drohte auch von selten der Stadtbevölkerung, denn es kam Fastnacht 
1532 zur Erstürmung der lOosterkirche durch die Wollwebergesellen, nachdem 
im Sommer 1530 Verordnete des Rates und des Bürgerausschusses vergebens 
die Abstellung der katholischen Bräuche gefordert und den Besuch des Michaelis- 
gotteshauses für alle nicht zum Kloster gehörigen Einwohner der Stadt ver- 
boten hatten. Gleichwohl zelebrierte Abt Boldewin von Mahrenholtz, ein über- 
zeugter Anhänger des alten Glaubens, noch am Michaelistage 1532 auf dem 
Hochaltare, dessen Benutzung dem Abte vorbehalten war, eine feierliche Messe, 



->^ 31 8^ 

um freilich im selben Jahre noch zu erleben, daß die Mehrzahl seines Konvents, 
unter Führung des Priors Herbord von Holle, vor dem Kreuzaltar das Abend- 
mahl in beiderlei Gestalt nahm. Wenige Tage später, am 13. Dezember, starb 
Boldewin; der Schmerz über den unerwarteten Abfall seiner Klosterbrüder hatte 
ihn getötet Sein Nachfolger, der bisherige Prior, hatte die außerordentlich 
schwierige Aufgabe, den Fortbestand des Klosters nach zwei Seiten hin, gegen 
Herzog Ernst und gegen den Lüneburger Rat, zu verteidigen. Es ist ihm 
gelungen, indem er sich mit der Stadtobrigkeit gegen den Herzog verbündete 
und eine Art Schutzhoheit des Rates, die er selber anrief, klug benutzte; die 
Abneigung des Urbanus Rhegius gegen die Einziehung der Klostergüter imd das 
Interesse des Lüneburgischen Adels an der Erhaltung der lOosterpf runden kamen 
ihm dabei zu statten. ÄußerUch gelangte der Obergang zum protestantischen 
Bekenntnis auch dadurch zum Ausdruck, daß der größere Teü des Konvents im 
Jahre 1533 das Mönchsgewand mit „langen, ehrUchen Priesterröcken" vertauschte, 
nur wenige bUeben bis an den Tod in ihrer Ordenstracht. 

In der imnatürhchen Gestalt eines protestantischen Männerklosters, mit 
Ehelosigkeit, gemeinsamem Leben, Gesang von Vespern und Metten, beharrte 
St Michaelis bis über den dreißigjährigen Krieg hinaus, nachdem ein Versuch 
des Generals Tilly, auf Grund des Restitutionsedikts den Benediktinerorden in 
seinen ehemaUgen Sitz wieder einzuführen, fehlgeschlagen war (1629). Erst im 
Jahre 1655 wurde die Klosterverfassung, deren völlige Umänderung einige der 
Konventualen selber für notwendig hielten, aufgelöst, und Herzog Christian 
Ludwig wandelte das Kloster im Einklänge mit den Wünschen der Lüneburger 
Ritterschaft um in eine Schule für den ansässigen Adel des Fürstentums (Haupt- 
rezeß vom 17. Oktober 1655 bzw. 7. Januar 1656). Die Ritterschule, mit 
welcher die noch zu erwähnende Partikularschule Hand in Hand ging, trat an 
Stelle der bisherigen inneren Klosterschule und wurde aus den vereinigten Ein- 
künften der Abtei und des Klosters unterhalten. Ein Gymnasium illustre mit 
erweiterten Lehrzwecken nach Art einer Universität, das unter der Gönnerschaft 
des Herzogs im Jahre 1660 daneben eingerichtet und vorzugsweise für den 
Besuch auswärtiger Schüler berechnet war, konnte sich nicht halten und ging 
1686 wieder ein. Der inneren Umwandlung folgte der Abbruch der alten 
Klosterhäuser und die Errichtung eines nach Nordosten hin ausgedehnten Neu- 
baus im ersten und zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts; 1715 war das 
sogenannte Akademische Gebäude vollendet, 1716 das Haus des Ausreuters, 
der die Landbesitzxmgen des Klosters verwaltete. Baiuneister war Joseph 
Crotogino, ein Italiener. Um 1750 wurde das dreifache Dach der Kirche herunter- 
genommen und durch ein einziges ersetzt (vollendet 20. Dezember 1751), im 
nächsten Jahrzehnt (1764) trug man das spitze Zeltdach des Kirchturms ab und 
krönte die erhöhten Turmmauem durch die noch vorhandene Latemenkuppel. 
In den achtziger und neunziger Jahren desselben Jahrhunderts wurde die 
Kirche, wie noch auszuführen sein wird, im Innern all ihrer bis dahin bewahrten 
hervorragenden Kxmstschätze entkleidet. Umfassende Herstellungsbauten werden 
namens der Königlichen Klosterkammer seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts 
ausgeführt. 



-^ 32 8^ 

Die Aufhebung der Ritterakademie, so genannt seit 1692, erfolgte durch 
Gesetz vom 6. August 1850 zum 1. Oktober jenes Jahres; das gesamte Ver- 
mögen des ehemaligen Klosters wurde dem allgemeinen Hannoverschen Kloster- 
fonds überwiesen. 

Auf die interessanten Besitzverhältnisse des Klosters, für welche ein 
reiches Urkundemnaterial vorUegt, näher einzugehen, ist hier nicht der Raam, 
wir müssen uns mit einigen kurzen Hinweisen begnügen. Auch ohne urkundliche 
Belege würde es einleuchten, daß das Kloster in der Nähe seines eigensten Grund und 
Bodens, also auf Lüneburgischem Gebiete im engeren Sinne, sich festzusetzen 
verstand. An der Ausbeute der Saline als des ältesten und ergiebigsten industriellen 
Werkes der Stadt waren die Benediktiner sowohl als Pf anneneigentümer wie als 
Rentner sehr wesentlich beteihgt. Nach den Ablosungsbriefen der Jahre 1458 — 75 
wurden Pfannen- und Chorusanteüe des Klosters mit der ansehnlichen Summa 
von mehr als 38000 lüb. Mark von dem vertragsmäßigen Jahrgelde zur Tilgung 
der Stadtschulden befreit. Femer befand sich ein großer Teü des in imd um. 
Lüneburg liegenden Geländes im Eigentum von St MichaeUs. Sogar auf dem 
rämnlich beschränkten Plateau des Kalkberges gelang es dem Kloster, seinen 
Grundbesitz zu vergrößern, indem es nicht lange vor der Zerstörung den an 
die Kurie des Abtes angrenzenden Burgmannshof derer vom Berge ankaufte (1354). 
Zahlreich waren die Erwerbungen im Grimm, jenem ländlich bebauten Vorort, 
der sich nach Westen hin unmittelbar an den Kalkberg anlehnt und ursprüng- 
lich ganz an Burgmannen vergeben war. So überließen die Schwerin dem 
Kloster vier Katen daselbst, deren eine als Bordell gedient hatte („unam casam 
seu kot cum suis pertinentiis in qua pulcre mulieres seu publice antea babitant 
cum omni jure et proprietate^S 1343), ein Haus an der Reppenstedterstraße (1343), 
ein freies Haus (1355), Haus und Hof (1362); xmd ähnliche Entäußerungen 
geschahen seitens der Burgmannenfamilien Grote, Kind, von Ödeme, von Meding. 
Das Vogteirecht und Servitium über das ganze klösterliche AUod im Grinun 
hatte Herzog Otto schon im Jahre 1309 dem Abte Thomas verliehen, aus Dank- 
barkeit für dessen Verdienste um seine Söhne. Andere Erwerbungen deuten 
darauf hin, daß das Kloster bemüht war, seinen Grundbesitz über den Grimm 
hinaus, zumal nach Nordwesten und Norden hin zu erweitem und abzurunden. 
Als Verkäufer treffen wir auch hier zumeist Mitglieder der alten Burgmannen- 
geschlechter. Für die beträchtliche Pfandsumme von 550 Mark übernahm das 
Kloster im Jahre 1426 von der FamiUe vom Berge ein Gehölz innerhalb der 
Landwehr bei Ocht missen, die sog. „Luthmen" samt einem wüsten Hof, dem 
Luthmenhof ; nur der letztere wurde 1481 für 100 Mark wieder eingelöst Eän 
anderes Klostergehölz, „des abbetes holt'' genannt, lag auf dem Zeltberge, es 
wurde gemäß einem Vertrage zwischen Rat und Sülfmeistem auf der einen, 
Abt und Konvent von St. Michaelis auf der anderen Seite im Jahre 1396 nieder- 
gehauen ; während die Nutzung des Hauholzes gegen eine Zahlxmg von 1000 Marie: 
im wesentlichen der Stadt bzw. der Saline zugute kam, bUeb der Grund und 
Boden unter der Einschränkung, daß er in Ackerland verwandelt wurde, im 
Eigentum des Klosters. Die Stadt nahm deshalb ein Interesse an der Entfernung 
des Waldes, weil derselbe in einer voraufgegangenen Fehde den Truppen des 



H>^ 33 8^ 

Feindes als Rückhalt gedient hatte. Auch die Kreitenkule beim Kreitenberge, 
1408 an Heinrich Viskule verkauft, gehörte bis dahin dem Kloster. Weniger 
beträchtlich als vor dem Neuen und dem Bardewiker Tore war der Landbesitz des 
Klosters vor den östlichen und südlichen Toren der Stadt. Innerhalb des 
ummauerten Stadtgebietes lag der Besitz des Klosters gleichfalls vorwiegend in 
seinem engeren Bereich, in der Altstadt ein durch Vermächtnis (1344) erworbenes 
Wohnwesen und zwei Burgmannenhöfe, auf dem Meere zwei der Stadt zins- 
pflichtige Häuser. Die klösterlichen Haus- und Grrundrenten mögen unberück- 
sichtigt bleiben; es sei nur erwähnt, daß der Lehnsinhaber der herzoghchen 
Lachskule in der Ilmenau zur Fastenzeit von alters zwei Lachse an das Kloster 
abliefern mußte (bestätigt 1389). Die untere Mühle an der Ilmenau, die seither 
sogenannte Abtsmühle, machte Heinrich der Löwe dem Kloster am 1. November 1147 
ziun Geschenk, als er in Lüneburg sein durch einen xmglücklichen Sturz vom 
Tische verlorenes Söhnchen erster Ehe vor dem Kreuzaltare zu St. MichaeUs 
begraben ließ. Sein Enkel, Herzog Otto, bestätigte die Schenkung und ergänzte 
sie durch Übertragung der Mühlenvogtei (1234). Die Mühle befand sich im 
14. Jahrhundert gegen Zinsabgabe im Lehnsbesitz der Ratsfamilie van der Molen, 
wurde aber ungeachtet der Schenkungsurkunden, welche nur das Halsgericht 
dem Herzoge vorbehielten, durch die herzoghchen Amtleute und Vögte mit Hof- 
dienst und anderen Unpflichten belästigt, bis auf die Klage des Abtes Daniel 
Herzog Wilhelm und sein Präsumtivnachfolger, Junker Ludwig, die Ansprüche 
des Klosters abermals feierUch bestätigten (1365). 

Noch ist einer für die geistige Wirksamkeit des Klosters bedeutsamen 
herzoglichen Schenkung zu gedenken. Wahrscheinlich war mit St Michaelis 
seit seinen ersten Anfängen eine Schule verknüpft für Söhne vornehmer Eltern. 
Gebhardi nimmt sogar an, die Stiftung Hermann BUlungs sei eigens „zur 
Er2dehung tüchtiger Missionarien imd zur Schule für wendische Kinder" ins 
Leben gerufen. Gewiß ist, daß der Wendenfürst Gottschalk, der auf einem 
Eroberungszuge im Jahre 1066 seinem Bekehrungseifer zum Opfer fiel, im 
Kloster auf dem Kalkberge seine Ausbildung erfahren hatte („liberaUbus 
erudiebatur studiis") ; dort traf ihn die Kunde von der Ermordung seines Vaters 
(1032). Die Fortdauer dieser Beziehungen wird durch die Nachricht verbürgt, 
daß Gottschalks Sohn, König Heinrich (f 1126) in der Klosterkirche von 
St. Michael begraben wurde und Herzog Pribislav, der später auf einem Lüne- 
burger Turnier ums Leben kam und neben jenem Könige seine letzte Ruhestatt 
erhielt, im Michaeliskloster die Taufe empfangen hatte (1164). Auch die vier Söhne 
Herzog Otto des Strengen wurden (um 1309) im Kloster erzogen. Daneben gab 
es, wie sich versteht, zu St. MichaeUs eine IQosterschule im engeren Sinne, 
bestimmt, für den Eintritt in den geistUchen Stand vorzubereiten. Aber auch 
außerhalb des Klosters gab es eine Schule; es war die „Untere Schule" („scolae 
inferiores"), so genannt nicht wegen geringerer Leistungen, etwa als Vorschule, 
sondern wegen ihrer Lage unterhalb des Michaelisstifts, „vor der Burg", nach 
Gebhardi am Fuße des Kalkberges, während ja das Kloster mit dem Schlosse 
im Castrum vereinigt war. Die Schule war herzoghch, bis sie durch 
Herzog Otto, eine Sohn Otto des Strengen, ebenfalls dem Michaeliskloster 



^^ 34 ?•<- 

übertragen wurde. Die Bestatigungsurkunde seines Bruders, Herzog Wilhelms, 
vom 13. Januar 1353, gibt nähere Auskunft darüber. Das Kloster erhielt 
danach das Aufsichtsrecht samt allen anderen bis dahin herzoglichen Rechten, 
Freiheiten und Einkünften, insbesondere bekam der Abt die Fürsorge für einen 
geeigneten Rektor. Aus eben jenen Einkünften — und das war die Gegenleistung 
des Klosters — sollten alljährlich kirchliche Gedächtnisfeiern für die verstorbenen 
MitgUeder des Herzogshauses begangen werden. Um die Ausführung dieser 
Absicht zu sichern, versprach der Herzog weder innerhalb noch außerhalb 
Lüneburgs eine andere öffentliche oder private Schule einzurichten oder zu 
dulden, welche der Unteren Schule Abbruch tun und den Besuch des Kirchen- 
chors von Seiten der Schüler schwächen könne. Ein Vertrag von 1378 belehrt 
uns, daß der damalige Rektor, Herr Sander Plighe, die Schule vom Abt, Prior, 
Küster und Konvent mietete und zwar auf weitere vier Jahre, gegen eine 
Jahresmiete von 36 Mark; Abt und Kapitel waren verpflichtet, dem Rektor in 
Ausübung seines Amtes behülflich zu sein. Die Einrichtung einer von der 
Stadtverwaltung zum mindesten stark begünstigten öffentlichen Schule durch 
die nach Lüneburg übergesiedelten Prämonstratenser von HeiUgental entfachte 
zwischen den beiden beteiligten Klöstern einen heftigen Konkurrenzkampf, in 
welchem die Benediktiner unterlagen; die Folge war die Gründung einer 
besonderen Stadtschule, des Johanneums (1406). Die einstige Untere Schule 
hat unter der Bezeichnung „Partikularschule", „schola maior", „Michaelisschule", 
bis zum Jahre 1818 fortbestanden. 

Die Besitzungen des Klosters außerhalb der städtischen Landwehr er* 
streckten sich, von wenigen Schenkungen abgesehen, räumlich nicht sehr weit; 
auch hier ist das Bestreben unverkennbar, das nähere Gut dem entfernteren, 
zusammenliegendes dem zerstreuten vorzuziehen. KlösterUcher Besitz, Kloster- 
rechte und Klosterabgaben, die durch Schenkung oder Vermächtnis, durch Kauf, 
Tausch und Pfandschaft, Leibrenten- und Präbendenverträge, Brüderschafts- 
verleihungen oder auf welchem Wege sonst St. Michaelis zugefallen waren, finden 
sich vomehmUch im Landkreise Lüneburg, alsdann im früheren Amte Medingen 
und im Landkreise Winsen. Aus den anderen Kreisen des ilegierungsbezirks 
sind allenfalls die ehemaligen Ämter Bleckede und Oldenstadt zu nennen, während 
die Ämter Tostedt, Soltau und FaUingbostel ganz zurücktreten und andere 
überhaupt nicht in Frage kommen. Von den 78 gegenwärtig bestehenden Land- 
gemeinden im Landkreise Lüneburg waren, wenn wir das EndjaJir des Urkunden- 
buches von St. Michaelis, das Jahr 1500, zugrunde legen, 43, in denen das 
Kloster Fuß gefaßt hatte ; von größeren Ortschaften des Bezirks schieden aus 
nur der ehemals Lauenburgische Flecken Artlenburg, die Dörfer Obermarschacht, 
Tespe, Avendorf (früher auch Lauenburgisch), Bütlingen und Boltersen, bis auf 
das letztgenannte auffallenderweise sämtlich an der Elbe oder in nächster Nähe 
des Stromes gelegen. Unter den 75 Landgemeinden des Kreises Winsen verteilen 
sich Besitz und Einnahme des Klosters auf 26 Ortschaften, und es ist gewiß 
kein Zufall, daß von zehn ausscheidenden größeren Dörfern wiederum genau die 
Hälfte (Drage, Fliegenberg, Hoopte, Kirchwerder und Stockte) dem unmittelbaren 
Eibgebiete angehört. Ähnlich ist das Verhältnis beim früheren Amte Medingen 



H>^ 35 8^ 

im Kreise Uelzen, wo von 96 Landgemeinden an 33 das Kloster interessiert war, 
was bei nur sieben unter den 125 Gemeinden des Amtes Oldenstadt nachweisbar 
ist Untersuchen wir die Lage der dem Michaeliskloster irgendwie verbxmdenen 
Ortschaften nach rein geographischen Gesichtspunkten, so läßt sich leicht erkennen, 
daß die Klostergüter überwiegend dem Gebiete zwischen Seeve und Neetze 
angehörten und das Ilmenautal stark bevorzugt wurde. Die Ilmenau hatte als 
Wasserstraße noch größere Bedeutung als heute, denn sie wurde bis Medingen, 
ja bis Uelzen hinauf, für den Gütertransport benutzt. Bei der Lage des Land- 
besitzes von St. Michaelis um so begreiflicher, daß das Kloster darauf bedacht 
war, die Schiffahrt des Flußes ungestört zu erhalten. Laut Urkunde von 1332 
verpflichtete sich ein Ritter von Schwerin mit seinem Sohne, eine Mühle in 
Wichmannsburg abzubrechen xmd zwischen Lüneburg und Medingen nicht wieder 
aufzubauen, damit die Schiffahrt keine Behinderung erleide; im Einvernehmen 
mit den Herzögen traten Vater und Sohn all ihr Recht an der Ilmenau den Klöstern 
St Michaelis und Medingen ab. 

Die Angaben über die gesamten Jahreseinnahmen des Klosters sind kaum 
miteinander in Einklang zu bringen, auch wenn die mannigfachen Schwankungen 
und Veränderungen im Besitz klar vorgeführt werden könnten. Papst Bonif az VQL 
schätzte die Einnahme auf höchstens 1000 Mark reinen Silbers (1302); nach Aussage 
des Abtes Werner betrugen sie nicht über 500 Talente Lün. Denare (1327), und 
im Jaiu^ 1384 bekundete das Domkapitel zu Verden, das Kloster habe auch in 
seiner besten Zeit niemals mehr als 41 Mark 10 Schilling Lün. Münze an Zehnten 
entrichtet In jedem Falle ist die Michaelisstiftung nicht nur das älteste, sondern 
auch das reichste Kloster des ganzen Fürstentums gewesen. Einkünfte und 
Lasten des Klostergutes waren nach einer päpstlichen Bestatigimg von 1401 
gemäß uralter Satzung zwischen Abt imd Konvent geteilt, offenbar zu 
gleichen Teilen. 

Klagen über Beeinträchtigung der Klosterfinanzen durch Ein- und Über- 
griffe Unbefugter, Krieg und Fehde, Betrug und Entlaufen von Klosterleuten 
sind häufig, und auch an Gegenmaßregeln der Päpste, Könige und Herzöge 
fehlt es nicht Gregor IX. stellte in zwei Originalbullen von 1229 und 40 die 
Personen und den Ort des Klosters mit allen gegenwärtigen und zukünftigen 
rechtmäßigen Besitzungen unter des Hl. Petrus imd des päpstlichen Stuhles 
Obhut; das gleiche tat Alexander IV. unter besonderer Betonung der Freiheiten 
des Klosters (1266), desgleichen, aus besonderem Anlaß, Urban V. (1369) und 
Urbaai VI. (1384); Bonifaz IX. gab den Bischöfen von Ratzeburg und Lübeck 
sowie dem Hamburger Domdechanten den Auftrag, St. Michael zu Lüneburg 
vor den vielfältigen Belästigungen und Unbilden geistlicher und weltlicher Macht- 
haber zu schirmen (1395); Martin V. betraute den Domdechanten von Osnabrück 
mit dem Versuch, die dem [Kloster entfremdeten Güter dem rechtmäßigen Eigen- 
tümer zurückzugewinnen (1418). Eine umfassende Besitzbestätigung (erneuert 
durch Friedrich IIL 1442) erging sodann von Kaiser Sigismund (1436), der vor 
anderen Lüneburger Klöstern dem Michaeliskloster die Freiheit vom weltUchen 
Gericht, von gerichtlichen Auflagen, von der Pflicht der Herberge, der Stellung 
von Pferden, Hunden, Jägern, Knechten und anderen im Fürstentum Lüneburg 

5* 



->^ 36 8^ 

beliebten Servitien bei Strafe von 50 Mark feinen Goldes neu zusicherte, und 
indem er die Klöster unter seinen eigenen Schutz nahm, sie zugleich dem Schutz 
der Lüneburger Stadtobrigkeit anbefahl. Der jüngste kaiserhche Schutzbrief, aus- 
gestellt durch Ferdinand 11., datiert vom 6. Oktober 1623. 

Wesentiich für den ganzen Charakter und das Ansehen des Lüneburger 
Michaelisklosters waa* die Zusammensetzung seines Konvents. Er bestand vorzugs- 
weise aus Sprößlingen der im Lande ansässigen, z. T. auch auswärtigen adligen Ge- 
schlechter, denen sich in geringerer Zahl Söhne aus Patrizierfamihen hinzugesellten. 
MitgUeder des Kapitels im Jahre 1364 waren z.B. neben Abt xmd Prior die adligen 
Mönche v. Melbeck, v. Ödeme, v. Zesterfleth, Grote, v. Remstedt, v. Broke, v. Reden, 
Slepegrelle, Ribe, Schack, v.Ylten, Kind, v.Saldem, sodann Dietrich Schiltsten aus der 
Lüneburger und Eggeling vame Kerckhove aus der braunschweigischen Ratsfamilie. 
Die Zahl der Mönche schwankte. Nach einer Verfügung des Abtes Thomas von 1309 
sollte sie einschließlich der Novizen, jedoch ausschüeßlich des Abtes 24 nicht 
überschreiten. Die Wahl des Abtes, in ältester Zeit ein Vorrecht des Herzogs, 
wurde später Sache des Konvents und sollte frei sein. So erkannte Herzog Wilhelm 
(1368) an, daß den Klöstern seines Herzogtums Lüneburg von alters freie Wahl 
der Äbte bzw. Pröpste zustehe und er selber sich keineswegs befugt halte, 
die Erwählten, sofern sie nur geeignet seien, zu verwerfen; die Präsentation 
habe freilich zu erfolgen, aber nur deshalb, damit nicht Ungeeignete und Aus- 
wärtige die Leitung des Klosters in die Hände bekämen — landsässigen Ge- 
schlechtem also war die WaMfähigkeit zum Abte vorbehalten. Für den Todes- 
fall des Abtes Werner hatte sich der Papst die Auswahl einer geeigneten Persön- 
lichkeit angemaßt, und er beharrte formell auf seinem Anspruch, als er die 
Wahl Ulrichs von Berfelde annullierte, dann allerdings seinerseits für eben 
denselben entschied (1384). Die Beförderung des Priors Boldewin von Wenden 
zmn Abt (1419) erfolgte durch direkten Erlaß des Papstes, während spätere 
Wahlen (z. B. 1477, 85, 1532) in gewohnter Weise durch den Konvent geschahen 
und der Verdener Bischof seine Bestätigung erteilte. 

Mit der aristokratischen Zusammensetzung des Klosterkonvents wurde 
es erklärt, daß die Mönche, obwohl sie sich zum Benediktinerorden bekannten, 
dennoch durch die strenge Ordensregel des Hl. Benedikt nicht gebunden sein 
wollten. Gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts muß das Leben der Mönche 
sogar höchst anstößig gewesen sein, denn die Herzogin Matilde wurde von 
Bischof Konrad von Verden ersucht, mit ihrer weltlichen Macht der Kirchenzucht 
zu Hülfe zu kommen: „wie er von vielen und häufig erfahre, gäben die Mönche 
vom Kalkberge wenig auf ihre Ehrbarkeit acht, noch kümmerten sie sich irgendwie 
um seine Gebote; unbesorgt um ihre Ordensregel streiften sie bei Tag und bei 
Nacht durch die Straßen und nach Belieben auch außerhalb der Stadt mnher, 
so daß es wohl angebracht sei, wenn der Vogt und die herzogHchen Diener die 
Betroffenen festnähmen und einsperrten". Eine Ursache des Ärgernisses scheint 
darin gelegen zu haben, daß die Klosterpfründen vielfach reifen Jünglingen über- 
tragen wurden, die für den Beruf des Mönchs gar nicht oder nur ungenügend 
vorbereitet waren. Dem suchte Abt Ulrich von Uten abzuhelfen. Er ordnete 
nämUch an (1350), daß hinfort nur Knaben unter zwölf Jahren im Kloster 



-^ 37 8^ 

Aufnahme finden und erst nach zwölfjähriger Schulzeit und drei weiteren Probe- 
jahren fähig sein sollten, selbständig eine der erledigten Pfründen zu genießen. 
Die Zahl der Pfründeninhaber sollte nur 18 betragen, nändich 14 Priester, drei 
Diakonen und einen Subdiakon, und ihre Ergänzung aus sechs jüngeren der Schulzeit 
erwachsenen Anwärtern vor sich gehen. Viel Nutzen scheint die Verordnung 
nicht gebracht zu haben, denn schon nach dem Tode Ulrichs, der wie sein 
Vorganger das Kloster in Schulden zurückgelassen hatte, erging abermals eine 
bischöfliche Mahnimg: die Mönche sollten sich im Essen und in ihrer Kleidung 
mäßigen. 

Eine Sonderstellung beanspruchte das Kloster namentlich in der großen 
vom Baseler Konzil ausgehenden Reformbewegung. Als um die Mitte des 
15. Jahrhunderts Mainzer Visitatoren die Benediktinerklöster der Erzdiözese besucht 
und auch in Lüneburg manches Besserungsbedürftige gefunden hatten, trat auf 
die Vorstellung des Abtes und der Konventsmitgheder, daß sie alle rittermäßigen 
Standes und durch Konstitutionen der Päpste Lmocens UI. und Bonifaz XIL 
bevorrechtet seien, Papst Nicolaus V. selber für St Michaelis ein. Er gab dem 
Bischof von Verden anheim, die erfolgten Maßnahmen zu untersuchen, notwendige 
Verbesserungen einzuführen, ungerechte Forderungen aber abzuweisen, und einer 
der Kardinäle erneuerte gleichzeitig im Namen des Papstes die Erlaubnis, daß 
die Mönche wegen des rauhen Lüneburger Klimas, zur Abwehr von Krankheiten 
und mit Rücksicht auf den Mangel an Fischen leinene Kleider tragen bzw. an 
gewissen Wochentagen Fleisch essen dürften. Das Vorgehen der Visitatoren 
wurde vom Verdener Bischof für ungerechtfertigt erklärt, sie selber mit Ex- 
kommunikation bedroht, falls sie sich nicht fügen würden. Nach solchen 
Vorgängen war es kein Wunder, daß der Anschluß des Klosters an die Burs- 
felder Union nur mit äußerstem Widerstreben erfolgte, obschon Herzog Otto 
persönlich mit großer Energie dafür eintrat. Visitatoren waren in diesem Falle 
die Äbte von St Godehard und St. Michael in Hildesheim, die mit ihrem Geleite 
im Gefolge des Herzogs in Lüneburg einzogen. Die Bürgerschaft stand auf 
Seite der widerstrebenden Mönche, es kam zu bewaffneten Unruhen, der Herzog 
selber mußte fliehen, und es bedurfte des ganzen Einflusses besonnener Rat- 
mannen, auch die stark bedrohten Hildesheimer Äbte in Sicherheit aus der Stadt 
zu schaffen (Oktober 1470). Wenn einige Wochen später die Union dennoch 
angenonmien wurde, so war das nur ein äußerUches Zugeständnis an den Herzog, 
dem es nichts nützte, daß er der Lüneburger Stadtobrigkeit das Versprechen 
abnahm, zur dauernden Durchführung der Reform Hülfe zu leisten. Kaum war 
Otto — wie schon erwähnt der letzte Herzog, der zu St. Michael seine Beisetzung 
fand, — gestorben (1471 Januar 9), als Bischof und Abt im Bunde die Union wieder 
fallen Ueßen; und die Kundgebung eines päpstlichen Kommissars von 1478 sowie 
deren Bestätigung durch Innocenz VUI. (1489) beweisen, daß das Kloster seinen 
Willen durchsetzte. 

Das Michaeliskloster, im engen Verein mit der herzogKchen Residenz 
emporgewachsen, das älteste Kloster im Fürstentum Lüneburg, dem die an- 
gesehensten Adelsgeschlechter des Landes ihre Söhne, sei es zur dauernden 
Aufnahme, sei es für begrenzte Zeit zur Erziehung und zum Unterricht zu- 



->^ 38 8^ 

schickten, mußte bei dem großen Einfluß, den die hohe Geistlichkeit im Mittel- 
alter ohnehin ausübte, auch in den weltlichen Angelegenheiten des Fürstentums 
die höchste Bedeutung erlangen. Der Abt, in seinem geistlichen Charakter dem 
Bischof von Verden unterstellt, bildete die Spitze des gesamten Lüneburgischen 
Klerus, und da der Prälatenstand dem Stande der Ritter und der Städte 
voraufging, so gebührten ihm Vorsitz und Leitung in den Versammlungen der 
Landstände. Der Michaelisabt wurde Präsident des von Friedrich dem Frommen 
in Uelzen errichteten, von Elmst dem Bekenner lungestalteten und nach Celle 
verlegten Landgerichts; in Lüneburg nahm er teil an der Wahl des Sodmeisters, 
des höchsten Beamten der Saline. Häufig war er der persönliche Berater, in 
katholischer Zeit auch der Kaplan des Herzogs, und der Einfluß des Amtes steigerte 
sich naturgemäß, wenn ein Mann von persönlicher Bedeutung, wie etwa 
Boldewin von Wenden, die Abtswürde bekleidete. Des Genannten Wirksamkeit 
erstreckte sich, schon ehe er den erzbischöflichen Stuhl zu Bremen bestieg, 
weit über die Grenzen des Herzogtums hinaus. Dank seiner umfassenden 
Kenntnisse — er war „einer der berühmtesten Rechtsgelehrten des Landes" — 
und seines ungewöhnlichen diplomatischen Geschicks mußte er Fürsten, Städten 
und anderen weltlichen Herren seine Vermittlung leihen, und sein Name ist mit 
der Landesgeschichte jener Periode (ca. 1415—41) eng und bedeutsam verknüpft. 
Sein Nachfolger, Ludolf von Hitzacker, verwaltete das Kloster in der schwierigen 
Zeit des Prälatenkrieges. Dessen glückliche Beilegung ist nicht am wenigsten 
seiner entschlossenen Initiative zugunsten des alten Ratsregimentes zu danken, 
die nicht davor zurückschreckte, das Kloster für geraume Zeit in päpstlichen 
Bann zu bringen. Der hervorragendste Abt des 16. Jahrhunderts war Eberhard 
von Holle (1555 — 86), der „zu den größesten Geistern seines Zeitalters" gehörte 
und neben seiner Abtswürde die Würde eines Bischofs von Lübeck und 
Administrators des Bistums Verden inne hatte. In den verwickelten Streitig- 
keiten der Stadt Lüneburg mit ihren Herzögen gelang ihm die Aufstellung 
eines epochemachenden Vergleichs (1562), im ganzen Stift Verden brachte er 
die Reformation zur Durchführung, und auf den Reichstagen nahm er rühmlichen 
Anteil an den Staatsgeschäften. Abt Christof von Bardeleben (1642—55), iu 
weltlichen Dingen wohl erfahren, hatte die Aufsicht über die Befestigung des 
Kalkberges. Aus dem 18. Jahrhundert nennen wir Friedrich Ernst von Bülow 
(1780—1802), jenen echtesten Vertreter der Aufklärung, der, so beklagenswert 
nüchtern und unduldsam er die Kunstschätze der alten Klosterkirche behandelte, 
auf anderen Gebieten, insbesondere für die Reform des Salinwesens und die 
Hebung der Landwirtschaft, ungemein segensreich gewirkt hat 

Der Titel des Abtes machte mit der Änderung der Klosterverfassung 
imd unabhängig davon wiederholte Wandlungen durch. In der ältesten Zeit, hier 
und da noch im späten 14. Jahrhundert lautet er schlechthin „abbas de (in) Lune- 
biu-g", „abbas Luneburgensis", „abbet to Limeborg"; seit Mitte des 13. Säkulums 
wird die voUere Form „abbas sancti Michahelis in Luneburch", bis zur Verlegung 
des Klosters gern auch „in Castro Lüneburg^' gewählt und am Eingange der Abts- 
urkunden „Dei gratia" oder „van der gnade Godes" (1366 vereinzelt „Dei et 
apostolicae sedis gratia^') hinzugefügt. Eine viel gebrauchte, urkundUch seit 1354 



-<-8 39 8^ 

belegte Bezeichnung lautete: der Abt „uppe dem Huse" to Luneborg, d h. auf 
dem Herzogshause, dem Schloß, der Burg auf dem Kalkberge, später in unver- 
standener Weise zum ständigen Titel „der Herr vom Hause^' umgemodelt. Eber- 
hard von Holle nahm den Titel „Herr vom Hause" 1564 selber auf, gebrauchte 
ihn zunächst statt des Titels „Abt", bis er beide Bezeichnungen, zuerst auf dem 
Denkstein an der Ratsmühle von 1578, vereinigte. Ebenfalls um die Mitte des 
14. Jahrhimderts kommt zu „abbas monasterii s. Mich." der Zusatz auf „ordinis 
S. Benedicti", in deutschen Urkunden „sunte Benedicti levendes", oder ähnhch, 
merkwürdigerweise noch 1642, so lange Zeit nach der Reformation, beibehalten. 
Schon im 16. Jahrhundert gab man dem Abte, der sich mit einem fürstlichen 
Hofstaat samt Hofnarren umgab, die sonst den Fürsten gebührende Benennung 
„Ew. Gnaden". Gelegentiich der Aufhebung der Klosterverfassung wurde der 
zum Abt bereits gewählte Staz Friedrich von Post als solcher vom Herzog nicht 
bestätigt, er wurde jedoch zum Vorsteher der Ritterschule ernannt und erhielt 
nun die Benennung „Landhofmeister", mit dem Range nach dem herzoglichen 
Statthalter, dazu die Prälatentitulatur „würdig" ; in den Lehnsbriefen nannte er sich 
„von Gottes Gnaden des Herzogtums Lüneburg erwehlter imd bestätigter Landhof- 
meister und Herr vom Hause zu St. Michael in Lüneburg". Er bheb der Ein- 
zige seines Zeichens, schon sein nächster Nachfolger, Ludolf Otto von Estorff, 
hieß Oberaufseher der Ritterschule imd „Landschaftsdirektor", ein Titel, der sich 
bis zur Auflösung der Akademie gehalten hat 

Zahlreiche Veränderungen lassen sich auch an den Siegeln der Äbte 
verfolgen. Das älteste, an einer Urkunde von 1214, ist rund und zeigt den Abt 
mit Stab und Evangehenbuch, noch ohne Bischofsmütze, auf einem Thron; in 
spitzovalen Siegehi, die von 1227 — 61 nachweisbar sind, trägt der Abt die Inful, 
er ist stehend dargestellt, ebenfalls mit Stab und Evangehenbuch; die Um- 
schrift lautet: „.D(E)I GRA(TIA) ABBA(S) (IN)LVNEBORH" ; in jüngeren spitz- 
ovalen Siegeln, spätestens seit 1291, sehen wir den Abt wieder auf dem Thron- 
sessel sitzen, die rechte Hand erteUt den Segen, die Linke hält den Stab. Im Jahre 
1320 ließ Abt Werner unter Zugrundelegung des bisherigen SiegelbUdes ein 
BÜbemes Petschaft anfertigen, welches so eingerichtet war, daß der Name des Abtes 
in der Siegelumschrift beUebig oft erneuert werden konnte; dieses Siegel, mit der 
Legende „S • • • DEI • GRACIA • ABBATIS • IN LVNEBORCH", wurde bis 1586 
benutzt Das Sekret des Abtes, ein kreisrundes kleines Siegel mit dem Abt als 
Halbfigur im Sechspaß, wurde nach jeder Abtswahl neu hergestellt und seit 
1586 ausschheßUch gebraucht 

Besondere Abtswappen sind von Herbord und Eberhard von Holle und 
zahlreichen Nachfolgern bekannt.*) 

Das älteste Konventssiegel enthält dasBrustbUd eines Engels ohne Arme; 
in Siegeln von 1247 — 61 findet sich bereits die ganze geflügelte Figur des Erz- 
engels, wie er auf dem Rücken eines Lindwurms steht, in der linken Hand den 
Buckelschild, während die Rechte mit langer Lanze den Hals des Tieres durch- 



*) Vergl. Gebhardi; Kurze Geschichte S. 79 f. und 99 f., Abbildungen im Urkunden- 
buch des Klosters. 



-^ 40 8^ 

bohrt; seit 1291, wenn nicht schon früher, bediente sich der Konvent desselben 
Siegelbildes in einer größeren, weniger künstlerischen Ausführung; die Um- 
schrift heißt: „fS' CONVENTVS SANCTI MICHAELIS IN- LVNEBVRH". — 

In unserem Bericht über die Besitzungen des Michaelisklosters haben wir 
den Kirchenschatz noch außer acht gelassen, nicht weil er bis auf wenige Reste 
langst entschwunden ist, sondern weil ein kurzes Verweilen bei den untergegangenen 
Kunstwerken uns am besten einführt in die nachfolgende Beschreibung des 
gegenwärtigen Gotteshauses. Mit kostbaren Pnmkstücken soll schon Hermann 
BiUimg sein Kloster ausgestattet haben. Zwei sUbeme Kronen im Reingewicht 
von 290 Pfund, zwei silberne Löwen und zwei goldene Kandelaber wurden 
später nebst anderen Geschenken Hermanns seinem Sohne, Herzog Bernhard, 
überlassen, der nach einleuchtender Vermutung des älteren Gebhardi die 
berühmte goldene Altartafel daraus anfertigen Heß. Auch die Beschaffung 
reich mnhüllter Gebeine namhafter Heiliger und anderer Reliquien, deren einige 
von einem viel bewunderten Onyx umschlossen waren oder von ihm herabhingen, 
wird auf den Gründer des Klosters zurückgeführt, und von vielen FürstUchkeiten 
seines Hauses meldet die Überlieferung, daß sie die Kirche immer schöner aus- 
zuschmücken suchten, in welcher ihre Grabstätte bereitet war. Auch Heinrich 
der Löwe setzte seiner Frömmigkeit zu St MichaeUs ein Denkmal — es heißt, 
daß er aus dem Orient jenen großen siebenarmigen Messingleuchter mitgebracht 
habe, der an der Fürstengruft aufgestellt war und während der fürstlichen 
Seelenmessen im Kerzenglanze erstrahlte. Zwei mit Schmelz verzierte kupferne 
Gießbecken soll seine zweite Gemahlin, Matilde von England, geschenkt haben; 
seine Schwiegertochter, Helena von Dänemark, stiftete Altarzeug, Meßgewänder 
und einen vergoldeten Kelch, Matilde, die Gemahlin Otto des Strengen, einen 
Wandbehang („tapetum"), eine violette, mit Perlen besetzte Kasula und einen 
goldenen Kelch. Eine außergewöhnliche Bereicherung des Kirchenschatzes geschah 
im Jahre 1432 durch Herzog Bernd, als dieser St Michaelis zu seiner Begräbnis- 
stätte erwählte. Er Ueß sich zum Heil seiner Seele in die Brüderschaft des 
Klosters aufnehmen, bedang sich jährlich vier Gedächtnisfeiern aus und eine 
ewige, d. h. täglich zu zelebrierende Messe; dafür opferte er dem Kloster die in 
seinem freien Eigentum befindlichen Heihgtümer und Kleinodien; es waren 
Reliquien in kunstvollen Fassungen, die mit des Herzogs Namen und Wappen 
versehen waren oder alsbald damit versehen werden sollten. Wedekind 
weiß aus seiner Zeit (um 1836) von den Überbleibseln der goldenen Tafel noch 
fünf Stücke anzuführen, die das herzogUche Wappen trugen und die Bezeichnung 
„Bemardus dux dedit'^: einen tragbaren Altar mit Reliquien, zwei verbUchene 
Brustbilder aus schwarz bemaltem Holz mit goldenen Kronen, zwei Straußeneier 
in Form einer Monstranz mit kleinen Türmen und Kruzifixen aus vergoldetem 
Kupfer. Da derselbe Herzog sich vorbehielt, auch die Fürstengruft von St. Michaelis 
„zu bessern und zu zieren^S und stilistische Anhaltspunkte auf eben diese Ent- 
stehungszeit deuten, so dürfen wir annehmen, daß Bernd I. von KünsÜerhand 
auch das Grabmal herrichten Ueß, das im Mittelschiff der Kirche Aufstellung 
fand und den Platz bezeichnete, wo die fürstiichen Gebeine ruhten. Die holz- 
geschnitzte, ursprünglich bemalte Umfassung befindet sich jetzt im Lünebmrger 



Museum, während von zwei schweren bronzenen Deckplatten mit den lebens- 
großen Figuren Herzog Otto des Strengen und seiner Gemahlin Matilde nur 
ivenige kleine Bruchstücke vor dem Einschmelzen gerettet sind. *) 

Von kunstsinnigen Äbten des Klosters sind zu nennen Boldewin von 
Wenden, der in 24 Bildern das Martyrium des Hl. Benedikt für seine Kirche 
darstellen, das Gotteshaus mit einem Estrich versehen ließ und wohl auch seinen 
ICammerer Wilhelm von Ütze anregte, drei große holzgeschnitzte, mit) Wappen 
geschmückte Figuren zu schenken ; ferner Abt und Bischof Eberhard von Holle, der 
eine Tafel mit den Wappen seiner Vorganger anbrachte und für die Kapitelstube 
sein Porträt stiftete, ein Beispiel, das seine Nachfolger nachahmten. Die noch 
erhaltene schöne Kanzel führt L. A. Gebhardi auf den Abt Konrad von Bothmer 
und das Jahr 1602 zurück, während Monogramm und Inschrift auf den Land- 
hofmeister Staz Friedrich von Post deuten; der Widerspruch ist bisher unauf- 
geklärt. Zahlreichen Insassen des Klosters wird aus den verschiedensten Zeiten 
ein tätiges Interesse für die ausgezeichnete Klosterbibliothek bezeugt, die von 
allen Zöglingen der Ritterschule durch einen einmaligen Beitrag von 10 Talern 
unterstützt wurde. 

Der Stolz der Michaeliskirche, eine Hauptzierde und Sehenswürdigkeit 
Lüneburgs imd eines der ältesten Kunstdenkmäler weit und breit, war die schon 
mehlfach erwähnte goldene Tafel, d.h. der große Schrein des Hauptaltars. Seine 
Mittelwand bestand aus vielen bildlichen Darstellungen in getriebener Arbeit 
aus gediegenem Golde, an den Seiten waren Fächer angebracht, und diese 
enthielten eine Fülle von Kunstgegenständen mannigfacher Art, Gold- und 
Silberarbeiten, Elfenbein- und Bemsteinbildnisse, Holzschnitzereien, geschliffene 
Gläser und Kristalle, Bücher in kostbaren Einbänden, Schaumünzen, Stickereien 
und dergleichen mehr, Reliquien, aber auch bloße Raritäten ; die hervortretenden 
Leisten waren dicht besetzt mit Perlen, Edelsteinen und Glasflüssen, soweit die 
Gliederung nicht durch gotische Fialen und Maßwerk feinster Arbeit gebildet 
wurde, in reicher, mit Blau abgesetzter Vergoldung.**) Es war in der Nacht auf 
den 7. März 1698, als eine berüchtigte Diebesbande, die in ganz Nord- und 
Mitteldeutschland ihr Unwesen trieb und während des vorhergehenden Halbjahres 
auch im Hamburger Dom und in der Katharinenkirche zu Braunschweig ein- 
gebrochen war, sich in raffinierter Weise Eingang in die Michaeliskirche ver- 
schaffte und die goldene Tafel schonungslos ausplünderte. Der Diebstahl wurde 
verhältnismäßig früh bemerkt, als einige Tage darauf Fremde das Kunstdenkmal 
zu besichtigen wünschten und der Küster ein Schloß sowie die äußeren und 
iimeren Verschlußflügel nicht wie gewohnt öffnen konnte. Die Verfolgung des 
Gesindels wurde mit Geschick aufgenommen, die Hauptverbrecher wurden ge- 
laßt, in Celle abgeurteilt und schauerlich hingerichtet Leider war ihre Beute 
in Hambtu'g und Lübeck bereits zu Gelde gemacht und bis auf wenige Stücke 
nicht wieder einzubringen. Immerhin hatten die Diebe nicht aUes fortschleppen 
können und mancherlei in der Tafel zurückgelassen: u.a. drei Reliquienkästchen, 



*) Abbildung bei Rehtmeyer (Chronik, 1. Tafel V) und Origines Guelficae, Band IV 
**) Eingehend beschreibt Mithoff die Tafel (Knnstdenkmale 161 ff.). 

6 



H>»8 42 8^ 

sechs EltenbeinschnitzereieQ, drei Kruzifixe, eine EvaDgelienhandschrift mit 
wertvollem Deckel, zwei Rauchfässer, eine goldene Schelle, Kristallbecher, ein 
Bemsteinbildnis, ein in Silber gefaßtes Haupt des Johannes, ein Goldstück an 
goldener Kette, 2 Perlen, 234 vermeintliche Edelsteine, die später als GlasfLüsse 
erkannt wurden, und geringe Überbleibsel der Tafel selber. Alle diese Schatze, 
mit ihnen fast alle Kunstdenkmäler, welche die Kirche sonst gerettet hatte, sind 
ihr unter dem oben erwähnten Landschaftsdirektor von Bülow in den Jahren 
1791 — 94 verloren gegangen. Man wollte ein modernes Gotteshaus, imd zu den 
Anschauimgen modernster Aufklärung paßte der künstlerische Nachlaß des alten 
Glaubens so wenig wie die bunten Kirchenfenster. Und so systematisch ging 
die Auskehr vor sich, daß Volger berichten kann, außer den Mauern, den 
Pfeilern und der im Jahre 1708 von Mathias Tropa erbauten Orgel sei vom 
alten Zustande eigentUch nichts übrig geblieben. „Die Kirche wurde völlig aus- 
geräumt: Altar, Kanzel (die zwar nur versetzt wurde), Tauf stein, sämtliche 
Priechen und das ganze Gestühl mußten weichen, . . . selbst die Denkmäler 
wurden nicht verschont . . . Nachdem so die Kirche mit nackten Wänden und 
Pfeilern dastand, stieg man in die Grüfte der Toten hinab und reformierte auch 
hier gründlich. Die vorhandenen Särge und aufgefundenen Gebeine wurden 
nach dem neuen Kirchhofe gebracht und die Gewölbe verschüttet, die Leichen- 
steine des Fußbodens sämtlich weggenommen und entweder den beteiligten 
Familien ausgeliefert oder verkauft . . . selbst die Ruhestatt der alten BiUinger 
wie des regierenden Fürstenhauses ward nicht verschont" Das Denkmal für 
Herzog Otto den Strengen und seine Gemahlin kam zunächst auf einen Saal, 
dann in die als Polterkammer verwandte Krypta. Dort wurden die beiden 
Bronzeplatten im Jahre 1833 gestohlen, in Stücke zerschlagen und nach Hannover 
in den Schmelztigel befördert. Nicht einmal das weit berühmte Glockenspiel 
der Kirche, ein Meisterwerk Gerhards von Wou aus Kampen (1492), wurde ge- 
schont, denn von elf vorhandenen Glocken wurden sechs verkauft, darunter die 
drei größten, und mit üinen samt dem Taufgefäße die ehrwürdige Glocke des 
Meisters Olricus, die fast ein halbes Jahrhundert hindurch schon vom KaJkberge 
herab die Gläubigen zusammengerufen hatte.*) Die Reste der goldenen Tafel, soweit 
sie nicht veräußert werden konnten, und einige andere Kunstgegenstände sind 
in die Reliquienkammer der Schloßkirche bzw. in das Weifenmuseum zu 
Hannover gelangt, ein Teil wird im Museimi zu Lüneburg aufbewahrt Ein 
schmiedeeisernes Gitter in gotischen Formen, das den Chor der Kirche vom 
Mittelschiff abschloß, erwarb die Familie von Meding, um es, hoffentlich nicht allzu- 
lange, als Einfahrtstor zu ihrem nahe gelegenen Stammsitz Schnellenberg zu benutzen. 

Eine anschauhche Vorstellung vom Innern der Michaeliskirche vor jener 
großen Reinigung, nämlich aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, vermittelt uns 
der Lüneburger Maler Burmester in einem großen Gemälde, das eine Zierde des 
Lüneburger Museums bildet. 

Die Michaeliskirche ist eine dreischiffige Hallenanlage mit einem durch 
esc ei nng. gj^^^^^ Seiten eines Zwölfecks geschlossenen Chor (Fig. 5). Der starke West- 

*) Nähere Angaben über die Glocken der Kirche bei Wrede, Lünebnrger Mnseums- 
blätter L, S. 42 ff. 



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tunn ist unvollendet geblieben, sowohl im Mauerwerk als auch in der oberen 
Endigung. Unter dem Chor befindet sich eine Unterkirche mit zwei kleinen 
Kapellen. An die Seiteaschiffe schließen sich nach Osten, neben dem Chor, zwei 
niedrige Kapellen an. Die Kirche ist durchweg gewölbt, aus Backsteinen 
erbaut imd mit Ziegelpfannen gedeckt, die Bedachung des Turmhelms besteht aus 
Kupfer. Die Profile der Backsteine, namentlich am Chor (vergl. Fig. 8), zeigen 
eine auffallende Ähnlichkeit mit den Profilen des Domes St Nikolaus 
in Stendal. 
Chor. Das Kreuzgewölbe des Chores wird durch Bimstabrippen gestutzt. In 

den Ecken stehen profilierte Dienste mit bandartig ausgebildetem Kämpfer. Die 
drei nach Osten liegenden Fenster sind spitzbogig geschlossen und haben je zwei 
Pfosten, die oben in Spitzbögen zusammenlaufen. Die übrigen Fenster sind ver- 
mauert, zeigen aber noch die Pfostenteilung. Unter dem Kaffgesims liegt in 
jeder Chorseite eine tiefe Nische. Zwei dieser Nischen, gegenüberliegend im 
Süden und Norden, sind zu Türen mit reich profiliertem, fallendem Sturz aus- 
gebildet (vergl. Fig. 8) imd führen zu den Kapellen, die in der Verlängerung 
der Seitenschiffe, aber tiefer als diese, liegen. 

Zu der nördlichen Kapelle führen zwölf Stufen vom Chor herab. Sie ist im 
halben Zehneck mit ungleichen Seiten nach Osten geschlossen und reicht mit zwei 
Gewölbejochen bis zur Abschluß wand des nördlichen Seitenschiffes. Kreuzgewölbe 
mit vortretenden Rippen überdecken den jetzt als Sakristei dienenden Raum. Die 
Rippen stehen auf profilierten Diensten, die bis zum Fußboden herabgehen und 
mit einfachem Kapitellband aus Gips geschmückt sind. Beleuchtet wird die 
Kapelle durch drei kleine zweiteiUge Pfostenfenster. Die Schlußsteine bestehen 
aus Gipsmörtel imd zeigen an der Unterseite gotisches Blattomament, am mittleren 
befindet sich ein Fabeltier. 

Zur südlichen Kapelle steigt man auf nur sechs Stufen herab; sie ist aus- 
gebildet wie die nördliche und dient jetzt auch als Sakristei. In der Südwand 
ist ein gotischer Schrank mit Beschlägen eingemauert. 
Onterkirche. Die Unterkirche liegt unter dem Chor und reicht westlich bis zur Mitte 

desselben. 25 Stufen vermitteln den Zugang von beiden Seitenschiffen aus. Die 
neben der Unterkirche befindlichen beiden Kapellen liegen unter den oberen 
Kapellen neben dem Chor imd sind entsprechend niedriger. Beide haben eben- 
falls polygonen Abschluß nach Osten und sind ebenso wie die oberen mit Kreuz- 
gewölben überdeckt Die Rippen der Gewölbe stehen auf queiigelegten Profil- 
steinen. Die südliche Nebenkapelle hat zwei Ausgangstüren, die zu der umt 
drei Stufen höher liegenden Straße führen. Das Gelände fällt nach dem Chor 
hin so stark, daß diese Ausgänge möglich waren. Erhellt wird dieser Raum 
durch zwei Fenster. Die nördliche Kapelle liegt drei Stufen tiefer als die Unter- 
kirche und hat zwei kleine Pfostenfenster. Hier steht auch ein gemauerter Altar 
mit zwei tiefen seitlichen Nischen imd einer Abdeckplatte aus Gipsmörtel Vier 
Türen vermitteln den Zugang von den Seitenkapellen zur Unterkirche, die unab- 
hängig von der oberen Teilung dreischiffig mit vier Jochen und einem Ghorjoch 
ausgebildet ist. Die Schiffe sind gleich breit und durch dünne profilierte Pfeiler 
mit Kapitell und Sockel getrennt Die Kreuzgewölbe haben Bippen mit Bim- 



-•-8 45 8*^ 

Stabprofilen. Die einfach profilierten runden Schlußsteine zeigen an der Unter- 
seite plastische Verzierungen, u. a. Darstellimgen vom Adler, Hirsch, Löwen, 
Pelikan. An den Wänden stehen die Rippen auf Konsolen. Die drei tiefen 
Fensternischen sind mit kleinen Kreuzgewölben geschlossen, auf deren Schluß- 
steinen menschliche Gestalten abgebildet sind. Ein eigentlicher Altar ist nicht 
vorhanden. Auf der ausgemauerten Brüstimg der mittleren Fensternische steht 
ein neues Holzkreuz. In der Vorderseite dieser Mauer ist eine Sandsteinplatte 
eingelassen, die in großen römischen Buchstaben die Inschrift 

HERMANNUS PRIMUS DUX SAXONIE 
FUNDATOR HUIUS CENOBÜ VI. KAL. APRIL. DCCCCLXXm 
trägt. An der nördlichen Wand ist eine Sandsteinplatte aufgestellt, deren Ober- 
fläche sehr zerstört ist, aber noch einen gotischen Baldachin mit großer mittlerer 
Figur imd Umschrift in Minuskeln am Plattenrande, alles flach erhaben, erkennen 

läßt. Von der Umschrift ist oben noch zu lesen: anno . d . mccc 

Es ist, nach Qebhardi, der Grabstein des Priors Borchard von dem Berge, der 
1415 starb. Die kleine Orgel und das Gestühl sind neu. 

In den letzten Jahren des 19. Jalirhunderts ist die Unterkirche erneuert, 
namentlich sind die Pfeiler ganz neu aufgemauert worden. 

Das Äußere des Chores mit Unterkirche und Kapellen baut sich mit 
starken Strebepfeilern auf den Polygonecken hoch auf (vgl. Fig. 6). Wie 
schon erwähnt, liegt die Straße hier tiefer als am Schiff, so daß auch die 
Fenster der Unterkirche ganz in die Erscheinung treten. Zwischen den Strebe- 
pfeilern liegen die einfachen Spitzbogenfenster mit Pfostenteilung. Die 
Strebepfeiler selbst gehen bis unters Dach und sind mit Ziegelpfannen ab- 
gedeckt Durch die angebauten Kapellen erhält der mächtige Ghorabschluß 
einen malerischen Charakter. 

Das Schiff umfaßt sechs Joche in der Richtung von Westen nach Osten. Schiff. 
Die beiden östlichen Joche des Mittelschiffes sind zum Chor hinzugezogen. 
Mauern in Emporenhöhe trennen diese Joche des Mittelschiffes von denen des 
Seitenschiffes und letztere von dem übrigen Schiffe. Dadurch entstehen zwei 
kapeUenartige Räume in den letzten östlichen Jochen der Seitenschiffe, über die 
jetzt die Emporen des übrigen Schiffes hinweggehen und über denen früher wohl 
Lektoren sich befanden, wie in der Johanniskirche. Die Mauern mit Spitzbogen- 
nischen sind jedenfalls alt 

Die mit Birnstabrippen besetzten Kreuzgewölbe des Schiffes werden 
gestützt von runden, mit vier Diensten besetzten Pfeilern (Fig. 7 und 10). In 
Kampferhöhe läuft ein einfaches Kapitellband herum. Das Dienstprofil wird 
gebildet durch die drei zusammenschießenden Rippenprofile auf den Kämpfern. 
Die Seitenschiffe haben fünfteilige Gewölbe mit zwei spitzbogigen Pfostenfenstem 
in jedem Joche. Die Emporen sind im 19. Jahrhundert in neugotischen Formen 
eingebaut und zerschneiden die Fenster in unschöner Weise. Unter dem Kaff- 
gesims liegen auch hier Spitzbogennischen, die früher zum Teil zu Kapellen 
führten (Gebhardi, Kollektaneen XII). An der Nordseite sind noch Reste von 
diesen Kapellen erhalten und zwar vier tiefe, mit Kreuzgewölben überdeckte 
Nischen. Sie bildeten anscheinend die Verbindung mit dem an der Nordseite 



-^ 46 8^ 

liegenden Gebäude, das jetzt im Erdgeschoß die Heizung, im Obergeschoß das 
Archiv enthält Im Erdgeschoß lagen nach Gebhardi die'rKapeUen der v. d. Berge, 
V. Grote und v. Weihe. Dieses Gebäude ist wohl gleichzeitig mit der Kirche 
oder nur wenig später erbaut; es schließt sich mit seinen fünf Gewölbejochen 
der Ausbildung imd der Art der Gewölbe in der Kirche eng an. Sein Dach liegt 
in der Schräge des Kirchendaches (vergl. Fig. 9). 

Im letzten westlichen Joche des Mittelschiffes steht die Orgel auf einer 
neuen zweigeschossigen Orgelempore in neugotischen Holzformen. Die westlichen 
Joche der Seitenschiffe sind imter der Empore durch Mauern gegen das Sdiiff 
abgeschlossen und enthalten einfache Treppenajilagen aus dem 18. Jahrhundert 





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1 




Fig. & Ifichaalislriretae; BAcksteingUeder. 



Unter der Orgelempore ist gegen den Turm ein Vorraum abgetrennt, der die 
Treppenhäuser verbindet Hier stehen noch zwei runde Holzsaulen mit aus- 
geschnittenen Konsolen, darüber, im ersten Geschoß der Orgelempore steht eine 
dritte Säule. 

Die Kanzel steht am zweiten nördlichen Pfeiler. In der Mitte des Schiffes 
hegt im Fußboden eine eiserne Tafel mit der Inschrift: „In diesem 1388 hierher 



-^ 47 gK^ 

verlegten Grabe ruhen die Reste der während des halben Jahrtausends von 973 bis 
1471 in Lüneburg beigesetzten Landesherren und ihrer Gemahlinnen, der Herzoge 
von Sachsen von Hermann Billimg f 973 bis auf Magnus f 1106 und der Herzöge 
von Lüneburg von Wilhelm, dem Ahnherrn der Weifen, bis auf Otto f 1471." 
An dieser Stelle stand das Fürstengrab, ein 2,10 m breites, 2,40 m langes und 
0,75 m hohes Postament aus bemaltem Eichenholz, von zwei Bronzeplatten mit 
den Gestalten des Herzogs Otto imd seiner Gemahlin Mechtildis bedeckt Das 
Postament, das jetzt im Museum zu Lüneburg aufbewahrt wird, zeigt an den 
Seiten tief geschnitzte Bogenstellungen mit reichem spätgotischem Schmuck, und 
zwar an der einen Langseite sieben Bogenfelder mit männlichen Figuren, im 
mittleren Feld Si Michael mit dem Draschen, an der anderen Langseite ebenfalls 
sieben Felder, aber mit Frauenfiguren, im Mittelfeld Maria mit dem Kinde. Die 
Breitseiten sind in vier Bogenfelder geteilt, die durch Wappen ausgefüllt werden. 
Die Ecken des Postamentes werden durch Strebepfeiler belebt. Von den Bronze- 
platten besitzt das Museum einige kleine Reste. 

Bemerkenswert ist der spätgotische Beschlag der TCr ziun Archiv an 
der Nordseite. Der Türklopfer ist befestigt auf einem sechsblättrigen eisernen 
Schild, von dessen Ecken strahlenförmig kleine Blätter ausgehen. Der Klopfer 
selbst ist dreiseitig mit runden Ecken, aus denen Eicheln herauswachsen, aus- 
gebildet 

An der Westwand des Schiffes sind Reste eines gotischen Backstein- 
frieses über einem Nasengesims vermauert. 

In dem südhchen kapellenartigen Räume neben dem Chor ist eine Sand- 
steinplatte mit barocker Umrahmung eingelassen. Die auf die Geschichte der 
Kirche bezügUche Inschrift in großen römischen Buchstaben lautet: 

„Deo. auspice. perillustris. ac. venerabilis. dominus, dominus. Joachimus. 
Fridericus. de. Lüneburg, director: statuum. ducatus. Limeburgici. domnus. de« 
domo, sancti. Michaelis, dynasta. in. Wahtlingen, Utze. reL tempU. quod. post 
sinistra. in monte. fata. hie. loci. Wemero. Grotiade. abbate. anno. MCCCLXXVI. 
resuscitari. coeptum. et. braesule. Ulrico. Barveldio. anno. MCDVHI. in- 
auguratum. fuerat fomices. ruinam. ex. vetustate. mina. tos. reficL tectum. 
olim. trifidum. soUdiori. uno. commutari. pileo. que. aeneo. m. Nov. MDCCLL 
imposito. claudi. columnas. et lateritia. exesas. firmiere, robore. donari. pavi- 
mentum. novo, latere. recentari. aedem. interiorem. nitida, facie. indutam sere- 
niore luce beari ardui. operis. et. ingentis. impensae. fabricam. mense. februario. 
a. MDGGL. inchoatam. biennio . nondum . exacto. absolvi. penetraUa. sacris. 
consuetis. die. XXV. decemb. a. MDCCLL rursus. aperiri. tot qve. moni- 
mentis. conspicuis. sibi. monimentum. aere. perennius. P. C. pie. solerter. 
feliciter." 

Die Verbindung mit dem Dachboden vermitteln zwei Wendeltreppen, 
eine im letzten südöstlichen Pfeiler des Schiffes, die andere in der nördlichen 
Außenmauer. Letztere führte auch zum Archiv im nördlichen Anbau. 

Der Haupteingang zur Kirche, die sogenannte Brauttür, liegt an der 
Südseite, zwei weitere Eingänge hegen einander gegenüber in dem letzten 
westUchen Schiffjoche. 



-^ 48 s«- 

Durch die fünfteiligen Gewölbe der Nebenschiffe erhält die Außenseite 
in jedem Joche zwei echlaake Fenster, die von Strebepfeilern eingefaßt weiden. 
Die Südseite der Kirche läßt die zwölf Fenster mit den dreizehn Strebepfeilern 



Flg. 9. Mlebaeltaklrclia; NardMfte. 



voll in die Erscheinung treten und gestaltet sich hier unter dem hohen Zi^el- 
dach zu einer mächtigen Front (Fig. 6), die früher auch malerisch gewesen ist, 
als noch die kleinen Kapellen am Fuße der Wand lagen und vor dem spitz- 



-^ 49 8^ 

bogigen Haupteingang im dritten Joche sich das „Segenhaus'^, eine Eingangs* 
halle mit prächtig verziertem Staffelgiebel, aufbaute. Alle diese Teile, die uns 
Gebhardi in seinen Aufnahmen und Beschreibungen erhalten hat, sind im letzten 
Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts von dem Landschaftsdirektor von Bülow 
abgerissen worden. Die Nordseite ist ebenso ausgebildet wie die Südseite, hier 
wird etwas malerische Bewegung in die starren Massen der Strebepfeiler ge- 
tragen durch den Anbau mit dem ArchiV; dessen schwere Strebepfeiler die auf- 
steigenden Linien unterbrechen (Fig. 9). Eine Eigentümlichkeit zeigen die im 
Spitzbogen geschlossenen Pfostenabschlüsse in den Fenstern an dieser Seite. 
Diese Spitzbögen haben maßwerkähnliche Nasen aus gebranntem Ton. 

Das Dach des Schiffes ist 1760 aufgesetzt worden (Fig. 7), nachdem 
das alte dreigeteilte Längsdach, das dem der Johanniskirche ähnlich sah, 
beseitigt worden war. 

Der 11,50 m im Quadrat starke Turm ist imvollendet geblieben. Sein Turm. 
Mauerkörper zeigt am äußeren auf allen Seiten Ansätze, Verzahnungen und 
Spuren, die auf einen bestimmten, nicht vollendeten Bauplan deuten. Auch 
die jetzige Spitze des Turmes ist nicht die ursprünglich geplante, zu dem 
schweren glatten Mauerkörper stimmende; sie wurde, nachdem Jahrhunderte 
lang ein Notdach den Turmstumpf bedeckte, 1766 durch den Oberlandbamneister 
Otto Heinrich von Bonn erbaut. 

Wahrscheinlich sollte der Turm in seinem Innern einen prächtigen 
hohen Saal bilden; die Architekturteile sind von einem Reichtum imd einer 
Größe der Ausbildung, wie sie sicher nicht für eine unbenutzte Turmhalle auf- 
gewendet worden wären. Ober einem hohen, bis zum Gewölbe des Schiffes 
reichenden Geschosse, daß jetzt durch zwei Balkenlagen geteilt ist, befindet 
sich ein zweites, das ebenfalls aus der Erbauungszeit der Kirche stammt. Das 
darüberliegende Glockengeschoß gehört der Barockzeit an (1766). 

Das untere hohe Geschoß öffnet sich nach dem Schiff zu in voller 
Spitzbogenöffnung mit reichem Gewände (die Öffnung ist jetzt durch die 
Rückwand der Orgel verbaut), nach den drei anderen Seiten öffnen sich in der 
Mitte jeder Schildwand schmälere, durch die Mauerstärke gehende Nischen, 
die jetzt teils vermauert sind, teils, nach Westen, ein später eingebautes Fenster 
enthalten. Diese Nischen haben eigene Kreuzgewölbe mit Bimstabrippen und 
ornamentierten Schlußsteinen, die Dienste gehen bis zum Fußboden und das 
Verschwinden der Profile in der Vermauerung, sowie die Wiederkehr von 
Diensten und Profilen an der Außenseite des Turmes nach Norden zeigen, daß 
hier ein beabsichtigter Bau nicht zu Binde geführt wurde. Es ist denkbar, daß 
die Seitenschiffe bis zur Vorderkante des Turmes verlängert und * mit dem 
Mittelraume im Turm verbunden werden sollten, so einen großen, quer vor der 
Kirche liegenden Saal für IQosterzwecke bildend. Schon während des Baues 
muß der Plan verlassen worden sein, denn das Gewölbe des Mittelraumes ist 
nicht ausgeführt worden. Alle Ecken, Pfeilervorlagen und Dienste des Mittel- 
raumes sind für Gewölbebau, reich profiliert angelegt, die Schildbögen sind ebenfalls 
ausgeführt. Die schlanken Verhältnisse des Raumes im Verein mit dem 
gruppierten Grundrisse imd der reichen Ausstattung mit Profilen sind von großer 

7 



Schönheit Die Profile der Pfeiler in Erdhöhe siixd anders ausgebildet als die 
des eben beschriebenen Raumes, so daß, wenn keine spätere Veränderung vor- 
liegt, hier eine Decke, vielleicht in Höhe der Orgelempore, vorhanden war. 

Das obere Turmgeschoß entspricht in seiner Teilung dem unteren; es 
ist aber viel einfacher ausgebildet. Eine Wendeltreppe im südwestlichen Turm- 
pfeiler bildet den Zugang zu diesem Geschoß. Hier beginnt die Unterkonstruktion 
für den Glockenstuhl, auf dem [die achteckige Spitze des Turmes steht Das 
Glockengeschoß,' zugänglich durch eine Wendeltreppe im südöstlichen Turm- 
pfeiler, ist 1766 erbaut 

Die Mauern des Turmes steigen glatt bis zum Hauptgesims auf. An 
der südlichen Seite (Fig. 7) erscheinen im unteren Teile zwei flache Nischen, 
zwischen beiden ein vermauerter dritter Bogen. Die nördliche Seite zeigt die- 
selbeif Nischen, aber noch mit profilierten Schildbögen und Diensten auf 
den Pfeüem zwischen den drei Schildbögen. Die Dienste stehen auf Eonsolen. 
An den freistehenden Turmecken befinden sich unten kleine spätere Strebe- 
pfeiler, oben Verzahnungen. 

Die Turmfläche wird nur unter dem Hauptgesims von rundbogigen 
größeren Offnungen durchbrochen. Über dem hölzernen Hauptgesims beginnt 
die mit Kupfer gedeckte Haube, die in einem achteckigen, durchbrochenen Be- 
krönungsgeschoß mit einer pyramidalen Spitze endigt. Der Körper des Turmes 
erhebt sich nur wenig über den First des Schiffdaches. 
Altäre. Der jetzige Altar ist neu, mit einer Grablegung als Mittelbild. 

Von dem früheren Hochaltar, der die berühmte 1698 durch Nickel List 
beraubte goldene Tafel enthielt, befinden sich im Provinzialmuseum zu Hannover 
die vier Flügel, mit denen der Altarschrein verschlossen werden konnte. Die 
inneren Flügel sind an der Innenseite mit vergoldeter gotischer Baldachin- 
architektur geschmückt, in der auf Konsolen in zwei Reihen übereinander 20 be- 
malte und reich vergoldete Figuren stehen. Im ehemals nördlichen Flügel stehen 
in der oberen Reihe: Maria Magdalena, Stephan, Benedikt, Lorenz und der Erz- 
engel Michael, in der unteren Reihe: Bartholomäus, Johannes d. Ev. und die 
Apostel Thomas, Andreas und Philippus. Im vormals südlichen Flügel befinden 
sich in der oberen Reihe: Johannes d. T., die Apostel Jacobus d. J., Matthaus, 
Simon, sowie Georg, in der unteren Reihe: Maria mit dem Kinde und die Apostel 
Petrus, Paulus, Matthias und Jacobus d. Ä. Die Baldachine werden zwischen 
den Figuren durch Strebepfeiler gestützt, die in halber Höhe von zierlichen 
weiblichen Figuren unterbrochen werden. 

Die Außenseiten der Innenflügel und die Innenseiten der Schutzflügel 
zeigen 36 quadratische Bilder in drei Reihen übereinander, jeder Flügel also 
neun Bilder mit Darstellungen, die der Geschichte Jesu und seiner Mutter 
entnommen sind imd die Mithoff im einzelnen anführt Die Außenseiten der 
Schutzflügel sind mit zwei großen Temperagemälden auf gemustertem Goldgrund — 
die Aufrichtung der ehernen Schlange und die Kreuzigung Christi darstellend — 
bedeckt 

Kleine vergoldete Reste gotischer Maßwerkarchitektur, die ehemals zum 
Altarschrein gehörten, befinden sich im Lüneburger Museum. 



MICHAELISKIRCHE; BLICK INS MITTELSCHIFF. 



-*^ 51 8«<- 

Die zwei Altarleuchter aus Messing haben reich 3)rofillerte Mittelkorper, Altarleuchter, 
die auf je drei Lawen ruhen. 

Im nördlichen Seitenschiff hängt an der Ostwand ein farbiger, an- Kruzifixe, 
scheinend spätgotischer Chitstuskörper an neuem Kreuz. 

Im Chor hängen vier neue Gemälde, die Evangelisten darstellend. Gemälde. 

Im südlichen Seitenschiff hängt am Ostende eine schmale eichene Tafel, 
1,75 m hoch, 4,53 m lang, mit den Wappen von 35 Äbten bis auf Eberhard von 
Holle 1586. Die linke Seite dieser Tafel nimmt eine stehende männUche Gestalt, 
Hermann Billung darstellend, ein; zwischen ihr und den Abtswappen ein Gedicht 
auf Hermann Billung. Die Tafel soll früher in der Gruft der Äbte, die unter 
dem Ostende des südlichen Seitenschiffs lag, gehangen haben. 

Im Archiv befinden sich 4 Bildnisse von Äbten. 

Von den drei Läuteglocken zeigt die älteste eine bimförmige Form ohne Glocken. 
Inschrift oder Verzierung, zwei weitere sind aus dem Jahre 1492. Die größte 
hat 1,385 m Durchmesser und 1,00 m Höhe ohne Krone, am oberen Rande 
einen spätgotischen Fries und darunter eine lateinische Umschrift mit der 
Jahreszahl. Die kleinere der Glocken hat 1,08 m Durchmesser bei 80 cm Höhe 
mit oberer Umschrift. Beide Glocken sind von Gerhard von Wou gegossen. 
(Inschriften und Abbildungen in den Lüneburger Museumsblättem. Heft I. 1904.) 

Der Grabstein der Unterkirche wurde schon erwähnt Einige weitere Grabsteine. 
Grabsteine sind im südlichen Seitenschiff, in dem abgetrennten Räume neben 
dem Chor, an den Wänden aufgestellt. An der Außenwand steht das schöne 
Denkmal Herbeii; von Helles, des ersten lutherischen Abtes, der 1555 staxb. 
Das Denkmal wird wenig später entstanden sein. Auf dem 1,42 m breiten, 
2,38 m hohen Stein erscheint über einer unteren Schrifttafel die knieende 
Gestalt des Abtes mit Bischofsstab in Lebensgröße, ein großes Kruzifix an- 
betend. Der Abt kniet auf einem Stein mit der Inschrift: 
OB. AN 1555/12 DECEMB. AETAT. SVAE 63/ SEDITQ. AN 25/ MINUS, UNO/ DIE. 
Links von dem Stein ist das Abtswappen angebracht, das sich zuerst an diesem 
Stein vorfindet, ein viergeteilter Schild, im ersten und vierten Felde sitzt ein 
Abt mit Bischofsstab, das zweite und dritte Feld nimmt das Stammwappen von 
Helles ein. Über dem Schild hegt eine Bischofsmütze mit zwei Abtsstäben. 
Die Darstellung wird an beiden Seiten eingefaßt durch ornamentierte Pilaster 
mit Blätterkapitellen. Auf jedem Pilaster liegen fünf flache Ringe, die oben 
und unten Wappen, dazwischen männUche Köpfe umschließen. Die Köpfe scheinen 
Zeitgenossen des Abtes darzustellen. Die Wappen sind links oben von Holle, rechts 
oben vonMandelsloh, links unten vonSaldem, rechts unten von Landsberg. Zwischen 
dem Kruzifix und dem Kopf des Abtes ein Schriftband. Behncke*) hält das aus 
farbig bemaltem Sandstein bestehende Grabmal für ein Werk Alberts von Soest. 

An derselben Wand steht ein Grabdenkmal des Abtes Johannes 
von Harling, gestorben 19. Oktober 1604. Eine fast lebensgroße Gestalt in der 
Tracht lutherischer Pfarrer steht, die Hände faltend, aufrecht unter einem Bogen, 
dessen Kämpfer von Engelköpfen getragen wird. In den Bogenzwickeln und 



*) Behncke, Albert von Soest. Straßburg 1901. 

7* 



-^ 52 8^ 

in den unteren Ecken Wappen. An den Plattenrandem zieht sich die In- 
schrift herum: 

ANÖ 1604 DIE 19 OCTO. OBHT REVEREND' ET NOBILIS DK 
JOANNES AB HARLING COENOBH HVIVS SENIOR ET CELLART 
QVI FRATRES HENRIC ET CHRISTIAN' HOC MONUMETÜ PP. 

An der Langseite befindet sich eine zweite Schriftreihe: 
rechts: DOMIN^ ADIVTOR ET REDEMPTOR MEVS. 

links: GOT MEIN HELPFER VNDT ERRETTER 

Die Platte ist aus Sandstein und 1,20 X 2,00 m groß. 

An der gegenüberliegenden Wand, nach dem Chor zu, ist ein 1,42 m 
breiter, 2,28 m hoher Grabstein für Johannes Wilkinus von Weihe, geb. 1659, 
gest. 23. Februar 1623, eingemauert. In der Mitte sitzt eine Kartusche, von 
zwei Engeln gehalten, darin ein Wappen mit dem Schild der Familie. Unter 
und über der Kartusche ist eine Inschrifttafel mit aufgerollten Rändern 
angebra.cht. Am Rande eine Umschrift aus großen römischen schräg- 
liegenden Buchstaben, die in den Ecken durch Kreise mit Wappen unter- 
brochen wird. 

An dieser Wand sind noch zwei ReUefs aus Sandstein eingelassen; eine 
farbige Auferstehung mit guter Christusfigur, die früher (nach Gebhardi) das 
Grabdenkmal von HoUes bekrönte und, nach Behncke, ebenfalls von Albert 
von Soest stammen soll; ferner eine Kreuzabnahme, deren Figuren in lebhafter 
Bewegung fein gearbeitet sind und über der Gott Vater in Wolken schwebt 

In dem nördlichen kapellenartigen Räume neben dem Chor, sind in die 
Chorwand vier kleine Sandsteinreliefs, wohl auch von Grabdenkmälern stammend, 
eingelassen, oben zwei hoch erhabene Köpfe, Luther und Melanchton in halb- 
runder Nische mit Um- und Unterschrift, die Behnke für Werke Soests 
hält, unten links ein St Michael mit dem Drachen, im Rundbogen, von guter 
Arbeit Im Rundbogen steht die Zahl 1595, unter dem Bildwerk sind die Buch- 
staben G. M. H. V. E. angebracht Auf dem Kleide St Michaels ist ein Wappen- 
schild der Harling angebracht Das Relief rechts zeigt in einem von vertieften 
Gewänden getragenen Bogen ein Kreuz, im Hintergrunde eine Stadt. An dem 
Kreuz hängt ein Christuskörper von Zink, aus späterer Zeit. 
HostiendoBen. Dröi ovale silberne Hostiendosen besitzt die Kirche, eine ist von 1689, 

mit eingraviertem St Michael; eine zweite von 1664 zeigt auf dem Deckel die 
Namen vieler Soldaten in kreisförmiger Anordnung (Stempel THP); auf dem 
Deckel der dritten von 1666 ist ein Kruzifix eingraviert, daneben die Namen 
von Soldaten. 

Für Krankenkommunionen sind noch zwei silberne Hostiendosen vor- 
handen; der Deckel der einen ist mit eingraviertem St. Michael geschmückt 
Kanzel. ^^^ S^'^ ^^^ Sandstein hergestellte schöne Kanzel ist ein Werk des 

17. Jahrhunderts (Fig. 11). Sie wird getragen von einem achteckigen, unter dem 
Fußgesims der Brüstung stark auskragenden Pfeiler mit Fußgesims. Vor dem 
Pfeiler steht die fast lebensgroße Gestalt des Apostels Paulus mit Schwert und 
Buch, in stark bewegtem Gewände. Das mit Eierstab ornamentierte Puß- 
gesims der Kanzelbrüstung setzt sich auch an der halbgewundenen Treppe fort; 



über ihm baut sich die reich mit Figuren und Gruppen geschmückte Brüstung 
mit dem Ahschlußgesims auf. Die Brüstung ist in 15 Felder geteilt, von denen 



Ftg. 11. UicfaielliUrcbei Kkniel. 



ins erste, zweite, zehnte und fünfzehnte Kartuschen mit Bibelsprüchen oder 
Monogrammen enthält Das dritte bis neunte Feld enthält die Geschichte Christi, 



-^ 54 8^ 

das elfte bis vierzehnte Feld die sitzenden Figuren der Evangelisten mit ihren 
Symbolen. Jede dieser Darstellungen steht in einer flachen, halbkreisförmig 
überdeckten Nische. Zwischen den Nischen sind auf Konsolen die Gestalten 
von Männern, darunter die Apostel, angeordnet Unter jeder Nische steht eine 
auf die Bilder bezügliche lateinische Inschrift. 

Unter dem zehnten Felde mit dem verschlimgenen Monogramme SFP. steht 
die auf den Erbauer Statz Friedrich von Post bezügliche Inschrift: 

PRiESVLIS. HOC. PIETAS. PVLCHRO. CONAMINE . POSTL 
FECIT. GRATA. COLET. QUOD. PIA. POSTERITAS. 

Im vierzehnten Felde mit dem Apostel Matthäus stehen unter dem 
lateinischen Verse die unerklärten Buchstaben: MFDIR. 

Die Figuren und namentlich die Gruppen sind außerordentlich fein und 
lebensvoll gearbeitet. Die Kanzel soll früher farbig bemalt gewesen sein. Der 
Kanzeldeckel ist neu. Wiederhergestellt wurde die Kanzel laut Inschrift im letzten 
Brüstungsfeld 1865 unter der Regierung des Königs Georg V. Sein Monogramm 
ist auf der Kartusche angebracht 
Kelche/ Ein 18,7 cm hoher Kelch hat noch gotische Formen, gehört aber der 

Mitte des 16. Jahrhunderts an. Der Fuß ist sechsblättrig, mit aufgeheftetem 
Kruzifix auf der einen Seite und einem Schild mit dem Wappen der Bothmer 
auf der anderen Seite. Am Hals über dem Knauf mit sechs Nägeln die Inschrift: 
IHESVS, darunter: MARIA. 

Ein 21,8 cm hoher Kelch zeigt ähnliche Formen. Der Fuß ist 
sechsblättrig, der Knauf hat sechs Nägel. Auf dem Fuße ein silberner 
Christuskörper. Die Flächen sind mit eingeritztem Ornament bedeckt Die 
Marke ist gegenüber dem Ghristuskörper auf der Oberseite des Fußes ein- 
gepreßt Ah der Unterseite des Fußes eingeritzt: ANNO 1562 57 LOT 3 quT'. 
Die Patene hat eingraviertes Mittelornament mit dem Schweißtuche der 
Veronika. 

Eine zweite Patene hat ein Weihkreuz. 

Ein Kelch mit rundem Fuß ist 17,7 cm hoch, von einfachen Formen, 
mit einem Christuskörper auf dem Fuß, seine Patene hat ein Weihkreuz. 

Ein 24,7 cm hoher Kelch zeigt auf dem sechsblättrigen Fuß das Mono- 
gramm: CL. und den Stempel NM. Der Knauf hat sechs Nägel. 

Ein 17,6 cm hoher Kelch mit rundem Fuß hat die Inschrift: „H. G. Lohausen. 
Major imd Conmiandant 1664" und auf der anderen Seite: „1822". 

Femer sind noch vorhanden drei kleine Kelche für Krankenkommunionen: 
10,2 cm hoch, von 1666 mit den Namen von Soldaten; 8,30 cm und 
9,20 cm hoch, letzterer auf dem Fuß mit eingraviertem St Michael. Alle Patenen 
haben Kreuze. 
Leuchter. ^ Mittelschiffe hängt ein 16 armiger Messingleuchter, zum Gedächtnis 

an Pastor Görges 1885 gestiftet und hergestellt von J. Hartig, Lüneburg, nach 
dem Modelle des mittleren Leuchters im Schiff der Johanniskiche. 
Q j Die Orgel ist 1708 durch Matthias Tropa erbaut Sie steht auf der oberen 

Empore des letzten Mittelschiff] oches am Turm und wird seitlich von zwei hohen reich 
ornamentierten Aufbauten begleitet, die als oberen Abschluß je eine große Königs- 



-<-S 55 8^ 



Mnseum 
zu Hannover. 



kröne tragen. Der mittlere Aufbau wird ebenso bekrönt Die Gesimse sind reich 
gegliedert, mit scharfen Verkröpf ungen. 

Die silberne Kanne ist 29,5 cm hoch und hat auf dem Deckel Weinkanne, 
das eingravierte Wappen des Landschaftsdirektors Ernst Wilhelm von 
Spörken (Schild viergeteilt, im ersten und vierten Felde St Michael, im 
zweiten und dritten Felde das Stammwappenbild). Am Henkel die Jalures- 
zahl 1721. 

Eine kleine Kanne für Krankenkonununionen ist an der Vorderseite mit 
einem eingeritzten St Michael geschmückt. (Stempel A. G. B.) 

In der Unterabteilung „Weifen -Museum" des Provinzial- Museums zu Gegenstände im 
Hannover befindet sich eine Anzahl Gegenstande, die früher der Reüquien- Provinzial- 
kammer des Welfen-Museiuns angehört haben. Für die Reihenfolge ist der 
Katalog des Provinzial-Museums maßgebend gewesen. 

1) Zwei Reliquienarme von Holz, romanisch. Der frühere Beschlag 
fehlt Am unteren Ende die Inschriften: SCS • VALERIV und 
SANCTVS • PANCRATroS •, aus der goldenen Tafel. 

2) Zwei Büsten mit Reliquien von den 11000 Jungfrauen, schwarz 
bemalt und zum Teil vergoldet. Inschrift: B'nard' «dvx'dedit 

3) WeibUche bemalte Büste, mit Steinen und Glasflüssen be- 
setzt, gotisch. 

4) Zwei Reliquienbehälter, jeder auf vergoldetem Fuße mit dem auf- 
gehefteten [fürstlichen Wappenschild und der Inschrift wie bei 2, 
ein Straußenei tragend. Auf der Spitze ein gotisches Türmchen 
mit Kruzifix. 

5) Kruzifix-Fuß aus vergoldeter Bronze. Ein flach nach oben ge- 
wölbter durchbrochener Schild ruht auf vier Greifenfüßen, über 
denen kleine Evangelistenfiguren vor einem aufgeschlagenen Buche 
schreibend sitzen. Auf der Mitte des Schildes ein sargähnlicher 
Kasten, in dem Adam, mit dem Leichentuche bedeckt, sichtbar 
wird. Zu beiden Seiten des Kastens halten geflügelte Engel 
einen runden Schaft (Inschriften bei Mithoff.) Nach dem 
Katalog des Museums soll d£ks Stück von Bischof Bemward an- 
gefertigt sein. 

5) ReUquienkästchen auf vier kugeligen Füßen, kupfer-vergoldet imd 
emailliert, mit an den Kanten abgeschrägtem Deckel; vorn imd an 
den Seiten figurale Darstellungen, auf dem Deckel Tiere. 

6) Reliquienkästchen aus Holz mit einem Überzug aus vergoldetem 
Silberblech. Auf dem Deckel eingeritzt das Opfer Kain und Abels, 
an den Seiten 16 sitzende getriebene Figürchen. 

7) Reliquienkästchen, mit Leder überzogen und bemalt mit den 
Evangelistenzeichen, Fabeltieren und Köpfen. 

8) Drei Kästchen aus Elfenbein, mit Messingbeschlag. 

9) ReUquienbüchse, achtseitig, mit gepreßtem Leder überzogen. 
10) Ein kleines Diptychon von Elfenbein, mit den Darstellimgen der 

Himmelfahrt und des Pfingstfestes. 



-^ 56 8^ 

11) Rotes Holzkästchen in Form eines Triptychons, mit vielen Reliquien 
hinter Homscheiben. 

12) Reliquienbehälter in Form eines Triptychons, mit grüner Seide 
überzogen. Reliquien hinter Gittern. 

13) Zwei runde Büchsen von Elfenbein. 

14) Zwei Jagdmesser, das eine mit Hirschhorn-, das andere mit 
Elfenbeingriff. 

15) Eine Bischofsmütze, Schuhe, verschiedene Decken von roter und 
weißer Seide imd von rotem Samt 

16) Verschiedene Glasgefäße. 

17) Ein Kästchen mit gesticktem Überzug. 

18) Reliquienschädel, Pergamentschriften, Steine. 

19) Verschiedene Bücher. 

20) Zwei runde Schüsseln von geschlagenem Kupfer, emailliert Jede 
•hat auf dem inneren Boden ein Wappenbild (im roten Felde drei 
übereinandergehende goldene Leoparden), das den Kern eines Sternes 
bildet, dessen Spitzen von lilienartigen Blumen besetzt sind. Der 
Raum zwischen den Bogenstücken wird durch sechs von Ornamenten 
begleitete Medaillons ausgefüllt, von denen jedes einen mit Keule 
imd rundem Schild bewaffneten Ringer enthält Eine der Schüsseln 
hat am Rande einen vortretenden Schlangenkopf mit viereckiger 
Öffnung. 

21) Maria mit dem Kinde, Elfenbein, gotisch. 

22) Rot bemalter imd ornamentierter gotischer Holzkasten* 

23) Elfenbeintäfelchen von einem Diptychon, oben die Kreuzigung, unten 
die heiligen drei Könige enthaltend. 

24) Maria aus Bernstein, gotisch. 

25) Buchdeckel mit Elfenbeinschnitzwerk, oben eine Kreuzigung, unten 
eine Kreuzabnahme darstellend, zwischen beiden zwei Elngel- 
Brustbilder, bezeichnet Michael imd Gabriel Hervorragende 
romanische Arbeit 

26) Tragaltar mit Abrahams Opfer, Holz mit vergoldeter Kupferplatte, 
romanisch. 

27) Hölzerner Kasten, mit Bleiguß belegt, gotisch. 

28) Zehn Bleikistchen aus verschiedenen Altären, mit ReUquien. 

29) Gewand der heiligen Anna. 

30) Ein Kasten mit verschiedenen Reliquien. 

Die angegebenen Bezeichnungen und Datierungen stützen sich auf den 
Katalog des Provinzial-Museums. 

Im Provinzial-Museum zu Hannover befinden sich femer noch folgende, 
aus der Michaeliskirche stammende Gegenstände: zwei große Holzfiguren, Maria 
mit dem Kinde und Maria Magdalena, vier Stücke eines geschmiedeten eisernen 
Gitters und acht knieende Alabasterfiguren, angeblich Porträtfiguren von einem 
Grabmal des Werner von Meding f 1655. 



-^ 57 8^ 

Im Lüneburger Museum werden folgende Gegenstande, die sich einst in OegenBt&nde im 
der Michaeliskirche befanden, aufbewahrt: Lüneburger 

1) Ein Ältarschrein, 1,28 m breit, 1,60 m hoch, 0,37 m tief, mit zwei bemalten 
Flügeln. Die Temperamalereien stellen auf der Innenseite der Flügel das 
Abendmahl imd Qethsemane dar, auf der Außenseite Gott Vater mit 
Christus im Schöße, und die Ejreuzigung. Rückwand und Seiten des Schreines 
zeigen Reste von gepreßter Vergoldung, der obere Teil wird von einem maßwerk- 
artig ausgebildeten Baldachin ausgefüllt. Im Innern steht eine geschnitzte 
Figurengruppe mit der Darstellung Job., Kap. 8, V. 7. 

2) Ein bemalter Altarflügel aus Eichenholz, gotisch. Die Malerei zeigt in einer 
Darstellung die Fußwaschung und das Abendmahl. 

3) Eine< kleine Tür aus Eichenholz, 0,43 m breit, 0,59 m hoch, mit eingelegter 
Arbeit aus farbigen Hölzern. 

4) Mehrere Einzelfiguren und Gruppen aus Eichenholz, darunter Johannes der 
EvangeUst, Adam und Eva, Maria mit der Leiche Christi, St. Georg mit 
dem Lindwurm. 

5) Verschiedene Architekturteile aus Holz, Marmor imd Sandstein, darunter 
mehrere gut gearbeitete Karyatiden, Kapitelle und Säulen. 

6) Eine Wappentafel aus künstlichem Marmor mit dem Abtswappen von Bülow. 

7) Eine Wappentafel aus Eichenholz mit dem Abtswappen von Spörcken. 

8) Einige ReUquien aus der goldenen Tafel, darunter ein Blatt mit koptischen 
Schriftzeichen. 

9) Zwei runde farbige Totenschilde für Werner von Meding, gest. 
1499, und Boldewin von Meding, gest. 1517. Die voll ausgebildeten Wappen 
mit 'gotischen Helmdecken werden von einem Ring mit gemalter Inschrift 
umgeben. 

10) Drei 3,87 m hohe Karyatiden aus Eichenholz, die einst die Stützen einer 
Prieche bildeten. Die Sockel sind reich mit Kartuschen, deren Ränder auf- 
gerollt sind, und mit Fruchtgehängen geschmückt Die weiblichen kräftig 
ausgebildeten Oberkörper tragen ein jonisches KapitelL Der Übergang vom 
Körper zum Sockel wird durch ein Wappen verdeckt. Auf jeder Kartusche 
am Sockel befindet sich eine Inschrift, und zwar unter dem Wappen von 
Prese: FIDES ANNO 1591, unter dem Abtswappen von Bothmer: IVSTITIA 
ANNO 1591, unter dem Wappen von Harling: SPES MEA CHRISTVS 
ANNO DOMINI 1591. 

Die Reste des früheren Altarschreins imd des Fürstengrabes wurden 
bereits vorn erwähnt 

Im rechten Winkel stoßen an die Nordseite der Kirche die früheren Kloster- Klostergebäude. 
gebäude, jetzt Seminar, Amtsgericht und Landratsamt Von den alten Gebäuden 
des Klosters ist nichts mehr erhalten ; die vorhandenen tragen den Charakter des 
18. Jahrhunderts. Gebhardi hat noch das Pfort- oder Tafeldeckhaus, an der 
Stelle der jetzigen Reithalle am Springintgut, einen zierlichen Bau mit oberem 
Fachwerkgeschoß und achteckigem Treppenturm, von 1580, aufgezeichnet, ebenso 
den Pferdestall der Ausreuterei von 1568. Beide Häuser sind 1787 abgebrochen 

8 



-^ 58 8«H 

worden. An der Südseite der Kirche lag neben dem Chor die ehemalige Michaelis- 
schule, unten massiv, oben Fachwerk, von der Oebhardi eine Zeichnung gibt, 
und die 1568 erbaut worden war; sie wurde 1792 abgebrochen. 



Die Cyriakskipche. 



Quellen: Chronicon St Mich. (Wedekind, Noten 1, 413) ; Lttnebnrger Urkandenbuch, 
herausgegeben von W. v. Hodenberg, 7. Abt., Archiv des Klosters St. Mich.; Urkundenbneh 
der Stadt Lüneburg, hrsg. von Volger (1872 ff); Lüneburgs ältestes Stadtbuch, hrsg. von 
Reinecke (Quellen und Darstellungen, Band 8); Inedita des Lüneburger Stadtarchivs; ü. F. C. 
Manecke's Sammlungen (Ms. der Stadtbibliothek in Lüneburg), Band 26. 

Literatur: Gebhardi, Kurze Geschichte des Klosters St Michaelis; Manecke, Top.- 
bist Beschreibungen, S. 19 (daselbst die ältere Literatur); Wedekind, Noten ü, 293 f.; Volger, 
Die Kirchen in Lüneburg (Lüneburger Johannisblatt 1857, Lüneburger Blätter S. 124 ff.); 
Mithoff, Kunstdenkmale, S. 148 f. 



Geschichte. ^^^ Cyriakskirche („Sunte Cyriakes kerke", „ecclesia Sancti Ciriaci", 

auch mit dem Zusätze „Antique civitatis^') war die Pfarrkirche der alten Stadt 
Lüneburg, jener Siedelung, die unter dem Schutze der Burg entstanden, das 
Gelände zwischen Kalkberg und Sülze einnabm, imi sich von dort im langsamen, 
gesunden Wachstum nach Osten hin vorzuschieben. Die Kirche lag vor dem 
Ausgange der jetzigen Neuentorstraße, ein wenig nach Norden hin*), und es 
wäre von großem Interesse, durch eine Ausgrabung in dem heutigen Seminar- 
garten festzustellen, ob nicht die Gnmdmauem des Gotteshauses, das über der 
Erde keine Spur hinterlassen hat, noch erhalten oder zu bestimmen sind. Große 
Raumverhaltnisse hat St. Cyriak nicht gehabt, schon weil der Bauplatz im 
Westen durch den Anstieg des Kalkberges beschränkt war. Der Haupteingang 
befand sich allem Anscheine nach an der Südseite, wo die Salzbrückerstraße 
in ihrer Verlängerung ausmündete; eine „stegele^', ein Stufengang, führte zu 
ihm und zu einer Vorhalle (porticus) hinauf. Im Norden schloß sich eine Kapelle 
mit einem Aldegundis- und Johanmsaltar an die Kirche an (erwähnt 1347), 
eine zweite Kapelle mit einem Gertrudenaltar gehörte der Ritterfamilie Grote 
(1336), eine dritte, „in porticu ecclesiae", mit einem Allerheiligenaltar, hieß die 
Kaidunenkapelle, eine vierte mit einem Veitsaltar die Lange Kapelle („Longa 
capella'^). Nach Niederlegung des Michaelisklosters auf dem Kalkberge im 
Sonuner 1371 waren die in ihrer Ruhe gestörten fürstlichen Gebeine zunächst 
in der Cyriakskirche untergebracht, bis sie von da in die neue MichaeUsldrche 
überführt wurden; der Name Kaldunenkapelle scheint anzudeuten, daß die 
fürstlichen Eingeweide bis zum Untergange des Gotteshauses daselbst ver- 
blieben sind. 



*) Vergl. Gebhardi, S. 15, Manecke, S. 19, Wedekind II. 293 N., Volger, LUnebnrger 
Blätter 124 N. 2. 



-tng 59 8^ 

Die erste Abbildung der Kirche, in einer gegen 1400 entstandenen 
Handschrift des Sachsenspiegels auf der Lüneburger Stadtbibliothek, zeigt uns 
ein Langhaus mit rotem Dach ohne Reiter, schlanke, rundbogige Fenster und 
nach Osten hin einen kleinen Chor; zwei gedrungene Rundtürme mit rotgedecktem 
Zeltdach, die unmittelbar hinter der Kirche emporragen, gehören zur Stadtmauer, 
aber auch St. Cyriak wird ursprünglich einen Turm gehabt haben, da der 
Glocken und eines Glöckners, der seine Amtswohnung in der Altstadt hatte 
(1351), wiederholt Erwähnimg geschieht (z. 6. 1308 u. 38). Dürftig nimmt sich 
die Kirche in den Stadtansichten des 15. bis 17. Jahrhimderts aus — ein 
kurzes Langhaus mit Chor und, wo dieser sich anschließt, auf dem Dach- 
first ein einfaches Kreuz. Die nahe gelegene Pfarrei wurde 1348 durch 
einen angrenzenden Hof vergrößert, den Bischof Johann von Lübeck zum Ge- 
schenk machte. 

Wann St Cyriak entstanden ist, darüber fehlt jeder sichere Anhalt 
Die Wahl des Schutzpatrons weist mögUcherweise auf Kölnischen Einfluß, deim 
der Hauptheilige des Namens Cyriak begleitete nach der Legende die 11000 
rheinischen Jungfrauen nach Rom und wurde auf der Heimfahrt mit ihnen 
hingeschlachtet. Erinnern wir uns, daß der erste Benediktinerabt auf dem 
Kalkberge aus dem Panthaleonskloster zu Köln berufen wurde, so liegt der 
Schluß nahe, daß die Cyriakskirche nicht lange nach der Gründung des 
Michaelisklosters, noch in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts, 
erbaut wurde, eine Mutmaßung, die manches für sich hat Mußen wir 
doch in einer Kirche der Altstadt auch das Gotteshaus suchen, welches bei 
dem großen, von Thietmar von Merseburg erwähnten Erdrutsch von 1013 
gefährdet war. 

Die Kirche stand unter dem Patronat der Herzöge. Die bauliche Erhaltung 
des Gotteshauses war der Obhut zweier Ratmannen, den „provisores structure^', 
anvertraut denen Bürger als Kirchgeschworene zur Seite standen. Die Jahres- 
einkünfte der Kirche wurden auf 16 Mark Silbers geschätzt, die sich vornehmlich 
aus Sülz-, Haus- und Grundrenten, auch den Erträgen einer Badestube am 
Lindenberger Tor zusammensetzten. 

Herzog Magnus, der letzte Billunger (f 1106), machte die Kirche dem 
Michaeliskloster zum Geschenk, und eine urkundliche Nachricht von 1259, in 
welcher der Abt von St Michaelis das Patronatsrecht für St Cyriak in Anspruch 
nimmt, stimmt mit dieser chronikalisöhen Überlieferung überein. Die Rückgabe 
des Rechtes war wohl voraufgegangen, als die Herzöge Albrecht und Johann 
die Bardewiker Domherrn zum Umzug nach Lüneburg zu bewegen suchten und 
dem Dekan und seinem Kapitel unter anderen imwirksamen Lockmitteln das 
Patronatsrecht über St Cyriak zusicherten (1266 und 75). 

In schwere Bedrängnis kam die Cyriakskirche durch die Zerstörung der 
Burg und die Verlegung des Michaelisklosters, deshalb vor allem, weil der Kalk- 
berg mit seiner Umgebung fortan außerhalb der Stadtmauern blieb und damit 
die alte Lüneburger Pfarrkirche aus dem engeren Stadtgebiete ausschied. Durch 
die große Umwälzung schrumpfte der ganze Pfarrsprengel so zusammen, daß der 
Pleban in seiner Existenz bedroht war. Da nun auch die Michaeliskirche ihre 

8* 



H>^ 60 8^ 

Gemeinde eingebüßt hatte, übertrugen die Herzöge den Patronat über St Gyriak 
mit allen Ertragen, Ehren und Rechten abermals dem Benediktinerkonvent; zu- 
gleich verfügte der Bischof von Verden, daß nach dem Tode oder dem Verzicht 
des derzeitigen Pfarrers, Dietrich von Lembeke, der sein Amt bereits 1377 nieder- 
legte und sich mit einer Leibrente zufrieden gab, die Gyriaksgemeinde zur Michaelis- 
kirche übergehen und dort durch einen vom Abte eingesetzten, jedoch dem 
Archidiakon von St. Johannis unterstellten WeltgeistUchen ihre Seelsorge erhalten 
solle. Für den Fall einer Niederlegung von St Gyriak, mit der man also 
rechnete, erhielt eben der Archidiakon von Modestorpe die Befugnis, am Prüh- 
messenaltar von St. Michaelis zweimal alljährUch die Gemeinde zur Synode um 
sich zu versammeln. *) 

Im Jahre 1379 gab der Verdener Bischof Auftrag, die St. Gyriak ver- 
bliebenen Kirchenlehen wegen des mangelhaften Besuchs der Kirche an die 
Lambertikapelle zu verlegen, vorausgesetzt, daß die zuständigen Patrone damit 
einverstanden seien. Ob dieses Einverständnis nicht zu erlangen war, ob aus 
anderem Beweggrunde: St Gyriak wurde weder abgebrochen, noch verlor es seine 
Vikarien. Nach einer Aufzeichnimg des Lüneburger Stadtarchivs von 1525 
zählte die Kirche jenerzeit noch acht Altäre, außer dem Hochaltar einen 
Allerheiligen-, Gyriaks-, Gertruden-, Kreuz-, Phüipp- und Jakobsaltar 
<supra lectorium), einen Veits- und einen Wilhads- Altar; ein „altare 
Eucharistie", 1300 erwähnt, war eingegangen, ebenso der Ewaldsaltar 
in der Sakristei Von 18 Vikarien oder Kommenden der Kirche waren 13 
damals noch besetzt. 

Dasselbe Verzeichnis gibt eine Aufzählung der zu jedem Lehn gehörigen 
Meßgeräte, Gewänder, Bücher, Seidenstoffe, Stickereien, goldenen und silbernen 
Ausstattungsstücke; auch drei auf Pergament geschriebene MissaUa und ein in 
Magdeburg gedrucktes Meßbuch sind aufgeführt Von sonstigen Kunstschätzen 
der Kirche verlautet wenig. Die Gilde Unser lieben Frau in der Altstadt 
erwarb im Jahre 1359 eine Rente, imi damit an • hohen Festtagen einen 
neuen Kandelaber vor dem Hochaltar mit Wachskerzen zu versorgen; der 
Goldschmied Gord Hagen stiftete testamentarisch die Unterhaltung eines 
Lichtes „uppe dem hecken" vor dem Frühmessenaltare, vor Unser heben Frauen 
BUd (1518 März 15). 

Als im 30 jährigen Kriege der Kalkbeig nach Verdrängung der 
schwedischen Besatzung durch Herzog Georg neue Befestigungsanlagen erhielt, 
erwies es sich als notwendig, gerade auf dem Platze, auf welchem die 
Cyriakskirche stand, ein Außenwerk anzulegen. Die Kirche wurde daher 
bis auf eine einzige Kapelle, die bis 1651 ihr Dasein fristete, im Jahre 
1639 abgebrochen und ist weder an alter noch an neuer Stelle wieder 
aufgebaut Auch der imi die Kirche herum liegende Friedhof ist dsunals ein- 
gegangen, an seiner Statt wurde der neue Friedhof östlich vom Mönchsgarten 
angelegt 



*) Urkunden von 1375 August 10, 1376 Juli 14, 1384 Februar 23 (Bestätigunga- 
bulle Urban VI.) und 1389 April 4. 



•^ 61 8^ 

Das einzige Stück, das aus Si Cyiiak erhalten ist, besitzt Lüneburg 
aller Wahrscheinlichkeit nach an dem Tauf getäße von Si Nikolai, einem schonen 
Kunstwerke des Meisters Ulricus aus der ersten Hälfte des 14 Jahrhunderts. 



Die Johanniskipche. 

Quellen: Volgers Urkundenbuch; Inedita des Stadtarchivs; Eegistratur der 
Johanniskirche ; Schomakerchronik, hrsg. von Th. Meyer (1904); Büttners Chronik (Hs. des 
Stadtarchivs); Maneckes Sammlungen Band 26; Gebhardis Collectaneen, Band VIII. 

Literatur: Bttttner, Genealogien der Patriziengeschlechter (1704); Manecke, Top.- 
hist. Beschreibungen S. 8 ff. ; Yolger, Die Johanniskirche (Liineburger Pfingstblatt 1856, Lüne- 
burger Blätter S. 88 ff.) ; v. Hammerstein-Loxten, Der Bardengau (1869), S. 449 ff. ; Mithoff, Kunst- 
denkmale S. 141 ff.; Reinecke, Geschichte des Lüneburger Kalands (Jahresberichte des 
Museums-Vereins 1891/5); Wrede, Die Glocken der Stadt Lüneburg (Lüneburger Museums- 
blätter, 1. Heft 1904, S. 5 ff.); Reinecke, Entstehung des Johanneums zu Lüneburg (ebenda, 
2. Heft 1905). 



Die oftmals erwogene Frage, ob der Cyriaks- oder der Johanniskirche — Geschichte, 
jener als der Pfarrkirche des ältesten Lüneburg, dieser als der Statte des 
zustandigen Archidiakonates — der Altersvorrang gebühre, hat Volger mit gutem 
Grunde dahin entschieden, daß, wenn die Gyriakskirche schon zu der Zeit 
bestanden hätte, als die Diözese Verden in Synodalsprengel eingeteilt wurde, 
der Archidiakon in Lünebvurg selber, nicht im Nachbarorte Modestorpe seinen 
Wohnsitz erhalten haben würde. Dieser Schluß erscheint auch uns so zwingend, 
daß wir die Johannes dem Täufer geweihte Kirche nahe der uralten Gaubrücke 
über die Ilmenau zu den- ältesten Taufkirchen zwischen Weser und Elbe zählen 
und ihren Ursprung bis in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts zurückführen. 
Sehr viel später freilich beginnt die urkundliche Überlieferung. In etwas imklarer 
Weise wird 1174 ein Richmarus „von Muddestorp" genannt, ein Geistlicher, 
vielleicht der Pfarrer, der aus der Feiertagskollekte seiner Kirche eine Jahres- 
spende aussetzt für die Domherrn zu Verden und Bardewik. Ein Menschen- 
alter später (1205) findet der Archidiakonat Modestorpe mit den anderen sechs 
Archidiakonaten des Bistums in einer für den Verdener Bischof bestimmten 
Wahlkapitulation seine erste Erwähnung — nur ein Verdener Domkapitular soll 
die Archidiakonatswürde bekleiden. 

Der Archidiakonat Modestorpe umfaßte mit Ausschluß der Bajdewiker 
Propstei das nordöstiiche Viertel des Bardengaues, die Kirchspiele Beetzendorf, 
Embsen, Lüne (mit Adendorf, Reinstorf, Thomasburg und Wendhausen), Neetze 
(wahrscheinlich auch die Kirchen des dem Goh Oldenbrügge benachbarten Landes 
Bleckede), und die Stadt Lüneburg selber. Hier waren, zumal nachdem Modestorf 
und Altstadt sich verschmolzen hatten, Konflikte zwischen der kirchUchen und 
weltlichen Obrigkeit unausbleiblich. Je mehr die Machtfülle des Lfineburger 



-*^ 62 8^ 

Rates und die Selbständigkeit der Stadt sich festigte, um so empfindlicher mußte 
jeder wirkliche oder vermeintliche Übergriff, jede gewollte oder ungewollte Miß- 
achtung von Seiten des geistlichen Herrn sich fühlbar machen. 

Der Archidiakon Amilius z. 6. erregte dadurch Anstoß, daß er Lünebui^er 
Bürger häufig vor seinen Richterstuhl nach Verden lud. Der Rat beschwerte 
sich darüber beim Domkapitel (um 1365) und stellte, noch etwas unsicher, den 
Satz auf, daß der Archidiakon als solcher überhaupt nicht das Recht habe, in 
Verden Gericht zu halten, daß er zumal in städtischen Angelegenheiten selber 
nach Lüneburg kommen oder einen Vertreter abordnen müsse. Harmonischer 
wird das Verhältnis im ersten Viertel desselben Jahrhunderts gewesen sein, als 
Heinrich von Boyceneborg, ein Bruder des Pfarrers von St Johannis, die 
Archidiakonatswürde inne hatte. In jedem Falle mußte das Bestreben des 
Lüneburger Rates dahin gehen, Einfluß auf die PersönUchkeit zu gewinnen, 
welche das wichtige Amt eines Archidiakons bekleidete, und die Ausübung 
der geistlichen Amtstätigkeit ein für allemal an die Archidiakonatskirche zu 
binden. So mag man es gern gutgeheißen haben, daß um 1390 Archidiakonat 
und Pfarramt von St Johannis „aus besonderer Vergünstigung des apostolischen 
Stuhles" in der einen Person des Eggerd Oldendorp vereinigt wurden. Gerade 
damals aber drohte der Johanniskirche Gefahr, ganz unter den Einfluß Verdens 
zu gelangen. Schon die Bischöfe Johann von Tzestervlet (1381 — 88) und Otto, 
ein Sohn Herzogs Magnus mit der Kette (1388 — 95), sollen ihrem Domkapitel, 
das angebUch einer Aufbesserung seiner Einnahmen dringend bedurfte, das Zu- 
geständnis gemacht haben, sich die wohldotierte Hauptkirche Lüneburgs ein- 
zuverleiben. Papst Bonifaz IX. bestätigte diese Anordnung, imd Eggerd Oldendorp 
leistete formell auf sein Pfarramt Verzicht, wenn auch nur, um es einem aus- 
drückUchen Wunsche des Rates gemäß vom Domkapitel zurückzuerhalten. Und 
dasselbe Domkapitel plante Veränderungen, die für die Entwicklung Lüneburgs von 
folgenschwerster Bedeutung hätten werden müssen: es versuchte imter Auf- 
wendung großer Geldmittel, die päpstliche Sanktion zur Verlegimg des Bischofs- 
sitzes von Verden nach Lüneburg zu erlangen. Schon war die Genehmigung 
Bonifaz IX. erwirkt (1401 März 19), da erfolgte ein Widerruf des Papstes 
(1402 April 13), ehe noch die erhoffte Übersiedelung ins Werk gesetzt werden 
konnte, und St Johannis blieb die Ehre, zur Kathedralkirche erhoben zu 
werden, versagt. 

Derartige Bestrebungen des Verdener Domkapitels zeigen uns am besten, 
welch' hohen Ansehens die Johanniskirche sich erfreute. Hauptpfarrkirche der 
Stadt zweifellos schon seit der Vereinigung Modestorfs mit dem alten Lüneburg, 
war sie nach Ausscheidung der am Fuße des Kalkberges gelegenen Cyriakskirche 
aus dem engeren Stadtbezirk die einzige Pfarrkirche innerhalb der Mauern, und 
der große Aufsch^oing auf allen Gebieten städtischen Lebens nach den stürmischen 
Ereignissen des Jahres 1371 kam, dem frommen Sinn der Zeit entsprechend, dem 
Gotteshause allermeist zu statten. Um so weniger vertrugen sich die eigen- 
nützigen Pläne einer auswärtigen Geistlichkeit, welche unter der Einwohnerschaft 
Lüneburgs lebhafte Mißstimmung hervorgerufen hatten, mit dem Selbstverfügungs- 
drang der in ihrem Machtbewußtsein außerordentlich gestärkten Stadtobrigkeit 



-^ 63 8^ 

Das Ergebnis langwieriger Verhandlungen, die in ihren einzelnen Phasen hier 
nicht zu verfolgen sind, war ein Vertrag, der am 16. bzw. 21. Juli 1406 von 
Bürgermeistern, Ratmannen und dem Domkapitel „umme de lenware der kerken 
to sunte Johanse^' abgeschlossen wurde. Das Patronatsrecht über die Kirche 
sollte hinfort und auf ewige Zeiten dem Lüneburger Rate zustehen; die Dom- 
herren erhielten eine ausgiebige Entschädigung aus dem Salingut, verloren aber 
jeden Anspruch auf die Besetzung des Pfarramtes, nur daß der Archidiakon 
von Modestorf den vom Rat präsentierten Geistlichen in seine Würde einzuführen 
hatte. Die Bestätigung des Paktes durch den Bischof von Verden erfolgte wenige 
Monate später, indes der Papst dem Lübecker Bischof die Befugnis erteilte, die 
Angelegenheit in seinem Namen zu sanktionieren. Der schon erwähnte Magister 
Oldendorp legte nunmehr sein Pfarramt endgültig nieder, bUeb aber bis zu 
seinem Tode Archidiakon; Pfarrer an seiner Statt (als solcher zuerst erwähnt 
1407 März 17) wurde der Lüneburger Ratsschreiber, Herr Hinrik Kule. 

In die nämliche Periode fällt die Gründung der städtischen höheren 
Lehranstalt zu Lüneburg, der noch jetzt blühenden „Sunte Johannis schole^', die 
den Glanz des gleichnamigen Gotteshauses, mit dem sie aufs engste verknüpft 
wurde, noch erhöhte. 

Der Sohn eines Lüneburger Ratmanns, Cord Abbenborg, Archidiakon 
seit 1415, wurde auf Präsentation des Rates im März 1419 durch den vom 
Verdener Bischof beauftragten Abt Boldewin von Wenden auch in die Stellung 
eines Kirchherm von St. Johannis eingeführt, so daß beide kirchUchen Ämter 
abermals etwa zwei Jahrzehnte hindurch in einer Hand vereinigt waren. Dann 
leistete der Genannte zugimsten seines gleichnamigen Neffen, Cord Abbenborg 
des Jüngern, auf die Archidiakonatswürde Verzicht und begnügte sich mit der 
Wirksamkeit eines Pfarrers und obersten Vorstehers der zur Johanniskirche 
gehörigen großen Kalandsbrüderschafi 

Es ist nicht unwahrscheinhch, daß dieser Entschluß mit einem Anschlage 
zusammenhing, der wiederum von Verden ausging und diesmal darauf abzielte, 
die Selbständigkeit des Lüneburger Archidiakonates zu Falle zu bringen. 
Bisehof Johann IIL, der Lüneburg später im Prälatenkriege so wertvolle Dienste 
leistete, wußte in den Jaiuren 1436/37 mit Unterstützung der Herzöge Otto und 
Friedlich von Braunschweig-Lüneburg Papst Eugen IV. dazu zu bringen, daß 
er den Archidiakonat von Modestorpe mit der in ihrer Leistungsfähigkeit stark 
erschöpften bischöflichen Tafel vereinigte. Das Domkapitel hatte bereits seine 
Einwilligung dazu erteUt, als es den Vorstellungen einer Lüneburger Gesandt- 
schaft gelang, den Papst umzustimmen. Am 30. Juni 1437 erklärte Eugen in 
drei Bullen zwei frühere Erlasse, welche die Einverleibung des Erzdekanates be- 
kundeten, für null und nichtig; er hob hervor, daß der Archidiakon nach 
Satzungen und Herkommen bei Strafe verpflichtet sei, an seiner Archidiakonats- 
kirche zu residieren, und beauftragte die Bischöfe von Schwerin und Ratzeburg 
sowie den Abt von Reinfeld, Lüneburg gegen die Gelüste Bischof Johanns und 
seiner Anhänger in Schutz zu nehmen. E^ eigenhändiger Verzicht vom 
18. Oktober des Jahres, in welchem Bischof Johann die vom Papst erworbene 
Vergünstigung seinerseits aufgab, scheint mit Mißtrauen aufgenommen zu sein, 



-^ 64 8^ 

enthielt doch ein Freundschaftsvertrag Lüneburgs mit Bischof und Domkapitel, 
ausgetauscht am 6. Dezember 1440 in Verden, als einen der Hauptartikel 
wiederum die Forderung des Rates, daß der Archidiakonat von Modestorpe in 
alter Selbständigkeit erhalten, nicht der bischöflichen Tafel angegUedert werden 
imd in seiner Gerichtsbarkeit keine Beschränkung erfahren dürfe. 

Schon damals wird der Gedanke erwogen sein, die ganze Archidiakonats- 
frage in einer Weise zu regeln, welche der wachsenden Bedeutung der Haupt- 
stadt des Fürstentums entsprach und der allzuoft genährten Beunruhigung der 
Johannisgemeinde ein Ende machen mußte. 

Konrad Abbenborg des Älteren Nachfolger im Pfarramte war der Stadt- 
schreiber Johann von Minden. Ihm war es vorbehalten, den Archidiakon von 
Modestorpe — diese veraltete Bezeichnung wurde bis zum Erlöschen des Amtes 
mit Vorliebe gebraucht — ganz zu verdrängen und dessen Amtspflichten unter 
dem Titel eines Propstes seiner Befugnis als Kirchherr anzugliedern. Papst und 
Bischof wurden imter großen Geldopfem gewonnen. Der Chronist Schomaker 
erzählt, daß der Rat, um sein Ziel zu erreichen, in Rom 1000, in Verden 2000 
Gtdden habe ausgeben müssen. Zähen Widerstand setzte der Diu*chführung des 
Planes vorcehmlich der letzte Inhaber der Archidiakonatswürde, zugleich Dekan 
von Bardewik, Konrad Abbenborg der Jüngere, entgegen, unterstützt von der 
Mehrheit des Verdener Domkapitels, von Lüneburger Vikaren und auch durch 
einflußreiche Laien. Die wichtigsten Daten des für jene Zeit höchst charakte- 
ristischen Streitverfahrens sind folgende. Am 27. Juni 1444 hebt Papst Eugen IV. 
die freundliche Aufnahme hervor, die er Lüneburgs Abgesandten hat zuteil 
werden lassen; am 7. Juli trägt er dem Abt von Reinfeld und anderen Geist- 
lichen auf, die Vereinigung des Lüneburger Archidiakonats mit der Pfarrkirche 
von St Johannis auszuführen; am 20. November verpflichten sich Bürgermeister 
und Ratmannen auf ihre Gegenleistungen an den Verdener Bischof; a«m 
23. Dezember bekundet Johann von Minden die Besitznahme des Archidiakonats; 
am 7. April 1445 erhebt Eugen IV. den Pfarrer von St Johannis wegen des 
Ansehens der Stadt Lünebvurg zmn Propst mit dem Vorrang vor allen anderen 
Pröpsten und Pfarrern der Diözese Verden; am 7. Mai zitiert der EQldesheimer 
Dompropst den als Archidiakon sich gerierenden Magister Abbenborg samt 
seinen Anhängern zu einem Gerichtstag in seine Wohnung; am 26. September 
gibt der Bischof von Verden durch eigenhändige Unterschrift seine Zustimmung 
zvur Errichtung der Propstei; am 23. Februar 1446 nimmt Dr. Malatesta de 
Captaneis, Kaplan des Papstes, im Auftrage seines Herrn alle Maßnahmen in 
der Angelegenheit der Lüneburger Propstei zurück; am 16. März erklären 
Schiedsleute die Beilegung des aus der Errichtung der Propstei herrührenden 
Streites zwischen dem Verdener Domkapitel auf der einen, Propst Johann von 
Minden und Rat zu Lüneburg auf der anderen Seite; am 15. April erhält 
Eugen IV. die Erhebimg des Pfarrers von St. Johannis zum Propst trotz wieder- 
holter Appellation aufrecht. — Konrad Abbenborg freilich gab seine Hoffnung 
auf Wiedereinsetzung noch immer nicht auf: er ermüdete nicht, in Rom 
persönlich seine Ansprüche zu verfechten, starb aber dort im Jahre 1448, und 
mit dem Archidiakonat von Modestorpe war es endgültig aus. 



-^ 65 8^ 

Johann von Minden trat in eben jenem Jahre von seinem kirchlichen 
Amte in Lüneburg zurück, blieb jedoch auch als Lübecker Domherr in engen 
Beziehungen zur Salzstadt. Sein Nachfolger wurde Leonhard Lange, der Sproß 
einer angesehenen Lüneburger PatrizierfamiUe, der fast ein Menschenalter als 
Propst von St Johannis wirkte, als solcher während des Prälatenkrieges treu 
zum alten Rat stand imd ein neues Propsteihaus, die spätere Superintendentur, 
erbaute. Letzter kathoUscher Propst war der langjährige Stadtschreiber Johann 
KoUer (Köhler), gebürtig aus Stadthagen. Bis an seinen Tod (1536) eifriger An- 
hänger des alten Glaubens, konnte er doch dem sieghaften Vordringen der 
neuen Lehre nicht wehren imd mußte im Jahre 1531 einen wesentlichen Teil 
seiner Amtsbefugnisse, gerade die Tätigkeit als Geistlicher, sm die nunmehrige 
Superintendentur abgeben. Aufgehoben wurde die Propstei nicht; es blieb ihr 
die Gerichtsbarkeit in kirchlichen Lehnssachen und damit die Verfügung über 
Vikarien, Kommenden und andere Kirchenpfründen, soweit dieselben die 
Reformation überdauerten. Von 1546—63 war der Bardewiker Dekan Jacob 
Schomaker, bekannt als Lüneburger Chronist, Propst von St Johannis. Seit 
Mitte des 17. Jahrhunderts pflegte einer der Bürgermeister nebenamtUch den 
Dienst der Propstei wahrzunehmen; erst durch die Verfassungsurkunde von 
1846 gingen sämtUche Geschäfte der bisherigen Präpositur auf den verwaltenden 
Magistrat über. Die Superintendentur ist der Kirche geblieben, ihrem Inhaber 
stehen zwei Prediger zur Seite. 

An kirchUchen Benefizien war St. Johannis bis zur Reformation 
außerordentUch reich. Eugen FV. pries in einer seiner Bullen von 1444 die Tatsache, 
daß die Johanniskirche in Lüneburg mit mehr als achtzig ständigen Vikarien 
ausgestattet sei und der Gottesdienst daselbst und die kanonischen Hören 
ebenso feierUch begangen zu werden pflegten wie an Kollegiatkirchen. Volger 
berichtet, daß an den Altären der Kirche nicht weniger als 160 Gedächtms- 
stiftungen hafteten, eine Angabe, mit welcher ein Verzeichnis des Jahres 1525 
ziemlich übereinstimmt, indem es 157 Benefizien ausdrücklich namhaft macht. 
War oftmals auch eine Person zu gleicher Zeit mit mehreren Lehen bedacht, 
so umgab den Pleban doch ein gewaltiger Stab von Vikaren und Konmiendisten, 
die großenteils in eigenen Vikariatshäusem wohnten und dank der Freigebigkeit 
der Stifter und Stifterinnen durchweg ihr gutes Auskommen hatten. Für den 
eigentUchen Pfarrdienst standen dem Kirchherm drei Kapläne, fünf Scholaren 
(scholre) imd der Opfermann (campanista) zur Seite, auch wird des öfteren ein 
Vizerektor erwähnt (1389, 1416). Das Patronatsrecht über die einzelnen 
Benefizien blieb in der Regel vorerst der FamiUe des Stifters, um nach deren 
Aussterben an den Rat zu fallen, der allmäMich die Mehrzahl der Präsentationen 
in seine Hand bekam. Daneben hatten geisthche und weltUche Brüderschaften, 
die sich der Kirche angliederten, gewisse Vikarien zu vergeben, zumal die an- 
gesehenste unter ihnen, die Kalandsbrüderschaft; über andere Lehen verfügte der 
Pfarrer oder der Archidiakon, welch letzterem bzw. dem Propste in allen Fällen 
die Einfuhrung des Präsentierten oblag. Eine der ältesten Vikarien vergab das 
Kloster Reinfeld, und nach dessen Einziehung der König von Dänemark, je eine 
andere das Kloster Lüne und das Bardewiker Domkapitel, vier imterstanden 

9 



-o^ 66 8^ 

der Verfügung der Herzöge von Lüneburg. Da sämtliche Inhaber eines kirch- 
lichen Lehens am Orte desselben wohnen mußten und ihre regelmäßigen Messen 
zu lesen hatten, so wurde schon im Jahre 1394 über den allzu sehr störenden 
,,concursus missarum^' und darüber Klage geführt, daß der an vielen Altären gleich- 
zeitig abgehaltene Gottesdienst, mit dem Lärmen der Menge im Gefolge, bei der 
großen Zahl der zu St Johannis Eingepfarrten die Andacht mehr und mehr ablenke. 
Die Kalandsgilde holte darum, obwohl sie sich von alters als zugehörig zur 
Johanniskirche betrachtete, vom Archidiakon die Erlaubnis ein, außer an dem 
gewohnten Kalandsaltar auch in städtischen Kappellen außerhalb von St. Johannis 
ihre Vigilien und Gedächtnisfeiern zu begehen. 

Von der ersten Erbauung der Johanniskirche erzählt ims weder eine 
schriftliche Kunde noch ein bildnerisches Denkmal. Wir können nur vermuten, daß 
die älteste Gestalt des Gotteshauses, etwa ein rohes Holz- oder Fa^chwerkgebäude, 
durch einen Bau aus Findlingen, nach Art der in imserer Heide hier und da 
noch erhaltenen Landkirchen, vielleicht auch durch ein aus Gipsblöcken vonn 
nahen Schildstein geschichtetes Mauerwerk abgelöst wurde, bis das größere Ge- 
bäude aus gebranntem Stein an die Stelle trat. Von romanischen Überresten ist 
keine Spur mehr vorhanden. 

Die früheste urkundliche Nachricht zur Baugeschichte der Kirche belehrt 
uns, daß im Jahre 1297 der Kirchhof erweitert wurde, und zwar durch den 
Abbruch einer Chorkapelle, in welcher der Lüneburger Rat an einem besonders 
dotierten Altare tägUch eine Messe lesen Ueß. Mit dieser Maßnahme stand ein 
Ausbau der Kirche, der „Antiqua ecclesia'^ im Zusammenhang, denn im selben 
Jahre erteilten 15 Erzbischöfe und Bischöfe zugunsten der Johanniskirche einen 
Ablaß, der durch Beteiligung am Bau (f abrica) und an seiner Erhaltung sowie durch 
Spenden von Lichtern, Gewändern, Ausstattungsstücken und sonst zum Gottes- 
dienste Notwendigem erlangt werden konnte. Ein Ablaßbrief des nächstfolgenden 
Jahres gedenkt insbesondere der Jungfrau Maria und der Hl. Katharina, zu deren 
Verehrung ein neuer Altar erbaut worden sei Das Kirchweihfest, welches am 
29. August, dem Tage der Enthauptung des Täufers Johannes, begangen zu 
werden pflegte, sollte nach einer Anordnung Bischof Friedrichs von Verden 
U300 — 12) künftig am nächstgelegenen Sonntage gefeiert werden, eine Regelung, 
die wohl durch eine neue Kirchweihe veranlaßt ist. Alsdann deuten zwei 
Ablaßbriefe aus Avignon von 1333 und 37, zwei andere aus den Jahren 1357 
und 83 regere Bauperioden an, und die sonstige urkundliche Oberlieferung gibt 
uns einige festere Ümrißlinien dazu. 

Bis ins 14. Jahrhundert zurück führt nämlich die Erbauung auch der 
Mehrzahl der Kapellen, die sich allgemach im weiten Kranz an das innere Gottes- 
haus anschlössen. Die mit der Sakristei identische Elisabethkapelle, schon 1261 
genannt, wurde im Jahre 1333 erhebUch vergrößert*) Eine Kapelle links vom 
Haupteingange unter dem Turme wird mit dem Turm selber 1319 zuerst erwähnt. 
Die Allerheiligenkapelle wurde im folgenden Jahre erbaut und durch den Bürger 
Nikolaus Kind mit vier Vikarien ausgestattet. Von der Nikolai- oder van der 
Mölenkapelle an der Südseite des Turmes hören wir 1342; im selben Jahre von 

*) Noch 1361 heißt sie „seu^ armarium^ 1848 rM'^ armario. 



H>^ 67 8^ 

einer Kapelle des Evangelisten Johannes im Untergeschoß des Turmes, anscheinend 
identisch mit der Kapelle von 1319. Eine vom Bürger Ludeke Stöterogge gestiftete 
Drei Königekapelle „juxta parietes" begegnet 1365, die Marienkapelle („Annuncia- 
tionis Mariae^') an der Südseite des Langhauses 1369. Die EÜtausend Mägde- 
oder Ursulakapelle an der Nordseite des Gotteshauses wurde im Jahre 1372 
erbaut aus Dankbarkeit für die Abwehr des feindlichen Oberfalls in der Ursula- 
nacht Der Barbarachor („chorus seu capella'') über der Nikolaikapelle verdankte 
seine Entstehung der frommen Absicht des Ratmanns Heinrich Viscule (1393). 

Weitere Ergänzung erfahren diese Daten durch eine im 26. Bande der 
handschriftlichen Sammlungen U. F. G. Maneckes überlieferte Aufzeichnung über 
Lüneburger Kirchenlehen im 16. Jahrhundert. 

Die Elisabethkap^Ue oder Sakristei, die wohl schon im Jahre 1333 bis 
zu ihrer jetzigen Ausdehnung erweitert worden ist, lag südlich vom Chor. An 
der Längsseite des südhchen Außenschiffes schlössen sich an die Allerheiligen-, 
die Drei Könige-, die Annen- imd die Marienkapelle.*) Die dem Evangelisten 
Johannes geweihte Kapelle im Erdgeschoß des Turmes wurde von den Beginen 
benutzt und lag nach Norden hin, im Süden entsprach ihr die Nikolaikapelle. 
Soweit läßt sich die Ausgestaltung des Gotteshauses durch urkundUche Nach- 
richten bis zum Ausbruch des Erbfolgekrieges belegen. Schon vor der Zerstörung 
der Lüneburg auf dem Kalkberge imd dem Ausschlüsse der Cyriakskirche aus 
dem ummauerten Stadtgebiete war die Johanniskirche im Süden und Westen 
mit einer geschlossenen Kapellenreibe versehen, sie war demnach offenbar schon 
vor 1370 in den großartigen Verhältnissen einer fünfschiffigen Hallenkirche 
vollendet, wenn auch nach Norden hin und korrespondierend zur Sakristei die 
Kapellen noch fehlten. 

Eine erneute Baulust macht sich in den nächstfolgenden Jahrzehnten 
bemerkbar. Als unmittelbarer Ausklang der Ereignisse von 1371 entsteht, wie 
schon erwähnt, die Elftausend Mägdekapelle. Sie lag am Ostflügel des nördlichen 
Außenschiffs da, wo die Schüler ihren Eingang hatten, um auf den Chor zu 
gelangen, und eröffnet die nördliche Kapellenreihe, während gleichzeitig die 
Bartolomaeikapelle am Westflügel den Anfang macht**) lind in der Dreif altigkeits- 

*) Die beiden letzteren scheinen nrnprUnglich vereinigt gewesen zu sein, denn es 
lieifit in einer Urkunde von 1369 der (Andreas- und) Annenaltar zu St. Johannis in der nach 
Süden hin gelegenen Marienkapelle. 

**) Es ist nicht immer möglich, den gemeinten Altar nach seinem urkundlichen 
Namen einwandsfrei zu bestimmen. Durchweg hatte ein Altar mehrere Schutzheilige, und 
wenn in der Regel der zuletzt Genannte den Namen gibt, so ist das doch nicht ausnahmslos 
der Fall. Maria stand als Patronin einer ganzen Reihe von Altären vor, und auch der 
Hl. Bartholomäus ist an drei Altären nachzuweisen. In der 11 000 Mägde- oder Ursulakapelle 
^b es einen Bartholomäus-, Jakobus- und Jakobus Zebedei-, femer einen Bartholomäus- und 
10 000 Märtyreraltar, beide sind von dem Bartholomäus- (Simon- und Judas-)altar in der 
gleichnamigen Kapelle zu unterscheiden, alle drei mögen jedoch später mit ihren Vikarien 
zusammengelegt sein. Auch einen Dreifaltigkeitsaltar gab es in der Ursulakapelle, deren 
Hauptaltar wie der Altar der Barbarakapelle zugleich den Aposteln Petrus und Paulus 
geweiht war. Fraglos umfaßte die Johanniskirche im 15. Jahrhundert mehr Altäre noch 
als im Jahre 1525, u. a. befand sich ein dritter Liebfrauenaltar an der Nordseite der 
Antoninskapelle (1472). 

9* 



-^ 68 8^ 

und der Erasmikapelle — letztere mit einer Vikarie dotiert von den Erbinnen des in 
der Ursulanacht gefallenen Bürgers Albert Remensnider — sogleich fortgesetzt wird. 
Über der NikolaikapeUe erhebt sich der gleichfalls schon genannte Barbara- oder 
Visculenchor, und in der Südwestecke der Kirche, zwischen Nikolai- imd Marien- 
kapelle wird die im Jahre 1600 wieder abgebrochene Grablegungskapelle 
eingefügt, „dar me in deme Guden vridaghe vor Passchen dat cruce ane to 
grave bringt", erbaut 1410 durch Bürgermeister Viscule. In dieser Bauperiode 
entsteht auch der Ratschor oder Ratslektor über der Sakristei, zuerst nach- 
weisbar 1409. 

Auch am Johanniskirchturm ist fin den letzten Dezennien des 14. Jahr- 
hunderts rüstig weitergebaut Daß seiner Existenz bereits 1319 Erwähnung 
geschieht, wurde bemerkt. Er trug mehrere Glocken. Im Jahre 1333 ist von 
einer Betglocke die Rede, welche in der Dänunerung erklang, 1349 werden mit 
einer Spende diejenigen bedacht, welche „die größeren Glocken" läuten („pulsantes 
campanas maiores"). Ein zuverlässiges Datum für seinen Ausbau finden wir in 
einem Sülzrentebriefe vom 13. Dezember 1384. Der Rat verkaufte an jenem 
Tage zwei halbe Wispel Salz für 430 Mark Lün. Pf. an einen Uelzener Bürger- 
meister imd verwandte die genannte Summe „pro structura et tectura turris 
parochialis ecclesie beati Johannis baptiste" — für Bau» „und Deckung" des 
Turmes, ein Hinweis auf die nahe Beendigung des Werkes. Volger und nach 
ihm Mithoff führen eine Urkimde aus dem darauf folgenden Jahre an, mit der 
Nachricht, daß der Rat ein Kapital von 325 Mark angeUehen habe, „um den 
Turm zu decken"; beide Urkunden lassen sich gut miteinander vereinen, doch 
muß es dahin gestellt bleiben, woher Volger seine Kenntnis genonmien hat 

Ein schwerer Blitzschlag traf das Gotteshaus am 25. März 1406, dem 
Festtage Maria Verkündigung, und der Turm brannte bis auf das Mauerwerk 
herunter. Die Schomaker-Chronik weiß über das Ereignis nur die wenigen Worte 
zu berichten: „Annuntiationis Marie brende de tom to Sunte Johanse aP' — 
„dat sunte Johanse merliken groten scaden dede", wie eine andere Quelle hin- 
zufügt Büttner in seiner Chronik erzählt, daß viele Menschen dabei ums 
Leben gekommen seien. Er beruft sich auf folgende Inschrift einer inzwischen 
verloren gegangenen, ehemals in der Sakristei befindUchen Gedenktafel: 

„Jam Domino nato milleno sex sociato 
Cum quadrigentis virtute rogi vehementis 
Sub tantis annis turris fuit usta Johannis 
Virginis in feste, dum sumpsit ave Gabrielis 
Redduntur quaesto campaneUis Michaelis 
Ethereum fulmen tantum discrimen agebat: 
Factum mox fuit horrida nox non laetitiae vox, 
Multi prostrati laesi sunt fulminis ictu, 
Quidam servati vita remanent sine victu, 
Evitare velis si poenas ulteriores, 
Daemonis a teils studeas convertere mores." 
Wohl imter dem Eindruck des elementaren Ereignisses trug Bischof 
Konrad von Verden noch im Oktober des Jahres dem Pleban von St. Johannis 



-^ 69 8^- 

sowie dessen Kaplänen und Scholaren auf, an jedem Freitag zur Vesper und 
an jedem Sonnabend zur Frühmesse die Mutter Gottes im Chor der Kirche durch 
Gesang zu verehren, und allen an diesen Hören teilnehmenden Christen wurde 
ein Ablaß zugesichert, der gewiß auch den Zweck verfolgte, die Baukasse der 
Kirche neu zu füllen. Daß die Wiederherstellung des Kirchturmes alsbald 
erfolgte, erhellt aus einer Urkunde vom Mai 1410, wonach die Juraten oder 
Structurare eine Summe von 75 Mark mit Zustimmung des Rates „bekannter- 
maßen" zum Turmbau verwandt haben. Es war in eben jenem Jahre, als 
Meister Dietrich von Münster gen. „Clockengetere" im Auftrage der Kirchen- 
geschworenen den Guß mehrerer Glocken übernahm, darunter der Sonntagsglocke, 
die 1687 und 1718 wieder umgegossen worden ist*) 

Zeitweise war für den Johanniskirchenbau eine besondere Ziegelei im 
Setrieb. Am 14. August 1421 gestattete der Pfarrer gegen eine Rente von 
24 Schilling, daß auf seinem Pfarracker südUch vom Adenbruch, zwischen diesem 
und dem BQ. Geistkamp, Tonerde zu Nutz und Frommen seiner Kirche gegraben 
werde. Ein zweiter Vertrag ist vom 23. März 1425 datiert. Dstmach erhielten 
Bürgermeister und Rat, insbesondere die als Vorsteher jenes Ziegelhauses ab- 
geordneten Ratmannen, Erlaubnis, sowohl acht besaete als auch zwei kurze, 
unbesäete Ackerstücke, die zur Johannispfarre gehörten', abzugraben und die 
Elrde zum Nutzen des Johannisziegelhauses zu gebrauchen und brennen zu 
lassen; als Entschädigung wurden dem Pfarrer bis zur Rückgabe des Landes 
jährlich zu Martini zwei Wichimten reinen Roggens und tausend Dachsteine 
zugesichert; nach Einstellung der Ausbeute sollte der Kamp mit guter Erde 
wieder aufgefüllt, geebnet und alsdann sechs Jahre lang im Dienste des Rates 
mit dem Pflug bearbeitet und bestellt werden.) 

Leider haben wir keinerlei urkimdlichen Anhaltspunkt, zu welchem 
besonderen Zweck der Johannisziegelhof in dieser Zeit gedient hat Da das 
eigenthche Gotteshaus im wesentlichen vollendet dastand, liegt es nahe, an den 
gewaltigen Turm zu denken, der nach dem Brande von 1406 vielleicht in 
größeren Verhältnissen als zuvor aufgebaut wurde — eine Annahme, welche 
mit der stilistischen Ausführung der ältesten Giebelfassade zum mindesten nicht 
im Widerspruch steht 

Eine letzte Bauperiode erst brachte die Kapellenreihe ganz zur Vollendung, 
das Dezennium nach Abschluß des Pralatenkrieges, etwa von 1461—70. Damals 
wurde über dem Grabe des Bürgermeisters Springintgud nördlich vom Chor, 
d. h. zwischen Chor und Ursulakapelle ein Gewölbe errichtet, und korrespon- 
dierend zum Ratschor erhob sich darüber der Chor der Sülzjunker, damals erst 
scheint auch die Lücke in der nördlichen Kapellenreihe ausgefüllt zu sein: es 



*) Man vergleiche den Aufsatz Wredes über die Glocken der Stadt Lüneburg in den 
Lfinebnrger Museumsblättem, Heft 1. Hier nur die Namen und Zahlen: Im Jahre 1436 goß 
Gherd Klinghe die Apostelglocke und die Große [Schelle; 1461 goß Bertram Beteman aus 
Magdeburg die Große Glocke um, eine Aufgabe, die Hinrick van Kampen 1516 ein zweites 
Mal und besser löste. Im selben Jahre goß Hinrick van Kampen die Stundenglocke; 1519 
(derselbe Meister) die Kleine Schelle; 1600 Andreas Heineken die Viertelglocke; 1607 Paul 
Voß die Probeglocke, 1681 HHS. die Schusterglocke; 1687 Johann Voß die Wachtglocke. 



-o^ 70 g-J- 

entstand die Antoni- oder Kramerkapelle (1463), östlich davon die Cecüien- oder 
Witickkapelle (1467 zuerst erwähnt), westiich die Leonhardikapelle (1470). *) 

Die Namen der einzelnen KapeUen haben sich im Laufe der Zeit oftmals 
verändert. Die Bezeichnung nach den Schutzheiligen trat seit der Reformation 
zurück, und sie wurde, naturgemäß mit mannigfacher Verschiebxmg, ersetzt durch 
die Namen der vornehmen Familien, welche die Kapellen als Begräbnisplatz 
benutzt haben. Die Frohnleichnamskapelle mit dem Grabe des Bürgermeisters 
Springintgud wurde später zur Laffertschen Kapelle. Bürgermeister Lutke von 
Dassel (f 1537) hatte nach einem Zeugnis der Juraten von 1544 einen Raum 
innerhalb der Kirche am Eingange der nördlichen Seitentür, genannt „dat Segen- 
huesz", zum Dormitorium oder Erbbegräbnis seiner Familie erwählt, und seine 
Nachkommen erwarben vier Dezennien später die Beginenkapelle, die damals 
durchbrochen wurde, hinzu. 1585 hören wir von einer Lukas Möllers KapeUe^ 
einer Elvers-, Borchholt-, Musseltins-, Leonardikapelle. Die Nordkapellen waren 
um 1700 im Besitz der Kagelbrüder (später derer v. Stern), der Familien Lange 
mit dem Panther im Wappen, der Elvers, Ditmers, Mollner und Düsterhop. Vor 
dem Haupteingange des Gotteshauses hatte die Familie von Witzendorf eine 
Kapelle inne, die im Jahre 1802 abgebrochen ist. Die v. Dasselsche Kapelle ist 
die einzige, in welcher auch nach 1811 noch Beisetzungen stattgefunden haben; 
im genannten Jahre verfügte die französische Behörde, daß fortan inner- 
halb der Stadt keine Beerdigungen mehr geduldet werden dürften. 

Eine interessante Parallele zur Entstehung der Kapellen mit ihren Neben- 
altären bietet die Ausschmückung der Pfeiler im Innern des Gotteshauses, die 
wie jene nach und nach ausnahmelos mit einem besonderen Altar ausgestattet 
wurden. Zwölf Altäre von St Johannis werden schon in einer Gedächtnisstiftung 
vom 6. April 1320 aufgeführt, als jeder von ihnen 1 Pfund Wachskerzen zu 
einem sog. Spendlicht erhält. Unter Zuhülfenahme des Verzeichnisses vou 
Manecke läßt sich erkennen, daß die Urkunde ihre Altäre bereits in einer Reihen- 
folge aufführt, wie sie der Überlieferung des 16. Jahrhunderts genau entspricht. 
Schon im Jahre 1320 lagen hergddisch rechts und links vom Aufgang zum Chor 
der Marien- und der Kreuzaltar an den Innenpfeilem, an den Außenpfeilem der 
Kalands- (Aller Apostel- und Aldegundis-, Petri et Aldegundis-) Altar und der 
Altar des ersten Märtyrers Stephanus, im Jahre 1469 vergrößert und von neuem 
geweiht. Von den sechs Pfeilern des Mittelschiffs waren die vier dem 
Chor zunächst stehenden gleichfalls bereits mit einem Altar geschmückt; an der 
Nordseite erhob sich vor dem Marien- der Jacobisdtaj, gegenüber dem Predigt- 
stuhle der Katharinenaltar (gegründet 1298), an der Südseite entsprechend der 
Martinialtar, dessen erste Vikarie schon 1244 gestiftet worden ist, bzw. der 

*) Im Jahre 1516 wurde die Kapelle der Garlop gebaut, einer Pa^füerfamilie, die 
schon um die Mitte jenes Jahrhunderts im Mannesstamme erlosch. Büttner bemerkt dazu in 
seinen Stammregistem : „I)ie so genannte Garlopen Capelle an St. Johannis-Kirchen ist Anno 
1516 von Ihnen erbauet worden, als solches die Verse ausweisen, welche außen über derselben 
unter dem Marien Bilde stehen und nunmehr fast unleserlich sind, wesshalben ich sie hieher 
zu setzen kein Bedenken trage „Garlopum domus hoc Marie statuere sacellum, Dlins et 
gnati ut concilietur amor. Anno XV C. XVP. Wahrscheinlich handelt es sich hier om eineo 
Ausbau der Beginenkapelle. 



-^ 71 8^ 

Magdalenenaltar; der Thomas- und Philipp- Jacobialtar, die sodann genannt 
werden, lagen an den beiden östlichsten Pfeilern der Seitenschiffe. Der Vier 
Doktoren- und der Gregorsaltar werden in jener Stiftung nicht bedacht, jedoch 
ist der erstere, am Mittelpfeiler des südlichen Seitenschiffs, schon 1318, der 
letztere, am Mittelpfeiler des nördlichen Seitenschiffs, im Jahre 1326 urkundlich 
belegt Die w^estliche Pfeilerreihe ist der Altare vorerst ledig gebUeben. 

In der Bauperiode nach dem Erbfolgekriege tritt am vorderen Südpfeiler 
des Mittelschiffs der Matheusaltar auf (1379), der im Juli 1555 dem Stöterogge- 
denkmal weichen mußte; später, am Pfeiler südlich davon, der Theodori- oder 
Junkemaltar („altare dormicellorum", an Bedeutung zurücktretend hinter dem 
gleichnamigen Altar auf dem Junkemlektor), und an den entsprechenden Pfeilern 
links vom Haupteingange ein Vincenz- und ein Hieronymusaltar (vor 1504). 

Im ganzen zahlte die Kirche zu Beginn der Reformation 40 Altäxe. 
Deren 33 sind vorstehend genannt Es kommen hinzu 1) der Gosmas- und 
Damianialtar, zuerst erwähnt 1318; er lag unter der Orgel („sub organis"), wurde 
aber verlegt an einen Platz südlich vom Stephanusaltar, zwischen Chor und 
Treppe, die nach dem Ratslektor hinaufführte („boven de gherwkameren^^, „super 
armario'^, „up des rades chor", „vor des rades stolinge"); 2) der Agnesaltar in 
der Nikolaikapelle; 3) der Veitsaltar (4. Vikarie 1416) auf dem Ratschor; 4) der 
Marianialtar (Vikariengründung 1438), ebendaselbst; 5) der Altar zum Namen 
Jesu oder Fronleichnamsaltar in der Springintgudkapelle (1463); 6) der Mathias- 
altar, vor der BeginenkapeUe unter dem Turm (1476); 7) der Georgsaltar (1410), 
seitens der Georgsbrüderschaft mit einer Kommende dotiert, der Lage nach 
unbekannt 

Wie der Gyriakskirche und den städtischen Kapellen, so standen auch 
der Johanniskirche zwei Ratmannen vor. Sie werden als procuratores (provisores) 
structure im Jahre 1332 zuerst erwähnt und zwar mit den Kirchgeschworenen 
zusammen, deren zwei, Nicolaus von Toppenstede und Nicolaus von Odem, schon 
hn Jahre 1320 auftreten. Mit den Juraten gemeinsam hatten die Provisoren 
vornehmlich die Aufsicht über die Erhaltung und den Ausbau des Gotteshauses. 
Vermächtnisse „in usus structure", „to dem buwe'', fielen nominell bald an die 
Provisoren, bald an die Juraten, welch' letztere insofern leicht maßgebend 
werden konnten, als sie nicht wie die Ratsverordneten alljährlich wechselten; 
ihre Bedeutung sprach sich seit dem 16. Jahrhundert auch in der Dreizahl aus. 
Bei wichtigen Entscheidungen war die Zustimmimg des Gesamtrates erforderlich. 
Die Baukasse (fabrica) der Kirche hatte bestimmte Einnahmen („bona ad struc- 
turam pertinentia" 1320), die im Bedarfsfalle mit Rentenverschreibungen „ex 
redditibus, fructibus et precaria structm-e", „ute der bede und ute den redesten 
sunte Johannis korken gudem** belastet wurden. Welcher Art die Einnahmen 
waren, ersehen wir aus den Kirchenrechnungen, die von einem der Juraten 
geführt wurden und von 1574 an in geschlossenen Bänden vorliegen. Schon 
der älteste Band unterscheidet folgende Einnahmetitel: „van wispelgude" (Sülz- 
einkünfte), „van segel und breven" (Verschreibungen), „van hußrenten", „van 
den 13 Tvaningen by S. Michael", „van den 7 waningen up S. Johans kerck- 
have", „van begreffenissen und lijckstenen", „van stolen und ludegelde", 



-^ 72 8^ 

„tovellige inname^^ Ein Kirchenstuhl zu St. Johannis wird im Jahre 1408 
testamentarisch vermacht, später waren die Stühle „auf den Leib geschrieben^', 
sie mußten daher in jedem Sterbefalle neu bezahlt werden. Ein Begräbnis im 
Innern der Kirche, die Anbringung eines Grab- oder Gedenksteines und auch 
die Beerdigung von Fremden auf dem zimächst der bürgerUchen Gemeinde vor- 
behaltenen Kirchhofe brachte manchen Gewinn. In der Hauptsache wuchs das 
Vermögen der Kirche aus freiwilligen Gaben heran. Im Stadtarchiv findet sich 
kaum ein einziges größeres Testament, in welchem nicht für die Johannis- 
pfarrkirche eine Summe ausgesetzt ist Ablaß Verleihungen suchten die Gebe- 
freudigkeit auch im 15. Jahrhundert noch mehr anzuspornen. Im Jahre 1420 
wurde eine Freitagsandacht zu Ehren des Hl. Kreuzes eingeführt und den Teil- 
nehmern ein Ablaß verheißen, 1443 richtete die Witwe des Lübecker Bürgermeisters 
Rapesulver für jeden Donnerstag und Sonnabend fromme Gesänge zu St Johannis 
ein und erwirkte dafür einen Ablaß; zu gunsten der Kapelle des Evangelisten 
Johannes wurde im April 1446 ein Ablaß verkündigt, für die Johanmskirche 
als solche im Juh 1451, zu gunsten des Junkemchors 1463 und 67. Zwei Jahre 
später genehmigte der Bischof von Verden die Aufstellung eines Sammelstocks 
zur Erweiterung der Kirche. Eine Serie von Ablaßbriefen wußte sich der Kaland 
von St. Johannis zu verschaffen, wie in der eingangs zitierten Geschichte der 
Lüneburger Kalandsbrüderschaft des näheren dargelegt ist Wesentliche Stärkung 
erfuhr die Baukaase gegen 1418 durch das von Bürgermeistern und Ratmannen 
erkämpfte Zugeständnis des päpstUchen Stuhles, daß die Einkünfte vakanter 
Ejrchenlehen ein Jahr hindurch dem Baufonds zufließen sollten. Im Jahre 1477 
überwiesen die Vorsteher der sog. Alten Kauf leute - und auch die der Neuen Kauf- 
leute - Almosen ein Drittel ihrer Einkünfte den Juraten zum Kirchenbau. 

Die bauhche Erhaltung des großartigen Gotteshauses ist in den mehr 
als vier Jahrhunderten, die seit seiner Vollendung verstrichen sind, von der 
Lüneburger Bürgerschaft im ganzen als eine Ehrenpflicht verstanden. Wohl 
sind in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs notwendige Instandsetzungen länger 
als zulässig hinausgeschoben, dafür haben jüngere Generationen Versäumtes 
wieder gutgemacht 

Auffallend, daß schon im Jahre 1466 seitens der Kirchgeschworenen 
über offenkundige Schäden geklagt wird: die Südseite der Kirche müsse not- 
wendig gedeckt und auch der Turm für mindestens 300 Mark ausgebessert 
werden, denn jedermann könne sehen, „dat dar grod gebrek anne is". Die 
Herstellung geschah im nachfolgenden Jahrzehnt; der Chor erhielt eine Bedeckung 
von Schieferstein*), „für die Erbauung einer neuen Turmspitze" (nach einer 
Notiz des 16. Jahrhunderts) wurden über 6000 Ziegelsteine verbraucht Das 
Material zu einem kupfernen Turmdach wurde aus Lübeck bezogen und in 
Hamburg verarbeitet; 24 Schilling kostete es „den hauen uttohouwende"; für 
etwa 16 Mark Gold kam zum „tynappel", Cord Snitteker lieferte die kupferne 
„bussen" dazu und „mester Hermen" erhielt an die 73 Mark, „dat he den 
tynappel upsat". 

*) Später ersetzt durch ein Kupferdach; vom Dach über der Sakristei wurde im 
Jahre 1685 Kupfer gestohlen. 



-Hl 73 8^ 

Clenau ein Jahrhundert später, 1575 ff., wurde das Kupferdach des Turmes 
vom Kupferdecker Dirick erneuert.*) Unter den Materialien werden 51 Sack 
Spöne angeführt, um das Kupfer damit zu glühen. Zu den Baukosten schoß 
der Rat die Summe von 1000 Mark vor, und zwar auf vier Jahre unverzinslich, 
„dewilen der kercken dit jhar (1578) veel schweres buwendes vorgefallen". Um 
den Kirchhof her wurden acht Steine mit Schrift gesetzt, die der Maler Daniel 
(Frese) auf blauem Grunde vergoldete, und die vemmtlich das Andenken an 
die HersteUungsarbeiten erhalten sollten. Derselbe Maler, bekannt durch seine 
Allegorien in der Großen Ratsstube des Rathauses, vergoldete im Oktober 1582 
die Scheibe der Turmuhr, und aus dem folgenden Jahre wird berichtet, daß 
zum Kranze über der Stundenglocke am Turm 100 glasierte „stertwunden" und 
12 glasierte „hele man" kamen.**) Ein neues Uhrwerk für Stunden- und 
Viertelglocke wurde um die Wende des Jahrhunderts an Meister Jacop „den 
seyermaker" verdungen***), indes Daniel Frese die „Visierung des Turmes mit drei 
Scheiben" ausführte und den Knopf vergoldete; Hans Olrichs stach „umb den 
newen seyer" die Wappen der Stadt, der Ratsbeisitzer und der Juraten. 

Wahrscheinlich ist die letzterwähnte Bedeckung des Turmes keine 
vollständige gewesen, da aus dem Jahre 1611 berichtet wird, „daß an der 
Turmspitze die nordwestliche Seite zu decken angefangen und bis an die 4 Knöpfe 
aufgeführt"; Cornelius de Werth in Hamburg Ueferte das Dachkupfer, das alte 
Material wurde ihm zum Umschlagen zugeschickt. 

Die Bedeckung der Kirche, soweit sie mit Pfannensteinen erfolgt war, 
verursachte nach jedem Sturmwind große Ausgaben; im Jahre 1582 suchte 
man Besserung zu schaffen, indem man 4^2 Tausend Dachsteine aufhängte, 
ein Verfahren, das sich, wie wir sehen werden, auf die Dauer nicht bewährte. 

Eine umfassende Herstellung der Kirche, an der sich wieder „allerhand 
beschwerliche baufellige örter" zeigten, wurde im Juli 1614 durch eine von 
allen Kanzeln angekündigte öffentUche Sammlung unter allen Hausgesessenen 
gefördert; die Herstellung begann mit dem Aufbau zweier Pfeiler und der 
Mauer am Herrenlektor, also an der südöstUchen Chorseite; die Kupferdeckung 
der beiden Pfeiler kostete 41 Mark, Meister Hans, der Steinhauer, brachte die 
Jahreszahl an. 

Im April 1703 wurde der Turm abermals durch einen Blitzschlag schwer 
beschädigt, wie denn Heimsuchungen der Kirche „durch das Donnerwetter" noch 



*) Bis zum Jahre 1686 befand sich am Turm ein Lamm Gottes mit der Zahl 1503 
oder 1505, ebenfalls ein Hinweis auf eine Wiederherstellung ; die Tafel wurde damals, obgleich 
es sich nur um eine belanglose Reparatur handelte, durch eine andere mit dem Namen eines 
Juraten ersetzt. 

**) An sonstigen Bezeichnungen fUr Formsteine entnehmen wir den Johanniskirchen- 
rechnungen folgende: kapsteen, campersteen, schneden steen, schlichten man (Mond), halven 
man, emsen halven man, dubbelden man, wunden man, poste, vinsterposte, glip, sprengel, 
semese, stnve und schneden semese, flacke egge^ grote astrick. 

*•*) Von einem sehr kostspieligen Uhrwerk hören wir schon aus der Amtszeit der 
rührigen Juraten Modwedel und Buldermans (1487): ^do wart de seyger henget to sunte 
Johannes . . . unde de seyger heft ghekostet (teinde half) hundert mark^. Die Uhrglocken 
hingen nach Westen hin, außerhalb des Turmes. 

10 



-o^ 74 g^ 

aus vielen andern Jahren, 1477, 1581, 1599, 1666, überliefert sind. Ein Sturm 
des Jahres 1747 fegte die Turmspitze nieder, ein Unwetter des Jahres 1800 den 
neu aufgesetzten Knopf und Hahn. Die Anlage eines Blitzableiters geschah auf 
Anregung des Architekten Sonnin, der bei einer Besichtigung der Kirche im 
Juni 1775 auf die NützUchkeit eines „Gewitterabieiters" hinwies. Der erste Blitz- 
ableiter auf dem Kontinent war im Jahre 1769 am Jacobikirchturm in Hamburg 
angebracht. 

Die große Restaurierung des 19. Jahrhunderts wurde im Jahre 1833 in 
Angriff genommen. Der vormalige Stadtbaumeister Spetzler legte in einem Gut- 
achten, dem sein Nachfolger Holste im wesentlichen zustimmte, die Haupt- 
gesichtspunkte dar, nach denen die Erneuerung des Gotteshauses zu geschehen 
habe; er stützte die Höhe seiner Forderungen durch den Hinweis, daß die 
Lambert!- und Nikolaikirche wegen allzu teuerer Erhaltung doch denmächst ein- 
gezogen werden müßten, darum solle man wenigstens die Johanniskirche retten. 
Das Mauerwerk des Turmes war im Laufe der Zeit rissig geworden, und die 
Ziegelbedachung des Hauptschiffs (bis auf die Chorseite) sowie der kirchen- 
seitigen Flächen der Abseitendächer wurde, wie ehemals die Bedeckung mit 
Pfannensteinen, von jedem Windstoße so mitgenommen, daß der Regen frei 
hineinströmen und großen Schaden anrichten konnte. 

Die Baukosten betrugen rund 50000 Reichstaler. Die Westseite des 
Turmes wxmie erneuert, das Mauerwerk durch Verankerungen befestigt, mehrere 
Schall-Luken wurden geschlossen, die außen hängende Stunden- und Viertelglocke 
hineingenommen, die vorerwähnte Ziegelbedachung durch Schiefer ersetzt, die 
verunzierten Kapellen wiederhergestellt 

Um die Wende des 19. Jahrhunderts hat der Turm abermals ein neues 
Kupferdach erhalten. — 

Der großen Anzahl ihrer Kapellen und Altäre entsprechend, war die 
Hauptkirche Lüneburgs ehemals an Kunstschätzen mannigfacher Art, wenn 
auch nicht der Klosterkirche von St Michael ebenbürtig, so doch reicher als 
jedes andere Gotteshaus der Stadt und reicher als manche Eathedralkirche. 
Die Angehörigen der einzelnen Altäre, d. h. die FamiUen der Stifter und die 
zahlreichen Gilden, wetteiferten untereinander in der Beschaffung von Kult- 
geräten, Meßgewändern und Meisterwerken der Kirnst, lun zugleich die Fürbitte 
ihres Schutzpatrons zu erwerben und ihrem eigenen Ansehen Ausdruck zu ver- 
leihen. Zur Ausrüstung der Allerheiligenkapelle gehörten schon im Jahre 1325, 
also kurze Zeit nach ihrer Gründung, 2 Kelche, 2 Missalbücher, 1 Psalterium, 
1 zweibändiges Breviarium gen. „Verdebük", 2 Kappen (Pluviales), 5 Caseln 
mit ihren Besatzstücken (preparamentis), 2 Fastengewänder (jejuniales), 6 Altar- 
decken (palle) und 1 „Plenarium", welches die 4 Evangelien enthielt Vom 
Ausgang des Jahres 1430 ist uns ein Inventar überliefert, welches der Presbiter 
Werner Korff, vermutlich der Bewahrer des zum Hochaltar und Frühmessenaltar 
gehörigen Kirchenschatzes, beim Empfang seiner „Kleinodien" ausfertigte. Das 
bisher unbekannte, in einem seltsamen Gemisch von Latein und Niederdeutsch 
abgefaßte Schriftstück verdient an dieser Stelle eine Wiedergabe im vollen 
Wortlaut 



-<-8 75 8^ 

„Anno domini M® CCCC® XXXI®, feria sexta infra octavam Nativitatis 
Christi [1430 Dez. 29], ego dominus Wernerus Korff presbiter recognosco, me 
recepisse infrascripta clenodia ecclesie sancti Johannis baptiste in Luneborg: 
videlicet 10 calices cum 10 patene et 3 vorgulden pypen, dar me mede plecht 
de lüde to communicerende ; item 9 corporalen voder, dat eyn besmydet — 
dominus Antonius van Thune dedit; item unser vrouwen beide to der hemmel- 
vart; item unser vrouwen beide der zunnen; item eyn cruce dat me des 
sondaghes umme hoff draghet — her Kule dedit; item de olde monstranchie; 
item de lylya — her Kule dedit; item de beste plenarius; item de ander ple- 
narius demme alle sondaghe umme hoff draghet — her Kule dedit istas ambas; 
item sunte Peters kede; item eyn grot bryl dar is hilghedom ynne; item eyn holten 
cruce dat me ok umme hoff drecht; item 2 hovede undecim milia virginum; 
item 2 sulveren wyrikvate; item 2 sulveren appollen [Kannen]; item 8 span, 
der is 5 vorguldet, in dem eynen steyt sunte Johannes bilde, in dem anderen 
miser vrouwen bilde, in dem drudden sunte Georgen bilde, in dem verden 
sunte Cecilien bilde, in dem veften sunte Katherinen bilde, de andern 3 sunt 
van parlen; item eyn cleyne sulveren tafelen de st^yt uppe twen enghelen; 
item 1 swart gherve [Meßgewand] mit twen roden rokken — her Kule dedit; 
item 1 rode cappen — her Curt Boltzen dedit; item 2 rode cappen — her 
Ludolft van der Suiten dedit; item 2 grone cappen — her Johan Semmelbecker 
de sotmester dedit; item eyn witte cappen — her Johan Langhe dedit; item 
eyn rode kappen dar unser leven vrouwen bilde ynne steyt; item eyn blawe 
cappen-Stoteroghe dedit; item ene blawe cappen — herteghe Wilhelm dedit; 
item eyn grone ghulden cappe — magister Eggherd archidiaconus dedit; item 
2 grone kyndercappen; item 1 grone syden cappen; item eyn rot gherve, eyn 
pari liste; item eyn brun gherve myt dem omate — Ditmer Säbel dedit myt 
dem or[nate]; item eyn blaw stucke [Tuch] — her Vyscule dedit; item eyn 
wit stucke; item eyn blaw stucke dar de hauen ynne stan; item eyn gron 
stucke — her Nycolaus van der Molen dedit; item eyn blaw stucke dar de 
s\^an ynne stan; item eyn brun stucke myt euer parlden listen; item eyn rot 
stucke dar de sparen ynne stan; item eyn rot stucke dar sunte Johannes ynne 
steyt — her Sander Schellepeper dedit; item eyn gülden nackenstucke; item 
eyn rot stucke dar unser vrouwen bodeschop ynne steyt — her Springhentgud 
dedit; item eyn rot sammyt; item eyn nackenstucke myt speghelen; item eyn 
rot stucke myt lysten; item ein gel stucke und twe rocke; item eyn rot flüvel 
— her Albert Hoyke dedit; item eyn rot stucke myt lindwormen; item eyn 
wit syden stucke — Hintze Upieggher dedit; item eyn blaw gülden stucke myt 
eynen parlden crucifixe upme rugghe — her Albert van der Molen dedit; item 
eyn blaw syden stucke myt gülden stripen — de Sanckenstedessche dedit; 
item eyn rot gülden stucke — her Handorp dedit; item 31 stucke des me alle 
daghe bruket; item 13 par dyakon rocke; item 14 alterdwelen gud unde qu&t; 
item 4 lysten to dem Hoghen altare; item 3 lyste to dem Vromissen altare; 
item 1 rot, 1 wyt, eyn ghel, eyn blaw antependia; item 4 patenendwelen ; 
item 4 dwelen to communicerende; item 1 dwelen wan me dat sacrament 
plecht to dreghende; item 5 vürschapen [Wärmepfannen]; item 2 misseboke, 

10* 



-o*S 76 8^ 

eyn sommerstucke unde 1 wj'^nterstucke — her Anthonius de Thüae dedit illos: 
item 2 ander mysseboke; item 3 votivarie; item 2 de besten mysseboke, de de 
ryke Gherardus gaff; item eyn bück dat is to sunte Nycolaes; item eyn olt 
missal. Ffidiiussores Hinrick Rybe, Hans Reghegher". 

Das in mehrerer Hinsicht bemerkenswerte Blatt zeigt uns die große 
Freigiebigkeit der mittelalterlichen Gemeinde. Die alten Lüne burger Ratsfamilien, 
die Boltze, Lange, Hoyke, van der Molen, Sankenstede, Schellepeper, Semmel- 
becker, Springintgud, Stöterogge, van der Suiten, Viscule, Zabel, haben samt- 
lich zur Vermehrung des Kirchenschatzes beigetragen, und ein Gleiches dürfen 
wir von anderen wohlhabenden Familien der Stadt annehmen, wenn ihrer auch 
nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; aus anderer Quelle wissen wir beispiels- 
weise, daß der Ratmann Hinrick Miles im Testament von 1366 der Johanniskirche 
seinen silbernen Gürtel vermachte zur Anfertigung eines Kelches. Von Interesse 
ist es, daß auch Herzog Wilhelm (f 1369) unter den Geschenkgebem aufgeführt 
wird. Von den drei Pfarrern, die als Wohltater ihres Gotteshauses genannt 
sind, hat Hinrik Kule der Johanniskirche und dem zugehörigen Pfarrhause so 
große Geldopfer gebracht, daß Bürgermeister und Rat ihm in Anerkennung dieser 
Verdienste eine Leibrente bewilligten (1410 April 4). 

Die verhältnismäßig frühen Angaben über die Kleinodien des Hochaltars 
lassen ermessen, wie reich sich die Hauptkirche der Stadt im Gegensatz zu ihrer 
zwar imposanten, aber verhältnismäßig einfachen äußeren Gestalt im Innern 
schmückte, und wie die Pracht des Gotteshauses von Jahrzehnt zu Jahrzehnt 
sich üppiger entfalten mußte. Aus der geringen Aiisbeute der urkundlichen 
Überlieferung, die freilich nur bis 1490 berücksichtigt werden konnte, werden einige 
weitere Belege willkommen sein. Vor dem Hochaltäre brannten zwei ewige 
Lichter, das eine an der Nordseite „vor deme hilgen Uchame" (1393 und 1474 
erwähnt), das andere nach der Sakristei hin, „in der vorguldeden luchten" (1434); 
für eins von beiden, femer für ein Licht auf dem Ursulaaltare, für ein Licht 
„vor dem Kreuze" und für das sog. StadtUcht hinter dem Ratsstuhle hatte die 
Kämmerei Sorge zu tragen. Auch vor dem Marienaltare brannten mehrere ewige 
Lichter, eins „in unser Vrowen ere" (1393), eins „vor dem Marienbilde", von der 
Marienbrüderschaft unterhalten (1407), ein drittes „up dem bome", der Obhut 
der St Jürgens-Gilde empfohlen. Marienlichter auf einem Baume („super arborem") 
werden auch vor dem Hochaltar erwähnt; es waren 13 Stück, die ebenfalls von 
der Mariengilde besorgt wurden (1402). Der mehrfach begegnenden Bücherei 
(„liberie") zu St Johannis vermachte der kinderlose Apotiiieker Mathias van 
der Most 1474 „dat rode bock dar vita Alexandri ynne steyt". Die Bücherei 
ist in der Reformationszeit mit der Ratsbibliothek vereinigt. Die Beschaffung 
kostbarer Meßgewänder für die Vorsteher der Kalandsbrüderschaft sieht ein 
Testament von 1477 vor; das Vermächtnis eines Bürgers vom Mai 1481 über- 
weist 5 Mark „to deme nyen sülveren schryne to simte Johanse", vermutlich 
die noch heute erhaltene sog. „goldene Kirche". Ein älteres Kleinod war dem 
Gotteshause im Jahre 1472 gestohlen. 

Noch in den siebenziger Jahren wurde vom Meister Jacob, einem Snitker 
oder Kistenmaker, „des rades stolinge" angefertigt, ein neues Ratsgestühl, das 



->^ 77 8^ 

nach dem Chore zu diirch eine hohe Schranke abgeschlossen war; gleichzeitig 
fertigte der Kistenmaker Hans Fabel einen besonderen Bürgermeisterstuhl. Eben 
damals erhielt der Chor Rückenlaken aus Leinwand^ mit Gemälden aus dem 
Leben der fil. Johannes und Jürgen. Ein Maler mit Namen Tyle bemalte ein 
Brett, auf dem- die zehn Gebote standen, ein anderer Namens Hans Hom ein 
Schap, das zur Aufnahme des Hl. Kreuzes diente. 

Der Hochaltar wurde in derselben Periode, nämlich 1484/85, mit seinem 
jetzigen Auf satze geschmückt: „do wart de nygen tafele uppe dat homyssen altar 
ghesettet, by Dirick Modwedel unde Dirick Buldermans tyden, do de kerck- 
swaren weren". Die Ausgabeposten der Kirchenrechnung lassen erkennen, daß 
ein Hamburger Maler und ein Lübecker Goldschläger, von denen der eine 
anscheinend Meister Hans genannt wurde, sich in die Hauptarbeit teilten. Die 
betreffenden Auszüge lauten: „Item utgeven 20 Mark de ik sende to Hamborch 
dem maier; 8 s. vor eyn holt to der tafelen; 4 s. vor eyne droge delen to der 
tafelen; 13 d. vor negele; 3 Mark myn 3 s. to dachlon do wy de tafelen setten 
unde eyne s. to ber; 60 Mark deme goltsleger to Lubeke van unser tafelen 
wegene; 5 s. mester Hans, do he de tafelen to rechte sette; 23 Mark unde 4 s. 
deme smede do de tafel settet was; 3 Mark deme biscope de de tafele wigede; 
45 Mark der msderschen [der Frau des Malers?] to Hamborch unde eyne r. gülden 
den ik er baven yn gaJEf; 1 Mark vor 12 eilen lennewandes to deme laken uppe 
dat hoge £dter to der tafelen ; 20 s. deme maier vor dat laken to malende uppe 
dat homissenaltar; (4 Mark vor dat rode arresck to deme laken up dat hoge 
altar in deme roden sondage)." Es fällt auf, daß von einem „Bildensnider" an 
dieser Stelle gar keine Rede ist. 

Um so erfreulicher, daß wir den Kunsthandwerker nennen können, 
der im Jahre 1588 f. das schöne, kürzlich von seinem häßlichen Anstrich 
befreite Chorgestühl gearbeitet hat. Gelegentlich der Reinigung kam auf der 
Rückseite eines Pilasters folgende mit Kohle geschriebene Notiz zutage : „Wamike 
Burmester so he(t) de meister ; de gesellen : Andreues Petersen, Johan Buckenda(l), 
Christoffer Rapup, Jürgen Harbord, Christoffer Smedt, Albert Gar(uen?), Evert 
Burmester, des meister sone, Wamike Brugenatz, de lerjunge; Anno domini 1589, 
den . november; dat arbeidt hefft gekostet . . .". Die Inschrift läßt sich an 
der Hand der Kirchenrechnung ergänzen. Zu Ostern 1588 wurde der rechnungs- 
führende Jurat mit dem Schnitker Wameke Burmester, aus dem Rathause 
bekannt durch die Täfelung der Konunissionsstube, handelseinig. Der Meister 
übernahm es, den Chor auf beiden Seiten neu zu pannelieren, „de pannelinge 
in brune ramen, de piler krusz und up ider siden baven dem panneelwerke twe 
gesemse mit angesichten und utgeschneden bilderen^^ Der Preis sollte ins- 
gesamt 114 Reichstaler (235 Mark 2 s.) betragen, es erfolgte jedoch eine Nach- 
zahlung von 40 Mark. 

Wie das Chorgestühl wurde auch die Dope im Jahre 1588 ff. erneuert, 
und zwar vom Grapengießer Hans Meiger, dem das alte Taufgefäß und altes 
Gut aus dem „Gießhause" „angetan" wurde. Die neue Dope wog 989 Lb. und 
kostete 151 Mark 5 s. Das Fundament aus gehauenen Steinen lieferte der 
Steinhauer Märten Köler, ein Verdeck, „bilde und ummeganck" wurde einem 



-^ 78 8^ 

ungenannten Schnitter für 103 Mark verdimgeD^ und der Maler Gerd Haue 
übernahm für 134 Mark die Vergoldung und Bemalung. Der eigentliche „kerken- 
schnitker" jener Zeit, von den Jiuraten alljährlich (1587 — 95) mit Aufträgen 
bedacht, war Meister Caspar Hartwig; er wurde, weil das Verdingen der Dope 
ihm zu nahe war, durch 12 Reichstaler entschädigt. 

Die Dope stand nicht im Chor, sondern im Mittelschiff nahe der Orgel, 
so daß sie mit ihrem hohen Deckel und Umgang den Stühlen imter dem Turm 
die Aussicht nahm. Eine Beschwerde darüber im Jahre 1685 gab den Anlaß, 
daß ein aus einem Gipsblocke des Schildsteins gehauenes neues Taufgefäß an- 
geschafft wurde; dieses fand auf dem Chor seinen Platz, bis es in jüngerer 
Zeit durch den Taufstein der zerstörten Lambertikirche von dort verdrängt 
worden ist Die Dope des 16. Jahrhunderts wurde zum Guß der Wachtglocke 
mit verwandt, der größten Glocke im Lüneburgischen (1687). 

Von der Kanzel berichtet Volger, daß sie im Jahre 1569 für 100 Reichs- 
taler von dem Lübecker Heinrich Malz verfertigt wurde, und zwar ganz nach 
dem Muster der Kanzel in der Lübecker Katharinenkirche. Nach dem Urteil 
eines Sachverständigen von 1833 war sie der Kirche eine Zierde, „die vielleicht 
in Norddeutschland vergel)ens ihres Gleichen suchen würde". An ihre Stelle 
trat 1865 die heutige Kanzel, ein Geschenk König G^org des Fünften 
von Hannover. 

Einer besondem Fürsorge hat sich von jeher da43 Orgelwerk der Johannis- 
kirche zu erfreuen gehabt, wie denn die Kirchenmusik in Lüneburg schon seit 
dem 15. Jahrhundert und wohl noch früher aufs eifrigste gepflegt worden ist 
Oi^anisten von großem Ruf sind gerade zu St Johannis tätig gewesen, ein 
Johannes Steffens (1589 — 1616), der als Orgelspieler „zu einer europäischen 
Berümtheit^' gelangte, Georg Böhm (1715—32), der bedeutendste Orgelkomponist 
der Vor-Bachschen Zeit, und Johann Sebastian Bach selber hat bekanntlich in 
Lünebui^ sein Studium der Musik begonnen und ist von Böhm in hohem Grade 
beeinflußt 

Schon im Jahre 1444 wird eine Aufwendung von 218 Mark 13 s. erwähnt, 
die seitens der Kämmerer auf Geheiß der Büi^rmeister für die Orgel von 
St Johannis zugeschossen wurde. Eine zweite kleinere Orgel für den Chor 
gaben die Juraten 1479 in Auftrag, und der Snitker und Kistenmaker, Mester 
Jacob, machte die Holzarbeiten dazu. Das große Orgelwerk, welches den Kern 
der noch heute gebrauchten mächtigen Orgel bildet, stammt aus Herzogenbusch 
und ist von Meister Jasper Johansen geliefert Laut Vertrages vom 25. August 
1551 verpflichtete sich der Genannte, zugleich im Namen des abwesenden 
Meisters Hinrik Niegehoff und dessen Sohnes Claves Niegehoff, der Kirche die 
große Oi^el in seinem Hause „tor Hertigen Büschen" an Holz und Piepwerk 
ganz und gar neu zu machen. Bis Pfingsten sollte die Ablieferung stattfinden. 
Den Transport bis Amsterdam hatte der Meister zu tragen, und bis Lüneburg 
auch die Gefahr, die „eventure", während die Fracht von Amsterdam über 
Hamburg bis zum Bestimmungsort von den Ejrchgeschworenen übernommen 
wurde. Der vereinbarte Preis betrug 1000 Jochimsdaler, von denen 200 in 
Antwerpen vor der Hand zur Auszahlung gelangten, 400 bei der AbUeferung, 



-4-8 80 g^ 

400 nach Aufstellung und Abnahme folgten. Johansen leistete für sechs Jahre 
Gewähr; als Entgelt für eine Extragabe von 20 Talern beim Vertragsschlusse 
versprach er, seinem Werke ein besonderes Geläute zu verehren. 

Eine erhebUche Verbesserung der Orgel wurde schon 1577 vorgenommen, 
als der Orgelmacher Dirick Hoigers aus Hamburg einen neuen Baß einsetzte 
und bei dieser Gelegenheit das ganze Werk umschrob imd renovierte; einige 
Jahre später trafen die Juraten ein Abkommen mit dem ebenfalls auswärtigen 
Orgelmacher, Meister Matz Man, der gegen eine bestimmte Vergütung die Orgel 
instand halten mußte. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts führte der bestallte 
Orgelmacher der Stadt Lübeck, Friedrich Stelwagen, eine große Reparatur aus, 
aber schon 1669 wurde eine abermalige Herstellung für notwendig erachtet, 
deren Kosten der Orgelmacher Michael Berigel auf mindestens 700 Mark Lüb. 
veranschlagte. VermutUch schreckte diese Summe die Juraten ab, und so geriet 
die Orgel sehr in Verfall. Im Mai 1712 finden wir daher den schon genannten 
Organisten Georg Böhme mit den drei Juraten zwecks mündlicher Vorstellungen 
auf der Schreiberei des Rathauses. Mit dem Hinweis, daß das Werk sich 
täglich verschlimmere und es fast dahin geraten sei, daß nichts Tüchtiges mehr 
darauf gespielt werden könne, wurde ein Projekt der Herstellung überreicht, das 
von dem in Lüneburg wohnenden Orgelbauer Dropa, der auch die Orgel zu 
St Michaelis repariert hatte, entworfen war und ihm bald darauf zur Aus- 
führung übertragen wurde. So hat die Orgel in den Jahren 1712 — 15 die Gestalt 
erhalten, die ihr im Ganzen bis heute geblieben ist Es sollte kein üppiger und 
imnötiger Bau gemacht werden, aber Matthias Dropa, der auch die Bildhauer- 
und Tischlerarbeiten zu den neuen Baßtürmen übernahm, meinte, die Orgel 
werde eine gute Parade machen und übrigens auch so eingerichtet sein wie 
keine andere Orgel in Lüneburg. Sein Entgelt bestand in 1800 Talern zu 
24 Mariengroschen oder 32 s. und scheint recht knapp bemessen zu sein. — Eine 
Beckenkollekte in den drei städtischen Kirchen im Jahre 1808 sollte wiederum 
dem traurigen Zustand der Johannisorgel abhelfen; die Vollendung dieser 
Reparatur, durch den Orgelbauer Nicolaus Rechten, erfolgte im Juni des folgenden 
Jahres. Gegen Mitte des Jahrhunderts ist die letzte gründliche Herstellung 
erfolgt Der Organist Anger fand die Orgel, „ein nach dem Urteil Sachverständiger 
großartiges Werk", schon bei seinem Dienstantritt, Ostern 1842, in sehr ver- 
fallenem Zustand und ruhte nicht, bis die Herstellung beschlossen war. Zum Orgel- 
baufonds steuerten die Testamentare und die Landesklöster mehr als ein Drittel bei, 
die Landdrostei gab 200 Taler, und Anger vergrößerte die Summe durch den 
Ertrag seiner Konzerte. Der Hoforgelbauer E. Meyer in Hannover lieferte zum 
Weihnachtsfest 1852 das Werk ab, die Gesamtkosten betrugen 2175 Taler, alles 
wurde dauerhaft und gut befunden. 

Wenige Nachrichten liegen vor über die Glasmalereien der Kirche, die, 
nach den herrlichen Fenstern des Rathauses zu schließen, gewiß von hohem 
künstlerischen Wert gewesen sind. Die ältesten sollen sich in den Fenstern an 
der Südseite befunden haben. Die Verständnislosigkeit des Jahres 1743 zeitigte 
die Maßnahme, alle farbigen Fenster, deren Bleifassung zwar bedenklich ver- 
wahrlost war, zu beseitigen. Eines über dem Altar hatte der Superintendent mit 



^>^ 81 8^ 

„ob zwar neuen doch altförmigen, Rhombischen Scheiben" besetzt, aber die 
Juraten hielten es für nötig, daß alle neu gemacht und „mit modernen quadrat 
und weit verhellemden Scheiben" vertauscht würden. Nur ein kleiner Bruchteil 
der Fenster bUeb verschont, darunter das Wappen des Rates im Mittelfenster 
des Chors, das diesen vornehmsten Platz schmückte, um dadurch den Patronat 
des Rates über das Gotteshaus zum Ausdruck zu bringen; es war im Jahre 1605 
erneuert und ist erst vor 50 Jahren entfernt. 

Im April 1585 wurde eine Bemalung der Gewölbe in Angriff genommen, 
die zuvor mit achtzehn Tonnen englischer Kreide geweißt waren. Die Malerei 
war für 300 Mark an Gert Haue und Jochim Jagow verdungen, 40 Mark 
wurden für zwei Historien auf dem Chor, 16 Mark für eine Historie über der 
Dope gezahlt, auch wird die Bemalung von 30 (33) gedrehten Sternen erw^ähnt, 
die miter das Gewölbe kamen, und die Vergoldung zweier großer Rosen unter 
dem Gewölbe auf dem Chor. Die Maler wurden während ihrer Arbeit „zaghaftig'*, 
da sie erkannten, daß sie zu billig abgeschlossen hatten; die Juraten bewilligten 
daher 100 Mark extra, indem sie sich damit trösteten, daß Daniel Frese die 
Arbeit nicht unter 500 Taler hatte übernehmen wollen und schheßlich gewiß 
700 gefordert haben würde. 

Die große Raumwirkung des inneren Gotteshauses, durch die zahlreichen 
Altäre der katholischen Zeit schon wesentlich beschränkt, ging durch Einbauten 
von Kirehenstühlen und Priechen allmählich ganz verloren. Für einen neu- 
erbauten Lektor, vermutlich die Empore unter der Orgel, zahlten die Juraten 
im Jahre 1655 dem Kirchentischler Ludewig Wulbrandt 430 Mark, und der 
Rat selber ließ drei Jahrzehnte später durch den Baumeister Johan Planerd, 
gegenüber der Kanzel einen Rats- und Bürgermeisterstuhl (dieser mit 6 auf- 
schlagenden Fenstern und einem * purpurfarbenen Teppich) errichten, der 1739 
durch eine Juratenprieche fortgesetzt wurde. Daß die Stühle im jeweiligen 
Geschmack ihrer Entstehungszeit mit Wappen, „hilligen scheppen'* und sonstigem 
bildnerischen Schmuck verziert, daß ferner Mauern, Pfeiler und Säulen im Laufe 
der Jahrhunderte mit vielen kostbaren Denktafeln und Epitaphien ausgestattet 
waren, versteht sich, und es ist ja nicht schwer, von all der entschwundenen 
Pracht eine ungefähre Vorstellung zu gewinnen, wenn man sich etwa - das 
Innere der Marienkirche im benachbarten Lübeck vergegenwärtigt, wo der 
Charakter des Gotteshauses als einer ehrwürdigen Gedächtnishalle für lange 
Generationen sich glücklicher bewahrt hat, als es der alten Pfarrkirche Lüneburgs 
beschieden gewesen ist. 

Die Veräußerungen der Kunstwerke von St. Johannis, die in einem 
eingehenden Inventar kurz vor Einführung der Reformation noch einmal 
zusammengestellt wurden, haben schon im 16. Jahrhundert begonnen, 
denn zwanzig Werke der Goldschmiedekunst erw^arb der Rat im Jahre 1573 
für 5750 Mark zur Vermehrung seines Silberschatzes.*) Im übrigen möchten 

*) Der Keinbecksehen Chronik des Museums entnehmen wir das nachfolgende Ver- 
zeichnis. ^Folgende Stücke sein aus der Bede genommen — ist der Standt, darinne itzo die 
Diacen stehen: 1) 1 groß silbern Crucifix Uberguldet und mit Johannis und Marienbilde 
2) 1 Cruciiix Uberguldet und mit einem kupferen Fus 3) 1 Crucifix mit fünf Cristallen 4) 1 klein 

11 



-^ 82 8^- 

wir glauben, daß das Jahrhundert der Reformation mit den Denkmälern und 
Altertümern der Kirche nicht so gründlich aufgeräumt hat, wie Volger es an- 
nimmt. Ergibt sich doch aus den obigen Darlegungen, daß gerade im zweiten 
und letzten Drittel des 16. Jahrhunderts große Summen zur Erhaltung und 
Verschönerung des Gotteshauses aufgewandt sind, und ein Antrag der Ge- 
schworenen, die Meßgewänder, Ornate usw. zum Besten der Kirche zu verkaufen^ 
scheiterte noch im Jahre 1607 an dem Verbot des Rates. Sogar der Verkauf 
der berühmten Großen Glocke im Jahre 1792 vollzog sich, wie die Akten er- 
geben, keineswegs unter gleichgültiger Haltung oder gar auf Betreiben der 
Gemeinde, die Veräußerung wurde von den geldbedürftigen Juraten unter dem 
ansteckenden Einfluß des Landschaftsdirektors von Bülow gegen den Einspruch 
pietätvoller Männer durchgesetzt. 

Dem 19. Jahrhundert war es vorbehalten, mit der inneren Ausgestaltung 
der Kirche, wie sie fast organisch erwachsen war, kurzerhand aufzuräumen. 
Viel Unerläßliches gab es zu tun. Um immer noch mehr Stühle und Lektoren 
anzubringen, hatte man sich nicht gescheut, die Tragrippen und vorspringenden 
Ecken der Pfeiler wegzuhauen; die Stühle erwiesen sich z. T. als lebensgefährlich 
schadhaft, der Fußboden war durch die vielen Beisetzungen und die unregel- 
mäßige Lage alter und neuerer Grabsteine so uneben geworden, daß man 
darüber stolperte, die bunte Malerei der Gewölbe des Hauptschiffs war verwischt. 

Monstrancie mit einer großen C^rystallen 6) 1 silberne mittelmessige Monstrancie mit Heilig- 
tume 7) 1 kleine silberne Monstrancie mit einer Crystallen darinne Heiligtnme 8) Noch zwo 
kleine Monstrancien Ubergüldet und mit Crystallen 9) 1 silbern St. Jürgen mit den Dracken 
und Schwerde, weinig geguldet und mit einer kleinen Büxen und Schilde 10) 1 silbern St. Peter 
mit dem Schlüssel und Bocke, ein wenig geguldet 11) 1 silbern Johannis mit dem Bocke, 
darauf das Lamb Gottes, weinig geguldet mit einen Corallenschnor und kleinen Creutz 12) die 
Auferstehung Christi von Silber mit der Fahnen, weinig geguldet 13) 1 silberne Maria mit 
dem Kinde und Cepter mit zween Ringen und einen Corallenschnür 14) 1 silbern 
St. Ursula mit Stralen, einem Bocke, Coralenföftig und vier Ringen 15) 1 silberne St Anna, 
mit zween silb. Agnus Dei, einem kleinem Bmstschmide, mit achte Knöpfen klein und 
groß mit zween Ringen und einer silb. Ketten 16) 1 silberne St Cathrine mit dem Schwerte, 
Bocke, Corallenschnor und einem kleinen Agnus Dei 17) St Ursula, ein silbern Brustbilde 
mit einer gülden Ketten daran ein klein Creutz mit 5 Steinen etwas tiberguldet 18) 1 kleine 
silberne Monstrancie 19) 1 silbern (Ciborium), darinne silbern Büxe und Löffel 20) l silbern 
Olie Buxe. 

Volgende Stücke sein aus der (Jlarbekammer St. Johannis genohmen und auf das 
Rathaus bracht worden zu gleicher Zeit mit den vorigen: 1) 1 silb. überguldet Crucifix 
daranne etwas verehrt Silber gehangen 2) 1 kl. silb. Monstrancie mit Reliquien und 
überguldet 3) 1 silbern überguldeter Fuß darinne 1 eisen Leth aus Petrus Ketten 4) 1 gr. 
silb. Monstrancie überguldet und mit einem gülden Ringe und etzlichen Edelgesteinen 
5) 1 silb. überguld. Crone mit zween silb. überguld. Ringen daranne 1 silb. Kette 
mit einem Creutz u. einer kl. überguld. Cronen 6) 1 silb. Johannis mit Edel- 
gesteinen u. Perlen auch etzlichen kleinen geopferten silbern Platen u. einem gülden 
Ringe 7) 1 silb. überguldet Marienbild mit etzlichen anhangenden silbern Kleynodien und 
5 gülden Ringe u. einen Corallen Rosencrantz 8) 1 silb. Düve mit einem Fuß 9) 1 silb. 
Wirockfas mit der Ketten 10) 1 silb. Schrein etwas geguldet' 11) 1 gr. silb. Pontificat 
überguld. u. mit Perlen 12) sechs silb. Span überguldet 13) drey silbern überguld. Knöpfe 
14) zwe lange Corallenvöfftig mit 6 Rosencrentzen von Barenstein. — Durch Conradum Baleman 
secretarium verzeichnet." 



->^ 83 S^ 

Da mußte erneuert, beseitigt, gebessert werden. Es geschah nach dem Geschmack 
der damals maßgebenden Persönlichkeiten und ihrer Zeit. Schon in dem Gut- 
achten des Baumeisters Spetzler von 1833 hieß es, das Ansehen der Kirche 
werde gewinnen, wenn man die Gewölbemalerei ganz weglasse; alles müsse 
zierlich aber einfach ausgeweißt werden, ,,die einfach weiße Kalktinte hebt 
stets den imposanten Eindruck eines Doms''; verschließbare Stuhle sollten nur 
in den kleinen Kapellen angebracht werden, alles übrige Stuhlwerk müsse die 
gleiche dreifüßige Brüstungshöhe erhalten und sei in „altdeutscher" Form in 
geöltem Eichenholz anzufertigen. 

Mehr als zwei Jahrzehnte gingen darüber hin, ohne daß die Neuerungen 
zur Ausführung kamen. Die angedeuteten Mißstände wurden immer offen- 
kundiger, während die verfügbare Restaurierungssumme durch die Erhaltung 
des äußeren Baues verschluckt war. Um die erforderlichen Geldmittel zu 
beschaffen, kamen die Juraten im Jahre 1852 auf den unseligen Gedanken, 
,,die entbehrlichen Schönheiten des Gotteshauses, deren manche noch aus katho- 
lischer Zeit vorhanden seien", feilzubieten; und der verantwortliche Stadtbaumeister 
tat leider nichts, die Ausführung des Planes zu verhindern. Auch er sprach 
den Wunsch aus, die veralteten und defekten historischen Bilder an den Seiten- 
wänden des Chors zu beseitigen, die unschönen Epitaphien an Säulen und 
Pfeilern bis auf die besseren und wertvollen abzubrechen, alle stilwidrigen 
Auswüchse und Anhängsel aus neuerer Zeit von den freistehenden Säulen und 
Mittelpfeilern zu entfernen, die alten Ölbilder, zumal die Porträts der früheren 
Prediger, in die sogen. Mönchshalle neben dem Turm zu überführen, und was 
dergleichen Vorschläge mehr waren, die auf nur allzu fruchtbaren Boden fielen. 
In drei w^eit und breit bekannt gemachten öffentlichen Auktionen des Jahres 
1856, am 26. März, 26. Juni und 20. Oktober, wurden jene „Schönheiten" und 
„stilwidrigen" Auswüchse der Kirche zu Geld gemacht, und es nützte nichts, 
daß W. F. Volger als Worthalter der Bürgervorsteher mündlich, schriftlich und 
in gedruckter Äußerung seine mahnende und warnende Stimme erhob. Die 
drei Auktionsverzeichnisse sind erhalten und liefern, wenn auch in dürftigster 
Form, den aktenmäßigen Beweis, was alles an Kimstwerken damals erst dem 
Gatteshause verloren gegangen ist. Den höchsten Preis (55 Taler) erzielte der 
„Makrinische StuW nebst Treppe, sodann ein „Monument von Holz" (50 Taler), 
beides erworben von Herrn Selig aus Hannover, der mit Herrn Auerbach aus 
Hamburg als Käufer der ersten Auktion wetteiferte; vieles auch gelangte in 
Lüneburger Privatbesitz. Für 6 Taler erstand man ein Monument von Stein, 
für 5 Taler ein Vorlesepult, für 2—3 Gutegrosehen ein Gemälde, für 1 Taler 
4 Ggr. fünf alte Türen, für 20 Taler den alten Magistratsstuhl, für 6 Taler 
12 Ggr. „eine Partie altes Schnitzwerk" (Herr Selig aus Hannover). Fünf 
Bilder und fünfzehn Ölgemälde fanden erst in der dritten Auktion ihren Käufer. 
Die gesamte Ausbeute belief sich auf etwa 736 Taler. 

Die Absicht, da^ ganze Innere der Kirche nach gründlicher Herstellung 
mit einem farbigen, nämlich ,, kalksteingrauen" Anstrich zu versehen, scheiterte 
an der Feuchtigkeit der Gewölbe, Pfeiler und Mauern, man nahm daher zu 
einer gewöhnlichen Kalkweiße seine Zuflucht. Als die Arbeit fertig war, fand 

11* 



J 



->^ 85 8^ 

der Baumeister selber, daß die Kirche ein „sehr monotones" Ansehen erhalten 
habe, und er versuchte nun, wenigstens die vorspringenden Rippen kalksteingrau 
zu tönen, aber auch das mißlang. Die neuen Earchenstühle aus preußischem 
Pöhrenholz wurden „eichenlarbig" angestrichen. Zum Glück sah man wenigstens 
von dem Plane ab, die Außenschiffe durch Scherwände abzuteilen xmd somit 
innerhalb der großen eine kleine Kirche zu schaffen. 

Im Jahre 1904 ist das wie durch ein Wunder erhaltene Chorgestühl in 
wohl gelungener Weise von seinem Anstrich befreit und nach der notwendigen 
Untermauerung der östlichen Pfeiler ist der Anfang damit gemacht, das Mauerwerk 
bis auf die verputzten und weiß getönten Gewölbekappen im Rohbau herzustellen. 

Das Gotteshaus ist eine gotische fünfschiffige Hallenkirche von fast Beschreibung, 
quadratischer Grundform (Fig. 12). Im Westen steht ein starker Turm mit 
seitlichen Anbauten, nach Osten sind aUe fünf Schiffe polygonal geschlossen. 
Zwischen den Strebepfeilern des Schiffes sind Seitenkapellen eingebaut. Drei 
Dächer liegen über den fünf Schiffen; die mittleren drei Schiffe sind zu einem 
Dache zusammengefaßt, das jetzt mit Schiefer gedeckt ist, die beiden äußeren 
Seitenschiffe haben je ein mit Kupfer gedecktes steiles Dach, dessen leuchtende 
schöne Patina mit dem gewaltigen Turm der Kirche die eigenartigsten Merkmale 
des Lüneburger Stadtbildes sind. 

Ursprünglich war die Kirche dreischiffig angelegt, das Mittelschiff im 
Chor weitergeführt, die beiden Seitenschiffe am Anfang des Chores rechteckig 
abgeschlossen. Im Dachboden ist das alte Gesims voUständig umlaufend an 
den Schiff- und Chormauem erhalten, die Dachkonstruktion des mittleren 
Daches liegt auf den alten Umfassungsmauern (vgl. Fig. 14), und in der Sakristei 
ist an der Außenseite des Chores ein kurzes Stück vom Sockel der alten Kirchen- 
außenwand erhalten. Das alte Hauptgesims besteht aus kräftigem Wulst in 
RoDschichtform, Kehle und kleinem unteren Wulst und ist im ganzen etwa 
32 cm hoch. Der Sockel besteht aus oberer braun glasierter Kehle und unterem 
kräftigen Wulst In der Ecke zwischen Chor und südlichem Seitenschiff, jetzt 
innerem Seitenschiff, fand man Spuren vom Anschnitte eines Kreuzgewölbes, 
dessen Größe etwa der eines Joches der jetzt bestehenden Verlängerung des 
südlichen inneren Seitenschiffes entspricht. Hier hat also eine kleine 
KapeUe bestanden, solange die Kirche ein dreischiffiger Bau war. Die Er- 
weiterung der ICirche auf fünf Schiffe muß bald nach Fertigstellung des drei- 
schiffigen Baues erfolgt sein; die Formen beider Bauzeiten liegen nur 
wenig auseinander, und die im Dach sichtbaren früheren Außenmauem sind 
nicht gefugt. 

Die Kirche ist ganz aus Backsteinen erbaut und einfach durchgebildet, ^ n 
eigentliche Schmuckformen fehlen fast ganz. Die architektonische Gliederung Architektur. 
wird erreicht durch die sich aus dem Grundriß und den verschiedenen Erbauungs- 
zeiten ergebende Gruppe (Fig. 13 und 15). Beherrscht wird das Bauwerk 
durch den mächtigen quadratischen Turm (Fig. 15), der ebenfalls schmucklos 
bis zu den vier Giebeln ansteigt; diese allein sind reicher durchgebildet, 
über und zwischen ihnen setzt der achteckige, mit Kupfer gedeckte Helm 



an. Am Fuße der Giebel sind einfache Wasserspeier angeordnet. Die Tunn- 
giebe] sind nicht aus einer Zeit. Der vordere, nach West«n schauende, stammt 
von einer wenig geschickten Wiederherstellung des Jahres 1833. Die beiden 
seitlichen, nach Süden und Norden gelegenen Giebel sind durch fünl lange, 
spltzbogig geschlossene Blenden belebt, die durch Pfosten geteilt werden (Fig. 16). Im 
nördlichen Giebel befinden sich über 
den Blenden noch Kreise, deren ver- 
tiefte Flächen geputzt und mit ge- 
mauerten Kreuzen geziert sind. Alle 
Kanten sind profiliert. Der östliche 
Giebel ist durch einen großen, die 
Dreieckseiten fast berührenden Kreis, 
in dem Putzflächen mit glasierten 
Steinen abwechseln, geteilt, die übrig 
bleibenden Dreieckzwickel werden 
durch Spitzbogenblenden und Dreipässe 
ausgefüllt (Fig. 16). In dem großen 
Kreise liegt ein Hexagramm, das durch 
Pässe wieder geteilt ist Unter den 
Giebeln zieht sich ein Dreipaßfries hin. 
Die beiden Glockengeschosse werden 
von je vier großen Öffnungen auf 
allen vier Seiten durchbrochen. Die 
Öffnungen haben profiherte, teilweise 
glasierte Kanten und sind spitzbogig 
geschlossen. Einige sind bei einer 
Restaurierung zugemauert, weil der 
Turm bedenkliche Risse zeigte. Zwischen 
den Fensterreihen zieht sich eben- 
Fig. IG. jobaniiiBkirch«} Tnnngi«b>i. falls ein Dreipaßfries um den Turm. 

Unter der unteren Fensterreihe springt 
das Mauerwerk vor. Die Abdeckung des Vorsprunges ist durch große Feld- 
steine hergestellt Der Turmkörper zeigt von dieser Abdeckung bis zur Erde 
ruhige glatte Mauerflächen, unterbrochen von wenigen Öffnungen, dem Haupt- 
portal und einigen Strebepfeilern. An der Südseite sitzt zwischen der oberen 
Fensterreihe eine Steintafel mit der Inschrift: RENOV. 1733. Das spitzbogige 
Portal ist im oberen Bogenteüe alt und zeigt eine tiefe, pi-ofiherte Leibung, 
teilweise mit glasierten Steinen. Der untere Teil des Turmes wird durch die 
anschließenden Pultdächer der zweigeschossigen Kapellenbauten gestützt. In 
der Vorderfront sichtbar werden noch die durchschießenden Dächer der äulSeren 
Seitenschiffe, deren Giebel nur durch Rundfenster belebt werden (Fig. 15). Die Seiten- 
ansichten des Bauwerks werden durch die großen Fenster und starken Strebepfeiler 
geteilt, die zwischen die Strebepfeiler eingeschobenen Kapellen beleben den unteren 
Teil der Ansichten. Das Kupferdach ist über die Strebepfeiler herunter gezogen. An 
der Chorseite wirkt vor allem die reiche GUederung durch den mittleren, stark 



^ 87 ä- 

vortretenden Cliorschluß und die vier Abschlüsse der Seitenschiffe. Durch 
das Zusammenziehen des Daches über den Schluß der inneren Seitenschiffe und 
den Chorschluß sind malerische architektonische Zufälligkeiten entstanden. An 
der nördlichen Seite der Choransicht sind verschiedene Rfiste von Friesen 
und Flächenverzierungen erhalten. Am Schluß des äußeren Seitenschiffes liegt unter 
dein Dachgesims ein Blattfries mit sich überschlagenden gotischen Blättern (Fig. 18)- 
Am Chorsehluß ist zwischen den Strebepfeilern das alte Gesims des dreischiffigen 
Baues erhalten, darunter zieht sich ein Fries mit Weinhlätteni und Trauben 




FIk. n, IS, Jobiumlaklrehe; Friese un Chor. 

hin (Fig. 17). Unter dem Fenster des inneren Seitenschiffschlusses befindet sich 
eine größere Fläche, die mit Vierpässen bedeckt ist. Der Grund ist geputzt. 
An der Seite dieses Fensters ist eine kleine Fläche bedeckt mit braunglasierteii 
Platten, die in der Mitte ein kreisrundes Loch haben. An der Vorderfläche der 
äußeren Chorstrebepfeiler sitzen zwei kreisrunde Vertiefungen, die mit einem 
Sechspaß gefüllt sind. Einen Sockel hat die Kirche nicht, nur an der Südseite 
zeigt sich am westlichen Teile eine Schicht aus Schilteteingips direkt über der 
Erde, die als Sockel bezeichnet werden könnte. An einem der nördlichen 
Strebepfeiler befindet sich eine Steintafel mit der Inschrift: 
.... (unleserlich) .... 
A. I. FANNING. 
CONIVRATO 
C. H. TiMMERMAN. 
RENOVATAE. SVNT. FENESTRAE 
ANNO 1746. 
Der Chor ist um 4 Stufen über das Schiff erhöht, hat zwei große .Joche ( 
und ist im halben Zehneck geschlossen. Die Seitenmauern, gegen die Ka|>eilen, 
zeigen hinter dem Choi^estühl in jedem .Joch zwei NistJien mit profilierten Ein- 
fassungen. Die Nischen in den Zehnecksseiten sind jetzt verputzt. Ober diesen 
Nischen zieht sich ein neuer gotischer Laubwerkfries, aus Gips gegossen, hin, der am 



Chorschiuß aufhört. An der ersten nördlichen Zehnecksseite befindet sich eine 
eigenartige Backsteingalerie (Fig. 19). Unter den Gewölberippen geben reich 
profilierte Dienste bis zum Fußboden, dort, wo das Choi^estühl steht, teilweise 
abgehauen. Das mittlere Profil dieser Dienste läuft als starker Gurtbogen 
herum, die seitlichen Teile dienen als Aufstand für die Rippen und die profilierten 
Schildbögen. Die Kapitelle der Dienste zeigen Laubwerk auf einer Kelehgrond- 
form. Die Gewölbe setzen in derselben Höhe an wie die des Mittelschiffes. 
Die Fenster sind dreiteilig, im Spitzbogen geschlossen und mit neuen Glas- 




JobuiDlsklrche ; Friei Im Chor. 



maiereien versehen. Die Schlußsteine bestehen aus Gips mit darunter gehängter 
ornamentierter Holzplatte. Unt«r dem Schlußstein des Chorschlusses hängt eine 
große Holzplatte mit dem Lamm, umgeben von sechs geschnitzten spät- 
gotischen Blättern. 

Die gewaltige fünfschifflge Halle ist vom Turm bis zum Chor vier Joche 
lang und durchweg mit Kreuzgewölben, die geputzte Kappen haben, überspannt. 
Zwischen Mittel- und inneren Seitenschiffen werden die Gewölbe von starken 
runden Pfeilern unterstützt, die mit je vier, aus drei Rundstäben gebildeten 
Diensten besetzt sind. Die Dienste hören jetzt in etwa 2 m Höhe über dem Fuß- 
boden auf und nihen auf Konsolen, gingen aber früher bis zum Fußboden. Der 
Sockel der runden Pfeiler ist geputzt, bestand jedoch früher, wie an einer 
Stelle erkennbar, aus Werkstein und war profiliert. Um die Kämpfer der Pfeiler 



-^ 89 8-^ 

und der Dienste ziehen sich bandartig Kapitelle in Kelchform, aus Gipsmörtel 
geschnitten. Auf den Dienstkapitellen des Mittelschiffes setzen die Gurt- und 
die beiden Kreuzrippen, aus Birnstabprofilen gebildet, an. Die spitzbogigen 
Gurtbogen nach den inneren Seitenschiffen werden durch nach der Mitte zu sich 
abtreppende Fasensteine, die Mitte durch das herumlaufende Dienstprofil gebildet. 
Das Gewölbe über der Orgel sitzt höher als die übrigen Gewölbe des Mittel- 
schiffes. Die Schlußsteine aller Gewölbe sind aus Gipsmörtel in kreisförmigem 
Grundriß zwischen die Kreuzrippen eingesetzt und tragen an der Unter- 
seite eine runde Holzplatte mit neuem geschnitztem und bemaltem gotischen 
Ornament 

Die Gewölbe der Seitenschiffe setzen tiefer an und sind im übrigen ebenso 
ausgebildet wie die des Mittelschiffes, nur die äußeren Seitenschiffe zeigen 
fünfteilige Gewölbe mit der Mittelrippe nach der Fensterseite. Dementsprechend 
sind auch in jedem Joche zwei dreiteilige Pfostenfenster angeordnet. Die Pfeiler 
zwischen den Seitenschiffen haben rechteckigen, etwa kreuzförmigen Grundriß, 
der dadiurch entstanden ist, daß die Strebepfeiler des dreischiffigen Baues für 
den Weiterbau benutzt worden sind. Diese alten Strebepfeiler ragen im nördlichen 
äußeren Seitenschiff planlos in die Gewölbe hinein, im südlichen Seitenschiff 
sind sie zu breiten Gurtbögen benutzt worden, die hier die Joche trennen. Die 
PfeUer zeigen an ihren den inneren Seitenschiffen zugekehrten Seiten dasselbe 
Dienstprofil wie im Mittelschiff, nach den äußeren Seitenschiffen ist nur im 
nördlichen Seitenschiff ein Dienst, aus drei Rundfasensteinen bestehend, vorgesetzt, 
das südliche Seitenschiff hat hier keine Dienste. Die Pfeiler haben keine Sockel, 
Kapitelle nur die Dienste und die rechteckigen Pfeilerteile nach den äußeren Seiten- 
schiffen. Die Gewölbe des inneren Seitenschiffes haben dieselben Rippenprofile 
wie das Mittelschiff, die äußeren Seitenschiffe ein kleineres, dem noch auf beiden 
Seiten ein Wulst unter dem Anschnitt der Kappen angefügt ist. Die spitz- 
bogigen Gurtbögen des nördlichen Außenseitenschiffes werden durch Wulste, die 
sich nach der Mitte des Bogens verjüngen, gebildet und wachsen ohne Kapitell, 
etwa in der Breite der Dienste, aus diesen heraus. Die Mittelrippen der fünf- 
teiligen Gewölbe haben ebenfalls kleine, aus einem Rundstab bestehende Dienste, 
die in Kämpferhöhe aufhören und jetzt nm* die Stelzung der Rippe andeuten, 
früher aber bis zum Kaffgesims heruntergingen. Zwischen dem dritten und 
vierten Joch des südlichen Außenseitenschiffes, vom Turm gerechnet, wird der 
Gurtbogen durch profilierte Steine mit Fasen und Viertelstäben gebildet. 
In diesem Schiffe werden die Gurtbögen durch starke Pfeilervorlagen an der 
Außenwand gestützt. Unter den Fenstern ziehen sich an beiden Seiten der 
äußeren Seitenschiffe Maßwerkfriese, aus Gipsmörtel gegossen, hin. (Vergl. Fig. 23.) 
Der im nördlichen Seitenschiff ist höher als der gegenüberhegende und besteht 
aus Rosetten mit wechselndem Paß- und Fischblasenmuster, zwischen denen 
kleine reich ausgebildete Fialen mit spätgotischen Kreuzblumen und Krabben 
stehen; der Fries an der südhchen Seitenschiffwand zeigt ähnliche Rosetten, 
dazwischen kleine Strebepfeiler. 

Die spitzbogigen Fenster der Seitenschiffe sind dreiteüig, mit zwei Pfosten 
die in Spitzbögen auslaufen. Die Verglasung, erneuert 1746 wie vom erwähnt, 

12 



besteht aus senkrecht und wagerecht laufenden Bleistreifen, zwischen denen die 
kleinen Scheiben sitzen. Die südlichen Fenster haben neue Glasmalereien erhalten. 

Die Kapellen zw^ischen den Strebepfeilern öffnen sich gegen die Seiten- 
schiffe in jedem Joche mit zwei Rundbögen. Sie sind überdeckt mit je zwei 
kleinen Kreuzgewölben mit Bimstabrippen auf Gipskonsolen und haben dem- 
entsprechend zwei dreigeteilte Fenster. Die Schlußsteine sind aus Gips gefonnt 
und mit Rosetten verziert. Das Dach schließt als Pultdach unter den Fenstern 
der Seitenschiffe an. Fast alle Teile dieser Kapellen sind 1833 neu hergestellt 
worden. In den Fenstern sitzen Teile von imbedeutenden Glasmalereien. 

An den Pfeilern zwischen den äußeren und den inneren Seitenschiffen 
befinden sich in der Längsrichtung der Pfeiler an beiden Seiten neue Figuren- 
konsolen, mit Baldachinen und Apostelfiguren aus Gips. 

Die Seitenschiffe sind neben dem Chor noch zwei Joche weitergeführt 
und mit drei Seiten des Achtecks geschlossen. Vom Schiffe sind sie durch Gurt- 
bögen getreimt, im Norden durch einfache breite, im Süden durch reich profilierte 
Spitzbögen. Die Rippen, Schlußsteine und Kapitelle sind die gleichen wie im 
Schiff. Die Trennung gegen den Chor ist durch breite Gurtbögen hergestellt, 
der Pfeiler zwischen den Fortsetzungen der Seitenschiffe ist im Norden achteckig, 
im Süden rund, beide sind mit vier Diensten besetzt. Der achteckige Pfeiler im 
Norden hat ein Ziegelsteinkapitell, aus gerader Platte mit darunterliegendem 
Viertelstab und Kehle bestehend. 

Zu beiden Seiten des Chores sind KapeUen angelegt, die sich in seiner 
ganzen Länge erstrecken, im Norden die Breite des inneren Seitenschiffes, im 
Süden die Breite beider Seitenschiffe einnehmen und, entsprechend dem Abschluß 
der Seitenschiffe, einen beziehungsweise zwei polygonale Abschlüsse nach Osten 
haben, über den Kapellen befinden sich Emporen, nach Volger Lektoren 
genannt, im Süden der sogenannte Ratslektor, im Norden der Junkerulektor. 
Die nördliche Kapelle ist in zw^ei Räume geteilt, der nach Westen liegende ist 
gegen das äußere nördliche Seitenschiff mit einem großen Rundbogen geöffnet 
und vermittelt durch eine gewendelte Treppe den Zugang zur Empore. Diese 
Treppe hatte früher eine Spitzbogentür nach dem Chor. Der nach Osten liegende 
Raum hat Türen nach dem Chor und dem Seitenschiff (Frohnleichnams- 
kapelle. Vergleiche vorn Seite 69 und 70). Unter beiden Räumen liegen Begräbnis- 
gewölbe, ebenso unter dem Seitenschiffe. An der Wand nach dem Seitenschiff 
befindet sich ein eingemauertes farbloses Sandsteiiu-elief, das die Auferweckung 
des Lazarus darstellt Die Kapelle an der Südseite des Chores dient als Sakristei. 
Der obere runde Pfeiler und die Außenpfeiler gehen bis zum Fußboden der 
Sakristei durch, dazwischen stehen Backsteinpfeiler aus Profilsteinen; die ent- 
stehenden Felder sind mit Kreuzgewölben überspannt. Die beiden Seiten- 
kapellen zwischen den Strebepfeilern sind zur Sakristei gezogen. Die Emporen 
haben Holzbrüstungen, die bis auf ein Feld neu sind. Dieses eine Feld zeigt 
sechs geschnitzte Füllungen aus verschiedenfarbigen Hölzern, durch Säulehen 
getrennt, in den Füllungsmitten Kreise mit den Wappen der Schomacker, Witzen- 
dorf, Stadt Lüneburg, Garlopen und Töbing, im letzten Kreise einen Frauenkopf. 
Die Kreise sind umgeben von reichem Ornament im Charakter des ausgehenden 



i~ 



-^ 91 S-^- 

16. Jahrhunderts. In der Sakristei wird eine kleine Darstellung der Verkündigung, 
aus Sandstein, von ganz hervorragender Arbeit, aufbewahrt. Ferner befindet 
sich hier eine kleine Bronzeplatte mit der Inschrift: „anno dni m® cccc^ xlv^ 
sexto idus aprilis erecta et pptura ecclesie säcti johls in luneburg. cui' tunc 
rector et pptus primus fuit dnus johanes de minda." 

Die nach dem Chor Hegende Achteckseite des nordlichen inneren Seiten- 
schiffschlusses und die erste Zehneckseite des Chores sind über der Empore 
durch einen offenen dreiseitigen Raum verbunden, der ein dreiteihges Fenster 
hat und mit einem dreiteihgen Kreuzgewölbe überdeckt ist. Die Abschlüsse der 
Seitenschiffe haben zweiteilige Fenster mit mittlerem Pfosten, der mit den Fenster- 
leibungeii durch Spitzbögen verbunden ist, darüber ein Rundfenster, das Ganze * 
diu"ch den Fensterspitzbogen eingefaßt. Auch in den Verlängerungen neben dem 
Chor haben die äußeren Seitenschiffe fünfteiüge Gewölbe, nur das über der 
Sakristei nach Westen liegende Joch hat ein gewöhnliches Kreuzgewölbe erhalten 
und dementsprechend auch ein großes fünfteiliges Spitzbogenfenster. Den Grund 
für die Änderung gegen die übrigen Joche bildet eine Wendeltreppe in der Außen- 
mauer, die früher den Zugang zur Empore über der Sakristei vermittelte und 
auch eine Tür nach außen hat. Jetzt bildet eine direkt ansteigende steile 
Treppe zwischen Schiff und Sakristei den Zugang zur Empore. 

An der Ostseite der nördhchen Kapellenreihe zwischen den Strebepfeilern 
befindet sich ebenfalls eine gemauerte Wendeltreppe neben einem Eingang von 
außen. Diese Treppe führt nur zum Dachboden. 

Im letzten Joch der Verlängerung des äußeren südUchen Seitenschiffs 
neben dem Chor sind Reste einer älteren Malerei in einer Gewölbekappe gefunden 
worden. Eine große weibHche Figur füllt die ganze Höhe der Kappe aus und 
steht auf einem Spruchband, das in gotischen Minuskeln die Inschrift „sancta'' 
erkennen läßt. Die Figur, in leichten grünen und gelben Farben, hat langes, 
gelbes Haar, Nimbus, einen Blumenkranz um das Haupt und ein langes Schwert 
in der Hand. (St Barbara?) 

Unter dem Kaffgesims des verlängerten südlichen Seitenschiffes, 
das hier höher liegt wie im anschüe!? enden Schiffteil, sitzt ein Maßwerk- 
fries, aus Gipsmörtel gegossen: reiches Fischblasenmuster, dazwischen Fialen 
mit Krabben und Kreuzblumen, unter den Fialen kleine Kapitelle, die 
die Bekrönung profilierter, auf dem Fußboden stehender Backsteinpfosten 
bilden. Unter dem großen Fenster sitzen sechs solcher Maßwerkfelder, unter 
dem nach Osten liegenden Fenster des zweiten Joches vier Felder. Der Fries, 
der sich unter dem nach Westen liegenden Fenster dieses Joches befindet, 
besteht auch aus vier Teilen, zeigt aber ein anderes Muster, in dem Spitz- und 
Kleeblattbögen mit Fischblasen vermischt sind. 

Der Turm erhebt sich bis zu einer Höhe von etwa 105 Metern. Im Unter- Turm, 
geschoß enthält er eine hohe, mit einem Kreuzgewölbe überdeckte Halle, die 
diu'ch Windfangtüren mit der Kirche verbunden ist. In den Ecken unterstützen 
Dienste aus drei Wülsten die Gewölbe. Über den Türen läuft auf einem 
Mauerabsatz ein Umgang herum. Das Gewölbe hat eine große Öffnung für 
das Aufziehen der Glocken. Ober den Windfangtüren hängt eine lange Holz- 

12* 



_J 



-*^ 92 8^ 

tafel, aus acht Feldern bestehend. Die Felder sind durch geschnitzte korinthische 
Säulen getrennt, oben und unten befinden sich geschnitzte Friese, unten eine 
ausgeschnittene und durchbrochene Kantenverzierung. Die Felder zwischen den 
Säulen waren bemalt 

Über der Halle erhebt sich der Turm in drei Geschossen, durch die der 
große Glockenstuhl geht. Die beiden oberen Geschosse sind von den Schall- 
öffnungen durchbrochen. Die Glocken hängen im obersten Geschoß. Das 
Mauerwerk besteht aus Pfeilern, die mit Bögen verbunden sind, zwischen ihnen 
Hegen dünne Füllwände. Der Helm baut sich in sechs Konstruktionsgeschossen, 
aber mit vielen Unterteilungen, auf. 

Neben dem Turm befinden sich auf jeder Seite in der Fortsetzung des 
inneren Seitenschiffes zweigeschossige Bauten, die patrizische Begräbniskapellen 
enthalten. Die unteren Geschosse sind durch große Bögen mit der Turmhalle 
und dem Kircheninnern verbunden. Nördhch vom Turm liegt im Erdgeschoß 
die Kapelle der Familie v. Dassel, früher der Famihe Garlop gehörig. Unter der 
Kapelle Hegt eine zweigeschossige Gruft, warscheinHch gehört die untere der 
Familie Garlop. Die Kapelle wird von drei einfachen Kreuzgewölben überspannt, 
deren bimstabförmige Rippen auf geschnittenen Gipskonsolen ruhen. Die 
farbigen Schlußsteine, ebenfalls aus Gips, zeigen den Pelikan mit seinen Jungen, 
das Lamm mit der Fahne und das Dasselsche Wappen. Die Dasselsche Kapelle 
öffnet sich gegen das Kirchenschiff mit einem großen Bogen, der in der Barock- 
zeit einen reichen Einbau mit vier Fenstern und üppiger Bekrönung, das 
Dasselsche Wappen einschließend, erhalten hat. Vor dieser Öffnung befinden sich 
in der KapeUe erhöhte Sitze, der sogenannte Dasselsche Kirchenstuhl, der von 
der Kapelle durch eine Holzwand, die bis zu den Gewölben reicht, abgeschlossen 
wird. Diese Holzwand hat in ihren oberen Füllungen nach der Kapelle zu 
reiche und feine Schnitzereien aus der Barockzeit. 

Der über der Dasselschen Kapelle Hegende Raum ist zugängig durch 
eine, in der Nordmauer des Turmes Hegende steinerne Treppe. Dieser Raum ist 
nicht fertig geworden. Er soUte drei Joche Kreuzgewölbe erhalten, davon sind 
aber nur die Schildbögen ausgeführt, die Gewölbe sind nie eingespannt worden. 
Jetzt ist der Raum durch eine Balkenlage in zwei Geschosse geteilt, die durch 
eine Wendeltreppe mit verzierter Wange und ausgeschnittenem Brettergeländer 
(18. Jahrhundert) verbunden werden. In der Nordmauer dieses Raumes ist die 
Vermauerung des Strebepfeilers der dreischiffigen Kirche erkennbar. Der Raum 
öffnet sich in seiner ganzen Breite mit einem niedrigen Stichbogen gegen das 
Schiff. Vor diesem Bogen liegt ein Balkon mit geschnitzter Brüstung, Maßwerk, 
Fischblasenornament in viereckigen Feldern, in deren Mitte Patrizierwappen 
angebracht sind. Diese Anlage kann nicht alt sein, wahrscheinHch hat die 
Brüstung ursprüngHch am Junkernlektor gesessen. In der Kirchenwand ist 
neben dem Turme ein zugemauertes Fenster des dreischiffigen Baues mit Kehlen- 
profil sichtbar. 

Von diesem Räume gelangt man auf den Umgang der Turmhalle und 
weiter durch eine gemauerte enge Wendeltreppe in die oberen Geschosse 
des Turmes. Außerdem führt eine Tür in den über der nordöstHchen Eingangs- 



-8-8 93 8^ 

haUe gelegenen sogenannten Dasselschen Saal, einen ganz schmucklosen Raum 
mit gerader Balkendecke und vier zweiteiligen Spitzbogenfenstern. Die darunter 
liegende nordöstliche Eingangshalle ist ebenso schmucklos. Der in der Ecke an 
der Außenwand liegende dicke Pfeiler enthält wohl eine vermauerte Wendel- 
treppe, die zum Dasselschen Saal geführt hat. In letzterem werden eine Menge 
Reste von zerst-örten Epitaphien aufbewahrt, die die Verständnislosigkeit früherer 
Wiederherstellungen in einem grellen Lichte erscheinen lassen. Der Dasselsche 
Saal öffnet sich gegen das nördliche Seitenschiff mit einem großen Spitzbogen, 
dessen Brüstimg eine Holzgalerie bildet, die aus sehmalen und hohen Maßwerk- 
feldern, unterbrochen von Strebepfeilern, besteht und wohl ursprünglich sein wird. 

Der südhch sich an den Turm anlehnende zweigeschossige Bau enthält 
im unteren Teile drei Gewölbejoche, von denen zwei jetzt abgeteilt sind und als 
Sakristei benutzt werden. Diese Kapelle öffnete sich ebenfalls im großen Bogen 
(jetzt Windfangtür) gegen das südUche Seitenschiff und war die Begräbniskapelle 
der Familie v. d. Molen, ihr Wappen ist schwach erkennbar an einem Schluß- 
steine, in Gips geformt. Im Joch nach dem Schiffe zu ruhen die Birnstabrippen 
auf mit Blattwerk ornamentierten, aus Gipsmörtel geformten kleinen Konsolen; 
die anderen Konsolen sind glatt. 

Der Zugang zu dem darüberliegenden, ebenfalls dreijochigen Räume erfolgt 
durch eine Treppe, die in der südlichen Turmmauer liegt, aber nicht weiter führt. 
Auf dieser Turmseite ist der Raum mit Kreuzgewölben versehen, die auf 
Baldachinen ruhen, darunter Figurenkonsolen. Baldachine und Konsolen sind neu. 
Eine große Spitzbogenöffnung verbindet den Raum mit dem Seiteuschiff. Vor 
dieser Öffnung hegt eine ähnliche Galerie, wie vor dem entsprechenden Raum 
an der Nordseite. Auch hier gilt das dort Gesagte. Die drei Schlußsteine der 
Kreuzgewölbe sind aus Gipsmörtel hergestellt und zweimal mit dem Wappen der 
Viskule geschmückt, der mittlere enthält Ornament. 

Von den vielen Altären die einst in der Kirche standen, haben sich nur Altäre, 
wenige aus gotischer Zeit erhalten, diese aber sind von hervorragender Schönheit. 

Der Hauptaltar steht unter dem Schlußstein des Chores und ist ein 
reich geschnitzter und bemalter Flügelaltar mit vier Flügeln. (Fig. 21.) Seine Formen 
gehören dem 15. Jahrhundert an (vgl. S. 77). Die äußeren Flügel sind ganz bemalt, 
die inneren Flügel nur an der Außenseite. Die Innenseite der inneren Flügel 
und der Mittelschrein werden ganz ausgefüllt von geschnitztem Bildwerk, 
das reich vergoldet und bemalt ist. Der Tisch ist von Stein und neu. Die 
verhältnismäßig hohe Predella hat in der Mitte ein vergittertes Reliquien- 
schränkchen, zu beiden Seiten davon in je drei Nischen mit Maßwerk- 
bekrönung die sitzenden Figuren von Propheten. Die geschnitzten Darstellungen 
des Mittelschreines bauen sich in drei Abteilungen übereinander auf. In der 
unteren Reihe stehen 16 Figuren von weiblichen Heihgen in Bogennischen 
mit seitlichen Maßwerkstretfen , darüber erscheinen in hohen Abteilungen, 
die mit reichsten Maßwerkbaldachinen bekrönt und durch fialenartige Scheide- 
wände getrennt sind, figurenreiche Darstellungen aus der Lebens- und 
Leidensgeschichte des Erlösers. Die mittlere Darstellung geht bis zum oberen 
Rande des Schreines und stellt in der Breite von zwei Feldern eine vollständige 



->^ 95 8^ 

Kreuziguiigsgruppe dar. Die ruhig wirkenden Szenen, von links nach rechts, 
bedeuten: Gethsemane, Verrat des Judas, Christus an der Martersäule, Geißelung, 
Dornenkronung, Verurteilung und Kreuztragung, dann die Kreuzgruppe (Mitte), dann 
Kreuzabnahme, Christus im Schöße der Maria, Grablegung, Auferstehung, Höllen- 
fahrt, Himmelfahrt und Ausgießung des Heiligen Geistes. Die obere Abteilung 
ist ausgefüllt durch maßwerkverzierte Vorbauten im halben Sechseck. Zwischen 
je zwei dieser Vorbauten, über den Fialentrennungen der mittleren Abteilung, 
sind Dreiviertelfiguren von Aposteln angebracht. Der Raum reichte nur zur 
Darstellung von 10 Aposteln aus. Alle Figuren sind reich vergoldet und farbig 
bemalt. Eine Bekrönung fehlt, sie soll früher aus aneinander gereihten LUien 
bestanden haben (Mithoff). Die mit Temperafarben auf Kreidegtnnd gemalten 
Büder der sechs übrigbleibenden Flügelseiten stellen auf den äußersten Flügeln 
die Legende des Heiligen Jakobus und die Kreuzigung dar, die Innenseiten dieser 
Flügel und die Außenseiten der geschnitzten Flügel zeigen farbige Darstellungen 
aus dem Leben der Heüigen: Johannes der Täufer, Georg, Katharina und Ursula. 

Zum Schulze der Predella dienten zwei Gemälde, die jetzt im Viskulen- 
saal liegen, sie sind je 0,82 m hoch, 1,04 m lang und stellen Auferstehung 
und Abendmahl dar. Die Auferstehung ist bezeichnet mit 1572, auf dem 
Abendmahl steht Renovatum 1607. Es sind gute Ölgemälde auf Holz in der 
Art des Daniel Frese. 

Die Rückseite des großen Mittelschreines ist bemalt mit einer farbigen 
Darstellung: Christus als Lebensbrunnen, am Fuße des Brunnens Menschen- 
gruppen. Links oben im Bilde kleines Abendmahl, rechts eine Kreuzigung, über 
beiden Schrifttafeln mit den bezüglichen Bibelstellen. Am Fuße des Bildes 
befand sich eine jetzt zugemalte Inschrift. Unter dem BUde Schränke mit 
verzierten Eisenbeschlägen. 

Im nördlichen äußeren Seitenschiffe steht die Rückwand eines Altars 
mit großem baldachinartigem Überbau, ebenfalls in spätgotischen Formen (Fig. 22). 
Der davorstehende Altartisch ist neu. Die Rückwand ist dreigeteilt, in der 
Mitte ein vertiefter Schrein, in dem die heilige Barbara mit Kelch als freistehende 
Figur erscheint. Zu beiden Seiten rechteckige Füllungen mit Malereien auf 
Goldgrund, der mit eingepreßten Figuren ornamentiert ist: links die heilige 
Anna selbdritt, rechts Maria mit dem Kinde und Joseph. Zu beiden Seiten der 
Bilder laufen senkrecht vergoldete Streifen mit eingepreßtem Ornament, das die 
Buchstaben: „IHES" und „MARIA" in gotischen Majuskeln wiederkehrend zeigt. 
Den oberen Abschluß des Mittelschreines bildet frei gearbeitetes durchbrochenes 
gotisches Ranken- und Blattwerk. Über diesen Darstellungen kragt der obere 
Teil des Altars in Form einer kleinen bemalten Hohlkehle aus, darüber zieht 
sich in ganzer Breite eine Füllung mit feinem, frei gearbeitetem Blattwerk hin. 
Über diesem Priese strebt die hohe baldachin artige Kehle, durch Rippen geteilt, 
heraus. In den durch die Rippenteilung hergestellten drei spitzbogigen Flächen 
sitzen die Wappen der Töbing, Döring und Schneverding, von reichem 
heraldischem Schmuck umgeben. Die Dreiteilung kehrt auch in der Bekrönung 
des Baldachins wieder und wird betont durch Fialen, zwischen denen durch- 
brochenes gotisches Rankenwerk mit Blattwerkspitzen den Abschluß bildet. 



Die Fialen werden von drei kleinen Spitzen begleitet. Vor den Fialen sitzen 
vier Wappenschilder, zweimal mit dem Wappen der Töbing an den äußeren 



■ JobannlsUrche; Altar Im DardllchcD Seltenschtir. 



Ecken und den Wappen der Döring und der Schneverding in der Mitte. Die 
Bekrönung durch Rankenwerk wiederholt sich an der Seite der großen Kehle. 



. JohanaliUrcha ; AlUr Im iQdllchcn 8' 



-^ 98 JH- 

An der südlichen Außenwand steht auf einem neueren Steinunterbau 
ein schöner gotischer Altarschrein mit zwei Flügeln (Fig. 23). Der Mittelschrein 
und die Innenseite sind mit bemalten und vergoldeten omamentalen und figuralen 
Schnitzereien ausgefüllt, die plastisch vor dem Goldgrunde der Rückwand stehen. 
Im Mittelschrein erscheint eine große Kreuzigungsgruppe mit vielen Gestalten 
am Fuße der Kreuze. Links und rechts von ihr stehen auf verzierten Säulen 
unter reichen Baldachinen Johannes der Täufer und St Georg. Der obere Teil 
über den Darstellungen wird ganz mit reich ornamentierten Baldachinen aus- 
gefüllt. In den Flügeln stehen in zwei Abteilungen übereinander je sechs Apostel, 
getrennt durch Säulen und bedeckt von Baldachinen. Hinter jedem Kopf ist in 
den Grund ein Nimbus mit dem Namen des Apostels eingepreßt Am Rande 
des Mittelschreines und der Flügel liegen in einer Mauerkehle geschmiedete und 
vergoldete eiserne Blätter. Zu Füßen der Darstellungen zieht sich ein feiner 
Omamentfries mit Figuren hin. Die Ornamentik des Altars ist von wunderbar 
feiner Erfindung und hervorragender Arbeit Die Außenseiten der Flügel sind 
bemalt mit je zwei Darstellungen übereinander; die Szenen aus dem Leben der 
Heiligen Georg und Katharina, darstellen. 

Über diesem Altarwerk befindet sich ein kleiner gotischer Altarschrein, der 
früher wohl eingemauert gewesen ist, 0,44 m breit, 1,14 m hoch, 0,18 m tief. In der 
von gedrehten Säulen eingefaßten und oben mit durchbrochenem Rankenwerk 
baldachinartig abgeschlossenen Nische steht frei Maria mit dem Kinde, von 
Engeln mit Weihrauchgefäßen umgeben. Unten hängt ein Schild mit dem Wappen 
der Erpensen. Alle Teile sind stark vergoldet und farbig, meist blau bemalt. 

An der Lektorenwand des südlichen Außenseitenschiffs steht ein gemalter 
Altar mit zwei Flügeln und zwei seitlichen Rückwänden in der Größe der 
Flügel. Das Mittelbild stellt eine große Kreuzigung mit landschaftlichem Hinter- 
grunde und goldener Luft dar. Der Rahmen ist vergoldet und zeigt an drei 
Seiten die sich wiederholenden Namen: IHES und MARIA, an der Unterseite: 
E : T : DOLOR • S : T • PIETAS • NON ME TVERENE • Die Innenseite der 
Flügel zeigt hnks übereinander St Gregorius und St. Nikolaus. Auf dem oberen 
und unteren vergoldeten Rande stehen die Namen der Heiligen in gotischen 
Majuskeln, am inneren Rande wieder: IHES und MARIA. Auf der rechten 
Flügelseite sind St. Thomas und St Katharina dargestellt, mit den Namen auf 
den unteren Rändern. Die Außenseiten und die Rückwand auf beiden Seiten 
sind ebenfalls bemalt, aber ohne Gold. Die Malereien stellen Heilige dar, auf 
den Flügeln Georg, Gregor, Antonius und Christophorus. Die linke Rückwand 
zeigt die Namen der dargestellten Heiligen: oben s.' f a b i a n' und s: i e r o n i m ', 
unten scts Sebastian' und s' jost Die rechte Rückwand hat keine 
Schrift. Das Ganze einschließlich der Flügel wird bekrönt von einem durch- 
brochenen, feingezeichneten Laubwerkornament, das vergoldet ist Die Malereien, 
die der gotischen Zeit angehören, sind hervorragend. 

Im Lüneburger Museum befinden sich folgende Altäre die aus der 
Johanniskirche stammen. 
1. Ein Altarschrein 1,78 m hoch, 0,86 m breit, 0,37 m tief. Die vorderen 
Kanten werden eingefaßt von spätgotischem Ornament, der obere Abschluß 



-H 99 »«- 

wird gebildet voq zwei Maßwerkbaldachinen mit Kielbogenlinien. Im Schrein 
steht eine große Figurengruppe, Maria selbdritt darstelleod. Überall sind 
Spuren von Bemalung erhalten. 
2. ESn kleiner Altarschrein 0,44 m breit, 0.85 m hoch, 0,12 m tief, auf einem 
Sockel , mit kielbogenför- 
migem Baldachin, unter dem 
eine Maria mit Kiod steht, 
mit starken Farbenspuren. 
Der reich gegUederte 
Körper eines 65,5 cm hohen 
Bronzeleuchters besitzt einen 
weiiausladenden runden Fuß, der 
auf drei Kugeln steht. Die (JUe- 
derungen des Körpers werden 
durch zwei Bänder unterbrochen, 
die zwischen spätgotischem Or- 
nament in gotischen Buchstaben 
dielnschriften : „Hynryck , EHbeke" 
und „metke • syn ' husfrow ' " 
1521 ■ tragen {Fig. 24). 

In der Sakristei befindet 
sich ein 31 cm hoher Measing- 
bronceteuchter, dessen Mittel- 
körpet als Frauenleib ausge- 
bildet ist Die Arme tragen die 
Lichtteller, der fischschwanz- 
artig auslaufende Unterkörper 
steht auf einem runden Fuß. 
(16. Jahrb.). 

Im nördhchen Neben- 
schiff hängt am westlichen Pfeiler 
ein großes Marienbild in Lebens- 
größe. Die Ölfarbe ist plastisch 
aufgetragen, so daß sie als Relief 
wirkt. Zu den Füßen Marias, 
die eine große Krone trägt und 
von Engeln umgeben ist, stobt 
das Kind in rotem Mantel, neben 
ihm liegt ein Hund. Am unteren 
Rande steht „Pinx; 1410", wahrscheinhch später hingeschrieben. Das 
1,65 m breite, 2,50 m hohe Bild ist offenbar eine gute gotische Arbeit, die aber 
mehrfach übermalt ist Ober dem Bilde ist ein bemaltes ausgeschnittenes Brett 
angebracht In der Mitte ein Kreis mit zwei Wappen und der Umschrift: „Hanss 
Daimeman, gebohr. 1572, D. 13. December, gestorben 1635, Margarete Wessels, 
Simon Danneman, Pater, gebohren 1-4'9Ö. Starb 1596, uxor Ilsabe Calms. 



Flg. H. Johuiatsklrcb«', AlUrlsachtor. 



-^ 100 8^ 

Kasten Wessel, gebohren 15.75, gestorb. 16.35, uxor Elisabeth v. D. Mohlen." 
Neben dem Kreis ein Band mit der Inschrift: „Renovari Fecit Simonis 
Abnepos Dieterich Wilhelm Danneman, uxor Beata Elisabetha Gätken." Da- 
zwischen, unter dem Kreise, die roh eingesetzte Jahreszahl 1733. Ob dieser 
Aufsatz in Beziehung zu dem Bilde steht, ist unbekannt 

In den nördlichen Kapellen hängen drei große Ölgemälde: 1) Luther 
mit dem Schwan, geschenkt vom Stadtbaumeister Johann Philipp Häseler, 
2) Melanchton, geschenkt von Ludolf Heinrich Metzendorf, und 3) Johann Huß. 

Femer steht hier ein langes Gemälde mit oberen halbkreisförmigem 
Abschluß, in der Mitte die Himmelfahrt, links Gethsemane, rechts Auferstehung 
darstellend und wahrscheinlich dem 16. Jahrhundert entstammend. Auf dem 
Rande steht: Ren. 1726. 

Im Schiff hängt ein Ölgemälde des Superintendenten Caspar Gödemann, 
gest. 1603. 
Geatühl. An beiden Langseiten des Chores ist ein reiches Chorgestühl erhalten. 

(Fig. 25, vergl. auch Fig. 20.) Der untere Teil und die Wangen sind gotisch, jeder 
Platz ist mit hohen Seitenlehnen versehen imd hat einen aufklappbaren Sit« 
mit einer Misericordia, die geschnitzt ist. Die Lehnenwangen sind bis zum 
Fußboden an der Vorderkante mit Säulchen versehen. Die beiden am östlichen 
Ende erhaltenen gotischen Wangen sind einfache viereckige Holzplatten, auf 
beiden Seiten mit figürlichen Schnitzereien geschmückt. Die nördliche Wange 
(Fig. 26 imd 27) zeigt auf der Außenseite eine obere und eine untere Darstellung, 
jede unter einem mit Hängekante, Ejrabben und Kreuzblume verzierten Kiel- 
bogen und eingefaßt von Säulchen, auf denen Fialen stehen. Im oberen 
Felde sind Bartolomäus und Jacobus d. J. dargestellt, unten zwei gekrönte 
Jungfrauen, eine mit Kelch und Fahne, die andere nur mit Kelch. (Fig. 26.) 
Die innere Seite ist ausgefüllt von einer großen gekrönten Frauengestalt, wohl 
der Heiligen Ursula. (Fig. 27.) Die südliche Wange hat an der Außenseite 
ebenfalls zwei Darstellungen, oben unter zwei Wimpergen zwei Männergestalten 
mit Schwertern, wohl zwei Apostel, unten unter schönem gotischem Blattwerk 
zwei FraueÄestalten, die eine mit zerbrochener Fahne und verbundenen Augen, 
nach Mithbp die unterUegende Synagoga, die andere mit umgekehrtem Kelch. 
Die Innenseite zeigt eine hohe Frauengestalt mit Rosenstab und einem Grefäß 
in der rechten Hand. Über den gotischen Sitzen befindet sich eine reiche 
Renaissancevertäfelung. (Fig. 25.) Über den vorgezogenen Wangen stehen 
geschnitzte Hermen, Tugenden und Laster darstellend, mit oberem verkröpften 
Gesims und auslaufend in konsolaxtige Glieder, die über das bekrönende 
Gesims hinweggreifen. Zwischen den Hermen aufgesetzte BogenfüUung mit ein- 
gelegten Streifen, zwischen Architrav und bekrönendem Gesims geschnitzter Fries. 
Die baldachinartige Überdeckung ist neu. Die Vertäfelung stammt von Wamecke 
Burmester (vgl. oben S. 77) und ist auf der Rückseite eines Frieses mit der Jahres- 
zahl 1593 bezeichnet. Vor diesem Chorgestühl soll eine zweite Bankreihe ge- 
standen haben und 1856 beseitigt worden sein. 

Im Museum wird eine gotische Wangenbekrönung, die aus der Johannis- 
kirche stammt, aufbewahrt. Sie ist wimpergartig ausgebildet, die Schrägen sind 





- W I I I I I I 



Flg. !5. JohmnUkUclie; ChorgMtühL T«tl. 



-t-S 102 8^ 

mit Krabben besetzt. Auf der etDen Seite erscheint das Stadtwappen, auf der 
anderen das der Viskule. 
GUamslereien. In den Kapellenfenstem befinden sich mehrere unbedeutende und stark 

verletzte Glasfenster, welche Evangelisten Apostel und Reformatoren darstellen 
und aus jüngerer Zeit stammen. 




kielte -nach-den Alfaf 




l i iH I I M I I I I I T 1= 

Flg. M, 17. Joluanliklrcliai Wuige TOin CborBeatUil. 



-^ 103 8^ 

Im Turm der Johanniskirche hängen 9 Qlocken. Glocken. 

Die Apostelglocke mit 1,955 m Durchmesser, 1436 vom Meister Gerd 
Klinghe gegossen, hat oben doppelte Inschriftreihe mit gotischem Ornament und 
am Klangbort einen Blattwerkfries. Am Mantel ist nach Westen ein Marienbild 
mit dem Gruß des Erzengels Gabriel im Nimbus, darunter als Gießerzeichen 
eine kleine Glocke, nach Osten ein Bild Johannes des Täufers mit dem Lamm 
angebracht. 

Die große Schelle hat 0,89 m Durchmesser; obere Umschrift und Ornament 
in der Art Gerd Klinghes; 1436 gegossen. 

Die Stundenglocke, 1516 von Hinrick, von Kampen als Schlagglocke für 
eine Uhr gegossen, hat 1,50 m Durchmesser, obere Umschrift und Blattfries darunter. 

Die kleine Schelle hat 0,77 m Durchmesser, obere Inschrift mit demselben 
Blattfries wie an der Stundenglocke und ist 1519, wahrscheinlich auch von 
Hinrick von Kampen gegossen. 

Die Viertelglocke mit 0,825 m Durchmesser und einer in zwei Zeilen 
herumlaufenden Inschrift ist 1600 von Andreas Heinecke gegossen. 

Die Probeglocke von 1607, mit 1,35 m Durchmesser, hat oben zweizeiUge 
Inschrift mit Palmettenfries und ist von Paul Voß gegossen. 

Die Schusterglocke mit 42,5 cm Durchmesser, von 1681, mit Inschrift 
auf dem Mantel. 

Die Wachtglocke von 1687 hat 1,97 m Durchmesser imd am oberen 
Rande vierzeilige Inschrift, darüber einen Fries mit den wiederkehrenden Gestalten 
von Josua und Caleb, die die Traube tragen. Sie ist aus einer früheren, 1516 
gegossenen Glocke 1687 von Arnold Kleimann aus Lübeck und der Witwe 
des Johannes Voß aus Lüneburg umgegossen worden. 

Die Sonntagsglocke hat 1,60 m Durchmesser und ist aus einer älteren 
Glocke 1718 durch Johann Christian Ziegner umgegossen. Sie hat obere Um- 
schrift, Inschriften am Mantel und am Klangbord. 

Die 1516 gegossene große Glocke ist 1792 vernichtet worden. Ihr 
Meister war Hinrick von Kampen. 

Die Inschriften der Glocken sind mit vielen Abbildungen veröffentUcht 
in den Lüneburger Museimisblättem, Heft 1. 

In der Kirche sind eine Anzahl Grabmäler erhalten, die zum Teil Meister- Grabmäler. 
werke ihrer Zeit sind. Sie sind hier in der Reihenfolge, wie sie in der Kirche 
hängen, verzeichnet, beginnend mit der Westwand. 

An der Turmwand hängt südlich eine marmorne Gedenktafel des Bürger- 
meisters Christian Kruse, gestorben 1709. Ein gemaltes Brustbild wird umgeben 
von Figuren, darunter ist die Inschrifttafel angebracht, die besagt, daß das 
Denkmal von der Frau des Verstorbenen gestiftet worden ist. Der untere 
Abschluß wird durch das Ehewappen und einen Engel gebildet. 

An derselben Wand nördlich hängt ein bemaltes kleines Sandstein- 
grabmaJ des Bürgermeisters Hieronymus Töbing, gestorben 1575, das ihm von 
seiner Witwe, geborenen von Dassel, und seinen Kindern 1621 gesetzt worden ist. 
Über einem schweren Gesims, das durch Konsolen mit dazwischen angeordneten 
Schrifttafeln unterstützt wird, ist in einem Rundbogen eine kleine plastische 



-^ 104 8^ 

Auf erstehung dargesteUt, flankiert von zwei Säulen und begleitet von Omament- 
ajüaufem. Darüber Architrav, Pries und Gesims. Dem Pries vorgehängt ist 
ein Dasselsches Wappen. Die Bekrönung besteht aus einer Sonne mit hebräischen 
Schriftzeichen. Die Breite ist 0,95 m, die Höhe 2,20 m. Das Ganze ist farbig, 
meist schwarz und weiß, behandelt. 

Über diesem Grabmal ist hoch oben an der Westwand eine Brömsensche 
Gedenktafel aus Holz, farbig bemalt, angebracht Aus einer Schriftplatte wächst 
ein Baum in zwei Zweigen, die sich nach rechts und links abbiegen, mit 
Patrizierwappen besetzt sind und ein großes Wappen mit Doppeladler um- 
schüeßen. Die Inschrift besagt, daß die Tafel zum Gedächtnis des Nikolaus 
Brömsen von seiner Tochter Magdalene, der Witwe Hartwig Töbings, am 
5. Januar 1600 gestiftet worden ist 

An der Fensterwand des nördlichen Seitenschiffes hängt eine Reihe von 
Denkmälern, als erstes eine Holztafel mit dem geschnitzten und bemalten 
Wappen des Bürgermeisters LudoU von Dassel, gestorben 1537, dann folgt eine 
ähnliche Tafel des Bürgermeisters Hartwig Dithmers, gestorben 1674, mit 
Omamentumrahmung. Eine weitere Tafel ist dem Bürgermeister Statins Töbing, 
gestorben 1637, gewidmet 

An dem nächsten Pensterpfeiler ist ein großes Marmorgrabmal des bei 
der Belagerung von Philipsburg gefallenen 23 jährigen Hauptmanns Franz 
von Witzendorf, gestorben 1676, angebracht In einem Lorbeerkranz erscheint 
das plastische Brustbüd des Hauptmanns im Haxnisch, von zwei sitzenden 
Prauengestalten umgeben. Auf dem geschweiften Bekrönungsgesims über diesen 
Bildwerken liegen zu beiden Seiten Harnische, in der Mitte auf einem Konsol 
zwischen den Gesimsendigungen sitzt eine weibliche Pigur mit dem Wappen 
der Witzendorf. 

Am nächsten Pfeiler hängt eine Holztafel mit dem Wappen des 
Bürgermeisters LudoU Ditmers, gestorben 1644. Eine Erinnerung an den 
schwedischen Obersten Duval befindet sich an einem Pensterpfeiler des 
verlängerten Seitenschiffes. 

An dem zweiten östlichen Pfeiler in der Verlängerung des äußeren nörd- 
heben Seitenschiffes hängt ein großes schönes Marmordenkmal des Johann 
Georg Domkrell von Eberhertz, gestorben 1701, und seiner Prau Magdalene 
Domkrell, geborenen Dohmsen, gestorben 1706. Die aufrecht stehende Schrift- 
tafel wird gehalten von zwei weibUchen Piguren und eingerahmt und bekrönt 
von reichem Blattwerk* Darüber steht ein nackter Knabe, zu beiden Seiten 
desselben in Ornamentovalen die Bildnisse der Verstorbenen. Die Spitze bildet 
ein ebensolches Oval mit einer symboUschen Darstellimg. Das Ganze steht 
auf einem starken, reich ornamentierten Gesims, dessen imterer Abschluß 
durch ein Elhewappen, von Blattwerk umgeben gebildet wird. Der Schild 
rechts ist einfach senkrecht geteilt, auf dem linken Schild ist ein Turm dar- 
gestellt. Die Arbeit ist meisterhaft 

Am östUchen Pfeiler des nördhchen Seitenschiffes ist ein schönes Grab- 
mal aus schwarz bemaltem Sandstein und weißem Marmor angebracht, dem 
Andenken des Bürgermeisters Albert Elver, gestorben 1628, seiner ersten Prau 



->^ 105 8^ 

Anna, geborenen Brömsen, gestorben 1601, und seiner zweiten Frau Gertrud, 
geborenen Witzendorf (Sterbezahl ist hier nicht ausgefüllt) gewidmet Auf einem 
schweren Gesims, das durch Konsolen gestutzt wird, stehen vier korinthische 
Säulen, vor ihnen Figuren, dahinter in den drei entstehenden Feldern in der 
Mitte ein Relief des jüngsten Gerichts, zu beiden Seiten Adam und Eva. Über den 
Säulen liegt ein das Ganze zusammenfassendes Gesims, auf dem in der Achse 
der Säulen vier Figuren stehen. Über dem mittleren Felde erhebt sich ein 
Aufbau mit zwei Säulen und Anläufern, ein Mittelbild, Himmelfahrt Christi, 
umschließend. Auch auf diesen Säulen stehen Figinren, zwischen denen ein 
Oval mit Christi Versuchung angebracht ist und auf dem Johannes der Täufer 
steht Das ganze Denkmal wird jseitiich von Anläufern eingefaßt und unten 
durch schneckenartiges Ornament abgeschlossen. Vor das untere Gesims legen 
sich drei Wappen, in der Mitte Elver, rechts und links Witzendorf. 

In der nördlich vom Chor liegenden KapeDe hängt ein gut gearbeitetes 
Marmordenkmal des Bürgermeisters Hieronymus Laffert, gestorben 1687; ein 
gemaltes Brustbild, umrahmt von Barockomament, in dem oben die drei 
Wappen, Zerstede, Laffert, Stöterogge, sitzen. Den unteren Abschluß bildet die 
Schrifttafel, umrahmt von weit ausladendem schönem Barockblattwerk. 

An der Wand dieser Kapelle, im inneren Seitenschiff, befindet sich das 
1575 errichtete Grabmal des Stadthauptmanns Fabian Ludich, der 1571 starb. 
Das gut erhaltene, aus grauem Sandstein gearbeitete Denkmal, Fig. 28, ist ein 
schönes Werk Alberts von Soest, des Meisters der Ratsstube. Auf einer großen 
Inschriftplatte, deren Ränder aufgerollt sind, stehen zwei reich mit Blattwerk 
und Köpfen ornamentierte Pfeiler mit kleinem Kapitellgesims, oben mit einem 
ornamentierten Rundbogen verbunden. Die Pilaster werden von Anläufern, 
der Rundbogen im Innern von einem auf Konsolen in Kämpferhöhe aus- 
kragenden Bogen begleitet über dem Rundbogen Architrav, Fries mit 
SchriftsteUen und Hauptgesims mit Frontgiebel, in dem Gott Vater in starker 
Bewegung erscheint Die Zwickel über dem Bogen werden durch zwei geflügelte 
Frauengestalten, Fides und Spes, ausgefüllt Von der Pilasterarchitektur ein- 
geschlossen wird eine reiche Darstellung, in der Mitte Christus am Kreuz, rechts 
imd links vom Kreuzstamm Fabian Ludich und seine Frau Gertrud Wilde, 
zwischen ihnen die Wappenschilder Ludich und Wüde unter einem Helm, im 
Mittelgrunde um den Kreuzstamm Küegergestalten in heftiger Bewegung, auf 
dem Schild der einen Figur das Künstlerzeichen Alberts von Soest: ^J%^ - Im 
Hintergründe ein Bild der Stadt Lüneburg, rechts und links unter dem Querarm 
des Kreuzes Sonne und Mond, über dem Kreuz ein großer Strahlenkranz mit der 
Taube. Das Denkmal erinnert an italienische Vorbilder, ist in seinen Verhält- 
nissen fein abgestimmt und in seinen Einzelheiten von großer Schönheit 
(Inschrift bei Behncke, Albert von Soest, Straßburg 1901,) 

An der entsprechenden Stelle des südlichen Seitenschiffes sind Reste eines 
farbig behandelten Denkmales ohne Bezeichnung eingemauert, in der Mitte 
erscheint ein großes Bild, Christus als Lebensbrunnen, mit vielen Gestalten um 
den Rand des Brunnenbeckens. Das Bildwerk wird eingerahmt von reichem 
Schnecken- und Rankenwerk mit Blumen und Früchten, die jetzt stumpf gegen 



die Bildtafel stoßeo. Auf der Spitze erscheint der Vogel Phönix, der 
untere Abschluß wird gebildet durch eine Kartusche, mit der Bibelstelle 



Flg. M. Johumliklrch«; Qubmal des Fabian Lndich. 

Johannes 4. Das Denkmal ist eine gute Arbeit, die wahrscheinlich um 1600 
entstanden ist 



-^ 107 8^- 

Im südlichen Seitenschiffe hängt nach Osten zu ein großes Grabmal des 
Ratsherrn und Bibliothekars Tobias Reimers, gestorben 22. Februar 1716. Auf 
einem Mannorgesims baut sich eine Pilasterstellung mit Sockel und Gebälk 
auf, neben den Pilastem stehen zwei Putten, über dem Gebälk reiche Omament- 
bekrönung, zwischen den Pilastern hängt ein rundes Wappen. Unter dem 
Marmorgesims ist eine tuchartig gefaltete Inschrifttafel, gehalten von zwei 
Putten, angebracht Aufbau und unterer Abschluß sind von weiß und schwarz 
gestrichenem Holze. 

Im westlichen Teile des südlichen Seitenschiffs ist an einem Fenster- 
pfeiler ein reich ausgebildetes Marmordenkmal des Daniel Johann von 
Braunschweig, gestorben 1718, angebracht. Die Mitte nehmen die beiden 
Wappen Braunschweig und Dassel ein, über ihnen, fast auf den Wappen 
ruhend, eine große geflügelte, weibliche Figur in lebhafter Bewegung, unter 
den Wappen ein Sockel mit Inschrift. Links neben dem Sockel steht 
eine geflügelte nackte männliche Figur mit Schild, in dessen Mitte „Effugio'' 
zu lesen ist, rechts kauert der Tod mit Sense und Stundenglas. Den 
unteren Abschluß bilden Konsolen und reiches Barocklaubwerk, in dessen 
Mitte eine Schrifttafel eingelassen ist. Die hervorragend schöne Arbeit 
scheint sich an der ursprünglichen Stelle zu befinden. 

An allen Pfeilern des Mittelschiffs sollen im Mittelalter große Grab- 
denkmäler von Patriziern vorhanden gewesen sein, erhalten sind nur zwei davon 
an den westhchen Pfeilern und zwar nach Süden das Denkmal des Bün^ermeisters 
Hartwäg Stöterogge, gestorben 1539, nach Norden das des Bürgermeisters 
Nikolaus Stöterogge, gestorben 1561. Das Denkmal Hartwigs von Stöterogge 
(Fig. 29) ist 1552 erbaut, es folgt in seiner Grundform der runden Umrißlinie 
des Schiffpfeilers und besteht aus einem großen Mittelfelde, in dem die Auf- 
erstehung plastisch dargestellt ist, umrahmt von zwei reich ornamentierten 
Pilastem und bekrönt von Architrav,. Fries und Hauptgesims mit Frontgiebel. 
Das Gebälk ist über den Pilastem verkröpft. Das Mittelbild wird von einer 
großen, dem Grabe entsteigenden Christusfigur beherrscht, zu Füßen derselben 
links und rechts die knienden Figuren Hartwig Stöterogges und seiner Frß.u 
Margareta; zwischen den Figuren das Ehewappen. Unter diesen Figuren 
eine große Kartusche, von zwei Figuren gehalten, mit lateinischer In- 
schrift Die Pilaster sind mit feinem Omament und Reliefköpfen ge- 
schmückt, außerdem zeigen sie Inschriften, die im oberen Teile Bibel- 
sprüche, im unteren Teile links den Tod Hartwig Stöterogges, 13. Febmar 
1539, rechts den seiner Hausfrau Margaret, 14. August 1540, betreffen. 
Ferner steht ganz unten am Unken Pilaster in schönen Schriftzeichen: 
GESZKE UX : T 1493, am rechten Pilaster: MARGARETE UX:0T 1483, 
über den Inschriften links das Wappen der Hoyermann, rechts das Wappen 
der Elver. 

Im Fries befindet sich eine Darstellung der Geschichte von Jonas und 
dem Walfisch, links davon das Wappen der Stöterogge, rechts das Wappen der 
Stoketo. Im Frontspieß tritt aus einem Kreise in voller Plastik ein männlicher 
Kopf stark hervor, der Kreis wird von knienden Engeln gehalten. Mithoff hält 

14* 



den Kopf für das Porträt des Bildhauers. Das ganze Denkmal ist etwa 5 m 
hoch, aus Sandstein beigestellt uod farbig bemalt 



. Johann Isklrcbe; Orabmnl Il>rtwlcb StStnonw. 



Das gegenüberliegende Denkmal Nikolaus Stöterogges {Fig. 30) ist in 
zwei Teilen übereinander aufgebaut. Es hat ebenfalls kreiss^mentförmigen 



Grundriß, dem Pfeilerumriß folgend. Der untere Teil ist von zwei freistehende» 
wilden Männern umrahmt, die ionische Kapitelle tragen, das Mittelfeld 



Ptg. W. Jolianiittklrcfae; arkbrnklNlkoUatStOterosses. 

enthält die große Inachrifttafel, die an den RMidem kartuschenartig aufgerollt 
ist, darüber drei große Wappen, Elver, Stöterogge, Glöden. Der obere Teil ist 
durch reiches Gebälk, dessen Pries eine lange lateinische hischrift (Bibelstelle) 



-Hl 110 8*^ 

enthält und das über den Figuren verkröpft ist, vom unteren Teile getrennt 
Das obere Mittelfeld wird von zwei ionischen Säulen flankiert und zeigt eine 
figurenreiche plastische Darstellung des jüngsten Gerichts in naturalistischer 
Auffassung. Den Mittelpunkt bildet wieder Christus auf der WeltkugeL Ein 
reich ornamentiertes Gebälk schließt diese Darstellung nach oben ab. Auf dem 
Hauptgesims steht eine geschwungene Bekrönung mit starkem Gesims und kreis- 
förmigen Anläufern, in denen sich Engelköpfe befinden. In der Bekrönung ist in 
Relief die Dreieinigkeit dargestellt Das Denkmal ist etwa 6 V2 ™ l^ocl^ ^^^ 
aus Sandstein, der bemalt ist, hergestellt Dr. W. Behncke a. a. o. halt 
das Denkmal für ein Werk Alberts yoii Soest Inschriften beider Epitaphien 
bei Behncke. 

In der nordwestlichen Vorhalle befinden sich zwei Wanddenkmäler der 
Familie von Dassel, ein großes schönes Marmorwerk des Hartwig von Dassel 
gestorben 1716, und ein Sandsteindenkmal des Bürgermeisters Ludolf von Dassel, 
gestorben 1537. 

Das Marmordenkmal ist, wie es scheint, nicht mehr vollständig erhalten. 
Auf einem schräg aus der Wand vortretenden Sargunterteil in monumentalen 
Formen stehen die beiden Wappen Hartwigs von Dassel und seiner Frau 
Elisabeta Dorothea Braunschweig, gestorben 1704, von zwei Putten gehalten 
Darüber baut sich eine reiche, ornamental behandelte Pilasterarchitektur auf, die 
eine dunkle Schriftplatte mit Goldbuchstaben umgibt. 

Das Sandsteingrabmal Ludolfs ist eine rechteckige Platte mit Postament, 
1,60 m breit, 3,10 m hoch. In der Mitte befindet sich eine die ganze Fläche 
ausfüllende heraldische Darstellung mit drei Wappen, etwas höher stehend das 
Dasselsche Wappen, rechts das der Familie Stöterogge, links das der Familie 
Sankenstede, über den Wappen zwei Putten, die eine Schrifttafel halten. 
(Fig. 31.) Das Ganze wird eingerahmt von zwei flachen ornamentierten Säulen, 
auf denen ein Gesims mit halbkreisförmiger Bekrönung liegt. In dem Halbkreis 
liegt ein schlafender nackter Knabe mit Totenkopf und Sanduhr, darüber ein 
Schriftband „nascendo morimur". Die Zwickel neben dem Bogen werden durch 
wappenhaltende Putten ausgefüllt, links der Schild der Stöterogge, der rechte 
Schild ist leer. Unter der heraldischen Darstellung eine den Raum zwischen 
den Säulen einnehmende Schrifttafel, deren Ränder aufgerollt sind. Dieser 
obere Teil steht auf einem ornamentierten Gesims mit Zahnschnitt, das den 
oberen Abschluß des Postamentes bildet, darunter sind die Flächen bis zum 
Sockel ganz mit einem feinen, künstlerisch sehr wertvollen, leider aber schon 
arg zerstörten Ornament bedeckt, das den Charakter der Friese in der großen 
Ratsstube hat und seine Übereinstimmung mit den Terrakottenornamenten an 
der Neuen Sülze, namentlich im Gesims, nicht verleugnen kann. Vielleicht 
haben wir es hier mit Werken des Bildhauers Gert Suttmeyer zu tun. Die 
Figuren und Ornamente des oberen Teiles sind weniger gut und scheinen von 
anderer Hand zu stammen. Auf allen Teilen sind echte Farbenspuren zu entdecken. 

In einer der nördlichen Kapellen befindet sich ein Wanddenkmal der 
Jungfrau Catharina Sophia Baumgarten, gestorben 1676, Tochter des Syndikus 
Johann Burchard Baumgarten und seiner Frau Sophie Catarina, geborenen 



-^ 111 8-^ 

Usler. Die mittlere Schriftplatte ist zu beiden Seiten von einer Wappenreihe 
eingefaßt. 

In der Tunnhalle stehen drei steinerne Grabdenkmäler an der Wand. 
An der Südwand sieht man als erstes eine rechteckige Saadsteinplatte von 



Flg. II. JohtumllklTcha; Onbrnal Lndolft v 



guter reifer Arbeit, 1,72 m breit, 2,56 m hoch, ganz fiirbig bemalt. In der Mitte 
erscheint eine große männliche Figur, die zwei Wappen, Glöde und Schomaker, 
hält, unter der Figur Schrifttafel mit lateinischem Gedicht. Das Ganze wird 



->*8 112 8^ 

umrahmt von einer Umschrift in römischen Majuskeln, die in den Ecken von 
vier Kreisen mit Wappenschildern unterbrochen werden. Die Umschrift lautet: 
MARTINVS . GLOEDE • J : V. DOCTOR. AC • INCLUTI • SENATVS • SYNDICUS • 
OBHT . ANNO • MDXXffll • ALTERA • MAURITII • ELISABET • ÜXOR • OBIIT • 
ANNO . MDXXXVI • IN • PROFESTO • VALENTINI • 
oben rechts Wappen mit Adlerfuß und Umschrift: 

.ESTE . GLADOW • 
oben links das Glödesche Wappen mit der Umschrift: 

WICHMANN • GLOD • 
unten hnks Wappen der Glöde mit Umschrift: 

GORGES . GLODE • 
unten rechts Wappen mit Weinranken und Umschrift: 

BARBARA • LANGENS • 
Das Renaissancelaubwerk der heraldischen Darstellungen ist gut gearbeitet 
Auch diese Arbeit hängt ihrem Ursprünge nach wohl mit dem Dasselschen Epitaph 
in der nordwestlichen Vorhalle und den dort genannten Arbeiten zusanunen. 

Das zweite Steiijdenkmal an der Südseite, dem Doktor Stephanus 
Gerkius gewidmet, ist eine rechteckige Steinplatte, mit Gesims und einem 
bekrönenden Bildwerk, der Erschaffung der Eva. Den unteren Teil des Steines 
bildet eine Schriftplatte mit aufgerollten Rändern. An der Seite dieser Schrift- 
platte ist auf den Rand des Steines: OBHT • ANNO • 1546, links an der ent- 
sprechenden Stelle: IN • DIE • CATHARINiE • gesetzt. Das Mittelfeld enthält in 
Bogenumrahmung ein FlachreKef, die Himmelfahrt, mit seitUchem Ornament, 
unter dieser Darstellung rechts und Knks die knienden Gestadten der 
Verstorbenen, dazwischen Wappen: rechts Gerkius, links ein Wappen, geteilt 
mit Adlerflügel und Traube. Das Gesims ist noch gotisch, das Ganze Hand- 
werkerarbeit. 

An der Westwand steht hnks vom EÜngang eine 1,46 m breite, 2,40 m 
hohe rechteckige Steinplatte, dem Andenken des Stadthauptmanns Joachim 
von Gule, der, 35 Jahre alt, 1559 erschossen wurde, gewidmet In einem 
Rundbogen steht ein geharnischter Ritter, wohl der Stadthauptmann, unten 
links ist das Wappen, ein rotes Einhorn im weißen Felde angebracht Das 
Ganze eine ungeschickte Handwerkerarbeit, die wohl eher dem Verfasser des 
vorhergehenden Steines als Albert von Soest, wie es Behnke (a. a. 0.) will, 
zuzuschreiben ist. Das Zeichen Soests ist nicht vorhanden. 

In der Dasselschen Kapelle neben dem Turm befinden sich folgende 
Grabdenkmäler: Eine viereckige Platte des Ludolf von Dassel, gestorben 1609, 
mit dem von einem Oval umschlossenen Wappen der Dassel, darunter Schrift; 
eine zweite Platte mit derselben Anordnung von Wappen und Schrift, dem 
fürstlich Gottorpschen Kammerschreiber Georg von Dassel, gestorben 1632, 
gewidmet, und eine dritte Platte, die das Wappenbild der Dithmers mit der 
Jahreszahl 1601 zeigt und dem Andenken der Gemahlin Ludolfs von Dassel, 
Elisabeth, geborenen Dithmers, geweiht ist. Ein Mannordenkmal des Bürger- 
meisters Leonhard von Dassel, gestorben 17. November 1706, zeigt in der Mitte 
eine oval umschlossene, in Bogenform heraustretende Schriftplatte, umgeben 



i 



-^ 113 S^ 

von seitlichen Wappenreihen, die einem Stammbaum aufgeheftet sind, der aus 
einem den unteren Abschluß bildenden Totenkopf herauswächst An der süd- 
lichen Wand der Kapelle steht das schöne Marmordenkmal [des Bürgermeisters 
Georg von Dassel, gestorben 1751, die ganze Höhe der Schildbogennische ein- 
nehmend. Auf einem Sockel mit schweren Schneckenanläufem steht ein hoher 
Aufbau; der seiÜich von barocken Konsolen mit freistehenden Figuren begleitet 
wird und im unteren Teile die Schriftplatto enthält, über der eine freie Fläche 
gebildet wird. Auf dieser Fläche hing früher der jetzt verschwundene Holzschild 
mit dem Dasselschen Wappen. Das Denkmal ist von einem eisernen Gitter aus 
derselben Zeit umgeben. 

Im Fußboden der nördlichen Kapellenreihe liegen folgende Grabsteine: Grabsteine. 

Schriftplatte für Joachim Jacob Reincke, 'gestorben 1745 und seine 
Frau Anna Catharina, geborene Munter. 

Ein großer Stein mit drei Wappen für den Senator Christian Papei 
geboren 1623, gestorben 1692, und Elisabetha Gr . . en und Anna MargareÄa 
Rhebinders. 

Grabstein mit großem stark erhabenen Wappen und der Unterschrift: 
„Erbbegräbnis der Familie von Stern, renov. 1855." 

Grabstein für Ludolph von Döring, gestorben 1723, imd seine Frau Anna 
Catharina, geborene Lüde. . . ., oben Ehewappen. 

Steinplatte mit zwei Wappen, für Hartwich Jochen Soltow — Sterbezahl 
nicht ausgefüllt — imd seine Frau Elisabeth Anna, geborene Bansauen, ge- 
storben 1755. 

Steinplatte mit zwei Wappen in der Mitte und vier Muscheln an den 
Ecken, für die Brüder Christian Daniel Biehle, gestorben 1742, imd Johann 
Heinrich Biehle, gestorben 1728. 

Steinplatte des Hauptmanns Wilhelm Boye, — ohneJSterbezahl — und 
seiner Frau Catharine Dorothee, geborenen von Dassel, gestorben 1716, mit Ehe- 
wappen in der Mitte und vier Rosetten in den Ecken. 

In der vierten Kapelle von Westen wird eine Schriftplatte- mit vergoldeten 
Buchstaben auf blauem Grunde, der Grabstein für den Ratmann Hans Audorf, 
gestorben 1618, und seine Frau Ursula Puffe, aufbewahrt. 

In der Sakristei liegen zwei Deckplatten von Erbbegräbnissen, und zwar 
der FamiUe Biehle-Nieper, ohne Jahreszahl, und der Familie Panning mit der 
Aufschrift: Johann Peter Panning, geboren 1695, gestorben 1743, Margarete 
Ilsabe, geborene Biehlen, gestorben 1760. 

Außerdem liegt hier noch eine halbe zerstörte Platte, auf der der Name 
Christoph Greve, geboren 1738, gestorben 1819, erkennbar ist. 

In die Wände der Turmhalle sind drei Grabsteine eingelassen, an der 
Westwand der des Nikolaus Holste, gestorben 1742, und seiner Frau Margarete 
Elisabet, geborenen Störbecken, gestorben 1742, mit dem Ehewappen, an der 
Nordseite links der des Hieronymus Friedrich Zarstedt, gestorben 1709, und seiner 
Frau Dorothea Elisabeth, geborenen Töbing, gestorben 17 . ., rechts der des Georg 
Töbing, gestorben 1703, und seiner Frau Elisabeth, Catharine, geborenen Braun- 
schweig, gestorben 1743. 

15 



-^ 114 8^ 

In der Dasselschen Kapelle neben dem Turm liegt eine Grabplatte für 
Georg von Dassel, gestorben 1635 und seine Frau Catharine, geborene Düsterhop, 
und eine zweite für Georg von Dassel, gestorben 1629. 

An der Chorseite der Kirche befindet sich ein Grabstein des Tobias 
Meyer ohne Jahreszahl, aber mit einer Hausmarke. 
Hostiendosen. Eine kreisrunde Hostienschachtel zeigt flaches eingeritztes Ornament der 

Renaissance. Der anscheinend zugehörige Löffel tragt die Inschrift: AD. D. 
• LAMBERT- ANNO' 1645. 

In der Sakristei wird eine silberne ovale Hostienschachtel mit dem 
Stempel HGK. und eine silberne viereckige mit Omamentbekrönung auf dem 
dachförmigen Deckel, mit dem Stempel: zwei gekreuzte Schwerter, aufbewahrt. 
Ein Hostienlöffel mit Traube am Stiel zeigt auf dem Rücken der Schale ein 
Wappen und am Stiel die Inschrift: LVCOB- DANCKWERS* IVRATVS' 1656. 
, Zwei gleiche silberne Hostiendosen des 18. Jahrhimderts für Kranken- 

kommunion sind rechteckig, mit eingra^dertem Ornament auf allen Seiten, eine 
kleine runde aus derselben Zeit zeigt an der Oberseite ein eingeritztes Kreuz. 
Kelche. Es sind 14 Kelche vorhanden,! die teilweise aus der Lambertikirche 

stammen, (vgl. S. 129). 

1) Ein 18,5 cm hoher Kelch hat auf dem sechsblättrigen Fuß ein aufgeheftetes 
Kruzifix und am Knauf sechs Nägel mit den Buchstaben: IHESVS. Am 
Fuß die Inschrift: AD QVARTAM VIKARIVM STEPHANI FVNDATVM 
PER DONMINV FREDERCV HORNINGH 1523. Die einfache Patene hat ein 
eingeritztes Ejreuz. 

2) Ein 20 cm hoher Kelch hat auf dem sechsblättrigen Fuße ein Kruzifix, 
darüber das Wappen der Sanckenstede, links ein solches der Töbing, rechts 
der Sanckenstede. Die Wappen sind in Grubenschmelz ausgeführt. Dem 
Kruzifix gegenüber sind drei gefaßte Perlen, angebUch Flußperlen aus der 
Lüneburger Heide, auf den Fuß geheftet. Der Knauf hat sechs Nägel mit 
i h e f V s in Grubenschmelz. Am Halse über und unter dem Knauf i h e f v s 
und maria. Die Patene hat ein eingeritztes Kreuz. 

3) Ein prächtiger 31,4 cm hoher gotischer Kelch mit gerader Kuppa hat 
geradlinig begrenzten sechsseitigen Fuß mit einem aufgehefteten silbernen 
Kruzifix über eingraviertem Ornamentgnmd auf einer Seite, die anderen 
fünf Seiten sind graviert mit Heiligenfiguren zwischen Ornament, und zwar 
rechts vom Kruzifixus Johannes, Petrus, ein Bischof am Kreuz, Paulus und 
Maria. Am Rande des Fußes läuft die Inschrift herum: „Missam qui dicis 
in honore(m) dei genitricis Hoc vas pro dante tu post orabis et ante amen." 
Der Knauf ist mit durchbrochenem Maßwerk verziert, die sechs Nägel 
tragen die Buchstaben i h e f u s in grünem Schmelz. Über dem Knauf am 
Hals: „ave ma", darunter „ria gracia pl". Die Patene ist rund mit ein- 
gepreßtem vertieftem Vierpaß und Weihkreuz. 

4) Gotischer 15 cm hoher Kelch mit sechsblättrigem P^iße, dem ein Christus- 
körper auf eingeritztem Kreuz aufgeheftet ist. Der runde Knauf hat vier 
Nägel mit silbernen Rosetten, zwischen ihnen die Inschrift: ihefus/crift' 
filius/vginis. Über dem Knauf ist der Hals halb abgeschnitten, mit 



! -^ 115 8^ 



den unteren Teilen der Buchstaben i h e / f u s, unter dem Knauf am Hals 
crif/tvs. Auf der Innenseite des Fußes steht „metteke stokers". 

5) Ein gotischer Kelch, 15,4 cm hoch, mit rundem glattem Fuß, dem auf der 
einen Seite ein Christuskörper, auf der anderen ein Wappen mit 
Eber und Weinranke in grünem Schmelz aufgeheftet ist, hat einen Knauf 
mit sechs Nägeln, in denen die Buchstaben IHESVS erscheinen. Der 
Hak ist ornamentiert An der Unterseite des Fußes ist eingeritzt: „Domin' 
gherbert' Euerwyn dedit anno dm 1498". Die Patene hat ein Kreuz und an der 
Unterseite dieselbe Inschrift mit den ausgeschriebenen beiden Anfangsworten. 

6) Ein 30,4 cm hoher Kelch mit achtblättrigem Fuß und aufgeheftetem 
Christuskörper auf eingeritztem Kreuz hat einen Eiiauf mit den Buchstaben 
IHESVS und zwei Rosetten in den acht Nägeln. Die Formen sind grob 
und gehören wohl dem Ende des 16. Jahrhunderts an. Die Patene ist glatt. 

7) Ein dem vorigen in den Formen ähnlicher, 28,5 cm hoher Kelch, ebenfalls 
mit achtblättrigem Fuß von tief eingeschnittener Form und aufgeheftetem 
Kruzifix. Beide Kelche tragen das gleiche Meisterzeichen, zwei gekreuzte 
Schwerter, neben dem Lüneburger Löwen. Die Patene hat ein Ejreuz. 

8) Ein kleiner Kelch mit einfach profiUertem Hals und rundem Fuß 9,8 cm 
hoch, zeigt an der Unterseite die Inschrift: „E. calice ab 1606 aegro. dicato 
confic. cur. J. C. Beyer. Jur. adm. ad aed. St. Lamb: 1807". 

9) Ein Kelch von gleicher Form 10,4 cm hoch, hat die Inschrift: „E calice ab 
1596. aegro. dicato confic: cur: J.C.Beyer: Jur: adm: ad aed: St. Lamb: 1808". 

10) Renaissancekelch, 12,9 cm hoch, mit rundem Fuß und Knauf mit plumpem 
Ornament. Auf dem Fuße die Inschrift: „HOC* CALICE* VTITVR- TEM- 
PLVM D: LAMBERTI PRO iE GROTANTIBVS- ANO 1606". Darunter: 
RENOVATÜM- 1-6-37. Patene glatt, mit Umschrift an der Unterseite: 
„F. PH- Adm: Jur: ad St: Lamb: Anno 1753". 

11) Spätrenaissancekelch, 23 cm hoch, mit rundem Fuß, der Hals in Vasenform 
mit Blattornament. Am imteren Rande der Stempel G. F. K. Patene mit Kreuz. 

12) Drei kleine schmucklose Kelche mit rundem Fuß, für E^rankenkommunion, 
sind 9 cm hoch. Zwei davon haben am Fuße die Stempel: Halbmond 
neben 12 und „WiUe". 

13) Fünf runde einfache Zinnkelche. 

Zu den Kelchen gehören zwei Saugröhrchen, ein großes in einfachen 
Formen und ein kleines, reicher [mit Blattwerk ornamentiert, beide Silber, 
vergoldet 

Im Mittelschiff hängen drei Messingkronen. Die westlichste hat an Kronleuchter 
profiliertem Mittelkörper 16 Arme in zwei Abteilungen übereinander. An der 
Kugel erscheint ein Ehewappen mit den Namen : HINRIK KROGER imd ANNA 
KROGEIRS. Der mittlere Leuchter hat ebenfalls 16 Lichtträger in zwei Abteilungen 
übereinander. Auf der einen Seite steht unter einem Wappen: 
H. CHRISTIAN BVSKE DER ELTER SELIGER. WELCHER NACHDEM ER IM 
EHSTANDE 38 • lAR FRIDLICH GELEBET. EIE • VND HOCHW • RAHTS 
MITGLIED 28 . lAR . DIE KAMMEREY 19 lAR TREVLIG VERWALTET • IM 

75 . LVR SEINES ALTERS GESTORBEN 1666. 

15* 




JohumisUroha ; PG 
Kronlgnelitcr'im Clio" "t' 



Auf der anderen Seite, eben- 
falls unter einemWappen: „Salome 
Wisseis" und darunter ein Bibel- 
spruch. Im letsrten Gewölbejoch 
am Chor hängt eine reich aus- 
gebildete Krone mit 32 Armen 
in drei Abteilungen übereinander. 
Der reich profilierte Mittelkörper 
endigt unten in einer großen 
Kugel, die ganz mit Schrift und 
zweiWappen bedecktisi Zwischen 
den Wappen steht auf der einen 
Seite: IN ■ DEI ■ 0: M: HONORE- 
ORNAME - ALBERTI ■ MUTZE- 
LTINI • ET . ANN^ • LECTISS : 
PARENTVS : CHARISS ■ HAEC - 
VERO . ID : IVN : A : C ; RE . 
MEMOR : FILR - FILLEQ ■ AO : 
SA PAR : 
_ Aul der anderen Seite: 
TV • H VS -.EDISS AC : ATQ ■ V: CL ■ 
TOBINGjE ■ VXOR: EIVS -FOEM ■ 
Q VORV ■ ILLE - VI ■ NON : MAD ■ 
l-5-8.6:PIE-IN-DN0-0BlE- 
SVPERSTIrME- F:F: 1.5.8.7; 

Alle drei Kronen haben als 
oberen Abschluß einen doppel- 
köpfigen Adler. 

Im Chor hängt eine Krone, 
die 10 Lichtträger und außerdem 
viele Arme hat, die nur als 
Schmuck angebracht sind, ohne 
Lichtträger zu sein. (Fig. 32.) 
Sie ist zum Andenken an die 
im Wochenbett 1662 gestorbene 
Elisabeth Höllner von ihrem 
Gatten Georg Laffert gewidmet 
1667. Der obere Abschluß wird 
gebildet durch eine geflügelte 
weibliche Gestalt. 

Im nördlichen Seitenschiff 
hängt ein prächtiger gotischer 
Leuchter aus bemaltem und 
vei^oldetem Holze. (Fig. 33 und 
34.) Auf einem von hängendem 



I I I I t I I I I T 

Flg. 3S. JahumUklnsbc; Ibrienleachter. 



-^ 118 8^ 

Maßwerk umgebenen, thronaxtigen Postament stehen an beiden Seiten geschnitzte 
hohe Pfosten, die einen reichen, sechsseitigen Baldachin tragen. Die Pfosten 
endigen in Fialen und sind an den Außenseiten mit Engels- und Heihgenfiguren 
besetzt Ein mit geschmiedeten Blättern besetzter Eisenbügel hält an den Pfosten- 
enden den ganzen 2,50 m hohen Aufbau. Unter dem Baldachin stehen auf dem 
Postament in tiefblauer Mandorla zwei Figuren, mit dem Rücken aneinander- 
gelehnt, auf der einen Seite Maria mit dem Kinde, auf der anderen Seite eine 
Bischofsgestalt, Erasmus (?). Maria ist von einer Strahlenglorie umgeben. Auf 
der ornamentierten Mandorla sitzen an beiden Seiten je sechs musizierende Engel, 




-fwniit- 



^ 



Flg. 84. Johannisldrche; Marienleuchter, Grandrifi. 



Leuchter. 



auf der Spitze erscheint Gott Vater mit der Weltkugel. An dem Postament 
sind sechs gebogene Arme mit Lichttellem angebracht In dem oberen 
eisernen Bügel hängt ^ein beiderseitig bemalter Schild, auf der einen Seite ein 
Wappen (das der Wollweber?), auf der anderen Geräte zeigend. Das Kirnst- 
werk entstammt dem 15. Jahrhimdert 

Im südhchen Seitenschiff hängt ein eigenartiger gotischer Leuchter. (Fig. 35.) 
Eine kreisrunde flache Blechplatte mit aufgebogenem Rande wird von drei mit 
je zwei goldenen Kugeln besetzten Bügeln getragen. An der Platte sind die 
Lichtteller angebracht, zwischen ihnen hängen sechs Schilder, in der Mitte der 
Platte hängt ein siebenter Schild. Der Plattenrand war mit Schriftzeichen bemalt, 
die Schilder mit Wappen. In der Mitte der Platte steht eine vierte Kerze. 
Inschrift und Wappen sind nicht mehr zu erkennen. 

Neben der Kanzel befindet sich ein spätgotischer Lichthalter, etwa 3 m 
hoch, aus Holz geschnitzt Auf einer gedrehten Säule mit Perlen und gotischer 



-^ 119 H- 



Bekrönung steht Johannes mit einem Kelch, 
in blauem Gewände, neben ihm eine kleine 
ornamentierte Säule, mit geschmiedetem 
Kerzenteller. Im Schiff hängen sechs Wand- 
arme für je eine Kerze, mit großer Wand- 
rosette imd ein gotischer Wandarm für 
drei Kerzen, mit einfachem Ornament, zwei 
Tierköpfen und drei leeren Schildern. 

In der Sakristei stehen drei gotische 
Schränke. (Fig. 36 und 37.) Der eine ist 
in sechs Abteilungen nebeneinander ge- 
teilt, 4,60 m lang und hat im oberen Teil 
Maßwerkfriese, darüber eine reiche durch- 
brochene Omamentkante zwischen den hoch- 
gehenden Rahmhölzem. (Fig. 37.) Die 
Türen siad reich beschlagen. Auf einer 
Tür ein gemaltes Töbingsches Wappen. 
Ein anderer 2,70 m langer Schrank (Fig. 36) 
hat nur drei Abteilungen nebeneinander, 
als oberen Abschluß wieder eine durch- 
brochene Kante und einfache Beschläge. 
Ein kleiner 0,80 m langer Schrank hat reiche 
Beschläge und als oberen Abschluß einen 
Zinnenkranz. Außerdem befinden sich in der 
Sakristei: eine gotische Bank mitMaßwerk- 
wangen, ein bemalter Renaissancetisch mit 
den noch schwach erkennbaren Evangelisten- 
symbolen in den Ecken, ein kleiner gotischer 
Wandschrank mit dem Wappen der Lafferde 
und eine Standuhr aus der Barockzeit 

Zwischen den beiden Halbrundpf eilem, 
die sich im Westen des Schiffes an die 
Turmwand anlehnen, ist die Orgel einge- 
baut. (Vergl. Fig. 20.) Sie füllt die ganze 
Höhe bis zum Scheitel des hier höher ge- 
zogenen Kreuzgewölbes aus und baut sich 
über einem niedrigen freien Durchgang in 
zwei galerieartigen Geschossen segment- 
förmig aus der geraden Front heraus. 
Über der oberen Galerie hegen erst die 
groi^n, stark gegUederten und von reichstem 
Ornament mngebenen und bekrönten Orgel- 
pfeifen. Die Brüstungen der beiden Galerien 
sind in Felder geteilt, die von feinem 
Ornament umrahmt werden. Die obere 





Möbel. 




Orgel. 



Fig. 35. 

Johannlskirche ; Kronleuchter im sfidllehen 

SeiteDBchiff. 



-»4 120 8«- 

Galerie tritt- über die untere vor. In der Mitte der oberen Galerie ist eine Gruppe 
kleinerer Pfeifen heiausgebaut, von geschnitzten Blattwerkomamenten umgeben 
und von musizierenden Engeln bekrönt. Die Bekrönung der großen Pfeifen 
endigt imter dem Gewölbe kuppelartig, die mittlere Spitze bildet ein musi- 
zierender Engel 



ji m iiii' I I I M I I I I 1 f 

Flg. BS, BT. JobaODUUrehB; Schrinka In 4er Hikrl.t.L 1«U& 

Die Orgel trägt die aufgemalte Inschrilt: 

RBNOVATO I ANNO 1 1634 1 HP. 

HOC ORGANUM | REPARAM ET AUOERI 1 DURA VIT | DOMINDS | PETER 

JOCHIM I FANNING SENATOR] ANNO 1715. 



J 



->^ 121 8^ 

Dieser Orgelprospekt ist ein Meisterwerk feinster Barockkimst Unter 
der Orgelempore erscheinen die Postamente zweier kannelierter Säulen; vielleicht 
gehören sie noch zu der älteren Orgel. 

Zwölf gleiche Kissen, GobeUnarbeit, zeigen in der Mitte das Stadtwappen Paramente. 
mit der Zahl 1606, umgeben von naturalistisch ausgeführtem farbigem Ornament 

Drei quadratische Kelchunterlagen sind mit Goldfäden und Seide auf 
rotem Seidengrund gestickt. In der Mitte • I • H • S • Zwei Unterlagen haben 
die gleiche Inschrift: 

HAEC . FIERI • CVRAVIT • ANNO • 1647 • PETER . SCHRÖDER ., 
die dritte: 

SEL . ANDREAS • CRVWELMAN • HELMHOLTS • WlT • CATARINA • 

Einige quadratische Taufdecken mit farbiger Stickerei auf Leinen tragen 
die Jahreszahlen 1641, 1768, 1771 und 1783 ohne weitere Bezeichnung. 

Eine leinene Altardecke ist bestickt mit: SAF 1791. 

In der Sakristei werden drei Taschen für Abendmahlsgeräte aufbewahrt. 
Die eine zeigt in Kreuzstich einfache Ornamente auf golddurchwirktem Grunde 
und hat auf der Rückseite vier durchbrochene Knöpfe aus Goldblech. Die zweite 
Tasche ist auf beiden Seiten mit farbiger Seide bestickt und mit vergoldetem 
Leder gefüttert. Auf der einen Seite erscheint Maria mit dem Kinde, auf der 
anderen Seite ein Kruzifix. Eine dritte Tasche besteht aus rotem Samt, mit 
Goldborte besetzt und hat auf der Innenseite die Zahl 1787. 

Die sogenannte goldene Kirche, ein prächtiger gotischer Reliquienschrein Reliquien- 
auf Holzuntersatz, besteht aus einem rechteckigen 25,3 cm langen, 15,2 cm behälter. 
breiten Kasten und einem gebogenen dachähnüchen Deckel, alles aus stark ver- 
goldetem Silberblech hergestellt Der Kasten hat einen profilierten Sockel mit 
großer Kehle, in der gefaßte Edelsteine und silberne Rosetten liegen, das Gesims 
unter dem Dach ist ebenso ausgebildet und bekrönt von einer durchbrochenen 
Blätterkante. An der Langseite erscheinen fünf, an der Breitseite drei blinde Maß- 
werkfenster, auf den Pfeilern dazwischen sind Fialen angebracht An den 
Ecken knien vier geflügelte Gestalten mit den Marterwerkzeugen. In die 
Dachfläche sind Ziegellinien eingegraben, die Grate sind mit Kreuzblumen besetzt, 
auf dem First ist eine durchbrochene Omamentkante angebracht, die seitlich in 
Kreuzblumen endigt, und in der Mitte von einer dachreiterartigen Bildung mit 
einer Kreuzigungsgruppe unterbrochen wird. Auf den Dachflächen stehen sechs 
reich mit Fialen und durchbrochenem' Maßwerk geschmückte Dachfenster, In 
diesem Reliquienschrein liegen: eine schmucklose, silberne Hostiendose, eine 
silberne Weinflasche von flacher runder Form mit eingeritzter Kreuzigung und 
Auferstehung und mehrere Reliquien. 

Ein ReUquienbehälter in Form eines aus Holz geschnitzten Frauenkopfes, 
der farbig bemalt ist und an der Vorderseite die Buchstaben sancta cecilia 
tragt, enthält in einer seidenen Tasche die Reste eines Schädels. In die dick 
aufgetragene Farbe des Halsschmucks sind Glasflüsse eingelassen. 

Zwei ReUquienbehälter haben die Form von griechischen Kreuzen, 19,5 
beziehimgsweise 20,5 cm groß, beide 6,5 cm dick. Das eine Kreuz besteht aus 

Holz, der Deckel aus vergoldetem Kupferblech, mit einem Kruzifix besetzt. 

16 



Am Rande eingraviertes Ornament Das andere Kreuz besteht ganz aus Kupfer- 
blech, der Deckel ist oben vergoldet und hat in der Mitte ein aufgeheftetes 
Kruzifix, das von eingraviertem Ornament umgeben ist Beide Kreuze sind gotisdi. 
Im Museum befindet sich ein aus der Kirche stammendes gotisches 
19 cm hohes Tragkreuz, das ajs ReUquienbehälter gedient hat Es besteht aus 

vergoldeter Bronze, hat an der 
Vorderseite einen aufgehefteten 
ChristuskÖrper, an den Kreuz- 
armen die Evangelistenzeichen. 
Die Rückseite zeigt eingravierte 
Ornamente. Unter dem Kreuz- 
fuß ist ein Knauf angebracht, 
der Stiel ist hohl. 

Ferner wird im Museum 
ein 31 cm langer, 26 cm breiter, 
12 cm hoher Holzkasten auf- 
bewahrt, der auf dem Deckel 
und an den Längsseiten Male- 
reien auf Goldgrund zeigt, und 
zwar auf dem Deckel eine Kreu- 
zigung, an den Seiten Johannes 
den Täufer und Maria. Der 
Kasten ist gotisch und hat 
wobt auch zur Aufbewahrung 
von Reliquien gedient 

Im Chor befindet sich ein 
bronzenes Taufbecken aus der 
Lambertikirche (Fig. 38). Vier 
Figuren mit Spruchbändern stehen 
auf einem Sockel und tragen 
den großen Kessel Die Kessel- 
wände sind am oberen und 
unteren Rande mit einer Oma- 
mentkante besetzt In derMtte 
die Inschrift: 

DVSSE DOPE HEBBEN 
DE - SVLFMESTER GHETEN 
LATEN ■ NA CHRISTVS VNSES 
HEREN GEBORT MDXL - 

Auf dem Sockebande steht 
die Inschrift: 
HUNDERT ■ FERCIH • SIVERT ■ 



Flg. SS. Jobumlsklrche; T»gfke*Bel. 

ANNO ■ DOMINI ■ DOVSENT ■ FEINF 
BARCHMANN ■ (Vgl. Seite 129.) 

Der aus späterer Zeit stammende 



Deckel ist aus Holz, farbig 
bemalt Zwischen Ornament erscheinen die Wappen der TÖbing, Witzen- 



-*4 123 S-H 

dorf und das einer imbekannten Familie. Auf der Spitze steht ein Kind 
mit Lfunm. 

In einer der südlichen Kapellen befindet sich ein Taufbecken aus Sand- 
stein (Fig. 39). Am Unterbau fünf geflügelte tanzende Putten. Der Deckel ist 
von Holz mit barockem Ornament und zwei sich küssenden Putten. 

Ein Taufbecken aus vergoldetem 
Messing hat an der rechten Seite die ein- 
gravierte Figur Johannes des Täiifers mit 
der Überschrift: S • lOHAN ■ 1597 ■ 

Ein zweites Taufbecken aus ver- 
goldeter Bronze zeigt auf dem Rande ein- 
geschlagene Omamentstempel , in der Mitte 
die getriebene Darstellung der Verkündigung 
mit einer Umschrift aus sich wiederholenden 
Buchstaben, die aber unleserhch sind. Die 
Form der Schrift läßt auf das lö. Jahr- 
hundert schheßen. 

In der Sakristei wird eine 28,5 cm Weinkaimen, 

hohe silberne Weinkanne mit dem Stempel 
H G K am Rande des Fußes und der Inschrift 
an der Deckelunterseite: 

DEO • ET ■ ECCLESLE ■ GEORG - 
JOACfflM • TIMMERMANN • P • T • ADMINI- 
STRATOR- 1719 ■ 
aufbewahrt Auf dem Deckel befindet sich 
eine stehende Traube. 

Eüne kleine 8 cm hohe silberne Wein- 
kanne trägt die Inschrift: 

8VMPTIBVS ■ TEMPLI • S : LAM- 
PERTI - FIERI ■ CVRAVIT PETER SCHRÖDER - ANNO 1647. 

Die Kirche besitzt mehrere Bibeln von 1664 und 1642; der Einband der VerecUedenee. 
einen hat an den Ecken silbernen Beschlag von 1666; femer ein Evangelienbuch 
von 1414 mit Holzdeckeln, die mit rotem Leder bezogen sind, und eine 
Hamburger Chronik von 1648. 

Im Museum werden zwei aus der Kirche stEimmende große HoMiguren, 
Maria und Johannes, angeblich von dem Triumphkreuz, aufbewahrt, femer eine 
Hotzskulptur, die Krönung Maria darstellend, und ein Holzkasten, der ganz 
eigenartig ornamentiert ist. Deckel und Seitenflächen sind duich plastisch, 
anscheinend aus Gipa aufgetragene Ornamente mit Lilien in viereckige Felder geteilt, 
die an den Seitenflächen ausgefüllt werden durch Malereien auf einer braunen 
porösen Masse und an den Querseiten phantastische Tiere, an den Längsseiten 
Wappenschilder mit Adler und Löwe darstellen. Auf den Feldern des Deckels waren 
runde Gegenstände aufgeklebt, die aber verschwunden sind, anscheinend Münzen. 

In der Dasselachen Kapelle hegt der Rest einer großen Kreuzigung aus 
Sandet«in. 

16* 



Jobuiniskirchei Tftuf stein. 



-H 124 8^ 



Die Lambeptikirche. 



Quellen: Unedierte Urkunden, Akten und Pläne des Stadtarchivs; LÜnebnrger 
Urkundenbuch, herausgegeben von W. v. Hodenberg, 7. Abteilung, Archiv des Klosters 
St. Michaelis; Urkundenbuch der Stadt Lüneburg, herausgegeben von Yolger, L und IIL; 
Schomakers Chronik; U. F. C. Maneckes Sammlungen, Band 25 und 26. 

Literatur: Manecke, Top. -bist. Beschreibungen, S. 11 f., woselbst die ältere 
Literatur z. vgl. ; Volger, die Kirchen in Lüneburg, Lüneburger Johannisblatt 1857 (Lttnebnrger 
Blätter S. 110 ff.); Mithoff, Kunstdenkmale S. 149 ff.; Wrede, die Glocken der Stadt Lttnebni^ 
(LUneburger Museumsblätter I. 23-34 und 53). 



Geschichte und Die in den Jahren 1860 und 61 abgebrochene Lambertikirche stand 

Beschreibung, mit ihrem Westportal und der entsprechenden Schauseite des Turmes dem 

Haupteingange zur Saline genau gegenüber und kennzeichnete schon dadurch 
ihre nahe Beziehung zu dem beherrschenden Industriewerke der Stadt, dem sie, 
ob mittelbar oder unmittelbar, ihren Ursprung zweifellos verdankt „Die Saline 
beim Heiligen Lambert" (apud beatum Lambertum), so nennt Herzog Johann 
in einem Diplom von 1269 die alte Sülze im Gegensatz zu einem neuen Salz- 
werk und gibt damit die früheste Erwähnung des Gotteshauses. Aus dem 
letzten Viertel des 13. Jahrhunderts sind einige für St Lamberti ausgestellte 
Sülzrentebriefe erhalten, und auch ein Lamberti-Siechenhaus (hospitale s. Lam- 
berti 1287, domus infirmorum adjacens ecclesie s. Lamberti 1292), wird wieder- 
holt bedacht, ja, nach einem Ablaßbriefe von 1300 könnte man meinen, daß 
die Kirche zunächst nur ein Zubehör eben dieses Hospitals gewesen sei, heißt 
sie doch hier „ecclesia hospitalis" s. Lamperti. Zwei Jahrzehnte später wurde 
das Siechenhaus von St. Lambert losgelöst, und die Kapelle nahm ihre selb- 
ständige Entwicklung. Immer in fester Verbindung mit der Sülze. Die ältesten 
Barmeister als Vertreter der SaJzjunker übten bei Besetzung der Stelle eines 
ersten Geistlichen der Kirche das Patronatsrecht aus; Sache der Barmeister war 
die Erhaltung des Kirchturms, soweit er über die Glocken hinaufreichte, des 
Uhrwerks, der Sakristei, des Altars und der Kanzel, der Dope und der Orgel«» 
eines eisernen Gitters im Chor, des Barmeistereistuhls und auch der Amts- 
wohnungen der Prediger und Kirchenbedienten. Um das Vermögen der Kirche 
zu erhöhen, legten sich die Sülfmeister im Jahre 1491 eine außerordentliche 
Beisteuer von 20 Mark auf, die fortan jedes neue Mitglied ihrer Körperschaft an 
die Kirchenbaukasse zu entrichten hatte. Versammlungen der Sülfmeister fanden 
in der Lambertikirche statt Einmal im Jahre umging nach Volgers Mitteilung 
die gesamte Geistlichkeit des Gotteshauses mit Heiligenbildern imd Reliquien in 
feierlicher Prozession die Sülze und den Lindenberg, wo die Hauptadem des 
Solezuflusses vermutet wurden, um Gottes Segen auf den unersetzlichen Quell 
herabzurufen. 

Erst in der Reformationszeit hat St Lamberti Pfarrrechte erhalten, 
obschon das Gotteshaus in den vorhergehenden Jahrhunderten ebenso oft als 
ecclesia wie als capella bezeichnet wurde. Der Rektor der Kapelle, zuerst 1293 



'<^ 125 8^ 

begegnend, stand in Abhängigkeit vom Pfairer zu St. Johannis, dem er bei 
Strafe des Interdiktes jährlich 2 Mark, seit 1327 sämtliche „oblationes" seiner 
Kapelle abzuliefern hatte. Als Bischof Bertold von Verden in der Lamberti- 
kapelle einen besondem Gottesdienst eingerichtet hatte, bezeichnete der Propst 
von St Johannis das als einen Eingriff in seine geistlichen Rechte (1475) und 
appellierte an den Papst Eine Verordnung des Verdener Bischofs (1379), alle 
Benefizien der mit dem Abbruch bedrohten Gyriakskirche in die Lambertikapelle 
zu übertragen, ist nicht zur Ausführung gekommen, da die erstere bis weit 
über die Reformation hinaus fortbestanden hat. Außer dem Hochaltare gab es 
zu St Lamberti 22 Altäre, an denen in hochkatholischer Zeit 79 Vikare und 
Kommendisten sich betätigten. Die Schutzpatrone der einzelnen Altäre waren 
Antonius (in der Sakristei), der Evangelist Johannes, Alexius, Stephanus und 
Alle Heiligen, die Zehntausend Ritter, Martin, die Dreifaltigkeit, Philipp-Jacobus 
imd Mathias (an der Ostseite), Andreas, Anna (in der Kreuzkapelle), Brigitta 
(aut Sepulcri), Katharina, Barbara, Hulpert, Thomas und Gertrud, Petrus und 
Paulus, Laurentius, Mauricius, Magdalena und die drei Könige, das hl. Kreuz. 
Dem Namenspatron der Kirche, dem Hl. Lambertus, war neben dem Hochaltar 
noch ein anderer Altar gewidmet, ebenso war die Jungfrau Maria durch zwei Altäre 
geehrt; der eine lag im ostlichen Chor der Hören (in quo höre b. Marie virg. 
decantari solent 1476), der andere lag im neuen Chor nach Norden hin (1440). 
Die Präsentation für die erste Vikarie am Hochaltar und im Armarium 
beanspruchte der Herzog von Lüneburg. Dem Hulpertsaltar war die Hulperts- 
gilde der Sodeskumpane naJae verbunden, während die Sülfmeister sich zur wohl- 
habenden Fronleichnamsgilde, „to des hiUigen lychammes gilde den de sulff- 
mester holden to sunte Lamberde^^ zusammengeschlossen hatten; diesen Gilden 
standen ein Ratmann und zwei Bürger (Sülfmeister) als Älterleute vor. An 
jedem Dienstag wurden „van der bede to sunte Lamberde*' Almosen verteilt, 
deren Verwaltung zeitweise einem Ratmann, vier Bürgern und den drei Kirchen- 
geschworenen oblag (1476). Vier Provisoren eines ewigen Lichtes werden 1404 
zuerst erwähnt. 

Protestantische Prädikanten lehrten zu St. Lamberti bereits] 1529, 
Ostern 1531 wurde mit Zustimmung des Urbanus Rhegius Herr Caspar 
Rumeshagen aus Dithmarschen als HauptgeistUcher eingeführt, und fortan 
waren 3 Prediger, seit 1742 noch zwei, ein Hauptpastor und ein Diakonus, 
als Seelsorger tätig. 

Ober die Erbauimg der Kirche liegen nur zwei Nachrichten vor. Nach 
der einen wurde im Jahre 1382, nach Bartolomaei, die „gerwekamer", die 
Sakristei, eingeweiht; nach der andern, von Volger und Sudendorf in das Jahr 1398 
gesetzt, war unter der gemeinsamen Regierung der Herzöge Bernd und Hinrik 
die Verlegung einer herzoglichen Zollbude notwendig geworden, weil dieselbe 
der Errichtung des Lambertiturmes im Wege stand. Beide Angaben führen zu 
dem Schlüsse, daß die Kirche in ihrem großen Umfange, wie sie manchem 
noch aus eigener Anschauung und sonst aus zahlreichen Abbildungen bekannt 
ist, Lüneburgs Blütezeit nach dem Erbfolgekriege entstammt, derselben Periode, 
in welcher die neue Michaeliskirche in ihrer östlichen Hälfte emporwuchs, in 




LsmlMTtl 



-^ 127 8*<- 

welcher auch für den Ausbau von St Johannis so viel geschehen ist, nachdem 
die Cyriakskirche aus der Ummauerung ausgeschlossen war und als Stadtkirche 
kaum mehr in Betracht kommen konnte. 

Das aus Backsteinen erbaute Gotteshaus von St. Lamberti war eine 
dreischiffige gotische Hallenkirche (vgl. Fig. 40), von der Ostwand des Turmes bis 
zur Chormauer 46,73 m lang, 23,95 m im Lichten breit (ohne die Kapellen 
zwischen den Strebepfeilern) und bis zum Gewölbescheitel 16 m hoch.*) Das 
Mittelschiff setzte sich aus vier Jochen mit reichen Sterngewölben zusammen, 
die mit Emporen versehenen Seitenschiffe aus ebensovielen Kreuzgewölben. 
Der mit drei Seiten eines Achtecks abschließende Chor war um eine Stufe 
erhöht, desgl. der durch eine schmiedeeiserne Schranke abgesonderte Altarraum. 
In der Verlängerung des südhchen Seitenschiffes befand sich die Sakristei, 
darüber der Schüler- oder Musiklektor, im verlängerten nördlichen Seitenschiffe 
eine Kapelle, auch sie mit einer oberen Prieche. Der Predigtstuhl bzw. die 
Kanzel war am südhchen Mittelpfeiler angebracht. Außer dem schon erwähnten 
Westportal hatte die Kirche fünf Türen: an der Nordseite zunächst dem Turm 
die Tür (und Treppe), die zum Barmeisterstuhl führte, unmittelbar daneben die 
Peterstür, im östiichen Gewölbejoche die Brauttür, in der Nordostecke die 
Adamstür; an der Südseite, der Brauttür gegenüber, die sogen. Große Harztür, 
d. h. die Tür, welche vom „Höre", dem alten Markt- und Gerichtsplatz, herein- 
führte, und die Kleine Harztür, mit einer Verschiebung nach Osten zur Peterstür 
korrespondierend. Das gewaltige Kirchendach war mit Kupfer gedeckt und trug 
noch 1657 in seiner Mitte einen Dachreiter. Der einfache viereckige Turm 
wetteiferte in der Höhe seiner schlanken Pyramidenspitze mit dem Kirchturm 
von St. Johannis. 

Damit ist in groben Umrissen die Gestalt der Kirche skizziert, wie sie 
sich in den Ansichten der Stadt aus dem 15. bis 17. Jahrhundert darbietet und 
wie sie um die Wende des 14. Jahrhunderts entstanden sein wird. Schon im 
Laufe dieser Zeit und namentUch späterhin hat sie im einzelnen mancherlei 
Veränderungen und Entstellungen erfahren. Der Baugrund der Kirche, ein mit 
Gipsteilen vermischter schlüpfriger Ton, war an sich ungünstig, und unter- 
irdische Soladem sollen dazu beigetragen haben, seine Festigkeit noch frag- 
würdiger zu machen. Die Bodensenkung nach Westen, die sich an alten 
Häusern der Neuen Sülze und Salzstraße zeigt, hatte auch die Lambertikirche 
in Mitleidenschaft gezogen und drohte zeitweise den ganzen Turm niederzureißen 
und damit das Gotteshaus seiner gegebenen Stütze zu berauben. Die ursprüng- 
Uche schwere Turmspitze hatte man schon im Jahre 1491 durch eine leichtere 
ersetzt, um das Mauerwerk zu entlasten, aber auch diese mußte schon 1545 
erneuert werden, da sie sich in einem halben Jahrhundert um 11 Fuß nach 
Westen geneigt hatte. Wo die neue Turmspitze nach Beseitigung von vier 
gemauerten Spitzgiebeln ansetzte, wurde ein charakteristischer Umgang mit 
Galerie und vier Türmchen angebracht, die durch einen Knopf auf eiserner 
Stange bekrönt waren. „Anno domini 1545 up MichaeUs" war nach Angabe 



*) Nach Mithoff, auf dessen ergänzende Baubeschreibung hier verwiesen wird. 



-<^ 128 8^ 

einer im Stadtarchiv verwahrten Kupfertafel der Bau vollendet Eäne zweite 
Kupfertafel meldet folgendes: 

„Anno 1574 sondages den 24 januarii morgens to 6 uren is de 
olde knop, stange und mekeler [Tragebalken], 32 vote langk, dorch 
suedtwesten storm herunder gestorttet. Aver 24 stunde hema is de 
burgermeister her Frans Witzendorp in Got vorstorven. Und düsse nie 
knop volgende Johanni [Juni 24] wedder gerichttet, als Dirick Dusterhop, 
Albb. Semmelbecker barmester und Albb. Radeke karcksware und 
dusses buwes bovelhebber gewesen. Laus Deo! Do galt de sossei 
roggen 2 marck, 1 punt botter 4 schillingk.^' 

Die Widerstandsfähigkeit des Turmes soll durch den Sturz so stark 
erschüttert sein, daß man das Glockenläuten einstellte. Und von schlimmerem 
Unheil, das die Gewalt eines Südweststurmes über die Kirche brachte, berichtet 
eine dritte Kupferplatte: 

„Anno 1703 den 8. december Vormittages zwischen 10 und 
11 uhr warff der ungemeine und einen orcan nicht ungleiche sturmwindt 
aus Südwesten die spitze des St. Lambertithurms bis auff das gemauer 
herunter auff den kirchhoff, mit nicht geringen schaden der daran 
stehenden kirch und saltzbude, und sind in den knopff 2 kupffeme 
platen gefunden. Darauf f ist anno 1712 nach vielfeltiger berahtschlagung 
beliebet, einen kleinen thurm wieder auffzubauen. Der groiz Gott wolle 
denselben vor bösen zufeilen in gnaden bewahren! Aelste bahrmeister 
sind gewesen: Ludolff Döring, Statz Ludolff von Zarstaedt, Hinrich 
Müther, Georg Daviedt von Dassel; Hinreh Döring, jüngster." 
Die Erbauung des im Oktober 1712 vollendeten, vorstehend erwähnten 
„kleinen Turms", d. h. einer dachförmigen niedrigen Haube mit offener Laterne 
und Zwiebelknopf, nahm der Kirche viel von ihrer einheitUchen Schönheit. Und 
des Restaurierens war fortan kein Ende. Das Mauerwerk des Gotteshauses 
hatte offenbar mehr geUtten, als wieder gut gemacht war, der Zug nach 
Westen hielt an, und seit dem Jahre 1730 erwies sich eine umfassende Her- 
stellung als dringend notwendig. Der obere Teil des Turmes geriet beim Lauten 
in sichtbare Bewegung, und Ausgang 1732 ereignete es sich wahrend des 
Gottesdienstes, daß einige Schlußsteine des Mittelschiffs in die Kirche hinunter- 
fielen. Nach Einholung mehrerer Gutachten von auswärtigen Baumeistern kam 
in den Jahren 1736 ff. ein Entwurf des Stadtbaumeisters Haeseler zur Ausführung. 
Die Mauern wurden innen und außen gefestigt, die Kirche samt den Innen- 
pfeilem durch Streben abgestützt, die massiven Gewölbe des Mittelschiffs, deren 
Kappen recht nachlässig angeklebt waren, durch gipsbekleidetes Holzwerk 
ersetzt Am ersten Adventssonntage 1738 konnte der Gottesdienst, der inzwischen 
nach St Marien verlegt war, wieder an alter Statte begangen werden. Die 
Kosten des Baues waren zum großen Teil durch Sammlungen innerhalb Lüne- 
burgs beschafft. Im Dezember 1750 bewiUigte Georg ü. eine Hauskollekte für 
das Gebiet des ganzen Fürstentums einschUeßlich der Grafschaften Hoya und 
Diepholz, um nunmehr den Lambertiturm zu retten, der „einen fast unvermeid- 
Hchen Umsturz" drohte und mit der Kirche auch die nahe gelegene Sülze 



_i 



->^ 129 8^ 

gefährdete. Diesmal wurden unter Leitung des schon genannten Stadtbaumeisters 
die zu hoch angebrachten Glocken, die mit ihrem Schwünge in kurzer Zeit alles 
wieder zerrissen hatten, um ein Stockwerk tiefer gehängt, und der Turm erhielt 
an seiner Westfront zwei riesige Strebepfeiler, so daß er sich jetzt in Form 
einer abgekürzten vierseitigen Pyramide darstellte. Aber auch dieses Mittel 
erwies sich auf die Dauer als unzulänglich. Kostspielige Reparaturen waren 
auch im 19. Jahrhundert (1818, 1829/30) wiederholt erforderlich. Die herrlichen 
Glocken*) wurden zuletzt nicht mehr' in Schwung gebracht, sondern nur noch 
mit dem Klöppel angeschlagen, und im Sommer 1858 mußte der Gottesdienst 
abermals eingestellt werden, da die Kirchgänger durch die baufälligen Gewölbe der 
Seitenschiffe in Lebensgefahr kamen; nur die Sakristei und eine daran anstoßende 
Beichtkammer blieben als sicher und fest noch in Benutzung. So gewann ein 
Gedanke mehr imd mehr Anhänger, der um 1730 zuerst laut geworden, noch 
im Jahre 1809 von der Regierung in Hannover zurückgewiesen war, der Gedanke, 
das Gotteshaus ganz eingehen zu lassen. Er wurde unter dem Druck der 
KgL Landdrostei zur Tat im Februar 1860. Am 17. genannten Monats erließ 
der Lüneburger Magistrat in den öffentlichen Blättern die Bekanntmachimg: 
„es soll die hiesige Sankt-Lambertikirche nebst Turm zum Abbruch meist- 
bietend verkauft werden^', und bald darauf erhielten 2jimmermeister Westphal 
und Maurermeister von der Heide gegen ein Höchstgebot von 13050 Talern 
den Zuschlag. Im Verlaufe der Abbruchsarbeiten zeigte es sich, daß das 
Mauerwerk des Gotteshauses keineswegs so hinfällig war, wie man geglaubt 
hatte, mußte man doch zu Sprengmitteln seine Zuflucht nehmen, um den 
Abbruch durchzuführen. Im Oktober 1861 war die letzte sichtbare Spur der 
alten Salinkirche verschwujaden, und in dem Gesamtbilde der Stadt, wie Mithoff 
dazu bemerkt, eine empfindliche Lücke entstanden. 

Was von dem Inventar des Gotteshauses gerettet ist, hat zumeist in 
den Kirchen von St. Johannis und St. Nikolai einen würdigen Platz erhalten, 
und da es in den zugehörigen Abschnitten seine Beschreibung findet, so können 
wir uns an dieser Stelle kurz fassen. Die einstigen Lambertikirchglocken lassen 
jetzt ihre Stimme hoch vom Nikolaiturme herab erschallen, wo die vornehmste 
imter ihnen, die Marienglocke Gerhards von Wou, dreimal tägUch als Betglocke ertönt; 
die Stundenglocke dient seit 1871 der Uhr des HL Geisttürmchens. Der große 
Hauptaltar aus dem 15. Jahrhundert, mit reichem Schnitzwerk und schöner Be- 
malung, sowie eine jüngere Vorsetztafel schmücken den Hochaltar der Nikolai- 
kirche, während die 22 Nebenaltäre bis auf einen schon vor dem Abbruch beseitigt 
waren. Der Nikolaikirche fiel sodann eine große silberne Kanne von 1650 zu, 
ein silbernes Oblatenkästchen imd ein kleines Altarlaken aus weißem Drell mit 
Spitzen besetzt. Eine Dope hatte die Lambertikirche erst am 2. Februar 1541 
erhalten, ein Werk des Lüneburger Grapengießers Sivert Barchman, das die 



*) Die Katharinenschelle von Gerd Klinghe (1445), die Marienglocke von Gerhard 
von Won (1491), eine kleinere Yossische Glocke (1650), die Vossische Schelle (1619), die 
Sonntagsglocke von Christian Ziegner (1712), die große Vossische Glocke (1723). Vgl. des 
Näheren Wrede, am eingangs zitierten Ort. 

17 



-^ 130 §^ 

SäUmeister nach langen Beratschlagungen hatten gießen lassen, und dessen Guß 
zweimal mißlungen war. Es steht jetzt im Chor der Johanniskirche und wird 
mit einem ebenfalls aus St. Lamberti stammenden kupfernen Taufbecken hier 
als Taufgefäß benutzt. Der Johanniskirche ist auch die Mehrzahl der Kultgerate 
zuteil geworden: zwei vergoldete Kelche mit Patenen und Saugröhren, zwei 
silberne Kelche mit einer Patene, zwei silberne Becher, drei Oblatenteller, zwei 
Oblatendosen, eine silberne Flasche, ein vergoldeter Löffel, drei Kelche mit 
Patenen aus Zinn, je zwei Altarleuchter aus Kupfer und Messing, eine eiserne 
Feuerpfanne, ein mit Seide gesticktes Futteral, eine Anzahl von Altartüchern 
und Decken und ein Kniekissen aus grünem Leinen. Eine große unbezeichnete 
Krone aus Messingbronze, die in den dreißiger Jahren vom Gewölbe der Kirche 
herabgestürzt und nicht wiederhergestellt war, bildet seit 1899 eine Zierde des 
neuen Stadtarchivs. 

Unter den verloren gegangenen Kunstwerken der Kirche sind drei Bilder 
der Reformatoren Huß, Luther und Melanchthon zu nennen, die im 18. Jahr- 
hundert auf Veranlassung des Stadtbaumeisters Haeseler kopiert wurden. Cber 
dem Chorgestühle befanden sich Ölmalereien in großen Dimensionen auf Lein- 
wand; das eine Bild stellte das Lagerleben der Juden in der Wüste dar, das 
andere, von Daniel Frese (1594), die Stadt Jerusalem mit dem Tempel. Die 
Orgel, durch Meister Kaspar Bubeling 1519 — 21 zum Ersatz einer älteren ange- 
fertigt und später wiederholt erneuert, soll sich eines besonderen Rufes erfreut 
haben. Eine Kanzel war 1618 von Henning Bene in Lüneburg geliefert, das 
Schnitzwerk (an der Treppenwange die vier Evangelisten, an der Brüstung 
fünf „Historien," Geburt, Taufe, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt), und 
acht Bilder dazu lieferte Hans Schröder. Das Kanzelpult mit einem vergoldeten 
Pelikan wurde vor dem Abbruche der Kirche inventarisiert, war aber gleich 
vielen anderen Kunstgegenständen später nicht wieder aufzufinden. Ein geschnitztes 
farbiges sog. Vesperbild, Maria mit dem Leichname ihres Sohnes, in einem 
sechseckigen gotischen Kasten aus Stein von 88 cm Höhe, war nach Mithoff beim 
Eingange angebracht, der in die Sakristei des Diakonus führte. Silberne Heiligenbilder 
imd Kleinodien sind schon im Jahre 1574 der Lüneburger Münze zum Opfer gefallen. 

Einige Gegenstände aus der Lambertikirche befinden sich im Lüneburger 
Museum: 

1) Fünf flache Holzschnitzereien in viereckigem Rahmen, der mit barocken 
Ornamenten verziert ist. Die Gruppen stellen dar Maria Empfängnis, Geburt, 
Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt Christi. 

2) Zwei gleich ausgebildete 2,75 m hohe Stützen, vermutUch von einer Piieche. 
Auf einem Konsol in schwülstigen Formen steht ein bärtiger Mann mit 
Strahlenglorie, ohne weitere Abzeichen, der Unterkörper wird verdeckt durch 
einen großen Schild. Auf dem einen Schild steht: „ Jerusale Jerusale die du 
todeest die propheten und steinigest die zu dir gesand sind wie offt habe 
ich deine kinder versamK wolle wie eine hene versandet ire kuchir unter ire 
flugel un dir habe nicht gewolt: MATT. 23." Der andereSchild trägt die Inschrift: 
„Jerusale denckt in dieser zeit wie elend und verlasse sie ist.imd wie viel 
guts sie von alters her gehabt hat weil alle ir volck darunder ligt unter de 



-^ 131 8^ 

Feinde und ir niemand hilfft ire Feinde sehe ire last an ir und spotte irer 
Sabbaten". 

Beide Stützen sind farbig bemalt. Ihre Entstehungszeit fällt wohl nach 1600. 

Einige ornamentale Holzschnitzereien gotischen und barocken Charakters 
und eine spätgotische Tür aus der Lambertikirche befinden sich in dem 
Hause Grapengießerstraße Nr. 7 im Privatbesitz. 



Die Nikolaikirche. 

Qn eilen: Ungedrnckte Urkunden und Akten des Stadtarchivs; Gebhardi, Collec- 
tanea Bd. 11; U. F. C. Maneckes Sammlungen Bd. 26. 

Literatur: Manecke, top.-hist. Beschreibungen S. 10 f. (mit Angabe der älteren 
Literatur); Volger, die Kirchen in Lüneburg (Lüneburger Johannisblatt 1857, LUneburger 
Blätter S. 109 ff.); Mithoff, Kunstdenkmale S. 151 ff.; Wrede, die Glocken der Stadt Lüne- 
burg (Lüneburger Museumsblätter I, 23). 

Die bisherige Annahme, daß an der Stelle der jetzigen Nikolaikirche Geschichte, 
schon im 14. Jahrhundert eine gleichnamige Kapelle gestanden habe, ist unhaltbar. 
Sie stützt sich auf die Aufzeichnung eines alten Stadtbuches, wonach da.s Ge- 
dächtnis der in der Ursulanacht für die Freiheit der Stadt Gefallenen mit Vigiüen 
und Seelenmessen alljährlich in Kirchen und Kapellen Lüneburgs begangen 
wurde, auch in „Sunte Nicolai bi deme Watere". Die Aufzeichnung stammt 
von der Hand des Ratsschreibers Hinrik Kule, der sein Amt erst am 7. März 1899 
antrat Ist es demnach von vornherein mißlich, jene Notiz für das 14. Jahr- 
hundert als Beweis anzuführen, so spricht die urkundliche Überlieferung 
entschieden dafür, daß Hinrik Kule die Eintragung erst gegen Ende seiner 
Amtszeit (spätestens März 1411) vorgenommen hat. 

Der Ursprung der Nikolaikirche gehört in das erste Jahrzehnt des 
15. Jahrhunderts. In den Verhandlungen mit dem Verdener Domkapitel, 
welche dazu führten, daß der Lüneburger Rat das lange begehrte Patronatsrecht 
von St. Johannis errang, soll im Jahre 1406 auch die Erlaubnis zur Erbauung 
der NLkolaikapelle erwirkt sein. Der früheste hier anzuführende urkundliche 
Beleg des Stadtarchivs datiert vom 15. Februar 1407. An jenem Tage ver- 
kauften die Geschworenen der Johanniskirche mit Zustimmung des Rates eine 
Leibrente, die nach des Rentners Tode zum Bau einer Kirche im Wasserviertel 
verwandt werden sollte: vorausgesetzt daß der Bau wirklich zustande komme; 
wenn nicht, so sollte die Rente an die Baukasse vom St. Johannis zurückfallen. 
Noch war also die Errichtung einer neuen Kirche nur eine Absicht, deren Be- 
weggrund aus den Worten „in quarta parte civitatis, videhcet Aque" unzwei- 
deutig erhellt Obgleich die Stadt keine Territorialparochien kannte, empfand 
man es als lästig, daß gerade die Bewohner* des Wasserviertels, in welchem die 
Neustadt Lüneburg emporblühte, für ihre kirchlichen Bedürfnisse auf die drei 
anderen Stadtviertel angewiesen waren — hier sollte nunmehr Wandel 
geschafft werden. 



-t^ 132 8^- 

Der Bauplatz für das neue Gotteshaus wurde, wohl nur zum Teil, vom 
Kloster Schamebeck abgetreten, dessen Stadtkurie den späteren Nikolaikirchhof 
im Norden begrenzte. Die Abtretung vollzog sich nach Mitteilung Gebhardis 
im Jahre 1407. Am Tage Pauli, d. h. nach guter Oberüeferung am Tage Petri 
imd Pauli, dem 29. Juni 1409*), empfing die Nikolaikapelle ihre erste Weihe, am 
1. Juli desselben Jahres hören wir gelegentlich einer Vikarienstiftung durch 
einen Lüneburger Ratmann zuerst von einem Rektor der Kapelle. 

Als Gotteshaus des Wasserviertels wurde die Kirche auch durch die 
Wahl ihres Namenspatrons charakterisiert, galt doch der Hl. Nikolaus als vor- 
nehmster Schutzheiliger der Schiffahrt und aller Wagemutigen, die sich in ihren 
Dienst stellten. Ein Nikolai -Altar, der außer dem Hochaltar die Kirche zierte, 
hieß bezeichnenderweise der Schifferaltar; Eichen- und Böterschiffer lieferten 
bis in die neuere Zeit hinein Wachskerzen zur Beleuchtung und machten sich 
auch um die Ausschmückung der Kirche verdient; ein bemaltes Fenster von 
1581 trug die Inschrift: „dusse luchtfinster hebben de schippers geben"; es 
zeigte ein Schiff, das mit Salztonnen befrachtet war. Die reiche Gilde der Salz- 
tonnenböttcher hielt sich ebenfalls zur Nikolaildrche, in deren unmittelbarer 
Nähe das Gildehaus stand. Sie hatte dort gleich den Schiffern in einer be- 
sonderen Kapelle einen großen Altax, dessen Bezeichnung als Marien- Altar hinter 
dem Namen „Böttcheraltar" ganz zurücktrat, und lieferte in der älteren Zeit die 
Kerzen für vier Leuchter, später den Geldbetrag für eine Wachsspende. Sog. 
Schifferalmosen („der schiplude almissen") wurden in der Kirche an jedem 
Mittwoch und Sonnabend ausgegeben; sie unterstanden der Obhut von vier 
Vorstehern (1485). Schiffer und Böttcher besaßen an bevorzugter Stelle des 
Gotteshauses feste Plätze und hatten für ihre Amtsangehörigen Anspruch auf 
ein freies Begräbnis im Nikolaikirchhofe; für das Trauergeläute hatten wenigstens 
die Böttcher nur die halbe Gebühr zu bezahlen. Eine noch engere Beziehimg 
zu „Sunte Nicolaus" verrät der bis 1799 geübte alte Brauch, daß das Tagewerk 
der Salztonnenböttcher durch eine, in einem zierlichen Dachreiter der Kirche 
angebrachte Meßglocke morgens und abends um 5 Uhr ein- und ausgeläutet 
wurde. Die Vermutung hegt nahe, daß die Schiffer und namentlich die Sakfr* 
tonnenböttcher, deren Amt dank dem großen Verbrauch der Saline im 15. Jahr- 
hundert 80 Meister zählte, zur Erbauung der Kirche wesentlich beigesteuert haben. 

Die Nikolaikirche ist die jüngste unter den mittelalterUchen Karchen 
Lüneburgs. Dennoch wissen wir über ihre Baugeschichte außerordenüich wenig. 
Nirgends eine Spur davon, wer der geniale Baumeister gewesen ist, der den zu- 
grunde liegenden, niemals zur Ausführung gelangten Bauplan nach dem Vor- 
bilde einer von Lübeck ausgehenden, im Mecklenburgischen ausgebildeten Gruppe 
hervorragender Basiliken entworfen hat Um den Bauplan zu begreifen, muß 
maji sich vergegenwärtigen, daß die Kirche in ihrer jetzigen Gestalt zur größeren 
Hälfte nur aus dem ursprünglichen, in mächtigen Verhältnissen angelegten Chor 
besteht, zu dem ein Kreuzschiff imd ein Langhaus in entsprechend großen 
Verhältnissen offenbar hinzukommen sollten. Wie so oft haben die Mittel zur 



*) Zunächst würde man annehmen am Tage Pauli Bekehrung, dem 25. Januar. 



j 



-^8 133 g^ 

Durchführung des riesenhaften Planes nicht ausgereicht, und das Langhaus hat 
in seinem Westturm einen frühzeitigen Abschluß erhalten, während man auf 

das Querschiff ganz verzichtete.*) 

Fraglos ist die Krypta, mit einem Cosmas- und Damiani- Altar, zuerst 
entstanden. Ein Marienaltax, nach seiner Lage auch Mariae Grucis genannt, 
wird 1409 erwähnt Mit vier Vikarien wurde 1416 der Bartolomaei-Altar an 
der Nordseite des Gotteshauses ausgestattet, durch den Lübecker Bürger 
Herman Tzyrenberch, der jenen Altar selber hatte errichten lassen. Am drei 
Könige-, Peter-, Paulus-, Georg- und Veitsaltar hinter dem Chor der Kapelle 
stiftete Bürgermeister Hinrik Viscule 1420 eine Vikarie zum Gedächtnisse seiner 
Eltern; ein Simon- und Judasaltar, durch einen Bardewiker Domherrn ausgestattet, 
begegnet 1424; im selben Jahre wird auf dem „sunte Nik. kerkhove" eine 
Rechtshandlimg vollzogen. Lassen diese Angaben, so dürftig sie sind, immerhin 
erkennen, daß der Gottesdienst der neuen Kapelle gleich in den ersten Jahr- 
zehnten ihres Bestehens würdig ausgestaltet wurde, so schritt der Außenbau 
nicht in demselben Maße fort. Vielleicht geschah es deshalb, daß sich der Rat 
1431 der Kirche energischer annahm, jedenfalls ernannte er wie für die übrigen 
Kirchen und Kapellen der Stadt seit dem genannten Jahre zwei Provisoren oder 
Structurare auch für St Nikolai, und zwar an erster Stelle achtmal hinter- 
einander den Batmann Ludolf Töbing. Unter dem Druck des alsbald folgenden 
Prälatenkrieges wird man die Unmöglichkeit eingesehen haben, die Kirche in der 
geplanten Größe zu vollenden. 

Der Bau des Turmes wurde am Veitsabend (Juni 14) 1460 begonnen, 
im nächsten Jahre bis zur Höhe von 172 Fuß gebracht, um dann für mehr als 
ein Jahrhundert stecken zu bleiben. Erst am 3. Oktober 1587 war der kupfer- 
gedeckte „Seyertom", im neuen Stile seiner Entstehungszeit mit zwei Latemen- 
geschossen, so weit vollendet, daß Knopf und Hahn aufgesetzt werden konnten. 
Am Tage vorher schlug die Stundenglocke zum ersten Male. Die Baukosten 
wurden von den Kirchswaren auf rund 6450 Mk. berechnet. 

Am Fuße des Turmes waren 1482 zwei Kapellen erbaut, die südliche zu 
Ehren der Jungfrau Maria durch den Ratmann Johann vame Lo, die nördliche 
zu Ehren Aller Heiligen, durch seinen Amtsgenossen Hinrik von Erpensen. An 
Kapellen werden sonst aufgeführt die Annenkapelle an der Nordseite des Chors 
und die Dreifaltigkeits- oder Dasselkapelle. Schutzpatrone von Nebenaltären, 
soweit sie noch nicht erwähnt sind, waren Antonius, Anna, Elisabeth, Martin, 
Peter und Paul (über der Allerheiligenkapelle), endlich Jodocus, dessen Altar 
auch Braueraltar hieß, weil seine Erhaltung den Älterleuten der Jostensgilde 
und den Büssenschaffem der Brauer oblag. Auch die Brauerknechtegesellschaft 
war der Kirche mit einer Spende für Wachslichter verpfUchtet, hatte einen freien 
Kirchenstand und freie Begrabnisse. Insgesamt faßte die Kirche am Ausgange 
der katholischen Zeit achtzehn Altäre mit fünfzig Vikarien oder Kommenden. 
Gleichwohl hatte die Nikolai- so wenig wie die Lambertikirche damals Pfarr- 
rechte, wenn sie in den Urkunden auch oftmals als ecclesia bezeichnet wird. 



*) Gutachten von C. Schnaase, 1860; Hs. des Stadtarchivs. 



->^ 134 8^ 

Am 31. Mai 1451 verpflichteten sich Abt, Prior und Konvent des Klosters 
Schamebeck, eine in ihrem schon erwähnten Klosterhofe befindliche Kapelle, 
die dem Nikolaikirchhofe benachbart war, zumauern zu lassen und ohne Er- 
laubnis des Rates fernerhin nicht mehr zum Gottesdienste zu benutzen; hingegen 
wollten sie von der Anheimgabe des Rates Gebrauch machen, aus ihrem 
stadtischen Klosterwesen über der Erde einen verdeckten und verschließbaren 
Gang in das obere Stockwerk der Nikolaikirche anzulegen, um dort an einem 
eigenen Altar, vermutlich dem Peter- und Pauls-Altar, ihre Andachten zu ver- 
richten. Der Vertrag bedeutet nach seiner ganzen Fassung ein Zugeständnis 
des Klosters aji den Rat, dem daran gelegen war, die Konkurrenz der Mönchs- 
kapelle zugunsten des Gottesdienstes in St. Nikolai zu unterbinden. Für die 
mehrfach ausgesprochene Vermutung, daß seit dieser Zeit der Kapellenherr zum 
Pfarrer geworden sei, findet sich kein Anhalt, es heißt in maßgebenden Urkunden, 
z. B. in einem Notariatsinstrument des Lüneburger Propstes von 1477, nach wie 
vor „capella sancü Nicolai", erst den veränderten Bedürfnissen der Reformations- 
bewegung ist die Erhebung zur iPfarrkirche zuzuschreiben. „Capella maior'' 
heißt die Kirche (1470) nicht etwa im Gegensatze zur Nikolai- oder van der 
Molen-Kapelle in St Johannis, sondern zur gleichnamigen Kapelle, die mit dem 
Siechenhause zu Nikolaihof vor Bardewik verbunden war. 

Von den Nikolaikirchgeschworenen erfahren wir 1434, daß sie einen 
eigenen Kirchenstuhl inne hatten und daß aus diesem allwöchentlich Almosen 
verteilt wurden, Almosen „de men ghifft to sunte Nikolaus binnen Luneborg 
van der swomen stolinge". Die Zahl der Juraten betrug zwei, 1474 ausnahms- 
weise drei, seit der Reformationszeit bis zur Einführung des Kirchenvorstandes 
im Jahre 1866 vier. Über die Memorienstiftungen führten die Geschworenen ein 
„bock der ewigen dechtnisse" (1474). Almosen zu Ehren der Dreifaltigkeit und 
der zwölf Apostel kamen an jedem Montag und Freitag zur Verteilung; sie wurden 
zuerst von einem Ratmann und einem Bürger (1475), später (1485) von zwei 
Ratmannen verwaltet. Zum Almosenfonds — ob zu diesem, ob zum vorerwähnten, 
oder zu den Schifferalmosen, muß dahingestellt bleiben — gehörte ein Haus an 
der Ilmenau, als „domus beate virginis" bezeichnet (1462). Von älteren Ver- 
mächtnissen, die an die Kirche fielen, sei erwähnt, daß einBarbier, Meister Jacob, 
in seinem Testamente dem Gotteshause zum Bau tausend Steine verschrieb. 

Die Nikolaikirche ist in der Reformationsgeschichte der Stadt dadurch 
bekannt, daß in ihr zuerst, am Sonntage Invocavit (6. März) 1530, die Glaubens- 
änderung vollzogen worden ist. Als der Rat das ungestüme Drängen der 
Bürgerschaft nach Einführung der neuen Lehre nicht mehr zurückdämmen 
konnte, gab er zunächst soweit nach, daß in einer IQrche, imd zwar „to sunte 
Nicolause^', „evangelico more de misse geholden und gecommunicert'^ werden 
durfte. Magister Friedrich Henniges, der nachherige Superintendent zu St Johannis 
predigte zuerst das Evangelium und las deutsch die Messe, während die Ge- 
meinde schon einige Wochen vorher deutsche Gesänge angestimmt hatte, „nun 
wol uns Gott gnedich sein" und „Gott der vater wohn uns bei". Ein Jahr darauf 
wurde der Mönchsgang, der die Nikolaikirche mit dem Schamebecker Hofe 
verband, abgebrochen. 



-^ 135 8^ 

So spärlich die Nachrichten über die Entetehung der Kirche fließen, so 
gering ist auch die Ausbeute der Akten für ihre Baugeschichte bis weit ins 
19. Jahrhundert hinein. Im September 1651 hören wir von der Bewilligung 
einer Kollekte zur Reparation des Kirchturms, dessen Südwestecke mit dem 
anstoßenden Gewölbe gefährdet war, aber die Klagen der Juraten über schlechte 
Fundamente und das allenthalben löcherige Kirchendach hören darum nicht auf. 
Durchgreifende Maßregeln wurden erst getroffen, nachdem der Rat in einer be- 
weglichen Kundgebung von allen Kanzeln herab die Mildtätigkeit der Stadt- 
gemeinde in Anspruch genommen hatte. Die Motive des Aufrufs sind für den 
Geist jenes Geschlechtes bezeichnend; es heißt da: „gleich wie nun aus allen 
geschichten erweislich, wo man die Gottesheuser nicht bawen, bessern und 
erhalten wil, da machet Gott eine schwindtsucht unter den menschenkindern 
und allem ihrigen, und ob sie wol viel an zeitüchen und irdischen gütern ver- 
dienen, erringen, erkargen und beysammen bringen, . . . dennoch solches alles, wie 
der staub in der sonnen vom starken winde zerstöret wirt, vergehen und ver- 
wehet werden mus". — Wieviel bei der nachfolgenden Kollekte erübrigt wurde, 
scheint nicht überliefert zu sein; aus der Ausgaberechnung von 1672 geht 
hervor, daß eine ansehnliche Menge Holz zum Turmbau vom Zöllner zu Bleckede 
angekauft wurde, u. a. eine Partie starke märkische Fichtenständer und 6 Eich- 
bäume von 30—40 Fuß Länge, deren Anfuhr bis auf die Winterszeit verschoben 
werden mußte; daß femer etwa 13000 Mauersteioe und 8000 Pfannensteine 
verbraucht wurden und eine größere Summe der Kupferschmied erhielt für 
Wiederherstellung des kupfernen und bleiernen Daches auf dem oberen Kirchen- 
gewölbe. Aus Hamburg wurde ein Baumeister verschrieben, der mit seinem 
Sohne den Turm begutachtete und außer den Reisekosten 10 Taler bekam „pro 
discretione, wegen der besichtigung und seines guten rats^'. Hoch auf dem 
Dach des Gewölbes wurde ein Stück Blei mit vergoldeter Jahreszahl angebracht. 

Neue Klagen der Juraten über den baufälligen Zustand des Turmes und 
des Kirchendaches waren schon 1680 laut geworden, fanden aber erst 1710 
Berücksichtigung, als sie durch die Verordneten der vier Stände unterstützt 
wurden. Große Summen sind im ganzen 18. Jahrhundert für die Erhaltung der 
Kirche nicht verausgabt Der Turm und einige Pfeiler nahmen eine so be- 
denkliche Neigung nach Westen, daß man im Juni 1760 das Läuten der Glocken 
einstellte und zwei Jahrzehnte später den bekannten Baumeister Sonnin zu 
einem Gutachten aufforderte. Sonnin sprach sich beruhigend aus. Das starke 
Überhängen des Turmes lasse keine plötzliche Gefahr besorgen, denn es sei in 
der Hauptsache eine an der Westseite als Stütze vorgezogene Mauer, die sich 
von dem Bruchsteinmauerwerk des Turmes, das noch recht gut erhalten sei, 
losgelöst habe und nun so fürchterlich in die Augen falle; notwendig sei nur 
eine sorgsame Aufsicht, ob die Borsten und Risse in den Kapellen imd am 
Mauerwerk sich vergrößern würden, sowie die Einsetzung neuer Fenster in 
neuen Pfeilern auf gerader Brüstung, um die Krümmungen eines großen Turm- 
fensters zu beseitigen. 

Bemerkenswert ist es, daß die Anlage eines Blitzableiters im Juli 1775 
am Widerstände der Kirchgeschworenen scheiterte. „An Orten, wo schwere 



-^ 136 8^ 

und gefährliche Donnerwetter gespürt würden, möchte es eine sehr gemeinnützige 
und notwendige Sache sein, wenn man die elektrische Materie und den Blitz 
ableiten könne, aber in Lüneburg verspüre man wegen der Fläche des Bodens 
umher keine starken Gewitter, man habe auch an der feuchten salpeterreichen 
Luft einen natürlichen Gewitterabieiter, so daß man gegen den Schaden der 
Donnerwetter ziemlich gesichert sei; auch sei ein Gewitterabieiter teuer und 
dadurch gefährlich, daß bei einer kaum vermeidUchen geringsten Berührung der 
Stange die elektrische Materie] herausfahre; wenn die Maschine innerhalb der 
Stadt angebracht werden sollte, so würden die Eigentümer oder Bewohner der 
benachbarten Häuser in großer Furcht stehen imd nicht ohne Grund wider die 
Anlegung protestieren." Das Verhängnis wollte, daß ein Blitz im Jahre 1811 
die Turmspitze in Brand steckte und bis in das neue Orgelwerk zerstörend 
hemiederfuhr. 

Über die wechselvolle Baugeschichte der Kirche im 19. Jahrhimdert sind 
wir besser unterrichtet. Die vier ersten Dezennien geben kein erfreuliches Bild. 
Der vom Sturm arg mitgenommene schmucke Dachreiter wurde 1801 herunter- 
genommen. Im folgenden Jahre stellten die Juraten den Antrag, einen vor dem 
Altare stehenden siebenarmigen Bronzeleuchter im Gewicht von 409 Pfund, 
nach Volger mit der Jahreszahl 1400 und einem lateinischen Bittspruch, für 
den Metallwert zu verkaufen, und da die Böterschiffer, welche drei Lichter, und 
der Abts- und der Lüner Müller, die gemeinsam ein Licht auf dem Leuchter 
unterhalten mußten, mit dem Verkauf einverstanden waren, fand auch der 
Magistrat nichts dabei zu erinnern. Als im Jahre 1815 die Stelle eines Predigers 
eingezogen wurde,*) verkaufte man, um einen Vorschuß zu decken, den einer 
der Juraten geleistet hatte, die „entbehrlichen" Geräte des Kirchenschatzes, 
nämlich folgende Gegenstände aus Silber: 1) einen Kelch mit der Zahl 1578, 
dem Witzendorffschen Wappen und dem Namen der vier Kirchgeschworenen 
Johann v. d. Heide, Daniel Otte, Hans Hoppenstedt und Gasten Wessel 
2) eine große Kanne, bezeichnet 1704 mit der Inschrift „H. Hartwig d. Dassel, 
H. Christian Timmermann sen., assessores, Joachim Schröder, Leonhard Warmers, 
Johann Dieterich Meyer, adm. jurat. 1704"; 3) drei unbezeichnete Hostiendosen; 
4) eine kleine Flasche, die von den Erben des Predigers Hieronymus Kolteman 
zur Kommunion für Kranke geschenkt war; 5) eine Dose unbekannter Bestimmung. 

Für die Festigung des Turmes mußte man um 1817 abermals zu einer 
Sammlung seine Zuflucht nehmen, ohne daß ein dauernder Erfolg damit erzielt 
wäre, und das anhaltende Trauergeläute nach dem Ableben der Königin 
Charlotte (1818), König Georg ffl. (1820) und Georg IV. (1830) trug daau bei, 
die Gefa.hr eines Einsturzes näher \md naher zu rücken. An große Aufwendungen 
für eine gründliche Abhülfe war bei dem öffentlichen und privaten Unvermögen 
nicht zu denken — so erklärt sich der Entschluß, den Turm abzubrechen. Die 
Ausführung geschah ohne Verzug. Im November 1830 wurden Turmhahn und 



*) Seit der Keformation hatte die Kirche drei Prediger, seit 1789 einen Hanptprediger 
und einen Diakonus; die Stelle eines zweiten Geistlichen ist erst seit dem 1. April 190S 
wieder besetzt. 



-^ 137 8^ 

Kirchenvermögen das allzii knappe Bargeld bringen sollten. Nachdem die alten 
kupfernen Dachplatten veräußert waren, schritt man zu einem Verkaufstermin 
Knopf und die vier kleineren Glocken heruntergelassen, im Januar 1831 die 
drei großen Glocken, und alsbald begannen die Versteigerungen, die dem 
für die Kirchenglocken. Stadtbaumeister Spetzler hatte sich gegen den Verkauf 
ausgesprochen und angeregt, faUs man denn durchaus verkaufen müsse, eine 
Kommune als Käuferin zu suchen, welche die Glocken im Gebrauch behalten 
werde. Vergebens. Die Sonntagsglocke von 1516, die Bet- oder Sturmglocke 
von 1518, beides Meisterwerke Hinriks van Kampen, die Große Glocke, vom 
Lüneburger Glockengießer Paul Voß gegossen (1634), wurden gegen ein Höchst- 
gebot von 4 Ggr. und einigen Pfennigen für das Pfund Aren Jacobi aus 
Hannover und dem Lüneburger Schutzjuden Simon Heinemann zugesprochen 
imd in Stücke zerschlagen. Am 2. Juli 1833 folgte der Verkauf der großen 
Stundenglocke aus der Kuppel des Turmes; sie war ein Werk des Holländers 
Dieric Rose und trug die Inschrift: „+ ioncvrouwe • iehenne • de • cunighem + 
maertin • es • minen • name • dieric • roose • maecte • mi • int • iaer • m • v^ • en • viere." 
Diese Glocke wurde nicht zertrümmert, sondern nach St. Dionys im Landkreise 
Lüneburg überführt Der Vernichtung preisgegeben wurde femer die sog. Neben- 
oder Bimmelglocke, zwar nachdem sie gegen die Franziskusschelle aus St. Marien 
eingetauscht worden war.*) Die Abräumungsarbeiten am Turme dauerten bis 
in den Sommer 1832, dann wurden sie eingestellt, um dem Kirchengebäude 
seine westUche Stütze nicht ganz zu entziehen, zeigte sichs doch gar bald, 
daß nunmehr das hohe Mittelschiff zu wanken begann und die ganze Kirche 
in ein so hoffnungsloses Stadium des Verfalls geriet, daß ihre völUge Beseitigung 
unabwendbar erschien. 

Kein Wunder, daß die Ratsassessoren von St. Nikolai, an der Spitze 
Dr. Th. Meyer, im Frühling 1840 die „Modesucht, Antiquitäten einen besonderen 
Wert beizulegen", benutzten, um das Holzschnitzwerk des alten Hochaltars zu 
Gelde zu machen. Soweit die Schnitzereien nicht vom ünterküster im Laufe 
der Jahre als Brennholz verwandt waren, lagen sie z. T. auf einem Boden hinter 
dem Singchor, z. T. in einer kleinen Kapelle hinter dem Altare als Gerumpel 
herum; von 28 geschnitzten Szenen aus dem Leben Christi waren angeblich noch 
zehn, von acht Propheten noch sieben vorhanden. Als Reflektant trat ein 
Antiquitätenhändler Martens aus Altena auf, der bereits „eine große Menge z. T. 
wertlos scheinender Gegenstände für schweres Geld" in Lüneburg zusammen- 
gekauft hatte und durch einen der Juraten auf das bezeichnete Holzwerk auf- 
merksam gemacht war.**) 

Die Rettung der Kirche in ihrer überUeferten Gestalt ist das Verdienst 
des St Nikolaikirchenbauvereins und eins der ehrenreichsten Blätter in der Bau- 
geschichte Lüneburgs. Es war im Februar und März 1843, als der Oberküster 
zu St Nikolai, E. Klingemann, angeregt durch das Beispiel des Hamburger 

*) Vergl. Wrede angegebenen Orts. Die „Schelle" von 1597 (ib. Nr. 19) hieß ehemals die 
„Schoßglocke'', die Nikolausglocke (Nr. 22) ist mit der Sonntagsglocke identisch, die Moritz- 
glocke (Nr. 23) mit der Bet- oder Sturmglocke. 

*•) Vergl. jedoch unten S. 141. 

18 



-<-8 138 g-ä- 

Schillingsvereins, mit einem begeisternden Aufruf hervortrat, in welchem er die 
Bewohner Lüneburgs zur Gründung eines Vereins für die Restauration der 
St Nikolaikirche und die Herstellung ihres Turmes aufforderte. Nach den bei- 
gefügten Satzimgen sollten die zur Förderung und Erreichung des Zweckes not- 
wendigen Mittel beigebracht werden a. durch eine Sammlung einmaliger größerer 
Beiträge, b. durch eine wöchentliche Beisteuer von vier oder acht Pfennigen 
für jedes VereinsmitgUed, c. durch öffentliche Bitten um milde Gaben. Gleich 
in den ersten Monaten ^'traten mehr als 2000 Lüneburger dem Verein bei, der 
durch einen Ausschuß, zunächst gebildet aus den Herren, welche die Original- 
ausfertigung der Satzungen unterschrieben hatten, sowie durch einen aus elf 
Mitgliedern zusammengesetzten Vorstand vertreten wurde. Bürgermeister und Rat 
machten es sich zur Aufgabe, Bedenken zu zerstreuen, welche die Regierung dem 
Wollen und Können des Vereins vorerst entgegenbrachte. „Die Erfahrung aller 
Zeiten habe es gelehrt'^ so heißt es in einem Schreiben des Magistrats an die 
Königliche Landdrostei vom Februar 1844, „daß wo etwas Außerordentliches 
erreicht werden solle, auf eine sonst pflichtmäßige, ängstliche Sicherheit bei 
Berechnung der Mittel verzichtet werden müsse, daß vielmehr ein kühnes Ver- 
trauen dabei vor allem nötig sei", ein hoher Standpunkt, der zeitweise einem 
gewissen Kleinmut wich, durch die zähe Ausdauer der Führer des Vereins, eines 
Superintendenten Hölty, eines W. F. Volger, jedoch glänzend gerechtfertigt worden 
ist. Eine große Ermutigung bedeutete es, als die zahlreichen Fürstlichkeiten, 
die im Herbst 1843 zur Teilnahme an den Manövern des zehnten Bundeskorps 
in Lüneburg versammelt waren, den jungen Verein durch namhafte Beiträge 
unterstützten, und von Mund zu Mund ging ein Wort des kunstsinnigen Königs 
von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., der mit der größten Gabe eintrat: „Lüne- 
burger, diese Kirche dürft ihr nicht sinken lassen^^ Später, als die Baukosten 
drohten, die Grenzen des Leistungsmöglichen zu überschreiten, hat der König 
von Hannover den Verein mit bedeutenden Zuschüssen wiederholt aus schwieriger 
Lage befreit In allen Kirchen Lüneburgs fand lange Zeit hindurch am zweiten 
Pfingsttage eine Beckenkollekte zum Besten der Vereinskasse statt. 

Die Herstellung des Gotteshauses erfolgte nach einem gewissenhaft aus- 
gearbeiteten Plane des Stadtbaumeisters Holste in einzelnen Abschnitten, je nach 
den vorhandenen Mitteln. In den ersten sieben Baujahren, von 1845 — 53 (1848 
wurde nicht gebaut) wurden die unteren Ringmauern, 22 äußere Strebepfeiler, 
28 Fenster und vier Türen erneuert, für eine Gesamtsmnme von 12232 Th. 
7 Ggr. 4^2 ^. Damit war der erste Teil des Restaurierungsplans erfüllt Nun 
setzte eine kritische Periode ein. Ehe die schwierige Frage entschieden war, 
wie man die Arbeiten am zweckmäßigsten fortzusetzen habe, geriet ein Teil der 
hohen Mittelgewölbe in solchen Zustand, daß ihr Zusammenbruch drohte und 
die Kirche im Oktober 1856 für gottesdienstliche Handlimgen geschlossen werden 
mußte. Jetzt war es die Landdrostei, die den Kirchenbauverein gegen den 
Magistrat in Schutz nahm, da dieser große Geneigtheit zeigte, die Herstellungs- 
arbeiten ganz fallen zu lassen und lieber eine neue Kirche aufzuführen. Baurat Hase, 
Bauinspektor Debo in Hannover und Stadtbaumeister Maske in Lüneburg erhielten 
Auftrag, sich über das Für und Wider eingehend zu äußern. Eine soi^ältige 



-^ 139 8-^ 

Untersuchung der Grundmauern, die bei dieser Gelegenheit vorgenommen wurde, 
ergab, daß die Fundamentierung der beiden westlichen Innenpfeiler außerordentlich 
mangelhaft war, beide ruhten auf Schutt und reichten nur bis auf 2' 9" unter den 
Fußboden der Kirche; im Gegensatz dazu — ein interessanter Beleg für die 
oben angedeutete Entstehungsgeschichte des Baues — erwiesen die Fimdamente 
des ganzen östlichen Teils der Kirche eine gewissenhafte und gute Ausführung. 

Infolge der Verhandlungen des Vereins mit den einzelnen Behörden und 
dieser untereinander sowie der wiederholten Berufimg von Sachverstandigen 
blieb die Restaurierungsfrage mehrere Jahre in der Schwebe.*) Als die Kirche am 
1. Juni 1860 bis auf weiteres abermals geschlossen war, ging begreiflicherweise 
auch das Interesse für den Kirchenbauverein merklich zurück, und die Samm- 
lungen mußten ganz eingestellt werden. Eine neue Epoche der Tat begann erst^ 
als der Magistrat sich endgültig dazu entschloß, die Restaurierung der Kirche, 
die von berufener Seite als das herrUchste Baudenkmal der Stadt bezeichnet 
war, durchzuführen und im Herbst 1864 einen Vertrag mit Hase abschloß, 
wonach diesem die Bauleitung übertragen wurde. Es war das beste Zeugnis 
für die Wiedererstarkung Lüneburgs, daß die Stadtverwaltung die Deckung der 
beträchtlichen Kosten zwar unter Heranziehung des Vermögens der drei Hospitäler 
und der Lambertikirche, aber ohne irgend eine staatUche Unterstützung nun- 
mehr selber in die Hand nahm. Und sogleich trat auch der Kirchenbauverein 
mit seinen Sammlungen wieder in Aktion, brachte erhebliche Gelder für die 
innere Ausschmückimg des Gotteshauses auf imd überwies seine Ersparnisse 
einem Fonds für die Erbauung eines würdigen Kirchturmes. 

Schon ehe nämlich die Wiederherstellung der Kirche allen Gefahren und 
Hemmnissen zum Trotz glückUch vollendet war, regte sich in weiten Kreisen der 
Lüneburger Einwohnerschaft der lebhafte Wunsch, statt des zunächst vor- 
gesehenen schmalen Turms mit Dachreiter das Restaurierungswerk mit einem 
würdigeren, den imposanten Verhältnissen des Gotteshauses entsprechenden 
Kirchturm zu krönen. Ein zweites Projekt Hases, später durch den Stadt- 
baumeister Kampf in seine endgültige Form gebracht, wurde zur Ausführung 
angenommen, und auch dieses große Unternehmen, das einen neuen Kosten- 
aufwand von annähernd 100000 Mark verursachte, ist dank der Opferfreudig- 
keit und zähen Ausdauer aller BeteiUgten zum Ende geführt. Mehr als ein 
Vierteljahrhundert lag freiUch zwischen der Einweihung der hergestellten Kirche, 
am 1. Ostertage 1869, und dem kirchhchen Weiheakt zur Vollendung des Turmes, 
am 6. Oktober 1895. Vom alten Turm konnte nur das vorzüglich ausgeführte 
Fundament imd ein Wandstück an der Südseite in Höhe eines Geschosses 
stehen bleiben. 

In der traurigen Zeit, als St. Nikolai zur Ruine entstellt war, ist von 
den Kunstaltertümem der Kirche viel zugrunde gegangen. Voran die bemalten 
Fenster, deren einige, mit den Wappen der Krämer, Vollhaken, Eichenschiffer, 



*) U. a. sprach sich das geistliche Ministerium der Stadt für eine Wiederherstellung 
aus, das Kollegium der Bürgervorsteher nannte sie unzweckmäßig und lehnte jede Mit- 
verantwortung ab. 

18* 



Pig. «1. Nlkolalkln:ha;6niiidTiA. 



-^ 141 8^ 

Boterschiffer und Salztonnenböttcher, im Jahre 1782 eine Erneuerung erfahren 
hatten; zwei Glasgemäl^e mit Christi Geburt und Auferstehung waren ein 
Geschenk der Brauergilde von 1578, die jungen Kaufleute hatten 1580 ein von 
Hans Gronouw gearbeitetes Fenster für den Chor verehrt, und aus demselben 
Jahrhimdert stammte ein, Wappenfenster des Abtes Eberhard von St Michaelis. 
Ein Fenster der Schiffer von 1581 ist schon im anderen Zusammenhange erwähnt. 
Auch des alten Altarschreins vom Hauptaltar ist oben kurz gedacht Er bestand 
nach Gebhardi, dessen Beschreibung von Mithoff zitiert wird, aus einem Mittel- 
stück mit 28 geschnitzten Darstellungen aus dem Leben Jesu, die sich um ein 
Kruzifix, da^s Lamm Gottes und einen segnenden Heiland gruppierten; auch die 
Innenflügel enthielten holzgeschnitzte Gruppen; die Außenflügel waren in 
Temperafarben kunstvoll bemalt, an der Innenseite mit je acht Bildern zum 
Leben der Hl. Andreas und Laurentius, an der Außenseite mit dem Opfer 
Melchisedechs und der ältesten Ansicht von Lüneburg, bzw. der Anbetung durch 
die drei Könige; an der Predella sah man die Propheten angebracht, die vom 
Heiland geweissagt haben. Was von dem Altarschrein erhalten ist, und das ist 
mehr, als man nach jenem Beschlüsse der Ratassessoren von 1840 vermuten 
sollte, befindet sich bis auf die beiden großen Temperagemälde, die in den 
Besitz des Lüneburger Museums gelangt sind, zurzeit an der Außenwand der 
Chorschranke. Volger weiß zu berichten, daß die goldene Bilderwelt des 
Schreins den Kirchgeschworenen anstößig geworden war und deshalb hinter 
einer mit zwei antiken Urnen bemalten Leinwand verschwinden mußte; als 
man die Leinwand wieder entfernte, war eine Anzahl der Figuren gestohlen, 
die z. Tl. wieder erneuert wurden. Die äußeren Klappen des Schreins dienten 
nach derselben Quelle noch i. J. 1857, mit grauem Olfarbenanstrich versehen, 
als Wandbekleidung des Chors. 

Von den 18 Nebenaltären der Kirche ist keiner mehr vorhanden. Eine 
i. J. 1576 für die Patrizier eingerichtete Prieche mit 18 gemalten Brüstungs- 
füllungen beschreibt Mithoff, andere verlorene Kunstwerke werden von Volger, 
auf den hier verwiesen sei, kurz aufgeführt. 

Die älteste Kanzel der Kirche, von der wir Kunde haben, war mit den 
Bildern der Reformatoren und namhafter Theologen geschmückt und entstammte 
dem Jahre 1576; sie wurde 1643 erneuert. Die neue Kanzel war größtenteils 
aus Lindenholz gearbeitet und durch Wurmfraß schließlich so beschädigt, daß 
sie bei der Restaurierung der Kirche nicht wieder zur Verwendung gelangen 
konnte; sie wanderte daher als ein Geschenk des Magistrats in das Weifen- 
museum nsich Hannover. 

Die Dope, ein Werk des Glockengießers Meister Ulricus aus der ersten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts*), wurde der Kirche i. J. 1656 von einem Bürger 
des Namens Nicolaus Timmermann \md Frau Anna Knovels zum Geschenk 
gemacht Die Wahrscheinlichkeit kommt der Gewißheit nahe, daß das Tauf- 
gefäß von der Cyriakskirche erworben wurde, als diese 1639 (1651) dem Abbruch 
verfiel. Der ehemalige Deckel, „ein achtseitiger durchbrochener Tempel mit 
vielem Bildwerke", soll 1729 durch einen Blitz zerschmettert sein. 
*) Vergl. Wrede, 1. c. S. 48. 



L 



-^ 142 8^ 

Else Visculen schenkte dem Gotteshause 1492 eine Orgel. Eine von 
Andreas Smedeken gefertigte kleine Orgel stand von 1503 — 1715 im nördlichen 
Seitenschiffe, neben dem Sängerchor. Eine große Orgel wurde von einem 
Hamburger Meister 1594 gebaut und 1678 erneuert. In den Jahren 1783/85 
wurden abermals 4450 Taler für die Beschaffung einer neuen Orgel aus- 
gegeben; die Summe war zur Hälfte durch Sammlungen aufgebracht und 
fiel an den Orgelbauer fleorg Stein, den Bildhauer Brillo und den Bau- 
meister Sonnin. 

Sehr erheblich muß auch zu St. Nikolai die Zahl alter Leichensteine 
und Grabdenkmäler gewesen sein, zeigte es sich doch bei der Beseitigung der 
Kirchengräber in den 60 er Jahren des vorigen Jahrhunderts, daß die Särge unter 
dem Fußboden des Gotteshauses in zwei und drei Schichten übereinander standen. 
Zu den entschwundenen Denkmälern gehört u. a. der Grabstein des durch seine 
Geschichts- und Altertumsforschungen hochverdienten, 1746 gestorbenen Stadt- 
sekretärs Johann Heinrich Büttner; seine Grabinschrift besagte, daß der 
Entschlafene an Gelehrsamkeit, Forschungsdrang und lauterem Sinn einzig 
gewesen sei. 

Beschreibung. Die jüngste Kirche Lüneburgs zeigt eine von den beiden anderen Kirchen 

ganz abweichende Form. Sie ist eine fünf schiff ige Basilika. (Fig. 41) mit im 
halben Sechseck geschlossenen Chor, Chorumgang, KapeUenkranz und Krypta 
unter dem Chor. Das Material ist Backstein wie bei den anderen Gotteshäusern. 
Im Äußern ist die Kirche fast vollkommen neu, nur wenige alte Backstein- 
flächen sind noch vorhanden, und auch im Innern sind die Pfeiler und viele 
andere Teile bei der Wiederherstellung durch C. W. Hase 1864 — 1869 neu auf- 
gebaut; die Mauern waren durch schlechte Fundierung ins Wanken geraten 
und die alten Wände im Innern zeigen noch ihre außerordentliche Schieflage. 
Durch die Freilegung der Strebebögen über dem Dach der Seitenschiffe — früher 
lagen sie unkonstruktiv unter diesem Dache — wurden die Ansichten der 
Kirche wesentlich verändert, und der frühere ganz schlichte Bau erhielt das 
jetzige reiche Aussehen einer Kathedral-Kirche. Hinzu kommt die Neuherstellung 
des Turmes, der außer den Glocken nichts Altes enthält. Eine frühere Ansicht 
der Turmfront bildet Mithoff nach Gebhardi ab. Der Turm endigte damals in 
einer wälschen Haube von wenig schöner Form. Eine Zeichnung der alten 
Turmfront besitzt auch das Lüneburger Museum. 
Chor. Der Chorbau umfaßt den eigentiichen Chor, bestehend aus einem 

schmalen Gewölbejoch und dem halben Sechseckschluß, und den Umgang in 
der Fortsetzung der inneren Seitenschiffe mit dem Kapellenkranz. Der Chor ist 
entsprechend dem basilikalen Mittelschiff hoch herausgezogen und wird von 
reich geteilten Sterngewölben überdeckt, deren Last die außen sichtbaren 
Strebebögen auf die Strebepfeiler zwischen den Kapellen übertragen. Vom 
Umgang wird er durch achtseitige Pfeiler getrennt, deren Flächen konkav 
gebildet sind (Fig. 42), die Ecken werden durch ein dreifaches Rundstabbündel 
verstärkt. Das innere Rundstabbündel ist als Gewölbedienst hochgeführt, die 
übrigen endigen unter dem bandförmigen Kapitell aus Gips, auf dem die reich 



->^ 143 8^ 

profilierten Gurtbogen aufsetzen. Über den Gurtbögen zieht sich ein Maßwerk- 
fries aus Gips herum, darüber treten die Fenstermauem stark zurück und bilden 
so einen Gang, den sogenannten Mönchsgang, vgl. Fig. 43 und 44. Die Pfeiler 
für die Gewölbe sind in Höhe dieses Ganges durchbrochen. Die Fenster sind 
spitzbogig geschlossen und haben zwei Pfosten, die ebenfalls spitzbogig 
zusammengezogen sind. Die Gewölbe des Umganges sind mit denen der 




/> 



Flg. 42. Nikolaikirctae; Pfeilergrandrifi. 



Kapellen zu Stemgewölben zusammengezogen. Die letzte Kapelle auf jeder 
Seite des Chorbaues, gegen das Schiff hin, ist flacher gebildet. Hinter ihr 
Hegt ein kleiner zweigeschossiger Raum, der unten als Eingang dient, 
oben zu den Emporen der äußeren Seitenschiffe gezogen und mit einem 
besonderen Kreuzgewölbe überdeckt ist. Gegen die flachen Kapellen 
öffnen sich diese Emporen durch Spitzbögen, so den Blick auf den 
Chor freilassend. In den Außenpfeilern zwischen Chorhaupt und Schiff 



-t-S 144 ab- 
liegt >uf jeder Seite eine Wendeltreppe, die den Zugang zu den Elmporen und 
dem Dachboden bildet. Unter dem Kaffgesims der Kapellenfenster werden die 
Außenwände durch eine zweite Fensterreihe mit Pfostenteilung durchbrochen, 
in den übrigen Wänden liegen Nischen, zwischen diesen und dem Katfgeeims 
zieht sich an allen Wänden ein neun Schichten hoher gotisch gezeichneter 




Fig. 43. HikoUlklrehe; QDerBchnltt 



Plattenfries aus gebranntem Ton hin. Er besteht in der Höhe aus drei Teilen, 
einem schmalen oberen und unteren Fries aus sich überschlagenden Blättern, 
und einem mittleren hohen Blattfries. 

Der eigenüiche Chor ist um fünf Stufen über das Schiff erhöht, der 
Umgang und die Kapellen liegen in Schiffhöbe. Im nördlichen Teil des Umganges 



NIKOLAIKIRCHE; BLICK INS MITTELSCHIFF. 



-t^ 146 ge- 
führt eine Treppe von 11 Stufen durch eine Tür mit fallendem profiliertem 
Sturz (Fig. 46) zu der unter dem Chor liegenden Krypta (Fig. 45). Sie ist im 
Grundriß sechseckig mit drei tiefen Nischen in den westlichen drei Seiten. Ihr 
Licht erhält sie dm^h drei niedrige Stichbogenfeuster vom Ghorumgang aus. 
hl der Mitte steht eine runde Backsteinsäule mit Fuß und Kapitell aus Gips. 



H" ! I I I I M I I I i - 



riK. U. HlkoUlUrehe; KrypU, 

Von diesem Pfeiler gehen nach den Ecken der Krj-pta Gurtrippen, zwischen 
denen dreigeteilte Kappen mit Bimstabrippen und Schlußsteinen liegen. Die 
Gurtrippen werden in den Ecken von einfachen Konsolen aus Gips unterstützt. 
Die Ecken der Pfeiler an Fenstern und Nischen sind mit Rundstäben eingefaßt. 

In diesem Raum steht der Sai^ des Syndikus Kraut mit reichem Metall- 
beschlag von 1771. Die Krypta soU mumifizierende Eigenschaften haben. 

Der fünfschiffige Bau ist durch vier Gewöibejoche geteilt Das hoch- Schiff. 
gezogene Mittelschiff wird durch achtseitige Pfeiler mit konkaven Flächen und 
Rundfltabbüadeln auf den Ecken von den niedr^en Seitenschiffen getrennt. Die 



-*-i 146 8-^ 

Gurtbögen über den Bandkapitellen der Pfeiler sind reich profiliert, darüber li^t 
wieder der Gipsfries und dann der Möncbsgang mit zurücktreteaden Fenster- 
wändea der Obermauem. Die Widerlagspfeiler der Gewölbe, mit dem hoch- 
gezogenen Riindstabbündel als Dienst, sind in Höhe des Mönchsganges durch- 
brochen, so daß der letztere um das ganze Mittelschiff läuft und in den Turm- 
mauem verschwindet Oberdeckt wird das Mittelschiff von reichen Stersgewölben 
(Pig. 44) mit Bimstabrippen. Die Fenster sind durch zwei Pfosten dreigeteilt. 



f wiif I — I — I — 1— ^H — \ — \ — 1~+- 



b. 



h 



Flg. 4S. Nlkoltlklrche; ElDgaog lur Krypta. 

mit spitzbogigem Abschluß. Die Dreiteilung der Fenster geht nischenföimig bis 
zum Boden des Mönchsganges herunter. 

Die inneren Seitenschiffe werden von den äußeren getrennt durch recht- 
eckige Pfeiler mit starken einfach profiÜerten Gurtbögen. Gegen das innere 
Seitenschiff sind Gewölbedienste angeordnet, im äul^ren Seitenschiffe sind 
Quergurte in der ganzen Breite der Pfeiler durchgeführt Das innere Seitenschiff 
ist mit einfacheren Stemgewölben überdeckt, das äußere hat Kreuz- 
gewölbe. Letzteres ist durch eine massive Empore in zwei Geschosse geteilt. 
Die Emporen sind unterwölbt mit Kreuzgewölben und öffnen sieb gegen das 
innere Seitenschiff mit großen profilierten Spitzbögen. Auch unter den Emporen 



-^ 147 g«- 

liegen die breiten Quergurte. Die Brüstung besteht aus Holz und ist neu. In 
Höhe dieser Brüstung erscheint zwischen ihr und dem Qewölbediensta d&r 
PlattenMes des Chores wieder. Die Fenster der Außenmauem liegen in zwei 
Reihen übereinander, unter und über den Emporen, sie sind dreigeteilt und im 
Spitzbogen geschlossen. 



W i I M I n I I n 



Flg. 47. NlkolKlkircbe; TttrKitter. 

Die vier seitlichen Eingänge an der Nord- und Südseite sind mit zwei- 
flügeligen kunstvollen Gittern aus Schmiedeeisen verschlossen. (Fig. 47.) Die 
Gitter stammen aus der abgebrochenen Lambertikirche und gehören dem 
16. Jahrhundert an, 

Die Turmwand Öffnet sich gegen das Mittelschiff in zwei großen Bögen 
übereinander. Der untere wird von einem neuen hölzernen Windfang ausgefällt, 



-^ 148 8^ 

hinter dem oberen erscheint die neue Orgel, vor ihm liegt eine neue, aus- 
gekragte Orgelempore. 
Turm. Der Turm ist ganz neu. Er wurde 1895 vollendet 

Altar. Auf einem neuen Unterbau von Backsteinen steht der große Altar mit vier 

Flügeln, er stammt aus der 1861 abgebrochenen Lambertildrche (vgl. oben S. 129). 
Die Predella besteht aus Eichenholz und ist bemalt mit sechs Halbfiguren, von 
Propheten, die Spruchstander tragen. Die Inschriften der Spruchbänder lauten: 

Moyses: Apparuit deus in flamma ignis de medio rubi. 

Isaias: Ecce virgo pariet silium et vocabitur nomen ejus. 

Baruch: In terris visus est cimi hominibus conversatus est 

Jeremias: Tradidit in mortem dilectam animam suam. 

Osea: Post dies duos vivificabit nos. 

Micheas: Ascendet iter pandens ante nos. 
Die Bilder sind in Temperafarben auf Kreidegrund gemalt Darüber 
erhebt sich der Altarschrein, der, wie die inneren Seiten der Flügel, ganz mit 
vergoldetem imd bemaltem Schnitzwerk ausgefüllt ist In der Mitte befindet 
sich eine Darstellung der ICreuzigung, die ganze Höhe einnehmend, zu beiden 
Seiten derselben erscheinen im Mitt^lschrein noch je vier, in den Flügeln je 
sechs Gruppen übereinander angeordnet, alle unter vergoldeten Baldachinen mit 
feiner spätgotischer Schnitzerei. Die Gruppen veranschauhchen die Lebens- und 
Leidensgeschichte Jesu, in der oberen Reihe die Verkündigung, Heimsuchung, 
Geburt, Beschneidung, Darstellung im Tempel, Kindermord, Flucht, Gang zum 
Tempel imd Jesus im Tempel. Die untere Reihe stellt dar: Gethsemane, 
Gefangennahme, Verhör vor Kaiphas, Geißelung, ICreuztragung, Grablegung, 
Höllenfahrt, Auferstehung, Himmelfahrt, Ausgießung des Heiligen Geistes. Die 
Arbeit ist vorzüglich. 

Die äußeren Seiten der inneren Flügel und die Innenseiten der äußeren 
Flügel zeigen hervorragende Temperamalereien. Die Bilder links sind der Tjegende 
des Judas Tadeus und Simon, die rechts der Legende des Laurentius entnommen, 
alle mit Vergoldung und farbig fein abgestimmt. Links erscheint ein altes 
Stadtbild von Lüneburg auf dem einen Gemälde. Die Außenseiten der äußeren 
Flügel sind ebenfalls mit Temperamalerei, aber aufgefrischt, links Opferung 
Isaaks, rechts eine Kreuzigung, bedeckt. 
Altarreste. ^^® Reste des früheren Altars der Nikolaikirche (vgl. S. 141) sind teils im Chor- 

Umgang aufgestellt, teils liegen sie auf der südlichen Empore. Sie lassen erkennen, daß 
der Altar von ganz ähnlicher Arbeit gewesen sein muß wie der aus St. Lamberti, 
in Einzelheiten stimmen beide Altäre völlig überein. Im nördlichen Chorumgang 
stehen in der Trennwand zwischen Chor und Umgang sechs vergoldete und 
bemalte Gruppen: Gefangennahme, Verhöhnung, Verhör vor Pilatus, Höllenfahrt, 
Auferstehimg, Ausgießung des Heiligen Geistes. In der östlichen Außenwand 
steht noch eine Gruppe: Jesus im Tempel. In der südUchen Trennwand von 
Chor und Umgang stehen ebenfalls sechs Gruppen: Gang zum Tempel, Trauung 
Josephs und Maria, Verkündigung, Heimsuchung, Flucht, Taufe durch Johannes, an 
der östiichen Außenwand : Gethsemane. Femer befindet sich hier an der östlichen 
Außenwand eine gotische Kreuzigung mit den beiden freistehenden Figuren des 



-t-g 149 g-j- 

Johannes und der Maria. Auf der südlichen Empore hegen zwei Reste von 
aneinandergereihten Baldachinen, spätgotisch, mit vergoldeten Schnitzereien. In 
der Krypta weiden noch sechs Grappen: Versuchung durch den Teufel, Kreuz- 
tragung, Darstellung im Tempel, Grablegung, Ausgießung des Heihgen Geistes, 



. KlkolalUrcbe-, Crtbmal dM Bclnrlcb Vlaknie. 



Beschneidung, und ein gotisches Kruzifix aufbewahrt, die auch von dem alten 
Altar stammen. 

Im nördlichen Chorumgang sind zwei Bildwerke in die Wand eingelassen, Bildwerke, 
eine anscheinend aus Gips beigestellte Pieta, von einfacher großer Auffassung 
unter einem spätgotiscben Baldachin, alles farbig bemalt, und ein MarmorreUef, 
Christus am Olberg, anscheinend aus dem IS. Jahrhundert 



-^ 150 8^ 

Auf der nördlichen Empore liegen vier Marmorfiguren, wahrscheinlich 
von einem Epitaph aus der Barockzeit und ein hölzerner Wappenschild mit dem 
Stadtwappen. 

An der Westseite des südlichen inneren Seitenschiffes ist ein Bildwerk 
aus Kalkstein in die Wand eingelassen, das früher im Freien stand und für 
den in der Ursulanacht 1371 gefallenen Bürgermeister Viskule errichtet worden 
war. (Fig. 48.) In einer rundbogig überdeckten Nische erscheint eine kniende 
Rittergestalt mit betend aufgehobenen Händen. Vor ihr steht der Schild mit 
dem Wappen der Viskule imd dem Helm darüber, oben ein Spruchband mit 
dem Ausruf: „0 fili dei miserere mei". Nach Aufzeichnung bei Gebhardi lautet 
die Inschrift am schrägen Rande des sehr zerstörten Steines : „Anno dei millesimo 
trecentesimo septuagesimo primo in nocte vndecim mylium virginü hinricus 
viscule hie ab hostibus est interfectus." Der Abschlußbogen ist baldachinartig 
mit Kreuzblume imd Krabben geschmückt, die Zwickel bis zum geraden Abschluß 
des Steines sind giit Maßwerk ausgefüllt. 
Chorgestühl. In den vier Chorseiten neben dem Altar stehen zwischen den Pfeilern 

Teile des alten Chorgestühls. Je vier Sitze von gotischer Form, aber un- 
bedeutender späterer Arbeit, haben auf beiden Seiten Wangen, von denen drei 
gotisch sind. An der nördlichen und südUchen Seite stehen zwei hohe Wangen 
mit oberem Kielbogenabschluß und je zwei Krabben. Unter den Bögen 
Nischen mit geknickten Säulchen als Einfassung. In der Nische der nördlichen 
Wange Maria mit dem Kinde, über den Köpfen ein Wappenschild mit einem 
Buchstaben, anscheinend A, darüber der Bogen ausgefüllt mit Maßwerk, südlich 
steht in der Nische eine Bischofsfigur ohne Sinnbild. Hier sind Maßwerk und 
Schild abgebrochen. Die dritte niedrigere Wange hat einen runden Kopf mit 
vier Knollen und geradem Unterteil. Im Kopf ist ein Affe mit Spiegel dargestellt, 
danmter eine Bischofsgestalt. 
Kruzifixe. Außer den zum alten Altar gehörigen Kruzifixen hängt noch ein solches 

über dem Viskulengrabstein. Die Formen sind schlecht 

Auf der Mensa des Altars steht ein kleines, aber gutes gotisches 
Kruzifix aus Holz. 
Gemälde. Hinter dem Altar hängt zwischen den Pfeilern ein großes Ölbild auf 

Leinwand, Christus und die Kinder darstellend und 1608 gestiftet von Hans Bocks 
Testamentarien, Ludolf Weidemann, Markus Martens, Joachim Schröder und 
Albert Rodeck. Die Wappen der Stifter sind auf dem Bilde angebracht 

Ferner sind im Chorumgang noch zwischen den westUchen Pfeilern je 
vier Bilder auf jeder Seite angebracht. (Fig. 49 und 50.) Die Bilder stammen von 
dem alten Altarwerk; sie sind ganz hervorragende gotische Malereien (vgl S. 141). 
Die Farben sind fein abgestinunt, der Hintergrund meist landschaftiich, die Liift 
gold. Sie stellen Begebenheiten aus dem Leben der Heiligen Laurentius und 
Andreas dar. Die Bilder sind 0,75 m breit und 1,05 m hoch und auf Holz- 
platten mit Temperafarben gemalt. 

Im südlichen Teile des Chorumganges hängt eine große Kreuzabnahme 
mit den Frauen, eine gute Arbeit, die anscheinend dem 16. Jahrhimdert angehört, 
femer zwischen zwei Pfeilern unter den Altarresten ein 1878 erneuertes Abend- 



-^ 153 8^ 

mahL Im nördlichen Chorumgang ist an derselben Stelle ein sohmales langes 
Ölbild auf Holz von 1577, die Sakramente in Sinnbildern darstellend, angebracht, 
das links oben die Wappen der Witzendorf und Garlop, [rechts oben die der 
Töbing und Elver, links unten das Wappen der Witzendorf, rechts unten das 
der Töbing zeigt. Es ist ebenfalls 1878 erneuert und soll, nach Mithoff, einst 
als Schutzwand der Altarpredella gedient haben. Femer hängt im südhchen 
Chorumgang ein großes Gemälde, Christus auf der Weltkugel, eine gute Arbeit, 
und im mittleren Teile hinter dem Altar eine unbedeutende Kopie nach 
Rembrands Kreuzabnahme. An der Nordempore sind drei kleine Ölbilder 
angebracht, an der Südempore deren vier, bibUsche Szenen des alten und 
neuen Testaments darstellend und dem Anfang des 17. Jahrhunderts 
entstanmiend. 

An. der Nordempore ist ein großes^ Bild aufgehängt, die Gesetzgebung 
am Sinai darstellend; 1649 von den Schiffern gestiftet. Das Bild ist lt. In- 
schriften 1784 und 1816 renoviert. 

Vier ölbüder in ovalem geschnitztem Rahmen, Pastoren der Kirche 
darstellend, sind unter den Emporen angebracht. Zwei davon sind bezeichnet, 
unter der Nordempore: Hieronimus Koltemann, geboren 1620, gestorben 1689, 
unter der Südempore: Henricus Brasch, 1697 gestorben. 

An der Südempore hängt ein großes Ölbild, Christus am Kreuz, am 
Kreuzfuße zwei Männer, die sich die Hände reichen, gestiftet 1765 von der „Treuen 
Brüderschaft", einer Totenkasse; femer eine Kreuzigung, am Fuße des Kreuzes 
die knienden Stifter, darunter drei Wappen, von denen das mittlere das der 
Famihe Timmermann ist. 

Das Gestühl ist neu, nur im nördlichen Seitenschiff sind noch Gestühl, 
fünf alte Bankwangen erhalten. Die mittleren drei haben runde Köpfe 
mit vier Knollen und geradem Unterteil. In den mnden Köpfen erscheint 
je ein Wappenschild mit Anker bzw. Ruderhaken. Die beiden äußeren 
Wangen haben als oberen Abschluß eine langgezogene ionische Kapitell- 
schnecke, darunter flache Schnitzerei, mit Anker und . Ruderhaken. Auf der 
Wange links: RENOVATVM, rechts: 1783. Je zwei der Wangen nach 
Westen sind mit zwei eisernen Bügeln, als Durchgang, überspannt. Die 
höchsten Punkte der Bügel werden durch eine geschmiedete Blume und ein 
Schiff aus Eisenblech betont. 

Die Nikolaikirche besitzt noch zwei Glocken des alten Turmes, eine Glocken. 
Glocke aus der Marienkirche, eine kleine aus dem Heiligengeistturm und sechs 
Glocken aus der 1861 abgebrochenen Lambertikirche. Vier Glocken des alten 
Turmes sind 1832 verkauft und zerschlagen worden. 

Die sechs Glocken aus der Lambertikirche sind: 

1. Die Marienglocke von 1491, mit oberer von Friesen eingefaßter Um- 
schrift und einem Relief auf jeder Seite des Mantels: Maria mit dem Kinde 
im Flammenkranze, auf einem Halbmonde stehend. Die Glocke hat 1,90 m 
Durchmesser und ist von Gerhard von Wou aus Kampen in Holland gegossen. 

2. Die große Vossische Glocke von 1723 mit 1,713 m Durchmesser, vom 
Lüneburger Glockengießer Paul Voß, mit oberer Inschrift und zwei kleinen 

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-^ 154 8^ 

Reliefs: Christus am Kreuz und die Schlange am Kreuz. Das Glocken- 
material entstammt einer früheren 1650 umgegossenen Glocke. 

3. Die kleine Vossische Glocke, von demselben Gießer, 1650, mit 1,524 m 
Durchmesser, mit oberer Umschrift und den beiden Reliefs: Christus am 
Kreuz mit Maria und Johannes, gegenüber die Schlange am Kreuz. 

4. Die Sonntagsglocke, mit 1,491 m Durchmesser, von Meister Johann Christian 
Ziegner 1712 gegossen. 

5. Die Katharinenschelle mit 0,83 m Durchmesser und oberer Umschrift, von 
Gert Klinge 1445 gegossen. 

6. Die Vossische Schelle mit 0,754 m Durchmesser, 1619 von Paul Voß gegossen. 

Die Franziskusschelle stammt aus der Marienkirche. Sie hat 0,73 m 
Durchmesser und ist 1516 wahrscheinlich von Heinrich von Kampen gegossen. 
Sie zeigt zwei Reüefs, auf der einen Seite das Brustbild der Maria mit dem 
Kinde, im Flammenkranze und von einem Kreise von Rosen umgeben, auf der 
anderen Seite Franz von Assisi zwischen Katharina und Johannes dem Täufer, 
zu des letzteren Füßen das Wappen der Familie Döring. 

Die Viertelglocke des alten Turmes ist 1587 von Hans Meyer gegossen 
und hat 0,56 m Durchmesser. 

Eine Schelle des alten Turmes ist 1597 von Andreas Heineke gegossen 
und hat 0,803 m Durchmesser. 

Die Barchmannsche Schelle aus dem HeiUgengeistturme von 1560 hat 
0,545 m Durchmesser und ist von Valentin Barchmann gegossen. 

Inschriften und Abbildungen in den Lüneburger Museumsblättem, Heft 1. 
Gotteskasten. An der Westwand steht ein Gotteskasten, dessen Fuß mit einer stehenden 

farbigen Bischofsfigur bemalt ist (St. Nikolaus?). Der Kasten ist mit schweren einfachen 

Beschlägen versehen und stammt anscheinend aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts. 

Grabdenkmäler. An der Westwand hängt ein Grabmal des Handelsmanns Jürgen Martens, 

1736 von dem Bildhauer M. Brullo ausgeführt Die schwarze Schrifttafel wird 
eingefaßt von einem Sandsteinrahmen und begleitet von ornamentierten Pilastem. 
Über dem Gesims hängt vor einem steinernen Aufbau das Bildnis Martens. Der 
untere Abschluß wird gebildet durch krause Wolken, die von einer weiblichen 
Figur und Putten belebt werden. Neben und unter dem Epitaph hängen drei 
große Messingleuchter, mit Löwenköpfen als Wandbefestigung. 

Im äußeren Snördlichen Seitenschiff hängt auf der Empore an der Ostwand 
ein großes Bild des Archidiakons Brand Ludolf Raphel, geboren 1710, gestorben 
1753, darunter eine Schriftplatte aus Holz, umgeben von Putten. Ein ebensolches 
Epitaph des Georg Nikolaus Eggers, 1688 geboren, 1751 gestorben, befindet sich 
an derselben Stelle auf der Südempore. 

Im inneren südüchen Seitenschiff ist eine Gedächtnistafel für sieben 
Kinder des Pastors Sigismund Scher von St. Lamberti angebracht; er verlor 
diese Kinder im Jahre 1626 infolge der Pest Das mittlere Ölgemälde zeigt den 
Stifter mit seinen Kindern. Es wird eingefaßt durch zwei korinthische 
Säulen mit Schnörkelanläufem und bekrönt von einem Frontgiebel mit 
Engel. Das Ganze ist einfach farbig behandelt. Pastor Scher starb 1639, wie 
die Tafel angibt. 



J 



-^ 155 8^ 

An der nördlichen Empore befindet sich ein hölzernes Grabmal des Johann 
Harms, geboren 1665, gestorben 1703, mit einem ölbilde: Christus predigt 
vom Schiff aus; darunter hängt ein dreiarmiger Messingleuchter von guter Form. 

Einige einfache Grabplatten liegen an den Eingängen der Kirche und Grabplatten, 
im nördlichen Seitenschiffe, und zwar in letzterem die des Senators und Camera- 
rius Martin Leonhard Warmers, geboren 1703, gestorben 1788, und seiner Frau 
Rachel Dorothea, geborenen Horsten, 1,49 m breit, 2,12 m lang aus Sandstein. 
Der in der Mitte angebrachte Wappenschild ist geteilt und enthält beide Wappen- 
bilder. In den vier Ecken Ovale mit Sinnbildern, daneben vier eiserne Ringe. 
Die Platte im nordwestUchen Eingang ist dem Gedächtnis des Syndikus Bernhard 
Maneke, geboren 1678, gestorben 1747, und seiner Frau Anna Christiana, 
geborenen Langens, gewidmet In der Mitte die beiden Wappen. Im südwestlichen 
Eingang hegt eine Platte, gestiftet dem Geistüchen Georg Heinrich Oldekop, ge- 
boren 1704, gestorben 1742, seiner Frau Sophie Friederike, geborenen Schultz, und 
deren zweitem Mann, dem Syndikus Johann Paul Kraut, geboren 19. April 1709, 
gestorben 1. Dezember 1771, von ihren Söhnen Christian Friedrich Oldekop und 
Otto Friedrich Kraut. 

Die Kirche besitzt vier Kelche, von denen zwei der Mitte des 16. Jahr- Kelche, 
hunderts entstammen. Einer derselben, 20,6 cm hoch, ist aus dem Fünfeck 
entwickelt mit fünfseitigem Fuß, dem ein Kruzifix, mit Maria imd Johannes zu 
beiden Seiten, aufgeheftet ist. Darunter ein Wappenschild mit dem Wappen der 
Hoyken tmd dem Buchstaben g auf jeder Seite des Schildes. Das Ornament des 
Fujßes und der Handhabe ist flach eingeritzt und hat Renaissance-Charakter 
Der Knauf ist rund und mit fünf Nägeln besetzt, deren Köpfe kleine farbige 
Rosen in blauem Email tragen. Zwischen den Nägeln in blauem Email die 
Inschrift: „gloriam da deo" mit gotischen Minuskeln. Am Hals unter der 
Kuppa IHESVS und CRISTVS. Auf der Innenseite des Fußes ist eingeritzt: 
hoeke(?), eine Marke fehlt. Der andere 16,6 cm hohe Kelch ist sechsseitig, mit 
demselben Ornament wie der vorige. Dem Fuß ist ein silberner Christuskörper 
aufgeheftet. Der runde Knauf hat vier Nägel mit Rosetten. Zwischen ihnen die 
Inschrift: „ihsus cristus filius vginis". Am Hals über und unter 
dem Knauf: „ihesus cristu s." Auf dem Fuß ist die Inschrift eingeschnitten : 
„lambert bordenowe unde grete sin husvrowe", an der Unterseite des Fußes: „de 
dervt me nicolao". 

Die beiden anderen Kelche gehören der Spätrenaissance an, sind 27 und 
25,5 cm hoch und haben gebuckelte runde Füße und eben solchen Knauf. Am 
Hals des größeren Kelches sind aus Silber gegossene Männerköpfe angebracht, 
an der Fußunterseite des kleineren Kelches die Zahl LVin. 

In der Kirche werden folgende Paramente aufbewahrt: Paramente. 

1. Eine kleine gotische Tasche aus blauem Samt, der übersät ist mit kleinen 
Metallblättchen. Darauf stark erhabene Goldstickerei: Christus, dem Thomas 
seine Wunden zeigend; über der Gruppe das Wappen der Garlop, ein 
anderes Wappen ist verloren gegangen. 

2. Zwei Unterlagen für Kelche, deren eine, 16,5X18 cm groß, in der Mitte 
Christus am Kreuz, daneben Maria und Johannes in flacher Goldstickerei 

20* 



-*^ 156 ge- 
zeigt In der Ecke Ornamente, zwischen ihnen die Inschrift: GRVWELMANS - 
Wir ■ CATRINA HELMHOLTS. Auf der Rückseite steht die Jahieezahl 1643. 
Die zweit« Unterlage hat auf Leisengrund grüne und goldene Stickerei und 
die Umschrift: „W. ILSE TOBINGES • S. H. LEONHART • TOBING. 
ANNO 1634". 

3. Zwei quadratische Leinentücher, von denen dae eine farhige Stickerei aus 
dem 18. Jahrhundert zeigt, das andere mit Blumen in roter Seide bestickt 
ist In der Mitte des letzteren das Lamm, darunter die Buchstaben: 
M. L. W. FGS. 1761. 

4, Zwei große Kommuniontücher von hervorragender Arbeit; das eine ist 
6,82 m lang, 0,52 m breit (Fig. 51). Auf der grauen Leinenunterlage sind 
mit farbiger Seide in Kettenstich 10 Darstellungen in kranzfönniger Ein- 
rahmung gestickt. Die einzelnen Bilder sind umgeben von verschieden 
gezeichnetem Ornament mit Blättern, Blumen und Früchten und stellen in 
der Mitte Gott Vater mit erhobener Hand dar, links fünf kluge, rechts fünf 



Fig. fil. NlkoUlUrcbe; KominDiiioDtncb. 

törichte Jungfrauen. Um jede Figur schlingen sich Spruchbänder, die bei 

den klugen Jungfrauen lauten : „ mora - sponsi • dilatio ■ novissimi ■ est ■ diei ■ | 

Iter ■ ad ■ sposvm - est ■ trasitus ■ ad ■ iudiciv • | nos ■ qvinqve • sapientes • electos 

e — vs • I Nos ■ de;ce ■ virgines ■ svmvs ■ höies • in ■ ecclia • | Regnv ■ celorvm ■ Christiana 

est • ecclesia." | bei den törichten Jungfrauen:. ,nos • qvinqve ■ fatvae - dam/natos • (e) 

sig'nificamvs • | Clamor ■ est - tvba - angeh an/te ■ aduetv • xpi • [ media ■ n/ox ■ 

tempvs • ad: uent\'s • xpi ■ | petimvs ■ olevm - id ■ est - fidem - et ■ bona ■ spera ■ |Vox 
xpi - nescio - vos - reprohorvm ■ codenatio ■ est ■ " Zur rechten Hand des thronenden 
Christus steht: „Venite ■ benedicti ■ in -regnv pti-s-mei • q ■ paiatv ■ est ■ vobi • ab 
initio ■ mondi ■ Matthei • 25 ■ " Zur linken Hand : „ Discedite - a ■ me ■ maledicti • in 
ignem - aetemvm • qvi • paratos • es • diabolo ■ cvm ■ agelia -svis ■ " 

Die Figuren und die Ornamente sind nur in den Umrissen gestickt, 
die Minuskehl der Schrift rot, die Umrisae der Bänder sind schwarz vor- 
gezeichnet, aber nicht ausgestickt. In den Ecken sind leere Wappenschilder 
angebracht. 

Das andere Kommuniontuch ist 6,85 m lang und 0,87 m breit Es 
ist in dei-selben Art gestickt, hat auf den Seiten eine einrahmende farbig 
gestickte Kante von stihsiertem Renaissanceomament und als mittlere 
Darstellungen Bilder in 12 Kreisen, von denen je zwei verschlungen sind. 



— S 157 8-- 

(Fig. 52.) Die KreispiiaFe sind von naturalistisdiem, fein gezeichnetem 
Ornament mit Blätteni, Bltmien, Früchten und Tieren umgeben. In jedem 
Bilde befindet sich ein Sprachband, das aber nur aufgezeichnet, nicht aus- 
gestickt ist und die Erklärung zu dem betreffenden Bilde liefert: 

„ Alse de dre Engel tho abraha kamen. Gene. XVIII. | Wo Abraham vnd 
Sara schlachten dat kalb. | Hir eten de dre menner vnder dem bom. | Hir geit 
abraham mit de dre mener vordw^s. | Hir steit abraha vn süt de beiden stede 
an. I Hir redet de konnig abimelech mit abraham. | Sara telde abraham einen 
son genoraet Isaac. | Hir maket abraham einen grote collacie. | Hir bewiset abra- 
ham dat he goth fruchtete. | Hir gift Rebecca abrahams knecht to driuke. | Hir 
bringet de knecht rebecca mit to hus. | Hir nimpt Isaac rebecca to ener frouweu, 
gene. XXH." 



Flg. Sl KikoUilkiToha; KommnnJDDtach. 

Unter den DarstelluDgeu sind Tiere angebracht. Einige Figuren 
sind nicht ausgesticki In den Ecken erscheinen die Wappen Joh. v. Töbing 
und seiner Frau Gesche Schomacker, au der rechten schmalen Seite ist die 
Jahreszahl MDXLII nicht ausgestickt. 

5) Gotisches Antependium, 2,80 m lat^, 1,15 m breit, (Fig. 53.) (Mithoff 
nennt dies Stück Fußteppich.) Farbige Aufnäharbeit mit Stickereien, auf 
schwarzem Leinen (?). Der Grund ist durch rote Streifen in zehn Felder 
geteilt In der Mitte jedes Feldes befindet sich ein Bild in kranzförmiger 
EÜiu^mung, umgeben von naturalistischem Ornament. Die Bilder stellen 
dar: das Lamm, Erschaffung des Menschen, Adam und Eva, Vertreibung aus 
dem Paradiese und wieder das Lamm; in der unteren R«ihe: Maria mit dem 
Einhorn im Schöße, Verkündigung, Heimsuchung, Geburt, Christus. Die 
aufgenähten Teile bestehen aus Leder und Seide und sind teilweise 
überstickt. 

6) Ein Schultervelum aus schwerem, mit Goldfäden durchzogenem Seidendamast, 
auf den ein Längsstreifen oben und drei herabhängende Querstreifen mit 
guten mittelalterlichen Stickereien aufgenäht sind. Auf den Streifen 
Gestalten in architektonischer Einrahmung, aufgenäht und dann 



-<^ 1B8 8-«- 

farbig überstickt. Auf dem mittleren Streifen ein Wappen (ein zweites 
ist verloren gegangen), im Schild drei Granatäpfel, angeblich Familie 
Upleger. Auf den äußeren Streifen am unteren Ende zwei Evangelisten- 
symbole. 

7) Ein Tauftuch, weiße Stickerei auf grauem Leinen, in lier Mitte das Lamm. 

8) Eine farbige Stickerei, in der Mitte Christus am Kreuz. Tauftuch. 

Im südlichen Ghorumgang befindet sich der bronzene gotische Taufkessel 
von einfacher Form, auf vier Brouzefiguren stehend. Um den oberen Rand zieht 
sich ein Linienornament, Weintaub mit Traube; am unteren Rande sind kleine 
Reliefs, abwechselnd mit gotischen Lilien und Münzbildem angebracht Der 



Flg. SS. NtkoUlklrchej Autep«Ddlnm. 



Taufkessel soll von Meister Ulricus, einem Lüneburger Glockengießer aus dem 
ersten Viertel des 15. Jahrhunderts, stammen (Lünebuiger Museumsblätter» 
Heft 1, wo auch das obere Ornament abgebildet ist. Vgl. vom S. 61 u. 141.1 

Yerschiedenea. Im Alüirschrein werden zwei farbige kleine Holzschilder des Weber- 

amtes von 1701 aufbewahrt, ferner ein Messingschild des Braueramtes und 
zwei kleine Messingschilder unbekannten Ursprungs. 

Die Kirche besitzt mehrere große Stemsche Bibeln. 

GegensUnde im Im Lüneburger Museum werden zwei Sehutzflügel des früheren Altais 

LUnebarger aufbewahrt Das eine gut erhaltene, 1,4;^ m breite, 2 m hohe Temperabild 
Mneenn. ^eigt die Begegnung Abrahams und Melchisedeks. Im Vordergrunde steht links 
Melchisedek und rechts Abraham, beide mit ihrem Gefolge. Über einen zwischen 
ihnen befindhchen Tisch mit vergoldeter Vorderwand reicht Melchisedek dem 
Abraham Brot und Wein. Weit im Hintergrunde, fast am oberen Rande des 
Bildes, ist eine Ansicht von Lüneburg mit allen Kirchen imd der Burg auf dem 
Kalkberge dargestellt Wiesengründe mit allerlei Figuren trennen die Stadt- 
ansicht von der Begegnungsgruppe. Das Bild soll um 1450 entstanden sein und 
ist gut erhalten, anscheinend auch restauriert. 



->^ 159 8^ 



Die zweite Tafel, 1,20 m breit 2 m hoch, ist unvollständig und schlecht 
erhalten. Dargestellt ist das Abendmahl in einem geschlossenen Räume mit 
drei Fenstern. 



Die Marienkipche und das Barfüsserkloster. 

Quellen: Unedierte Urkunden, Akten und Pläne des Stadtarchivs-, hand- 
schriftliche Chroniken des Stadtarchivs und Museums; Schomakers .Chroüik; Volgers 
Urkundenbuch der Stadt Lüneburg; Gebhardi, Collectanea Bd. IX. 

Literatur: Bertram, das Evangelische Lüneburg S. 32 ff.; Gebhardi, von dem 
Barfüßer St Marienkloster zu Lüneburg (Hist. geneal. Abhandlungen, 1767, IV. 173 ff.); 
Manecke, Top.-hist. Beschreibungen I. 17 f.; Volger, Lüneburger Neujahrsblatt und Pfingst- 
blatt 1858 (Lüneburger Blätter 127 bzw. 135) ; Wrede, die Einführung der Reformation im 
LUneburgischen (1887) S. 110 ff. ; Banasch, die Niederlassungen der Minoriten zwischen Weser 
und Elbe im 13. Jahrhundert (1891); Lemmens, Niedersächsische Franziskanerklöster im 
Mittelalter (1896); Wrede, die Glocken der Stadt Lüneburg (Lüneburger Museums- 
blHtter I, 34 ff.). 



Die Marienkirche („ecclesia fratrum minorum beate Marie virginis'', 
„domus beate Marie virginis fratrum minorum ordinis sancti Francisci", „Unser 
leven frouwen kerke", „kerke to den mynren broderen", auch schlechthin „to 
den bruderen", „kercke dive virginis") hängt in ihrer Geschichte mit der Ordens- 
niederlassung der „minderen Brüder" — Barfüßer vom Franziskanerorden — 
aufs engste zusammen. Deren planmäßige Propaganda, die schon in den letzten 
Lebensjahren des Ordensstifters Franz von Assisi und alsbald nach seinem Tode 
(1226) das nördliche Deutschland in ihren Bereich zog, führte wie in Hildesheim, 
Braunschweig, Goslar, Stade, Hamburg, so auch in Lüneburg zur Gründung eines 
Klosters, und zwar unter der Gönnerschaft Otto des Kindes. Der Klostergründung 
soll die Erbauung einer Kapelle zu Ehren der Jungfrau Maria um sechs Jahre vor- 
aufgegangen und dieses Kirchlein mit dem daran anstoßenden Gelände den am 
1. September 1235 in Lüneburg einziehenden Mönchen abgetreten worden sein. 
Die Lage des Gebäudes wird als recht unwirtlich geschildert: „auf dem Göse- 
brink, einer rings von schlammigen Wassern umgebenen, schutzlosen Anhöhe 
außerhalb der alten Stadtmauern". Für die Zeit der Klostergründung kann 
diese sagenhafte Beschreibung kaum noch zutreffen, war doch die Stätte, 
welche die Bettelmönche für ihre Niederlassung erhielten, vielmehr der aus- 
gezeichnetste Bauplatz, den es in der Stadt geben konnte, ein großes Grund- 
stück in unmittelbarer Nähe des neuen Marktes und Rathauses. 

Das Lüneburger Marienkloster gehörte zur sächsischen Ordensprovinz, 
zur Kustodie Bremen. Vorsteher war der Gardian, neben ihm treten der 



Geschichte. 



-^ 160 8^ 

„Vacante", der Vizegardian, der oberste Lesemeister und ein Gegenlesemeister 
hervor. Eine Zweigniederlassung des Klosters erfolgte unter Vermittlung 
der Herzöge Otto imd Wilhelm in Winsen an der Luhe, anscheinend im 
Jahre 1348. 

Die Franziskaner scheinen sich bis zur Reformationszeit einer großen 
Beliebtheit erfreut zu haben. In zahlreichen Memorienstiftungen von Bürgern 
und Bürgerinnen wird ihrer mit mehr oder minder reichen Gaben gedacht, ein 
Begräbnis im Bereich ihres E3osters wurde vielfach bevorzugt — noch von dem 
letzten katholischen Propst von St. Johannis (f 1536) — manche Bürger kauften 
sich in der Mönchskirche einen erblichen Kirchenstuhl, die Fischer sowie die zur 
Katharinenbrüderschaft vereinigten Steinschneider und Zimmerleute ließen zu 
St. Marien allwöchentlich eine Seelenmesse für ihre verstorbenen Mitglieder 
lesen. Das Einkommen der Brüder, die nach der Ordensregel kein Privateigentum 
besitzen durften, wurde von einem Batmanne als Prokurator verwaltet 
(Nikolaus van der Molen 1301), und die nahe Beziehung des Klosters zur 
Stadtobrigkeit kommt im letzten Viertel des 13. Jahrhs. auch darin zum Ausdruck, 
daß der Gardian mit seinem Konvent dem Hamburger Rate aus einem der 
Lüneburger Stadtbücher einen wörtiichen Auszug wichtiger Zollbestimmungen 
mitzuteilen in der Lage ist Im April 1462 nahmen Bürgermeister und Rat das 
Kloster in ihren besondern Schutz imd versprachen, mit den Sülzprälaten keinen 
Frieden zu schheßen, ohne den Konvent mit hineinziehen und ihn schadlos zu 
halten. Der Ratmann Johannes Schele legte im Jahre 1478 sein Amt nieder, 
entledigte sich all seiner Güter und begnügte sich mit einer Prabende bei 
den Barfüßern. 

Die günstige Lage des Klosters in der Mitte zwischen dem Rathaus- 
komplex, dem Herzogsschlosse (nach 1371) und dem Verdener Bischofshofe war 
wohl der Hauptgrund, weshalb seine großen Räumlichkeiten, zumal das 
Refektorium, gern zu Versammlungen benutzt wurden, die für die ganze Stadt 
oder weitere kirchliche Kreise von Bedeutung waren. Im Jahre 1282 finden wir 
die Herzöge Otto und Heinrich mit großem Gefolge bei den Franziskanem, 
1333 hielt Bischof Johann von Verden im Kloster eine allgemeine Synode ab, 
Bischof Heinrich I. versammelte dort das Domkapitel von Bardewik (1376), 
Johann III. brachte „in refectorio fratrum minorum" unter feierlichem Geprange 
die wichtige Sülzkonkordie vom 1. August 1457 zustande. Verhandlungen der 
Sülzprälaten mit dem 60er Ausschuß der Bürgerschaft fanden ebenfalls im 
Reventer des Liebfrauenklosters statt — und noch aus der Reformationszeit 
heißt es „die Bürger hielten diese Tage ihren Rat in Unser lieben Frauen Kloster, 
das sie sich öffnen Ueßen, und da versammleten sie sich, wann sie vom Rat 
was fodem wollten". „In ambitu fratrum minorum" sind zahlreiche, vorzugs- 
weise vom Archidiakon von Modestorpe ausgestellte Urkunden entstanden 
der Kreuzgang war also eine beliebte Statte für die Ausübung geistlicher 
Gerichtsbarkeit. 

Klerikale Eifersucht führte zu mancherlei Reibungen zwischen den 
Mönchen und den städtischen Pfarrern. Am 1. Dezember 1296 brachte der 
Bischof von Verden eine Versöhnung der Parteien dadurch zustande, daß er 



i 

1 



-^ 161 IK- 

die kirchlichen Befugnisse der Ordensbrüder beschrankte. Sie sollten auch 
fernerhin Beichte hören, predigen und auf ihrem eigenen Kirchhofe bestatten 
dürfen, an den Festtagen jedoch sollte ihre Predigt nicht vor dem Hochamte 
der Pfarrkirchen stattfinden, ausgenommen an den Festtagen der Hl. Franziskus, 
Clara, Antonius und der Kirch weihe; die letzte Ölung und die Spende des 
Abendmahls sollte ihnen nur zustehen bei ihren ständigen Dienern und Dienerinnen, 
ihrem Prokurator imd der Prokuratrix; übrigens sollten Pfarrer und Mönche sich 
gegenseitig nach Möghchkeit förderlich sein. Berufungs- und Vergleichs- 
urkimden aus dem 14. und 15. Jahrhundert beweisen, daß diese Mahnung nicht 
sonderlich beherzigt wurde; nach einem Abkommen, das im Jahre 13S6 auf 
Veranlassung des Rates durch den Lüner Propst und den Lüneburger Proto- 
notar vermittelt wurde, mußten sich die Franziskaner, gehorsam einer Bulle 
Bonifaz VIII., verpflichten, V4 der ihnen dargebrachten Oblationes an den Pfarrer 
von St Johannis abzuführen. 

Das Klosterleben hatte sich von der Befolgung der strengen Ordensregel 
nach und nach weit entfernt Ein Schreiben des sachsischen Provinzials 
Eberhard Hyllemann vom 2. Mai 1481, das sich im Lüneburger Stadtarchiv 
findet und auf eine Beschw^erde des Rates beim päpstlichen Stuhle zurückzuführen 
ist, suchte durch vier Artikel die Zucht der Ordensbrüder wiederherzustellen: 
durch das Verbot, Geld anzimehmen, die Klausurtür offen zu halten, das Kloster 
zu verlassen und gesonderte Mahlzeiten zu halten. Eine reformierende Wirkung 
jedoch übte der Erlaß nicht aus, das zeigte sich acht Jahre später, als Bischof 
Bartold von Hildesheim, Administrator von Verden, auf Geheiß des Papstes 
eine Visitation des Klosters vornahm. Da ist vom Bruch der Klausur, von 
Trinkgelagen innerhalb und außerhalb des Klosters, von Enichtxmg einer 
Klosterschenke, von sonntäglichen Geldverteilungen, von privatem Hausgerät, 
goldenen und silbernen Kleinodien der einzelnen Klosterinsassen, von Vergehen 
gegen die Sittlichkeit die Rede. Und nun wurde kin^er Prozeß gemacht Die 
„gaudenten" Mönche mußten die Schlüssel zur Kirche, zum Kloster und zu den 
Kleinodien herausgegeben imd erhielten Befehl, ihren Sitz zu räumen. An ihre 
Stelle traten sog. Observanten, Anhänger einer Reformrichtung, die von Mittel- 
italien ausgehend in zahlreichen anderen norddeutschen Klöstern des Franzis- 
kanerordens bereits Eingang gefunden hatte. Fortan ließ die Führung der 
Mönche nichts zu wünschen, noch im Jahre 1512 stellte der Rat ihnen das 
Zeugnis aus, es seien „lauter Leute, die durch gut Exempel, Leben, Gottesdienst 
und Ftegiment" sich hervortäten. 

In den Reformationstagen erlebte die Klosterkirche stürmische Auftritte. 
Eine Predigt des Gardians im Frühling 1530 wurde von der aufgeregten Gemeinde 
durch unmutigen Zuruf und Lärmen unterbrochen, ein andermal kam es gar zu 
einer Schlägerei, bei welcher die Kirchenstühle zerbrochen und als Waffen 
benutzt wurden. Der Rat schützte die Mönche, die sich durch den Zuzug ihrer 
flüchtigen Ordensbrüder aus Winsen (Juli 1528), Celle (August desselben Jahres), 
Bremen, Lübeck, Hamburg verstärkt hatten, solange es ihm möglich war, aber 
ihre Weigerung, das reine EvangeUum zu predigen, erbitterte das Volk so, daß 
mit der Zerstörung des Klosters gedroht wurde. Da blieb der weltlichen Obrigkeit 

21 



-^ 162 8^ 

nichts übrig, als die Barfüßer aus Lüneburg auszuweisen. Am 25. August 1530 
verließ der Konvent die . Stadt; nur die Kranken und Bürgerkinder, etwa 
zwölf an der Zahl, blieben zurück und wurden hinfort vom Rate unterhalten. 
Im Herbst 1554 waren noch drei „bekleidete Personen" übrig, darunter ein 
Astronom, der sich auch mit Schwarzseherkimst befaßte; auch sie räumten im 
genannten Jahre das Feld und begaben sich nach Halberstadt. 

Die Klostergüter und Kleinodien waren rechtzeitig inventarisiert und 
fielen an den Rat Das Wertvollste war offenbar der klösterliche Grundbesitz 
mit seinen Baulichkeiten in nächster Nachbarschaft des Rathauses, femer eine 
vortreffliche Klosterbibliothek, die vereint mit der Bücherei des Rates den 
Grundstock der jetzigen Stadtbibhothek bildet. Auswärtige Besitzungen scheint 
das Kloster nicht mehr besessen zu haben. Von einem Landgut in Dierks- 
hausen, das der Graf von Wölpe der neu gegründeten Marienkirche schenkte 
(„ad lumen et ad fenestras reparandas"), hören wir nichts weiter, als daß sein 
Sohn, Graf Burchard von Wölpe, i. J. 1288 die Schenkung bestätigte. Ein Hof 
in Haverbeck, dessen Einkünfte zur Unterhaltung der ewigen Lampe von 
St. Marien diente, war schon im Jahre 1301 gegen eine Honigrente aus 
dem Salinsod umgetauscht, ein Garten vor dem Lünertore i. J. 1481 
für 15 Mark veräußert. Nach Einführung der Observanz scheinen auch 
die Rentenzahlungen aufgehört zu haben, wird doch Ostern 1492 eine 
Kirchenrente von 8 Schillingen in eine Kapitalzahlung von 10 Mark 
zugunsten des Klosterbaufonds umgewandelt, unter der Begründung „nadem 
de brodere ok neyne renthe unde eghendom myt alle hebben moten edder 
schollen". 

Das spitzovale Siegel des Klosters stellt die Verkündigung Maria dar, 
darunter betet in kniender Stellung ein Ordensbruder. Die Umschrift lautet: 
„S. fratrvm minorvm in Lvneborch". 

Ein Versuch, das Kloster für den Orden zurückzugewinnen, wurde 
während des 30jährigen Krieges gemacht. Im Mai 1631 nämlich erschien ein 
Franziskanerpater mit zwei Begleitern beim worthaltenden Bürgermeister von 
Lüneburg, xun auf Grund des Restitutionsediktes die Rückgabe des Klosters zu 
fordern, da dasselbe erst nach dem Passauer Vertrage säkularisiert worden sei. 
Einen Erfolg hatte die Vorstellung nicht 

Wir wenden uns zur Baugeschichte des Klosters, insbesondere der 
Klosterkirche. Wie schon mitgeteilt, errichtete Otto das Kind auf dem Gösebrink 
zunächst eine Kapelle. Er soll durch eine Trarmierscheinimg dazu veranlaßt 
sein und um nur schnell zum Ziele zu kommen, einen just fertig gewordenen 
Kornspeicher, den er in Kirchgellersen bemerkte, von dort nach Lüneburg über- 
führt imd für den Gottesdienst eingerichtet haben. Später ersetzte der Herzog 
die Kapelle durch eine ansehnliche Kirche in Form eines Kreuzes, und am Tage 
der Weihe soll seine Gemahlin Mechtild persönlich ein kostbares Marienbild 
Zinn Schmuck des Altars herbeigetragen haben. Die Elinweihung wird dem 
Verdener Bischof Gerhard zugeschrieben; ist diese Angabe richtig, so hat der 
Akt nicht schon am Einzugstage der Mönche, am 1. September 1235, oder gar 
noch früher stattgefunden, sondern, wie das wahrscheinUcher ist, in der Zeit 



j 



-^ 163 8^ 

von 1251—68; eine ältere Weihe galt wohl dem Erstlingsbau, der Kapelle. 
Besondere Gunst genossen die Barfüßer bei Otto dem Strengen, der das Kloster, 
insbesondere den Reventer, ausbaute. Rat und Bürgerschaft stifteten den 
Observanten ein neues Bücherhaus. Die Kirche soll bis zur Reformation nur 
einen einzigen Zugang, vom Kloster aus, gehabt haben, der im Jahre 1544 
vermauert imd durch einen anderen ersetzt wurde. Es gab neben dem Haupt- 
altar zu Ehren der Maria mindestens vier andere Altäre, einen Marienaltar am 
Eingange, einen Franziskusaltar, einen Katharinenaltar und einen Michaelisaltar 
(„in nova capella", 1400). 

Als der Rat das Kloster übernahm, wurde die Klosterkirche die Nach- 
folgerin der Ratskapelle zum Hl. Geist, aber sie war sehr baufäUig. Ein 
Dezembersturm warf im Jahre 1539 den Turm durch das Gewölbe in die Kirche 
hinab, imd fortan war des Restaurierens kein Ende. Uhr und Orgel wurden in 
den 60er Jahren hergestellt, die letztere vom Snitker Gerd Suttmeier, und der 
Maler Cort Jagouw übernahm die Aufbesserung eines Gemäldes, das vom Regen 
verdorben war. Die Predigt, die außer am Sonntagmittag an jedem Dienstag 
und Donnerstag, morgens vor den Ratssitzungen, stattfand, mußte 1569 eingestellt 
werden, und tiefe Grabungen zur Untersuchung der Fundamente führten zu dem 
Entschluß, die großenteils bereits eingefallene Kirche bis auf den Chor vollends 
niederzubrechen \md von Grund aus neu aufzubauen. Am 1. November 1574 
ward der Anfang damit gemacht. Das Blei und Kupfer wurde vom Turme 
heruntergenommen, die Orgel durch den Orgelmacher DirickHoiers aus Hamburg 
zerlegt und in Obhut gebracht, das Mauerwerk mit Hülfe alter Schiffsmaste 
„umgeschroben^' und in. Stücke zerschlagen. Dabei zeigte sich's^ daß alles mit 
„gaetekalck" gemauert war, so daß über 16000 Karren Grus weggefahren 
werden mußten. Am 4. April 1576 wurde der Grundstein zum Neubau gelegt, 
um den sich nach einer von Bertram überheferten Inschrift der Kämmerer 
Georg Töbing besonders verdient machte; Juraten werden nicht erwähnt. Statt 
der Kreuzesform erhielt die Kirche, wohl einer der ersten protestantischen Neu- 
bauten in ganz Deutschland, die Gestalt einer Lyra oder Laute, worin nach 
der Erklärung Bertrams der Chor den Hals, die eigentliche Kirche den Bauch 
bildete. Vielleicht hatte man diese Form gewählt, weil vor dem Hochaltare 
i. J. 1571 ein weitberühmter Lautenspieler Namens Georg Stehn seine letzte 
Ruhestatt gefunden hatte. Seine (lateinische) Grabschrift, vermutlich von 
Lucas Lossius verfaßt, zeugte von einer ungemein freien kirchlichen Auffassung 
der damaligen Zeit: 

„Stehn, er ruhet nun hier. Die Laute spielt' er so trefflich, 
Daß seinesgleichen man fand nirgend im Deutschen Land. 
Als er entschhef, riefen wehe die Musen, die Grazien erbebten, 
Traurig, die Leier verbannt, weinte Apollo ihm nach. 
Aber die Götter sie lächeln, denn er, der die Menschen ergötzte. 
Singt nun sein liebUches Lied ihm dem erhabensten Gott." 
Im ganzen war die neue Marienkirche kleiner als die ehemalige 
Pranziskanerkirche. Die Baurechnung ist sorgfältig geführt und wohl erhalten. 

In ortsüblicher Weise wurde das Fundament aus Feldsteinen zusammengefügt, 

21* 



-^ 164 8^ 

das Mauerwerk aus roten Ziegelsteinen, die zu vier Fünfteln (ca. 200000 Stück) 
aus der Ratsziegelei, zu etwa einem Fünftel aus Harburg beschafft wurden. 
Die „zarten" Steine, d. h. die Formsteine im Gegensatz zu den unprofilierten 
Mauersteinen, lieferte samtlich der Ratsziegelhof. Die Rechnung unterscheidet 
„camperstein, scaerpstein, holen und (wunden) halven maen, gliep, flackegge, 
caepstein, finsteipoest (duppelde finsteipoest, wangenpost), hantgrep, wiendel 
und spiellenstein." Zu den Ziegelsteinen kamen die Hausteine für die sechs 
Pfeiler der Kirche („nedden imd baven'*) und für die Bekrönung der Kirchhofs- 
mauer, 108 Fuder „Bueckenberger" Stein (aus Bremen) für die ornamentalen 
Teile, endlich 18 100 „astroeck", Estrichplatten für den Fußboden, aus dem 
Abtsziegelhof. Das Balkenwerk imd sonstige Bauholz, bis auf zehn große Eich- 
bäume, die der Bischof Eberhard von Lübeck und Verden als Abt von 
St. Michaelis schenkte, wurde größtenteils aus Havelberg bzw. aus Siebeneichen 
im Lande Sachsen bezogen, die Kupferplatten von Paul Hoier aus Erfurt Als 
Mauermann wird Mester Hinrich von Paries (Hinrich Paris) genannt, vielleicht 
ein Emigrant, der mit seinen Knechten für rund 4500 Mark das ganze Mauer- 
werk aufführte, einschHeßUch der Kirchhofsmauer, soweit dieselbe erneuert 
werden mußte. Die Steinhauerarbeiten hatte Johan van Bentem in Auftrag, 
der sein Bestes anscheinend an den Türumrahmungen, zumal am südhchen 
Hauptportale, leistete. Eine in Stein gehauene Darstellung des jüngsten Gerichts 
freiUch, die gerade an diesem Portal angebracht wiurde, hatte der Rat am 
Kran „wegnehmen^^ lassen; sie wurde Hinrich Scoeuweshuesen aus Bremen 
mit 18 Mark vergütet und hatte eigentlich als Grabstein dienen soUen. Außer dem 
Südportal hatte die Kirche einen Eingang im Westen und gegenüber dem 
Kammereigebäude eine östliche Tür „so up den windelstein geit". Zimmermann 
war Mester Märten Roesze. Er errichtete den Dachstuhl für Kirche und Turm, 
den Lektor und das Holzwerk für ein Beigenhaus hinter der Kirche; im Jahre 
1580 wurde er abgelöst durch Lutke Reese, der das Chorgewölbe einschalte und 
das Chorgestühl, doch wohl eine Empore, beschaffte. Die Bedachung des 
Gotteshauses wurde an einen auswärtigen „kopperdecker", Tonnies genannt, 
aus Husum im Lande Holstein, verdungen. Der Glasewerker Bartelt Hoen 
üeferte eine „lucht" mit einem Marienbilde und eine zweite mit dem Ratswappen 
für den Chor, femer 29 neue Fenster in die Sakristei, 32, davon die Hälfte mit 
Wappen, in die beiden Vorkapellen, 15 für die drei Wendeltreppen. Von den 
Innenarbeiten interessieren hier vornehmlich die der Snitker und Maler. Die 
Snitker Hans Elers und Jochim Ellenbarch verfertigten die Frauen- imd Männer- 
stühle für Kirche, Lektor und Orgel, femer die Täfelung des Chors mit dem 
zugehörigen Gestühl; der Predigtstuhl imd der Bürgermeisterstuhl, sowie das 
Hauptgesims der Altartafel wurde von Augustin, einem Gesellen der Witwe des 
Snitkers Evert Lange, hergestellt; der Snitker Wamecke Buermester, schon 
genannt als Meister des Chorgestühls von St. Johannis, Ueferte unter das 
Kirchengewölbe sechs Scheiben „van wagenscotte, van seinem eigen holte to 
makende". Auch Albert von Soest sehen wir beteiUgt. Er allein wird Buden- 
snider genannt und ist im Jahre 1579 tätig, indem er ein großes vor dem Chore 
hängendes Kmzifix samt den Nebenfiguren des Johannes und der Maria „an 



-^ 165 8^ 

Händen und Füßen und wo die sonst gebrechlich" ausbessert; das Material zur 
Vergoldung der Gruppe wurde aus Magdeburg beschafft. An Malern werden 
zwei genannt. Jochim Jagouw wurde schon erwähnt. Er vergoldete die 
Wetterfahne nebst einer Krone, sowie alle großen und kleinen Turmknöpfe, 
schmückte vier Kupferplatten vor den vier Dachfenstern mit Bildern und strich 
zuletzt den Turm an, malte auch „etliche angesichte und fantasie" darauf. 
Der zweite Maler, Gert Hane, betätigte sich noch vielseitiger. Er tränkte die 
(Tritt) Steine der drei Portale mit öl, die behauenen Steine mit Bleiweiß und 
etwas Farbe und strich die Mauersteine braunrot, die eigentlichen Türen grün 
an; eine Historie über der Westtür hob er durch Gold und Farben, ebenso die 
kleinen „Flüger" obenauf, reiche Vergoldung erhielt auch das Hauptportal. 
Predigtstuhl und Orgel vergoldete Gert auf blauem Grunde, eine Uhrscheibe 
im Innern der Kirche versah er mit den Ziffern und firnißte einen darüber 
befindlichen gedrehten Glockenturm. Auf vier der von Buermester gelieferten 
Scheiben malte er in öl je einen Evangelisten, auf die fünfte den Salvator, auf 
die sechste die Dreifaltigkeit. Die große Altartafel reinigte er, besserte sie aus, 
bemalte die Flügel außen grau in grau mit Historien und zierte sowohl den Aufsatz 
des Snitkers Augustin wie das große von Albert von Soest restaurierte Kruzifix 
mit dem Johannes, der Maria .,und den twien poesten", durch Farbe und Gold. Den 
Fuß der Altartafel, „da etwa in olden tiden dat sacramentshueselin gestanden", 
ersetzte er durch ein Brett, auf welchem dreierlei Historien aus der Bibel, ins- 
besondere die Taufe Christi, dargestellt waren. Das Haupthonorar, 250 Mark, bezog 
er für die Bemalung des ganzen KirchengewSlbes einschließlich des Chores. Dirick 
Hoiers, der im Hause des Organisten von St. Johannis mit fünf Knechten 
ebensoviele Wochen beköstigt wurde, stellte die alte Orgel wieder auf und 
verbesserte sie durch ein neues Positiv. Die Beleuchtung der Kirche wurde vor- 
bereitet durch Anbringen von zehn schwarzen eisernen Platten mit Pipen für 
die Kerzen, während der Chor von den sog. Stallbrüdem eine Messingkrone zum 
Geschenk erhielt. Für den Predigtstuhl lieferte der Hannekenmaker einen 
besonderen Leuchter mit zwei Pipen; ein Stundenglas von vier Gläsern 
mit Eierschellen, „im geliken up den prediegstoU gekamen", war in Lübeck 
bestellt 

Als die Kirche vollendet war, wurden rings um die Mauern, auch im 
Kreuzgangshofe, unter den Tropfenfall Knutten mit „plueslem" vermischt an 
das Fundament geschüttet und festgerammt, um ein besseres Abziehen des 
Wassers herbeizuführen und so die Grundmauern zu schützen. 

Die Gesamtkosten des Baues, einschließlich der für 70 Mk. an einen 
Steinbrügger aus Hamburg verdungenen Neupflasterung des Kirchhofs und eines 
Teils der im Westen anliegenden Straße betrugen 39 461 Mk., die kaum zu 
einem Zehntel aus den Mitteln des ehemaligen Klosterkonvents, zu ungefähr 
einem Fünftel durch freiwillige Gaben zusammengebracht wurden; mit der 
Hauptsumme mußte die Bürgermeisterkasse eintreten. Ein Beweis edlen Ge- 
meinsinns ist aus den Jahren 1584 und 1585 überliefert, indem jeder vornehme 
Bürger damals 3'/2 Taler beisteuerte, damit sämtliche Füllbretter des Lektors 
bemalt werden konnten. 



-^ 166 8^ 

Am 3. Januar 1581 wurde in der neuen Marienkirche unter großen 
musikalischen Veranstaltungen der erste Gottesdienst abgehalten. ^ Die letzte 
Predigt fand statt am 26. Juni 1803. Die Greschichte der Zwischenzeit ist mit 
wenigen Worten gegeben. Der Bau des Pariser Meisters bewährte sich nicht, 
sei es, daß unsolide gebaut war, sei es, daß der als „nicht köstUch" geschilderte 
Grund und Boden die Mitschuld trug. Schon 1590 mußten die Fundamente 
verstärkt, das Mauerwerk verankert werden, imd kostspielige Reparaturen und 
ELmeuerungen wiederholten sich im zweiten, sechsten imd letzten Dezennium 
des 17. sowie nach der Mitte des 18. Jahrhunderts. Lange Perioden hindurch 
war die Kirche geschlossen. Da kam die französische Okkupation, und 
St Marien, gerade damals baulich gut imstande, wiu*de in eine Kaserne, 
später in ein Kriegsmagazin verwandelt. In diesem Stadium ging die 
Innenausstattimg zugrunde, nur die Messingkrone des Chors wurde auf 
das Rathaus gerettet Nach dem Abmarsch der Franzosen fehlten die 
Mittel, die ausgeplünderte, sogar ihrer Fenster beraubte Kirche auch 
nur provisorisch wieder herzurichten; zuletzt exerzierten darin die Musizi des 
Land Wehrbataillons. Im Frühling 1818 schritt man zum Abbruch des Gottes- 
hauses. 

Die Gestalt der Kirche nach all' den Restaurierungen, von denen die um 
1700 eine verkleinerte Erneuerung von Grund aus genannt wird, ist von Mithoff 
in einer Skizze nach Gebhardi wiedergegeben. Ein im Archiv verwahrter 
„Grundriß von den gesambden Stühlen und Klappen der Marienkirche" zeigt 
einen rechteckigen Mittelbau mit dem polygonal geschlossenen Chor im Osten 
und ein fünfseitig geschlossenes Orgelhaus im Westen. Über dem Südportal 
scheint bei Gebhardi-Mithoff ein Treppenhaus (Windelstein) zu liegen, das mit 
einem glockenförmigen Dach geschlossen ist; auf dem Hauptdache erhebt sich 
in der Linie eben dieses Portals ein latemenförmiger Dachreiter mit Glocke und 
Wetterfahne. 

Die im Jahre 1516 gegossene schöne Franziskusschelle Hinriks van Kampen 
ist nach dem Abbruch des Gotteshauses nach St. Nikolai überführt und dient 
dort seit 1895 der neuen Turmuhr als Viertelglocke. 

Von den Baulichkeiten des alten Franziskanerklosters wurde das der 
Kirche am nächsten stehende Haus (Fig. 54) in seinem Hauptgeschosse zur 
Ratsliberie, für welche im Jahre 1586 größere Aufwendungen gemacht wurden. 
Der Remter imd die kleineren Häuser im Klosterhofe wurden als Witwen- 
wohnungen benutzt. Das Hauptgebäude ist i. J. 1675/76 in ein Armenhaus um- 
gewandelt, dieses in ein Zucht- und Waisenhaus (Neubau 1699—1701), und 
dieses wiederum, bald nach 1850, in ein Werk- und Armenhaus. Im Jahre 1757 
wurde auch in den Häuseni des Klosterhofes ein französisches Hospital eirichtet, 
von 1811 — 13 war die Anstalt ein Korrektionshaus für das Departement der 
Eibmündung. 

Beschreibung. ^^^ ^^^ Klostergebäuden ist ein kleiner Teil in den Räumen der jetzigen 

Stadtbibliothek erhalten. (Fig. 55.) Der Nordflügel des als Armenhaus benutzten 
Gebäudes zeigt noch Reste von gotischem Mauerwerk. 



-«S 167 g-*- 

Im Erdgeschoß der StadtbibKothek befindet sich ein mit Kreuzgewölben 
überdeckter zweischiffiger Saal — vielleicht das Refektorium der Mönche — der 
westlich an den Rest des auch mit Kreuzgewölben überdeckten Kreuzganges 




FiK- H. Gtebsl dar Btadtbibllotbek (ehemallgea FumiskaDcrklogter). 



anschließt (Fig. 55.) Die Gewölbe des Saales werden durch eine mittlere Reihe 
gemauerter Pfeiler unterstützt Von diesen Pfeilern bildet einer im Grundriß 
einen Kreis, die anderen sind aus vier Halbkreisen zusammengesetzt Die 
groben Formen der Sockel und Kapitelle bestehen aus Gipsmörtel, Die Gewölbe- 



Jnjjfvslsffinp. 




Flf. U. EhimallKu Fraiiil»kanerkIo«tar. GrondrU, Bcbnltt« u 



gurte sind, soweit sichtbar, aus Tausteuien gemauert An den Aul^nwäDden 
stehen Gurte und Rippen atil Konsolen aus Gipsmörtel. Die wechselnden 



JJJJJJJJJJJJJJJJJjJjJJJJJJJJkjJJJJJJJJ 





Flg. K. Arebltcktnr im 



illgen FranzlBkaDcrklaBtars. 



Formen der Schlußsteine sind reizvoll ausgebildet (Fig. 55). In den Fensteröffnun- 
gen des Kreuzgaoges ist noch die Dreiteilung durch Pfosten und der Fensterfalz 



-^ 170 8^ 

erkennbar. Über dem Saal, der jetzt durch Quer- und Längswände verbaut ist, 
liegt das schmucklose Magazin der Stadtbibliothek. 

Die Sudseite des Gebäudes zeigt vorgelegte dreiseitige Pfeiler, die unter 
dem Dach endigen. Die Schildbögen der Kreuzgewölbe sind zwischen diesen 
Pfeilern sichtbar. Die Fenster sind später verändert An derselben Außenseite 
hegt ein kleiner Vorbau mit ebenfalls dreiseitigen Pfeilern. Er birgt im Innern 
ein malerisches Treppenhaus aus dem 18. Jahrhundert, jetzt der Aufgang zur 
Stadtbibliothek. Der Giebel am Ochsenmarkt (Fig. 54) Jiat schlanke Umrißlinien 
in Form von langgezogenen Schnecken und eine kleine Bekrönung mit 
Anläufem. In einer Nische im oberen Teü des Giebels steht eine Figur. An 
der Giebelfläche sind noch Reste von spätgotischen Architekturteilen erkennbar. 

Der nach Norden sich anschließende Flügel des Armenhauses ist an seiner 
Ostseite durch schlanke Backsteinpilaster mit korinthischen Kapitellen aus Gips- 
mörtel geteilt (Fig. 56). Das Kapitell über dem Korbbogen der Durchfahrt zeigt 
als Mitte das Stadtwappen. In der Leibung des Bogens befindet sich ein 
Mauerstein mit der eingekratzten Inschrift: RENOV. 1776. Eine an der sonst 
schmucklosen Hofseite dieses Flügels angebrachte Steinplatte trägt neben den 
Wappen der Arndt und Stöterogge die Inschrift: 

HVC CIVIS QVICVNQVE SIS AVT HOSPES OGV/LOS ET ANIMVM 
ADVERTE/HOC ERGASTVLVM/SVOS QVOS HABET ERGASTVLARIOS NON 
IN SER/VILEM CONDITIONEM SED IN MELIOREM SPEM/PIETATIS ET BONAE 
FRVGIS VLTRONEOS VEL INVl/TOS INVITAT INDVCIT TV NE INSTITVTVM 

GARPAS CAVE. 
PROVISORES . Aä 1675. 

Neben den Wappen steht: H • ARND • ARNDS ADMINIST • 

H . BRAND LVDOLF STOTEROG • 
darunter ist eine zweite Platte eingelassen mit RENOV • 1848. 

An einem zum Armenhause gehörigen Fachwerkflügel befinden sich 
zwei Türen mit ausgeschnittenen Holmen, eine dritte Tür besitzt als oberen 
Abschluß einen profilierten und mit Perlstäben besetzten Kielbogen. Der Schmuck 
des Bogens setzt sich an den seitlichen Ständern fort. Die Verzierungsweise 
erinnert an die der Tür hinter der Bardowickermauer Nr. 7. (Vergl. Fig. 165.) 



Das Kloster Heiligental. 

Quellen: Otto KUltzing, narratio de fundatione et translatione monasterii sui in 
Luneborch (Leibniz, SS. Bransv. ill. U. 888 ff.); Urkunden des Klosters im Stadtarchiv; Güter- 
verzeichnis des Klosters von 1456 mit Nachträgen, ebenda; JoL Buschius, de reformatione 
monasteriorum per Saxoniam (Leibniz, 1. c. 837); Gebhardi, CoUectanea U; Sudendorfs 
Urkundenbuch; Volgers Urkundenbuch n und in. 

Literatur: Schlöpken, Chronicon der Stadt Bardewick 519 ff. ; Bertram, evangelisches 
Lüneburg S. 8 ff. ; Manecke, Top.-hist. Beschreibungen S. 19 ; Volger, LUnebui^er Pfingstblatt 1858 
(Lüneburger Blätter 136 ff.); Mithoff, Kunstdenkmale 170 ff.; Reinecke, Entstehung des 
Johanneums (Ltineburger Museumsblätter, Heft 2). 



--8 171 S^ 

Zum Michaelis- und Marienkloster gesellte sich als dritte und jüngste Geschichte. 
Ordensniederlassung Lüneburgs das Prämonstratenserkloster Heiligental. Es war 
auf Betreiben eines Ordensbruders Namens Eberhard durch Ritter Lippold von 
Doren und dessen Gemahlin Irmgard im Jahre 1314 gegründet, und zwar in 
KirchgeUersen im Landkreise Lüneburg, war aber bald darauf nach dem be- 
nachbarten Orte Siebelingsborstel verlegt, das fortan Heiligental genannt wurde. 
Auch dort fand das Kloster keine bleibende Statte. Es mangelte an Quellwasser, 
der sumpfige Boden machte die Luft ungesund, und Kröten und allerhand 
Ungeziefer nahmen überhand. In den schlimmen Jahren des Lüneburger Erb- 
folgekrieges wurde das Bedürfnis nach einem geeigneteren Wohnorte erst recht 
fühlbar, und so kam es zur Übersiedelung des Klosters nach Lüneburg. Der 
damalige Propst, Otto Kültzing aus Uelzen, hat die mühseligen Verhandlungen, 
die diesem Ereignisse voraufgingen, aufs anschaulichste geschildert Es galt, 
die Herzöge, den Bischof von Verden, das Verdener Domkapitel, den Archidiakon 
von Modestorf, den Pfarrer von St. Johannis und vor allem das Lüneburger 
Ratskollegium zu gewinnen. Gerade bei dem letzteren fand der Propst bereit- 
wiUiges Entgegenkommen. Kültzing selbst nennt zwei Lüneburger Bürgermeister 
neben dem Propst von Lüne die eigentlichen Vorkämpfer seiner Sache, und es 
ist sehr wahrscheinlich, daß der Lüneburger Rat das Prämonstratenserkloster 
dazu ausersehen hatte, die Absicht einer Schulgründung zu verwirklichen. Die 
anderen vorgenannten Machthaber wurden durch Geldleistungen zugänglich 
gemacht, Herzog Albrecht erhielt 400 Mk., die der Rat vorschoß, der Bischof 
100 Mk., sein Kapitel 91, der Archidiakon und der Pleban je 80 Mk., und was 
an Nebenausgaben hinzukam. Am schwierigsten zeigte sich der Pfarrer von 
St. Johannis. Der Propst mußte ihm die Ablieferung sämtlicher Oblationen, 
% der Legate und die Hälfte von gelobten Geldern zugestehen; kein weltliches 
Lehen sollte im Kloster errichtet werden, Beichte und Erteüung anderer 
Sakramente von selten der Konventualen nur an Angehörige des Klosters 
erfolgen, Gemeindemitgliedern von St. Johannis sollte in Heiligental kein Be- 
gräbnis gewährt werden. Andere Vorschriften galten dem öffnen der Kloster- 
pforten am Morgen, ihrem Verschluß am Abend, der Stimde der Predigt, endlich 
sollten die Klostergebäude nur bis zu einer vereinbarten Grenze an die Johannis- 
kirche heranrücken. 

Am 26. August 1382 ging der feierliche Einzug der Prämonstratenser 
vor sich. Herzog Albrecht ließ es sich nicht nehmen, die Einführung selber zu 
vollziehen. Er kam mit seinem Gefolge vom Schloß zu Winsen nach Lüneburg 
geritten, obgleich hier die Pest wütete und täglich 50 Einwohner dahinraffte. Am 
Zeltberge wurde der Fürst vom Michaelisabte, dem Lüner Propste und dem Rats- 
kollegium, an die 60 Pferde stark, empfangen, indes Propst Otto mit seinem 
Prior und 16 Konventualen unter dem Barde wikertore desHerzogs harrte. Der f estUche 
Zug ging durch die Bardewikerstraße, über -den Markt, durch die Bäckerstraße 
und die später sogenannte Glockenstraße dem Heiligentaler Hofe zu, der unter 
Gesang und Ansprache seiner neuen Bestimmung endgültig überwiesen wurde. 

Das Besitztum des Klosters umfaßte einen großen Komplex zwischen 

den Straßen Am Berge, Wandfärber- und Konventstraße. Es war begründet 

22» 



-^ 172 8^ 

durch die Schenkung eines früheren Propstes, Hinrick von Bücken, der im 
Jahre 1338 ein vom Kloster Lüne erworbenes Wohnwesen, östlich vom Medinger 
Klosterhofe, seinen Ordensbrüdern vermacht hatte. Dieses Grundstück wurde 
im Jahre 1373 durch den Ankauf einer Kurie der Ratsfamihe van der Suiten 
für den Kaufpreis von 600 Mk. Lün. Pf. sehr vergrößert, und zwei Jahre darauf 
fand daselbst unter Verleihung eines Ablasses die Einweihung einer Kapelle 
statt zu Ehren der Hl. Dreifaltigkeit, der Jungfrau Maria und der Hl. Andreas, 
Laurentius und Augustinus. Es scheint, daß diese Gebäude, als die Pramon- 
stratenser in Lüneburg ihren festen Wohnsitz nahmen, niedergelegt wnrden, 
denn es wird berichtet, daß der Propst an jenem Einführungstage zunächst seine 
Kaminata als Kapelle eingerichtet habe, und daß die Glocken einstweilen „in 
lobio caminatae" auf einem freien Ausbau vor jenem Gemache aufgehängt 
wurden. Zur selben Zeit nun, als im westlichen Teile der Stadt die Michaelis- 
kirche neu erstand, vollzog sich in der Nähe der Ilmenau die Erbauung des 
Klosters Heiligental. Die Urkunde des Rates, welche die förmliche Erlaubnis 
zum Bau erteilte und den Klosterbesitz gegen einmalige Zahlung von 2000 Mk. 
auf ewige Zeiten von aller Stadt- und Bürgerpflicht freisprach, ist wohl nach- 
träglich, nämlich erst am 7. Dezember 1384, ausgestellt. 

Über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Klo.sters sind wir gut unter- 
richtet. Im Jahre 1374 berechneten Bischof und Domkapitel zu Verden den von 
den Heiligentalem zu erhebenden Zehnten auf 12 Talente Lün. Den. Die Cber- 
siedelung nach Lünebiirg verursachte, wie wir gesehen haben, große Kosten, 
und erhebliche Opfer an Geld und Gut waren in den nächsten Jahren zu bringen, 
als die Eröffnung der schon erwähnten Schule zu einem Konflikt mit dem 
Michaeliskloster und den Herzögen führte und Heiligental nach einem langwierigen 
Prozeß vom päpstUchen Stuhle in den Bann gesteckt wurde. Es hieß, daß das 
Kloster durch diese Heimsuchung völlig verarmt sei, offenbar eine starke Über- 
treibung. Zum mindesten hatte sich das klösterliche Vermögen um die Mitte 
des 16. Jahrhunderts wieder sehr gehoben. Das zeigt uns ein bisher unbekanntes, 
im Stadtarchiv aufgefundenes Güterverzeichnis des Klosters aus dem Jahre 1456, 
auf welches näher einzugehen hier nicht der Ort ist. Der wertvollste Besitz 
lag auf der Lünebiirger Sülze und wird im Register mit Fug vorangestellt; es 
folgen die Einnahmen aus Grundzinsen, großen und kleinen Zehnten, Roggen- 
und Hühnerzinsen, Nutzungen aus Mühlen, Wiesen und Hofdienst, und es ist 
bemerkenswert, wie weit die Besitzungen und Berechtigungen des Klosters 
zerstreut lagen; an dritter Stelle sind die Garten-, Haus- und sonstigen Renten 
aus dem städtischen Umkreise zusammengestellt; sie rührten zumeist aus 
Memorienstiftungen her, und ihre große Menge beweist, daß das Kloster sich 
bei Rat und Bürgerschaft großer Gunst erfreute. 

Auch hören wir aus der kurzen Geschichte des Klosters nichts von einem 
Zerwürfnisse der Ordensbrüder mit der Stadtobrigkeit, vielmehr gingen Rat und 
Kloster seit den Tagen des großen Schulstreites vielfach Hand in Hand, zumal 
im Prälatenkriege stand Heiligental auf der Seite des alten Rates. Das gute 
Verhältnis hielt bis zur Auflösung des Klosters an. Während die Franziskaner 
den Reformationsbestrebimgen schroffen Widerstand entgegensetzten, berichtet 



-^ 173 8^- 

Schomakers Chronik von den Prämonstratensennönchen: „de nemen körten rat 
und vorleten alle ehre guder, suitegut, holtüxge, meyer, dem erbaren rade ganz 
und gar up; den dar weren vele schulde inne; und leten sick mit lylrenten 
afdrepen; denn einem idem worden voftich mark assignert und frye waninge 
syn levedage; de dar wolde, mochte im kloster blyven, averst da blef na 
körten dagen nemant/' 

Es war im Jahre 1530, als diese Verhandlungen ziun Abschluß kamen, 
und das Kloster, dessen Insassen schon vorher sehr zusammengeschmolzen waren, 
hatte damit aufgehört zu existieren. Freilich ein ganz so leichtes Spiel, wie es 
nach Schomaker scheinen könnte, hatte der Rat doch nicht Herzog Ernst erhob 
gegen die Vereinbarung Einspruch, forderte das gesamte Klostergut für sich 
selber und belegte den Besitz außerhalb der Stadt mit Beschlag. Erst im großen 
Rezeß von 1562 einigte man sich dahin, „das der radt sol die guter binnen der 
Stadt" — es waren vorzugsweise die Baulichkeiten des Klosters und das Sülz- 
gut — „und die fürsten die landtgüter außerhalb der stadt belegen, 
wie sie ein jeder jetz in besitzt hat, behalten". Der Rat vereinigte seinen 
Gewinn mit dem Vermögen des Hauses der Barmherzigkeit im Oral, die 
auswärtigen Besitzungen des Klosters wurden zum landtagsfähigen Gut 
Heiligental erhoben. 

Von den Klostergebauden ist in stark verändertem Zustande nur die alte 
Propstei erhalten, an der Südecke der Conventstraße und der Straße Am Berge; 
das Mauerwerk zeigt nach Süden hin Ansätze zu Spitzbögen — es sind Reste 
vom nördhchen Seitenschiffe der ehemaligen Klosterkirche. Dieses Gotteshaus, 
nach seinem obersten Schutzheiligen auch als Andreaskirche bezeichnet, war 
gemäß einer von Volger im Wortlaute überlieferten Inschrift aus dem Knopfe 
des Turmes im Jahre 1391 vollendet. Der Dachreiter soll sich nach einer von 
Mithoff angezweifelten Nachricht 200 Fuß über den Dachfirst erhoben haben, 
und das Mittelschiff der Kirche war nächst St. Nikolai das höchste Gebäude der 
Stadt Die ungefähre Gestalt des Dachreiters ergibt sich aus den Ansichten der 
Stadt vor 1715; in diesem Jahre wurde er heruntergenommen, da die Kirche ihn 
nicht mehr zu tragen vermochte. Die dreischiffige, mit runden Arkadenbögen 
versehene Hallenkirche, im Langhause etwa 15 m lang, IIV2 ^ breit, scheint 
nach der Reformation für den Gottesdienst nicht mehr benutzt zu sein;*) sie 
wurde durch Scherwände in kleinere Räume abgeteilt, die als Salzspeicher dienten. 
Der Westgiebel des Gotteshauses stand unmittelbar an der Straße Am Berge, 
der Chor war im halben Zehneck geschlossen. Einige nähere Details bringen 
Gebhardi und Mithoff. Der letztere gibt auch einige Nachrichten über das 
Innere der Kirche und erwähnt insbesondere einen Altar der von Malern imd 
Glasern gebildeten Lukasgilde, die sogenannte „sunte Lucas tafelen", die in den 
Jahren 1515 und 1516 von Hinrik Levenstede hergestellt wurde. Ein heftiger 
Sturm zerstörte im November 1800 das Heiligentaler Kirchendach, im nächsten 
Jahre wurde das ganze Gebäude für 3780 Taler auf Abbruch verkauft. 



*) Der Kirchhof des Klosters war noch gegen Ausgang des 17. Jahrhunderts in 
Benutzung. 



-^ 174 8^ 

Die Klostergebäude sind zum Teil schon 1564 abgebrochen, [das Dormitorium 
über dem Kreuzgange folgte 1773, die übrigen Baulichkeiten teilten das 
Schicksal der Kirche. 

Das Heiligentaler Propsteisiegel ist spitzoval (55 : 36 mm). Es zeigt unter 
einem Baldachin stehend den Hl. Andreas, unter ihm einen knienden Mönch. 
Die Umschrift lautet: „S. prepositi in Hilghendale". 



Die Garnisonkipche. 

Literatur: Manecke, Top.-hist. Beschreibungen S. 20; Volger, Lüneburger Neu- 
jahrsblatt 1858 (LUneburger Blätter S. 126 f.); Mithoff, Eunstdenkmale S. 156. Vgl. auch 
Gebhardi, Collectanea Band IV. 



Geschichte. 



Uie Besetzung des Kalkberges durch die Truppen Herzog Georgs von 
Braunschweig-Lüneburg im Jahre 1639 hatte nicht nur die Anlage von Ver- 
teidigungswerken auf der militärisch wichtigen Höhe zur Folge, sondern auch 
die Errichtung einer ständigen Garnison. Ein Teil der herzoglichen Truppe lag 
in der Stadt, bis er nach einem Zugeständnisse Christian Ludwigs vom 
27. Oktober 1651 herausgezogen und durch 75 Mann unter einem Stadt- 
hauptmann ersetzt wurde, der sich nicht nur dem Herzoge, sondern auch dem 
Rate eidlich verpflichten mußte. Der Kern der Besatzungstruppe lag wie 
die Kommandantur innerhalb der Ummauerung des Kalkberges, und dort wurde, 
auf halber Höhe, auch eine Gainisonkirche errichtet, nachdem der Militar- 
gottesdienst neun Jahre hindurch in einem Zeughause begangen war. Die 
Einweihimg geschah am 14. Juni 1663. Die Kirche hat kein langes Leben 
gehabt Die Festungswerke des Kalkberges verloren nach dem siebenjährigen 
Kriege ihre Bedeutung und gingen ein; das Gotteshaus blieb noch eine Weile 
stehen, bis seine Baufalligkeit allzu bedrohlich wurde: am stillen Freitage 1783 
hielt der Gamisongeistliche den letzten Gottesdienst darin ab, dann wurde die 
Kirche abgebrochen. Offenbar war die Kirche nur sehr leicht gebaut; Volger 
berichtet, es sei „ein einfaches ziemlich geschmackloses Haus aus Fachwerk 
ohne Turm" gewesen, im Innern ohne Zierde bis auf ein Gemälde über dem 
Altar, einige herzogliche Wappenfenster und Fahnen über den Gräbern der 
Kommandanten. Ein ungestmdes Pfarrhaus lag ebenfalls auf dem Kalkbei^e, 
auch gab es eine besondere Gamisonschule. 

Als die Ejrche aufgegeben war, siedelte die Militärgemeinde zunächst in 
die Marienkirche über; mit dem Jahre 1795 übernahm der Diakonus von 
St Michaelis das Amt eines Gamisonpredigers, und die Michaeliskirche wurde 
der Garnison zur Mitbenutzung überwiesen. 

Den Platz der Garnisonkirche auf dem Kalkberge bezeichnete ein Obelisk 
aus Sandstein, dessen kaum noch lesbare Inschrift das Gedächtnis der in der 
Kirche beigesetzten Offiziere überliefern soll und nach Volger also lautet: 



-^ 175 8^ 

,,In memoriam vironim in armis et toga iUustrium de Soubiron, 
de Nettelhorst et Besendahl alionimque quorum ossa hac sepulchrali 
terra conduntur hoc monumentum templo praesidii Luneburgen^is ob 
imminentem ruinam destructo Gancellaria bellica Hannoverana extrui 
jussit A[imo] P[08t] C[ii8tum] N[atiim] MDCCLXXXffl." 
Der Denkstein ist vor mehreren Jahrzehnten von seinem alten Tlatze 
entfernt und ein gut Stück weiter nach Norden gerückt. 



Die Ratskapelle zum Heiligen Geist 

Qn eilen: Urkunden des Stadtarchivs; Yolgers Urknndenbuefa ; Lüneburgs ältestes 
Stadtbnch. 

Literatur: Manecke, Top.-hist. Beschreibungen S. 20; Volger, Neujahrsblatt 1850 
(LUneburger Blätter S. 131 f.) ; Mlthoff, Eunstdenkmale S. 175. 



Die bisherige Forschung hat auf Grund einer vom Bischof Konrad von Geschichte. 
Verden ausgestellten Urkunde des Stadtarchivs einhellig angenommen, daß die 
Heiligengeistkapelle im Jahre 1297 erbaut worden sei.*) Im genannten Jahre 
nämlich wurde ein vom Lüneburger Rate gestifteter Altar aus dem Chor der 
Johannisldrche in die Heiligengeistkapelle überführt, die fortan einen von den 
Ratmannen zu präsentierenden Rektor erhielt. Der Wortlaut jener Urkunde läßt 
indes sehr wohl die Deutung zu, daß die Kapelle als solche schon vorher 
bestanden hat, eine Deutung, die durch das älteste Stadtbuch insofern gestützt 
wird, als unter den Neubürgem des Jahres 1289 bereits der Name Heyne „apud 
Sanctum Spiritum" begegnet. Diese FeststeUung ist nicht unwichtig, weil die 
HeiUgengeistkapelle als Ratskapelle mit dem Rathause auf dem Neuen Markte 
verbunden war und ihre Datierung für die Baugeschichte auch des Rathauses 
ins Gewicht fällt. Die Kapelle, zunächst schlechthin capella s. Spiritus genannt, 
hieß nach Gründung des gleichfalls mit einer Kapelle ausgestatteten Heiligen- 
geisthospitals bei der Saline, spätestens seit 1320, die Heiligengeistkapelle am 
Neuen Markt, „capella s. Spiritus prove novum forum** (novi fori, 1476: „by dem 
Nygen markede an deme radhusze", sonst wohl „zum Alten" und gern „zum 
Kleinen Heiligen Geist" „tome lutken hilgen Gheyste'*). Ihr erster Rektor hieß 
Ludolf, er und seine Nachfolger waren zugleich die obersten Stadtschreiber. 
Schon im Jahre 1304 stand dem Rektor oder Kapellarius ein Vikar zur Seite, 
jedoch wurde die Kapelle damals noch als bedürftig bezeichnet Infolge 
neuer Vikariengründimgen wuchs die Zahl der Kapellengeistlichen bis auf 17 an, 
die an vier Altären, dem Hochaltar, dem Frühmessenaltar, dem Kreuz-, Petrus- 
und Nikolaus- und dem Paulusaltar, tätig waren. Eines Glöckners geschieht 
zuerst 1317 Erwähnung; wenn die Abendglocke erklang, war seit 1365 ein 
Ablaß zu gewinnen. Die Kapelle lag in der Nordfront des späteren Rathauses, 
ihre Gewolbereihe wurde durch die große Rathaustreppe unterbrochen. Die 

*) Wenn Manecke das Jahr 1247 nennt, so ist das ein Schreib- oder Druckfehler. 



-^ 176 8-3- 

Ratmannen pflegten die Kapelle vor ihren Sitzungen zu besuchen, und an jedem 
Donnerstag fand ein mit einem Ablasse beliehener Gottesdienst zu EIhren des 
Leibes Christi statt. WochentUch einmal wurden nach der Messe Almosen ver- 
teilt Nach einer urkundlich nicht zu stützenden Inschrift am Heiligen Geist- 
hospital soll mit der Hatskapelle bis 1322 eine Armenanstalt verbunden gewesen 
sein. 'Zur Kapelle hielt sich die Dreifaltigkeitsgilde (1407: die Äiterleute „des 
gildes der hilgen drevaldicheit, den men holt to dem Hilghen Geiste up dem 
Nyenmarkede"), und die Juraten der Wandschneider erwarben 1424 eine Haus- 
rente zur Unterhaltung der Lichter vor dem Hochaltare. Kapellenvorsteher 
waren zwei Mitglieder des Rates und zwei Geschworne. Ein Ausbau der Kapelle 
wurde 1466 begonnen und war, wie wir aus Rentenverkäufen der Geschwomen 
und einem Ablaßbriefe schließen dürfen, ein Jahrzehnt später noch nicht 
vollendet. Die Kapelle, an deren Stelle für die religiösen Bedürfnisse des Rates 
die benachbarte Marienkirche trat, ist nach der Reformation eingegangen. Ihre 
Gewölbe wurden profanen Zwecken dienstbar gemacht, u. a. fanden das Nieder- 
gericht und eine Buchhandlung Unterkunft in dem einstigen Gotteshause, dessen 
Gestalt durch die Entstehimg des Renaissancebaues nach 1560 und die Ein- 
richtung des Huldigungssaales (spätestens 1706) wesentUche Einbuße erlitten 
haben muß. Das Vermögen der Kapelle fiel der Marienkirche zu, das der ein- 
zelnen Vikarien dem Kirchenkasten bzw. den Stipendienkassen. 



Fpiedhofskapellen. 

1. Die Gertradenkapelle. 

Quellen: Inedita des Stadtarchivs; U. F. C. Maneckes Sammlungen Band 26; 
Volgers Urkundenbuch. 

Literatur: Volger, Lüneburger Neujahrsblatt 1858 (Lünebui^er Blätter S. 132); 
Mithoff, Eunstdenkmale S. 156. 



Geschichte. l^i© Gertrudenkapelle („capella beate Gertnidis extra Rubeam vaJvam" 

1358, „extra muros" 1399) zwischen dem Roten- und Sülztore ist als eine 
Schöpfung des Lüneburger Rates nach der Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden. 
Ihre Einweihung stieß auf Schwierigkeiten; das erhellt aus einer Urkunde vom 
28. Dezember 1358, wonach der Zimmermeister Konrad van Brunswik in seinem 
Testamente 15 Mk. aussetzte, um der Kapelle ihre Weihe zu verschaffen, eine 
anderweitige Verwendung der Summe jedoch für den Fall vorsah, daß die Weihe 
bis Ostern 1363 noch nicht stattgefunden habe. Die Kapelle unterstand einem 
GeistUchen als Rektor oder Kapellenherm und hatte zwei Bürger als Juraten. 
An jedem Montag wurde die Verteilung von Almosen vorgenommen, deren Ver- 
waltung einem Ausschuß von 4 bis 5 Bürgern oblag. Enge Beziehungen zur 
Kapelle imterhielt die Gertrudengilde, die deshalb die Gertrudengilde vor dem 
Roten Tore genannt wurde, nach Volger ferner die Jürgensgilde, die ihren Altar 



-^ 177 8^ 

im Jahre 1478 mit dem silbernen Bilde ihres Patrons schmückte, und auch die 
Kalandsbrüderschaft, die nach Bedarf, d. h. wenn die Johanniskirche zu sehr in 
Anspruch genommen war, ihren Gottesdienst abwechsehid zu St. Lamberti und 
zu St Gertrud abhielt. 

Als im 15. Jahrhundert die Festungswerke der Stadt verstärkt wurden, 
mußte die Gertrudenkapelle ihren Erstlingsplatz räumen. Am 14. Mai 1441 gab 
Bischof Johann von Verden seine Zustimmung zur Verlegung, und im Sommer 
1444 begann ein Neubau der Kapelle, der unter Aufsicht des Ratskämmerers 
Hinrik Lange mit einem Aufwand von 3180 M. 6 s. 4 ^ innerhalb dreier Jahre 
vollendet wurde. Am 20. August 1447 fand die Einweihung statt Die Kapelle 
war mit sechs Altären ausgestattet, an denen neben dem Rektor 14 Vikare 
wirkten. Die Bezeichnungen der Nebenaltäre waren Kreuz- (Simon u. Judas, vier 
Doktoren), Andreas-, Marien-, Allerseelen- und Matheus- (Petrus -)altar, der 
letztere lag in der Sakristei. 1516 und 1529 wurde die Kapelle durch Einbruchs- 
diebstahl geschädigt, das erstemal wurden 4 Kelche und 3 silberne Pacificalia. 
das zweitemal 3 Kelche gestohlen. 

Die neue Kapelle stand nur wenig länger als hundert Jahre, denn schon 
1553 wurde sie unter Zustimmung der ganzen Bürgerschaft niedergerissen, ver- 
mutlich weü sie baufällig war. Die nicht lange zuvor aufgestellte Orgel wurde auf 
den Chor der Johanniskirche überführt; dieser fiel auch das Vermögen der Kapelle 
zu, die von der Hauptpfarrkirche der Stadt von jeher abhängig gewesen war. 

Ältere Ansichten der Stadt lassen die Kapelle erkennen, und zwar als 
ein kleines, im Osten und Westen im Eck geschlossenes Gebäude mit schlankem 
Dachreiter, einer doppelten Fensterreihe und einem südlichen Eingange. 

Der Gertrudenkirchhof, als „Sunte Gerderde kerkhof" schon 1382 
erwähnt und bis 1811 zum Begräbnis von Nichtbürgern benutzt, bewahrt in 
seinem Namen die letzte lebendige Erinnerung an die einstige Kapelle. Das 
jetzt noch stehende Fachwerkhäuschen ist um 1830 errichtet, angebUch an Stelle 
der alten Sakristei, die beim Abbruch der Kapelle verschont gebüeben sein soll. 
Der Dachstuhl trägt eine Glocke des Lüneburger Glockengießers Paul Voß mit 
der Inschrift: „M • Pawel • Vos • anno • 1 • 6 • • 1. Soli • Deo • gloria'^ 



8. Die Antoniikapelle. 

Quellen: Stadtansichten und Akten des Archivs. 

Literatur: Manecke, Top.-hist. Beschreibungen S. 20, Volger, Neujahrsblatt 1858 
(Lüneburger Blätter S. laS), Mithoff, Kunstdenkmale 156. 



Auf den Ansichten der Stadt aus der zweiten Hälfte des 16. JBihrhunderts 
findet sich außerhalb des Bardewikertores eine kleine Kapelle, die als „S. Tonis" 
bezeichnet und leicht als die Kapelle des Antonii- oder Bardewiker Friedhofes 
zu erkennen ist. über ihre Entstehungszeit fehlt bisher jede Nachricht Sie war 
abhängig von der Nikolaikirche, deren Geschworne Antoniikapelle und Friedhof 
mit verwalteten. Der letztere gewährte den Bauern in Ochtmissen, die als 
Gegenleistung einen Teil der Friedhofsumzäunung zu unterhalten hatten, freie 

23 



Geschichte. 



-^ 178 8^ 

Begräbnisplätze. Ein Neubau der Kapelle aus Fachwerk in Form eines länglichen 
Zwölf ecks scheint im Jahre 1684 in AngrifiE genommen zu sein, eine dahin 
deutende Zeichnung des Archivs trägt die Marke HP. Diese Kapelle wurde 1826 
wegen ihres Verfalls abgebrochen, und der Magistrat bewilligte den Juraten für 
das folgende Jahr eine KoUekte zu einem abermaligen Neubau. Der ausführende 
Baumeister war Architekt Spetzler, der sich für seinen Bau aus einem Lager- 
räume des Rathauses alte, vermutlich aus der Marienkirche stammende bemalte 
Fenster erbat und eine Glocke aus dem ehemaligen Glockenspiele des Rathause& 



3. Die KapeUe auf dem Xenen Friedhofe. 

Literatur: Manecke, Top.-hist. Beschreibungen S. 21. 



Die Kapelle auf dem nach Aufhebung des Kirchhofes von St. Cyriak um 
die Mitte des 17. Jahrhunderts eingerichteten Neuen- oder Michaelisfriedhofe ist 
unter dem Landschaftsdirektor von Bülow erbaut worden, zunächst für die 
Vorsteher der Ritterschule. Ober der bemerkenswerten schmiedeeisernen Ein- 
gangstür steht ein Bibelspruch und das Datum der Erbauung „Anno 1791'^ 

Die Kapelle auf dem Zentralfriedhofe ist nur deshalb hier anzufügen, 
weil auf ihrem Dache i. J. 1883 die Glocke der Gral -Kapelle aufgehängt worden 
ist Die Inschrift der Glocke lautet: „Soli • Deo • gloria • Me fecit • J . C . Z[iegner] • 
anno • 1708". 



Klostephöfe und Stiftshäuser. 

Quellen: Urkunden des Stadtarchivs; Lüneburgs ältestes Stadtbuch; Yolgers Ur- 
kundenbuch; Gebhardi, Coli. Y. 

Literatur: Manecke, Top.-Hist. Beschr. 41 ff., Mithoff, Eunstdenkmale 172 f. 



Die mittelalterlichen Landklöster pflegten in der Stadt, zu welcher sie 
nähere Beziehungen unterhielten, ein Absteigequartier zu besitzen, das in Kriegs- 
zeiten für Leib und Gut auch wohl als Zufluchtsort benutzt wurde. Lüneburg 
stand durch die Ausbeute der Saline, an deren Gewinn die Geistlichkeit 
hervorragend beteiligt war, mit einer ungewöhnlich großen Zahl auswärtiger 
Prälaten in standiger Verbindung. Infolge davon läßt sich eine große Zahl 
solcher Klosterhöfe, die zumeist die Befreiung von den Bürgerpflichten erlangt 
hatten, in den Mauern der Stadt nachweisen. Der Lüner Propsteihof wird schon 
1282 erwälmt, Lüner Klosterhäuser lagen Am Berge, Auf dem Kauf (Fig. 116 u. 117) 
an der Lüner- und an der Bäckerstraße; der Ebstorfer Hof lag in der Nähe der 
Sülzbrücke bzw. an der Rübekule ; der Schamebecker Hof nördlich von St. Nikolai 
(Fig. 168), ein Reinfelder Hof am Ziegenmarkt, der Hof des IQosters Isenhagen in 
der Techt bzw. an der Ilmenau. Das Medinger Propsteihaus befand sich an der 
Wandfärberstraße, ebendort das Oldenstädter Klosterhaus, der Medinger Klosterhof 
lag am Berge, das Wienhäuser Auf der Altstadt, das Distorfer in der Konvent- 



-^ 179 8^ 

Straße. Ein großes Besitztum nordöstlich des Micbaelisklosters gehörte dem 
Bischof bzw. dem Domkapitel von Verden, dieser sog. Verdener Hof (curia 
episcopalis) wurde durch den R>otenburger Hof erweitert; die Domherrenhäuser 
des Bardewiker Kapitels lagen an der Bardewikerstraße, ein zugehöriges Back- 
haus und Böticherhaus an der Burmesterstraße. Durchweg sind diese Kurien 
im Laufe der Zeit in den Besitz der Stadt gelangt, alsdaun mit der Büi^erpflicht 
belegt und an Private wieder veräußert. 

Die Einreihung der Klosterhöfe und Stiftshäuser an dieser Stelle recht- 
fertigt sich dadurch, daß wohl alle diese Gebäude {auch eine Kapelle gehabt 
haben. Der Gottesdienst in der Kapelle des Schamebecker Hofes tat sogar, wie 
in anderem Zusammenhange schon erwähnt, der jimgen Nikolaikirche solchen 
Abbruch, daß der Rat im Jahre 1451 ihre Schließung durchsetzte. Was von aU 
diesen Häusern an Kunstdenkmälem erhalten ist, wird unten bei der Beschreibung 
der Privathäuser dargelegt werden. 

Keine sichtbare Spur ist erhalten von den Konventhäusem der Lüneburger 
Beginen und Baguten. Wir erfahren von ihrer Existenz zuerst aus einem in 
Rom erworbenen Ablaßbriefe vom Jahre 1290, laut welchem die „filie begine" 
der Stadt vorhatten, ihr Wohnwesen mit einem Aufwände, der ihre eigenen 
Kräfte überstieg, neu aufzubauen („de novo opere magis sumptuoso domos 
mansionesque edificare"). Mehrere Bischöfe von Verden bestätigten den Ablaß 
als Diözesanbischöfe. Im Jahre 1340 trat der Konvent in eine geistige Gemein- 
schaft zum Kloster Arendsee in der Mark. Ein Vermächtnis von 1344 galt 
„den armen Mädchen des Konvents am Wasser", 1351 wird ein Bachinenkonvent, 
den Albert van der Molen erbaut hatte, mit einer Tonne Häringe bedacht, und 
aus anderen Urkunden ergibt sich, daß ebendieser Konvent der Beginen (Baguten)- 
Konvent an der Umenau war. Die Bezeichnungen Beginen und Baguten gehen 
hier durcheinander. Der Name „Blauer Konvent" taucht 1366 auf, wohl zur 
Unterscheidung von einem durch Hermann Hout (f 1353) gegründeten Baguten- 
konvent. Verhängnisvoll wurde dem letzteren und einem Begardenkonvent, von 
dem wir sonst nichts wissen, das Jahr 1370, als im Auftrage Urban V. und 
Kaiser Karls ein Predigermöncb Namens Johannes von Odelevessen die deutschen 
Städte bereiste zur Vertilgung des Sektenwesens. Er hob in Lüneburg die Sekte 
der Begarden und Beginen — „que vulgariter clamat „brod dor God" — auf als 
verabscheuungswürdig; ihre beiden Wohnwesen an der Konventstraße (an der 
Stadtmauer, östlich vom Heiligentalerhofe) wurden eingezogen und für 90 Mark 
verkauft; vom EJrlös fiel ein Drittel an die Armen, ein Drittel an den Visitator, 
ein Drittel an die Kämmereikasse zum Unterhalt der Stadtmauern. Der Blaue 
Baguten- oder Beginenkonvent bestand weiter, und zwar bis über die Reformation 
hinaus unter der Vorsteberschaft eines Mitgliedes der Familie van der Molen. 
Im Jahre 1550 wurden die verfallenen Baulichkeiten des Konvents auf Betreiben 
des Rates hergestellt, sieben Jahre später stürzte das Hauptgebäude zusammen 
und wurde nicht wieder aufgebaut Michaelis 1566 verkaufte der Rat das ganze 
Wohnwesen für 616 Taler an Albert Musseltin. der für seine eigenen Bedürfnisse 
einen noch jetzt vorhandenen Neubau aufführen Meß (Am Berge 37). Die letzte 
Begine, Witwe eines Predigers am Großen Heiligen Geist, starb 1568. 

23* 



->^ 180 8^- 

Daß auch solche Konventhäuser mit einer Kapelle versehen waren, ist 
mit Gewißheit anzunehmen ; eine Beginenkapelle im Untergeschoß des Kirchturms 
von St. Johannis ist in der Geschichte der Johanniskirche erwähnt. 

Mit einem Worte sei hier verzeichnet, das auch Pauliner in Lüneburg 
gewohnt haben (nach Volger an der Wandfärberstraße), und zwar als Schreib- 
und Rechenmeister. Eines Hofes der „fratres predicatores" oder „Pewelere" wird 
in zwei Urkunden von 1421 gedacht. Schomaker erzählt, daß der neue Rat 
zu Ausgang 1454 neben andern mißliebigen Geistlichen auch die beiden „Terminarii 
in deme Pauler huse", Hermann Wandtsleve und Hinrick van Hamborch, 
ausgewiesen habe. 



Kapelle und Hospital St BenedictL 

Quellen: Narratio de eonfiecratione monasterii saneti Michaelis (Wedekind^ Noten!. 
420; vgl. ib. 11. 296); Gebhardi, Collectanea Bd. IX; Urkundenbuch des Kloster St. Michaelis, 
herausgegeben von v. Hodenberg. 

Literatur: Gebhardi, Geschichte des Michaelisklosters; Manec^e, Top.-hist. 
Beschreibungen S. 29; Volger, Lüneburger Neujahrsblatt 1859 (Lüneburger Blätter S. 170); 
Mithoff, Eunstdenkmale S. 174. 



Geschichte. Nach der chronikalischen Oberlieferung des 13. Jahrhunderts erhielt am 

13. Dezember 1157 eine Kapelle, die von Seiten des Michaelisklosters neben der 
Burg, „juxta capitolium", errichtet war, ihre Weihe zu Ehren des Ordensstifters, 
des Hl. Benedikt. Wedekind bemerkt dazu, wohl auf Grund der Hausinschrift, 
daß ein Hospital gleichen Namens („sunte Benedictes hospital") schon drei Jahr- 
zehnte früher entstanden sein solle, und es ist wohl kein Zweifel, daß wir in 
dem Benediktshospital die älteste Lüneburger Stiftung ihrer Art vor ims haben, 
sowie daß Hospital imd Kapelle seit ihrer Gründung zusammengehörten. Schon 
aus der Zeit des Abtes Gerhard (1244 — 62) ist eine Urkunde erhalten, nach 
welcher der Provisor des Hospitals gegen Preisgabe einiger schwer einzubringenden 
Zollerträge eine Lüneburger Salzrente und ein Haus in Adendorf erwarb. Nach 
dem Nekrologium des Klosters sollten die Aufkünfte eines Hofes in Ödeme den 
im Hospital aufzunehmenden Reisenden zugute kommen. In eben dieser Quelle 
heißt' das Hospital auch Siechenhaus, domus infirmorum, infirmaria, und es 
geschieht eines Infirmarius, Pflegers, Erwähnung. Das letztere Amt war mit dem 
des Provisors (Hospitalarius) häufig vereint, dieser hatte die Rechnung und 
Aufsicht zu führen und wurde vom Benediktinerabte ernannt. Seit dem 
16. Jahrhundert war das Amt stets in den Händen von Klosterherren. Der 
verdienstvolle Abt Boldewin von Wenden machte sich in der Geschichte der 
Anstalt dadurch einen Namen, daß er Hospital und Kapelle da, wo die Techt in 
die Salzbrückerstraße einmündet, neu aufbaute, auch vergrößerte er das Besitz- 
tum durch den Ankauf eines Eckhauses, das dem Hospital gegenüber lag, 
w^ährend ein Verdener Vikar zwei benachbarte Häuser hinzusehenkte ; der 
Verdener Bischof unterstützte den Abt durch die Erteilung eines Ablasses am 



-«* 181 ä«- 

18. Januar 1428. Mithoff beschreibt das HospitaJ, wie 6s bis 1787 bestanden 
hat, nach Gebhaidi als ein langes einstöckiges Backsleinhaus mit steilen (riebeln, 
am Hof ende eine quer durchieichende mittels einer Zwergwand abgesonderte 
ungewölbte KapeUe, auf dem Dachfirst ein Qlöcklein. „In dem übrigen Itaume 
waren zu beiden Seiten einer Längsdiele die je mit einem Kamin versehenen 
Kammern der Prövener und neben der Haustür die „Gemeine Stube" angeordnet". 
Auch die wenigen KunstdenkmäJer der Kapelle, insbesondere der geschnitzte 



Flg. ST. Stift Bc, Banftdikt 

und bemalte Altarschrein und ein in Sandstein ausgehauener kniender Benedik- 
tinermönch, sind von Mithoff auf Qrund derselben Quelle näher bezeichnet. 

Das Vermögen der Anstatt dient bis auf den heutigen Tag der Unter- 
stützung Bedürftiger und wird zu diesem Zweck von der Königlichen Kloster- 
kammer gesondert verwaltet. Das jetzige Benediktshospital ist im Jahre 1787 
vom Landschaftsdirektor von Bülow erbaut, es gewährt zurzeit sieben Pröv- 
nerinnen ein Unterkommen und enthält zugleich die Wohnung des Küsters von 
St. Michaelis. 

Das Hospitalgebäude, von rechteckigem Grundriß, hegt an der Salz- Beschreibang. 
brückerstraße, dem Kalkberg gegenüber. Das Äußere ist im GhaiaJtter der 
Ziegelstoinbauten des 18. Jahrhunderts ausgebildet (Fig. 57). Die Ecken werden 



-^ 182 8«ä- 

durch gemauerte Backsteinquader betont, die Mitte ist zu einem, mit zieriichem 
Dachreiter geschmückten Vorbau herausgezogen. Die Fenster liegen in flachen 
Nischen. Cber der Haustür ist eine Sandsteinplatte eingemauert, deren Inschrift 
lautet: HOSPITAL ST. BENEDICTI IST GESTIFTET 1127, ZVM ZWEITEN 
MAL ERBAVET 1400 VND HIEHER VERSETZET VON DEM ABT VND 
LANDSCHAFTSDIRECTOR F- E- V- BVLOW 1787. 



Das Hospital zum Heiligen Greist. 

Quellen: Urkunden und Handschriften des Stadtarchivs; Volgers Urkundenbnch. 
Literatur: Manecke, Top.-hist. Beschr. 26; Yolger, Neujahrsblatt 1858 und 1859 
(LUneburger Blätter S. 150 ff.); Mithoff, Kunstdenkmale 174. 



Geschichte. Das Hospital zum Heiligen Geist bei der Sülze ist aus einer gleichartigen 

Anstalt hervorgegangen, die dem Hl. Lambert gewidmet und wenn nicht auf 
demselben Bauplatze, so doch ganz in der Nähe gelegen war. Das Lamberti- 
hospital wird von Manecke mit der Lambertigilde der Sodeskumpane in Ver- 
bindung gebracht, und ein gewisser Zusammenhang zwischen der Saline und dem 
Hospital wird gewiß von alters bestanden haben. Um so bemerkenswerter ist 
die früheste Nachricht über das Lambertihaus, eine Urkunde von 1282, die 
einen Ratmann als Vorsteher des Hospitals aufführt. Ablaßbriefe von 1287, 1299 
und 1300 bezeugen die rege Energie, mit welcher die Entwicklung des Hospitals 
betrieben wurde, und belehren uns zugleich über den ursprüngUchen Zweck der 
Anstalt. In einer der drei Urkunden heißt es, zu St Lamberti sollten die 
Bedürftigen und Kranken, wie sie aus allen Gegenden zusammentrafen, 
unterstützt und nicht allein gastfreundUch aufgenommen, sondern auch wieder 
gesund gemacht oder doch im Sterbefalle mit dem Notwendigen versehen werden, 
auch wolle man Reisenden und Pilgern, ob geistlichen oder weltlichen Berufes 
und einerlei von welchem Stande oder Ansehen, auf Verlangen ein entsprechendes 
Nachtquartier gewähren. Zum Lambertihospital gehörte die gleichnamige Kapelle, 
die sich in der Folge selbständig entfaltete. 

Im Jahre 1310 wird zum ersten Male der Name des Heiügen Geistes mit 
dem Hospital verbunden, als nämlich Graf Nicolaus von Dannenbei^ das Eigentum 
an einem Roggenzins in Melbeck „dem Siechenhause zum HL Geiste und zum 
Hl. Lambert in Lüneburg" zubilUgt Woher der neue Name? Wahrscheinlich 
wurde er bei Begründung eines Neubaues oder doch beim Einzug in einen solchen 
angenommen, denn als die Bezeichnung Lambertihospital zum letzten Male 
gebraucht wird, im Jahre 1320, heißt es „das neue" Lambertihospital. Die 
Anknüpfung an den Hl. Geist, auf dessen Antrieb man alle Werke der Barmherzigkeit 
zurückführte, war für derartige Hospitäler, wie zahlreiche Beispiele aiis Ober- 
und Niederdeutschland kundtun, außerordentUch beliebt. Zur Aimahme eines 



18S 

Neubaues stimmt die Eirichtuiiff einer neuen Hoepitalkapelle, die am 18. Oktober 1322 
zu Ehren der Maria Magdalena eingeweiht worden ist Ob in diesem Jahre, 
wie eine Gedenktaiel es will, ein Heiligengeisthospiial vom Neumackte in die 
Nähe der Sülze veriegt worden ist, muß dfldiingestellt bleiben. 

Das Heiligengasthoepital, meist „zum EQ. Geist bei der Suke", im Gegen- 
satz zur Ratskapelle auch wohl „der Neue^' oder „Groite Hl. Geist^' genannt, 
hat sich blühender entwickelt als irgend eine der verwandten Anstalten Lüneburgs. 
Durch Schenkungen, deren ertragreichste das sog. Bedensalz war, durch Memorien- 
Stiftungen, Leibrentenverträge, Aufnahmegelder, EIrbschaften und Oberschüsse 
des großen Wirtschaftsbetriebes gewann das Hospital schon früh die Mittel, 
vorteilhiaite Ankäufe zu machen. Das geschah in erster Linie durch den Erwerb 
von Sülzgütern, die allmählich zu einer beträchtlichen Höhe anwuchsen, von 
ausgedehntem Grundbesitz, sowie durch die Gewinnung von Zehnten und Grund- 
renten. Zum Grundbesitz des Hospitals gehört, um nur zwei besonders wertvolle 
Objekte anzidühren, seit dem Jahre 1410 bis auf den heutigen Tag das Böhmsholz 
imd seit dem letzten Jahrzehnt jenes Jahrhunderts der durch Pfandschaft von 
den. Herzögen erworbene Tiergarten. Die Ländereien wurden bis ins 18. Jahr- 
hundert selbständig bewirtschaftet, später mit günstigerem Ergebnis verpachtet 
Der Charakter des Hospitals ist schon im 14. Jahrhundert der eines 
Stiftes für Prövner und Prövnerinnen geworden, über deren Hausordnung, Ver- 
pflegung und sonstige Lebensführung ein kulturgeschichtlich wertvolles, ungemein 
reiches Material vorliegt. Sehr begehrt waren namentlich die „größeren" Präbenden; 
sie wurden vom Rate vielfach als Belohnung zuerkannt. Die Zahl der Insassen 
des Hauses betrug zeitweise mehr als 100 Personen, gegenwärtig haben 
32 Prövnerinnen imd sechs Prövner Aufnahme gefunden. 

Wie schon bemerkt, ist der Einfluß des Lüneburger Rß.tes auf die Ver- 
waltung des Hospitals von dessen ersten sichtbaren Anfängen an maßgebend 
gewesen. Die ältesten Urkunden ergeben, daß entweder ein Ratmann Vorsteher 
des Stifts war, oder doch, daß wichtige geschäftliche Maßnahmen der ausdrücklichen 
Billigung des Rates bedurften. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts 
bildete es sich als feste Norm aus, daß alljährlich zwei Vertreter des Rates mit 
der Vorsteherschaft des Hospitals betraut wurden. Sie hießen Provisoren, 
Prokuratoren, Rektoren, niederdeutsch „de vorstendere**. Als das Institut immer 
mehr an Bedeutung gewann, wurde der Ratsausschuß auf drei Mitglieder ergänzt, 
imd durchweg finden wir die Bürgermeister selber an der Spitze des Ausschusses; 
ein Amtsbuch des Hospitals von etwa 1492 nennt sich geradezu „Über proconsulum 
provisorum Sancti Spiritus". Das wichtigste Amt für den inneren Betrieb des 
Gotteshauses, bald von einem Geistlichen, bald von einem Laien versehen, war 
das des Gastmeisters („magister hospitum"), dem eine „gastmestersche" zur Seite 
stand. Der Gastmeister war den Provisoren zu Gehorsam verpflichtet, hatte 
aber als der eigentliche Verwalter gleichwohl eine einflußreiche Stellung. Eigen- 
tümlich und echt mittelalterlichen Geistes sind die Repräsentationspflichten, die 
mit seinem Amte verbunden und für das gesellige Leben der höheren Kreise 
Lüneburgs von Bedeutung waren. Bei seinen Festmahlen hatte er das reiche 
Silbergeschirr des Hospitals zur Verfügung, gegen 1500 u. a. sechs silberne 



-<-8 184 8^ 

Schalen mit Füßen ; in der einen war die Hl. Elisabeth abgebildet, in der andern 
S. Thomas, in der dritten die Hl. Katharina, in der vierten das Wappen der 
Patrizierfamilie Witick, in der fünften und sechsten Wappen früherer Gastmeister; 
femer waren da sechs silberne Becher mit Schuppenmuster („myt vlomen, der 
eyn in den anderen gheid"), 22 silberne Löffel, vier silberne Gabeln, vier Hand- 
becken, drei lange Weinkannen, viel Zinn- und Messinggerät, ein grünseidenes 
Kissen „myt veer vorguldeden knopen". Daß es dem Hospital auch sonst an 
Kunstgegenstanden nicht fehlte, beweist die gotische Abteilung des Lüneburger 
Museums, deren an anderer Stelle gedacht werden wird. 

Die Hospitalgebäude sind nach einer an der Außenmauer angebrachten 
Gedenktafel im Jahre 1586 und dann wieder 1724 erneuert In der Zeit der 
französischen Okkupation wurde das Hospital von den Prövnem geräumt und 
mitsamt der Heiligengeistkapelle als Kaserne xmd für sonstige militärische Zwecke 
eingerichtet (1803). Die dadurch verursachte Störung und Veränderung war so 
nachhaltig, daß der vorherige Zustand niemals wiederhergestellt ist. Ein Teil 
der Kirche und das obere Stockwerk des Hospitals wurden im Jahre 1816 zu 
einer Bürger- und einer Freischule ausgebaut. Statt der Bürgerschule, die 1855 
verlegt wurde, erhielt die Gewerbeschule im Heiligen Geist Aufnahme, und 1867 
wurde auch der nach Osten hin liegende Teil der Kapelle — „eine Ruine, die auf 
den Abbruch wartete' ' — zu Schulzwecken umgebaut Als bei dieser Gelegenheit 
eine Grabstätte der Familie von Döring zerstört werden mußte, wurden 
zwei marmorne Grabplatten des Heinrich von Döring (f 1750) imd Leonhard 
von Döring (f 1765) in eine Grabkapelle der Familie nach Mecklenburg über- 
führt. Ein Teil der kirchlichen Geräte wird seit 1854 im Rathause verwahrt 
Von der alten Kapelle ist nichts erhalten als der zierUche Dachreiter. Der 
Gottesdienst im Heiligen Geist hatte seit der französischen Zeit ganz aufgehört 
Bis zur Reformation wirkten an der Kapelle 12 Vikare, die am Hochaltar, in der 
Sakristei, am Simon- und Judas-, am Zehntausend Ritter- und am Marienaltar 
ihre Messen lasen. Im Hospital, und zwar im sog. „Langen Hause^', befand 
sich ein besonderer Altar, dem Evangelisten Johannes geweiht und von zwei 
Vikaren bedient. Nach der Reformation erhielt die Hospitalkapelle einen eigenen 
Prediger, der letzte des Amtes starb 1804. 

Beschreibung. Das langgestreckte schmucklose Gebäude liegt an der Heiligengeist- 

straße. Spuren von Spitzbögen und einige Strebepfeiler an der Nord- 
seite lassen den gotischen Ursprung des Baues erkennen. An einem der in der 
Nähe des Eingangs hegenden Strebepfeiler befinden sich zwei Steinplatten mit 
dem Text der Bibelstellen I. Corinth. 15 V. 42 und Jesaia 58 V. 7. Ein großes 
Stadtwappen aus Sandstein ist an der Nordseite des nach dem Lambertiplatz 
zu hegenden Flügels im Obergeschoß eingemauert, darunter, im Erdgeschoß, eine 
Steinplatte mit der Inschrift: 

JESV CHRISTO PAVPERVM PATRONO- SDOMVM 
HANG HOSPITALEM ANTE QVINGENTOS ET FORTASSIS 
PLVRES ANNOS FVNDATAM DIVOQVE LAMBERTO 
PRO SAECVLI RELIGIONE DEDICATAM PROVIDA 



•*^ 186 H- 

MAIORVM PIETAS- TRANSLATIS ANNO DOMINI M • CCC • 

XXÜE CAPBLLA SANCTI SPIRITVS IN NOVO FORO 

PAVPERIBVS NOVO TEMPLO INSTRVXIT NOVO SANCTI 

SPmiTVS NOMINE INSIGNIVITNOVISQVE FVNDIS BONIS 

ET E SALINIS PROVENTIBVS DOTAVIT VETVSTAQVE 

OOLLABBSCENTEM ANNO DOMINI M • D ■ LXXXVI . 

RESTITVIT QVORVM PIAM EGENOS rVVANDI VOLVN- 

TATEM PRAESENS DnTATVRA POSTBRITAS RVINAS 

OB VETVSTATEM ITERVM MINITANTEM A SOLO 

DIRVTAM REPEOIT ANNO DOMINI M ■ DCC • XXffll 

SPIRITVS SANOn GRATIA NOS ADFWET SEMPER 

Von der 1867 abgebrochenen Kirche des Hospitals stanunt der schöne 

Dachreiter, der jetzt auf dem neuen Schulhause in der Verlängerung der alten 

Hospitalgebäude steht (Fig. 58). Sein Grundriß ist sechseckig, die Ecken sind 




FlK' SD. D>chielt>r vom HclUgsngelst-HoipItaL W>tunp«ler, Kreuzblume und Krabbe. 

mit Strebepfeilern besetzt, die vom Dache aufsteigen und miter dem Fußgesims 
des Helmes fialeuartig mit Giebel und Kreuzblume endigen. In den SeitenflächeD 
des geraden Körpers sitzen je zwei, mit Kleeblattbögen überdeckte öffaungeo. 
Über dem Fußgesims des Helmes bauen sich an allen Seiten schlanke Giebel 
auf, deren Kanten mit Krabben besetzt sind. Auf den Giebelspitzen stehen 
hohe Kreuzblumen (Fig. 59). Zwischen den Giebelfüßen sind Wasserspeier 
angebracht. Die Grate des schlanken Helmes sind mit Krabben besetzt (vgl. 
Fig. 59), die Helmspitze ziert eine Kugel mit Blattwerk und ein neues eisernes 
Kreuz. Der untere Teil des Dachreiters bis zum Fußgesims des Helmes ist mit 



-^ 187 8^ 

Blei gedeckt, der ganz obere Teil mit Kupferblech. Alle ornamentalen Teile 
bestehen ebenfalls aus Kupferblech. Ein grossei Teil der Krabben ist abgefallen; 
zwei sind nach dem Lüneburger Museum gelangt. 

Im Glockenstuhle des Dachreiters hängen zwei Glocken. Die Stunden- 
glocke mit 70 cm Durchmesser ist 1712 von J. C. Ziegner gegossen, die Viertel- 
glocke hat 52 cm Durchmesser, auf ihrem Mantel befinden sich Abdrücke von sechs 
Brakteaten, ein Kreuz und ein Gießerzeichen (vgl. Lüneburger Museumsblatter, Heft 1). 
Die Uhr stammt aus der abgebrochenen Lambertikirche. Sie ist aus Schmiedeeisen 
hergestellt und hat am Rahmengestell die Inschriften : J. v. Dassel. H. F. v. Töbing, 
Baumeister anno 1775. P. N. Schröder Uhrmacher in Lüneburg. 1775. 

Dem Heiligengeist-Hospitale entstammt ein gotischer Schrank, der jetzt 
im Lüneburger Museum steht Er ist 1,00 m breit, 2,46 m hoch und 0,38 m 
tief. Die Vorderwand wird seitlich begrenzt durch ein geschnitztes Blattomament 
Der obere Abschluß ist in Form einer Kielbogenlinie geführt, die mit Krabben 
besetzt ist und deren Tympanon mit spätgotischem Ornament ausgefüllt ist 
Die beiden Türen sind mit Temperamalereien auf besterntem roten Grunde 
bedeckt; imten befindet sich eine Kreuzigung, oben zwei kniende Engel mit 
einer Monstranz in der Mitte. Die Innenseite ist grün gestrichen, die Seiten- 
wände sind mit Rosetten auf rotem Grunde bemalt Alle omamentalen Teile 
sind ebenfalls farbig bemalt. 

Die erhaltenen kirchlichen Geräte sind bei der Beschreibung des Rathauses 
aufgeführt 



Der Lange Hof. 



Quellen: Urkunden und Akten des Stadtarchivs; Volgers Urkundenbuch. 
Literatur: Manecke S. 31; Volger, Johannisblatt 1859 (LUneburger Blätter 166 ff.); 
Mithoff 175 f. 

Der Lange Hof, eine Gründung des Knappen und Burgmannen Segeband Geschichte, 
von Wittorf des Älteren, ist das einzige Hospital der Stadt, dessen Stiftungs- 
urkunde vorliegt Sie ist, in Form einer an den Rat gerichteten öffentlichen 
Bekundung, ausgestellt am Margretentag 1352, nachdem Segeband schon in 
seinem Testament vom 27. März desselben Jahres die Absicht seiner Stiftung 
formuliert hatte. Segeband bestimmte seinen Hof in der Alten Stadt, nämlich 
an der südlichen Ecke der Salzbrückerstraße und der Techt, „in perpetuum 
hospicium peregrinorum", zu einem immerwährenden Obdach für arme fVemde; 
von einer Sülzrente, die er außerdem schenkte, sollte zweimal im Jahre an die 
im Hospiz Beherbergten eine außerordentUche Gabe verabfolgt werden; zu 
Verwaltern seines Stiftes ersah er den Pfarrer von St. Johannis und den amts- 
ältesten Kämmerer des Rates. Segebands Hospital führt seit dem 15. Jahr- 
hundert durchweg die Bezeichnung „Langer Hof'' (longa curia) und gliederte 
sich in den Großen Langen Hof mit dem Langen Hause und einem Gasthause 
sowie in den Kleinen Hof mit zwei sogen. Gotteshäusern. Eins dieser beiden 

letzteren diente i. J. 1504 zur Aufnahme Kranker, die auf den Kirchhöfen die 

24* 



-^ 188 8^ 

öffentliche Mildtätigkeit anriefen, im übrigen hatte sich die Anstalt damals 
schon zu einem Armenhause umgewandelt, das etwa 50 Bedürftigen Unterkunft 
gewähren konnte. Die Aufsicht über den inneren Betrieb führte ein Hofmeister. 
Eine Kapelle erhielt der Lange Hof erst durch Bürgermeister Leonhard Elver 
(t 1511); sie war Maria geweiht und durch den Stifter mit einer Vikarie, femer 
seitens der Brüderschaft der Zimmerleute mit einer Spende für eine Wochen- 
messe ausgestattet. 

Wie alle diese Stiftungen, so wurde auch der Lange Hof durch milde 
Gaben, zumal durch Vermächtnisse, reich genug bedacht, daß seine gesunde 
Fortentwicklung bis über die Mitte des 16. Jahrhunderts hinaus gesichert war. 
Ein reges Interesse für die Anstalt bewies namentlich der erste Propst zu 
St. Johannis, Johann von Minden, und sein letzter katholischer Nachfolger, 
Johann Koller. In der Reformationszeit wurde das Vermögen des Kleinen 
Hl. Geistes mit dem des Langen Hofes vereinigt, und dieser war in der Lage, 
neben seinem eigensten Zweck Studierende zu unterstützen, Bücher für die 
Stadtbibliothek anzukaufen, die Ekbauung eines städtischen Krankenhauses zu 
fördern. Später schrumpften die Mittel der Stiftimg stark zusammen, vornehmlich 
infolge der baulichen Unterhaltungskosten, mit deren Steigerung die Einnahmen 
des Hospitals nicht Schritt hielten. Im Februar 1758 wurde die Schlaf kammer 
der armen Leute zu einem Lazarett für die hannoverschen und hessischen 
Truppen eingerichtet; 3 Jahrzehnte später beschloß der Rat, den Langen Hof ein- 
gehen zu lassen. Da eine öffentliche Versteigerung im Juli 1789 und nach- 
folgende Verkaufsverhandlungen kein annehmbares Gebot brachten, zog sich 
die Auflösung der Anstalt hin bis ins 19. Jahrhundert hinein; 1801 wurde ein 
Teil des Grundstücks veräußert, die letzten Insassen des Stiftes starben 1807. 
Der Nachlaß des Langen Hofes fiel an eine verbesserte städtische Armenanstalt, 
die i. J. 1787 nahe der Stammersbrücke am rechten Ufer der Ilmenau in einer 
vom Rate angekauften ehemaligen Kattundruckerei eingerichtet wurde. 



Der Gral und sonstige Stiftungen. 

Quellen: Urkunden, Akten, Rechnungen, Chroniken etc. des Stadtarchivs; 
Gebhardi, CoUectanea. 

Literatur: Lossius, Lunaeburga Saxoniae S. 116 f.; J. H. B(üttner), Ausführliche 
Beschreibung des in diesem 1706. Jahre neuerbauten Hauses der Barmherzigkeit im Grahl zu 
Lüneburg; Manecke, Top.-hist. Beschreibungen S. 28 u. 80; Volger, LUneburger Johannisblatt 1859, 
Neujahrsblatt 1859 und 1860, (LUneburger Blätter S. 156 ff.) ; Mithoff, Eunstdenkmale 8. 175 ff.; 
Wrede, Die Glocken der Stadt Lüneburg (LUneburger Museumsblätter I. 55). 



Geschichte. ■L'®^ Ausdruck „Gral", im Mittelniederdeutschen für eine lärmende 

Fröhlichkeit (gralen, grölen) gebraucht, ist in mehreren Städten Norddeutschlands 
an einem ehemaligen Fest- oder Spielplatze haften geblieben und dadurch zu 
einer Ortsbezeichnung geworden. Auch in Lüneburg. „Im Gral" lag das 
Prioratshaus des Michaelisklosters (1617), „beym Grael" der Springintgudturm, 



-^ 189 j^ 

„achter dem Gral" der neue Wall (1534). Es war um die Wende des 15. Jahr- 
hunderts, als „im GraP' ein Haus für „arme, kranke, elende Leute^' erbaut 
wurde, „dat hüsz der barmeherticheit^^ zuerst erwähnt 1501. Da die Stadt sich 
des Besitzes mehrerer solcher Anstalten rühmen durfte, so hieß die jüngste unter 
ihnen Jahrhunderte hindurch „das Haus der Barmherzigkeit im Gral^S bis, ver- 
einzelt nachweisbar schon 1595, der unterscheidende Zusatz zum Namen des 
Stiftshauses wurde und dieses schlechthin „der Gral^^ hieß. 

Mit der Entstehung des Grals wird nach alter Überlieferung Bürgermeister 
Cord Lange in Verbindung gebracht, der zumeist als der eigentliche Gründer 
gut. Cord Lange saß von 1474 — 1506 im Lüneburger Rate, bekleidete von 
1475 — 80 das Amt eines Kämmerers, wurde 1486 zum Bürgermeister erwählt und 
führte in den Jahren 1487, 1490, 1494, 1497, 1498, 1501, 1502.und 1505 das Wort der 
Stadt; offenbar gehörte er zu deren einflußreichsten PersönUchkeiten. Er war 
vermählt mit Gebeke Schomakers und starb kinderlos als Witwer. Die älteste 
Urkxmde, in welcher unseres Stiftshauses gedacht wird, ist am 14. Februar 1503 
von ihm ausgestellt Ihr Inhalt ist folgender: Cord Lange setzt aus seinem 
ersparten Gute eine Sülzrente von 36 Mark aus für die Insassen des neuen 
Hauses imGrale, „dat de erszame raedt to Luneborg hefft laten buwen". 
Dieser Nachsatz läßt sich nicht wohl anders auffassen, als daß der Gesamtrat 
es gew^esen ist, der das Haus der Barmherzigkeit gebaut hat: die Anstalt ist 
also öffentUchen Ursprungs, nicht aus einer Privatstiftung hervorgegangen. Daß 
Cord Lange als Bürgermeister für das Zustandekommen des wohltätigen Unter- 
nehmens das Seine getan und es mit Liebe gefördert hat, dafür spricht mehr 
als seine Schenkung als solche der Schlußpassus jener Urkunde, wo der 
Geschenkgeber folgende Weisung hinzufügt: die bezeichnete Rente soll nach 
dem Ermessen des Rates rechten frommen Hausarmen und elenden kranken 
Leuten in Lüneburg zufallen, falls das Haus der Barmherzigkeit wieder ein- 
gehen werde — „des ick my doch nicht vorhope". 

Der Charakter des Grals hat sich nicht lange nach seiner Entstehung 
völlig verändert. UrsprüngUch war er als Kranken- und Armenhaus eingerichtet. 
Cord Lange gibt seine Rente „den armen krancken elenden luden des Stiftes^^, 
dessen Bezeichnung als „Haus der Barmherzigkeit^^ ebenfalls darauf hindeutet, 
daß es auf die Linderung wirklicher Not abgesehen war. Die Einkünfte aus 
dem Grundvermögen, aus allerlei milden Zuwendungen und dem Wirtschafts- 
betriebe reichten jedoch nicht aus, die Bedürfnisse des Stiftes zu decken, obgleich 
nach Einziehung des Klosters Heiligental die Klostergüter dem Gral überwiesen 
wurden; das Jahr 1565 schloß mit einem Fehlbetrage von 140 Mark. So kam 
man schon im 16. Jahrhxmdert dazu, eine Einkaufssumme zu erheben, deren 
Höhe dem Alter, den Mitteln und auch wohl früheren Leistungen des Aufzu- 
nehmenden angepaßt war und mit der Tendenz einer allmählichen Steigerung 
starke Schwankungen aufweist (1591: 30 Mark, 1595: c. 40 Mark, 1746 zwischen 
200 und 1000 Mark). Die Insassen des Hauses hießen nunPrövner. Um die Mitte 
des 18. Jahrh. gab es deren 32, sieben Männer und 25 Frauen im Alter von 
31 bis zu 86 Jahren; die Höchstzahl scheint 42 gewesen zu sein. Die Gralleute 
hatten außer der freien Wohnimg einschließUch Feuerung und Licht auch freie 



-^ 190 8^ 

Verpflegung, die in natura verabreicht wurde. Auf einstimmigen Antrag der 
Prövner und Prövnerinnen wurde die Naturalverpflegimg im Jahre 1657 durch 
wöchentliche Kostgelder ersetzt, „dieweil das gemeine Sprichwort lautet, daß 
Alter ein schweres Malter, und in solchem Stande sich ein jeder darnach richten 
muß, was die Natur in Speis' und l^ank leiden will". Verweser des Grals war 
von jeher ein Bürgermeister, dem als Oberprovisor im 18. Jahrhundert zwei 
Mitglieder des Rates als Komprovisoren zur Seite standen. Die Elinkaufe und 
Rechnungsführung besorgte ein Administrator, die innere Aufsicht übte ein 
Gralvater bzw. eine Gralmutter. Die Seelsorge oblag dem Diakonus von 
St Nicolai. Als das Vermögen der Anstalt anwuchs, wurde es mit dem sog. 
Kirchenkasten vereinigt xmd zur Unterstützung von Predigerwitwen, zu Lehrer- 
besoldungen imd anderen öffentlichen Lasten herangezogen, während der Gral 
sich allmählich ganz zu einem Damenstifte imibildete. 

Von der ältesten Gestalt des Gralgebäudes spricht keine Oberlieferung; 
gewiß ist nur, daß es auch eine Kapelle enthielt, an der ein Kommendist dreimal 
wöchentlich Messe zu lesen hatte. Die Kommende war vermutüch von dem 
Ratmann Hinrik Grönhagen errichtet, denn nach einer Aufzeichnung von 1525 
war sie mit einer Rente von 20 Mark aus dessen Sülzgütem begabt An Kult- 
gerät gehörten der Kapelle 1 vergoldeter Kelch, 1 silberne Hostiendose mit Löffel 
und Röhre („ad communicandum pauperes'^), 1 silbernes Lamm Gottes als 
Pacificale, 2 gedruckte Meßbücher, 2 Zinnkannen, 6 Korporaltücher und 6 Ornate. 
Ein Ausbau des Hauses muß in den Jaliren 1537 und 1539 entstanden sein und 
trug die Wappen des genannten Ratmanns und seiner Frau Margarete Sankensteden. 
Schon 1552 ging nach dem Chronisten Schomaker „dat husz der barmeherticheit 
im Grale tom merendele to gründe'^, durch einen Einsturz des Hauptgebäudes; 
nur der Speiseraum blieb verschont, wo die Gxalleute sich just zur Mahlzeit 
versammelt hatten. 

Weitere Daten zur Baugeschichte des Grals überliefert die Inschrift einer 
Sandsteintafel, welche den Haupteingang des alten Hauses der Barmherzigkeit 
krönte und auf dem Eingangsflur des jüngst vollendeten Grals wieder angebracht 
ist: „Domvs misericordiae, Ante CC qvasi annos primvm fvndata annisque p. 
Chr. n, M. D. LX. et M. DC. VQ. instavrata, cvm itervm in rvinam prona videretvr, 
a fvndamentis disiecta, denvo extructa est. Anno domini MDCCVHL Devs 
misereatur nostri et benedicat nobis"! Damach war der Neubau im Jahre 1560 
vollendet, forderte aber schon 1607 eine Wiederherstellung und drohte 100 Jahre 
später den abermaUgen Einsturz; das Haus wurde daher bis auf den Grund 
abgetragen und im Jahre 1708 neu aufgebaut. Um die Durchführung dieses 
Baues erwarb sich der Bürgermeister Brand Lüdolph von Stöterogge besondere 
Verdienste. 

Im siebenjährigen Kriege wurde der Gral mit den umliegenden Höfen 
von den Franzosen in ein allgemeines Militärbackhaus lungewandelt, das Haupt- 
gebäude diente als Brot- und Mehlmagazin; Kanzel, Altar xmd Kirchenstühle 
wurden weggerissen, die Graldamen mußten sehen, wo sie in der Stadt ein 
Unterkommen fanden (Nov. 1757). Nach dem Abzüge der Franzosen wurden 
wiederum bauliche Veränderungen vorgenommen. 



H>4 191 «M- 

Die Gralkapelle wurde nach Schließung der Nikolaikirche für die Zeit 
von 1860 — 69 der Nikolaigemeinde zum Gottesdienst überwiesen. 

Die Gestalt, die der Gral im Jahre 1877 hatte, beschreibt Mithoff aus 
eigener Kenntnis als „ein aus verschiedenen Teilen zusammengesetztes zwei- 
stöckiges Fachwerkhaus von etwa 80 Schritt Länge mit einem durch beide 
Geschosse reichenden Kapellenraum, über welchem ein Dachreiter sich erhob*'. 
Drei Jahre später wurde das Gralhaus, als im hohen Grade baufälUg, mitsamt 
dem zugehörigen Garten zum Zwecke der Erweiterung des Königlichen Land- 
gerichts an die Justizverwaltung auf Abbruch verkauft Vom. Verkauf aus- 
geschlossen wurden der Altar, die Kanzel nebst Zubehör, das gesamte feste imd 
bewegliche Gestühl der Kirche einschüeßlich der Rückenlehnen an den Wänden, 
die Glocke, die in der Kapelle befindlichen Bilder und die schon erwähnte Tafel 
mit Inschrift Die Glocke, ein Werk J. C. Ziegners von 1708, ist später auf 
dem Dach der Zentralfriedhofskapelle angebracht, eine Anzahl der kleineren 
Kunstgegenstände verwahrt das Lüneburger Museum. 

Die Zahl der Prövnerinnen war im Jahre 1880 fast ganz zusammen- 
geschmolzen, da Neuaufnahmen nicht mehr stattfanden; die einzig überlebende 
Gralmutter bewohnte eine Privatwohnung. 

EIrst in den Jahren 1904/5 ist der Gral als städtisches Damenstift an der 
Ecke der Volger- und Feldstraße von neuem erstanden. Der fest gemauerte 
imposante Bau verheißt eine längere Lebensdauer, als alle seine Vorgänger sie 
besessen haben. 

Im Lüneburger Museum befinden sich die folgenden, aus dem Gral 
stammenden Gegenstände: 

1. Fünf geschnitzte, stark erhaben gearbeitete Gruppen vom ehemaligen Altare, 
die Szenen aus dem Leben der heiligen Elisabeth darstellen, meist auf 
landschaftlichem Hintergrunde. Perspektivisch zum Teil stark verzeichnet, 
steckt doch viel inneres Leben in den Gruppen. Sie sind gotischen Ur- 
sprungs und zeigen Spuren reicher Vergoldung und farbiger Bemalung. 

2. Ein kleiner Altar aus Holz mit zum Teil vergoldetem Mittelbild aus Alabaster, 
die Auferstehung darstellend. Das Bild wird von zwei Säulen mit ver- 
kröpftem Gebälk eingerahmt Über dem Gebälk befindet sich ein Aufsatz 
mit einem Bild aus Alabaster: Christus und eine Frauengestalt, und darüber 
ein kleines Tympanon mit Gott Vater. Alle Flächen sind mit einem feinen 
vergoldeten Ornament auf blauem Grunde bedeckt. Das Werk zeigt 
italienischen Einfluß und gehört wohl ins 16. Jahrhundert. 

3. Eine kleine farbige Kreuzigung aus Papiermasse, die auf einem Brett 
befestigt ist. Neben dem Kreuz stehen Maria und Johannes, zwischen ihnen 
und dem Kreuzesstamm ein Flachrelief, die Burg auf dem Kalkberge, die 
Lamberti- und die Michaeliskirche darstellend. 

4. Mehrere Figuren von Heiligen aus Eichenholz. 

5. Eine Sammlung alter italienischer und deutscher Gewebe. 

In den Ausgaberechnungen des Langen Hofes vom Jahre 1563 und lö66 Das Lazarett 
finden sich 20 bzw. 66 Mark gebucht zur Erbauung „des gadeshuses odder ^ .J^ ^51. 



->^ 192 «^ 

lazaretts vor dem Bardewikem dare^^ Die Erbauung dieses Lazaretts sollte zur 
Abwehr der Pest dienen, jener schrecklichen Seuche, die Lüneburg im 16. Jahr- 
hundert wiederholt heimsuchte und in den genannten Jahren besonders heftig 
wütete. Das Lazarett lag weit von der Stadt entfernt am linken Ufer der 
Ilmenau, genauer bezeichnet an der südwestlichen Ecke der sog. „6redenwisch'\ 
der Breiten Wiese, gegenüber dem Amtshause des Klosters Lüne. Da das 
Hospital kein eigenes Vermögen besaß, beabsichtigte der Rat im Jahre 1666, 
eine Hauskollekte zu veranstalten zwecks Ansammlung eines Kapitals, ein 
Plan, der nicht ausgeführt zu sein scheint Noch im 19. Jahrhundert erhielt das 
Lazarett von den Kirchenkollekten die Hälfte des Geldes aus einem schwarzen 
Klingelbeutel, während die Hälfte aus dem roten an das Waisen- und Werkhaus 
fiel. Als die Gefahr der Pestkrankheit vorüber war, wurde der Pesthof vielfach 
schlechthin „die Breite Wiese^' genannt, als Anstalt für Irre und Schwachsinnige 
eingerichtet, eine Maßnahme, durch welche die Lüneburger Stadtverwaltung in 
der Geschichte der Irrenpflege einen führenden Platz erworben hat Im sieben- 
jährigen Kriege wurden die 27 Insassen des von den Franzosen in ein Lazarett 
umgewandelten Zucht- und Armenhauses in das Lazarett zur Breitenwiese 
überführt 1816 ist das Irrenhaus aufgehoben und zwei Jahre später abgebrochen. 

^ GotteBhänser.^ Kleinere sog. „Gotteshäuser'^ zur Aufnahme von Armen gab es in 

Lüneburg mehrere. Der Bürger Tytke Ellenbarch und seine Frau Beke stifteten 
im September 1432 eine westlich vom Pfarrhause von St. Johannis hinter ihrem 
eigenen Wohnwesen gelegene Bude („am Schweinemarkt") für die Beherbergung 
von 6 bis 7 oder mehr armen Jungfrauen und kinderlosen Witwen. Das Ellen- 
barchsche Gotteshaus wurde von den Geschwomen der Johanniskirche verwaltet 
und ist 1812 verkauft 

Hylleke, die Witwe des Hans Blickershusen, traf am 28. August 1499 
eine ähnliche letztwillige Verfügung. Drei hinter ihrem Hause gelegene Buden 
an der Papenstraße (Fig. 179) sollten zu einem Gotteshause gemacht, „arme lüde 
darinne to settende", und diesen jährUch 2 M. für Feuerung verabfolgt werden. 
Das Haus ist 1811 durch Verkauf seiner Bestimmung entzogen. 

Der sog. Kleine Kaland oder Rodengang hinter der Altenbrückermauer, 
in jüngster Zeit zum Abbruch verurteilt, setzte sich, wie der nahe Sassenhof, 
ebenfalls aus Freiwohnungen zusammen, die vermutlich von der Kalands- 
brüderschaft gestiftet waren. 

Dem gleichen Zweck gehörte bis zu seinem kürzlich erfolgten Abbruch 
der benachbarte Kronenhof, so bezeichnet nach einem früheren Eigentümer 
Namens Albert Krone (1632 ff.) und im Jahre 1697 aus den Mitteln eines 
Testamente erworben. 

Ein anderes Gotteshaus, das Doppelersche oder Dankwertshof, 1806 
veräußert, lag am Schweinemarkt. 

Die Mehrzahl dieser Gotteshäuser ist eingegangen, weil ihre Unterhaltung 

aus den vielfach achtlos verwalteten Stiftungsmitteln nicht mehr möglich war. 

Roter Hahn. Ks auf den heutigen Tag in seinem malerischen Reiz erhalten ist das 

Gotteshaus zum Roten Hahn in der Roten Hahnstraße. Ein Hausbrief vom 



-^ 193 %■*- 

Januar 1478 gibt die älteste Erwähnung dieses Hofes. Jenerzeit gehörte ein 
Haus „tem Roden Haue" dem Ratmann Hinrik Grpensen, und dieser mag sein 
Besitztum selber zu einem Ootteshause bestimmt haben, denn er war durch 
wohltätigen Sinn ausgezeichnet, und schon 1537 beißt dei Hof „hospitale quod 
ad Rubeum Gallum vulgariter nuncupatur". 

Die erhaltenen Gebäude des Stiftes bauen sich an der Straße mit 
massivem Untergeschoß, einem in der Fläche hegenden Fachwerkgeschoß und 



FtK- K. satt Bot«r Balw. Rola Hkhnitnae 14-1«. 

drei vorgekragten Pachwerkgiebeln auf (Fig. 60). Die Fußstreben smd voll, 
ohne weiteren Schmuck. Die Knaggen unter den Giebeln und den Schwellen 
sind einfach profiliert Alle Fächer sind in Ziegeimustem ausgemauert. Der 
hoka Giebel trägt am ausgeschnittenen Überlagsholm der Luke die Inschrift: 
ANNO DNI 1576, der rechte Giebel an derselben Stelle die Zahl „1596". Um 
den malerischen Hof liegen einstöckige Gebäude, teilweise in Fachwerk aus- 
geführt Der nördhche Plügelbau ist massiv, mit Rundbogentüren und darüber- 
hegenden Archivolten von Taustäben. In der Mitte eine Sandsteiuplatte mit 
ANNO DNI 1631. An dem Hintei^ebäude die Inschrift; ANNO DOMINI 16*6. 



-<-8 194 g^ 

In den Hintergebäuden befinden sich kleine Wohnungen, die den im Abschnitt 
„Wohnhäuser imd Straßen'^ zu besprechenden Arbeiterhaus -Grundriß zeigea 

Kikolaihof. Mit seinem reichen Besitz wohlerhalten ist endUch auch der Nikolaihof, 

ursprüngUch ein Leprosenhaus, nach dem Erlöschen des Aussatzes eine Anstalt 
für Prövner und Prövnerinnen. Die Geschichte dieses Hospitals, das zu den 
großen Stiftungen der Stadt gehört, geht zurück bis in das 13. Jahrhundert Die 
zugehörige Kirche ist vom Bürgermeister Hinrik Lange 1435 errichtet An dieser 
Stelle scheidet der Nikolaihof aus, denn er lag von jeher außerhalb des Stadt- 
bezirks und wird als zum Flecken Bardewik gehörig im Zusajnmenhange mit 
den Kunstdenkmälem des Landkreises Lüneburg behandelt werden. 




II Weltliche Bau^werke. 



Das herzogliche Schloss. 

Quellen: Sndendorfs Urkandenbuch; Volgers Urkandenbnch; Schomakers Chronik; 
Gebhardi, Collectanea Bd. U, IX, Xni, XIV. 

Literatar: Manecke, Top.-lÜBt. BeBchreibnngen S. 41; von Hammentein, Bardengan 
S. 140 und 502; Mithoff, Eunstdenkmale S. 177; de Beaucaire, Eleonore Desmier d^Olbrenze 
(ins Deutsche übertragen von Frh. Grote, 1886). 



Die einzige bildliche Darstellung der im Februar 1371 zerstörten Burg Geschichte, 
auf dem Kalkberge, „der Krone der Herrschaft Lüneburg^', besitzen wir in einer 
Handschrift des Sachsenspiegels der Lüneburger Stadtbibliothek. Die Handschrift 
ist nach ihrem Schriftcharakter tun die Wende des 14. Jahrhunderts entstanden, 
so daß es obenein fraglich ist, ob der Zeichner die Burg aus eigener Anschauung 
noch gekannt hat. Das betreffende Tafelbild stellt die Belehnung des Sachsen- 
wittenbergischen Fürsten mit dem Herzogtum Lüneburg durch Karl IV. dar; 
im Hintergrunde erhebt sich der Kalkberg imd auf seiner Kuppe das Weifenschloß. 
Es besteht aus einem hohen Hauptgebäude mit einer HaUe im Obergeschoß imd 
einem Flügelbau an der äußeren Längsseite; das Untergeschoß springt mäßig 
vor und ist durch ein besonderes Schrägdach geschützt; an die innere Längsseite 
schließt sich ein Parallelgebäude an und an den der Stadt abgewandten Giebel 
ein drittes ansehnliches Haus. Die Gruppe wird überragt durch einen mit Zinnen- 
kranz und Spitzhelm versehenen Rundturm, der inmitten eines Schloßhofes 
gestanden zu haben scheint. Das Schloß war, wenn die Farbengebung des 
Blattes nicht willkürlich ist, aus roten Backsteinen gebaut und mit einem 
Kupferdache gedeckt*) Erhalten ist von den BauUchkeiten der Burg nur ein 
romanisches Säulenkapitell aus Gipsmörtel, das vor Jahren im Schutt des 
Kalkberges gefunden wurde und im Museum verwahrt wird, femer eine bei der 



*) Mithoff reproduziert die Ansicht aus dem Sachsenspiegel Tafel XI. 

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Beschreibung des Rathauses zu besprechende kunstvolle Tür mit Gangpforte und 
Klopfring, die von den siegreichen Bürgern angeblich als Trophäe heimgebracht 
worden ist imd noch zu Mithoffs Zeit (1877) das Hauptportal der Ratsküche, 
d. h. des ältesten Rathauses, schmückte. Später ist sie in die Rathauslaube 
überführt 

Die Burg (castellum) war durch einen doppelten Mauerring befestigt 
Das äußere Burgtor lag nahe der Gyriakskirche und führte zunächst zum 
Michaeliskloster. Ob das sog. „Abtstor" (valva abbatis) die Außen- oder die 
Innenmauer durchbrach, ist zweifelhaft. Von den Burgmannen, denen die Ver- 
teidigung des Schlosses oblag, hatte wohl nur das Geschlecht derer vom Berge 
seinen festen Sitz innerhalb der Burgmauern, die übrigen Burgmannenhöfe lagen 
im Vororte Giimm oder in der Altstadt. 

Nach der Zerstörung des Schlosses durch die Bürgerschaft blieb Lüneburg 
ein Jahrzehnt hindurch ohne Fürstensitz. Im Jahre 1381 jedoch gelang nach 
Schomakers Überlieferung dem herzoglichen Großvogte Everd von Marenholz der 
Ankauf eines bürgerlichen Wohnwesens an der Ecke des Ochsenmarktes und 
der Reitendendienerstraße, also an bevorzugter Lage im Mittelpunkt des städtischen 
Verkehrs, dem Westflügel der Rathausgruppe gegenüber. Dieses Haus wandte 
der Großvogt nach dem Ausdrucke der Chronik seinem Herzoge zu, xmd es blieb 
fortan „der hertogen husz", wiewohl keineswegs als dauernde Residenz. Der 
Lüneburger Rat wußte die eigenartige Beschränkxmg durchzusetzen, daß das 
neue Schloß keine Küche haben durfte, und so war der Herzog, wenn er doch 
in Lüneburg weilte, bis über die Mitte des 16. Jahrhunderts hinaus auf die 
Gastlichkeit der Stadt angewiesen. Der feste Brauch, daß der Sodmeister ihm 
alsdann täglich 8 Gerichte liefern mußte, ist in seinem Ursprünge noch nicht 
genügend aufgeklärt 

Heinrich der Mittlere soll das Schloß 1508 neu aufgebaut und mit den 
Standbildern der Kaiser geschmückt haben. Stadtansichten des 16. Jahrhunderts 
zeigen uns ein durch seine Höhe auffallendes Gebäude mit zwei Türmchen an 
der südlichen Giebelfront und zahlreichen Fialen. 

Einen abermaligen Neubau unternahm der letzte Celler Herzog, Georg 
Wilhelm, um seiner Gemahlin, der Herzogin Eleonore, einen würdigen Witwen- 
sitz zu errichten und die viel angefeindete hohe Frau der Sphäre des Hannoverschen 
Hofes möglichst zu entrücken. Das alte Schloß wurde niedergelegt, dann aber 
mißfiel die Lage, und der Herzog verschaffte sich durch den Ankauf mehrerer 
Bürgerhäuser*) den großen Bauplatz zwischen Bardewiker- und Burmesterstraße, 
so daß das neue Schloß die ganze Nordseite des Marktplatzes ausfüllte. Von 
1693—98 ist unter dem Oberbaumeister Borchmann daran gebaut, bis zum 
Jahre 1696 von dem italienischen Mauermeister Domeniko Antonio Rossi, der 
zuvor in Paris die neuesten Bauwerke hatte studieren müssen. Im Januar 1696 
maß der Italiener Jacob Perinetti die Zimmerdecken des Schlosses auf zur Her^ 



*) 1693 Mai 27 wurde für 5500 Thaler das Töbingsche Haus erstanden, 1695 Januar 29 
für 5000 Thaler das Witzendorffsche Wesen, das zum Teil erhalten geblieben ist, 1697/8 fiir 
3980 Thaler noch vier Bürgerhäuser. 



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Stellung der Stuckarbeiten. Nach dem Ableben ihres Gemahls (August 1705) 
siedelte die Herzogin nach Lüneburg über und lebte hier in aller Zurückgezogenheit, 
bis sie im Jahre 1717 vom Kurfürsten und Könige Erlaubnis erhielt, nach Gelle 
zurückzukehren, wo sie dem Verbannungsorte ihrer unglücklichen Tochter naher 
war. Ein interessantes Möbelverzeichnis des Schlosses zu Lüneburg vom 
12. Juni 1708 hat Beaucaire in seinem oben genannten Buche (S. 210ff.) 
veröffentiicht 

Nach dem Wegzuge der Herzogin hat das Schloß Mitglieder der fürst- 
hchen FamiUe nur vorübergehend beherbergt. Ein Teil des Gebäudes wurde 
herzoglichen Beamten als Dienstwohnung überwiesen, u. a. dem Amtsschreiber 
und dem Zöllner (1750—85). Seit 1866 dient das Schloß als Kaserne. 

Das Schloß liegt mit seiner Hauptfront an der Nordseite des Marktes. BeBchreibung. 
Zwei Flügel, von denen der eine an die Bardewikerstraße grenzt, umschließen 
einen düstem Hof. Die Außenseiten sind einfach ausgebildet Das Portal am 
Markte wird von zwei dorischen Säulen eingefaßt, die ein schweres Gebälk mit 
dem herzoghchen Wappen tragen. Im Innern ist nicht mehr viel erhalteut 
Einige Flure sind mit ornamentierten Kreuzgewölben überdeckt, in den Wänden 
sind Figurennischen angebracht, den Kämpfer der Gewölbe bildet eine schwere 
Platte. Die Podeste der zweiläufigen Granittreppe zum ersten Geschoß sind mit 
Kreuzgewölben überdeckt, deren Kämpfer durch Pilaster unterstützt werden. 
Bemerkenswert sind drei farbige Stuckdecken im Erdgeschoß, deren Flächen 
durch breite gegliederte Leisten mit dazwischenUegendem Ornament geteilt 
werden. Eine reiche schöne Decke im Obergeschoß ist mit dem von Putten 
gehaltenen Monogramm Georg Wilhelms geschmückt; femer ist noch eine ein- 
fache, durch Leisten geteilte Stuckdecke vorhanden, mehrere andere sind 1903 
und 1904 zerstört worden. 



Das Rathaus. 

Quellen: Urkunden, Akten, Kümmereirechnnngen des Stadtarchivs; Gebhardi, 
Collectanea XIII; Volgers Urkundenbuch; Lüneburgs ältestes Stadtbuch. 

Literatur: v. üffenbach, merkwürdige Reisen (t Teil [1710] hrsg. 1753, S. 497 ff.) 5 
Albers, Beschreibung der Merkwürdigkeiten des Rathauses zu Lüneburg, mit 4 Tafeln (Lüne- 
burg 1843), mit Zusätzen und Berichtigungen sowie einer Geschichte des Rathauses von 
Volger 1856 herausgegeben vom Altertumsverein zu Lüneburg, Lieferung 3; Mithoff, Kunst- 
denkmale S. 179 ff.; Bode, Ansichten der Stadt Lüneburg (Jahresbericht des Museumsvereins, 
1879) ; Reinecke, das Rathaus zu Lüneburg (1903, Festschrift zur 21. Versammlung des Hanno v. 
Provinzial-Lehrervereins S. 68 ff.) ; Stiehl, das deutsche Rathaus im Mittelalter (1905), S. 153 ff. ; 
V. Benst, über die Luft-Heizungs-Anlage im Schloß Marienburg und dem alten Rats-Saal zu 
Lüneburg, mit 4 Tafeln (1830); Reinecke, das Stadtarchiv zu Lüneburg (Jahresberichte des 
Museumsvereins 1896/8); derselbe, aus dem Stadtarchiv (ebenda 1899/1901); derselbe, zur 
Geschichte des Ratsweinkellers (ebenda); Behncke, Albert von Soest (Studien zur deutschen 
Kunstgeschichte, 28. Heft, 1901 (vgl. dazu die Besprechung des Buches in den letztzitierten 
Jahresberichten). 



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Geschichte.*) In einer Urkunde für das Kloster Lüne, ausgestellt im August 1200 

durch Wilhelm, den Sohn Heinrich des Löwen, zeigt sich die früheste Spur 
eines Lüneburger Gemeinderates. Wo das älteste Rathaus der Stadt seinen 
Platz gehabt hat, m