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Full text of "Die Kunst unserer Zeit; eine Chronik des modernen Kunstlebens"

ICUNST •, 
UNSERER 
ZEIT 

EINE CHRONIK DES 
v/A°DERNEN KUNSTLEBENSä? 



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DIE 



KUNST UNSERER ZEIT 



EINE CHRONIK 



DES 



MODERNEN KUNSTLEBENS. 



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MÜNCHEN. 
FRANZ HANFSTAENGL 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 







E. MÜHLTHALER'S KGL. HOF-BUCH- UND KUNSTDRUCKEREI. 



Inhalts-Angabe. 



1898. II. HALBBAND. 



Literarischer Theil 



Seite 

Gurlitt, Cornelius. Walter Crane I 

Meissner, P^anz Hermann. Die Münchener Jahres- 

Ausstelkmgen von 1898 47 



Seite 

Rotten bürg, Heinrich. Benjamin Vautier . . . 29 
— Das Kunsthandwerk auf den Miinchener Aus- 
stellungen 1898 89 



Vollbilder 



Seite 

Corinth, Louis. Versuchung 82 

Crane, Walter. Mandelbäume, Monte pincio Rom 4 

— Fries, das Skelett in Rüstung 5 

— Amor vincit omnia 8 

— Der Triumph des Frühlings 9 

— Europa 12 

— Der Wettlauf der Stunden und Ormuzd und 
Ahriman 13 

— La belle dame sans merci 16 

— Die Brücke des Lebens 17 

— Englands Emblem 20 

— In des Schicksals Buch 21 

— Die Schwanenjungfrauen 24 

— Die Wasserlilie 25 

— In den Wolken 28 

— Pegasus ^ 29 

V. Defr egger, F. Kraftprobe 55 

Echtler, Adolf. Maria 78 

Gussow, Carl. Dorfparzen 86 

Höcker, Paul. Der schüchterne Freier .... 78 

V. Kanal, Gilbert. Niederländisches Gehöft . . 79 



Seile 

V. Kaulbach, F. A. Fiau von Kaulbach ... 54 

V. Lenbach, F. Erica und Marion Lenbach . . 50 

— Bildniss 51 

V. Löfftz, L. Orpheus und Euridike 58 

Marr, Carl. Madonna 78 

Nonne nbruch, M. Verklärung . 62 

Rau, Emil. Die Kaiserin kommt, juchhe .... 86 

Rouband, P'ranz. Die Russen vor Kars .... 82 

Schuster-Woldan, Rafael. Die Malerin ... 70 

— Georg. Der getreue Eckart 71 

Simm, h^ranz. Unschlüssig 94 

Stuck, Franz. Pallas Athene 59 

Strützel, Otto. Am Kanal 98 

Thedy, Max. Adoratio crucis 94 

Vautier, Benjamin. Aufforderung zum Tanz . . 32 

— Besuch der Neuvermählten 33 

— Unfreiwillige Beichte 36 

— Die entzweiten Schachspieler 37 

— Bauern vor Gericht 46 

— Eine Verhaftung 47 



Textbilder 



Seite 

Becker, Carl. Abend an der Nordsee. ... 71 

Beggrow Hartmann, Olga. Idylle 74 

Bereny, Rudolf. Hans Thema 80 

Bert seh, Wilhelm. Interieur 95 



Seite 

Böninger, Robert. Idyll 64 

Bössenroth, Carl. Mondaufgang im Moos . . 50 

Bürgel, Hugo. Flusslandschaft 82 

Comp ton, Edward T. Neuschnee im Höllenthal 49 



V. Bochmann, Gregor. Nordwyker Muschelkarren 73 Crane, Walter. Studien und Skizzen. . . . i — 28 
Böhme, Carl. Scirocco, Motiv von Capri . . 69 I Curry, Robert J. Gerettet •]•] 



Seilt 

Dülfer, Martin. Interieur 91 

Eberlein, Gustav. Gothe bei Betrachtung von 

Schiiler's Schädel 84 

Esser, Theodor. Lustige Nacht 52 

Fahrenkrog, Ludwig. Träumerei 85 

Falkenberg, Richard. Ophelia 67 

Fink, August. Winterlandschaft an der Isar bei 

Freising 53 

Fischer, Theodor. Interieur 93 

Georgi, Walter. Wirthsgarten 82 

Graessel, Franz. Enten 62 

Grocholski, Stanislaus. Verlangen 66 

Gysis, Nicolaus. Studienkopf 60 

Hart mann, Richard. Schiilerszene(Goethe's Faust) 72 

Heibig und Haiger. Interieur 97 

Hey, Paul. Vorfrühling 83 

Huber, Josef. Luzifer 86 I 

Hynais, Adalbert Studie 47, 58 

Kiesel, Conrad. Damenbildniss 56 

Koester, Alexander. Märzabend 86 

Kubierschky, Erich. Abendlandschaft .... 68 

Landsinger, Siegmund. Quellnymphe .... 75 

Lau p heimer, Anton. In Ferien 57 

Liebermann, Max. Sonntag Nachmittag in Laren 79 j 



Seite 

Männchen, Adolf. Auf der Landstrassc ... 87 

Malczewsky, Jacek. Irrkreis Si 

Messerschmidt, Pius Ferd. Heimfahrt . . . y6 

Mo est, Hermann. Das Loos des Schönen ... 61 

Montemezzo, Anton. Leckerbissen 62 

Munk, Eugenie. Pierrot 54 

Otto, Ernst. Elche 83 

Peck, Orrin. Kohlkrautgarten 59 

Petersen, Hans. Hochsee 48 

Prophet er, Otto. Bildniss des Professors Ferd. 

Keller 70 

Rabending, Fritz. Aus Tirol 74 

Recknagel, Otto. Gestörte Liebeserklärung . . 78 

Ring, Max. Am Gemüsestand 55 

Ritter, Caspar. Blumen 51 

Schmutzler, Leopold. Ein Spaziergang ... 65 

Schott, Walter. Kugelspielerin 88 

Schwill, William. Bildniss 80 

Tallmaier, Ernst. Lektüre 60 

Urban, Hermann. Jugend 51 

Vautier, Benjamin. Studien und Skizzen . 29—46 

Wagner, Alexander. Heimkehr 65 

Ziegler, Carl. Bildniss 85 



WALTER CRANE 



VON 



CORNELIUS GURLITT 



Es ist sieben oder acht Jahre her, als zwei Herren mit untadelhaften Handschuhen und blitzenden 
Cylinderhüten mich besuchten, um mich, wie sie brieflich bereits angekündigt hatten, um einen 
Rath zu fragen. Ich war gespannt, was die beiden Vertreter einer grossen Berliner Dekorateur -Firma 
eigentlich von mir wollten. 

Sie hätten gehört, sagten sie, ich sei ein Mann, der Geschmack für das «Aparte» habe. Sie 
hätten die Absicht, in der Möbelbranche einmal so etwas zu machen, etwas, was Berlin noch nicht ge- 
sehen habe : Ob ich ihnen nicht eine Art Böcklin in Möbeln nennen könne, der ihnen etwas zeichne 

oder baue, was Aufsehen macht, so — 'was 
man in Berlin eine « ausgetragene Sache » 
oder kurzweg « eine Sache » nennt. 

Ich wusste mir nicht gleich zu helfen. 
Barock? Damit waren die Herren schon 
fertig. Noch barocker, wie sie schon waren, 
konnte kein Mensch mehr werden. Rococo? 
Alles, was einst im 17. oder 18. Jahrhundert 
in Frankreich oder Deutschland geschaffen 
worden , war auch schon in den letzten 
Jahren in Berlin dagewesen. Damit war man 
auch fertig. 

Endlich kam mir die gewünschte Idee: 
Schreiben Sie an Walter Crane in London, 
er solle Ihnen ein Zimmer zeichnen, die 
Thürbekleidungen, die Möbel, die Tapeten, 
die Stoffe, die bunten Fenster. Da bekommen 
Sie sicher etwas, was in Berlin und auch in 
London noch nicht gesehen worden ist, da 
haben Sie ihren kunstgewerblichen Böcklin. 
Die Herren notirten sich die Adresse 
und gingen zufrieden ihres Weges. 

11 1 




Walter Crane. St. Nicolo Tolentino, Rom 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 




Walter Crane. Studie 



Nach einio-er Zeit kamen sie mit Crane's Zeich- 
nungen wieder: 

«UnmögHch! Das kann bei uns jeder Zeichner 
mit 1 20 Mark monatlichem Gehalt. Das ist nichts 
für Berlin — sagen Sie selbst : Damit werden wir 
keinen Effekt machen ! » 

Ich erlaubte mir den Einwurf: «Versuchen sie es 
doch ! Vielleicht weist Sie Crane den rechten Weg ; 
man ist eben einfacher in England wie bei uns und 
wir werden es wohl mit der Zeit auch werden. Lesen 
Sie Dohme's eben erschienenes Büchlein über das eng- 
lische Haus. Da ist schon Witterung kommender Zeit. 
Klänge es nicht ganz hübsch, wenn Ihre Firma das 
Stichwort ausgäbe : Umkehr aus dem Formenüberfluss 
zur Schlichtheit ! Das wäre doch auch etwas Apartes ! » 
Man versprach die Sache in Erwägung zu ziehen. 
Aber ich hätte sicher von dem Crane-Zimmer gehört, 
wenn es zu Stande gekommen wäre. Der von den Herren gepflogenen Erwägung letzter Schluss 
war sichdich, dass Crane für das Berlin von damals nicht reif war ! 

Und doch waren seine Werke schon in tausend Händen. Ich kann es einem so feinen deutschen 
Künstler, wie V. Paul Mohn, nicht verdenken, wenn er in der Lebensbeschreibung, die er seinem 
Lehrer Ludwig Richter widmet, ein paar bittere Bemerkungen darüber einflicht, dass das englische 
Illustrationswesen in unseren Kinderbüchern einen so über- 
mässig starken Einfluss habe. Aber nicht Crane's Bilder- 
bücher sind es, die am besten bei uns «gingen», wie der 
Buchhändler sagt. Es sind ihrer zwar viele bei uns ab- 
gesetzt worden, aber fast mehr an Erwachsene als an 
Kinder. Sie waren uns, die an Richter Gewöhnten, fremd- 
artig, zu phantastisch. 

Es bedurfte erst der vermittelnden Zwischenglieder, 
um Crane bei uns beliebter zu machen : Ein solches bot 
Kate Greenaway in ihren berühmten Darstellungen von 
Kindern und ländlichen Vorgängen. Ihre Bücher brachten 
im Gegensatz zu der damals üblichen deutschen ein neues 
Motiv : lebhafte Farbe ohne Buntheit, einfachere Flächen- 
töne bei kräftigem Umriss, während unser Farbendruck sich 
alsbald in die Thorheit eingelassen hatte, Oelbilder nach- 
ahmen zu wollen. Kate Greenaway war in der äussern „ ,, ^ c^ a- 

. J II aller Crane. btudie 




DIE KUNST UNSERER ZEIT. 3 

Ausstattung ihrer Bilderbücher sichtlich Crane's Nachfolgerin, hatte dessen Eigenart gemischt mit der 
des o-länzenden Humoristen Ran ddp h Caldecott und dabei sich auf ein Gebiet geworfen, dass 
Allen leicht verständlich ist, auf die Darstellung des Kindes. Sie ist als Malerin ein achtes Weib 
geblieben, schuf weiblich, anmuthig, mit dem Herzen, mit spielender Kinderliebe, — verzeichnete sich 
vielleicht gelegentlich, wurde dadurch aber nur um so liebenswürdiger. Sie kleidete ihre Gestalten 
in das für Englands Kunst klassische Kostüm der Biedermaierzeit, in dem Reynolds, Gainsborough 
und Lawrence ihre Kinderbilder malten und erreichte, dass bei uns dieses Kostüm lange Zeit nach ihr 
benannt wurde. Es liegt mir fern, auf sie und ihr Werk zu schelten : Es ist fein und vornehm, wohl 




IValtcr Crane, Villa Pamphili Doria, Rom 



weniger «naiv» als man einst glaubte, ein Wenig von jener Süssigkeit und Selbstverkindlichung, in 
die man so gern im Verkehr mit den Kleinen fällt, aber doch voll ächten Menschenthums; denn 
solches ist ja nicht eitel Stärke und Selbstherrlichkeit. 

Kate Greenaway's Schaffen war das erste, was Deutschland in seinen der Kunst ferner stehenden 
Kreisen nach langer Unterbrechung von englischem Schaffen kennen lernten. Man lese beispielsweise 
in Meyers Konversations-Lexikon IIL Auflage von 1878 nach, was da ein doch immerhin sich kundig 
Dünkender über die Vorgänge in den Werkstätten jenseits des Kanales zu sagen wüsste. Rossetti 
ist als Dichter genannt und dem Aufsatz über ihn beigefügt : « Zugleich ist er als Maler (Anhänger 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



der sog. präraffaelitischen 
Richtung) und Zeichner 
(trefflicher Illustrator) be- 
kannt». Ueber die Malerei 
überhaupt lehrt das Buch, 
England habe seit Rey- 
nolds keine ähnliche Kraft 
mehr besessen und auch in 
der Landschaft seien Turner 
und seine Vorgänger nicht 
mehr überboten worden : 
Immerhin seien aber einige 
mit Namen aufgeführte 
Maler rühmenswerth: Die 
Auswahl ist sichtlich ohne 
jede Sachkenntniss ge- 
macht , die eigentlichen 




Walter Crant. S. Francesco Romane vom Palast 
der Caesaren, Rom 



Führer sind alle übersehen, 
ausser Millais und nur die 
Akademiker sind genannt. 
Man darf der Leitung von 

Meyer's Konversations- 
Lexikon keinen Vorwurf 
hieraus machen. Nicht bes- 
ser steht es z. B. in Lübke's 
Kunstgeschichte um die 
Kenntnisse englischen We- 
sens ! Es war damals that- 
sächlich aus der deutschen 
Litteratur unmöglich, sich 
auch nur ein annäherndes 
Bild von dem zu machen, 
was in London und gar 
was in den anderen Kunst- 



städten des Landes die Köpfe der Maler bewegte. — So 1877, als Crane's Bilderbücher anfingen, 
in Deutschland die Aufmerksamkeit der Künstler zu erwecken. 

Es ist ja eine der merkwürdigen Erscheinungen im «Zeitalter des Verkehres», dass die Abschliessung 
der Nationen von einander immer stärker wird. Wie es für den Frieden nicht gut ist, wenn zwei eng 
verwandte Familien unter einem Dache wohnen, so scheinen die Völker den engeren Verband durch 
Eisenbahn und Telegraph unter einander nicht zu vertragen. Gerade das Alltägliche, das Hausbrod, 
was man isst, will man für sich haben, kennen die Nachbarn daher am Wenigsten. So ist's hüben wie 



drüben : Crane selbst 
gab im vorigen Jahr 
ein Buch heraus «Of 
the decorative Illu- 
stration of Books, 
old and new», wel- 
ches zwar keine An- 
sprüche auf grosse 
Kunstgelehrsamkeit 
macht, aber doch 
sicher das gibt, was 

der vielgewandte 
Verfasser kennt und 
liebt. Da ist den 




Walter Crane. Skizze des Strandes des stillen Ozeans 
bei Santa Barbara, Süd-Californien 



alten Deutschen volle 
Ehre erwiesen : Vor 
Dürer und Holbein, 
aber auch vor den 
ihnen Vorausgehen- 
den und Folgenden 
neigt er sich in Be- 
wunderung. Er hat 
sie sichtlich fleissig 
angesehen. Aber von 
Ludwig Richter weiss 
er nichts. Der Name 
des Mannes, den wir 
bei Aufzählung der 




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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 




Walter Crane. Weingarten Carrara 



Illustratoren wohl zunächst nennen würden, fehlt in dem Buch eines Mannes, der selbst, wie Richter, 
Grimm's Märchen und dazu noch nach der Uebersetzung seiner Schwester 1882 illustrirte, also eines 
Mädchens, das doch sicher mit deutscher Sprache und wohl auch deutschem Wesen vertraut war. Und 
doch sagt Crane, ihm scheine, als walte in Deutschland die alte kernhafte Ueberlieferung im Holzschnitt 
und illustrativer Zeichnung ungebrochener, wie anderwärts ; und doch rühmt er die Kraft und Eigenart 
der deutschen Künstler : Er kennt Menzel, Rethel, Schwind. Er lobt selbst Oskar Fletsch, Richter's 
Nachempfinder, dessen Bilderbücher auch in England einst sehr beliebt und gewiss nicht ohne Einfluss 
auf Kate Greenaway waren; er kennt Otto Hupp's kräftig stilistische Handschrift, er hat Arbeiten von 
Sattler und Stuck'^gesehen, [auf wirkungsvollen Zeichnungen den Namen Seitz gefunden, er hat sich 
mit den Künstlern der «Jugend» beschäftigt, deren manchen er nachrühmt, dass sie mit Geschick 
dekorative Wirkung erstreben, während er bei anderen findet, dass diese überwuchert sei von groteskem 
Empfinden und kränkelnder Uebertreibung; aber er fühlt den Ueberfluss von reichem Leben, Witz und 
launischem Geist heraus, wie solche in Süddeutschland heimisch wohnen. Das ist aber auch so ziemlich 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



Alles, was er von deutscher Kunst sagt: Auch Schnorr von Carolsfeld's Bibelwerk, dem wir einst 
Weltruf nachrühmten, kennt er wohl nicht, da er es sonst schwerlich übergangen hätte. 

Crane war wiederholt in Italien, sicher auch in Frankreich. Die Welt aber, in der er lebt, ist 
die rein englische, die Kämpfe, die er kämpft, beziehen sich auf die dortigen Vorgänge: Er ist vom 
Geist des Präraffaelitenthums völlig umfangen, er ist ein Stück der Schule, welche diesen hervorbrachte. 
Man thut Unrecht, die Menschen wie Kautmannswaaren Stück für Stück abzuwägen und nach 
ihrem Pfundgehalt zu bewerthen. Es fra^t sich daher auch hier nicht, wer in dieser Schule der Grösste 
sei. Hier beschäftigt uns die Frage, wie Crane selbst die Dinge betrachtet, zunächst Crane der 
Illustrator. Er unterscheidet ja selbst schart zwischen diesem, dem er die Aufgabe zuweist, das Buch 
zu schmücken und dem Künstler, den er einen Anfertiger von Bildern für Bücher nennt, wie z. B. Chodo- 
wiecki ein solcher sei. Er sucht seine Aufgabe mit einer bisher nicht erkannten Schärfe zu umfassen : 
Ihm hat die Zeichnung für das Buch zwei gleichwerthige Zwecke : Sie soll den Text bildlich vergegen- 
wärtigen und sie soll ihn zugleich ornamental schmücken. Und auf das letztere legt er das Haupt- 
gewicht. Der Illustrator soll eine schöne, völlig harmonisch ausgestattete Buchseite schaffen, seine 
Zeichnung mit dem Drucksatz in Einklang bringen und nicht ein Bild für sich schaffen wollen, das 
ohne den Satz besser wirkte, das ein selbständiges Kunstwerk ist oder zu sein erstrebt. Und da 
ist neben den alten Meistern Deutschlands und Italiens ihm sein Landsmann William Blake der Erwecker 
der Illustrationskunst : Jener phantastische Dichter, der seine Bücher selbst schrieb, zeichnete und 
druckte und zwar all dies alsbald mit Hilfe einer Platte, so dass die volle Einheit der Form und des 
Inhalts gewahrt ist, Zeichnung und Handschrift in voller Uebereinstimmung, in gleich starker Individualität 
hervortreten. Dieser Blake war ja freilich das, was man einen verrückten Kerl nennt in ausge- 
prägtestem Maasse. Er hatte Traumphantasien, die dicht an ächte Hallucination reichten. Aber in 

ihm steckte eine gewaltige Kraft freien Denkens. Es ist ja 
eine der Eigenthümlichkeiten der Kunst, dass man mit ganz 
normalem Denken in ihr nicht sehr weit vorwärts kommt und 
dass in ihr gelegentlich Leute auftreten müssen, die auf den 
ersten Blick dem « Besonnenen >> das Gegentheil seiner wohl- 
gepflegten Tugend zu haben scheinen. 

Dazu kam für Crane, wie er selbst in seinem Buch erzählt, 
noch ein weiterer Anstoss zum Abfall von der älteren, auf 
Irrwege g^erathenen Illustrationskunst. Als seinen Lehrer rühmt 
er William James Linton, von dem er als Lehrling durch 
drei Jahre hindurch weniger den Holzschnitt als die Kunst 
lernte, auf den Stock zu zeichnen ; er rühmt an ihm den unter- 
richteten Mann ebenso, wie den erfahrenen Künstler. Er ist 
der Herausgeber des 1889 erschienenen Werkes «The Masters 
of Wood Engraving», in welchem er sich als solcher in um- 
fassender Weise zu erkennen gibt. 








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Walter Crane. Flora 



8 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

Linton gehört als Holzschneider der Schule an, die auf Bewick zurückgeht, den Illustrator natur- 
wissenschaftlicher Bücher, einen für die Geschichte der englischen Thiermalerei sehr beachtenswerthen 
Mann. Die Technik des Holzschnittes hatte durch die Künstler dieser Schule eine ausserordentliche 
Förderung erfahren. Der Schnitt war weich, tonreich, in^den Uebergängen flüssig geworden. Viel- 
leicht ist kein Name in England bekannter für diese j Art der Stichkunst, wie jener des Birket 
Foster, der ein Landschafter von feiner Hand war. Ich habe vor mir eine englische Besprechung 
seiner Werke vom Jahre 1870, in welcher die «Eleganz seiner Komposition» das «realpoetische Ge- 
fühl», die «delikate und graziöse Manier», die Kunst gerühmt wird, dass seine Bilder der «scenic art, » 
also der Kunst des Theaters, gleichen. Aber so schlimm, wie dieser Kritiker des Art Journal ihn in 
seinem täppischen Lob macht, ist er wahrlich nicht. Es steckt etwas Sentimentales in ihr, wie in den 
meisten englischen Landschaftern jener Zeit, sie sind etwas «geduftet» wie man heute in den Werk- 
stätten sagt, aber er bringt Holzschnitte zu Stande, die wohl verdienen, eingerahmt das Wohnzimmer 
des Kunstfreundes zu schmücken und er bereitet den Aufschwung des mit verbesserten Werkzeugen 
arbeitenden Feinschnittes vor, der dann in Amerika seine Vollendung erhielt. 

Aber gerade das, was diese Schule erstrebte, nämlich die Erhebung des Holzschnittes zum 
Werth der selbständigen bildmässigen oder doch dem Kupferstich angemessenen Leistung, das war 
es, was Grane nicht wollte: Er erzählt selbst, wie ihm ein Offizier der britischen Seemacht ein paar 
japanische Bücher von der Reise mitgebracht habe und wie ihn diese gefangen genommen hätten : 
Die Kraft der Umrisslinie, die einfachen Farben und das kräftige Schwarz, vor Allem aber die Ueber- 
einstimmung von Bild und Text an diesen Büchern wies ihm den Weg. 

Bin ich recht unterrichtet, so Hess Grane eine seiner ersten Arbeiten 1863 erscheinen, 
nämlich die Illustrationen zu John R. Wise's Buch : The New Forest (London, Smith, Eider & Gp.) 
in demselben Jahr, in dem Foster's berühmt gewordene Pictures of English Landscape (London, 
Routledge, Warne & Routledge) erschienen. Ich habe leider das Wise'sche Buch in Deutschland 
nicht auftreiben können. Aber wahrscheinlich gibt es einen guten Anhalt dafür, wie Grane's Kunst 
vor der Kenntniss Japans aussah. 

Grane ist in Liverpool 1845 geboren. Schon sein Vater war Maler, namentlich beliebt als 
Portraitist von Frauen und Kindern. Ich erinnere mich nicht, in öffentlichen Sammlungen Englands 
Werke seiner Hand gesehen zu haben. Doch nahm er im Kunstleben von Liverpool eine gewisse 
Stellung ein, ehe er aus Gesundheitsrücksichten 1857 nach London zog, wo er schon 1859 starb; 
Liverpool ist keine Heimstätte der Kunst, oder war es damals wenigstens noch nicht. Alte Denk- 
mäler fehlen dort fast ganz. Erst im 1 8. Jahrhundert ist die Stadt zur Bedeutung gekommen. Es war 
nicht viel an Schönem dort öffentlich zu sehen. Auch noch heute weckt dem Kontinentalen das Stadt- 
bild öfter Kopfschütteln als Bewunderung. Die Stadthalle in schwerem klassischen Stil von 1795, nicht 
weit davon eine jener Nelsonsäulen nach Vorbild der römischen Titussäule, an denen England reich ist. 
Als Grane Liverpool verliess, baute man eben S. George's Hall, einen Riesensaal von nicht minder schwer- 
fälligem Klassizismus, mit 1 5 Meter hohen Säulen. Nur für die Kirchen wagte sich die nationale Gothik, 
auch hier noch in schematischen Formen, hervor. Jetzt ist freilich Vieles dort anders geworden. 




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IDIE KUNST UNSERER ZEIT. 9 

In London war 1857 der erste Ansturm der Reformer des Kunstlebens zurückgeschlagen. Ich 
schilderte die damals herrschenden Verhältnisse bereits in meinem Aufsatz über Edward Burne Jones 
(Jahrgang VI dieser Zeitschrift, Seite 31). Was dort in der Akademie, in öffentlichen Ausstellungen 
zu sehen war, zeigte wenig Einfluss der präraffaelitischen Bewegung. Die alte Kunst hielt das Scepter 
in fester Hand, und sie war durch die Wucht ihrer Erfolge dazu völlig berechtigt. 

Zweierlei Dinge wirkten auf Crane während seiner Lehrzeit bei Linton (1859 — 1862) ein: 
Die Aesthetik John Ruskins in ihrer sprungweisen, pathetischen Denkweise, in ihrem stürmischen 




Walter Crane. Studie zu dem Bilde : Sonnenaufg.ang 



Anruf der Wahrheit; und die Zeichnung der Künstler, nach welchen er bei seinem Lehrherrn in Holz 
zu schneiden hatte. Es waren grosse Namen darunter: Frederic Walker zuerst, der, wie Tom Taylor, 
der Herauso-eber der Zeitschrift « Once a Week », erzählt, im November 1859 als ein schüchterner, 
furchtsamer, linkischer Bittsteller um Beschäftigung als Zeichner auf Holz bei ihm erschien, der selbst 
bei dem" tüchtigen Holzschneider Whymper seine Lehre durchgemacht hatte und nun von Schritt zu 
Schritt seinen Weg vorwärts machte zu einem Maler ersten Ranges, bis ihn nur allzufrüh (1875) der 
Tod erreichte. In seinen Illustrationen, wie namentlich in seinen Bildern ist Walker ein grosser 
Stilist. Seine Art die englische Menschengestalt zu idealisiren, hat zweifellos auf die ganze Nation, 

II 2 



10 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



so auch auf Crane, ihren Einfluss behalten. Ein wahrhaft bedeutender Mensch, voll tiefer Stimmung, 
voll grosser Linie, voll Reichthum und Schlichtheit des Tones ; kein Stürmer, kein Dränger, einer der 
aus sich selbst reif und abgeklärt wird. Ich glaube, dass die Stunde noch kommt, in der man 
Walker's Namen höher stellen wird, als es die Jüngsten thun. 

War Walker ein Genosse auf dem gleichen Wege, so hat E. J. Poynter Crane rasch im 
öffentlichen Leben überflügelt : Er sagt von dessen Zeichnungen, sie seien in den archäologischen 
Einzelheiten und in der Sicherheit der Linie die bemerkenswerthesten gewesen in der Sammlung 
für die Dalziel'sche Bibelgalerie, welche 1865 — 1870 als das Werk der jungen englischen Künstlerschaft 
erschien. Poynter ist gewiss einer von den Künstlern, der einen sehr wesentlichen Antheil an der 
Ausgestaltung der modernen englischen Kunst hat: Auf sein Haupt häuften sich ja auch in jüngster 
Zeit deren Ehren, Er kam damals, als Crane nach seinen Zeichnungen schnitt, eben aus Paris, aus 
Gleyre's Atelier zurück, wo er mit dem grossen Zeichner Dumaurier und mit Whistler gemeinsam 
gearbeitet hatte. Er ist zu erwähnen als einer der Theoretiker der Kunst, als Nachfolger Redgraves in der 
Leitung des Southkensington-Schule, als Schöpfer des sehr bemerkenswerthen Schmuckes in gemaltem 
Thon im Speisezimmer des Southkensington-Museums, als einer der glänzendsten Meister für Innen- 
dekoration : Also ein Stilist, und zwar ein solcher von architektonischem Können und kühler Berechnung. 
Er stellt innerhalb der jungen Schule das akademische Gewissen dar ! Er hatte in Paris die nackte 
Fiofur malen orelernt und wies die in diesem Fall so leicht durch Schämig-keit beschränkten eng-lischen 
Künstler auf ein Gebiet, dem die älteren Präraffaeliten gern aus dem Weg gingen. Fast Alle haben 
an ihm gelernt : Aber Poynter ist keine sinnliche Natur, er ist ein unterrichteter Künstler, der weiss, 
dass mit dem Nackten eine Malerschule steht und fällt, und er ist früh berufen worden, die englischen 
Kunstschulen zu leiten. Er brachte ihnen die fleissige Benutzung des Aktsaales. Mein verehrter 
Lehrer, der Aesthetiker Fr. Vischer, war der Ansicht, man solle in der Kunst das Nackte, die Sinn- 
lichkeit, dulden, ja es sei künstlerisch nothwendig, solange, wie er sich ausdrückte, es nicht auf Er- 
regung des Nerves ausgehe. Ich wüsste kaum einen Künstler, der nach Vischer vom Vorwurfe verwerf- 



licher Sinnlichkeit 
freier zu sprechen 
wäre. Seine nack- 
ten Frauen sind 
schön und in Nackt- 
heit keusch bis zur 
Geschlechtslosigkeit: 
Crane folgt ihm oft 
in dieser entsinnten 
Schönheitsliebe. 

Werthvoller für 
Crane war Rosset- 
tis und der Prä- 



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Walter Crane. Studien für das Bild: Des Jahres Ende 



raffaeliten Mitwirk- 
ung am Illustrations- 
wesen , wie sie an 

Tennyson's Ge- 
dichte in der Moxon'- 
schen Auflage von 
1857 sich äussert. 
Hier trat Crane eine 
Kunst entgegen, die 
an sich selbst deko- 
rativ wirkt, wie jene 
der Buchmaler des 
Mittelalters , hier 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



11 




Waller Crane. Studien für das Bild: Des Jahres Ende 



freut ihn seines Meisters Linton Stich besonders, weil dieser die Zeichnung selbst wiedergiebt, die 
Flüchtigkeiten und Zufälligkeiten, ohne jene Korrektheit der Maschine, die den Geist ertödtet. 

Aber auch für Crane, wie für so viele in England, waren Burne Jones und William 
Morris erst die Bringer der neuen Kunst. Es ist für den Berichterstatter schwer, die Sachlage klar zu 
werden, wenn er bei Nennung solcher Namen nicht erwarten darf, im Kopf der Leser ein fertiges Bild des 
Schaffens und Wirkens des Besprochenen vorzufinden; hinsichtlich Burne Jones darf ich wohl nochmals 
auf meinen Aufsatz hinweisen, hinsichtlich Morris muss ich aber hier ein paar Angaben machen. 

Morris ist der praktische Verwirklicher der dekorativen Absichten der Schule. In Keimscott 
House vereinte er allerhand Werkstätten, für sich, als Privatmann anregend thätig, wie es einst für 
den Staat die Fürsten gewesen waren. Gobelins weben, bunte Fenster malen, Bücher drucken — 
all das betrieb er mit den feinen Organen des Künstlers und dem weiten Blick eines tüchtigen 
Geschäftsmannes. Ein unwiderstehlicher Schaffensdrang trieb ihn vorwärts, um die romantisch erregte 
Phantasie zu künstlerischen und kunstgewerblichen Anstrengungen umzumünzen. Er lebte und webte 
in einer mittelalterlichen Welt, als Dichter, als Zeichner in seinen Einrichtungen. Und dabei war er 
voll moderner Gedanken, Sozialist aus Mitleid zu seinen darbenden Mitmenschen, ein Volksredner, 
der mit der Polizei öfter in Berührung kam und dabei ein vornehmer Mann, dessen ganzes Schaffen auf 
die höchste, die künstlerische Verfeinerung des Luxus ausging. Gemeinsam mit Burne Jones und dem 



12 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



Architekten Philipp Webb 
pflegte er den Geist des 
Präraffaelitismus , den des 
weitabgewandten Lebens in 
der Tiefe des Gedanken — 
er der Mann, der in Merton 
Abbey eine Fabrik ohne 
rauchenden Schornstein schuf, 
dessen Ehrgeiz es war, dass 
diese auf die Neuerungen 
des Betriebs, auf Dampfkraft 
und Elektrizität verzichte, 
um dem Werth der Hand- 
arbeit eine sachliche Hul- 
digung darzubringen. 

Vieles von Morris' Wesen 
ist auf Crane übergegangen. 




IValler Crane. Studie. \ .lUe dei Molini, 
Amalfi 



Gemeinsam haben sie die 
Liebe zum Buch, die Biblio- 
philie. Man verzeihe mir, 
wenn ich wieder mit Meyer's 
Konversations -Lexikon von 
1874 komme. Dort heisst 
es: Bibliophilie siehe Biblio- 
manie; und bei diesem Stich- 
wort: Die Sucht Bücher zu 
sammeln : Und nun wird er- 
klärt, dass es Leute gebe, 
die Bücher sammeln, nicht 
um ihres Inhalts wegen, 
sondern um der Nebendinge 
willen, des Druckes, der 
Abbildungen, der Einbände, 
und dass diese hauptsächlich 



in England zuhause seien. Man sieht dem Artikel an, dass sein Verfasser sich über den spleenigen 
Britten erhaben fühlte, von dem hie und da wohl die Zeitungen erzählten, er habe nicht Ruhe ge- 
lassen, bis man ihm die und jene alte Scharteke überlassen habe, ja er habe einen lächerlich hohen 
Preis für sie gezahlt. Heute würden unsere Sammler und Museen vielleicht das zehnfache zurückzahlen, 
käme dadurch das Buch wieder : Vielleicht sind wir nur suggerirt vom Spleen ; vielleicht aber war 
der Engländer gar nicht so verrückt, und sind wir erst durch ihn gescheidter gemacht. 

Solche Bücher kannte man eben in England. Unsere schönen alten Bibeldrucke, die uns nur 



« Raritäten » zu sein 
schienen, sie wur- 
den drüben zum 
Lehrmittel neuen 
Schaffens ! Crane's 

erwähntes Buch 
lehrt uns deutlich, 
dass er bei den 
« Bibliomanen » in 
die Schule ging. 

Im Jahre 1891 
veranstaltete er eine 
Ausstellung seiner 
Arbeiten in « The 




Walter Crane. Grande Marina, Amalfi 



Eine Art Society» 
in New Boadstreet 
zu London. Es war 
ein Zusammenfassen 
seiner Erfolge und 
er selbst gab im 

Kataloge einen 
Ueberblick über 
diese. Er erzählt, 
wie er 1 865 begann, 
gemeinsam mit dem 
Stecher und Stein- 
drucker Edmund 
Evans, sein erstes 








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Walter Crane. Baeehantin 



14 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

Buch «The Fairy Ship » herauszugeben, dem dann «The Sorg of Sixpence» (1865 — 1866) folgte. 
Es war nur in drei Farben gedruckt : Schwarz, roth und blau. Man warf diesen Büchern damals noch 
vor, sie seien nicht kräftig genug im Ton, man fand nicht die protzigen Farben wieder, die in den 
üblichen Kinderbüchern heimisch waren. 

Japanisches sollte sich in ihnen mit der farbigen Kunst der mittelalterlichen Miniaturmaler und mit 
dem klassischen Empfinden Jung-Englands mischen. Jetzt nennt Crane die Bilder selbst als zu frei im Ton 
und zu barbarisch für jene, die durch Caldecott und Greenaway in allen Verfeinerungen der Kunstart 
eingeführt seien. Gewiss ist aber, dass dadurch der Weg gewiesen wurde für eine neue Aufgabe 
des Farbendruckes, dass die moderne Plakatkunst hier ihre ersten Anregungen zu suchen hat. Rasch 
folgten noch mehr Bilderbücher: «Bluebeard» (1873 — 1874), «Jack and the Beanstalk» (1874 — 1875). 
die Shilling Picture Books (seit 1875), »Aladdin«, «Goody Thwo Shoes », Beauty and the Beast», 
«The Frog Prince», «The Yellow Dwarf», «The Hind in the Wood», «Princess Belle Etoile», 
«Alphabet of Old Friends». 

Das ist die lange Reihe der hauptsächlichen Arbeiten. Sie unterscheiden sich stark von jenen 
Caldecott's ! Bei diesem grossen Humoristen ist das Bezeichnende die Hast des Stiftes, der in 
kurzen geistreichen Strichen Leben, Bewegung, Charakter zu geben weiss. Bei Crane ist alles Linie, 
Stil, Ueberlegung, fleissiges Studium. Man möchte glauben, dass Crane sehr eingehend die griechischen 
Vasenbilder nachgezeichnet habe. Seine in erster Linie auf Umriss komponirten Gestalten klingen vielfach 
an diese an. Sie scheinen zu gross für die Bildfläche, sie müssen sich beugen, um in ihr stehen zu 
können. Crane kommt es auf deutliches Erzählen des Vorganges mit allen seinen Nebenumständen 
an, wie es so die Kinder lieben. Crane ist nicht eigentlich witzig, wie es Caldecott in so hohem 
Grade ist, er ist nicht eigentlich lebendig und belebend, er hat etwas Lehrhaftes, Doktrinäres in seiner 
Kunst und in Allem, was er schafft, eine deutliche Absicht. 

Wenn er selbst seine älteren Arbeiten « barbarisch » nennt, so thut man ihm wohl nicht weh, 
indem man das Wort aufnimmt. Es ist trotz aller klassischen Linienführung, trotz der geraden Nasen, 
kurzen Oberlippen und rundem Kinn ein nordisches Geschlecht, das er zeichnet. Leute von sehr 
langen, vollen Gliedern: Kein Mensch wird darüber in Zweifel sein, dass es Engländer sind, die er 
zeichnet. In einem internationalen Seebade wurde einmal im Freundeskreise die Frag-e aufg-eworfen, 
ob man die in den Wellen Herumpatschenden ihrem Volksthum nach zu unterscheiden vermöge. 
Das Ergebniss waren ungezählte Irrthümer. Wir erkennen die Völker mehr an ihren Kleidern oder doch 

an der Art, sie zu tragen, wie am Körperbau. Bei Crane's Gestalten ist 
es aber gerade dieser, der entscheidet, da die Kleidung meist eine ideale 
ist. Es giebt also eine gewisse Schlankheit der Form, eine vor weit aus- 
greifenden Bewegungen sich scheuende Biegsamkeit der Körper, eine 
gewisse Schämigkeit in der Haltung, einen Zug um den grosslinig ge- 
schwungenen Mund, der Jedem mit Volkwesen Vertrauten das englische 
Wesen erkennen lässt, nicht weil er dem Engländer überhaupt eigen, sondern 
weil er das Ideal seiner Art darstellt. 




DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



15 



Die «barbarische» Seite der Bilderbücher 
liegt in der Farbengebung und in dem ver- 
hältnissmässig geringen Reichthum des Aus- 
drucks in der Zeichnung. Die stilistische Form 
herrscht so vor, dass die Gestalten im Grunde 
alle wie aus einer Familie stammend er- 
scheinen. Nach dieser Richtung bedurfte Grane 
sichtlich noch der Vertiefung und zwar dürften 
hier für ihn die ersten 70 er Jahre von höchster 
Bedeutung gewesen sein, in welchen er erst 
in den vollen Umfancr seiner Thätii^keit trat. 
Er war zwei Winter in Italien gewesen und 
hatte sich hier mit den Formen der Antike 
in höherem Maasse erfüllt. Unter den diesen 
Aufsatz schmückenden Bildern sind eine Reihe 
von damals und später in Rom gefertigten 
Studien. Jeder hat das Recht, sich in der 
Welt sein Theil zu suchen, um es zu lieben, 
um es bildlich darzustellen. In Italien sind 
tausende von Künstlern gewesen und ist Stoff 
für tausende mehr. Man kann also wohl die 
Ziele des Einzelnen an dem erkennen, was 
er in Italien findet : Jedenfalls war es in der 
Landschaft nicht das, was die Malerei der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begeisterte. 
Da ist wohl der Ausblick auf St. Peter in 
Rom : Aber man braucht sich nur die Kuppel 
wegzudenken, um aus dem klassischen Land 
in ein rein Crane'sches, aus der Campagne 
in die Hügel von Kent zu kommen: Blühende 
Bäume, W^eingärten, eine gesunde Freude an 
der Fruchtbarkeit , am Schaffen der Natur : 
Grane sieht die Blümlein auf den Wiesen des 
Forums und ihm ist die kahle Rückseite einer 
Mauer bei S. Francesco in Rom des Dar- 
stellens werth, wenn darin ein Orangenbaum 
volle Früchte bietet. Er liebt eine klassische 
Welt, aber eine solche, in der man sichs 




Waller Craiie. Der Morgen 



16 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



wohl sein lassen kann, er verliert sich nicht in das zeitlich Fremde, sondern sucht es in sich zu 
eigenem Behagen aufzunehmen. 

Das Jahr 1875 brachte als Ergebnisse seiner Reisen zwei Bilderbücher «Mrs. Mundi at home» 
und «Amor vincit omnia». Das eine eine allegorische politische Satire, nur in Umrisszeichnung: 
Ich muss gestehen» dass ich ihr nicht allzuviel Reiz abzugewinnen weiss: Das andere die Darstellung 
einer Stadt der Amazonen, welche General Cupido mit seinen Truppen belagert; ein Werk voller 
Erinnerungen an Italien. Aus ihm heraus entwickelte sich auch Crane's erstes grosses Bild « Amor 
vincit omnia», welches mit fast allem Eigenartigen, was die englische Kunst hervorgebracht hat, 



das Schicksal theilte, 
von der Ausstellung 
der Londoner Aka- 
demie zurückgewie- 
sen zu werden. 

Es ist sehr merk- 
würdig dieses erste 
Bild des Künstlers, 
der bisher für Kin- 
der gearbeitet hatte, 
das heisst doch mit 
der Absicht lächelnd 
den noch Armen im 
Geist und doch so 
Reichen in der Phan- 
tasie die für sie er- 
dichteten Geschicht- 
lein zu erklären. Er 
bleibt auch im Bilde 
im Kinderton , im 
Märchenlande. Wie 




Walter Crane. Studie für das Bild : Die vier Jahreszeiten 



die Dinge sich rehef- 
artig abspielen, wie 
die Landschaft hin- 
ten, italienischer Er- 
innerungen voll, be- 
lebt ist von allerhand 
Vorgängen, wie jede 
einzelne Gestalt hin- 
gestellt ist, so dass 
man sie völlig be- 
greife, das zeigt, 
dass das Kinder- 
thum in Crane nicht 
eine Spielerei sei, 
dass es tief in ihm 
steckt. Ist die Ge- 
schichte , die dar- 
gestellt wird, auch 
aus allerlei nur dem 
Denkenden ver- 
ständlichen Bezieh- 



ungen zusammengesetzt, so ist das Ganze doch ein echtes Kinderbild: Man prüfe es neben vielen 
unter den so selten geschickt gewählten Bilderbüchern für die Kleinen auf Deutlichkeit der An- 
schauung: Der schöne Schimmelreiter, die Blasenden, die Jungfrau mit den Schlüsseln, der besiegt 
knieende Sieger I 

Und weiter schuf Crane in diesem Jahre 1875 den ersten Entwurf für eine Tapete, begann 
für ihn also das Eingreifen in das Kunstgewerbe, Mit einem Schlage nahm Crane Besitz von dem 
ganzen Schaffensgebiet, welches er in der Folge zu beherrschen lernte. 

Im Jahre 1877 erschien dann die englische «Secession» siegreich auf dem Plane: Sir Lindsay 
schuf der nach öffentlicher Anerkennung ringenden jungen Künstlerschaft einen Ausstellungsraum und 






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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



17 




IValier Crane, Der Constantin- Bogen, Rom 



eine Organisation in der Grosvenor Gallery und rückte hiemit neben Burne Jones auch Walter Crane 
in den Vordergrund des öffentlichen Interesses. 

Zunächst einige weitere Werke über Crane als Maler. Er äusserte sich selbst über seine 
Absichten und Ansichten in einem in den 80 er Jahren geschriebenen Aufsatze. Er findet 
die Aufgaben der Malerei neu gestellt: Früher mehr dekorativ, habe sie jetzt den Zweck, die Natur 
in ihren wunderbaren Naturerscheinungen, ihrer Pflanzen- und Farbenpracht zu schildern oder geschicht- 
liche Ereignisse und Vorgänge im Volksleben, oder auch die Verkörperung romantischer, poetischer 
Gedanken und vieles Anderes noch wiederzugeben. Aber das Hesse sich Alles ebensogut verwerthen und 
künstlerisch zum Ausdruck bringen in einem dekorativen Werke. Der Fehler liege in unserer Art 
Staffeleibilder zu malen, die nicht nothwendiger Weise in Verbindung mit irgend einem anderen Gegen- 
stand gedacht seien, den Maler also auch nicht zwängen, die Umgebung seines Werkes in Betracht 
zu ziehen. Für den modernen Maler hat somit nichts von dem, was ausserhalb der Leinwand liegt, Bezug 
zu seinem Kunstwerk. Die Unsitte der grossen Ausstellungen und Bildergallerien lehrt ihn, dass es 
zwecklos sei, sich mit jenseits des Rahmen Liegenden zu beschäftigen. 

Zudem bringe das moderne Verlangen nach genauer bildlicher Wiedergabe des Gesehenen 
den Künstler noch weiter ab von der architektonischen, dekorativen und konstruktiven Art früherer 
Maler und Handwerker, die ihre Werke mit deren Umgebung in Einklang zu bringen hatten, meistens 

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18 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



in einen gegebenen Raum hineinkomponiren mussten und dem verschiedenartigen Material Rechnung 
zu tragen genöthigt waren. 

Crane spricht diesen realistischen Bildern den Werth ab und fordert statt den in ihnen herr- 
schenden Wahlspruch der Wahrheit, den der Schönheit. Doch braucht diese nicht ihrem Wesen nach 
der Wahrheit zu widersprechen. Jedenfalls sei für die Dekoration Schönheit die Grundbedingung, 
deren eigentliches Wesen, mit dessen Verläugnung sie zu sein aufhöre. Die Schönheit sei hier nur 
bedingt durch die Umgebung. So dürfe ein Freskenbild an der Wand nicht die Empfindung hervor- 
rufen, als ob ein Loch in dem Gemäuer wäre, durch das man zufällig das oder jenes zu sehen bekäme, 
die Verzierung einer Vase solle sich der konvexen Form jener anpassen, diese noch mehr zum 
Ausdruck bringen, nicht aber ihr widersprechen. So solle ferner beim Ausschmücken einer Wand oder 
Thürfüllung das verwendete Motiv sich breit ausdehnend, diese wirklich organisch bedecken — es 
soll ornamental wirken, da das der einzige Zweck eines Ornamentes sein könne. Crane giebt hiebei 
vielerlei zu bedenken: Entspricht das Muster dem Ort, an dem es angebracht und dem Material, 
auf dem es gearbeitet ist? stehen die Formen im Einklang mit der Umgebung und sind sie an sich 
harmonisch? sind die Farben gut gewählt? zeugt das Werk von Reichthum der Erfindung und Schön- 
heitssinn? sprechen sich in demselben Gedanken und poetisches Gefühl aus? Sind diese Fragen mit 
Glück beantwortet, so hat der Künstler den an ihn zu stellenden Anforderungen genügt und eine 
dekorative Malerei geschaffen, welche durchaus keine untergeordnete Kunstleistung sei. 

Freilich passe sie nicht auf Ausstellungen, die so wie so nur ein Nothbehelf seien, um die Werke 
an die Oeffentlichkeit zu bringen. Wirklich beurtheilen könne man ein echtes Kunstwerk nur in der 
Umgebung, für die es geschaffen wurde. Man müsse daher sich von den Einflüsterungen der Bilder- 
macher frei halten, wolle man zu einer echt dekorativen Kunst kommen. Sie sollen nicht Licht- und 
Luftwirkungen, mithin den Eindruck grosser räumlicher Tiefe hervorbringen, sondern den Eindruck des 
Flächenhaften geradezu erstreben, wie ihn Fresko und Tempera geben. Beide Arbeitsarten fördern 
schnelles Malen und sofortige Vollendung der Arbeit. Aehnlich sei das Malen mit Oelfarben, die 



durch Terpentin 
oder Benzin gebun- 
den, auf nicht zu 
glattem Gyps auf- 
getragen werden. 

Gegen diese An- 
schauung, wenn sie 
zur Gemeingültig- 
keit erhoben werden 
sollten , Hesse sich 

gewiss Vielerlei 
sagen. Ich habe 
immer gefunden. 




IVa/ter Crane. \'illa Ludovisi 



dass die Aesthetik, 
welche die Künstler 
treiben im Grunde 
nichts ist als Erklär- 
ung ihrer schöpferi- 
schen Eigenart. So 
auch hier. Nicht 
weil ich glaube, dass 

Crane unbedingt 
recht habe, sondern 
weil er für sich und 
seine Begabung das 
Rechte fand , sind 




Walter Crane. Lohengrin 



20 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



seine Erklärungen für uns von hohem Werth. Sie sind Erläuterungen zu seinen Bildern. Diese stehen 
daher auch in sehr entschiedenem theoretischen Gegensatz zu der Kunst, mit welcher der Prärafifaelis- 
mus als eine ausgesprochen realistische Schule anfing. Der dort eingeschlagene Weg ist, wie so oft, 
der gleiche wie in andern Kunstschulen. Der Realismus ist die Vorstufe, die zum neuen Idealismus führt 
und dieser, als 
die Blume des 
Realismus trägt 
für Spätere die 
Frucht der Vor- 
bildlichkeit. 
Aber mit der 
Vollendung der 
Frucht verfällt 

die ganze 
Pflanze. Es be- 
darf nun wieder 
eines neuen Re- 
alismus, eines 

neuen Früh- 
lings , um aus 

allerlei alten 
Keimen Lebens- 
kräftiges zu ent- 
wickeln. 

Folgen wir 
der Reihe von 
Crane's Bildern, 
soweit diese hier 
zur Darstellung 
gebracht wer- 
den kann. 

Der «Raub 
der Europa» """" "'""'• ""'""" Die Allegorie 

i.st klar und sachlich durchgeführt. Unter der zerbrechlichen Brücke das Boot des Lebens und des 
Todes: Aus einem landet das junge Leben, ersteigt, geleitet von den Eltern die Stufen, wird von 
den Alten belehrt, schreitet spielend und liebend empor bis zum Höhepunkt, wo die Tromete der 
Ehre erklingt, die Weltlust sich anhängt, die Schönheit den Becher füllt und die Hingabe sich an 
den reifen Mann schmiegt. Glück und Ruhm locken den Verweilenden weiter, er packt sich die Lasten 




wurde 1881 
theilweise in Ita- 
lien gemalt, in 
England vollen- 
det. Gemalt auf 
rauhem Gips- 
grund sucht es 
mit Entschie- 
denheit im Ton 
der italienischen 
Fresken sich zu 
halten. Italie- 
nisch sind auch 
die Motive des 
Hintergrunds, 
die vollere, mus- 
kelreichere Be- 
handlung des 
nackten weib- 
lichen Körpers. 
Die « Brücke 
des Lebens » 
dankt auch dem 
Aufenthalt in 
Rom ihre Ent- 
stehung, wurde 

jedoch erst 
1884 vollendet. 



Wal/er Crane. Freiheit 




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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



21 




IValler Crane. Skizze zu dem Gemälde : Das Nahen des Frühlings 



der unduldsamen Welt auf, Loth's Weib wendet sich sorgend zurück, bis das Alter, das schon zum 
Nachen des Todes hinabschaut, selbst Stütze an der Jugend suchen muss. Nur die Hoffnung hält noch 
ihr Lämpchen empor, obgleich der Weg schon die Stufen hinabführt — bis der Todte im Nachen 
liegt und Atropos den Faden zerschneidet, den ihre Schwester Clotho bei der Landung des Kindleins 
knüpfte und die über der Jugend thronende Schwester Lachesis fortspann. 

Es ist ein merkwürdiges Bild ! Nicht der Gedanke ist's, der mich packt. Der hat etwas Aus- 
geklügeltes, Gelehrtenhaftes. Nicht die Komposition, die nicht immer frei ist, und die auch ihrerseits 
zeigt, dass Crane es sich nicht leicht werden Hess, nicht das ausserordentlich vertiefte Naturstudium. 
Die Umrisslinie herrscht in alter Gewalt im Bilde, aber der Umriss ist unendlich viel reicher geworden 
und die Fläche innerhalb seiner Grenzen hat Bewegung, Fluss, Körperhaftigkeit gewonnen. Das Merk- 
würdigste scheint mir die stilistische Kraft, die hier zuerst Crane auch im Geschichtsbild ganz er selbst 
sein lässt, und zwar um so stärker, als er .selbst dieses Bild als Frucht des Auflebens des Einflusses 
der Antike und der Renaissance in Zeichnung und Auffassung kennzeichnet, und er in ihm trotzdem so 
erstaunlich englisch bleibt. 

Wie Goethe in Italien die Hexenscene seines Faust schrieb, wie ihn inmitten der klassischen 
Welt die schwankenden Gestalten der Romantik nahten, so ist dem Engländer Rom mit Keat's Name 
und Dichtungen auf's Engste verknüpft. Crane fand in seinem Bilde « La belle Dame sans Merci » 
{1889), die Keat nachgedichtet wurde, den Ausdruck für diese Welt. Das Bild ist sehr farbig, fast 
bunt. Wie Holman Hunt sieht Crane jede Einzelheit der Natur mit scharfem Auge. Die Blumen auf der 
Wiese, die mit botanischer Genauigkeit gemalt sind, wie den Schmuck an der schönen Frau, dem gepanzerten 
Ritter, am Sattelzeug des Pferdes. In diesem Sinn fühlt er sich als Realist. Er ist es auch schon mehr 
als früher hinsichtlich der Luft- und Lichtwirkungen. Der aufziehende Mond beherrscht die Landschaft. 
Trotzdem ist das Bild durchaus dekorativ empfunden, obgleich es dem widerspricht, was wir mit diesem 
Namen bezeichnen : nämlich flott und breit gemalt, skizzenhaft nur auf Massenwirkung berechnet. 



22 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

Derselben Zeit gehören eine Reihe von Darstelhingen einzelner Frauengestalten an. Die Vor- 
studien für diese Arbeiten müssen den Künstler sein ganzes Leben hindurch begleitet haben. Man sehe 
die Reihe sorgfältiger Gewandstudien durch, in welchen zunächst noch das Bildnissmässige stärker sich 
äussert, als in den ausgeführten Arbeiten. Sie sind selten mehr als grau in grau, meist in mit Weiss 
gehöhter Zeichnung dargestellt, Zeugnisse dafür, dass Crane plastisch sieht und dass ihm das Malen 
ein Uebersetzen der Form in Farbe ist. Nicht ohne Grund rühmt er die alten deutschen Holzschneider 
und ihr «Clairobscur», das Zeichnen mit Weiss auf schwarzem Grund, da er es selbst bei seinen Ent- 
würfen anzuwenden liebt. Es scheint diese Kunstart durch bei Bildern wie die «Quelle«, «Flora» 
und anderen, die im Ton kaum über das Fresko hinaus gehen, in der Behandlung durchaus als «Paneel», 
als eine gemalte Füllung, wirken. Als Dekoration muss man auch seine « Schwanenjungfrauen » 
(1894) auffassen, die lieblichen Mädchen, die sich nach dem Bade in ihr Schwanengewand werfen, um 
sich in die Lüfte zu erheben. Ich missverkenne die Schwächen des Bildes nicht. Die Beine der 
stehenden Jungfrau sind länger als selbst für eine Engländerin gut ist, die Gestalten erscheinen nach 
Art des japanischen Musterzeichners auf der Fläche vertheilt, so dass die Absichtlichkeit der An- 
ordnung nicht gerade angenehm auffällt, die weitgespannten Flügel sind ein sehr bequemes Mittel, 
eine gute Raumvertheilung zu erhalten, die einzelnen Gestalten sind sich sehr ähnlich, sie sind sehr 
keusch, fast Poyeter'isch geschlechtslos. Man möchte Crane das spanische Sprichwort zurufen : Mehr 
Knoblauch in die Brühe ! — wenn es überhaupt gut wäre, über Schwanenjungfrauen zu streiten wenn 
das Bild mehr sagen wollte, als wie Crane sich diese vorstellt. Gerade das Phantastische deckt die Eigenart 
des Bildes. Aehnlich an einem der neuesten Werke, dem «Morgen», der 1896 auf der Dresdener Aus- 
stellung zu sehen war. Den eigentlichen Reiz kann die Photographie nicht vollständig wiedergeben, er 
liegt in dem dämmernden Roth auf duftigem Blau, im malerischen Kampf zwischen Morgenröthe und 
weichender Nacht. Jenes Geschlecht schlafender Mädchen, welche die kommende Sonne erweckt, steht 
ausserhalb des Menschenthums, es ist selbst ein Duftgebilde. 

Friesartig erscheint das liebliche Bild der « Maienkönigin » in ihrem Zuge auf von Gazellen 
gezogenen Wagen, ihrem Gefolge von jungem Volke und jungem Vieh. Das was immer wieder an diesen 
schlichten Bildern anzieht, ist die Kindlichkeit, die Harmlosigkeit der Auffassung. Es steckt etwas 
Märchenhaftes in dieser Kunst Crane's, etwas Traumseliges, Weitabgewendetes. Wenn man bedenkt, 
dass derselbe Mann mitten im gewerblichen Leben unserer Zeit steht, als ein Kämpfer für die Werth- 
schätzung der Künstler, wenn man erfährt, dass er gleich Morris seinen politischen Bestrebungen nach 
Sozialist ist, so wird es einem nicht ganz leicht, sein Schaffen zu verstehen, es sei denn, dass es eine 
Verneinung unserer an Schönheit verarmten Welt bedeute. Und so kann man sich vorstellen, wie 
der sozialistische Künstler für Waffenkampf, Ritterwesen, antikes und feudales Herrenthum sich be- 
geistert. Viele seiner romantischen Figurenbilder wirken ja auch in erster Linie dekorativ. Seinen 
« Pegasus » könnte man der Metope eines dorischen Tempels entlehnt glauben. Im gleichen Sinn die 
«Schicksalsrolle» 1882, ein Bild, das mir etwas zu geistreich ist, auf dem man lesen muss und zwar 
lateinisch, zu dem man eine Erklärung braucht, während die Gestalten selbst schweigen. Der Drang 
nach der Tiefe führt hier Crane nach Art der verflossenen deutschen Kunst ins Litterarische, in das. 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



23 



was besser geschrieben als gemalt wird. Einen sozialistischen Hintergedanken hat wohl auch das 
prächtige Bild «Englands Wahrzeichen«, Freilich ist es nicht ein solcher, wie etwa Singer oder 
Liebknecht ihn hervorbringen würden. England als mittelalterlicher St. Georg, als Heiliger, als feudaler 
Herr rennt auf prächtig ausholendem Schimmel gegen den über Menschenleichen fauchenden Drachen 
an. Im Hintergrund qualmende Fabriken, Soll St. Georg sie vom Drachen des Kapitalismus befreien ? 
Vielleicht ist es ein Mangel meiner sozialpolitischen Einsicht, dass ich, an deutsche Sozialisten gewöhnt, 
mir einen «Genossen» nicht als von starkem Vaterlandsgefühl beseelt denken kann, vielleicht ist 



es aber auch ein 
Mangel in meinem 
Kunstverständniss, 
dass ich mir die 
Frage nach dem In- 
halt oder vielmehr 
der Nebenbedeut- 
ung des Bildes erst 
im Schreiben vor- 
lege. Bisher sah ich 
das Bild mit Kinder- 
augen an und freute 
mich am starken 
Pferd, dem gewand- 
ten Reiter, an der 
lustigen Farbe, wie 
ich — offen gestan- 
den — auch Keat's 
Romanze von der 
Belle Dame sans 
Merci nicht gelesen 
habe und darum 
Crane's Bild aus 
dieser nicht weniger 



glaube verstehen zu 
können — als Bild ! 
Der « Wagenlauf 
der Stunden » (The 
Chariot's of the 
Hours) ist Crane's 
in Deutschland wohl 
bekanntestes Bild ; 
1887 gemalt, er- 
schien es 1891 auf 
der Internationalen 
Ausstellung in Ber- 
lin. Es ist zugleich 
eines, das die pho- 
tographische Wie- 
dergabe fast in sei- 
ner malerischen 
Wirkung erreicht, 
da es mit kräftige- 
ren Lichtwirkungen 
arbeitet, die Leb- 
haftigkeit der Be- 
wegung, der Fluss 

Wal/er Crime. Studie für das liild: Em Bote des Frühlings rIprPn 1- f ' H 

in voller Deutlichkeit zur Schau kommt. Aehnlich «Neptuns Pferde» (1893) die Darstellung der 
Wogen als ansprengender Rosse. 

Bei Würdigung des Malers Crane darf man nie dessen Vielseitigkeit ausser Acht lassen. So 
seine Leistungen als Musterzeichner : Er hatte erfahren müssen, dass ein pfiffiger Tapetendrucker die 
Zeichnungen aus seinem Bilderbuch «The Babys Opera» zu einem Muster für seine Waaren benutzt, 
eine Tapete für Kinderzimmer daraus gefertigt hatte. Das Buch, 1877 erschienen, war eines der 
grössten Erfolge Crane's gewesen, später gefolgt von dem verwandten «The Babys Bouquet» (1879) 




24 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



und dem künstlerisch noch höher stehenden «Pan Pipes» (1882) und «Babys Own Aesop» (1886) zeigen 
deutlich Caldecotts und Greenaway's Einfluss an der farbigen Behandlung. Sie wird schlichter bei 
wenigen, leichter behandelten Farben, doch reicher in der Wirkung, die Zeichnung klassischer, trotz des 
modernen Gewandes, die Stilisirung freier von Gewaltsamkeiten. « Floras Feast » (1888) und «Queen 
Summer» (1891) gehen immer weiter in der freien, eigenartigen duftigen Behandlung, in der Ueber- 
windung dessen, was Crane selbst das Barbarische an seinen ersten Arbeiten nannte, führen ihn immer 
mehr in's Wunderland. So ist in Queen Summer das Turnier zwischen Rose und Lilie in einer Fülle der 
reizvollsten Kompositionen, mit ächtestem Dichterthum dargestellt, voll einer Romantik, die uns Deutsche 
wunderlich an unsere eigene Zeit der sanften Helden und der duftigen Ritterfräulein mahnt : Zu Floras 
Feast dichtete er selbst die Reime, zu dem letzten Hauptwerk « Echoes of Hellas » Hess er einem 
anderen, F. G. Warr, die erklärenden Verse beifügen, hier das Griechenthum mit neuenglischem Geist 
durchwirkend, den Fall von Ilion und Oreste.s' Irrfahrt. Das ist sehr geistreich, sehr fein empfunden, 
von ausserordentlicher Schönheit der Linienführung : Dazu in Umdrucken nach des Künstlers eigener 
Federzeichnung, ächteste unmittelbare Zeugnisse seiner Kunstart. Aehnlich das nur in einem Ton ge- 
druckte «Book of Wedding Days» (1889). 

Jener Tapetendrucker hatte zwar wenig Rücksicht, aber gutes Verständniss des Marktes gezeigt, 
indem er Crane's Zeichnungen sich schlankweg für seine Zwecke aneignete. Bald nahm der Künstler 
selbst ähnliche Arbeiten auf und zeichnete für Mr. Metford Warner oder dessen Firma Messrs. 
Jeffrey & Co. eine Reihe höchst merkwürdiger Tapeten. Sie haben alle Namen : « The Margarete » 
(1875) mit einem Fries aus allegorischen, des alten Chaucers Dichtungen entlehnten Gestalten, 
«The House that Jack Built«, anschliessend im Text, 
nicht in der zeichnerischen Darstellung an Caldecott's 
berühmtes Bilderbuch, «Corona Vitae», «The Fairy 
Garden» und wie sie alle heissen, namentlich aber des 
Pfauenmuster und solche, die für bestimmte Gebäude, 
für die arabische Halle des Malers Sir Frederic 
Leighton, für Mr. Stuart Hodgson geschaffen werden. 
Der Aesthetiker hat wohl mancherlei gegen diese 
Tapeten und gerade ihren Reichthum an Gedanken zu 
sagen : « The Hoüse that Built » giebt ein dekorativ 
dargestelltes Haus wieder, vor dem die in der kleinen 
Geschichte so bedeutungsvolle Kuh steht; ferner Hahn, 
Hund, Katze, ein vor gothischer Architektur stehender 
Mönch, das Milchmädchen und der Held der Geschichte 
vor ihm knieend, die Hand zum Veriöbniss gereicht. 
All das sehr stark stilisiert, sehr geschickt ineinander 
komponirt, aber doch auf einer Wand hundertfach 

wiederholt, so daSS die Vielheit der Darstellung deren Walter Crane. Studie zu dem Bilde : Das Nahen des FrUhlmgs 





Walter Crane pini. 



Phot. F. Hanfataengl, Mönchen 



Die Wasserlilie 

Original im Besitz des Herrn Commerzienrath E. Seeger in Berlin 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



25 



.K. - ;»;.-« 




Walltr Crane. Rom vom Monte Parioli, im Frühjahr 



geistigen Werth beeinflussen muss: Es kommen eben hundert von Häusern, Verlobungen, krähenden 
Hahnen auf eine mit der Tapete beklebte Mauerfläche, es tritt dadurch das Maschinenmässige der 
Herstellung mit harter Deutlichkeit vor das Auge des Beschauers, es widerspricht das Ganze dem Streben 
nach Wirkung der künstlerischen Handarbeit, für die Crane so viel Thatkraft und Eifer einsetzte. 

Er stellte sich an die Spitze einer Bewegung, die dem zeichnenden Gewerbekünstler öffentliches 
Ansehen und das Recht verleihen will, dem Werk der Industrie seinen Namen mit auf den Weg in den Handel zu 
geben. Er schuf Ausstellungen, in welchen nicht der Fabrikant, sondern der Zeichner die Gewerbeerzeugnisse, 
zu denen er den Gedanken gab, vorführte. Die dekorativen Künstler und Handwerker, schrieb er im Vorwort 
zur ersten von diesen, haben bisher nur wenig Gelegenheit gehabt, ihre Arbeiten dem grossen Publikum 
vorzuzeigen, um dessen künstlerisches Urtheil anzurufen, wie es die Maler thun. In einer Zeit, in der 
Jeder, der die Mittel dazu besitzt, sein Haus künstlerisch auszuschmücken sucht und in der man sich 
mehr denn je um die Künste kümmert, jedenfalls mehr von ihnen spricht, weiss man von den Schöpfern 
und Zeichnern der uns umgebenden kunstgewerblichen Gegenstände nichts. Bei der heute üblichen 
Schaffensweise wird unstreitbar der Werth des Einzelnen, welcher so wichtig bei allen künstlerischen 
Aeusserungen ist, zu sehr in den Hintergrund gedrückt, der Handel, die Maschinen, die Fabriken 
haben sich mit rein kaufmännischen Absichten der Leitung bemächtigt, geschickte Handelsleute 
haben den Markt künstlich heraufgeschraubt, sie haben sich gegenseitig die Erfindung irgend einer 
eigenartigen Form, die dann für kurze Zeit das modernste und allerneueste war, streitig gemacht. 

II 4 



26 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



Diese Sucht nach etwas Anderem, noch nie Dagewesenen, vertritt in unseren Tagen nur zu oft die 
Stelle von künstlerischem Geschmack und wahrer Liebe zur Kunst. Wenn wir aber unsere Theilnahme 
nur auf Gemälde und die zeichnenden Künste beschränken, so liegt die Gefahr nahe, dass wir den Sinn 
für das Entwerfen, für das Formen verlieren, jenen Sinn für das Anpassen des Stoffes zum 
darzustellenden Gegenstand, das Gefühl für die Verwandtschaft des Stoffes zum Kunstwerk, aus dem 
heraus die grossen Schöpfungen der Vergangenheit entstanden sind. 

Die Grundlage für jede Kunst, sagt Grane, liegt im Handwerk ; nur wenn der Handwerker ein 
wirklich künstlerisches Empfinden besitzt, wenn er durch seinen Geist selbst dem an sich unwichtigsten 
Gegenstand, dem einfachsten Material ein künstlerisches Gepräge zu geben weiss, das ebenso hoch steht 
wie die Fähigkeit gute Bilder zu malen, ist die Kunst in einem normalen, gesunden Zustand. 
Wenn unter den Handwerkern keine Künstler mehr zu finden sind, dann werden sie auch sonst 
verschwinden und sich in Kaufleute und Fabrikanten verwandeln. 

Durch die sogenannten « Arts and Graft Exhibitions » suchte Crane diesem Schaden zu begegnen. 
Eine Menge von Schwierigkeiten war zu beseitigen. Es war bei der gewerblichen Sachlage in England, 
wie anderwärts, nicht immer leicht, den wirklichen Schöpfer und Zeichner ausgestellter Objekte heraus- 
zufinden, um ihm und seiner Thätigkeit gerecht zu werden. Meist haben eine ganze Reihe Künstler 
an einem Gegenstand gemeinsam gearbeitet; mehrere grosse leitende Firmen wollten sich nicht der 
Bedingung fügen, bei jedem Gegenstand anzugeben, wer ihn entworfen und erfunden habe. Unter den 
Handwerkern fanden sich nur Wenige, die unabhängig und mit persönlichem Selbstbewusstsein für 
ihre Werke einstanden. Es ist, schreibt Crane weiter, jedenfalls nicht richtig, die Spitze eines Baumes 
zu begiessen, wenn die Wurzel nach Nahrung verlangt, und selbst ein ungünstiges Ergebniss seiner 
Untersuchung des künstlerischen Gesundheitszustand schien ihm besser, als gänzliche Ungewissheit. 

Mein Freund Peter Jessen, der kundige Direktor der 
Bibliothek des Berliner Kunstgewerbe -Museums, hat Crane für 
Deutschland eine neue Bedeutung gegeben , indem er meinem 
Rathe folgend, ihn aufforderte, einmal eine Serie seiner Arbeiten 
zur öffentlichen Ausstellung herüberzuschicken. Es kamen deren 
eine grosse Zahl : Fast alle die Originale für seine Illustrationen, 
mehrere selbständige Bilderund es fand sich in Ernst Seeger 
auch ein Kunstfreund, der mehrere von diesen auf deutschem 
Boden festhielt. Seitdem haben Crane's Gemälde auf deutschen 
Ausstellungen eine Anerkennung gefunden, die ihnen in England 
nicht in immer gleichem Maasse zu Theil wurden. Bietet er 
doch das, wonach auch wir in so vielerlei Ansätzen streben: 
Eine eigenartige Erscheinung im Kunstleben seines Volkes, die 
von gewerblicher Grundlage zur hohen Kunst sich aufrichtete, 
ohne je diese Grundlage zu verleugnen : Ein Künstler mit 
dekorativem Streben. 




Walttr Crane. Studie für ein Bild: 
Die vier Jahreszeiten 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



27 



Seit jene beiden Berliner Herren mich verliessen, hat englisches Gewerbe einen mächtigen, wohl 
gar zu mächtigen Einfluss auf unser Schaffen erhalten. Nicht zum mindesten das was Crane erstrebt 
hat. Er würde wohl der Letzte sein, der uns den Rath gäbe, seinen Bahnen zu folgen. Zum Leiter 
der Kunstschule in Manchester berufen, wird er uns ein gefährlicher Rivale auf der nächsten Welt- 
ausstellung werden, dem wir nicht werden Stand halten können, wenn wir ihn nachahmen. Aber es 
steckt in ihm so viel Germanisches, so viel dem Deutschen Verwandtes, dass wir sein Schaffen tiefer 
fassen können, als durch Nachahmung. In dem Selbstbesinnen, in dem Verlassen auf den eigenen 
Geschmack, in dem Durchdringen der Form mit volksthümlichem Geist liegt das, was an ihm uns 
allein vorbildlich sein sollte. 

Eines der schönsten Blätter, die Crane für den Holzschnitt schuf, ist in Erinnerung an den 
internationalen Feiertag, den i. Mai 1891: Voraus auf geflügelten, von Genien gefasstem Ross der 




Walter Crane. Die Wahrheit und der Wanderer 



Standartenträger, dahinter Arbeiter mit phrygischer Mütze und dem Banner: « Liberty, Equality, 
Fraternity», hinter schwerem Ochsengespann ein Leiterwagen mit den Aufschriften: «Arbeit ist die Quelle 
des Wohles«, «Wacht Arbeiter über die Einigkeit aller Länder»; neben ihnen ein Reiter mit der 
Fahne « Oekonomische Freiheit», Singende, Tanzende, Flötende als Begleitung. Zwei Mädchen halten 
den Globus empor, der die Inschrift trägt: «Die internationale Solidarität der Arbeit», die Männer im 
Wagen helfen sie mit erhobenen Händen stützen, lieber dem Blatt die Inschrift: «Der Triumpf der 
Arbeit». Ein Blatt voll Kraft, voll Leben, voll Schönheit, unverkennbar gezeichnet mit dem Herzblut 
des Künstlers. 

Seither sind sieben Jahren vergangen. Ich weiss nicht, ob Crane jetzt, nachdem auch unter 
den Arbeitern gerade im Londoner Kongress von 1896 sich der nationale Zwiespalt so stark äusserte, 
noch hofft, dass der Kampf von Volk zu Volk, der Kampf der Waffen wie jener nicht minder erbittert, 
wenn auch auf Ausstellungsbanketten der «friedliche» genannte Kampf des Gewerbes und der Arbeit, 



28 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

einst werde beseitigt werden können. Ob er noch auf die Gleichheit der Menschen hofft, er, dessen 
ganzer Werth darin liegt, dass er den Anderen ungleich ist ; ob er mit seinen Landsleuten uns Deutschen 
nicht verzeiht, dass wir den Weltmarkt, ihnen freilich zum Schaden, zu erobern trachten; dass wir das 
internationale Ringen um das Brod der Fabrikarbeiter aufnehmen, in dem zwar keine Kugel, wohl 
aber der Hunger nicht minder fruchtbar Wunden schlägt; ob er noch träumt ein System, eine wirth- 
schaftliche Neuordnung, werde alle diese Schäden beseitigen können und wenn es dies könne, die 
Masse werde diese Ordnung zweckmässig durchführen können. 

Ich halte mich an seinen heiligen Georg. Der gepanzerte Wille und der Kampfesmuth des 
Einzelnen wird den Drachen niederwerfen. Wohl dem Volk, das herzhafte Manneskraft hochhält und 
es verträgt, dass Einer Herr seil In friedlichen Schlachten, wie die kriegerischen, siegt nicht der 
Haufe, sondern der befehlende Wille. Das muss doch wohl einem Manne klar werden, der durch 
eigene Kraft ein Herr geworden ist in seinem Gebiet, dem die Erkenntniss sich sicher aufdrängt, dass 
nicht der gemeinsame Wunsch Vieler, sondern die leitende, andere in ihrem Thun bestimmende Kraft 
weniger Starker den Triumpf der Arbeit herbeiführt. 

Mir fehlt ein Bindeglied, um den Gedanken zu begreifen, dass ein so eigenartiger Künstler, wie 
Grane hoffen kann, das von ihm so heiss umworbene Gebiet, die Kunst, um mich fachmässig auszu- 
drücken, durch planmässig kollektivistische Produktionsweise an Stelle der individualistischen besserer 
Zukunft zugeführt zu sehen. 

Oder schaut hier das Kinderthum des Meisters durch die politische Maske : Verliert er sich 
so gern in Träume einer schöneren Zukunft als in Träume reicherer Vergangenheit: Und glaubt er 
so redlich an Träume — hier wie dort? — — 




Walter Crane. Skizze vom Charles River, Concord, 
Mass. U. S. A. 




Walter Crane piDx 



Ptiot. f UaufHUeugl, Müucheii. 



In den Wolken 

Original im Besitz des Herrn Commerzienrath E. Seeger in Berlin 




Walter Crane piiix. 



Phot. F. IIuLf^UiLUi;!. iHiai;hfU 



Pegasus 



BENJAMIN VAUTIER t 



VON 



HEINRICH ROTTENBURG 



Die Leser dieser Hefte haben aus anderer Quelle wohl längst den Tod Benjamin Vautier's, 
des grossen und populären Künstlers, erfahren, der am 25. April d.J. in Düsseldorf von hinnen 
geschieden ist. Man braucht gar kein wüthender Verächter der Menge zu sein, um zu wissen, wie 
selten die beiden Epitheta «gross und populär» auf einen Künstler zutreffen; das wahrhaft Grosse 



in der Kunst ist eben fast 
nie der breiten Volks- 
masse mundgerecht zu 
machen und sie wird es 
nur dann ganz erfassen 
und mitempfinden, wenn 
es so tief im Herzen und 
im Geiste des Volkes 
wurzelt, wie bei Benjamin 
Vautier und den anderen 
deutschen Genremalern 
von seinem Range, einem 
Knaus, einem Defregger, 
einem Grützner. Benjamin 
Vautier, der Meister mit 
dem französischen Namen 
ist als Künstler urdeutsch ; 
deutsch ist seine Empfind- 
ung, sein Stoffgebiet, seine 
Formengebung und Far- 




Bcnjamiii Vautier 
Originalaufuahme von Franz Hanfstaengl 



bensprache, deutsch sein 
Gemüth und sein Humor. 
Es wurde schon manche 
Feder stumpf geschrieben 

über Untersuchungen, 
warum gerade die eigent- 
liche Genremalerei so fast 
ausschliesslich Erbtheil 
unseres Volkes ist: bei 
den Romanen, namentlich 
Italienern und Spaniern, 
wird sie zu mehr oder 
minder virtuosen meist 
sehr äusserlichen Wieder- 
gabe arrangirter Scenen ; 
bei den Franzosen kennt 
man sie kaum und unter 
den unzähligen Pariser 
Malern sind die berufs- 
mässigen Darsteller genre- 



hafter und anekdotischer Themen schnell gezählt, weil die Pflege des Stafifeleibildes dort unter dem 
Streben nach dekorativer Wirkung sehr vernachlässigt wurde; bei den Engländern hat der hypersen- 
sitive Zug ihrer modernen Kunst die gesunde Behaglichkeit sehr beeinträchtigt, welche einer richtigen 
Genremalerei ihre natürliche Basis gibt; bei den Nordländern ist die möglichst treue Nachbildung 

II 5 



30 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



eines Naturausschnittes zur Parole geworden und jede absichtliche Anordnung und novellistische Er- 
findung verpönt; und fast nur der Deutsche trifft jenen warmherzigen, gemüthstiefen Erzählerton, zu 
dessen typischen Meistern wir Benjamin Vautier zählen durften. 

Er ist in der Schweiz, in Morges am Genfer See, Kanton Waadt, geboren als der Sohn eines 
Pfarramtskandidaten und wie Freunde des Künstlers versichern, hat er seltsamer Weise in seinem 
äussern Wesen, seiner Sprache u. s. w. die Schweizer Art nie abgelegt, so sehr er sich in Kunst und 
Empfindung unserer nationalen Eigenart anpasste, ja in ihr aufging. Sein Leben ist kein Künstler- 
roman, der als solcher Sensation machen würde; und doch ist es interessant, gerade weil es in einer 
Weise verlief, die man für die Entwicklung eines Talentes von seinem Schlag fast typisch nennen dürfte. 

Er wird in einem Hause geboren, in dem von Kunst nicht viel die Rede und für sie nicht viel 
Boden ist, einem strenggläubigen, gottseligen Pastorenhause, wo Güte und milde Menschenfreundlichkeit 
einen wesentlich breiteren Raum einnehmen als Temperament 
und Phantasie. Aber von der Mutter her ist doch der Keim 
zur Sehnsucht nach dem Schönen in seiner Seele. Er hat 
des Lebens ernstes Fühlen vom Vater, die Frohnatur, die 
Lust am Fabuliren von der Mutter, wie ein Goethe es von 
sich sagen konnte. Da ist ein Bruder der Mutter, der nicht 
ohne Geschick in den schönen Künsten dilettirt und von 
dessen Schaffen auch wohl die erste Anregung in die Kinder- 
seele fällt. Der Knabe besucht die Schule, macht aber gerade 
keine glänzenden Fortschritte, zum Schmerze des Vaters, 
dessen pastoraler Lebensanschauung natürlich die denkbar 
musterhafteste Schülerlaufbahn als eine erstrebenswerthe 
Garantie für ein späteres gottgefälliges Dasein erscheint. Da- 
für schmiert der Jüngling in der Schule und zu Hause TLsche 
und Wände voll mit lustigen Fratzengesichtern, Caricaturen 
der Lehrer und Kameraden. Wie viele Talente haben so angefangen ! Die Mehrzahl gewiss ! 

Natürlich soll der Sohn sich für die Laufbahn des Vaters vorbereiten — natürlich taugt, was 
ein Maler werden will, nicht zum Seelenhirten. Aus dem Pfarramtskandidaten Vater Vautier ist in- 
zwischen ein wohlbestallter Pastor in Noville im Rhonethal geworden, der seinen Sohn Benjamin mit 
13 Jahren auf das Gymnasium nach Lausanne schickt. Die «Wohlbestalltheit» dauert aber nicht lange. 
Wie Friedrich Pecht in seiner warmherzig geschriebenen Biographie des Künstlers erzählt, blieb der 
Friede im Pastorenhause nicht auf die Dauer ungestört. Im Jahre 1847 brach in der Schweiz, eine Vor- 
ahnung des tollen Jahres, jene «demokratische Bewegung» los, die unter Anderem zur Folge hatte, 
dass auch die Besetzung der Pastorenstellen von Wahlen abhängig wurde. Nun war Vater Vautier, 
wenn auch kein Zelot, so doch ein strenger Gottesmann und eifriger Hüter reiner Sitten und vertrug 
sich nicht aufs Glänzendste mit seiner Gemeinde, die gerne zechte und fröhlich war. Als es dann 
zur Wahl kam, wurde Vautier nicht wiedergewählt, ein schwerer Schlag für die Pastorenfamilie. 




Benjiimin Vautier. Studienzeiclinung 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



31 








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ßtiijaiiiin Vanlicr. Stiulienzeicliming 



Binjamin Vautier. Studienzeichnung 



Unter der Einwirkung dieser Katastrophe kam der Sohn ins Vaterhaus zurück und setzte es denn nun, 
wenn auch mit schwerer Mühe durch, dass er Maler werden durfte. «Es kostete das», meint sein 
Biograph, «nicht geringe Anstrengung, da es in den Augen selbst des Vaters, aber noch viel mehr 
der Mitbürger, damals noch ungefähr ebenso viel heissen wollte, als wenn er unter die englischen 
Reiter oder andere Gaukler gegangen wäre». Damals? — So mächtige Gewalt die Kunstpflege auch 
heute über unser ganzes öffentliches Leben gewonnen hat, man braucht selbst in unserer Zeit durch- 
aus nicht ein weltverlorenes schweizerisches Provinznest aufzusuchen, um in den bekannten «besten 
Kreisen» eine ganz ähnliche Auffassung vom Künstlerberufe vorzufinden; zum Mindesten wird man 
sehr leicht auf die Auffassung stossen, dass bei einem Maler eine einigermassen geordnete Lebens- 
führung viel unwahrscheinlicher sei, als das Gegentheil. 

Vielleicht hätte Benjamin auch damals seinen Willen nicht durchgesetzt, wäre der Vater nicht 
durch die geschilderten Verhältnisse gezwungen worden, sich in Frankreich nach einer neuen Pastoren- 
stelle umzusehen; dadurch war er auch ausser Stand gesetzt, den Sohn überhaupt noch zu unterstützen 
und dieser musste nun, wohl oder übel, sein Brod selbst verdienen. 



32 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

Also denn: auf zur Kunst! Viel Vorschule dazu hatte der junge Mann bis dato nicht genossen. 
In der Kindheit hatte er die erste Anregung zu künsderischen Dingen aus den zweifelhaften Holz- 
schnitten eines wohlfeilen Bilderblattes, «le monde illustre» geschöpft, das im Vaterhause auflag, und 
zur Weiterbildung hatte nicht Vieles beigetragen. Wahre Kunst war ja überhaupt in jenem schönen 
Lande noch recht dünn gesät und der Malerberuf wurde zumeist ziemlich banausisch betrieben, indem 
es sich meist um die mehr oder minder mechanische Herstellung billiger Landschaftsbilder zu Zwecken 
der Fremdenindustrie handelte. 

Benjamin Vautier wandte sich zunächst nach Genf und nahm bei dem Maler Hebert ein Jahr 
lang Zeichenunterricht. Dann trat er bei einem Emailmaler in die Lehre, musste sich aber verpflichten, 
vier Jahre als Leibeigener bei diesem Meister zu verbleiben und in der That hat er volle zwei Jahre 
lang das wenig anregende Geschäft betrieben, Uhrgehäuse und Schmuckgegenstände mit bunten Bildchen 
zu schmücken. Auch in dieser Knechtschaft vergass Vautier seine Fortbildung nicht. Er studirte 
nebenbei in der Zeichnungsakademie des Museums Roth und machte regelmässig den Abendakt mit. 
In seinen freien Stunden verdiente er sich ausserdem manchen Groschen durch das Malen von Portraits 
und Aquarellen, die er an Kunsthändler verkaufte. Dabei wurde sein Talent immer mehr offenbar, 
er wurde mit den namhaftesten Genfer Künstlern bekannt, mit Calame, von dem einst auch ein Böcklin 
gelernt, mit dem Landschafter Diday, mit dem Historienmaler Lougardon und Anderen. Auch materielle 
Erfolo-e wurden dem strebsamen iunaen Talent: Vautier's Arbeiten fanden immer besseren Absatz und 
nach zwei Jahren war er, Dank seinem unermüdlichen Fleisse, in der Lage, sich aus seiner « Leibeigen- 
schaft» loszukaufen und zwar um den Preis von 1200 Franken. Von nun ab lebte er ausschhesslich 
der Kunst. Er arbeitete zunächst in Lougardon's Werkstatt, um malen zu lernen und trieb dann volle 
zwei Jahre ein fleissiges Selbststudium in Genf. Als dann der für seine Zeit sehr bedeutende Genre- 
maler van Muyden von Rom zurückkehrend sich wieder in seiner Vaterstadt Genf etablirte, schloss sich 
Vautier an ihn ganz besonders eng an und gewann wohl auch durch ihn die Anregung, sein künftiges 
«Fach», die Genremalerei, zu wählen. Der Jüngling fühlte wohl selbst, da.ss er in Genf nicht zu 
Grossem gelangen konnte und fragt denn van Muyden um Rath, was er zu thun habe. Ein Aufenthalt 
in Paris wäre wohl das Beste und für den französischen Schweizer auch Zunächstliegende gewesen, 
aber Papa Vautier gestattete in seiner Sittenstrenge nicht, dass sein Sohn den Weg nach dem Seine- 
babel einschlage. Und da Benjamin ein viel zu gehorsamer Sohn war, um das heimlich Erstrebte 
gegen den Willen der Eltern zu thun, reiste er denn, seine Wünsche bescheidend, auf van Muyden's 
Rath zunächst nach Düsseldorf, wo er 1850 ankam. Dort hatte sich bereits ein reges Kunstleben 
zu erfreulicher Blüthe entwickelt und der junge Mann wandte sich, den Busen voll der schönsten 
Hoffnungen, zur dortigen Akademie. Aber er hatte die Rechnung ohne den akademischen Geist gemacht. 
Wie Fr. Pecht nach Vautier's eigenen Mittheilungen erzählt, hatte dieser als Proben seines 
Könnens eine Anzahl, seiner Meinung nach, nicht schlechter Zeichnungen mitgebracht. Sie waren aber 
nicht mit der scharfen Ausbildung der Konturen und den schematischen Kreuzstrichlagen gezeichnet, 
wie sie damals die «deutsche Kunst» liebte, sondern nach Art der französischen Schule in kräftiger 
breiter Flächenbehandlung, wobei dem Studium der Tonwerthe Rechnung getragen war, — einer terra 




It Vautler pinx. 



Phot. V. Hnnfttflongl. MHooben 



Aufforderung zum Tanz 



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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



33 




Benjamin Vautier. Studienzeichnung 



incognita (damals, wie meist heute noch) für den echten 
deutschen Akademiker. Pochenden Herzens legte Vautier 
seine Arbeiten dem Direktor Schadow vor, der in seiner 
starren und kalten Kunstweise alt geworden, despotisch 
und voll Pedanterie allem Neuen gegenüberstand. Trotz- 
dem Vautier von einer einflussreichen Persönlichkeit, einem 
Herrn, der zugleich ein persönlicher Freund des Düssel- 
dorfer Akademiedirektors war, Empfehlungen mitbrachte, 
warf dieser doch die Zeichnungen des jungen Mannes 
verächtlich bei Seite mit dem kategorischen Ausspruch : 
«Das ist ja Alles unbrauchbares französisches Zeug! 
Sie müssen ganz von vorne anfangen, wenn Sie etwas 
Rechtes lernen wollen». 

Vautier gab nichts auf das Unheil des grossen 
« Kunstherrn ». Und er hatte Recht. Von Wilhelm Schadow 
weiss die Kunstgeschichte heute kaum mehr den Namen 
und auch den nur darum, weil ihn ein Grösserer vor 
ihm getragen. Benjamin Vautier aber hat zu den Besten seiner Zeit gezählt und als er jetzt — 
ein Siebziger fast — den Pinsel für immer aus der Hand legte, war sein wohlverdienter Ruhm 
auch noch nicht um einen Schatten verblichen. 

Zunächst also schüttelte er damals den Staub des Schadow'schen Ateliers von seinen Schuhen 
und arbeitete einige Monate wieder mit eisernem Fleisse Studien in der Künstlerwerkstatt eines Freundes. 
Als dann die Zeit der alljährlichen akademischen Konkurrenz herankam, meldete er sich mit den neu- 
geschaffenen Arbeiten und den alten Aktstudien abermals und er gefiel der Mehrzahl des Lehrer- 
kollegiums so wohl, dass er sofort in die Malklasse aufgenommen wurde. Sein Studium in der Akademie 
dauerte aber nur knapp dreiviertel Jahre, denn er fühlte bald, dass diese Kunsthochschule unter 
der gestrengen Schadow'schen Leitung in einen Zustand 
schlimmer Verwahrlosung gerathen und dort nichts mehr 
für ein werdendes Talent zu holen war. So begab er sich 
denn unter die Aegide von Rudolf Jordan (geb. am 4. Mai 
1810 in Berlin, gest. am 26. März 1887 in Düsseldorf), der 
damals im Zenith seines Ruhmes stand. Er war 1834 durch 
seinen « Heirathsantrag auf Helgoland», der jetzt die Ber- 
liner Nationalgalerie ziert, mit einem Schlage berühmt 
geworden und erhielt sich seinen Ruf durch den künst- 
lerischen Ernst seines Schaffens. Er zuerst lauschte die 
Gestalten seiner Genrebilder wirklich der Natur ab und 
brachte statt der schablonenmässigen, konstruirten Puppen Benjamin Vautier. Studienzeichnung 




34 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



lebendige Menschen auf die Leinwand; aber er malte auch nach der Natur, er brachte, wie Ad. Rosen- 
berg betont, als einer der Ersten unter den deutschen Malern das Grau der Lufttöne in seinen 
Bildern aus dem Fischer- und Schifferleben ausgiebiger zur Anwendung. Dadurch lieh er neben der 
harten Malweise seiner Zunftgenossen den eigenen Bildern einen Schein wahren Lebens ; in den 
späteren Jahren freilich ward das Grau in seinen Bildern nahezu zum Uebermass. Vautier's Malweise 
ward durch Jordan glücklich beeinflusst. Wenn er auch nie ein starker Kolorist gewesen ist, einer 
von denen, welchen die Farbe neben Form und Inhalt als gleichwerthiges Element des Kunstwerks gilt, 
so ist seine Farbe 
doch immer gesund 
und sympathisch 
und seine Maltech- 
nik trefflich ge- 
nug , um auch 
durch sich selbst 
zu reizen und Be- 
wunderung zu er- 
regen. Dazu muss 

man bedenken, 
dass wir, seit einem 
Jahrzehnt an die 
stärksten Selbst- 
herrlichkeiten und 

Absonderlichkei- 
ten in der Farben- 
gebung, an die 
kühnste Handhab- 
ung der Extreme 
vom farblosen Grau 
bis zur tollsten Far- 
bigkeit gewöhnt. 




Benjamin Vaulicr. Studienzeichnung 



heute kaum mehr 
zu erfassen ver- 
mögen, dass künst- 
lerische F"reiheiten, 
wie sie sich da- 
mals Jordan und 
Vautier heraus- 
nahmen, damals als 
Ausfiuss unerhör- 
ter Kühnheit be- 
trachtet wurden. 

Bei Jordan lernte 
Vautier, was ihm 
zu selbständigerem 
Schaffen als Maler 
noch fehlte — sein 
Stoffgebiet hatte 
er aber noch immer 
nicht so eigentlich 
entdeckt. Da führte 
ihn der Sommer 
des Jahres 1853 
ins Berner Ober- 



land und er lernte dort den Genre- und Landschaftsmaler Karl Girardet kennen, der aus einer der 
bekanntesten Schweizer Künstlerfamilien stammt und deren namhaftestes Mitglied war. Dieser wies 
ihn sowohl auf die landschaftlichen Reize der Heimath, wie auf den malerischen Reiz und den 
Gestaltenreichthum des heimathlichen Volkslebens hin, und Vautier, dem jetzt die Ahnung seiner künst- 
lerischen Welt aufging, malte zunächst dort einen ganzen Sommer lang Studien nach dem Leben. Ein 
richtiges grösseres Werk wollte freilich noch nicht zu Stande kommen und auch die nächsten Jahre 
vergingen wieder in Suchen und Tasten, in Studiren und Experimentiren. Als dann der junge Maler 
im Sommer 1856 nach Genf kam und bei seinem alten — ■ vor Kurzem nun auch verstorbenen — 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



35 



Meister van Muyden wieder zu malen begann, wies ilin dieser noch energischer auf das Stoffgebiet 
des Bauernlebens hin und Vautier sah seinen Beruf zum Genremaler — es gibt nun einmal kein 
anständiges deutsches Wort für diesen Begriff — immer deutlicher ein. Dazu kamen die beginnenden 
Triumphe des jungen 
Ludwig Knaus, der 
mit seinen , in Paris 
gemalten, ländlichen 

Genrebildern dort 
und allenthalben durch- 
schlagenden Erfolg er- 
rungen hatte. Auch 
Vautier beaab sich 
noch im Herbst 1856 
nach Paris, wo er frei- 
lich, trotz aller übrigen 
künstlerischen Anreo-- 
ung, nicht ganz fand, 
was er suchte. Selbst 
Knaus war nach dem 
Urtheile seiner Zeit- 
genossen der Pariser Aufent- 
halt nicht ganz zum Vortheile 
ausgeschlagen ; sie fanden das, 
was er malt, zwar vortrefflich, 
aber nur dem Gegenstande, 
nicht dem Wesen nach deutsch. 
Vautier blieb nur den Winter 
über in der Kunststadt an der 
Seine und kehrte schon nach 
sechs Monaten nach Düssel- 
dorf zurück, obwohl er in Paris 
mit dem Malen einer figuren- 
reichen Komposition begonnen 
hatte. Diese, «eine Kirchen- 




Benjamiii Vautier. Studien7,eichmin<; 




scene», malte er nun 
in Düsseldorf fertig 
und sie brachte ihm 
auf der grossen histori- 
schen Münchener Aus- 
stellung 1858 einen 
grossartigen Erfolg 
ein. Durch Krankheit 
im Arbeiten gehindert, 
musste er fast das 
ganze folgende Jahr 
an das Bild wenden. 
Es schildert die An- 
dächtigen in einer 
Schweizer Dorfkirche 
während des Gottes- 
dienstes. Im Mittel- 
punkte der betenden Gruppen 
finden wir ein rührend schönes 
Mädchen zwischen Mutter und 
Grossmutter in seine Andacht 
vertieft. Das Bild gefiel nicht 
allein um der liebenswürdigen 
und naturtreuen Darstellune 
willen, sondern namentlich auch 
durch den, in München damals 
noch fast unbekannten feinen 
Ton der Malerei 

In einem Bericht des « Deut- 
schen Kunstblattes » aus dem 
Sommer 1857 ist uns ein Do- 



Benjainin Vautier. Studienzeichming 

kument darüber erhalten, wie es damals in Vautier's Werkstatt aussah; die Zeilen seien in Folgendem 
wiedergegeben, da sie zugleich auch von einigen Bildern des werdenden Meisters in kurzen Worten 
berichten: «Benjamin Vautier aus Genf, jetzt in Düsseldorf, wo ihm eine schöne, liebliche Braut blüht, 
zeigt uns in seinem Atelier ein anmuthiges Bild, ein junges, blondes Mädchen am Spinnrade singend, 



36 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

wie die Haltunjj des Kopfes und die geöfifneten Lippen zeigen, und daneben, den müden Kopf auf 
die Hand gestützt, eine Alte am Herde sitzend. Der magere Arm der Alten, ihre ganze Stellung, 
Alles hatte etwas ungemein Lebenswahres, die einfache Situation etwas sehr Ansprechendes Ergötzlich 
war das Mittagsmahl in einer Bauernstube : die Mutter, eine kräftige, frische Gestalt, füllt eben die 
Suppe zum zweiten Male einem derben Knaben auf, der offenbar den gesundesten und grössten 
Magen in der. Familie hat und aufgestanden ist, um den Teller zu reichen, ein anderes Kind lässt es 
sich schmecken, ein ganz kleines, blondgelocktes Jüngelchen, noch geröthet vom Schlaf, im Hemdchen, 
nur mit Strümpfen bekleidet und in zitternden Händchen den Löffel haltend, sieht eifrig in den Teller 
hinein, ein grösseres, schlankes Mädchen hat sich eben zu Tisch gesetzt und blickt zum Bilde hinaus 
auf den Beschauer. Noch ein angefangenes Bild «Landleute in den Kirchenstühlen sitzend und singend», 
versprach viel, die Zeichnung und Anlage der Köpfe, der Ausdruck der Gesichter war sehr schön; 
mit vorzüglicher Liebe wieder war das ausdrucksvolle Profil einer alten Frau gemalt. Eine Skizze, 
ein Berner Mädchen in der kleidsamen Tracht, und schön, wie fast alle Berner- und Brienzerinnen, 
war ein liebliches Seitenstück zu Schröder's (des Düsseldorfer Humoristen) Küfer. Er zeigte uns noch 
eine alte hexenhafte Frau, die er mit Knaus zusammen nach dem Leben im Schwarzwald gemalt, 
schaurig anzusehen, und erzählt uns, wie die Alte durchaus gewünscht, dass einer von ihnen ihr 
Enkelchen, eine vierschrötige Dirne mit strohgelbem Haar, heirathen sollte, und ihnen vorerzählt, 
wie schön sie die jammervolle Hütte unter dem Felsgestein, wo sie wie eine von Macbeth's Hexen 
thront, herrichten wollte. » 

Man sieht, nach den langen Jahren des Suchens und Zweifeins war der späterhin so fruchtbare 
und an Einfällen reiche Künstler bereits im besten Zuge und nun folgte bald Erfolg dem Erfolg. Schon 
vor seinen Münchener Triumphen durch das bereits erwähnte Bild «In der Kirche» hatte er 1857 
auf einer Ausstellung im Haag bereits eine silberne Medaille eingeheimst, durch die Münchener Aus- 
stellung war er mit einem Schlage in den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt. Und 
jedes seiner Werke gefiel nun in hohem Masse: 1859 seine noch mit Schweizer Lokalfarbe gesättigte 
«Auktion im Schlosse», 1860 die «Nähschule», in welcher der Maler bereits Schwarzwälder Mädels 
darstellte und 1860 die «Frauen, die ihre Männer im Wirthshause abfassen». Vielleicht ist das 
letztgenannte Bild das populärste des Meisters geblieben; es hat tausende von Wänden im deutschen 
Heim geschmückt und Tausende durch seinen schalkhaften, gewinnenden Humor und seine Lebens- 
treue erfreut und prangt nun im städtischen Museum zu Leipzig. Der Vorgang des Bildes braucht 
kaum geschildert zu werden, so bekannt ist dies Werk aller Welt: Während des Gottesdienstes haben 
vier Bauern im Wirthshaus Karten gespielt und ihre Frauen, aus der Kirche kommend, überraschen 
die Uebelthäter mit wohlverdientem Strafgericht. Der Aelteste der Viere hat sich vor dem ersten 
Ansturm in der Ecke verborgen, der Jüngste, ein flotter Bauer in schwäbischer Tracht nimmt die 
Strafpredigt seines hübschen Weibchens mit Zerknirschung entgegen. Sein älterer Genosse hat, wie 
aus den abgehärmten Zügen seiner Rachegöttin zu lesen ist, schon Manches auf dem Kerbholz und 
lässt, den Rücken wendend, das Strafgericht verstockt über sich ergehen. Der Vierte spielt den welt- 
verachtenden Philosophen und fügt zu seiner Schlechtigkeit auch noch herausfordernde Frechheit. 




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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



37 




Benjamin Vautier. Studienzeichnung 



Jede der Figuren ist dem Leben abgelauscht — 
bei keiner naht sich die scharfe Charakteristik 
der Grenze der Caricatur. 

Der 1864 gemalte «Sonntagnachmittag in 
Schwaben » zeigt uns eine Episode ländlichen 
«Kriegs im Frieden». Wir sehen acht junge 
Mädchen, die sich am Rand eines Weidenge- 
büsches auf Steinen und Baumstämmen gelagert 
haben und zusammen plaudern. Sie haben wohl 
den Angriff des nicht eben feindlich gesinnten 
Gegners, einer Gruppe junger Burschen, die aus 
dem Thalgrunde gegen sie heranzieht — längst 
erwartet. Die Einen blicken dem nahenden 
Schwärm bereits entgegen, die Andern maskiren 
ihre Erwartung und Sehnsucht wohl nur unter 
dem Scheine gleichgültiger Reden und Eine — 
die, ein Sträusschen bindend, unter der alten 
Weide steht — ist vom Pfeil der Liebe bereits 
ganz ernsthaft , vielleicht sogar ein wenig zu 
ernsthaft verwundet. Sie blickt ziemlich traurig auf den werdenden Strauss. Gegenüber auf einem 
Hügel liegt das Dörfchen mit dem spitzen Kirchthurm freundlich da; die Landschaft athmet Sonntags- 
frieden, das ganze Bild warm pulsirendes Leben. Der Maler hat diese Scene nicht für sein Bild er- 
funden, sondern mehrfach mit Augen gesehen, er hat Wochen lang in dem Dörfchen auf dem Hügel 
gelebt und ist den Menschen näher getreten, die er dann auf dem Bilde verewigt hat. Dieses Bild 
lässt so recht wahr erscheinen, was Richard Muther, durchaus kein bedingungsloser Verehrer des 
Meisters, aber Einer, der dessen sympathische, urdeutsche Eigenart voll würdigt, von Vautier sagt: 

« Vautier entdeckte als der Ersten einer den Stimmungszauber 
der Umgebung, den geheimnissvollen Einfluss, die den Menschen 
mit der Scholle, auf der er geboren ist, verknüpft, die tausend 
unbekannten magnetischen Strömungen, die zwischen den Dingen 
und dem Gemüth, den Anschauungen und den Handlungen des 
Menschen bestehen. Die Umgebung steht nicht da wie der Pro- 
spekt einer Bühne, vor dem die Personen kommen und gehen, 
sie lebt und webt auch im Menschen selbst». 

Im nächsten Jahre, 1865, entstand das, ebenfalls ziemlich weit 
bekannte Bild «Bauer und Makler», ein Stück packenden, 
grimmig ernsten Bauernlebens, eine Scene, die sich hunderttausend- 
mal abgespielt haben mag in Bauernstuben aller Stile. Hier ist es 

11 6 




Benjamin Vaulicr. Studienzeichnung 



38 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



ein Bauernhaus Schwabens, wohin uns der Künstler führt. Der Hausvater ist offenbar in schweren 
Nöthen. Pläne und Geldrollen auf dem Tische, an dem er mit einem jüdischen Makler und einem 
behäbigen Landmann sitzt, verrathen, dass es sich darum handelt, dem armen Teufel seiner Väter 
Erbe abzuschwatzen. Das Weib des Bauern, den Säugling auf dem Arm hat dem Unglücklichen 
abmahnend die Hand auf die Schulter gelegt: lieber Noth und Entbehrung auf der eigenen Scholle, 
als losgelöst vom Heimathboden in die Fremde ziehen, vielleicht gar hinüber über das weite Meer! 
Kalt und ruhig blickt der Käufer darein, während der Makler dem Bedrängten die Vortheile des 
Verkaufes an den Fingern vorzählt. 

Benjamin Vautier hat 1865 für dieses Bild in Paris die goldene Medaille erhalten. 

Ein neues grösseres Werk und ein neuer Triumph folgte noch im selben Jahre, der «Leichen- 
schmaus». Mit diesem Bild, zu dem er die Studien an Ort und Stelle, im Berner Oberland, gemalt, 
griff Vautier wieder zu einem Stoff aus seiner Schweizer Heimath. Das Bild, jetzt im Besitze des 
Museums zu Köln, führt uns in eine Bauernstube, 
wo das Begräbniss des Hausherrn von der Schaar 
der Angehörigen bei einem Glase Wein auf landes- 
übliche Weise gefeiert wird. Das halbwüchsige 
Töchterlein des Verstorbenen kredenzt den Leid- 
tragenden den Gedächtnisstrimk; die trostlose 
Wittwe, die zu trösten sich die Gevatterinnen 
nach Kräften bemühen, hat neben dem Bette ihres 
Gatten Platz genommen. Mehr fast, als irgend 
ein anderes Werk Vautier's zeigt dieses seine 
Kunst starker und gesunder Menschenschilderung, 
die das Schöne und Anmuthige findet, ohne je 
süsslich zu werden, das Charakteristische darstellt, 




Benjamin Vautier. Studienzeichnung 



ohne das Hässliche zu suchen. Obwohl ein wenig idealisirt, oder doch wenigstens von ihrer besten 
Seite aufgefasst, sind seine Menschen doch echte Menschen, echt in Rasse und individueller Eigenart, 
echt in ihren Bewegungen und im Ausdruck ihrer Gefühle. Vautier hat manches packende Drama 
und manche stille Tragödie gemalt, Sterbehäuser, Todtenbetten und Krankenstuben — aber nie finden 
wir eine Spur von Pose oder Schauspielerei. Eine schöne Ehrlichkeit, eine anheimelnde Lebenswärme 
überall, die weit mehr ergreift und fesselt, als der novellistische Inhalt seiner Bilder an sich. 

Hier seien noch einmal Richard Muther's Worte, mit denen der moderne Kunstforscher Vautier's 
liebevoller und liebenswürdiger Kunst der Menschenschilderung würdigt, angezogen ; er schreibt : 

« Fast rührend zu sehen, wie schön und rein in Vautier's Kopf sich das Leben spiegelt. Wie 
zart sind diese bräunigen schwäbischen Bauerntöchter, wie sympathisch und mild diese Frauen, wie 
reinlich und artig die Kinder. Man möchte glauben, dass Vautier freundlich und väterlich wohlwollend 
mit seinen Bauern verkehrt, sich selbst wohl fühlt bei ihren harmlosen Vergnügungen, dass er auch 
ihre Schmerzen und Sorgen theilt; und über diese Eindrücke berichtet er in seinen Bildern nicht streng 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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und überlegen lächelnd, sondern in schonender herzlicher Weise. Er will nicht aufregen oder er- 
schüttern, weder durch Witze, Komik, noch durch Trauriges Trübsal erwecken. Das Leben zeigt 
ihm — wie Goethe während seiner italienischen Reise — «lauter angenehme Gegenstände» und selbst in 



traurigen Schick- 
salsfügungen nur 
Leute, die « das 

Unvermeidliche 
mit Würde tra- 
gen». Kein lauter 
Schmerz , Alles 
leise abgedämpft, 
von jener Milde, 
die sich im Klang 
des Vornamens 

Benjamin aus- 
spricht. Knaus hat 
etwas von Men- 
zel, Vautier von 
— Memhnc, auch 
in der liebevollen 
Intimität, mit der 
er das Kleine durch- 
dringt. Die alten deut- 
schen und niederlän- 
dischen Meister malten 
in ihren religiösen Bil- 
dern Alles bis zum 
Nachtgeschirr Marias, 
den gestickten Lilien 
ihres Webstuhls oder 
dem Staub, der auf 
dem alten Gebetbuch 
liegt, und diese echt 
deutsche Freude am 




ßetijaiiiin Vautier. Studienzeichnung 




Benjamin Vautier. Studienzeichnung 



Stillleben, die be- 
hagliche Schilder- 
ung des Kleinen, 
kehrt auch bei 
Vautier wieder. 
Menschen und 
Wohnungen, be- 
lebte Natur und 

Atmosphäre 
setzen sich bei ihm 
zu einem freund- 
lichen Stück Welt 
zusammen ». 

Benjamin Vau- 
tier hatte durch 
die genannten Er- 
folge als Genre- 

o 

maier seinen Weg 
in der Kunst gefunden, 
und nun folgte Bild auf 
Bild aus dem Bauern- 
leben der alemanni- 
schen Rasse. Bald 
waren es Schweizer, 
bald waren es Schwarz- 
wälder oder andere 
Schwaben, bald war es 
Ernstes, bald war es 
Heiteres, was er malte, 
immer war es warm 
und eemüthvollerfasste 



Wirklichkeit. Erfindungsreicher, weicher und mit mehr Erzählertalent begabt, als der markigere und 
nervenstärkere Defregger, liebenswürdiger und poesiereicher als der scharfäugige und unerbittlich 
beobachtende Knaus, schuf er sich seine Kunst, so recht gemacht, ihn, den Schaffenden und die 
Sehenden zu erfreuen, eine Kunst, die ins Volk dringen musste. Und, Dank den gründlichen Vor- 

6« 



40 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

Studien seiner Such- und Lehrjahre, schuf er so leicht, dass er, trotz aller Gründlichkeit und liebe- 
vollen Durchbildung im Detail seiner Bilder zu unsern schöpferischsten Malern zählt. 

Nach dem «Leichenschmaus» malte Vautier einen « Alterthumssammler im Bauern- 
haus», vor dem die Inwohner ihre Schätze zusammentragen, Werthvolles und Werthloses, eine 
gothische Heiligenfigur und eine alte Kaffeemühle. Dann kam (1872) eines der Hauptwerke Vautier's, 
die «Fahrt über den Brienzer See zu einem Begräbniss»; es ist ein Kindersarg, den ein 
junges Ehepaar in tiefer Trauer auf einem, von jungen Burschen geruderten, von einem Mädchen 
gelenkten Nachen über das Wasser geleitet. Ungefähr um die gleiche Zeit entstand eine ländliche 
Szene «Am Krankenbette», die Eigenthum der Berliner Nationalgalerie geworden ist. Ein junges 
Weib liegt schwer krank auf dem Schmerzenslager und ihr Gatte, den eingeschlafenen Liebling auf 
dem Schooss, sitzt neben ihr, den Blick ernst auf sie gerichtet, ihre Hand fest in der seinen. Ein Abschied r 
Ein Gelöbniss? Ein Willkommen zu neuem Leben.'' — Jedenfalls ein ergreifendes Stück Menschenschicksal! 

Im Jahre 1873 wurde auf der Wiener Weltausstellung das «Begräbniss auf dem Lande», 
ein sehr figurenreiches Bild, allgemein bewundert ; es schildert die in Ergriffenheit und wohl auch in 
Neugier wartende Menge vor einem Bauernhaus, aus welchem eben ein Sarg getragen wird. Im 
Vordergrunde wartet schon die Bahre ihrer traurigen Last. Frauen und Männer — getrennt aufge- 
stellt nach alemannischer Art — blicken theilnahmevoll dem Sarge entgegen — im Hintergrunde hält 
der gestrenge Dorfbüttel mit dem Stabe die Schuljugend zurück. Ein Bild aus der Lichtseite des 
Lebens gibt Vautier wieder in seiner (schon 1868) gemalten « Ländlichen Tanzstunde ». Vordem 
bäuerischen Tanzmeister mit seiner Fiedel sind in der oreräumicren Stube des Dorfwirthshauses etliche 
dralle junge Dirnen angetreten und werden eben — die Fussspitzen nach auswärts! — in der «Grund- 
stellung» unterwiesen; eine der Schönen hält sich am Ofen fest, um den Tanzschuh zurecht zu rücken. 
Links warten die Burschen, bis auch an sie die Reihe kommen mag. Auch der «Unterbrochene 
Streit» spielt im Dorfwirthshaus. Zwei Burschen haben Streit gehabt, ein Streit, dessen Spuren 
wir an den handelnden Personen eben so wohl wahrnehmen, wie an dem Stillleben von umgeworfenen 
Stühlen und zerbrochenen Flaschen, die umherliegen. Der Eine der Burschen, offenbar der Sieger, 
wird von seiner Mutter zurückgehalten, auf dass er seinen, entschieden noch nicht ganz vertobten 
Berserkerzorn nicht völlig entlade, den Unterlegenen halten Kameraden davon ab, einer bedenklichen 
Revanchelust freien Lauf zu lassen. Auch der Polizeidiener ist bereits erschienen und vernimmt mit 
strenger Amtsmiene Anklagen und Vertheidigungen, die ihm vorgetragen werden. 

Von seinen Bauern weg in höhere Sphären führt uns der Künstler in seine «Verlobung» 
(1870), ein Kostümstück, das uns eine tafelnde Gesellschaft der Rokokozeit schildert, in deren 
Mitte ein Poet eben einen Toast auf das Brautpaar ausbringt. Auch der Stoff zum «Trotzkopf» ist 
der gleichen Gesellschaftsschicht in gleicher Zeit entnommen: eine Frau Mama hat den Seelsorger zu 
Hilfe gerufen, dass er einem hübschen Mädchen ins Gewissen reden soll. Das Trotzköpfchen hat 
sich schmollend abgewendet — und Recht hat sie! Den flotten Burschen, den sie lieben mag, 
soll sie nicht aufgeben und wenn sich alle Mütter und Abbates der Welt dagegen auf den Kopf 
stellen ! Das ist das Recht der Jugend ! 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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Benjamin Vautier. Studienzeichnung 



Benjavün Vautier. Studienzeictinung 



Vautier ergeht es übrigens in diesen und noch etlichen anderen Bildern genau so, wie fast allen 
andern Bauernmalern in gleichem Fall. Sein überlegenes Können bewahrt ihn davor, etwas Schlechtes 
zu machen, aber wirkliche Eleganz, die bestechende Grazie der Weltdame, den Chic des Salons ver- 
mag er nicht recht wiederzugeben. Dazu gehört eine leichtere Hand, als sie der haben kann und 
darf, der gewohnt ist, Arbeitsmenschen in ihrem Thun und Treiben nachzubilden. 

So recht wieder in seinem Element ist er bei dem 1871 gemalten, figurenreichen «Zweckessen 
auf dem Lande» gewesen: Die Honoratioren eines Dorfes setzen sich in einer ländlichen Wirths- 
Stube eben zu Tisch. Der Herr Landrichter hat bereits das Präsidium eingenommen und die ihm 
zunächst Rangirenden, wohl Pfarrer und Lehrer, sitzen neben ihm; die Uebrigen scheinen in der Wahl 
ihrer Plätze noch unschlüssig, misstrauisch und wohl auch missgünstig blickt einer der Bauern auf den 
andern, als fürchte Jeder sich was zu vergeben, oder in Bezug auf die ihm gebührenden Ehren zu kurz 
zu kommen. «Der Besuch am Herd» (1873) vereinigt zwei liebliche Schweizer Mädchengestalten 
in einem traulichen Kücheninterieur, das etwa um ein Jahr später gemalte Bild «Die entzweiten 
Schachspieler» schildert mit feinem glücklichem Humor, die im Titel des Bildes gekennzeichnete 
Szene. Wir finden uns im Heim eines wohlhabenden Junggesellen, der eben mit einem Besucher, einem 
geistlichen Herrn Schach gespielt und sich mit diesem wegen irgend eines Zuges «zerkriegt» hat. Ver- 
legen sucht der Hausherr seine Pfeife in Brand zu setzen, während der Abbe mit der Linken auf 
der Tischplatte trommelt, mit der Rechten ein Zeitungsblatt sich vor die Augen hält. Als Typen, 
wie dem Ausdrucke ihrer momentanen Stimmung nach, sind die beiden alten Herren virtuos gekenn- 
zeichnet, liebenswürdig und doch mit schärfster Beobachtung. 



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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



Aus dem Jahre 1S75 stammt die «Aufforderung zum Tanz», eines der charmantesten 
Schwarzwälder Bilder des Meisters. Die Szene ist eine Gasse vor dem Dorfwirthshaus, unter dessen 
Siebendach man eine fröhliche Schaar zu sonntäglichem Vergnügen versammelt sieht ; ein flotter junger 
Bursch fordert zwei vorüberkommende Mädchen zum Tanze auf — die Eine hat schon eingewilligt, 
die Andere scheint sich noch ein wenig zu bedenken. Das ganze Bild athmet die freundlichste 
Stimmuno-; man vermeint die Tanzmusik und das Plaudern und Lachen aus dem Wirthsijarten herüber 
zu hören. Noch im gleichen Jahre entstand der sehr bekannt gewordene «Abschied der Braut 



vom Eltern- 
hause», eine 
prächtige Probe 

schwäbischen 
Volkslebens , in 

dem Rührung 
und frische Hei- 
terkeit gepaart, 

einen guten 
Klang geben. Ein 
später gemaltes 
Bild Vautier's, 
eine «Begrüss- 
ung der Neu- 
vermählten» 
wirkt fast wie 
eine Fortsetzung 
zu dem ebenge- 
nannten Bilde 
und stellt den 
Augenblick dar, 
da der junge 
Gatte glückstrah- 
lend sein blühen- 




des junges Weib 
seinen Eltern zu- 
führt. Die Mutter 
hat bereits die 
Hand der jungen 
Frau ergriffen 
und blickt ihr, 



treuherzig 



prü- 



fend, in die Au- 
gen ; das Schwe- 
sterlein des 
Gatten eilt der 

neugewordenen 
Schwägerin mit 

ausgebreiteten 
Armen entgegen. 
Ganz anderer 
Art wieder ist das 
Gemälde «Vor 
der Sitzung», 
mit dem unser 
Maler 1876 die 
Münchener 



Benjamin V'atitier. .Studienzeichnung 



Ausstellung be- 
schickte; es ist in seinem Gegenstande nicht ganz leicht verständlich und wohl darum weniger populär 
geworden. Was Kraft der Charakteristik betrifft, zählt es aber Vautier's besten Werken bei und das 
ganze Milieu, der Sitzungssaal des Gemeinderaths einer kleinen Stadt, der sich eben zu einer wichtigen 
Besprechung versammeln will, die Gesichter der den verschiedensten Lebenssphären angehörenden 
Gemeinderäthe, die in mehrere Gruppen getrennt, theils für, theils gegen ein Projekt zu agitiren 
Schemen, alles das ist meisterlich geschildert, mit jener höchsten Charakterisirungskunst, welche die 
Schwächen der dargestellten Menschen scharfäugig erkennt, aber ihren Eindruck in der Schilderung 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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Benjamin Vautier. Studienzeichnung 



durch das heilige Mitleid mildert : Tout comprendre 
c'est tout pardonner ! Das muss der Wahlspruch des 
echten Humoristen sein. 

Im «Tanzsaal eines schwäbischen Dorfes» 
ist das Leben und Treiben an einer solchen Stätte der 
Freude mit liebenswürdiger Lebendigkeit, wenn auch 
ohne besondere anekdotische Spitze geschildert. Links 
sehen wir im Dunst des Hindergrundes die Tanzenden, 
rechts die Musikanten und die Zuschauer — unter 
Letzteren namentlich die halbflüggen Schönen , denen 
der Tanzboden noch einen verbotenen Winkel des Para- 
dieses bedeutet. Auf einem ähnlichen Schauplatz spielt 
die figurenreiche «Tanzpause« (1878). Im «Kloster- 
gang« (1879) sehen wir eine fröhlich sich tummelnde 
Mädchenschaar im alterthümlichen, romanischen Kreuz- 
gang eines Frauenklosters. «Katechisatio n« zeigt 
uns die zum Religionsunterricht versammelte Dorfjugend 
in einer Sakristei. Auch das von der Hamburpfer Kunsthalle erworbene Bild «Hinterlist» schildert 
eine Kinderszene : Böse Schulbuben in der verschneiten Dorfgasse, die den Gespielen mit Schnee- 
ballen auflauern. Die «Poststube» führt uns die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft vor Augen, 
die sich vor Abgang des Postwagens in der guten alten Zeit in einem derartigen Warteraum ver- 
sammeln mochte, vom flotten Postillon bis zum betenden Kapuziner. Kinder stehen wiederum im 

Mittelpunkt der Bilder; «Der Vetter» — ein städtischer 
Junge bei seinem derbfrischen bäuerlichen Verwandten zu Be- 
such — , «Die Ermahnung» — ein Mädchen ermahnt vor 
dem Gang zur Schule seine Puppen, recht brav zu sein, 
«Eingeschlafen» (1879), «Im Walde» (1880), «Im 
Bade» (1889) u. s. w. Eine ganze Reihe von kleineren 
Werken hat die Schilderung einzelner liebreizender Frauen- 
gestalten zum Gegenstande und auch mit diesen Arbeiten, 
die für die meisten Genremaler mehr oder weniger « Brod- 
arbeiten» bedeuten, lässt sich Vautier nicht zu leichtherziger 
Fabrikation herab, sondern er wahrt immer seinen künst- 
lerischen Rang. Wir nennen hier «Spielkätzchen», «Ein 
Brief aus dem Thale», «In der Kirche», «Brigitte», 
«Winzerin», «Schifferin», «Regina», «In Erwart- 
ung», «Jetzt gang i an's Brünnele» . . ., «Bärble», 

Benjatnin Vautier. Studienzeichnung « 1 J 1 e 1 OllCtte» U. S. W. 




44 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

Durch alle Lebensphasen und Schicksale verfolgt der Maler seine strammen Burschen und 
schönen Mädels, seine Bauern und Bäuerinnen. Das prächtige Werk «Der Gang zur Civiltrauung» 
ist im Besitze der berühmten Heyl'schen Galerie in Worms. Das 1887 gemalte «Bange Stunde», 
das durch seine lichte, in bestem Sinne moderne Malweise auch in technischer Beziehung lebhafte 
Bewunderung hervorrief, lässt mit ergreifender dramatischer Gewalt eine Szene banger Sorge im Kranken- 
zimmer eines jungen Weibes sich abspielen. «Kindlicher Trost» (1886), «Der verlorene Sohn» 
(1885), «Besuch bei der Genesenden», «Verlassen» sind durchweg Familienszenen, die tief 
zum Herzen sprechen. Des Lebens heitern Seite abgelauscht ist das 1881 fertig gewordene «Unfrei- 
willige Beichte». Wir sehen zwei reizende junge Mädels, die unter dem alten Baum vor der 
Kirche ihre Liebesgeheimnisse austauschen, nicht ahnend, dass ihnen verborgen auf der entgegen- 
gesetzten Seite des Baumes der gestrenge Herr Pfarrer, scheinbar in sein Brevier vertieft, ihre Geständ- 
nisse belauscht. Die beiden lichtübergossenen, jugendlichen liebenswürdigen Mädchen hier sind von 
ganz besonderem malerischen Reiz. Harmlose Heiterkeit athmen auch jene Bilder des Malers, welche 
Begegnungen der Städter mit gesunden Naturkindern zum Vorwurf haben: «Der Botaniker auf dem 
Lande», «Ein galanter Professor», «Auf der Studienreise», «Ein williges Modell», «Das 
entflohene Modell». 

Im Erfinden anekdotischer, novellistischer Sujets ist Vautier so ideenreich gewesen, wie kaum 
ein Zweiter. Hier zeigt er in traulicher Bauernstube am Sonntagnachmittag — er sieht die Welt 
überhaupt im Sonntagsstaat am Liebsten und schildert sie selten im Arbeitskleide — Burschen und 
Mädels beim «Schwarzen Peter», dort führt er uns zu gleicher Stunde in eine Schenke, wo ein 
gewandter «Taschenspieler» einer Schönen eben eine Karte aus dem Mieder zieht; er verewigt 
zwei Dorfmädchen, die im Städtchen den Trödelkram in der Auslage eines Krämers bewundern, er 
lässt die zärtliche Auseinandersetzung eines Liebespaares durch ein in der Ofenecke verborgenes kleines 
Schwesterchen belauschen; er führt eine Bauerndirne in die «Magistratische Kanzlei», wo sie im 
Vorsaale den Amtsdiener und in der Schreibstube den Kanzlisten eineeschlafen findet ; er conterfeit 
mit der feinsten Menschenkenntniss eine Gruppe prozessirender «Bauern vor Gericht» (1880), ein 
junges Paar, das den betrügerischen Schmuel oder Veitel «Vor dem Dorfschulzen» anklagt, er 
zaubert im «Gast im Herrenstübel » ein naturtreues Stück ländlichen Philisterlebens auf die Leinwand. 
Das «Brautexamen» lässt er sein Liebespaar vor einem alten Pfarrherrn bestehen, der merkwürdig 
an den vielgenannten Sebastian Kneipp erinnert; andere geistliche Typen zeichnet er in der «Schach- 
partie»; voll Humor ist die «Barbierstube», voll anmuthiger Schelmerei die Szene «Ohne Ge- 
nehmigung des Urhebers», von grosser Schärfe der Charäkterzeichnung «der Hypochonder» ; 
poetisch reine Sonntagsstimmung, die stillste und lauterste fast von allen den vielen Sonntagsbildern 
Vautier's athmet die in einem Dorf kirchhof des Berner Oberlands verlegte Szene «Vor der Kirche» 
(1884). Eine Schwarzwälder Amme, vom älteren Brüderlein des Säuglings in ihren Nährpflicht belauscht, 
stellt das Bild «Eine merkwürdige Begebenheit» (1877) dar, «Abgetrumpft» eine dralle 
Bauerndirne, die eben aus einem Parkthor schreitend, dem frechen Lakaien des Herrenhauses die 
gebührende Abfertigung zu Theil werden lässt. 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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Benjamin Vautier. Studienzeichnung 



Benjamin Vaiiticr. Studienzeichnung 



Die Zahl der Bilder, die unter Meister Benjamins Pinsel entstanden, ist fast unerschöpflich und 
wollte der Chronist mehr geben als eine trockene Aufzählung, so würde ihm unter der Hand ein 
Buch aus diesem knappen Nachruf. Nur eines Werkes sei noch ein wenig ausführlicher gedacht, 
eines Werkes, in dem der Maler so recht seine ganze Kunst und Kraft gezeigt, ob es gleich in 
seinem Gegenstande von Vautier's ureigenstem Gebiet, der Bauernschilderung, ein wenig ablag : der 
«Verhaftung». Auf der Münchener Ausstellung des Jahres 1879, also zu einer Zeit, wo die 
lebendige, dramatisclie Darstellung eines Gegenstandes, die Erzählerkunst des Malers in höchster 
Geltung stand, erregte das Bild Sensation und wird als eine der vornehmsten Typen dieser Kunst- 
gattung auch dauernd giltig bleiben : In der malerischen, alten Kleinstadt ist am frühen Morgen ein 
— der Aufschrift seines Ladens nach — jüdischer Verbrecher verhaftet worden. Vor Schmerz und 
Schande ergriffen ist seine Tochter oder sein Weib an der Schwelle zusammengebrochen ; eine Alte 
tröstet sie. Die Nachbarn, die Zeugen der Szene waren, umstehen noch die Stätte und während die 
Einen geschwätzige Neugier, ja wohl auch boshafter Hass erregt und zu lebhaften Erörterungen über 
den Vorfall führt, bewegt die Andern inniges Mitleid mit den Armen an der ausgetretenen Schwelle 

ir 7 



46 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

des Wuchererhauses. Jede dieser Gestalten ist köstlich gesehen und köstlich getroffen , am Köst- 
lichsten aber wohl die des jungen Mädchens im Vordergrund, das in tiefer, mitfühlender Ergriffenheit 
zu den unglücklichen Frauen hinüberblickt. 

Noch einer anderen Seite von Vautier's künstlerischem Schaffen soll nicht vergessen werden, 
seine Thätigkeit als Zeichner und Illustrator. Im Jahre 1865 erschien eine von ihm mit herrlichen 
Zeichnuneen versehene Prachtausgabe von Immermann's «Oberhof»; Wilh. Lübke hat u. A. diese 
Vautier 'sehen Zeichnungen mit geradezu enthusiastischen Worten gewürdigt. Noch näher lag ihm, 
dem «Schwabenmaler«, die Aufgabe, Auerbach's Dorfgeschichte, das «Barfüssele» mit Bilderschmuck 
zu versehen und vielleicht sind hier die Bilder des nachschaffenden Zeichners wahrer und echter aus- 
gefallen, als die Gestalten des seinerzeit so sehr überschätzten Salon-Romanciers. Im gleichen Jahre 
wie das «Barfüssle», 1869, erschienen seine Bilder zu «Hermann und Dorothea». 

Was die äusseren Ehren, die Vautier erfuhr, betrifft, so haben wir verschiedener, ihm ertheilter 
Ausstellungsmedaillen schon gedacht. Er hat deren noch viel mehr erhalten, österreichische, preussische 
und bayerische Orden wurden ihm verliehen und er war Mitglied der Akademien von München, 
Berlin, Wien, Amsterdam und Antwerpen. 

Einer der Besten seines Faches und seiner Zeit hat er sich einen Platz in der Kunstgeschichte 
für immer gesichert, einen Platz, den ihm auch die neidlos zuerkennen mussten, die neben ihm nach 
ganz anderen künstlerischen Zielen strebten. 

Der Lorbeer, der ihm grünt, wurzelt im Herzen seines Volkes. 



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DIE 



Münchener Jahres-Ausstellungen von 1898 



VON 



FRANZ HERMANN MEISSNER 



t Ein selbständiges Recht hat die Technik in der künstlerischen 
Thätigkeit nicht; sie dient lediglich dem geistigen Prozess. Nur wo 
der Geist keine Herrschaft auszuüben im Stande ist, gelangt sie zu 
selbständiger Bedeutung, Wichtigkeit, Ausbildung und wird künstlerisch 
werthlosi. Conrad Fiedler, 

« Cjefühl ist Alles ! » sagt irgendwo Goethe, der grosse deutsche Idealist von Weimar, mit der 
ihm eigenen Kürze der Sentenz. Ein neuerer französischer Nationalökonom hat diese Formel tenden- 
ziöser gefasst ; er wendet sie auf das Leben der Völker und das Gesetz von Wachsthum und Nieder- 
gang an; er weist überzeugend nach, dass die zu- 
kunftsfähige Lebenskraft eines Volkes nicht auf der 
Höhe von Technik, Verkehr, Existenzsicherheit, Aus- 
bildung der Staatsorganisation beruht, — vielmehr 
allein von der Stärke und Richtung seines 
Gefühlslebens abhängt. Die Straffheit der Moral, 
eine allgemeine Lebensführung mit selbstbeherrschen- 
der Hinsicht auf den ganzen Volkskörper, die an- 
gespannte Seelenkraft in der selbstlosen Hingabe an 
fruchtbare Ideale, — das sind die schöpferischen und 
erhaltenden Elemente, mit denen Sparta, Athen, Rom 
im Alterthum, — Spanien, Italien, Frankreich im 
Ausgang des Mittelalters aufsteigend ihre Grossthaten 
verrichteten; «so herrlich weit es aber alle diese 
Volkskörper in der Geschichte auf allen Gebieten 
gebracht», — nichts konnte den Niedergang und 
den völligen Verfall aufhalten, als schrankenloser 
Egoismus des Einzelnen, schwüles Abirren von natürlichen Anschauungen und Regungen, Entartung, 
gedankenlose Umwerthung der öffendichen Erscheinungen die Seelenkraft geschwächt hatten. Denn 
mit der Seelenkraft verliert sich der Schwung, und ohne den blind an sich und sein Werk glaubenden 
Schwung der Geister und Seelen wird nirgends mehr eine fruchtbar weiterwirkende That gelingen. 

II 8 




Adalbert Hynais. Studie 



48 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



Die genannten Staaten geben in ihrem Niedergang ebenso viele schlagende Beispiele dafür: wer in 
den öffentlichen Erscheinungen aller Art zu lesen versteht, — wem Kunst und Literatur der Auf- 
gangs- wie Niedergangs - Epochen mehr sagen als den blossen Gegenstand ihrer Darstellung, den 
wird das sichere Walten jenes Gesetzes überall überraschen, ihn fesseln, ihm praktische Schluss- 
folgerungen ermöglichen. 

Was die Kunst anbelangt, die heute mit Recht als einer der wichtigsten Kulturfaktoren gilt 
und den empfindlichsten Werthmesser stets für alle Zeiterscheinungen abgegeben hat, so zeigt sie 
merkwürdige Parallelen der Stilgesetze in allen Aufgangszeiten, — und ebenso in den Niedergangs- 




Hans Petersen. Hochsee 



Zeiten. Sobald hier der mächtige zusammenfassende Herzschlag heraus ist und das Einsgefühl mit 
dem Volksleben ermattet, kommt das leere Virtuosenthum an die Reihe .... die seelenmordende, 

bleiche, geschminkte Routine geht um und flüstert dem Einzelnen cynische Witze in's Ohr 

sie übertönt die mahnenden Stimmen der geistig Freien, Unabhängigen, Selbstvertrauenden, deren Zahl 
in einer Zeit ohnehin immer beschränkt ist, und greift fressend um sich. Und ihr gegenüber hilft, 
wo sie sich an einem sonst noch gesunden Körper zeigt, nur klare Selbstbesinnung und energisches 
Wirken im Sinne gesellschafterhaltender Gefühlskräfte. — Das aber ist auch eine von den Kultur- 
erscheinungen, dass stets innerhalb derselben Zeit Strömungen, welche die Erhaltung der Volkskraft 




Edward T. Compton. Neuschnee im Höllenthal 



50 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



im Auge haben, neben solchen destruktiver Art gefunden werden, und dass den Ausschlag für den 
Zeitcharakter die stärkere Strömung gibt. Für die Zeitgenossen ist es demnach stets die Kardinal- 
frage, entweder aufkeimende destruktive Kulturtendenzen zu unterdrücken oder aber bei bereits vor- 
geschrittenem Stadium um die Gewinnung neuer Gesundheit sich thatkräftig zu mühen. — — — 

Das treiieste Bild unserer Kunstströmungen geben heute so ziemlich die Jahresausstellungen ; 
in Deutschland in erster Linie die Münchner, und das besonders, weil die Beurtheilung der Lage 



durch die örtliche 
Trennung der zwei 
feindlichen Strömun- 
gen auch dem Laien 
einen Einblick in das 
geheime Wirken der 
geistigen Richtungen 
möglich macht. 

Man kann von dem 
Glaspalast kurz 
sagen, dass in ihm 
sich die Kunstarbeit 
des gesunden Volks 
in seinem Genie wie 
in seiner werkthätigen 
Frische, in seiner na- 
tionalen Gesinnung 
und in seiner unge- 
brochenen Kraft ver- 
trauenerweckend 
spiegelt. Auch der 
diesjährige Glaspalast 
wirft ein gutes Bild 
zurück : in Lenbach 
und Klinger zeigt er 
uns trotz des dies- 




Carl Bössenrot/i, Mondaufgang im Moos 



maligen Fehlens der 
weiteren Namen, eine 
wie bedeutende und 
zukunftsvolle Kunst 
wir besitzen, — und 
er zeigt uns in der 
weiteren Gesanimt- 
heit einen erfreulichen 
Durchschnitt mit ge- 
sundem , organisch 

gewachsenem Ge- 
fühlsleben, mit klaren 
Anschauungen und 
einer augenscheinlich 
aufwärts gehenden 
Technik. In ihm kri- 
staliisirt sich die so- 
lideRechtschaffenheit 
nicht nur, welche die 
Münchner Kunst seit 
vielen Jahrzehnten 
auszeichnet, — es ist 
auch thatsächlich die 
Mehrzahl der gröss- 
ten Leistungen in neu- 
ester Zeit in seinem 



Gefolgskreis entstanden. Er steht hinter seinem Vorgänger in keiner Weise zurück. Er übertrifft auch 
in seinem wirklichen Gehalt, wenn man in unbefangener Sachkenntniss abwägt, sicher seinen Secessions- 
rivalen am Königsplatz. Sieht dieser zweifellos pikanter aus, so vergesse man nicht, dass Mixed-Pickles 
und Sardellen auch pikant sind, — dass das Pikante aber weder für die geistige noch für die leibliche 
Nahrung irgend welchen, ^ es sei denn einen vernichtenden, — Werth besitzt. — Hat der Glas- 
palast einige monotone Säle und mancherlei Minderwerthiges, so ist zu berücksichtigen, dass er in seinem 




K. v»u Leubacli |iiu\. 



i'tiot. F. iluurstacusl, MODCbeii 



Eriea und Marion Lenbaeh 




F. vüu l.eiibiicti piux 



fliut. 1', liaui'i.uiib'l, Mlluchcu 



Bildniss 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



51 




Caspar Ritter. Blumen 



System einer objektiven, der ganzen nationalen Hervorbringung dienenden Kunstpflege im Wettbewerb 
auf ein obenhin bestechendes Aussehen mit der Secession nicht rivalisiren kann — d. h. für ein ober- 
flächliches Auge; die Secession gibt ja ihrer schönen einstigen Devise: «Nothvi^ehr für die unterdrückte 
Jugend» — längst die praktische Auslegung, dass durch rabiates Auswählen unter den frischen Kräften, 
— soweit sie nicht einem bestimmten Kreis angehören, — ein buntbewegter, den Laien leicht blen- 
dender Eindruck zu erzielen ist; hätte der Glaspalast in diesem Jahr einmal sich zu dem gleichen 



kunstmörderischen Ver- 
fahren bequemt, so 
würde auch der Naivste 
sehen, durch welch' 
eine Summe bedeuten- 
der Würfe und durch- 
weg gediegener Leist- 
ung er dem Unter- 
nehmen am Königsplatz 
überlegen ist! 

Von der Secession 
hörte ich in München 
Viele sagen, dass sie 
auffällig still stände. 
Das stimmt nicht. Sie 
schreitet in Wirklichkeit 
rapide in ihrem natür- 
lichen Verfall fort. Sieht 



man von einigen Frem- 




Heritianti Vrban. Jugend 



den ab, — deren Viele 
zum Verdecken eigenen 
Defizits herangezogen 
sind, — so bleibt kaum 
ein Dutzend Namen 
solcher, die man mit 
aufrichtiger Freude be- 
trachten kann. Die sehr 
geschickte Anordnung 
der ersten Säle hilft 
darüber so wenig hin- 
weg als die durch- 
triebene Einführung 
und Anpreisung, — als 
die Geschicklichkeit, mit 
der die Secession einen 
Theil der Tagespresse 
für sich zu interessiren 
verstanden hat. Es gibt 



52 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



für die Zustände im Kreise der Secession keine schlagenderen Merkmale, als u. v. A. die bevorzugte 
Vorführung solcher « Leistungen » wie die des einst bessere Tage als Maler gesehen habenden 
A. Keller, — wie das Prinzessinnenbildniss von Hierl-Deron co ; wird die Dame wirklich diese 
Karrikatur auf ihre zarte, durchgeistigte Erscheinung in ihren Zimmern aufhängen und sich überzeugen 
lassen, dass diese Art von «Kunst» — « neueste Errungenschaft » sei??? Oder wie einige der oberen 
Säle, deren Bilder auf uns mit allen Schauern der geistigen Umnachtung wirken, als befände man 
sich in einem Irrenhaus für — moderne Maler? Solche Kritiklosigkeit beweist lediglich für jeden 
Unbefangenen, wie zerfahren und verwirrt die inneren Verhältnisse der Secession sind, die heute nicht 



mehr vorstellt als ein 
paar wirklich begabte 
Maler, an deren Rock- 
schösse sich anschei- 
nend alles Verderbte, 
Talentlose, Verfahrene 
in der neueren Malerei 

unabschüttelbar ge- 
, klammert hat. Sind die 
paar «Könner» in die- 
sem Kreise so ge- 
schmacklos , sich das 
auf die Dauer gefallen 
zu lassen, so ist das 
schliesslich ihre Sache, 
— denn sie haben die 
Zeche zu bezahlen, da 
die Anderen nichts an 
Ruf und Ansehen zu 
verlieren haben. Die 
Herren sollten wohl 




Theodor Esser. Lustige Nacht 



Überlegen , wie wenig 
in neuerer Zeit sie an 
Boden gewonnen haben 
und wie spürbar schon 
das Odium der Führer- 
schaft bei einer destruk- 
tiven Künstlergruppe 
sich an sie gehängt ! 
Denn die Secession hat 

mit der nationalen 
Kunstleistung der Ge- 
genwart im Ganzen 
nichts mehr zu thun. 
Sie vertritt nicht mehr 
die Jugend, — denn 
die wiegt im Glaspalast 
über und neue Kräfte 
finden bei ihr nur eine 
— sehr zurückhaltende 
Gegenliebe. Sie ver- 
tritt nicht mehr die 



social-realistische Malerei, welche auf Grund einer politischen Zeiterscheinung ein logisches Daseinsrecht 
besass, — soweit die Darstellung eben wirklich künstlerisch war, — — sie vertritt auch nicht eine 
auf nationaler Grundlage ruhende Phantasiekunst. Was sie in der deutlich erkennbaren Gesammtheit 
ihrer Werke vertritt, ist Neuaufarbeitung veralteter Auslandsabfälle, — jetzt kommen schon die Newa- 
Tataren an die Reihe, — ujeh! — , — ist ferner minderwerthiges Exercitium in Palettenkniffen, — 
und nicht ein Deut mehr ! Wann hätte in den letzten Jahren die Secession ein wirklich Neues, 
fruchtbar Weiterwirkendes vorgeführt? Sie vertritt auf nahezu allen Linien die Künstelei, 
— nicht die Kunst. Sie schraubt mehr und mehr die Künstlerstellung io die Sphäre des wandern- 
den Geigenjongleurs und Bildnissgauklers, wie sie das vorige und der Anfang unseres Jahrhunderts 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



53 




August Fink. Winterlandschaft an der Isar bei Freising 

gekannt hat. Sie ist Alles im Allem längst keine künstlerische Gruppe mehr, mit der man rechnen 

muss, — vielmehr lediglich eine Personenklique von 5 Leuten mit 50 Palettenakrohaten etwa als 
Anhang, die in ihren kokottenhaft ä Ja Maupassant anmuthenden Ausstellungen den rapiden Verfall 
einer bestimmten degenerirten Gesellschaftsklasse in unserem Volkskörper darstellt. Sie theilt als patho- 
logische Erscheinung mit dieser auch das ganz auffällige Nichtkönnen im «soliden» Handwerk der 
Kunst und die völlige Unfähigkeit, irgend etwas über den Rahmen des ersten Einfalls, der Skizze, des 
Versuchs hinaus als ein vollreifes Werk, als eine vor ernsten Männern giltige Leistung zu Stande zu 
bringen; — das wirkt aus der Gesammtheit der Secessionsausstellung heraus als eine den Kunstfreund 
bedrückende, — und das namentlich, wenn er «mit» der Jugend fühlt! — aber unbarmherzige That- 
sache. Eine nicht aus dem Volksleben mehr oder minder hoch anwachsende Kunstweise ist nicht 
lebensfähig, — der Volksinstinkt wehrt sich, solange er gesund ist, gegen in seinem Sinne anti- 
nationales und antikünstlerisches Schaffen, — er hat sich erfolgreich der Secession bisher erwehrt, 




54 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



— und die .Schlussfolgerung ist nicht mehr abzuweisen, dass 
die Episode der « Secession » nunmehr zu Ende geht. — — 

Gegenüber diesem Hurrahstil überreizter Nerven und 
willenlos jedem Eindruck vom Ausland überlassener Sinne im 
Secessionshaus wirkt der Glaspalast wohlthätig mit der ruhigen 
und nachdrücklichen Dynamik einiger hochbedeutender Schöpf- 
ungen von Zukunftstragweite und einer grossen Zahl grund- 
solider Arbeiten, die auf dem Boden ehrlicher Künstlerbegeister- 
ung an den Welterscheinungen und eines tüchtigen, überall 
sich hervorkehrenden Handwerkskönnens gewachsen sind. 

Die Hauptanziehungspunkte bilden hier diesmal zwei 
unserer grössten, einander vollständig entgegengesetzten Künstler- 
persönlichkeiten, — nämlich Lenbach und Kling er. Man 
kann von der über ein Dutzend Werke enthaltenden, mit der 
grössten Feinheit des Zufälligen vorgeführten Sonderausstellung 
Lenbach' s schlechthin nichts Besseres sagen, als dass eine 
neue Jugend über den Künstler gekommen ist und er die 
bisher eingenommene Höhe, — so unglaublich es klingen 
mag, — noch überboten hat. Seine « Halbfigur einer Zigeunerin » 
ist geradezu ideal vollkommen und eine der schönsten Leist- 
ungen des Künstlers, die unbedingt in ein grosses Museum 
gehört. Ist dieser runde, etwas nach hinten gewandte Körper 
mit dem Gewandfetzen wunderbar gemalt, — ist da ein 
Schmelz, eine Wärme, eine Tiefe im Ton und eine bethörende 
Stimmung, welche uns ähnliche Eindrücke von den grössten 
Meistern der Geschichte, — einem Tizian, Rembrandt, Rubens, 

— lebendig macht! Und diese stupende Wirkung setzt sich 
heuer von Bild zu Bild fort, wobei diesmal das weniger 
Vollendete seltene Ausnahme zu bilden scheint. Da ist das 

erstaunlich feine und schlagend ähnliche Bildniss einer älteren Dame, — neben ihm das süsse 
Köpfchen einer bekannten Münchner Malersgattin, das prächtig im flüchtigen Augenblick eines auf- 
huschenden Lächelns erhascht ist, — von gleicher malerischer Genialität aber auch das Doppelbildniss 
in Vollfigur von einer jungen Dame und einem Mädchen, dessen kostbare Farben bestechend aus dem 
tonigen Hintergrund tauchen : in den fremdartig-feinen Zügen mit dem Feuer und dem sprühenden 
Geist im Auge glaube ich Frau von Lenbach selbst zu erkennen. Ich hebe noch das kraftvolle 
Schauspieler-Bildniss, den reliefartigen Bismarckkopf und Björnsons Conterfei heraus, ohne damit die 
besten Stücke dieses Lenbachsaals annähernd vollzählig angeführt zu haben. — — — Was das 
immer wieder Unbegreifliche an den Lenbachschöpfungen ist: er steht fast überall — seltene Ausnahme 




Eugenie Munk. Pierrot 




F. A. von Kaulbach pinx. 



Phot. F. Haorittaengl, München 



Frau von Kaulbaeh 




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Max Ring. Am Gemüsestand 
Copyright 1898 by Franz Hanfstaengl 



II 9 



56 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



abgerechnet — sicher auf dem Boden der Natur. Seine Farben und Töne sind das Seltenste, oft 
Köstlichste, das Musikalischste möchte ich sagen, was ein königlich in seinem Reich herrschender 
Geist ausgesonnen hat, — es steckt eine grenzenlose Arbeit und Vorbereitung, ein unglaubliches 
Beobachten und Nachdenken in diesen scheinbar so mühelos hingesetzten Tondämmerungen , die in 
dieser Finesse und Dififerenzirung anscheinend niemals in der Natur vorkommen ; aber er verliert 
trotzdem nur sehr 
selten einmal die 
Natur aus dem Auge ; 
sie steht schweigsam 
überall in seinen 
Formen und in jedem 

Gesichtsinhalt als 
etwas ihm genau 
Bekanntes, das er aus 
primitiver, roh wir- 
kender Einfachheit 
erhöht, mildert und 
nach seinen Maler- 
instinkten umgestal- 
tet. Dieser enge Zu- 
sammenhang von 
Natur und Geist bei 
ihm und diese könig- 
liche Herrschaft über 
die Mittel der Kunst 
bedingen Lenbach's 
Grösse ; man darf 
heute, wo Böcklin's 
und Menzel's Werk 
mit dem Alter dieser 
Maler als abgeschlos- 
sen gelten können, 




Conrad Kiesel. Damenbildniss 



von dem jugend- 
frischen Sechziger 
Lenbach ohne jeg- 
liche Uebertreibung 
sagen, dass er der 
erste « Maler >: der 
Gegenwart ist. Und 
dabei ist seine Kunst 
in ihrem ganzen Um- 
fassungskreis,in ihrer 
seelischen Richtung 

doch vollkommen 
national ; sie kann 
vorbildlich dafür sein, 
wie ein Künstler in 
seinen Mitteln sich 
die Erfahrungen aller 
Völker und Zeiten 
der Geschichte dienst- 
bar machen darf, 
ohne den Zusammen- 
hang mit dem Kunst- 
genius seines Vater- 
landes zu verlieren. — 
In einer ganz 
anderen Welt der 
Kunst doch eine 



Lenbach verwandte Erscheinung ist Klinger, der diesmal sein vielgenanntes, in der «Kunst unserer 
Zeit» schon mehrfach besprochenes Riesentriptychon : «Christus im Olymp» ausstellte. Das Bild ist 
äusserst ungünstig angebracht. Der rothe Koloss zur Linken, der blaue zur Rechten sind die unge- 
eignetste Nachbarschaft, — das grelle Oberlicht, das durch ein besonderes Velum hätte gedämpft 
werden müssen, macht die Farben, welche im Vorjahr auf der Leipziger Gewerbeausstellung und in 
der Werkstatt des Künstlers blüthenfrisch und lebendig wirkten, kalt und hart; dem Bild ist bis auf 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



57 




Anton Laupheimer. In Ferien 



die durch ihre tiefere Lage begünstigtere Predelle fast der ganze eigenthümliche Farbenreiz genommen. 
Das ist sehr bedauerlich und sollte abgestellt werden; der Glaspalast hat doch gewiss keine Ursache, 
den geschäftigen Gegnern eines seiner «Haupttrümpfe» Wasser auf die Mühle zu giessen. Das Bild 
darf ich aus den wiederholten Beschreibungen wie aus Abbildungen als so bekannt voraussetzen, dass 
ich ein Eingehen auf seine Einzelheiten unterlassen kann. — Was Lenbach unter den «Malern», ist 
Klinger mit seinem zwischen 200 und 300 Nummern zählenden Gesammtwerk unter den «Künstlern». 
Er ist Phantasiekünstler grössten Kalibers, in dem die Gedankengänge von Antike, Renaissance, der 
gesammten Gegenwart nach künstlerischem Ausdruck drängen, für welchen er die Stecherkunst, die 
Plastik, die Malerei verwendet hat. Seit seiner Reife steht er in den Formen streng auf der Natur; 
aber er erhöht die Natur wie jeder grosse Künstler; seine Farben sind darum ebenso wenig Natur- 
farben wie die von Lenbach; er sucht im Kolorit gewisse grosse symbolische Wirkungen, die seinem 
Bildproblem dienen. Das haben alle grossen Künstler von Giotto bis Michelagniolo, von den Eycks 
bis Dürer, von Cornelius bis Böcklin gethan, — und es ist wirklich gut, dass die Kunst in ihrem 



58 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



Lauf stets noch von grossen Künstlern, nie aber von schlechten Kritikern mit mangelhafter Kenntniss 
der Kunstgeschichte gemacht wird. Wenngleich für Klinger persönlich die Malerei die sprödeste unter 
seinen Techniken ist, hat er doch ein als Bild so ausgezeichnetes Farbenkunstwerk wie das « Paris- 
urtheil >> geschaffen, und man wird auch diesen « Christus im Olymp » trotz mancher ernsten Einwände 
der Zukunft überlassen können. Dies Werk geht seinen Weg mit seiner gedanklichen Grösse, seiner 
edlen Formengebung, seiner Farbenkraft, — ob der Künstler es noch einmal übermalt oder nicht, — 
es ist viel zu bedeutend. Wie wir Germanen aus Gründen, deren Erörterung hier zu weit führt, wohl 



am tiefsten in die welt- 
geschichtlichen Prob- 
leme der Antike und 
der Renaissance ein- 
gedrungen sind, — so 
ist auch dies Werk wie 

andererseits Ibsen's 
« Kaiser und Galiläer » 
ein Zeuge davon; ferner 
aber auch dafür, wie 
grossartig der ideelle 
Zusammenprall von An- 
tike und Christenthum 
von einer modernen 
Künstlerphantasie er- 
schaut worden ist. 

Klinger ist im ge- 
sammten Nord- und 
Mitteldeutschland heute 
rückhaltlos anerkannt; 
wo man ihn im Ein- 
zelnen nicht goutirt, 
hält man sich mit gutem 
Takt zurück, weil man 




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Albcil Hynais. btudie 



sich sao;t, dass ein be- 
deutender Künstler am 
Ende doch Recht hat; 
man ist durch die Er- 
fahrungen mit Menzel 
und Böcklin gewitzigt; 
die Opponenten der 
70 er und 80 er Jahre 
gegen beide haben 
Haare auf der Wahl- 
statt gelassen, — sie 
haben als schliesslich 
nicht ernst genommene 
Leute ihre kritische 
Thorheit mit der Lauf- 
bahn bezahlt und sind 

grösstentheils ver- 
schwunden. Aus einer 
bestimmten, sehr ge- 
kannten Münchner 
Gruppe heraus wird 
jetzt dasselbe mit Klin- 
ger erlebt. Böcklin, an 
dessen Stellung nicht 



mehr zu tasten ist, wird verherrlicht, — aber die « Allegorie » (Böcklin hat kaum Anderes je gemalt !) 
gilt ihnen u. A. als künstlerisches Unding und veraltet. Die Allegorie beherrschte leider nun alle 
Zeiten der Kunstgeschichte, — wie kann man ohne sie Michelagniolo's, Ruben's Namen nennen ! — 
sie wird immer, wo intensives Geistesleben sich mit dem Formentalent der Kunst vereinigt, die 
Darstellung eines Künstlers bestimmen. Das wird nie anders sein und immer werden die Kunst- 
gesetze aus den grossen Kunstwerken abgeleitet werden müssen. Den grossen Kunstwerken aber ist 
es eigenthümlich , dass sie immer vom Wesen der schaffenden Künstlernatur bestimmt werden: der 




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Kruux Stuck p1u\. 



CupjTiglit 1»98 hy KiaDx UaDrstaciigl 



Pallas Athene 



60 



DTE KUNST UNSERER ZEIT. 




eine leistet Unvergängliches im malerischen Ausdruck 
wie Lenbach, — der andere zieht als einsamer Phi- 
losoph die Quintessenz aus der Geschichte und formt 
sie zum Werk der bildenden Kunst wie Klinger, — 
der dritte schildert die bunten Bilder des Lebens un- 
mittelbar nach der Natur wie Menzel und Defregger, 
— ein vierter lässt sich Paradiesesträume einfallen 
wie Böcklin. Ein Jeder wird trotz aller Schul- 
meistereien Recht behalten müssen. Das Einzige, 
was in der Kunst nicht das mindeste Daseinsrecht 
besitzt, das ist die Stümperei, die mit frecher Miene 
vorgibt, Meisterschaft zu sein, — ist die seelenlose 
Mache und jener prahlende «Verzicht» auf Geist, 
Bildung, die Errungenschaften vieltausendjähriger Kul- 
turarbeit, welcher im Grunde nichts als Zugeständ- 
niss blödester Geistes- und Herzensarmuth ist. — ^'^''''"" ^-""- Studienkopf 

Unter den übrigen, der Phantasie huldigenden Werken der Ausstellung sind einige Collektiv- 
Abtheilungen zu nennen. So die interessante von Gysis mit ihrer Vielseitigkeit und ihrem graziösen 
Charakter, — so auch die vornehmen Tafeln von Löfftz; der Meister hat seine langerwartete Dar- 
stellung von « Orpheus und Eurydike » gebracht, — zwei ausgezeichnete Männerakte und ein bekleidetes 

zartes Weib dazwischen mit schönem Rythmus 
der Bewegung, mit einem sehr delikaten Farben- 
geschmack, mit bestechendem Schönheitsgefühl; 
es ist im antikisirenden Stil der älteren deutschen 
Schule eine sehr anmuthige Schöpfung, welche 
es wohl verdient, in der Pinakothek neben des- 
selben Meisters berühmter « Grablegung » zu 
hängen. Erreicht sie diese auch nicht ganz, so ist 
sie doch ein mit unendlicher Liebe und Andacht 
geschaffenes Werk. — Ein sehr verheissungs- 
volles koloristisches Talent ist ferner das von 
Raffael Schuster- Woldan, der Jahr für Jahr 
in junger Meisterschaft gewachsen ist. Er ist ein 
Phänomen an Farbengeschmack und hier von 
hoher Feinheit, — wofür seine «Legende» ebenso 
Beweis ist als das entzückende Mädchenbildniss 
mit seinem System grüner Töne. Kann man von 
seinem « Selbstbildniss » sagen, dass es meisterhaft 




Ernst Thallmaier. Lektüre 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



Gl 



charakterisirt noch ausserdem ist, so geschieht es mit einer gewissen Beruhigung, dass dieses kolo- 
ristische Talent Dank neutralisirender Gabe an der Klippe des Versandens in der Koloristik schwerlich 
scheitern wird. Wir wissen auch von früher her, wie herzhaft der Künstler sein kann, mit dem wir 
uns in Kurzem noch näher beschäftigen werden. Uebrigens ist auch sein Damenbildniss nach dem 
Vorbild des bekannten Selbstbildnisses von Vigee Le Brun eine sehr treffliche Arbeit. Bei der Secession 
ist noch Stuck hervorzuheben. Seine längst bekannte «Kreuzigung» wirkt hier ungleich günstiger 
Dank besserer Beleuchtung, als diejenige seiner Zeit bei der Berliner Ausstellung war, und lässt die 
wuchtigen Massen der Farben viel glücklicher zusammengehen. Man sieht bei solchen Vergleichen, 
wie viel bei einem Bild auf die richtige Beleuchtung und passende Nachbarschaft ankommt. Unter 
mehreren kleineren Tafeln sind noch eine neue Auffassung der « Pallas Athene >> als von guter 
malerischer Durchführung, — ein neues Selbstbildniss daneben besonders hervorzuheben. 




Hermann Moest. Das Los des Schönen 



Nicht viele, aber zum Theil hochachtbare Werke gehören dem religiösen Stoffkreis diesmal an. 
Hier ist seit Jahren ein spürbares Versagen festzustellen, das einem Zeitzuge entspringt. Eine Er- 
nüchterung ist vorhanden, die als ein Rückschlag gegen die reiche Pflege des Gebiets bei den Münchnern 
und Düsseldorfern in den ersten drei Vierteln des Jahrhunderts gelten kann. Das Wenige, welches 
hervorgebracht wird, macht den Eindruck bestellter Arbeit für Kirchen und Kapellen oder aber des 
gleichgiltigen Versuchs mit neuen Wegen der Auffassung, der Technik, — der naive Glaube und die 
selbstvergessene Andacht wird selbst im Besten oft vermisst. Trotz dieses kleinen Minus indessen ist 
Marr's aufsehenerregende «Madonna» nahezu ein voller Wurf. Es ist malerisch eine sehr tüchtige 
Arbeit mit einer glänzenden Behandlung des Beleuchtungsprinzips nach dem berühmten Correggio 
der Dresdner Galerie, und die Lieblichkeit der «Madonna» und des Bimbo, die süsse Kindlichkeit 
der kleinen Engel im Halbkreis und die ergriffene Unschuld der Grossen dahinter sind Bildelemente von 



62 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



grossem Gewicht ; nur 
stört mir das erstarrte 
Pathos der Engelgeber- 
den die Wirkung gerade 
so sehr als das knallige 
Roth des Madonna- Kopf- 
tuchs, — und ich möchte 
wünschen , dass der 
Künstler hier nochmals 
den Pinsel ansetzt. 

Daneben ist auch eine 
gross und wuchtig er- 
dachte « Adoratio crucis » 
von Thedy zu nennen, 
die viele treffliche Eigen- 
schaften hat und trotz 
einer gewissen Herbheit 
durchgebildeter Formen 



Züge offenbart. — Der 
talentvolle, aber ungleiche 
Corin th bewegt sich auf 
seiner « Kreuzigfunof » in 
der bei ihm schon be- 
kannten quattrocentisti- 
schen Formenwelt der 
Präraphaeliten mit dies- 
mal noch trockenerer 
Farbe, überrascht dage- 
gen auf der frisch hin- 
gesetzten kleinen « Ver- 
suchung des hl. Antonius » 
durch die Fülle der Be- 
wegungsmotive sowie 
drastischer Verkörperun- 
gen von der Sünde in 
dieser vergänglichen Welt. 

doch feine psychologische _ Ein anmuthiges Stück 

ist der kleine Madonnenkopf in originellem Rahmen von dem auch beim Bildniss mit Auszeichnung zu 
nennenden Echtler, — nicht minder distinguirt aber auch — least not last — Nonnenbruch's 
sehr empfundene «Verklärung» mit der süssen, von Engelsköpfen umgebenen Engelsgestalt, — 
die nur für meinen Geschmack um ein paar Striche zu weich gehalten ist. 

Von grosser Historie ist nur ein Paradebild von Braun zu nennen, das den Prinzregenten 
mit seinem Stab -eben die Front eines Regiments abreitend darstellt. Die malerisch widerstrebende 




All ton Montimizto, Leckerbissen 



Aufgabe, modernes 
Militär und seine 
Stäbe während der 
Paradestellung bild- 
nissähnlich und na- 
mentlich in bayer- 
isch-blauer Uniform 
darzustellen, ist, so 
gut es geht, behan- 
delt, — — über- 
triebene künstler- 
ische Anforderungen 
darf man an solche 




Franz Grässd. Enten 



Werke nicht stellen, 
da hier der militär- 
ische Zweck die 
Hauptsache ist. — 
Mannigfach und 
theilweis recht an- 
muthig ist das Phan- 
tasiestück vertreten . 
Da ist ein origi- 
neller Einfall von 
Fächer, welcher in 
seinen « Abschieds- 
aedanken » mit 




t 



M. NouucDbruch pfnx. 



Cuityri({lil Iti^ö by Ftuui IJaulaUiciigl 



Verklärung 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



G3 



eigentlich wenig bedeutenden Mitteln eine sehr hübsche Sache zu Stande brachte. Ein in letzter 
Dämmerung dahinrollender, sehr plastisch gemalter Zug an einer Kurve, — letzter Glast am Horizont, 
— am hellen Coupeefenster ein träumender Mann, vor dessen verlorenem Auge aus den Wiesennebeln 
am Bahndamm Faschingsgestalten sich bilden und zu ihm empordrängen. Es liegt eine eigene Wirkung 
in dem Bild, — ein feines Erhaschen jener Stimmung des einsamen Indienachthineinfahrens und nielan- 

Malerlehrling 



cholisch leben- 
digen Räder- 
gerolls, wenn 
das Herz zu- 
rückbleibt, wo 
die Fahrkarte 
gelöst ward. 
Verwandt im 
System der 
Erfindung ist 
diesem Bild 

ein neuer 
Malczewski, 
dessen heuri- 
gen Gegen- 
stand ich vor 
Langem von 
ihm einmal in 
malerisch noch 
feinerer Lös- 
ungr behandelt 
sah: Ruhmes- 
träume eines 
jungen Kunst- 
handwerkers. 
Da sitzt auf 
einer Stehlei- 
ter oben ein 




Leopold Schmiitzlcr. Ein Spaziergang 



und stiert vor 
sich hin, in- 
dessen die ihm 

entfallenen 
grossen Scha- 
blonen lang- 
sam zur Erde 

schaukeln ; 
ihr Geräusch 
macht Gestal- 
ten vor sei- 
nem i\uge 
wach,- bunte 
Gestalten, die 
er einst dar- 

-stellen wird 
und die ihm die 
heiteren Freu- 
den erfolg- 
reichen Künst- 
lerlebens ver- 
führerisch her- 
zaubern. Die 
Kunst, mit der 

Malczewski 
runde Figuren 
in schwerge- 



wichtslosem Schweben und triebhaft bestimmter Bewegung darstellt, ist frappant, — ich kann nicht 
ergründen, woran es liegt, — aber man glaubt ihm seine Fleisch und Blut gewordenen Träume. 
Georg S chu st er- Woldan mit einem Eckehard, — das noch ungeklärte aber gewiss ent- 
wickelungsfähige Talent von Müller-Schöne feld in seinem «Märchen», — Huber mit einem 
Lucifer, — Strathmann mit einem neueren seiner originellen und kunstgewerblich hochinteressanten 

II 10 



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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 











Robert Böninger. Idyll 



Bilder, das die Tragikomödie eines von 
einer Schlange Überfallenen Faunen dar- 
stellt, — schliesslich bei den graphischen 
Arbeiten Dasio, welcher seinen geist- 
reichen und graziös wie geschmackvoll aus- 
geführten Einfällen eine noch feinere Würze 
durch nähere Anlehnung an die Natur geben 
würde, dürfen in diesem Kreis nicht über- 
gangen werden. — Bei der Secession ge- 
hört ihm ein wenig guter, glasiger Böcklin: 
« Der Hüter des Geheimnisses « , — ein 
etwas flau ausgefallener Thoma: «Tod, 
Adam und Eva», — sowie eine im Ton 



äusserst reizvolle Impression von «Badenden» im Waldweiher mit bemaltem geschnitztem Rahmen 
von L. von Hofmann an. Das Secessionsverhängniss für die Talentvollen ist auch sein persön- 
liches Verhängniss anscheinend : er bleibt ein Bruchstück und kommt über das Wollen einer freilich 
genialen Inspiration nicht hinaus. — — — 

Auch Fritz August von Kaulbach hat heuer eine Sonderausstellung gemacht und in dem 
vorjährigen kleinen Lenbachkabinet untergebracht. Man sieht da einige geistreich erdachte und graziös 
durchgeführte dekorative Skizzen, daneben aber Bildnisse. Man sähe statt einiger der Letzteren lieber 
ein paar von den graziösen Genrestücken des Künstlers, die ganz fehlen. Wenngleich Kaulbach 
heuer gerade kein «goldenes» Schafifensjahr in den Bildnissen hatte, so ist doch alles Vorhandene 
von technischer Vollendung, vornehm und sicher im Geschmack. Eine lachende, tiefbrünette, etwas 
zurückgebeugte Dame, — dann aber die vom Künstler schon oft gegebene schöne junge Dame, welche 
diesmal auf einer rothgestrichenen Bank im Freien so prächtig selbstbewusst sitzt, reihen sich freilich 
den glücklichen Arbeiten Kaulbach's an. 

Ueberhaupt das Bildniss in der Gegenwart. Es zeigt interessante Erscheinungen. Ein so grosser 
Meister wie Lenbach wirkt in einer Zeit niemals erfolgreich auf einem so sehr von der Nachfrage 
des Publikums abhängenden Kunstgebiet, ohne dass nicht die Mehrzahl der Bildnisskünstler von iiim 
beeinflusst würde. Auch ohne die unmittelbaren Nachahmer Lenbach's im Auge zu haben, trifft man 
überall auf seine Spur: sein Geschmack in der Malerei, — seine Art, in den Menschen hineinzusehen 
und alles Unwichtige lediglich unbestimmt zu behandeln, guckten aus vielen der besten Tafeln heraus, — 
und Tizian, Velasquez, van Dyck bilden noch immer im Ganzen die ultima ratio der Bildnissmaler- 
Gesichtspunkte — , nur dass Lenbach das Medium ist , durch dessen Brille man die Alten beschaut. 
Das ist eine natürliche Erscheinung. Solange diese Spur in künstlerischer Weise gewandelt wird, 
hat sie Daseinsrecht, denn in der Kunst wie in der Wissenschaft wird das Daseinsrecht nur vom 
inneren Werth einer Sache bestimmt. — Der gemeinsame Grundgesichtspunkt dieser Bildnissrichtung, 
welche die italienische, spanische und niederländische Renaissance in einer Reihe sehr bedeutender 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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Bildnisswerke ausgebildet hat, ist der, unter Absehung von allem Zufälligen des Augenblicks in Bezug 
auf Aussehen und Stimmung den Menschen so darzustellen, wie er als Erscheinung, in seiner geistigen 
und seelischen Sphäre über eine längere Zeitspanne hinweg auf einen kulturell hochstehenden Anderen, 
— also den Bildnissmaler, — wirkt. Um ein mir gerade einfallendes Beispiel, das zahlreich vermehrt 
werden könnte, anzuführen : Lionardo's Giokonda. Da ist eine junge italienische Patrizierin von vor- 
nehmer fraulicher Erscheinung. Man kann das Alter nur sehr ungenau und physiognomisch eigentlich 
wenig Greifbares bestimmen ; auf uns wirkt in dem Bild der Duft anmuthiger Frauenerscheinung, wirkt 
ein verschleiertes Etwas in den weichen Zügen, dem sinnenden Auge. Man weiss sogleich, dass diese 
Dame nicht zu einer bestimmten Tagesstunde, nicht als Augenblicksphotographie im Ausdruck fest- 




Alexaiidcr U'agner. Heimkehr 



gehalten ist, — vielmehr schaut man, Dank dem Fingerzeig des Künstlers, in Etwas hinein, was wahr- 
scheinlich für die Dame lange Jahre hindurch charakteristisch war: die linde Schwermuth eines 
unbefriedigten Gemüths. Das hat Lionardo sogleich richtig herausgelesen und alles Andere damit 
zusammengestimmt. Wenn er nach einer alten Ueberlieferung während der Bildnisssitzungen Musik 
machen Hess und dieser jungen Frau eines alten Mannes noch obendrein stark den Hof machte, so 
offenbart uns das den bedeutenden Menschenkenner in ihm : als ein durchtriebener Lebemann, der er 
mit Geist war, beurtheilte er den «Fall» nicht nur in der Beschaffenheit, sondern auch in der Ursache 
richtig und wandte mit dem feinen Instinkt des geborenen Psychologen Kunstgriffe von erprobter 
Dynamik an, die den eigenthümlichen Zug bei der zu malenden Madonna stärker ausprägten, sobald 
er Sitzung hielt. So steht denn auch diese junge Frau seit Jahrhunderten vor uns, — schlagend 

10» 



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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



ähnlich, vollendet, wesenhaft wirkend, weil das Bestimmende in ihrer Erscheinung nicht obenhin, 
sondern « in der Tiefe des Seelenmysteriums begriffen » ist. — Man weiss ja, dass auch Lenbach oft 
lange vor dem Malen im persönlichen Verkehr sich in das Wesen seiner Personen hineinfühlt, und wer 
sein märchenhaftes Werkstatt-Museum kennt, dem ist vielleicht aufgegangen, welche starke Suggestion 
es auf den ausüben muss, der öfter zur Bildnisssitzung hierher kommt: er lässt unter dem Stimmungs- 
eindruck der hier beisammen befindlichen Jahrhunderte in sorgfältig erlesenen Werken derselben den 
Alltag seiner Meinungen und Launen von heute draussen, — er wird gefügig und stillbescheiden und 
verräth unbewusst, was sein eigentliches Milieu ausmacht. 

Unter den zahlreich vorhandenen guten Bildnissen ausserhalb der Säle von Lenbach und Kaulbach 
ist diesmal Echtler besonders hervorzuheben, der den Prinzregenten in sehr schlagender und malerisch 
höchst geschmackvoller Weise darstellte. Er modellirte gut, zog das Licht in der Hauptsache auf 
den Kopf in jener glücklichen Art, die uns bei Herkomer und der Parlaghy schon entgegengetreten ist ; 

reife Werke doch 
sonst immer das Er- 
gebniss langer Ueb- 
ung zu sein pflegen. 
— Auch Schwill , 

dessen sehr an- 
sprechendes Selbst- 
bildniss ich im vori- 
gen Jahr schon her- 
vorhob, ist wieder 
sehr bemerkens- 



sie erfordert eine 
sichere Kenntniss 
der Mittel, die man 
dem Bild von Echt- 
ler nachzurühmen 
hat. Es ist das erste 
mir bekannt gewor- 
dene Bildniss von 
des Künstlers Hand, 
und ich bekenne 
gern, eine ange- 
nehme Ueberrasch- 




werth. Wie treffend 

ung davon gehabt ist die Dame in dem 

Stanislaus Grocholski. Verlangen 

zu haben, weil so gütigen Lauschen 

des Auges charakterisirt und wie geschickt das in den Farben changirende Kleid gemalt 1 — so gut, 
dass dem Laien die Kunst darin kaum auffallen wird. Das Inkarnat könnte ein wenig frischer und 
der Schwung in der Darstellung ein wenig herzhafter sein, aber auch ohnedem erregt das Bild Auf- 
merksamkeit für sich, wie für einen sich solide und ehrlich auswachsenden Künstler, der seinen Weg 
sicher geht und reifen wird. — Berenyi's Bildniss unseres Frankfurter Malerpoeten Hans Thonia 
gehört mit seinem Kontrast von Dunkel und Hell auch zum Besseren, wenngleich zu bemerken ist, 
dass der ungarische Künstler trotz des koketten Durchblicks auf einen kleinen Odenwald - Hain das 
eigentlich Thoma'sche nicht recht gefasst hat. — Frau Parlaghy hat neuerdings keine glückliche 
Hand, wie das hier ausgestellte Bildniss neben anderen neuen Arbeiten in Berlin zeigt. Sie wird hart, 
unvermittelt, sucht schlagende Wirkungen mit rohen Mitteln. Das thut ein Künstler dauernd nur auf 
Kosten seines Talentes, weil gerade diese Form des Abirrens mit dem faden Virtuosenziel im Auge 
einer falschen Anschauungsrichtung entspringt; es wäre bedauerlich, wenn die schöne Begabung der 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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Künstlerin sich auf diese Weise ruiniren sollte. — Unter vielem Trefflichen sind hier ferner anmuthige 
und geistvolle Mädchenköpfe von Erdtelt, — Zimmermann's im Ton so sehr als in der schlichten 
Charakteristik vornehmes Bildniss von Staebli, — von Raff ein sehr wirkungsvolles und gut prä- 
cisirtes Damenhildniss, — gute Arbeiten von Kirchbach, Thor, — von Orrin-Peck ein süsses 
rubensfarbenes Kinderstück. — von Fröhlich anzuführen, ohne dass in dem hier gegebenen Rahmen 
sich das Hervorragende erschöpfen Hesse. 

Interessante Tafeln sind auch jene von Höflinger, — ein rund herausgearbeiteter, frischer und 
pikanter Frauenkopf mit kecken Farbengegensätzen, der gegen eine Landschaft abgesetzt und als eine sehr 
geschickte Arbeit hervorzuheben ist, — sowie das anmuthige Frauenbildniss von Hoff, dessen feines, 



nur cm wenig 
zu weich be- 
handeltes Ge- 
sicht von einem 
teppichartigen 
Landschafts- 
hintergrund 
sich abhebt ; 
auch diesem 
ansprechenden 
Suchen nach 
frischer Auf- 
fassung wird 
eine grössere 
Herbheit erst 

die rechte 
Würze geben. 
Beide Arbeiten 
bewegen sich 
in der Richt- 




Kichard Falkenberg. (Jphelia 



ung, welche die 

altniederlän- 
dische und die 
mit ihr so eng 

zusammen- 
hängende alt- 
deutsche Kunst 
langevertreten 
hat. — r — 

Die Kunst- 
weise der Ju- 
gend, wie sie 
von der Seces- 
sion in den er- 
sten Jahren 
vertreten ward, 
hat sich mit 
ziemlicherViel- 
seitigkeit des 
Wollens auch 



dem Bildnissgebiet zugewandt, — im Verlauf eines Jahrzehnts manche anerkennenswerthe Schöpfung 
hier hervorgebracht, — im Ganzen jedoch keinen Boden gewonnen ; es ist eines der charakteristischen 
Zeichen für die gegenwärtige Lage, dass das Publikum sich kühl gegen Gemaltwerden im « modernen » 
Sinne verhält, und dass keines von den Talenten dieser Art aufkommt. Das liegt in der Sache 
selbst begründet. Die « moderne » Kunst hat die Betonung auf die zufällige Erscheinung des Augen- 
blicks, demgemäss malerisch auf blosse Palettenkünste gelegt, — sie ist in der Charakteristik auf rein 
äusserliche Momente ausgegangen, so dass der Mensch, sein Wesen, sein Charakter zur Nebensache 
vielfach geworden ist. Und damit ist die Grundfrage der Bildnisskunst eben übersehen worden. Wie 
man sich aber auch als Neuerer und Erfinder geberden mag und der Tamtam kritikloser Freunde für 



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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 




Erich Kiibleisehky. Abendlandschaft 



ein paar Jahre Einem auch Recht zu geben scheint : man kommt weder in der Kunst noch sonstwo um 
die Grundgesetze herum, die begriffen und berücksichtigt werden müssen, um etwas Dauerndes zu schaffen. 
Auch diese Erscheinung der modernen Kunst hat dazu noch einen anderen Haken, als gemeinhin in 
den Erlassen der Partei-Bonzen zu lesen steht. Man kann nirgends weniger schwindeln als in der 
Bildniss-Malerei; da heisst's : unbedingt bis in das Kleinste hinein zeichnen, die Palette unterordnen, 
kraft hoher Bildung und divinatorischer Gabe in einem Menschenantlitz lesen zu können. Dazu thut 
angeborene Fähigkeit viel, — aber die Bedingung bleibt immer bestehen, dass Energie der Vertiefung 
und Ausdauer die persönliche hohe Kulturstufe erzeugen müssen, von der aus der Künstler souverain 
durch das Antlitz hindurch in die Menschenseele hineinblickt. Die technische Erleichterung, welche 
die modernen Malprinzipien ihren Jüngern gewährt, sind sehr verhängnissvoll bei einem erdrückenden 
Prozentsatz derselben geworden; es fehlt der Zwang der Versenkung, weil nicht so oft, ausdauernd, 
beobachtend an ein Werk die Hand gelegt werden muss. Es geht alles so schnell heute; damit 
fällt das selbsterziehliche Element in der Technik fort; das Denken innerhalb der Sache entwickelt 
sich nicht weiter, — es verlernt sich mehr und mehr wie jede nicht ständig geübte menschliche 
Eigenschaft. Lässt man sich als Beschauer von billigen Kunststücken nicht blenden, so wird man in 
modernen Ausstellungen oft aufs Höchste überrascht, welch' ein Mangel von Intelligenz, an bewusstem 
Sehenkönnen, an Bildung hinter der Mehrzahl der «modernen» Bildnisse gähnt. Und das fühlt das Publikum 
instinktiv ; daher die grosse Menge von «Dargestellten in öffentlicher Stellung» auf unseren Ausstellungen, 




Cur! Bölivie. Scirocco (Motiv von Capri) 



S 



70 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



und demgegenüber nur ein paar Brosamen wirklich und in baarem Gelde bezahlter Bildnisse, also von 
Arbeiten, die über das Verhältniss des Publikums zur Sache einige gewichtige Rechenschaft geben. 

An Tafeln von unleugbarem Talent und wahrscheinlicher Entwickelungsfähigkeit sind in dieser 
modernen malerischen Richtung beim Glaspalast zwei Bildnisse des von den Schotten beeinflussten Malers 
Knirr hervorzuheben, dessen Halbfigur einer jungen Dame allerdings in Geschmack der Farbe und 
Auffassungskraft die kleineren Bilder nicht erreicht. Auch Matiegzeck's Damenbildniss ist eine 
feine und geistvolle Arbeit voll bewussten Könnens, bei der nur der Scherz mit dem Schatten auf der 
unteren Gesichtshälfte hätte wegbleiben können. In der Secession steht Uhde's gut gemalter und 
farbig in der Muffigkeit der Armeleut- Existenz famos getroffener alter Kerl auf diesem Boden; 
warum aber verzichtet ein so ausgezeichneter Charakteristiker, wie Uhde vordem war, auf seine vielleicht 



beste, sicher aber ent- 
wicklungsfähigste Eigen- 
schaft, indem er nicht 
mehr als die blosse Er- 
scheinung gibt? Velas- 
quez, der ilim bei der 
Auffassung vorgfeschwebt 
zu haben scheint, hätte 
ihm auch den Hinweis 
geben können. 

Eine merkwürdige und 
leider nicht in gutem 
Sinne bezeichnende Zeit- 
erscheinung ist sicher die- 
jenige , dass alle die 
jüngeren Leute, welche 
sich von Lenbach und 
seiner Richtung abge- 




Otto Prophettr. Bildniss des Professors Ferdinand Keller 



wandt haben, um «neue 
Wese » der Bildnisskunst 
zu suchen, fast insgesammt 

wurmstichigen Verfall- 
manieren nachgehen und 
sich streng hüten, beim 
Nächstliegenden und Na- 
türlichsten anzuknüpfen : 
nämlich bei der stamm- 
verwandten altniederlän- 
dischen und der altdeut- 
schen Bildnisskunst. Von 
Jan van Eyck bis Cranach 
ist hier eine Anzahl von 
Meisterleistungen über- 
kommen und hängt in 
München, Berlin und Dres- 
den doch so leicht zu- 



gänglich aller Welt vor Augen, dass diese bloss weit aufgethan zu werden brauchen, damit sie in 
der glänzenden Farben - Gluth und Pracht, der schlagenden Charakteristik, der gemüthvollen Liebe 
unsere beste Volkskraft der Vergangenheit erkennen. Freilich hängt diese Kunst mit der zeich- 
nerischen Illustration und dem Kunstgewerbe noch so eng und natürlich zusammen, dass ihre Neu- 
erweckung an den Lerneifer, die Ausdauer, das ehrliche Gewissen der Nachtastenden grosse An- 
forderungen stellt. Aber bedeutende Kunst erfordert immer die völlige Hingabe. Wo sich die Neigung 
des Einzelnen etwa gegen die von Lenbach angebahnte Richtung wehrt, da liegt für einen ernsthaft 
wollenden, weitschauenden und ein nationales Gewissen besitzenden Künstler eine weite und ent- 
wicklungsfähige Bahn. Böcklin's Bildnisse, Thoma's Selbstbildniss in Dresden, — was ferner der 
Frankfurter Pidoll hier vereinzelt neben einigen Anderen auf Dürer's und Holbein's Bahn versuchten, 





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Raffael Schuster-WoMaii i>lnx. 



Phot. F. HauMüvugl, Mnuclieu 



Die Malerin 




i. 

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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



71 




Carl Becker. Abend an der Nordsee 



haben nachdrücklich bewiesen , wie künstlerisch und zeitgemäss diese von Dummköpfen gern als 
«veraltet» ausgegebenen Stilweisen sich fortführen lassen. 

Auch Anetsberger, dessen Namen ich zum ersten Male antreffe, lieferte in seinem ausge- 
zeichneten Herrenbildniss in der Secession den gleichen Beweis. Eine wie feine und bewusste malerische 
Kunst ist hier entfaltet und wie trefflich ist in diesem Gesicht ein feingebildeter, kritisch veranlagter, 
sehr energischer Charakter ausgedrückt! Man kann sich sogleich lebhaft vorstellen, wie die Klangart 
der Stimme aus diesem Munde schallen muss, — welches die Bewegungen und Manieren des Dar- 
gestellten sein müssen. 

Von den 3 guten Ausländerbildnissen, welche die Schwäche der deutschen Secessionsmalerei 
ihrerseits mitverdecken müssen, ist Herkomer's schon bekanntes Bildniss einer edelrassigen englischen 
Schönheit, einer wahren Ahnin für ein kommendes mehrhundertjähriges Geschlecht, ein ebenso beredtes 
Zeugniss für die geistvolle Holbein-Nachfolge in dem mit so vielen guten Holbeins und noch mehr 
trefflichen Kopien gesegneten England, — zeugt auch Knopff's ohne grossen Mittelaufwand bestechend 
gut gemaltes Stück mit einem süss aufgefassten kleinen Mädchen in drolliger Stellung der Erwartung 
an einer Zimmerthür dafür, wie fein, geistreich und neuartig der Künstler Anregungen der altnieder- 

II 11 



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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



ländischen Kunst ausgebildet hat. — Der Dritte ist Segantini, von welchem man ein älteres 
Künstlerbildniss aus der Zeit vor seiner heutigen Spachteltechnik erblickt. Auch das ist ein Meister- 
werk in seinem System äusserst stimmungsvoller Halbtöne, der tiefen Ruhe in Haltung und Heraus- 
bildung der animalischen Erscheinung, der verhaltenen Kraft in der energischen Persönlichkeitsgabe. 
Was ich schon aus der neueren, herbkräftigen Stilweise des norditalienischen Malers schliessen zu 
können glaubte, scheint sich auch hier zu bestätigen : wie bei dem Menschenschlag ganzer nord- 
italienischer Striche, Toskana eingeschlossen, fliesst anscheinend auch in seinen Adern in Folge 
unendlich zahlreicher Berührungen der beiden Stämme auf den Völkerwanderungs- und Kaiserzügen 
ein starker Tropfen deutschen Blutes, dem hier der ausgeprägte individualistische Zug zuzuschreiben 
ist. Michelagniolo hatte von dieser Abstammung, der er sich selbst rühmte, die trotzige und wild- 
kühne Gewalt, — der heutige italienische Böcklin, 
Marius de Maria, verdankt dem sicherlich die eigen- 
thümliche Färbung seiner grübelnden Phantasie. 

Die unreale Phantasiewelt in der Kunst und das 
Bildniss werden bis zu einem gewissen Grade sich oft 
vom eigentlichen Volks-Milieu entfernen können, ohne 
an Kraft, Bedeutung, nationalem Kulturwerth desshalb 
unbedingt verlieren zu müssen. In stark bewegten, 
in Aufstiegszeiten eilt oft die Geistesaristokratie dem 
eigentlichen Volk voraus und formt sich Ideale, in 
die das Volk erst später hineinwächst. Die Weimaraner 
Litteratur- Periode, in gewisser Hinsicht auch das 
Nazarenerthum bieten eine solche Erscheinung. Nie- 
mals aber darf das Sittenstück, die figür- 
liche Darstellung in realem Sinne sich vom 
nationalen Fühlen eines Volks entfernen, 
die Ideale des kleinen Alltagsbürgers ausser 
Acht lassen und die Formenwelt aus inter- 
nationalen Gesichtspunkten entwickeln wollen. Das gänzliche Darniederliegen dieses 
Gebiets, die Auslandssucht in den Darstellungsmitteln war in der Vergangenheit fast immer mit 
traurigen Zeiten der deutschen Kulturentwicklung verknüpft; wir finden dann immer ein Siechen der 
Volkskraft als Parallelerscheinung, — immer aber auch zugleich den Mangel einer ernsthaften Phantasie- 
und Bildnisskunst grossen Stils. Hier waltet ein wichtiges und unerbittliches Gesetz. Die moderne 
Wissenschaft hat es längst dahin formulirt, dass alle weittragenden Ideen und Thaten sammt ihren 
Schöpfern aus den unteren Schichten einer Volksgesammtheit hervorgehen, — dass diese den Unter- 
grund nicht nur für das wirthschaftlich - gesellschaftliche , sondern auch für das geistige Leben einer 
Nation bilden, — dass nichts auf die Dauer lebensfähig ist, was nicht in der Volksmasse wurzelt. 
Diese Thatsache gibt dem Sittenstück in der Kunst eine eminente Wichtigkeit als nächster Ausdruck 




Kichard Hartmann. Schülerscene (Goethe's Faust) 



DIE KUNST UNSERER ZEIT 



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Gregor von Bockmann. Nordwyker Muschelkarren 



des Volkslebens und Volksfühlens. Die Zeit ist zudem längst vorüber, in der die Kunst als ein 
müssiges Spiel für Weibmänner und Frauen galt; sie wird heute als ein wichtiger Kulturfaktor ge- 
schätzt; sie beansprucht das Recht, in ihrem geistigen, seelischen, in ihrem moralischen Gehalt sehr 
ernst als Kulturspiegelbild wie als Kulturbildnerin betrachtet und beurtheilt zu werden, — welchen 
Standpunkt ihr gegenüber ich für das einzig würdige Männerverhältniss halte. 

Wenn der heurige Glaspalast in einem gewissen Gegensatz zum vorigen einen spürbaren 
Ausfall auf dem Gebiet der Genre-Malerei erkennen lässt, so ist das ein Zufall. Das Vorhandene 
selbst, das sonstige Kunstschaffen in Deutschland beweisen, dass weitaus das Meiste an Kunstarbeit 
bei uns diesen Zusammenhang mit dem Volk, und damit den kulturwichtigen Untergrund, noch hat. 
Hier liegt für mich auch einer der ausschlaggebenden Gründe gegen das Daseinsrecht der Secession. 
Die paar Fäden, welche sie mit dem Volksleben wenn auch lose verknüpften, sind zerrissen, — sie 
hat andererseits aber auch nicht verstanden, Ausdruck für die nationalen Ideen einer vielleicht 
weit vorausgeschrittenen Geistesaristokratie zu werden, — sie vertritt eben ihrer Entwickelung nach 
und fast auf allen Linien heute das untergrundlose Malvirtuosenthum, das unter ernsten Männern zu 
keiner Zeit als vollgiltig angesehen, vielmehr innerlich verachtet worden ist. Ich habe bereits oben 
und im vorigen Jahr an dieser Stelle die Gründe für diese Secessionserscheinung angeführt, — ich 
kann kurz rekapituliren, dass physische und geistige Schwächung gewisser moderner Künstlergruppen 
hier den Ausschlag geben. Es ist in der That unendlich viel leichter, irgend ein Valeur- oder Ideen- 
kunststück zu Stande zu bringen, — wobei ganz davon abgesehen werden soll, wie Vieles aus wenig 

11» 



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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 






bekannten Auslandswerken «gestippt» ist!, — als einen 
harmlosen Stoff aus dem Volksleben richtig anzulegen, 
geistig und seelisch zu durchdringen, als eine fertige und 
abgerundete, sich selbst erklärende Sache hinzustellen. 
Man möge den Secessionisten nur einmal zwangsweise die 
__^^__ kleine Aufgabe stellen, einen Landbriefträger zu malen, 

■ * ^f- ^f/tk der mit verschmitztem Lächeln einem Dorfmadel einen 

'"" Brief vom Schatz bringt. Dieses einfache Motiv psycho- 
logisch richtig zu lösen, es solide zu zeichnen und 
natürlich zu malen, dürfte drei Vierteln der Herren völlig 
misslingen. Man sehe nur einmal daraufhin die deutschen 
Bilder der Secession unvoreingenommen durch, — es 
fehlt überall an zureichendem Können, - an jenem ernst- 
haften Gelernthaben der einfachen Kunstmittel, ohne 
■■^H^ ""* deren Ausweis in den Glaspalast nichts aufgenommen 

!lm^^B»i5v^Äf«&S«s««ir*«-«-!-^-^^ — ^5^ wird. Es fehlt in der Secession ganz erschreckend an 

Olga Begsrow Hartmann. Idylle . :\c • c^- .1 i-i iai -i 

emwandtreien Sittenstucken, die deutscher Abstammung sind. 
Eine bestimmt ausgeprägte Richtung zeigt sich im Glaspalaste diessmal nur, soweit es sich 
um bereits bekannte Meister handelt. Hier ist vor allem Defregger mit seiner prächtigen «Kraft- 
probe » und ihrem packenden Griff in Leben und Interessen des Volks herhorzuheben ! Wie sicher 
und schlichtkünstlerisch ist das komponirt, — wie kraftvoll und lebhaft geschildert, — wie köstlich 
sind diese Männer mit ihrer Schätzung der Körperkraft und ihrem gespannten Interesse an der Sache 
individualisirt ! Da ist so echtes Leben des blutvollen Kunstwerks, dass man sich erst noch darauf 
besinnen muss, welche historische Rolle der Künstler eigentlich als Schöpfer dieser ganzen Richtung 
einnimmt. Da ist auch Harburger mit seinen genial gezeichneten und köstlich charakterisirten Typen 
aus dem Leben des bayerischen Landvolks mit 
seinem Kraftgefühl und selbstbewusstem Daseins- 
behagen, — alles dünn, grau, geschmackvoll 
gemalt; ein paar Zeichnungsfolgen zeigen uns 
den gefeierten Illustrator und Humoristen ; dem 
Laien wird es kaum auffallen, welch' ein Auf- 
wand von geistiger Kraft für eine so tiefe Durch- 
dringung der Volksseele in ihrer naivsten Daseins- 
bethätigung nöthig ist. — Gussow hat sein 
längstbekanntes, farbenköstliches Bild der «Dorf- 
parzen», — drei grundhässliche alte Weiber 
um einen Säugling im Arme eines drallen Dorf- 
mädchens, — ausgestellt und demonstrirt damit FiUz Rabmämg Aus Tirol 




DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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ad oculos, wie man der hartgesottenste Realist, Hässlichkeitsfanatiker, impressionistischer Maler und 
doch ein Künstler mit starker volksthümlicher Wirkung sein kann. Gussow ist gewiss von jedem 
Verdacht irgendwelcher national - populärer Absicht frei, und doch wirkt das Werk also, denn wo 
wirkliches Talent und wirkliches Können bei einem gesunden und normal entwickelten menschlichen 



Organismus sich 
lediglich ihrem 
Schwergewicht 
überlassen , da 
kommt von selbst 
Derartiges her- 
aus; das Antina- 
tionale ist eben 

stets Zeichen 
krankhafter Un- 
natur. — Von 
S i m m ist eine 
« Werbung » , — 
einer seiner guten 
Griffe in das Ge- 
sellscliaftsleben 
der Empire- und 
Biedermeier - Zeit 
mit graziöser Po- 
etenhand und aus- 
geklärtem Far- 
bengeschmack, 
der freilich nicht 
pariserisch ist — , 
zu sehen. Einer 
ähnlichen Ausge- 
glichenheit der 
technischen Dar- 
stellung steuert 
augenscheinlich 




Schmitzmitzwei 
reizenden Genre- 
Darstellungen 
desselben kleinen 

Mädchens zu. 
Feine Kleinmale- 
reien von Lö- 
with, Franke, 

Glücklich, 
Seiler sind mir 
noch unter wei- 
terem Guten die- 
ser Art aufge- 
fallen ; auch 
Grützner, des- 
sen «Jessika« nur 
ein allzu 
liches Inkarnat 
diesmal hat, wäre 
hier zu nennen. 
Von den Frem- 
den in der deut- 
schen Abtheilung 

sind in erster 

Linie meisterhaft 

durchgeführte 

Akte von 

Hy nais, — ein 

neuer Quad- 



gelb- 



Sigmund Landsinger. Quell -Nymphe 



r o n e , der stu- 

pcnde Subtilität mit einer gewissen frischen Natur in interessanter Weise verbindet, — und eine 
fidele Festscene von Andreotti hervorzuheben. Zu den Fremden gehört vermuthlich auch Marold, 
der in dem vom vorigen Jahr übernommenen Empire - Zimmer eine Reihe von geistreichen und sehr 
flott gemachten Gouaches aus dem high life aufhing. 



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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



Laupheimer mit einem sehr ansprechenden Familienstück: «Ferienzeit», — in grösserem Stil 
Raupp mit einem Sturmmotiv vom Chiemsee, — Rau, dessen Farbe neuerdings in's Harte geräth, 
mit einer Dorfwirthshausscene und einem in der Trauer eines jungen Paares um den gestorbenen 
Erstling ihrer Ehe schlicht und innig empfundenen Bild, — mit Klosterlebenstücken Cederström, 
Scholz, — mit einem kecken Karnevalsscherz Grocholski gehören mit der Freude am Leben und 
seinem liebevoll beobachteten Detail gleichfalls hieher. Roubaud mit einem flotten Tatarenbild, — 
Falkenberg mit einem im Ton angenehmen, gross behandelten Mädchenkopf, — Ring mit der 
hübsch gemachten Figur einer jungen italienischen Gemüseverkäuferin fallen unter einer Reihe hand- 
werklich gleich vortrefflicher und poetisch empfundener Arbeiten besonders auf; es ist hier unmöglich, 
erschöpfend in der Anführung dieser Bilder zu sein. 

Unter den Bildern, welche intensiver eine mehr oder minder gut gelungene Annäherung an 
moderne Anschauungen und Mal-Prinzipien, wie sie früher hauptsächlich vom Secessionskreis vertreten 
wurden, darstellen, sind Männchen's gross gesehene «Steinklopferinnen» mit der ungeschminkten 
Schilderung ein ehrliches, malerisch achtbares, inhaltlich das Mitgefühl packendes Stück Arbeit. In 
seinen Tongängen geschmackvoll, und glücklich damit die traumhafte Dämnierigkeit des Zimmers 
wiedergebend, ist das Bild von Koch mit der sinnenden Dame, und als ebenso gut im Ton die 
Darstellung einer «Aehrenlese» von Hartmann hervorzuheben, der es freilich an präciser Zusammen- 
fassung mangelt. Auch Orrin-Peck's «Kohlgarten» leidet trotz aller Frische an zu grosser Breite 
der Entfaltung wie überhaupt an zu grossem Format; eine ähnliche Darstellung von ihm in früheren 
Jahren war ungleich kraftvoller trotz des damals schon zu tadelnden Bildunifangs. Zwischen Inhalt 
und Umfang muss stets ein natürliches Wechselverhältniss sein, — sonst kommt nie eine rechte 
Wirkung heraus. Auch KleinChevalier's «Spielsaal» krankt trotz manches Anziehenden im 
Wesentlichen an demselben Uebel. 

Zu den trefflichsten Arbeiten dieser 
Art in München heuer ist schliesslich auch 
bei der Secession Hock er 's gutgemalte 
und sehr drollig geschilderte «Werbung» 
in Friesland oder dicht daneben zu zählen. 
— Unter den Fremden am Königsplatz 
ragt Johannsen durch zwei Innenstücke, 
davon eines eine Herrengesellschaft in 
behaglicher Unterhaltung vorstellt, durch 
feine Stimmung und gute Charakteristik 
hervor. Freilich steckt viel Manier in diesem 
Impressionismus, der bei fanatischer Durch- 
führung und Festhaltung an seinem, nur 
bei manchen Lichtzuständen berechtigten 

Princip naturgemäSS zur Schablone führt. ^'"^ Ferdinand Messeruhmidt. Ileimf.ihrt 




DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



77 




Robert y. Curry. Gerettet 



Der Künstler war früher ungleich frischer, — auch er scheint trotz aller Begabung allmälig dem Fluch 
zu verfallen, welcher dem Palettenexperiment auf Kosten der Natur immer folgen wird. 



Ganz besonders reich ist der Glaspalast diesmal mit Landschaften beschickt, unter denen 
sich eine stattliche Reihe ausgezeichneter und achtunggebietender Werke befinden, ohne dass man 
gerade das Auftauchen wesentlich neuer Gesichtspunkte in der landschaftlichen Auffassung feststellen 
könnte. Indessen ist das Fehlen neuer Gesichtspunkte kein Vorwurf gegen die Kunst; die gesündere 
Auffassung, die Feuerbach z. B. gross gemacht und Schack bei seiner Kritik ihm gegenüber ver- 
treten hat, bricht sich heute mehr und mehr Bahn, — dass es nämlich auf ein ehrliches Naturverhält- 
niss, auf das Können, auf die Beseelung und Durchgeistigung des Stoffs, auf das Heimathgewissen des 
Künstlers in erster Linie ankommt; die Originalität, die Neuheit ist dabei ein Gnadengeschenk nur 
insoweit, als sie mit diesen angeführten Momenten verbunden erscheint. Die Kunstgeschichte belehrt 
ohnehin den, welcher sie unvoreingenommen^ betrachtet, dass plötzliche Offenbarungen innerhalb des 
Kunstwachsthums von Generation zu Generation viel seltener sind, als es obenhin scheint; — ein 
Haschen und Suchen nach Originalität ohne jene Elemente des zuverlässigen Könnens und der Be- 



78 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 




deutung dagegen schwört stets solche Ge- 
fahren herauf, wie sie der Secession in un- 
seren Tagen verhängnissvoll geworden sind. 
Die Landschaft war das Lieblingskind 
der «modernen» Kunst seit Anbeginn, weil 
die bestimmenden französischen Vorbilder 
vorzugsweise Landschafter waren ; es hat 
sich auf diesem Gebiet thatsächlich auch 
der weiteste Einfluss auf die zeitgenössische 
Kunst geltend gemacht, — es ist mancherlei 
Gutes damit gewonnen worden, — die 
Augen unserer Maler sind für die Probleme 
von Licht und Luft, von intensiverer Be- 
werthung für Farbe, Form und Raum ge- 
schärft, — der Sinn für die kleinen und 
intimen Reize der Natur und eine gross- 
zügige Behandlung derselben ist entwickelt. 
Das sind Vorzüge und Gewinne für die 
Handwerkstechnik zweifellos, aber die 

grossen Gewinne für die « Kunst » der Land- 
schaftsmalerei sind im Ganzen noch aus- 
geblieben ; man sieht nur hier und da erst 
frische Ansätze, um aus den Theorien vom 
Naturalismus bis zum Symbolismus etwas 
für uns Brauchbares zu entwickeln, eine grosse Auffassung zu schaffen, die dem natürlichen Verhältniss 
der Deutschen zu seiner Heimathlandschaft entspricht. Und dies deutsche Verhältniss zur Landschaft ist 
ein weitaus anderes als das der Franzosen. Ich möchte das Verhältniss der neueren Franzosen zur 
Landschaft als das einer monumentalen Eitelkeit und Ichsucht bezeichnen. Er sieht sie als Coulisse 
um seine eigene Person herum, — sie wirkt äusserlich als vibrirende Farbe und unbestimmte Form 
auf ihn, — sie ist ihm ein Abstraktum für die Erholung, für die Stadtflucht, — er geht «an das 
Meer » oder « auf das Land » , ohne das Ziel seines Veränderungswunsches zu individualisiren. Dazu 
kommt ein wichtiges physiologisches Moment : Die Geschwächtheit der niedergehenden gallischen Rasse, 
welche eine Schwächung der Sehkraft nach sich zieht. Im Grunde ist der Impressionismus 
nicht viel Anderes als die gegebene «Kunstauffassung der Kurzsichtigkeit» 

Wie anders und in Hinsicht des Kunstgenies bedeutender ist die deutsche Landschaftsauffassung 
in den besten und allen reifen Zeitabschnitten gewesen. Gerade desshalb hat das deutsche Gelehrten- 
und Künstlerthum die Antike vor allen epigonischen Völkern so gut und tief verstanden, weil die 
Beseelung der Natur vor dem Auge des antiken Menschen wie vor dem des Germanen engverwandte 



Olto Recknagel. (lestörte Liebeserklärung 




Ad. Bohtler plus. 



Phot. V. Hantsueugl, Münohei 



Maria 




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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



79 



Züge hat Wenn der Deutsche den Rhein hinabfährt, dann wird die Sage, die geschichtliche Romantili 
der Burgen, Dome und Klöster, dann wird die alte Zeit lebendig vor ihm und beseelt die Schönheit 
der Landschaft; wenn der Lorelei-Felsen in Sicht kommt, spielt die Musik Heine's wundersames Lied 
und die Seelen zittern. An die Weser, die Saale, die Donau, den Main, den Bodensee, an die Alpen 
knüpfen sich volksthümHche Weisen, welche bestimmte Stellen und bestimmte Geschehnisse verherr- 
lichen und einen eisernen Liederbestand aus der ideal gestimmten deutschen Studentenjugend nicht allein 
bilden, sondern auch überall im weiten Vaterland in aller Munde sind. Mit dem Harz, dem Thüringer- 




Max Liebermann. Sonntag -Nachmittag in I>aren 



wald, dem Riesengebirge sind lebendige Sagen aller Art verknüpft, durch deren Medium das Volk 
fast ausschliesslich in diese Landschaften schaut; ich greife nach zufälliger Erinnerung heraus : Dieselbe 
Erscheinung ist überall festzustellen. In der Mark Brandenburg hat jeder See fast seine Sage. Etwas 

annähernd Aehnliches hat der Franzose ebensowenig als der Romane weiterhin, der Deutsche 

hängt sich auf's Engste an einem Ort fest, — er rundet sein Bild zu einem tiefäugigen Bildniss ab 
und beseelt es mit der Phantasie und der Empfindung, — er schafft sich überall einen genau indi- 
vidualisirten genius loci. Hierin liegt auch das deutsche Landschaftsproblem be- 
ll 12 



80 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 




Rudolf Beriny. Hans Thotna 




William Schwill. Bildniss 



gründet. Die deutsche Landschaft der Zukunft 
ist gar nicht anders denkbar und wird sich nicht 
dauernd behaupten können, solange sie nicht 
auf diesem Hauptelement gegründet ist und 
damit Fühlung zum Volk gewinnt. Damit soll 
indessen nicht gesagt sein, dass Märchen- oder 
Sagenstafifage mit der Landschaft verknüpft sein 
müssten ; dieser Inhalt kann unausgesprochen in 
der dargestellten Oertlichkeit liegen ; sie muss 
ausgerundet und straff geformt dem Gefühl sagen, 
was sich der Künstler in dieser Art voll Liebe 
gedacht und empfunden hat, als er gerade diesen 
Ort zur Darstellung wählte ; sie wird dann immer 
schöpferisch auf den Beschauer wirken. Man 
hüte sich aber auch vor dem Trugschluss, als 
wandele die moderne symbolistische Landschaft 
auf diesem Wege. Sie hat in ihrer Formen- 
anschauung so wenig damit zu thun als mit 
der Empfindung und dem geistigen Vor- 
stellungskreis, — sie ist lediglich eine das 
Gegentheil vorstellende Nachahmung fran- 
zösischer Vorbilder. 

Im vorigen Jahr wies ich auf den dies- 
mal fehlenden Palmie als einen Vertreter 
entwickelungsfähiger Landschaftsauffassung 
hin. Keller-Reutlingen als einer der 
wenigen Zukunftsleute bei der Secession 
wächst sich anscheinend mit seinen bayeri- 
schen Landstadt -Motiven mehr und mehr 
dahin aus; er wirkt diesmal sehr erfreulich 
in seiner stimmungsvollen «Abenddämerung« 
über einem Flecken am Flussufer. Da ist 
ein so zusammengefasster Ausdruck mit einer 
klug zurückhaltenden, fast möchte ich sagen : 
überwundenen Technik, dass die Abend- 
poesie eines bestimmten Ortes fast rein 
herauskommt und die Phantasie des Be- 
schauers in derselben Art, wie es die 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



81 



Dämmerung draussen immer thut, lebendig macht. Im Glaspalast zeigt ähnliche Ansätze die im Ton 
feine abendliche Wasserlandschaft von Canal, — sind ferner in verwandter Art Biese, Horadam 
mit Kleinigkeiten, — Böhme mit einer im Wasser ausgezeichnet gemalten Marine, — ein ebenso 
gut gemachtes Seestück von Völcker, dessen Parkteich bei Abend dagegen zu sehr nach Whistler 
schielt, — der diesmal nicht wie gewohnt ausgezeichnete Kubierschky, — Stäbli mit einer ton- 
schweren, monumental empfundenen Waldlandschaft, — Georg Schuster-Woldan mit einem 
gut gemachten und stimmungsvollen Waldinneren, — Marr's kleines Ackerstück, — von Urban 




Jacek MaUzewski. Irrkreis 



ein gross gesehenes und farbig sehr bemerkenswerthes Bild vom Nemisee mit seinen schroffen Felsen- 
ufern, — von Rabending ein sehr glücklich beleuchtetes und plastisch herauskommendes Gebirgs- 
dorf, — von Tina Blau ansprechende kleine Motive, — schliesslich der alternde O. Achenbach 
mit einer Parthie vom Nemisee, die immer noch durch Gluth der Farbe und hohes Können imponirt, 
wenngleich es an innerer Kraft mangelt, besonders hervorzuheben. Die Worpsweder, von denen 
Overbeck und Modersohn Einiges ausstellten, sind heuer nicht von Belang. Gerade sie, welche 
auf gutem Grunde von Anschauung, Wollen und Können stehen, fangen an, manierirt zu erscheinen; 

12» 



82 



DIE KUNST UNRESER ZEIT. 




die Portraits von krummen Birken sind zu äusserlich 
als Ciiarakteristika der Worpsweder Moorlandschaft 
betont und werden langweilig. Mögen die Herren 
sich vor dem Verbauern hüten ; die Isolirung allein 
auf dem Lande thut's auf die Dauer nicht. 

Unter den mehr in Hinsicht der formalen Lösung 
bemerkenswerthen Arbeiten ist eine durch die Be- 
obachtung des zarten Lufttons in abendlicher Thau- 
wetterlandschaf sehr ansprechende Dorflandschaft von 
dem in neuerer Zeit wiederholt mit Betonung ge- 
nannten Bössenroth hervorzuheben. Auch die 
grosse Moorlandschaft bei Sonnenuntergang an 
schwülem Sonnabend von demselben Bössenroth 
ist in der feinen, vibrirenden Beweglichkeit warmer 
Töne eine Arbeit von zarter Empfindung und un- 
gewöhnlichem Können, dem man nur eine schärfere 
Zusammenfassung des Ausdrucks, eine grössere In- 
waiur Georgi. wirthsgarten dividualisirung im obeu entwickelten Sinne wünschen 

möchte; ein frisches Temperament ist vorhanden und mit ihm ein ziemlich hohes Mass bewusster Herr- 
schaft über die Mittel ; bei energischer Vertiefung und Durchgeistigung ist dem Künstler ein dauernder 
und ernsthafter Erfolg unschwer erreichbar. — Strützel mit einem heimkehrenden Taglöhnerpaar 
und abendlich verschleierter Wiese dazu und einem zweiten Abendbild von kräftigerer Wirkung, — 
desCoudres mit einem anmuthigen Waldabhang in rosiger Beleuchtung, — Bürgel, Fink, Hoch, 
Wenglein, A ndersen-Lundby mit trefflichen Stimmungsstücken in einheitlicher Tongebung, — 
Petersen mit einem farbenkräftigen Meerbild sind weiterhin als Bilder von solider Darstellung und 
runder Wirkung zu nennen. 

Als Tonmalerei sehr bemerkenswerth wegen seiner ungewöhnlichen Feinheit ist Lieb er 's Bild 
mit einer gut gemalten und geschickt am Horizont mit der Atmosphäre zusammengebrachten Seefläche, 
— ist auch ein schmelzvoll behandelter Ausschnitt 
vom Donauthal von M. A. König. Als gute Exer- 
citien sind mir sonst noch Arends mit seinem Ge- 
müsegarten, bei dem Luft und Raum trefflich be- 
obachtet sind, sowie die Pastell- und Kohlenzeichnungen 
von Georgi mit ihren perspektivischen Lösungen 
aufgefallen. — — — 

In Rücksicht auf den gegebenen Raum seien nur 
kurz ein paar Künstler mit Stillleben und Blumen- 
stücken gestreift, welche zahlreich und vielfach auch 

Hugo Bürgel. Flusslandschaft 





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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



83 




Paul Hey. Vorfrühling 



sehr vortrefflich, Dank aher Münchner Ueberlieferung, vorhanden sind; Nauen, Carstens, 
Kricheldorf, Bassarab, Stur tzkopf haben Gutes ausgestellt, ohne dass sie alles Beste reprä- 
sentirten. Es gibt daneben viele ansprechende Arbeiten. — — — 

* 
Neben dem eigentlichen Münchner Künstlerkreis haben auch heuer wieder einige andere deutsche 
Kunststädte im Glaspalast Sonderausstellungen veranstaltet. So Dresden. Die Dresdner Kunst- 



zustände sind eigen- 
thümlicher Natur. 
Nach längerem un- 
fruchtbarem Zu- 
stand hat sich dort, 
Dank der Herbei- 
ziehung von Prell, 
Kühl, Wallot, Diez 

ein lebhafteres 
Kunsttreiben ent- 
wickelt, das sich in 
der grossen Dresd- 




Ernst Otto. Elche 



ner Kunstausstell- 
ung vor 2 Jahren 
gespiegelt hat. Aber 
schon auf dieser 
Ausstellung trat zu 
Tage, dass in den 
Kreisen der jünge- 
ren Künstler und 
Schüler dieser ge- 
nannten Meister sich 
mehr und mehr eine 



bedenkliche Neig- 



84 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



ung zu gallisirender Experimentirmalerei mit kunstfeindlichem Charakter herausbildete. Heute ist auch 
Dresden in der schnellen Zersetzung infolge von ungesunder Geistes- und Phantasierichtung beim Nach- 
wuchs begriffen . . . der Verfall geht auch dort um . . . die materiellen Folgen werden kaum aus- 
bleiben . . . die einst so lebhaft begonnene frische Entwickelung Dresdens zur Kunststadt wird sicher 
gehemmt, da man lokale Kunstblüthen nur mit reifen Leistungen, nie mit talentvollen Experimenten 

hervorrufen wird. Pietschmann 

Der Dresdner ^__|m||||^m^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^g ^ 

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ner ^^^^^^^^^^^^-J -"^'^'^ ^^^^^^^^^^^^^^ 

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sächsiche Stam- ^^^^^^^^^^^ "|f';;>W;^' ^^ ^^^^^^^^H eres grosses Ge- 
nach An- ^^^^^^^^m m. ^ ^^^^H richtsbild von 
muth einstweilen ^^^^^^V^ ^^^H Brut t sticht mehr 

dem ^^^^^^V ^^^H den 

Aeussersten be- ^^^^^^V ^^^| Ton als durch 

wahrt, die aber ^^^^^V ^^^H scharfe Charak- 

doch fast msge- ^^^^m r^ ■ x^^^l teristik hervor; 

sammt «Talmi- ^^^■J^liMMHSHMl^^^^ ittH^^^^H Carl Sohn 's 

franzosen» ^^^^Htlfl^^^^^^^^^ ^JW^^^^^^H 

^^^^^^tä^^^^f^^^^' .^^3iiS^0/^ y^^^H ung» 

keine Künstler ^^^^^^^L^^^^ ^^^H glatter und ge- 
sind. Der Einzige, ^^^^H^^ "°'^'**>*!w' ^^1 schmackvoller 
welcher sich durch ^^^^H "^ ^^^H Malerei reizende 
Besonnenheit ^^^^^^____^^^^^^^^^^_^^^^_gj^^^H junore Damen 

der Begabung Herrichten von 

daraus erhebt, ist ^'"'"^ ''^"''''"- ^°^""^ ^'' Betrachtung von Schiiier's Schädel Blumeuschmuck; 

Grimm's «Begegnung der Margaretha von Parma mit flüchtigen kalvinischen Niederländern im Jahre 
1567» ist eine in allen Einzelheiten ungemein anziehende und Begabung verrathende Schöpfung der 
Gebhardtschule, geht als Bild aber nicht recht zusammen, — die Wirkung ist zerstreut. 

Auch der zahlreich beschickte Berliner Saal macht keinen harmonischen Eindruck, Eine 
kleine Handzeichnung von Menzel ist im Vorübergehn zu erwähnen; seines besten Schülers Skarbi na 
«Allerseelen» verliert in dem nicht günstigen Licht sein Bestes, nämlich die feinen Töne und Ueber- 
gänge; ein Triptychon von Engel: «Von der Waterkant» wirkt allzu illustrativ trotz seiner farbigen 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



85 




Ludwig Fahrenkrog. Tiäumeiei 



Talentirtheit ; etwas uneingeschränkt Erfreuliches sind hingegen zwei Damenbildnisse eines jüngeren 
Malers, Karl Ziegler. Da ist ein Adel und eine nach Monumentalität ringende Feinheit der Auf- 
fassung, — da ist ein Geschmack der Farbe und eine malerische Schulung des Auges, — da ist ein 
Seelenblick, der noch viel Gutes von dem Künstler verheisst. — — — 

Das Ausland ist im Glaspalast diesmal nur zugelassen, — 
eine Massregel, die durchaus zu loben und sachlich gerecht- 
fertigt ist. So zweckmässig es ist, in grösseren Pausen die aus- 
ländische Kunst reichlich und bedeutend den Künstlern vor 
Augen zu stellen, um ihnen das Reife und Ernsthafte hoch- 
stehender fremder Leistung als Anregfung- zu bieten, — so be- 
denklich ist es, den Durchschnittsdeutschen in seiner Auslands- 
sucht durch jährliche Konkurrenz noch zu bestärken; denn das 
wirkt bedenklich auf die wirthschaftliche Lage unserer Künstler 
zurück, welche ein staatliches Ausstellungs-Unternehmen immer 
im Auge haben muss, — das hat auch solche Geisterverwirrung 
zur Folge, wie sie die Gegenwart leider in hohem Masse kenn- 
zeichnet. Ich weiss mich hierbei von jedem Chauvinismus vollief 

Karl Zieglir. Cildniss ^ ° 




8G 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 




yostj Huder. Lucifer 



frei und habe meinestheils bedeutende Leistungen des Auslandes 
noch stets rückhaltlos bewundert, sobald sie eben Kunstwerke 
waren. Aber gegenüber der geradezu gewissenlosen, moralisch 
verderbten, knechtischen Nachahmungssucht von Auslandsmoden 
in gewissen Kunstkreisen bei uns muss immer wieder Front ge- 
macht werden. Pflicht und Klugheit gebieten dem Glaspalast, von 
seiner Seite dem Auslandsthum so nachdrücklich zu steuern, als 
es geht. Nur eine Kunst auf vaterländischer Grundlage und 
mit dem lebendigen Erbtheil unserer Altvordern ist kultur- 
bildend, wie die ganze Geschichte lehrt, und nur sie macht die 
stärksten Kräfte in einer Künstlerpersönlichkeit frei und fruchtbar 
in reifen, grossen Thaten. 

Die Auslandskunst ist bis auf ein paar unter den Münchener 
hängende bessere Werke in den Auslandssälen selbst sehr 
schwach und unbedeutend vertreten. Das Meiste dürfte zudem Kunsthändlerwaare sein, die einen 
Markt sucht. Man kann sich mit wenigen Anführungen begnügen. Wesentlich im Stoff und daneben 
schulgeschichtlich interessant ist ein Bild aus der älteren englischen Geschichtsmalerei mit ihren harten 
Linien und ihrem bunten Kolorit, — nämlich Davidson's Scene aus der Schlacht bei Trafalear, 
vor deren Beginn Nelson von seinem Admiralschiff aus eben den berühmt gewordenen Befehl an 
sein kampfbereites Geschwader signalisiren lässt : « England erwartet, dass Jedermann seine Schuldig- 
keit thue». Das ist mit vielen Figuren volksthümlich , maljournalistisch, ansprechend, wenn auch 
ohne grössere künstlerische Gesichtspunkte behandelt. Es sind auch noch ein paar weitere Bilder 
verwandter Art vorhanden. — Als Thiermalerei sehr anerkennenswerth, wenn auch in der Formatgrösse 
vergriffen, ist ein Bild von Curry, das Bernhardinerhunde auf verschneitem Pass als Retter einer ver- 
schütteten Familie schildert, — wegen seiner 
feinen Anmuth in Auffassung und Behandlung 
einer reizenden Mädchengestalt auf Frühlings- 
landschaft - Hintergrund ist schliesslich noch ein 
Aquarell von Battaglia hervorzuheben. 

Die Bildhauerkunst kann wegen der 
beschwerlichen und kostspieligen Versendung 
ihrer Werke auf Ausstellungen in der Reeel 
immer nur lückenhaft vertreten sein; sehr grosse 
Plastiken sind meist sogar nur am Ort ihres 
Entstehens ausstellbar und man kann von etwaigen 
Vorführungen dieser Art nicht immer mit Sicher- ^,,,,„,,,, ,,,,,,„, ,„,,,bend 





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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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heit auf die zeitweise Lage der Künstlerschaft auf diesem Gebiet schliessen. Die gegenwärtige Bild- 
hauerei ist mit einer Anzahl tüchtiger Könner in der That bedeutender, als die diesjährigen Münchener 
Ausstellungen auch nur annähernd schliessen lassen. Klinger, Maison, Begas, Strasser fehlen beispiels- 
weise ganz und auch sonst ist von bedeutenden Leistungen nur bedingungsweise zu berichten. — 
Eber lein hat eine grössere Zahl von Werken ausgestellt; er hat den französischen Chic, die 
manierirte Nachahmung eines Pigalle, der er lange, freilich virtuos, nachging, anscheinend ganz ver- 
lassen und huldigt jetzt einer massvollen Realistik, wie sie hier eine treffliche Halbfigur «Goethe's» 
mit dem Schädel von Schiller in der Hand, dazu eine Darstellung «Bismarck's» in sitzender nach- 




Adolf Männchen. Auf der Landstrasse 



denklicher Stellung, ferner auch eine in der Auffassung etwas vergriffene Gruppe von «Gottvater 
und Adam » zeigt ; eine wirkliche Rasse fehlt diesen Figuren freilich geradeso, wie einer Anzahl kleiner 
Statuetten, die den Mythos vom ersten Menschenpaar behandeln. Der Künstler sucht hier Meunier's 
feines Gefühl für die Bewegung mit dem leidenschaftlichen Affekt von Sinding zu verbinden, ohne 
dass es ihm glückt, mehr als eine gewisse Anmuth zu erreichen. 

In guter Stilistik bieten sich Götz mit einer das «Drama» symbolisirenden Frauenbüste und 
Rossi mit einer im conventionellen Sinne gut durchgeführten Sklavin-Figur dar; auch Lederer, der 
neuerdings ein hübsches Talent in den Vordergrund rückte, ist ein selbstständiger Stilist in seiner 

II 13 



83 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



durch eine lauschende 
Nymphenfigur verkör- 
perten « Haidestimm- 
ung», — er ist sich 
jedoch über das bild- 
nerisch Darstellbare 
noch nicht vollkommen 
klar, wie die Auffassung 
kundgibt. Eine schön- 
heitvolle Heiligen- 
gruppe in Holz von 
Busch, — von Schott 
eine graziöse, in der 
Bewegung glücklich ge- 
fasste, aber lau und 
ausdrucksarm durchge- 
führte Kugelspielerin 

sind als grössere 
Werke, — unter den 
Büsten die des Malers 
Burger von Sand we- 
gen ihrer Lebendigkeit, 




IValler Schott. Kugelspielerin 



Dasio's Damenbüste 
mit ihrer grossen Be- 
handlung, eine solche 
von Klimsch wegen 
des hübschen lauschen- 
den Ausdruckes be- 
merkenswerth. — — ■ 
In der Secession hat 
Volkmann eine an die 

besten Schöpfungen 
des Quattrocento mah- 
nende Büste eines älte- 
ren Herrn, — Stuck 
eine Amazone auf un- 
gefügem Ross diesmal 
mit geringerem Glück 
des Gelingens als bei 
seinem früheren «Ath- 
leten», — Meunier 
eine Reihe von Sta- 
tuetten ausgestellt. Ein 
feines Lebensgefühl , 



eine frische Auffassung, einen sicheren Griff haben diese Sachen von Meunier alle, so roh und 
geschmacklos sie ausgeführt sind. Sie stehen künstlerisch sicher höher als die Mehrzahl seiner Bilder, 
die Gemälde eines farbenblinden, verbildeten, geschmacklosen Maltheoretikers sind. Aber gerade weil 
diesen Bildern fast jegliche malerische Vorbedingung abgeht, ist Meunier Trumpf der secessionistischen 
Gegenwart und war er vor Kurzem in Berlin Gegenstand einer wahren Begeisterungs - Orgie. Ein 
Maler, der malen kann und durch diese Eigenschaften Aufsehen und Zuruf erregt , ist schliesslich 
etwas Alltägliches und in der neueren Kunstgeschichte seit Giotto sattsam abgeleiert .... aber der 
Rummel mit einem Maler ohne Geist, Geschmack, Darstellungs- und Malvermögen, — das ist das 
Wahre heute und der Gipfel im Princip des Secessionismus. Und wenn naive Leute Derartiges 
schlechthin pathologisch finden .... dann lächelt man überlegen und murmelt von einer « Um- 
werthung aller Werthe». Sapienti sat! 



DAS KUNSTHANDWERK 

AUF DEN MÜNCHENER AUSSTELLUNGEN i8q8 



VON 

HEINRICH ROTTENBURG 



Der Begriff «Kunsthandwerk» hat sich nun auch bei uns zu seinem Vortheile umgestaltet: Der 
Accent ist mehr auf die erste Silbe des Wortes verlegt, während er früher auf den beiden 
letzten lag. Unsere Handwerksmeister haben in den siebziger und achtziger Jahren, in der Zeit der 
«Renaissance der Renaissance» sich ein gar stattliches Können erworben als Nachbilder alter Formen. 
Unsere Goldschmiede gaben den Altnürnberger Meistern nichts mehr nach; unsere Kunstschlosser 
schmiedeten Gitter, genau so kunstvoll wie die alten Originale, die sie kopirten; unsere dekorativen 
Maler malten Blümlein und Schnörkel den Meistern des sechzehnten Jahrhunderts nach — so täuschend, 
wie etwa ein französischer Generalstabsoffizier Akten fälscht. Die Technik und die Handschrift hatten 
sie schnell wieder erlernt und nach der trostlosen Stilarmuth der vergangenen Jahrzehnte war die 
Wiederbelebung der Renaissance ein wahres Labsal. 

Nur dass diese Errungenschaft einen feineren Geschmack auf länger nicht befriedigen konnte. 
Ein solcher fand bald, dass jene Wiederbelebung nur die Galvanisirung eines todten Körpers war. 
Sie führte nicht vorwärts, es fehlte das bewegende Element, die Leute kamen über ein virtuoses 
Abschreiben vorhandener Formen nicht hinaus. Natürlich: überbieten Hessen sich die Meister jener 
grossen vergangenen Epoche nicht auf ihrem ureigensten Gebiete! Da war ein gewissenhaftes Kopiren 
noch immer das Beste. Und nach den Trägheitsgesetzen kopirten wir zwei Jahrzehnte weiter einen 
Stil, der nicht der unsrige war und der unsrige nicht werden konnte. Denn, Stil im höheren Sinne 
ist krystallisirter Zeitgeist, nicht eine Schablone, der sich die Formensprache jeder Epoche 
anpassen lässt. 

Inzwischen hatten andere Länder schon die Krystallform unseres Zeitgeistes gefunden. England 
zuerst, dann Frankreich. Einiges drang davon auch zu uns herüber; Vieles brachten deutsche Künstler 
von ihren Reisen zurück. Einzelne wagten sich an das «künstlerische Kunsthandwerk» und hatten 
Erfolg, Hermann Obrist, Otto Eckmann u. A. Das Wiederaufblühen der. Schwarzweisskunst, 
die ein anmuthiges und neuartiges Stilisiren anhub, arbeitete vor. Und schon im Jahre 1897 konnten 
die Münchener «Dekorativen» im Glaspalast ein paar reizende Kabinette mit Arbeiten ihres Geistes 
und ihrer Hand füllen, die ideellen und materiellen Erfolg hatten und vor Allem den grossen Erfolg, 

13» 



90 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

unsere Techniker des Kunsthandwerks für sich zu gewinnen. Jetzt kam diesen doch noch zu Statten, 
was sie bei den Alten gelernt hatten und sie arbeiteten congenial den erfindenden Künstlern in die 
Hände, so dass wir heute, so spät wir auch an die Reihe kamen, den Meistern neuen Kunststils in 
den oben genannten Ländern an Können nicht mehr nachstehen. Es fehlt freilich bei uns noch das 
breite kaufkräftige Publikum für edle Werke der Zierkunst und dadurch haben unsere Schaffenden 
noch nicht Raum genug, sich auszubreiten, nicht hinreichend grosse Aufgaben, an denen sie ihre Kräfte 
stählen können. Aber dafür sind die neuen Formen überraschend schnell den Meistern jeder Branche 
des Kunsthandwerks geläufig worden und wir haben alle Aussicht, dass bei uns der «neue Stil» bald 
nicht mehr, wie in Frankreich ausschliesslich, ein «Stil der Reichen», sondern der Stil aller Leute 
von gutem Geschmack sein wird. Wer sich ein Stück modernen Kunsthandwerks nach Hause tragen 
will, kann für ein paar Mark eine hübsche Aschenschale oder einen gefälligen Zinnbecher haben, um 
geringes Geld ein edelgeformtes Glas, eine Vase in schönfarbig glasirtem Thon oder ein Schmuck- 
stück von feinen Linien. Wenn sich die Sache noch ein paar Jahre so weiter entwickelt, so wird bald 
der obligate Rokokosalon und das nicht minder obligate «altdeutsche» Speisezimmer aus den Braut- 
ausstattungen verschwunden sein und Möbeln neuen Stils Platz gemacht haben, eines Stils, der in 
seinen besseren Erzeugnissen ja auch der Zweckmässigkeit mehr Rechnung trägt, als jene alter- 
thümelnden Geräthe. 

Was der Münchener Glaspalast an Werken des Kunsthandwerks heuer seinen Besuchern bietet, 
geht über die Darbietungen des Vorjahres noch weit hinaus. Statt der dürftigen zwei Kabinette, die 
den « Dekorativen » gnädigst in der hintersten Ecke des Ausstellungsbaues angewiesen waren, stehen 
ihnen in diesem Jahre mehrere geräumige Gelasse zur Verfügung, die durchweg auch in ihrer archi- 
tektonischen Ausgestaltung als werthvolle Ausstellungsobjekte gelten müssen. Dazu ist der Kreis der 
ausgestellten Gegenstände wesentlich erweitert und man kann wohl sagen, dass jedes Handwerk ver- 
treten ist, dessen Erzeugnisse naturgemäss künstlerische Ausgestaltung zulassen, und dass wir jedes 
Material verarbeitet finden, bei dem diese Voraussetzung zutrifft. 

Neben den Räumen, die ganz den «Modernen» gehören und auch in ihrer Architektur diesem 
Zwecke angepasst sind, haben die Gewaltigen des Glaspalastes noch etliche Säle und Gelasse her- 
stellen lassen, die «blos schön» schlechtweg sind und weder mit neuen noch mit alten Zwecken 
des Ausstellungsbaues etwas zu thun haben. Da ist z. B. ein Höfchen in reichem Renaissance- 
geschmack nach Motiven aus einem Hofe im berühmten Fuggerhause zu Augsburg von Friedrich 
von Thiersch eingerichtet, mit einer von wildem Wein überzogenen Pergola, Wandmalereien, einem 
plätscherndem Brunnen, Blumen, Vasen und Terracottafiguren. Ein vornehm lauschiges Eckchen aus 
einem Patrizierheim, in dem man sich wohl in eine vergangene Welt zurückträumen könnte, ersetzten 
nicht schmutzige Glasplatten und ein Gewirr von eisernem Sparrenwerk oben den lieben Himmel! 
Vollkommenere Illusion noch weckt der «Römische Wohnraum» von Emanuel Seidl, eine ebenso 
geistvolle als behagliche und ästhetisch schöne Rekonstruktion, der zur vollendeten Täuschung der 
Einbildungskraft nichts fehlt, als die richtige Staffage. Wenn in dem eigenartigen Broncesessel eine 
weissärmige Römerin sässe, der köstlichen Kühle geniessend, die der Marmorboden ausströmt und 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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der plätschernde Brunnen — es wäre ein Idyll aus der Cäsarenzeit, das nicht zu überbieten wäre. 
So aber trippeln katalogbewaffnete Engländerinnen über den Mosaikstern des Bodens und tappen mit 
den Fingern an den Wänden, um zu erkunden, ob's Wirklichkeit ist, oder «Imitäschn». Es ist Beides 
sozusagen, Gyps und Marmor, alte Motive und Nachgefühltes. Nachgefühltes, nichts Nachgebildetes, 
daher der künstlerische Charakter des Ganzen, der aus dem Räume weit mehr macht, als ein Meister- 
stück der auf diesen Gebieten hochentwickelten Geschicklichkeit der Münchener Stukkateure. Antiker 
Schmuck und diskret auf Tischen und Stellagen vertheiltes Prunkgeräth, darunter eine feine silberne 

Weinkanne von Theodor Heiden verleihen 
dem römischen Wohnraum auch den Ein- 
druck wirklicher Wohnlichkeit. 

Einen hohen, gothischen Saal, der an 
sich sehr stattlich und würdig ist, aber dem 
Eintretenden ein unlösbares «Warum?» und 
«Wozu.?» entgegenruft, haben die Archi- 
tekten K. Hocheder und Paul Pfann aus- 
gestattet. In diesem Raum ist kunterbunt 
das Heterogenste zusammengetragen, ultra- 
modern - antiknordische Gobelinmöbel von 
Walter Leistikow, gothisches Kirchen- 
geräth, ein alter Harnisch, neuartige und 
orientalische Teppiche, Gypsabgüsse, Archi- 
tekturmodelle und Pläne, neue Renaissance- 
möbel, die genau so künstlich sind, wie 
die alten, nur nicht so kunstvoll, neue 
Stickereien, alte Fahnen, ein Majolika-Kamin, 
Grabplatten — das Ganze wirkt eigentlich 
als prächtige Verdeutlichung der babylo- 
nischen Verwirrung, die bei uns bis dato 
in den dekorativen Künsten herrschte. So 
viel Stile und kein Stil! 




Architektur und Kunsthandwerk 

Aus Raum No. 24, entworfen und eingerichtet von Architekt 
Martin Dülfer- München 



Einer der freundlichsten und harmonischsten Räume im Glaspalast ist dagegen das Kabinet 
No. 29, der — nicht blos nach dem Katalog! — den Charakter eines wohnlichen Zimmers trägt. 
Dieses ist in einem verfeinerten Biedermeier-Stil gehalten, ein Werk aus einem Guss: Möbel aus licht- 
gelbem Holz mit Ebenholzeinlagen und Verzierungen, eine Moireetapete in mattem Grün, Kamin, Hänge- 
lampe u. s. w. aus blankem glatten Messing, einem Material, das glücklicherweise wieder in Mode 
kommt und hoffentlich bald das ordinäre und fast immer in den Formen stumpfe und rohe «Cuivre 
poli» verdrängt hat. Prächtig dieser Kamin mit seinem funkelnden, sauber ausgeschnittenen Messing- 
mantel, prächtig, auch in der Arbeit, diese freundlichen, hellgelben Möbel (von den Architekten 



92 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

Heibig und Heiger entworfen, von A, Pössenbacher ausgeführt)! Sehr originell ist das Pianino, 
aus gleichem Holz gearbeitet wie die Möbel und mit einem in Messingblech getriebenen Figurenfries 
verziert. Weniger glücklich an diesem Stück wirkt der «eingelegte» Richard Wagner. Der Raum 
ist bis ins letzte Detail stilgetreu gehalten, bis zum Stück der Decke, bis auf das Geschirr im Glas- 
schrank. Erfreulich ist dieses ganze gelungene Ensemble nicht blos durch die Schönheit der Arbeit 
und die gefällige Wirkung, sondern auch als Beispiel dafür, wie wir heute einen vergangenen Stil 
verstehen und weiterbilden gelernt haben. Wir aber schreiben nicht mehr ab, wir übersetzen auch 
nicht mehr, wir denken in der anderen Sprache! Das Stilschema, das uns in den verflossenen Jahr- 
zehnten Alles war, ist uns heute nur mehr, was dem Schreibenden die Grammatik ist : das Kunstwerk 
beginnt erst mit der freien Handhabung dieser Sprache ! 

Betrachten wir die ausgesprochen « modernen » Werke des Kunsthandwerks genauer, so finden 
wir nicht ohne Ueberraschung, dass auch hier oft gerade das Beste einer Weiterentfaltung vorhandener 
Kunstformen seine Entstehung verdankt. Und zwar sind namentlich reichliche gothische Elemente im 
neuen dekorativen Stil zu entdecken, ohne dass aber Jemand daran denken könnte, die betreffenden 
Objekte als gothisch zu bezeichnen. Aber der Geist dieses herrlichen, unserm innersten germanischen 
Wesen entsprungenen Stils lebt in den neuen Formen, der Geist, nicht das Gliche, das vordem Alles 
war. Die Fröhlichkeit, der unerschöpfliche Reichthum, die freie, künstlerische Phantastik der Gothik 
wird wieder wach, ihre Meisterschaft, die Naturformen in den Rahmen ihrer Gesetzmässigkeit zu 
bringen ohne Zwang und Gewaltthätigkeit, ihre gesunde Realistik, ihr Linienadel und ihr Humor. Es 
ist freilich die lebenswarme Gothik des Strassburger Münsters und nicht die todte des Kölner Doms, 
die da — Vielen unbewusst! — zu Gevatter gestanden hat. Manche sehen auch eine Gefahr für 
den neuen Stil in dieser Verwandtschaft, aber, wie mich dünkt, mit Unrecht. Jeder Stil ist aus einem 
früheren entwickelt und wenn wir das ganze, Jahrhunderte währende Intermezzo der gewaltsam wieder- 
belebten Antike aus unserer Stilentwicklung ausschalten, kommen wir ganz naturgemäss dazu, auf der 
Gothik weiterzubauen. 

Wie nahe die letztere übrigens dem modernen Geschmacke steht, beweisen etliche der präch- 
tigsten Stücke der Ausstellung, Arbeiten Fritz v. Miller's, die in rein gothischen Formen gehalten, 
sich doch dem Ensemble der modernen Kunstsachen in dem wunderschönen Raum No. 26 vorzüglich 
einfügen. Miller hat, wie Wenige, ein Auge für die Grazie der Gothik und zeigt dies namentlich in 
dem zierlichen Kettenwerk und Beschlag des Steinbockgehörns mit dem realistisch gearbeiteten ver- 
goldeten Silberschädel. Ein Prunkstück von hoher Originalität ist der von dem gleichen Meister — 
dies anspruchsvolle Wort darf man hier wohl gebrauchen — ausgestellter, aus einem Steinbockhorn 
gebildeter Fisch, ein Hecht, dessen Kopf, Schwanz, Flossen und einzelne Schuppen aus vergoldetem 
Silber angefügt sind. Den Sockel bildet ein mächtiger Klotz Bergkrystall in Silberfassung, an dem 
eine fein emaillirte Wasserjungfer gaukelt. Ein «Myrthenbecher», reich an entzückenden Details, ein 
Galle-Glas, mit einer emaillirten Lazerte montirt, sind von gleicher Hand, Das sind freilich Stücke, 
die fast nur für fürstliche Mittel erreichbar sind. Der breiteren Menge der Leute von gutem Geschmack 
zugänglich sind die Zinnsachen von K. Gross (ausgeführt von L. Lichtinger) hier. Vom einfachen 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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Becherlein bis zur werthvollen, schweren Bowle sind hier alle erdenklichen Gefässe zu sehen, Flaschen 
und Krüge, Weinkühler, Teller und Schalen, Alles neuartig in seiner Form, oder doch neuartig aus 
alten Formen entwickelt. Gar vielerlei ist im Grunde gothisch, die flaschenartigen Vasen erinnern an 
ältere japanische Broncen, — aber Alles trägt den Stempel der «neuen Kunst». Namentlich die 
Behandlungsart des Zinns, die den edlen, feinen Glanz des sympathischen Metalls in seine Rechte 
einsetzt und das geschmeidige Material mit dem Hammer treibt, statt es in bekannter Art in schablonen- 
hafte Forme zu giessen, namentlich diese Technik ist freudigst willkommen zu heissen. Die Haupt- 
formen der Geräthe sind getrieben, nur 
nebensächlichere Ziertheile sind durch Guss, 
feine Linienornamente durch Graviren her- 
gestellt. Freudig begrüssen wir dieses vor- 
nehme Zinngeräth aber auch darum, weil 
es so recht darnach angethan ist, das Ver- 
ständniss für die angedeuteten Bestreb- 
ungen in weitere Kreise zu tragen. Recht 
Hübsches findet sich auch unter den — 
offenbar gegossenen — Edel -Zinnsachen 
von F. H. Schmitz (Köln). 

Auch für Kupfer -Treibarbeit sind schon 
seit dem letzten Jahre neue, reizolle Formen 
und ebenfalls neue, schöne Farbenwirkungen 
gefunden. Die Sachen vonJ.Winhart & Cie., 
Wilhelm und Lind, nach Entwürfen von 
H. Kellner, von Berlepsch und Anderen 
gearbeitet, Kannen, Vasen, Cachepots, 
Krüge und Kühlgefässe und noch manches 
Andere, erfreuen das Auge durch edle 
Grundformen ebensosehr, wie durch dis- 
krete und eigenartige Ornamentik und 
schöne Farben. Denn auch die letzteren 
spielen jetzt hier bei den Kupfergeräthen eine Rolle ; man hat — wohl zum Theil bei den Japanern — 
gelernt, dem Kupfer geschmackvolle neue Farben und Patinen zu geben, man arbeitet es vielfach 
mit Bronce und anderen Metallen zusammen und erzielt so reiche Wirkungen. Bald gibt ein schönes, 
warmes Braunroth den Grundton, bald ein gleichmässiges Patinagrün, bald auch ein tiefes Schwarz 
und davon heben sich goldgelbe Broncebeschläge oder blanke Schmiedeeisengestelle prächtig ab. 
Zu den gelungensten Stücken dieser Sparte zählen auch ein Theeservice von Eugen Berner mit 
Mistelmotiv, einige Vasen von Schmuz-Baudiss, an denen japanische Metalllegirungen verschiedener 
Art äusserst geschmackvoll zur Dekoration angewandt sind und die hübschen kleineren Sachen von 




Architektur und Kunsthandwerk 

Aus Raum No. 25, entworfen und eini;erichtet von Architekt 
Theodor Fischer- München 



94 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

Steinicken und Lohr. Die letztere Firma stellt auch einen höchst originellen Schirmständer, in 
Messing und Eisen geschmiedet, aus, ein Stück, das beweist, wie mit liebevollem Erfindergeist die 
neuen Zierkünstler sich auch des unscheinbarsten Hausgeräthes annehmen. Letzteres zeigt sich auch in 
den vortrefflich erfundenen Gardinenstangenhaltern von R. Riemerschmid. Eine Reihe der Künstler 
hat sich mit Beleuchtungskörpern für elektrisches Licht beschäftigt und es ist ihnen überraschend 
gelungen, himmelweit weg von allem Herkömmlichen das Schöne zu finden; eine Beleuchtungsart, wie 
die Glühlampe, die dem Musterzeichner absolut keine technischen Beschränkungen auferlegt, muss ihm 
ja auch Gelegenheit zur reichsten Entfaltung seiner Phantasie bieten. Wir nennen die Arbeiten von 
Eugen Berner, Richard Riemerschmid, Otto Eckmann, Wilhelm und Lind. Gerade diese 
Sachen illustriren das Bestehen eines Bedürfnisses nach neuem Stil, zeigen, wie mit dem Bedürfniss 
auch die Mittel entstehen, es zu befriedigen und wie die Sache selbst, für welche diese Mittel ersonnen 
sind, zum Schmuck für das Ganze wird. Gerade auf dem Gebiet der Nutzbarmachung der Elektrizität, 
die so viel praktische Fortschritte mit sich bringt, liegen auch tausend Quellen für das Schöne. In 
diese Gruppe gehört auch ein Kamin für Gasheizung von Wilhelm Bertsch — dem Architekten 
des ganzen Raumes No. 26. Gerade diese praktischen Gaskamine schreckten bisher Manchen ab 
wegen ihrer maschinellen Hässlichkeit — hier ist gezeigt, dass sich die Einrichtung zum Mindesten 
so behaglich gestalten lässt, wie die vornehme und unbequeme «Cheminee». 

Im Allgemeinen — eine Anzahl sehr gediegener Arbeiten auf dieser Ausstellung ändern daran 
nichts — hat die Goldschmiedekunst bei uns verhältnissmässig bis jetzt am Wenigsten vom « neuen Stil » 
profitirt. Woran dies liegen mag, ist nicht ganz klar — vielleicht zunächst daran, dass Schöpfungen 
in den alleredelsten Materialien naturgemäss ein kaufkräftigeres Publikum voraussetzen, als wir es 
haben. Und dann ist gerade das kaufkräftigste Publikum sehr konservativ und am Wenigsten tolerant 
gegen die Launen des erfindenden Künstlers. ■ Hier in München stellt ausser Fritz von Miller auch 
August Offterdinger (Hanau) geschmackvolles Silbergeräth aus, Ziergefässe und Vasen, zum Theil 
von reichbewegten, echt modernen Formen. Paul Merk lässt uns einige Vitrinen mit Schmuck sehen, 
wobei auffallender Weise die kostbarsten Stücke an Grazie und Mannigfaltigkeit der Form von den 
einfacheren weit überboten werden. Es ist als könnten sich die Zeichner nur schwer entschliessen, 
kostbare Steine dem Eindruck des Ganzen unterzuordnen, sie als Zierath anzuwenden — fast immer 
erscheinen sie als Hauptsachen und das Uebrige als Fassung. Wir können auch hier von den Alten 
lernen — sie besetzten ihre Schmuckstücke mit Edelgestein und wollten nicht blos ihre Edelsteine 
durch die Folie der Goldschmiedarbeit heben. Als werthvolle grössere Stücke sind hier noch zu nennen : 
die etwas zu absichtlich gothisirende und für ein Gebrauchsstück zu komplizirte Tischglocke von 
Blachian, die beiden einfach -schönen Sektschalen von Theodor Heiden, ein «Bierpokal» und ein 
zierlicher x'\ufsatz von Max Strobl. Max Rothmüller bringt gefällige kleinere Schmucksachen. 
Durchaus moderne Form hat Hermann Hirzel (Berlin) seinen in den «Vereinigten Werkstätten» 
hier ausgeführten Schmucksachen, meist Brochen, gegeben und es ist manches Schöne, aber auch 
manches Gewaltsame darunter. Das bemerken wir — selbstverständlich! — ja noch bei vielen der 
ausgestellten Arbeiten mit Missbehagen, dass sie allzu laut schreien: «Ich bin modern! Ich bin 




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DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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originell!» Aber das sind Dinge, die man in den Flegeljahren eines neuen Stils eben mit in den Kauf 
nehmen muss. Als durchaus vornehmes, erstklassiges Struck muss der schöne Silberpokal nebst Teller, 
mit einem Lorbeermotiv dekorirt, bezeichnet werden, den Steinicken und Lohr ausgestellt haben. 
Das ist «modern» ohne jede Aufdringlichkeit und schön ohne «Tendenz». Nicht unerwähnt bleiben 
dürfen die weich und anmuthig modeliirten Medaillen meist wohl französischen Ursprungs, die in einem 
Glaskästchen ausgestellt sind. 

Mit aufrichtiger Befriedigung kann der Kunstfreund auf die Mannigfaltigkeit der Formen sehen, 
die an den ausgestellten Möbeln auffällt. In der Wahl und Zusammenstellung der Holzarten, dem 

Schmuck durch Beschläge, in dem Bestreben, 
das Zweckmässige mit dem Schönen zu 
vereinigen — eigentlich ist das Letztere ja 
die Hauptparole der ganzen, in Rede stehen- 
den Bestrebungen — in der, meist glücklich 
reaiisirten Absicht, einfach und vornehm zu 
sein und auch die kleinste Zuthat nicht der 
künstlerischen Fürsorge des Erfinders ent- 
gehen zu lassen, zeigt sich hier ein ganz 
unerschöpflicher Reichthum von Phantasie 
und Können. Bernhard Pankok, einer 
der feinsinnigsten Münchener Stilisten, der 
auch für den Buchschmuck viele wirksame 
und durchgeistigte Arbeiten schon geleistet 
hat, der vielseitige Richard Riemer- 
schmid, Martin Dülfer, der Architekt 
der Kabinette 24 und 25, L. Hohlwein, 
Bernhard Wenig, F. X. Wagner, sie 
Alle haben Stücke zur Ausstellung geliefert, 
die höchster Beachtung werth sind. Auf 
keinem Gebiete des Handwerks war wohl 
noch vor Kurzem so kläglicher Schlendrian 
zu beklagen, wie auf dem der Kunsttischlerei. Was nicht sklavische Nachbildung alter Form war, 
war sinn- und stillose Arbeit nach schlechten Musterbüchern, ans Erfinden dachte kein Mensch. 
Und nun sehen wir, dass sich nirgends so Mannigfaltiges erfinden lässt, wie hier! Und noch eins: 
hier ist vielleicht der Punkt, an dem eine Popularisirung des «neuen Stils» erspriesslich einsetzen 
kann. Das Allereinfachste kann schön sein im neuen Sinn, der schlichteste Holzstuhl, das bescheidenste 
Schränkchen. Und Nichts braucht theurer zu werden, als es bisher war — wenn wir überhaupt von 
solider Arbeit reden. Jetzt sind die Preise für modernes Kunstgeräth vielfach noch unverhältniss- 
mässig hoch, weil von vorneherein nur auf einen beschränkten Absatz, weil nur auf wohlhabende Käufer 

II 14 




Architektur und Kunsthandwerk 

Aus Raum No. 26, ausgeführt nach Angabe des Architekten 
Wilhelm Bertsch - München 



96 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

gerechnet war. In Zukunft wird man sich auch damit beschäftigen müssen, die Verkaufswaare der 
bescheideneren Werkstätten auch mit in den Bereich des eben errungenen Kunststils zu ziehen. Warum 
soll ein Stuhl, der zehn oder zwölf Mark kostet, nicht auch von guter Form sein können, da die 
gute Form vielfach durchaus kein Plus an Arbeit bedingt? Eins allerdings bedingt dieser Stil: saubere, 
liebevolle Ausführung. Für den Winkelschreiner, der gewohnt ist, jedes Stückchen Zierwerk fertig in 
einem Spezialgeschäft zu kaufen und seinen formlosen Kasten aufzuleimen, ist hier nichts zu suchen. 
Aber der kleinste Handwerksmeister, der Lust und Liebe zur Sache und geschickte Hände hat, kann 
jetzt Gelegenheit finden, emporzukommen, wenn er mit seiner Zeit geht. 

H. E. v. Berlepsch, der einer der Thätigsten der Kunst im Handwerk geworden ist, hat 
zwei Kabinette eingerichtet, die auch als Muster neuzeitlicher Innendekoration in jeder Beziehung Lobes 
werth sind. Ganz besonders aber interessiren uns die nach seinen Entwürfen ausgeführten Möbel der 
Firma Buyten und Söhne, Düsseldorf. Es sind Holz- und Polstermöbel von noblen Formen, geziert 
hauptsächlich durch Einsätze von schönmaserigem Holz, das durch ein neues Verfahren (Xylektypom) 
so bearbeitet ist, dass die Zeichnungen der Maserung etwas vertieft, aber in scharfem Relief zu Tage 
treten. Bei einem Theil dieser Füllungen liegt auch ein flaches Pflanzenornament auf dem gemaserten 
Hintergrunde. Es handelt sich offenbar um eine Art von Aetzung, welche die weicheren oder beim 
Aetzen nicht durch Firniss geschützten Theile der Holzplatte wegnimmt, die Theile von festerer 
Struktur oder die abgedeckten Zeichnungen aber stehen lässt. Auch reich dekorirtes Kupfergeräth 
in diesen Räumen ist nach Berlepsch' Entwürfen getrieben und von ihm stammt auch eine Serie sehr 
instruktiver Pflanzenstudien für Ornamentzwecke in einer Vitrine. 

Wenden wir uns nun, der Uebersichtlichkeit halber die ausgestellten Schätze in Gruppen zu- 
sammenfassend, zu den Stickereien, so muss wohl in erster Linie der Name Hermann Obrist's genannt 
werden. Er hat die Malerei mit der Nadel, ein Gebiet, auf dem die ödeste Dilettanterei gang und 
gäbe war, zur reinen Kunst erhoben, zu einem Ding, das fein genug ist, Selbstzweck zu sein. Er ist 
der Zarteste, Sensitivste unter unsern modernen Ornamentikern und Frl. C. Ruchet, die seine Ent- 
würfe in Nadelmalereien umsetzt, darf nahezu als ihm congenial gelten, so hoch erhebt sich ihre 
Fertigkeit über alles Handwerksmässige. Das Kissen mit dem rothen Umbelliferenmotiv auf grünem 
Moire, das dreieckige Kissen, das weisse Blatt mit den dunklen, wunderbar bewegten Haferähren — 
das sind Meisterstücke. Auch Pankok hat für ein seidenes Kissen den gelungenen Entwurf geliefert, 
Peter Behrens, der auch durch dekorative Buntholzschnitte ehrenvoll vertreten ist, Entwürfe für 
einfache, aber sehr gut wirkende Knüpfteppiche, Bruno Paul die Zeichnung zu grossen Vorhängen, 
deren geistreich erdachte Technik darin besteht, dass schwarze Seidenlitzen auf blaues Uniformtuch 
aufgenäht sind. S. Meinhold arbeitet mit Erfolg im Geiste Obrist's, M. Behmer lässt uns die 
Anwendung des neuen Stils auf die Leinenstickerei sehen. In ihrer Erfindung von eigenthümlich 
naiver Künstlichkeit und sehr geschmackvoll sind die mikroskopisch zarten Stickereien von Ein- 
gebornen Südamerikas, die Konsul W. Körte uns vorführt. E. Erber, L. M. Riess, Prinzessin 
Cantacuzene, A. Naue u. A. mit ihren Stickereien verschiedenster Art wären ebenfalls mit Aus- 
zeichnung zu nennen. Otto Ubbelohde hat einen Wandschirm in Gobelinimitation ausgeführt, 



DIE KUNST UNSERER ZEIT. 



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der allerhand Nachtgevögel mit ebensoviel Stimmung als Farbenschönheit und zeichnerischem Ge- 
schick zur Darstellung bringt. 

Sehr Gutes leistet speziell Süddeutschland auf dem Gebiete der Keramik und zwar sind auch 
hier zahlreiche «neue Techniken» zu bewundern. Da sind die mannigfaltigen Krüge und Blumentöpfe 
der Familie von Heider (München) mit ihren koloristisch so reizvollen Glasuren und ihrem vornehm 
einfachen Dekor, da sind Schmuz-Baudiss' keramische Kabinetsstückchen, in denen die einfachste 
Töpferarbeit raffinirt zu künstlerischer Vollendung gesteigert ist, da sind die süperben Geräthe aus 

glasirtem Thon, die Frau E. Schmidt- 
Pecht (Constanz) mit seltener Formen- 
phantasie und konsequentem Stilgefühl 
fertigt, da sind die prächtigen Porzellan- 
malereien von M. Rossbach, die Vasen 
von Max Länger (Karlsruhe) und vieles 
Andere. Glasgefässe sind im Glaspalast 
merkwürdig wenig, wenn auch nur in 
guten Stücken vertreten ; zu diesen zählen 
die Ziergläser von F. A. O. und Paul 
Krüger (München) und die Nachbildungen 
irisirender altrömischer Glasgefässe. von 
Friedrich Zitzmann (Wiesbaden). Auf 
sehr hoher Stufe stehen die Glasmosaik- 
bilder nach dem Muster und wohl auch 
zum guten Theil mit dem Material der 
bekannten Tiffanyfenster ausgeführt von 
Karl Ule in München und Karl Engel- 
brecht in Hamburg, welch' Letzter einen 
unschätzbaren Helfer in dem in Paris 
lebenden Maler Christiansen besitzt. 
Diese Glasbilder sind ohne Zuhülfenahme 
des Pinsels aus mannigfaltig gefärbten, 
opalisirenden und glatten, dicken und dünnen, gewellten und gekörnten Glasplatten zusammengesetzt 
und übertreffen in ihrer ungebrochenen Leuchtkraft und starken Zierwirkung alle Glasmalereien alten 
Stils. Der beschränkte Raum gestattete uns hier kaum, auch nur das Hauptsächlichste zu erwähnen 
und es mag so Manches ungenannt geblieben sein, was verdient hätte, mit in erster Reihe zu stehen. 
In der Jahresausstellung der «Secession», welche heuer zum ersten Male König Ludwigs I. 
prachtvoller korinthischer Tempel am Königsplatzc aufgenommen hat, spielt, wie es bei dem beschränkten 
Raum gar nicht anders sein kann, das Kunstgewerbe nur eine nebensächlichere Rolle, wenn auch unter 
dem Wenigen, was zu sehen ist, gerade ganz hervorragende Sachen sich befinden. Im Vordergrund 




Architektur und Kunsthandwerk 

Aus Raum No. 29, entworfen und eingerichtet von den Architekten 
Hdbig und Haiger- Münclien 



98 DIE KUNST UNSERER ZEIT. 

des Interesses stehen wohl die bekannten Gläser von Galle und Tiffany. Der Erstere, der seinen mit 
ganz unbeschreiblicher Pracht und Schönheit gefärbten Gläsern nebenbei auch tiefsymbolische Bedeutung 
zu geben versucht und sie mit sinnigen und übersinnigen goldenen Inschriften schmückt, behandelt 
seine bunten, überfangenen und immer wieder auf's Neue durch aufgetragene Pasten bereicherten 
Gläser etwa wie Onyx oder Achatblöcke und schneidet Gemmen daraus, wahre Wunderwerke der 
Technik, des Geschmacks und der Geduld. Bei Tiffany ist die eigentliche Arbeit des Glasbläsers 
einfach und die Formen sind es nicht minder. Aber das Material ist mit so fabelhafter Virtuosität 
gefertigt, dass das Glas selber zum Edelstein wird. Eine beispiellose Geschicklichkeit im Hervorrufen 
von Absichtlichkeiten und Zufälligkeiten, ein geistvolles Ausnützen der chemischen und physikalischen 
Gesetze ermöglichen es Tiffany, seinen Geräthen die farbenreichsten Muster zu verleihen; das irisirt 
in allen Farbenskalen, Pfauenfedermuster durchziehen das Glas, Metallglanz ziert es — es ist als seien 
Opale geschmolzen und von der Pfeife des Glasbläsers zu Geräthen geformt. Die Preise der Sachen 
entsprechen freilich ihrer Kunstfertigkeit vollauf. 

Mannigfaltiger ist die Kollektion des Belgiers Philipp VVolfers (Brüssel). Er verbindet 
Elephantenzähne mit Bronce oder vergoldetem Silber, oder Gläser der Galle'schen Technik ebenfalls 
mit Silberguss, dessen Vergoldung zum Theil wieder durchgeputzt ist, er giesst in Zinn und Bronce. 
Vieles von seinen Arbeiten gehört eigentlich in's Gebiet der Kleinplastik. Das gilt auch von dem 
«Standspiegel» von E. M. Geyger in Florenz, der so unbeschreiblich fein ausgearbeitet ist, dass er 
fast eir.e Radirung in Metall heissen könnte. F"einer Kunst, aber kaum dem «Handwerk» gelten die 
eminent weich und anmuthig modellirten Leuchter, Aschenbecher, Rahmen, Bonbonnieren u. s. w., die 
P. M. Dubois für Zinnguss modellirt hat. Dies Alles ist, wie auch die Sachen von Charpentier 
im Glaspalast, nur äusserlich einem praktischen Zweck angepasst, während die Mehrzahl der deutschen 
Arbeiten, die wir aufzählten, dazu angethan sind, uns das Schöne thatsächlich in den Gegenständen 
des täglichen Gebrauchs in die Hand zu geben. Mehr in letzterem Sinne gearbeitet ist ein Salzgefäss 
und ein aus den verschiedenartigsten edlen Materialien sehr graziös gearbeiteter Becher von Henri 
Nocque in Paris. 

Alles in Allem : wir sind auf gutem Wege, durch die Leistungen unserer für dekorative Zwecke 
arbeitenden Künstler einen Stil zu finden und zu fixiren, der die Zeit um das Jahrhundertende für die 
Nachwelt in würdiger Weise kennzeichnet und unser voller Dank gebührt allen Denen, die daran 
weiterbauen. 





Otto Strütsel piux. 



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