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Full text of "Die Leben und die Lehre des Mohammed : nach bisher grösstentheils unbenutzten Quellen bearbeitet"

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DAS 

LEBEN UND DIE LEHRE 



DES 



MOHAMMAD. 



DRITTKR BAND. 



DAS 



LEBEN UND DIE LEHRE 



DES 



MOHAMMAD 



NACH BISHER GRÖSSTENTHEILS UNBENUTZTEN QUELLEN 



BEARBEITET 



" -i.',tPRENGER. 



ZWEITE AUSGABE. 



DRITTER BAND. 



BERLIN 
NICOLAISCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG. 

(a. EFFEKT & L. LINDTNER.) 
1869. 



V 



«f^ -^ 




Inhaltsverzeiclinifs zum dritten Bande. 



Seite 

Vorrede i — clxxx 

Der Koran xviii 

Die Biographie liv 

Die Sunna Lxxvii 

Die Koräncommentare civ 

Die Genealogie ... - cxx 

Siebzehntes Kapitel 1 — 87 

Religiöse und politische Einrichtungen in Madyna von der 
Flucht bis zur Schlacht von Badr. (A. D. 622—624) 1—60 

Anhang zudq siebzehnten Kapitel 61 — 87 

Die Frauen des Propheten 61 

Achtzehntes Kapitel 88—142 

Raubzüge bis zur Schlacht von Badr. (623—624) ... 88 
Anhang zum achtzehnten Kapitel 134 — 144 

I. Tauschmittel der Araber 134 — 141 

II. Brief des Orv?a an den Chalyfen 'Abd al-Malik 142 — 144 

Neunzehntes Kapitel 145 — 216 

Meuchelmorde, Vertreibung zweier jüdischer Stämme, klei- 
nere Kriege, Oliodschlacht, Belagerung von Madyna. 
(Vom März 624 bis April 627) 145 

Zwanzigstes Kapitel 217—260 

Hinrichtung von sechshundert Juden. Raubzüge. Pilger- 
fahrt bis Hodaybiya. (April 627 bis März 628) . 217—260 



Seite 

Einandzwanzigstes Kapitel 261 — 311 

Gesandtschaften. Eroberung von Chaybar. Abfinden mit 
einem Nebenpropheten. (April 628 bis Ende 629) . . 261 

Zweiundzwanzigstes Kapitel 312 — 358 

Eroberung von Makka. Besiegung der Hawäzinstämme. 
Grundlage der Innern Organisation des neuen Staates. 
(Januar bis März 630) 312 

Dreiundzwanzigstes Kapitel 359 — 474 

Viele Stämme huldigen dem Propheten. Der Feldzug an 
die byzautinische Grenze. (April 630 bis Februar 631) 359 

Vierundzwanzigstes Kapitel 475 — 554 

Kündigung der Verträge. Disputation mit Christen. Pil- 
gerfest. Tod. (März 631 bis 8. Juni 632) .... 475 

Register 555 



Vo 1 r e d e. 



iJas Innere des Menschen giebt sich in seinen Worten und 
Thaten kund. So hinge Mohammad in Makka war, fand er 
kein Feld zum Handehi, aber er hat viel gedacht und ge- 
sprochen. Die Resultate seiner Spekulationen sind im Koran 
niederirelegt. Da wir vou seinen Schicksalen während jener 
Periode des Dranges nur wenig wissen, so bleibt dem Bio- 
graphen nichts anderes übrig, als seine Inspirationen ge- 
ordnet und beleuchtet dem Leser vorzulegen. Indem er 
dieses thut, zeigt er ihm seinen Helden selbst und nicht nur 
dessen Bild. 

Wie grofs auch die Vortheile einer solchen Behandlung 
des Gegenstandes sind, so hat sie doch auch ihre Schatten- 
seiten. In der Anordnung der Koranstücke fehlt es uns an 
historischem Boden luid wir befinden uns in der Lage eines 
Ingenieurs, der eine Stral'se durch einen Sumpf führen soll. 
Er muls endlose Massen von Felsenstücken und Sand ver- 
senken, um einen Grund zu bereiten; so auch müssen wir 
durch zahlreiche Seitenblicke und Yergleichungen den Boden 
befestigen; ja wir dürfen keine auf jene Zeit bezügliche Nach- 
richt, keine Koranstelle unberücksichtigt lassen, denn wir 
befinden uns auf dem Felde der Voraussetzungen, und eine 
Hypothese verdient nur dann Zutrauen, wenn alle betrefien- 
den Phänomene durch sie erklärt werden können. Durch 
diese Methode sind die vorigen zwei Bände viel mehr zu 
einer Reihe von Monographien, als zu ehier fortlaufenden 
III. a 



II 



Lebensbeschreibung herangewachsen. Soviel ist aber jeden- 
falls dadurch erreicht worden, dals in Zukunft nur arbeits- 
scheue Menschen es wagen werden, den Charakter des Mo- 
hanunad nach Schablonen und metaphysisch -theologischen 
Theorien zu beurtheiien. Wenn sich auch manche seiner 
Oflenbarungen anders deuten lassen, so mufs der, der jetzt 
noch in dieser Frage mitsprechen und von vorurtheilsfreien 
Leuten gehört werden will, alle seine Ergüsse aus der Drang- 
periode nach psychologischen Grundsätzen und mit Rück- 
sicht auf die Tradition zusammenstellen und darauf sein Ur- 
theil bauen. 

Mohammad's Eintritt in Madyna, womit wir den vorigen 
Band schlössen, ist sein Eintritt in die Weltgeschichte, und 
die Moslimc haben Recht, damit ihre Aera zu beginnen. In 
ALidyna wurde er zum Eroberer und Herrscher. Wie der 
schweigsame Mann in den Tuillerien, welcher seiner Zeit 
auch viel geschrieben, gesprochen und versprochen hat, re- 
dete er jetzt wenig: That trat an die Stelle des Wortes, 
Genuis stillt«' das Sehnen und Wirklichkeit verdrängte die 
Träume. Wenn er aber heilige Bündnisse auf Befehl Gottes 
bricht, Meuchelmorde verüben lälst und an einem Tage sechs- 
hundert schuldlose Menschen hinzurichten befiehlt, anderer- 
seits al)er sell)st in seiner höchsten Macht sich zu mäfsigen 
weil's, Prachtliebe verschmäht, die Anhänglichkeit an seine 
Freunde bewahrt, Beleidigungen vergil'st, umsichtsvolle Rath- 
geber wählt und vernünftigen Eingebungen ofi'en ist, stets 
den rechten Augenblick benutzt, immer und überall (auch in 
den genannten Verbrechen) im Geiste seiner Zeit und seines 
Volkes handelt und endlich sich ganz Arabien unterwirft, so 
sprechen seine Thaten. Ich bin daher um so mehr der Mühe 
überhoben, lange Koranstellen zu ül)ersetzen, weil die Orakel 
dieser Periode einen ganz andern Charakter haben und fast 
gar keine psychologischen Momente enthalten. 

Für luis hat Mohammad nin* in solern Interesse, als er 
der Stifter des Islams ist. Der Islam ist allerdings an und 
für sieii eine beachtenswerthe Ersclx-inung, do<-h würden die 
meisten von \ms sein Studium ruhig den Türken überlassen, 
wenn er nicht die einzige Weltreligion wäre, welche im vollen 
Tageslicht entstanden ist. Die Anfänge des Buddhismus, des 



III 



Judeuthums und des Christonthunis sind in Dunkel gehüllt, 
die des Islams hingegen können wir Schritt für Schritt ver- 
folgen. Wenn auch, wie Barthelemy Saint -Hilaire richtig 
bemerkt ') , nicht alle Religionen genau denselben Ursprung 
haben, so ist es doch ein greiser Vortheil, wenigstens von 
einer die Entstehungsgeschichte dokumentarisch nachweisen 
zu können. Der Islam wird dadurch für die Religionsge- 
schichte, was das Planetensystem der Sonne für die Astro- 
nomie der Fixsterne ist. Soll eine Biographie des Moham- 
mad den gerechten Forderungen entsprechen, so mufs sie 
die Frage beantwosten : Wie ist es ihm gelungen , seiner 
Lehre Eingang zu verschaffen? Die Moslime haben die Wich- 
tigkeit dieser Frage wohl erkannt, und ihre Beantwortung ist 
der leitende Gedanke unserer Quellen. Sie halten an der 
von ihrem Meister ausgesprochenen Ueberzeugung fest „der 
Islam ist die unwandelbare Religion" und schreiben seinen 
Sieg einer speciellen Fügung der Vorsehung zu. Aber wel- 
ches sind die Mittel, deren sich Gott bediente? Er schickte 
zwar bisweilen Engel, um für seinen Boten zu kämpfen, und 
wenn dieser auch niemals Tausende von Menschen, welche 
nicht pariren wollten, mit einer Eselskinnbacke niedersäbelte, 
so hat er doch hie und da auch Wunder (in dem rohen Sinne 
des Wortes, den es bei uns hat) gewirkt. Solche äufseren 
Mittel erscheinen aber in den Quellen als Nebensachen; die 
Waffe, durch welche Gott seine Religion siegreich machte, 
ist die Macht des Wortes und der Wahrheit. Diese erhabene 



') Mais il faudrait prendre garde ä ne pas tirer de ce fait 
isole et infiniiuent curieux des consequences trop generales, et qui 
pourraient bien etre fausses. Parceque Je mahomedanisme est ne 
d'une certaine fa^on , il n'est pas a dire que toutes les religions, 
Sans excepter auciuie, sont nees de la merne maiiiere. Cette hypo- 
these est specieuse sans aucun deute, niais eile n'est pas absolument 
vraie. II y a des religions qui n'ont point eu de fondateurs indi- 
viduels; et le brahmanisme, par exemple, a ete Toeuvre d'une race 
entiere; c'est une succession de poetes qui Tont forme, dans une 
longue suite de generations et par une inspiration commune qui a 
duree plusieurs siecles sans Interruption (Journal des Savants, Avril 
1863, p. 212). 

a* 



IV 



Lehre ist uicht ganz das Verdienst der Moslime. Sie kommt 
schon in den Clementinen vor, und Mohammad, da es nicht 
in seiner Macht stand Kranke zu heilen und Todte zu er- 
wecken, konnte sich auf kein anderes Zeichen berufen, als 
dals ihm Gott den Koran ofienbarte, welcher sich durch In- 
halt und Form als Gottes Wort erwies. Dieser Lehre liegen 
alst) die Behauptungen ihres Meisters und auch der histo- 
rische Hergang zum Grunde, denn die ersten Gläubigen sind 
durch kein anderes Mittel als durch die Macht des Wortes 
bekehrt worden. Man mufs jedoch den Moslimen immerhin 
nachrühmen, dals sie sich als feine Spiritualisten erwiesen, 
indem sie diese Lehre auch in einigen Dichtungen festhielten. 
So haben sie z. B. eine Legende erfunden, um die Bekehrung 
ihres grölsten Glaubenshelden, des 'Omar, zu verherrlichen 
(B. 11 S. 87). Sie lassen sie aber weder durch eine Stimme 
vom Himmel, noch durch die Sendung eines Engels, sondern 
durch ein Blatt Pergament, auf dem ein Koranstück steht, 
bewerkstelligt werden, obschon, da sie einmal dichteten, es 
ebenso leicht gewesen wäre, ein augenscheinlicheres Wunder 
zu erfinden, als diese Geschichte. 

Dieser Spiritualismus, welcher die ganze dogmatische 
Biographie durchdringt und ihr eine Färbung giebt, welche 
die Scheidekunst der Kritik nur schwer vom historischen 
Stofl'e zu treinien vermag, ist gefiihrlicher für uns als grobe 
Unwahrheiten, dergleichen wir in den Lebensbeschreibungen 
des Buddha und anderer lieligionsstifter finden. Stellen wir 
in Abrede, dals Mohannuad ein Werkzeug in den Händen 
der Vorsehung war, so wird er selbst zum Gründer des Is- 
lams und die nüchternste Antwort auf obige Frage „wie ist 
es ihm gilungen, seiner Lehre Eingang zu verschaffen?" ist, 
wenn wir uns blindlings an die Quellen halten: Durch die 
Macht seines Genies! Sein persönlicher Einflul's auf die 
Geschicke der Menschheit erhält dadurch übermenschliche Pro- 
portionen, und es ist gerade als hätten die Moslime gewissen 
in unserer Zeit verbreiteten Theorien vorarbeiten wollen. Wie 
ich mich in der Vorrede zum ersten Bande ausgesprochen 
habe, soll diese Arbeit ein Beitrag sein, Ansichten dieser Art, 
die ich für krankhall und jeder historischen Grundlage ent- 
behrend luihe, /,u bekämpfen. L'm diesen Zweck zu erreichen, 



ist vor allem eine auf die Entstoliunffsixeschiehte jreffründete 
Kritik der Quellen nothwendig, dann aber die Darstellung 
der äuiseren Verhältnisse, unter deren nöthigender Macht der 
Islam entstanden ist. 

Der Hauptstützpunkt für die oberflächlichen Bewunderer 
des Propheten sind die raschen Siege, die weite Verbreitung 
luid die lange Dauer der von ihm gegründeten Religion. Es 
ist wahr, während seiner Lebzeit hat sich ganz Arabien zu 
seiner Lehre bekehrt; aber nach seinem Tode sind drei Viertel 
der Halbinsel abtrünnig geworden, und zwar, wie sich nach- 
weisen läJ'st, aus seiner persönlichen Schuld. In seiner 
Imbecilität hat er gegen den Rath seiner Freunde den 
Glauben verrätherischer Häuptlinge erkauft, welche er hätte 
zu Boden treten sollen, und sein theokratischer Dünkel machte 
ihn blind gegen die Absichten von Stämmen, deren Heuchelei 
am Tage lag. Wenn sie ihm ein schönes Weib brachten und 
sagten „Du bist der Bote Gottes!" machte er Zugeständnisse, 
welche keine andern Folgen als Aufruhr haben konnten. 

Sein Nachfolger Abu Bakr hat die Mittel angewandt, 
welche Mohammad hätte anwenden sollen und können, um 
Arabien nicht nur dem Scheine nach , sondern thatsächlich 
zu unterwerfen. Ohne das energische Vorgehen Abu Bakr's 
hätte sich der Mohammadanismus aufgelöst oder er wäre 
eine unbedeutende Sekte geblieben. 

Unter 'Omar endlich, welcher auch während Abu Bakr's 
kurzer Regierung die Staatsgeschäfte leitete, haben sich die 
Moslime über Persien, Syrien xmd Egypten ergossen und 
diese Länder für die neue Religion erobert. 'Omar ist der 
eigentliche Stifter der moslimischen Macht. "Omar steht in 
meinen Augen in jeder Beziehung höher als der Prophet. Er 
ist frei von den Schwächen und Ausschweifungen, welche 
den Charakter des letzeren beflecken, und war ein Mann voll 
männlichen Ernstes und Thatkraft. Nach dem Tode des 
Propheten hat er sich das Zutrauen aller Parteien und aller 
Stämme durch seine Uneigennützigkeit, Offenheit und durch 
seinen gesunden Blick erworben, und sein Wort war das 
Wort der Gesammtheit. Schon während der Lebzeit des 
Propheten hatte er gröfsere Verdienste für den Sieg des Is- 
lams, ja für die Reinheit der Lehre, als Mohammad selbst. 



VI 



Er hat seinen Meister vor vielen groben MifsgriflPen durch ener- 
oisches Einschreiten bewahrt und sein überlegener Geist mulstc 
auf das, wenn auch zähe, doch schwache hysterische Gemüth 
des Mohammad einen ununterbrochenen Einflufs üben. 

Die Generation des Mohammad und des 'Omar ging 
dahin; die Fluth der arabischen Eroberungen hatte aber ihr 
Ende noch nicht erreicht. Es wurde von den folgenden Ge- 
nerationen noch Spanien, Sind und Transoxanien unterworfen. 
Selbst mit dem Tode des Omar war die Gährung, welche 
der Islam unter den Arabern hervorgerufen hatte, noch nicht 
beendet. 

In den folgenden Jahrhunderten wurden in grofsen Zwi- 
schenräumen die Horden von Centralasien von der Idee des 
Ishim entzündet. Schwärm auf Schwärm strömte unter dem 
Ruf „Es giebt keinen Gott aufser Allah" aus den Steppen 
hervor; sie eroberten endlich Konstantinopel und Indien und 
belaererten Wien. 

Man wird zugeben, dafs ohne äufsere Machtentwickelung 
der Islam nie zur Weltreligion geworden wäre. Besehen wir 
nun das Phänomen, welches uns mit Staunen erfüllt, die 
weite Ausdehnung und die daraus hervorgehende Dauer des 
Islams näher, so erblicken wir darin die Summa der Kräfte 
aller nomadischen Nationen: der Araber, der Berber 
und vieler tatarischer Horden. Es ist aber ein von Ibn 
C'haldun entwickeltes historisches Gesetz, dafs die Nomaden 
von Zeit zu Zeit ackerbautreibende Länder überfluthen und 
Dynastien gründen. Ohne mich über diesen Gegenstand zu 
vorbreiten, will ich an die Unterwerfung von China durch 
die Tataren erinnern , auch will ich darauf aufmerksam -ma- 
chen, dafs schon PHnius von einem arabischen Könige zu 
Charax spricht, dafs die Bedouinen schon lange vor Mo- 
hammad die stolze Biu'g Hadhrä erolx'rten und von dort 
ans dif fiuchtbarcn Ufer der Tigris und des Euphrates be- 
herrschten, und (lals die Südaraber gegen Norden vordrangen 
imd das liyrisehc und ghassänidische Königreich gründeten. 
Auch in den moslimisclicn Eroberungen waren die Südaraber 
voran (vergl. Conquests of Syria by Pseudo-Wäkidi). „Es 
giel)t keinen Gott aulser Allah" war das Feldgeschrei der 
erobernden Söhne der Wüste, aber es war nicht das einzige 



vir 



Movens in ihrer Bewegung. Selbst ein moslimischer Ge- 
schicbtspliilosoph, Ibn Chaldün, erblickt in der Religion nur 
das Einigungsniitttel der arabischen Stämme im Kampfe gegen 
das Ausland. Wie in der Materie die vis inertiae liegt, so 
schlummert in gewissen Nationen der Trieb der Aggression. 

Obschon das Urtheil gar sehr durch diese späteren Er- 
folge bestochen wird, so wird man mir doch sagen: dafs 
Mohammad Konstantinopel nicht erobert und Wien nicht be- 
lagert habe ist uns wohl bekannt, aber er hat jene Lehre 
gepredigt, welche den Orient entflammte und zu solchen 
Thaten fähig machte; es war also doch etwas Uebermensch- 
liches in ihm. — Wenn eine Feuersbrunst eine ganze Stadt 
in Asche legt, so suchen wir doch keine übernatürliche 
Kraft in dem zündenden Funken. Warum sollen wir hier 
anders urtheilen ? 

Wie entstand der zündende Funken und wie kam er in 
den unermefslichen Brennstofi"? Diese drei Bände sind nicht 
eine Geschichte des Ursprunges des Islams, sondern blofs 
eine Biographie des Mohammad. Die Beantwortung dieser 
Frage liegt daher aul'ser meinem Gebiet, doch dürften einige 
Andeutungen hier an ihrer Stelle sein. Der Islam ist ganz 
vorzüglich die Religion nomadischer und halbnomadischer 
Völker. Im ackerbautreibenden Persien hat er schon früh 
eine eigenthümliche, die schy itische, Form angenommen, und 
selbst unter den abgelagerten Nomaden, nachdem sie einige 
Zeit in bleibenden Wohnsitzen gelebt hatten , verlor er sehr 
bald seine Einfachheit. In Arabien hingegen, seinem Heimath- 
lande, wurde er selbst in neuester Zeit zu seiner ursprüng- 
lichen Reinheit zurückgeführt ^). Es scheint also etwas im 



') Folgendes ist die Geschichte der Reformation. Der Islam, 
wie ihn die Türken bekennen, ist mit Aberglauben überladen, und 
die gröfste Immoralität, Verbrechen gegen die Natur, werden ge- 
duldet. Nicht nur Mohammad, sondern auch berühmte Heilige em- 
pfangen eben so viele Verehrung als Gott, auf ihren Gräbern stehen 
prachtvolle Tempel, in welchen der Aberglaube seit Jahrhunderten 
Schätze angehäuft und ausschweifende Frömmler ernährt. Im vorigen 
Jahrhundert stand im Nagd (Centralarabien) ein Mann (Abd al- 
Wahhäb, f 1787) auf, welcher gegen diesen Unfug predigte und den 



VIII 



Boden zu sein, was seiner Entwickelung günstig ist. Jedei- 
Reisende, welcher so glücklich gewesen ist, einige Zeit in 
der Wüste zuzubringen, schwärmt über den EinfluCs der Luft 
auf die geistige Stimmung. Man fühlt sich von Wonne be- 
rauscht und von jeder Bürde des Lebens befreit. Obschon 
ich als Sohn der Alpen eine Vorliebe für die Gebirge habe, 
auf dem Meere und in grofsen Städten tausendmal von un- 
sern Gletschern träumte und beim Erwachen den Sennen be- 
neidete, dessen fröhliches Jauchzen in hundertfachem Echo 
wiederhallt, so mul's ich doch gestehen, 'dafs weder die Luft 
unserer Hochalpen, noch die des Himalaya's so stärkend, so 
belebend auf mich wirkt, als die der Wüste. Nach dem 
Zeugnisse Wallin's ist es aber nur im Nofüd (siehe Bd. L 
S. 241), wo sich die Brust vollends öffnet; das Nofüd ist die 
Wüste in der Wüste, das Paradies im Paradiese. Ein solches 

Glaulieii an den einen Gott in seiner Reinheit nach den Lehren 
des Koran wiedcrherstelUe. Ibn Sa'üd, der Fürst von Dereya, von 
seiner Lehre hingerissen, entschlofs sich dieselbe mit dem Schwerte 
zu verbreiten; es gelang ihm und auch seinen Nachfolgern, den 
Wahhabisnius in ganz. Arabien — mit Ausnahme von Oman und 
Hadhramawt — siegreich zu machen. Die Lehre des Abd al- 
WahhAb erreichte also durch dieselben Kräfte und Mittel dasselbe 
Ziel , welches der Islam zur Zeit des Todes des Propheten erlangt 
hatte. Nehmen wir den Erfolg oder die Reinheit der Lehre als 
Maafsstab der Gröfse des Mannes, so steht Abd al-Wahhäb eben 
so hoch wie sein Vorbild. Warum aber bleibt Abd al-Wahhab in 
der Dunkelheit, während Mohammad zur wellhistorischen Persön- 
lichkeit wurde? Weil die Lehre des einen nach seinem Tode 
unterdrückt, die des andern siegreich wurde. Dieser Unter- 
schied liegt aber nicht in der Natur des zündenden Funkens, son- 
dern in der aufser den Stiftern gelegenen Zufälligkeit. Dem Wahhäb- 
ismus (raten am persischen Meerbusen die Engländer (Capitain Main- 
wrighf und Sir Lionel Smith) und im westliehen Arabien die mit 
europäischer Disciplin und Waffen ausgerüsteten Truppen des Mehmed 
Aly entgegen. Der Wahliäbismus ist übrigens nicht ausgestorben, 
er zählt noch viele tausend Hekenner, und obschon Diejenigen, mit 
denen ich in Herührnng kam, Leute ohne alle Hildung waren, bo- 
safsen sie doch, wie ich bereits zu erwähnen Gelegenheit hatte, die 
reinsten Begriffe von Gott und einen Abscheu gegen jede Art von 
Aberglauben. 



IX 



Klinua kann nicht ohne mächtij^eii EinflnI's auf die physisclien 
und geistigen Eigenschaften der Bewohner sein. Die Be- 
douinen zeichnen sich durch dieselbe schnelle gesunde Wahr- 
nehmung, Elasticität und Zähigkeit vor den übrigen Na- 
tionen aus , wodurch ihre Pferde alle andern übertrefien. 
Sie sind sich auch der Vortheile ihrer Lage wohl bewufst. 
Die Geschichtschreiber berichten scherzweise, dals es wegen 
des gesunden Klimas keinem Könige von Hyra gelungen sei, 
eines natürlichen Todes zu sterben. 'Omar bestand daravif, 
dals die Militärstationen Ba^ra und Küfa am Rande der 
Wüste angelegt werden, damit die Soldaten nicht degeneriren. 
Auch in Syrien wählte man in dieser Absicht anfangs Kin- 
neseryn und Ma arra in der Wüste als Niederlassungen , ob- 
schon die Luft von IJom^ und selbst die von Damascus sehr 
belebend wirkt. Aeufserst geistreich ist eine Bemerkung des 
Ibn Chaldün über die Entwickelung der moralischen Kräfte 
unter dem Einflufs des Lebens in Steppen. Die Israeliten, 
sagt er, waren so erniedrigt als sie Egypten verliei'sen, dals 
sie das gelobte Land nicht erobern konnten. Sie muisten, 
um für dieses Unternehmen fähig zu werden, in der Wüste 
herumirren und es muiste darin eine neue, nomadische, Gene- 
ration aufwachsen. 

Allerdings wächst der durchsichtige Monotheismus, den 
wir im Islam finden, in Arabien aus dem Boden empor und 
pafst ganz für die Idiosyncrasie der Nomaden. Wenn die 
Araber über höhere Gegenstände nachdenken, so denken sie 
klar und logisch, aber sie leben in den Tag hinein, und 
selbst die begabteren beschäftigen sich äufserst wenig mit 
solchen Spekulationen. Ich zweifle nicht, dafs es schon in 
den ältesten Zeiten Melchisedeke und Jethroe gegeben hat, 
welche an den einen Gott glaubten. Allein der Monotheis- 
mus an und für sich ist noch keine Religion. Das Volk be- 
darf Feste, und zur Veranstaltung derselben ist der Aber- 
glaube, der ungeachtet des Bodens und der Luft unter den 
Massen im Ueberflufs vorhanden ist, besser als eine ungreif- 
bare Idee, imd so Aveilten nicht nur die handeltreibenden 
Stämme, welche so entai'tet waren, dafs sie einigen jüdischen 
Ethnographen für Kuschiten galten, sondern auch die reinen 
Araber Jahrtausende lang in formenlosem Polytheismus, und 



diejenigen, welche bessere Ueberzeugungen hatten, sahen 
keinen Grund, warum sie dagegen protestiren sollten, so 
lange nicht ein anderes Moment dazu kam, ohne welches, 
wie Mohammad sagt, die lieligion ein Spiel und Zeitvertreib 
fiir die Araber war und geblieben wäre. 

Dieses neue Moment, welches dem Glauben einen dü- 
stern Ernst verlieh, kam von Aufsen. In der Zeit, in wel- 
cher Mohammad lebte, gab es überall Anachoreten und Bülser, 
und Jedermann schien einzig und allein darauf bedacht zu 
sein, für das Jenseits zu leben. Die Furcht vor der ewigen 
Strafe bewegte die Gemüther noch mehr, als die Aussicht 
auf die Freuden des Paradieses, und obschon die Araber viel 
schwächere Ahnungen von einem Fortleben nach dem Tode 
haben als andere Kationen, so wurden doch auch sie davon 
ergrifl'en, denn die Furcht ist ansteckend. Die Aufgeklärten 
unter ihnen wurden nachdenklich imd wollten Vorsichtsmafs- 
regcln anwenden, im Falle es wirklich eine Vergeltung nach 
dem Tode gebe. Man wollte sich aber nicht Entsagungen 
und Pflichten auferlegen ohne Garantie, dal's man sich auf 
dem rechten Wege befinde, und so erwachte das Bedürfnifs 
nach einer Ilodä, Leitung. 

Einige, welche vermöge ihrer geographischen Lage oder 
socialen Stellung mit Fremden mehr in Beriihrung kamen 
oder sich mit Industrie beschäftigten, schlössen sich dem 
Judenthume oder dem Christenthume an. Dies waren aber 
nur dürftige Nothbchclfe, denn beide Religionen waren zu 
comiilicirt, zu gelehrt, zu mysteriös, und so, wie sie damals 
bekannt wurden, zu unrein für die einfachen Araber. Nebst 
der Dreieinigkeit war die Intercessionslehre am anstöfsigsten 
für sie, denn nach ihrer Ueberzeugung ist Gott dem Men- 
schen näher als seine eigene Herzader (Kor. 50, 15). In ab- 
gelegeneren Orten gab es wahrscheinlich schon in frühen 
Zeiten Eklektiker, welche das Prinzip des Monotheismus 
festhielten und aus den positiven Religionen, die sie nur 
sehr oberflächlich durch mündliche Mittheilungen kannten, 
das ihren Bedürfnissen entsprechende auswählten und sich 
auf Noah, Abraham, Moses, Jesum und alle Propheten und 
Heiligen beriefen, um für ihr Gemisch eine göttliche Auto- 
rität nachzuweisen. Es ist einleuchtend, dafs, wenn diese 



XI 



Religionsli'hrcr alle von cleinsell)cii Gott gesandt worden 
sind, im Grnnde alle dasselbe gelehrt haben müssen, inid 
dals das Gemeinsame auch das Wesentliche ist. Dennoch 
konnte ein solches Verfahren nur vor der Vernunft, nicht 
aber vor der historischen Theologie bestehen, und kein Eklek- 
tiker konnte seine Ansichten gegen die Rabbiner oder Bi- 
schöfe vertheidigen, denn die geschriebenen Urkunden, auf 
die er sich berief, waren gegen ihn. Solche religiöse Be- 
griÖe waren zeitgemäfs, und wenn sie auch nie festen Fufs 
fassen konnten, tauchten sie doch immer von neuem auf, so 
dafs die Makkaner dem Mohammad, als er sie ihnen vor- 
trug, sagen konnten: Dieses haben wir und unsere Väter 
alles schon gehört! Aber sie konnten nur unter der Bedin- 
gung, dafs eine neue göttliche Autorität dafür bürgte, Be- 
stand gewinnen. 

Das Bedürfnifs war übrigens gar nicht dringend, denn 
nur wenige fühlten dasselbe, und die Massen lebten in 
sorglosem Indifierentismus. Die Verbreitung des Islams in 
Arabien vmd die Reliffionskriege des Mohammad haben da- 
her einen ganz eigenthümlichen Charakter. Der Nucleus 
seiner Gemeinde bestand aus kaum mehr als tausend Män- 
nern. Diese waren Zeloten, intimidirten die indifferente Be- 
völkerung von Madyna und verbreiteten dann den Glauben 
durch das Schwert. Bei der Zerfahrenheit der politischen 
Zustände war diese Zahl von eifrigen Gläubigen hinreichend, 
die Siegeslaufbahn zu eröfinen. Sie kämpften mit den be- 
nachbarten Stämmen, und wenn diese Widerstand leisteten, 
so geschah es aus Liebe zur Unabhängigkeit, aber nicht aus 
Anhänglichkeit an die Religion ihrer Väter. In allen Reli- 
gionskriegen, welche Mohammad führte , waren unter seinen 
Gegnern nicht zwanzig Menschen, welche den Mätyrertod 
gestorben sind, ausgenommen einige Christen und die ge- 
bornen Juden. Die meisten waren in Bezuar auf Relio^ion 
indiflferent; wo sich aber unter den Arabern (wie gesagt mit 
Ausnahme einiger Christen) eine Ueberzengung äufserte, war 
sie immer zu Gunsten des Islams, denn Diejenigen, welche 
überhaupt ein Interesse an einer Religion nahmen, fanden im 
Islam Befriedigung. Erst nach Mohammad, als die Nation 
durch die Kriege gegen das Ausland in ein neues Stadium 



XII 



ciiif^oführt wurde, nahm die Gährung überhand und jedes 
Individuum wurde von Glaubenseifer erfüllt; der Islam erlitt 
aber auch, wie wir weiter unten sehen werden, wo ich von 
den Quellen spreche, eine sehr bedeutende zeitgemälse Um- 
gestaltung. 

Uebersehen wir die religiöse Bewegung vor, während 
und nach Mohannnad's Zeit, so überzeugen wir uns, dals 
er seinen pathologischen Zuständen seine welthistorische 
Bedeutung verdankt.') Weder der Ascet Zayd, der Jo- 
hannes Baptista des Islams, noch der Dichter Omayya waren 
die recht<'n Männer für ihre Zeit, obschon der erstere den 
Mohammad an Sittenreinheit und der letztere an Genie über- 
traf. Die Araber bedurften eines Propheten, und die hyste- 
rischen Anlagen Mohammad''s erfüllten ihn selbst und den 
Nucleus seiner Gemeinde mit der Zuversicht, dafs er ein sol- 
cher sei. Ohne seine Verdienste läugnen zu w^ollen, halte ich 
es doch für einen groben Irrthum, die Gründung des Islams 
seinem Genie zuschreiben zu wollen. Das oberflächlichste 
Studium der Entwickelung seiner Lehre zeigt, dals er sich 
unverzeihlicher MilsgriÖe schuldig gemacht hat, welche uns, 
wenn nicht au seiner Aufrichtigkeit, aber doch an seiner 
Kühnheit zweifeln lassen und welche seine Aufgabe sehr er- 
schwerten. Den Götzendienst wagte er anfangs gar nicht 
offen anzugreifen (vergl. Bd. I S. 365), und noch im Jahre 
(iin erklärte er, dafs sie Fürsprecher vor Gott sind, wodurch 
er viele von seinen aufrichtigen Anhängern zum Wanken 
brachte, ohne seine Gegner zu gewinnen. Der Gedanke, der 
seine ganze Seele erfüllte, war die Vergeltung nach dem 
Tode. Das vernünftigste wäre gewesen : an dem heidnischen 
Glauben, dals die Seelen der Frommen'in den Körpern grüner 
Vögel fortleben, anzuknüpfen und die Unsterblichkeit in einer 
reineren Gestalt zu lehren. Statt dessen hielt er die in den 



') Morley in dem Moiithly Review of Literature, Science and 
Art, London 185() S. 51)1, sagt: Mohammad's fits, liis raania, and 
bis intervals of insanity, contain the key to bis actions. Tbis cannot 
be too strongly urgL-d ; but it has never been clearly advanced, and 
even Dr. Sprenger appears to have failed in fulJy grasping its 
significance. 



XIII 



Augen seiner Mitbürger höchst lächerliche (Bd. II S. IIG) Auf- 
erstehungstheorie fest, und wie es scheint predigte er sie an- 
fangs in einer ziemlich unreinen Form. Er sagt nämlich 
nicht, dufs die Seele ein eigenes Leben habe, auch nach dem 
Tode des Körpers fortbestehe und wieder am Gerichtstage 
mit demselben vereinigt werde, sondern dafs die Menschen 
in der Auferstehung wieder zum Leben erweckt werden. 
Nach ihrer zweiten Geburt leben sie allerdings ewig fort. 
Sein Glaube an „das Buch" und an die Identität aller ge- 
ofienbarten Religionen verleitete ihn, auf die Form des Cultus, 
in sofern er dem Allah dargebracht werde, kein Gewicht zu 
legen. Wie schön auch diese Lehre ist, so ist sie doch un- 
praktisch, und seine Religion wäre vne frühere derartige Ver- 
suche zerronnen, wenn ihn die Umstände nicht genöthigt 
hätten, ihr einen exclusiven Character zu geben. Sein Augen- 
merk war einige Zeit besonders darauf gerichtet, die Aner- 
kennung der Juden und Christen zu gewinnen, während, wie 
der Erfolg zeigte, und er hätte voraussehen können, sein 
natürlicher Wirkuno^skreis unter den Arabern la«-. Nach 
seiner persönlichen Ansicht war Takwä, Behutsamkeit, furcht- 
sames Ausweichen und wohl auch Gottesfurcht die Haupt- 
tugend eines Gläubigen. Die Umstände haben ihn gezwun- 
gen, kriegerischem Unternehmungsgeist und Todesverachtung 
die Märtyrerkrone und die höchste Belohnung im Paradiese 
zuzusprechen. Ohne diesen Umschwung wäre der Islam nie 
die Religion der erobernden nomadischen Völker geworden, 
denen er seine Gröise vei'dankt. Kurz, in allen seinen Leh- 
ren, in sofern sie die Frucht seines eigenen Genius sind, ver- 
mag ich weder Originalität, noch Genie, noch kluge Berech- 
nung zu entdecken. Der Geist der Schule, aus der er her- 
vorgegangen und deren Einfluls ihm bis an sein Lebensende 
anhing, ist mönchische Entsagung und Schwärmerei, der Geist 
der Schule, welche er stiftete, ist siegesgewisse Kraft und 
lOarheit. Nicht ihm, sondern thatkräftigen Männern, wie 
Omar, Hamza, Abd al-Rahmän b. Awf, deren es in Ara- 
bien so viele giebt, noch mehr aber den äufseren Verhält- 
nissen verdankt seine Lehre diesen Umschwung, und es 
wäre ein grofses Glück für sie, wenn er seine frühesten Of- 
fenbarungen mit wenigen Ausnahmen hätte unterdrücken 



XIV 



können. Es ist allerdings ein Verdienst, dafs er die Bedürf- 
nisse der Zeit beredt und kräftig aussprach, aber wahrschein- 
lich hätte der Dichter Omayya b. Aby Qalt dasselbe zu lei- 
sten vermocht. 

Wenn sich einmal das Bestehende überlebt hat und eine 
gänzliche Umänderung noth thut, so hängt der Erfolg des 
Reformators nicht von der Form seines Programmes (denn 
dieses macht sich im Verlaufe der Sache von selbst), sondern 
von ganz andern Dingen ab. Es gehe ein Mann nach Deutsch- 
land mit einem tadellosen Projekte des heifsersehnten Bun- 
desstaates, so wird er doch nichts ausrichten. Wenn aber 
ein patriotischer Fürst wie Victor Emanuel, ein kluger Staats- 
mann wie Cavour und ein enthusiastischer uneigennütziger 
Haudegen wie Garibaldi aufständen, so würde sich das Er- 
reichbare auch ohne ein philosophisch, historisch, ethnogra- 
phisch, staatsrechtlich, politisch, nationalökonomisch ausge- 
arbeitetes Progranmi finden. 

Die hysterischen Anlagen stempelten den Mohammad 
aber nicht nur zum Propheten, sondern sie gaben ihm an- 
dere Eigenschaften, welche unter den obwaltenden Umstän- 
den einem Führer sehr nützlich, fast unentbehrlich waren; 
aber wohl gemerkt: diese Eigenschaften sind meistens ne- 
gativ. Der hysterische Prophet unterschied sich nur wenig 
von einer gewissen Klasse von hysterischen Frauen. ') Seine 
Begriffe waren weder klar noch scharf bestimmt, flössen aber 
alle aus einer Idee oder vielmehr aus einem Gefühle. 
Diese Idee erfafste er mit Wärme imd sprach sie mit weibi- 
scher Ueberschwänglichkeit und prophetischer Verwirrtheit 
aus. Er war so zäh. aber auch so abhängig von seinen 



') Gi'geii das Eiid(! der Lebzeit und nach dem Tode des Mo- 
liaininad rief die Eifersucht der mäehtigereii Stämme gogen die 
Moliammadaner mcdirere Afterpropheten hervor. Ungeachtet der 
untergeordneten Stellung, welche die Frauen im Oriente einnahmen, 
gehörten doch zwei dieser Propheten dem schönen Geschlechte an, 
und eine, SagAli, fand einen sehr grofsen Anhang; die Ursache ist 
Wdld, dafs unter den Frauen die nöthigen Eigenschaften für den 
Fiiruf, welchen Mohammad so glücklicli zu Ende führte, viel häu- 
liL.<'r sind als uiitt r iMäiinern. 



XV 



Freunden wie eine Frau, und in Folge der divinatorischen 
Empfindsamkeit, welclie der Hysterie eigentliiunlich ist, nahm 
er den leisesten Hauch der öfientlichen Meinung wahr; dazu 
kamen die oft erwähnte Selbsttäuschung und die damit ver- 
wandte Verstelluno;so;abe und Gewandtheit in Ausflüchten. 
Ein passenderer Führer für eine Gemeinde voll Thatkraft 
und ein geeigneteres Organ für die zeitgemälse Gestaltung 
und Verkörperung der national -religiösen Gefühle ist nicht 
denkbar. Wenn der Geist der Araber der Vater des Islams 
ist, so ist Mohammad die Mutter. Seine Grölse liegt in sei- 
nen Schwächen. 

Man sieht, dals ich den Islam für eine Schöpfung des 
Geistes der Zeit halte; man würde mich aber ganz mifsver- 
verstehen, wenn man glaubte, dals ich irgend einen Werth 
auf solche Allgemeinheiten lege. Der Geist ist in allen Be- 
wegungen die Triebfeder, aber er giebt nur wenigen Aus- 
erwählten die Kraft zur That und die Ausdavier zur Voll- 
endung. Durch wohlklingende Worte läist sich eine grofse 
Armee nur schwer zusammentrommeln vmd ganz unmöglich 
zusammenhalten. Wenn sich der Geist nicht materielle Mittel 
schafii't seinen Zweck zu erreichen, oder wenn die Träger die 
Umstände weder zu benutzen noch sich darin zu fügen wis- 
sen, so verflüchtigt er sich wirkungslos. Wie viel haben die 
deutschen Patrioten nicht für die Einheit und Grölse des 
Vaterlandes gedichtet, gesprochen, gesungen und gezecht, 
aber da sie bisher keine materiellen Mittel anwendeten, um 
ihren Zweck zu erreichen, ist das Princip „war lassen alles 
beim Alten" siegreich geblieben. Wer etwas leisten will, 
mufs mit den Umständen rechnen, er mufs die Hindernisse 
würdigen, nachgeben wo Widerstand schadet, die Gelegen- 
heit benutzen, seine Ressourcen entwickeln und umgestalten 
statt zu zerstören, und wer die Geschichte verstehen will, 
darf sich nicht mit Schlagwörtern und metaphysischen Phra- 
sen abfertigen lassen, sondern er mufs in alle diese Dinge 
eingehen. Würde uns die Antwort eines Mechanikers ge- 
nügen, wenn wir ihn fragten: Wie vrird das Eisenwerk oder 
die Spinnerei getrieben ? und er sagte : Durch Dampf ! Das 
Wasser hat sich seit Anfang der Welt vmter Einfluis der 
Wärme in Dampf verwandelt, aber die Maschine, mittelst 



XVI 



welcher er gezwungen wird den Hammer zu schwingen und 
die Spindel zu drehen, sind eine Erfindung der Neuzeit, und 
über diese wollen wir Aufschlui's. So auch müssen wir die 
mannigfaltigen Mittel, den Mechanismus, wodurch der Geist 
des Islams die Massen in Bewegung setzte, aufzeigen, und 
die Bewegung Schritt für Schritt verfolgen, wenn unsere Ar- 
beit etwas anderes sein soll als eine müssige Spekulation ; 
denn dadurch unterscheidet sich die Wissenschaft von blöd- 
sinniscen Theorien, die noch immer in der Relisrionscreschichte 
spuken, dafs sie sich mit Thatsachen beschäftigt, und erst 
nach deren Erhebung auf dem Wege der Induction zu allge- 
meinen Sätzen schreitet. 

Unter den Thatsachen aber sind . bei allen Umwälzungen 
die äufseren Verhältnisse ein eben so wichtiger Factor, als 
der Charakter der an der Spitze stehenden Persönlichkeiten. 
Ich habe daher in diesem Bande, in dem ich meinen Hel- 
den auf seiner praktischen Laufbahn begleite, besonders 
den erstem meine Aufmerksamkeit gewidmet; ich habe es 
versucht, die Ereignisse vom Standi)unkte des Nationalöko- 
nomen, des Politikers und des Soldaten anzusehen und die 
kulturhistorischen Momente hervorzuheben. Letzteres ist um 
so nothwendiger, da durch den Ishun die römische Kultur 
aus ganz Asien und Afrika verdrängt, und neue politische 
und sociale Zustände, welche in zeitgemäl'ser Form noch fort- 
bestehen, an ihre Stelle gesetzt wurden, und es ist gewifs 
interessant, die Anfänge derselben, so weit sie in diese Pe- 
riode fallen, zu verfolgen. Unter den äufseren Verhältnissen, 
welche bestinunend auf den Charakter und das Schicksal der 
Völker wirken, iiiinmt die Beschaffenheit des Bodens die 
erste Stelle ein. Ich habe diese Arbeit mehr als sechs Mo- 
nate unterbrochen, um einen lange gehegten Plan, die Post- 
und Reiserouten des Orients zusammenzustellen, auszuführen. 
Sie erscheinen in Leipzig unter den Auspicicn der Deutschen 
morgenländischen Gesellschaft, und die beigefügten Karten 
derselben dürften den Leser in den Stand setzen, sich über 
die Lage der Orte zu orientiren. Die erste Nachricht über 
die\olkszahl der arabischen Halbinsel habe ich zuerst für 
General Chesney's Euphrates -Expedition, dann vollständiger 
für die /••itschi-. dn- D. nior-reul. (Jes. Bd. XVH bearbeitet. 



xvir 



Ueber den Handol finden sich Berechnungen in diesem Bande, 
und die Ausbildunor der Taktik und des Verwaltungswesens 
ist an mehreren Stellen berührt worden. Es wäre vielleicht 
zweckmäfsig gewesen, über die Regierungsformen, welche in 
verschiedenen Theilen von Arabien sehr von einander ab- 
weichen, genauere Auskunft zu geben. Es ist dieses aber 
ein sehr weitläufiges Thema, und wer darüber Aufschlüsse 
wünscht, wird wohl thun, Burckhardt's Notes on the Be- 
douins, wie auch Munziger's trefl'liche Bemerkungen über die 
Bogos (deren Regierungsform der der Araber gleicht) nach- 
zulesen. Im Allgemeinen kann man behaupten, dafs jedes 
Bedouinenlager eine aristokratische Verfassung habe und der 
Erbadel mit dem Verdienstadel in beständigem Kampfe sei. 
Die politischen Zustände, wie sie in den Heldensagen ge- 
schildert werden, haben eine grofse Aehnlichkeit mit dem 
Zeitalter der Heroen bei den Griechen. In Gegenden, wo 
Ackerbau betrieben wird, herrscht, je ausgedehnter und 
fruchtbarer sie sind, um so mehr das monarchische Princip 
vor, doch war dieses gerade zur Zeit des Mohammad mehr 
im Verfalle als jemals vor oder nach ihm, denn die Fremdherr- 
schaft war machtlos geworden und die einheimische Kraft hatte 
sich noch nirgends concentrirt und gewann erst in dem Islam 
einen Mittelpunkt. 

Seite 9 des ersten Bandes habe ich die Absicht aus- 
gesprochen, über die Quellen eine Monographie zu geben. 
Wenn sie je zu Stande kommt, wird es wahrscheinlich lange 
dauern, bis ich die gesammelten Materialien zusammenstelle, 
denn sie sind sehr zahlreich und es liegt in der Natur der 
Sache, dafs sie Gegenstände berühren, welche nur für We- 
nige von Interesse sind. Als ich schon halb entschlossen 
war, die Sache einstweilen ruhen zu lassen, gewann ich 
die Ueberzeugung, dafs, wenn vorliegende Arbeit ohne 
alle Andeutungen über diesen Gegenstand zum Abschlufs 
gebracht wird, dem Leser die Mittel fehlen, sie zu beur- 
theilen, und manche Mifsverständnisse über ihr Verhältnifs 
zu den Leistungen Anderer entstehen würden. Ich habe 
mich daher entschlossen, die Hauptresultate meiner For- 
schungen über die Quellen hier in möglichst populärer Form 
wiederzugeben. 

III. b 



XVIII 



Ich theile die Quellen in sechs Klassen: 1) der Koran, 
2) die Urkunden, 3) die Biographie, 4) die Sunna, 5) die 
Koräncommentare, und 6) die Genealogie. 

Ueber die Urkunden habe ich wenig zu sagen und er- 
wähne sie daher zuerst. Sie sind nicht zahlreich und be- 
stehen aus Verträgen, Schenkungen und Briefen. Einige 
mögen untergeschoben sein, doch als man anfing Geschichte 
zu schreiben, waren noch mehrere im Original vorhanden, ja 
man will eine in neuester Zeit aufgefunden haben, und mancher 
Vertrag, wenn auch das Dokument verloren gegangen war, 
wurde dennoch von der Regierung der Chalyfen respektirt 
und die überlieferten Abschriften als richtig anerkannt '). 



Der Koran. 

Die Araber haben ein feines Gefühl ftir die Schönheit 
der Rede, und Gedichte, wenn sie auch nicht gesungen wer- 
den , gehen von Mund zu Mund , wie bei uns Volkslieder. 
Ich wolmtc auf dem Libanon in dem Hause eines Maroniten, 
welcher alle Gedichte, alte oder neue, deren er habhaft wer- 
den konnte, auswendig lernte, xmd sobald er erwachte, sie 
zu recitiren oder, wenn man will, zu singen anfing. Dieser 
Sinn ist nicht nur den Arabern, sondern auch anderen orien- 
talischen Völkern eigen. Der Wanderer in Audh besingt, 
während er einsam seinen Weg verfolgt, die Thaten des Rama, 
mid wenn man auf einem Boote Nachts den Ganges hinab- 
fährt, verninnnt man von vielen Dörfern die wehmüthige 
Stimme eines Mannes, der am Ufer sitzt und bis Tages- 
anbrueh singt. Die Melodie der Gesänge ist ein Recitativ, das 
auf jedes Gedicht pafst. Wie solche Compositionen fortge- 



') Es gellt dieses aus einer Denkschrift, welche der Reclits- 
gelehrte Abu Yusof an den Chalyfen Hsirun al-Raschyd richtete, 
hervor. Es werden darin mehrere Urkunden auf Autorität der Tra- 
dition als rechtskräftig aiigefülirt. TaharAny (geb. 200, f 360, ein- 
hundert Jahre und zehn Monate alt) und Abu 'Abd Allah Ibn Menda 
(geb. 310, f 3ü5) haben die Urkunden gesammelt, aber ihre Mo- 
nngraphicii fehlen uns. 



xrx 



pflanzt werden, wissen wir aus Erfahrnng. Einige schreiben 
sie auf, die Mehrzahl prägt sie sich durch häufiges Hören 
dem Gedächtnisse ein. 

Das Leben im Orient ist einfacher, ruhiger und unend- 
hch viel gemüthlicher als bei uns. Die Aufmerksamkeit wird 
nur von wenigen Gegenständen in Anspruch genommen und 
deswegen ist der Schatz von Volkslegenden, Sprichwörtern 
und Volkspoesien (besonders in einsamen Orten) viel grölser, 
als unter thätlgen Völkern. Es ist aber unrichtig, wenn man 
den Orientalen ein stärkeres Gedächtnifs oder irgend eine 
andere natürliche Eigenschaft zu- oder abspricht als wir be- 
sitzen. Sie unterscheiden sich von uns in Folge der Verhält- 
nisse — Man is a creature of circumstances. 

Die ersten Inspirationen des Mohammad, sowohl die ly- 
rischen als die erzählenden — z. B. die Ballade vom egypti- 
schen Joseph in Süra 12 — sind ganz dazu angethan, von 
Mund zu Mund zu gehen. Die Sprache ist melodisch, der 
Reim kunstreich und wohlklingend, und der Sinn so oraku- 
lös, dafs jeder Vers wie ein Räthsel ist. Sie mufsten einen 
eigenen Reiz haben, so lange sie neu waren. Anfangs ver- 
mied Mohammad mit der gröfsten Behutsamkeit alles was 
die bestehenden Vorurtheile hätte beleidigen können; er pre- 
digte die Einheit Gottes, aber äufserst schüchtern, und wagte 
es nicht den Götzendienst anzugreifen (vergl. Bd. I S. 356). 
Von neuen milsfälligen Geboten war gar keine Rede. Aylscha 
(bei Boch. S. 747) sagt: „Gott hat zuerst Beschreibungen der 
Hölle vmd des Himmels geoflFenbart, um die Menschen für 
den Islam geneigt zu machen, und erst später hat er Gebote 
herabgesandt. Wenn er schon zu Anfang den Wein oder die 
Unzucht verboten hätte, würden die Leute gesagt haben: 
Wir werden dem Weine und der Unzucht nicht entsagen" 
(vergl. Bd. I S. 315). Auf diese Weise gelang es dem Moham- 
mad, sich Celebrität zu erwerben (K. 94, 4) und seine Inspi- 
rationen zu verbreiten. Selbst Bedouinen, welche nach Makl<a 
kamen, lernten einige Verse auswendig und brachten nicht 
nur die Nachricht, dafs sich in der heiligen Stadt ein Mann 
für einen Propheten ausgebe, sondern auch Proben seiner 
Orakel mit nach Hause. Durch solche Vermittelung wurde 
es einem Knaben aus dem Stamme Garm möghch, mehrere 

b* 



XX 

Koränstücke zu erhalten und dem Gedächtnisse einzuprägen 
(Ihn Sad fol. 64). 

Obschon anfangs die Inspirationen nur durch das Ge- 
dächtnils aufbewahrt wurden, so häuften sie sich doch all- 
mälig dermafsen, dafs der Verfasser selbst sich ihrer alle kaum 
erinnern konnte, und sowohl er als seine Schüler schrieben, 
was für sie gerade am meisten Interesse hatte, nieder, um 
das Gedächtnifs zu unterstützen '). Doch von einer regel- 
mälsigen Sammlung war, so lange Mohammad in Makka 
weilte, keine Rede. Solche Notizen wurden ausgewaschen 
oder weggeworfen, wenn man den Inhalt auswendig wufste 
oder sich nicht länger darum kümmerte, denn sie waren etwas 
Zufällifres. Die Offenbarungen sollten nach der Absicht des 
Propheten „in den Herzen der Menschen leben", durch das 
Gedächtnifs aufbewahrt und durch die Zunge fortgepflanzt 
werden ^). 

Ursprünglich theilte Mohammad seine Inspirationen in 
Mathaniy, Wiederoffenbarungen ^) und „den gepriesenen 



') Auf die Beschuldigung gegen Mohan)mad: es werden ihra 
die Asatyr diktirt und er schreibe sie auf, antwortet er nicht „Ich 
kann ja nicht schreiben", sondern er läfst sich K. 29, 47 von Gott 
zurufen: „Du pflegtest vor diesem (dem Koran) kein Buch zu lesen, 
noch eines mit deiner Rechten zu schreiben ; wäre dem nicht so, 
80 könnten die Widersacher [deiner Lehre] im Zweifel sein." Ich 
glaube, wir dürfen daraus schliefsen, dafs er einige Offenbarungen 
aufschrieb. Da er aber im Schreiben wenig Geschick und Uebung 
hatte, diktirte er sie schon im Makka einem seiner Freunde (vergl. 
Bd. II S. 408). Wenn es aber in der Tradition heifst: er habe 
Süra 53 oder Süra 26 vorgelesen, so könnte dieses möglicher Weise 
wörtlich zu verstehen sein. Der Erfinder der sehr alten Legende 
von der Bckelirung 'Omars (Bd. II S. 87) setzte es als bekannte 
Thatsache voraus, dafs die Jünger des Mohammad hie und da Offen- 
barungen schriftlich besafsen. 

^) Unter den Jüngern, welche Mohammad voraus nach Ma- 
dyna schickte, um die Leute im Koran zu unterrichten, war der 
blinde Ibn 0mm Maktüm, welcher nur auswendig gelernte Stücke 
mittheiU-n konnte. 

') Einige Exegeten geben zu, dafs Mathaniy „Wiederoffen- 
banmg" bedeute, gl.'iubcn aber, dafs die erste Süra Mathaniy ge- 



XXI 



Koran." Von den ersteren hatte er im Jahre 617 sieben 
Stücke. Es unterliegt keinem Zweifel, clafs die früheste aus- 
führliche Erzählung der Schicksale vertilgter Völker dazu 
gehörte ^) , aber es fehlen uns die Mittel , sie näher zu be- 
zeichnen ^). 

Für den „erhabenen Koran" oder die Originaloffenba- 
rungen scheint damals noch keine Eintheilung in Kapitel 



nannt wurde (Boch. S. 683), und behaupten, sie sei zweimal, ein- 
mal in Makka, und einmal in Madyna vom Himmel herabgesandt 
worden, und zwar jedes Mal unter einer Escorte von 70000 En- 
geln (Baghawy 15, st). 

') Vergl. Bd. I S. 463. Zu dem dort Gesagten ist hinzuzufügen, 
dafs der arabische Ausdruck für das Wort in K. 39, 24, welches ich 
mit Kunde übersetze, Hadyth, Erzählung, ist, und dafs mit diesem 
Ausdrucke im Koran (20,8. 51,24. 79, is. 85, i7. 88, i) die Pro- 
phetenlegenden bezeichnet werden. Auch unter den Moslimen giebt 
es Exegeten , welche die warnenden Beispiele alter Völker für die 
Mathaniy hielten (vergl. ItL;än S. 149). 

'') Es wurden von den Moslimen schon in früher Zeit zwanzig 
Suren, welche im Codex des Ibn Masüd aufeinander folgten, Ma- 
thaniy geheifsen. Man darf sich durch diese Benennung in der ur- 
sprünglichen Deutung des Wortes „doppelte Offenbarung" d. h. 
„Wiederoffenbarung" nicht irre führen lassen. Diese Suren wurden 
Mathaniy, d.h. Doppelsüren genannt, weil sie doppelt so lang 
sind, als die Natzäjir, wovon man zwei, oder wenn man in Eile 
ist, eine beim Gottesdienste vorliest. Als Beweis, dafs unter den 
zwanzig nicht die ursprünglichen Mathaniy zu verstehen sind, kann 
angeführt werden, dafs auch die achte Süra dazu gerechnet wird 
(vergl. die Tradition des Ibn Masüd im Mischkät S. 186, engl.üebers. 
Bd. I S. 526 und bei Itkän S. 141); diese aber ist erst in Madyna ge- 
offenbart worden, lange nachdem die Eintheilung in sieben „Matha- 
niy" und „erhabenen Koran" in Vergessenheit verfallen war. 

Die Doppelsüren sind: die 8te, 13., 14., 15., 19., 22., 24, 25., 
27., 28., 29., 30., 31., 33., 34., 35., 36., 38., 39., 47. Die längste 
davon hat 99 kurze und die kürzeste hat 34 lange Verse. 

Wenn wir ausfindig machen wollen , welche Koränstücke Mo- 
hammad ursprünglich als Wiederoflfenbarungen bezeichnete, so dürfen 
wir nicht vergessen, dafs er in der ersten Periode denselben Gegen- 
stand oft fünf- oder sechsmal bearbeitete, und es ist sehr wahr- 
scheinlich, dafs er alle Bearbeitungen ein und desselben Gegen- 



XXII 



bestanden zu haben. Ucber den Charakter desselben läfst 
uns die in der Note Bd. 11 S. 38 angeführte Probe in kei- 
nem Zweifel: er bestand aus Inspirationen, welche Moham- 
mad"s heiligste Empfindungen ausdrücken. Anfangs erfüllten 
ihn diese Empfindungen mit seligem Entzücken und er konnte 
keine Worte dafür finden, denn während der Extase ver- 
mochte er es nicht, sich zu sammeln, und sobald er sich da- 
von erholt hatte, waren die Eindrücke nicht mehr lebendig 
genug im Gedächtnisse '). Er fühlte jedoch das Bedürfnils 
und die Pflicht, sie andern mitzutheilen und Gott rief ihm 
zu (K. 87, 1-8): „Lobpreise den Namen deines Herrn des 
Höchsten, welcher erschaffen hat, und wir werden dich lesen 
machen und du wirst nicht vergessen, aufser so viel Gott 
will." Das Gebet und die Betrachtung machte ihn mit dem 
Göttlichen vertraut, die Entzückungen brachen nicht mehr 
so plötzlich ab und es gelang ihm, während sie ebbten, seine 
Stimmung in Begriffe zu sammeln und seine Zunge wurde 
gelöst. Er läfst sich nun von Gott zurufen (Kor. 96, i-s): 
„Lies im Namen deines Herrn, welcher erschaffen hat! Lies, 
denn er ist der Edelmüthigste! " ^) Anfangs erkannte er nur 
in solchen während der höchsten Aufregung empfangenen 
Inspirationen die unmittelbare Stimme Gottes und hielt nur 
diese für Originaloffenbarungen oder Koran. 

Unter dem Einflüsse äufserer Umstände, die wir kennen, 
ging bei Mohammad die Periode reiner jungfräulicher Exal- 
tation etwas schneller vorüber als bei manchen andern Schwär- 



standes, z. B. der Geschichte des Moses, für eine einzige Wieder- 
ofifeiibarung hielt. Wir hätten also nicht sieben Koränstücke , son- 
dern sieben Gegenstände zu suchen. 

') Man vergleiche, was Ibn Chaldun über den Zustand der 
Extase sagt, oben Bd. I S. 228. Vergl. auch die Bemerkungen 
Bd. II S. 488. 

*) Lesen bedeutet in diesen Stellen „in Worte kleiden." Kor. 
75, 17 sagt Gott in denjselben Sinne: „Das Sammeln und Lesen ist 
unsere Sache." Diese Worte enthalten die Ueberzeugung des Moham- 
noad, dafs Gott nicht nur die Aufregung in seinem Innern hervor- 
rufe, sondern auch ihm beistehe, die Empfindungen zum klaren Be- 
wufstsein zu bringen und selbe in Worte zu kleiden. 



xxrii 



mern. Schon im Jahre 617 hatte er den wichtigsten Wende- 
punkt seines Seelenlebens überwunden und war über Skrupel 
hinaus '). Er erklärte nun auch die mit klarem Bewufstsein 
andern nacherzählten und mit vieler Mühe stylisirten Pro- 
phetengeschichten nicht länger als Wiederoffenbarungen, son- 
dern als direkte Eingebungen Gottes. Die damals bearbei- 
tete Geschichte Josephs bezeichnet er in der Einleitung als 
Koranstück und behauptet, sie sei ihm von Gott vorerzählt 
worden ^). 

Da nun der Unterschied zwischen Koran und Mathäniy 
aufhörte, fing er an, die damals vorhandenen Offenbarungen 
in Suren einzutheilen ^). Er hatte zwei Gründe für diese 



') Eine Ursache dieser neuen Wendung mag gewesen sein, 
dafs man ihm nachwies, die Quellen, aus denen er die Propheten- 
geschichten, z. B. die von Hüd und C'älih, geschöpft habe, seien un- 
rein und folglich nicht eine Offenbarung. Er hatte daher keinen 
andern Ausweg als zu sagen: „Das mag seine Richtigkeit haben, 
aber sie sind mir von Gott mitgetheilt worden und so sind sie eine 
Originaloffenbarung und die von mir erzählten Thatsachen bleiben 
wahr." Mit dieser Erklärung begegnete er schon damals häufig 
den Heiden und in Madyna den Juden und Christen. Seine Rede 
in solchen Fällen ist: y,Wifst ihr es besser oder Gott?" (z. B. Kor. 
2, 134). Obschon er fortfuhr, die apokryphischen Geschichten von 
Hüd, Qälih u. a. m. für Offenbarungen auszugeben, so hütete er sich 
doch weislich, auf dieselben später wieder anzuspielen. 

^) Diese Geschichte bildet die 12te Süra des Koran. Merk- 
würdig ist, dafs Mohammad dem Okba b. 'Amir, als derselbe ihn 
fragte, ob er die i2te und Ute Süra lesen soll, eine ausweichende, 
fast verneinende Antwort gab (Mischkät S. 180). Vielleicht bereute 
er es, die I2te Süra verfafst zu haben, weil der Betrug doch zu hand- 
greiflich war. 

^) Dafs Mohammad die Offenbarungen schon in Makka in 
Suren zusammenstellte, unterliegt keinem Zweifel. Als der Prophet 
nach Madyna kam, hatte der eilfjährige Zayd b. Thäbit schon 17 
Suren auswendig gelernt. 

Säle sagt, dafs Süra der Bedeutung nach dem hebr. Sedarim 
entspreche, und da die Juden den Pentateuch in 53 Sedarim ein- 
theilen, ist es nicht unwahrscheinlich, dafs Mohammad, als er die 
neue Anordnung traf, aus seinen damaligen Offenbarungen eben so 
viele Suren bildete. 

/ 



XXIV 



Mafsregel : nicht in Erfüllung gegangene Weissagungen weg- 
zuerklären und die Liturgie zu verbessern. Es ist Bd. 11 
S. 3-iO fi'. gezeigt worden, dals, als die den Makkanern 
"■edrohte zeitliche Strafe nicht eintreten wollte, er die Stellen? 
welche die Drohungen enthalten, auf den jüngsten Tag 
bezog, und um dieser Verdrehung Eingang zu verschaffen, 
ihnen Beschreibungen der Auferstehung anhängte. Seine 
Aufgabe bestand darin, beide Elemente fest zusammen zu 
kitten ; dieses war aber nicht so leicht, wie wir uns einbilden. 
ICs kostete dem Schiller nur einen Federstrich „Freiheit schö- 
ner Götterfunke" in „Freude schöner Götterfunke" zu ver- 
wandeln. Aber setzen wir voraus, dafs seine Lieder weder 
gedruckt noch geschrieben, sondern im Gedächtnisse aufbe- 
wahrt und mündlich foi'tgepflanzt worden seien, so wäre es 
ilini unmöglich gewesen, dem Gedichte einen andern Sinn zu 
geben. Mohammad versuchte aber noch viel Gröfseres. Indem 
er Suren bildete, stellte er Stücke aus verschiedenen Zeiten 
und von verschiedenem Inhalte chaotisch zusammen. Nach- 
dem der Inhalt der Offenbarungen seine momentane Wirkung 
gcthan oder verfehlt hatte, soll nun das daraus gemachte 
Quodlibet durch Schwulst wirken. Man sollte denken, dafs, 
da der Koran damals noch nicht schriftlich fortgepflanzt 
wurde, das Unternehmen auf ebenso grofse Schwierigkeiten 
hätte stofsen müssen, wie, wenn es Jemandem einfiele, Volks- 
lieder willkürlich zusammen zu setzen und dann in Kapitel 
zu theilcn, so dafs etwa „Der liebe Augustin", „Du, du 
liegst mir am Herzen" und „Der Fischerchor" ein Kapitel, 
„Fridolin", „Schleswig-Holstein", „Hier im irdischen Jammer- 
thal" und „Mein Schatz ist ein Reiter" ein anderes Kapitel 
l)iiden sollten. 

Die Sache wäre iniausführbar gewesen, wenn ihm die 
Bedürfnisse der Liturgie nicht zu Hilfe gekommen wären. 
Jeder Gottesdienst der Moslime und auch ihre Privatscebete 
bestehen aus einer oder mehreren Rakä, Inklinationen; es 
gelu)rcn zu jeder Raka bestimmte Gebete und die Recitation 
(auswendig oder mit dem Buche in der Hand) von belie- 
bigen Koränstücken, In der Auswahl der Stücke besteht 
keine Regel, aufser dafs man gerne wechselt und bei feier- 
lichen Gelegenheiten, etwa an Feiertagen, längere Stücke liest. 



XXV 



Es giebt viele Moslime, welche es sich zur Regel machen, 
in einer bestimmten Zeit, z. B. jeden Monat oder jede Woche, 
den ganzen Koran zu lesen. Dieses geschieht in Privat- 
andachten und gewöhnlich wird das Pensum in eine be- 
stimmten Anzahl von Raka eingetheilt. Die moslimische Li- 
turgie also war das Mittel, die Offenbarungen den Gläubigen 
im Gedächtnisse zu erhalten und der neuen Eintheilung Ein- 
gang zu verschaffen. 

Ich zweifle nicht, dafs Mohammad schon vor dieser Zeit 
in jeder Raka Koränstücke im engeren Sinne und vielleicht 
auch Mathäniy vortrug; wenigstens sollen wir dieses aus der 
Tradition des Ibn Mas' ud schliefsen : Wir wufsten nicht, wo 
eine Süra aufhöre und eine andere anfange, ehe das „Im 
Namen Gottes des milden Rahmän" geoff'enbart und an den 
Anfang jeder Süra gesetzt wurde. Mohammad recitirte, wie 
es scheint, bis dahin verschiedene Offenbarungen, die ihm 
gerade in's Gedächtnils kamen, und begreiflicher Weise wurde 
es ihm ziu* Gewohnheit, gewisse Stücke auf einander folgen 
zu lassen, wodurch der Eintheilung in Suren vorgearbeitet 
wurde. Ich zweifle jedoch nicht, dals jede Inspiration bis 
dahin ein Ganzes für sich bildete, gerade wie bei uns jedes 
Volkslied, jeder traditionelle Sittenspruch und jede witzige 
Anekdote. 

Ibn Mas' üd erwähnt eine Gruppe von 20 Suren, welche 
er Natzäyir, gleiche nennt, und berichtet, dafs Mohammad 
diese häufiger als andere Stücke im Gottesdienste vortrug, 
nämlich je zwei davon in einer Raka ^). Ich finde in dieser 
Aeuiserung den Schlüssel für die Weise, wie Mohammad seine 
bereits vorhandenen Offenbarungen in Suren gruppirte. Die 
Natzäyir sind die schwungvollsten Kapitel im ganzen Koran 
und haben gerade die rechte Länge für ihren liturgischen 
Zweck. Die meisten von ihnen enthalten jenes Gemisch von 
Drohungen einer zeitlichen Strafe und von Beschreibungen 
der Schrecken des Gerichtstages, welches Mohammad bei 



') Bei Bochäry S. 107 und 747. Nach Kostoläny sind fol- 
gendes die Natzäyir: die 44ste, 51., 52., 53., 54., 55., 56., 68., 69., 
70., 73., 74., 75., 76., 78., 79., 80., 81., 83. Jede fuHt in Flügels 
Koranausgabe durchschnittlich eine Seite. 



XXVI 



seiner neuen Eintheilung vorzüglich beabsichtigte. Man darf 
nicht vergessen, dafs er nicht dem Verstände, sondern den 
Herzen predigen wollte. Er wollte, wie er sagt, die Leute 
mit Angst erfüllen, um das Herz für den Glauben empfilng- 
lich zu machen. Diesem Zwecke entsprechen keine an- 
dern Suren besser als die Natzäyir; sie enthalten die ganze 
Poesie und den ganzen Schwulst des Schreckensapparates, 
das höchste der prophetischen Kunst des Mohammad '). Ich 
glaube daher, dafs die Natzäyir die ersten Suren sind, welche 
er fertig machte. Diesen wurden die auserwählten Stücke 
einverleibt, die übrigen Suren entstanden dann von selbst aus 
den Abfällen. 

Ehe ich von dem Entstehen der letzteren spreche, mufs 
ich der Offenbarungen erwähnen, welche keiner Süra ein- 
verleibt wurden. Es sind dieses Gebete, welche bei ver- 
schiedenen Gelegenheiten angewendet werden, wie S. 1, ii3, 
114*), und Inspirationen, welche besonders ergreifend sind, 
wie S. 102, und deswegen ihre selbstständige Existenz 

') Um den Geist, welcher den Mohammad in der Sürenbil- 
dung leitete, zu begreifen, müssen wir besonders jene Kapitel be- 
rücksichtigen, welche er der Tradition zufolge besonders anpries 
und aufser den Natzäyir am häufigsten recitirte, wie Süra 18, 32, 
36 u. s. w. 

Auch ist folgende Tradition des Bochäry zu berücksichtigen, 
welche den Forderungen gegenüber, die wir machen, ganz die An- 
sichten des Propheten und seiner Zeit enthält: „Es kam einst ein 
Mann aus Irak zu Ayischa und sagte: O Mutter der Gläubigen, 
zeige mir dein Koränexemplar! Sie antwortete: Wozu bedarfst du 
es? Er erwiderte: Damit ich die Offenbarungen, wie sie erschienen 
sind, danach ordne, denn ich finde, dafs sie durcheinander gelesen 
werden. Was liegt daran, versetzte sie, welche du zuerst und 
welche du zuletzt liesest?" 

') Dahin gehören auch zwei Gebete, welche einen wesentlichen 
Theil eines jeden Gottesdienstes bilden und in die offizielle Recen- 
cion zwar nicht aufgenommen worden sind, aber wohl in der des 
übayy, in welcher jedes eine Süra bildet. Vergl. Itkän S. 151 
und 153. 

Merkwürdig ist, dafs Il)n Mas'ud nicht nur diese zwei Gebete, 
sondern auch Süra I Kl und 114 in seinen Codex nicht aufnahm. 



XXVII 



bewahrten. Es bildet daher jede für sich, oder zwei oder drei 
einander ühnliciie zusammen eine kleine Sura. Aufserdem 
hat Mohammad manche früheren Ofi'enbarungen , wie Süra 
105, 106, 107, bei Seite geschoben und wir verdanken ihre 
Erhaltung nur dem Fleifse der Sammler des Korans, welche 
dann aus jedem Stücke ein Kapitel machten oder auch zwei 
zusammenstieisen. Es kommt mir vor, dafs sie das Wort 
nicht in seiner ursprünglichen Bedeutung gebrauchten, indem 
sie solche Analecten Suren nannten '). 

In der Bildung der übrigen Suren verfolgte Mohammad 
nicht einen Plan, am allerwenigsten den einer sachlichen 
Zusammenstellung ^), sondern er liefs sich von verschiedenen 
Rücksichten und auch von dem Zufall leiten und reihte, was 
ihm gerade in den Sinn kam, an einander. Wahrscheinlich 
waren die ältesten Doppelsüren (siehe Note zu S. XXI) die- 
jenigen, welche zuerst nach den Natzäyir zum Behufe der 
Liturgie gebildet wurden, denn sie sind, wie ihr Name an- 
zeigt, so lang, dafs eine davon so grofs ist als zwei Natzäyir 
und also für eine Raka genügt. Weil diese Suren aus die- 
sem Grunde gewissermafsen die Längeneinheit bilden, wur- 
den auch in Madyna noch solche aus neuen Oflfenbarungen 
zusammengestellt. Daran schliefsen sich die etwas kürzeren 
Momtahenät, welche, wie es scheint, für Gelegenheiten be- 
stimmt waren , wenn man in Eile war. Ich lege deshalb 
Gewicht auf die Länge, weil der Inhalt der Suren ein wahres 
Chaos ist und weil sie, wie wir sehen werden, den einzigen 
Eintheilungsgrimd für Ibn Massud imd die andern Jünger des 



Wahrscheinlich hielt er sie zwar für Offenbarungen, erachtete es 
aber, da sie Jedermann bekannt sind, für überflüssig, sie nieder- 
zuschreiben. 

') Als ein Beweis, dafs diese Offenbarungen dem Mohammad 
nicht als einzelne Suren galten und dafs es den Sammlern frei- 
stand, sie nach Belieben einzutheilen, kann erwähnt werden, dafs 
Obayy 105 und 106 in eine Süra zusammenstellte. 

^) Ibn Syryn erzählt: Ich fragte den Ikriraa, ob Alyy den 
Koran chronologisch geordnet habe? Er antwortete: Wenn sich die 
Menschen 'und die Genien vereinigen, so werden sie nicht im Stande 
sein, dieses zu thuu (Itkän S. 135). 



k 



XX vm 

Mohammad bildete. Wir haben jetzt nur noch das Ent- 
stehen der ganz langen Suren zu erklären. Die Geschichte 
des egyptischen Joseph ist dreimal so lang als eine Doppel- 
siira, dennoch wollte man sie nicht in mehrere Kapitel tren- 
nen. Da sie nur ein Kapitel bildet, war ein Muster für 
solche Suren vorhanden, wovon eine nur bei feierlichen Gele- 
genheiten im Gottesdienste ganz vorgetragen werden konnte, in 
gewöhnlichen Tagen konnte man aber nur einen Theil vor- 
lesen. Süra 26 füllt zwar nicht ganz sechs Seiten, hat aber 
228 Verse ; sie hätte also in etwa drei Doppelsüren aufge- 
löst werden sollen. Dieses war aber nicht gut thunlich. Den 
Grund bildet die erste oder zweite Bearbeitung der Straf- 
legenden, denn dieser Theil wurde vor der neuen Eintheilung 
der Ofienbarungen auf einmal vorgetragen. Aus den be- 
kannten Ursachen sind dann noch Beschreibungen des Ge- 
richtstages und andere Adversaria eingeschoben worden. 
Auf diese Art erhielt sie eine übermäfsige Länge. Es war 
aber um so weniger Grund vorhanden, sie für den täglichen 
Gebrauch brauchbar zu machen, weil sie nicht zu den vnrk- 
samen gehört. Dasselbe gilt von Süra 19; auch hier finden wir 
eine ältere Grundlage, der gleichartige Theile beigefügt wur- 
den. Endlich schuf Mohammad auch Mischsüren (wie 6, 
10, 11), in welche alle Abfälle hineingeworfen, und als sie 
schon gebildet waren, kurze neue Inspirationen eingeschoben 
wurden. In einigen scheinen den Nucleus Zusammenstellun- 
gen von Offenbarungen zu bilden, welche älter sind als die 
Süronbildung, in anderen, wie in Süra 17, 18, sind Anhäu- 
fungen von Orakeln wahrnehmbar, welche nach einander er- 
schienen; es herrscht also bis auf einen gewissen Grad eine 
chronologische Reihenfolge ^), nur wird sie häufig durch eine 
sächliche Ordnung gekreuzt, weil Mohammad bisweilen ältere 
Aussprudle durch neue berichtigte und letztere in erstere 
einschob. Begreiflicher Weise dauerte es einige Zeit, ehe 



') Der Charakter von Süra 17 uud 18 rechtfertigt die Ver- 
muthung, dafs sie, nachdem die Sürenbildung begonnen hatte, 
geoffenbart worden sind. Dieses stimmt mit allem, was hier 
und in Hand II. nber die Chronologie der Inspirationen gesagt 
wird, übi-ri'iii. 



4 



XXIX 



die Sürenbildiing vollendet war, denn sie mufsten in der 
neuen Eintheilung dem Gedächtnisse eingeprägt werden. Sie 
wiu-de aber, so weit damals das vorhandene Material reichte, 
schon in Makka zu Stande gebracht und darum steht in den 
noch vorhandenen Koränexemplaren in der Aufschrift jeder 
Süra nach Umständen „makkanisch" oder „madynisch". 

Als Mohammad nach Madyna kam, änderte sich seine 
Läse und schon in wenigen Monaten der Charakter seiner 
Inspirationen. Von nun an beziehen sie sich auf Tages- 
ereignisse, enthalten Gesetze, Befehle, Ermahnungen und Wei- 
sungen für die Gläubigen, wie sie den Erfolg von Schlachten 
und andere Begebenheiten beurtheilen sollen. Der Koran 
wurde von nun an zu einer Art von Moniteur, nur schade, 
dafs nicht jedem Artikel das Datum vorgesetzt ist. Die Ent- 
stehung der Offenbarungen dieser Periode ist verschieden. 
Auf dem Rückwege von Hodaybiya ergriff" Mohammad die 
Initiative und stellte in einem ziemlich ausführlichen Leit- 
artikel den Gesichtspunkt dar, von dem die Gläubigen die 
Sache ansehen sollen (Bd. III S. 251). Diese Entstebungs- 
weise madynischer Inspirationen ist aber selten und erklärt 
sich im gegebenen Falle daraus, dafs er ganz isolirt dastand 
und genöthigt war, der öffentlichen Meinung einen Dämpfer 
aufzusetzen. Auch in anderen Fällen, in denen er die Initia- 
tive ergriff und ausgearbeitete Offenbarungen veröffentlichte, 
läfst sich nachweisen, dafs er für sich handeln mufste. 
Gewöhnlich verhielt er sich ganz anders und liefs seine Ora- 
kel über Tagesereignisse erst vernehmen, nachdem sich die 
öffentliche Meinung abgeklärt hatte. So nach der Schlappe 
von Ohod. Begreiflicher Weise war sie einige Zeit das Ta- 
gesgespräch und Mohammad wurde in die Diskussion hinein- 
gezogen. Obschon, da er einen Sieg versprochen und eine 
Niederlage erlitten hatte, seine Autorität auf dem Spiele stand, 
griff er der öffentlichen Meinung nicht durch ein Expose vor; 
er vertheidigte sich als Mensch und liefs sich von seinen 
Freunden vertheidigen , veröffentlichte aber von Zeit zu Zeit 
einen kurzen Ausspruch seines Deus ex machina, um die 
Discussion zu leiten. In der Polemik gegen die Juden und 
Christen ergriff er bald die Initiative und vertheidigte seine 
Lehre in längeren Aufsätzen, wie z. B. im Anfange von 



XXX 



Süra 2; bald aber erliefs er kurze Orakel in Folge der Tages- 
ereignisse. 

Die Gesetze sind fast ohne Ausnahme auf letztere Weise 
entstanden und Mohammad ergriff hierin nur sehr selten die 
Initiative. Erst nachdem ein Gegenstand reiflich besprochen 
und die Verfügung Gottes darüber einige Zeit erwartet wor- 
den war, erfolgte sie '). Bisweilen wurde sie dann öffent- 
lich in den Stralsen von Madyna proclamirt (Wähidy, As- 
bäb 5, 94). 

Der Ausdruck, sowie der Stoff der Inspirationen dieser 
Periode sind ohne Schwung, unzusammenhängend und ge- 
künstelt. Die salbungsreichen Phrasen, welche hie und da 
eingestreut werden, sind stereotyp und aus der früheren Pe- 
riode, welcher auch fast aller theologische Stoff in den In- 
spirationen mit Andersgläubigen entlehnt ist, in diese her- 
übergenommen. Selbst die Sprache ist verschieden und wenn 
wir die madynischen Koränstücke systematisch geordnet vor 
uns hätten und sie mit den makkanischen verglichen, ohne 
die Gewifsheit, dafs sie von demselben Verfasser herrühren, 
so würden wir erstcre nicht nur einem andern Manne, son- 
dern auch einem andern Jahrhundert zuschreiben. Charak- 
teristisch für die Pers<jnlichkeit des Mohammad sind unter 
den madynischen Inspirationen mir diejenigen, welche sich 
auf die Streitigkeiten mit seinen Frauen beziehen. Diese aber 
zeigen ihn uns, abgesehen von unsern Begriffen der Moral, 
viel erbärmlicher als er war. Es ging ihm wie allen Schwär- 
mern: auf Momente der Aufregung folgte Abspannung. Es 
ist dieses selbst den Moslimen aufgefallen und Sady sagt: 
Der Projihet war in ganz anderer Gemüthsverfassung, wenn 
er mit Ayischa und Zaynab spielte und wenn er mit dem 
Engel Gabriel verkehrte, so auch, föhrt der Dichter fort, 



') Ibn Babawayh (f 3^1) hat eine Monographie über den Ur- 
sprung der mosliniischen Gesetze geschrieben, welche 470 Folio- 
9eit(Ui füllt und eine so grofse Anzahl von Heispielen für meine 
Behauptung liefert, dafs es schwer ist, Ausnahmen zu finden. Manche 
Gesetze wurden geradezu auf Verlangen irgc^nd eines einflufsreichen 
Mhuih-s geofTenbart. 



XXXI 



fluthet und ebbet der Geist des Theosophen zwischen Erhe- 
bung und Abspannung. 

Ueber das Büchermachen hatte man damals ganz andere 
Begriffe als jetzt, und wer den Koran als Quelle benutzen 
will, muls sich über diesen Punkt vollkommen klar werden. 
Wenn es in Makka die Ausnahme war, so war es in Ma- 
dyna die Regel, dal's die Offenbarungen sogleich aufgezeichnet 
wurden (Bochäry S. 764). In den letzten Jahren war sein 
gewöhnlicher Schreiber Zayd b. Thäbit; er hatte aber auch 
andere. Wenn er eine Inspiration formulirt hatte, liefs er 
den Schreiber zu sich rufen und sagte ihm, wo er sie eins- 
chalten soll ^). Manchmal folgte er der sachlichen Ordnung 
und pafste auch die Redaktion des neuen Satzes der des be- 
reits vorhandenen an. Als Beispiel verweise ich auf das 
Fastengebot. Kor. 2, 179 enthält den ursprünglichen Befehl, 
Vers 180 eine später erschienene Dispensation und der etwa 
ein Jahr darauf geoffenbarte Vers I8i eine Abänderung des 
Gebotes (vergl. Bd. UI S. 54 ff'.). In diesem Falle bildet eine 
jede Offenbarung einen eigenen Vers. Es kommt aber auch 
vor, dafs mehrere Offenbarungen, die zu verschiedenen Zeiten 
erschienen sind, in einen Vers zusammengestellt werden. Wir 
wollen zwei Beispiele namhaft machen. 'Alyy soll sich bei 
einem Trinkgelage so sehr vergessen haben, dafs er ausrief: 
Weder ich habe eine Religion, noch ihr habt eine Religion! 
Darauf wurde geoffenbart: „O Gläubige! nähert euch nicht 
dem Gebete im Zustande der Trunkenheit, ehe ihr wifst was 
ihr sagt" (Soyüty Durar almanthür 4,46). Dies begab sich 
sich in Madyna, noch ehe der Genufs des Weines verboten 
war. Bei einem Feldzuge ereignete es sich, dafs die Moslime 
kein Wasser hatten, um die Ablution zu verrichten; es wurde 
geoffenbart: y,Wenn ihr krank oder auf einem Marsch seid 
und findet kein Wasser, so verrichtet die Tayammom mit 
feinem Sand, indem ihr damit euer Gesicht und eure Hände 
reibet" (Bochäry S. 659). Diese zwei Stücke stehen in einem 
Verse (Kor. 4, 46) und dazwischen ist ein anderes Gebot, 
welches wahrscheinlich weder mit dem einen noch mit dem 



') Itkän S. 141. Baghawy, Tafs. 9, i. Miscbkät, engl, üebers. 
Bd. I S. 526. 



xxxu 



andern erschienen ist ; der Vers bestände demnach aus drei 
Theilen; am Schlufs stehen die Worte: „Wahrlich, Gott hat 
sich nachsichtig und verzeihend erwiesen." Dem Sinne nach 
zu urtheilen gehörten sie zu den Bemerkungen über Alyy's 
Betrunkenheit und die andern zwei Offenbarungen sind erst 
später eingeschoben worden. In Vers 4, 97 spricht er ein 
Verdammungsurtheil aus über diejenigen Gläubigen, welche 
zu Hause bleiben und nicht in's Feld ziehen. Ibn 0mm 
Maktüm kam zu ihm und protestirte gegen die Härte des 
Verses, „denn", sagte er, „ich bin blind, wie kann ich in den 
Krieg gehen ? " Mohammad liel's den Zayd mit der Aufzeich- 
nung des Verses zu sich kommen, und statt die nöthige Ver- 
besserung in einem neuen Verse beizufügen, sagte er: Sclialte 
die Worte ein „Ausgenommen Diejenigen, welche mit einem 
Gebrechen behaftet sind" (Bochäry S. 746). 

Hier haben wir zwei von den zahlreichen Fällen sach- 
licher Zusammenstellung ganz kurzer Inspirationen. Süra 33 
hingegen enthält eine Zusammenreihung etwas längerer Offen- 
barungen, die dem Inhalte nach gar nichts mit einander ge- 
mein haben. Es kommt darin sein Verhältnifs mit Zayd's 
Frau zur Sprache (vergl. Bd. I S. 403), dann die Belagerung 
von Madyna, sowie der unmittelbar danach an den Juden 
von dem Stamme Koraytza verübte Treubruch und Harem- 
scenen; endlich, weil seine Heirath mit Zayd's Frau immer 
noch das Tagesgespräch war, kehrt er auf diesen Gegenstand 
zurück. Die Inspirationen erstrecken sich über einen Zeit- 
raum von etwa drei Monaten und alle bilden in der Ord- 
nung, in welcher sie erschienen sind, eine Süra. Vielleicht 
fallen in diese Zeit auch andere Offenbarungen, die er in 
anderen Stellen eingereiht hat. Regel scheint zu sein, dafs 
er ganz kurze Orakel, welche er als Verbesserung oder Ver- 
vollständigung von früheren veröffentlichte, diesen anreihte ') ; 

') Von den sehr zahlreichen Ausnahmen dieser Regel will ich 
nur eine erwähnen. In !), 4i tadelt Mohammad die im Feldzuge von 
Tabük an den Tag gelegte Saumseligkeit, in den Krieg zu ziehen. 
Der Vers machte einen sehr tiefen Eindruck auf die Moslime und 
der Prophet fand sich veranlafst den Tadel zu mildern. Der mil- 
dernde Vers steht nicht beim vorhergehenden, sondern in 9, 123. 



xxxm 

länjjere hingceoren bildetoii einige Zeit ein Ganzes ftir sich 
und wurden, wenn sich eine Anzahl derselben anj^ehäuft 
hatte, in ein Kapitel von der Länge einer Doppelsüra zusam- 
mengestellt, manches Mal auch einer bereits vorhandenen 
Mischsüra, wie die zweite, einverleibt^). Es entstand somit 
das vollkommenste Chaos, das man sich denken konnte. 

Wir haben soeben gesehen, dal's Mohammad in Madyna 
seine Inspirationen gewöhnlich sogleich einem Schreiber dik- 
tirte und es ist sehr wahrscheinlich, dafs hie und da nach- 
träglich auch eine frühere Süra aufgezeichnet wurde; wir 
würden uns aber sehr täuschen, wenn wir daraus sclilöfsen, 
dal's er ein Buch publiciren oder auch nur den Koran durch 
die Schrift verbreiten wollte. Er blieb bei der Ansicht : der 
Koran soll in den Herzen der Menschen leben. Wir finden 
in diesem Bande mehrere Beispiele, dafs er Apostel an die 
Stämme schickte, um sie im Koran und in den Pflichten des 
Islams zu unterrichten. Wir machen in allen solchen Fällen 
eine beachtenswerthe Beobachtung : die Steuergesetze erhielten 
sie schriftlich und auf die Wunderkräfte ihres Gedächt- 
nisses scheint also der Prophet kein besonderes Vertrauen 
gesetzt zu haben. Vom Koran aber nahm keiner eine voll- 
ständige Sammlimg mit. Manche mögen einige Notizen ge- 
habt haben, aber in den meisten, vielleicht in allen Fällen 
lehrten sie gerade so viel, als sie auswendig wnifsten und in 
den Gebeten zu recitiren pflegten. Aus der K. 41, 45 (vergl. 



') Die dritte Süra z. B. fängt mit der in 631 geofFenbarteu 
Disputation mit den Nagräniten an; weiter unten folgen die auf 
die in 625 gefochtene Ohodschlacht bezüglichen Stücke. Wahr- 
scheinlich bildeten letztere mit einigem, was daran hängt, ursprüng- 
lich eine Süra und die Disputation wurde später vorgesetzt. 

Solche Mischsüren blieben oft Jahre lang offen. So war nach 
dem Zeugnifs des Othmän (bei Baghawy 9, i) Süra 8 eine der 
ersten, welche Mohammad in Madyna anfing und bei seinem Tode 
war sie noch nicht abgeschlossen , weswegen Othmän alle Inspi- 
rationen, die jetzt Süra 'J bilden und welche sehr späten Datums 
sind , daran anschlofs. In der Zwischenzeit wurden andere Suren 
geoffenbart und kamen zum Abschlufs. 'Othmän sagt daher: Es 
gab Zeiten, wo dem Propheten viele Suren (zugleich) geoffenbart 
wurden. 

III. c 



XXXIV 

Bd. II S. 450) ausgesprochenen Ueberzeugung, dafs die Juden 
deswegen irre gingen, weil sie ein geschriebenes Buch haben, 
darf man vielleicht den Schlufs ziehen : er wünschte, dafs die 
Leute so wenig als möglich an dem Koran ihren Scharf- 
sinn üben^), sondern einfach an dem Grundsatz „es giebt 
nur einen Gott" festhalten, die Gebote tleifsig beobachten 
und die Steuern regclmälsig entrichten sollten. Seine An- 
sichten über die Schwäche des Unterthanenverstandes waren 
also vollkonnneu correct. So lange seine Wandelungen noch 
frisch im Ginlächtnisse waren, konnte die Kenntnil's des gan- 
zen Korans auch wenig dazu beitragen, den Glaul)en zu 
stärken. Hingegen die gelungensten Rhapsodien einzeln 
vorgetragen nnifstcn (>ine unwiderstehliche Macht üben ■). 
An die aufgeklärteren Stäunne schickte er allerdings Apostel, 
welche sich durch ihre Kenntnifs des Korans auszeichneten 
und durch Citate daraus Einwürfen gegen den Islam begegnen 
konnten. So z. B. ernannte er den Mo ädz b. Gabal wel- 
chem nachgerühmt wird, dafs Ci schon während der Lebzeit 



') 'Ainr (-)- IIH) b Sclio ayl) b. MolianiinaLl b. 'Abd Allah (wie 
es scheint soll dieser Name ausfallen) b. Amr b. 'A(,'. erzählt auf 
die Autorität seines Giofsvaters Anir b. 'At; (in der I(;aba unter 
Hiscliain): Wir kamen und fanden, dafs viele Menschen über den 
Koran disputirlen (vatarAgi' iina). Wir hielten uns fern. Der Pro- 
phet war hinter seiner Hütte und hörte sie. Dann trat er voll Zorn 
hervor und als er vor ihnen stand, sagte er: Dadurch (durch Dis- 
putiren und Grübeln) sind die Religioiisgenieinden vor euch in Irr- 
thum gerathen. Der Korfin ist niclit geoffenbart worden, damit ihr 
euch einander bekämpfet, sondern damit ihr euch mit Freundschaft 
behandeln sollt. 

') Wir finden die Straf legenden ein halbes Dutzend Mal fast 
in denselben Worten im Koran wiederholt. Ich habe bereits an- 
gedeutet, wie ich mir die Sache erkläre: Wenn Mohammad eine 
neue Rhapsodie dichtete, war sie wie eine Predigt darauf berech- 
net, sogleich zu wirken, er setzte aber dabei nicht voraus, dafs den 
Hörern alle Rhapsodien im (Gedächtnisse seien. In Madyna ging 
er schon etwas systematischer zu Werke und der Koran näherte 
sich mehr und m(>hr dem Charakter einer Abhandlung. Einig(! Wie- 
derholungen sind der Sorglosigkeit oder Aengstlichkeit der Sammler 
zuznschreijjen. 



XXXV 



des Propheten den Koran sammelte, zum Glaubenslehrer für 
Yaman; er gab ihm aber den Befehl: Dispute, wenn sie /a\ 
weit gingen, mit solchen Koränversen, in welchen besonders 
auf den Glauben an einen Gott gedrungen und erklärt wird, 
dafs alles andere unwesentlich sei, beizulegen. 

Indem Mohammad die Offenbarungen aufschreiben liefs, 
hatte er also keine andere Absicht, als sein eigenes Gedächt- 
nifs zu unterstützen. Ohne dieses Hilfsmittel hätte auch er 
die uöthige Kenutnifs seiner eigenen Inspirationen verloren. 
Er drückt sich darüber (bei Müatta S. 70) bildlich, aber 
doch recht verständlich aus: ,.Der Koränkundige gleicht dem 
Eigenthümer eines angebundenen Kameeies, wenn er es 
in Acht nimmt, hat er es, und wenn er es los läfst, läuft es 
davon." Er wurde altersschwach und die Offenbarungen 
mehrten sich, sein Gedächtnifs genügte also nicht mehr, sie 
vom Davonlaufen zu wahren, er befestigte sie daher durch 
die Banden der Schrift. Wenn er dann eine halb vergessene 
Offenbarung renoviren wollte, so sagte er sie seinem Schreiber 
Obayy vor und dieser sah in die geschriebene Notiz und half 
alf ihm nach. Weil diese Studien unter den Moslimen hätten 
Aergernifs erzeugen können — denn diese wollten nicht, dafs 
der Prophet wie andere Menschen sei — so liefs er sich von 
Gott befehlen, den Koran, oder nach einer andern Version 
Stücke des Korans, mit Obayy zu collationiren ^). 



') Tu der I^äba Bd. I S. 30 und bei Ibn Sa'd f. 278 lauten 
die Worte des Mohammad: ^Ac \.'i\ ...\ dSl\ , ^J-'«! „Gott hat mir 
befohlen, dir vorzurecitiren." Bei Ibn Sa'd fol. 169, wo auch die 
Varianten angegeben sind, lauten sie: .-J^^ ijJ^Jlc ij^^^ ,-J o-ct, 
welches denselben Sinn haben könnte, aber wenn von einem Buche 
die Rede ist, bedeutet aradha immer collationiren; dieses geschah 
gewöhnlich, indem der Schüler eine Tradition, welche er aus dem 
Hefte des Lehrers abgeschrieben oder auswendig gelernt hatte, die- 
sem vortrug, damit dieser sehe, ob er keinen Fehler mache. Diese 
Worte haben also wohl den Sinn, den ich ihnen im Texte gegeben 
habe. Begreiflicher Weise drehen die Moslime die Sache um und 
behaupten, Mohammad habe den Obayy belehrt. Ich finde den 
Schlüssel zur Tradition in den Worten: Es ist mir befohlen 
worden. Den Obayy zu belehren, bedurfte es keines speciellen 



XXXVI 

Weuii von der Treue des uns vorliegenden Koräntextes 
die Rede ist, darf man sich von der Auffassung der Moslinie 
nicht irre führen lassen. Nach ihrem Standpunkte ist jede 
Ofi'enbarung treu wiedergegeben, wenn sie der Prophet ein- 
mal in seinem Leben so recitirt hat. Ich halte den Text 
nur dann für treu, wenn er die ursprüngliche Redaktion ge- 
nau wiedergiebt. Aus dem Gesagten geht hervor, dal's er 
in diesem Sinne weder ganz getreu noch vollständig sein 
kann. Mohammad hat die meisten vor der Eintheilung des 
Korans in Suren voriiandcneu Ollenbarungen bei dieser Ge- 
legenheit neu redigirt, manche absichtlich unterdrückt oder 
abgeändert. Da/.u kommen noch die durch Schwäche des 
Gedächtnisses und durth Fahrlässigkeit verursachten Verluste 
und Veränderungen '). Obschon seine Inspirationen für das 
Wort Gottes galten und seine Gegner bisweilen daran rüt- 
telten, herrschte doch bis zu seinem Tode in dieser Beziehung 
der gemüthlichste Schlendrian. Hischäm b. Hakym trug einst 
die 25ste Süra so unrichtig vor, dafs 'Omar darüber empört 
war. Er brachte den Ilischäm zum Propheten, damit er 
ihn zurecht weise. Mohannnad liels ihn die Sura hersagen, 
und als er fertig war, bemerkte er: So ist sie mir geofl'enbart 
worden. Dann, zu 'Omar gewendet, fuhr er fort: Lafs sie 
uns lum auch nach deiner Manier hören! Nachdem auch 
dieser seinen ^'ortrag vollendet hatte, welcher von dem des 
Ilischam weit verschieden war, sagte er wieder: „So ist sie 
mir geoö'enbart worden! Der Koran ist in sieben verschie- 
denen Lesarten vom Himmel gesandt worden, wählet die- 



Befehls. Um den Eindruck, den diese Tradition machte, zu ver- 
wischen und zuj»lt;icli um die Versicherung zu geben, dafs der Text 
des Korans vollkommen treu sei, erfand man dann die Tradition, 
Mohammad habe jährHch einmal und im letzten Jahre seines Lebens 
zweimal di-n Koran mit dem Engel Gabriel coUationirt. 

') Kor. 2, 1(10. Wenn wir einen Vers streichen oder in Ver- 
gessenheit gerathen lassen, so offenbaren wir einen besseren oder 
einen ähnlichen. 

In tiner andern Stelle behält sich Gott, als der Verfasser, das 
Recht vor zu streichen oder zu verändern was ihm gefällt. 



XXXVII 

jenige, welche eiich am leichtesten ist" ^). In anderen Worten, 
wenn ihr nur den Sinn wiedergebt, kommt es auf den Aus- 
druck nicht so viel an." Diese Aeufsorung ist ganz im Geiste 
der Zeit, denn Leute, welche so Grofses leisten wollen, wie 
Mohammad und seine Gefährten, dürfen alle Fehler an sich 
haben, nur dürfen sie nicht engherzige Pedanten sein, sonst 
geht es ihnen wie den lieben Deutschen imd ihren Herren 
Professoren und sie werden zum Spott der Völker. 

Wir dürfen annehmen, dafs die Natzäyir und andere 
Suren, welche häufig im Gebete recitirt wurden, den Wortlaut 
der zweiten Redaktion mit ziemlicher Genauigkeit bewahrt 
haben ^). Längere vernachlässigte Suren hingegen, wie die 
zwölfte (vgl. Note S. XXIII), haben gewils viele Veränderun- 



') Wie diese Tradition in Bochäry (S. 326 und 747, vergl. 
Muatta S. 70) erzählt wird, halte ich sie für eine Dichtung. Unter- 
dessen aus allen auf diesen Gegenstand bezüglichen Nachrichten zu- 
sainraengenommen geht als Thatsache hervor, dafs sich Mohammad 
eine grofse Freiheit in der Wiedergabe früherer Offenbarungen be- 
wahrte und sie auch den Gläubigen gestattete. Da dieses unkritische 
Verfahren für die späteren Generationen, welche sich besonders mit 
dem Worte beschäftigten, anstöfsig war, hat Ibn 'Abbäs die Schuld 
auf Gott geschoben und folgende Tradition erfunden: „Der Prophet 
sagt: Gabriel machte mich den Koran nach einer Lesart (immer in 
denselben Worten) vortragen. Ich machte ihm Vorstellungen gegen 
diese Einschränkung und er machte mehr und mehr Zugeständnisse, 
bis er mir erlaubte, ihn nach sieben (beliebig vielen) Lesarten vor- 
zutragen" (Bochäry S. 746). 

Vollkommene Freiheit hatte jeder Moslim, den Koran nach 
seinem eigenen Dialekt zu lesen , wie z. B. in Kor. 75, 7 balika 
oder barika, und in 5, 92 Rigs oder Riks. Man durfte auch z. B. 
Rahym mit Ghafür verwechseln, weil sie beide dieselbe Bedeu- 
tung haben (Mälik, angeführt in einer Glosse zu Bochäry S. 326). 
Es ist aber ziemlich klar, dafs Mohammad viel weiter ging und 
sich begnügte, wenn der Sinn wiedergegeben wurde. Vielleicht kam 
es auch auf etwas mehr oder weniger nicht an. 

') Die Häufigkeit der Recitation schützte den Text noch nicht 
vor Abweichungen in der Lesart. Obschon keine Sura häufiger 
hergesagt wird als die erste, das Vaterunser der Moslime, so lesen 
doch einige man an'amta statt alladzyna an'amta. 



XXXVIII 

gon erlitten ''), Von den kleineren vernachlässigten Offen- 
barungen mögen viele, wie „das Kamcel mit aufgelösten Ban- 
den" davon gelaufen und für immer verloren gegangen sein. 
Üiese Bemerkungen beziehen sich auf die makkanischen In- 
spirationen, weil sie lange Zeit fast ausschliel'slich durch das 
Gedächtnii's aufbewahrt wurden. Aber auch in dem Zu- 
stande des Textes der madynischen Inspirationen läfst sich 
manche Abweichung nachweisen -). 

Mohammad starb und die Offenbarungen für die Mos- 



') Bochäry S. 748 erzähh, Ibii Mas ütl habe in Hom(,', einst die 
zwölfte Süra vorgetragen. Es erhob sich ein Mann und sagte: der 
Text ist falsch. Ibn Masüd betheuerte, er habe die Sura so vom 
Propheten vernommen. Der Mann wurde arretirt, denn man sagte, 
er sei betrunken und rieche nacli Wein. Vielleicht wäre Mohammad 
nicht so strenge gewesen und hätte beide Lesarten gebilligt. 

') Ich stelle aus der zweiten Süra einige Beispiele zusammen. 
O. bedeutet Obayy und M. Ibn Masud. 2, 19 L*ax für [j.>civ9 M. 
2, 58 ^j,ji für ^^ M., jj^jJlX^j! für ..jJiA/.;^'/*^j1 O., ^«x» für \.a=la> 

M. U.O., (vgl. 12, lüu). 2, 6u \^s'-o L,i;Äj^ M., \^s U i»j;iöl^ ü., für 
*-oU» \^J3\^, 2, 63 ^ für r,S\ M. 2, 6:, i,i>^.^jLi,j für NjLxiJj" O. 
2, 6;i Lj-L« für sJ^ O. 2, 90 »«.aAI für ?5».^5* O. 2, '.»4 .\a12ä_j für 
v<X^i M. 2, Ort :<;jü ^js-' Ul "^j.Äj ^j.s^- o.=>l Q^ ^\jH\ ^JUj u^ 
^j^ %^_^ jÄXj" "^Is O. 2, luo ^J<^/*^;j^l O., Kji ^J^ ti^.w.ÄiU) M., für 
L^^Äj. 2, lu,') LoLAaJ^t Lj^j für ^.Lcij»^ \^j^ O. 2, los lft>.i> 
für ^j'wi> O. 2, 113 JL-.J ^J M., ^» f*.-^4 vL^^ Cr"* ^^■'" ^ 
^yÄj L\i>!p- O., für ^:<^^ ^l^\ ^c JLs^- ^3. 2, 118 Q^ULil 
f"*" ^^r4^^ ^^- 2, 121 Q_Jyb3 wird vor Uj, eingeschoben von M. 
und O. 2, 122 ^^j^ ^^\^ für Ix^lx^ Ü^l^. 2, 126 M. und O. 
schieben ^1 vor Lj ein. 2, U3 iÜLii J.^^ O., xJl.i Ui*:> J.xi^ M., 
für isfc>^ J.^^. 2, 1S3 öj.jJS für vi^sJ! M. 2, i84 Obayy schiebt 
"4 vor IJjiwj ein. 

Die Varianten sind wenig zahlreich, weil wir sie nicht alle 
haben und weil Obayy und Ibn Mas'ud die unter Abu Bakr ge- 
machte Recension des Zayd benutzten und wohl auch ihn darin 
unterstützt hatten. 



XXXIX 

lime waren geschlossen. Die von ihm gemachten Anfzeich- 
nungen standen, wie behauptet wird, auf Stücken Leder und 
Pergament, Schiefertafehi, Pahnhlättern und Kameelsschultern 
und lagen ohne alle Ordnung durcheinander. Vielleicht wird 
die Aermlichkeit des Schreibmaterials von den Quellen mit 
dem Wunsche, die Zeit recht einfach und idyllisch darzu- 
stellen, übertrieben, aber so viel ist gewifs, dafs weder Mo- 
hammad, noch seine Schreiber sehr wählerisch waren, denn 
sie beabsichtigten nicht ein Buch zu machen, sondern nur 
temporäre Noten. 

Unter der Regierung des Abu Bakr wurden blutige 
Kriege geführt, um die Abtrünnigen zum wahren Glauben 
zurückzuführen, und viele Korankundige l)liel)en in den Schlach- 
ten. Einst fragte Omar um den Wortlaut eines Verses und 
man sagte ihm, N. weils ihn; N. war aber einer der Gefalle- 
nen. In der Furcht, es möchte einiges von den Ofienbarun- 
gen verloren gehen, begab er sich zu Abu Bakr und suchte 
ihn zu bewegen, sie sammeln zu lassen. Dieser hielt es für 
eine Neuerung, ging aber doch endlich auf seinen Vorschlag 
ein und übertrug die Arbeit dem Zayd '). Der Nachlafs des 
Mohammad wurde sortirt und in Bündel zusammengebunden-), 



' ) Zayd war aus Madyna. Sein Vater Thabit fiel in der Schlacht 
von Bo'ath, welche fünf Jahre vor der Fluclit gefochten wurde. Als 
der Prophet nach Madyna kam, war Zayd erst eilf Jahre alt, wufste 
aber schon 17 Suren des Korans auswendig. Wegen seiner zarten Ju- 
gend durfte er den Badrfeldzug nicht mitmachen. Ob er bei Ohod 
mitgefochten hat, ist ungewifs. Bei der Belagerung von Madyna (A. 
H. 5) vertraute Mohammad dem sechzehnjährigen Jüngling die Fahne 
der Madyner an und nach dem Friedensschlufs schenkte er ihm ein 
Kleid von egyptischem Stoffe (Kobtyya). Mohammad verwendete 
ihn häufig als Schreiber und auf seinen Wunsch erlernte Zayd die 
hebräische Schrift (nicht die Sprache, denn er verwendete nur 
drittehalb Wochen auf dieses Studium), damit er ihm die Briefe 
der Juden vorlesen könne. Unter den Nachfolgern des Mohammad 
war Zayd besoldeter Richter (Kadhiy) von Madyna, wo er in 
A. H. 45 starb. 

') Mohäsiby bei Itkan S. 137. Häkim ibidem S. 134 und bei 
Comm. zu Bochäry S. 745. 



XL 



da er aber den Text nicht vollständig enthielt^), forderte 
'Omar die Gläubigen auf, dal's jeder, welcher weniger be- 
kannte Theile des Korans schriftlich besitze oder auswendig 
wisse, dieselben niittheile. Die Traditionisten sahen wohl 
ein, dafs ein solches Verfahren keine Garantie für die Aecht- 
heit des heiligen Buches biete und behaupten daher, dafs 
Omar zugleich die Regel aufstellte: Jeder, der einen oder 
mehrere Verse beitrage, soll einen Zeugen für deren Aecht- 
heit bringen. Ich weils den Korjin nicht auswendig und wäre 
nicht im Stande, Veränderungen im Ausdrucke oder Omis- 
sionen zu entdecken, aber wenn in einem Exemplar unter- 
schobene Stellen vorkämen, glaube ich, dafs ich sie augen- 
blicklich erkennen würde. Die Korankenntnifs des Omar, 
Abu Bakr und vieler anderer ging gewifs ebenso weit. Ich 
glaube also nicht, dal's Omar von vorne herein diese Regel 
aufstellte, wohl aber mögen Verse eingebracht worden sein 
die er bezweifelte oder für deren Aechtheit Bürgen forderte. 
Zur BestätijTfuno; der Reffel wird eine Ausnahme erzählt. Als 
Zayd die 9te Süra zum Abschlufs bringen wollte, bemerkte 
Obayy : er erinnere sich, dafs noch zwei Verse dazu gehören. 
Man erkundigte sich allenthalben nach dem Wortlaut der- 
selben und Abu Chozayma^) wufste ihn, aber sonst Niemand. 
Sie wurden auf seine vereinzelte Bürcfschaft hin aufgenom- 
men, weil der Prophet erklärt hatte, sein Zcugnifs gelte so 
viel als das zweier Männer (Bochäry S. 394. 705 746). Durch 
diese Mittel gelang es dem Zayd, den ganzen Konin zusam- 
menzubringen. In mehreren Traditionen wird behauptet, Zayd 
habe zugleich eine Abschrift besorgt. Aber die Beschreibun- 
gen derselben sind niclit übereinstimmend. Nach Ibn Okba 
war sie auf Pergamentblättern '^) oder Rollen, nach Ibn 'Omar 
auf Kartas, welches von Charta herkommt und Papyrus 



') Zohry bei ItkAn S. 133. 

'J Es ist iingcwifs, ob dieser Mann Chozayma oder Abu Clio- 
zayma bicfs (vergl. Pxx li. S. fiTb). 

') Im Origiriiil Warak, welclies „lilalt eines Baumes" oder 
.Tapicr"*, in jener Zeit aber amb .,Perganientbbitl'' bedeutete. Es 
wird z. B. (bei Both. S. 'J3) gesagt, dafs das Antlitz des Propheten 



XLI 



bedeutot. Es ist mir zwcifflluaft, ob man damals in Arabien 
so schreibselig war, dals es sieh lohnte, Papyrus zu impor- 
tiren. Nach Ibn Aby Däwud bildete Zayd's Abschrift sogar 
einen Band (Ma^haf) und nach Oniara b. Azyya brachte er 
den ganzen Koran auf eine einzige Rolle. Ich glaube, dafs 
Zayd bei dieser Gelegenheit den Nachlals des Propheten ge- 
ordnet und etwa unleserliche oder auf schlechtes Material ge- 
schriebene Bruchstücke copirt habe, dafs aber sein Haupt- 
augenmerk daraufgerichtet war, ihn zu vervollständigen. Was 
er von den Gläubigen sammelte, hat er jedenfalls aufgeschrie- 
ben und dem Nachlasse einverleibt. Es steht fest, dals bei 
dieser Gelegenheit die bisher nicht vollends durchgeführte 
Eintheilung der Offenbarungen in Sviren vollendet wurde. Als 
Abu Chozayma die zwei Verse, welche Niemand aufser ihm 
wulste, mittheilte, erklärte 'Omar: Wenn es drei Verse wären, 
würde ich eine eigene Süra daraus machen. Man fühlte sich 
also damals noch befugt, in die Eintheilung der Suren ein- 
zugreifen. Später machte man keine solche Aenderung. Der 
Codex des Ibn Mas'üd ist älter als der offizielle Text, von 
dem wir bald sprechen werden, und Ibn Mas' üc^ befand sich, 
als dieser redigirt wurde, nicht in Madyna; dennoch unter- 
scheidet sich sein Text nur in der Reihenfolge der Suren, 
so viel wir aber wissen, nicht im Inhalte derselben. 

Es fehlt nicht an Traditionen, welche behaupten Zayd 
habe seine Arbeit erst unter der Regierung Omars gemacht. 
Die meisten jedoch versetzen sie unter die Regierung des Abu 
Bakr, in dessen Besitz auch die Sammlung bis zu seinem 
Tode blieb; dann nahm sie sein Nachfolger Omar in seine 
Verwahrung und nach dessen Dahinscheiden wurde sie der 
Obhut seiner Tochter Haf9a, einer Wittwe des Propheten, 
anvertraut ^). 



in seiner letzten Krankheit wie ein Warak ausgesehen habe. In 
diesem Vergleiche kann es nur Pergament heifsen. Das Papier 
war damals im westlichen Asien noch nicht bekannt. 

') Am ausführlichsten wird die Geschichte dieser Sammlung 
des Korans in einer Tradition des Zohry bei Bochary S. 676 und 
T4r) erzählt. Sie ist sehr geschmückt und die Redaktion vielleicht 
nicht alt, aber wie aus dem Vergleich mit andern Tradionen her- 



XLII 



Der einzige Zweck dieser Sammlung war, die Offenba- 
rungen so rein und vollständig, als der Prophet sie hinter- 
lassen hatte, für die Nachwelt zu bewahren. Nachdem sie 
vollendet war, wurde sie gleichsam ad acta p"elegt und nicht 
veröffentlicht; denn man hielt immer noch an dem Grundsatz: 
Das Wort Gottes soll in den Herzen der Menschen leben 
uiul nicht Gegenstand der Disputation werden. Unter den 
Ciläubigen lernte oder sammelte jeder so viel, als gerade sei- 
nem Bedürfnisse entsprach. Die meisten begnügten sich mit 
den nöthigsten Gebetstücken und diese konnten sie ii\ den 
Moscheen so oft hören, bis sie selbige auswendig wulsten. 
Das Gesetz verorduet, dals Derjenige, welcher am meisten 
vom Koran im Gedächtnisse trägt, Vorbeter der Gemeinde 
oder Versammlung sein soll. Dieses war ein Stimulus zum 
Sammeln und noch mehr zum Auswendiglernen vieler Suren; 
es geschah aber wohl selten, dafs der Candidat die Aufzeich- 
nung eines andern nahm und auswendig lernte , sondern er 
lleTs sich von einem Kundig<m unterrichten luid notirte für 
seinen eigenen Gebrauch, was er nicht sogleich dem Gedächt- 
nisse ein/.upuägen v(!rmochte. Dieser Geist der Einfachheit 
konnte jedoch nicht ewig dauern. 

Ich habe S. 33 und 409 von den Heuchlern und der C(»n- 
cun-enzmoschee gesprochen. Ihr Vorbeter war ein junger 
Mann Namens Mogammi'. Er betheuerte zwar später vor 
dem Chalyfen ' Omar, dals er nur das Werkzeug seiner Partei 
gewesen, doch geht so viel aus der Erzählung hervor, dafs 
der Chalyfe bis dahin auf seine Orthodoxie nicht viel hielt '). 
Mogamnii' hatte schon, als er noch in der Concurrenzmoschee 



vorgeht (vergl. Boch. S. 746, Itkan S. 135 ff. und Ihn Atyya, Einleit.), 
beruht sie auf ganz zuverlässigen Angaben. 

') Die Erzählung bei Ibn Isliak S. 358 lautet: „Es wurde mit 
'Omar über Mogammi' gesprochen und er wurde um die Erlaubnifs 
angegangen, dafs Mogauuiii' der Vorbeter der ßanu 'Amr b. 'Awf 
sein dürfe. Omar erwiederte: Wie, war er nicht der Imäm (Vor- 
beter) der Heuchler in der Concurrenzmoschee! Mogammi' sagte: 
O Beherrscher der Gläubigen! Ich schwöre bei dem einigen Gott, dafs 
mir nichts von ihren Tendenzen bekannt war. Ich war ein junger 
Mensch und pflegte Koränstücke zu recitiren; sie hingegen besafsen 



XLIII 



vorbetete, den gröfseren Theil der Offenbarungen gesam- 
melt (Ibn Ishak S. 358). Nachdem die Moschee auf Befehl 
des Mohanmuid zerstört und seine Partei ^ezwunixen Avorden 
war, orthodox zu erscheinen, fuhr er fort, den Inspirationen 
seine Aufmerksamkeit zu schenken und zur Zeit des Todes des 
Propheten war seine Sammlung so vollständig, dafs ihm nur 
noch zwei oder drei (nach einer andern Tradition eine oder 
zwei) Suren fehlten (Schaby bei Ibn Sad fol. 172). Es unter- 
liegt wohl keinem Zweifel, dafs Mogammi' ein Forscher war 
und dafs er seine Sammlung in der Absicht, sich von der 
Wahrheit oder Grundlosigkeit der Prätensionen des Moham- 
mad zu überzeugen, anlegte. Sie ist die einzige, welche 
unser Vertrauen beanspruchen könnte und wenn sie auch ver- 
loren gegangen ist (wahrscheinlich wurden die schriftlichen 
Notizen auf Befehl des 'Othmau zerstört), so haben seine 
Arbeiten doch gewifs auf die Recension, welche Zayd unter 
Abu Bakr machte, einen grofsen Einflufs geübt. Man konnte 
doch nicht vor seinen Augen Inspirationen, welche Mohammad 
der Vergessenheit preiszugeben gedacht hatte, übergehen. 

Die übrigen Sammler waren fromme Moslime und hatten 
keinen andern Wunsch , als recht viel von dem Buche , wel- 
ches sie Forkän, die Erlösung, nannten auswendig zu wissen 
und zu besitzen. So lange Mohammad lebte, legte gewil's 
keiner von ihnen viel Gewicht darauf, die Offenbarungen 
vollständig zu haben, es war ja die Quelle derselben in 
ihrer Mitte. Wie spät die Moslime angefjuigen haben, als 
Amateure mehr vom Koran zu sammeln, als gerade für die 
Gebete nöthig war, geht daraus hervor, dafs sich mit Aus- 
nahme des Ibn Mas üd kein einziccer Flüchtlino: damit be- 
schäftigte ; die übrigen Sammler, deren Namen genannt werden. 



nichts vom Koran und deswegen gingen sie mich an, ihnen vorzu- 
beten. Ich glaubte ihrem Vorgeben nnd hielt ihre Zwecke für voll- 
kommen rein. Man fabelt, fährt Ibn Ishäk fort, dafs 'Omar ihm auf 
diese Erklärung hin erlaubt habe, seinem Stamme, den Banü 'Amr 
b. 'Awf vorzubeten.'' Es ist die Gewohnheit der Tradition, Jeden, 
welcher als MosUm starb, weifs zu waschen, und einige Biographen 
(bei I(;äba) gehen daher noch weiter und behaupten, 'Omar habe 
den Mogammi' nach Küfa als Vorbeter geschickt. 



XLTV 



haben sich frühestens im Jahre der Fhicht bekehrt und 
waren ans Madyna gebürtig '). Erst nach dem Tode des 



') Alyy soll nach dem Tode des Propheten einen Eid ge- 
schworen liaben, seine Wohnung nicht zu verlassen, ehe er den 
Koran gesammelt habe. Das ist gewifs eine Unwahrheit. Eine an- 
dere Krage ist: Hat Alyy eine Kecension des Korans hinterlassen? 
Das Gerücht von einer solchen ist alt. Ihn Syryn (f 110) hatte 
davon gehört, suchte sie aufzutreiben und schrieb deshalb nach Ma- 
dyna, aber oline Erfolg. Doch ein Exemplar, wahrscheinlich das 
.Vutograph, soll sich später in den Händen seines Nachkommen, 
des Abu Ya lä Hamza Hosayny befunden haben. Tha'laby, Tafsyr 
Hd. I S. I'l berichtet, dafs auch in dieser Recension die Süra Ra- 
kara 280 Verse hatte. Andere Gelehrte führen daraus unbedeutende 
Varianten an, z.B. 13, so ••^äj statt ^^v.L.j, und 106, i v_;"b5i statt 
i^^bSj aber gerade die Seltenheit dieser Citationen erregen Zweifel 
gegen eine selbstständige Recension des Alyy. Diese V^arianten 
mögen von einem Codex der 'othmanischen Recension, den 'Alyy 
geschrieben oder doch wenigstens besessen hat, herrühren. Man 
behauptet, in Alyy's Recension seien die Suren chronologisch ge- 
ordnet gewesen. Wenn dieses wahr wäre, würden die Schy'iten 
gewifs diese Reihenfolge beibehalten haben, statt, wie es der Fall 
ist, die Ausgabe ihres Feindes Othman zu adoptiren. 

Im Itkan S. 135 wird behauptet, Sälim , ein Chent des Abu 
Ilndzayla, sei der erste gewesen, welcher den Koran nach dem 
Tode des Propheten sammelte und in ein Huch eintrug. Er berieth 
sich mit seinen Freunden, wie er dasselbe benennen solle und einige 
sagten: „Sifr! " Er verwarf diese Benennung, weil die Juden die 
Bibel so heifsen und wählte abyssinische das "Wort Mo(;haf. Diese 
Behauptung beruht nur auf einer Tradition und ist deswegen schwach. 
Dafs aber Siilini selbst den Abu Bakr und 'Omar an Koränkunde 
übertraf und denselben schon so schon vortrug, dafs ihm selbst 
Mohammad grofses Lob spendete, lesen wir in Bochäry S. 06 und 
74^; vergl. I(,niba Bd. U S. 109 ff. 

Es scheint, dafs mehrere Gefährten des Propheten, wie z. R. 
Abu Musä, sich nach Veröffentlichung der 'othmanischen Ausgabe 
Codices anfertigten und hie und da ihre eigene Lesart der officiellen 
vorzogen. Das mag auch mit dem Exemplar des Alyy und Sälim 
der Fall gewesen sein, lieber das Entstehen solcher Texte, welche 
für die Kritik des Korans jedenfalls sehr nützlich waren, giebt eine 
Tradition bei ll)n Sa'd fol. 1(J!) verso Aufschlufs: „Einige Gefährten 



XLV 



Mohammad bemühten sich einige wenige von denen, welche 
schon früher der Sache ihre Antinerksamkeit geschenkt hatten, 
die ihnen noch fehlenden Inspirationen zu erhalten, luid zwei 
von ihnen machten, zunächst für ihren eigenen Gebrauch, 
voUständioe Handschriften des Korans. Der eine von diesen 
zweien, Ibn Mas'üd, hat sich schon früh zum Islam bekehrt 
(ßd. I S. 440) und durfte sich, ohne Widerspruch zu fürchten, 
rühmen, aus dem Munde des Propheten 70 Suren vernommen 
[und auswendig gelernt] zu haben (Bochary S. 748). Diese 
bildeten den Anfang seiner Sammlung, die übrigen erhielt er 
von Mogammi (Ibn Sad fol. 172). Er hat also erst kurz 
vor dem Tode des Propheten den Entschlul's gefalst, sie voll- 
ständig zu machen, denn Mogammi' befand sich bis Ende 
630 im Lager der Heuchler. Ibn Mas'üd hat eine Recension 
des ganzen Korans hinterlassen, welche, als man den Text 
einer strengen Kritik unterwarf, noch im Autograph vorhan- 
gewesen zu sein scheint und fleil'sig benutzt wurde. Sein 
Text ist unabhängig von der unter 'Othman veranstalteten 
Ausgabe, aber es unterliegt wohl keinem Zweifel, dai's er die 
unter Abu Bakr gemachte Recension benutzte. 

Unter den Madynern, welche schon zur Lebzeit des Pro- 
pheten die Ofi'enbarungen zu sammeln anfingen, nenne ich 
nur einen, nämlich den Obayy b. Mälik. Er war einer von 
denen, welche den Propheten dazu bewogen, nach Madyna 
überzusiedeln; er konnte schreiben, stand dem Mohammad 
häufig als Secretär zur Seite und verbesserte die Form der 
Briefe und Dokumente. Ursprünglich schrieb man am An- 
fange von Schriftstücken „Von Mohammad an N. N.", dann 



des Propheten waren in dem Hause des Abu Musä Asch'ary ver- 
sammelt und verglichen einen Koräncodex. Ibn Mas'ud, der sich 
unter ihnen befand , stand auf und entfernte sich. Abu Musa 
sagte: Er weifs unter allen noch lebenden Menschen die Offen- 
barungen am besten." Bei solchen Vergleichungen werden ohne 
Zweifel bisweilen vom 'othmänischen Standardexemplare Lesarten 
vertheidigt, wie z. B. J^-o- (GibraVlla) statt J>.j>>.;s-, doch beschränkte 
man sich der lieben Einigkeit willen auf ganz untergeordnete Punkte" 
Die nachweisbaren groben Febler des Zayd bat Niemand zu be- 
rühren gewagt. 



XLVI 



folgte der Text ohne Uiiterschiift. Oba}y führte die Ge- 
wohnheit ein, dals der Sekretär seine Unterschrift unterfer- 
tigte: ^Der Schreiber ist A., der Sohn des B." Mohammad 
spendete ihm das Lob, dals er der korankundigste Mann 
seiner Gemeinde sei; er pflegte alle acht Tage einmal den 
ganzen Koran zu beten. Auch er hat eine Recension des 
heiligen Buches hinterlassen. Sie ist wahrscheinlich ebrcnso 
abhängio: von der auf Befehl des Abu Bakr veranstalteten 
Sannnlung als die des Ibn Ma'süd. Von der bthmanischen 
Ausgabe ist sie unabhängig, weil Obayy aller Wahrschein- 
lichkeit nach, ehe diese zu Stande kam, starb. Die Recen- 
sion des Obayy und die des Ibn Mas'üd sind die einzigen 
originellen Aufzeichnungen, welche den späteren Kritikern 
des Textes aulser der offizielen Ausgabe zu Gebote standen. 

In der Hauptstadt faud jeder, welcher sich mit dem Koran 
beschäftigen wollte, die nöthigen ITilfsmittel: es gab Korän- 
kundigi', welche bereit waren, ihre Keinitnissc mitzutheilen 
und es befanden sich daselbst die Sammlung des Abu Bakr 
und der Codex des Obayy. Wie es mit den Provinzen stand, 
lernen wir aus einer Tradition des Ibn Sad fol. 172. 'Omar 
erhielt während seiner Regierung einen Brief von Yazyd b. 
Aby Sofyan, seinem Statthalter in Syrien, in welchem er ihm 
schrieb : „Die Araber vermehren sich in diesem Lande und 
füHcn die Städte. Sie bedürfen Jemanden, der sie im Koran 
und in der Religion unterrichtet. Unterstütze mich, o Be- 
herrscher der Gläubigen, und schicke mir Lehrer." 'Omar 
liels fünf Männer zu sich konuuen, welche am meisten vom 
Koran wulstcn, und fragte sie: ob sie Lust hätten nach Sy- 
rien zu gehen. Zwei davon (nämlich Abu Ayyüb, weil er 
zu alt war, und Obayy, weil er kränklich war) lehnten ab 
und drei begaben sich nach Ilom^, nämUch'Obäda b. Qämit,, 
welcher dasell)st blieb; Moädz, welcher sich von dort nach' 
Palästina verlügte, und Abu Dardä, welcher sich in Damas- 
kus niederliefs. Auch in andere Provinzen wurden Religions- 
ichrer geschickt. Wenn sie einige Koränstücke in S(;hrift- 
lichen Notizen mitbrachten, war es zufällig, denn die Fort- 
pflanzung des Korans war mündüch. Auf diese Art entstan- 
den grofse Verschiedenheiten des Textes. Li einigen Orten 
waren die NcMibckchi-tcu weiter in der Bildung vorgeschritten 



XLVII 

als ihre Lehrer, und sie fühlten das Bedürfuifs, ein voll- 
ständiges Küränexeuiplar zu haben. So wird z. B. dem 
'Ata in Qan'ii, dem Sohne eines Persers, nachgerühmt, dafs 
er der erste Mann in Yaman war, welcher den Koran sam- 
melte (I^aba unter Wabar), Auf diese Art kam es, dals zwar 
in den Moscheen einer Provinz das Wort Gottes ziemlich 
gleichmäfsig vorgebetet wurde, dafs sich aber der Text we- 
sentlich von dem einer andern Provinz unterschied. Diese 
Abweichungen sind nicht alle in den Provinzen entstanden, 
sondern rühren von den dahin geschickten Missionären her. 
Somit reichen sie in die Zeit des Propheten hinauf, denn die 
Lehrer gehörten zu den hervorraoi:endsten seiner Gefährten. 
Wie verschiedentlich aber die Zeitgenossen des Mohammad 
den Koran recitirten, haben wir S. XXXVII gesehen. 

Li der Eroberung von x\rmenien und Adzarbaygan waren 
syrische und 'ii*akisclie Truppen beschäftigt. Beide beteten 
den Koran nach ihrer Art und da sie sehr von einander ab- 
wichen, gerietlien sie in Streit, welcher Text richtig sei ^). 
Hodzayfa b. Yamän, welcher sich bei der Armee befand, eilte 
nach Madyna und sagte zu 'Othmän: „O Beherrscher der 
Gläubigen! Hilf diesem Uebelstande in unsrer Kirche ab, ehe 
Meinungsverschiedenheiten einreifsen, wie unter den Juden 
und Christen." 'Othmän schickte zu Haf^a, welche seit dem 
Tode des 'Omar die von Abu Bakr veranstaltete Sammlung 
des Korans in Verwahrung hatte und liefs ihr sagen: Sende 
mir die einzelnen Blätter, wir wollen sie in Bücher abschreiben 
und dir dann die Blätter zurückstellen. Er befahl dann dem 
Zayd b. Thäbit, dem Abd Allah b. Zobayr, dem Sa yd b. 
'Ä9 und dem 'Abd al-Rahmän b. Härith b. Hischäm Copien 
davon in Büchern zu machen. Da Zayd ein Madyner, die 
andern drei aber Korayschiten waren, gab er ihnen den Auf- 
trag : Wenn ihr über die Lesart verschiedener Meinung seid, 
so folget dem korayschitischen Dialekte, denn in diesem ist 
der Koran geoffenbart worden. Es wurden nun von diesen 
Männern vier oder fünf, nach einer Ueberlieferung gar sieben 



') Ibn 'Atyya, Einleitung; vorgl. liocliäry S. 74G. Jtkan S. 139. 
Mischkät Bd. I S. 525. 



XLVIII 

Exemplare augefertigt, wovon jedes einen Band bildete ^). 
Ein Exemplar blieb in Madyna, ein anderes schickte 'Oth- 
nian an jede der grofsen Militärstationeu. Der Koran hatte 
.somit die letzte llecension erhalten und war edirt. 'Oth- 
nuhi l)etahl, dal's diese officielle Ausgabe in Zukunft maafs- 
gebend sein und die vorhandenen auf Blätter geschriebenen 
Noti/en, wie die in einen Band eingetragenen Koränexem- 
j)lare, zerstört werden sollen. Das Datum dieser Ausgabe ist 
wahrscheinlich A. IL 25 oder 80. Sie gründet sich, wie wir 
gesehen haben, auf Mohanmiad's NachlaCs und Zayd's Arbeit 
bestand also vorzüglich in der Vervollständigung und Anord- 
nung der Suren. 

Der Interpolation wollen wir den Zayd und seine Mit- 
arbeiter nicht beschuldigen; denn wenn die S. 164 dieses 
Bandes ausgesprochene Vermuthung begründet ist, fallt die 
Schuld auf ' Omar. 'Abd Allah b. Zobayr machte den Vor- 
schlag, den Vers 2, 241 wegzulassen, weil er durch einen andern 
abroglrt wird. 'Üthmän antwortete: die Schreiber sollen alles 
au seinem Orte lassen. Wir haben keine Ursache zu glauben, 
dals sie dieser "Weisung zuwider gehandelt und absichtlich 
Verse ausgelassen haben. Auch erweist sich der Text, so 
weit wir denselben mit den Varianten des Ibn Mas'üd und 
Obayy vergleichen können, als der beste von den dreien. 
Der einzige Vorwurf, den w'ir dem Zayd machen können, ist, 
dals er manchmal recht gedankenlos arbeitete. Von den 
Uöenbarungen, welche Mohammad nicht bereits irgend einer 



') In solchen Dingen ist immer grofser Segen und daher kommt 
es, dc'ifs jetzt die Zahl der 'otlimtinischen Koräntexte sehr grofs ist. 
Die.se angebUchen Ri-licjuien werden selir InMÜg gelialten und ich 
konnte; nur eine davon besehen, nämlicli den Codex von Hom(,\ 
Er ist auf steifes Pergament in grofsem Folio geschrieben und un- 
vollständig. Die Schriftzüge sind zwar roh, aber gleichmäfsig, und 
rühren wohl von einei- geübteren Hand her, als der des Zayd. Es 
wäre doch möglich, dal's noch ciin ächl(;r othmanischer Codex vor- 
handen ist und vielleicht erleben wir es noch, dafs wenigstens ein 
Eacsimile nach Europa kommt. Zu bemerken ist noch, dafs einer 
dieser Codices Imaui, d.h. Standardcxemplar genannt wurde 
(Tbalaby 2, n). 



XL IX 



Süra einverleibt hatte, machte Zayd, wie ich iu dem zweiteu 
Bande (besonders S. 499) nachwies, manchmal aus einer zwei 
und dann wieder aus zweien eine, auch hat er bisweilen 
Verse zweimal eingeschaltet '). Diese Fehler hat er wohl 
schon gemacht, als er den Koran unter Abu Bakr sammelte. 
Die Veranlassung dazu ist begreiflich, wenn wir bedenken, 
dafs der Nachlals des Mohammad in euizelnen Blättern bestand, 
die nicht uumerirt waren, und dal's Zayd gewohnt war, einen 
grolsen Theil des Korans in Gebeten abzuleiern. Da auch 
die übrigen Moslime, wenn sie den Koran beteten, den Sinn 
nicht verfolgten, legten sie auf solche A^ersehen, wenn sie die- 
selben auch bemerkten, kein Gewicht. 

So lange der Koran auf Blättern stand, war jede Süra 
die erste und die letzte. Als er aber in einen Band zusam- 
mengetragen wurde, mufste man sich entschliefsen, eine Reihen- 
folge einzuführen. Man ordnete sie nach der Gröfse, setzte 
die längste zuerst und die kürzeste zuletzt, gab sich aber 
nicht die Mühe, dieses System streng durchzuführen -). 

') Der deutlichsle Fall dieser Art ist Koran 7, i36 = 2, 26; 
7, lüi = 2, 55; 7, 162 = 2, 56; 7, mu ist getheilt worden und entspricht 
2,54 und 57. Es dürfen aber nur wenige Wiederholungen auf Rech- 
nung des Zayd gesetzt werden, denn Mohammad hat häufig frühere 
Koränverse auf neue Ereignisse angewendet und manchmal in neue 
Inspirationen eingeschaltet. 

') Ibn Mas'ud hat es etwas besser durchgeführt als Zayd oder 
Obayy und hat zugleich die Suren in Bezug auf ihre Länge in 
Gruppen getheilt. Die der ersten Gruppe (nämlich Süra 2, 3, 4, 
5, 6, 7 und 10) heifst er die langen, die der zweiten (9, 11, 12, 16, 
17, 18, 20, 21, 23, 26, 37) heifst er die Centenarier, denn die 
kürzeste von ihnen enthält 110 Verse. Dann folgen die Doppel- 
süren, von denen ich bereits gesprochen habe. Hierauf kommt eine 
eigenthümliche Gruppe, deren Glieder fast alle dieselbe Länge haben, 
sich aber auch durch ihren Inhalt auszeichnen und alle mit Häm 
anfangen; sie werden deswegen die Hämsüren genannt (nämlich 
40, 41, 42, 43, 44, 45, 46). Die Suren der nächsten Gruppe wer- 
den Momtahenät, die Prüfungsstücke, genannt und sind etwas kürzer 
als die vorhergehenden (32, 48, 49, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 65, 
66, 67, 68, 71, 72). Den Schlufs bilden die Mofa^^al, d. h. geglie- 
derte Suren, nämlich 51, 52, 53, 54, 55, 56, 69, 70, 73, 74, 75, 
76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 8fi, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 
ui. d 



I 



Zayd's Ausgabe wurde bereitwillig von den Moslimeu an- 
genommen und in die Moscheen eingeführt; deshalb heifst 
man sie auch al-Ma^haf alniochtar, den anerkannten oder 
officiellen Codex, gew()hnlicher aber wird sie als der oth- 
mänische Codex oder Text bezeichnet Ibn Mas'üd verbarg 
seine Eifersucht gegen Zayd nicht, doch wuCste er nichts Er- 
hebliches gegen seinen Text vorzubringen. Wir sehen aus 
einer früheren Note, dafs in dem Hause des Abii Müsä ein 
Koränexemplar revidirt wurde; die späteren Kritiker des 
Textes haben solche Codices l^enutzt und darin abweichende 
Ijesarten gefunden. Es ist also klar, dafs diese Männer den 
Codex des Zayd in sofern verbesserten, dal's sie hie und da 
ihre eigenen Lesarten darein eintrugen. Ferner zogen einige 
Schüler des Ibn 'Abbäs den Text des Ibn Masüd vor ^). 
Doch gründete sich die spätere Kritik auf den officiellen Text 
und soweit wir den Gegenstand verfolgen können, ergeben 
sich auch keine bedeutende Abweichiuigeu. 

Mit der Publikation des officiellen Textes war die Fest- 
stellung der Lesarten noch nicht beendet. Im arabischen 
Alphabet werden die kurzen Vocale nicht geschrieben und 
mehrere KonsonantiMi nur durch Punkte, welche man damals 
vernachlässigte, unterschieden. Die Unbestimmtheit ist des- 
wegen so grofs, dals dieselben Schriflzeichen in 7, 2 von 
einigen tatabi'ü, von andern tabtighü, in 25, 50 noscho- 
ran und bo seh ran, in 2,34 azalla, „straucheln lassen", und 
azäla, „aufhören machen", gelesen werden. Diese Dinge 
waren aber viel zu untergeordnet, als dafs man sich im ersten 
halben Jaln-hundert nach dem Tode des Propheten, während 
welcher man die Umrisse des Islams im Grol'sen festsetzte, 
liätte viel darum künnnern sollen. Ibn Atyya erzählt, dafs der 
Chalyfe Abd al-Malik (regierte Gb — 86) seinen Statthalter in 
Babylonieu, den Ilaggäg, beauftragte, die Punktirung und 
Vocahsirung zu besorgen und dieser den Hasan Bapry (f 110) 



93, 04, <)6, !)7, U«, 9!», 100, 101, 103, 103, 104, 105, 103, 107, 108, 
109, 110, 111, 112. Die NatzAyir bilden eine Uiitcrabtlieiinrig dieser 
Gruppe, deren kürzeste Süra nur drei Verse hat. 

') Ibn Afyya bebatiplct , Ibn Mas'nd's Codex habe auch Er- 
klJiriuiRcn enthalten. 



LI 



und den Yahyä b. Yamar Kädhiy von Bapra (f circa 100) 
damit betraute '). Durclidrungen von der Wichtigkeit der 
Aufgabe, arbeiteten diese zwei Männer mit grofsem Eifer 
und richteten ihr Augenmerk besonders auf die Art, wie 
der Koran in den Moscheen verschiedener Länder gelesen 
wurde. Sie nahmen aber bald wahr, dafs nicht unbedeutende 
Verschiedenheiten obwalteten, welche sich nicht nur auf die 
Vocalisation, sondern auch auf die festen Theile der Wörter 
erstreckten; sie fanden es daher nöthig, gründlich in die 
Varianten einzugehen. Yahyä hat dann auch ein Buch über 
„die Lesarten" geschrieben. Obschon sie den Koran vocali- 
sirten, so war der Forschungsgeist doch damals viel zu rege, 
als dafs man ihre Arbeit, wie die Ausgabe des Zayd, ohne 
Weiteres allgemein angenommen hätte. Es beschäftigten sich 
viele Gelehrte mit den Varianten des Korans und ihr Studium 
bildet einen eigenen Zweig der muslimischen Theologie. Die 
Hilfsmittel, welche man anwendete, sind erstens: die Ver- 
gleichung der othmänischen Codices ^) ; es wurden aber auch 



') Zobaydy berichtet auf die Autorität des Mobarrad, dafs Abül- 
Aswad Dualy (vergl. Flügel, gramm. Schulen Bd. I S. 13) der erste 
war, der den Koran punktirte; ferner, dafs Ibn Syryn ein von Yahyä 
b. Ya'raar punktirtes Exemplar besafs. 

Dem Abülfarag (Ispahäny?) zufolge hat Ziyäd b. Aby Sofyän 
dem Abül-Aswad den Befehl gegeben, den Koran zu punktiren. 

Gähitz behauptet, Na9r b. A^im habe ihn zuerst punktirt und 
er wurde deshalb Na^r alhorüf (d. h. der Sieger in der Unbestimmt, 
heit der Lesarten) genannt. Na9r war der Lehrer und Yahya 
Yamar ein Schüler des Abül-Aswad, des Gründers der arabischen 
Grammatik. Die Vocalisation und die Erhebung der Varianten des 
Korans hängt also mit dem Studium der Grammatik zusammen; 
dem Fihrist zufolge halten einige den Na^r für den Gründer der 
Grammatik. Nach meiner Ueberzeugung haben die ersten Versuche, 
den Koran zu vocalisiren (aber nicht die Besorgtheit, die reine 
arabische Sprache möge verloren gehen), Anlafs zum Studium der 
Grammatik gegeben. Das reine Arabisch war noch im vierten Jahr- 
hundert in der Wüste und in Yamäma zu finden, und diese Besorgt- 
heit war daher etwas vorzeitig gewesen. 

') Kisäy veröffentlichte die Arbeit seines Lehrers, enthaltend 
die Vergleichung des Codex von Madyna, Küfa und Ba^ra. Der 
Grammatiker Farrä hinterliefs ein Ruch, welches aufserdem die 

d* 



LH 



die revidirten Exemplare, von denen so eben die Rede war, 
und die lleceusiouen des Ihn Masüd und Obayy zu Rathe 
gezogen; zweitens: die mündliche Ueberlieferung. Wir wis- 
sen, dafs Abu Dardä die mosliniische Gemeinde von Da- 
mascus im Koran unterrichtete und daselbst als Vorbeter fun- 
girte. Als der othmänische Codex hingeschickt wurde, las 
mau den Koran daraus vor, allein die von Abu Darda ein- 
geführte und üblich gewordene Lesart bestimmte die Leute 
in Fällen, in denen ein Wort auf verschiedene Arten ausge- 
sprochen werden konnte, in der Auflfassung desselben. Ja, 
selbst wenn Jemand für seinen eigenen Gebrauch den Koran 
abschrieb, mag er in Kapiteln, die er auswendig wuiste, wohl 
häufiger dem Gedächtnisse, als dem othmänischen Codex ge- 
folgt sein. Der Grund der Verschiedenheit der Lesarten ') 
beruhte also in letzter Instanz auf der Autorität der ersten 
Lehrer, hervorragender Gefährten des Propheten, und sie 
verdienten daher die sorgfältigste Berücksichtigung. Aufser- 
dem waren noch Traditionen vorhanden, wie Mohammad 



Vergleichuiig mit dem Codex von Damascus enthielt. Aehnliche 
Arbeiten lieferten Yali«,'iby, Ciialaf. Madayiny. Abu Dawud Sigistäny 
imd Mohammad b. Abd al-Raliman Ispahany. Walirscheinlich 
beschäftigten sich diese Gelehrten auch mit der Art, wie die 
Codices in den betreffenden Gemeinden gelesen wurden, also auch 
mit den Vocalen. 

') Wenn die Commentatoren von den Ahl Makka, d.h. Einwohnern 
von Makka, Ahl al-'Ah'ya (ein nur in dieser Wissenschaft gebrauchter 
Ausdruck für „Einwohner von Higäz und Syrien"), Ahl al-Madyna 
n. dergl. sprechen, so sind darunter nicht die Koranexemplare zu 
verstehen, sondern die Art, wie man in den Moscheen las. Wenn 
die Codices (Ma(,'ahif) der Gemeinden zu verstehen sind, wird es 
ausdrucklich gesagt; so Tlia laby zu 2, i2n: Die Einwohner von Ma- 
dyna und Syrien lesen .c*^^:, (statt ^o,^) und so steht auch in 
ihren Ma(,'ähif. Abu 'Obayd sagt, dafs er diese Lesart auch im 
Codex des 'Othmän gefunden habe. In Ibn Masüd's Codex steht 
^a3j.5. Folgender Fall zeigt den EinHufs der Gemeinden: Als ich, 
erzählt ein Vorbeter, das erste Mal in Makka den Koran vorlas, 
sagt(! ich in 2, i78 moway^in. Meine Zuhörer hielten sich darüber 
auf und sagten, müc^in sei die richtige Lesart. Dies(;s überzeugte 
mich, dafs ich Unrecht habe und ich las in Zukunft murin. 



Lni 



manche Wörter aussprach, dafs er z. B. ba^ik und nicht 
bäsik ]as. 

Die historische Begründung der verschiedenen Lesarten 
und die danwilige Ueborschätzung der mündlichen Ueberliefe- 
rung veranlaiste die Grammatiker, willkürlicher mit dem Texte 
des Zayd zu verfahren, als für uns wünschenswerth ist. Sie 
stellten Gleic;hförmigkeit in der Orthographie her, verbesser- 
ten hie und da die Grammatik und griflen in sofern in die 
festen Theile des Textes ein. Da sie sehr behutsam waren, 
konnte kein Mensch an ihrem Rechte, dieses zu thun, zwei- 
feln, denn der Koran ist nicht schriftlich geoffenbart worden, 
folglich durfte jeder die Laute nach seiner Fa^on schreiben. 
Aber Unrecht thaten sie, indem sie über die historische Grund- 
lage hinausgingen. Sa'd b. Aby Wakkäp las in 2, loo ma 
tansiha, „was du vergÜst". Kasim b. Raby a sagte zu ihm: 
Sa yd b. Mosayyib liest nunsihä, „wir bringen es in Ver- 
gessenheit," Sad antwortete, der Koran sei nicht der Fa- 
milie des Mosayyib geoffenbart worden und erwcähnte als Be- 
weis seiner Lesart die Anwendung desselben Wortes in Kor. 
87, 6 und 18, 23. Obschon in diesem Falle die vorgeschlagene 
Lesart verwerflich ist und die betreffenden zwei Koränstellen 
nichts beweisen, so liefse man es sich doch gefallen, wenn 
diese Herren sich immer auf Parallelstellen berufen hätten. 
Sie gingen aber bald so weit in ihrer Willkür, dafs jede 
Lesart, welche die Unbestimmtheit der Schrift zuläfst, in Vor- 
schlag gebracht und vertheidigt wurde. Es gab einige (man 
sagt sieben, es sind aber deren mehr) Männer, wovon jeder 
die ihm am besten erscheinende Lesart in sein Koränexemplar 
eintrug und sie in einer Monographie vertheidigte; so ent- 
standen gleichsam sieben Ausgaben des heiligen Buches, die 
aber nicht sehr wesentlich von einander abweichen, denn die 
willkürlichsten Vorschläge fanden keinen Anklang. Die Schule 
wirkte dann auf das Leben zurück, die traditionelle Art, den 
Koran zu lesen, ging verloren, und eine dieser sieben Aus- 
gaben oder Lesarten trat an ihrer Stelle '). Das Studium der 



') In Makka war im vierten Jahrhundert der Higra der Text 
des Ibn Kathyr in Gebrauch, in Yaman der des A^im, in einigen 
Moscheen jedoch der des Abu Amr, in Baghdäd der des Haraza, 



LIV 



Geschichte dieses Gegenstandes dürfte für Leute von Inter- 
esse sein, welche unbedingten Ghiuben auf die Vocalisation 
des alten Testamentes und die damit zusammenhängenden 
Grillen der hebräischen Grammatiker haben. 

Zu bemerken ist noch, dafs jeder Moslim mit heiliger 
Scheu vor einer über das Grammatische hinausgehenden 
Kritik des Textes zurückschrack. 



Die Biographie. 

Unter den Moslimen unserer Zeit herrscht die fromme 
Sitte, während der ersten zehn Tage des llaby* L, d. h. des 
Monats, in welchem der Prophet geboren wurde, in Familien- 
kreisen den Vortrag der Geschichte seiner Jugend und seiner 
vorzüglichsten Wunder anzuhören. In wohlhabenden Häusern 
bestellt man einen Geschichtenerzähler von Profession und 
dieser trägt sie auswendig und nicht selten nach eigener Com- 
position vor. Wir besitzen eine Anzahl Bücher, welche den 
Erzählern als Hilfsmittel dienen (das berühmteste ist von Bekry, 
schrieb 763). Sie werden, welchen Titel sie auch haben, ge- 
wöhnlich Moled scheryf, die edle Geburt, geheifsen, und 
selbst die ältesten derselben entfernen sich so sehr von aller 
geschichtlichen Wahrheit, dafs sie, wie schon Ibn Hagar be- 
merkt, neue Namen von Personen enthalten, und von Orten, 
]./ändern, Königen und Königreichen sprechen, welche nie 
existirten. 

Es läfst sich nicht bestimmen, wann diese Sitte einge- 
führt wurde, aber Kazarüny behauptet, dafs die Feier der 
Geburt des Mohammad in die iUteste Zeit hinauf reiche. Ver- 
gleichen wir Ibn Ishak's Darstellung der Jugendgeschichte 
des Propheten — besonders die Ilalymalegende, eine reizende 
Jdylle — mit dem ältesten uns bekannten Moled scheryf, so 
finden wir denselben Geist, denselben Styl, und der Untcr- 



in Ba(,'ra der dos Ya'kßb Hadhramy, in Dainascus der des Ibn 
Amir, in andern syrischen Städten der des Abu Anir und in Egypten 
alle sieben. 



LV 



schied besteht nur im Unterschied der Zeiten. Das Moled 
ist nämhch weiter fortgeschritten in derselben Riclitung. Ich 
zweifle also nicht , dal's Ibn Ishäk seine Erzählung aus den 
frühesten Evangelia Infantiae entnommen habe '). 

Es handelt sich nicht blos darum, den Beweis zu führen, 
dafs dieses der Ursprung der Darstellung des Ibn Ishäk sei, 
sondern auch zu zeigen, wie früh die Moslime in der Er- 
zählung der Geschichte ihres Meisters nach dem später von 



') Auch der Tod des Mohammad wird namentlich von den 
Persern in der sogenannten Wafclt-nämahs auf diese Art bearbeitet 
und wir haben Traditionen aus dem ersten Jahrhundert, in denen 
folgende Momente vorkommen , welche dann von den Geschichten- 
erzählern weiter ausgebildet wurden. 1. Im Jahre vor seinem Tode 
führte Mohammad auf Befehl des Engels Gabriel beständig Ejaku- 
lationen im Munde, wie: Gottes Glorie und sein Lob! Vergieb mir 
meine Sünden, denn du bist der Milde, der Verzeihende! 2. Im 
Monat Ramadhän eines jeden Jahres collationirte Gabriel mit ihm 
den Koran, im letzten Jahre collationirte er ihn zweimal, und Mo- 
hammad sagte zu 'Ayischa: Ich schliefse daraus, dafs ich den näch- 
sten Ramadhän nicht erleben werde. Jeder Prophet, fuhr er fort, 
lebt nur halb so lange als sein Vorgänger: Jesus hat 125 Jahre 
gelebt und ich werde dieses Jahr [63 Jahre alt] sterben. 3. Er 
wurde nicht Sans ceremonie weggenommen, wie gewöhnliche Men- 
schen, sondern es wurde ihm die Wahl gelassen zwischen dem Leben 
und dem Tode. Als er seinen Wunsch, zu sterben, ausgesprochen 
hatte, kam der Todesengel und fragte ihn ehrfurchtsvoll, wann er 
seine Seele wegnehmen dürfe. Diese zwei Mythen werden weit- 
läufig und schön erzählt. 4. Da aber seine Krankheit schmerzlich 
und er in solcher Aufregung war, dafs er seine Verzweiflung nicht 
verbarg, so wird mit vielem Geschick ein schwerer Todeskampf 
als eine Gnade Gottes dargestellt. 5. Dem Delirium liegt ein Zauber 
Seitens der Juden zum Grunde. 6. Mit grofser Uebertreibung wird 
die Zärtlichkeit seiner Frauen und die Hingebung seiner Freunde 
geschildert. 7. Endlich wird sein Krankenlager als ein Vorbild hin- 
gestellt, wie fromme Moslime sich auf den Tod vorbereiten und 
sterben sollen. 

Da nun nicht nur die Jugendgeschichte, sondern auch der Tod 
des Propheten als eine Legende dargestellt wurde, haben wir auch 
die Dichtungen in der ersteren nicht dem Mangel an Nachrichten, 
sondern der Vorliebe für Mythen zuzuschreiben. 



LVI 



Schafi'y ') offen ausgesprochenen Principe „in Traditionen zur 
Verherrlichung des Propheten ist es erlaubt, zu übertreiben" 
gehandelt haben, und ferner müssen wir zeigen, dafs ihre 
Dichtungen, als man Bücher zu schreiben anfing, als Ge- 
schichte betrachtet wurden. Der Glanzpunkt der moslimi- 
schen Legende ist der Mi' rag oder Mohammad's Reise bis 
zum siebenten Himmel. Er ist für die Moslime das, was 
die Auferstehung Christi für uns ist : der würdigste und allein 
ausreichende Beweis für sein Prophetcnthum. Sie haben 
Recht; während die Legenden von der Jugendgeschichte die 
Ideale von einem Propheten in seiner Berührung mit der 
Menschheit enthält und gleichsam vorbereitend sind, zeigt 
ihn uns der Ml' rag in seinem Verhältnisse zur Geisterwelt 
und macht uns seine göttliche Weihe anschaulich. Der Mi'rjig 
ist die Vollendmig des moslimischen Evangelium Infantiae 
und weil er unzertrennlich davon ist, wird er auch immer 
nach dem Moled scheryf vorgetragen. Beide sind also wohl 
die Schöpfung derselben Zeit") und desselben Geistes, ja 
der Mi' rag mag sogar etwas später entstanden sein. Die Ent- 
stehungsgeschichte des Mi' rag aber können wir bis in das erste 



') Schäfi'y starb in A, H. 204 und ist der Stifter derjenigen 
der vier orthodoxen Sekten, welche sich am meisten der Pflege der 
Geschichte gewidmet hat. Er konnte sein Prinzip durch den Aus- 
spruch des Propheten begründen: Saget von mir alles Löbliche, aus- 
genommen was die Christen von Jesu sagen (dafs er Gott sei). 

*) Es liegt zwar im Character jeder Legende, den Helden 
durch übernatürliche Kräfte geleitet und geschützt oder gar als den 
Mittelpunkt derselben darzustellen. Weissagungen seiner Geburt 
und frühe Anerkennung Seitens der Eingeweihten dürfen daher nicht 
fehlen. In den ältesten Legenden über die Jugendgeschichte des 
Mohammad treten aln-r die Beweise für seine Mission so sehr in 
den Vordergrund, dafs mir dieser Umstand bezeichnend scheint für 
die Zeit ihres Entstehens; sie müssen aus einer Periode herrühren, 
zu der es noch viele zweifelhafte Moslime gab. Wir wissen, dafs 
der gröfsere Theil der Araber sich n.ach dem Tode des Propheten 
empörte, weil es ihnen mit dem Glauben nicht Ernst war; auch 
wissen wir, dafs in Folge der Eroberungskriege viele Feueranbeter 
und Christen das (ilaubensbekenntnifs ablegten. Die Beweise schei- 
nen also zur Erbauung dieser Neubekehrten erfunden und die 



LVTI 



Jahrhundert der Higra mit Sicherheit verfolgen. Die letzte 
Redaktion wurde von Anas, einem Manne, welcher sich rühmte 
der Diener des Propheten gewesen zu sein, wenn niclit er- 
dichtet, doch als Avahr anerkannt und verbreitet und durch 
drei seiner Schüler (Katada, IJaiuniikl und Zohry, dazu könnte 



Legenden eingeschoben worden zu sein. Folglich stammen sie ans 
der ersten Zeit des Islams. 

Ausschliefslich für die vom HeiHenthuiii übergetretenen Araber 
sind die von den Ginn, Idolen und Wahrsagern ausgegangenen Weis- 
sagungen bestimmt. Einige haben sich in die Halymalegende ein- 
geschlichen, sie waren aber so zahlreich, dafs es Ibn Aby Dunyä 
(f 281) und nach ihm Abu Bakr Charäyity der Mühe Merth fanden, 
sie in einer Monographie (beide gaben ihr den Titel HawTit^if 
algän) zu sammeln. 

Noch zahlreicher sind die Zeugnisse der Schriftbesitzer für den 
Propheten, denn diese waren für alle Parteien erbaulich. Sie bilden 
den Kern der Bahyralegende. Eine andere ziemlich sinnreiche Er- 
zählung dieser Art ist ein Dialog zwischen Abu Sofyän (dem Erz- 
feinde des Islams) und Heraklius. Der Kaiser legte dem ersteren 
Fragen über Mohammad vor und er mufste wider Willen Antworten 
geben, welche den Kaiser überzeugten, dafs Mohammad ein Prophet 
sei. Ibn 'Abbäs, der Erfinder der Erzählung, behauptet, sie aus 
dem Munde des Abu Sofyän vernommen zu haben. In abgekürzter 
Form steht sie in der Sunna (Bocbäry und Moslim, es steht also fest, 
dafs sie von Ibn 'Abbäs herrühre), etwas voller in der Biographie 
(Tayray S. 403) und am ausführlichsten im Kitäb alaghäniy. 

Für die Erbauung der Perser sind die auch von Abulfidä S. 6 
erwähnten Erscheinungen bei der Geburt des Propheten bestimmt, 
welche andeuteten, dafs das Reich der Chosroen durch sein Auftreten 
vernichtet werden würde. Diese Legende ist so bestimmt, dafs man 
es ihr ansieht, dafs sie erst nach der Einnahme von Ctesiphon er- 
funden worden ist. Einen Gegensatz zu dieser Prophezeihung post 
factum liefert Gäbir (bei Moslim und Bochäry). Er ist so unbe- 
hutsam, den Propheten sagen zu lassen: Nach den gegenwärtigen 
Chosroes wird es keinen Chosroes und nach dem gegenwärtigen 
Kaiser keinen Kaiser mehr geben. Eine solche Zuversicht, dafs 
die Moslime auch Konstantinopel erobern würden, konnte Gäbir 
nur, als sie sich in der Höhe ihrer kriegerischen Erfolge befanden, 
hegen. Es giebt mir einen sehr günstigen Begriff von der üeber- 
lieferung: dafs solche nicht erfüllte Weissagungen aufbewahrt 
wurden. 



LA'III 



man den GArud b. Sabra und Scliorayh b. 'Abd Allah zählen, 
wenn der Text des letztern nicht viel zu frei wäre) in fast 
gleichen Worten fortgepflanzt. Es unterliegt also keinem 
Zweifel, dals Anas die Geschichte ungefähr so erzählte, wie 
wir sie noch besitzen. 

Diese Thatsache giebt uns ein Bild von der Glaubwür- 
digkeit der dogmatischen Biographie. Ich brauche nur noch 
beizufügen, dals diese Legenden fast alle thatsächlichen Be- 
richte über Mohammads eigenes Leben und Streben vor der 
Flucht verdrängt haben. Den einzigen historischen Stofi' 
bieten Persoiialuachrichten über seine Begleiter. 

Ehe wir den historischen Geist einer jungen Religions- 
gemeinde weiter verfolgen, müssen wir uns von den Ueber- 
lieferungen ri:ien Begriff machen. Jeder meiner Leser hat 
irgend einen Mann unter seinen Bekannten, der es sich zur 
Aufgabe macht, seine Freunde zu unterhalten und zu diesem 
Zwecke ein paar Erlebnisse oder Anecdoten ganz besonders 
einstudirt hat und gut vorzutragen weil's. Auch giebt es 
Professoren dieses Geschäfts und man erzählt von einer der 
früheren Gröfsen in Göttingen, dals in seinem Collegienhefte 
häutig die Glosse vorkam „hier ein Witz", und der Witz wurde 
alljährlich in denselben Worten vorgetragen. Der träume- 
rische Orient geht hierin weiter: es hat seit den ältesten Zei- 
ten Geschichtenerzähler von Profession gegeben. Viele davon 
beschränken sich auf eine einzige aber lange Geschichte. So 
giebt es z. B. Antaries, welche den ganzen über 60 Bändchen 
ausfüllenden Roman von Antar auswendig wissen ; andere er- 
zählen mehrere aber kürzere Geschichten. Das Organ dieser 
Leute ist meistens angenehm , der Styl einfach , aber kunst- 
reich, und die Declamation lebendig, mannichfaltig und 
maal'svoll. Nach meinem Geschmack übertreffen die besse- 
ren von ihnen alle unsere Schauspieler, die ich je gehört 
habe, ausgenommen Demoiselle Rachel. Vergleicht man den 
Inhalt ihrer Erzählungen mit den ältesten Textbüchern, so 
iindet mau, dals sie, sobald einmal ein Text, sei es durch 
eine geschickte Redaktion, sei es durch häufiges Wieder- 
erzählen eine gewisse Vollkommenheit erreicht hat, nur wenig 
davon abweichen. Die Abweichungen bestehen mehr in der 
Einschaltung oder Auslassung ganzer Episoden, als in Ver- 



LIX 



änderungcn der Diction. Kraftstcllen werden immer treulich 
beibehalten. 

Wendet man diese Erfahrung auf das Entstehen und auf 
die Fortpflanzung der Legeiulen an, so konnnt man zu dem 
Schluls, dai's eine Erzählung wie die Ilalymalegende, so bald 
sie jene Ausbildung erhalten hatte, welche den Bedürfnissen 
der Zeit entsprach, stereotyp wurde, und obschon man sie 
nur mündlich überlieferte, keine grol'sen Veränderungen erlitt. 
Da es nun sicher ist, dai's schon die Zeitgenossen des Mo- 
hammad Dinge von ihm erzählten, welche ganz aus der Luft 
gegrifi'en sind, wie der Mi' rag, so ist das Alter der Redaktion 
einer Legende noch kein Beweis dafür, dai's ihr irgend etwas 
Thatsächliches zum Grunde liege. 

Die Moslime haben auch historische Romane, namentlich 
die dem Wäkidy zugeschriebenen Kriege und Eroberungen, 
welche wahrscheinlich zur Zeit der Kreuzzüge entstanden 
sind. Vergleichen wir sie mit der Geschichte, so finden wir, 
dafs die Thatsachen nicht zu sehr entstellt sind. Sie grün- 
den sich wirklich auf die Forschungen des Wakidy, stellen 
aber die Helden so dar, wie die Krieger, welche gegen die 
Franken fochten, hätten sein sollen. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dai's es — abgesehen 
von den religiösen Legenden aus der Jugendgeschichte und 
dem Mi' rag — schon in den ersten fünfzig Jahren nach Mo- 
hanimads Tod Geschichtenerzähler gab, welche Episoden aus 
dem Leben des Propheten poetisch darstellten, mit Versen, 
welche nach arabischer Sitte gewöhnlich den handelnden Per- 
sonen in den Mund gelegt werden, schmückten und zur Er- 
bauung vortrugen. Wir lernen aus S.396 d.Bd., dafs sich Abu 
'Obayda b. Hodzayfa durch sein Geschick, die Bekehrung 
des 'Adyy, den er persönlich gekannt hatte, zu erzählen, einen 
Namen erworben hat; wir besitzen in diesem Style von einer 
Frau die Schilderung der Deputation der Schaybäniten und 
in Bd. I S. 336 haben wir gesehen, dafs der Gegenchalyfe 
'Abd Allah b. Zobayr den Obayd (f A. H. 74) zu sich kom- 
men liefs, um von ihm die Geschichte der ersten Ofienbarung 
zu vernehmen, gerade wie reiche Leute in unsern Tagen einen 
Erzähler konunen lassen, um die Geschichte des Sayf almolük 
zu hören. Der thatsächliche Hergang konnte dem Gegen- 



LX 



c'halyfon nicht unbekannt sein, denn sein Vater war einer der 
ersten Anhänger des Propheten (vorgl. Bd. I S. 374 und 422) 
lind der Gegenstand war zu wichtig, als dafs er, ein Mann 
von Geist, nicht schon früh Interesse daran gewonnen haben 
solhe. Er bestellte also den ' Obayd nicht zur Belehrung, son- 
dern zur Unterhaltung, weil ihm sein Vortrag gefiel und seine 
poetische Behandlung des Gegenstandes erbaute. 

Die für uns erhaltenen künstlerischen Bearbeitungen von 
Episoden aus dem Leben des Mohammad erfüllen uns mit 
der Zuversicht, dafs der wirkliche Sachverhalt nicht viel mehr 
entstellt sei, als in den soeben genannten, dem Wakidy zu- 
geschriebenen Romanen. Die Gelieinniisse, Efiekt zu machen, 
sind jedem, der ein Dutzend Schauspiele gesehen hat, be- 
kannt. Da sie auf psychologischen Gründen beruhen, dürfen 
wir voraussetzen, dafs auch die Araber sie anwendeten: ein 
einheitlicher idealer Character des Helden, grofse Hindernisse, 
unerwartete Lösung, Unempfindlichkeit der Mitmenschen, ge- 
paart mit Anerkennung der Tugenden des Helden u. dgl. m. 
In Bezug auf die Form zeigen die arabischen Stylisten noch 
gröfsere Vorliebe als unsere Romanschreiber für dramatische 
Darstellung, und der Dialog ist daher nicht nur in Erzäh- 
lungen, sondern auch in den Traditionen der Sunna vor- 
herrschend '). 

Lesen wir nun nach diesen Bemerkungen das Buch des 

') Eine kurze aber interessante Styliibung ist die Beschreibung 
des Aussehens des Propheten, von Hind b. Aby HAla (bei Tirmidzy 
Schamfiyü S. 16 und bei Ibn Sa'd), welchem nachgerühmt wird, 
dafs er sich durch sein Talent im Beschreiben auszeichnete. In 
wenigen Worten entwirft er ein vollständiges und wie es scheint 
richtiges Portrait seiner Person. Es wurde auch schon in frühester 
Zeit, aus Bewunderung der Form, schriftlich überliefert, und des- 
wegen wissen die Traditionisten nicht, ob in einer Stelle säyil 
(xler seh Tibi 1 gelesen werden soll. Diese zwei Wörter lassen sich 
nämlich, wenn ohne Punkte geschrieben, im Arabischen nicht von 
einander unterscheiden. Ein anderes ebenfalls bewundertes Portrait 
wird dem Alyy zugeschrieben und es zeichnet sich nicht so sehr 
durch seine Anschaulichkeit, als durch den Rhythmus der Sprache 
und die Anwendung von selbst für die Araber unverständlichen 
Provinzialismen aus. 



LXI 



Ibn Ishäk ^) , welches meine b e s o n n c ii e ii Vorgänger mit 
einigem Pomp als „die älteste Quelle" citirten, als wäre 
damit der Kritik genüge geleistet, so finden wir, dafs mit 
Ausschluis der Feldzüge , wovon später die Rede sein wird, 
es fast nur die Legenden und historischen Romane des ersten 
Jahrhunderts enthält. Diese [Teberlieferungen waren auch so 
sehr im Geschmack des Verfassers, dafs er, selbst wenn er 
bessere Nachrichten gehabt hat, sie diesen vorzog. Seine 
Liebe für Dichtung und seine Hintansetzung der Wahrheit 
ging nämlich so weit, dafs er Verse, welche einer seiner 
Freiuide handelnden Personen in den Mund legte, in sein 
Werk aufnahm (vergl. meine Mitth. in der Zeitschr. d. D. m. 
Ges. Bd. XIV S. 288). 

Die bisher betrachtete Auffassung und Darstellung der 
Prophetenbiographie sind die Schöpfung einer spielenden Phan- 
tasie, welche sich im lebendigen Glauben um das Ideal des Pro- 
phetenthums bewegte, und obschon einige völlig aus der Luft 
gegriffen sind, können wir sie kaum als freiwillige Lügen be- 
zeichnen. Anders verhält es sich mit einigen Wundern. Ibn 
Mas'üd, Gäbir, Anas, Abu Horayra und viele Andere, alles Zeit- 
genossen des Propheten, erzählen ohne alle Poesie Ereignisse 
und betheuern, sie mit Augen angesehen zu haben, welche 
dem Lauf der Dinge zuwider sind. Man wird mir vielleicht 
sagen: die Wundergeschichten sind später entstanden und 
diesen Männern untergeschoben worden! Man glaube nicht, 
dafs ich irgend eine Behauptung leichtsinnig hinwerfe. Meh- 
rere Wundergeschichten sind von zwei, drei und vier Schü- 
lern der genannten Männer gehört und fast gleichlautend 
überliefert und dann zu einer Zeit, in der man schon Kritik 
der Quellen übte, aufgeschrieben worden. 

Legenden, künstlerisch bearbeitete Episoden und Wunder 
waren das einzige, was von der Geschichte des Propheten 



') Wenn ich hier und in anderen Fällen den Namen des Ibn 
Ishäk nenne, so will ich nicht damit sagen, dafs er der einzige ist, 
welcher Legenden erzählt. Wir finden sie auch in Ibn Sa'd und 
andern mit weit zurückgehender Isnäd. Ich nenne den Ibn Ishäk; 
nur deswegen, weil er die älteste geschriebene Quelle ist, die wir 
besitzen. 



Lxn 



während der ersten vier oder fünf Decennien nach seinem Tode 
formiUirt wurde. Nachdem solche Erzähhnigen eine gewisse 
Vollkommenheit der Darstollnng erreicht hatten, pflanzte man 
sie systematisch nach den Regeln der Tradition fort nnd fügte 
hie und da eine neue hinzu. Die Polemik gegen die nach den 
]5iirgerkriegen aufgestandenen Häretiker und die Ausbildung 
der Sunna gab den Moslimen einen kritischen Geist und sie 
fiusren schon in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhnnderts an, 
den Thatsachen und selbst der Chronologie im Leben des 
Propheten ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Der erste und 
jedenfalls der beste Forscher auf diesem Gebiete war 'Orwa 
(geb. A. H. 24, f 94), ein Bruder des soeben genannten Ge- 
genchalyfen. Er war ein naher Verwandter der 'Ayischa, der 
Lieblingsl'rau des Propheten, und wenn auch nicht aUe Aus- 
sprüche, die er von ihr überliefert, ät-ht sind, so hat er oder 
seine Schüler es doch verstanden, ihnen die Sprache und den 
Styl einer Frau zu gelxMi. Die Legenden und Wunder 
anzugreifen scheint er so wenig als irgend ein anderer seiner 
Zeitgenossen geneigt gewesen zu sein. Er besafs vielmehr jene 
Eigenschaften, welche ihre Bildung und Verbreitung begün- 
stigen: einen festen Glauben und grofse Liebe für Poesie. 
So oft er Traditionen vortrug, rccitirte er auch Verse und 
wer weifs, ob die Verse oder die Traditionen mehr den Char- 
acter der Dichtung hatten. Glücklicherweise können vor dem 
Glauben widersprechende Begrifte freundlich neben einander 
bestehen, und so hat der Glaube weder ihn noch seine Schüler 
verliindert, Thatsachen zu überUeferu, welche mit den von 
il)nen selbst nacherzählten Legenden im Widerspruche stehen. 
'Orwa hat über alle Theile der Geschichte des Mohanunad 
und seiner Zeitgenossen Nachrichten gesammelt und ist der 
Gründer seiner Biograpliie. I.I:'igiy Chalyfa Nr. 12464 be- 
hau[)tet, er habe ein 13uch darüber geschrieben. Das lälst 
sich aber nicht erweisen. Er hatte manche Tradition notirt, 
um dem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen und vielleicht die 
Notizen auch bei seinen Vorträgen benutzt. Aber in Folge 
der Vorurtheile seijier Zeit sagte er zu seinen Freunden: 
„Wir wollen kein Buch hal)en aufser dem Buche Gottes (den 
Koran)" und löschte seine Pergamentrollen aus. Später be- 
reute er seine Uebereilung, es ist jedoch nicht wahrscheinlich, 



LXIII 



dals er sie durch nochmaliges Niederschreiben wieder gut 
gemacht habe. 

Tabary hat uns zwei Briefe von 'Orwa aufbewahrt, welche 
ich wegen ihrer AMchtigk(nt für die Geschichte der Pro})heten- 
biographie übersetzte (Bd. I 8.350; Bd. U S. 42; Bd. IH 
S. 142). Der Styl ist schlecht und imzusammenhängend und 
der Inhalt mager und luibefriedigend. Es ist aber vorauszu- 
setzen, dals er in andern Traditionen dieselben Gegenstände 
beleuchtete und die Dürftigkeit nur dem Mangel der Methode 
zuzuschreiben ist. Eine zusammenhängende Geschichtserzäh- 
lung lag nämlich durchaus nicht im Character seiner Zeit, in 
der alles Wissen in kurze Sätze gekleidet wurde. 

Die Verfasser der ältesten Biographien, wie Ibn Ishäk 
(f 151), mochten den Orwa in ihrer Jugend wohl gesehen 
haben, aber sicherlich konnte keiner von ihnen, als er zu 
Schriftstellern anfing, seiner Vorträge sich erinnern. Unter 
den zahlreichen Schaychen, deren Vorlesungen sie besuchten, 
nenne ich nur einen, obschou sie sich nie auf ihn berufen: 
den Schorahbyl b. Sad. Er lebte in Madyna, dem damaligen 
Sitze der moslimischen Gelehrsamkeit, und kannte viele von 
den jüngeren Zeitgenossen des Propheten — es werden ge- 
nannt Zayd b. Thäbit, der Herausgeber des Korans, f 48 oder 
50; Gäbir, f 70, in einem Alter von 94 Jahren; 'Abd Allah 
b. 'Omar, f 73; Ibn Abbäs, f 68; Abu Sa yd Chodry, f 74, 
und Abu Horayra, f 59 — mid wenn er auch von diesen 
nur wenige Mittheilungen erhalten haben kann (er starb näm- 
lich erst in 123, er kann also, obschou er, wie berichtet wird, 
ein sehr hohes Alter erreichte, kaum vor A. H. 30 geboren 
worden sein), so konnte es ihm doch nicht schwer fallen, in 
der Stadt, wo die Geschichte gespielt hatte, Nachrichten zu 
sammeln. Die Specialität des Schorahbyl waren die Feld- 
züge : er erzählte sie in der grofsen Moschee seiner Vaterstadt 
und erfreute sich des Rufes, sie am vollständigsten zu kennen. 
Aber mau beschuldigte ihn grol'ser Willkür und absichtlicher 
Fälschung und deswegen wird er auch nicht als Autorität 
angeführt, es sei denn, dai's er der Bürge ist, welchen Ibn 
Ishäk (z. B. S. 643) nicht nennt, aber von dem er sagt „auf 
den ich kein Mifstrauen setze." Es ist jedoch wahrschein- 
lich, dafs Ibn Ishäk nicht inuner dieselbe Persönlichkeit unter 
dieser Beziehung meint. 



LXIV 



Zur Zeit des Schorahbyl fing die Geschichte der Feldzüge, 
besonders die Chronologie derselben an, eine feste Gestaltung 
zu gewinnen. Wie viel seinem Einflüsse zuzuschreiben sei, 
vermag ich um so weniger zu bestimmen, da auch andere 
Männer, wie Zohry (f 125), Yazyd b. Rüman (f 129 oder 
135), Äfim b. 'Omar b. Katäda (f 120 oder 129) thätig waren. 
Vieles nötliigt uns zu dem Schlul's, dal's den späteren Bear- 
beitungen die frühere Redaktion eines Mannes aus dieser 
Periode zum Grunde liege, und da dieser Mann nirgends 
genannt wird, Schorahbyl aber zwar grofse Kenntnisse be- 
sal's, doch so verrufen war, dafs mau ihn nicht gern als Bür- 
gen anführte, vermuthe ich, sie rühren von ihm her. Ich 
will jedoch nicht in Abrede stellen, dal's sich diese Ueber- 
einstimnumg auch daraus erklären lasse, dal's alle Redaktionen 
der Prophetengeschichte aus einer Schule, nämlich der von 
Madyna hervorgingen, dal's im Orient alles die Tendenz hat, 
eine stereotype Form anzunehmen und in derselben Gemein- 
gut zu werden. 

Was nun die Feldzüge betrifft, so bilden sie den Kern 
der clnonulu^iischen Geschichte des Mohanunad und sind fast 
der einzige historische Stoff, den luis die systematische Bio- 
graphie, z. B. die des Ihn Ishäk, liefert. Ich will damit nicht 
sagen, dal's wir den Nachrichten darüber unbedingten Glauben 
schenken dürfen, noch dafs nicht Episoden daraus in früher 
Zeit als Romane bearbeitet worden sind, welche die Gründer 
der Geschichte als historische Kachrichten hinnahmen und 
in abgekürzter Form wiedergaben. Es tragen zu viele Tra- 
ditionen bei Wakidy und Ibn Ishak diesen Character, als dafs 
wir dies bezweifeln k()nnten. Aber so viel ist gewil's, dafs 
die Feldzüge durchschnittlich nicht mit der Alisicht zu unter- 
lialten und zu erbaut ii, sondern um die Fäden der Ereignisse 
zu bilden, zusaimncngestellt worden sind. Diese Bedeutung 
der Geschichte der Feldzüge wird auch von den Moslimen 
erkannt und statt „Biographie des Propheten'^ sagen sie (na- 
mentlich in der Sunna) gewöhnlich Ghazawät, die Feld- 
züge; sie unterscheiden daher selbst die Geschichte von der 
Legende, welche sie Siyar und in späterer Zeit Moled 
nennen. 

Um das Entstehen dieser historischen Grundlage recht 



LXV 



ZU begreifen, denke man sich, es gebe keine geschriebene Ge- 
schichte der französischen Revokition, welche uns etwas näher 
liegt als dem Schorahbyl und seinen Zeitgenossen das Wirken 
des Mohammad in Madyna. Die Gräuel der Bastille, das 
tragische Ende Ludwigs XVI, der Heldenmuth der Marie 
Corday, die Grausamkeiten des Robespierre und die Triumphe 
des Napoleon, sowie auch das Schicksal unseres eigenen 
Vaterlandes und die Hingebung unserer vorzüglichsten Helden 
sind uns allen bekannt und wenn mündliche Ueberlieferung 
den Platz der Geschichtsschreibung einnähme, würden sie auch 
einzeln, wie die Episoden aus dem Leben des Mohammad, 
künstlerisch bearbeitet auf öffentlichen Plätzen erzählt werden. 
So lange man sich bei Leuten, welche die Ereignisse selbst 
erlebt haben, Raths erholen kann, würde dies auch genügen, 
und wollte Jemand die Zeit einer dieser Episoden oder den 
Zusammenhang mit andern wissen, so könnte er leicht Aus- 
kunft erhalten. Sobald aber die Zeit so weit hinter vms läge, 
dafs eine Chronologie nothwendig ist, würde man zuerst die 
Reihenfolge und dann das Datum der Schlachten und einiger 
anderer grofsen Ereignisse bestimmen '). An diesem Faden 
würde sich dann die frühere Bearbeitung einzelner Scenen 
von selbst anreihen. Auf diese Art entstände dann eine fort- 
laufende Geschichte. Die Behandlung einzelner Episoden hat 
die Moshme auf eine Behandlungsweise des Gegenstandes ge- 
bracht, welche die Herstellung der Chronologie, selbst als 
man wissenschaftlich zu arbeiten anfing, bedeutend verzögerte. 
Die Traditionisten behandelten nämlich den Gegenstand ka- 
pitelweise, wie den Stammbaum des Propheten, seine Hei- 
rathen, seine Frauen und Kinder, seine Wunder, seine Feld- 
züge, die von ihm ausgestellten Documente, die von ihm em- 
pfangenen Deputationen u. s. w. Nur in dem Kapitel über 
die Feldzüge wird die Reihenfolge berücksichtigt, während 



') Zuerst kümmerte man sich blos darum, zu wissen, wie viele 
Feldzuge der Prophet selbst mitgemacht habe; auch fragte man 
seine noch lebenden Gefährten, in wie vielen sie mitgekämpft haben 
und bildete dann eine schulgerechte Tradition aus ihrer Antwort. 
Vergl. Muslim Bd. 2 S. 192. 

III. e 



LXVI 



z. B. die Deputationen nach Stämmen geordnet worden sind 
ohne alle Rücksicht auf Chronologie. 

Die frühesten Zeitangaben sind sehr unbestimmt. Man 
sasrte z. B. Abu Afak wurde zwischen der Badr- und Ohod- 
Schlacht ermordet. Manchmal drückte man sich etwas genauer 
aus, so K. B. Tabary S. 330 : ,,Einige behaupten, der Prophet 
sei nach seiner Rückkehr von Kodr gegen die Solaymiten zu 
Felde ffezoffen." Aus solchen Nachrichten, welche einander 
häufig widersprachen, suchte man zuerst die chronologische 
Reihenfolge der Feldzüjre herzustellen. Die ersten Versuche 
hat wohl schon ' Orwa und seine Zeitgenossen gemacht. Zu- 
gleich bestimmte man das Datum der wichtigen Unterneh- 
mungen, nämlich der "Schlachten von Badr, Ohod, der Bela- 
gerung von Madyna, des Zuges nach Ilodaybiya, der Ein- 
nahme von Makka und der letzten Pilgerfahrt. Man war aber 
nicht immer sehr gku^klich. Ich habe S. 108 dieses Bandes ge- 
zeigt, dafs sich sämmtliche Biographen in dem Datum der 
Schlacht von Badr geirrt haben und zwar, was uns am meisten 
in Staunen setzt, in Folge der falschen Lesart einer Tradition, 
welche Aswad nach der Aussage des Ibn Mas'üd (welcher 
mitfocht) aufgeschrieben hatte. Wir folgern daraus, dafs die 
Chronologen allerdings auf gute geschriebene Quellen das 
gehörige Gewicht legten, dafs aber die mündhche Tradition 
über diese Gegenstände so schwach war, dafs sie die 
falsche Lesart nicht entdeckten. Da aber geschriebene Nach- 
richten von solcher Autorität , wie diese Tradition , äufserst 
selten waren, so verdienen ihre chronologischen Angaben 
wenig Zutrauen. 

Taymy, welcher überhaupt wenig Geschmack an der Zeit- 
rechnung gehabt zu haben scheint, bestinnnt die Zeit der 
meisten Feldzüge gar nicht. Er hält sich an die schon vor 
ihm festgesetzte Reihenfolge und s.agt: „Nach diesem Kriege 
blieb der Prophet, so lange es Gott gefiel, in Madyna, dann 
unternahm er eine Expedition gegen . . . ." Ibn Ishak be- 
rechnet die Zeit, wie lange er in Madyna blieb, und gewöhn- 
lich das Datum des Auszuges. Wakidy giebt das Datum 
immer an, und wie grofs auch unsere Zweifel gegen seine 
Quellen und Berechnungen sein mögen, bleibt uns doch keine 
andere Wahl als ihm zu foIt;en: nur dürfen wir den Leser 



Lxvn 



nicht betrügen und wo wir selbst nicht überzeugt sind, vor- 
geben, objective Geschichte zu schreiben. — Alle Geschichte 
ist eine Conventionelle Lüge, 

Als man die Chronologie festzustellen anfing, hat man 
auch andere Dinge berücksichtigt: Gegen wen und wo wur- 
den die Kriege geführt ? Wer waren die Anführer in den 
Expeditionen, welche der Prophet nicht selbst kommandirte? 
Wer der Fahnenträger und sein Statthalter in Madyna, wenn 
er den Kriegszug selbst mitmachte , und wie groJ's war die 
moslimische Mannschaft und die errungene Beute? Auch diese 
Fragen werden von Wäkidy vollständiger und bestimmter be- 
antwortet als von seinen Vorgängern, und Ibn Sad legt so 
viel Gewicht darauf und so wenig auf die Nebenumstände, 
dafs man seine Nachrichten über die kleineren Kriege in 
tabellarischer Form darstellen könnte. Wir sehen, dafs die 
Geschichtsschreibung dieselbe Ent^vickelung hatte, wie Thiere 
imd Pflanzen : Wuchern der weichen Theile, Gestaltung schö- 
ner Formen, Bildung von festen Theilen, Verknöcherung und 
Abmagerung zum Gerippe und völliges Stillstehen des Le- 
bens. Wir können noch hinzufügen „Erzeugung von para- 
sitischen Gebilden", denn wenn uns Chronilcen, vrie die des 
Abülfida, das leblose Gerippe darstellen, so sind Arbeiten, wie 
das Nur alnibräs und die des Halaby, mit Aftervegetationen 
zu vergleichen. 

Ibn 'Okba (f 141) war ein Client der Mutter oder Stief- 
mutter des Gründers der Prophetengeschichte 'Orwa. Er 
schrieb eine Biographie des Mohammad, welche aufzufinden 
mir leider nicht gelungen ist, obschon ich eine Belohnung 
von 50 Pfd. Sterl. aussetzte für irgend Jemanden, der mir 
auch nur sagen könnte, wo sich ein Exemplar befinde und 
obgleich ich in Makka und Madyna Nachfragen anstellen liefs. 
Nach dem Urtheile des Mälik und Bochary ist es nämlich 
das einzige zuverläfsige Werk über diesen Gegenstand. Schäfiy' 
sagt: „Die Arbeiten des Wäkidy sind Lügen, dasselbe gilt 
von denen des Ibn Ishäk, besonders in Betrefl' des Anfanges 
des Buches ; es giebt kein zuverlässigeres Buch über diesen 
Gegenstand als das des Ibn 'Okba." Es steht zu erwarten, 
dafs Ibn ' Okba am treuesten die Resultate der Forschungen 
des 'Orwa und seiner Schule aufbewahrt; diese Schule aber, 



LXVIII 

an deren Spitze nach ' Orwa's Tod Zohry stand, erfreute sich 
eines sehr hohen Ansehns unter den Moslimen. Wie sehr Ihn 
'Okba im Geiste derselben schrieb, geht aus einem Ausspruche 
des Moyn hervor: „Das Buch des Müsa Ibn 'Okba von 
Zohry gehört zu den zuverläCsigsten über die Prophetenbio- 
graphie" (..^xKii «J\>^ ^^ a» Lfj^j-^ o^ ^^'^ a- L5*i>^ "-^'^ )• 

„Von" bedeutet hier ungefähr so viel, als bestände es in Col- 
legienheften des Zohry. Dieses Buch wird ziemlich oft citirt 
und es ist zu hofien , dals noch ein Exemplar aufgefunden 
wird. Es wäre in sofern wichtig, als wir dann die Lehren 
der Schule des Orwa von denen der übrigen Traditionisten 
trennen könnten. 

Herr von Kremer besitzt eine sehr alte Handschrift der 
Feldzüge des Wäkidy, sie ist incomplet, aber der Gegenstand 
ist von einer andern Hand dadurch zu Ende geführt worden, 
dafs, wo Wäkidy abbricht, eine Abschrift der fehlenden Partie 
aus der Siyar, Biographie, des Taymy angehängt wurde; 
V. Kremer hat uns durch eine brauchbare Ausgabe (Calcutta 
1856) der ganzen Handschrift zu groCsem Dank verpflichtet. 

Solaymän Taymy wurde im Jahre 46 geboren, brachte 
die gröfste Zeit seines langen Lebens in Bapra zu und starb 
daselbst im Jahre 143. Dem Tlän zufolge wurde sein Buch, 
wie es scheint, ahne Zusätze oder wesentliche Veränderung 
von seinem gelehrten Sohne Mo'atamir (f 187, achtzig Jahre 
alt) fortgepflanzt. Es war inuner jedoch selten und wird des- 
wegen nicht oft citirt. Sohayly führt es mehrere Male an; 
im Mawiihib wird es S. 319 und im Nur alnibräs S. 423 und 
1538, wahrscheinlich zweiter Hand, erwähnt. Merkwürdig 
ist, dafs Taymy, obschon er in einer Zeit lebte, in der man 
mit solcher Pedanterie die Isnäd oder Quellen anführte, von 
dieser Gewohnheit fast ganz absielit. Es gab also schon da- 
mals populäre Darstellungen, welclie die Hauptmomente des 
Lebens, besonders aber die Wunder des Propheten enthielten. 
Taymy zeigt eine so grofse Vorliebe für Legenden, dafs seine 
ganze Arbeit in der Zusammenstellung luid Abkürzung der 
Berichte von ein paar Geschichtenerzählern, wie 'Obayd, 
zu bestehen scheint; über viele wichtige Vorfälle, weil sie 
seine Quellen nicht einstudirt hatten, schweigt er daher ganz. 
Wenn diese Vermuthung richtig ist, reicht der Inhalt von 



LXTX 



Taymy's Buch über die Zeit der wissenschaftlichen Bearbeitung 
des Gegenstandes hinaus. Für das Alter der von ihm erzählten 
Legenden bürgt der Umstand, daCs wir einige davon in Wä- 
kidy und Bochäry mit weit zurückgehender Isnäd finden ^). 
Zu bemerken ist noch, daJs Taymy aus Ba9ra gebürtig und 
wahrscheinlich nicht ein blinder Anhänger der'Orwa-Zohry- 
schen Schule war, welche in Madyna ihren Sitz hatte, hin- 
gegen Manches dem Aswad entlehnte ^). Dieser Umstand 
wäre aber nur wichtig, wenn wir das ganze Werk besäfsen. 
In dem uns vorliegenden Fragmente werden die Feldzüge, 
aber nicht alle, in derselben Ordnung aufgezählt, wie von an- 
dern Biographen. 

' Das Hauptwerk für die dogmatische Biographie ist das 
Syrat alrasiil des Ibn Ishäk (f A. H. 151). Es ist von Ibn 
Hischäm (f 213) castigirt, commentirt und completirt wor- 
den. Wüstenfeld hat uns eine vortreffliche Ausgabe der 



') Da es wichtig ist, seine Quellen zu kennen, führe ich aus 
dem Mawähib folgende Isnäd an: Taymy von Abd Allah b. 'Abd 
al-Rahmän Täyfi, von seinem Onkel 'Amr b. Am^s (f bald nach 90) 
von Othraän b. Aby-l-Ap. Von diesem hat er aber wahrschein- 
lich nur eine vereinzelte Tradition erhalten. 

Ein Vergleich jener Stellen des Taymy, welche wir in anderen 
Werken belegt finden, zeigt, dafs er mit Scho'ba (geb. 82, f 160) 
und Awzä'y (geb. 88, f 157) übereinstimme. Sie hatten, wie es 
scheint, dieselben Lehrer. Scho'ba war derjenige, welcher am 
Tigris, wo auch Taymy sich aufhielt, die Traditionslehre zuerst in 
Schwung brachte, und ihm gebührt das Verdienst, der Erste ge- 
wesen zu sein, über die Glaubwürdigkeit (lies in Wüstenfeld's Dahabi 
S. 42 amr statt amyr) der Zeugen Untersuchungen angestellt und 
somit dem Wäkidy und Ibn Sa'd vorgearbeitet zu haben. Die Nach- 
richten des Awzä'y, welcher in Beyrüt lebte, über die Propbeten- 
biographie wurden von seinem Schüler Walyd b. Moslim (f 194-6) 
gesammelt. Abu Zar'a Räzy (f 244) sagt dem Walyd nach , dafs 
er die Biographie des Mohammad am besten wisse. Er war also 
ein Concurrent des Wäkidy, denn beide lebten zu gleicher Zeit. 

*) Nebst Taymy ist der von Ibn Sa'd oft angeführte Abu Miglaz 
(f 106), welcher zu Ba^ra geboren wurde und in Persien lebte, die 
beste Quelle, aus welcher wir sehen können, wie die Propheten- 
biographie aufser Madyna gelehrt wurde. 



LXX 



wichtigen Arbeit dieser zwei Gelehrten gegeben, und von dem 
sorofältic'en Philologen und getreuen Geschichtsschreiber Weil 
erwarten wir eine deutsche Uebersetzung. Ibn Ishäk zeichnet 
sich durch seinen Geschmack und seine Gewandtheit in der 
Darstellung aus. Sein Buch liest sich wie ein Roman und 
der Anstrich von Gelehrsamkeit, den er häufig annimmt, giebt 
ihm Würze. Er war eitel, strebte nach Popularität und Ruhm 
und nahm es mit der Wahrheit nicht so genau (vergl. Ztschr. 
der D. m. Ges. Bd. XIV S. 288). Obschon wohl mit Recht 
behauptet wird, er habe Bürgen angeführt, von denen er 
keine Tradition gehört hat, so kann man doch nicht leugnen, 
dafs er bedeutende Studien gemacht hat. Am Anfange von 
mehreren Kapiteln führt er seine Quellen an, so z. B. S. 669. 
Yazyd b. Rümän (f 129), „welcher die Erzählung des 'Orwa 
überliefert", Mohammad b. Ka'b Koratzy (f 108, 117 oder 
120), Zohry (f 125), 'Ä?im b.'Omar b. Katada (f 120), Abd 
Allah b. Aby Bakr (f 130 oder 135; er und sein Vater stan- 
den in Gunst bei ' Omar IL, und der letztere war Kadhiy 
von Madyna), und einen Mann, in welchen er kein Mifs- 
trauen setzte und welcher sich auf Abd Allah b. Ka b b. 
Mähk (t 97 oder 98) berief. Diese Autoritäten kehren meh- 
rere Male wieder, aber manchmal nicht alle; einige hatten 
vielleicht nicht alle Feldzüge einstudirt, sondern nur Episoden 
überliefert. Ferner, da die Mittheilung meistens mündlich 
gemacht wurde, mag ihm bisweilen eine Vorlesung entgangen 
sein. Berücksichtigen wir das Sterbejahr seiner Schayche, 
so zeigt sich, dafs meine Behauptung richtig ist und die 
Geschichte der Feldzüge schon gegen Ende des ersten Jahr- 
hunderts in der Moschee von Madyna eine bestimmte Form 
erhalten hat und daher die grofse IJebereinstimmung in den 
frühesten Büchern. Ibn Ishäk hat sich übrigens nicht damit 
begnügt, die stereotype Geschichte wiederzugeben. Er hat 
Nachfragen angestellt, Zusätze und Berichtigungen beigebracht. 
So lernen wir aus seinem Buche, dafs er sich an die Nach- 
kommen des Dichters Hassan gewendet hat, um Aufkläuung 
über ihren berühmten Ahnen zu erhalten. 

Von Abu Ma schar (f 175) weifs ich nur, dafs er sich 
vorzüglich auf den Exegeten Mohaunnad b. Kab Koratzy 
stützt. Er ist in sofern wichtig für uns, als er die Grund- 



LXXI 



läge des gelehrten Werkes des Wäkidy ist Aufserdem hat 
WÄkidy auch die Collegienhefte des Ihn Aby Zinnäd (geb. 100, 
f 174) und des Mamar b. Raschid (f 154), eines der ge- 
achtetsten Schüler des Zohry, viel benutzt. 

Wäkidy (geb. zu Madyna, starb in Baghdäd am 11. Dzü- 
Ihigga 207 = 27. April 823 in einem Alter von 78 Jahren) 
war ein Mann von unermelslicher Gelehrsamkeit. Es wurden 
fiir ihn um 2000 Dynäre Bücher angekauft und er vermehrte 
diesen Schatz, indem er zwei Sklaven hielt, welche beständig 
mit Abschreiben beschäftigt waren. Sein Nachlafs bestand 
aus 600 Kisten voll Bücher, jede so schwer, dals zwei 
Männer daran zu tragen hatten. Man fragt sich: worin be- 
stand der Inhalt dieser Schriften, da man doch kaum hun- 
dert Jahre früher Bücher zu schreiben angefangen hat? Die 
Antwort ist nicht schwer. Die Traditionen wurden damals 
mit einer wahren Wuth gesammelt. Eifrige Männer besuchten 
jeden Sitz der Gelehrsamkeit, hörten jeden Mann, welcher 
Ueberlieferungen gesammelt hatte und schrieben seine Colle- 
gienhefte ab. Manche brachten auf diese Art mehrere hun- 
derttausend Traditionen zusammen. Wäkidy's Bibliothek be- 
stand also vorzüglich aus einer Sammlung solcher Collegien- 
hefte. Begreiflicher Weise befanden sich darin Dutzende von 
Versionen einer und derselben Tradition, Um die Vergleichimg 
zu erleichtern, bestand damals in den Schulen die schon er- 
wähnte Sitte, sie in Kapitel zu ordnen; freilich konnte eine 
und dieselbe Tradition unter verschiedenen Gesichtspunkten 
aufgefafst und in verschiedene Kapitel eingetragen werden. 
Dieses geschah auch, wie wir aus Ibn Sa'd und noch mehr 
aus Bochäry ersehen. Dadm-ch wurde der Umfang der Samm- 
lungen bedeutend vergröfsert. 

Mit diesem Schatze von Urkunden versehen, fafste Wä- 
kidy den Plan, die gesammte Ueberlieferungskunde zu sichten. 
Die Grundlage dieses Unternehmens bilden biographische No- 
tizen über alle Ueberlieferer in chronologischer Ordnung von 
Mohammad, welcher die Reihe eröffnet, bis auf seine Zeit. 
Der letzte von Wäkidy erwähnte Mann ist ein gewisser Mo' ä- 
wiya aus dem westlichen Afrika, welchem er auf seiner Pil- 
gerreise begegnete. Bei jeder Biographie wird angegeben, 
mit welchen Männern der Betreffende in Berührung kam imd 



Lxxn 



von -wem er Traditionen empfangen konnte, aber mit ganz 
besonderem Fleifs werden die Zeugnisse der Zeitgenossen nnd 
berühmter Nachfolger über die Zuverlässigkeit gesammelt, 
denn die Zuverlässigkeit ist die Sache, um die es sich eigent- 
lich handelt. 

Die Prophetengeschichte, welche ihn ganz besonders be- 
schäftigte, unterwarf er einer neuen Kritik. Er verfafste eine 
Monographie über die Chronologie, eine ebensolche über die 
Sendung des Propheten, eine andere über seine Frauen (ein 
Auszug daraus befindet sich im zwölften Bande des Ibn Sa' d 
und ist für den Anhang zum 17. Kapitel dieses Werkes be- 
nutzt worden) und eine über die Feldzüge. Von letzterer sind 
zwei Exemplare erhalten, aber beide unvollständig. Das eine 
ist im Besitze des Herrn v. Kremer und von ihm edirt wor- 
den, das andere befindet sich im British Museum in London 
und ich habe daraus das in Kremer's Ausgabe Fehlende für 
meinen Gebrauch abgeschrieben. 

Die Kritik des Wäkidy besteht nicht etwa darin, dafs 
er die bereits vorhandenen Werke vergleicht und mit Hilfe 
neuen Materials berichtigt und vervollständigt. Weder Wä- 
kidy noch ein anderer Schriftsteller jener Zeit erg'eht sich in 
Raisonnements. Es ist ihr Ehrgeiz, mehr Nachrichten ge- 
sammelt zu haben und sie treuer wiederzugeben, als Andere, 
und nachdem sie eine Anzahl widersprechender Berichte an- 
geführt, sagen sie höchstens „Nach unserer Ansicht ist Dieses 
oder Jenes begründet" ; meistens aber fallen sie gar kein Ur- 
theil und lassen den Leser wählen. Wäkidy bedient sich des 
Verfahrens, welches man Istichräg ') nennt und eigentlich 



') Nach Hagy Chalyfa Nr. 11925 hat Istichräg eine viel be- 
schränktere Bedeutung. Wenn A., welcher nach Moslim lebte, eine 
Tradition, die auch im Moslim vorkommt, von B., und B. vom 
Schayche des Moslims erhalten hat, so nennt man dies nach seiner 
Behauptung Istichräg. Andere Autoren heifsen dieses je nach Ne- 
benumständen, welche zu erwähnen zu weit führen würde, Ibdäl, 
Mo^ähifa, Mosäwa oder Mowäfika. Nach Hagy Chalyfa ist 
der Ausdruck Istichräg nicht anwendbar, wenn B. die Tradition 
vom Lehrer des Schayches des Moslim erhalten hat. Ich habe in 
dieseta Augenblick kein Buch zur Hand, um die Frage aufklären 



Lxxm 

darin besteht, dafs man für eine Tradition des Ibn 'Abbäs 
oder eines andern, welclie z. B. auf die Autorität des Zohry 
von ' Orwa erzählt worden ist, eine oder mehrere andere Bürg- 
schaften, etwa die des Mogähid von 'Ikrima, von Ibn 'Abbäs 
anführt. Begreiflicher Weise ergiebt sich gewöhnlich einige 
Verschiedenheit im Wortlaut. Ein solches Verfahren hat den 
Zweck, den Leser von dem Alter und unter Umständen von 
der Autenzität zu überzeugen und ihn in den Stand zu setzen, 
mehrere Versionen zu vergleichen. Wäkidy scheint es sich 
zum Grundsatz gemacht zu haben, auf die Autorität der ihm 
vorliegenden systematischen Werke so wenige Berichte zu 
erzählen als möglich und für jede Angabe andere Bürgschaften 
und Versionen zu liefern. Seine Gelehrsamkeit machte es 
ihm auch möglich, von manchen Traditionen zehn Bürg- 
schaften und abweichende Texte aufzubringen und manche 
interessante Einzelnheiten zu geben, welche dem Ibn Ishäk 
und wohl auch anderen unter seinen Vorgängern entgangen 
waren. Wenn wir ihm auch nachweisen können (vergl. Note 
S. 132 dieses Bandes), dafs er nicht immer ganz redlich war, 
so müssen w4r doch zugestehen, dafs seine Principien die 
einer farblosen wissenschaftlichen Kritik sind, und dafs er 
uns durch seinen Fleifs und seine Methode ein wichtiges 
Material zur Beurtheilung der Quellen hinterlassen hat. 

Ibn Ayidz (geb. 150, f 223) hat eine Prophetenbiographie 
geschrieben, welche wir leider nicht besitzen; sie. wird aber 
häutig als ein Quellenwerk angeführt. Im 'Oyvm kommt oft 
die Haupt-Isnäd vor, avif welche sich Ibn Ayidz stützt. Sein 
Lehrer hiefs Walyd b. Moslim (f 194) aus Damascus, wel- 
cher der häufigen Tadlys (d. h. Anführung von Quellen, 
welche er nicht benutzt hat) beschuldigt wird. Dessen Bürge 
war 'Abd Allah Ibn Lahy a (f 174), Kädhiy von Fostät. Er 
wird als zuverlässis^er Traditionist o;eschildert. Allein er hatte 
das Unglück, seine Schriften in einer Feuersbrunst zu ver- 
lieren. In den Traditionen, die er später aus dem Gedächt- 
nisse lehrte, hat er viele Verwechselungen gemacht. Es wer- 



zu können und gebrauche Istichräg in dem Sinne, in welchem ich 
es immer gehört habe. 



LXXIV 

den mir zwei von seihen Schülern erwähnt, welche zuver- 
lässige Traditionen von ihm überliefern. Der KAdhiy bernft 
sich auf die Autorität des Abu Aswad (f zwischen 130 und 
140), welchen man gewöhnlich Yatym (Waise) des 'Orwa 
nennt. Der Lehrer des Abu Aswad war endlich ' Orwa. Ich 
habe deswegen diesen Stammbaum des Ibn Ayidz erörtert, 
weil in der wegen der Auszüge aus verlorenen Schriften so 
werthvollen Ifäba viele Nachrichten auf die Autorität des 
„Abu Aswad von 'Orwa" mitgetheilt werden. Bd. 1 S. 255 
der Ifaba wird gar „'Orwa in den Feldzügen in der Ver- 
sion des (Abd Allah) Ibn Lahy a von Abu Aswad" citirt. 
Es imterliegt wohl keinem Zweifel, dal's ein Fall von Tadlys 
vorliegt und dals unter diesen Citationen das Buch des Ibn 
A}adz zu verstehen ist, welciier sich wahrscheinlich den An- 
strich giebt, die Lehre des 'Orwa wörtlich vorzutragen. Dieser 
Umstand mag den Hagy Chalyfa verleitet haben, dem 'Orwa 
ein Werk über die Prophetengeschichte zuzuschreiben ^). 

Ibn Sa d (f 230), der Sekretär des Wäkidy, hat die bio- 
graphischen Werke seines Meisters besser geordnet, abgekürzt 
und vervollständigt vmd unter dem Titel Tabakät in 12 oder 
15 Quartbänden veröffentlicht. Seine Biographie des Moham- 
mad, welche den gröfseren Theil des ersten Bandes füllt, ist 
das Gediegenste, was wir über den Gegenstand besitzen. Die 
Feldzüge bilden ein eigenes Kapitel, welches keine andere 
Nachricht enthält, als die Kriege. Der Verfasser weicht hier 



') Auch im I län lesen wir: „Ibn Lahy'a überlieferte die Feld- 
züge (d. h. Prophetenbiographie) von Abu Aswad von 'Orwa; auch 
Zohry überlieferte sie von Orwa." Solche Behauptungen ändern 
meine Ueberzeugung nicht. Zu einem Buche sind die mündlichen 
Nachrichten des Orwa und die Notizen des Abu Aswad und Zohry 
erst in der nächst- oder zweitfolgenden Generation geworden. Wir 
werden weiter unten das allmälige Entstehen von Büchern aus Tra- 
ditionen näher kennen lernen. 

Haggag b. Aby Many' überlieferte dem I'lan zufolge die Feld- 
züge (Biographie) und Yünos b. Yazyd die Maschähid (Kriege, in 
welchen Mohammad selbst kommandirte) von Zohry. Auch diese 
zwei Bücher sind Sammlungen der Vorträge des Zohry über diesen 
Gegenstand , welche erst später veranstaltet wurden und nie ge- 
schätzt geworden zu sein scheinen. 



LXXV 



von der sonst im ganzen Werke beobachteten Behandlungs- 
weise ab, sagt in der Einleitung, dals er sich aufWäkidy, 
Ibn Ishak, Tbn ' Okba und Abu Ma schar stütze, und citirt 
dann in der Erzähl una; diese Autoritäten nicht wieder. Er 
erkennt somit an, dals dieser Theil der Biographie ein Stück 
Geschichtsschreibung in unserm Sinne des Wortes ist; man 
hatte nämlich schon vor ihm die zahlreichen Berichte erwogen, 
das Datum durch Berechnungen festgestellt, Widersprüche ge- 
löst und das Ganze selbstständiof verarbeitet. Er fol^t fast 
ausschliel'slich dem Wakidy, die anderen drei Autoren scheint 
er nur zur Controle benutzt zu haben. Er condensirt den 
Text seines Lehrers auf eine meisterhafte Weise und schaltet 
werthvolle geographische Notizen ein. Am Ende von wich- 
tigen Feldzügen theilt er einige Traditionen mit, welche dem 
Wakidy und auch seinen andern Vorgängern entgangen waren. 
Einige enthalten neuen Stoff!, andere auf besseren Bürgschaften 
beruhende Varianten des bereits Bekannten. 

Das wichtigste Kapitel für uns ist das der Deputationen. 
Wakidy wird darin so oft angeführt, dafs vorauszusetzen ist, 
er habe eine Monographie darüber geschrieben. Seine Haupt- 
quelle ist jedoch Ibn Kalby (d. h. Hischam b. Mohammad b. 
Säyib), von dem wir bald sprechen werden. Das Kapitel über 
die Deputationen und noch mehr alle andern Kapitel (mit 
Ausnahme der Feldzüge) haben ganz den Character von Tra- 
ditionensammlungen. Der Verfasser erzählt nie selbst, giebt 
selten eine Meinung ab und dann nur sehr kurz, führt aber 
über jeden Gegenstand die Traditionen an, welche auf be- 
währtem ZeugnÜ's beruhen, wenn sie auch einander wider- 
sprechen, und zwar mit voller Isnäd. Den gröfsten Theil 
der Traditionen hat er von Wakidy genommen, aber er hat 
auch manche sehr wichtige selbst gesammelt. Dem Ibn Ishäk 
und Ibn *Okba gegenüber behauptet auch sein Werk den 
Charakter der Istichräg und ihre Namen kommen daher selten 
in einer Isnäd vor. 

Wakidy gilt nach den Regeln der Traditionskritik für 
unzuverlässig, theils weil er nicht orthodox war — er neigte 
sich zu den Schy'iten hin — theils weil er sehr unkritisch 
war in der Wahl der Autoritäten, und auch nicht immer ge- 
treu. Ibn Sa' d gilt hingegen Vielen für so zuverlässig, dals 



LXXVI 

eine Tradition des Wäkidy Gangbarkeit erhält, wenn er sie 
aufgenommen hat (man sagt dann „von Wäkidy, aber bei 
Ibn Sa'd"*). Es scheint also, dal's er das von seinem Meister 
gesammelte Material kritisch sichtete. Bei diesem Prozesse 
ist wohl viel bei Seite geblieben. 

Der Werth der Forschungen des AVäkidy und Ibn Sa d 
besteht nicht etwa darin, dal's sie alle Legenden ausschieden 
und ihre Erzählung weniger die Färbung der Zeit an sich 
trägt als Ibu Ishäk. Wenn sie auch Einiges, was an und für 
sich unwahrscheinlich ist, nicht berühren, weil sie kein besseres 
Zeugnifs als das des Ibu Ishäk dafür vorfanden, so haben sie 
doch manche Legende, welche dem Ibn Ishäk entgangen war, 
nachgetragen, und viele, die er erzählt, mit neuen Zeugnissen 
belegt, welche über das Zeitalter des Um Ishäk hinaufgehen. 
Aber gerade darum und auch wohl in dem Mehr, das sie 
bieten, besteht ihr Werth. Indem sie (wie auch die Sammler 
der Sunna) ältere unvollständigere Versionen von den Legen- 
den in ihre Arbeiten aufnahmen, bahnen sie uns den Weg 
zur Geschichte ihres Entstehens und setzen uns in den Stand, 
die dogmatische Biographie zu vernichten. 

In dem Fihrist des Ibn Aby Nadym und in dem des 
Tüsy werden noch einige wenige andere Prophetenl)iographien 
aus jener Periode genannt; da sie aber von ihren Nachfolgern 
höchst selten angeführt werden, sind sie für uns ohne Inter- 
esse, denn sie sind erfolglos verschollen. Unter den späteren 
Schriftstellern, welche keinen Anspruch auf den Namen 
Quellen haben, hält sich der Genealog Balädzory (im An- 
sah alaschräf) an Wäkidy und an Ibn Sa' d ; alle anderen uns 
bekannten Autoren halten sich aber ganz vorzüglich an Ibn 
Ishäk ^). Er ist erbaulich, der Styl ist ausgezeichnet und 
was um die Mitte des zweiten Jahrhunderts noch im Ver- 
dacht stand Legende zu sein, war in der Mitte des dritten 
Jahrhunderts consolidirte Geschichte, und ein Geschichts- 
schreiber mulste schon ein sehr strenger Kritiker sein, wenn 



') Den Ibn Sa'd benutzten spätere Biographen besonders dazu, 
den Ibn Ishäk zu ergänzen. Diniyaty und Mogholtäy scheinen nach 
dem, was wir wissen, eine Ausnahme gemacht und ihn etwas mehr 
als die übrigen benutzt zu haben. 



Lxxvn 

er alle in der Zwischenzeit erfundenen Legenden beseitigte. 
Es war aber noch historischer Stoff in den Schulen und im 
Volke zu finden, und Tabary (f 310) z. B. hat Einiges 
(darunter die bereits erwähnten Briefe von 'Orwa) aus vor 
ihm unbenutzten Quellen geschöpft •'). 

Auf die Kritik in unserm Sinne des Wortes haben sich 
die Moslime nie verlegt, und da doch jede Zeit etwas Neues 
schaffen will, so hat der eine von den späteren Autoren die 
Prophetenbiographie in tausend Verse zusammen gedrängt, 
der andere einen monströsen Commentar von vielen Bänden 
dazu geschrieben. Wie unsinnig auch die meisten dieser scho- 
lastischen Arbeiten sein mögen , so hatten die Verfasser (na- 
mentlich Sohayly, f 581) doch eine Masse von werthvollen 
Werken, die verloren sind; sie enthalten daher viel Nützliches. 



Die Sunna. 

Svmna bedeutet Herkommen, Gewohnheitsgesetz. 
Für die Moslime sind die Aussprüche und das Beispiel 
des Propheten und seiner Gemeinde Sunna und haben 
volle Gesetzeskraft, vorausgesetzt, dals sie mit dem Koran, 
dessen Sinn aber durch die Sunna bestimmt wird, nicht 
im Widei'spruch stehen. Die Orientalen, besonders die Perser, 
fühlen ein viel grösseres Bedürfnils nach etwas Positivem 
als wir, und sie wünschen nicht nur über eigentlich reli- 
giöse Dinge, sondern auch über Civil- und Criminalgesetze 
und Gewohnheiten des Lebens, z. B. wie man essen und 
trinken, wie man sich kleiden soll, von Gott ausgehende 
Weisung. Weil der Koran diesen Forderungen nicht ent- 
spricht, so wiu'den schon in frühester Zeit auf systematische 
Weise eine grofse Zahl Aussprüche und Berichte von Hand- 
lungen des Propheten und seiner Begleiter überliefert, welche 



') Die Maghäziy oder Feldzüge des Wäkidy scheinen ihm gar 
nicht bekannt gewesen zu sein, und die Citationen aus Wakidy sind 
dessen Tarych oder Chronologie entnommen, üeberhaupt trägt 
dieser Theil der Universalgeschichte des Tabary weder den Cha- 
rakter der Kritik, noch den grofser Quellenforschung. 



Lxxvin 

als Sunna dienten. Jede solche Hadyth oder Nachricht, vor- 
ausgesetzt, dafs sie auf gutem Zeugnisse beruht, ist beweis- 
kräftig für die Sunna und kann auch selbst Sunna genannt 
werden, und wenn zwei oder mehrere mit einander im Wi- 
derspruch stehen, entscheidet die gröfsere oder schwächere 
Glaubwürdigkeit der Zeugen, das Urtheil grofser Rechts- 
gelehrten und die Uebereinstimmung mit anderen allgemeine- 
ren Grundsätzen. Wenn man das Wort Sunna (wie es bis- 
weilen aber unrichtig geschieht) auf Schriften anwendet, so 
müfste man die sechs canonischen Traditions- Sammlungen 
darunter verstehen. 

Im Koran spricht Gott, und nur seine Worte galten dem 
Mohammad und seinen Freunden für unfehlbar. Mohammad 
gab bisweilen vor, selbst die Aussprüche Gottes nicht ganz 
zu verstehen und sich in der Nothwendigkeit zu befinden, 
den Engel Gabriel darüber fragen zu müssen. Auch erkannte 
er seinen Freunden ein eben so gutes Verständnifs des Ko- 
rans zu, als er selbst besafs. Seine persönlichen Ansichten 
hielt er und seine Freunde für menschlich und er beanspruchte 
keine Unfehlbarkeit. Ibn ' Omar wurde gefragt : Wer hat zur 
Zeit des Propheten die Gesetze gedeutet und auf bestimmte 
Fälle angewendet ? Er antwortete : Abu Bakr, ' Omar, ' Oth- 
män und Alyy ^). Es wäre in der That höchst unklug ge- 
wesen, wenn Mohannnad jede Streitfrage selbst entschieden 
hätte; denn nicht nur Irrthümer, sondern auch die Unzu- 
friedenheit der Parteien würden ihm den Nimbus benommen 
haben. Er war die höchste Instanz, und wenn es die Nothwen- 
digkeit erheischte, gab, nachdem die Sache lange besprochen 
und wohl überdacht worden war, ein Traum, eine Weisung 
des Gabriel oder gar ein Koran vers den Ausschlag. 

In sofern entbehrten also die Aussprüche des Propheten 
der Gesetzeskraft. Allein in vielen seiner Eini'ichtungen han- 
delte er nach höherer Weisung, wenn auch die Worte des 
Engels nicht so formulirt waren, dafs sie im Koran einen 
Platz finden konnten und nur in vertraulichen Mittheilungen 
bestanden. Wenn sich nun seine Freunde klare Begriffe über 
diese Dinge machten, so konnten sie voraussetzen, dafs alle 



') Ibn Sa'd fol. 1G8 recto. 



LXXIX 

seine Verfütjuno-en im Siune Gottes oretroffen waren und dafs 
ihm, so oft er nicht das Richtige traf, eine specielle Weisung 
zuging, um ihn auf den rechten Weg zu bringen; seine Fehl- 
barkeit war also nur vorübergehend. Ich versetzte einst 
einen moslimischen Gelehrten in grofse Verlegenheit, indem 
ich die Unfehlbarkeit des Propheten leugnete, aber dennoch 
zugab, dafs seine Aussprüche Glaubensartikel sind, und ihn 
um Lösung dieses Widerspruches fragte. Er bestand darauf, 
dafs die Fehlbarkeit eines Gesandten Gottes eine vernunft- 
widrige Behauptung sei. Ich antwortete, dafs, da meine An- 
sicht auf Traditionen beruht (siehe S. 118 und eine Tradition 
des Chatyb Baghdädy), nach den O9ÜI alfikh Vernunftgründe 
unzulässig sind. Er wul'ste sich nicht anders zu helfen, 
als die vor mir angeführten Traditionen anzufechten. Ich gab 
ihm dann die vorstehende Erklärung und er war freudig 
überrascht und stimmte mir vollends bei. Nach einifjen Tafjen 
theilte er mir auch mehrere Thatsachen zur Begründung der- 
selben mit. Es ist kaum nöthig zu sagen, dafs das gemeine 
Volk den Mohammad schon während seiner Lebzeit für un- 
fehlbar hielt und ein solches Raisonnement nur für Wenige 
nöthig war, welche noch dazu durch Pietät und Politik geleitet 
wurden, seine Worte für die höchste Autorität zu halten. 

Jener Geist der Aengstlichkeit, welcher eine Vorschrift 
für die geringfügigste Verrichtung fordert, hat die Moslime, 
als sie zu altern anfingen , beseelt. In der Urzeit waren sie 
viel thatkräftiger und dachten viel freier. Mo ädz b. Gabal 
erzählt: „Als mich der Prophet als Statthalter nach Yaman 
schickte, fragte er mich: Wenn dir Rechtsfälle vorkommen, 
wie wirst du sie entscheiden ? Ich antwortete : Nach den 
Bestimmungen des Korans! — Wenn aber im Koran keine Be- 
stimmungen enthalten sind? Nach den Entscheidungen des 
Propheten ! — Wenn aber kein ähnlicher Fall vorgekommen 
ist ? Nach dem Besten meiner Einsicht ! Darauf klopfte 
er mir auf die Brust vind sprach : Gott sei Dank, dafs er mir 
einen Mann gegeben hat, mit dem ich zufrieden sein kann! " 
(Ibn Sad fol. 278 v.). In demselben Sinne lauten die In- 
struktionen des ' Omar an Schorayh, den er als Kädhiy (Rich- 
ter) nach Küfa sandte: Wenn sich eine Satzung im Buche 
Gottes findet, ist sie maafsgebend; wenn sich kein Bescheid 



LXXX 



darin befiudet. wende die Sunna (das Herkommen) an ; wenn 
auch diese nicht ausreicht, entscheide nach deinem Ermessen 
(Kitäb ahighäniy Nr. 1178). 

Ganz in diesem Geiste wurden imter den ersten zwei 
oder drei Chal} fen die staatlichen und kirchlichen Angelegen- 
heiten geleitet und zwar auf den Wunsch des Propheten. 
Hodzayfa (f 3G) erzählt: Wir salsen einst bei dem Propheten 
und er sprach: Ich weifs nicht, wie lange ich noch unter 
euch weilen werde; wenn ich dahinscheide, so lasset euch 
von diesen zweien leiten (dabei deutete er auf Abii Bakr 
und 'Omar). Diese Tradition und auch folgende Aussprüche 
des Propheten „In jeder Religionsgemeinde erweckt Gott 
einen oder zwei Religionslehrer; in meiner Gemeinde nimmt 
diese Stelle 'Omar ein", „Gott hat die Wahrheit auf die 
Zunge und in das Herz des 'Omar gelegt", „Alle Weisen 
sind Kinder im Vergleiche mit 'Omar" mögen sunnitische 
Dichtungen sein, aber soviel ist gewils, dals 'Omar bis zu 
seinem Tode die öfi'entlichen Geschäfte zu Aller Zufrieden- 
heit leitete. Er folgte dem Princip, welches er dem Schorayh 
eingeprägt hatte und machte Satzungen, an die Mohammad 
nie gedacht hatte; sie waren aber im Geiste des Islams. 
Mit der Theologie konnte er sich weniger befassen. Unter 
den Männern, deren Autorität hierin am gröl'sten war, hebe 
ich den Ibn Masüd (siehe seine Biographie Bd. I S. 440), 
den Famulus des Projjheten, hervor. Er ging Hand in Hand 
mit 'Omar und während dieser von ihm sagte „Er ist ein 
Gefäl's voll Wissen" erklärte Ibn Masüd „Wenn man die 
Kenntnisse aller Araber auf eine Wagschaale legt und die 
des 'Omar auf die andere, so ist diese schwerer." Auch die 
theologischen Ansichten des ll)n Masüd haben ganz den 
naturwüchsigen Charakter jener Zeit. Ich behaupte nicht, 
dafs ' Omar und seine Zeitgenossen die Weisungen und das 
Beispiel des Propheten gering schätzten ; wenn sie dieses ge- 
than hätten, würden sie sich den Boden unter ihren Füfsen 
imtergraben haben; aber sie liefsen sich mehr vom Geiste 
als von Worten leiten. Die Moslime geben zu, dafs diese 
Generation ganz im Sinne des Islams handelte, aber statt 
ihrem Beispiele zu folgen, nehmen sie auch ihre Thaten und 
Aussprüche als Sunna hin. 



LXXXI 

' Den ersten Anstois zu einem bestimmten Festhalten an 
den Aussprüchen mid Antecedentien des Propheten gab die 
Gerichtsverwaltung. Schon unter Abu Bakr kam folgender 
Fall vor: Moghyra b. Scho'ba stützte seine Ansprüche auf 
Eigenthum auf eine Aeufserung des Mohammad. Abu Bakr 
weigerte sich, selbe anzuerkennen, wenn er nicht einen Zeu- 
gen dafür bringen würde. Als auch Ibn Maslama selbe 
aus des Propheten Mund vernommen zu haben betheuerte, 
sprach er sein Urtheil im Sinne derselben. In Syrien war ein 
Todschlag vorgekommen unter Umständen, dai's Mo awiya nicht 
wul'ste, welches Urtheil er fällen soll. Er schrieb an Abu Müsä 
und bat ihn, die Meinung des Alyy einzuholen, von dem 
er voraussetzte, dafs er die Sunna am besten kenne ^). Bald 
erwachte auch die Wii'sbegierde und trug zur Gründung der 
Ueberlieferungskunde bei. Derselbe Mo' awiya schrieb an 
Ibn Abbäs und bat ihn um Aufschlüsse über jenen Fleck der 
Erde , welchen die Sonne nur einmal beschienen habe ^). — 
Sobay'a verlor ihren Mann. Kurze Zeit nach seinem Tode 
putzte sie sich, um einen andern zu finden. Ein frommer 
Moslim bemerkte es und sagte: sie dürfe erst vier Monate 
nach dem Hinscheiden ihres ersten Mannes wieder heirathen. 
Vier Monate war ihr eine zu lange Zeit und deshalb begab 
sie sich zum Propheten, um zu hören, was er sage. Als 
man Traditionen zu sammeln anfing, schrieb ein Traditionist 
an seinen Freund und bat ihn, die Sobay a zu besuchen, um 
aus ihrem eigenen Munde die Entscheidung des Propheten 
in dieser Angelegenheit zu vernehmen und ihm darüber Bericht 
zu erstatten (Boch. S. 569). Nagda Harüry, Häuptling der 
Rebellen, schrieb an Ibn Abbäs, um zu lernen, ob ein Sklave 



') Muattä S. 308. 

') Tha'laby, Tafs. 2, 47. Ibn 'Abbäs antwortete: Dieser Fleck 
ist die Stelle des rothen Meeres, durch welche die Israeliten ge- 
zogen sind. Dieses Beispiel gehört nur in sofern hierher, als es 
zeigt, wie früh sich die Moslirae nicht nur mit dem Islam, sondern 
auch mit unwürdigen Spitzfindigkeiten beschäftigt haben. Wahr- 
scheinlich wurde das Räthsel den Moslimen in Damascus von einem 
Rabbiner aufgegeben und dann zur Ehre des Islams von dem ge- 
lehrten Ibn Abbäs gelöst. 

ui. f 



LXXXII 

oder eine Frau, welche sich bei der Armee befinden, wie freie 
Männer einen Antheil au der Beute beanspruchen können. Ibn 
'Abbäs antwortete: ,jEs war gebräuchlich, dafs Frauen zur 
Pflege der Verwundeten die Armee be2;leiteten. Sie erhielten 
ein Geschenk von der Beute, aber konnten keinen Antheil 
beanspruchen" (Mischkat S. 340). Endlich füllt in diese Zeit 
die Reise eines eifrigen Moslinis von 'Irak nach Madyna, um 
dort die Sunna zu studiren (Ibn Sa' d fol.209; Bochäry S. 531; 
Tirmidzy S. 629), doch von einer systematischen Aufbewah- 
rnng der Tradition konnte in einer Generation, welche die 
alexandrinische Bibliothek zerstörte, die in den Staub gesvm- 
keneu Christen und Juden wegen ihrer Scholastik verachtete 
und selbst den Koran erst 15 Jahre nach dem Tode des 
Verfassers herausgab, keine Rede sein. 

Die Traditionswissenschaft wurde erst durch die Bürger- 
kriege begründet. Die beiden Parteien verdammten sich ein- 
ander, und wenn der Koran nicht hinreichte dasVerdammungs- 
urtheil zu rechtfertigen, beriefen sie sich auf Aussprüche des 
Propheten. Unter den Anhängern des Alyy entwiclcelten 
sich abweichende religiöse Ansichten und im Verlauf der Zeit 
stifteten sie eine eigene Kirche. Sie gebrauchten zuerst den 
Ausdruck ma'püm, unfehlbar, und wendeten ihn nicht nur 
auf Mohammad, sondern auch auf Alyy und seine Nachfolger 
an. Ihre Gegner beriefen sich diesen Neuerungen gegenüber 
auf das Herkommen, Sunna, ^) und um zeigen zu können, 
was Neuerung imd was aus der Zeit des Propheten stamme, 
mufsten sie der Ueberlieferung eine feste Gestalt geben. 

Um ein bestimmtes Datum zu haben, nehme ich das 
Jahr 40 nach der Flucht als die Zeit an, in der die Ueber- 
lieferung erst eigentlich in Aufschwung kam. Von Zeitge- 
nossen des Propheten, welche vor dieser Zeit starben, haben 



') Sie werden daher Sunniten genannt; man heifst sie auch 
'Amraa, während die Anliänger 'Alyy's den Namen Schy'a haben. 
Die erstere Benennung bedeutet ,,das Volk" im Munde der Sunniten, 
und „Plebs" im Munde der Scliy'iten; die letztere Benennung be- 
deutet „Sekte" im Munde der Sunniten, und „Anhänger" oder gleich- 
sam „Auserwählte des Alyy und seiner Nachkommen" im Munde 
der so Bfnannten. 



LXXXIII 

wir nur wenige Traditionen und sie bestehen meistens in zu- 
fälligen Aeufserungen und Erzählungen, Von einigen Der- 
jenigen hingegen, welche später starben, haben wir sehr viele 
Traditionen und es ist gewifs, dals sie sich ein Geschäft daraus 
machten sie zu überliefern. Um diese Behauptung durch einen 
corrccten Fall zu erhärten, erwähne ich den in A. H. 58 ver- 
storbenen Abvi Horayra, doch mit dem Bemerken, dafs ich ihn 
nicht als den Repräsentanten seiner Zeit in der Traditionswissen- 
schaft ansehe, denn er war ein Extrem von frommem Betrug. 
Es sind nicht weniger als 3500 Traditionen, die er zum Theil als 
Augenzeuge, zum Theil auf das Zeugnifs anderer Zeitgenossen 
des Mohammad erzählte, aufbewahrt w^orden, und die Zahl 
seiner Schüler, welche sie überlieferten, beläuft sich auf 800. 
Diese waren nicht zufällige Zuhörer, sondern Leute, welche 
aus allen Theilen des moslimischen Reiches zusammenströmten, 
um den grofscn Traditionslehrer zu hören. Es herrschte also 
eine grolse geistige Thätigkeit, ja, wie andere Umstände be- 
weisen, war das ganze Volk davon ergriffen und die Wissen- 
schaft, so wie sie war, war Gemeingut der Nation. 

Die Moslime nehmen an, dafs nicht nur die Aussprüche 
des Propheten (welche sie für wortgetreu halten), sondern 
auch Berichte von seinen Handlungen von Abu Horayra und 
seinen Zeitgenossen ungefähr so formulirt werden, wie wir 
sie noch besitzen. Dieses ist zwar unrichtig, wie sich durch 
die Verschiedenheit der Versionen ihrer Vorträo;e zeigen läfst, 
allein so viel ist gewifs, dafs die eigentlichen Traditionen 
schon damals nicht aus langen Erzählungen, sondern gröfsten- 
theils aus kurzen Anekdoten bestanden und dafs sich die Leh- 
rer bemühten, wenn sie dieselben wiedererzählten, sich immer 
getreu zu bleiben. Von Abu Horayra wird berichtet, dafs ihn 
Marwän (wohl ehe er zum Chalyfat gelangte) zu sich berief 
und Traditionen vortrao;en liefs. Hinter einem Vorhange safsen 
Schreiber, welche seine Worte heimüch aufzeichneten. Nach 
einem Jahre liefs er ihn wiederkommen und dieselben Tra- 
ditionen erzählen; er verglich sie mit der Schrift und fand, 
dafs er sie buchstäblich in denselben Worten wiederholte. ^) 



') So wird diese Anekdote in der I^äba erzählt. Nach Chatyb 
Baghdädy und Abu Dawüd Bd. 2 S. 158 war es Mo'äwiya, welcher 

f* 



LXXXIV 

Wenn diese Anekdote auch unwahr ist, so rührt sie doch 
von seinen Schülern her und zeigt, dafs Abu Horayra allen 
Credit bei ihnen verloren haben würde, wenn er sich im 
Wiedererzählen grofse Abweichungen hätte zu Schulden 
kommen lassen. Weil Abu Horayra über alle Fragen welche 
damals die Gemüther beschäftigten, Auskunft zu geben 
wul'ste, obschon er sich erst spät bekehrt hatte und keine 
hervorragende Stellung zur Lebzeit des Propheten einnahm, 
während andere seiner Zeitgenossen keinen Bescheid geben 
konnten, wurden seine Schüler stutzig. Keiner der Flücht- 
linge und Angärer, sagten sie, weils so viele Traditionen zu 
erzählen, wie du; wie kommt das? Er antwortete: Meine 
Brüder, die Flüchtlinge, befal'sten sich mit Handel und be- 
suchten die Märkte, und meine Brüder, die Anpärer, hatten 
mit ihrem Eigenthume zu thun. Ich hingegen war ein armer 
Mann und war zufrieden, wenn ich zu essen fand und hielt 
mich immer beim Propheten auf, während sie ihren Beschäf- 
tigungen nachgingen ; ich prägte dem Gedächtnisse ein, was 
sie vergafsen. Einers Tages sprach der Bote Gottes: Wer da 
will, breite seinen Mantel aus, bis ich ausgeredet habe, dann 
drücke er den Mantel an sich und er wird nie etwas ver- 
gessen, was er von mir gehört hat. Ich that, wie mir der 
Prophet gesagt hatte und keines seiner Worte etwich meinem 
Gedächtnisse. 

Da wir nicht von dem starken Glauben der Schüler des 
Abu Horayra beseelt sind, halten wir solche Erklärungen für 
Bekenntnisse, dafs er die meisten Nachrichten erfunden habe. 
Gehen wir auf den Inhalt derselben ein, so finden wir diesen 
lieblosen Schluls bestätigt. Wir haben bereits bemerkt, dafs 
er Wunder erzählte, die er mit eigenen Augen gesehen zu 



den Abu Horayra zu sich beschied und die Traditionen, um sie zu 
erhalten, heimlich aufzuzeichnen befahl. Abu Horayra bemerkte es, 
und weil er es mifsbilligtc, dafs die Tradition schriftlich aufbewahrt 
werde, weigerte er sich, weiter zu erzählen und bestand darauf, 
dafs das, was schon geschrieben war, ausgelöscht werde. Ihn Sa'd 
fol. 173 erzählt die Anekdote auf dieselbe Weise, sagt aber, dafs es 
Marwan war, weicher auf diese hinterlistige Art der VVissensciiaft 
dienen wollte. 



LXXXV 

haben vorgab ; die von ihm überlieferten Xo-^ia und izpdyßa 
verdienen also gleichviel Zutrauen. Wie hat sich die mus- 
limische Gemeinde solchen Lügnern wie Abu Horayra und 
Ibn 'Abbas (und solche hat es viele gegeben) gegenüber be- 
nommen? Hunderten mufste es bekannt sein, dals sie die Un- 
wahrheit reden, und doch haben sie, so viel wir wissen, alle 
geschwiegen. Man würde sich aber sehr täuschen, wenn 
man voraussetzte, dals die ganze Generation gewissenlos war. 
Die Zahl Derjenigen, welchen es mit der Wahrheit ernst war, 
ist sehr grols, nur stand allen die subjective Wahrheit viel 
höher als die objective. Sie waren viel zu gewissenhaft, et- 
was in Abrede zu stellen, was ihrem Ideale vom Propheten- 
thum entsprach, zur Verherrlichung des Islams beitrug und 
ihn zeitgemäfs stringent machte. Das Verhalten gewissenhafter 
Männer gegen Dichtungen geht am besten aus folgender Tra- 
dition (bei Bochäry S. 315) hervor, denn es opferte einer von 
ihnen sein persönliches Interesse : Es entstand ein Streit dar- 
über, ob man Land verpachten dürfe. Räfi' b. Chadig be- 
hauptete, dafs es verboten sei und führte einen Ausspruch des 
Propheten an. Ibn ' Omar sagte, dafs zur Zeit des Mohammad 
die Moslime Land verpachteten vuid dafs seine hervorragend- 
sten Jünger, wie Abu Bakr und Zobayr, es auch nach seinem 
Tode thaten; dennoch unterliefs er es in Zukimft, Land zu 
verpachten, weil er glaubte, der Prophet könne sich über 
diesen Gegenstand geäufsert haben imd seine Worte könnten 
unbeachtet geblieben sein. 

Die Entwickelung der Moslime überrascht uns durch ihre 
Schnelligkeit. Wenn sie einen Gegenstand ergriffen, beschäf- 
tigten sich Tausende damit mit solcher rastlosen Thätigkeit, 
dafs er in kurzer Zeit erschöpft war. Die Tradition machte 
während der Zeit, die uns beschäftigt (etwa von A. H. 40 
bis 80), eben so rasche Fortschritte, wie früher die Eroberun- 
gen. Neben Abu Horayra waren alle noch lebenden Ge- 
fährten des Propheten damit beschäftigt, Nachrichten von 
ihm zu überliefern und wenn sie selbst nicht das Talent be- 
safsen, zeitgemäfse Dichtungen zu erfinden, nahmen sie die 
Anderer an Kindes Statt an. Auf diese Art entstand ein un- 
übersehbarer Schatz von Traditionen. Sie drehten sich aber 
um sehr wenige Fragen, denn Vielseitigkeit lag nicht im 



LXXXVI 

Charakter der Zeit. Während uns die Sunna über viele 
der wichtigsten Verhältnisse keinen Aufschluls zu geben weifs, 
sind die Nachrichten über die Pantoffeln des Propheten so 
zahlreich, dafs es einem späteren Schriftsteller gelungen ist, 
zwei Bände damit zu füllen. Diese wichtige Frage scheint 
einige Zeit auf der Tagesordnung gestanden zu haben, und 
Jeder gab zum Besten, was er besafs. Jede Zeit hat ihre 
eigenen Begriffe über das Wissenswürdige, aber auch jede gei- 
stige Beschäftigung gewährt einen Genufs. Es ist daher gar 
kein Opfer, sich so sehr in den Geist eines Zeitabschnittes 
hincinzulesen, dai's man in einem Streit, etwa in der Pautoffel- 
frage, mit inniger Leidenschaft Partei ergreift. Erst nachdem 
man auf diese Weise geistig mit vergangenen Geschlechtern 
gelebt hat, kann man das für uns Interessante herausheben. 
Diese Forschungsmethode, verbunden mit der künstlerischen 
Darstellungsgabe, bildet den unwiderstehlichen Reiz des Re- 
nan'schen Buches, vmd dieser Methode müssen wir uns auch 
in der moslimischen Literatur befleil'sigen. Die Auflassung 
und Darstellung würde, selbst Avenn Renan vmsern Gegen- 
stand in die Hand nähme, nie denselben Reiz haben, weil 
uns der Eigensinn der Thatsachen hindert, einen interessanten 
idealen Charakter aus dem Helden zu machen. 

Wie uns die Traditionen vorliegen, haben sie eine ganz 
eigenthümliche Form. Sie sind selten über sechs Zeilen lang, 
bündig, meistens in dialogischer Form und kunstreich styli- 
sirt. Vergleicht man die Nachrichten über denselben Gegen- 
stand, so sind sich nicht nur Aussprüche des Propheten, son- 
dern auch Erzählungen von Handlungen einander im Wort- 
laute so ähnlich, dafs sie wie die disjecta membra des Wer- 
kes eines Mannes aussehen. Von wem wurden die Traditionen 
formulirt und woher diese Uebereinstimnnmg? Die Form ver- 
danken wir immer Männern vom Fach ^). Wenn der Ur- 
heber sich ausschlielslich mit diesem Geschäfte befafste, wie 



') Wenn ich hier von Kachmännern spreche und anderswo be- 
haupte, alle Welt habe sich mit der Ueberlieferung beschäftigt, wird 
man hoffentlich keinen Widerspruch darin finden. Bei uns singt ja 
Jeder ein Liedchen und es giebt dennoch Sänger und Componisten 
von Profession. 



LXXXVII 

Abu Horayra, so stylisirte er sie und sie erlitten in der Ueber- 
lieferung nur wenige Verbesserungen. Setzen wir aber : einer 
der Schüler des Abu Horayra, ein Mann vom Fach, ging zu 
einem schlichten alten Manne, welcher den Propheten ge- 
kannt hatte, erkundigte sich über einen Gegenstand, der ge- 
rade an der Tagesordnung stand, und erhielt eine weitläufige 
Antwort, so wurde sie von diesem im Geiste des Abu Ho- 
rayra und anderer Tonangeber unter den Gründern formulirt. 
Häutig geschah dieses aber in der dritten Generation, denn 
die Fachmänner zogen auch bei den Söhnen und Töchtern 
der Gefährten des Mohammad Erkundigungen ein. Einige 
Traditionisten des zweiten Jahrhunderts stellten daher den 
Grundsatz auf, sich mit dem Sinne zu begnügen, denn, sagten 
sie, wenn wir nur wortgetreue Ueberlieferungen hinnehmen 
und die andern verwerfen wollten, würden wenige übrig blei- 
ben. Die Varianten der von den Urhebern formulirten Tra- 
ditionen sind der Ungenauigkeit der Ueberlieferer zuzuschrei- 
ben. Die Uebereinstimnnuig in dem Wortlaute erklärt sich 
zum Theil aus dem Entstehen der Form. Wenn eine Frage 
an die Tagesordnung kam, wurde sogleich von einem der 
Führer eme Tradition aufgestellt und die übrigen auf die be- 
sagte Weise gesammelten ihr nachgebildet. Ferner aus der 
Enge des Ideenkreises und der damit zusammenhängenden 
Einhelligkeit der Organe des Zeitgeistes: wenn Ibn Abbäs 
eine gute Lüge erdacht hatte, sprach sie ihm Abu Horayra 
nach. Es mag auch oft vorgekommen sein, dafs, wenn zwei 
Schüler eine Erzählung von Abu Horayra gehört hatten, der 
eine sie viele Jahre später von Ibn Abbäs vernommen zu 
haben glaubte, während der andere sie richtig dem Abu Ho- 
rayra zuschrieb. 

Man kann annehmen, dafs zu Ende des ersten Jahr- 
hunderts bei weitem der gröfsere Theil des Schatzes der Tra- 
ditionen in den Händen von Fachmännern und schon formu- 
Ih't war ^). Doch hatte jede Schule nur eine beschränkte 



') Grofsen Einflufs auf die Consolidirung der Traditionen hatte 
Omar II. Er regierte zwar nur zwei Jahre (A. H. 99 bis 101), 
aber während dieser Zeit reformirte er alle Staatseinrichtungen im 
Geiste der Sunna, für deren Pflege er schon früher als Gouverneur 



LXXXVIII 

Anzahl. Im Verlaufe des zweiten Jahrhunderts sammelten 
sich diese Bäche in Flüsse; zugleich war man immer noch 
bestrebt, neue Quellen zu eröffnen, indem man bei den Nach- 
kommen der Gefährten des Mohammad Nachfragen anstellte 
und hie und da auch eine neue Tradition erfand. Doch letz- 
teres war nicht mehr sicher, denn die Concurrenz war grol's, 
und wenn Jemand sagte, ich habe solches von N. N. ge- 
hört, so fragte auch sein Nachbar bei N. N. nach und strafte 
ihn der Lüge, wenn er die Unwahrheit gesprochen, oder 
führte den Beweis der Grundlosigkeit, wenn N. N. schon 
todt war. Dieses ist dem Ibn Ishäk und vielen Andern be- 
gegnet, weswegen sie unter ihren Zeitgenossen in das schwarze 
Buch kamen. 

Wenn wir uns einen Begriff von dem Vorrathe der Tra- 
ditionen, welcher im dritten Jahrhunderte vorhanden war, 
machen wollen, so müssen wir jene, welche sich auf die Zeit 
des Mohammad beziehen, von denen, welche spätere Ereig- 
nisse berichten, unterscheiden. Es rils nämlich unter den 
Moslimen die Gewohnheit ein, die trivialste Anekdote aus 
der Neuzeit in Form einer Tradition mit vollständiger Isnäd 
zu erzählen. Selbstverständlich reflektiren wir nur auf Tra- 
ditionen, betreffend die Zeit des Propheten. Häschid (f 258) 
erzählt: „Ich habe die Vorträge von 1750 Schaychen gehört, 
in meiner Mocannaf (Sammlung) habe ich aber nur von 310 
Schaychen Traditionen aufgenommen. Die Anzahl von Tra- 
ditionen, die ich notirte belauft sich auf 1,500,000, aber 



vf)n Madyna thätig gewesen war. Zu seiner Zeit wurde der wissen- 
schaftliche Sinn wach, es wurden viele Dichtungen entfernt, das Sy- 
stem der Gesetze und der darauf bezüglichen Traditionen erhielt 
eine definitive Form, man fing an, die Isnud mit Genauigkeit an- 
zugeben und die Texte der Ueberlieferungeu, da ihre Form schon 
eine grofse Vollendung erbalten hatte, erlitten nur wenige unwe- 
sentliche Veränderungen mehr und es kannten sich nur wenige ganz 
neu erdichtfte Traditionen unter den Fachmännern Geltung ver- 
schaffen. Da die moslimischen Gelehrten zu demokratisch sind, um 
eine Periode der Literaturgeschichte nach einem Fürsten zu be- 
nennen, heifsen sie diese Periode die Zeit des Zohry. Ich würde 
sie lieber die Zeit des Omar II. nennen. 



LXXXIX 

die Zahl derjenigen, die ich aufnahm, nur auf 300,000. Sie 
beziehen sich auf Koranexegese, Theologie und andere Ge- 
genstände." Wakidy's Sannnlung mag sich auf zwei Millionen 
Traditionen belaufen haben, aber die Zahl seiner Schayche 
ist wahrscheinlich verhältnifsmäfsig sehr gering. Nach Be- 
seitigung der verschiedenen Versionen ein und derselben Nach- 
richt mag sich die Zahl wahrscheinlich auf 50,000 bis 60,000 
reducirt haben und nach Ausscheidung der unächten wäre 
sie etwa auf die Hälfte gesunken, ja ich zweifle, ob zu seiner 
Zeit 40,000 ächte Traditionen vorhanden waren und selbst 
von diesen handelten viele über denselben Gegenstand. Die 
Zahl war so gering, dafs Männer mit gutem Gedächtnisse sie 
übersehen und sagen konnten: über diesen oder jenen Punkt 
ist keine Nachricht vorhanden. 

Die Regeln der Ueberlieferung von Traditionen und die 
Canone, sie zu prüfen, bilden eine eigene Wissenschaft und 
es giebt eine Anzahl Bücher darüber ^). Ich habe ein solches 
in's Englische übersetzt, aber unvollendet gelassen und nicht 
veröfientlicht. Man wendete die Gesetze der gerichtlichen 
Evidenz auf die Ueberlieferung an, fand es aber nothwendig 
sie zu erleichtern. Es genügt nämlich Ein wahrheitsliebender 
Zeuge für eine Tradition, doch wurde es ursprünglich gefor- 
dert, dafs die Mittheilung mündlich geschehe. Wenn also 

A. als wahrheitsliebender Mann bekannt war und dem B. er- 
zählte, der Prophet hat dies gesagt oder gethan, so konnte 

B. ohne ein anderes Zeugnifs die Aussage hinnehmen und sie 
auf die Bürgschaft des A. fortpflanzen. Briefliche Mittheilun- 
gen wurden schon früh für rechtmäfsig gehalten , aber der 
Benutzung von Notizen oder Büchern wurde lange Zeit gar 
keine, später aber nur wenn sie von persönlicher Bürgschaft 
für die Aechtheit begleitet war, Gültigkeit zugesprochen. Diese 
Grille der Traditionisten, welche, wie wir sehen werden, auf 
alle mögliche Arten umgangen wurde, hat viel Verwirrung in 



•) Die Geschichte der Wissenschaft steht in H. Chalyfa Bd. 4 
S. 248-52; Pf hat aber vergessen, den Chatyb von Bagbdäd (f 463), 
der am meisten dafür getlian hat, zu erwähnen. Ich habe Ibn (^'aläh's 
Fonün oder Olüra in Bombay gesehen und gefunden, dafs ihn Na- 
wawy und Andere fast wörtHch abgeschrieben haben. 



xc 



die Wissenschaft gebracht. Eiuo Tradition, welche Barä dem 
Abu Ishak, Abu Isiiak dem Yünos und Yünos dem Zohry 
erzählte, war also für Zohry und seine Schüler beweiskräftig. 
Wenn aber Zohry eine geschriebene Notiz von Barä gefunden 
hätte, würde diese der Beweiskraft entbehrt haben, ausge- 
nommen wenn Ishak selbe von Barä mit der Versicherung, 
dals sie richtig sei, erhalten und sie auf dieselbe Weise dem 
Yünos und Yünos dem Zohry übergeben hätte; ja, strenge 
Traditionisten hielten es für nothwendig, dal's die Notiz bei 
der Uebergabe entweder von dem Eigentliümer oder Em- 
pfanger vorgelesen werde. Es ist bereits im ersten Band be- 
merkt worden, dafs die Reihe der Zeugen (wie: Zohry von 
Yunos, von Abu Ishak, von Barä) die Isnäd oder Stütze ge- 
nannt wird ^). 

Es ist mm freilich eine Bcdin2;unor der Glaubwürdio^keit 
eines Bürgen, dais er dafür bekannt sei, Traditionen gewissen- 
haft und wortgetreu zu überliefern, widrigen Falls man allen 
seinen Traditionen wenig Werth beimessen durfte. Da z. B. 
Abu Horayra 800 Schüler hatte, so war auch eine grofse 
Controle vorhanden und man konnte Diejenigen, welche seine 
Berichte genau wiedergaben, von den ungenauen leicht unter- 
scheiden. Viele von seinen Schülern ragten in die Zeit hin- 
ein, zu der man anfing die Traditionen aufzuschreiben, und 
in sofern haben wir eine ziemlich grofse Garantie, dafs uns 



') Es giebt eine Anzalil feine und in Bezug auf die älteste 
Zeit gewifs unbegründete Unterscliiede in der Form der Isnäd. Eine 
Isnäd, wie ich sie hinstelle, indem ich blos «von" sage, heifst man 
mo'an'an und ist eine der schwächsten Formen. Denn wenn Zohry 
sagt „von Yunos", so enthahun diese Worte keine Garantie, dafs 
er die Tradition direkt von Yünos erhalten habe; um dieses aus- 
zudrücken, würde er gesagt haben: „Yünos hat mir erzählt". Manch- 
mal hat man zweideutige Ausdrücke gebraucht, um, ohne eine Un- 
wahrheit zu sagen, doch den Leser irre zu führen. So pflegte Hasan 
b. Aby Hasan (f 88 Jahre alt in 113) zu sagen „N. N. (den er 
selbst gesehen hatte) hat uns erzählt"; er meinte den Ba^rier, von 
dem er die betreffende Tradition vernommen hatte. Es liefse sich 
eine Anzalil ähnlicher Beispiele von Gelehrfeneitelkeit und feinen 
Distinktionen in der Isnäd oder Quellenanführung namhaft machen, 
doch OS würde uns zu weit führen. 



XCI 



viele seiner Worte ziemlich getreu überliefert worden sind. 
Wenn es auch keinem Zweifel unterliegt, dafs die meisten 
Lügen von den jüngeren Zeitgenossen des Propheten erfun- 
den worden sind, so war doch auch nach ihnen grofser Spiel- 
raum für Dichtung. Mancher Traditionist stand in einem 
besonders innigen Verhältnii's zu einem der Zeitgenossen des 
Mohammad, wie z. B. 'Orwa zur Ayischa, 'Ikrima zu Ibn 
'Abbas, Abu Ishak zu Bara, und er ist der Einzige, welcher 
eine grofse Anzahl von ihm erzählter Berichte überliefert hat. 
Ein solches Monopol ist oft milsbraucht worden, und ich 
glaube z. B., dals ' Orwa der Ayischa viele Traditionen zu- 
geschrieben hat, an die sie nie dachte-^). Weil aus solchen 
unlauteren Quellen manches Mal Lehren und Erzählungen 
auftauchten , welche mit den allgemein adoptirten Ansichten 
im Widerspruche standen, stellte man den Grundsatz auf, 
dafs vereinzelte Traditionen (Ahad) der Beweiskraft entbehren 
und nicht fortgepflanzt werden sollen. Man hat aber damit 
mehr geschadet als genützt, denn im Geiste der Zeit erfun- 
dene Dichtungen, wie der Mi' rag, fanden überall Anklang 
und Bestätigung, und wenn die Zeitgenossen des Zohry den 
Ml rag auf die Autorität des Anas erzählten, gab es hie und da 
einen Mann, welcher ihn von Gäbir vernommen zu haben be- 
theuerte. Glücklicher Weise hat es aufser den eigentlichen 
Lehrern der Sunna, welche sich streng an die Canone der 
Kritik hielten, Männer wie Wäkidy, Madäyiny, Balädzory ge- 
geben, welche auch die Ahäd und überhaupt schwache Tra- 



') Da die Frauen sich nicht öffentlich zeigen dürfen, ist es ein 
beliebtes, auch von Ibn Ishäk ausgebeutetes Mittel, zu behaupten, 
eine Tradition sei durch Frauen fortgepflanzt worden. Von dieser 
Art ist folgende IsnAd: Müsä b. Schayba, ein Lehrer des Wäkidy, 
behauptete, er habe von 'Oinayra, einer Tochter des 'Abd Allah 
b. Ka'b b. Mälik, gehört, dafs ihr von Omni Sa'd, einer Tochter 
des Sa'd b. Rabya, der von Nafysa (einer Tochter des Munya) 
stammende Bericht der Heirath des Propheten mit Chadyga in fol- 
genden Worten raitgetheilt worden sei: „Als der u. s. w." (vergl. 
Bd, I S. 183). Es mag in den Haremen eine Geschichte dieser Art 
in Umlauf gewesen sein, aber die Tradition ist gewifs von Musä 
formulirt worden. 



XCII 



ditionen fortpflanzten und somit manche interessante Nach- 
richt retteten. 

Nach unseren Ansichten ist die wichtigste Frage : Wann 
sind die Traditionen zuerst aufgeschrieben worden? Ich habe 
diese Frage in dem Aufsatze „On the origin and progress 
of writing down historical facts amoong the Muselmans" im 
Journ. As. Soc. Bengal 1856 einläfshch erörtert. Band I 
S. 129 dieses Werkes habe ich von dem Ursprünge der ara- 
bischen Schrift gespsochen; bei einer Gelegenheit habe ich 
auf den Koränvers aufmerksam gemacht, in welchem Moham- 
mad den Gläubigen Verträge schriftlich abzufassen befiehlt, 
und bei vielen andern habe ich Beispiele angeführt, welche uns 
einen Begriff von der Verbreitung und Anwendung der Schreib- 
kunst unter den Arabern geben. Ich will nun hier noch eine 
Vorfrage, nämlich „über das Schreibmaterial" in Anregimg 
bringen und dann einen kurzen Ueberblick über das Entstehen 
geschriebener Traditionensammlungen geben. 

In Egypten verfertigte man noch zur Zeit der Omayyiden 
Papyruspapier und exportirte es nach Konstantinopel 
(Baladzory, Fotüh, M. von Leiden); in Arabien aber war zur 
Zeit des Mohammad das Bedürfnifs so gering, dafs es wahr- 
scheinlich nicht bekannt war. Später benutzte man es, aber 
nur kurze Zeit. 

Ueber das Schreibpapier in unserm Sinne des Wortes 
lesen wir im Fihrist: „Das choräsanische Papier wird aus 
Flachs gemacht. Einige sagen, es wurde schon unter den 
Omayyiden eingeführt; Andere behaupten, dafs es unter den 
Abbäsiden eingeführt worden sei; Einige halten die Erfindung 
für neu. Andere für alt. Man versichert, dafs Arbeiter aus 
China es in Chorasan verfertigten nach der Art, wie man 
das chinesische Papier macht. Es giebt folgende Arten von 
chorasanischem Papier: solaymänisches, talhisches, nühisches, 
fir'awnisches, ga frisches und tahirisches." Das nühische hat 
wahrscheinlich von dem Samäniden Nidi (regierte 331 bis 
363) und das tahirische von Tähir b. Abd Allah (f 230), dem 
Statthalter von Chorasan, seinen Namen. 

„Im ersten Jahrhundert schrieben die Moslime Notizen 
auf Tafeln von IIolz und Schiefer, und bleibende Schriftstücke 
a\if Leder und Pergament. Ursprünglich gerbte man das 



XCIU 



zum Schreiben bestimmte Leder mit ungelöschtem Kalk, wes- 
wegen es trocken und starr war. In der Küfischen Gerberei 
benutzte man Datteln zu diesem Zweck und das Leder wurde 
weich und sanft." Wenn hier, wie vorauszusetzen, von Per- 
gament die Rede ist, welches meistens aus Gazellhäuten be- 
reitet wurde, so haben wir ein Mittel, alte Codices von neuen 
zu unterscheiden, und das in Homp aufbewahrte Korän- 
exemplar gehört, weil das Pergament sehr hart ist, zu 
den alten. 

Leider wurde auch bei den Arabern beschriebenes Per- 
gament gewaschen, um es wieder zu gebrauchen, und der 
Nachlafs manches Mannes mag auf diese Weise von seiner 
eigenen Familie zerstört worden sein. Abgewaschene Per- 
gamente heilst man Torüs. „Viele Jahre", so lesen wir im 
Fihrist, „wurde in Baghdad nur auf Torüs geschrieben." Ob- 
sclion Torüs ganz besonders Pergamentrollen bedeutet, 
aus welchen die Schrift abgewaschen worden ist, dürfen wir 
doch nicht auf massenhafte Bücherzerstörung schliefsen, denn 
der Verfasser fügt bei: „In den Tagen des Mohammad b. 
Zobayda waren die Dawädin verboten. Sie waren auf Häute 
geschrieben und wurden nun ausgelöscht und die Häute zum 
Schreiben verwendet." Die Bedeutung von Dawädin ist mir 
nicht bekannt. Dadau heilst Spiel; man könnte sich also 
unter Dawädin eine Art von Brettspiel einbilden, aber diese 
können doch nicht so zahlreich gewesen sein. Vielleicht be- 
deutet es eine Art bunter Wandgemälde, oder Ta- 
peten oder Teppiche. 

Der Verfasser des gelesensten aller Bücher, die je ge- 
schrieben worden sind (des Korans), hatte einVorurtheil gegen 
das Schriftthum und gegen die Gelehrsamkeit, welches viele 
von seinen Gefährten theilten. Ibn Masüd, Abu Horayra 
und andere Gründer der Traditionen behaupteten, dafs sie 
nicht aufgeschrieben werden dürfen. Dieser Grundsatz hat 
nicht nur das Entstehen von geschriebenen Traditionssamm- 
lungen verzögert, sondern der betreffenden Literatur einen 
Character gegeben, den zu begreifen uns viele Mühe kostet. 
Wir müssen unterscheiden zwischen Notizen zur Unterstützung 
des Gedächtnisses, Collegienheften und publicirten Büchern. 
Kotizen zur Unterstützung des Gedächtnisses hatten die Mos- 



xcrv 



lime schon sehr früh, und die Vernünftigeren hielten sie immer 
für erlaubt. Wir haben gesehen, dals einige Jünger des Mo- 
hammad einige Ofi'enbarungen für ihren eigenen Gebrauch 
aufzeichneten. Man behauptet (Chatyb Baghd., vergl. Abu 
Dawüd Bd. 2 S. 157), dafs 'Abd Allah b. 'Amr b. A9 schon 
zur Lebzeit des Propheten seine Aussprüche aufschrieb. 
Dieses ist vielleicht unrichtig, aber gewifs ist, dafs er, als 
man die Tradition mit Eifer pfleg-te, für seinen eigenen Ge- 
brauch eine Sammlung hatte, welche er (^ädika, das Wahr- 
hafte, nannte und über Alles hochschätzte (I^äba unter Abu 
Horayra, und Chatyb Baghdady). Ibn 'Okba erzählt (bei 
Tahdzyb, unter Karyb), Alyy, der Sohn des Ibn 'Abbäs, 
hatte bei Karyb (f 98) eine ganze — nach einer Version eine 
halbe — Kameelladung Schriften aus dem Nachlasse seines 
Vaters hinterlegt. Wenn er eine Rolle benöthigte, schrieb 
er an Karyb, dieser copirte sie und überschickte ihm das 
Original oder die Abschrift. Auch 'Ikrima hat Manches aus 
dem Nachlasse des Ibn Abbas copirt ('Oyim Nr. 122 S. 517). 
Zwei Fragmente daraus sind aufbewahrt worden, beide sind 
Urkunden und es scheint, Ibn Abbäs habe vorzüglich solche 
Materialien schriftlicli verzeichnet, welche wortgetreu aufbe- 
wahrt werden sollen, und es unterliegt keinem Zweifel, dafs 
diese Schriften nur für seinen eigenen Gebrauch bestimmt 
waren *). Während der gelehrte Ibn Abbäs , von dem wir 
bald mehr hören werden, eine ganze Bibliothek von Notizen 
gesammelt hatte, war der literarische Apparat Anderer sehr 



') Bezeichnend für das literarische Treiben jener Periode ist 
folgende Tradition des Mihrän b. Mayniün (f 117). „Wenn ich", 
erzählt er, „eine Rolle, auf welcher 60 Traditionen standen, zu Ibn 
Abbäs brachte, [über deren Werth und Sinn ich im Zweifel war, 
liefs ich sie bei ihm] und kehrte nach Hause zurück, ohne ihn 
darüber zu befragen , denn die Leute fragten ihn und man konnte 
durch sie genügenden Aufschlufs erhalten." 

Man sieht hieraus nicbt nur, dafs Schreiben schon vor A. H. 68 
häufig war, sondern auch, welche untergeordnete Rolle jede posi- 
tive Nachricht im Vergleiche mit den Erklärungen berühmter Lehrer 
einnahm. Ganz so würde sich ein frommer Katholik benehmen, 
wenn man ihn auf Bibelstellen aufmerksam machte, welche mit 
seinen Ueberzeugungen nicht übereinstimmen. Er würde sich selbe 



xcv 



einfach und die Aufbewahrung zum Theil originell. Alyy, 
der Schwiegersohn des Propheten, hatte sich die Satzungen 
über Todschlag, über die Erlösung von Gefangenen (vergl. 
Tha'laby, Tafsyr 2, 173) und über die Armensteuer aufge- 
schrieben und band die E,olle an seinen Säbel (Chatyb Baghd. 
Nr. 47). Ein Anderer trug nach tatarischer Weise immer ein 
Buch bei sich im Stiefel. Chahd b. Madan (f 103) hatte 
sich eine niedliche Mappe, Maphaf, aus Leder machen und 
mit Knöpfen versehen lassen, in der er seine Notizen auf- 
bewahrte (vergl. Tadzhyb). Zohry, wenn es ihm an Schreib- 
material fehlte, notirte die Traditionen auf seinen gelben Stie- 
feln und schrieb sie später in's Reine. Gegen Ende des 
ersten Jahrhunderts war der Gebrauch von Notizen ziemlich 
allgemein und es wird behauptet, ' Omar II. habe den Befehl 
gegeben, die Traditionen zu sammeln. Seine Regierung von 
zwei Ja*ren dauerte nicht lano;e o-enua: zur Ausführuno; dieses 
Planes. Seine Absicht war allem Anscheine nach ganz die- 
selbe, welche Abu Bakr gehabt hatte, als er den Koran sam- 
meln liefs. Die Sammlung soll nicht ein Hilfsmittel des Stu- 
diums sein und am allerwenigsten das Auswendiglernen über- 
flüssig machen, sondern es soll nur der Verlust der Tradi- 
tionen verhütet werden. So lange man sich auf Notizen be- 
schränkte, trug man die Traditionen immer aus dem Gedächt- 
nifs vor. Die Eitelkeit mancher Ueberlieferer ging so weit, 
dal's sie ihre Aufzeichnungen geheim hielten, und, sobald sie 
den Inhalt gut auswendig wul'sten, selbe zerstörten. Andere 
trafen im Testamente die Anordnung, dafs sie nach ihrem 
Tode vertilgt werden sollen. Wenn sie dieses auch nicht 
thaten, so wurden sie doch, da nur mündliche Mittheihmg 
als gültig angesehen wurde, werthlos und gewöhnlich ver- 
nachlässigt, wenn sie auf Pergament geschrieben waren, aus- 
gewaschen, und wenn das Schreibmaterial wenig Werth hatte, 
zerstört ^). Manchmal ereignete es sich jedoch, dafs der Nach- 



von einem Geistlichen erklären lassen und würde, weil man Bibel- 
stellen nicht wie Traditionen auslöschen kann, die Bibel gar nicht 
mehr lesen. 

') Beispiele von diesen Verhaltungsarten findet man in der 
Schrift: On tlie Origin and Progress etc. 



XCVI 



lafs eines alten Traditionisten in den Besitz eines späteren Li- 
teraten fiel und dieser sich, seinen Fund verheimlichend, mit 
fremden Federn schmückte. Dieser Vorwurf wird dem Wä- 
kidy gemacht, welcher die Schriften des Ibrahym b. Moham- 
mad b. Aby Yahya (f 91) auf unredliche Art benutzt haben 
soll (vergl. Tüsy, f 460, Ed. Calc. S. 16). 

Die Gewohnheit, aus dem Gedächtnisse vorzutragen, 
dauerte zwar noch lange fort, doch wurden schon gegen das 
Ende des ersten Jahrhunderts Collegienhefte eingeführt, aus 
denen der Lehrer die Traditionen vorlas ^). Der Schüler 
hatte dann die Wahl, sie aufzuschreiben oder seinem Gedächt- 
nisse zu trauen. Schon 'Orwa scheint sich bisweilen seiner 
Notizen im Vortrage bedient zu haben. Von Zohry wird er- 
zählt, dafs er den Chalyfen Hischäm (regierte von 105 bis 
125) auf seinem Schlosse Ro^äfa besuchte und hier Vorträge 
hielt. ' Obayd Allah b. Ziyäd Ilopäfy Schäny war einer seiner 
Schüler und hörte seine Bücher (Collegienhefte), »^jl 
&>.Äi ^-t^^ (Ibn Sa'd bei Nur alnibräs S. 175). Vorlesungen 
aus Heften waren aber zu allen Zeiten selten ^). Lehrer, 
welche nicht freie Vorträge hielten, gaben ihre Hefte den 
Schülern zum Abschreiben, und damit dann der Bedingung 
der mündlichen Mittheilung Genüge geleistet werde, las ein 
Schüler dem Lehrer und seinen Commilitionen das Heft vor. 
Man setzte voraus, dal's der Lehrer den Lihalt im Gedächt- 
nifs habe und Irrthümer corrigire. Ein solches Verfahren 
hiefs man Ardh, Collation, und es wurde zu Zohry 's 



') Die schriftliche Fortpflanzung wurde im zweiten Jahrhundert 
so allgemein, dafs Ausdrücke, wie folgender, in Aufnahme kamen: 
„Ich schreibe von N. N. keine Tradition" d.h. ich entnehme ihm 
keine, weil er kein Vertrauen verdient. 

') Der Grundsatz, dafs der Lehrer die Traditionen, die er auf 
irgend eine Weise mittheilen wollte, auswendig wisse, dauerte lange 
fort. Ibn Aby Schayba (f 235) nahm nur solche Ueberlieferungen 
in seine Mo^annaf, Sammlung, auf, die er dem Gedächtnisse ein- 
geprägt hatte. Damit der Leser ja wisse, dafs er sie auswendig 
kenne, sagt er am Anfange vieler Kapitel „Das ist es, was ich über 
diesen Gegenstand dem Gedächtnisse eingeprägt habe." 



XCVII 



Zeit ziemlich allgemein ^). Ein lieft hatte gewöhnlich 40 
Seiten vuid konnte also in einer Sitzung gelesen werden. 
Manche Schüler schrieben das Datum der Sitzung in das 
Heft. Das älteste mir bekannte Datum ist 146. In diesem 
Jahre hat Abii Afim b. Machlad, wie er in der Isnäd sagt 
(bei Ibn Sa d Btl. 12 fol. 46), zu Makka in dem Hause des 
Gomahiten Hasan b.Wahb (f 212) von Sofyän Traditionen 
empfangen. Der Inluilt der Hefte war entweder sachlich ge- 
ordnet, sie bildeten also eigentlich ein Buch, oder nach 
den Schaychen, welche die Traditionen gelehrt hatten, oder 
nach dem Datum. In letzterem Falle trug der Sammler Tag 
für Tag die Traditionen, welche er gehört hatte, in sein Heft 
ein, gleichviel von wem oder über welchen Gegenstand, und 
lehrte sie dann in derselben Ordnung. 

Ahmad sagt: „Die ersten, welche Bücher verfafsten, 
waren Ibn Goi'ayg (f 150) und Ibn Aby Arüba" (f 156). 
Wir wissen, dal's dem Mohammad das Megilla (Buch des) 
Lokmän gezeigt wurde, dafs 'Omar I. ein Buch verbot, wel- 
ches die dem Daniel zugeschriebenen Weissagungen enthielt, 
dal's Chälid, ein Enkel des ersten omayyidischen Chalyfen, vier 



') Unter denen, welche diese Lehrmethode befolgten und gegen 
Andersdenkende vertheidigten, ist Hasan Ba^ry (f 110). Sein Bei- 
spiel hat viel dazu beigetragen, ihr Eingang zu verschaffen. Wenn 
folgende Tradition richtig ist — und es ist kein Grund vorhanden 
sie zu bezweifeln — so hat schon Ibn 'Abbäs den Grund dazu 
gelegt. 

Balädzory Ansah alaschräf von Yazyd Nahawy von Ikrima sagt: 
Ibn 'Abbas war ein Meer des Wissens. Als er blind geworden war, 
kamen die Einwohner von Täyif zu ihm, welche etwas von dem, 
was er gelehrt hatte, auswendig wufsten — nach einer Variante: 
welche Theile von seinen Schriften bei sich hatten — und ersuchten 
ihn, (den Inhalt) vorzutragen, (damit sie sagen könnten: ich habe 
dies von Ibn 'Abbäs selbst gehört); er aber machte sich Ver- 
wechselungen schuldig und sagte das, was zuletzt hätte sein sollen, 
zuerst. Als er dies bemerkte, sagte er: Mein Unglück hat mich für 
diese Aufgabe unfähig gemacht, wer etwas weifs, trage es mir vor, 
denn wenn ich es bestätige, ist es so gut, wie wenn ich es ihm 
vorgesagt hätte. — So lange Ibn 'Abbäs sehend war, scheint er 
sich seiner Notizen im Vortrag bedient zu haben. 

III. g 



• xcvm 

Abhandlungen hinterliefs, und im Fihrist wird ein nicht un- 
bedeutendes Schriftthum namhaft gemacht, welches älter ist 
als Ibn Gorayg. Was wollte Ahmad mit dieser "Behauptung 
sagen ? Meinte er vielleicht : die ersten Bücher welche Tra- 
ditionen enthalten ? Auch geschriebene Traditionssammlungen 
gab es vor Um Gorayg, dieses waren aber nur Collegienhefte 
und keine Bücher. Was Alnuad sagen wollte, ist: Ibn Gorayg 
gab seine Hefte den Schülern, diese schrieben sie ab und 
benutzten sie ohne die Ardh oder ohne dafs eine andere 
mündlifhe Mittheilung stattgefunden hätte. Nach unseren 
Begriffen luiterscheidtt sich ein Collegienheft von einem Buche 
dadurch, dafs ersteres ein Manuscript und nur für die Zu- 
hörer bestimmt, letzteres hingegen gedruckt und veröffent- 
licht ist. Ahmad machte einen ähnlichen Unterschied und 
heifst die Hefte des Ibn Gorayg Bücher, weil die Schrift 
das Medium der Mittheilung war im Gegensatz zum Grund- 
sätze, dai's die miindliche Uel^erlieferung das Medium der 
Mittiieilung sein soll und die Schrift blos zur Unterstützung 
des Gedächtnisses benutzt werden darf*). 

Der Hergang ist folgender: Ibn Gorayg bekam eine 
Rolle des Hischäm b. ' Orwa in die Hände, welche Traditio- 
nen enthielt. Er begab sich zum Verfasser mid fragte ihn, 
ob der Inhalt wirklich von ihm verbürgt sei; als er eine be- 
jahende Antwort erhalten hatte, pflanzte er sie auf die Auto- 
rität des Hischiim b. 'Orwa weiter fort, obschon keinerlei 



') Gliazzfily und fast alle späteren Moslinie, welche für kultur- 
historische Studien wenig Sinn hatten, haben die Stelle des Ahmad 
inifsverstandon und geglaubt, Ibn Gorayg, der nicht einmal als 
fruchtbarer Schriftsteller bekannt ist, sei der erste gewesen, der 
eine Schrift verfafst habe. Die Ursache des Mifsverständnisses ist, 
dafs man später die Sache ganz anders ausdrückte. Mittheilung 
blofs durch Schrift war häufig, um ihr aber Gültigkeit zu geben, 
wurde es für nöthig erachtet, dafs sie mit der Erlaubnifs des Ver- 
fassers begleitet sei, den Inhalt fortpflanzen zu dürfen. Diese Art 
Mittheilung hiefs man Igäza. CJhazzäly erwartete nuh, dafs Ahmad 
den erst später entstandenen Ausdruck hätte gebrauchen und sagen 
sollen: Ibn Gorayg war der erste, welcher die Igäza einführte. 



XCIX 



mündliche Mittheilung stattgefunden hatte ^). Er vertheidigte 
nun diese Art der Ueberlieferung und es folgte seinem Bei- 
spiele aufser Ihn Aby 'Arüba auch Sofyän b. 'Oyayna (f 198) 
welcher sich auf die von Ayyüb b. Müsa geschriebenen Colle- 
gienhefte des Zohry berief (Bochäry S. 528). Auch Hammäd 
b. Salama (f 167) benutzte ein Collegienheft, welches Tra- 
ditionen des Kays b. 8a d (f CO) enthielt und von einem Schüler 
desselben geschrieben worden war. Diesen und vielleicht auch 
einigen anderen grolseu Gelehrten liefs man diese furcht- 
bare Neuerung hingehen, aber Hanmiäd b. Osama (f 201), 
welcher sich fremder CoUectaneen bediente und den Inhalt 
für selbst gehörte Traditionen ausgab, wird der Tadlys 
(Unredlichkeit) beschuldigt und so ging es andern For- 
schern. Unter keiner Menschcnklasse ist der scesunde Men- 
sehen verstand seltner als unter Gelehrten, und es ist tröst- 
lich, zu wissen, dal's schon vor tausend Jahren Leute, welche 
in ihrer Einfachheit glaubten, die Wissenschaft habe die Er- 
forschung der Wahrheit zur Aufgabe, von den Pedanten 
ebenso wie jetzt mit Verachtung angesehen wurden. Die 
Neuerung des Ibn Gorayg wurde anfangs von der Schule 
nicht angenommen und als sie endlich Eingang fand, auf die 
unsinnigste Weise ausgebildet. 



') Bei Ibn Kotayba S. 146 erzählt Wäkidy: Ibn Aby Zinnäd 
war zugegen, als Ibn Gorayg zu Hiscbum b. Orwa kam und ihn 
fragte: ob die Rolle, welche er dem N. N. gegeben, von ihm über- 
lieferte Traditionen enthalte? Hischäm antwortete: Ja! Später, 
fährt Wäkidy fort, hörte ich den Ibn Gorayg Traditionen lehren mit 
den "Worten „Hischäm b. 'Orwa hat uns erzählt", von denen ich an- 
nahm, dafs sie Hischäm nicht vorgetragen habe; ich fragte daher 
den Ibn Gorayg über die Gültigkeit der üeberlieferungsmethode, 
wenn der Schüler dem Lehrer die Tradition vorliest. Er drückte 
sein Erstaunen aus, dafs ein Mann wie ich ihm eine Frage, die schon 
lange entschieden sei, vorlege und sagte: In Bezug auf schriftliche 
Mittheilung sind die Gelehrten allerdings verschiedener Ansicht, ob 
nämlich ein Mann, der eine Rolle erhält, den Inhalt, ohne ihn dem 
Lehrer vorgelesen zu haben, auf seine Autorität fortpflanzen dürfe. 
Wenn ihm aber der Schüler den Inhalt vorliest, so ist es ganz so 
gut, als wenn er ihn aus seinem Munde gehört hätte. 



Jene gräfsliche Zunft: Die Fachmänner betrachteten noch 
zweihundert Jahre lang die Bücher als CoUegienhefte und 
leirten auf den mündlichen Vortrao; des Vei'fassers und das 
Gedächtnils des Schülers mehr Werth, als auf die Schrift! 
Letztere hielten sie nicht für etwas Abgeschlossenes, son- 
dern für eine Sammlung mündlicher Nachrichten, wovon der 
Schüler nur so viele fortpflanzte als ihm überhaupt gefiel, 
dazu seine eigenen Bemerkungen (aber immer mit seinem 
Namen), und bisweilen Traditionen, die er anderwärts ge- 
sannnelt (auch diese mit Angabe der Isnäd) beifügte. Dieses 
Schicksal hatten Azraky, Ibn Ishäk, Bochäry (dessen Texte in 
der Zahl der Traditionen sehr auseinander gehen) und andere 
Bücher, am meisten aber, so viel wir aus der Beschreibung 
urtheilen können, die Koräncommentare, welche in den Händen 
eines jeden der successiven Schüler eine ganz neue Gestalt 
annahmen. Tabary hat seine Geschichte fast ausschlielslich aus 
Büchern geschöpft. Aber er war ein Traditionist vom Fach 
und die Schritt, welche vor ihm lag und aus der er seine 
Auszüge wörtlich copirte, war für ihn Nebensache. Er ci- 
tirte daher nicht diese, sondern den obscuren Schaych, unter 
welchem er sie gelesen, als seine Autorität. In der Isnsid 
kommt dann allerdings der Name des Verfassers vor, aber 
nur als einer der Ueberlieferer der Tradition, die er gerade 
abschreibt, z. B. von Ibn Ilomayd, von Salama, von Ibn Ishäk, 
vonWahb b. Kaysän, von 'Abd Allah b.Zobayr, darauf schreibt 
er eine Stelle des Ibn Ishäk ab. Einige Werke hat er unter 
mehr als einem Schayche gelesen; in diesem FaUe nennt er 
bald den einen, bald den andern, um seine Gelehrsamkeit zu 
zeigen. Es konnnt aber auch der Fall vor, dals er ein Buch 
besafs und es unter gar keinem Schaych gelesen hatte. Hier 
half er sich auf andere Weise. Von Sayfs Kitäb alridda (Ge- 
schichte des Abfalls) hatte er zwei Texte, welche nicht immer 
genau mit andern übereinstinunten; den einen von 'Obayd 
Allah, von seinem Onkel von Sayf, den andern von Sorry 
b. Yahyä von Scho'ayb von Sayf Nun hatte er aber den 
letzteren nicht ganz imter Sorry gelesen, und nach der Regel 
durfte er nur das Gelesene fortpflanzen. Er nimmt aber auch 
aus dem nicht durch mündliche Mitthcihmg erhaltenen Theile 
Auszüge in seine (lescliichle aul', und da es (klaubt war, sich 



CI 



auf brieflicho Mittheilnnüi;en zu berufon, sagt er (z. B. S. 140): 
„Es hat an mich Sony von Scho'ayl) von Sayf geschrieben." 
Die auf diese Weise eingeleiteten Traditionen sind viel zu 
zahlreich, als dal's wir glauben können, sie haben den Inhalt 
eines Briefes gebildet; wir müssen annehmen, er habe ein 
von der Hand des Sorry geschriebenes Exemplar besessen und 
es als Brief betrachtet ^). 

Zu Ende des dritten Jahrhunderts gab es schon eine un- 
ermefsliche Anzahl von systematischen Traditionssammlungen, 
deren Zweck die Feststellung und Aufbewahrung der Sunna 
war. Begreiflicher Weise hat weder Mohammad noch seine 
Begleiter bei allen Gelegenheiten, selbst in wichtigen Dingen 
dasselbe Benehmen beobachtet, noch sich in demselben Sinne 
ausgesprochen. Die Theologen, welche für jede Handlung 
positive Regeln aufstellen wollten, hatten also, selbst wenn 
sie auf historischem Boden blieben, einen grofsen Spielraum. 
Schon Sa yd b. Mosayyib (f 94), Sa' yd b. Gobayr (f ebenfalls 
in 94) und ihre Zeitgenossen nahmen den Kiyäs (Schlufs) zu 
Hilfe, das heifst, sie unterschieden zwischen Grundsätzen und 
Folgesätzen, und wenn dann in Bezug auf letztere verschie- 
dene Traditionen vorhanden waren, hielten sie sich an jene, 
welche mit den Grundsätzen harmonirten. Jeder Theologe 
sammelte also vorzüglich jene Traditionen, welche sein Sy- 
stem unterstützten. Eine solche Sammlung, deren es viele 
gab, hiefs man Mosnad, und eine solche Mosnad ist die 
Muattä des Mälik (f 179). Aulser Traditionen, die nicht 
sehr zahlreich sind, enthält sie auch kurze Aussprüche des 
Sammlers über die Gesetze. Wenn es auch der Hauptzweck 
der Theologen, welche solche Sammlungen veranstalteten, war, 
ihr System zu unterstützen, so läl'st sich doch nicht leugnen, 
dal's sie mehr Gewicht auf die historische Grundlage, als auf 
Folgerichtigkeit legten, und in sofern haben ihre Sammlungen 
grofsen Werth ^). 

') Beispiele der Lächerlichkeit, zu der die Pedanterie der 
Schule und der Charlatanismus der Gelehrten führte, habe ich in 
der Zeitscbr. der Deutsch, morgenl. Ges. Bd. X S. 9 ff. aufgezählt. 

') Man wird mich um die Beweise für solche Behauptungen 
fragen. Im Orient sind die Mosnads des Schäfi'y (f 204), Abu 



CII 



Während die Theologen ein bestimmtes Ziel verfolgten, 
gab es Tausende von Männern, welche mit wenig oder ganz 
ohne bestimmte Absicht so viele Traditionen sammelten, als 
sie auftreiben konnten. Lange Zeit aber hielten sie sich in 
der Auswahl an keine bestimmten Regeln der Kritik. 

Bochary (f 256) war der erste, welcher für sich Canone 
der Kritik feststellte und es sich zur Aufgabe machte, alle 
gesunden Traditionen, d.h. solche, welche die Probe dieser 
später allgemein angenommenen Canone aushielten, zusam- 
menzustellen. Sein Corpus traditionnni unterscheidet sich zwar 
in seinem Plane von den Mosnads, insofern er kein bestimmtes 
System der Theologie im Auge hatte und einzig und allein den 
Character der Bürgschaft berücksichtigte. Wenn auch sein 
Werk in sofern sich einer Mosnad näherte, dafs es dieselben 
Rubriken hat wie die Gesetzbücher, so enthält es doch auch 
Kapitel über die Koränexegese, über die Feldzüge des Moham- 
mad, über die alten Propheten u. dgl. m. Allein die Theologen 
galten ihm für die zuverlässigsten Ueberlieferer, und eine 
seiner Regeln war: jede Tradition als unächt zu verwerfen, 
welche gegen seine Begriffe von Orthodoxie kämpft. Somit 
fällt doch im Wesentlichen sein Corpus mit den Mosnads zu- 
sammen. Folglich, wenn Bochary eine Tradition verworfen 
hat, darf man daraus nicht schliefsen, dafs sie schlecht sei. 
Die Sammlung des Bochary enthält, mit Einschlufs der Wie- 
derholungen, 7275 Traditionen, mit Ausschlufs derselben 4000, 
und bildet einen ziemlich dicken Folioband. 



Hanyfa (f 150) und Ibn Hanbai (f 234) noch vorhanden und es 
sind keine grofse Studien nöthig, um den Zweck ihrer Sammlung 
zu ergründen. Von den älteren 'J'heologen l)aben wir keine Schriften 
und wahrsclieinlich liaben sie auch keine liinterlassen, sondern die 
für ihren Zweck nötiiigen Traditionen in Notizen und im Gedächt- 
nisse gesammelt; unterdessen die von ihnen gesammelten Tradi- 
tionen stehen, wie zuversichtlich anzunehmen ist, ziemlich vollständig 
in Bochary und andern ColKctionen. Wir sind dadurch in den 
Stand gesetzt, die Ansichten eines jeden derselben und die ganze 
Dogmengeschichte zu verfolgen. Das Studium der Dogmengeschichte, 
wenigstens in ilinn Ihiupttheilen, ist aber unerläfslich für das Ver- 
ständnifs des wissenschaftlichen Treibens jener Zeit. 



cm 



Moslim (f 26), ein Schüler des Bochary, veranstaltete 
eine Sammlung, in der er sich auf gesunde Traditionen 
beschränkte. Er bestrebte sich, den Bochary zu ergänzen 
und einen Istichräg dazu zu liefern; wenn er dieselben Tra- 
ditionen anführt wie Bochary, stützt er sie so viel als mög- 
lich auf andere ebenso zuverlässige Bürgen. In Spanien und 
im nördlichen Afrika schätzte man den Moslim, in Egypten 
und Asien den Bochary als die beste Sammlung. Für uns 
ist das Werk des Moslim, welches mit Einschlufs der Wieder- 
holungen 12000, mit Ausschlufs derselben 4000 Traditionen 
enthält, nützlicher als das seines Lehrers, denn es ist viel 
zweckmälsiger eingerichtet, indem in demselben eine Anzahl 
von Versionen ein imd derselben Tradition zusammengestellt 
werden. 

Die Sunniten halten aui'ser Moslim und Bochary auch 
die Sammlungen des Abu Dawüd (f 275), Tirmidzy (f 279) 
und Nasäy (f 303) für canonisch. Einige fügen den Ibn 
Maga (f 273) oder den Ibn Chozayma (f 311) hinzu. Ge- 
genwärtig wird diese Ehre ohne Widerrede dem ersteren zu- 
erkannt. Diese vier Sammlungen enthalten aufser gesun- 
den Traditionen auch „ziemlich gute", beziehen sich aber 
noch ausschliefslicher auf Theologie als .die der zwei Grofs- 
meister. 

Aufser den sechs canonischen Sammluncren giebt es noch 
eine Anzahl anderer, welche verschiedene Zwecke verfolgen. 
Einige sind Mostadrikät, Supplemente zu Bochary und Moslim, 
andere bemühen sich, das Traditionswesen zu erschöpfen, und 
wieder andere die bereits gesammelten Traditionen mittelst 
der Istichräg durch neue Bürgen zu unterstützen. 

Bisher habe ich von den Sammlungen der Sunniten ge- 
sprochen. Auch die Schyiten haben vier canonische Samm- 
lungen, sie haben aber wenig Werth; denn erstens ist die 
Pflege der Tradition unter ihnen sehr neuen Datums; zwei- 
tens halten sie ihre Imäme (Nachkommen des Alyy) für un- 
fehlbar, folglich gelten ihnen ihre Aussprüche für eben so 
heilig, wie die des Propheten, und drittens endlich haben sie 
zu allen Zeiten ihre Lehre durch Lügen und Fälschungen zu 
vertheidigen gesucht. Von Stockpersern haben wir auch nichts 
anders zu erwarten. 



CIV 



Nach meinem Urtheilc enthält die Sunna mehr Wahres 
als Falsches, während die Biographie mehr Falsches als 
Wahres enthält. Auch bieten uns die zahllosen Versionen 
einer und derselben Tradition die Mittel der Kritik ; ich halte 
daher die Sunna nach dem Koran und den Documenten für 
die zuverlässigste Quelle. In Bezug auf die Art und Weise, 
Traditionen zu gebrauchen, muls ich noch auf die Bemerkung 
in der Note S. 65 dieses Bandes aufmerksam machen. 



Die Koräncommentare. 

Wetzsteins Reisen im Hawrän liefern einen neuen Beweis 
(ältere Beweise sind die Ruinen von I*almyra und die Ge- 
schichte der Zcnobia), dafs die griechische und römische Kul- 
tur unter den nördhchen arabischen Stämmen einigen Fort- 
schritt gemacht habe. Chälid hat ihnen unter der Regierung 
des 'Omar auf seinem kühnen Zuge A^on ITyra am Euphrates 
nach Syrien den Islam aufgedrungen. Die Bekehrung dieser 
Stämme, wie auch solcher, welche früher das Judenthum (wie 
einige Ilimyariten) oder Christenthum bekannt hatten, wirkte 
wie Sauerteig auf die Gesanuntheit der Moslime und sie 
eilten mit einer Schnelligkeit ihrer Volljährigkeit entgegen, 
die in der Geschichte kaum ihres Gleichen hat. Das erste Stu- 
dium, welches sie aufgriffen, war das des Korans. Selbst wäh- 
rend der thatkräftigen Periode des lebendigen Glaubens, deren 
Repräsentant ' Omar ist, und während welcher der einzige Satz 
„Es giebt nur einen Gott und Mohammad ist sein Bote" 
um den man sich künnnerte, durch den Säbel bewiesen wurde, 
vertrieb sich das in Persien stehende Ileer die lange Weile 
eines Waffenstillstandes durch Disputationen über den Koran 
und es traten so grofse Meinungsverschiedenheiten an den 
Tag, dals es der Chalyfe zweckmäfsig erachtete. Befehle zum 
Vordringen ijegen den Feind zu schicken. Diese Armee fre- 
hörte aber grcHstentheils der ersten Generation an. In der 
zweiten Generation, welche im Islam erzogeii worden und 
weniger thatkräftig, aber viel fanatischer war als die erste, 
nahm die Kelh-xion überhand; man beschäftigte sich mit den 



cv 



cibsfeloitcten Sätzen und uiitcruforcliioteu Lehren, zöge Parul- 
lelen zwischen dem IslAni und den biblischen Glaubensbe- 
kenntnissen und suchte ihn so darzustellen, dal's er dein da- 
maligen Ideale einer Oli'enbarnng entspreche. 

Der Koran ist innerhalb zwanzig Jahren erschienen, wäh- 
rend welcher der Prophet manche äui'sere und innere Wand- 
lung durchmaclite; dennoch soll er das Wort Gottes und 
die ,,unwandelbare'^ Religion enthalten. Mohammad war zwar 
genöthigt, zuzugeben, dal's es Gott gefallen hat bisweilen tem- 
poräre Anordnungen zu trefi'en und sie dann später durch 
permanente zu ersetzen, aber es liegt im BegritFe eines gött- 
lichen Buches, dafs diese Fälle wenig zahlreich seien und 
dal's in den Lehrsätzen Uebereinstimmung herrsche. Dieser 
Forderung entsprechen Mohammads Orakel keineswegs, denn 
sie sind nicht aus einem Gusse hervorgegangen. 

Unter diesen Verhältnissen trat schon zwei Deccnnien, 
nachdem 'Othmän den Koran edirt hatte, die Nothwendigkeit 
ein, dessen Widersprüche durch die Künste der Exegese weg- 
zuerklären und ihn mit den unterdessen aufgewachsenen Grund- 
sätzen der Theologie in Einklang zu bringen. Wenn die 
Zeit solche Aufgaben stellt, beeifert sich immer die ganze 
Gesellschaft, sie zu lössen; imterdessen je ungebildeter die 
Menschen sind, desto geringer ist die individuelle Verschie- 
denheit und desto mehr niüiern sie sich den Heerdenthicren. 
Sie folgen durch Dick und Dünn einem Leithammel, wo- 
durch sie in den Stand gesetzt werden, Grol'ses zu leisten. 
Im gegebenen Falle waren Alle bestrebt, den Koran als das 
Wort Gottes darzustellen, Alle halfen durch Dichtungen und 
Erklärungen nach wo es Noth that, und Alle waren bereit 
die Dichtungen und Erklärungen Anderer hinzunehmen, wenn 
sie besser waren als ihre eigenen; denn der Ideeukreis war 
so eng, dal's sich kein grofser Unterschied herausstellte ^). 



') Wer sich nicht gutwillig in die von der öffentlichen Meinung 
und dem Staate als richtig ant-rkannte Lehre fügte, wurde dazu ge- 
zwungen, wie wir aus folgendem Beispiele ersehen. Zayd b. Wahb 
(f nach 80) erzählt bei Bochäry S. 18!» und 672: „Ich ging bei 
Abu Dzarr vorüber als er zu Rabadzu wohnte, und fragte ihn: 
Was bat dich in dieses Nest gebracht? Er antwortete: Ich war in 



CVI 



Als den Leithammel in der Koränexegese betrachte ich 
den Ihn 'Abbäs (f 68). Er war ein Vetter des Mohammad 
(ihre Väter waren Brüder) und wurde in der bedrängnils- 
vollen Zeit, als sich die Häschimiten zur Vertheidigung des 
Propheten in ihren Stadttheil zurückgezogen hatten, in Makka 
geboren. Beim Tode des Propheten war er 13 Jahre alt und 
lebte in Madyna. In A. H. 27 soll er den Feldzug nach dem 
nordwestlichen Afrika mitgemacht haben ; in 35 vertrat er den 
Chalyfen beim Pilgerfest imd Alyy ernannte ihn bald darauf 
zum Gouverneur von Ba^ra; in 40, nach dem Tode des Alyy, 
zog er sich in das Privatleben zurück und lebte zu Täyif 
ganz dem Studium. Er war ein Mann von kräftigem Körper- 
bau, klarem Verstand und energischem Auftreten, anmafsend, 
dabei aber klug und versöhnlich, und als die Omayyiden 
über seine Verwandten den Sieg davon getragen hatten, ver- 
liei's er die letzteren und genofs die reichlichen Einkünfte und 
den Einflul's, welche ihm die ersteren zuwiesen. Er war der 
Mann seiner Zeit und beherrschte sie in geistlichen Dingen, 
die Politik den Stärkeren überlassend. 



Syrien (Damascus) und las die Worte des KorÄn 9, 35: „Drohet 
Denen, welche Gold und Silber sammeln und es nicht auf dem 
Pfade Gottes ausgeben , eine peinliche Strafe". Mo äwiya sagte 
darauf: Dies bezieht sich insbesondere auf die Christen ! Ich aber 
erklärte: Es bezieht sich auf uns und auf sie! Dies führte zu einem 
Streit zwischen uns und er verklagte mich durch einen Brief bei 
'Othraän. Der Chalyf befahl mir, nach Madyna zu kommen. Hier 
besuchten mich so viele Leute^ dafs es schien, als ob sie mich nie 
gesehen hätten. Ich erzählte es dem 'Othmän und er sprach: Du 
kannst dich ja nach einem Orte zurückziehen, wo du aus dem Wege 
und doch nahe bist! Das ist es, was mich hieher gebracht hat. 
Wenn sie einen Abyssinier zu meinem Vorgesetzten machten, so 
wurde ich dennoch gehorchen." 

Was den Abu Dzarr anbetrifft, so wird seine Orthodoxie, d. h. 
Uebereinstimmung mit der Staatslehre, zwar von den Sunniten nicht 
angegriffen, aber die Mystiker und die Schy'iten wissen so viele 
Traditionen von ihm zu erzählen, welche die Sunna nicht anerkennt, 
und er steht in so grofsem Ansehn bei diesen zwei Sekten, dafs 
es scheint, er habe in manchen Dingen eigenthümliche Ansichten 
gehabt. 



cvn 



Selbst als er sicli noch in den öflentlichen Geschäften 
bewegte, war seine Ausgleichung der Widersprüche des Ko- 
rans so weit gediehen, dal's Ibn Masüd (f 32), sein Vor- 
gänger im Lehramte, anerkannte, er sei der Erklärer (Tar- 
gumän) des heiligen Buches, und der Sohn des 'Omar wies 
Leute, welche ihn um Aufklärung dunkeler Koranstellen frag- 
ten, an ihn. Als er sich ganz dem Lehramte widmete war 
sein Ansehn so grofs, dai's Täwüs (f lOÜ) erklärte: Ich kannte 
siebenzig (jüngere) Zeitgenossen des Propheten, welche, wenn 
sie auf Schwierigkeiten stiefsen, sich an Ibn Abbas um Auf- 
schlufs zu wenden pflegten. Aus einer anderen Tradition er- 
fahren wir, dal's sich darunter der eben so grofse Lehrer und 
Lügner Abu Horayra befand. Aus diesem Zusammenhalten 
und dieser Aufopferung der eigenen Ueberzeugung, sobald 
einmal Jemand eine zweckmäfsigere Lehre aufgestellt hatte, 
erklärt sich die Uebereinstimmung der ältesten Traditionen. 

Merkwürdig ist, dafs Ibn Abbäs einige Studien machte. 
Er revidirte sein Koränexemplar unter dem Beistande des 
Zayd, welcher den ofßciellen Text redigirt hatte, nahm die 
Recensionen des Ibn Mas'üd und Obayy und den Text des 
Abu Müsä Asch'ary zu Hilfe ^) und ging so weit, dafs er nicht 
nur die Verse, sondern auch die Wörter und Buchstaben des 
ganzen Buches zählte (Itkän S. 154). Die Tradition, beson- 
ders die Dichtungen und Legenden seiner Zeit, haben wohl 
Wenige so gut gekannt als er. In der arabischen Poesie 
war er so wohl bewandert, dals Leute, die sich ausschliefs- 
lich damit befafsten, ihn um Aufschlufs fragten. Diese Kennt- 
nifs war ihm nothwendig, nicht zur Erklärung des Korans, 
denn die Sprache seines Vetters war auch die seinige, wohl 
aber zur Verdrehung. Wenn eine Koränstelle nicht in das 
System pafste, mufste ein Wort in dem Dialect der Banü 
Tamym oder der Himyariten, oder gar der Aethiopier auf- 



') Dasselbe thaten auch die Exegeten Abu Abd al-Rahmän 
Solamy und Abu Aliya Riyäby (Dzobaby, Tahdzjb unter Zayd). 
Dieser Umstand giebt den Erklärungen des Ibn 'Abbäs und seiner 
Schüler, wie willkürlich sie auch sein mögen, einigen Werth für die 
Bestimmung der Vocalisation des Korans, doch haben sie sich auch 
bierin grofse Freiheiten genommen (vergl. Bd. II S. 20 Note). 



cvni 



gefalst werden, damit sie den recliten Sinn gebe. In solchen 
Fällen nun belegte man die Behauptung gern mit Versen, 
ül) inuiier mit ächten, ist freilich die Frage. Band II S. 22 
iS'ote enthält ein Beispiel solch gezwmigener Erklärung; die 
Schüler bewunderten in solchen Fällen weder den Scharfsinn 
noch die Keckheit des Lehrers, sondern die Weisheit Gottes, 
welcher es gelungen ist, den Sinn so mysteriös auszudrücken, 
denn die Theologie hatte schon jene erfreulichen Fortschritte 
gemacht, dafs man gesunden Verstand für Menschenverstand 
ansah und von Gott das Entgegengesetzte erwartete ^). 

Den wichtigsten Theil seiner Vorbildung machten jedoch 
nicht diese, sondern ganz andere Kenntnisse aus. Ibn Chal- 
dün (Proleg. edit. Quatremere Bd. 11 S. 392) sagt in Bezug 
auf seine Zeit und seine Schule: Die Araber waren ein Volk 
t)hne Schriftthum und ohne Wissenschaften, dabei roh und 
unwissend. Als in ihnen das Verlangen nach jenen Kennt- 
nissen erwachte, welche ein Bedürfniis des menschlichen Gei- 
stes sind, als: Aufschlufs über die letzten Ursachen der 
Dinge, über Cosmogenie und die Geheimnisse der Schöpfung, 
wandten sie sich an die Gemeinde, welche schon vor ihnen 
das Buch (eine göttliche Offenbarung) besafs, imd hielten 
sich an ihre Mittheilungen. Diese Gemeinde kann als die 
der Anhänger der Thora bezeichnet werden, denn sie besteht 
aus Juden und solchen Christen, welche ihrem Glauben folgen. 
Die Anhänger der Thora aber, welche unter den Arabern lebten, 
waren ebenso unscebildet als die Araber selbst und sie be- 
sal'sen von allen diesen Dingen keine andern Kenntnisse, als 
der gemeine Haufe der Schriftbesitzer eben hat. Am geach- 
tetstcn unter ihnen waren die Iliniyariten, welche sich zum 
Judcnthum bekehrt hatten. Obschon diese Leute, als sie 



') Es ist sehr bezeichnend für den Geist der Moslime, dafs 
sie, ungeachtet der Aufmerksamkeit, welche sie schon in so früher 
Zeit dem Studium des Korans widmeten, doch über die Monogramme, 
welche am Anfang von Suren stehen, wie A. L. M., durchaus keine 
befriedigende Auskunft zu geben wissen. Wenn meine Erklärung 
des Monogramms zu Sura 10 „Jesus Nazarenus Rex Judacorum'' 
richtig ist, so begreifen wir die Ursache. Ibn Abbäs und seine Zeit- 
genossen wollten die wahre Erklärung nicht geben. 



CIX 



zum Mohammadanismus übergingen, die Dogmen streng be- 
wahrten, so hielten sie doch immer in Dingen, welche mit 
den Dogmen nichts zu thun haben, an ihre Lehren, nament- 
lich an ihre Erzählungen über den Anfang der Welt und die 
alten Propheten, an ihre Weissagungen von künftigen Ereig- 
nissen und Blutbädern" *). Der Lehrer des Ibn Abbas in 
jiidischen Ijcgenden warKab, ein Ilimyarite von Geburt imd 
ursprünglich ein Jude von Religion "). Ibn Abbas wufste 
diese elastischen Materialien für seine Zwecke zu benutzen. 
Schon Mohammad hat mehr jüdische Legenden und An- 
spielungen auf Cosmogenie, z. B. auf den Lehrsatz : dals Alles 



') Ihn Chaldün zieht gegen die alten historischen Koräncom- 
tiientare zu Felde und preist die scholastischen, besonders den des 
Zamachschary, in welchem die jüdischen Cosmogenien und Legenden 
über den Ursprung der Dinge nicht vorkommen, dafür aber philo- 
sophische Ansichten über diese Gegenstände. Der geistreiche Ge- 
schichtsphilosoph geht in seinem Urtheile in diesem Falle nicht über 
seine Zeit hinaus. Wäre er nicht in der scholastischen Philosophie 
befangen gewesen, so würde er gesehen haben, dafs die Philoso- 
pheme über die letzten Ursachen der Dinge und die Legenden sich 
nur in der Form von einander unterscheiden und denselben Grund- 
gedanken enthalten ; die Geschichte der Philosophie hätte ihn be- 
lehrt, dafs sie beide aus derselben (Quelle fliefsen , denn der Theil 
der moslimischen Philosophie, auf den er hier anspielt und welcher 
Falakyyät geheifsen wird, ist fast unverändert dem Balynus (Pseudo- 
Apollonius), einem christlichen Philosophen, entnommen. 

') Ka'b war aus Yaman gebürtig, legte unter Abu Bakr, als 
diese Provinz wieder erobert wurde, das Glaubensbekenntnifs ab 
und kam nach Madyna. Er wird wegen seiner grofsen Kenntnisse 
der biblischen Legenden und wegen seiner Geschicklichkeit, neue 
zu erfinden, Ka'b al-Ahbär „der Rabbiner -Ka'b" geheifsen. Ibn 
'Abbas fragte ibn einst: warum er sich nicht schon zur Lebzeit des 
Propheten bekehrt habe, und er antwortete: Mein Vater schrieb ein 
Buch für mich, welches einen Auszug aus dem Pentateuch enthielt, 
versiegelte seine übrigen Bücher und sagte: Handle diesem Buche 
gemäfs, gieb mir aber das Versprechen, das Siegel nicht zu er- 
brechen und die andern Bücher nicht zu lesen. Als der Islam er- 
starkte und ich zu der Erkenntnifs kam , dafs sich nichts dagegen 
einwenden lasse, öffnete ich das Siegel. Ich fand, dafs das ver- 
schlossene Buch der Pentaleuch war und dafs es eine umständliche 



CS 

aus Wasser entstehe, in den KorAn einfliefsen lassen, als klug 
war; es war daher die Aufgabe der Exegese, seine Behaup- 
tungen zu vertheidigen, und sie konnte nichts Besseres thun 
als aus derselben Quelle schöpfen. Ibn 'Abbäs hat dieses 
gethan; er benahm sich aber nicht als ein blolser Nachbeter 
jüdischer Legenden, sondern änderte sie nach Gutdünken, 
brachte sie in Uebereinstimmung mit moslimischen Begriflfen 
und nöthigte seine Lehren mit despotischer Macht seinen Zeit- 
genossen, ja selbst seinem Lehrer Kab auf. Tha'laby (Ge- 
schichte der Propheten, Ms. des Sir H. Rawlinson fol. 2 und 
8) erzählt einen characteristischen Fall : Es kam ein Mann zu 
Ibn 'Abbäs und sagte : Ich habe etwas recht Sonderbares von 
Kab sehört in Bezug auf die Sonne und den Mond. Ibn 
Abbäs, welcher mit untergeschlagenen Beinen an ein Kissen 
gelehnt safs, fragte : Was hast du gehört ? Er antwortete : 
Kab glaubt, dals die Sonne und der Mond am Tage der 
Auferstehung wie zwei verwundete Stiere hergeschleppt und 
in die Hölle geworfen werden. Ibn Abbäs war wüthend 
über diese Worte, verwünschte den Rabbiner, welcher jüdische 
Lehren in den Islam einschwärzen wolle, und trug seine 
eigene Lehre vor, welche er vom Propheten gehört zu haben 
behauptete. Als 'Ikrima und andere Schüler des Ibn 'Abbäs 
dem Kab den Vorfall erzählten, fand er es zweckmäfsig, dem 
Anathem, welches der Vetter des Propheten gegen ihn schleu- 
derte, zu weichen. Er begab sich eilends zu ihm und sagte: 
Ich habe gehört, wie sehr dich meine Angabe bestürzt habe. 
Ich mui's zwar bekennen, dafs ich mich nicht auf den Koran, 
noch auf eine Erzählung des Propheten gestützt habe — Gott 
möge mir verzeihen — allein ich habe sie nicht erfunden; ich 
habe sie einem veralteten abrogirten Buche entnommen, von 
dem ich nicht zu bestimmen vermag, ob es nicht Verfäl- 
schungen der Ungläubigen und Juden enthalte: Du hin- 
gegen hast deine Angabe aus dem Buche eines neuen Bun- 
des mit dem Kahmän, wodurch frühere Bücher abrogirt 

Beschreibung des Propheten und seiner Kirche enthalte. Er Hefa 
sich später in Homi,' nieder, wo er A. H. 32 starb. 

Ein Sekretär des Ibn Abbus liiefs Yazyd b. Hormoz (vergl. 
Mischkät S. 340). 



werden, und von dem gröfsten aller Propheten entnommen ^). 
Sei so geföllig und theile mir mit, was du deinen Schülern 
über die Sonne und den Mond gelehrt hast, und wenn 
ich wieder über diesen Gegenstand spreche, will ich Das, 
was ich von dir höre, vortragen, und nicht meine eigene 
Lehre ^). 

Einer Tradition bei Balädzory zufolge erklärte zwar Ibn 
'Abbäs, dals er weder der Kirche (Milla) des 'Alyy, noch der 
des ' Othman folge , sondern der des Mohammad ; auch soll 
er einige Koränauslegungen nur seinen intimsten Freunden 
mitgetheilt und gesagt haben: Wenn ich Alles lehrte, würden 
mich die Leute steinigen! Dennoch glaube ich, daCs er sich 
nicht einen Plan vorlegte und darnach arbeitete; aus den von 
ihm überlieferten Traditionen geht vielmehr hervor, dafs er 
von einem Punkte zum andern getrieben wurde und dafs all- 
mälig unter seinen Händen ein ziemlich consequentes System 
entstand. Der leitende Gedanke seiner Studien war selbstver- 
ständlich die Theologie. Hierin ist er weit entfernt von den 
natürlichen Gefühlsanschauungfen des Ibn Masüd. Er ver- 
gleicht, wendet Spitzfindigkeiten und selbst Gelehrsamkeit an. 
Es ist recht bezeichnend, dafs er von seinen Zeitgenossen der 
arabische Hibr (Rabbiner) genannt wurde, denn er war der 
erste, welcher den Islam dialectisch zu begründen suchte. Wir 



') Mokätil hat diese Erzählung von Ikrima, dem Clienten des 
Ibn 'Abbäs, vernomoien und höchst wahrscheinlich schriftlich hinter- 
lassen. Es ist daher auch der Wortlaut von einigem Werth. Diese 
Stelle, welche eine Idee enthält, die im Islam nicht ausgebildet 
wurde, verdient daher im Original wiedergegeben zu werden: y5o! 
Lyj^l i-X~yw .•j^* ,i?wk*-Li ...l^-^'lj ^r*^^ vi/^.^A:> v-jLxi ^c c:^iiA5*. 

') Es unterliegt keinem Zweifel, dafs Ibn 'Abbäs und seine 
Zeitgenossen die Legenden der Juden sehr veränderten ; dennoch 
glaube ich, dafs die Ueberlieferung derselben durch die Moslime für 
die Religionsgeschichte der Juden in Arabien einigen Werth hat. 
Nach Ibn 'Abbäs und Ka'b stand ein anderer jüdischer Lehrer, Wahb 
b. Monabbih (f bald nach 110) aus Yaman, in diesem Gebiete auf, 
welcher, wie es scheint, etwas unabhängiger war als Ka'b, und die- 
sen drei Männern verdanken wir den gröfsten Theil der von den 
Moslimen aufbewahrten Legenden. 



CXII 



haben bereits s^esehen, dafs, während Ibn Mas' üd das Schrei- 
ben verboten hat, Ibn Abbäs eine sehr grol'se Menge von 
sreschriebenen Notizen hinterheis. Er beschränkte sich in 
seinen theologischen Forschungen nicht darauf, diese oder 
jene Lehre auszubilden, sondern berücksichtigte die Tragweite 
einer jeden, bemühte sich Widersprüche zu lösen und stellte 
sich auf die Gesichtspunkte der Polemik. Wenn er auch 
sehr weit ging in der Milsachtung der historischen Wahrheit, 
so stand er doch, selbst nach dem Hinscheiden der alten Zeit- 
genossen, der Zeit des Propheten so nahe, dafs er manche 
Thatsache, welche später geleugnet wurde, zugab. Als Bei- 
spiel verweise ich auf seine Bd. II S. 60 angeführte Bürg- 
schaft für Mohannnads Rückfall zum Heidenthum. 

Das Lehramt wurde damals sehr hoch geschätzt und seine 
hervorragende sociale Stellung hinderte den Ibn 'Abbäs nicht, 
als Lehrer zu wirken. Balädzory, welchem wir die vollstän- 
digste Biographie dieses Mannes verdanken, giebt uns einige 
unerwartete Aufschlüsse über seine Thätigkeit. Einst erklärte 
er vor einer Volksversammlung (Mawsam) die 24. Süra. In 
Bapra hielt er Vorträge über die zweite Süra. In seinen re- 
gelmäfsigen Vorlesungen sollen die Rechtsgelehrten, Koran- 
kundigen , Dichter und Genealogen besondere Gru])pen ge- 
bildet haben. Vielleicht hielt er sich an die jetzt noch übliche 
Sitte, dafs hochgestellte Gelehrte zu gewissen Stunden des 
Tages in dem Hofraum ihres Hauses, oder einer Moschee, Je- 
dermann empfangen und wissenschaftliche Fragen beantworten. 
Das zahlreich besuchte Maglis horcht mit Ehrerbietigkeit 
auf ihre Worte. Gleichviel, ob Ibn Abbäs diese Gewohnheit 
hatte oder nicht, so viel geht aus verschiedenen Nachrichten 
hervor, dafs er schriftlich und mündlich mit Fragen bestürmt 
wurde. Er war auch sehr ausdauernd im Unterrichten, und 
Mogähid (f 102, S3 Jahre alt) erzählt, er sei mit ihm drei- 
mal den ganzen Koran durchgegangen, sei bei jedem Worte 
stehen geblieben und habe sich den Sinn erklären lassen 
(Wähidy, Asbäb 2, 22;}; Atyya S. 11 ; falsch bei Hagiy Chal. 2 
S. 835). Auf diese Weise gewann Ibn Abbäs sehr grol'sen 
Einfluls auf die Entwickelung der Theologie; er wurde der 
Gründer der Koränexegese und hierin das Voibild der nieist<'n 
seiner Na(hfo]<;er währi'ud der ersten vier Jahrhunderte. Es 



CXIII 



gab zwar schon in früher Zeit Männer, welche unfähig waren 
dem gesunden Menschenverstände so viel Gewalt anzuthun, als 
die Theologie forderte, und den Koran anders deuteten. Von 
diesen aber sagt Thjilaby in der Vorrede zu seinem Korän- 
commentar, dal's sie Ketzer luid Ungläubige sind und nicht 
benutzt werden dürfen. 

Im dritten Jahrhundert gab es mehrere Koräncommen- 
tare, welche dem Ihn 'Abbäs zugeschrieben wurden, als: 

1. Der Text des 'Ikrima (f 107). Er war ein Berber von 
Geburt, verfiel in die Sklaverei und kam in den Besitz des Ibn 

Abbas, welcher ihm seine Freilieit gab. Im Takryb wird er der 
Lüge beschuldigt, aber sein Text hatte Werth, weil er Zutritt zum 
Nachlafs seines Herrn hatte. Er erzählt bei Oyün alathar Nr. 122 
S. 517: Ich habe diese Schrift (Kitab) unter den Schriften (Kotob) 
des Ibn 'Abbäs gefunden und sie abgeschrieben. Es stand darin: 
der Prophet schickte den 'Olä b. Hadhramy zu Mondzir b. Säwä 
und schrieb an ihn w\e folgt etc. Da dieser Nachlafs unter der 
Verwahrung des Karyb (f 98) in dem Hause, in welchem Müsä 
b. Okba (f 140) lebte, deponirt war, haben ihn wahrscheinlich auch 
Andere benutzt. Der Text des Ikrima wurde von dessen Schüler, 
dem Grammatiker Yazyd (f 131), überliefert und dann von Hosayn 
b, Wäkid (f 157 oder [)), in dessen Hände er wahrscheinlich seine 
definitive Gestalt erhielt. Diesen Text führt Soyüty im Itkän S. 20 
für die Reihenfolge der Suren an. Dieses Citat ist deswegen inter- 
essant, weil daraus hervorgeht, dafs Yazyd nicht nur durch Ikrima, 
sondern auch durch Hasan b. Aby Hasan (f 113) Traditionen von 
Ibn 'Abbäs diesem Texte einverleibt habe. 

2. Der Text des "Awfy, d. h. 'Atyya b Sad (f 111). Er mag 
den Ibn 'Abbäs gekannt haben, aber gewifs hat er seine Korän- 
erklärungen nicht durch persönliche Mittheilungen von ihm erhalten. 
Dieser Text wurde von den Nachkommen des 'Atyya fortgepflanzt 
und noch circa A. H. 400 von Mohammad b. Sad b. Moli. b. Hasan 
b. 'Atyya gelehrt. 

3. Der Text des 'Alyy b. Aby Talha Wäliby (f 143). Die 
Ueberlieferung dieses Traditionisten gilt für die beste und wurde 
auch von Bochäry benutzt, aber der Text ist wohl von seinem 
Schüler 'Abd Allah b. Cälili zusammengestellt und von dessen Schüler 
Därimy (f 280) vollendet worden. 

4. Der Text des Abu Mohammad Bakr b. Sahl Dimyaty. Wie 
es scheint, ist dieses ein Schriftsteller des vierten Jahrhunderts, der 

iti. b 



CXIV 



die Arbeit eines früheren kritisch sichtete und ergänzte. Abu Mo- 
hammad Müsä b. 'Abd al-Rahman Can'äny hat nämlich in der 
letzten Hälfte des zweiten Jahrhunderts aus den Commentaren des 
Ibn Gorayg (f 150), eines Schülers des 'Ata b. Aby Rabah (f 114), 
und des Mokatil b. Solayman (f vor 160), eines Schülers des Dhah- 
häk (f 100 oder 102) die Traditionen des Ibn 'Abbäs ausgezogen 
und diese Arbeit liegt dem Texte zum Grunde. 

5. Der Text des Mohammad b. Säyib b. Kalby (f 146), wel- 
cher seine Mittheilungen von Abu (^i\Vü\ b. Badzan, der ein Schüli'r 
des Ibn 'Abbas war, erhalten, und zwar, wie es scheint, schriftlich. 
Kalby fügte so viele eig(;ne Erklärungen hinzu, dafs sein Conimentar 
im Fihrist als ein unabhängiges Werk angesehen wird. Er war sehr 
gelehrt in der Geschichte und Genealogie (siehe weiter unfcn) und 
wurde von Küfa, seiner Fleimath, nach Ba(;ra berufen, um dort Vor- 
lesungen über den Koran zu halten. Seine Zuhörer schrieben seine 
Erklärungen nieder. In der neunten Sura gab er einem Verse einen 
ganz andern Sinn als wie er gewölmlicli aufgefafst wurde und die 
Zuhörer weigerten sich, seine Deutung niederzuschreiben. Er aber 
sagte: er werde nicht weiter erklären, wenn sie nicht schreiben. Abu 
Solayman, welcher den Kalby berufen hatte, rieth ihnen, Alles zu ver- 
zeichnen und dann daraus zu nelunen was sie für gut hielten. Von 
dem Texte gab es drei Versionen, a) Die des Mohammad b. [AJju?] 
Kadhäyil, eines Schülers des Kalby. Sie wurde von zwei Schaychen 
ohne wesentliche Verschiedenheit fortgepflanzt. Mohammad b. Fad- 
hayil scheint also die Collegienhefte des Kalby in ein Buch ver- 
wandelt zu haben, b) Die des Yusof b. Bilal Sa'dy, welcher die 
Vorträge des Kalby durch Mohammad b. Marwan Soddy (f 189) 
erhalten hatte, c) Die d(;s Ilayyan b. 'Alyy Anezy, eines Schülers 
des Kalby. Ob diese drei Versionen stark von einander abweichen, 
ist uns unbekannt. Nach den Citafionen zu schliefsen, war der 
Unterschied nicht grofs. Dieser Text, besonders in der Version des 
[jüngeren] Soddy, wird von den Mosliinen sehr ungünstig beurtheilt 
und „Soddy von Kalby von Abi Qalih" wird die Lügenkette ge- 
nannt. Wir dürfen uns daran nicht stossen, denn eine Ursache ist, 
dafs sie sich nicht so enge an das herrschende System hielten, wie 
Andere. 

nischiim , der berühmte Genealog, ein Sohn des Kalby (des- 
wegen gewöhnlich Ibn Kalby genannt), verfafste eine Monographie 
über die Völker und Stämme, auf welche im Korjin Anspielungen 
vorkommen. 

0. Ein Text hiefs Tafsyr (,'aliliy, weil ihn (,"alih b. Mo- 
hammad Tirniidzy, ein Schüler des Kalby, aus früheren Quellen 



cxv 



und mündlichen Nachrichten gesammelt hat. Es gab zwei Ver- 
sionen davon , wovon die eine 4ü()0 Traditionen mehr enthielt als 
die andere. 

Um über das Entstehen solcher posthumen Werke einen 
BegriÖ' zu geben, erwähne ich, dals ein Gelehrter circa 
A. H. 400 einen Korancommentar „des Propheten" heraus- 
gab. Er hat aus den ihm zu Gebote stehenden Quellen die 
Aussprüche des Mohanmiad gesammelt, welche auf den Sinn 
des Korans Licht werfen, und dem Buche diesen Titel gegeben. 
Die Commentare des Ibn 'Abbas sind entstanden, indem die 
Notizen seiner Schüler zu Heften und die Hefte zu Büchern 
anwuchsen. Dieses geschah innerhalb zweier oder dreier 
Generationen. Jeder fügte von andern Schaychen auf die 
Autorität des Ibn A.bbäs erzählte Ueberlieferungen hinzu und 
unterschob Eigenes. Diese Willkür dauerte fort als schon 
das Buch die erste Redaktion erhalten hatte, und daher die 
verschiedeneu Versionen. Wir begreifen nun, wie es kommt, 
dafs bisweilen eine und dieselbe Koränstelle in einem dem Ibn 
Abbäs zuoreschriebenen Commentar eine diametrisch entgeo-en- 
gesetzte Erklärung findet, als in einem andern. Dennoch unter- 
liegt es keinem Zweifel, dafs sie vieles von dem von Ibn 'Abbäs 
gesammelten Stoffe enthalten. Ich habe zwei Commentare 
gesehen, welche den Namen des Ibn Abbäs tragen, wenn 
sie aber auch nur in dem beschränktesten Sinne des Wortes 
acht sind, so sind sie sehr abgekürzt. 

Ich nenne nun verlorene Koräucommentare der ältesten 
Periode, ^veil sie sehr oft citirt w^erden, doch mit dem Be- 
merken, dafs die frühesten davon ebenfalls erst im Verlaufe 
der Zeit aus Collegieuheften entstanden sind. Man darf mit 
Sicherheit annehmen, dafs die Exegeten früher und häufiger 
die Traditionen aufschrieben als die Bearbeiter der Sunna, 
aber auch dals sie viel weniger kritisch und wahrheitslie- 
bend waren. 

1. Unter den Schülern des Ibn Abbäs, welche selbstständig 
auf demselben Felde fortarbeiteten, gebührt dem Mogähid b. Gabr 
(geb. A. H. '21, f 100 oder 103) der erste Rang; er wird von Män- 
nern wie Bochäry als entscheidende Autorität angeführt. Er hielt 
sich so enge an seinen Meister, dafs sein Commentar im Fihrist 

h* 



CXVI 



dem Ibn 'Abbäs zugeschrieben wird. Es scheint, dafs er freie Vor- 
träge hielt, seine Schüler aber schrieben sie nieder (vergl. On the 
Origin and progr. Nr. 68). Dieses war jedoch damals so unge- 
wöhnlich, dafs es einiges Aufsehn erregte. Von dem Commentar 
des Mogähid gab es vier Texte : a) Der Text des Ibn Aby Nagyh 
(f 131), eines Schüler des Mogahid; dieser Text wurde von meh- 
reren Schülern' des Ibn Aby Nagyh fast gleichlautend fortgepflanzt, 
wie von 'Ysä b.Maymün, Moslim b.Chaüd Rangy und Warkä (blühte 
um 160), b) Der Text des Ibn Gorayg (f 150), welcher auch ein 
Schüler des Verfassers war. c) Der Text des Layth, ebenfalls ein 
Schüler des Mogahid. d) Der Text des Homayd b. Kays (f 130). 

2. Dhahhäk b. Moziihim (f 100 oder 103). Nach Einigen 
hat er den ibn Abbäs gehört, nach Andern nicht Sein vorzüg- 
lichster Lehrer war Ibn (xobayr (f 1)5), einer der eifrigsten und zu- 
verlässigsten Sammler von Traditionen, welcher erzählt: Ich hörte 
Nachts von Ibn Omar und Ibn 'Abbäs Traditionen und notirte sie 
auf meine Stiefel , am näclisten Morgen schrieb ich sie in's Reine. 
Von den Vorträgen des Dhahhuk gab es fünf Texte: a) Der grofse 
vollständige Text wurde von Gowaybir b. Sad Balchy, einem 
Schüler des Dhahhäk, redigirt. b) Der Text des Alyy Ibn Hakam. 
c) Der Text des Obayd b. Solaymän (Salmän?) Bähily. d) Der 
Text des AIjÜ Rawk b. Härith, welcher im Fihrist als ein selbst- 
ständigcs Werk genannt wird, e) Der Text des Nahschal. 

3. Ata b. Aby Rabäh (f 114 oder 115). 

4. 'Ata b. Aby Moslim Chorasäny (f 135). Seine Arbeit 
wurde von seinem Sohne Othmän überliefert. 

5. 'Ata b. Dynär (f 126). Er hat viele Traditionen aus dem 
Hefte (cahylä) des Sa'yd Ibn Gobayr (f 04 oder 95) entnommen. 
Weil sie ihm nicht mündlich mitgetheilt wurden, wird ihm dieses 
zum Fehler angerechnet. Im Fihrist wird der Commentar des Ibn 
Gobayr als ein selbstständiges Werk genannt.« 

6. Hasan Ha«;',ry (f 110). 

7. Katäda b. Di'äma (f 117). Es sind folgende Texte vor- 
handen: a) von Chäriga b. Mo(;'ab Sarachsy (f 168); er war nicht 
ein Schüler des Katäda, sondern erhielt sein Buch durch Sa'yd Ibn 
Aby 'Arüba (f 156 oder 157) und schaltete tausend Traditionen 
ein; b) von dem Grammatiker Schaybän b. 'Abd al-Ralimän, einem 
Schüler des Katäda; c) von Ma'mar; dieser Text wurde von Mo- 
hammad b. Thawr fortgepflanzt; d) von Sa'yd b. Baschyr. 

8. Abu 'Äliya Rofay Riyähy (f 00 oder 03) und Raby' b. 
Atias (f 140). Der letztere war ein Schüler des ersteren, sammelte 



CXVII 



seine Vorträge inid fügle neue Traditionen liinzu. Hägiy ChalyfH 
Bd. 2 S. 334 sagt: „Der ungefähr A. H. 20 verstorbene Obayy b. 
Ka'b liinterliefs eine grofse Schrift, welche von Abu Ah'ya dem 
Raby' b. Anas, und von diesem dem Abu Ga'far Räzy überliefert 
wurde. Diese Isnad ist gesund." Die Angabe bedarf der Be- 
stätigung. 

l). Abu Ga'far Razy (f IGO); vielleicht identisch mit Abd 
Allah b. Obayd Allah Razy, welcher in der Prophetengeschichte 
des Tha'Iaby fol. 80 citirt wird. Ein Schüler dieses Räzy war 
A'masch. 

10. Mohammad b. Ka b Koratzy (geb. 40, f 117 oder 120). 
Dieser Comrnentar wurde von dem Biographen des Mohammad, 
Abu Ma' schar (f 170), überliefert und von allen Biographen häufig 
benutzt. 

11. Mokätil b. Hayyän (f vor 150). 

12. Mokatil b. Solayman (f vor 160). Er sammelte die Tra- 
ditionen von dreifsig Schaychen. Es wird ihm der Vorwurf gemacht, 
jafs er sich von jüdischen Gelehrten unterrichten liefs. Texte: 
a) von Habyb b. Aby Cälih Dendäny; b) von Ishäk b. Ibrähym 
rhalaby; c) von Abu '0(jma. Sowohl Abu 'O^ma als die zwei 
vorhergehenden waren Schüler des Mokätil. 

13. Soddy (f 127). Scha by tadelt ihn wegen seiner Boruirtheit. 

14. Hosayn (Hasan?) b. Wäkid Wäkidy von Marw (f 157 
oder 159); er verfafste auch ein Buch über die abrogirten Verse im 
Koran. Ibn Chaldün Bd. 2 S. 392 erwähnt diesen Wäkidy, scheint 
aber zu glauben, dafs er identisch sei mit dem Biographen und 
Geschichtsschreiber, was ein Irrthura ist. 

15. Ibn Gorayg (f 150). 

16. Sofyän Thawry (f 161). Auf seinem Todtenbette befahl 
er dem Vollstrecker seines Testamentes, seine Bücher nach seinem 
Tode zu verbrennen, was auch geschah. Abu Hodzayfa (f 220) hat 
den Comrnentar, wie es scheint nach seinen eigenen Collegien- 
heften, fortgepflanzt. 

17. Sofyän b. 'Oyayna (f 198). 

18. Waky b. Garräh (f 196 oder 197). 

19. Schi bl b.'Obbäd Makky (t 148). Ueberliefert von dem 
unter Nr. 16 erwähnten Abu Hodzayfa. 

20. Warkä b. 'Omar blühte um die Mitte des zweiten Jahr- 
hunderts. 

21. Zayd b. Aslam (f 136). Der Verfasser des Fihrist sah 
eine von Sakry geschriebene Handschrift dieses Commentars. 



CXVIII 

22. 'Abd Allah Ibn Wahb Koraschy (f 107). 

23. Mohammad Bäkir (f 110), eine schy itische Autorität. Ob 
die noch vorhandene ihm zugeschriebene Exegese acht sei, wage 
ich nicht zu bestimmen. Sein Buch wurde von Abu Garud Ziyad 
b. Mondzir (f nach 150) fortgepflanzt. Er war blind geboren und 
konnte also die Erklärungen des Bäkir nur aus dem Gedächtnisse 
lehren. Tüsy S. 14C schreibt diesen Commentar dem Abu Garud zu. 

24. Malik b. Anas, der Verfasser der Muattä (f 179). 

25. Dawüd b. Aby Hind (f 140). 

26. Zayida b. Kodama (f 160 oder IGl). 

27. Mohammad b. [Abu?] al-Fadhayil (f 105). 

28. Israa'yl, ein Sohn der'Alyya (geb. 116, f zu Baghdäd 103). 

29. Ibn Hanbai (f 241). 

30. Hoschaym (nach dem Fihrist Haschym) b. Baschyr (f 183). 

Dieses sind die Exegeten der ersten zwei Jahrhunderte. Ich 
nenne nun noch die aus dem dritten Jahrhundert bis Tabary, dann 
einige, deren Zeit nicht bekannt ist, welche aber wahrscheinlich im 
zweiten und dritten Jahrhundert lebten: 

Mohammad b.Yusof Firy aby (f 212); Rawli [Rawk?] b.'Obada 
Kaysy (t 206); Kabyca b. 'Okba Soway (f 215); Abu Ilodzayfa 
Müsa b. Mas üd Nahdy (f 220); Sa'yd b. Manyin- (f 227); Abu 
Riga Mohammad b. Aby Bakr Mokaddamy (f 234); Ibn Aby 
Schayba, der Verfasser des noch vorhandenen Moc^anuaf (f 235); 
'Ya'küb Dawraky (f 252); Yüsof Kattan (f 253); Abu Sa'yd 
Aschagg (f 257); Thäbit b. Dynär Thomäiy, ein Schy'ite, starb 
unter dem Chalyfen Maneur; Mohammad b. 'Alyy Gonny (Gobby?) 
hinterliefs einen Commentar in 6 Bänden (S;:>Sj; Ihn Tl)a'lab; Is- 
ma'yl b. Aby Ziyäd; Raschid (Raschyd?) b. Dad; der Grammatiker 
Sayyär b. 'Abd al-Rahmän; Abu Karyma b. Mohallib; Ibn Aby 
No'ayra Fadhl b. Dakan; Mohammad b. Ayyüb Razy; A^amm, 
d. h. 'Abd Allah b. 'Abd al-Rahmann b. Kaysan, ein Dialektiker; 
Mosayyib b. Schoiayk. Hierzu sind noch nachzutragen N. 25. 28 
und 126 aus Soyuty's Mofixssiryn. 

Nach diesen Männern kam der Geschichtsschreiber Tabary 
(f 310), welcher sich auch als Exeget auszeichnete. Es wird ihm 
nachgerühmt, dafs er die Arbeiten seiner Vorgänger sichtete und 
das Brauchbare zu einem grofsen Werke zusammenstellte. Die asiat. 
Gesellschaft von Bengalen besitzt ein grofses Fragment seines Korän- 
coforaeotars in persischer Uebersetzung. Im Cfltalog wird er dem 
Hosayny angeschrieben, obschon die Ilaudsciirift wenig.stens drei- 



CXIX 



hundert Jahre älter ist als Hosayny. Auch Abu Dawüd Sigistäny, 
dem wir eine der sechs canonisohen Traditionssauinilungen ver- 
danken, sclirieli einen Korancoininentar, welcher noch mehr Ueber- 
lieferungen als der des Tabary enthielt. 

Alle diese Commentare stützen sich auf die Tradition, 
enthalten die von den Gründern der nioslimischen Kirche ge- 
gebenen Erklärungen schwieriger Koränstellen, die Geschichte 
der Propheten und ausführliche Erzählungen der Ereignisse, 
welche zu Ofi'enbarungen Anlafs gaben und auf welche darin 
Anspielungen vorkommen. Alle in späteren Commentaren 
vorkommenden geschichtlichen Nachrichten und Legenden 
sind daraus entlehnt und man könnte diese Schule füglich 
die historische nennen. Es traten auch andere Schulen auf. 
Lange vor Tabary schon haben sich auch die Grammatiker 
mit dem Koran beschäftigt. Einige von ihnen (wie Nadhr 
b. Schomayl, Mo arrig, Ibn Kotayba) schrieben Abhandlungen 
iiber die Gharyb, d. h. seltene im Koran vorkommende Aus- 
drücke; Andere (wie Kotrob) suchten die Schwierigkeiten 
(muschkil) zu lösen, und noch Andere (wie Farrä, Kisäy, 
Abu ' Obayd, Zaggag) gingen in den Styl ein und erklärten 
den Sinn und die Redefiguren dunkler Stellen; es entstanden 
somit gleichzeitig mit den historischen recht nützliche philo- 
logisch-exegetische Arbeiten^). Beide sind von dem gelehr- 
ten Thalaby (Tha'äliby? f 427) mit Einsicht benutzt worden 
und sein Korancoramentar ist wahrscheinlich der beste den wir 
besitzen. Baghaw^y (f 516) hat davon, leider mit zu grofser 
Rücksicht auf Theologie, einen Auszug gemacht, welcher in 
Bombay in A. H. 1269 lithographirt worden ist. Leider ist 
diese Ausgabe sehr incorrect. Schon zur Zeit des Thalaby 
hat man angefangen, die Exegese dialectisch zu bearbeiten; 
diese Methode hat denn auch vom fünften Jahrhundert bis 
auf den heutigen Tag die Oberhand behauptet, doch ver- 
danken wir eine der wichtigsten Sammlungen von auf den 



') Die grammatische Analyse des Korans von Safäkusy (f 742) 
und das Wörterbuch zum Koran von Räghib (blühte im . fünften 
Jahrhundert) enthalten vielen von den Grammatikern gesammelten 
Stoff. Von diesen zwei Werken befinden sich Exemplare in Berlin. 



cxx 



Koran bezüglichen Tiaditionen (den Durar almochtar) einem 
Schriftsteller des zehnten Jahrhnnderts, dem Soyüty. 

Die Exegetcn kommen, nicht in sofern sie das Verständ- 
nils des Korans erleichterten, sondern in sofern sie Nach- 
richten über Mohammad aufbewahrt haben, hier in Betracht. 
Die von ihnen überlieferten Traditionen sind so zahlreich 
und so ausführlich, dal's es, abgesehen von der Chronologie 
und den Feldzügen, fjist leichter wäre ohne die Biographie, 
als ohne die Korancommentare das Leben des Mohammad 
zu beschreiben. Die Nachrichten der Exegeten sind auch 
häufig etwas zuverlässiger, denn sie wurden viel früher schrift- 
lich überliefert, und wenn die Exegeten auch ebenso viele, 
ja noch mehr Vorurtheile hatten als die Biographen, so waren 
diese doch anderer Art; auch waren sie genöthigt, manche 
Thatsache zu erwähnen, weil im Koran Anspielungen darauf 
vorkommen, welche die Biographen mit Stillschweigen über- 
gehen konnten. Die Exegeten, verbunden mit den Biographen, 
setzen uns, wenn auch beide untreu sind, oft in den Stand, 
tiefer auf den Gegenstand einzugehen und wenigstens die 
Unwahrheit nachzuweisen. Wenn auch die Exegeten zu allen 
Zeiten von den Biographen benutzt worden sind, so ist es 
doch keine Entschuldigung für uns, sie zu vernachlässigen, 
denn sie haben nur so viel aus ihnen genommen, als für ihre 
Zwecke passend war. 



Die Genealogie. 

Die verschiedenste aller Quellen, die Genealogie oder 
Profangeschichte, bietet am Ende doch ziemlich zuverläs- 
sige Nachrichten über die Zeit des Mohanunad. 

Wir finden in Ihn Ishäk mehrere Namensverzeichnisse, 
wie das der friihesten Bekehrungen, der Auswanderer nach 
Abyssinien, der ersten Flüchtlinge nach Madyna, der Badr- 
helden u. a. m., und es scheint, dafs schon Yazyd b. Rümän 
ähnliche Verzeichnisse hinterlassen hat. Diese unerwarteten 
Details bilden einen sonderbaren Contrast mit der Nebel- 
haftigkeit der Jugendgeseliichte und den mangelhaften Nach- 
richten über wichtige Ereignisse, selbst solche, welche in 



CXXI 



die letzten Jahre de-s Propheten fallen , w ie der Feldzug 
nach Tahiik, und es wirft sich uns die Frage auf: Kann 
man diesen Naniensverzeiehnissen Glauben schenken, und 
wann und wie sind sie entstanden? Ich habe gezeigt, dafs 
Ibn Ishäk's Liste der ersten Bekehrungen unzuverlässicr und 
die der Auswanderer nach Abyssinien ziemlich späten Ur- 
sprunges ist. Von der Musterrolle der Kämpfer bei Badr 
läfst sich dieses nicht beliaupten. Die Quellen stimmen fast 
vollkommen mit einander übereiu ^) und je weiter man in der 
Tradition zurückgeht, um desto mehr überzeugt man sich, 
dafs man hier auf historischem Boden stehe. Geht man dann 
auf die übrigen Listen, wie die der Flüchtlinge nach Madyna, 
über, so sieht man bald, dafs das Badrverzeichnifs in der 
Construction derselben die Grundlage bildet. Diese Erschei- 
nung verdient erklärt zu werden, und da sie mit der Pflege 
der Genealogie oder richtiger der Alterthumskunde zusam- 
menhängt, welcher wir gigantische Fictionen, aber auch einige 
wichtige Nachrichten verdanken, mufs ich die Geschichte der- 
selben übersichtlich behandeln. 

So lange Abu Bakr regierte, war die Verwaltung der 
Finanzen äufserst einfach. Wenn die Steuern eingingen, rief 
er die Gläubigen zusammen und vertheilte das ganze Geld 
unter sie. Männer, Frauen und Kinder erhielten gleichviel. 
Jm ersten Jahre kamen 9^, im zweiten 20 Dirheme auf 
den Kopf. 

Unter dem zweiten Chalyfen, 'Omar, vermehrten sich 
die Revenuen in Folge der grofsen Eroberungen; er führte 
den Dywän, d. h. die Kanzlei, ein und gab fixe Gehälter. 



') Nach Ibn Ishäk wurde die Badrbeute unter 314 Männer 
vertheilt, darunter waren 83 Flüchtlinge, 61 Awsiten und 170 Chaz- 
ragiten. Nach Abu Ma'schar und Wiikidy war die Gesammtzahl 
313, und nach Ibn 'Okba 316 Männer. Statt neue Namen hinzu- 
zufügen, hat man also zuerst zwei, dann drei gestrichen. In der 
iQaj^a finden wir auch die Angaben des Ibn Kalby, des Abu Aswad 
(nach Ibn Ayidz?) und anderer Quellen. Vergleichen wir sie alle, 
so Hnden wir, dafs allerdings liie und da eine Quelle einen Namen 
ausläfst und dafür einen andern setzt, a-ber diese Fälle, sind wenig 
zahlreich und übersteigen kaum ein halbes Dutzend. 



CXXII 



Jede der Wittwen des Propheten erhielt jährUch 12000 Dir- 
heme, auch einige andere Personen, welche dem Prü[)heten 
sehr nahe standen, M'ie 'Abbas, wurden bevorzugt. Die übri- 
gen Moslime wurden in Klassen eiugetheilt, wovon die erste 
aus den Veteranen bestand, welche bei Badr gefochten 
hatten; sie erhielten 5000 Dirheme. Die zweite Klasse be- 
griflf die ursprünglichen Flüchtlinge und An^ärer, welche sich 
vor der Badrschlacht bekehrt hatten, aber nicht ausgezogen 
waren; sie erhielten 4000 Dirheme. Die Söhne der Flücht- 
linge und Auf.arer erhielten 2000, die Einwohner von Makka 
und einige andere Gläubige erhielten 800 Dirheme. Es gab 
noch weitere Abstufungen, welche 600, 400, 300 und 200 
Dirheme erhielten. 'Omar hatte zwar die Absicht, alle Mos- 
lime in ganz Arabien zu bedenken, dies ist jedoch niemals ge- 
schehen. Die Früchte der Eroberungen wurden von den Ein- 
wohnern von Madyua und Makka und von dem Kriegsheere 
verzehrt. 

Dieses war der Anfang eines Systems, welches, wenn 
es auch grofse Abänderungen erlitt und nicht redlich durch- 
geführt wurde, einige Zeit am Leben blieb. Die Eroberungs- 
kriege der Araber waren eine Art Völkerwanderung. Von 
den meisten Stämmen zog ein Theil mit Weib und Kind in's 
Feld. Die Armee war nicht in liegimenter eiugetheilt, son- 
dern ein oder mehrere verwandte Stämme bildeten ein Corps. 
AVenn sie ein Land erol)ert hatten, liei'sen sich einige Krieger 
mit ihren FamiHen darin nieder, die meisten aber zogen sich 
in die grofsen Militärstationen, wie Küfa, Ba9ra, Fostät, mit 
Beute l)eladen zurück, um am nächsten Feldzuge wieder Theil 
zu nehmen. Wo sie immer wohnen mochten blieben sie in 
Stämme gesondert und fuhren fort, ihre Gehälter zu beziehen. 
Die Offiziere erhielten 9000, 8000, 7000 und GOOO Dirheme. 
Wenn ein Knabe geboren wurde, erhielt er 100 Dirheme und 
zwei Gärybe Getreide, und sobald er herangewachsen war 
200 bis 600 Dirheme. Es scheint, dafs zu dieser Zeit nur 
jene Moslime besoldet wurden, welche irgend einem Stamme 
(Regiment) angehöi-ten. Es gab auch Moslime, welche vom 
Dywan ausgeschlossen waren und Mofrah genannt wurden; 
wahrscheiiilicli waren es solche, welche vou keinem Stamme 
als der Ihrige anerkannt wurden und gleichsam heimathslos 



cxxm 

waren. Don in der Wüste noiuadisirenden Stämmen, welche 
nicht in das Fehl zogen, wurde gewils kein Sold zugeschickt, 
doch erhielten ihre Scluiyche oft grolsartige Geschenke von 
den omayyidischen Chalyfen. 

Viele von denen, welche grölsere Ansprüche auf" die 
Staatsrevenüen machtc}i, weil ihre Väter den Avichtigsten Sieg 
des Islams, den bei IJadr, durch ihr Blut erkauft hatten, waren 
noch am Leben, als 'Ürwa, einer von ihnen, anfing, die Ge- 
schichte des Mohammad zu bearbeiten; es mufsten also in 
der Kriegskanzlei noch Dokumente vorhanden sein, welche 
ihre Ansprüche bestätigten oder entkräfteten. Wenn inui 
' Orwa eine Liste der Badrhelden construiren wollte, hatte er 
weiter nichts zu thuu als sie im Dywän von Madyna ab- 
zuschreiben. Ob gerade 'Orwa dieses gethan habe, wissen 
wir nicht, gewil's ist aber, dafs zu seiner Zeit die Liste 
der Badrhelden und wahrscheinlich auch die der ersten Flücht- 
linge und der verdienstvollsten An^ärer festgestellt und unter 
denen, welche sich mit der Prophetengeschichte beschäftigten, 
im Umlaufe war. Dafs man sie im Gedächtnisse aufbewahrte, 
wird kein vernünftiger Mensch glauben. Sie wurde schriftlich 
überliefert vnid daher die Uebereinstimmimo:. 

Der Dywän hat auch zur Pflege der Genealogie den An- 
stofs gegeben. Durch diese Bevoi'zugnng der Söhne der er- 
sten Kämpfer für den Islam hat ' Omar einen neuen Adel 
gegründet, mid den Titel Anpärer kann man heute noch 
hören. Es wurde dadurch die neue wie die alte Aristokratie 
und in der That jeder Araber veranlafst, seinen Stammbaum 
aufzubewahren, denn Jeder fühlte sich den Unterjochten ge- 
genüber adelig und Jeder war stolz darauf, gerade diesem und 
nicht einem anderen Stamme anzugehören. In den Militär- 
stationen bewohnte jeder Stamm sein eigenes Quartier. Es 
wird daher als etwas Aufserordentliches hervorgehoben, dafs 
Mdatamir b. Solaymän deswegen den Namen Taymy hatte, 
weil er zu Ba^ra im Quartier der Taymiten wohnte, nicht 
aber weil er ein Taymite von Abkunft war. Die Quartiere 
der Stänmie von derselben Race waren nebeneinander: so 
wird erzählt, dafs ein politisches Gedicht des Farazdak wie 
Lauffeuer durch die Quartiere der INizäriten ging. Durch 
die militärische Organisation der Stämme wurde daher auch 



CXXIV 

der ethnographischen Genealogie Vorscliub geleistet. Die 
Stämme schaarten sich in Rücksicht auf ihre Aerwandtschaft 
zusammen. Der Islam hatte indefs Alles aus den Fugen ge- 
bracht, neue Combinationcn herbeigeführt und diesen wurde 
ebenso wie den herkömmlichen Traditionen über die Ver- 
wandtschaft der Stämme und Familien Rechmmg getragen. 
Als Beispiel sei erwähnt, dafs die Cholgiten z.u'Omar kamen, 
um in die Zahlliste aufgenommen zu werden; sie behaupteten 
sie seien nomadisirende Korayschiten aus dem Stamme Bal- 
härith. Da sie ursprünglich den 'Adwaniten angehörten und 
dann sich dem Hawazinstamme Na^T angeschlossen hatten, 
erkannte er sie nicht als Balharithitcn an. Sie liefsen sich 
dann in Madyna nieder, und nachdem ' Othmän zur Regierung 
gekommen war, erhoben sie wieder ihre Ansprüche. Er gab 
ihren Wünschen nach und führte eine eigene Rubrik ein, in 
welcher die Cholgiten und Balharithitcn mit einander einge- 
tragen wurden (Kitab alaghaniy Bd. 2 S. 237). Auch andere 
Familien versuchten es, in die bevorzugten Stämme der Ko- 
rayschiten einzudringen. Die Banü Morra, ein Zweig der 
Dzobyäniten, deren Genealogie den Dzobyaniten zufolge Morra 
b. Awf b. Sad b. Dzobyän lautet, behaupteten, 'Awf sei ein 
Sohn des Lowayy b. Ghali b 1). Koraysch gewesen. Auch die 
Banü Bonana und Ayidza, Zw'eige des Schayban-Thalaba- 
stammes, gaben vor, von Lowayy abzustammen und folglich 
Korayschiten zu sein. Der Chalyfe 'Omar schenkte ihren 
Behauptungen keinen Glauben, aber die Genealogen sahen 
sie als zulässig an, wahrscheinlich weil sie wufsten, wie oft 
Stämme sich trennen und an andere anschliel'sen. Weil der 
von ' Omar gegründete Dywän für die Geschlechtsregister der 
Stämme ein officielles Document war, wird im Fihrist in 
Bezug auf den Genealogen Scharkyy 1). Katämy hervorge- 
hoben, dafs er die Einrichtung der Dywäne gut kannte und 
eine grofse Autorität über diesen Gegenstand ist. Er blühte 
\un 110 und hat also zu joner Zeit der Finanzverwaltung seine 
Aufmerksamkeit geschenkt, in welcher noch das frühere Sy- 
stem bestand, aber schon anfing zerrüttet zu werden. Walyd 
b. 'Abd al-Malik (f 86) ist nämlich der erste, von dem er- 
zählt wird, dafs er so schlecht wirthschaftete, dafs er dem 



cxxv 



Gond, d. h. den in den Militürstatiünen angesiedelten Stäm- 
men, den Sold nicht ganz auszahlen konnte ^). 

Im ausgebildeten Systeme besteht die arabische Genea- 
logie aus drei Theilen. Biblische oder fingirte Namen bilden 
den Stamm, ethnographische Symbole, welche die Verwandt- 
schaft der Stämme ausdrücken, die Aeste, imd persönliche Ge- 
schlechtsregister die Zweige. 

Selbstachtung ist das edle Grundprincip des Islams. 
Jedes Individuum gilt als eine Gröl'se und deswegen haben 
die Moslime mehr Biographien und Genealogien geschrieben 
als andere Nationen vor und neben ihnen zusammengenom- 
men. Obschon seit mehreren Jahrhunderten der Islam in 
einen Winterschlaf verfallen ist, so wird doch auch jetzt noch 
hie und da der Stammbaum aufbewahrt und fortgesetzt. Ich 
gebe ein Beispiel. Die Bevölkerung von Panipat, nördlich 
von Dilly, besteht gröfstentheils aus Moslimen. Sie halten 
sich für eine der ältesten mohammadanischen Niederlassungen 
in Indien, besitzen fast alles Landeigenthum und theilen sich 
in vier Kasten oder Stämme: angebliche Abkömmlinge vom 
Chalyfen 'Othmän, angebliche Abkömmlinge von Abu Ayyüb 
An^äry, bei dem Mohammad in Madyna Absteigequai'tier nahm, 
Afghanen und bekehrte Ragputen. Die ersten zwei und die 
letzten zwei schliefsen unter sich Ehen und vermischen sich, 
aber kein Familienvater der ersten oder zweiten Kaste würde 
seine Tochter einem Afghanen oder Ragputen, wäre er auch 
noch so reich, zur Frau geben. Jede der ersten zwei Kasten 
führt ihren Stamvibaum fort und ich habe beide untersucht 
und die Hauptreihe abgeschrieben. Der eine wie der andere 



') Die Nachrichten, welche ich bisher zu benutzen Gelegenheit 
hatte, haben mich nicht in den Stand gesetzt, die Geschichte des 
von 'Omar eingesetzten Resoldungssysteras zu verfolgen. Für Wä- 
kidy waren die Dywäne ein Gegenstand gelehrter Forschung, und 
wie es scheint, hat er ihn im Zusammenhange mit den Genealogien 
bearbeitet in der Schrift „Ueber die Einführung der Dywäne durch 
'Omar, über die Zusammensetzung, Reihenfolge und Verwandtschaft 
der arabischen Stämme und über die Ansprüche der Korayschiten 
und An^ärer auf Lehen" («jLLäjI ^% .L^'^M^ o'^'J''^ (^^lA-o v_j'u>;ii3 
LtjLMfci!^ L^j!-x»i J^jL-äJ! oi>^>oj^ ^j_ji^*>,Jl j^c «.^^^j. 



CXXVI 

wird von dem Haupte der betroöenden Kaste gehalten, welches 
die Geburten und Todestalle, hie und da auch die Heiratheu 
einträgt, und zwar, wenn die Betrefienden seiner Familie nahe 
stehen, mit dem Datum. Das Manuscript der zweiten Kaste, 
welches sich in den Händen des Nawwab Nacyr aldyn Ah- 
mad befindet, ist nicht hundert Jahre alt, das früheste ver- 
einzelte Datum ist 1166 der Higra. Die Ramificationen fan- 
gen sehr spät an, von welchem Gliede, habe ich leider nicht 
aufgeschrieben. Von Napyr aldyn Ahmad bis Abu Ayyüb 
sind, mit Einschlul's beider, 44 Generationen. Es kommen 
darin folgende Noten vor, die Generationen von der Gegen- 
wart rückwärts gezählt: Nr. 17 Malik Alyy kam nach Indien 
unter Ala aldyn Schah (reg. von 695 bis 716); Nr. 18 Myrak 
Schah war König von Herat ; Nr. 23 Alyy Sohayl regierte 
über Herät „und andere Länder"; Nr. 28 Mahmud Schah 
Angn, mit dem Titel Ak, war Beherrscher von Schyraz, Färs, 
Kermän „und andern Ländern", unter Sultan Mas'üd b. Mah- 
mud flüchtete er sich „nach dem Landstrich zwischen Per- 
sien und Indien'"', in Persien ist Angü unter dem Namen 
Myr Sämän, und im Türkenlande unter dem Namen Marwäryd 
bekannt; Nr. 2i) Amyr Schaych Abu Ishäk war „König des 
Kafaristan (Heidenlandes)"; Nr. 36 Abu Isinayil, ein . be- 
rühmter Cüfy, begraben in Herat; Nr. 37 Abu Mohammad, 
begraben zu Balch. Die Bemerkung zu Nr. 18 mag begründet 
sein, auch sind einige der ül)rigen Namen historisch, aber 
die Abstamnuiiig dieser Familien von diesen Königen und 
Heiligen ist eine Dichtung. Dasselbe gilt von allen andern 
Stammbäumen, die ich untersucht habe; sie sind aus den 
mannichfaltigsten Materialien zusammengestoppelt *). Das 
Leben im Orient ist viel zu unsicher und die Umwälzune:en 
viel zu gewaltsam, als dafs mau erwarten dürfte, Familien- 
lukundeu von mehreren Jahrhunderten zu linden. In der 
Wüste aber sind Familien -Archive ganz undenkbar und es 
wäre Blödsinn zu glauben, dafs alle Verzweigungen eines 



') Als Beispiel erwähne ich, dafs ich in einem aii(,*arischen 
StatiMubaimi unter den entferntsten Vorfahnn den in l>d. I S. 14 
Note 'i. erwähnten Juden Samuel gefunden habe. 



CXXVII 

Stammbaums cUirch das Gedächtniis aufbewahrt werden 
können ^). 

Es unterliegt keinem Zweifel , dafs einige Moslime in 
Madyna.und in den grofscn Militärstationen, wie Küfa und 
Ba^ira, Gesclileclitsregistcr führten, \md zwar schriftlich'^). 
Wahrscheinlich verfuhr man gerade wie in Panipat, und der 
Schaych des Stannnes war gewöhnlich auch der Genealog. 
Wenn daher von irgend einem berühmten Manne des zweiten 
oder dritten Jahrhunderts, wie es immer geschieht, der Stannn- 
baum ano:eijeben wird, so ist er bis 2ur Zeit des Mohanmiad 
und vielleicht eine, zwei oder sogar drei Generationen darüber 
hinauf beaTÜndet und stützt sich auf solche Aufzeichnuno;en. 
Wenn die persönliche Genealogie w^eiter zurück geht, so ist 
es eine Ausnahme. In der Kegel ist der persönliche Stamm- 
baum von Abkömmlingen nomadischer Familien viel kürzer 
als der von Städtebewohnern. Am läno-sten ist der der Ma- 



') In Bezug auf meine Zweifel gegen die Richtigkeit der per- 
sönlichen Stammbäume, welche den Zeitgenossen des Mohammad 
zugeschrieben werden, wird man mir vielleicht sagen, dafs die Ara- 
ber selbst die Stammbäume ihrer Pferde aufschrieben. Mancher 
Europäer mag sich durch solchen Schwindel haben betrügen lassen. 
Burckhardt, Notes on the Bedouiiis S. 116, berichtet hingegen, dafs 
man nur die Stute, welclie das Pferd geworfen hat, in einem Cer- 
tificat nenne, ohne den Stammbaum weiter zurückzuführen, denn 
man setze voraus, dafs die Reinheit ihres Blutes im Stamme all- 
gemein bekannt sei. Im Alterthume wurden solche Certilicate nicht 
einmal geschrieben; Kawkeby erzählt in der Igäba Bd. 1 S. 6 : „Zi- 
brikän schenkte dem Chalyfen 'Abd al-Mälik 25 Pferde. Er nannte 
die Stute und den Hengst, von dem. ein jedes Pferd abstammte, und 
betlieuerte seine Aussage durch einen Eid." Hätte Zibrikän Certi- 
ficate mit Zeugenunterschriften gehabt, so wäre der Eid überflüssig 
gewesen. 

*) Als Beweis dient die Verschiedenheit der Lesarten, welche 
nur durch Undeutlichkeit der Schrift entstehen konnten, wie: Sam- 
mäl und Schahhäl; Kodad, Kodar und Kodan; Rahhai und Raggäl. 
Auch erzählt 'Abd Allah b. Wahb, dafs die Leute den Namen seines 
Ahnen, eines Zeitgenossen des Propheteti, Kärib aussprechen, er 
habe ihn aber in seinem Buche Marib geschrieben gefunden. 



CXXVIII 

dyner ^). Als die Genealogie Gegenstand gelehrter Forschun- 
gen wurde, gab man sich viele Mühe die Wahrheit zu ermit- 
teln. Ich führe ein Beispiel an. Man wul'ste nicht wie der Vater 
des Schorayh, eines berühmten Mannes, welcher in A. H. 79 
starb, hiels. Schaby behauptet, sein Name sei Haniy gewesen, 
und führt einen an Schorayh geschriebenen Brief des Chalyfen 
'Omar, in dem er so genannt wird, als Beweis an. Der be- 
rühmte Genealoge Ilaythan) b. Adyy (f 209) sagt, dieser Brief 
sei an einen andern Schorayh gerichtet und beruft sich auf 
sein Siegel, in welchem'er sich Schorayh b.Härith nennt. Man 
setzte dann folgende Genealogie fest: Schorayh b. Harith b. 
Kays b.Gahiu b.Mo'awiya b. 'Aniir b.Rayisch b.Mojiwiyab. 
Thawr b. Moratti' aus dem Geschlechte Kinda, und zeigte sie 
einem Nachkommen des Schorayh, welcher ebenso wie Ibn 
Kalby damit einverstanden war, obschon alle Ursache vorhan- 
den ist zu glauben, dafs er nicht von kinditischer, sondern 
von persischer Herkunft war. 

Um später nicht imterbrochen zu werden, gehe ich so- 
gleich auf den biblischen Theil der arabischen Genealogie 
über Arabien wird durch das unwegsame Sandmeer von 
Qayhed in zwei Hälften getheilt: eine südliche und eine nörd- 
liche. Sie werden nur durch die Gebirge von Yaman und 
durch Steppen dem persischen Meerbusen entlang mit ein- 
ander verbunden. Die somit getrennten Einwohner des Sü- 
dens, die ^'amanitcn oder Kalitäniten, unterscheiden sich in 
Physiognomie und Dialect von den Nizäriten, deren Heimaths- 



') Der Au(;,iirer 'Abd Allah l>. Moliaminad b. 'Omära liat die 
Genealogie der Madyner in einer Moiiogiapbie (Kita.b iiasab alaiit^ar) 
bearbeitet und abweichend von dem Systeme jener Zeit, in der nur 
persönliche Ueborlii'fcrunj:; Werth hatte, wird diese Schrift von Ibn 
Sa'd als solche und nicht in der Form einer Tiadilion citirt. So- 
weit ich mich erinnern kann, ist dieses das einzige Buch, auf das 
er verweist, obschon er viele andere benutzte; in andern Fällen 
bezieht er sich aber auf die Personen. Es scheint mir dieses zu 
beweisen, dafs in diesem Fache immer die Schrift als das geeig- 
nete Medium der Aufbewahrung und Ueberlieferuiig anerkannt 
wurde. 



CXXIX 

land nördlich von dem Sandineer ist *). Man bat daher die 
Araber schon in den ähesten Zeiten in zwei Ra^en getheilt. 
Die Küsteubewohner des Südens sind zu allen Zeiten auf 
ihren Schifien und die nomadischen Horden auf Kameelen 
ausgewandert. Das Reiseziel der letzteren war der Norden 
und es haben sich viele südarabische Stämme zwischen und 
nördlich von den Nizäriten, welche wir Centralaraber heifsen, 
niedergelassen; allein wenn ihre neuen Niederlassungen 
nicht in eine zu entfernte Zeit fielen, wurden sie immer noch 
zu den Südarabern gerechnet ^). Die Eintheilung hat somit 
den rein geographischen Character verloren. Als 'Omar den 
Dywän gründete, drängte sich ihm die Unterscheidung der 
zwei Rapen von selbst auf, denn die ersten Ansprüche auf 
die öfl'entliche Kassa hatten die Flüchtlinge und die Madyner, 
und von diesen gehören die ersteren zu den Central- und die 



') Dem Chalyfen 'Abd al-Mälik wurde ein Mann beschrieben 
und er antwortete : sjs.^ LliÄ5>» KjL,. L\^-,, ä».Lo. Äj,i,j iüü J^iÄj 
...L^^ 'sJuD „du sagst, dafs er den nizärischen Dialect spreche, viel 
bete und faste, viele Traditionen und Gedichte auswendig wisse und 
ein gutes Gedächtnifs habe. Dieses pafst auf 'Imrän (b. Hittän, 
welcher ein Nizärite aus dem Stamme Wäyil war, sich aber für 
einen Yamaniten aus dem Stamme Azd-Schanuat ausgab)." Dies ist 
die einzige mir bekannte Tradition, in welcher der nizärische Dialect 
erwähnt wird; der yamanische kommt öfter zur Sprache. Auch 
Mohammad hat sich einiges davon angeeignet; so sagte er einmal, 
wie die Yamaniten, welche immer Kaf für Gym sprechen, Naks 
statt Nags (vergl. Mokaddasy, Geogr.). 

') Die Kodhä'iten, welche früh von der Südostküste von Ara- 
bien gekommen waren und sich am Rothen Meere und Idumäa 
niederliefsen, hatten sich so sehr mit den dortigen Arabern ver- 
mischt, dafs ihr Ursprung zweifelhaft wurde. Einige zählten sie 
zum südarabischen Volksstamm Himyar, Andere hielten sie für 
Centralaraber. Einige Kodhä'iten stimmten der ersten, andere 
der zweiten Ansicht bei (Ibn Säd l'ol. 9). Man hat diese Meinungs- 
verschiedenheit dann dadurch ausgeglichen, dafs man sagte, Nizär 
und Kodhä'a seien Stiefbrüder gewesen; sie hatten dieselbe Mutter 
(nämlich die Gorhomitin Mo'äua bint C4awscham b. Golhoma b. 'Amr 
b. Düh), aber verschiedene Väter. Andere Vermittelungsversuche 
finden wir im Ansäb alaschräf des Balädzory S. 6. 
lu. i 



cxxx 



letzteren zu den Südarabern. Den Einen wie den Andern 
wies er den ersten Platz in der betreffenden Abtheilung an 
und die Genealogen folgten seinem Beispiele; da sie aber 
zugleich Alterthumsforscher waren, gingen sie weiter und 
stellten Untersuchungen an über den Ursprung beider Rafen. 
Ueber diesen Punkt gab es zwei Ansichten unter ihnen : äl- 
tere Genealogen und Scharky (bei Baladzory fol. 2) hielten alle 
Araber für Ismaeliten und behaupteten, Kahtän, der Stamm- 
vater der Südaraber, sei ein Sohn des Hamaysa' b. Tayman 
b. Naht oder Näbit (Nebajot) b. Ismael ^). Andere lehnten 
sich an den Koran und machten Kahtan zum Sohne des Abir, 
d. h. Hüd (Kitab alaghaniy Nr. 1178), oder des Abd Allah, 
eines Bruders des Propheten Hüd (Nur alnibräs S. 504). 
Am Ende wurde folgende Genealogie angenommen: Yarob 
(d. h. der Araber) b. Kahtän (d. h. Joktan) b. Fälegh b. Aber 
b. Schälech b. Arfachschad b. Säm b. Noah. Sie stimmt am 
besten mit der Bibel überein und ist in dieser Form wahr- 
scheinlich von (Jem Exegeten Kalby, der mit der bibUschen 
Genealogie sehr gut vertraut war, eingeführt worden. In 
einer andern Form mit abweichender Orthographie (z. B. 



') Ibn Sa'd fol. 262; vergl. Ibn Hischäm S. 5. In der yamani- 
schen Genealogie wird der Name des Nebajot Nabt geschrieben, 
in der Aufzählung der Söhne des Ismael bei Ibn Ishak S. 4 hingegen 
Näbit. Ibn Sa'd führt diese Stelle an, vergleicht sie mit der An- 
gabe des Kalby und sagt y,Nabt, das heilst Näbit"; bei dieser Ge- 
legenheit führt er mehrere andere Varianten an, z. H. „Düniä, nach 
welchem Dümat algandal benannt wurde" statt Ibn Ishäk's Lesart 
„Diraä." Es scheint also, dafs Ibn Ishäk und sein Zeitgenosse 
Kalby verschiedene Quellen benutzten, wovon die des Kalby der 
biblischen Orthographie näher kommt. 

Es gab auch Genealogen, welche die Kahtäniten für Nach- 
kommen des Kaydzar (Kedar), des Sohnes des Ismael, hielten (Nur 
alnibräs 8.504). Die meisten aber behaupteten, sie stammen von 
Nebajoth, dem ältesten Sohne Ismaels. Ibn Sa'd bemerkt: Alle 
stimmen darin überein, dafs die Nizäriten von Kedar abstammen. 
Er führt aber selbst die Stelle des Ibn Ishäk (in Wüstenfeld's Aus- 
gabe S. 6; an, nach welcher Nizär von Nebajot abstammt. Freilich 
erwähnt er auch eine andere Version dieser Stelle, in welcher 
Kedar statt Nebajot steht. 



CXXXI 

Fäleg statt Fälegh) war sie aber schon vor ihm den Mos- 
limen bekannt ^). Auch die Theorie, dals auch die Südaraber 
von Ismael stammen, scheint bibhschen Ursprungs zu sein; 
denn unter den Genealogen, welchen der Verfasser der Ge- 
nesis folgte, ist einer (Gen. 25, 3), welcher die Sabäer zu 
zu Abrahamiten macht. 

Der ismaelitische Ursprung der Centralaraber läl'st sich 
aus dem Koran nachweisen und darüber herrschte mithin unter 
den Moslimen nie ein Zweifel. Es lag also den Genealogen 
blos die Aufgabe ob, die Mittelglieder zwischen Nizar und 
Ismael zu finden. Die Ausbildung des ethnographischen 
Stammbaumes, von dem wir bald sprechen werden, hat sie 
schon sehr früh bewogen, dem Nizär den Maadd und dem 
Ma add den Adnan zum Vater zu geben , aber es dauerte 
einige Zeit, bis sie sieh entschlossen, darüber hinauszugehen. 
Die Entstehung des Stammbaumes zwischen 'Adnän mid Is- 
mael fällt in das zweite Jahrhundert und wurde, weil er nicht 
aus der Zeit stammt, dessen Dichtungen für die späteren Ge- 
schlechter als Glaubensartikel galten, nie allgemein angenom- 
men. Seine Entstehung ist interessant für die Geschichte der 
Genealogie und wir wollen sie deswegen verfolgen. 

Ibn Abbäs legte dem Mohammad eine Tradition in den 
Mund, in welcher er die Genealogen für Lügner erklärt und 
den Versuch, den Stammbaum über Adnan aufwärts fortzu- 
setzen , mil'sbilliget -). Auch ' Orwa war entschieden der 



' ) Den Theologen dürfte es angenehm sein, Anhaltspunkte zu 
finden, die Bibelübersetzung, deren sich die Mosh'me bedienten, zu 
ernaitteln. Vielleicht kann eine Note zu Sohayly dazu beitragen. 
Es wird darin Moses 4, 20, 25 angeführt wie folgt: Im 4ten Sifr, im 
7ten Feräsa (vergl. Nur alnibräs S. 936). 

*) Ibn Masüd soll, indem er die Worte las „die'Aditen und Tha- 
mudäer und Diejenigen, welche nach ihnen kamen'", gesagt haben: 
Niemand weifs etwas von ihnen aufser Gott (d. h. Alles, was wir 
von ihnen wissen, wissen wir aus dem Koran), die Genealogen sind 
Lügner (Ibn Sa'd fol. 9, von Abu Ishäk, von Amr b. Maymun, 
f 146). Ich glaube nicht, dafs Ibn Masüd die Worte gesprochen 
hat, es geht ab^r immerhin aus dieser Tradition wie aus der des 
Ibn "Abbäs hervor, dafs die Genealogen, welche sich auch mit der 



CXXXIl 

Meiuimg, dals mau über 'Adiiäu nicht hinausgehen soll (Ibn 
Säd fol. 9). ludefs schon zur Zeit des 'Orwa hat mau 
einen Versuch gemacht, einige Ahnen des 'Adnän aufzu- 
zählen, und um ihm Eingang zu verschaffen, legte man 
ihn dem Mohammad in den Mund ^). Er verfehlte jedoch 
seine Wirkung und wurde von der Nachwelt unberücksich- 
tigt gelassen. Mehr Glück machte ein Versuch des Zohry. 
Ihm zufolge war Adndn ein Sohn des 'Odad b. Hamaysa' b. 
Yaschgob b. Näbit b. Kaydzar (Kedar) b. Israael. Merk- 
würdig ist, dafs diese Namen, mit Ausnahme von Kedar, alle 
dem Stammbaume der Südaraber entnommen sind. Dieser 
Umstand bestärkt mich in der Ueberzeugung, dafs der biblisch- 
mythische Theil der südarabischen Genealogie zuerst ausge- 
bildet wurde und dafs Theologen wie Zohry auf die Lands- 
leute des Kab und des Wahb"" (oben S. CIX u. XCI) beson- 
deres Vertrauen setzten '^). Ibn Ishäk verbesserte die Genea- 
logie, indem er einige Namen einschaltete (Tayrah, Nähür und 
Mokawwim, wohl identisch mit Yokaddim) und brachte es 
auf sieben Mittelglieder zwischen Ismael und Adnän. Eine 
andere Verbesserung brachte es auf fünfzehn, und es wird 
darin die Behauptung ausgesprochen, Maadd, der Vater des 



alten Geschichte beschäftigten, von einigen Traditionisten und Exe- 
geten verdammt wurden. Dieses geschah gewifs nicht deswegen, 
weil die Genealogen erfindungsreicher waren als die Theologen, 
sondern wohl nur deswegen, weil sie in Bezug auf die im Koran 
erwähnten Völker und Propheten andere Geschichten erzählten. Als 
Beispiel der Ileterodoxie sei erwähnt, dafs schon Raby b. Chaschni 
(^^~>^ vielleicht ein Schreibfehler füi Chothaym, *xÄ;>. Raby' b. 
Chotbaym starb in 63) behauptete, die 'Aditen haben das ganze Land 
zwischen Syrien und Yanian bewohnt, während sie dem Koran zu- 
folge in der Wüste Ahkäf lebten, wo es nie Einwohner gegeben 
haben kann (Balädzory fol. 3 r.). 

') Adnän war ein Sohn das'Odad b. Yazny (nach einer Rand- 
glosse bei Zobayr b. Bakkär: Berry) b. Irak b. Tharyy. 

^) Odad wurde schon früh als Vater des 'Adnän erwähnt und 
kommt in allen Stammbäumen vor. Im Kitäb alaghäniy steht in 
dieser Genealogie üdd zwischen 'Adnän und Odad; dieser Name 
fehlt aber in Balädzory, Ansah alaschräf fol. 9. 



cxxxrii 

Nizar, sei ein Zeitgenosse Christi. Kall)y, der Vater, hat 
das Verdienst, die Chronologie einigermaal'sen berücksichtigt 
zu haben. Zwischen Abraham und Moses, sagt er (auf die 
angebliche Autorität des Ibn Al)bas gestützt), waren zehn 
Generationen, jede von hundert Jahren. Von Moses bis 
Christus verflossen 1900 Jahre und von der Geburt Christi 
bis zur Geburt des Mohammad 569 Jahre. Gestützt auf 
diese Chronologie nahm er an, dafs zwischen Ismael und Ad- 
nän, dem Grol'svater des Nizar, etliche dreifsig Generationen 
verflossen seien. Es wurden bereits vor ihm Berechnungen 
angestellt, nach denen sich aber die Zahl der Väter von Ad- 
nän bis Mohammad auf nur 21 beläuft. Berechnet man diese 
Data, so stellt sich heraus, dal's Kalby jede Generation (mit 
Ausnahme der ersten zehn) auf etwas mehr als 40 Jahre 
veranschlagte. Die für eine solche Genealogie (zwischen Is- 
mael und'Adnän) nöthigen Namen scheint er nicht erfunden 
zu haben, wenigstens hat sie sein Sohn nicht von ihm selbst 
vernommen ; ein Freund des Sohnes war aber glücklicher : er 
hat sie von Kalby gehört und nach dessen Tode dem Sohne 
raitgetheilt und dieser hat sie aufbewahrt; es sind deren 38. 
Dieses Namensverzeichniis hätte vielleicht nicht einmal den 
Ibn Kalby befriedigt; glücklicherweise fand er einen jüdischen 
Renegaten Namens Abu Yaiküb aus Palmyra, welcher aus 
den Schriften des Büräh b. Näriyä, Geheimschreibers des 
Propheten Jereraias, dieselbe Genealogie, blos mit einigen Dif- 
ferenzen in der Orthographie, ausgezogen hatte (Ibn Sad 
fol. 9). Damit sich die Moslime nicht blos auf die Juden 
verlassen müssen, hat man einen andern Stammbaum des Ad- 
nän, welcher ebenfalls 38 Zwischenglieder enthält und auf 
der Autorität des Vaters der arabischen Genealogie, Daghfal ^), 



') Daghfal b. Hantzala wurde von Moäwiya an seinen Hof 
berufen. Er hinterliefs kein Werk und es scheint, dafs ihm keins 
unterschoben wurde. Seine Geschichte ist in Dichtungen gehüllt, 
welche am vollständigsten in Yäküt's Tabakät alodabä (Ms. Lakbnau) 
erzählt werden (vergl. Kitäb alaghäniy S. 11 , wo allen Ernstes er- 
zählt wird, er habe den circa A. D. 576 verstorbenen 'Abd al-Mottalib 
gesehen und ihn dem Moäwiya, f A. D. 661 , beschrieben). Weil 



CXXXIV 

beruht, entdeckt (Kitab alaghaniy, ed. Kosogarten, Bd. I 
S. 12). Es war somit allen vernünftigen Forderungen Genüge 
geleistet, und da um diese Zeit auch der ethnographische 
Theil der Genealogie vollends ausgebildet war, konnte jeder 
Araber mit Leichtigkeit seine Ahnen bis Adam aufzählen. 

Der ethnographische Theil der Genealogie oder die Zu- 
sammenstellung der arabischen Stämme bildet den eigentlichen 
Zweck meiner Bemerkungen, und dieses ist der Theil, wel- 
cher aus dem Dywan des 'Omar hervorgegangen ist. Die 
Tribuse sind in beständigem Kampfe mit einander und es er- 
eignet sich häutig, dal's einer aufgerieben oder zerstreut wird. 
Auch Trockenheit und Mangel an Weiden mag einen Stamm 
nöthigen, sich zu vertheilen, und vielleicht entfernen sich die 
Lager so weit von einander, dafs sie sich nie wieder ver- 
einen. Andererseits gelingt es bisweilen einem entschlossenen 
Führer, solche Bruchstücke zu vereinen und einen neuen 
Clan zu bilden ^). Mehrere Stämme verbinden sich im Ver- 
laufe von Jahren und bilden grofse Conföderationen, wie in 
unsrer Zeit die Schammar, die Aneze und Asyr. Bei sol- 
chen Verbindungen kommt hauptsächlich die ethnographische 
Verwandtschaft in Betracht. Es können jedoch auch an- 
dere Umstände einen Stamm in die Conföderation einführen. 
Die Grenzen solcher Gruppen sind sehr unbestimmt und der 
Zusammenhang der Mitglieder sehr locker ^). Eine Anzahl 



Daghfal selbst zur Mythe wurde, hat man ihn am h'ebsten als 
Autorität für Legenden genannt. 

') Die Geschichtsschreiber behaupten, der Stamm Koray seh se 
auf diese Art von Koc^-ayy zusammengebracht worden. Ich sehe 
diese Angabe für historisch an, denn ich halte es für wahrschein- 
lich, dafs die Makkiinor das Entstehen ihrer eigenen Gemeinde im 
Gedächtnil's aufbewahrten. 

') Aufser der Vernichtung eines Stammes im Kriege kommt 
es nicht selten vor, dafs sich gerade die angesehensten Mitglieder 
eines Stammes von ihren Verwandten entfernen und anderswo natu- 
ralisiren. Ich hebe ein Beispiel aus Balädzory's Ansäb alaschräf 
hervor. Es bestand eine Blutfehde zwischen den Asaditen und 
ChoKa iten. Die Ersteren fühlten sich zu scliwach den Letzteren wi- 
derstehen zu können und wünschten mit den Kinäniten ein ßündnifs 



cxxxv 

von Stämmen, von denen es zweifelhaft ist, ob sie zu den 
'Asyr gehören, mögen in fünfzig Jahren, wenn sie sich durch 
Muth auszeichnen und vom Kriegsglück begünstigt werden, 
den Kern dieser gefürchteten Conföderation bilden. Wir sehen, 
dai's wir nicht, wie die Genealogen, Stämme und noch we- 
niger Gruppen von Stämmen gleichsam als Individuen an- 
sehen dürfen, sondern dal's dieses sehr wandelbare Gröfsen 
sind. Aus der beständigen Mischung der Bevölkerung er- 
klärt es sich, dal's in einem so grofsen Lande wie Ara- 
bien nur Eine Sprache und wenig dialektische Verschieden- 
heit herrscht, und sich letztere jeden Tag mehr ausgleicht. 
Am längsten erhalten sich Gebirgsstämme. Unter ihnen fin- 
den wir Einige, welche noch denselben Namen haben wie 
vor zwölfhundert Jahren, wie z. B. die Adwäniten, Hodzay- 
liten, Ganbiten. 

In unsrer Zeit haben die Namen einiger Stämme Plural- 
form, wie Sawälima, d. h. die Sälimiten; Genäbyün, die Genä- 
biten; Scharärät, die Scharäriten; Sarwyya die Sarwiten, und 
Gobür die Gabriten. In vielen andern Fällen hat der Name 
zwar nicht die Form, aber doch die Bedeutung des Plurals, 
wie Aneze (eigentlich die Lanze), Asyr (eigentlich der Name 
eines Berges), Schammar (ebenfalls ein Berg). Einige nennen 



zu scbliefsen. Diese aber weigerten sich. Sie wandten sich an 
die Ghatafäniten und das Bündnifs kam zu Stande. Der Asadite 
Gahsch b. Riyäb war nicht damit einverstanden und erklärte, er 
wolle sich in Makka niederlassen und sich dort mit der edelsten 
Familie verbinden. Weil er ein Mann voll Einsicht und Unter- 
nehmungsgeist war, wurde er von Harb b. Omayya in den Familien- 
verband aufgenommen, und 'Abd al-Mottalib, der Grofsvater dea 
Mohammad, soll ihm seine Tochter Omayma zur Frau gegeben ha- 
ben. Es folgte ihm die ganze Familie Düdän nach Makka und Alle 
wurden die Verbündeten der Oraayyiden. Der Stamm der Asaditen 
wurde somit geschwächt und es unterliegt keinem Zweifel, dafs sich 
auf diese Art mancher Tribus auflöst. Die Omayyiden hingegen ge- 
wannen einen neuetf Zuwachs, und wenn diese Naturalisation nicht 
so nahe der historischen Zeit wäre, wurden die Nachkommen des 
Gahsch und der ganzen Familie Düdän in den Omayyiden aufge- 
gangen sein. 



CXXXVI 

sich die Söhne des N. N., wie Banü Tamym Söhne des 
Tamym, oder die Kinder, wie Wold 'Alyy, die Kinder des 
'Alyy; Andere nennen sich die Familie, wie AI Fädhil, die 
Familie des Fädhil, und noch Andere nennen sich Dzü, die 
Besitzer, Leute : wie Dzüy Hosayn die Leute des Hosayn. In 
diesen Fällen mögen die Araber häufig an Abkunft von einem 
Stammvater denken, aber nicht immer, denn es kommen Fälle 
vor, in denen sie sich die Söhne oder Familie ihres noch 
lebenden Schayches heilsen. üeberblickt man die Liste 
der jetzt lebenden Stämme, so wird man sich überzeugen, 
dafs die genealogischen Theorien in ihren Benennungen wenig 
hervortreten, und wo sie hervortreten meistens ganz unhisto- 
risch sind. Es giebt z. B. Banü Hosayn, wahrscheinlich so 
genannt nach einem nicht sehr fernen Schayche, welcher den 
Stamm sammelte ; sie aber behaupten von dem Enkel des 
Propheten abzustammen, obschon seine Nachkommen nie in 
der Wüste lebten ^). 

Unbegründete Theorien nehmen ihre Zuflucht gerne in 
das Dunkel des Alterthums. Jetzt allerdings, wird man mir 
sagen, sind die Araber entartet und haben ihre authentischen 
Stammbäume verloren, es war aber ganz anders in der glor- 
reichen Vorzeit. Verfolgen wir die Theorie in die Vorzeit 
zurück, so finden wir, dafs es gerade so gewesen ist. Aus 
Hamdäny, welcher die Kcnntnifs der arabischen Stämme aus 
dem Leben schöpfte, geht hervor, dafs auch zu seiner Zeit 
die Namen fast eben so vieler Stämme Plurale (wie Aswadyün, 
Sekäsik, Akärib), oder Singulare mit pluraler Bedeutung (wie 



') In der Wissenschaft steht leider der Name für die Sache. 
Namen werden aber oft mifsbraucht. Ich gebe ein Beispiel. Zwi- 
schen Aden und Can'a lebten Stämme unbekannten Ursprungs (als 
O'ijüd, A'häd, Mohagir und Ohrüb), welche sich unter einander Söhne 
des Ga'd hiefsen und behaupteten, dafs sie von Ga'd b. Ka'b, dem 
angeblichen Ahnen der bei Nagran lobenden Ga'diten, abstammen. 
Hamdäny zeigt, dafs diese Behauptung ungegründet ist und schliefst 
mit den Worten: „Auf gleiche Weise verbinde^jeder Stamm in der 
Wüste mit seinem Namen den Namen eines berühmten Stammes 
und behauptet, seine Abkunft von ihm abzuleiten." Dieser Unfug 
wurde also im Alterthum eben so häufig getrieben als jetzt. 



CXXXVII 

Hiniyar, Kinda, Chawlän, Haindän, Hadhramawt, Qadif), als 
Personennamen mit Banü davor waren. Dieselbe Beobach- 
tung machen wir in Iptachry, wo wir vor Fazara, Lachm, 
Godzam, 'Abd Kays, Tamym nicht das schulgerechte Banü, 
Söhne, finden. 

Die einzige Zuflucht für die Theorie ist also noch die 
dunkle Zeit vor Mohammad. Dais man auch damals nur 
selten an Abstammung dachte, geht aus Stammnamen wie 
Chözaa, die Getrennten, Cholg, die Weggenommenen, 
und aus Pluralen wie Kiläb, die Hunde, An mär, die Lö- 
wen, Agdzä, die Füllchen, Hawäzin und andern hervor. 
Wenn sich nun andere Stämme Banü Kalb, Hundssöhne, 
Banü Asad, Löwensöhne, Banü Thalaba, Fuchssöhne, nennen, 
so war dieses gewil's ursprünglich in derselben Bedeutung 
wie Hunde, Löwen, Füchse. Was den Gebrauch des Wortes 
Banü vor dem Namen des Stammes betrifft, so finden wir, 
dafs, je sorgfältiger sich ein früherer Schriftsteller an die 
alte Ausdrucksweise hielt, desto öfter Banü fehlt; so sagt 
Bochäry '0kl, Ghatafän u. s. w. ohne Banix, während andere 
weniger genaue Schriftsteller schulgerecht Banü '0kl, Banü 
Ghatafän schreiben. Doch selbst die bigottesten Verehrer der 
Schule sagen nicht Banü Koraysch, und nur Wenige Banü 
Gohayna, Banü Balyy, sondern einfach Koraysch u. s. w. 
Schon im Alterthum erschienen Ortsnamen als Patriarchen 
von Stämmen. So giebt es z. B. Banü Na it. Ibn Dorayd 
bemerkt : „Dieses ist weder der Name eines Vaters, noch der 
einer Mutter, sondern der eines Berges in Yaman." Dasselbe 
gilt von Ghassän, welches der Name eines Gewässers in 
Yaman ist, wonach die Bewohner benannt werden. Folgendes 
Beispiel zeigt, wie man Ortsnamen in Patriarchen verwandelte. 
In Yaman ist eine Landschaft welche Rahä heifst. In der 
Tradition werden die Einwohner Rahäwyyün, Rahäwier, ge- 
nannt. Die Genealogen hingegen behaupten, dals die Land- 
schaft Rohä, der Patriarch hingegen Rahä heifse, und dafs 
er ein Sohn des Ganb sei. Durch solche feine L^nterschiede 
gewannen die Genealogen das Vertrauen der Schule. Die 
Vorstellung, dafs der ganze Stamm denselben Vater habe, 
war, so viel wir aus dem Sprachgeb.rauche urtheilen können, 
im Alterthume häufig, aber doch nicht allgemein. Vieles, 



cxxxvm 

was die Genealogen vom Facli als Tliatsaclie hinstellen, war 
für ihre Väter Sprachgebrauch und Spiel der Phantasie. Die 
Semiten haben noch mehr als andere unkultivirte Völker die 
Gewohnheit, Begrifie durch Verwandtschaftsverhältnisse aus- 
zudrücken ; so heifsen sie ein euijlisches Goldstück Abü-lbint, 
Vater des Mädchens, weil es das Bildnifs der Königin trägt; 
einen Wanderer heifsen sie Ibn alsabyl, Sohn des Weges, 
und den Schlaf Achu-lmawt, Bruder des Todes. Wenn nun 
Mohamnuid die bekehrten Perser Söhne des 'Abd Allah 
(Knechtes Gottes) und einen arabischen Stamm Söhne des 
Geleiteten hiefs, und wenn man einen andern Stamm, wovon 
viele Mitglieder schreiben konnten. Söhne des Schreibers 
nannte, so sind dies nur Benennungsweisen und man dachte 
gewifs nicht auf Abstammung. 

Die persönliche Genealogie der Araber besteht wie über- 
all aus Aufzeichnungen, und der biblische Theil des Stamm- 
baumes aus einfachen Dichtungen ; weder in den einen noch 
in den andern kann von einem Systeme die Rede sein. An- 
ders ist es mit den ethnographischen Symbolen oder der Ge- 
nealogie der arabischen Stämme : wir nehmen darin ein Sy- 
stem wahr, welches ungeachtet seiner Mängel beim ersten An- 
blick doch so wahrscheinlich erscheint, dals sich selbst Eich- 
horn hat täuschen lassen und die Genealogie für die Grund- 
lage der alten Geschichte der Araber hielt. Es liegt uns 
also ob, dieses System zu erklären. Indem ich den Versuch 
mache, beschränke ich mich ganz vorzüglich auf den Stamm- 
baum der Nizäriten, weil er einfacher ist als der der Kahtä- 
niten, auch weil aus ihnen Mohammad hervorgegangen ist 
und sie für uns mehr Interesse bieten. 

Die Seelenzahl der Nizäriten mag sich zur Zeit des Mo- 
hammad auf fünf bis sechs Millionen Menschen belaufen 
haben. Ihre Wohnsitze waren vorzüglich in Centralarabien, 
vom rothen Meere bis zum persischen Meerbusen, dann aber 
auch von dort dem Euphrates entlang bis tief in die Ebenen 
von Mesopotamien hinein. Sie thtülten sich in zwei Haupt- 
raf en : die westliche, welche von den Genealogen Modhar ge- 
nannt wird und bis an den persischen Meerbusen reicht, 
und die östliche, die Rabya (auch Faras und KascHam ge- 
nannt), welche ihre Sitze in Mesopotamien und am Euphrates 



CXXXIX 

hatten. Einige Stämme von dieser Rape lebten neben den 
Modliariten in Rahrayn , ja es wird sogar ein Stamm (die 
Bann Hanyfa) in Vamäma dazugezälilt. Die Modliariten zer- 
fielen wieder in zwei Haiiptabtlieilungen, die Cliindif, welche 
sich vom rotheii Meere bis an den Tigris ausdehnten, und 
die Kays-'Aylan, welche südlich von den Chindif lebten, 
und deren Ausdehnung ebenfalls von Westen nach Osten geht 
und zwar von Tayif bis an den persischen Meerbusen. Das 
Symbol für diese Gruppen ist einfach und wie es scheint, älter 
als das System, nämlich : 

Adnän 

I 
Ma'add 

I 
Nizär 

Modhar Raby'a 

Chindif Kays -' A y 1 ä n 

Diesem Symbole geraäfs könnte man die ganze Rape nach Be- 
lieben Nizär, Ma'dd oder Adnän heifsen. Es kommen auch alle 
drei Benennungen in diesem Sinne vor, aber die letzte sehr selten 
und nur bei späteren Theoretikern. Zur Zeit der Omayyiden wurde 
sie Nizär genannt. Ma add kommt als Volksname in der Propheten- 
biographie nicht vor, wohl aber bei Procopius bei ihm hat aber 
Ma'additen eine viel engere Bedeutung. Es war vielleicht eine Con- 
föderation mehrerer Stämmp, welche zur Zeit des Mohammad auf- 
gelöst war. Die Genealogen haben dann die alte Benennung in 
einer neuen Bedeutung wieder aufgefrischt, wie man in neuer Zeit 
wieder von den Lateinern, Germanen und Teutonen spricht. 

Die Einthoilung war ursprünglich binär und von Nizär stammen 
keine andern Tribuse als die Modhariten und Raby'iten, und von 
Ma'add und 'AdnAn auch keine andern als die Nizäriten. Einige 
Genealogen jedoch geben dem 'Adnän aufser dem Ma'add noch 
einen andern Sohn Namens Akk. Die Akkiten sind nach Ihn Hi- 
schäm S. 6 dem Dialecte und dem Wohnorte nach mit den süd- 
arabischen Asch'ariern verwandt. Er erklärt dieses dadurch, dafs 
ihr Patriarch 'Akk nach Yaman auswanderte und sich mit den 
Asch'ariern verschwägerte. Andere Genealogen sind weiter ge- 
gangen und lassen die 'Akkiten aus ihren Stammsitzen bei Makka 



CXL 



nach der Tihäma von Yaman wandern. Beiläufig gesagt wird von 
vielen andern Stämmen behauptet, sie haben sich einige Zeit bei 
Makka aufgehalten. Was die 'Akkiten betrifft, so finden wir sie 
schon bei Ptolemäus (welcher sieJ^^^xitai, Yar. ^yiizat, und J^;f'r««. 
nennt) in Yaman , und soweit reichen nur wenige Traditionen der 
Araber über die Wanderungen der Stämme zurück. Die in Cho- 
räsän ansäfsigen 'Akkiten und auch einige Genealogen waren ver- 
nünftiger, sie hielten die 'Akkiten für Yamanenser und gaben 
folgende Genealogie an: 'Akk b. "Adniin (^^'jiAcj b. 'Abd Allah 
b. Azd; eine Variante lautet 'Akk b. 'Odthän (^^LiAcj (die Wörter 
sind nur in der Schrift ähnlich). Das Alter der Variante geht daraus 
hervor, dafs im Kämus ohne sachlichen Grund behauptet wird, es 
habe einen 'Akk b. 'Odthän und einen 'Akk b. 'Adnä.n gegeben. 
Nach dieser Genealogie sind die Akkiten ein Azdstamm, d. h. Süd- 
araber. Ihn Ishak S. G und Balädzory fol. 7 haben einen Vers auf- 
bewahrt, dem zufolge sie identisch sind mit dem Azdstamm Ghas- 
sän. Aber schon von Ptolemäus werden die 'Akkiten, al-Asch'arier 
(Elisari) und die Ghassäniten als verschiedene Stämme aufgeführt, 
ja, er kennt selbst die Mäziniten, welche von allen arabischen Ge- 
nealogen mit den Ghassäniten identifizirt werden , als einen selbst- 
ständigen Stamm. Diese vier Völkerschaften waren dem Ptolemäus 
zufolge Nachbarn und es ist kein Zweifel, dafs sie alle einer Rape 
angehören; es hat aber den Genealogen gefallen, die 'Akkiten bald 
dieser bald jener der zwei Hauptracjen von Südarabien und endlich 
gar den Nizäriten zuzutheilen. Nach Ibn Hischäm sind sie Brüder 
der Asch'arier und wir dürfen annehmen, dafs es Genealogen ge- 
geben hat, welche den ersteren die Genealogie der letzteren gaben. 
Der Name des Asch'ar war Nabt und sein Vater hiefs Odad b. 
Zayd b. Hamaysa b. 'Amr b. 'Aryb (d.h. der Araber) b. Yaschgob 
u. 8. w. In dieser Genealogie finden wir alle Elemente, aus welcher 
die des 'Adnän (S. CXXXII) zusammengesetzt ist. Ich glaube dafs 
die gemeinsame Grundlage beider ein südarabisches Symbol war, 
welches lautete: 'Odad (der Sohn des Hamaysa b. Yaschgob b. Näbit 
b. Kedar b. Ismael) hatte zwei Söhne, den Nabt oder Asch'ar und 
den 'Adnän (oder 'Odthän). 'Adnän hatte wieder zwei Söhne, den 
Maadd und den 'Akk. Andere Genealogen haben dann den Stamm- 
baum der Asch'arier erweitert, und weil sie nicht zu Denjenigen 
gehörten, welche auch die Südaraber von Ismael abstammen lassen, 
sie zu Sabäern gemacht. Für die Ma'additen und 'Akkiten wurde 
er einige Zeit unverändert beibehalten. Nachträglich habe ich einen 
Beleg für diese Vermuthung gefunden. Baladzory S. 2 sagt, dafs 
Einige den Nabt, den Vater der Asch'arier, für einen Sohn des 



CXLI 



'Odad, vou dem die Ma'additen (d. h. Nizäriten) abstammen, halten, 
während Andere ihn mit 'Adnän identificiren. 

Dem Ma'add geben Einige 14 oder gar 15 Söhne, darunter ist 
Konoc, der Vater der Könige von Hyra, welche sonst allgemein für 
Südaraber gelten, und lyjid, von welchem nach Einigen der Bd. I 
S. 43 und 1Ü2 erwähnte Koss abstammt; aufserdem kenne ich noch 
einen lyäditen, nämlich den heidnischen (christlichen?) Dichter Abu 
Dawüd (Abu Dowäd?) '). Es scheint, dafs die Söhne des Ma'add, 
mit Ausnahme des Nizär, zerstreute Stämme sind, von denen die 
Genealogen nur die Namen oder hie und da üeberbleibsel vor- 
fanden. Der fünfzehnte Sohn des Ma'add ist Kodhaa. Von den 
Kodhaiten ist bereits die Rede gewesen. 

Nizär soll aufser Modhar und Raby'a auch den Änraär gezeugt 
haben. Anmar ist der Vater der Chath'amiten und der Bagyliten. 
Beide Stämme wohnten an der Grenze zwischen Central- und Süd- 
arabien und scheinen weder der einen noch der andern Bevölkerung 
entschieden angehört zu haben. Einige sehen auch den lyäd nicht 
für einen Sohn des Ma'add, sondern für den des Nizär an. ich 
halte die im Symbole S. CXXXIX angedeutete binäre Eintheilung 
(welche auch in den Unterabtheilungen vorherrscht) für die ursprüng- 
liche, und die Zuthaten für neue Entdeckungen und Bedenken der 
spätem Genealogen. 

Die meisten Genealogen halten den Kays für einen Sohn des 
'Aylän. Das ist nach dem Kämüs gegen den Sprachgebrauch, denn 
man sagt Kays -Aylän oder Kays-Ghaylän und nicht Kays Ibn 
'Aylän. Auf ähnliche Weise sagte man auch Sad-Hodzaym, Sa'd- 
'Aschyra, Bakr-Wäyil u. s. w. Diese Zusätze dienen dazu, um diese 
Stämme von andern Kaysiten, Sa'diten, Bakriten zu unterscheiden. 
Die Genealogen haben überall Ibn dazwischen gesetzt. Sie würden 
z. B. Hessen-Darmstadt in Hessen Ibn Darmstadt aufgelöst haben. 



') Im Kitäb alaghäniy Nr. 1178 lesen wir: „Ya'küb b. Sikkyt 
sagt: Des Dichters Name war Gäriya b. Haggäg, dessen Beiname 
Hamdan (bei Wüstenfeld, der eine eigene Genealogie daraus macht, 
Homrän) b.Yahya (bei Wüstenfeld Bahr) b.'I^äm b.Binhän (Nabhän) 
b. Hodzäfa b. lyäd. Ibn Habayyib sagt: Der Dichter hiefs Gäriya 
b. Haggäg und gehörte zu den Banü Bard (Badr?) b. Do'mä b. lyäd." 
Die Schule hat, wie es scheint, aus den verschiedenen Angaben — 
welche alle Dichtung sind — separate Genealogien gemacht. 



CXLII 



Der Zweck jeder ethnographischen Genealogie ist: die 
Verwandtschaft der Völker und Stämme auszudrücken. In 
dem soeben angeführten Symbole hatten die Araber auch 
keinen andern Zweck im Auge. Wenn die Moslime damit 
nicht eine andere Absicht verbunden hätten, würden sie fort- 
gefahren haben, die Namen der Stämme und ihrer Verzwei- 
gungen auf diese einfache Art zusammenzustellen und sie 
würden z. B. dem Chindif so viele Söhne gegeben haben, als 
es Gruppen von Chindifstämmen giebt, und unter jedem Sohne 
des Chindif würden sie dann die einzelnen Stännne als Enkel 
desselben aufgezählt haben. Kach dieser Manier sind die 
Stammtafeln der Genesis, besonders in Kap. 36, construirt. 
Wollte man dann den Stammbavun eines Individuums bis 
zum Patriarchen zurückführen, so niül'ste man (wie bei Matth. 
Kap. 1) so viele 'Abd Allahs, Zayd's und Amr"s nennen, bis 
die Anzahl der Geschlechter dem muthmaCslichen Zeitraum 
entspräche. Unterdessen, die ersten Moslime waren viel mehr 
Dichter als Lügner^) luid wir haben gesehen, wie lange es 



') Doch nebenbei auch grofse Lügner. Das Grofsartigste, was 
sie in dieser Beziehung geleistet haben, ist die Genealogie der 
Mütter der l^ropheten. Die Anfänge derselben finden wir schon 
bei Ibn Isliak, doch vollständig ausgebildet wurde sie von Ibn Kalby, 
von dem sie Ibn Sad entlehnt hat, welcher sie auch aufbewahrte. 
Es wird nicht nur von jedem Vater, sondern auch von jeder Mutter 
und Mutters Mutter unter seinen Vorfahren, in Allem von 500 Müt- 
tern, hinauf bis 'Adnän die Genealogie vollständig angegeben. Die 
Dichtung ist sehr einfach: nachdem die Tabelle der Patriarchen der 
arabischen Stämme fertig war, nahm man die zwei ältesten Stämme, 
und der eine gab den Vater und der andere die Mutter her für die 
Frau des gleichzeitigen Ahnen des Propheten; so ging man dann 
weiter herunter und sorgte dafür, dafs jeder Stamm je nach seinem 
Adel eine oder mehrere Mütter und Väter der Mütter des Propheten 
lieferte. Begreiflicher Weise waren sie immer aus der edelsten Fa- 
milie des betreffenden Stammes. Es flofs also in seinen Adern das 
Blut von jeder adeligen Familie von ganz Arabien und er war der 
Inbegriff des Adels der Nation. Sie fanden in ihm nicht einen Men- 
schensohn, sondern einen leibhaften Arabersohn. 

Ilnggag sagte zum Chalyfen Abd al-Mälik, dafs mit Ausnahme 
der llagar, der Mutter des Isniael, keine Sklavin unter seinen (des 



CXLIII 

gedauert hat bis sie sich entschlossen, ein solches Geschlechts- 
register des Propheten von 'Adnän bis Ismael zu erfinden. 
Als die ethnographischen Symbole der Nizärstümnie eine be- 
stimmte Form erhielten, fühlten sie aul'ser der Zweckmäfsigkeit, 
ihre Verwandtschaftsverhältnisse auszudrücken, ein anderes 
Bedürfnifs, nämlich die Stammbäume der Zeitgenossen des 
Mohammad darzustellen. Dieses stellte sich ihnen anfanocs 
nicht in seinem ganzen Umfange vor Augen. Jeder begnügte 
sich, den StamMil)aum jener Männer und Familien zu bearbeiten 
und allenfalls ihre Verwandtschaft zum Propheten nachzu- 
weisen , an denen er wegen besonderer Verehrung oder Ab- 
kunft gröl'seres Interesse nahm. War der Manu oder die Fa- 
milie von groi'ser Wichtigkeit in der Gründung des Islams, 
so wurde der Stammbaum mit den gehörigen von andern Ge- 
nealogen vorgeschlagenen und von der öflentlichen Meinung 
orebillio;ten Modificationen das Gemeinii-ut der Moslime. Im 
zweiten Jahrhundert hingegen war jeder Zeitgenosse des 
Propheten von Interesse und man ging dann auch so weit, 
von Jedem, dessen Name noch bekannt war, den Stamm- 
baum zu construiren und die Genealogien der Araber, wie 
wir sie haben, sind nichts anderes als Geschlechtsregister 
sämmtlicher bekannten Zeitgenossen des Mohammad bis Adam. 
Ich werde auf die Geschichte des Entstehens der Wissen- 
schaft zurückkommen; diese Bemerkungen waren jedoch noth- 
wendig um die Eigenthttmlichkeit der ethnographischen Sym- 
bole der Araber begreiflich zu machen. 

Ehe ich weiter gehe, will ich einen Versuch machen, den 
Gegenstand dem deutschen Leser näher zu rücken. Wir 
wollen uns zu diesem Zwecke in eine deutsche Reichsstadt, 
etwa nach Augsburg vor hundert Jahren, versetzen, und 
einem Fugger, den wir Hans, Sohn des Jakob heifsen, die 
Aufgabe stellen, einen Stammbaum seiner ehrenwerthen Mit- 
bürger und des ganzen deutschen Volkes zu schreiben. Wir 



Haggag) Müttern war. Ich schliefse aus dieser Aeufserung, dafs 
raan auch für andere Famihen den Stammbaum der Mütter festge- 
stellt habe, doch wohl nur den der Mütter der leiblichen Ahnen und 
nicht den der Mütter der Mütter. 



CXLIV 

machen ihm aber harte Bedingungen. Archive und Bücher 
soll er nicht benutzen, seine einzige Quelle sollen mündliche 
Ueberlieferungen sein. Seiner Phantasie und seinen Prädi- 
lectionen für sein edles Geschlecht, für die Reichsstadt und 
auch für das deutsche Volk darf er freien Lauf lassen, aber 
doch soll er so wenig Namen als möglich erdichten, und es soll 
ihm gelingen. Jedermann, wenigstens in Augsburg, in den 
Stand zu setzen, seine Genealogie ohne viele Mühe bis Ger- 
mania zu verfolgen. Unser Hans Fugger würde den Stamm- 
baum selbstverständlich mit seinem erlauchten Geschlechte 
und seiner hochadeligen Person anfangen und (wenn er wie 
die Araber verführe) würde er sagen: Hans b. Jakob b, Otto 
b. Fugger b. Graben b. Antiquus b. Patricius b. Augsburg. 
Wenn er ein anderes Geschlecht, etwa Gfattermann, für 
ebenbürtig hielte, würde er auch den Gfattermann zum Sohn 
des Graben und zum Bruder des Fugger machen. Andere 
vornehme mit den Fu^o-ern verwandte Geschlechter würden 
je nach dem Grade der Verwandtschaft von Antiquus oder 
Patricius abstammen, die Bürger und Proletarier der Reichs- 
stadt aber würden Abkönmilinge des Augsburg durch seine 
Söhne Civis und Vilis sein. Die Generationen zwischen Augs- 
burg und seiner eigenen Zeit könnte er dazu benutzen, um 
der Genealogie der Plebejer die nöthige Breitenausdehnung 
zu geben, dafs alle Familien Platz fänden. Civis könnte z. B. 
mehrere Söhne haben, wie Zünftig, Nichtzünftig, Dives, Pau- 
per u. dergl. und jedem von ihnen könnten wieder mehrere 
Söhne gegeben werden, bis der Genealog auf die Familien- 
namen und auf die Namen gleichzeitiger Personen kommen 
würde. Wenn unser Hans Fugger mit allen Eigenschaften 
der Unwissenheit, der Anmalsung und des SpieCsbürgersinnes, 
wodurch die Araber glänzen , ausgestattet wäre , so würden 
die Geschlechter von Augsburg den gröfseren Theil seines ge- 
nealogischen Berichtes füllen, und das übrige Deutschland 
den kleinern. Augsburg wäre ein Sohn des Schwab b. Michel 
b. Deutsch b. Hermann b. Germania b. Teuto. Frank und 
Pfälzer könnten ebenfalls als Söhne Michels figuriren, aber 
Hess müfste schon eine Linie weiter hinaufgerückt werden 
und Preuls könnte froh sein, als Sohn Germanias bei einer 
slavischen Frau angesehen zu werden. Fänden wir einen 



CXLV 



solchen Stammbaum ohne den Namen des Verfassers, so 
würde uns die innere Evidenz überzeugen, dafs der Verfasser 
ein Augsburger und zwar ein Fugger sei. Dieses ist nun 
ganz der Character der arabischen Genealogien, nur haben 
sie nicht eine Person zum Verfasser, sondern sie sind mit 
Aufnahme früherer Elemente aus dem Islam herausgewachsen. 
Damit man nicht glaube, ich beschuldige die Araber in die- 
sem Exempel zu grolser Willkür, gebe ich den Stammbaum 
Alexanders des Grolsen, wie ihn Thalaby fol. 190 aufbewahrt 
hat, zum Besten: Iskandar b. Fylifüs (Philippus) b. Martabüs 
b. Hirmas b. Hordos b. Mytiyün b. Rümy (Römer) b. Latyy 
(Latinyy?) b. Yüuän b. Yäfeth b.Thüya b. Sarhün b. Rümiya 
(Rom) b. Byzant b. Tukyl b. Rümy b. A^far ^) b. Aylanfar 
b. Esau b. Ishäk b. Abraham. 

Da die ethnographischen Symbole zu gleicher Zeit mit 
den Personalgenealogien ausgebildet wurden, fühlte man die 
Noth wendigkeit, den Synchronismus zu berücksichtigen und 
alle Nizäriten, welche zur Zeit des Propheten lebten, unge- 
fähr die gleiche Distanz vom gemeinsamen Stammvater zu 
entfernen. Um dieses zu erreichen, liefsen sich die Genea- 
logen in der Construction von zwei Gedanken leiten, wofür 
sie auch technische Ausdrücke haben — die einzigen mir in 
dieser Wissenschaft bekannten; — sie bildeten nämlich eine 
Amüd alnasab, Säule der Genealogie, und berücksichtigten 
in der Einfügung der Aeste die Ko'dod, Distanz. 

Die Amüd alnasab für die Nizäriten oder wenigstens 
ftir die Chindif ist der Stammbaum des Propheten. Es gilt 
für die Moslime als Pflicht, ihn dem Gedächtnisse emzuprä- 
gen und wenn ihr auch selbst unter den Gebildeten nur We- 
nige nachkommen, so besteht sie dennoch. Wir finden schon 
gegen Ende des zweiten Jahrhunderts ein Beispiel von dieser 
Gewohnheit: Kalby sagte seinem Sohne, als dieser noch ein 
Knabe war, den Stammbaum des Propheten vor, bis er ihn 
auswendig wufste. Mohammad war ein Makkaner, folglich 
nach der Logik jener Zeit ein Nachkomme des Gründers 



' ) Ueber A^far siehe Zeitschrift der Deutschen morgenl. Gesell- 
schaft Bd. II S. 237 und Bd. III S. 363. 381. 

lu. k 



CXLVl 

dieser Stadt; er war ein Korayschite und deswegen mul'ste 
Koraysch in seiner Genealogie erscheinen. Es war aber be- 
kannt, dal's Koraysch nicht der Name einer Person ist, des- 
wegen setzte man Fihr an seine Stelle und behauptete, Ko- 
raysch sei dessen Beiname gewesen. Wahrscheinlich nicht 
zur Zeit des Mohammad, aber jedenfolls als sein Stammbaum 
gebildet wurde, zählte man die Korayschiten zu den kinaniti- 
schen Stänunen, welche wieder eine Unterabtheiluug der 
Chindif waren, folglich mul'sten auch diese zwei Namen in 
dem Stammbaum aufgenommen werden. Chindif wie Ger- 
mania ist ein Femininum und man hält es daher für den Na- 
men der Mutter des Volkes; den Vater lieifst man el-Yäs (viel- 
leicht Elias, denn beide Wörter werden gleich geschrieben). 
Diese Elemente bieten nur zehn Namen und reichen nicht 
hin, ein vollständiges Geschlechtsregister zu bilden. Es 
wurden daher andere zehn eingeschoben. Der Stammbaum 
des Propheten oder die 'Amüd alnasab besteht somit aus fol- 
genden zwanziir Gliedern : 



1. Nizär; 


11. 


Lowayy ; 


2. Modhar; 


12. 


Ka'b; 


3. Chin-dif; 


13. 


Morra ; 


4. Modrika; 


14. 


Kilab; 


5. Chozayma; 


15. 


Kopayy; 


6. Kinäna; 


16. 


'Abd Manät; 


7. Nadhr; 


17. 


Häschim; 


8. Mälik; 


18. 


'Abd al-Mottalib; 


9. Koraysch (Fihr); 


19. 


'Abd Allah; 


0. Ghälib; 


20. 


Mohammad. 



Es ist, wie wir bald sehen werden, von der gröi'sten 
Wichtigkeit, in jedem Stammbaum die Symbole für die Ver- 
wandtschaft der Stämme von denen für die Verwandtschaft der 
Familien zu unterscheiden. In vorliegendem Falle hören erstere 
mit Malik auf und fangen letztere mit Koraysch an. Von Nizär 
bis Mälik sind nur vier Namen als Lückenbüfser eingeschoben; 
wahrscheinlich ist keiner von diesen vier Namen erfunden. 
Hobal wurde der Götze des Chozayma oder viehuehr des Cho- 
zayma b. Modrika genannt ^), folglich ist Chozayma ein schon 

') Es ist eine Gewohnheit der Araber, dem Namen einer Person 
den des Vaters beizusetzen ; wenn sie letzteren nicht wissen, sagen 



CXLVII 

früher bekannter Name, welcher von den Genealogen ver- 
wendet wurde. Auch Nadhr ist ein historischer Name, denn 
ehe der Korayschstamm gebildet wurde, gab es einen Nadhr- 
stamm; er löste sich auf und die meisten seiner Mitglieder 
traten in die korayschitische Verbindung ein und bildeten den 
Kern derselben. Woher Mälik kömmt, wissen wir nicht. 
Bei Ptolemäus leben landeinwärts neben den Cinaedokolpiten, 
von denen es sicher ist, dafs sie die Meeresküste von Makka 
bewohnten, die Malichae. Zur Zeit des Mohammad finden 
wir keinen Stanun dieses Namens; wie es scheint hat er sich 
aufgelöst, und die Cholgiten, welche sich Banü Cholg b. 
Härith b. Mälik nannten, behaupteten, ein Fragment davon 
zu sein. Vielleicht ist der Name Malik erst durch die Auf- 
nahme der Cholgiten und Balharithiten, welche beide von Ma- 
lik (den Malichae) abzustammen wähnten, in den korayschi- 
tischen Verband, in die ' Amüd alnasab gekommen. Ich lasse 
hier die Tafel der korayschitischen Familiengenealogie folgen. 



sie bisweilen : N., der Sohn seines Vaters (Ibn Abyhi) ; oder auch : 
N., der Sohn eines Knechtes Gottes (Ibn Abd Allah). 



CXLVIII 



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CXLIX 

In dieser Tabelle sind Mohammad, 'Abd Allah (d. h. 
Knecht Gottes, er mag auch Knecht irgend eines Götzen 
geheil'sen haben), und wenn nicht die ganze Jugendge- 
schichte des Mohanmiad eine Fabel ist, 'Abd al-Mottalib 
Namen von Personen'). In Bezug auf Häschim, den Vater 
des 'Abd al-Mottalib, läl'st sich dieses schon nicht mit so 
grol'ser Bestimmtheit behaupten. Auch über die Persönlich- 
keit von Häschims Brüdern Mottalib, Nawfal und Abd- 
Schams, welche angeblich alle vier Söhne des 'Abd-Manäf 
waren, waltet ein Zweifel ob. Die Erörterung dieses Gegen- 
standes wirft Licht auf die Entstehungsgeschichte der Fa- 
miliengenealogie und verdient deshalb hier einen Platz. Nach 
Koran 8, 42 haben die Anverwandten des Propheten auf Un- 
terstützung aus der Staatskasse Anspruch. Schäfi'y, gestützt 
auf zwei Traditionen und auch, wie es scheint, auf die Praxis 
in alten Zeiten, versteht hier unter „Anverwandte" nur Hä- 
schimiten und Mottalibiten. In dem S. 361 Note ang-eführten 
Documente räumt Mohammad dem Banü Go'ayl dieselben 
Privilegien ein, welche die ' Abd-Manäfiten besitzen. Es 
unterliegt kaum einem Zweifel, dafs er ihnen hiermit An- 
sprüche auf die Staatskasse zuerkannte, denn die Familie des 
Mohammad besafs sonst keine Privilegien. 'Abd-Manäfiten 
wäre demnach ein Name für Häschimiten und Mottalibiten 
zusammen. Nach der Genealogie müssen wir aber unter 
Abd-Manäfiten auiserdem auch die Nawfaliten und 'Abd- 
Schamsiten verstehen. Dieses jedoch hat schon Ibn Mosayyab 
in Abrede gestellt, indem er erklärte, dafs diese zwei Fa- 
milien keinen Anspruch auf die Staatskasse haben; er konnte 
diese Erklärung nur in der Ueberzeugung abgeben, dafs sie 
nicht zu den nahen Verwandten des Mohammad, nicht zu 
den ' Abd-Manäfiten gehören ^). Wenn die Genealogen dessen- 



') Nach Masüdy war eines der fünfzehn Gescblechter, welche 
die Bewohnerschaft von Makka ausmachten, Härith b. 'Abd al- 
Mottalib und ein anderes Omayya b. 'Abd -Schanis. Wenn dieses 
schon zu Mohammads Zeit Namen von Familien waren, so müssen 
wir den Grofsvater des Propheten und den des ersten omayyidischen 
Chalyfen für mythische Personen ansehen. 

') Ibn Mosayyab (f 94) stützte sich auf eine Tradition, welche 
ihm von Mohammad, einem Sohne des Vaters der arabischen Genea- 



CL 



ungeachtet den Häschim nnd 'Abd-Sohams 7a\ Brüdern und 
zu Söhnen des 'Abd-Manäf machen, so haben sie die besten 
Absichten. Mohammad gehörte nicht zum Patriciate (K.43,3o)7 
für welches er, wie wir aus diesem Bande S. 333 und 353 
sehen, die höchste Verehrung hegte. Die ' Abd-Schamsiten 
hingegen waren die mächtigste Familie in Makka, und Abu 
Sofyän b. Omayya b.' Abd-Schams war der Schaych seiner 
Vaterstadt. Es war also beiden Familien geholfen, wenn 
ihre Ahnen zu Brüdern gemacht wurden. Den 'Abd-Scham- 
siten, wovon die Omayyiden ein Zweig waren, wurde der 
Weg ziim Chalyfate gebahnt, und Mohammad wurde nach- 
träglich in den Adelsstand erhoben. Es geht aus den Le- 
genden hervor, wo wieder und wieder versichert wird, der 
Prophet sei aus dem edelsten Geschlechte entsprossen, dafs 
sein Adel ein Bedürfnifs jener adelstollen Zeit war. 

Wir haben sehr wenige Anhaltspunkte, die Ausbildung 
des makkanischen Familienstammbaumes, bis er obige Ge- 
stalt erhielt, zu verfolgen. Ziehen wir Alles, was wir wissen, 

logie, Gobayr b. Mot'im, erzählt wurde. Von dieser Tradition haben 
wir ziemlich verschiedene Texte (Baghawy zu 8, 42; Mischkät S. 341 ; 
Taysyr S. 103 und Ipäba Bd. 1 S. 461). 'Othmän, ein 'Abd- Scham- 
site, und Gobayr b. Mot'im, ein Nawfalite, baten den Propheten, 
ihre Familien den Mottalibiten gleichzustellen und auch sie der An- 
sprüche auf die Staatskasse theilbaft zu machen. Der Prophet gab 
ihnen eine abschlägige Antwort und sagte: Die Häschimiten (Fa- 
milie des Mohamm.ad) und die Mottalibiten sind eins. Nach einer 
Version sagten diese zwei Männer, dafs auch 'Abd-Schams und 
Nawfal Sühne des 'Abd-Manäf seien, nach einer anderen behaup- 
teten sie blos, dafs auch sie (wie alle Korayschiten) Verwandte des 
Propheten seien. Das Thatsächliche ist also blos, dafs die Ver- 
wandtschaft dieser zwei Familien mit den Häschimiten nicht eng 
genug war, um ihre Ansprüche zu begründen; in diesem Sinne hat 
auch 'Abd-alhakk Dihlawy die Tradition aufgefafst. Engherzigkeit 
war gewifs nicht die Ursache, weswegen Mohammad diese zwei 
Männer abwies, denn er war beiden Bittstellern gewogen. Der eine 
war sein Schwiegersohn und der andere gehörte zu den Besänftigten 
(Ibn Kot. S. 145), das heifst, er wurde von Mohammad reichlich 
beschenkt. Mit dem Gelde war Mohammad nie sparsam und er hätte 
ja den 'Abd-Schamsiten und Nawfaliten, da noch keine fixe Ge- 
hälter eingeführt waren, geben können, was er wollte. 



CLI 



in Betracht, so ergiebt sich, dafs die Familien von Makka 
schon in früher Zeit in fünf Gruppen getheilt waren, wovon 
jede ihr eigenes Viertel bewohnte und einen eigenen Namen 
hatte ^). Jede von diesen Gruppen zerfiel in Unterabtheilun- 
gen und auch diese hatten Namen; so wurden die Mottali- 
biten und Häschimiten zusammen Söhne des' Abd-Manäf <re- 

') Der Genealogie zufolge waren Folgendes die fünf Gruppen: 
1. Die Patricier, welche vorn Gründer von Makka abzustammen 
wähnten. Sie bestanden aus den Familien Nawfal und Abd-Schams, 
welche wahrscheinlich mit einander Banü Moghyra hiefsen. Die 
Genealogen haben, indem sie dieselben zu Brüdern der Abd-Manä- 
fiten machten, den Moghyra mit 'Abd-Manäf identificirt. Weniger 
vornehm sind die Familien 'Abd aldär und Abd. Vielleicht gehörten 
auch die Asaditen zum Patriciat, doch da sie dem Bündnisse der 
Motayyabün beitraten (vgl. S. 313 Note), ist es zweifelhaft. 2. Die 
Zohriten, die, wie die Asaditen, nicht zu den Patriciern gehörten. 
Vielleicht hatten alle zur zweiten Klasse gehörigen Familien den 
Sammelnamen Kiläb. 3. Die Taymiten und Machzümiten. 4. Die 
so enge mit einander verbundenen Familien Sahm und Gomah, dafs 
sie gewöhnlich mit einander genannt werden, und die 'Aditen. 
5. Die 'Amiriten; ihr Quartier bildete gleichsam eine Vorstadt, stöfst 
an das der 'Abd-Manäfiten und wird jetzt noch Schi'b Amir ge- 
heifsen. Von den 'Amiriten lebten nur die Banü Mayp b. Amir 
aufserhalb Makka und waren, wie es scheint, Nomaden. Die ersten 
vier Klassen wurden im Gi'gensatz zu den 'Amiriten Banü Ka'b 
genannt (vergl. Bd. II S. 518 Note), während alle fünf Klassen zu- 
sammen schon von Hassan b. Thäbit Banü Lowayy geheifsen wer- 
den. Der biblische Name Levi wird zwar im Arabischen gewöhn- 
lich Lä,wi mit langem a geschrieben , dennoch ist man versucht Lo- 
wayy als Deminutiv von Levi anzusehen und Banü Lowayy mit 
Levitchen zu übersetzen, weil sonst die Namen Läwi und Lowayy 
gar nicht oder höchst selten vorkommen und die Banu Lowayy 
wirklich das Amt der Leviten beim Pilgerfest versahen. Nach 
Azraky S. 107 war die Gruppirung etwas verschieden. Die 'Abd- 
Manäfiten mögen zu der zweiten Klasse gehört haben, welche aber 
wahrscheinlich nicht den zweiten, sondern den dritten oder vierten 
Rang einnahm. Das Quartier der "Abd-Manäfiten war N. O. von der 
Ka'ba und sie hielten immer treulich zusammen (vgl. Bd. II S. 129). 
Die Adramiten, Mohäribiten und Balhärithiten lebten aufserhalb der 
Stadt wahrscheinlich nomadisch. Eine Balhärithfamilie hingegen, zu 
der Abu Obayda Ibn Garräh gehörte, wohnte in der Stadt. 



CLIT 



nannt. Es unterliegt keinem Zweifel, dafs die Mitglieder 
jeder Gruppe unter sich enge verwandt waren und ihre Zu- 
sammengehörigkeit eine natürliche war; doch haben wir Fälle 
kennen gelernt, dafs neue Gruppen in den korayschitischen 
Verband eintraten und dafs Familien einer Gruppe einer an- 
dern zugezählt werden; gerade wie sich bei uns, als noch 
aristokratische Institutionen vorherrschten, bisweilen eine Fa- 
milie aus dem Bürgerstande zum Patriciat empor arbeitete, 
während adelige Familien verarmten. Die Gruppirung hatte 
ihren eigentlichen Halt in der öffentlichen Meinung und war 
weder abgeschlossen, noch unveränderlich festgestellt. Es 
unterliegt wohl keinem Zweifel, dafs schon unter 'Omar 
auch in Makka ein Dywän war, denn wir haben die be- 
stimmte Nachricht, dals auch die Makkauer Gehälter bezogen. 
Selbstverständlich nahm hier die Familie des Mohammad und 
die mit ihr enore verbundenen Mottalibiten den ersten Rang 
ein. 'Othmän war ein 'Abd- Schamsite und hatte es schon 
früher versucht, für seine Angehörigen die Privilegien der 
Häschimiten zu erlangen. Ist nicht die Voraussetzung ge- 
rechtfertigt, dafs im Dywan den ' Abd-Schamsiten unter seiner 
Regierung der zweite Platz eingeräumt wurde und die übri- 
gen Familien nach der alten Eintheilung aufeinander folgten? 
Im Leben fanden also die Genealogen die nöthigen Materia- 
lien imd im Dywän eine officielle Urkunde für die Construc- 
tion zusammenhängender systematischer Symbole. 

Aus der Familie Häschim ist Mohammad, und aus der 
Familie Abd-Schams sind die omayyidischen Chalyfen hervor- 
gegangen; CS sind dieses also die wichtigsten aller nizäriti- 
schen Geschlechter und dennoch geht ihr persönlicher Stamm- 
baum nur zwei oder drei Generationen über den Anfang des 
Lsläms zurück! Es kommt bisweilen vor, dafs ein Mann 
nur unter seinem Titel oder Kunya ^) bekannt ist, wie Abu 
Bakr, Abu Horayra. Die Genealogen finden es in diesen 
Fällen gewöhnlich schwer, den wirklichen Namen der Person 
zu ermitteln und si(^ überliefern eine Anzahl abweichender 
Meinungen. Auch der Name des Vaters macht ihnen bis- 



') Kunya heifst jeder Name, vor welchem Abu, Vater, steht, 
wie Abu Yusof, der Vater des Joseph. 



CLni 



weilen Schwierigkeiten, hIxt je weiter sie in das Alterthum 
zurückgehen, desto bestimmter sprechen sie sich aus luid desto 
besser stiunnen sie mit einander überein '). Ein schlechtes 
ZeugniCs für ihre Behauptungen ! 

Die von Mohammad weiter entfernten Namen bezeichnen 
durchschnittlich gröl'sere Geschlechter, als näherstehende. 
Selbst die Zoluiten waren so zahlreich, dal's sie 100 Mann 
stark gegen Badr marschirten. Die Kopfzahl der Mohäribiten, 
Adramiten und Balharithiten war viel grölser und es ist nicht 
ganz gewifs, ob sie vor Mohammad zu den Korayschiten ge- 
zählt wurden; sie scheinen vielmehr mit einander den Stamm 
Fihr constituirt zu haben. Die Ko' dod von diesen zahlreichen 
Geschlechtern erhielt, da alle Korayschiten in den Dywän 
(aus dem die Genealogie herausgewachsen ist) eingetragen 
waren, von selbst die für den Synchronismus der Zeitgenossen 
des Propheten nöthige Länge, denn es gab so viele Unter- 
abtheilungen (z. B. unter den Ämiriten: May^, Munkidz und 
Hisl), Gruppen von Familien und Familien, dafs man eher 
um Raum als um Namen nicht verlegen war ^). 

Die Zunahme der Kopfzahl haben die Genealogen ganz 
und gar unberücksichtigt gelassen. Die Einwohner von Makka, 
also die Kinder des Lowayy, können zur Zeit des Mohammad 
zu etwa 12000 Seelen veranschlasct werden. Wenn alle von 



') Der Stammbaum der Chindifstämme gewährt nach meiner 
üeberzeugung die beste Eiüsicht in die Art, wie die Verwandtschaft 
der Stämme symbolisch dargestellt wird. Hingegen wird das System, 
die Verwandtschaft der Familien eines Stammes durch Symbole an- 
schaulich zu machen, durch Ibn Sa'd's xVufzählung der Familien von 
Madyna viel besser begreiflich. 

') Als man die Fihriten als Korayschiten zu betrachten anfing, 
identificirte man Fihr und Koraysch. Mit diesem Symbole steht im 
Widerspruch, dafs, nach der Behauptung des Gobayr b. Mot'im bei 
Ibn Sad foi. 12, Ko9ayy der erste war, welcher Koraschy genannt 
wurde und nach ihn erhielt der neue Stamm den Namen Koraysch. 
In der Prophetenbiographie kommt Fihrite als Nomen gentile auf 
eine Art vor, dafs man leicht sieht, dafs die Fihriten verschieden 
sind von den Korayschiten. So auch wird von den Kinäniten als 
von Stämmen gesprochen , welche mit den Korayschiten verbündet 
sind, zu denen sich aber die Korayschiten nicht zählen. 



CLIV 



Loway}' abstammten, hätten sie sich in jeder Generation un- 
ijefährt um das 2^ fache vermehrt imd dreilsig Jahre vor 
Mohammad hätte Makka nur 5000 Einwohner gehabt und 
Mohammad selbst, da er 63 Jahre alt wurde, hätte die Freude 
erlebt, die Seelenzahl seines Stammes auf das vier- oder 
fünffache heranwachsen zu sehen. 

Die übrigen Chindifstämme wurden der Amüd nach den- 
selben Principien angehängt, wie die gröfseren korayschiti- 
scheu Geschlechter, nämlich nach dem Grade der Verwandt- 
schaft und nach der Gröfse ihrer Leistungen für den Islam; 
der Synchronismus wurde hergestellt indem man aus den 
Unterabtheilungen und Familien eine Neben -'Amüd bildete. 
In dem folgenden Symbole sind nur die vorzüglichsten Chindif- 
stämme eingetragen. 






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Die Bakriten, wovon Laytli und DoKl Unterabthellungcn 
sind, sollen vor den Korayschiten fremeinschaftlich mit dem 
kahtanischen Stamme Choza a Älakka besessen haben. Die 
Hodzayliten zählen gegenwärtig 8000 waflE'enfahige Männer, 
also ungefähr 40000 Seelen; wahrscheinlich waren sie im 
Alterthume ebenso zahlreich. Die Unterabtheilungen, Lager 
und Familien waren hinlänglich, für einen Stammbaum der 
Zeitgenossen des Propheten das nöthige Material zu bieten. 
Die Genealogie der Tamymiten bis Täbicha ist wahrschein- 
lich älteren Datums und wurde dann blos in die ' Amüd em- 
gereiht. Aus solcher Einreihung erklärt es sich, warum Pa- 
triarchen manches Mal zwei oder gar drei Namen haben. 
Wenn die Tamymiten sagten: wir sind Söhne des Täbicha 
b. al-Yäs b. Modhar, und die Hodzayliten: wir sind Söhne 
des Modrika b. Chindif b. Modhar, so behauptete man, al- 
Yäs und Chindif sind identisch, oder, wie im gegebenen Falle, 
Chindif war die Frau des al-Yäs. 

Die Seelenzahl aller Chindifiten erreicht nicht eine Mil- 
lion, es kommen also auf die andere Ra^e die Kay s - 'Ayläniten 
etwa vier Millionen. Dieser Zahlenunterschied ist von den 
Genealogen ganz unberücksichtigt geblieben und sie stellen 
in dieselbe Linie, in welcher in der Haupt -Amüd Familien 
stehen, in dem kays - aylänischen Stammbaum bedeutende 
Völkerschaften. Ich gebe hier den Stammbaum der vor- 
züglichsten Kays- Aylänstämme, und, um den Mifsgrifif der 
Genealogen recht anschaulich zu machen, füge ich die Ahnen 
des Mohammad bei ^). 

' ) Ich mache aber darauf aufmerksam , dafs wir in der ur- 
sprünglichen Consrruetion aller nizärischen Stammbäume dasselbe 
Princip entdecken. Jedes Glied der 'Amüd ist der Vater des fol- 
genden Gliedes und zugleich des Patriarchen eines Stammes. Es 
ist anzunehmen, dafs, vpenn mehr als zwei Söhne genannt werden, 
die übrigen eine Zugabe späterer Genealogen sind. Durch die ur- 
sprüngliche binäre Eintheilung blickt die Einrichtung des Dywans, 
.aus dem sie hervorgegangen ist. ganz deuthch durch. Man braucht 
n der Tabelle S. CXLVI nur von unten statt von oben anzu- 
fangen, und man hat eine Inhaltsanzeige eines Theiles des Dywans. 
In alten genealogischen Tabellen, die ich in Lakhnau gesehen habe, 
wird auch wirklich von unten, also mit Mohammad angefangen. 



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Hayda und Rokäd, die zwei unterststehenden Namen, 
sind wirkliche Personen, welche den Mohammad in Madyna 
besuchten. Der erstere ist der Enkel und der andere der 
Urenkel des Patriarchen seines Stammes. Die Koschayriten, 
der Stamm des Hayda, zählten 30- bis 40000, und die Gaditen 
etwa 60000 Seelen; Koschayr, welcher auf derselben Linie 
steht, wie Kopayy, der angebliche Vater des höchstens 1000 
Seelen starken Patriciates von Makka, mül'ste diesem Sym- 
bole gemäis beinahe 300, und jeder seiner Söhne ebenso viele 
Kinder gehabt haben. Diese Populationsvermehrung ist noch 
viel wunderbarer als die der Israeten zwischen Jakob und 
Moses. Die Genealogen sind übrigens in dieser Hinsicht nicht 
consequent, denn sie haben schwächere Stämme als die Ko- 
schayriten, wie z. B. die Thakyfiten (welche gegenwärtig nur 
5000 Krieger zählen) und die Solaymiten viel weiter hinauf- 
gesetzt und ihnen somit gröfsere Zeit zur Vermehrung ge- 
gönnt. 

Was ist die Ursache dieser Planlosigkeit ? Die ge- 
hörige Breitenausdehnung der Familiengenealogie ist 
nur dann möglich, wenn die nöthige Länge vorhanden ist; 
stände z. B. Koschayr sechs Linien höher, also unter Nr. 9 
statt unter Nr. 15, so könnten die Familien des Stammes einen 
eben so ausgebildeten Stammbaum haben als die Korayschiteu, 
die Bevölkerung würde sich in jeder Generation statt um 
das Dreihundertfache, nur um das Dreifache vermehren, mit 
andern Worten: man könnte dem Koschayr und jedem seiner 
Nachkommen drei Söhne geben und man würde das er- 
wünschte Ziel erreichen. Vergleichen wir nun den Raum, 
welcher bei den verschiedenen Stämmen für die Ausbildung 
der Familiengenealogie vorhanden ist, so finden wir, dafs die 
arabische Genealogie einer Perspectivzeichnung gleicht. Weil 
in den Militärstationen Küfa imd Bapra von den Söhnen der 
siegreichen Krieger zuerst die arabische Grammatik gepflegt 
wurde, so glaubte ich, dafs sich aus den dortigen Dywänen 
und den Traditionen der Einwohner über ihre Abkunft auch 
die Genealogie entwickelt habe. Meine Vermuthung stützte 
sich auf den Umstand, dafs sich die Genealogen bisweilen 
auf die Angaben der dortigen Stämme berufen. Wären aber 
die S}Tnbole in Küfa entstanden, so würde man die dort 



CLVllI 

ausälsigon Familien von Stämmen, wie z. B. von den ' Okayliten, 
Koschayriten u. s. w. fast alle eingetragen haben und es wäre 
notb wendig geworden, die Patriarchen dieser Stämme sehr 
weit hinaufzurücken, um den nöthigen Platz für die Breiten- 
ausdehnung der Familien zu gewinnen; da dieses nicht der 
Fall ist, müssen wir die Heimath des Systems andersw^o su- 
chen. Am ausorebildetsten ist die Famiheno-enealoo-ie der 
Madyner, sie hat dreizehn Linien in der Länge; dann folgt 
die der Makkaner, welche zwölf Linien lang ist. Je weiter 
ein Stamm von Madyna und Makka entfernt ist, desto kürzer 
ist in der Regel seine Familiengenealogie. Li Madyna also 
ist der Mittelpunkt des Perspectivs, und in Madyna, dem 
ältesten Sitze moslimischer Geistesthätigkeit , ist die Genea- 
logie entstanden. 

Den ersten Lnpuls zu der gigantischen Fiktion der Ge- 
nealogen hat ohne Zweifel der Dywän des 'Omar gegeben. 
'Omar fühlte schon um das Jahr 20 der Higra die Noth- 
weudigkeit, um Verwirrungen in der Verabfolgung des Soldes 
vorzubeugen, geschriebene Namensverzeichnisse einzu- 
führen. Er befahl zu diesem Zwecke dem Vater der arabi- 
schen Genealogie, Gobayr b. Mötim, und zweien andern 
('Akyl b. Abu Tälib und Machrama b. Nawfal), die Namen 
der Menschen in ihren Wohnorten aufzuschreiben (Ibn Sa'd 
fol. 237 r.). Die älteren Schriftsteller sprechen von dem 
Dywän der An^ärer, der Korayschiten, dann auch von dem 
der Machzümiten, Zohriten u. s. w. Es sind darunter bald 
separate Kanzleien, bald verscliiedcne Register zu verstehen. 
Wir lesen daher in einer Tradition (Ihn Sa'd 238 r.) , dafs 
' Omar sich nach Kodayd begeben, den Dywän (die ZahUiste) der 
Chozaiten mitgenommen und selbst den Sold ausbezahlt habe. 
Nach einer andern Tradition wurde für die llimyariten ein 
eigener Dywän (Kanzlei) gegründet. Li der Reihenfolge der 
Stämme und der Familien wurde im Dywän die Verwandt- 
schaft nicht allein berücksichtigt, sondern auch die Zahl 
und die Stellung der Repräsentanten derselben in Madyna. 
Wenn sich von einem Stamme, wie von den Bann Asad 
b. Chozayma, eine grofsc Anzahl von Lidividuen in Madyna 
befand, so bildeten sie wahrscheinlich eine eigene Rubrik und 
mufsten in Familien weiter abgetheilt werden. Wenn aber 



CLIX 



aus grol'ser Ferne nur ein Dutzend Individuen zugegen 
waren, warf man sie in eine Rubrik unter einem Collectiv- 
namen zusammen, selbst wenn sie ganz verschiedenen Stäm- 
men angehörten. Alle Moslime, welche sich in Madyna nie- 
derliel'sen, erhielten ein Gehalt von 25 Dynären. Dadurch 
angelockt kamen natürlich von benachbarten Stämmen viele, 
von entfernten wenigstens einige Ansiedler in die Hauptstadt. 
Wir begreifen nun leicht, wie in den aus diesen Materialien 
entstandenen Genealogien das erwähnte Perspectiv mit Ma- 
dyna als Mittelpunkt entstanden ist. 

Während der Eroberungskriege (welche die Einführung 
des Dywäns zur Folge hatten) kam es vielleicht nie vor, 
dafs ein ganzer Stamm der Armee folgte. Es zog nur die 
kampflustige Bevölkerung in's Feld. Die Krieger eines klei- 
nen Stammes, wie die Banü Bakr b. Abd-Manät, wären ganz 
verloren gewesen in der grol'sen Heeresmasse, wenn sie sich 
nicht mit andern vereint hätten. Es entstanden somit Coalitio- 
nen, welche in den Bürgerkriegen eine noch viel gröfsere Aus- 
dehnung erhielten. In dem Feldzuge gegen Damascus war 
eine Coalition von tausend Mann schon eine Gröfse, aber 
während der Bürgerkriege, wo es keine Subordination, keine 
Organisation gab als das Zusammenhalten der verbündeten 
Stämme und wo jede Partei ihre eigenen Vortheile verfolgte, 
waren sie machtlos, wenn sie nicht gemeinsame Sache mit 
andern machten. Unter diesen Umständen also wurden die 
Gruppen durch Aufnahme verwandter Stämme erweitert ^). 
Um dieses durch ein Beispiel zu erläutern, verweise ich auf 
die Tafel S. CLVI. Zur Zeit des Mohammad bestanden 
die Hawäzin aus den Thakyfiten, Sa diten, Napr und Goscham. 
Ob die Salüliten dazu gehörten ist zweifelhaft. Sie nahmen 
nun alle Amiriten in ihren Bund auf. Diese bestanden ur- 
sprünglich aus den Hiläliten und Kiläbiten, hatten sich aber, 
wie es scheint, schon vor ihrem Beitritt zum Hawäzinbund 



') Wir haben gesehen, dafs Othman kleine Stämme in die 
Zahl der Korayschiten aufnahm. Solche Erweiterungen lassen 
sich schon unter 'Omar nachweisen. Der Dywän ging also glei- 
chen Schrittes mit den freiwilligen Zusammenrottungen und för- 
derte sie. 



CLX 



durch die Koschayriten, 'Okayliteu und Gabiten verstärkt. 
Durch die Coalition so vieler Stämme wurden die Hawäzin 
eine so formidable Macht, dai's sie in den Parteikämpfen den 
Ausschlag geben konnten, ja selbst nach Beendigung der- 
selben blieben sie das herrschende Volk im 'Irak bis zu 
dem Tode des Haggäg. Es ist wichtig für die Beurtheilung 
des ethnographischen Werthes der Genealogie, zu bedenken, 
dals darin die unter diesen Umständen entstandenen 
Coalitionen berücksichtigt wurden. Verwandte Stämme haben 
sich zwar (jewifs häufiijer n^it einander verbündet als fremde 
und die Mitglieder einer Coalition verschwägerten sich mit 
einander, aber es handelte sich in den Bündnissen um reli- 
giöse und politische Principien, und Verwandtschaft war also 
nicht das einzige Motiv der Zusammenrottung. Wenn sich 
einige 'Akkiten für Nizäriten hielten, so können wir diese 
Anoraahe nur dadurch erklären, dais sie sich von ihren Ver- 
wandten trennten und Fremden anschlössen und sich mit 
ihnen vermengten. 

Die Ausbildunof der Genealogcie wurde also durch die 
Parteistelhmg der Stänune gefördert und beeinflulst. Aus dem 
Leben entwickelt sich aber nie eine Theorie, dazu gehören ord- 
nende Geister. Der Erste, welcher sich mit dieser Wissenschaft 
befafste, war ein Zeitgenosse des Abu Horayra — sie starben 
in demselben Jahre. Dem Gobayr b, Mot'im, welcher einer 
der Verfasser der Dywänlisten war, wird die Ehre zuerkannt, 
die Genealogie der Korayschiten und dann auch die der Chin- 
difiten und übrigen Nizärstämme geordnet zu haben; die 
Amüd ist wahrs<;hninlich sein Werk, jedenfalls reicht die 
Schöpfung derselben bis zu seiner Zeit hinauf). 



') Ibn Sa'tl fol. 12 r. hat eine Tradition, welche wahrscheinlich 
von Gobayr herrührt, und zeigt, wie frühe man Geschichte und Ge- 
nealogie mit einander verband. Sei der Inhalt wahr oder falsch, 
so ist die Absicht der starken Färbung den Adel des Patriciates 
von Makka, welchem Gobayr angehörte, in ein ein recht helles Licht 
zu setzen. Sie lautet: Von Wäkidy (geb. 130, f 207) von 'Abd Allah 
b. Ga far (geb. 100, f 170), aus einem Buche (seines Oheims) Abu 
l'ukr 1). Abd alRahniäii b. Miswar (f bald nacli 100) von Moham- 
mad b (iobayr: Kocayy war der erste unter den Nachkommen des 



CLXI 



Gleichzeitig mit Gobayr verschaflften sich südarabische 
Genealogen Geltung, welche, wie alle Genealogen, sich zu- 
gleich mit der Erzählung von Volkssagen beschäftigten. Ich 
will nur einen von ihnen erwähnen: den zwischen 65 und 86 
verstorbenen 'Obayd b. Scharyya. Er war aus Qaria in Ya- 



Ka'b b. Lowavy, welcher ein Königthum erlangte, denn es gehorchte 
ihm sein Staram. Er war der vornehmste Mann in Makka und das 
machte ihm Niemand streitig; er baute das Ralhhaus und nmchte 
den Eingang gegen die Ka'ba hin. Hier wurden alle Angelegen- 
heiten der Korayschiten abgemacht. Wenn Jemand eine Ehe schliessen, 
sich an einem Kriege betheiligen oder sich berathen wollte, kam er 
in das Ralhhaus, ja wenn ein Mädchen mannbar wurde so zog sie 
hier die Dir' an und begab sich in diesem Kleide zu ihrer Familie. 
Hier wurden die Kriegsfahnen für die Korayschiten und für Ver- 
bündete an den Speer gt^bunden und zwar von Ko9ayy's Hand ; hier 
wurden die Knaben beschnitten ; von hieraus traten die korayschiti- 
schen Karawanen ihre Reisen an und hierher kehrten sie zurück, 
denn das Ratbhaus war ihnen heilig während ihres Lebens und nach 
ihrem Tode. Kogayy war im Besitze [der Ehrenämter von Makka, 
nämlich] er war der Thorwächter der Ka'ba, hatte die Pilgrimme 
mit Wasser zu versehen und trug die Standarte im Kriege; er 
herrschte über ganz Makka. Wenn ein Fremder in die Stadt kam, 
mufste er von den Waaren den Zehent bezahlen. Ko^ayy theilte 
Makka in Viertel für seinen Stamm. Jeder Zweig desselben nahm 
den Stadttheil ein, welchen er noch jtr-tzt inne hat. Die Stadt war 
ihnen zu enge; es gab viele Bäume, aber die Leute scheuten sich, 
selbe niederzuhauen, weil das Gebiet heilig war. Er erklärte ihnen, 
dafs, wenn es nicht aus Muthwillen geschehe, es keine Sünde sei 
sie za entfernen und liefs selbe zum Zwecke der Ausdehnung der 
Stadt niederhauen. Er wurde Mogammf (Sammler) gpheifsen, weil 
er die Korayschiten sammelte. Sie ehrten ihn deswegen und machten 
ihn zu ihrem Beherrscher. Kopayy machte alle Korayschiten , in 
der Gegend wohnen, welche Abtah (Makka) heifst, weswegen die Ko- 
rayschiten Bitäh genannt werden. Nur einige liefsen sich nicht mit ihm 
in Abtah nieder, sondern blieben aufserhalb Makka und wurden 
deshalb Tzawähir geheifsen : nämlich die Banü Ma'y^ etc. 

Die Isnäd ist in sofern interessant, als daraus hervorgeht, dafs 
diese Erzählung circa A. H. 100 schon schriftlich vorhanden war. 
Sie mag schon von Mohammad b. Gobayr für seinen eigenen Ge- 
brauch aufgeschrieben worden sein. 

in. 1 



CLXII 



man gebürtig und von Abkunft ein Gorhomite. Der Chalyfe 
Moäwiya, welcher sich in seinen Mulsestunden zum Zeitver- 
treib Geschichten (nameuthch die der Himyariten) vorerzählen 
lieis (Masüdy, im Kapitel Mo'awiya), berief ihn an seinen 
Hof und veranlalste ihn zwei Bücher zu schreiben. Eines 
bestand nur aus fünf Blättern und war Amthäl (Beispiele) 
betitelt; das andere liiels ,,Buch der Könige und Geschichte 
unserer Vorfahren." Die Südaraber hatten eine Vergangen- 
hoit und etwas mehr Bildung als die Centralaraber, denen 
sie jetzt den Vorrang zuerkennen muCsten. Ihre Genealogie 
und Geschichte sollte nun auch ihnen Geltung verschafi'en. 
In Bezug auf die Geschichte habe ich bereits erklärt, dafs 
die Erinnerungen nur bis zur Herrschaft der Himyariten zu- 
rückgingen und dafs sie den Anfang der himyaritischen Kö- 
nige in das graueste Altcrthum versetzten, aber aus Mangel 
an Erfindungsgabe von ihnen dieselben Eroberungen er- 
zählten, welche die Moslime gemacht hatten. Das Arabia 
Felix, wie wir es aus den Griechen und Römern kennen, 
war ihnen unbekannt und die Ausbildung der Genealogie 
ging mit der Geschichte Hand in Hand. Wenn wir die 
Schöpfungen des Gobayr, welcher meistens bekannte Namen 
an einander reihte um Verwandtschaftssymbole zu schaffen, 
Dichtungen nennen, so müssen wir die des 'Obayd und sei- 
ner Landsleiite als Lügen bezeichnen, denn sie erfanden Na- 
men und Geschlechtsregister nach Willkür, wie ein Blick in 
Wüstenfeld"s erste Tabelle beweist. Wenn auch 'übayd nicht 
der einzige Urheber aller dieser Erfindungen ist, so übte er 
doch einen grofsen Eintluls : die Gorhomiten, von welchen er 
entsprossen, waren einst die Herren von Makka, sie bauten die 
Ka ba und hielten den monotheistischen Kultus des Abraham 
aufrecht; Ki'la, die Mutter der IsmaeUten, und auch die Mütter 
grofser Stämme, waren Gorhomitinnen. Als seine Quelle 
führte er den Gorhomiten 'Abd-Wodd an. 

Der ethnographische ^) Werth der südarabischen Genea- 

') Der Rahmen der Genealogie ist folgender: Alle Südaraber 
stammen von dem biblischen Sabä ab, welcher eigentlich 'Arair 
hiefs und wegen seiner Schönheit auch Abd-Schams geheifsen wurde. 
Sein Vater war Yaschgob, und Yaschgob's Vater Yarob (d. h. der 



CLXIII 



logien ist eben so gering als der historische. Wir wissen, 
dafs die Mahnten jetzt noch einen eigenen Dialect sprechen 
und Dr. Carter versicherte mir, dafs sie sich auch durch 
ihren physischen Character von ihren Nachbarn wesentlich 



Araber): er biefs auch Mar'af und war ein Sohn des Kahtän, wel- 
cher auch Mohrim geheifsen wird und mit dem biblischen Joktan 
identificirt wird. Sabä hatte zwei Söhne, den Hirayar und Kahlän, 
und sie sind die Patriarchen der zwei Hauptracen von Südarabien. 
Zum Behüte des Synchronismus werden zwischen diesen zwei Pa- 
triarchen und den Stämmen , in welche sich die beiden Ra(;en ver- 
zweigten, nichtssagende Namen eingeschoben: zwischen Himyar und 
Hadhramawt nicht weniger als vierzehn. Diese sind meist central- 
arabischen Ursprungs und wohl nicht das Werk des 'Obayd, sondern 
eines späteren Systematikers. 

So lange man die Südaraber für Israaeliten hielt, brauchte man 
weniger Namen einzuschalten um den Synchronismus der Zeitge- 
nossen des Propheten herzustellen; als man sie für Joktaniten er- 
klärte, waren mehr nöthig. wir finden daher in den meisten Fällen 
eine längere und eine kürzere Genealogie; als Beispiel verweise 
ich auf die des Hadhramawtiten Wäyil b. Hogr bei Ibn Sa'd fol. 68 
und in der I(;aba, und führe hier die allmälige Ausbildung des Stamm- 
baumes der Kinditen au. 

Die von Ibn A'raby aufbewahrte Genealogie des Dichters Amrü- 
Ikays ist wahrscheinlich die älteste; sie lautet: Amrü-lkays b. Hcgr 
b. Amr b. Mo äwiya b. Härith b. Kinda. A9ma'y kennt eine ver- 
besserte Form: Amrü-lkays b. Hogr b. Härith b. 'Amr b. Hogr 
(Akil almorär?) b. Mo äwiya b. Kinda. Härith, den Grofsvater 
des Dichters, hielt man dann mit Recht oder Unrecht für den König 
Härith, welcher im 'Oyün S. 491 den Beinamen Akil almorär und 
folgende Genealogie hat: Härith b. Amr b. Hogr b. 'Amr b. Mo'ä- 
wiya b. Kinda. Ibn Habayyib und Ibn Salläm fanden von Hogr, 
welchem Andere den Beinamen Akil almorär gaben, eine fertige 
Genealogie. Sie schalteten sie also in die des Dichters ein und so 
erhielt sie die gehörige Länge: Amrü-lkays b. Hogr b. Härith b.'Amr 
b. Hogr Akil almorär b. Amr b. Mo'äwiya b. Härith b. Mo' äwiya 
b. Thawr b. Moratti' b. Mo'äwiya b. Kinda. Aufserdem ist noch 
eine andere Genealogie von dem Dichter vorhanden, in welcher 
weder Hogr, noch ein anderer König vorkommt (vergl. Kitäb ala- 
ghäniy fol. .MO). Das gewöhnliche Mittel eine Genealogie zu er- 

1* 



CLXIV 

unterscheiden; sie sollen also eine eigene Familie bilden; 
statt dessen machen Einige sie zu Maadditen, Andere zu 
Kodhaiten. Seite 447 wird der Ursprung der Kinditen 
nach den im vierten Jahrhundert noch in Hadhramawt be- 
kannten Erinnerungen erzählt imd wir sehen daraus, dal's 
die ^adifiten schon vor ihnen in Hadhramawt von Bedeutung 
waren. Baladzory fabelt: Moratti'' b. Mdäwiya b. Thawr 
Kindy, von welcliem die Kinditen ihren Namen haben, hei- 
rathete eine Hadhramawtitin ; sein Schwiegervater nahm ihm 
das Versprechen ab, dai's er keine andere Frau nehmen und 
daCs die Kinder aus dieser Ehe in Hadhramawt bleiben sollen. 
Moratti' brach sein Wort und die Sache kam vor einen Schieds- 
richter, welcher (selbstverständlich) ein Gorhomite war. In 
Folge des Richterspruches desselben behielten die Hadhra- 
mawtiten die Frau und ihren Sohn Mälik, den Vater der 
Qadifiten, in Hadhramawt. Wie überall wirkten die Phan- 
tasien der Gelehrten auf das Leben zvnlick: die ^^adifiten in 
Hadhramawt behaupteten, sie seien Kinditen, und ihre Brüder 
in Küfa hielten sich für Hadhramawtiten. Auch in vielen 
andern Fällen bemerken wir, dals die Ansichten der Stämme 
über ihre Verwandtschaft sich auf die Theorien der Genealo- 
gen stützen. Die einzige Thatsache, welche wir aus diesem 
Symbole ziehen köinien, ist, daCs sich die Hadhramawtiten, 
Qadifiten und Kinditen stark gemischt haben. Die neuesten 
Forschunecen der Geologen und die Pfahlbauten in den 
scliweizer Seen beweisen, dafs die Menschheit viele Chi- 
liaden Jahre alt sei. Wenn wir nun bedenken, dafs Pflanzen 



halten, ist: Namen cinzuschallcn, von denen schon ein Stamm- 
baum . vorlianden ist; lunu j^ewiiint liieninrcli ein gutes Stück fer- 
tiger Arbeit. 

Die (ienealogien der Yamaniten bk^ibeu ungeachtet dieser Ver- 
besserung noch viel zu kurz. Ihn Kalby (bei Ihn Sa'd fol. 262 v.) 
hat sich daher damit geholfen, dafs er erklärte, Joktan sei ein Sohn 
des Homaysa b. Tayainnion b. Nabajot b. Ismael b. Abraham. Es 
kommen also zwischen Araru-lkays und Abraham 30 Glieder heraus 
und dieselbe Zahl findet man zwischen Mohammad und Abraham, 
wenn man nach dem Beispiele der alten Genealogen (siehe Note 
S. CXXX) nur aiht Väter zwischen Adnän und Abraham einschiebt. 



CLXV 



von don llinüilayas bis hierher und von hier bis /.u den 
Himahiyas gewandert sind, so werden wir es für unmöglich 
halten, die Wanderungen und Mischung der Völker vor Jahr- 
tausenden zu erforschen, und jeder Versuch, ihre Verwandt- 
schaft im Sinne der arabischen Genealogen oder auch nur un- 
serer Ethnographen zu bestimmen, erscheint lächerlich. Wir 
müssen uns darauf beschränken die Construction und Zusam- 
mengehörigkeit der Stämme zu einer gegebenen Zeit festzu- 
setzen. Von diesem Gesichtspunkte sind die arabischen Ge- 
nealogien nicht ohne Werth. Sie zeigen uns die Zusammen- 
gehörigkeit der aus der Heimath ausgewanderten Stämme 
während und nach den Eroberungskriegen. Vergleichen wir 
dann die verschiedenen Angaben, so können wir auf die Zeit 
vor dem Islam zurückgehen und die damalige Ethnographie 
mit ziemhcher Sicherheit aufklären. Es ist zu bedauern, dafs 
Wüstenfeld in seiner übrigens vortrefflichen Arbeit nur darauf 
bedacht war, jene Symbole, welche allgemein als richtig an- 
erkannt wurden, also die spätesten Produkte der Schule, wie- 
derzugeben. Am lehrreichsten aber sind gerade die unvoll- 
kommensten Symbole, denn sie sind die ersten auf Wahrneh- 
mung beruhenden Versuche, die Verwandtschaft der Stämme 
bildlich darzustellen. Wir finden sehr häufig zwei bis drei 
Namen für denselben symbolischen Ahnen. Es läfst sich 
nachweisen, dafs in den meisten Fällen dieser Art zwei Sym- 
bole vorhanden waren. So heilst z. B. der Vater des Abra- 
ham im Koran Äzar und in der Bibel Therah. Um die 
Angaben zu vereinen, sagen die Genealogen, er habe zwei 
Namen gehabt, wovon der eine sein Titel war. Solche Syno- 
nyme gewähren nicht selten für die Geschichte der Genea- 
logie und selbst für die Ethnographie eine schöne Ausbeute 
vmd sollten berücksichtigt werden. Um dieses durch ein Bei- 
spiel zu erläutern, kann erwähnt werden, dafs jeder der Erz- 
väter der Madyner zwei Namen hat, und es ist ziemlich 
wahrscheinlich, dafs einer von den Madynern, und der an- 
dere von den Ghassäniden erfunden worden ist. Erstere 
waren, wie es scheint, eigentlich Mäziniten, aber schon der 
Dichter Hassan behauptet, sie seien Ghassäniden gewesen 
und es wurden daher Ghassän und Mäzin und dann auch 
. ihre Väter identificirt. 



CLXVI 

Während 'Obayd und Andere über das graueste Alter- 
thum Aufschlul's gaben, arbeiteten die Madyuer von Unten 
nach Oben. Sie stellten die persönlichen Stammbäume ihrer 
Väter zusanmien soweit sie eben gingen und bildeten im 
Geiste des Gobayr eine symbolische Genealogie der Familien 
von Madyna, welche sich durch ihre Vollständigkeit, Durch- 
sichtigkeit und ethnographische Wahrheit (nur wiu'den die 
durch den Islam herbeigeführten neuen Verbindungen zu sehr 
berücksichtigt) vortheilhaft vor allen andern Arbeiten der 
Moslime dieser Art auszeichnet. Da die Madyner in zwei 
Stämme getheilt waren, bildeten sie zwei Amüde, die Wurzel 
der einen ist Sa' d b. Mo ädz und die der andern Abu Ayyüb, 
welche Beide diese Würde nicht so sehr ihrer Geburt als 
ihrem Eifer für den Islam verdanken. Die beiden Amüde 
treffen in Ilaritha, dessen Frau Kayla war (wonach die Ma- 
dyner Banü Kayla benannt wurden), zusammen und sie sind 
um ein Glied länger als die Amüd der Korayschiten. Weil 
sie sich für Ghassäniten hielten, machen sie den Häritha zu 
einem Nachkömmling des Ghassän und knüpfen dann an die 
Symbole des "^ Obayd an. 

Die Zeitgenossen des Abu Horayra und Ibn Abbäs ha- 
ben auch in der Genealogie die Contouren vorgezeichnet, 
welche von den künftigen Geschlechtern als unfehlbare Wahr- 
heit hingenommen und ausgearbeitet wurden. Aus den hie 
und da vorkommenden Citationen aus Dichtern, welche, wenn 
auch nicht acht, doch ziemlich alt sind, sehen wir. dafs man 
sich •im ersten Jahrhundert viel mit der symbolischen Ge- 
nealogie beschäftigte, und so kommt es, dafs die Quellen des 
Ibn Ishäk, des Ibn Sad und Anderer über die Ahnen, na- 
mentlich über die symbolischen, der Männer die sie nennen, 
meistens einig sind : es waren zur Zeit, aus welcher die Quellen 
stammen, die betreffenden Genealogien schon in's Reine ge- 
bracht. Es scheint jedoch, dafs in der zweiten Periode Jeder 
sich nur um das bekümmerte, was ihm gerade am nächsten 
lag: die Abkunft seiner Familie und berühmter Männer. Die 
Schöpfungen dieser Periode, die es sich zur Hauptaufgabe 
machte, das von ihren Vorgängern Erfundene zu formuliren 
und zu überliefern, waren deswegen ziemlich ephemär. Erst 
im zweiten Jahrhundert, als man anfing ein Schriftthum zu 



CLXVII 

gründen, dehnte man den Blick wieder weiter aus, sammelte 
und vervollständigte, indem man bald diese bald jene bereits 
vorliandenc Fiktion benutzte, das System. Die berühmtesten 
Namen aus jener Zeit sind der Exeget Kalby und Scharkyy. 
Gegen Ende des Jahrhunderts war man schon soweit ge- 
kommen, dal's man nach erschöpfender Vollständigkeit strebte : 
es soll die Genealogie jedes Zeitgenossen des Mohammad und 
jedes berühmten Mannes vor und nach ihm hinauf bis Adam 
festgestellt werden. Ibn Kalby (f 206) imd Haj-tham b. 
'Adyy (f 209) haben es so weit gebracht, dafs sie apodiktische 
Aussprüche machten wie folgender : in der Familie Machzüm 
hat es nie einen Mann gegeben, welcher Ghawiy hiefs. Wie 
grundlos ihre AnmaJ'sungen sind, habe ich Bd. I S. 197 ff. 
gezeigt: sie wul'sten nicht einmal wie viele leibliche und 
Stiefkinder ihr Prophet hatte ! Doch in einem gewissen Sinne 
hatten sie Recht, denn sie hatten alle Namen gesammelt, welche 
aus dem Alterthume bekannt waren. Die Zeit des Moham- 
mad, der Anfang der historischen Periode der Araber, war 
gleichsam die Basis ihrer Operationen. Aus jener Zeit waren 
ungefähr neuntausend Personen mit Namen bekannt und bald 
darnach fing man auch in den Städten an, die Genealogien 
aufzubewahren; diese neuntausend Personen sind die Ahnen 
der moslimischen Familien. Indem die Genealogen die Stamm- 
bäume weiter zurückführten, haben sie mehr gedichtet und 
systematisirt als gelogen, denn sonst würden sie zwischen 
dem S. GL VII erwähnten Hayda und Koschayr drei oder vier 
Namen eingeschaltet haben, um den Synchronismus mit Mo- 
hammad vollständiger zu machen und auch um ihn vom Pa- 
triarchen weiter zu entfernen. 

Wenn sich die Genealogen blos mit den Geschlechts- 
registern befafst hätten, würden sie keinen Anspruch haben 
unter den Quellen der Biographie des Mohammad erwähnt 
zu werden. Während der schönen orientahschen Abende er- 
götzen sich die Araber mit dem Singen von Kriegs- und 
Siegesliedern und mit Mosämira, Erzählung von Geschich- 
ten; der Gegenstand der letzteren sind ganz besonders ihre 
eigenen und ihrer Väter Heldenthaten. Versetzen wir uns in 
eine grol'se Militärstation wie Küfa unter die Krieger, welche 
mit Beute beladen von der Eroberimg von Choräsän zurück- 



CLxvin 

kehrten und nun im Ueberflusse und im erhebenden Gedan- 
ken ihrer eigenen Macht schwelgten. Jeder Stamm rühmte 
nach aharabischer Sitte seine eigene Gröfse. Zunächst machte 
wohl Jeder seine Verdienste für den Ishim geltend, aber wenn 
Leute reich imd mächtig werden, wollen sie auch grofse 
Ahnen haben; es wurden also auch die Sagen von den 
Schlachttagen, Wanderungen und Liebesabenteuern der alten 
Araber erzählt, und allmälig erhielten sie durch häufiges 
Wiedererzählen eine künstlerische Form. Wir bemerken in 
den successiven Umgestaltungen der Legenden aus dem Leben 
des Propheten, dai's die Redaktion einer Legende Vieles aus 
andern Legenden entlehnt. Ich habe die Frage nicht unter- 
sucht, aber wahrscheinlich ist es, dafs auch in den Heldensa- 
gen solche Plagiarismen häufig sind und dafs etwa ein schöner 
Charakterzug aus 'Antar in neuer Darstellung und mit gröfserer 
Uebertreibung in die Banü Hiläl aufgenommen wurde. Ein 
solcher Wetteifer in der Verherrlichung der Helden hatte die 
Folge, dafs über das ganze Alterthum ein poetisches Licht er- 
gossen wurde, welches die Thatsachen verdunkelte. Wir kön- 
nen die Mosämira jener Periode in drei KJassen theilen: die 
Ayäm (Heldenthaten) der Araber vor dem Islam, die Woffad, 
Deputationen oder Bekehrungen der Stämme, und die Fotüh 
oder Eroberung von Persien, Syrien u. s. w. Die letzte 
Klasse ist fast ganz historisch, die zweite halb, und die erste 
ist Sage. 

Das Kitäb alaghäniy (der Verfasser starb in 356) und 
ähnliche Werke enthalten die Inhaltsanzeige einer Anzahl von 
solchen Sagen. Im Journ. as. soc. Bengal B. 25 S. 199 habe 
ich nachgewiesen, dafs das von den Persern mehrere Male 
bearbeitete romantische Epos Magnün und Laylä zu diesem 
Cyclus gehörte, und ich zweifle nicht, dafs auch die Aben- 
teuer des 'Antar und die der Ililaliten, wovon die ersteren 
noch in den Kaffeehäusern von Damascus und die letzteren 
in Mosul erzählt werden, aus jener schöpferischen Zeit stam- 
men. Wir sind also in den Stand gesetzt, ein Urtheil über 
solche Produkte auszusprechen. Die Erzählung seheint immer 
in einfacher aber kunstreicher, durch Dialoge belebter Prosa 
abgefafst gewesen zu sein. Die Helden aber sprechen ihre 
Betrachtungen und Empfindungen in Versen aus, welche voll 



CLXIX 

Lebensweisheit und edler Gcfülde sind und mitunter recht 
bedeutenden poetischen Werth haben. Solche Erzähhnigen 
sind die Epopöen der Araber und onthaltcn alles Sinnreiche 
und Edio, was in der Brust der Nation lebte. 

Die Geschichte der Deputationen an Mohammad wurde 
bisweilen auch künstlerisch bearbeitet, aber in den meisten 
Fällen begnügten sich die Nachkommen der Abgeordneten, 
die Namen ihrer Ahnen mit oder ohne Einzelnheiten in Er- 
innerung zu bewahren. Weil eine Familie an Adel gewann, 
wenn ihr Gründer den Propheten besucht hatte, mögen auch 
einige Deputationen nebst den Namen der Mitglieder erdichtet 
sein, doch meistens sind sie wahr. Die Biographen des Pro- 
pheten beschränkten sich meistens darauf, ihre Nachrichten 
über diesen Gegenstand in Madyna zu sammeln. Ibn Ishäk 
erzählt daher die Deputationen von nur wenigen Stämmen 
und seine Aufschlüsse darüber sind fabelhaft. Ibn ' Okba und 
die andern Biographen, soweit wir sie aus Citationen kennen, 
haben nicht mehr geleistet als er. Aus diesen Quellen lernen 
wir nur, dafs Mohammad am Ende seines Lebens im Besitze 
der Herrschaft über ganz Arabien gewesen ist. Durch wel- 
ches Wunder er daz.u gekommen sei, deuten ihre Fabeln nur 
beiläufig an — nämlich durch die überzeugende Kraft des 
Islams. Fast alles Zuverlässige, was wir über die Deputa- 
tionen wissen, verdanken wir den Genealogen. Sie haben 
sich stets mit der Geschichte und Alterthumskunde beschäf- 
tigt; Einigen wird daher nachgerühmt, dafs ihre Stärke in 
den Achbär, Erzählungen, Andern dafs sie in der Kenntnifs 
der Stammbäume bestand. Im zweiten Jahrhundert wurden 
schon Monographien über einzelne Stämme und die Bojaität, 
Geschichte vornehmer Häuser, verfafst, und dieses lenkte 
ihre Aufmerksamkeit auf die Woffad, denn das Wichtigste für 
jeden Stamm und jede Familie war das Verhältnifs der Ahnen 
zu Mohammad. Die Genealogen, statt sich an die pedanti- 
schen Regeln der Ueberlieferungswussenschaft zu halten, sam- 
melten ihren Stoff in den Militärstationen aus dem Munde 
des Volkes. Sie condensirten die Erzählungen der Mosämira 
imd nahmen heraus, was sie für historisch hielten. Wenn 
wir die verschiedenen Versionen von einigen Traditionen ver- 
folgen, so finden wir, dafs allmälig in wenige Zeilen zusam- 



CLXX 



mengedräugt wurde, was ursprünglich eine Geschichte war, 
welche mehrere Bände gefüllt haben würde. Sie stellten 
Nachfragen an hei hervorragenden Familien, und was das 
Wichtigste ist, sie waren unter den ersten, welche Briefen, 
Verträgen und andern Urkunden die gehörige Wichtigkeit zu- 
erkannten und sie sammelten. Da die Geschichte von Ara- 
bien in Mohammad culminirt, ist seine Zeit auch diejenige 
Periode, welche sie am meisten beschäftigte, und ihre Nach- 
richten werfen Licht auf die damaligen Zustände der ganzen 
Halbinsel. Das Material für die Profangeschichte, bestehend 
aus kurzen Notizen über Tausende von berühmten Personen, 
wurde von Ibn Kalby (f 20G) zur selben Zeit erschöpfend 
zusammengebracht ^), zu der Wakidy (f 207) die auf die Kir- 
chengeschichte bezüglichen Traditionen sammelte. Ihr Schüler 
war Ibn Sa d ; er hat die Tabakät verfafst und den noch vor- 
handenen Text der Gamhara des Ibn Kalby herausgegeben: 
ihm verdanken wir fast alles, was wir über die Wofi'ad wissen, 
wie auch die meisten Urkunden, welche aufbewahrt worden 
sind, und die zuverlässigsten Personalnachrichten. Für seinen 
Bericht der Woffad führt er fast keine Quellen an als den Ibn 
Kalby und den Wakidy, welcher sich auch als Genealog aus- 
zeichnete. Die Berichte über die Zeitgenossen des Mohammad 
(mit Einschluls derer, welche an der Woffad Theil nahmen), 
sind nach ihm vielfach bearbeitet worden , zuletzt und am 
vollständigsten von Ibn Hagar (f 852, = Febr.'1449). Dessen 
I^iiba ist das gelehrteste und systematischste moslimische Ge- 
schichtswerk, das ich kenne. Sie besteht aus vier Foliobän- 
den, von denen der erste Band aber nicht ganz (etwa ein 
Fünftel des ganzen W(>rkes) in Calcutta nach, wie ich in der 
Vorrede dazu sage, nicht sehr correcten Handschriften ge- 
druckt worden ist (der erste Band dieser Ausgabe enthält 



') Ibn Kalby bat eine sehr grofse Anzahl von Werken hinter- 
lassen. Das einzige, das wir b(isitzen, ist die Gamhara; es ist dieses 
nach deui Zeugnisse der Mosliiue das vollständigste genealogische 
Werk. Obschon die Genealogie sein Hauptstreben war, so hat er 
sich doch auch mit Mosämira, Gescliichtenerzählung, beschäftigt und 
Ibn Hanbai heifst ihn daher (bei Nur alnibräs S. 62) Qähib samar 
wal-uasab, Geschichtenerzähler und Genealog. 



CLXXI 

1107 Seiten grofs Octav; vom zweiten Bande sind nur 120 
Seiten erschienen). Sie enthält gegen 9000 Biographien von 
Personen, welche den Propheten kannten, und es sind zum 
Theil zweiter und dritter Hand fast alle Quellen — die Ar- 
beiten der Genealogen, der Biographen und der Traditionisten 
im engeren Sinne des Wortes — benutzt worden, welche die 
arabische Literatur einst geboten hat. 

Weil sich nicht nur die Genealogen, sondern auch Ibn 
Ishak und Ibn Ilischani häufig auf die Dichter berufen, wird 
es nicht überflül'sig sein, auch darüber Einiges zu sagen. 
Wenn die Wissenschaft in jener epischen Periode, in welcher 
unsere Nachrichten über die Zeit des Mohammad eine feste 
Gestalt annahmen, Dichtung ist, so ist dieses in einem weit 
gröCseren Maal'se von der Poesie zu erwarten. Um an einem 
concreten Falle zu zeigen, auf welche Art damals die Verse 
alter Dichter überliefert wurden, wähle ich den Hammäd Rä- 
wiya (f 155 oder 158) als den Repräsentanten seiner Zeit in 
diesem Fache und schalte einige Anekdoten aus seinem Le- 
ben ein. 

Von Abstammung war er ein Perser und gehörte dem 
rauhen und verstockten Gebirgsvolke der Daylemiten an. 
Sein Vater soll den persischen Namen Säbür getragen haben. 
Hammäd hatte aber das Glück von Sahmän b. Raby a gefangen 
genommen und den Schaybäniten als Kriegsgefangener gegeben 
worden zu sein. Sie schenkten ihm seine Freiheit und somit 
wurde er der Client eines arabischen Stammes und zum Araber. 
Adoptivkinder sind gewöhnlich dankbarer als natürliche und 
als er Literat geworden war, gab es keinen Mann der en- 
thusiastischer für den Ruhm der Araber eiferte als Hammäd ; 
er übertraf nach dem Zeugnisse des Madäyini alle seine Zeit- 
genossen in der Kenntnils der Schlachttage, Geschichte, Poesie, 
Genealogie und Sprache der Araber. 

In seiner Juo;end war er Mito-Hed einer Räuberbande. 
Eines Tages drang selbe in ein Haus ein und plünderte es. 
Unter der Beute befand sich eine Sammlung der Gedichte 
der Anpärer. Hammäd las sie, lernte sie auswendig und 
fand so viel Geschmack daran, dals er sich von nun an dem 
Studium der schönen Wissenschaften, und der seltenen Wörter 
imd Phrasen der Araber widmete. 



CLXXII 

Haytham b. Adyy und Andere erzählen: Walyd b. Ya- 
zyd fragte den Hammäd, warum er Rawiya, d. h. Ueberlieferer 
geheifsen werde? und er antwortete: Weil ich von jedem 
Poeten, den du kennst oder von dem du gehört hast, Ge- 
dichte auswendig weifs, und von denen, deren Namen du 
nie gehört hast, weifs ich noch mehr als von denen die dir 
bekannt sind! Ferner, wenn ein Gedicht vorgetragen wird, 
so will ich mit Bestimmtheit sagen, welcher Periode es an- 
gehört. Der Chalyf erwiederte: Bei deinem Vater, du bist 
sehr gelehrti Wie viele Verse weifst du auswendig? Der 
Kunstrichter antwortete : Sehr viele ! Jedenfalls bin ich im 
Stande, auf jeden Buchstaben hundert lange Ka^yden vor- 
zutragen, die sich darauf reimen. Aufser den Gedichten der 
Zeit des Islams weil's ich eine Unzahl Bruchstücke von den 
Gedichten der Heidenzeit. Der Chalyf beftihl ihm nun, Ge- 
dichte vorzutragen, und als er müde war anzuhören, liei's er 
einen Andern ihm zuhorchen, Hammäd trug 2900 Ka^-yden 
aus der Zeit des Heidenthums vor. Der Chalyf liei's ihm zur 
Belohnung 100,000 Dirheme auszahlen. 

Marwän b. Aby Hafi^'a erzählt: Ich ging einst mit einer 
Anzahl anderer Dichter zu dem Chalyfen Walyd b. Yazyd. 
Er safs hinter einem Vorhang auf. einem Ruhebett und konnte 
nicht gesehen werden. So oft ein Poet ein Gedicht vortrug 
machte Walyd zu jeden Verse Glossen: dieser Vers kommt 
in diesem oder jenem Gedicht vor, oder diese Idee ist von 
diesem oder jenem Poeten entlehnt. Er bewies, dafs er die 
Poesie in ihrem ganzen Umfange kenne. Unser Erstaunen 
über die Keimtnisse des Chalyfen hörte aber auf, als wir 
bemerkten, dafs Hammäd bei ihm safs. 

Hammäd erzählt: Als ich im Dienste des Yazyd b. 
Abd al - Mälik stand , wurde ich von Hischäm 'angefeindet, 
aber nicht von den übrigen Omayyiden. Nach dem Tode 
meines Gönners, als Hischäm zum Chalyfate gelangte, blieb 
ich ein ganzes Jahr in meinem Hause und besuchte nur meine 
innigsten Freunde, und zwar heimlich. Da ich das ganze 
Jahr nichts gehört hatte, was mich beängstigen konnte, fafste 
ich Muth und ging aus. Am Freitag begab ich mich zur 
Moschee um das Gebet zu verrichten. Beim Elephantenthor 
wurde ich von zwei Polizisten angehalten. Sie bedeuteten 



CLXXIII 

mir, daCs mich der Gouverneur Yüsof b. 'Omar zu sehen 
wünsche. Ich bat sie zuerst, nach Hause gehen zu dürfen, 
um meiner Familie ein evvio;es Lebewohl zu sayfen. Dies 
wurde mir jedoch nicht gestattet. Ich ergab mich und ging 
mit ihnen zum Emyr. Ich traf ihn im rothen Ywän und er 
grül'ste mich freundlich, dann gab er mir eine Depesche fol- 
genden Inhalts : „Im Namen des allerbarmenden Gottes. Von 
dem Knechte Gottes Ilischäm an Yüsof b.'Omar. Sobald 
du diesen Brief gelesen hast, schicke Jemand der den Ham- 
mäd b, Rawiya zu dir bringe. Es soll ihm aber weder Furcht 
noch Schrecken eingejagt werden. Gieb ihm 500 Dyniire 
und ein Kameel von Mahra, auf dem er in zwölf Tagen [von 
Küfa] nach Damascus reite." Das Kameel war schon ge- 
sattelt und ich ritt in zwölf Tagen nach Damascus. Ich mel- 
dete mich im Palaste des Hischäm und wurde gleich vorge- 
lassen. Man führte mich in einen grol'sen Hof, welcher mit 
Marmor gepflastert war. Der Chalyf safs in einem präch- 
tigen Zimmer, der Boden war ebenfalls von Marmorplatten, 
welche mit Goldstreifen verbunden waren. Die Wände waren 
auf dieselbe Art gebaut. Er safs auf einem rothen Kissen, 
hatte ein rothes Sammetkleid (Purpur) an und duftete von 
Moschus und Ambra; vor ihm stand in goldenen Gefäfsen 
aufgelöster Moschus. Er schüttelte ihn bisweilen mit der 
Hand und die ganze Halle war mit Wohlo-eruch erfüllt. Er 
grül'ste mich und befahl mir näher zu kommen. Ich küfste 
ihm den Fufs und erblickte zwei Sklavinnen von übermensch- 
licher Schönheit. Sie trugen grofse Ohrringe mit Rubinen, 
die wie Feuer glänzten. Er fragte mich nach meinem Be- 
finden und sagte, dafs er mich habe rufen lassen weil ihm 
ein Vers eingefallen wäre und er nicht wisse von wem er sei. 
Ich konnte ihm Bescheid geben und war im Stande, das Ge- 
dicht, in dem er vorkommt, vorzutragen. Er war sehr er- 
freut darüber und befahl mir eine Bitte zu thun. Ich erbat 
mir eine der beiden Sklavinnen. Er schenkte sie mir beide, 
liefs mir ein herrliches Apartement einrichten, in dem ich 
Diener und Alles, was ich wünschen konnte, vorfand, und 
gab mir überdies ein Geschenk von 100,000 Dirhemen. 

Auch der abbasidische Chalyfe Manpür lud den Ham- 
mäd pin, an seinen Hof in Baghdäd zu kommen. Der Bote 



CLXXIV 

laud ihn in Ba^ra in einer Kneipe (Ghana ) betrunken und 
nakt, mit dem Ende eines Dastyga ^) auf seinen Schaam- 
theilen. Als er zum Chalyfen kam, trug er auf seinen Be- 
fehl eine Elegie des Habbän (?) mit solchem Pathos vor, 
dafs er ihn zum Weinen brachte. 

Der Chalyf Mahdiy gab eines Tages eine Gesellschaft, 
zu der viele Männer, die mit der Poesie vertraut waren, ein- 
geladen wurden Er liel's bei dieser Gelegenheit dem Harn- 
mäd 20,000 Dirheme überreichen, mit dem Bemerken, dafs 
er sehr gute Gedichte mache, aber wenn er alte Poesien 
vortrage, viele unächte Verse beimische. Dem Mofadhdhal 
Dhabby aber liefs er 50,000 Dirheme geben wegen seiner kri- 
tischen Genauigkeit in der Ueborlieferung alter Gedichte. 

Der soeben erwähnte Mofadhdhal lallt ein ungünstiges 
Urtheil über Hammäd. Er übte, sagt er, einen höchst schäd- 
lichen Einflul's. Er hat alte Gedichte fehlerhaft und in ver- 
änderter Gestalt überliefert. Wenn aber das Uebel blos darin 
bestände, so würden gelehrte Männer die richtige Lesart 
wieder herstellen können. Aber er ist sehr bewandert hi 
den sprachlichen Eigenthünilichkeiten der Poesie der Araber 
und kennt die Manier der verschiedenen Dichter. Er machte 
daher beständig Gedichte im Geiste alter Poeten und giebt 
sie als acht aus. Sie werden mit den ächten vermischt fort- 
geflanzt und verbreiten sich, und es sind nur die besten Kri- 
tiker im Stande, das Aechte von dem Untergeschobenen zu 
unterscheiden ^). 



') Dieses Wort kommt auch in Baktük S. 285 vor und heifst 
dort eine Art Unodschuh (pers. Dastäna), in dem jedoch die 
Finger nicht getheilt sind. In einer andern Stelle des Kitäb ala- 
ghäniy wird von einer dastyga nabydz (ein Krug voll Wein) ge- 
sprochen; es ist wohl ein kleiner lederner Eimer. 

') Die Kritik kam viel zu spät, um das Unächte ausscheiden 
zu können, übschon Hammäd eine schriftliche Sammlung von Ge- 
dichten fand, so waren solches doch nur Notizen, welche ausge- 
löscht wurden, um das Pergament anders zu verwenden, wenn man 
sie nicht länger benöthigte. Die erste Sammlung von Gedichten, 
welche die Form eines Buches und einen bleibenden Character hatte, 
war nach dem Kita!» alagh&niy Bd. I 8. 341 die des Mohammad 



CLXXV 

Nicht nur die crwälmteu vier Wissenscluititeu, sondern 
die ganze rein moslimische Literatur ist unter Verhältnissen 
entstanden, von denen man sich nur schwer eine VorsteUung 
machen kann, und sie trägt daher ein ganz eigenthümHches 
Gepräge. Wir wissen, dais die Ahen ihren heldenmütliigen 
Character zum Theil der Sklaverei verdankten. Die Knechte 
und Freigelassenen nahmen ihnen nicht nur jede erniedri- 
gende Beschäftitjun": ab, sondern sie wurden den Kindern 
der Freien gezeigt, damit diese sich ein Beispiel nehmen. 
Das Selbstgefühl, womit den jungen Hellenen der Anblick 
eines betrunkenen Sklaven beseelt haben mag, verschwindet 
aber im Vergleiche mit dem erhebenden Bewui'stsein, in einem 
unterjochten Lande mit einer zahlreichen verkommenen Be- 
völkerung der herrschenden Nation anzugehören. Man mul's 
in Indien gelebt und gewirkt haben um zu wissen, welch 
grol'sartiges Streben es erzeugt. Die heldenmüthige Verthei- 
diofunff der Enjrländer in Lakhnau und die kühne Belao-eruno: 
von Dilli im Jahre 1857 zeigen, zu welcher Gröfse des Cha- 
rakters ein Volk unter solchen Einflüssen gelangt. Der Stolz, 
der herrschenden Nation anzugehören, macht Jeden zum 
Helden, und auch im Gebiete des Geistes wirkt unter sol- 
chen Verhältnissen selbst die Mittelmäfsigkeit Groi'ses. Es 
hat wohl nie eine Periode in der Geschichte gegeben, in 
welcher die Vei'hältnisse mehr an das Ideale gestreift hätten, 
als die Zeit nach Beendigung der moslimischen Bürgerkriege. 
Der umsichtige Mo äwiya regierte mit fester Hand die schön- 
sten Länder der Erde und verfügte über eine Revenue von 
mehr als vierzig Millionen Pfund Sterling. Die im Verhält- 



Makky, eines jüngeren Zeitgenossen des Hammäd Räwiya. Sie 
enthielt 3000 Lieder. Sie wurde später von Ahmad , einem Sohne 
des Verfassers, welcher viele Fehler darin fand, verbessert. Dhabby 
und Mohammad Makky blühten zur Zeit oder etwas später als Ibn 
Ishäk, der Biograph des Propheten. Vorausgesetzt dafs es ihnen 
besser Ernst war, das Aechte vom Unterschobenen zu scheiden, so 
war die Aufgabe auch viel schwieriger, denn die Dichtung beschäf- 
tigt sich einmal mit Dichten, und wie wir gesehen haben, wendete 
der Hof der Omayyiden auch die rechten Mittel an, Leute wie 
Hammäd Räwiya in ihrem Berufe zu ermuntern. 



CLXXVI 

uisse zu den Unterjochten wenig zahlreichen Araber fühlten 
sich nicht nur als Herrscher, sondern auch als Bekenner der 
wahren Religion und Verwandte des Gottgesandten weit über 
alle Menschen erhaben. Es ist schon von Baron Slane be- 
merkt worden, dal's, wie sehr sich auch ein Nichtaraber durch 
Frömmigkeit und Gelehrsamkeit auszeichnen mochte, er erst 
dann die ihm gebührende Position erreichte, wenn er sich 
als Client einer arabischen Familie anschlofs, denn das Na- 
tionalficefühl war noch stärker als das relicriöse. 

In diese Periode des nationalen imd religiösen Ueber- 
muthes fällt das Entstehen der moslimischen Wissenschaften 
imd sie tragen auch ganz ihren Character. Macht verleiht 
Zuversicht und Zuversicht führt zum Erfolg, Die Araber 
besafsen auch Edelmuth, aber ungeachtet ihrer Vorzüge blei- 
ben sie immer nur Barbaren. Man mul's sich hüten, Schlau- 
heit im praktischen Leben, und gute naturwüchsige Einfälle 
im Gebiete der Spekulation und Religion für Vernunft zu 
halten. Es fehlte ihnen, wie allen andern Völkern ihrer Zeit, 
der Sinn für Beobachtung und die ausgebildete Vernunft, 
welche eine Reihe Thutsachen zu überblicken und daraus folge- 
richtige Schlüsse zu ziehen vermag. Wie bei Kindern war die 
Phantasie überwiegend, und je mehr sie sich im geistigen Le- 
ben bewegten, desto mehr gewann sie die Herrschaft über 
den gesunden Menschenverstand, denn die übermüthige Zu- 
versicht, womit sie sich in die höchsten Regionen der mensch- 
lichen Erkcnntnifs hineinwagten, war weder durch Kenntnisse, 
noch durch Bildung der Vernunft getragen und sie konnten 
daher keine andern Resultate gewinnen, als kühne Gebilde 
einer ungezügelten Phantasie: Dichtungen und Lügen. Es 
fehlte ihnen auch ungeachtet momentaner Anflüge von Grol's- 
muth und Selbstverläugnung an Humanität und an Sinn für 
Recht und Gerechtigkeit. 

Dichtungen wurden während der ersten sechzig Jahre 
nach der Flucht in einem Maafse geboten, welches ganz 
jener aufgeregten Zeit voll Zuversicht und geistiger Thätig- 
keit entspricht und alle Begriffe übersteigt. Wie zahlreich 
auch die Legenden, Traditionen, Genealogien, Koränerklärun- 
gen und unterschobene Gedichte, welche wir noch besitzen, 
sein ujögen, so geht doch aus der Vergleichung derselben 



CLXXVII 

hervor, dals uns nur die gelungensten Versuche aufbewahrt 
worden sind. Der Geist bewogte sich in einer sehr engen 
Sphäre, aber innerhalb derselben wurde dem Volke ein un- 
endlicher Schatz von Dichtungen geboten, und es wählte was 
seinen Bedürfnissen am besten entsprach. Das Entstehen 
der moslimischen Wissenschaften bietet daher eine grofse 
Analogie mit dem Entstehen einer Sprache. Es entwickelt 
sich ein neuer Begriff. Man fühlt das Bedürfnifs, ihn durch 
ein Wort zu bezeichnen. Der eine wählt dieses, der Andere 
jenes SymboL endlich findet eines Anerkennung und so er- 
halten Humbug und Comfortable in aller Welt das Bürger- 
recht, und die übrigen Kandidaten müssen, selbst wenn sie 
einen Anhang gewonnen hatten, in die Vergessenheit zurück- 
kehren. So auch wurden einige Legenden, Lehrsätze, Ge- 
nealogien u. s. w. das Gemeino^ut der Moslime und die an- 
dem wurden vergessen oder nur etwa als Raritäten auf- 
bewahrt. 

Auf die Empfängnils folgt die Gestation. Die Gebilde 
sind noch weich und der Veredlung und Verschlechterung 
fähig. Der Gestationsperiode entspricht die Zeit der moslimi- 
schen Tradition, welche in ihrer Regelmäl'sigkeit und Massen- 
haftigkeit ganz einzig in der Geschichte dasteht und ein Zeug- 
nil's ablegt für rastlose geistige Thätigkeit. Tausende und 
abermals Tausende beschäftigten sich mit der Ueberlieferung, 
in allen Moscheen wurde gelehrt und in allen geselligen Zu- 
sammenkünften wurde erzählt. Alles Wissen war Gemeingut 
der Nation, wurde auswendig gelernt und mündlich über- 
liefert. Es besafs daher den gröfstmöglichen Grad der Le- 
bendigkeit imd Plasticität. Bunsen findet das Göttliche der 
Bibel darin, dafs sie stets ein gemeindliches Buch war. Wenn 
dieses Criterium entscheidend ist, so hat keine Religion mehr 
Anspruch die Vox Dei genannt zu werden als der Islam, 
denn keine ist in einem so vollen Sinne die Vox populi. 
Diesen Character haben auch die Schöpfungen der Periode, 
die uns beschäftigt, für hundert Millionen unserer Mitmen- 
schen, denn der gegenwärtige Islam ist von dem Geiste, in 
welchem der Koran verfafst worden, fast ebenso entfernt^ 
als der Katholicismus von dem Geiste des Evangeliums, und 
gründet sich auf die Tradition. Wir aber finden darin nur 

m 



CLXXVIII 

Ideale, Dichtung und Wahn. Alle historischen Thatsachen 
werden, wie lebhaft sie zur Zeit des Ihn 'Abbäs und der 
Gründer der Genealogie dem Volke vorschweben mochten, 
mit Fülsen getreten, denn man wollte die Schranken, welche 
sich der Selbstvergötterung entgegensetzen konnten , ent- 
fernen, und von den Tausenden von Dichtungen, welche 
jeder Tag hervorbrachte, wurden jene als wahr anerkannt, 
die dem religiösen und nationalen Uebermuthe am meisten 
schmeichelten. 

Die Periode der schöpferischen Thätigkeit, das Fötus- 
leben der moslimischen Wissenschaft ging vorüber. Haggäg 
hat das junge Leben in seinem eigenen Blute erstickt und 
die 'Abbäsiden haben mit landesväterlichem Patriotismus die 
Erruno-enschaften der Nation zuerst an die Perser und dann 
an ihre türkischen Sklaven um die vermeinte Sicherheit ihres 
Thrones verkauft. Und so kam auch für das geistige Leben 
eine neue Periode*). Schon Wäkidy hat angefangen, den 



') Die politische Geschichte entwickelte sich wie folgt. An- 
fangs waren Bürgerkriege; diese hielten den kriegerischen Mutii der 
Nation aufrecht und die Parteiführer mufsten dem Willen des Volkes 
folgen. Es trug am Ende jene Partei den Sieg davon, welche am 
gewissenlosesten war, aber die B'inanzen am zweckmäfsigsten anzu- 
wenden wufste, nämlich die Nachkommen des Abu Sofyän, des 
Erzfeindes des Islams. Nach Beendigung der Bürgerkriege galt es, 
den üebermuth der Nation zu brechen. Das Hauptwerkzeug war 
IlaggAg; er war von A. H. 75 bis !)ö Gouverneur von Babylonien, 
von ganz Persicn und Sind, und liefs während dieser Zeit hundert 
und zwanzig Tausend Mann hinrichten. Zugleich trat die grenzen- 
loseste Verschwendung bei Hofe mit allen ihren Folgen ein. 

Ich habe in einem Aufsatze im Journ. as. soc. Bengal. Bd. XXV 
S. 133 gezeigt, dafs der Druck und die Verschwendung, die neue 
Wendung der geistigen Thätigkeit, die naturgemäfs folgen mufste, 
beschleunigte. Schon gegen Ende des ersten «Jahrhunderts (der 
erste Repräsentant ist Hasan Ba^ry, f HO) fing die ascetische 
Richtung und die von ihr unzertrennliche Theosophie, welche man 
im Arabischen beide zusammen Sijfisnius nennt, an, sich zu ent- 
wickeln. Der Süfismus machte rasche Fortschritte und wurde zu 
Allfang des dritten Jahrhunderts Gegenstand schriftlicher Bearbei- 
tung. Nach dem oben Gesagten wird man erwarten, dafs die Mos- 



CLXXIX 

vorrütiiigen Schatz gelehrt zu bearbeiten, und nach ihm wurde 
er Geirenstand scholastischen Fleilses. In der Schule waffte 
man es so wenig in das Wesen einzudringen oder gar etwas 
daran zu ändern, als wir den Organisnuis eines neugebornen 
Kindes umzugestalten untenielunen. Wie willkürlich die 
Dichtung des Mi' rag und andere Schöpfungen des ersten 
Jahrhunderts auch waren, so galten sie doch für das Positive 
und die Seele des religiösen, politischen und socialen Lebens. 
Die Schule beschränkte, wie überall, ihre Thätigkeit auf das 
Sammeln, Vergleichen, Abkürzen, Schematisiren und Com- 
meutiren. Das Gegebene war göttlich und vorurtheilsfreie 



lime darin das Höchste leisteten. Ihre Sufies übertreffen auch in 
jeder Hinsicht sowohl die indischen Dschogis als unsere Mönche. 
Ihre Ascese ist sy.stematischer, ihre pantheistischen Lehren sind tiefer 
und consequenter, und ihre Laster enormer als die anderer Völker. 
Selbst der ehrliche Spinoza und der geistreiche Charlatan Schelling 
bleiben weit hinter Ibn 'Araby zurück. Man raufs sich durch solche 
Erscheinungen nicht irre machen lassen. Es gehört wenig Bildung 
dazu, ein tiefes metaphysisches System zu bauen. Capt. Latter er- 
zählte mir einst von der Literatur und der Theosopbie der Burmesen 
und ich drückte mein Erstaunen über letztere aus. Er bemerkte: 
Dergleichen linden wir auch bei andern ungebildeten Völkern, denn 
der Supernaturalist braucht nichts zu lernen, ihm genügen seine 
Träume. 

Um zu zeigen, wie weit es die Süfies im Cynismus gebracht 
haben, nehme ich eins der berühmtesten ethischen Werke des Orients, 
die Mantik altayr des Attär, zur Hand und wähle die erste beste 
Geschichte. Seite 73 wird erzählt, dafs Schibly, ein Süfi und einer 
der gröfsten Heiligen des Islams, einst von seinen Verehrern in 
einem öffentlichen Hause, in welchem sich Knaben prostituirten, 
gefunden wurde. Als sie ihn fragten, wie er hierher gekommen, 
sagte er (Vers 1904): „Jeder, der für sein Seelenheil besorgt ist, 
öffnet seine Blöfse vor aller Welt, wie der Reisende den Beutel, 
welcher seine Nahrung enthält und ihm als Tischtuch dient, an der 
Seite des Weges ausbreitet.'^ und durch eine erbauliche Rede über 
die Demuth und das Verdienst, die Verachtung der Menschen auf 
sich zu ziehen, erreichte der cynische Schalk seinen Zweck , in der 
Achtung seiner Mitmenschen zu steigen, welche er durch seine Hand- 
lungsweise hätte verlieren sollen. — Sanctis omuia sancta. 



CLXXX 

gesctiiclitliche Forschung, eine einfache, uaturgemälse Auf- 
fassung des Korans oder ein freies Urtheil über die Tra- 
dition und ihr Entstehen wurde als Unglauben verdammt; 
die einzige Arbeit, welche also übrig blieb, war den für 
positiv gehaltenen Stoff dlalectisch zu bearbeiten. Es ent- 
stand somit ein unermefsliches Schriftthuni, welchem fast gar 
nichts Thatsächliches zum Grunde liegt. Die ganze geistige 
Thätigkeit der Moshme von Mohammad bis auf den heutigen 
Tag ist ein Traum, aber sie ist ein Traiun, den ein Theil der 
Menschheit gelebt hat, luid als solcher hat sie all das Inter- 
esse, welches überhaupt menschliche Dinge für Menschen 
haben. 



Siebenzehntes Kapitel, 



Religiöse und politische Einrichtungen in Madyna von 
der Flucht bis zur Schlacht von Badr. A. D. 622-624. 

Am eisten März 1166 wurde die ganze moslimische Welt 
in Schrecken gesetzt durch vuliianische Auswürfe, welche 
sich eine leichte Tagereise nordöstlich vom Grabe des Pro- 
pheten zeigten. In den Berichten der Zeitgenossen ') wird 
das Fener mit einer nngeheiiern Flammenstadt verglichen. 
Es blieb niclit an derselben Stelle, sondern zog aihnählig 
gegen Norden und hörte erst nach 52 Tagen auf, nachdeni 
die mächtigen Lavaströme ein ganzes i hal ausgefüllt hat- 
ten. Die BeschatTenheit des Ikxlens beurkundet, dals in 
der vorhistorischen Zeit viele solche Erruptionen statt- 
gefunden haben. Die Harra (vulkanische Region) dehnt 
sich im Halbkreise um Mad\na nach Südwesten aus und 
die äufsersteu Lavawellen sind vom Radhwängebirge, wel- 
ches der Küste entlang läuft, aufgehalten worden. Diese 
Höhungen schliefsen ein Becken ein, welches an mehreren 
Stellen Wasser und fruchtbares Erdreich hat. Sowohl das 
Becken als auch der Hauptort hiefs einst Yathrib ^). Letzterer 



') Bei Wüstenfeld, Gesch. von Madyna. Die Erruption scheint 
von keinem Erdbeben begleitet gewesen zu sein. Es wird wenig- 
stens in Soyuty's Geschichte der Erdbeben (Journ. As. Soc. Beng. 
Bd. 12. S. 741) in diesem Jahre keines erwähnt. 

^) Toräb bedeutet Staub, Erde, und Iträb Reichthum, üeppig- 
keit einer Landschaft; Yathrib würde demnach heifsen: der humus- 
reiche, üppige Ort. Dafs man Yathrib mit th und nicht mit t schreibt, 
ui. 1 



war schon rleni l^lolemaeus iniler dem Namen Jathrippa be- 
kannt; bat aber seitdem seine frühere Benennung für al- 
Madyna »die Stadt« ansgetausdit. Es giebt in Arabien 
und der angrenzenden syrischen Wüste eine Anzahl solcher 
Harra ') und die kidturfähigen Theile derselben zeichnen 
sich oft durch an's Fabelhafte grenzende Fruchtbarkeit aus: 
man denke an den Ha^^rän, an Salamyya und an Wetz- 
stein's Beschreibung der Kuhba! Das Becken von Yathrib 
ist reich an Palmen und seine kleinkörnigen Datteln, Agwa 
irenannt, sehören zu den besten in der Welt. Und wenn 
auch Wasser und Humus so sparsam vertheilt sind, dafs 
eine Quadratmeile der Lombardei ergiebiger ist, als das 
ganze Becken, so sind doch die Lokalverhältnisse der Art, 
dafs wir annehmen dürfen, die Schaafhirten des Radhwan 
und die Kameeltreiber des benachbarten Nofüd haben hier 
Datteln gesammelt, Korn gesäet und Hütten gebaut, lange 
ehe die Po -Ebene von Menschenfüfsen betreten wurde. 
Die Ansiedelungen in Yathrib wie die von Damascus und 
Nisibis sind so alt als die Menschheit. 

Den meisten Lesern dürfte es bekannt sein, dafs die 
flegend, in welcher die in diesem l^ande erzählte Geschichte 
spielt, äiifserst trocken und arm an Vegetation ist. Wälder 
giebt es keine, die vereinzelten wilden Bäume sind klein 
und haben fast gar kein Laub. Ich setzte mich einst in 



mag daher kommen, dafs die Bevölkerung aramäisch war und die 
Araber das t in von den Aramäern gehörten Wörtern gern wie th 
aussprechen. 

•) Wetzstein theilt im Auszuge eine Stelle aus Yäküt über solche 
vulkanische Gegenden mit. Die Araber haben uns auch andere Be- 
richte über die Th;iti£;keit derselben aufbewahrt. Nicht lange vor 
Mohammad stand das Ilarra der'Absiten, zwischen Makka und Ba(;ra, 
einige Zeit in Feuer. Des Nachts erhoben sich Flamraensäulen am 
riiriiniel und am Tage Rauchwolken. — Vergl. Kalkaschandy im 
Kap.: „Die Feuer der Araber". Ihn al-Mogawir erwähnt di<! Tliä- 
tigkeit von drei Vulkanen in Süd -Arabien, welche nicht sehr lange 
vor seiner Zeit, A. H. 630, beobachtet wurde. Der südlichste da- 
von ist der (^yra-Berg bei 'Aden. 



IiKÜen mit einem Ha^y unter einen Akazienbaum und klagte 
über den Manj^el an Schatten. Sie linden, saj^te er, im 
ganzen Higaz keine Akazie, die so üppig wäre als diese. 
Dort ist das [^aub so klein, dals es kaum sichtbar ist. Dich- 
ten perenirenden Rasen lindet man höchstens bei Quellen 
und längs der Bäche. Die ganze (legend, soweit sie nicht 
bewässert wird, ist im Sommer kahl und nur hie und da 
stehen Disteln und verknunnerte dornige Sträucher. In Or- 
ten, wo man Wasser lindet, üieht es zwar vereinzelte Lehm- 
hütten, allein, wenn nicht ausdrücklich von Wohnungen und 
permanenten Ansiedelungen gesprochen wird, müssen wir 
annehmen, dals die (Jegend öde sei. Wenn also Orte wie 
Malal, Dhirär u. dgl. m. erwähnt werden, so dürfen wir nicht 
an Dörfer denken, sondern es sind dies Benennungen für 
Thäler oder OertHchkeiten in der Wüste, Der Anblick jener 
Gegenden ist höchst traurig, und dennoch ist vielleicht der 
Mensch nirgends in der Welt glücklicher. Der Himmel 
ist immer heiter, die Luft, selbst bei heilsem Wetter, ist 
stärkend und erquickend. Jeder Athemzug erfüllt uns mit 
Lebenslust und mit Recht sagt Sa'dy: «Jeder Athem ver- 
längert, indem er hinabsteigt, das Leben, und erquickt, wenn 
er wiederkommt, unser Wesen. Es sind also in jedem 
Hauch zwei Wohlthaten und für jede Wohlthat sind Avir 
Gott Dank schuldig.« Ein 1'ag in der arabischen Wüste 
gewährt mehr Genufs als eine Woche unter der riesie:en 
Vegetation in dem schwülen Ceilon. 

Es giebt vereinzelte fruchtbare Tiefländer, wie das ausge- 
dehnte Wädiy alkorä, d.h. das Dörferthal, oder Wädiy Fätima, 
in denen sich eine Anzahl Hütten befinden; wenn sie aber 
nicht eine Stadt mit Mauern oder Festungswerken bilden, so 
sind die Einwohner von denjenigen nomadischen Stämmen al>- 
hängig, welchen sie angehören und an und für sich ohne alle 
politische Bedeutung. Von AVichtigkeit waren feste Orte, wie 
Makka, Madyna, Chaybar und vor Allem Tayif und die 
Städte von Yaman, dann aber auch die wandernden Stämme. 

1* 



4 

Die Leichtigkeit, mit der sich letztere bewegen, dem Feinde 
ausweichen und ihn unversehens überfallen können, gewährt 
ihnen dieselbe Sicherheit wie den Städtern ihre Mauern. Der 
Besitz von Oasen, in welchen ein 'j'heil des Stammes dem 
Ackerbau obliegt, ist eine Quelle von Schwäche liir den 
Stamm. Jede Stadt und jedes Beduinen -Lager ist eine 
Macht für sich und steht mit anderen durch Verwandtschaft 
und Verträge in ziemlich lockerer Verbindung. Wer diese 
l mrisse des Terrains un<l der staatÜchen Verhältnisse im 
Auge behält, wird die in diesem Bande enthaltenen Einzel- 
heiten leicht in ein ziemlich vollständiges Bild zu verei- 
nen im Stande sein. 

Die ältesten Einwohner von Yathrib sollen 'Amalekiter 
gewesen sein. Man findet L^eberreste von tJräbern mit In- 
Schriften in der Nähe der Stadt, welche die Moslime für 
Baudenkmale dieses Stammes halten. Beweisender für den 
aramäischen Ursprung der ältesten Bevölkerung sind ara- 
n)äische Benennungen für Oertlichkeiten. Der Bibel (Gen. 
36, 12) zufolge waren die 'Amalekiter ein Zweig des Vol- 
kes Edom oder Esau. Die Araber bestätigen diesen Be- 
richt, indem sie erklären, die 'Amalekiter von Yathrib seien 
mit den nördlich von Madjna lebenden Aditen und Thamü- 
däern *), Volkstämme, welche unbezweifelt zu den Nach- 
kommen Esau's gehören, verwandt gewesen. Dieses interes- 
sante halb nomadische und halb troglodytische Handels- 
volk war also im Altertlium im Besitze aller Oasen vom 
'J'odten Meere bis Yathrib, ja selbst in der Nähe von Makka 
hatte es eine Faktorei, diese aber war die südlichste, die 
es besafs. 

Auf die der aramäischen Ra(;e angehörigen Nachkom- 
men des Esau folgten die Kinder seines Bruders Israel. 



') Ich hii\U' Tli;iniud für die arabische Aussprache von ~"'/af1, 
welches „dauerhaft", „fortwälirend'* bedeutet. Vielleicht sind die 
Worte des an die Tliamudäer gesandten (,'älih: „Glaubt ihr denn, 
ihr werdet ewig in diesen Oenüssen Ijleiben?" eine Anspielung auf 
ihren Namen. 



Im sechsten Jahrhundert wohnten und herrschten sie in 
allen den genannten Oasen, welche früher ihre Vettern inne 
gehabt hatten, nur die in Felsen gehauenen Wohnungen von 
Higr scheinen leer gestanden zu sein. Die üandelswege 
hatten sich geändert und eine Feste in der Wüste könnte, 
wie sicher sie auch sein mochte, keine Erwerbsquellen für 
hunderttausend Menschen bieten. Dennoch hatte noch im- 
mer eine handeltreibende Bevölkerung das l ebergewicht 
über die wilden Araber. Erst die Moslime haben die Ju- 
den aus jener Gegend vertrieben oder vertilgt, und wenn sich 
auch später in dem nördlichen Flecken wieder viele Israeli- 
ten ansiedelten, so behielten doch die Araber seit Moham- 
mad das unbestrittene Uebergewicht über die fremde ge- 
werbthätiure Bevölkerunnr. 

Wir können nicht erwarten, dafs die Araber günstig 
über ilire früheren Herren berichten. Um ihren l eber- 
nuith- in wenigen Worten zu bezeichnen, erzählen sie, dafs 
sich Fityawn, der jüdische König, das Jus [)rimae noctis 
vorbehalten habe. Die abgedroschene Geschichte ist hier 
schlecht angebracht, denn die Juden wurden, ungeachtet 
dieses Frevels, damals noch nicht vertilgt, sondern als Mo- 
hammad nach^ athrib kam, iand er noch drei jüdische Stänune 
daselbst: die mächtigen Banü Nadhyr, die schwachen Banü 
Koraytza und die Banü Kaynoka . 

Nach Caussin de Perceval's Ansicht liefsen sich schon 
im zweiten, nach meiner Berechnung ^) aber frühestens im 
vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, unter den Juden 
Araber aus Yaman in Yathrib nieder. In der Geschichte 
des Mohammad heifsen sie Anc^'ärer, Gehülfen, ihr frühe- 
rer Sammelname war Banü Kayla. Sie theilten sich in 
zwei Stämme, Awsiten und Chazragiten, nährten sich vom 
l.andbau, besonders Dattelpflanzungen, schützten die Han- 
delsleute, mit denen sie in Bündnifs standen, und beraubten 
die übrigen, wenn sie konnten, trieben aber wenig Handel 



') Journ. As. Soc. Beng. Bd. 19. S. 473. 



und Gewerbe. Für den Schutz liefsen sie sicl> begreifli- 
cher Weise bezahlen '). 

Obschon die An(;ärer aus dem südlichen Arabien ge- 
kommen waren, so hatten sie doch wenige nahe Verwand- 
ten daselbst. Ihre nächsten Angehörigen lebten nördlich 
von ihnen, wo sie den Königsthron der Ghassaniten ge- 
gründet hatten. Sie sollen ihnen in alten Zeiten einmal 
gegen die Juden zu Hülfe gekommen sein, zur Zeit des 
Mohannnad bestand aber keine Verbindung zwischen ihnen 
und ihren mächtigen Vettern. 

Seitdem durch die ethnographischen Studien das l*rin- 
ci|) der Nationalität in die Mode gekonmien ist, wird es un- 
seren Gelehrten gar nicht schwer werden, aus diesen Angaben 
die Geschichte von Yathrib zu construiren. Wir haben hier 
zwei Nationen, die noch dazu in Religion und Beschäf- 
tigung von einander unterschieden sind , folglich wenn es 
zuQj Kample kam, hielten es die Juden mit den Juden und 
die Araber mit den Arabern. Dies ist allerdings vorge- 
kommen, aber in Arabien sind es gewöhnlich Zwiste zwi- 
schen grofsen Faniilien, welche zur Entscheidung mit dem 
Schwerte führen, und deswegen war es viel häufiger, dafs 
auf beiden Seiten Juden und Araber kämpften. Zur 
Zeit der Ankunft des Mohammad ANaren die politischen Ban- 
den der genannten drei jüdisclien Stämme unter sich viel 
lockerer als ihre Bündnisse mit aiuärischen Familien. Die 
Banü Nadiryr kannten keinen rülnnlichern Zweck als ihre 
Brüder, die Banü Koraytza, zu unterdrücken. Sie schlös- 
sen sich daher den mächfigen Awsiten an und mit derer 
theuer bezahlter Hülle gelang es ihnen den Usus einzu- 
führen, dafs wenn ein Koraytzitc einen Nadhyritcn erschlug, 
der Mörder oder ein anderer Koraytzite zur Sühne ge- 
töiltet wurde und die Koravtzilen überdies noch lOOWask 
— ein Wask = 60 (,'ä' — Datteln an die Familie des Gemor- 



') Die Gesammtbevölkerung von Yathrib liönnen wir auf 9000 
Araber und 7UÜ0 — 8000 Juden veranschlagen. 



deteii end-icliten iiiufslen. Wenn liiiij^e^en ein Nailhyrite 
einen Koraytziten ermordete, su dnilte keine Blulrache j^e- 
iibt werden und die Siiline uar nur GO Wask Datteln '). 

Die Kurzsiclitigkeit der im Sonderinteresse belanj^enen 
Juden von Yathrib und anderen Orten kam dem Moham- 
mad ■^), als er die Laulbalm des Eroberers betrat, sehr zu 
statten. Erst naclidem er einzelne Stämme von ihnen ver- 
niclitet und die Früchte ihrer hidustrie an sich j^ezogen 
iiatte, kamen sie zur Einsicht, dafs sie sich nur durch festes 

') Wähidy, Asbäb 4,(33. Nach einer anderen Angabe war die 
Sühne 70 Wask. 

Solche Tyrannei des stärkern Stammes über den sclnväcliern, 
bemerkt Tha laby zu 2, 173, war allgemein in Arabien. Es kamen 
Fälle vor, dafs der mächtigere Stamm für einen ermordeten Sklaven 
einen Freien, für eine Frau einen Mann und für einen Mann zwei 
Männer todtschlug und auch für Verwundungen doppelte Rache nahm. 
Wenn ein Mann aus dem mächtigeren Stamme eine Frau aus dem 
schwächeren heirathcte , so wurde ihr kein Mahr, Morgeugabe , ge- 
währt. 

Soddy, bei Tha laby Tafsyr 2, 79, giebt uns fernere Nachrichten 
über die jüdischen Zustände in Arabien: 

„Gott hat den Juden in der Thora auferlegt, einander nicht zu 
tödten, einander nicht aus der Heimath zu vertreiben, und wo sie 
immer einen Israeliten oder eine Israelitin in Sklaverei fänden, sie 
um den darauf stehenden Preis zu kaufen und ihnen die Freiheit 
zu schenken. Die in Madyna lebenden jüdischen Stämme Koraytza 
und Nadhyr waren respective Verbündete der heidnischen Stämme 
Aw8 und Chazrag, und in den Reihen ihrer Alliirten fochten sie im 
Somayr- Kriege gegen einander, wo dann die Sieger die Besiegten 
vertrieben und ihre Wohnungen zerstörten. Dennoch , wenn ein 
Kriegsgefangener von einer der beiden Parteien verkauft wurde, 
vereinigten sie sich, um ihn loszukaufen. Die Araber tadelten sie 
wegen dieser Inconsequenz und sagten: Warum kämpfet ihr gegen 
sie, wenn ihr sie dann loskaufet? Sie antworteten: Gott hat uns 
befohlen, unsere Leute loszukaufen, und verboten, gegen sie zu käm- 
pfen. Die Araber fragten sie : Aber warum führt ihr dennoch mit 
einander Krieg? Sie sagten: Wir fürchten, dafs unsere Verbünde- 
ten in den Staub getreten werden." 

^) In seinem Eifer für das Princip der Theokratie war er ehr- 
lich genug, die Juden wegen ihrer Uneinigkeit zu tadeln. Kor. 2,79. 



8 

Zusammenhalten retten können. Aber es war zu spät und 
aus Verzweiflung und V erzagtheit entfernten sich Viele von 
der religiös -nationalen Fahne, während andere nutzlos den 
Heldentod starben. 

Das sute Einverständnifs zwischen den Juden und Ara- 
bern hatte wichtige Resultate zur Folge. Es wurde näm- 
lich von den jüdischen Verbündeten eine nicht unbedeutende 
Anzahl von Arabern zur mosaischen Lehre bekehrt. Die 
Mitjjlieder zweier arabischer Familien, der Banu (Jafna und 
Schotayba, scheinen sammt und sonders dem Judenthume 
beigetreten zu sein. 

Es wäre interessant zu wissen, ob sich die .luden mit 
den Arabern mischten und in welchem Verhältnisse Pro- 
selyten zum auserwählten Volke standen, (»eiger giebt uns 
in seiner vortrelTlichen Urschrift Aufschlufs über dieses 
Verhältnifs im Alterthume. Viele angesehene Juden wa- 
ren durch Heirathen mit den Ammonitern, Moabitern und 
anderen fremden Stämmen verbunden, und die schöne Idille 
llulli hat keine andere Tendenz als zu zeigen, dafs eine 
Moabiterin, weil sie zum Ciott Israel Vertrauen bewies, den 
Vorzug hatte, Stammmutter des grofsen Königs David zu 
werden. V^iele spätere Propheten hingegen erblickten in 
der Ausschliefslichkeit das Heil ihres Volkes: sie eifern ge- 
gen solche Ehen und verachten die iSpröIslinge derselben, 
die Mamser. Das V^olk tritt immer auf die Seite des Fa- 
natismus, und der Sprachgebrauch beweist, dafs es die An- 
sichten dieser Zeloten theilte. Benennungen, welche im 
Munde der benachbarten \ ölker heilige Begriffe ausdrück- 
ten, erhielten bei den Juden eine entgegengesetzte, schimpf- 
liche Bedeutung: so lieifst Beizebub, ursprünglich der Name 
der Nationalgottheit der Philistäer, bei den Israeliten Feind, 
inid aus der, Fremdling, bildeten sie ein Verbuu), welches 
buhlen bedeutet. Am interessantesten für uns ist die vSin- 
nesänderung von Hanyf. Der geistvolle und gelehrte Ken- 
ner des jüdischen Alterthumes verwirft in seiner Zeitschrift 



Hie von mir im ersten Bande vorgeschlaj^ene Deutunj^- und 
zeigt, dals Hanyf urs|M'ünglicli einen löblichen Sinn hatte 
und rein bedeutete, aber erst von «Kmi Juden als Sc-liimpl 
gebraucht uurde, ungelähr wie bigotte Katholiken »Luthe- 
raner^« anwenden. Aus dieser Erklärung ginge hervor, dafs 
das Hanyfenthum schon viele Jahrhunderte vor Mohammad 
bestanden habe. Ich hagte ihn, o]) er diesen Schluls bil- 
lige? er antwortete, er sei damit" einverstanden nnd glaube, 
dals es die Religion eines J'heiles der Aramäer gewesen 
sei. Ich kann mir in der That die Ehen zwischen Juden 
und Moabiterinnen, wie auch anderen Stämmen, nur unter 
der Voraussetzung einbilden, dals es Familien unter den 
letzt ern gab, welche dem rohen Götzendienst entsagt hatten 
und dem Hanyfenthume, d. h. Monotheismus, huldigten. 

Nach dem Entstehen des Christenthumes waren die 
Juden nicht mehr so s[)röde gegen »die Völker«, und au- 
Iser den Proseivten der Gerechtigkeit, welche förmlich zur 
Religion des Moses übertraten, gab es auch Froselyten des 
1 hores. Diese entsagten, wie wir aus Hase lernen, durch 
üebernahme der sogenannten noachischen Gesetze dem 
Götzendienste und wurden nach dem ITrtheile der milde- 
ren (lesetzlehrer zu Freunden des auserwählten Volkes und 
eines 'J'heiles seiner Hoffnungen theilhalt ohne dem Joche 
des Gesetzes, seiner Engherzigkeit und Werkheiligkeit ver- 
fallen zu sein. 

Da das entscheidende Merkmal der Proselyten des 
Thores einzig und allein in dem Glauben an Einen Gott 
und in der Entsagung; des Götzendienstes bestand, so mag- 
es eben so viele Schattirunnen imter ihnen i^eg-eben ha- 
ben, als unter den Dissenters in England, und alle Hanyfe, 
wie sehr sie sich auch von einander unterscheiden moch- 
ten, konnten in diese Kategorie gerechnet werden. Um 
die Stellung; derselben zum Judenthume zu beurtheilen, ver- 
setze man sich in die Anschauungen des Mohammad zur 
Zeit als er die Juden als das auserwählte Volk anerkannte, 



10 

al)er doch auch , obschon er nie lil Jude war, durch die 
Anerkeniniiig des wahren (lodes und Gerinj^schätzuiig al 
Um- Formen, sein Heil zu linden liolTte. 

Hier jedoch beschültigen uns nicht die religiösen, son- 
dern die politischen und socialen Heziehungen der Juden 
zu ihren ISacldjarn. Diese mögen sehr verschieden gewe- 
sen sein in verschiedenen Zeiten und Orten. Unter den 
Arabern war es Sitte, um' die Wehrkralt des Stammes zu 
vermehren, Fremde aulzunehmen. Es «^-eschali dies i^eAvölm- 
lieh dadurch , dals der Fremde von einer Familie als der 
Ihrige adoj)tirt und ihm eine Tochter zur Frau gegeben 
wurde. Durch die Ado[)tion trat er in alle Rechte und 
\ erjdliclitungen eines geborenen Stamnnuitgliedes ein und 
erhielt den Namen Halyl. Seine Nachkommen knüpften, 
um den Iremden Ursprung zu verwischen, ihre Genea- 
logie gewöhnlich an den der Mutter. Dieses Beisjüel 
mochte aul die Juden ge\>irkt haben und auch sie nioch- 
ten Convertiten oder wenigstens deren Nachkommen die 
Rechte geborener Israeliten einräumen, hi der Thal lin- 
den wir, dals Araber Jüdinnen heiratheten und dafs ihre 
.Nachkommen nicht nur als Religions-, sondern auch als 
Stammgenossen einer israelitischen Familie angesehen Avur- 
«len. Ein Beispiel dieser Art ist Ka b b. Aschral, der Sohn 
eines Arabers aus dem edeln Stamme Tayy und einer Is- 
raelitin. Er wohnte in iMadyna und war ein fanatischer 
Jude. Es fragt sich, ob seine Mutter einen Araber ge- 
heirathet hätte, wenn dieser ein Heide gewesen wäre. Viel- 
leicht war Kab's Vater ein Rakusier. Diese Sekte zählte 
«Miter den Tayiten mehrere Anhänger, und mag, weil sie 
nicht zur christlichen Staatskirche gehörte, zu den jüdi- 
schen Proselyten des Thores gerechnet worden sein. 

Während Kab als Halyf der Juden angesehen wer- 
den mufs, steht es fest, dafs die Banü (udiia und Schotayba 
fortfuhren, gleichviel, ob sie Proselyten «les Thores oder 
l'roselyten der Gerechtigkeit waren (denn dieses läfst sich 
nicht en(scheiden), ein eigenes Gemeindewesen zu bilden. 



11 

Docli iiucli bei diesen iiinl walirsi-lieiiilicli aiicli hei eiiiiii,en 
an<lereii ('onvertileii waren «lie Banden des Cdaidjens stär- 
ker als die des Blutes'), nnd sie versclnvinden mit oder 
bald nacii den Juden aus JMadyna "). 

Wir l)aben gesehen, «iafs einst alle Oasen von Syrien 
his Madyna von Juden hewohnt Avaren und dafs ihre Vor- 
gänger Aramäer gewesen sind. Es ist allerdings eine That- 
sache, dafs in Amerika die Ureinwohner verschwinden und 
den Kinwanderern von Eurojta Platz machen. Allein ein 
solches Aussterben \ou Karen (ritt nur unter sjteciUschen 
Verhältnissen ein. In gewöhnlichen Fällen ist es schwer 
zu erklären; denn wir finden z. B. in Frankreich, dafs die 
Celten nicht verschwunden sind, sondern sich mit den Rö- 
mern und Franken gemischt haben. Die biblischen Ar- 
chäologen machen sich die Sache leicht. Fm einen Aus- 
spruch der Schrift zu erklären und ihren ethnographischen 
Schablonen getreu zu bleiben, bevölkern sie nicht nur die 
Westküste von Arabien inid Van)an, sondern sogar Susiana 



') Wähidy, Asbäb 2, 257, von Ibn 'Abbäs mit doppelter Isnäd: 
„Es gab Weiber unter den Ant^arern (Arabern von Madyiia), wel- 
che wahre Mörser waren: jedes Kiud kam in der Geburt um. Sie 
tbaten daher das Gelübde, wenn ihnen eines am Leben bliebe, es im 
Judenthume unterrichten zu lassen. Als nun die Banü Nadhyr aus 
Madyna vertrieben wurden, befanden sich Söhne der Anyarer unter 
ihnen. Auch diese wollten die Pleimath verlassen, ihre Verwandten 
aber widt-rsetzten sich ihnen. 

Auch Mogähid berichtet Aehnliches. Im Nur alnibras, S. bau, 
wird die Tradition des Ihn Abbäs verallgemeinert. In dieser Tra- 
dition scheint mir nur soviel historisch zu sein, dafs die arabischen 
Convertiten zum Mosaismus es mit ihren Glaubensbrüdern hielten. 
Die angebliche Veranlassung zur Bekehrung beruht auf einer fal- 
schen Auflassung der Qoränstelle 2, 257. 

-) Aus Ibn Sa d geht hervor, dafs selbst als Mohammad Chay- 
bar eroberte und die in Madyna ansäfsigcn israelitischen Stämme 
schon vertilgt oder vertrieben waren, es dennoch Juden in Madyna 
gab. Wer sie waren oder was aus ihnen geworden ist, wissen wir 
nicht. 



12 

mit Kiischiten, und ueiiii diese Mohren ilire Pflicht ge- 
than und unsere Gelehrten in den Stand gesetzt haben, ein 
paar Bihelstellen zu erklären, können sie gehen. Diese 
Herren sind aber Stubengelelirte, welche nur Worte und 
nicht Thatsachen zu beurtlieilen vermögen. Ich glaube, 
dafs in den erwähnten Oasen die Bevölkerung nur zum 
geringsten Theil aus leiblichen Kindern Israels bestand. 
Die Mehrzahl war nach wie vor aramäischen Ursprungs; 
denn die frühere Bevölkerung wurde allmählig von den Ju- 
den absorbirt. Es ist ein historisches Gesetz, dafs die äl- 
tere, schwächere INationalität der neueren, kräftigeren wei- 
chen mufs, so die slavische in Preufsen der deutschen, und 
die deutsche am linken Kheinuler der französischen. Die- 
ses Gesetz hat sich auch in den von den Moslimen erober- 
ten Ländern geltend gemacht. Das will aber nicht sagen, 
dafs die Bevölkerung verschwindet. Im Gegentheil, wenn 
sich Völker mischen, behalten die Spröfslinge viel von dem 
mütterlichen Charakter der absorbirten Nationalität bei. Wenn 
man dieses Gesetz im Auge hält, so wird man leicht be- 
greifen, wie die Juden, welche vom Norden kamen und an 
('i\ilisation und Unternehnjungsgeist den Aramäern überle- 
gen waren, diese absorbiren konnten. 

Nach einem Aufenthalte von drei Tagen zu Kobä un- 
ter den Banü 'Amr b. *Awf hielt der Prophet auf einem Ka- 
meel seinen Einzug in ^'athrib. Es begleiteten ihn viele 
seiner Anhänger, welche, um die Feier des Tages zu er- 
höhen, ihre Walfen trugen. Auf dem Wege überraschte ihn 
die Gebetstunde und er stieg am Eingange der Stadt ab, 
hielt (Jottesdienst und setzte dann seinen Marsch fort. Be- 
greiflicher Weise wurde er in jedem Stadtviertel, durch das 
er ritt, von den Einwohnern zu Gast gebeten. Er ant- 
wortete, das Kameel habe Befehl, ihn dahin zu bringen, wo 
er absteigen soll, und er begab sich in das Haus des Abu 
Ayyub, wo er das Erdgeschofs bewohnte, während sich 
der Eigenthümer mit seiner Frau in den obern Stock zu- 
rückzog. 



13 

In der Nähe der zeitweiligen Wolinung des Prophe- 
ten war ein Gehege, welche« zweien Waisenknaben geliörle. 
Es schlofs Gräber, Schutlliani'eii nnd einige PalnihÜinme 
ein nnd man benutzte es, darin zu dreschen, Dattehi zu 
trocknen und Kameele während der Nacht anzubinden. 
Der eilrige Ibn Zorära, welclier der Vormund der beiden 
Knaben war, errichtete darin schon vor Mohammad's An- 
kiudt vier Mauern ohne Dach und versammelte in diesem 
einlachen Tempel seine gläubigen Freunde zum Gottes- 
dienst. 

So lange der Prophet in Makka war, hatte er keinen 
l)estimmten Platz für seine gottesdienstlichen Handlungen, 
nach seiner Uebersiedlung nach Yathrib aber entsclilofs er 
sich, in diesem Gehege die erste Moschee zu erbauen. 

Er liefs die beiden Knaben, deren Eigenthum es war, 
zu sich kommen und machte ihnen ein Angebot dafür. Sie 
weigerten sich, etwas anzunehmen. Er soll aber darauf 
bestanden haben, es durch Kauf zu erwerben und den Abu 
Hakr ersucht, ihnen 10 Dinars auszuzahlen. Er lies nun 
die Gräber demoliren, die Knochen unter die Erde ver- 
scharren, die Schutthaufen ebnen und die Palmen- und 
Gharkad- Bäume niederhauen, auch trug er Sorge, dals der 
Ort, welcher zum Theil sumplig war, gehörig drainirt wurde; 
dann schritt er zum Bau. 

Nach einer Angabe soll das Gebäude 100 Dzirä' (Ellen) 
lang und eben so breit gewesen sein , nach anderen aber 
war es nur 60 oder 70 Dzira breit. Die Grundfesten der 
Mauern baute er von Stein, und sie erhoben sich 3 Dzirä' 
über die Erde, darauf setzte er den Bau mit in der Sonne 
getrockneten Ziegeln fort. In einiger Entfernung von der 
Mauer stellte man Palmenstämme auf, um ein Dach aus 
Palmenzweigen zu unterstützen ^). Man fragte ihn, warum 



') Wenn Mohammad predigte, lehnte er sich an eine dieser 
Säulen. Ungefähr zwei Jahre vor seinem Tode wurde ihm von 
Tamym Däry gerathen, eine Minbar errichten zu lassen, ähnlich den 



14 

er «las Dach nicht hölier iind aus «laiierbafterem Material 
hauen lasse? Darauf antwortete er: Mein 'JVnipel soll der 
liauhhiitte ('Arysch) des Moses ähnlich werden, welche ans 
Holz und Stroh hestand. 

Die vordere Wand lief von Osten nach Westen, weil 
die Moslime damals im Cebet sich gegen Jerusalem (Nor- 
<1e>i) richteten. (Jegenüher war der Ilanpteingang und anlser- 
dem liatte der J'emjiel noch zwei Ihtu'e, wovon eines 
das Thor der (inade liiefs, das andere «ist liehe war ein Pri- 
vat- Eingang von der Wohnung Mohannnad's und wurde 
«las riior <les Propheten genannt. 

Vorne, der nördlichen Mauer entlang, war der Boden 
etwas h«)her, und ich glaube, dafs das Dach nur diese Te- 
rasse bedeckte; wahrscheinlich \varen zwei Drillheile des 
Hethofes unter freiem Himmel ^). Dies ist der Plan alier 



Kanzeln in den Kirchen in Syrien. Er berieth sich über diesen Vor- 
schlug mit seinen Freunden, und da sie alle demselben beistimmten, 
befahl er eine zu bauen. Man nahm zu diesem Zwecke Tamariscus- 
IIolz aus dem Ghäba und zimmene Balken daraus. Die Länge 
von vorn nach hinten betrug am Boden drei Ellen (Dzira), die 
Breite wahrscheinlich nur eine Elle und die Höhe zwei Ellen und 
drei Finger. Es führten zwei Stufen hinauf, wovon jede eine Elle 
tief war, der Boden zum Stehen oder Sitzen war eine Elle im Ge- 
viert, an jeder Seite war ein Geländer (Romnäna), welches man 
anfal'ste, wenn man niedersafs. Jedes Geländer war eine Spanne 
und zwei Finger lang. Die ganze Kanzel bestand aus fünf Balken, 
und wie es scheint, war das Geländer nicht befestigt, sondern die 
roh zugeschnittenen Stücken Holz wurden blofs auf einander gelegt. 
Bei den Christen wird die Kanzel Minjäh genannt (Halaby, 
fol. 214 V.) und Minbar bedeutet Richterstuhl (Hist. Jos. Lign. c. 13). 

') Die Nachrichten über diesen Gegenstand scheinen von Zohry 
gesammelt und redigirt worden zu sein. Später sind aus seinem Be- 
richte andere Traditionen mit unabhängiger Isnäd gemacht worden. 
Den Text des Zohry hat am reinsten Ibn Sa'd fol. 46 wiedergege- 
ben, ziemlich willkührliche Varianten linden wir bei Halaby S. 189. 
Der erstere sagt: ^äü«» c^lX.:>I üiA^-c^ x_i.wo .iiA;>i iJ^Ij J.*^»i 
^nJS , c*i^^ o*»:?-*^ lA^-^ >3^ \ftÄ^*o ^\ aJ ^äi !u\j,.>. Die ersten 
vier Worte werden in Halaby paraphrasirt wie folgt: \.\iX=>- (3>-^^ 



15 

Moscheen in Indien, rleren ich n)ich erinnere. Dieser ein- 
lache 'renij>el war also «las Muster liir die i^esclmiackvoll- 
sten Hauten in der Welt. Nach uieineni (Jescliniacke \ve- 
niirstens stehen alle düstern «-othischen Kirchen weit hin- 
ter dem Moti Masgid von Agra zurück und der Mailänder 
Dom kann sich nicht mit dem grofsartigen Betliause von 
Delhi messen. Der jjjrölsere Theil einer indischen Mo- 
schee besteht aus einem offenen Hof. (lesclilossene Räume 
errichtet man nur für die Todten. Aber selbst in dieser 
Dauart übertrilft das Mausoleum der Tag Muhall Alles was 
man in der Welt sehen kann. Auch im Thurmbau sin<l 
die elep^anten Minarete von Ma'arra in Syrien und der Ko- 
tob von Alt -Delhi unerreicht. 

An der östlichen Seite des Tempels errichtete der 



xAi'i .lXs xcLfij.i ^-^^S ^j:i Kxiij' ^ Die Mauer war Mannshöhe lang, 
d. h. die Mauer war so hoch wie ein Mann." Auch an einer an- 
dern Stelle, die ebenfalls auf der Angabe des Zohry zu beruhen 
scheint, wird gesagt, dafs man das Dach mit der Hand erreichen 
konnte. Vorausgesetzt, dafs tul statt irtifä' oder 'olüw steht und 
dafs hast soviel als Mannsgröfse oder die Höhe eines Mannes mit 
aufgehobener Hand bedeute, so bleibt noch immer die Schwierigkeit, 
dafs sich das Pronomen wie in 'omodahu auf masgid und nicht auf 
Mohammad bezeichnen mufs. Die richtige Uebersetzung des Textes 
des Ibn Sa d scheint mir zu sein: „Mohammad machte die ganze Länge 
der Mauer zum Bast des Tempels." Unter Bast ist wohl eine etwa 
einen Fufs hohe Terasse zu verstehen, auf der die Gläubigen ihre Mat- 
ten und Teppiche ausbreiteten (basatü), um darauf zu beten. 

Eine andere Schwierigkeit verursacht das Dach. Wenn, wie 
Ibn Sa'd sagt, Mohammad ein Dach von Palmenzweigen gebaut hatte, 
konnte man ihn doch nicht fragen, warum er kein Dach mache? 
Seine Antwort rechtfertigt die in meiner Uebersetzung gegebene 
und zum Theil auf Halaby gegründete Auffassung. Es ist aber auch 
eine andere Erklärung möglich. Kostaläny sagt: „Es war in der 
Moschee ein schattiger Platz, an welchem die Armen sich aufhiel- 
ten und welchen man Qoffa nannte." Das Dach dehnte sich also 
nicht über die ganze Moschee aus, sondern blofs über die Terasse, 
welche dann mit Einschlufs des Daches QofFa genannt wurde, der 
übrige Theil der Moschee war ein offener Hofiraum, 



16 

Prophet Wolinungen für sich, seine Frau Sa\v«la und seine 
Braut 'A^ischa. Sie Ijestanden aus zwei Hütten. Später, 
als sein Harem immer neuen Zuwachs erhielt, vermehrten 
sich dieselben his auf neun. Da diese Wohnungen in der 
zweiten Hüllte des erten Jahrhunderts noch standen, so ha- 
ben wir eine zuverlässige, wenn auch dürftige Beschrei- 
bung derselben '). Jede Hütte bedeckte einen Flächen- 



') Der ITodzalite 'Abd Allah b. Yazyd erzählte dem Geschicht- 
schreiber Wäkidy: „Ich war zugegen als Omar b. Abd al-'Azyz 
Hilf Befehl des Chalyfen Walyd die Hütten der Frauen des Propheten 
abbrechen liefs, um die Moschee auszudehnen. Sie waren aus unge- 
brannten Ziegeln erbaut und hatten eine Varanda vor dem Eingange 
aus Falmenzweigen, die mit Lehm überstrichen waren. Ich zählte 
neun Häuser mit ihren Varanden. Sie erstreckten sich von der Mo- 
schee, wo die Hütte der Ayischa war, bis zum Platz der Asma. 
Ich bemerkte, dafs nicht nur die Hütte, sondern auch die Varanda 
der 0mm Salma aus ungebrannten Ziegeln bestand. Ihr Enkel 
erzählte mir, dafs sie dieselbe aus Ziegeln erbaut habe während der 
Prophet abwesend auf seinem Feldzuge nach Duma war. Als dieser 
zurückkam, sah er den Ziegelbau, und 0mm Salma war die erste 
seiner Weiber, die er besuchte. Er fragte sie, was dieser Neubau 
bedeute? und sie antwortete: Ich wollte es den Leuten unmöglich 
machen, hereinzusehen. Hierauf bemerkte er: Das Schlimmste, was 
ein Moslim thun kann ist: sein Geld auf T3auten zu verwenden." 

Wilkidy fährt fort: Ich erzählte diesen Bericht dem Moädz b. 
Mohammad Anrary und er theilte mir mit: „Ich hörte den Ata Cho- 
rasäny in einer Gesellschaft, in der sich'Imrän b. Aby Anas befand, 
sagen: Ihn Aby Anas erzählte ganz nahe bei dem Grabe des Pro- 
pheten: Ich kann mich der Zeit erinnern, zu der die Varanden 
der Frauen des Propheten noch standen. Sie waren aus Palmen- 
zweigen erbaut und der Eingang war vemittelst eines Vorhanges 
aus grobem schwarzen Haartuche geschlossen. Ich war zugegen 
als das Schreiben des Chalyfen Walyd verlesen wurde, in welchem 
er die Varanden der Frauen des Propheten in die Moschee einzu- 
schliefsen befahl, und ich habe niemals mehr weinen hören als an 
jenem Tage. Den Theologen Sa'yd b. Mosayyab hörte ich sagen: 
Ich wünschte, man hätte diese Hütten stehen lassen wie sie waren, 
damit die neue Generation von Madyna und die Fremden, welche 
von fernen Weltgegenden hierher konmien, sehen könnten, womit 
sich der Prophet während seines Lebens begnügte, und damit auch 



17 

räum von höchstens zwölf Fufs im Geviert. Die Mauern 
waren aus in tler Sonne getrockneten Ziegehi gebaut, wel- 
che verniittelst feuchten Lehms mit einander verbunden 
wurden; mit andern Worten: es waren Lehmmauern. Das 
Dach bestand aus Palmenzweigen, und sah ganz wie un- 
sere Strohdächer aus. Die Hütte, welche 'Ayischa be- 
wohnte, soll eine Thüre gehabt haben, die Eingänge zu 
den übrigen aber waren nur durch V^orhänge von grobem, 
schwarzem Tuche aus Ziegen- und Kameelhaaren geschlos- 
sen. Bei fünf Hütten trat man sogleich von der Gasse aus 
in den bewohnten Raum ein, vier aber hatten eine V^aranda, 
d. h. es war gegen den Hof eine äufsere und eine innere 
Wand und die Thüren derselben waren so angebracht, dafs, 
wenn sie auch beide offen waren, man doch nicht in die 
Stube hinein sehen konnte. Die äufsere Wand bestand, mit 
einer Ausnahme, nicht aus sonnengetrockneten Ziegeln, son- 
dern aus Palmenzweigen, Avelche, um dem Bau ein besse- 
res Aussehen zu geben (lilintiba' heifst es im Original), mit 
Lehm überstrichen wurden. Ein Berichterstatter meldet, die 
Hütten seien so niedrig gewesen, dafs er das Dach mit der 
Hand erreichen konnte. Die Wohnung der 'Ayischa, in 
Avelcher auch Mohammad sich gewöhnlich aufhielt, stand 
dicht an der Moschee, von deren Hof sich ein Pförtchen 
öffnete, das nicht direkt in die Wohnung, sondern in ein 
kleines Vorhaus (Schäri') führte '). 



später die Leute sich der Enthalsamkeit befleifsigten und vom An- 
häufen und der Schaulust abstehen möchten." 

Nachdem "Ata so gesprochen hatte, ergriff 'Imrän b. Aby Anas 
das Wort und sagte: „Vier der Hütten waren mit ungebrannten 
Ziegeln erbaut und jede derselben hatte eine Varanda von Falmen- 
zweigen. Die fünf andern Hütten bestanden aus mit Lehm über- 
strichenen Palmenzweigen und hatten keine Varanda. Vor dem Ein- 
gange hing ein grobes, schwarzes Haartuch. Ich habe es gemessen 
und fand, dafs es drei Dzira lang und ein wenig über eine Dzira 
breit war." 'Imrän b. Aby Anas starb A.H. 115. 

') Nach dem Tode des Propheten waren diese Hütten das 
Eigenthum der Bewohnerinnen und wurden zu Ungeheuern Preisen 
III. 2 



18 

Wenn Jemand mehrere solche Häuser bewohnen will, 
so setzt er sie «gewöhnlich so, dafs sie einen kleinen Hot 
einschliefsen. Mohammad scheint die seinigen in eine Reihe 
irestellt zu hahen. Da seine nächsten Verwandten — seine 
Töchter und ihre Ehemänner Alyy und 'Othmän — seine 
Nachbaren waren, so bildeten, wie es scheint, die Woh- 
nungen dieser mit den seinigen zusammen einen offenen 
Hof, in den man eintreten mufste, um in die Hütten zu 
gelangen ^). 

Im August 623, also eilf Monate nach seiner Ankunlt 
in ^ athrib , bezog der Prophet seine neue Wohnung. Die 
Einrichtung stand im Einklänge mit der Bauart. An der 
Wand hingen Schläuche, die, wenn sie nicht mit Wasser, 
Mehl oder Butter gefüllt waren, aufgeblasen wurden. Er 
und seine Frauen schliefen auf ledernen, mit Lyf^) ge- 
stopften Matratzen. In den meisten Hütten lagen diese 
auf dem Boden, er besafs aber auch einen oder mehrere 
Tschär-päy, wörtlich: Vierfüfse. Dies sind auf vier Beinen 



verkauft. Die Verwandten der Qofyya bint Hoyay erhielten 180000 
Dirheme von Mo'äwiya für ihre Hütte. 'Ayischa erhielt ebensoviel 
oder 200000 Dirh. von demselben für die ihrige nait dem Rechte 
der Nutzniefsung während ihrer Lebzeiten. Ibn 'Omar erbte die 
Hütte der (^afwa, nahm aber kein Geld dafür als der Platz der 
Moschee einverleibt wurde. 

') Wer ein Haus baut mufs für alle Bedürfnisse sorgen. Ge- 
kocht wurde in oder vor der Hütte, je nach der Witterung. Für 
andere Bedürfnisse hatten die Araber keinen besonderen Ort, son- 
dern sie gingen in das Freie hinaus, die Familie des Propheten na- 
mentlich nach Manä(;ih, aufserhalb Madyna's. Ungefähr um A. H. ü 
aber baute er, weil es nicht sicher war, seine schönen Gefährtinnen 
bei Nacht heruniwaiidern zu lassen, eigene Plätze zu diesem Zwecke 
in der Nähe der Wohnungen. Bochäry, S. 595. 

') Es giebt zwei Arten von Lyf. Hier sind l'^il)ern von Pal- 
men gemeint. Das weifse Lyf, welches man in Bädern zum Abrei- 
ben der Seife vom Körper, gebraucht, wird aus den Fibern einer Art 
Kürbis gewonnen. 



I 



19 

ruheinle Rahmen von Holz '), über die Palmenstricke ge- 
tlocliten sind, um einen Boden zu bilden, bn Winter hüllte 
er sich in eine grobe wollene Decke. Unter dem Kopie 
hatte er ein ledernes Kissen, gelullt mit Lyf, wie die Ma- 
tratzen. Als Sitz diente eine Strohmatte, und manchesmal 
unterstützte er den linken Arm mit dem Schlafkissen. Man 
bot ihm bessere Möbel an, aber er wollte ein Beispiel der 
Einfachheit geben und verschmähte sie. 

Als Mohammad die erste Moschee einweihte, hatten 
sich die meisten Araber in Yathrib zum Islam bekehrt, nur 
die Familien Chotma, Wäkif, Wäyil und Omayya, welche 
sämmtlich dem Stamme Aws angehörten, blieben noch ei- 
nige Zeit den Göttern ihrer Väter treu. Die Heiden ver- 
einten sich mit Juden, welche Einsicht und Muth genug 
hatten, sich den Neuerungen zu Avidersetzen, wie der Dich- 
ter Ka b b. Aschraf, und bereiteten für die Moslime man- 
chen Schaden und Herzleid ^). Gott ruft daher seinen An- 
betern zu: 

K. 3, 183. Wahrlich , ihr leidet an eurem Vermögen und 
eurer Person, und du hast von Jenen, welchen das Buch 
früher gegeben worden ist, wie auch von den Heiden viele 
Beleidigungen zu hören. Wenn ihr geduldig und versöhn- 



') Merkwürdig ist, dafs die Beine des Tscbärpäy von Teak- 
(sprichTik-) Holz waren, denn dieses Holz kam entweder aus In- 
dien oder aus Afrika. Auch das Holz in dem Pallaste der Chosroen 
zu Ctesiphon war Teak. Nach dem Tode des Propheten benutzte man 
den Tschärpay, welcher ein Geschenk des As' ad b. Zorära aus Madyna 
war, als Bahre, um die Leichen der Gläubigen darauf nach dem Fried- 
hofe zu tragen. Unter den Omayyiden wurde er für 4000 Dirli. 
verkauft. Unter dem Bette stand ein Topf aus Palmenholz. Wenn 
nämlich ein Palraenstamm trocknet, so bleibt nur eine Schale, die 
man blofs an einem Ende zu schliefsen braucht, um einen Topf zu 
haben. Die Worte des Originals lauten: ^^lA-^ (j-. — lAi äJ qL5» 

ßi j»>jji Q-» V' i3>^. ^•ri-**' i^Li^^ r^^- 

*) Zohry, bei Ihn Sad fol.104 und bei Wähidy 3, 183. Es gab 
A. H. 5 noch Heiden in Madyna. Ibn Ishäk S. 554. Ipäba Bd.l. S.737 

2* 



20 

lieh seid, so thut ihr wohl; denn ein solches Benehmen 
führt zur Erreichung der Zwecke. 

Während Mohammad im Verlaufe der nächsten Jahre 
einige Heiden durch Versöhnlichkeit für den Islam gewann, 
mufsten andere seiner wachsenden Macht nachgeben und 
den Glauben heucheln. 

Bisher war die Regierungsform von Vathrib von der 
Makka's nicht wesentlich verschieden: Jede Familie mufste 
sich selbst schützen. Blutsverwandtschaft und Bündnisse 
zwischen Individuen und wohl auch zwischen ganzen Fa- 
milien waren die einzigen Bande, welche den Menschen 
an den Menschen knüpften und ihm einigen Schutz sicherten. 
Die Einwanderune: so vieler Flüchtlino-e aus Makka und das 
feste Zusammenhalten der Gläubigen unter einem Gebieter 
machte nun eine Verfassung nöthig, in der nicht nur den bis- 
herigen Banden, sondern auch denen des Glaubens Rechnung 
getragen wurde. Die neuen Grundlagen, auf denen die Ge- 
sellschaft beruhen soll, hat Mohammad unter der Beistim- 
mung der Einwohner von Yathrib schriftlich festgesetzt und 
Ibn Ishak hat uns die Verfassungsurkunde aufbewahrt '). 
Ich schalte eine Uebersetzung dieses für die Geschichte des 
moslimischen Staatsrechtes so wichtigen Dokumentes ein: 

Im Namen Allahs des milden Rahmän. 
Dieses ist ein Dokument von Mohammad, dem Propheten 
[feststellend die Beziehungen] zwischen den Gläubigen und 
Moslimen aus dem Stamme Koraysch und denen von Yathrib und 



') Im 'Oyün alathar wird gesagt, dafs dieses Dokument auch 
von [Ahmad] Ibn Aby Chaythama [Zohayr] aufbewahrt worden sei, 
welcher die Bürgschaft des Ahmad b. Ganab Abu Walyd (f 230), 
von 'YsH b. Yünos, von Kathyr b. Abd Allah b. 'Amr Mozany, vom 
Vater, vom Grofsvater anfülirt. 

Ahmad Ibn Aby Chaylhania Zohayr lebte in Baghdäd und ist 
der Verfasser der grofsen Chronik altarych alkabyr, Ibn Al)y Chay- 
thama war in der Genealogie ein Schüler des Mo<,!'ab und in der 
vorislamitischen Geschichte ein Schüler des Madäyiny. Er starb 
94 Jahre alt A. FI. 27S. 



I 



21 

denen, die ihnen folgen, zu ihnen gehören und auf ihrer Seite 
kämpfen : 

Alle bilden, anderen Menschen gegenüber, eine Gemeinde"). 

Die korayschitischen Flüchtlinge verbleiben im Statu quo 
und steuern unter sich zur Abtragung einer ihnen obliegenden 
Blutschuld bei, auch kaufen sie ihre Kriegsgefangenen selbst 
los. Allein die übrigen Moslime steuern dazu bei, soweit es 
billig und recht ist. 

Die Banü Awf verbleiben im Statu quo und steuern unter 
sich zu dem bereits verschuldeten Blutgelde bei. 

Jede Partei kauft ihre Kriegsgefangenen los. Allein die 
übrigen Moslime steuern dazu bei, so weit es billig und recht ist. 

Die Banü Harith verbleiben etc. (dieselbe Bestimmung. So 
auch in Bezug auf die Banü Sa/ida, Banü Goscham, Banü Nag- 
gär, Banü Amr b. 'Awf, Banü Nabyt und Banü Aws. Dann 
folgt in Bezug auf die Beisteuer der Moslime zum Loskauf 
der Gefangenen:) denn unter den Gläubigen giebt es keinen 
Mittellosen ^), für den sie nicht anständig zum Loskauf [eines 
ihm verwandten Gefangenen] und zur Bezahlung einer Blut- 
schuld beisteuerten. 

Ein Gläubiger schliefst mit dem dienten eines anderen 
Gläubigen kein Bündnils ohne Genehmigung des letztern. 

Die Gläubigen nehmen sich in Acht, dafs Niemand von 
ihnen zum Schelm wird und Vortheil zu ziehen trachtet von 
einer Ungerechtigkeit, einer Sünde, Feindschaft oder unter den 
Gläubigen stattfindenden Zwietracht. Alle sollen vereint ihre 



') Im Original Oinma Wähida. Es wird erklärt durch: iCcUs» 
itoJs.jW Ä:C4J^äJs.5>i» eine in Wort und That einheitliche Genossen- 
schaft. Es entspricht also unserem „Staat" oder ^Gemeinde". Am 
öftesten wird es auf eine religiöse Genossenschaft oder Kirche an- 
gewendet. 

*) Mofrah oder Mafrah, welches ich durch mittellos übersetze, 
steht nach Sohayly statt Mobräh, andere nehmen auch Mofrag in 
derselben oder einer ähnlichen Bedeutung, Es heifst ungefähr so viel 
als Bankrotteur; die beiligsten Pflichten eines Arabers waren aber das 
Loskaufen eines Verwandten aus der Gefangenschaft oder von den 
Verfolgungen der Stammgenossen eines Ermordeten, und wer diese 
nicht erfüllen konnte, war schümmer daran und verachteter als bei 
uns ein Bankrotteur. Es bedeutet auch einen Mann ohne Familie. 



22 

Hand gegen ihn erheben, selbst wenn er der Sohn von einem 
aus ihrer Mitte ist. 

Kein Gläubiger darf einen Gläubigen tödten, um das Blut 
eines Ungläubigen an ihm zu rächen, und keiner darf einem 
Ungläubigen gegen einen Gläubigen beistehen. Die Gewähr- 
leistung Gottes ist solidarisch; folglich hat der Gemeinste un- 
ter ihnen das Recht, Schutz zu gewähren, und der von ihm 
zugesagte Schutz muls von allen respektirt werden. 

Die Gläubigen sind zunächst die Beschützer und Schütz- 
linge der Gläubigen. Denjenigen Juden, welche uns folgen, 
lassen wir Beistand und Gleichberechtigung angedeihen: es darf 
ihnen kein Unrecht geschehen und wir dürfen ihre Feinde im 
Kampfe gegen sie nicht unterstützen. 

Alle Gläubigen werden durch Friedensverträge solidarisch 
gebunden, und es kann kein Separatfriede mit einem Gläubi- 
gen in Religionskriegen geschlossen werden und die Friedens- 
bedingungen müssen der Art sein, dafs sie alle gleichmälsig 
afliciren. 

Die Corps, welche in offensiven Kriegen auf unserer Seite 
kämpfen übernehmen den Felddieust abwechselnd. 

Die Gläubigen rächen mit dem Tode das Blut ihrer Mit- 
glieder, wenn eines von ihnen im Kampfe für die Religion ge- 
fallen ist. 

Die gottesfürchtigen Moslime folgen der besten und sicher- 
sten Leitung. 

Kein Heide [aus Madyna] darf einem Korayschiten für Gut 
oder Blut Schutz gewähren, noch darf er sich zwischen ihn 
und einen Gläubigen stellen (d. h. ihn vertheidigen, der Ver- 
folgung entziehen). 

Wer einen Gläubigen ohne genügende Ursache tödtet, an 
dem wird die Blutrache geübt, aulser wenn er den Vertreter 
des Gemordeten zufriedenstellt. Die Gläubigen sind verpflich- 
tet, sich sammt und sonders gegen den Thäter zu erheben 
bis sie seiner habhaft sind. 

Kein Gläubiger, welcher Mitcontrahent dieser Schrift ist 
und an den jüngsten Tag glaubt, darf einem Aufwiegler bei- 
stehen oder ihn beherbergen, wer solches thut, den trifft am 
jüngsten Tage der Fluch und Zorn Gottes; denn weder die 
Bekehrung eines solchen Menschen, noch Ersatz wird berück- 
sichtiget. 



I 



23 

Wenn ihr über irgend einen Gegenstand getheilter Meinung 
seid, mu/s die Sache Allah und Mohammad zur Entscheidung 
vorgelegt werden. 

Die Juden steuern wie die Gläubigen bei, so lange [letztere] 
in Krieg verwickelt sind '). 

Die Juden der Banü 'Awf gehören wie die Gläubigen zur 
Staats- Gesellschaft; die Juden haben ihren Kultus und die 
Gläubigen haben ihren Kultus. Diese Berechtigung geniefsen 
sowohl die Juden selbst, als auch ihre dienten. Nur wer un- 
gerecht oder illoyal handelt, macht eine Ausnahme, und ein 
solcher ruinirt Niemanden als sich selbst und die Mitglieder 
seines Hauses. 

Die Juden der Banii Naggar geni eisen dieselben Rechte, wie 
die Juden der Banü 'Awf. 

So auch die Juden der Banü Härith, der Banü Sä'ida, der 
Banü Goscham, der Banü Aws und der Banü Thalaba -). 

Das Geschlecht Gafna, welches ein Zweig von den Banü 
Thalaba ist, hat dieselben Rechte und Pflichten wie die Banü 
Thalaba selbst. 

Die Banü Schotayba (Schotba) geniefsen dieselben Rechte 
wie die Juden der Banü Awf; aber sie müssen loyal und nicht 
schlecht handeln. 

Die Clienten der Banü Thalaba genielsen dieselben Rechte 
wie die Banü Thalaba selbst. 

Der Geheime-Rath ^) der Juden geniefst die Rechte der Juden, 



') Sohayly sagt, dafs die Juden dafür auch Anspruch auf ei- 
nen Theil der Beute hatten. 

^) Es ist hier nicbt die Rede von geborenen Juden, sondern 
von Arabern der genannten Stämme, welche im mosaischen Glau- 
ben erzogen worden sind. Nur alnibräs, S. 650. 

^) Bitäna, wörtlich: das Futter des Kleides; dann auch ein in 
die Geheimnisse eingeweihter Vertrauter. Einer Glosse zufolge be- 
deutet es hier die Rathsherren, und weil der Grundbegriff des Wor- 
tes „geheim" ist, so entspricht es unserem „Geheimen Rath". Also 
schon vor zwölf hundert Jahren hat es Geheimräthe gegeben! 

Was Bitäna immer bedeuten mag, so ist es auffallend, dafs sie 
ausdrücklich genannt werden , denn man sollte erwarten , dafs sie 
selbstverständlich wenigstens eben so grofse Rechte genossen wie 
die übrigen Juden. Es wäre möghch, dafs darunter Juden von Chay- 



24 

aber Keiner darf in das Feld ziehen , ohne die Bewilligung 
des Mohammad. Es ist jedoch Niemandem verwehrt, sich für 
Verwundungen zu rächen. Wer aber hinterlistig handelt, der 
mufs, nebst den Mitgliedern seines Hauses, die Folgen selbst 
tragen; es sei denn, dais Jemandem Unrecht geschehen war. 
Gott begünstigt das loyalste Benehmen in diesen Sachen. 

Die Juden bestreiten selbst ihre öffentlichen Ausgaben und 
die Moslime bestreiten die ihrigen, aber sie sind zu gegensei- 
tiger Hülfe verpflichtet gegen Jedermann, der die Contrahenten 
dieser Schrift angreift. Diese übernehmen nämlich die Pflicht, 
sich einander mit Rath und That beizustehen und loyal gegen 
einander zu handeln. Kein Mann darf gegen seinen Verbün- 
deten illoyal handeln. Der Unterdrückte hat auf Beistand An- 
spruch. 

So lange Krieg ist, steuern die Juden wie die Gläubigen bei. 

Für die Contrahenten ist das Innere von Yathrib ein ge- 
heiligter Platz (welcher gegen Feinde vertheidigt werden mufs)» 

Dem Gast (Schützling) darf wie dem Mitcontrahenten kein 
Schaden zugefügt werden und Niemand darf ihn beleidigen. 
Eine Frau wird aber nur, wenn es ihre Familie erlaubt, als 
Gast aufgenommen (d. h. sie darf der Jurisdiktion der Familie 
nicht entzogen werden). 

Wenn unter den Contrahenten Zwietracht oder ein Streit 
entsteht und man fürchtet schlimme Folgen, so soll die Sache 
Gott und dem Mohammad vorgelegt werden; denn Gott ist zu 
Gunsten der behutsamsten und loyalsten Deutung des Inhaltes 
dieser Schrift. 

Den heidnischen Korayschiten und ihren Bundesgenossen 
darf man keine Gastfreundschaft angedeihen lassen, denn die 
Contrahenten haben sich unter einander zur wechselseitigen 
Hülfe, gegen Jeden, welcher Yathrib bedroht, verbunden. 

Wenn sie (die Juden) aufgefordert werden, mit ihren Fein- 
den Frieden zu schlieisen, so sollen sie ihn schlieisen und sich 
darein fügen, und wenn sie die Aufforderung zum Friedens- 
schlufs ergehen lassen, so steht ihnen dasselbe Recht den Gläu- 
bigen gegenüber zu, ausgenommen, wenn diese einen Religions- 
krieg führen. 



bar oder einer andern Ortschaft verstanden werden, welche nur ge- 
legentlich zur Besprechung nach Madyiia kamen. 



25 

Jedes Individuum geht die solidarische Verpflichtung ein, 
die Lasten seiner Partei zu tragen. 

Die Juden der Awsiten, wie auch die dienten derselben, 
haben dieselben Rechte, wie die Contrahenten dieser Schrift, 
sie müssen sich aber mit der reinsten Loyalität gegen sie be- 
nehmen. Loyalität ist verschieden von Beeinträchtigung. Wer 
sich Freiheiten herausnimmt, der thut es auf eigene Gefahr; 
Gott ist für die treueste und loyalste Deutung dieser Schrift. 
Nur ein ungerechter, ruchloser Mensch weicht ihren Bestim- 
mungen aus. Wer [in den Krieg] auszieht, ist sicher, und 
wer zu Hause sitzen bleibt, ist in der Madyna [sicher], aus- 
genommen der Unterdrücker und Schuldige; denn Gott ist der 
Beschützer des Loyalen und Gewissenhaften, und Mohammad 
ist der Bote Gottes. 

x\ngelegenheiten, u eiche nur die Familie berührten, 
wurden noch immer dieser anheimgestellt; selbst einen Mord 
hatte sie zu rächen, uenn der That nicht religiöse Mo- 
tive zum Grunde lagen. Aber sehr bald nahm das ganze 
Leben einen theokratischen Charakter an. Die Flüchtlinge 
waren heimathlos, Religion ^^ar ihr Gewerbe und der Pro- 
phet ihre Stütze. Auch die bigottesten unter den Einwoh- 
nern von Yathrib v\'aren ganz dem Propheten ergeben, jede 
Frage wurde in das religiöse (Jebiet gezogen: hier hatte 
Mohammad allein zu entscheiden und seine Janitsaren wa- 
ren bereit, jeden seiner Beschlüsse auszuführen. Somit 
wurde er in einigen Jahren unumschränkter Beherrscher 
der ganzen Bevölkerung, auch der INichtgläubigen ^). Vathrib 

') Zur Befestigung der Theokratie wurden allraähhg eine An- 
zahl theokratischer Titel eingeführt wie An^är, die Gehülfen (vergl. 
Bd. IL S. 532), Ciddyk, der Gerechte, für Abu Bakr, Färük, der 
Erlöser (oder Löser der Schwierigkeiten), für Omar, Hawariy, Jün- 
ger, für Zobayr, Amyn, der Zuverlässige, für 'Obayda b. Garräh, 
Asad Allah, Löwe Gottes, für Hanaza; und von einer grofsen Anzahl 
von Neubekehrten wurden die Namen geändert. Vergl. Moslim Bd. 2. 
S. 456 — 457 und S. 466. 

Um seine Streitkräfte zu vermehren, legte er sehr grofses Ge- 
wicht auf die Flucht. Er wollte nicht nur, dafs die in Makka 



26 

gestaltete sich auf diese Weise, wie am Schlüsse des Do- 
kumentes recht bedeutungsvoll gesagt wird; »zur Madyna«, 
d. h. zum Orte, wo Gerichtsbarkeit waltet (vergl. über die 
Bedeutung des Wortes Bd. I, S. 567). 

Es lag im hiteresse des Propheten, die Geltung der 
Banden der Religion zu verstärken, um die der Familie 
zu schwächen. Zu diesem Ende wurde im Hause des Anas 
ein Verbrüderungsfest zwischen An(.:ärern und Flüchtlingen 
gefeiert. Es hatte nicht jene poetische Allgemeinheit mo- 
derner Feste dieser Art, sondern im Geiste der arabischen 
Bündnisse weihte Mohammad bei dieser Gelegenheit 45, 
nach Andern 75 Brüderpaare, bestehend aus je einem An- 
c;ärer und einem Flüchtlinge, ein, und das Band war so 
enge, dafs sie sich einander, mit Ausschlufs der Blutsver- 
wandten, beerbten '). Wie mächtig auch eine religiöse 
Verbindung sein mag, so lassen sicli doch angeborene Ge- 
fühle, welche die Grundfesten der menschlichen Gesellschaft 
bilden, nicht bleibend mit Füfsen treten. Diese Verbrüde- 
rung scheint daher nur bei Wenigen zu herzlicher Freund- 
schaft geführt und ersprielsliche Früchte getragen zu ha- 
ben , und sie mid'ste nach einiger Zeit wieder aufgelöst 
werden. 

Wie aufrichtig auch die Mehrzahl der Einwohner von 



zurückgebliebenen Gläubigen ihm nach Madyna folgen sollten, sondern 
er erklärte auch Araber aus anderen Stämmen, welche sich nicht 
in seiner Nähe niederlassen und für ihn kämpfen wollten, als Heuch- 
ler. Vergl. Kor. 8, 73-76. 4, 9ü. loo. 

•) Ibn Sad sagt, die Verbrüderung habe vor der Schlacht von 
Hadr stattgefunden und sei nach der Schlacht durch den Koranvers 
8,76 wieder aufgelöst worden. Im Mawahib, S. 89, wird das Da- 
tum näher angegeben, nämlich: das Fest fand fünf Monate nach der 
Flucht statt. Allein Salmän hat sich erst geraume Zeit nach der 
iSchlacht von Badr bekehrt, und Bochäry, S. 561 , berichtet, dafs 
Mohammad denselben mit Abu Dardä verbrüdert habe. Ich glaube, 
dafs die steigende Unzufriedenheit der Juden und „Heuchler" mit 
den neuen Institutionen die Veranlassung zu dieser Verbrüde- 
rung war. 



I 



27 

Madyna «lern Islam zugethan war, so gab es doch Leute unter 
ihnen, \velche sich zum Schein heivchrten, oder, wenn es ihnen 
auch anfangs ernst war, durcli die nähere 15 ekann tschaft 
mit dem Propheten in ilirem Glauben irre gemacht wur- 
den. Sie werden im Koran »die Heuchler« ') genannt, und 
wir werden noch Vieles von ihnen hören. Das Haupt 
dieser Partei war Abd Allah b, Obayy, ein Mann von 
grofsem EinlUils, von dem die Moslime berichten, wahr- 
scheinlich mit der Absicht, ihn zu verdächtigen, dafs er, 
wenn Mohammad nicht nach jMadyna gekommen wäre, Hoff- 
nung gehabt hätte, als König ausgerufen zu werden. Die 
Heuchler Avaren meistens Männer von gesundem Verstände 
und heldenmüthigem Charakter. Ihre Lage war aber wahr- 
haft trostlos: ein hergelaufener Schwärmer herrschte über 
das Gewissen ihrer jMitbürger und ging jeden Tag weiter 
in seinen L^ebergriffen. Die Genugthuung, dafs Yathrib zu- 
sehends an ]Macht gewann, wurde mehr als aufgewogen 
durch die Wahrnehmung, dafs die Grundfesten der Gesell- 
schaft, treues Zusammenhalten der Verwandten, so sehr un- 
tergraben wurden, dafs sie vor der Spionage ihrer näch- 
sten Verwandten lyicht sicher waren ^). Ich führe ein Bei- 
spiel an: 

') Die Biographen verstehen unter „Heuchler" in den meisten 
Koränstellen, in denen es vorkommt, gewisse Madyner. Dies ist 
nicht richtig. Auch die Nomadenstämme, denen es mit der Bekeh- 
rung nicht ernst war, und auch die Juden, mit einem Worte: Jeder- 
mann, welcher dem Mohammad nicht unbedingten Gehorsam leistete, 
wird der Heuchelei beschuldigt. 

') Die Zeloten bemerkten, dafs, wenn sie sich den Juden und 
„Heuchlern" nahten und diese im Gespräch begriffen waren, sie sich 
mit den Augen zuwinkten. Mohammad verbot nun jede vertrauHche 
Unterhaltung, und da sie seinem Befehle nicht nachkamen, offen- 
barte Gott: 

K. 58, 9. Siehst du nicht Diejenigen, welche, nachdem ihnen ver- 
trauliche Gespräche verboten worden sind , zu dem , was ihnen un- 
tersagt ist , zurükkehren. Der Gegenstand ihrer Unterhaltung ist Il- 
loyalität, Feindschaft und Beleidigungen gegen den Gottgesandten 
(vergl. Kor. 4, los. iii). 



28 

(lolas sprach einst: Wenn dieser Mann nicht ein He- 
trüffer ist, so sind wir schlechter daran als Esel. Sein 
Stiefsohn 'Omayr, welchen er erzogen hatte, vernahm des- 
sen Worte und sagte: Es giebt keinen Menschen, der mir 
theurer wäre, dem ich mich lieber unterwürfe oder mit 
dem ich aufrichtiger sympathisirte, wenn ihm etwas Unan- 
genehmes zustiefse, als du, Goläs; aber es sind Worte 
von deinen Lippen gefallen, welche dir zur Schande gerei- 
chen, wenn ich dich anzeige. Wenn ich aber dazu schweige, 
so handele ich gegen mein Gewissen. Das Eine ist so 
schmerzhaft für mich als das Andere. Darauf ging er zum 
IVopheten und hinterbrachte ihm die Aeufserung seines 
Stiefvaters. Auch (jJoläs begab sich zu ihm und schwor, 
dafs die Beschuldigung nicht begründet sei, er fand aber 
keinen Glauben, und Gott olTenbarte einen Koran vers (9,75), 
welcher mit den Worten schliefst: »wenn sie sich reumü- 
thig bekehren, gereicht es zu ihrem Besten, wenn sie sich 
aber von der Ermahnung abwenden, wird Gott über sie 
in diesem und im nächsten Leben eine peinliche Strafe 
verhängen, und auf der ganzen Erde werden sie weder 
Schutz noch Hülfe linden« '). 

Die Interessen ihres Stammes legten diesen Leuten 
die Pflicht auf, für ihre Unterdrücker zu kämpfen und zu 



Nur wenn der Gegenstand Tugend und Achtung vor dem Pro- 
pheten ist, dürfen sich die Gläubigen vertraulich unterhalten. 

Zugleich erliefs er die Verordnung (Kor. 58, is), dafs wer eine 
Privat -Audienz bei ihm wolle, eine Taxe bezahlen müsse. Er be- 
stimmte einen Dynär, Alyy aber erklärte, dafs die Leute mehr 
als ein Gran Goldes nicht aufbringen können ( Taysyr S. 79). Seine 
Günstlinge befreite er von der Taxe (Kor. 58, 15). 

Begreiflicher Weise übte er diesen furchtbaren Gewissenszwang 
erst als seine Macht befestigt war. Wahrscheinlich fallen diese Ver- 
ordnungen in das Jahr 625. 

') Taymy, S. 426, versetzt diesen Vorgang in den Feldzug 
nach Tabük und giebt eine abweichende Version. 



29 

sterben. Kozmän, einer von ihnen, rückte unter der Fahne 
des Propheten aus, um seine Vaterstadt bei Ohod j^egen 
die Korayschiten zu vertlieidigen. Er kämpfte wie ein Löwe 
und erschlug neun Feinde, endlich aber wurde er verwun- 
det und man truo; ihn in die Stadt. Die Gläubigen riefen 
ihm zu: Freue dich, o Kozmän, du hast dich ausgezeich- 
net im Kampfe zum Schutz der Religion und jetzt gehest 
du in das Paradies ein, um deinen Lohn zu empfangen. 
Ich habe nidit für den Glauben gelochten, antwortete er, 
sondern für meinen vom Feinde bedrohten Stamm; bald 
darauf, als die Wunden sehr schmerzhaft wurden , öffnete 
er n)it einem Pfeile die Adern am Handgelenke und starb. 
Höchst interessant ist die Stellung, welche in dieser 
Urkunde den Juden angewiesen wird: »sie sind gleichbe- 
rechtigt mit den Gläubigen«. Die in Makka gepredigte 
Lehre: »Gott schickt zu jedem Volke einen Boten«, wurde 
fe^gehalten; Moses war der Prophet für die Juden und 
Mohanunad ist der Prophet für die L^mmier, Heiden. Durch 
ihn wurde nun auch für diese ein Buch zur Richtschnur ffe- 
offenbart '). Die Juden waren in den meisten Dingen den 
Arabern so weit voraus, dafs sie diese, so oft sie in Zwei- 
fel waren, zu ihren Gewissensräthen machten, und deswe- 
gen war für den Propheten, so lange er seine Macht nicht 
befestigt hatte, das Zeugnifs der Juden unentbehrlich. Es 
gelang ihm auch durch seine Anerkennung der Vorzüge 
der auserwählten Nation Viele von ihnen für sich zu 



' ) Ich erinnere bei dieser Gelegenheit an eine andere Theorie : 
„Jeder Prophet ist der Vorbote eines grofsen Drangsales ", welches 
die Frevler betrifft , aus der aber die Gläubigen gerettet werden. 
Schon in Süra 37 (Bd. II, S. 261) ist diese Lehre so vollständig aus- 
geprägt, dafs nicht länger von einem Drangsale, sondern von dem 
Drangsale die Rede ist. Da nun keine zeitliche Strafe eingetreten 
war, so lehrte Mohammad in Madyna (wie einst die Apostel), dafs 
er der Vorbote des Weltgerichtes sei, dessen Eintreten die junge 
Generation erleben würde. Den Ibn Qayyäd hielt er für den Antichrist. 



30 

gewinnen; die Uebrigen mufsten, nie die Heuchler, eine gute 
Miene zum bösen Spiele machen '). 



' « .4.ArfV<« I 



') Soddy sagt bei Wähidy, Asbäb 4, G3: öj^l\ q^ ,^wUJi ^.^Li 
i.i^\ „Die jüdische Bevölkerung hatte den Islam bekannt''. Wir 
könnten hier mit Baghawy die Lesart y/^Lüi beanstanden und dafür 
(«Lj lesen und übersetzen: „Einige Juden hatten den Islam bekannt", 
wenn nicht der Sinn der Koranstelle, worauf sich diese Erklärung 
bezieht, dagegen wäre. Ihn Sa'd Bd. 12. fol. 160 sagt, dal's Mo- 
hammad einen Unterschied machte zwischen Moslim, Gottergebener, 
Monotheist, und Mümin, Gläubiger. Erstere Benennung wendete er 
auch auf die Juden und Christen, letztere aber ausschlielslich auf 
seine Anhänger an. Wegen des im Kor. 4, «3 enthaltenen Vorwurfs: 
„die Juden wenden sich an die Taghüte, Götzen", und wegen der 
Beschuldigung, dafs sie den Ezra anbeten, entstand ein Bruch, und 
sie werden nun aus der Zahl der „Moslime" ausgeschlossen und des 
Kofr, d.h. der Verkennung des wahren Gottes beschuldigt. Auch 
die Christen, als sie in ihren Disputen mit Mohammad den Glau- 
ben an die Dreieinigkeit vertheidigten, wurden eventuel aus der Zahl 
der „Moslime" ausgeschlossen, somit Avurde Moslim und Mümin 
gleichbedeutend. 

Die Moslime erklären einstimmig, dafs 'Abd Allah b. Hayyibän 
die Juden für Mohammad vorbereitet habe. Thalaby bemerkt zu 
Kor. 2, 17: ,«jUa^ .-»j ^-i^ Oy-c \i Jüb ijo^-«^ i_co q-. ^J»^^ ^L-i^J qI-^ 

»^.xaÜ^, iJ^ 1^T*J -^'■^ T'j^ ^"^^ 4>^-* <\4-c>^ qU"^(^ iü.^jjo! 'iLi'o]^ 
. i- Li JS xXa UJuäs (_5.-ÄJi „3.i> J^i c^L; \:> .J>\ qI «-«-bi ci^Äi lAi^ 

Wenn wir übersetzen dürfen: „Ihn Hayyibän war ein Israelite 
von Geburt und der Vater des al- Hayyibän. Er kam, ehe noch der 
Prophet eine Offenbarung erhalten hatte, jährlich nach Madyna und 
munterte die dortigen Juden auf, Gott zu gehorchen, die Thora und 
den Glauben an einen Mohammad (Messias) aufrecht zu 
erhalten etc.", so erklärt sich der Einflufs dieses Mannes auf un- 
gezwungenere Weise als dies Bd. I, S. 55 geschehen ist. 

In der Deutung von solchen Aussprüchen dürfen wir nicht nur 
den Sinn berücksichtigen , welcher dem Ueberlieferer vorleuchtete, 
sondern den , welchen der Redakteur desselben ausdrücken wollte. 
Ich zweifele nicht, dafs Thalaby in dieser Stelle Mohammad als 
Eigenname ansah, aber seine Quellen (er führt deren vier an) mö- 
gen anders gedacht haben. 



31 

Es le})te zu Madyua ein Judenknabe von etwa 13 
Jahren, welcher als Visionär bekannt war. Eines Tages 
besuchte ihn Mohannnad. Um dessen Sehergabe zu prüfen, 
sagte er: Kannst du mir sagen, was ich denke? Der Knabe 
stotterte: AI -doch, al-doch. h\ <ler 'J'hat dachte der Prophet 
gerade an die Inspiration, in der von) al-Dochän, Rauch, 
gesprochen wird (Kor. 44, 9. Vergl. Bd. I, S. 538). Er 
fragte ihn nun: Bezeugest du, dafs ich ein Bote Gottes bin? 
Ibn (,'av}äd, dies war der Name des jungen Visionärs, ant- 
wortete: Ich bezeuge, dafs du ein Bote für die Ummier 
bist. Bezeugest du auch, dafs ich ein Bote Gottes bin? 
Mohammad soll eine ausweichende Antwort gegeben ha- 
ben: Ich glaube an Gott und seine Boten. Wahrscheinlich 
erklärte er, dafs er der Vorbote des jüngsten Tages für 
die Juden sei, denn später behauptete er, er sei der An- 
tichrist ^). Ich zweifele nicht, dafs Ibn Cayyäd im Geiste 
der jüdischen Bevölkerung gesprochen habe ^). 



') Mischkät, S. 470. Die Traditionen über Ibn Qayyäd sind 
wohl verbürgt. 

^) Nach dem Bruche mit den Juden veröifenth'chte Mohammad 
Verdammungsurtheile gegen sie, und in einem derselben, Kor. 3, 
75-84, sagt er ganz deutlich: „sie haben Zeugnifs dafür abgelegt, 
dafs der Bote eine Wahrheit ist". 

Wenn die im Anhang zu Kap. 2 ausgesprochene Vermuthung, 
Mohammad bedeute so viel als Messias und der Prophet habe die- 
sen Titel erst in Madyna angenommen, begründet ist, so begreifen 
wir nun wie es kam, dafs sieh die Juden mit Widerstreben darein 
fügten, ihn so zu nennen. Die Schwierigkeit, dafs er sich „einen 
Mohammad" und nicht „den Mohammad" (al-Mohammad) nannte, 
läfst sich dadurch lösen, dafs er nur für die Heiden ein Messias war. 
Die Juden würden sich dem Titel „der Mohammad" widersetzt ha- 
ben. Seine Anhänger konnten in der Auslassung des bestimmten 
Artikels die im Arabischen beliebte Redefigur (vergl. Bd. II, S. 230 
Note) finden, welche mam Ibhäm lilta'tzym, Unbestimmtheit zum 
Zwecke der Auszeichnung, neiuit. Wenn nun einmal Mohammad 
ohne den bestimmten Artikel als Titel für den Propheten unter den 
Gläubigen eingeführt war, so hatten sie keinen Beweggrund, nach 
Unterdrückung der Juden al-Mohammad zusagen. Mohammad war 



32 

Die dem .Tudenthume als Proselyten des Thores bei- 
getretenen Araber hingen selbstverständlich ihrem eigenen 
Boten an. Viele von ihnen waren jedoch seine bittersten 
Gegner. Der Führer dieser Partei, welcher auch der mäch- 
tige 'Abd Allah b. Obayy angehörte '), hiefs Abu 'Ämir 
aus der awsitischen Familie Dhobay a b. Zayd, Vor der 
Ankunft der Moslime in Madyna «i;laubte er schon an die 
Auferstehung, lebte wie ein Ascet, zog Bufskleider an und 
wurde daher Rähib genannt. Er stand in grofser Achtung. 
Bei einer Zusammenkunft mit Mohammad fragte er ihn: 
Welche Religion lehrest du? 

Mohammad: Die Hanyferei, die Religion des Abraham. 

Abu 'Amir: Auch ich bekenne sie. 

Mohammad: Deine Religion ist nicht die Hanyferei. 

Abu Ämir: Allerdings bekenne ich sie, aber du, o 
Mohanmjad, hast Lehren eingeführt, die ihr fremd sind. 

Mohammad : Das habe ich nicht gethan, sondern ich 
verkünde sie in ihrer vollkommenen Reinheit. 

Als die Macht der Moslime zunahm, begab sich Abu 
'Amir mit einer Anzahl (von zehn bis fünfzig) seiner An- 
hänger nach Makka, um die Korayschiten in ihren Kam- 
pfen gegen den Islam zu unterstützen. In der Schlacht 
von Ohod eröffnete er den Angrilf. Nach der Einnahme 
von Makka flüchtete er sich mit seinem Anhange nach 
Täyif, und als auch diese Stadt den siegreichen Waffen 



unterdessen zum Eigennamen geworden. Kor. 3, i38 darf man viel- 
leicht übersetzen: „Ein Mohammad ist weiter nichts als ein Bote", 
in den übrigen Koranstellen i.st aber Mohammad entschieden ein 
Eigenname. Die arabische Sprache ist in dieser Beziehung sehr will- 
kürlich: neben al-'Aciy, der Widerspenstige, al -Hasan, der Schöne, 
gebraucht man Alyy, ein Hoher, God an, ein Namenloser, Mo'ayt etc. 
als Eigennamen. Auch Mozaykiya, ein Zerroifser, Borayda etc., 
welche ebenfalls Titel und herkömmliche Eigennamen sind, werden 
ohne Artikel gebraucht. 

') 'Oyün, S. 140 und Ihn Kotayba S. 174. 



33 

nicht länger widerstehen konnte, nach Syrien, wo er zu 
Kinnasryn ini Jahre 631 starb'). 

In der Schlacht bei Badr (März 624) fochten zwei 
Anhänger des Abu 'Äniir aul der Seite der Moshme, aber 
keiner — und aucli er selbst nicht — aul der Seite der 
Feinde. Ks scheint also, dals der Ascet und seine Ver- 
ehrer bis dahin dem Mohammad als Propheten anerkann- 
ten. Sie warerj gewils nicht alle autrichtige Moslime, doch 
kan) es erst später zum ollenen Bruch. Einige darunter, wie 
Hantzala, ein Sohn des x\bü Amir, blieben auch nach der 
Spaltung dem Islam treu, einige hingegen verlielsen, wie 
wir gesehen haben, Madyna, und andere fuhren fort, den 
Islam zu heucheln. Als Abu 'Amir sich nach Syrien be- 
gab, befahl er den letzteren, sich zum Kampfe zu rüsten 
und für ihn ein Bethaus zu bauen; denn, sagte er, ich gehe 
zum Kaiser, liehe um seinen Beistand und komme mit ei- 
nem byzantinischen Heere zurück, um euch von diesem 
Betrüger zu befreien. 

Mehrere Männer ^), die sich Moslime nannten, folgten 
seiner Weisung und errichteten einen Betplatz, auf dem er. 



') Baghawy, Tafsyr 9, 108, I^äba S. 741 , Mas'udy S 148 und 
Oyün S. 72. Baghawy sagt, dafs er sich zum Christenthume be- 
kannte. Es wird dies von allen Personen behauptet (so auch von 
Qanna), welche Rähib, Ascet, genannt werden, weil man glaubte, 
es bedeute einen christlichen Mönch. 

») Wähidy sagt zw^ölf: 1. Chidzäm b. Chälid , 2. Tha'laba b. 
Hätib, 3. Mo'attib b. Koschayr, 4. Abu Habyba b. Az'ar, 5. 'Abbäd 
b. Honayf, 6. Gäriya, 7 u. 8. seine Söhne, Mogammi' und Zayd, 
9. Nabtal b. Härith, 10. Bahzag, 11. Bigäd b.'Othmän, 12. Wady'a 
b. Thäbit. Sie gehörten zu verschiedenen Familien der in Kobä woh- 
nenden Awsiten (näher bestimmt: Amriten). Am thätigsten waren 
die unter No. l, 6, 7 u. 8 Genannten. Die letzteren gehörten zur 
Familie Tha'laba, in der es mehrere Convertiten zum Judenthume 
gab. No. 2 und 3 hatten bei Badr gefochten und waren also dem 
Mohammad, so lange er die hanyfische Lehre nicht verläugnete, auf- 
richtig zugethan. 

ni. 3 



34 

bei seiner Ankunft aus Syrien vorbeten sollte, in der Zwi- 
schenzeit wählten sie einen jungen Menschen, JSamens Mo- 
gammi', der den gröfsten Theil des Korans gesammelt hatte ^), 
als Vorbeter. Als Mohammad von Tabük (A.D. 630), wo die 
Moslime den ersten Sieg über die griechischen Truppen 
errungen haben, zurückkehrte, verloren die Anhänger des 
Abu 'Ämir den Muth, begaben sich zum Propheten und 
sagten: Wir haben ein Hethaus errichtet für die Armen 
und Dürltigen, damit sie in den regnerischen Winternäch- 
ten darin ein Obdach linden. Komm zu uns und bete darin, 
um es einzuweihen; er aber riel, in Folge einer Offenba- 
runa:, wie die Moslime dauben, vier von seinen Traban- 
ten und befahl ihnen, das Beihaus über deren Köpfen an- 
zuzünden und zu zerstören -) 



') Ibn Ishäk S. 358. Dieser Umstand scheint mir am deut- 
lichsten zu beweisen, dafs dieses „Concurrenz-Bethaus" (so wird es 
im Koran genannt) durchaus keine christliche Tendenz hatte. 

*) Auch Abu Kays (,'arma b. Mä,lik gehörte der hanytischen 
Sekte an. Wir lesen in der I(^äba: „Er war vor dem Auftreten des 
Propheten einer von Denjenigen, welche ein ascetisches Leben führ- 
ten und sich badeten, wenn sie durch die Berührung einer Frau sich 
verunreinigt hatten. Diese Leute bekannten das Christenthura. Dann 
fiel er davon ab und trat, als der Prophet nach Madyna kam, dem 
Islam bei. Er verkündete die Wahrheit und hat schöne Gedichte 
verfafst. Er betrat kein Haus, in welchem sich eine unreine Person 
oder eine menstruirende Frau befand. Die Leute zollten ihm all- 
gemeine Achtung und er war schon weit im Greisenalter vorgerückt 
als der Islam kam." Ibn Kotayba, S. 173, sagt, dafs er der erste 
war, welcher zu Madyna eine Moschee errichtete. Er meint wohl 
das hanyfische Bethaus, von dem Masüdy S. 149 spricht. 

Es werden dem Qarma Verse zugeschrieben, in welchen es heifst, 
dafs Mohammad „zehn und einige Jahre" in Makka lehrte. Sie ent- 
behren jedocli der Beweiskraft für die Bestimmung der Chronologie; 
denn erstens werden sie auch dem Hassan b. Thäbit zugeschrieben; 
zweitens führt Tabary eine andere Version an, in welcher es heifst: 
„Zehn und fünf" Jahre. Gewifs ist also, dafs sie schon früh ten- 
denziös verändert worden sind, und es wäre möglicli, dafs man sie 
in der Absicht, eine vorgefafste Meinung zu beweisen, erfunden hat; 
drittens ist ihnen schon von Orwa die Beweiskraft abgesprochen 



35 

Die Gleichberechtigung aller monotheistischen Bekent- 
nisse wird auch im Koran ausgesprochen und Allen Glau- 
bensfreiheit zugesichert: 

2, 257. Kein Zwang im Kultus! Der Unterschied zwi- 
schen Leitung und hrthum ist ja klar; folglich wer die 
Täghüte ((lölzen) verläugnet und an Gott glaubt, hat die 
feste Handhabe ergriffen, welche unzerbrechbar ist. — 
Gott hört und weifs Alles. 

In einem anderen Verse werden die Kultuse, die an 
der unzerbrechhchen Handhabe festhalten, mit ISamen ge- 
nannt: 

2, 59. Die Gläubigen, die Juden, die Christen und die 
(,'äbier — kurz: Jeder der an Allah und den jüngsten Tag 
glaubt und etwas Gutes thut — erwartet ihr Lohn bei 
ihrem Herrn; sie haben keinen Grund sich zu fürchten und 
werden nicht trauern. 

Diese Toleranz ging nicht aus einem unbestimmten 
Gefühle der Humanität hervor, sondern aus der üeberzeu- 
gung, dafs die Bücher der genannten Sekten aus ein und 
derselben Quelle entsprungen sind, und deswegen glaubt 
Mohammad an dieselben, so lange sie nicht als Waffe ge- 
gen ihn gebraucht wurden, weil er sie nicht kannte: 

2, 285. Der Bote (Mohammad) glaubt an die von sei- 
nem Herrn auf ihn selbst herabgesandten Offenbarungen 
und so auch die Gläubigen — alle glauben wir an Gott, 



worden. 'Amr b. Dynär fragte diesen Gelehrten: Wie lange blieb 
Mohammad in Makka? Er antwortete: Zehn Jahre. 'Amr versetzte: 
Aber Ihn 'Abbäs behauptete: Zehn und einige Jahre? 'Orwa sagte 
in Bezug auf diese Verse: Er hat dieses den Dichtern entnommen. 
(I(;äba unter Carma.) Um die Mitte des ersten Jahrhunderts hat 
man angefangen, so viele Gedichte älteren Poeten unterzuschieben, 
dafs man nicht behutsam genug sein kann, Verse als historisches 
Zeugnifs anzuführen. Die Grundlage unserer Kritik müssen theolo- 
gische Traditionen sein, denn in der Ueberlieferung derselben wa- 
ren die Moslime am gewissenhaftesten, in der Ueberlieferung von 
Versen am gewissenlosesten ; auch können wir tendenziöse Traditio- 
nen leichter erkennen, als untergeschobene Verse. 

3* 



B6 

an seine Engel, an seine Bücher und an seine Boten, und 
machen keinen Unterschied zwischen irgend einem dersel- 
ben. Die Gläubigen sagen: Wir hören dich an, o Herr, 
und gehorchen, und wir flehen zu dir um Verzeiiiung der 
Sünden: denn zu dir führt der Weg. 

Die Juden gaben zu, dals er ein Bote iür die Hei- 
den sei, behaupteten aber, seine Offenbarungen haben keine 
Geltung für sie. Es wäre nicht mehr als billig gewesen, 
dals, da Mohammad ihre Offenbarungen als wahr erklärte, 
sie die seinigen auch anerkennen sollten. Auf ein solches 
Entgegenkommen hatte er um desto mehr Anspruch, da 
er sie noch immer als die auserwählte Nation ansah. 

2, 44. Kinder Israel, erinnert euch der Wohlthaten, 
welche ich euch beschert habe: ich habe euch nämlich 
vor allen Menschen bevorzugt (vergl. Kor. 7, ne). 

Es war durchaus nicht die Absicht des für die Heiden 
accreditirten Gesandten, sich in fremde Angelegenheiten zu 
mischen, aber wenn ihn Gott bisweilen n)it einer Botschaft 
für die Juden beauftragte, so konnte er sich der Pflicht, sie 
auszurichten, nicht entziehen, wie sehr es auch seinen Ge- 
fühlen widerstreben mochte; denn Gott s[)richt: 

5, 71. Bote, richte die Botschaft aus, welche dir von 
deinem Herrn hinabgesandt worden ist, denn wenn du es 
nicht thust, so erfüllst du deine Mission nicht ^). Gott 
macht dich unangreifbar '^) seitens der Menschen; denn 
Gott leitet das ungläubige Volk nicht ^). 



') Wörtlich: so überbringst du seine Botschaft nicht, d. h. es 
ist ebenso wie wenn du gar keine Botschaft ausgerichtet hättest, 
auch die für die Heiden nicht. 

') Die Moslime glauben ^unangreifbar" beziehe sich auf An- 
fälle auf das Leben. Die Schy'iten nennen jedoch die Inrjäme ma'^ün, 
unangreifbar, unfehlbar, in demselben Sinne, in dem die Katholiken 
diesen Ausdruck auf den Pabst und die Konzilien anwenden. Der 
Sinn ist: die Juden werden nicht im Stande sein, dich zu wider- 
legen. Um ganz sicher zu gehen, verweist er sie im nächsten Vers 
auf die Bibel. 

') Dieser Vers, bemerkt Baghawy, soll zur Zurechtweisung der 



37 

72. Sprich: Schriftbesitzer, ihr seid ganz und gar 
auf Irrwegen, so lange ihr nicht die Thora, das Evange- 
lium und was Gott sonst noch für euch geoffenbart hat 
[beiläufig auch die Hotschaften des Mohammad für euch] 
aufrecht erhaltet. Allein was von deinem Herrn dir geof- 
fenbart worden ist, hat keinen anderen Erfolg, als ihren 
Frevel um] ihre Undankbarkeit zu vermehren. — Kränke 
dich nicht wegen des Volkes der Frevler. 

liaghawi bemerkt zu dieser Stelle, dafs einige Exe- 
geten behaupten, sie sei geoffenbart worden als sich un- 
ter den Juden ein Streit über die Blutrache erhob. Es 
hatte nämlich ein Jude aus dem Stamme Nadhyr einen 
Glaubensbruder aus dem Stamme Koraytza erschlagen. Die 
Korayziten wollten nach den Vorschriften der Bibel Blut- 
rache üben; die Familie des Thäters berief sich auf den 
so eben erwähnten Vertrag und bot ihnen 60 Wask Dat- 
teln als Sühne. Die ganze Bevölkerung von Madyna war 
in Aufregung über diesen Fall. 

Die Juden von Cliaybar hatten bei einer früheren Ge- 
legenheit dem Mohammad einen Ehebruch zur Aburthei- 
lung vorgelegt und seine F]ntscheidung wurde von den 
Rabbinern nicht gebilligt '), es war also zweifelhaft, ob ihm 



Juden geoflfeubart worden sein. Der Prophet forderte sie auf, den 
Isiäm anzunehmen, sie aber machten ihn lächerlich und sagten: 
Wir haben ihn schon vor dir bekannt, du willst aber, dafs wir dich 
als Vermittler (Hanän, vergl. Bd. I, S. 125. Bd. II, S. 184) wählen 
sollen , wie die Christen Jesum für ihren Vermittler halten. Nach- 
dem Mohammad diese Erfahrung gemacht hatte, schwieg er; darauf 
wurde ihm dieser Vers geoffenbart. 

') Ibn'Okba, von Ibn'Omar, bei Bochäry S. G^: 
„Die Juden brachten zwei Ehebrecher vor den Propheten. Er 
fragte sie: Was thut ihr mit Ehebrechern? Sie antworteten: Wir 
schwärzen ihre Gesichter mit Kohlen und schlagen (geifseln) sie. 
Er erwiderte: Wie, findet ihr nicht in der Thora, dafs ihr sie stei- 
nigen sollt? Sie antworteten: Davon, steht nichts in der Thora. 
'Abd Allah b. Saläm sprach: Bringt die Thora und leset darin, wenn 
ihr redlich seid. Ihr Midräs, welcher sie unterrichtete, legte seine 



38 

die Nadhyriten im vorliegenden Falle das Vertrauen schen- 
ken würden. Er beschuldigt nun die Ueberbringer seines 
früheren Ausspruches der Bestechlichkeit und giebt mit Hin- 
weisung auf die Thora unaufgefordert seine Meinung ab. 

Hand auf den Vers, in welchem das Steinigen verordnet wird, und 
las was vorhergeht und was darauf folgt, liefs aber die betreffende 
Stelle aus. Ibn Saläm nahm die Hand weg und las dieselbe. Die 
Ehebrecher wurden daher verdammt, gesteiniget zu werden, und die 
Strafe wurde in der Nähe der Moschee, wo für die Leichen ge- 
betet wird, über sie verhängt. Ibn Omar hat die Steinigung selbst 
mit angesehen." 

Moslim und Ibn Aby Schayba erzählen: 

„Alyy sah einen Juden mit geschwärztem Gesicht, der gegei- 
fselt wurde. Er rief den Juden zu: Ist das die Strafe, welche eu- 
rem Buche gemäfs den Ehebrecher treffen soll? Sie antworteten: 
Ja. Er rief dann einen ihrer Gelehrten, Namens Ibn Cüriyä, und 
sprach: Ich beschwöre dich bei Gott, sage mir: Ist dies die Strafe, 
die Gott in eurem Buche über Ehebrecher verhängt hat? Er erwi- 
derte: Nein. Aber wenn du mich nicht bei Gott beschworen hät- 
test, so würde ich es dir nie gesagt haben. In unserem Buche wird 
die Steinigung vorgeschrieben. Aber es kam unter uns der Ehe- 
bruch häufig vor, und wenn ein vornehmer Jude der Verbrecher war, 
erliefsen wir ihm die Strafe, wenn es aber ein armer war, mufste 
er sie erleiden. Wir haben daher die Bestimmung getroffen, dafs 
statt der Steinigung das Gesicht des Verbrechers geschwärzt und 
er gegeifselt werden soll. Als Mohammad dies hörte, sagte er: Ich 
bin der erste, der dieses Gesetz wieder belebt. Es wurde darauf 
Kor. 5, 45 geoffenbart. " 

Nach Baghawy hatte sich ein vornehmes Judenpaar von Chay- 
bar des Ehebruchs schuldig gemacht. Ihre Mitbürger wünschten sie 
von der in der Thora vorgeschriebenen Strafe zu retten und sagten: 
In dem Buche dieses Mannes wird nicht die Steinigung, sondern das 
Geifseln vorgeschrieben. Sie schickten die Ehebrecher mit anderen 
Personen zu Mohammad mit der Weisung, nur wenn er ihren Wün- 
schen gemäfs Recht spreche, dessen Urtlieil zu vollziehen. Sie be- 
gaben sich zuerst zu ihren Glaubensgenossen in Madyna und diese 
riethen ihnen, nicht selbst mit dem Propheten zu sprechen, sondern 
die Häuptlinge der madynischen Juden zu ihm zu schicken. Diese 
legten ihm auch den Fall vor und der Engel Gabriel sagte zu ihm, 
das Gesetz verordnet die Steinigung, rieth ihm aber, das Urtheil 



39 

5, 45. Bote, lafs dich durch Jene nicht betrüben, 
welche sich mit einander beeilen, ihren Unglauben kund zu 
geben. Unter Denjenigen niunlich, die mit ihren Lippen 
den CJIauben bekennen, im Herzen aber ungläubig sind, 
wie auch unter den Juden giebt es Leute, welche dir flei- 
Isig zuhören, um dann Lügen zu sagen. Sie hören dir 
nämlich für Andere zu, die nicht zu dir kommen, und ver- 
drehen deine Worte. Diese sagen dann: Wenn er dieses 



nicht selbst auszusprechen, sondern den Fall an den Rabbiner von 
Fadak, Ibn Qüriya, den Mohammad bisher nicht einmal dem Namen 
nach gekannt hatte, zu verweisen. Ibn Quriya wurde nach Madyna 
berufen, und als er zu Mohammad kam, beschwor ihn dieser bei 
den Wundern, die Gott an den Israeliten gewirkt hat, aufrichtig zu 
erklären , ob in der Thora nicht die Steinigung vorgeschrieben sei. 
Bewogen durch diesen Schwur, sagte er: Ja, die Steinigung wird 
vorgeschrieben, allein über Vornehme verhängten wir sie nicht, wohl 
aber über Arme. Endlich änderte man das Gesetz ab und gab den 
Schuldigen vierzig Hiebe mit einer mit Pech beschmierten Geifsel, 
schwärzte ihre Gesichter und führte sie auf zwei Eseln durch die 
Stadt. Als Mohammad dies vernahm, liefs er die beiden Ehebre- 
cher vor der Moschee steinigen. 

Ich glaube, dafs Mohammad anfangs wirklich die Strafe des 
Geifselns bestätigt habe und die Ehebrecher dann, als er seinen Irr- 
thum entdeckte, gegen den Willen der Juden steinigen liefs. Die 
angeführten Versionen der Geschichte (aufser denen noch zwei an- 
dere vorhanden sind) unterscheiden sich gerade darin von einander, 
dafs in jeder diese Thatsache auf eine andere Weise wegdemonstrirt 
wird. Kalby sagt, um jedem Verdacht dieser Art vorzubeugen: 
Unter den heidnischen Arabern und unter den Moslimen wurden 
die Ehebrecher gesteinigt, und deswegen hat es auch Mohammad 
in diesem Falle befohlen; unter den Juden wurden sie gegeifselt. 
Es wäre allerdings anzunehmen, dafs Mohammad die arabische 
Satzung befolgt hätte, wenn ihm nicht darum zu thun gewesen wäre, 
zu zeigen, dafs er das Gesetz des Moses kenne; er machte aber 
einen Mifsgriff, und der Jude Ibn Qüriyä war es gerade selbst, wel- 
cher ihn darüber zu Rede stellte. Ibn 'Abbäs bekennt offen, dafs 
Ibn Qüriyä und seine Freunde es darauf angelegt hatten, den Mo- 
hammad zu versuchen. 



40 

lehrt, so nehmet es hin, wenn er aber dieses nicht lehrt, 
so seid auf eurer Hut. Denjenigen, welchen Allah versu- 
chen (irreführen) will, bist du nicht im Stande gegen Al- 
lah zn bewahren [wenn du auch lehrest was er wünscht]. 
Demjenigen, dessen Herz (lott nicht gereiniget haben will, 
steht in dieser Welt Erniedrigung und in jener eine grofse 
Strafe bevor. 

46. Solche, welche dir zuhören, um dann Lügen zu 
■J sagen, sind bestechliche *) Leute. Wenn sie sich an dich 

wenden, so kannst du das Richteramt zwischen ihnen über- 
nehmen oder dich von ihnen abwenden. Wenn du dich von 
ihnen abwendest, so schadet es dir nichts: wenn du aber 
das Amt übernimmst, so entscheide nach Recht, denn Gott 
liebt die Gerechten. 

47. Aber warum sollen sie dich als Richter wählen? 
Sie haben ja die Thora, welche das Gesetz Gottes enthält. 
Schlielslich lassen sie ohnedies dein Ürtheil unbeachtet, sie 
sind ja keine Gläubigen. 

4i<. Wir, wir haben die Thora hinabgesandt, sie ent- 
hält eine Leitung und ein Licht, und die Propheten, wel- 
che Moslime waren, haben für die Juden [nicht aber für 
andere Völker] stets darnach Recht gesprochen, so auch 
die Rabbiner und Schriftgelehrten; denn diesen ist ein Theil 
vom Buche Gottes zur Aufbewahrung anvertraut worden, 
und sie waren damit bekannt. Fürchtet nicht die Men- 
schen, sondern fürchtet mich und erkauft nicht «jerinee 
Vortheile um den Preis meiner Zeichen. Diejenigen, welche 
nicht nach den Erlassen Gottes ^) Recht sprechen, sie, sie 
sind die Lngläubigenl 

') Wörtlich: einer der Verderben ifst. Mohammad gebraucht 
für Verderben das hebräische Wort muj, welches wahrscheinlich 
auch unter den Arabern üblich war. Verderbenesser mag auch ei- 
nen Menschen bedeuten, der sich selbst schadet. 

') Ich gebrauche den Ausdruck ^Erlafs", weil Mohammad in 
vielen Fällen an schriftliche Mittheilungen dachte. 



41 

49. In der Thora haben Avir für die Juden die Vor- 
schrift gegeben: Seele für Seele, Auge für Auge, Nase 
für Nase, Ohr für Ohr, Zahn liir Zahn tuid Uache für Wun- 
den. Wenn aber Jemand die Rache erläfst, so ist dies eine 
Sühnung für ihn vor CJott. Diejenigen, welche nicht nach 
den Erlassen Gottes Recht sprechen, sie, sie sind die Un- 
gerechten I 

50. Den Propheten gaben wir auf ihrer Bahn einen 
Nachfolger in der Person Jesu, des Sohnes der Maria, da- 
mit er bestätige, was vor ihm in der Thora erlassen wor- 
den war, und wir gaben ihm das Evangelium. Es enthält 
eine Leitung und ein Licht, bestätiget, was früher in der 
Thora erlassen worden Avar, und ist eine Leitung und Un- 
terweisung für die frommen, 

51. und damit Diejenigen, für welche das Evangelium 
bestimmt ist dem gemäfs Recht sprechen, was darin ent- 
halten ist. Diejenigen, welche nicht nach den Erlassen 
Gottes Recht sprechen, sie, sie sind die Boshaften! 

52. Und wir haben an dich das Buch, enthaltend die 
Wahrheit, hinabgesandt, auf dafs Dasjenige, was vom Buche 
schon früher dort war, bestätiget und darüber Amen ge- 
sagt (d. h. eine Garantie für die Wahrheit gegeben) werde. 
Sprich also in Gemälsheit dessen, was Gott hinabgesandt 
hat, Recht, und lafs dich nicht durch ihre Gelüste von dem, 
was du von der Wahrheit erhalten hast, abwendig machen. 
Für Jeden von euch (für jede orthoxe Kirche) haben wir 
eine eigene Bahn und einen Weg eröffnet. 

53. Wenn es Gott so gefallen hätte, würde er auch 
alle in eine einzige Kirche vereint haben. Er hat es aber 
so eingerichtet, um euch in den an euch erlassenen Offen- 
barungen zu prüfen. Wetteifert also im Guten: denn das 
Ziel für euch alle ist Gott. Er wird euch aufklären über 
die Abweichungen von einander. 

54. [Auch deswegen haben wir das Buch an dich 
hinabgesandt] auf dafs du zwischen ihnen Recht sprechest 



42 

in Gemäfsheit dessen, was Gott erlassen bat, und nicht ih- 
ren Gelüsten folgest. Hüte dich vor ihnen und lafs dich 
nicht in Einzelheiten von dem, was Gott an dich erlassen 
hat, abbringen. Wenn sie sich dann von dir wegwenden, 
so wisse, dafs es Gottes Absicht sei, ihnen wegen einiger 
ihrer Vergehen ^) Unglück zuzufügen; denn wahrüch viele 
von den Menschen sind boshaft. 

55. Wie, sie verlangen den Urtheilspruch der Zeiten 
der Unwissenheit (des Heidenthumes). Wer steht bei Leu- 
ten von festem Glauben höher im Urtheilsprechen als 
Gott? 

Wenn man die so eben angeführte Inspiration aufmerksam 
liest, so findet man, dafs sie mit grofser Sorgfalt redigirt 
ist; es lag dem \ erfasser daran, sich nicht zu compromit- 
tiren. Der Stil ist jedoch verschieden von den makkani- 
schen Offenbarungen und ZA^ar wohl wahrscheinlich, weil 
er andern Mustern nachahmte. Nicht zu übersehen ist, 
dafs er darin, wohl zum ersten Male, behauptet, dafs ihm 
das [ganze] Buch, den Juden aber nur ein Theil da- 
von geoffenbart worden sei. Auf dieser Behauptung be- 
harrte er von nun an. 

Ungeachtet seines Bemühens, wählten die Juden auf 
Anstiften der Heuchler doch lieber Abu Borda, den heid- 
nischen Seher der Aslamiten, als Schiedsrichter. Dieser 
verlangte aber ein so grofses Honorar dafür, dafs sie von 
ihrem Vorhaben abstanden ^). Darauf bezieht sich der Ko- 
ränvers: 



') Wenn ich diesen Satz in Uebereinstimmung mit Baghawy 
übersetze, enthält er eine Anspielung auf die Prädestinatiouslehre. 
Nach Nasafy und Baydhawy ist der Sinn: „ihnen wegen eines sol- 
chen Vergehens etc." In diesem Falle enthält er eine Drohung: 
Die Juden werden es büfsen, dafs sie sich von dir weggewendet 
haben. 

') So erzählt Soddy bei Baghawy und Wähidy. Letzterer fügt 
hinzu, dafs Abu Borda sich später auf das Zureden seiner zwei 



II 



43 

4, 63. Hast du nicht nach Jenen hiniijeblickt, welche 
meinen, dafs sie an die an <lich erü;anü;enen und an die frü- 
heren Offenbarunj^en glauben, und bemerkt, wie sie willens 
waren, ihre Streitigkeiten dem Täghüt ') vorzulegen, den zu 
verläugnen sie doch Befehl hatten; aber der Satan will 
sie auf weite Abwege führen. 

64. Wenn man ihnen zuruft: Kommt her zu Gottes 
Oifenbarung und zum Boten, kannst du bemerken, wie sie 
die Heuchler auf alle Weise von dir zurückhalten. 

Das Lebensprinzijj einer jeden Religion ist Fanatismus. 
Wozu soll der Moslim fasten und beten, wenn der, wel- 



Söhne zum Islam bekehrte und Mohammad so erfreut darüber war, 
dafs er in Madyna ausrufen liefs: Der Kähin der Aslamiten hat das 
Glaubensbekenntnifs abgelegt. 

Scha'by berichtet, dafs sie den 'Omar als Schiedsrichter wähl- 
ten, dieser aber Demjenigen, welcher sich weigerte dem Propheten 
die Aburtheilung zu überlassen, den Kopf abhieb. Diese Tradition 
hat wenig Wahrscheinliches. Es wäre aber möglich, dafs sie sich, 
nachdem sie von Abu Borda zurückkamen, an "Omar wendeten. 

') Auch im Koran, 4, 54, wird „Denen, welchen doch ein Theil 
des Buches gegeben worden ist," vorgeworfen, dafs „sie an den 
Gibt und Täghijt glauben". Täghüt kommt von WJ und bedeutet 
„Verführung", „Verführer". Geiger sagt S. 203, dafs sich die Tar- 
gumim dieses Wortes im Plural als Benennung für die Götzen selbst 
und nicht für den Götzendienst häufig bedienen. Die Form des 
Wortes ist aramäisch. 

Bochäry, S. 669, spricht gelehrt über diesen Gegenstand : 

„Gäbir [b. 'Abd Allah] sagt: Von den Täghuten , welchen die 
Araber ihre Streitigkeiten vorlegten, war einer in dem Stamme Go- 
hayna, einer im Aslamstamrae und einer in jedem andern Stamme. 
Sie waren Kähine, auf welche der Satan hinabstieg. Omar sagt: 
Gibt bedeutet Zauberei und Täghüt bedeutet Satan. 'Ikrima sagt: 
Gibt heifst im Abessynischen Satan und Täghüt Kähin." 

Baghawy, 2, 13, giebt die Namen dieser Verführer: Käb b. 
Aschraf unter den Juden in Madyna, [Abu?] Borda im Aslamstarae, 
Abd aldär unter den Gohayniten, 'Awf b. 'Amir bei den Asaditen 
und 'Abd b. Sawdä in Schäm. 



44 

eher es nicht thut, ebenso «^ut ist als er? Wozu sendet 
(Jott Boten, wenn der Mensch mit der Vernunft auskom- 
men kann. Wenn aber der Mensch für die Kuigkeit er- 
schatl'en ist und wenn Gott zu seiner Vorbereitung dafür 
alle mögliche Sorge trägt, so ist nur zu bedauern, dafs es 
nichts Peinlicheres giebt als Feuer und Schwert, um die, 
welche diese Anstalten verschmähen oder gar zu vereiteln 
suchen, zu quälen und zu vernichten, denn das Leben mit 
seinen Genüssen und Leiden steht in gar keinem Ver- 
hältnisse zur Ewigkeit. Wenn man einmal glaubt, so ist 
Fanatismus vor der Vernunft gerechtfertigt, geboten 'j; die- 
ses ist aber nicht die Ursache, warum alle Religionen, so 
lange sie Lebenstrieb haben, fanatisch sind. Der Grund 
ist, dafs der Glaube selbst einer Entwickelungsperiode an- 
gehört, in der die Leidenschait die Alleinherrschaft behaup- 
tet. Der Glaube tritt der Leidenschaft nicht entgegen, son- 
dern nimmt sie in seine Dienste; er bietet dem Coelibatär 
im Hochmuth und in der Herrschsucht, dem opferbereit- 
willigen Laien in der Verachtung und Verfolgung Anders- 
gläubiger Ersatz. In neuester Zeit predigen wandernde 
Jesuiten, ehe der Klingelbeutel herumgeht, gegen die .luden 
oder l'rotestanten und am Abende werden zur Ehre Gottes 
deren Fenster eingeworfen. Die erhebende Aufregung, Avel- 
che die frommen Seelen dabei empfinden, ist der Ersatz für 
in die den Klingelbeutel gefallene Gabe. 

Mohammad's Lehre über die Gleichberechtigung der 
unter sich verschiedenen Keligionen war unhaltbar in der 
Praxis und er hatte nicht die Kenntnisse, sie durchzuführen. 



') Baydhawy, .'lü, 6, bemerkt ganz richtig: Alles was die Gläu- 
bigen den Ungläubigen abnehmen konnten, gehörte von Rechtswegen 
dem Propheten; denn Gott hat die Menschen erschaffen, damit sie 
ihn anbeten. Die übrige für sie bestimmte Schöpfung ist dazu vqr- 
handen, um als Mittel zu diesem Zwecke zu dienen, folglich gehört 
Alles den wahren Anbetern Gottes. 



45 

Da er vorgab, dafs ihm das Buch, aus dem alle wahren 
Relii^ionen geflossen, geoffenbart worden sei, hätte er mit 
den Gesetzen der Thora und des Evangeliums bekannt 
sein sollen. Er wurde aber von den Juden auf die Probe 
g-estellt und machte einen Mifsffriff nach dem andern. Man 
nöthigte ihn somit dazu, die Juden und Christen zu ver- 
dammen und den Islam selbststiindig zu machen. Dieser 
Prozefs dauerte acht Jahre, und eine nicht unbedeutende 
Anzahl der madynischen Inspirationen haben darauf Bezug. 
In diesem Kapitel wollen wir einige derjenigen berücksich- 
tigen, welclie er vor dem vollständigen Bruch, ehe er die 
Juden sammt und sonders verdammte, geoffenbart hat. Ich 
nehme an, dals die meisten vor die Badrschlacht zu ver- 
setzen sind. 

Es ist weit mehr seiner Unfähigkeit als seiner Ab- 
sicht zuzuschreiben, wenn Mohammad bisher die mosaische 
i^ehre nicht rein und vollständig vorgetragen hat. Bis 623 
verarbeitete er die von den Juden erlauschten Ideen und 
ahmte sie selbst in seinem Aeufsern nach, so trug er 
z. B. die Haare nicht wie die Araber gescheitelt, sondern 
wie die Juden über die Stirne gekämmt, und als man ihn 
um die Ursache fragte, antwortete er, dafs er in allen Din- 
gen dem Beispiele der Schriltbesitzer folge, wenn er nicht 
specielle Aufträge erhalte, von ihnen abzuweichen. Später 
hat er sich in seiner Frisur zu der arabischen Mode be- 
quemt ^). 'Omar hat das Verdienst, den Islam aus einer 
schwärmerischen judenchristlichen Sekte zur selbstständi- 
gen Religion gemacht zu haben. Dieser Uebergang war 
auch von den Umständen geboten. Seine Mifsgriffe nö- 
thigten, wie wir gesehen haben, den Mohammad Macht 
Sprüche zu thun, und an seinen eigene Inspirationen zu ap- 
pelliren. Weil nun die Schriftbesitzer diese nicht anerkann- 
ten, mufsten sie als Ungläubige verdammt werden. 



') Tirmidzy, Schamäyil S. 46. 



46 

Am 16. Januar 624, nach Sonnenuntergang, trat ein 
Mann in die Moschee und riel den zum Gottesdienst ver- 
sammelten Gläubigen zu: Ich komme vom Propheten und 
bringe euch die ISachricht, dals Gott die Kibla abgeändert: 
wendet euer Angesicht gegen die Ka ba von Makka, denn 
diese ist von uun an eure Kibla. Alle drehten sich um, 
so dafs die Frauen und Kinder, welche sonst in den letz- 
ten Reihen standen, nun vorne waren. 

So lange iMohammad in Makka war, soll er gegen 
die Ka ba gebetet haben ^); als er nach Madyna kam, folgte 
er dem Beispiele der Juden und wählte, um sie zu gewin- 
nen ^), den Tempel von Jerusalem als Kibla, d. h. er rich- 
tete das Angesicht im Gebete gegen denselben; nun aber 
wendete er es gegen die Kaba, Sowohl die Moslime als 
auch die Schrütbesitzer legten viel Gewicht auf diese Neue- 
rung. Die ersteren fürchteten, dals ihre Angehörigen, wel- 
che, ohne ihr Gebet gegen Makka gerichtet zu haben, star- 
ben, auf ewig verdammt seien, und es war eine Offenba- 
rung (K. 2, lib) zur Beschwichtigung ihrer Skrupel nö- 
tliig '). Zur Besänftigung der letzteren erklärte Moham- 
mad, dafs er an den Grundsatz der Gleichberechtigung aller 
Schriftbesitzer festhalte und die Juden wegen der Ver- 



') So behaupten die Exegeten bei Tha'laby, 2, 139. Es ist 
sehr unwahrscheinlich, und deswegen sagen einige Traditionisten, er 
habe sich auf die Südseite der Kaba gestellt, so dafs dieser Tem- 
pel und Jerusalem vor ihm waren. 

^) Dieses Motiv wird von den meisten Exegeten angegeben, 
sagt Tha'laby. Sie mögen Recht haben, aber die Darstellungsweise 
ist dem Koran zuwider. Aus Kor. 2. 139 geht hervor, dafs nicht Mo- 
hammad, sondern Gott Jerusalem als die Kibla bestimmt hatte, sie 
aber schrieben dieses Motiv dem Mohammad zu. Es kommt nun 
freilich keine Stelle im Koran vor, in welcher Jerusalem zur Kibla 
gemacht wird, aber es ist zu vermuthen, dafs Mohammad zu Anfang 
seiner Mission diese Gewohnheit mit dem fünfmaligen Gebete, den 
Ablutionen und dem Almosen in globo von seinen Vorgängern als 
göttliche Gebote übernommen habe. 

') Ibn'Abbäs bei Abu Däwüd, Tirmidzy und den Exgeten. 



I 



47 

schiedenheit ihrer Kibla nicht verdamme ^). Ja selbst als 
sich diese von ihm entfernten, erlaubte er eine Zeit lang 
den \venijj;en ihm treugebliebenen Juden, sich gegen Jerusa- 
lem zu wenden. Aber die Christen von Nagrän^) und die Ju- 
den von Madvna sahen, ^vie Ibn'Abbäs bemerkt, wohl ein, 
dafs Mohammad eine neue Richtung einschlage, dafs er sich 
von ihnen entrerne und dafs die Kluft zwischen ihnen und 
dem Islam unausfüllbar geworden sei. Es entspann sich 
daher ein heftiger Streit über die Kibla, und endlich kam 
es dahin, dafs sie zur Schibboleth der Rechtgläubigen ge- 
macht wurde: wer wie die Mohammadaner betete, war auf 
dem Wege des Heiles, wer es nicht that, war ein Käfir. 

Die Abänderung der Kibla ist also eine Neuerung von 
grofser TragAveite. Es war aber dem Chalyfen 'Omar vor- 
behalten, die Konsequenzen vollends zu entwickeln. Die 
Ka'ba, zu der nun die Moshme beteten, war ein National- 
heiliirthum der Araber. 'Omar bestimmte die Grenzen der 
Halbinsel und verfügte, dafs alle Einwohner sich bekehren 
mufsten. Die widerstrebenden Heiden sollen hingerich- 
tet , die Schriftbesitzer des Landes verwiesen werden. 



') Kor. 2,138. Wir haben die Kibla, gegen die du dich be- 
reits wendest, blofs deswegen eingesetzt, damit wir die, welche dir, 
dem Boten, folgen, von denen unterscheiden können, welche abfal- 
len. Allerdings ist dies eine unangenehme Mafsregel, aber nicht 
für Jene, welche Gott leitet. Es war nicht die Absicht Gottes, 
euch in eurem Glauben irre zu machen, denn er ist gegen die Men- 
schen huldvoll und barmherzig. 

Dieser Vers ist der Anfang zur vollkommenen Trennung von 
den Schriftbesitzern. Eine frühere Inspiration lautet hingegen: 

Kor. 2,143. Für Jeden haben wir eine Kibla gesetzt, zu der 
er sein Gesicht kehrt. Wetteifert [mit den gleichberechtigten Kir- 
chen, welche eine andere Kibla haben] im Guten. 

Ich lese mit Ihn Mas'üd: likullin ga'alnä kiblatan. 

^) Zu Kor. 2, lu bemerken die Commentatoren, dafs auch die 
Christen von Nagrän gegen Jerusalem beteten; in ihrer Erklärung 
von Kor. 2, 140 aber sprechen sie von den Christen überhaupt und 
sagen, dieselben" richten das Agesicht gegen Osten. 



48 

Religrion war somit nicht das einzige Band, welches die Gläu- 
bigen vereinigte, sondern der Islam gewann auch einen 
nationalen und örtlichen Mittel|»unkt, und wenn er auch 
andern Nationen aufgedrungen wurde, so waren doch die 
Araber die Hauptträger desselben. Diese Idee legte der 
grofse Staatsmann dem Steuerwesen zu Grunde, machte 
die Nichtaraber, selbst wenn sie sich bekehrten, mit ge- 
ringer Ausnahme zu Heloten, welche die für die Verbrei- 
tung des Glaubens kämplende Nation ernähren mulsten. 

Die Veränderung der Kibia ist nicht von Mohammad 
selbst ausgegangen, sondern er wurde dazu von seinen 
Anhängern überredet '). Daher läfst er sich auch von 
Gott zurufen: 

') Bara b. Ma'iür richtete das Angesicht gegen die Kaba als 
Moharamad noch in Makka war. Er starb einen Monat vor dessen 
Ankunft in Madyna und verordnete, dafs man ihn mit dem Gesicht 
gegen Makka gerichtet begraben soll. So weit stimmen alle Tradi- 
tionen überein. Zohry, bei Ibn Sa'd 2W) und bei I(;äba, behauptet, 
dafs Mohammad denselben aufforderte, in Zukunft gegen Jerusalem 
zu beten und er auch gehorchte. Andere erwähnen dies nicht, ja 
bei Ibn Ishak, S. 2^)5, stellen es Einige geradezu in Abrede. Aus 
der Tradition des Zohry geht hervor, dafs dieser Gelehrte wie wir 
der Ansicht war, Mohammad habe in Makka gegen Jerusalem ge- 
betet, denn er setzt ausdrücklich hinzu: der Prophet gab ihm die- 
sen Befehl als er noch in Makka war. Ibn Ishäk's Angabe der 
Zeit, zu der Barä die Kaba zur Kibla machte, scheint willkürlich 
zu sein. Die Veraidassung ist wohl der Bd. II, S. 277 ff. erzählte 
Einfall des Mohammad. Wenn Ibn Isluiks Bericht begründet ist, 
so müssen wir den Einfall des Mohammad ein Jahr früher, also 
März 621, versetzen. 

Anas b. Malik (bei Bochäry, Moslim und Tirmidzy) bemerkt zu 
Kor. 2, U9, dafs Omar dem Propheten gerathen habe, das Angesicht 
gegen den Makäm, Betplatz, des Abraiiam zu wenden. Aus dem 
Zusammenhange geht hervor, dafs im Koran unter Makäm des Abra- 
ham der Tempel von Makka gemeint sei (dies ist auch die Ansicht 
des Nocha'y und Yamän), weil aber später eine Stelle ganz nahe 
bei der Ka ba so genannt wurde, so sagen die Moslime, 'Omar habe 
dem Mohammad blos gerathen, sich so zu stellen, dafs der Makäm 
zwischen ihm und der Ka'ba sei. Das Richtige ist wohl, dafs die 
Idee, die Kibla zu ändern, von Omar ausgegangen ist. 



49 

2, 139. Wir bemerken seit einiger Zeit, dafs du das Ge- 
siebt gegen den Himmel erhebest [mit dem Wunsche, eine 
Offenbarung zu erhalten]. Nun, wir wollen tür dich eine 
Kibla bestimmen, mit der du zufrieden bist. Wende also 
dein Angesicht gegen den heiligen Tempel. Wo ihr im- 
mer sein möget, wendet euer Angesicht gegen denselben. 
Die Schriltbesitzer wissen, dafs dies die von deinem Herrn 
ausgehende Wahrheit ist. Allah läfst nicht unbeachtet, Avas 
sie thun. 

Den Juden, welche ihn wegen dieser Neuerung ta- 
delten und auch die Ciläubigen aufhetzten, gab er eine 
würdevolle Antwort: 

2,172. Die Rechtschaffenheit besteht nicht darin, dafs 
ihr das Angesicht gegen Osten und Westen wendet, son- 
dern sie kann nur Dem zugeschrieben werden, welcher an 
Gott, den jüngsten Tag, die Engel, das Buch und die Pro- 
pheten glaubt, sein Vermögen, wie theuer" es ihm auch ist, 
auf seine Verwandten, die Waisen, Armen, Heimathlosen 
und Bettler, sowie zur Loskaufung von Gefangenen verwen- 
det, den Gottesdienst aufrecht erhält, das Almosen entrich- 
tet, seinen Verträgen treulich nachkonnnt, wenn er solche 
eino-euanffen, und in INoth, Widerwärtig-keiten und in Zei- 
ten der Drangsale geduldig ist. Diejenigen, welche auf- 
richtig sind, sie, sie verdienen fromm genannt zu werden. 
An einer anderen Stelle, Kor. 2, 109, sagt er: Gott 
jrehört der Osten und der Westen, wo ihr euch immer hin- 
wendet, dort ist das Angesicht Gottes; denn Gott ist um- 
fassend und wissend. 

Ungeachtet dieser freisinnigen Ansicht fand er sich 
doch durch <lie Rinwendungen der Juden bewogen, in eine 
ausführliche Vertheidi^-uno; der neuen Kibla einzugehen. 
Er besteht darauf, dafs der Tempel zu Makka von Abra- 
ham gegründet worden ist (vergl. I)d. 11. S. 279) inid fährt 
dann fort: 

114. Wer verschmäht die Religion des Abraham, aus- 
genonm)(Mi Derjenige, welcher sich selbst bethört :* Wir 
ni. 4 



50 

haben ihn in dieser Welt auserkoren und in jener Welt 
gehört er zu den Gottseligen. 

125. Als sein Herr zu ihm sagte: Sei Moslim! ant- 
wortete er: Ja, ich bin Moslim (unterthänig) gegen den 
Herrn der Welten. 

126. Er vermachte diese Lehre seinen Söhnen und 
dem Jakob mit den Worten: Söhne, wahrlich Gott hat 
für euch das Dyn (die Religion, d. h. den Islam) als Richt- 
schnur gewählt: sterbet nicht, ohne dafs auch ihr Mos- 
lime seid. 

127. Wäret ihr zugegen als dem Jakob der Tod sich 
nahete? Damals sprach er zu seinen Söhnen: Was wer- 
det ihr nach mir anbeten!* Sie antworteten: Wir werden 
deinen Gott anbeten und den Gott deiner V'äter Abraham, 
Lsmael und Ishak, — einen Gott, und ihm sind wir Mos- 
lime (unterthänig). 

128. Diese Gemeinde ist dahingegangen. Sie hat den 
Lohn ihrer Werke geerntet; ihr werdet den Lohn eurer 
Werke ernten und nicht darüber befragt werden, was sie, 
eure V^orväter, gethan haben. 

129. Sie sagen: Seid Juden oder Christen ') und 
ihr seid auf dem rechten Wege. Antworte: Nein, folget 
vielmehr der Religion des Abraham insofern er ein Hanyf 
(d. h. weder Jude noch Christ) war; denn er gehörte nicht 
(wie diese zwei Sekten) zu den Vielgötterern. 

130. Saget (o Muslime): Wir glauben an Allah und 
an das, was er uns geoffenbaret hat, was er dem Abra- 
ham, lsmael, Ishak, Jakob und al-Asbät geoffenbaret hat, 
und an das, was dem Moses und Jesu mitgetheilt worden 
ist, und an das, was 'den Proj»heten von ihrem Herrn mit- 
getheilt worden ist. Wir machen keinen Unterschied zwischen 



') Auch in K. 2, los läfst er die Schriftbesitzer sagen, nur die 
Juden und Christen würden in das Paradies eingehen. In dem ohne 
Zweifel viel späteren Vers 2, lo? aber verdamnien sich die Juden 
und Christen einander. 



51 

irgenrl einem derselben und sind gegen Gott Moslime (un- 
terthänig). 

131. Wenn sie (die Juden und Christen) Aehnliches 
glauben wie das, was ihr glaubet, so sind sie auf dem 
rechten Wege, wenn sie sich aber davon wegwenden, so 
sind sie auf dem Holzwege; Gott aber wird sie es füh- 
len lassen, denn er ist der Hörende, der Wissende. 

132. Die Taufe Gottes [könnt ihr beobachten] — 
wessen Taufe ist besser als die Taufe Gottes? Wir sind 
seine Anbeter. 

133. Sprich: Wollt ihr mit uns über Allah streiten? 
Er ist unser Herr und euer Herr; wir haben unsere Werke 
und ihr habt eure Werke, und wir erkennen nur Ihn an. 

134. Behaupten sie etwa gar, dafs Abraham, Ismael, 
Ishak, Jakob und Asbät Juden oder Christen waren? Ant- 
worte ihnen : Wisset ihr es besser oder Gott [welcher aus 
mir spricht]. Wer ist ungerechter als Derjenige, welcher 
ein göttliches Zeugnifs [wie das, dafs Abraham nicht ein 
Jude, sondern ein Hanyf war] bei sich verbürgt. Gott 
läfst nicht unbeachtet was ihr thut. 

136. Die Thoren unter den Menschen fragen: Was 
hat sie (die Moslime) bewogen, <1ie Kibla, welche sie hat- 
ten, zu ändern? Antworte: Gott gehört der Osten und 
der Westen. Er führt, wen er will, auf den geraden Weg. 

137. Auf dieselbe Art [wie einst den Abraham] ha- 
ben wir euch zur besten Kirche gemacht, auf dals ihr 
Zeugnifs ableget über die Menschen, der Bote Gottes legt 
über euch Zeugnifs ab '). 

') „Am jüngsten Tage", sagen die Commentatoren, „werden 
die Ungläubigen gefragt: Sind nicht Boten und Warner zu euch ge- 
kommen? Nein, werden sie antworten, Niemand ist zu uns gekom- 
men; dann werden die Propheten befragt und sie antworten: Wir 
haben die Aufträge ausgerichtet. Da Gott am besten die Beweis- 
führung versteht, so wird die Gemeinde des Mohammad vernom- 
men werden. Sie wird Zeugnifs ablegen zu Gunsten der Propheten. 
Die früheren Geschlechter aber werden sagen: Wie können diese 

4* 



52 

Später setzte er «Jen Juden zu, in seine Kirche ein- 
zutreten; er legte nun viel mehr Gewicht auf die Kibia 
als Früher und forderte dieselben auf, die seinige anzuneh- 
men. Sie versprachen ihm zu willfahren, wenn er ein 
Wunder wirkte. 

2, 140, Weini <lu auch vor Jenen, welchen das Buch 
gegeben \Nard, jedes erdenkliche Zeichen wirktest, so wür- 
den sie doch deiner Kibla nicht ibigen, noch folgest du 
ihrer Kibla: keiner nimmt die Kibla des andern an. Wenn 
du nach der Erkenntnifs, welche du erlialten hast, ihren 
(lelüsten folgtest, so würdest du wahrlich einer der Un- 
gerechten sein. 

141. Diejenigen, denen ^^ir das Buch gegeben haben, 
kennen ihn (den Mohammad), wie sie ihre Söhne kennen. 
Allein ein Theil von ihnen verbirgt wissentlich die Wahrheit. 

142. [Diese die Kibla betreifende Olfenbarung] ist 
das von deinem Herrn ausgehende Wahre; sei daher nicht 
einer der Zweifler. 

Um den Gläubigen die Gebetstunde anzuzeigen, ging 
allemal «1er Ausrufer durch die Stadt und schrie: Der all- 
gemeine Gottes<lienst! JNach Abänderung; der Kibla berieth 
sich der Prophet mit den Gläubigen über eine bessere Ma- 
nier, seine Herde zusammenzurufen. Einige schlugen vor, 
man soll wie die Jndiiu IMeilen zu diesem Zwecke ge- 
lirauchen; indessen die Gläubigen sollten den Juden nicht 
länger nachahmen. Der Einfall, ein Feuer anzuzünden, wurde 
als uii[)raktisch verworfen. [Mohammad liefs nun ein ISä- 
kus, d. h. ein langes Stück liolz, auf das man n)it einem 
anderen Holze schlägl, anlertigen. Diese einlache Vorrich- 

wissen, was so lange vor ihnen geschehen ist? Die Jünger des 
Mohammad werden antworten: Gott hat uns darüber Nachricht ge- 
geben ; sie ist uns aus dem heih'gen Buche durch die Zunge des 
Propheten mitgetlieiit worden. Endlich wird Mohammad verhört, 
und er wird Zeugnifs geben über die Zustände seiner Gemeinde, 
sie reinigen und ihre Wahrhaftigkeit bekräftigen". (Abu Sa yd bei 
Tha'laby. In kürzerer Fassung bei Bochäry und Tirmidzy.) 



53 

tunj^ uiirrlo von den ("lirisfen gelnauclit , um <lie Gebet- 
stiinde zu vpikünrligcn. Die Moslime wollten aber selbst- 
ständig sein und auch die Christen nicht älTeu. Da kam 
der Chazragite 'Abd Allah I). Zayd zu Mohamnia«! und sagte, 
er habe Im Traume einen Mann in «grünen Klei<lern von 
dem Dache der Moschee rufen hören: («ott ist der (iröfste! 
(jiott ist der Grölste! Ich bezeuge, dals es keinen Gott 
oriebt aufser Allah: ich bezeuge, dafs Mohammad ein Bote 
Allah's ist. Auf zum Gebet, auf zum Heil! (Jott ist der 
(iröfste, Gott ist der Grölste! F]s giel)t keinen Gott aufser 
Allah. Omar em[»fahl, dafs auf diese Weise von der Mauer 
der Moschee die Gebelstunde verkündet werden soll; sie 
wurde eingeführt »nid ist bis auf den heutisren Tag^ im Ge- 
brauch. 

Ascetisclie Hebungen lagen im Geiste der Zeit. Mo- 
hammad hielt es dalier für zweckmäfsia:, als er nach Ma- 
dyna kam, Fastlage anzuordnen. Weil er die Juden für 
sich zu gewinnen wünschte, wählte er ihren Kipur ^} als 

' ) Die Moslime nennen den Kipur oder Versöhnungstag 
'Aschürä, d. h. den Zehnten [des Monats Tischri]. Die Form ist 
chaldäisch, kommt aber auch in Eigennamen von Oertlichkeiten in 
Madyna vor, wie z. B. Wädiy Ränünä (Ihn Ishäk S. 335). Sie ist 
nicht verschieden von der Form von Färük (vergl. Bd. II. S. 340. 
Note). Auch diese kommt in Madyna vor, z. B. Gäsum (Ibn Ishäk 
S. 895). Da die Bevölkerung dieser Stadt ursprünglich aramäisch 
war, ist das Vorkommen solcher Formen erklärlich. 

Ibn Gobayr behauptete auf die Auktorität des Ibn 'Abbäs, dafs 
Mohammad erst als er nach Madyna kam die Fasten des 'Aschürä 
von den Juden entlehnt habe. Weil nun eine Version dieser Tra- 
dition (Mosiim Bd. 1, S. 640 und Mischkät S. 172) lautet: „Der 
Gottgesandte kam nach Madyna und bemerkte, dafs die Juden den 
'Aschürä fasten", so hat schon Ibn Kalby (bei Ibn Sad) geglaubt, 
Mohammad sei auf der Flucht gerade am Aschürä in Madyna ein- 
getroffen , und dessen Ankunft auf den 8. Raby I ( 20. September 
622) versetzt (vergl. Halaby fol. 212). Wir haben aber andere Ver- 
sionen dieser Tradition, welche nicht zu diesem Schlufs berechtigen; 
so bei Mosiim a. a. O.: „Der Gottgesandte kam nach Madyna und 
bemerkte, dafs die Juden den 'Aschürä fasten (ya^ümüna)"; bei 



54 

Bufstag, aufserdem sollten die Moslime drei Tage in je- 
dem Monate, den 13., 14. nnd 15., sich der Speise und des 
Trankes enthalten und desuegen nurden sie al-Ayäm al- 
bydh, die blanken Tage, genannt. Die Gründe, welche ihn 
bewogen, die jüdische Kibla aufzugeben, liefsen ihm nach 
einiger Zeit auch den jüdischen Fasttag unstatthaft erschei- 
nen, und er erklärte, dafs es zwar verdienstlich, aber nicht 
nothwendig sei, ihn zu beobachten. 

Wahrscheinlich schon im Februar 623 führte er die 
Quadragesima der Christen in den Islam ein durch die Ko- 
ränstelle: 

2, 179, Gläubige, es sind euch die Pasten vorgeschrie- 
ben nach der Art und Weise, wie sie euren V^orgängern 
vorgeschrieben waren, auf dafs ihr Gott fürchtet '). 



Bochäry S. 268 und Taysyr S. 253: „Der Gottgesandte kana nach 
Madyna und sah, dafs die Juden den Aschürä fasten"; und endlich 
bei Abu Dawüd Bd. 1, S. 330: „Nachdem der Gottgesandte nach 
Madyna gekommen war, bemerkte er, dafs die Juden den 'Aschürä 
fasten". Die Absicht des Ibn Gobayr war nicht, die Zeit der An- 
kunft des Mohammad in Madyna zu bestimmen, sondern den'Orwa 
zu widerlegen, welcher behauptete, Mohammad habe die Fasten des 
Aschurä von den Heiden entlehnt und also schon in Makka eingeführt. 

Mehrere Jahre nach Einführung dieses Bufstages beklagten sich 
die Moslime, dafs ihnen ein jüdisches Fest empfohlen wurde. Der 
Prophet antwortete, dafs, wenn er im folgenden Jahre noch am 
Leben sein werde, er ihn auf den neunten [Tischri] verlegen wolle. 
In der Zwischenzeit traf er aber eine andere Maafsregel, w^elche diese 
Versetzung überflüssig machte. Statt ihn am 10. des ersten Monats 
nach jüdischem Kalender zu halten, beging er ihn am 10. des er- 
sten Monats (Moharram) des reinen Mondjahres. Als Grund dieser 
Abänderung wird angegeben, dafs sich die Moslime bei den Juden 
erkundigen mufsten, wann der 'Aschürjitag sein würde. 

Mohammad und seine Anhänger begnügten sich, die jüdischen 
und christlichen Observanzen allmählig zu verlassen, ihre Nachfol- 
ger gingen weiter und läugneten den fremden Ursprung derselben. 
Orwa, bei Bochäry S. 268 und Muaftä S. !)1, erklärt zu diesem 
Zwecke, der Aschüra sei ein heidnischer Fasttag gewesen. 

' ) Im Jahre H23 fiel der üstersonntag (vorausgesetzt, dafs ihn 
Mohammad m't den Christen, welche sich an die Bestimmungen des 



55 

»Unter den Vorgängern, sagt Hasan (Bagry), sind die 
Christen zu verstehen, unsere Pasten «fliehen den ihrigren 
sowohl in Bezug auf die Dauer, als auch auf die Wahl 
der Zeit; aber, fügt er und andere Exegeten hinzu: Gott 
meinte die Fastenzeit, welche die Christen beobachten 
sollten, nämlich den Monat Ramadhän. Sie haben sich 
von dem ursprünglichen (Jebote und folglich von uns ent- 
fernt und nicht wir von ihnen. Manchesmal nämlich war 
der Ramadhän im Sommer, manchesmal im Winter. Sie 
fanden es beschwerlich in der Hitze oder in der Kälte zu 
lasten und verlegten daher ihre Bufstage auf den Frühling. 
Zum Ersatz für diese Willkühr vermehrten sie die Fasten- 
zeit von 30 auf 40 und wohl gar auf 50 Tage.« Es ist 
etwas Wahres in dieser Behauptung. In den Jahren 624 
und 625, als Mohammad die Quadragesima einführte, faste- 
ten die Christen wirklich im Ramadhän. Im Jahre 624 war 
der Aschermittwoch am 4. Ramadhän (28. Februar) und 
im Jahre 625 zwei Tage vor dem ersten Ramadhän. 

Schon im Jähe 624 kam die Expedition gegen Badr 
dazwischen und die Moslime konnten das Fastengebot nicht 
beobachten (Wäkidy S. 41), deswegen fügte Gott diesen 
Vers hinzu: 

2, 180. Eine bestimmte Anzahl von Tagen ist gememt; 
folglich wer von uns krank oder auf einer Expedition ist, 
soll eine [entsprechende] Anzahl von andern Tagen fasten. 



Conciliams von Nicaea hielten, feierte) auf den 27. März, welcher 
dem 19. Ramadhän entspricht. Im folgenden Jahre wurde am 19. 
Ramadhän die Schlacht von Badr gefochten. Deswegen sagt Gott 
(Kor. 8, 42), dafs am Tage des Forkän, d. h. am Erlösungstage sich 
die zwei Heere begegneten (vergl. Bd. II. S. 338 und verbessere 
das dort Gesagte). 

Es wäre allerdings möglich, dafs bei den orientalischen von 
der nicaeischen Synode abweichenden Christen im Jahre 624 der 
19. Ramadhän, = 16. März, Charfreitag war. Auch auf diesen würde 
die Benennung Erlösungstag passen. Allein dafür, dafs sich Mo- 
hammad an Christen hielt, welche Ostern nach den Befehlen der 
Synode bestimmten, sprechen andere Thatsachen. 



56 

Diejenij^en, ^reiche fasten können [aber nicht wollen] müs- 
sen als Sühne einen Armen nähren. 

Die siegreichen Moslime kehrten am Mittwoch, den 
21. März von Badr zurück '), dann war Mohammad bis 



') Diese wichtige Nachricht hat uns Tabary, S. 326, aufbe- 
wahrt: „Nach seiner Zurückkunft von den Banü Kaynoka' war die 
Zeit des Opferfestes (Adhha). Der Prophet und die Wohlhabenden 
unter seinen Gefährten schlachteten Opfer am 10. Dzü-lhagg. Er 
begab sich zu diesem Zwecke hinaus in das Mo^allä und verrich- 
tete daselbst den Gottesdienst. Dies war der erste Gottesdienst, wel- 
chen er mit den Gläubigen zu Madyna im Mo^alla zur Feier des 'Yd 
hielt. Er schlachtete im Mo^alla mit eigener Hand zwei Schafe, 
nach einigen Nachrichten aber nur ein Schaf." 

Tabary führt dann aus Wakidy eine Tradition des Gäbir b. 
'Abd Allah zur Bestätigung seiner Behauptung an. Es wird auch 
darin gesagt, dafs die Moslime das Fest am Morgen nach der Rück- 
kunft von der Belagerung begingen. Auch in dieser Tradition wird 
das Datum, der 10. Dzü-lliagg, angegeben. Man könnte zwar Dzu- 
Ihagg „Festmonat", anstatt es blofs als Eigenname auf die letzte 
Lunation des Jahres zu beschränken, in seiner allgemeinen Bedeu- 
tung auffassen und sagen, dafs im Jahre 624 der Schawwäl so ge- 
nannt wurde, weil das Pilgerfest in demselben gefeiert wurde, allein 
es erscheint mir viel natürlicher, diese Zeitbestimmung als eine spätere 
Einschaltung anzusehen; dafs in der ursprünglichen üeberlieferung das 
Datum nicht angegeben worden war, scheint daraus hervorzugehen, 
dafs Ibn Sad die Belagerung am zweiten Sonnabend im Schawwäl 
(7. April) anfangen läfst. Ich glaube, sie hat am ersten Sonnabend 
(31. März) angefangen. 

Ibn Hischäm setzt vier Feldzüge (Kodr, Sawyk, Dzü Amarr 
und Foro') zwischen die Badrschlacht und die Belagerung der Banii 
Kaynoka'. Hierin folgt er nicht genau dem Ibn Ishäk. „Dieser", 
erzählt Tabary, „bestimmt die Zeit der Belagerung nicht, er sagt 
nur: sie fand zwischen dem Sawyk- und Foro' -Feldzuge statt." 

Der Umstand, dafs unmittelbar nach der Belagerung das Opfer- 
fest gefeiert wurde, hat Bicjgraphen, welche von der Voraussetzung 
ausgehen, dafs das Pilgerfest stets in der zwölften Lunation began- 
gen wurde und Mohammad die Comniemoration desselben im Sinne 
hatte, bewogen, die Belagerung zwei Monate später zu versetzen. 

Wir werden auf diesen Gegenstand in einer Note zu Kapitel 19 
zurückkommen. 



57 

zum 27. mit den (liiicli diesen Sie^ iiotliuendi«^ gewor- 
denen Anordnungen heschältigt. Schon an) Sonnabend, 
den letzten März, schritt er zur nelagerung der Juden aus 
dem Stamme Kaynoka'. Sie dauerte zwei Wochen, und 
als sie sich ergahen, war gerade Ostersonntag (25. A|Mil 
624) und er beging die Feier des 'Yd oder Opferfestes. 
Zwei Tage v(uher pflegte er, Avenigstens in den lolgenden 
Jahren, eine IVedigt zu iialten, deren bd)ait eine Autforde- 
rung an die Cdäubigen war, Spen«]en beizutragen. Am 
Morgen des Festes mufste jede Person, Sklaven wie Freie, 
l'rauen und Kinder ebensogut \\\e JMänner und Erwachsene, 
ein (^'a Datteln oder (Jerste oder Kosinen '} oder zwei 
Modd Weizen mit in die Moschee bringen, »damit an 
diesem Tage die Nothleidenden der Mühe, umherzugehen 
und zu bettehi, überhoben sein mögen«. Nachdem das 
Almosen gesammelt war, begaben sich die Gläubigen in 
IVocession aulserhalb der letzten Häuser der Stadt, um, wie 
es scheint, die Bereitwilligkeit, die JMIgergerlahrt zu ver- 
richten, anzudeuten. Der Prophet zog bei dieser Gele- 
genheit seine Feiertagskleider an ^) und es wurde vor ihm 



') Das Qä' war ursprünglich ein Getreidemaafs; der gröfseren 
Genauigkeit wegen hat man aber das Gewicht eines Qa Korns be- 
stimmt. 1 C'ä = 4 Modd; 1 Modd = 1| Rotl (Pfund) von Bagh- 
däd; 1 baghdädisches Rotl = 128* Dirham. Dies ist die Angabe 
des Schäfi'. Andere Rechtsgelehrte weichen von ihm ab. Das bagh- 
dädische Pfund wird auf 90 oder 91 Mithkäl gesetzt: folglich ent- 
hält 1 Pfund 6480 oder 6552 arabische Gran = 1,3&2 engl. Pf. Troy. 

Der Weizen war in Madyna zweimal so theuer als die Gerste 
oder Datteln. In Persion und am Tigris war er wohlfeil und einige 
Theologen riethen den Gläubigen, bei dieser Gelegenheit ein ganzes 
Ca Weizen als Almosen zu geben. 

*) Ibn Sa'd beschreibt dessen Festtagskleider: die Schultern 
und der obere Theil des Körpers waren in eine yamanische Borda, 
sechs Ellen lang und drei Ellen breit, gehüllt, um die Lenden war 
ein in 'Oman gewebtes Tuch gewunden, welches die Beine bedeckte, 
vier Ellen und eine Spanne lang und zwei Ellen und eine Spanne 
breit war. 



58 

ein mit Eisen beschlagener Wurtspiefs, welchen Zobayr 
mit von Abessynien gebracht hatte, einhergetragen. Dort 
angekommen verrichteten sie das Gebet, aber mit einigen 
Abweichungen von «ler gewöhnlichen Liturgie, und dann 
hielt er eine Anrede. Darauf wurden ihm zwei weifs und 
schwarz gefleckte Widder vorgelührt und er schlachtete 
den einen für die Gemeinde der Gläubigen und den an- 
deren für sich und seine Familie. Das Fleisch wurde jje- 
braten und das Fest endete mit dem Liebesmal, zu dem 
er nebst seinen Freunden auch die Armen einlud. 

Auch im Jahre 625 wurden die Fasten und das Yd 
auf diese Weise gefeiert, aber wahrsclieinlich schon im 
Jahre 626 erliefs er eine neue Verordnung: 

K. 2, 181. Jetzt ist der Monat Ramadhän, in welchem 
Gott herabgesandt hat den Koran zur Leitung für die Men- 
schen und zur Erleuchtung, welche da ist ein Theil der 
Leitung und Erlösung. Wer also diesen Monat daheim ist, 
soll ihn fasten, wer aber krank oder auf Reisen ist, soll 
eine [entsprechende] Anzahl von Tagen ein anderes Mal 
lasten. Gott will es für euch leicht und nicht schwer ma- 
chen. Ihr müfst aber die volle Anzahl Tage fasten und 
Gott dafür preisen, dafs er euch geleitet hat, und dank- 
bar sein. 

Da in den ersten zwei Jahren zufällig der Monat Ra- 
madhän in die Quadragesima fiel, machte Mohammad diesen 
zum Fastenmonat, reduzirte die Zeit von vierzig Tagen 
auf eine Lunation (29 oder 30 Tage) und hielt an das 
Moiidesjalir fest, weswegen die Fastenzeit der Moslime in 
32 Jahren durch alle Jahreszeiten läuft. Der Hauptgrund 
dieser Veränderung war wohl, dafs er sich auch von den 
Christen trennen und seine Religion selbstständig ausbil- 
den wollte. Auch fanden es die Moslime, da sie den Oster- 
Kalender nicht berechnen konnten '), unbequem und be- 



') Nach Thalaby, 2, 182, gab Mohammad dieBen Grund für 
die Abänderung des Fastengebotes offen an. Seine Worte sind: 



59 



schämend stets die Scliriltbesitzer zu fragen, um welche 
Zeit ihre Fasten anlangen und das Vd «{-eleiert uer- 



den soll. 



Die Ursache, nelche in dem so eben erwähnten Ko- 
räntexte für die AVahl des Kamadhän anj^egeben wird, ist 
interessant. In diesem Monate hat Gott durch die Herab- 
sendung der Offenbarung das Erlösungswerk an uns voll- 
bracht. Die Christen betrachten während der Fastenzeit 
die Erlösung durch den Heiland und nach der Ansicht der 
Moslime lasteten die Juden am Kipur zur Erinnerung an 
ihre Erlösung aus Egypten. (\ ergl. Anhang zum vor. Kap.) 
Es wollten also auch sie ihre Erlösung auf ähnliche Art 
feiern '). 

Im Jahre 626 Hng der Ramadhän am 4. Febr., im 
Jahre 627 am 24. Januar, im Jahre 628 am 14. Januar an 
nnd so entfernte er sich jedes Jahr weiter vom Filgerfeste 
oder Osterfeste, welches die Moslime bis A. H. 10 im Friih- 
linge zu feiern fortfuhren, weil es auch die Heiden im Früh- 
linge begingen. Das 'Yd löste sich somit in zwei Festtage 
auf: das kleine, welches am Schlüsse der P asten, und das 



„Wir sind keine Schriftgelehrten, wir halten daher keine [Zeit-] Rech- 
nung und schreiben nicht vor: dieser Monat hat so und so viele 
Tage — bei diesen Worten drückte er die Zahl (29) durch Indigi- 
tation aus, indem er den Daumen an den dritten Finger legte — 
und dieser Monat hat so viele Tage — hier zeigte er die volle 
Zahl dreifsig an. — " 

') Die Moslime haben die Ansichten des Mohammad schon 
in früher Zeit weiter entwickelt, um die Heiligkeit des Ramadhän, 
gegenüber der christlichen Fastenzeit zu vertheidigen. Schon Abu 
Dzarr soll gesagt haben (Tha'laby, Tafs. 2, 181): 

„Die Rollen wurden dem Abraham am 3. Ramadhän, die Thora 
dem Moses am 5., das Evangelium Jesu am 13., die Psalmen dem 
David und der Koran dem Mohammad am 24. Ramadhän, da also 
noch sechs Tage vom Ramadhän übrig waren, gegeben." 



60 

irrofse, welches am Tajje, an dem man beim makkanischen 
l'ilgerfeste die Opf'erthiere schlachtet, geleiert wnrde. Mo- 
hamn)ad leierte das eine auf dieselbe Weise wie das an- 
<lere, nur mit dem Unterschiede, dals er am ersten das Al- 
mosen sammelte und am zweiten das Üsterlamm schlachtete. 
Im Jahre 624 hat sich der Gesundheitszustand des 
Propheten bedeutend verschlimmert. Er bildete sich ein, 
mit Dingen beschäftigt zu sein, mit denen er in gar keiner 
Berührung stand '). Auch hatte er die Lust an seinen 
Frauen verloren. Gabriel sagte ihm, dafs seine Schwäche 
und Illusionen die Folge eines an ihm von dem Juden La- 
byd b. A'(]am aus der Familie Zorayk verübten Zaubers 
seien, und dafs der Talisman in einem Brunnen vergraben 
liege. Der Zauber wurde zerstört und der Prophet gewann 
neue Zuversicht und genas. 



') Einige wahnwitzige Geschichten fanden Glauben, wie z. B, 
ein Dialog, den er mit einer Kuh führte. Vergl. Moslim Bd. 2. S.457. 



Anhang' zum siebenzelmten Kapitel. 



Die Frauen des Propheten. 

Statt von Jahr zu Jahr den Zuwachs zu Moliaramad's Harem 
zu registriren, stelle ich hier die Nachrichten über seine erbaulichen 
Familienverhältnisse zusammen. In der Anordnung folge ich der 
Liste, welche uns Ibn Sad (Bd. 12. fol. 172 v.) von Zohry aufbe- 
wahrt hat, nur stelle ich Zaynab bint Chozayma unter No. 4, statt 
wie Zohry unter No. 8. 

1. Seine erste Frau war, wie wir wissen, Chadyga, und er 
heirathete, so lange sie lebte, keine andere. Er verlor sie im Jahre 
619, nach einer glücklichen Ehe von 24 Jahren. Sie war 65 Jahre 
alt als sie starb. 

2. Sawdä. Ihr erster Mann war Sakrän (Bd. n, S. 177). Nach 
dem Tode der Chadyga kam die lebenslustige Frau des 'Othmän b- 
Matz'ün (Bd. I, S. 38!)) zum Propheten, bot ihm ihre Dienste als 
Kuplerin an und sagte , sie glaube, dafs Sawdä eine passende Frau 
für ihn wäre. Er war sogleich dabei, und ehe Chadyga zwei Mo- 
nate unter der Erde lag, heirathete er jene (nach Ibn Sa'd im Ra- 
raadhän, April 619). Zu Anfang des Jahres 628 scheint sie noch 
in Gunsten gestanden zu haben, denn Mohammad wies ihr, wie der 
'Ayischa und anderen Frauen, aus den Revenuen von Chaybar 80 
Wask Datteln und 20 Wask Gerste oder Weizen zum Unterhalte 
an '). Später — nach Balädzory A. H. 8 = A. D. 629 — wollte er 
sie verstofsen, wie die Biographen sagen: wegen ihres vorgerückten 
Alters; die wahre Ursache scheint gewesen zu sein, dafs sie einen 
Schatz hatte. Da ihr Freund ein Eunuche war und sie auf ihre 
ehelichen Rechte zu Gunsten der 'Ayischa verzichtete, gelang es ihr 
den Propheten zu besänftigen. Gott billigte im Koran 4, 127 das 
neue Uebereinkommen. Mohammad behielt sie und am Tage der 



') Solche Geschenke nennt man Talma, Unterhaltsanweisungen. Wäkidy 
hat darüber eine Monographie, Kitäb alta'ima, hinterlassen. 



62 

Auferstehung wird sie, ihrem Wunsche gemäfs, unter seinen Gemah- 
linnen erweckt werden. Sie starb eu Madyna ungefähr im J. 643. 
Wenn die Angabe des Ibn Sa'd, dafs sie erst im Jahre 674 starb, 
richtig wäre, mufste sie ein sehr hohes Alter erreicht haben. 

3. 'Ayischa, die Tochter des Abu Bakr. Sie war 6 Jahre alt, 
als der fünfzigjährige Mohammad sich mit ihr verlobte, und zu neun 
Jahren trat sie schon in den Ehestand ein. „Ich safs, erzählte sie, 
mit anderen Mädchen in einer Schaukel als mich die Mutter rief. 
Ich ging zu ihr, wufste aber nicht, wozu sie mich wollte. Sie nahm 
mich bei der Hand und führte mich zur Hausthüre. Ahnungen mach- 
ten mein Herz pochen, doch nach einiger Zeit wurde ich wieder 
ruhig. Ich wasch das Gesicht und den Kopf, dann führte sie mich 
in das Haus, wo mehrere Frauen versammelt waren. Sie empfin- 
gen mich mit Glückwünschen und Segnungen und putzten mich. 
Als sie fertig waren, übergaben sie mich dem Propheten." Sie ist 
die einzige unter seinen Gemahlinnen, die er als Jungfrau gehei- 
rathet hat. 

Civilisation und Bildung entwickeln manche schöne Eigenschaf- 
ten, aber jene naiven, possierlichen Wesen, voll schalkhaften Ueber- 
muths, natürlichen Witzes und kindlicher Unbefangenheit, wieAyischa 
war, gedeihen am besten im Orient. Sie brachte ihr Spielzeug mit 
in das Haus ihres Gatten, ergötzte sich an Puppen und Kinderspie- 
len. Mohammad, welcher etwas frühzeitig in die zweite Kindheit 
eintrat, nahm herzlichen Antheil an ihrer Unterhaltung, gab biswei- 
len eine Anekdote zum Besten und belustigte sie durch Wettlaufen. 
Er war so sterblich in sie verliebt, dafs er selbst in der Moschee 
während des Gottesdienstes den Kopf unter ihren Schleier steckte, 
sie liebkoste und mit ihren Haaren spielte (Tha laby, Tafsyr 2, 183), 
und er verkündete den Gläubigen, dafs sie auch im Paradiese seine 
Frau sein werde. 

Im Hause trug sie nur Beinkleider (Nakba) oder sie hatte einen 
Schurz (Izär) um die Mitte gebunden. Höchstens warf sie noch ein 
Stück Callico wie einen Shawl über die Schultern. Wenn sie aus- 
ging, zog sie ein Hemd (Dir) an, hüllte den Hals, das Kinn und 
den untern Theil des Gesichtes in ein Tuch (Chimar), welches auch 
einen Theil der Brust bedeckte. Der Kopf, die Stirne und der Naken 
waren in ein anderes Tuch (Gilbäb) gewickelt, welches über die 
Schultern bis auf die Brust herabflofs. Weniger als diese drei Klei- 
dungsstücke (Hemd, Chimar und Gilbab), sagte sie, soll keine Frau 
anhaben, wenn sie die Moschee b<>sucht. Selbst dieser Anzug war 
dürftig genug, und es wird deswegen von den Biographen hervor- 
gehoben, dafs Maymüna einmal in einem langen Hemde und Chi- 



63 

mär, ohne Izär, beim Gebete erschien. Manchesmal hüllte sich 
Ayischa in einen grofsen Izär '), welcher den Kopf und die ganze 
Person bedeckte. Sie band ihn aber nicht, wie es schon in alten 
Zeiten Sitte war, um die Mitte, sondern wickelte ihn um den Kopf 
wie einen Gilbäb und hielt ihn, wie es scheint, vorne mit den Hän- 
den zusammen. Sie hatte auch einen Mantel von Floretseide '), 
diesen aber hing sie ihrem Neffen um und schenkte ihn demselben. 

Die Finger und Zehen schmückte sie mit goldenen Ringen ^). 
Die Haare waren so reichlich mit wohlriechenden Salben eingerie- 
ben, dafs diese ihr bisweilen über die Stirne herabträufelten. Ihre 
schönsten Kleider bestanden aus Sera, einem Stoffe von Baumwolle 
und Seide, nach Anderen bedeutet Sera schwerer Atlas. Sie liebte, 
wie alle Orientalinnen, die gelbe Farbe. Häufig trug sie sich fast ganz 
gelb, bisweilen war das Halstuch (Chimär) und das Hemd rosen- 
roth und die Beinkleider gelb. Die gewöhnlichste Farbe der Män- 
ner- und Frauenkleider scheint übrigens, wie jetzt noch in Indien, 
weifs gewesen zu sein. Wenn man gelbe Kleider (Mo^farät) trägt, 
so ist diese Farbe nicht dauerhaft, sondern die Kleider werden, so 
oft man sie wäscht, in einen Absud von Safran getaucht oder auch 
nur damit besprengt. Dies geschieht namentlich bei Hochzeiten und 
anderen Festen. Es wurde ihr einst ein feiner Pelz zum Geschenke 
angeboten und sie haschte gierieg danach. 

Im vierten Jahre der Higra (Januar 626) hatte sie ein kleines 
Liebesabenteuer, welches viel Aufsehen verursachte. Wir wollen ihre 
Erzählung hören. Dieselbe wurde von ihren Bewunderern verbes- 
sert (?) und von Zohry redigirt. Ich folge dem Texte des Bo- 
chäry S. 594 : 

Wenn der Prophet eine Reise machen wollte, looste er unter sei- 
nen Frauen und nahm diejenige mit, deren Loos herauskam. So 



') Izär bedeutet ursprünglich jedes Kleidungstück, womit man die Schaam 
verhüllt (Kulla mä satarak); speciell wurde der um die Mitte gebundene Schurz, 
welchen nicht nur Männer, sondern auch Frauen getragen (vergl. Bd. I, S. 405), 
so genannt. Weil aber durch Mohamniad's Gebot des Verschleierns jeder Theil 
des weiblichen Körpers gleichsam zur Schaam wurde, so wendete man (wenn es 
nicht schon früher aus derselben Rücksicht geschah) das Wort auch auf das 
Leinentuch an, in welches sich die Frauen hüllen. 

In einigen Traditionen wird auch eine Milhafa in der Garderobe der 'Ayi- 
scha genannt ; auch dieses ist ein grofses Stück Gallico, womit man den ganzen 
Körper vehüllt, oder ein Mantel. 

') In einer Tradition steht Mitraf chazzin und in einer andeem Kisä chaz- 
zin. Chazz bedeutet die Seide, weche, nachdem die langen Faden vom Cocon ab- 
gesponnen sind, übrig bleibt und wie Wolle mit der Spindel gesponnen wird. 

^) Obschon Chätim eigentlich Siegelring heifst, so werden doch auch die 
Ringe, welche die Orientalinnen an den Zehen tragen, so genannt. Vergl. Ibn 
Sad Bd. 12, fol. 76 r. 



64 

that er auch im Feldzug gegen Moraysy' und das Loos fiel auf mich. 
Es war damals schon das Gebot, dafs die Frauen sich verschleiern 
müssen, geoffenbart worden ; ich setzte mich also verschleiert in die 
Hauda, man hob mich darin auf das Kameel, band dieselbe auf 
dem Thiere fest und trat daim den Marsch an. 

Nach Vollendung des Feldzuges kehrten wir um und lagerten 
uns nicht sehr weit von Madyna. Nach Einbruch der Nacht liefs 
der Prophet den Ruf zum Aufbruche ergehen. Als ich den Ruf 
vernahm , stand ich auf, ging aufserhalb des Lagers und kehrte, 
nachdem ich meine Bedürfnisse verrichtet hatte, zu meinem Kameele 
zurück. Unterwegs fühlte ich an meine Brust und vermifste meine 
llalsschnur von tzafarischen Muscheln. Ich ging zurück, sie zu su- 
chen, und meine Sehnsucht dieselbe zu finden, hielt mich lange auf. 
Unterdessen hoben die Männer, deren Geschäft es war, mich in der 
Hauda auf das Kameel zu heben, letztere auf, banden sie, in der 
Meinung ich sitze darin, fest und der Zug setzte sich in Bewegung. 
Ihr Irrthum ist sehr begreiflieh, denn zu jener Zeit waren die Frauen 
leicht und mager '), weil sie äufserst schlecht genährt wurden, und 
aufserdem war ich damals noch sehr jung. Sie konnten also aus 
dem Gewichte der Hauda nicht wahrnehmen, dafs sie leer sei. Als 
ich das Halsband gefunden hatte, eilte ich nach dem Lager, fand 
aber weder einen Rufenden, noch einen Antwortenden. Ich dachte, 
wenn sie mich vermissen, werden sie zurückkehren, und setzte mich 
auf meinen früheren Platz nieder. Meine Augen wurden schwer und 
ich schlief ein. 

Der Solaymite Qafwän b. Mo'attal hatte sich nicht im Lager aufge- 
halten, sondern war zurückgebliebehi und ging am Morgen vorüber. Er 
bemerkte mich, ging auf mich zu, und da er mich ehe noch der Schleier 
eingeführt worden war gesehen hatte, erkannte er mich. Er weckte 
mich mit dem Rufe: „Wir sind Gottes und zu ihm kehren wir zu- 
rück" aus dem Schlafe. Ich zog augenblicklich mein Kopftuch (Gil- 
bäb) über das Gesicht und kann bei Allah schwören, dafs er nicht 
ein Wort mit mir geredet hat, ausgenommen den erwähnten Ruf. 
Er stieg vom Kameele, machte es niederknien, ich stieg auf und er 
führte es. Wir eilten der Armee nach und holten dieselbe gegen 
Mittag ein als sie gerade im Begriffe war, sich zu lagern. Ich war 
noch nicht vermifst worden. Erst da man mich also mit einem Manne 
daher reiten sah, ging der Lärm los. Indem sich der Zug aber in 

') Bei Soyü^y, KujjiV alschaj-cli ilU alscliabäba, sagt sie: Als icli mit dem 
Propheten verlobt war, bemühte sicli meine Mutter, mich fett zu machen [die 
Araber lieben nämlich beleibte Frauen] und .sie fand, dafs bei mir nichts bes:- 
8er anschlug als Gurken und frische Datteln...; durch deren Gonufs wurde ich 
rund. 



65 

Bewegung setzte, hatte ich keine AlnuHii^ von den Verleumdungen, 
die gegen mich ausgesprochen wurden. Nach meiner Ankunft in 
Madyna wurde ich schwer krank und lag fast einen Monat darnie- 
der. Die bösen Gerüchte kamen dem Propheten und meinen Eltern 
zu Ohren. Sie aber sagten nichts zu mir, doch fiel es mir auf, dafs 
der Prophet nicht so zärtlich gegen mich war wie sonst, wenn ich 
krank lag. Er besuchte mich zuweilen, grüfste mich und sagte nichts 
weiter als: „Wie geht's?" und entfernte sich wieder. 

Nach ungefähr zwanzig Tagen genas ich und machte mit 0mm 
Mistah unseren nächtlichen Spaziergang nach Manäri'. Auf dem 
Rückwege sprach sie von der Geschichte und fluchte ihrem eigenen 
Sohne, weil er daran glaubte. Ich bat den Propheten um die Er- 
laubnifs, zu meinen Eltern gehen zu dürfen. Von meiner Mutter er- 
fuhr ich denn auch, dafs der Vorfall zum Stadtgespräch geworden sei. 
Ich weinte die ganze Nacht. Der Prophet liefs den 'Alyy und Osama 
b. Zayd zu sich kommen und berieth sich, da er keine Weisung von 
Gott erhalten hatte, mit ihnen, ob er sich von mir nicht trennen 
soll. Alyy rieth ihm dazu, Osama aber sprach seine Ueberzeugung 
aus, dafs ich unschuldig sei. Am nächsten Tage kam er zu mir und 
fragte mich, ob ich schuldig oder unschuldig sei? Ich bat meine 
Eltern, für mich zu antworten. Diese wufsten aber nicht, was sie 
sagen sollten. Ich sprach: Ihr habt dieses Gerücht so lange gehört, 
dafs ihr euch daran gewöhnt habt, es für wahr zu halten. Wenn 
ich sage, ich bin unschuldig, so glaubet ihr mir nicht, wenn ich 
mich aber zu etwas bekenne, woran ich, Gott weifs es, unschuldig 
bin, so glaubet ihr es. Ich kann daher nichts Anderes sagen, als 
der Vater des Joseph, welcher sprach: die Geduld ist schön. Darauf 
ging ich zu Bette. Ich dachte, vielleicht wird der Prophet ein Traum- 
gesicht haben, in dem ich gerechtfertigt werde, aber dafs Gott we- 
gen eines armen Wesens, wie ich bin, eine Offenbarung herabsenden 
würde, habe ich nicht erwartet. Doch ehe der Prophet oder sonst 
Jemand das Gemach verliefs, befiel ihn ein Paroxysmus wie im Fie- 
ber, und er dauerte so lange, bis ihm Schweifstropfen wie Perlen 
grofs hinabrollten. Es war ein Wintertag, aber dies war die Wir- 
kung des Gevi^ichtes der Offenbarung, die er erhielt '). Als der 



') Prof. Weil hat i-s in Sybel's Zeitschrift für Geschichte, 1862, versucht, 
aus Ihn Ishnk's Version dieser Stelle zu beweisen, dafs Mohanimad's Anfälle 
nicht cataleptischer, sondern epileptischer Natur waren. Wenn wir mit Gewifs- 
heit sagen könnten : so hat 'Äyischa, oder auch nur der Redakteur der Erzählung 
über diesen Gegenstand gesprochen, dann dürfte man solchen Gebrauch von der 
Stelle machen. Traditionen sind aber sehr verschieden von geschriebenenen Do- 
kumenten und müssen ganz anders benutzt werden: wir müssen, wenn wir mehr 
als den allgemeinen Inhalt venvenden wollen , alle Versionen vergleichen. Von 

III. 5 



66 

Allfall vorüber war, lächelte er, und das Erste, was er sagte, war: 
O'Äyischa, Gott hat dich schuldlos erklärl! Meine Mutter sagte: 
Umarme ihnl Ich aber antwortete: Nein, ich umarme ihn nicht, 
aber ich preise Gott. Die Offenbarung, welche er bei dieser Gele- 
genheit erhalten hat, ist Kor. 24, n- 21. 

In dem Originale, welches ich in diesem Theile abkurze, wird 
besonders viel Mühe darauf verwendet, die Verschwiegenheit des 
gekränkten Ehemannes und der beschämten Eltern der'Ayischa ge- 
genüber zu niotiviren. Dies ist in der That, da aus Koran 24, 15 
deutlich hervorgeht, dafs sie zum Stadtgespräch geworden war, die 
schwächste Episode in der ganzen Geschichte. Ihre Mutter hätte 
ihr mit der gröfsten Zartheit sagen können: Höre Kind, deine Feinde 
haben böse Gerüchte in Umlauf gesetzt, erzähle mir den ganzen 
Hergang, damit ich dich rechtfertigen kann, und wenn Mohammad 
schon anfangs bereit war, ihr auf's Wort zu glauben, so hätte er 
die schmeichelhafte Aufforderung, offen ihre Unschuld zu betheuern, 
auch während ihrer Krankheit an sie ergehen lassen können. Ich 
kann die Vermuthung nicht unterdrücken, dafs'Ayischa nicht krank, 
sondern auf den Rath'Alyj's von ihrem Manne verstofsen worden. 
Daraus würde sich der Hafs, welchen sie bis an das Ende ihres 
Lebens gegen Alyy und seine Familie hegte und welcher schwere- 
res Unheil über die Muslime brachte, als Frim Brunhild's Zorn gegen 
Siegfried über die Nibelungen, erklären. 

Entlassen konnte sie Mohammad auf den Verdacht hin oder 
auch ohne Ursache, wenn aber ihre Schuld bewiesen worden wäre, 
hätte sie gesteiniget werden müssen. Obschon der Prophet an dem 
ehebrecherischen Judenpaar, wie auch an Ma iz und einer Gbamiditin 
das Todesurtheil ohne Barmherzigkeit hatte vollziehen lassen '), so 



dieser Tradition kenne ich deren vier (aul'scr der des Ibn Isliäk , Wäkidy und 
Bochüry :iueh die des Moslini Bd. 2, S. G31) und gerade in der fragliehen Stelle 
unterscheiden sie sich so wesentlich von einander, dals der einzige Schlnfs, wel- 
chen man daraus zidien darf, der ist: der Redakteur der Tradition habe geglaubt, 
dafs Mohammad die Oftenbarungen unter Anfiillen irgend einer Art erhielt, und 
diesen Umstand hat er benutzt, um seiner Erzählung mehr Leben zu geben. 
Die mehr oder weniger ausführliclie Besehreibung der Anfälle ist das Werk der 
Ueberlieferer nach ihm. 

') Diese zwei bekannten iiir Vergehen selbst und der Prophet hätte es genie 
gesehen, wenn sie entgangen wären. Sie wollten aber „gereinigt" sein. Mä'iz 
verlor ilen Muth, als Steine auf ihn geworfen wurden, und wollte entlaufen. 
Ein Moslim schlug ihn mit dem Knochen eines Kameeis nieder und die Steini- 
gung wurde vollzogen. Der Ghämidilin wurde Frist gewährt, die Frucht ihrer 
Liebe zu gebären und zu stillen. Als sie ihre Pflidit am Kinde gethan Iiatte, 
gab sie ihm ein Stück Brod in die Hand, um zu zeigen, dafs es essen kann, 
und brachte es zu Mohammad. Er gab das Kind einem Moslimen und befahl, 
sie bis an die Brust einzugraben ; dann schlug ihr Chälid mit einem Stein an 
den Kopf iiud dieses war das Signal, sie zu steinigen. — ISlisclikät S. 308. 



67 

änderte er jetzt das Gesetz, auffalJeiid aus Rücksicht ffir 'Ayiscba 
und ilire Eltern, dahin ab, dafs der Verführer und die Verführte mit 
hundert Peitschenhieben bestraft werden sollen und nach verbüfster 
Strafe sich nur an Ehebrecher und Ungläubige verheiratheii dürfen 
(Kor. 24, 2). Nach überstandener Strafe hätte also 'Ayischa Qaf- 
wän's Frau werden können. Es ist merkwürdig, dafs Mohammad 
zur Ehrenrettung seiner Geliebten betheuert, ^afwiin habe die 'Ayi- 
scha nie in ihrem Hause besucht, ausgenommen in seinem Beisein. 
Es seheinen also wirklich Besuche und Unterhandlungen stattgefun- 
den zu haben. Der Zeitraum v-on drei Wochen mochte den Zorn 
des Proplieten abgekühlt und ihn zur Ueberzeugung gebracht haben, 
dafs er ohne seine jugendliche Gefährtin, gegen die er viel mehr die 
nachsichtige Liebe eines Vaters, als die Eifersucht eines Gatten fühlte, 
nicht leben könne. Er liefs sich also offenbaren (Kor. 24, 4), dafs 
wer eine keusche Frau eines Vergehens beschuldigt, müsse vier Zeu- 
gen bringen, welche, wie das Gesetz näher bestimmt, den Akt mit 
Augen gesehen haben; gelingt es ihm nicht, diesen Beweis zu füh- 
ren, so wird der Verläumder zu achtzig Peitschenhieben verdammt. 
Mistah und Hamna, die Tochter des Gahsch, zwei der Hauptanklä- 
ger, liefsen sich auch wirklich diese Strafe gefallen , weil sie auf- 
richtige Moslime waren '). 

Allein der böse Leumund wurde dadurch nicht zum Schweigen 
gebracht. Die „Heuchler'" sprachen nur noch schlimmer von 'Ayi- 
scha. Unter ihren Verläumdern war Ibn Obayy am thätigsten. Mo- 
hammad versuchte es daher, ihn durch einen Staatsstreich aus dem 
"Wege zu räumen, um die Uebrigen, welche das neue Dogma, dafs 
'Ayischa unschuldig sein müsse, nicht anerkennen wollten, zu intimi- 
diren. Zu diesem Zwecke begab er sich zu Sa'd b. "Obäda, wel- 
cher unter den aufrichtigen Moslimen den gröfsten Einflufs auf die 
Chazragiten hatte, nahm ihn bei der Hand, führte ihn nebst einigen 
anderen angesehenen Männern in das Haus des orthodoxen Führers 
der Awsiten, Sa'd b. Mo'ädz; dieser bewirthete sie und Mohammad 
bestrebte sich, diese zwei Männer von der Unschuld seiner Frau zu 
überzeugen und das gute Einverständnifs zwischen ihnen zu befesti- 
gen. Einige Tage später führte er den letzteren in derselben Ab- 
sicht in das Haus des ersteren. Nach diesen Vorbereitungen bestieg 
er am folgenden Morgen die Kanzel und rief: Wer will mich ge- 
gen die Folgen schützen , wenn ich mich an einem , der mich ver- 
unglimpft hat, räche? Ich! antwortete Sa'd b. Mo'ädz, wenn es ein 
Awsite ist, schlage ich ihm den Kopf ab, gehört er aber zu unse- 

') Ibn Ishäk sagt, aucli (Ipf Dichter Hassan sei gcgcifsclt worden, Andere 
bezweifehi es. 

5* 



68 

ren Brüdern, den Chazragiten, so unternelimen wir gegen ihn, was 
du uns befehlen magst. Es war klar, dafs Mohammad den einflufs- 
reicben 'Abd AUab b. Obayy meinte, und deswegen erwidert der 
Chef der Chazragiten: Es ist dir nicht ernst, Sa'd, und wenn es 
ein Awsite ist, so bist du weder im Stande, noch willens, ihn zu 
tödten. Es kam in der Moschee zu heftigen Auftritten zw^ischen 
den beiden Stämmen, während welcher Mohammad schwieg. Der 
Mordversuch des erbärmlichen Theokraten mifslang; die Chazragiten 
mit dem sonst so ergebenen Sa d b. Obäda an der Spitze traten so 
energisch auf, dafs es Niemand wagte, den Ibn Obayy zu tödten. 

Es war eine andere für uns w^ichtige Persönlichkeit, der Poet 
Hassan, in dieser Sache betheiligt. Wenn auch die Talente dieses 
Mannes, nach seinen Poesien zu urtheilen, sehr untergeordnet wa- 
ren, so übertraf er doch alle Dichter von Madyna. Er war cha- 
rakterlos und feig, und statt in den Krieg zu ziehen, blieb er im- 
mer bei den Weibern zu Hause, selbst als seine Vaterstadt belagert 
wurde. Aber er hatte ein böses Maul , und wie arabische Kritiker 
sagen, war kein Poet tapferer in seinen Gedichten als er. Sein 
Aeufseres war phantastisch: die Haupthaare waren vorwärts ge- 
kämmt und hingen zwischen den Augen herunter. Den Backenbart 
liefs er schwarz, aber den Knebel- und Schnurbart färbte er mit 
Henna roth. Man fragte ihn, warum er sich so verunstalte? Er 
antwortete: damit ich wie ein Löwe mit blutiger Schnauze aussehe. 

Wenn es wahr ist, dafs er gegeifselt wurde, so war seine Galle 
gewifs aufgerüttelt, und das Mifslingen der Mordpläne des Prophe- 
ten gegen Ibn Obayy gab ihn) den Muth, ihr in einigen Versen ge- 
gen die Stämme, denen Mohammad angehört, Luft zu machen. Sein 
Spottgedicht wurde dem Propheten überbracht und er fragte: Wer 
will mir den Hassan aus dem Wege räumen? Der beleidigte Caf- 
wan erbot sich zu dem blutigen Geschäft und ging zu diesem Zwecke 
in die Burg Foray', wo sich Hassan aufhielt. Dieser ergriff die 
Flucht, als Cafwan sich ihm mit gezücktem Schwerte nahte; es 
wurde ihm jedoch die eine Wade gespalten. Die Familie, welcher 
der Dichter angehörte, die Manu Harith b. Chazrag, ergriffen den 
Thäter und hielten ihn einige Zeit gefangen. Sa'd b. 'Obäda und 
seine Verwandten mischten sich in diese Angelegenheit und es ge- 
lang ihrem Zureden oder der Gewalt, die Banu Harith zu bewegen, 
den Cafwän loszulassen. Sa'd kleidete ihn und brachte ihn zum 
Propheten. Als dieser ihn erblickte, rief er ihm entgegen: Möge 
Gott Den kleiden, der Dich gekleidet hat '). Auch Hassan wollte 



') In Wäkidy, Ms. Brit. Mus. 20737 fo). 105, ist eine andere Version der 
Gcächiclite. f^afwän verwundet den Dichter ohne Vorwissen des Mohammad, 



69 

sich zum Propheten bogeben. Seine Verwandten trugen ilin zwei 
Mal hin , er wurde aber nicht vorgehissen. Er hängte den anstöfsi- 
gen Versen andere an, in denen er verspricht, Salyren gegen die 
Korayschiten zu dichten bis sie die Lät und 'Ozza verlassen und 
an Mohammad glauben würden. Er liefs sich zum dritten Male 
zu Mohammad tragen und sprach: (Verse) 

„Ich habe Satyren gegen Mohammad gedichtet, aber ich habe 
ihn auch gegen Angriffe vertheidiget. Gott wird mich dafür belohnen. 

Mein Vater, meine Ahnen und meine Ehre sollen der Schild 
Sein für die Ehre des Mohammad gegen seine Feinde." 

Er fand nun Gehör und Genugthuung und erhielt als Entschä- 
digung für seine Wunde ein Gut von Mohammad, welches ihm spä- 
ter Mo'äwiya um einen enormen Preis abkaufte, um das Kayr al- 
därayn (das Schlofs mit den zwei Höfen, nämlich einen für die Män- 
ner und einen für die trauen) darauf zu errichten. Hassan, wel- 
cher schon vor diesem Vorfall Lobgedichte auf Mohammad verfafst 
hatte, machte nun Carriere, wurde zum „Dichter Gottes und des 
Propheten", pries die hervorragenden Persönlichkeiten und verspot- 
tete die Feinde des Islam. Er erhielt dafür manche werthvoUe Ge- 
schenke. Als der Vicekönig von Egypten dem Propheten zwei kop- 
tische Concubinen sandte, behielt dieser die eine für sich selbst, die 
andere, Sirene, aber gab er dem Dichter. Auch auf Ayisciia vei-- 
verfafste dieser ein Lobgedicht. Er erreichte seinen Zweck. 'Ayischa 
vergab ihm und sprach später nur Gutes von ihm. Ich theile noch 
einige Anekdoten über Hassan aus dem Kitab alaghäny, Bd. 1, 
fol. 201 ff., mit: 

Drei Korayschiten, 'Abd Allah b. Zibary, Abu Sofyän b. al- 
Härith b, 'Abd al-Mottalib und 'Amr b. al- A9, pflegten auf den 
Propheten Satyren zu dichten. Jemand sagte zu 'Alyy b. Aby Tä- 
lib: Mache Spottgedichte gegen das Volk, das uns verspottet. Alyy 
antwortete: Ich will es thun, wenn mir der Prophet die Erlaubnifs 
dazu giebt. Als aber der Prophet um seine Einwilligung gefragt 
wurde, sagte er: Al}^ ist nicht der Mann dazu! Dann wandte er 
sich zu den An^ärern und sprach: Warum solltet ihr, die ihr uns mit 
euren Waffen helfet, nicht auch mit euren Zungen Beistand leisten? 
Hassün trat hervor und bot ihm an, die Aufgabe zu übernehmen. 
Der Prophet berührte die Spitze seiner Zunge und sprach: Bei Gott, 
keine Zunge zwischen Bo^rä und Qan'a macht mir mehr Freude als 



wird ergriffen und gebunden und zu diesem geführt. Der Prophet befiehlt, dafs 
er eingekerkert und im Falle, dafs Hassan sterben sollte, hingerichtet werde. 
Hassan und seine Verwandten werden von Sa'd beschwichtiget. Cafwän erhält 
seine Freiheit und ein Ehrenkleid. Mohammad ist höchlich erfreut darüber, ent- 
schädigt aber auch den Dichter. 



70 

diese. Aber wie wirst da die Korayschiten verächtlich machen kön- 
nen, da ich doch einer von ihnen bin? Hassiin erwiderte: Ich nehme 
dich aus ihnen heraus, wie man ein Haar aus dem Teig herau&- 
klaubt. Drei An^ärer machten Spottgedichte auf die Korayschiten, 
Hassan, Ka'b b. Miilik und 'Abd Allah b. Rawaha. Die zwei ersten 
griffen sie auf demselben Boden an, auf dem sie die An^ärer angrif- 
fen; sie sprachen von ihren Schlachten und Niederlagen, und be- 
schimpften sie. Abd Allah b. Rawaha aber warf ihnen ihren Un- 
glauben vor. So lange sie Heiden waren, schmerzten sie am meisten 
die Angriffe des Hassan und Ka'b, als sie sich aber bekehrt hatten, 
die des 'Abd Allah. 

Der Prophet hatte eine so grofse Bewunderung für die poeti- 
schen Schöpfungen des Hassan, dafs er erklärte, er sei mit dem 
heiligen Geiste erfüllt. Um ihn in den Stand zu setzen, seine An- 
griffe recht persönlich zu machen, befahl er dem Abu Bakr, den 
Hassitn mit den Familienverhältnissen der Makkaner bekannt zu ma- 
chen, und wohl auch eine gelinde Censur zu üben. Wenn den Ko- 
rayschiten eine beifsende Satyre zu Ohren kam, sagten sie: dahatte 
wieder Abu Bakr seine Hand im Spiele. Einst machte Mohammad 
eine Reise und bat den Dichter, ihn zu begleiten und ihm seine 
Poesien vorzutragen. Der Prophet hörte ihm die ganze Nacht mit 
der gröfsten Aufmerksamkeit zu und sagte, als Hassan seinen Vor- 
trag vollendet hatte: Sie sind schmerzlicher für unsere Feinde als 
Pfeile. Seiner heftigen Angriffe wegen und weil er es auch mit dem 
Propheten nicht immer ganz redlich meinte, nannten ihn einige Gläu- 
bige nach dem Tode seines Beschützers „den Verfluchten*^. Die 
Moslime sind sonst mit solchen Ausdrücken nicht so verschwende- 
risch als wir. 

Als Makka erobert war und die Einwohner sich bekehrten, 
hatten die gegen sie gerichteten Spottgedichte ihr Wirkung ge- 
than. Der Chalyfe 'Omar verbot daher, sie zu recitiren; denn, 
sagte er, sie können jetzt nur noch dazu dienen, die alten Feind- 
seligkeiten, welche der Islam ausgeglichen hat, am Leben zu er- 
halten. Einige Zeit nach diesem Verbote kamen der Sahmite 'Abd 
Allah b. Zib'ary und der Fihrite Dhirar auf Besuch zu ihrem Freunde 
Abu Ahmad b. Galisih nach Madyna. Sie baten diesen, den Hassan 
einzuladen, um, da sie jetzt ausgesöhnt waren, dessen Gedichte aus 
seinem eigenen Munde zu hören und auch ihm die ihrigen vorzu- 
deklaniiren. Der Dichter freute sich, die nähere Bekanntschaft sei- 
ner früheren Gegner zu machen und fragte sie, ob sie den dichte- 
risclien Kampf eröffnen wollten. Sie waren damit zufrieden und 
recitirten alle Spottgedichte, die sie gegen ihn verfafst hatten. Has- 
san platzte fast vor Aerger, als er all den Schimpf vernahm, und 



71 

selinte sicli nach diTii Augenblick, wo si« ihre Deklamation vollen- 
det hätten und er seine Gedichte recitiren konnte. Aber als sie 
fertig waren, schwangen sie sich, ohne ihn zum Worte kommen zu 
lassen, auf ihre Kameele und eilten gegen Makka zu. Hassan be- 
gab sich nun zum Chalyfen und erzählte ihm, dafs sein Befehl auf 
eine solche hinterlistige Weise übertreten worden sei. 

Dliirar sah die Folgen seines Scherzes voraus, und als sie in 
Rawhii, 40 arab. Meilen von Madyna, angekommen waren, sagte er 
zu seinem Gefährten: Du wirst sehen, Hassan wird khig(Mi und 
Omar wird uns zur Rechenschaft ziehen ; es ist daher besser, wir 
bleiben hier und warten den Verlauf der Sache ab. Er hatte kaum 
ausgesprochen, als schon ein Bote von Omar ankam und sie nach 
Madyna zurückzukehren auftorderte. Als sie zum Chalyfen kamen, 
wurde auch Hassan gerufen. Es war eine grofse Anzahl von Men- 
schen zugegen und Omar befahl dem Hassan, seine Satyrcn gegen 
die zwei Dichter vorzutragen. Als dieser fertig war, sagte 'Omar 
zu den beiden Dichtern: Ihr könnt jetzt hier bleiben oder nach 
Makka zurückkehren. Dem Hassan ist Genugthuung zu Tlieil ge- 
worden, denn er hat den Vortheil gehabt, seine Gedichte öffentlich 
vorzutragen, während ihr die eurigen in einer Privat -Gesellschaft 
deklamirt habt. Dann wendete er sich zu den anwesenden An^ärern 
und fuhr fort: Ich habe euch verboten Verse im Gedächtnisse zu 
erhalten, welche an die alten Feindschaften zwischen den Moslimen 
und den Heiden erinnern. Wenn sich aber die Gegenpartei in diese 
Verordnung nicht fügt, so müfst ihr eure Gedichte aufschreiben, sie 
auswendig lernen und in einen Dywän sammeln. 

Um die Tochter seines treuesten Freundes und besten Rathge- 
bers, ohne sich der öffentlichen Verachtung preis zu geben , wieder 
zu sich nehmen zu können, bestimmt Mohammad im Koran 24,6, 
dafs auch der Gatte keinen Verdacht gegen die Keuschheit seiner 
Frau hegen dürfe, wenn er nicht vier Zeugen hat. Selbst wenn er 
sie flagrante delicto ertappt, hat er fünf Eide abzulegen, welche aber 
durch fünf Eide der Frau entkräftet werden können. Endlich ver- 
öffentlichte er folgende wohlüberdachte und unpoetische Offenbarung, 
in der Absicht, die Gemüther wieder zur Ruhe zu bringen: 

K. 24, 11. Diejenigen von euch, welche die VerläumJung ver- 
breiteten, sind nicht zahlreich, etwa zwei oder drei Dutzend. Glau- 
bet nicht, dafs sie euch schadet, sie ist vielmehr zu eurem Besten. 
Jeder Verläumder wird den Lohn seines Vergehens ernten. Den am 
meisten Gravirten (Hassan) erwartet eine grofse Strafe 'j. 



') lui Original stellt ki'iii Vcrbuni. Weil die Meisten eine Verdamnuiug 
zur Hölle darunter verstanden haben und Hassan als Moslini starb , so glauben 



72 

vj. Warum habt ihr, gläubige Männer und Frauen, als ihr die 
Geschichte hörtet, nicht gut von eurem Nächsten gedacht und ge- 
sagt: Dies ist eine offenbare Verläumdung? 

13. Warum haben die Ankläger nicht vier Zeugen gebracht 
[um den Ehebruch zu beweisen]; da sie keine Zeugen haben, so 
wisset, dafs sie vor Gott als Lügner angesehen werden. 

14. Ruhte nicht die Gnade und Barmherzigkkeit Gottes in die- 
ser und in jener Welt auf euch, so würde euch dieses eures Ge- 
schwätzes wegen , indem ihr die Verläumdung mit euren Zungen 
verbreitetet, eine grofse Strafe befallen haben. Ihr sprechet ja mit 
eurem Mund über Dinge, wovon ihr nichts wifst, und nehmet die 
Sache leicht, die doch vor Gott von grofsem Gewichte ist. 

15. Warum habt ihr nicht, als ihr die Geschichte hörtet, ge- 
sagt: Es schickt sich nicht, dafs wir uns darüber aussprechen. Got- 
tes Glorie! dies ist eine ernste Verdächtigung. 

IG. Gott warnt euch, nie wieder solches zu thun , wenn ihr 
Gläubige seid, 

17. und Gott erklärt euch die Zeichen, denn Gott ist wissend 
und weise. 

18. Wahrlich, Diejenigen, welche sich freuen, wenn sich über 
die Gläubigen schmähliche Gerüchte verbreiten, erwartet eine pein- 
liche Strafe 

19. in dieser und in der anderen Welt. Gott ist wissend, ihr 
aber nicht. 

20. Ruhte nicht Gottes Gnade und Barmherzigkeit auf euch, 
dann — — Aber Gott ist milde und barmherzig. 

21. O Gläubige, folget nicht der Fufsspur des Satans. Wer 
der Fufsspur des Satans folget, wisse, dafs er das Schändliche und 
Unerlaubte gebietet; und ruhte nicht Gottes Gnade und Barmherzig- 
keit auf euch, so würde nie Jemand unter euch rein bleiben. Aber 
Gott erhält rein, wen er will, denn er hört und weifs Alles. 

22. Wahrlich, Diejenigen, welche keusche, arglose, gläubige 
Frauen verläumden, werden in diesem und in jenem Leben verflucht 
und es trifft sie eine grofse Strafe. 

Dafs 'Ayischa des Ehebruches schuldig war, läfst sich nicht 
beweisen. Aber eine Frau von fünfzehn Jahren, eine Orientalin, 



sie, dafs sich diese Worte auf 'Abd Allah b. Obayy bezielien. Allein Masruk 
sprach über diesen Gegenstand mit 'Äyischa und sie verstand eine zeitliche Strafe 
darunter. Sic sagte: „Ist das Erblinden nicht eine grofse Strafe?" Wenn diese 
Inspiration vor die Aussöhnung des Moljanimad mit Hassan fällt, so kann er 
die Hölle oder seine Älordpliine gegen Hassan gemeint haben. Ist der Vers spä- 
ter geoffenbart worden, so kann er bedeuten: er verdiente eine grofse Strafe, und 
eiue Rechtfertigung des ^afwän enthalten. 



73 

ohne Bildung und voll Uebermutb, und schon seit sechs Jahren das 
Spielzeug eines sechszigjährigen Wüstlings , befindet sich allein mit 
einem jungen Manne, und der junge Mann befindet sich allein mit 
einem schönen Weibe! Uns liegt übrigens nicht so viel an der 
Treue der 'Ayischa als an der Ueberzeugung des Mohammad. Aus 
dem Koran scheint deutlich hervorzugehen, dafs sie in seinen Aussen 
und noch mehr in den Augen des Publikums, wenn nicht schuldig, 
doch höchst verdächtig war, und dafs er in seiner häuslichen Ka- 
lamität zu Offenbarungen seine Zuflucht nahm. Diese Frivolität ist 
verdammenswerth. 

Einige Zeit nach diesem Abenteuer begleitete sie den Prophe- 
ten wieder auf einen Feldzug. Sie hatte den nicht sehr glücklichen 
Einfall noch einmal ihr Halsband zu verlieren. Diesmal machte sie 
aber Lärm und die Gläubigen gingen es suchen. Es kostete ihnen so 
viel Zeit, dafs sie das Gebet weit vom Lager entfernt, an einem 
Platze ohne Wasser verrichten mufsten. Da sie die vorgeschriebe- 
nen Ablutionen unterlassen hatten, trugen sie den Vorfall dem Pro- 
pheten vor. Er erhielt darauf eine Offenbarung, in welcher vorge- 
schrieben wird , dafs in Ermangelung des Wassers das Reiben des 
Gesichtes und der Arme mit feinem Sande als Ersatz für die Ab- 
lution gelte '). 

Nach dem Tode des Propheten war 'Aj-ischa die geheiligtste Per- 
son im ganzen Islam und es gab keine Staatsintrigue , in der sie 
nicht die Hauptrolle übernahm, noch einen Parteikampf, den sie 
nicht schürte. Sie überlebte den Propheten um 47 Jahre und ätarb 
67 Jahre alt zu Madyna am 13. Juli 678. Sie konnte lesen, besafs 
ein Korcinexem[ lar, hatte gröfsere Kenntnisse in der Theologie, wie 
auch in der Genealogie, und in Sagen und Gedichten der Araber, 
als alle anderen Wittwen des Mohammad zusammen. Ja, sie soll 
Gedichte, besonders des Labyd, von hundert und zweihundert Ver- 
sen auswendig gewufst haben. Sie hat viele Aussprüche des Pro- 
pheten und Nachrichten über sein Leben überliefert, und die mei- 
sten tragen das Gepräge der Authenticität. Schon während der Re- 
gierung ihres Vaters Abu Bakr und noch mehr in späterer Zeit galt 
sie als die höchste Instanz in religiösen und juristischen Fragen. 

Das Ansehen, welches sie genofs, verdankt sie übrigens nicht 
ihren Talenten allein. Sie wurde von der politischen Partei ihres 
Vaters als ein Talisman gegen die 'Aliten benutzt. Diese stellten 
ihr eine andere Wittwe des Propheten, die 0mm Salama, entgegen. 
'Alyy ernannte ihren Sohn 'Omar zum Gouverneur von Bahrayn 
und später von Masabdzän, und sie stand unter dessen Schutz. Aber 



') Bochdrj- S. 532. Ibn Sad fol. 85. 



74 

sie besafs weder den Geist der Intrigue ihrer Gegnerin, noch war 
'Alyy und seine Partei so frei von Skrupehi, wie ihre Feinde, und 
der Versuch, ein Gegengewicht gegen den Einflufs der "Ayischa zu 
finden, mifslang vollstcändig. Als die 'Abbäsiden vereint mit den 
'Aliten gegen die Oniayyiden zu intriguiren anfingen, war 'Ayischa 
schon lange todt, und nun erfand man eine Anzahl Traditionen zu 
Gunsten der Chadyga, und sie mufste die Verehrung, welche etwa 
noch für 'Ayischa unter den Moslimen fortlebte, mit der Mutter der 
Nachkommen des Alyy theilen. Einige von diesen Traditionen wur- 
den klüglich der 'Ayischa in den Mund gelegt. 

4. Zaynab bint Chozayma , die Hilälerin , aus einem der Ha- 
wäzinstämnic, war zuerst die Erau des Tofayl b. Härith, er entliefs 
sie und es vermählte sich sein Bruder 'Obayda mit ihr. Nachdem 
dieser bei Badr gefallen war, nahm sie im Raniadhfm A. H. 3 (Febr. 
(i25) der Prophet und gab ihr ein Heirathsgut von zwölf und einer 
halben Unze Goldes '). Achtzehn Monate darauf wurde sie ihm 
durch den Tod entrissen in einem Alter von 30 Jahren. Anderen 
Nachrichten zufolge war 'Abd Alh.ih b. Gahsch, welcher bei 'Ohod 
fiel, der Vorgänger des Mohammad, und sie starb schon zwei Mo- 
nate nach der Heirath. 

5. IIaf(,^-a, eine Tochter des 'Omar. Sie wurde im Jahre ü07 
oder G05 geboren und war zuerst an Chonays b. Hodzäfa verlieira- 
thet. Er starb an den bei Badr oder Ohod erhaltenen Wunden, und 
nun trug Omar ihre Hand nach einander dem Abu Bakr und dem 
'Othmän (welcher soeben die Rokayya verloren hatte) an; aber 
keiner wollte sie haben. Dann ging er zum Propheten, welcher 
sogleich auf den Vorschlag einging. Die Heirath fällt in Januar 
025, so dafs sie höchstens zwanzig Jahre alt war. Mohammad 
wollte sie später entlassen, aber dem 'Omar zu Liebe behielt er 
sie. Sie starb A. H. 4ö oder 41 (A.D.Oct. 065 oder 001). 

6. 0mm Salama aus der Familie Machzüm. Die Biographie 
ihres Mannes wird Bd. I. S. 433 und ihre Reise nach Madyna Bd. IL 
S. 536 beschrieben. Weil der Harem des Mohammad so reichlich 
besetzt war, weigerte sie sieh, seine Frau zu werden und gab als 
Grund an, dafs sie zu alt sei, viele Kinder habe *) und an Eifer- 
sucht leide. Sie war sehr schön und er war daher entschlossen, 
sie zu bestitzen. Darum antwortete er ihr: Ich bin viel bejahrter 
als du, will für deine Kinder sorgen und Gott bitten, dafs er dich 



') Zuliry erwäliiit nicht das O.ituiii (K-r lloiriilli, in-init abiT ilircu Namen 
nach Zaynab bint Gahsch und vor l-JayhAna. Va- scheint, also der Ansicht ge- 
wesen zu sein, dafs die Heirath iin Jahre ü27 stattgefunden haben. 

^) Omar, Salama und zwei Miidchcn : Zaynab und ISarra. 



75 

von der Eifersucht befreie. Nach anderen Nachrichten betete sclion 
ihr erster Mann auf dem Todtenbette, dafs sein Nachfolger zu ei- 
nem noch höheren Platze im Paradiese bestimmt sein solle, als er 
selbst, und sie wiederholte dieses Gebet nach seinem Tode mit 
solcher Inbrunst, dafs Gott das Herz des Propheten mit Liebe für 
sie entflammte. Nach der Hochzeit, welche im März 626 gefeiert 
wurde, Hefs er ihr die Wahl, ob er drei Tage bei ihr wohnen, dann 
der Ordnung gemärs die übrigen Frauen besuchen soll und nachher 
wieder zu ihr zurückkommen, oder ob er sich sieben Tage bei ihr 
aufhalten soll; in diesem Falle, fügte er hinzu, bleibe ich auch bei 
deinen Genossinnen je sieben Tage. Sie wählte das erstere, und 
es wurde daher zur Regel für die Rechtgläubigen, einer neuen Frau 
drei Tage zu schenken. Nach einer Tradition erhielt sie als Braut- 
geschenk eine Handmühle, einen hölzernen Napf, ein Bett und an- 
deres Geräth: alles zusammen im Werthe von 40 Dirhemen. Nach 
anderen Nachrichten war Mohammad viel splendider gegen seine 
Frauen. Ich habe, sagte er zu 0mm Salaraa, an den König von 
Abessynien ein Geschenk, bestehend aus mehreren Unzen Moschus 
und einem schönen Unter- und Oberkleide, geschickt. Ich bin aber 
überzeugt, dafs er schon todt ist. Wenn die Geschenke zurückkom- 
men, sollst du sie haben. Sie kamen auch wirklich zurück und er 
gab jeder seiner Frauen eine Unze Moschus und den Rest nebst dem 
Kleide der 0mm Salama. Sie starb im Dzü-lkada A. H. 5'J oder 
62, 84 Jahre alt. 

7. Gowayriya. Im Feldzuge gegen Moraysy' (Januar 626) He- 
len mehrere Frauen des Mo(,"talikstammes in die Gefangenschaft der 
Moslinie. Darunter befand sich die zwanzigjährige Barra, deren An- 
muth und Heiterkeit sie, wie Ayischa versichert, unwiderstehlich 
machte. Bei der Vertheilung der Beute hei sie dem Thäbit b. Kays 
zu. Sie war aus einer angesehenen Familie und war versichert, 
dafs sie losgekauft werden würde. Sie unterhandelte daher über 
den Preis ihrer Freiheit und kam mit ihm überein, neun oder zehn 
Unzen Goldes zu bezahlen. Als die Bedingungen festgesetzt waren, 
begab sie sich zum Propheten, um sich mit ihm darüber zu bespre- 
chen. Er unterlag beim ersten Anblicke ihren Reizen, machte ihr, 
um sich über die Untreue der 'Ayischa zu trösten, einen Heiraths- 
antrag, bezahlte ihr Lösegeld und gab als Brautgeschenk mehreren 
ihrer Schicksalsgenossinnen die Freiheit. Die Moslime befreiten 
die übrigen; denn, sagten sie , die Frauen eines Stammes, mit dem 
sich unser Meister verschwägert hat, sollen nicht Sklavinnen sein. 
Sie starb A. H. 56 (A. D. 676) in einem Alter von 60 oder 65 Jah- 
ren. Ihr erster Mann war der Mo(jtalikite Mo^äfi'. 



76 

8. Die Asaditin Zajnab, eine Tochter des Gahsch; sie liiefs 
ursprünglich Barra, der Name Zaynab wurde ihr erst vom Pro- 
pheten gegeben. Sie war an seinen Adoptivsohn Zayd verheiratbet. 
Wie schon Bd. I. S. 400 erzählt worden ist, verliebte sich Moham- 
mad in sie und bewog jenen, sie zu entlassen, damit sein Meister sie 
ehelichen könne. 

Zaynab war von ernster Gemüthsart, aufrichtig von der Sen- 
dung des Mohammad überzeugt, und die innige Zuneigung für ihn 
war eine Frucht der Frömmigkeit. Da des Propheten Liebesver- 
hältnifs mit ihr in die Zeit der Untreue der 'Äyischa fällt, so hat 
er w^ahrscheinlich auch dieses angefangen, um sich zu trösten. Sie 
machte es zur Bedingung derHeirath, dafs sie durch eine Offenba- 
rung sanctiouirt werde. Eine solche vorzuweisen, kostete dem Mo- 
hammad wenig Mühe. Sie rühmte sich daher bis an das Ii^nde ih- 
res Lebens, dafs sie diejenige seiner Frauen sei, deren Ehe von 
Gott selbst im sieTjenten Himmel geschlossen worden. Auf Erden 
wurde sie im Jahre 4 der Flucht (April 626) nach dem Feldzuge 
von Moraysy ') durch ein Gastmahl gefeiert, zu dem mehrere Fremde 
geladen waren. Die ältere Tradition sagt, dafs ein Lamm geschlach- 
tet und geröstet wurde. Nach einer jüngeren Nachricht brachte 
Anas den Brautleuten ein spärliches Gericht von Butter und Dat- 
teln. Mohammad befiehlt ihm, seine Freunde und alles Volk, wel- 
ches in der Moschee und auf der Gasse war, zu laden. Der Zu- 
drang war so grofs, dafs die Hütte und der Hof gedrängt voll von 
Menschen war. Der Prophet berührte nun das (Bericht mit drei 
Fingern und es vermehrte sich dermafsen, dafs alle genug zu essen 
fanden. Wahrscheinlich sollte dies als ein Gegenstück zur Hoch- 
zeit von Kana dienen. 

Nach dem Mahle, als sicli die meisten Gäste entfernt hatten, be- 
suchte der Prophet die Hütten aller seiner Frauen und richtete einige 
freundliche Worte an sie. Er kehrte dann zu seiner Braut zurück 
und liofTte jetzt allein mit ihr zu sein. Er fand aber noch zwei oder 
mehrere Gäste im Hofe. Diese Unbescheidenheit veranlafste ihn, 
den Koränvers 33, 53 zu veröffentlichen, worin er ihnen verbietet, 
ohne Erlaubnifs seine Hütten zu betreten und ihnen aufträgt, sich 
zu entfernen, wenn ihre Geschäfte vollendet sind, seine Frauen nicht 



') Ibn Sa'd Bd. 12, S. 89 und 173 v. Dies ist wichtig, denu es unter- 
liegt keinem Zweifel, dafs das Gebot des Verschloicrns erst nach der Hochzeit 
gegeben worden ist; in der S. 64 angeführten Tradition über das Liebesabenteuer 
der 'Äyischa aber, welches auf dem Rückwege von Moraysy' stattfand, wird 
angenommen, dafs das Gebot schon bestand. Für den Redakteur der Geschichte 
des Abenteuers war diese Annahme recht bequem, weil ein Fehltritt, wenn sich 
'Äj-ischa augenblicklich verschleiert hatte, weniger walirscheinlich war. 



77 

anzusehen und nur durch einen Vorhang mit ihnen zu sprechen. 
Dieses ist das Gebot, dafs die Frauen sich vor den Männern ver- 
schleiern sollen. Später hörte er, dafs Talha ein Auge auf 'Ayischa 
habe und sie nach seinem Tode zu heirathen gedenke. Er verbot 
daher in einem Zusätze zu diesem Verse die Wiederverheirathung 
seiner Weiber. 

Zaynab war sehr arbeitsam; sie hatte die Gerberei und das 
SchuhflicUen gelernt und fuhr fort, ihr Gewerbe auch als Frau Gott- 
gesandtin zu betreiben, gab aber den Ertrag den Armen. Als der 
Chalyfe'Ümar ihr das Wittwengehalt von 12000 Dirhemen zuschickte, 
liefs sie das Geld mit einem Tuche bedecken und sagte zu einer 
ihrer Freundinnen: Stecke die Hand unter das Tuch, nimm eine 
Hand voll Geld und trage es zu den Armen der Familie N. Sie 
fuhr fort, auf diese Art das Gold zu vertheilen bis, als das Tuch 
aufgehoben wurde, nur noch 85 Dirherae darunter waren. Einst 
schickte ihr Omar aus dem Staatsschatze fünf Kleider. Sie wählte 
eins aus, welches iiir selbst als Leichenanzug dienen sollte, und ein 
anderes gab sie zu demselben Zwecke ihrer Schwester Hamna. 

Auf dem Todtenbette drückte sie den Wunscli aus, dafs sie 
auf der Bahre, auf der Mohammad gelegt, zur letzten Ruhestätte 
getragen werde. Diese Auszeichnung wurde dann auch anderen 
Frauen erwiesen. Marwän b. Hakam liefs mehrere Bahren anferti- 
gen , vertheilte sie unter die Stadtviertel von Madyna und befahl, 
dafs in Zukunft nur hochgestellte Personen auf die Bahre des Pro- 
pheten gelegt werden sollen. Es scheint, dafs früher das Gesicht 
der Leichen unbedeckt war. Als Zaynab starb, befahl der Chalyfe, 
dafs sich ihr nur ihre nächsten Verwandten nahen dürfen, denn es 
wäre ein arger Verstofs gegen den Anstand gewesen, wenn sie von 
fremden Männern gesehen worden wäre. Die Tochter des 'Omays 
machte den Vorschlag, welcher dann auch allgemein in den Islam 
eingeführt wurde, dafs man nach abyssinischer Sitte die Leichen mit 
einem Tuche bedecke. Ihre Beerdigung gab zu einer anderen Neue- 
rung Anlafs: Es war sehr heifs und Omar liefs daher ein Zelt auf- 
schlagen, unter welchem die Todtengräber arbeiteten. Später wurde 
es Sitte, Zelte über die Gräber zu errichten. Zaynab starb A. H. 
21 in einem Alter von 53 Jahren, sie war also ungefähr 35 Jahre 
alt , als sie Mohammad heirathete. Sie hinterliefs kein Vermögen 
aufser ihrer Hütte, welche ihre Familie an den Chalyfen Walyd um 
50000 Dirheme verkaufte. 

9. Die Jüdin Rayhäna war dieWittwe eines Koraytziten, welchen 
Mohammad im April 627 grausam hinrichten liefs. Sie wurde, wie 
die übrigen Koraytziten, als Sklavin gefangen gehalten, weil sie aber 
Mohammad bewunderte, brachte er sie bei einer Nachbarin unter 



78 

und machte ihr einen Ileirathsantrag. Anfangs weigerte sie sich, 
die Religion ihrer Väter abzuschwören und ihm die Hand reichen. 
Eines Tages jedoch kam der abtrünnige Jude Ibn Saya und mel- 
dete dem Propheten Rayhana's Bekehrung. Er schenkte ihr nun 
die Freiheit, nahm sie zur Frau und gab ihr ein Brautgeschenk von 
zwölf und eine halbe Unze Gold. Sie starb im Jahre 632, vor Mo- 
hammad. 

10. 0mm Habyba, eine Tochter des Abu Sofyän. Sie beglei- 
tete ihren Mann 'Obayd Allah b. Gahsch in der zweiten Flucht nach 
Abyssinien. Er bekehrte sich daselbst zum Christentbume und starb. 
A. H. 7 oder 8 (627 — H) schickte Mohammad einen Boten, 'Amr b. 
Omayya Dhamry, zum Naggäschy und verlangte die Wittwe, welche 
eine Tochter, Namens Ilabyba, geboren hatte und schon 34 oder 
36 Jahre alt war, zur Frau. Sie wurde an ihn in Abyssinien pro 
cura verheirathet; der Naggilschy vertrat ihn bei der Ceremonie und 
überreichte der Braut ein Geschenk von 400 Dyniir oder 4000 Dir- 
hemen und schickte sie nach Madyna. Sie starb A. II. 41 oder 44, 
als ihr Bruder der Beherrscher des Moslimen- Reiches war. 

11. Die Jüdin Qafyya, eine Tochter des Hoyyay, war zuerst 
an Saliäm b. Mishkam vermählt. Dieser verliefs sie und sie wurde 
die Frau des jüdischen Dichters Kinana. Sie gehörte dem Stamme 
Nadhvr an und begleitete bei der Vertreibung desselben aus Ma- 
dyna ihre Familie nach Chaybar. Ihr zweiter Mann wurde bei der 
Einnahme dieser Stadt, A. H. 7 (Oct. 628), getödtet und sie fiel nebst 
vielen anderen Töchtern Israels in die Hände der Moslirae. Ihre 
Jugend (sie war erst 17 Jahre alt) und Schönheit bezauberten den 
Propheten und er sclienkte ihr die Freiheit unter der Bedingung, 
dafs sie seine Frau werden solle. Sie nahm den Antrag mit Wi- 
derwillen an. Seine Galanterie ging so weit, dafs er ihr den Schen- 
kel liinhielt, damit sie vermittelst desselben auf das Kameel steige, 
und sie auf dem Wege mit seinem Mantel bedeckte, denn er safs 
vor ihr. Schon zwei Stunden Weges von Chaybar wollte er Hoch- 
zeit machen, sie aber weigerte sich, was er begreiflicher Weise sehr 
übel aufnahm. Zu (^ahba, vier Stunden von Chaybar, wurde Halt 
gemacht, und sie fand es zweckmäfsig, keinen weiteren Widerstand 
zu leisten. Sie wurde zwei Frauen übergeben, welche sie wuschen, 
kämraten und putzten. Unterdessen schlug man ein Zelt auf, oder 
wie andere berichten, hängte man KU^ider an einen Baum, um ei- 
nen abgeschlossenen Platz zu bilden, und breitete ein Stück Leder, 
welches als Thalamus dienen sollte, auf die Erde aus. Hier empfing 
der Gesandte Gottes seine Braut. Er war so entzückt, dafs er die 
ganze Nacht mit ihr sprach und kein Auge schlofs. Er fragte 
sie unter Anderem, warum sie sicli in der früheren Station dagegen 



79 

gesträubt liabe, ilim die Hand zu reichen? Sie antwortete klüglich, 
dafs sie seine Verschwägerung mit den Juden für unzweckmäfsig hielt. 
Die Moslinne hatten sich von seinem Zelte aus Anstand entfernt, nur 
Abu Ayyüb blieb in der Nähe und zwar mit dem Säbel in der Hand. 
Am folgenden Morgen fragte ihn Mohammad nach der Ursache. Er 
antwortete : Du hast die Verwandten dieser Frau hinrichten lassen 
und ich dachte, es könnte ihr mit dem Islam nicht ernst sein und 
sie möchte die Absicht haben, dich zu tödten. Nach der Heirath 
lud der Bräutigam seine Freunde zum Schmaus und die junge Haus- 
frau bewirthete die Gäste mit Hays, d. i. zerquetschten Datteln mit 
geröstetem Mehl (Sawyk) und Butter zu einem Brei vermischt, und 
Dattelwasser (Nabydz). Um letzteres zu bereiten, zerstiefs sie am 
Abend Datteln in einem steinernen Mörser und gofs Wasser darüber, 
am folgenden Morgen gofs sie die klare Flüssigkeit ab und reichte 
sie zum Trank. 

Den Frauen des Propheten machte die Ankunft der (^afyya we- 
nig Freude. Er brachte sie in dem Hause eines Nachbarn unter 
und die ganze weibliche Bevölkerung von Madyna strömte bin, um 
die neue Mutter der Gläubigen zu sehen. Auch Ayischa war un- 
ter den Neugierigen. Mohammad fragte sie, ob sie die Qafyya schön 
linde? Sie antwortete mit Verachtung: Ach, eine Jüdin! Ein an- 
deres Mal warf sie ihr ihre jüdische Abkunft vor und Mohammad 
sagte zur Cafyya, warum antwortest du nicht: Mein Vater ist Aaron 
und mein Onkel Moses? Zaynab, die Tochter des Gahsch, fiel in 
Ungnade, weil sie sich derselben Indiscretion schuldig ma'chte, und 
wurde vom Propheten zwei oder drei Monate vernachlässigt, (^afyya 
starb A. H. 52 und hinterliefs ein Vermögen von 100000 Dirheraen, 
wovon sie ein Drittel ihrem Neffen, einem Juden, hinterliefs. Mau 
wollte es ihm vorenthalten, aber Ayischa sprach für strenge Hand- 
habung der Gerechtigkeit und es wurde ihm verabfolgt. 

l'i. Maymüna, aus dem Stamme Hiläl. Sie war zweimal ver- 
heirathet gewesen, als sie Mohammad im Schawwäl oder Dzu-lka'da 
A. H. 7 (Jan. od. Febr. 629) zu Sarif, auf dem Wege nach Makka, 
zehn Meilen von dieser Stadt, zur Frau nahm. Sie starb A. H. 61 
(680 — 1), 80 Jahre alt. Sie war die letzte Wittwe des Propheten. 

13. Fatima, aus dem Stamme Kihtb. Die Hochzeit fand im 
März 630 statt. Sie trennte sich von ihm nicht lange darauf, un- 
ter Umständen, welche wir ein wenig weiter unten erzählen werden. 

14. Asma, aus dem königlichen Stamme der Kinditen. Ihr 
Vater No'män war nämlich ein Sohn des Ibn Aby Gawn b. Aswad 
b. Härith b. Scharahyl b. Gawn b. 'Akil alraerär. Dieser Akil al- 
merar war ein kinditischer König. 



80 

Die Familie der Braut wohnte im Nagd gegen Scharyya hin 
und bekehrte sich zum Islam. No'man machte dem Propheten seine 
Aufwartung und sagte: Ich will dir meineTochter, welche das schönste 
Weib in Arabien ist, zur Frau geben. Sie war an einen Cousin 
verheirathet, und da er unlängst gestorben ist, so ist sie Wittwe 
und hat ein grofses Verlangen nach dir. Mohammad nahm das An- 
erbieten freudig an und sagte, er wolle ihr ein Brautgeschenk von 
zwölf und einer halben Unze Gold geben. Der Vater hielt dies für zu 
wenig, aber auf die Versicherung, dafs er aus Grundsatz keiner sei- 
ner Frauen mehr gegeben, und auch für seine Tochter nicht mehr 
gefordert habe, willigte er ein und der Ehevertrag wurde abgeschlos- 
sen. Der Prophet schickte den Abu Osayd mit dem Vater der Braut, 
um sie abzuholen. Bei ihr angekommen, erklärte ihr Abu Osayd, 
dafs die Frauen des Propheten vor keinem Maane, ausgenommen 
die nächsten Verwandten, unverschleiert erscheinen dürfen. Sie fügte 
sich in die Einrichtung, und nach einem Aufenthalte von drei Ta- 
gen setzte er sie verschleiert in die auf ein Kameel gebundene Sänfte 
und eilte mit ihr nach Madyna, wo er sie in das Haus einer sei- 
ner Verwandten brachte. Die Frauen der Stadt kamen, um sie zu 
sehen und zu beglückwünschen. Sie waren entzückt von ihrer Schön- 
lieit. Eine von ihnen hatte die Bosheit, ihr zu sagen: Wenn du 
dich dem Propheten recht angenehm machen willst, so mufst du 
ihm, wenn er sich dir nahet, entgegenrufen: Gott behüte mich vor 
dir! Abu Osayd hatte unterdessen den Mohammad von der Ankunft 
seiner Verlobten benachrichtiget und dieser ritt sogleich zu dem 
Hause, in welchem sie wohnte, sie zu besuchen. Es war seine Sitte, 
fährt der Erzähler fort, dafs, wenn eine Braut vor ihm den Schleier 
abnahm, er sich vor dieselbe hinsetzte und ihr einen Kufs gab. Er 
wollte auch der Asmä diesen Ausdruck der Zärtlichkeit erweisen, 
sie aber rief ihm entgegen: Gott behüte mich vor dir! Er antwor- 
tete: Möge mich Gott auch vor dir behüten! und sprach das ver- 
hängtiifsvolle Wort der Scheidung aus. 

Dieses ist die jüngste Redaktion einer nicht sehr glücklich er- 
fundenen Geschichte. Eine etwas ältere Version erzählt: Die muth- 
willige 'Ayischa und ihre Genossinnen haben der arglosen jungen 
Wittwe vorgeschwatzt, dafs es Sitte sei, Propheten auf diese Weise 
zu begrüfsen. Mohammad führte sie in das Brautgemach und statt 
ihm entgegenzukommen, sagte sie: Golt behüte mich vor dir! Am 
nächsten Tage entliefs er sie und gab ihr als Entschädigung (Muta') 
zwei Stuck Mouslin (Barazikyya, es wird durch Kirbäs erklärt). 

Diese lleirath fand im Juli Ü3ü, also ein Jahr vor seinem 
Tode, statt. 



81 

Dieselbe Geschichte wird niif einigen Veränderungen von zwei 
anderen Bräuton des Propheten (Molajka und 'Ainra) erzählt. Wenn 
man alle Nachrichten vergleicht, kommt man zum Schlufs, dafs er 
sich ein oder mehrere Male durch die Ungezogenheiten seiner Schö- 
nen bewogen sah, sie am Morgen nach der Hochzeit zu entlassen. 
Diesen ungebildeten Araberinnen scheint weder die Geschichte des 
Psalmisten, noch der Spruch des weisen Salomon: O Eitelkeit der 
Eitelkeiten! bekannt gewesen zu sein, und von einem Propheten 
Wunder erwartend, nahmen sie die Bereitwilligkeit des Geistes nicht 
als Ersatz für die Schwäche des Fleisches hin. 

Erfahrungen dieser Art veranlafsten den Gottgesandten zu 
Schritten, aus seinem Harem unbescheidene Frauen, welche keine 
Rücksicht hatten für die Schwächen des Alters, auszuscheiden. Ei- 
nes Tages, erzählt Ayischa (bei Ihn Sa'd Bd. 12, fol. 52 v. ; vergl. 
Bocbäry S. 792), kam der Prophet zu mir und sagte: Ich mache 
dir einen Vorschlag, deine Entscheidung eilt aber nicht so sehr, 
als dafs du nicht vorher den Rath deiner Eltern einholen solltest. 
Ich fragte: Was hast du mir zu sagen? P> fing an, feierlich fol- 
gende Ofl'enbarung vorzutragen: 

33, 2t<. O Prophet, sage zu deinen Frauen: Wenn ihr dieses Le- 
ben und seine Freuden liebet, so kommt, ich gebe euch eure Entschä- 
digung (Mut'a) und entlasse euch auf anständige Weise. 

23. Wenn ihr aber Gott, seinen Boten und das Jenseits lie- 
bet, so wisset, dafs Gott für die Guten von euch einen schönen Lohn 
bereitet hat '). 

Ich fragte ihn, fährt Ayischa fort: Worüber soll ich meine El- 
tern befragen? Ich liebe Gott, seinen Propheten und das Jenseits! 
Er war hoch erfreut über meine Antwort und sagte: Ich will nun 
auch deinen Genossinnen die Wahl lassen. Du mufst ihnen aber, 
fiel ihm 'Ayischa in's Wort, nicht sagen, was ich gewählt habe. Mo- 
hammad folgte ihrem Wunsche nicht, sondern nachdem er ihnen 
die zwei Koriinverse vorgetragen hatte, fügte er hinzu : 'Ayischa hat 
Gott und seinen Boten gewählt! 

Auch die üebrigen folgten ihrem Beispiele, nur Fätima zog die 
Genüsse des Lebens dem Propheten vor. Sie gerieth in solche Ar- 
rauth, dafs sie genöthigt war, Kameelmist (welcher als Brennmaterial 



') Ihn Sa'd, Bd. 12, fol. 143 u. 144, hat zwei umständliche Berichte über 
die Veranlassung dieser Offenbarung aufbewalirt, aber beide tragen das Gepräge 
der Dichtung. Sie scheinen schon vor Zohry (f 125) erfunden worden und aus 
einem Streit über die Erklärung dieses Koränverses hervorgegangen zu sein. 
Die Offenbarung dieser Verse fällt in das Jahr 629. 

III. 6 



82 

gt'brauclit wird ) zu sammeln, um ihren Unterhalt zu erwerben. Sie 
wird deswegen von den Mosh'men Schakyka, die Elende, genannt. 
Sie starb A. H. 60 (679). 

Während der letzten zwei Jahre seines Lebens war Moham- 
niad's ganze Aufmerksamkeit auf die Vergröfserung seines Harems 
gerichtet. Wenn er von einem schönem Weibe hörte, machte er ihr 
einen Heirathsantrag, und einige arabische Häuptlinge, welche ein 
Anliegen an ihn hatten, schmeichelten seiner herrschenden Leiden- 
schaft und verlobten ihre Töchter an ihn. Um ihn wegen der von 
Asma ihm zugefugten Beleidigung zu besänftigen, verheiratheten die 
Kinditen eine andere berühmte Schönheit ihres Stammes an ihn, 
nämlich Kotayla, die Tochter des Kays aus Hadhramawt, aber er 
starb, als sie auf dem Wege nach Madyna war. Sie kehrte auf die 
Nachricht von seinem Tode in ihre Heimath zurück, fiel vom Islam 
ab und tröstete sich durch eine andere Heirath. Ein solaymitischer 
Häuptling verlobte seine Tochter SabTi ') an ihn. Sie starb aber 
bald darauf und erlebte nicht die Freude der Vereinigung mit ihrem 
Bräutigam. Dasselbe Schicksal soll die Taghlibitin Hawla gehabt 
haben. Aufserdem wird von einer Tochter des Gondob und der 
Kalbitin Scharäf behauptet, sie seien ihm angetraut gewesen, dafs 
aber die Ehe nicht vollzogen wurde. 

Unter den Frauen, um deren Hand er anhielt, aber vergebens, 
ist seine Cousine Omm Häniy, eine Tochter des Abu Tälib. Sie hatte 
freilich schon einen Mann und mehrere Kinder. Das hatte aber 
nichts zu sagen. Sie war eine Gläubige und ihr Mann ein verstock- 
ter Heide. Er erklärte daher, dafs die Ehe faktisch aufgelöst sei ''). 
Auf seine Tochter Zaynab, welche ebenfall.s die Frau eines Heiden 
war (vergl. Bd. I. S. 201) fand dieses Princip keine Anwendung. Omra 
Hslniy erklärte, dafs sie ihn als Gottgesandten verehre, dafs sie aber 
ihre eheliche Treue und Liebe gegen ihren Mann bewahren wolle. 

Die Anbaritin C'afyya, aus dem Stamme Tamym, fiel in die Ge- 
fangenschaft der Moslime. Der (iottgesandte liefs ihr die Wahl, zu 



') Sclion in alter Zeit wiiiilo sie von einigen Genealogen »Sana genannt. 
Solche VcrscliiedenliL'iten der Aussprache lassen sich nur dadurch erklüren, dafs 
Namenslisten schriftlich fortgepflanzt wurden. 

^) Um sie zu beschwichtigen wurde ihm ein Passus in K. 33, 4» geoflen- 
bart, in welchem gesagt wird, dafs er seine Cousinen, welche sich mit ihm 
nachJIadyna geflüchtet haben heiratlien soll. Er wollte damit wohl sagen: 
da Omm llaniy »n Madyna und ihr ungläubiger Mann in Makka lebt, so darfst du 
sie heirathen. Der Ausdruck „mit ihm" ist zu bestimmt und Omm Häniy sagte, 
dafs die Offenbarung auf sie nicht anwendbar sei, weil sie erst nach ihm nach 
Madyna gekommen. Dieser Passus bezieht sich übrigens auch auf ein anderes 
Heirathsprojekt: er wollte nämlich auch die Omätna, eine Tochter seines Onkels 
Hamza. /.iir Frau nehmen. 



83 

ihren Verwandten zurückzukehren oder seine Frau zu werden; auch 
sie blieb ihrem Gatten treu. In der Geschichte der frühsten Bekeh- 
rungen (Bd.I. S. 388) haben wir Chawla, die lebenslustige Frau des 
'Othinan b. Matz ün, kennen lernen, und wir haben gesehen, dafs 
ihr Gemahl auf den Gottgesandten eifersüchtig war. Aus dem zwölf- 
ten Bande des Ibn Sa'd geht hervor, dafs sie in der Familie des 
Mohammad als Magd diente und dafs dieser ihr einen Heirathsan- 
trag machte. Kein Wunder also, wenn 'Othmän nicht ganz zufrie- 
den war. 

Während einige Weiber eheliche Treue oder gar die Freuden 
des Lebens den Umarmungen des Propheten vorzogen , gab es an- 
dere , welche, von wahren religiösen Gefühlen durchdrungen, ihm 
ihre Hand anboten. Von diesen will ich nur eine erwähnen: 0mm 
Scharyb soll eine so eifrige Moslimin gewesen sein, dafs sie sich in 
die Häuser der Makkaner einschlicli, um unter dem zarten Geschlechte 
für die neue Religion Propaganda zu machen. Die Männer bemerk- 
ten es, und da dieselbe dem Stamme Daws angehörte, wurde sie 
ergriffen, unter dem Vorgeben, man wolle sie zu ihrem Stamme zu- 
rückbringen, drei Tagereisen weit in die Wüste hinausgeführt und 
dort ohne Speise und Trank ihrem Schicksale überlassen. Hier war 
ein Wunder ganz an seinem Orte und es wurde auch bewirkt: sie 
fand einen Schöpfeimer voll Wasser und wurde gerettet. Später kam 
sie nach Madyna und „schenkte" sich dem Propheten '). 

Dieser Fall, welcher sich ein paar Mal wiederholt, bedarf einer 
Erläuterung. Die Ehen werden in Arabien und im ganzen Orient 
von den Angehörigen der Braut abgeschlossen. Wir glauben, dafs 
die Frauen verschachert werden. Dies mag oft der Fall sein, doch 
der Sinn dieser Institution ist ein anderer und bezweckt deren Si- 
cherstcllung ^ ). Es wird ein Ehekontrakt niedergeschrieben und 
eine Mahr, Dotation, festgestellt, welche der Mann entweder so- 
gleich oder im Falle der Ehescheidung bezahlt. Wenn die Eheleute 
zusammen leben bis zum Tode des Mannes, erhält die Frau die 



') Balädzory, Ansäb alaschräf, erzählt, dafs Mohammad sie unmittelbar 
nach Äyispha geheirathet, aber nach einiger Zeit verstofsen habe und dafs sie 
erst nachher nach Makka ging und dieses Abenteuer bestand. 

-) Ibn Sa'd Bd. 12, fol. 48. Abu Bakr fragte den Mohammad, warum er 
seine Braut 'Ayischa nicht heimführe? Er antwortete: Ich kann keine Dotation 
geben. Abu Bakr gab ihm nun 12.1 Unze Gold, welches der Prophet zu uns 
sandte, worauf er mich dann heimführte, — erzählt 'Äyischa. Diese an und 
für sich zweifelhafte Tradition zeigt, dafs es ein Ehrenpunkt war, eine Dotation 
zu reichen, dafs aber die Töchter nicht verkauft wurden; denn in diesem Falle 
kam das Geld von dem Vater der Braut, und wenn es auch von dem Bräuti- 
gam wieder an ihn geschickt wurdf. ^o hntte <r f.« mir für seine Tochter auf- 
zubewahren. 

6* 



84 

Dotation, vorausgesetzt, dafs sie niclit schon bezahlt worden ist, nnd 
erbt dann noch ihren Anthoil an der übrigen Verlassenschaft. 

Wer die Vortheile dieser Einrichtung überdenkt, wird sie nicht 
ohne Weiteres verdammen. In Indien ist es unter rospeiitablen mos- 
limischen Familien ganz gewöhnlich, dafs die versprochene Dotation 
das Vermögen des Mannes weit übersteigt; es werden dann nicht 
selten zwei Klauseln angehängt: erstens, dafs sie nur im Falle ei- 
ner IChescheidung ganz bezahlt werden soll, und zweitens, dafs eine 
Ehescheidung erfolgen müsse, wenn er eine zweite Frau heirathet. 

Im Orient gehört die Frau auch nach ihrer Heirath der väter- 
lichen Familie an. Wir haben Bd. If. S. 585 einen Fall kennen ge- 
lernt, dafs eine Frau von ihren Anverwandten gegen ihren Wunsch 
von ihrem Manne getrennt wurde, weil er deren Erwartungen zu- 
wider gehandelt hatte. Die Familie verwaltet das Vermögen der 
Fvna mit Einschlufs der Dotation, sie leitet die Unterhandlungen, 
wenn es zu einer Scheidung kommt, ist verpflichtet, die geschiedene 
Frau wieder aufzunehmen und zu beschützen und für ihre Wieder- 
verlieirathung zu sorgen. Diese Institutionen sind patriarchalisch, die 
unserigen, wo in solchen Fällen der Beistand der Gerichte angeru- 
fen wird, staatlich. Wenn die patriarchalischen Gewohnheiten gut 
gehandhabt werden, haben sie manchen Vortheil. Die Handhabung 
aber hängt von der öffentlichen Meinung, von dem moralischen Sinne 
des V^olkes ab; in sittenlosen Ländern, wie Egypten und Syrien, 
welche ohne alles Ehrgefühl sind, führen sie zur tiefsten Entwür- 
digung der Frau. 

Wenn sich nun eine Frau einem Manne schenkt, so heifst das 
so viel, als sie entzieht sich der Kontrolle der Familie und lauft 
mit ihm davon. Es steht ihm dann frei, sie in ein paar Tagen wie- 
der zu entlassen, und weil sie sich ihm „geschenkt" hat, kann sie 
höchstens eine kleine Entschädigung (Mut'a) beanspruchen. Bei den 
lieidiiischen Arabern würde ein Mann, der eine solche Gunst an- 
nimmt, von der Familie der Frau getödtet worden sein. Bei den 
Schy'iten gelten solche Ehen, welche sie Mut'a nennen, gesetzlich, 
und es kann eine Heirath ohne Zeugen oder elterliche Einwilligung 
auf eine Stunde geschlossen werden. Wenn sich der Mann von der 
Frau trennt, giebt er ihr eine Mut'a (Entschädigung). 

Da dem Mohammad auch andere Frauen, z. B. Laylä, ein Toch- 
ter des Chatym aus Madyna, ihre Hand anboten, so konnte er der 
Versuchung nicht widerstehen und liefs sich ott'enbaren (K. 33,4!)): 
„Wenn sich eine gläubige Frau dem Propheten schenkt, so kann 
sie der Prophet, wenn er will, heirathen. Diese Freiheit ist aber 
nur ihm und nicht anderen Moslimen gestattet." Die Verletzung 
der JK rgebrachten Anstandsregeln war so unverschämt, dafs ihm 



85 

Ayischa ins (Jcsiclit sagte: Diiii Ihnv beiill sich, deinen Gelüsten 
zu vvilltalircii. Die sittliche Entrüstung seiner Anhänger bewog ihn 
zum Theil nachzugeben. So viel wir wissen, nahm er keine der 
Schönen, welche sich ihm schenkten, in seinen Harem auf, obschou 
es ziemlich sicher ist, dafs er den Antrag wenigstens einer dersel- 
ben angenommen, d. h. mit ihr gebuhlt hat. Um sich den An- 
schein zu geben, als handele er auch hierin auf Befehl Gottes, liefs 
er sich offenbaren (K. 33, 51): „Solche Frauen kannst du, weini es 
dir gefällt, auf die Zukunft vertrösten, oder du kannst sie sogleich 
heimführen.'' 

Von den drei Concubinen, welche dem Mohammad das Leben 
versüfsten, will ich nur einer erwähnen: Der Vicekönig von Alexan- 
drien machte A. H. 7 dem Mohammad ein schönes Geschenk: Tau- 
send Mithkäl Gold, zwanzig Stück weiches egyptisches Kibaty-Tuch, 
einen weifsen Esel, ein Maulthier, eine Quantität Honig von Bahna, 
den Eunuchen Mabür ') und, was das Werthvollste war, zwei Skla- 
vinnen. Sie bekehrten sich beide zum Isliim. Die eine Sirene gab 
er dem Dichter Hassan zum Geschenk, ihre Schwester Milria be- 
hielt er für sich selbst. Maria war aus Hafn im Bezirke Ancinä in 
Oberegypten ^). Sie war weifs und hatte krause Haare. Moham- 
mad liebte sie leidenschaftlich. Anfangs brachte er sie bei einem 
Nach^jar unter. Eines Tages unterhielt er sich mit ihr in der Hütte 
der Haf^a, welche bei ihren Eltern zu Besuch war. Hafea kam dazu 
und sagte: "Wie, in meiner Hütte und an meinem Tage! und du 
nennst dich einen Boten Gottes? Er versprach der erzürnten Frau, 



') Es wird noch eiu anderer Eunuch, Kamens Hyt, in dem patriurelmli- 
schen Arabien erwähnt, welcher einem Gefährten des Mohammad die verborge- 
nen Reize einer Frau von Täyif beschrieb. Es scheint also, dafs er in dieser 
Stadt einen Harem bewachte. Bochäry S. 619. 

Die arme Sawdä, die zweite Frau des Propheten, hatte einen Eunuchen zum 
Schatz. Er besuchte sie zuweilen und glaubte, dafs er seiner Unschädlichkeit 
wegen von dem Ehemann geduldet würde. Aber Mohanmiad verwies ihn nacli 
Hommä bei Dzu Holayfa. Die Gefährten des Propheten hatten Mitleid mit ihm 
und sagten: Dort in der Einöde stirbt er vor Hunger. Er erlaubte ihm daher 
wöchentlich zweimal in die Stadt zu kommen, nm Lebensmittel zu holen. Er 
starb in seinem Exil während des Chalyfates des 'Omar. Dieser Eunuch wird 
Mochannas, Zwitter, genannt. Vielleicht war er nicht ein Verschnittener, son- 
dern von der Natur schlecht bedacht worden. Einige glauben, dafs er nicht ver- 
schieden sei von Hyt; nach Anderen hingegen war sein Name Mati' und er 
ein Client der IMachzümitin Fächita bint'Amr. 

-) Abu Hanyfa sagt, das Labachholz kommt sonst nirgends als in Ancinä 
vor. Dieses Holz wird in Balken geschnitten und zum Schiffbau gebraucht. Es 
ist sehr theuer xmd ein einziger Balken wird bisweilen um .50 Dynär verkauft. 
Es wird erzählt, dafs wenn mau zwei Balken zusammennagelt imd sechs Tage 
lang in das Wasser legt, sie so fest zusammeulialteu, als wäre es eiu einziges 
Stück Holz. 



86 

dafs er die MÄri.a nie wieder berühren wolle. Sie forderte ihm ei- 
nen Eid ab und er leistete ihn. Sie mufste ihm aber versprechen, 
ihren Genossinnen, namentlich der 'Ayischa, nichts von dem Vor- 
gange und seinem Eide zu sagen. Sie plauderte aber die ganze Ge- 
schichte aus, und zur Strafe hat er sowohl sie als auch die 'Ayi- 
scha einen ganzen Monat nicht besucht; in Bezug auf die Koptin 
hingegen offenbarte ihm Gott (K. 66,1-2): „O Prophet, versage dir 
nicht, deinen Frauen zu Liebe, was dir Gott erlaubt hat. Gott hat 
unterdessen (seit deinem Schwur) euch vorgeschrieben, eure Schwüre 
durch eine Sühne aufzulösen^ '). 

Er wies nun seiner Maria in dem oberen Theile des Stadtge- 
bietes, wo er ein Gut besafs, eine Wohnung an und besuchte sie 
ziemlich häufig, doch würde sie sich einsam gefühlt haben, wenn 
nicht ein Landsmann in der Nähe gewohnt hätte. Dieser schenkte ihr 
viel Aufmerksamkeit und versah sie mit Holz und Wasser. Dieses 
Verhältnifs wurde zum Stadtgespräch und Mohammad schickte den 
'Alyy, ihn zu ermorden. Als er sich mit dem Schwerte in der Hand 
näherte, sah der Kopte, worauf es abgesehen sei und liefs seine 
Kleider fallen. Alyy überzeugte sich, dafs er ein Eunuch sei und 
kehrte zurück, ohne ihm ein Leid zu thun. Maria wurde gesegne- 
ten Leibes und gebar im April 630 einen Sohn. Der Engel Ga- 
briel kam zu Mohammad und beglückwünschte ihn. Er war nun 
ganz sicher, dafs er selbst und nicht der Kopte oder ein Dritter Va- 
ter des Kindes sei. Eines Tages brachte er es zu seiner 'Ayischa und 
sagte: Hast du je ein Kind gesehen, welches seinem Vater so ähn- 
lich ist wie der Junge? sie aber fand nicht die entfernteste Aehn- 
lichkeit, und wer weil's was die böse Frau dabei dachte. Er genofs 
die Vaterfreuden nicht lange, denn Ibrahym starb am 16. Juni 631. 
Es soll an seinem Begräbnifstage eine Sonnenfinsternifs gewesen 
sein. Die Moslime sagten, die Sonne verschleiert sich aus Trauer 
über deinen Verlust, der Prophet aber erklärte, dafs weder das Le- 
ben, noch der Tod eines Menschen eine Sonnenfinsternifs verur- 
sache, aber, setzte er hinzu, mein Sohn ist ein (^'iddyk; im Para- 
diese und wenn er gelebt hätte, würde er zum (^iddyk (Gerechten) 
und Propheten geworden sein. 

Wenn schon Polygamie unter den Arabern auch vor Moham- 
mad üblich war, so galten doch Excesse für unsittlich, und er fand 
es daher nöthig, die öffentliche Meinung durch eine specielle Offen- 
barung zu beschwichtigen: Gott erlaubt ihm in Kor. 30, 4y in der 



') im die Profanation der religiösen Ueberzeugungen und die Erbärmlich- 
keit des Mohammad würdigen zu können, muls man die Verse 3 bis H und 10 
bis 12 dieser Süra nachlesen. 



87 

Anzahl und Wixhl der Frauen eine grölsere Freiheit als anderen 
Menschen. Die Mosliinc waren schon früh darauf bedacht, ihn 
zu rechtfertigen, und dies würde ihnen viel weniger .Schwierigkeiten 
gemacht haben , wenn auch nur eine seiner späteren Ehen frucht- 
bar gewesen wäre. Er mufste aber selbst einsehen, dafs der ihm 
zugeschriebene Zweck, Nachkommen zu erzielen, durch seine Le- 
bensweise vereitelt werde. Das wahre Motiv seiner Excesse spricht 
er in einer wohlverbürgten Tradition selbst aus: Mein einziges Ver- 
gnügen auf Erden, sagt er, sind Weiber, Wohlgerüche und das Ge- 
bet. Das Prophetenthuni, fügen die Gläubigen hinzu, ist eine so 
schwere Aufgabe, dafs Gott dem Propheten im Liebesgenusse einen 
Ersatz gewährte. Er stattete ihn daher mit gröfserer Kraft aus, 
als dreifsig gewöhnliche Männer zusammengenommen besitzen. Sie 
vergessen nicht, den Abraham, David und Salomon zu nennen. Von 
ersterem erzählen sie, dafs er täglich auf dem Boräk nach Makka 
ritt, um die daselbst zur Pflege des Tempels angesiedelte Ilager zu 
besuchen. Die Traditionen über die zwei letztern sind nicht geeig- 
net, wiederholt zu werden. Durch diese Beispiele beweisen sie, dafs 
Excesse im Liebesgenufs ein Vorzug der Propheten sei. Da aber 
Salomon über hundert Frauen halte, so gerathen sie auf eine ganz 
andere Schwierigkeit als wir erwarten sollten: Sie halten es für 
ihre Aufgabe, zu beweisen, dafs Mohammad, obschon sein Harem 
nicht so gut ausgestattet war, dennoch nicht geringer sei, als der 
weise König oder der Psalmist. 

Der Prophet hatte keine Wohnung für sich selbst. Sein Haupt- 
quartier war in der Hütte der 'Ayischa und die öffentlichen Ge- 
schäfte verrichtete er in der Moschee, aber er brachte jede Nacht 
bei einer anderen seiner Frauen zu und war, wie es scheint, auch 
ihr Gast beim Essen. Er ging aber täglich, wenn er bei guter Laune 
war, bei allen seinen Frauen umher, gab jeder einen Kufs, sprach 
einige Worte und spielte mit ihr. Wir haben gesehen, dafs seine 
FamiHe neun Hütten besafs; dies war auch die Anzahl der Frauen, 
welche er bei seinem Tode hinterliefs. Doch gab es Zeiten, zu de- 
nen sein Harem stärker war. Er brachte dann einige seiner Schö- 
nen in den Häusern von Nachbarn unter. Es kam auch vor, dafs 
zwei Frauen eine Hütte bewohnten. Stiefkinder wohnten, so lange 
sie jung waren, bei ihren Müttern. 



Achtzehntes Kapitel. 



Raubzüge bis zur Schlacht von Badr. (623 u. 624.) 

»Meinen Mitbürgern ist es wohl bekannt«, sagte Sa'tl b. 
Raby' zu seinem Gast 'Abd al-Rahmän b. Ani", »dafs ich 
einer der reichsten Männer meines Stammes bin. Um nicht 
engherzig zu erscheinen, will ich, da uns seit dem Ver- 
briiderungsfeste ein heihges Hand umschlingt, mein Ver- 
möijen in zwei Hälften theilen; du nimmst die eine Hälfte 
und ich behalte die andere. Ferner habe ich zwei Frauen, 
sieh sie dir an und sage mir, welche dir am besten ge- 
fällt. Ich will mich von ihr scheiden, auf dafs du sie hei- 
rathest« '). 

Es unterliegt keinem Zweifel, dafs die Flüchtlinge in 
Madyna mit der uneigennützigsten Gastfreundschaft aufge- 
nommen wurden. Allein die Zahl der heimathlosen Fami- 
lien war grofs und auf die Dauer konnten sie von ihren 
Glaubensbrüdern nicht ernährt werden. Einige von den 
Emigranten waren thätig und unternehmend und es gelang 
ihnen, iliren Lebensunterlialt zu erwerben. So hat nament- 
lich dieser 'Abd al-Rahmän die zweite Frau seines Gast- 
freundes wirklich geehelicht, aber er hat sie durch seine 
eigene Arbeit ernährt (vergl. I5d. I. S. 428); ja er hat nicht 
eher Hochzeit g(Mnacht, als bis er ihr fünf Drachmen Sil- 
ber -) als Brautgeschenk geben konnte. Auch einige andere 



') Rochäry S. 533. 

') Nach Ibn Sa'd, fol. 202, das Gewicht eines Dattelkorues 
Gold. Die fünf Drachmen sind wahrsclioinlich eine Reduktion die- 
ser Quantität Gold. 



89 

Muslime trieben Ilaiulelsgcscliälte ')•, ilen meisten aber 
lehlte das Talent, sicli in die Verhältnisse zu linden, und 
es gab daher eine Anzahl von Flüchtlingen, ^veIche in «1er 
drückendsten Armuth lebte. 

Dreilsig, nach Anderen siebenzig Älänner ^) waren ob- 
dachlos und last nackt. Keiner besals einen Mantel, manche 
hatten Fetzen, aus Baumwollenzeug und Leder zusamnien- 
gellickt, um die Mitte gebunden, andere hatten Hemden 
an, welche in einem solchen Zustande waren, dafs sie die- 
selben mit der Hand zusammenhalten mufsten, um die Schaam 
zu bedecken. Abends riet sie der Prophet, wenn sie sonst 
nirgends zu essen fanden, in den offenen Raum zwischen 
der Hütte der Äyischa und der der Omni Saiania und stellte 
ihnen einen grofsen Napf geröstete Gerste vor. Sie schlie- 
len unter dem Dache, welches einen Theil der Moschee 
bedeckte, und weil ein solcher Platz (Joffa genannt wird, 
sind sie unter dem Namen: »die Leute der (jolTa« be- 
kannt ^). 



') In der I(jäba, unter Sowaybit, wird einer Handelsreise er- 
wähnt, welche Abu Bakr, Sowaybit und No'aymän gemeinscbaftlicb 
nach Bo9ra unternahmen. 

^) Die erste Angabe ist von Ibn Sa d, die zweite von Bochary; 
die Exegeten zu Kor. 2, 2u sagen gar vierhundert. Begreif lieber 
Weise änderte sich die Zahl, denn als die moslimischen Waffen sieg- 
reich wurden, strömten täglich Abenteurer nach Madyna. Viele von 
diesen waren, wie im Koran gesagt wird, nicht im Stande, im Lande 
umherzuziehen, d.h. in's Feld zu rücken, und mufsten von Almo- 
sen leben; denn der Islam war ihr einziges Gewerbe. Mohammad 
forderte die Kampffähigen auf, sie zu unterstützen und führte even- 
tuell, wie wir sehen werden, die sehr ergiebige Armensteuer ein. 
Der Chalyfe 'Omar endlich verabfolgte allen Gläubigen reichliche 
Pensionen, so dafs sie zu grofsen Herren wurden. Einige von ihnen, 
wie Abu Horayra, verwendeten ihre Zeit auf das Studium des Ko- 
ran und pflanzten nach dem Tode des Meisters viele Traditionen 
fort. Sie wurden zu Kirchenvätern. 

^) Qoffa wird jetzt noch zu Maskat eine von drei Seiten ge- 
schlossene und von der vierten offene Terasse mit einem Dache ge- 
nannt. Auch bei Ihn Bannä hat das Wort diese Bedeutung. In 



90 

Mohammad forcierte die Gläubigen in mehreren Korän- 
versen auf, ihre notlileidenden Brüder zu unterstützen. Al- 
mosen, sagt er Kor. 2, 263-275, ist wie ein Saamenkorn, 
welches sieben Aehren hervorbringt und wovon jede Aehre 
hundert Körner enthält: so auch wird der Ersatz, den ihr von 
Gott in dieser und jener Welt erhaltet, hundertfach sein. Die 
Furcht, dafs ihr durch Freigiebigkeit verarmt, ist eine Ein- 
gebung des Teufels u. s. w. Den ]\othleidenden ruft er zu: 
2, 209. Ihr hoffet doch in das Paradies einzugehen [als 
Ersatz für eure Leiden]. Ihr habet aber noch nicht so 
viel erduldet als die vor euch an Noth und Drangsalen 
gelitten haben (er meint die ersten Christen). Sie zitter- 
ten, und es ging so weit, dafs endlich der Gottgesaudte 
un<l seine Gläubigen ausriefen: Wann wird der Beistand 
Gottes eintreten? — x\ber ist der Beistand Gottes niclitnahe? 

Die einzige Erwerbsquelle, welche allen Moslimen 
offen stand, war ilaub. Sie wählten sie und der Islam 
wurde zur Relii^ion der Aa-ij-ression. 

Die Karawanen der makkanischen Kaufleute waren das 
natürliche Ziel der moslimischen Räuberbanden, und ehe 
wir weiter gehen, wollen wir es versuchen, uns einen Be- 
griff von ihrem Handelsverkehr zu machen: Da Makka 
die einzige- alte semitische Handelsstadt ist, über welche 

Damascus nennt man einen solchen Platz Lywän. Es ist dies ein 
verdorbenes persisches Wort. Qoffa hat in Damascus eine ganz an- 
dere Bedeutung. Dennoch kann man, bin ich versichert worden, 
einen solchen Platz, wenn das Dach flach ist (gewöhnlich hat der 
Lywan ein schönes Gewölbe) (^offa nennen. Nach Samhudy, bei 
Wüstenfeld, Gesch. von Mad. S. 66, war das Qoffa hinter der Mo- 
schee und nach Ibn Gobayr gar in Kob/i. Ihn Sa'd, fol. 49, und 
Kostalany, S. H'J, berichten, dafs das (^'otla in der Moschee war. 
Vergl, auch Ibn Ishäk 8. 469. Für Mohammad war die Moschee 
nicht das Haus Gottes, sondern der Sammelplatz der Gläubigen, in 
welchem diese auch eine Zufluchtstätte fanden. Auch die Alitrün- 
uigen, welche die Concurrenz- Moschee in Koba errichteten, sagten, 
dafs es einer der Zwecke ihres liaues sei, den Armen ein Obdach 
zu bieten (vergl. oben S. 34). Ibn Gobayr wurde wahrscheinlich 
durch diese Nachricht verleitet, das (/utfa nach Kobfi zu versetzen. 



91 

Avir einlsreNacliricliten besitzen, können ForscIiuiisriMi darüber 
als Anhaltspunkte benutzt werden für die Ueschichte des 
alten Avestasiatischen Handels. 

In) Altertliume gab es in Arabien eine Anzahl blühen- 
der Handelsstädte. Üie Namen des durch seine pracht- 
vollen Ruinen bekannten Palmjra und des in der Salomo- 
legende er\vähnten Scheba zaubern in unserer Phantasie 
ergötzliche üilder von Luxus und Herrlichkeiten herauf. 
Agatharchides, der älteste Berichterstatter über Arabia Fe- 
lix hält es für das reichste Land der Erde, und für Horaz 
(Od. 1, 27, 1. II, 12, -24. III, 24, 2. Epist. I, 6, c. I, 7, 36) sind 
die Schätze der Araber sprichAvörtlich. Die Römer sand- 
ten endlich eine Expedition dahin, und wenn Aelius Glallus 
auch enttäuscht zurückkam, so geht aus seinem Berichte 
doch hervor, dals die arabischen Handelskarawanen so grofs 
wie Armeen waren. Eine Quelle des Reichthums war der 
Sklavenhandel. Was Manchester oder Sheffield für Eng- 
land sind, Avar die afrikanische Küste für Arabien. Die 
rauhen Söhne Ismael's importirten schAvarze Sklaven nach 
dem JNorden und Aveifse nach dem Süden, und da der Aveise 
Salomon nicht nur ]Natur- und Kunstprodukte, sondern auch 
edle Metalle von Ophir holte, so möchte ich doch auch 
Avissen, Avas er an Zahlung -Statt reichte? 

Die Einführung des Christenthumes in den Ländern 
rino-s um Arabien hat den Sklavenhandel und somit die 
Industrie der Araber sehr beschränkt. Sie suchten ein 
anderes Feld der Thätigkeit und dienten unter persischer 
und byzantinischer Fahne als Miethsoldaten. Es kam da- 
durch viel Geld in die Halbinsel, und Avenn sie auch nicht 
gesittet genug Avaren, sich die Bequemlichkeiten des Le- 
bens zu verschaffen, so herrschte doch barbarischer Luxus 
unter den Reichen. Sie waren in Sammet und Seide ge- 
kleidet. 

Makka lag zwar aufserhalb des Rayons der Condol- 
tieri, dennoch erstreckten sich dahin die Wirkungen ihrer 
Wohlhabenheit, und Avie gering auch die Ueberbleibsel des 



92 

alten Handels auT jener Stralse von Süden nach Norden 
sein mochten, so tlieilte es doch mit Täyif das JMonopol 
desselben. Es lebte ausschliel'slich vom Verkehr und machte 
ii^rölsere Geschälte, als nuin ge\\öhnlich glaubt. Weil die 
Einwohner sich ausschliefslich mit Handel beschältisten, 
nannte man sie Koraysch, die Zusammenscharrer. Für un- 
seren Zweck ist es unerläfslich, den Werth seines Han- 
dels zu ermitteln; denn die korayschitischen Handelskara- 
wanen waren anfangs das Hauptaugenmerk der moslimi- 
schen Ränberbanden, die Makkaner waren die einzigen, 
welche es zwei JMal versuchten, die Stadt des Pro])heten 
zu erobern, und durch den Fall von IMakka wurde die 
Macht des Mohanunad unangreifbar, wenn nicht un\vider- 
steldich. 

Makka verdankte seine Prosperität hauptsächlich sei- 
ner Lage in der Mitte zwischen den nördlichen und süd- 
lichen Stapelplätzen, zum Tlieil aber auch der Aucrken- 
nuns: der Heiliffthümer seitens der benachbarten halb- 
wilden Stännue: dem Filgerfeste, den damit verbundenen 
Jahrmärkten , der Unverletzliclikeit des Monats Ragab und 
der Monate, in welchen die Pilger nach Makka wallfahr- 
teten. Mohammad hat es daher nie gewagt, diese Insti- 
tutionen des Heidenthumes anzugreifen und machte seine 
Mitbürger schon früh auf die Wohlthaten Gottes, welcher 
ihre lleiligthümer gegen auswärtige Feinde schützte (Kor. 
105,1-5; vergl. Bd. LS. 461) und ihrem Handel Gedeihen 
schenkte, aufmerksam. Wir lesen im Koran: 

106, 1. Wegen der korayschitischen Harmonie '), 

') Im Arubisclu-u Hat" von Alaf. Der Grundbegriff der Wur- 
zel scheint zu sein: harmonisches Zusammenfügen von gleicliartigeu 
Dingen; daher Talyf Composition (z. B. eines Buches) und Alf Tau- 
send. Tausend ist bei den Arabern und vielen andern Völkern die 
gröfste Zahl, welche durch ein einziges Wort ausgedrückt wird, und 
es scheint, sie, erblickten darin die gröfste erdenkliche Summe von 
gleichartigen Gegenständen. Ulfa heifst dann Freundschaft, Ufa Mai- 
tresse, Herrin des Herzens, an die man sich gewöhnt hat. lliif ist 
die viert(j Fonn und bedeutet ein Thier zähmen. Ninirat man Iljif 



93 

'2. (Irr ITarmonio nämlicli zum nolmlc (Um- llaiidel.s- 
reisen ii)i Winter und im Sommer, 

3. sollen sie den ITerrn dieses Tempels anbeten, wel- 
clter sie nährt imd vor Hunn-er schützt, 

1. und J2;egen (Jelahr [von Seiten der Nomaden] si 
eher stellt. 

Die orientalischen Kaufleute stehen an Zuverlässigkeit 
den enijlischen «leich und übertrelfen die des Kontinents. 
In Makka jedoch scheint nicht volle Sicherheit in Handels- 
geschäften geherrscht haben. Es kam vor, dafs fremde Krä- 
mer Waaren dahin brachten, dieselben verkauften und wenn 
sie die Bezahlung verlangten, mit Hohn fortgeschickt ^vur- 
den. Da es keine fJerichte gab, nmfsten sie sich's, wenn sie 
nicht mächtige Geschäftsfreunde in Makka hatten, gefallen 
lassen. Diese IJebelstände veranlafsten einige ritterliche 
Männer, kurze Zeit ehe Mohammad als Prophet auftrat, 
einen Tugendbnnd zum Schutze der Fremden zu schlielsen, 
zu dessen Mitjj^liedern auch Mohammad gehört haben soll. 

Um die Mitte November fangen in Syrien die perio- 
dischen Resren an und dauern bis Februar. Während die- 
ser Jahreszeit unternahmen die Korayschiten ihre Ilandels- 
ziige gegen Süden: ^ anian und Abessvnien. Wenn die 
Regen vorüber waren, sandten sie ihre Karawanen nach 
Syrien (Ibn Kalby bei Ibn Sa d fol. 13 und die Exegeten 
zu lOG, l). Im November oder December kamen sie in 
(ihazza an. Einige der reichsten Kaufleute blieben daselbst 



in seiner allgemeinen Bedeutung, so will Mohammad sagen: Die 
Korayschiten geniefsen die zwischen ihnen und den benachbarten 
Stämmen von Gott durch die Heiligthümer hergestellte Harmonie 
und sind dadurch in den Stand gesetzt, ihren Unterhalt zn erwer- 
ben. Da aber der Ausdruck für einen so bestimmten Begriff zu 
allgemein wäre, so habe ich in der Z. d. d. morgenl. Ges. die Ver- 
muthung aufgestellt, dafs unter Iläf die Bildung einer den edomiti- 
schen Städten ähnlichen Handelsrepublik bedeute, welche im Stande 
ist, mit den benachbarten Bedouinen Verträge Jibzuschliefsen und 
sie „zahm" zu machen. 



u 

bis die llegenzeit vorüber war, um ilire Einkäufe zu ma- 
chen und kel)rten erst im Frülilinge, Avährend der heiligen 
Monate, in die Ileimath zurück. CJhazza, oder wie wir den 
Namen gewöhnlich schreiben, Gaza, ist die südlichste Ha- 
fenstadt in Syrien. P. IMela nennt sie urbs inc:ens und Plu- 
tarch die grofste Stadt in Syrien. Im eillten Jahrhundert 
noch war sie nach dem Zeugnisse des Mokaddasy der 
Stapelplatz des griechischen, italienischen, egyptischen und 
arabischen Handels. 

Von Ghazza wurden Tuchwaaren, darunter Seiden- 
zeuge und Luxusartikel nach dem Süden geführt. Man- 
chesnial holten sie auch Korn aus Syrien ( Bocra). Nach 
dem Norden führten sie Rosinen und edle Metalle, und 
zwar nicht nur Gold, welches in Arabien verhältnifsmäfsig 
billig war, sondern auch Silber'). Der Sklavenhandel scheint 
seit der Einführung des Christenthums nicht sehr lebhaft ge- 
wesen zu sein. Der wichtigste Exportartikel war jedoch 
Leder (Ibn Ishäk S. 716). Von Täyif bis 'Aden waren in 
jeder Stadt zahlreiche Gerbereien und die Makkaner schei- 
nen die S[)edition des Leders nach dem Norden besorgt 
zu haben. Wir haben keine gleichzeitigen Nachrichten 
über den Lederhandel, wir finden aber wichtige Aufschlüsse 
]>ei einem Schriftsteller, welcher im Jahre 630 schrieb. 
Wir dürfen annehmen, dals vor dessen Zeit die Leder- 
fabrikation in einem viel grofseren Maalsstabe betrieben 
wurde, denn er sagt, dafs in manchen Städten von Süd- 
aral)ien Mühlensteine zum Zermalmen der Lohe gefunden 
werden, welche nur von Riesen behauen und gebraucht 
worden sein können. 

Man gerbte vorzüglich die Häute von Kameelen, dann 
nucli von Rindern und Ghazellen. Des Schafleders wird 
nicht erwähnt. Wohl aber winden in (horasan (östl. Per- 



') So behauptet der in splclu-n Dingen sehr unzuverlässige Um 
Isliak, nach Ibn Sad, tbl. 116v., hingegen wurde Silber aus Syrien 
nacli Arabien itnporlirt. 



95 

sien), Mosul und Babylonieii l»is A. II. GIO Maullliierliäiilc 
von (Jcsc'liärtsreisendeii eliiji;elvaurt und nach IMakka impoi- 
tirt, um dort j^egerbt zu werden. Man unterscliied dreierlei 
Felder im Leder: Messerspuren am Hals, sclilecliten Haar- 
Avuclis (sclia'ranv) und Runzeln (mokaffa) im Cbai^rin, fer- 
ner war das trockene Leder, welcliem es an Oel fehlte, 
wie auch das leichte und schwarze von niederem Werth. 
Am meisten schätzte man schweres, reines Leder, mit ver- 
schluncenen Fasern auf der Oberlläche. 

Im Grofshandel sj»rach man von einem »Kauf« (Hay'a) 
von Leder. Ein Kauf bestand aus 100 Mann (etwa an- 
derthalb Centner) und zwei und ein halber Kauf bildete 
eine Kameelladung. In Chawärezm, wo es am besten be- 
zahlt wurde, ualt ein Kauf arabischen Leders erster Quali- 
tat 70 Dynäre, ein i)a vier zangische Dänike und ein paar 
hohe weite Stiefel zehn Dynäre. Der Dynär war bedeu- 
tend geringer als der, Avelchen wir weiter unten beschrei- 
ben Averden. Dennoch sind dies enorme Preise. In Ara- 
bien, wie auch in Abessynien und zu Kaschak (?) in In- 
dien wurden die gegerbten Häute (Takät) per Stück 
verkauft. In Rayy, Babvlonien und Syrien fanden in je 
neu Zeiten die "erinüeren Qualitäten am meisten Absatz, 
denn die Bewohner dieser Landschaften beimtzten sie blos 
zu Ueberschuhen, unter denen sie weiche gelbe Stiefelchen 
trugen. IN ach Chawärezm, Choräsän und dem byzantini- 
schen Reiche wurde aber nur die erste Qualität, welche 
die Perser Adym-i-chosch nannten und besonders in Tä- 
yif fabricirt wurde, exportirt; denn diese Jsationen pflegten 
zu sagen: der Kopf ist dein Freund und die Füfse sind 
deine Feinde; deswegen hielten sie viel auf gute Fufs- 
bekleiduns:. 

Als JMaafsstab der Ausdehnung des Handels von IMakka 
und der Schwesterstadt Täyif dient uns die Nachricht, dafs 
während der Saison 623 Mohammad auf nicht weniger als 
sechs makkanische Karawanen Jacrd machte. Es möo;en 
aufserdem noch andere in der Nähe von Madyna vorüber- 



96 

sezoffen sein. Einisre bestanden aus niebr als zwei Tau- 
send Kameelen, lieber eine derselben, aus Tausend Ka- 
nieelen bestehend, welche im Februar 624 Ghazza verliefs, 
haben wir nähere Nachricht: Den Machzümiten gehörten 
200 Kameele und der Werth der Fracht belief sich auf 
4 bis 5000 Mithkäl (d. h. Dynär) Goldes, Härith b. 'Amir 
b. Nawfal besafs für 1000 und Ommayya b. Chalaf für 2000 
MitlikiU Waaren, und der Antheil der Banü 'Abd Manäf 
war 10000 Mithkäl. Der Werth der ganzen Karawane 
wird auf 50000 Mithkäl geschätzt. Die Last eines jeden 
Kameeies, etwa zwei Zentner, wäre demgemäfs durch- 
schnittlich 50 Dvnäre im Werth gewesen. Dem Gesagten 
zufolge müssen wir annehmen, dafs die Makkaner jährlich 
über 12000 Zentner Waaren nach Syrien schickten und 
ebenso viele von dort bezogen. Wir dürfen aber den Werth 
nur zu 10 Mithkäl ])er Zentner veranschlagen, denn sie han- 
delten auch mit Korn. Der Export und bnport in jener 
Richtung belief sich etwa auf eine Viertel Million Mithkäl. 
Wenn der Handel nach Süden ebenso bedeutend war, so 
setzten sie jährlich für eine halbe IMillion Waaren um. Der 
Profit war wohl selten unter 50 Procent und sie erzielten 
somit ein Benefice von wenigstens 250000 Mithkäl. 

Kommissionshandel war unter den Arabern unbekannt. 
Sie kauften die Waaren auf eigenes Risico und gaben da- 
für entweder Gold oder andere Waaren. Selbst bei rei- 
chen Karawanen waren nur wenige Handelsherren — man- 
chesmal nur einer, welcher die Geschäfte für alle Bethei- 
ligten besorgte. Grofse Häuser nahmen Bestellungen für 
andere und kauften dann die Waaren auf Risico ihrer Con- 
stitueiiten. Sie thaten dies ebenso sehr aus Gefälligkeit 
als aus Eigennutz. Um sich populär zu machen, nahmen 
Leute, ^velche Tausende im Geschälte hatten, ganz kleine 
Summen — selbst einen halben Dynär — von ihren Han- 
delsklienten an und es gab daher Karawanen, in denen je- 
der Mann und jedi» l'rau von Makka (auch verheirathete 
Francii verwalteten ihr Vermögen selbst) mehr oder weniger 



97 

betheiligt waren. Sobald die Waaren in Makka ankamen, 
wurden sie im Rathhause abgeladen; jedes Handelshaus 
nahm die seinigen und verkaufte sie. Wir haben keine Nach- 
richt, wer die Käufer waren. Allem Anscheine nach war 
dieses blos ein Handel pro forma und die Waaren wur- 
den vom Handelsstand in Makka — von den Verkäufern 
— angekauft, um sie dann weiter zu spediren und an ihre 
Kunden zu veräufsern. Die Handelshäuser theilten somit 
den Ankauf und Verkauf in zwei Transaktionen, um mit 
ihren Klienten die Rechnung abzuschliefsen. Diese erhiel- 
ten die Hälfte des Bruttogewinnes (die andere Hälfte er- 
hielt der Spekulant für Mühe und Auslagen) und hatten 
dann die Wahl, sich bei der zweiten Operation zu bethei- 
ligen oder nicht. Am liebsten vertrauten die Makkaner 
ihr Geld grofsen Kaufleuten aus ihrer eigenen Familie. So 
liefs die erste Frau des Mohammad ihre Geschäfte durch 
ihren Vetter, den reichen Hakyni b. Hizäm, besorgen. Sie 
schickte aber einen Agenten mit, welchem die Mühe des 
Transportes oblag. Es unterliegt keinem Zweifel, dafs, 
wenn ein Mann Glück hatte und solid war, ihm auch von 
fremden Familien Geld anvertraut wurde. Thätige Kauf- 
leute nahmen auch Geld auf Monatszinsen (von wenigstens 
1 Proc. per mensem) auf. Dies geschah aber häufiger, um 
sich aus momentaner Verlegenheit zu helfen als damit zu 
spekuHren. Die Orientalen haben übrigens so grofse Gierde 
Geld zu borgen, dafs sie, selbst wenn sie es nutzlos He- 
gen lassen müssen, ein Angebot selten ausschlagen. 

Wenn auch die Raub- und Eroberungszüge der Mos- 
lime eventuell ungeheure Proportionen annahmen, so wa- 
ren sie doch nichts Neues in Arabien, wo nach der öffent- 
lichen Meinung Raub völkerrechtlich berechtigt ist. Es 
sei mir erlaubt, darüber einige Bemerkungen zu machen. 
Ueberall vereinigen sich die Menschen zum wechselseiti- 
gen Schutz und zum Erwerb. Gesellschaften, deren Haupt- 
erwerb im Rauben besteht, haben eine natiiriiclie Tendenz, 
sich zu Despotien auszubilden. Ein grofser Krieger erbaut 
ni, 7 



98 

sich, nie die Vorfahren des Hätim Tayy, ein Schlols, be- 
schützt die Räuber gegen einen Antheil an der Beute 
und unternimmt mit deren Beistand gröfsere Züge. So 
lanjre die Abürrenzung der Stämme ihre Ausschliefslichkeit 
bewahrt, sind dies nur Raubzüge. Allein wenn ein ande- 
res Princip, z. B. Religion (wie dieses bei Mohammad der 
Fall war), die Scheidewand niederreifst und sich unter der 
Fahne eines Mannes Leute aus verschiedenen Stämmen 
vereinen, so wird der Räuber zum Soldaten, es bilden sich 
Armeen und es ist der Weg zu Froberungen geöifnet. 
Die Ausdehnung derselben hängt dann von dem Genie des 
Führers ab. 

Es giebt noch einen anderen Weg zu Eroberungen, 
welchen uir an einem konkreten Falle nachweisen wollen. 
Ibn Häyik erzählt, dafs (ungefähr anderthalb Jahrhunderte) 
vor Mohammad dreifsij>tausend waffenfähige Kinditen ihre 
Heimath, Hahrayn, jMoschakkar un<] (jlhan)r dzü Kinda, am 
persischen Meerbusen verliefsen — wahrscheinlich war ih- 
nen die Oberherrlichkeit der Perser zuwider — und gegen 
Südosten nach Hacihramawt wanderten. Ein Theil zer- 
streute sich in den nordwestlich davon gelegenen Hochlan- 
den und nomadisirte, ein anderer Theil unterwarf sich die 
fruchtbaren Thäler und baute, besonders im Wädiy Kisr 
und dem oberen Theile von Pladhramawt, Dörfer und 
Schlösser auf den Hügeln und verdrängte oder unterdrückte 
die Bauern. Mit den (.'adafiten, welche früher die Eigen- 
thümer des Landes waren, lebten sie in Hader, mit den 
Himyariten, den Beherrschern von Vanian, stifteten sie 
Freundschaftsbündnisse. Weil Hadhramawt eins der frucht- 
barsten Länder der Erde ist und eine uralte, ganz eigen- 
thümliche Kultur besafs, wurden die kinditischen Häupt- 
linge reich und mächtig, und es gelang ihnen, den Nagd, 
d. h. Central -Arabien, und selbst das weit entfernte Dümat- 
algandal zu unterwerfen. Diese neuen Eroberungen waren 
w eder Kolonien, noch blieben sie lange Besitzungen einer kin- 
ditischen Centralregierung, sondern sie gehörten kinditischen 



99 

Häuptlijigen, welche durch Abkunft und Verschuägerung-, ge- 
»leinsanies Interesse und Bündnisse mit einander vereint wa- 
ren, etwa wie die drei Dutzend Dynastien in Deutschhand. 
Wenn ein arabischer Stamm eine Landschaft überfällt, 
so begnügt er sich, die Einwoliner zu plündern und Skla- 
ven mit sich lortzuschleppcn. Wenn der Stamm uiächtig 
genug ist, wiederholt er allenfalls alljährlich den Besuch, 
um Brandschatzung einzutreiben oder, wie man in der jetzi- 
gen Bedouinensprache sagt, das Brudergeschenk (Achuwa) 
in Empfiuig zu nehmen. Es fehlt aber den Nomaden das 
Organisationstalent, die Macht und wohl auch der Wille, 
bleibende Eroberungen zu machen. Die Kinditen hatten in 
Hadhramawt das Herrschen gelernt, und das Zusammen- 
halten der HäuptUnge versah sie mit der nöthigen Macht. 
Wenn sie eine Oase, wie Dümat algandal, eroberten, baute 
sich der Führer ein Schlols oder nahm Besitz von einem 
bereits vorhandenen (denn solche Zustände waren schon 
früher da gewesen), behielt eine ganz geringe Anzahl sei- 
ner Leute bei sich und beherrschte die Einwohner. In 
ihre innere Angelegenheiten mischte der fremde Häuptling 
sich wenig und begnügte sich, die Steuern in Empfang 
zu nehmen. Wollten sie das Joch abschütteln, so eilten 
ihm seine Stammgenossen zur Hülfe. Auf diese Weise 
beherrschte der unternehmende Stamm der Kinditen einen 
grofsen Theil von Arabien und hielt die Bedouinen im 
Zaume. Die M-acht der Kinditen trug so wenig als das 
Fürstenthum Liechtenstein den Keim in sich, grofse Ero- 
berungen im Auslande zu machen und war zur Zeit des 
Mohammad schon im Verfall. Wohl aber konnte ein gro- 
fser Räuberhauptmann, ohne dynastische Banden, zum Hel- 
den und Eroberer werden, und im hohen Alterthurae mag 
dieses oft vorgekommen sein ^). Der grofsartigste und 



') Die 'AbAsiden haben gezeigt, wie ein grofser BaiHleiiführer 
zum Autokraten wird. Die Araber, welche sie auf den Chalyfen- 
thron setzten und von deren öffentlichen Meinung sie abhängig 

7* 



100 

bekannteste Fall dieser Art sind die moslimische Erobe- 
rungen. 

So lange Mohammad zu schwach war, seinen Fein- 
den die Spitze zu bieten, predigte er Geduld als die 
schönste Zierde eines Gläubigen, welcher nach einem bes- 
seren Leben strebt. Als ihm aber die Madyner Schutz 
gewährten, liefs er sich offenbaren^): 

22,40. Denjenigen, welche kämpfen wollen, weil sie 
milshandelt worden sind, ist die Erlaubnifs dazu ertheilt; 

41. nämlich Denjenigen, welche ohne Schuld und nur 
weil sie sagten: Unser Herr ist Allah! aus ihren Wohn- 
sitzen vertrieben worden sind. Wenn es Gott gestattete, 
dafs die Menschen sich einander zurückdrängen, so wür- 
den die Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in 
denen der Name Gottes viel angerufen wird, zerstört wer- 
den. Gott wird sicherlich Jenen beistehen, die ihm bei- 
stehen; denn er ist stark und erhaben. 

Im März 623 kehrten gegen 300 makkanische Kaufleute 
von Syrien, wo sie überwintert hatten, nach der Heimath 
zurück, oder, \\\e die Araber sagen, gingen nach Makka 
hinunter. Auf ihrem Wege nahten sie sich der Umgebung 
von Madyna. Hamza stellte sich an die Spitze von dreifsig 
Flüchtlingen ^) und lauerte jenen bei 'Yc;, an einer Bucht 



waren, wurden ihnen lästig. Sie erweiterten nun ihre eigene Fa- 
mih'e durch den Ankauf von Hunderttausenden von türkischen Skla- 
ven, welche, wenn sie ihnen auch die Freiheit schenkten, ihre Ma- 
wäliy, Klienten, und folglich nach herkömmlichen Begriflen Mitglie- 
der ihrer Familie waren. Mit deren Hülfe machten sie in kurzer 
Zeit der arabischen Unabhängigkeit ein Ende, ruinirten sich aber, 
wie bekannt ist, selbst; denn diese Prätorianer bemächtigten sich 
aller Macht im Staate, auch der: den Chalyfen hinzurichten und ei- 
nen andern einzusetzen. 

') Moll. Ibn Ayidz aus Damascus von Moh. b. Walyd, von Zohry 
utid Abu Orüba. Vergl. die Exegeten. 

') Bei Wäkidy, S. 7, heifst es Anc^ärer. Es ist dies ein Ver- 
sehen eines Räwiy; denn bei Tabary, S. 225, wo Wakidy citirt wird, 
Bjeht ganz richtig „Flüchtlinge". 



101 

des Meeres, westlich von Madyna, auf. Es wäre ihm ge- 
lungen, sie zu überraschen; aber'Yc; liegt im (Jebiete der 
Ciohayna und die Kaulieute hatten die Vorsicht gebraucht, 
sich von dem CJohayniten Magdyy begleiten zu lassen. Ein 
Angriff auf die Karawane wäre unter diesen Umständen ein 
Treuebruch gewesen, denn es bestand ein Freundschafts- 
bündnifs zAvischen dem Gohaynastamme und den Einwoh- 
nern von Madyna. Hamza mufste also ohne Beute zu- 
rückkehren. 

Auf einer zweiten Expedition (April 623) stiefsen die 
Moslime, 60 an der Zahl, bei Räbigh auf eine 200 Mann 
starke Karawane, als sich dieselbe schon gelagert hatte. 
Die Angreifenden wären also entschieden im Nachtheile 
gewesen. Beide Parteien schössen also einige Pfeile auf 
einander — eine eitele Demonstration — und die Räuber 
retteten sich auf ihren Dromedaren. 

Im Mai versuchten zwanzig Flüchtlinge noch einmal 
ihr Glück. Sie marschirten, wie es bei solchen Gelegen- 
heiten immer geschieht, bei Nacht und verbargen sich bei 
Tagre. Dieses Mal aber war die Karawane schon vorüber 
als sie zu Charär, eine Ravine bei Gohfa, wo sie dieselbe 
überfallen wollten, ankamen. 

Erst im x\ugust bot sich wieder eine Gelegenheit Beute 
zu machen. Dieses Mal versuchte Mohammad selbst sein 
Glück. Er war von 60 Flüchtlingen begleitet. Die Kauf- 
leute waren aber schon zwei Tage früher bei Abwä vor- 
übergezogen, als er daselbst ankam. Er benutze die Ge- 
legenheit, mit Machschj, dem Schaych des Dhamrastam- 
mes, obschon er noch Heide war, ein Neutralitätsbündnifs 
zu schliefsen ^). Die beiden Parteien sollen keine Raub- 



') Das erste Lager der Dhamriten, welches sich zum Islam 
bekehrte (die Zeit der Bekehrung ist nicht bekannt), waren die 
Banü Ghifär [b. Molayk b. Dhamra]. Ihre Wohnsitze waren in der 
südlich von Madyna gelegenen Landschaft (^afrä (Ibn Hischäm S.434), 
wo, wie wir aus der Karte ersehen, eine Sokyä, Tränke, nach ihnen 
benannt wurde. Sie waren wenig zahlreich und Mohammad bestellte 



102 
ziiare soffen einander iinternelimen untl keine soll die Feinde 



r>' n 



der anderen unterstützen. Dieser Vertrag wurde schriit- 
lich abgefafst und war eine nicht unbedeutende Errungen- 
schaft, indem dadurch die Korayschiten des Schutzes die- 
ses mit ihnen verwandten Stannnes beraubt wurden. 

Eine Karawane wird gewöhnlich überrumpelt, wenn 
sie durch einen Hohlweg in eine die Strafse durchkreu- 
zende Ivavine hinuntersteigt. Die Käuber lauern in der 
Kavine bis zwei oder drei Kameele vorüber sind, dann 
stürzen sie unter lautem (ieschrei auf den Zug. Die Last- 
thiere, welche wegen der Enge der Strafse einzeln oder 
zu zweien gehen, kommen in Unordnung und versperren 
den herbeieilenden Eigentlnimern den Weg. Die Räuber, 
welche sich früher mit der Umgebung bekannt gemacht 
haben, verschwinden unterdessen, begünstigt von dem Dun- 
kel der Nacht, mit so vieler Heute, als sie fortschleppen 
können. 

Auf diese Weise kann ein Dutzend entschlossener 
Männer eine grofse Karawane mit bestem Erfolge angrei- 
fen. Es giebt jedoch einfache Mittel, das (lelingen zu ver- 
eiteln; gewöhnlich reiten gerade vor Ankunft der Kameele 
jene Mitglieder des Zuges, welche zu Pferde und gut be- 
walhiet sind (ich habe diesen Dienst oft mitgemacht), den 
Hügel hinauf, welcher den Hohlweg einschliefst, und über- 



daher im Jahre 630 für sie und ihre Nachbaren, die Aslamiten, 
nur einen Arniensteucrkoninjissarius. Nach ihrem Beitritte zum Is- 
lam stellte ihnen Mohammad folgende Urkunde aus; 

„Sie gehören zu den Muslimen und haben dieselben Rechte und 
Pflichten, wie die Moslime Der Rote Gottes läfst ihnen für Per- 
son und Eigenthum seinen und Gottes Schutz angedeihen. Sie kön- 
nen auf seine Hülfe rechnen, wenn ihnen Unrecht geschieht, und 
wenn er ihren Beistand anruft, sind sie verpflichtet, ihn zu gewäh- 
ren. Sie dürfen aber wegen einer Schuld keinen Krieg anfangen. 
Dieser Vertrag dauert so lange, als das Meer genügt, eine Wollflocke 
zu benetzen, und er soll nicht ohne Vergehen bei Seite gesetzt werden. 



103 

seilen die Ravine'), nöthigenlalls gehen sie in dieselbe 
hinab und schlagen Allarni, Avenn sie Räuber entdecken. 
Diese müssen sich dann zurückziehen. 

Obschon die Karawanen bei ]Nacht reisen, so kommt 
es doch ol't vor, dafs sie sich lange vor Tagesanbruch la- 
gern. Auch in diesen Fällen sind sie in Gleiahr. Ks wer- 
den zwar immer Wachen gehalten, und wenn man Räuber 
in der Nähe vernmthet, so wagen es nur wenige Leute 
so lange es dunkel ist zu schlafen. Dessenungeachtet ge- 
lingt es den Feinden nicht selten, sich an das Lager hin 
anzuschleichen und \ erwirrunor hervorzubrinuen. 

Nachdem die Korayschiten zum wiederholten Male ge- 
witzigt worden waren, konnten die Moslime nur von Streil- 
zügen in grofsem Maafsstabe , welche auf offenem Felde 
den Kampf aufzunehmen im Stande waren, Erfolge erwar- 
ten. \m September liefs Mohammad einen Aufruf an die 
(jläubigen ergehen ^) und es gelang ihm 150 bis 200 Krie- 
ger zusammen zu bringen, mit denen er in das Feld rückte, 
um bei Bowät eine vorüberziehende Karawane von 100 
Mann und 2500 Kameelen anzugreifen. Die Korayschiten 
w aren aber schon vorüber , als die jMoslime daselbst an- 
kamen ^j. 



') Eine solche Patrouille wird Täli'a genannt, welches die Hin 
aufsteigende, die Ueberblickende, bedeutet. 

^) Kor. 2, 212. Es ist auch das Kriegen vorgeschrieben. Es 
ist euch zwar zuwider, 

213. allein es wäre möglich, dafs euch etwas zuwider ist, was 
zu eurem Besten gereicht, auch ist möglich, dafs ihr etwas liebt, 
was euch zum Nachtheile gereicht. 

') In der Prophetenbiographie werden diejenigen Feldzüge, die 
er selbst kommandirte, Ghazäh, Plur. Ghazawät oder Maghäziy, ge- 
nannt. Das Wort ist noch im Gebrauch und bedeutet Raubzug oder 
Kriegszug. Die Expeditionen, an denen er nicht Theil nahm, und 
sonst Jemandem das Kommando übergab, nennt man Saryya, Plur. 
Sarävä: es bedeutet einen Ausfall bei Nacht, während Säriya einen 
Angriff bei Tage bezeichnet. Saryya wird auch eine Abtheilung, 



104 

Das Mifslingen der nioslimisclien Waffen ermuthigte 
den Korz, aus dem mit den Korayschiten nahe verwandten 
Fihr- Stamme, im September 623 die Herden der Moslime, 
welche nur eine starke Stunde von Madyna weideten, weg- 
zutreiben. Vergebens setzte ihm Mohammad mit seinen 
Getreueuen bis Sasawän bei Badr nach; er konnte ihn nicht 
einholen. 

Die im November nach Syrien ziehende Karawane 
war die letzte der Saison 623. Mohammad versuchte, ihr 
bei Dzü - Toschayra mit derselben Mannschaft wie das vo- 
rige Mal ^) den Weg zu versperren, aber auch dieses Mal 
kam er mehrere Tage zu spat. Er schlofs bei dieser Ge- 
legenheit ein Bündnifs mit den Banü Modlig und denjeni- 
gen Dhamriten, welche deren Verbündete waren und unter 
ihnen lebten. Das Dokument, welches die Biographen auf- 
bewahrt haben, scheint durch Verwechselung an diese Stelle 
gekommen zu sein: es bezieht sich auf das so eben er- 
wähnte Bündnifs mit den Banü Dhamra und lautet: 

Von Mohammad, dem Boten Gottes, an die Banü 
Dhamra (ein kleiner Kinänastamm: Dhamra b. F3akr b.'Abd- 
Manäh b. Kinäna). 

Ihre Person und Eigenthum soll vor uns sicher sein 



welche vom Heere detachirt wird, genannt, und der Ausdruck wird 
gebraucht, wenn sie auch nur aus fünf Mann oder noch weniger be- 
steht. Die Absicht eines solchen Defachements ist immer den Feind 
zu überrumpeln, und weil es seine Bewegungen heimlich macht, haben 
die Etjraologen das Wort mitSirr, Geheimnifs, in Verbindung gebracht. 
In der Prophetenbiographie könnte man Ghazäh mit Feldzug über- 
setzen, weil es sich darum handelte, dem Feinde oftenen Widerstand zu 
leisten. Die Saräyä des Mohammad bezweckten Raub und Meuchel- 
mord, manches Mal auch offene Thätlichkeiten, wie die Zerstörung 
der Götzenbilder. Der Ausdruck wird auf alle vom Propheten nicht 
selbst kommandirten Unternehmungen angewendet, weil man an- 
nahm, dafs er stets im Hauptquartier sei. 

') Nach Balädzory hatten die Moslime dieses Mal ein Pferd 
bei sich, und der Prophet wurde von den Banü Modlig auf das 
Freundschaftlichste bewirthet. 



105 

und sie sollen gegen ihre Feinde unsern Beistand haben. 
Sie verpflichten sich dagegen, so lange das Meer eine 
Wollllocke zu benetzen genügt, nicht gegen die Religion 
Gottes zu kämpfen und dem Boten Giottes Hülfe zu leisten, 
wenn er sie um Hülfe anruft. Sie haben das \ ersprechen 
Gottes und seines Boten. 

In dieser Expedition und wohl auch in der vorher- 
gehenden hatten die Moslime nur 30 Kameele. Wenn sie 
die Korayschiten eingeholt hätten, so wäre es zu einem 
Kampfe auf Leben und Tod gekommen, denn Mohammad 
und seine Leute hatten darauf gerechnet, im Siege und 
nicht in der Flucht ihr Heil zu finden. Diesen verzwei- 
felten Entschlufs führten sie im .nächsten Frühling, als die- 
selbe Karawane von Syrien zurückkehrte, mit dem besten 
Erfolge aus. 

Die Moslime hatten nun während der ganzen Saison 
nicht einen einzigen Erfolg errungen, ja sie waren nicht 
einmal im Stande gewesen, den von Korz an ihnen ver- 
übten Schimpf zu rächen. Mohammad fafste nun einen 
verzweifelten Entschlufs. In der Mitte des Mondjahres 
wurden, nach altem Herkommen, einen Monat lang die Waf- 
fen bei Seite gelegt und die erbittertsten Feinde verhiel- 
ten sich friedlich gegen einander. Der Monat hiefs der 
wRagab (der Geehrte) der Araber« und galt auch den Mos- 
limen für heilig. Die Korayschiten glaubten daher, dafs 
sie während desselben ohne grofse Vorsichtsmafsregeln 
ihren Geschäften obliegen könnten. Weil er aber in den 
Winter fiel (er fing am Abende des 28. Dec. 623 an) gingen 
ihre Züge gegen Süden. Dieser Monat soll verletzt wer- 
den, um wenigstens eine Siegesbeute nach Madyna zu 
bringen und das Versprechen des Beistandes Gottes zur 
Wahrheit zu machen. 

Mohammad rüstete eine Expedition von zwölf Mann 
und sechs Kameelen aus und bot das Kommando seinem 
Vetter Abu 'Obayda an, und als dieser es ablehnte, über- 
nahm es 'Abd x\llah b. Gahsch. Während der Dauer der 



106 

Expedition soll er den Titel Amyr al-müminyn, Befehls- 
haber der Gläubigen, haben, mit welchem Titel später die 
Chalyfen begriilst wurden. Mohammad übergab ihm ei- 
nen versiegelten Befehl, mit dem Auftrage, auf der oberen 
Makkastrafse zwei Tage gegen Süden vorzudringen, dann 
den Befehl zu öffnen und seinen Leuten vorzulesen. Er 
öffnete ihn zu iMalal, 21 arabische Meilen von Madyna, 
und fand darin folgenden Inhalt: »Geh im Namen und mit 
«lem Segen Uottes nach Naclila und laure dort auf die 
korayschitischen Karawanen. Zwinge Niemanden von dei- 
nen Leuten dich zu begleiten, komme aber meinem Be- 
fehle mit Denjenigen nach, welche dir freiwillig folgen. ^< 

iVachla ist uns schon bekannt, denn dort uurde Mo- 
hammad auf der Rückkehr von Täyif von den frommen 
tlinn belauscht, welche sich auch bekehrten (Bd. IL S. 245). 
Es liegt zwei Tagereisen östlich von Makka, auf der Han- 
delsstrafse von Vaman. Zwei von den Gläubigen verlie- 
fsen die Fahne und begaben sich nach Bahrän, wo sie 
sich lange aufhielten. Die Uebrigen erklärten sich bereit, 
die Befehle ihres Meisters auszuführen. 

Als diese in Nachla angekommen waren, bemerkten sie 
am Nachmittage des 28. Dec. 623 vier korayschitische Kauf- 
leute. Ihre Kameele waren mit Leder, Rosinen und Wein 
beladen, und sie waren auf dem Wege von Täyif nach 
Makka. Die leichte Art, wie 'Abd Allah b. Gahsch und 
seine Begleiter reisten, war nicht dazu angethan, ihnen 
Vertrauen einzudöfsen. Die Moslime rasirten, um die Kauf- 
leute irre zu führen, einem aus ihrer Mitte das Kopfhaar, 
damit er wie ein Pilgrim zu den geheiligten Orten aus- 
sehe. Dieser nälierte sich ihnen so weit, dafs sie seinen 
geschorenen Kopf sehen konnten. Dieser Anblick erfüllte 
sie mit Zuversicht und sie luden ihre Kameele ab. Unter- 
dessen wurde es Abend und es zeigte sich der Neumond, 
welcher den Anfang des geheiligten Monats verkündete. 
.letzt fühlten sie sich ganz sicher. Der Moslim Wäkid 
schlich sich innerhalb Schufsueite und lödtete einen der 



107 

Kaufleute mit einem Pfeile. Dieses nar das Siffiial zum 
üeberl'all. Einer von den drei [lehriüren rettete sich aui" 
seinem Pferde und kam am nächsten Morgen in Makka 
an, die beiden Anderen mufsten sich als Gefangene erge- 
ben und Avurden nebst den Waaren nach Madvna sre- 
schleppt. 

Dieser Frevel machte einen so ungünstigen Eindruck 
auf die nevölkerinio- von Madvna, dafs iMohannnad eenö- 
thigt war, den Gefangenen ihre Freiheit zu schenken, die 
Beute zurückzuerstatten, den Blutpreis des getödteten Man- 
nes zu bezahlen und die That seines Befehlshabers der 
Gläubio-en zu desavouiren. Ich habe dir keinen Auftraar 
gegeben, den Raub nach Eintritt des Ragab auszuführen, 
sagte er; du hättest den Anfall vor Sonnenuntergans: raa- 
chen können. Um ihn aber zu trösten, liefs er sich of- 
fenbaren : 

2, 214. Sie befragen dich über den heiligen Monat 
(Ragab), ob das Kämpfen in demselben erlaubt sei? Ant- 
worte: Das Kämpfen in demselben ist eine grofse Sünde. 
Aber die Menschen von dem Pfade Gottes und von dem 
heiligen Gotteshaus (der Ka'ba) auszuschliefsen und sie 
daraus zu verjagen (zur Flucht aus Makka zu zwingen) 
und Unglaube sind noch gröfsere Sünden vor Gott. Auch 
Verführung ist eine gröfsere Sünde als Todschlag. Sie 
aber werden nicht eher nachlassen euch zu bekriegen, als 
bis sie euch von eurem Kultus abwendig gemacht haben, 
wenn sie können. Wer von euch von seiner Religion ab- 
fällt, ist ein Frevler, und die Werke solcher Menschen fal- 
len in dieser und in jener Welt dahin; sie sind Genossen 
des Höllenfeuers und werden ewig darin bleiben. 

215. Wahrlich Diejenigen, welche glauben und aus- 
wandern und auf dem Pfade Gottes kämpfen, dürfen die 
Barmherzigkeit Gottes erwarten; denn Gott ist verzeihend 
und milde. 

Er hielt von nun an die Regel fest, dafs in seiner 
Lage ein Religionskrieg ein defensives Vorgehen, oder wie 



108 

er sich Kor. 2, 190 ausdrückt, eine Vergeltung sei, und griff 
seine Feinde in jedem Monate des Jahres an. Nur der 
Kagab, der heiligste von allen Monaten, mag eine Aus- 
nahme gemacht haben. 

Mohammad wufste, dafs die Karawane, die er im No- 
vember vergebens verfolgt hatte, im März desselben Jahres 
nach Arabien zurückkehren würde. Sie bestand aus 30 
(nach Ibn 'Okba aus 70) Mann unter Anführung des Abu 
Sofyän, und 1000 Kameelen. Der Werth der Waaren be- 
belief sich auf 50000 Mithkäle. Mohammad benutzte die 
Zwischenzeit, um so viele Schayche der Stämme, durch 
deren Gebiet sie ziehen mufste, als möglich für sich zu ge- 
winnen. Alles was er von ihnen verlangte war, dafs sie 
sich neutral verhalten und den Kaufleuten, wenn er diese 
auf deren Gebiete angriffe, keinen Schutz gewähren sollten. 
Am 1. März ') schickte er zwei von seinen Gefährten gegen 



') Die auf diesen Feldzug bezüglichen Data hängen von dem der 
Schlacht ab. Ueber dieses sind zweierlei Angaben vorhanden, welche 
Tabary S. 242 zusammengestellt hat. Die Mehrzahl behauptet, das 
Treffen habe am Freitag den 17. Ramadhän stattgefunden, die Min- 
derheit: am Freitag den 19. Eine ganz vereinzelte, dem Tabary 
nicht bekannte Tradition des 'Amr b. Yahya (bei I(jäba unter 'Amir 
b. Abd Allah und bei Nur alnibräs S. 744) sagt: am Montag den 
17. Ramadhän; sie verdient aber um so weniger Berücksichtigung, weil 
auch sonst die auf diesen Krieg bezüglichen Wochentage richtiger 
sind als die Data und weil auch die Exegeten, sowie Bochäry und 
Moslim, die Schlacht an einem Freitag gefochten werden lassen. 
Wenn der Ramadhän -Neumond erst am 26. Februar 624 sichtbar 
wurde und also der vorhergehende Monat 30 Tage hatte, so war 
der 19. Ramadhän (16. März) wirklich ein Freitag und das richtige 
Datum. Da Wäkidy und Ibn Sad behaupten, die Schlacht sei am 
17. gefochten worden, müssen alle ihre Data um zwei Tage später 
gesetzt werden. Sie behaupten z. B. der Auszug des Propheten habe 
am Sonntag den 12. Ramadhän stattgefunden. Dies war ein Frei- 
tag. Wir versetzen ihn also in den 14. Ramadhän (= 11. März). 

Weil sab'a «.j^*« sieben und tis'a «^«.o neun in der Schrift (be- 
sonders wenn die Punkte ausgelassen werden), nicht aber in der 



109 

Norden, um Nachrichten über die Bewegungen der Ko- 
rayschiten einzuziehen. Sie begaben sich nach Taggadär 
(Nachbär) an der Meeresküste, nicht weit von Hawrä, wo 



Aussprache leicht mit einander verwechselt werden können, so liegt 
die Vermuthung nahe, dafs der Irrthum durch eine falsche Lesart 
entstanden sei, und eine einläfsliche Untersuchung der betreffenden 
Traditionen könnte uns einigen Aufschlufs darüber geben, wie früh 
historische Nachrichten schriftlich aufbewahrt wurden. 

Ihn Ishak S. 443 nimmt keinen Anstand zu sagen: „Am Frei- 
tag den 17. Ramadhän". Obschon der Verfasser des'Oyün den Ibn 
'Okba, Abu Ma' schar, Ibn 'Ayidz und Abu 'Orüba vor sich hatte, so 
spricht er doch denselben Fehler nach; es scheint also, dafs die 
falsche Lesart zur Zeit dieser Biographen, circa A. H. 135, allge- 
meine Geltung genofs. Ja, schon Yazyd b. Rümän (f 130) und 
'A^im b. 'Omar b. Kotäda (f bald nach 120) hielten mit solcher Be- 
stimmtheit daran fest, dafs sie Zweiflern antworteten: Jedes Weib 
weifs, dafs sie am 17. gefochten wurde. 

'Oyayna (f 198) erzählt eine Tradition von Abu Ishäk (f 129) 
und es wird der 19. genannt. Scho'ba (f 160) überliefert dieselbe 
Tradition, welche er von Abu Ishäk gehört haben will, und sagt: 
„den 17." Isräyl, ein Sohn des Abu Ishäk, theilt eine andere Ver- 
sion dieser Tradition mit und hat den 19., Thawry hingegen, wel- 
cher dieselbe Version aufbewahrt hat, sagt den 17. Es scheint also, 
dafs Abu Ishäk zweifelhaft war. 

Die zwei genanten Versionen, welche Abu Ishäk lehrte, stam- 
men beide von Aswad (Nochay f 74). Erstere hat Abu Ishäk 
durch Aswad's Sohn 'Abd al-Rahmän (f 99), die andere durch Ho- 
gayr Tha'laby vernommen, in^ beiden las er bald „den 19.", bald 
„den 17." Es scheint also, dafs Aswad das Datum schriftlich hin- 
terlassen habe und die Nachwelt nicht wufste, wie sie lesen soll. 
Als ein Beweis, dafs nicht erst Abu Ishäk, sondern schon die Schü- 
ler Aswad's rathlos waren und einige von ihnen sich für die falsche 
Lesart entschieden, kann erwähnt werden, dafs Thawry, welcher 
Forschungen über das Datum anstellte, die falsche Lesart nicht durch 
Abu Ishäk, sondern durch Zobayr b. 'Adyy, von Ibräh, von Aswad 
erhalten hat. 

Es lassen sich zwei Traditionen gegen die Vermuthung, dafs 
Aswad's schriftliche Nachricht undeutlich war, anführen: Hogayr, 
welcher auch das falsche Datum angiebt, will es nicht durch Aswad, 



110 

sie von Kaschad, einem gohaynitischen Schayche der Nieder- 
lassung, freundlich aufgenommen wurden. Hier wollten sie 
abwarten, bis sich die Karawane näherte. Ihr Wirth aber 
truw; Wassor auf beiden Schultern und hielt sie im Dun- 
kein. Eines Tages, als sie einen Hügel bestiegen, sahen 
sie zu ihrem Staunen die beladenen Kammele vorüberzie- 
hen. Da Abu Sofyän Tag und Nacht marschirte, so Avar 
für die Moslime keine Möglichkeit, ihn einzuholen. Die 
Kundschafter kehrten daher, ohne zu eilen, zu den Ihrigen 
zurück. Kaschad gab ihnen Geleit und Schutz bis Marvva. 
Dieser war ein Mann von Einflufs und desAvegen Avurde 
er später, ungeachtet seines zweideutigen Benehmens, vom 
l*ro|)heten sehr gut aufgenommen und sein Neft'e erhielt 
von ihm Yanbo' znm Lehen. Er verkaufte seine Rechte an 
'Abd al-Rahman b. Sad b. Zorära uni 30000 [Dirheme]. 

In Madyna traf unterdessen auf anderem Wege die 
Nachricht von dem Zuge des Abu Sofvln ein. Moham- 
mad rief seine Getreuen zu den Waffen, um die Karawane 
auf dem Wege nach Makka zu verfolgen. Es war aber 
vorauszusehen, dafs die Koravschiten zu deren Schutz aus- 
rücken würden. Die Flüchtlinge allein genügten nicht für 
das Unternehmen und gegen die Betheiligung der An(^ärer 
wurde von verschiedenen Seiten Einsprache erhoben. Der 
bei der 'Akaba abgeschlossene Vertrag lautete, dafs sie 
den Propheten gegen Angriffe in Madyna schützen, nicht 
aber, dafs sie mit ihm die Offeysive ergreifen und in das 
Feld rücken sollten. Allein (Jott befahl ihnen, dieses Un- 
ternehmen zu unterstützen ' ), und die grofse lieute, die 

sondern durcli Alkaiiia von ll)ii Mas'iul crhaldMi haben, und von 
Ihn Aby Zinnäd wird eine Ver.sion überliefert, in welcher der Name 
des Aswad nicht genannt wird. Beides halte ich für Versehen iu 
der Isnäd, im ersten Falle mag Tadlys vorliegen, denn der Ueber- 
lieferer mochte sich die Ehre einer neuen Isnäd zu sichern beab- 
sichtigt haben. 

') Kor. 8, 5-6. 



111 

ihnen bevorstand, war lockend '). Es schlössen sich also 
175 Angärer seiner Fahne an. 

Es ist eine ziemlich allgemeine Sitte im Orient, dafs 
sich die Menschen, welche eine Reise (was auch immer 
der Zweck sein ma<^) machen wollen, aulserhall) der Stadt 
treffen. Für das Sammeln von Karawanen bestehen häufig 
SeraT nicht weit von den Thoren. Wenn man z. B. von 
Aie[)j)o nach Mosul reisen will, geht man in ersterer Stadt 
zum Thore hinaus, welches gegen Osten führt, und man 
lindet dort Leute, welche dieselbe Absicht haben, und auch 
Miethskameele. Sobald die Gesellschalt grofs genug ist, 
bricht die Karawane auf. Wenn man einen Raubzug be- 
absichtiift, ü;iebt man sich geheim ein Rendez- vous nach 
einem fernen, abgelegenen Orte. Kriegszüge, welche von 
fürstlichen Hoflagern ausgehen, sammeln sich in der ^ähe 
der Hauptstadt und der Führer schlägt schon einige Tage, 
ehe er zu marschiren gedenkt, daselbst sein Zelt auf In 
Indien haben solche Orte nicht selten den Namen Schäh- 
derä, d. h. königliches Zelt. Auch Mohammad versammelte 
sein Heer aufserhalb Madyna bei einem Brunnen. Es stell- 
ten sich 310 Mann ein. Am 8. IMärz Abends hielt er Muste- 
rung und wies sieben Jünglinge unter 16 Jahren zurück. 
Die übriiien traten ohne V^erzu«r den Marsch an. Sie hat- 
ten zwei Pferde und 70 Kameele (wovon Sa'd b. Mo'adz 
20 geliefert hatte), so dafs auf zwei Mann nicht einmal 
ein Kameel kam. Einige mufsten zu Fufs gehen, Andere 
ritten mit einander oder abwechselnd. Der Zug wendete 



') Weil dies das Motiv war, blieben einige der eifrigsten An' 
hfuiiic^r des Islams zurück, wie Sa'yd b.'Obäda, Osayd b. Hodhayr, 
H;~iti b. Malik , Abd Allah b. 'Onays, während der wegen seiner 
Tapferkeit berühmte Chobayb b. Isaf, obschon er noch Heide war, 
den Zug mitmachen wollte, und weil Mohammad erklärte, es dür- 
fen nur Moslime Theil nehmen , das Glaubensbekenntnifs ablegte, 
um nicht ausgeschlossen zu werden. Auch Kays b. Vfohrith wünschte 
sich zu betheiligen, da er sich aber weigerte Moslim zu werden, 
mufste er zurückbleiben. 



112 

sich gegen Südwesten, in der Hoffnung, dem Abu Sofyän 
den Weg von der Küste nach dem Innern des Landes 
abzuschneiden. Auf diesem Wege lag Badr, wo man Was- 
ser findet und jährlich Älarkt gehalten wurde. Es hegt 
acht Posten und zwei arabische Meilen ^) von Madyna und 
eine starke Tagereise vom Dorfe üohfa entfernt, welches 
auf dem geraden Wege nach Makka und nur 8 Meilen vom 
Meere entfernt ist. in Badr ruhten die Karawanen ge- 
wöhnlich während des Tages aus, dann setzten sie des 
Nachts die Reise nach Gohfa fort. Mohammad erwartete 
nun, dafs er in jener Gegend den Abu Sofyän einho- 
len würde. 

Abii SoI}än hatte auf der Heimreise schon zu Zarkä, 
im petraeischen Arabien, erfalnen, dafs Mohammad im No- 
vember mit seiner Schaar ausgerückt sei, um ihn anzu- 
greifen, und er wufste wohl, was er auf dem Rückwege 
zu erwarten habe. Er miethete also den Ghifäriten Dhara- 
dham um 20 Mithkäl und schickte ihn als Eilboten nach 
Makka, mit dem Auftrage, dafs er, dort angekommen, dem 
Dromedar die Nase und die Ohren abschneide, den Sattel 
umkehre, das Hemd zerreifse und Hülfe! Hülfe! rufe. Dham- 
dham that wie ihm befohlen worden war. Die Nachricht, 
dafs die Karawane in Gefahr sei, verbreitete sich wie ein 
Lauffeuer durch die Stadt. Einige Familien erwarteten 
Waare, andere hatten den Kaufleuten Geld vorgeschossen; 
Viele wurden also durch Interesse zum Ausmarsche be- 
wogen, noch mehr aber durch Hafs gegen Mohammad. 
Man rüstete drei Tage. Die Reichen bewiesen die gröfste 
Opferbereitwilligkeit. Sie stellten ihre Kameele und Waf- 
fen den Aern)ern zur \ erlügnng und Einer gab seinem 
Freunde 500 Djnäre, mit der Bilte, sie zur Ausrüstung 



') Badr liegt im Tbale Bolayl (Bolayd?) und gehörte dem 
Yachlod b. Nadhr, oder nach Anderen einem Gohayniten (Balädzory, 
Ansäb alascbräf fol. 181). 



113 

zu verwenden. Wer selbst nicht gehen konnte, stelUe ei- 
nen Einstandsmann. 

Es sammelte sich ein Heer von 950 Mann, 100 Pfer- 
den und 700 Dromedaren '}. Es ist auffallend, dafs sie 
so wenig Cavallerie hatten. Wegen der Unfruchtbarkeit 
von Makka mögen die ITnterhaltskosten für Pferde sehr 
grofs gewesen sein. Nur die Reichen (darunter 30 Mach- 
zün)iten) waren zu Pferde und in Panzerhemden geklei- 
det, auch einige Andere hatten Panzer an. Die Führer 
sorgten nicht nur für den Unterhalt, sondern auch für Be- 
lustigung. Jeden Tag schlachtete ein anderer der mak- 
kanischen Grofsen neun oder zehn Kameele und bewir- 
thete die Armee ^). Sklavinnen ergötzten die Krieger durch 
ihren mit Handtrommeln begleiteten Gesang. Selbst im 
Koran 8, 49 wird der Prunk und die Ostentation der ko- 
rayschitischen Armee gerügt. Es ist ziemlich klar, dafs 
die ärmere Klasse wenig oder gar keinen Antheil an dem 
Zug genommen hätte, wenn sie nicht fetirt worden wäre. 

In der Nacht vom 13. zum 14. März erreichte Mo- 
hammad den Brunnen Rawhä ^) und fing einen Spion der 



') Kameele, welche zum Lasttragen und geschlachtet zu wer- 
den bestimmt waren, sind in dieser Zahl nicht eingeschlossen. 

^) Ibn'Okba, bei 'Oyün S. 87, giebt die Namen Derjenigen an, 
welche die Armee auf dem Wege bewirtheten. Einer von ihnen ist 
'Abbäs, der Oheim des Propheten. Auch Wakidy, S. 140, schreibt 
die Stelle des Ibn'Okba ab, läfst aber den Namen des 'Abbäs aus 
und setzt dafür Fulän „irgend Jemand". Wir sehen daraus, wie 
er die Quellen benutzte. Er bekleidete eine einträgliche Stelle un- 
ter den 'Abbäsiden und war ein bigotter Verehrer des Alyy; dies 
waren die Gründe seiner Untreue. 

Es ist kein Zweifel, dafs 'Abbäs und andere Mitglieder seiner 
Familie (z. B. 'Akvl, ein Sohn des Abu Tälib und Nawfal b. Härith 
b. 'Abd al-Mottalib) gegen die Moslime fochten und gefangen ge- 
nommen wurden. 

') Nach dem Itinerar des Wakidy, S. 30, liegt Rawhä nur zwei 
Tagemärsche oder 40 Meilen von Badr, also ungefähr 50 Meilen 
ni. 8 



114 

Feinde auf '). Von diesem erhielt er die bestimmte Nach- 
richt von dem Anmarsch der Korayschiten aul'Badr, wurde 
aber in Bezug auf deren Zahl irre geführt. Um seine kleine 
Schaar zu ernmthigen, erzählte er derselben, dafs ihm Gott 
in einem Traume entweder die Karawane als Beute oder 
den Sieg über die Armee versprochen (Kor. 8,7), und zu- 
gleich mitgetlieiit habe, dafs letztere nicht sehr zahlreich 
sei. Da es später sich herausstellte, dafs die Korayschi- 
ten zweimal so stark waren als er vorausgesagt hatte (Kor. 
3, ll), sagte Gott, er habe sich absichtlich eine Unwahr- 
heit zu Schulden kommen lassen, um die Moslime zu er- 
muthigen (Kor. 8, 43-45). Selbst Gott erlaubt sich, um 
seinen Zweck zu erreichen, Nothlügen! 

Mohammad hatte zwei Kundschafter vorausgeschickt, 
welche mehr schadeten als nützten ^). Sie erhielten zwar 



von Madyna. Nach Yaküt aber höchstens 40 Meilen von Madyna; 
er meint wahrscheinlich Fagg Rawhä; vergl. Ihn Ishäk S. 433. 

In Rawlia schickte Mohammad den Amriten Härith b. Hä- 
tib nach Koba zurück, um seinen Stamm, die Bauü Amr b. Awf, 
zu überwachen, weil er in Erfahrung gebracht hatte, dafs die Gesin- 
nungen dieser Leute, welche später die Concurrenz- Moschee errich- 
teten (vergl. oben S. 34) nicht zuverlässig seien. 

') Baghawy, Tafsyr 8, 5. Dagegen spricht jedoch 'Orwa und 
seine Nachfolger. 

*) Dem Wäkidy, Ihn Sad und Balädzory zufolge sendet Mo- 
hammad schon von Madyna Kundschafter voraus und diese kommen 
ganz nahe bei Badr zu ihm zurück; nach Baghawy schickt er sie 
von Rawhä und nach Ihn Isliäk erst von Dzafirän. Da dieser Ort 
so nahe bei Badr liegt, so glaube ich, Ibn Ishäk hat sich eine Ver- 
wechselung zu Schulden kommen lassen. Zu bemerken ist, dafs die 
Kundschafter dem Gohaynastamme, welcher in jener Gegend lebte, 
angehörig waren. Es war ein grofser Vortheil für Mohammad, dafs 
sich ihm Leute von allen Stämmen anschlössen. Er war daher im- 
mer wohl unterrichtet von Allem, was vorging. 

Selbst auf den) Rückzuge von Badr schickte Mohammad Leute 
voraus, das Terrain zu sondiren (Wäkidy S. 107), wie viel mehr 
wird er diese Vorsichtsmafsregeln bei dem Anmärsche beobachtet 
haben. 



115 

Nachricht über die Bewegungen des Abu Sofjän, indem 
sie bei Badr zwei gohaynitische Mädchen belauscliten, wo- 
von eine zur andern sagte: Morgen kommt die Karawane, 
da giebt es was zu verdienen und ich kann dir dein Gut- 
haben bezahlen. Allein als der schlaue Führer schon vor 
Sonnenaufgang den Brunnen von Badr erreichte, fragte er 
den Gohavniten Magdy, ob Alles geheuer sei, ehe er es 
wagte, Halt zu machen, und als dieser antwortete, es seien 
zwei verdächtige bidividuen beim Brunnen gewesen, be- 
gab er sich zur Stelle, untersuchte den frischen Kameei- 
mist und fand Dattelkörner darin ^). Die Kameele kom- 
men von Äladjna! rief er aus; denn nur dort füttert man 
mit Datteln: Mohammad ist in der Nähe! Er setzte schnell 
seine Reise fort, und zwar gegen das Meer zu; denn er 
setzte voraus, dafs Dhamdham und der korayschitische Land- 
sturm sich verspätet habe. 

Bei Dzafirän , welches nur noch eine Tasrereise von 
Badr ist, brachten die Kundschafter die Nachricht zurück, 
dafs die Karawane entschlüpft sei. Die meisten jMoslime, 
heifst es im Kor. 8, 7, Avünschten Beute zu erringen, ohne 
sich Gefahren auszusetzen; Gott aber wollte, dafs das Recht 
durch seine Worte siegreich sein und die Brut der Un- 
gläubigen ausgerottet werden soll. JMohammad trug sei- 
nen Kriegern die Absicht Gottes vor und versicherte sie, 
dafs er im Geiste schon die Stellen sehe, auf welchen ihre 
Feinde fallen würden. Sie antworteten: Wir wollen dir 
folgen, wenn du uns in die Sandwirbel von Südarabien 
oder in die Fluthen des Meeres hineinführst. Darauf band 
er drei Liwä ^) an die Speere der Führer, vertheilte das 



') Ein Einfall dieser Art gilt den Biographen mehr als eine 
Thatsache. Nach Orwa hat Abu Sofyän Badr gar nicht berührt 
und es ist möglich, dafs ihn die Erzähler blos deswegen zu dem 
Brunnen kommen lassen, um den Kameelmist zu finden. 

^) „ Liwa ist das Feldzeichen, welches im Kriege getragen 
wird, damit die Armee wisse, wo sich der Befehlshaber befinde. Die- 
ser trägt es entweder selbst oder er giebt es einem Krieger, welcher 

8* 



116 

Losungswort und rückte «;ee:en Badr vor. Mit Gottes Hülfe 
gelang es ihm Einhelligkeit und Zuversicht in seiner wSchaar 
herzustellen. 

Ganz anders war die Stimmung im Lager der Ko- 
rayschiten. Auch sie pflogen zu Gohfa Kriegsrath, nach- 
dem ihnen die Nachricht von der Sicherheit der Karawane 
durch einen Boten des Abu Solyän bekannt geworden war. 
Die Zohriten, etwa hundert Älann stark, kehrten ohne Wei- 
teres nach Makka zurück, die 'Aditen hatten schon früher 
die Armee verlassen. Zu den beiden Söhnen des Raby a, 
welche eine hohe Stellung in der Republik einnahmen, 
sprach deren christlicher Sklave 'Addäs so viel zu Gunsten 
des Mohammad, dafs sie von seiner Mission halb und halb 
überzeugt waren, und in der Brust von einigen Anderen 
war die Anhänglichkeit an ihre Verwandten und die Liebe 



mit denistlben vor der Armee einherschreitet. Den Lexicographen 
zufolge sind Liwji und RAya gleichbedeutend. Aber Ibn Abbas (bei 
Ahmad und Tirniidzy) sagt, dafs das Liwa des Propheten weifs und 
sein Käya schwarz war und dafs auf dem letztern geschrieben stand: 
Es giebt keinen Gott aufser Allah und Mohammad ist sein Gesand- 
ter. Daraus erheilt, dafs diese zwei Wörter verschiedene Standar- 
ten bedeuteten. Der Unterschied in der Bedeutung beider Wörter 
mag ein konventioneller sein. Dem'Orwa (bei Iba Ishäk und Abü- 
1-Aswad) zufolge, hat der Gottgesandte das Raya zuerst bei dem 
Feldzuge gegen Chaybar eingeführt. Früher war nur das Liwa be- 
kannt." Mawahib allad. S. !I5. 

In der Schlacht bei Badr trug Mo«;' ab das Liwfi der Flüchtlinge, 
Hobäb das Liwa der Chazragiten und Sa'd b. Mo'iid das der Aw- 
siten. Die Korayschiten hatten ebenfalls drei Liwa, welche alle 
von 'Abdariten getragen wurden,- denn das Liwa im Kriege zu tra- 
gen, war ein Vorrecht dieser Familie. 

Es ist nicht ganz richlig, wenn behauptet wird, Ibn Ishäk er- 
erwähne das Räya erst im Feldzuge gegen Chaybar. Er spricht 
S. 433 schon im Badrkricgc von zwei schwarzen Räya, welche vor 
dem Propheten einhergetragen wurden, und auch von einem Räya 
der Anpärer. Wenn ich nicht irre, wurde später die Standarte, welche 
vor den) Propheten hergetragen wurde, Räya, die der einzelnen Hee- 
resabtheiluugen aber Liwä genannt. 



117 

zum Leben so warm, dafs sie sich nur ungern entschlos- 
sen, oline Nothwendigkeit (Jas Schwert gegen sie ziehen ^). 
Diese Geluhle beschworen Träume herauf und jedes Omen 
wurde von den Zaghaften ungünstig gedeutet. Es gelang 
jedoch dem Abu Galil mid einigen anderen Führern, wel- 
che von Kampflust und Kachegefülil glühten, die Armee 
zu bestimmen, dem ursprünglichen Plane gemäfs wenigstens 
bis Badr vorzurücken. Dort sollte drei Tage gegessen, 
getrunken und gesungen werden, um die Beduuinen, wel- 
che man zu diesem Feste laden wollte, durch Gastfreund- 
schaft zu gewinnen und ihnen durch entschlossenes \ or- 
wärtsgehen Respekt einzuilöfsen. Die Korayschiten brach- 
ten auch viel Leder mit und hofften bei diesem Feste mit 
ihren (jJästen Geschäfte zu machen -). 

In Badr sind mehrere Brunnen, und es wäre ein \ or- 
theil für die Korayschiten gew esen , wenn sie sich an ei- 
nem derselben gelagert hätten. Es kam aber ein hefti- 
ger Platzregen, welcher sie im Marsche hinderte. Weiter 
gegen Süden fiel gerade so viel Wasser, um den Weg für 
die Moslime recht angenehm zu machen (Kor. 8, ll). Diese 
hatten also den \ ortheil, Badr früher, nämlich am Abende 
des 15. März, zu erreichen. iMohammad schickte eine Pa- 
trouille an den entferntesten Inunnen, um Kundschalt über 



•) Abu Lahab, einer der bittersten Feinde des Islams, blieb 
daher in Makka zurück. 

») Wakidy bemerkt zu A.H.4 in der Erzählung des kleinen Feld- 
zuges nach Badr, dafs nach dem Pilgerfeste ein Jahrmarkt zu Badr 
gehalten wurde. Wenn die Opferthiere im Jahre 624 am 11. März 
geschlachtet wurden, so wäre der Markt ungefähr in diese Zeit ge- 
fallen. Es ist sehr begreiflich, dafs die Biographen bei dieser Ge- 
legenheit nichts davon sprechen. Sie gingen von dem Grundsatze 
aus, das Pilgerfest würde stets im Dzü-lhagg gefeiert und hielten 
alle auf den Markt bezügliche Nachrichten, wenn solche vorhan- 
den waren, für ungegründet und verwarfen sie. Vielleicht pflegte 
sich die korayschitische Frühlingskarawane in der Messe zu Badr 
einen Tag aufzuhalten. 



118 

die Bewegungen des Feindes einzuziehen. Sie stiefs auf 
einige korayscbitische Sklaven, welche Wasser holten, und 
es gelang ihnen, zwei derselben gefangen zu nehmen. Von 
ihnen erfuhr der Prophet, dafs das feindliche Lager hinter 
dem Hügel sei, welcher das Thal einschliefst. Er fragte: 
Wie stark ist eure Armee? Sie antworteten: vSie ist zahl- 
reich, aber ^^'n• wissen die Stärke nicht genau anzugeben. 
Vielleicht könnt ihr mir sagen, fuhr Mohammad fort, wie 
viele Kameele sie täglich schlachten? Sie erwiderten: Ei- 
nen Tag neun und den andern zehn. Es sind also, ver- 
setzte der Prophet, neunhundert bis tausend Mann ^). 

Die Moslime hatten sich in der Psähe des ersten Brun- 
nens gelagert und wollten hier den Feind erwarten. Ho- 
bäb trat vor den Propheten und sagte: Wenn du diese 
Position in Folge einer göttlichen Offenbarung gewählt hast, 
so wollen wir nicht einen Schritt vorwärts oder rückwärts 
gehen; wenn es aber erlaubt ist, nach den Regeln der 
Kriegskunst und des gesunden Menschenverstandes ein Ur- 
theil zu fällen, so ist dieses Terrain nicht günstig. Führe 
uns dort zum Brunnen hin, welcher dem Lager der Ko- 
rayschiten am nächsten i.st. Wir graben ein Becken und 
füllen es mit Wasser, und wenn wir angegrilfen werden, 
können wir uns erquicken. Die übrigen Brunnen verschüt- 
ten wir, damit die Feinde ohne Wasser sind. Der Vor- 
schlag fand allgemeinen Beifall und bald kam der Engel 
Gabriel zu Mohanmiad, denselben zu billigen. 

Die Korayschiten sagten zum Gomahiten 'Omayr b. 
Wahl), einem Manne von gutem Augcnmaafs: Schätze die 
Streitkräfte unserer Gegner. Er ritt im Thale umher, dann 
auf die Anhöhen. Zu den Seinigen zurückgekehrt, sagte 
er: Sie haben weder Reserve noch Hinterhalt. Sie beste- 
hen aus einem Corps von 300 Mann, 70 Kameelen und 
zwei Pferden. Korayscliiten, Bedrängnifs birgt das Todes- 

') Nach Abzug der Zoliriton und Aditen war die feindliche 
Armee etwa (iOO Mann stark. Kor. 3, ii. 



119 

verhängnils (d. h. es \viid ein Kampf der V'erzweiflimg sein) 
und die Kameele von Yatlirib sind mit dem Tode belastet 
hierher gekomnien. Diese Leute hal)en keine Schanze, 
keine Zulhicht als ihre Säbel. Sie sind stumm wie das 
Grab und schlielsen den Mund wie Vipern. Wenn ein Mann 
von ihnen iällt, so fällt auch einer in unseren Reihen, und 
wenn wir so viele Leute verlieren und den Sieg so theuer 
erkaufen, so hat das Leben keinen Werth mehr. Nun fafst 
euern Eutschlufs. Selbst jetzt noch riethen die zwei Sühne 
des Raby a zur Rückkehr; es gelang aber dem Abu Gahl 
die Leute vorwärts zum ICampfe zu führen. Sie brachen 
früh am Morgen des 16. März auf und marschirten ge- 
gen Badr. 

Die Moslime stellten sich in Schlachtordnung und Mo- 
hammad, mit einem Stab in der Hand, ging vor der Fronte 
und machte die Linie gerade; denn da der Feind einige 
Cavallerie hatte, war es nothw endig, in enggeschlossener 
Reihe zu fechten. 

Die Korayschiten rückten heran und mehrere von ihnen 
nahten sich friedlich dem Becken , um daraus zu trinken. 
Einigen wurde es gestattet, aber dem Machzümiten Aswad 
kostete der Versuch das Leben. In Choräsän hat .Jeder- 
mann das Recht, die durch den Wind von den Bäumen 
geschüttelten Früchte zu sammeln, ausgenommen der Ei- 
genthümer des Gartens, und in Arabien ist Labbän, JMilch- 
verkäufer, selbst in Städten ein Schimpfwort; denn 3Iilch 
soll umsonst hergegeben werden. Es war daher allerdings 
eine etw as starke jMaafsregel, den Feinden das Wasser vor- 
zuenthalten; aber sie war sehr vortheilhaft und im Kriege 
handelt es sich um das Leben und ist Alles erlaubt. 

Wenn die Araber ihren Feind nicht unversehens über- 
fallen, gleicht ihre Art, den Kampf zu beginnen, einem Stu- 
dentenduell und hat viel Theatralisches. Die Parteien ru- 
fen einander zu, fordern sich heraus und recitiren wohl 
gar Verse. Die Korayschiten blieben dieser Gewohnheit 
getreu und ihr ganzer Kampf war viel zu phantastisch. 



120 

Doch ihr erstes Manoeuvre ^^ar ganz an seinem Platze. 
'Omayr b. Wahb, gefolgt von der Reiterei, sprengte auf 
die Feinde zu und suchte ihre Linie zu durchbrechen. Da 
sie aber bei seinem Herannahen nicht wankten, liefs er es 
bei einem blinden AngiilTe bewenden, und es flofs kein Hlut. 

Nun rückte die korayschitische Armee vor und der 
alten Landessitte geniäfs begann das Vorspiel der Schlacht: 
die Zweikämpfe. Die Moslime hatten einen Sohn des 
Hadhramy ermordert (s. S. 107 u. 142). Sein Bruder 'Ämir 
war der eiste, welcher vom Pferde sprang und sich zwi- 
schen die feindlichen Reihen stellte. Von Seiten der Mos- 
lime trat ihm Mihga', ein Klient des 'Omar, entgegen und 
fiel '). Dann erschienen Schayba und 'Otba, die zwei edeln 
Sühne des Raby a, auf der Arena. Sie wollten beweisen, 
dafs ihr Bemühen, die Schlacht zu vermeiden, nicht der 
Feigheit zuzuschreiben sei. ütba, der eine von ihnen, 
führte auch seinen Sohn Walyd in den Kampf. Drei An- 
gärer nahnjen den Handschuh auf, aber Mohammad befahl 
ihnen, in die Linie zurückzukehren, denn er wünschte, dafs 
sich seine nächsten \ erwandten am meisten der Glefahr 
aussetzen sollten. Ilamza und Obayda, zwei Onkel, und 
'Alyy, ein Neffe des Propheten, traten nun hervor. Die tieg- 
ner, welche sie ihrer Visire wegen nicht erkannten, frag- 
ten sie, wer sie seien? Als sie ihre Namen hörten, ant- 
worteten sie: Ihr seid ebenbürtige Recken. Es gelang 
dem Schayba, den schon bejahrten Obayda tödtlich zu 
verwunden. Hamza und Alyy, welche ihre zwei (legner 
schon im zweiten (jiang getödtet hatten, eilten ihm zur Hülfe 
und erschlugen den Schayba. 

Die beiden Armeen rückten einander näher, aber nicht 
ziirn allgemeinen Angriffe; bis zum Abende blieb der Kampf 
persönlich. Die Helden kämpften, das Clios beider Heere 
blieb Zuschauer und Mohammad hatte den Seinen den 



') Nach Ibn Isluik ist Miliga durch einen Pfeil, folglich nicht 
im Zweikampfe getödtet worden. 



121 

Auftrag gegeben, nicht eher zu chargiren, als bis er die 
Ordre dazu ergehen lassen würde, und die feindliche Armee, 
wenn sie ihren Kämpfern zur Hülfe kommen sollte, mit 
Pfeilen zu vertreiben (Ibn Ishäk S. 443). Wie die Koray- 
schiten ihren Feldzug begonnen hatten, so endeten sie ihn 
auch: es war eine erbärmliche Maskerade. Sie fochten ohne 
Plan und Taktik. Die Führer bewiesen Todesverachtung, 
aber noch gröfsere Verachtung gegen ihre Feinde. Sie tra- 
ten einzeln oder in kleinen Grupj)en hervor gegen die Mos- 
lime und verpufften ihren Muth in Schimpfreden und er- 
folglosen Bravouren. Die moslimischen Helden stellten sich 
ihnen mit kühlem 3Iuthe entgegen '). Und so verging der 
ganze Tag in Plänkeleien. Das (üos der Gläubigen hielt 
strenge Disciplin und blieb standhaft in den Reihen, zu 
denen sich die Kämpfer, Avenn sie im Nachtheile waren, 
zurückziehen konnten. Die grofse Uebermacht, welche 
ihnen ffegenüberstand, machte eine solche Taktik noth- 
wendig. Die Korayschiten hatten keinen iMittelpunkt, als 
ihre Fahnen, um die sie sich ohne alle Ordnung schaarten. 
Sie folgten der alten arabischen Sitte, welche noch jetzt 
unter den Bedouinen aufrecht erhalten wird. Diese wilden 



') Bei solcher Kriegführung wäre eine Uniform überflüssig ge- 
wesen, denn die Kämpfer kannten sich bei Namen, und wenn sie 
sich nicht kannten, so genügte das Loosungswort. Hingegen bestand 
eine andere Sitte: Krieger, welche ein Visir trugen, machten sich 
durch ein Zeichen, z. B. eine farbige Schleife um den Helm, eine 
Straufsfeder an der Brust, oder, wie 'Alyy, einen weifsen Büschel 
Wolle kennbar. Sie thaten dieses, um zu zeigen, dafs sie für das 
Blut, das sie vergossen, selbst verantwortlich sein wollten, um sich 
den Feinden bemerkbar zu machen, und um während der Schlacht 
von ebenbürtigen Kriegern zum Zweikampf aufgefordert zu werden. 
Wenn einer der Führer bemerkte, dafs der Mann mit der Straufs- 
feder Viele erschlagen hat, mochte er ihm zurufen: O Straufsfeder- 
träger, du Sohn einer geschändeten Jungfrau, komm jetzt mit mir 
zum Straufs, wenn du den Muth hast; ich bin der Sohn des Lö- 
wen N. N. Gerade weil der Zweikampf der wichtigste Theil der 
Schlachten war, galt der Säbel für die Hauptwaffe. 



122 

Horden wollen sich in keine Disciplin fügen; jeder kämpft 
wie es ihm gefällt, und wenn er in Noth kommt, sucht er 
bei der Fahne Zuflucht. Wenn die Hauptstandarte genom- 
men wird, gilt die Schlacht für verloren. Unter ihr kommt 
es daher gegen Ende des Treffens gewöhnlich zu den blu- 
tigsten Scenen. 

Die Moslime hatten für Mohammad ein Dach von Pal- 
menzweigen errichtet und vor demselben schnelle Kameele 
angebunden, damit er sich im schlimmsten Falle retten 
könne. Er zog sich nun mit seinem Wärter Abu Bakr 
in diese Hütte zurück. Einige Anc-ärer hielten Wache vor 
derselben, und indem sie mit ihren langen Pfeilen die ge- 
heiligte l^erson des Pro|»heten schützten, deckten sie den 
Rücken der Moslime. Mohammad hat grofsen moralischen 
Muth, ja Tollkühnheit bewiesen, indem er zu so unglei- 
chem Kanjple vorrückte '). Aber seine Nerven waren 
schwach und das Schauspiel war ihm neu. Er verfiel in 
eine Katalepsie. Nachdem er sich erholt hatte, betete er 
unter grofser Bewegung. 

Als sich die vSonne dem Intergange nahte, waren die 
meisten Führer der JMakkaner erschlagen. Die Armee, 
welche ihnen mehr aus (iefälligkeit als aus Kampflust ge- 
folgt war, scheint sich den ganzen« Tag ziemlich passiv 
verhalten zu haben. Jetzt war sie entmuthigt durch den 
Tod ihrer Vorkämpfer und zeigte Neigung zur Flucht. Mo- 
hammad gab den Befehl zu einem allgemeinen Angriff und 
was noch wichtiger ist, er warf eine Handvoll Sand ge- 
gen sie! Die Korayschiten leisteten nicht einen Augen- 
blick Widerstand. Sie ergriffen die Flucht und warfen 



') Nach der ältesten authentischen Nachricht wufste Moham- 
mad nichts vom Ausrücken des korayschitischcn Landsturmes und 
er entschlofs sich erst zum Kampfe , als er nicht mehr mit Ehren 
zurückweichen koimte und dem Feinde so nahe war, dafs ein Flucht- 
versuch nur für den berittenen Theil seines Heeres möglich war. 
Es ist also doch zweifelhaft, ob er bei dieser Gelegenheit so viel 
moralischen Muth bewiesen habe. 



123 

sogar ihre Panzer ab, um im Davonlaufen nicht gehindert zu 
sein. Da die Korayschiten selbst nach dem Abzug der Banü 
Zohra und 'Adyy doch immer noch siebenzig Cavalleristen 
hatten, so ist es unbegreitlich, dafs diese nicht (hircli eine 
P lankenbewegung den Rücken der Feinde bedrohten. Aber 
diese tapferen Ritter fürchteten die langen Pfeile, mit de- 
nen sie Mohammad zu empfangen befohlen hatte (Baghauy 
8, 62). Diejenigen von ihnen, welche sich entschlossen, 
das süfse Leben in die Schanze zu schlagen, wollten noch 
vor ihrem Tode renommiren und den Ruhm ihrer Helden- 
thaten geniefsen; sie stellten sich daher unter dem A[)plaus 
ihrer WafTengefährten zu Fufs zum Zweikampf. Ihre Pferde 
benutzten sie als es zum Fliehen kam. 

JMan kann nicht sagen, dafs die Schlacht sehr blutig 
war. Die Moslime verloren den ganzen Tag hindurch nur 
vierzehn IMann, die Korayschiten hingegen siebenzig. Aufser- 
dem haben die Moslime ebenso viele g-efano-en e-enommen. 

o ci <i 

Ihre Hauptverluste ereigneten sich erst am Abende beim all- 
gemeinen Angriff und auf der Flucht. Mit Ausnahme der Füh- 
rer haben sich die Korayschiten, nach ihrem eigenen Bekennt- 
nisse, Avie jMemmen benommen und dadurch ihren Kredit bei 
den besten Freunden eingebüfst (vergl. Wäk. S. 92). 

Ich habe die Einzelheiten über diese Schlacht gesam- 
melt, weil sie die erste der vielen Treffen war, welche 
den Islam siegreich machten und eine wichtige Epoche in 
der Geschichte der Kriegskunst bildet. Vor Mohammad 
dienten die Araber sowohl den Byzantinern als den Per- 
sern als Miethsoldaten, und in den Kämpfen dieser beiden 
Nationen war es besonders die arabische Cavallerie, Avelche 
Wunder wirkte. Die Nationalwaffe ist ein zwölf Fufs lan- 
ger Speer. Im Stofsen und Werfen bedienen sie sich des- 
selben mit so grofser Geschicklichkeit, dafs sie in vollem 
Galopp eine Schlange treffen ^). Die Schnelligkeit ihrer 



') Journ. Royal Geogr. Society: «Tour to the Sinjar moun- 
tains." 



124 

Pferde ist weltberühmt und diese sind so gut dressirt, dafs 
sie sich in vollem Laufe umzuwenden vermögen. Die Charge 
von zweitausend solcher wihlen Reiter, welche auf die feind- 
liche Linie sprengen, ihre Wurfspiefse auf sie schleudern 
und davon eilen, um in wenigen Minuten den Angrilf zu 
wiederholen, mufs für die tüchtigste Armee unwidersteh- 
lich sein. Doch in der Schlacht bei Badr fochten keine 
kriesserfahrene Bedouinen und die eine Partei hatte gar 
keine, die andere nur eine s^chlechte Cavallerie. Hier war 
eine iranz andere Taktik nolhwendio-. Ohne die bei die- 
ser Gelegenheit zuerst angewandten und später systenia- 
tisch ausgebildeten Kampfweise würden die durch den Is- 
lam vereinten Araber in ihren Kriegen mit den benach- 
barten Nationen wohl in Steppen den Sieg errungen ha- 
ben, aber gegen verschanzte Lager und feste Plätze hät- 
ten sie nichts ausrichten können. Für solche Unterneh- 
mungen ist eine geübte Infanlerie unentbehrlich, und die 
Macht der Verhältnisse hat die Moslime gezwungen, eine 
solche zu bilden. Der Keim der Organisation dieser Watfe 
lao- in den Madvnern. Sie nannten sich »die Leute der 
festen Plätze und Kuirase« xüi^^ o-?"^^^ i^^^- ^^^ Land- 
bebauer lag ihnen ob, ihr Eigenthum, zunächst ihre Häu- 
ser und Familien, dann aber auch ihre Palmenpflanzun- 
iren und Herden zu schützen. Da ihre natürlichen Feinde, 
die Nomadenstämme, beritten waren, glich ihr Kampf in 
schwerer Rüstung dem eines Carre's ^^^^w einen Ca- 
vallerie -Angriff. Wenn sie auf olfenem Felde überwun- 
den wurden, zogen sie sich in ihre Thürme, deren jede 
Familie einen erbaut hatte, zurück und vertheidigten sich 
hinter den Mauern. Mohammad begrift' bald die Vortheile 
dieser Taktik; Gott sagt daher im Koran: 

61,4. Gott liebt Diejenigen, welche auf seinem Pfade 
in Reihen kämpfen, wie wenn sie ein festes Gebäude 
wären. 

Ferner predigte er seinen Kriegern stets passiven Wi- 
derstand und Ausdauer. Allein jede Taktik ist nutzlos ohne 



125 

Disciplin. Die Disciplin aber verdankten die arabischen Heere 
dem Islam. Wie schon Ihn Chaldun bemerkt, \var der Glaube 
das einzige Band, welches im Stande war, die wilden Hor- 
den zusammenzuhalten und nach einem Plane handeln zu 
machen. Mohammad war so tief durchdrungen von der 
Kothwendigkeit der Disciplin, dafs er den Gläubigen fast 
in jeder Oirenbarung jener Periode zuruft: Gehorcliet Gott 
und seinem Boten! Die Ausbildung der Infanterie und die 
Anwendung der Disciplin sind die beiden Geheimnisse, wo- 
durch die Moslime die Schlacht von Badr gewannen und 
zehn Jahre später den ganzen Orient in Schrecken setzten. 

Nach der Schlacht warfen die Sieger die Todten der 
Feinde in einen Brunnen. Mohammad rief ihnen zu '): Ihr 
habt meine Weissagungen für Lügen gehalten, jetzt aber 
hat euch das gedrohte Strafgericht erreicht! Ihre eigenen 
Gefallenen schleppten die Moslime fort und begruben sie 
auf dem Heimwege. Sie sammelten die Beute, knebelten 
die Gefangenen und traten nach kurzer Ruhe, schon in der 
Nacht nach dem Treffen, den Rückzug gegen Madyna an. 

Das Schicksal der Gefangenen war einige Zeit in der 
vSchwebe. Omar war der Ansicht, dafs sie alle hingerich- 
tet werden sollen, und zwar von Demjenigen, welchem sie 
sich ergeben hatten. Wenn Alyy seinen Bruder Akyl ge- 
fangen genommen hat, so soll er ihm mit eigener Hand 
den Kopf abhauen, auf dafs die Welt wisse, dafs uns die 
Religion über Alles geht und wir keine Gnade mit den 
Ungläubigen haben. Bedenke, o Gottgesandter, dafs wir 
die F'ührer unserer Feinde in unserer Gewalt haben. Ei- 
nige der hervorragendsten Angärer unterstützten diese 



') 'Abd Allah b. Saydän erzählt von seinem Vater (bei I^äba): 
Der Prophet stand vor dem Brunnen, in welchen [nach der Schlacht 
von Badr?] die Todten geworfen wurden, und sagte: Ist in Erfül- 
lung gegangen, was euer Herr euch verheifsen hatte? Die Anwe- 
senden fragten: Wie, hören die Todten? Er erwiderte: Allerdings, 
aber sie antworten nicht. — Vielleicht war dieses Gespräch mit den 
Todten nur Komödie. 



126 

Ansicht. Abu Bakr hingegen neigte sich zur Milde hin und 
nach einigem Schvvanlcen nahm Älohammad die Rathschläge 
des Abu Bakr an und schenkte ihnen das Leben. Sie 
wurden nach Madvna gebracht und von den MosUmen auf 
dem Weffe srut behandelt. Sie theilten mit ihnen das Mor- 
gen- und Abendessen, bestehend aus Brod und Dattehi, 
nahmen sie liinter sich auf die Kameele und gingen, wenn 
die Thiere erschöpft waren, oft selbst zu Fufs und hefsen 
die Gefangenen reiten. 

Das Todesurlheil sprach der Prophet nur über zwei 
aus: über Nadhr und Okba b. Mo'ayt. Sie wurden beide 
auf dem Wege nach IMadyna hingerichtet, der letztere ei- 
nen Tag später als der erstere. Andere Makkaner hatten 
den Propheten gröblicher beleidigt, aber diese hatten es 
gewagt, seine Lehre mit Vernunftgründen zu bekämpfen 
und seine Blöfsen aufzudecken. Ein Herrscher kann Be- 
leidigungen vergeben, aber freie Anwendung der Vernunft 
ist unverträglich mit Absolutismus. Gegen ritterliche Män- 
ner, welche ihm Schutz gewährt hatten, namentlich gegen 
Abu Bachtary, war Mohammad so dankbar, dafs er vor 
der Schlacht den Befehl gab, sie wenn möglich zu scho- 
nen. Aber gerade die edelsten haben gekämpft und sind 
gefallen. 

Unter den Arabern scheint die Regel gegolten zu ha- 
ben, dafs wer einen Feind in der Schlacht tödtete oder 
gefangen nahm, Anspruch auf sein Salab (spolia), d. h. auf 
Alles hatte, was er an sich trug. Alles Figenthum, wel- 
ches im Lager gefunden oder im allgemeinen Kanipfe 
errungen wurde, theilten die Krieger gleichmäfsig. Von 
Allem jedoch beanspruchte der Schutzherr seinen Anlheil. 
iMohaunnad hat diesen von dem herkömmlichen Viertel 
(Mirbä) auf ein Fünftel reduzirt. Ferner hat er in vielen 
Fällen das Salab veral)reicht, ohne etwas davon für sich 
zu behalten '). Wie es scheint, bestand auch die Sitte, 

') Taysyr S. 103. 



127 

dafs, wenn sich Jemand auszeichnete, er etwas von der 
Beute im Voraus erhielt. Eine solche Gratification wurde 
JNalal genannt. 

Vor der Schlacht von Badr sagte Mohammad: Wer 
Dieses oder Jenes thut, erhält so und so viel als Naf'al. 
Die jungen Leute, dadurch ermuntert, traten vor die Linie, 
während die Veteranen bei den Fahnen blieben und die 
Reihen nicht verlielsen. Als der Sieg errungen war, sag- 
ten die letzteren: Wir deckten euch den Rücken; Aväret 
ihr geschlagen worden, so hättet ihr euch zu uns zurück- 
ziehen können. Es ist also nicht billig, dafs ihr jetzt die 
Beute allein habt und wir leer ausgehen. Die jungen Män- 
ner bestanden aber darauf, dafs der Prophet die ihnen ge- 
machten Verheifsungen erfülle. Dieser Zwist veranlafste 
die Offenbarung ^): 

8,1. Sie befragen dich wegen der Gratification; ant- 
worte: Die Zuerkennung von Gratificationen steht Gott und 
seinem Boten zu. Wenn ihr Gläubige seid, so fürchtet Gott, 



') Ibn 'Abbäs, bei Abu Dawüd 2, S. 20 und Baghawy Tafs. 8,1. 
Eine andere Version dieser Tradition hat Ibn "Ayidz (bei 'Oyün 
S. 96) von Kalby aufbewahrt: „Der Prophet sagte: wer einen Feind 
tödtet oder gefangen nimmt, soll sein Salab haben. Abu Yasar 
brachte zwei Gefangene [und beanspruchte ihren Salab]. Sa'd [ei- 
ner der Veteranen] sagte: O Prophet, wenn wir in den Reihen blie- 
ben, so hat uns nicht Feigheit oder Furcht zurückgehalten, dem 
Beispiele unserer Brüder nachzuahmen. Aber wir sahen, dafs du 
allein warst und wollten dich nicht der Gefahr preisgeben. Der 
Prophet befahl nun, jene Beute zu vertheilen." (Vergl. Wäk. S. 93, 
hier heifst es: wer einen Gefangenen macht, dem gehört er.) 

Ibn Masüd (bei Moslim 2, S. 145) sagt, dafs der Koränvers 
8, 1 geofifenbart wurde, weil ihm Mohammad einen Säbel als Nafal 
gab und die Uebrigen dagegen protestirten. Ibn Ayidz erwähnt 
noch zweier Fälle von Gratificationen , welche Unwillen unter den 
Gläubigen erregten: Zobayr erhielt das Salab eines Mannes, den er 
getödtet hatte, und Sad b. Aby Wakkä9 einen Säbel. Diese spe- 
ziellen Fälle bestätigen die Richtigkeit der im Text aufgenommenen 
Version. 



128 

stellt unter euch das gute Einvernehmen ^vieder her und 
gehorchet Gott und seinem Boten. 

Durch diesen Koränvers hat sich Mohammad einen 
grofsen Spielraum beAvahrt in der Verfügung über die Beute. 
Er konnte so viel als er wollte seinen Günstlingen als Gra- 
tification zuerkennen. Es war dies nicht eine Maafsregel 
persönlicher Parteilichkeit, sondern einer vernüftigen Po- 
litik. Er wufste, auf wen er bauen konnte, und seine Ze- 
loten mufsten genährt werden; auch läfst sich nicht verken- 
nen, dafs Muth und Entschlossenheit nicht so häufig waren, 
dafs Ermunterungen überllüssig erscheinen konnten. Er 
hat daher auch in späteren Schlachten Kriegern, welche 
sich auszeichnen würden, das INafal und Gratificationen ver- 
sprochen (Moslim Bd. 2, S. 146). Allein er ging biswei- 
len so weit in seiner Willkür, dafs ihm die Moslime ün- 
terschleile zur Schuld legten (Kor. 3, I5.'j), und in mehrern 
Feldzügen, in welchen die Zahl seiner Leibgarde von Ze- 
loten nicht ausreichte, ihm den Sieg zu sichern (wie Ohod, 
Honayn und Müta), fand er es nothAvendig, von vornherein 
zu versprechen, dafs er sich an die herkömmliche Regel 
halten \vürde. Was die Badrbeute anbetrifft, so hatte Mo- 
hammad allen Grund, sie als sein Eigenthum anzusehen, 
denn er wurde von tausend Engeln unterstützt und den 
Ausschlag hat am Ende doch die Handvoll Sand gege- 
ben, welche er gegen die Feinde warf *). 



') Kor. 8, 9. Die Engel kämpften nicht in geschlossener Reihe, 
sondern hinter einander. Eine solche Schlachtordnung war noth- 
wendig, denn sonst hätten die Ungläubigen beim ersten Anprall 
geschlagen werden müssen. Es war aber von jedem erschlagenen 
Feinde bekannt, wer ihn gctödtet hatte, und es stellte sich heraus, 
dafs sie alle durch Menschenhand gefallen waren. Gott befiehlt da- 
her den Engeln in einer späteren Offenbarung nicht selbst vom Le- 
der zu ziehen, sondern blos die Gläubigen zu stärken und die Her- 
zen der Feinde mit Furcht zu erfüllen (K. 8, 12). Der Sieg kam 
also ganz und gar von Gott, deswegen läfst ihn Mohammad sagen: 



120 

Obschon die Karawane entwischte, so war die Beute 
doch beträchthch: 10 Pferde, 150 Kameele, schöne Waf- 
fen und Kleider und viel Leder. Einige der Dromedare 
waren von grofsem Werthe, namentlich der des Alȟ Ciahl, 
welcher in JMahra, an der Südküste von Arabien, wo die 
schnellsten und ausdauerndsten Kameele in der Welt vor- 
kommen, gekauft worden war. Der Prophet erlas ihn für 
sich selbst aus der Beute aus und ritt ihn in allen folgen- 
den Feldzüffen. Auf der Wallfarth nach Hodavbiva ge- 
lobte er, ihn als Opfer zu schlachten. Als die Korayschi- 
ten dies vernahmen, erboten sie sich, ihm dafür 1000 Ka- 
meele zu geben. Er antwortete: Wenn ihr mir dies An- 
erbieten früher gemacht hättet, würde ich darauf einge- 
gangen sein, aber jetzt mufs ich mein Gelübde erfüllen. 

Den gröfsten Werth hatten die Gefangenen. Nach 
der hergebrachten Sitte gehörte ein Gefangener demjeni- 
gen Krieger, welchem er sich ergeben hatte. In diesem 
Falle war die Regel nur auf Jene anwendbar, welche in 
der Flucht eingeholt wurden, denn die meisten fielen beim 
Generalano-riffe in die Hände der Siee:er und wurden so- 
mit das Eigenthum der ganzen Armee. Mohammad er- 
kannte daher einige Gefangene tapfern Kriegern zu und 



8, 17. Nicht ihr habet sie getödtet, sondern Allah hat sie getöd- 
tet; nicht du hast [den Sand] geworfen, sondern Gott hat ihn ge- 
worfen. 

Weil aber dieser Beistand doch zu mysteriös war, um von ro- 
hen Gemüthern begriffen werden zu können, läfst er in V. 52 die 
Engel doch dareinschlagen und zwar, wie die Tradition sagt, mit 
einer Peitsche. 

Auch bei anderen Schlachten betheiligten sich Engel. Begreif- 
licher Weise sind diese Behauptungen in der Tradition poetisch aus- 
gebildet worden. Sie waren besonders für die Korayschiten will- 
kommen, als sie sich zum Islam bekehrten; denn sie konnten ihre 
Feigheit entschuldigen, indem sie sagten: es stand ein Engel vor 
mir und ich mufste fliehen. 

III. 9 



130 

schlug die übrigen zur Gesammtbeiite '). Diese Maafsregel 
machte die Klagen Derjenigen, Avelche gegen die Verthei- 
hmg von Gratiticationen protestirt hatten, verstummen. 

Den Korayschiten war natürlich daran gelegen, ihren 
unglücklichen Verwandten wieder die Freiheit zu verschaf- 
fen. Abu Sofyän, der reichste Mann in Makka, dessen 
Sohn 'Amr in der Gefangenschaft schmachtete, rieth ihnen, 
sich nicht zu überstürzen; denn je hitziger sie sich zeigten, 
desto mehr Lösegeld würde gefordert werden. Es liegt 
mir nichts daran, sagte er, wenn mein Sohn ein Jahr in 
Madyna bleibt, sobald Mohammad seiner müde wird, läfst 
er ihn laufen. Jedenfalls will ich durch zu grofse Eile 
Anderen den Handel nicht verderben. Aber Abu Wadä'a, 
der Vetter des Mottalib, war unter den Gefangenen und 
der Sohn eilte nach Madyne, um ihn zu erlösen. Die 
Moslime sagten: Er ist reich und kann bezahlen. Sie nah- 
men ihm viertausend Dirheme ^) ab. Drei Tage nach ihm 
kamen die übrigen Korayschiten, fünfzehn an der Zahl, in 
Madyna an und jeder unterhandelte über die Freilassung 



') WAkidy führt S. 95 die Tradition an: Der Prophet hefahl 
die Gefangenen, alles Salab und was immer erbeutet worden war, 
abzugeben. Die Gefangenen wurden dann durch das Leos vertheilt. 
Das Salab, welches durch Zweikampf ohne Beistand errungen wor- 
den war, gab er dem betreffenden als Nafal (ich lese naffala statt 
kassama). Was aber im Lager gefunden worden war, vertheilte er 
gleichmäfsig. 

WAkidy ])emerkt dazu: Von dieser Angabe steht bei uns so 
viel fest, dafs alle jene Gratificationen, welche er für die Krieger 
bestimmt hatte, ihnen schon übergeben worden waren [als die Ve- 
teranen Widerspruch erhoben] und ihr Eigenthum blieben. Die ganze 
Beute aber, über die er nicht verfugt hatte, vertheilte er, nachdem 
sie gesammelt worden war, unter die Armen (fakad scheint mir 
vor kassamahu ein Fehler zu sein). 

Aus den Einzelheiten, welche Wäkidy weiter unten anführt, geht 
hervor, dafs eine Anzahl von Gefangenen jenen Kriegern blieb, 
welche sie gefangen genommen hatten. 

M Scha'by bei Ibu Sa'd sagt 40 Unzen. 



131 

seiner Angehörigen. Der Sohn des Abu Wadä'a hatte ihnen 
das Spiel verdorben und die, Avelche es aufbringen konnten, 
inufsten viertausend Dirheme per Kopf bezahlen; für die 
Unbemittelten nahmen die Moslime Aveniger. Einem armen 
Dichter, welcher fünf unversorgte Töchter hatte, schenkte 
Mohammad die Freiheit unter der Bedingung, dafs er nicht 
wieder gegen ihn kämpfe. Als die Korayschiten ein Jahr 
darauf in's Feld zogen, liefs er sich von Cafwän bewegen, 
die Hedouinen gegen die Moslime aufzureizen und selbst 
wieder zu fechten. Er fiel wieder dem Mohammad in die 
Hände, und diesmal Avurde er hingerichtet. Einige arme 
Makkaner wurden als Schulmeister verwendet. In Madyna 
konnten nämlich nur wenie,e Leute arabisch schreiben, wäh- 
rend diese Kunst in Makka häufig war; man übergab also 
jedem zwölf Knaben, und sobald er sie im Schreiben un- 
terrichtet hatte, schenkte man ihm die Freiheit. Im 'Oyün 
wird behauptet, dafs sich mehrere Kriegsgefangene zum 
Islam bekehrt und dadurch der Freiheit würdig gemacht 
haben ^). 



') Im 'Oyun werden folgende Namen aufgezählt: j) 'Abbus 
b. 'Abd al-Mottalib, 2) 'Akyl b. Aby Talib, ein Vetter des Prophe- 
ten, 3) Nawfal b. Härith b. 'Abd al-Mottalib, 4) Abü-l-'Ac b. Raby 
(vergl. Bd. I. S. 201), 5) Abü-l-'Azyz b.'Omayr 'Abdary, G) Savib 
b. Aby Cbobaysch, 7) Chälid b. Hischäm Machzümy, 8) 'Abd Allah 
b. Aby Säyib, 9) Mottalib b. Hantab, 10) Abu Wadaa Sahmy, 
11) 'Abd Allah b. Obayy b. Chalaf Gomahy, 12) Wahb b. 'Omayr 
Gomahy, 13) Sohayl b. 'Amr 'Amiry, 14) 'Abd b. Zam'a, ein Bru- 
der der Sawda, 15) Kays b. Säyib Machzümy, 16) Nistäs, ein Client 
des (Qafwän) Omayya b. Chalaf. 

'Abbäs war ein Onkel des Propheten und ein Ahnherr der nach 
ihm benannten 'abbäsidischen Chalyfen. Er soll sich schon früh be- 
kehrt, aber seinen Glauben verheimlicht und für Mohammad in Makka 
als Spion gedient haben. Dies ist eine Dichtung der 'abbäsidischen 
Hoftraditionisten. Wahr ist , dafs er mit nach Badr zog und einen 
Tag das Heer bewirthete und dafs er bei Badr von dem Ancärer 
Ka'b b. 'Amr gefangen genommen wurdt». So berichtet Ihn Ishak 
bei Tabary S. 301, aber Ibn Hischam hat die zwei anstöfsigen Stellen 

9* 



132 

Zum Behufe der Vertbeilinig ^\lll•(]e die l^eute von 
einem ans den Ancarern gewählten Comniissaiins in 313 
gleiche Haufen getheilt, der Preis der Gefangenen wurde 
dabei nach den Mitteln ihrer Familien berechnet und dann 
wurden die Ilauien durch das Loos vertheilt ^). So lange 

ausgelassen und zeigt somit, wie früh man Alles, was zu Ungun- 
sten des 'Abbäs war, verschwieg. Auch AVakidy zeigt sich sehr 
parteiisch , und verstümmelt eine Tradition , in welcher dessen 
Name vorkonimt und welche wir aus einer anderen Quelle vollstän- 
dig haben. 

Von No. 2 behaupten andere Quellen, er habe sich erst A. H. 
6 oder 8 bekehrt. Er starb unter Yazyd. No. 5 ist nach Anderen 
bei Ohod als Heide gefallen. No. 7, 10, 11 und 15 haben A. H. 8 
gezwungen den Islam angenommen. No. 8 scheint ein Schreibfeh- 
ler zu seüi. Andere Quellen bestätigen die Bekehrung von No. 12 
nicht. Nistäs hat sich nach Anderen erst nach der Schlacht von 
Ohod bekehrt. 

In Bezug auf die Befreiung des Ibn Abbäs aus der Gefangen- 
schaft sagt Ibn Isliäk: 'Abbäs war, wie die anderen Gefangenen, vor 
der Thür des Propheten in Banden. Dieser schlief die ganze Nacht 
nicht und die Gläubigen fragten ihn um die Ursache. Er antwor- 
tete: Weil ich meinen Onkel wehklagen hörte. Darauf lösten, sie 
ihm die Banden. Kalby erzählt: Als "Abbäs nach Madyna gebracht 
worden war, sagte Mohammad zu ihm: Kaufe dich selbst, deine 
beiden Neffen, Akyl b. Aby Talib und Nawfal b. Härith, und deinen 
Verbündeten Otba b. 'Anir b. Galidam los, denn du bist ja reich. 
Er antwortete: Ich war ein Moslira, aber die Makkaner haben mich 
gezwungen zu kämpfen. Mohammad antwortete: Ob du Moslim 
bist oder nicht, weifs Gott, und wenn es wahr ist, wird er dich für 
deinen Glauben belohnen. Wir halten uns an das Aoufsero: Du 
hast gegen uns gekämpft, kaufe dich also los. Der Prophet hatte 
ihm 20 Unzen Gold abgenommen und 'Abbäs wünschte, dafs er sie 
als sein Lösegeld betrachten soll. Er weigerte sich mit den Wor- 
ten: Dieses Geld hat mir Gott bescheert. 'Abbäs sagte: Ich habe 
sonst kein Geld. Mohammad erwiderte: Was ist aus dem Gelde 
geworden, welches du deiner Frau 0mm Fadhl gelassen hast, mit 
der Verfügung: wenn ich falle, giebst du so viel dem Fadhl, so viel 
dem 'Abd Allah, so viel dem Kotham und so viel dem 'Obayd 
Allah? 

' ) Die Theilung fand auf dem Heimwege bei der Madhya 
(,'afrä, drei Courier -Nachtreisen von Madyna statt. 



133 

die Beute vereint uar, verfügte Mohamniail ziemlich frei 
darüber, nach der Vertheilung aber wurde sie zum Privat- 
Eigenthume ') und er konnte einem Gefangenen nur mit 
der Einwilligung des Besitzers die Freiheit schenken. Es 
fiel ihm übrigens nicht schwer, selbe zu erhallen. Ihn Sa'd 
sagt, dafs auf jeden Krieger ungefiUu- zwei Kameele ka- 
men. Da in Allem nur 150 Kameele erbeutet wurden, so 
ist dies als eine Bestimmung des Werthes der Beute an- 
zusehen. 



') Nach VVäkidy nahmen 313, nach Ibn 'Okba (bei Ibn Sa'd) 
31Ü Krieger an der Beute Theil; darunter waren 'Othmän, welcher 
wegen der Krankheit seiner Frau den Feldzug nicht mitmachen konnte, 
und die zwei Kundschafter, welche zu spät kamen. Der Werth der 
Beute hatte sich demnach, nach Abzug der Gratificationen und des 
für den Propheten vorbehaltenen Fünftels, auf etwa 8500 Dynäre 
oder 85000 Dirherae belaufen, wenn wir das Kameel, wie in der 
Zahlung des Blutgeldes, zu 12 Dynäre veranschlagen. Zu dieser 
Schätzung sind wir berechtigt, denn es steht fest, dafs man in allen 
Fällen, in denen Kameele an Zahlungstatl gereicht werden, nur 
weibliche, werthvolle Kameele im Auge hat. 



Anhang zum achtzehnten Kapitel. 



II. Tauschmittel der Araber. 

Im westlichen Arabien bediente raan sich zur Zeit des Moham- 
mad ausländischer Gold - und Silbermünzen und auch ungeprägter 
Metalle als Tauschmittel. Der Standard war der römische Aureus. 
Ursprünglich prägte man 48, seit Konstantin 72 Aurei aus einem 
römischen Pfund Gold. Die Araber theilten den Aureus wieder in 
72 Gran; folglich 1 röm. Pfund = 5184 arab. Gran. Nach Gibbon 
ist 1 röm. Pfund = 525G engl. Gran Troy; folglich 1 arab. Gran 
= 0,0657 Grarames; nach Böckh 1 röm. Pf. = 61G5 Par. Gran; folg- 
lich 1 arab. Gran = 0,ü(!32 Grammes. Nehmen wir das Mittel und 
1 arab. Gran = 0,o644 Grammes. Demnach ergäbe sich der Werth 
des Aureus, wenn er 72 X 0,o644 Grammes reinen Goldes enthält, 
zu 0,798 Napoleon und zum jetzigen Course des Goldes 15,97 Franken. 
Wenn aber der Aureus eine Mischung ist, welche, wie die französischen 
Goldmünzen, nur /^ reines Gold enthält, so ist der Aureus 14,3t 
Franken im Werthe '). 



') In den weiter unten anzuführenden Urkunden spricht Mohammad einige 
Male von Dynären ohne Beisatz, so wird z. B. die Steuer der Stadt Ayla auf 300 
Dynärc festgesetzt, und da 'Omar II., nach Gründung der moslimischen Münze, 
sich immer noch mit 300 Dynären begnügte, wilre anzunehmen, dafs das Gewicht 
der von Mohammad ausbedungenen Dynäre nicht gröfser war als das der vom 
Chalyfen 'Abd al-Maliii zuerst geprägten. Diese aber waren nach Stickcl, wel- 
cher das Gewiclit des koustantinischen Dynärs auf 4,8 7 2 Grammes veranschlägt, 
um 0,7 22 Grammes leichter als die konstantinischen. In einem Falle bedingt 
sich Mohammad vollgewichtige Dynäre (Danänyr wäfiya) aus. Unter diesen 
mag er also konstantinische verstehen. Da aber die orientalischen Fürsten den 
Münzen nur selten das volle Gewicht gaben und schon 'Abd al-Malik mit dem 
guten Beispiele vorangegangen sein mag, und da 'Omar II. immer noch darauf 
bestanden Iiaben mag, dafs das volle Gewicht vun 300 Mithkäl bezahlt werde, 



135 

Die Araber nannten den Aureus DynAr und aucli Mithkal, Ge- 
wicht, denn die Wechsler bedienten sich eines durch ein von Mak- 
ryzy beschriebenes Verfahren geprüften Aureus als Gewichtseinheit, 
wenn sie Gold und Silber wogen. Die ßruchtheile des Aureus nann- 
ten sie wie wir Karate (Kyrat). 1 Kyrat = 3,g arab. Gran; 20 Ky- 
rate = 1 Mithkal. Grüfsere Suumien bestimmten sie iu Unzen, in 
Zentnern, Kintar, von 100 röniischen Pfunden und in Bohären (d. h. 
Kuhhäuten) von 3 Zentnern. 

Ueber die Silbermünzen zur Zeit des Mohammad sind wir ziem- 
lich im Dunkeln. Im Koran 12, 2u kommt die Drachme vor; wir 
wissen aber nicht, welchen Werth sie hatte, es wird nämlich jede 
Silbermünze von den Moslimen Drachme (Dirhem) genannt '). Bei 
den Persern war Silber der Standard, und es behauptete sich als 
solcher in den östlichen Provinzen auch nach den moslimischen Ero- 
berungen, ja selbst in Madyna fing man an nach Dirhemen zu rechnen. 
Kodäma berichtet, die Dirheme der Perser hatten dreierlei Gewicht: 
20 Karate, 12 Kar. und 10 Kar. Die ersten nannte man Dirheme 
des lO-Dynärfufses, weil 10 Dirheme das Gewicht von 10 Dynären 
hatten; die zweiten nannte man Dirheme des 6-Dynärfufses, und 
die dritten Dirheme des 5 - Dynärfufses , denn es waren nur 5 Dy- 
näre nothwendig, um 10 solche Dirheme aufzuwiegen. Die Moslime 
nahmen zum Behüte des Steuerwesens das Mittel dieser drei Sor- 
ten von Dirhemen und verfügten, dafs der Dirhem zu 14 Karaten 
berechnet werde. Anfangs gab es keine Münzen , welche diesem 
Gewichte entsprachen, später prägte man solche und nannte sie Dir- 
heme des 7- Dynärfufses oder moslimische Dirheme. Die Scheide- 
münzen oder Bruchtheile des Dirhem wurden nicht Karate, sondern 
Dänak genannt; 6 Dänak =14 Karate = 50f arab. Gran = 1 mos- 
limischen Dirhem = 65 Centime im Werthe, wenn sie denselben Zu- 
satz gehabt hatten wie der Frank. Einige Dirheme sind aber rei- 
nes Silber und folglich 72 Centime werth , und nach diesen wurde 
gerechnet. 



denn das Geld wurde gewogen und nicht gezählt, s^o ist eine andere Erklärung 
wahrscheinlicher: unter vollgewichtigen DjTiäreu mag nämlich Muhammad 
vorkonstantinische, wovon 48 auf ein Pfimd gingen, und unter Dynären ohne 
Beisatz mag er konstantinische geraeint haben. Auf ähnliche Weise werden in 
der Tradition die urspmnglichen Dirheme, wovon jeder ein Mithkal wog (also 
Dirheme des 10-D\Tiärfufses), im Unterschied mit den leichtern, vollgewichtige, 
wäfiya, geheifsen. 

') Es kommen auch Traditionen vor (z. B. Mischkät, engl. Uebers. Bd. 2, 
S. 22), aus welchen hervorgeht, dafs man mit dem Agio zwischen Gold und 
Silber gute Geschäfte machen konnte. 



136 

Zur Zeit des Konstantin bestand nach Gibbon im byzantini- 
schen Reiche ein Gesetz, welches den Werth des Goldes 14|- Mal 
höher bestimmte als den des Silbers. In der arabischen Gesetzge- 
bung, welche bis in die Zeit des zweiten Chalyfen hineinreicht, fin- 
den wir das ganz unerwartete Verhältnifs wie 1 zu 8f und wohl 
gar wie 1 zu 7. Ich führe einige Einzelheiten an: 

In Ländern, wo Silber der Standard war, wie in Babylonien, 
betrug die Kopfsteuer, je nach den Vermögensverhältnissen: 48, 24 
und 12 moslimische Dirheme; in Ländern, wo Gold der Standard 
war, wie im westlichen Mesopotamien: 4, 2 und 1 Dynar. Auch 
in den Satzungen über den Blutpreis, welche ich später anführe, 
gilt 1 Dynär 12 Dirheme und folglich 1 Pfund Gold 8| Pf. Silber. 

Das hanefitische Gesetz bestimmt, dafs das Minimum von Gold, 
von welchem Kapitalsteuer zum Behufe der Armen entrichtet wer- 
den mufs, 20 Mithkäl (im Gewicht), von Silber: 200 Dirheme (eben- 
falls im Gewicht) sei. Es wird ausdrücklich hinzugefügt, dafs der 
moslimische Dirheni zu verstehen sei. Vorausgesetzt nun, dafs beide 
edlen Metalle ganz gleich besteuert wurden, so ergiebt sich dasWerth- 
verhältnifs wie 1 zu 7. 

Wir besitzen Mittel, von diesem Resultate die Probe zu ma- 
chen. Das hanefitische Gesetz schreibt ferner vor: „die Steuer des 
Silbers wird zu 5 Dirhemen für 200 Dirheme berechnet, die des 
Goldes zu zwei Karaten für je 4 Mithkäl (Dynär), vorausgesetzt, 
dafs die Summe 20 Mithkäl übersteigt"; folglich niufste man für 
20 Mithkäl 10 Karate Gold bezahlen. Die Abgabe für 200 Dirheme 
Silber beträgt in Karaten 70 Karate (denn ein Dirhem wiegt 14 Ka- 
rate). "Wir haben also 10 Karate Gold gleich 70 Karaten Silber im 
Werthe. Die Abgabe betrug, wie man sieht, in beiden Fällen 2^ Proc. 
oder 1 für 40. 

Weil man für Gold wie für Silber runde Zahlen für das Mini- 
mum wählte, so ist das Resultat 1 zu 7 nicht als ein streng ge- 
naues anzusehen. 

Später ist der Werth des Goldes gestiegen, aber nicht zu der 
Höhe, den es unter Konstantin im byzantinischen Reiche hatte. Ko- 
däma, welcher circa A. H. 300 schrieb, sagt an zwei Stellen: „nach 
dem Course unserer Zeit gilt 1 Dynär 15 Dirheme". Das Gold 
stand also 10^ Mal so lioch als das Silber. 

Das Gold wird in den Traditionen gewöhnlich nach Unzen be- 
stimmt. Obschon dieses Wort, wie Pfund Sterling im Englischen 
und Livre im Französischen, eine bestimmte Summe und nicht ein 
Gewiclit bezeichnet, so kommt doch auch Unze Goldes (und aus- 
nahmsweise auch in demselben Sinne Unze Silber) vor. Nach dem 



137 

einstimmigen Zeugnisse der Traditionen galt die Unze 40 Dirheme. 
Aus Ibn Sa'd, Bd. 12, fol. 127 v. , geht hervor, dafs schon 'Ayischa 
die Unze zu diesem Werthe schäzte. Es unterliegt keinem Zweifel, 
dafs schon zu Mohamniad's Zeit die Unze in Gold und nicht in Dir- 
hemen bezahlt wurde, denn es sind moslimische Dirheme zu ver- 
stehen, welche erst von 'Omar eingeführt wurden. Wenn, wie im 
erwähnten Gesetze, 1 Dynar gleich 10 Dirhemen war, bestand die 
Unze aus vier Konstantinischen Dynaren, welche aber nur 2^8 arab. 
Gran wogen, während die Gewichtunze 432 Gran hat und also 
Konstantinischen Dirhemen gleich ist. Ich glaube nun, dafs die Be- 
nennung Unze für die Summe von 40 Dirhemen oder 4 Dynaren da- 
durch entstanden sei, dafs man schon vor Konstantin, als man aus 
dem römischen Pfund noch 48 Aurei (jeden von 108 arab. Gran) 
prägte, die Summe von 4 Aurei (Dynäre) eine Unze nannte, weil 
sie auch wirklich ein Zwölftel eines Pfundes wogen und dafs in der 
Folge diese Benennung auf 4 Konstantinische Aurei angewendet 
wurde, obschon sie nur der achtzehnte Theil eines Pfundes waren. 

Sonderbar ist, dafs grofse Geschenke gewöhnlich aus zwölf und 
einer halben Unze bestanden, wie wir weiter unten sehen werden, 
wo von den Gesandtschaften die Rede ist. Es war dies gewifs eine 
runde Summe, aber wozu, um sie voll zu machen, noch die halbe 
Unze? In moslimischen Dirhemen machen 124 Unze allerdings die 
runde Summe von 500 Dirhemen, aber die moslimischen Dirheme 
waren damals noch nicht bekannt. Vor Konstantin machten 12 Unzen 
(auch wenn dieser Ausdruck 4 Dyniire bezeichnete) ein Pfund, und 
es war also gai* keine Ursache, noch eine halbe Unze dazu zu le- 
gen. Ich glaube, dafs man zu der aus vorkonstantinischen Zeiten 
herkömmlichen runden Zahl von zw'ölf Unzen, d.h. 48 Dynaren, 
nachdem der Dynär im Gewichte abgenommen hatte, noch eine halbe 
Unze (oder 2 Dynäre) beifügte, um die runde Zahl fünfzig zu er- 
halten. 

Wir begreifen, dafs der Cours des Dynärs, welcher die Münze 
der Byzantiner war, durch die moslimische Eroberung von Persien 
im Werthe sinken mufste; denn die Moslime, welche gröfstentheils 
nach Dirhemen rechneten, wurden unermefslich reich und es hob 
sich auch bald der Handel und die Industrie. Ich kann aber nicht 
glauben, dafs schon zur Zeit des Mohammad der Cours des Goldes 
in Arabien so niedrig stand. Folgende Thatsache macht es uns 
möglich — freilich nur unter Voraussetzungen — das damalige Ver- 
hältnifs zu berechnen. 

Das Lösegeld für jeden wohlhabenden bei Badr gefangenen Ko- 
rayschiten betrug nach einigen Quellen (Ibn Ishak S. 462, Ibn Sa d 



138 

in zwei und WAlpdy in mehreren Stellen) 4000 Dirherae, nach An- 
deren (Ibn Aby Schayba S. 77, Scha'by bei Ibn Sa'd fol. 101 und 
und Musa b. 'Okba bei Mawahib S. 110) betrug es 40 Unzen. Ibn 
'Okba sagt deutlich Unzen Goldes. Ibn Aby Schayba fügt hinzu, 
dafs Unzen von 40 Dirhemen zu verstehen seien; die beiden Nach- 
richten würden sich demnach widersprechen, denn nach der zweiten 
hätte sich das Lösegeld nur auf 1600 Dirhemen belaufen. Da die 
mosliinischen Dirheme, welche hier genannt sind, erst geraume Zeit 
nach dem Tode des Propheten eingeführt wurden, so steht fest, dafs 
die Angabe „4000 Dirherae" eine Reduktion einer älteren sei und 
als diese ältere betrachte ich „40 Unzen", denn es unterliegt kaum 
einem Zweifel, dafs der Preis in Gold bestimmt wurde. Meines 
Dafürhaltens sind hier Gewichtsunzen gemeint, wovon 12 ein Pfund 
oder 72 Konstantinische DynTire ausmachten. Wenn diese Voraus- 
setzung richtig ist, so verhält sich, da 4000 Dirheme so viel wiegen 
als 2800 Dynäre und 6 Dynilre auf eine Unze Goldes gehen, der 
Werth des Goldes zu dem des Silbers wie 1 zu llf, denn dies ist 
der Quotient, wenn man 2800 mit 40 X 6 dividirt. Vielleicht haben 
wir auch in manchen anderen Fällen, wo in der Tradition von Un- 
zen die Rede ist, Gewichtsmünzen zu 6 Dynären und nicht eine kon- 
ventionelle Quantität im Werthe von 40 Dirhemen zu verstehen. 

Tha'laby, Tafs. 2, 173, hat uns eine für die Berechnung des Wer- 
thes der Thiere werthvoUe Stelle aufbewahrt. Er sagt: 

iüLo J»j"!il Q-i» ^.J> v.Äii r^c- L-iii^ ,»jjj^^ cy*^ i^-S^ ^^^ (J>^^ ^P^ 

„Der Blutpreis für einen erschlagenen Moslim beträgt 1000 Dy- 
näre, oder 12000 Dirheme, oder 100 Kameele, wovon 40 Chilfa, 
d. h. trächtige Kameeistuten, 30 HilvJva, und 30 Godza sein müssen. 
Ursprünglich wird der Blutpreis nach Kameelen berechnet." 

Da Kameele von verschiedenem Werth genannt werden, müs- 
sen wir uns wieder an das Gesetz wenden, um den mittleren Preis 
einer jeden Sorte zu bestimmen. Wir fangen mit den Schafen an, 
weil sie gleichsam als Scheidemünze dienten. 

Von weniger als 40 Schafen bezahlt mau keine Steuer. Für 
eine Herde von 40 bis 120 Schafen giebt man ein Schaf ab, für 
eine Herde von 121 bis 200 zwei Stück, für eine Herde von 201 
bis 300 drei Stück, und wenn die Herde aus mehr als 300 Scha- 
fen besteht, giebt man für je 100 ein Stück ab. 



139 

In diesem Gesetze ist eine Inkonsequenz, welche durch die Um- 
stände motivirt wurde. Auch die reichen Kameel- und Pferdezüch- 
ter hatten kleine Schafherden, grofse Herden hingegen besafsen nur 
die armen Bewohner der Gebirge, welche keinen anderen Besitz 
hatten, und aus dieser Rücksicht enthält das Gesetz eine Begünsti- 
gung für grofse Herden, dergleichen wir sonst im Armensteuer-Ge- 
setze keine finden. 

Abu Yüsof , fol 43, dem ich folge, fährt fort: Weniger als 5 
Kameele sind steuerfrei, für 5 entrichtet man ein Schaf (folglich 
hatten fünf mittlere Kameele den Werth von 40 Schafen, also 1 mitt- 
leres Kameel = 8 Schafe, weiter unten werden wir Fälle kennen 
lernen, in welchen 1 Kameel zu 10 Schafen angeschlagen wurde), 
für 10 Kameele entrichtet man 2 Schafe, für 15 Kameele drei 
Schafe und für 20 Kameele 4 Schafe. Für 25 Kameele und darüber 
giebt man ein junges, für 35 ein älteres Kameelfüllchen ab für 45 
eine Hikka und für 60 eine Godz'a. Für 75 liefert man 2 Füllchen 
ab. Von grofsen Herden gab man von je 50 Kameelen eine 
Hikka ab. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dafs eine Chilfa oder trächtige 
Kameeistute werthvoUer war als eine Godz'a, und konsequent hätte 
sie als Steuer für 75 Kameele genommen werden sollen, aber es 
bestand der allgemeine Grundsatz, dafs man den Züchter der träch- 
tigen Thiere nicht berauben soll. 

Wäre man fortgefahren, die Steuer auch für mehr als 20 Ka- 
meele in Schafen zu erheben, so kämen auf 45 Kameele 9 Schafe 
und auf 60 Kameele 12 Schafe. Wir haben also den Werth einer 
Hikka und einer Godz'a in Schafen, den einer trächtigen Kameei- 
stute können wir mit ziemlicher Sicherheit zu 15 Schafen veran- 
schlagen. Wir haben also für den Preis des Blutes 40 trächtige 
Kameele = 600 Schafe; 30 Hikka = 270 Schafe, und 30 Godz'a 
= 360 Schafe: das macht 1230 Schafe. Da statt Kameele auch 
12000 Dirheme bezahlt werden konnten, so stellt sich heraus, dafs 
1 Schaf zu ungefähr 10 Dirhemen, 1 Hildka zu 90 Dirhemen, 1 Go- 
dz'a zu 120 Dirhemen und eine trächtige Kameeistute zu etwas we- 
niger als 150 Dirhemen veranschlagt wurde. Der mittlere Werth 
eines Kameeies wird deswegen nur zu 80 Dirhemen angesetzt, weil 
männliche Kameele wenig Werth haben. Ich kenne zwei Traditio- 
nen, in denen ein Kameel zur Zeit des Propheten um 10 Dynäre 
verkauft wurde, und eine, welcher zufolge er ein Kameel von Ga- 
bir um eine Unze Goldes (nach der Version des Mischkat um 40 
Dirheme) kaufte. Gute Reitkameele waren aber sehr theuer, so 
gab Omayya 300 Dirheme für eins (Wäk. S. 29). Ein Schaf soll 



140 

von Hakym b. Hizäm für Mohammad um einen Dynär gekauft, dann 
für zwei verkauft worden sein; dann soll Hakym um einen Dynär 
ein anderes Schaf gekauft und das ihm zu diesem Zwecke gegebene 
Geld und ein Schaf zurückgebracht haben. Die Tradition kennzeichnet 
sich zwar als eine Erfindung, gerade weil der grofse Kaufmann Ha- 
kym (vergl. Bd. I. S. 192), welcher sich erst sehr spät bekehrte, ge- 
nannt wird, dennoch ist anzunehmen, dafs dem Erfinder der mitt- 
lere Preis eines Schafes bekannt war. 

In Arabien hält man wenig Rindvieh, es wird entweder gar 
nicht oder nur von Bauern als Tauschartikel gebraucht und wenig 
Handel damit getrieben. Die Ra(;e ist klein und schlecht, deswe- 
gen wird im Gesetze das Stuck blos zu 13 bis 14 Dirhcraen ver- 
anschlagt. Der mittlere Preis eines Reitpferdes hingegen ist nach 
dem Steuergesetze 40 Dynare. 

Wir werden weiter unten einen Fall kennen lernen, in welchem 
ein Schlachtkameel für einen Wisk oder Wask, d. h. eine Kameel- 
last Datteln, verkauft wurde. Datteln, Gerste und Rosinen waren 
in Madyna ungefähr gleich theuer, und es wurde daher als Almo- 
sen des Fastenschlusses ein (^'a (der sechszigste Theil eines Wask) 
irgend einer dieser drei Waaren gefordert. Weizen war in Madyna 
zweimal so theuer, und wenn man daher das Almosen in Weizen 
entrichten wollte, hatte man nur ein halbes Qä' zu geben. In Ba- 
bylonien war Weizen viel billiger und die Theologen erwarteten da- 
her, dafs man mehr als ein halbes Ca' Weizen abgebe. In Bezug 
auf die Almosensteuer setzte der Prophet nach einer Tradition 
des Gäbir, das Minimum von Saaten (r. ■) und Weinbergen, von 
denen die Steuer entrichtet werden mufs, auf fünf Wask fest. Auch 
daraus geht hervor, dafs ein Wask und ein mittleres Kameel unge- 
fähr denselben Werth hatte. Ein Wask Datteln galt also etwa 80 
Dirheme, und folglich ein ^a 1 ^ Dirhem. 

Das Qa ist ein Cubikmaafs für Getreide und Datteln und die 
Rechtsgelehrten haben sich bemüht, den Werth des (^a des Prophe- 
ten zu ermitteln und haben es in Pfunden (Rotl) ausgedrückt. Es 
ist anzunel)men, dafs sie Gerste gewogen haben. Sie sind, weil 
das Maafs verloren war, zu verschiedenen Resultaten gekommen. 
Nach Abu Hanyfa enthält ein Qa 8 'Iräk;y-Rotl; nach Schäfi' (vcrgl. 
Makryzy Hist. Moiielae ar. S. fi8) ;);' Rotl, nach den Schy'iten 9 Rotl; 
Kolyny, ein Schy'itischer Traditionist sagt: 1 (,"a' = 1170 Dirheme; 
1 Madyna-Rotl = 195 Dirheme. Nach Makryzy wiegen 128 mosli- 
mische Dirheme ein Rotl. Mohammad Bakir giebt in einer Mono- 
graphie über die im Gesetze erwäimten Muafse und Gewichte den 
Werth etwas genauer an; 1 'Iräky-Rotl = -^ Makka-Rotl = | Ma- 



141 

dyna-Rotl = 91 (nach Änderen 90) Mithkäl = 128| Dirheme = 4 
Modd (Vierling) '). 

Das in dieser Rechnung genannte 'Iriildsche Rotl oder Pfund 
wird auch das Baghdädische geheilsen, und das Mithkal ist das oben 
beschriebene. Es wird auch Schar'y oder kanonisches Mithkrd ge- 
nannt. Nach Mohammad Bakir ist 1 Wechsler- (Qayräfy-) Mithkal 
= 1'. gesetzliche (Scha'ry) Mithkal. 

Das Irakische Pfund ist demnach = 409,53t5 Gramnies. Neh- 
men wir die Berechnung des Abu Hanyfa als die richtige an, so 
wog das Qa Getreide 6^ Pfund badisch (und schweizerisch), und 
da diese Quantität Gerste 87 Centime und Weizen 1 Franken und 
74 Centime kostete, so stand Gerstenbrod etwas billiger, aber Wei- 
zenbrod, wovon jetzt in Bern 6^ Pfund 1 Fr. 20 Cent, kostet, hö- 
her als in unserer Zeit. 

Wir begreifen daher wie es kam, dafs der Tradition zufolge 
es für den höchsten Wohlstand galt, täglich Weizenbrod zum Essen 
zu haben. Die Leute lebten sehr ärmlich, afsen nur selten Fleisch 
(vergl. Bochäry S. 594) und die Frauen waren schwach und abge- 
magert wegen Mangel an Nahrung. Sie bestand besonders aus Milch, 
Datteln schlechter Qualität und Gerste, geröstet oder zu Brod ver- 
arbeitet. 

Der Arbeitslohn wird in solchen Gegenden selten in Geld be- 
zahlt, sondern in Lebensmitteln, besoders Datteln (vgl. Bd. I. S. 275). 
In allen solchen Fällen schlägt der Producent die Waaren nicht hoch 
an und giebt dem Arbeiter aufser der Kost noch Lebensmittel für 
einige Tage als Tagelohn. Es ist aber immer eine grofse Dispropor- 
tion zwischen einem Tagelohne und vielen. Ein Mann, der einen 
Monat für einen anderen auf dem Felde gearbeitet hatte, erhielt 
wahrscheinlich nicht viel mehr als ein anderer, der nur eine Woche 
gearbeitet. In Makka kursirte etwas mehr Geld und es wurde die 
Arbeit bisweilen in Karaten (Goldes) berechnet, in Madyna hinge- 
gen war fast Alles Tauschhandel und deswegen hat Bidha , Waare, 
auch die Bedeutung von Tauschmittel, Werth und Geld (vergl. 
Kor. 12,19). 



') Die Apotheker-Unze wog daher 10t Dirheme. Annähernd genau wird 
im Kitäb al-'Aj-n das Gewicht der Apotheker-Unze zu 7 Mithkäl augegeben. 



142 



II. Brief des 'Orwa an den Chalyfen 'Abd al-Malik 
(regierte von A. H. 65 bis 86). 

(Tabary Bd. 4, S. 247.) 

„Du hast an mich um Aufklärung über den Zug des Abu So- 
fyän geschrieben. Er kam nebst siebenzig Männern aus verschiede- 
nen korayschitischen Familien, \velche sich in Handelsgeschäften nach 
Syrien begeben hatten, und nun Gold und Waaren zurückbrachten. 
Der Prophet und seine Gefährten erhielten Nachricht von den Be- 
v?egungen des Abu Sofyan. 

Die Korayschiten und die Moslime befanden sich im Kriege 
gegen einander und es war Blut geflossen. Ibn Hadhramy und An- 
dere waren bei Nachla gelödtet worden, und es wurden auch Ge- 
fangene gemacht, namentlich Mitglieder der Familie Moghyra, darun- 
ter Ibn Kaysan , ein Client dieser Familie; dann 'Abd Allah b. 
Gahsch, Wakid, ein Client der 'Aditen, und Andere. Gefährten des 
Propheten, welche er zu diesem Zwecke nach Nachla geschickt 
hatte, besiegten sie. Dadurch wurde das Kriegsfeuer entzündet, 
denn dies war die erste Gewaltthätigkeit und sie fand vor dem 
Marsche des Abu Sofyan nach Syrien statt. 

Abu Sofyan kehrte also nebst den korayschitischen Häuptlingen, 
welche ihn begleiteten, von Syrien nach der Heimath zurück, und 
sie wählten den Weg der Küste entlang. Als der Prophet davon 
Nachricht erhalten hatte, rief er seine Gefährten unter die Waffen 
und stellte ihnen vor, dafs jene viele Schätze mit sich führen und 
die Anzahl der Vertheidiger gering sei. Die Moslime zogen aus 
und hatten keine andere Absicht, als den Abu Sofyan und die Ka- 
rawane zu überrumpeln. Ihr Zweck war, Beute zu machen und 
sie hofften, es würde kein bedeutendes Gefecht geben. Gott offen- 
barte daher Koran 8, 7. Als Abu Sofyan von den Absichten des 
Mohammad hörte, schickte er einen Boten nach Makka. Alle von 
Ka'b b. Loway abstammenden Familien hatten Antheil an der Ka- 
rawane. Diese rückten daher zur Vctheidigung derselben aus, mit 
Aussclilufs der Nachkommen des 'Amir, von welchen nur die Banu 
Hisl den Landsturm mitmachten. Der Prophet erfuhr nichts von 
dem Landsturm der Makkaner bis er nach Badr kam. 

Die korayschitischen Karawanen pflegten schon früher biswei- 
len der Küste entlang nach Syrien zu reisen. Abu Sofyan hielt sich 



148 

an diese Strafse, weil er fürchtete, man würde ihm bei Badr auf- 
passen. Der Prophet karapirte nahe bei Badr und schickte den Zo- 
bayr mit einem Detachement zum Brunnen von Badr. Sie hatten 
keine Ahnung, dafs die Korayschiten ausgezogen seien, fanden aber 
dort einige Leute, welche von den Korayschiten geschickt worden 
waren, um Wasser zu holen. Darunter war ein schwarzer Sklave 
der Familie Ilaggag. Zobayr ergriff den Sklaven, während einige 
seiner Gefährten entkamen und zu dem korayschitischen Landsturme 
zurückkehrten. Sie brachten ihn zu Mohammad, welcher in seiner 
Reisighütte betete, und fragten ihn, wo sich Abu Sofyan befände? 
denn sie glaubten, er käme von der Karawane. Der Sklave aber 
erzählte ihnen von dem Landsturme, mit dem er ausgezogan war. 
Da sie die Karawane überrumpeln wollten, so war ihnen dessen 
Nachricht äufserst unwillkommen, und obschon er die Wahrlieit 
sprach, wollten sie es nicht glauben und prügelten ihn, um ihn zu 
zwingen, über die Karawane Auskunft zu geben, wovon er nichts 
wufste. Diese befand sich damals, wie es auch im Koriin 8,43 
heifst, weiter unten gegen das Meer zu. Nothgedrungen log er et- 
was von Abu Sofyan. Der Prophet, welcher noch betete, über- 
hörte was vorging und soll, den Geschichtenerzählern zufolge, ge- 
sagt haben: Wenn er euch die Wahrheit sagt, mifshandelt ihr ihn, 
wenn er aber lügt, lafst ihr ihn in Ruhe. Er liefs nun den Sklaven 
zu sich kommen und befragte ihn über die Anzahl der Korayschiten. 
Er antwortete: Ich kann die Zahl nicht genau bestimmen, aber 
es sind ihrer viele. Er soll ihn weiter gefragt haben: Wie viele 
Kameele schlachten sie und wer lieferte sie ihnen gestern? Als 
er hörte, dafs sie neun schlachteten, soll er bemerkt haben: Es 
sind ihrer zwischen neunhundert und tausend. In der That be- 
stand damals der Landsturm aus 950 Mann. Der Prophet rückte 
vor und kampirte am Brunnen. Er füllte einen Wasserbeiiälter 
und stellte vor demselben seine Gefährten in Reihen auf. Dann 
rückten die Feinde an. Als der Prophet in Badr war, sagte er: 
Da werden die Korayschiten geschlachtet werden! Die Feinde fan- 
den, dafs er vor ihnen bei dem Brunnen angekommen war und ihn 
besetzt hatte. Als sie von oben herunter kamen, soll er gesagt 
haben: Hier kommen die Korayschiten, die Läugner des Boten 
Gottes, schreiend und voll Uebermuth; o Gott, erfülle dein Ver- 
sprechen! Er warf darauf eine Hand voll Staub gegen sie und 
Gott schlug sie in die Flucht. 

Ehe sie heranrückten hatte Abu Sofyan ihnen durch einen 
Mann sagen lassen, sie sollen zurückkehren. Sie waren damals 
in Gohfa und erwiderten: Wir wollen nicht zurückkehren, sondern 



144 

uns bei Badr lagern und daselbst drei Tage bleiben und uns den 
Einwohnern vom Higäz zeigen; denn wenn die Feinde die Ar- 
mee sehen, die wir zusammengebracht haben, mögen sie es versu- 
chen, uns anzugreifen, wenn sie den Muth haben. Darauf bezieht 
sich Koran 8, 49. Gott hat dem Propheten den Sieg gegeben, die 
Vertreter des Unglaubens gedemüthigt und die Herzen der Mos- 
lime geheilt." 

Tabary theilt auch den Bericht des Abu Ishäk (f 129) von die- 
ser Schlacht mit. 



Neunzehntes Kapitel. 



Meuchelmorde, Vertreibung zweier jüdischer Stämme, 

kleinere Kriege, Ohodschlacht, Belagerung v. Madyna. 

(Vom März 624 bis AprU 627). 

Das Sprüchwort: »nähre den Hund und er frifst dich auf«, 
welches die vor Wuth knirschenden Heuchler so oft auf 
Mohammad anwendeten, wurde zur Wahrheit. Er herrschte 
nach der Badrschlacht mit unumschränkter Macht über Ma- 
dyna. Der erste Gebrauch, den er von seiner Gewalt machte, 
war, Einige, welche es gewagt hatten, ihn und seine Lehre 
zu verspotten, meuchlings aus dem Wege räumen zu las- 
sen, um die Anderen zu intimidiren 

Das erste Opfer seiner Rache war eine Frau, Ac;mA, 
aus dem Stamme Chatma, welcher j)isher dem Isläme fremd 
geblieben war ^). Sie verfafste Spottgedichte auf die Gläu- 
bigen. Der blinde Omayr, das einzige Mitglied ihres Stam- 
mes, welches den Islam bekannte, erbot sich daher, sie zu 
tödten. Er führte die blutige That unmittelbar nach Mo- 
hammad's Rückkehr von Badr auf dessen Geheifs aus. In 



') Nach mehreren Traditionen war A^mä eine Jüdin und hatte 
sich ihr Loos dadurch zugezogen, dafs sie die Moschee der Chatmi- 
ten frevelhaft verunreinigte. Dafs die Chatmiten nicht Moslime wa- 
ren und also keine Moschee hatten, geht schon daraus hervor, dafs 
keiner von ihnen bei Badr focht. Dies ist also blos zur Entschul- 
digung des Mordes erfunden worden. Andere behaupten, Omayr 
habe sie aus eigenem Antriebe, in Folge eines Gelübdes für die 
sichere Rückkunft des Propheten, ermordet, und Einige behaupten 
sogar, ihr eigener Mann habe sie in seinem Eifer für den Isläro 
getödtet. 

m. 10 



146 

der Nacht von 25. zum 26. März 624 schlich er sich in 
ihr Haus und fand sie von ihren Kindern umgeben: alle 
in tielem Scldate. Ein SäugHng- lag auf ihrer Brust. Der 
Held entfernte ihn und stiefs ihr das Schwert durch den 
Leib. Am iolgenden Morgen verrichtete er das Frühge- 
bet mit dem Propheten und drückte seine Hesorgnifs aus, 
dafs ihm (dem Mohammad) der Mord Verlegenheiten (iltän) 
bereiten könnte. Dieser antwortete: Es werden sich nicht 
zwei Ziegen darob stolsen. Diese Aeufserung wurde zum 
Sprüchwort. 

Da 'Omayr dem Stamme der Ermordeten angehörte, 
hätten die Kinder den Tod ihrer Mutter an ihm rächen 
sollen. Der Familie des 'Ihäters hingegen lag die l^ilicht 
ob, ihn zu schützen. Da die Moslime für Omayr Partei 
ergriffen liaben würden, so mufsten die Verletzten den Mord 
ungerächl lassen, ja die meisten Chatmiten fanden es räth- 
lich, das CJJaubensbekenntnils abzulegen: dies war auch 
das einzige Mittel, den Schandlleck der Familie zu tilgen 
— durch ihre Bekehrung ertheilten sie dem Morde ihre 
nachträgliche Sanktion. 

Wenige Wochen i^täter wurde der greise Abll Afak 
ermordet. Er gehörte dem arabischen tJeschlechte 'Amr 
b. 'Awf an, bekannte sich aber zum .Jndenthume. Unter 
den 'Amriten hatte, wie wir im vorigen Kapitel gesehen, 
der hau) tische Ascet viele Anhänger und der ganze Stamm 
war den» Mohammad so wenig zugethan, dafs er auf den« 
Marsche nach Badr einen Mann zurückschicken mufste, ihn 
zu beschwichtigen. 'Abu 'Alak war dem JMohammad durch 
seine Talente und seinen Freimuth gefährlich: er sta- 
chelte die Madyner durch seine tJedichte auf, sich dessen 
Auktorität zu widersetzen und treu an ihre alten Bündnisse 
lestzuhaltcn. iMohannnad t])at daher seinen Wunsch kund, 
dals er ihn aus dem Wege geräumt wissen wolle. Auch 
diesmal wurde aus dem erwähnten Clrunde ein Mitglied 
der lamilie des zun» Tode Bestimmten auserseheu, die 



147 

That zu vollbrin<j^pn. v^älim ])/Omayr, ein armer 'Amrite, 
durchbohrte den Cireis im Schlafe, als dieser, der grolsen 
Hitze neü^en, die Nacht im Hofe des Hauses zubrachte. 

Die Pflidit, das Blut eines ermordeten Verwandten zu 
rächen, vererbt sich bei <len Arabern auf späte Generatio- 
nen, und so lange die Familie nicht Rache o-enommen hat, 
haftet ein Schandtleck auf ihr, der nur durch IJlut ausge- 
gelöscht werden kann. Auch die Nachkommen des Mör- 
ders und seiner Verwandten sind also keinen Augenblick 
vor dem rächenden Dolche sicher. Burckhardt hat die 
Nothwendigkeit dieser Strenge gezeigt. Das Leben sei- 
ner Ano-ehörigen ist dem Bedouinen so lieb wie sein ei- 
genes, und die Furcht, dafs sie für ihn büfsen müssen, hält 
ihn vom Frevel zurück. Die steigende Macht der Moslime 
befreite sie von allen diesen Befürchtungen. Da es Nie- 
mand in Madyna Avagte, seine Hand zu erheben, um mit 
dem Blute eines 31oslimen. den Tod der Agma und des 
Abu Afak zu sühnen, so fand es Mohammad zweckmäfsig, 
im Terrorismus weiter zu o-ehen und zugleich neue Hülfs- 
((uellen für die Gläubigen zu erschliefsen. 

Diesmal galt es dem jüdischen Stamme der Banü 
Kaynoka. Er zählte ungefähr 700 waffenfähige Männer 
und besafs weder Felder, noch Dattelbäume, sondern er- 
nährte sich von Juwelier- und Goldarbeiten. Es stand 
nun freilich ein kleines Hindernifs im Wege: die Banü Kay- 
nokä' waren Mitunterzeichner des im siebenzehnten Kapitel 
erwähnten \ ertrages. Aber wozu das Recht zu binden 
und zu lösen, wenn mau es nicht benutzt? Der Prophet 
beschied den Engel Gabriel zu sich lujd liefs sich folgende 
Verse überbringen : 

8, 57. Vor Gott sind die l ndankbaren die schlechtesten 
Bestien; denn sie wollen nicht glauben. 

.^s. Diejenigen von ihnen, mit welchen du ein Bünd- 
nifs geschlossen hast, welches sie jeden Augenblick bre- 
chen — sie sind nämlich ohne Furcht — 

10* 



148 

59. wirst «lii entweder im offenen Kriege dir gegen- 
liher sehen: in diesem Falle statuire ein Exempel, auf dafs' 
die liinter ihnen intimidirt Averden und es zu Herzen 
nehmen, 

()0. oder du fürclitest, dafs ein Stanmi von ihnen Ver- 
rath übe: in diesem Falle künde ihm das Bündnifs, damit 
du und er [ehe du die Feindseligkeiten beginnst] gleich- 
stehen; denn Gott liebt nicht die Verräther. 

Mohammad sagte dem Ueberbrinii'er, dafs er wirk- 
lieh Verrath wittere und da ihm die Alternative gelassen 
sei, wolle er nicht erst warten bis sie, die Banü Kaynokä', 
angreiien, sondern ihnen den Krieg erklären. 

Der Krieg hätte jedoch sehr grofse Dimensionen au- 
nehmen können, denn Ibn Obayy und 'Obäda b. ^ämit stan- 
den seit vielen Jahren in engem Inindnisse mit den Banü 
Kaynokä' und in zwei früheren Kriegen rückte ihre ganze 
Mannschall zum Schutze des ersteren in das Feld. Ibn 
Obayy, das Haupt der noch mächtigen Partei der Heuch- 
ler, hielt daher an seijie Verpllichlungen lest, wenn auch 
der bigotte Sa'd b. JMo'ädz erklärte: der Islam habe alle 
früheren Bündnisse aufgelöst, und den grofsten Eifer im 
Unternehmen gegen seine früheren Alliirlen zeigte. Ferner 
war zu vermulhen, dafs auch die zwei anderen jüdischen 
Stämme von Madyna ihren Brüdern zur Hülfe kommen 
Avürden. Vnu die Furcht der (Jläubigen vor solcher Koa- 
lition zu beschwichtigen, oflenbarte (jott: 

8, (il. Denke nicht, dafs dir die Ungläubigen zuvor- 
konnnen. Sie werden deine Bläue nicht zu vereiteln im 
Stande sein. 

(ji. (iläubige, machet alle möglichen Rüstungen 
gegen sie und versehet euch niil Rossen. Ihr werdet sie, 
die Feinde (Jottes und eure Feinde, und auch die hinter 
ihnen [\^elch(5 ihre (Jesinnungen noch nicht offen erklärt 
hallen] durch eure Ki icgsbereitschall einschüchtern. 



149 

Die Rüstungen wurden rastlos betrieben, namentlich 
verwendeten die GIäubii!,en ihr Augenmerk aut die Kaval- 
lerie, an der es ihnen bisher ganz gefehlt hatte. 

Unter diesen Verhältnissen wufste Ihn Obayy seinen 
Verbündeten keinen besseren Rath zu geben, als: sich in 
ihren Thürmen einzuscliiielsen, aber sich des Kampies zu 
enthalten; denn er kannte die Wuth des Tigers, welcher 
l)lut geschmeckt hat. Wenn er Zeit gewänne, hoffte er 
etwas iür sie thun zu können. Mohammad forderte sie 
auf, ihn auch als ihren Propheten anzuerkennen, und als 
sie sich weigerten, kündigte er das Hündnifs, erklärte den 
Krieg und schritt sogleich zur Belagerung. Alle Commu- 
nication wurde abgeschnitten. Ibn Obayy konnte nichts 
für sie thun. Nach fünfzehn Tagen, am 15. April 624, 
ergaben sie sich, da sie sich verlassen sahen, auf Diskre- 
tion, ohne das Schwert trezocen zu haben. Mohammad 
iiefs sie knebeln, in der Absicht, sie Alle hinzurichten. Ks 
gelang den Bitten und Drohungen des Ibn Obayy, sie vom 
Tode zu retten. Sie wurden aus IMadyna verwiesen und 
ihr früherer Beschhützer Obäda übernahm das Amt, ihren 
Abzuü: zu überwachen und zu bescbleunis:en. Sie reisten 
über Wädiy alkorä, wo sie sich einige Zeit bei ihren Glau- 
bensgenossen aufhielten, nach Adzra ät (dem Edrei der Bi- 
bel) in Syrien und liefsen sich dort nieder. Ihr Eigen- 
thum, darunter die Werkzeuge ihrer Profession, und viele 
Waffen waren die Beute der übermüthigen Sieger. 

Abu 'Awn ^), welcher um die Mitte des zweiten Jahr- 
hunderts blühte, hat es für zweckmäfsig erachtet, eine vom 



') In dem Texte des Ibn Hischam S. 545 haben sich zwei 
Wörter, LiiAs^-^ und das zweite ^^i^ eingeschlichen, die nicht dahin 
gehören; hingegen ist ein anderes ausgefallen. Wie der Satz jetzt 
steht, hätte Ibn Hischcim dem Ibn Ishak, der früher lebte, die Er- 
zählung raitgetheilt. Er soll lauten: „Ibn Hischam bemerkt: 'Abd 
Allah b. Gafar b.'Abd al-RahmJln Ibn Miswar b. Machrama [f 170] 
erzählt auf die Auktorität dos Abu 'Awn." Dem Ibn Ishäk scheint 



150 

Koran abweichende Veranlassung zu diesem Kriege zu er- 
finden. Eine Mosliniin kam mit Waaren auf den Markt 
der Band Kaynokä' und setzte sich vor die Boutique eines 
Goldschmiedes. Die nuithwilligen Ju«len >volhen ihr Ge- 
siclit seilen, und da sie ihnen widerstand, schlich sich ei- 
ner von ihnen hinter sie und heftete ihr mit einem Dorn 
den Saum des Kleides an den Rücken. Als sie plötzlich 
aufstand, entl>löfste sie sich zum allgemeinen Gelächter. h]iu 
Moslim erschlug den Frevler. Ks entstand ein Auflauf, in 
dem der Moslim getödtet wurde. Dies veranlafste die 
Kriegserklärung gegen die Bann Ka\noka, Der Erfinder 
dieser Geschichte hat vergessen, dafs damals die Arabe- 
rinnen noch keinen Schleier trugen. 

Die einzige That, welche die Schlacht von Badr sei- 
tens der Korayschiten zur Folge gehabt hat, war eine schon 
Anfangs Juni unternommene Expedition des Abu Sof>än 
mit 40 oder 200 Mann nach JMadyna. Er schlich Nachts 
in die Stadt, verweilte einige Zeit bei einem Juden, ge- 
gen Morgen steckte er zwei Gartenhäuser in Brand, mor- 
dete einen oder zwei Arbeiter und machte sich so eilij*; 
aus dem Staube, dafs er mehrere Säcke Sawyk ') abzu- 
werfen für nöthig hielt, um es den Kameelen zu erleichtern. 



die Erzählung noch nicht bekannt gewesen zu sein, sie befindet sich 
aber in Wäkidy, unter dessen Schaychen Ibn Miswar unter No. 5 
genannt wird. 

') Sawyk, nach der Aussprache der Banü Tamym, Qawyk. 
Man weicht Weizen oder Gerste, in Wasser ein oder kocht sie bis die 
Kürner schwellen , dann röstet man sie und mahlt sie zu grobem 
Mehl : dies nennt man Sawyk. Es wird aufbewahrt bis man es 
nöthig hat. Man benutzt es besonders auf Reisen. Ehe man es 
geniefst, feuchtet man es mit Wasser oder Butter, mit oder ohne 
Honig, an, und deswegen sagt man Sawyk trinken (Nur alnibräs 
S. fll4). Diese Speise ist auch jetzt noch in Arabien unter diesem 
Namen bekannt (Burton Piigrim. Bd. 1, S. 207). In einigen Orten 
nannte man sie Basysa. In Persien wird sie Fischt und in Indien 
Sattu genannt. In Syrien hat ein ähnliches Gericht den persischen 



151 

Mohammad setzte ihm iiacli, konnte ihn aber nicht errei- 
clien; er niufste sich mit den Sawyk -Säcken begnügten. 

Die Ciohayniten ') und andere Stämme zwisclien Ma- 
djna und dem Meere hatten Neiitralitätsbündnisse mit 



Namen Purghol. Statt das Korn einzuweichen oder zu kochen nimmt 
man es auch grün, ehe es ganz reif ist. 

Auf Feldzügen mufste jeder Krieger für seinen eigenen Unter- 
halt sorgen, aber reiche Leute machten es sich zur Aufgabe, eine 
Anzahl armer Kameraden zu nähren. Die einfachste Art der Pro- 
viantirung war in diesem Falle Kameele mit Sawyk zu beladen und 
so oft die Last eines Kameeies verzehrt war, es zu schlachten und 
zu essen. 

') Eines Vertrages mit den Gohayniten ist bereits erwähnt wor- 
den. Die Zeit der Bekehrung des 'Arar b. Morr aus diesem Stamme 
läfst sich nicht bestimmen. Er soll der Priester des Stammidols 
gewesen sein, machte sich früh in Madyna ansäfsig, legte das Glau- 
bensbekenntnifs ab und focht bei Ohod und in mehreren anderen 
Schlachten auf Seiten der Moslime. Als sich der Islam unter den 
Gohayniten ausbreitete, schickte ihn der Prophet zu denselben, den 
Koran zu predigen. Es gelang seinem Bemühen, sie zu bewegen, 
eine Deputation an den Propheten zu senden, an deren Spitze der 
Schaych der Ghayyän- (d. h. irrenden) Familie stand. Mohammad 
fragte ihn: Wie heifst du? Er antwortete: 'Abd al-'Ozzä (Knecht 
der'Ozzä) b. Badr. Dein Name sei von nun an: 'Abd Allah, ver- 
setzte der Gottgesandte, und der deiner Familie: Raschdän (die Ge- 
leiteten) und das Thal, in welchem ihr wohnet, heifse: Wädiy Raschd 
(das Thal der Leitung), und nicht länger Wädiy Ghawä (Thal der 
Verirrung). Zugleich erklärte Mohammad zwei der Familie angehörige 
Berge (Asch'ar und Agrad) als Berge der Ginn, weswegen es nicht 
rathsam sei, sie zu bewohnen. Nach einer Tradition bei Bochary 
hatte Abd al- Ozzä aus dem Munde des Propheten den Befehl ver- 
nommen, den Kippur zu fasten. Seine Bekehrung müfste demnach 
sehr früh stattgefunden haben. 

Es scheint, dafs viele Gohayna- Familien nach Madyna über- 
siedelten. Mohammad wies ihnen daselbst einen Platz zu einer Mo- 
schee an. 

'Amr b. Morr liefs sich später in Damascus nieder und beweg 
den Mo'äwiya einen Beamten anzustellen, dessen Geschäft es war, 
Bittschriften zu empfangen. Dem Abd al-'Ozzä vertraute der Prophet 



152 

^lohamniad abgeschlossen und seit dem Siege bei Badr 
uagtcn sie es nicht, ihn zu hintergehen. Die Stralse der 

bei dem Angriff auf Maklja die Fahne der Gohayna an. Er blieb 
in seinem Lande und wohnte auf dem Berge Kiblyya. 

Die älteste Vertragsurkunde mit den Gohayniten, welche wir be- 
sitzen, bezieht sich nicht auf den ganzen Stamm, sondern nur auf 
eine Abtheilung und lautet: „An die gohaynitischen Stämme der 
Banü Dzar'a und Banü Rab'a. Sie geniefsen Sicherheit der Person 
und des Eigenthums und haben Anspruch auf Hülfe gegen solche, 
welche sie unterdrücken oder bekriegen, ausgenommen, wenn es 
sich um Schulden oder Persönlichkeiten handelt. Der nomadische 
Theil der Bevölkerung, so lange er sich keine üebergriffe zu schul- 
den kommen läfst und besonnen handelt, hat dieselben Ansprüche 
wie der sefshafte. Gott ist unsere Zuversicht!" 

Dieser Vertrag wurde abgeschlossen, als die betreifenden Stämme 
noch Heiden waren. Der folgende bezieht auf bekehrte Familien: 
„An die Banü Gormoz b. Raby a, welche Gohayniten sind. Sie sol- 
len Sicherheit geniefsen in ihrem Lande und im Besitze dessen blei- 
ben, was sie inne hatten, als sie sich bekehrten. Geschrieben von 
Moghyra." 

In einem anderen, wie es scheint, um einige Jahre späteren 
Dokumente werden aufser diesen noch andere Gobaynastämme ge- 
nannt und die in der Zwischenzeit eingeführten Verpflichtungen nä- 
her präcisirt: Sie müssen sich von den Ungläubigen fern halten, 
ein Fünftel der Beute an Mohammad, nachdem er sich ein beliebi- 
ges Stück auserlesen hat, abgeben, den zehnten Theil der Früchte 
unter die Armen vertheilen und von Schulden, vorausgesetzt dafs 
der Schuldner ein Moslim sei, die Zinsen erlassen und sich mit dem 
Kapitale begnügen. Dafür wird ihnen der Schutz des Propheten zu- 
gesichert. 

Endlich sind auch noch zwei zu Gunsten von mächtigen Go- 
hayniten ausgefertigte Schenkungsurkunden vorhanden.: 

„Dieses ist es, was der Bote (Gottes) dem Gohayniten 'Awsega 
b. ITarmala vom Gebiete Marwa geschenkt hat: das Land zwischen 
seinem gegenwärtigen Besitze bis Ma(;ria'a, bis Gaflat, bis Gadd am 
südlichen Berge. Niemand soll es ihm streitig machen. Wer es 
streitig macht, hat kein Recht, Awsega hingegen hat Recht. Ge- 
schrieben und bezeugt von 'Okba (Ola b. 'Okba?).** 

Den Bann Schaych, einer gohaynitischen Familie, schenkt er das 
Land von (^^ofayna, auf welchem sie ihr Lager aufgeschlagen haben, 
und auch die Ländereien, welche sie geackert haben. 



153 

Makkaner nach Syrien, welclie duicli «las (Jebiet dieser 
Stämme lührt, war also veisclilossen, denn die Moslime 
konnten frei daiauC raanoeuvriren. Die nächste Auliijabe 
des Mohannnad uar, den Weg- von Makka gegen Osten 
zn beherrschen. Die Dann Solavm und die ihnen ver- 
wandten Dann Ghatalän ') hatten hier das Weide- und 
Schutzrecht. Der llauptsitz der ersteren ^var eine frucht- 
bare Harra, d. h. vnlkanisclie Gegend, Avelche das Eden 
der S«)la>n)iten genannt wird und die siebente Station aid" 
dem Wege nach !)ab^lonien ist. Die Entfernung von Ma- 
dvna beträgt acht Posten (96 ar. Meilen = 32 Studen). 
Die letzteren dehnten sich gegen NW. aus und beherrsch- 
ten einen Theil tier östlichen Strafse zwischen Makka und 
Madvna. 

Mehrere makkanische Häuser waren mit solaymitischen 
Kameeleigenthümern associirt und trieben gemeinschaitlich 
Handelsgeschäfte-). Wegen dieser Solidarität der Interessen 
waren die Solavmiten unter allen nomadischen Stämmen 

Die Wohnsitze der Gohayniten waren sebr ausgedehnt. Ibu Ha- 
yik, tbl. 107, rechnet dazu das grol'se und vielverzweigte Thal Idham, 
zu de.'^sen Gebiet Madyna gehört, (,"af'ra,, Badr, Rowaytha, Rawlia, Ma- 
rwa, yanbo',"Y9, Hawra, die Küste von Taymä (?) und gegen SO. 
erstreckten sie sich bis nach Harra alnär gegen Rabadza, und es 
grenzte ihr Gebiet an das der Solavmiten. Die westliche Grenze 
der Gohayniten bilden die Berge Radhwa und Asch'ar bei 'Yambo. 
Sie waren aber gewifs nicht im ausschliefslichen Besitze dieser gan- 
zen Gegend, welche Madyna von allen Seiten umgiebt. Sie leben 
noch in jenen Gegenden und ihre waffenfähige Mannschaft wird von 
Bassani auf 15000 Mann geschätzt. 

') Das Verwandtschaftsverhältnifs wird durch folgendes genea- 
logisches Symbol ausgedrückt: Solaym b. Man^ür b. Ikrima b. Cha- 
yafa b. Kays-'Ay hin; Ghatafän b. Sa'd b. Kays-'Ay län. 

'^) So war z. B. der Solaymite Kays b. Nochba ein Handels- 
freund des Onkels des Propheten, der Solaymite 'Abbas b. Anas 
stand in Geschäftsverbindung mit dem Vetter des Propheten und 
der Solaymite Midräs war mit Harb b. Omayya, dem Ähnherrn der 
Omayyiden, associirt und sie kamen beide an demselben Tage in 
derselben llaudelskarawaue um. 



154 

die bittersten Feinde des Islam nnd wurden auch von den 
Gläubijj-en am häufio-sten heimgesucht. 

Nicht weit von dem so eben erwähnten Eden dehnt 
sich die Kodr-llaide aus. Hier sammelten sich im Sommer 
624 viele Solaymiten und Cliatalaniten mit feindlichen Ab- 
sichten gegen Ma<lyna. Mohammad verliefs am 8. Juli mit 
200 Mann Madyna, um sie zu zerstreuen. Als er hinkam, 
fand er die Haidc leer. Kr schickte einige seiner Heglei- 
ter auf die Anhölicn und diese erbeuteten 500 Kameele und 
nahmen einen Hirten, den Sklaven Yasär, gelangen ^). 

Bald daraufhörte der Prophet, dafs sich unter der Füh- 
rung des wegen seiner Tapferkeit berühmten Do'thur in 
der (iegend von Amarr im jNagd Leute aus den ghatäfani- 
tischen Sfänunen Tha'laba und IMoharib sammeln. Im Sep- 
tember liefs er ein Aulijebot ersrehen und es stellten sich 
450 Moslime unt(u- seine Fahne. Zu Ka(;(;a ^), 24 arab. 
Meilen von Madyna, begegnete ihm der Tha'labite Gabbär. 
Fr bekehrte sich zum Islam und bot dem Propheten seine 
Dienste als Führer an, sagte ihm aber voraus, dafs sich 
seine Stammgenossen in keinen Kam])f einlassen werden. 
In Aniarr angekommen, fand er, dafs die Feinde ihre Habe 
nnd Familien in Sicherheit gebracht nnd auf den Hergen 
eine feste Stellung eingenommen hatten. Die Gläubigen 
fanden es ebenso wenig räthlich zu ihnen hinaufzusteigen, 
als die Nomaden herunter zu konnnen, und Mohammad zog 
nach Hause zurück, wo er nach einer Abwesenheit von 
11 Tagen ankam. 



') Der Verfasser der Ipäba hat aus diesem Yasar drei oder 
vier Personen gemacht. Nach einer Nachricht soll Mohammad des- 
sen Namen in Asläm verändert haben. Er fiel bei Chaybar, und als 
die Gläubigen den Leichnam waschen wollten, sagte der Prophet: 
Gebet euch nicht die Mühe, er ergötzet sich schon mit den Huries. 

^) Der Weg dahin führt über Makkä zum Engpasse von Cho- 
bayt, aufserhalb desselben, auf dem Wege gegen Rabadza bin, Ka^cja 
oder Dzü-l-ka(;(;a liegt. 



155 

Es fiel, wie die Lei-eiKle erziihlt, als Mohammad in 
Aiuarr nar, ein lieftiger Regen nnd durclMiälsle ihn. Kr 
entlenite sich vom Lager nnd zog seine Kleider aus, nin 
sie zu trocknen. Die Feinde beobachteten ihn und ihr An- 
führer Do'thiir sclilich sich an ihn liinan , stand plötzlich 
mit gezücktem Schwerte vor ihm und sagte: Wer schützt 
dich jetzt i' Ciott! antwortete der Prophet. Es erschien 
ein Engel vor Do'thür und das Schwert fiel ihm aus der 
Hand. Mohammad nahm es auf und sprach: Wer schützt 
jetzt dichi* {Niemand! antwortete der Nomade. Moharn- 
n)ad gab dem Dothür das Schwert zurück und ging ru- 
hi«; dem Lajjer zu. Dieselbe Geschichte wird auch bei 
einer anderen Gelegenheit erzählt. Dort heifst der Feind 
Ghawreth. Es scheint also, dafs die Legende nicht aus 
der Geschichte herausgewachsen, sondern, nachdem sie 
selbstständig ausgebildet war, in dieselbe hineingefügt wor- 
den ist. 

Ka'b b. Aschraf war dem edlen arabischen Geschlechte 
jNabhän-Tavy entsprossen, seine Mutter war eine Jüdin 
aus dem Nadhyrstamme und er wohnte in Madyna. Im 
Tayystamme hat es, wie wir wissen, Raküsier gegeben, 
und wahrscheinlich war Ka'b's Vater ein Proselyt des Tho- 
res; denn wie wäre er sonst zu einer jüdischen Frau ge- 
kommen? Kab wurde im jüdischen Glauben erzogen und 
erkannte bis zur Abänderung der Kibla den Mohammad als 
Boten Gottes an, ja er soll sogar einige Zeit das Ange- 
sicht gegen Makka gewendet haben (Kalby, IMogähid und 
Mokätil, bei Wähidv 3, 65; vergl. auch Baydhawy). Es 
wird freilich behauptet, dafs Kab sich zur neuen Kibla 
mit der böswilligen Absicht be(juemt habe, damit ihm, 
wenn er sie verlielse, andere IMoslime folgen sollten. So 
viel ist jedenfalls klar, dafs er bis zu der durch die Aen- 
derung. der Kibla verursachten Spaltung, den Propheten 
anerkannte, danach aber zu seinem entschlossensten Wider- 
sacher w urde und ihn in Versen und in Prosa bei jeder 



156 

Gelegenheit angriff ^). Mohanniiad sagte daher im Som- 
mer 624-): Wer will mir iiir Kab sorgen? Ibn Maslama 
stand auf und fragte: Willst dii, dafs ich ihn morde? Ja, 
antuortete der Prophet. Dann erlaube mir, fuhr der Jün- 
ger fort, dafs ich gegen dich spreche. Rede was du willst, 
versetzte der Bote Gottes. Ibn Maslama begab sich zu 



') Um den Meuchelmord zu motiviren, sagen die Biographen, 
er sei nach Makka gegangen, ura die Korayschiten zum Kampfe 
gegen den Islam zu ermuntern. Wakidy erzählt diese Geschichte 
sehr ausführlich und führt auch Verse des Ibn Aschraf an. Die ur- 
sprüngliche Tradition des Stifters der Propheten -Biographie, 'Orwa, 
hat Ibn 'Ayidz (bei "Oyün S. 218) aufbewahrt: „Der Prophet sagte: 
Wer will mir den Kab aus dem Wege räumen? er macht kein Ge- 
heimnifs aus seiner Feindschaft und ver<)ffentlicht seine Satyren ge- 
gen uns. Auch ist er zu den Korayschiten gegangen und hat sie 
zum Kampf gegen uns vereint. Dies hat mir Gott geoffenbart. " 
Auch Tha'laby 5!), 1 berichtet, dafs die Umtriebe des Kab dem 
Mohammad auf übernatürliche Weise zur Kenntnifs kamen. Dieser 
Umstand macht seine Reise nach Makka sehr zweifelhaft. Es be- 
findet sich aber ein anderer Passus in der Tradition, welcher die 
Behauptung zu erhärten scheint. Die Korayschiten sollen ihn ge- 
fragt haben: Welche Religion ist besser, die unserige oder der Is- 
lam? und er antwortete: Die eurige. Darauf sollen die Koränverse 
4,54 geoffenbart worden sein: „Beobachtest du nicht Diejenigen, 
welchen ein Theil des Buches gegeben worden ist. Sie glauben an 
den Gibt und Täghüt und sagen zu den Ungläubigen, ihr seid bes- 
ser geleitet als die Moslime" (etc. bis V. 59). Indessen wenn man 
die Saclie genauer untersucht, so findet man, dafs K. 4, 64 mit 3, 22 
und 4, öß mit 3, 2:. parallel ist, und es stellt sich heraus, dafs diese 
Stelle sich nicht auf Ka'b, sondern auf die Juden, welche den Mo- 
hammad nicht zum Schiedsrichter wählten und sich an einen heid- 
nischen Kahin wendeten, bezieht: Vergl. oben S. 42. 

^) Bochäry erzählt diese Mordgeschichte unmittelbar nach dem 
Kriege gegen die Banü Nadhyr, — die Schlacht bei Ohod folgt bei 
ihm erst später. Ibn Sa'd giebt folgende Chronologie: Mord des 
Ka'b: 24. August 624; Ohod: 23. März 625; Feldzug gegen die Na- 
dhyriten: Juli 625. Wenn das Gedicht bei Ibn Ishäk S. 658 echt 
ist, so wäre Ka'b vor dem Feldzuge gegen die Nadhyriten ermor- 
det worden; das ist wahrscheinlich. 



157 

Ka'b und sagte: Dieser Mann macht uns viel IJeschuerde; 
er hat schon ^vie(lel• Ahnosen von uns verlanü't und ich 
komme zu dir, die Mittel dazu zu boroen. üist du end- 
hch seiner müde? versetzte Kab. Wir hal)en uns eiiunal 
für ihn erklärt, ant\vortete Ibn Maslama, und ^vollen ihn 
nicht verlassen, ehe \\\r sehen, uas aus der Sache heraus- 
kommt. Wir sind diesmal gekonmien, um von dir ein oder 
ZAvei Wask Datteln zu borgen und \\olhn uns ein anderes 
Mal besprechen. Du sollst sie haben, sagte der Jude, 
aber welches Unterpfand willst du mir geben? ISach ei- 
nigem Hin- und Herreden verstand sich Ibn Moslama dazu, 
seine Waffen zu versetzen. 

Spät am Abende kam Ibn Maslama wieder und brachte 
Abu Nägila den Milchbruder des Ka'b mit sich. wSie rie- 
fen ihn zur Frontmauer des Hauses, welche es gleichsam 
zur Festung machte, und er ging hinunter. Ich höre eine 
Stimme, sagte seine Frau, welche mir von Blut zu triefen 
scheint. Er antwortete: Es ist nur mein Bruder Ibn Mas- 
lama und mein Milchbcuder Abu Nägila, und der Edle ent- 
spricht, selbst wenn er in der Nachf zum blutigen Tur- 
nier gerufen wird. Er liefs den verrätherischen Freund 
mit noch zwei Männern in das Haus. Du duftest von 
Wohlgeruch, sagte Ibn Maslama zu Kab; Avillst du mir 
erlauben, dein Haar zu riechen? Dies war das verabre- 
dete Zeichen zum Angriff. Als nämlich Ibn Maslama seine 
Locken fest gepackt hatte, stürzten seine Begleiter mit den 
Waffen, die sie unter dem Vorwande, sie versetzen zu wol- 
len, mit sich trugen, auf ihn und tödteten ihn (Bochäry 
S. 576). 

Auf dem Rückwege von Byr Ma üna ruhte 'Amr, ein 
eifriger Anhänger des Propheten, während der Hitze des 
Tages bei Kanäh aus. Er traf zwei Männer und liefs sich 
in ein (Gespräch mit ihnen ein. Auf seine Frage, wer sie 
seien? sagten sie ihm, dafs sie den Banü 'Amir angehören, 
worauf er sie als Freunde anerkannt«^ und sich mit ihnen 



158 

zur Mittagsruhe l)egab. Als sie aber eingesclilafen waren, 
ermordete er sie, nahm ihre Habseligkeiten und setzte seine 
Reise fort. Nach einem Berichte hat er sie nicht meuch- 
lings im wSchlale, sondern im offenen Kampfe getodtet. 

\n Madvna angekommen, erzählte er seine Ilelden- 
that dem Propheten. Was hast du gethan? rief dieser aus, 
\veifst du denn nicht, dafs icli mit den Amiriten ein Bünd- 
nils abjjesclilossen habe? Wir sind ü-enötliiiit, für den Mord 
dieser beiden Männer Genuü;tliuunif zu leisten! f]s stell- 
ten sich auch bald l3oten des betrelTenden Stammes ein, 
welche die Beute und den Preis des Blutes der Erschla- 
genen forderten. 

Dem S. 20 n. angeführten Vertrage gemäfs waren die 
Äloslime für das BlutgeM verantwortlich, doch hatten die 
Juden sich zu freiwilligen Beiträgen anheischig gemacht, 
bi der Absicht, sie an ihre Verpllichtungen zu erinnern, 
beiiab sicli i\bjhammatl an einem Sonnabend zu den zwei 
arabische Meilen aufserhalb der Stadt in Ghars wolmenden 
Israeliten aus dem Stamme Nadhyr. Sie emplingen ihn 
mit Zuvorkommenheit und xersprachen, zum Blutgelde nach 
Kräften beizusteuern. Zugleich drückten sie ihre Freude 
aus über seinen Besuch und baten ihn, mit seinen Beglei- 
tern Erfrischungen zu sich zu nehmen. Er nahm die Ein- 
ladung an, setzte sich vor einem Hause nieder und lehnte 
<len Kücken an die iMauer. Seine Begleiter und einige 
Juden naiinien neben ihm Platz. Nach einiger Zeit stand 
er auf und entfernte sich. Die Anwesenden glaubten, er 
würde bald zurückkonunen; als er jedoch lange ausblieb, 
suchten sie ihn. Ein Mann, der von Madyna kam, sagte 
ihnen, dafs er denselben bei der Brücke auf dem Wege 
nach seiner Wohnung getroifen habe. Seine Gefährten eil- 
ten ihm nach und fragten ihn um die Ursache seines plötz- 
lichen \ erschwindens. Er antwortete: (Jott hat mir geof- 
fenbarf, dafs die .luden meine l-age benutzen und auf mich 
vom Dache einen grofsen Stein herabwerfen Avollten. Sie 



159 

Avaren nocli im Gespräclie betrriffen als Ihn iMaslama ') kam, 
Mohamma«! halte ihn nämhch unmittelbar nach seiner An- 
kunlt in MacKna zu sich bescheiden lassen und er gal» ilim 
nmi den Befehl, zu den Psadhyriten zu gehen und sie auf- 
zufordern, sein Land zu verlassen. 

Dieser Erzähluni» zulojo'e hätte Mohammad Freund und 
Feind belogen, un) einen Avohliiberdachten Treuebrucli zu 
rechtfertigen. Idi kami kaum glauben, dafs er eines sol- 
chen diabolischen Benehmens iähig war; doch mein Be- 
mühen, die Bürgschaft dafür anzufechten, war vergebens. 
Sowohl aus den Prophetenbiographien als auch aus den 
Koränkommentaren (zu Kor. 5, h) geht liervor, dafs diese 



') Ibn Maslama hiefs Mohammad und er soll diesen Namen 
von Kindheit auf getragen haben. Er war ein Awsite und fungirte 
als Comniissarius in der Landesverweisung der Bauü Kaynoku. . Die 
unerbittliche Strenge, die er damals an den Tag legte, mag ihn dem 
Mohammad für das gehässige Amt, den Nadhyriten die Kriegserklä- 
rung zu überbringen, empfohlen haben. Wakidy S. 358 erzählt, dafs 
er bei dieser Gelegenheit die Juden erinnerte, wie sie sich bemüht 
haben, ihn in seiner Jugend zu ihrer Religion zu bekehren, und als 
er sich nicht dazu bewegen liefs, gesagt: Es scheint, dafs du ein 
Verlangen hast nach der Hanyferei, von der du vernommen hast. 
Allein Abu 'Amir (vergl. S. 32), welchen ihr für einen Hanyfen hal- 
tet, hat sie verschmäht und bekennt sich nicht zu ihr. Der Predi- 
ger derselben wird von Yaman (Süden) zu euch kommen. 

Ich halte es mit Professor Weil für eine conveutionelle Dich- 
tung, wenn jeder Erwähnung der Hanyferei eine auf Mohammad 
bezügliche Weissagung angehängt wird. Aber daraus folgt doch 
nicht, dafs es vor Mohammad keine Hanyfe gegeben hat. Wir fin- 
den Nachrichten über sie in Bochäry und anderen Quellen, mit wel- 
chen, wenn ihre Angaben ohne hinreichenden Grund in Ab- 
rede gestellt werden, die ganze Biographie des Mohammad sich in Ne- 
bel auflöst. Wir sehen leicht den Grund ein für die Weissagungen, 
aber der Bericht, dafs die Lehre des Propheten von Zayd und an- 
deren in ihren wesentlichen Bestandtheilen schon vor ihm vorhan- 
den war, hätte nur von seinen Feinden und nicht von seinen An- 
hängern erdichtet werden können. 



160 

Geschichte schon zu Anlang- des zweiten Jahrhunderts all- 
ireniein bekannt ^var. 

Tha laby zu Kor. 59, i hat die Nachrichten der alten 
Exej^eten über Mohamniad's Treulosigkeit gegen die Bann 
Nadhyr zusaniuiengestelit, und wenn seine Erzählung auch 
verworren ist, so steht doch lest, dals man damals die 
Juden auch eines anderen Mordversuches beschuldigte. Als 
sie die Allorderung, das Land zu verlassen, erhalten hat- 
ten, erzählt er, schlugen sie eine öllentliche Disputation vor 
und versprachen Madyna zu verlassen, wenn sie unterlä- 
üen. Mohammad sollte zu diesem Zwecke mit dreifsisr sei- 
ner Hegleiter an einem oilenen IMatze erscheinen und 
seine Lehre vertheidigen. Sie wollten ebenso viele vSchrilt- 
gelehrte schicken, um ihn zu widerlegen. Gelänge es ihm, 
diese von seiner Mission zu überzeugen, so versprachen 
sie Alle, dem Islam beizutreten. Sie hatten die Absicht, 
ihn bei dieser (Jelegenheit durcli einen kühnen Handstreich 
zu lödten. Aber der Anblick seiner Begleiter erschreckte 
sie und sie sagten: Wie sollen sechszig Menschen einander 
verstehen? Es soll eine Disputation gehalten werden, in 
der nur drei Männer auf jeder Seite theilnehmen. Sie 
wollten nämlich drei handfeste, bewalbiete Mörder statt 
Rabbiner schicken. Ihre Absicht wurde dem Mohanunad 
durch eine P rau verrathen und er zog sich rechtzeitig von 
der Zusannnenkuidt zurück. 

Wenn der erste Mordj)lan rhatsache ist, so war die 
Erdichtung des zweiten überflüssig. Wahrscheinlich sind 
beide gleichzeitige Erllndungen, hervorgegangen aus dem 
Beilürhiisse, das Benehmen des Propheten gegen die Ju- 
den zu rechtlertigen. Der letzteren Geschichte mag je- 
doch eine historische Wahrheit zu Grunde liegen. Dafs 
Mohammad sich anstrengte, die Juden zu bekehren, geht 
aus zahlreichen Koränstellen hervor, mid dals sie es auf 
eine ölVentliche Dis|»nta(ion ankonmien lassen wollten, wird 
auch in anderen Tradititmen berichtet. Die Behauptung, 
dals der Koran im Wesentliclim mit d(M- Bibel iibereinstinime, 



161 

hätte er iinniöglicli aufredit erlialten können, und danim 
niiifste er ein solclies Anerbieten zurückweisen und sich 
hegniijjjen, von Zeit zu Zeit ein Verdanimungsurtheil gegen 
das auseruähhe Volk zu schleudern. 

INach Zolirv (bei Bochärv S. 474) hat der Peldzug 
gegen die Banu Nadliyr schon im Angust 624, also sieben 
Monate vor dem nnlall bei l)yr Ma üna, stattgefunden, und 
aus angeblicli gleiclizeitigen Veisen geht hervor, dafs die 
Moslime zn diesem (Jewaltschritt vollends berechtigt wa- 
ren. Die jNadhyriten liatten ein Bündnils mit deren Fein- 
den, den Korayschiten, geschlossen: Ihr Treuebruch war 
klar. Mohammad begnügte sich daher, zur Rechtfertigung 
seines Benehmens, im Koran 59, J zu sagen: Sie haben 
mit Gott und seinen l^oten gebrochen, und (Kor. 59, 2) sie 
der Vielgötterei zu beschuMigen. Die praktische Seite sei- 
nes Vorhabens scheint ihm gröfsere Schwierigkeiten ge- 
boten zu haben als die rechtliche. 

Die Juden waren geneigt, der Aufforderung ins Exil 
zu gehen, zu wilHahren. Sie sannnelten ihre Kameele und 
mietheten solche von den Arabern und bereiteten sich 
zum Auszüge vor. Unterdessen kamen zwei Boten von 
Ibn Obayy zu ihnen und ermunterten sie zum Widerstand. 
Versclianzet euch in euren Thürmen und Häusern! Hefs 
ihnen Ibn Obayy sagen; ich will euch mit meinem An- 
hange in Madyna und den Nomaden aus dem Ghatafän- 
Stamme beistehen. Auch dürfet ihr auf die Hülfe eurer 
Brüder, der Juden aus dem Stamme Koravtza, rechnen. 
Wir werden eine Macht von 2000 iMann zusammen brin- 
gen, womit wir dem Mohammad mit Zuversicht die Spitze 
bieten können. 

Ibn Obayy und seine Verbündeten hatten sich wäh- 
rend des Angriffes auf die Juden vom Stamme Kavnoka' 
auf eine Weise benommen, dafs dem Mohanuuad ihre Ein- 
helligkeit und Energie so gut bekannt war, wie den Dä- 
nen die des deutschen Bundes. Statt sich durch das Phan- 
tom einer Coalition abschrecken zu lassen, beschwichtigte 
III. 11 



162 

er im Kor. 59, 11 IV. die Betleiiken sclnvacber Geniütlier 
lind zoj^ ohne Aufschub mit allen ihm zu Cebote stehenden 
Krälten gegen die Nadhyriten. Die Häuser von Madyna 
Avaren en": an einander "ebaul zum Beiinfe der Verthei- 
diaunff, und jede Gemeinde halte zu diesem Zwecke einen 
oder mehrere Thürme. Die Angegriffenen hatten sich hin- 
länjrlich mit Lebensmittehi versehen; sie verHefsen sich auf 
die Festigkeit ilirer ^ orsladt und barrikadirten die Ein- 
«ränire in ihre Gassen, bi Belajjcrunüsarbeiten liatten es 
die Moslime noch niclit weit gebracht; sie blokirten da- 
her deren Quartier, bHe])en aber unthätig davor sitzen. iVndi 
die Belagerten hielten sich ]»assiv, in «ler Hoffnung, ihre 
\"erl)ündeten würden zum Entsatz herbeieilen. Um ihnen 
zu zeigen, nie uenig sie von ihren Freunden zu erwarten 
hätten, verübte Mohantmad den dem Völkerrechte wider- 
strebenden Frevel, ihre Dattelpllanzung im Bowayra ver- 
brennen zu lassen. Sein Dichter Ilassän machte der Welt 
bekainit, dals er dan)it die Korayschiten herausfordern und 
beschimj)fen wollte: 

»Und die gnädigen Herren der Banü Lowayy (Ko- 
rayschiten) künniiern sich wenig \nn den verhee- 
renden Iband in Bo\\ayra.« '). 
Da die Juden sahen, dafs auch diese Herausforderung 
der Moslime ihre Freunde nicht zur That bewege, kapi- 
tulirten sie nach vierzehntägiger Belagerung unter der Be- 
dingung, dals sie frei abziehen und, mit Ausnalime der 
Waffen, alle bewegliche Habe mitnehmen dürften''*). Sie 



') Die Aochtlieit dieser Verso wie auch der Antwort des Abu 
Sofyäii b. Ilarith ist durch eine gute lanfid bei Bochäry S. 575 ver- 
bürgt. Letztere lautet: 

Möge Gott solche Grofstbatcn fortdauern lassen und ein Höl- 
lenfeuer in jener Gegend anschüren; du wirst dann wissen, wer von 
uns weiter vom Nachtheil entfernt ist, und du wirst wissen, wessen 
Land Schaden leidet. 

') Nacli Ibn'Abbris, bei Tabary42l, durften je drei Männer 
einen Säbel und ein Kameel nehmen. 



163 

rissen sogar ihre Häuser ah, iiidon das Baumaterial auf 
Kameele und zogen mit Klang und Sang aus Madyna ge- 
gen Chajbar, wo einige blieben, wiilu'end andere nad) Sy- 
rien auswanderten und sieh in Adzra'at niederliefsen. Zwei 
von ihnen bekehrten siel) zum Islam und blieben in Ma- 
dyna. 

In der \ertheilung der* den ISadhyriten abgenomme- 
nen Häuser, Ländereien und Mobilien wich Mohammad von 
der hergebrachten (jewohnheit ah und hielt sich dazu be- 
lugt, weil er ein Bote Gottes war: 

59, (j. Was Gott von ihrer Habe eurem Boten zur Beute 
gegeben , habt ihr weder durch das Besteigen eines IM'er- 
des noch eines Kameeies errungen; sondern der Allmäch- 
tige überliefert der Gewalt seiner Boten, wen er will. 

7. Folglich gehört es Gott, seinem Boten, den Ver- 
wandten des Boten, den Waisen, Armen und Heimatlislo- 
sen, damit es nicht unter den Reichen in Umlauf komme. 
Was euch der l^rophet giebt, nehmet, was er euch ver- 
\vehrt, lasset. Pürchtet Gott, denn er straft heftig. 

». Es gehört nämlich für die armen Flüchtlinge, wel- 
che von ihrer Heimath vertrieben und ihres Vermögens be- 
raubt worden sind. 

Mohammad vertheilte also die ganze Beute unter die 
Flüchtlinge. Bisher hatten ihm einige wohlhabende Ein- 
wohner von Madyna Dattelptlanzungen zur Verfügung ge- 
stellt, tlafs er von dem Ertrage seine Gefährten ernähre; die 
Kriege gegen die madynischen Juden haben ihn so sehr 
bereichert, dafs er den Wohlthätern ihre Pllanzungen zu- 
rückgeben konnte '). Diese willkürliche Verfügung über 
die Beute war daher billig und weise. Sie war auch von 
der gröfsten Tragweite, und im ganzen Koran giebt es 
keine Stelle, welche einen so dauernden Einflufs auf die 
Geschicke des moslimischen Reiches geübt hat als obige. 
Als die Moslinie vSyrien und die fruchtbaren Gefilde am 



*) Bochäry S. 575 und Kermäny's Glosse dazu. 

11* 



164 

Tigris erobert hatten, waren sie darauf und daran, alle 
Ländereien unter die Krieger zu vertlieilen, welche am 
Kample Theil genommen hatten. Der Chaljie Omar wi- 
dersetzte sich und nur mit Hülle des Präcedenslalles, der 
uns gerade bescliältiget, und der daraul heziiglichen Korän- 
stelle *) gelang es ihm, diese unheilvolle Mafsregel ab- 
zuwenden. Hätten die Kriegt" ihre Absichten gegen'Omar 
durchgesetzt, so wären die besiegten Nationen zu Tage- 
löhnern und Skla\ en iremacht und auluerieben worden ; 
unter den Moslimen aber ^^ären einige Tausende zu un- 
ernielslichen Iveiciithiimern gelangt, während die übrigen 
in Arnuith geschmachtet hätten. Weder die Kinen noch 
die Anderen hätten sich regieren lassen, der kriegerische 
(ieist wäre erloschen und in wenigen Jahren hätte der neue 
Staat seine Existenz beschlossen. 'Omar verfügte, dals die 
Ländereien den früheren Eigenthümern zurückgestellt wer- 
den, aber dals diese die Heloten der moslimischen (Je- 
meinde sein sollen. Jene wurden zum Nähr-, diese zum 
Wehrstande. Es war das Privilegium des Imäu) (Souve- 
rain), die Abgaben der ersteren unter die letzteren zu ver- 
theilen. Die Regierung wurde somit mächtig, nur zu mäch- 
tig; denn es währte nur kurze Zeit bis der Hof des Cha- 
lyfen und, in Ermangelung einer geregelten Administration, 



') Wenn ich die Aechtheit irgend einer Koränstelle bezweifle, 
so sind es die Worte im K. 59, 7: ^_$JB.^ J.^:! ^J^ \\i\ ^j^^ *JJ! s^\i,\ U 
„Was Gott seinem Boten von den Dörfer- und Städtebewohnern zur 
Beute giebt", gehört ihm, seinen Verwandten, den Waisen etc. Es 
wird in diesen Worten ein Prinzip ausgesprochen, an welches Mo- 
hammad damals gewifs nicht gedacht hat. Auch die Moslime ge- 
ben zu, dals diese Worte nicht auf die Zeit passen, in der sie ge- 
offenbart worden sein sollen und finden darin eine Weissagung der 
Eroberung von Chaybar, Fadak etc. Vergl. Taymy S. 374. Der 
Disput des Omar mit den siegreichen Kriegern wird von Abu Yü- 
sof fol. Ib und theilweise von Bocha,ry S. 575, Ihn Sa'd S. 272 und 
Tha'laby 59, 7 erwähnt. Er macht den Eindruck, als hätte 'Omar 
kein Mittel gescheut, um seinen edeln Zweck zu erreichen; vielleicht 
hat er diese Worte untergeschoben. 



165 

die Statdialfer Her Provinzen alle Kräfte des Landes ver- 
zehrten. 

Im Üktoher zog Mohammad mit 300 Mann in Eilmär- 
schen nach der fruchtbaren Gegend bei ?oro', 8 Posten 
(9G arab. 31eilen) südlich von Madyna, anf dem Wege 
nach Makka. Nach Wäkidv ^var er nur zehn 'Jage von 
der lleimalh abwesend und die Expedition galt den So- 
layniiten, welche sich bei seinem Heranrücken zerstreuten. 
INacli Ibn Ishäk hingegen hielt er sich fast zwei Monate 
in jenen (Jegenden auf, um den korayschitischen Kaufleu- 
ten aufzulauern. Es war gerade die Zeit für den Abmarsch 
der Herbstkarawane nach Syrien, und da Mohammad's 
Hauptaugenmerk immer auf seine Vaterstadt gerichtet Avar, 
so schenke ich dem Hericlite des Ibn Ishäk Glauben und 
veiinufhe, dafs er von hier aus die erfolgreiche Expedition 
von 100 Mann unter Zayd nach Karada geschickt habe. 
Die Expe<]ition nach Foro' war ohne Erfolg. 

Die Deschieil)uno; der La^e des Kaufmannstandes in 
iMakka legt Wäkidy, vS. 196, einem der Betheiligten in den 
Mun<I: Mohammad und seine Gefährten versperren uns un- 
sere Märkte. Wir bissen nicht, auf welchem Wege wir 
nacli Syrien gelangen können, und wenn \\\r unthätig zu 
Hause sitzen bleiben, essen wir unsere KapitaHen auf. 
Wenn es so fortgeht, wird unser fernerer Aufenthalt in 
Makka zur Unmöglichkeit; denn die Vortheile unserer Lage 
bestehen darin, dafs unsere Karawanen im Sommer Syrien 
und Winter Abyssinien besuchen können. 

Sie sahen sich am Ende gezwungen auf Aveiten Im- 
wegen ihr Ziel zu erreichen. Sie «jingren östlich bis an 
den Euphrates, <lann den Flufs entlanj»- ueseri Norden und 
endlich gegen Westen, wodurch die Entfernung mehr als 
verdoppelt wurde. Aulserdem mufsten sie durch eine 
wasserarme ihnen fast unbekarnite Gegend ziehen. Glück- 
licher Weise fanden sie an Forät, aus dem an der neuen 
Strafse lebenden Iglstamme, einen Führer, Avelcher die 
Wege und, was noch wichtiger ist, auch die Stämme 



166 

kannte, durch deren (lebiet sie gehen durften und dieje- 
nigen, deren Gebiet sie ausweichen niulsten. Der Dich- 
ter Hassan verspottet sie negen ihrer Verlegenheit: 

»Lasset ab von den qnellenreichen Gegenden Syriens, 
denn z^viscl)en euch und ihnen giebt es Säbelhiebe, 
so blutig ^vie die Mäuler Aräkblätter-ircssender träch- 
tiger Kameeistuten. Sie werden von Männern geschla- 
gen, welche sich zu ihrem Herrn ilücliteten, und von 
den Ancarern und ?]ngeln. Wenn sie iil)er 'Alig ge- 
hen, so rufe ihnen zu: Dieses ist niclit der Weg nach 
Syrien!« 

Aber auch auf diesem Wege waren sie nicht immer 
vor den Äloslimen siclier, (tegen Ende November 624 
sandte Mohammad 100 Mann unter dem Kon)mando sei- 
nes Adojttivsolmes Zayd und es gelang ihnen, die koray- 
schitische Herbstkarawane bei Karada, etwa 50 arab. Mei- 
len von Makka, zu überraschen. Die Kaulleute llüchteten, 
sich und die Waaren Helen in (\'u) Hände der Jväuber. Die 
Beute war reich und l)esland grofsentheils aus edlen Me- 
tallen. Abu Zam'a hatte dem Goniahiten (jafwän 300 Mith- 
käl Gold- und Silberbarren mitKOffeben, um für ihn die 
Einkäufe zu machen. Auch andere Korayschiteu schickten 
zu diesem Zwecke Silbergeschirre und Barren, in Allem 
30,000 Dirham im Gewichte. Die Beute kam sicher nach 
Mad^na und das dem Propheten angchörige Fünftel betrug 
20,0b0, nach Anderen 25,000 Dirham im Werthe. Es 
kamen also auf jeden Krieger 1000 Dirham. Wäkidy be- 
hauptet, dals 1 orat hei di(;ser Gelegenheit gefangen ge- 
nommen und gezwungen worden sei, den Islam anzuneh- 
men. Dem wird jedoch von Anderen widersprochen. 

Dieses ist der erste Fall, dafs es den JMoslimen «re- 
lang, eine kora} schitische Karawane zu {)lündern, und Zayd 
kam dadurch zu solcher Berühmtheit, dals er in vielen der 
folgenden Expeditionen zum Anliihrer ernannt wurde. 

Als die Trümmer der kora^schitischen Armee von 
Badr zurückkamen, begaben sicii mehrere Häuptlinge zu 



167 

Abu Solyaii und umcliteu ilun <k'n NOrscIilai;, dals der l'rolit 
an den von ilini nach IMakka i^ebraclilen Waaren, welche 
noch unvertheill im Rathhause lai>oii , zu Ivüstuuffen für 
einen /ug- jj;es;en Madvua ver\v<'ndet werden soll. Kr uar 
damit einverstanden und j»inp^ so weit, den Band /ohra 
ihren Antheil sowolil an ausgelegtem Kapital als am Profit 
vorzuenthalten. Als (Jrund dieser Eigenmächtigkeit gab er 
an, dals sie ihren \ erpllichtungen, die Karawane zu be- 
schützen, nicht nachgekonnnen und bei Badr nicht mitge- 
iochten haben. Sie sagten, dals er selbst die Botschaft 
gesandt l)abe, die Karawane sei in Sicherheit und die zum 
Schutz herbeigeeilte Mannschaft solle nach Hause zurück- 
kehren. Auf diese Vorstellung verabfolgte er ihnen das 
Kapital. Nur die ärmsten Makkaner nalinien ihren Antheil 
am Profit, die Wohlhabenden liefsen ihn in den Händen 
des Abu Sofyän zum er\^ ahnten Zwecke. Da sie 100 Proc- 
gewonnen hatten, so belief sich die Summe auf ungefähr 
50,000 Dynäre '). \hi\ Sofyän soll in Allem vierzig 1 n- 
zen Gold beigesteuert haben. 

Ungeachtet dieser Opferbereitwilligkeit verschleppten 
die bedächtiü;en Kaufleute das Unternehmen ein üanzes Jahr, 
und x'vahrscheinlicli hätten sie es nocli länger \ersclioben, 
das Blut ihrer Angehörigen zu rächen, Avenn es dem Zayd 
nicht gelungen wäre, bei Kaiada ihre Karawane auszurau- 
ben. Es war ihnen nun jeder Weg nach den nördlichen 
Märkten versperrt, und sie mui'sten siegen oder ihren Han- 
del aufgeben. 

Sie scliickten vier Abgeordnete, darunter einen Dich- 
ter, an ihre Bundesgenossen, nändich an die Ahäbysch, 
web.'he in der nächsten Umu-ebuii"; von Makka lebten, und 
an die wilden Kinänastämme, deren Weideplätze gegen 
das Rothe Meer hin lagen und sich weit gegen Süden 
ausdehnten. Da sie über bedeutende Geldmittel verfügten, 

*) Nach dem Nur alnibras wurden nur 25,000 Dyniire auf die 
Rüstungen verwendet. 



168 

gelang es ihnen auch, sie zu gewinnen. Aufserdem schlös- 
sen sich ihnen hundert Einwohner von Tä^it" an. Sie 
brachten eine Armee von dreitausend Mann, eben so viele 
Kameele und zweihundert Pferde auf. Siebenhundert Mann 
waren mit Panzerhemden und Helmen bekleidet. Nach ei- 
ner ziemlich stürniischen Debatte ging der Reschlufs durch, 
dafs die Führer ihre Frauen mit in das Feld nehmen sol- 
len, damit diese die Krieger zum Kampf entflammen. Fünf- 
zehn edle Kora^schitinnen mit Trommeln und Tanibourins 
begleiteten die Armee und ermunterten sie durch Gesang 
und Spiel zur Rache. Wäkidy versichert uns, dafs 'Ab- 
bäs dem IMohammad einen Uericht über die Rüstungen 
geschickt habe. Da Wakidy aber unter den 'Abbäsiden 
geschrieben hat, so ist seine Nachricht sehr verdächtig. 

Mohauuuad erhielt durch seine Freunde unter den 
Clioza iten zeitig Nachricht über den Anmarsch der Feinde, 
und als .sie am Donnerstage, den 21. März 625, in der Nähe 
der Stadt erschienen, hatten die Landleute ihr Vieh und 
und ihre (Jeräthschaften bereits in Sicherheit gebracht. 
Die Gerstenfelder >\urden von den Korayschiten verheert, 
und es war ihre xVbsicht, falls sich die Moslime in der 
Stadt verschanzen sollten, die Dattel bäume niederzuhauen. 

Nachdem der Prophet durch Kundschafter genaue 
Nachrichten eingezogen hatte über die Stärke und liewe- 
gungen der Feinde, bestieg er am Freitag Morgen die Kan- 
zel und sagte: »Ich hatte einen Traum, in welchem ich 
mich in einem undurchdringlichen Panzer fühlte; es kam 
mir ferner vor, als wäre mein Säbel nahe bei dem Griffe 
gebrochen und als uürde ein Rind geschlachtet; dara\d 
aber tödtete ich einen Widder.« Die (däubisen Irag-ten ihn, 
was das Gesicht bedeute i' und er antwortete: »Der feste 
Panzer ist die Stadt: ilir sollt darin bleiben; der zerbro- 
chene Säbel deutet an, dafs mir persönlich Inheil vvider- 
lahren werde, und das geschlachtete Rind, dafs viele von 
meinen (iefährteii den Tod finden: im Widder hingegen er- 
blicke ich die Feinde, die wir erschlagen werden.« Es 



169 

ist zleiiilicli sicher, dafs er «len GIäul)ij^en zng^Ieich den 
Beistand von dreitausend Krii^eln verhiefs. Daraul hielt er 
Kriegsrath und schhig vor, dafs man sich darauf beschränke, 
die Stadt zu vertheidigen. Ibn Obayy stimmte ihm bei 
und sagte: So haben wir in früheren Zeiten j^efoditen; 
<lie Häuser der Stadt stehen so enge beisanmien, dafs sie 
wie eine Festung ist. Wir käm[»ten n)it dem Schwerte in 
der Hand in den Gassen, die Frauen und Kinder bringen 
wir auf che Terassen der Häuser und versehen sie mit 
Steinen, welche sie auf die Feinde schleudern. Nie ist 
es einem Feinde gehmgen bei dieser Kampfe eise in un- 
sere Stadt einzudringen: sie ist noch eine Jungfrau. Hin- 
gegen so oft wir ausrückten und den Feind im olfenen 
Felde angrilTen, haben \^ir verloren. Auch andere bedacht- 
same Männer uaren dieser Ansicht. Aber die jungen Leute, 
besonders diejenigen, welche nicht Itei Badr mitgefochten 
hatten, bestanden darauf, dem Feinde in offener Schlacht 
zu begegnen. Sie haben, sagten sie, bereits unsere Fel- 
der verwüstet. Beschränken wir uns auf die Vertheidi- 
gung der Stadt, so werden ihre Streilcorps die ganze Um- 
gebung verheeren, und wenn sie dann, ohne uns anzu- 
greifen, abziehen, so wird man uns überall der Feigheit 
zeihen und die ?Somaden in der Fniffesend werden sich 
AehnHches gegen uns erlauben. Warum sollen wir za- 
gen: Wir haben ja den Beistand Gottes; er wird uns 
den Sieg verleihen; sterben uir aber den Märtyrertod, so 
steht uns noch gröfseres Glück bevor; denn wir gehen in 
das Paradies ein. 

Mohammad liefs sich bewegen, den Feinden die Spitze 
zu bieten. Fr hielt eine Anrede an seine Gemeinde und 
ermunterte sie zur Standhaftigkeit, dann verrichtete er den 
Gottesdienst und begab sich in seine Wohnunnr. Als er 
in voller Rüstung hervortrat, bildeten seine Leute, voll- 
ständig bewallnet, Spalier von seiner Hütte zur Kanzel. 
Die Bedachtsamen hatten unterdessen den Peuerbränden 
Norv^ürle gemacht, dals sie den Boten Gottes zu einem 



170 

IMaiie t^enöthigt hatten, der nur Verflerben bringen könne, 
nnd diese baten ihn, nnr nach seinem eigenen Willen zu 
handeln und sieli aul" die Vertheidisfunsr der Stadt zu be- 
sehriinken: er aber antwortete: Wenn ein Prophet seinen 
Panzer angezogen hat, zieht er ihn nicht ^vieder aus. (!ott 
wird euch den Sieg verleihen, Avenn ihr tajder käni|»rel. 
Kr lieis sich drei Speere reiclien, band an jeden ein wei- 
l'ses Liwa und überreichte sie den Führern der drei Hee- 
resabtheilungen: T lüclitlingen, Awsiten und Chazragiten. 

(legen Abend zog er aus der Statit. Auch die jü- 
dischen Hundesgenossen lolgten dem Heere. Er verbat 
sich ihren Beistand und schickte sie zurück. Bei der dar- 
auf h>li»enden Revue sdiicd er einijj-e iunj^e Leute atis. 
Hiernach verrichtete er den Abendgottesdienst und ver- 
traute dem Ibn Mashnnia mit rünizig Mann den Wachtdienst 
an. Während der Naclit näherte sich die feindliche Kei- 
lerei der Wache, Avagte es aber nicht auf" dem vulkani- 
schen Terrain zu manövriren. 

Am nächsten iMoriien setzte Mohammad den Marsch 
gegen den Berg Ohod, drei Viertel Stunde von Madyna, 
fort. »\ on vorn angesehen«, sagt Burton, »bietet dieser 
heilige Berg einen grausenhalten Anblick dar. Der dürre 
zackige Abhang steigt wie eine Kisenmasse aus der Ebene 
empor und die Kluft, in welche sich die moslimische Ar- 
mee in ihrer Xoth zurückzog, ist der einzige Einschnitt 
in der fürchterlich (lüstern Mauer«, l n^veit des Fufses 
des Berges Dielst von SO. in tiefem, felsigem Bette ein 
Wildbach gegen INW\ und fällt bei dem Seehafen Wegh 
in das Meer. Ibn Oba>y, welcher bis hieher der Armee 
des Propheten gefolgt war, zog sich mit den dreihundert 
»Heuchlern« seines Staimnes (den Bann Salama und Ha- 
ritha) nach Mad>na zurück, weil er nicht nach seinem 
Ivatlie, sondern nach dem unerfahrener Kinder handelte. 
Die eifrigen Moslime, siebenhundert Mann, wovon hundert 
Kuirasse trugen, setzten den Weg bis zum (Jhod- l)erg fort 
und nahmen an dessen Fufse eine feste Stellung ein. Den 



171 

Rücken «lockte Hie Felseiiwand, zur Linken postirte Mo- 
hammad auf eine kleine Anliölie ') seine liinlzi«^ Boi^en- 
scliülzen mit dem lielelile, die Kavallerie lern zu halten 
und unler keiner Bedingung' von der Stelle zu \>ei(hen. 
Wenn wir siegen und aul die Beute stürzen, sagte er, so 
nelniiet nicht l'heil daran, und Avenn ^vir niedergehauen 
\\er<!en, so konuut uns nicht zu Midie, sondern bleibet 
aul euren Posten. 

Wenn die Korayschiten vernünftig geAvesen wären, 
hätten sie den Pro|»het(Mi in seiner vortheilhalten Stellung 
warten lassen und einen AnürilV aul Madyna gemacht. Die 
hundert Schützen, welche sie liesafsen, hätten mit Fortheil 
am linken l ler der Ravine, in welcher der Bach fliefst, 
|»ostirt werden können. Wenn er dann zur Hülfe der Stadt 
herbeigeeilt wäre, so hätten sie ihn, da es seine Truppen 
gewifs nicht verstanden, in geschlossenen Reihen zu niar- 
schiren, ohne Schv\ieri2;keit aulreiben können. Ein sol- 
eher Kriegsplan lag jedoch nicht im Geiste der Araber. 
Sie waren ebenso ritterlich in ihrer Taktik, wie sie feig 
waren im Kample. Sie nahmen das ihnen gebotene Tref- 
fen an und marschirten gerade auf den Feind los. Die 
korav schitische Armee war regelrecht in ein Centruni, einen 
rechten und einen linken Flügel abgetheilt. Ihre zweihun- 
dert Reiter deckten die Flanken und ihre Schützen bilde- 
ten ein eigenes Korps. Jede dieser Abtheilungen hatte 
ihren eigenen Führer. Ungeachtet dieser Organisation war 
doch keine Rede von Disciplin. 

') Sie heifst 'Aynayn. Die Makkaner haben gleich bei ihrer 
Ankunft den Fufs dieser xinhöhe besetzt und ein verschanztes La- 
ger gebildet, das sie auch innehielten. Es ist unbegreiflich, wie sie 
den Mohammad bei ihrem Lager ruhig vorüberziehen, diesen vor- 
theilhaften Posten einnehmen lassen und warten konnten, bis er 
schlachtbereit war. Ihre Art der Kriegführung scheint eine Art Ko- 
mödie gewesen zu sein. Man wollte nur seine Ehre retten, den 
Tod gefallener Verwandten rächen und somit Justiz gegen Mörder 
üben, und zwar alles nach den Regeln eines Duells, aber nicht ein- 
ander zu Grunde richten. 



172 

Den Kanipl' eröffnete der Ascete Abu 'Ämir mit sei- 
nen füntzijr Anhängern, weiche sich mit ihm nach Makka 
geHüclitet Itatten, in der Hoffnun^^, dafs die Mitgheder sei- 
nes Stammes, die Awsiten, zu ihm übergehen würden. 
Er täuschte sich. Der Angriff war nicht sehr bUiti«»:. Er 
und sein Korps warfen Steine auf die Moshme und wur- 
den niit gleicher Waffe zurückgetrieben, olme dafs Jemand 
dabei zu Schaden kam. Die makkanischen Frauen erho- 
ben nnn den Schlachtgesang: 

Von einem Stern entsprossen, 
Auf Polster hingegossen, 
Unuirmen wir die Krieger, 
Die vorwärts gehn als Sieger, 
Verlassen flüchtige Memmen, 
Voll Hafs und ohne Grämen. 

Die Fauiilie des 'Abd aldTir hatte das Erl)recht unter 
den l\ora>scliiten, <1as Liwä zn tiagen. Ini sie zur Tapfer- 
keit anzustacheln, sagte Abu SolVan zu ihnen: »In enrer 
Hand war bei Baih- das i,i\\ä nn<l ihr wisset doch, was 
uns daselbst betroffen hat. Die I eute richten sich nach 
dem Panier, wenn es weiclit, weichen sie. Thut daher 
enre Pflicht \\ ie Männer, oder überreiclit es uns imd ent- 
fernt encli. Diese Worte thaten Ihre Wirkung. Abu 
Scha>ba trat mit dem Li\^ä in der Hand vor die Reihen 
mit den Worten: 

Der Liwäträger hat die Pflicht, 
Mit Blut zu färben dessen Schaft, 
Bis er in seiner Hand zerbricht. 

Er huderte die IMoslinu; zum Z\veikampr Han)za, 
der Onkel des Propheten, stellte sich ihm entgegen und 
haute ihn mit Einem Säbelhiebe nieder. Es ergriff nun Abu 
Schayba's Ibiider <lie Fahiu* und \Mirde \on Sa'd b. Aby 
Wakkag mit einem Pfeile erschossen. Darauf nahmen drei 
Neffen der vorigen die Fahne und theilten deren Scliick- 
sal. Es retteten sie nun zwei andere Mitglieder und end- 



173 

lieh ein Skhne derselltcn l'auiilic, und sie ^vlll•(l('n alle er- 
selilagen. 

Nun trat Kozmäii (sielie S. 29) xor die Reihen, nicht 
um i.oibeni auf sein IIau|»t zu sainiueln, sondern luii sein 
Heldenlcben zu schlielsen. Kr halle mit ll)n 'Oba> y den 
Kamjdjdatz a erlassen und war nach Madyna zuiückj^ekehrt. 
Die Frauen sa<j;ten zu ihm, da ihm sein Leben so uerth 
sei, so wollen sie sich s anj^elegeu sein lassen, ihn zu 
schützen. Diesen Scliim|>r konnte er nicht ertragen. Kr 
eilte zur Armee und erreichte sie kurz vor Anlang der 
Schlacht. Wie ein verwundeter Kber drang er mitten in 
die rein«lliche Scharen, streckte Jedermann zu Boden, der 
ihm im Wege stand, und kam, nachdem ihn seine Freunde 
schon lilr verloren gehalten hatten, schwer verwundet zu 
den Seinen zurück, wo er auf die bereits erzählte Weise 
starb. 

Die Moslinie stürmten mit solcher Wuth auf die feind- 
lichen Reihen, dafs die Makkaner die Schlacht für verlo- 
ren hielten. Ihre Frauen hngen an zu heulen und die 
Männer ergriifen die Flucht und wurden von den Mosli- 
nien ohne Widerstand niedergehauen. Die Schlacht war 
gewonnen und sie niachieri sich über die Beute her. Un- 
geachtet des Zurulens ihres Führers, 'Abd Allah b. Go- 
bayr, stürzten auch die Bogenschützen auf die Beute. Nur 
zehn Mann blieben mit 'Abd Allah auf ihrem Posten. 

Kin Sklave, welcher sich damals im Lager der Un- 
gläubigen befand, später aber dem Islam beitrat, erzählt: 
»Nur zwei von uns durften am Kampfe Theil nehmen, die 
übrigen Sklaven mufsten das Ge[»äck hüten. Auf die Ka- 
nieele gaben wir nicht Acht, sondern wir trugen die Hab- 
seligkeiten auf einen Platz zusammen. Unsere Herren be- 
gaben sich unterdessen in Schiachtordnung in den Kampf. 
Als sie die flucht ergriffen hatten und die Weiber den 
Berg hinaufg«'klettert waren, drangen die Moslinie in un- 
ser Las:er, un)rino:len uns und tino-en an zu plündern. Sie 



174 

(liirchsiicliten Alles so genau, dafs mich einer fragte: Wo 
ist die Kasse deines Herrn ^'afwän? Ich antwortete: Er 
hat nnr so viel Geld als er zur Bestreitung seiner Aus- 
gaben bedarf, mitgebracht, und dies befindet sich im Ge- 
päck. Hlr brauchte Gewalt und ich holte endlich ^afwan's 
Kasse, bestehend in 150 Dynären, hervor und gab sie ihm; 
denn wir waren (Jefangene und hielten unsere llüchtigen 
Herren für verloren. Widuend ich mich ergal», sah ich, 
dafs unsere Kavallerie in die i'osition der Moslime ein- 
drang. Der lleruan«; war nändich dieser: Die meisten 
Schützen hatten ihren Posten verlassen, um an der Plün- 
derung Theil zu nehmen. Die Reiterei unter Chtllid über- 
fiel die übrigen und haute sie nieder, dann grilf sie die 
Position der (iläubigen im Rücken an. Die Moslime zer- 
streuten sich nach allen Seiten, warfen was sie erbeutet 
hatten weg und liefsen die Gefangenen zurück. Wir sam- 
melten das Gepäck und vermifsten nur wenig. Einem Mos- 
lim jedoch war es gelungen, einen (Jürtel, welcher fünfzig 
Dynäre enthielt, um die Mitte zu binden, und einem an- 
deren dreizehn Dinare in die Tasche zu stecken, Sie sind 
mit ihrer Beute entkonmien.« (Wakidy. Vergl. Soddy 
bei Tabary S. 365.) 

Die Korayschiten hatten auf den Rath des Abu 'Amir 
aus Madyna an verschiedenen Orten ihrer Schlachtlinie Gru- 
ben gegraben, nicht um sich zu verschanzen, sondern da- 
mit die Feinde, wenn sie hastig vordringen, hineinfallen 
sollten. Es scheint also fast, dafs sie absichtlich wichen, 
um die unbeholfenen Bauern von Madyna in die Falle zu 
locken. Einfältige Strategemc, wie diese, waren unter un- 
gebildeten V ölkern stets beliebt. 

Die V^ervvirrung unter den Moslimen war so grofs, 
dafs sie gegen einander kämj)llen; so wurde Osayd von 
Abu Borda verwundet, ohne dafs ihn dieser um die Lo- 
sung gefragt, oder wie es damals üblich war: »Nimm dies 
hin, ich bin, Abu Borda!« zugerufen hätte. Auch an- 
dere Fälle di(!ser Art kamen \or. So lange die Moslime 



175 

so hart bedrliniijt uaion, strichen sie ihre FrMzoiclion. 
Als aber der erste Sclireeken vorüber ^^a^, zoi;en sieli 
die ineistei) in ihre h üliere Position zurüek, wo ilnien der 
IJeri» den Rücken deckte '), und entfalteten wieder ihre 
Fahnen. Mohannnad jedoch hatte keine Lust, sich durch 
die leindüche Reiterei einen Weg' zu bahnen, er bliel» 
hinter einer der erwähnten Gruben und rief seinen Leu- 
ten zu, sich um seine Person zu sammeln. Mocab, der 
P'alinenlrüi^er der Auswanderer und etwa ein Dutzend An- 
carer blieben bei ihm -), die übrigen erwarteten, dafs er 
ihnen nach dem Berge lolijren würde. Obschon ihre Be- 
uegimii,- viel vernünftiger war, so hat er doch Recht, sich 
im iyorän (3, 115) über Mangel an Disciplin zu beklagen 
und ihnen einen Fheil des Mifsgeschickes zuzuschreiben. 
Als die Kora^schiten den j\b)hammad entdeckten, suchten 
sie ihn mit seiner kleinen Schaar von seinen Anhängern 
abzuschneiden, in der Hoffnung, ihn gefangen nehmen zu 
k(»nnen. Während sich, wie anzunehmen ist, die Haupt- 
abtheilung der Armee, zwischen ihn und die am Fulse 
des Berges stehenden Moslime warf, drangen andere auf 
ihn ein. Statt jedoch einen massenhaften AngrilT zu ma- 
chen und ihn zu erdrücken, s[)rengte babJ ein Reiter auf 
ihn zu, bald war ein Krieger zu Fuls so tapfer, eine Lanze 
mit dessen Vertheidigern zu brechen, und bald schleuderte 
ihm einer, der weniger beherzt war, einen Pfeil zu. 

Seine \"ertheidiger übten Wunder der Tapferkeit. Von 
Moc/ab, dem Panierträger, wird erzählt, er habe die rechte 
Hand verloren, mit der er die Fahne hielt, und er nahm 
sie in die Linke. Als auch diese abgehauen war, drückte 
er sie mit beiden Armen gegen den Leib bis er mit einer 



') Kor. 3, 147. Ich nehme to(j'idüna wörtlich: „hinaufsteigen". 
Das Uebrige geht aus der Lage des Schhichtfeldes hervor 

^) Nach Soddy, bei Tabary und den Exegeten, waren anfangs 
dreifsig Krieger bei ihm, sie verliefsen ihn aber alle, ausgenommen 
Talha und Sahl b. Honayf. 



176 

Latize (luic'liboliit \vurdo. Diese Geschichte wäre wahr- 
scheinlicher, wenn sie nicht auch anderen Helden nachge- 
rülinit würde. Als er liel, ergrilT einer seiner Kameraden 
die Fahne und käinpfle, wie Moc/ab gethan hatte, jenseits 
des Grabens. Ebenso tapfer, aber mit mehr Erfolg, schlug 
sich Abu Doganna. Er trieb jede Schaar von Reitern, die 
heransprengte, zurück und deckte endlich den Propheten 
mit seinem eigenen Körper gegen die feindlichen Pfeile. 
Statt seine Kämpfe zu beschreiben, wollen wir den Hel- 
denmuth einer Frau er\> ahnen. Nosayba war mit ihrem 
Manne und z^vei Söhnen mit in das Feld gezogen, um 
den \ erwundeten Wasser zu reichen und sie zu verbin- 
den. Sie blieben alle vier beim Propheten. Ein Moslim 
welcher auf der Flucht bei ihnen vorbei eilte, hatte einen 
Schild. Sie rief ihm nach: Wirf deinen Schild mir zu, 
damit ich mit demselben kämpfe. Er that es und sie be- 
schützte damit den Mohammad. Ein feindlicher Reiter kam 
daliergesprengt und ^^olIte sie tödten. Sie j)arirte den 
Hieb und verwundete das Pferd als er es uniwendete. Er 
^vurde zu Hoden geworfen und ihr Sohn tödtete ihn. Ein 
Mann verwundete ihren Sohn Zayd b. 'A(;im und zog sich 
zurück. Sie nahm aus ihrer Schachtel einen Verband her- 
aus, legte ihn an und befahl ihrem Sohne fortzufahren im 
Kampfe. Der Mann erschien wieder und es gelang ihm, 
diesen) einen Hieb am Schenkel beizu])ringen. Die llebri- 
gen tödteten ihn dann. Sie wurde schwer verwundet, doch 
erliolte sie sich unil blieb ein (Jegenstand der Verehrung 
unter den Mosümen bis zu ihrem Tode. 

Die Kriegluliruiig der Araber bietet äufserst merk- 
würdige psychologische Erscheinungen. Sie stürzen sich 
unversehens auf ihre Feinde, um sie auszurauben. Die 
Angefallenen suchen, wenn ihnen ein Weg zur Flucht of- 
fen steht, auf die feigste Art <las Weite, wenn sie aber 
in die Enge getrieben werden, fechten sie mit Muth und 
Geistesffeffenwart. So weit unterscheiden sie sich nicht 
von Raubthieren. Aber sie zeiaren viel Ehrgeiz und 



177 

Aufopferung für die Ihrigen, doch überwiegt der erstere 
so selir, dafs sie, um persönhch das Lob für ilue Ilelden- 
lliat iu ernten, nur einzehi den Kampf aufnehmen. Ob- 
^vohl das Gemeinwesen der Korayschiten durch den Tod 
des Mohammad gerettet worden wäre, grilVen sie ihn nur 
einzeln an. Persöidicher Ehrgeiz ist eine menschliche Re- 
gung, welche das erste IJand des geselligen I.ebens ist, 
Aufopferung der Persönlichkeit für die Gesellschaft hingegen 
ist nicht eine blofse Leidenschaft, sondern eine Jugend und 
das Höchste, was der Krieger erreichen kann. Die religiöse 
Hingebung erfüllte die Moslime mit dieser Tugend und 
machte sie der niedrigen menschlichen Eigenschaft gegen- 
über, welche ihre Eeinde allein besafsen, unüberwindlich. 

Die Völker — aber nicht die Pfallen und Fürsten — 
streben in unserer Zeit höhere Tugenden an, als die für 
militärischen Ruhm nöthigen: die der Mäfsigung, der wech- 
selseitigen Achtung und des Friedens. Nie hat die Welt 
schönere Trium[)fzüge gesehen als die Volksfeste, bei wel- 
chen eine Nation die andere gastfreundlich empfängt. So 
schreitet der Mensch vorwärts, und wenn auch immer wie- 
der Rückfälle eintreten, so werden sich doch in Tausen- 
den von Jahren manche Ideale verwirklichen. 

Mohammad erhielt mehrere Verletzungen, doch keine 
war gefährlich. Ein Pfeil verwundete seine Unterlippe, er 
verlor einen Schneidezahn, zwei Ringe seines Visirs wur- 
den ihm in die Backen getrieben, ein Stofs traf ihn an 
der Stirn und zog Blut, und endlich versetzte ihm Ibn Ka- 
miya einen so heftigen Säbelhieb, dafs er in die Grube 
stürzte; da er aber zwei Kuirasse anhatte, prallte der Hieb 
ab und Mohanmiad kam mit einer Quetschung am Kinne, 
welche er beim Falle erhielt, davon. 

Mohammad's Fall in die Grube unter den Hieben des 
Ibn Kamiya ') brachte den Moslimen ebenso viele Vor- 



') Nach Ibi) Isliäk hielt Ibn Kamiya den Mo(,^'ab für Moham- 
mad und verkündete, nachdem er den Mo^'ab getödtet hatte, er 
m. 12 



178 

(heile als Schaden. Ihn Kaniiya eilte zu den Korayschi- 
ten und riel' ihnen zu: Ich habe den Betrüger getödtet! 
Statt den AngrilT «^egen ihn und seine Vertheidiger* fort- 
zusetzen, berathsclihigten sie sich, ob sie nach Madyna 
marscliir(ni, oder, da sie ihren Hauptzweck erreicht hatten, 
den Kampf einstellen sollten. 

Die Kunde von dem Falle des Propheten verbreitete 
sich aber aucli unter die Moslime. Chäriga b. Zayd und 
Omar riefen ihnen zwar zu: Wenn Mohammad auch todt 
ist, so lebt doch (lott. Auch die Gottgesandten vor ihm 
siijd gestorben '). Kv hat seine Botschaft ausgerichtet, 
käm[)fet für euren (Jlanben! Älehreren je<]och, darunter dem 
schönen 'Othmän, sank der Ähilh und sie llüchteten sich 
nach Madyna. Die Frauen emphngen sie mit verdientem 
Schini])!'. 0mm Aymän ging ihnen entgegen, warf ihnen 
Staub ins Gesicht und sagte: Nehmet die Sfundel, ihr 
Helden, und spinnet. Gebet mir den Säbel und ich will 
mit den Frauen nach Ohod gehen und kämpfen. 

Ka'b 1). Malik rief den Gläubigen zu: Unser Meister 
ist nicht todt, er lebet. Mohanunad aber legte den Fin- 
ger auf den Mund und bedeutete ihm zu schweigen. Zu- 
üleich bat er ihn, den Kuirais mit ihm zu wechseln. Das 
Panzerhemd des Kab zeichnete sich nämlich unter den 
übrigen dadurch aus, dals es gelb war. Die Moslime be- 
nutzten die eingetretene Ruhe und brachten den Prophe- 
ten, noch ehe ihn die Feinde erkaunten, in die von Bur- 
ion b(\schiiel)ene Schluclit. Die entfernt stehenden Gläu- 
bigen Inelten sie für Feinde, aber Abu Dogana winkte ihnen 
mit dem Allen bekannten rollien ']\nl)an, und bald landen 



habe den Propheten erschlagen. Das ist sehr unwahrscheinlich, denn 
von dem Fahnenträger erwartete man , dafs er das Leben in die 
Schanze schlage, und gewifs verlor Moy'ab das seinige, in einer Stel- 
welche einzunehmen weder Freund noch Feind dem Mohammad zu- 
muthete. 

') Nach Soddy ist die Koranstelle 3, 138 ein Echo dieser 
Worte. 



179 

sich auch Omar und Andere bei der Sclilucht ein. Chälid, 
welcher die Hälfte der feindlichen Jveiterei l»efehlii;te, be- 
merkte zwar, dafs Mohammad noch am I>eben sei und sich 
dahin flüchtete, und Abu Solyän, welcher mit Hülfe des Abu 
Amir die (lefallenen einzeln untersuchte, fand den Propheten 
nicht darunter; dennoch wurde kein ernstlicher Anii;ritf auf 
die Schlucht versucht '). Beide Parteien waren des Kampfes 
müde, und nach arabischer Sitte ging es nun an's Schimpfen. 
Abu Sofyän rief den Moslimen zu: Gejuiesen sei der (iott 
Hobal! Wo ist der Sohn des Abu Kabscha (ein Schimpfname 
für Mohammad)? wo ist der Sohn des Abu Kohäfa (Abu 
Bakr)? wo ist der Sohn des Chattäb (Omar)? Wir haben euch 
heute die Schlacht von Badr ver2:olten. Die Tae-e wech- 
sein und das Kriesrsfflück ändert sich. Der Tod unseres 
Hantzala ist durch den Tod eures Hantzala gesühnt. 'Omar 
antwortete: Gepriesen sei Allah! Unser Führer ist ein 
Bote Gottes, sein Freund heifst Abu Bakr und ich heifse 
'Omar. Wenn ihr auch manchen von unseren Kammeraden 
erschlagen habt, so ist doch das Schicksal unserer und 
eurer Todten nicht dasselbe. Diese gehen in die Hölle, 
jene in das Paradies ein. Nach einigem Hin- und Her- 
reden sagte Abu Sofyän : Ueber's .lahr trelTen wir uns bei 
Badr! 'Omar antwortete auf den Befehl des IMohammad: 
Wir werden uns einfinden! 

Während dieser Unterredung verstümmelten die Ko- 
rayschitinnen die Leichen der Feinde. Sie schnitten ihnen 
die Nasen, Ohren und Lippen ab und entstellten sie auf 
alle mögliche Weise. Dann zog die feindhche Armee ab. 
Die iMoslime waren noch immer in grofser Besorgnifs, die 
Feinde möchten gegen Madyna vorrücken. »Wenn sie die 
Pferde besteigen und die Kameele lühren«, sagte Moham- 
mad, »so sieht es schlimm aus; reiten sie aber auf den 
Karaeelen und führen die Pferde, so ist es ihnen ernst 



') Nach Tabary S. 37!) wurden Dlojeiiigr-n, wi^lclu» es versuch- 
ten, die Schlucht zu erstürmen, mit Steinen begrüfst. 

12* 



180 

mit der Rückkehr nach der Heimath.« Sie thaten letzte- 
res, ruhten aber zu 'Akyk, einer kurzen Entfernung von 
der Stadt, und hielten Krieüsrath. Cafwan sagte: »Wir 
haben einen Sieg erfochten und die bei Badr Gefallenen 
gerächt. Wir wollen uns damit begnügen, denn wer weifs, 
ob uns, wenn wir Madyna angreifen, das wSchicksal wieder 
begünstigen wird.« Sein Vorschlag wurde angenommen und 
sie kehrten nach Makka zurück. 

Die Ungläubigen verloren nur dreiundzwanzig Mann. 
Mohammad hingegen verlor den zehnten Theil seiner Ar- 
mee, nämlich 75 Mann. Die Anpärer haben besonders 
schwer gelitten. Sie zählten siebenzig Todte, während die 
Auswanderer nur fünf hatten. Der Unterschied fällt auf. 
Letztere waren von Hause aus behender und durch ihre 
zahlreichen Raubzüge übten sie sich, im Augenblicke der 
Gefahr ihre Geistesgegenwart zu bewahren. Die Mady- 
ner hingegen waren, \\\e alle ackerbauenden Stämme, viel 
unbeholfener und gewohnt, in geschlossenen Reihen oder 
hinter Mauern zu fechten. In diesem Gewirre wurden sie 
also ganz hülflos. 

Unter den Gefallenen war Hamza, der Onkel des Pro- 
pheten. Wir wollen glauben, dafs er tapfer gekämpft hat und 
dafs sein Tod von den Gläubigen aufrichtig beweint wurde. 
Die Erzählungen der Traditionisten wollen wir nicht an- 
führen, denn sie würden ihn bis zu den Sternen erheben, 
auch wenn er es nicht verdiente, biteressant ist, dafs bei 
der Beerdigung diejenigen Moslime, welche am njeisten 
vom Koran auswendig wufsten, dadurch ausgezeichnet wur- 
den, dafs man sie zuerst in die Grube legte. 

Schon am Sonntag, den 24. März, verkündete Biläl: 
»Versammelt euch, ihr Glänbigen, der Bote Gottes gedenkt 
einen Kriegszug zu unternehmen! Es dürfen aber nur 
Diejenigen daran Theil nelnnen, welche bei Ohod gefoch- 
ten haben!" Mohammad hatte sich entschlossen, den Fein- 
den nachzujagen. Als Beweggrun<l wird von einigen Bio- 
graphen erwähnt, dafs die Korayschiten zu Hamrä alasad, 



181 

drei Stunden von Madjna '), sich berietlien, ob sie nicht 
zuriickkeiiren und die Stadt angreifen sollten. Er wollte 
sich ihnen also entgegenstellen. Wenn dieses wahr ist, so 
konnte Mohammad am Sonntag Morgen keine Kunde von 
ihrem Plane liahen, und es Aväre Wahnsinn gewesen, sich 
noch einmal aui olTenem Felde mit dem überlegenen Feinde 
zu messen. Ich halte diesen Zug für eine Komödie. Er 
wollte sich in den Au^en der x\raber das Ansehen jjeben, 
als hätten die Korayschiten die Flucht ergriffen und er 
verfolge sie nun. Er schickte drei Aslamiten als Kund- 
schafter voraus und marschirte mit seinen Leuten behut- 
sam bis Hamrä alasad. Die Korayschiten tödteten zwei 
von den Spionen und setzten ihren Weg nach Makka fort. 
Um seinen Muth zu zeigen, blieb Mohammad bis Freitag 
in Hamrä, dann kehrte er nach Hause zurück. 

Diese Niederlage gab dem Ansehen des Propheten 
selbst in Madyna einen empfindlichen Stofs; um so mehr, 
da er seinen Anhängern den Beistand der Engel und einen 
Sieg versprochen hatte. Merkwürdig ist seine Rechtfer- 
tigung wegen der nichterfüllten Weissagung: 

3,120. Du sagst ja immer zu den Moslimen: Soll es 
euch nicht genügen, dafs euch euer Herr mit drei Tausend 
Engeln, welche von oben herabgesandt werden, beisteht. 

121. Allerdings geschieht dies aber nur, Avenn ihr 
tapfer und gottesfürchtig seid. Die Feinde rücken mit 
furchtbarem Ansatz ^) heran und euer Herr schickt euch 



•) Hamra alasad liegt, nach Ibu Sa'd fol.108, zehn Meilen von 
Madyna auf dem Weg über Akyk nach Makka, Imks von Dzü-1- 
Holayfa, wenn du durch das Wädiy bei diesem Orte vorübergehst. 
Nach Anderen beträgt die Entfernung von Madyna nur acht Meilen. 

*) Jetzt bedeutet fy-lfawr oder fawrän plötzlich. In der Tra- 
dition hat es den der ursprünglichen Bedeutung näher kommenden 
Sinn: Anfall. So sagt Wäkidy Ms. von London fol. 110: <^jAsu "^ 
!t\? j._4.5 J. J^^^ Mohammad wird uns in diesem Angriff nicht ent- 
gehen. 



182 

fiinr Tausend Engel mit Kennzeichen versehen ') zur 
Hülfe. 

122. CJott hat euch diese Verheifsung nur deswegen 
ireüreben, dafs sie eine IVohe Botschaft für euch sei und 
auf dafs er euch Muth einllüfse; der Sieg aber steht ein- 
zis: allein in Gottes Hand. 

Er sagt ferner: An der Niederlage waren nun allerdings 
die Gläubigen selbst schuld, denn zwei Abtheilungen der 
Armee waren feig (Kor. 3, llh), allein für die Braven hatte 
sie ihre Vortheile, denn Gott wollte einige von ihnen mit 
der Märtyrerkrone verherrlichen (3, 134). Sie hatten selbst 
gewünscht, im Kampfe zu fallen, und sie hätten daher freu- 
dig in die Schlacht gehen sollen, um so mehr, da das 
Lebensende eines jeden Menschen vorherbestimmt ist. 
Nach einiger Zeit liel ihm eine viel bessere Erklärung 
des Herganges ein: Gott hat sein Versprechen gehalten 
und die Gläubigen haben den Sieg erfochten, aber wegen 
ihrer Gierde nach der Beute haben sie ihre Vortheile ver- 
loren. Da jedoch die Hauptschuld an ihm lag, denn er 
hatte gegen die Zustimmung seiner Freunde die Stadt ver- 
lassen und war nach Ohod gezogen, so empfiehlt ihm Gott, 
in Zukunft die Gläubigen in solchen Dingen um Rath zu 
fragen. 

Nach den Begriffen der Bedouinen hatten die Koray- 
schiten, wie resullallos der Kauipf auch war, bei Ohod 
ihren Zweck vollständig erreicht: sie haben den Tod der 
bei Badr Gefallenen «gerächt. Da.« ist es, um das es sich 
handelte und nicht um Eroberung oder reelle V^ortheile. 
Diese jSieflerlage schwächte daher so' sehr das Ansehen 
der Moslimo, dafs sich auf allen Seiten ihre Gegner er- 
hoben, um den Gedemüthigten eine Schlappe beizubrin- 
gen. Die Art und Weise, wie sie sich dabei benahmen. 



') Nur diejenigen Krieger, welche sich im Zweikampfe aus- 
zeichnen wollten, tragen Zeichen, Iblglich nur die tapfersten. 



183 

zeui^t von ebenso vieler Hinterlist als Feigheit nnd Man- 
gel an Plan und Zusanjmenlialten. 

Im Herzen von Arabien, in der Umgebung von Fayd, 
lierrschten die Banü Asad, d. li. Söhne des Löwen. Weil 
auch andere Stännue diesen sehreekenerregenden Namen 
trugen, wurden sie durch den Heisalz »Ibn Chozavma« 
unterschieden. Zwei einilufsreiche JMänner dieses Stam- 
mes, Talha (Tolavha) und Salama, Söhne des Chowaylid, 
bemühten sich, ihre Slammgenossen, welche in mehrere 
i-ager getheilt und über die Wüste zerstreut waren, zu ei- 
nem Kaubanlail gegen die Moslime zu sammeln. Wir ha- 
ben Rosse, sagten sie, und Kameele, welche den Rossen an 
Schnelligkeit nicht nachstehen. Wir können uns also ohne 
OJelahr in die Nähe von Madyna wagen, die Herden weg- 
treiben und selbst die Landleute berauben; denn kommt 
es zu einem Scharmützel, so haben wir den \ ortheil über 
<lie Moslime, welche ohne IMerde sind, und werden wir 
in die Flucht geschlagen, so können sie uns nicht errei- 
chen. Ein solches Unternehmen eröffnet Aussicht auf Beute 
ohne (Jelahr. Die Zeit ist um so ü'ünstiser, da die Mos- 
lime gerade eine vSchlappe erhalten haben. Ein anderer 
Schaych, Kays b. Härith, war iedoch bedächtiger und zeigte 
seinen Leuten, dafs es nicht so leicht sein dürfte, auf die- 
sem Felde Lorberen zu pflücken. Wir, sagte er, können 
höchstens 300 Mann zusammenbrincen und nicht, wie die 
Korayschiten, drei Tausend. Die Entfernung ist weit und 
auf einen plötzlichen Ueberfall ist nicht zu rechnen, denn 
die Nachricht unserer Rüstungen wird uns sicher voraus- 
eilen. 

Dies Avar auch wirklich der Fall, denn während beide 
Parteien Anhänger zu linden suchten: die eine für den 
Krieg, die andere für den Frieden, reiste ein Tayyite, Wa- 
1yd b. Zühayr, welcher mit einem der Gefährten des Mo- 
haüimad verschwägert war, nach Madyna und überbrachte 
die Kunde. Der Prophet sandte sogleich (um die Mitte 



184 

Juni 625) den Maclizümiten Abu Salama, \velcher sich in 
der Schlacht von Badr durch seine Hingebung ausgezeich- 
net hatte, mit hundert und fünfzig Mann, um die bereits 
versammehen Feinde zu zerstreuen und die übrigen zur 
V^ernunft zu bringen. Der Tayyite diente als Führer, und 
um die Asaditen zu überraschen, marschirten sie Tag und 
Nacht, aber nicht auf der gewöhnlichen Strafse, sondern 
durch Einöden. Es gelang ihnen auch Avirklich unterhalb 
Katan eine Viehherde zu erbeuten und drei von den Hir- 
ten, welche Sklaven waren, gefangen zu nehmen. Die 
übrigen Hirten flüchteten sich und hinterbrachten den be- 
reits versammelten Kriegern die Nachricht vom Anmärsche 
der IMoslime. Sie gerielhen in Schrecken und flohen nach 
allen Seiten. Abu Salama theilte nun seine Mannschaft 
in drei Corps und befahl jedem eine andere Richtung ein- 
zuschlagen und abzufangen, was ihnen in den Weg kommen 
möge. Sie stiefsen auf keinen Widerstand, brachten aber 
eine bedeutende Anzahl Kameele und Schafe zusammen. 
Abu Salama kehrte ohne bedeutenden Verlust ^) hinun- 
ter nach Madyna zurück, wo er nach einer Abwesenheit 
von etwas mehr als zehn Tasten ankam. Er Avar in der 
Schlacht von ühod am Arm verwundet worden. Die An- 
strengung dieser Expedition brachte die noch nicht vollends 
geheilte Wunde wieder zum Aufbruche und er starb daran, 
nach einem Krankenlager von sechs Monaten. Moham- 
mad heiralhete siebenzehn Wochen nach dessen Tode seine 
Wittwe. 

Auf dem Wege nacli der Ileimath vertheilte Abu Sa- 
lama, der Sitte gemäfs, die Beute. Zuerst wurde der Tay- 
yite befriedigt, welcher als Führer gedient hatte, dann 
wurde für Mohamujad, obschon er den Zug nicht mitge- 
macht hatte, ein Sklave als Geschenk auf die Seite gethan, 



' ) Es soll Mas'ud b. 'Orwa auf diesem Feldzuge gotödtet worden 
sein. Nach anderen Nacliricliten, welchen Ibn Sa'd beipflichtet, hat 
jiein Gefecht stattgefunden und es ist also Niemand getödtet worden. 



185 

daraul' scbritten die Betheiligten nach Abzng des Fünftels 
zur Veitheilung des übrigen Eigenthunis. 

Dieses war nicht das einzige Unglück, welches die 
Asaditen trat". Ihre Schwäche benutzend, stürzten nach 
den) Rückzuge der Moslinie deren Naclibaren, die Tayyi- 
ten von ihren Bergen auf sie herab und nahmen ihnen 
Alles, was sie noch besafsen. So arbeiteten die Araber, 
ohne es zu wollen, dem Mohammad in die Hände. 

Die beiden 'Ämir ('Ämir b. Mälik und Amir b. To- 
fayl) erfreuten sich eines grofsen Ansehens unter einer 
Abtheilung der Banü ^a'ga'a und es gelang ihnen in einem 
Kriege, welcher nicht lange vor dem Auftreten des Mo- 
hammad zwischen den Hauäzin, zu denen ihr Stamm ge- 
hörte, und den Korayschiten und den übrigen Kinänastäm- 
men geführt wurde, ihre Verwandten zu vermögen, die Waf- 
fen zu ergreifen, und der ältere Amir, nämlich der Sohn 
des Mälik, wurde damals zum Fahnenträger gewählt ^). 

Im Juli 625 kam dieser Ämir b. Mälik zum Prophe- 
ten und bat ihn, zwei Pferde und zwei Dromedare als Ge- 
schenk anzunehmen. Er verweigerte es mit den Worten: 
Wenn ich von irgend einem Heiden ein Geschenk empfinge, 
so wäre es vom tapfern Lanzenspieler Amir; allein ich 
halte an den Grundsatz fest, von Ungläubigen nichts an- 
zunehmen. Er bemühte sich, ihn zu bekehren. Amir ant- 
\'s ortete: Er gebe zu, dafs der Islam eine schöne Lehre 
sei, könne sich aber unter den bestehenden \ erhältnissen 
nicht dazu entschliefsen, das Glaubensbekenntnifs abzule- 
sen. Wenn aber Mohammad eine Anzahl Missionäre zu 
seinem Stamme zu schicken geneigt sei, wolle er ihnen 
seinen Schutz angedeihen lassen. 

Es waren siebenzig junge Männer in Madyna, mei- 
stens Angärer, ^^ eiche sich früh Morgens zu versammeln 
pflegten, um sich wechselseitig zu unterrichten; dann be- 
gaben sie sich zu den Hütten des Propheten und versahen 



') Wüstenfeld: Gen. Tab. Index. 



186 

ihn und die Seinen mit Holz und frischem Wasser. We- 
gen ihrer grofsen Kenntnifs der Olfenbarungen — denn 
diese bildeten den (Jegenstand ihres wechselseitigen Un- 
terrichtes — ^vurden sie die Koränleser genannt. Diese 
nun sandte er als Missionäre mit einem Briefe an den jün- 
ffern Ämir, den Sohn des Tofayl. 

Der Stamm hatte seine Cezelte in der Nähe des Brun- 
nens IMaüna aufgeschlagen, welcher zwischen dem Gebiete 
der l^anü Amir und dem Harra (vulkanischen Region) der 
Banü Solaym, in der Nähe von Äla'dan, liegt und den So- 
laymiten angehört •). Als die Missionäre in der Nähe des 
Lasers waren, schickten sie einen von ihnen mit dem 
Briefe an Ämir b, Tofayl voraus. Dieser haute, ohne den 
Brief zu lesen, den Ueberbringer nieder; dann rief er die 
Mitglieder seiner Familie, die Banü Tofayl, zu den Waifen, 
um auch die übrigen Muslime zu morden. Die 'Amiri- 
ten weigerten sich: denn, sagten sie, unser Schaych, der 
Sohn des Mälik, als er von Äladyna kam und sich nach 
dem Nagd begab, hat uns bekannt gemacht, dafs er die- 
sen Männern sicheres Geleit zugesagt habe, und wir wol- 
len nicht verrätherisch liaiideln. Der Sohn des Tofayl rief 
nun solaymitische Stäumie, namentlich die Familien Ki'l 
und 'Oc;a\ya zur Hülfe. Sie folgten seinem Rufe, um- 
gingen die Älissitmäre, Avelche, da ihr Bote so lange aus- 
blieb, bereits ihr Lager verlassen hatten und auf dem Wege 
waren, ihn zu suchen, mid metzelten sie nieder. Einem 
von ihnen, dem Mondzir, wollten sie das Leben schenken. 
Er nahm das angebotene sichere Geleit an bis er den Leich- 
nam des ermordeten Boten erreichte, dort kündigte er den 
Frieden und kämpfte gegen seine Feinde bis er liel. 

Zwei Muslime waren bei den Kameelen während das 



') So wird diu Lage von Ibii Sa'd angegeben. Nach den Ma- 
täli' law der Brunnen Ma'iina zwischen 'Osol'an, Makka und dem 
Gebiete der Hodzavliten, welchen er angehörte, Dieses ist gewifs 
ein Irrthum, 



187 

Massacre stattfand. Als sie sich den» Lager niilioiten, ver- 
kündeten ihnen die die Leichen nnikreisenden Vögel das 
Schicksal ihrer Freunde. Sie bestiegen eine Anhöhe, er- 
blickten die Todten und in einiger Entlernung von ihnen die 
Mörder. Nach einer kurzen Berathung entschlossen sie sich, 
lieber das Schicksal ihrer Gellihrten zu theilen, als durch die 
Flucht ihr Leben zu retten. Sie nahten sich der blut- 
dürstigen Bande und käniplten, bis sie zwei von ihnen er- 
schlagen hatlen. Endlich wurden sie gelangen genommen 
und man wollte sie begnadigen. Härith lolgte dem Bei- 
spiele des Älondzir, und als er unter sicherem Geleite bei 
der Leiche des Boten angelangt war, forderte er die Feinde 
zum Kampfe auf, und es galang ihn), noch zwei zu er- 
schlagen. Da sie ihm mit dem Säbel nicht beikommen 
konnten, mulsten sie ihn mit Lanzen angreifen. Endlich 
starb er den Heldentod. Sein Begleiter 'Amr erneuerte 
den Kampf nicht. Der Sohn des Tofayl sagte: Ich habe 
bei dem Grabe meiner Mutter einen Gefangenen zu erlö- 
sen gelobt und gebe dir nun die Freiheit. Darauf schnitt 
er ihm die Vorderlocke ab und nahm ihn als Gast auf. 

Es müfste keinen Gott im Himmel geben, wenn sie- 
benzig Märtyrer hingeschlachtet werden könnten, ohne dafs 
ein Wunder areschähe. Der Sohn des Tofayl führte den 
begnadigten 'Amr unter den Leichen umher, um von ihm 
die Namen und Stämme zu erfahren, welchen sie ange- 
hörten. Als er sie alle besehen hatte, fragte er diesen; Ver- 
missest du Niemanden? In der That, antwortete 'Amr, Ihn 
Fohayra, der Client des Abu Bakr ist nicht unter den Tod- 
ten! Wie, versetzte der Bedouine, auch er war unter euch? 
Ja, sagte 'Amr, er ist einer der ausgezeichnetsten Männer 
unserer Gemeinde und einer von Denjenigen, welche sich 
am frühesten bekehrten. Ich will dir, sagte der Schaych, 
seine Geschichte erzählen: Ein Kiläbite rannte den Speer 
durch dessen Leib, und als er sank, rief er aus: Es win- 
ket mir das Faws! Wir wufsten nicht, was er damit sa- 
gen wollte, bis uns ein anderer Kiläbite erklärte, dafs es 



188 

das Paradies bedeute. Als er todt war, erhob sich sein 
Leichnam und stieg in den Himmel empor. 

Der Tod der Gläubigen hätte gerächt werden sollen. 
Mohammad fühlte sich nicht mächtig genug, dieses zu thun. 
Seine Anhänger drangen in ihn, dals er von seinen geist- 
lichen Waffen Gebrauch mache und sie verfluche. Der 
Fluch des Boten Gottes, hofften sie, soll seine Wirkung 
nicht verfehlen. Da ausdrücklich im Koran gesagt wird, 
dafs die Engel bei Ba<lr mitgefochten haben, erwarteten 
sie, dafs selbe diese Frevler Gottes Zorn würden fühlen 
lassen. Vierzehn Tage lang sprach Mohammad nach dem 
Morgengottesdienst: »0 Gott, vertilge die Modharstämme! 
o Gott, scliicke ihnen IMifsjahre, wie du zur Zeit des Jo- 
seph Mifsjahre verhänglest I dir, o Gott, überlasse ich die 
Banü Lih}än, 'Adhl, Kära, Zi'b (Zaghab), Ri'l, Dzakwän 
und Ocjayya; denn sie haben mit Gott und seinem Boten 
Frevel getrieben.« Er erhielt auch eine auf sie bezügli- 
che Offenbarung, welche lange von den Gläubigen in ihren 
Gebeten mit anderen Koränstücken recitirt wurde; endlich 
aber hat sie Mohammad gestrichen und sie erscheint nicht 
mehr im Koran. Die Tradition hat nur folgende Worte 
davon aufbewahrt, welche den im Paradiese lebenden Mär- 
tyrern in den Mund gelegt werden: »Saget unseren Leuten, 
wir haben unseren Herrn getroffen, er ist mit uns und 
wir sind n)it ihm zufrieden.« Diese Stelle hat durchaus 
nichts Anstüfsiges und es war kein Grund vorhanden, sie 
zu streichen. Es ist anzunehmen, dafs Gott in einem an- 
deren Verse dem Projjheten versprochen habe, die Frev- 
ler zu züchtigen, und als diese sich später bekehrten, mufste 
begreiflicher Weise der ganze Passus wegfallen. An die 
Stelle soll Koran 3, I())-164 gesetzt worden sein. 

Es ist so schwer, sich in ganz andere Zustände zu 
versetzen, dafs wir winzigen, gemalsregelten Theilchen ei- 
ner grofsen Staatsmaschinc, obschoii wir wissen, dafs un- 
ter den Bedouinen keine Regierung besteht, doch immer 
von den Internehnunjgen ganzer Stämme sprechen, während 



189 

doch nur einzelne Personen handelten und so Viele mit 
sich fortrissen, als ihr moralischer Kinünfs erreichte. In 
keinem der Kriege des Mohammad gegen die Nomaden 
war der ganze Stamm betheiligt, sondern nur die Anhän- 
ger des Führers, \velcher den Kric"; heraufbeschwor. Wenn 
er fiel oder seine Bande zu rechter Zeit zerstreut wurde, 
fuhr der Stamm fort, seinen friedlichen Beschältiij-unKen 
nachzugehen und begnügte sich nebenbei Schwächere aus- 

n OD 

zurauben, denn einen höheren Zweck hatte ein nnprovo- 
zirter Krieg nie. Folgendes Beispiel macht uns diese Zu- 
stände recht anscliaulich : 

Ein Schaych des hodzajlitischen Stammes Jjhvän er- 
hob zu 'Orana, zwei Tagereisen östlich von Makka, im 
Gebirge, die Kriegslahne und lud alle Feinde des Islams 
ein, ihm in einem Raubzuge gegen Madyna zu folgen. Es 
versammelte sich auch viel Volk von seinem und von an- 
deren Stämmen um ihn. Mohammad erfuhr es und schickte 
am 16. Juni 625 den *Abd Allah b. Onavs, denselben zu 
morden. Beschreibe n)ir ihn, sagte Ibn 'Onays, auf dafs 
ich ihn erkenne. Wenn du ihn siehst, antwortete Moham- 
mad, wirst du in Furcht und Schrecken gerathen und glau- 
ben, der lebendige Teufel stehe vor dir. Gefürchtet, ver- 
setzte Ibn Onays, habe ich mich bisher von Niemandem. 
Willst du mir aber erlauben zu sagen, was ich für gut 
halte? Rede was du willst, erwiderte der Prophet. Ich 
entfernte mich, erzählt Ibn Onays, und gab mich für ei- 
nen Chozaiten aus. Gleich nach meiner Ankunft in 'Orana 
sah ich ihn umgeben von einer Anzahl von Ahäbysch 
(Bundesgenossen der Makkaner) und anderen Männern, 
welche sich ihm angeschlossen hatten. Ich erkannte ihn 
gleich nach der Beschreilmng des Propheten, und es sank 
mir fast das Herz bei seinem Anblicke. Er fragte mich, 
wer ich sei? Ich antwortete: Ein Chozaite '). Ich habe 



') Um sich als Mitglied eines anderen Stammes ausgeben zu 
können, raufs man denselben Dialekt sprechen. Ibn Onays gehörte 



190 

gehört, «lals du ein Heer o:e«>:en Mohammad sammelst und 
bin gekommen, mich unter deine Fahne zu stellen. 

Ich folgte ihm, liefs mich in ein Gespräch mit ihm 
ein und er wnv ganz bezaubert von meiner Rede. Wir 
kamen endlich zu seinem Gezelte und die Leute, welche 
bei ihm waren, zerstreuten sich, denn es war Zeit zu Bette 
zu gehen. x\ls Alles schlief und ich sein volles Vertrauen 
gewonnen hatte, tödtete ich ihn und hieb ihm den Kopf 
ab. Ich machte mich auf die Flucht, verbarg mich bei 
Tage und reiste des Nachts, bis ich Madyna erreichte und 
dessen Kopf dem Propheten zu Füfsen legte. 

Als dieser Häuptling (sein Name ist Sofyän b. Chä- 
lid b. Nogayh) getödtet war, kehrten die Kampflustigen zu 
ihren Ileerden zurück und überliefsen seinen Verwandten 
die Blutrache zu üben. 

Im Juli 625 schickte Mohammad zehn seiner Jünger, 
um das Land gegen Makka hin auszukundschaften '), viel- 
leicht hatten sie nebenbei eine Mission, wie die des 'Abd 



den Gohayniten an. Diese waren wie die Chozä'iten von südara- 
bischer Abkunft und ihre nächsten Nachbarn. Es sprachen also 
wohl beide Stämme denselben Dialekt. 

') So Abu Horayra bei Ibn Aby Schayba S. 128 und ßochäry 
S. 568. Die Biographen erzählen auf die Auktorität des A^-ira b. 
'Omar b. Katäda: Nach der Schlacht von Ohod kamen einige Män- 
ner vom 'Adhal- und KärAstarame zum Propheten und sagten: Der 
Islam fängt an, sich unter uns zu verbreiten, schicke daher einige 
deiner Gefährten mit uns, welche uns in der Glaubenslehre, im Koran 
und in den Geboten unterrichten. Er entsandte darauf zehn Männer. 
Nach Ibn 'Abbäs bei den Exegeten zu K. 2, 2u3 waren es Korayschi- 
ten, welche diese Bitte an Mohammad stellten in der Absicht, die 
Missionäre, welche er senden würde, durch die Liliyäniten auf dem 
Wege auffangen zu lassen. Der Bericht des Ibn 'Abbäs ist wegen 
der grofsen Feindschaft, welche zwischen den Korayschiten und Mos- 
limen bestand, unwahrscheinlich, und die Erzählung der Exegeten 
enthält einen Verstofs gegen die damaligen Gebräuche. Wenn die 
Moslime mit den Männern, welche sie eingeladen hatten, gegangen 
waren, so wären diese und ihr ganzer Stamm für ihr Leben ver- 
antwortlich gewesen. 



191 

Allah l)/Ona\s. Sie reisten hei Naclit und verharren sich 
Avährencl des Tages in den Schluchten <ler (lehirge. Sie 
kamen auf diese Art bis Hadda, sielten Meilen jenseits 
Osolän. Eine lihyänitische Schäferin land auf dem Platze, 
wo sie während <ler iNacht einige Stunden ausgeruht hat- 
ten, irische Dattel körner, und weil sie ungewöhnlich klein 
waren, lief sie damit in das I^ager und sagte : Dies sind 
Agwakörner, welche lun- in Madyna vorkommen! Sie wit- 
terten, dafs moslimische tJäste in der Nachbarschaft seien, 
verfolgten ihre Fufstrilte und fanden sie in dem sieben 
Meilen davon entfernten Kagy'. Sie umringten sie und 
forderten sie auf, sich zu ergeben, mit dem Versprechen, 
ihr Leben zu schonen. Sieben von ihnen leisteten Wider- 
stand und wurden sogleich getödtet. Drei, darunter Cho- 
bavb, zogen Gefangenschaft dem Tode vor und ergaben 
sich. Als die Lihyäniten ihrer habhaft waren, nahmen sie 
die Schnur von dem Boi^en und banden sie damit. Einer 
der Gefauij-enen sas-te zu seinen Leidensi»;efährten : Dieses 

CO O 

ist der Anlani»; der Wortbrüchiürkeit und des Verrathes. 
Bei Marr-Tzahrän, wo sein Grab noch jetzt ein Gegen- 
stand der Verehrung ist, gelang es ihm, sich von den Ban- 
den los zu machen, und er kämpfte bis er tiel. Chobavb 
und sein noch übriüer Scliicksals«i:enosse wurden nach 
Makka geschleppt und dort als Kriegsgefangene verkauft. 
Die Käufer benutzten sie aber nicht als Sklaven, sondern 
sie schlachteten sie zur Sühne für bei Hadr gefallene Fa- 
milienmitglieder. 

Die Banü Mot;talik sind von Abkunft Choza'iten. Sie 
standen aber im Bunde mit den Modlig und hatten ihr 
Hauptquartier am Brunnen Moraysy', ungefähr eine Tage- 
reise von Foro', welches 96 ar. Meilen südlich von j\Ia- 
dyna lieg-t. Wahrscheinlich hatten sie Hüter um diesen 
Brunnen und beschäftigten sich, wenigstens theilweise, mit 
Ackerbau. Ihr Say^id, Härith b. Dhirär, liefs den Aufruf zu 
einem Krieffszus: oesren die iMoslime eruehen und es schlofs 
sich sein ganzer Stamm und viele andere Kampflustige ihm 



192 

an. Mohammafl hörte davon und schickte den Aslaniiten 
Borayd ab, um Erkundigungen einzuziehen. Dieser gab sich 
für einen Zuzügler aus, gewann das Vertrauen des Härith 
und Avurde in den Operationsplan eingeweiht, daraul kehrte 
er nach Madyna zurück und benachrichtigte den l^rophe- 
ten. Dieser rief" sogleich seine («etreuen zu den Waffen, 
um das Heer der Moctalikiten zu zerstreuen. Dieses Mal 
stellten sich viele Heuchler unter seine Fahne und er 
brachte daher eine sehr grofse Armee mit dreifsig Pfer- 
den zusammen. 

Die Moslime verliefsen Madyna am Montage, den 
2. Scha bau, nach Wäkidy A. H. 5, ^lach Ibn 'Okba A. H. 4 
und nach Ibn Ishäk A. H. 6. Wenn im Jahre 626 der 
2. Scha'bän auf den 6. Januar fiel, ist die Jahreszahl des 
Ibn Okba die richtige. Ein Spion hinterbrachte dem Hä- 
rith zeitig Nachricht von dem Heranrücken der Moslime und 
sie verbreitete solchen grofsen Schrecken, dafs die meisten 
Zuzügler sein Lager verliefsen; nur seine Stammgenossen 
blieben standhalt. In Moraysy' angekommen, liefs Moham- 
mad für sich und die zwei Frauen, 'Ayischa und Omni 
Salama, welche ihn begleiteten, ein Gezelt von Leder auf- 
schlagen, dann stellte er seine Leute in Schlachtordnung. 
Die Mo(;talikiten nahmen das Treffen an und nachdem ei- 
nige Pfeile gewechselt worden waren, chargirten die Mos- 
lime in enger Linie wie ein Mann. Die Feinde ergriffen 
ohne Widerstand zu leisten die Flucht. Es fiel daher nur 
ein einziger Moslim und nur zehn Mo(;talikiten, aber sehr 
viele wur<len gefangen und ihre Heerden Helen in die 
Hände der Sieger. Nach einer Nachricht, welche die Wahr- 
scheinlichkeit für sich hat, fand gar kein Treffen statt, son- 
dern die (jiläubigen machten die Gefangenen auf Streif- 
zügen. 

Zu Moraysy ereignete sich eine Schlägerei zwischen 
zwei Moslimen. Die Flüchtlinge und Madyner mischten sich 
darein und standen als entgegengesetzte Parteien sich ge- 
genüber. Ibn Obayy, das Haupt der Heuchler, wendete 



193 

sich zu den Madynern, tadelte sie wegen ihrer Frei*;;el)ig- 
keit ffe^en die Fliiclitlin^e und sajfte: Wenn ihr eure Hand 
von ihnen abzieht, so werden sie ihn verlassen. Aber war- 
tet nur, fügte er hinzu, wenn wir zu Mause ankommen, 
so wird der Edle den Niedrigen vertreiben. Diese Worte 
wurden dem Mohammad hinterbracht. Weil die (Jenuither 
in grofser Aufregung waren, gab er den Befehl, sogleich 
aufzubrechen, obschon es um die heifse Mittagszeit war. 
Er marschirte die ganze Nacht und einen JMieil des fol- 
genden Tages. Als er Halt machte, waren seine Leute 
so müde, dafs sie an die Ruhe statt an das Vorgefallene 
dachten. Auf dem AVege begegnete er einigen Männern 
aus dem Stamme des Ibn Obayy und beklagte sich über 
seine Aeufserungen. vSie trösteten ihn mit den Worten: 
Du bist der Edle und er ist der Niedrige. Er erhielt dani) 
die Offenbarung: 

63, 1. Die Heuchler sind wohl zu dir gekommen und 
haben gesagt: »Wir bezeugen, du bist der Bote Gottes!« 
Dafs du ein Bote Gottes bist, weifs Gott, aber er bezeu- 
get auch, dafs die Heuchler Lügner sind. 

■2. Sie bergen sich hinter ihrem Eide ') und machen 
die Leute vom Pfade Gottes (dem Kampfe gegen die In- 
gläubigen) abwendig. — Schlecht sind ihre Thaten! 

3. Der Sachverhalt ist: Sie haben geglaubt, dann sind 
sie ungläubiü; o^eworden. Deswegen ist ein Siegel auf ihre 
Herzen gedrückt worden und sie können die Wahrheit 
nicht verstehen. 

4. Wenn du sie ansiehst, macht ihre Erscheinung 



') Unter „ihrem Eid" ist gewifs nichts anderes zu verstehen, 
als ihr Glaubensbekenntnifs und die Huldigung. Die Biographen, 
welche aus dem Koran mehr herauslesen, als darin steht, glauben, 
Ibn Obayy habe durch einen Eid betheuert, dafs er die beleidigenden 
Worte nicht gesprochen. Aus dem Koran gebt hervor, dafs Ibn Obayy 
dem Mohammad viel entschiedener entgegentrat, als ihn die Biogra- 
phen darstellen. Ich folge dem Berichte des Ibn Aby Schayba S. 107, 
von Abu Osama, von Hischäm, von seinem Vater Orwa. 
ui. 13 



194 

(wörtlich: ihr Körper) einen günstio-en Eindruck auf dich, 
und wenn sie sprechen, schenkest du ihren Worten (jie- 
hör. Aber sie sind [feig] wie ein an eine Mauer gelehn- 
tes Stück Holz. Wenn sie einen Schrei hören '), glauben 
sie, er gelte ihnen. Sie sind die Feinde [der Moslime]. 
Hüte dich vor ihnen. Möge sie GJott verdammen. Wozu 
lassen sie sich irre führen. 

5. Wenn man zu ihnen sagt: Kommt, der Bote Got- 
tes will für euch zu (lott um Verzeihung bitten! drehen 
sie ihre Köpfe, und du kannst sehen, wie sie sich aus 
Hochmuth wegwenden. 

6. Sie sind es, welche sagen : Gewährt den x\nhän- 
gern des Boten Gottes keine Unterstützung und sie wer- 
den ihn verlassen. — Aber Gott gehören die Schätze der 
Himmel und der Erde. Allein die Heuchler begreifen 
das nicht. 

7. Sie sagen: Wenn wir nach Madyna zurückge- 
kehrt sind , wird der Edle den Niedrigen vertreiben. — 
Aber der Adel kommt Gott, seinem Boten und den Gläu- 
bigen zu [und nicht den Heuchlern]; allein die Heuchler 
scheinen dies nicht zu wissen. 

Die Beute bestand aus 2000 Kameelen, 5000 Scha- 
fen, Kleidern und Geräthen. Ferner wurden 200 Frauen 
von guter Herkunft gefangen genommen. Unter ihnen war 
Gowayriya, die Tochter des Anführers Härith, welche, wie 
Avir bereits wissen, Mohammad zur Frau nahm. Die Kleider 



') Weil (,'aylia, Schrei, sonst in) Koran für Sturm zur Vertil- 
gung der Ungläubigen steht, bat man es zwcckmäfsig gefunden, wäh- 
rend dieses Feldzuges einen heftigen Sturmwind wehen zu lassen. 
Als der Prophet gefragt wurde, was er bedeute, sagte er: Er be- 
deutet den Tod eines der Häupter der Heuchler, nämlich des Ju- 
den Rofä' aus dem Stamme Kaynoka, welcher in Madyna gestorben 
ist (Taymy S. 375). 

Solche exegetische Legenden gewannen in kurzer Zeit selbst- 
ständiges Leben und wurden auch von Leuten nacherzählt, welche 
die betreffende Korunsteile anders auffalsten. 



195 

und Gerätlie wurden versteigert, die übrige Reute verloost 
und zehn Schafe wurden in der Theilung zum Werthe von 
einem Kameele angeschlagen. 

Auf diesem Feldzuge ereignete sich das Liebesaben- 
teuer der 'Ayischa. 

Weder Abu Sofyän noch Mohammad vergafsen das 
nach der Schlacht von Ohod verabredete Stelldichein, wel- 
ches »über's Jahr« ^) zu Badr stattfinden soll. Die An- 
strengungen des Abu Sofyan, eine Armee zusammen zu 



•) Im Original: Jj.:>l ^J^\. J^c Die Bestimmung der Zeit wirft 
einiges Licht auf die Zeitrechnung der alten Araber. Nach Ibn 'Ayidz 
wurde die Schlacht von Ohod am Samstag den 11. Schawwäl A. H. 3 
gefochten. Es war dies ein Mittwoch. Ibn Sa'd sagt am 7. des- 
selben Monats. Dies war ein Samstag und entspricht dem 23. März 
625. Einige verlegen die Schlacht, wie im 'Oyün behauptet wird, 
in die Mitte des Schawwäl, also auf den 30. März. Wenn nun 
„über's Jahr" zwölf Lunationen bedeutet, d. h. wenn die Araber 
nach reinen Mondjahren rechneten, hätte das Stelldichein wieder im 
Schawwäl stattfinden sollen. Dies war aber nicht der Fall, folg- 
lich hat der Ausdruck eine andere Bedeutung. Nach Ibn Ishäk 
und Ibn 'Okba (bei Halaby fol. 203 v.) begab sich Mohammad schon 
im Schabän, also einen Monat vor dem Schawwäl dahin, und nach 
Wäkidy und Balädzory (Ansah alaschräf) war der erste Dzü-lka'da 
(4. April 626) der Tag. Da Wäkidy tiefer in die Sache eingeht, 
halte ich seine Angabe für richtig. 

Nach Halaby bedeuteten die Worte des Abu Sofyän: „Wir tref- 
fen uns übers Jahr zu Badr" soviel, als: bei der nächsten Messe 
von Badr. Es ist bereits gesagt worden, dafs zu Badr, welches auf 
der Strafse nach Syrien liegt, jährlich Markt gehalten wurde, wel- 
cher vom 1. bis 8. Dzü-lka'da dauerte (vergl. Wäkidy fol. 93; Ibn 
Sa'd fol. HO; Baghawy, Tafs. 3, 166 und Balädzory a. a. O.). Gleich- 
zeitig fing die Messe von Okätz an, welches auf der Strafse nach 
Qan'ä in Yaman liegt und ungefähr ebensoweit von Makka entfernt 
ist als Badr. Diese Märkte standen mit dem Pilgerfeste in Verbin- 
dung (vergl. Wüstenfeld Chron. von Makka Bd. 1 S. 129). Wenn 
das Pilgerfest wirklich zehn Tage nach dem Neumond der Früh- 
lings -Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, so fiel es im J. 626 
auf den 13. April. „Ueber's Jahr"* bedeutet also hier weder Mond- 

13* 



196 

bringen, hatten nicht den er\vünschten Erfolg, und er suchte 
daher nach einem Ausweg: Einem jeden Reisenden der 
nach Madyna ging, beschrieb er die ungeheuren Rüstun- 
gen, die er gemacht habe, und die Anzahl von Kriegern, 
welche an diesem Zuge Theil nehmen würden. Als die 
festgesetzte Zeit nahte, sah er sich nur von 2000 Mann 
und 50 Pferden umgeben. Er rückte nach Maganna, bei 
Marr- Tzahrän, eine leichte Tagereise von Makka vor, wo 
eine Messe gehalten \vurde, die zwanzig Tage vor dem 
Pilgerfeste begann. Hier traf er den Aschga'iten No'aym 
und er erzählte ihm, dafs sicli Mohammad durch die Gerüchte 
seiner Üebermacht nicht habe abhalten lassen, sein Wort 
zu lösen und schon marschbereit sei. Abu Sofyän ver- 
sprach ihm zwanzig Kameele, wenn er in aller Eile zu den 
Moslimen reisen und sie von ihrem Vorhaben abwendig ma- 
chen wolle ^). Er nahm die Mission an. In Madyna an- 
gekommen, sagte er: Ich habe so eben die Heiligthümer 
besucht und nar erstaunt über die zahllose Menge von 
Menschen, Pferden, Kameelen und Wallen, welche die Ein- 
wohner zusammengebracht haben. Es Aväre Wahnsinn, wenn 



noch Sonnenjahre, sondern der Ausdruck bezieht sich auf den Fest- 
kalender, und Dzü-Ikada ist überhaupt die dem Feste vorherge- 
hende Lunadon. 

Zur Zeit der Jahrmärkte und des Pilgerfestes war es so viel 
leichter, die Leute zusammenzubringen, als in einer andern Jahres- 
zeit, dafs die beiden gröfsern Unternehmungen der Korayscbiten gegen 
Mohammad, welcher mit dem Beispiele, die heiligen Monate zu 
roifsacliten, vorausgegangen ist, it) diese Zeit fallen. Die Schlacht 
von Ohod wurde am 2d. März (325 gefochten und unsre Ostern war 
am 31. März; Madyna wurde am 31. März 627 belagert und Ostern 
war am 5. April. Wenn die Badrschlacht in derselben Zeit geschla- 
gen wurde (10. März 624, Ostern war am Ib. April), so ist dies 
nicht ganz zufällig, denn die Karawane eilte zu den Märkten nach 
der Heimath zurück. 

') Icii folge hier dem Berichte des 'Ikrima und Mogälid (bei 
Baghuwy), welche sich mit Recht Kor. 3, ig6 ff. auf diesen Krieg be- 
ziehen. Nach Wäkidy schickte Abu Sofyän den No'aym von Makka 
zu den Moslimen; es ist aber ein Widerspruch in seiner Erzählung. 



197 

ihr unter diesen Verhältnissen euren Feinden auf ihrem 
eigenen Terrain und zur Zeit der Blesse, zu der sich 
Schaaren von Menschen versammeln und ihnen beistehen, 
die Spitze bieten Avolltet. Ihr würdet bis auf den letzten 
Mann aufgerieben. 

Die Moslime \\aren mit Schrecken erfüllt und riethen dem 
Propheten zu Hause zu bleiben. Omar aber stellte ihm vor, 
dafs er sich Angesichts von ganz Arabien beschäme, wenn 
er sich nicht stelle. Er entschlofs sich also auszurücken. 
Es folgten ihm 1500 Gläubige mit 10 Pferden. Sie er- 
reichten Badr am festjjesetzten Tae;e. Abii Sofyän aber 
war in Moganna geblieben, und da ihm seine List niclit 
geglückt war und er auch keine Aussicht hatte, die Moslime 
zu besiegen, zog er von dort, als die zehntägige Messe 
vorüber war, also ungefähr zur selben Zeit, zu der Älo- 
hammad in Badr eintraf, friedlich nach Makka zurück. Viele 
Moslime hatten Waaren mitgebracht und machten glänzende 
Geschäfte. Nach Wakidv ge^vannen sie 100 Proc. und 
nach den Exegeten (vergl. Mawähib S. 141) gar 200 Proc, 
was wohl eine Uebertreibung ist, um den Koränvers 3, i(5b 
glänzend zu rechtfertigen ^). 

Tm den Schandfleck auszuwaschen, fing nun Abu vSo- 
fyän allen Ernstes an, zu rüsten. Er ging von Haus zu 
Haus Geld zu sammeln, ächtete in der oifentlichen Mei- 
nung Diejenigen, Avelche keine Bereitwilligkeit zeigten, bei- 
zusteuern und nahm von Niemandem weniger als eine Unze 
Goldes. Dies waren die Vorbereitungen zur Belagerung 
von Madyna, welche wir wenige Seiten weiter unten be- 
sprechen werden. 



') Merkwürdig ist, dafs in den Traditionen über diesen Krieg 
und Jahrmarkt, aber nicht in andern Fällen, Badr-al-(;afrä statt ein- 
fach Badr vorkommt. Cafrä ist der Name der Gegend, in welcher 
Badr liegt. Der Ausdruck ist schon früh mifsverstanden worden, 
und wie Balädzory berichtet, sagten einige Traditionisten Badr al- 
90ghrä, welches vielleicht den Sinn haben sollte: der kleine Feld 
zug nach Badr. 



198 

Ein Mann aus dem Nagd brachte Waaren auf den 
Markt der Nabathäer zu Madyna und erzählte, die Stämme 
Anmär und Thalaba ^) ziehen Truppen zusammen, um 
euch anzugreifen, ihr aber, Avie ich sehe, machet keineVor- 
bereitungen und lebt in tiefem Frieden. Als der Prophet 
diese Nachricht vernahm, sammelte er vier- oder, nach An- 
deren, sieben- oder achthundert Mann und unternahm ei- 
nen Kriegszu«? gegen sie. Er begab sich nach dem Eng- 
pals und von da in das Schokrathal, von wo aus er kleine 
Abtheilungen sandte, die (Jegend zu rekognosciren. Am 
Abende kehrten sie zurück mit der Nachricht, dafs sie zwar 
keinen Feind getroffen, alter wohl Spuren gefunden haben, 
welche anzeigen, dafs sich die Leute kurz vorher an die- 
sen Orten aufgehalten haben. Mohammad rückte zu ihren 
Lagerplätzen vor und fand nur einige Frauen, welche er 
gelangen nahm '^). Die Nomaden hatten auf den benachbar- 
ten Anhöhen eine vortheilhafte Stellung eingenommen und 
waren so nahe, dafs, als die Zeit des Gottesdienstes kam, 
die Hälfte der Moslime mit den Waffen in der Hand, ge- 
gen den Feind gekehrt, Wache halten mufsten, während 
die andere Hälfte, gegen die Kaba gekehrt, das Gebet ver- 
richtete; als diese die erste Prosternation gemacht hatte, 
wendete sie sich gegen den Feind und die andere drehte 
sich gegen die Kaba und verrichtete dieselben Ceremonien. 
So wechselten sie ab bis das Gebet vollendet war. Diese Art, 
den (Jottesdienst zu lialten, nennt man das Gefahr- Gebet, 
und sie war darauf berechnet, auf die Feinde einen F^ndruck 
zu machen und die Gläubigen durch die strikte Disciplin in 
religiösen Beobachtungen zu erbauen. Es kam zu keinem 
Gefecht und Mohanimad traf nach einer Abwesenheit von 
fünfzehn Tagen wieder in Madyna ein. 

') Nach Ibn Ishak: Moharib und Tha'laba von den Ghatafaniten. 

') Die Lagerplätze waren in Dzüt alrika, d. h. in der weifs, 
roth und schwarz gefleckten, felsigen Gegend. Sie ist bei Nochayl, 
zwischen Schokra und Sa'd , welches drei Tage von Madyna und 
dreifsig Meilen von Kadyd, auf dem Wege nach Fayd liegt. 



199 

Wer von «1er Miinduno^ des Tis'ris in gerader Ricbtuns: 
nach der JNordspitze des Ivotlien IMeeres reist, lolgt last 
i^enau dem dreifsigsten Parallelkreise und hat einen Marsch 
von 200 Stunden. Sein Wei;- liilirt ihn zuerst über tiefen 
Sand, dann über steinigen Boden. Wasser hndet er fast 
nirgends und Vegetation höchst selten, docli in der Mitte 
stöfst er auf eine Senkung, >velche einen Halbkreis bil- 
det, von 500 Fufs hohen Felsen einer Steinart, welche im 
Arabischen Gandal genannt wird, umgeben ist, und Quellen, 
Oiärten und Felder besitzt und die allerschönsten arabi- 
schen Pferde liefert. Sie wird die Duma (die Stille, Si- 
chere) von Gandal genannt, zum Lnterschiede von dem 
nördlicher gelegenen Diuua, welches Wetzstein besuchte, 
und eines oder zweier anderer Orte dieses Namens. Wal- 
lin fand dort syrische Bauart und syrische CiviÜsation. In 
der Bibel Avird Duma ein Sohn des Ismael geheifsen, 
d. h. die Einwohner wurden zu den Ismaeliten gerechnet. 
Zur Zeit des Mohammad lebte ein südarabischer Volks- 
stamm: die Kalbiten in l)üma: die Herrschaft war aber 
in den Händen des Ükaydir, eines Spröfslinges des mäch- 
tigen Geschlechtes Kinda. Es ist anzunehmen, dafs nicht 
lange vor Anfano- unserer Zeitrechnung eine mächtige V öl- 
kerwanderung von Yaman gegen Norden stattfand und die 
Ismaeliten verdrängt wurden. In den meisten fruchtba- 
ren Orten, in Madyna, in Arabia Petraea , auf dem Scham- 
mar- Gebirge, finden wir südarabische Stämme, die noch 
eine deutliche Erinnerung an ihren Ursprung hatten. Selbst 
in Damaskus thaten sie unter Heraclius Garnisondienste. 
Zur Zeit der moslimischen Eroberungen drangen sie, in 
Verbindung mit neuen südarabischen Horden, welche sich 
unter die Fahnen der ersten zwei Chaylfen stellten, wei- 
ter gegen Norden vor, und sie bilden den Kern der jetzi- 
gen Bevölkerung der Städte von Syrien. \ ielleicht dür- 
fen wir eine Stelle des Plinius zur Zeitbestimmung ihrer 
ersten Wanderung benutzen. Nabatheis, sagt er 6, 32, Thi- 
maneos junxerunt veteres; nunc sunt Thaueni. Wenn unter 



200 

den Thaueni die Tayyiten zu verstehen sind, so hätte ihre 
Einwanderung nach dem Schammargebirge nicht sehr lange 
vor seiner Zeit stattgefunden. Ihre Verwandten, die Kalbi- 
ten kamen wenigstens eben so früh in jene Gegenden; denn 
wir finden sie schon von Strabo erwähnt. 

Zu Duma war ein grofser Markt und es fanden sich 
viele Kaufleute ein, sagt Wakidy fol. 97 (vergl. Igäba un- 
ter ]Madzki!ir), mit denen eine Anzahl von Bedouinen in 
Verbindung standen. Der Prophet hörte, dafs sich viel 
Volk daselbst versammelt habe, welches sich gegen die vor- 
überziehenden Kameelverniiether Erpressungen erlaube und 
wohl gar die Absicht hatte, gegen Madyna, welches fünf- 
zehn JMärsche entlernt ist, vorzurücken. Er entschlofs sich 
daher um desto lieber, dahin einen Feldzug zu unterneh- 
men, weil man ihm sagte: Es liegt am Ende der syrischen 
Pässe, und dein Erscheinen wird dem Kaiser Furcht ein- 
jagen. Er miethete den kundigen Führer IMadzkür aus 
dem 'Odzrastamme und liefs ein Aufgebot ergehen. Tau- 
send Moslime versanmielten sich unter seine Fahne. Sie 
verliefsen die gewöhnliche Strafse, verbargen sich des Ta- 
ges und marschirten zur JNachtzeit. Als sie nur noch ei- 
nen Marsch von der Oase entfernt waren, sagte der Füh- 
rer: Wir sind jetzt bei ihren Ileerden angekommen; blei- 
bet hier, ich will vorausgehen und Kundschaft einziehen. 
Er kam bald wieder mit der Nachricht zurück, dafs er 
die Spuren von den äufsersten Heerden gefunden habe. 
Die Moslime überfielen sie, zersprengten die Hirten und 
bemächtigten sich der Thiere. Als das Volk, welches sich 
in Duma versammelt hatte, davon Nachricht erhielt, zer- 
streute es sich, und Mohainniad campirte auf dem offenen 
Platze, welchen es iime gehabt hatte. Er schickte Streif- 
corps aus, welche einen Zug Kameele erbeuteten, aber es 
gelang ihnen nur einen Mann gelangen zu nelimen. Dieser 
bekehrte sich zum Islam und Mohanunad kehrte nach Ma- 
dyna zurück. Es scheint nicht, dafs er in die Stadt von 
Dütna eingedrungen ist. 



201 

Auf dem Riick\ve*^e erlaubte er dem mächtigen Schaych 
des Fazarastiiiiinies, Oyayna I). Hi(,'n, seine lleerden bei 
Talamyn (laglilaiiiyn?) und Miräd (auf dem Weji;e nach 
Rabadza), 36 Meilen von Madyna, zu weiden, weil in des- 
sen Lande üjrofse 1 rocknifs herrsche. 

Die Müzayna, ein grörstentlieils nomadischer Stamm, 
betrieben besonders Schalzucht. Ilir Gebiet lag nur zwan- 
zis; Meilen von Madyna entfernt und jijrenzte an das der 
(lohayna. Es lag am östlichen Abhänge des Sarat- Gebir- 
ges und enthielt mehrere Quellen und Ortschaften. Sie 
verehrten einen Götzen iNamens Nohm. Die Seelenzahl 
mag man auf fünf oder sechs Tausend schätzen, wovon 
ein Tausend mit dem Propheten vor Makka zogen. Ihre 
Mutter Älozayna, von der der Stamm den Namen erhalten 
hat, war eine Tochter des Yamaniten Kalb, ihr Vater ge- 
hörte zu den Chindifstämmen. In anderen Worten: es war 
kein reiner Modharstamm. 

Die Mozayniten rühmten sich, der erste Modharstamm 
gewesen zu sein, welcher dem Propheten seine Huldi- 
gung darbrachte. Nach dem Berichte eines ihrer Schayche 
('Abd Allah b. 'Amr b. 'Awf b. Zayd b. i\Iilha, von seinem 
Vater, welcher unter Mo'äwiya starb) soll dieses schon im 
Monat Ragab A. H. 5, also unmittelbar nach dem Raub- 
zuge nach Duma, geschehen sein, Chozäy, der Priester 
unseres Götzen Nohm, erzählt er, fühlte das Bedürfnifs, 
den wahren Gott anzubeten. Er zerbrach das Idol, begab 
sich mit einer Anzahl angesehener Stamms^enossen nach 
Madyna, das Glaubensbekenntnifs abzulegen. Einige von 
der Gesellschaft erboten sich, in Madyna zu bleiben, aber 
der Prophet bat sie, in ihre Heimath zurückzukehren, mit 
der \ ersicherung, dafs sie dennoch des Verdienstes der 
Flucht theilliait seien. Es war dies eine recht weise Ver- 
fügung, denn sie konnten dem Islam in ihrer Heimath viel 
nützlicher sein, als in Madyna. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dafs sich nicht alle Mo- 
zayniten zum Islam bekehrt haben, so lernen wir aus Ibn 



202 

Ishäk, dafs der Dichter Ka'b b. Zobayr, ein Mozajnite, die- 
sen Schritt erst im Februar 631 that •) Jedenfalls aber 
war, >venn nicht sogleich der thätige Beistand, doch die 
Neutralität des Stammes gesichert, und Mohammad hatte 
nun zwischen Mad>na, dem Rothen Meere und Makka kei- 
nen Feind mehr; er konnte daher o])ne Gelahr mit seinen 
Truppen weitere Expeditionen unternehmen. 

Wir finden, dafs die Kundschafter und Wegweiser 
meistens Bedouinenstämmen angehörten. Es geht daraus 
hervor, dafs der Islam in verschiedeneu Orten Anhänger 
fand. Einige von ihnen liefsen sich in Madyna nieder, 
andere verheimlichten ihre üeberzeugung und blieben in 
der Heimath. Diese Leute, wie wenig zahlreich sie auch 
waren, leisteten dem Propheten sehr wesentliche Dienste, 
denn sie benachrichtigten ihn über Alles, was in der Wüste 
vorging. 

Eine vereinzelte Bekehrung dieser Art fällt nach Ibn 
Sa'd ebenfalls in diese Zeit und wird von einem angebli- 
chen Augenzeugen in folgenden Worten erzählt: 

»Eines Tages, als wir in der Moschee bei einander 
safsen, kam ein Bedouine auf einem Kameele dahergerit- 
ten. Er machte dasselbe in (^dem Hof] der Moschee nie- 
derknieen und band es an. Dann näherte er sich uns und 
sagte: Ist Mohammad unter euch? Wir antworteten: Es 
ist der weifse Mann, der den Ellenbogen auf das Kissen 
stützt. Er fragte: Bist du der Sohn des 'Abd al-Mottahb? 



') Der Mozaynite Biliil b. Harith liefs sich in Madyna nieder 
und der Prophet gab ihm ein Stück Land. Die Schenkungsurkunde 
lautet: Ihm gehört der Dattelhain und die daranstofsenden Felder 
und vereinzelten Dattelbäume, wie auch das Land, welches durch 
künstliche Bewässerung urbar gemacht werden kann. Ihm gehört 
das Madhdha (im 'Akyk) nebst den Schöpfrinnen (Brunnen?) und 
Quellen, wenn er es ehrlich meint. Geschrieben von Moäwiya. 

Da der Schreiber sich erst im Januar 630 bekehrte, ist diese 
Urkunde und wohl auch die Unterwerfung des Biläl sehr späten 
Datums. Die Bekehrungsgeschichte des Nohmpriesters ist wohl eine 
Fabel. 



203 

Ja, der bin ich! antwortete der Prophet. Ich hoffe, du 
"wirst mir es nicht lür ungut liahcn, wenn ich dir einige 
Fragen vorlege, fuhr der Unbekannte lort. Der Prophet 
erwiderte: Frage was du immer willst. Kr sj)rach: Ich 
beschwöre dich bei deinem Herrn und bei dem Herrn Der- 
jenigen, die vor dir waren, sage mir, hat dich Allah zu 
allen Menschen gesendet i' Mohammad antwortete: Bei Gott, 
ja! — Er luhr fort: Ich beschwöre dich bei Allah, sage 
mir, hat er dir befohlen, dafs man diesen Monat fasten soll? 
Mohammad antwortete: Bei Gott, ja! — Ich beschwöre dich 
bei Gott, hat er dir belohlen, dafs du von den Reichen 
den Zehent nehmen und ihn unter unsere Armen verthei- 
len sollst? Mohammad entgegnete wieder: Bei Gott, ja! 
Darauf sagte der Unbekannte: Ich glaube an das, was du 
offenbarest. Ich bin Dhimäm, der Sohn des Thalaba und 
der Bote meines Stammes. Nach dem Zusatz des 'x\bbäs 
bekehrte sich der ganze Stamm bei seiner Rückkunft ^). 

Zur Zeit, in welcher Mohammad »die Flucht«, d. h. den 
Aulenthalt in seiner Madyna, zur Verstärkung seiner Macht 
noch für unerläfslich hielt, kamen neun angesehene 'Absi- 
ten zu ihm und liefsen sich daselbst nieder. Der Prophet 
bedauerte, dafs ihrer nicht zehn seien, denn in diesem 
Falle, sagte er, würdet ihr ein eigenes Corps mit eigenem 
Liwä bilden. Um die Zahl voll zu machen, schlofs sich 
ihnen der Taymite Talha b. 'Obayd Allah an. Sie wur- 
den nun »die Zehn« geheifsen und hatten ihre eigene Fahne, 
welche später in hohen Ehren gehalten wurde. Während 
der Eroberungskriege war nämlich der Stamm der 'Absiten 



') Dhimäm gehörte dem Sa'd-Bakrstararae an, aus dem auch 
Halyraa, die angebliche Amme des Propheten, entsprossen war. Die- 
ser Stamm lebte östlich von Makka und bekehrte sich erst mit den 
andern Hawäziniten im J. 680. Wenn also der Zusatz des Ihn Ab- 
bäs richtig ist, so mufs auch die Bekehrung des Dhimäm um vier 
Jahre später gesetzt werden. Allein die Auktorität des Ibn 'Abbäs 
ist sehr zweifelhaft, denn Bochäry nennt Anas als den Bürgen die- 
ser Tradition und Nasay schreibt sie dem Abu Horayra zu. 



204 

nicht zahlreich genug, um eine selbststäiulige Heeresab- 
tlieihing zu bilden; es wurden ihm also andere kleine Stämme 
zugetheilt. In solchen Fällen hatte jeder Stamm sein eige- 
nes Liuä, und die ganze Heeresabtheilung zusammen ein 
Räya, Hauptfeldzeichen. In der Heeresabtheilung, in wel- 
che die 'Absiten eingereiht wurden, nahm man von dieser 
Regel Abstand und ihr Liwä, welches immer von einem 
'Absiten getragen wurde, galt zugleich als das Räya der 
stanzen Heeresabtheilung. Der Fahnenträger war nach da- 
maliger Sitte zugleich der Anführer seiner Schaar. Zur 
Zeit des Propheten und auch bei Kädesiya war das weifse 
Liwa der 'Absiten in der Hand des tapferen 'Abd Allah b. 
Mälik ') 

Später (die Zeit läfst sich nicht bestimmen, wahr- 
scheinlich im J. 629) kommen drei 'absitische Abgeord- 
nete nach Madyna, um dem Propheten die l nterwiirfig- 
keit des ganzen Stammes zu melden. Sie sagten, die 

') Die hervorragendste Persönlichkeit unter den 'Absiten war 
Maysara b. Masrük. Als eifriger Moslim begleitete er den Prophe- 
ten auf der letzten Pilgerfahrt nach Makka. Unter Abu Bakr war 
er Zehuteinnehmer seines Stf-mmes. Er verhinderte die Absiten, an 
dem Aufstande gegen den Islam Theil zu nehmen und hatte ein hohes 
Commando unter Chälid in der Eroberung von Syrien, ja er soll 
der Erste gewesen sein, welcher das Thomasthor von Damaskus 
erstieg (vergl. Lees' Ausgabe des Abu Isma'yl). 

Ein anderer Mann von den Zehn war Kinan b. Därim, wel- 
cher ebenfalls in der Eroberung von Syrien (Lees p. 216) genannt 
wird. 

Härilh b. Raby' wurde der Vollkommene genannt, weil er schrei- 
ben, schwimmen und gut Pfeil schiefsen konnte. Er war von einer 
guten Familie und sein Vater, der sich durch Ritterlichkeit auszeich- 
nete, war ein Freund des Königs No'män b, Mondzir, an dessen 
Hof er mit dem Poeten Labyd in Berührung kam. 

Die Uebrigen hiefsen Bischr b. Härith b. 'Obäda b. Soray ; So'ba 
b. Zayd; Farwa b. Hosayn; Hidm b. Mas'ada und Abu Ho<;ayn Lok- 
man (oder Abu Hosayn b. Lokmän). — Vergl. l^aba Bd. 1 S. 306. 

Mohammad verwendete einst diese kleine Schaar, einer Mak- 
kanischen Karawane aufzupassen, es scheint aber, dafs sie keinen 
Erfolg hatte. 



205 

Koraiikuinliffen versiclicrn uns, dafs der (Haube unvollstäu- 
dig sei, ohne Uebersiedelung nach Madyna. Wenn dem 
so ist, so verkaulen \\\t unser Vieh und lassen uns mit 
unseren Familien bei dir nieder. Der Prophet versicherte 
sie, dafs dies jetzt unnölhiji; sei, und fragte sie, ob Chälid 
b. Sinan Kinder hinterlassen habe. Sie antworteten, dafs 
er nur eine Tochter hatte und auch diese gestorben sei '). 
Er erklärte daraul": Kr war ein Prophet, aber sein Volk 
bat ihn zu Grunde gerichtet. 

\m J. 627 endlich kamen die Feinde des Islams zur 
Ueberzeumniü', dafs die herkömmliche Art der Krieoliilirung 
nutzlos, und dals es ihre Aufgabe sei, sich zu vereini- 
gen, nicht blos um Blutrache zu üben und den Schimpf, 
der einzelnen Familien angethan worden ist, zu rächen, 
sondern die neue Gemeinde, welche die bisherige gesel- 
lige Ordnung zu zerstören drohte, auszurotten. Das Ver- 
dienst, das Bediirfnifs der Zeit verstanden und Anderen be- 
greiflich gemacht zu haben, gebührt den Juden. 

Nachdem die Banü Nadhyr aus jMadyna vertrieben 
worden waren, liefsen sich die meisten in Chaybar nieder. 
Die Einwohner dieser Stadt, in deren Nähe wahrschein- 
lich einst Hiob seine Wohnstätte hatte, waren ebenfalls Ju- 
den. Sie waren tapfer und gut bewaffnet, aber nicht von 
so guter Abkunft, als die Nadhyriten. Diese gehörten zu 
dem edelsten Stamme des jüdischen Volkes, und die Ko- 
raytziten rühmten sich, Nachkommen des Aaron und der 
Hohenpriester zu sein. Als sich die Nadhyriten in Chay- 
bar heimisch fühlten, begaben sich Hoyay und Kinäna b. 
Hokayk, welche Juden von Abstammung waren, wie auch 
die Araber Hawdza, der Sohn des Kays aus der awsiti- 
schen Familie Chotma, und der uns bereits bekannte Hanyfe 



') Nach einer andern Tradition besuchte sie den Mohammad. 
Die Legenden über ihren Vater, welcher ein Monotheist war, sind 
aus Masüdy bekannt. Vollständiger finden wir sie in der Itjäba 
Bd. 1 S. 95ü. 



206 

Abu 'Äniir ') nach Makka, um den Korayscliiten und deren 
Bundesgenossen einen Kieuzzug gegen Älohamniad zu pre- 
digen. Sie deuteten auf das Pilgerfest (d. h. Osterfest) 
[und wohl auch auf Engelanbetung] und versicherten sie, dafs 
die Religion der Makkaner besser sei, als der Islam. Die 
Korayschiten schlössen ein Bündnifs mit ihnen, den Mo- 
hammad gemeinschaftlich anzugreifen. Die Juden besuch- 
ten nun verschiedene Bedouinenstämme und bemühten sich, 
selbe für das rnternehmen zu gewinnen. Die Solaymiten 
liefsen sich sogleich herbei, sich den Korayschiten anzu- 
schliefsen; die Ghataläniten verstanden sich dazu, unter der 
Bedingung, dafs ihnen ein Jahr die Dattelernte von Chay- 
bar überlassen werde. Die Ahäbvsch und einzelne Kinäna- 
stämme wurden von den Korayschiten gewonnen. 

Der Ausmarsch sollte, wie zwei Jahre früher, beim 
Ohodkriege, unmittelbar nach dem Pilgerfeste und den dar- 
auf folgenden Messen, um die Mitte April, stattfinden. Die 
Korayschiten mit Einschluls derjenigen Ahäbysch und Be- 
douinen, welche ihnen folgten, waren 4000 Mann stark 
und sie hatten 300 Pferde und 1500 Kameele. Ihr An- 
führer war Abu Sofyän, welcher zugleich das Oberkom- 
mando über die ganze Armee führte. Sie banden das Liwä 
feierlich im Rathhause an einen Speer und übergaben es 
dem 'Othmän b. Talha aus der Familie *Abd aldär. Zu 
Marr-'J'zahran, eine Tagereise von Makka, stiefscn die Banü 
Solayn), 700 Mann stark, unter der Anführung des Sofyän 
b. 'Abd Schams, eines verbündeten des Vaters des Ober- 
kommandanten, zu ihnen; die Asaditen hatten den Tolayha 
b. Chowaylid zum P ührer, die Fazariten, welche sämmtlich 
zujjeeren waren, zählten 1000 Mann und wurden von dem 
später zu grofser Berühmtheit gelangten 'Oyayna b. Hi(:n 
angeführt; von den Banü Aschga' schlofs sich nicht der 
ganze Stamm an und es waren ihrer nur 400 Mann unter 
Mas'iid b. Bochayla. Auch die Banü Morra sollen unter 



') So bei Wäkidy fol. lOÜ. 



207 

Häritb b. 'Awf ein Kontiiii^ent von 400 Mann gestellt ha- 
ben. Zohry beliaii|)(et jedoch, tlafs sie sich aiil die \ or- 
stellung ihres Führers, IMohammad sei unüberwindlidi, von 
den Korayschiten entfernt haben. Uie Juden scheinen nicht 
niitgefochten zu liaben. Die ganze Armee belief sich auf 
10000 Mann und A\ar in drei Lai>er ü;elheilt. Weil so 
viele StänuDC vereint ^varen, wird sie im Koran die Armee 
der Ahzalt, Ethnoi, genannt. 

Mohammad erhielt durch die ChozäMten zeitig Nach- 
richt von den Hiistungen seiner Feinde. Sie verbreitete 
allgemeinen Schrecken in Madyna, die EiuAvohner zitterten 
wie Kspenlaub, es verging ihnen Hören und Sehen, und 
sie konnten kaum athmen vor Angst. Obschon ihnen der 
Prophet den endlichen Sieg über alle Hindernisse verspro- 
chen hatte, verloren sie schon beim Gedanken an diese 
ungeheure Armee alles Vertrauen auf ihn und auf Gott; 
denn sie hielten es für eine reine Unmöglichkeit, Yathrib 
gegen sie behauplen zu können (Kor. 33, lo-i'i), t]s lag 
auf der Hand, dals man einer solchen Macht nicht entge- 
gengehen und sie auf offenem Felde angreifen konnte. Man 
mufste sich auf die Vertheidigung der Stadt beschränken; 
aber es war immer noch die Frage, wie sie geführt wer- 
den soll. Das Sicherste Aväre ge^vesen, sich in die befe- 
stigten Häuser und Ihürme zurückzuziehen und von den 
Dächern und Terassen zu kämpfen Aber die Kräfte wä- 
ren dadurch zersplittert worden, und es war' vorauszusehen, 
dafs in der Stimmung, welche unter den j^Heuchlern« vor- 
herrschte, diese sich ohne grofsen Widerstand ergeben hät- 
ten und vom Glauben abgefallen wären (Kor. 33, 14). Für 
die aufrichtigen Moslime wäre es dann unmöglich gewesen, 
sich zu behaupten. Ein Gassenkampf würde zu denselben 
Resultaten geführt haben; denn die Schwachgläubigen hat- 
ten sich bald von den Gassen in die Häuser und Thürme 
geflüchtet. Glücklicher Weise war ein verschmitzter Per- 
ser, Salmän, unter den Moslimen, welcher einen vortreff- 
lichen \ orschlag niachte. Wenn wir uns gegen Kavallerie 



208 

zu vertbeidigen haben, sagte er, als Mohammad Kriegsrath 
hielt, so verschanzen Avir uns hinter einem Graben. Ich 
rathe euch bei dieser Gelegenheit, diese Art von Kriegs- 
führuno; anzuwenden und ein verschanztes Lager zu bilden. 
Sein Vorschlag fand allgemeinen Reifall, und da die Häu- 
ser eng an einander standen, war er auch leicht ausführbar. 
Mohammad zos die Linie um die vStadt, welcher entlang der 
Graben laufen soll, und machte sie so weit, dafs Platz für 
ein Lager und ein Tummelplatz für den Kampf blieb, ohne 
sich in die Gassen zu vertheilen. Jeder Abtheilung von 
Moslimen wies er ein Stück des Grabens zum Aufwerfen 
an. Sie borgten Pickeln, Schaufeln und Körbe von dem 
jüdischen Stamme Koraytza und schritten zur Ausführung 
des Planes. Der Prophet nahm selbst einen Korb und 
half Steine zusammen tragen, welche hinter dem Graben 
aufgehäuft wurden, damit man sie auf den Feind schleudern 
könne: denn Steine Agaren bei einem Ancrriflfe auf eine 
Stadt die HauptwaiTe der Belagerten. 

In sechs Tagen (nach Anderen: nach einem Monate) 
waren die Verschanzungen fertig, und um dieselbe Zeit 
näherten sich die Feinde. Montag, den 30. März, verlie- 
Isen die Moslime ihre Wohnungen und bezogen das La- 
ger, nachden) sie ihre Frauen und Kinder in ihren Thür- 
men und festen Häusern untergebracht hatten. Vorn war 
ihre Position durch den Graben geschützt, den Rücken 
lehnten sie an den Hügel SaP. Für den Propheten 
wurde ein Zelt von rothem Leder aufgeschlagen, und da- 
mit ihm die Zeit nicht zu lange werde, hatte er drei 
seiner Frauen ('Äyischa, Omni Salama und Zaynab bint 
Gashch) bestimmt, ihm abwechselnd Gesellschaft zu leisten. 
Seine Armee zählte 3000 iMann. Da der Krieg ein de- 
fensiver war, konnten sich »die Heuchler« der Theilnahme 
nicht entschlagen. Die meisten erschienen im Lager und 
da sie mit den Zeloten gemischt waren, mulsten sie auch 
käm|»fen. Finige von ihnen waren jedech sehr lau. So 
kamen di»' Banü Harilha zum Propheten und sagten: Kein 



209 

Stadtviertel ist so sehr dem feinde ausgesetzt, als das 
uiisrige. Die (Ihatafaniten stehen dicht davor und kein 
jMensch vertheidigt unsere Familien. Erlaube uns, dals 
wir hingehen und unsere Häuser gegen ihre Anfälle be- 
schützen. Kr gab seine Kinuilligung und sie Ovaren ge- 
rade, hocherireut, im HegrilVe abzuziehen, als Sa d b. Mo ädz 
dazukam. Er sagte zu Mohammad: So oft wir und sie 
in Schwierigkeiten waren, haben sie sich auf diese Weise 
benommen. Lals sie nicht gehen, sondern halte sie zum 
Kampfe an. Der Prophet befahl ihnen auch im Lager zu 
bleiben. 

Der noch in Madyna wohnende jüdische Stamm Ko- 
raytza blieb in seinen Häusern, ob er, wie bei Ohod, zum 
Kampfe nicht zugelassen wurde, oder ob er aus freiem An- 
triebe neutral blieb, läfst sich nicht bestimmen. Das erstere 
ist wahrscheinlicher. Hoyay hatte den Korayschiten verspro- 
chen, die Banü Koraytza würden sich bei ihrem Annähern zu 
ihren (Junsten erklären. Er begab sich auch zu deren Füh- 
rern, um sie zum Treuebruch gegen Mohammad zu verlei- 
ten; aber wenn auch die J'radition Vieles von ihren ver- 
rätherischen Absichten zu erzählen weifs, so ist doch ge- 
wifs, dafs es bei den Absichten blieb und dafs sie, wie 
günstig auch die Gelegenheit war, es nicht wagten, die 
WalTen gegen die Moslime zu ergreifen. Wahrscheinlich 
hatten sogar die Juden von Chaybar sich nur deswegen 
geweigert, unter den Feinden zu kämpfen, um ihre Brüder 
in Madyna nicht zu kompromittiren. 

Die Feinde waren erstaunt, als sie sich der Stadt nä- 
herten, dieselbe durch einen Graben geschützt und den 
Mohanunad in einem verschanzten Lager zu finden. Aul 
diese Art, riefen sie aus, haben die Araber bisher noch 
nie Krieg geführt! Auch in anderen Erwartungen fanden 
sie sich getäuscht. Als sie bei Ohod kämpften, fanden sie 
noch Saaten auf dem Felde und konnten ihre Thiere dar- 
auf weiden. Diesmal aber hatte die Ernte schon einen 
in. 14 



210 

Monat riiilier begonnen und alles (.Jedeicle nar in die Stadt 
in Siclierheit gebracht. Sie niursten also für ihre Pferde 
aus weiter Entfernung Durra (Büschelniais) mit grofsen 
Unkosten kaufen und mit vieler Mühe nach dem Lager 
transportiren. Die Kameele aber starl)en fast vor Hunger. 
Sie wufsten sich jedoch bald zu finden und die Belage- 
rung wurde planmäfsig geleitet. Um die Gläubigen durch 
lortgeselzte Anstrengung zu erschöpfen, vertheilten sie den 
Dienst so, dafs stets eine Abtlieilung von allen Seiten die 
Stadt berannte. Sie benutzten besonders ihre Kavallerie, 
welche sich, mit Einschlufs der ghatalänitischen, auf Tau- 
send Pferde belaufen haben soll , zu .diesem Zwecke. 
Manchmal vertheilten sie sich um die ganze Stadt herum, 
dann sammelten sie sich wieder plötzlich an einem Punkte, 
als wollten sie ihn erstürmen. Die Moslime eilten zur 
Vertheidigung herbei, und nun zerstreuten sich die Feinde, 
um eine andere Stelle zu bedrohen. So ging es Tag und 
iSacht fort. Den Gläubigen blieb keine andere Wahl als 
sich ebenfalls in Corps zu (heilen, welche den Vertheidi- 
gunsdienst abwechselnd unternahmen, und während einige 
von ihnen patrouillirten, ruhten die übrigen aus, waren 
aber jeden Augenblick bereit , unter die Waffen zu ei- 
len. Weil den Juden nicht zu trauen war, hielten fünf- 
hundert Mann Wache in der Stadt ' ) und zw eihundert 

') Folgende Anekdote zeigt, wie unsicher es in Madyna war 
und beleuchtet zugleich den Aberglauben der Zeit: 

Ibn Aby Sriyib, ein Client des Ilischarn b. Zohra, besuchte einst 
den Abu Sa yd Chodry. Der fromme Mann, erzählt er, war gerade 
im Gebete vertieft, und ich setzte mich, um zu warten, bis er es 
vollendet haben würde. Ich hörte ein Gezisch unter seinem Diwan 
und siehe da, es war eine Schlange. Ich wollte sie tödten, aber 
Abu Sa'yd gab mir ein Zeichen , davon abzustehen und mich zu 
setzen. Darauf sagte er: Siehst du jenes Gemach (bayt) in diesem 
Hause (djir)? Dort wohnte ein junger Mann, welcher sich, als Ma- 
dyna belagert wurde, eben verheirathet hatte. Eines Tages bat er 
den Propheten , das Lager verlassen und seine Frau besuchen zu 
dürfen. Mohammad ertheilte ihm die Erlaubnifs, aber sagte: Nimm 



211 

waren beständig um das Zelt des Propheten, in dem Haupt- 
quartiere der Armee, gelagert. 

Nachdem die Feinde einige Tage das erwähnte Ma- 
noeuvre fortgesetzt hatten, schritten sie zu einen) (»eneral- 
angriff. Sie wurden mit Steinen und Pfeilen, den Haupt- 
watifen der Moslime, empfangen, und es gelang ihnen nicht, 
die Schanze zu erstürmen. Ein anderes Mal erschallte 
von einer Seite her, wo der Graben eng und schlecht ver- 
theidigt war, ]ilützlich der Ruf: Wer will sich mit mir 
schlagen? Der hochbejahrte 'Amr b. 'Abd Wodd und Naw- 
fal b. 'Adb Allah mit zwei anderen Reitern hatten eine 
Stelle gefunden, wo der Graben eng und nicht vertheidigt 
war. Sie setzten über denselben und befanden sich in- 
nerhalb der Verschanzung. Statt für die übrige Reiterei 
den Eingang zu sichern und die Gläubigen zu überrumpeln 
begingen sie die unbegreifliche Thorheit, ihre Bravour zu 
zeigen und persönliche Rache zu üben: 'Amr war nämlich 
bei Badr verwundet worden. 'Aljy eilte herbei und hieb 
den Greis nach kurzem Kampfe nieder; die Uebrigen spreng- 
ten über die Schanze und retteten sich, mit Ausnahme des 
Nawfal, welcher im Graben erschlagen wurde. Die Ko- 
rayschiten sandten zum Propheten und hefsen ihm einen 



deine Waffen mit, denn ich fürchte die Juden. Er that, wie ihm 
befohlen worden war, und als er zu seinem Hause kam, fand er 
seine Frau zwischen der inneren und äufseren Hausthüre. Ent- 
flammt vor Eifersucht, richtete er die Lanze gegen sie und wollte 
sie tödten. Halte ein, rief sie ihm entgegen, und siehe zuerst, was 
in deinem Hause ist. Er trat hinein und erblickte eine Schlange 
zusammengerollt auf seinem Bette. Er stach ihr den Speer durch 
den Kopf und pflanzte ihn vor dem Hause auf, während sie sich 
darum wand. Der junge Mann aber fiel zu Boden und starb noch 
vor der Schlange. Wir erzählten den Vorfall dem Propheten und 
ersuchten ihn, für das Seelenheil des Verstorbenen zu beten. Thut 
das, antwortete er, aber wisset, dafs es in Madyna Ginn (Schlan- 
gen) giebt, welche sich zum Islam bekehrt haben. Wenn ihr nun 
einen Ginn sehet, so wartet drei Tage; hat er sich dann nicht ent- 
fernt, so tödtet ihn, denn er ist ein Satan. 

14* 



212 

liohen Preis lür die Leiche fies Naulal bieten. Er aber 
sagte: Dieses Eselsaas hat keinen Werth, unri er verablolote 
sie ohne etwas dafür zu nehmen. Der grofse Feldherr 
Amr b. 'Ac, welcher später den Uvzantinern Egvpten ent- 
rifs, wollte die schwache Stelle besser benutzen und kam 
mit hundert Reitern, um in die Stadt einzudringen. Osayd 
b. Hodhavr, welcher die Wache hatte, bemerkte zu rech- 
ter Zeit dessen Dewegnng und trieb ihn zurück. Darauf 
bejirab sich Siiiman, der Inuenieur des Mohammad mit meh- 
reren Muslimen dahin und gab dem Graben die gehörige 
Weite und Tiefe. Ein anderes Mal richteten 'Amr und der 
verwegene und geniale Chalid ihren Angrill aut «las Zelt 
des Propheten. Die l)ogenschützen erütlneten den Kampf 
und suchten die Moslime zurückzutreiben. Wenn ihnen dies 
auch nicht gelang, so verursachten ihre wohl gezielten 
Pfeile doch grofse \ erwirrung im moslimischen Lager. Die 
Reiterei rückte nun zum Sturme vor, aber die \ ertheidi- 
ger hatten sich unterdessen gesammelt und es gelang ihnen, 
den Anurrür mit ü:länzendem Erfolge zurück zu schlajiren. 
Dies war der blntij»ste Kampf während der ganzen !)ela- 
gerung und Sa «I b. Moadz, einer der eiirigsten Häuptlinge 
der Ancärer, wurde dabei schwer verwundet. 

Die Moslime wurden Tai^ und Nacht im Atliem er- 
halten und waren, als die Helageiung schon länger als zehn 
i'age gedauert hatte, ganz erschcipft. Der Pro|)het Hellte 
zu («Ott und sprach: »Ich beschwöre dich hei dem mir 
gewährten Bunde und Versprechen: hilf uns, sonst wirst 
du von Niemandem auf Erden angehetet ! « Selbst durch 
diese Drohung liels sich der liebe (jott nicht bewegen, 
Wunder zu wirken. Mohammad schickte daher zu den 
Führern der Ghatafiiniten, 'O^ayna und Härith b. 'Awf, und 
sagte: Ich gebe euch ein Drittel der Dattelernte von Ma- 
dyna, wenn ihr eur«; Kampljgenossen im Stiche lasset. Sie 
forderten die Hälft«', aber M<»hammad bestand darauf, dafs 
si(^ sich mit dem Drittel begnügen sollten. Sie gingen 
diuiMil ein. JSachdem sie das Lager verlassen hatten, kamen 



213 

sie mit zehn Männern aus ihrem Stamme zuiiick, um 
(ien Kontrakt abzuschhelMMi. Sie trafen den l*roj)heten; 
es war eine INM'gamentroIle und Tinte in Bereitschaft, 
und der schöne 'Othmän schickte sich an, das Dokument 
zu schreiben. Da trat zulälliii,- Osayd b. Hodhayr in das 
Zelt, und ohne zu wissen, was vorging, bemerkte er, daCs 
'Oyayna, welcher vor Mohammad safs, übermüthig die Beine 
gegen diesen ausstreckte. Er rief" ihm zu: So benimmt 
man sich nidil vor dem («esandten Gottes. Wenn mich 
nicht die l^hrlurcht vor ihm zurückhielte, so uiirde ich 
dich mit diesem Speere durchbohren. Als er erfahren 
hatte, um was es sich handle, sagte er: Prophet, wenn 
dir (Jott befohlen hat, einen solchen \ ertrag zu schliefsen, 
so thue es; wenn es aber deine persönliche Eingebung ist, 
so wisse, dafs wir entschlossen sind, den Feinden nichts 
zu bieten als das Schwert. Mohammad schwieg und liefs 
die beiden Sa'de (Sad b. Mo'adz und Sa'd b. 'Obäda) ru- 
fen, auf deren Rath er ganz besonderes Vertrauen setzte. 
Sie sprachen sich in demselben Sinne aus, wie Osayd: 
nicht einmal als wir Heiden waren, haben wir uns je er- 
niedriget, den Feinden ein solches Zugeständnifs zu ma- 
chen; wir werden uns nicht dazu herbeilassen, seitdem 
uns Gott durch den Islam verherrlicht. Einer von ihnen 
nahm dann die Rolle und zerrifs sie mit Einwilligung des 
Mohammad. 

Die Bereitwilligkeit der Ghatafäniten zu unterhandeln, 
erfüllte die Korayschiten mit Mifstrauen gegen sie. Sie 
hatten blos auf die Einladung ihrer Bundesgenossen , der 
Juden, die Waffen ergriffen, und es lag ihnen wenig daran, 
ob die moslimische Macht wachse. Ihr einziger Zweck 
war. Beute zu machen, und da ihre Pferde und Kameele 
wegen Futtermangel ganz heruntergekommen waren, hat- 
ten sie keine Lust, die Belagerung fortzusetzen. 

Der Jude Hoyay, welcher diesen grofsartigen Angriff 
heraufbeschworen hatte, machte einen letzten Versuch, die 
Armee der Verbündeten zu einem allgemeinen Angriffe zu 



214 

vermögen. Zugleich bemühte er sicli, «lie Banü Koraytza 
zu bestimmen, in der Stadt das Schlachtgeschrei zu erhe- 
ben und die Moslime im Rücken anzufallen. Wenn sein 
Plan mit einigem JMuthe ausgeführt ^vorden wäre, so hät- 
ten die tiläubiüren erlie";en müssen. Aber er scheiterte an 
der Zaghaftigkeit seiner Glaubensbrüder. Wenn der An- 
grifT fehf schlägt, sagten sie, so ziehen die Bundestruppen 
ab und Mohammad wird sich bitter an uns rächen. Wir 
könnten nur unter der Bedingung, dafs die Verbündeten 
uns Geifseln geben bis an's Ende mit uns auszuhalten, uns 
dazu verstehen, die WafTen zu ergreifen. A erweigern sie 
uns ein solches Unterpfand, so ist es besser, wir bleiben 
unserem (Bündnisse mit Mohammad treu imd verhalten uns 
ruhig '). 



') Mohammad beschuldigt die Banü Koraytza im Kor. 33, 26, 
die Feinde unterstützt zu haben, und macht es somit seinen Bio- 
graphen zur Pflicht, Belege zu liefern. Ich zweifle nicht, dafs ihr 
Benehmen sehr zweideutig war. Allein was Ibn Ishäk S. 680 und 
Wäkidy fol. 116 von den Intriguen des No'aym sagen, ist gewifs reine 
Erfindung. Wir haben mehrere Versionen dieser Erzählung, wovon 
die des Zohry im off"enen Widerspruch mit der später zur Geltung 
gekommenen steht. Die Banü Koraytza, heifst es in dieser Version, 
liefsen dem Abu Sofyän sagen: Mache einen Angriff, und wir wol- 
len dir im Innern der Stadt beistehen. Der Ghatafänite No'aym, 
welcher mit dem Propheten heimlich verbündet war, hörte dies und 
eilte zu ihm, um ihm diese Nachricht zu überbringen. Mohammad 
antwortete: Ich habe den Juden befohlen, so zu handeln. No'aym 
war ein Mann, der Alles, was er hörte, ausplauderte. Er machte 
sich auf, um zu seinen Leuten zurückzukehren. Kaum hatte er sich 
aber entfernt, als ihn Mohammad zurückrufen liefs und zu ihm sagte: 
Wiederhole die Worte, die ich dir gesagt habe, bei Leibe nicht vor 
Abu Sofyän. No'aym aber erzählte dem korayschitischen Führer 
nicht nur, dafs die Juden auf Befehl des Propheten handeln, sondern 
auch, dafs Mohammad ihm verboten habe, es bekannt zu machen. 
Abu Sofyän hielt sich für verrathen und liefs den Juden sagen , er 
wolle sich nur unter der Bedingung, dafs sie Geifseln in sein La- 
ger schickten, herbeilassen, einen allgemeinen Angriff auf die Stadt 
zu machen. Sie würden sich dazu verstanden haben, aber es war 



215 

Wie sehr nucli die Interessen aller Parteien, selbst 
der Nomaden, an! dem Spiele standen, und wie vernünftig 
der JMan auch angelegt Avar, so wollte doch keine Par- 
tei es zu einer Schlacht kommen lassen, theils \\e\\ sie 
sich einander nicht trauten, theils aher, weil es ihnen 
etwas ganz Fremdes war, einen massenhaften Angril!" auf 
Leben und Tod zu machen. Nachdem sie die Stadt zwei 
Wochen vergebens belagert hatten, erhob sich ein furcht- 
barer Sturmwind; der Aulenthalt wurde ebenso lästiff als 
unfruchtbar und die (ihatafäniten packten ihre Kameele. 
Abu Sofyän war unter den Makkanern der erste, welcher 
seinen Dromedar bestieg und sich reisefertig machte. Der 
Abzug wurde in bester Ordnung ausgeführt: die Kavallerie 
deckte regelrecht den Rücken, während das Fufsvolk und 
die Lastthiere abzogen, und bildete, bis die ganze Mann- 
schaft in Sicherheit war, den Nachtrab. Die Zahl der Tod- 
ten zeigt am besten, wie hoch diese muthigen Krieger das 
Leben schätzten: von den Moslimen fielen sechs Mann, von 
den Heiden wurde einer tödtlich verwundet, und wenn 
'Arar und NaAvfal nicht die Thorheit beijanoren hätten, 
sich in einen Zweikampf einzulassen, wäre gar Keiner von 
ihnen auf dem Schlachtfelde geblieben. 

Nordöstlich von Madyna, gegen Chaybar hin, wohnte 



gerade Sonnabend, und sie erklärten, dafs sie am Sabbath sich je- 
des Geschäftes enthielten. Das bestärkte die Heiden in ihrem Mifs- 
trauen. 

Wahr ist, dafs No'aym die Unterhandlungen zwischen Moham- 
mad und den Ghatafäniten einleitete und, nachdem sie zu keinem 
Resultate geführt hatten, zwischen den Korayschiten und Ghatafä- 
niten Mifstrauen stiftete, bis sie abzogen (Zohry und Ibn Aby Na- 
gyh bei Ibn Sad fol. 113 v.). Daraus scheinen obige und ähnliche 
Dichtungen entstanden zu sein. 

Auch andere Erzählungen über die Treulosigkeit der Juden, wie 
die des Wäkidy fol. 109 und des Ibn Ishäk S. 689 — 690, übergehe 
ich, weil ich sie für unbegründet haltCj und begnüge mich mit der 
Behauptung : in der Haltung der Banü Koraytza erblickten die Mos- 
lime Gefahr, aber ein offener Treubruch liegt nicht vor. 



216 

der zum Theil nomadische, zum Theil Ackerbau treibende 
Stamm Aschga. Er besafs zwei oder drei Dörfer und 
lebte so nahe beim Nofüd, dafs er die Kanieele in jene 
üppigen Weiden treiben konnte. Das Milslingen des An- 
griffes der vereinigten Heere aut Madyna zeigte ihm, w\e 
furchtbar ihre Nachbaren seien, und er fand es räthlich, 
einen Friedensvertrag mit ihnen abzuschliessen. Es kamen 
also hundert Aschgaiten nach Madyna, um dem Prophe- 
ten ihre Unterwürfigkeit und ihren Uebertritt zum Islam 
anzuzeigen '). An der S|)itze stand Masüd b. Rochayla, 
der sie in die Schlacht geführt hatte. Sie waren in den 
wSchi'b SoT gelagert. Der Prophet ging zu ihnen hinaus 
und befahl, sie mit Datteln zu versehen. Sie sprachen: 
Kein Modharstamni ist dir näher, als Avir; noch ist einer 
zahlreicher als der unsrige. Die Kriege zwischen dir und 
deinem Stamme, den Korayschiten, (reiben uns in die Enge. 
Wir wünschen daher mit dir ein Bündnifs der Freund- 
schaft zu schliefsen. 

Nach Anderen sollen 700 Aschga nach Madyna ge- 
kommen sein, und zwar erst nachdem JMohanimad den 
Krieg gegen die Koraytza beendigt hatte. Den Aschgai- 
ten scheint es mit dem Islam ernst gewesen zu sein; denn 
sie errichteten zu Mahlama ein Bethaus. 



') In der Urkunde ist vom Uebertritt zum Islam nicht die 
Rede. Sie lautet: „Im Namen Gottes, des milden Ilahmati! Dies 
ist das von No'aym, dem Sohne des Masüd b. Rochayla beschwo- 
rene Uebereinkommen: die Aschga'ilen und Moslime verpflichten 
sich, gegenseitig mit Rath und That beizustehen, so lange das Meer 
eine Flocke Wolle zu befeuchten genügt. Geschrieben von Alyy." ( 
Wahrscheinlich ging die Verabredung nur dahin, dafs solchen Asch- 
ga iten, welche dem Islam beitreten wollten, keine Gewalt angethan 
werden soll. Es war somit der Grund zur Bekehrung gelegt. 



Zwanzigstes Kapitel. 



Hinrichtung von sechshundert Juden. Raubzüge. 

Pilgerfahrt bis Hodaybiya. 

(April 627 bis März 628.) 

Die tiläiibij^eii, riet" der Herold am 15. April G27 (an dem- 
selben Tage, an Avelchem sie siegreich vom Graben zu- 
rückgekehrt Avaren), sollen das INacliniittagsgebet an kei- 
nem anderen Orte, als in dem Stadtviertel der Banü Ko- 
raytza verrichten, denn der Propliet hat beschlossen, die- 
sen Judenstamm zu bekriegen. Die Moslime ergriffen 
eiligst die Waffen, welche sie kaum abgelegt hatten, und 
zogen nach der Vorstadt. Viele, nelche autgehalten Avur- 
den, verrichteten erst Abends das Gebet, weil sie dem 
Hefehle, es an besagtem Orte zn erledigen, nachkommen 
wollten, und Mohammad tadelte sie nicht wegen des Ver- 
schiebens ihrer Andachtsübung '). 

Der Legende zufolge ging dieser Befehl von Gott aus 
und war dem Propheten ebenso unerwartet wie den Gläu- 
bigen. Als er nämlich vom verschanzten Lager in die 
Wohnung der 'Ayischa zurückgekommen war, nahm er die 
Waffen ab, wusch und räucherte sich. Da kam Gabriel 
zu ihm und sagte: Wie, du legest die Waffen nieder? wir 
Eno;el haben sie noch nicht abfj:ele}»;t; unternimm einen 
Kriegszug nach jener Richtung. Mohammad, w elcher keine 



■) Bochäry S. 590. Weil aus dieser Tradition der Schlufs ge- 
zogen wird, dafs man unter Umständen das Gebet verschieben darf, 
ist sie eine Hadyth alahkäm und zuverlässiger als eine blofse Er- 
zählung. 



218 

Ahnung von dem Beschlüsse Gottes liatte, fragte: wen er 
meine? und der Engel antwortete: gegen die Banü Ko- 
raytza '). 

Es hat den Anschein, dafs Mohammad die Banü Ko- 
raytza überraschen wollte. Dies gelang ihm jedoch nicht. 
Sie beschossen die Feinde von ihren Dächern und Thür- 
men mit Pleik^n, verrammelten die Eingänge in ihre Vor- 
stadt und verhinderten sie, in ihre Befestigungen einzudrin- 
gen. Die Moslime waren daher genöthigt, ein Lager auf- 
zuschlagen und Beiagerungs- Operationen zu beginnen. Sa'd 
1). Obäda schickte mehrere Kameellasten Datteln zum Un- 
terhalt der Moslime, und der Prophet setzte sich mit ihnen 
zum Mahl. Die Bogenschützen trieben jeden Morgen die 
Juden von ihren Dächern hinter die Mauern zurück, und 
obschon die Gläubigen sich den Häusern nähern konnten, 
machten sie doch keinen Versuch, die Vorstadt mit Sturm 
zu nehmen. Sie begnügten sich, wie in früheren Fällen, 
mit einer hermetischen Blokade, und übernahmen den Dienst 
abwechselnd. 

Die Koraytziten fühlten sich, um den Ausdruck des 
Wäkidy zu benutzen, wie der Fuchs in der Falle, und 
machten Friedensvorschläge. Wir wollen, sagte Nabbäsch, 
ihr Bote, unter denselben Bedingungen in's Exil wandern, 
wie die Banü Nadhyr; ja, wir sind bereit, mit leeren Hän- 
den abzuziehen, wenn nur unser Leben gesichert ist. 
Mohammad wies jede Bedingung ab und l)cstan<l darauf, 
dafs sie sich auf Diskretion ergeben. Als Nabbäsch ihnen 
diese Botschaft zurückbrachte, verbreitete s\o. allgemeine 
Verzweilehmu:. Ka b b. Asad soll uresaKt haben: Ihr wis- 
set, dafs dieser Mann ein IVophet ist. Wir wollen ihn 
anerkennen un<l wir sind frei und geborgen! Wenn ihr 



') Bochäry S. 500. Bei den Biographen kommt Gabriel auf 
einem Maiiltbiere mit einer Scbabrake von schwerem Atlas daher- 
gesprengt. Er reitet dann sogleich nach den Banü Koraytza und 
wird auch von Laien gesellen. 



219 

euch nicht «lazii entscliliofsen könnet, so wollen wir un- 
sere Frauen und Kinder tödten, mit dem Scliweite in der 
Hand die Feinde angreifen und wie Männer sterben oder 
sieben. Oder wir machen in der Sabbathnacht, in der sie 
sich unseres Feiertages wegen für sicher halten, einen Aus- 
fall. Keiner dieser Vorschläge A\urde angenommen. Sie 
sahen einer Malhama ') (Vertilgung) entgegen, die Män- 
ner waren rath- und thatlos, die Frauen zerrissen die Klei- 
der und rauften sich die Haare aus und die Kinder wein- 
ten und klammerten sich an ihre Mütter, Schutz suchend. 
Der einzige lähmende Trost, den sie in ihrer traurigen 
Lajre hatten, war: dafs Gott es so bestimmt habe, und ihr 
Schicksal unvermeidlich sei. 

Abu Lobäba, ihr Verbündeter, war im feindlichen La- 
ger. Sie baten den Mohammad, denselben zu ihnen zu 
schicken, um sich mit ihm zu berathen. Er kam, und selbst 
für ihn, einen Zeloten, war der Anblick der Verzweifelung 
überwältigend, und auf die f rage, ob sie sich auf Diskre- 
tion ergeben sollen? rieth er es ihnen, machte aber ein 
verdächtiges Zeichen mit dem Finger um den Hals, wel- 
ches sie hätte bewegen können, den Widerstand fortzu- 
setzen. Er bereute diesen Verrath an seinem IMeister und 
leicte sich freiAvillis' eine schwere Hufse auf ^). 

Es war Mohammad's Absicht, den Juden den Islam 
aufzuzwinsren und ihren Widerstand mit dem Tode zu be- 
strafen. Drei oder vier erkauften ihr Leben durch den 



') Es ist dies ein hebräisches Wort, welches in Weissagungen 
oder, wenn vom Antichrist die Rede ist, gebraucht wird. 

^) Wäkidy fol. 122 erzählt, dafs er sich schon früher einmal 
dem Propheten widersetzt habe. Er hatte nämlich mit einer Waise 
einen Streit über den Brunnen Ghadak. Mohammad entschied zu 
seinem Gunsten. Die Waise machte dem Propheten Vorstellungen 
und dieser bat den Abu Lobaba ihm den Brunnen zu schenken, da- 
mit er ihn der Waise geben könne und versprach ihm dafür einen 
Brunnen im Paradiese. Er weigerte sich. Ibn Dahdäha kaufte ihm 
nun den Brunnen um eine Palmpflanzung ab, schenkte ihn dem 
Mohammad und dieser der Waise. 



220 _ 

1 
Abfall von der ererl)ten Religion; die übrigen folgten den 

Ermahnungen ihres Rabbiners Hoyay und gingen stand- 
haft ihrem Schicksale entgegen, hatten aber nicht die Ent- 
schlossenheit, für ihr Leben zu kämpfen. Nach einer Be- 
lagerung von 15 oder 25 Tagen, in der nur ein Moslim 
fiel, ergaben sie sich auf Gnade und Ungnade. Ihre Ver- 
bündeten, die Awsiten, bestürmten den Mohammad, sich 
gnädig zu zeigen, nie er sich auf die Fürbitte der Chazra- 
^iten gegen die Banü Kaynokä' gnädig erwiesen hatte. Er 
antwortete: Ich hoffe, ihr werdet zufrieden sein, wenn ich 
deren Schicksal einem Manne aus eurer Mitte überlasse. 
Sa'd b. Moädz soll entscheiden '). 

Sa'd war bei der \ ertheidigung von Madyna schwer 
verwundet worden. Rofayda, eine Aslamitin -), widmete 
sich der Pflege verwundeter Moslime, und sie liatte zu 
diesem Zwecke in der Moschee ein Zelt aufgeschlagen, 
welches als Hospital diente. Sa'd lag in diesem Zelte an 
einer Pleilwunde hoffnungslos darnieder. Seine Stammge- 
nossen drangen in ihn, <las Urtel zu Gunsten ihrer Verbün- 
deten auszusprechen. Aber der Glaube war stärker als 
die Menschlichkeit, und w eil der Prophet ihren Tod w ünschte 
sprach er: Die Männer sollen hingerichtet, <lie Frauen und 



') Nach Taymy S. 373 haben die Judcm vor der Uebergabe 
ihr Schicksal dem Sa'd in die Hände gelegt. Bei Bochäry S. 591 
ist eine Tradition des 'Orwa, welche die Ansicht des Ibn Ishäk be- 
stätigt, und eine des Scho'ba (vergl. Ibn Sa'd 114), welche mit 
Taymy übereinstimmt. 

') So heifst diese barmherzige Schwester bei Ibn Ishäk und 
Bochary, bei Wäkidy heifst sie Ko'ayba bint Sa d b. Otba. Er sagt: 
Sie heilte die Vervviuidetcn, sammelte die Zerstreuten und stand 
den Unglücklichen, welclie Niemanden in der Welt hatten, bei. Sie 
hatte ein Zelt in der Moschee. 

Auch bei anderen Gelegenheiten widmeten sich die Frauen der 
Pflege der Verwundeten ; ja sie zogen sogar zu diesem Zwecke mit 
in die Schlacht zuweilen mit einem Hirschfänger bewaffnet, und er- 
hielten dafür einen Antheil an der Beute. Um das Blut zu stillen, 
gebrauchten sie die Asche von verbrannten Matten. 



221 

Kinder als Sklaven verkanft wenJen. Mohammad versi- 
cherte ihn, dals sein Beschlufs mit den Wünschen Gottes 
übereinstimme. 

Dem Ibn Maslama wurde die Aufsicht über die Ge- 
langcnen anvertraut. Die Frauen Ovaren in dem Hause der 
Hint Harith eini^esclilossen, den Männern band man die 
Hände aui den Rücken und führte sie in das Haus des 
Osama ab. Sie wurden reichlich mit Dattehi versehen und 
brachten die Nacht im Gebete zu; sie recitirten Hibelstel- 
len und ermunterten sich gecrenseiti": zur Standhaitinkeit. 
x\m nächsten Morgen begab sich der Prophet auf den 
Marktplatz und befahl, tiefe Gräben aufzuwerfen, dann liefs 
er einen Haufen von o-efansfenen Männern nach dem an- 
deren vorführen und sie in den Gräben enthaupten. Die 
Schlächterei dauerte den ganzen Tag und wurde noch des 
Nachts bei Fackelschein fortgesetzt; denn es Avurden sechs- 
hundert Menschen getödtet. 

Die heldenmüthige Frau eines Juden wollte den Tod 
ihres Mannes nicht überleben. Unter ihrem Hause safsen 
während der Belagerung mehrere Moslime in einem Zelte, 
Sie nahm den Stein einer Handmühle, warf ihn auf sie 
hinab und verwundete einen derselben. AU die Männer 
hingerichtet wurden, rühmte sie sich ihrer That und for- 
derte den Mohammad auf, sie enthaupten zu lassen und 
ging freudig auf den Richtplatz. 

Der Jude Zobayr b. Bätä hatte in der Schlacht von 
Ro'äth dem Thäbit b. Kays das Leben geschenkt. Er be- 
gab sich nun zu diesem und fragte ihn: Kennst du mich 
noch? Wie, antwortete Thäbit, soll ein Mann wie ich sei- 
nen Wohlthäter vergessen? Ich will dir nun vergelten, was 
du an mir gethan hast. Der Edle, versetzte Zobayr, ver- 
gilt <lie Wohlthat des Edlen, und ich bin nie hüllsbedürf- 
tiger gewesen als jetzt. Der Moslim begab sich zum Pro- 
jiheten und sagte: Schenke mir den Zobayr, denn ich habe 
\ erpllichtungen gegen ihn und wünsche mich dankbar zu 
erweisen. Seine Bitte wurde ihm gewährt und er kehrte 



222 

freudig zum Gefangenen zurück. Dieser sagte: Ich bin alt, 
liabe mein Vermögen verloren und meine Frau und Kin- 
der sind in tJefangenscbaft. Wozu soll mir mein Leben 
nützen? Thäbit ging nieder zum l'ropheten und dieser 
schenkte ihm auch dessen Habe und Familie; dann kam er 
zu Zübayr und rief ihnj zu : Alles was du besessen hast, 
wird dir zurückerstattet. Der Greis fragte ihn: Was ist 
aus dem Manne geworden, dessen Antlitz ein chinesischer 
Sjnegel ist, in welchem Jungfrauen den Schamhaften be- 
trachten, Asad b. Kab? — Thäbit antwortete: Er ist todt! 

— Was macht der Herr der Nomaden und Stadtbewohner, 
der Herr der beiden Stämme, der sie im Kriege anführte, 
und im Frieden nährte, Hoyay, der Sohn des Achtab? — 
Er ist todt! — Wo ist der, der im Angriffe vorausgeht 
und uns auf dem Rückzuge schützt, Azzäl, der Sohn des 
Samuel? ■ — Er ist todt! — Was macht der Schlaue und 
Verschmitzte, welcher nie eine Bande verfolgt, die er nicht 
ausgespürt, und dem nie ein Knoten vorgelegt wurde, den 
er nicht gelöst hätte, Nabbasch, der Sohn des Kays? — 
Er ist todt! — Wo weilt der Fahnenträger der .luden und 
der Heere, Wahb b. Zajd? — Er ist todt! — Wie beilu- 
det sich der Vertreter jüdischer Gastfreundschaft, der Va- 
ter der Waisen und Armen, 'Okba b. Zayd? — Er ist todt! 

— Und sind die beiden 'Amr noch am Leben, welche sich 
in der Erkläruns: der Thore vereinigten? — Auch sie sind 
todt! — Dann, o Thäbit, gewährt das Leben keinen Ge- 
nufs mehr; ich will ihnen in die Heimath folgen, in welche 
sie vorausgegangen sind. Ich bitte dich bei dem Einlluls, 
den ich auf dich habe, mich nicht zu jenem blutdürstigen 
Manne, welcher die Häuptlinge der Koraytziten hat tödten 
lassen, sondern auf den Richt[>latz zu führen. Ninmi mei- 
nen vSäbel, er ist scharf, und enthaupte micli. Aber halte 
mir den Kopf und haue hoch; denn der Rum|)f sieht schön 
aus, wenn der Hals noch daran ist. Ich warte mit Unge- 
duld, bis der Eimer meines licbens ausjfeflossen und ich 



223 

mit meinen Fieundeu vereinigt })in. Tliabit antAvortete: Ich 
bin nicht im Stande, dicli zu todten. Es liegt wenig daran 
sagle Zohayr, wer mir diesen Dienst erweist, aber geh zu 
deinem Meister und bitte ihn, meiner Frau und meinen 
Kindern die Freiheil und ilir Vermüüen zu schenken. Thä- 
bit übergab ihn dem Sohne des 'Awwän, welcher nebst 
'Alyy bei dieser CJelegenheit das Scharhichleramt übte, 
und er enthauptete ihn. Thäbit gewährte den letzten Wunsch 
des Zobayr und nahm dessen Familie in sein Haus auf. 

Ich bewundere den Heldenmuth des greisen Juden, 
welcher das Schicksal seiner Freunde theilen wollte; aber 
ich bewundere noch mehr die Berichterstatter. Diese Dar- 
stellung ist allmälig von den Traditionisten erweitert wor- 
den, und sie ist vollendeter in neueren als in alten Ver- 
sionen. Sie ist daher nicht Eigenthum eines Mannes, 
sondern mehrerer Generationen von graubärtigen Traditio- 
nisten. Der Soldat hält es für Ehrensache, dem Feinde 
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, yon Verbrechern wer- 
den oft Züge von Grofsmuth erzählt, und es hat Räuber 
gegeben, welche ihrer Mildthätigkeit wegen berühmt ge- 
worden sind, selbst Fürsten und ihre Schergen haben in 
seltenen Fällen Achtung für die Grundsätze ihrer politi- 
schen Gegner an den Tag gelegt; aber dies ist der ein- 
zige mir bekannte Fall, dafs Theologen Bewunderung für 
den Heldenmuth eines Andersgläubigen ausgesprochen ha- 
ben, und ich zweifele, ob in allen sechszig Foliobänden 
der Bolandisten auch nur ein Charakterzug vorkommt, wel- 
cher dem menschhclien Herzen so viel Ehre macht, als 
diese moslimische Schilderung des Todes eines heldenmü- 
thigen Juden. Die christliche Liebe hat sich stets nur in 
tlem Eifer gezeigt, mit dem sie Scheiterhaufen anzündete. 

Die Beute, welche die jMosliuje von den Koraytziten 
erbten, war sehr werthvoU: 1500 Säbel, 300 Kuirasse, 
1000 Speere, 1500 kleinere und gröfsere Schilde, viele 
Gefäfse, Teppiche und Kleider, eine Quantität Wein, einige 



224 

Tü[>fe Zucker '), eine grofse x\nzalil Kameele und andere 
Haustliiere, fruchtbare Ländereien und scliöne Sklavinnen. 
Die Juden haben für den Koran einen Theil des Stofles 
und für die nioshniisclien Heere einen Theil des Materiels 
geliefert. Es ist das der Weltlauf: das junge Leben er- 
stickt das alte und die neue Pflanze verzehrt die vernio- 
derte. 

Einer alten Gewohnheit gemäfs wurde die den Fein- 
den abgenommene Beute stets ohne V'^erzug vertheilt; bei 
entlernten Kriegszügen ge^vühnlich ehe die Sieger die Hei- 
inath erreichten, aber doch nicht früher, als sie auf eige- 
nem Boden und in voller Sicherheit waren ^). Die dabei 
beobachteten Regeln waren sehr praktisch. Man ernannte 
einen Kommissarius, welcher sie hütete, und die \ ertheilung 
leitete. Bei dieser Gelegenheit übertrug der Prophet dieses 
Amt dem Mahmiya b.Gazä. Dann schied man das für Moham- 
mad bestimmte Fünftel aus. Der Kommissarius sortirte die 
Gegenstände zu diesem Zwecke in Klassen: Liegenschal- 
ten, Mobilien, Thiere und Kriegsgefangene, theilte nach 
oberflächlicher Schätzung jede Klasse in fünf gleiche Por- 
tionen, und nun looste man über jede Klasse mit fünf 
Pfeilen, avovou einer die Aufschrift hatte »für (jiott«, um 
zu ermitteln, welche Portionen dem Propheten zufallen sol- 
len. Nach Entfernung des Fünftels schritt der Kommissa- 
rius zur Vertheilung der übrigen vier Theile. 

') Man lüfst den Zucker in irdenen Töpfen krystallisiren und 
bringt ihn auch darin auf den Markt. 

*) Nach Tayniy, S. 374, hat Mohammad sich die ganze Beute 
angeeignet. 'Omar soll ihn gefragt haben: Willst du nicht das Fünf- 
tel nehmen und die Beute vertheilen? Nein, antwortete er, nach 
Kor. 59, 7 gehört sie ganz mir! Taymy versteht unter den in die- 
sem Verse genannten Dorfbewohnern die Koraytziten , Nadhyriten, 
die Einwohner von Fadak und Chaybar. Ibn 'Abbfis bei Tha laby 
59, 7 stimmt mit ihm überein und gebraucht fast dieselben Worte. 

Ich glaube, dafs Taymy's Bericht über die Verfügung der Beute 
irrig sei und dafs ihm die falsche Anwendung dieser Koränstelle zu 
Grunde liege. 



225 

Drei Tausend Krieger hatten Anspruch auf Beute. 
'A\\r\ waren zwar todt, einen hatten die Feinde getödtet 
und einer starli \\älirend der Belagerung- eines natürlichen 
J üdes. Es traten aber ilne FaniiHen in ihre Kechte ein. 
im die iMoslinie zu ermuntern, sich mit IMerden zu verse- 
hen, gewährte Mohannnad jedem der sechsunddreilsig Kaval- 
leristen, welche den Feldzug mitgemacht hatten, drei Theile: 
einen l'ür den Mann und zwei lur das Pl'erd. Es war da- 
her uothNNendiü-, aus der Beute 3072 "leiche Theile zu 
machen. Den Werth eines Iheiles ersehen wir aus fol- 
gender Tradition des Ibu Maslama. Ich kaufte, erzählt er, 
drei gefangene Frauen mit ihren Kindern für 45 Dynäre. 
Dieses machte gerade den Werth meines Antheiles; denn 
ich besals ein IMerd und hatte also auf drei Theile An- 
spruch. Wenn diese Nachricht begründet ist, hatte die 
ganze Beute den Werth von 46080 Dynären. Schlägt man 
den Werth der Sklavinnen zu 15000 [)>naren an, und zieht 
ihn von dieser Summe ab, so bleibt das (Jesammtvermögen 
aller Hingerichteten. Es kommen auf jeden etwa 50 Dy- 
näre, diesen Werth hatten aber ihre Habseligkeiten für die 
Sieger; der reelle Werth war gewifs viel grölser. 

Es scheint, dafs man die Felder den Ancärern um 
eine äulserst niedrige Schätzung überliefs ^). Die Mobilien 

') Wakidy sagt: „Die Dattelpflanzungen wurden vertheilt. Ei- 
nen Theil erhielten die Banü 'Abd Aschhai, Tzafar, Häritha und 
Mo'avviya, deren Gesammtname Nabyt ist; einen Theil die Banü 
Amr b. 'Awf und die übrigen Awsiten; einen Theil die Banü Nag- 
gär, Mäzin, Mälik, Dynär und 'Adyy, und einen Theil die Banü 
Salima, Zorayk und Balharith." 

Es waren dies die ursprünglichen vier Fünftel, welche der Ar- 
mee zufielen; die Vertheilung eines jeden derselben überliefs man 
den betreffenden Familien. 

Unter den Tlieihiehmern au der Beute finden wir hier die Banü 
Häritha; es gehörten aber zu dieser Familie auch Juden; denn Bo- 
cbäry S. Ö75 sagt, dafs Mohamnaad die Juden der Banü Häritha 
aus Madvna vertrieben habe. Die Zeit ihrer Vertreibung wird nicht 
genannt. Vielleicht kurz vor seinem Tode. 

III. 15 



226 

und die Frauen und Kinder wurden an den Meistbietenden 
versteigert. Ich bilde mir ein, dafs die Auktion nur un- 
ter den Kriegern stattfand und niclit (leld bezahlt wurde, 
sondern dafs Jeder auf Abrechnung ungefähr so viel er- 
stand als sein Antheil Averth war. 

Die Anzahl der gefangenen Frauen und Kinder (die 
ganz kleinen Kinder, welche mit den Müttern verkauft wur- 
den, niclit eingerechnet) belief sich auf ungefähr ein 'Pau- 
send. Der Prophet erhielt davon zweihundert. Einigen 
gab er die Preiheit, andere schenkte er seinen Freunden, 
und mehrere sickte er nach dem Nagd und nach Syrien, 
um Waffen und Pferde dalür einzutauschen; viele aber ver- 
kaufte er an seinen Schwiegersohn 'Othmän. Dieser hatte 
sich mit 'Abd al-Kahmän associirt und kaufte auf gemein- 
schaftliche Rechnung von JMohammad und den Kriegern so 
viele Weiber als er wohlfeil erhalten konnte, unter der Be- 
dingung, dafs der Kaufpreis erst nach einer hestimmten 
Frist bezahlt werden soll. Fr bat dann den 'Abd al-Rah- 
män, sie in zwei gleiche Haufen zu (heilen. Dieser that 
in den einen Eaufen die jungen, in den anderen die alten 
Weiber. 'Othmän uählte die letzteren und 'Abd al-Rah- 
man die ersteren. Nach der llieilung stellte es sich her- 
aus, dafs die alten Jüdinnen grofse Summen Geldes bei 
sich verborgen trugen, v\;ihrend die jungen leer waren. 
'Othniäii nahm ihnen ihre Habe ab und verkaufte sie. Es 
eilten unterdessen die Juden aus ("haybar, Taymä und an- 
deren (lesenden herbei, um ihre Glaubensifenossinnen los 
zu kanleii, und der Preis stieg bedeutend : so bezahlte der 
Jude Abu Schahm für z\\ei Frauen, wovon jede drei Kin- 
der hatte, 150 Dynare. Da sie bei der Theilung um drei- 
fsig bis vierzig Dynare versteigert worden waren und die 
ersten Käufer sich wahrscheinlich mit einem geringen Profit 
begnügten, machten die zwei Unternehmer ein schönes 
Geschäft. 

Ende Mai 627 schickte der Prophet den Ibn Maslanja, 
den Kor{ästamm, der sieben Tagereisen von Madyna seinen 



227 

Wohnsitz hatte '), zu plündern. Da er nur bei Kaeht 
reiste, üjelang- es ihm, sie vor Tagesanbruch zu iiberrum- 
pehi. Er tödtete zehn Männer, die übrigen ergriHen die 
P lucht und lielsen die llcerdon zurüc k. Den Moshuien fielen 
1500 Kauieele und 3000 Schafe in die Hände, welche sie 
in Eilniärsclien nach Madyua trieben. Die Frauen nurden 
verschont. Nachdem das Fünftel für den Propheten ab- 
gezogen worden uar, vertheilten die Sieger die Beute, und 
auch diesmal schätzte man ein Kameel zu zehn Schafen. 
Der Prophet erhielt also den Werth von 360 Kameelen und 
jeder der Theilnehmer den von 48 Kameelen. 

Ihn Ishäk versetzt auch in diese Zeit die Bekehrung 
eines der grolsten (lenerale, die je gelebt haben, des Ero- 
berers von Egypten 'Amr b. aq. Er wurde von den Ko- 
rayschiten nach Abyssinien geschickt. Dort bat er den 
INaggäschy, ihm zu erlauben, einen Boten des Mohammad, 
welcher gerade am Hofe des Naggäschy war, ermorden 
zu dürfen. Der Köniff uar entrüstet über diese Zumu- 
thung und hatte eine einläfsliche Unterredung mit 'Amr 
über den Islam. Er wurde von der Wahrheit desselben 
überzeu"! und lejite das Glaubensbekenntnifs ab; doch ver- 
lieimlidite er es, kehrte nach Makka zurück und suchte 
daselbst bei einer späteren Gelegenheit die Korayschiten 
von der Wahrheit der 0ffenbarun2:en des Mohammad zu 
überzeugen. Die Geschichte ist albern, und wahr ist nur, 
dafs 'Amr und der ebenso grofse General Chälyd b. Wa- 
lyd noch vor der Eroberung von Makka, nämlich in der 
ersten Hälfte des Jahres 629, als nur noch Hitzköpfe an 
die ^Möglichkeit eines erfolgreichen Widerstandes glaubten, 
sich dem Mohammad unter\>arlen. 



') DiT Kortastaiiim wird von einigen noch zu den Hawäzin- 
stänimen gerechnet. Das ethnographische Symbol ist: Kort, Korayt 
und Koryt werden mit einander Kortä genannt, und sie waren 
böline des Abd b. 'Ubayd, d. h. Bakr b. Kiläb von den Kaysiten. Ihre 

15 • 



228 

Am 21. Juli 627 unternahm Mohammad einen Zug 
gegen die Lihyäniten, um das Blut der von ihnen ermor- 
deten Gläubigen zu rächen. Von Madyna marschirte er 
gegen NW., vorgebend, dafs das Ziel seiner Expedition 
die syrische Grenze sei; dann n endete er sich plötzlich 
links und setzte den Weg in Eilmärschen bis zu den La- 
gerplätzen der Lihvaniten fort. Sie hatten aber zeitig 
iSachricht von seinen) Vorhaben erhalten und sich auf die 
öden Hügel gefliichtel, wo er ihnen nichts anhaben konnte. 
Weil er ganz nahe bei Koro' vorüberging, welches auf 
der Makkastrafse liefet, benutzte er die Gelegenheit zu ei- 
ner Demonstration gegen die Korayschiten, er wollte sich 
nämlich das Ansehen geben, als käme er die Umgebung 
ihrer Stadt zu plündern. Sie nahmen aber keine INotiz 
davon und so kehrte er nach Madyna zurück. 

Das Regenwasser, welches in der vulkanischen Re- 
gion der Solavmiten, wo ihr ]Ma dan liegt, fällt, (liefst ge- 
gen NW. und llndet eine l*ost (4 Stunden) nördlich von 
Madyna einen Weg durch das Radhwan- Gebirge, um das 
Meer zu erreichen. Wo es bei Madyna vorüberlliefst, hat 
es sich ein ziemlich breites Thal gegraben, welches Ghäba 
genannt wird. Im Alterthunie benutzte man es vorzüglich, 
wenn nicht ausschüefslich, als Sommerweiden. Zobayr hat, 
wie wir bereits wissen, das 'J hal urbar gemacht mid seine 
Erben haben es um einen enormen Preis verkault. In die- 
sem Ghäba nun besals der Prophet, welchem täglich Beute 
zuströmte, zwanzig Zuchtkameele, unter der Aufsicht des 
Abu Dzarr. Der nmthige Fazarile 'Oyayna wagte am 22. 
Juli 627, oder einen 31onat später, an der Spitze von vier- 
zig gliatafänitischen Reitern einen Ueberfall, tödtete einen 
Sohn der Abu Dzarr, nahm seine Frau gefangen und trieb 
die Kameele fort. 



Wohnsitze waren bei Bakrat, es sind dies Berge nicht weit von 
Dharyya, welches eine Station an der Makka- Ra^rastrafse ist. 



229 

Ein Sklave brachte die Nachriebt des Frevels nach 
Madyna, ehe nocli zum Mori^eiip^ebet gerufen worden war. 
Rr bea^egnete dem Ibn Akwa, welcher mit Fleil und Bo- 
gen bewaffnet war. Dieser rief mit mächtiger Stimme: 
Schrecken! Schrecken! Auf, Kavallerie des Propheten! 
Hann eilte er den Räubern nach (Bochäry S. 603). Der 
erste, welcher zur Moschee herbeisprengte, war Mikdäd. 
Der Prophet band ihm das Liwä an den Speer und befahl 
ihm, mit denen, welche zuerst unter den Waffen waren, 
voranzueilen; er selbst wolle mit einer zahlreicheren Schaar 
nachkommen. Dem Sa'd b.'Obada gab er den Befehl, mit 
300 Mann die Stadt zu beschützen, und nachdem sich hin- 
länglich viele Krieger versammelt hatten, jagte er den Frev- 
lern nach. Rr erreichte den Mikdäd und den Vortrab, wel- 
cher, wie es scheint, schon einige Gefechte mit den flüch- 
tigen Räubern gehabt hatte, in denen ein Moslim und vier 
Feinde fielen, bei Dzü-Karad. Dieser Platz liegt in der 
Gegend von Ghaybar, gegen Mostenäch zu, und ist etwa 
90 arab. Meilen von Mad\na entfernt. Hier machten die 
Moslime Halt, um für sich und ihre Thiere Wasser zu 
schöpfen, und es stiefsen noch viele Nachzügler zu ihnen; 
denn der Aufruf zur Wehr war auch an die Banü 'Amr b. 
'Awf ergano-en, und da sie aufserhalb Madyna lebten, konn- 
ten sie den Propheten nicht früher erreichen. Weil die 
Armee, welche aus fünf- bis siebenhundert Mann bestand, 
keine Lebensmittel mitgenommen hatte, schickte Sa'd b. 
Obäda Kameele, beladen mit Datteln, nach und Moham- 
mad liefs für je hundert Mann ein Kameel schlachten. INach 
einem Aufenthalt von vierundzwanzig Stunden, während wel- 
cher sich viele Feinde sammelten und eine drohende Po- 
sition eiiuiahinen, kehrten die Moslime nach Madyna zu- 
rück, welches sie fünf Tage nach ihrem Auszuge erreich- 
ten. Rs ffelano; ihnen den Räubern die Hälfte der Beute 
abzunehmen, 'mit der übrigen Hälfte der Beute zerstreuten 
sich diese. 



230 

Unter den erschlagenen Feinden war der Fazärite 
Masada, welcher nach Ibn Okba den Raubzug anführte. 
Seinen Sohn 'Abd finden wir später an dem Hofe des 
Moäwiya. 

Bald nach seiner Rückkunft schickte der Prophet den 
Okascha mit vierzig Mann auf einen Raubzug gegen die 
Banü Asad, welche bei (ihamr (d.h. Ghann- Marzuk: es 
liegt zwei Tagereisen von Fayd, an der alten Madyna- 
stralse) kampirten. Die Asaditen erhielten zeitig Nach- 
richt und flüchteten sich auf die Anhöhen. Die Moslime 
fingen eiuen Kundschalter auf, weichen, nachdem er die 
ganze ISacht gewacht hatte, der Schlaf überwältigte. Um 
sein Leben zu retten, verrieth er die hinter einem Hügel 
verborgene Heerde seines Oheims. Sie bestand aus zwei- 
hundert Kameelen, und die Moslime nahmen sie ohne Wi- 
derstand fort und brachten sie nach Madyna hinunter. 

Im Lande der Banü Tha laba und Anmär herrschte 
grolse Trocknifs, sie trieben «lalier ihre Heerden nach dem 
36 Meilen von Madyna, an der Stralse nach Rabadza und 
Irak gelegenen Marädh und dem benachbarten Taghlamayn, 
wo reichlicher Regen gefallen war. Von hier breiteten sie 
sich bis l)zü-Ka(;(;a aus, welclies nur 24 ar. Meilen von 
Madyna entfernt ist. Der Prophet schickte Anfangs Au- 
gust den Ibn Maslama an der Spitze von zehn Mann 
auf einen Besuch zu seinen neuen Nachbarn. Hundert 
IMann, mit Speeren be\\aiTnet, empfingen ihre Ciäste auf 
gebührende Weise, und statt mit Iknite beladen nach Ma- 
dyna zurückzukehren, wurde ibn Maslama verwundet zu- 
rückgebracht. \ 
Durch diesen F^rfolg ermuthigt, machten die Tha'la- ^ 
biten Vorbereitungen, die Heerden von Madyna, welche 1^ 
in lia^la, sieben ar. Äleilen von der Stadt weideten, zu b 
überfallen. Mohammad beauftragte daher den Abu Obayda i; 
Ibn üarräh an der Spitze von vierzig Mann, sie zu zerstreuen. ,i 
Er erreichte Dzü-Ka(;(^*a bei Tagesanbruch. Der plötz- 



231 

liehe Ueberfall erfüllte die Feinde mit Schrecken und sie 
ergrilVen die Flucht. 'Abu 'Obayda biaclite ihr Vieh, ihre 
Kleider und einen Gefangenen, welcher sich zum Islam be- 
kehrte, nach Madyna. 

Ende August oder Anfang September rüstete Moham- 
mad unter der Anführung des Zayd b. Häritha einen Raub- 
zng gegen die Solaymiten aus. F]r drang bis Gamüm, Hnks 
von Batn-lNachi, welches 48 ar. Meilen von Madyna liegt, 
vor. Dort fing er die Mozaynitin Halyma auf und sie ver- 
rieth ihm den Ort, wo die Feinde in tiefem Frieden la- 
gerten. Zayd erbeutete die Heerden und machte mehrere 
Gefangenen, darunter den Mann der Halyma. Mohammad 
schenkte, als sie nach Madyna gebracht Avorden waren, 
sowohl ihm als ihr die Freiheit. 

Anfangs Oktober wurde eine korayschitische Kara- 
wane von Syrien erwartet. Mohammad schickte Zayd, sie 
bei Yq zu überfallen '). Es gelang ihm auch vollkom- 
men. Unter den Waaren, welche er erbeutete, befand sich 
viel Silber, und unler den Gefangenen der Tochtermann 
des Propheten Abu -Tag (vergl. Bd. I, S. 201). 

In demselben Monate stattete Zayd an der Spitze von 
fünfzehn Mann den Tha'labiten zu Taraf -) einen Besuch 
ab und brachte nach einer Abwesenheit von vier Tagen 
40 Kameele zurück. 

Zayd unternahm einen glücklichen Feldzug nach dem 



') 'Y9 liegt vier Tagemärsche von Madyna und einen Tage- 
marsch von Marwa, nicht weit vom Meere. Die Einwohner waren 
Gohayniten und Mozayniten. 

') Ihn Sa'd sagt: „Taraf ist ein Wasser nahe bei Mirädh (An- 
dere schreiben .Marädh) diesseits (dun) Nochayl, 36 Meilen von Ma- 
dyna." Nach Yäküt ist Nochayl näher zu Madyna als Taraf. Ihn 
Sa'd scheint also Batn-Nachl unter Nochayl zu verstehen. Man 
könnte vielleicht dun mit „jenseits" übersetzen, aber in einer an- 
deren Stelle sagt Ihn Sa'd: al-Bilkä dun Dimischk, es mufsheifsen: 
Belkä liegt diesseits Daniascus. 



232 

uns aus der Bibel bekannten Midian. Dieses Mal galt es 
nicht einem Wanderstamme, sondern den tViedtertigen und 
liülflosen Hütten- und Höblenbewohnern an der Meeres- 
küste, welche Myiiä genannt wird. Er brachte eine x\n- 
zahl Gefanü^ene mit, trennte die Mütter von den Kindern 
und verkaufte sie einzeln. Der Prophet verbot diese l n- 
menschlichkeit und befahl, dafs Mütter und Kinder mit 
einander verkauft werden sollen. 

Ende Psovember wurde der unermüdliche Zayd nach 
Wädiy alkorä geschickt, wo sich Krieger aus den Stämmen 
Madhig und Kodhaa sammelten, um einen Streifzug gegen 
Madyna zu unternehmen. wSie zerstreuten sich hei seinem 
Heranrücken ohne Widerstand ^). 

Wahrscheinlich war es bei dieser (Jelesrenheit, dafs 
er versuchte, Aveiter gegen Norden vorzudringen, um Waa- 
ren, welche ihm von verschiedenen Moslimen zu diesem 
Zwecke anvertraut worden waren, nach den Märkten von 
Syrien zu bringen. Er wurde aber von den Fazäriten, 
welche im nördlichen Theile von Wädiy alkorä, sieben 
Tagemärsche von Madyna, kampirten, tüchtig' durchge- 
prügelt und geplündert. 

Das Jahr 628 wurde von Alyy mit einem Raubzug 
nach Fadak eröffnet. Der Prophet hatte in Erfahrung ge- 
bracht, dafs sich daselbst Sa'd-Bakriten versamnieln, um 
den Juden von (Hiaybar zu Hülfe zu konunen. Er schickte 
also den Alyy mit hundert Mann dahin, um sie zu zer- 
streuen. Er zog in nächtlichen Märschen his nach dem 
Wasser düiamig, welches zwischen Fadak ^) und Chaybar 



') Balädzory, Ansäb alaschnlf S. 242. 

') Die Lage von Fadak macht einige Schwierigkeiten, Nach 
Ihn Sa'd liegt es sechs Tageniärsche von Madyna, nach anderen 
Quellen aber nur zwei oder drei Tagenriärsche. Der Verfasser des 
Nur alnibräs sagt S. 12()'2, dafs er, um diesen Zwiespalt zu lösen, 
einen Einwohner von Madyna gefragt habe, wo es liege? Er 



233 

liefft. Dort fand er einen Mann nnd IVaote ihn, wo der 
Stamm kampire. Er erklärte si(rh bereit, die nüthige Aus- 
kunlt zu gehen, wenn er ihm Sicherheit verspreche. Daraul 
ging 'Alyy gern ein, und mit dessen Hülle gelang es ihm, 
das Lager zu iil)errum[)ehi und 500 Kameele und 2000 
Schaal'e zu erbeuten, während die Eigenthümer die Flucht 
ergriffen. Nach Wäkidy war der Verräther ein Bote der 
der Saditen an die Juden von Chaybar, welcher ihnen die 
Hülfe seines Stanunes zusagen soll, unter der Bedingung, 
dafs sie an den Stamm die Dattelernte abliefern. tJegen 
die ganze Erzählung erliebt sich die Schwierigkeit, dals 
die Sad-Bakriten ein Hawäzinstamm waren und im Nagd, 
zwei oder drei Tage östlich und nicht sechszehn Tage 
nördlich von Makka lebten. 

Im Januar 628 schickte Mohammad den 'Al)d al-Rah- 
män b. 'Awf mit einer Armee gegen die in Duma leben- 
den Kalbiten ^). Sie leisteten keinen Widerstand und nach 



antwortete: Fadak ist eine Stadt, welche jetzt in Ruinen liegt, zwei 
Tagemärsche von Madyna. Es tragt sich aber, ob in diesem Feld- 
zuge von diesem Städtchen oder einem nördlich von Chaybar gele- 
genen gleichen Namens die Rede ist. Denn Chaybar liegt acht 
Posten (96 Meilen oder etwa 5 Tagemärsche) von Madyna und da 
Alyy zuerst nach Ghamig zog, wäre er bei Fadak vorbeigegangen, 
wenn dies nicht jenseits Chaybar läge. 

') Die Kalbiten, ein siidarabisches Volk, hatten im Alterthume 
ganz genau dieselben Wohnsitze, welche jetzt die'Aneze inne haben. 
Sie waren im Besitze der syrischen Wüste, welche damals die Wüste 
von Samäwa genannt wurde. Samäwa ist eigentlich der Name ei- 
nes Wassers, an welchem das Hauptquartier des Stammes lag, und 
wo ihr König (Malik), der Dylite Farwa, aus dem Herrscherstamme 
Ghassän, einen Theil des Jahres zubrachte. Die nomadischen Hor- 
den durchstreiften das Land gegen Süden fast bis Taymä, wo die 
Dobyäniten , gemischt mit Tayyiten , ihre Nachbarn waren. Sie 
bildeten einen Theil der Macht des ghassänitischeu Königreiches, 
welches unter byzantinischer Oberherrschaft stand. In Duma trie- 
ben einige Kalbiten Ackerbau. Die politische Zusammengehörigkeit 
der verschiedenen kalbitischen Stämme war, wie die der'Aneze, sehr 



234 

drei Tagen Bedenkzeit bekehrte sich ihr König ^) Agbagh, 
ein Christ, und viele andere zum Islam; die übrigen ver- 



1 



locker, und deswegen kamen die Nomaden ihren in Duma lebenden 
Stanimgenossen nicht zur Hülfe. Diese standen ja unter kinditischer 
Herrschaft und waren schon lange vor Mohammad, durch eine neue 
Invasion von Südarabien, von dem politischen Verband ihrer nörd- 
lichen Brüder getrennt. 

Der erste uns bekannte Kalbite von den nördlichen Stämmen, 
welcher sich bekehrte, ist Dihyä. Er focht zum ersten Male bei der 
Belagerung von Madyna. Seine Bekehrung fällt also in das Jahr 
626. Er schenkte dem Propheten bei dieser Gelegenheit ein paar 
Stiefel. Wegen seiner Bekanntschaft mit Syrien und den dort le- 
benden Arabern wählte ihn Mohammad, wie wir sehen werden, als 
Gesandten an den Kaiser. Er liefs sich nach den Eroberungskrie- 
gen zu Mizza bei Damascus nieder und starb unter Moäwiya. 

Die Bekehrung des'I(;äm, eines anderen Kalbiten (aus dem 
Stamme Rakkäsch), erfolgte viel später, und sie ist uns aus ziem- 
lich unlauterer Quelle bekannt. „Wir hatten, sagt er in einer Tra- 
dition, einen Götzen, Namens 'Amara, und ich war sein Priester. 
Wir hörten eine Stimme, die aus dem Innern des Götzen kam: O 
Iijäm, es ist gekommen der Islam, zu Ende ist die Anbetung der 
A(jnäm (Götzen), die Verwandten schliefsen sich eng aneinander 
an in jedem Stamm. Wir waren darüber sehr erschrocken und ich 
und Abd Amr beeilten uns, nach Madyna zum Gottgesandten zu 
gehen." 

'Abd Amr erzählt: Ich und Ii^äm gingen zum Propheten und 
er ermunterte uns, den Islam anzunehmen. Wir legten das Glau- 
bensbekenntnifs ab und er sprach: Ich bin der Ummy Prophet, der 
Wahrhafte, der Reine. Wehe, wehe denen, die mich für einen Lüg- 
ner halten und sich von mir abwenden; aber Heil denen, die mir 
beistehen, an mich glauben und von der Wahrheit meiner Worte 
überzeugt sind und mit mir gegen die Ungläubigen in's Feld zie- 
hen. Wir antworteten: Wir glauben an dich, wir erklären, dafs du 
die Wahrheit redest und wir sind Moslime. 

üeber die Bekehrung sämmtlicher kalbitischen Stämme haben 
wir keine zuverlässigen Nachrichten. Ich zweifle, ob sie vor dem 
Tode des Propheten vollendet wurde. 

') König hat einen so weiten Begriff, dafs die Aristokraten 
von Makka in mehreren Traditionen Könige genannt werden. 



235 

standen sich dazu, die Kopfsteuer zu entrichten. 'Ahd al- 
Rahmän heirathete Tomädhir, die Tochter des Künij^s, und 
kehrte nach Madyna zurück. 

Es scheint, dafs die Moshme in diesem Feldzuge nicht 
die ganze Oase erobert, sondern nur die Kall)iten, einen 
Theii der Bevölkerung derselben, geplündert haben, bn 
Jahre 630 unternahmen sie daher, wie wir später sehen 
werden, eine andere P^xpedition, eroberten die Burg des 
kinditischen Fürsten und unterwarfen die ganze Oase dem 
Mohammad. 

Schon Ende Januar 628 war Zayd von den Wunden, 
welche ihm die Fazäriten im November beigebracht hat- 
ten, so weit genesen, dals er sich an ihnen rächen konnte. 
Er überfiel sie, wie es bei Raubzügen gewöhnlich ist, vor 
Tagesanbruch, und es gelang einem seiner Waffengelährten, 
dem Ibn Akwa', eine alte Frau, 0mm Korrifa, gefangen zu 
nehmen. Sie mufste seine Rache fühlen*. Er hefs an je- 
dem ihrer Fülse ein Kameel binden und sie in zwei vStücke 
zerreilsen. Auch ihre Tochter Häritha wurde uefauKen. 

• DO 

Mohammad verschonte sie und sie ^^urde die Sklavin des 
Häza b. Aby Wahb. 

Der Jude, Abu Räfi' Salläm, ein Sohn des Abu Ho- 
kayk, aus dem Stamme Nadhyr, wohnte nach seiner Ver- 
treibung aus Madyna zu Chaybar und suchte die wilden 
Horden der benachbarten Ghatafäniten zu einem Krieffe 
gegen die Moslime zu bewegen. Mohammad beschlofs 
daher, ihn meucheln zu lassen, und weil die Awsiten den 
Ibn Aschraf aus dem Wege geräumt hatten, sollen ihre 
Brüder, die Chazragiten, das Verdienst dieses Mordes ha- 
ben. Mohammad wählte daher fünf entschlossene Männer 
aus ihrer Mitte und schickte sie nach Chaybar. Dort an- 
gekommen , schlichen sie Nachts in das Haus des Salläm, 
verschlossen alle Thüren und stiegen zum obern Gemache 
hinauf, wo er schlief. 'Abd Allah b. 'Atyk, welcher die 
jüdische Aussprache nachahmen konnte, ging voraus und 



236 

sagte: Ich bin gekommen zu bringen ein Geschenk für 
Salläm. Seine Frau kam heraus, und als sie Waffen sah 
wollte sie ein Geschrei erheben. Einer der Mörder drohte 
ihr, er würde sie in Stücke hauen, wenn sie einen Laut 
von sich "übe, die ühriüren tödteten ihren Mann. Als sie 
das Haus verlassen hatten, machte sie Lärm, und bald 
versammelten sich dreihundert Mann und eilten mit Fackeln 
den Thätern nach, es gelang ihnen aber nicht, sie aufzu- 
finden '). 

Nach dem Tode des Salläm wählten die .luden von 
Chaybar den Osayr b. Rizäm (oder Yosayr b. Räzim) als 
ihr Oberhaupt. Da auch er die Ghataläniten aufwiegelte, 



') Nach Ihn Sa'd wurde Salläm im Ramadhän A. H. 6 (Ja- 
nuar 628) ermordet, nach Arideren schon im Dzü-lhagga A. H. 4 
(Mai 626) oder A. H. 5. Ihn Kalby sagt bei Balädzory: Nach die- 
sem Monat fand der Raubzug nach Dzat-Rika statt; dann Moham- 
mad's Expedition nach Düinat-algandal ; dann die gegen die Mo^ta- 
likiten; dann die Belagerung von Madyna und der AngritT auf die 
Koraytziten. Tabäry, S. 342 , erzählt die Geschichte nach Abu Is- 
hak und versetzt sie A. H. 3 = Dec. 624. Die Erzählung des Abu 
Ishäk ist ziemlich unbestimmt: Salläm wohnt in einem Schlosse ir- 
gendwo im Higäz , der Mörder heifst 'Abd Allah b, 'Okba oder 
'Abd Allah b. 'Atyk u. s w. Insofern ist sie einer Legende ähnlich, 
welche allmähg concrete Gestalt gewinnt. Sie ist jedoch farblos 
und ohne Tendenz, was sie von einer Legende wesentlich unter- 
scheidet. Die Ursache der Unbestimmtheit der Nachrichten des Abu 
Ishäk scheint zu sein, dafs er sie fast alle dem Barä b. 'Azib ent- 
nimmt, welcher schon A. H. 72 starb, während Abu Ishäk bis 129 
lebte. Er hat sie also in seiner frühen Jugend vernommen und 
später ohne sie mit gehöriger Sorgfalt mit anderen Berichten zu 
vergleichen redigirt. Diese Unabhängigkeit giebt ihnen einen gro- 
fsen Werth, welcher dadurch erhöhet wird, dafs Barä in Küfa lebte, 
und folglich von der madynischen Schule, welche schon früh zu 
dogmatisiren anfing, weniger beeinflulst wurde. Seine Erzählungen 
bilden also gewisscrmafsen eine Kontrolle der madynischen Tradi- 
tion. Ziemlich vollständig finden wir die Prophetenbiographie des 
Abu Ishäi: bei Ihn Hibbän, den ich in Delhi benutzte, seitdem aber 
vergebens suchte. 



237 

schickte Mohaniniad den 'Abd Allah b. Rawäha mit zwei 
Mann, ihn zu morden. Er konnte ihm aber nicht zu Leibe 
gehen und kelirte nnverrichteter Sache zum Propheten zu- 
rück. Was durch List unausführbar war, solUe dem \ er- 
rathe gelingen. Ibii Rawalia beüab sich Ende Febr. 628 
wieder nach Chaybar — diesmal ^var er von zwanzig Mos- 
limen begleitet — und sagte zum jüdischen Häuptling: Ich 
habe eine Botschaft an dich auszurichten, und erbitte mir 
bis Avir uns verstän(hgt haben, freies Geleit. Auch ich 
bedinge niir ein solclies aus, erwiderte Osayr, indem ich 
es gewähre. Der Moslin) fuhr nun fort: Der Prophet ge- 
denkt, dich zum Statthalter von Chaybar zu ernennen und 
wünscht, dafs du zu diesem Zwecke nach Madyna kommst. 
Osayr war erfreut darüber und machte sich sogleich mit 
einer Begleitung von dreifsig Juden auf den Weg. Es 
wurde so arrangirt , dafs je ein Jude und ein Moslim mit 
einander auf einem Kameele safsen. Auf dem Wege wurde 
Osayr und, nach einer anderen Nachricht alle dreifsig Ju- 
den treulos ermordet. 

Die 'Orayniten, ein Bagylastamm, waren in grofser 
Noth. Es kamen einige Männer dieses Stammes nach Ma- 
dyna und legten das Glaubensbekenntnifs ab. Da sie aus- 
gehungert und kränklich waren, baten sie den Propheten, 
sie zu seinem Kameelgestüte zu schicken, wo sie sich zu 
erholen hofften. Er willigte ein. Nachdem sie sich einige 
Zeit daselbst aufgehalten hatten, tödteten sie den Hirten, 
naimien fünfzehn Zuchtkameele und ergriffen die Flucht, 
^lohammad schickte ihnen zwanzig Reiter nach unter der 
Anführunor des Fihriten Korz. Sie wurden eins^eholt und 
nach Madyna gebracht. Mohammad liefs ihnen Hände und 
Füfse abhauen und die Augen ausstechen, dann wurden 
sie auf die Lawafelsen hinausgeworfen, wo sie verschmach- 
teten (vergl. Kor. 5,37) '). 

') Dieser Stamm fuhr noch lange in seinem Widerstand fort. 
Im Juni 630 suchte ihn Mohammad durch Concessionen zu gewinnen 



238 

Das gute Beispiel des Propheten ermuthigte den Abu 
Sofyän, einen Meuchelmörder nach Madyna zu schicken, 
den Mohammad zu erdolchen. Ein Bedouine bot seine 
Dienste an. Ich bin, sagte er, kaltblütig, behände und 
niuthig; ich kann schneller laufen, als irgend Jemand, 
und da ich lange als Führer gedient habe, kenne ich die 
Wüste und die Wege, auch besitze ich einen Dolch so 



und schickte an dessen Schaych Abd Allah b. Awsega eine 
Schenkungs- Urkunde. Dieser wusch die Schrift von der Gazellen- 
haut, auf welcher sie geschrieben war, ab und flickte damit einen 
Wassereinier. Seine Nachkommen erhielten daher den Namen Banü 
alräki', Söhne des Flickers. Vereinigt mit den widerspenstigen Oray- 
niten war Sim'an b. 'Amr b. Korayt b. Obayd ('Abd?) b. Bakr b. 
Kiläb, d. h. ein Kiläbite. 

Dieser Frevel wird auch bei BochAry erzählt und lautet bei ihm 
die betr. Rubrik: „Geschichte der 'ükliten und Orayniten". Es folgt 
dann eine Tradition von Anas b. Mälik, welcher zufolge die Räuber 
theils dem Stamme '0kl, thcils dem Stamme Orayna angehörten. In 
einer für dieTraditionsgeschichte interessanten Nachricht hingegen wird 
erzählt, dafs diese Geschichte vor dem Chalyfen'Omar II. zur Sprache 
kam. 'Anbasa b. Sa'yd sagte bei dieser Gelegenheit: Wisset ihr 
nicht die Tradition des Anas über die Orayniten (fyl-'Oraynyyn)? 
Abu Kohiba (iel ihm in's Wort: „über wen erzählt Anas?" 'Abd 
al-'Azyz b. (,'ohayb (nahm die Partei des 'Anbasa und) sagte: „über 
die 'Orayna (min 'Orayna)". Abii Kiläba versetzte: „nein, über die 
'Okliten". 

Es war also ungewil's, ob die Räuber 'Orayniten oder Okliten 
waren. Ein Theil des 'Oklastammes bekehrte sich später zum Is- 
lam und Mohammad liefs dann folgende Urkunde ausfertigen: 

„Im Namen Gottes des milden Rahmän. Von Mohammad, dem 
Propheten, an die Banü Zohayr b. Okaysch (nicht Kays), ein Zweig 
des 'Okistammes. Sie bezeugen, dafs es keinen Gott giebt aufser 
Allah, und dafs Mohammad sein Bote ist,- sie trennen sich von den 
Ungläubigen, üben Gastfreundschaft, treten ein Fünftel der Beute, 
wie auch den Theil des Propheten ab, und erlauben ihm, etwas da- 
von auszulesen, dafür geniefsen sie die Sicherheit Gottes und seines 
Boten." Die Wohnsitze der Okliten sind im Gebirge nördlich von 
Goräsch. 



239 

fein, wie eine Adlerfecler: gebet mir also die nötbigen Mit- 
tel und ich w\\\ den Plan auslühien. Du bist unser Mann, 
erwiderte Abu SolVän, und übergab ihm ein Ivameel, wel- 
ches ihn am sechsten Tage, nachdem er Makka verlassen 
hatte, nach Madyna brachte. Er legte das Glaubensbe- 
kenntnifs ab: dem Mohammad soll aber seine Propheten- 
gabe zu statten gekonmien sein und er soll, als der Be- 

DO ' 

douine zu ihm in die Moschee trat, ausgerufen haben: 
Dieser Mann führt Böses im Schilde! Dem sei wie ihm 
wolle, der ^ ersuch milslang. Der Meuchelmörder wurde 
ergriflen, bekannte seine Schuld und wurde, da ihm der 
Prophet verzieh, ein aufrichtiger Moslim. 

Mohammad schickte nun auch zwei Meuchelmörder 
gegen Abu Sofyän nach Makka, sie wurden aber erkannt 
und entkamen mit genauer Koth den sie verfolgenden Ko- 
rayschiten. 

Im Frühling 628, als sich das Pilgerfest nahte, ent- 
schlofs sich der Prophet, es mitzufeiern, und somit den 
Beweis zu liefern, dals seine Religion nicht wesentlich von 
der seiner heidnischen Landsleute verschieden und eine 
\ ereinbarunn^ möglich sei. Er erwartete grofse Folgen 

Co O o 

von seiner J heilnahme an dem Nationalfeste, und obschon 
er sein \ orhaben nur halb ausführen konnte, so war er 
in seinen Erwartungen doch nicht ganz getäuscht; denn in 
den folgenden drei Jahren bekehrten sich viele Einwohner 
von Makka und der Umgebung zum Islam (Zohry bei Ba- 
gha\vy, Tafs. 48, 39). Er liefs also einen Aufruf an die Glau- 
bigen ergehen, die Wallfahrt zu verrichten (K. 2, 192). Er und 
die Flüchtlinge gehörten FamiHen an, welche als Homsiten 
gewisse l^rivilegien beim Feste hatten. Diesen entsagte er'), 



') Koran 2, i85 und 194-195, vorausgesetzt, dafs die ganze Ko- 
ränstelle 2, iss bis 199 bei dieser Gelegenheit geoffenbart wurde. 
Möglicher Weise aber machte er dieses Zugeständnifs erst im fol- 
genden Jahre. 



240 

um die Ancärer und bekehrten Nomaden zu gewinnen '). 
Es lag besonders viel daran, dafs sich die letzteren seinem 
Zuge anschliefsen, weil die Makkaner nicht mit ihnen bre- 
chen wollten, und weil er mit einer imposanten Macht zu 
erscheinen wünschte; denn er war entschlossen, sich nö- 
thigenlalls den Zutritt zu den Heiligthiimern mit Waffen- 
gewalt zu erzwingen. Weil es ebenso sehr aul" einen Kriegs- 
zug, als auf eine friedliche Wallfahrt abgesehen war, so liefs 
er auch bei dieser Gelegenheit die Aufforderung an die 
frommen Seelen ergehen, Beisteuern zur Bewaffnung zu 
leisten. Um ihren Muth zu heben, erzählte er, dafs er in 
einem Fraume gesehen habe, wie er in Makka eingezogen. 
Auf die lauen Bedouinen machten seine Predigten ge- 
ringen Eindruck, und nur wenige schlössen sich seinem 



') Die Exegeten erzählen (bei Thalaby und Baghawy): Im 
Heidenthume und zu Anfang des Islams pflegte ein Mann, wenn er 
den Iliräm anzog behufs des Hagg oder der 'Omra, nicht durch die 
Thüre in ein Gehege, oder in ein Zelt, oder in ein Haus einzutre- 
ten. Die Häuserbewobner gruben ein Loch durch die hintere Mauer 
des Hauses, um ein- und auszugehen, oder sie stiegen mittelst einer 
Leiter über die Mauer. Die Zeltebewohner betraten das Zelt eben- 
falls von hinten und nicht durch den gewöhnlichen Eingang. Die- 
ses dauerte so lange bis sie den Ihräm auszogen. Die Homsiten, 
d. h. die Korayschiten, Kinanitcn, Chozä'iten, Thakyfiten, Choth ami- 
ten und dieBanuAmir b. (.'aoa'a machten eine Ausnahme (und sie 
traten durch die Tliüre in das Haus). Eines Tages ging der Pro- 
phet mit dem Ihräm in das Haus eines An^ärers, und Rifaa, wel- 
cher nicht zu den Honisifen gehörte, folgte ihm. Der Prophet .'•agte: 
Warum gehst du durch die Thüre in das Haus, obschon du den 
Ihräm anhast? Er antwortete: Weil ich dich so eintreten gesehen 
habe. Ich bin aber ein Homsite, erwiderte Mohammad. Auch ich 
bin ein Homsite, versetzte Rifaa; denn meine Religion und die dei- 
nige ist dieselbe. Darauf wurde geoffenbart: „Die Rechtschafifen- 
heit besteht nicht darin, dafs ihr in die Häuser von hinten eintretet, 
sondern etc." Zohry erzählt diese Tradition etwas verschieden und 
sagt: Der Vorgang habe bei Gelegenheit des Zuges nach Hoday- 
biya stattgefunden. 



241 

Zuge, welcher Ma^lyna am 14. oder 15. März 628 ver- 
liefs, an; denn er versprach mehr Gefahr als Beute '). 

Als die Korayschilen von seinem Vorhaben hörten, be- 
riethen sie sich und kamen zum Entschlnls, ihn» den Ein- 
tritt in das heilige («ebiet zu verwehren. Sie rieten die 
Ahäbisch, half)nomadische Verbündete aus verschiedenen 
ihnen verwandten Stämmen, unter die Waffen und diese 
zogen mit Weib und Kind in's Feld. Es sammelte sich 
eine ansehnliche Armee zur Vertlieidiü^ung der Heilijrthü- 
mer und lagerte sich zu Haldah in der Nähe der Stadt. 
Zwei- oder dreihimdert Reiter unter dem Kommando des 
furchtbaren Chälid zoji;en dem Älohammad entgeifen. 

Mohammad war nur etliche dreifsig arab. Meilen von 
dem Ziele seiner Reise entfernt, als ihm der Chozaite 
Bosr, den er als Kundschafter nach Makka geschickt hatte, 
die Nachricht von der Stimmung und den Bewegungen 
der Einwohner überbrachte. Er versammelte die Gläubi- 
gen und sagte: Gebet mir euren Rath, sollen wir sie nicht 
umgehen und unsern Marsch gegen die Familien der Frev- 
ler wenden, welche uns den Zutritt zu den Heiligthümern 
Avehren? Wenn ihre Armee dazwischen kommt und uns 
in der Ausführung unseres \ orhabens stört, so ist es ge- 
rade so, als hätten wir die von Bosr überbrachte Kund- 
schaft nicht benutzt. Gelingt es uns aber die Stadt un- 
entdeckt zu überfallen, so können wir sie ausrauben und 
ihnen Schaden zufügen. Abu Bakr erhob sich gegen diese 
unehrliche Art der Kriegführung und sagte: Du bist ge- 
kommen, um zum heiligen Tempel zu wallfahrten. Wenn 
sie dir den Zutritt verwehren, dann wollen wir ihnen im 
offenen Kanipfe begegnen (Bochäry S. 600j. 



' ) Es schlössen sich dem Zuge einige Aslaraiten an und bil- 
deten den achten Theil der anwesenden Flüchtlinge (Bochäry S. 598). 
Es scheint, dafs sich diese it) .Madyna angesiedelt hatten; denn sonst 
würden sie nicht iMohägir, Flüchtlinge, genannt worden sein. 
m. 16 



242 

Bald nach diesem Kriegsrathe stiefs er auf" die feind- 
liche Reiterei. Von den Moslimen waren nur zwanzig (nach 
einer wahrscheinlicheren Nachricht dreihundert) Mann zu 
Pferde. Sie hatten den Vorpostendienst zu versehen und 
in Stellen, wo ein plötzlicher Ueberfall möglich war, dem 
Zuge vorauszureiten, um die Gegend zu überblicken. Mo- 
hammad befahl ihnen, vorzurücken und, sollten die Feinde 
einen Angriff versuchen, den ersten Anprall auszuhalten bis 
er seine Leute in Schlachtordnung gestellt habe. Cliälid 
^vagte es nicht, sich mit den Moslimen zu messen, und 
diese zogen über Felsen und Schluchten, auf denen ihnea 
die Kavallerie nicht folgen konnte, vorwärts bis Hodaybiya. 
Es ist dies eine Gegend im INachlathale mit einigen Fel- 
dern und Hütten, neun arab. Meilen von Makka entfernt. 
Ein Theil liegt innerhalb, der andere aufserhalb des heili- 
gen Gebietes '). Hier machte Mohammad Halt gegen den 
Willen seiner Begleiter, welche vorzurücken wünschten. 
Es war ein kluger Entschlufs; denn das F^indringen in das 
heilige Gebiet hätte blutige Scenen zur Folge gehabt, auf 
einem für die Moslime ungünstigen Terrain. 



') Sie lagerten sich bei einer fast ausgetrockneten Cisterne 
und konnten die Thiere nicht tränken. Glücklicher Weise fiel ein 
Regen und sie hatten üeberflufs an Wasser. So berichten die äl- 
testen Quellen. Bochary S. 597 erzählt, dafs Mohammad gesagt habe: 
Wer diesen Regen als eine Gabe der Vorsehung ansieht, glaubt an 
Gott, wer ihn dem Einflufs der Gestirne (Mondstationen) zuschreibt, 
glaubt nicht an Gott, sondern an die Gestirne. Begreiflicher Weise 
hielten die Gläubigen den Regen nicht nur für eine specielle Gnade 
Gottes, sondern für ein zur Verherrlichung des Propheten gewirk- 
tes Wunder. Die Legende bildete es aus: Der Prophet füllte ein 
Gefäfs, wusch sich darin, spülte den Mund aus, spie hinein und gofs 
das Wasser wieder in die Cisterne. Nun war sie so voll, als es die 
Moslime nur immer wünschen konnten (Bochary S. 59H), Später 
(bei Ibn Sa d und Bochary S. 598) wurde die Legende aus einer 
anderen, welche wir weiter unten werden kennen lernen, verbessert 
und man sagte: Es strömte zwischen den Fingern Mohammad's so 
viel Wasser hervor, dafs hunderttausend Menschen hätten den Durst 
löschen können. 



243 

Unter den Feinden gab es viele Häuptlinge, welche 
die Intentionen des Mohammad achteten und den Frie- 
den zu erhalten uünschten Sie begaben sich zu diesem 
Zwecke in das nioslimisclie Lager, um Unterhandlungen 
anzuknüpfen. Zuerst kam l^odayl aus dem dem iMohani- 
mad freundlichen Chozä'astamme. Er legte ihm die Ab- 
sichten der Korayschiten auseinander. Der Prophet ant- 
wortete, dafs er durchaus keine leindlichen Zwecke verlolge, 
deutete aut die siebenzig Opferkameele hin, welche er zur 
Feier des Festes mitgebracht hatte, und bekannte zugleich, 
dafs er entschlossen sei, sich den Weg zum Tempel zu 
erkämpfen. iiodayl kehrte nach Makka zurück, hinter- 
brachte den Einwohnern, was er gehört und gesehen, und 
drückte zugleich seine üeberzeugung aus, dafs es Moham- 
mad ehrlich meine. Auch Holays, der Häuptling der Ahä- 
bysch, begab sich zu den Moslimen. Als ihn Mohammad von 
Weitem erblickte, sagte er: Da nähert sich ein Mann, der 
einem Volke angehört, welches für den Allahdienst eifert^), 
lasset ihn die geschmückten Opierthiere sehen. Als er die 
zum Schlachten bestimmten Kameele erblickte , kehrte er 
nach Makka zurück, ohne im Lager gewesen zu sein, und 
erklärte: wenn Leute, welche, wie Mohammad, die ehr- 
liche Absicht haben, an dem zu Ehren Allah's eing-esetz- 
ten Feste Theil zu nehmen, davon ausgeschlossen würden, 
so wolle er und sein Volk sich gegen solche Gewaltthä- 
tigkeit auflehnen. Wegen seiner Befangenheit machten die 
Vorstellungen des Holays wenig Eindruck auf die Koray- 
schiten; sie sandten daher den energischen Thakyfiten 
'Orwa in das feindliche Lager. Die Biographen lassen ihn 
sagen : Du marschirest mit Leuten verschiedener Stämme, 
welche nicht durch die Banden des Blutes mit dir und 
unter sich verbunden sind, gegen deine Heimath. Sie 



') Bei Ibn Isbäk: yatallahün; nacb einer anderen Version; 
„sie halten viel auf Schlachtthiere." 

16* 



244 

uertlen dich in der Noth verlassen. Wir hingegen sind enge 
unter einander verknüpft. Selbst die Mütter mit ihren Säug- 
lingen an der Brust sind in das Lager gezogen, und wir 
werden uns wehren Avie Panther. Seine Beschimpfungen 
wurden von den Umstehenden beantwortet. Er wurde nun 
vertraulich mit Mohammad und ergriff, nach arabischer Sitte, 
seinen Bart. Sein nächster Verwandter Moghyra b. Scho'ba, 
der schlaueste Mann in Arabien, verwies ihm diese Ver- 
traulichkeit, und 'Orwa verliefs das Lager mit der Ueber- 
zeugung, dafs die Moslime ihren letzten Blutstropfen für 
ihren Meister zu vergiefsen bereit seien '). Kr brachte densel- 
ben Bescheid nach Makka, welchen Bodayl erhalten hatte. 

Die erstgenannten zwei Männer, Bodayl und Holays, 
repräsentirten ihre eigenen Stämrnc, Bundesgenossen der 
Makkaner, hatten aber keinen Aultrag, im Namen dieser zu 
unterhandeln. Krst'Orwa hat die Unterhandlungen im Namen 
der Makkaner, der eigentlichen Cegner der Moslime, ange- 
knüpft. Mohammad entschlofs sich selbe fortzusetzen und 
sandte seinen Schwiegersohn Othniän nach Makka, um die 
Betheuerungen, dafs die (jlläubigen nur den Tempel besu- 
chen wollen, zu wiederholen. Er gehört der mächtigsten 
korayschitisch<!n Familie an und sein Verwandter Abän nahm 
ihn unter seinen Schutz, als er sich der Stadt näherte. Auch 
bot man ihm an, die Ceremonien bei der Ka'ba verrichten 
zu dürfen. Er weigerte sich, dies ohne seinen Meister zu 



') Die Tradition sagt feiner, dafs sieli die Gläubigen um das 
Wasser, in welclieni der Propljet sich gebadet hatte, und um seinen 
Speichel stritten, und dafs Orwa, nach Makka zurückgekehrt, er- 
klärt haVje, weder der Kaiser noch Chosroes werde so sehr verehrt, 
wie Mohammad. Die ganze Tradition hat die Absicht zu zeigen, 
dafs die Moslime, obschon sie Awbasch waren, d.h. verschiedenen 
Stämmen angehörten, dennoch für ihren Führer zu sterben bereit 
waren, und folglich die Banden des Glaubens stärker sind, als die 
der Stammverwandtschaft. Das haben sie schon in der Schlacht 
von Badr bewiesen, sie wird aber hier erzählt, um den auf diese Ge- 
legenheit bezüglichen Koränvei 8 48, i'.» zu beleuchtin und ist in der 
Form, in der wir sie haben, eine exegetische Mythe. 



245 

thun. Sein Drängen, die Moslime in die Stadt zu lassen, 
fand kein tielior, ja er wurde sogar wider Willen einige 
Zeit zurückgehalten. Im moslin)ischen Lager verbreitete 
sich das (Jeriicht, er sei ermordet worden. Mohammad 
forderte die Cdänbigen auf, ihm einen Kid zu leisten, dafs 
sie dessen Hlut rächen und, wenn es zu Kämpfen käme, 
nicht die P'lucht ergreifen würden. Er stand unter einem 
l^aume und jeder der Anwesenden trat einzeln hinzu und 
legte seine Hand in die Hand des Propheten. Nur ein 
Mann soll »den Kid unter (lem Baume«, auf welchen spä- 
ter, als es sich um den Rang der Gefährten des Moham- 
mad handelte, grofses Gewicht gelegt wurde, verweigert 
haben. 

'Othmän kam zwar unversehrt zurück, aber es ereis- 
nete sich ein Zwischenfall, welcher geeignet war, Gewalt- 
thätii^-keiten nach sicli zu ziehen. Kinio:e Anhänjrer des 
Propheten begaben sich nach Makka, um ihre \^erwandten 
zu besuc})en. Sie wurden festgehalten. Kin moslimisches 
Corps umging das feindliche Lager und drang in die Stadt. 
Bei der Ka'ba fanden sie mehrere Korajschiten. Diese 
banden sie und schlep])ten sie nach Hodaybiya. Abends 
als es dunkel wurde, .schössen sechs Hitzköpfe Pfeile in 
das Lager der Gläubigen. In der Vermuthung, es sei dies 
der Anfang des Kampfes, ergriffen die Moslime die Waf- 
fen und schleuderten bei Tagesanbruch Pfeile und Steine 
auf die Feinde. Sie leisteten nur wenig Widerstand und 
flohen in die Stadt. Hierauf zogen sich die Angreifenden 
zurück. Auf diesen Zwischenfall bezieht sich nach Taymy 
Kor. 48, -24 »). 

Die Korayschiten schickten den Sohayl als Bevoll- 
mächtigten zu Mohammad, um einen Vertrag zu schliefsen. 
JSach langem Hin- und Herreden, und ungeachtet der hef- 
tigen Vorstellungen des Omar, der es für schimpflich hielt 
nachzugeben, diktirte Mohammad dem Alyy: 



') Anders wird dieses Scharmützel im üyiin erzahlt. 



246 

»Im Namen Allah's des milden Hahmän!« Wir kennen 
den Allah, uissen aber nichts vom Kahmän, fiel ihm Soha^l 
in's Wort, schreib: »In deinem INamen, o Allah!« Wohlan! 
sas^te Mohammad, schreib: »In deinem Namen, o Allah!« 
und fahre iort: »Dieses sind die Bedingnn^en, unter de- 
nen Mohammad, der Bote Gottes, mit Sohayl, dem Sohn 
des 'Amr, Friede schliefst«. Wenn ich glaubte, dafs du 
ein Bote Gottes seiest, versetzte Sohayl, so uürde ich nicht 
gegen dich kämpfen; lafs ihn deinen Namen schreiben. 
Mohammad diktirte dann: »Dieses sind die Bedingungen, 
unter denen Mohammad, der Sohn des'Abd Allah, mit So- 
hayl, dem Sohn des 'Amr, Frieden schliefst: Zehn Jahre 
lang soll kein Krieg geführt \verden. Während dieser Zeit 
sollen die Leute })eider l'arteien vor einander sicher sein 
und die einen dürfen die anderen nicht angreifen. Wenn 
eine Person von den Korayschiten ohne Einuilligung ihres 
Beschützers zu Mohammad komu)t, ist er verplliclitet, sie 
auszuliefern, wenn hingegen ein Anhänger des Mohammad 
sich zu den Korayscliiten begiebt, so sind sie nicht ver- 
pflichtet, ihn herauszugeben. Es soll zwischen uns ein 
aufrichtiges Einverständnifs bestellen, und es soll weder 
Raub noch Diebstahl stattfinden. Wer mit Mohammad ein 
Bündnifs schliefsen will, dem stehe es frei, und wer mit 
den Korayschiten ein Bündnifs scliliefsen will, dem stehe 
es ebenfalls frei. Dieses Jahr kehrst du zurück und kommst 
nicht nach Makka. Im nächsten (Dzü-lka'da) aber verlas- 
sen wir die Stadt und du betrittst sie mit deinen Anhän- 
gern und weilest daselbst drei Tage; ihr dürfet aber keine 
andere WalTen, als die eines Reisenden, nämlich den Säbel 
in der Scheide '), tragen. 

Die Moslinie waren äufserst ungehalten über diese de- 
müthigenden Bedingungen. Am meisten schmerzte sie, dafs 
der V^ertrag nicht einmal vollständige Reciprocität bedingte. 



') B«M TayiDv ist der Worllant des Vertrages v«Tschieden und 
der Wafteiistillstand sollte nur zwei Jahre, dauern. 



247 

Denn die Korayschiten hatten sich nicht verpflichtet, Ue- 
berläufer auszuherern, wohl aber Mohammad. Cnlückiicher- 
vveise kam last unmittelbar nach Unterzeichnung der Ur- 
kunde Abu Gandal aus i\hikka in das moslimische Lajrer, 
um das Cdaubensbekenntnils abzulegen. Seine Angehöri- 
gen forderten seine Auslieferung und Mohammad mufste 
ihnen nilll'ahien. Auf Sahl b. Honayf (bei Hochärv S. 602) 
machte dieses einen so schlimmen Eindruck, dafs er viele 
Jahre später noch zugab, dals er, wenn er gekonnt hätte, 
sich vom Jsläm losgesagt haben würde. 'Omar erklärte 
zur Zeit, dafs er sich dem Vertrage nicht unterw erfen würde, 
wenn er von einem Bevollmächtigten und nicht von Mo- 
hammad selbst abgeschlossen worden wäre. Nach der Er- 
zählung des Ibn Ishäk war die Gähruni^ so grols, dafs die 
Moslime darauf und daran w aren , sich ins Verderben zu 
stürzen, d. h. den Propheten zu verlassen. 

Mohammad fuhr fort, seine Zugeständnisse als einen 
Sieg zu erklären, und Gott, welcher ihn in allen seinen 
Handlungen bestimmte , unterstützte seine Behauptung in 
einer Offenbarung, welche wir bald werden kennen ler- 
nen '). Es ist gewifs, dals der Prophet den Vertrag in 
einem Augenblicke der Abspannung geschlossen hat und 
dafs es ihm an Muth und Energ-ie fehlte. Der Erfolg war 
zwar nicht so schlimm, als er hätte sein können. Das Re- 
sultat ist aber nicht der einzige Maafsstab einer Handlung. 
Der Islam Avar ein wucherndes Gewächs und sein Fort- 
schritt konnte nicht durch einzelne Mifsijriffe gehemmt wer- 
den. Er entschuldiget im Koran 48, 24. ih seine Schwäche, 
aber seine Gründe sind unzureichend. 

Obschon er nicht zum Tempel zugelassen wurde, ver- 
richtete Mohammad dennoch die Ceremonien des Festes. 
Die Zahl der Kameele, welche er als Opfer schlachtete, be- 
lief sich auf siebenzig. Aufserdem wurden auch Rinder 
und Schafe geopfert. Dem Wunsche oder vielmehr den 



' ) Nämlich Kor. 48, i. Man vergl. damit Ibn Ishäk S. 748. 



248 

ausdrücklichen Berlingungen der Makkaner nachgebend, 
wurden die Opfer nicht in dem heiligen Gebiete geschlach- 
tet, sondern aufserhalb desselben, obschon er auf der Grenze 
stand und die Gebete innerhalb desselben verrichtete. Die 
meisten Moslime weigerten sich, unter diesen Verhältnissen 
Opfer zu schlachten '), und statt, wie es das Ritual des 
Festes auferlegte, das Kopfhaar rasiren zu lassen, iiefsen 
sie dasselbe nur ein wenig stutzen, um auszudrücken, dafs 
sie dieses nicht als Pilgerfahrt betrachteten. Unter den 
Widerspenstigen war selbst Othmäii, der Schwiegersohn 
des Propheten. Wenn Mohammad's Gott auch nicht im- 
mer die Mittel besitzt, seinen Willen durchzusetzen, so weifs 
er sich doch immer zu lielfen. Er schickte einen Wind, 
welcher die Haare der Gläubigen in das heilige Gebiet 
hinüberwehte, und so wurde das, was an der Ceremonie 
fehlte, ergänzt. Ungeachtet dieses hinreichenden Auskunfts- 
mittels gab Mohammad seinen AnhäDgern doch nach und 
liefs sich zu ihrer Beruhigung nachträglich offenbaren: 

2, 192. Vollendet für Allah den Hagg und die Omra ^). 
Wenn ihr nicht zugelassen werdet, so bringet so viel Opfer 



') So nach Mohammad Ihn 'Obayd's Version der Tradition 
des Gäbir. 

*) Es giebt zwei Arten von Pilgerfahrten, die 'Omra und der 
Hagg. Erstere sind gelegentliche Wallfahrten einzelner Personen, 
und es werden keine Opfer geschlachtet. Der Hagg oder das Pil- 
gerfest hingegen wird gemeinschaftlich zu einer bestimmten Zeit ge- 
feiert und nur Derjenige, welcher ein Opfer schlachtet, hat das Ver- 
dienst, es begangen zu haben. Da Mohammad auf diesem Zuge 
Opfer mitbrachte und die richtige Zeit beobachtete, kann es Hagg 
genannt werden; weil er sie aber nicht am gehörigen Orte dar- 
brachte, so wird die Ceremonie von den meisten Theologen als eine 
Omra angesehen. Was die Intention des Propheten anbetrifft, so 
geht aus dem Koran 2, iss ff. hervor, dafs er den Hagg verrichten 
wollte, später aber gab er seinen Anhängern nach und erklärte, 
dafs weder der Hagg noch die 'Omra vollendet worden sei. 

Die Bedeutung des Wortes Hagg, Pilgerfest, oder vielmehr 
Osterfest, läfst sich aus dem Arabischen nicht erklären. Tha'laby 
zu Koran 2, 145: Hogga (Beweis und auch Contentio) kommt von 



249 

dar, als euch leicht \\\v(\. Kasirt aber euer Koyjl'haar nicht 
eher, als bis die Opfer an ihrem Platz angelangt sind. 

Auch er gab damit die Erklärung ab, dafs dieses Jahr 
die Feier eines Festes nicht vollendet worden sei, und es 
erst im künftigen Jahre geschehen soll, und dafs er Un- 
recht hatte zu befehlen, sie möchten die Haare rasiren. 

Erspriefsliche Früchte für den Islam trug die Frei- 
heit, welche jedem Stamme zuerkannt Avurde, mit der ei- 
nen oder anderen Partei Bündnisse schliefsen zu dürten. 
Die Chozäiten, welche nur eine Tagereise von Makka ent- 
fernt wohnten, verbanden sich sogleich mit Mohammad, 
die üakriten hingegen erklärten, sie wollen auch ferner 
mit den Korayschiten vereint bleiben. 

Der Thakyfite Abu Bagyr floh von Makka zu den 
Muslimen. Er wurde reklamirt und Mohammad lieferte ihn 
aus. Wenige Meilen von Madyna erschlug er einen der 
zwei Männer, welche gekommen waren, ihn abzuholen, und 



(dem verbalen Substantiv) Higg her, welches so viel bedeutet als 
kagd (dieses Wort entspricht dem Lat. tendere, contendere). Von 
dieser Wurzel kommt auch Mihagga, der deutliche Weg, weil man 
darauf nach seinem Ziele geht (auch im Lateinischen sagt man: 
tendit in locum) Einen, der mit dem Anderen streitet, nennt man 
Mohagga, weil sich jeder von zwei Gegnern anstrengt, seine ei- 
genen Gründe aufrecht zu erhalten und die des Anderen zu wi- 
derlegen. 

Diese Bedeutung der Wurzel bringt uns nicht zum Pilgertest; 
wir müssen Hagg, obwohl der Ausdruck schon bei den heidnischen 
Arabern gebräuchlich war, für hebräisch halten. Bisher hat man 
Hagg mit Pilgerfahrt übersetzt. Diese Bedeutung hat es allerdings 
für die Türken und andere Völker, von denen wir Arabisch gelernt 
haben. Für die Makkaner war es aber die Prozession, der Umgang 
(so wird in einigen katholischen Orten das Frohnleichnan)sfest ge- 
nannt); denn man begab sich nach Minä und anderen heiligen Orten 
hinaus, um es zu begehen. Gesenius erklärt auch die hebr. Wurzel 
des Wortes, welches Fest bedeutet und von welcher Hagg abzulei- 
ten ist, wie folgt: j;ri pr. in orbem ivit (vicinum rad. yn). Bei 
den Arabern bestand ein Theil der Gottesverebrung darin, dafs man 
um die Idole und ihre Tempel herumzog. 



250 

eilte nach Madyna. Mohammad nahm ihn nicht in seine 
Gemeinde auf, hielt es aber auch nicht für seine Pflicht, 
seine Freiheit zu beschränken. Er fand fünf andere mak- 
kanische Flüchtlinge, welche in derselben Lage waren, 
und sie begaben sich mit einander in die tJegend zwi- 
schen 'Yg und Marwa, an der Meeresküste westnord- 
westlich von Madyna, und organisirten auf eigene Faust 
eine Räuberbande, welcher sich bald darauf Abu Gandal 
mit siebenzig anderen Männern aus Makka anschlofs. Sie 
erhielt noch aus den benachbarten Stämmen, den Gohay- 
niten, in deren Gebiet 'Yc; lag, wie auch aus den Banü 
Ghifär und Aslam, Zuwachs und zählte bald siebenzig Mann, 
Die Ilaupterrungenschaft der Makkaner beim Friedens- 
schlüsse war, dafs jetzt ihre Karawanen ohne Gefahr auf 
dem kürzesten Wege nach Syrien ziehen konnten. Diese 
an der Strafse gelagerte Räuberbande, für welche Moham- 
mad nicht verantwortlich war, machte sich's gerade zum 
Geschäft, jede Karawane, welche in ihre Nähe kam, aus- 
zurauben, und sie tödteten jeden schonungslos, der ihnen 
in die IJände fiel. Am Fnde waren die klugen Makkaner 
genöthigt, den Mohammad zu bitten, ihre Ausreifser in seine 
Gemeinde aufzunehmen, wodurch sie gegen deren Gewalt- 
thatcn geschützt wurden. Abu Hacyr lag auf seinem Tod- 
tenbelte, als er des Propheten Befehl, sich nach Madyna 
zu begeben, erhielt. Die Uebrigen gehorchten der Ordre 
oder kehrten zu ihren Stämmen zurück. 

Um die Unzufriedenheit der Gläubigen zu beschwich- 
tigen, entwarf Mohammad auf dem Rückwege von Hoday- 
biya eine Expedition, welche wenig Gefahren, aber eine 
grofse Beute versprach. \^on dieser sollen die Nomaden, 
welche den Zug nach Hodaybiya nicht mitgemacht hatten, 
ausgeschlossen sein, an den späteren Zügen aber — denn 
die Moslime waren immer und gegen Jedermann im Kriege 
— sollten sie wieder Theil nehmen. Auch diesmal mufs- 
ten die gewerbfleifsigen Juden herhalten. In Madyna gab 
es wohl einzelne Juden, aber keine israelitische Macht 



251 

inelir. (Ihn Sad fol. 121 verso.) Die nächste jüdische (Ge- 
meinde lehte zu Chayhai ■; diese sollte nun zum Üpler lallen 
und die Raubgier der JVIoslime stillen. Zu Rokä' al-Oha- 
mym, etwa anderthalb Taj^ereisen von Makka veröiVentlichte 
Mohammad lolgentle Ollenbarung: 

48, 1. Wahrlich, wir haben dir eine unläugbare Erobe- 
rung bescheert, 

•i. auf dafs dir («ott [in Folge der Feier des Pil- 
gerfestes] alle deine Sünden, die früheren und sf)äteren, 
verzeihe 

.{. und dir glänzenden (beistand gewähre. 

4. Er ist es, welcher in die Herzen der (jläubigen 
die Schechina ') herabgesandt hat, damit sie zum Cilauben, 
der sie beseelt, noch neuen Glauben empfangen, 

5. und damit er sie in das Paradies einführe und 
ihre Missethaten vergebe. 

6. üeber die Heuchler (Bedouinen) und lTngläul>i- 
gen hingegen, welche eine schlechte Meinimg von Gott 
haben [imd glauben, er stehe dem Propheten nicht beij 
wird er eine Strafe verhängen. Es wird sie das Schick- 
sal [dafs sie Gott verläfst] treifen und sie werden in die 
Hölle eingehen. 



') Weil, S. 18f, bemerkt: „Dieses aus dem Rabbinischen ent- 
nommene, und daher in seiner wahren Bedeutung den späteren Ko- 
ränauslegern und Lexicographen unbekannte Wort, hat schon Geiger 
S. 54 u. 55 und nach ihm noch ausführlicher Oettinger in der Tü- 
binger Zeitschrift für Theologie 1834, I. S. 17, erläutert. „Es drückt 
die unmittelbare Anwesenheit eines hulfreichen Ausflusses der Gott- 
heit aus, welcher dem menschlichen Herzen zuströmend, seinen Glau- 
ben stärkt, und ihm dadurch eine innere Gemüthsruhe verleiht, welche 
ihn bei allen äufseren Stürmen und Versuchungen aufrecht erhält." 

Gorgany (Dict. of techn. terms S. 702) sagt: Sekyna wird eine 
Zuversicht genannt, welche das Herz bei dem Herabsteigen (Inne- 
werden) der Mysterien empfindet. Sie besteht in einem Lichte, wel- 
ches im Herzen aufgeht. Das Herz ruht bei dem überwältigenden 
Eindruck, welchen es zurückläfst, und gewinnt Zuversicht. Diese 
Erscheinung ist der Anfang der Gewifsheit selbst (d. h. des Lebens 
der Seele in Gott). 



252 

7. Gott gehören rlie Heerscharen der Himmel und 
der Krde. 

8. Wahrlich, wir haben dich als Zeuge, als Ueber- 
bringer froher Botschaft und als Warner gesandt. 

10. Diejenigen, welche dir den Kid der Preue leisteten, 
haben ihn tiott geleistet. Gottes Hand ist über ihre Hände 
(d. h. er und nicht sie erringen die Siege). Wer den Kid 
bricht, briciit ilin zu seinem eigenen Nachtheil; wer, was 
er gelobet hat, hält, wird einen grofsen Lohn empfangen. 

11. Die Non)aden, welche zurückgeblieben sind, wer- 
den sich entschuldigen und sagen: Unsere Familien und 
Geschälte halten es uns nicht erlaubt, an dem Zuge Theil 
zu nehmen. Hitte Gott, uns zu verzeihen. 

12.. Die Wahrheit ist: ihr Nomaden habt gefürchtet, 
der Prophet und die (däubigen \\ürden nie wieder ihre 
Heimath sehen, und ihr habt eine schlechte Meinung von 
(Jott gehabt [und geglau])t, («otl stehe dem Mohammad 
nicht beij. 

13. Für die Ungläubigen haben wir die Hölle be- 
reitet. 

14. .\ber Gott gehört die Herrschaft der Himmel und 
der Frde, und er verzeihet, wem er will, und bestrafet 
wen er will [verzweifelt daher nicht, sondern lasset euch 
beim nächsten Feldzug brauchenj. 

15. Die zurückgebliebenen Nomaden werden, wenn 
ihr eine Expe<1ition unternehmet, Avelche Beute verspricht, 
sajren: Lasset uns auch Fheil nehmen. Antworte ihnen: 
Diesmal dürfet ihr uns nicht folgen, denn Gott hat es schon 
früher so befohlen. Sie werden sagen: »Ihr schlielset uns 
aus Neid aus.« Sie sind ohne Finsicht. 

i(). Sage den zurückgebliebenen Nomaden: Fin an- 
deres Mal werdet ihr gegen ein tapferes Volk aufgeboten 
werden, auf dafs ihr es bekämpfet oder es sich bekehre, 
und wenn ihr dann folgsam seid, wird euch ein grofser 
Lohn zu Theil, wenn ihr euch aber wie früher zurück- 
ziehet, erwaitet euch eine grofse Strafe. 



253 

17. Die Blinden, Lahmen und Kranken jedocli sind 
nicht verpflichtet ins Feld zu ziehen. 

18. Gott iiatle sein Wohlüelallen mit den (iläubijten, 
welche dir unter dem Baume ') den Kid der Treue leiste- 
ten. Er wufste, was in ihrem Herzen war, sandle die 
Schechina au! sie herab und belohnt sie mit einem nahen 
Siege, 

Id. und p^rofser Beute, die ihr machen werdet. 

•20. Gott hat euch viel Beute versprochen, und die 
Frist beschleuni<i,et, auf dals die Feinde es nicht \va<j;en, 
euch anzugreifen, und aut dals es ein Zeichen des göttli- 
chen Beistandes sei. 

21. Auch andere Beute [zu der auch die Bedouinen 
zugelassen werden, vergl. V. IßJ hat er euch versprochen. 
Ihr könnet sie zwar gerade jetzt nicht nehmen, aber Gott 
bewahrt sie für euch. 

22. Wenn die Ungläubigen gegen euch kämpfen, so 
kehren sie den Rücken und finden keinen Beschützer. 

23. Es ist dies eine Satzung Gottes aus alten Zeiten 
und die Satzungen Gottes erleiden keine Abänderung. 

24. Er ist es, welcher in dem Thale von IMakka die 
Waffen der Feinde von uns und eure Waffen von den Fein- 
den zurückhielt, nachdem er euch den \ ortheil über sie 
gegeben hatte. 

25. Sie sind es, welche im Unglauben verharren, 
welche euch vom heiligen Tempel ausschliefsen und wel- 
che es verhindern, dafs die Opferthiere an ihren Ort 
(nach Minä) gelangen. Gewifs «ürden wir die Ungläu- 
bigen arg bestraft haben, wenn nicht gläubige Männer 
und Frauen unter ihnen gewesen wären, die ihr [weil sie 
ihren Glauben verbergenj nicht kanntet, so dals ihr, ohne 

') Weil der Baum im Koran genannt wird, wurde er ein Ge- 
genstand der Verehrung. Um dem Unfug Einhalt zu thun. liefs ihn 
Omar niederhauen Würde sein Zeitgenosse Pabst Gregor der Grofse 
ebenso gehandelt haben, wenn er den identischen Oehlbaum gefun- 
den hätte, unter dem Jesus Blut geschwitzt hatte? 



254 

euer Wissen, durch den Kampf schlimme Folgen hättet auf 
euch laden können, und Avenn Gott nicht noch, wen er Avill, 
in seine Gnade |[in den Islam] einzuführen gesonnen wäre. 
Wenn aber einmal die Gläubigen und die zum Glauben Be- 
stimmten ausgeschieden sind, wird er sie bestrafen. 

•26. Sie waren vom üebermuthe, dem Üebermuthe 
der Unwissenheit, beseelt. Gott aber hat auf seinen Bo- 
ten und die Gläubigen die Schechina herabgesandt und 
ihnen das Wort der Versöhnlichkeit zur Pflicht gemacht, 
und dieses war auch ihrer würdig und angemessen, 

'27. Gott hat bereits, auf die richtige Weise, den 
Traum seines i^oten in Erfüllung gehen lassen. Wenn es 
Gottes Wille ist, werdet ihr wirklich in den heiligen Tem- 
pel eingehen und zwar in Friede und Sicherheit (^ihr wer- 
det nicht wie Krieger Kopie abhauen, sondern wie Pil- 
grime] damit beschäftiget sein , euch einander die Köpfe 
zu rasiren und zu scheeren; denn ihr werdet in keiner Ge- 
fahr sein. Gott wufste also [^indem er den Traum auf 
eine andere Weise, als ihr glaubtet, in Kriüllung gehen 
läfstj, was ihr nicht wufstet. Ferner hat er für euch eine 
andere nicht ferne Eroberung bestimmt. 

28. Er ist es, welcher seinen Boten mit der Leitung 
und dem Kultus der Wahrheit gesandt hat, damit er ihn 
über jeden anderen Kultus siegreich mache. Aufser dem 
Zeugnisse Gottes bedarf diese Behauptung keiner andern 
Büre:schalt. 

Während der Prophet mit den Rüstungen gegen Chay- 
bar beschäftigt war, kam ein Jüngling von etwa zwanzig 
Jahren, Abu Tha'Iaba aus dem Choschaynstamme, nach Ma- 
dyna, legte das Glaubensbekenntriifs ab und nahm Theil 
an dem Feldzug. Der Stamm, welchem er angehörte, wird 
zu den 'Odzriten gerechnet (vergl. Wüstenf. gen. Taf. 2,17), 
lebte unter Christen und besafs ein Land an der südlichen 
Grenze von Arabia Petraea, das viel Fischerei hatte. 

Abu Tha laba machte sich in Madyna ansäfsig und es 
gelang ihm einige Jahre später, seine Stammgenossen zu 



255 

bekehren untl sie zu bewegen, sieben Abj^eordnete an den 
Propheten zu schicken, Avelclie die Bekehrung nnd L nter- 
uürligkeit des Stamojes meldeten. Später liefs er sich in 
Home; nieder. A. H. 75 träumte seine 7'ochter, ihr Vater 
sei gestorben. Als sie erwachte, ging sie in sein Ge- 
mach und fand ihn in einer betenden Stellung, aber be- 
wetrunsslos. Sie rüttelte ihn und fand, dafs ihr Traum 
wahr sei. Er starb, wie er gelebt hatte, als ein äufserst 
frommer Mann. 

Unter den Dawsiten, deren Wohnsitze südlich von Tä- 
yif, im Gebirge, liegen, lebte in früherer Zeit 'Amr b. Ho- 
mama, welcher sich durch seine Weisheit und Gerechtig- 
keitsliebe auszeichnete, und der Richter seines Stanunes 
war. Auch die Bedouinen pflegten ihm ihre Streitigkei- 
ten zur EntscheidnnsT vorzulegen. Aus Achtung: wurde 
nach ihm ein Götze des Dawsstammes Dzü-1-Kaffayn des 
'Amr b. Homama genannt '). Er erreichte ein sehr hohes 
Alter und war gegen das Ende seines Lebens so abwe- 
send, dafs man es für nöthig hielt, mit physischer Gewalt 
seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Darauf bezieht sich der 
Vers des Dichters: »Früher Avurde der Weise nicht mit 
dem Stock getrieben. Der Mensch weifs nichts, wenn er 
nichts lernt«. Sein Sohn Gondob hatte schon vor Mo- 
hammad erklärt, dafs die Schöpfung einen Schöpfer ha- 
ben müsse, er wisse aber nicht, wer dieser sei. Es gab 
einige andere Männer im Stamme, welche ihm beistimm- 
ten, und als Mohammad als der Gesandte dieses Schöpfers 
aufgetreten war, kam Tofajl, ein Freund des Gondob, nach 
Makka, um zu hören, wer der Schöftfer sei. Er recitirte 
vor Mohammad einige seiner eigenen Gedichte, und Mo- 
hammad las ihm die letzten drei Suren des Koran vor. 
Er war davon so ergriffen, dafs er sogleich das Glaubens- 
bekenntnifs ablegte. Der Prophet trug ihm auf, zu den 



') Aufserdem hatten sie einen anderen Götzen, welcher Schary 
oder Dzü- Schary hief.s. — Siehe I^äba unter Abü-Horayra. 



256 

Dawsiten zurückzukeliren und ihnen den Islam zu pre- 
digen. 

Tolayl erhielt später den Beinamen Dzü-hiür, Licht- 
besitzer, was zu folgender Legende Anlals gab: V^om Eiter, 
seinen Stamm zu bekehren und für Mohammad eine Zu- 
ttuchtstätte zu bereiten, entflammt, l)at er den Propheten, 
ihn mit einem Wunder auszustatten. Er willfahrte seinem 
Wunsche, bat Ciott ein Wunder zu wirken, un<l ein Licht 
strahlte zwischen den Augen des Tofayl hervor. Dieser 
hielt es für un{)assend, ja für seh)e Zwecke gefährlich, und 
das Licht ging auf die Spitze seiner Peitsche über, welche 
wie eine Lan)pe leuchtete. 

Licht und Peitsche hatten anfangs wenig Erfolg, und 
es glang dem Tofayl aulser seinem Vater, seiner Frau un<l 
einigen Freunden (darunter den (Jondob und Abu Horayra) 
nur Wenige dem Islam zuzuführen. Er begab sich daher 
zum Propheten und sagte: Die Dawsiten sind hartnäckig, 
verfluche sie. Er aber rief zum Himmel: Gott, leite die 
Da\\sitenl Tofyyl kehrte nun in seine Heimath zurück, 
um sein Bekehrungswerk fortzusetzen. 

Gondob unterstützte ihn in seinen Bemühungen und 
ging von Haus zu Haus, das Wort Gottes zu predigen, 
und es gelang ihnen bis 628 einen grofsen Theil des Stam- 
mes zu bekehren. Zur Zeit des Feldzuges nach Chaybar 
kamen 70 bis 80 Dawsiten, mit Tofayl an der Spitze, nach 
Ma<lyna , um <lem Propheten ihre Aufwartung zu machen, 
und er soll ilinen einen Antheil an der reichen Chaybar- 
beute gegeben haben. Sie blieben einige Zeit bei ihm 
und er wies ihnen einen Platz in der Harra (vulkanische 
Gegend), Daggäg, zum Aufenthalsort an '). Als sie in die 



') Nach einer Nachricht blieben sie Alle in dieser Harra. Dies 
hat die Wahrscheinlichkeit für sich. Es wäre demnach anzunehmen, 
dafs die Bekehrten nach Madyna auswanderten. Der ganze Stamm 
bekehrte sich erst nach der Unterwerfung der Hawäzinstämme 
(Febr. 631) und es wurde das Idol Dzu-lkaffayn von Tofayl, auf 
Befehl des Propheten zerstört. Vier Tage, nachdem Mohammad 



257 

Heimatli zurückkehrten, begleitete sie Tolayl; er kam aber 
bald nach Mad^ua zurück und siedelte sich daselbst an. 
Obayy b.Kab unterrichtete ihn im Koran und Toi'ayl schenkte 
ihm einen Boo;en iiir seine Mühe. Er nahm an dem B'eld- 
zuge gegen Makka Antheil, und während des Aufstandes 
begleitete er die muslimische Armee nach Yanian gegen 
Tolayha, und dann nach Yamäma. Er hatte einen Traum, 
in dem es ihm vorkam, sein Gesicht sei gegen den Rücken 
gewendet, ein Vogel fliege aus seinem Munde und er werde 
endlich von seiner Mutter verschlungen. Der Traum ging in 
Erfüllung; denn bald darauf verlor er sein Leben: sein Kopf 
wurde abgehauen, seine Seele flog zum Paradies empor und 
seinen Körper nahm die Muttererde auf. Auch sein Sohn 
'Amr zeichnete sich in diesen Kriegen aus, und fiel in der 
Schlacht bei Yarmük (Abu Ismayl, Conq. of Syria, ed. 
Lees S. 201). 

Den Gondob finden wir später unter den Anhängern 
des 'Üthmän, welcher seine Tochter 0mm Abän heirathete. 
Er fiel in der Schlacht von Agnadayn am 30. JuH 634. 
Gondob's Zusammenhang mit der regierenden Partei setzt 
die Nachrichten über ihn dem Verdachte aus, dafs wir 
Hoftraditiouen vor uns haben. Die Verdienste des Tofayl 
für den Islam sind hingegen aufser allem Zweifel. Ihm 
ist es gelungen, die ersten Anhänger des Mohammad süd- 
lich von Makka zu erwecken. 

Die Kinäniten nomadisirten von Makka bis zum Meere 
und erstreckten sich der Küste entlang von Gidda bis etwa 



von Täyif zurückgekehrt war, stiefs Tofayl zu seiuem Heere und 
brachte 40ü Stararagenossen als Hülfstruppen mit. Auf dessen Rath 
übergab Mohammad die Standarde der Azditen, zu welchen der 
Dawsstamm gehörte, dem Lihbiten No'män, weil er und seine Fa- 
milie auch im Heidenthume das Vorrecht, sie zu tragen, genossen 
hatten. 

Unter den frühbekehrten Dawsiten war 'Abd Allah b. Ozayhir. 
Er bat den Propheten , ihn zum Statthalter über die Dawsiten zu 
ernennen, erhielt aber eine abschlägige Antwort. 

m. 17 



258 

zu dem 18ten Breitengrade gegen Süden. Im Peripliis, 
uo sie Kaniaiten genannt werden, lesen uir; »Die Dorf- 
bewohner wie die Hirten sind bosbalt und zweizünsis- 
wenn ein ScbiflVr an ihr Ufer geworfen wird, rauben sie 
ihn aus, und wenn einer Schiflbruch leidet, machen sie ihn 
zum Si<laven.« Obwohl sich die Einwohner von Makka 
zu ihren Verwandten rechneten, so waren doch einige Ki- 
nänastänime arm, wild und räuberisch. Einer der gröfseren 
Stämme hiefs Kalb; weil es auch andere Kalbstänjme gab, 
nennt Ptolemäus diesen Stamm Kinaedokolpitae, d. h. kinä- 
nische Kalbiten. Eines von den nördlichen Kinänalagern, die 
Banü 'Abd Allah b. 'Adyy, schickte schon vor der Einnahme 
von Makka eine Deputation an iMohammad, während die 
meisten anderen, so lange sie konnten, ihren (Jöttern treu 
blieben. 

Unter den Abgeordneten waren Härith b. Wahbän, 
Owaymir b. Achram und Habyb und Raby a, die Söhne 
des Molla. Sie schlössen mit dem Propheten ein Neutra- 
litätsbündnifs. Er sollte sie und sie ihn nicht angreifen, 
ja sie sollten ihm, wenn er sie dazu auffordert, gegen seine 
Feinde beistehen, mit Ausnahme der Korayschiten, gegen 
welche sie nicht kämpfen wollten. Sollte auf der einen oder 
anderen Seite Jemand aus Versehen getödtet werden, so 
soll das Blutgeld bezahlt werden. Zugleich legten sie das 
Glaubensbekenntnifs ab. Ein Mann dieses Lagers, Namens 
Asyd b. Aby Ayäs, hatte Elegien auf die Korayschiten, 
welche zu Badr fielen, gedichtet, und Mohammad hatte ihn 
vogelfrei erklärt. Seiner wurde auch in diesem V^ertrage be- 
sonders erwähnt, und er wurde von dem ^Schutz seines 
Stammes ausgeschlossen. Er llüchtete sich daher nach Tä- 
yif, legte aber, als die Moslime jene Stadt eroberten, das 
Glaubensbekenntnifs ab, welches alle Vergehen tilgte. 

Wahrscheinlich fällt in diese Zeit die bereits erwähnte 
Erklärung der Ghiläriten und ihrer Nachbaren, der Asla- 
miten. Die letzteren bildeten das südlichste Lager der 
dem Mohammad vom Anlange freundlichen Chozaiten, eines 



259 

yanianisclien Stammes, welcher IVülier die Gegend von Makka 
beheirsclit und wahrsclieinlicli die lleilijjtliümer einireführt 
hatte, und <lessen Hauptort Tzalirän (die Zabrana Regia 
des Ptol.) war. Von Tzahran dehnten sich den Chozaiten 
verwandte zahheiclie siidarabische Stämme gegen das Meer 
liin und gegen Norden, der Hügelkette entlang, aus, und 
betrieben mehr Schal- als Kameelzucht. 

Die Banü Asiam sandten eine Deputation, an deren 
Spitze Onunr b. Afca (oder Akcä) stand. Sie erklärten, 
dafs der Stamm sich zum Islam bekehrt hal)e und baten 
ihn, für sie solche Bedingungen ihrer rnterwürfigkeit zu 
machen, die sie vor anderen Bedouinen auszeichnen wür- 
den; um so mehr, da sie Verwandte der Ancärer wären. 
Er bat Gott, dals er ihnen ihre Sünden verzeihen möge 
und gab ihnen eine Rolle, welche von Thäbit b. Kays ge- 
schrieben war und für deren Inhalt Abu 'Obayda Ibn al- 
Garräh und 'Omar b. al-Chattäb als Zeugen bürgten ^). 

Von dieser Urkunde besitzen wir keine Abschrift, 
wohl aber von einer anderen, wie es scheint früheren: 
»Diejenigen Asiamiten, welche das Gebet verrichten und 
das Almosen (Zakät) geben und den Fortschritt der Reli- 
gion Gottes beifünstieren, haben auf unseren Beistand ge- 
gen Unterdrückung Anspruch; aber auch sie müssen dem 
Propheten Hülfe leisten, Avenn er sie dazu auffordert. Die 
nomadischen Mitglieder des Stammes haben dieselben Rechte 
wie die Ansäfsigen. Sie werden, wo sie sind, als Flücht- 
linge betrachtet (brauchen also nicht nach Madyna zu 
kommen). Geschrieben und bezeugt von'Olä b. Hadhramy '^). 



') Die Erzählung dieser Deputation (die wir nicht vollständig 
haben) zeichnet sich durch die Archaismen der Diktion aus, und 
Abu Ma schar (bei l9Hba) erhielt sie in dieser Form von Yazyd b. 
Ruman und von Moh. b. Ka'b Koratzy. 

-) Mohammad stellte zu Gunsten des Asiamiten Hocjayn b. 
Aws folgende Schenkungsurkunde aus: „Er erhält Forghayn und 
Dzat-A'schäsch als Geschenk, welches ihm Niemand streitig machen 
darf. Geschrieben von Alyy." 

17* 



260 

Die Verträge mit dem erwähnten kinänitischen Stamme 
und mit den Gliifäriten und Asiamiten öft'neten dem Mo- 
hannnad den Weg bis zum makkanisclien Gebiete. Auf 
der ganzen Strecke von Madyna bis JMakka hatte er Ver- 
bündete, und überall trat" er Freunde, welche die Banden 
des Glaubens hoher schätzten als die des Blutes, und wel- 
che an ihren eigenen Ver\vandten V errath zu üben bereit 
waren. 



Einundzwanzi^.sies Uiipitel. 



Gesandtschaften. Eroberung von Chaybar. 

Abfinden mit einem Nebenpropheten. 

(April 628 bis Ende 629.) 

JNacli der Iliickkelir von Hodaybiya eiilsclilofs sich der 
l*io|>liet, Scliieiben an die benadibarten Potentaten zu rich- 
ten. Seine Gelahrten sagten: Sie werden deine Briete 
nicht enti^egennehmen, wenn kein Siegel daraul" ist. Kr 
hels daher einen silbernen Petschaft anfertigen mit der Auf- 
schrilt in drei Zeilen: jlohauimad der iJote tiottes. 

Es verlielsen dann sechs üoten, wovon jeder der Sprache 
des Landes uiächtig war, in welches er geschicki wurde, 
an einem und demselben Tage Äladyna, niimlich in Mo- 
harram A. IL 7 (zwischen dem 11. Mai und 9. Juni 628)'). 



' ) Da auch auswärtige Nachrichten Licht auf die Chronologie 
dieser Gesandtschaften werfen, wollen wir einige Bemerkungen darü- 
ber machen. 

Wir haben drei Data, welche sich darauf beziehen: Das erste 
ist der Feldzug gegen Chaybar. Ehe nämlich Mohammad von Chay- 
bar zurückkehrte, traf schon eine Antwort vom König von Abyssi- 
nien in Madyna ein. Dieser Feldzug fand im Monat Gomädä I 
A. H. 7 ( Sept 628) statt. Die Gesandten mufsten also spätestens 
im Juni G28 Madyna verlassen haben. 

Das zweite Datum ist der Zug des Heraclius nach Jerusalem. 
Die moslimischen Schriftsteller erzählen: Der Kaiser hatte aus Dank- 
barkeit für den Sieg über die Perser das Gelübde gethan, eine 
Pilgerreise nach Jerusalem zu unternehmen, und er war gerade 
in Hom^, auf dem Wege nach dem heiligen Orte, als Dihyä, der 
Gesandte des Mohammad, die arabische Grenze überschritt. Ihn Sad 



262 

Der Dhanirite 'Amr b. Omayya begab sich zum Ne- 
güsch nach Abyssinien, mit zwei Brielen. bi dem einen 
forderte ihn der Froy)het auf, dem Islam beizutreten. Er 
soll das Schreiben mit der grölsten Ehrerbietung empfan- 
gen, vor Cia'far, dem Vetter des Mohammad, das (ilaubens- 
bekenntnifs abgelegt und gesagt haben: wenn es die Ver- 
hältnisse möglich machten, würde ich selbst nach Madyna 
kommen, bii anderen Briefe trug Mohammad dem Ke- 
gusch auf, an ihn die 0mm Habyba procura zu verheira* 
then. Er willfahrte seinem Wunsche und gab ihr ein Braut- 
geschenk von 400 Dynaren. Dann versah er die moslimi- 
schen Flüchtlinge mit allem Nöthigen und schickte sie auf 
zwei Schiffen nach Arabien. Die Abyssinier pflegten von 



läfst den Kaiser schon im Moharram A. H. 7, welcher am 11. Mai 
628 anfing und am 9. Juni endete, in Hom^ weilen. Petavius und 
andere Gescbichtschreiber stützen sich auf Theophanes und Cedre- 
nus und glauben, er habe erst im Frübjabr 029 von Konstantinopel 
aus Jerusalem besucht. Weil (Mohammed der Prophet S. 199) hält 
sich an Nicephorus, welcher sagt: „Er reiste nach dem t>iedens- 
schlusse (mit din Persern) zuerst nach Jerusalem, also noch im J. 628, 
und kehrte dann erst in die Hauptstadt zurück. — Ich glaube daher, 
bemerkt Weil, dafs man nicht, wie bisher alle neueren Historiker, He- 
raclius Reise in den Frühling 629, sondern in den Herbst 628 setzen 
sollte, nur nicht vor dem Monat September, weil Nicephorus nach 
Darstellung der Feierlichkeiten in Jerusalem hinzusetzt: Es war die 
zweite Indiktion, als dies geschah ; die zweite Indiktion begann aber 
mit dem ersten September 628. Dieses stimmt dann auch mit den 
Kirchenhiiitorikern üherein, nach welchen Heracliiis dem Exaltations- 
feste beiwohnte, das am 14. September gefeiert wurde." Demnach 
könnte Ihn Sad ganz Recht haben; denn da der Friede, nach Gib- 
bon, schon im März geschlossen wurde, konnte der Kaiser im Juni 
in Hom^ sein. 

Das dritte Datum wäre die Thronbesteigung des Schyruye, Kö- 
nigs von Persien. Nach Ihn Sad mordete er seinen Vater um 1 Uhr 
in der Nacht des 13. Gomadk I A. H. 7 = 19. September 628. Nach 
Gibbon hingegen bestieg er den Thron schon am 25. Februar des- 
selben Jahres. Wir werden sehen, dafs dieses Ereignifs auf eine 
Art in die Geschichte des Mohammad hineingezogen wird, dafs es 
keine Berücksichtigung verdient. 



263 

diesen zwei Briefen zu sjuechen so lange sie dieselben 
besafsen. 

Der Asadite Schuga b. Wahb übernalun die Mission 
nach dem Hole des gliassänitisclien Fürsten Härith, des 
Sohnes des Abu Schinir ') in Syrien. Er befand sich ge- 
rade im (ihüta von Damascus, um den Kaiser auf seiner 
Reise nach Jerusalem zu begriifsen und zu beglückwün- 
schen. Der Bote wurde daher ein paar Tage an dessen 
Hofe aulgehalten und hatte eine Unterredung mit des Kö- 
nigs Kämmerer, einem Griechen, Namens Morry (oder Miry). 
Er beschrieb ihm den Propheten und seine Lehre, und der 
Kämmerer erklärte, dals er im Evangelium vorausgesagt 
werde. Als der Könio' zurückkam und den Brief «jelesen 
hatte, warf er ihn weg und sagte: Wer wagt es meine 
Herrschaft anzutasten? Ich will gegen ilm marschiren, selbst 
wenn er in ^ aman lebte. Er befahl auch seinen Truppen, 
sich marschbereit zu machen, schrieb aber erst an den 
Kaiser nach Jerusalem. Dieser befahl ihm, auf seinem Po- 
sten zu bleiben. Er wurde etwas besänftigt, gab dem Ge- 
sandten ein Geschenk von 100 JMithkäl Goldes und ent- 
liefs ihn. Morry schickte Grüfse an den Propheten. Als 
dieser die Worte des Ghassäniden vernahm, sagte er: 
Sein Köniürreich ist verloren! Härith starb in demselben 
Jahre, in welchem Makka erobert wurde (A. D. 629—630). 
JSach ihm kam Gabbala auf den Thron. 

Mohammad schrieb dann (wahrscheinlich nach dem 
Tabükfeldzuge, im Winter 630 — 31) an Gabbala. Dieser 
bekehrte sich zum Islam und schickte Geschenke nach 



') So heifst der Fürst bei Ibn Sad. Tabräny, bei I^äba, nennt 
ihn Mondzir b. HAritli b. Aby Schimr. Ich glaube, dafs Härith IV 
gemeint sei. Ob dieser oder Härith III, der Sohn des Abu Schimr 
war, lasse ich dahin gestellt. Ich habe mich im Bd. 19 S. 469 des 
Journ. asiat. Soc. Bengal bemüht, die Reihenfolge der ghassänitischen 
Könige festzustellen. Wenn Caussin de Perceval (Hist. des Arabes 
Bd. 2 S. 255) dessenungeachtet die Widersprüche des Hamza Isp. 
und seiner Nachfolger wiederholt, ist es seine Sache. 



264 

Madyna. Während der Regierung des Chalyfen Omar gab 
er, nachdem Syrien erobert nar, einem Mozayniten auf 
offener Strafse in Damascus eine Ohrfeige. Gabbala wurde 
vor den muslimischen Militärgouverneur Abu Obayda ge- 
schleppt und verurtheilt, den Schim[)f zu büfsen. Er floh 
in das byzantinische Gebiet und kehrte zum Christenthume, 
das er früher bekannt hatte, zurück. Als der Chalyfe'Omar 
ISachricht davon erhielt, drückte er segen den Dichter Has- 
sän sein Bedauern über den Vorfall aus. Dieser aber sagte: 
Es ist ihm Recht geschehen. Omar gab ihm dafür einige 
Peitschenhiebe, als den besten Beweis, dafs man einen Mos- 
lim mifshandeln dürfe. Nach anderen, wahrscheinlicheren 
Nachrichten berkehrte sich (labbala erst unter Abu Bakr, 
An den Hof der Chosroen jjing: der Sahmite 'Abd 
Allah b. Hodzäfa als Gesandter '). Der Schähanschäh 
nahm den Brief des Projdicten, las ihn und zerrifs ihn. 
Dann schrieb er an Bädzän, seinen Gouverneur inYamän: 
Schicke zu ei tüchtige Männer zu diesem Abenteurer im 
Higäz und erstatte uns nach ihrer Angabe Bericht über 
ihn. Bädzän schickte seinen Kahraman (Schatzmeister) nebst 
einem anderen Manne mit einem Brief nach Madyna. Der 
Prophet lachte, als er das Schreiben erhielt, forderte die 
Träger auf, dem Isläin beizutreten, und beschied sie auf 
den folgenden Tag. Als sie erschienen, sagte er: Wis- 
set, dafs euer Herr, der König von Persien, heute ISacht 
um 1 Thr gestorben ist, und sein Sohn Schyrüya den Thron 
bestiegen hat. Sie überbrachten die Nachricht dem Bä- 
dzän, und da sich die Worte des Propheten bestätigten, 
bekehrte er sich. 



') Nach Bochäry S. 637 halte er den Auftrag, den Brief dem 
persischen Gouverneur von Bahrayn zu übergeben. Es war also 
keine Kenntnifs des Persischen nöthig. Wahrscheinlich ist die Sprach- 
kenntnifs der Gesandten eine Nachahmung der Sprachgabe der Apo- 
stel , welcher auch bei dieser Gelegenheit in der moslimischen Tra- 
dition erwähnt wird. 



265 

Einer der sechs Gesandten war der Lachmite Hätib 
I). Haltaa. Er überbrachte Mohammad's Schreiben dem 
Mokawkas, »dem Herrn von Alexandrien und Magnaten 
der Kopten«. Mokawkas bedeutet einen Vogel mit einem 
schwarzen Ring um die weifse Kehle, wie eine Taube, 
und war ein S[>itznan)e; er hiefs eigenthch Gorayg (Georg?) 
und war ein Kopte '). Dieser empfing den Gesandten in 
einem PavilHon am Meere und sprach mit ihm über die 
neue Religion. Jesus, sagte Hätib, hat den Mohammad 
vorausgesagt, wie Moses Jesum verkündete, und der Islam 
hebt das Christenthum nicht auf, sondern bestätigt es. (lO- 
rayg las darauf das vSchreiben und legte es in ein Käst- 
chen von Elfenbein. Es ist Thatsache, dafs Mokawkas 
dem Mohammad zwei Sklavinnen und andere Geschenke 
übersandte; aber es unterüegt kaum einem Zweifel, dafs 
er dem Christenthume treu blieb. Als später die Festung 
von Alexandrien von den Moslimen erstürmt wurde, setzte 
er sich auf ein Schiff und floh auf dem Meere nach den 
byzantinischen Provinzen. 

Der Kalbite Dihyä, der schönste Araber seiner Zeit, 
welcher dem Engel Gabriel glich, beförderte den Brief für 
Heraclius. Er hatte den Auftrag, ihn den Magnaten (Atzym) 
von Bogrä zu überreichen, und dieser beförderte ihn nach 
Homg an den Kaiser. Er war, behaupten die Moslime, 



') Meine Unbekanntschaft mit den inneren Einrichtungen im 
byzantinischen Reiche hindert mich, die Stellung des Mokawkas zu 
ermitteln; dennoch kann ich mich nicht enthalten, eine Vermuthung 
auszusprechen. Sollte es sich herausstellen, dafs der Gouverneur 
von Egypten ein Grieche war, so würde ich den Mokawkas für 
den Schaych oder Bürgermeister der Kopten ansehen. Im Orient 
hat jede Nationalität und religiöse Sekte ihr vom Staate aner- 
kanntes Oberhaupt , welches für das Benehmen der Mitglieder 
der von ihm repräsentirten Körperschaft verantwortlich ist. Diese 
Stelle mag Mokawkas bei den Kopten von ganz Egypten einge- 
nommen haben. Dafs die Araber den Begünstiger des Islams 
eine viel höhere Stellung einräumen, als er hatte, finden wir sehr 
begreiflich. 



266 

von der Wahrheit des Islams überzeugt, aber seine bigot- 
ten Ünterlhanen erhoben die Kreuze und wollten nichts 
davon hören '). 

Der Anirite Salyt b. 'Amr, welcher nach Yamäma zu 
Hawda, aus dem Stamme Hanyla, geschickt wurde, wird 
auch zu den sechs (lesandtschalten an die Potentaten ge- 
rechnet; so wichtig war damals diese Provinz von Central- 
Arabien. Hawda nahm den Boten in sein Haus auf, gab 
ihm aber keine bestimnite Antwort auf seine Aufforderung, 
dem Jsläm beizutreten. Als er zurückkehrte, machte er 
ihm (beschenke und kleidete ihn in Stoffe von Hagar, in 
Bahrayn, und schickte durch ihn einen Briet" an jMoham- 
mad, in welchem er sagte: Ich bin der Poet und Redner 
meines Stammes, und die Bedouinen haben grofse Ehr- 
furcht vor meiner Stellung. Wenn du mir also einen Theil 
der Herrschaft einräumest, so will ich dir folgen '^). Als 

') Die Moslime behaupten, dafs der griechische Bischof Dho- 
ghätir oder Tokadr sich für Mohammad ausgesprochen und dieser 
folgenden Brief an ihn gerichtet habe: Heil denen, welche glauben! 
Jesus, der Sohn der Maria, ist der Athem Gottes und sein Wort, 
welches er in die Maria, die Reine, hinabgesandt hat. Ich glaube 
an Gott und an das, was er für uns geotfenbart hat, und an das, 
was er dem Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und dem Asbät geofFen- 
bart hat; ferner an das, was dem Moses und Jesu und den Propheten 
von ihrem Herrn gegeben worden ist. Wir machen keinen Unter- 
schied zwischen einer Offenbarung und der anderen, sondern em- 
pfangen alle als Moslime. Heil denen, welche der Leitung folgen. 

Wahrscheinlich fällt die Bd. I, S. 16 erwähnte Bekehrung des 
Godzamiten Farwa in diese Zeit. Der Prophet liefs dem Boten 
Farwa's, Mas üd b. Sa'd, zwölf und eine halbe Unzen überreichen, 
und schickte durch ihn folgendes Schreiben an Farwa: 

Von Mohammad, dem Boten Gottes, an Farwa b. 'Amr. Dein 
Bote ist zu uns gekommen, hat uns deine Geschenke überbracht 
und Nachricht von dir gegeben; auch hat er gemeldet, dafs du dem 
Islam beigetreten bist. Gott möge dich leiten, auf dafs du recht- 
schaffen handelst, Gott und seinen Boten gehorchest, das Gebet ver- 
richtest und das Almosen gebest. 

') Bei Kodäma im Kitab alcheräg, Steuerbuche, lautet dieser 
Passus: Hawda bat den Propheten, ihm nach seinem Ableben die 



267 

Mohaninijul seine Antwort vernalnii, soll er p;esai^t haben: 
Nicht um eine unieile Dattel würde icli seinen Glauben 
erkauien. Diese Aeufserung wäre wal)rscheinlicher, wenn 
er nicht selbst, nachdem er IMakka mit WalVeniiewalt be- 
zwun<i;en halte, den Cdauben der Häuptlinge <lurcli unge- 
heure Geschenke erkault hätte (ver*:,l. K. 9, «o). 

Hawda starb schon ein Jahr darauf. Ich werde am 
l^nde dieses Kapitels zu beweisen suchen, dafs Mohammad 
wirklich mit Yamänia paktirt hat. 

Die Briete waren im Wesentlichen gleichlautend. Man 
will das Original des an den koptischen Fürsten von Alexan- 
drien geschriebenen, in neuester Zeit wieder aulgeiunden 
haben (vergl. Journ. asiatique 1854, ■>). Ich übersetze ihn 
nach dem Texte des Ibn Sayyid alnäs: 

»Im Namen Allah's, des barmherzigen Rahmän. Crufs 
von Mohammad, dem Sohne des 'iVbd Allah, an Mokaw- 
kas, den Fürsten der Kopten, und diejenigen, welche der 
Leitung folgen! Dieses ist eine Einladung zum Islam (Mo- 
notheismus). Werde Moslim, und du bist geborgen! Werde 
Moslim, und Gott giebt dir do|)pelten Lohn! Wendest du 
dich aber davon ab, so trägst du auch die Schuld der 
Kopten. Schriftbesitzer kommt, es soll z\vischen uns 
und euch ein versöhnliches Wort stattfinden: Wir wollen 
keinen Gott aufser Allah anbeten, wir wollen ihm kein We- 
sen beigesellen und die eine J^artei von uns soll die an- 
dere nicht neben Allah als Herren anerkennen (d. h. nach 
Kor. 3, 74 und 9, 31: Obschon ich Pro[)het bin, mafse ich 
mir keine Autorität über euch an, aber wir erkennen auch 
Jesum, die Engel, eure Mönche und die Heiligen nicht als 
göttliche Wesen an). Wenn ihr euch dazu verstehet, so 



Herrschaft zu hinterlassen. Unter dieser Bedingung wolle er sich 
zum Islam bekennen, zu ihm kommen und ihm beistehen. Nein, sagte 
der Prophet, weder ihm, noch einem seiner Edeln. O Gott, räume 
ihn aus dem Wege! Er starb auch bald darauf. 



268 
saget: üläubige, bezeuget, dafs Avir Moslime sind (Kor. 

3, 57).« 

Der Briet" an den Kaiser ist Avörtlich gleichlautend, 
und soll nach Sohajly als eine Merkwürdigkeit aufbewahrt 
worden und später nach Spanien gekommen sein. Die im 
Briefe angeführte Koränstelle fällt um so mehr durch ihre 
Versöhnlichkeit auf, da Mohammad damals gegen die Ju- 
den einen ganz anderen Ton anschlug. 

Es ist recht sonderbar, dafs Mohammad den griechi- 
schen Kaiser früher als die Raubgralen in Yaman, und den 
König von Persien vor den Häuptlingen arabischer Stämme 
aufgefordert habe, ihn als Propheten anzuerkennen. Ich 
glaube, dals vor dem Abgange der soeben genannten Bo- 
ten ähnliche Bekehrungsversuche in verschiedenen Theilen 
von Arabien gemacht worden, und dafs Mohammad die 
Pilgerfahrt, auf der er nur bis Hoda^biya kam, in der Ab- 
sicht unternommen habe, angeknüpfte Unterhandlungen mit 
Stämmen, welche sich bei dieser (Jelegenheit versammel- 
ten, zu einem gedeihlichen Resultat zu führen. 

Dieses ist eine \ ermuthung, aber so viel ist gewifs, 
dafs er anch an arabische Häuptlinge Briefe richtete, wie 
z. B. an den Dyliten Nolätha b. Farwa, König von Samäwa, 
zwischen Damaskus und dem Euj»hrates, und ich nehme 
den Anfang des Jahres 628 als das Datum derselben an. 
\ on zwei solchen Briefen sind Abschriften vorhanden: An 
die Banü Bakr-Wäjil, welche damals noch im östlichen 
Theile der Halbinsel, von Bahrayii bis zur Spitze des per- 
sischen (iolles, lebten, schrieb er die lakonischen Worte: 
»(ilaubet und ihr seid geborgen«, und übergab den Brief 
dem Sadüsiten Tzobyän b Marthad. Ks hatte zwar ein 
Poet dieses Stammes von den Christen in H}ra schreiben 
gelernt (Kitäb alaghäny Bd. 1 S. 334 j, dennoch war, als 
der Brief ankam, Niemand da, der ihn lesen konnte. End- 
lich kam ein Mann aus dem Stamme Dhobay a b. Raby a, 
dessen Mitglieder wegen ihrer (Gelehrsamkeit Banü alkätib 



269 

(Süliiie «les Schreibers) genannt wurden, und las ihn vor. 
Welchen Kindruck er n)achte, uird nicht gemeldet. 

An die himyaritischen Fürsten Abu Harith, Masrüh 
und No'av» b. 'Abd Koläl schickte er einen Machzümiten 
mit umständlichen histruktionen. Kr soll nicht während 
der Nacht, sondern iMorgens ihr (Jebiet betreten, dann zu 
Gott um Gelinsren seiner Mission flehen, den Hrief mit der 
rechten Hand übergeben; zugleich soll er ihnen die ersten 
Verse von Süra 98 (siehe Bd. II, S. 457) vortragen (denn 
sie bekannten sich zur mosaischen oder christlichen Reli- 
gion). Sollten sie nach Ablesung des Briefes unter sich 
eine fremde Sprache (Himyaritisch?) sprechen, so soll er 
darauf bestehen , dafs sie ihm die Worte übersetzen und 
er soll jede Kontroverse durch den Koränvers 42, 14 zu 
Boden schlagen. Kr lautet: 

Ich glaube an das, was Gott herabgesandt hat von ei- 
nem gewissen Buche, und ich habe den Auftraoj allen Recht 
widerfahren zu lassen. Gott ist ja unser Herr und euer 
Herr, Uns gehören unsere Werke und euch die eurigen. 
Lassen wir alle Kontroverse. Gott wird uns zusammen- 
bringen und zu ihm führt der Weg. 

Wenn sie den Islam annelunen, soll er ihnen die Ba- 
läma, einen Stock aus Myricaholz, vor welchem sie sich 
aus Verehrung auf die F]rde werfen, wegnehmen und auf 
offenem Markte verbrennen. Folgendes war der Inhalt des 
Briefes: Friede mit euch, so lange ihr in Gott und seinem 
Boten seid! Ks giebt nur einen Gott und er hat keinen 
Genossen. Kr hat den Moses mit seinen Zeichen gesandt, 
und Jesum durch sein Wort erschaffen. Die Juden be- 
haupten, Kzra ist der Sohn Gottes, und die Christen sa- 
gen: Gott ist der dritte von dreien; denn Jesus ist der 
Sohn Gottes. 

Ks verstrich einige Zeit, ehe Mohammad seinen Raub- 
zug: ires:en Chavbar ausführte. ]Nach Ibn »Sa d forderte er 
seine Getreuen erst im September G28 auf, sich marschbereit 



270 

zu halten ^). Er nahm zwar die Dienste aller Gläubigen 
an, aher unter der ausdrücklielien Bedino-ung', dafs nur die- 
jenigen, welche ihn nach Hodaybiya begleitet hatten, An- 
spruch auf die Beute haben sollen. An diese Bedingung 
war Mohamntad «lurch die soeben angeführten Koränverse 
gebunden. Seine Macht wäre aber dem l^nternehmen kaum 
gewachsen gewesen, wenn sich die Cihataläniten zum Schutz 
der Chayberiten zahlreicher eingefunden hätten. Rs scheint, 
dafs er, um sie zu vermehren, einen Ausw eg fand und gläubige 
Bedouinenstänmie, \velche die Pilgerfahrt nicht mitmachten, 
unter dem Einverständnisse, dafs sie die von ihnen selbst er- 
beutete Habe als Eigenthum beanspruchen können, mitzu- 
kämy)len einlud. Wenigstens fochten die ßanü Sahm aus 
dem Asiamstamme unter dieser Redinf^nnii^. 

Chaybar ist eine bedeutende Stadt, acht Posten nörd- 
lich von Madyna, in einer dattelreichen (liegend. Die Be- 
völkerung war jüdisch. Die Moslime langten während der 
Nacht in aller Stille auf der die Stadt umgebenden Ebene 
an. Am Morgen oflneten die Einwohner, \\\e geAvöhnlich, 
die Thore ihrer Festungen und waren im Begriffe, mit 
ihren Ackerbaugeräthschaften sich zur Arbeit zu begeben. 
Ais sie aber die Feinde erblickten, eilten sie zurück mit 
dem Schreckensschrei: Mohammad und das Chamys ^j! 
ergriffen die Waffen und griffen die Feinde an, wurden 
aber bald hinter die Mauern zurückgetrieben. 

Nach dieser unbedeutenden Affäre hielt der Proj)het 
eine Anrede an die Krieger und theilte die Standarden 



') Nacli Ilin'Okba unternahm Mohammad die Expedition nach 
einem AiitVntlialt von nur 20 Tagen in Madyna, und nach Taymy 
schon nach fünfzehn Tagen. 

') Clianiys, fiinfilieilig, bedeutet die Armee, weil sie aus Centrum, 
rechtem und linkem Flügel, Vorposten und Nachtrab besteht. Von 
der Art, wie das Wort bei Ibn Sad gebraucht wird, dürfte man 
schliefsen , dafs es unter den Juden, nicht aber unter den Arabern 
üblich war. 



271 

und (las Losunf;\suort aus. Bisher, sap^t Ihn Sa'd, jj;f' brauchte 
er nur Liwäs und diese uareii weils. Aul diesem Feld- 
zuge hatte er ziiui ersten Male Käyas. Sein eigenes Raya 
^var schwarz und bestand ans einem Shaw! der Äyischa; 
dies vertraute er dem 'Alyy an '). I^ju Inr eine IJeeres- 
abtheibin"- bestimmtes Ivaya iiberjiab er dem Ilobab b. 
Mondzir, und ein anderes dem getreuen Sa d b. Obada. 
Dann schritten die (Jläubigen ohne Verzug zur J'hat. Fast 
jede Familie von Chaybar liatte eine Festung. Man muls 
sich darunter nichts (Jrolsartiijes einbilden — ein aus Stein 
erbautes Haus mit flachem Dach oder einem niedrigen 
Thurme. Ibrähymyya und einige von Kurden bewohnte 
Dörfer in der Ebene unter Marädyn haben schlechtgebaute 
Thürme, etwa zwanzig FuTs hoch, verbunden durch Mauern, 
und die Einwohner versicherten mir, dafs sie hinlänglich 
lest seien, um die Bedouinen abzuhalten. In Tekryt ist 
blos ein Graben, etwa drei oder vier Fufs weit, und eben 
so tief, um die Häuser, und selbst dieser reicht zum Schutz 
der Stadt hin. Die Festungswerke von Chaybar waren 
allem Anscheine nach nicht viel mächtiger ^). 



') Als Liwä band man gewöhnlich ein langes, weifses Tuch, 
dergleichen man um den Kopf windet, um als Turban zu dienen, 
an einen Speer. Das Räya unterschied sich also schon durch seine 
Gröfse vom Liwä, und wahrscheinlich war es auch durch eine Quer- 
stange ausgespannt. 

*) Nach Lautour ist Chaybar 52 Lieues von Madyna entfernt. 
Mokaddasy sagt: Chaybar ist befestigt wie Marwa. Es hat eine 
schöne Moschee. Zum Gebiet von Chaybar gehören Marwa und 
Hawra. Marwa (vier Märsche nördlich von Madyna und zwei süd- 
lich von Wädiy alkorä) ist befestiget und reich an Datteln, nament- 
lich kommen die Sorten, welche man Berdy und Mokl nennt, von 
dort. Es giebt dort schöne Wasserleitungen in Röhren. Im Som- 
mer ist es sehr heifs. Die Banü Ga'far sind die vorherrschenden Be- 
wohner. Hawrä (Leucocome) ist der Seehafen vom Chaybargebiete 
Hawra, ist befestiget und hat eine volkreiche Vorstadt. Der Markt- 
platz läuft dem Meere entlang. 

Die Namen der vorzüglichsten Festungswerke von Chaybar wer- 
den von den Biographen und von Yäküt aufgezählt. Chaybar soll 



272 

Wenn aucli die Juden von Chavbar den Tag nicht 
wiifsten, an welchem Mohammad vor ihren Mauern erschei- 
nen würde, so waren sie doch nicht ganz unvorbereitet. 
Ihre Cilaubensbrüder in Madyna, welche zwar keine Macht 
mehr bildeten, aber doch noch nicht ganz ausgerottet wa- 
ren, hatten sie von ihrer Gefahr unterrichtet. Sie suchten 
sich des Beistandes ihrer nomadischen l^undesgenossen, der 
Banü (Ihatalän, und der Fazäriten zu sichern. 'Oyayna b. 
Hi^n, der Schaych der erstem, wie auch Tolayha b. 
ChowayHd, der Häuj)tnng der letztern, waren schon in ihren 
Mauern, aber durch eine geschickte Bewegung wufste Mo- 
hammad das Gros der Ghataläniten von Chavbar abzu- 
schneiden. 

Die Mannschalt des Propheten reichte nicht hin, die 
Stadt zu blokiren. Er organisirte daher zwei Corps von 
IMänklern, welche abwechselnd umherpatrouillirten und die 
Kommunikation, soviel als möglich, hinderten. Auch die 
Juden hatten ein solches Corps gebildet, welches von Mar- 
hab kommandirt wurde. Er uar nicht von israelitischer 
Abkunft, sondern ein Himyarite, und seine kühnen Ausfälle 
machten den Belagerern viel zu schaffen. Er wurde er- 
schlagen ^). Sein Bruder übernahm das Kommando und 



in der jüdischen Sprache Feste bedeuten; Balawy, bei Nur alnihrfis 
S. 12r2, hingegen behauptet, dafs Chaybär der Name eines Amaliki- 
ters (d.h. Aramäors) war und dafs die Stadt nach ihm genannt wurde. 
Nach Ilazimy liat das Gebiet nicht den Namen Chaybar, sondern 
Chabäyir; wahrscheinlich ist, dafs das Gebiet ursprünglich Chaybar 
hiefs und die Sladt einen anderen Namen hatte, und dafs der Name 
des Gebietes, wie dies im Orient Sitte ist, allmälig auf die Stadt 
übertragen wurde. 

') Der Prophet gab die Waffen des Marhab dem Mohammad 
b. Maslama als Nafl. Sie wurden von seinen Nachkommen als Sie- 
gestrophäe aufbewahrt. Auf dem Säbel war eine Inschrift (in he- 
bräischen Charakteren?), welche ein Jude las. Sie lautete: 

Dieses ist das Schwert des Marhab; wen es trifft, der ist verloren. 



273 

hatte dasselbe Schicksal. Die Moslinie eroberten nun ein 
Fort nach «lern anderen. Die Vertheidijjer scheinen in den 
n)eislen Füllen, wenn ihre Fai;e verzweifelt war, sie selbst 
ij;eräiinit und sich in ein anderes gellüchtet zu haben. Die 
IJurg der Familie Abu Hokajk wurde jedoch im Sturm 
genommen. 

Die (ihatalaniten zogen schon nach einem Monate ab 
und iiberlielsen die Bundesgenossen ihr<im Schicksale. Diese 
kämplten noch einen ganzen Monat, aber mit Aveniff Er- 

1 o ' O 

lolii'; denn es fielen in Allem nur lünlzehn oder zwanzi» 
Moslime. Mohammad liefs alle Krieger, deren er in den 
mit Walfengewalt eroberten Feslungen habhaft wurde, liin- 
richten. Dieses Vorgehen verfehlte nicht seine Wirknua:. 
Als die Juden nur noch zwei feste Plätze inne hatten, er- 
gaben sie sich unter der Bedingung: sie sollen mit ihren 
Familien frei abziehen und ihre bewei^lichen Habseliükei- 
ten mitnehmen dürfen; doch alle Waffen und alles Gold und 
Silber, wie auch die Ländereien sollen dem Sieger zufal- 
len, und wer Schätze verbirgt, soll es mit dem Leben bü- 
fsen und dessen Frauen und Kinder zur Sklaverei ver- 
dammt sein. Es wird behau|)tet, dafs Kinäna auf diese 
Weise sein Leben verwirkt habe; der eigentliche Grund 
seiner Hinrichtung war aber wohl, dafs ^'afyja, eine Ma- 
dyner Schönheit, welche der Gottgesandte bewunderte, 
seine Frau Avar. 

Die Gesammtzahl der getödteten Juden belief sich auf 
903. Nur wenige von diesen fielen im Kampfe. L^nter 



Wenn dies wahr ist, so folgt, dafs Chaybar so nahe bei einer 
Waftenfabrik lag, dafs man Säbel V)estellen konnte. Vielleicht waren 
die Fabriken in Syrien: es waren ja auch im Mittelalter die üamasce- 
ner Klingen berühmt. In der persischen üebersetzung des Kamüs 
S. 2248 lesen wir folgende Notiz: Marg alkala'a ist ein Ort in Bä- 
diya (syrischen Wüste), nach welchem vortrefl liehe damascirte Säbel 
kala'ische genannt werden. 

HI. 18 



274 

den Schätzen war der der Familie Abu Hokayk der be- 
deutendste. Sie hatte ihn in eine Kameelhaut gepackt und 
im Schutt begraben, aber ein Gefangener sagte aus, dafs 
er das Familienhaupt oft ängsthch um den Schutthauten 
herumgehen gesehen hatte, und so wurde er dem Mo- 
hammad vom Engel CJabriel verrathen. Es befand sich ein 
Geschmeide darin, weiches auf 10,000 Dynäre geschätzt 
wurde und welches die Frauen von Chaybar sich zu borgen 
pflegten — versteht sich gegen eine Bezahlung — wenn sie 
Hochzeit machten. 

Waffen, edle Metalle und anderes bewegliches Eigen- 
thum wurde nach der hergebrachten Sitte vertheilt. Der 
Biyädhite Farwa b. 'Ann- wurde zum Beute- Kommissarius 
ernannt und Zayd b. Thäbit hatte die Zählung der Krie- 
ger vorzunehmen. Es stellte sich heraus, dafs sechszehn- 
hundert von ihnen Anspruch auf die Beute hatten, davon 
waren zweihundert zu Pferde und erhielten also doppel- 
ten Antheil '). Farwa machte fünf Haufen und liefs das 
Leos werfen, wer zuerst wählen soll. Es fiel auf Moham- 
mad. Nachdem er sein Fünftel genonimen hatte, theilte 
der Kommissarius den Rest in achtzehn Haufen, je einen 
für hundert Mann (mit Einschlufs der Pferde) und dann 



' ) Aufser den Kriegern, welche den Zug nach Hodayhiya 
mitgemacht und auch in diesem Kriege gefocliten hatten, gewährte 
Müiiammad auch den Gläuhigen aus den Stämmen Daws (darunter 
waren Ahü Horayra und Tol'ayl l).'An)r) und Asch ar einen Antheil 
an der Beute. Diese stiefsen, als der Kampf gerade vorüber war, 
zur Armee, und hatten ihre Ileimath verhissen, um in Madyna 
zu leben. Auch Ga't'ar kam mit den Flüchtlingen, welche bis zu 
dieser Zeit in Abyssinien geblieben waren, zum Propheten. 

In einer Tradition bei Oyün sagt Abu Horayra: Wir haben 
weder Gold noch Silber, sondern nur Hausrath und Liegenschaften 
als Heute erhalten. Wenn diese Tradition richtig wiedergegeben ist, 
so sind die Mobilien der Personen, welche hingerichtet worden sind, 
zu verstehen, und die edlen Metalle, welche Mohammad erbeutet, 
hat er nicht unter die Krieger vertheilt. 



275 

wurden die Haufen unter denen, welelie Antlieil daran 
liaüen, versteigert. 

Aus den Liegensc-halten wurden seelisunddreifsig Tlieile 
jijenjacht und Mohanuiiad naliu) liir sieh die Hüllte uinl liefs 
die andere der Armee. Die iMosliine sahen aber hahl ein, 
dafs es ihnen an Arbeitskrälten leide Sie nahmen daher 
den \ orschlag der früheren Ki^enthümer, welche den Land- 
bau gut verstanden, an, bestätij^ten sie in ihrem Be- 
sitz unter der Bedingung, dafs sie die Hälfte des Ertra- 
ges abliefern. Ibn Rawäha wurde bestimmt, zur Zeit der 
Krnte eine Schätzung zu machen und die Quantität fest- 
zusetzen, welche sie zu liefern hatten. Er liefs zu diesem 
Zwecke auf jedem Felde zwei gleiche Haufen machen und 
wählte einen «lavon. Wenn die Juden nicht zufrieden wa- 
ren, so sagte er: Behaltet diesen und ich nehme den an- 
deren. Es ist anzunehmen, dafs die Revenuen, welche die 
Muslime von Chavbar bezogen, sich auf mehr als zehn 
Tausend Wask Datteln und etwas über Tausend Wask 
Weizen beliefen. 

Auf diesem F'eldzuge wurde ein Versuch gemacht, den 
Mohammad durch Gift aus dem Weg-e zu räumen. Die Jü- 
din Zaynab röstete, w ohi erst nachdem der Friede zu Stande 
gekommen war, ein Lamm für ihn und seine Freunde und 
vergiftete es. vSie hatte sich früher erkundigt, welchen 
Theil er am liebsten esse, und man sagte ihr: die Schul- 
ter. Sie rieb daher mehr von dem tödtlichen Stoffe in 
die Schultern, als in die andere Theile. Mohammad nahm 
einen Rissen in den Mund, spie ihn aber wieder aus und 
rief: Gift! Gift! Bischr b. Barä hatte schon davon gegessen 
und starb nach lanswierig-er Krankheit. Die Jüdin wurde zu 
Rede gestellt und sie sagte: Sie habe sich überzeugen wol- 
len, ob er ein Prophet sei oder nicht, denn im ersten Falle 
wulste sie, würde der Versuch ihm nicht schaden, im zwei- 
ten verdiente er zu sterben. Da er die Probe bestanden 
habe, bekenne sie sich zum Islam. Der kluge Einfall ret- 
tete ihr und den Ihrigen das Leben. 

18» 



276 

Von Cbaybar wandte sich der Prophet nach Wädiy 
alkorä, d.h. dem Thah? der Ortschaften (in alter Zeit einfach 
Korä genannt). Es ist dieses eine ziemlich au.sgedehnte Ge- 
gend, welche in früheren Zeiten künstlich bewässert wurde 
und noch immer reich ist an Palmen. Der Ilauptort oder 
Marktplatz hiefs l\orh. Wir erkennen darin das Gen. 36, 14 
u. 15 erwähnte Korach ^). Die landbauende Bevölkerung war 
jüdisch, in den dazwischen befindlichen Steppen weideten 
Nomaden aus dem Faziirastamme ilire Heerden. Halädzorv 
behauptet, Mohammad habe Wädiy alkora mit Waffenge- 
walt erobert und das bewegliche Eigenthum nach Abzug 
des Fünftels unter die Krieger vertheilt. Andere berich- 
ten: die Einwohner haben keinen Widerstand geleistet. 
Darin stimmen alle überein, dals sie unter denselben Be- 
dingungen, wie die Juden von Chaybar, kapitulirten. Die 
Lieferungen, welche sie zu leisten hatten, waren nicht ein 
Pachtzins, sondern eine Staatsabgabe. 

Als die Juden von Tayma, \velches uns ebenfalls aus 
der Bibel bekannt ist imd etwa 120 arab. Meilen nördlich 
von Korh liegt, von dem I.oose ihrer Brüder hörten, un- 
terwarfen sie sich freiwillig unter denselben Bedingungen. 



') In Bezug :tiif die Lage von Wailiy iilkoni verweise ich auf 
meine Post- und Reiserouten des Orients Mokaddasy, welcher A. H. 
375 schrieb, sagt: Die Umgebung von Korli nennt man Wady al- 
kora, Es giebt gegenwärtig, mit Ausnahme von Makka, keine schö- 
nere, civilisirtere, volkreichere, commercieilere und reichere Stadt im 
Higjiz, als diese. Sie ist mit einer Kestungsmauer umgeben, in de- 
ren Nähe ein Kastell steht, welches bereits von den Häusern um- 
geben wird Rings umher sind Palmenhaine, welche wohlfeile Dat- 
teln liefern. Das Brod ist schön und das Wasser im Ueberflufs, die 
Häuser sind l)equem und die Märkte voll Leben. Sie wird von ei- 
nem Graben umgeben und hat drei mit Eisen beschlagene Thore. 
Ks ist dieses eine syrische, egyptische, irakische, higäzische Stadt. 
Ihre Nachtheile sind, dafs das "Wasser schwer, das Obst mitteltnä- 
fsig und das Bad aufserhalb der Mauern ist, und dafs die Juden 
die Mehrzahl der Bewohner bilden. 



I 



277 

Die Einwohner von FinJuk, ebenfalls Jinien, lial»en nnmit- 
telliar nach dem Fall von Chaybar, aul die Anffor<lerung 
einijj-er Ahj^eordneten des Mohammad kapitulirt '). 

]Nach Wädiy alkoiä scliickle Mohammad den 'Amr h. 
Zayd b. Ap, nnd nach Kadak <len ^ azyd b. Aby Solyän 
als (Jouverneure. Beide gehörten denjenigen makkaidschen 
Paniiiien an, ^^ eiche nocii immer dem Islam am leind- 
lichsten uaren nnd von den<Mi sich nnr sehr wenige Mit- 
glieder bekehrt hatten. Kr snchte sie ani diese Art tür 
den (dauben zu «-ewinnen Diese üni»erechti}ikeit ijejien 
die Heiden, weiche liir den (lianben kämpften, hat ihre 
Früchte getragen. Der Druder dieses Vazyd , liels sich 

') üeberdie Lage von Fadak siehe Note S. 233. Dem Qihäh 
zufolge gehört Fadak zu Chaybar. 

Kodänia erzählt die Geschichte von Fadak bis zu seiner Zeit: 
Da die Einwohner nicht mit Waffengewalt unterworfen worden wa- 
ren, l;)etrachtete Mohammad die Revenuen als sein Eigenthum und 
verwendete sie nach seinem Gutdünken. Omar vertrieb die Ein- 
wohner und zahlte ihnen den halben Werth der Liegenschaften aus. 
Sie wanderten nach Syrien aus. Während der Regierung des Abu 
Bakr bat Fatima den Chalyfen, ihr Fadak zu schenken, und er ge- 
währte ihre Bitte. Als 'Omar b. Abd al-'Azyz zum Chalyfat kam, 
hielt er eine Anrede an das Volk und erzählte die Geschichte von 
Fadak. 'Omar 1 sagte, er bestätige die Fätime in dem Besitze (den 
Revenuen) von Fadak; der Chalyfe Moäwiya hingegen schenkte es 
dem Marwän b. Hakam, und Marwän schenkte es seinen beiden Söh- 
nen, Abd al-'Azyz und Abd al-Malik, dann kam es in den Besitz 
des Walyd und Solaymän. Als Walyd zur Regierung kam , bat ihn 
["Omar b. Abd al-'Azyz?] um seinen Antheil, und er schenkte ihm 
denselben. Solaymä.n that dasselbe mit seinem Antheil. Ich, fuhr Omar 
fort, ziehe diesen Besitz irgend einem anderen vor und stelle ihn 
in dieselben Hände zurück, in welchen er ursprünglich war. Im 
Jahre 220 befahl Mämün, Fadak den Abkömmlingen der Fatima 
zu geben und schrieb in dies m Sinfte an seinen Gouverneur zu Ma- 
dyna, Kotham b. Gafar. Als Motawakkil zur Regierung kam, stellte 
er Fadak in die Hände zurück, in welchen es früher war (d. h er 
machte es zur Staatsdomäne, deren Revenuen zu wohlthätigen Zwek- 
ken verwendet werden sollten, wie sie Mohammad verwendete). 



o 



278 

einige Jalire später in Daniascus als Clialyle ausrufen und 
veilülgte die Familie des jMohanimad mit Feuer und 
Sclnvert. 

Weil Wadiy alkorä, Taymä und Fadak ohne Schwert- 
streich kapitulirten, so hatte die Armee keinen Anspruch 
auf die Revenuen, und Mohammad konnte nach seinem 
Gutdünken darüber verfügen. Auch von den Revenuen 
von Chaybar behielt er einen grofsen Theil für sich selbst, 
denn er gab seinen Freunden nur ungeiidir 3000 Wask 
Datteln. Er hatte also eine regelmäfsige Jahresrevenue 
von 20000 bis 30000 Wask Datteln und Weizen, und da 
ein Wask hinreicht, einen Alann drei Monate zu nähren, 
konnte er vier bis sechs Jausend Menschen unterhalten. 
Es unterliegt keinem Zweifel, dals er die ersten drei Jahre 
diese Mittel dazu verwendete, seine Militärmacht zu ver- 
gröfsern. Er nährte Hunderte von Abenteurern, welche 
nach Madyna sironiten und erkaufte die Huldigung ein- 
llulsreicher Schayche durch glänzende Geschenke und erb- 
liche Lehen. Durch solche Mittel gelang es ihm weit mehr, 
als durch seine Inspirationen, in wenigen Jahren den Is- 
lam über ganz Arabien zu verbreiten. 

Wir haben gesehen, dals er Aidangs bemüht war, die Ju- 
den durch Concessionen zu gewinnen und dann durch mas- 
senhafte Hinrichtungen zum Glauben zu nöthigen; denn er 
glaubte, dafs, wenn sie ihn auch als ihren Propheten aner- 
kannten, die Araber ohne Widerstand ihrem Heisjtiele folgen 
würden. Wenn seine Wünsche in Erfüllung gegangen wären, 
so würde «1er Islam nie siegreich geworden sein; denn die 
Steitpen von Arabien sind der unfruchtbarste Boden für 
eine theologische 1 lieorie ohne materielle Macht. Seine 
Absichten sind an dem Widerstände der Juden gescheitert, 
und die Umstände haben ihn zum Eroberer gemacht. Durch 
die materiellen Mittel hat der Islam Kräfte gewonnen, die 
auf keine andere Weise erreichbar waren. Wenn die jü- 
dische Lehre der Embryo des Islams war und durch sie 



279 

die Ideen des Stifters desselben anj^erej^t wurden, so kön- 
nen wir die Palinenhaine und die F'rolmarbeit der Israeli- 
tenden Dotter nennen, welcher dem jungen (Jeier die er- 
ste Nahrung bot. 

iSach der Einnahme von Makka, als von allen Seiten 
vSteuern in den Staatsschatz flössen, hat Mohammad von 
den bis dahin reservirten Revenuen von Chaybar einen 
VheW seinen Verwandten geschenkt. Es hat sich folgen- 
des Aktenstück erhalten: 

»Schenkungsurkunde des von Chaybar gelieferten Wei- 
zens von Mohammad, dem Propheten: Seine Frauen sol- 
len 180 Wask erhalten, seine Tochter Fätima 85, Osama, 
der Sohn des Zayd 40, Mikdäd 15, und 0mm Romaytha 
5 Wask. Zeugen sind Othmän, der Sohn des 'Afiän, und 
'Abbäs, welcher dieses Dokument geschrieben hat.« ^). 

Die Moslime hatten einige liodzämiten, welche an der 
syrischen Grenze ihre Lager hatten, zu Kriegsgefangenen 
gemacht und nach Madyna abgeführt. Chalyfa b. Omayya 
und Hayyän b. Milla kamen zum Propheten, um sie loszu- 
kaufen, und nahmen den Islam an. Mohammad wollte ein 
Heer n)it ihnen senden zur Bekehrung des Stammes. Sie 
widersetzten sich aber dieser Malsregel, Als sie zurück- 



') Der Chalyfe 'Omar hat die Juden von Chaybar aus Arabien 
verbannt, und somit den von Mohammad geschlossene Kontrakt ge- 
brochen ; es ist nämlich wohl zu bemerken, dafs ihre Abgaben nicht 
als Pachtzins , sondern als Steuern betrachtet wurden und sie das 
Land verkaufen durften. Denjenigen, welche Ansprüche auf die 
Revenuen hatten, gab Omar die betreffenden Ländereien als Eigen- 
thum; die übrigen Ländereien vertheilte er unter die um den Islam 
verdienten arabischen Häuptlinge. Er berief sich hierin auf das Bei- 
spiel des Propheten, welcher, wie wir sehen vverden, dem Gamza zu 
Chaybar ein Lehen gegeben hatte. 

Nach Bochäry wies 'Omar den Juden von Chaybar in Taymä 
Wohnplätze an, er betrachtete also die Gegend von Tayma als ei- 
nen Theil von Syrien. 



280 

kamen, wurden sie, ihrer Kelii:;ionsändeiung wetijen, ver- 
io\i^{, unrl Chalyla lan«! eine '/uHueht in dem Hause des 
Ritäa b. Zayd, an den seine Schwester 0mm Salmä ver- 
heirathet war. 

Es gelang dem Rilaa, die Abtheilung des Stammes, 
welcher er selbst angehörte, die Dhobaybiten, liir den Is- 
lam geneigt zu machen, und er begab sich, ehe noch der 
Prophet den Feldzug gegen Chaybar — welches nicht selir 
weit von der (irenze der Ciodzamiten liegt — unternalim, 
nach Madyna, um dem Propheten die Unterwürfigkeit sei- 
ner \ erwandten anzuzeiü:en. Bei dieser tJelegenheit soll 
ihm der Prophet folgendes Dokument überreicht haben: 

»Von Mohamma<l, dem («ottffesandten, an Kiiä'a b. 
Zayd. Er soll der Aniyr seiner Slammesabtheilung sein 
und an den ganzen Stamm, wie auch an die Fremden, welche 
sich dem Stamme angeschlossen haben, einen Aulruf erge- 
hen lassen, den Islam anzunehmen. Die, welche sich be- 
kehren, gehören zur Gemeinde (iottes; denen, die sich wei- 
gern, werden zwei Monate Bedenkzeit gewährt.« 

Honayd, der Sohn des Üc '), und der Schaycli der 
DhaTiten, einer anderen Abtheilung des (lodzämstammes, 
waren emj^ört über diese peremptorische Aufforderung und 
rüsteten sich zum Widerstand. Es schlössen sich ihnen das 
godzämitische Lager Ghatalän (b. Sad b. Mälik b. Haräm 
b. (lodzau), zu unterscheiden von dem Modharstanime (Jhata- 
fän), wie auch die Wayiliten und die dort lebenden Sa- 
lämäniten und Sa'd-IIodzaymiten an und die Verbündeten 
nahmen eine feste Stellung in der Harra Raglä ^). Rilaa 
und seine Anhänger sammelten sich östlich von ihnen. 



') Auch Honayd's Sohn hiefs'Ü^. Es ist dies derselbe Name, 
welcher im Hebräischen Uz geschrieben wird. In alten Zeiten ge- 
hörten die Wohnsitze der Godzan)iten zum Lande der Uziten. 

') Dem Ishak scheint die (ieographie jenes Landes ganz klar 
gewesen zu sein, weil er von Madyna nach Damascus gereist war. 
Es ist uns aber keiner der \'on ihm erwälmten Anhaltspunkte be- 
kannt. Die vulkanische Region von Ragla liegt am Berge Marda, und 



281 

Diese ieiiullitlie Haltung der beiden Abtlieilun^en des 
(jlodzämstainmes dauerte loit, als der Kalhite Dihya von 
seiner (iesadtsclialtsieise nach Madyna zurüekkeinte. Kr 
wurde hei Hisiiia von Honayd und antieren (Jodzaniiten an- 
uejirilVen und ausj^erauht. Ais die zum Islani iiherj'etre- 
tenen Dhohayhiten, von diesem Frevel hörten, eilten sie zu 
seinem Schutze herbei und stellten ihm seine Habe — er 
soll aulser seinem persönlichen (iejüicke auch Handelsar- 
tikel bei sich gehabt haben — zurück. Kr setzte nun seine 
Reise nach Madyna fort und erzählte «lern Muhammad sein 
Eriebnils Der Pro|)het sandte den Zayd mit lünlhundert 
Mann, um den Frevel zu rächen, und belahl dem Dihya 
die Expedition zu begleiten. Za^d hatte einen Odzriten 
zum Führer und marschirte nach seiner Art bei iSacht. 
Er berechnete seinen Marsch so, dals er die Godzämiten 
kurz vor Tagesanbruch überrumpele. Es gelang ihm auch 



es strömt davon ein Hergbacli (Kora), welcher Rabbn geiiainit wird, 
durch das Thal Midäu, in dem die Dbobaybiten lebten, gegen Osten. 
Nach Ibn Ishäk marschirte Zayd nach Awlag und grifl" die Feinde 
zu Makic;, welches vor der Harra gelegen ist, an. Ibn Sad schrieb 
in Baghdäd und bereciinete seine geographischen Angaben für Le- 
ser, welchen das nördliche Arabien weniger bekannt war. Er nennt 
daher das Dorf Hisma als den Ort, in dessen Nähe die Schlacht 
gefochten wurde, und setzt uns dadurch in den Stand, die Lage der 
genannten Orte ungefähr zu bestimmen. Yäküt sagt: Hisma liegt 
zwei Tagereisen (nördlich) von Wädiy alkorä. Die Einwohner von 
Tabük sehen den Berg von Hisma im Westen und den Scharawrä- 
Berg in Osten. Aus dem Nur alnibräs lernen wir, dafs die Berge 
hoch und mit schwarzem Staub bedeckt sind. Hisniii hingegen ist 
in einer sumpfigen Gegend gelegen, und man behauptet daher, dafs 
das Wasser achtzig Jahre nach der Sündfluth daselbst ötehen ge- 
blieben ist, und man glaubt, dafs der vielbesuchte Brunnen von 
Hisma der Brunnen Iram sei. Hisma ist die Grenze zwischen den 
Fazäriten und Godzämiten. Diejenigen Zweige der letzteren, von 
denen hier die Rede ist, lebten also in der Gegend, wo auf der 
Karte Mohaddatha stellt. Andere Godzämiten dehnten, sich dem 
Ibn Häyik, fol. !13, zufolge, von Nebek und Midian bis Mo' an aus, 
wo ihr Stammgenosse Farwa griechischer Statthalter war. 



282 

vollständig^: Honayd und sein Sohn, und auch Andere wur- 
den getödtet; 100 Frauen und Kinder, 100 Kameele und 
5000 Schafe fielen dem Sieger zur Beute. Unter den 
Beschädigten waren aber, wie es scheint, nicht nur die 
Feinde, sondern auch einige Freunde des Islams. 

Der Godzämite Ibn Rilaa nebst anderen Häuptlingen 
des Stammes eilten nach Äladyna zum Propheten und zeig- 
ten ihm die Vertragsurkunde und sagten: Bote Gottes, 
hindere uns nicht, das Frlaubte zu thuii, erlaube aber auch 
Nieujandem, das \ erbotene gegen uns zu verüben. Mo- 
hammad mufste gestehen, dafs Zayd den Vertrag verletzt 
habe und erwiderte: Was soll aber in Bezug auf die Ge- 
fallenen geschehen? Die Abgeordneten antworteten: Dieie- 
nigen, welche leben, leben, und die Todten ruhen unter 
der Erde. Mohammad war damit zufrieden und schickte 
den Alyy als Bolen an Zayd, um ihm zu befehlen, die 
den Godzämiten abgenommene Beute und Kriegsgefange- 
nen zurückzustellen. Alyy traf den Zayd auf dem Heim- 
wege, zu Fahlatayn, zwischen Marvva und Madyna, und 
die Godzämiten erhielten ilii Figenthum wieder. 

Ibn Sa d versetzt <iiesen Feldzug in Gomadä II. A. H. 
6 (Oct. 627). Balädzory S. 241 bemerkt aber, dafs einige 
Traditionisten behaupten, Zayd habe die Lachmiten und 
Godzämiten A. H. 7 bekriegt; ich nehme daher an, er habe 
einige Monate nach Oktober G27 stattgefunden. 

Im December 628 versuchte 'Omar mit 30 Reitern 
einen Kaubanlall auf den kleinen Bedouiuenstanmi Ogz, 
welcher in der Nähe von Paraba, vier Tagereisen südöstl. 
von Makka, an der Stralse nach ("anä »und Nagrän«, 
kampirte. Die Bedrohten erhielten zeitig Kunde und ret- 
teten sich durch die Flucht; denn ihre Verbündeten, die 
Banü Goscham b. Mo äwiya, Nacr b. Mo äwiya, Sa'd b. Bakr 
und Thakyf liefsen sie in Stich. 

Auch Abii Bakr unternahm in demselben Monate ei- 
nen Raubzug, und zwar mit besserem Erfolg als Omar. 
Es gelang ihm, einen kiläbitischen Stamm bei Dharyya im 



283 

ISagtl zu überrumpeln und n)elirere (lelani^ene zu inaclien. 
Unter diesen war eine durcli Schönheit ausj^ezeichnete Frau. 
Sie liel bei der \ erloosiing; dem Ibn Ak\va zu. Der Pro- 
phet bat ilm, sie ilnn zu schenken und Ibu Akwa' wilhgte 
ein. Mohammad behielt sie aber nicht lür sidi selbst, son- 
«lern schickte sie nach Makka, um dafür die in die Hände 
der Feinde gerathenen JMoslime auszulösen. 

Audi bei anderen Gele<;enheiten werden zufällig mos- 
limische Kriegsgelangene er^^ällnt. Die CJeschichte hin-, 
uesen, wie sie in die (Jelanjirenschalt sreriethen, wird nir- 
•rends erzählt. Fs erklärt sich dies aus der Manier der 
üeherlieferung. Die w iisbegierigen Scbayche in der iMo- 
schee von Madyna, welche die 'J'radition begründet ha- 
ben, sammelten die Nachrichten von den noch übrigen 
Kaniplgenossen des Propheten und von deren Söhnen. Je- 
der erzähte seine oder seines \ aters HeMenthaten, und 
die Schayche hörten sie auch am liebsten. Die Gründer der 
systematischen l'roplietenbiograjjhie stellten diese Bruch- 
stücke in der Form einer Chronik zusammen, und wenn 
wir sie lesen, machen sie den Findruck, als wäre von Tag 
zu Tag aufgezeichnet worden, Avas vorgelallen ist. Wenn 
wir im Koran die auf geschichtliche lliatsachen bezüglichen 
Verse nachschlagen und zufällige Aeufserungen der Tradi- 
tion berücksichtigen, überzeugen wir uns, dafs die \ erluste 
der Moslime nicht immer erwähnt werden. 

Folgende in demselben Monate unternommene P>x|)e- 
dition fiel schlimm aus und macht, dafs sie die Biographen er- 
zählen, eine Ausnahme von der so eben aufgestellten Kegel: 
Baschyr b. Sa d raubte mit dreifsig Mann bei Fadak einige 
Heerden der Morriten. Die in <len Thälern gelagerten Figen- 
thümer, erhielten zeitig Nachricht davon, setzten den Käubern 
nach und erreichten sie nach Sonnenuntergang Baschyr und 
seine Gefährten vertheidigten sich mit Pfeilen bis sie diesel- 
ben alle verschossen hatten; dann fielen einige in die Hände 
der Feinde. Bachyr selbst wurde verwundet weggetragen 
und fand bei Juden eine Zufluchtsstätte. 



284 

Als der Prophet Nachricht vom der Niederlande seiner 
Leute erhielt, schickte er den (diälib aus dem Kinänastamnie 
f.ayth, die Schmach zu rächen. Ks gelang ihm auch, ei- 
nen Sieg zu erfechten, einige zu tödten und mehrere Ue- 
tangene hinah nach IMadyna zu bringen. 

Im Januar 629 unternahm derselbe (ihälib mit 130 
IManti eine Expedition gegen die Hanu 'Ovväl und die Banu 
'Abd b. Tlia laba '). Ihr Lager befand sich zu Ma'faa, hin- 
ter Batn Nacld, gegen IMadan-Nokra zu, 24 arab. Meilen 
von Madyna. Cdiälib stürzte sich in das feindliche Lager 
und es kam zu einem (lelecht, in welchem einige Häuj>t- 
linge der Feinde Helen. Osama b. Zayd erschlug bei die- 
ser Gelegenheit einen Mann, obschon dieser ihm das Glau- 
bensbekenntnils entgeiienrief. Er wurde deshalb vom l*ro- 
pheten getadelt. Die IMoslime kehrten mit Beute beladen, 
aber ohne Gefangene nach Madyna zurück. 

Der Fazärite Oyayna b. Hic,'n erfreute sich eines gro- 
fsen Rufes unter seinen Nachbarn wegen seiner Entschlos- 
senheit. Er liels an die Feiufle des Islams den Aufruf er- 
gehen, sich unter seine Fahne zu stellen, und es sammelte 
sich zu Ginäb eine Anzahl (diatalaniten. Der l^■ophet 
schickte im Februar 629 den Baschyr mit 300 Mann, sie 
zu vertreiben. Er drang unbemerkt bis Van)n und Gabär, 
Oertlichkeiten, ^\ eiche im Lande der Fazäriten, gegenüber 
Siläh ^), ("haybar uiul Wädiy alkora, liegen, vor und stürzte 
sich zuerst auf ihre llcerden, dann setzte er den Marsch 
nach dem oberen J heile ihres Landes zu ihren Lager- 
plätzen fort, fand sie aber leer. Fr kehrte nun mit dem 
erbeuteten Eigenthum und zwei (iefangenen, welche durch 
Bekehrung ihre Freiheit erkauften, nach Madyna zurück. 

') Nach liochäry 612 htifst der Stainin Ilurakät und gehörte 
zu den Goliaytiilen; nach Baladzory heifst er Sa'd b. Dzobyan. Der 
.'Vnlührer (ilialib b. Abd Allah war aus dem kiiiAiiitisch<ii Starmiie 
Kalb b.'Awf, einem Zweige des Laythstamnies. 

■■') Siläh ist, wi(^ es scheint, ein Dorf und liegt ganz nahe bei 
Chaybar. 



285 

Als (Jer Neumond des Monats Dzü-Ikada (I.März 
629) sirhtl)ar winde '), liels der Propliet den Befehl er- 
gehen, dals alle Diejenigen, welche Im vorigen Jahre den 
Zug nach Hodayhiya mitgeniachl hatten, nun mit ihm die 
Pilgerfahrt nach Makka antreten sollten. Sie stellten sich 
last alle ein, und die Zahl heliet" sich auf" zwei Tausend; 
auch hatten sie hundert I^ierde. \ on Dzü-Holayfa aus 
eilte die Keiterci unter dem ICommaiido des ihn Maslama 
voraus Ids .'darr-Tzahrän. Dort trafen sie einige Koray- 
schiten und sagten ihnen, dafs am folgenden Morgen der 
Prophet ankommen werde. Die Korayschiten begaben sich 
eilends in die Stadt, um die Kinwohner davon zu benach- 
richtigen. Diese verliefsen ihre Häuser und begaben sich 
auf die umliegenden Berge, wo sie die nächsten drei Tage 
im Freien zubrachten. 

') Auch im vorigen Jalire trat Mohau)iiiud deu Zug an, als 
der Neumond sichtbar wurde, und liefs sich offenbaren: Sie befragen 
dich über die Neumonde. Antworte ihnen: Sie dienen zur Zeitbe- 
stinin)ung für die Menschen und des Pilgerfestes. 

Baghawy erklärt diesen Satz: „Wir haben die Neumonde ein- 
gesetzt, damit die Menschen die Zeit des Hagg der'Omra, der Fasten, 
des Termins, an welchem Schulden fällig sind, und wann 
sich geschiedene Frauen wieder verheirathen dürfen, wissen." Ich 
glaube, dafs er den Sinn richtig aufgefafst habe. Wir dürfen also 
die Worte: „Zur Zeitbestimmung für die Menschen", so auffassen: 
ohne den Neumond würden sie nicht wissen, wann ein Monat auC- 
hört und ein anderer anfängt. Es folgt daraus, dals sie keinen Ka- 
lender hatten und sich ihre Zeitrechnung einzig auf die Beobach- 
tung des Mondes und gewisser Sternbilder, welche man die Mond- 
stationen nennt (vergl. K. 10, :■>), gründete. Wenn nun in obiger 
Stelle Mohammad ausdrücklich sagt, dafs die Neumonde zur Zeit- 
bestimmung des Pilgerfestes dienen, so dürfen wir in Rücksicht auf 
die specielle Veranlassung vielleicht den Schlufs daraus ziehen, dafs 
das Fest eine gewisse Anzahl von Tagen nach dem Neumond be- 
gangen wurde, vielleicht dürfen wir weiter gehen, und — da er so- 
gleich nach dem Neumonde aufbrach und die Madynenser wohl die 
entferntesten Theilnehmer des Festes waren — folgern, dafs die Zeit 
so berechnet wurde, dafs die entferntesten Stämme, wenn sie am 
Neumond ihre Heimath verliefsen, noch rechtzeitig eintrafen. 



286 

In Marr-Tzahrän angekommen, schickte Mohammafl 
ilie Waflen seiner Beo-leiter nach l^atii -Yäoijj" voraus, wo 
man die («renzsteine des heiligen CJehietes erhlickt, und 
})efahl dem Ans b. Cl)a\vlä mit zweihundert Mann Wa- 
clie dahei zu halten; er selbst, umgeben von seinen übri- 
gen Begleitern, welche blos mit Säbel in der Sclieide be- 
waffnet waren, setzte den Weg nach Makka lort und ver- 
richtete dort die (Vremonien. Als die drei Tage vorüber 
waren, erschienen ZAvei Koravschiten und forderten ihn aul", 
die Stadt zu verlassen, und er liefs auch sogleich den Be- 
fehl zum Abmarsch ergehen. 

bn April 629 schickte Mohammad noch einmal eine 
Schaar von 50 Mann gegen die zähen Solaymiten. Diesmal 
war ein Konvertit aus deren eigenem Stamme, Abu 'Awgä, 
der Bandenführer. Die Solaymiten waren so oft gewitzigt 
worden, dafs sie Kundschafter ausschickten, und einer von 
diesen brachte ihnen zeitig Nachricht von dem Anmärsche 
der Moslime. Sie empüngen sie kampfbereit und erhiel- 
ten während der Schlacht Hülfe von benachbarten Bedoui- 
nenlagern. Die Moslime wurden daher aufgerieben, Abu 
'Awgä jedoch kam verwundet nach Madyna zurück. 

Die Solaymiten waren so oft von den Moslimen heim- 
gesucht worden, dafs sie es noch vor Ende dieses Jahres 
räthlich fanden, sich zu bekehren, um so n)ehr, da ilu-e 
(Jeschäftsfreunde, die Makkaner, voraussichtlich nicht viel 
länger den moslimischen Waffen trotzen konnten. Die von 
solaymitischen Traditionisten bewahrten Nachrichten lassen 
ihre Bekehrung aus der inneren Ueberzeugung ihrer Häupt- 
linge hervorgehen. Kays b. ]Voschl)a, ein grundgelehrter 
Mann, verkaufte einst, wie wir sehen werden, Kameele in 
Makka. Der Käufer, ein Schurke, schob die Zahlung hin- 
aus und verweigerte sie endlich ganz und gar. 'Abbäs, 
der Oheim des Projdielen, stand Kays bei, und durch des- 
sen Vermittelung erhielt er sein (Jeld. Er dehnte die Dank- 
barkeit auf die ganze Familie des 'Abbäs und auch auf 
den Propheten aus. ' 



287 

Kays kam dalier nacli Madyna, \volIte sicli al)er, ehe 
er «las Cilaubensbekenntnifs ablegte, von der Walirheit der 
Sendung des Mohammad vollends iiberzeujien, und leote 
ihm zu diesem Zwecke einii«e Fraisen vor, darunter: Was 
bedeutet Kahl und Mahall und uem gehören siei' Der (lott- 
gesandte antwortete: Kahl bedeutet Himmel und Mahall Hrde, 
un<l sie gehören (Jott. Die Antwort war richtig und Kays 
legte das (ilaubensbekenntnifs ab und kehrte zu seinem 
Stamme zurück, um den Islam zu predigen. Ich kenne, 
sagte er die Hyna der Perser, die Targuma (Uebersetzung) 
der Griechen, die Kahäna (Orakel) der Seher und die Ma- 
kawil der Himyariten; die Worte des Mohammad sind aber 
ganz anders als alles dieses. 

Mach einer anderen Tradition gebührt dem Ghäwiy 
(d.h. Irrenden), einem Sohne des 'Abd al-'Ozza (Knecht 
der Göttin Ozza) das Verdienst, zuerst den Solaymiten die 
wahre Religion verkündet zu haben. Er sah einst, dafs 
ein Fuchs den Stammgötzen, welcher zu Foläh verehrt 
wurde und dessen Priester Adyy b. Tzälim war, besudelte. 
Erbärmlich, rief er aus, ist der Mann, welcher einen Gott 
anbetet, der sich von einem Fuchs besudeln läfst. Er be- 
gab sich nach Madyna, legte das Glaubensbekenntnifs ab 
und erhielt den Namen Raschid (der Leitende), vSohn des 
'Abd Rabbihi (Knecht seines Herrn). Mohammad schenkte 
ihm später zwei Landstriche im Rohät ^), und er benannte 
aus Dankbarkeit einen Quell in seiner neuen Besitzung den 
Quell des Gottgesandten. 

Auch ein anderer Solaymite, 'Abbäs b. Mirdas, selbst 
ein Dichter, und der Sohn der berühmten Dichterin Chansä, 
rühmte sich, durch innere leberzeugung l\loslim geworden 



') Nacli der von Chälid b. Sa'yd geschriebenen Schenkungs- 
urkunde erhielt er zwei Ghalwa Land von Sahm, und eine Ghalwa 
von Higr in Rohat. 

Eine Ghalwa bedeutet die Entfernung, welche ein Pfeil fliegt, 
oder ein h'ferd, ohne abzusetzen, galoppiit, also ein Stadium. 



288 

zu sein. Er sah im Traume den Götzen rahhär, und dies 
be\voo; ihn der neuen Rehfrion beizutreten. Er war ein 
iinithio-er Krie*i;er, und Mohauuuad schenkte ihm die Län- 
derei Madlu '). 

F]s ist möglich, dafs sich die genannten Männer vor 
ihren Stan)mp;enossen bekehrten und auch dazu beitrugen, 
diese dem Islam znziiliiin-en. Aber die Unterhandlunuen 
wurden erst duich den Häupthng Kodad, aus der Familie 
Scliaryd zu einen» gedeihlichen Ende gefiilirt. Er kam nach 
Madyna und versprach dem Propheten, mit Tausend Rei- 
tern zu ilini zu stofsen in dem beabsichtijjten Feldzuj»* sre- 
gen Makka. Dann kehrte er zu seinem Stamme zurück 
und erzählte, welches Biindnils er !ür sie geschlossen habe. 
Es zo2:en 900 Reiter mit ihn) aus: er aber starb auf dem 
Wege, ehe er die moslimische Armee erreichte. Der Pro- 
phet fragte: Wo ist jener schmucke, beredte junge Mann, 
der vom (ilauben erlüllt ist? Als sie ihn benachrichtigten, 
dafs er todt sei, betete er zu (»ott, dafs er sich seiner er- 
barmen möge. Vor seinem Tode rief Kodad drei Häupt- 
linge, den 'Abbäs b. Midräs, al-Achnas und Chobbäb (?), 

') So nach einer Schenkungs-Urkunde, welche von 'Olä b. 
'Okba geschrieben wurde. Nach einer anderen Urkunde schenkte 
Mohammad Madfü dem Solaymiten Mälik b. 'Amir aus der Familie 
Haritha. 'Abbas liefs sich später in der Wüste, nicht weit von Bapra 
nieder, vielleicht stellte er dem Mohammad das Lehen zurück und 
dieser schenkte es dem Mälik. 

Aufser den erwähnten Urkunden haben wir noch folgende: 
Dem Hawda b. Nobayscha, aus der solaymitischen Familie O^ayya, 
schenkte der Prophet Alles, wa.«* Gofr enthält, und dem Solaymiten 
Haräm b. 'AwC gab er Adzani und die Besitzung, welche er bereits 
in Schawäk hatte. Ei- und die Seinen, heifst es in der Urkunde, 
sollen weder Unrecht erfahren, noch Unrecht üben. 

Der Solaymile Otba b. Farkad war ein ausgezeichneter Soldat, 
welchem 'Omar A. H. \S das Kommando über die Armee, welche 
Mosul eroberte, anvertraute. Er focht schon gegen Chaybar auf 
Seiten des Mohammad. Nach der Eroberung von Makka wies er 
ihm daselbst einen Bauplatz für ein Haus an und stellte ihm eine 
Schenkungs-Urkunde aus. 



289 

zu sich uirI sagte: Krlüllet die \ erplliclilunjjj, die ich auf 
iiiicli j^eijouinieu hahe! Er gab darauf jedem vou ihuen 
das Kommando über dreihundert Mann. Der Prophet fragte, 
warum sie nicht Tausend Mann stark seien? Sie antwor- 
teten, dafs sie hundert Mann im Lager zurücklassen mufs- 
ten, weil sie mit dem Stamme Kinäna im Kriege ständen. 
FjV versicherte sie, dafs ihnen in diesem Jahre nichts \jn- 
ansenehmes widerfahren würde, und rieth ihnen die An- 
zahl von Tausend Mann voll zu machen. Die übrigen hun- 
dert stiefsen auch wirklich, unter dem Kommando des Monki', 
dessen Vater Mälik später mit Madfü belehnt wurde, bei 
Hada zu ihm. 

Weil sie die jüngsten Moslime waren, baten sie den 
Propheten, er möge sie in den Vortrab stellen, ihnen eine 
rolhe Fahne und das Loosungswort »voran« geben. Er ge- 
währte ihnen ihre Wünsche. 

Der Gohaynite Gondob erzählt: Der Prophet sandte 
uns gegen die Banü Molawwih, einen Zweig der Laythi- 
ten. unser Führer war der Laythite Ghälib. Zu Kadyd'), 
nicht weit von dem Aufenthaltsorte der Feinde, begegne- 
ten wir dem Härith b. Baica. Wir fragten ihn, was er im 
Schilde führe? und er antwortete: er sei W^illens, das Glau- 
bensbekeimtnils abzulegen und reise zu diesem Zwecke 
nach Madyna. Da er unser Vorhaben hätte verrathen kön- 
nen, sagten wir: W^enn's dir ernst ist, so schadet es dir 
nicht, wenn du einmal vierundzwanzig Stunden gebunden 
bist. Wir banden ihn also und liefsen ein schwarzes, arm- 
seHges Männchen aus unserer Mitte, welches den Kamee- 
len nachlief, bei ihm mit dem Auftrage, ihm den Kopf ab- 
zuhauen, wenn er sich loszumachen versuchen sollte. 

Bald darauf kamen wir in die jNähe der Feinde. Meine 
Kameraden schickten mich, um deren Lage auszuspioniren. 
Ich bestieg einen hohen Hügel, legte mich auf die Erde 



') Kadyd liegt nach dem Nur alnibiäs S. 1372 zweiundvierzig 
Meilen von Makka, zwischen Osofäu und Kodayd. 
III. 19 



290 

und übersah ihr Lager. Ein Mann wurde meines schwarzen 
Kopfes gewahr, ohne jedoch sicher zu sein, was es sei. 
Er schofs Vorsicht« halber einen Pfeil auf mich, der mich 
an der Stirn traf. Ich zog ihn heraus, ohne mich zu be- 
wegen. Dann schofs er einen anderen Pfeil nach, wel- 
cher in die Schulter drang. Auch jetzt bewegte ich mich 
nicht. Er sagte zu seiner Frau: Ich habe den schwarzen 
Fleck dort oben zweimal getroffen, und da er sich iiicht 
rührt, bin ich versichert, dafs es kein lebendes Wesen ist. 
Er e:ino: wieder in sein Zelt, unterdessen wurde es Abend 
lind das Vieh kam zu dem La2;er. Man melkte es und 
legte sich, ohne (lelahr zu wittern, zur Ruhe. Als sie 
fest schliefen, machten wir einen Angriff und trieben die 
Heerden fort. 

Der llüileruf verbreitete sich in ein benachbartes La- 
ger und die Bedouinen setzten uns nach. Wir hatten schon 
den Ibn Bar(;ä und seinen Hüter zu uns genommen, als 
sie uns nahe kamen. Nur ein Thal trennte uns noch. Gott 
fügte es so, dafs ein Regenstrom durchflofs, und sie liefsen 
uns ohne Ang;riff abziehen. Im Original ist diese Erzäh- 
lung gut stilisirt und wahrscheinlich ein Auszug aus einer 
weitläuftio-eren Darstellunjj. Wir erblicken darin einen hi- 
storischen Roman und finden es unmöglich zu sagen, wie 
viel Wahres darin ist. 

Um die JNiederlage der Moslime unter Baschyr zu 
rächen, rüstete Mohammad noch im .luni zweihundert Mann 
aus und übergab das Kommando dem Zobayr. Doch ehe 
die Expedition aufbrach, kam Ghalib, der Held des Tages, 
siegreich von Kadvd zurück und erhielt den Oberbefehl. 
Die Morriten wurden wieder bei Fadak unversehens vor 
Sonuenaufi-ano; überfallen, (»hälib hatte seinen Leuten fe- 
stes Zusammenhalten und strengen Gehorsam empfohlen 
und je zwei mit einander für die Dauer des Feldzuges 
verbrüdert. Mit Hülfe dieser Maafsregeln gelang es ihm, 
mehrere Feinde zu tödten und auch einige Beute zu er- 
ringen. 



II 



291 

Im Juli 629 stattete der Asadite Scluipä' 1». Wahb, 
an der vS|)itze von 24 iMann, den Baiiü 'Ämir einen Besuch 
ab, in deren Lager zu Sy ') sich eine Anzahl Hawäzini- 
ten in feindlichen Absichten versammelt hatte. Es gelang- 
ihm, sich unbemerkt <]em Lager zu nähern und sie vor 
Tagesanbruch zu überraschen. Die Beute an Vieh war 
so beträchtlich, dals jedem I heilnehmer der Expedition, 
nach Abzug des Fünftels, fünfzehn Kameele zufielen. Bei 
der Vertlieilung wurde ein Kameel zehn Schafen gleich- 
geschätzt. Schuga war zwei Wochen von Madyna ab- 
wesend. 

In demselben Monate wagte der Ghifärite Kab b. 
Omayr mit nur fünfzehn Mann einen Raubzua: über die 
damalige (irenze von Arabien hinaus, nach Schäm. Unter 
dieser Benennung begrit! man damals Arabia Petraea und 
Syrien. Bei Dzat Atläh, jenseits Wädiy alkorä, im unte- 
ren Theile des Balkä, stiefs er auf ein e:rofses Lager von 
Bedouinen und wurde mit Pfeilschüssen begrüfst. Er for- 
derte sie auf, dem Islam beizutreten, und da sie sich wei- 
gerten, nahm er mit seinen (Gefährten den Kampf auf. Die 
Moslime fielen Alle, nur einer blieb verwundet auf dem 
Schlachtlelde liegen und wurde nach Madyna gebracht. 
Mohammad gedachte, den Fod seiner muthigen Glaubens- 
helden zu rächen. Er hörte aber, dafs die Schuldigen sich 
von jener Gegend entfernt haben, und so gab er seine 
Absicht auf. 

Der Prophet schickte den Härith b. Omayr aus dem 
azditischen Stamme Lihb nach Syrien, mit dem Befehl, ent- 

') Sy liegt nach Ibii Sad in der Gegend von Rokba oder Rakba 
liinter Ma'dan Banü Solaym, welches fünf Tagereisen von Madyna 
entfernt ist. Kostaläny sagt: In der Gegend von Dzät 'Irk gegen 
Wagra hin, drei Tagereisen von Makka. Andere sagen übereinstim- 
mend mit diesen Angaben: In nicht grofser Entfernung von'Omra. 
Der Weg von Madyna dahin, scheint also über Madan und dann 
gegen SW. zu gehen. 

19* 



292 

weder an den Kaiser selbst oder an dessen Statthalter in 
Bocra die Aufforderung ergehen zu lassen, dem Islam bei- 
zutreten. Auf dem Rückwege nurde er von dem Ghaz- 
zäniten -Häuptling Schorahbyl b.'Amr aufgefangen, in Ban- 
den gelegt und hingerichtet. Im Berichte über die Ge- 
sandtschaften geschieht des Härith b/Omayr keine Erwäh- 
nung. Wir können uns auch nicht darüber wundern; denn 
diese Berichte sind mit der Absicht, die unwiderstehliche 
üeberzeugungskraft des Islams darzustellen, verfafst wor- 
den : das Schicksal des Härith pafste also nicht hinein. 
Nach diesen Berichten ging Dihyä als Mohammad's Ge- 
sandter nach dem griechischen Reiche. Es fragt sich nun, 
ob Mohammad nach Dihyä noch einen Gesandten, nament- 
lich den Omayr, nach dem Norden geschickt habe oder 
ob Dihyä's Mission in das Reich der Erfindung gehöre? 

Mohammad entschlols sich, den Mord seines Gesand- 
ten zu rächen und rüstete eine Armee von 3000 Mann aus. 
Im September 629 war sie marschbereit und er übertrug 
das Kommando dem Zayd b. Häritha; für den Fall, dafs er 
umkommen sollte, hatte Ga far, der Vetter des Propheten, den 
Auftrag, das weifse Liwä zu führen, und nach ihm der 
Madyner 'Abd Allah b. Rawäha. Ein Sandhügel aufser- 
halb Madyna, wo sich die Mannschaft sammelte und wo 
der Propliel ihr den letzten Segen gab, behielt auch spä- 
ter noch den Namen: Hügel des Abschiedes. 

Den Feinden blieben die Bewegungen der Moslime 
nicht unbekannt. Schorahbyl rief über 100000 (?) Mann 
unter seine Fahnen und schob bedeutende V orposten vor- 
wärts. Als die MosHme Mo an erreicht hatten, vernah- 
men sie überdies, dafs eine kaiserliche Armee von 100000 
Mann, bestehend aus Bahräiten, Wayiliten, Bakriten, Lach- 
miten und Godzamiten bei Moäb als Reserve stehe '). Die 



') So nach Ihn Sa'd. Nach Ihn Ishäk bestand der Kern aus 
Griechen, die Hülfstruppen aus Lachmiten, Godzamiten, Kayniten, 



I 



293 

Moslime machten zwei Tage Halt und pflogen Kriegsrath. 
Einige uaren dalilr, dafs man einen ßeiicht an den Prophe- 
ten schicke, fernere J'ruppensendungen retjuirire und dessen 
Befehle abwarte. 'Abd Allali b. Rawäha sprach seinen (jie- 
fährten Muth ein, und sie rückten nach Muta, im unteren 
Theile des Balkä, vorwärts '). Hier fanden sie eine Ar- 
mee reichhch ausgerüstet mit Waffen und Pferden und pran- 
gend in Seide, Atlas, Gold und Silber. 

Die Moslime stellten sich in gedrängten Reihen auf 
und deren Führer stiegen von ihren Pferden und kämpften 
zu Fuls. Gafar lähmte sogar sein Pferd, um zu bewei- 
sen, dafs er es nicht zur Flucht benutzen wolle. Zayd 
der Anführer, wurde von einer Lanze zu Boden gestreckt, 
üa far, der zweite im Kommando, ergriff nun das Feldzei- 
chen, fiel aber in kurzer Zeit, bedeckt von zahlreichen Wun- 
den. iSun ging der Oderbefehi auf 'Abd Allah b. Rawäha 
über. Er kämpfte wie ein Löwe und ist der Held 
der Sagengeschichte dieses grofsartigen Feldzuges. Auch 
von ihm wird, wie von vielen Anderen, erzählt, dafs er, 
nachdem er beide Hände verloren hatte, die Fahne mit den 
Armen gegen den Körper drückte und aufrecht erhielt. 
Nachdem auch er gefallen war, ergriffen die Moslime die 
Flucht. 

Dies war nun der passende Augenblick für ein Wun- 
der. Es öffnete sich vor dem Propheten das Land und 
er konnte das Schlachtfeld sehen und den Madynern mit- 
theilen, was vorfiel. Es ist möglicher Weise etwas Wahres 



Bahräiten und Balyiten. Den Oberbefehl hatte ein Mann aus denn 
Balyischen Stamme Iräscba. 

') Nach Yäküt ist Müta ein Dort im Balkä; man sagt auch: 
es liegt in dem Mascharif (Hochland) von Syrien, 1 <? arab. Meilen 
von Adzroh. Es ist also nicht sehr weit vom Todten Meere. Im 
Mascharif waren Säbelfabriken und Maschrafiya bedeutet auch ohne 
Beisatz einen Säbel aus jenen Fabriken. 



294 

in (lieser Erzählung; denn die Nachricht von der grofsen 
Uebermacht der Feinde mag Madyna erreicht und den Pro- 
pheten mit Bangigkeit erlüllt haben. 

Ein Madyner rettete die Fahne, pflanzte sie in der 
Erde auf und rief: zu mir, zu mir, o Moslime! Die Flüchti- 
gen sammelten sich, und nun überreichte er die Fahne 
dem urrofsen General Chalid b. Walyd. Er sträubte sich, 
selbe anzunehmen, aber der Madyner erklärte, er habe sie 
nur in der Absicht ergriffen, um sie ihm zu überreichen. 
Chalid erneuerte nun den Angriff. Sieben Klingen, erzählte 
er später, zerbrach ich an den harten Schädeln der Feinde, 
aber eine yamanische bewährte sich als unzerstörbar. Es 
gelang ihm auch das Schlachtfeld zu behaupten •). 

Schon im Oktober war ein neuer Feldzug gegen die 
militärischen Stämme im jNorden nöthig. Die Kodhaiten, 
der südlichste von ihnen, rüsteten sich zum Kriege gegen 
die Moslime. Mohammad band einem seiner besten Feld- 
berrn, dem künftigen Eroberer Egyptens, 'Amr b. 'Äc;, ein 
weilses LiA^ä an den Speer und schickte ihn an der Spitze 
von 300 auserlesenen Kriegern und 30 Rossen, sie zu zer- 
streuen. Auf dem Wege dahin soll er den Beistand der 



') Ueber den Ausgang sind zwei Berichte vorhanden: Nach 
Ibn Ishäk und Balädzory gelang es dem Chalid blos die Moslime 
aus der Patsche zu ziehen und auf dem Rückzuge vor neuen Angrif- 
fen zu schützen. Nach Ibn Sad hingegen hat er die Feinde in die 
Flucht geschlagen. Für seine Tapferkeit legt Bocbäry, S. 611, Zeug- 
nifs ab, und es geht aus diesem Traditionisten auch hervor, dafs 
die Moslime das Schlachtfeld behaupteten und den Leichnam des 
Gafar fanden. Die Moslime befanden sich in Feindesland, einer 
geübten Kavallerie gegenüber, ein sicherer Rückzug ohne Sieg ist 
also kaum denkbar. Ibn Ishäk mag den vielleicht unentschiedenen 
Sieg verschwiegen haben, um die düstere Prophezeihung des Mo- 
hammad, welche er, ehe eine bestimmte Nachricht in Madyna ein- 
traf, aussagte und mit der sich die Tradition viel beschäftiget, nicht 
Lüge zu strafen. 



295 

Verbündeten in den Stämmen Balyy, Odzra und Kayn re- 
quiriren. 'Amr beobachtete die Taktik der Raubzüge, mar- 
schirte bei Nacht und verbarg sich bei Tage, in der Hoft- 
nung, sie in einem plötzlichen üeberlalle zu besiegen. Als 
er in die Nähe kam, erlulir er, dafs sie viel zahlreicher 
seien, als er vermuthet hatte, und er sandte einen (johay- 
niten als Boten an den Propheten. Dieser sammelte noch 
zweihundert Mann und schickte sie unter dem Befehle des 
künftigen Eroberers von Damascus, dem Arnr, zu Hülfe. 
Mit dieser \ erstärkung zog 'Amr, jeden Widerstand beu- 
gend, durch das Gebiet der Balyiten und Odzriten nach 
dem Lande der Kayniten. Bei Dzät Soläsil, im Gebiete 
der (jiodzämiten, zehn Tagemärsche von Madyna, also 
fast i